Leihbibliothek 3 Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih und Seſebedingungen. 1. 0flensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Lpfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 uhr bis Abends 8 Uhr offen. 5 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sunime hi welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet i Aponnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und Monat W 5„.„ 3„. ewärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung p der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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In Zukunft. 1. Der Tag war ſchön und klar, der See ſpiegelte den blauen Himmel mit ſeinen leicht dahin ſchiffenden Wölkchen ab. Am Ufer ſaß ein Schiffer im Kahn und ſchaute müßig von Zeit zu Zeit nach der Dorfſtraße hinauf. Endlich kamen ſie. Lebhaft richtete er ſich auf, eine helle Feuz lachte in ſeinem Geſicht. „Wir haben doch einen ſichern Fährmann?“ fragte eine ältliche Dame in der Geſellſchaft, welche ſich nahte. Sie wurde beruhigt, ihre Tochter nahiß Abſchied von den jungen Mäd⸗ chen, die ſie bis hieher begleitet hatten, und beſtieg zuerſt den Kahn, wo ſie den Gruß des Schiffers flüchtig erwiederte. Vorſichtig folgte die Mutter, der Kahn ſtieß ab, die Zurück⸗ bleibenden winkten noch mit den Tüchern ein Lebewohl. 1* Salvator. „Schön iſt es auf dem Lande, Laura!“ begann die ält⸗ liche Dame nach einer Weile, als ſie ſich mit der Bewegung des Kahnes vertraut gemacht hatte. „Wir haben bis jetzt nur die Umriſſe geſehen, Mama.“ „Alles ſo freundlich und, wie es ſcheint, ſo glücklich!— Schaukle nicht, Laura.— Das Elend ſieht man nicht, das mein Gefühl in der Stadt ſo tief verwundete. Ich bin froh, daß wir ihm entflohen ſind!“ Fliehen ſoll man nicht, ſondern helfen!“ ſagte Laura, indem ſie gedankenvoll ihr Schaukeln leiſe fortſetzte. „Da ſpricht wieder der Verſtand—“ erwiederte die Mutter ſeufzend.„Laſſen wir dies Thema.“ Und ſie führte das Ge⸗ ſpräch auf ihre eigenen Verhältniſſe und die neue Umgebung: erſt ſeit Kurzem wohnten ſie in der Gegend. Der Schiffer verſtand nichts von Allem, was ſie ſprachen, hörte auch wohl nicht darauf, ſondern ruderte das Fahrzeug mit ſichern Armen über den See. Endlich verſtummte das Geſpräch. Laura ſaß in Gedanken, wobei ſie wieder ſtärker zu ſchaukeln begann.—„Laura, Kind!“ ſchrie die Mutter.— Wir werden unſchlagen!“ warnte der Schiffer, der lachend das Gegengewicht hielt. Da fiel zum Unglück eine Roſe, welche Laura in der Hand hielt, in das Waſſer, ſie bückte ſich raſch danach— da ſchrie ſie plötzlich ſelbſt erſchrocken auf. Zu ſpät, der Rand hatte Waſſer ge⸗ ſchöpft, der andere hob ſich, die Fluth ſchnappte nach ihrem Raube— ein Hülferuf! Der Kahn ſchlug um, drei Menſchen verſanken. Aber der Schiffer hatte die Beſonnenheit nicht verloren, er war ſchnell wieder auf der Oberfläche und brachte die ältere Salvator. 5 Dame, die ſich bewußtlos an ſeinen Leib geklammert hatte, mit empor. Angſthaft ſuchte und tauchte er in den Wellen rings umher, wie ſchrie er jubelnd auf, als er eine lange, ſchwarze Lockenwelle emporgetragen ſah! Er faßte danach, zog die ſchöne lebloſe Form, deren Haupt jene Locken zierten, an ſich, drückte ſie mit dem linken freien Arme an ſeine Bruſt und ſchwamm rieſenſtark der grünumlaubten Bucht des Ufers zu, wo er landete. Beide waren gerettet. „Kerl!“ ſchrie aber im nächſten Momente eine zornige Stimme von der Terraſſe, welche ſich über der Bucht erhob, und ein großer, ſtarker Mann ſtürzte von dort eilig hinzu. Der Schiffer hatte das ohnmächtige Mädchen ſanft auf den Raſen gelegt, und war, nachdem er ihre Mutter ſchonend von ſich abgelöſt, die ſchon Zeichen des Lebens gab, ängſtlich neben Laura niedergekniet, er hatte ſie geküßt— wahrhaftig! „Gnädiger Herr, ſie ſind am Leben!“ ſagte er aufſtehend, indem er nicht ohne einen gewiſſen Trotz ſeine langen, naſſen Haare zurückwarf; die Mütze trieb, mit Kahn und Ruder vereint, auf dem See. „Weiß Er, wen Er gefahren hat?“ rief der erbitterte Herr. „Das weiß ich!“ antwortete der Schiffer.„Dort kommen ja ſchon Ihre Leute.“ Mit einem ungeſchickten Kratzfuß, wie ihn gemeine Leute machen, wandte er ſich um, ſprang mit einem Anlauf in den See, daß die Wellen hoch über ihm zu⸗ ſammenſpritzten— ein Angſtſchrei vom Ufer klang ihm nach und ging mit ihm unter. Doch konnte ſich beruhigen, wer auch um ihn bangte; denn er tauchte ſchnell wieder empor und ſchwamm wie ein Fiſch der Stelle zu, wo er ſeinen Kahn trei⸗ ben ſah. Den faßte er, kehrte ihn um, ſchwenkte das Waſſer Salvator. aus, ſo viel er im Schwimmen bewerkſtelligen konnte, ergriff auch ſein Ruder— die Strohkappe ließ er im Stich— und ſchwang ſich hinein in den Kahn, den er nun mit gewaltigen Ruderſchlägen über den See führte, grade in derſelben Rich⸗ tung zurück, aus welcher er mit den beiden Damen gekommen war. Dieſe hatten das Ufer längſt verlaſſen, als er es über ſich gewann, einen Blick nach der grünen Bucht zurückzuſenden. Der Herr in der grauen Sommerkleidung hatte Frau und Toch⸗ ter, welche Beide aus ihrer Ohnmacht erwacht waren, noch ehe der Schiffer ſeinen Kahn erreichte, durch die herbeigeeilten Leute nach dem Hauſe bringen laſſen, deſſen Fenſter, vom rothen Sonnenfeuer des Niedergangs brennend, durch die Ge⸗ büſche des obern Parks leuchteten.— Die Mutter, welche von der überſtandenen Todesgefahr ſehr angegriffen war, lag fiebernd im Bette und erwartete den Arzt, nach welchem ſogleich ein Wagen geſandt worden war; die Tochter hatte aber nur ſchnell Kleider und Wäſche gewechſelt und ihr reiches Haar, um es zu trocknen, ganz aufgelöſt. Sie kam jetzt, harmlos, als ſei gar nichts vorgefallen, in den Salon, wo der Vater, nicht in der freundlichſten Laune, vor der offenen Glasthüre ſaß und ſeine Cigarre rauchte. „Du haſt Dich nicht zu Bett gelegt?“ fragte er, ſein Kind mit einem ſcharfen Blicke meſſend. „Nein, lieber Vater. Ich fühle mich ganz geſund,“ ant⸗ wortete ſie. „Ganz geſund— das freut mich ſehr. Es geht nichts über die Geſundheit, wenn ſie ganz iſt. Setze Dich, Laura, und erzähle mir, wie der Tölpel euch umgeworfen hat.“ „Welcher Tölpel, Papa? Du wirſt anzüglich. Ich habe Salvator. 7 etwas zu ſehr geſchaukelt, der Schiffer warnte mich, aber ich konnte nicht denken, daß der breite Kahn ſo leicht umſchlagen würde.“ „Du nimmſt die Schuld auf Dich?“ fragte der Vater mit finſtrer Stirne. „Was will ich thun? Wo eine Sache klar liegt, finde ich Winkelzüge unwürdig. Du haſt mir von Kindheit an mehr Verſtand als Gemüth nachgeſagt, dem muß ich Ehre machen. Wo die Mama gegen mich zeugen kann, da ſagt mir der Ver⸗ ſtand, daß alles Gutkindſpielen mir die Schuld nicht abnimmt, und ich bekenne ſie offen. Es thut mir ſehr leid, daß die Mutter davon leiden muß.“ „Verloreſt Du deine Geiſtesgegenwart auch im Waſſer nicht? Wie war Dir zu Muth?“ „Grün, lieber Papa. Als ich ſah, daß die Reiſe unauf⸗ haltſam hinabging, wurde mir ſchwindlig und nur ein dumpfes Brauſen von grünem Waſſerſchwall, immer dunkler um mich her, iſt mir noch erinnerlich. Weiter weiß ich nichts. Als ich die Augen aufſchlug, fand ich mich gerettet.“ „Du weißt nichts von Deiner Rettung— wirklich nichts?“ „Natürlich hat uns Beide der Schiffer gerettet, und es iſt ſehr viel, daß er es möglich machte. Du haſt ihn hoffentlich belohnt— wenn man das überhaupt kann!“ „Belohnt?!“ rief der Vater.„Laura, Du weißt alſo wirk⸗ lich nicht, daß er Dich geküßt hat?“ Ein Blitz funkelte in Laura's Augen, eine dunkle Gluth ſchoß über ihr ganzes Geſicht, ſie richtete ſich ſtolz in dem Lehnſeſſel auf, in welchem ſie nachläſſig geruht hatte. Vater!“ ſagte ſie mit einem Tone des Vorwurfs. Salvator. „Ja, er hat Dich geküßt, der freche Burſch. Ich habe es mit meinen Augen geſehen und danke Gott, daß Du nichts davon weißt. Nur durch den Sprung in den See entging er ſeiner Züchtigung, und Du ſprichſt von Belohnen!“ „Das iſt empörend! Ehrlos, ſchändlich von ihm!“ rief Laura aufſpringend. Wir hatten uns ihm anvertraut.“ „Kennſt Du den Menſchen?“ fragte der Vater. „Ich habe ihn nie geſehen, als heut.“ „Wer hat ihn zu Eurer Ueberfahrt gedungen?“ „Ich weiß nicht. Jemand von Rheinberg's Leuten. Wir wünſchten grad' über den See zu fahren, weil der Abend ſo wunderſchön war und der Landweg ſo ſtaubig. Mama wollte ſich gleich in allen Richtungen orientiren— um Eins bitte ich Dich, ſage der Mutter nichts von dem abſcheulichen Vorfalle, ich wollte, Du hätteſt mir auch nichts davon geſagt!“ Der Vater lachte.„Siehſt Du, es gab eine Zeit, wo Du allerlei phantaſtiſche Ideen von der Vortrefflichkeit unſers ſoge⸗ nannten Volkes hatteſt, Ideen aus Deinen modernen Roma⸗ nen, die nur Ungeheuer ſchildern: Ungeheuer von Tugend im niedern Volke, Ungeheuer von Laſtern in unſerm Stande. Ich denke, Deine brennenden Lippen ſind ein Verſuch, dieſe Extreme zu vermitteln.“ Vor ſeinem Blicke ſtieg in dem Antlitze des jungen Mäd⸗ chens eine edle Röthe auf— wir wollen nicht verrathen, welche Gefühle ſich in ihr gegen den Vater regten, in deſſen Augen. ſie nur zu oft einen Geiſt las, den er ſonſt gerathen hielt, ſei⸗ nem Kinde zu verhehlen. Ueber ihr Erröthen, das er aus einer falſchen Quelle ableitete, ſteigerte ſich ſeine Heiterkeit, und nur die Ankunft des Arztes, welcher in demſelben Momente — — —————————— Salvator. 9 gemeldet wurde, verhinderte, daß Laura noch empfindlicher verleßt wurde. Sie begleitete den Arzt zum Bette ihrer Mut⸗ ter, wo ſie zu ihrer innigen Beruhigung vernahm, daß auch nicht der Schatten einer Gefahr ſei, ſondern das unfteiwillige Bad ganz gut bekommen werde. Der Arzt, da es ſchon ſpät war, blieb über Nacht, Laura überließ ihn dem Vater und zog ſich ſo früh als möglich in ihr kleines Zimmer zurück. Hier kam nun, wie immer, wenn ſie allein war, der Geiſt kritiſcher Gedankenſchau über ſie. Alles, was ſie dann ſeit irgend einem Abſchnitt der Zeit oder ihrer Verhältniſſe erlebt oder erfahren hatte, wurde noch einmal in ſchärfſter Beleuch⸗ tung durchdacht, ſie duldete kein Halbdunkel, keine nebelhaften Bilder, keine weichverſchwimmenden Umriſſe, Alles mußte klar und ſcharf ſein, wie eine ſüdliche Küſtenlandſchaft. Der Beſuch bei der Familie, welche ſie ſchon aus der Reſidenz her kannte und durch deren Empfehlung der Ankauf des neuen Beſitzthums von ihrem Vater geſchehen war, die Perſönlichkeiten, welche ſich heut charakteriſtiſcher, als je, dort entgegengetreten waren, die Geſpräche, welche ſie gepflogen hatte— Alles lebte in Laura's Erinnerung wieder auf. Dann die Fahrt über den See. Der Schiffer— ein junger Menſch von freundlichem Weſen— war ihr damals keiner beſondern Beachtung werth erſchienen, jetzt erſt hatte er Bedeutung für ſie gewonnen, und ſie rief ſich ſein Bild, das ihr, ſeltſam genug, immer wieder in unſichere Form zerrann, mit Anſtrengung zurück. Ganz genau erinnerte ſie ſich, daß, wenn ihr gleichgültiges Auge ihn ge⸗ ſtreift hatte, ſie dem ſeinigen begegnet war; damals hatte ſie es wohl kaum bemerkt, jetzt füllte ſie grade dieſer Gedanke mit einem unbehaglichen Gefühle: ſie wußte es nicht anders zu Salvator. nennen, als ein Gefühl der Unſicherheit. Ihrer ſelbſt? Lächer⸗ liche Idee! Aber in künftiger Beziehung Unſicherheit, denn ſie konnte dem ftechen Geſellen wieder begegnen, und heißer Zorn brannte auf ihren Wangen, wenn ſie ſich in ſeiner Seele dachte, mit welchem Blick er ſie anſchauen würde. In der Lei⸗ denſchaftlichkeit des Moments hätte Laura faſt gewünſcht, lieber nicht von ihm gerettet worden zu ſein— wir wollen den Ernſt dieſes Wunſches dahin geſtellt ſein laſſen. Da zuckte noch eine ſtechende Vorſtellung durch ihren Kopf. Wird der Burſch denn ſein Abenteuer verſchweigen? Wird er es etwa— wie in rührenden Liebesgeſchichten aus der Schäfer⸗ und Ritterzeit zu leſen— ſtill und lieb, wie eine köſtliche Perle, im Schreine ſeines Herzens verwahren? Nimmermehr! Vortragen wird er es in der Schenke einem wiehernden Audi⸗ torium halbtrunkener Schifferknechte, und wenn ſich das ſtolze Fräulein von Arnefeld in der Kirche oder auf der Straße zeigt, dann werden ſie ſich luſtig anſtoßen:„Du! das iſt ſie!“ Still, ſtill! Gieb Dich nicht der gehäſſigen Leidenſchaft hin, welche ſich in Deiner Aufregung mehr und mehr entzündet, als wollte ſie zu einem Rachgelüſt werden an einem armen Schiffer, der Dich vom Tode gerettet hat, Mädchen! Denke nicht mehr daran, ſuche die Ruhe— der morgende Tag wird Dich wieder klar finden, wie immer: Du darfſt nicht zur Sclavin der Leidenſchaft herabfinken; ſoll Dein Beiname zu Schanden werden, der Beiname, welchen Dir ein gelegentlicher Scherz gegeben, den Du aber im Kreiſe Deiner Bekannten ſeitdem führeſt und auf welchen Du ſogar ſtolz biſt, Fräulein Verſtand! Laura ſuchte die Ruhe und fand ſie auch bald. Am andern Morgen aber malte ſie ſich ironiſch aus, wie nach dem Her⸗ — — Salvator. 11 kömmlichen ſich nun ein Roman für ſie geſtalten müſſe: Le⸗ bensrettung eines vornehmen Mädchens durch einen armen Fährmann, Dankbarkeit, Liebe, Kampf mit dem Vorurtheil! Und endlich entweder Sieg im Geiſte der neuen Zeit, die alle Vorurtheile zerbricht: Männerroman— oder Entſagung, ſtille Reſignation, gebrochenes Herz: Frauenroman. Wähle, Laura. 2. Der Schiffer ſtieß, am andern Ufer gelandet, ſeinen Kahn auf den Strand und band ihn feſt, dann ging er ſeiner Schwe⸗ ſter entgegen, welche er von dem kleinen Häuschen herabkom⸗ men ſah. Sie lachte von Weitem.„Wie ſiehſt Du aus, Karl? Biſt Du in's Waſſer gefallen?“ „Ja. Umgeſchlagen mit Mann und Maus. Aber Niemand ertrunken. Sie ſchaukelte.“ „Die Großmutter iſt hier, Karl.“ „So?“ ſagte der Schiffer ziemlich gleichgültig. Von de alten Frau, welche noch immer in Dienſten als Haushälterin in der Stadt ſtand, hatte er ſich nie vieler Liebe zu erfreuen gehabt und beeilte ſich daher auch nicht ſonderlich, ſie zu be⸗ grüßen.. In der Hütte ſaß ſie bei ihrer Tochter, welche vor einem Jahre Wittwe geworden war und nun mit ihren beiden Kin⸗ dern die ärmliche Wirthſchaft fortführte. Es war der erſte Be⸗ Salvator. ſuch der Großmutter ſeit dem Trauerfalle, und die Thränen der beiden Frauen floſſen noch reichlich, als die Geſchwiſter in die Stube traten. „Guten Tag, Großmutter,“ ſagte der junge Schiffer und reichte ihr die Hand. Sie ſah ihn mit einem langen Blicke an, in welchem ein ſeelenkundiger Beobachter einen ſeltſamen Ausdruck gemiſchter Gefühle bemerkt haben würde. Karl war aber kein ſolcher und das Anſtarren behagte ihm nicht.„Du biſt recht— groß ge⸗ worden!“ Sie hatte„hübſch“ ſagen wollen, aber ſie unter⸗ drückte das Wort. „Ja, ich bin auch alt genug— habe mich vorige Woche ſchon freigeloos't vom Soldaten,“ ſagte er. „Du hätteſt immer dienen können, das ſchadet keinem jun⸗ gen Menſchen.“ „Ich fahre doch lieber auf dem Waſſer,“ erwiederte Karl. „Wenn's Krieg giebt, werde ich mich ſchon melden.“ „Junge, Du biſt ja madennaß 2* rief die Mutter nun auch. Karl erzählte, was ihm begegnet war,— freilich nicht Alles, die Schlußſcene ließ er aus. Die Frauen lachten.„Er hatte die neue Herrſchaft aus Reſſen, drüben über'm See, ge⸗ fahren,“ erklärte die Mutter. „Alle? Den Herrn auch?“ rief die alte Frau lebhaft. Als Karl es verneinte, war ſie zuftieden und lachte wieder. Frau von Arnefeld— ſo, ſo! Wie ſieht ſie denn noch aus? Sie iſt viel älter, als mein Baron Adolar— Du weißt doch, daß ich ſeine Amme geweſen bin?“ Karl wußte das ſchon, die Mutter hatte ihm geſagt, daß der neue Beſitzer von Reſſen, Herr von Arnefeld, von ihrer Salvator. 43 Mutter als Milchkind gepflegt worden, und daß ſie noch jetzt bei ſeinem Vater, dem alten Landſtallmeiſter, diene. Er hatte ſich aber Frau von Arnefeld auf der Fahrt über den See zu wenig angeſchaut, um der Großmutter von ihrem Ausſehen Rechenſchaft geben zu können! Nur daß ſie recht rothe Backen gehabt, erinnerte er ſich. Die Großmutter nahm lächelnd eine Priſe und ſagte:„Ja, ja! Das kenne ich. Roth legte ſie von jeher auf.“ Eine Redensart, welche die ganze Familie nicht verſtand. Es war überhaupt keine rechte Harmonie in dem Zuſam⸗ menſein dieſer alten, ſtädtiſch gekleideten, ſtädtiſch ſprechenden Frau mit der Schifferwittwe und ihren Kindern, ſie ſelbſt hatte für ihre Tochter, nachdem das Gefühl beim erſten Wiederſehen beſchwichtigt war, keineswegs einen liebreichen Ton, ſondern tadelte hier und dort, fand aber auch Entgegnungen, welche ihr keineswegs gefielen. „Ich will morgen nach Reſſen,“ ſagte ſie beim Schlafen⸗ gehen.„Du kannſt mich hinüberfahren, Karl.“ Der junge Schiffer, ſehr damit einverſtanden, war ſchon bei frühem Morgen am Ufer, hatte ſeinen Kahn reinlich aus⸗ gefegt, den Sitz für die Großmutter mit einer Decke belegt und ſtand nun, halb von dem hohen Röhricht verdeckt, das Auge nach den Waldbäumen und Terraſſen ſchweifend, von denen er durch eine glatte Waſſerfläche halbſtündiger Fahrt ge⸗ trennt war. Was dachte, was träumte der junge Menſch? Wiegte er ſich in unklaren Hoffnungen, deren Verwirklichung er aus einer Mährchenwelt möglich hielt? Wir glauben, daß er weit davon entfernt war. Er dachte wohl an das ſchöne Fräulein, das er geſtern nicht zum erſten Male geſehen hatte, Salvator. auch konnte er nicht loskommen von dem Gedanken an den Kuß, zu dem er hingeriſſen worden war, er wußte ſelbſt nicht wie— aber er ſchämte ſich deſſen jetzt, Hoffnungen, wie hätte er ſie datan knüpfen können, und wenn auch eine gewiſſe Traurigkeit durch ſeine Seele ging, ſo war er weit entfernt, ſich unglücklich zu fühlen. Eine praktiſche Natur, wie die ſei⸗ nige, entfremdet ſich nicht leicht ihrem Boden durch Sprünge in das Ideale. Die Großmutter kam nicht, er ging alſo nach dem Hauſe, zu fragen, wie es mit ihr ſtehe. Sie ſaß noch vor der kleinen Kaffeemaſchine, welche ſie mit allem Zubehör mitgebracht, und trank. Ganz allein! Sie war nicht mit leeren Händen in die Hütte der Armuth getreten, ſondern hatte ſich den Willkommen durch ein verhältnißmäßig reiches Geſchenk erkauft. Aber von ihrem Kaffee, den hier Niemand gewürdigt hätte, gab ſie nichts ab. „Wo denkſt Du hin, Karl?“ entgegnete ſie auf die Frage des Enkels. Viel zu früh für ein anſtändiges Haus.“ „Sie werden doch nicht mehr ſchlafen!“ ſagte der Schiffer. Ich habe ſie ſchon viel früher drüben im Garten ſpazieren ſehen, wenn ich nach den Reuſen fuhr— die Alte nicht, aber—“ „Wenn ſie auch nicht mehr ſchlafen, ſo iſt es doch zu früh für unſer Einen, ſich anmelden zu laſſen,“ erwiederte die Groß⸗ mutter.„Ich könnte es noch am erſten, denn ich bin des Herrn Amme geweſen, aber grade deshalb will ich mich nicht unſchicklich benehmen.“ Karl ſchüttelte den Kopf, ſeine Schwe⸗ ſter, welche in der Ecke der Stube Gemüſe wuſch, blickte die Großmutter neugierig an, was ſie mit ihren Reden meine, die Wittwe nähte an ihrer Arbeit gleichgültig weiter. Salvator. 15 Von der Gutsherrſchaft, zu deren Grundbeſitz auch die kleine Schifferhütte am See gehörte, kam jetzt ein Bedienter vor das Fenſter der Stube, wo die Familie eben zuſammen war, und klopfte an die Scheibe. Es war derſelbe, welcher geſtern den Kahn zur Ueberfahrt beſtellt hatte! Karl ging hinaus, nach ſeinem Begehren zu ftagen, die Schweſter lauſchte am Fenſter und ſtieß auf einmal einen unwilligen Laut aus. „Der Junge iſt wohl nicht geſcheut!“ rief ſie. Durch den gleich darauf Eintretenden wurde ſie der Erklärung ihres Aus⸗ rufs überhoben, er kam etwas roth im Geſicht und erzählte, daß ihm Geld für ſein geſtriges„Waſſerkunſtſtück“ angeboten worden ſei, er habe es aber nicht genommen! „Nicht genommen!“ rief die Großmutter erſtaunt.„Und warum, wenn ich mich unterſtehen darf, zu fragen? Biſt Du ſo reich oder habt Ihr Alle hier ſo viel Geld, daß Du ſolche Dummheiten machen kannſt? Ja, fahre nicht aus der Haut! Eine Dummheit und noch mehr, eine Unſchicklichkeit iſt es, wenn Deinesgleichen einer Herrſchaft, die einen Dienſt beloh⸗ nen will, das ausſchlägt.“ „Ich habe meinen Lohn geſtern ſchon weg!“ ſagte der junge Menſch trotzig. „So! Nun— wenn Dir noch mehr geſchenkt werden ſoll, ſo biſt Du nicht berechtigt, das abzulehnen. Dir iſt nicht zu helfen, ſeh' ich ſchon— Euch Allen nicht! Ihr verdient nicht, auf einen grünen Zweig zu kommen, Ihr wollt es auch nicht beſſer haben, Ihr befindet Euch ja ganz wohl bei Eurer Bet⸗ telwirthſchaft— es wäre fortgeworfen, rein in's Waſſer ge⸗ worfen, wenn es einem ſchwachſinnigen Menſchen etwa einfiele, Euch mit einem Male, wie vom blauen Himmel herunter, Salvator. reich zu machen! Gott bewahre, was wolltet Ihr damit an⸗ fangen! Es wird aber nicht ſo weit kommen, dafür ſteh' ich!“ „Mutter, was erboſen Sie ſich denn?“ ſagte die Wittwe. Wir helfen uns durch, mehr wollen wir nicht.“ „Dabei bleibt's!“ erwiederte die alte Frau, ſtürzte ihren letzten Schluck Kaffee ärgerlich hinunter und fragte dann nach der Uhr. Die Enkelin lief zum Nachbar, welcher eine ſolche beſaß, um danach zu ftagen, Karl verließ mit ihr die Stube, und die beiden Frauen blieben allein. Zu ſagen hatten ſie ſich wohl nichts mehr. Die Groß⸗ mutter ſtand auf und ging in der Stube umher, die Hände auf den Rücken gelegt: ſie war groß und ſtattlich gewachſen und trug ſich, trotz ihrer ſechzig Jahre, noch mit einer Haltung, welche einer vornehmen Dame Ehre gemacht haben würde. Auch ihre Kleidung, ſo einfach ſie war, zeigte eine gewiſſe Zier⸗ lichkeit; gewiß war die alte Frau in ihrer Jugend bildſchön geweſen, ihre wohlgeſchonten weißen Hände waren es noch. Aber in ihrem Auge lag ein Ausdruck, der all' dieſen wohl⸗ thuenden Aeußerlichkeiten widerſprach— es hatte einen Blick, welcher eher Furcht, als Zutrauen einflößte, und ſelbſt ihr Enkel, welcher ein mannhafter Burſch war und ſonſt vor Nie⸗ mand Scheu fühlte, konnte dieſen Blick nicht recht ertragen. „Marie!“ ſagte ſie, nachdem eine geraume Zeit vergangen war, ohne daß nur durch eine Silbe das Stillſchweigen unter⸗ brochen worden. Die Tochter blickte von ihrer Arbeit auf. „Wenn nun wirklich auf einmal ein Glück über Euch käme, was würdeſt Du anfangen?“ „Ach du lieber Gott!“ war der Tochter ganze zweifelhafte Antwort. 5 Salvator. 17 „Ich meine nur ſo!“ ſprach die Alte heftig.„Nicht, daß ich etwas wüßte oder dazu thun könnte! Mein Bischen kriegt Ihr einmal, das verſteht ſich— aber das wird nicht viel ſein. Ich kann in meiner Lage nichts ſparen, mein Herr giebt mir anſtändig und ich dürfte nur mehr fordern, ſo hätte ich's, aber ich bin ſtolz, ihm ohne Eigennutz zu dienen, und dabei doch anſtändig zu erſcheinen— ſomit gebe ich viel aus. Für wen ſollte ich auch ſparen? Du haſt mir keine Luſt dazu gemacht, Marie— und wie ich ſehe, ſeid Ihr ganz zufrieden.“ „Wir werden nicht verhungern, Mutter!“ ſagte die Wittwe mit einem Seußer. „Das weiß ich, und das beruhigt mich auch. Es wäre nicht einmal zu Eurem Glücke, wenn Ihr im Ueberfluß ſäßet, der Karl iſt ein hochmüthiger Burſche jetzt ſchon, wo er nicht über zehn Thaler zu commandiren hat, in ſeinem Kahne dünkt er ſich ein Freiherr— wie würde es erſt mit ihm ſtehen, wenn er viel Geld hätte! Und Deine Anne iſt ein gutes Mädel, das in ihrem neuen Dienſte ſich ganz wohl befinden wird, Du haſt das Häuschen und den Garten— Ihr verlangt nicht mehr, alſo was ſoll Euch Reichthum!“ „Mutter, ich weiß gar nicht, was Sie immer von Reich⸗ thum ſprechen!“ erwiederte die Wittwe trüb lächelnd.„Uns wird kein Menſch etwas geben.“ „Nein, nein! Es wäre auch die größte Tollheit!“ verſetzte die Alte in einem Tone, als beſchwichtige ſie ſich ſelbſt. Die Enkelin kam jetzt zurück und brachte eine ungefähre Angabe der Zeit, da auf die Wanduhr des Nachbars kein rech⸗ ter Verlaß war.„Hätteſt auch den kleinen Weg nach dem Schloßthurme nicht zu fürchten brauchen!“ ſagte die Groß⸗ Salvator. I. 2 Salvator. mutter ſauer blickend. Doch wies ſie das Erbieten Annen's, noch hin zu laufen, zurück, holte aus ihrer Reiſetaſche einen kleinen Spiegel hervor und ordnete zum zweiten Male ihren Kopfputz: Anna hatte ihre ſtille Verwunderung, daß ſie eine kleine Bürſte zu ihrem Haar gebrauchte, und nicht wie andere vernünftige Menſchen einen Kamm. Dafür lagen aber auch die beiden Streifen ihres grauen Haares wohlgeſcheitelt und ſpiegelblank über der Stirne und den noch immer ſchwarzen, feingezogenen Augenbrauen. Die Zeit zur Ueberfahrt war nun gekommen. Mitten auf dem See gab es eine Stelle, wo man die bei⸗ den Dörfer, welche ſich an entgegengeſetzten Ufern angebaut hatten, mit ihren Herrenſitzen völlig überſchauen konnte, was ſonſt durch die reichen Laubmaſſen, von welchen die letztern umgeben waren, verhindert wurde. „Fahre hier langſam!“ ſagte die Großmutter zu ihrem Enkel.„Halte lieber eine Seitenrichtung— ich muß mir das anſehen.“— Karl gehorchte ſtumm und dachte daran, wie geſtern auf derſelben Stelle das Landſchaftsbild bewundert worden war, und wie er dann Jemand zu Gefallen gekreust hatte, um recht lange die ſchöne Ausſicht feſthalten zu können. Auf dem Ufer, von wo ſie kamen, lag in reizend grüner, aber flacher Umgebung, etwas abgebaut von den Häuſern des Dorfes und ſeinen Fiſcherhütten, ein graues Schloß, überragt von einem ſpitzen, mit Schiefer gedeckten Thurme: es war der Sitz eines alten Geſchlechts, welchem ein ziemlich bedeutender Grundbeſitz in der Gegend gehörte, ſeinen Namen haben wir ſchon aus dem Munde der jungen, auf ihrer Seefahrt geſtern verunglückten Dame vernommen: Rheinberg. Das entgegen⸗ Salvator. 19 geſetzte Ufer trug einen andern Charakter, es war bergig, die waldbedeckten Abhänge traten dicht an den See und bildeten mehrere Vorſprünge und Buchten, das Dorf Reſſen lag in einer muldenförmigen Einſenkung des Höhenzuges, der ſeine wenigen Häuſer mit ihren Gärtchen und Obſtbäumen vom See aus wie ein zierlich aufgeſtelltes Spielzeug erſcheinen ließ— neben ihm ſtuften ſich wieder die mit den prachtvollſten Waldbäumen bewachſenen Terraſſen des herrſchaftlichen Parks ab, welchen die Kunſt geſchaffen hatte, und auf der höchſten zeigte ſich ein Landhaus im allermodernſten— nicht eben ge⸗ ſchmackvollen— Style. Mehr als einem Beſchauer, welcher vom See aus die beiden ſo verſchiedenen Ufer betrachtete, war ſchon der Wunſch aufgeſtiegen, die beiden Herrenſitze transpo⸗ niren zu können: das moderne Landhaus in die grüne Fläche, das graue Schloß auf die Waldberge, dann wäre das Bild der Landſchaft erſt ein harmoniſches geworden. „Genug! Steure nur grade zu!“ ſagte die Großmutter, nachdem ſie ſich genau die Lage der Güter angeſehen hatte. „Herr von Arnefeld ſollte Sielitz auch kaufen.“ So hieß das Dorf, in welchem die Schifferfamilie wohnte, das Dorf mit dem grauen Schloſſe. „Dazu gehören Zwei, Großmutter!“ entgegnete Karl, den Kahn wendend. „Glaubſt Du, der Kammerherr würde nicht losſchlagen, wenn ihm ein gutes Gebot gemacht würde?“ „Der verkauft Sielitz nimmermehr!“ ſagte der Schiffer. „Nun— man kann nicht wiſſen, ob's ihm nicht verkauft wird!“ verſetzte die alte Frau höhniſch. „Oho!“ rief Karl„So weit ſind wir noch nicht!“ 2* Salvator. „Aber wir werden ſo weit kommen,“ erwiederte die Groß⸗ mutter.„Darum wär's klug, wenn er einen guten Handel machen kann, loszuſchlagen— und Herr von Arnefeld, wenn er weiß, daß der Kammerherr verkaufen will, wird ihm keinen Pappenſtiel bieten. Dafür ſtehe ich.“ „Großmutter, Sie wiſſen Alles. Aber ich würde Sielitz nicht verkaufen, wenn's meinen Vorfahren von Erbauung an gehört hätte, und das thut der Herr Kammerherr von Rheinberg auch nicht.“ „Vorfahren! Erbauung! Du ſprichſt ja auf einmal wie ein Buch!“ verſetzte die Großmutter ſpöttiſch.„Weil Du denn ſo klug biſt, ſo wirſt Du auch wiſſen, daß Geld auf der Welt Alles iſt, Alles! Wenn Deinem Herrn Kammerherrn das Geld ausgegangen ſein wird, dann iſt er trotz ſeines Adels nur ein Bettelmann; wenn Du Geld haſt, mein Sohn, gemein und roh, wie Du biſt, ſo kannſt Du auftreten, wo Du willſt, man wird Dich honoriren. Geld iſt Alles auf der Welt— ohne Geld iſt der Menſchheit nicht mehr zu helfen!“ Sie brach plötzlich ab und ſtarrte in den See. Da ließen ſich von Sielitz her Glockentöne hören; erſt leiſe anklingend, dann immer ſtärker ſchwangen ſie ſich auf den Luft⸗ wellen hinaus in die grüne Niederung und über die Fluth, feierlich und mahnend. „Iſt heute Sonntag?“ fragte die alte Frau im Kahne, und auf des Enkels verwundertes Ja ſagte ſie gleichgültig: „Auf Reiſen vergißt man die Zeit. Du wärſt wohl in die Kirche gegangen?“ „Ich komme auch nicht viel hinein,“ erwiederte Karl. „Unſereins kann Sonntags nicht immer feiern.“ iſe h, e, ie rl. Salvator. 21 „Lebt Euer alter Paſtor noch?“ fragte die Großmutter. „Ja, aber er predigt nicht mehr alle Sonntage. Er iſt nunmehr bald ganz taub, ich begegnete ihm vorigen Freitag. Sie haben ihm Einen hergeſchickt, der für ihn predigt— er ſoll's ſehr ſchön machen, ſagen die Leute, ich habe ihn aber noch nicht gehört. Wenn Sie Nachmittag in die Kirche gehen wollen, Großmutter?“ „Das kann ich zu Hauſe haben, vom Hofprediger, wenn ich will,“ entgegnete die alte Frau abweiſend.„Kennſt Du die Equipage dort? Ich meine, den Wagen dort auf der Straße.“ Vom See aus konnte man einen Theil der Landſtraße überſchauen, welche ſich, von Obſtbäumen zu einer Allee ge⸗ bildet, am Ufer dahin zog. Es war grade hier nicht ſo weit entfernt, daß man nicht hätte genau wahrnehmen können, wie ein offener Wagen mit ſtattlichen Hellbraunen beſpannt, deren Geſchirr in der Sonne funkelte, im raſchen Trabe den Weg nach Sielitz einſchlug, man konnte ſogar genau ſehen, daß zwei Damen im Wagen ſaßen. „Sie fahren zur Kirche!“ rief Karl mit einer gewiſſen Un⸗ zuftiedenheit, daß er nicht auch dort war. „Kennſt Du ſie? Iſt es die Herrſchaft von Reſſen?“ „Ja!“ ſagte Karl, und warf ſich mit ſolcher Kraft in ſein Ruder, daß er beinah die Scene von geſtern wiederholt hätte, diesmal mit größerer Gefahr, denn es war noch ziemlich weit bis zu der grünen Bucht, in welcher er wiederum landen wollte. Die Großmutter, welche ſich beim plötzlichen Schwan⸗ ken des Kahns erſchrocken hatte, ſchalt ihn eine geraume Weile aus, dann ſagte ſie, halb für ſich murmelnd:„Er iſt alſo nicht mit. Das iſt ganz gut ſo.“ 22 Salvator. „Nein, Großmutter,“ beſtätigte der Enkel, welcher ihre Rede gehört und richtig verſtanden hatte.„Der kommt nicht in die Kirche, die Leute reden ſchon drüber.“ „Die Leute ſollen ſich um ihre eignen Angelegenheiten be⸗ kümmern. Mit dem Händefalten kommt man zu nichts in der Welt— die Hände ſollen gebraucht werden. Herr von Arne⸗ feld wird ſchon wiſſen, warum er nicht in Eure Kirche kommt, darum braucht ſich Niemand zu ängſtigen. Seine Frau iſt wohl um ſo fleißiger drin?“ „Nicht alle Sonntage, ſagt Anne. Aber ſie weint jedesmal ſchrecklich.“ „So? Nun das kann ich mir denken. Sie weinte ſchon ſonſt über Alles— aber es bekam ihr ganz gut, ſie härmte ſich nicht ab dabei. Weint ihre Tochter auch in der Kirche?“ „Das habe ich nicht geſehen,“ antwortete Karl ziemlich kurz. Wenige Minuten darauf ſtieß er den Kahn an das Land, mit Abſicht grade auf derſelben Stelle, wo er geſtern mit ſeinen beiden Geretteten angeſchwommen war. Die Bucht hatte hier noch eine ziemliche Waſſertiefe, doch befand ſich an einem ab⸗ gehauenen Baumſtamm hart am unterwaſchenen Ufer ein ſtar⸗ ker eiſerner Ring, um den Kahn anzubinden. Der Schiffer that das und half dann ſeiner Großmutter aus dem Fahrzeuge auf den weichen Raſen „Du kannſt hier auf mich warten,“ ſagte ſie.„Entweder komme ich ſelbſt in Zeit von einer halben Stunde wieder herunter oder ich ſchicke Dir einen Bedienten und laſſe Dir Beſcheid ſagen, wenn ich hier bleibe.“ Sie ſtieg langſam die erſte Terraſſe in die Höhe, ihr Enkel warf ſich in das Gras und ſchloß die Augen. Ob er grade re e⸗ er e t, ſt Salvator. 23 geſchlafen hat, werden mitfühlende Seelen entſcheiden, denen der arme Burſch leid thut, ſo unvorſichtig in eine hoffnungs⸗ loſe Liebe hineinzuſteuern: wir wollen ſeine Träume nicht be⸗ lauſchen. 3. Die Kirche in Sielitz war gedrängt voll. Alle Bänke im Schiff hatten Frauen und Mädchen aus dem Pfarrdorfe und ſeinen beiden Filialen, wozu auch Reſſen gehörte, beſetzt, die einfache Landestracht bot ſelbſt im Sonntagsſtaate kein pitto⸗ reskes Bild, wie denn auch dieſe Gegend ſich keines beſonders ſchönen Geſchlechts rühmen konnte— es war alſo von dieſer Seite nichts, was die Andacht zerſtreuen konnte. Die Männer in ihren langen, dunkeln Röcken füllten die Chöre; in dem herrſchaftlichen Sitze ſah man den greiſen Kammerherrn von Rheinberg mit ſeinen beiden Töchtern, hinter denen in geſtickter Uniform ein junger Officier lehnte; Frau von Arnefeld und ihre Tochter nahm den Kirchſtand, welcher dem Dominium Reſſen gehörte, ein— der dritte, welcher auch einer Guts⸗ herrſchaft aus der Nähe zukam, war leer. Die Gemeinde ſang noch immer, und eine Orgel, ſo wohl⸗ klingend, wie man ſie in einer Dorfkirche nicht geſucht hätte, begleitete den Geſang, ſeine Disharmonien mächtig überwäl⸗ tigend. Frau von Arnefeld hatte ihr reicheingebundenes Ge⸗ ſangbuch mit dem blendenden Goldſchnitt aufgeſchlagen und * —— ————— —— — 24 Salvator. ſah hinein, bewegte aber keine Lippe, vielleicht auch keinen Gedanken zu dem Liede, ihre Tochter ſaß mit kaltem, klarem Geſicht neben ihr und ließ ihre ſchönen Augen ſchweifen, un⸗ bekümmert, was man von ihr denken oder ſagen möge. Mit ihren Freundinnen— Mädchenfreundſchaft!— gegenüber hatte ſie ſchon beim Eintritt einen grüßenden Blick gewechſelt, den jungen Officier kannte ſie nicht, er mußte erſt nach ihrem geſtrigen Beſuche angekommen ſein. Die Thüre der Sakriſtei öffnete ſich endlich und der Ad⸗ junct des alten Pfarrers, von welchem wir ſchon gehört haben, trat würdevoll heraus und beſtieg die Kanzel. Eine gewiſſe Unruhe machte ſich unter den ländlichen Zuhörern bemerklich, man ſah, wie ſich die Leute erwartungsvoll zurechtrückten, es war unverkennbar, daß der junge Prediger ſich bereits ſeine Gemeinde gewonnen habe. Auch war er von der Natur mit einem freigebigen Füllhorn in ſeiner Erſcheinung ausgeſtattet worden. Eine hohe Geſtalt, ein ausdrucksvolles blaſſes Ge⸗ ſicht, dunkelblonde glänzende Locken, die er klar geſcheitelt trug, und vor Allem ein ſtarkes, klangvolles Organ trugen dazu bei, gleich von Anfang für ihn einzunehmen— wenn er aber ſeine Rede tönen ließ, das Feuer, das in ſeinen Worten ſich kund gab, auch auf ſeinen blaſſen Wangen eine leichte Gluth entzün⸗ dete und aus ſeinen großen, ſchwärmeriſchen Augen ſprühte, wenn ſeine biegſame Stimme bald im Affeet wie Donner rollte, bald in weichen, wehmüthigen Lauten zum Herzen ſprach und dann Thränen in jenen großen braunen Augen ſchimmerten, dann fühlten ſich auch die kälteſten Zuhörer hingeriſſen, und es war kein Wunder, daß die einfachen Menſchen, welche hier den größten Theil der Gemeinde bildeten, in vollem Erguſſe „e—„— —— — Salvator. 25 ihrer Seelen ſich dem Zauber hingaben, den der Prediger auf ſie übte. Laura Arnefeld, ſo ſehr ſie kämpfte, konnte ſich ihm auch nicht ganz entziehen, und ſie fühlte es mit einiger Beſchämung, daß, je öfter ſie den Redner hörte, deſto mehr ſie die kalte, kritiſche Gewalt verlor, mit welcher ſie zuerſt dem Gange ſeiner Predigten gefolgt war. Heut wußte ſie, als er geendigt hatte, nicht einmal, ob er die Eintheilung ſeiner Rede ſcharf inne ge⸗ halten und conſequent durchgeführt habe— es war ihr, als ſei ſie mit ihm über dieſe ſelbſtangelegten Feſſeln durch die Eingebung des Moments hinausgeriſſen worden. Ihr Auge war höher belebt, ihre Wange lichter geröthet. In aufmerkſam vorgeneigter Haltung ſaß ſie, während die Mutter neben ihr faſt zuſammengeſunken war und ihren Thränen freien Lauf ließ. Als das: Amen! im tiefen Tone geſprochen, die Predigt beendigt hatte, traf Laura's von dem Prediger ſich trennender Blick in die gegenüberliegende Rheinberg'ſche Kirchenloge und begegnete hier einem feſt auf ſie gerichteten Auge: dem des jungen Officiers. Unangenehm berührt wurde ſie dadurch, ſie fand es unwürdig, während ihres Achtgebens auf die Predigt beobachtet worden zu ſein, es entging und gefiel ihr nicht, daß der junge Mann ſeine Arme gekreuzt hatte: das iſt nur im Orient ein Zeichen der Hingebung und Demuth, hier zu Lande giebt es grade umgekehrt Zeugniß von einer ſelbſtſtändigen Haltung. Gewiß war der junge Herr in der goldgeſtickten Uniform einer von der Schaar, die nichts achtet, Alles beſpöt⸗ telt, keinem ernſtern und tiefern Gefühl zugänglich iſt, höch⸗ ſtens für die Ehre ihres Standes. Die Kirche lag auf einem freien grünen Platze, den nur —— 26 Salvator. eine einzige uralte Linde ſchmückte, mitten im Dorfe— hier fanden und beſprachen ſich beim Herausgehen die Bekannten, und es währte bei ſchönem Wetter, wie heut, ſehr lange, ehe der grüne Platz von den Kirchgängern ganz leer wurde. Auch die Gutsherrſchaften, welche hier eingepfarrt waren, pflegten ſich noch zu begrüßen, namentlich verſäumte der Kammerherr, der eine Art von Pflicht der Gaſtlichkeit darin ſah, niemals, den Arnefeld'ſchen Damen zu nahen und einige Worte im Geiſte ſeiner— nun freilich längſt veralteten— Zeit mit ihnen zu wechſeln. Der Frau von Arnefeld, welche auch noch aus jener Zeit entſproſſen war, that eine Artigkeit, welche heut zu Tage ſeltener wird, wohl; ihre Tochter gab überhaupt auf Formen nichts und ging dann ihrerſeits gewöhnlich zu den Rheinberg'ſchen Schweſtern, von denen ſie beſonders die jüngſte intereſſirte— in der älteſten fand ſie nur ein herzensgutes, aber im Ganzen unbedeutendes Mädchen, ihr hellblondes Haar und ſchneeweißer Teint waren zwar ſehr ſchön, aber dem ſanften blauen Auge fehlte der Geiſt, welcher aus den ſchwar— zen lebhaften Augen der Jüngſten leuchtete. Heut erwartete Laura jedoch die Annäherung von Seiten der Schweſtern und ging ihnen kaum ein Paar Schritt entgegen, wahrſcheinlich, weil der junge Officier in ihrer Geſellſchaft war. Dieſen ſtellte nun der Kammerherr gleich als ſeinen Vetter vor: auch einen Rheinberg. Dann fiel das Geſpräch natürlich mit dem größten Antheil auf den geſtrigen Unfall, welcher die Damen auf der Heimfahrt betroffen hatte, und ſowohl der alte Herr als ſeine Töchter ſchoben ihn auf die Ungeſchicklichkeit des Schiffers, die ſie nicht begriffen, da ſie ſelbſt ſchon mehrmals mit ihm ge⸗ fahren und immer ſehr zufrieden geweſen waren. 2 Salvator. 27 „Sie thun ihm Unrecht!“ rief Laura lebhaft.„Ich allein trage die Schuld.“ Und eben ſo, wie ſie es gegen ihren Vater gethan hatte, erklärte ſie, wie ſich Alles, durch ihren Ueber⸗ muth veranlaßt, zugetragen. „Wiſſen Sie, Laura, er hat die Belohnung, welche ihm Ihr Herr Vater heut durch unſern Diener zuweiſen ließ, ganz ausgeſchlagen?“ fragte die Blondine. Laura erröthete.—„Warum?“ entgegnete ſie raſch. „Das weiß ich nicht, er hat es auch wohl nicht geſagt,“ antwortete die Rheinberg. „Doch! Er nähme kein Geld für ſo etwas!“ erklärte ihre Schweſter.„Ich finde das ſchön.“ „Lächerlich bei ſeiner Armuth, Fanny!“ erwiederte die Blondine. „Die Armuth hat auch ihr Gefühl, Emma!“ verſetzte die Jüngſte. „Jedenfalls werden wir ſuchen, ihm auf andere Weiſe un⸗ ſere Dankbarkeit zu beweiſen,“ ſagte Frau von Arnefeld.„Das Gefühl muß man ehren, es wird in unſerer herzloſen Zeit nur zu oft und zu ſchmerzlich verletzt, und auf keine Weiſe möchte ich grade einem armen Menſchen weh thun. In dieſer Klaſſe, wo die Noth alle edlern und feinern Regungen meiſt von zarter Kindheit an erſtickt, ſollte man jeden Funken, der noch aus der Aſche hervorſchimmert, ſorgfältig hegen und pflegen. Ueber⸗ laſſe mir dieſe Sache, mein Kind, ich werde ſie zu allſeitiger Zufriedenheit löſen.“ „Gern, Mama!“ war Laura's kurze Antwort, womit ſie das Geſpräch beendigte. 28 Salvator. „Wie hat Ihnen die heutige Predigt gefallen?“ fragte der Kammerherr. „Sie hat mich ergriffen und tief bewegt,“ erwiederte Frau von Arnefeld mit geſenktem Blicke.„Ich werde ihren Eindruck mit mir nehmen und noch lange in meinem Herzen bewahren.“ „Sind Sie jetzt auch mit unſerm Schrader zufrieden, Laura?“ fragte die Blondine.„Sie konnten ſich zuerſt nicht recht mit ihm befreunden.“ „Liebe Emma,“ antwortete die junge Arnefeld, welcher der aufmerkſame Blick nicht entgangen war, den bei dieſen Worten ſeiner Couſine der Officier, bisher ein ſtummer Zeuge der ihn nicht berührenden Unterhaltung, auf ſie richtete,„ich bin nicht gleich von neuen Erſcheinungen eingenommen, ich will erſt prüfen.“ „Und haben Sie jetzt geprüft, gnädiges Fräulein?“ fragte der Officier. „Das habe ich,“ ſagte ſie.„Was iſt Ihr Urtheil über den Prediger? Sind Sie ihm aufmerkſam gefolgt?“ „Ich halte ihn für einen gefährlichen Mann,“ erwiederte er ruhig. „Gefährlich?“ riefen die beiden Schweſtern wie aus einem Munde, und auch Laura wiederholte das Wort. „Er giebt ſeinen Hörern keine geſunde Speiſe,“ ſagte Rheinberg. Der Kammerherr hatte aber währenddeſſen Frau von Arne⸗ feld ſchon an den herbeigewinkten Wagen geführt, und Laura nahm raſch Abſchied, um ihr zu folgen. Das Geſpräch, wel⸗ ches durch die letzte Wendung, die es genommen hatte, für ſie von höchſtem Intereſſe geworden war, konnte nicht fortgeſetzt— WM M Salvator. 29 werden, aber der Gedanke, welchen der jüngere Rheinberg aus⸗ geſprochen hatte, begleitete ſie. Es war ihr ſchon auffallend, daß ſich ein junger Soldat über Gegenſtände ſo ernſter Art mit einer Theilnahme äußerte, welche ſie, bei ziemlich zahlreicher Bekanntſchaft unter den Officieren ihres frühern Aufenthalts, höchſt ſelten gefunden hatte, eher das Gegentheil: Gleichgültigkeit, oder noch ſchlim— mer: Spötterei. Was Rheinberg nun gar hingeworfen hatte, daß der Pfarradjunct ein gefährlicher Mann ſei, welcher ſeinen Hörern keine geſunde Speiſe gebe, konnte ſie nicht recht be⸗ greifen. Er ſprach vielleicht für ſeine Gemeinde zuweilen, wenn er ſich zu höherm Aufſchwunge hinreißen ließ, nicht populär genug, aber gab er ihnen etwa unverſtändliche oder ſchädliche Lehren? Sie war, wenn ſie ſich recht bedachte, was er geſagt, mit keinem ſeiner Ausſprüche in Oppoſition geweſen— etwas einfacher, vom Schmuck bloßer Worte entkleideter hätte ſie ſich manchen derſelben gewünſcht, damit er dem Volke recht klar zur Einſicht gelange. Beſſer ſtehen müſſe es ja in der Welt, wenn Alles, auch in religiöſen Dingen, ganz klar ſei. Wie kam nun Rheinberg darauf, die jedem Gebildeten ſo vollkom⸗ men einleuchtenden Wahrheiten, welche Schrader gepredigt hatte, eine ungeſunde Speiſe zu nennen? Bezog er das auf die Schale oder auf den Kern? Er mußte wohl nicht bis zum letztern gedrungen ſein. Langſam ging unterdeſſen der Adjunct, welcher noch eine Amtshandlung verrichtet hatte, durch das Dorf nach dem Häuschen, wo er bei der Familie ſeines Bruders wohnte. Er war nämlich ein Bauersſohn aus dem Dorfe, welchen ſein reicher Vater, auf Veranlaſſung des Pfarrers, der den empfäng⸗ . ————— ———— — ———— 30 Salvator. lichen und aufſtrebenden Geiſt frühzeitig erkannte, hatte ſtudiren laſſen. Der Gutsherr, welcher ſich auch für ihn intereſſirte, hatte ihn, ſobald er die Ordination erhalten, zum Adjunct für den alternden Pfarrer, mit deſſen freudiger Genehmigung, be⸗ rufen und ihm die Stelle, welche er als Patron zu vergeben hatte, zugeſichert. Im Pfarrhauſe, wo er die beſte Aufnahme gefunden hätte, wohnte er aber nicht, ſondern bei ſeinem Bru⸗ der, welcher unterdeſſen nach dem Tode des Vaters die Wirth⸗ ſchaft übernommen hatte. Er ging langſam durch das ſonnenhelle Dorf und grüßte die Begegnenden, welche er alle kannte. So freundlich war er ſtets, daß er ſich auch die Herzen der alten Bauern gewonnen hatte, die ſonſt nicht viel von jungen Predigern halten, beſon⸗ ders wenn ſie dieſelben haben in ihrem eignen Dorfe als Bauer⸗ kinder aufwachſen ſehen: Schrader hatte ſich aber ſo zu ſtellen gewußt, daß er der Stolz des ganzen Dorfes war, das ſich, den Eingepfarrten gegenüber, nicht wenig auf ihn zu Gute that. „Guten Morgen, Anne,“ ſprach er ein junges Mädchen an, das mit beſonders freundlichem Gruße an ihm vorüber ging.„Ich habe Dich nicht in der Kirche geſehen.“ Es war die Schweſter des Kahnführers, der mit der Großmutter über den See gefahren war. „O ich war drin, Herr Magiſter,“ ſagte die Schifferstochter eifrig.„Sie haben mich auch geſehen.“ „Willſt Du mich Lügen ſtrafen, Anne?“ fragte er ſanft lächelnd. Sie wurde roth und verlegen.„Angeſehen haben Sie mich, Herr Magiſter,“ ſagte ſie kleinlaut. — e— „ 0„— Salvator. 31 „Habe ich das, ſo iſt mir Deine Gegenwart doch nicht klar geworden, denn ich weiß nichts davon,“ erwiederte er.„War Dein Bruder bei Dir?“ „Nein, aber Mutter. Karl iſt mit Großmutter'n nach Reſſen.“ „Deine Großmutter? Sieh da! Wann iſt ſie gekommen? Es freut mich, daß ſie endlich einmal gekommen iſt— doch wird ſie es wohl nicht haben möglich machen können, ſonſt würde ſie längſt Deine Mutter in ihrem Grame getröſtet haben.“ Anne ſenkte den Kopf, um ihre bei dem Gedanken an den verſtorbenen Vater aufſteigenden Thränen zu verbergen, und ſagte:„Der alte Herr iſt immer ſo krank— Großmutter konnte nicht eher abkommen.“ „Das wußte ich. Es ſei ferne von mir, deshalb Uebles zu denken. Die menſchliche Natur iſt von Grund aus gut, mein Kind, und es bedarf in der That nur einiger Nachhülfe des Schickſals oder anderer Menſchen, um den Roſt oder die Schlacken, welche ſich durch das Leben anſetzen, zu entfernen, damit das edle Metall wieder glänzend zum Vorſchein kommt. Ich denke niemals ſchlecht von der menſchlichen Natur.“ „Großmutter will acht Tage bei uns bleiben,“ ſagte Anne. „Ein Zeichen, daß ſie ſich bei ihrer Tochter wohl gefällt— es freut mich innig. Auf jeden Fall werde ich in dieſer Zeit einmal zu Euch kommen und Deine Großmutter, die ſich mei⸗ ner wohl noch erinnern wird, begrüßen.“ Er reichte dem jun⸗ gen Mädchen die Hand, in welche ſie, noch einmal und heißer erröthend, die ihrige legte, und ſchied von ihr mit einem freund⸗ lichen Neigen des Hauptes, davon in ſeine ſchönen Locken ein ſanftes Wallen kam Sie ſtand noch und ſah ihm nach, er⸗ 32 Salvator. ſchrak aber, als er ſich plötzlich noch einmal nach ihr umkehrte: „Wann wirſt Du auf das Schloß ziehen, Anne?“ fragte er ernſthaft. „Ich ſollte ſchon, aber nun kann ich noch acht Tage zu Hauſe bleiben, bis Großmutter geht.“ „Das iſt mir lieb,“ ſagte der Adjunct, ohne zu erklären warum, und ſetzte ſeinen Weg fort. Als er in den Hof ſeines Bruders trat, kam ihm dieſer verdrießlich entgegen:„Zum lieben Sonntage Einquartierung. Das Soldatenvolk iſt wie die Heiden. Am Sonntage marſchiren!“ „Nun, Anton,“ verſetzte der Adjunct mit ſeinem ruhigen Lächeln,„Du haſt wohl auch nicht immer am Sonntage ge⸗ feiert, und Dir befiehlt Niemand, wenn Du arbeiten ſollſt.“ „Mag den Teufel nicht! Wenn's Wetter danach iſt, daß man noch etwas hereinholen muß, ſo iſt das ſo gut wie be⸗ fohlen. Du brauchſt mir das übrigens nicht unter die Naſe zu reiben, denn Du biſt noch nicht einmal Paſtor, und auch der hat mir nichts zu befehlen.“ „Es fällt mir eben ſo wenig ein,“ erwiederte der Adjunct ruhig.„Sehe Jeder, wie er's treibe.“ Er ging nach ſeinem kleinen, vom Weinlaub halb verdunkelten, Stübchen wo er, wie allſonntäglich, eine ſchriftliche lateiniſche Einladung des Pfarrers fand, bei ihm zu Mittag zu ſpeiſen. Der alte Hert 2 hätte es ein- für allemal abmachen können, aber er zog es vor, jedesmal beſonders zu ſchreiben. Pünktlich zu der gewohnten Stunde ſtellte ſich der Adjunct ein. Er fand den Pfarrer in ſeinem Studirzimmer, wo er ihn ſtets empfing— heut kam er ihm aber nicht entgegen ſondern blieb in ſeinem Lehnſtuhl ſitzen und winkte ihm nur nct nem er, des err vor, unct er en, nur Salvator. 33 ein freundliches Willkommen mit der Hand: er war auch heut nicht in der Kirche geweſen, was er ſonſt nie verſäumte, ob⸗ gleich er von der Predigt nur die mit voller Kraft geſprochenen Worte verſtand. Gewiß war er krank: ſeine ſonſt ſo eiſerne Conſtitution mußte doch auch der Zeit ihren Tribut abtragen. Der Adjunct näherte ſich ihm ehrerbietig, indem er das wehmüthige Gefühl, das ihn beſchlich, niederkämpfte, damit ſein Ausdruck nicht auf dem Antlitze ſichtbar würde: denn ſo wenig der Pfarrer auch hören konnte, um ſo ſchärfer war noch ſein Auge, welchem ſo leicht nichts entging. „Setze Dich, mein Sohn!“ ſagte der Greis, welcher die väterliche Benennung gegen ſeinen Schützling, der ihm Alles verdankte, beibehalten hatte, wiewohl nur unter vier Augen — vor Zeugen, ſelbſt vor der Haushälterin, welche ihm ſeit dem Tode ſeiner Frau die Wirthſchaft führte, nannte er ihn Sie und ſogar Herr Adjunctus, er hätte ohne das gefürchtet, der Würde des Standes etwas zu vergeben. „War die Kirche voll?“ fragte er. Der Adjunct begleitete ſein Ja mit einem verſtändlichern Kopfnicken, was den alten Herrn zufrieden ſtellte. „Die Herrſchaft zugegen? Alle? Gut!— Von Reſſen auch?“ „Der Herr nicht,“ erwiederte der Adjunct. Kann ich mir denken,“ ſagte der Pfarrer.„Wie denn von Rackwitz?“ So hieß das andere eingepfarrte Dorf. Schrader ſchüttelte den Kopf und ſagte: Niemand.“ „Jemand?“ fragte der Pfarrer, der falſch verſtanden hatte. „Haben Sie ihn nicht gekannt?“ Salvator. I. S 34 Salvator. „Es war Niemand aus Rackwitz in der Kirche,“ wieder⸗ holte der Adjunct mit ſtärkerer Stimme. Der Pfarrer ſah ihn gedankenvoll an, dann ſchärfte ſich allmälig ſein Blick, mit welchem er ſeinen Zögling prüfte, bis dieſer Blick faſt unerträglich wurde, doch hielt ihm der Adjunct vollkommen Stand, ohne den ſeinigen zu ſenken.— Alſo kein Menſch aus Rackwitz auch heute,“ ſprach der alte Herr vor ſich hin.„Das iſt nun ſchon der zehnte Sonntag.— Sei doch ſo gut, Friedrich, und klingle einmal mit jener Handglocke.“ Es galt der Wirthſchafterin, einer ältlichen Frau von raſchem Weſen, welche auch diesmal nicht auf ſich warten ließ. „Das Eſſen iſt gleich fertig, Hochehrwürden,“ ſagte ſie. „Frau Dörmann,“ ſprach der Pfarter, ohne ihre Rede zu beachten, wiſſen Sie etwas aus Rackwitz?“ „Nein!“ ſagte die Haushälterin.„Ich habe geſtern erſt den Gärtner geſprochen, der hat mir nichts geſagt. Was iſt denn dort?“ Ihre Worte verſtand der alte Herr vom täglichen Um⸗ gange immer am beſten, ſie durfte ihre Stimme nur wenig er⸗ heben, ſo errieth er an der Bewegung der Lippen, was er nicht deutlich hörte. Auch jetzt erwiederte er auf ihre Frage: „Sie kommen ſchon ſeit vielen Wochen nicht mehr zur Kirche. Ich möchte die Urſache wiſſen. Da Ihre Tochter in Rackwitz iſt, glaubte ich, Sie hätten vielleicht etwas erfahren, wenn ſich dort eine ernſtliche Abhaltung ereignet hätte.“ „Das hätte ich Ihnen auch erzählt,“ verſetzte die Frau. „Ich weiß nur, daß ſie nach Planow zur Kirche gefahren ſind — ob heute, das weiß ich nicht, aber ein Paarmal ſind ſie ee Salvator. 35 ſchon dort geweſen. In Planow meine ich,“wiederholte ſie, den Namen laut hervorhebend. Planow!“ ſagte der Pfarrer, und von Neuem fiel ſein Blick auf den Adjunct.„Ich habe den neuen Prediger dort nie gehört.“ Als er das Wort ausſprach, mochte ihm ſelbſt ſein Gebrechen einfallen, denn ein trübes Lächeln ſtieg auf ſeinem Geſichte empor und er nickte ein Paarmal vor ſich hin. Dann hieß er die Wirthſchafterin nach dem Eſſen ſehen. Ueber Tiſch, wo Beide einander gegenüber ſaßen, bedient von der ab⸗ und zugehenden Frau, war das Geſpräch, das ſtets ſehr erſchwert zu führen war, noch einſilbiger, als gewöhnlich. Der Pfarrer ſchien offenbar leidend, er hatte es aber nicht gern, wenn man von ſeinem Befinden ſprach, und Schrader, welcher das ſchon von früher wußte, hütete ſich, dieſen Punkt zu berühren: er ſah aber, wie wenig er aß, und bemerkte vor Allem die beſorgten Blicke, welche Frau Dörmann, ſo oft ſie es von ihrem Herrn unbeobachtet thun konnte, auf ihn richtete. „Sie haben doch, als Sie hieher kamen, in Rackwitz Ihre Aufwartung gemacht, Herr Adjunctus?“ fragte der Pfarrer, welchen der Gedanke fortwährend zu beſchäftigen ſchien. „Das habe ich,“ erwiederte Schrader ſich verneigend. „Sie ſind gut aufgenommen worden, nicht wahr?“ fuhr der Pfarrer fort. „Mit der größten Zuvorkommenheit,“ verſicherte der Ad⸗ junet.— Die Wirthſchafterin hatte eben das Zimmer verlaſſen, der Pfarrer nahm gleich den Ton an, welchen er nur vor Fremden gegen Schrader änderte. 3* 36 Salvator. „Sage mir, mein Sohn, kannſt Du Dir eine Urſache den⸗ ken,“ fragte er herzlich, weshalb der Oberſt Deine Predigten nicht mehr beſucht?“ Der Adjunct zuckte die Achſeln und erwiederte:„Ich bin nicht eitel genug, nein zu ſagen. Sie müſſen ſich durch meine Reden nicht angeſprochen fühlen. Es iſt für mich beſchämend, aber ich muß es mir gefallen laſſen. Auch wir Prediger ſind dem Geſchmacke unterworfen.“ „Geſchmack?“ wiederholte der Pfarrer, das einzige Wort, das ihm verſtändlich geworden war, denn der Adjunct hatte ſich wenig Mühe gegeben, laut zu ſprechen. Ein rechtgläubi⸗ ger Sinn fragt nicht, ob mit Geſchmack gepredigt wird, das hält ſich an den Kern, welcher allezeit ſein und bleiben muß der Glaube an unſern Herrn und Heiland. Ich kenne meinen Oberſten von Haug zu gut— der will in der Kirche nicht amü⸗ ſirt, ſondern erbaut ſein— und ich muß wiſſen, warum er nicht kommt.“ „Sie wollen ihn fragen?“ rief der Adjunct. „Fragen, ganz recht! Sobald ich wieder ausgehen kann, werde ich ihn beſuchen.“ „Aber, Herr Pfarrer, Sie werden doch keinen Kirchen⸗ zwang üben wollen?“ rief Schrader. „Ich werde vielleicht ſchon morgen im Stande ſein,“ ſagte der Greis und holte tief Athem, gleichſam zur Probe. „Aber Kirchenzwang! Bedenken Sie doch!“ „Zum Kirchengang ſoll man die Leute wenigſtens ermah⸗ nen. Ich halte es mit der alten Zucht und Ordnung, und finde nicht, daß es beſſer in der Welt geworden iſt, ſeit ſich die Familien mehr und mehr ihre Seelſorger abſtreifen.— Salvator. 37 Trinken Sie Ihr Glas Wein aus, Herr Adjunctus!“ fuhr er, da eben Frau Dörmann eintrat, in förmlicher Weiſe fort. „Laſſen Sie uns anſtoßen: auf eine ſegensreiche Zukunft!“ Als Schrader ſich, bald nach Tiſche, dem Pfarrer empfoh⸗ len hatte, wartete er draußen, bis er die Haushälterin ſprechen konnte, und fragte ſie nach dem eigentlichen Befinden ihres Herrn. „Es geht mit ihm bergab,“ antwortete die Frau traurig. „Sie werden hier bald im Amte ſitzen.“ „Das verhüte Gott! Ich darf wohl nicht fürchten, von Ihnen verkannt zu werden,“ ſagte der Adjunct. „Nein, wer ſollte von Ihnen ſo was denken, wenn's auch menſchlich wäre! Aber ich glaube, daß er den Winter nicht mehr erlebt. Wenn das Laub von den Bäumen fällt, wird er wohl mit fort müſſen. Er hat ſich ſehr in der Gewalt und läßt Niemand merken, wenn ihm was fehlt, weil er ſich auch allein mit den winzigen Kügelchen und Pülverchen curirt; aber mir kann er's nicht verheimlichen.“ „Und doch ſpricht er von Beſuchen in der Nachbarſchaft!“ verſetzte der Adjunct. „Die werden ſich von ſelber verbieten. Wo wollte er denn einen Beſuch machen?“ „In Rackwitz beim Oberſten von Haug. Wenn es aber doch ſo weit kommen ſollte, ſo bitte ich, laſſen Sie es mich vorher wiſſen, liebe Frau Dörmann. Ich begleite ihn dann vielleicht, ſchon für den Fall, daß ihm bei ſeiner Schwäche unterwegs etwas zuſtoßen ſollte, denn er geht doch wohl zu Fuß. Es iſt meine Schuldigkeit, ihn nicht allein gehen zu laſ⸗ 38 Salvator. ſen. Kann ich mich darauf verlaſſen, von Ihnen Nachricht zu erhalten?“ Die Frau verſprach es ihm unbedingt, aber ſie glaubte nicht an die Möglichkeit, daß dieſer Plan ſo bald zur Ausfüh⸗ rung kommen könnte.„Sie ſind wirklich für meinen armen alten Herrn ein guter Engel,“ ſagte ſie. „Beſchämen Sie mich nicht,“ verſetzte er mild.„Ich ver⸗ danke dem Herrn Pfarrer Alles, was ich bin und habe, wie ſollte ich nicht meine erſte Pflicht darin ſuchen, dieſe große Schuld ein wenig abzutragen?“ Er ging, in ſich gekehrt, des Weges nach ſeiner Wohnung zurück, wo er mit einem rohen und unverträglichen Bruder in Verhältniſſen lebte, die für ein Gemüth, wie das ſeinige, nur widerwärtig ſein konnten. Es wäre alſo menſchlich geweſen, die Hoffnung, daraus in kurzer Friſt erlös't zu werden, nicht ungern in's Auge zu faſſen, aber dieſe Hoffnung knüpfte ſich an den Tod ſeines Wohlthäters! 4. Der Sonntagmorgen war ſo ſchön! Herr von Arnefeld ge⸗ noß ihn mit wahrem Behagen, als ſeine Damen zur Kirche ab⸗ gefahren waren; er hatte ſich, noch im weichen Sammtrock, wel⸗ chen er Frühmorgens trug, ſeinen bequemen Seſſel auf die Freitreppe unter die Säulen ſetzen laſſen, wo er die friſch an⸗ gekommenen Zeitungen bei einer köſtlichen Cigarre und einem Salvator. 39 Glaſe Ungarwein, aus welchem er von Zeit zu Zeit nippte, recht ungeſtört leſen konnte. Hier war es angenehm ſchattig, während unter ihm die Waldpartien ſeines Parks und weiter⸗ hin der Seeſpiegel mit den grünen Ufern und zerſtreuten Häu⸗ ſern im hellſten Sonnenlichte lagen. Wenn man den Leſenden in ſeinem kleidſamen Morgenanzuge, ein leichtes geſticktes Käppchen mit griechiſcher Quaſte auf dem vollen glänzenden Haare, die große männliche Geſtalt nachläſſig zurückgelehnt in den Seſſel, mit Muße betrachtete, ſo konnte man nur geſtehen, daß er noch immer ein ſchöner Mann war. Sein blühendes Geſicht hatte noch die Farbe der Jugend nicht verloren, eine Reihe blendender Zähne zeigte ſich, ſo oft ſeine weiße beringte Hand die glimmende Cigarre den Lippen bot oder entzog, in ſeinem wohlgepflegten dunkeln Backenbarte war noch kein blei⸗ chendes Haar zu finden— ein weiches, üppiges Kinn und die runden Contouren eines ſehr weißen Halſes, die ſich unter dem leichtgeſchlungenen ſeidenen Tuche bemerkbar machten, ſo wie auch der ganz eigenthümliche Schnitt ſeiner großen Augen prägten dann dem Ganzen ſeinen Charakter auf, welcher See⸗ lenkundigen nicht ſchwer zu errathen war: Herr von Arnefeld machte auch wenig Anſtrengungen, ſich anders zu geben, als er war, nicht einmal da, wo es ihm Vortheil gebracht hätte. Nur gegen Laura, ſeine Tochter, hielt er ſich in Schranken Die Zeitungen befriedigten ihn ſchon ſeit längerer Zeit ſehr wenig, er war ein Feind aller Stürme, am meiſten der poli⸗ tiſchen, auch die Schilderungen wachſender Noth, welche aus verſchiedenen Gegenden ſich oft in ein Blatt zuſammendrängten, widerten ihn an— Neuigkeiten angenehmer und pikanter Art, intereſſante Kunſtnachrichten wurden immer ſeltener, ſelbſt aus 40 Salvator. dem herrlichen, genußreichen Wien. Wo waren die unvergeß⸗ lich ſchönen Zeiten geblieben, da er in Allem, was die Kaiſer⸗ ſtadt zur Hochfluth der Genüſſe bot, geſchwelgt hatte! Soll denn die Freude ganz aus der Welt verſchwinden? Sieh! Da fand ſich doch ein Artikel ganz nach ſeinem Be⸗ hagen, er beſprach mit friſcher Laune einen kützlich erſchiene⸗ nen Roman, welchen Arnefeld geleſen hatte. Zwar ſtand der Kritiker auf einer durchaus verſchiedenen Seite, als er, aber ſein Humor und Witz empfahl ihn und ließ mehrmals ein an⸗ genehmes Lächeln in das Geſicht des Leſenden ſteigen. Auf ein⸗ mal ſah er auf und runzelte die Stirn: eine alte Frau ſtand vor ihm. „Schönen guten Morgen, gnädiger Herr,“ ſagte ſie mit bewegter Stimme. Er erkannte ſie jetzt.„Biſt Du's, Louiſe?“ rief er. So alt ſie war, nannte er ſie immer noch bei ihrem Vornamen, wie er es als Knabe gethan hatte. Sie war ſeine Amme geweſen und dann im Dienſte ſeines elterlichen Hauſes geblieben bis auf den heutigen Tag. „Sie kennen mich alſo doch wieder?“ ſagte die alte Frau mit zärtlichem Tone, während ihre Augen überfloſſen. „Werd' ich meine Amme, den Quell meiner Lebenskraft, nicht wieder kennen, wenn ſie auch ein wenig bemooſt ausſieht,“ entgegnete er. Wir haben uns lange nicht geſehn, Louiſe— ich bin auch alt geworden, ſehr alt, nicht wahr?“ „Sie ſind ſtärker geworden, aber ſehen ſo jung und blü⸗ hend aus, daß man ſich dagegen ſchämen muß,“ verſicherte die Alte. „Schäme Dich nicht. Wenn Du einen Burſchen, wie mich, — Salvator. 41 genährt haſt, kannſt Du keine Roſenknoſpe mehr ſein. Was führt Dich her?— Mein Vater iſt doch nicht—“ hier ſtockte er, richtete ſich aber fragend auf. „Ihr Herr Vater befinden ſich ſehr wohl, es iſt erſtaunlich, wie munter und friſch er ſich noch bei ſeinem hohen Alter hält, er reitet alle Tage ſeine Stunde ſpazieren, das Wetter mag ſein, wie es will—“ „Auf dem kleinen Fuchſe?“ unterbrach ſie der Sohn. „Der iſt todt, er hat ſich vor'm Jahre einen Hengſt ſchicken laſſen— wofür er über hundert Louisd'or bezahlt hat.“ „Einen Hengſt? Der achtzigjährige Mann! Wie konnteſt Du das leiden, Louiſe? Er wird einmal den Hals brechen.“ „Er wird nicht!“ verſicherte ſie lachend.„Sie ſollten ihn nur ſehen, wie ſtramm der achtzigjährige Mann noch auf dem Pferde ſitzt, das Thier mag tanzen, wie es will, er rührt ſich nicht.“ „Nimm Dir einen Stuhl, Louiſe. Mein Vater ſchickt Dich wohl her— was läßt er mir ſagen?“ Die Alte ſah ihren ehemaligen Pflegling mit einem langen Blicke der zärtlichſten Liebe an, dann ſprach ſie:„Wenn Sie den Papa kennen, ſo denken Sie wohl ſelber nicht, daß er mich herſchicken wird oder Ihnen etwas ſagen laſſen. Ich bin auf meine eigene Hand hergekommen, weil ich Sie einmal wiederſehen mußte.“ „Du biſt eine alte, gute Seele,“ erwiederte Arnefeld. „An Dir liegt es nicht, daß Alles zwiſchen mir und meinem Vater ſo gekommen iſt.