Leihbiblivthekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5( Eduard Ottmann in Gießen,„. Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 5 20 — 4 cLeiß- und Seſebedingungen.. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſi r Em⸗ ſ. G pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag vbn orgens 0 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ ) 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von. jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe pinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 2 wird. 8o b Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und. eträgt: ſfür wöchentlich. 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2 3——————————— auf 1 Monat: 1 Wi.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— f. *. 3„ 3„„ F„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin- und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.„ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der“ Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen I der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — D ——— Rönig Murat's Ende. Hiſtoriſcher Roman von — Vernd von Guſec. Dritter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1865. Druck von Heinr. Merey in Prag. Erſtes Kapitel. Die Heimkehr. Am Hofe zu Neapel war ein hoher Beſuch ange⸗ kommen, welcher unter den jetzigen Verhältniſſen all— gemeines Aufſehen erregte: die Schweſter der Köni⸗ gin, die Fürſtin Pauline Vorgheſe. Noch mehr, ſie kam von Elba, wo der entthronte Kaiſer mit dem leeren Titel ſeiner ehemaligen Macht und einer kleinen auser⸗ wählten Schaar ſeiner alten Garde den ihm von den Siegern angewieſenen Wohnſitz genommen hatte. Man wußte, daß Pauline Bonaparte ihrem kaiſerlichen Bru⸗ der mit einer ſchwärmeriſchen Liebe bis zum Fanatis⸗ mus ergeben war, und dennoch kam ſie, wie man erfah⸗ ren hatte, unmittelbar von Longone, ſeiner Reſidenz, an den Hof ihres Schwagers, der im Unglück ihn verlaſſen und dadurch weſentlich zu ſeinem Sturze beigetragen hatte. Die innige Freundſchaft, welche einſt zwiſchen ihr und Murat beſtanden, eine Freundſchaft, welche der Kai— ſer mit argwöhniſchen Blicken ungern geſehen hatte, die Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. MI. 1 bo Sehnſucht, ihre Schweſter wiederzuſehen, konnten die⸗ ſen Beſuch allein nicht erklären, aber ſie war vielleicht eine Votin der Verſöhnung. Die hochherzige Seele des Kaiſers hatte ſich über ſein Unglück erhoben und er ver— zieh in ſeiner Großmuth vor allen dem Verwandten und ehemaligen Waffengefährten in den Tagen des Ruhms, jetzt, da ſein Schickſal erfüllt und ſeine Laufbahn auf immer beſchloſſen war. So deuteten Viele den Beſuch der ſchönen Frau, welcher zu Ehren am Hofe neue und glänzende Feſte gegeben wurden. Die Eingeweihten aber, welche den Gang des Con⸗ greſſes zu Wien mit ſcharfen Augen beobachteten, wie es auch Napoleon auf Elba, mit den beſten Nachrichten bedient, vermochte, konnten in der Erſcheinung der Für⸗ ſtin Pauline noch ein anderes Zeichen ſehen. Ein geiſt⸗ reicher und witziger Herr, der Fürſt von Ligne, hatte ge⸗ ſagt, als man ihn nach dem Gange des Congreſſes fragte:„Der Congreß geht nicht, er tanzt!“ Wirklich ſchien die Hochflut der Vergnügungen, welche die Ver⸗ einigung der gekrönten Häupter, der vornehmſten, inter⸗ eſſanteſten und ſchönſten Perſönlichkeiten von ganz Europa in der Kaiſerſtadt an der Donau täglich höher anſchwel— len ließ, den ernſten Gang der Geſchäfte, die Entſcheidung über das Schickſal von Millionen ganz zu überdecken. Aber wie dem auch ſein mochte, für Murat von Neapel — — ———— — — —— hatte der Gang des Congreſſes nach dem kurzen Son⸗ nenblicke, der ihn geblendet, eine bedenkliche Wendung genommen und der Tanz konnte für ihn leicht ein Waf⸗ fentanz werden. Die Berichte, welche er von Wien er⸗ hielt, lauteten immer bedrohlicher, und er konnte ſich auf dieſelben verlaſſen, denn er hatte die Männer ſeines Ver⸗ trauens dorthin geſchickt und ſandte auch ſpäter von Zeit zu Zeit einzelne Generale oder andere Räthe ab, von deren Einſicht und Geſchicklichkeit er weſentliche Dienſte erwartete. Der günſtige Moment, wo man ſich bei dem Zer⸗ würfniß um Polen von beiden Seiten durch ein Bünd⸗ niß mit dem Könige von Neapel zu ſtärken ſuchte, war vorüber. Die Anſchuldigungen, daß er im italieniſchen Feldzuge nicht ehrlich gehandelt habe, kamen wieder zum Vorſchein; neuer Verdacht, daß er mit Anſchlägen zur Vergrößerung ſeiner Macht, vielleicht durch einen unvor⸗ hergeſehenen Schlag, umgehe, wurde gegen ihn erregt, und freilich gaben die Rüſtungen dazu Anlaß, welche Murat ununterbrochen betrieb, weil er wohl ſah, daß er ſich nicht mehr auf den guten Willen ſeiner Alliirten, ſondern einzig und allein auf ſeine Macht, wenn dieſe impoſant genug war, verlaſſen durfte Als ſeinen Haupt⸗ feind ſah er Talleyrand an, welchen er ſogar beſchuldigte, vom Könige Ferdinand das Verſprechen einer Million 1* Franken für den Thron von Neapel angenommen zu haben. Frankreich rüſtete bereits, und es konnte in keiner andern Abſicht geſchehen, als den legitimen König beider Si⸗ cilien gegen den Emporkömmling zu unterſtützen, welchen all die