“ „Nein, wahrhaftig nicht!“ rief ſie lebhaft, indem von Neuem die hellen Thränen von ihren Augen perlten. Auf mei⸗ Salvator. nen Knieen wollt ich Tage lang vor dem alten Herrn liegen, wenn ich Ihnen etwas helfen könnte. Aber Sie wiſſen, er hat ein hartes Herz.“ „Laß nur gut ſein, ich bin darüber längſt getröſtet. Wenn's zum Ende geht, wird er ſchon verſöhnlicher denken.“ „Glauben Sie das nicht— ich fürchte— „Nun? Sprich es aus! Mit mir brauchſt Du nicht ängſt⸗ lich zu ſein, ich habe kaltes Blut.“ Ich fürchte, er kann bei ſeinen wunderlichen Einfällen auch von wegen des Teſtaments—“ „Meinſt Du?“ erwiederte Arnefeld gleichmüthig, indem er ſich eine neue Cigarre anſteckte. „Ja, Sie glauben das nicht, aber wenn ich⸗ Ihnen ſage, daß er ſchon Aeußerungen gethan hat, vor denen ich erſchrocken bin!“ „Mag er thun, was er nicht laſſen kann,“ verſetzte Arne⸗ feld, mit ſeiner Cigarre beſchäftigt, welche nicht brennen wollte. „Herr Gott!“ rief die alte Frau, die Hände zuſammen⸗ ſchlagend.„Sie thun, als ob Ihnen das ganz gleichgültig wäre. Ein ſo ungeheures Vermögen!“ „Nun, Louiſe, das iſt recht ſchön, aber man wird täglich älter, und Du weißt wohl an Dir ſelbſt, daß man mit dem Alter immer weniger ſein Leben genießen kann. So viel habe ich, um es mir noch angenehm zu machen— das ungeheure Vermögen meines Papa's könnte mir höchſtens noch mehr Luxus geſtatten, davon hab' ich nichts!“ „Aber Sie haben ja Kinder!“ rief die geweſene Amme. „Kinder, freilich! Die könnten es ſchon eher brauchen, na⸗ —,— —————————— —————.—— Salvator.. 43 mentlich mein Rudolf als Huſar. Indeſſen auch meiner Kinder wegen kann ich mich nicht zu einer ſelaviſchen Demüthigung ent⸗ ſchließen und— ohne eine ſolche wäre wohl mit dem Papa, ſo lange er noch ſtramm auf dem Pferde ſitzen und gar Hengſte reiten kann, nichts anzufangen. Ich denke, wenn er künftig einbleiben muß und die Stubenluft ihm eine mildere Tempera⸗ tur giebt, dann wird er anders gegen mich geſtimmt ſein. Das wollen wir abwarten, Louiſe.“ „Abwarten, abwarten, bis es zu ſpät iſt!“ murrte ſie un⸗ zufrieden. „Weiß er, daß Du hier biſt, oder haſt Du ihn belogen?“ fragte er, übher ihr verdrießliches Ausſehen lachend.— „Belügen werd' ich meinen Herrn nie, ich bin ein ehrli⸗ cher Dienſtbote,“ erwiederte ſie empfindlich.„Er hat mir er— laubt, daß ich meine Tochter in Sielitz beſuchen kaun, und weiß ja, daß Sie Reſſen gekauft haben, alſo wird er ſich wohl den⸗ ken können, daß ich Sie hier nicht links liegen laſſen werde.“ „Ei, Louiſe, Du wirſt ja ganz ſpitzig. Reſpect hab' ich immer noch vor Dir, wie in meinen jungen Jahren, wo Du mich unter einer ſtrengen Zucht hielteſt.“ „Sie iſt noch lange nicht ſtreng genug geweſen,“ verſetzte die Alte wieder erheitert. „Alſo Du biſt eigentlich nicht zu mir gekommen, ſondern zu Deiner Tochter. Wohnt die in Sielitz? Das wußt' ich nicht. Iſt ſie verheirathet? Sie muß ſehr hübſch geworden ſein.“ „Sie iſt eine Wittwe, und hat auch zwei Kinder, wie Sie, einen Sohn und eine Tochter.“ „So?“ erwiederte Arnefeld. Iſt ſie gut verheirathet ge⸗ weſen?“ 44 Salvator. „Sehr gut,“ verſicherte die Alte.„Mein Schwiegerſöhn war ein braver Mann, der ſich und die Seinigen redlich nährte.“ „Es fehlt Deiner Tochter alſo an nichts? Sonſt ſag' ihr, daß ſie ſich an mich wenden ſoll.“ „Ich danke Ihnen, gnädiger Herr. Sie hat ihr Aus⸗ kommen.“ „Wie heißt ſie denn, daß ich gelegentlich einmal nachfra⸗ gen laſſen kann?“ „Roland hieß ihr Mann,“ ſagte die Alte etwas wider⸗ ſtrebend. „Ein ritterlicher Name!— Und die Kinder?— Noch klein, nicht wahr?“ „Sie ſind Beide erwachſen und können für ſich ſelbſt und die Mutter ſorgen. Bekümmern Sie ſich weiter nicht um ſie.“ „Roland— Orlando— ich werde den Namen nicht ver⸗ geſſen,“ ſagte Arnefeld.—„Nun ſage mir, Louiſe, haſt Du von meiner alten Liebe wieder etwas gehört? Ich bin ſehr ge⸗ ſpannt darauf.“ „Sie haben ſo viel von der Sorte gehabt, daß ich nicht weiß, welche Sie meinen,“ verſetzte die Alte. „Sei nicht malitiös, Louiſe. Du weißt ſehr gut, daß ich nur Adelheid Mörner meinen kann.“ „Die hat geheirathet und iſt nach⸗Amerika gegangen,“ war der herb ausgeſprochene Beſcheid. „Geheirathet!“ rief Arnefeld.„Das iſt— mir ſehr lieb. † Ein wahrer Stein vom Herzen. Sie iſt alſo vollkommen ge⸗* tröſtet. Wie lange ſchon? Weißt Du nicht?“ „Sehr lange ſchon. Getröſtet wird ſie ſich wohl noch viel länger haben“ Salvator. 45 „Du biſt überaus boshaft geworden auf Deine alten Tage! Glaubſt alſo, daß an einem Manne, wie ich bin, nicht viel verloren iſt? Frage nur meine Frau, ob die auch ſo gering von mir denkt!“ Der leichtfertige Ton, in welchem er ſprach, berechtigte ſeine alte Pflegerin zu einer Aeußerung, welche deutlich genug verrieth, daß Frau von Arnefeld keineswegs ihre Zuneigung beſaß. „Ah, mein Schatz, Du thuſt meiner guten Frau Unrecht,“ ſagte Arnefeld, indem er ſich in ſeinem Seſſel behaglich wiegte. Ich hätte eine jüngere und ſchönere Gattin bekommen können, aber keine, welche ſo nachſichtig mit meinen Fehlern geweſen wäre. Auch hängt ſie an mir mit einer wahrhaft rührenden Zu⸗ neigung— ich wäre alſo ein Ungeheuer, wenn ich das nicht vergelten wollte. Faſt wäre ſie mir geſtern einen gewalt⸗ ſamen Tod entriſſen worden.“ „Ich habe es gehört, ſie iſt mit dem Kahne gen, erwiederte die Alte, hielt es jedoch für angemeſſen, nicht zu berühren, daß ihr Enkel der Schiffer geweſen war, was v von Arnefeld nicht zu wiſſen ſchien. „Wen hat denn Adelheid Mörner geheirathet?“ fragte er von Neuem.. „Einen Verabſchiedeten, den Namen weiß ich nicht mehr,“ antwortete ſie. „Einen Invaliden! Arme Adelheid! Was will der aber in Amerika?“ „Das weiß ich nicht, ſie ſind ſchon über zehn Jahre fort,“ erwiederte die Frau. „So wünſche ich, daß ſie vom gelben Fieber verſchont ge⸗ 1* 1 ——————————————— 46 Salvator. blieben iſt. Aber was mache ich für einen ſchlechten Wirth, Louiſe— ich biete Dir nicht einmal eine Erquickung an. Welch' ſchwarzer Undank gegen Dich, die mich ſo lange und mit Auf⸗ opferung gelabt hat!“ Er rief, ohne ſich durch ihren ablehnen⸗ den Einſpruch hindern zu laſſen, nach dem Bedienten und ließ ein reichliches Frühſtück auftragen, an welchem er dann, ſeine alte Freundin, wie er ſie nannte, ermunternd, ſelbſt Theil nahm. Sie brach endlich auf, nachdem ſie die Dauer ihres Aufenthaltes in Sielitz hatte ſagen und ein Verſprechen geben müſſen, noch einmal wieder zu kommen. Mit den zärtlichſten Gefühlen für ihren Liebling im Herzen nahm ſie Abſchied, und im grellen Contraſt damit ſtand ihr Benehmen gegen den En⸗ kel, welcher länger als eine Stunde auf ſie gewartet hatte und nicht einmal ein freundliches Wort darüber zu hören bekam. Wohl bemerkte er mehr als einmal während der Rückfahrt, daß ihr Blick feſt Lu ihn gerichtet lag, und er fragte ſie auch, warum ſie ihn ſo ſtarr anſehe, aber er erhielt nur ein abfertigendes Spri wort zum Beſcheide. 2 ls ſie am andern Ufer landeten, ſtand Anne in ihrem Sonntagsſtaate bereit, um der Großmutter beim Ausſteigen zu helfen, dieſe ſtreichelte ihr dafür die Backen, eine Freund⸗ lichkeit, deren ſie ſich bis jetzt von ihr noch nicht hatte rühmen können. Mit glänzenden Augen erzählte die Kleine von der wunderſchönen Predigt des Herrn Magiſters und daß er nach der Großmutter gefragt, die er auch beſuchen wolle. „Nenne ihn doch nicht immer Herr Magiſter— er iſt nichts Beſſeres, als wir!“ ſagte Karl. „Wer iſt denn dieſer Magiſter, der mich beſuchen will?“ fragte die Großmutter. Salvator. 47 „Von Schrader's der Jüngſte,“ antwortete Karl an ihrer Statt.„Sie haben ihn ſtudiren laſſen und nun ſoll er hier die Pfarre bekommen. So'n junger Kerl ſoll nun den alten Leuten, die ihn alle haben im Dorfe herumlaufen ſehen, in der Kirche die Wahrheit ſagen, das taugt nimmermehr, und ich habe ihn darum auch noch nicht predigen hören, denn wenn ich ihn oben auf der Kanzel ſähe, müßte ich immer d'ran den⸗ ken, wie wir uns als Jungen oft in den Haaren gelegen. Da kann man nicht andächtig ſein.“ „Er heißt Fritz Schrader?“ fragte die Großmutter, die nicht auf ſeine Rede, von welcher die Schweſter ſehr entrüſtet war, gehört hatte.„Ich weiß. Ich kenne ihn. Ja, ja, er ſoll nur kommen.“ „Nein, Großmutter, Sie ſollten ihn aber predigen hören!“ rief Anne und ließ nun den ganzen Schwall ihrer Beredtſam⸗ keit in begeiſtertem Lobe überfließen, bis ſie von der Mutter, welche ſie ſchon ungeduldig in der Küche erwartete, abgerufen wurde. Ihre Hoffnung, daß der verheißene Beſuch noch heut Statt finden werde, ging aber nicht in Erfüllung und auch der folgende Tag brachte ihn nicht. Die Großmutter ſchien die ganze Sache vergeſſen zu haben, denn ſie ſprach kein Wort mehr da⸗ von, ihrem Bruder, welcher ohnehin ſehr unfreundlich über ſeinen ehemaligen Spielkameraden dachte, durfte ſie gar nicht damit kommen; ſo trug ſie ſich denn mit dem Gedanken allein, welcher ihre Seele ganz beſchäftigte, ſo daß ſie, welche ſonſt das achtſamſte Mädchen war, unverzeihlich viel in der Wirth⸗ ſchaft verſah. Ihre Mutter ſchalt ſie tüchtig und wurde beſorgt für den Dienſt, den ſie bald antreten ſollte, der Großmutter aber verheimlichte ſie Alles, was ihrem Kinde zum Nachtheil 48 Salvator. gereichen konnte: die alte wunderliche Frau war ohnehin ſchon herb genug gegen die arme Anne. Es war ein eigner Zufall, daß der Adjunct, als er end⸗ lich Muße fand, ſeinen Beſuch in dem Roland'ſchen Häuschen zu machen, Niemand zu Hauſe traf, als die Großmutter. Ihre Tochter war auf Arbeit gegangen, Karl auf dem See, Anne hatte für die Gutsherrſchaft eine Beſtellung in einem benach⸗ barten Dorfe zu machen. Die alte Frau ſaß am Fenſter, hatte ihre mit Schieferpa⸗ pier verſehene Schreibtafel, in welcher ſie ſeit langen Jahren ihre haushälteriſchen Notizen zu machen pflegte, in der Hand und ſchien emſig zu rechnen, als ſie durch die trüben Scheiben den ankommenden Geiſtlichen bemerkte. Schnell ſteckte ſie die Schreibtafel in die Taſche und brachte daraus den kleinen Spie⸗ gel zum Vorſchein, mit deſſen Hülfe ſie ihren Scheitel glättete und die Haube etwas mehr in das Geſicht zog. Es klopfte und der Adjunct trat ein. Sie hatte ihn ſeit drei Jahren nicht geſehen, jedenfalls hatte er ſich ſehr zu ſeinem Vortheil verändert. „Seien Sie gegrüßt, liebe Madame Schramm,“ ſagte er mit Herzlichkeit.„Ich freue mich, Sie endlich einmal wieder zu ſehen.“ „Ich danke Ihnen, Herr Schrader, oder— Herr Magiſter, nicht ſo? Als ich das letzte Mal die Ehre hatte, waren noch ſchlechte Ausſichten für Sie, es hat ſich aber Alles gemacht, wie ich ſehe. Man muß nur d'rauf zu laufen verſtehen.“ „Sie thun mir ſehr Unrecht, liebe Madame Schramm. Die Kunſt, welche Sie andeuten, habe ich nie verſtanden. Mein un⸗ verdientes Glück verdanke ich einzig und allein Ihnen.“ Salvator. 49 „Mir?!— Wie ſo?“ rief die Schramm erſtaunt. „Sie haben meiner ſo rühmlich gegen den Herrn Kammer⸗ herrn gedacht, daß er nach genommener Rückſprache mit mei⸗ nem Lehrer und Wohlthäter keinen Anſtand nahm, mich hieher zu berufen.“ „Was Sie da ſagen, kann ſein— ich weiß aber nichts mehr davon. Ich weiß aber, daß Sie meinem guten Herrn durch Ihre Geſpräche wunderliche Dinge in den Kopf geſetzt haben, und begreife nicht, wie ich Sie deswegen gelobt haben ſollte. Sie ließen ſich dann bei uns nicht mehr ſehen, ich aber hatte den Schaden davon. Wenn Sie hier den Leuten auch ſolche Geſchichten predigen—“ „O meine verehrte Gönnerin, wie ſehr mißverſtehen wir uns! Ich hatte das ſeltene Glück, Zutritt im Hauſe Ihres Herrn Principals gewonnen zu haben, die zufällige Begegnung auf dem Eiſe, wo ich Gelegenheit fand, einen kleinen, viel zu hoch angeſchlagenen Dienſt zu erweiſen, war meine einzige Empfehlung, Ihre Güte, als Sie hörten, daß ich aus dem Orte, wo Ihre Tochter lebte, daß ich ein Jugendfreund Ihres braven Enkels ſei, verſchaffte mir dann einen feſten Anker⸗ grund.“ „Und zum Danke verdrehten Sie meinem Herrn den Kopf!“ rief die Schramm. „Wie können Sie mir einen ſo ungerechten Vorwurf ma⸗ chen! Wenn wir unſere Ideen austauſchten über das, was Noth iſt in dieſer ſchlimmen Zeit, wo die Gefahr immer ſchwärzer und drohender anrückt—“ „Ach dummes Zeug! Nehmen Sie's nicht übel, Herr Ma⸗ giſter. Ich bin jetzt fünf und ſechzig Jahr alt, aber ſchon als Salvator. I. 4 50 Salvator. kleines Mädel, wie ich's kaum verſtehen konnte, hörte ich von ſchlimmen Zeiten reden, und das iſt ſo fortgegangen bis auf den heutigen Tag. Das reden die Leute ſo hin.“ „Ich wünſche Ihnen nicht, daß Sie die unausbleibliche Kataſtrophe erleben,“ ſagte der Adjunct feierlich. „Was für'n Ding? Ich wünſche noch viel zu erleben, und wenn mir ſonſt nichts Gewaltſames zuſtößt, Herr Magiſter, denk' ich auch, daß ich es ſo hoch wie meine Mutter bringen werde, die war mit dem alten Fritz auf einen Tag geboren und ſtarb Anno Neunundneunzig. Ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Arzt gebraucht und auch keinen—“ Das Schlußwort murmelte ſie unverſtändlich, aber der Candidat er⸗ rieth ſeinen Sinn. „Ich kann Ihnen dazu nur Glück wünſchen, denn wenn Sie keinen Arzt gebraucht haben, waren Sie ſtets geſund, und wenn Sie niemals das Bedürfniß geiſtlichen Zuſpruchs fühlten, waren Sie nie unglücklich.“ „Der könnte mir im Unglück auch was Rechtes helfen!“ verſetzte die Alte.„Helfen muß ſich der Menſch überhaupt ſelbſt, der liebe Gott hätte viel zu thun, als ſich um unſere Lappalien zu bekümmern.— Warum blieben Sie denn auf einmal weg, ohne allen Grund?“ „Glauben Sie wirklich, daß es ohne allen Grund geſchehen iſt?“ entgegnete Schrader ſanft.„Wollen Sie den Grund wiſ⸗ ſen, liebe Madame Schramm? Ich glaube, daß ich zu Ihnen darüber reden darf, denn Sie ſind eine ſo treue Freundin Ihres Principals—“ „Was Principal! So nennen die Ladenjungfern ihre Kauf⸗ leute. Der Baron von Arnefeld iſt mein Herr!“ Salvator. 51 „Nun, wie Sie wollen. Ihr Herr alſo! Es wird Ihnen nicht entgangen ſein, daß Herr von Arnefeld eine wahrhaft väterliche Zuneigung zu mir faßte—“ „Ich hab's geſehen!“ verſetzte die Schramm mürriſch. „Das aber wiſſen Sie nicht, daß er mir ein überreiches Legat zugedacht hat—“ „Legat?“ fragte die Alte und es zuckte wie ein Blitz über ihr bitterbös verzogenes Geſicht. „Ein überreiches Vermächtniß als Antheil an ſeiner Erb⸗ ſchaft! Deshalb bin ich ausgeblieben, deshalb habe ich ſeine Freundſchaft verſcherzt und damit auch das Legat. Nun lachen Sie mich aus, Madame Schramm.“ Ein helles Lächeln ging in dem Antlitze der Großmutter auf.„Erſt muß ich's glauben!“ ſagte ſie. „Glauben ſteht freilich in jedes Menſchen innerer Welt—“ erwiederte der Geiſtliche.„Glauben läßt ſich nicht erzwingen, darum iſt es thöricht, es auch nur verſuchen zu wollen, das gilt ebenfalls in irdiſchen Dingen. Ich muß es mir gefallen laſſen, wenn Sie dieſen Grund meines Benehmens in Zweifel ziehen, aber die Thatſache ſteht feſt, daß ich nun das mir zu⸗ gedachte Vermächtniß nicht erhalte.“ „Sie erhalten es nicht?“ verſetzte die Alte immer freundli⸗ cher.„Aber was brachte Sie dazu, daß Sie einen Vortheil, wo Andere mit allen zehn Fingern zugreifen würden, nicht ha⸗ ben wollen?“ „Das, meine liebe Madame Schramm, liegt nun in mei⸗ nen Anſichten,“ erwiederte Schrader.„Es würde zu weit führen, wenn ich ſie Ihnen entwickeln wollte.“ 1 13 1 — Salvator. „Brauchen gar nicht zu wickeln,“ ſagte ſie lachend,„nur in vernünftigem Deutſch zu reden, ſo viel verſteh' ich ſchon.“ „Sie verſtehen mich, das ſehe ich Ihnen an, auch ohne viele Worte. In einem falſchen Lichte zu erſcheinen, wäre für mich und meine Zukunft“— hier hob der junge Mann ſeinen ſonſt demüthig geneigten Nacken, und von der ſtolz aufgerichte⸗ ten Stirn fielen die Locken zu beiden Seiten zurück, während in ſeinem Auge ein mächtiger Strahl aufloderte—„für meine künftige Stellung, meine ich,“ fuhr er ſich gleich wieder be⸗ herrſchend fort,„wäre es ein großes Unglück, wenn ich in dem Lichte eines Erbſchleichers erſchiene!“ „Sie haben Recht, ſehr Recht, ſind ein gewiſſenhafter Mann, aber Tauſende an Ihrer Stelle hätten die Leute reden laſſen und ſich wohl dabei befunden. Es macht Ihnen alle Ehre, daß Sie redlicher denken, und wenn ich Ihnen Unrecht gethan habe, ſo bitte ich es Ihnen ab.“ „Sprechen Sie doch nicht ſo. Ich bin Ihnen, wie ſchon ge⸗ ſagt, den größten Dank ſchuldig. Der Wirkungskreis, der ſich mir hier geöffnet hat, iſt mir ſo wichtig, wie Sie in Ihrer Be⸗ ſcheidenheit wohl nicht ahnen.“ „Es thut mir recht leid, daß ich am Sonntage Sie nicht habe predigen hören— wenn ich meinem Herrn nicht verſpro⸗ chen hätte, Sonnabend wieder bei ihm zu ſein, hätte ich wohl Luſt, noch expreß länger zu bleiben.“ „Sie beſchämen mich. Was würden Sie hören! Ein Rin⸗ gen nach Worten, um den großen Gedanken, die nicht m ein Eigenthum, ſondern ein Gemeingut höherer Geiſter ſind, als ich bin, den paſſenden Ausdruck zu verleihen— ein bloßes Ringen, verſichere ich Ihnen, noch lange kein Erfolg.“ — Salvator. 53 „Ich kann auch gar nicht hier bleiben,“ erwiederte die Alte, welche ſich keine Mühe gab, den Sinn dieſer Rede zu faſſen. „Was ich verſprochen habe, halte ich, und wenn es mir an's Leben ginge!“ Ihr mochte bei dieſer Betheuerung auch mehr vorſchweben, als dieſer nächſte Anlaß dazu, denn ſie blickte mit einer ſo heftigen Geberde auf, daß der Adjunect ſie befremdet anſah. Ein Bote des Pfarrers rief ihn bald darauf ab, der alte Herr hatte ſich plötzlich entſchloſſen, nach Rackwitz zum Oberſten von Haug zu fahren, und ließ den Adjunct einladen, ihn zu begleiten. 5. Stürmiſche Tage folgten auf das heitere Sommerwetter, das mit angenehmer Wärme, ohne drückend heiß zu ſein, meh⸗ rere Wochen angehalten hatte. Faſt täglich zogen Gewitter herauf, oft aus entgegengeſetzten Richtungen zwei zugleich, welche dann eine geraume Weile mit furchtbaren Schlägen kämpfend über dem See ſtanden und ſeine ſonſt ſo klare Fluth mit Regengüſſen peitſchten, daß ſie mißfarbig in hohen Wellen mit ſchäumendem Kamm an das hohe Ufer brandete und es noch mehr unterwuſch. Dieſe Naturſcenen hatten eine ſchauerliche Romantik, und ſelbſt Laura Arnefeld, deren Gemüth die ro⸗ mantiſche Richtung anderer Seelen eher mit unerbittlichem Spott verfolgte, konnte Stunden lang an der Glasthüre des Salons 54 Salvator. ſtehen und dem Kampf der Elemente zuſchauen. Angenehmer von hier aus, unter dem ſichern Dach, welches ein doppelter Wetterableiter ſchützte, war das freilich, als mitten in dieſem Aufruhr ſelbſt kämpfen zu müſſen für ſein Leben, wie es man⸗ chem kleinen Fahrzeug erging, das von einem ſo plötzlich los⸗ brechenden Unwetter auf dem See überraſcht wurde. „Iſt Dein Fernrohr zur Hand, Papa?“ rief Laura, welche ein ſolches, trotz der Entfernung, mit ihren ſcharfen Augen wahrnahm.„Schnell! Ich bitte Dich!“ „Was willſt Du ſehen, mein Kind?“ fragte die Mutter, welche in ihrem Fauteuil ſaß, von dem Gewitter in all' ihren Nerven zitternd.„Laß doch den Vorwitz— ſetze Dich zu mir.“ Der Vater hatte ſein Fernrohr, das zu anderweitigen Tu⸗ busbeluſtigungen ſeinen beſtimmten Platz zur Hand hatte, dem ungeduldigen Mädchen gereicht, das der Mutter erſt Antwort gab, nachdem es den Gegenſtand ſeiner Forſchung durch die Gläſer richtig gefaßt.—„Wahrhaftig! Ein Kahn mit Men⸗ ſchen auf dem See, eine wahre Nußſchale auf⸗ und niedertan⸗ zend in dieſem furchtbaren Wetter!“ „Die Armen!“ ſagte die Mutter ſeufzend.„Aber auch welche Unvorſichtigkeit, ſich in ſolche Gefahr zu wagen!“ „Das Volk riskirt dabei nichts,“ verſetzte der Vater, wel⸗ cher neben Laura getreten war.„Was kann ihm paſſiren? Höch⸗ ſtens ſchlägt einmal der Kahn um, dann ſchwimmen ſie, wie die Enten. Ich dächte, Sie hätten das kürzlich erlebt, meine Damen— gewiß die angenehmſte Reminiſcenz des Sommers“ „Was ſiehſt Du, mein Kind?“ fragte Frau von Arnefeld, ohne auf ſeine Neckerei einzugehen. Ein flammender Blitzſtrahl, welcher dicht vor dem Fenſter Salvator. 55 niederzuſchlagen ſchien und Alles in weißes, blendendes Licht kleidete, gedankenſchnell darauf ein ſchmetternder Donnerſchlag — laut auf ſchrieen die beiden Frauen, und von dem Fenſter zurück bebte erſchrocken Arnefeld. Laura hatte zuerſt die Be⸗ ſinnung wiedergefunden, ſie hob ſchnell das Fernrohr, das ihr mit dem wie gelähmten Arme herabgeſunken war, vor das Auge zurück— das kleine Fahrzeug, nach dem ſie ſpähte, war nicht mehr zu ſehen. Menſchen liefen im Hauſe zuſammen, Herr von Arnefeld eilte hinaus, um zu erfahren, ob es in der Nähe, vielleicht gar im Dorfe eingeſchlagen habe, Laura mußte ſich um ihre Mutter bemühen, welche faſt ohnmächtig in ihrem Lehnſtuhle lag. Das Herz des Mädchens ſtürmte in großer, ängſtlicher Bewegung. „Ihr könnt ganz ruhig ſein,“ ſagte der zurückkehrende Va⸗ ter.„Es iſt ein kalter Schlag geweſen, der in's Waſſer gegan⸗ gen iſt.“ „In's Waſſer?“ rief Laura.„Und die unglücklichen Men⸗ ſchen, welche wir ſo eben in dem Kahne ſahen, von dem keine Spur mehr zu finden iſt?“ „Ja, wer kann's wiſſen!“ erwiederte der Vater achſel⸗ zuckend. „Aber wirſt Du nicht hinunterſchicken zum See, ihnen Bei⸗ ſtand leiſten, wenn ſie ihn bedürfen?“ „In dem Höllenwetter? Man jagt keinen Hund hinaus!“ verſetzte Arnefeld. Nach dem Schlage hatte ſich allerdings die Wuth des Gewitters in einem gewaltigen Platzregen ergoſſen, welcher ſeine Fluthen rauſchend niederſtrömte, ſo daß ſchon alle Terraſſen des Parks wie Cascaden anzuſehen waren. „Aber wo Menſchenleben auf dem Spiele ſtehen,“ rief 56 Salvator. Laura unwillig,„kann doch ein Bischen Naßwerden nicht in Anſchlag kommen! Erlaube mir, ſelbſt Anſtalten zu treffen!“ Ihre Entſchloſſenheit, welche der Vater kannte, veranlaßte dieſen, daß er ſich doch bequemte, wenigſtens Erkundigung einziehen zu laſſen. Es waren ohnehin ſchon Leute aus eignem Antriebe zum See hinabgelaufen, um zu ſehen, ob der ſoge⸗ nannte kalte Schlag wirklich in das Waſſer gegangen ſei oder anderwärts Schaden angerichtet habe. Nach einiger Zeit kam die Nachricht, daß ſich nichts entdecken laſſe, ein Kahn ſei auf dem ganzen See, ſo weit man ihn überſehen könne, nicht zu bemerken. Und doch war unläugbar in dem Momente, wo der Blitz⸗ ſtrahl niederflammte, gerade in der Ausſicht vom Hauſe ein Fahrzeug wahrgenommen worden! Welches Schickſal hatte daſ⸗ ſelbe betroffen? Wenn es verunglückt wäre, ſo hätte man es doch wenigſtens leer treiben ſehen— ganz geſunken konnte ein ſo leichter Kahn doch nicht ſein. Laura hatte durchaus die Menſchen, welche darin geſeſſen hatten, in dieſer Entfernung ſelbſt durch ihr gutes Fernrohr nicht erkannt, ein Mann und eine Frau waren es geweſen— welche Unruhe erfaßte ſie denn und trieb ſie zu einer beſtimmten Idee? War der Einfluß der wilden Romantik, welche in jedem Kampf der Elemente liegt, noch immer nicht vorüber? Und hatte das ironiſche Spiel, wel⸗ ches Laura ſeit jenem Tage ihrer Lebensrettung mit dem natür⸗ lichen Gefühle auf der Dankbarkeit getrieben hatte, eine ganz andere Wirkung geübt, als welche ſie ſelbſt damit beabſichtigte? „Wenn das Wetter nachgelaſſen hat, Mama,“ ſagte ſie zu der Mutter, welche ſich hinlänglich erholt hatte, um ihren Worten zugänglich zu ſein,„ſollten wir nach Sielitz hinüber⸗ Salvator. 57 ſchicken und uns erkundigen laſſen, ob von den Schiffern Jemand verunglückt iſt.“ „Du biſt mein edles, rein menſchlich fühlendes Kind,“er⸗ wiederte Frau von Arnefeld.„Pflege und hüte das Gefühl, dieſe Himmelsknoſpe Deines jungen Herzens. Es iſt wohl nur darum ſo namenloſes Weh und Elend in der Welt, weil das Gefühl immer mehr daraus verſchwindet— und die Herzloſig⸗ keit überall ihren kalten ſtolzen Thron aufſchlägt. Um ſo höher ſteht mir das Streben des jungen vortrefflichen Geiſtlichen, welchen wir vor einigen Tagen gehört haben, dem Gefühle wieder zu ſeinem alten Rechte zu verhelfen. Nur eine Reaction vom Verſtande zum Gefühl kann die ſogenannte ſociale Frage löſen.“ „Da haben wir einen neuen und originellen Vorſchlag,“ rief Arnefeld.„Der Verſtand hat ſich bis jetzt vergebens er⸗ ſchöpft, dieſe Frage zu löſen— nun ſoll das Gefühl an die Reihe kommen, ſich zu blamiren. Ich möchte zuerſt wiſſen, was iſt dieſe ſogenannte ſociale Frage, mit der ſich alſo, wie ich zu meiner großen Ueberraſchung vernehme, auch meine Frau Gemahlin beſchäftigt. Sage mir gütigſt Deine Anſicht, Emilie.“ „Die ſociale Frage, das heißt die Frage nach den Zuſtän⸗ den der menſchlichen Geſellſchaft, habe ich mir ſagen laſſen. Mir aber gilt dafür die Sorge um das beweinenswerthe Loos ſo vieler Millionen, die ein kümmerliches Daſein in Armuth und Noth dahinſchleppen müſſen.“ „Thut mir auch ſehr leid— nur glaube ich, die Sache wird, wie Alles heut zu Tage, ſehr übertrieben. Dieſer Noth willſt Du alſo durch das Gefühl abhelfen. Mehr Almoſen, 58 Salvator. Suppenvereine, Unterſtützungsanſtalten, nicht wahr? Ich dächte, es geſchähe in dieſen Artikeln ſchon ſo viel—“ „Auf dieſem materiellen Wege allein ſuche ich die Rettung nicht. Ich meine keineswegs das Gefühl blos der Geber, das mehr geweckt werden ſoll, ſondern auch das der Empfänger, das dem Stumpfſinn entriſſen werden muß, ſo wie überhaupt, ver⸗ ſteht mich, in der ganzen Menſchheit, ſie mag leidend ſein oder nicht, ſie mag helfen oder der Hülfe bedürfen oder Keins von Beiden— das Gefühl in ſeiner edelſten Bedeutung— ich meine, das Gefühl— es iſt noch im Ganzen eigentlich mehr Idee in mir— das Gefühl, ſage ich, könnte wie ein neuer Heiland in die Welt Rettung bringen. Doch Du biſt imperti⸗ nent, Arnefeld, und eh' nicht Deine Selbſtſucht gebrochen iſt, wirſt Du mich nicht verſtehen.“ Der Gemahl hatte allerdings bei der Auseinanderſetzung ſeiner Gattin ein Geſicht angenommen, deſſen Lächeln ſie mit vollem Rechte impertinent hieß; er ſuchte ſie durch eine Artig⸗ keit zu beſchwichtigen, und Laura, welche unterdeſſen ihren eigenen Gedanken nachgehangen hatte, kam auf ihren Vor⸗ ſchlag zurück, ſich über den muthmaßlich verunglückten Schiffer Gewißheit zu verſchaffen, und lenkte daher das in die Luft zer⸗ flatterte Geſpräch wieder auf praktiſchen feſten Boden. „Du fürchteſt wohl, es könne Dein Barcarol ſein?“ ſagte der Vater und jagte dadurch eine leichte Röthe des Unwillens, der ſich noch ſtärker in ihrem ſtolzen Blicke ausſprach, auf Laura's Wangen. „Ich fürchte, daß ein Menſch verunglückt iſt— und es würde mir natürlich nah gehen, wenn es mein Lebensretter ge⸗ weſen wäre. Der junge Roland—“ 5 Salvator. 59 „Roland?“ rief der Vater aufmerkſam.„Wer heißt Roland?“ „Der Schiffer, welcher die Mutter und mich aus der Le⸗ bensgefahr, die ich muthwillig herbeigeführt, gerettet und den Lohn dafür, wie ich höre, ausgeſchlagen hat,“ ſagte Laura mit einer ſehr entſchiedenen Haltung, als ſei ſie weit entfernt, ſich dem Vater gegenüber etwas zu vergeben. „Der heißt Roland?“ rief Arnefeld.„Orlando? Gewiß der vom Grafen Bojardo: Orlando innamorato! Er taugt zwar weniger, als der Furioſo von Arioſt, aber ſoviel ich Deinen Innamorato kenne, hat er auch Anlage zum Furioſo. Glück⸗ liches Mädchen!“ „Dein Spott iſt ſehr übel angebracht, Papa,“ erwiederte ſie gereizt. „Aber das iſt ein ſonderbares Zuſammentreffen!“ fuhr der Vater fort.„Ihr wißt, meine alte Amme war vor einigen Ta⸗ gen hier, um ihrer Zärtlichkeit für mich wieder einmal freien Lauf zu laſſen, ſie ſagte mir, daß ihre Tochter drüben in Sie⸗ litz an einen Schiffer Roland verheirathet geweſen ſei— viel⸗ leicht iſt dieſer Corſar ihr Enkel. Aber es giebt wohl mehr des Namens in dem Schifferdorfe.“ „Davon wirſt Du Dich bald überzeugen, wenn Du Dein Vorhaben ausführſt, ſagte Laura. „Welches Vorhaben?— Du biſt eine ſchlaue Diplomatin: ich ſoll am Ende ſelbſt Deine Transactionen mit dem raſenden Roland übernehmen! O pescator dell'onda— ſetzte er ſin⸗ gend hinzu. „Du biſt ſo abſcheulich, wie Dein Italieniſch!“ ſagte Frau von Arnefeld. Laura hatte ſich, ohne ein Wort zu erwiedern, an ihre Arbeit geſetzt und verließ bald darauf das Zimmer. 60 Salvator. Als die beiden Gatten allein waren, machte die Dame ihrem Gemahl ernſtliche Vorwürfe über ſeine ſtete Wiederaufnahme dieſer verdrießlichen Geſchichte, beſonders über die Frivolität, mit welcher er ſie behandelte. Er nahm ihr Schelten mit einer komiſch zerknirſchten Miene an, und wer das Paar zuſammen ſah, die ältliche Dame, welche im Hauskleide noch viel älter ausſah, als ſie eigentlich war, und den noch in voller Friſche ſtrotzenden Mann, der konnte Beide wohl für Mutter und Sohn halten. „Du haſt Dir ſchon Laura's Liebe verſcherzt, Du wirſt Dich auch noch um ihre Achtung bringen,“ ſchloß ſie ihre Strafpre⸗ digt, indem ſie die Thränen, welche ihren Augen während derſelben reichlich entſtrömt waren, mit dem parfümirten Schnupftuche trocknete. „Geliebte Emilie,“ erwiederte er lächelnd,„glaube mir, daß ich mir Laura's Achtung nur erhalte, indem ich ſie zwinge, vor meinem Geiſte oder Witze oder wenigſtens, wenn Du mir Beides nicht zugeſtehſt, vor meiner ſcharfen Zunge Reſpect zu haben. Liebe hat Laura nie empfunden und kann ſie auch gar nicht empfinden. Ich kann Dir nicht helfen, einzige Emilie, auch gegen Dich nicht— denn womit liebt man? Mit dem Herzen! verſteht ſich. Sie hat aber nur einen Kopf, oder viel⸗ mehr zwei!“ „Schändlich! Dein eigenes Kind!“ rief ſeine Gattin ent⸗ rüſtet. „Wer kann wieder die Natur und ihre Gaben! Ueberdem vermißt ſie nichts, ſo lange ſie Dich zur Seite hat. Ihr Zwei repräſentirt zuſammengenommen zwei vollſtändige weibliche — Salvator. 61 Weſen, Laura hat zwei Köpfe und kein Herz, Du haſt zwei Herzen——“ „Und keinen Kopf?“ rief ſie noch mehr aufgebracht. „Das habe ich nicht geſagt!“ verwahrte er ſich.„Sei nicht böſe, theure Emilie. Du nimmſt Alles zu ſchwerfällig. Mein Gott! Wir ſind ganz glücklich, unſerm Daſein fehlt nichts als die Stabilität im Alter, ein wenig Verjüngung könnte uns Beiden nicht ſchaden, ſonſt aber ſind wir ganz ſorgenfrei, und wenn einſt, was doch nicht mehr lange dauern kann, das koloſ⸗ ſale Vermögen meines Alten dazukommt—“ „O pfui, Arnefeld!“ unterbrach ſie ihn. „Nichts pfui! Es fällt mir nicht ein, auf meines Vaters Tod zu ſpeculiren, im Gegentheile wünſche ich, daß er noch zehn Jahre Hengſte reiten und ſich der unvergleichlichen Pflege ſeiner getreuen Louiſe erfreuen kann, aber nach dem Laufe der Natur iſt das kaum ſo lange noch möglich, und die Art und Weiſe, wie wir aus einander gekommen ſind, läßt doch eine große Betrübniß von meiner Seite nicht zu. Ich werde alſo das grandioſe Vermögen dankbar acceptiren, und dann, Emi⸗ lie, wollen wir hier ein Leben führen, daß kein Wunſch mehr übrig bleibt— als, wie geſagt, der nach der bewußten Salbe aus dem Muſäus'ſchen Mährchen. Du entſinnſt Dich doch der alten Dame, die in ihrem Verjüngungseifer etwas zu viel nahm und darüber—“ „Ich habe kein Gedächtniß für Leſefrüchte Deines Ge⸗ ſchmacks!“ erwiederte ſie. Der Regen hatte unterdeſſen aufgehört, und ein rother, feuriger Sonnenblick funkelte plötzlich durch die vom Sturme, der ſich wieder erhob, zerriſſenen Wolken. Wunderſchön ſah die 62 Salvator. Landſchaft in dieſer Abendbeleuchtung aus. Der Gutsherr öff⸗ nete beide Flügelthüren des Salons, um die friſche Luft einzu⸗ laſſen, und trat hinaus auf die Freitreppe. Vom Ufer her kam eben einer ſeiner Diener in großer Eile. Er brachte die Nach⸗ richt, daß doch Menſchen auf dem Waſſer verunglückt ſeien, der ganze See bedecke ſich ſchon von drüben her mit Kähnen, um wenigſtens ihre Leichen zu ſuchen. Mit großem Mißbehagen hörte es Arnefeld.„Haſt Du die Leute nach dem Namen ge⸗ fragt?“ „Sie wußten es unten nicht. Die Sielitzer werden es wohl wiſſen— es iſt viel Geſchrei auf dem Waſſer, aber ſie ſind noch zu weit, um ſie zu fragen.“ „So geh' wieder hin und bringe Beſcheid, ſagte Arnefeld verſtimmt, und zu ſeiner ängſtlich aufgeregten Gattin ſich wen⸗ dend: Wie kann auch das Volk, das doch alle Wetterzeichen kennt, ſich in Gefahr begeben! Es iſt ihre eigne Schuld, wenn ſie darin umkommen. Auf Laura bei ihrer vorgefaßten Idee wird es einen ſehr übeln Eindruck machen— wenn man nur erſt Gewißheit hätte!“ Er war ſelbſt in eine große Unruhe ge⸗ rathen, welche ſich noch ſteigerte, als Laura mit Hut und Man⸗ tille, auffallend blaß, in das Zimmer trat. „Kind, wohin?“ fragte die Mutter. Beſorgt näherte ſich ihr auch der Vater. „Ich will ſehen, was ſich unten begiebt,“ ſagte ſie ernſt. Von ihrem Fenſter aus hatte ſie die Bewegung auf dem See bemerkt, welche ein geſchehenes Unglück unzweifelhaft machte. Sie ließ ſich auch gar nicht darauf ein, den Verſuch, ſie von dem Gange durch kleinliche Rückſichten abzuhalten, durch viele Worte zu widerlegen, ſondern eilte hinaus, mit flüchtigen Salvator. 63 — Schritten die Freitreppe hinab und in den Seitenpfad, welcher über die Terraſſe nach dem Seeufer führte. Hier fand ſie viele Menſchen aus dem Dorfe verſammelt, welche mit ängſtlicher Aufmerkſamkeit die Verſuche der vielen Kähne, die ſich in der Mitte des Sees hielten, beobachteten. Sie hörte, daß der Blitz in einen Nachen oder dicht daneben eingeſchlagen habe, ſo daß dieſer umgeſtürzt und erſt vor Kurzem wieder zum Vorſchein gekommen ſei, zwei Menſchen ſeien dabei um das Leben gekommen, noch habe man ſie nicht gefunden, es ſei ein Mann und eine Frau geweſen, das konn⸗ ten Mehrere behaupten, Laura fragte aber vergeblich nach ih⸗ ren Namen, es hatte ſie Niemand erkannt. Schärfer blickte ſie hinaus, dort ſchoß ein neuer Kahn pfeilſchnell zwiſchen die übrigen hinein, von einem einzigen Schiffer wurde er gerudert, aber mit ſolcher Kraft und Ge⸗ wandtheit, daß die Dorfleute ihn laut bewunderten. Laura wandte ſich plötzlich ab und trat den Rückweg nach dem Schloſſe an, ſie wußte nun, daß ihre Beſorgniß ungegründet gewe⸗ ſen war, wie tiefes Mitleid ſie auch mit den ihr Unbekannten hatte, welche das Unglück betroffen hatte. Oben hütete ſie ſich aber, etwas von ihrer Entdeckung zu ſagen, ſie brachte nur die Mittheilung, welche ihr am See geworden war und bald durch die zurückkommenden Diener noch genauer beſtätigt wurde. Die Schiffer hatten endlich mit ihren Rudern und Haken die Verunglückten gefunden, alle Rettungsverſuche mußten aber zu ſpät ſein. Man hörte nun auch die Namen: der Mann war der Verſorger einer zahlreichen Familie geweſen, die Frau deſ⸗ ſen Schweſter, welche ebenfalls ein ganzes Hausweſen erhal⸗ ten hatte. 64 Salvator. „Hier müſſen wir gleich etwas thun!“ ſagte Arnefeld ergrif⸗ fen.„Schicke hinüber, Laura, ſchicke eine Summe Geld hin⸗ über, ich gebe Dir den Schlüſſel und überlaſſe Dir, wieviel Du ſchicken willſt. Mir ſelbſt find ſolche Dinge zu ſchrecklich, ich kann mich nicht damit befaſſen und bin froh, wenn ich ſie vergeſſen habe.“ Laura erwiederte, daß in dieſem erſten Moment, wo die Größe eines unerſetzlichen Verluſtes alle andern Gedanken trübe, eine materielle Hülfe nur wenig gewürdigt werde, doch ver⸗ ſicherte ſie ſich gleich der Mittel dazu, weil ſie von einer ruhi⸗ gern Stimmung des Vaters wohl eine Schmälerung derſelben befürchten mochte. Die Mutter hatte ſich, von dem erſchüttern⸗ den Vorfalle ganz krank, zu Bett begeben, und auch Laura zog ſich früher als ſonſt in ihr Zimmer zurück. Hier aber ging ſie ſchonungslos mit ſich in's Gericht. Wenn etwas fähig war, den Keim eines phantaſtiſchen Gefühls, das ſich trotz aller Schärfe der Selbſtverſpottung immer wieder regte und zu wachſen drohte, noch, da es Zeit war, bis zur letzten Faſer auszu⸗ rotten, ſo war es das Bewußtſein, das Geſtändniß der Schwäche, das ſich Laura heut ablegen mußte. Sie zwang ſich dazu, vor ihrem eigenen Gewiſſen zu bekennen, daß ſie gezittert hatte in dem durch nichts gerechtfertigten Gedanken, der junge Roland könne der Verunglückte ſein, daß ſie, als ihr Blick in dem letzten herbeifliegenden Kahne ihn erkannt hatte, eine helle Freude gefühlt, eine Beruhigung, ja eine volle Gleichgültig⸗ keit gegen das Schickſal der wirklichen Opfer. Sie hatte ſich gar nicht mehr darum gekümmert! Welches Unglück wäre es denn geweſen, wenn er ertrunken wäre! Eine Mutter hätte vielleicht um ihn geweint, höchſtens— ſprich es nur aus, —— —— Salvator. 65 ſtoze Dame!— höchſtens ein bäuriſches Liebchen, und wenn auch dies Leid mehr oder minder ſchwer getragen würde, zu ihm hätte ſich nicht das Geſpenſt der Noth und des Mangels geſellt, wie dort, wo der Ernährer ſeinen zahlreichen Kindern entriſſen war. Auf Laura's Wangen brannte die Röthe der Scham, ſie fühlte jetzt eher eine Abneigung, als eine Schwäche gegen den Menſchen, der ſie, wenn auch unſchuldig, ſo weit in Anſpruch genommen hatte, daß ſie an ſich ſelbſt irre werden mußte— jetzt fühlte ſie ſich vollſtändig wieder frei. Am andern Morgen ſchickte ſie einen Boten nach Sielitz und ließ ſich erſt vorſichtig bei Rheinbergs nach allen Verhält⸗ niſſen erkundigen: ihr Vater hatte, nach einem kleinen Schreck über die Summe, die ſie genommen hatte, die ganze Sache vollſtändig in ihre Hand gelegt, als ſeinerGrand'Aumoniére.“ Von Sielitz kam die Beſtätigung deſſen zurück, was ſie geſtern ſchon gehört hatte, ja ſie lautete eigentlich noch viel trauriger. Die Noth und Armuth hatte in der ganzen Gegend ſeit eini⸗ gen Jahren auf erſchreckende Weiſe zugenommen, aber in Sie⸗ litz ſchien ſie, beſonders unter dem Schiffervolke, recht eigent⸗ lich ihren Sitz aufgeſchlagen zu haben: Rheinbergs befanden ſich ſelbſt nicht in der Lage, hierbei viel thun zu können. Was iſt überhaupt dagegen zu thun? Auch Laura war jetzt zu dieſer Weltfrage gekommen. Unter andern Umſtänden— noch geſtern!— wäre ſie auf jeden Fall ſelbſt nach Sielit gefahren, denn geſtern hatte ſie noch des Vaters Reckerei im guten Glauben an ſich ſtolz zurückge⸗ wieſen, heut verwarf ſie ſogar den Gedanken daran. Es koſtete ſie viel, ſich das wohlthätige Gefühl zu verſagen, mit eigner Hand die Thränen des Grams wenigſtens über äußere Dinge — Salvator. J. 66 Salvator. trocknen zu können, aber ſie war zu dem Opfer entſchloſſen. Durch Rheinbergs, an welche ſie vorerſt nur einen Theil des zu verwendenden Geldes ſchickte, ließ ſie den Familien ihre Hülfe zukommen— ein Billet der jüngſten Rheinberg ſchilderte ihr in den wärmſten Farben das Entzücken und die Dankbarkeit der⸗ ſelben.„Aber wunderbar blieb es für mich,“ ſchloß der Brief, „wie die Freude über das Geld ſofort allen Gram über den Verluſt des Vaters zu beſiegen ſchien. Laſſen Sie uns zur Ehre dieſer Menſchen hoffen, daß es nur momentan geweſen iſt!“ „Glaube das nicht, Kind!“ ſagte Herr von Arnefeld, wel⸗ cher das Billet, das offen auf Laura's Tiſche lag, geleſen hatte. „Durch Geld tröſtet man bei dieſen Leuten den größten Schmerz. Mein Vater hatte einmal auf der Jagd, bei ſehr ſtrengem Froſt, wo ihm die Finger ſtarr waren, das Unglück, daß ihm das Gewehr, als er eben ein Kupferhütchen auſſetzen wollte, los⸗ ging—“ „O dieſe ſchreckliche Geſchichte!“ rief ſeine Gattin.„Warum rufſt Du ſie in mein Gedächtniß zurück!“ „Nur zum Belege meiner Behauptung. Laura kennt ſie nicht. Ein Bauerjunge ſtand gerade vor ihm, der Schuß traf, er war auf der Stelle todt. Du kannſt Dir das Geſchrei, den Aufruhr denken. Natürlich wurde die ganze Jagd gleich einge⸗ ſtellt— und mein Vater, dem das Unglück ſehr zu Herzen ging, ſchenkte den Eltern des erſchoſſenen Knaben dreihundert Tha⸗ ler. Der Bauer ſagte, nun ſei er glücklich ſein Lebelang und er habe ja noch mehr Kinder; die Nachbarn beneideten ihn förmlich und einer äußerte:„Rein, ſolches Glück! Ich habe ſechs Jungen bei den Treibern gehabt und mir kann's nicht paſſiren.“ — . Salvator. 67 „Schäme Dich, Arnefeld, ſolche unwürdig erfundene Ge⸗ ſchichten zu wiederholen!“ ſagte die Mutter, während ſich Laura mit empörtem Gefühl abwandte. „Wenn Du Dich genau erinnern willſt,“ verſetzte Arnefeld, „ſo wirſt Du wiſſen, daß dieſe Geſchichte nicht erfunden iſt!“ — Auch wir, verehrter Leſer, können die Wahrheit derſelben verbürgen, ſo wenig ſie zur Ehre der Betheiligten gereicht. „Es mag ſein,“ ſagte Laura.„Nur von den herzloſen Män⸗ nern haſt Du uns Aeußerungen erzählt. Was die Mutter des getödteten Knaben gefühlt— das weißt Du nicht und kannſt es auch wohl nicht ermeſſen.“ „Gutes Kind, wie wahr ſprichſt Du!“ beſtätigte Frau von Arnefeld.„Was Frauenherzen fühlen, können die harten Män⸗ ner überhaupt weder faſſen, noch ahnen!“ Nachmittags kam ein zweiter Bericht aus Sielitz und zwar durch die geweſene Amme des Herrn von Arnefeld, welche vor ihrer Abreiſe noch einmal erſchien, um ſich von ihrem Lieblinge, wie ſie insgeheim den Mann noch immer nannte, den ſie als Kind an ihrer Bruſt gehabt, zu verabſchieden und Aufträge an ſeinen Vater in Empfang zu nehmen. Diesmal fand ſie die ganze Familie verſammelt. Laura kannte die alte Frau noch nicht, aber ſie betrachtete ſie mit unverkennbarem Antheil. Frau von Arnefeld hatte ſchon eine ganz eigne Haltung ange⸗ nommen, ſeit ſie gemeldet worden war, aus ihrem ſchmach⸗ tenden Ruhen im Lehnſeſſel hatte ſie ſich feſt und ſtraff empor⸗ gerichtet und ſah aus, wie ein ſtoßfertiger Vogel. Die alte Dienerin des Arnefeld'ſchen Hauſes war beſcheiden, wie es ihrer Stellung geziemte, eingetreten, hatte ihren Gruß überall angebracht und, was ſie herführte, vorgetragen, ihr ⸗ 5* 68 Salvator. ehrbares Anſehen ſtimmte Laura entſchieden zu ihren Gunſten. Um ſo weniger konnte ſie begreifen, warum ihr Vater eine An⸗ hänglichkeit, wie ſie in der jetzigen Zeit immer ſeltener wird, ſo gleichgültig, faſt abſtoßend aufnahm und die alte Frau mit wenigen Worten abzufertigen ſchien, während die Mutter ſie nicht einmal eines Wortes würdigte, ſondern eher mit feindſeli⸗ gen Blicken maß. Laura, in ihrer ſelbſtſtändigen Stellung im Hauſe, ließ ſich dadurch nicht abhalten, ſich der Alten, welche ſie intereſſirte, mit größerer Freundlichkeit zu nähern und mit ihr ein Geſpräch anzufangen, deſſen Hauptinhalt natürlich der Großvater ausmachte. Sie hörte von ihren Eltern ſo wenig über ihn, ſie wußte nur, daß ſchon vor längerer Zeit, als ſie noch ein Kind war, ein Zerwürfniß Statt gefunden hatte, dem zufolge Vater und Sohn ganz aus einander gekommen waren. Hier hätte ſie gewiß vollen Aufſchluß erhalten können, ihr ra⸗ ſcher Verſtand war ſchon zu der Annahme gelangt, daß ihre Mutter dieſe Frau wohl für betheiligt an dem unglücklichen Zwieſpalt anſah— aber es ließ ſich kaum hoffen, daß ſie den Schlüſſel zum Verſtändniß gewinnen werde, nachdem ſie ſchon mit mancher directen Frage abgefertigt worden war, und zwar von beiden Eltern abwechſelnd. Sie waren alſo einverſtanden, ſie von aller Mitwiſſenſchaft auszuſchließen. „Ich hätte Sie nicht wieder erkannt, Louiſe,“ war das erſte Wort, das Frau von Arnefeld an die Haushälterin ihres Schwiegervaters richtete.„Es iſt fteilich beinah zwanzig Jahre her— aber Sie ſind doch ſehr alt geworden.“ „Sie haben ſich gar nicht verändert, gnädige Frau,“ er⸗ wiederte die Alte. Es war boshaft von ihr, der Dame, welche vielleicht älter ausſah, als ſie war, zu ſagen, daß ſie ſich in Salvator. 69 zwanzig Jahren nicht verändert habe, und Laura, welche das wohl fühlte, konnte ſich nicht enthalten, einen raſchen Blick auf ihre Mutter zu richten, wie ſie das aufnehmen werde, da ſie wußte, daß Frau von Arnefeld in dieſem Punkte ſehr em⸗ pfindlich war. Zu ihrer Verwunderung ſchien ſie den Stich der Replik nicht gefühlt zu haben. „Der Kreis meiner Bekannten iſt wohl ziemlich ausgeſt— zerſtreut, meine ich?“ „Natürlich,“ war die Antwort, von einem bedeutſamen Nicken begleitet. Frau von Arnefeld nannte ein Paar Namen, und hörte den Beſcheid, was aus deren Trägern geworden, ſie war nicht befriedigt und wollte doch nicht mit demjenigen heraus, von dem ſie etwas wiſſen wollte. Ihre Gegnerin— wir bedauern, ſie der Wahrheit gemäß ſo nennen zu müſſen— hätte ſich eher einen Zahn ausziehen laſſen, als die betreffende Kunde. We⸗ nigſtens Herr von Arnefeld hatte dieſen Gedanken, deſſen Ein⸗ fallsrecht wir ihm auch nicht ſtreitig machen wollen. Er wußte, daß ſeine Gattin den Namen Mörner zu hören wünſchte, aber auch er that ihr den Gefallen nicht, ihr darin hülfreich entge⸗ gen zu kommen. Endlich gab ſie es ſelbſt auf, denn ſie wußte nur zu gut, daß ſie dabei die Maske der Unbefangenheit nicht feſthalten konnte. Mit einer vornehm gleichgültigen Miene ſchwieg ſie, während Laura die Unterhaltung wieder aufnahm und ſich noch einmal genau nach den Verhältniſſen der beiden armen Familien in Sielitz erkundigte, denen das geſtrige Un⸗ glück ihre Verſorger und Stützen entriſſen hatte. Was ſie aber hier hörte, diente dazu, ſie in ihrer Meinung irre zu machen. „Es iſt ſo arg nicht,“ ſagte die alte Frau. Viel Kinder 70 Salvator. ſind da, das iſt wahr, in beiden Häuſern, aber ſie können ſchon alle arbeiten und wenn ſich Jedes was verdient, ſo kommt mehr zuſammen, als ſie eigentlich brauchen. Sehen Sie, meine gnädige Herrſchaft, mit Geld thut man den Leuten nicht ein⸗ mal viel Gutes. Natürlich kleine Gaben, das iſt etwas An⸗ deres, das kann, wenn gerade Noth iſt, helfen. Aber wenn man dieſe Sorte mit Geld überſchwemmen wollte, es wäre wahrhaftig kein Glück für ſie. Sie müſſen arbeiten, dazu ſind ſie einmal da.“ Die Alte war ſchon wieder auf das Thema gekommen, das bei ihr, wie eine Art von fixer Idee, ſtets durchbrach und ſie dem Anſchein nach förmlich ängſtigte, als könne wirklich einmal ein Goldſtrom des Ueberfluſſes die Region, aus der ſie ſelbſt herſtammte, überfluthen. Bei Herrn von Arnefeld fand ſie Beifall. „Arbeiten! Der Meinung bin ich auch— Du biſt ein klu⸗ ges Frauenzimmer, Louiſe,“ ſagte er.„Es gäbe doch kein grö⸗ ßeres Unglück für die Welt, als wenn durch irgend ein Wun⸗ der die arbeitende Klaſſe plötzlich in eine Lage käme, daß ſie gar nicht mehr zu arbeiten brauchte! Kannſt Du dieſen gran⸗ dioſen Gedanken faſſen, Laura? Was ſagt Deine grenzenloſe Freigebigkeit dazu?“ „Ich befaſſe mich nicht mit Unmöglichkeiten, Papa,“ er⸗ wiederte ſie.„Aber für unmöglich halte ich einen Zuſtand nicht, in welchem der Menſch nicht über das Maß ſeiner Kräfte hinaus zu arbeiten braucht, um ſeine Exiſtenz zu ſichern.“ „Du biſt alſo doch wenigſtens für die Arbeit!“ ſagte der Vater lachend. Salvator. 71 „Ganz gewiß! Nur muß ſie Erfolg haben— den hat ſie jetzt nicht.“ „Halten zu Gnaden,“ warf die alte Frau, welche an der Thüre ſaß, mit einer gewiſſen Haſt ein,„ſie hat ſchon Erfolg, wenn ſie beim rechten Ende angegriffen wird.“ Dem Herrn von Arnefeld war aber dieſer Gegenſtand, wenn er zu ernſt behandelt wurde, ſtörend und er ſchnitt ihn daher kurz ab. Sie waren ja im Ganzen einig, nur vergaßen ſie das Eine, das Noth thut, wenn die Arbeit gedeihen ſoll. Das vergeſſen eben auch die, welche es zunächſt betrifft. Ehe die geweſene Amme ſich empfahl, fragte ſie noch ein⸗ mal, ob ſie nicht vielleicht einen Brief an ihren Herrn mitbe⸗ kommen werde. Arnefeld beauftragte ſie nur mit einem Gruße. „Es wäre doch aber beſſer—“ ſagte ſie mit bittendem Tone. „Beſſer, wozu? Was ſoll ich ſchreiben— allgemeine Re⸗ densarten— ihm ſo gleichgültig, als mir—“ „Ein Paar freundliche Zeilen, lieber Vater,“ ſagte Laura. „Du wirſt es gewiß thun—“ „Ja, ja, gnädiges Fräulein, bitten Sie nur recht herzlich,“ ſagte die Alte dringend „Dein Vater weiß, was er zu thun hat, Laura,“ äußerte Frau von Arnefeld mit einem zurückweiſenden Blicke. „Schreiben, jetzt? Nicht für Venedig!“ ſagte der Vater be⸗ ſtimmt. „Morgen früh reiſe ich ab, vielleicht ſind Euer Gnaden noch geneigt, mir ein Paar kleine Zeilen zu ſchicken, oder das liebe Fräulein iſt ſo gütig.“ Mit dieſer Hoffnung nahm die ge⸗ weſene Amme Abſchied. Von ihrer eignen Familie, obwohl Salvator. Herr von Arnefeld nun wußte, daß er ihrem Enkel Dank ſchuldete, war mit keiner Silbe die Rede geweſen. Auch von ihr, ſobald ſie das Haus verlaſſen hatte, war hier keine Rede mehr, die Eltern ſchienen es abſichtlich zu vermeiden, und Laura verſchloß die Gedanken, welche ſie dabei hegte, in ihr Inne⸗ res. Der Vater, das wußte ſie wohl, ſchrieb auf keinen Fall den von der Haushälterin gewünſchten Brief, ſo beſchloß Laura, an ihren Großvater, den ſie vielleicht als Kind geſehen hatte, deſſen ſie ſich aber durchaus nicht mehr erinnerte, ein Paar Zeilen zu richten. Sie waren einfach, herzlich, ohne den lei⸗ ſeſten Anklang der Verhältniſſe, welche ſie ja nur ahnte; gewiß, ſie mußten dem Großvater gefallen. Ein Bote brachte das Billet nach Sielitz, er war ſo eben aus Rackwitz mit einer Art von Rundſchreiben vom Oberſten Haug gekommen, das er nach genommener Kenntniß weiter befördern mußte, von Reſ⸗ ſen ging er nach Sielitz zum Kammerherrn Rheinberg, und Laura benutzte dieſe Gelegenheit, um ihr Brieſchen unter einem Um⸗ ſchlage an Frau Louiſe Schramm, abzugeben bei der Wittwe Roland, ſicher beſtellen zu laſſen. „Kinder, ich werde hier förmlich zu einer Verſammlung commandirt!“ ſagte Arnefeld zu Frau und Tochter, als er mit ihnen wieder im Salon zuſammentraf.„Der Oberſt von Haug, den ich noch nicht einmal die Ehre habe zu kennen, fordert mich auf— nicht eingeladen, ſondern aufgefordert!— näch⸗ ſten Sonntag Nachmittag in dem Seekruge zu erſcheinen, um über einen hochwichtigen Gegenſtand, der für Alle vom ernſte⸗ ſten Intereſſe ſei, zu berathen und gemeinſchaſtliche Beſchlüſſe zu faſſen. Salvator. 73 „Das klingt ja ganz demagogiſch,“ ſagte Frau von Arnefeld. „Haſt Du keine Ahnung, was der Gegenſtand ſein kann?“ fragte Laura. „Ich bin nicht einmal neugierig darauf,“ erwiederte der Vater. Mich fängt man nicht mit dergleichen. Ich habe mich aus der großen Welt für ein Paar Monate zurückgezogen, um ganz dem dolce far niente zu leben, nichts zu hören und zu ſehen von all' dem aufregenden und widerwärtigen Trei⸗ ben, welches uns alles Behagen am Daſein raubte, und nun ſoll ich wieder hochwichtige Gegenſtände vom allgemeinſten In⸗ tereſſe in ernſte Erwägung ziehen und Beſchlüſſe faſſen helfen! Giebt es denn keinen Winkel auf der Erde mehr, wo ein ver⸗ nünftiger Menſch ſein Leben ungeſtört genießen kann?“ „Wirſt Du an der Verſammlung Theil nehmen? fragte ſeine Gattin. „Ich denke gar nicht daran,“ ſagte er. „Vater!“ rief Laura. „Mit zwanzig Gutsbeſitzern, Pächtern und Paſtoren— denn er hat Ban und Arrisreban aufgeboten— in einer Schenkſtube zuſammen ſitzen und den abſcheulichſten Tabak ein⸗ athmen, dabei endloſes Saalbadern hören, beſonders wenn Gottes Wort vom Lande dran kommt, das unverwüſtlich im Reden iſt— Niemand kann mir das zumuthen. Unſer Nach⸗ bar wird mir ſchon zu wiſſen thun, was beſprochen worden iſt, bis dahin bezwingen wir unſere Wißbegierde.“ Salvator. 6. Vor der Hütte am See, in welcher die Wittwe Roland wohnte, hielt der Einſpänner, den ſich die Großmutter gemie⸗ thet, um ſie bis zu der nächſten, zwei Meilen entfernten Ei⸗ ſenbahnſtation zu fahren. Sie ſelbſt ſtand noch in der Stube und zog ſich an, wobei wieder der Taſchenſpiegel ſehr lange zu Rath gezogen wurde— ihre Tochter mit beiden Enkeln war gegenwärtig, ſie hörten die abgebrochenen Worte, mit welchen Frau Schramm ihre Beſchäftigung trieb, ſchweigend an. „Du, Marie, biſt arbeitſam, das weiß ich. Der Karl ver⸗ dient ſein tägliches Brod und noch mehr. Die Anne iſt un⸗ tergebracht. Wenn ſie ordentlich bleibt, findet ſie auch einen Mann. Ich habe alſo keine Sorge um Euch. Den Andern hier und in der Gegend ſoll's ſchlecht gehen— es wird nicht ſo ſchlimm ſein. Oder ſie ſind ſelber Schuld, wer kann ihnen helfen! Lebt alſo wohl— wenn mir Gott das Leben ſchenkt, komme ich über's Jahr einmal wieder.— Kannſt ein Stück mitfahren, Karl, ich will Dir noch was ſagen.“ Er ſetzte ſich zu ihr auf den Leiterwagen, nachdem ſie von Tochter und Enkelin Abſchied genommen hatte, wobei ihre harten Augen doch auch feucht wurden. In ihr großes Tuch hüllte ſie ſich, daß faſt ihr ganzes Geſicht darin verſchwand; ſo fuhren ſie ſchweigend durch das Dorf, wo ſich auf allen Hö⸗ fen ſchon Leben regte.„Schraders?“ fragte ſie, nach einem netten, von Weinlaub umrankten Hauſe zeigend. Es bedurfte der Antwort des Enkels nicht, denn der Ad⸗ junct ſtand vor dem Thorwege. Er ſah, in wahrem Contraſt Salvator. 75 zu dem morgenftiſchen, rührigen Anblick, der ſich überall bot, blaß und hinfällig aus, wie nach einer Nacht der Sorge oder angeſtrengter Studien, ſinnend hatte er eine Hand unter das Kinn gelegt, während die weißen Finger der andern über ſein glatt geſcheiteltes Haar ſtrichen. Zerſtreut richtete er ſein Auge auf den heranrollenden Wagen, er erkannte erſt ſpät, wer oben ſaß. „Halt!“ rief die Großmutter. Ich muß Ihnen noch Adieu ſagen, Herr Magiſter. Sie ſehen ſchlimm aus, ſchonen Sie ſich mehr. In der bewußten Sache ſoll es dennoch Ihr Schade nicht ſein, ich habe mir Alles überlegt, verlaſſen Sie ſich auf mich.“ „Ich bitte Sie dringend, meiner gar nicht gegen Ihren Herrn zu erwähnen,“ ſagte der Adjunct.„Meine Bahn iſt mir vorgezeichnet, dazu bedarf ich keines— Beiſtandes der Art, wie Sie ihn andeuten. Es wird ſich ein viel beſſerer, dem allge⸗ meinen Wohle erſprießlicher Gebrauch davon machen laſſen!“ „Nun das wird ſich finden!“ rief die Alte mit völlig ver⸗ ändertem, beinah feindlichem Tone.„Es kommt Alles anders, als man denkt.“ Sie nickte ein wenig mit dem Kopfe und hieß den Bauer zufahren. Mit einem ſelbſtbewußten Lächeln ſah ihr der Candidat nach. „Karl, ich wollte Dir noch Eins ſagen,“ begann die Großmutter ſo heimlich, daß es der Bauer, welcher auf dem ſehr langen Wagen ganz vorn ſaß, nicht verſtehen konnte.„Du kannſt ſchreiben, nicht wahr?“ „Rudern beſſer,“ verſetzte der junge Schiffer lachend. „Aber Du kannſt doch ſchreiben und Geſchriebenes le⸗ ſen?“ fragte ſie wiederholt.„Siehſt Du, in vier Wochen etwa 76 Salvator. ſollſt Du mir einen Brief ſchreiben— höre doch und lache nicht ſo dumm! Du ſollſt mir ſchreiben, was Ihr Alle macht, und dann ſollſt Du Dich erkundigen, aber für Dich, hörſt Du? bei den Leuten in Reſſen, wie es mit der Herrſchaft geht, ob Alles ſo recht aus dem Vollen iſt, verſtehſt Du mich? ob der gnädige Herr immer recht vergnügt iſt, und ob's mit dem Gelde recht flott ausſieht.“ „Großmutter, das krieg' ich nicht fertig!“ betheuerte Karl. „Schelm, ſtelle Dich nicht dümmer, als du biſt!“ ſagte ſie freundlicher.„Du haſt drüben gewiß einen Stein im Brete von Deinen Waſſerkünſten her. Ich muß in vier Wochen ganz genaue Nachricht aus Reſſen haben, es kommt ſehr viel darauf an. Wenn Du mich im⸗Stich läſſeſt, werde ich ſehr böſe ſein. Nun kannſt du abſteigen und wieder nach Hauſe gehen. Grüße Deine Mutter und Schweſter und ſage dem Fritze Schrader, aus ſeinen Anſchlägen würde nichts!“ „Anſchlägen?“ fragte Karl ganz verwundert. Die Großmutter ſchnitt ein finſteres Geſicht, daß ihr dieſe Aeußerung im Grolle entſchlüpft war, und ſagte:„Anſchläge meint' ich eigentlich nicht, die ſchicken ſich für einen Paſtor nicht. Laß nur die ganze Beſtellung ſein und mache nun, daß Du heim kommſt.“ Der Schiffer ſprang vom Wagen, welcher ihn bereits eine ziemliche Strecke vom Dorfe entfernt hatte. Auf dem Heim⸗ wege begegnete er zwei Reitern, deren vorderſter, ein Soldat mit einer Pelzmütze auf dem Kopfe, ihn nach dem Wege nach Reſſen ftagte. Während er ihm Beſcheid gab, fiel ihm eine wunderbare Aehnlichkeit auf, dies Auge mit dem klaren Blick, dies ganze ſchöne Geſicht— aber da ſprengte er ſchon hin auf Salvator. 77 ſeinem prächtigen Schimmel, und der nachfolgende Diener, der nicht recht Herr ſeines Pferdes war, hätte den verwunder⸗ ten Schiffer faſt umgeritten. „Das muß ihr Bruder ſein!“ rief Roland. Und bei der Begegnung erwachte auf einmal die Luſt, ſeiner Großmutter den verlangten Dienſt ſo gründlich als möglich zu leiſten. Vor dem Schrader'ſchen Hofe ſtand der Wirth, beide Daumen in die Aermellöcher der Weſte gehängt, eine kurze Pfeife im Munde, und ſah ſeinem Geſpanne nach, mit welchem der Knecht eben abfuhr. „Iſt Euer Bruder drin?“ fragte der Schiffer. „Studirt jetzt. Ein ander Mal wiederkommen,“ antwortete der Wirth mit hochmüthiger Geberde, wie ſie die reichen Bauern nur zu oft gegen ärmeres Landvolk annehmen. „Ich hab' ihm eine Beſtellung zu machen,“ ſagte Karl, ohne ſich durch des Wirthes Miene ſtören zu laſſen, und ging hinein.„Bettelei!“ murrte der Bauer.„Aber er hat ſelbſt nichts.“ Das Stübchen, welches der Adjunct bewohnte, war durch den Hausflur von den übrigen getrennt und ſeiner eigentli⸗ chen Beſtimmung nach das„Ausgedinge,“ der Altentheil,“ oder wie es ſonſt noch heißt, nämlich die Wohnung für die Eltern, wenn ſie die Wirthſchaft nach einem gemeinſchaftlichen Abkommen, das ihnen den Lebensunterhalt ſichert, an den Sohn abgetreten haben. Auch die Eltern des Adjunets hat⸗ ten hier gewohnt und waren hier geſtorben, und die ganze Ein⸗ richtung des Stübchens war noch dieſelbe, wie ſie von Jenen bereits vorgefunden worden war. Ein Tiſch, drei hölzerne Stühle, ein breites Bett mit geſtreiften Vorhängen und an 78 Salvator. der Wand ein langes Bret für Geſchirr und kleineres Geräth, endlich eine blau angeſtrichene Truhe— hier Trone genannt— mehr hätte auch der beſchränkte Raum nicht faſſen können. Das einzige Fenſterchen mit ſeinem ziegelroth gefirnißten Rah⸗ men war von Weinlaub noch mehr verdunkelt, als ſeine er⸗ blindeten Scheiben ohnehin waren, an trüben Tagen drang daher nur wenig Licht in das Stübchen, heut aber ſchien die Sonne hell, und die grünen Weinblätter leuchteten im ſchön⸗ ſten Glanze, der freilich in ſeinem Wiederſchein das blaſſe Geſicht des jungen Geiſtlichen noch krankhafter erſchienen ließ, als daſſelbe vor einer halben Stunde dem Schiffer ſchon auf⸗ gefallen war. Er hatte angeklopft, und da kein Herein er⸗ folgte, war er dreiſt eingetreten. „Biſt Du es Roland? fragte der Adjunct, aufblickend von ſeiner Arbeit.—„Was führt Dich zu mir?“ „Mich führt Niemand, Fritz, ich kann zum Glück noch meine Beine gebrauchen. Von der Großmutter ſoll ich Dir noch einen Gruß beſtellen“— das Weitere fiel ihm ſchwer, beſonders da er es nicht einzukleiden wußte. „Ich danke Dir, Karl,“ erwiederte Schrader freundlich. „So bin ich der würdigen Frau, der ich ſchon mehr verſchuldet bin, als Du ahnſt, auch noch für Deinen Beſuch verpflichtet. Ohne ihren Auftrag wärſt Du wohl nicht zu mir gekommen, das iſt Unrecht, Karl, ich ſuchte Dich gleich ſo herzlich auf.“ „Ich will Dir's ehrlich ſagen, Fritz. Wenn Du wieder⸗ gekommen wärſt als ein Schulmeiſter, oder als ein Handels⸗ mann, oder meinetwegen auch als ein Verwalter und ſo etwas, dann hätteſt Du mich gleich ſehen ſollen, es wäre Alles beim Alten geblieben. Aber nun ſchicken ſie Dich her als Paſtor, Salvator. 79 nimm mir's nicht übel, das iſt eine Dummheit— ſie konnten Dich hinſchicken, wo ſie wollten, warum nicht? Es muß auch junge Paſtoren geben, ſie können nicht als Candidaten herum⸗ laufen, bis ſie funfzig Jahr alt ſind, aber in ſeinen Geburts⸗ ort müßten ſie keinen jungen Paſtor ſchicken. Wo ſoll der Reſpect herkommen!“ „Haſt Du den, aufrichtig, noch vor unſerm Stande?“ fragte der Adjunct. „Na höre, vor unſerm alten Paſtor möchte ich nicht mu⸗ cken!— Aber Du, hier ſitzen die Bauern, die Dich alle ge⸗ kannt haben, wie Du nicht klüger warſt als ſie, mit manchem haſt Du Dich als Junge geprügelt— denke nur, wie ich Dich einmal unten am Waſſer bei der krummen Weide vorgekriegt habe, für die Peitſche, die Du mir weggenommen hatteſt“— „Ich weiß davon nichts mehr,“ unterbrach ihn der Ad⸗ junct heiter. „Du haſt jetzt andere Dinge im Kopf. Ich ſage nun, wo ſoll bei mir der Reſpect herkommen, wenn ich an die krumme Weide denke— und nun gar die alten Bauern, denen ein ſo junger Burſche was vorpredigen ſoll! Darum bin ich auch noch nicht in der Kirche geweſen.“ „Das thut mir eben leid. Ich habe Dich dort noch mehr vermißt, als hier. Deine Mutter und Schweſter hören mich ſo fleißig: ſie werden Dir Manches über meine Predigten ge⸗ ſagt haben.“. „Grauſam ſchön ſoll Alles ſein, ich glaub's gern, aber es geht mit mir nicht. Eh' ich unrechte Gedanken in der Kirche habe, lieber gehe ich erſt gar nicht hinein.— Siehſt Du, Fritz, ich mußte es Dir einmal ſagen, und weil die Großmut⸗ 80 Salvator. ter Dir noch expreß eine Beſtellung ſchickt— ſo kam ich her. Die ſagte nämlich erſt, und dann meinte ſie's wieder anders, ich ſollte Dir ſagen: aus Deinen Anſchlägen würde doch nichts.“ „Aus meinen Anſchlägen?“ rief der Geiſtliche verletzt aufblickend. „Ja, mich wunderte es auch. Sie ſagte dann, daß ſie's eigentlich nicht ſo gemeint hätte, und hieß mich die ganze Be⸗ ſtellung unterlaſſen. Weil ich aber grade hier war—“ „Ich danke Dir auch dafür. Es iſt mir ein lehrreicher Beweis, daß auch die würdigſten Naturen der allgemeinen Schwäche, auf den Schein hin zu urtheilen, unterworfen find. Deiner guten Großmutter trage ich das nicht nach. Ich ver⸗ danke ihr zu viel, um mit ihr zu rechten. Vielleicht wird ſie ſelbſt Dir in Kurzem ſagen, daß ſie mich verkannt hat.— Dir geht es ſonſt gut, Karl?“ „O ja!“ ſagte der Schiffer treuherzig. „Deine Schweſter iſt ein liebes, ſanftes Mädchen. Ich wünſche, daß die neue Umgebung ihren Sinn nicht verän⸗ dere. Es wäre gut, wenn ſie noch vierzehn Tage warten könnte, ehe ſie anzieht.“ „Warum?“ fragte Roland verwundert.„Sie iſt ſchon lange gemiethet.“ „Das weiß ich. Aber grade jetzt iſt auf dem Schloſſe Be⸗ ſuch von jener Klaſſe, welche nur zu geeignet iſt, Aug' und Herz eines unerfahrenen Mädchens zu berücken, und die ſich auch, vornehm wie ſie iſt, herabläßt, ſogar Dienſtmädchen, wenn ſie dem Auge lieblich ſind, wie Deine Schweſter, ihrer unlautern Aufmerkſamkeit zu würdigen.“ Salvator. 81 Karl ſah ihn groß an und verſtand nur halb, was er meinte.„Sie ſollen ihr nur kommen!“ ſagte er. „Wenn es nicht mehr zu ändern geht, daß ſie anzieht, ehe— ich will deutlicher ſprechen— ehe der fremde Officier abgereiſt iſt, ſo wollen wir ihre Unbefangenheit nicht ſtören. Es wäre ſehr gefährlich, und ich bitte Dich ausdrücklich, mein Jugendfreund, nicht eine Silbe der Warnung gegen Anna fal⸗ len zu laſſen.“ Der Schiffer ſchüttelte den Kopf und ſagte:„Du ſprichſt wie ein Buch. Wenn der Officier ein ſolcher Menſch iſt, warum ſoll ich denn Annen nicht ſagen: Nimm Dich in Acht vor ihm?“ „Ich weiß nichts Specielles von ihm,“ antwortete der Ad⸗ junct, aber meine Erfahrungen haben mich gelehrt, daß es am gerathenſten iſt, alle Annäherung an dieſen Stand zu meiden. Sie benehmen ſich, beſonders in unſern Tagen, wie die Herren der Welt, und ſtören doch nur den zeitgemäßen Pro⸗ ceß, durch welchen ſie ſich aus ihrer innerſten Lebenskraft neu geſtalten will.“ Er war bei dieſen Worten, die er mehr vor ſich hinſprach, weil ſie der Schiffer ohnehin nicht verſtand, in der kleinen Stube auf⸗ und abgegangen und ſetzte das eine Weile ſchweigend fort. Karl ergriff ſeinen Hut, den er r auf den Tiſch gelegt hatte. „Kennſt Du den Oberſten von Haug in Rackwitz?“ Sr— der Adjunct, indem er plötzlich ſtehen blieb. „Ja wohl, ein langer Mann mit grauem Kopfe,“ antwor⸗ tete Roland.„Warum?“ Kennſt Du ſeine Verhältniſſe? Iſt er arm, reich? Nie verheirathet geweſen? Was halten die Leute von ihm? Wie Salvator. I. 6 82 Salvator. lange wohnt er ſchon in der Gegend? Erzähle mir von ihm, was Du weißt.“ „Na, Du haſt eine gute Lunge zum Fragen. In Rackwitz wohnt er vielleicht drei Jahr— gegen ſeine Leute ſoll er ſchlimm genug ſein, wie mir Einer ſagte, den er Knall und Fall weggejagt hat; weiter weiß ich auch nichts.“ „Aber ſeine Familienverhältniſſe?“ fragte der Adjunet wieder. „Eine Frau hat er nicht,“ ſagte Karl.„Was willſt Du denn mit ihm?“ „Ich mit ihm!“ rief Schrader.„Doch, mein guter Karl, ich danke Dir, nimm mir's nicht übel, wenn ich Dich bitte, mich jetzt meinen Studien zur morgenden Predigt zu überlaſſen.“ „Nun, ich wollte ſchon gehen,“ verſetzte Karl, ſeinen Hut zum Beweiſe empor hebend. Adje!“ „Liebſter, hat Dich meine Offenheit beleidigt?“ rief Schra⸗ der und faßte ſeine Hand. „Gott bewahre. Wenn ich kann, will ich Dich morgen predigen hören,“ ſagte der Schiffer und ging. Sobald er die Stube verlaſſen hatte, warf ſich der Ad⸗ junct wieder auf den Stuhl, von welchem er bei Karl's Ein⸗ tritt aufgeſtanden war. Eine beträchtliche Zahl beſchriebener Bogen lag vor ihm, er kehrte aber nicht zu ſeiner unterbro⸗ chenen Arbeit zurück, ſondern ſtützte den Kopf in die Hand und ſtarrte lange vor ſich hin. Von der lebhaften Unterhaltung † war ſein Geſicht geröthet, was deſſen anziehende Bildung un⸗ gemein verſchönte, ſeine großen Augen hatten ſich mit einem ſchmerzlichen Ausdrucke an das ſonnig durchleuchtete Weinlaub vor dem Fenſter geheftet, auf ſeiner hohen Stirn lagen die Falten der Sorge. Salvator. 83 „Es muß ſein!“ rief er endlich, warf ſein Haar zurück und griff wieder nach den beſchriebenen Blättern: es waren Ent⸗ würfe gehaltener oder vielleicht noch zu haltender Predigten. Er ordnete ſie, er las, zuweilen nahm er die Feder und ſtrich oder veränderte manche Stelle. Die Wolken, welche auf ſei⸗ ner Stirn lagerten, ſenkten ſich immer tiefer. Er ſchien eine Wahl treffen zu wollen, aber er konnte nicht zum Entſchluſſe kommen. Dreimal hatte er ſchon einen engbeſchriebenen Bo⸗ gen beiſeit gelegt und ebenſo oft wieder zu den andern gewor⸗ fen, aus denen er gleichwohl zum vierten Male auf ihn zu⸗ rückkam.—„Dieſe wird es doch ſein müſſen!“ murmelte er. „Keine andere würde paſſen.“ Er lehnte ſich nun zurück und begann mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit zu leſen, wobei zuweilen ein ironiſches Lächeln um ſeine Lippen ſpielte. Zweimal lachte er ſogar kurz auf. „Das wäre nicht übel!“ rief er.— Als er zu Ende ge⸗ leſen hatte, ergriff er wieder die Feder und ging an eine gründ⸗ liche Correctur. Soviel ſtrich er und ſchrieb hinzu, daß das Manuſcript faſt unleſerlich wurde, dann nahm er einen weißen Bogen und fertigte eine höchſt ſaubere Reinſchrift. Nachdem er dieſe vollendet hatte, warf er die Feder hin und ſeuzte aus tiefer Bruſt. „Das iſt unwürdig!“ ſagte er.„Aber es wird eine Zeit kommen, wo man dergleichen nicht mehr nöthig hat— und dann werd' ich mich aufrichten, wie Pabſt Sixtus Feretti.“ Gegen Mittag ging er zu ſeinem Pfarrer— durch die Hin⸗ terthür: er hatte nämlich einen Spaziergang damit verbun⸗ den und kam zufällig von jener Seite an das Pfarrhaus. 6 84 Salvator. Frau Dörmann ſtand in der offenen Küche. Er grüßte ſie freundlich und fragte nach dem Befinden des Herrn Paſtors. „Hochehrwürden find heut munter, wie ein Fiſch, und ha⸗ ben ſchon nach Ihnen gefragt,“ ſagte die Frau. „Das freut mich. Der gute Herr muthet ſich zu viel zu, ihm hat die neuliche Partie nach Rackwitz offenbar geſchadet,“ bemerkte der Adjunct.„Obenein fanden wir den Herrn Ober⸗ ſten nicht zu Hauſe. Hat der nicht eine Entſchuldigung ge⸗ ſchrieben?“ „Nein. Es iſt nichts gekommen, wie die Einladung mor⸗ gen nach der Seeſchenke. Was das ſein mag!“ „Und will denn der Herr Paſtor auch an der Verſamm⸗ lung Theil nehmen?“ fragte Schrader. „Verſteht ſich. Was er aber dort will, da er kein Wort verſtehen kann! Sie werden ihn doch begleiten?“ „Wie kann ich das! Ich bin nicht eingeladen.“ „O da laſſen Sie mich nur ſorgen. Hochehrwürden brin⸗ gen Sie mit, es geht ja gar nicht anders. Sie müſſen ihm Alles ſagen, was vorgeht: er verſteht keinen Menſchen ſo gut, Sie müſſen grade die rechte Art haben, mit ihm zu reden.“ Schrader lächelte, drückte der Haushälterin die Hand und ging dann, ohne anzuklopfen— das hätte der Paſtor nicht gehört— aber die Thüre beſcheiden öffnend, um auf der Schwelle erſt die Erlaubniß zum Eintritt zu erwarten, in das Wohnzimmer, wo er den geiſtlichen Hern fand. Er mußte ſtaunen über die Veränderung, welche mit ihm vorgegangen war. Die Schwäche ſchien ihn bis auf die letzte Spur verlaſ⸗ ſen zu haben. Mit feſtem Schritt, ſeine kurze, beleibte Figur in ungebeugter Haltung, ſo kam er ihm entgegen. Salvator. 85 „Du wunderſt Dich, mein Sohn?“ ſagte der Pfarrer freundlich, indem er ihm die Hand reichte. „Ich danke Gott,“ antwortete der Adjunct, dieſe Hand herzlich ſchüttelnd. „Dankſt Gott! Thue das allezeit, nicht blos für mich, ſon⸗ dern für Alles, das iſt wahrhaft heilbringend, wie es in der Liturgie heißt. Ja, auch ich preiſe den Herrn für die Spanne Friſt, die er mir wiederum gegeben hat. Bringſt Du mir Deinen Entwurf zur morgenden Predigt? Setzen wir uns.“ Der Adjunct nahm den angebotenen Stuhl, ſetzte ſich je⸗ doch erſt, nachdem der Pfarrer Platz genommen hatte. Dann zog er die Reinſchrift hervor, welche er in ſeiner Wohnung eben gefertigt, und überreichte ſie ſchweigend. „Ganz friſch geſchrieben!“ ſagte der Pfarrer, bei dem er⸗ ſten Blicke, mit welchem er ſie überflog. Und ſehr ſauber und deutlich— das liebe ich. Leider kann ich ſolches von mei⸗ ner eigenen Handſchrift nicht rühmen!“ ſetzte er ſcherzend hinzu. „Laß mich denn in Ruhe leſen— willſt Du, ſo ſtehen dort ein Paar Bücher, vielleicht findeſt Du etwas für Deinen Geſchmack.“ Das letzte Wort betonte er neckend, Schrader wußte wohl, daß er auf eine neulich gemachte Aeußerung anſpielte, und freute ſich, den alten Herrn ſo heiter geſtimmt zu finden. Ernſter wurde ſein Geſicht, während er den Entwurf zu ſeines Adjunctus morgender Predigt las, mit heiligen Dingen verkehrte er nie in weltlicher Laune, oder ſie wurde gleich ge⸗ bührend verwandelt. Mehrmals hielt er inne und ſah nach⸗ denklich, als ob er das Geleſene erwäge, vor ſich hin, bei mancher Stelle nickte er beipflichtend, andere verurſachten ein leiſes Schütteln ſeines Kopfes. Schrader beobachtete das Alles 86 Salvator. mit ſcharfem Blick und pochendem Herzen, er hatte ſich ein Buch genommen, um zu leſen, ſah jedoch über die Blätter hin⸗ weg, immer ſtreng auf der Hut, um in ſeiner Beobachtung nicht ertappt zu werden. Der Pfarrer hatte endlich bis zum Schluſſe geleſen und noch kein Wort geſprochen, er ſchlug das Blatt wieder zurück und las mehrere Stellen noch einmal. Eine Todtenſtille herrſchte im Zimmer, nur von Zeit zu Zeit durch das Klappern von Geſchirr in der nahen Küche oder die helle Stimme der Wirthin unterbrochen. „Ich bin fertig,“ ſagte jetzt der Pfarrer und gab das Ma⸗ nuſeript zurück, indem er ſeine ſcharfen grauen Augen auf den Adjunct richtete, welcher ſich der unbehaglichen Stimmung, die ſich ſeiner ſchon bemeiſtert hatte, mit Gewalt entriß.„Im Ganzen recht befriedigend.“ Das kühle Lob reizte den jungen Mann, doch kämpfte er die Aufwallung nieder und verbeugte ſich ſtumm. „Nichts darin enthalten, was ich vexwerfen möchte,“ fuhr der Pfarrer fort,„aber Eins vermiſſe ich und das iſt eine Hauptſache.“ „Darf ich fragen, welche Hauptſache?“ entgegnete Schra⸗ der mit geſenktem Blick, um ſich nicht zu verrathen. „Das Bekenntniß, mein Sohn!“ ſagte der Greis.„So chriſtlich die Worte Deiner Predigt ſind, ſo fehlt doch das laute und unzweideutige Bekenntniß von Chriſto, dem Sohne des lebendigen Gottes. Das darf niemals fehlen, am wenig⸗ ſten in der Zeit des Unglaubens und Abfalls.“ Er warf einen Blick auf ein Heft Zeitſchriften, das auf dem Fenſter lag— er hatte vor Schrader's Eintritt darin geleſen. ci Salvator. 87 „Wo eine Gemeinde ſo feſt im Glauben iſt, wie die Ih⸗ rige—“ ſprach der Adjunct, indem er ſich dem Ohre des Pfar⸗ rers näherte, damit ihm kein Wort verloren gehe. „Feſt im Glauben, ich hoffe zu Gott, daß Du feſt im Glauben biſt,“ erwiederte der Greis. Dieſe Predigt enthält nichts, was mich an Dir irre machen könnte. Aber ſie iſt lau — ich kann Dir nicht helfen— ſie iſt nicht mit Kernworten geſchrieben, die durch alle Herzensthätigkeit ſchlagen, und wie ich ſage, das offene Bekenntniß fehlt, daß Er der Hert iſt und außer ihm kein Heil. Das möchte ich noch haben. Sieh hier, mein Sohn— hier wird Deine Rede unverſtändlich, dieſe Stelle mußt Du umarbeiten, Du kannſt anknüpfen an das Vorhergeſagte und einen kräftigen, klaren Abſchluß des zwei⸗ ten Theiles in dem Geiſte, den ich meine, bewirken. Setze Dich an meinen Schreibtiſch im Studirzimmer— Du kannſt gleich das gute Werk vollbringen.“ Schrader zögerte— eine ungewöhnliche Röthe ſtieg in ſein Geſicht.„Ich— glaube, daß Sie Recht haben,“ ſagte er. „Aber jetzt— es würde mir nicht gelingen— ich werde es zu Hauſe thun.“ Der Pfarrer verſtand ihn diesmal nicht. Nun, Frie⸗ drich?“ fragte er ernſt. Da ſtand der Adjunct mit einem raſchen Entſchluſſe auf, raffte das Manuſcript zuſammen und ſagte:„Ich will's ver⸗ ſuchen. Aber gönnen Sie mir Zeit, ich arbeite langſam.“ Er ging in das anſtoßende Studirzimmer, deſſen Thüre er hinter ſich hart in das Schloß zog. Dort ſtand der Schreib⸗ tiſch, der tief eingeſeſſene alte Lehnſtuhl davor, mehrere ſchwere Quartanten lßen auf dem Tiſche und neben dem Stuhle auf — — 88 Salvator. dem Fußboden, der mit Fidibusreſten und Papierſchnitzeln be⸗ ſtreut war. Ein ſtrenger Bann ruhte auf dieſem Raume, den die ordnende Hand der Wirthſchafterin nur allwöchentlich einmal und nie ohne vorher eingeholte Erlaubniß ſäubern durfte. Friedrich warf ſich in den harten ledernen Lehnſtuhl und ſchloß die Augen. Er hätte ſich einbilden können, hier ſchon in ſeinem vollen Recht und Eigenthum zu ſein— nach menſch⸗ licher Einſicht nur noch ein Kleines und er ſaß hier als Herr im Hauſe, eingeführt in ſein Amt, wo Niemand mehr ein Recht hatte, ihn wie einen Schulknaben zu behandeln und ſich ſeine Predigtentwürfe zur Approbation vorlegen zu laſſen. Der Wahrheit die Ehre! Es war heut zum erſten Male geſchehen. Der Pfarrer hatte bisher nicht den leiſeſten Schritt gethan, ihn irgend in ſeinen Amtsgeſchäften zu controliren, er hatte nie ein Mißtrauen gegen ihn gezeigt— wie war er denn dazu ge⸗ kommen, ſich urplötzlich das Manuſcript der zu haltenden Pre⸗ digt zu erbitten? Er hatte ſein Verlangen zwar ſchonender ein⸗ gekleidet, als ſonſt ſeiner graden Natur entſprach, aber eben dieſe Schonung verrieth ſich und ließ hinter der Bitte mehr vermuthen, als den eigentlich gerechtfertigten Wunſch, eine Predigt zu leſen, die er nicht hören konnte. In dem Geiſte ſeines beſtimmten Nachfolgers regte ſich ein brennendes Oppo⸗ ſitionsgelüſt, aber wäre es nicht Wahnſinn geweſen, demſelben zu willfahren? Er riß ſich auf, er ergriff die Feder und ſein Manuſcript. Ein gewaltſamer Kampf erſchütterte ihn bis in das Mark ſeiner Seele. Sollte er in feiger Lüge ſich beugen und der Form ge⸗ nügen, die von ihm verlangt wurde? Oder ſollte er, wie es einem unabhängigen Geiſte ziemt, die Forderung noch jetzt zu⸗ Salvator. 89 rückweiſen und ein Bekenntniß ganz anderer Art ausſprechen, als der greiſe Pfarrer von ihm erwartete? Einen Mittelweg ſchien es nicht zu geben. Drei⸗, viermal hatte er die Feder eingetaucht, um zu ſchreiben, und immer noch war er mit ſich nicht fertig, ſeine Bruſt arbeitete unter dem Toſen des erregten Herzſchlags, ſein Athem war kurz und ſchwer, perlende Tropfen traten auf ſeine Stirn. Vergebliches Bemühen, in Worten zu ſchildern, was in ſeiner Seele vorging— das Heer dunkler Gedanken, den wüſten Streit, deſſen nächtliches Gedränge zu⸗ weilen ein Lichtblitz durchzuckte, wie aus der fernen, längſt ver⸗ lornen Traumwelt ſeiner Kindheit in ſeine Gegenwart noch zuweilen eine Erinnerung ſich ſtahl. Viel hatte er ſchon im Leben errungen, und ein leuchtendes Ziel winkte ihm, das ihm das Höchſte erreichbar nahe zeigte, ſollte er es durch eigene Thorheit verlieren? Hatte er ſich über die Prüfungen verblen⸗ den können, die ſeiner harrten, daß er in dieſer erſten ſchon zu erliegen drohte? Es galt nun, herzhaft das Ruder zu faſſen undzu lenken, damit ſein Fahrzeug nicht auf Klippen zerſchellte, und er hatte keinen Muth! Doch!„Es iſt abgenutzt, elend, erbärmlich“— rief er— „ein Schülerkniff von der miſerabelſten Gattung. Aber ich kann mir nicht anders helfen! Ich kann nicht!“ Er ergriff ſchon das Dintenfaß, um es über ſein Manuſeript auszugießen — da hörte er in dem Wohnzimmer ein ſtarkes Geräuſch, wie von einem umgeworfenen Möbel, er ſetzte das Dintenfaß ſchnell nieder, ſprang auf und eilte, nach der Urſache des Gepolters zu ſehen. Trauriger Anblick! Der Pfarrer lehnte, leichenblaß, an einem Schranke, der Stuhl, an welchem er ſich hatte zuerſt halten wollen, lag umgeſtürzt: weit offen ſtanden die großen 90 Salvator. Augen, uber keine Sehkraft ſchien darin, und ein ſeltſames Muskelſpiel zuckte um den Mund. „Ein Schlagfluß!“ rief der Adjunct, und aus der Küche, faſt gleichzeitig mit ihm eingetreten, eilte auch die Haushälterin dem Erkrankten zu Hülfe, der jetzt ſchwer und bewußtlos in ihre Arme fiel. 7. An der Nordſpitze des Sees, wo eine breite, zur Zeit noch vielbefahrene Landſtraße vorüberführte, lag ein Wirthshaus, in welchem die Notabeln der Gegend regelmäßig alle vier Wochen eine geſellige Zuſammenkunft hielten. Sie kamen aus allen Strichen der Windroſe Nachmittags an, tranken Kaffee und Bier, beſprachen, was es in der Welt zu beſprechen gab, vornehmlich in ökonomiſchen Dingen, ſpielten ihre Partie Whiſt und aßen ein tüchtiges Abendbrod, worauf ſie in jeder Hinſicht befriedigt, nur hier und da über einen Spielverluſt melancholirend, wieder abfuhren. Dieſe faſt harmloſen und philiſtröſen Beluſtigungen hatten in letzter Zeit durch Alles, was ſich regte und rührte, und für Weiterſehende unabwendbar einer furchtbaren Kataſtrophe entgegenging, einen bedauerlichen Charakter unruhiger Polemik angenommen, welcher die Reihen der Beſucher ſchon lichtete. Nun aber war gar eine außeror⸗ dentliche Verſammlung, ohne ſich an den vierwöchentlichen Ter⸗ min zu kehren, ausgeſchrieben worden, und ſo geſchickt auch — — Salvator. 91 der Oberſt von Haug nach dem Urtheil Einſichtiger manövrirt hatte, den Anlaß nicht zu nennen, um durch die Neugier mehr Theilnehmer anzuziehen, blieben doch auch viel ſtille Leute weg, welche in einer ſolchen Verſammlung etwas Geſährliches ſahen. Von Reſſen kam Niemand, wir wiſſen, warum. Der Pfarrer von Sielitz war nun, ſo feſt er ſich dazu entſchloſſen hatte, ſchon des Oberſten wegen, Theil zu nehmen, durch ſeinen plötzlichen Anfall verhindert, der Kammerherr von Rhein⸗ berg fuhr aber mit ſeinem Neffen dahin. „Ich weiß nicht, Leo,“ ſagte die älteſte der beiden Schwe⸗ ſtern, die Blondine, welche wir auf dem Kirchplatze des Dorfes kennen gelernt haben,„ich weiß nicht, was Sie bei all' den alten Herren ſuchen.“ „Leo iſt auch alt,“ entgegnete die Jüngſte.„Es gehört nicht immer ein graues Haupt und ein Schock Jahre dazu, um alt zu ſein— unſer Couſin liefert die Probe.“ „Wollen Sie mich zu einem jungen Greiſe machen, Fanny?“ fragte der Vetter lächelnd. „Keineswegs. Sie ſind alt mit Ehren, ich achte ſie darum nicht minder,“ ſagte Fanny. „Rede nicht Unſinn!“ rief die Blondine. „Ich fühle nur allzuſehr, gute Emma, daß Fanny Recht hat— ich bin alt, und darum will ich den Onkel begleiten. Der Oberſt iſt überdem, wenn auch vor meiner Zeit, Comman⸗ deur des Regimknts geweſen, in welchem ich ſtehe—“ „Das nenne ich einen wahrhaft rührenden Dienſteifer, der ſeine Devotion ſogar auf längſt verabſchiedete Regimentscom⸗ mandeure erſtreckt, unter denen man gar nicht einmal geſtanden hat,“ lachte die Blondine. 92 Salvator. „Ihnen, Fanny, überlaſſe ich es, mein Interpret zu ſein, der Onkel wartet,“ ſagte Leo und ſchloß ſich dem Kammerherrn an, mit welchem er in den kleinen, keineswegs eleganten Wa⸗ gen ſtieg, der ſie nach der eine halbe Meile entfernten See⸗ ſchenke bringen ſollte. Die Schweſtern kehrten in ihr Zimmer zurück, es war ein unfreundlicher Tag, der ihnen den Aufenthalt im Freien ver⸗ leidete. Sie ſetzten ſich eng zuſammen, jede mit ihrer Arbeit beſchäftigt, und plauderten. Beide hatten zwar eine ſehr ver⸗ ſchiedene Geiſtesrichtung genommen, aber ſie liebten ſich zärt⸗ lich, ſelten kam es zu einem Zwiſt unter ihnen, Eine ſchien der Andern nothwendig zu ſein, um das, was ihr fehlte, zu er⸗ gänzen. Emma war praktiſchen Sinnes, mehr auf das Nächſte und Nothwendige gerichtet, nicht ohne Theilnahme an höhern Intereſſen, aber auch ohne Schwung dafür, und nicht ſelten mitten in einem Geſpräch, das ihrer Schweſter ganze Seele in Anſpruch nahm, plötzlich abſpringend auf die alltäglichſten Ge⸗ genſtände; von Herzen aber gefühlvoll und liebreich, der höch⸗ ſten Aufopferung für Andere fähig. Fanny dagegen, ſchon als Kind ganz anders als ihre Geſpielinnen und darum unver⸗ ſtanden und wenig geliebt, hatte einen hochſtrebenden Geiſt, der für alles Edle und Schöne der glühendſten Begeiſterung fähig war und in Momenten der Erhebung in wahrhafte Exaltation ausbrechen konnte, es lag ein reicher Hort in die⸗ ſem Geiſte, unbewußte, ungehobene Schätze der Poeſie, und ſie beſaß dabei eine Innigkeit des Gemüths, welche, wo ſie Anlaß fand ſich kund zu geben, bezaubern mußte; ein ſchönes Mitgefühl bei fremden Leiden, Zorn bei Ungerechtigkeiten, welche ſie begehen ſah, waren Grundzüge ihres Charakters— aber Salvator. 93 fremd, wie ſie in einem ziemlich hausbackenen Kreiſe, der ihres Vaters Umgang bildete, daſtand, überlegen, wie ihr Geiſt war und ſie nicht Lebensklugheit genug beſaß, um das zu ver⸗ bergen, und abgeſtoßen von der Proſa, welche ſie haßte, konn⸗ ten ſich die Nachbarn wenig mit ihr befreunden: beſonders die ältern Damen der Verwandtſchaft, denen ein ſo junges Ding nicht fügſam genug, überhaupt zu ſelbſtſtändig erſchien, hatten viel an ihr auszuſetzen, und in Einem wenigſtens hatten ſie Recht, dem jungen Mädchen fehlte die Demuth. Man gab es der verſtorbenen Mutter Schuld, welche eine Schwärmerin geweſen ſein ſollte, die ihren Liebling nicht„kindlich“ genug erhalten. Als ob das möglich ſei, wo ein Geiſt ſich früher ent⸗ wickeln will, als es unſere langſame nordiſche Natur für ge⸗ wöhnlich zu Stande bringt! Die Schweſtern hatten nun Alles beſprochen, was grade Stoff bot: die plötzliche Erkrankung des guten alten Paſtors, die aber, nach der letzten Erkundigung, keine gefährliche war, die heutige Predigt des Adjunct, die ihnen viel weniger ge⸗ fallen, als ſeine frühern.„Er war nicht ſo aufgelegt, nicht ſo beredſam, ſagte Emma; und Fanny ſagte:„Ich vermißte den Feuerſtrom, der ſonſt ſeine Rede durchdringt und trägt. Kein rechter Zuſammenhang der Gedanken— viel Geiſtreiches, An⸗ regendes, aber nur moſaikartig zuſammengeſetzt.“ „Haſt Du den allerliebſten Tiſch mit der Moſaikplatte in Reſſen geſehen?“ fragte Emma. Das Geſpräch kam nun auf die Nachbarn, beſonders die Familie Arnefeld, welche, neu in der Gegend, noch viel über ſich reden ließ. Emma fand das Fräulein„ſehr nett,“ Fanny konnte nicht recht über ſie urtheilen— doch hoffte ſie auf einen 94 Salvator. intereſſanten Ungang— und grade, wie ſie das Wort ſprach, wurde Herr von Arnefeld gemeldet. Durch die neue Magd geſchah das, welche zufällig die ein⸗ zige Dienerin im Hauſe war, weil die andern ſich den Sonn⸗ tag zu Nutz gemacht hatten, ſie war daher von dem Angekom⸗ menen, dem ſie am Schloßthor aufſtieß, gleich angehalten worden, ihn zu melden, welches Auftrags ſie ſich blutroth im ganzen Geſicht und ſtotternd entledigte. Verwundert ſahen ſich die Schweſtern an.„Herr von Ar⸗ nefeld aus Reſſen?“ fragte Emma. „O nein!“ erwiederte die Magd mit einem verlegenen Ki⸗ chern, während ſie noch einmal und viel dunkler erröthete.„Der nicht. Ein junger! Ich kenne ihn nicht.“ „So geh' und ſag' ihm,“ nahm Fanny das Wort,„der Kammerherr ſei nicht zu Hauſe, und wir— die Fräulein, mußt Du ſagen— bedauern ſehr, ihn nicht empfangen zu können, ſage nur: ich ſei unwohl!“ Die Magd blickte ſie mitleidig an und ging— ſtieß aber, die Thüre öffnend, einen Schrei aus und wich zurück, denn der ungeduldige Fremde hatte ihre Rückkehr nicht erwartet, ſondern war ihr auf dem Fuße gefolgt und trat jetzt in das Zimmer, in der vollen Zuverſicht, daß es gar nicht möglich ſei, abge⸗ wieſen zu werden. Es war ein junger Huſarenofficier in der ganzen Pracht ſeiner goldnen Schnüre, bildſchön überdem. „Meine Damen,“ begann er, als die Schweſtern überraſcht und, wenigſtens Fanny, etwas verletzt ſich bei ſeinem Eintritte erhoben,„ich bitte um Verzeihung, daß ich es wagte, mich trotz der Abweſenheit Ihres Herrn Vaters melden zu laſſen. Meine Mutter und Schweſter haben mich aber vorausgeſchickt, Salvator. 95 um Ihre gütige Erlaubniß nachzuſuchen, daß ſie auf eine Stunde ihren Beſuch machen. Ich glaube mich Ihnen nicht erſt vorſtellen zu dürfen: da Sie meine Schweſter Laura ken⸗ nen, gilt mein Geſicht als Viſitenkarte.“ Seine Aehnlichkeit mit Laura Arnefeld war in der That ſo außerordentlich, daß ſelbſt der Schatten eines dunkeln Bärt⸗ chens, das fein und dicht auf ſeiner Oberlippe ſproßte, ſie nicht zu ſtören vermochte. Emma, als die Aelteſte, entgegnete, was die Höflichkeit verlangte, Fanny, von welcher ſein Blick auch eine Beſtätigung zu erwarten ſchien, verneigte ſich blos ſtumm, während ihre Schweſter noch ein Wort über die merkwürdige Aehnlichkeit, wie ſie nie eine ſo wunderbare geſehen, hinzufügte. Der Hu⸗ ſar erwiederte lächelnd, wobei zwiſchen ſeinen blühenden Lip⸗ pen eine blendende Doppelreihe der ſchönſten Zähne zum Vor⸗ ſchein kam, daß in frühern Jahren dieſe Aehnlichkeit noch größer geweſen ſei und ſein Vater ſie zu manchem köſtlichen Scherz durch Verkleidung benutzt habe, dann bat er um Er⸗ laubniß,„ſeinen Damen“ wieder entgegen reiten und ihnen die Gewährung ihrer Bitte bringen zu dürfen. Gewandt und ſicher nahm er ſeinen Abgang. Emma war entzückt von ihm, durch welchen der langwei⸗ lige Sonntag, den ſie heut zu verleben gefürchtet, eine unver⸗ hoffte Färbung gewonnen. Sie rühmte ſeine Uniform, ſeinen Wuchs, ſeine Tournüre, Alles!— Fanny war durch ſeine unläugbar vortheilhafte Erſcheinung auch günſtig für ihn ge⸗ ſtimmt, aber ſie ſprach ſich nicht aus. Unten aber in einem ſtillen Kämmerchen weinte Jemand über den ſchönen Officier, er hatte im Vorſaal, wo die arme Magd, ungewiß, was ſie zu 96 Salvator. thun habe, noch auf Befehle harrte, das bildhübſche Mädchen im Vorbeigehen umarmt und trotz ihres heftigen Sträubens gewaltſam geküßt. Nicht lange währte es, ſo rollte der Wagen der Frau von Arnefeld in den Hof, und Anne, denn es war die Schifferstoch⸗ ter, welche, eben angezogen in ihrem neuen Dienſte, ſchon Kränkungen erlebte, wie ſie der Herr Adjunct nur zu richtig vorausgeſehen hatte, Anne mußte abermals die Anmeldung übernehmen. Ihre rothgeweinten Augen waren dabei nicht un⸗ bemerkt geblieben, doch äußerte Niemand etwas, wozu auch nicht Zeit war. Frau von Arnefeld ſtellte nun ihren ſchönen Sohn, auf welchen ſie ſichtlich ſtolz war, den„liebenswürdigen“ Nachbarinnen in aller Form vor, und neben ſeiner Schweſter wurde die Aehnlichkeit Beider erſt recht frappant. Beide waren Zwillinge und gleich groß ſogar, was nun freilich, da Laura zwar hoch und ſchlank, aber doch nicht über das Maß weiblicher Grazie hinaus gewachſen war, dem Huſaren nur eine nied⸗ liche, keineswegs impoſante Figur ließ. In ihrem Weſen zeigte. ſich jedoch keine Uebereinſtimmung. Laura hatte eine ruhige Haltung, ihr Geſicht gewöhnlich einen klaren, ebenmäßigen Ausdruck, der Huſar war ungemein beweglich, auch in ſeinen Geſichtszügen, es war aber nicht jene unruhige Raſtloſigkeit, welche ſtets etwas Störendes hat, ſondern das Zeugniß eines lebendigen Geiſtes, wie es ſich auch in jeder Aeußerung an⸗ ſprechend kund gab. Die Stunde, welche Frau von Arnefeld für ihren Beſuch beſtimmt hatte, wuchs bis auf drei, ſie ver⸗ rannen ſo ſchnell, daß ſelbſt die alte Dame es nicht bemerkte und es waren nicht allein die Alltagsgegenſtände der Unter⸗ haltung berührt worden, ſondern auch Intereſſen der höchſten, Salvator. 97 ja der heiligſten Art, wozu der in Ausſicht ſtehende nahe Pfarrer⸗ wechſel den Anlaß gab. Ueber die Richtung, welcher der Ad⸗ junct Schrader angehörte, waren die Meinungen getheilt, und Jede— der junge Arnefeld ſchwieg natürlich— ſchien von der Richtigkeit der ihrigen feſt überzeugt. Frau von Arnefeld rühmte, daß der neue Prediger ſich vorzugsweis an das Ge⸗ fühl wende, von deſſen Wiederbelebung in der gegenwärtigen gefühlloſen Generation das ganze Heil der Zukunft abhänge; ihre Tochter ſprach von den ſcharf einſchlagenden Conſequenzen, mit welchen der Redner das Unhaltbare einer mit Dogmen ver⸗ ſchnörkelten Kirche im Lichte der Gegenwart darlege, ohne ſich doch bei der Abtragung dieſes unnützen Beiwerks zu überſtür⸗ zen; Emma hatte ſeinen frommen Sinn und ſeine herrliche Sprache, die ſo ſehr zu ſeinem Johanneskopfe paſſe, bewun⸗ dert; ihre Schweſter Fanny ſprach über die Begeiſterung ſeines Vortrags, die alle Hörer mit ſich fortreiße, und fand beſonders eine Verherrlichung der Natur darin, als der verſtändlichſten Offenbarung Gottes. „Das iſt auch meine Anſicht!“ ſagte der Huſar, welcher bis dahin ſchweigend zugehört hatte, ohne jedoch die Langeweile oder den Widerwillen zu verrathen, mit denen ſolche Geſpräche ſonſt von Weltkindern äufgenommen werden.„Je mehr wir bei der Natur bleiben, deſto vernünftiger werden wir leben. Etwas Unvernünftiges kann uns nicht zugemuthet werden. Ueberna⸗ türliche Dinge ſollen uns keine Kopfſchmerzen verurſachen, im Grunde giebt es gar keine, denn auch die Geiſterwelt hat ihre Natur und der Weltgeiſt die ſeinige. Sie haben mich vollſtän⸗ dig für Ihren Prediger gewonnen, wenm er ſich an die Natur hält, und ich werde ihn nächſten Sonntag hören.“ Salvator. I. 7 5 S S Salvator. „Er iſt wohl auch bei der myſteriöſen Verſammlung in der Seeſchenke?“ fragte Laura. „Nein,“ antwortete Emma Rheinberg.„Der Vater forderte ihn auf, mit ihm zu fahren, er entſchuldigte ſich aber damit, daß er nicht eingeladen ſei und den erkrankten Paſtor nicht gern verlaſſen wolle.“ „Wiſſen Sie, was eigentlich der Gegenſtand der Verhand⸗ lung dort ſein wird?“ fragte die jüngſte Rheinberg. „Keine Ahnung!“ erwiederte Frau von Arnefeld.„Nach Allem, was wir über den Oberſten von Haug gehört haben, mag es irgend eine Grille, ein wunderlicher Einfall ſein. Wir haben uns gegenſeitig bei unſern Beſuchen verfehlt und kennen uns daher gar nicht.“ „Auch wir kommen eigentlich nicht zuſammen,“ ſagte die älteſte Rheinberg.„Der Oberſt iſt ein großer, ſteifer Mann, der eine fürchterlich laute Stimme hat.“ „Ich kann ihn nur abſtoßend finden,“ ſetzte ihre Schweſter hinzu.„Weder intereſſant, noch liebenswürdig.“ „Ach! und ſo liebenswürdig können dieſe alten Herren ſein, es liegt nur an ihnen,“ ſprach Frau von Arnefeld.„Ich kenne mehrere hohe Militairs, die im Ruheſtande leben, wie ſind ſie Alle voll Aufmerkſamkeit und rückſichtsvoller Theilnahme, ſie beſchämen wahrhaft unſer jüngeres Geſchlecht— ja, Rudolph! Voch iſt Dein beſſeres Gefühl in dieſer Beziehung wach geblie⸗ ben, hüte Dich, es einzuſchläfern.— er Oberſt Haug iſt wohl nie verheirathet geweſen?“ „Doch!“ ſagte Fanny.„Er hat auch einen Sohn gehabt, mit dem Papa befreundet geweſen, der iſt aber todt. Mir hat es der alte Paſtor einmal erzählt.“ Salvator. 99 „Haben Sie den alten Herrn noch predigen hören?“ fragte Laura. „Einmal!“ erwiederte Fanny.„Es iſt lange her, aber ich entſinne mich noch genau, daß ich in einer unglücklichen Stim⸗ mung aus der Kirche kam. Wovon und wie er gepredigt hat, weiß ich freilich nicht mehr, denn ich war damals noch ein Kind, aber es iſt mir eine Erinnerung, wie an mächtige Hammer⸗ ſchläge oder Sprengen von Steinquadern.“ Laura ſah, von dem Bilde überraſcht, auf.„Das iſt für eine Predigt an verſtockte Gemüther gar nicht übel,“ ſagte ſie lächelnd.„Er iſt gewiß ſehr orthodox, der alte Herr.“ Damit fiel das Thema und es trat eine kleine Pauſe ein. Frau von Arnefeld ſah nach der Uhr und bemerkte, um wieviel ſie ihr Vorhaben überſchritten hatte, ſie ſprach ſcherzend, wie zornig ihr Gemahl ſie empfangen werde: daß er die ausge⸗ ſchriebene Verſammlung nicht beſucht, hatte ſie ſchon erzählt. „Ich wundere mich, daß Ihr Herr Couſin ſich hineinge⸗ ſtürzt hat,“ ſagte der Huſar,„da er doch angenehmere Stun⸗ den verleben konnte.“ Er ſtand neben der Blondine, welche ihm beſonders anziehend erſchien. „Das muß er wohl bezweifelt haben,“ Emma lächelnd. Unterdeſſen hatte Fanny auf den Wunſch der Frau von Arnefeld geklingelt, da ihr Sohn ſich in die blauen Augen ſeiner Nachbarin vertieft zu haben ſchien. Anne kam und er⸗ hielt den Befehl, den Wagen zu beſtellen. „Wiſſen Sie,“ ſagte Emma, nachdem ſich das Mädchen wieder entfernt hatte,„das iſt die Schweſter des Schiffers, mit welchem Sie das Unglück gehabt haben.“ „ 4 7 100 Salvator. „Des jungen Roland?“ rief Laura.„Sie ſieht ihm aber nicht ähnlich.“ „Das iſt mir lieb, zu erfahren,“ ſagte Frau von Arnefeld. „Der wunderliche Menſch hat ein kleines Douceur, welches ihm mein Mann durch Ihre gütige Vermittelung ſchickte, wie Sie wiſſen, ausgeſchlagen— ſo können wir es an ſeiner Schweſter einigermaßen gut machen.“ Sie nahm Geld aus ihrer Börſe. „Laß mich das thun, Mama,“ ſagte der Huſar und hielt ihr die hohle Hand hin. „Nein, nein!“ rief Laura mit einem Blicke des Vorwurfs. „Ich werde das ordnen.“ Die Mutter gab ihr auch gleich das große Geldſtück, welches ſie dem Mädchen zugedacht hatte, und Laura wußte es bei der Abreiſe, wo Anne wiederum zu ihrer größten Verlegenheit behüflich ſein mußte, auf eine liebreiche und ſchonende Art zu reichen, ſo daß die Schifferstochter, welche ihre Augen aus Furcht und Scham vor dem fremden Herrn nicht von der Erde zu heben gewagt, bei dem freundlichen Wort, das die Gabe des Fräuleins begleitete, hell zu ihr auf⸗ ſah. Sobald nun der Beſuch fort und einer von den übrigen Dienſtboten zu Hauſe war, lief ſie gleich mit Erlaubniß in das Dorf hinunter, um ihrer Mutter das Geld zu bringen. In der Eile, mit welcher ſie nur vor ſich hinſah, hätte ſie faſt den Herrn Adjunet nicht bemerkt, welcher auf der kleinen Bank unter der alten Ulme ſaß vor dem Schraderſchen Thor⸗ wege. Er rief aber ihren Namen und bannte ſie dadurch auf der Stelle. Sie erſchrak förmlich vor ihm. „So eilfertig, Anne? Und wovor erſchrickſt Du? Ich will nicht fürchten, armes Kind, daß Du ſchon Urſache haſt, vor meinem Anblicke zu erſchrecken.“ Salvator. 101 ½ Sie ſtammelte eine ungeſchickte Entſchuldigung und ſagte ihm die Urſache, weshalb ſie zu ihrer Mutter eile. „Geld? Haben Sie Dir Geld geſchenkt?“ verſetzte der Ad⸗„ junct.„Und Du willſt es nicht für Dich behalten?“ „Sie braucht's grade ſo ſehr— ich brauche es nicht,“ ant⸗ wortete Anne „Lege keinen Werth auf das Geld, bleibe dabei!“ gelR— er.„Laß Dich nie von dieſem blanken Schein oder von Din⸗ gen, die einen äußern Putz und Glanz haben, verblenden.— Anne, Du haſt etwas auf dem Herzen, daß Du mir nicht mehr in die Augen ſehen kannſt, wie ehedem. Und das iſt ſchon am erſten Tage Deines Aufenthalts unter— Jenen! Haſt Du Dich über irgend etwas zu ſchämen? Noch wird Dein Gefühl Dir nicht wehren, dem Freunde Alles zu ſagen: Du haſt es mir verſprochen, Anne.“ „Ach ja, Herr Magiſter. Und es iſt auch weiter nichts!“ Im Widerſpruch mit dieſer Rede traten ihr wiederum die Thrã⸗ nen bei der Erinnerung an den Auftritt im Vorſaal in die Au⸗ gen: es war ſeltſam, bei manchem Zuſammentreffen mit Bur⸗ ſchen aus dem Dorfe oder jungen Schifferknechten war ſie ſchon rohern Scherzen begegnet und hatte ſie lachend zurück⸗ gewieſen, aber nie hatte ſie dabei das Gefühl der Erniedrigung gehabt, was ſie bei dem Benehmen des vornehmen und glän⸗ zenden Herrn überfallen hatte; ſie konnte die Begegnung nicht einmal im Zuſammenhange erzählen, und der Adjunct mußte ſie halb errathen. Zwiſchen ſeinen Brauen furchte ſich die Falte, welche tiefes Denken und Sinnen ausgeprägt hatte, noch tiefer hinab, 102 Salvator. zund ſeine für gewöhnlich ſanften Augen funkelten in einem feindlichen Blitzen. „Es iſt nun einmal nicht anders, ſie können es nicht, ſie müſſen uns verachten!“ ſprach er in einem aus der Bruſt leiſe aufgrollenden Tone.„Nicht ihnen allein ſei die Schuld darum aufgebürdet, wir tragen mit und tragen ſie ſchon Jahrtauſende lang, mehr als ſie.— Kind, du ſollſt Dich nicht weiter darum betrüben, als die Sache werth iſt. Ich ehre Dein Gefühl“— er legte ihr die Hand auf das geſenkte Haupt—„bewahre es immer ſo, und verſprich mir wiederholt, daß Du mir von Allem, was Dir auch begegnen mag, getreulich erzählen wirſt— ver⸗ ſprich das Deinem Freunde, Anne.“ Sie legte ihre kleine harteHand zwiſchen die ſchlanken, weichen Finger des Adjuncts, in deſſen Augen ſich jetzt auch eine Rüh⸗ rung bemerkbar machte, der zu widerſtreben er ſich nicht bemühte. „Wenn Du mir erſt etwas verſchweigſt, ſo werde ich glau⸗ ben, daß Du Dir ſelbſt etwas vorzuwerfen haſt, daß Du nicht mehr ſo brav und rein biſt, als Du jetzt vor mir ſtehſt.“ Er ſagte das mit väterlichem Tone, und in ſeiner ganzen Haltung, ſo jung er ſelbſt war dem jungen Mädchen gegen⸗ über, lag nichts, das den Vorübergehenden, welche das an der offenen Dorfſtraße ſtehende Paar beobachten konnten; auffallend geweſen wäre. Die Leute waren es auch an dem alten Paſtor, ſo lange er noch rüſtig war, gewohnt, daß er mit Jedem ſprach und ſich um alle kleinen Beziehungen des Einzelnen in Freud' und Leid wohlmeinend kümmerte. „Nun geh', Anne,“ ſagte der Adjunct,„bringe Deiner Mutter das Geld. Es geht nicht gut mit dem Verdienſt Deines Salvator. 103 Bruders?“ Sie erzählte ihm betrübt, wie wenig er jetzt mit aller Mühe verdienen könne. „Es wird beſſer werden,“ tröſtete er ſie.„Glaube mir, es wird eine Zeit kommen, und ſie iſt vielleicht nicht mehr fern, wo das Lvos der Armuth ein menſchlicheres ſein wird. Arbei⸗ ten wir daran, mein Kind, auch Ihr könnt viel thun— worüber ich noch weiter ſprechen werde zu rechter Zeit und am paſſenden Orte.— Noch Eins: war Deine Herrſchaft, ich meine den Kammerherrn mit ſeinem Reffen, ſchon zu Hauſe?“ „Noch nicht,“ ſagte Anne. „Noch nicht!“ wiederholte er gedankenvoll. Dann reichte er dem Mädchen zum Abſchiede die Hand und ſah ihr nach, wie ſie im erneuten Laufe, um die Verzögerung einzuholen, nach dem Ufer des Sees eilte. Sein Bruder, welcher im vollen Sonntagsſtaate aus dem Hofe kam, ſtörte ihn in ſeinen Ge⸗ danken. Heut war der Bauer in zufriedener Laune, aber ſeine Luſtigkeit machte ihn faſt noch unerträglicher, als die gewöhn⸗ liche grobe und durchfahrende Manier, die ihm eigen war. Es war ein ſeltſames Zuſammenleben dieſer beiden ſo verſchiedenen Brüder, eine ſelbſtauferlegte Prüfung für den Einen, der ſich keiner Demüthigung, welche ſie mit ſich brachte, entzog, wäh⸗ rend auch dem Andern, dem Hauswirthe, der gelehrte Gaſt, mit dem er ſich nicht mehr verſtändigen konnte, oft ſehr zur Laſt fiel. Im Ganzen aber that er ſich etwas darauf zu gut, daß der Mann Gottes, welcher alle Einwohner für ſich hatte, ſein Bruder war. „Na, Fritze,“ ſagte er, ihn fühlbar auf die Achſel ſchla⸗ gend,„nun wird's Zeit, an die Quarre zu denken. Wenn die 104 Salvator. Pfarre da iſt, muß auch die Quarre bald nachkommen. Haſt Du Dir ſchon was ausgeſucht?“ „An mich ſelbſt und eine Häuslichkeit für mich kann ich erſt denken, wenn höhere Pflichten erfüllt ſind,“ erwiederte der Adjunct.—„Haſt Du meine Bitte erfüllt, den Armen, welche heut ihren erſten Sonntag ohne den Vater begehen—“ „Die haben vollauf!“ unterbrach ihn der Bauer.„Von Reſſen hat die Herrſchaft ſchon zweimal herübergeſchickt— es iſt liederliches Volk, ſie verdienen's gar nicht.“ „Arbeit aber kannſt Du doch den beiden Söhnen und der Tochter geben, Anton.“ „Ich brauche jetzt keine Tagelöhner— und das Volk mag ich erſt gar nicht, ſie ſtehlen, wie die Raben.“ „Aber wenn wir uns unter einander nicht helfen und auf⸗ richten, ſo wären wir ja glücklicher unter der alten Leibei⸗ genſchaft!“* „Waren wir auch!“ ſagte der Bauer.„Wenn da Einer verhagelte oder der Hof brannte ab, wer mußte vor den Riß ſtehen? Die Herrſchaft! Jetzo giebt Einem kein Menſch was, und Du verlangſt immer, daß man den Beutel gar nicht zumachen ſoll. So'n liederliches Volk, das nicht weiß, wovon es leben ſoll, müßte eigentlich gar nicht im Dorfe gelitten wer⸗ den, wir Bauern ſollten ihnen die lumpigen Paar Aecker und die Hütten abkaufen und ſie rausjagen.“ „Und wo ſollten ſie hin, wenn die Menſchen in andern Dörfern und Gegenden eben ſo dächten, wie Du?“ „Das geht uns nichts an!“ ſagte der Bauer trotzig. Der Bruder ſah ihn durchdringend an.„Alſo Geld wollt ihr ihnen nicht geben und Arbeit auch nicht. Wenn ſie nun Salvator. 105 zur Verzweiflung getrieben, um nicht zu verhungern, neh— men, was ihr ihnen verweigert?“ „Oho!“ rief der Bauer, die Arme in die Seite ſtemmend. „Dafür giebt's Gendarmen und Zuchthäuſer!“ „Dieſe haben nicht überall ſchützen können, wo die Maſſe ſich zu Gewaltthaten erhob. Haſt du nicht gehört, wie es früher in manchen Ländern zugegangen iſt, wie die Reichen, welche ihr Ohr und ihr Herz der Bitte verſchloſſen, ſich dann um Alles gebracht ſahen und obenein der furchtbarſten Volks⸗ wuth zum Opfer fielen?“ „Weiß das Donnerwetter, was Du Einem immer die Brühe verſalzeſt! Man ſollte gar nicht mehr mit Dir reden. Nun thue ich's erſt recht nicht!“ Er drückte ſich den Hut in die Stirn und ging ohne Gruß mit ſtarken Schritten nach dem Wirthshauſe, um ſich den Aerger zu vertrinken. 8. Der Abend brach ein, als ſich die Verſammlung in der Seeſchenke trennte. Wagen der verſchiedenſten Gattung wur⸗ den angeſpannt, die Kutſcher ſchrien und lärmteen, ſie hatten ſich während der langen Verhandlung gütlich gethan, ange⸗ bundene Reitpferde ſtampften und wieherten, hier ſaßen ſchon einzelne der Herren auf, dort wanderten Andere mit Stock und Hut in entgegengeſetzten Richtungen davon, hier ſtanden noch Gruppen und ſtritten ſich erhitzt— aus den endlich geöffneten 106 Salvator. Fenſtern der Schenke aber dampfte der Tabaksrauch in dicker Strömung und miſchte ſich mit den abendlichen Dünſten, die aus dem See aufſtiegen. Der Kammerherr und ſein Neffe waren die Letzten, welche von dem Oberſten von Haug, der allein noch zurückblieb, Ab⸗ ſchied nahmen.„Viel Köpfe, viel Sinne!“ ſagte Rhein⸗ berg mit ſeinem leiſen, freundlichen Tone.„Ich habe nicht erwartet, daß wir uns einigen würden.“ „Aber der Gegenſtand iſt doch ſo wichtig!“ rief der Oberſt, deſſen dunkles Geſicht noch tiefer als gewöhnlich gefärbt war. „Es ſteht Alles auf dem Spiele, die Gegenwart und die Zu⸗ kunft! So klar, ſo unwiderleglich iſt die Sache— drei Schritt über die Schwelle können Jeden davon übetzeugen. Ich hätte doch geglaubt, daß man ſich über die Gefahr nicht verblenden würde, und wenn man ſie erkannt hat, daß man nicht in bloßen ohnmächtigen Klagen ſich erginge—“ „Ihre Worte werden nicht verloren ſein, Herr von Haug,“ ſagte der Kammerherr. Laſſen Sie nur den Leuten Zeit, ſich zu beſinnen. Dann kommen wir auch zu etwas Praktiſchem, was helfen kann.“ „Was allein helfen kann, iſt ſo klar, wie der Himmel über dieſen Nebeln, die ihn für eine Zeitlang verſchleiern. Wenn aber die Menſchen nicht hören wollen, ſo müſſen ſie fühlen, und unſer Herrgott, von dem ſie nichts mehr wiſſen und um den ſie ſich nicht mehr kümmern, wird endlich mit einem Donner⸗ keil drunter ſchlagen, daß ſie ihn wieder erkennen lernen. Ich fange an zu glauben, daß es nicht anders mehr geht.“ „Wir müſſen in gelaſſener Stimmung mehr über dieſe allerdings ſehr beunruhigende Angelegenheit ſprechen,“ ſagte Salvator. 107 der Kammerherr.„Darf ich nicht bald einmal auf Ihren Be⸗ ſuch rechnen?“ „Ich bin ein alter Uhu, ein ungeſelliges Thier,“ erwie⸗ derte der Oberſt.„Ihre lieben Herzensmädchen würden ſich vor mir erſchrecken, nehmen Sie mir die grade Sprache nicht übel. Aber wenn Sie eine Spazierfahrt nach Rackwitz machen wollten und meinen braven jungen Kameraden hier mit⸗ bringen, ſo würde es mir eine große Freude ſein.“ „Auch ohne dieſe freundliche Einladung wäre ich gekom⸗ men, Herr Oberſt,“ ſagte der jüngere Rheinberg. „Sie ſind mein Mann. Sehen Sie, Kammerherr, das iſt ein junger Officier und ſieht doch wahrhaftig nicht aus wie ein Träumer und Kopfhänger, aber er hat auch Sinn für ernſte Dinge. Wir werden uns näher kennen lernen— Sie haben doch noch Urlaub?“ „Der geht zwar zu Ende, indeſſen werde ich nicht abrei⸗ ſen, ohne in Rackwitz geweſen zu ſein.“ Ein derber Handſchlag des Oberſten bekräftigte das Ver⸗ ſprechen, Rheinbergs fuhren fort, und Haug ließ ſich von dem Wirthe ſein Pferd geben, auf welchem er langſam, mit ſeinem Tagewerke ſehr unzufrieden, nach Hauſe ritt. Wenn er hätte hören können, was zur ſelben Stunde auf allen Wegen zwei Meilen in der Runde über ihn geſprochen wurde! Die Mei⸗ ſten, welche ſeiner Einladung gefolgt waren, ließen ihm freilich die Gerechtigkeit widerfahren, daß er es in beſter Abſicht gethan, aber ſie machten demungeachtet ihre Gloſſen, und nicht die wohlwollendſten über ihn, denn es erſchien ihnen zu wunder⸗ lich, daß ein alter Soldat mit ſolchen Gedanken umging, wie er ſie offen ausgeſprochen hatte. Auch Rheinbergs beſprachen 108 Salvator. auf ihrer Heimfahrt die Angelegenheit, und der Kammerherr, in ſeiner milden Weiſe, konnte zwar nicht über den Oberſten ſo herb ſpotten, wie es von manchem Andern geſchehen mochte, aber er lächelte doch über das große Geheimniß, zu dem ſie eingeladen worden waren, und noch mehr über die Löſung einer die ganze Welt bewegenden Frage, welche der Oberſt, nachdem er all' die widerſtreitenden Meinungen gehört, ange⸗ geben hatte: eine Löſung, die man eher im Munde eines Miſ⸗ ſionspredigers als in dem eines alten, mit Narben gezierten Kriegers geſucht hätte. Wie ſtaunte nun der Kammerherr, als ſein Neffe, ein junger, lebensfroher Soldat, dieſelbe Anſicht ganz ernſthaft für die ſeinige erklärte: es war weit gekommen mit dem Militairſtande, der lange Frieden und die Proſely⸗ tenmacherei mußten das verſchulden. „Du haſt wohl noch nicht ſoviel Erfahrung, Leo,“ ſagte der Onkel. „Ich lebe mit offenen Sinnen und laſſe mich nicht durch äußere Widerſprüche verblenden oder betäuben. Die Frage ſteht ſehr einfach: Es iſt wachſende Noth, furchtbar wachſen⸗ des Elend vorhanden, das Mißverhältniß zwiſchen Beſitz und Lebensgenuß auf der Seite und Armuth und Entbeh⸗ rung auf der andern— „Aber, Leo, hat es denn dergleichen nicht zu allen Zeiten gegeben?“ unterbrach ihn der ungeduldige Kammerherr. „Unzweifelhaft!“ ſagte Leo.„Aber es iſt den niedern Klaſ⸗ ſen jetzt fühlbarer geworden, man hat es ihnen zum Be⸗ wußtſein gebracht, hat ihnen die ſchimmernde Hoffnung einer Ausgleichung gezeigt!“ 5 „Ja, die Elenden, welche das gethan, haben es ſchwer zu Salvator. 109 verantworten! Aber was fruchtet all' dies Reden, dies Aengſt⸗ lichmachen, wenn man es doch nicht ändern kann! Blos um uns zu ſagen, daß viel Noth und Jammer in der Welt iſt und täglich mehr die Verarmung zunimmt, brauchte uns der gute Oberſt nicht zuſammen zu rufen, das weiß ein Jeder. Wie konnte er glauben, daß bei ſo verſchiedenen Anſichten eine vernünftige praktiſche Idee durchgreifen würde! Hält er ſeine Idee dafür?“ „Dieſe Idee muß durchgreifen, denn ſie iſt die einzige, von welcher die Rettung zu erwarten iſt.“ Der Kammerherr war nicht geneigt, darüber einen wei⸗ tern Meinungskampf zu führen, aber kaum zu Hauſe angekom⸗ men, wo ſie ſchon mit Beſorgniß erwartet wurden, ſah er ſich von Neuem hinein verwickelt. Die Frauen wollten natürlich wiſſen, was in der Verſammlung abgehandelt worden ſei, und Leo trug es kurz und bündig vor. Das Elend der niedern Klaſſen, welches grade in dieſer Gegend, wo mehrere kleine Fabrikſtädte lagen, immer mehr um ſich griff, war der Gegen⸗ ſtand der Verhandlung geweſen, und es war auch hier die Frage aufgeſtellt worden: wo eine Hülfe zu finden ſei. „Es hat ſie auch hier, wie überall, Niemand beantwortet,“ ſagte die jüngſte Rheinberg. „Doch, liebe Coufine. Sie iſt ſchon an manchem Orte beantwortet worden, nur daß man nicht hören will— ſie iſt auch hier beantwortet.“ „Durch Sie?“ fragte Fanny ſpöttiſch. „Wenn auch nicht durch mich, ſo doch mit meiner innigſten Uebereinſtimmung durch den Oberſten von Haug.“ „Wie lautet das Zauberwort, das mächtige, von welchem urplötzlich Elend in Glück verwandelt werden ſoll?“ * 440 Salvator. „Ich könnte es ausſprechen, Couſine, aber ich will Sie nicht beſchämen— denn ſo leichtfertig, ich möchte faſt ſagen leichtſinnig, Sie jetzt von einem namenloſen Jammer ſprechen, halte ich Sie doch für— anders, für beſſer, als Sie ſich zeigen.“ „Sie ſind ſehr artig!“ ſagte Fanny verletzt. „Kinder, warum dieſer Unfrieden!“ ſprach der Kammer⸗ herr, die Hand ſeiner Tochter ergreifend.„Man kann es ja ruhig berichten, was der Oberſt für eine Meinung aufgeſtellt hat. Die einzige Hülfe, ſagte er, iſt in der Religion. Wenn die Menſchen nicht wieder zum alten Glauben unſter Väter zurückkehren, ſo ſind alle andern Verſuche, ihnen zu helfen, unnütz; auf religiöſem Gebiete, ſagt er, liegt die einzige Löſung der Frage.“ Fanny wollte darauf etwas erwiedern, aber ſie war noch verſtimmt über die herben Worte, welche Leo an ſie gerichtet hatte und verſchmähte es, in ein Geſpräch einzugehen, das ſie wieder mit ihm in Austauſch von Gedanken bringen mußte. Zwar fühlte ſie, daß ſie von dem Worte, wenn er es ausge⸗ ſprochen hätte, beſchämt worden wäre, aber zum Entgegenkom⸗ men verſtand ſich ihr ſtolzer Geiſt, auch wenn er ſich im Un⸗ recht wußte, niemals. Ihr fehlte ein gar ſchöner Schmuck des Weibes. An ihrer Statt griff nun Emma, welche unterdeſſen in aller Ruhe den Thee beſorgt hatte, in die Unterhal⸗ tung ein und ſagte, daß man den Sielitzern grade den Vor⸗ wurf der Gottloſigkeit nicht machen könnte, das bewieſe ſchon die ſtets überfüllte Kirche. Leo bemerkte, daß der Onkel ihn aufmerkſam fixirte, er erwiederte alſo mit etwas er⸗ höhtem Tone:„Das beweiſt gar nichts. Beſonders unter den Salvator. 111 jetzigen Verhältniſſen nichts. Doch ich will Euren Liebling nicht weiter angreifen: er iſt ein Damenprediger.“ „Wenn er mit in der Verſammlung geweſen wäre, hätten Sie vielleicht jetzt ein anderes Urtheil über ihn,“ ſagte Emma. „Der Vater ſollte ihn einmal zu uns einladen, damit Sie ſich mit ihm ausſprechen könnten.“ „Ich zweifle nicht,“ ſagte Leo,„daß ich bei einem Mei⸗ nungskampfe mit ihm äußerlich den Kürzern zöge: ſeiner Dia⸗ lektik bin ich nicht gewachſen. Ich weiß aber, daß mich Nie⸗ mand, er mag mit noch ſo glänzenden Redekünſten begabt ſein, in meiner feſten Ueberzeugung irre machen kann. Dieſe habe ich nie verläugnet. Nach einer Disputation mit Herrn Schra⸗ der trage ich kein Verlangen, da ich eben ſo wenig ihn zu ge⸗ winnen erwarte: durch Reden wird überhaupt Niemand mehr überzeugt, dazu gehören ganz andere Dinge.“ „Wunder!“ warf Fanny dazwiſchen. „Ja, liebe Couſine, erwiederte Leo.—„Doch ich ſehe, dem Onkel ſind unſere Erweiterungen des Themas nicht ange⸗ nehm, wir wollen es daher auf ſich beruhen laſſen. Eine Zeit wird kommen, die uns volle Aufklärung giebt, wer geirrt, wer Recht gehabt hat. So, mein Onkel, nun ſind wir fertig.“ „Du thuſt mir Unrecht, lieber Neveu, wenn Du glaubſt, daß ich von dieſem Thema nicht gern reden höre,“ verſetzte der Kammerherr.„Ich beſchäftige mich gar oft und viel damit. Nur thut es mir weh, wenn über eine Sache, die an und für ſich ſchon traurig genug iſt, ein gereizter und bitterer Ton ent⸗ ſteht, wie wir ihn heut bei der Verſammlung hören mußten und wie er als ein Nachhall zwiſchen Euch hier erklingt. Ich ver⸗ miſſe die Schonung, die man ſich gegenſeitig ſchuldig iſt. Dar⸗ 112 Salvator. um wäre es für heut allerdings am beſten, wenn wir uns nicht weiter in dieſe dunkle Frage Erzählt uns von Eurem Beſuche, Kinder.“ So rollte denn das Geſpräch wieder auf glattem Boden dahin, und es war nicht hier allein, ſondern faſt in allen Häuſern, welche heut Beſucher in die Seeſchenke geſchickt hat⸗ ten, daß man ſich möglichſt raſch der Eindrücke entſchlug, die der alte Oberſt durch ſeine ſchauderhaften und leider aus dem wirklichen Leben gegriffenen Schilderungen gemacht hatte. So viel ſtand feſt, eine zweite Verſammlung zu gleichem Zweck brachte er nicht wieder zu Stande. Die Menſchen fliehen vor unangenehmen Wahrheiten und ſchlagen Warnungsſtimmen nur zu gern in den Wind: ſie leben ſo glücklich, die Sonne ſcheint, Alles iſt heiter in ihrer unmittelbaren Nähe, warum ſoll es nicht morgen und weiterhin eben ſo ſein! Die Wolken, die ſich am Horizonte thürmen, werden nicht heraufkom⸗ men oder ſich in andern Gegenden entladen, die Vorzeichen trügen, die Gefahr iſt nicht da. O das Mährchen vom Strauß, mit welchem Unrecht belacht ihr das! Steckt ihr die Köpfe nicht auch in's Geſträuch und denkt, wenn ihr die Gefahr nicht ſeht, wird ſie an euch vorübergehen? Schlecht ging es der Armuth in dieſer Gegend, vielleicht noch ſchlechter als anderswo. Die alten Territorialverhält⸗ niſſe waren der Art geweſen, daß bei der Auseinanderſetzung nur wenige der bäuerlichen Grundſtücke ihre Beſitzer, bei tüch⸗ tiger Bewirthſchaftung, reich machen konnten, eine weitere Zerſtückelung der meiſten hatte auch hier ihre böſen Früchte ge⸗ tragen, doch war hierbei die Exiſtenz noch nicht gefährdet. Aber die Beſitzloſen, das zahlreiche Fiſcher- und Schiffervolk, Salvator. 113 das an dem See wohnte und durch die veränderten Conjunctu⸗ ren und Handelswege ſich um ſeinen Etwerb verkürzt ſah— vor Allem in den kleinen Fabrikſtädten, wo jedes Jahr mehr Elend brachte! Kümmerlich von einer Meſſe zur andern ſich friſtend, von geborgtem Gelde das Rohproduct theuer, weil in kleinen Quantitäten eingekauft, die Arbeit mittelmäßig, mit den größern Fabriken, denen die Fortſchritte aller Länder, die geſteigerte Arbeitskraft, die trefflichſten Maſchinen zu Gebot ſtehen, gar keiner Concurrenz fähig, auf der Meſſe kein Ab⸗ ſatz, ſondern ſpöttiſcher Tadel der Waare, umſonſt gethan die Reiſe, zu den alten Schulden neue gemacht für den theuren Aufenthalt in der großen Stadt, wo Alles ſich wie Blutegel an die Meßfremden hängt, um ſich von ihrem Mark auf vier Monate zu ſättigen, und nun mit der verachteten Arbeit, auf welche der verblendete Kleinbürger mit freudigem Stolze ge⸗ ſchaut, heimkehrend, wo die Familie ihn mit ängſtlichem Har⸗ ren, aber doch in Hoffnung erſehnt hat, nicht wiſſend, wovon er ſie nun erhalten, wie er ehrlich das geborgte Geld wieder bezahlen ſoll: es bleibt nichts übrig, als das Meiſterſtück, das er vor zwanzig Jahren, vielleicht noch länger, gefertigt, zu vergeſſen und wieder als Geſell bei einem Andern zu arbei⸗ ten, dem es in kurzer Friſt ebenſo geht. Nur der Fabrikherr, der mit ſolidem Anfang und kluger Benutzung ſeiner raſch wachſenden Mittel eine Macht in der Gegend geworden iſt, ſteht unerſchütterlich, er muß jährlich bauen, ſein Geſchäft er⸗ weitern, in ſeinen Werkſtätten ſchwillt alljährlich die Zahl der Männer und Frauen, Buben und Mädchen, das jammervolle Geſchlecht, verurtheilt zum E Elend, immer tiefer ſinkend in Ent⸗ ſittlichung— noch hat dies Proletariat der Provinzen jenen Salvator. I. 8 114 Salvator. Abgrund der Verworfenheit nicht erreicht, der ſich in mehr als einer Schicht der Bevölkerung großer Städte dem entſetzten Blicke kund giebt, aber es wird ihn erreichen, und dieſer Ab⸗ grund wächſt wie der auf dem Forum zu Rom, von welchem die Sage des Marcus Curtius berichtet. Der Oberſt machte dieſen Vergleich, als der jüngere Rhein⸗ berg bei ihm war und Beide, wie natürlich, den kürzlich ab⸗ geriſſenen Faden wieder aufnahmen. „Sehen Sie hier!“ Aus einem Schranke nahm er einen kleinen Stahlſtich, der in meiſterhafter Ausführung von Le Keulv den Sprung des Marcus Curtius darſtellte. Mir iſt ſchon oft bei dem wachſenden Abgrunde, der Alles zu verſchlin⸗ gen droht, dieſe alte Geſchichte eingefallen— vielleicht, weil ich dies Bild ſo oft angeſehen habe. Mein Sohn hat es mir ein⸗ mal geſchenkt und ein gutes engliſches Gedicht, das zur Erklä⸗ rung dabei war, in's Deutſche überſetzt. Ich hab' es geſtern erſt wieder geleſen— wollen Sie eine Stelle, die hieher paßt, hören?“ Rheinberg bat darum, und der Oberſt las mit ſeiner dröh⸗ nenden Stimme, ſchlecht genug vom äſthetiſchen Standpunkte, aber eindringlich, einige Verſe des Gedichtes vor. „Sehen Sie, mein junger Kamerad, ſo iſt es grade bei uns,“ fuhr er dann fort, indem er das Blatt in den offenen Schrank zurückwarf.„Sie bringen genug zuſammen, um die Kluft des Elends zu füllen und zu ſchließen, Geld und Sachen, allerlei Rathſchläge und Troſt, aber den edelſten Schatz wiſſen ſie nicht zu finden und, was noch ſchlimmer iſt, ſie erkennen ihn nicht dafür.“ — 85 M v— v— N M — Salvator. 115 „Hier paßt dann das Bild nicht mehr,“ ſagte Rheinberg. „Hineingeſtürzt, begraben darf er doch nicht werden.“ „Er ſoll allerdings mitten unter die Verſunkenen ſich hin⸗ ablaſſen,“ verſetzte der Oberſt,„daß ſie ſich aufrichten an ihm und mit ihm wieder zu Tage kommen, und ſo zum Glücke. Aber laſſen wir die Bilder. Sie werden ganz andere zu ſehen bekommen: die Pferde ſind geſattelt, wir können reiten.“ „Ihr Herr Sohn hat das ſchöne Gedicht aus dem Engli⸗ ſchen überſetzt?“ fragte Rheinberg unterwegs. „Mein edler, unglücklicher Sohn,“ ſagte der Oberſt. „Er iſt todt?“ „Ich glaube es,“ war die Antwort, welche den weitern Fragen Einhalt gebot. Dem jungen Officier ſchwebte eine dunkle Erinnerung vor, als habe er von einem Haug eine un⸗ glückliche Verwickelung erzählen hören, wo? das wußte er aber ſo wenig, als er ſich der Geſchichte ſelbſt zu entſinnen vermochte. Es war lange vor ſeiner Zeit geſchehen, und der Oberſt, das ſah er, wünſchte nicht weiter davon zu ſprechen. Die beiden Reiter, ohne alle Begleitung, verfolgten ihren Weg eine lange Weile ſtumm. Ihre Erſcheinung, wenn ſie ein Dorf paſſirten, erregte einige Neugier, Bewunderung keines⸗ wegs— den Oberſten kannten Viele, Leo hatte Civilkleidung angelegt und ſich dadurch, wie er zuweilen in heiterer Laune ſagte, ſeiner einzigen äußern Empfehlung entkleidet. Er war eher häßlich als ſchön zu nennen, ſein Geſicht durch eine große Naſe vogelartig gebildet, welcher Ausdruck noch durch ein Paar ziemlich rund geſchnittene Augäpfel mit Sternen vom dunkelſten Braun verſtärkt wurde, ſeine Geſtalt war breit⸗ ſchultrig, groß, in den untern Rippen breit, ſo daß ihm nach 8* 116 Salvator. Fanny's Neckerei die Hauptſache fehlte: die Taille. Zu Pferde nahm er ſich ganz unvortheilhaft aus, er diente bei den Fuß⸗ truppen und hatte wenig Gelegenheit, zu reiten. Selbſt die Bauermädchen, welche der Hufſchlag lockte, über den Zaun zu blicken, machten ihre Bemerkungen deshalb; denn wenige Minuten vor dem langſam daherkleppernden Paare war ein ganz andrer Reiter dieſelbe Straße gekommen, wild, wie ein Sturmwind, auf einem brauſenden Schimmel, deſſen Mähnen und Schweif wie Fahnen flatterten, ach und der Reiter ſo prachtvoll und ſo wunderhübſch! Den holen die Beiden nicht ein! Sie hatten auch gar nicht die Abſicht. Von einer Höhe, wo ſich eine weite Umſicht bot, hatten ſie ihn reiten ſehen, und Rheinberg wußte, daß es der junge Arnefeld war, der ohne Zweifel ſeinen Beſuch in Sielitz wiederholen wollte, ſie aber ritten nicht dorthin, ſondern bogen beim nächſten Scheidewege in ganz anderer Richtung ab. Der Oberſt wollte ſeinem jungen Freunde, ſo nannte er ihn, zeigen, daß Alles, was er neulich geſchildert hatte, in ſeiner ungeſchickten Darſtellung noch weit hinter der Wirklichkeit zurückblieb, um durch ihn in den Kreiſen, welche davon nichts hören wollen und deshalb auch nichts davon glauben, die ſchauerliche Wahrheit weiter zu tragen, deren Erkenntniß grade dort durch gewiſſe Schrif⸗ ten ganz verhindert wird. Wir meinen die Unterhaltungs⸗ ſchriften, die ſich zur Aufgabe geſtellt zu haben ſcheinen, das „Volk“ zu ſchildern, wie es nicht iſt, die alle Tugend und Redlichkeit, Hochherzigkeit und Poeſie den niedern Schichten der Geſellſchaft zuſchreiben und die höhern, welche ſie mit bit⸗ term Haſſe betrachten, als durchaus verrottet und bis in den Kern faul und verdorben darſtellen, Schriften, welche das Salvator. 117 Elend der niedern Klaſſen in ſeiner vollen ſchauderhaften Nackt⸗ heit zwar enthüllen, aber nicht um Hetzen zu thatkräftiger Hülfe zu gewinnen, ſondern um den Grimm der Partei auf⸗ zuſtacheln und alle Schuld dieſer entſetzlichen Zuſtände den Bevorzugten und den Regierungen aufzuladen. Was wird dadurch erreicht? Grade diejenigen, welche bei einer richtigen Erkenntniß der Noth und ihrer Urſachen helfen könnten, ſie fühlen ſich abgeſtoßen durch eine Lectüre, in welcher ſie ſelbſt mit den giftigſten Schmähungen angefallen werden, und werfen ſie fort, um ſich lieber an einem Schriftſteller ihrer eignen Fär⸗ bung zu erholen, der wahrſcheinlich wieder die Gegner nicht ſchont, wenn er auch andere Waffen braucht. So geht der Nutzen, den jene Schilderungen haben könnten, verloren, und ſie bewirken nur eine ſchärfere Spaltung. Der Name des Ver⸗ faſſers, die Firma der Buchhandlung genügt gegenwärtig ſchon, um Werke ungeleſen beiſeit zu werfen, man hatte den erſtern ſonſt lieb, aber ſeit der verhängnißvollen Zeit ärgert man ſich nur, wenn man von ihm lieſt— alſo hinweg mit ihm! Sein Publikum mag ſich an ihm freuen, es wird Al⸗ les wahr und ſchön finden, was er ſagt, aber es gilt nicht, die Partei von ihrer eignen Ueberzeugung zu unterhalten, es gilt, wenn man es ehrlich meint und ein warmes Hetz für die Leiden des Volkes hat, aller Welt leidenſchaftslos und wahr zu zeigen, wie es iſt, worin die Urſachen liegen, und welche Hülfe möglich iſt. Das kann, das ſoll auch der Dichter. Je objectiver, je freier von Gehäſſigkeit, deſto wirkſamer— näm⸗ lich für ſeine Ueberzeugung, nicht ſchaukelnd nach dem Winde und der Fluth, aber auch dem Gegner ſein Recht laſſend und das Ideal nicht in Parteifarben angethan, ſonſt wird es zur Lüge. 118 Salvator. Eine Wahrheit giebt es freilich nur, aber ihr Ideal iſt nicht im vieldeutigen, biegſamen, irdiſchen Rechte zu ſuchen, ſon⸗ dern es ſteht im ewigen Licht verklärt. Wer dies erkannt hat, der wird auch im Kampfe der Meinungen nicht zweifelhaft blei⸗ ben und, ſoviel Ausgangspunkte es auch giebt, doch den einzigen Weg, in welchen die richtigen Pfade münden, nicht verfehlen. Hat der Stolz und die Selbſtſucht aber ein Irr⸗ licht für das ewige Ideal gehalten, dann führt es auf Irrwege — und, wo der Eigenſinn die Umkehr verſchmäht, in den Ab⸗ grund. Darum ſind in unſern Tagen ſoviel Propheten, Sy⸗ ſtematiker, Doctrinaire zu Schanden geworden—„an der Conſequenz quand méme verunglückte Tendenzbäre“ nannte ſie Rheinberg. „Waſchbäre meinetwegen,“ verſetzte der Oberſt, welcher die Anſpielung auf ein bekanntes geniales Werk nicht verſtand. „Rein waſchen können ſie ſich doch nicht— ſie mögen gehören zu welcher Sorte ſie wollen. In der allgemeinen Verſumpfung, die wir ſehen, hat Jeder von dem ſpritzenden Schlamm, wo ſo viel Tauſende wie die Fröſche hineinſpringen, etwas abbekom⸗ men, geſtehen wir's nur, daß wir Alle nicht viel taugen, ſonſt hätte es gar nicht ſo weit böſe werden können. Die Schuld liegt nicht auf einer Seite. Die radicalen Schriften, von denen Sie ſprachen, habe ich zwar nicht geleſen—“ „Sehen Sie wohl?