übrigen wieder eingeſetzten Fürſten Italiens nur mit Argwohn und ſteigendem Widerwillen in ihrer Reihe duldeten. Er war ein zu gefährlicher Nachbar, weil er mächtig, ehrgeizig, kriegsluſtig und ein Sohn der Revo⸗ lution war, die er wieder zu ſeinen Zwecken heraufbe⸗ ſchwören konnte. Fürſt Metternich hatte ſchon ein Ab⸗ kommen angedeutet, welches mit ihm zu treffen wäre; es war mehr als früher die Rede davon, daß er die Marken, welche ihm zugeſichert waren, wieder an den Papſt abtreten ſolle, und ſeine Geſandten wurden nicht gut aufgenommen, während die des Königs Ferdinand bei allen Sitzungen freien Zutritt hatten. Der König war in heftiger Aufregung, als er aus dem Munde eines ſeiner zuverläſſigſten Diener, welchen er zu dieſem Zwecke von Wien zurückberufen, den ein⸗ gehenden Bericht über Alles vernahm, was derſelbe zu Wien wahrgenommen hatte. Er ging mit ſtarken Schrit⸗ ten im Saale umher und rief:„Sie ſollen ſich täuſchen, wenn ſie glauben, mit mir wie mit einem läſtigen Bettler umſpringen zu dürfen. Ich bitte nicht, ich fordere! Sie fürchten ſich vor mir, darum möchten ſie mich zu einem 5 Fürſtlein dritten oder letzten Ranges, womöglich zu dem des Fürſten von Monaco, herabdrücken; auf eine reiche Penſion käme es ihnen dann nicht an. Sie fürchten ſich, Camillo, das iſt Alles! Sie haben ihren Völkern die Wohlthaten wieder genommen, welche ihnen der Kaiſer mit vollen Händen geſpendet hatte; mein Volk iſt noch im Vollgenuſſe aller deren, die es mir verdankt; ſie fürchten, ich könne das Banner von Italien entfalten, wie Sie mir einſt geſagt, mein treuer Freund, und ganz Italien werde mir zufallen. Vielleicht wäre jetzt der Zeit⸗ punkt dazu!“ Er hielt inne, als erwarte er eine Zuſtim⸗ mung. Camillo Angri aber ſchwieg und hatte die Augen auf den Boden geheftet. Auch der König ſchwieg eine Weile, dann fuhr er ruhiger fort:„Sie ſollen mich wenigſtens auf meiner Hut finden. Die Preſidien von Toscana, ſeit drei Jahr⸗ hunderten im Beſitz meiner Vorgänger, ſind mir ſchon durch Lecchi's und Rospiglioſi's unbegreifliche Vergeſſen⸗ heit, wenn ich es nicht Verrath nennen ſoll, verloren ge⸗ gangen; wenn ſie die Wichtigkeit derſelben für uns erkannt und auf ihre Erhaltung für mich beſtanden hätten, damals würde kein dauernder Widerſpruch erho⸗ ben worden ſein. Nun iſt es zu ſpät. Aber die Marken wenigſtens laſſe ich mir nicht nehmen. Ich werde meine Truppen dort verſtärken und die Feſtungswerke von An⸗ cona in einen Vertheidigungszuſtand ſetzen, daß ſie ſich wohl beſinnen werden,dieſelben anzugreifen. Doch das ſind militäriſche Angelegenheiten, denen Sie niemals In⸗ tereſſe geſchenkt haben, Angri. Ich weiß, es iſt Ihre Schuld nicht, daß die Natur Sie für eine andere Lauf⸗ bahn beſtimmt hat, als die der Waffen! Ich bedarf treuer Diener in jedem Zweige meiner Staatsregierung. Daß ich Sie jetzt aus Wien zurückberufen habe, geſchah aber noch aus andern Gründen, aus Rückſichten für Sie ſelbſt. Dort, fürchte ich, wird man bald nur dann mein Recht achten, wenn ich es mit hunderttauſend Bajonetten gel- tend machen kann. Hier aber haben ſich in Ihrer Fa⸗ milie wunderliche Dinge zugetragen, welche Ihnen die Rückkehr gewiß wünſchenswerth erſcheinen ließen.“ „Ich danke Ew. Majeſtät für dieſen neuen Beweis Ihrer Gnade“, erwiderte Camillo, ſich tief verneigend, „aber geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ändern, und es iſt am beſten, ſie der Vergeſſenheit zu übergeben.“ „Haben Sie Nachforſchungen angeſtellt? Ihren Schwager geſprochen?“ fragte der König. „Ich habe es für meine Pflicht gehalten, bei mei⸗ ner Ankunft in Neapel nicht Privatangelegenheiten den Vorrang zu geben, ſondern mich zuerſt bei Ew. Ma⸗ jeſtät zu melden“. „Sie ſind der Mann der ſtrengen Grundſätze!“ rief W — Murat.„Auch ich halte die Conſequenz im Handeln für die beſte Richtſchnur, aber es gibt doch Lagen, wo man ſich davon losſagen und andere Wege einſchlagen muß. Ich erkenne Ihren Eifer für meinen Dienſt an, gebe Ihnen aber nun vollkommene Freiheit, ſich Ihren eige⸗ nen Intereſſen zu widmen, denn es ſind doch immer auch die Ihrigen, wenn es ſich um die Perſon Ihrer Schweſter handelt. Ich weiß, Sie find mit ihr geſpannt gewe⸗ ſen, wie Sie auch mit Ihrem Vater nicht im beſten Verhältniß ſtehen. Das Letztere kann ich begreifen. Ihr Vater iſt ein Anhänger der Bourbons. Ich ehre ſein loyales Verfahren, dieſe Anhänglichkeit nicht zu leugnen und doch ſich jeder feindſeligen Demonſtration oder Hand⸗ lung gegen meine Regierung zu enthalten; darum hat er meine Achtung; in meinen Staaten wird Niemand um ſeiner politiſchen Grundſätze willen verfolgt, wohl ver⸗ ſtanden, Angri, wenn dieſe nicht zu offenem Aufruhr oder heimlichen Verſchwörungen führen. Sie haben ſich aus Ueberzeugung dem Wohl des Vaterlandes in meinem Dienſt geweiht, darum mag ſich Ihr Vater Ihnen entfremdet haben. Warum aber dies geſpannte Ver⸗ hältniß mit Ihrer Schweſter? Halten Sie nicht länger zurück, weichen Sie mir nicht aus! Wenn Ihr fürſtlicher Stolz ſich gegen die Verbindung mit einem deutſchen Offizier von einfachem Adel ſträubte, nun, ſo habe ich 8 dieſen zu höherem Range erhoben, ihm eine Dotation verliehen, und ich ſollte meinen, daß Sie nicht ſo ſtreng alten Vorurtheilen anhängen könnten, nach Allem, was ich von Ihnen ſchon über dieſes Thema gehört habe.“ „Sie beſchämen mich, Sire, durch das Intereſſe, welches Sie an den Verhältniſſen meiner Familie nehmen.“ „Nicht ich allein, auch die Königin, welche in letzter Zeit Ihrer Schweſter einen beſondern Antheil zugewendet hat“, verſetzte der König.„Alſo ſtehen Sie mir endlich Rede!“ Wenn Murat den tiefern Grund, welcher ihn zu dieſer kaum mehr abzuwehrenden Frage trieb, zu ver⸗ ſtecken wußte, in Camillo fand er ſeinen Meiſter.„Ich würde in Verlegenheit ſein, Ew. Majeſtät zu ſagen, wie ſich das Verhältniß zwiſchen meiner Schweſter und mir, das Ihrer Aufmerkſamkeit nicht entgangen iſt, all⸗ mälig geſtaltet hat, denn ſoweit ich denken kann, bis in die Kindheit zurück iſt es nicht anders geweſen. Der Unterſchied der Jahre mag von Anfang an dazu beige⸗ tragen haben, auch die Verſchiedenheit unſeres Tempe⸗ raments; ich bin immer ernſt geweſen, da die Natur, wie Ew. Majeſtät ſagten, mir Feſſeln angelegt hat, Virginia war ein heiteres, ausgelaſſenes Kind, und iſt es geblieben.“ — e — „Sie haben ſie wohl lange nicht geſehen!“ rief der König.„Aber das erklärt nichts. Orkum ſagt mir, daß Sie ſein Haus niemals betreten haben! Das iſt unnatürlich, Angri.“ „Nur meine Schweſter würde davon Rechenſchaft geben können“, erwiderte Camillo.„Nicht ich habe mich von ihr zurückgezogen, ſondern ſie hat mich fern gehalten; ich weiß mir keine Schuld beizumeſſen, Sire.“ „Sie ſcheinen gar nicht zu wiſſen, was ſich zuge⸗ tragen hat!“ rief Murat immer gereizter.„Nach Ihren Worten muß ich glauben, daß die Entfernung Ihrer Schweſter Ihnen ganz unbekannt geblieben iſt!“ „Ich weiß darum, wie ich Ew. Majeſtät ſchon andeutete. Geſchehene Dinge laſſen ſich nicht ändern und es iſt am beſten, ſie der Vergeſſenheit zu über⸗ geben.“ „Sie werden doch Nachforſchungen anſtellen? Orkum iſt zu fremd hier, zu ungeſchickt; er ſteht außer aller Verbindung mit der Familie, kennt die Verhältniſſe nicht; ſeine Schritte ſind natürlich, weil ohne Energie betrieben, ganz erfolglos geweſen. Sie dagegen werden Vermuthungen haben, wohin die Unbeſonnene ſich bege⸗ ben hat, Sie werden ihre Spur finden und verfolgen!“ „Und wozu ſollte das führen, Sire?“ entgegnete Camillo.„Zur Wiedervereinigung mit dem Manne, den 10 ſie verlaſſen hat, oder zur Beſtrafung, zur Einſchließung in klöſterliche Mauern?“ „Sie ſind der Mann eiſerner Strenge, nur nicht da, wo ſie nothwendig iſt!“ entgegnete der König im höchſten Unmuth.„Doch es iſt Ihre Sache, was Sie thun wollen, ich habe mich nicht darum zu kümmern; es war nur mein Antheil an Ihnen, und der Skandal, das Aufſehen, welches der Vorfall erregt hat, die In⸗ dignation der Königin. Handeln Sie ganz nach Ihren Grundſätzen. Ich habe Ihnen nur noch zu ſagen, daß ich Ihren Schützling, für den Sie ſich gewiſſermaßen ver⸗ bürgten, ich meine den Vetter Orkum's, nach einer Re⸗ viſion der Acten des Kriegsgerichts begnadigt habe.“ „Sire!“ rief Camillo freudig überraſcht. „Das heißt zu lebenslänglichem Gefängniß!“ ver⸗ ſetzte der König mit einem ſtrengen Blick.„Sie nehmen einen Antheil an dieſem Hochverräther, der mich wahrhaft frappirt. Es ſcheint Ihre ſchwache Seite zu ſein, ſich für die Revolutionäre zu intereſſiren. Nehmen Sie ſich vor General Manches in Acht, Angri, ihm gilt kein Anſehen der Perſon und ich decke Sie nicht mit meinem Schilde!“ „Mein Schild, Sire, iſt mein Bewußtſein!“ er⸗ widerte Camillo ehrerbietig, aber feſt.„Ich danke Ew. Majeſtät, daß Sie meine Bitte, die ich beim Abgange nach Wien einzureichen mir erlaubte, wenigſtens ſo weit berückſichtigt haben. Nun dem Baron Orkum das Leben erhalten iſt, gedenke ich ihm auch die Beweiſe zu ſchaf⸗ fen, welche ſeine Unſchuld an dem ſchweren Verbrechen, das Sie eben ausgeſprochen haben, in volles Licht ſtellt.“ „Ein Hochverräther iſt er ſeiner Geſinnung nach, die er ungeſcheut vor ſeinen Richtern ausgeſprochen hat!“ rief der König.„Es iſt eine Wohlthat für ihn, daß der Kerker ihn abhält, ſie durch Thaten zu bekräftigen. Mit den Beweiſen ſeiner Unſchuld brauchen Sie ſich nicht wei⸗ ter zu bemühen, da es feſtgeſtellt iſt, daß er nicht das Bil— let in Chiffreſchrift abgeſendet hat, welches der Gerechtig⸗ keit ein ſchuldiges Haupt entziehen wollte. Genug davon! Ich werde Sie rufen laſſen, Prinz Angri, wenn ich wie⸗ der Ihrer Dienſte bedarf.“ Camillo war entlaſſen. In den letzten Aeußerun⸗ gen des Königs glaubte er eine Andeutung zu erkennen, welche ihn beunruhigen konnte, denn er war ſich wohl bewußt, ein gefährliches Spiel zu ſpielen, und gerade weil ihm der König ſein Vertrauen früher ſo unbedingt geſchenkt hatte, mußte dieſer, wenn er ſich darin ge⸗ täuſcht fand, um ſo erbitterter gegen ihn werden. Bei gehöriger Ueberlegung kam er aber doch zu der ſichern Annahme, daß der König keinen wirklichen Argwohn ge⸗ gen ihn hege. Camillo kannte ſeinen Charakter genau; er wußte, daß er zwar in Sachen der Politik oder ſeiner eigenen Handlungen eine gewiſſe Verſchlagenheit beſaß und verſteckt war, doch aber ſonſt zu heftig und aufbrau⸗ ſend, um ſeinen Zorn zu bemeiſtern. Hätte er gegen ihn einen wirklichen Verdacht gefaßt, ſo würde derſelbe bei ſeinem Anblick unfehlbar zu einem Ausbruche ſeines Unwillens über vermeintlichen Undank und Verrath ge⸗ führt haben. Camillo beruhigte ſich alſo und ſchritt auf ſeiner gefährlichen Bahn weiter. In ſtillen Stunden konnte er ſich allerdings ſeines eigenen Gefühls nicht er⸗ wehren, das ihm auch manchen Vörwurf machte, wie ihn der König nur hätte machen können, aber ſtand nicht über allen dieſen Rückſichten hoch erhaben das Ziel, das ihm winkte, und mußte er ihm nicht jedes per⸗ ſönliche Opfer bringen, ſelbſt das ſeiner Redlichkeit? „Das ſind Sophismen!