“ rief Rheinberg.„Selbſt ein Mann, der ſich ſo lebhaft dafür intereſſirt, wie der Noth Einhalt zu thun ſei, hat ſich nur einer einſeitigen—“ „Erlauben Sie,“ unterbrach ihn der Oberſt gelaſſen,„ich habe auch die andern nicht ſtudirt, bin alſo in dieſer Beziehung vielmehr keinſeitig. Nach der Natur iſt mein Studium.“ S Salvator. 119 „Das iſt ein ſehr geiſtreiches Werk, es enthält vortreffliche Schilderungen der Zuſtände, welche aus jahrelanger Anſchau⸗ ung dem Verfaſſer—“ „Hert!“ ſagte der Oberſt, ſich in den Bügeln aufrichtend. „Was ſagen Sie da? Der Verfaſſer der Natur? Sind Sie auch von dieſer Peſt des Witzelns über das Heilige angeſteckt, ſelbſt Sie?“ „Wir verſtehen uns nicht,“erwiederte Rheinberg raſch. Ich glaubte, Sie wollten von einem vielgeleſenen Werke ſprechen, das Nach der Natur“ heißt und—“ „Ah! Das habe ich zufällig auch geleſen, das heißt den Theil, welcher grade auf unſer heutiges Vorhaben paßt, ich meine den zweiten. Ich wollte, es wäre von allen Bemerkun⸗ gen, von allen Raiſonnements befteit, dann könnte es von außerordentlicher Wirkung ſein— es ginge ein Hauptreiz viel⸗ leicht verloren, aber gewiß auch unendlich viel, was der Ver⸗ faſſer in zwanzig Jahren, wenn er ſein Buch wieder liest, ſelbſt als falſch und haltlos, oder als ungerecht erkennen wird. Doch das liegt in der Zeit und ihrer Richtung, die den Compaß verloren hat.“ „Ich meine, ſie würde ihn allmälig wieder gewinnen, wenn erſt das Bewußtſein recht lebendig würde, daß es eine thörichte Hoffnung iſt, ohne ihn aus den wilden Strudeln der Klippen, zwiſchen welche wir gerathen ſind, zu kommen. Aber der Ge⸗ danke, die Menſchheit könne aus ſich ſelbſt den Retter, der ihr das tauſendjährige Reich des Heils bringen wird, erzeugen, iſt zu ſchmeichelhaft für ihre Eitelkeit, um ihn ſo leicht fallen zu laſſen, die Selbſtvergötterung läßt es nicht zu. Wir entrüſten uns über die alten Imperatoren, die ſich zu Göttern erklären 120 Salvator. ließen, wir ſpotten eines Dalai Lama, und nehmen keinen An⸗ ſtand, auch uns für einen Theil der das All durchdringenden Gottheit zu halten, ja wir gehen noch weiter, indem wir ver⸗ künden, Gott verdanke eigentlich ſein Daſein uns, denm erſt, indem wir ihn denken, ſei er in uns geboren. Entkleidet man die philoſophiſche Puppe von ihrem Flitterſtaat, ſo wun⸗ dert man ſich oft, wie vernünftige Menſchen mit dem Aberwitz ſpielen können.“ „Um dieſe Geſchichten habe ich mich nie bekümmert, ich würde ſie nicht einmal verſtehen, denn ſie ſind in einem Roth⸗ welſch geſchrieben, das nur die Sippſchaft capirt. Aber daß ſie mit all' ihrem Läugnen unſern Herrgott nicht wegdisputiren und daß ſie ihm auch nicht entgehen, weiß ich. Ehe die Men⸗ ſchen aber Gott den Herrn wieder erkannt haben, wird's nicht beſſer, das gilt von Arm und Reich. Wem's ſchwerer wird, das ſteht noch dahin. So viel weiß ich aber auch, daß Einer, der im zähen Moraſte ſteckt, eine Hand braucht, um ihn wieder heraus zu heben: mag's nun Unglück oder Schlechtigkeit ſein, von ſelbſt kommen wir ſo leicht nicht wieder heraus. Die Hand kommt allemal von Oben.“ „Wie muß dieſe feſte Ueberzeugung Sie in allen Lagen des Lebens geſtählt haben!“ ſagte Rheinberg. „Sie will gewonnen ſein,“ antwortete der Oberſt und ſchwieg. Salvator. 121 9. Sehr verſtimmt kam Leo wieder nach Hauſe. Welche An⸗ ſchauungen hatte er gewonnen! Manche Dame, die in ihrem eleganten Boudoir, umgeben von tauſend Ueberflüſſigkeiten eines raffinirten Luxus, nachläſſig und bequem ruhend auf der ſchwellenden Chaiſe⸗longue, in einer Atmoſphäre von feinem und wohlthuendem Arom, das zierlich eingebundene Buch mit der weißen Hand, die es vor das Auge hielt, geſenkt, um ſich einen Moment von den ergreifenden Eindrücken zu erholen, welche ſeiner Zeit Eugen Sue oder ein anderer franzöſiſcher Schriftſteller durch ſeine Schilderungen ſocialen Elends auf ihn gemacht— manche Dame, welche bei flüchtiger Zeitungs⸗ lectüre auf etwas Aehnliches aus der Wirklichkeit ſtieß und die Stelle ſchnell überſprang, um ſich nicht durch gräßliche Bilder zu„deprimiren,“ was würde ſie fühlen, wenn ſie auf einmal mitten in eine Scene verſetzt würde, deren poetiſche Schilderung immer eine pikante Anziehungskraft beſaß, oder deren proſaiſchen Bericht ſie vermeiden konnte! Die Zeit der„Myſterien“ iſt vor⸗ über, wir haben ihr nie gefröhnt. So verſchonen wir auch hier die Leſer mit der Ausmalung all' der erſchütternden oder widerwärtigen Bilder, welche Leo in Begleitung des Oberſten geſehen hatte. Er ſelbſt verſchonte die Familie ſeines Onkels auch damit. Seine Verſtimmung konnte er jedoch nicht verbergen, und da er den Ausflug, welchen er von Rackwitz aus mit dem alten Haug gemacht hatte, überhaupt nicht berührte, ſo glaubten die Mädchen, die ſeine getrübte Laune bemerkten, er habe bei dem wunderlichen Manne ſelbſt irgend eine Unannehmlichkeit ge⸗ 122 Salvator. habt, und quälten ihn mit Fragen, deren ablehnende Antwort ſie wenig befriedigte. Leo war nit ſich einig, daß er durch einen treuen Bericht ſeiner heutigen Erfahrungen hier nur Traurigkeit verbreiten könne, auch darüber, daß man außer Stande ſei, nach Herzenswunſch zu helfen. Beſonders die jüngſte Rheinberg hatte ſchon in ihrer Kindheit einen bis zur Leidenſchaftlichkeit gehenden Hang, Armen und Leidenden zu helfen, ſie konnte die heißeſten Thränen über ſie vergießen, und zog ſich von ihren Eltern manche Zurückweiſung zu, wenn ſie dieſelben um Gaben für Bedürftige bis über die Grenzen der Möglichkeit hinaus beſtürmte. Die Mittel des Kammerherrn waren ſeit jener Zeit noch mehr geſchmolzen, wozu hätte es alſo geführt, ſeinem wohlwollenden Herzen Zuſtände, die er ihren allgemeinen Umriſſen nach ſchon kannte, mit ihrem ſchauerlichen Detail näher zu ſchildern, da es ganz außer ſeiner Macht lag, eine Abhülfe zu bringen? Freilich mußte aber ein Grund der ſo auffallenden Verſtimmung angegeben werden, und Leo konnte ohne Unwahrheit ſagen, daß er unwohl ſei— er war noch mehr als das, er war krank— am Herzen! Was nun die weibliche Theilnahme und Sorge für ihn that, nahm er freundlich hin, und die Geſellſchaft, welche ſonſt immer die Abende in anziehenden Geſprächen verlebt hatte, trennte ſich früher als gewöhnlich und nicht in ſo friedlicher Herzensruhe. Auch der Kammerherr hatte den Seinigen etwas verhehlt, was ihm bittere Sorge bereitete. Ein anſehnliches Kapital, wvrelches auf ſo ſicherer Hypothek ſtund, daß er nie an Kündi⸗ gung gedacht hatte, war heut durch den Gläubiger, welcher eine anderweitige Verwendung deſſelben beabſichtigte, gekün⸗ digt worden. Zu andern Zeiten wäre es ein Leichtes geweſen, — Salvator. 123 bei dem Ueberfluß an Geldern im laufenden Verkehr und dem hohen Werthe, den der Grundbeſitz vor Kurzem noch hatte, die Summe ju ſchaffen, jetzt ſtand Alles anders. Die Unſicherheit der öffentlichen Zuſtände, die Gefahr, welche ſchon allem Be⸗ ſitz gedroht hatte, machte die Geldmänner mit ihren Kapitalien zurückhaltender, es hielt ſehr ſchwer, auf Grundſtücke, welche ohnehin bedeutend im Preiſe geſunken waren, ein Darlehn, ſelbſt bei dreifacher Sicherheit, zu erlangen. Rheinberg glaubte allerdings noch durch ſeinen Geſchäftsführer in der Hauptſtadt, welcher ihm mit wahrer uneigennütziger Freundſchaft ergeben war, das benöthigte Kapital aufzutreiben, aber wenn dieſe Hoffnung dennoch ſcheiterte? In der ſchlafloſen Nacht, welche ihm das Kündigungsſchreiben bereitete, ſchwebten ihm ſo viel erſchreckende Beiſpiele aus neuerer Zeit vor, wo um viel klei⸗ nerer Summen willen Familien, die man für ganz wohlhabend gehalten hatte, um ihr ganzes Vermögen gekommen waren, daß er von Stunde zu Stunde ſein Herz banger klopfen fühlte. Das Gut Sielitz war verſchuldet faſt bis zu drei Vierteln ſeines jetzigen Werthes— bei einer guten Bewirthſchaftung, wenn keine beſondern Unglücksfälle eintraten, hatte die Fami⸗ lie zwar noch ein ganz anſtändiges Auskommen, obgleich auf einem beſcheidenen Fuße; ſobald aber ein Verkauf eintreten mußte, wenn es Rheinberg nicht gelänge, das gekündigte Ka⸗ pital zu decken, war nicht daran zu denken, daß auch nur die Höhe der eingetragenen Kapitalien erreicht würde, und die Familie beſaß dann im eigentlichen Sinne des Worts gar nichts mehr, ſie waren Bettler! Als der unglückliche Mann bis zu dieſem entſetzlichen Gedanken gelangt war, lief es wie ein Feuerſtrom durch ſeine zitternden Glieder, und er ſah nichts 124 Salvator. mehr, als ſeine geliebten beiden Kinder, verlaſſen, gemißhan⸗ delt unter Fremden! Der Morgen weckte ihn aus einer dumpfen Betäubung, in welche er zuletzt geſunken war, und klar und blau, wie drau⸗ ßen der Himmel lachte, ſah das liebevolle Auge ſeiner älteſten Tochter auf ihn nieder: ſie war, verwundert über des Vaters ungewöhnlich langen Schlaf, zu ihm gegangen und neckte ihn mit der gntmüthigen Laune, welche ſie immer ſo reizend klei⸗ dete. Da waren die Schrecken der Nacht von ihm genommen, wie ſchwarze Wolken vor der Sonne fliehen, er fühlte ſich wie⸗ der in Sicherheit, noch war ja nichts geſchehen, als was jedem Grundbeſitzer täglich geſchehen kann und worauf er gefaßt ſein muß. Er ſtand beruhigt auf und war beim Frühſtück mit den Seinigen ganz in ſeiner alten fteundlich heitern Laune. Erſt als er an ſeinen Schreibtiſch ging, um die nöthigen Schritte für das Geſchäft zu thun, beſchlich ihn wieder die Sorge, welche er aber mit leichter Ueberlegung verſcheuchte. Als der Brief an den Sachwalter abgegangen war, fühlte er ſich ganz frei. Eine Einladung nach Reſſen nahm einen der folgenden Tage in Anſpruch, es war zugleich der letzte, welcher Leo noch hier vergönnt war, da ſein Urlaub zu Ende ging. Von dem Oberſten hatte er ſchon Abſchied genommen, der alte Herr war nicht in Sielitz geweſen, ſondern hatte ihn dringend noch ein⸗ mal zu ſich eingeladen, wo er mit ihm ſo Vieles, das ihm auf dem Herzen lag, beſprochen und ihn zuletzt mit der Verheißung entlaſſen hatte, ihn einmal in der Reſidenz, ſeinem Garniſons⸗ orte, außzuſuchen. In Reſſen wehte eine andere Luft: für Leo war der Tag ein reicher Anlaß zu Charakterſtudien. Das Fa⸗ milienverhältniß, wie er es hier ſah, konnte ihm unmöglich ge⸗ — Salvator. 125 fallen, es fehlte der Geiſt, welcher Alles zuſammenhält. Der Vater, dem der ungeſtörte Genuß des Lebens das Höchſte war, die Mutter in ihren Siegwartsgefühlen verſchwimmend, der Sohn, ein lärmend wilder, ſehr niedlicher Officier, von dem ſich vorläufig nicht viel mehr ſagen ließ, und ſeltſam damit contraſtirend die kaltverſtändige Laura, jedes Glied der Fa⸗ milie ging ſeinen eigenen Weg. Leo beobachtete ſtumm, er fand wenig Anlaß, ſich in die glatt hinperlernde Unterhaltung zu miſchen, er war überhaupt ein ſehr ſchlechter Geſellſchafter, weil er bei Geſprächen, die ihn nicht intereſſiren konnten, Stunden lang ſchweigend zuhörte, ohne auch nur eine Silbe zu äußern— recht läſtig konnte er dadurch werden, beſonders wenn er zuweilen ſtill vor ſich hinlächelte. Da er überdem häßlich war, ſo hatte er ſchon bei jungen Mädchen, die ſein Schweigen verkannten, manche ſpöttiſche Bemerkung hervorge⸗ rufen— hätten ſie es wiſſen können, welcher überlegene Geiſt ihnen gegenüberſtand, und daß er es nur um ihrer Geiſtlo⸗ ſigkeit willen verſchmähte, mit ihnen zu ſprechen, wie wür⸗ den ſie vor ihm erſchrocken ſein! Aber ſie hatten nichts zu fürchten— ſein Sinn war auf andere Dinge gerichtet als auf ein Witzgefecht mit unreifen Mädchen. Laura hatte ihn ſeit der Begegnung auf dem Kirchplatze nicht wieder geſehen, es war natürlich, daß ſie, als der Anlaß zu einer Unterhaltung mit ihm ſich bot, dort anknüpfte. Aber des Vaters Gegenwart hinderte überhaupt ein tieferes Ein⸗ gehen in jede Angelegenheit von ernſterm Charakter, viel we⸗ niger hätte er ein Geſpräch über heilige Dinge ungeſtört ge⸗ laſſen— er verſtand es, eine ganze Geſellſchaft zu beleben, dann konnte er fein und liebenswürdig ſein, und wenn er auch 126 Salvator. die Frivolität, die ſein Weſen ganz durchdrungen hatte, nie ſo zu beherrſchen verſtand, daß ſie nicht in einzelnen Blitzen her⸗ vorleuchtete, waren doch ſeine Anſpielungen nur den Erfah⸗ renen deutlich. Für ihn war es ein Reiz mehr, daß er den unſchuldigen Gemüthern unverſtändlich blieb und doch die Mütter ängſtigen konnte, er werde allzu deutlich werden: gegen die Seinigen legte er ſich leider keinen Zwang darin auf. Heut fiel jener Reiz fort, darum war er vielleicht weniger witzig, aber nicht unterlaſſen konnte er es, die ernſte Wendung, welche die Unterhaltung durch die Schuld ſeiner Tochter zu nehmen drohte, ſofort zu hindern, indem er den jungen Geiſtlichen, welcher das allgemeine Intereſſe der Damen für ſich hatte, zum Ge⸗ genſtande ſeiner heitern Laune machte. Die Damen ſchaarten ſich, ihn zu vertheidigen, der Kammerherr lachte, und Leo, der gleich wieder verſtummte, richtete ſein prüfendes Auge auf Laura, welche mit einer beſondern Wärme für den Adjunct ſprach. Sie fand, daß er jedenfalls ein bedeutender Menſch ſei, und ſprach es muthig aus, indem ſie ihrem Vater vorhielt, daß er ur⸗ theile, ohne ihn jemals geſehen zu haben. „Wohlan!“ ſagte Arnefeld.„Ihr macht mir Neugier, näher hinzuſchauen. Ich werde nächſten Sonntag mir die Ehre ſeiner Gegenwart an meinem Tiſche erbitten, wenn er nicht ſchon anderweitig verſagt iſt.“ „Es fragt ſich, ob er kommen wird!“ erwiederte Laura. „Du meinſt, weil er mich für einen Kirchenverächter an⸗ ſieht und es alſo für ſündlich hält, mit mir an einem Tiſche zu eſſen! Wäre ich ein alter Celibataire, wie unſer Nachbar in Rackwitz, ſo glaube ich, Du könnteſt Recht haben, aber da ich zum Glück ein beneidenswerther Gatte und dito Vater Salvator. 127 bin— Dich nehm' ich dabei aus, Rudolph!— ſo befitze ich einen Doppelmagnet, der mir wohl die Gunſt verſchaffen wird, des ſchönen Predigers Bekanntſchaft zu machen. Sie werden mir doch nicht Intriguen dagegen ſpielen, meine Damen?“ wandte er ſich an die Rheinberg'ſchen Schweſtern. Emma verſicherte lachend, daß ſie den blaſſen Adjunct gar nicht ſchön finde, Fanny ließ ſich auf den Scherz nicht ein. Frau von Arnefeld wußte durch ein Album, das ſie mittlerweile von der Marmorconſole geholt hatte, das Geſpräch zu unter⸗ brechen, das dann nicht wieder auf dieſen Gegenſtand zu⸗ rückkam. Dafür nahm es beim Thee durch den Herrn vom Hauſe eine Richtung, welche in Leo's Bruſt ſehr ſchmerzliche Erinne⸗ rungen weckte. Wiſſen Sie, daß meine Laura unter die Soeurs grises oder barmherzigen Schweſtern gegangen iſt?“ fragte er.„Staunen Sie nicht, wenn Sie meine Tochter bald in einer Diakoniſſen⸗Anſtalt ſehen. Sie macht ſchon Vorſtu⸗ dien dazu, und ich kann ſie in ihrem Berufe nicht hindern.“ Laura hatte vor einigen Tagen die Familien beſucht, deren Verſorger ſie mit eigenen Augen bei dem Gewitter auf dem See hatte verunglücken ſehen. Sie erklärte dadurch des Vaters Reden und brach ihnen durch ein Paar flüchtige Bemerkungen über das, was ſie dort geſchaut hatte, die Spitze ab. Auch Fanny war mehrmals dort geweſen, ſo hülfreich, als ſie eben vermochte, ſie äußerte Vorwürfe gegen ihre Freundin, daß ſie ihr nichts davon habe ſagen laſſen, überhaupt ſich nicht auf dem Schloſſe gezeigt habe. „Was denken Sie?“ rief Arnefeld. Meine Tochter hat mehr als eine Pflicht in Ihrem Dörflein zu erfüllen, ihre Pie⸗ 128 Salvator. tät iſt vielfach in Anſpruch genommen— bedenken Sie doch, daß ein Orlando ihr Leben gerettet hat und jeglichen Lohn verſchmähte, als den er von ihr ſelbſt empfangen würde. Du haſt ihn verabfolgt, läugne es nicht länger. Des Gefühls ſchäme ſich Niemand, ſagt Deine Mama.“ Eine roſige Gluth lief plötzlich über Laura's Wangen.“Ja, Papa, ich war dort und habe es Dir, wie Allen, S intereſſirte, geſagt. Des Schiffers Mutter lebt in große r⸗ muth“ 4 Für Leo, dem ihre Bewegüng nicht entging, lag in dem Zwiſchenfall eine ganze Geſchichte, welche ihn, er wußte ſelbſt nicht warum, verſtimmte. Denn Laura hatte ihm durchaus kein tieferes Intereſſe eingeflößt, er fand ſie klug und inter⸗ eſſant, aber vom Herzen ſchien ihr kein warmer Lebensſtrom zu fließen, Alles, was ſie ſprach, war ihm wie kaltes Spiel des Verſtandes. Um ſo verletzender kam der Gedanke in ſeine Seele, det Gedanke des Argwohns, zu dem ſie nun Anlaß gab, daß ſie vielleicht ein herzloſes Spiel mit der Seelenruhe eines einfächen, gegen ſein Gefühl nicht gewaffneten Menſchen treiben könne. Er fand ſie nun in einem ganz andern Lichte ſtehend und ſuchte kein Wort mehr mit ihr zu wechſeln. Laura mußte es bemerken, daß er ſie vermied. Ihr ſtolzes Auge maß ihn jetzt einige Mal,— wie unvortheilhaft ſtellte ſich der junge Edelmann ihr dar! Nehmt dieſer bäuriſchen Geſtalt die goldgeſtickte Uniform, die ihr allein noch einiges Anſehn giebt, und werft ihm dafür ittel eines Arbeiters oder die Schifferjacke über— wer wird in ihm etwas mehr ſuchen, mehr auch in geiſtiger Beziehung? Ihre geſchäftige Phantaſie wollte die Parallele noch weiter ſpinnen, einen umgekehrten N 129 Salvator. Fall ſetzen, aber ſie hielt ihr ſtreng die Zügel. Von all' dem, was in Beider Seelen vorgehen mochte, hatten die Andern nichts gemerkt, der Tag war ihnen höchſt angenehm entflogen, Frau von Arnefeld war ganz enchantirt von der echtritterlichen Courtoiſie des Kammerherrn und empfahl ihn noch vor dem Gutenachtkuß ihrem ausgelaſſenen Sohne zum Muſter, dieſer hatte ſich mit der Blondine, bei welcher all' ſeine Kindereien die beifälligſte Aufnahme fanden, herrlich unterhalten, und Fanny war nicht von ihrer Laura Seite gewichen. Herr von Arnefeld aber verglich ſich dem Meiſter vom Stuhle, der Alles geregelt hatte. „Nun, Herr Nachbar, wir handeln doch noch einmal um Sielitz!“ Damit entließ er den Kammerherrn, welchem er da⸗ durch auf der Heimfahrt viel zu denken gab. „Willſt Du im Ernſt das Gut kaufen?“ fragte am folgen⸗ den Morgen Frau von Arnefeld ihren Gatten, mit welchem ſie immer allein frühſtückte. „Jetzt freilich nicht,“ antwortete er, ſich in ſeinem Seſſel dehnend,„aber wenn mein Papa das Zeitliche geſegnet hat.“ „Wer weiß, ob Rheinbergs ſich bis dahin halten,“ ſagte ſie.„Es ſollte mich wahrhaft betrüben, dieſe guten Menſchen in trauriger Lage zu ſehen, jedesmal, wenn ich daran denke, möchte ich weinen.“ Sie weinte aber nicht, im Gegentheil ſchien ihr der Kuchen zu ihrem reichlich zugemeſſenen Kaffee ganz beſonders zu munden. „Mich ſollte es auch ärgern, denn ich habe die Idee, das ganze Seeufer an mich zu bringen, wenn mein Papa geſtorben iſt. Er muß ein coloſſales Vermögen hinterlaſſen. Das ganze 9. Salvator. l. Salvator. Beſitzthum, wenn es ein ſo bedeutender Ste gen den iſt, verwandelt ſich dann leicht in— „Nur kein Majorat, muß ich bitten!“ unterbrach ihn die Gattin.„Die größte Ungerechtigkeit wäre das gegen Deine Tochter.“ Fällt mir auch gar nicht ein,“ verſetzte er.„Ich meinte, ſie in eine Standesherrſchaft, an welcher der Grafentitel hängt, zu verwandeln. Dann eine erbliche Pairie damit verbunden. Du Frau Gräfin von Arnefeld, oder laſſen wir der ganzen Herrſchaft einen Namen geben, den auch wir führen. Laura ſoll keineswegs ein armes Fräulein vom See bleiben, ſondern eine von den höchſten Freiern begehrte Erbin. Und wie kann unſer kleiner Huſar dann in der Welt auftreten!“ Jetzt kamen der Dame wirklich Thränen in die Augen, ſie rechtfertigte dadurch glänzend den Ausſpruch, welchen einſt Frau Schramm, die geweſene Amme ihres Gatten, über ſie ge⸗ than hatte. Worüber mochte ſie eigentlich jetzt weinen? Die bedrängte Lage der benachbarten Familie war a v ſchon in den weiteſten Kreiſen bekannt. Es liegt darin ſtets eine große Gefahr für den Credit. Daß Rheinbergs im Aeu⸗ ßern den Anſtand aufrecht hielten, daß ihr Haus gaſtfrei war, konnte die allgemein verbreitete Annahme, welche durch ihr i im Ganzen eingezogenes Leben beſtätigt wurde, nicht entkräften. Von derſelben Vortheil zu ziehen, verſchmähten die ſpeculati⸗ ven Köpfe der Umgegend nicht. Rheinberg brauchte mehr als einmal baares Geld und ſchloß deshalb manchen Holz⸗ und Getreidehandel ab, wie er ſchlechter hier zu Lande noch nicht erhört worden war. So beraubte er ſich auch der Hülfsquellen für die Zukunft, indem er auf zwei, drei Jahre voraus losſchla⸗ Salvator. 131 gen mußte, mit Abzug bedeutender Zinſen und Proviſionen. Die Gütermäkler ſahen ihn bereits für reif an, noch ehe er ſelbſt eine Ahnung davon hatte. In Sielitz wurde es nach Leo's Abreiſe ſehr ſtill. Der Vater hatte ſein freundliches Geſicht zwar nicht verändert, aber in ſeinem Blicke lag nur zu oft ein Ausdruck, welchen die äl⸗ teſte Tochter in ihrer Harmloſigkeit zwar nicht bemerkte, der aber der jüngſten nicht entging. Vater, Du biſt wohl krank?“ hatte ſie mehr als einmal gefragt, war aber immer darüber be⸗ ruhigt worden. Daß alſo ein innerer Gram die Urſache zu dieſen traurigen Blicken ſein mußte, ſchien ihr auch dadurch gewiß, daß ſeine Zärtlichkeit gegen ſie und ihre Schweſter in mancher Stunde bis zu unmännlicher Weiche ſtieg. Der Schwe⸗ ſter vertraute Fanny zwar ihre Beſorgniſſe, aber dieſe begriff nicht, wie ſie ohne Grund ſich quälen könne, und ſo wurde ſie mehr und mehr auf ſich ſelbſt gewieſen. Denn einer fremden Seele ſich zu erſchließen, etwa Laura, welcher ſie ſonſt von ihren kleinen Erlebniſſen mehr etzählte als ihrer eignen Schwe⸗ ſter, hätte ſie nicht über ſich vermocht. Die glaubte ſich, ſo jung ſie war, ſtark genug, Alles zu tragen, was ihr beſchie⸗ den war. Von Reſſen hörten ſie lange nichts, auch in der Kirche ſahen ſie Niemand von dort. Emma hatte ſchon einen Anflug von Bitterkeit, ihrem ganzen Weſen ſonſt ſo fremd, wenn ſie von Arnefelds ſprach, denn nach⸗ der übertriebenen Aufmerk⸗ ſamkeit, die ihr geweiht worden war, hätte ſie eine ſolche Ver⸗ nachläſſigung nie erwartet. Der Verkehr zwiſchen beiden Fa⸗ milien, ſeit Reſſen in dieſen neuen Beſitz übergegangen, war aber nie ein ſo lebhafter geweſen, daß er eine förmliche Erkun⸗ 9* 132. Salvator⸗ digung gerechtfertigt hätte. Der Kammerherr hatte wohl andere Sorgen, die ihn beſchäftigten. Endlich erfuhr Fanny zufällig, daß in Reſſen etwas in der Familie vorgefallen ſei, in deſſen Folge der Sohn plötzlich zu ſatteln befohlen und das elterliche Haus verlaſſen habe.„Woher weißt Du das?“ fragte ſie das Hausmädchen, deren Erzählung ſie im Vorübergehen gehört hatte. Anne nannte ihren Bruder, welcher es geſtern mitge⸗ bracht. Mehr wußte ſie nicht, und Fanny verſchmähte es, wei⸗ tere Erkundigungen einzuziehen. Was nun der junge Schiffer erfahren, mochte es wahr oder verfälſcht ſein, das legte er in einem Briefe nieder, welchen er eines Abends nach großartigen Vorbereitungen zu einem ſo ſchwierigen Geſchäft an ſeine Großmutter ſchrieb. Er hatte ſich dazu bei dem Adjunct, ſeinem alten Spielgenoſſen, Pa⸗ pier und eine Feder borgen wollen, dieſer nöthigte ihn aber, gleich in ſeiner Stube zu ſchreiben, wo er ungeſtört ſei, legte ihm Alles zurecht und ſetzte ſich dann, mit ernſten Studien be⸗ ſchäftigt, ihm gegenüber. Roland hatte Recht gehabt, als er ſeiner Großmutter ver⸗ ſicherte, daß er das Rudern beſſer verſtehe als das Schreiben — auch nahm er ſich weit beſſer dabei aus. Wenn er in ſei⸗ nem Kahn ſtand, den er ſo gewandt führte, als der ſicherſte Reiter ſein Roß, wie frei und kühn war ſeine Haltung und ſein Blick— über den Bogen Papier gebengt, der ſeit einer Viertelſtunde des erſten Buchſtaben wartete, an der langen Fe⸗ der kauend, deren Fahne er ſchon zur Hälfte abgebiſſen hatte, mit dem ſorgenvollen Geſicht eines Grüblers, konnte er Mit⸗ leid erregen. Fehlt Dir noch etwas, Karl?“ fragte der Ad⸗ junct, ohne zu lächeln. Salvator. Der Anfang,“ ſagte Roland kleinlaut. Schrader half ihm aus der Noth. Als das Eis einmal gebrochen war, ging es beſſer, bald glättete ſich die beinah kummervolle Stirn und die Feder fing an, ſich ihrer urſprüng⸗ lichen Beſtimmung bewußt zu werden, ſie flog über das Papier, alle pedantiſchen Rückſichten auf Orthographie oder gar Satz⸗ bau verachtend. Nach den erſten gewöhnlichen Redensarten über gegenſeitiges Wohlbefinden hieß es in dem Briefe unge⸗ fähr ſo: wir entkleiden die Stelle natürlich ihrer Buchſtaben⸗ freiheit und geben ſie verſtändlicher. „Was ſie in Reſſen machen, will ich Sie ſagen, ich bin geſtern dort geweſen. Der Junge hat ſich mit ſeinem Vater ge⸗ zankt, der iſt geweſen auf die Entenjagd und unſere Anne hat er geſehen, die iſt Rohr ſchneiden geweſen. Hat uns nichts ge⸗ ſagt, bewahre, in Reſſen hab' ich Alles gehört von die Vehlitzen ihre Schweſter. Da iſt der Alte mit ſeinem Kahn hingefahren,— pfänden, ſagt er, aber ſie hat nicht geſtohlen, denn wir können dort Rohr ſchneiden, und iſt nicht einmal ſeines. Ach, herz⸗ liebſte Großmutter, war ich dabei, aber ein Unglück hätte es gegeben. Die Anne vor Furcht war doch auf's Land geſprun⸗ gen und kriegen ſich die Beiden im Kahne das Zanken— da⸗ drum, ich weiß nicht, aber der Junge iſt nun fort. Und die Fräulein hat ſich zwei Tage eingeſchloſſen, die Alte aber weint noch, ſagt die Muhme. Ich wollte, Großmutter, die Fräulein gern ſehen, weil's mir leid that, bin auf ein Baum geklettert, das will ich Sie nicht erſt erzählen. Auf dem Hofe ſind viel Schafe krepirt, aber der Alte lacht dazu, denn ſie haben Geld wie Heu. Unſer Paſtor iſt wieder geſund—“ hier blickte der Schreiber, einem natürlichen Ideengange folgend, raſch auf 134 Salvator. und begegnete dem Auge des Adjuncts. Fehlt Dir der Schluß?“ fragte dieſer gleich und lächelte jetzt, vielleicht um zu verbergen, daß er ſich ertappt fühlte. Aber der ehrliche Schiffer dachte nicht daran, daß man Geſchriebenes verkehrt leſen könne. „Ja, es iſt auch genug,“ ſagte er, und nahm die Formel, welche ihm der Gelehrte mittheilte, dankbar auf. Dieſer mußte ihm den Brief noch falten, zuſiegeln und adreſſiren, dann nahm er ihn mit ſich fort, um ihn nach der Seeſchenke zu tragen, wo die Fahrpoſt anhielt, um die Correſpondenz der Gegend zu be⸗ ſorgen. Der Adjunct, ſobald er allein war, überließ ſich ganz dem Eindrucke, welchen die ſo eben geleſenen Worte auf ihn ge⸗ macht hatten. Er ging heftig auf und nieder und ſteigerte ſo die hochgehende Fluth ſeiner Aufregung. „Noch müſſen wir dulden,“ dachte er,„noch ſind wir recht⸗ los den Andern gegenüber. Das ganze Füllhorn, das über ſie ausgeſchüttet iſt, genügt ihnen noch nicht— uns ſoll nichts pleiben, nichts als das nackte Daſein, ſo lange es dem Jam⸗ mer widerſteht, ſie ſtrecken die Hand nach jedem Blümlein aus, das etwa auf unſerm Pfade ſprießen will, uns mit ſeinem Schmelz und Duft zu erfreuen. Was ſollen wir auch damit! Blumen find Lurus der Natur, der Luxus aber in jeder Ge⸗ ſtalt iſt der Reichen Monopol. Unſer Loos iſt Ackern und Mühen für ſie, wir dürfen nichts unſer eigen nennen, nicht einmal unſte innerſte Ueberzeugung, ſogar den Glauben zeichnen ſie uns vor. O wär' ich dieſer Demüthigung enthoben, die ich in täglicher Heuchelei trage! Das Aergſte wurde mir zwar im letzten Momente, da ich faſt meine Schmach beſiegelt hätte, erſpart, aber wer ſteht mir dafür, daß nicht morgen Salvator. 135 der alte fanatiſche Mann wieder auf den Gedanken kommt, ſich einen Predigtentwurf vorlegen zu laſſen, der nicht enthalten kann, was er darin fordert? Was mir ein leerer Schall, eine Formel iſt, muß ich es denn bekennen und anbeten? Sie ſa⸗ gen wohl, dann lege Dein Amt nieder; kann ich es denn, wenn der Geiſt, der in mirſeine Siegesfackeln glorreich entzündet hat, mir befiehlt, mich dieſes Amtes zu bedienen, um ſein heiliges Feuer in alle Welt zu tragen, damit ihre grellen Widerſprüche gelöſt und befriedigt werden? Kann ich zurück in die Dämme⸗ rung, mag ſie auch ſo poetiſch, ſo zauberſchön ſein, wie die um den Hochaltar im Mailänder Dom geſchildert wird, kann ich zurück in die Dämmerung, wenn ich das Licht erkannt habe? Das Licht, ſagen ſie, kommt, wie aller Segen, von Oben! Und das Volk glaubt es ihnen, obgleich es täglich ſehen kann, wie die Sonne erſt aufgeht und nach Oben ſteigt, wie der Se⸗ gen der Feldftucht aus der Tiefe, wo das Samenkorn ruht, emporwächſt, wie aller Anfang zu großen Dingen klein ſt der Thau, der Regen, wo iſt ihr Urſprung? Die Weiſen, welche die Völker erleuchtet und ſelig gemacht haben, waren ſie nicht alle aus der Niedrigkeit erſtanden? Betrachtet die Wenigen, welche, im Purpur oder auf den Höhen des Lebens geboren, jenen Beinamen trugen, nur näher, fragt euch, ob ſie bemerkt worden wären, wenn ſie nicht als Fürſten oder Große dage⸗ ſtanden! Warum hofften die Inden Jahrhunderte hindurch vergeblich auf den Meſſias? Weil ſie ihn erwarteten mit Herr⸗ lichkeit angethan! Und wahrlich, ſo lange wird auch unſer Volk, das unglückliche, vergeblich harten auf ſeinen Meſſias, ſeinen Salvator, ſo lange es noch in gläubiger Gewohn⸗ heit nach Oben und nicht vertrauend in ſeiner eignen Mitte Salvator. umherblickt. Aus ſich ſelbſt, durch die Erzeugungskraft, die ihm ungeſchwächt inne wohnt, muß es den Salvator gebären, es muß ihn an ſeiner Bruſt groß ziehen, und wenn die Zeit gekommen iſt, hoch auf ſeinen Schild emporheben, daß er ſeine Miſſion vollbringe!“ Die Augen des jungen Geiſtlichen glänz⸗ ten von einem Strahl der Begeiſterung, er hatte ſein Haupt mit den wallenden Locken hoch aufgerichtet und ſtreckte die Rechte weithin aus, als wolle er einer zahlloſen Gemeinde den Segen ſpenden. 10. Der Brief des jungen Schiffers traf die Großmutter, als ſie eben beſchäftigt war, ihre Toilette zum Mittag zu machen. Sie ſtand vor dem großen Spiegel in dem Zimmer ihres Herrn, welcher ausgeritten war, und glättete mit Hülfe einer kleinen, in feines Nußöl getauchten Bürſte ihr ſilbergraues Haar.„Viel Briefe?“ fragte ſie, ohne ſich umzuſehen, den Be⸗ N. „* dienten, deſſen Eintritt und Geſchäft ſie durch den Spiegel wahrgenommen hatte. Vier an den gnädigen Herrn und einer für Sie, Madame Schramm,“ ſagte der Diener. „Legen Sie nur hin, Schepke. Und verpaſſen Sie den Herrn nicht.“ „Das wäre ſchlimm, da müßte er auf dem Pferde ſitzen bleiben. Er konnte doch heute kaum vrauf, konnt's Knie gar nicht biegen.“ — — —— ——— ur— Salvator. 137 „Sprechen Sie nicht ſo einfältig, Schepke.“ „Nun, mein Je, ich werde in ſeinem Alter nicht mehr rei⸗ ten können. Madame Schramm, ich will Ihnen was ſagen. Sie ſollten ihn'rum kriegen, daß er nicht mehr reitet, es taugt nichts mehr für ihn.“ „Dummheit!“ ſagte die Schramm, indem ſie ſich die Haube aufſetzte. „Ich ſage Ihnen, wir erleben einmal ein Unglück. Und wir zwei Beide ſollten ihn doch recht lange erhalten, denn ſo'n Dienſt kriegen wir nicht wieder.“ „Ich will auch keinen Dienſt weiter,“ verſetzte die Schramm. „Das glaube ich! Sie haben Ihr Sihfyen in's Trockne gebracht. Aber ich armer Kerl, was wird aus mir? Heirathen hab' ich nicht dürfen, nun bin ich alt und grau, und er hat wohl nicht daran gedacht, mir einen Nothpfennig für meine treuen Dienſte auszuſetzen— meinen Sie nicht auch, Madame Schramm?“ „Schepke, Sie ſind ein Schlingel!“ die Haushälterin zornig.„Was unterſtehen Sie ſich, mir Schuld zu geben! Ich — habe nichts in's Trockne gebracht, bin niemalen drauf ausge⸗ gangen, will auch nichts von meinem Herrn haben. Sie nun erſt recht, was können Sie verlangen? Haben Sie nicht Ihren Lohn pünktlich bekommen? Wenn Sie liederlich ſind und ſich in zwanzig Jahren keinen Nothpfennig erſparen können, was geht das meinen Herrn an? Soll er Ihnen etwa tauſend Tha⸗ ler zum Vertoben ausſetzen?“ „Schepke!“ rief in demſelben Momente eine donnernde Stimme unter dem Fenſter. „Ach mein Je!“ ſtöhnte der Diener und ſ aus dem 138 Salvator. Zimmer, es war ſein Herr, deſſen Heimkehr er nun doch ver⸗ ſäumt hatte. Die Schramm warf ſchnell noch einen Blick in den Spiegel und nahm dann die fünf Briefe in die Hand, welche ſie ſämmtlich gelaſſen öffnete und ihren Inhalt über⸗ flog, obgleich nur ein einziger an ſie ſelbſt gerichtet war. Die⸗ ſen las ſie zuletzt, er koſtete bei ſeiner undeutlichen Handſchrift und ſonderbaren Orthographie die meiſte Anſtrengung: ihre Stirn runzelte ſich darauf, mehrmals ſchüttelte ſie den Kopf und der Ausdruck ihres Geſichts zeigte großes Mißbehagen. Es war jetzt aber keine Zeit, dieſem nachzuhängen, denn ſie hörte ſchon den Tritt ihres Herrn auf der Treppe, über deſſen letzte Stufe er eben ſtolperte. Erſchrocken, in der Beſorgniß, daß er fallen könne, öffnete ſie die Thüre, er kam ihr jedoch mit feſten, klingenden Schritten entgegen. „Schlecht Wetter, Louiſe!“ ſagte er, ihr die Mütze und Reitpeitſche überlaſſend. Sie warf einen flüchtigen Blick nach dem Fenſter, die Sonne ſchien draußen, und es regte ſich kein Lüftchen. In der Mitte des Zimmers ſtand der alte Herr und dehnte ſich, als wolle er den vom Reiten ſteif gewordenen Gliedern neue Geſchmeidigkeit geben. Er war ein ſchöner Greis. Die hohe Geſtalt hatte ſich noch immer nicht gebeugt, weder über⸗ große Fülle gewonnen, noch ſich zum Skelett verzehrt, das vor⸗ nehme Geſicht hatte Farben, um welche es mancher von den Fatiguen großſtädtiſchen Aufenthalts mitgenommene Jüngling beneiden konnte, die blauen Augen lagen zwar etwas tiefer, der Mund war aus Mangel an Zähnen ein wenig eingefallen, aber der Ausdruck der freundlichen Züge hatte dadurch nicht Salvator. 139 gelitten und das ſchneeweiße, kurzgeſchnittene Haar machte die ganze Erſcheinung zu einer Ehrfurcht gebietenden. Die Schramm fragte, ob er zu frühſtücken befehle.„Rein!“ ſagte er kurz. Wo iſt der Schepke?“ „Gnädiger Herr, im Stalle— hat er Ihnen nicht den Hengſt abgenommen?“ „Ach ja!— Klingle einmal, Louiſe.“ Er ging mit kur⸗ zen, feſten Schritten nach ſeinem Schreibtiſch. Sie klingelte, es kam aber natürlich Niemand, denn der Herr hatte nur zwei Dienſtboten und Schepke war durch die Klingel im Stalle nicht erreichbar. Auch ſchien es den Alten wenig zu kümmern, er fragte weiter nicht, ſondern kramte un⸗ geduldig in ſeinen Papieren. „Was befehlen Sie, gnädiger Herr?“ fragte die Schramm nach einer Weile. „Du biſt doch ein vergeßliches Frauenzimmer!“ ſagte er, ſich umwendend, und drohte ihr freundlich mit dem Finger. „Hab' ich mir nicht von geſtern etwas aufgehoben? Was war es doch?“ „Das liegt doch nicht in Ihrem Fache! Ein halbes Hühn⸗ chen— ich werde es holen.“ „Na ja! Mich hungert.“ Er verzehrte das halbe Huhn mit großem Appetite und trank ein großes Glas Portwein dazu.„Sind Briefe da?“ „Drei,“ ſagte die Haushälterin. „Von wem? Tragen Sie vor, Herr Referent,“ befahl der alte Herr und ſetzte ſich lächelnd in Poſitur. „Der Banquier Meiners zeigt an, daß er die Papiere ver⸗ kauft hat, und fragt wie Sie die Summe anlegen wollen.“ 140 Salvator. „Was waren das doch für Papiere, Louiſe?“ fragte Herr von Arnefeld zweifelhaft. „Vierzehntauſend freiwillige Anleihe.“ „Warum hat er ſie denn verkauft? So ein ſicheres Pa⸗ pier. Denkt der Mann, daß der Staat Bankrott machen wird?“ „Sie haben es ihm ja ſelbſt aufgetragen, gnädiger Herr, und hatten im Sinne—“ „Ah, ich weiß jetzt ſchon. Ganz recht. Dort liegt ein Bleiſtift, ſchreibe darauf: Gleich zu erledigen. Weiter! Von wem iſt der lange Brief? Vier engbeſchriebene Seiten.“ „Der Oberſt von Haug auf Rackwitz bittet um ein Darlehn.“ „Ein Darlehn?“ fragte der alte Herr, unruhig auf ſeinem hölzernen Schemel rückend. „Soll ich den Brief vorleſen?— Mein alter, bra⸗ ver Freund—“ Vier Seiten?“ unterbrach ſie Herr von Annefeld.„Dazu haben wir jetzt keine Zeit. Wie viel will er denn haben?“ „Das weiß ich noch nicht, ich habe den Brief auch noch nicht ausgeleſen. Scheint ſehr viel haben zu wollen.“ „Sehr viel?— Schreibe drauf: Wieder vorzulegen.— Und endlich?“ „Frau von Mörner—“ „Ad acta, Louiſe! Gleich ad acta geſchrieben. So, nun ſind wir fertig. Du biſt der flinkſte Referent, den ich in mei⸗ nem Leben geſehen habe. Schicke mir den Schepke und geh' Deiner Wege. Was das Weib noch kokett ausſieht! Höre, Louiſe! Du ſollteſt den armen Schepke heirathen— Du weißt, wenn ich einmal todt bin—“ Frau Schramm ſah ihn ſchweigend an, als erwarte ſie, Salvator. 141 daß er ſeine Rede fortſetzen werde. Da er aber nur auffor⸗ dernd ſagte:„Nun, Louiſe?“ ſo erwiederte ſie kalt:„Sie meinen, ich bin gerade gut genug dazu“ „O nein, Louiſe. Du hätteſt zehnmal wieder heirathen können, das weiß ich: Du warſt ja ein Prachtweib, als Dein Mann ſtarb— haſt Dich der Liebhaber gar nicht erwehren können. Aber ich dachte, da ihr Beide euch nun an einander gewöhnt habt, und wenn ich einmal todt bin—“ „Gnädiger Herr, wenn Sie doch immer an Ihren Tod denken, ſo wär's wohl Zeit, daß Sie auch daran dächten, wer Ihnen auf dieſer Welt noch am nächſten ſteht—“ „Du, Louiſe! Ich habe Dich nicht vergeſſen,“ ſagte der alte Herr mit einem unwillkührlichen Blicke nach ſeinem Schreibtiſche. „Können Sie denken, daß ich mich ſelbſt meine?“ entgeg⸗ nete die Schramm etwas heftig.„Haben Sie nicht einen Sohn?“ „Den habe ich und was für einen Sohn!“ ſprach der Alte.„Davon laß uns ein ander Mal reden.“ „Ein ander Mal! So höre ich die Leute in allen Ecken ſagen, immer aufſchieben und wieder aufſchieben, bis keine Zeit mehr iſt. Heut müſſen wir's endlich in Richtigkeit brin⸗ gen. Sie thun, als wüßten Sie gar nicht, daß ich in Reſſen geweſen bin— und wenn Sie noch ſo ſehr nach der Stuben⸗ decke ſehen, es hilft Ihnen nichts! Ich habe Baron Adolar beſucht. Er möchte ſehr gern ſich mit Ihnen ausreden!“ „Möchte er das?“ rief der Vater.„Hat er Dir auch ge⸗ ſagt, warum?“ „Warum? Wenn ſein leiblicher Vater das nicht weiß!“ „Du biſt ein gutes Weib, Louiſe, aber manchmal zu kin⸗ 142 Salvator. diſch, ſo alt, wie Du biſt. Und vergeßlich— man glaubt es kaum. Wie oft kommſt Du mir mit dieſer unſinnigen Forderung!“ „O ich möchte einen Hammer nehmen und Ihr hartes Herz entzwei ſchlagen, denn es liegt doch ein ſüßer Kern drin für den armen Baron Adolar!“ „Du wirſt ja ganz bleu mourant auf Deine alten Tage! Laß Dir die Nußknackergedanken vergehen: es könnte ſein, daß Du einen recht kohlſchwarzen verdorrten Kern fändeſt— meine Schuld iſt das nicht! Wenn es nicht zu abgedroſchen wäre, möchte man glauben, Du hätteſt die Kinder an Deiner Bruſt vertauſcht, Louiſe, und mir Deine Range ſtatt der mei⸗ nigen untergeſchoben— ſolche Affenliebe haſt Du zu dem— Baron Adolar.“ „Mein Kind war ein Mädel,“ ſagte die Schramm finſter. „Abgemacht!— Sind keine Briefe da?“ „Sie haben ſie ja ſo eben in Händen gehabt, und befoh⸗ len, was darauf geſchehen ſoll.“ „Alle?“ fragte der alte Herr zerſtreut. Was meinen Sie damit?“ entgegnete die Haushälterin, nach ihrer Taſche greifend.„Ich werde doch keinen unterſchlagen.“ „Närr'ſches Frauenzimmer, wer ſagt denn das!— Es wa⸗ ren ſieben, nicht wahr?“ „Drei!“ berichtigte ſie, die Zahl ſcharf betonend. „Ach ja. Der alte Rheinberg wollte Geld haben, wie viel doch? Ich hab's ihm bei Meiners angewieſen.“ „Gott! Nehmen Sie's nicht ungnädig, aber Sie halten Ihre Gedanken auch gar nicht beiſammen. Richts haben Sie angewieſen, und es war nicht der Kammerherr von Rheinberg, Salvator. 143 ſondern der Oberſt von Haug, der Geld von Ihnen bor⸗ gen wollte.“ „Ja, dem kann ich es nicht gleich geben— meinem alten guten Rheinberg hätte ich angewieſen, ſo viel er haben wollte.“ „Der braucht nichts,“ verſetzte die Haushälterin kurz. „Es geht ihm alſo gut, das fteut mich.— Was ſchrieb doch der Schrader?“ „Schrader?“ rief die Schramm ſichtlich betroffen, indem ſie wieder nach der Taſche griff. Von— Schrader iſt doch kein Brief gekommen?“ Nicht? Ich hätte drauf ſchwören wollen. Begreife gar nicht, warum der Menſch nicht ſchreibt. Er hatte es mir ſo ge⸗ wiß verſprochen.— Schepke!“ „Ich werde ihn ſchicken. Sie haben eine Stimme, daß die Scheiben klingen.“ „Alte, du biſt heut ganz obſtinat, ich werde Dich an den Kappzaum nehmen. Schicke mir den Schepke.“ Sie verließ ihren Herrn, ohne auf ſeinen Scherz nur eine Miene zu verziehen. Schepke wartete ſchon draußen und eilte auf ihren Wink hinein.„Warum kommt Er nicht?“ hörte ſie noch, dann eilte auch ſie, in ihre kleine Stube zu kommen, wo ſie ſich niederſetzte und aus ihrer Taſche zwei Briefe zog. Der eine war von ihrem Enkel, ſie hatte ihn bereits, wie wir wiſſen, mit Anſtrengung entziffert, der andere trug eine höchſt ſaubere Handſchrift, welche ſich angenehm las: Frau Schramm vertiefte ſich förmlich hinein, aber ihr Geſicht nahm einen Ausdruck an, der mit jeder Zeile widerwärtiger zu wer⸗ den ſchien. 144 Salvator. „So, ſo!“ murmelte ſie.„Das Zeug verſteh' ich nicht, dazu bin ich zu dumm, aber wo's hinaus läuft, das ſeh' ich. Mein Kopf iſt alt, aber er findet ſich immer noch zurecht.— Er will nichts für ſich— o nein! Der Bauer frißt auch kei⸗ nen Klee, aber wenn er ihn den Kühen vorlegt, ſo geben ſie noch einmal ſo viel Milch und er kann ſie beſſer melken.— Seht doch! Ich hätte ihm nur ſollen in Sielit beſſer die Wahr⸗ heit ſagen: da ſtreute er mir auch Sand in die Augen. Den Brief—“ ſie riß ihn langſam in kleine Stücke— ſoll der Alte nicht leſen, es wäre, als gäbe ich ihm Gift ein. Aber als ob er es gewußt hätte! Wie er fragte, hätte ich mich beinah verrathen.— Der Oberſt bläſt mit ihm in ein Horn, das ſeh' ich ſchon, die Menſchen werden immer verrückter!“— Sie lachte kurz und höhniſch auf.„Schmecken ſollte es ihnen, nicht wahr? Aber es wird nichts daraus, darauf könnt ihr euch ver— laſſen.“ Mit dieſen feſtem Wort ging ſie an ihre Geſchäfte. Der alte Herr von Arnefeld hatte unterdeſſen mit Schepke's Hülfe auch die ſeinigen abgemacht, das heißt, ſich des Reitan⸗ zuges entledigt und eine jener Pfeifen angezündet, von denen unſere junge Generation, weil ſie aller Gründlichkeit abhold iſt, nichts mehr wiſſen will. Eine frivole Cigarre, die flüchtig bereitet, flüchtig in Dampf verwandelt wird, deren Duft die Nerven aufregt, die man fortwerfen kann nach Belieben, das iſt ein zeitgemäßer Genuß— die Pfeife, wohl gar mit einem ſilberbeſchlagenen Meerſchaumkopf, wie Herr von Arnefeld ihn eben mit Wohlgefallen betrachtet, gehört für den Zopf. Es iſt das Verhältniß einer langweiligen Ehe zu einer feurigen, wenn auch kurzen Liebe— und in einer Zeit, wo die Ehe — nicht mehr heilig genannt, noch heilig gehalten wird, weil Salvator. 145 dem freiheitdürſtenden Geſchlechte mit zu den abzuſtreifenden Feſſeln gehört, in welche die Menſchheit unnatürlich geſchlagen iſt, giebt man der freien Liebe den Vorzug. Die Cigarre ſchmeckt nicht— eine andere! Wer hätte noch Zeit, in unver⸗ wüſtlicher Geduld einen Meerſchaumkopf ſo braun zu rauchen, wie das glänzende Exemplar, das Herr von Arnefeld mit Stolz ſein nennen kann, dieſe herrliche Färbung, das Werk von mehr denn zwanzig Jahren! Er ſaß nun und rauchte und ſann. Wenigſtens that er ſonſt nichts, und wie man von Alters her mit Recht die Meditation zu den ſchweren Arbeiten, aus denen oft das Heil künftiger Geſchlechter entſpringt, genannt hat, ſo konnte man ſagen, daß er tief in Geſchäften ſaß. Vor ihm ein großer Pokal, aus welchem er von Zeit zu Zeit einen Schluck that. Auf einmal ſtand er raſch auf. Hatte er das Reſultat ſei⸗ ner Forſchungen endlich gefunden und wollte er es, wie der große Meiſter des Alterthums, in alle Welt freudig hinaus⸗ ſchreien? Er ſtapfte mit ſeinen kurzen, ſteifen Schritten nach ſeinem Schreibtiſche, ließ dort eine Feder ſpringen und ſah mit Zufriedenheit, daß Alles noch in dem Fache lag, wie er es vor Jahren ſchon zurecht gelegt hatte, obenauf ein dickes Heft, mit mehrern großen Siegeln verſchloſſen.„Vergeſſen werde ich doch nichts haben!“ ſprach er für ſich. Und lang⸗ ſam ſchob er das geheime Fach wieder zu, langſam kehrte er auf ſeinen Seſſel zurück, um ſich die Pfeife, welche ihm bei dem Intermezzo ausgegangen war, von Neuem anzuzünden. So ſaß er, bis ihm ſein einſames Mittagsmahl aufgetragen wurde, welches die Schramm ſelbſt bereitete, ohne es mit ihm zu thei⸗ len. Aeltliche Herren, welche ihren Haushälterinnen meiſt un⸗ Salvator. I. 10 146 Salvator. terthan find, pflegen ihnen mit andern Rechten des Zutritts auch den Platz am Tiſch zu geſtatten, um ſich in Trank und Speiſe ſelbander zu erquicken. Bei Arnefeld, mochte ſonſt das Verhältniß zwiſchen ihm und der Dame Schramm ſein, wie es wollte, war jene Vertraulichkeit nicht eingeführt, und ſie hatte ganz Recht, als ſie in Sielitz ihn ihren Herrn genannt hatte. Sie bediente ihn bei Tiſch, und es war eine ſeltene Freund⸗ lichkeit, wenn er ihr ſpäter im Zimmer eine Taſſe Kaffee an⸗ bot, welche ſie aber, ihrer Stellung eingedenk, noch nie ange⸗ nommen. Im Sommer machte er Abends noch zuweilen eine kleine Promenade, welche ſtets daſſelbe Ziel auf demſelben Wege ſuchte, daher der alte Herr ſchon als bekannte Straßen⸗ figur bei den Weihnachtsausſtellungen der Conditoren in Tra⸗ ganth zu ſehen war. Man erzählt ſich von einem Andern, welcher ſich zu ſeinem großen Aerger in ähnlicher Weiſe model⸗ lirt fand, daß er die Figur gekauft habe, um ſie zu beſeitigen, worauf der Conditor noch in ſeinem Beiſein gleich ein zweites Ebenbild aufgeſetzt und, wie der Erzürnte dann bemerkt, wohl zwanzig davon in Reſerve behalten. Dem Herrn von Arnefeld konnte das nie begegnen, denn er beſuchte keine Conditorei, ſo wenig er einen andern öffentlichen Ort beſuchte— ſogar die Schauſpielhäuſer kannte er nur von Außen. Zu irgend einer Be⸗ ſchäftigung in ſeinem Zimmer war er ſeit langen Jahren nicht gekommen, er las nicht einmal die Zeitung, er hatte zwar eine Correſpondenz, wie wir geſehen haben, aber er behandelte ſie ganz büreaumäßig, und Frau Schramm, welche eine geläufige Hand ſchrieb, mußte Referent, Concipient und Mundent in einer Perſon ſein— höchſtens dietirte er einmal, aber er konnte auch ſicher ſein, daß ſie ſtreng nach ſeinem Willen ſchrieb, und Salvator. wenn wir ſie auf einer Unredlichkeit ertappt haben, ſo war das die erſte und es hatte damit eine ganz eigene Be⸗ wandtniß. Umgang pflegte der Alte gar nicht mehr, ſo viel Bekannte er auch in der Stadt hatte, nach und nach war er für dieſe verſchollen und vergeſſen, ſie wunderten ſich dann, wenn ſie ihn nach einiger Zeit wieder einmal auf der Straße ſahen, weil ſie ihn längſt für todt gehalten. Das hieß nun leben! Regelmäßig, wie der Tageslauf überhaupt war, pflegte der alte Herr auch nach Tiſch eine halbe Stunde zu ſchlum⸗ mern, und wenn er aufwachte, mußte der Kaffee auf dem Tiſche ſtehen: Frau Schramm hatte ſchon eine große Fertigkeit er⸗ langt, das ohne alles Geräuſch zu bewerkſtelligen, leiſer, als ſie, konnte wohl Niemand eine Thüre öffnen und auf Socken gehen. Sie kam auch heut zur gewohnten Stunde und ſetzte das Geſchirr unhörbar nieder, aber ein leiſes Wimmern ihres Herrn erſchreckte ſie ſo, daß ſie faſt Alles umgeworfen hätte, als ſie ſich raſch nach ihm wandte. Er ſchlief noch— ſein Ge⸗ ſicht war verzogen, der Schweiß ſtand in hellen Tropfen auf ſeiner Stirn und ſeine Bruſt arbeitete heftig. War er krank oder quälte ihn ein böſer Traum? Sie hielt es für das Beſte, ihn zu wecken. Leiſe berührte ſie ſeinen Arm er erwachte gleich und ſtarrte ſie mit entſetzten Blicken an, daß ihr graute. „Gnädiger Herr—“ ſagte ſie zurückweichend. „Louiſe!“ rief er und beſann ſich.„Das war ein gräuli⸗ cher Traum.“ „Sie ängſtigten ſich recht im Schlafe,“ ſagte ſie. Er ſtand auf und wiſchte ſich den Schweiß von der Stirn. * 148 Salvator. „Die alte Geſchichte kommt mir doch nicht aus dem Sinn,“ ſprach er verſtimmt.„Ich meine die mit dem Jungen. Das hat mir wieder geträumt— ſo, als ob es mir eben paſſirte. Und ſo lebhaft ſah ich ihn vor mir liegen, von Blut ganz über⸗ laufen, und mein Gewehr rauchte noch.“ „Sie haben ja Alles abgemacht,“ tröſtete ihn die Schramm. „Der Vater war ja zufrieden geſtellt und Sie haben Geld ge⸗ nug müſſen zahlen, als ſich auch die Gerichte einmiſchten.“ „Wie geht es denn der Familie? Haſt Du etwas von ihr gehört?“ fragte er. Sie wußte mehr, als ſie jetzt für gut hielt, ihrem Herrn mitzutheilen, und antwortete nur, daß ſie gehört habe, es ſei neulich erſt wieder reich für ſie geſorgt worden. Darin ſprach ſie die Wahrheit aber der Anlaß war noch ſchrecklicher, als derjenige, welcher einſt Herrn von Arnefeld bewogen hatte, drei⸗ hundert Thaler zu zahlen; diesmal hatte das Schickſal den Verſorger, der ſeiner Familie ſo nothwendig war, von den Seinigen hinweggeriſſen: der Mann, welcher bei dem Gewit⸗ ter auf dem See vor Reſſen verunglückte, war eben jener Va⸗ ter geweſen, welchem einſt Herr von Arnefeld ein Kind erſchoſ⸗ ſen hatte. Die Schramm verhehlte ihm ſorgfältig Alles, was ſeine alte Grille, wie ſie es nannte, nähren konnte. Sie gab die Hoff⸗ nung noch nicht auf, dieſelbe zu beſiegen: hätte ſie glauben müſſen, daß es ihr unmöglich ſei, ſo würde ſie das Aeußerſte nicht geſcheut haben. Aber der alte Herr mußte ja endlich zur Vernunft kommen und einſehen, daß der übereilte Schwur, den er einſt in der Stunde der Leidenſchaft, als er mit ſeinem Salvator. 149 Sohne brach, geleiſtet hatte, eine Thorheit ſei, die er unbe⸗ ſchadet ſeines Gewiſſens zurücknehmen könne. Darum hatte ſie auch Anfangs den Zufall geſegnet, welcher den jungen Schrader in das Haus geführt: ein Geiſtlicher konnte den alten Herrn am beſten über die unnützen Serupel aufklären und ſein Gewiſſen beruhigen. Herr von Arnefeld hatte bis⸗ her aus einer gewiſſen Abneigung allen Verkehr mit Geiſtli⸗ chen vermieden, hier aber Wohlgefallen gefunden, ehe er wußte, daß Schrader, welcher ihm den kleinen Dienſt, von dem wir ſchon gehört, geleiſtet hatte, ein Diener der Kirche ſei— dann, als er es vernommen, war er ihm ſchon ſo angenehm geweſen, daß er ſich über ſein altes Vorurtheil hinwegſetzte. Die Schramm hatte das, wie geſagt, ſehr gern geſehen und durch den Bauernſohn, den ſie zu leiten hoffte, auf ihren Herrn zu wirken verſucht, aber wie anders war ſie gegen ihn geſtimmt worden, ſeit ſie bemerkte, daß er Geſpräche führte, welche ihn nur in ſeinem Vorſatze beſtärken mußten: Geſpräche über die große Noth in den untern Volksklaſſen und die Gefahr, welche mit jedem Tage wachſe, über das unſterbliche Verdienſt, wel⸗ ches ſich ein Menſchenfreund, der die Mittel dazu beſitze, durch eine recht große, mit Blitzesleuchten in die Welt tretende That erwerben könne, indem dadurch ein hinreißendes Beiſpiel ge⸗ geben werde, das mit Begeiſterung aufgenommen, mit Wett⸗ eifer im Opfern weiter getragen werden müſſe. Es war, als habe der Herr Candidat die vollſte Kenntniß von dem übereil⸗ ten Schwure, welchem der Alte einſt ſein Seelenheil und ſeine irdiſche Ehre zum Pfande geſetzt!— Da war denn Frau Schramm, die es ſich gelobt hatte mit einem feierlichen Ver⸗ ſprechen, die Folgen dieſes Schwures von ihrem Lieblinge ab⸗ 150 Salvator. zuwenden, dem jungen Geiſtlichen eine bittere Feindin gewor⸗ den, und keine Ahnung hatte ſie, wie er zu dem Glauben kam, ſeine Vocation nach Sielitz ihrem Einfluſſe auf ihren Herrn und durch dieſen auf den Patron der Sielitzer Pfarre zu dan⸗ ken. Im Gegentheile würde ſie gewiß Alles aufgeboten ha⸗ ben, ihn auch aus dem Hauſe ihres Herrn zu entfernen, wenn er nicht plötzlich von ſelbſt weggeblieben wäre. Ueber das Mo⸗ tiv dazu, welches ſie von dem Herrn nicht erfuhr, hatte ſie Schrader bei ihrer Unterredung in Sielitz belehrt und da⸗ durch faſt ihr Herz von Neuem gewonnen, edelmüthig, wie er den Anſchein hatte— aber ſie war mißtrauiſcher Natur und hatte einen ſcharfen, praktiſchen Verſtand, ſo witterte ſie gleich wieder Abſichten, und ſiehe! der Brief, welchen er nun ge⸗ ſchrieben und ſie unterſchlagen hatte, gab ihr die Gewißheit, daß er des alten Mannes Neigung, wenn er auch nicht wußte, daß ſie ihn ſchon zu übereilten Schritten geführt habe, voll⸗ kommen zu benutzen verſtand. Größern Unfinn glaubte ſie nie geleſen zu haben, als die Pläne, welche der Herr Adjunct im Kopfe hatte, um die Menſchen glücklich zu machen! O ſie wußte noch gar nicht, wie weit dieſe gingen! Glaubte ſie wirk⸗ lich, er werde ſie in ihrem ganzen Umfange und in ihrer wahren Bedeutung einem alten ſchwachen Manne, der gar nicht fähig war, letztere zu faſſen, anvertrauen? Er war nun Schuld, daß ſie ſich zum erſten Male wirklich gegen ihren Herrn vergangen hatte. Aber der erſte Schritt war gethan, ſie konnte nicht umkehren. Alles mußte aus dem Weg geräumt werden, was ihrem geliebten Baron Adolar ſcha⸗ den konnte. Der Oberſt Haug, der nach ihrer Meinung mit dem Adjunct im Einverſtändniß war— und wie himmelweit 1 Salvator. 151 ſtanden ſie ſich doch fern!— hatte in einer langen Auseinander⸗ ſetzung um eine ziemlich bedeutende Summe gebeten, für welche er Sicherheit geben wollte; dies Geld ſollte auch zu Gott weiß welchen Einrichtungen für die Nothleidenden verwendet wer⸗ den; hätte ſie ihrem Herrn das Letztere geſagt, ſo wäre die Summe ohne Frage von ihm bewilligt worden, denn ſie paßte zu ſeinem Vorſatze, darum hatte Frau Schramm es weislich verſchwiegen. Darlehne ſchlug er grundſätzlich ab und nur gegen Rheinberg beſaß er darin eine unglaubliche Schwäche, welche dieſer, nach der Meinung der Haushälte⸗ rin, auch ſchon bis zum Uebermaße benutzt hatte. Aller⸗ dings hatte der Kammerherr in dringender Verlegenheit ſich mehrmals an ſeinen alten Freund gewendet, das hielt ihn eben ab, es jetzt, wo er ihm gar keine Sicherheit mehr bie⸗ ten konnte, wieder zu thun. Die Schramm hütete ſich ſehr, von ſeiner Lage, über welche ſie in Sielitz ſo Manches gehört hatte, ihrem Herrn etwas zu erzählen, im Gegentheil ver⸗ ſicherte ſie ihm, als er in ſeiner Vergeßlichkeit Haug mit ihm verwechſelte, daß er in guten Verhältniſſen ſei. Seit ſie ge⸗ hört hatte, daß Baron Adolar Sielitz von ihm kaufen wolle, konnte ſie unmöglich dazu beitragen, den Kammerherrn zu hal⸗ ten. Sie ahnte aber, daß ſie nach dem erſten unterſchlagenen Briefe noch öfter in die Nothwendigkeit kommen werde, ihre Treue zu verletzen, und gleichgültig ließ ſie das nicht; die innere Zuverſicht und Zufriedenheit, mit welcher ſie noch vor Kurzem ſagen konnte:„Ich bin ein ehrlicher Dienſtbote, ich belüge meinen Herrn nicht,“ war aus ihrer Bruſt verſchwunden; ſie machte zwar Alles, wie die Menſchen ihrer Sinnesart, Hoch und Niedrig, als Lieblingsrede ſagen, mit ſich ſelbſt ab und ſuchte 52 Salvator. keinen Rath oder Beiſtand, aber ſo feſt ihr Entſchluß ſtand und der Weg zum Ziele klar vor ihr lag, Ruhe fand ſie nicht mehr in ihrem Herzen. Wie ſchauderte ſie, als ſie ſich zu⸗ erſt auf dem Gedanken ertappte, der ſeitdem öfter zurückkam: ſie wünſchte ihres Herrn Tod! Neue Wege. 1. Durch die ſchweigende Abendlandſchaft, welche ſchon in tiefe Dämmerung gehüllt lag, brauſte der letzte Bahnzug mit ſeinem wehenden Baldachin von Funken. Wie friedlich die Flur! Auf keinem der Feldwege, die ſich durch die Ackerflächen ſchlän⸗ gelten, war noch ein Geſpann oder ein verſpäteter Wanderer zu ſehen, die Dörfer, an denen der Zug vorüberflog, ſchienen bereits im Schlafe zu ruhen, kaum blickte noch hier und da ein einſames Licht zwiſchen den Bäumen hindurch. Nach und nach wurde aber die Gegend reicher angebaut, zerſtreute Häuſer, Gärten mit weißen Mauern ließen ſich erkennen— ein gellen⸗ der Pfiff der Locomotive verkündigte die Nähe des Zieles. „Sie werden doch erwartet?“ fragte in einem der Coupés eine männliche Stimme die einzige Dame, welche hier unter fünf Männern ſaß. 154 Salvator. „Ich glaube kaum,“ antwortete die Dame, die ſich ſo ge⸗ ſetzt hatte, daß der Schein der Lampe nicht ihr Geſicht traf, das überdem durch einen Hutſchleier verhüllt wurde. In dieſem Augenblicke fuhr der Zug ſchon in den Bahnhof ein und langſam an deſſen äußerſten Gebäuden vorüber: die Lampen des Perrons und die ſich auf demſelben bewegenden Menſchen bildeten einen Contraſt gegen die Stille draußen, durch welche man bis jetzt gefahren war. „Kann ich Ihnen etwas helfen?“ fragte der Mann wieder, welcher ſich ſchon unterwegs der verſchleierten Dame angenom⸗ men hatte, als ihr einer der Mitreiſenden ſeine unziemlichen Scherze aufdrängen wollte. „Ich danke Ihnen, mein Herr,“ antwortete ſie.— Der Zug hielt, die Waggons wurden geöffnet:„Ihr Name?“ hauchte es plötzlich von den Lippen der ſich raſch erhebenden Frau, ſo leiſe, daß eben nur der Befragte, der ihr ſo hülfreich geweſen war, die zwei Worte verſtand. „Rheinberg,“ gab er überraſcht zur Antwort. Sie grüßte ihn anmuthig mit der Hand und eilte in das Gewühl der ausgeſtiegenen Reiſenden, wo ſie gleich verſchwand. —„Sie hat Ihnen doch eine Karte gegeben, Herr von Rhein⸗ berg?“ fragte der Andere, deſſen Aufmerkſamkeit der Dame nicht zugeſagt hatte. Rheinberg ſetzte den Helm auf ſtatt der leichten Feldmütze, welche er im Coupé getragen, und ging, die ſpöttiſche Frage mit einer kurzen Erwiederung abfertigend, mit ihm und den Andern zu den Grenadieren, welche aus den Wagen dritter Klaſſe ſtrömend ſich eben in Reih' und Glied rangirten, um von der auf dem Hofe wartenden Regimentsmuſik eines Trup⸗ Salvator. 155 pentheils der Garniſon in die Stadt geleitet zu werden. Der Major und die übrigen Officiere beeilten die Formation, weil ſchon die Ankunft des Prinzen gemeldet wurde, der, von we⸗ nigen Adjutanten begleitet, das Bataillon empfangen und ſehen wollte. Die Soldaten, welche dem fürſtlichen Heerführer mit Begeiſterung ergeben waren, zeigten ſich wie elektriſirt von der Nachricht, welche leiſe durch die Rotten der Colonne lief. „Stillgeſtanden!“ ſchallte nun das Commando, das die mili⸗ täriſche Scene einleitete. Während deſſen war die ſchlanke Frau, die ſich ſo ſchnell von ihren Reiſegefährten getrennt hatte, in eine Droſchke ge⸗ ſtiegen und fuhr nun in die von Gasflammen erhellte Stadt hinein. Hier waltete noch das volle pulſirende Leben einer großen Reſidenz. Die langen Straßen mit ihren Doppelreihen von Lampen waren voll geſchäftig eilender Menſchen, denn in großen Städten eilt Alles der weiten Entfernungen wegen und thut geſchäftig, nur die Fremden wandeln in gemächlicher Be⸗ ſchaulichkeit einher; Wagen mit Laternen und Dienern, klap⸗ pernde Droſchken kreuzten ſich, die Läden hatten ihre Schau⸗ fenſter noch nicht geſchloſſen und zeigten all' ihre Herrlichkeiten, lockend ausgeſtellt, von ſchönen Kugellampen klar beleuchtet. Vor dem prächtigen Hauſe mit dem breiten Balcon unter den Linden, welches dem Herrn des Oſtens gehört, hielten viel glänzende Equipagen mit Wappen und Livreen, der Geſandte mochte ein Feſt geben: der Frau, welche in der beſcheidenen Droſchke vorüberfuhr, ſchlug das Herz, hier hatte ſie einſt auch ein Paar unvergeßliche Feſte erlebt! Aber hinweg damit!— Aus dem Opernhauſe ſtrömte die Zuſchauerwelt eines gedrückt vollen Hauſes in allen Richtungen aus einander: neue Erinne⸗ * 156 Salvator. rungen für die Heimkehrende! Und jetzt wandte ſich ihr Fuhr⸗ werk in eine andere Region der Stadt, hier wurde es ſtiller und ſtiller, die glänzenden Läden für den Luxus fehlten, nur der Bedarf des gewöhnlichen Lebens fand hier ſeine Befriedi⸗ gung, und die ſucht man nicht mehr Abends nach zehn Uhr, menſchenleer waren die Straßen, von wenigen vorüberhuſchen⸗ den Geſtalten belebt, welchen die Augen der Schutzmänner, de⸗ ren weißbeſchlagene Helme man hier und da blinken ſah, ſpähend folgten. Viel hatte ſich verändert in Berlin, ſeit die Frau, welche wir begleiten, die Stadt zuletzt geſehen hatte: in dieſer Region war ſo ziemlich Alles beim Alten geblieben, und doch war ſie ihr neu und unheimlich, denn ſie hatte dieſelbe früher nie be⸗ treten. Es kam ihr vor, als könne ſie hier gar nicht mehr in der großen, prächtigen Hauptſtadt ſein. Fünf und ſiebzig?“ fragte der Kutſcher durch ſein kleines Rückenfenſter in den Wagen hinein. Sie berichtigte die Nummer, er mußte falſch gehört haben. Etwas langſamer fuhr er weiter und hielt dann vor einem un⸗ anſehnlichen Hauſe ſtill. Die Frau öffnete den Schlag und blickte mit einem unangenehmen Gefühle nach den lichtloſen Fenſtern hinauf.„Alſo hier! Welcher traurige Wechſel!“ dachte ſie. „Es wird doch richtig ſein?“ ftagte der Kutſcher.„Roſen⸗ thaler Straße—“ Sie ſah ihn betroffen an. Wie kommen Sie darauf? Wer hat Ihnen dieſe Straße genannt?“ rief ſie. „Nanu?“ ſagte der dicke Menſch und ſtieß ſeinen ſeltſa⸗ men, mit einem Kreuzblech verſehenen Hutdeckel in's Genick. 2. 5„ Salvator. 157 „Haben Sie mir vor'n Narren in't Blaue geſchickt? Roſentha⸗ ler Straße haben Sie geſagt und dat iſt hier. Steigen Sie man aus.“ „Aber es iſt mir nicht eingefallen, ich wollte nach der Chauſſee Straße. Sie haben mich abſichtlich falſch verſtanden.