“ rief es bei dieſem Gedanken, durch den er ſich beſchwichtigte, oft in ſeiner Seele.„Der Brigant mit den Waffen in der Hand, ſelbſt der Bravo mit dem Dolch iſt beſſer als der falſche Freund, welcher den blumenbekränzten Giftbecher kredenzt!“ Aber er hatte ſeine Wahl getroffen und konnte nicht mehr zurück; wenn nur das Ziel für Italien gewonnen wurde, mochte man ſeinem Andenken immer mit Ver⸗ achtung fluchen. Er hatte dem Könige der Wahrheit gemäß geſagt, F E daß ſeine Pflicht ihn zuerſt zum Palaſt geführt habe, doch wußte er bereits Alles, was für ihn zu ermitteln geweſen war. Sein Vater war bald, nachdem er den Brief, den ihm Camillo bei ſeiner Abreiſe geſchrieben, durch einen Eilboten empfangen hatte, nach Neapel ge⸗ kommen, hatte aber Virginia nicht mehr gefunden. Er war nicht nach der Caſa dell' Orme zurückgekehrt, ſon— dern hatte ſich nach ſeinen Beſitzungen in der Baſilicata begeben. Dort, wo Virginia einſt eine Zuflucht gefun⸗ den hatte, als es nothwendig war, glaubte er ſie viel⸗ leicht wiederzufinden, auf ſein Vaterherz vertrauend. So hatte er ſeinem Sohne in einem kurzen Briefe nach Wien geſchrieben. Weiter hatte Camillo dort von ihm nichts gehört; zwei Briefe, welche er an ihn gerichtet hatte, waren unbeantwortet geblieben. Auf anderem Wege hatte er aber erfahren, daß der Fürſt Hettore zu allge⸗ meiner Verwunderung ſeinen Wohnſitz in der Villa Angri genommen habe, als ſehe er die Schenkung, welche er einſt ſeiner Tochter mit dieſer herrlichen Beſitzung ge⸗ macht, durch ihre Flucht für widerrufen an. Ob er mit ſeinem Schwiegerſohne darüber irgend ein Abkommen getroffen hatte, wußte Niemand. Graf Orkum war nicht mehr in Neapel. Der König, ſo hieß es öffentlich, habe ihn mit irgend einem militäriſchen Auftrage verſchickt, oder ganz und gar von ſeiner Perſon entfernt und dem 14 General Carrascoſa, Befehlshaber in den Marken, zuge⸗ theilt; Andere glaubten aber, er ſei auf der Verfolgung ſeiner Frau begriffen. Eamillo hoffte, da er jetzt ſeinem Vater ſo nahe war, von ihm Aufkärung über viele Zweifel zu erhalten und ſchrieb ihm, von der Audienz nach Hauſe gekommen, ein Billet, in welchem er ihn um Erlaubniß bat, ihm in der Villa Angri ſeinen Beſuch machen zu dürfen. Dem Vetter Emilio, welchen er beleidigt hatte— und er konnte ſich nicht ableugnen, daß es abſichtlich geſchehen war— hatte er gleich nach ſeiner Ankunft in Neapel ſeine Karte ohne ein erklärendes Wort geſchickt und erwartete nun die Schritte, welche Emilio thun würde. Statt eines Cartelträgers wurde ihm aber, als er eben den Diener mit dem Billet nach der Villa⸗Angri abgefertigt hatte, der Prinz, ſein Vetter, in Perſon ge⸗ meldet, und ein Lächeln bitterer Verachtung umſpielte ſei⸗ nen Mund. Er nahm ihn jedoch an, denn er konnte von ihm wohl mehr hören als ſelbſt von ſeinem Vater. Ohne alle Verlegenheit, mit der freundlichſten Miene von der Welt trat Emilio ein und eilte auf Camillo zu, der ihm entgegenhinkte. „Glücklich heimgekehrt?“ rief er nach einem miß⸗ glückten Verſuche, ihn zu umarmen.„Ich danke Dir, daß Du mich ſogleich durch Deine Karte davon benach⸗ richtigt haſt. Es iſt mir ein angenehmer Beweis, daß 15 Du mich nicht für ſo kleinlich hältſt, Deinen hübſchen Witz bei unſerem letzten Abſchiede übelgenommen zu haben.“ „Wollen wir es aber nicht bei unſerem bisherigen Verhältniß belaſſen, Couſin?“ fragte Camillo ruhig. „Sie beehren mich mit dem brüderlichen Du, deſſen ich durchaus nicht würdig bin.“ Es zuckte über Emilio's Geſicht, aber er wurde gleich wieder freundlich.„Verzeihen Sie, mein lieber ceremonieller Herr Couſin, daß es mir bei dieſem uner⸗ warteten Wiederſehen war, als könnte ich Sie gar nicht anders als Du nennen. Wenn Sie aber kein näheres Verhältniß zwiſchen uns wünſchen, ſo beſcheide ich mich. Meinerſeits habe ich Ihnen wenigſtens den Beweis ge⸗ liefert, daß mich der Gaukler von Reggio nicht getroffen hat. Wäre das der Fall geweſen, ſo würde ich nicht zu Ihnen gekommen ſein, ſondern, wie es unter Männern von Ehre üblich iſt, Genugthuung gefordert haben. Das konnten Sie von meinem Point d'honneur erwarten. Für einen bloßen Scherz oder, wenn Sie wollen, für ein Mißverſtändniß von einem nahen Verwandten Re⸗ chenſchaft fordern zu wollen, wäre wahrhaft lächerlich geweſen. Sie können mich nicht im Ernſt für den Gaukler von Reggio, den ich bildlich gebrauchte, gegen meine eigene Couſine gehalten haben.“ 16 „Wer auch die giftige Schlange ausgeſetzt hat“, erwiderte Camillo,„ſein Zweck iſt nur zu gut erreicht worden.“ „Glauben Sie?“ entgegnete Emilio, und ſein Ton klang faſt wie ein bitterer Zweifel.„Wer kann immer die Abſichten alles Thuns und Laſſens durchſchauen? Wendet der Arzt nicht Meſſer und Höllenſtein zu wohl⸗ thätigen Zwecken an?“ „Setzen Sie ſich“, ſagte Camillo. Der Vetter nahm Platz, holte tief Athem und fragte, ob er bereits von Allem unterrichtet ſei, was ſich während ſeiner Abwe⸗ ſenheit zugetragen habe.„Ich meine natürlich nur, was uns angeht“, ſetzte er hinzu. „Ich habe es gehört, halte aber mein Urtheil vor mir ſelbſt zurück, bis ich den nähern Zuſammenhang kenne“, erwiderte Camillo.„Wer kann, wie Sie mit Recht ſagen, die Abſichten alles Thuns und Laſſens durchſchauen?“ „O, hier iſt es doch nicht ſo ſchwer!“ rief Emilio. „Die Sache war zu ſehr auf die Spitze getrieben, ein längeres Abwarten war nicht möglich, der heroiſche Entſchluß, Alles über ſich ergehen zu laſſen, nicht aus⸗ führbar. Es gab freilich noch einen beſſern Ausweg, als den ſie ergriffen hat; es wurde ihr eine Rettungs⸗ hand geboten—“ 17 „Von Ihnen?“ fragte Camillo verächtlich. Emilio ſah ihn überraſcht an, doch antwortete er: „Gleichviel, von wem! Es war die Hand eines Freun⸗ des. Sie hat dieſelbe zurückgeſtoßen und iſt lieber mit ihrem deutſchen Galan über die Berge gegangen!“ Er ſagte das mit einem Ingrimm, der ſeine Stimmé beben ließ. „Was reden Sie da!“ rief Camillo.„Wenn Sie Ihre frühern gehäſſigen Inſinuationen wieder aufnehmen wollen, ſo kann ich Ihnen ſagen, daß Baron Orkum noch in Haft ſitzt, verurtheilt zu lebenswieriger Gefan⸗ genſchaft.“ „O ja!“ lachte Emilio bitter.„Das heißt ſo, das iſt das Opium, das alle Verfolgung einſchläfern ſoll! Ich weiß es beſſer. Wie er aus dem Gefängniß ent— kommen iſt, ob unter der Hand entlaſſen auf höhern Befehl, oder durch Beſtechung ſeiner Wächter, oder ge⸗ waltſam ausgebrochen mit Hülfe von außen, das iſt ganz gleichgültig; das Paar iſt vereint und lacht uns jenſeits der Alpen, wohin kein Arm aus Italien reicht, in voller Sicherheit aus!“ „Haben Sie Beweiſe?“ fragte Camillo, für welchen dieſe ſo beſtimmt ausgeſprochene Nachricht auch in anderer Beziehung wichtig war; ſie überhob ihn der Schritte, die er thun mußte, für welche er aber noch keine ihm Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. 1II. 2 genügende Form gefunden, weil er entſchieden auf Frei⸗ ſprechung, ſelbſt vom Militärgericht, bei Reviſion der Acten gerechnet hatte. „Laſſen Sie mich eine Gegenfrage thun“, verſetzte Emilio.„Wer hat Ihnen geſagt, daß Baron Orkum zu tebenslänglicher Freiheitsſtrafe verurtheilt iſt?“ „Der König“ Emilio verbeugte ſich mit ironiſchem Lächeln.„Nun, dann ermitteln Sie, was Ihnen nicht ſchwer fallen wird, in welchem Gefängniß der blonde Adonis ſitzt“, erwi⸗ derte er.„Stellen Sie dort eine Nachfrage an, ob er noch feſt unter Schloß und Riegel vorhanden iſt, und wenn der Commandant des Caſtells Ihnen geſtehen muß: „Horror vacui!“ ſo werden Sie mir die Ehre geben, daß ich beſſer bedient bin als Sie, wenn meine Nach⸗ richten auch aus minder erhabenem Munde ſtammen. Ja, Couſin, Sie haben zwar ſtets auf meine geiſtigen Capacitäten geringſchätzig herabgeſehen, am Ende flößen ſie Ihnen aber doch noch ein wenig Achtung ein.“ „Wenn Sie Recht haben, ſo iſt für uns Alles vorüber und wir begraben die Vergangenheit!“ ſagte Camillo. „So denke ich nicht!“ fuhr Emilio auf.„Haben Sie Ihren Vater ſchon geſprochen? Er wohnt in der Villa.“ 19 „Ich weiß es, bin aber eben angekommen und habe mich zuerſt zum König begeben müſſen.“ „Zum Könige, freilich! Sie bringen ihm Nachrichten vom Congreß, wo ja Alles prächtig ſtehen ſoll. Man raunte ſich hier ſchon in die Ohren, Sie ſeien in Un⸗ gnade gefallen, aber Sie haben Ihre Neider zu Schan⸗ den gemacht; der König, ſagt man jetzt, müſſe von Ihnen ein Liebeselixir empfangen haben, daß er gar nicht von Ihnen laſſen kann, obgleich Sie ihm in ſeinen Lieblingsideen opponiren, was er ſonſt von Niemand ver⸗ trägt. Was mich betrifft, ſo bin ich wahrhaft erfreut, daß Sie feſt bei Ihrer gewählten Fahne halten und ein ebenſo entſchiedener Bonapartiſt ſind als ich.“ „Ein Bonapartiſt?“ fragte Camillo, welcher dieſe Reden mit leichtem Stirnrunzeln angehört hatte. „Freilich! unſer König iſt nichts durch ſich, Alles durch Bonaparte! Und wenn auch Manches vorüber iſt“, ſetzte er mit ſchlauem Blinzeln hinzu„Alles noch nicht! Haben Sie gehört, daß die ſchöne Schwägerin Paolina Vorgheſe hier geweſen iſt, von Elba kommend, nach Elba zurückkehrend? Und wiſſen Sie, daß auch andere Leute, nicht ſo hervorragende Perſonen, aber kühne, un⸗ ternehmende Geiſter aus Frankreich bei uns kommen und gehen, nicht öffentlich durch die Ausrufer der To⸗ ledoſtraße angemeldet, ſondern incognito als unſcheinbare 2* und unverdächtige Reiſende? Der Herr Staatsrath werden mir armem beſchränktem Manne vielleicht ſagen können, was das Alles bedeutet.“ „Ein ſo entſchiedener Vonapartiſt kann darüber nicht im Zweifel ſein“, verſetzte Camillo ironiſch.