“ Der Kerl wurde grob, und wollte die Dame nicht hier ſich ſelbſt überlaſſen bleiben in ſpäter Nacht, ſo mußte ſie ihn mit mehr als doppelter Gebühr zu einer zweiten Fahrt dingen, wo⸗ für er ihr ebenfalls die Marke nicht aushändigte und auf dieſe Weiſe ein ganz gutes Geſchäft gemacht hatte. Trotz der ſtreng⸗ ſten Strafen, welche auf ſolche Streiche geſetzt ſind und auch vollſtreckt werden, fallen ſie gegen Damen und Fremde noch immer faſt täglich vor.— Es war dieſer unfreiwillige Umweg aber die Urſache, daß die Frau, als ſie endlich das Haus in dem erſt ſeit ihrer Abweſenheit angebauten Stadttheile erreichte, Alles im tiefſten Schlafe fand. Der Kutſcher ſetzte ſie ab, reichte ihr aus beſonderer Rückſicht noch ihre große und ziemlich ſchwere Reiſetaſche aus dem Wagen und fuhr dann eilig von dannen. Vor dem Hauſe war eine ſteinerne Treppe von mehrern Stufen, die Angekommene ſetzte ſich nieder und neigte ihr Haupt in den Schooß: ſie hatte noch nicht die Klingel gezogen. Was mochte ihre Abſicht ſein? Wollte ſie überhaupt die Ruhe des Hauſes nicht mehr ſtören und auf dem kalten Stein ſchle⸗ fen? Oder ſuchte ſie nach all' dem Haſten und Treiben der Reiſe erſt eine ſtille Einkehr in ſich ſelbſt, um ſich für das Wie⸗ derſehen, das ihr bevorſtand, zu ſammeln? Betete ſie vielleicht, wie es der Seele wohl thut, die das Bedürfniß endlich fühlt, ſich wieder zu dem einzigen Hort und Heil zu wenden? Ein Tritt, welcher aus einer nahen Seitenſtraße klang, 158 Salvator. ſtörte ſie. Noch konnte er vorübergehen, ohne ſie zu bemerken, ſie erhob nur den Kopf und lauſchte. Aber da bog ein Mann in die Straße ein und kam auch gleich, ſeinen Gang beſchleu⸗ nigend, zu ihr. „Was machen Sie denn hier?“ war ſeine Frage, ein wenig im Tone der Autorität, was ſie verletzte, denn ſie hielt ihn nach ſeiner Kleidung für einen Soldaten, deſſen Recht zur Frage ſie nicht anerkannte. „Das kann Ihnen ſehr gleichgültig ſein,“ antwortete ſie daher. „So? Nun das will ich Ihnen doch gleich beſſer beweiſen. Kommen Sie einmal mit.“ „Was fällt Ihnen ein? Wer ſind Sie, daß Sie ſich an⸗ maßen—“ Er hatte ohne Umſtände ſchon ihre Hand gefaßt.„Daß ich Schutzmann bin, werden Sie ſehen, und dann wiſſen Sie auch, daß ich geſetzlich befugt bin, Perſonen, die ſich nächtlich ohne Ausweis umhertreiben, zur Haft zu bringen.“ Sie war ſo lange von Berlin entfernt geweſen, daß ſie das neue Inſtitut der vielangefochtenen Schutzmannſchaft nicht kannte, gewiß hatte ſie aber davon gehört oder geleſen, ob⸗ gleich ſie ſehr weit her kam— indeſſen war es das nicht, ſon⸗ dern ein wunderbar bekannter Klang in der Stimme des Schutzmanns, welcher ſie jetzt ſtutzen ließ. „Verzeihen Sie,“ ſagte ſie bebend.„Ich wußte nichts von dieſer Einrichtung. Ich bin eine Fremde, komme ſo eben mit dem Bahnzuge vom Rhein und viel weiter hier an, meine Droſchke hat mich erſt irre gefahren und darum bin ich ſo ver⸗ ſpätet— ich war im Begriff, an dieſem Hauſe zu klingeln— Salvator. 159 „Es iſt meine Pflicht, mich von der Wahrheit Ihrer An⸗ gaben zu überzeugen,“ ſagte er.„Sie haben Legitimationen?“ „Die hab' ich— natürlich! Päſſe und Alles!“ antwor⸗ tete ſie noch leiſer, denn ſie war jetzt ohne allen Zweifel mehr über ſeine Perſon. Welcher traurige Wechſel auch hier! Mußte ſie denn Alles ſo furchtbar verändert finden? „Ihr Name?“ fragte der Schutzmann. Sie redete ihn ſtatt deſſen mit dem ſeinigen an— er trat beſtürzt einen Schritt zurück.„Sie— irren ſich!“ ſtotterte er. „Ich ſehe es und Sie wiſſen, daß ich mich nicht irre!“ er⸗ wiederte ſie. „Wer ſind Sie?“ rief er heftig. „Und wenn Sie es errathen,“ ſagte ſie,„ſo verlaſſen Sie mich jetzt. Es iſt beſſer, daß wir Beide dieſer Begegnung nicht gedenken.“ Sie reichte ihm die Hand und drückte die ſeinige. „Kein Wort mehr! Sie erfüllen meine Bitte und entfernen ſich, ohne weiter zu fragen. Die ſchweigende Nacht bedecke unſer Zuſammentreffen.“ Er grüßte ſtumm und ging mit raſchen Schritten davon. Es war aber nicht blos die Erinnerung an frühere Zeiten, welche ihn erſchütterte, es war auch die Sorge um ſeine Ge⸗ genwart und Zukunft. Einen gar ſtolzen adeligen Namen trug er, aber dieſen hatte er zu compromittiren geglaubt, wenn er ihn in der niedrigen Stellung, zu welcher ihn die Noth der Zeiten herabgedrückt hatte, fortführte— ſo ſtand er mit fal⸗ ſchem Namen in der Liſte der Schutzmannſchaft und war ver⸗ loren, wenn die Fälſchung entdeckt wurde. Die Frau zog jetzt zweimal ſtark die Klingel des Hauſes. Der Schall ging hell durch die ſchweigenden Räume, aber 160 Salvator. Niemand erwachte davon. An mehrere Fenſter des Erdgeſchoſſes klopfte ſie dann— endlich gab ihr ein lauter, verdrießlicher Schrei Antwort.„Wer tobt denn hier nachtſchlafender Zeit?“ fragte es aus einem halb geöffneten Fenſter: es war im En⸗ treſol über der Hausthüre.. „Sophie!“ entgegnete die Frau mit freudigem Tone. „So heiß' ich! Wer ſind Sie denn, zu wem wollen Sie mitten in der Nacht?“ fragte die Stimme zweifelhaft. „Kennſt Du mich nicht mehr, Sophie?“ „Mein Gott! Sie?! Ach, Herr meine Güte! Wo kom⸗ men Sie denn her? Ich werde gleich aufmachen!“ „Aber Niemand wecken, hörſt Du?“ rief die Frau von außerhalb. Nur eine kleine Weile durfte ſie noch warten, dann wurde die Hausthüre geöffnet und eine Hand aufrichtigen Will⸗ kommens ſtreckte ſich der Eintretenden über die Schwelle ent⸗ gegen. Es war ganz dunkel, in der Eile hatte die Wachgeru⸗ fene noch kein Licht angezündet, das that ſie erſt, als ſie den nächtlichen Beſuch auf ihr Stübchen im Entreſol geführt hatte. „Wie wird ſich die Mama freuen! Wie wird ſie ſich freuen, wenn ſie morgen ihre Lida vor'm Bett ſieht! Alſo wecken ſoll ich ſie nicht: es iſt auch beſſer, denn ſie iſt ſehr ſchreckhaft.— Nun laſſen Sie ſich doch einmal anſehen.“ Die alte Dienerin hatte das Licht erhoben und leuchtete der Heimgekehrten in das Angeſicht. Schön war dies Antlit durch⸗ aus nicht, aber dennoch erregte es das Entzücken der treuen Alten.„Sie haben ſich gar nicht verändert in den zehn Jah⸗ ren— ſtärker ſind Sie geworden, wiſſen Sie? und etwas brauner, aber es ſteht Ihnen ſehr gut. Iſt denn der gnädige Salvator. 161 Herr auch mit gekommen?— Oder, mein Gott, Sie ſind ja ſchwarz gekleidet?“ „Nicht aus dieſem Grunde. Er lebt— erzähle mir, wie geht es der Mutter? Mußtet Ihr in dieſe abgelegene Gegend ziehen? Es war ein Glück, daß ich den Brief in Cöln fand!“ „Wir mußten— freilich! Hier wohnen wir um zweihun⸗ dert Thaler billiger.“ Die Dame ſeufzte.—„Du mußt mir Alles erzählen,“ ſagte ſie.„Schlafen würdeſt Du doch nicht können, glaube ich. Laß uns denn plaudern. Es geht der Mutter nicht gut, wie ich ſehe.“ „Ja, wem geht es jetzt nicht ſchlechter als ſonſt! Sie ſoll⸗ ten nur hören, was für anſtändige Leute heruntergekommen ſind—“ die Hörerin dachte an ihre Begegnung vor der Thüre! —„die gnädige Frau glaubte ihr Geld recht ſicher zu haben, da wurde der Mann bankrott, nun iſt die kleine Penſion noch — wenn Sie nicht etwa aus Amerika etwas mitgebracht ha⸗ ben viele kommen ja reich wieder.“ „Reich komme auch ich zurück, Sophie, doch nur reich an Erfahrungen.— Lebt der alte Arnefeld noch?“ „Ja wohl, ich habe ihn geſtern noch reiten ſehen.“ „Reiten!“ rief die Dame und richtete ſich auf dem Stuhle, wo ſie ſich zurückgelehnt wiegte, voll Erſtaunen empor.„O dann—! Er iſt alſo noch die volle unverwüſtliche Natur wie einſt!— Sage mir weiter.“ „Auch die Louiſe iſt noch bei ihm— die iſt recht alt und häßlich geworden.“ „Und ſein Sohn?“ fragte die Dame. „Ja, von dem weiß ich gar nichts. Hier kann ernicht ſein, Salvator. I. 12 162 Salvator. ſonſt hätte mir die gnädige Frau etwas davon geſagt. Daß er verheirathet iſt, wiſſen Sie.“ „Das weiß ich, Sophie,“ ſagte die Dame kalt.„Du ver⸗ gißt, daß ich nur zehn Jahre abweſend war. Er muß ſchon er⸗ wachſene Kinder haben.“ „Haben Sie keine?“ fragte die Dienerin zärtlich. „Nein.“— Beide ſchwiegen eine Weile, Sophien's Augen ſuchten aber ſtets wieder das Geſicht, das ſich nach ihrer Mei⸗ nung in ſo viel Jahren eher verſchönt hatte, als daß es geal⸗ tert war, und dabei nahe an den Vierzigen! Wollen Sie nicht wenigſtens eine Taſſe Thee genießen? Oder legen Sie ſich auf mein Bett, ruhen Sie ſich doch aus, wenn Sie auch nicht ſchlafen können!“ Ich will es, wenn Du das Lager mit mir theilſt—“ „Gnädige Frau— wie ſchickte ſich das!“ lachte die alte Dienerin. „Sprich mir nicht von dem Worte ſich ſchicken, an dem unſer ganzes Daſein krankt!“ rief die Dame lebhaft: es war ihr gleichgültig, daß ſie nicht verſtanden wurde. Ihrem Willen fügte ſich endlich Sophie und nahm, wiewohl ſehr verlegen, neben der Frau am äußerſten Rande der Bettſtelle Platz. „Weißt Du etwas von meinem alten Schwiegervater?“ fragte die Dame nach längerm Schweigen. „Gar nichts. Auch die gnädige Frau hat nichts mehr von ihm gehört.“ „Er bekümmert ſich alſo nicht um uns— gut!“ Damit brach ſie das Geſpräch ab, und es ſchien bald darauf, als ſei ſie doch in einen ruhigen Schlummer geſunken. Sophie erhob leiſe ihren Kopf, die kleine Lampe, welche ſie hatte brennen * — ,———— Salvator. 163 laſſen, war ſo geſtellt, daß ſie ihren Schein nicht auf das Lager warf, ſo glitt die Dienerin mit Vorſicht herab, löſchte das Licht ganz aus und ſuchte eine Ruheſtatt auf der Erde. Spät im Herbſte war es ſchon und der Morgen tagte erſt um die ſiebente Stunde. Die alte Dame, bei welcher Sophie in Tagen des Glanzes und des Mangels nun ſchon vierzig Jahre ausgehalten hatte, war aber nicht gewohnt, ſelbſt im Herbſt und Winter bei Tagesanbruch aufzuſtehen, ſondern ſie ſchlief in der Regel bis nach neun Uhr. Dann frühſtückte ſie im Bette, las noch eine Stunde in einem franzöſiſchen Buche, und ſtand erſt gegen eilf Uhr auf, wo ſie eine ziemlich lange Toilette machte, ſorgfältig alle Tage, wie ſie es nur in frühern Zeiten gethan hatte, als noch die vornehmſten Beſuche bei ihr erſchienen. Sie war eine kleine und jetzt ſehr ſchwächliche Frau, aber wenn ſie angekleidet war, feſt und nett, hatte ſie, trotz der geringen Stoffe, zu welchen ſie genöthigt war, noch immer das Anſehen einer vornehmen Dame. Ihre Tochter hatte Sophien ſtreng verboten, auch nur durch die leiſeſte Andeutung die Tagesordnung der Mutter zu ſtören, und Sophie war im Dienſte zu gut geſchult, um nicht pünktlich zu gehorchen. Nur hatte ſie ſich ausgemacht, bei der Begrüßung zugegen ſein zu dürfen. Wenn ſie ſich aber eine recht ergreifende Scene des Wie⸗ derſehens gedacht hatte, ſo wurde ihre Erwartung getäuſcht. Ihre Herrin ſaß auf ihrem Fenſtertritt, als die Tochter un⸗ angemeldet in das Zimmer kam. Sie wurde, da ſich ihre früher auffallend magere Geſtalt zu einer vollendeten Schön⸗ heit der Form entwickelt hatte, und die Mutter ſchwache Augen . 164 Salvator. beſaß, Anfangs nicht gleich erkannt, ſondern mit der üblichen Frage empfangen. „Ich bin's: Adelheid,“ ſagte die Tochter und nahm ihrer Mutter Hand. „Lida?“ rief dieſe erſtaunt. Mit dieſer Abkürzung wurde ſie von ihrer Kindheit her noch oft genannt. Eine leichte Um⸗ armung, ein prüfender Blick von beiden Seiten, damit war dem Gefühle ſein Recht gethan— und Sophie, die alte Die⸗ nerin, ſchlich aus dem Zimmer in ihr Entreſolſtübchen, wo ſie weinte für Beide, deren Augen kaum ein feuchter Schimmer getrübt hatte. „Iſt Dein Mann auch hier?“ fragte die Mutter mit der⸗ ſelben natürlichen Frage, welche geſtern ſchon Sophie gethan hatte. „Herr von Haug iſt jenſeit des Oceans geblieben, ich bin von ihm geſchieden,“ war die kalte Antwort. „Geſchieden?“ rief die Mutter.„Adelheid, ich bitte Dich! Weshalb?“ „Weil unſere Niederlaſſung nicht in einem der ſelavenhal⸗ tenden Staaten lag,“ erwiederte ſie.„Unſer Verhältniß war alſo ein durchaus ungeſetzliches: Herr von Haug mir die Freiheit ſchenken.“ „O falle nicht in Deinen alten Ton zurück, der ſein Spiel mit den ernſthafteſten Dingen trieb! Ich will eine wahre und ungeſchminkte Erzählung, wie dies Unglück gekommen iſt. „Hältſt Du es wirklich für ein Unglück?“ entgegnete Adel⸗ heid ſpottend. Mir konnte kein erfreulicheres Ereigniß kom⸗ men, als daß Haug endlich zu der Erkenntniß gelangte, es ſei für uns Beide das Beſte, wenn wir dem langen Elend ein Ende machten.“ „Elend?“ nahm die Mutter das Wort auf.„Ihr lebtet alſo in traurigen Verhältniſſen?“ „In ſehr traurigen, Mama, das heißt, wir befanden uns materiell ſehr wohl, lebten ſogar nach dortigem Verhältniß im Ueberfluß, aber das innere Glück fehlte uns und es war kein Verſtändniß möglich.“ „Eine geſchiedene Frau—“ ſagte die Mutter kopfſchüttelnd, indem ſie tief ſeufzte. Salvator. 165 „Ich weiß, was Du ſagen willſt,“ antwortete die Tochter mit einem ſtolzen Lächeln.„Um die Meinung der Welt habe ich mich ſchon als Fräulein von Mörner ſo wenig gekümmert, als der Anſtand, dieſer Knecht Ruprecht und Schreckenspo⸗ panz unſres Standes, nur irgend zuließ, wieviel weniger werde ich mich jetzt, wo ich, ein freies Weib, aus dem Lande der ſo⸗ genannten Freiheit komme, mich um ihre alberne Zuſtimmung bemühen. Erſchrick nicht, Mama, über meine kühnen Vorſätze. Schande werde ich Dir nicht machen— auch fürchte nicht, daß ich durch meine Anweſenheit in Dein ſtilles Haus Unruhe brin⸗ gen werde. Ich gedenke gar nicht bei Dir zu wohnen.“ Allein willſt Du wohnen?“ entgegnete Frau von Mörner, von Neuem erſchreckt. „Bin ich nicht eine Frau? Dagegen kann doch ſelbſt meine geſtrenge pietiſtiſche Schwiegermama nichts haben— lebt ſie noch? „Mein Gott, ſeid Ihr denn ganz ohne alle Verbindung geblieben? Der eigne Sohn hat den Tod ſeiner Mutter nicht erfahren! Das iſt ja entſetzlich!“ Salvator. „Du weißt, daß Haug, als er mit mir hinausging, alle Brücken hinter ſich abbrach und drüben, wie Cortez, ſeine Schiffe verbrannte. Er hat nie eine Kunde aus der Heimath geſucht, nie hat der Zufall ihm eine zugeführt, und von uns war für die Zurückbleibenden auch jede Spur verloren.“ „Das weiß der Himmel!“ ſeußte Frau von Mörner.„Und nun muß ich Dich ſo wiederfinden!“ Frau von Haug warf, den Sinn der Worte ablenkend, einen Blick in den Spiegel. Ich denke, Mama,“ ſagte ſie munter,„was auch das Schickſal mir geraubt, ein ſüßer Troſt iſt mir geblieben: weder die tropiſchen Einflüſſe noch die aus⸗ dörrende Atmoſphäre meines Eheglücks haben meinem Ausſehen weſentlich geſchadet.“ „Leichtfinniges Kind,“ ſprach die Mörner und mußte doch wohlgefällig lächeln: denn ſie trug einen guten Theil der Schuld, daß Adelheid mit ernſten Dingen ſpielte, auch bei ihr war der Ernſt nur mit dem Grame eingekehrt.„Wie ſteht es denn mit Deinen ſonſtigen Verhältniſſen? Wenn Ihr ſo im Ueberfluſſe gelebt habt, wird Haug anſtändig für Dich geſorgt haben.“ „Vis-àvis du rien, Mama!“ ſagte Adelheid. „Scherze nicht!“ rief Frau von Mörner erſchrocken. „Ich verſichere Dir, ich habe eigentlich gar nichts,“ ſagte die Tochter. „Aber wovon willſt Du leben? Mit Deinen Anſprüchen, mit Deinen Bedürfniſſen!“ rief die alte Dame und rang die Hände. bin ja ſelbſt in einer Lage, Adelheid, daß ich kaum— 2 rict davon,“ unterbrach ſie die Haug ſchnell. Welch —,,—— —.—— Salvator. 167 unwürdiger Gedanke, von Dir Unterſtützung anzunehmen! Und wenn ich ſagte, gar nichts, ſo iſt das nicht au pied de la lettre zu nehmen. Haug hat ſich in der That gegen mich groß⸗ müthiger benommen, als ich es verdiene. Du ſiehſt, ich habe meine Momente, wo ich in mich ſchlage. Schade, daß meine Schwiegermama todt iſt, ſie könnte es, wenn ſie ſo ausdauernd in der Exiſtenz iſt, als mein alter Anbeter Arnefeld pére, noch erleben, daß es bei mir zum Durchbruch käme, woran ſie immer gezweifelt!“ „Laß doch das Witzeln! Wie konnteſt Du mich aber erſt ſo erſchrecken mit Deinem Garnichts! Sage, was hat Dir Haug ausgeſetzt?“ „Ich weiß es nicht. Ein Haus in London iſt angewieſen, Zahlungen an mich zu leiſten— ich darf ihm nur meine Adreſſe ſchicken. Aber meinſt Du im Ernſte, ich könnte noch Geſchenke annehmen von einem Manne, der mich erniedrigt hat? Und wenn mich die Noth dazu zwänge, von dem mir ausgeſetzten Gnadengehalte Gebrauch zu machen, ſo würde ich es nur als ein Darlehn betrachten, das ich abtragen müßte, ſobald ich es irgend könnte.“ „Aber welche Ausſichten haſt Du dazu? Wir haben gar nichts mehr, Adelheid, ich kann mit Recht ſagen, gar nichts! Du biſt nicht mehr jung, eine zweite gute Partie für Dich fin⸗ det ſich nicht ſo leicht. Lache nur! In unſter Lage iſt ein fal⸗ ſcher Stolz, wie der Deinige, übel angebracht.“ „Beruhige Dich, meine arme Mama. Vor der Hand bin ich noch auf recht lange verſehen, das Haus in London iſt die Zudringlichkeit ſelbſt geweſen; was ich genommen habe oder noch nehmen werde, geht Herrn von Haug zwir nicht verloren, 168 Salvator. aber es war ſo viel, daß ich erſchrak, als ich unterwegs ein⸗ mal nachſah, was ich eigentlich erhalten und worüber ich quit⸗ tirt hatte.“ „Unbeſehens quittirt?“ rief die Mutter, über dieſen neuen Beweis eines unverbeſſerlichen Leichtſinns entſetzt. „Freeman and Company werden mich doch nicht betrü⸗ gen,“ entgegnete Adelheid.—„Genug ietzt von mir. Nun laß mich hören, wie es Dir ergangen iſt und welche Schickſale Dich in dieſe weite Ferne der Stadt verſchlagen haben, die ich mit unſern Hinterwäldern vergleiche.“ Die alte Dame begann eine lange Erzählung, wie nach der Abreiſe ihrer Tochter ſie nur noch einige Zeit in gewohn⸗ ter Weiſe habe leben können, wie dann aber Verluſt auf Ver⸗ luſt ſie betroffen, bis ſie keinen andern Ausweg mehr gehabt, als aus der großen Welt ſich ganz zurückzuziehen und in der abgelegenen Gegend eine wohlfeilere, wenn auch genußloſe Eriſtenz zu ſuchen. Schmerzlich ſei es ihr zwar, wenn ſie zu⸗ fällig einmal wieder in die Gegenden komme, wo ſie einſt eine glänzende Rolle geſpielt, oder Perſonen begegne, welche ſich ſonſt in tiefſter Devotion vor ihr geneigt, nun aber ſie gar nicht mehr zu kennen ſchienen, indeſſen ſuche ſie auch derglei⸗ chen Eindrücke ſo viel als möglich zu vermeiden. Nur dem alten Landſtallmeiſter habe ſie ſich neulich wieder in das Ge⸗ dächtniß bringen müſſen.—“ „Meinem Vetehrer?“ fragte Adelheid raſch. „Deinem alten Verehrer Arnefeld, ich meine den Vater, denn Du haſt, wie die unvergleichliche Ninon, ſchon zwei Ge⸗ nerationen an Deinen Triumphwagen gefeſſelt, und da unter⸗ deſſen auch eine dritte herangewachſen iſt, ſo könnteſt Du—“ ————— gen ———— Salvator. 169 „Mama, Du biſt zum Küſſen! Dieſe Laune erhalte Dir: grade wenn das Mißgeſchick ſeine trübgefärbte Fluth an uns emporſpritzen läßt, iſt der Humor der rettende Geiſt, der über den Waſſern ſchwebt und uns die Hand reicht, ſie zu beſiegen. Laß hören, was brachte Dich mit Arnefeld grand-pére, wie ich alſo ſagen muß, neuerdings in Berührung? Du ahnſt nicht, warum mir das intereſſant iſt!“ „Entſinnſt Du Dich des Pfarrers Hartmann noch?“ fragte die Mörner. „Was werd' ich nicht! Er hat mich ja getraut,“ antwor⸗ tete Adelheid ernſter und ſenkte das Auge. Es mochten ihr Gedanken an die frommen Ermahnungen durch die Seele ge⸗ hen, welche der Pfarrer bei der heiligen Handlung an ſie ge⸗ richtet hatte. Wie war Alles anders gekommen, als ſein Se⸗ gen damals verheißen hatte! „Der hat nach langen Jahren einmal wieder an mich ge⸗ ſchrieben. Er iſt, ſonderbar genug, in die Lage gekommen, eine Vermittlung zwiſchen Vater und Sohn im Arnefeld'ſchen Hauſe zu verſuchen.“ „Jetzt grade!“ rief Adelheid mit unruhig blitzenden Au⸗ „Nach ſechzehn Jahren grade jetzt?“ „Ei, mein Kind, von Deiner Zeit iſt hier nicht die Rede. Der Bruch, der um Deinetwillen zwiſchen dem Landſtallmeiſter und Adolar geſchah, iſt geblieben, unheilbar, wie er war. Ich ſpreche von einem Mißverſtändniß zwiſchen Adolar Arne⸗ feld und ſeinem Sohne, das zu einer vollkommenen Ueber⸗ werfung geführt hat.“ „Siehſt Du: das iſt die Erbſünde! O für einen Mo⸗ 170 Salvator. ment nur das oratoriſche Talent meiner ſeligen Schwieger⸗ mutter! Weshalb haben ſie ſich überworfen?“ „Das ſchreibt der Pfarrer nicht. Aber es iſt ſo ernſthaft geweſen, daß der Sohn das elterliche Haus, wo er auf Urlaub war, augenblicklich verlaſſen hat und in ſeine Garniſon— er iſt Officier bei den Huſaren— zurückgekehrt iſt, der Vater aber hat ihm alle Unterſtützuug entzogen, und die Mutter fürchtet bei dem leidenſchaftlichen Charakter des jungen Men⸗ ſchen das Aeußerſte, ſo hat ſie in ihrer Angſt, weil ſie ſelbſt gar keinen Einfluß auf ihren Mann hat—“ „Bravo, Adolar!“ warf Adelheid ein, welche mit der größ⸗ ten Spannung zuhörte. „Sie iſt freilich viel älter, als er, und eine ſentimentale Närrin— muß auch längſt ein wahres altes Mütterchen von Anſehen ſein, und er ſtrotzt von Geſundheit, wie mir geſagt worden iſt. Alſo die gute Arnefeld in ihrer Angſt ſuchte geiſt⸗ lichen Beiſtand und kam denn zum Pfarrer. Bei ihrem Manne konnte der ihr freilich nichts helfen, denn Adolar iſt kein Freund von geiſtlichen Herren, aber Hartmann dachte an den Großvater, und da er, wie alte Leute ſind, nur von längſtver⸗ gangner Zeit noch etwas weiß, Alles aber, was zwiſchen da⸗ mals und jetzt liegt, rein vergeſſen hat, ſo glaubte er auch, daß ich, die ſonſt ziemlich intim mit dem Arnefeld'ſchen Hauſe war, etwas vermögen könnte, und ſchrieb deshalb an mich. Was konnte ich thun? Das Einzige, was mir rathſam ſchien, war, den Landſtallmeiſter für ſeinen Enkel zu intereſſiren, daß er ſich des jungen Mannes, von dem der Vater ganz ſeine Hand abgezogen hat, freundlich annimmt. Es iſt ohnehin ein Skandal, daß der Bruch ſich auch auf die Enkel erſtreckt—“ Salvator. 171 „Bis in das dritte und vierte Glied!“ ſagte Adelheid, deren Wangen ſich bei dem Antheil, mit welchem ſie der Er⸗ zählung gefolgt war, lebhaft gefärbt hatten.„Du haſt alſo an den Großvater geſchrieben?“ „Schon vor längerer Zeit. Es iſt mir unbegreiflich, daß er mir bis jetzt noch nicht geantwortet hat. Vielleicht iſt er aber ſchon zu einer thätigen Hülfe gekommen, und weiter wollte ich ja nichts.“ Wir wiſſen es beſſer. Der Brief der Frau von Mörner war ad acta geſchrieben worden, das heißt, zu den abgemach⸗ ten Sachen. Nur die alte Schramm hatte ihn geleſen und keine Veranlaſſung gefühlt, die Abneigung ihres Herrn ge⸗ gen den Namen Mörner, die ihn von der Lectüre des Briefes abhielt, zu bekämpfen. Der Inhalt, den er zu errathen glaubte, weil ihm die bedrängte Lage der Frau von Mörner kein Geheimniß geblieben war, konnte der Schramm, da er ihrem Lieblinge nachtheilig zu ſein ſchien, nicht wichtig genug vorkommen: auch fürchtete ſie nach dem Schlüſſel, welchen ſie durch den Brief ihres Enkels zu der Natur des in Rede ſte⸗ henden Zwiſtes beſaß, eine weitere Aufklärung, und ſo hatte ſie das Schreiben nicht dem Papierkorbe, wohin alles ad acta Bezeichnete fiel, ſondern den Flammen übergeben. „Du haſt mir etwas höchſt Intereſſantes erzählt,“ ſagte Frau von Haug zu ihrer Mutter.„Uebergieb mir die Sache: ich hoffe mir einen diplomatiſchen Ruf dadurch zu erwerben.“ Salvator. 2. Die Stimmungen und Strömungen der Zeit, wechſelnd und oft entgegengeſetzt, haben wohl nirgends in ſo mächtig hervor⸗ tretenden Kämpfen gerungen, als in der Hauptſtadt des preußi⸗ ſchen Landes. Sie ſind geſchildert worden bis zur Ueberſät⸗ tigung, von allen Standpunkten aus, in allen Formen und Gewändern, auch in die Blüthen der Poeſie haben ſie ſich hin⸗ eingebohrt und dieſe zerfreſſen, wie Raupen, daß oft weder eine Blüthe noch Poeſie übrig blieb und der gute Geſchmack ſich mit Ekel von den leeren und fahlen Hüllen abwandte, in denen nur ein giftiger und häßlicher Wurm ſaß. Man hat der Welt einreden wollen, es ſei vorüber mit der naiven Kin⸗ derfreude an der bloßen Poeſie und dem Schönen, an der Un⸗ ſchuld des Paradieſes und an den kleinen Schickſalen einfacher Hetzen, man wolle auch in der Dichtung nichts mehr davon wiſſen, der Athem der Zeit und ihr gewaltiger Flügelſchlag, der Kampf der Idee, die Tendenz, die Freiheit endlich! das Alles müſſe in der Dichtung wehen und walten, ſie tragen und durchdringen— wie kommt es denn, daß ſich dennoch im⸗ mer wieder Dichtungen, welche von all' dem nichts enthalten, des allgemeinſten Beifalls erfreuen, daß man ſich grade an ihnen erquickt und ſelbſt die eifrigſten Tempeldiener des Prin⸗ cips im Stillen Gott danken, wenn ſie einmal ein Buch fin⸗ den, das ſie mit der von einer Leglon Autoren wiedergekäuten Politik verſchont? Beſonders das Jahr Acht und vierzig! Mit allerlei Licht iſt es beleuchtet worden, und doch giebt es noch keine Geſchichte deſſelben, denn ſelbſt in der bloßen Aufzählung Salvator. 173 der Thatſachen klingt des Pilatus Frage hindurch: Was iſt Wahrheit? An gewaltthätigſten ſind die literariſchen Damen damit verfahren. Es war nun für Leute, welche weder mit Politik, noch mit den Tagesfragen überhaupt etwas zu ſchaffen haben wollen, ſehr ſchWer, ſich die Aufdringlichkeit derſelben vom Leibe zu hal⸗ ten. Der Landſtallmeiſter von Arnefeld hatte es möglich ge⸗ macht. Allerdings war er in dem verhängnißvollen Monat März krank geweſen und hatte faſt den ganzen Sommer das Zimmer hüten müſſen, ſo daß ihm all' die Scenen, welche doch ſelbſt ſeine abgeſtumpfte Seele aufgeſtachelt hätten, nicht vor Augen ka⸗ men und er ihre Schilderungen nur prismatiſch gebrochen durch ſeine Louiſe erfuhr, welche Herrn Schepke jede aufregende Mit⸗ theilung verboten hatte und ihn ſtreng unter Controle hielt. So hatte ſich der alte Herr glücklich durchgeſommert, und der erſte Froſt im November tödtete ja bekanntlich das in ſtrotzen⸗ der Breite und Saftfülle emporgewucherte Pflanzengeſchlecht, das ſich für den Weizen der armen betrogenen Proletarier aus⸗ gegeben hatte. In dem folgenden Jahre konnte Arnefeld ſich ſchon auf ſeine eigne Manier indifferent halten. Sonderbar aber mußte die alte Welt denen vorkommen, welche nach langjähriger Abweſenheit aus der neuen heimkehr⸗ ten. So Frau von Haug. Die Kunde von den Erſchütterun⸗ gen, deren Plötzlichkeit ſie allein ſo überwältigend gemacht hatte, war zwar auch in Amerika zu ihr gedrungen, aber aus der Ferne nahm ſich Alles au ders aus, und als ſie jetzt zurück⸗ kam, fand ſie ſchon wieder neue Zuſtände, in welchen ſie ſich nicht zurecht finden konnte. Sie bedauerte glühend, eine Zeit wie die jüngſtvergangene verſäumt zu haben, ſie fühlte, daß Salvator. 174 ſie eine Rolle geſpielt haben würde. Wir fürchten es auch., Jedenfalls würde ſie 1849 nicht mehr in Berlin geweſen ſein, ſo wenig als die wilde Vorkämpferin der Liebesfreiheit, oder das einſtige Kirſchenmädchen, des politiſchen Frauenclubs ge⸗ nialſte Zier, oder jene Dame von Stande, welche zu Plakat⸗ fehden Anlaß gab: ſie müßte denn hier ſo zähe Wurzeln ge⸗ geſchlagen haben, als ein Paar andere Damen, welche auch mit ihrem politiſchen Lichte in den neuern Zuſtänden umher⸗ ſtöbern— und darüber die Poeſie verloren haben. Die Zeit war jedoch nun vorüber und Adelheid mußte ſich tröſten. Sie liebte es überhaupt nicht, die Vergangenheit heraußzubeſchwören. Hätte ſie Furien für ſich oder Schreckbilder zu fürchten gehabt? Vielleicht war es nur, weil ſie gern der Gegenwart lebte und die wunderlich gemiſchten Erinnerungen ihrer verfloſſenen Jahre gern vergaß. Ein neuer Wirkungskreis mußte gewonnen wer⸗ den: mit unbeſtimmten Ausſichten war ſie nach Berlin gekom⸗ men, auf der ganzen Reiſe hatte ſie ſich in Träumen von Glück und Freude gewiegt, die ihr nun verwirklicht werden konnten, da ſie wieder frei war, wie einſt, ehe ſie ihre Hand vergab, und freier noch, weil ſie nicht mehr den Beſchränkungen eines Mädchens unterworfen war. Sie fühlte ſich noch ſo jung wie einſt, und konnte manchmal aufſchrecken, wenn ihr einfiel, daß ſie ſchon den Vierzigen nahe war. Dann trat ſie gewöhnlich vor den Spiegel und hielt eine unparteiiſche, ja man kann ſa⸗ gen, ſchonungslos ſtrenge Muſterung über ſich ſelbſt. Das Reſultat war aber kein ungünſtiges, denn wenn auch ihr Geſicht niemals ſchön geweſen war, ſo hatte es doch immer pikante Züge gehabt, welche oft den Mangel der Schönheit erſetzen, und ein Augenpaar, das ſo zu feſſeln vermochte, ſollte Salvator. 175 wohl ſchwerlich oft gefunden werden, die dunklere Färbung, welche dies Antlitz im fremden Klima erhalten hatte, gab ihm ein Intereſſe mehr— aber das Alles blieb unbeachtet vor der wunderbar ſchönen Geſtalt,„ſie war noch nicht zu herbſtlicher Fülle entwickelt, ſondern zeigte die vollendete Form der prangenden Jugend in all' ihrem Reiz: wenn Adelheid verſchleiert war, und ſie liebte das! ſo mußte man ſie noch für ein Mädchen halten, für ein Mädchen von königlichem Wuchs und dem reinſten Ebenmaße der Glieder. So fand denn ihre Eitelkeit, wenn ſie auch noch ſo gekränkt war von den Erfahrungen des Lebens, vor dem Spiegel Beruhigung und neuen Anlaß zu dem gefährlichen Spiele, das ſie für den Zweck ihres Daſeins hielt. Aus den Erzählungen ihrer Mutter hatten ihre planlos umherflatternden Gedanken, wie ſie ihre nächſte Zukunft ge⸗ ſtalten wolle, ein beſtimmtes Ziel erhalten. Es kam nur darauf an, wieder einen ſichern Anknüpfungspunkt zu gewin⸗ nen. Gewaltſam waren einſt alle Fäden abgeriſſen worden, es erforderte eine feine und geſchickte Hand, um ſie von Neuem zu einem feſthaltenden Gewebe zu verſchlingen. Der alte Arnefeld lebte noch und hatte ſich mit ſeinem Sohne nicht wie⸗ der verſöhnt: es kam darauf an, ihn zu überzeugen, daß ſie vollkommen unſchuldig an der heilloſen Verwickelung geweſen war, daß ſein Sohn Adolar in ſeinem kein Verhältniß achten⸗ den Charakter Alles allein verſchuldet hatte. Sollte ſie an ihn ſchreiben? Sie kannte ſeine ſeltſame häusliche Einrichtung, es war kein Grund anzunehmen, daß er ſie verändert haben ſollte: alte unverheirathete Herren hängen daran, wie die Chi⸗ neſen, und ſo war Adelheid überzeugt, daß Frau Schramm, 176 Salvator. ihre Feindin, noch immer die Briefe vorleſen und meiſt auch, von ihm dictirt, beantworten mußte; es war alſo nicht einmal die Hoffnung vorhanden, daß ein Brief von ihr in die Hände des alten Mannes gelangen würde. Sie ging daher viel ſiche⸗ rer, wenn ſie ihm ſelbſt nahte. In ſeiner Wohnung konnte ſie ihm freilich keinen Beſuch machen; nicht der Unſchicklichkeit wegen, dieſe erkannte ſie ſchon aus Princip nicht an, auch wäre es vor der Welt nicht einmal anſtößig geweſen, wenn ſie den achtzigjährigen Herrn beſucht hätte, aber ſie wäre dabei gewiß an derſelben Klippe geſcheitert, welche einer Correſpon⸗ denz mit ihm hinderlich war. So verſuchte ſie denn andere Wege. Ein prächtiger Herbſttag nach mehrern grauen und reg⸗ neriſchen hatte ſie hinausgelockt, nicht in die ſandigen Gefilde, welche dieſe Stadtgegend umgürten, ſondern mitten in die Reſidenz hinein. Ihre Mutter benutzte ihre Abweſenheit, um vorgeblich in ihrem Auftrage an die Herren Freeman und Co. in London einen Brief zu ſchreiben, worin ſie die Firma von dem in Berlin genommenen Aufenthalt ihrer Tochter benach⸗ richtigte und ſie erſuchte, die Zahlungen, welche derſelben aus⸗ geſetzt ſeien, durch ein hieſiges beliebiges Handlungshaus leiſten zu laſſen: die Angelegenheit ſei zu delicat, als daß ihre Tochter ſelbſt deswegen in Verbindung mit der Firma habe treten können, daher ſie, als Mutter, den erwähnten Auftrag dazu erhalten habe. Sehr zufrieden war die alte Dame, dieſen Schritt gethan zu haben, und ſah ihrer mit dem Briefe davon⸗ eilenden Sophie zärtlich nach, denn bei dem Leichtſinne und Stolze Adelheids konnte ſie in Bezug auf Geldſachen Alles be⸗ fürchten, und„wovon ſollten ſie leben?“ Dieſe abſcheuliche Frage Salvator. 177 hatte ſchon Tage lang, wie ein holländiſches Glockenſpiel, in ihrem Kopfe geklimpert. Nun war auch dafür geſorgt. Adelheid wanderte unterdeſſen in Hut, Schleier und Man⸗ tel mit ihrem graziös ſchwebenden Schritte durch die belebte⸗ ſten Gegenden der Stadt. Alleingehende Frauen und Mäd⸗ chen, wenn ſie ſich ehrbar benahmen, waren ſonſt in Berlin wenigſtens am Tage auf den Straßen vor Dreiſtigkeiten edler Jünglinge ſicher. Heut iſt das auch anders geworden. Nicht das ſittſamſte Mädchen, nicht die anſtändigſte Dame, und ginge der bärtigſte Diener als Geleit hinter ihr, kann ſich mehr vor heimlich zugeflüſterten Bemerkungen, beleidigenden Schmeiche⸗ leien und ſtraßenweitem Mitgehen ſchützen: es iſt das eine Errungenſchaft aus dem Jahre der Freiheit, wo das weibliche Geſchlecht faſt ganz von den Straßen verſchwunden war, und die Ritter vom Kneifglaſe halten ſie feſt. Aus dem Zimmer kann man läſtige Fliegen los werden, im Freien hilft kein Verjagen. Auch Frau von Haug machte dieſe Bemerkung. Ein jun⸗ ger Menſch, ſo blaß und ſchlotterig, wie ſie nur das Straßen⸗ pflaſter großer Städte aufzuweiſen vermag, hatte ſich, ange⸗ zogen durch die herrliche Figur der Dame, ihr beigeſellt, und da ſie ſeiner erſten leiſen Bewunderung nur einen Blick ſtolzen Erſtaunens entgegengeſetzt hatte, war er ohne Weiteres ihren Schritten gefolgt. Grade die häßlichſten dieſer Race, deren miſerables Ausſehen wenig Hoffnung giebt, daß ſie ſelbſt ge⸗ meinen Dirnen gefallen könnten, ſind gewöhnlich die zudring⸗ lichſten, und Frau von Haug hatte es mit einem ſolchen zu thun. Sie war in einer Entrüſtung, daß ihr das Blut in den Adern kochte, mehrmals hatte ſie ſchon ihre Richtung ge⸗ wechſelt, ohne den Frechen, der ihr nur in einiger Entfernung Salvator. 1. 12 178 Salvator. zur Seite blieb und von Zeit zu Zeit einen Blick in ihr Geſicht that, los werden zu können— ſie trat in einen Laden, kaufte eine Kleinigkeit und hielt ſich abſichtlich lange auf, als ſie wie⸗ der heraustrat, ſtand wenige Schritt von der Thüre geduldig wartend das unverſchämte fahle Geſicht mit dem dünnen, ſemmelfarbigen Kinnbarte, das ſie mit dem Glaſe, in das Auge geklemmt, widerwärtig anſtierte. Da erkannte ſie einen Vorübergehenden und entſann ſich mit dem glücklichen Gedächtniſſe, das ihr eigen war, ſchnell ſeines Namens.„Herr von Rheinberg!“ ſagte ſie mit beben⸗ der Stimme. Ueberraſcht blickte der Officier nach ihr hin, er ſah ſeine Reiſegefährtin von Cöln wieder. „Darf ich Sie um Ihre Begleitung bitten, nur für eine kurze Strecke? Sie waren ſo gütig gegen mich,“ ſagte Frau von Haug, als er ſie freundlich begrüßte. Er bot ihr den Arm, denn er hatte an ihrem Benehmen und dem Seitenblicke, welchen ſie auf den Straßenlöwen warf, die Situation ſchnell begriffen. Dieſer blieb ſtehen als das Paar in die andere Richtung einbog, und ſteckte ſich gemüthlich eine Cigarre an. Wahrſcheinlich ſchickte er dem Officier ein Paar acht und vier⸗ ziger Redensarten im Geiſte nach? O nein! Er war nichts weniger, als Demokrat, ſondern der angenehme Sprößling einer ſehr ariſtokratiſchen Familie. Rheinberg war ſchon unterwegs durch das zurückhaltende Weſen dieſer Frau und die Anmuth, welche ſie in Alles, was ſie that oder ſprach, zu legen wußte, lebhaft intereſſirt worden. Er führte ſie mit der vollkommenſten Ueberzeugung, daß er ſich ſeines Ritterdienſtes nicht zu ſchämen brauche, nach dem Platze, Salvator. 177 den ſie ihm bezeichnet hatte. Beide unterhielten ſich, wie es auf einer lebhaften Straße eben möglich iſt. Den Dank, welchen ihm die Fremde ſagte, lehnte Rheinberg beſcheiden ab, als ſie ſich trennten, doch wiederum von ihr zu ſcheiden, ohne ihren Namen zu erfahren, wo ihn der Zufall wahrſcheinlich nicht noch einmal mit ihr zuſammenführen würde, konnte er nicht über ſich gewinnen. Da ſie noch einen Moment zögerte, gleichſam als werde es ihr ſchwer, ſich zu entfernen— und es entging ihm nicht, wie ſie ſich dabei reizend benahm!— bat er ſie um ihren Namen.—„Adelheid Mörner“— ſie hatte ja dem Namen ihres geweſenen Gatten entſagt, dachte ſie. „Ihre Familie wohnt auf dieſem Platze?“ „Verzeihen Sie. Ich ſuche hier nur einen alten Freund auf. Haben Sie nochmals meinen innigen Dank.“ Der Blick, mit welchem ſie das letzte Wort begleitete, ent⸗ ſprach ſeinem Beiworte, ſie hatte den Schleier ſchon vor einiger Zeit zurückgeſchlagen, und Rheinberg fühlte den Strahl ihres ſchönen Auges bis in das Herz hinein. Er entfernte ſich, und als er ſich von dem Standbilde des berühmten Huſarengene⸗ rals noch einmal nach ihr umſchaute, war ſie verſchwunden. Er beſchäftigte ſich noch viel mit ihr, auch der Name Mörner fiel ihm bekannt auf, nur wußte er nicht, wo oder wie er von ihm gehört hatte. Ganz anders hätte es ſich in ihm geſtaltet, wenn die Geſchiedene ihm den wahren Namen, welchen ſie rechtlich noch immer führte, den Namen Haug genannt hätte, dann würde ſie durch eine Frage, ob ſie mit dem Oberſten von Haug verwandt ſei, erſchreckt und vielleicht zu Eröffnun⸗ gen geführt worden ſein, welche ihn vor der Gefahr bewahrt hätten, ſich viel mit ihrem Bilde zu beſchäftigen. 12* 180 Salvator. Sie aber dachte kaum noch an ihn. Rheinberg konnte für ſie nichts Anſprechendes haben, er war dazu weder hübſch, noch gewandt genug: ſein gediegener Werth konnte überhaupt nur von verwandten Gemüthern erkannt und gewürdigt wer⸗ den. Ein flüchtig Spiel mit ihm zu treiben, dazu hatte die Dame jetzt nicht einmal Zeit, denn ihre weitern Pläne mußten raſch verfolgt, ihre Fäden flink geſchürzt und das Netz zuge⸗ zogen werden, ehe die Parze ſie mit der Todesſcheere zugleich durchſchneiden konnte. In jenem Hauſe wohnte der alte Herr, ſie hatte ſeinen Namen im Wohnungsanzeiger aufgeſucht und gefunden, daß er ſein Quartier in der langen Zeit nicht verändert hatte. Wenn er all' ſeinen frühern Gewohnheiten treu geblieben war, ſo mußte er zu dieſer Stunde ausreiten, ſchon fing die Uhr der nächſten Kirche an zu ſchlagen, und ſie erwartete, den Thorweg ſich öffnen und den Diener in der grauen Livree ein geſatteltes Pferd vorführen zu ſehen. Aber der Thorweg blieb geſchloſſen und ſtatt des Herrn trat aus der Hausthüre eine große weibliche Perſon, welche im Geſchäftsgange ſich ent⸗ fernte; Adelheid wußte, wer dieſe war, ſie hatte die Nähe ihrer Feindin gefühlt. Jetzt galt es einen raſchen Entſchluß. Die Schramm war ausgegangen, von dem Diener, wenn es noch derſelbe war, den ſie früher dort geſehen hatte, durfte ſie keine eigenmächtige Abweiſung befürchten. Frau von Haus eilte, das Haus zu gewinnen, ſie flog die Treppe hinan, ſah das alte, wohlbe⸗ kannte Klingelſchild und zog mit klopfendem Herzen den Griff. Ein breites, trübſeliges Geſicht erſchien, es war ſo ge⸗ altert, ſeit die Haug es zuletzt geſehen hatte, daß ſie es nicht Salvator. 181 wieder kannte.„Ich wünſche, dem Herrn Landſtallmeiſter ge⸗ meldet zu ſein,“ ſagte ſie. „Wen habe ich die Ehre—?“ fragte der Diener miß⸗ trauiſch; denn der Beſuch einer Dame war ihm etwas ſo Un⸗ erhörtes, daß er nur eine Hülfsbedürftige vor ſich zu ſehen glaubte, und die meiſten Domeſtiken behandeln ſolche mit ab⸗ ſtoßender Härte. „Bitte, ſagen Sie nur: eine alte Bekannte, ich will Ihren Herrn überraſchen.“ Das Wort alt ſchien nicht zu paſſen, Ueberraſchungen liebte ſein Herr nicht, und was mehr galt, Frau Schramm hatte verboten, unbekannte Leute einzulaſſen oder an Jemand anders, als an ſie, zu melden. „Mein Herr iſt nicht zu Hauſe,“ ſagte daher der Diener. „Schepke!“ rief von innerhalb eine donnernde, der Frau vor der Thüre wohlbekannte Stimme und ſtrafte den betroffe⸗ nen Diener Lügen. Er ſchoß brummend hinein, unterließ aber nicht, der lachenden Dame die Thüre vor der Raſe zu ſchließen. Nach einer kleinen Weile kam er wieder und bat ſie mür⸗ riſch, einzutreten. Frau von Haug, welche nun wußte, daß es noch derſelbe Menſch war, den ſie in frühern Zeiten hier geſehen und zuweilen beſchenkt hatte, gab ſich ihm gleichwohl nicht zu erkennen, ſondern zog ihren Schleier in dichtere Fal⸗ ten. Sie hatte ſich beſonnen, daß es wohl am gerathen⸗ ſten ſei. „Thüre zu!“ dröhnte des Herrn Befehl, als Schepke die Fremde eingeführt hatte und noch einen Moment zögerte, um den Empfang zu belauſchen So blieb ihm denn nur das Hor⸗ 182 Salvator. chen übrig. Der Alte war in einem Irrthum befangen über die Perſon der Dame, welche ſich als Bekannte bei ihm melden ließ, ſonſt würde ſie wohl ſchwerlich Zutritt erlangt haben Von ſeinem Ritt, welchen er allerdings nicht mehr zur altgewohnten Stunde unternahm, war er heut etwas aufgeregt heimgekehrt, der Hengſt hatte ſich ein Paar Ungezogenheiten erlaubt, die der Reiter zwar beſtraft und das widerſpenſtige Thier vollkommen gebändigt hatte, er ſelbſt war aber dadurch in eine reizbare Stimmung verſetzt worden. In dieſer Laune hatte Frau Schramm ſich geirrt und war deshalb, als ſie ſich ihrerſeits auch einige Freiheiten herausnahm, tadelnde Bemerkungen, welche ſonſt in geduldiger Fügſamkeit ertragen wurden, ſehr übel angekommen. Es hatte eine Scene zwiſchen Beiden gegeben, welche dem armen Schepke, der ſie im Vorzimmer hören konnte, das Haar zu Berge trieb: die beiden Gewalten, denen er unterworfen war, ſchienen unter einander in einen unheilbaren Conflict gerathen zu ſein, welche Folgen mußte das für ihn bringen? Im vollen Zorne war die Haushälterin dann ausgegangen, und der alte Herr hatte ſich erſchöpft an ſeinen Schreibtiſch geſetzt, in welchem er, gewiß aus irgend einer unheilvollen Abſicht für die Zukunft, heftig kramte. Dabeiwar ihm ein Billet wieder in die Hand gefallen, das er ungeleſen in ein Fach geworfen hatte, es trug die Aufſchrift von einer zierlichen Damenhand:„An meinen geliebten Großvater.“ Die Schramm hatte es ihm von ihrer Reiſe mitgebracht, es war das Billet, welches ſeine Enkelin Laura an ihn geſchrieben hatte, als ihr Vater nicht zu bewegen geweſen, einen Schritt der Annäherung zu thun. Mit eindringlichen Worten hatte es ihm die Schramm richtig zugeſtellt, aber wenn ſie auch in Salvator. 183 allen andern Verhältniſſen eine gewiſſe Herrſchaft über ihn ausübte, dies war der Punkt, wo ihr Ausſpruch: daß er ein hartes Herz habe, ſich vollkommen beſtätigte. Hier vermochte ſie gar nichts über ihn. Er hatte dies Billet genommen und in ſeinen Schreibtiſch geworfen:„Solche Mädchenredensarten kenne ich ſchon!“ hatte er geſagt. Heut fiel es ihm nun wieder in die Hand, und bei dem Eindrucke, welchen die heftigen, wenig abgewogenen Worte ſeiner Pflegerin auf ihn gemacht hatten, kam auf einmal die Luſt über ihn, zu leſen, was ein Kind, das durch Bande des Blutes mit ihm verbunden war, im Gegenſatze der Gemiethe⸗ ten, zu ihm ſage: es war ein unbewußtes Haſchen nach einem Balſam für die eben erlittene Verletzung. Und wie er die ein⸗ fachen, liebreichen Worte las, ging es ihm wirklich warm und wohlthuend durch das Herz, ſo daß dem alten, einſamen Manne die Augen überfloſſen. In dieſe friſche Regung hinein fiel die Meldung einer bekannten Dame, und aufgeregt bis zur Exaltation, wie der Greis war, kam es ihm vor, als könne es gar Niemand anders ſein, als Laura, ſeine Enkelin. Er war aufgeſtanden und ging ihr mit ſeinen kurzen, ſtei⸗ fen Schritten entgegen—„Kennen Sie mich noch?“ fragte ihn eine ſanfte, wohlklingende Stimme, das war nicht, die er erwartet hatte, nicht die ihm unbekannte Stimme ſeines Enkel⸗ kindes, das er ſeit langen Jahren nicht geſehen hatte, das war eine andere, welche mit ihrem erſten Laut die Bruſt des Grei⸗ ſes hoch außzucken ließ. Adelheid warf den Schleier zurück und ſtreckte ihre Hand nach ihm aus.„Werden Sie mich zum zweiten Male verſtoßen?“ rief ſie.„Ich komme, mich zu rechtfertigen.“ 3₰ 184 Salvator. „Lida!“ ſagte er in großer Bewegung.„Sie ſind es wirk⸗ lich? Mein Gott, Lida!“ Und er faßte ihre Hand, worauf ſie die ſeinige an ihr Herz drückte und mit Küſſen bedeckte. „Ja, ſo habe ich mir Ihren Empfang gedacht!“ rief ſie. „Ich wußte, daß Sie mich jetzt, wo ich mich rechtfertigen kann, nicht ungehört verdammen würden! Jahre ſind darüber hinge⸗ gangen, aus dem unbedachten Mädchen, das kein Arg, kein Mißtrauen in die Welt und die Menſchen ſetzte, iſt ein Weib von reiferm Alter geworden, das klarer ſehen gelernt hat, und auch Sie haben vielleicht ſchon das bittere Unrecht, das mir geſchehen iſt, erkannt— nicht von Ihnen, bei Gott! Ihnen gebe ich die Schuld nicht!— Aber ich bin es uns Beiden ſchuldig. bei meiner Heimkehr eine Verſtändigung mit Ihnen zu ſuchen.“ „Sein Sie mir tauſendmal willkommen!“ ſagte der Alte und führte ſie zu dem Sopha, auf welchem ſie Platz nahm, während er ſeinen Stuhl dicht an ihre Seite rückte.„Sie wiſſen, daß Adolar ſich verheirathet hat?“ Staunend blickte ſie ihn an, dieſe Frage war ihr ganz un⸗ verſtändlich. Hatte nicht Adolar, als jene traurige Verwicke⸗ lung eintrat, von welcher ſie mit ſeinem Vater ſprechen wollte, längſt Frau und Kinder gehabt? Ein Gedanke erſchreckte ſie: war der Greis vielleicht nicht mehr Herr ſeiner Geiſteskräfte? „Mein edler Freund,“ ſagte ſie ſchonend,„wenn Sie mir verſichern wollen, daß Sie mir Glauben ſchenken, den echten ritterlichen Glauben an meine Schuldloſigkeit, ſo laſſen Sie uns die alte Zeit nicht mehr berühren. Wie tief es mich ge⸗ ſchmerzt hat, daß wir uns ſo trennen mußten, können Sie ja doch nie ermeſſen!“ Salvator. 185 „Hat es Ihnen leid gethan, Lida? Sie haben nicht den alten Mann ausgelacht, der die Idee hatte, noch ein junges Mädchen, wie Sie, heirathen zu wollen?“ „Empörend, wer Ihnen dieſe Nichtswürdigkeit geſagt hat!“ rief Adelheid mit blitzenden Augen. „Ja, Sie haben Recht!“ ſagte er mit einem Seitenblicke, als ſuche er die Perſon, welche dieſer Vorwurf traf. Sie war aber noch nicht heimgekehrt von ihrem zornigen Ausfluge. „Und die Kabale, welche geſchmiedet wurde, um uns zu trennen! Wie der Baron Adolar, ein verheiratheter Mann, Gatte einer edeln und liebenswürdigen Frau— mein Gott! was bin ich im Begriffe zu thun! O lieber will ich ſelbſt dul⸗ den, nach wie vor, als anklagen! Es iſt mein Unglück, daß ich mich nur durch eine Anklage rechtfertigen kann!“ „Ich bin mit ihm fertig, total fertig!“ ſagte der Alte, nun ganz in ſein Gleis gebracht.„Sie dürfen ſich keinen Zwang anthun, Lida. Wir haben nichts mehr mit einander zu ſchaffen, er hat keine Anſprüche an mich, ich mache keine an ihn. Wer ſo an mir handeln konnte, wie mein Sohn es gethan, der ein verheiratheter Mann war und Vater einer vortrefflichen Toch⸗ ter, dem kann ich niemals verzeihen, und wenn ſein Kind vor mir auf den Knieen läge, ich habe mein Wort gegeben und das bricht kein Arnefeld.“ „O ſchon darin erkenne ich, daß Sie mir in Ihrem Herzen doch nicht die Schuld gaben, welche mir meine Feinde gern aufbürdeten. Wie hätten Sie ſonſt dem Sohne ſo zürnen können? Wenn ich die abſcheuliche Kokette geweſen wäre, als welche man mich gewiß in Ihren Augen dargeſtellt hat, ſo wäre ein junger Mann von lebhaftem Geiſte, der— Sie vetzeihen 186 Salvator. mir!— an eine ältere und ſeinen Anſprüchen in keiner Hin⸗ ſicht genügende Frau verheirathet iſt— wohl zum Theil zu entſchuldigen, daß er ſich momentan von den Künſten einer Gefallſüchtigen verblenden und hinreißen ließe. Aber Sie glaubten mich nicht ganz ſo ſchlecht, und jeder Schatten, den Sie von meinem Bilde nahmen, fiel auf den Andern, ſo er⸗ kläre ich mir Ihren ſtrengen Schritt, den ich beklage. Und nun laſſen Sie mich ſchweigen von der Vergangenheit, wie weh Sie auch meinem Hetzen gethan haben!“ Theuerſte Lida— Sie hätten aber mit mir nicht brechen ſollen—“ Zum zweiten Male ſah ſie ihn mit großem Erſtaunen an. Hatte ſie denn mit ihm gebrochen? Hatte er nicht einen Ab⸗ ſagebrief an ſie geſchrieben, der ſie in ſeiner unbeholfenen Form auf das Empfindlichſte beleidigte? Sie mußte Gewißheit ha⸗ ben, ob er wirklich geiſtesſchwach geworden oder ob dieſe Quer⸗ frage eine abſichtliche ſei.„Haben Sie nicht den ganzen Zu⸗ ſammenhang erfahren? Sie erinnern ſich auch durch wen!“ „Ja, ja, Rheinberg— mein alter Rheinberg! Ich weiß nun Alles.“ „Der Name iſt mir ganz fremd!“ ſagte ſie ſchnell, obgleich ſie von demſelben frappirt war, da ſie vor kaum einer Stunde mit einem Manne, der ihn trug, verkehrt hatte. Arnefeld wurde etwas roth und rieb ſich die Stirn.„Sie müſſen mir verzeihen, aber ich habe mich wohl geirrt. Sie ſag⸗ ten mir ja vorhin ſchon Alles— fahren Sie fort!“ Sie ergriff ſeine Hand.„Ich habe Sie nie getäuſcht,“ ſagte ſie herzlich. Verachten hätte ich mich müſſen, wenn ich Ihnen ein Gefühl hätte heucheln wollen, dos zwiſchen einem Salvator. 187 Mädchen von ſo jungen Jahren und einem Manne, gereift wie Sie, reine Unnatur wäre. Die glühende, phantaſtiſche Liebe, welche zwei Herzen in gleichem Alter ſtürmiſch bewegt, macht auch nicht glücklich. Sie empfanden für mich nicht mehr, als ein väterliches Wohlgefallen, mein heiteres Weſen und meine unbegrenzte Verehrung für Sie ließen den Wunſch in Ihnen gedeihen, daß ich ein ruhiges Loos an Ihrer Seite gern an⸗ nehmen möchte— und Sie täuſchten ſich nicht. Mit Freuden willigte ich ein, da ich ſo warm, ſo kindlich treu an Ihnen hing, ſeit ich wußte, was Sie einſt meinem Vater für Beweiſe der Fürſorge—“ „Nichts da, Kind! Der Mörner brauchte mich nicht, der ſtand feſt auf ſeinen eignen Beinen!“ rief Arnefeld, von Adel⸗ heid's Worten S„Wenn Sie aber ſo denken, 6 ſehe ich gar nicht ein— „Laſſen Sie mich vollenden!“ unterbrach ſie ihn ernſt. „Welchen Schluß müßten Sie ziehen, welchen empörenden Grund meiner heutigen Erſcheinung unterſchieben, wenn ich Sie jetzt ausſprechen ließe, ohne daß Sie mich gehört hätten! Ich hatte es für die Aufgabe meines Lebens angeſehen, Sie ſo glücklich zu machen, wie es einer Fremden, die nur im Dienſt⸗ verhältniß zu Ihnen ſteht, nie möglich wird.“ „Das weiß der liebe Gott!“ rief Arnefeld lebhaft in der Erinnerung an die letzte Scene mit ſeiner Louiſe. „Aber die erſte Bedingung dazu mußte Vertrauen von Ih⸗ rer Seite ſein!“ fuhr Adelheid fort.„Als ich nun dieſes Ver⸗ trauen auf immer erſchüttert ſah— gleichviel, ob ich unſchul⸗ dig war, ich habe mir aber gelobt, Niemand anzuklagen!“— als ich mir ſagen mußte, daß doch ein Zweifel ewig in Ihrer Seele 188 Salvator. leben müßte, daß ich es nicht ertragen könnte, mit Jemand, der mich hinterliſtig aus Ihrem Herzen zu verdrängen verſucht, unter einem Dache zu leben, oder ihn wiederzuſehen, der mich entweder für eine Elende hielt oder gewiſſenlos meinen Ruf vernichtete, mochte er auch den ſeinigen dabei in die Schanze ſchlagen,— da war es meine Pflicht, ein Verhältniß nicht feſtzuhalten, das ſonſt auch das Glück meines Lebens gemacht hätte!“ Lida, ich ſehe gar nicht ein, wenn Alles ſo ſteht, warum Sie mich aufgeben wollen? Was ſteht denn im Wege, frag' ich? Kenne ich etwa den Leichtſinnigen nicht, habe ich die Louiſe nicht vor einer Weile noch zurechtgewieſen? Wenn Sie mit einem alten Manne, wie ich bin, glücklich werden können—“ „Vergeſſen Sie ganz die Verbindung, zu welcher ich ſchrei⸗ ten mußte, ſeit wir uns trennten?“ Der Alte ſaß wie verſteinert. Er hatte das wirklich ganz vergeſſen, nun fiel es ihm ſchreckhaft ein. „Sie ſind verheirathet— ja, ja!“ ſagte er kleinlaut. „Mein Herz war dieſer Verbindung fremd,“ ſprach ſie, die Hand auf ihre Bruſt legend.„Ich bin ſehr unglücklich geweſen — doch laſſen wir auch das unberührt. Sie wiſſen, daß ich in einem fremden Erdtheil gelebt habe, dorthin kehre ich viel⸗ leicht bald zurück, wenn auch nicht zu dem Manne, von welchem ich geſetzlich getrennt bin.“ Arnefeld horchte mit angeſtreng⸗ ten Sinnen. Da ich nun hier bin bei meiner Mutter, um alles Nöthige für meine Zukunſt zu beſorgen, ſo drängte es mich, Ihnen ein letztes Lebewohl zu ſagen und die Hoffnung mit mir zu nehmen, daß die Zeit mich in Ihren Augen gerecht⸗ fertigt hat. Das iſt der Grund meines Beſuchs, es wäre mir Salvator. 189 eine zu ſchwere Laſt auf dem Herzen geweſen, mich von Ihnen, den ich nie wiederſehe, verkannt zu wiſſen! Und nun ich weiß, daß Sie milder über mich denken, habe ich meinen Wunſch geſtillt und ſcheide. Leben Sie wohl!“ Sie ſtand raſch auf, drückte ſeine Hand an ihren Buſen und entfernte ſich. Vergebens bat er ſie, zu verweilen, gab ihr den ſchmeichelhafteſten Namen und wollte ſie feſthalten: ehe er jedoch ſeine ſteifen Glieder vom Stuhle erheben konnte, war ſie ſchon an der Thüre, wo ſie mit einem innigen, von dem freundlichſten Kopfnicken begleiteten Blicke verſchwand. In einer größern Aufregung hatte ſich wohl der alte Herr ſeit zwanzig Jahren nicht befunden— er trat an das Fenſter und riß es auf, um dem herrlichen Weibe, wie es mit elaſtiſchem Tritt die Straße dahinſchwebte, nachzuſchauen, ob ſie ſich nicht einmal umkehren werde, das geſchah aber nicht. Dann ging er heftig im Zimmer auf und ab, ſein Schritt dröhnte durch das ganze Haus— er warf ſich wieder auf den Seſſel vor ſeinen Schreibtiſch, zog das Fach auf, wo er ſeine wichtigſten Papiere aufbewahrte, und wog eins davon, das beſonders ausgezeichnet oben auf lag, in der Hand.„Ganz anders, ganz anders muß das werden!“ ſprach er vor ſich hin und: „Schepke!“ rief er dann. Der Diener kam auf den erſten Ruf, er betrachtete ſeinen Herrn mit einem ſo prüfenden Blick, als ſuche er an ihm ein Brandmal.— Morgen früh zehn Uhr beſtellſt Du mit den Juſtizrath Schulz.“ „Aber das Reiten?— Die Herren ſind nicht pünktlich, wie Sie— ich denke—“ 190 Salvator. „Er hat nichts zu denken. Um zehn Uhr beſtellt Er mir den Juſtizrath— der Nero kann einmal ſtehen.“ „Sehr wohl, gnädiger Herr. Aber der Rero wird dum⸗ mes Zeug machen—“ „Er macht auch Dummheiten und ich werde doch mit Ihm fertig. Paſcholl!“ Auf dies Wort, das ſo gar nicht zeitgemäß klang, entfernte ſich der Diener eiligſt, denn die innige Ver⸗ bindung des Wortes mit einer eben ſo unzeitgemäßen That war ihm im Laufe ſeines Dienſtes klar geworden. An der Thür horchte er noch und hörte ſeinen Herrn mit ungewöhn⸗ lich ſtarken Schritten raſtlos das Zimmer durchkreuzen. „Er ſoll einmal ſehen, daß er von mir abhängt!“ Mit dieſem Entſchluſſe war Frau Schramm ausgegangen und kehrte demgemäß ſo ſpät zurück, daß ſie gewiß hoffen konnte, ihr Ausbleiben ſei bereits fühlbar geworden. Vor der Hausthüre ſah ſie auch ſchon von Weitem den Diener ſtehen, der ängſtlich nach ihr zu ſpähen ſchien, denn er kam ihr gleich entgegen⸗ gelaufen. „Wo bleiben Sie denn, Madame Schramm? Der Herr hat dreimal nach Ihnen gefragt—“ „Was macht er denn?“ ftagte ſie ſchadenfroh und trium⸗ phirend. Salvator. 191 „Er trinkt Wein,“ ſagte Schepke. Verwundert ſah ihn die Wirthin an. Wie iſt er denn darauf gekommen?“ fragte ſie, denn es war ganz gegen die Gewohnheit. „Er wahr unwohl, wahrhaftig, ganz ſchwach, Madame Schramm, und ich mußte Wein heraufholen.“ Der Frau ging ein Gefühl durch das Herz, über das ſie ſelbſt nicht weiter nachdachte.„Unwohl?“ fragte ſie, ſchon im Hausflur, mit haſtigem, zerſtreutem Weſen. Wie ſo denn?“ Schepke erzählte nun etwas confus, wie eine fremde Dame gekommen ſei, die er nicht gekannt habe, wie ſie angenommen und er hinausgejagt worden ſei, und wie ſein Horchen ihn nur einen einzigen klaren Ausruf habe vernehmen laſſen: „Sein Sie mir tauſendmal willkommen!“ dann hätten ſie aber ſo raſch und unhörbar geſprochen, daß er gar nicht klug daraus geworden ſei, bis ſie aufgeſtanden, da habe er natür⸗ lich ſchnell das Feld räumen müſſen. Dann habe der Herr ihm befohlen, zu morgen früh um zehn Uhr den Juſtizrath zu beſtellen und den Hengſt ſtehen zu laſſen, ſei auf und abge⸗ laufen in der Stube wie eine Schildwache, bis auf einmal Alles ſtill geworden— da habe er, Schepke, wieder gelauſcht und ihn ängſtlich ſtöhnen hören, ein Paarmal hinter einan⸗ der, ſo daß ihm ſelbſt ganz angſt geworden und er ſich ein Herz gefaßt habe, hineinzugehen. Blaß zum Erſchrecken und mit Schweißtropfen auf der Stirn habe der Herr auf dem Sopha geſeſſen— und ein Glas Wein verlangt— nachdem er das getrunken, ſei er aber wieder ganz friſch geworden, und nun ſcheine es ihm zu ſchmecken, denn er hätte die Flaſche— ſchon leer gemacht. Salvator. „Hat er nach mir verlangt?“ ftagte die Schramm, welche den Bericht mit ſteigender Verwunderung angehört hatte. Nein,“ ſagte Schepke.„Nicht ein einzig Mal.“ Sie ging hinauf, die erhaltenen Nachrichten bedenkend. Wer konnte die fremde, tauſendmal willkommen geheißene Dame ſein? Im ganzen Kreiſe der längſt abgebrochenen Be⸗ kanntſchaften ihres Herrn fand ſie keine einzige, auf welche dieſe Begrüßung gepaßt hätte. In welchem Zuſammenhange ſtand ihr Beſuch mit dem Wunſche, morgen ſeinen Anwalt zu ſprechen? Es galt wohl einer Abänderung des unſeligen Teſta⸗ ments? Dann konnte es nur ſeine Enkelin geweſen ſein! Lange ſchon hatte ſich die Schramm mit dem Gedanken be⸗ ſchäftigt, ob nicht die kluge und liebenswürdige Laura, da ihr Vater ſo gar nicht zu einem Schritte der Ausſöhnung zu bewe⸗ gen war, Alles gut machen könne, wenn ſie perſönlich bei dem Großvater erſchiene. Es war ihr kein Zweifel mehr, daß Laura hier geweſen, und wenn ihre Erſcheinung den ſtarren Sinn des Alten erſchüttert hatte, ſo ſegnete die Schramm den Anfall von Körperſchwäche, der endlich auch dieſe eiſerne Natur ge⸗ faßt. Sie wußte überhaupt nicht, ob der Schreck, der ſie bei der letztern Nachricht durchbebte, ein betrübter oder ein freudi⸗ ger geweſen— denn hatte ſie ſich nicht ſchon über den Tod ihres Herrn mit ſonderbaren Gedanken getragen? Als ſei nichts vorgefallen, trat ſie zu ihm in das Zimmer. Er ſtand mitten darin und hatte ein erhitztes Anſehen, was ſich durch einen Blick der Haushälterin nach der ganz geleerten Flaſche Johannisberger erklärte. Ohne ein Wort zu ſagen, ging ſie nach dem Fenſter und ſchloß beide Flügel, welche weit Salvator. 193 aufgeriſſen waren, fo daß ihr beim Oeffnen der Thüre ſchon die ſchärfſte Zugluft entgegengeſtrömt. „Was machſt Du?“ herrſchte ſie der Alte an. „Sie können ſich den Tod holen,“ ſagte ſie gelaſſen. „Weißt Du, wer bei mir geweſen iſt?“ fragte er. Ich weiß es,“ antwortete ſie, noch mit dem Fenſter be⸗ ſchäftigt. „Weißt es! Das Weib erräth Alles. Nun, geſprochen wird davon nicht, das bitt' ich mir aus.“ „Sie ſollen nichts darüber hören,“ ſagte ſie. „Ich habe ein Unrecht gethan, Louiſe, das muß wieder gut gemacht werden. Morgen habe ich Schulz herbeſtellt, ich werde mein Teſtament ändern.“ „Wollen Sie das?“ rief die Schramm freudig. „Ruhe! Ich will kein Gewinſel hören Schaff' mir Eſſen, ich bin verdammt hungrig. Und mach' mir wieder ein Fenſter auf, hier iſt eine Luft zum Erſticken.“ Die Schramm gehorchte mit einem zitternden Eifer, ſie ging in die Küche und bot ihre ganze Kunſt auf, um heut ein recht ſchmackhaftes Eſſen zu bereiten— Schepke ſah ihr lächelnd zu, wie ſie das Ragout mit Ingredienzien aus den verſchiedenſten, wohlverſchloſſenen Gläſern und Steinbüchſen würzte, und als ſie zuletzt aus einem Fache, das ſie mit einem ganz verroſteten Schlüſſel öffnete, ein kleines verſiegeltes Fläſchchen nahm, ſagte er ſcherzend:„Sie wollen ihn wohl vergiften?“ Einen Blick ſchoß ſie auf ihn, daß er ſich entſetzte, es war, als habe ihn ein glühendes Eiſen in die Augen getroffen, kein Wort ſagte ſie, aber ihre Lippen zitterten und auch ihre Hand, ſo daß ſie mehrere Tropfen aus der Flaſche auf den heißen Salvator. I.. 1.3 194 Salvator⸗ Kranz des Herdloches verſchüttete: ſie brauſten dampfend auf. Schepke konnte erſt nach einer Weile fragen: warum ſie heut ſo böſe ſei und jeden Spaß übel nehme? Da lachte ſie und kniff ihn ſtatt der Antwort in das Ohr. Mit einem Appetit, wie er ihn lange nicht gefühlt hatte, ſpeiſte der Landſtallmeiſter, trank gegen alle Warnung noch eine Flaſche alten Rheinwein dazu und behauptete, daß er in vielen Jahren nicht ſo froh und kräftig geweſen ſei.„Das macht, weil Sie ein altes Unrecht gut machen wollen,“ ſagte die Schramm freundlich. „Ruhe!“ gebot er. Ich will nichts davon hören. Am al⸗ lerwenigſten von Dir falſchen Perſon!“ Gnädiger Herr!“ ſagte ſie beleidigt.„Bin ich es nicht immer geweſen, die—“ „Maul halten! Kein Wort mehr! Wenn Schulz Alles eingerenkt hat, wollen wir die Acten revidiren.“ Er ſchnitt dadurch für heut jede Erörterung ab und ſeine Wirthin war nicht unzufrieden damit, ſie ſchob den Vorwurf, den er ihr ungerecht machte, auf ſeine Vergeßlichkeit und wollte ihn gern tragen, wenn nur ihrem Baron Adolar ſein Recht erhalten bliebe Sie konnte kaum den folgenden Tag erwar⸗ ten, der Juſtizrath hatte zugeſagt, zur beſtimmten Stunde zu erſcheinen. Faſt zärtlich war ſie gegen ihren Herrn, machte ihm Abends das Bett mit einer Sorgfalt, daß ſie ſelbſt über ſich lachen mußte, und ſah es gern, daß er ungewöhnlich früh zur Ruhe ging.„Du haſt es heut zu gut mit mir gemeint!“ ſagte er, ſich über die Bruſt ſtreichelnd.„Dergleichen Speiſen kann ich nicht mehr vertragen.“ Schepke, welcher zugegen war, dachte an all' die Gläſer und Flaſchen, welche dazu beigeſteuert hatten. Die Schramm Salvator. 195 ſagte lächelnd, ſie werde ihm nichts Schädliches aufſetzen, und entfernte ſich mit dem Wunſche einer guten Nacht. Jetzt folgte in der Regel eine üble Viertelſtunde für den armen Schepke. welcher ſeinen Herrn entkleiden mußte, heut war der alte Herr zum Erſtaunen des Dieners die Güte er nannte ihn ſogar: mein Sohn! und machte einen Scherz mit ihm in Be⸗ zug auf die projectirte Heirath mit der Schramm. „Das iſt vor ſeinem Ende!“ ſagte Schepke, als er es de Haushälterin erzählte. Dieſe war andern Morgens ſehr früh wach, endlich kam die Stunde, wo ſie den Herrn, wenn er nicht ſchon aufge⸗ ſtanden war, wecken mußte. Es war noch Alles ſtill in ſei⸗ nem Schlafkabinet, ſie öffnete die Thüre und trat, wie ge⸗ wöhnlich, auf den Socken ein: er ſchlief noch feſt.