„Sie ver⸗ ſtellen ſich auch nur. Ihre Verbindungen ſetzen Sie in Stand, nicht blos das Inventarium der Staatsge⸗ fängniſſe an wirklich vorhandenen oder fehlenden Ver⸗ brechern zu controliren, ſondern auch die tiefſten Ge⸗ heimniſſe, welche Dinge der Zukunft noch umſchleiern, zu ergründen. Unter uns glaube ich aber in Ihre Ideen eingehen zu dürfen; Sie wiſſen ja: der treueſte und ver⸗ ſchwiegenſte Buſen! Es handelt ſich darum, geſtehen Sie nur, unſern König, der noch frei und mächtig als letzter unerſchütterlicher Pfeiler des Bonapartismus daſteht— erinnern Sie ſich des Generals Monk?“ „Nein, den Namen habe ich nie gehört!“ rief der Vetter begierig.„Wo ſteht er, in welcher Armee?“ „Wo er jetzt angeſtellt iſt, ob bei den himmliſchen Heerſchaaren oder bei der ſchwarzen Leibgarde Lu— cifer's, kann ich Ihnen nicht ſagen“, erwiderte Camillo ernſthaft.„Sie denken an die Gegenwart, ich rede von der Vergangenheit. Denken Sie doch an das engliſche Königshaus der Stuarts! Nach Cromwell's Tode— der General, welcher daſſelbe auf den Thron zurückführte, 21 die geſtürzte Herrſchaft wieder aufrichtete; dieſen Monk meine ich, und wenn ich Sie recht verſtanden habe, ſo glauben Sie oder wiſſen vielmehr, daß unſer König die Rolle des Generals Monk ſpielen wird.“ „Sie halten das für möglich?“ rief Emilio, dem der Kopf ſchwindelte.„Der Kaiſer—“ „St!“ unterbrach ihn Camillo, die Hand auf den Mund legend, indem er ſich bedenklich nach der Thür umſah. Das geiſtige Uebergewicht, gegen welches Emi⸗ lio rebelliſche Titanengelüſte gehegt hatte, war vollkom⸗ men wiederhergeſtellt. Der Vetter konnte vielleicht in kleinlichen Intriguen und Verfolgungskünſten ſich einer gewiſſen Meiſterſchaft rühmen, aber ſein Blick reichte nicht weit, weder in die Höhe, noch in die Tiefe, und groß⸗ artige Ideen waren ihm ganz fremd.„Ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mich Ihres Vertrauens in einer ſo gefährlichen Sache gewürdigt haben“ fuhr Camillo dann fort.„Gehen auch unſere Anſichten in Beziehung auf unſere Familienintereſſen etwas auseinander, hier begegnen ſie ſich. Nur muß ich doch zur äußerſten Behutſamkeit rathen.“ „Ich bitte Sie, Couſin, der Gedanke, den Sie da ausſprachen, iſt mir ganz neu.“ „Erlauben Sie, ausgeſprochen habe ich nichts! Sie verſtellen ſich, Sie bereuen den Moment des Ver⸗ 22 trauens wieder. Gut, wir wollen auch das auf ſich be⸗ ruhen laſſen!“ Der Vetter war jedoch zu aufgeregt durch dieſe wahr⸗ haft blendende Perſpective, als daß er ſogleich zu beſchwich⸗ tigen geweſen wäre; er hatte, nach ſeinem Lieblingsaus⸗ drucke, den anmaßlichen Couſin etwas kitzeln wollen und ſchien dabei einen reellen Punkt getroffen zu haben; offen⸗ bar wußte Camillo um Vieles, was ihm, der doch hier an der Quelle geſeſſen hatte, verborgen geblieben war, und wollte jetzt, da Emilio unklugerweiſe ſeine Unkenntniß verrathen hatte, nicht weiter mit der Sprache heraus. Er hätte micht ſagen müſſen, daß ihm der Gedanke neu ſei, er hätte den Eingeweihten ſpielen müſſen; nun war Alles verdorben und er mußte die Verſuche, den Schlauen aus ſeiner Zurückhaltung hervorzulocken, bald aufgeben. „Wiſſen Sie denn das Neueſte vom König Ferdi⸗ nand, unſerem geweſenen Souverän?“ fragte er, um doch endlich ſeinerſeits wieder feſten Boden zu gewinnen, da ihm bei dem Geſpräche war, als gehe er auf einer Zitter⸗ wieſe. Camillo wußte hier wirklich nichts und Emilio freute ſich, ihm eine Neuigkeit erzählen zu können. „Denken Sie, er hat ſich ſchon getröſtet über den Verluſt der Königin“, ſagte er, ſich die Hände reibend. „Er hat ſchon wieder geheirathet. Die Wittwe des 23 Fürſten Partanna, ſeine alte Eeliebte! Iſt das nicht grandios? Lucia Migliaccio! Der ſtrenge Cato wird ſich nicht um die frühern Galanterien der ſchönen Frau gekümmert haben; als ſie aber verheirathet war, gefiel ſie dem Könige, und nun ein glücklicher Zufall gewollt hat, daß ſie durch den Tod ihres Mannes und er durch den der Königin frei geworden, hat er ſie geheirathet trotz ihrer vielen Kinder! Die Trauung iſt ganz geheim in der Hofkapelle vollzogen worden, fünfzig Tage nach dem Tode der Königin. Was ſagen Sie dazu? So eilig haben ſie es gehabt, daß ſie nicht einmal warteten, bis im ganzen Lande die Trauerfeierlichkeiten um die ver— ſtorbene Königin vorüber waren!“ Emilio war in ſeinem Elemente, als er dieſe Nach⸗ richt vortrug; für Camillo hatte ſie nur inſofern eine Wichtigkeit, als er der Meinung war, daß dieſer Mangel an Pietät dem Könige Ferdinand beim Volke in Sicilien und auch in Neapel ſchaden müſſe, obgleich hier das Andenken der Königin Karoline nicht geſegnet war, da man einen Theil der bei der Wiederherſtellung des Reichs von 1799 begangenen Grauſamkeiten und die fortwäh⸗ rende Nährung der innern Unruhen ihr zur Laſt legte. Indeſſen hatte Camillo ſeine Hoffnungen nicht auf eine zweite Wiederherſtellung der Bourbons geſetzt; ſie nahmen noch immer einen ganz andern Flug, wenn quch ihre 24 Schwingen durch das, was in Europa vorging, an Kraft verloren hatten. Eine Weile beſchäftigte er ſich noch damit, als Emilio endlich unter wiederholten, aber ebenſo vergeblichen Bemühungen, ihn zu weiterem Ausſprechen über den großen Gedanken, den er angedeutet hatte, von ihm geſchieden war, dann wendete er ſeinen Geiſt wieder auf Dinge, die ihm perſönlich am Herzen lagen. Er mußte ſich Gewißheit verſchaffen, ob Alexander Orkum wirklich das Gefängniß verlaſſen hatte, für ihn war das von großer Wichtigkeit. * Zweites Kapitel. Vater und Zohn. Unter der Platane vor der Villa Angri, wo Graf Orkum bei ſeinem verfehlten Beſuche vor Virginia's Entfernung das liebliche Kind mit ſeiner ſchönen Wärte— rin gefunden hatte, lag heute auf dem Raſen, den der mächtige Baum mit ſeinen Zweigen beſchattete, ein Mann und ſah, auf den Ellbogen geſtützt, unverwandten Blickes die Cypreſſenallee hinauf, ob der Wagen, den er erwartete, ſich nicht bald zeigen werde. Endlich kam das raſche Geſpann, von der Straße ablenkend, durch die düſtern Bäume daher; der Mann erhob ſich und ging dem Wagen weit entgegen. Als derſelbe näher gekommen war, zog er den Hut vor dem einzelnen Herrn, welcher auf der offenen Caleſina ſaß und blieb ſtehen. „Halt!“ gebot der Ankommende ſeinem Kutſcher, als er mit großem Erſtaunen den Mann in bürgerlichem Kleide, der ihn begrüßte, wiedererkannte. Der Wagen hielt; der Herr ſprang ab, befahl ſeinem Kutſcher bis 6 auf weitere Anordnung halten zu bleiben und winkte dem Manne, welcher noch mit dem Hut in der Hand am Wege ſtand, ſich zu bedecken und mit ihm zu gehen. „Tommaſo“, ſagte er, als er einige Schritte von dem Wagen entfernt war,„wie kommſt Du hierher?“ „Ich bin wieder bei meinem gnädigen Herrn“ ant— wortete der Mann.„Er hat mich aufgenommen, als ich nicht wußte, wie ich mein elendes Leben retten ſollte. Ich wurde gehetzt wie ein wildes Thier; was half es mir, daß der König mich abermals begnadigt hatte? Wer glaubte es mir?“ „Du biſt zu ſpät gekommen! Wär' das nicht der Fall geweſen, ſo würde edles Blut nicht vergoſſen worden ſein und Du hätteſt unter allen Umſtänden einen gütigen Herrn gefunden, welcher für Dich geſorgt und Dich bis auf beſſere Zeiten mit ſich genommen hätte, wohin er ſich auch gewendet haben würde. Warum aber biſt Du zu ſpät gekommen, Unglücklicher? Du haſt Dich unter⸗ wegs unnütz aufgehalten!“ „Ich glaubte die zwei Stunden, welche der Umweg mich koſtete, durch die Schnelligkeit meines Pferdes wieder einbringen zu können“, erwiderte Mas' Antonio mit einem erleichterten Athemzuge, als er ſah, daß der Prinz nicht, wie er gefürchtet, ſeinen Zorn über ihn ausgoß.„Ich wußte, daß ein Herz meinetwegen in großer Angſt und 27 Sorge war; ich wollte ſie nur einen Augenblick ſprechen und ihr die Freude machen, mich friſch und frei zu ſehen, und es wäre auch kein Zeitverluſt geweſen, wenn mein Unglück mich nicht einem Streiftrupp in den Wurf geführt hätte. Sie ſchrien mich an, als ſie mich ſo eilfertig daher⸗ kommen ſahen; ich hatte aber nicht Luſt, ihnen Rede zu ſtehen, war ich doch ein freier Mann und in meinem Recht, ſah nicht aus wie ein Landſtreicher, rief ihnen alſo zu:„Hab' keine Zeit!“ und jagte vorüber. Ehe ſie wenden konnten, war ich fünfzig Sprünge voraus und mein kleiner Rappe ſchnell wie ein Vogel. Hatten ſie überhaupt das Recht, jeden anſtändig gekleideten Menſchen auf der Straße anzuhalten? Aber ſie ſchrien doch wieder hinter mir her, ich ſolle halten, wenn ich nicht eine Kugel nachgeſchickt haben wollte. Da lachte ich ſie aus und machte ihnen eine Fica; zwei, drei Schüſſe fielen und die Kugeln pfiffen mir wirklich um die Ohren, der vierte Schuß traf mein armes Pferd, daß es mit mir ein Rad ſchlug und liegen blieb. Zum Glücke war es dicht am Eingange einer ſteilen Schlucht; ich raffte mich ſchnell auf, ehe ſie herankamen, ſprang wie eine Katze zwiſchen den Klippen hinauf, wo ſie mir nicht folgen konnten, und war ihnen bald entſchwunden. Damit aber war's um mein ſchnelles Fortkommen geſchehen; ich fand zwar in den Bergen einen alten Freund und Geſellen, der mit mir 28 unter dem Tr—, das heißt unter dem Cardinal Ruffo gekämpft hatte, und er gab mir ein gutes Maulthier, aber ich kam doch zu ſpät. Sie hatten ihn ſchon in Coſenza gekirrt und eingefangen; ich kam gerade zurecht, um ihn ſterben zu ſehen.“ „Erzähle mir! Iſt er geſtorben wie ein Mann fragte der Prinz mit großem Antheil. „Wie ein Held!“ rief Mas' Antonio.„Ich habe einen Andern ſterben ſehen, den ſie Fra Diavolo nannten; das war ein Unterſchied!“ „Und was haſt Du mit meinem Briefe gemacht? Du haſt ihn doch vernichtet?“ fragte der Prinz. „Er iſt mir geſtohlen worden!“ erwiderte Mas' Antonio in plötzlicher Niederſchlagenheit, und als der Prinz zornig auffuhr, vermaß er ſich mit theuren Schwüren, daß er die lautere Wahrheit ſage. Er berichtete dann, daß er bei Vietri von ealabreſiſchen Hirten räuberiſch angefallen und trotz aller Gegenwehr niedergeworfen worden ſei, daß ſie ihm, obgleich er ſich mit ihnen über ſeine Perſon zu verſtändigen geſucht, das Maulthier und die guten Kleider genommen; in der Bruſttaſche ſeines Rockes ſei der Brief feſt eingenäht geweſen; er habe freilich an den nicht gedacht. Der Prinz unterbrach ihn mit einer heftigen Ge⸗ berde, die ihm Schweigen gebot. Beide ſtanden unter 9/ 29 der Platane, wo Camillo mit ihm ſtehen geblieben war. Mas' Antonio warf von Zeit zu Zeit einen ſcheuen Blick auf den Prinzen, als dieſer eine ganze Weile ſtumm in ſeine Gedanken verloren ſtand.„Wie biſt Du denn zu meinem Vater gekommen?