„Gnädi⸗ ger Herr!“ ſagte ſie mit der ruhigen Stimme, auf welche er: „Ha!“ zu antworten und ſich raſch aufzurichten pflegte. Heut ſchlief er zu feſt. Sie rief noch einmal— ſtärker. Da faßte ſie plötzlich eine heiße Angſt, ſie ſtürzte an das Bett und ſtieß einen durch⸗ dringenden Schrei aus. Er lag friedlich, nach der Wand ge⸗ kehrt, die eine Hand auf der Bruſt, die Augen offen und ge⸗ brochen: er war todt. Der Schrei hatte den Diener, welcher ihn auf dem Corridor hörte, herbeigeführt—„Zum Doctor!“ ſchrie ihm die Schramm entgegen. „Herr Jeſus!“ rief Schepke. „Mach' fort! Er iſt noch nicht todt— er kann noch ge⸗ rettet werden!“ Schreiend ſtürzte der Diener hinaus, während Frau Schramm in ihrer Herzensangſt Alles verſuchte, was ihr eben 3 196 Salvator. an Mitteln einfiel, um ihn wieder in das Leben zu rufen. Nur noch einen halben Tag!“ ſtöhnte ſie. Nur bis Mittag! Dann meinetwegen!“ Auf einmal hieß ſie ab von ihm und ſah ſich mit ſtarren Au⸗ gen rings um Sie war mit dem Todten ganz allein in der Wohnung, Niemand konnte ihr Thun bewachen oder ſtören. Jetzt mußte ſie handeln oder der Augenblick ging unrettbar verloren. Er war ſo gewiß todt, als ſie mit dem vollen Be⸗ wußtſein vor ihm ſtand, daß es nur noch einen Weg gab, das Verſprechen, welches ſie ſich ſelbſt gegeben hatte, zu erfüllen. Auf dem Nachttiſchchen zu Häupten des Bettes ſah ſie neben dem Lichte, welches lange gebrannt haben mußte, ein Paar kleine Schlüſſel und die Uhr liegen. Sie nahm einen der Schlüſſel, die ſie wohl kannte, warf noch einen Blick auf ihren todten Herrn, ſchauderte in ſich zuſammen und verließ dann eilig das Kabinet. Nach einer längern Weile kam ſie wieder, blaß und verſtört, mit zitternder Hand legte ſie den Schlüſſel auf das Tiſchchen und ſah dann mit Thränen, welche endlich ihren Augen entſtürzten, die Leiche an: es war, als wollten ſich ihre Hände falten, aber das hatten ſie ſchon lange verlernt, die alte Frau hatte ja erklärt, daß ſie keinen Beiſtand brauche, weder für ihren Leib, noch für ihre Seele. Der Arzt war unterdeſſen vorgefahren, das Raſſeln ſeines ſchnell fahrenden Wagens hatte eben die Schramm an das Lager ihres Herrn zurückgeführt. Aber Todte zu erwecken vermag die Heilkunſt nicht, hier war Alles vorüber. In Folge der geſetzlichen Anzeige erſchienen nun die Deputirten des Ge⸗ richts, nahmen zum Depoſitum, was dahin gehörte, ließen der Dienerſchaft nur ihr Eigenthum und das Benöthigte und ver⸗ Salvator. 197 ſiegelten dann. Noch an demſelben Tage nahm die Schramm Extrapoſt, um dem Sohne und Erben des Verſtorbenen die Nachricht zu bringen, und ließ Schepke, welchem ſie die Sorge um Haus und Wirthſchaft, vorzüglich um den werthvollen Hengſt empfahl, allein zurück. Der Tod des Landſtallmeiſters außer Dienſten von Arne⸗ feld wurde wegen ſeiner Plötzlichkeit in einem Zeitungsblatte des nächſten Tages beſprochen— und dadurch auch derjenigen bekannt, welche ihn noch kurz vorher beſucht hatte, Pläne im Herzen, die nun auf immer wie flüchtiger Schaum zerrannen. „Was haſt Du, Lida? Du beißeſt Dir ja die Lippe wund,“ ſagte ihre Mutter. Adelheid warf das Zeitungsblatt hin und trat vor den Spiegel.„Angewohnheit!“ erklärte ſie. Wirklich blutete ihre feine Unterlippe. Sie hatte ſich ſelbſt aber auch einen Vorwurf gemacht, den ſie vielleicht in ihrem ganzen Leben noch nicht mit ſolchem Rechte verdient: den Vorwurf, die Gegen⸗ wart, welche voll und reif in ihrer Hand lag, nicht im Augen⸗ blicke benutzt zu haben. Zu fein, zu künſtlich hatte ſie verfah⸗ ren wollen, wo doch bei dem kindiſchen Greiſe gar keine ſo zarte Rückſicht nothwendig war! Die Strafe hatte ſie dafür getroffen. Diesmal gelang es ihr nicht ſo ſchnell, als ſonſt, ſich aller Gedanken der Reue oder des Bedauerns über Dinge, die einmal geſchehen und jetzt nicht mehr zu ändern waren, zu entſchlagen, doch glückte es ihr wenigſtens, der Mutter gegen⸗ über eine leidliche Faſſung zu behaupten. Sie hatte der Mut⸗ ter von den neuen Ausſichten, welche ſich ihr eröffnet hatten, nicht einmal von ihrem Beſuche bei Arnefeld das Geringſte geſagt und überließ es auch dem Zufall, ob ſie in der Zeitung, 198 Salvator. welche Frau von Mörner ſehr unregelmäßig las, die Nachricht über ſeinen Tod finden werde, da ſie, von Niemand angezeigt, nicht unter der gewöhnlichen Rubrik ſtand, welche Damen zu⸗ erſt zu ſtudiren pflegen. Während die Mutter las, hatte ſich Adelheid an das Fen⸗ ſter geſtellt und ſah, mit ihren unerfreulichen Gedanken be⸗ ſchäftigt, auf die Straße hinab, ſie bemerkte den Gruß nicht, der ihr von einem vorübergehenden Manne gebracht wurde, welcher jedesmal, wenn er an dieſem Hauſe vorüberging, mit ſpähenden Blicken alle Fenſter muſterte. Wie hätte ſich Adel⸗ heid gleichgültigen äußern Dingen widmen können, da ſie in ihrem Innern mit all' den raſtlos jagenden Bildern beſchäftigt war, die ſich in ewigem Wechſel der Form verwandelten und noch nicht zu klaren Gruppirungen feſthalten ließen Zu einem Entſchluſſe für den Moment ſchien ſie aber ge⸗ kommen, denn während der Mahlzeit, welche heut ziemlich ſchweigſam genoſſen wurde, äußerte ſie, daß es vor der Hand doch nöthig ſein werde, dem Hauſe in London ihren jetzigen Aufenthalt anzuzeigen, indem ſie um keinen Preis der Mutter, da ſie nun die Verhältniſſe, welche ſie nicht geahnt, kennen ge⸗ lernt habe, in irgend einer Art läſtig fallen wolle. „Mein liebes Kind!“ ſagte die Mutter erfreut und ſtreichelte ihre ſchöne Hand.„Deine Mutter würde Dich nicht von ihrer Seite laſſen und das Letzte mit Dir theilen. Aber das Ge⸗ ſchäft iſt ſchon beſorgt. Ich habe Dir dieſe Angelegenheit, welche für Dich immer delicater Natur iſt, abgenommen und der Brief an die Herren Freeman und Compagnie— ich habe mir den Namen gut gemerkt!— iſt ſchon unterwegs.“ „Ich danke Dir, Mama,“ war der Tochter gleichgültige Salvator. 199 Antwort.—„Wenn das der Fall iſt, werden wir uns auch nicht ſo kümmerlich einzuſchränken haben, wir können uns wie⸗ der ein wenig in der Welt zeigen, das Theater und ein Paar öffentliche Orte, wo die vornehme Welt hingeht, beſuchen, brauchen auch wohl nicht in dieſer abſcheulichen Gegend zu wohnen.“ Der Mutter waren dieſe Ausſichten Muſik. Abends befand ſich Adelheid allein, die Mutter war zu einer alten Freundin gefahren, welcher ſie einige Mittheilun⸗ gen über ihre veränderte Lage zu machen hatte, Sophie war in andern Geſchäften ausgegangen. Die einſame Frau kam wieder auf ihre geſcheiterten Hoffnungen zurück: noch heut früh war ſie mit der Zuverſicht erwacht, daß es nur eines Wortes der Gewährung von ihrer Seite bedürfe, um die Hand, welche ihr zum zweiten Male ſo dringend geboten wurde, und mit ihr den unermeßlichen Reichthum eines achtzig⸗ jährigen Greiſes zu erhalten. Ihr Loos an ſeiner Seite wäre jetzt ſchon deshalb viel glücklicher geweſen, weil die Ver⸗ bindung nicht lange mehr dauern konnte, und der alte Mann offenbar nicht mehr geiſtesſtark war, ſo daß ſie der vollkom⸗ menſten Herrſchaft über ihn gewiß ſein durfte. In der brennenden Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt, welche ihre Nerven aufregte, erſchrak ſie faſt, als die Klingel der Wohnung beſcheiden gezogen wurde. Sie nahm das Licht und öffnete. Ein unbekannter Mann im blauen Rocke mit Knebelknöpfen, mit einem Säbel an der Seite und einem Helm in der Hand ſtand vor ihr, ſein Geſicht war faſt ganz mit einem gewaltigen, ſchwarz und grau gemiſchten Barte be⸗ wachſen. Adelheid fürchtete ſich vor ihm. „Ich weiß jetzt, wer Sie ſind,“ ſagte der Fremde ſich ver⸗ 200 Salvator. — beugend.„Sie haben mich, als Sie hier ankamen, beſſer er⸗ kannt, als in dieſem Augenblicke. Erlauben Sie mir, Ihnen meine Aufwartung zu machen— jedoch nur als der Schutz⸗ mann Neumann: Sie werden mir dieſe Gnade nicht ab⸗ ſchlagen.“ Die Seltſamkeit der Situation erheiterte Adelheid augen⸗ blicklich.„Treten Sie näher, Herr Neumann,“ ſagte ſie lächelnd.„Es freut mich, Sie wieder zu ſehen.“ Sie führte ihn in das Zimmer, bat ihn abzulegen, Platz zu nehmen, Alles im Tone leichter Ironie.„Wann tanzten wir unſern letzten Cotillon, Herr Neumann? Es war, wenn ich nicht irre, in Teplitz bei einer ſyriſchen Hitze. Die ſchöne Gräfin Noſtiz war unſer vis-àvis, Sie hatten mehr Augen für dieſe Dame, als für Ihre Tänzerin, und beneideten wahrſcheinlich den wilden Couſin, der expreß aus ſeiner Garniſon Thereſien⸗ ſtadt gekommen war, um mit der Comteſſe den Cotillon zu tanzen. Sie ſehen, ich weiß noch Alles, Herr Neumann, Ihre Vernachläſſigung hat einen erſchrecklichen Eindruck auf mich gemacht.“ „Gnädige Frau,“ verſetzte der Mann mit einem düſtern Blicke, indem er ſeinen ungepflegten Bart noch mehr ver⸗ wirrte, jene Zeit iſt für mich todt und ich kann über den Contraſt meiner Lebensverhältniſſe nicht ſcherzen. Niemals würde ich Sie aufgeſucht haben, wenn nicht eine ernſte Sorge mich dazu veranlaßt hätte. Fremd, wie ich hier bin, entfernt von den Kreiſen, in welchen ich mich früher bewegt habe, glaubte ich bei der Veränderung meines Ausſehens von Nie⸗ mand erkannt zu werden. Es iſt mir auch von Ihnen unbe⸗ greiflich.“ ———— Salvator. 201 „O ich hätte Sie auch nicht wieder erkannt, und wenn wir täglich dreimal an einander vorbei gegangen wären. Denn wie konnte ich Sie hier und in dieſem Kleide vermuthen! Aber die Stimme! Es iſt bei mir ganz eigenthümlich, Geſich⸗ ter vergeſſe ich, den Ton einer Stimme, und wenn ich ihn nur einmal hörte, vergeſſe ich nie! Und den Ihrigen habe ich öfter gehört.“ Sie legte in die letzten Worte einen Ausdruck, welcher den ernſten Mann noch mehr verſtimmte.„Ich darf nicht in die Vergangenheit blicken, gnädige Frau,“ ſagte er,„ich will Sie auch nicht mit meinen Schickſalen ennuyiren, mich führt einzig die Sorge her, daß durch Sie abſichtslos bei irgend einem zu⸗ fälligen Anlaß mein wahrer Name entdeckt werden könnte. Ich wäre damit auch von der elenden Planke, auf welche ich mich aus dem Schiffbruch meines ganzen Lebensglücks gerettet habe, hinabgeſtoßen.“ „Fürchten Sie einen Verrath von mir?“ rief Adelheid. „Wenn Sie wiſſen, daß es ein Verrath wäre, niemals. Aber Sie ſollen eben erſt wiſſen, daß ich unter dem falſchen Namen Neumann hier figurire, und daher—“ „Ich begreife Alles und gebe Ihnen hier meine Hand darauf, daß kein Blick und keine Silbe verrathen ſoll, wie ich Sie vorher genannt habe, ehe Sie mich als Herr Neumann arretiren wollten.— Somit wäre unſer Geſchäft abgemacht, und das Plaudern kommt an die Reihe. Fürchten Sie nicht, daß mich Ihre Erzählungen nicht intereſſiren würden, Sie wiſſen das auch beſſer— eine ältere Frau braucht ihren An⸗ theil nicht, wie ein junges Mädchen, in undurchdringliche Schleier zu hüllen, denn Gefahr iſt nicht dabei, alſo ſage ich 202 Salvator. Ihnen offen, daß ich zuerſt wiſſen möchte, ob Sie glücklich in Ihrer Ehe geweſen ſind?“ „Ja,“ antwortete er.„Ich war ſehr glücklich— ſo lange ich in glänzenden Umſtänden lebte. Aber dem Mangel, der Sorge um das tägliche Brod iſt meine Frau nicht gewachſen.“ „Sie haben Kinder?“ fragte Adelheid mit wahrer Theil⸗ nahme. „Sechs,“ war der kurze Beſcheid. „Sein Sie nicht ſo einſilbig, mein armer Freund. Sprechen Sie ſich gegen mich aus, vielleicht gelingt es mir, für Sie eine paſſendere Stellung zu finden, als dieſe, in wel⸗ cher ſich ein Mann von Ihrem Geiſte, von Ihren Talenten höchſt unglücklich fühlen muß.“ Sagen Sie das nicht, gnädige Frau. Unſer Inſtitut iſt gleichſam ein Aſyl für Männer, die von dem allgemeinen Elend der Zeit betroffen wurden, ſo ſchlimm und undankbar der Dienſt, gewährt er doch für den Augenblick eine Sicherung vor— dem Hungertode.“ „Entſetzlich!“ rief Adelheid. „Sie werden mir bezeugen,“ fuhr der Fremde warm wer⸗ dend fort,„aß ich mich nicht leichtſinnig, ohne meiner Gattin eine Exiſtenz bieten zu können, verheirathet habe. Ich war in jener Zeit reich, oder glaubte es wenigſtens zu ſein. Was mich ruinirt hat, gehört nicht hieher, auch würde die kurze Friſt, die mir bei Ihnen zu weilen vergönnt iſt, nicht ausreichen, um es zu ſchildern. Ich war, wie Viele, ruinirt, ehe ich ſelbſt es ahnte, und bei dem kleinſten Unfall, der mich traf, ſtürzte mein unterhöhltes Daſein in Trümmer. Seitdem habe ich viel er⸗ lebt— und wenn ich Ihnen nur ſage, daß ich den ganzen Salvator. 203 vorigen Winter mit vier Familien in einer offenen Kegelbahn gewohnt habe, ſo werden Sie begreifen, daß mir meine jetzige Stellung ein Eldorado ſcheint, aus welchem ich nicht gern ſcheiden möchte.“ „Großer Gott! Und Ihre zarte, verwöhnte Gemahlin— ſechs Kinder!“ Er ſtand auf.„Laſſen Sie denn die Nacht unſer Zu⸗ ſammentreffen verhüllen: ich wiederhole die Worte, welche Sie mir vor dieſem Hauſe ſagten. Ich werde an Ihnen vorüber⸗ gehen, ohne Sie zu grüßen, ſchenken auch Sie mir künftig kein Zeichen, daß Sie mich erkennen, oder wenn es iſt, ſo bin ich Ihnen der Schutzmann Neumann, welcher Sie bei Ihrer Ankunft plumper Weiſe beleidigte. Thun Sie keinen Schritt, meine Lage zu verbeſſern, denn jeder brächte Gefahr, mich zu compromittiren. Ich werde in meiner Stellung geiſtig nicht untergehen. Während des vorigen Jahres konnten Sie unter den Arbeitern, welche die Straßen reinigten, viele Menſchen aus gebildeten Ständen, Künſtler und ihre Gehülfen ſehen, die ſich, wo alles Gewerh und gar erſt die Kunſt darnieder lag, auf ſolche Weiſe das Leben friſteten. Auch in unſerm Inſtitute finden Sie Männer aus allen Ständen und ich ſchäme mich jetzt, daß ich ſo ſchwach geweſen bin, meinen Namen zu verhehlen, da ich unter uns Andere kennen gelernt, welche ihren Adel ruhig weiter führen. Es läßt ſich aber nicht mehr ändern.— Leben Sie wohl, gnädige Frau.“ „Und Sie fragen gar nicht, ob ich von Zephyren umkoſt worden bin oder mit Stürmen gekämpft habe? So hetzlich gleichgültig iſt Ihnen mein Schickſal geweſen?“ „Das Elend macht egviſtiſch, gnädige Frau. Wie kann es 204 Salvator. Ihnen anders als gut gegangen ſein? Ein Blick auf Ihre blühende Geſtalt belehrt mich darüber. Es iſt Zeit, daß ich mich entferne— welche Berechtigung hätte meine Anweſenheit, wenn ſelbſt nur Ihr Mädchen heimkehrte? Noch einmal, leben Sie wohl.“ Er ließ den peinlichſten Eindruck bei Adelheid zurück. War das der elegante Cavalier, welcher einſt durch ſeine ritterliche Erſcheinung überall Aufſehen erregt hatte? Wie unglücklich mußte er ſein, ſo ſehr er es auch läugnete! Und ſeine Familie erſt!„Wohl mir, daß ich frei von allen dieſen Banden bin!“ dachte ſie. Mag denn mein Leben ſich in bunten, blitzenden Verwandlungen drehen, wie ſie das Rieſenkaleidoſtop zeigte: ich will mich daran erfreuen, ohne nach einem feſtgehaltenen Bilde zu verlangen!“ 4. Der Spätherbſt brachte noch eine Reihe von klaren, war⸗ men Tagen, und dieſe werden nirgends ſo mit Bewußtſein ge⸗ noſſen, als auf dem Lande, wo jeder müßige Moment ohne große Vorbereitungen in der freien Natur benutzt werden kann. Im Genuß oller Behaglichkeit hatte wohl ſelten Jemand ſolche Virtuoſität errungen, als Herr von Arnefeld auf Reſſen: wir haben ſchon Gelegenheit gehabt, ihn dabei zu beobachten. Am beſten befand er ſich eigentlich, wenn er allein war: ſeine Gat⸗ tin ſtund ſeiner Sinnesart zu fern, ihre ſentimentalen Ergüſſe langweilten ihn, und ſeine Tochter konnte ihn oft durch ihre Salvator. 205 bloße Anweſenheit ſtören; wäre er der Mann zu tiefgehenden Betrachtungen geweſen, ſo hätte er ſich das pſychiſche Problem vorgehalten, wie Laura als Kind ihrer Eltern ſich habe in ſo eigenthümlicher Charakterbildung entwickeln können. Damit gab er ſich aber nicht ab, ſondern fühlte nur, daß Laura nicht zu ihm paſſe, und wünſchte von Herzen, daß ſie bald heirathen möge. Er ſaß mit dieſem Gedanken beſchäftigt vor der offenen Salonthüre und ließ im Geiſte die Männer, jung und alt, welche ihm aus ſeiner Bekanntſchaft für Laura angemeſſen er⸗ ſchienen, die Muſterung paſſiren. Hier in der Gegend war ein merkwürdiger Mangel daran: die Anſäſſigen heirathen über⸗ haupt früh, ſchon aus Gründen der Nützlichkeit, der Landadel geht ſelten außer der Provinz auf Brautſchau, daher die end⸗ loſen Verwandtſchaften, die ſich wie ein Netz über ganze Di⸗ ſtricte ſpinnen, für Fremde, welche ſich darin ankaufen, iſt es. nicht leicht, durch irgend eine zufällig gefallene Maſche hinein zu kommen. Neben dem Adel waren allerdings in neuerer Zeit viele bürgerliche Gutsbeſitzer hier einheimiſch geworden und ihre Zahl vergrößerte ſich von Jahr zu Jahr, ſie hatten aber auch ihren Stolz, und beſonders ſeit dem vergangenen Jahre, wo bereits die große Scheere geſchliffen war, um alle Stände wie eine Taxushecke in gleiche Höhe zu ſchneiden, wollten ſie noch weniger, als vorher, Verbindungen ſuchen, welche nach ihrer Meinung ſelten aus reiner Abſicht geſchloſſen wurden. Herr von Arnefeld dachte auch nicht im Entfernteſten an ſie, obgleich er ſeine Tochter wohl für fähig hielt, einen kühnen„ Sprung über die Barriere zu machen, wenn ſie drüben etwas nach ihrem Sinne gefunden hätte. Er aber wollte ja eine große 206 Salvator. Standesherrſchaft gründen, und dazu bedurfte er mächtigerer Allianzen, als das bloße Geld eines reich gewordenen Pächters oder Holzhändlers ihm gewinnen konnte. Sehr hübſch nahm ſich die Londſchaft aus, welche in den Rahmen der Salonthüre gefaßt war, aber wie bald kam der Froſt und tödtete all' dieſe reichen Laubmaſſen, dann führte ſie ein Sturmwind hinweg, kahl und dürr ſtand der Park, alle Wege verſchneiten, kein Menſch ließ ſich mehr ſehen oder war zu erreichen, der troſtloſe Winter legte ſich über Haus und Hof und erdrückte alle Freuden des Landlebens. Arnefeld war nicht einmal Jäger. Es geſellte ſich alſo eine zweite wichtige Be⸗ trachtung zu der erſten und brachte den Entſchluß in ihm zur Reife, den Winter doch wieder in der Reſidenz eines benachbar⸗ ten Staates zu verleben, wie er bereits mehre Jahre gethan hatte, da er Berlin, wo ſein Vater wohnte und mancherlei un⸗ angenehme Reminiſcenzen durch den Abſcheu vor der Märzwuth des vorigen Jahres verſtärkt worden waren, nicht mehr beſuchte. Seine Gattin war unterdeſſen in den Salon getreten, er ſah zu ihr auf und bemerkte, daß ihr Geſicht ungemein roth war, viel röther, als ſie ihm den conſequenten Farbenton mit großer Geſchicklichkeit zu geben pflegte. Es war diesmal keine künſtliche Röthe, welche ſich hoch bis unter den glänzenden Scheitel zog. „Lieber Arnefeld, Louiſe iſt hier,“ ſagte ſie mit einer be⸗ wegten Stimme. „Schon wieder?“ rief er unmuthig.„Richts läſtiger als ein altes Weib, wenn ſie ihre Liebe aufdringt.“ Verzeih' Dir's Gott, daß Du vor der Nachricht, welche ſie —,———— Salvator. 207 Dir bringt, ſo undankbare Reden führſt. Sie kommt als ein Trauerbote.“ „Er iſt todt?“ rief Arnefeld, raſch aufſtehend. „Sanft entſchlummert, mein theurer Freund. Möchte uns Allen einſt—“ „O ich danke! Noch habe ich gar keine Luſt, an dergleichen zu denken. Wo iſt die Alte? Rufe ſie herein, ſüße Emilie. Ich muß mit ihr ſprechen. Ah, da iſt ſie ſchon.— Was, Louiſe? Nicht einmal in Trauer um Deinen Herrn?“ Er winkte die ge⸗ weſene Amme zu ſich, während er ſich wieder in den Fauteuil gleiten ließ. Die Schramm näherte ſich ihm mit feierlichem Weſen und nicht ohne die Zuverſicht, welche Ueberbringer von großen Bot⸗ ſchaften immer haben. Sie bückte ſich auf die Hand ihres ehe⸗ maligen Pflegekindes, um ſie zu küſſen, aber Arnefeld zog ſie raſch zurück.„Wenn ich nicht in Trauer bin, ſo hat das ſeine Urſache,“ ſprach ſie„Meine Abreiſe hatte Eile, denn ich wollte nicht, daß Sie die böſe Nachricht von einem Andern erführen, als von mir.“ Aufgefordert, die nähern Umſtände des plötzli⸗ chen Todesfalles zu erzählen, blickte ſie ſich im Saale um. „Iſt Fräulein Laura zurück?“ fragte ſie. „Zurück? Von wo?“ entgegnete der Baron.„Laß doch Laura rufen, liebes Kind. Sie weiß noch von nichts.“ „Es war ein ſehr kluger Schritt und hätte gewiß die beſten Folgen gehabt,“ ſagte die Schramm.„Der arme Herr war ſchon auf beſtem Wege, er hatte den Juſtizrath beſtellt und wollte wieder gut machen. Das hat allein der Beſuch der lie⸗ ben Enkelin zu Wege gebracht. Es war einzig von ihr.“ 208 Salvator. „Du biſt wohl im Fieber und phantaſirſt, Louiſe. Sprichſt Du von meiner Laura?“ „O es hat's wohl Niemand wiſſen ſollen, daß ſie nach Berlin gereiſt iſt? Am Ende wiſſen es die lieben Eltern ſelbſt nicht mal, und ſie hat was Anderes vorgegeben, daß ſie nur los kam! Jetzt können wir aber ſchon davon ſprechen. Sie hat doch den guten Willen gezeigt, wenn es auch nichts mehr half.“ „Schenke Dir ein Glas Waſſer ein, ehrwürdiges Weſen, Du ſprichſt wahrhaftig in voller Fieberhitze. Wo ſoll meine Laura geweſen ſein? In Berlin? Bei meinem Vater?“ „Gnädiger Herr, ſie iſt dort geweſen, ſie iſt bei ihm ge⸗ ſehen worden. Gegen mich brauchen Sie ſich nicht zu ver⸗ ſtellen.“ „Emilie, ich fange an, mich zu grauen. Unſere Laura geht doppelt. Laura hier und Laura dort— ſie iſt nicht von unſe⸗ rer Seite, das heißt, nicht aus Reſſen gekommen!“ Frau von Arnefeld ließ einen ihrer ſchwerſten Seufzer hören. Daß ihr Gatte den Tod ſeines Vaters, wie zerfallen er auch mit ihm war, auf eine ſo leichtſinnige Weiſe behandeln, daß er in dieſem Momente witzeln konnte, war chr zu ſchreck⸗ lich. Sie ſelbſt fühlte zwar eigentlich auch nicht viel mehr, als eine gewiſſe freudige Erregung in Hinſicht auf die unermeßli⸗ chen Vortheile, welche ihr aus dem Ableben des alten Herrn entſprangen, aber der Anſtand erforderte doch wenigſtens eine ernſte Haltung und dem Gefühle ein Paar Opferthränen.— „Liebe Frau,“ ſagte ſie ſanft„hier muß ein Irrthum obwalten. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Laura uns nicht verlaſſen hat.“ Nicht? Mein Herr hat doch aber an ſeinem letzten Tage Salvator. 209 den Beſuch einer Dame gehabt, ſie tauſendmal willkommen ge⸗ heißen? Wer kann denn das geweſen ſein, wenn es Fräulein Laura nicht war?“ Dieſe trat eben ein, mit Hut und Mantille, ſie grüßte, als komme ſie von einem Ausfluge, und ſah mit offener Verwun⸗ derung die fremde Frau, welche ſie jedoch gleich erkannte. „Sehen Sie? Sehen Sie?“ rief die Schramm freudig. „Da kommt das gute Fräulein eben an. Ach und Sie wollten mir's läugnen! Haben Sie ihn noch einmal geſehen, Fräu⸗ lein?“ Laura gerieth offenbar in Verlegenheit. Wie ſollt' ich?“ fragte ſie.„Aber ich höre zu meiner Freude, daß noch Hoffnung vorhanden iſt, ihn zu retten. Seine Jugend, ſeine kräftige Natur!“ Der Baron ſprang auf.„Jugend!“ rief er. Verſchwört ſich denn Alles zu einem Charivari, das mich ſelbſt toll machen könnte? Die Alte hier behauptet, Du ſeiſt in Berlin geweſen und habeſt meinen Vater beſucht— und Du ſprichſt von ſeiner Jugend!“ „Sie ſind wirklich nicht bei meinem armen Herrn gewe⸗ ſen?“ fragte die Schramm, und überzeugte ſich nun, daß ſie von einer falſchen Annahme ausgegangen war, und über die fremde Dame, die ihren Herrn zu einer Sinnesänderung ver⸗ mocht hatte, in Zweifel bleiben mußte. Laura hörte den Tod ihres Großvaters mit Antheil, aber ihr Herz wurde wenig da⸗ von berührt, es erſchien ihr vielmehr wie die einzig befriedi⸗ gende Löſung eines unnatürlichen Verhältniſſes. Frau Schramm erzählte den Hergang mit allen Nebenumſtänden und ließ nicht undeutlich durchblicken, daß ſie noch Manches auf dem Herzen Salvator. I. 14 210 Salvator. habe, was ſie ihrem geliebten Pfleglinge nur unter vier Augen mittheilen könne. „Ihr ſeid— wie alle Frauen!“ ſagte dieſer endlich zu Frau und Tochter.„Wenn ſie ein zärtliches Rendez⸗vous ſtören können, iſt es ihr größtes Vergnügen. Seht Ihr denn nicht, daß meine Louiſe eine brennende Sehnſucht nach einem Téte⸗ téte mit mir hat?“ „Wenn Sie Geheimniſſe mit meinem Manne haben, ſo will ich Ihnen nicht hinderlich ſein,“ äußerte Frau von Arne⸗ feld empfindlich. Komm', mein Kind. Du ſollſt mir von drü⸗ ben erzählen.“ „Ja, Laura, noch ein Wort,“ rief der Baron.„Er lebt alſo noch?“ Frau Schramm kann uns gewiß beſſere Nachrichten geben,“ erwiederte Laura.„Ich habe die meinigen nur von Rhein⸗ bergs.“ Wovon denn, Fräulein?“ fragte die Alte. „Nun, von Ihrem Enkel Roland,“ ſagte Laura verwundert. „Kommen Sie nicht von Sielitz?“ „Nein!“ rief die Schramm.„Iſt der Karl krank?“ „Sie weiß von nichts!“ ſagte der Baron mit einem fin⸗ ſtern Blicke. „Er wird aber hergeſtellt werden,“ verſicherte Laura trö⸗ ſtend. Von ſeiner Jugend und kräftigen Natur ſprach ich eben, als ich Sie mißverſtand.“ „Der wird ſich ſchon durchhelfen,“ ſagte die Ate.„Und wenn er ſtirbt, ſo hinterläßt er keine Frau und Kinder, nicht einmal eine Liebſte, glaub' ich. Verzeihen Sie mir.“ Salvator. „Aber eine Mutter,“ verſetzte Frau von Arnefeld,„und das Gefühl einer Mutter um ihr Kind iſt wohl erhaben über alles Andere auf Erden, ſelbſt über den Harm einer Braut über den Geliebten ihres Herzens.“ Sie begleitete dieſe Worte, welche in eine ganz andere Beziehung abirrten— denn ſie meinte, ſich und ihren Sohn Rudolf— mit einem wehmuths⸗ vollen Blicke auf ihren Gatten. „Er hat eine Mutter, ja, und muß ſie erhalten, ſie ver⸗ liert alſo viel, wenn er ſtirbt. Aber noch kann ſie ſelbſt ar⸗ beiten und dann iſt auch noch die—“ hier brach ſie ſchnell ab, denn ihr fiel in demſelben Momente der Brief ihres Enkels ein und hinderte ſie Anne's Namen auszuſprechen, aber auch von ihrer Seite traf Herrn von Arnefeld ein Blick, der ihm ver⸗ drießlich war, weil Beide nach einem Ziele ſchoſſen.„Genug,“ fuhr ſie fort,„meine Tochter wird drum nicht verhungern.“ Das harte Weib hatte nur für die Nöthigkeiten des Le⸗ bens Gefühl, dem Mutterherzen trug ſie keine Rechnung— mit dieſem Gedanken verließ Frau von Arnefeld mit Laura das Zimmer. Der Baron, ſobald er mit ſeiner geweſenen Amme allein war, ging ein Paarmal unruhig auf und ab, während ſie ſchweigend ſtand und ihn beobachtete. Er wußte nicht, wie weit ſie von Allem unterrichtet war, was ſich— auch für ſie von Intereſſe— ſeit ihrer letzten Anweſenheit hier zugetragen hatte, ſonſt hätte er ſich nicht geſcheut, mit ihr davon zu ſpre⸗ chen. Wenn er ſie aber recht gekannt hätte, ſo würde er ſich überhaupt nicht vor ihr geſcheut haben, denn es gab wohl nichts, was ihre grenzenloſe Liebe ihm nicht verzieh. Der ver⸗ ſtorbene Vater hatte ſchon Recht: in dem Zeitalter abenteuer⸗ 14* 212 Salvator. licher Familiengeſchichten würde man auf den Verdacht gerathen ſein, ſie habe ihr eigenes Kind mit dem fteiherrlichen vertauſcht. Aber ſie waren ja verſchiedenen Geſchlechts geweſen. „Du willſt mir noch etwas ſagen, Louiſe,“ begann endlich der Baron.„Ich meine, von meinem Vater.“ „Ja, gnädiger Herr, Alles ſteht gut.“ „Hat er noch von mir geſprochen?“ Ich fand ihn ja nicht mehr am Leben.“ „Und ein Teſtament—“ „Wird nicht da ſein,“ ſagte die Alte. „Weißt Du das gewiß?“ fragte Arnefeld mit einer kaum gezügelten Freude. Ganz gewiß,“ verſicherte die Schramm, welche ihr Auge ſeit dem Beginn des Geſprächs feſt auf den Boden gerich⸗ tet hatte. „Siehſt Du nun wohl, daß Du Dich umſonſt geängſtigt haſt?“ rief er. Sie wollte etwas ſage das ihr ſchon auf die Lippen trat. Wenn ich nun Deinen Vorſtellungen Gehör gegeben und mich vor meinem Alten gedemüthigt hätte— wie unnütz wäre es geweſen! Ich ſage, man muß ſich nicht aus der Ruhe brin⸗ gen laſſen. Wie es nun gekommen iſt, halte ich es doch für viel beſſer.“ Den tiefen Seufzer, welcher ſich aus der gepreß⸗ ten Bruſt Louiſen's rang, überhörte er, indem er fortfuhr: „Ich dachte mir ſchon, daß er nicht ſo unnatürlich an mir han⸗ deln würde. Was hab' ich denn eigentlich gethan? Wenn das alte Haus auf den wunderlichen Gedanken kam, mir noch eine Stiefmutter zu geben, welche jünger war als ich, ſo konnte n, aber ſie unterdrückte das Wort, Salvator. 213 mir's Niemand verdenken, daß ich ſuchte mit ihr auf einen freundlichen Fuß zu kommen. Daß er meine kleinen Aufmerk⸗ ſamkeiten entdeckte, war ein Unglück.“ „Schämen Sie ſich, Baron Adolar,“ ſagte die Schramm, Sie werden mir doch keine Mährchen erzählen.“ „Nein, meine alte nachſichtige Louiſe,“ rief er, von der neuerwachten Erinnerung bewegt,„Du haſt Recht. Dir will und kann ich es nicht verhehlen, daß es mir wahrhaftig an's Leben ging, das himmliſche Mädchen, die Einzige, die ich wirklich bis zur Raſerei geliebt habe, nicht beſitzen zu dürfen, daß ich ſchon verheirathet war, verkauft oder verſpielt, nenne es wie Du willſt, und daß es mein alter kindiſcher Vater wa⸗ gen durfte, ſeine zitternde Hand nach dieſem lebenswarmen Weſen auszuſtrecken.“ „Sie war nicht einmal hübſch!“ warf die Schramm vor⸗ wurfsvoll hin. „Gleichgültig! Alle Reize der Welt hätten auf mich nicht die Anziehungskraft geübt, als Adelheid's ſchlanke Geſtalt mit dem intereſſanten Geſichtchen und dem Auge, in welchem die Wunder arabiſcher Poeſien glühten.“ „Das iſt nun Alles vorbei,“ ſagte die Alte. „Wahrſcheinlich— ſie wird nun auch eine alte Frau ſein, wie die andern, die ich jung und hübſch gekannt habe. Es iſt erſchrecklich, wie ſchnell die Frauen verblühen— wir Männer leiſten der Zeit doch mehr Widerſtand und darum, theuerſte Amme, ſollte man uns etwas durch die Finger ſehen, ver⸗ ſtanden?“ „Aber zum Skandal braucht es doch nicht zu kommen, Ba⸗ ron Adolar,“ verſetzte die Schramm. 214 Salvator. „Das iſt ſehr unangenehm und hätte vermieden werden können, wenn Du in Deinen ſibylliniſchen Reden die letzte Geſchichte meinſt Von dieſer wollen wir ein ander Mal ſpre⸗ chen. Du biſt noch nicht in Sielitz geweſen bei Deiner Toch⸗ ter? Ich dächte, Du bliebeſt einſtweilen hier— gehörſt ja zum Inventarium meines Papa's, alte Schraube, das ich über⸗ nehmen muß, Du und auch der unglückliche Sündenbock, wie hieß er doch? der kleine Bediente meines Vaters?“ „Schepke.— Aber ich werde nicht hier bleiben, Baron Adolar, ſondern doch einmal erſt ſehen, was es in Sielitz giebt, und dann gleich nach Berlin zurückteiſen. Die fremde Dame, die meinen Herrn ſo in die Aufregung gebracht hat, daß er ſich den Tod holte— denn die zwei Flaſchen Wein und der ſcharfe Zugwind, es iſt gar keine Frage!— die fremde Perſon liegt mir im Sinne und ich muß wiſſen, wer ſie iſt.“ „Auch mir wird das intereſſant ſein. Ich werde nächſtens ſelbſt nach Berlin kommen und die Erbſchaft vor Gericht an⸗ treten. Alſo wegen des Teſtaments kann ich ganz ruhig ſein? Es iſt keins gefunden worden?“ „Sie haben alle Papiere verſiegelt— ein Teſtament kann nicht darunter ſein.“ „So geh' in die Domeſtikenſtube, ruhe Dich aus von der Reiſe und thue ganz, als ob Du zu Hauſe wäreſt.“ Die Aufforderung geſchah in ſehr gleichgültigem Tone, er ahnte wohl nicht, welche Anſprüche die alte Frau, die vor ihm ſtand, an ſeine Dankbarkeit zu machen hatte und wie er ſie kränkte, daß er die heiße Liebe, welche ihm dies gegen Andere ſtets herbe Gemüth widmete, ſo gar nicht zu würdigen ſchien. —————— —,——— Salvator. alvator„ 215 Traurig im Herzen entfernte ſie ſich, nahm nichts weiter in An⸗ ſpruch, ſondern fuhr gleich mit dem Wagen, den ſie hatte warten laſſen, nach Sielitz hinüber.„Ich werde es ihm doch einmal ſagen,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt. Aber gleich fiel ihr ein, daß ein ſolcher Schritt wohl nicht gut für Baron Adolar ſei, denn wenn er Alles wußte, ſo konnte er bei ſeiner gene⸗ reuſen Sinnesart, die kein Geld achtete, wohl gar auf einen Gedanken kommen, der— Nein, nein!“ ſchloß ſie.„Ihm ſchadet es nur, und mir kann es nichts helfen, denn abneh⸗ men thut mir's doch kein Menſch mehr.“ Vor Sielitz ließ ſie den Wagen halten, hieß den Poſtillon, den ſie bezahlte, zurückfahren und ging zu Fuß nach dem Dorfe. Als ſie das Schloß ſah, fiel es ihr ein, erſt einmal bei ihrer Enkelin anzufragen, die ſollte ihr erzählen, was Karl fehle und wie es mit der Mutter ſei. Der erſte Knecht, den ſie im Schloßhofe fand und nach Annen fragte, fing an zu lachen und ſagte: Na die! Geh' Sie nur ein Haus weiter. So'ne Sorte halten wir uns hier nicht.“ Auf die entrüſtete Frage der Schramm, was er damit meine, machte er einen ſchlechten Witz, der ihr das zornige Blut in's Geſicht trieb, und ging in den Stall. Sie ſtand einen Augenblick wie ver⸗ ſteinert und ſagte dann:„Das iſt'ne Lüge!“ Aber mit eili⸗ gen Schritten verließ ſie den Hof, um ſich Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen. Den alten Mann, welcher ihr mit einem langen Stocke, den er noch gar feſt aufſetzte, ſtraffen Ganges entgegen kam, erkannte ſie von fern ſchon, obgleich ſie ihn in vielen Jahren nicht geſehen hatte: es war derPfarrer Hartmann. Sie grüßte 216„ Salvator. ihn, er ſah ſie ſcharf an: Frau Schramm?“ fragte er, ſein Käppchen lüftend. „Zu dienen, Hochehrwürden. Noch recht geſund?“ „Was macht Ihr Herr?“ fragte der Pfarrer, der ihre Frage nicht verſtanden hatte. Ihre Miene und Bewegung er⸗ klärte ihm mehr, als ihr Wort, was vorgefallen war, und er ſagte:„Gott hat ihn ſpät abgerufen, es iſt eine Gnade, die der Menſch erkennen und benutzen ſoll. Können Sie mir viel⸗ leicht ſagen, ob er in letzter Zeit etwas für ſeinen Enkel ge⸗ than hat? Es liegt mir daran, das zu wiſſen.“ Die Schramm war gleich im Klaren. Der Brief der Frau von Mörner, welchen ſie ihrem Herrn zwar vorgelegt, aber ſei⸗ nen Inhalt, weil er nicht darnach verlangt, für ſich behalten hatte, erwähnte des Pfarrers, durch welchen ſie von dem un⸗ ſeligen Zwiſte zwiſchen dem jungen Rudolf und ſeinem Va⸗ ter gehört. „Ich weiß nichts davon,“ ſagte ſie gleichwohl und ſchüt⸗ telte den Kopf. „Kommen Sie eben hier an, Frau Schramm?“ fragte er, durch jenes Kopfſchütteln belehrt.„Ja? Nun ſo wiſſen Sie nichts von dem Unglücke, das ſich in unſerm Dorfe zugetragen hat, oder haben Sie durch Ihre Tochter gehört?“ „Nein!“ rief die Schramm laut. Was iſt denn, ich bitte Sie, Herr Paſtor?“ „Liebe Frau, kommen Sie mit herein. Hier iſt der Ort nicht zu ſolchen Dingen. Was Gott der Herr ſchickt, das iſt uns zum Heil—“ Ich brauche keine Predigt,“ unterbrach ſie ihn, doch ſo, daß er den Sinn ihrer halblauten Aeußerung nicht faſſen ——————————————— Salvator. 217 konnte, und lauter ſetzte ſie hinzu:„Es iſt uns ein Unglück paſſirt— ſagen Sie's nur gleich frei heraus, Herr Paſtor, mich wird ſo leicht nichts umwerfen.“ „Umwerfen! Ja, auf die ſchlechte Seite— menſchlicher Stolz meint wohl, daß er feſt ſteht, wie ein Fels, auf ſeinen Grundſätzen, wie ſie es nennen, und die Hochgeſtellten bringen wohl noch die Ehre mit hinein. Aber es giebt nur einen un⸗ wandelbaren Felſen und wer nicht auf dem ſteht durch Gottes Gnade, wer ihn gar verachtet in ſeinem Dünkel, den wirft ein Hauch um, gute Frau. Sie wollen's alſo wiſſen rund und baar, wohlan: es hat einen Mordanfall in Sielitz gegeben, und der ihn ausgeführt hat, das iſt Ihr Enkel geweſen— Gott tröſte Sie!“ „Herr Paſtor!“ ſagte die Schramm erblaſſend, mit beben⸗ der Stimme. Das will ich erſt beſſer hören.“ Sie machte eine kurze Abſchiedsbewegung und ging, um nach all' dieſen furcht⸗ baren Vorboten das Schlimmſte aufzuſuchen. 5. „Daß Gott erbarm'! Sind Sie's, Mutter?“ „Ich bin's Marie,“ ſagte die Alte ſtreng und faßte den Arm ihrer Tochter, welche ſie in der offenen Küche der Hütte fand, ſobald ſie eingetreten war.„Bleib' hier, wo willſt Du hin?“ „Ach, Mutter,“ ſagte die Schifferwittwe mit ausbrechen⸗ dem Jammer,„es wäre wohl beſſer, wir lägen alle im See, 218 Salvator. wo er am tieſſten iſt! Dem alten Kunert iſt geholfen!“ So hatte der Mann geheißen, der im Sommer ertrunken war. „Sei ſtill, dummes Weib! Was hilft das Schreien! Alſo Deine Kinder beide ſind zu Grunde gegangen? „Der Karl nicht, weiß Gott, der Karl nicht! Der kann nicht dafür, dem hat's keine Ruhe gelaſſen, bis er dem Un⸗ glück auf die Spur gekommen iſt, und dann mußt' er ſel⸗ ber dran.“ „Wo liegt der Junge?“ ftagte die Großmutter finſter.„In der Kammer? Gut. So komm' in die Stube herein und laß vernünftig mit Dir reden. Du ſollſt mir von vorne an erzäh⸗ len, was es gegeben hat.“ Das geſchah. Es war ſchon im Sommer Manches über Anne im Dorfe geſprochen worden, was auch der Mutter zu Ohren gekommen. Auf dem Schloſſe ſtand ſie zwar bei den Fräuleins in gutem Anſehen, aber die andern Dienſtboten, beſonders die Knechte, konnten ſie nicht leiden, weil ſie immer für ſich allein war und ſehr hochmüthig that, ſo prophezeiten ſie ihr ſchon mit dem bekannten alten Sprichworte. Einer vom Hof, der Jäger, der ihr beſonders gram war aus ver⸗ ſchmähter Liebe, hatte ihr denn auf Tritten und Wegen, ſo viel es anging, nachgeſpürt, und zweimal geſehen, daß ſie ſpät Abends mit einem Manne durch das Feld ſpazierte. Das hatte er denn bei einem zufälligen Streit dem Bruder des Mädchens vorgeworfen, welcher ihm allerdings dafür übel mitgeſpielt, aber doch Annen gleich zur Rede geſtellt hatte. Sie war heftig darüber erſchrocken, hatte geſtanden, daß ſie freilich mit einem Manne nach dem Feierabend auf das Feld gegangen ſei, aber in allen Ehren— zu einer Angabe, mit wem, war ſie aber nicht ——————————— —————————— Salvator. 219 zu bewegen geweſen. So hatte ſich denn Karl in den Kopf geſetzt, hinter ihre Schliche zu kommen, und nach vielen Wo⸗ hen erſt war es ihm geglückt, das Paar, das unter einem Feldbirnbaum ſaß, zu finden. Gern hätte er ſie dort belauſcht, aber ſein Kommen war bemerkt worden, das Paar aufgeſtan⸗ den und, ganz als geſchehe es ohne Grund, durch die Däm⸗ meiung fortgegangen, mit ruhigen Schritten den Rain ent⸗ lang. In ſeinem Grimme halb ungewiß, hatte Karl Annen's Namen gerufen, ſie hatte einen Vorſprung von hundert Schritt, den er im Laufe leicht eingeholt hätte— aber in der Dunkel⸗ heit war er in irgend einen Graben geſtürzt, und eh' er ſich aufraffen konnte, waren die Beiden ſchon ſo weit geweſen, daß er kaum noch ihre Umriſſe erkannte. Da hatte er denn in der blinden Wuth hingeſchoſſen. „Mit einem Gewehr?“ rief die Großmutter.„Hat er ein Gewehr mitgenommen?“ „Ja, die Unglücksflinte, Sie wiſſen ja, von Kunerts.“ Die Schramm ſtöhnte, es war das Jagdgewehr ihres verſtor⸗ benen Herrn, mit welchem er den Knaben erſchoſſen, er hatte es gleich an ſeinen Freund Rheinberg verſchenkt, das wußte die Schramm. Daß es hier der Jäger führte und Karl es ſich von dieſem geliehen hatte, erfuhr ſie aber nicht, denn ſie drängte zur Fortſetzung des Berichts. Der Schuß hatte getroffen, und Karl einen Schrei gehört — nun konnte er ſchwören, daß es die Stimme ſeiner Schwe⸗ ſter war. Hatte er ſie verwundet? Voll Verzweiflung, laut aufſchreiend auch er, war er über einen zweiten Graben, den er ſah und der ihm bekannt war, geſprungen, aber im Finſtern zu kurz, ſo daß er mit der Stirn hart auf den Rand gefallen 220 Salvator. und ihm die Sinne vergangen waren. Wie lange er gelegen hatte, wußte er nicht, lange konnte es nicht ſein, denn der Schäfer, von dem Schuſſe herbeigeführt, hatte ihn gefunden⸗ und wieder zum Bewußtſein gebracht. Aber rings umher war Alles ſtill geweſen, Niemand zu hören und zu ſehen— in ſei⸗ ner Angſt hatte Karl dem Schäfer etwas geſagt, Beide hatten in allen Richtungen umhergeſpäht, vergebens! So hatte ſich der junge Menſch getröſtet, daß er wohl vorbeigeſchoſſen habe und jener Schrei nur vom Schreck ausgepreßt geweſen ſei, er hatte jetzt erſt gefühlt, daß er ſelbſt an der Stirn heftig blute, ihm war ſehr übel geworden, die dunkeln Gegenſtände in der nächtlichen Flur hatten ſich vor ſeinen Augen zu drehen ange⸗ fangen, dem Schäfer, der es nachher mit Grauſen wieder er⸗ zählt, hatte er geſagt, daß der ganze Himmel wie ein rieſiges Wollrad zu ſpinnen begönne, dabei hatte er ſich an ſeinen Be⸗ gleiter angeklammert, der ihn mühſam nach Hauſe geſchleppt, wo er dann zuerſt auf ſeinem Bette von der Mutter mit lau⸗ tem Geſchrei, nach der Landleute Art, empfangen, ſo ziemlich die Kraft wieder gefunden, eine zuſammenhängende Erzählung zu geben. Dann aber, als die Mutter gleich nach dem Schloſſe gelaufen und ſpät mit der troſtloſen Nachricht wieder gekom⸗ men, Anne habe ſich bis jetzt nicht blicken laſſen, war er in fieberhafte Unruhe gerathen, welche den wildeſten Phantaſien den Weg gebahnt hatte. Eine ſchwere Krankheit kam über ihn und er hatte ſie noch nicht überſtanden. Anne aber war und blieb verſchwunden. Der Schäfer, welcher am frühen Morgen gleich herausgegangen war, hatte einen großen Blutfleck ge⸗ funden, aber weiter keine Spur. Roland's Kugel hatte alſo offenbar getroffen, wen aber? das blieb eben ſo zweifelhaft, als —————— — 2 ————————————————— Salvator. 221 was nun aus Annen geworden war. IhrVerführer hatte ſie ent⸗ weder in Sicherheit gebracht, oder ſie war aus Furcht in die weite Welt gelaufen. Das iſt aber heut zu Tage nicht mehr ſo leicht, wie es in romantiſchern Zeiten geweſen ſein mag, und ſo konnte man erwarten, daß ſie über kurz oder lang wieder er⸗ ſcheinen werde, gleichviel, ob freiwillig oder gezwungen; die Anzeige, welche das Mitleid erſt verzögerte, hatte doch gemacht werden müſſen. Als die Wittwe ihre Erzählung beendigt hatte, fiel ſie in ihr ſchmerzliches Jammern zurück, und ihre Mutter ließ ſie ge⸗ währen. Sie blickte ſtarr vor ſich hin. Wer konnte der Mann ſein, welcher das Unglück ihrer Enkelin herbeigeführt hatte? Sie überdachte Alles genau. Wär' es ein Burſch aus dem Dorfe oder ſonſt ihres gleichen geweſen, ſo hätten ſie wenig Urſache gehabt, ſich in einen Schleier des Geheimniſſes zu hüllen; es war aber Manches vorhergegangen, das die Gedanken der al⸗ ten Frau in eine ganz beſtimmte Bahn lenkte, und eine große Bitterkeit ſtieg in ihr auf. Sie dachte an den Brief, den ſie von Karl erhalte hatte, an die ganze Sinnesart des Mannes, auf welchem ſich jetzt ihr Verdacht feſtſetzte, ähnliche Geſchichten wußte ſie ja von ihm und hatte ſie bisher leicht entſchuldigt, weil ſie Andere betrafen, als ihr eignes Fleiſch und Blut. Mußte grade in einem Augenblicke, wie der gegenwärtige, in welchem ſie mehr für ihn gethan, als er ahnen mochte, mußte grade jetzt ein Streich gegen ſie geführt werden, der ſie nicht empfindlicher verletzen konnte? Denn losgeriſſen, wie ſie war, aus dem Boden ihrer Abkunft, und durchaus in ihren Anſichten und Manieren verändert nach der Stellung, die ſie lange Jahre hindurch eingenommen hatte, war ſie doch in einem Punkte 222 Salvator. noch immer dieſelbe geblieben, in der Scheu vor dem Tadel der Leute. Es konnte in dieſer Hinſicht auch das Opfer, das ſie dem Glück ihres vornehm gebornen Lieblings gebracht hatte, nicht hoch genug angeſchlagen werden, das Opfer ihres Selbſt⸗ bewußtſeins— und mußte mit dieſem, von welchem zum Glück Niemand etwas wußte und, ſoviel an ihr lag, erfahren ſollte, die öffentliche Schande ihrer Tochter und Enkelin zuſammen⸗ fallen? Um denſelben Mann!„Ich muß mit ihm reden!“ ſchloß ſie ihre quälende Betrachtung. Erſt aber trat ſie an das Lager ihres kranken Enkels. Er lag in einer Luft, von welcher ſich nur diejenigen unſerer Leſer einen Begriff machen können, welche Beruf oder Zufall zuwei⸗ len zur Herbſt⸗ oder Winterszeit in Bauerſtuben geführt hat. Gelüftet werden ſie auch im Sommer nicht; welche Atmoſphäre alſo entſteht, wenn ſie geheizt ſind und Kranke in dem hochge⸗ thürmten Bette liegen, auf welches oft eine ganze Familie an⸗ gewieſen iſt, wollen wir nicht ſchildern. Frau Schramm war es längſt anders gewohnt, ſie ging mit Widerwillen in dieſen engen, abſtoßenden Raum und gab ihrer Tochter Befehle zur Abſtellung des Uebels, von denen ſie hätte gewiß ſein können, daß ſie nicht befolgt wurden. Die Tochter ſchützte als Grund, warum ſie kein Fenſter öffnen könne,— ihr Rothkehlchen vor. Der Kranke ſchlief. Seine Athemzüge waren zwar ſehr un⸗ ruhig, ſeine Farbe fieberhaft glühend, zuweilen traten halb⸗ laute Worte, die man nicht verſtehen konnte, auf ſeine Lippen, aber er ſchlief doch. Schluchzend in dem Kampfe, ihn durch Weinen nicht zu ſtören, ſtand die Mutter am Bette, die Groß⸗ mutter hatte ihre Augenbrauen zuſammengezogen und blickte, mit ſtreng geſchloſſenem Munde, auf ihn hin. Salvator. 223 „O— o! Erſauft meinetwegen!“ murmelte der Kranke verſtändlicher. Die beiden Frauen hielten den Athem an, um zu lauſchen. Nach einer Weile wieder:„Erſauft nur!— Ich —“ und eine lange, raſch geliſpelte Rede entging dem Ver⸗ ſtändniß der Hörerinnen.„Er iſt auf dem Waſſer—“ raunte die Wittwe ihrer Mutter zu. Dieſe winkte ihr heftig, ſtill zu ſein, denn auf dem Geſichte des Kranken ging ein ſeliges Lä⸗ cheln auf. „Du— ach Du weißt nichts! Du biſt gut— Dir ſag' ich's auch nicht— aber—“ dabei verfinſterte ſich ſein Geſicht wieder und er ſchlug im Traume mit der geballten Fauſt um ſich. Kürzer, ängſtlicher wurde ſein Athemzug, ſichtlich arbei⸗ tete ſeine Bruſt unter dem Einfluſſe einer ſchrecklichen Vorſtel⸗ lung— die Großmutter legte leiſe die Hand auf ſeine Stirn und er wurde allwälig ruhiger. Als er nicht weiter ſprechen zu wollen ſchien, zog ſie ihre Tochter aus der Stube.„Haſt Du einen Doctor?“ fragte ſie. „Ja. Ich wollte erſt nicht, denn ich kann ihn nicht bezah⸗ len, aber ſie ſchickten ihn her und werden's abmachen.“ „Wer hat ihn hergeſchickt?“ fragte die Großmutter ge⸗ ſpannt. „Die Reſſener Herrſchaft,“ ſagte ihre Tochter. „So!“ rief die Schramm mit einem Tone, als würde ihr die feindlichſte Handlung entdeckt. „Ja, unſere guten Fräuleins kamen erſt ſelbſt zu mir an die Thüre, weil ſie auch wegen der Anne was hören wollten, und fragten, ob ich nicht ihren Doctor haben wollte, ich ſollte es nur ſagen, aber ich konnt' es ja nicht ermachen, und dann wollte dem Jungen was eingeben, aber 224 Salvator. der nahm's nicht, 5 einmal fährt ein Wagen an und Einer ſteigt aus, das iſt den Reſſen'ſchen ihrer. Er ſagt, ich ſollte nur ganz ruhig ſein, der Herr Baron bezahlte Alles, und nun kommt er alle zwei, drei Tage.“ „Der Baron alſo,“ ſagte die Großmutter.„Mag's ihm gut bekommen!— Ob mich wohl Einer über den See fährt, Marie? Ich will's bezahlen— ſchaffe mir nur gleich einen Kahn.“ „Ach, Mutter, danken Sie der gnädigen Herrſchaft nur tauſendmal für Alles, was ſie an uns gethan hat—“ ſo ließ die Wittwe ihrem Gefühl freien Lauf, und noch viele Worte folgten, denen endlich die Alte mit Heftigkeit Einhalt gebot, indem ſie ihre Tochter nach dem Kahne ſchickte. Der kam als⸗ bald und führte die Schramm quer über den See nach Reſſen: unterwegs verſchmähte ſie, mit dem Fährmann, welcher ihr gutmüthig ſeinen Antheil verſicherte, viel über das Unglück ihrer Familie zu ſprechen, es blieb ja doch immer eine Demü⸗ thigung. Der Baron erſtaunte, als ihm ſeine alte Amme, die kaum abgereiſt war, abermals gemeldet wurde, ihre Zudringlichkeit ſetzte ihn förmlich in Zorn, er ließ ihr ſagen, daß er keine Zeit habe.„Es ſei aber etwas Nothwendiges, das ſie mit dem Herrn Baron beſprechen müſſe!“ kam noch einmal durch den Bedienten ihr Anliegen. Mir ganz gleich!“ rief Arnefeld. „Ich habe durchaus keine Zeit!“ „So werde ich warten,“ ſagte ſie zu dem Bedienten und ging in die Domeſtikenſtube. Der Baron war aufgebracht über di er es nannte.„Dies alte Weib wird man Effronterie, wie —— Salvator. 225 los werden!“ rief er.„Man hat mit Einem genug!“ ſetzte er für ſich hinzu.„Sag'ihr,“ befahl er dann dem Bedienten,„ſie ſolle Dir nur beſtellen, was ſie wünſche, ich könnte nicht mit ihr ſprechen.“ „Kann er nicht mit mir ſprechen?“ entgegnete die Schramm. „Ich glaub's!“— Sie beſann ſich eine kleine Weile, dann bat ſie den Bedienten um ein Blatt Papier und eine Feder, ſie wollte es dem Herrn lieber aufſchreiben, er werde es gewiß nicht weiter abſchlagen, mit ihr eine Minute zu reden. Der Bediente brachte ihr das Verlangte, mußte ihr aber, nachdem ſie ein Paar Zeilen, ſo raſch es ihr möglich war, geſchrieben hatte, auch noch eine Oblate zum Verſchluß beſorgen, da ſie ihm den Zettel durchaus nicht offen übergeben wollte. Er fühlte ſich nun auch durch dies unausſtehliche alte Weib beleidigt. Der Baron befand ſich in Geſellſchaft ſeiner Frau und Tochter beim Thee, als ihm das Billet gebracht wurde. Er hatte geglaubt, die Amme habe ſich zufrieden gegeben, und ge⸗ rieth von dieſem neuen Attentat auf ſeine Ruhe in großen Zorn. Doch nahm er das Billet, riß es auf, hatte aber kaum einen flüchtigen Blick auf ſeinen Inhalt geworfen, als es dun⸗ kel über ſein Geſicht flammte:„Sie iſt verrückt! Sie ſoll ſich zum Teufel ſcheeren!“ rief er dem Bedienten zu. „Lieber Arnefeld!“ ſagte ſeine Gemahlin.„Ich bitte Dich! Laß mich ſehen—“ Der Baron zerdrückte haſtig das Billet, das er noch in der Hand hielt, und ſteckte es in die Seitentaſche ſeines Rockes. „Ein altes wahnſinniges Weib! Schick' ſie fort— augenblick⸗ lich!“ Der Bediente war ſehr damit einverſtanden und ging, ſich dieſes Auftrages eili Salvator. l. 226 Salvator. „Aber, mein theurer Freund, darf ich denn nicht wiſſen—“ ſagte Frau von Arnefeld. „Unſinn! Kann Dich gar nicht intereſſiren! Das Weib gehört in's Tollhaus!“ rief er. „Menagire Dich doch etwas,“ bat ſie mit einem Blicke auf ihre Tochter, welche nur im Anfange dieſer Scene von ihrer Arbeit aufgeſehen hatte, dann aber das Auge unverwandt auf dieſelbe geheftet ließ.„Die Leute draußen müſſen ja denken, wir wären in einem ärgerlichen Zwiſte befangen.“ Wie könnte das möglich ſein!“ entgegnete er ironiſch. „Willſt Du mir nicht das Billet zeigen, lieber Adolar?“ fragte ſie auf das Zärtlichſte, und da er es nochmals verwei⸗ gerte, ging der Sonnenſchein ihres Lächelns flugs in froſtigem Gewölk unter. Laura ſtand auf. Bleibe doch, liebes Kind,“ ſagte der Vater,„ich habe der Mama durchaus nichts zu ſagen, was vor Dir nicht ge⸗ ſchehen könnte.“ „Ich verlange auch nichts 1entgegnete die Mama empfind⸗ lich.„Deine Amme hat nun einmal den Schlüſſel zu Deiner Vergangenheit, und ich begehre nicht zu erfahren, was ſie Alles bergen mag.“ „Meine Vergangenheit, Du Herrliche, Gute, iſt etwas kürzer, als die Deinige— ich habe, ehe mir das Glück Deines Beſitzes wurde, nicht viel Zeit gehabt, etwas Verbergenswerthes zu Stonde zu bringen.“ „O Du haſt wohl mit unſerm Trauungsmorgen keinen Ab⸗ ſchnitt Deines Lebens gemacht!“ erwiederte Frau von Arne⸗ feld mit einer ſo ſcharfen Beziehung, daß ihr Gatte betroffen wurde. Sie dachte offenbar an ſein Ver ältniß zu Adelheid — — Salvator. Mörner, der einſtigen Braut ſeines Vaters. Eine Replik durfte er ihr aber nicht ſchuldig bleiben. „Wie wäre ein Abſchnitt möglich, wo Deine Liebe mich ſchon vorher ſo glücklich gemacht hatte!“ ſagte er, und ſie war verſtummt, das künſtliche Roth verdeckte den Wechſel ihrer Farbe bei dieſer ſchonungsloſen Inſinuation, aber ihre Hände zitterten und die Sehkraft ihres Auges war durch heiß auf⸗ quellende Thränen verdüſtert. Das hatte ſie nie erwartet, zu hören! Und in Gegenwart ihres Kindes, das zum Glück nicht ahnen konnte, welche Abſcheulichkeit in dieſen harmloſen Worten verborgen lag! Abends las der Baron den zerknitterten Zettel noch ein⸗ mal, nachdem ihn ſein Diener verlaſſen hatte. Die Schramm war durch den Letztern nicht eben ſchonend von dem Willen ſeines Herrn in Kenntniß geſetzt worden, worauf ſie, ohne ein Wort zu erwiedern, ihre Sachen genommen und ſich entfernt hatte. Arnefeld war bei der zweiten Leſung ihres Billets in einige Zweifel gerathen. Es lautete kurz: „Was iſt aus Roland's Anne geworden? Sie wiſſen es. Ich muß Sie ſprechen: es wäre ſonſt Ihr Unglück.“ Roland's Anne! Darüber zuckte er nur verächtlich die Achſeln, aber die Drohung am Schluſſe des Zettels erregte ihm, wenn auch keine Beſorgniß, doch Neugier. Was konnte ſie damit meinen? Indeß, hier war weiter nichts zu thun, als abzuwarten, denn er war überzeugt, daß ſie wieder kommen werde. Das war aber nicht der Fall, ſie hatte bereits die Rückreiſe nach Berlin angetreten und auch der Kammerherr von Rheinberg, welcher ſie gern geſprochen hätte, kam mit ſeiner Aufforderung zu ſpät. Er hätte ſo gern etwas über 15* 228 Salvator. die letzten Augenblicke ſeines alten Freundes gehört, und noch eine dringende Frage war es, welche er von der Haushälterin des Verſtorbenen vielleicht beantwortet haben konnte. In ſei⸗ ner äußerſten Noth, als er nirgends mehr Rath zu ſchaffen wußte, hatte er ſich endlich widerſtrebend an den Landſtall⸗ meiſter gewandt, widerſtrebend darum, weil dieſer ihm ſchon oft geholfen hatte und er ihm noch mit einer bedeutenden Schuld, zu welcher die einzeln erhaltenen Darlehne allmälig angewachſen, verpflichtet war. Unbedenklich hätte der Alte ihm auch diesmal das Kapital, um das es ſich handelte, vor⸗ geſtreckt, denn was waren ihm einige Tauſend Thaler! Der Kammerherr hatte ſich aber zu lange mit Hoffnungen getäuſcht, wie es die Art der Menſchen iſt, welchen es an Thatkraft fehlt, und erſt, als der Termin der Kündigung unmittelbar vor der Thüre ſtand, ſich zu dem letzten Schritte bei ſeinem Jugend⸗ freunde entſchloſſen. Nicht leicht hatte ihn daher irgend ein Schlag ſeines vielgeprüften Lebens ſo ſchwer getroffen, als die Nachricht von dem Tode des Landſtallmeiſters. Hatte er ſeinen Brief noch bekommen? Hatte er vielleicht noch die Summe für ihn angewieſen, und konnte ſie täglich ankommen und ihn aus der entſetzlichen Noth reißen? Die Schramm würde ihm das unfehlbar beantwortet haben, und ſie war ſchon wieder fort, er hatte ihre Anweſenheit zu ſpät erfahren. Von Tag zu Tag hoffte er nun, daß noch die erwartete Summe eingehen werde, und als darauf nicht mehr zu rechnen war und die Drohung des Gläubigers, deſſen Kündigung er angenommen hatte, durch keine Bitte um Aufſchub entkräftet werden konnte, ſchien der Moment gekommen, wo er endlich ſeine Lage den armen Kindern, welche ſie nicht ahnten, entdecken mußte, um Salvator. 229 ſie auf die Kataſtrophe, die ſich nicht mehr abwenden ließ, vorzubereiten. Ehe er aber die Kraft dazu gewann, mußte er noch einen letzten Verſuch wagen, das Geld vielleicht bei dem Sohne und Erben ſeines verſtorbenen Freundes zu erhalten. Bisher hatte er ſich aus vielen Gründen nicht an ihn wenden mögen. Arnefeld wollte Sielitz an ſich bringen, das hatte er gar nicht verhehlt— wie durfte alſo der jetzige Beſitzer hoffen, durch ihn aus einer Verlegenheit geriſſen zu werden, welche jenen Wunſch zu erfüllen verſprach? Es hatte ſich leider nichts darin geändert, und ſo war es nur der letzte Verſuch! Keine ſeiner Töchter ſprach das Verlangen aus, ihn zu be⸗ gleiten. Das Verhältniß in der Familie zu Reſſen war durch die Dienſtboten ausgeplaudert worden, und da auch Laura ſich mehr und mehr zurückgezogen hatte, kaum noch einen flüch⸗ tigen Beſuch nach der Kirche auf dem Sielitzer Schloſſe machte, und nie ein Wort der Einladung an die Schweſtern zurückließ, ſo waren dieſe natürlich um einen Umgang gebracht, von welchem ſie ſich ſo viel verſprochen hatten. Der Kammerherr brachte die Stunden vor ſeiner Abfahrt, welche ihm peinlich genug waren, mit erzwungen heiterer Miene bei ſeinen Töchtern zu. i Geſpräch wandte ſich, wie faſt täglich, auf die räthſelhafte Geſchichte, welche ihre Magd be⸗ troffen und das ganze Dorf in Bewegung geſetzt hatte. Fanny wußte heut, daß der junge Roland ſein Nervenfieber über⸗* winden werde. Emma äußerte: dann könne vielleicht Alles in helles Licht kommen, was jetzt noch im Dunkel liege und ſeinen Schatten vielleicht auf ganz unſchuldige Perſonen werfe. Sie meinte damit den ſchönen Huſarenofficier. Es ging ein Gerede im Dorfe, das ihn betraf und von Reſſen herüber ge⸗ 230 Salvator. kommen war. Man wußte, daß er ſich Annen's bei jener Scene am See gegen ſeinen Vater angenommen hatte, daß ſich daraus zu Hauſe ein ernſtlicher Streit entſponnen— es war nicht unbemerkt geblieben, daß er ſelbſt für das Mädchen ein Wohlgefallen gezeigt hatte, ſo oft er in Sielitz auf dem Schloſſe geweſen war. Mit wem anders konnte alſo Anne durchgegangen ſein? Selbſt der Kammerherr und ſeine jüngſte Tochter waren nicht ganz abgeneigt, das zu glauben, und nur die älteſte hielt das Vertrauen zu dem jungen Manne feſt, der ja ſonſt beiſpiellos falſch gegen ſie geweſen wäre. Ein Brief aus Berlin unterbrach das Geſpräch, der Bote, welcher täglich von der Seeſchenke die Poſtſachen austrug, hatte ihn mitgebracht.„Von Leo!“ ſagte Fanny, welche ſich immer gewaltthätig aller eingehenden Briefe zuerſt bemächtigte. Der Vetter ſchrieb nicht oft, dann aber viel. Willſt Du noch den Brief hören?“ fragte Fanny den Vater, welcher zerſtreut vor ſich hin ſah und ſchon Befehl zum Anſpannen gegeben hatte. Er hörte nicht, was ſie fragte— ein ſo unausſprechlich trüber Zug war in ſein Antlitz 6ten daß Fanny tödtlich erſchrak. Vater, was iſt Dir? rief ſie mit der ihr eignen Heftigkeit. Was ſoll mir ſein?“ antwortete er und zwang ein Lächeln herauf, welches ſchauerlich mit dem Zucken ſeiner Lippen con⸗ traſtirte. „Ich bitte Dich! Du haſt etwas auf dem Herzen!“ rief Fanny— und auch ihre Schweſter kam beſorgt herbei.„Sag' es uns, Du wirſt Deinen Kindern doch nichts verheimlichen? Du biſt krank!“ —— Salvator. 231 Er hatte den rettenden Ausweg in dieſem Worte gefunden. „Es iſt ſchon vorüber,“ ſagte er.„Ein plötzlicher Zahnſchmerz, daß er mir wahrhaftig die Thränen in's Auge gelockt. Es war ein Stich, wie mit heißen Nadeln— ganz merkwürdig! Aber ſo heftig und nun gleich vorüber!“ Emma rieth zu einem Hausmittel und brachte ein ſolches zum Vorſchein, um ihn auf der Fahrt nach Reſſen vor einem Rückfalle zu bewahren, Fanny ſah ihren Vater mit einem Blick unendlicher Liebe, aber mißtrauiſch an. Doch ſagte ſie nichts, und auch als er fortgefahren war, ſprach ſie ſich gegen ihre Schweſter nicht aus, ſondern nahm ihr den Brief, welchen dieſe ſchon angefangen hatte, ohne Umſtände fort und ſetzte ſich an ihr Fenſter, um ihn zu leſen. Emma ließ ſich das, wie ſo viel noch, geduldig gefallen. Es war ein ganz intereſſanter Brief, welchen Lev an ſeinen Onkel geſchrieben hatte. Er beſprach die Zuſtände, welche ſich in der Hauptſtadt allmälig entwickelten, von der ſtrengen und conſequenten Anſicht aus, welche er in allen Erſcheinungen der Zeit nur mehr beſtätigt fand. Beſſer ſchien es ihm allerdings zu werden, aber immer noch mit ſehr ſchwachen Anfängen. Von der Gegenwart verſprach er ſich daher nicht viel, ſeine Hoffnung lag in der Zukunft— die alte Generation ſchien ihm ſo ziemlich verloren, erſt die kommenden Geſchlechter, wenn es gelang, die Jugend vor dem Gifte der böſen Ein⸗ flüſſe zu bewahren, konnten wieder eine beſſere Welt geſtalten helfen. Lange verweilte er bei dieſem Thema nicht, denn er wußte, daß die milde, ſich in Alles fügende Seele ſeines Oheims keine Ueberzeugung von der Gefahr hatte und ſelbſt für die widerwärtigſten Zeichen der Zeit eine Entſchuldigung 232 Salvator. fand. Der größte Theil des Briefes war dann erzählend, er ſchilderte die Erlebniſſe ſeines Commando's nach dem Rhein, die Gegenden und Menſchen, welche er kennen gelernt, und vergaß auch die Dame nicht, der er in Berlin einen Ritter⸗ dienſt erwieſen hatte. Mit beſonderer Vorliebe zeichnete er ihr Bild, Fanny, ſo unerfahren ſie war und ihre Weltkenntniß nur aus wenigen Romanen geſchöpft hatte, fühlte es doch gleich heraus, daß über der Seite, welche nur von Adelheid Mörner ſprach, ein wärmerer Hauch wehte, als durch den ganzen Brief, und ſie lächelte ſchalkhaft über einige ſchwung⸗ volle Ausdrücke, welche dem Schreiber unwillkürlich in die Feder gekommen, ganz ſo, wie ſie dergleichen in ihren Lieb⸗ lingswerken geleſen hatte. Hier kam nun der mädchenhafte Drang nach Mittheilung endlich über ihr abgeſchloſſenes Ge⸗ müth, ſie rief die Schweſter herbei, las ihr dieſe Stelle vor und Beide amüſirten ſich königlich über den armen Vetter Leo, der ſein Herz verloren hatte. „Nun wird er wohl Licht mehr die große Idee verfolgen, für welche er mich nichte 8 keif anſah,“ bemerkte Fanny. „Nun hat er andere Dinge, die ihn iſtigen“ 3 Welche große Idee?“ fragte Emma, welche kein Wort mehr von dem Geſpräͤch wußte, das Fanny nicht vergeſſen konnte, wie ſie überhaupt nicht leicht vergaß, was ſie beſchämt oder gedemüthigt hatte. Den Zauberſpruch, welcher alles Unglück und allen Man⸗ gel aus der Welt verbannen ſollte,“ erwiederte ſie. „Ach, wenn er den doch wüßte! Es iſt doch zu ſchrecklich, wie Alles jetzt klagt. Die armen Menſchen wiſſen kaum noch, Salvator. 233 wovon ſie leben ſollen. Man ſieht es gar nicht genug ein, wie glücklich man noch iſt.“ Hätte dies harmloſe Kind eine Ahnung gehabt, in welcher Stimmung ihr Vater den kurzen Weg nach Reſſen zurücklegte, wie anders würde ſie von ihrem Glücke gedacht haben! Der Kammerherr war unter dem Vorwande eines landwirthſchaft⸗ lichen Handels um Saatkorn herübergefahren, ſeine Töchter hatten keine Urſache, daran zu zweifeln. Je näher er kam, deſto mehr ſank ſeine Hoffnung, und es war ihm, ſeltſam ge⸗ nug, eine Art von Troſt, als er in Reſſen erfuhr, daß Herr von Arnefeld auf längere Zeit verreiſt ſei. Wenigſtens hatte er jetzt die Demüthigung einer abſchläglichen Antwort nicht zu leiden. Frau von Arnefeld nahm ſeinen Beſuch an und unter⸗ hielt ihn, vielleicht beſſer als je, aber ohne Anerkennung von ſeiner Seite, Laura wurde als unwohl entſchuldigt. Er fuhr bald wieder ab, und begegnete unterwegs dem Adjunct Schra⸗ der, welcher ihn ehrerbietig grüßte. Daß er zuweilen in Reſſen ſei, wußte Rheinberg. Was ſollte nun geſchehen“ kurze Zerſtreuung durch eine Converſation war vorüber, rralte Feind kehrte mit er⸗ neuter Macht zurück. Noch immer konnte ſich jedoch der Vater nicht entſchließen, ſeine Kinder auch unglücklich zu machen durch eine Mittheilung— mochten ſie ſich doch des Sonnen⸗ ſcheins noch erfreuen, in welchem ſie wie zwei junge Schmetter⸗ linge ſpielten! Vielleicht fand ſich ein Ausweg, oder ein un⸗ verhofftes Glück noch im letzten Momente. Salvator. 6. Frau von Arnefeld ſtand, nachdem ſie Rheinberg verlaſ⸗ ſen hatte, ſehr lange vor dem Spiegel, um ihre etwas eilfer⸗ tig gemachte Toilette zu verbeſſern. Sie erwartete ja noch den Freund, welcher in den Mißverhältniſſen ihres häuslichen Le⸗ — bens der einzige Troſt war, ſpät gefunden, aber deshalb um ſo theurer. Auf ihn wollte ſie keinen unvortheilhaften Ein⸗ druck machen, ſie war es ſich ſelbſt und mehr noch ihm ſchuldig. Nicht lange duft ſie warten, ſo erſchien er: der Adjunct Schrader, welchen die Kammerjungfer mit dem ehrbarſten Ge⸗ ſicht anmeldete, um ſpäter deſto boshaftere Gloſſen über ihre alte Dame zu machen, deren gefühlsſelige Aeußerungen nur zu oft dies unzuverläſſige Mädchen zur Vertrauten wählten. Unreelles Weſen hat eine unglaubliche Wechſelwirkung zwiſchen Herrſchaft und Bedienung. Der junge Geiſtliche trat ſo leiſe durch die von ihm weit geöffnete Thüre, daß es ſchien, als ſchwebe ein übernatürli⸗ ches Weſen herein. Verklärt war auch ſein Anſehen, Frau von Arnefeld glaubte ihn noch nie ſo ſchön erblickt zu haben. Blaß war er freilich und ſchien ſeit ſeinem letzten Hierſein noch bleicher geworden, aber dieſe Bläſſe war nicht irdiſch krank⸗ haft, ſondern das Siegel eines höhern ſtrebenden Geiſtes, der ſeine Hülle nach und nach verzehrt. Frau von Arnefeld ſagte ſich das wenigſtens und fühlte eine Wehmuth um dieſe ſchöne, einem frühen Tode geweihte Geſtalt, obgleich ſie ohne einen ſolchen vorgefaßten Gedanken in dem feſten und geſunden —— —— Salvator. 235 Gliederbau des Mannes keine Hinfälligkeit wahrgenommen haben würde. Ein Lächeln, vor welchem der Dame ganzes Herz aufging, verſchönte ſeine Züge und es war, als ſpiele um die braunen glänzenden Locken ein Heiligenſchein. „Wir haben uns lange nicht geſehen,“ ſagte ſie und ſtreckte ihm ihre Hand entgegen, auf deren durchſichtige Haut er einen ehrerbietigen Kuß hauchte. Er war allerdings lange nicht in Reſſen geweſen. Der Baron hatte ihn, neugierig gemacht durch die Lobſprüche, welche ihm geſpendet wurden, eingeladen, um ſeine Bekannt⸗ ſchaft zu machen, und zuerſt an ihm, den er ſo ganz anders fand, als er ſich den Geiſtlichen als ſolchen dachte, ein gewiſ⸗ ſes Wohlgefallen geſunden, ſo daß er ihn bald hinter einan⸗ der mehrmals einlud. Schrader leiſtete jedesmal Folge, wo⸗ durch er vielleicht in den Augen des Barons wieder ſank. Be⸗ haupten konnte er ſich aber abgeſehen davon niemals, es war überhaupt ſchwer, ſich in der Zuneigung des Barons zu be⸗ haupten: dieſe wollte immer wieder auf eine pikante Weiſe aufgefriſcht ſein. Und pikant wurde hier nur die Situation, nicht der Menſch. Es war dem Baron eine der köſtlichſten Entdeckungen, die er je gemacht hatte, als er wahrnahm, daß pei einer neuen vulkaniſchen Eruption des Gefühls aus dem unſterblich jungen Herzen ſeiner Gattin der Lavaſtrom ſeine Richtung nach dem Johanneskopfe des Adjuncts nahm. Eine Zeitlang amüſirte er ſich darüber und hütete ſich, durch irgend ein voreiliges Wort ſein Divertiſſement zu ſtören, als aber der blöde Jüngling ſein Glück ſo gar nicht zu ahnen ſchien, wurde die Sache langweilig, und Arnefeld hielt es für gerathen, ſeine Gattin nicht zu blamiren, er lud ihn ſeltener, zuletzt gar nicht 236 Salvator. mehr ein. Es beruhigte ihn, daß Frau Emilie ihn darüber zur Rede ſtellte, ſo war ſie wenigſtens überzeugt, daß er ihre Schwachheit nicht bemerkt habe, und er ließ ihr den Glauben. Während ſeiner Abweſenheit hatte ſie nun, um die beleidi⸗ gende Vernachläſſigung ihres Gatten wieder gut zu machen, eine Einladung an den Adjunct geſchickt, und das zierliche Billet hatte ihm zugleich geſagt, daß ſie in einer delicaten An⸗ gelegenheit mit ihm zu ſprechen wünſche. Auf dieſe ließ ſie ihn nicht lange warten, als die erſten Wechſelreden über allgemeine Dinge gepflogen worden waren. „Es betrifft meinen Sohn,“ ſagte ſie,„daß ich in meiner Rathlo⸗ ſigkeit mich an Sie wende, den ſein Gefühl ſchon, auch ohne ſei⸗ nen Stand, mir darin nahe führt. Sie wiſſen vielleicht von ei⸗ ner traurigen Spannungzwiſchen meinem Gemahl und Sohne?“ „Ich weiß davon,“ erwiederte Schrader ſich verbeugend. „Der Anlaß“— ſie hielt einen Moment inne, Schrader ſenkte ſeine Augen zu Boden und war ſehr ernſt, gewiß hatte er auch etwas über den Anlaß gehört, aber es konnten nur un⸗ beſtimmte Vermuthungen ſein, und ſie hatte vollen Grund, ihn deshalb nicht aufzuklären. Der Anlaß mag unberührt blei⸗ ben. Ich habe ſchon einen Schritt gethan, um wenigſtens die nächſten Folgen von meinem Sohne abzulenken, ich habe mich deshalb an Herrn Paſtor Hartmann gewandt.“ Der Adjunet blickte befremdet auf, davon wußte er nichts. So ging alſo doch im Pfarrhauſe Manches vor, wovon er keine Kenntniß erhielt.—„Er ſollte mit Ihrem Herrn Ge⸗ mahl ſprechen?“ fragte er mit einem leichten Anfluge von Jro⸗ nie, welcher aber der Dame verloren ging. Das nicht,“ erwiederte ſie.„Er ſollte vielmehr auf mei⸗ ———————— — Salvator. 237 nen Schwiegervater wirken, daß dieſer ſich des Enkels an⸗ nehme, der ja nichts an ihm verſchuldet hatte!“ Sie erſchrak über ſich ſelbſt, ſie hatte ſich hinreißen laſſen, aber nun war ſie auch nicht mehr in ihrem Erguſſe zu hemmen.„Ach, ich habe Ihnen eben einen Blick in gar traurige Familienverhält⸗ niſſe geöffnet, es würde Ihr gefühlvolles Herz verwunden, wenn Sie Alles erführen, das darf ich auch nicht, es ſind nicht meine Geheimniſſe allein, und wenn ich ſchon volles Vertrauen zu Ihnen habe, ſo weiß ich doch nicht, ob es Recht iſt, Ihnen Alles zu ſagen. Von wem freilich darf ich ſonſt Rath und Troſt erwarten? Dem Arzte, wenn er helfen ſoll, darf man nichts verheimlichen. Mein Schwiegervater iſt überdem jetzt geſtorben und hat vielleicht den Groll gegen den Sohn, wel⸗ cher die zweite Mutter, die er ihm geben wollte, mit einem mißgeleiteten Gefühl— das ſich nur verirrte, ich habe ihm darum nie gezürnt, denn er war ja der Vater meiner Kinder und ich hatte ihm am Altare Demuth und Gehorſam gelobt— laſ⸗ ſen Sie uns davon ſchweigen!“ unterbrach ſie plötzlich ihre vielfach eingeſchachtelte Rede, ohne den Satz, in welchen ſie ſich verwickelt hatte, zu vollenden. „Hat der Herr Pfarrer etwas ausgerichtet?“ fragte Schra⸗ der mit theilnehmender Miene, während ſein Geiſt, geſchäftig wie eine Ameiſe, all' die Splitter und Halme, ſo geringfügig ſie ihm auch geboten waren, zu einem wachſenden Verſtändniß zuſammentrug. „Er hat leider nicht direct gewirkt,“ antwortete ſie ſeufend. „Hätte ich geahnt, an wen er ſich deshalb wenden würde, ſo hätte ich lieber ſelbſt die Demüthigung nicht geſcheut, vor meinem ſchwergekränkten Schwiegervater als Flehende für ih⸗ 238 Salvator. ren unſchuldigen Sohn zu erſcheinen. Aber er hatte wohl all' unſere Verhältniſſe ein wenig vergeſſen. Wie es ſeinem Alter wohl zu verzeihen iſt,“ ſetzte der Ad⸗ junct entſchuldigend hinzu.„Durch wen, darf ich fragen, ſuchte er eine Vermittelung?“ „Durch die Mutter des Fräuleins von Mörner,“ berichtete die Arnefeld.„Ich glaube, daß er dadurch grade das Gegen⸗ theil bewirkt hat. Denn, ſagen Sie ſelbſt, wie konnte dem alten Herrn eine Annäherung der Dame lieb ſein, von deren Tochter er die empfindlichſte Kränkung erfahren hatte? Noch dazu gab man der guten Mama, die ich ſehr genau kenne, nicht ohne Grund Schuld, daß die Koketterie ihrer Tochter ein mütterliches Erbtheil ſei, ich kann das wiſſen, mein edler Freund, denn wir ſind zuſammen in die Schule gegangen— das heißt—“ wollte ſie dies übereilte Geſtändniß erklären. Mit dem Fräulein von Mörner?“ fragte der Adjunct raſch „Mit— mit der Mörner, ja,“ erwiederte ſie, eine directe Unwahrheit vermeidend.„Sie war immer kokett, ihr Benehmen hat mein Gefühl oft bis in ſeine Tiefen empört. Wie ſollte nun mein Schwiegervater ſich durch die Mutter ſeiner ungetreuen Braut bewegen laſſen, für den Sohn— mag er auch durch die Kokette bethört nur den geringſten Theil der Schuld tragen— o!“ „Ich verſtehe Sie vollkommen, meine theure gnädige Frau,“ ſagte er.. „So iſt denn Nichts erfolgt, wie ich aus den Briefen mei⸗ nes Rudolfs erſehe. Ach, die Männer! Das hat einen Starr⸗ ſinn, einen Trotz, der ſich vor Nichts beugen will und ſelbſt den Bitten und Thränen einer Mutter widerſteht, wie ich an meinem eignen Sohn ſehe. Wie wohlthuend iſt es daher dem — Salvator. 239 Herzen, einer gefühlvollen Seele zu begegnen“— ſie reichte dem Adjunct nochmals die Hand—„die ſich uns ſchneller, als die rohe Welt begreifen kann, erſchließt und immer bereit iſt, uns das Leid wenigſtens durch Theilnahme zu mildern, auch wenn ſie uns ſonſt nicht zu helfen vermag.“ „Laſſen Sie mich hoffen, daß ich Ihnen auch werde helfen können!“ entgegnete der Adjunct. Ich bin ein armer, unbe⸗ deutender Menſch, nicht in Anſehen bei denen, welche hochge⸗ ſtellt ſind und von dem neuen Weben und Schaffen des Welt⸗ geiſtes, zu deſſen unwürdigem Werkzeuge ich erkoren bin, keine Ahnung haben, aber die Macht der Idee wirkt Wunder auch in den Schwachen und Unbedeutenden und rüſtet ſie aus mit dem Schwerte des Wortes, das in den härteſten Panzer dringt, und mit dem Streithammer der Begeiſterung, vor welchem kein Schild und Helm beſtehen kann. Sie haben ſich nicht in mir getäuſcht, vortreffliche Frau, als Ihre Seele mir Ihr Ver⸗ trauen ſchenkte, ich werde auch Ihre heutigen Mittheilungen und Wünſche in meinem Herzen bewegen. Was Ihre Mut⸗ terliebe erſehnt, daß ſich das Mißverhältniß zwiſchen den Bei⸗ den, welche Ihnen am nächſten ſtehen, auf eine befriedigende Weiſe löſen möge, dahin laſſen Sie mich wirken und forſchen Sie nicht, wie. Auch geben Sie dem Samenkorn Zeit zu keimen und zu wachſen.— Was ein großer und herrlicher Baum werden ſoll“— hier wurde ſeine Stimme von einem ſo volltönenden Klange belebt, daß die Dame ſich davon mit einem wohlthuenden Schauer ergriffen fühlte—„das ſinkt zu⸗ vor ein unſcheinbares Körnlein in dunkle Erde und wächſt, wenn ſeine Zeit gekommen iſt, Anfangs unbeachtet empor an das Licht, Wenige bemerken es dann wohl und fragen, be⸗ 240 Salvator. wundernd den ſchönen Stamm: was will das werden? aber die Menge und die Feinde, die ſonſt die Axt an ihn legen würden, ſind noch auf lange mit Blindheit geſchlagen, bis auf einmal die Binde von ihren Augen fällt und hochprangend in ſeiner Fülle und Kraft das neue Wunder vor ihnen ſteht, die Krone badend im ewigen Licht und Aether, die Zweige des Segens weit über die Himmel und alle Völker ſtreckend, die Wurzeln aber geankert im Felsgrund, daß keine Macht ſie mehr ausreißen kann und der Fall des Baumes zugleich eine Welt begraben würde. Dann dröhnt die Tuba Triumph in alle Fernen, und die Widerſacher ſtürzen in den Staub und beken⸗ nen ſich alle, alle zu dem Baume des Heils, zu dem Sal⸗ vator der neuen Zeit!“ Die Zuhörerin konnte ſeinem Fluge, der von ihrer eignen kleinen Angelegenheit einen ſo gewaltigen Aufſchwung in das Allgemeine nahm, nicht folgen, ſie betrachtete ſein flammendes Ange, das wie verzückt gen Himmel gerichtet war, ſein ſchönes, begeiſtertes Antlitz und den blühenden Mund, der die klang⸗ reichen Worte ſprach, mit einem aus Scheu und Bewunderung gemiſchten Gefühle. Er hatte geendigt, ſein Blick ſenkte ſich und faßte das Auge, das auf ihn gerichtet war, mit ſeiner vollen Gluth, da⸗ vor es nicht Stand halten konnte. Frau von Arnefeld war hier aus allen Fugen der Convenienz gelöſt, wie ſie ſich ſelbſt ſagte, von ihr konnte die Situation nicht mehr beherrſcht werden. „O welch ein Gefühl,“ ſprach der Adjunct mit veränder⸗ tem Tone,„wenn der Geiſt dem verwandten Geiſte begegnet! Wer kann ſich vermeſſen, dieſe Beziehungen zu deuten oder zu geſtalten! Da fragt es ſich nicht um Geſchlecht und Lebens⸗ — K. ——————— K. —— ——— Salvator. 241 verhältniſſe, Zeit und Raum— wie Heine in ſeinem herrli⸗ chen Gedichte ſingt von dem einſamen Fichtenbaum auf kalter Höh' im Norden und der trauernden Palme im Morgenlande an brennender Felſenwand. Er hat dem Gedanken das Kleid der Poeſie geliehen.“ „Bettina und Goethe,“ ſetzte die Arnefeld hinzu, die nun wieder feſten Grund unter ihren ſuchenden Fußſpitzen zu füh⸗ len begann. „Und wir!“ ſagte der Adjunct mit einem kühnen Wurfe, der gleichwohl, wie ein gut gezielter Kernſchuß, das Ziel traf, denn Frau von Arnefeld, ſtatt zu zürnen, reichte ihm zum drit⸗ ten Male und mit welcher Hingebung! die Hand, welche er feſthielt, während er langſem und eindringlich fortfuhr: „Möchte das Andenken an dieſe heilige Stunde Sie nie verlaſſen, auch in den ſchwerſten Prüfungen nicht, wenn deren Zeit kommen wird! Denn Opfer fordert das Heil, und wenn der Salvator ſeine Miſſion erfüllen ſoll, ſo müſſen ihm darge⸗ bracht werden Geld und Gut, Macht und Ehre, ja das Liebſte vom Herzen! Dazu ſtärke Sie der Geiſt dieſer Stunde!“ „Wie fromm, wie echt chriſtlich Sie ſprechen!“ ſagte die Dame— und es war, als zucke bei dieſen Worten ein Blitz über ſeine Züge. Hatte es ihn getroffen, den Abtrünnigen, wie ein Vorwurf aus unbewußtem Mnnde? Er fand die rechte Antwort nicht und ſchwieg. Wie er ernüchtert war, ſo theilte ſich das auch der Dame mit, wir überlaſſen ſie ihrem weitern Geſpräch. Als er ſchied, zeigte Frau von Arnefeld einige Verlegen⸗ heit.„Sie wollen den weiten Weg wieder zu Fuß gehen?“ fragte ſie„Darf ich nicht meinen Wagen anbieten?“ Wie froh Salvator. l. 16 242 Salvator. war ſie, daß er dankte! Selbſt in ſeiner Anweſenheit dachte ſie ſchon mit Beſorgniß an die Meinung der Leute.„Wenn Sie aber einen Kahn über den See nähmen? Schade, daß der junge Roland krank iſt!“ „Ich gehe am Liebſten zu Fuß!“ ſagte der Adjunct, un wollte den Moment abkürzen. „Wiſſen Sie etwas von dem Kranken?“ fragte aber die Dame weiter. „Es geht ihm beſſer,“ war Schrader's Antwort. „Und weiß man immer noch nichts von ſeiner gewiſſenloſen Schweſter?“ „Nichts.“* „Das iſt ſehr wunderbar. Es muß ihr geglückt ſein, die Eiſenbahn zu erreichen und ſo zu enffliehen. Mit wem aber? Durch wen unterſtützt?— Hat man gar keinen Verdacht? In Ihren Mienen leſe ich, daß Sie etwas vor mir verhehlen, o das Gefühl geiſtiger Verwandtſchaft, wie ſchärft es das Auge für den Freund! Sie verhehlen mir etwas— Sie wollen mich ſchonen— ach! ich bin ſehr unglücklich, wenn Sie wirk⸗ lich Grund dazu haben!“ „Gerüchte! Nur leere Gerüchte! Laſſen Sie ſich nicht da⸗ von beunruhigen. Was Ihnen auch zu Ohren kommen mag. glauben Sie nichts, vertrauen Sie mir! Zu paſſender Zeit ſollen Sie Alles erfahren.“ „Sagen Sie mir nur Eins: halten Sie es für möglich, daß eine Verſicherung auf Ehrenwort falſch ſein kann?“ „Weſſen?“ unterbrach ſie der Adjunct raſch. „Meines Sohnes,“ erwiederte die Arnefeld;„freilich kommt ——————— n Salvator. 243 es darauf an, wer die Verſicherung giebt. Aber wenn mein Sohn ſein Ehrenwort verpfändet, daß er nicht im Spiel iſt—“ „Hat man ihn genannt?“ fragte der Adjunct. „Wie?“ rief die»Wen ſonſt? Sie wollen doch damit nicht ſagen—“ „Halten Sie ein!“ ſie Schrader ernſt.„Gehen wir nicht weiter, ſprechen wir nichts Beſtimmtes aus. Die Zeit wird Alles aufklären— mit Recht iſt geſagt worden, daß wir in einer großen Zeit leben, aber eine größere noch iſt im An⸗ zuge, und dann werden die Binden vom Auge fallen, das noch von Vorurtheil und Unnatur befangen iſt. Auch in die Welt unſers kleinen Waſſertropfens wird der lichte Schein fallen. Bis dahin Abwehr aller vorgefaßten Meinung!“ Der Abend war rauh und ſtürmiſch; der See, an deſſen ufer der Fußſteig, welchen Schrader verfolgte, in vielen Krüm⸗ mungen dahinlief, rauſchte mit ſeinen Wellen, eine nach der an⸗ dern in gleichmäßigem Abſtand, auf den Kies und bildete eine graue, wimmelnde Fläche, die Bäume hatten ſchon viel Laub ver⸗ ſtreut; es war kein rechter Genuß mehr, in der verarmten Na⸗ tur zu weilen. Der Adjunct griff weit aus im Gehen, aber es wurde ſchon dunkel, als er die Spitze des Sees erreichte. Hier ſtand er ſtill. Zwei Wege trennten ſich an dieſer Stelle, er hörte einen Wagen rollen, der von landwärts herkam. Die Gedanken des Wanderers hatten ihn durch Bilder, mit denen er ein Spiel wie Siſyphus in der Mythe des Alterthums trieb, ſo aufgeregt, daß er ein ungewöhnliches Ereigniß kommen ſah und die Annäherung des eilenden Wagens erwartete. Aber er hörte nur die gemeine Frage, wie weit es noch nach Sielitz ſei, und erblickte im Dunkel nichts, als die Umriſſe eines ſchmäch⸗ 16* 244 Salvator. tigen Menſchen, der hinter dem Fuhrmann auf dem offenen Wagen ſaß und ſich für den erhaltenen Beſcheid nicht einmal bedankte. Der Einfall, ſich mitnehmen zu laſſen, wurde daher gleich unterdrückt. Langſamer ſetzte er nun ſeinen Weg fort. Er war zu ſchwe⸗ ren Reſultaten gelangt, welche ſorgfältig erwogen werden muß⸗ ten. Wenn es ihm nun nicht gelang, ſich zu halten, bis er der berufene und verordnete Pfarrer zu Sielitz war? Seine Kraft und Gewandtheit, welche ihn bisher befähigt, ſein Schiff⸗ lein ſo kühn als ſicher durch all' die Klippen zu ſteuern, auf de⸗ nen es mehrmals in Gefahr geweſen war zu ſcheitern, fing an nachzulaſſen, da ſich das Ziel, einmal ſchon ganz nahe, wieder in unbeſtimmte Ferne verrückt hatte. Hartmann war zwar noch nicht wieder auf den Gedanken gekommen, ſeine Predigten zu controliren, es ſchien, als habe ſein Schlaganfall ihm die klare Erinnerung geraubt, ob er mit der grade obſchwebenden Prü⸗ fung der Orthodoxie ſeines Rachfolgers zu Ende gekommen oder nicht, und Schrader hütete ſich, davon zu ſprechen, auch war er jetzt nach innern Kämpfen zu einem feſten Entſchluſſe gekommen, ſo daß ihm eine Wiederholung jener verhaßten Scene nicht mehr ſchaden konnte, denn was hinderte ihn, ſchriftlich niederzulegen, wie es dem ſtarren Gläubigen lieblich zu leſen war, und hinterher doch zu predigen, wie er wollte, da der harthörige Pfarrer die Abweichungen nie erfuhr? Aber einen Feind hatte er, den er fürchtete— und er geſtand es ſich lange nicht ein, daß dieſer Feind nicht außen zu ſuchen war, ſondern den Sitz in ſeiner eignen Bruſt hatte. Innere Feinde ſind aber ſtets die gefährlichſten, und ſo fürchtete er ſich denn, daß er noch immer zu Schanden werden möge, ehe er Salvator. 245 die Macht beſaß, welche ihm jeder Augenblick bringen konnte, den doppelten Schlüſſel, mit welchem er löſen konnte materiell und moraliſch. Wenn er ſich den Zuſtand dachte, wo er, durch Hochverrath an ſich ſelbſt um Alles gebracht, in den großen Haufen menſchlichen Gewürms, das er von Herzen verachtete, zurückſänke, wenn er ſich alle Folgen für ihn und für Alle, die ſeinem Sterne Vertrauen geſchenkt, lebhaft vorſtellte, wie er es jetzt auf ſeinem nächtlichen Gange that, ſo rieſelten eiſige Splitter durch ſein warmes Blut, regten ſich Dolchſpitzen in ſeinem Hirne, ſo peinlich, daß er wohl that, ſtill zu ſtehen und ſein ſchmerzendes Haupt in beide Hände zu begraben, um wie⸗ der Ruhe und Haltung zu gewinnen. Zum Glück waren ihm ſolche Momente ſelten. Wiedergefunden hatte er ſich, noch ehe er Sielitz erreichte. Der Sturm war ſtärker geworden und riß an dem kleinen Mantel, den Schrader um die Schultern trug, aber mit elaſti⸗ ſchem Tritt, die Bruſt dem Wetter entgegengeworfen, ging er den kaum noch zu erkennenden Pfad entlang, und wie er be⸗ dachte, daß er vor kaum zehn Minuten ſo kindiſch verzagt ge⸗ weſen ſei, lachte er hell und fröhlich auf. Zu Hauſe war er dann ſicher, wie der Burgherr in ſtarker Feſte, wie der Löwe in ſeinem Bau. Er zündete das dünne Talglicht an, das in dem ſchlechten Drahtleuchter ſteckte; mit einem ſtolzen Blicke maß er die Armſeligkeit ſeiner Umgebung; er verglich dieſen elenden Winkel, von welchem ſo Großes aus⸗ gehen ſollte, mit— doch wir wollen in den Abgrund nicht blicken, an deſſen Rande die Selbſtvergötterung ſpielt. Salvator. 7. Wirklich hatte der Kammerherr von Rheinberg ſo viel Kraft gewonnen, daß ſeine Töchter nicht ahnen konnten, welche letzte Hoffnung ihm geſchmälert war. Er gab ſie allerdings noch nicht ganz auf, denn er wußte, daß Arnefeld nach Berlin ge⸗ reiſt war, und wollte gleich an ihn ſchreiben, vielleicht, daß ihn die Erbſchaft auf andere Pläne gebracht hatte, als grade Sie⸗ litz an ſich zu bringen. Liebreich, wie immer, begrüßte Rhein⸗ berg ſeine Kinder, ſagte ihnen nur flüchtig, daß aus ſeinem Handel nichts geworden ſei, und ließ ſich dann nach dem Abend⸗ eſſen den Brief des Reffen vorleſen. „Adelheid Mörner?“ rief er betroffen, als er dieſen Namen hörte.„Zeig' her, das iſt ja gar nicht möglich!“ Er überzeugte ſich, las die ganze Seite noch einmal für ſich durch und ſagte:„Es kann doch keine Andere ſein!— Dieſe Adelheid Mörner war die Braut meines alten, guten Arne⸗ feld— „Des alten Arnefeld?“ rief Fanny.„Dies intereſſante Mädchen, von welchem Leo ſo begeiſtert iſt?“ „Ich glaube, daß es dieſelbe iſt. Von meinem guten Ar⸗ nefeld war es freilich eine Thorheit, in ſeinen weit vorgerückten Jahren noch an eine Heirath mit einem ganz jungen Mädchen zu denken—“. „Nun, und von ihrer Seite?“ verſetzte Fanny. Wenn Du es von ihm thöricht nennſt, ſo nenne ich es von ihr ver⸗ ächtlich!“ „Mein Herzenskind,“ erwiederte der Vater, von dem Be⸗ Salvator. 247 wußtſein der eignen Lage und ſomit der Zukunft ſeiner Kinder übermannt,„ein armes Mädchen, es kann oft nicht anders, als eine Verſorgung, die ſich ihm bietet, annehmen, es iſt doch immer ein Glück, das ſie nicht ausſchlagen darf—“ „Ein Glück, ſich mit einem alten, widerlichen Menſchen zu verheirathen?“ entgegnete nun auch Emma, und ihre Schwe⸗ ſter ſagte:„Dies Wort Verſorgung empört mich immer in tief⸗ ſter Seele.“ „Aber Kinder, es gehört doch zum Leben wenigſtens et⸗ was! Denkt Euch nur, wenn gar kein Vermögen, auch nicht wenige Hundert Thaler vorhanden ſind! Was ſoll denn ein adeliges Mädchen anfangen? Geſellſchafterin werden? Das findet ſich doch nicht immer! Erzieherin? Jede hat doch nicht die Kenntniſſe und Eigenſchaften. Arbeiten für Geld? Dienen? Betteln? Oder—“ ſchloß er mit einem erſchütternden Tone— „erhungern?“ „Vater, Du biſt ja ſo eifrig für dieſe Adelheid Mörner,“ ſagte Emma,„als gingſt Du ſelbſt auf Freiers Füßen und wollteſt uns eine junge Stiefmutter bringen— Laura viel⸗ leicht?“ Er küßte ſie zärtlich und lächelte wieder, hatte aber nicht den Muth, ſeine jüngſte Tochter anzuſehen, welche ganz ſtill ſchwieg.„Die Verlobung mit Arnefeld ging nachher aus einan⸗ der, übrigens iſt die Geſchichte ſchon zwölf, ſechzehn Jahr her, und ich begreife nicht, wie Leo an dieſer Mörner ſo viel Schön⸗ heit finden kann, ſie war nie hübſch und muß jetzt über fünf und dreißig alt ſein. Nach der Trennung zog ſie dann mit ihrer Mutter in eine ganz andere Gegend, man hat nichts wei⸗ ter von ihr gehört, die Mutter ſoll aber jetzt wieder in Berlin 248 Salvator. wohnen, und ſo wäre es allerdings möglich— wenn wir an Leo ſchreiben, wollen wir doch der Sache auf den Grund gehen, ich wünſchte nicht, daß er ſich mit ihr in ein Verhältniß ein⸗ ließe, denn Leo iſt in jeder Hinſicht reell und ſie— muß den edlen Mann, den ſie dann heirathete, ſehr unglücklich gemacht haben.“ Der Schäfer wurde gemeldet, welcher den Herrn zu ſprechen wünſchte. Rheinberg ließ ihn hereinkommen. An der Thüre fuhr ſich der Alte noch einmal mit dem Meſſingkamm, der ihm die langen grauen Haare zurückhielt, über den Kopf, bot dann der Herrſchaft einen guten Abend und ſagte auf die Frage, was er bringe:„Gnädiger Herr, es iſt bei uns nicht richtig. Wir möchten doch lieber die Schafe hereinnehmen. Wenn dem Vieh was paſſirt, ich kann nichts dafür.“ „Nun, Schäfer, ich habe ja den Hammelſtall draußen erſt gebaut, weil Du auch der Meinung warſt. Was ſoll denn nicht richtig ſein? Haſt Du Geſpenſter geſehen? Du biſt doch ſonſt ein vernünftiger Mann und wirſt an ſolche Dummheiten nicht glauben.“. „Das iſt ſchon wahr, gnädiger Herr. Aber wenn ich's nun doch in voriger Woche zweimal, am Montag und am Freitag, auf dem Fußſteige habe huſchen ſehen, lang und ſchwarz, und hab's angeſchrien und hab' ihm meinen Stock zwiſchen die Beine geworfen, und's iſt doch nicht gefallen, ſondern weg ge⸗ weſen wie der Teufel? Und wenn's geſtern Abend, wo ein grauſamer Sturm war, draußen lachte, daß man ſich davor erſchrak?“ „Alter, das Erſte ſind Felddiebe geweſen, und warum ſol⸗ len Menſchen, die vielleicht zuſammen ſpaßen, nicht lachen?“ Salvator. 249 „In ſolchem Sturme? Gottloſe Menſchen, ja. Ich ſage auch nur, es iſt nicht richtig und wir ſollten die Schafe herein⸗ nehmen.“ „Du meinſt, wegen Einbruch und Diebſtahl?“ fragte Rheinberg. „Man kann nicht wiſſen. In allen Dörfern wird ſchon eingebrochen, es iſt noch gar nicht Winter, was ſoll das erſt werden! Das Volk in den Fabriken iſt zu viel, das läuft zu⸗ ſammen, wie's liebe Vieh, und heckt Kinder, und weil ſie nicht verhungern wollen, ſo ſtehlen ſie. Bald werden ſie auch noch Mord und Todtſchlag mitbringen.“ „Leider, leider ſteht manche Fabrik jetzt ſtill und die Ar⸗ beiter ſind brodlos.“ „Brodlos, gnädiger Herr? Brodlos iſt kein Menſch, der nur arbeiten will. Müſſen ſie denn Alle in die Fabriken und zu den Eiſenbahnen laufen? Auf den Feldern, bei Bauer und Herrſchaft iſt noch Arbeit genug, die wiſſen manchmal nicht, wie ſie beſtellen und die Ernte reinkriegen ſollen, weil Alles fortläuft. Aber recht Viele zuſammenhucken, Tollheit und Unzucht treiben, großen Taglohn und wieder verſaufen und verſpielen— das gefällt ihnen beſſer, als ſtill für ſich ar⸗ beiten und das Bischen, was erworben wird, zuſammen⸗ halten.“ „Du magſt in mancher Hinſicht Recht haben. Und wenn Du wirklich glaubſt, daß es gefährlich iſt, ſo wollen wir die Winterquartiere beziehen.“ „Unſer neuer Schulmeiſter iſt auch angekommen,“ ſagte der Schäfer— über ſein eigentliches Anliegen beruhigt. „Haſt Du ihn ſchon geſehen? Wie gefällt er Dir?“ 250 Salvator. „Ein junges Bürſchchen— wird wohl auch von der rech⸗ ten Sorte ſein. Die machen eben ſchon die Jungens ver⸗ rückt, was ſoll draus werden! Er kam gefahren— ich hab' ihn zum Herrn Paſtor gewieſen.“ „Von unſerer Anne haſt Du wohl immer noch nichts ge⸗ hört, Schäfer?“ fragte Emma „Na, die wird wohl Marketender'n werden, wenn's los geht!“ ſagte der Schäfer und deutete dadurch die allgemein verbreitete Meinung des Dorfes an. Der Kammerherr ent⸗ ließ ihn jetzt, weil er ſeine rückſichtsloſe Sprache kannte. „Vater, Du haſt uns gar nichts von Laura erzählt,“ ſprach Fanny nach einer Weile. „Ich habe ſie nicht geſehen, die Mutter ſagte mir, daß ſie unwohl ſei.“ „Traurige Verhältniſſe drüben!“ etwiederte Fanny.„All' ihr Reichthum macht ſie nicht glücklich.“ 5 „Ich beneide ſie nicht,“ ſetzte Emma hinzu.„Die armen Geſchwiſter!“— Sie meinte eigentlich nur den Sohn, für deſſen gerechte Sache ſie ſchon herzhafter, als ſonſt ihre Art, gegen den böſen Verdacht, der über ihn verbreitet war, ge⸗ kämpft hatte. In ihren Augen war er unſchuldig, wie die Sonne am Himmel. „Ja, Kinder, wir wollen ganz anders zuſammenhalten, mag es uns gehen, wie es wolle!“ ſagte der Vater und ſchloß die beiden Mädchen in die Arme.„Gute Nacht! Und glückliche Träume!“ Der Pfarrer hatte ſchon zu Bett gelegen, als ſich der Schulmeiſter bei ihm melden wollte. Frau Dörmann abe B hatte es nicht für gut befunden, ihm zu irgend einem Unter⸗ Salvator. 251 kommen zu verhelfen, der junge Menſch ſah ihr zu„ſchwipp⸗ und windig aus, und ſie hatte einen Widerwillen gegen Se⸗ minariſten. In ihrer Jugend war ein alter invalider Huſaren⸗ unterofficier im Dorfe Schulmeiſter geweſen, der hatte Anſehn und Reſpect in der ganzen Gegend gehabt, ſelbſt bei dem da⸗ maligen Herrn Paſtor und dem Vater des Kammerherrn: wie ſollte dieſer kleine dünne Menſch, der ausſah, wie eine ver⸗ dorrte Weidenruthe, zu Anſehn kommen, das ſchon ſein Vor⸗ gänger, ein Mann wie ein Bär, der auf den Unterofficier folgte, nicht zu behaupten verſtanden, freilich, weil er zuweilen mit den Bauern trank und ſpielte? Sie wies alſo den Se— minariſten nach dem Kruge, wie hier zu Lande das Wirths⸗ haus genannt wird, im Schulhauſe wohnte noch die Wittwe ſeines Vorgängers. Er leiſtete Folge und trat in den Krug ein. Die Stube war ſchlecht erleuchtet und voll Tabaksrauch, einige Bauern ſaßen bei Bier und Schnaps in lärmender Unterhaltung, die Wirthin wies den unſcheinbaren Fremden, der um ein Nacht⸗ lager bat, auf die Ofenbank, ſie hielt ihn für einen wandern⸗ den Handwerksburſchen. Er ſetzte ſich ſtill und hörte ſchwei⸗ gend mit an, was die Bauern ſprachen. Ihr platter Dialekt war ihm Anfangs hinderlich am Verſtändniß, aber bald konnte er ihren Worten folgen. Sie ſprachen auch ſchon von Poli⸗ tik, die Bauern des kleinen norddeutſchen Dorfes verhandelten über Alles, was die Welt bewegte, aber freilich in ihrer Ma⸗ nier. Dergleichen muß man gehört haben, um dies gerühmte Erwachen zu einem politiſchen Bewußtſein zu würdigen! O es wäre etwas Herrliches damit, wenn es ſich organiſch ent⸗ wickelte aus guten und geſunden Keimen, mit gehörigem Zeit⸗ 252 Salvator. maß zu wachſen und zu reifen— aber das Volk ſo bei den Haaren hineingeriſſen in die politiſche Thätigkeit, wo es mit⸗ arbeiten ſoll, es weiß nicht was, wo es ſich ſelbſt regieren, die Staatslenker überwachen, den Gang der Staatsmaſchine regeln, die auswärtigen Beziehungen vorſchreiben, kurz, Alles thun ſoll, wovon es nicht ein Jota verſteht, und worüber es Niemand belehrt hat, als die Fälſcher der Wahrheit, Alles nämlich thun, nur nicht mehr unterthan ſein der Obrigkeit in chriſtlichem Gehorſam: es iſt ein Hohn für den geſunden Menſchenverſtand! Die Bauern in Sielitz lieferten ihrerſeits einen nicht zu verachtenden Beitrag zu der allgemeinen Tollhausmuſik, die durch manche Diſtricte klang. Sie hatten auch ihr Winkelblatt aus der nahen Kreisſtadt; unter den vielen literariſchen Gift⸗ pilzen, welche damals über Nacht auf allen Gaſſen frech und buntſcheckig emporſchoſſen, war dieſes hier wenigſtens mit Geiſt redigirt und darum für den großen Haufen weniger gefährlich, weil zu hoch gehalten, von einem verunglückten Lieutenant, der nun Staat und Kirche angriff, alles Poſitive, ſelbſt den poſitiven Gott, läugnete, und einen Zuſtand als das Heil der Zukunft predigte, der aus lauter gleichſeitigen Dreiecken be⸗ ſtand. Was die Sielitzer Bauern ſich wohl dabei denken mochten! Der Pfarrer empfing den jungen Schulmeiſter am andern Morgen nicht, weil er wieder einmal von ſeinem alten Uebel befallen im Bett bleiben mußte, auch wäre der Empfang viel⸗ leicht nicht der freundlichſte geweſen, da er für die erledigte Stelle einen Andern in Vorſchlag gebracht hatte und damit von der Regierung nicht berückſichtigt worden war. Die Er⸗ —,————— — —————.— Salvator. 253 ſcheinung des von der Behörde Angeſtellten diente ihm aber nicht zur beſondern Empfehlung, und wenn auch der alte Hart⸗ mann zu redlich war, um ſeinen Verdruß über die fehlge⸗ ſchlagene Verwendung auf ihn, den Unſchuldigen, zu über⸗ tragen, ſo konnte er doch ſein von Natur etwas barſches Weſen eben ſo wenig zu ſeinen Gunſten mildern. Deſto liebreicher empfing ihn der Adjunct, an welchen er gewieſen wurde. Schrader hatte ſich mit ſchnellen prüfenden Blicken ein Urtheil über dieſen jungen, ſchüchternen Menſchen, der vor ihm kaum das Auge vom Boden erhob, feſtgeſtellt und ließ ſich mit ihm in ein Geſpräch über ſeine Verhältniſſe ein. „Der Sohn eines Miſſionars ſind Sie?“ fragte er erſtaunt, als ihm dieſe Mittheilung gemacht wurde.„Und warum haben Sie der theologiſchen Laufbahn entſagt, zu welcher Sie, wie ich höre, ſchon trotz Ihrer großen Jugend berechtigt waren?“ „Ich bin vielleicht älter, als Sie denken,“ erwiederte der Schulmeiſter.„Meine Figur täuſcht. Die Gründe, warum ich mich lieber dem Schulfache geweiht habe, ſind ſehr einfach“ — er zögerte eine Weile. „O wir werden uns ja öfter ſehen, hoffentlich gegenſeitiges Vertrauen faſſen,“ ſagte Schrader ſchnell.„So findet ſich ſpäter Zeit zu Mittheilungen, auf welche ich jetzt noch kein Recht habe, mein lieber— Linus?“ „Lympius,“ berichtigte der Schulmeiſter. „Verzeihen Sie, der Name Linus iſt ohnehin ein apokry⸗ phiſcher in der Kirchengeſchichte. Lebt Ihr Herr Vater noch und wo?“ „Mein Vater iſt in ſeinem Berufe geſtorben— von den Wilden erſchlagen,“ ſagte der Schulmeiſter. 254 Salvator. „Das iſt ja gräßlich. Auf welche Weiſe haben ſie denn Nachricht erhalten? Hatte er Begleiter, die entkommen ſind?“ „Ich war ſ elbſt dabei,“ ſagte Lympius mit geſenkter Stimme. „Entſetzlich! Im Kaplande— nicht wahr? Oder in Oſt⸗ indien?“ „In Nordamerika. Mein Vater war aus Deutſchland hingekommen und hatte ſich den Wirkungskreis, wo er für Ausbreitung des Chriſtenthums thätig ſein wollte, ſelbſt ge⸗ wählt, er genoß weder eine Unterſtützung von irgend einer Regierung, noch von einem Miſſionsvereine Sein Tod— war ein ſchrecklicher, ich kam in Gefangenſchaft und wurde erſt nach zwei Jahren losgekauft. Dieſelbe edle Hand gab mir auch die Mittel zur Rückkehr nach Europa.“ „Wo ſich Ihnen ein Wirkungskreis bieten wird, wie es all' dieſen— Männern auch für ihren Eifer geſchehen würde, es giebt noch ſo viel zu thun in unſerm alten Europa!“ Hier hob ſich das Auge des jungen Schulmeiſters zum erſten Male, als werde eine verwandte Saite in deſſen Bruſt berührt, zu dem Auge des Adjuncts.„Ja wohl, Herr Schra⸗ der, und das iſt auch der Grund, der mich beſtimmt hat, meine theologiſche Laufbahn in das Schulfach hinüber zu führen.“ Praktiſch, ſehr praktiſch!“ ſagte Schrader. Wir werden uns vollkommen verſtändigen.“ „Das hoffe ich, Herr Schrader.“ „Kirche und Schule ſollen hier wenigſtens Hand in Hand gehen. Sie werden Manches finden, was Ihnen nicht zuſagt, viel alten Sauerteig. Vorläufig wird ſich auch wenig thun laſſen, ihn zu beſeitigen—— der Kluge ſchickt ſich in die Verhältniſſe, bis er ihrer mächtig werden kann. Dieſe Zeit Salvator. 255 wird nicht ewig auf ſich warten laſſen. Die Menſchen im Dorfe ſind arm, ſehr arm, wir haben ſogar Proletarier im eigentlichen Sinne des Wortes. Armuth iſt die Quelle der ſchlimmſten Erſcheinungen, aber nicht die einzige Quelle. Ich will Ihren eignen Beobachtungen nicht vorgreifen. Richten Sie ſich ein, wie Sie können: Ihre Einführung durch den Schulinſpector wird in den nächſten Tagen Statt finden, bis dahin bleibt Ihnen Zeit, ſich mit Ihrem Wirkungskreiſe ver⸗ traut zu machen.“ Er war ſehr zufrieden, der Herr Adjunct, mit dem neuen Schulmeiſter. Ein ſo zutrauliches, fügſames Gemüth hatte er nicht zu erhalten gehofft. Dieſer Sohn eines Miſſionars, aus dem freien Lande ſtammend, wo Jeder ſich zeitlich und ewiglich einrichten kann, wie ihm beliebt, dieſe ſchüchterne Seele, die ſich dem Predigtamt nicht gewachſen gefühlt hatte und lieber mit einer armen Dorfſchullehrerſtelle vorlieb nahm, paßte ganz in ſeine Pläne. Er konnte dies weiche Wachs in jeder beliebigen Form ausprägen, und ſein war alſo die Zu⸗ kunft auch des heranwachſenden Geſchlechts. „Sie werden ſich noch dem Herrn Patron unſerer Kirche vorſtellen müſſen,“ ſagte er freundlich, als Lympius nach ſeiner Mütze griff.„Auch wäre es wohl paſſend, wenn Sie auch den übrigen Herrſchaften, welche hier eingepfarrt ſind, Ihre Aufwartung machten, denn da Sie zugleich als Küſter fun⸗ giren, ſo kommen Sie mit ihnen in mancherlei Berührung.“ „Wollen Sie die Güte haben, mich einzuführen?“ fragte Lympius. Schrader verſprach es und konnte ſein Wort wenigſtens im Orte und in Reſſen halten. Nach Rackwitz rieth er dem„Col⸗ 256 Salvator⸗ legen,“ wie er den jungen Mann zuweilen nannte, ab, er ſchilderte den dortigen Beſitzer als einen unfreundlichen Vete⸗ ranen, der ſich weder um Kirche, noch um Schule kümmere, daher es völlig überflüſſig ſei, ihm einen Beſuch zu machen. Er nannte ſeinen Namen nicht einmal und der Schullehrer fragte auch nicht danach. Auf dem Sielitzer Schloſſe wurde noch an demſelben Tage der Fflicht genügt; dem Kammer⸗ herrn, welcher Lympius freundlich aufnahm, erſchien der junge Menſch vielleicht noch unbedeutender, als er Schrader erſchie⸗ nen war, ſein Benehmen war auch ſo linkiſch, daß Fanny, als er wieder hinaus war, laut über ihn lachte. Die Gegen⸗ wart der Damen, auf welche er nicht gerechnet hatte, war für ihn zum Stein des Anſtoßes geworden. Schrader hatte ſich deſto mehr zu ſeinem Vortheil gezeigt: beſcheiden, würdevoll, wie immer, und in jeder Bewegung voll Ebenmaß und An⸗ muth. Er war ſehr ſelten auf dem Schloſſe. Der Kammer⸗ herr lud ihn nicht ohne den Paſtor ein, weil er dieſen dadurch zu kränken fürchtete, und da ſeit langen Jahren eine gewiſſe Zeitordnung für die Einladungen des Ortsgeiſtlichen im Ge— brauch war, gab es keinen Anlaß, den alten Herrn jetzt öfter als ſonſt zu bitten. Und oſft noch hatte der Adjunct für ſich die Einladung abgelehnt: es war offenbar, daß er ſeine künf⸗ tige Stellung in der liebenswürdigſten Beſcheidenheit zu wür⸗ digen verſtand. „Ein einziger Menſch!“ ſagte Emma von ihm.„Er wird den Schulmeiſter ſchon vernünftig ziehen.“ „Ja, denn dieſer iſt ſelbſt noch ein Kind!“ ſetzte Fanny lachend hinzu. Schrader hatte ſich wohl gehütet, ihm durch die Mitthei⸗ —————————— —————— Salvator. 257 lung des Bruchſtücks, welches er ſelbſt von den Schickſalen des Miſſionarſohnes kannte, einiges Intereſſe zu geben: Fanny würde dann ganz anders über ihn gedacht haben. Nach Reſſen gingen Beide erſt zwei Tage ſpäter. Dies⸗ mal war Laura bei ihrer Mutter und blieb auch während der kurzen Anweſenheit der jungen Männer zugegen. Schrader hatte ſie lange nicht geſehen, da ſie auch die Kirche nicht be⸗ ſucht hatte: er fand ſie ſehr verändert. Der Zug eines hei⸗ tern, das Leben mit ſpottender Laune kritiſirenden Sinnes, den er ſonſt an ihr zuweilen beobachtet hatte, war verſchwun⸗ den, ihr Antlitz, das ſonſt mannichfachen Wechſel der Seelen⸗ ſtimmungen ausſprach, hatte einen unveränderlich ernſten Aus⸗ druck, ihr Auge den feſten Blick, welcher ſich gewöhnlich erſt in ſpätern Jahren findet. Sie konnte ihn verlegen machen, dieſe ernſte, ſchweigende Jungfrau, durch ihre bloße Anweſen⸗ heit: er fühlte ſich hier unſicher— und dachte an die Zeit, wo er in ihren Mienen geleſen hatte, daß auch ſie gewonnen war, wenn ſie ihm gegenüber in dem Kirchenſitze die Worte von ſeinem Munde mit dem ſichtbarſten Antheil aufnahm. Hatte er ſie denn wieder verloren? wodurch? Frau von Arnefeld entſchädigte ihn dafür mit dem ganzen Füllhorn ihrer Güte, das ſie über ihn und ſeinen Schützling ausgoß. Es genügte ihr, daß ein Mann, wie dieſer Genius der Menſchheit, den jungen, unſcheinbaren Menſchen ſeiner Empfehlung würdigte, um ihn huldreich zu behandeln und eine Spende aus dem unerſchöpflichen Hort ihrer gefühlvoll⸗ ſten Worte an ihn zu verſchwenden. Denn verſchwendet mochte ſie ſein, weil der Unempfindliche ſie gr ſtumpfſinnig außzu⸗ 5 nehmen ſchien. Salvator. I. 17 258 Salvator. Der Schulinſpector des Kreiſes kam gleich nach der Heim⸗ kehr der Beiden in Sielitz an und führte den neuen Lehrer mit den gewöhnlichen Formen in ſein Amt ein, es war ein Geſchäft, wie ein anderes, und wurde ebenſo behandelt, der Pfarrer, welcher noch immer krank war, konnte ihm nicht ein⸗ mal beiwohnen. Die Gemeinde hatte nun ihren Schulmei⸗ ſter und war ſchon, ehe ſie noch etwas von ihm gehört oder er⸗ lebt hatte, ſehr unzufrieden mit ihm, die Jungen riſſen bäu⸗ riſche Witze über ſein Ausſehen und jubelten, daß der keinen Haſelſtock führen könne. Es war eine viel verheißende Le⸗ bensbahn, die ſich hier für den armen Lympius eröffnete! 8. Mit der Lebensbahn des Menſchen iſt es überhaupt ein eig⸗ nes Ding. Wer ſo nach vierzig Jahren zurückſchaut bis auf den Anfang derſelben, wie ſelten wird er all' die ſchimmern⸗ den Hoffnungen, welche ihn damals umſchwebten, erfüllt ſe⸗ hen, wie ganz anders findet er ſein Leben geſtaltet, als er es erwartet hatte, ſelten beſſer! Heiß überläuft es ihn dann, wenn er bedenkt, wie nur ein kleiner Entſchluß zu rechter Zeit ihn zu höchſtem Glück geführt hätte, wie leicht manche bittere Erfahrung zu vermeiden geweſen wäre! Leichtgeſinnten Menſchen kommt ſolche Rückſchau ſelten, aber ſie kommt doch auch und dann um ſo empfindlicher. Frau von Haug hatte ſich vorgenommen, mit ihrer Vergan⸗ Salvator. 259 genheit ganz zu brechen, und darum nannte ſie ſich wieder Adel⸗ heid Mörner, ſie durfte kaum fürchten, daß ſie deshalb in Verlegenheiten kommen könne, denn ihre Mutter hatte ſeit ihrer Rückkehr nach Berlin keine der frühern Beziehungen wie⸗ der angeknüpft und von ihrer Verbindung mit Haug wußte ja eigentlich Niemand. Als ſie nach dem Bruch mit Arnefeld Berlin verlaſſen hatte, war ihre Mutter auf ein entferntes Gut gezogen, welches ſie damals noch an der äußerſten Grenze der Monarchie beſaß. Dort hatte ſich dann das Verhältniß ent⸗ ſponnen, welches zu ihrer Ehe mit Haug geführt hatte: ſehr wenige Perſonen waren damit bekannt geworden, und dieſe hatten ans Gründen nicht darüber geſprochen. Nur ſie ſelbſt hatte ſich nicht verſagen können, durch den Pfarrer, der ſie getraut— es war der Pfarrer Hartmann, welcher nun ſeit längern Jahren nach Sielitz verſetzt war— ihrem frühern Verlobten ihre Verbindung mitzutheilen. Dann war ſie Haug in den fremden Erdtheil gefolgt und hatte, gleich ihm, allen Verkehr mit ihrer Heimath abgebrochen, bis ſich endlich die Verhältniſſe für ſie— und durch ſie!— dermaßen geſtaltet, daß ſie eine Gelegenheit, die ſich bot, mit Freuden ergriff, um ſich in Europa wieder eine Stätte zu bereiten. Ihr Brief an die Mutter hatte allerdings viel Poſtreiſen gemacht, aber doch endlich ſein Ziel erreicht und eine Antwort hervorgerufen, welche fern davon, Adelheid's angedeuteten Wünſchen zu ſchmeicheln, ſie vielmehr abhalten ſollte, weitere Schritte zu thun. Den Schrecken, welcher die alte Dame bei dem unver⸗ mutheten Wiederſehen überfiel, haben wir geſehen. In Ber⸗ lin waren jetzt wohl nur zwei fremde Menſchen, welche ihre Verheirathung wußten: die Haushälterin ibres verſtorbenen 17 260 Salvator. Bräutigams, der nichts verborgen blieb, was ihn betraf, und Schutzmann Neumann, welcher einſt Gutsbeſitzer in ihrer Nachbarſchaft und Trauzeuge geweſen war, als ſie mit Haug an den Altar getreten. Der erſtern begegnete ſie wahrſcheinlich nicht mehr auf ihren Wegen, ſeit die neuangeknüpfte Verbin⸗ dung im Entſtehen durch den Tod zerſtört worden war, mit dem letztern hatte ſie einen Discretionsvertrag geſchloſſen. Sie konnte alſo gefahrlos wieder Adelheid Mörner ſein und hatte in dieſem Entſchluſſe auch die Idee aufgegeben, für ſich allein zu wohnen— die Firma Freemann and Company deckte der Mutter alle Sorgen über den vermehrten Haushalt. So war denn eine Zeit der erſten Einrichtung— Adelheid hatte ſie Flitterwochen genannt— heiter vergangen, als ſich unerwartet der Anlaß zu einer langen Rückſchau bot. Sie war Leo Rheinberg wieder begegnet, diesmal war ſie in Begleitung ihrer Mutter geweſen. Dieſer hatte ſie ihn vor⸗ geſtellt und er ſich ihnen angeſchloſſen, wo ſie in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft— ſie läugnete ſich das gar nicht— ein Paar in⸗ tereſſante Stunden verlebt hatte. Er war häßlich, Gefahr für ihr Herz brachte der Umgang nicht, aber der Geiſt, der ſeine Unterhaltung, wenn er ſich angezogen fühlte, hoch über den Alltagsweg erhob, ſprach Adelheid an— ſie hatte mit ſchönen Männern gar oft ein herzloſes Spiel getrieben, die häßlichen bisher nie ihrer Aufmerkſamkeit gewürdigt; ſchon der Neuheit wegen, um zu beobachten, wie weit ſich ihr Wohl⸗ gefallen trotz des Widerſpruchs der Sinne ſteigern werde, gab ſie ſich dem Intereſſe hin, das Rheinberg in ihr geweckt hatte. Ihre Mama aber war ganz entzückt von dem jungen Manne, der im Geiſte einer guten unvergeßlichen Zeit noch Attentions „ „ Salvator. 261 für eine ältere Dame hatte, und als ſie ſich trennten, ſtand ein Wiederſehen feſt, man wußte nicht recht, hatte er um die Erlaubniß gebeten oder die Mama ihn eingeladen. Von ernſten Dingen hatten ſie nicht geſprochen, dennoch war Adelheid ungewöhnlich ernſt, als ſie nach Hauſe kam. Es hatte ſich gefunden, daß Frau von Mörner ſeine Mutter ge⸗ kannt hatte und auch ſein Onkel, der Kammerherr, ein alter Bekannter aus der Zeit ihres Glanzes war. So bekam ſein Zutritt eine gewiſſe Legitimität Lange blieb er das erſte Mal nicht, aber er kam, ohne die förmliche Einladung abzuwarten, über welche die alte Dame ſich ihre eignen Serupel machte, bald darauf wieder. Das entzückte ſie noch mehr. „Lida,“ ſagte ſie,„in dieſen jungen Mann könnte ich mich noch in meinen Jahren verlieben. Er iſt durchaus nicht hübſch, aber ſo angenehm, wie ich kaum einen Andern je gekannt habe.“ „Sehr angenehm,“ erwiederte Adelheid kühl. „Wir waren doch in der größten Verlegenheit, wie wir ſeine Viſite durch eine Einladung erwiedern ſollten. Wen konnten wir dazu bitten? War unſere ganze Einrichtung da⸗ nach beſchaffen, eine Geſellſchaft zu geben? Er hilft uns mit Leichtigkeit darüber hinweg, indem er, wie zu intimen Be⸗ kannten, von ſelbſt kommt. Ich nehme das ſehr hoch auf.— Uebrigens, Lida, wenn Deine Silberflotte kommt, möchten wir doch hier und da unſere Einrichtung ein wenig auf einen anſtändigen Fuß bringen? Da wir nun doch zuſammen blei⸗ ben— was meinſt Du?“ „Disponire über Alles nach Deinem Gefallen.“ Die Mama küßte ihre bereitwillige Tochter und machte ſchon in Gedanken ihre Beſtellungen bei Spinn und Menck, um die 262 Salvator. gar zu ärmlichen Möbel allmälig wieder gegen anſtändigere zu wechſeln. Sonderbar, daß Rheinberg bei ſeiner ernſten, faſt ſtrengen Richtung an einem Weſen, wie Adelheid, Gefallen finden konnte! Sie gab ſich freilich nicht, wie ſie war, denn in ſei⸗ ner Gegenwart ſchien ſie oft ſich ſelbſt völlig verwandelt— be⸗ ſaß ſie wirklich das Gemüth, das jetzt aus mancher ihrer Aeuße⸗ rungen wohlthuend ſprach, und hatte es ſich nur bisher von der angelernten und angelebten Oberflächlichkeit in der Sin⸗ nenwelt tief in ihr Inneres zurückgezogen, gleichſam zu einem bewußtloſen Zauberſchlafe? Oder, wie ſich in ihrem Weſen im⸗ merdar der Eindruck von Außen her mächtig bewieſen hatte, übte nur Rheinberg auf ſie einen vorübergehenden Einfluß? War das der Fall, ſo mußte er doch nachhaltiger ſein, als es bisher bei irgend einer Beziehung ihres bunten Lebens gewe⸗ ſen war, denn ſie dachte oft und lange über manches ſeiner Worte nach. „Ich kann zurückſehen auf mein ganzes Leben,“ hatte er einmal geſagt,„und wenn ich es von meinem erſten Eintritt in die Selbſtſtändigkeit an von Neuem durchleben ſollte, ich glaube kaum, daß ich es nach all' meinen Erfahrungen anders geſtalten würde. Das iſt gewiß auch bei Ihnen der Fall: die Harmonie Ihrer Seelenſtimmung bürgt mir dafür.“ Was wußte er davon! Aber dies Wort war es eben, wel⸗ ches ſie zu einer Rückſchau veranlaßte, ernſter und ſchmerzlicher, als ſie je in ihre Vergangenheit geblickt hatte. Wenn ſie bis⸗ her über manche Dinge, welche nicht mehr zu ändern waren, Einiges empfunden hatte, ſo war es mehr im Sinne der be⸗ kannten Goethe ſchen leichtſpielenden Generalbeichte geweſen. Salvator. 263 Nun aber fing ſie an, Fragen zu ſtellen, mit welchen ſie ſich noch nie das Herz ſchwer gemacht hatte. Grade in dieſer Zeit verreiſte Leo, durch einen dringenden Anlaß abgerufen! „Warum ſoll ich Ihnen ein Geheimniß daraus machen, da es doch bald alle Welt wiſſen muß! Mein Onkel wird Sie⸗ litz verkaufen— nicht aus freier Wahl, ſondern weil er dazu gezwungen iſt. Wie ſchwer ihm das wird, können Sie denken, auch mir iſt es ein trauriger Gedanke, das ſchöne Beſitzthum, das ſchon Jahrhunderte unſerer Familie gehört, in fremde Hände kommen zu ſehen. Ich hänge wenig am Gelde, aber hier habe ich ſchon den brennenden Wunſch nach Reichthum gefühlt.“ Frau von Mörner hörte die Nachricht, welche zu ſehr an ihr eignes Schickſal erinnerte, mit dem größten Antheil. Sie forſchte nach den nähern Umſtänden und ob ſich Gelegenheit wenigſtens zu einem vortheilhaften Verkauf biete? „Es kann ſein,“ erwiederte er.„Ich habe deshalb Aufträge und reiſe nach Sielitz, um eine Vermittlung zu übernehmen. Der Käufer iſt ein alter Bekannter von Ihnen: Baron Arne⸗ feld.“ Mutter und Tochter waren frappirt.„Woher wiſſen Sie—?“ fragte die erſtere. „Durch ihn ſelbſt. Er iſt hier;“ ſagte Rheinberg, weit entfernt, den Eindruck ſeiner Mittheilung zu bemerken. „Hier?“ wiederholte Frau von Mörner, da ihre Tochter noch immer hartnäckig ſchwieg. „Ja. Er iſt hier, um die Erbſchaft ſeines Vaters anzutre⸗ ten. Dieſe ſoll, nach Allem, was man hört, unermeßlich ſein. Welche Macht iſt dadurch in ſeine Hände gelegt! O die Zeit⸗ 264 Salvator. verhältniſſe haben leider das Band gelockert, welches zwiſchen den großen und reichen Grundherren und ihren Dorfleuten be⸗ ſtand— ich rede nicht von dem feudalen, das längſt abgethan iſt, ſondern von dem einer ſpätern geſetzlichen Zeit, welches ſich bis auf unſere Tage ſegensreich bewährt hat. Was konnte der Gutsherr ſonſt zum Heil wirken! Wenn ich mir denke, mit einem ſolchen Reichthum ausgeſtattet, der auch die Mittel giebt, dem materiellen Elend zu ſteuern!— Sie kennen F von Arnefeld genau?“ „Ich habe ihn lange nicht geſehen,“ erwiederte aneheid feſt.„Er ſoll liebenswürdige Kinder haben.“ „Den Sohn kenne ich zu wenig, die Tochter— doch ich habe kein Recht, zu urtheilen.“ „Was hat Ihnen Herr von Arnefeld von uns geſagt?“ fragte die Mörner unvorſichtig.„Wie kamen Sie überhaupt dazu, mit ihm von uns zu ſprechen?“ „Zufällig. Ich fand ihn bei Joſty, wo er in dem Woh⸗ nungsanzeiger blätterte. Wir grüßten uns, da ich während des Sommers einmal auch in ſeinem Hauſe geweſen bin. Sie ſind ja hier ſehr bekannt, ſagte er, wiſſen Sie nicht, ob dieſe Frau von Mörner, die ich hier verzeichnet finde, Hofdame geweſen iſt?— Darüber konnte ich keine Auskunft geben,“ fuhr er fort, die kleine Frau nickte wohlgefällig lächelnd. Ich erwähnte aber, daß Sie hier mit Ihrer Fräulein Tochter leben. Das frappirte ihn, er wußte nicht, daß Sie noch eine unverheira⸗ thete Tochter haben, und— Sie verzeihen!— er fragte mich nach Ihrem Ausſehen, ſchüttelte den Kopf dabei und ging bald auf unſere Sielitzer Kaufangelegenheit über. Das iſt Alles.“ „Sie reiſen morgen?“ fragte Adelheid. Salvator. 265 „Die Zeit drängt. Ich weiß zwar nicht, ob Arnefeld's Ge⸗ bot meinen Onkel zufrieden ſtellen wird—“ „Wir wollen es hoffen,“ brach ſie das Geſpräch ab, dem ſie faſt gewaltſam eine andere Richtung lieh. Es hatte den ganzen Reſt des Abends hindurch einen ganz andern Charak⸗ ter, als Leo ihn ſonſt gewohnt war, und er entfernte ſich mit unbefriedigter Seele. Ihr Blick beim Abſchiede war nicht der tiefe, ſeelenvolle Blick, mit welchem ſie zuweilen, gleichſam un⸗ bewußt, für einen Moment ihr Auge in das ſeinige ſenkte: heut vermied ſie es, ihn anzuſehen. Er legte, als er über die Schwelle der Hausthüre trat, die Hand auf ſein klopfendes Herz und ſragte ſich, ob es nicht beſſer ſei, dieſe Schwelle nie wieder zu kreuzen. Den Gruß eines vorübergehenden Schutz⸗ mannes bemerkte er gar nicht, worauf dieſer ſich trotzig von ihm abwandte. „Mama, ich will Arnefeld um keinen Preis wieder ſehen!“ ſagte Adelheid, nachdem ſich Leo entfernt hatte.„Er iſt der Mann dazu, mich hier außzuſuchen, wär's auch nur der Neugier wegen. Ich werde Sophie ſagen, daß ſie mich ſtets ver⸗ läugnet.“* „Aber Kind, jetzt iſt doch keine Gefahr mehr. Wenn man ſich in ſpätern Jahren vor Allen ſcheuen ſollte, mit denen man eine flüchtige Liaiſon gehabt, oder die uns einmal die Cour ge⸗ macht haben, ſo dürfte man ja nicht mehr an das Sonnenlicht kommen.— Grand dieu! Wie ſie heut ernſthaft iſt! Bedenke doch, die fatale Geſchichte iſt ſechzehn Jahre her und von bei⸗ den Seiten vollſtändig vergeben und vergeſſen—“ „Meinſt Du?“ rief Adelheid.„Biſt Du deſſen von meiner Seite ſo gewiß?“ 266 Salvator. „Was haſt du ihm vorzuwerfen? Wußteſt Du etwa nicht, daß er verheirathet war, als er Dir die Cour machte?“ „O Mutter, Du ſprichſt unerträglich von einer Schmach, die ich auf ewig vergeſſen möchte.— Erlauben wirſt Du mir, daß ich es vermeide, mit ihm zuſammen zu kommen.“ Die Mutter konnte dagegen nichts einwenden, Sophie wurde inſtruirt, indeſſen war die Vorſicht überflüſſig, denn Ar⸗ nefeld erſchien nicht. Auf einem andern Platze war ihm übri⸗ gens daſſelbe begegnet, was ihn hier erwartet hätte. So lange er ſchon in Berlin war und ſo oft er die ehemalige Wohnung ſeines Vaters beſucht hatte, es war ihm nicht möglich geweſen, die Schramm zu treffen. Sie hatte gegen ihn einen Groll ge⸗ faßt, der zu tief in jener erſten Entſtehung gleich Wutzel ge⸗ ſchlagen hatte, um ſo ſchnell ausgerottet zu werden. Mit einer Furcht, als ſei es ihr Todfeind und nicht der undankbare Lieb⸗ ling ihres Herzens, vermied ſie eine Begegnung mit ihm, ſie hatte ihren Schepke, der nach dem Tode ſeines Herrn erſt voll⸗ ſtändig von ihr geknechtet war, mit der beſtimmten Weiſung verſehen, daß ſie für den Baron Adolar nie zu Hauſe ſei, und dieſer, welcher nicht eben zart über ſie dachte, gab ſich dann auch keine große Mühe. „Die alte Schnepfe wird ſchon kommen!“ ſagte er lachend. Sie kam aber nicht. Ob ſie dabei in ihrem Herzen litt, wer konnte das ſagen! Sehr böſer Laune war ſie ſeit ihrer Heim⸗ kehr von Reſſen und Sielitz, der arme Schepke hatte darunter jammervoll zu leiden. Stunden lang blieb ſie zuweilen in ihrem kleinen Stübchen eingeſchloſſen, und wenn ſie zum Vorſchein kam, ſah ſie oft ſo unordentlich aus, daß Schepke nicht wußte, was er davon denken ſollte. Ihr geſcheiteltes Haar, das ſonſt Salvator. 267 ſo ſpiegelglatt gebürſtet war, lag jetzt manchmal in einzelnen grauen Strähnen über der tiefgefurchten Stirn, und die Haube ſaß ſpitz und unkleidſam auf dem Wirbel, als ob es für ſie gar keine Spiegel mehr gäbe. Wie die alte Frau nun ſichtlich verfallen und herabgekom⸗ men war, ſchien der Mann, welcher die Schuld davon trug, in der Reſidenzluft, wenn ſie auch ſchon winterlich wehte, im⸗ mer mehr außublühen. Er war nie geſunder und kräftiger ge⸗ weſen, ſeine ſchöne Erſcheinung fiel auf, wo er irgend ſich zeigte, er trug ſich höchſt einfach, aber man ſah den vornehmen Mann in ſeiner ganzen Haltung. Die Großſtädterinnen treiben gern phyſiognomiſche Studien auf den Straßen— von alt⸗ deutſcher Frauenſitte, das Auge ſtets züchtig geſenkt zu tragen, iſt im Laufe der Zeit nicht viel übrig geblieben; vor dem freien Blick begegnender Damen, der mit einer gewiſſen Impertinenz, wenn er auch ſonſt von aller Frivolität fern iſt, grade in Dein Geſicht ſchaut, Mann der Provinz, haſt Du zuweilen verblüfft mit der Hand nach dem Hute gezuckt, weil Du glaubteſt, daß ſie Dich kennen und einej Gruß erwarten. Ihr Lächeln beſtä⸗ tigt Dich darin— ſei ohne Sorgen, ſie lachen Dich blos aus. Andere freilich ſtarren vor ſich hin über Deine Schulter hinweg in die Ferne mit Augen, als hätten ſie keine Sehkraft, für ſie ſcheint kein Menſch auf der ganzen Straße zu ſein, ſie gleichen Nachtwandlerinnen, und wahrlich, wollte man ſie beim rechten Namen nennen, ſie fielen vielleicht auch zu Boden und bekämen Krämpfe. Es ſind viel Excluſive darunter, guter Landjunker, Du kannſt das ſchon an den langröckigen Lakaien ſehen, die „auf zwei Pferdelängen Diſtance,“ würdeſt Du ſagen, ihrem Hufſchlage folgen— eine Inſtruction, beiläufig geſagt, die 268 Salvator. wirklich einmal von dem Bruder einer Hofdame aus einem der erſten Hotels ſeinem Bedienten auf die Straße hinabgeſchrieen worden iſt. Er iſt nun todt, verläugnen würde er ſeinen Ein⸗ fall nicht. Dieſe Starräugigen machen auch ihre Studien, ſie ſehen Alles, auch ohne Seitenblicke, ihre Augen ſcheinen ganz expreß dazu in Facetten geſchliffen zu ſein. Du darfſt Dich da⸗ her auch nicht geniren, meinſt Du— und wir fragen Dich nur auf Dein Wort, ob Dein Schönheitsſinn— doch ſtill, wir wollen Dir keine Feindſchaft zuziehen. Arnefeld war kein Neuling im Leben der großen Welt, er kannte deſſen geheimſte Falten! Daß er ſich des Eindruckes, welchen ſeine Erſcheinung machte, bewußt war, dürfen wir glauben, und vielleicht verſtärkte er ihn dadurch, daß er durch⸗ aus keine Koketterie trieb. Männliche Koketten ſind die unaus⸗ ſtehlichſten, beſonders wenn ſie ihre kleinen Künſte über die Mittagslinie fortſetzen, wie wir manchen alten Gecken kennen, der nicht ahnt, wie widerwärtig er den Frauen iſt, gegen welche er ſeine ſüßen Blicke ſpielen läßt. Arnefeld war ein Mann ohne ſittlichen Halt, außer demjenigen, was er die Ehre nannte, aber er war kein Geck. Wer ihn näher kannte, ſah wohl an ihm die Verweichlichung, welche der Comfort, als Hausgötze, und die Genußſucht erzeugt, wo er ſich aber nur vorübergehend ſehen ließ, bewunderte man ſeine kräftige männliche Schönheit. Der Blick einer Frau traf ihn auf der Straße, es war ein Feuerblick aus einem großen, herrlichen Auge, aber als habe ſie etwas Furchtbares entdeckt, wendete ſie ſofort den Kopf von ihm ab und entfernte ſich mit leichten und eiligen Schritten. Er hatte den Blick nicht bemerkt, eben ſo wenig in ihr Geſicht geſchaut, da ſeine Aufmerkſamkeit eben von irgend einem Kupfer⸗ Salvator. 269 ſtiche an dem Schaufenſter von Rocca gefeſſelt war, als er aber weiter ſchritt, konnte ihm der vollendet ſchöne Wuchs der Dame, welche erſt wenige Schritte entfernt war, nicht entgehen, beſon⸗ ders da er durch einen einfach eleganten Anzug gehoben wurde. Er beſchleunigte daher ſeinen Gang, um ſie einzuholen. Sie wußte das nicht, denn ſie ſah ſich nicht um, doch ſchien ſich ihr Schritt immer mehr zu beflügeln, ſie verließ die Linden, bog nach der Friedrichsſtraße ein— da kam ein vorüberfahrender Wagen, welcher ſie aufhielt, Arnefeld's Neugier— mehr war es nicht, denn er wollte in demſelben Moment, von der Haſt gelangweilt, die Verfolgung aufgeben— zu Hülfe. Er hatte ſie eingeholt— ſie blickte, da er neben ſie kam, nach ihm hin, es war ihr Schickſal, dem ſie nicht entrinnen konnte! Ein Ausruf des Staunens klang von ſeinen Lippen. Er hatte ſie weder genannt, noch gegrüßt— ſie wollte von ihm keine Beachtung nehmen und kehrte ſich ab. Umſonſt! „Sie ſind es!“ ſprach er mit einer mächtigen Bewegung. „Ich ſoll Sie wiederſehen!“ Ein ſtolzer Blick, eine leichte Bewegung der Hand war ihre ganze Antwort. Sie blieb ſtehen, als wolle ſie ihn vorüber⸗ laſſen und eine andere Richtung einſchlagen. „Ich muß Sie ſprechen!“ ſagte er, nicht achtend, daß ihre Begegnung auf öffentlicher Straße ſchon die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden erregte.„Wohl wußte ich, daß Sie hier ſeien, ich glaubte mich ſtark genug, Sie vermeiden zu können—“ Vor ſeiner Stimme, deren unvergeſſener Klang tauſend ſtreitende Empfindungen in ihr weckte, wollte ſie nicht eine Secunde länger weilen, ſie hatte ihm nur ein flüchtiges Wort, das ihm alle Hoffnung zu einem Ausſprechen nahm, geſagt und ———————— 270 Salvator. dann, gleichviel wohin, eine andere Richtung ihres Weges ge⸗ wählt. Aber was konnte ſie thun, ihm zu wehren, daß er ihr folgte? War denn jene gemeine Begegnung mit dem bocksbär⸗ tigen Straßenlöwen, von welchem ſie Rheinberg befteite, nur ein warnendes Zeichen geweſen, welches ſich nun verhängniß⸗ voll erfüllte? Einen rathloſen Blick hatte ſie um ſich her ge— worfen, während ſeine leiſen Worte fort und fort in ihr Ohr floſſen, Worte der Abbitte und neuerwachter Leidenſchaft, jetzt heftete ſie einen Blick auf ihn— Beide ſtanden ſtill— es war am Flußufer. „Sie ſind hier— Sie ſind frei?“ fragte Arnefeld, indem er vergebens nach ihrer Hand ſtrebte. „Fragen ohne Sinn für Sie!“ antwortete Adelheid. Wir haben uns nichts mehr zu ſagen. Unſere Wege kann der Zufall zuſammenführen, der Wille nie.— Wenn Sie ein Mann von Ehre ſind, ſo verlaſſen Sie mich!“ Er zog den Hut, er verbeugte ſich ſtumm und ging. In ſeinem letzten Blicke hatte ſie kein beleidigtes Gefühl, nur eine brennende Leidenſchaft geſchaut, er unterwarfſich ihrem Wunſche ſchweigend— das Herz in Adelheid's Bruſt bebte mächtig em⸗ por, als ſie die hohe Geſtalt langſam ſich entfernen ſah, ein Wort von ihr und er kehrte zurück— ſie fühlte es, ſie war die Herrin ſeines Schickſals, dies Wiederſehen hatte darüber ent⸗ ſchieden! Wird ſie dies Wort ſprechen? Salvator. 9. Er kam in ſein Gaſthaus zurück— ein ganz anderer Mann. Das Gefühl, welches er bisher in ſeinem ganzen Leben nicht gekannt hatte, das Gefühl eines großen Unglücks hatte ihn überkommen, wie ein gewappneter Rieſe. Wohl hatte er einſt, als ſeine alte Amme ihm bei ihrem Beſuche in Reſſen ſeine vielen Liebeshändel vorwarf, mit voller Ueber⸗ zeugung geſagt, daß er nur eine Liebe, Adelheid Mörner, ge⸗ habt— leichtſinnig, wie er war, an eine viel ältere Frau durch Convenienzheirath geknüpft, hatte er der jungen Braut ſeines Vaters Anfangs mehr aus Scherz, weil ihn das ganze Verhältniß einer ſolchen Stiefmutter eigentlich beluſtigte, den Hof gemacht, bis allmälig ein tieferes Gefühl, als er ſich deſſen je für fähig gehalten hatte, daraus entſtanden war. Auch ihr Herz war für ihn erwacht, und ob es im Bewußtſein eines ſtrafbaren Gefühls geſchehen, oder ob ſie bei der ſittlichen Zerſetzung aller Grundſätze wahren Chriſtenthums, in welcher ſie aufgewachſen war, leichter über ein Verhältniß gedacht, das ihr nur als ein Roſenſchmuck für die Oede ihrer verkauften Jugend erſchien— wer konnte darüber urtheilen! Als dann die Kataſtrophe gekommen war, ſein zürnender Vater für das ganze Leben mit ihm brach, ſeine Geliebte, verſtoßen von ihrem Verlobten, durch ihre Mutter in eine ferne Verborgen⸗ heit geführt wurde, ſeine beleidigte Gattin mit Recht die volle Schale ihres Unwillens über ihn ausgoß, um erſt ſpät im Gefühlsdrange ſich wieder mit ihm zu verſöhnen— da war ihm wohl momentan faſt verzweiflungsvoll zu Muth geweſen, 272 Salvator. aber getröſtet hatte er ſich doch, wie bald! Denn er war jung und das Leben rauſchte noch mit all ſeinen ſchäumenden Cas⸗ caden des Genuſſes um ſeine Bruſt, welche in üppigen Wogen Vergeſſenheit ſuchte. Jetzt aber ſchien Alles für ihn verändert. In Vollkraft noch, aber mit ruhigem, ſtetem Gange, wie ein Schiff auf der Höhe des Meeres, ſtrich ſein Leben dahin, er hatte es eben nicht würdiger geſtaltet, doch war er, bei all' ſeinem egoiſtiſchen Treiben, wenigſtens zu einem Bewußtſein gekommen. Und grade zu einer Zeit, wo er wieder an Adelheid erinnert worden war, wo er ſich ſagte, daß er vielleicht mit ihr verbunden, ſtatt mit ſeiner Gattin, die er nie geliebt, ſein Leben ganz anders geſtaltet haben würde, grade jetzt erſchien ihm Adelheid wieder. So friſch und ſchöner zu vollendet plaſtiſcher An⸗ muth entwickelt, als ſei der Lauf der Jahre machtlos über ſie dahingerauſcht— auch geiſtig veredelt! Welche Hoheit in ihrem Blick, welcher Adel in ihren Worten! Mußte er ſie denn wiederfinden, um zu erkennen, wie unausſprechlich glück⸗ lich et mit ihr geworden wäre, wenn er ſie kennen gelernt hätte, ehe er in das Joch mit dieſer alten ſentimentalen När⸗ rin geſpannt geweſen? Sie aber war nun frei, das bekundete ihr Hierſein, das Eheband, in welches ſie ſich, um mit Allem ein Ende zu machen, geſtürzt hatte, war entweder durch den Tod oder das Geſetz gelöſt— wäre erjetzt auch frei geweſen!—— Und bei dieſem wilden Spiel verirrter Gedanken traf ihn keine Mahnung an ſeine gelobte Pflicht und Treue, keine Erinne⸗ rung an die Heiligkeit des väterlichen Verhältniſſes zu ſeinen Kindern! Was hätte ihn mahnen, welche Stimme ihn war⸗ nen ſollen? In ſeiner Bruſt war Alles längſt öde und ſtumm, Salvator. 273 und von Außen oder von Oben hatte er keine Warnung zu erwarten, die Welt bringt keine, und an den Himmel glaubte er nicht. Endlich ſchrieb er an Adelheid einen Brief, den er bei kal⸗ ter Ueberlegung wahnſinnig genannt haben würde, er hatte ſich aber, täglich mit ihrem Bilde verkehrend, das vor ſeiner Phantaſie immer reizvoller aufblühte, dermaßen exaltirt, daß er die Vergangenheit, ſein früheres Unrecht, ſein Alter, Alles vergaß. Drei Tage harrte er auf Antwort. Am vierten zauderte er nicht länger, ſich ſelbſt die Gewißheit zu holen, daß ſie ſeinen Brief wenigſtens erhalten habe. Ihre Wohnung hatte er in Erfahrung gebracht— dafür iſt in großen Städten geſorgt, man darf nur nachſchlagen!— er fuhr hinaus vor das Thor, ließ dort halten und legte die letzte Strecke mit Ab⸗ ſicht zu Fuß zurück. Bange, wie ein ſchüchterner Bettler, ſtieg er die Treppe des bezeichneten Hauſes hinauf— er klingelte mit großer Heftigkeit— ein unwilliges Frauengeſicht erſchien an der halb ſich öffnenden Thüre. „Gnädige Frau zu Hauſe?“ fragte er haſtig. „Herr von Arnefeld—?“ entgegnete ſie mit Betroffenheit. Es war Frau von Mörner, ſie hätte er nicht wieder erkannt, ſo bedeutend hatte ſie ſich verändert, auch fragte er nach ihrer Tochter, nicht nach ihr. Adelheid war nicht zu Hauſe, doch die Höflichkeit, dieſe Fälſcherin aller Naturwahrheit in der Geſellſchaft, forderte, daß er nicht an der Thüre abgewieſen wurde, ſo ſchweren Vorwurf ihm die alte Dame auch zu machen hatte, denn welch ein glänzendes Lvos hatte er ihrer Tochter vernichtet! Salvator. l. 18 1 ſ 1 274 Salvator. Er trat ein, zerſtreut war er ſehr, das Geſpräch drehte ſich wie ein ringelnder Wurm um eine ſchmerzende Stelle, aber Beide vermieden es, ſie zu berühren, Frau von Mörner wußte nichts von der Begegnung ihrer Tochter mit Arnefeld— ſchon ein ſeltſames Zeichen!— und Arnefeld widerſtrebte es, dieſe Alte zur Vermittlerin zwiſchen ſich und Adelheid zu wählen. Er blieb nicht lange, ſeinen Beſuch erklärte er mit dem Wunſche, ſich perſönlich nach ſo langer Zeit von ihrem Befinden zu über⸗ zeugen, ſie hatte es ſchon gegen ihre Tochter geäußert, wie ſie über ein Zuſammentreffen mit ihm dachte, und fand es ganz natürlich, daß er ſich Adelheid harmlos empfehlen ließ, im beſten Converſationsſtyl. Als er nach Hauſe kam, fand er ein Billet auf ſeinem Tiſche, ein Blick auf die Handſchrift: es war von ihr! Wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit durch die Stadtpoſt gekommen— er hätte ſich den Gang ſparen können; die Farbe wechſelnd las er den Brief und biß ſich in die Lippe. Ohne ſich zu beſinnen, ſetzte er ſich an den Schreibtiſch zu einer Antwort für ſie. Es war ihr Ernſt mit der Zurückweiſung, die ſie dem Papier an⸗ vertraut hatte, aber nicht wirkſamer hätte ſie mit dieſem Cha⸗ rakter verfahren können, wenn es von Anfang an in ihrem Plane gelegen hätte, ihn unauflöslich zu feſſeln. Seine Anweſenheit in der Reſidenz verlängerte ſich über alle Erwartung. Er hatte geglaubt, die Erbſchaftsſache ſchnell erledigt zu ſehen, der gerichtliche Gang hielt aber ſeine Zeit und Formen. Das meldete ſchon ſein letzter Brief nach Reſſen. Es war eine Freude, ſeine Briefe zu leſen: nie äußerte er ſich zärtlicher gegen ſeine Gattin, als ſchriftlich, die Ausdrücke, welche er dann gegen ſie brauchte, waren wirklich rührend— Salvator. 275 es giebt ſolche Ehemänner, meine Leſerinnen, die nur in der Entfernung einige Anfälle von Zärtlichkeit haben, zu Haus aber ihre Frauen mit empörender Vernachläſſigung und Kälte behandeln. Frau von Arnefeld pflegte die Briefe ihres Ge⸗ mahls gern andern Damen vorzuleſen, Schade, daß ſie in hie⸗ ſiger Gegend noch immer keine rechte Gelegenheit dazu hatte! Leo Rheinberg hatte ihr dann nur einen Gruß von ihm ge⸗ bracht, als er in dem bewußten Handel um Sielitz hier ge⸗ weſen, nun aber war eine lange Pauſe gefolgt, viel länger als gewöhnlich, und die gute Frau, welche ſich ſchon ängſtigte, hatte als junges Mädchen bei paſſendem Anlaß kein ſolches Entzücken gefühlt, als da ihr endlich wieder ein Brief mit Arnefeld's ſchlechten Schriftzügen zuging. Sie ſchloß ſich ein, um ihn ganz ungeſtört zu leſen— und ihre Kammerjungfer erſchrak, als ſie, nach Verlauf meh⸗ rerer Stunden durch die Klingel zu ihr beſchieden, ihr ganz verſtörtes, von unläugbaren Thränenſpuren entſtelltes Aus⸗ ſehen erblickte: die Augen erloſchen, die Züge tief eingefallen, die Schminke halb verlaufen, grauenhaft!„Ein Unglück?“ ſchrie das Mädchen. „Nein.— Beſtelle einen Boten nach Sielitz—“ „Soll ich nicht das gnädige Fräulein rufen?“ „Was ſoll die mir!— Schaffe einen Boten nach Sielitz, aber gleich.“ Die Zofe gehorchte, konnte es aber doch, diesmal aus wirklicher Beſorgniß, nicht über ihr Herz bringen, das Fräu⸗ lein über den Zuſtand ihrer Mutter in Unkenntniß zu laſſen. Laura eilte zu ihr. 3 Schon hatte die Mutter ſich mehr gefaßt und die äußern 18. 276 Salvator Spuren ihres Schreckens und Grames mit Hülfe der Kunſt, ſo viel es ſich thun ließ, vertilgt. Bei Laura's Eintritt ſtürz⸗ ten aber die Thränen wieder in unaufhaltſamen Strömen her⸗ vot, ſie fiel ihrer Tochter um den Hals. Mein armes Kind! Wir find ſehr unglücklich!“ Laura bat ſie, heftig erſchrocken, um Aufſchluß. „Der Vater will ſich— von uns— trennen!“ ſchluchste die Mutter. „Trennen?“ rief Laura. Wie verſtehe ich das?“ Ihre ganze Geſtalt zitterte, gleichwohl beſaß ſie Kraft genug, die Mutter zum Sopha zu führen und ſich Hand in Hand mit ihr zu ſetzen. Verſtehe ich es ſelbſt?“ erwiederte die Mutter.„Ein furchtbares Mißverſtändniß muß hier zwiſchen uns getreten ſein— o ich begreife nicht, wie eine ſolche Verkennung des edelſten Gefühls—“ hier brach ihr die Stimme. Wo iſt der Brief? Loß mich ſelbſt leſen—“ Aber die Mutter hatte den Brief ſchnell ergriffen und in ihren Buſen geſteckt.„Nein—“ ſagte ſie aufgeregt, mit einer ſeltſamen Befangenheit.„Deine junge Seele darf nicht in dieſe Zeilen blicken— Du würdeſt Deinen Vater— Du wür⸗ deſt— vielleicht auch mich verkennen, beſonders da in der letz⸗ ten Zeit ſich Dein Gemüth von mir zurückgezogen hat.— Laura!“ rief ſie plötzlich, als werde ſie von einem überraſchen⸗ den Gedanken befallen, und ſah ihr mit einem prüfenden ſcharfen Blick in die Augen.„Sollteſt Du— Nein, nein!“ fuhr ſie ſanfter und weinend fort.„Du konnteſt das an mir nicht thun. Du hätteſt an mir zweifeln können, aber Du — Salvator. 277 wäreſt zu mir gekommen—— O ich glaube Dein Weſen in der letzten Zeit zu verſtehen— das Gefühl, das ſich ſcham⸗ haft birgt in des Herzens heiligem Kelche—“ „Darin irrſt Du Dich, Mama!“ ſagte Laura kalt und ſtolz. Und wie lange ſie auch noch zuſammen ſaßen, es kam zu keinem vollen Vertrauen zwiſchen ihnen. Der Bote nach Sie⸗ litz wurde gemeldet—„Ich muß ein Paar Zeilen ſchreiben, mein Kind,“ ſagte die Mutter, und Laura entfernte ſich, um in ihrer Einſamkeit über das Wenige nachzudenken, was ſie er⸗ fahren hatte und was ihr Herz mit der heftigſten Aufregung füllte. Ihr Vater hatte die Idee einer Trennung von ihrer Mutter ausgeſprochen! Sie war zwar längſt enttäuſcht, das unglückliche Mädchen, über das, was ſonſt einem Kinde ehr⸗ würdig und beſeligend iſt, ſie wußte auch das Mißverhältniß zwiſchen ihren Eltern zu verſtehen, aber welchen Grund konnte der Vater, nachdem er eine ſo lange Ehe geführt, jetzt auf ein⸗ mal haben, dieſe zu löſen? Sollte denn Alles in ihrer Fa⸗ milie aus einander fallen? Die Mutter ſaß, mit demſelben Kummer und faſt mit den⸗ ſelben Zweifeln ringend, auch für ſich allein. Ihre einzige Hoffnung war auf den Freund geſetzt, den ſie durch einen Eil⸗ boten zu ſich beſchieden hatte. Er ließ nicht lange auf ſich warten. Wie wohlthuend war gleich ſeine bloße Erſcheinung! Auf einen ſo dringenden und plötzlichen Ruf hätte er wohl un⸗ ruhig, beſorgt vor ſie treten müſſen und er kam ſo klar und mild, der Friede wehte von ſeinem Antlitze! Ihr Hetz wallte 2 ihm entgegen. Er hörte ſtill vor ſich niederblickend an, was ſie ihm in ge⸗ — 278 Salvator. flügelten Worten der Klage mittheilte— Alles, was der Brief ihres Mannes enthielt, war es doch nicht: wie hätte ſie ihm ſagen können, was ihn ſelbſt betraf, unbegreiflich, wie es ihr war? Arnefeld hatte ſich wohl in Vortheil zu ſetzen verſtanden, und die ſeltſame Infinuation über die häufigen Beſuche des jungen Geiſtlichen, wie über die ſchwärmeriſche Begeiſterung ſeiner Gattin für dieſen, eine Inſinuation, welche er dem Kam⸗ mermädchen verdankte, zu einer großmüthigen Wendung in ſeinem Briefe benutzt. Als ſie geſchloſſen hatte, hob Schrader ſein leuchtendes Auge zu ihr empor, breitete ſeine Arme gen Himmel aus und ſprach:„Danken Sie dem Schickſal, preiſen Sie Ihre Sterne, meine Freundin! Was Sie mir ſagen, iſt kein Anlaß zu Thrä⸗ nen, ſondern zur Freude! Sie waren in Banden und werden nun frei, Ihr hoher Geiſt wird nun unabhängig von allen hemmenden Einflüſſen ſeinem großen Berufe nachgehen kön⸗ nen. Ich fürchte nicht, daß eine kleinliche Rückſicht Sie zu⸗ rückhalten wird, die gebotene Trennung anzunehmen!“ „Aber ſie iſt ſo verletzend für mein Gefühl! Nach zwan⸗ zigjähriger EChe! Und die Kinder! Die Welt!“ „Ich gebe Ihnen Recht, daß Sie das Alles bedenken. Nie ſoll ſich der Geiſt blindlings in eine Bahn ſtürzen, ehe er die Verhältniſſe vollkommen bezwungen hat. Ihr Gefühl aber, theure Freundin, hat ein zu ſchönes Ziel vor ſich, als daß es nicht in ſeinem eignen Reichthum Befriedigung fände, ohne ſich von der Welt beirren zu laſſen. Die Kinder! O es iſt ſüß, dies Paradies der Kinderliebe— aber wir haben es ver⸗ loren! Täuſchen wir uns darüber nicht: es iſt eine liebliche Salvator. 279 Blüthe, welche doch endlich der Frucht weichen muß. Blicken Sie in die Natur! Wie zärtlich, wie aufopfernd ſorgt jedes lebendige Weſen der Thierwelt für ſeine Kleinen, ſo lange ſie deſſen bedürfen— und die Jungen, wie ängſtlich hängen ſie an der Mutter, jedes nach dem organiſchen Bewußtſein ſeiner Thierſtufe! Wenn aber die Kleinen vollkommen entwickelt ſind, dann hört dieſe Neigung und jene Liebe auf, und ſie gehen ihren eignen Weg und kennen ihre Eltern nicht mehr! Das iſt das Geſetz der Natur, das höchſte auch für uns! Einge⸗ lebte Zuſtände beweiſen dawider nichts. Schon kämpfen edle Geiſter, auch für die Menſchheit die reine Natur mit ihrem volle Glücke herzuſtellen: und es iſt bedeutungsvoll, daß hier geiſtreiche, begabte Frauen die Vorkämpferinnen gegen die Un⸗ natur und die Lüge der geſellſchaftlichen Feſſeln ſind. Dieſe pa⸗ triarchaliſche Form des Hausweſens, die ſelaviſche Abgötterei der Kinder gegen die Eltern, die Blindheit, in welcher ſie künſtlich erhalten werden, was ſind ſie mehr, als Feſſeln, mag man ſie auch mit ſüßduftenden Gefühlsblumen bekleiden oder mit dem Weihrauch der Heiligkeit umnebeln! Auch dieſe müſ— ſen fallen, wenn das Glück in die Welt kommen ſoll. Ihr Gefühl, meine Freundin, wird einen Moment zucken, um da⸗ für Aeonen lang in reiner Wonne zu ſchwimmen!“ Wie lauſchte die ſchwache, in ſich unklare Frau auf den Strom ſeiner Rede! Sie fühlte es nicht, was er damit aus⸗ ſprach, welche Folgen es haben mußte, wenn ſolche Lehre auch nur in wenigen dunkeln Gemüthern Platz griff! Wie leichten Wurfes ſchwang er dann die Brücke zur Wirklichkeit und bewies ihr, daß ein inniges Familien“ 7 nicht mehr für ſie ſeh 280 Salvator. den ſei und der Sohn, wenn er wirklich mit einer freien Liebe an ihr hänge, nicht für ſie verloren werde, wenn ſie dem Wunſche des Mannes, der ihr nichts mehr ſei, entgegen komme. Wahrhaft getröſtet und allem Anſchein nach zu einem Ent⸗ ſchluſſe gekommen verließ er ſie, diesmal in ihrer Equipage, welche er annahm. In Sielitz einfahrend, begegnete er dem Neffen des Guts⸗ herrn, welcher in dem kleinen Wägelchen deſſelben wieder zur nächſten Eiſenbahnſtation abreiſte. Leo Rheinberg ſah befrem⸗ det auf, als er den Adjunct erkannte, dann verſank er wieder in ſeine unerfreulichen Gedanken. Er hatte nun eine Einſicht in die Verhältniſſe ſeines Oheims gewonnen und war ſehr traurig— in den letzten Stunden vor ſeiner Abreiſe hatte endlich die längſtgefürchtete Scene Statt gefunden, in welcher die armen, ſorgloſen Mädchen erfuhren, daß ſie aus ihrer lie⸗ ben Heimath, an welcher ſie hingen, wie zarte Blumen, mit allen Wurzelfaſern des Herzens, losgeriſſen einem Leben voll herber Entbehrungen entgegen ſahen. Wunderbar ſtark hatte ſich dabei die Jüngſte gezeigt— während ihre Schweſter in hoff⸗ nungsloſem Leide ſaß und des Vaters Herz keinen Troſt ſpen⸗ den konnte, weil es deſſen ſelbſt am bedürftigſten war, hatte Fanny ihren Muth nach dem erſten tödtlichen Schreck ſchnell genug wieder gefunden. Das machte freilich: ſie kannte die Wirklichkeit und ihre Forderungen nicht, ihr romantiſcher Geiſt glaubte ſie zu beſiegen oder hoffte noch auf einen Umſchwung, der es nicht zu dem Aeußerſten kommen laſſen werde, es war nicht das wahre gläubige Vertrauen, das ſich in eine höhere Führung ergiebt, ſondern die kecke Lebensfriſche eines uner⸗ fahrenen Kindes, das ſich auf gut Glück und ſeine eigene Salvator. 281 Kraft verläßt. Armes Kind! Hier haſt Du mit Deiner Schwe⸗ ſter ohne viel andre Sorgen, als die kleinen der Hauswirth⸗ ſchaft und um Deine Blumen gelebt, Du warſt lieb und an⸗ geſehen, wo Du erſchienſt, die Leute auf dem Hofe, die Ein⸗ wohner des Dorfes, Deine Bekannten in der Nachbarſchaft trugen Euch auf Händen, weil Ihr gegen alle Welt ſo freund⸗ lich und anſpruchslos waret— nun tritt nur hinaus in die kalte, fremde Welt, in das ſelbſtſüchtige oder gehäſſige Treiben der Städte, wo Dir Niemand einen Blick ſchenkt, kein Menſch ſich um Dein Daſein kümmert, und wenn Du in Deinem arg⸗ loſen Sinne Dich anſchließen willſt, findeſt Du vielleicht Ver⸗ ſpottung, Dein natürliches Benehmen wird als bäuriſch ver⸗ lacht, Deine Offenheit beluſtigt ſie oder zieht freche Menſchen an, und nun laß erſt die Sorge um das tägliche Brod— das in Deiner Heimath Dir Garten und Feld und die eigne Wirth⸗ ſchaft brachte— laß erſt dieſe bitterſte aller Aengſte kommen! Behältſt Du dann friſchen Muth und Vertrauen auf eigene Kraft, ſo danke es Gott und gieb Ihm die Ehre, denn ohne Ihn wird es unmöglich ſein. Der Adjunct hatte an dieſem Tage noch ſehr viel zu thun. Er hatte Frau von Arnefeld verſprochen, nach Berlin zu reiſen, oder vielmehr ſich erboten, dort für ſie zu wirken, denn die Reiſe war aus einem für ihn viel näher liegenden Grunde be⸗ reits beſchloſſen, nur ſagte er ihr das nicht. Ehe er abreiſte, hatte er noch Mancherlei zu ordnen. Der Urlaub vom Pfarrer war ihm ſchon geſtern ertheilt, nachdem für eine paſſende Stell⸗ vertretung geſorgt war: einen Moment hatte ſich in dem alten Herrn die Luſt geregt, einmal ſelbſt wieder die Kanzel zu be⸗ treten, aber ſeine Körperſchwäche, auch ganz abgeſehen von ſei⸗ — 282 Salvator. ner Taubheit, hätte es nimmer zugelaſſen. Mit dem Urlaub und der Stellvertretung war nun dem Amte ein Genüge ge⸗ ſchehen— ſo konnten die übrigen Intereſſen verfolgt werden. Dem Schullehrer zuerſt gab er noch einige Anleitungen, wie er ſich die Seelen der Jugend gewinnen und auf ſie einwirken könne: Lympius war ein brauchbares Werkzeug in ſeiner Hand, er nahm beſcheiden auf, was ihm Schrader ſagte, und äußerte niemals einen Widerſpruch. Ein wahres Glück, daß ein ſo ſtiller, fügſamer Menſch hieher gekommen war und nicht einer von den ungeſchickten Eiferern— die ſchon ſo viel verdorben hatten durch ihr taktloſes voreiliges Hervortreten im vergan⸗ genen Jahre. Das Wirken der Schule kann Niemand con⸗ tr oliren— denn die Angebereien der Schüler werden nur in ſeltenen Fällen beachtet— ſo war es nach Schrader's Meinung nur die einzige Schuld der Lehrer, daß ſie in Mißkredit gekom⸗ men; mit einiger Vorſicht hätten ſie dem Anſtoß, den ſie ge⸗ geben, vermeiden können. Ein ſolcher durfte auch nie mehr gegeben werden. „Kirche und Schule, mein guter Lympius, werden hier ein leuchtendes Vorbild aufſtellen,“ ſagte er zu dem Schulmeiſter, als er ſich nach der Beſprechung von ihm trennte. Lympius hatte ſeine Lehren, die er ſehr vorſichtig gab, mit ſchweigender Achtung aufgenommen, und Schrader war mit ihm zufrieden. „Es iſt eine innere Miſſion, für welche wir arbeiten.“ „Die innere Miſſion— Sie ſollen Recht haben,“ erwie⸗ derte Lympius. Dann ging der Adjunct nach der Hütte am See, wo das ufer ſchon ein rauhes, winterliches Ausſehen hatte und eine ſcharfe Luft wehte, vor welcher ihn fröſtelte. Die Wittwe Ro⸗ Salvator. 283 land hing einige Stücke ihrer armſeligen Wäſche auf; als ſie den Adjunct kommen ſah, ging ſie ihm entgegen und grüßte ihn. „Sind Sie allein?“ fragte Schrader. Wo iſt Karl?“ „Der iſt ſchon wieder auf dem Waſſer—“ klagte ſie.„Es war heut, als zög's ihn mit Haaren dazu. Seit dem Unglück iſt er in keinem Kahn mehr geweſen.“ „Schade, ich wollte ihn gern ſprechen.— Wenn ich nicht oft hier geweſen bin während ſeiner Krankheit, halten Sie es nicht für Liebloſigkeit— aber ich bin nicht von denen, welche ihren Antheil mit Geſchrei, das läſtig wird, ankündigen.“ „Ich glaub's. Uns geht es ſchlecht, Herr Magiſter.“ „Ueber ein Kleines wird Alles gut ſein— ich verkündge Ihnen das!“ Ungläubig ſchüttelte die Wittwe den Kopf.„Uns kann Niemand wieder zu Ehren helfen,“ ſagte ſie.„Und auch ſo haben wir kaum das liebe Leben. Wenn Sie nicht wären—“ „Ich? Wie ſo?“ rief er. „Wenn Sie nicht wären und mir alle Sonntage in der Kirche das Herze leicht machten, wär's ſchon aus mit mir.“ „Sein ſie nur ſtill und geduldig,“ ſagte er. Alles Ding will ſeine Zeit haben. Ich ſage Ihnen, die Freude wird größer ſein, als das Leid.— Ihren Sohn aber hätte ich gern ge⸗ ſprochen— wo mag er hingefahren ſein?“ „Ich weiß es nicht,“ ſagte die Wittwe. „Sie wiſſen es, Frau,“ verſetzte er mild.„Es iſt Unrecht, daß Sie mich täuſchen wollen!“ „Nun ja— ich ſollte es Niemand ſagen. Er iſt hinüber und will ſich bedanken für die Güte während ſeiner Krankheit.“ 284 Salvator. „Ich dachte es mir,“ erwiederte Schra der.—„Und warum will er das verbergen?“ „Ach, Sie hätten nur hören ſollen, was er in ſeiner Hitze Alles gered't hat!“ ſagte die Wittwe. „Es iſt ein Gefühl, deſſen er ſich nicht zu ſchämen hat. Wer weiß, wie bald ſich ein Umſchwung der Dinge findet, in wel⸗ chem die Unnatur, welche Menſchen von einander ſcheidet, als wären ſie verſchiedener geartet als Fiſch und Reh, keinen Platz mehr findet. Doch ich rede Ihnen unverſtändlich, gute Frau. So viel aber kann ich Ihnen ſagen, daß es mit aller Noth und mit allem Elende bald ein Ende haben wird!“ „Bei uns?“ fragte ſie zweifelhaft. „Zunächſt hier!“ erwiederte er.„Das Heil kommt von klei⸗ nem Anfang aus in die Welt. Auch die Sonne, wenn ſie auf⸗ geht, erfüllt nicht mit einem Male die ganze Flur mit Licht, ſondern erſt vergoldet ſie die Wipfel der Bäume und dann ſteigt ihr Schein allmälig hernieder. umgekehrt wird es ſein, wenn die Rettung vom Uebel kommt. Sie wird zuerſt in die dunkeln Thäler ſcheinen und dann hinaufſteigen zu den Höhen, dort oben wird ihre Flamme ſein, wie das verzehrende Feuer des Gerichts.“ Mit Andacht, in welche ſich eine unbeſtimmte Furcht miſchte, vernahm die Wittwe ſeine Ausſprüche, welche ihr klangen, wie die Worte eines mächtigen Propheten.—„Sein Sie darum wohlgemuth!“ fuhr er fort.„Der goldne Schein ſoll zuerſt in Ihre Hütte dringen. Wiedergeſchenkt ſoll Ihnen werden das Glück, das Sie verloren wähnen; die Tochter, um welche Sie trauern, ſoll wiederkehren, und die es gewagt, ihren Na⸗ Salvator. 285 men zu läſtern, werden ſich vor ihr demüthigen. Bauen Sie feſt darauf!“ Sie rief den Namen ihrer Tochter aus, ſie fragte ihn ängſtlich, ob er etwas von ihrem Aufenthalte wiſſe, und wer der Mann ſei, welcher ſie unglücklich gemacht habe. „In Geduld und Demuth erwarten Sie die Löſung. Ich habe es Ihnen zum Troſte geſagt, da ich weiß, wie Sie ſich um Ihr Kind ängſtigen. Aber Eins lege ich Ihnen auf. Wie Sie mir verſchweigen wollten, daß Ihr Sohn dem Zuge ſeines Herzens gefolgt iſt, der ihn zu einer Hochgebornen führt— ſo ſollen Sie ihm nun wirklich verſchweigen, was ich Ihnen über Anne's mögliche Heimkehr geſagt habe. Ich lege es Ihnen aus⸗ drücklich auf, denken Sie daran, daß ein Schatz, den man he⸗ ben will, verſchwindet, ſobald dabei geplaudert wird.“ Er ließ ſich von ihrer Frage, ob er nicht etwas hereintreten wolle, nicht länger aufhalten, ſondern begab ſich nach ſeiner Wohnung, wo er bis ſpät Abends in ſeinen Papieren kramte. Das war ſein Hauptgeſchäft. Eine neue Wendung konnte ſein Schickſal nehmen, das wußte er. Gefaßt war er auf eine Gunſt deſſel⸗ ben, aber auch eine Widerwärtigkeit ſollte ihn nicht unvorberei⸗ tet treffen. Der Gedanke, daß fremde Augen in ſeinen Papie⸗ ren ſpähen könnten, war ihm ein unerträglicher, und wie leicht konnte irgend ein Anlaß, und wär's die Liederlichkeit in ſeines Bruders Wirthſchaft, dahin führen? Grade jetzt hätte es ſogar ſeine Gefahren für ihn gehabt. Künftig allerdings konnte er ihrer ſpotten. Wenn er erſt im Pfarrhauſe wie in einer unan⸗ greifbaren Citadelle ſaß, geſchützt von Oben durch den Ratio⸗ nalismus aufgeklärter Conſiſtorialräthe, welche der freien Pre⸗ digt, auch wenn ſie heidniſch war, nicht wehrten, viele Tauſende 286 Salvator. freier Menſchen hinter ſich— denn er gedachte das Glück nicht auf ſeine Gemeinde zu beſchränken, wenn er auch klug und ſchonend die Rechte ſeiner Amtsbrüder ehren mußte— o dann durfte er immerhin ſein genialſtes Werk: Salvator ge⸗ nannt, auf welches er einen Cyclus von Reden zu bauen ge⸗ dachte, in offenen Conceptblättern liegen laſſen! Hätte er es jetzt gethan, er wäre vielleicht noch dicht am Hafen geſcheitert — denn einen Feind hatte er, deſſen war er gewiß, einen Feind, nicht ſeiner Perſon, wohl aber ſeines Wirkens, wie weltklug er es auch anzuſtellen wußte, daß er für einen echt⸗ chriſtlichen Verkündiger des göttlichen Wortes gehalten wurde. Und wenn dieſer Feind durch irgend einen Zufall Waffen gegen ihn in die Hand bekam, ſo durfte er darauf rechnen, daß er ſie gebrauchen würde, da er ſchon verſucht, den alten Pfarrer, wiewohl vergebens, an der Rechtgläubigkeit ſeines Nachfolgers irre zu machen. Es war der Oberſt von Haug. Seit lange hatte er übrigens in der Gegend nichts von ſich hören laſſen. Da er nicht in die Kirche kam, keinen geſelligen Umgang pflegte und nicht einmal wieder bei Rheinbergs ge⸗ weſen war, ſo wußte Niemand, ob er in Rackwitz anweſend, vielleicht krank ſei, weil man ſo gar nichts von ihm vernahm, oder ob er vielleicht eine Reiſe unternommen habe. Erſt Leo Rheinberg, welcher ſich bei ſeiner kurzen Anweſenheit nach ihm erkundigte, war bei ihm geweſen und hatte ihn abgeſchloſſen von aller Welt, aber ganz rüſtig gefunden— davon wußte der Adjunct Schrader jedoch nichts. Ihm würde ganz eigen zu Muth geworden ſein, wenn er die Ausdrücke gehört hätte, in welchen der Oberſt zu dem jungen Rheinberg über ihn ge⸗ ſprochen. Salvator. 287 „Ich bin kein Schriftgelehrter, aber ſo viel habe ich aus zwei Reden, denen ich von ihm beiwohnte, herausgehört, und was mir Leute hier aus dem Dorfe erzählen, die ihn eifrig alle Sonntage beſuchen, daß er Einer von denen iſt, über welche die Apoſtel ſchon geſprochen: Durch ſüße Worte und prächtige Reden verführen ſie die unſchuldigen Herzen— und: Die da haben den Schein eines gottſeligen Weſens, aber ſeine Kraft verläugnen ſie.— Wo mir Einer drum herum geht, von ſei⸗ nem Herrn und Erlöſer zu reden, und nur allerhand ſchöne Re⸗ densarten über unſer alltägliches Leben und die Natur macht, da weiß ich ſchon, daß im Nußkern die Made ſitzt, verzeihen Sie mir den Ausdruck. Nun braucht nur noch zu dem Herrn Prediger, der nichts von Chriſtus weiß, ein Herr Schul⸗ meiſter zu kommen, der den Kindern auch nichts von ihm ſagt, als daß er ein göttlicher Weiſer geweſen— ſo heißt ja wohl der moderne Titel, der ihn mit Heiden und Türken in einen Sack wirft? Gott verzeih' mir die Sünde!— und zu Hauſe gottloſe Eltern, dann ſind wir fertig! Einen ſolchen Schulmeiſter zum Adjutanten ſoll ſich der künftige Herr Pfar⸗ rer ſchon zugelegt haben.“ Leo hatte ſich nicht lange in Rackwitz aufhalten können und nahm ſchon Abſchied, als der Oberſt ihm noch viel von ſeinen weitern Verſuchen erzählte, auch materielle Hülfe für die noth⸗ leidenden Klaſſen zu ſchaffen, denen er nun einmal ſein einſa⸗ mes Leben geweiht hatte.„Es heißt mein Spruch zwar: Bete und arbeite! aber wo es ſo zum Verhungern und Verzweifeln geht, wie ich's neulich erſt wieder in einem Winkel geſehen habe, da muß man erſt einen Biſſen Brod ſchaffen, daß ihnen der Krampf ſich löſet, vor dem ſie nicht zum Beten kommen kön⸗ * 288 Salvator. nen. Die rechtſchaffenen Leute, die ſich zuſammengethan haben, um auf dem einzigen Wege, wo noch eine Rettung möglich iſt, vorzuſchreiten, fangen es auch beim richtigen Ende an, daß ſie Barmherzigkeit für das leibliche Elend vorausgehen laſſen, um das geiſtige Elend deſto ſicheret zu heilen.“ „Sie ſprechen von der innern Miſſion?“ fragte Lev. „Ja wohl. Ich ſitze hier nur ſo auf einem veplornen Po⸗ ſten, und da ich einmal nicht in die feine Welt paſſe, ſo kann ich beim beſten Willen nicht in dem zweiten und faſt noch wichtigern Theile ihrer Aufgabe mithelfen, der eben auf die höhern Stände gerichtet iſt. Da fehlt nun das leibliche Elend, und wo es dem Menſchen wohl geht, vergißt er, wem er das zu danken hat— es iſt aber vom allergrößten Einfluß, was die Hochſtehenden, zu denen die Kleinen hinaufſchauen, für ein Beiſpiel geben, und wenn die ſich der Religion ſchämen und ſagen: Das gemeine Volk muß ſie haben, wir aber brauchen ſie nicht! ſo iſt keine Möglichkeit, das rollende Rad des allge⸗ meinen Verderbens aufzuhalten. Schwer iſt es freilich, den höhern Ständen ihr Elend begreiflich zu machen— da die Einzelnen, die es hier einmalpackt“— er zeigte auf die Bruſt— „ſich mit ihrer Zerknirſchung, wie die geſellſchaftliche Einrichtung iſt, nicht zeigen dürfen, ſondern, um das glatte Leben nicht zu ſtören, gleich beſeitigt werden. Darüber könnte man auch Bü⸗ cher ſchreiben, mein junger Freund, aber die offene Wahrheit leſen ſie nicht, und die candirte ſchlägt nicht durch.“ „Ich glaube, daß es darin auch ſchon beſſer wird,“ verſetzte Leo.„Grade die Kirchen der ſtrenggläubigen Prediger ſind von den höhern Ständen ſehr viel beſucht.“ „Davon habe ich gehört. Aber unterſuchen wollen wir nicht, —— —— Salvator. 289 ob das probehaltig iſt. Wenn in einem andern Lande, wo vielleicht das königliche Wort: Ich und mein Haus, wir wol⸗ len dem Herrn dienen! nicht gilt, wo der einfache— wir wol⸗ len ihn nicht ſtteng nennen— fromme Glaube in den höhern Regionen belächelt wird, wenn dort die vornehmen Stände die Kirchen ſuchen, wo das Wort des Herrn und nicht das Wort der gebrechlichen Vernunft gepredigt wird, ſo will ich das loben. Aber dies Beiſpiel fehlt noch. Heut zu Tage hat ſich überdem noch die Politik in den Kirchenbeſuch gemiſcht. Bei Predigern, welche an der heiligen Schrift feſt halten, iſt auch das Wort der feſten Treue, oder— wie's die Andern nennen — der Reaction zu hören, das hat auch die vornehmen Stände zu ihnen gezogen. Denn bei den andern, den politiſchen Predigern, wo es viel Fahnenſchwenken in den beiden Jahren gegeben hat, wurden ihnen je zuweilen, wenn grade ein Quer⸗ wind wehte, von dem man noch nicht recht wußte, wie er um⸗ ſpringen würde, verdrießliche Dinge geſagt. Doch Sie ſtehen auf dem Sprunge und ich plaudere noch: mir altem Kerl geht's immer ſo, wenn ich einmal einen Menſchen finde, mit dem ich mich ausſprechen kann. Glauben Sie nicht, daß ich mein Le⸗ belang ein ſo einſamer Uhn geweſen bin!““ „Sie ſollten ſich auch jetzt nicht ganz abſchließen, zuweilen eine Reiſe machen. Beſuchen Sie mich einmal in Berlin. Ich lebe auch ſehr für mich allein— über Tiſch und im Dienſt, ſonſt habe ich nur mit wenigen Kameraden Umgang, und nur in einer einzigen Familie Zutritt—“ „Und wo iſt das?“ fragte der Oberſt lächelnd.„Ich ſehe. was Sie dorthin zieht, ſchon an Ihrem Geſichte.“ „Mörner heißt die Familie.“ Salvator. l. 19 290 Salvator. Der Oberſt zog die Augenbrauen zuſammen.„Mörner?“ wiederholte er.„Können Sie mir etwas Näheres über dieſe Familie ſagen?“ „Eine Wittwe mit ihrer Tochter— dieſe nicht mehr in der erſten Blüthe, aber ein anziehendes Mädchen von großer Bil⸗ dung des Geiſtes und, wie ich wohl glauben kann, auch des Herzens. Ich läugne gar nicht, daß ſie mich intereſſirt.“ Der Oberſt beſann ſich eine Weile.„Sie wiſſen wohl nicht, was der Mann der Wittwe geweſen iſt?“ „Landrath, glaube ich. Sie haben früher in Berlin, wie ich aus mancher Aeußerung der Mutter, die freilich eine Welt⸗ dame im vollen Sinne iſt, entnommen habe, eine glänzende Rolle geſpielt, ſind aber dann längere Zeit auf dem Lande ge⸗ weſen und in beſchränkte Umſtände gerathen.“ „Wie heißt die Tochter?“ rief der Oberſt. „Adelheid,“ ſagte Leo verwundert. Der Oberſt blickte ihn ſtarr an. „Groß, ſchlank, dunkles Haar, nicht hübſch, aber ſchöne Augen— die Mutter nennt ſie Lida?“ rief er. „Alles wahr!“ ſagte Leo.„Sie kennen ſie? Aber wie deute ich mir Ihr Benehmen?“ „O das ſoll Ihnen gleich ganz klar werden. Die ſchöne Dame iſt verheirathet, das wiſſen Sie doch?“ „Nein!“ rief Leo.„Als Fräulein von Mörner kenne ich ſie nur. Adelheid Mörner hat ſie ſich mir ſelbſt— ich ſie nie an⸗ ders als Fräulein genannt. Sie wohnt ganz bei der Mutter.“ Der Oberſt erſchrak.„Herr! Es iſt die Frau meines Soh⸗ nes! Was iſt geſchehen, daß ſie zurückgekommen iſt?“ Sie müſſen mir mehr erzählen— ich gebe Ihnen mein Wort, daß Salvator. 291 dieſe Lida die Frau meines Sohnes iſt, und verläugnet ſie das, ſie geſchieht es in einer Abſicht, die ich enträthſeln werde— denn nun komme ich nach Berlin. Vielleicht bin ich ſchon früher dort als Sie! Setzen Sie ſich noch. Ich laſſe Sie nicht fort — wir müſſen uns beſprechen! Die Angſt eines Vaters be⸗ greifen Sie, der vielleicht von dem Tode ſeines einzigen Soh⸗ nes hören wird.“ 10. Nach der Hauptſtadt alſo! Schrader war ſeit längerer Zeit nicht dort geweſen und wurde, je näher er kam, deſto ſtiller gegen ſeine Reiſegeſellſchaft, welche er im Anfange gut unter⸗ halten hatte. Auf der Station, wo man die Ankunft eines Zuges von der ſich hier anſchließenden Eiſenbahn erwarten mußte, waren viel Reiſende hinzugekommen, und es ſchien faſt, als ob die Beredtſamkeit des Adjuncts ſeit jener Zeit verſtummt wäre. Bekannte hatte er nicht gefunden, aber eine Dame, welche ſich für den ſchönen, intereſſanten Mann beſonders eingenom⸗ men zeigte, wollte bemerkt haben, daß er auf den Anhalte⸗ punkten immer mit ſeinen Blicken einen jungen Herrn verfolgte. der jedesmal ausſtieg und auf dem Perron längs der Wagen⸗ reihe ſpazierend eine genaue Damenſchau hielt, wenn er ſich aber dem großen Salon dritter Klaſſe nahte, in welchem der Gegenſtand ihres Intereſſes ſaß, kehrte dieſer gefliſſentlich ſein 19* Salvator. Geſicht ab und blickte dem jungen Manne erſt, wenn er vor⸗ über war, mit der ſchärfſten Aufmerkſamkeit nach. Die Dame beſchäftigte ſich viel damit, dies Benehmen zu durchſchauen. Wie ſehr aber auch Schrader ſich gehütet hatte, ſein Ant⸗ litz dem ſchlanken Herrn im Attila zu zeigen, entgangen war es ihm doch nicht. In Berlin, wo man ſich mit gewohnter Haſt trennte, ſo eilfertig, wie nur ein geſtörtes Reſt junger Spin⸗ nen aus einander läuft, ſchlug der junge Officier, welcher durch des Königs Rock der Controle genügte, einem der aufgeſtell⸗ ten Schutzmänner leicht auf die Schulter und ſagte:„Guter Freund, vigiliren Sie auf den Langhaarigen, der gleich kom⸗ men wird! Ich bin der Lieutenant von Arnefeld, Hotel des Princes.“ Die Anrede:„Guter Freund!“ ſchien den Schutzmann et⸗ was zu verdrießen, doch legte er nur ſtumm die Hand an den Helm und ließ den Officier vorüber, um den Bezeichneten mit vorgefaßtem Verdachte anzuhalten. Er fand aber keinen Grund dazu, die Legitimation war ganz in der Ordnung. Schrader wanderte zu Fuß in die Stadt hinein, es war Hochmittag. An einem Scheidepunkte zweier Straßen ſtand er einen Augenblick unſchlüſſig ſtill, dann aber ſchlug er ſchnell eine Richtung ein, welche ihn in einſamere Gegenden führte, und endlich in das freie Feld, das noch zum größten Theile un⸗ angebaut, wenn auch von abgeſteckten Straßen durchſchnitten, innerhalb der Ringmauern liegt Raſch verfolgte er ſeinen Weg und ſchenkte nur einen halben Blick dem herrlichen Bau zu ſei⸗ ner Rechten, Bethanien genannt, eine Kranke ſuchte er wohl auf, aber dorthin hätte er ſie nimmer bringen dürfen. Endlich hatte er das niedrige Haus erreicht, und ſein blaſſes Antlitz S— Salvator. 293 fürbte ſich, als er am Fenſter die Geneſende erblickte. Sie hatte, planlos und traurig, wie ſie auf das öde, winterliche Feld ſchaute, den Kommenden nicht gleich bemerkt, als er aber dicht vor ihr draußen ſtand, hörte er ihren lauten Schrei durch die Scheiben. Nur kurze Zeit noch Geduld— dann kam er wieder, ſie aus der Stätte des Kummers in lichte Freude ein⸗ zuführen! Mit dieſen Gedanken betrat er das Haus. Gefolgt war ihm nun freilich ein Mann, welchen er, mit ſich ſelbſt beſchäftigt, nicht beachtet hatte. Dieſer ging, nach⸗ dem der Angekommene in das Haus getreten war, langſam an dem Hauſe vorüber, warf einen Blick durch das niedrige Fenſter, kehrte auf eine kleine Entfernung wieder um und ſetzte dieſen Spaziergang noch eine Weile auf und ab fort. Endlich ſchien ihn das Warten doch zu ermüden, denn er brach plötzlich auf und entfernte ſich mit raſchen Schritten. Der Lieutenant von Arnefeld— wir haben es gehört— war auch nach Berlin gekommen; die Hülfsquellen, ſeit der Vater ſeine Hand von ihm abgezogen hatte, ſprangen zwar ſpärlich, denn die Mama hatte ſich, wie ſie nun bereute, längſt aller Dispoſition über größere Summen begeben, aber ſo viel blieb ihm, unterſtützt von wohlgeſinnten Wucherern, die nicht einmal ſein ſchriftliches Ehrenwort, ſondern nur vierzig Pro⸗ cent verlangten, immer noch, um in Berlin gelegentlich mit der Cultur fortzuſchreiten. Diesmal kam er, durch einen Brief ſeiner' Schweſter veranlaßt. Laura hatte endlich doch das Bedürfniß gefühlt, den Gram, der ſich nun bis zum Uner⸗ träglichen geſteigert hatte, dem einzigen Herzen mitzutheilen, auf das ſie noch rechnen konnte— ſo ſtark ſich das ihrige bis⸗ her bewährt hatte, nun war die Kraft gebrochen, ſie fühlte ſich 294 Salvator. ſo arm, ſo unglücklich! Grade die Stärke, auf welche ſie all' ihr Heil im Leben geſetzt hatte, der Verſtand, wurde in ſolcher Noth zur Waffe gegen ſie ſelbſt: denn er zeigte ihr mit uner⸗ bittlichen Conſequenzen die baare Lage der Verhältniſſe, da war keine täuſchende Nebelhülle möglich. Der Bruder hatte den Anfang ihres Briefes lächelnd ge⸗ leſen und das Mißverſtändniß, das ihn dazu führte, entſchul⸗ digen gewiß die Leſer, welche vielleicht auch an eine bizarre, verborgene Liebe dieſes verſchloſſenen Herzens geglaubt. Bi⸗ zart wäre ſie allerdings geweſen, aber darum eben für Laura's Charakter unmöglich. Wir begreifen vollkommen, wie ein einfaches und reines Gemüth aus niederm Stande ſich in Liebe zu Höhergebildeten, Höhergeſtellten wenden kann, wie ein armer Geſell ſein Herz an eine vornehme Dame, eine niedere Magd ihr unbewachtes Gefühl an einen Hochgebornen ſchließen kann, es vereinigt ſich hier oft ſo viel, um Bewunderung, Neigung, Leidenſchaft zu wecken, und Abſtoßendes, auch wo es ſich fände, erkennen dieſe einfachen Naturen nicht: jeden⸗ falls iſt ein Aufſtreben unbewußt immer erklärlich. Dann mag es ſich erklären laſſen, daß ſelbſt die Liebe eines Mannes aus den ſogenannten gebildeten Ständen ſich einer unverdorbenen Tochter aus niedern Schichten zuwendet, wiewohl in den mei⸗ ſten Fällen dieſer Art die Ueberſättigung oder die Sinnlichkeit den erſten Anlaß dazu geben wird— es kann indeſſen ſein, daß ein Mann, welcher das Unglück gehabt, in ſeinem Range recht viel Frauen, denen es an den ſchönſten Frauentugenden trotz aller feinen Bildung fehlt, gefunden zu haben, daß ein ſolcher— wenn er einem unſchuldigen, frommen, in natür⸗ licher Sitte aufgewachſenen Mädchen, ſelbſt des Bauernſtandes, Salvator. 295 begegnet, das durch Lieblichkeit und Demuth ihn anſpricht, und wenn er ſtark genug iſt, der Meinung der Welt gegen⸗ über, dies Kind der Riedrigkeit erwählt und ihr Herz und ihren Geiſt empor zieht zu den Höhen der Bildung, auf denen er ſelbſt ſteht. Aber die Liebe eines Mädchens aus höherm Stande, eines Mädchens von feinem Gefühl und wahrer Bil⸗ dung zu einem Burſchen aus niederer Klaſſe, mag er noch ſo ſchön und redlich ſein, aber ſonſt nach Sitte und Geiſt auf der Stufe all' ſeiner Genoſſen ſtehend: eine ſolche Liebe iſt un⸗ natürlich und gehört in das Fabelgebiet ſocialiſtiſcher Träume. Die Rohheit, ſelbſt nur die äußere, muß abſtoßend auf ein feinfühlendes Herz wirken— und hinaufziehen zu ſich, wohl gar erziehen einen bäuriſchen Jüngling, veredeln ſeine Sitten und geiſtigen Anlagen, ſolche Aufgabe kann ſich doch wohl ein Mädchen nicht ſtellen! Sie lächeln, meine Leſerinnen? O es wird Ihnen mehr zugemuthet in der radicalen Heilung unſerer ſocialen Frage: Sie ſollen nicht hinaufziehen, ſondern herab⸗ ſteigen bis auf eine mäßige Stufe der Bildung, welche Allen erreichbar iſt! Dann Gleichheit in allen Erdendingen und brüderlich⸗ſchweſterliche Gemeinſchaft, hundert Jahre ſo, und ſelbſt die noch auszurottende Ungleichheit der äußern Körper⸗ bildung wird verſchwinden, es giebt nur Weſen von einem ge⸗ wiſſen Mittelſchlage, mit Durchſchnittsgeſichtern, die nicht mehr zu unterſcheiden ſind, kein Brünett oder Blond hinführo, ſon⸗ dern eine unbeſtimmte Miſchfarbe, Namen braucht man nicht mehr, denn Keiner iſt oder hat etwas Beſonderes! Dahin ſoll es aber erſt kommen und— wir warten wohl noch ein wenig damit? Laura Arnefeld war alſo weit entfernt, das natürliche Ge⸗ 296 Salvator. fühl einer Theilnahme an dem Retter ihres Lebens, das ſie auch zu thätigen Beweiſen deſſelben führte, in eine phanta⸗ ſtiſche Neigung ausarten zu ſehen, ſelbſt dann nicht, als ſie wußte, daß Roland's Herz wirklich für ſie eine wachſende Lei⸗ denſchaft gefaßt hatte, es beunruhigte ſie, und manches Zei⸗ chen dieſer Unruhe hatte ihr Neckereien zugezogen, aber gewin⸗ nen konnte es ſie nicht. Der Gram, welchen ſie ihrem Bru⸗ der vertraute, war der um ihr verlornes Heiligthum der kind⸗ lichen Ehrfurcht, ſie hatte endlich den Muth gefunden, zu Rudolf davon zu ſprechen, ſie erzählte ihm Alles, was ſie an troſtloſen Erfahrungen in früherer und jüngſter Zeit gelitten hatte verheimlichte ihm nicht, was in Bezug auf das Mädchen, deſſen er ſich angenommen, die Meinung im Nachbardorfe, ihn betreffend war, und gab ihm endlich auch eine Andeutung, wie das Verſchwinden des Mädchens vielleicht eine noch ſchreck⸗ lichere Bedeutung für ſie Beide, die Geſchwiſter Arnefeld, haben könne, doch hatte ſie dieſe Stelle nachträglich mit einer Randbemerkung verſehen, in welcher ſie ſich Vorwürfe über ihren Argwohn machte. Die letzte Thatſache, ihres Vaters beabſichtigte Scheidung, hatte ſie ziemlich ſchroff und ohne vermittelnde Worte hingeſtellt.— Rudolf war durch dieſen Brief zu dem ſchnellen Entſchluſſe gekommen, ſeinen Vater, den er in Berlin wußte, aufzuſuchen, er betrachtete ſich jetzt als den natürlichen Beiſtand ſeiner tiefgekränkten Mutter und wollte auf die Gefahr einer neuen böſen Scene mit ſeinem Vater ein ritterliches Wort ſprechen. So weit war es nun ſchon gekommen. Vorerſt hatte er ihn noch nicht aufgeſucht. Er wollte ſich, ehe er einen Schritt unternahm, orientiren: der junge Huſar S — ——— —————— — —— 3 6 1 —— Salvator. 297 war auf einmal diplomatiſch geworden, es lag vielleicht in der Luft. Nach einem Diner mit guten Kameraden bei Tietz, nach genoſſenem Kaffee bei Kranzler hatte er ſich eben ein Stündchen in ſeiner Wohnung geruht, als an ſeine Thüre ge⸗ klopft wurde und ein blaugekleideter Mann eintrat, in welchem er zu ſeinem Befremden einen Conſtabler erkannte. „Habe ich die Ehre, Herrn von Arnefeld zu ſehen?“ ftagte dieſer mit einem gewiſſen Anſtande. „Der bin ich. Was wünſchen Sie?“ „Nähere Auskunft wollte ich mir erbitten über einen Frem⸗ den, auf welchen Sie mich heut früh auf dem Bahnhofe zu vigiliren aufforderten. Er hat ſich legitimirt, auch habe ich ſonſt nichts Verdächtiges wahrgenommen, und wollte, ehe ich weitere Anzeige mache, um die Gründe Ihrer Denunciation bitten.“ „Ach, der langhaarige Menſch! Ja, lieber Mann, es iſt ein Demokrat, weiter weiß ich auch nichts. Ich hielt ihn für einen politiſchen Agenten nach ſeinem ganzen Benehmen, das gegen mich, wie ich Sie verſichern kann, höchſt auffallend war. So glaubte ich Ihnen einen Dienſt zu erweiſen, wenn ich Sie aufmerkſam machte. Hat er ſich legitimirt, ſo können Sie ihn doch wenigſtens im Auge behalten Wie nennt erſſich denn?“ „Candidat Schrader, Adjunct der Pfarre zu Sielitz.“ „Sielitz?“ rief der Huſar auffahrend.„Deriſt es? Sie wiſſen, wo er wohnt?“ 2 Der Schutzmann nannte Straße und Hausnummer, wo er ihn hatte einkehren ſehen. „Ich danke Ihnen. Das Weitere werde ich ſelbſt beſor⸗ 298 Salvator. gen. Es kann ſein, daß ich mich mit der politiſchen Agentur jetzt irre, obſchon wir genug demokratiſche Paſtoren haben. Dieſer jedoch ſoll ſehr fromm predigen. Wie heißen Sie?— Ich danke Ihnen, Herr Neumann, nehmen Sie hier eine Kleinigkeit für Ihre Mühe.“ Er reichte ihm ein Viergroſchen⸗ ſtück, was der Schutzmann jedoch zurücktretend, etwas beleidigt, ablehnte. Gleich nach ſeiner Entfernung warf ſich der junge Officier in eine Droſchke und fuhr nach jener abgelegenen Stadtgegend. „Warten!“ befahl er dem Kutſcher, als er aus dem Wagen ſprang. Er trat in das Haus, und ohne Weiteres in die Stube des Erdgeſchoſſes, die er ſich hatte bezeichnen laſſen. Ein übler Dunſt von Betten und alten Kleidern, eine häßliche Gruppe von Menſchen, groß und klein, viel bettelhaftes Ge⸗ rümpel fiel ihm beim Eintritt auf, ſeine Erſcheinung erregte einen Aufruhr, die Kinder ſchrieen, ein kleiner ſchmutziger Hund bellte ihn an, nur ein altes Weib ſtand auf, ihn nach ſeinem Begehr zu fragen. „Wohnt hier—“ begann er, aber mit einem lauten Aus⸗ ruf des Staunens unterbrach er ſich, als er das vor Schreck erblaßte Geſicht eines jungen Mädchens erblickte, das ſich vor ihm verbarg. „Mädchen!“ rief er. Dich find' ich hier?“ „Na und wenn ſie hier iſt, was geht Sie's an?“ verſetzte das alte Weib.„Wer ſind Sie denn— was wollen Sie hier bei ehrlichen Leuten? Viſitation halten— o Sie ſind kein Poliziſt nicht, das wiſſen wir auch. Wenn Sie weiter nichts wollen, als nach das arme Kind fragen, nanu iſt es gut, da — Salvator. 299 iſt ſie und abgemacht. Befindtt ſich wohl und läßt grüßen.“ Sie lachte und fand einen Chor in der Stube. „Anna, komm' her!“ ſagte Arnefeld, auf ſeinen Säbel ge⸗ ſtützt, indem er einen Blick tiefſter Verachtung auf das Weib und ihre Genoſſen warf.„Ich hoffe, Du kennſt mich und er⸗ innerſt Dich auch—— Mir trauſt Du nichts Schlechtes zu. Ich weiß Alles— und wundere mich nur, daß man Dich in eine ſolche Umgebung gebracht hat!— Schweigt!“ herrſchte er das alte Weib an, das wieder dazwiſchen keifen wollte. Mit Euch wird die Polizei reden, nach welcher Ihr ja ver⸗ langt.— Ich frage Dich, Anne, ob Du freiwillig in dieſer Schande verbleiben willſt, oder ob ich Deinen Frieden mit Deinen Anverwandten machen ſoll?“ Anne, denn ſie war es wirklich, Anne Roland zitterte hef⸗ tig, aber ſie antwortete: Frieden hab' ich und von Schande werd' ich frei ſein über ein Kleines!“ Ein fremder Geiſt ſchien aus dieſer für ein Bauermädchen ſeltſamen Antwort zu ſpre⸗ chen, und Rudolf, ſo jung er war, fühlte das, aber ſeine vor⸗ gefaßte Meinung hatte eine von der Wahrheit des Zuſammen⸗ hanges ſehr abweichende Richtung genommen und der Ge⸗ danke, welcher ſich deutlich in den letzten Worten für ihn zu enthüllen ſchien, empörte ſein Gefühl.„Glaubſt Du das ſo gewiß?“ rief er. Nun ſo verlaß Dich nur auf denjenigen, welcher Dir ſolches geſagt hat Wir ſind dann fertig mit ein⸗ ander und ich bereue, daß ich mich Deinetwegen damals in⸗ commodirt habe, es wahr ſehr unnütz.“ Anne verſtand ihn nicht, es ängſtigte ſie der Wunſch, ihm noch etwas zu ſagen, aber ſie fürchtete ſich, und Rudolf verließ, ohne auf die höhniſche Rede des alten Weibes oder das ihm 300 Salvator. nachwüthende Gebell des kleinen ſchmutzigen Hundes zu achten, das Haus. Erſt an der Thüre fiel ihm ein, nach dem Manne zu fragen, um welchen er hergekommen war, der Alte aber, an den er die Frage richtete, ſchüttelte den Kopf: „Schrader? Kenn' ich gar nicht. Hier wohnt Keiner und iſt auch nicht in Schlafſtelle abgeſtiegen. Ich bin der Wirth.“ Aufgeregt bis zur Veränderung ſeines ſonſt leichten Blutes, das nun in ſchweren Hammerſchlägen pulſirte, kam Rudolf zu⸗ rück in ſein Hotel, fragte nur, ob ſich Jemand nach ihm erkun⸗ digt habe, und ging dann, alle Diplomatie vergeſſend, zu einem brüsken Angriff über. Der Vater, deſſen Wohnung er kannte, war aber nicht zu Hauſe: ein Glück für Beide in dieſem Mo⸗ ment. Vielleicht konnte er ihn finden, wo ſeine reiche Erbſchaft lag— Rudolf begab ſich nach der Wohnung ſeines verſtorbe⸗ nen Großvaters. Der Diener öffnete ihm die Thüre, wußte aber keinen rechten Beſcheid zu geben, ſondern bat ihn, einen Au⸗ genblick zu verziehen, und rief Frau Schramm herbei. Wenig fehlte, ſo wäre die Alte, deren Seelenkraft ſehr gelitten zu ha⸗ ben ſchien, dem ſchönen Sohne ihres Milchkindes, trotz dem ſie ſich gemißhandelt wußte, um den Hals gefallen. „Sind Sie's? Sind Sie's?“ rief ſie ſchluchzend.„O kom⸗ men Sie herein— ich kann Ihnen freilich nur mein kleines Stübchen anbieten, aber morgen wird entſiegelt, morgen ge⸗ hört Alles Ihrem Papa— ach! und der weiß ja nicht—— der behandelt mich für all' meine Liebe——“ „Schlecht— nicht wahr? Ich glaube es gern. Sie ſind Frau Schramm, nicht wahr? Wir haben uns lange nicht ge⸗ ſehen, es wundert mich, daß Sie mich wieder gekannt haben. Salvator. 301 Jetzt kann ich aber nicht bleiben— ich ſuche meinen Vater, ich habe dringend mit ihm zu reden.“ „Suchen Sie ihn! Aber wiſſen Sie ihn auch zu finden? Nicht! Ja, ſo möchte ich Sie eigentlich hinbringen, daß ich dabei wäre— gehen Sie nicht fort— ſein Sie nicht unge⸗ duldig. Sie wiſſen ja gar nichts, ich wollte auch erſt meinen Augen nicht tranen, wie ich Sie zum erſten Male auf der Straße zuſammen fahren ſah, und glaubte, ich wäre verrückt geworden — mein alter Kopf iſt jetzt manchmal ſo ſchwach! Aber nun habe ich ſie öfter geſehen, und Ihr liebes Fräulein Laura war's nicht, die meinem alten armen Herrn ſo eingeheizt, daß ihn darüber der Schlag gerührt hat, ſondern ich weiß es nun beſſer, wer es geweſen iſt! Und mir fehlt's nicht an Courage, ich bin bei ihr geweſen. Wollen Sie, ſo gehe ich gleich mit.“ „Frau Schramm,“ erwiederte er mit dem Gefühl voller Bitterkeit, das ihn mehr und mehr durchdrang,„Sie wiſſen alſo—“ „Ich?“ rief ſie.„Wer ſoll's beſſer wiſſen als ich, der die ganze alte Geſchichte noch iſt, als wär' ſie heut paſſirt. Ja, ſie iſt wieder hier, ohne ihren Mann, ſie mag ihn vielleicht in dem wilden Lande, wo Niemand etwas erfährt, umgebracht haben, wie ſie auch noch meinen alten Herrn umgebracht hat, und nun hat ſie Ihren Papa wieder an ſich gelockt, und wenn nicht ein Ende gemacht wird, ſo giebt's noch ein größeres Unglück.“ Von dieſer ganzen Rede, welche noch im Corridor geführt wurde, verſtand Rudolf kein Wort, ſie erſchien ihm als Irrſinn. Aber er ließ es ſich gefallen, daß ſie ihn nochmals in ihr Zim⸗ mer nöthigte, und hier erfuhr er denn Dinge, deren Zuſam⸗ menhang er freilich erſt mühſam conſtruiren mußte, von denen 302 Salvator. er aber bisher keine Ahnung gehabt hatte. Was er dagegen der alten Frau mitzutheilen hatte, ließ dieſe plötzlich verſtum⸗ men, ſie ſtarrte ihn an, als habe ſie ihn gar nicht begriffen. Wie? Die verlaufene Dirne, welcher ſie auf die Nachrichten, die ſie von Sielitz erhalten, ſchon geflucht hatte, ſie ſollte hier ſein und auch ein Opfer des ſelbſtſüchtigen Mannes, um den ſie mehr litt, als er je erfahren ſollte? Rudolf wußte, daß Anne die Enkelin der Schramm war, dennoch erſchien ihm der Eindruck, welchen ſeine Entdeckung auf ſie machte, ein fürchter⸗ licher zu ſein: vor ihren Mienen graute ihm. Sie faßte ſich aber bald.„Da muß ich doch ſelber zuſehen!“ ſagte ſie mit eigenthümlich ſchrillem Tone.„Ich kann Sie jetzt nicht hinbringen, wo Sie Ihren Papa finden. Heut laſſen Sie's überhaupt. Beſchlafen Sie ſich's, was Sie thun wollen — fort läuft Ihnen ja Niemand, wie uns die gottloſe Dirne! Ich wollte, der Karl hätte ſie todtgeſchoſſen—“ „Aber Frau Schramm!“ ſagte Rudolf aufſtehend. „Leben Sie wohl, ſchlafen Sie geſund. Es iſt ſpät und da draußen brennen die Laternen knapp, aber ich muß doch heute noch hin— denn wenn nun der Fritze Schrader auch noch dazu kommt— mir wirbelt's ordentlich im Kopfe. Ver⸗ zeihen Sie nur, mein junger gnädiger Herr—“ Der junge Officier entzog ſich ihrem Handkuß, und als er fort war, ſtürzte die Alte troſtlos auf ihr Angeſicht. So blieb ſie liegen, bis Schepke, durch ihr Stöhnen entſetzt, furchtſam die Thüre öffnete und ſie in einem Anfalle von Krämpfen fand. Er rief Hausgenoſſen herbei, man brachte ſie zu Bett, ſie er⸗ holte ſich zwar, aber ſie war ſo ſchwach, daß an den Gang, welchen ſie beabſichtigte, für heut nicht mehr zu denken war. Salvator. 303 Die zehrende Unruhe, in welche ſie deshalb gerieth, diente über Nacht dazu, ihren Zuſtand noch zu verſchlimmern. Rudolf Arnefeld kam, von Allem, was er gehört hatte, in Zorn und Zweifeln ringend, nach ſeiner Wohnung. Brennende Luſt trieb ihn, noch heut zu irgend einem Reſultate zu kom⸗ men, aber er war jetzt nicht einig mit ſich ſelbſt, was er thun ſollte. Wild und fröhlich, wie er bisher durch das Leben ge⸗ ſchwärmt, war er nie lange unſchlüſſig geweſen, wenn es irgend einen Entſchluß galt— die gute Reitermaxime: raſch zur That, lieber einen Fehler, als ſchwaches Zaudern, hatte ihn auch außer dem Dienſte geleitet. Nun war aber der Ernſt einer drohenden Situation unvorbereitet über ihn gekommen, eine große Verantwortung hatte ſich auf ſeine Schultern gelegt— und er fühlte inſtinctmäßig, daß es hier Beſonnenheit galt. So blieb er zu Hauſe für dieſen Abend und ſchloß ſich ein, um ungeſtört mit ſich Rath zu pflegen, eine ſehr neue Lage für den ungeſtümen Charakter, der jedoch ſchon in ſeiner Entwickelung eine Stufe weiter gekommen war. Unterdeſſen war das Loos aber ſchon geworfen. Als Ba⸗ ron Arnefeld, welcher den Tag über viel Geſchäfte beſorgt hatte, mit Ungeduld dahin eilte, wo für ihn jetzt allein noch Leben war und er den Quell ewiger Jugend zu trinken wähnte, fand er im Hausflur einen finſterblickenden Mann, der eben die Treppe herabgeſtiegen war und bei Arnefeld's Anblic ſtill ſtand. Dieſer erkannte zu ſeinem großen Mißbehagen den Oberſten von Haug. Beide grüßten ſich ernſthaft. „Meine Anweſenheit hier wird Ihnen nicht unbegreiflich ſein?“ fragte Haug. 304 Salvator. „Ich kann mir wenigſtens denken, welchen Anlaß Ihr Be⸗ ſuch hatte,“ erwiederte Arnefeld. „Die Dame oben war die Frau meines Sohnes!“ ſagte der Oberſt. „Ich weiß es,“ antwortete Arnefeld, ſich kalt und höflich verbeugend. „Ihre Anweſenheit dagegen, Herr Baron, ſcheint eher einer Erklärung zu bedürfen—“ „Nur da, wo Jemand ein Recht hat, Erklärung zu fordern!“ „Welche Abſichten können Sie haben, Herr Baron, in Ih⸗ ren Verhältniſſen—“ „Herr von Haug!“ unterbrach ihn Arnefeld Bot „Sie ſind verheirathet, He von Arnefeld— „Und wenn ich es noch bin, ſo dulde ich dennoch von Rie⸗ mand ein Kümmern um meine Angelegenheiten.“ „Wenn Sie es noch ſind? Sie denken auch an Schei⸗ dung?“ „Ich weiß ſehr wohl, daß eine gewiſſe Partei die Schei⸗ dung erſchwert zum Unglück der Welt, aber es ſei meine Sorge, was ich thun werde!“ „Hier iſt der Ort nicht, das Glück oder Unglück der Schei⸗ dungen zu beſprechen, jedenfalls beweiſen Sie etwas Anderes, gls Sie wollen, denn wenn Sie nicht geſchieden werden, ſo danken Sie in kurzer Friſt, wenn Sie zur Erkenntniß gekom⸗ men ſind, Gott dafür! Und Vielen, Vielen iſt es ſchon eben ſo gegangen, welche das Geſetz ſegnen, das ſie vor langer Reue bewahrt hat!“ „Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen,“ ſagte Ar⸗ nefeld kalt und wandte ſich nach der Treppe. Der Oberſt Salvator. 305 verließ unwillig das Haus, er nahm aber wenigſtens für ſich den Troſt mit, daß nicht der Tod das Band gelöſt habe, wel⸗ ches die Frau, die er eben geſprochen, mit ſeinem Sohne ver⸗ bunden hatte. Er ging, um ſeinen jungen Freund außzuſuchen und auch ihm den Troſt zu bringen, daß ihm durch Adelheid's Verluſt ſchmerzliche Enttäuſchungen erſpart ſeien. Verloren war ſie ihm. Artefeld fand die beiden Frauen in einer Stimmung, daß ſein Erſcheinen ihnen das freudigſte Glück war. Frau von Mörner ging haſtig und nervös aufgeregt im Zimmer hin und wieder, fing dies und jenes Geſchäft an und ließ es wieder liegen, gab aber dabei ihrem Verdruſſe über die demüthige Rolle, welche ſie Beide eben geſpielt hatten, die heftigſten Worte. Adelheid lag auf dem Sopha, hatte die Stirn mit der einen Hand bedeckt, während die andere unbewußt die verbli⸗ chenen Quaſten der Seitenrollen zerzupfte, ſie ſprach keine Silbe, ſie blickte nicht auf, aber ihr Buſen ſtürmte und von Zeit zu Zeit zuckte es wie ein Krampf durch ihre Glieder. Hatte das ehrliche und einfache Wort des Vaters— ſie hatte ihn einſt und wie aufrichtig! ſo genannt— den Nerv ihres Da⸗ ſeins getroffen? O nur ein Paar Stunden noch der heilſa⸗ men Einſamkeit! Doch es ſollte nicht ſein: Arnefeld klopfte an die Thüre, und wie ſeine hohe, ſchöne Geſtalt auf der Schwelle erſchien, ſprang Adelheid auf und eilte in ſeine aus⸗ gebreiteten Arme, als ſuche ſie dort ein Aſyl. Er drückte ſie ſtürmiſch an ſein Herz, ihre dunkeln Locken ſtrich er zurück und küßte ihre Stirn: die Mutter blickte mit Entzücken auf das Paar, das in jeder Beziehung für einander geſchaffen ſchien. ⁰ Salvator. I. 20 Salvator. „Ich weiß Alles,“ ſagte Arnefeld dlich,„ich bin ihm be⸗ gegnet. Laß Dein Herz nicht beünruhigen, meine angebetete Lida. Unwiderruflich gehört Dir meine Liebe, wie ſie Dir ge⸗ hört hat ſeit dem erſten Tage, da wir uns kennen lernten. Bald wird ein Verhältniß gelöſt ſein, das ich jetzt nur wie ei⸗ nen böſen Traum meines Lebens betrachte, dann wirſt Du die Meine. Der Frau, welcher ich in einer Zeit, wo ich noch kein ſelbſtſtändiges Handeln kannte, verkauft wurde, bleibt genug, um in gewohnter Weiſe fortleben zu können, und auch— auch ihren Kindern. Mir aber fällt morgen das unermeßliche Ver⸗ mögen meines Vaters zu, und das leg' ich Dir zu Füßen, Du Krone meines Lebens! Dir will ich ein Leben bereiten, daß alle Wundermärchen des Orients davor erbleichen ſollen!“ „Adolar! Ich fordere nur Eins: treue, unvergängliche Liebe!“ ſagte Adelheid, und es war nicht das falſche Spiel der Koketterie, das jetzt in ihren Augen dieſe tiefe, innige Gluth weckte, ſondern die wahre Empfindung des Moments, in wel⸗ cher ſie ſich allein vor den Stimmen zu retten wußte, welche durch die Worte des Mannes, der vor Kurzem von ihr gegan⸗ gen, in ihrer Bruſt geweckt worden waren. Die Mutter ſah jetzt alle Wünſche, mit denen ſie ihre kummervollen Tage noch quälender gemacht, in Erfüllung gehen, und der morgende Tag brachte die Sonne herauf. Auf Morgen! Wie die ſchauerliche Sage des Alterthums — zwiſchen Lipp' und Bechersrand“— doch ſtets von Neuem in das Leben hineindroht! Arnefeld kam ſpät nach Hauſe, in üppiger Vergeſſenheit. Eine Karte lag auf ſeinem Tiſche; ſein Sohn war hier geweſen. Vor dem plötzlichen Auftuhr, in wel⸗ chen ſein Inneres durch dieſe Gewißheit gerieth, überhörte er Salvator. 307 die mündliche Meldung von einem zweiten Beſuche, der ihm zugedacht geweſen war: des Adjunct Schrader. Lange noch blieb er auf und ſtrebte, in dem feſten Entſchluſſe, den er ge⸗ faßt hatte, alle Widerſprüche zu beſchwichtigen. Ihm winkte das reichſte Glück in dem Beſitze der Frau, welche ſeine einzige wahre Liebe geweſen— was gab er dagegen auf? Ein unge⸗ liebtes Weib, das ſich im zunehmenden Alter immer läſtiger mit ſchreckhaft wachſender Zärtlichkeit an ihn klammerte, und — freilich auch ſeine Kinder! Aber Laura ſtand längſt, wie ein kalter, fremder Geiſt, fern von ihm und den Sohn hatte er ſelbſt von ſich abgewandt, gleichviel wie! So wollte er denn nicht weiter rückwärts ſchauen, ſondern in die Zukunft, die ihm alle unerfüllten und oft auch unverſtandenen Wünſche ſeines Lebens befriedigen ſollte! Der Morgen kam. Es hatte ſich doch ein Teſtament des verſtorbenen Landſtallmeiſters von Arnefeld vorgefunden, ein vollgültiges, an gerichtlicher Stelle niedergelegtes Document, welches als Duplicat bezeichnet war. Das eigentliche Origi⸗ nal, welches ſonach vorhanden ſein mußte, hatte nicht aufge⸗ funden werden können, vielleicht lag es noch in irgend einem geheimen Fache, vielleicht— äußerte heimlich ein Gerichtsrath zu ſeinem Collegen— war es beſeitigt worden. Wie dem auch ſein mochte, ein Teſtament war vorhanden und ſeine Eröffnung ſetzte ſogar das an Wunderlichkeiten gewöhnte Kammergericht in Erſtaunen. Das ganze Vermögen des Erblaſſers war ſei⸗ nem Sohne entzogen, ſelbſt der Pflichttheil. Für den Fall, daß der Sohn das Teſtament anfechten wolle, war ein verſiegeltes Document, das den geſetzlich gültigen Grund der Enterbung enthielt, angefügt und in den Willen des Sohnes geſtellt, ob 20* 308 Salvator. es eröffnet werden ſollte. Viele Legate, zum Theil an ſeine letz⸗ ten und ſeine frühern Dienſtboten, zum Theil an Perſonen nie⸗ dern Standes, ohne Angabe der Gründe, warum ſie bedacht worden, ſtanden verzeichnet. Das Geſammtvermögen aber war unter der Bezeichnung:„Salvator zur Ausrottung ſoeialen Elends“ in die unbeſchränkte Dispoſition des Pfarradjunet Friedrich Schrader zu Sielitz geſtellt worden und dieſe Haupt⸗ beſtimmung durch geſetzliche Form und Faſſung dergeſtalt ge⸗ harniſcht, daß keinerlei Einmiſchung ſelbſt der beaufſichtigen⸗ den Behörden möglich war, denn Herr Schrader war zum Uni⸗ verſalerben ernannt und hatte über die Verwendung ſeines Eigenthums, wie es ausdrücklich worden, Niemand Rechenſchaft abzulegen. Druck von Breitkopf und Härtel in Leipzig.