“ fragte dieſer endlich. „Altezza, ich war der Caſa dell. Orme ſo nahe, war in größter Noth, kaum meine Blöße bedeckt! Jetzt hatten ſie ein Recht, mich für einen Landſtreicher anzuſehen und das thaten die Menſchen auch und machten förmlich Jagd auf mich, daß es ein Wunder iſt, wie ich entkom⸗ men bin. Erſt wollt' ich auf die Wahrheit trotzen, wie es mir ergangen war, aber Niemand glaubte mir; im Gegentheil wollten mich die Bauern an die Polizei aus liefern und ich wurde nun erſt gehetzt— vom Volke!“ Ein bitteres Lächeln und ein noch bitterer hinge— worfenes:„Wir kennen das!“ bezeugte den Antheil des Prinzen. „Da war ich denn zu meinem Glück in der Nähe der Caſa dell Orme“, fuhr Mas' Antonio fort.„Einen ganzen Tag hielt ich mich in einer Kluft verborgen, ohne einen Biſſen zu eſſen, ohne einen Trunk Waſſer; in der Racht ſchlich ich dann weiter und kam gegen Morgen in der Caſa an, wo ſie mich kannten, und mein gnä diger Fürſt, als ihm gemeldet wurde, daß ich ausgeplündert und elend angekommen ſei, ließ mich vor ſich—“ 30 „Du haſt ihm erzählt, daß Du von mir ausgeſchickt biſt?“ unterbrach ihn Camillo. Mas blickte ihn verſchmitzt an.„Werde ich den Eid vergeſſen, den ich in der Hütte geleiſtet habe?“ entgegnete er.„Wenn auch mein gnädigſter Prinz Don Camillo nichts davon wiſſen will, ſo war doch immer das Billet an einen gerichtet, der zu den guten Vettern gehörte und darum von dem Wolfe zerriſſen worden iſt. Ich ſagte dem Fürſten, Ihrem Herrn Voter, daß ich unſchuldigerweiſe in das Gefängniß geworfen, vom Könige aber, der ſich meiner erinnert habe, abermals freigelaſſen worden ſei, daß mich Ew. Gnaden hierauf mit einem Briefe an ſeinen Herrn Vater abgeſendet hätten und ich unter die Räuber gefallen ſei.“ „Lügner!“ rief Camillo.„Und warum hat Dich mein Vater nicht längſt zurückgeſchickt, warum bei ſich behalten?“ „Das weiß ich nicht!“ antwortete Mas“ „Deine Herrin haſt Du nicht mehr getroffen?“ „Nein, und auch die Maddalena nicht; ſie hat bei dem Kinde bleiben müſſen, das die Principeſſa natürlich mitgenommen hat.“ Er ſagte das mit einem gewiſſen Trotze und der Prinz brach augenblicklich das Geſpräch ab. „Geh voraus! Melde mich bei meinem Vater!“ be⸗ fahl er. Mas' gehorchte und Camillo folgte ihm langſam 31 durch das Portal. Es war zum erſten Male ſeit fünf Jahren, daß er die Villa Angri wieder betrat; er erin⸗ nerte ſich ganz genau, wann er zuletzt hier geweſen war, als Virginia, noch ein halbes Kind, hier unter der Ob⸗ hut der alten Tante, die nun längſt verſtorben war, wohnte. Unter welch einer Obhut! Das Herz wurde ihm ſchwer und das Bild ſeiner armen Schweſter aus ihrer fröhlichen, unſchuldigen Kinderzeit ſchwebte ihm vor. Die Gedanken, welche ihn befielen, waren eine gute Vorbe⸗ reitung zu der Zuſammenkunft mit ſeinem Voter, zu welchem er jetzt durch den eilig zurückkommenden Diener eingeladen wurde. Der Fürſt ſtand aufrecht in ſeinem Zimmer, die rechte Hand auf den Tiſch geſtützt in ſeiner geraden, ſchönen Hal⸗ tung, welche die Jahre nicht zu beugen vermocht hatten. So erwartete er ſeinen Sohn. Keine Spur der Krankheit, welche ihn im vorigen Herbſt an den Rand des Grabes gebracht hatte, war mehr an ihm zu bemerken; ſein aus⸗ drucksvolles Geſicht mit der römiſchen Naſe hatte ſeine geſunde Farbe, ſein großes, ruhiges Auge den frühern Glanz wieder; das ſchneeweiße Haar, das erſt vor we⸗ nigen Jahren den Puder und veralteten Schnitt abge⸗ legt, hatte nichts von ſeiner Fülle verloren. Als Camillo eintrat und ſich vor ihm verneigte, hieß er ihn mit kla⸗ rer Stimme, die keine Bewegung verrieth, willkommen und reichte ihm ſeine beringte Hand, welche Camillo ehr⸗ furchtsvoll küßte; dann umarmte er ihn leicht und ſprach: „Du biſt alt geworden, Camillo.“ Dem Sohne ſchnürte ſich das Herz zu, das ſich ſchon beim Anblick der ehrwürdigen Geſtalt weit geöffnet hatte.„Die Zeit und was ſie bringt, geht an mir nicht ſo ſpurlos vorüber wie an Ihnen, mein Vater“, ant⸗ wortete er. „Du haſt gewünſcht, mich zu ſprechen“, ſagte der Fürſt und ſein Ton belebte ſich etwas.„Bringſt Du mir Nachrichten?“ Es konnte keinem Zweifel unterworfen ſein, was er meinte. Konnte er nach andern Nachrichten fragen, als die ſein unglückliches Kind betrafen? „Ich glaubte von Ihnen zu hören, ob eine Spur gefunden worden iſt“, erwiderte Camillo. Der Vater machte eine verneinende Bewegung und richtete dann einen forſchenden Blick auf ſeinen Sohn. „Biſt Du von Allem unterrichtet? Iſt Dir der ganze Zuſammenhang kein Geheimniß geblieben?“ fragte er. „Ich kann das nicht ſagen“, erwiderte Camillo.„So⸗ lange es etwas zu verbergen gab, habe ich ihr Vertrauen nicht mehr beſeſſen. Auch wußte ich bis vor kurzem nur, was ich aus Aeußerungen entnommen, durch welche man ſich gegen mich verrathen hatte, nicht Virginia! Sie erlauben mir wohl, daß ich mich nicht näher 33 darüber ausſpreche, da Sie jedenfalls wiſſen, wen ich meine.“ „Und dennoch!“ verſetzte der Vater mit einem Blicke, welchen der Sohn nur zu gut verſtand.„Dennoch“ wollte er ſagen,„finde ich Dich noch immer in der Stellung, welche Dich von mir getrennt hat.“ Camillo nahm jedoch den ihm hingeworfenen Faden nicht auf, dazu war es noch nicht an der Zeit. „Auch Sie haben wohl aus derſelben Quelle wie ich die letzte, aus unlauterſten Beweggründen geſchloſſene Anklage, die ſich in den Schein der Sorge um die Fa⸗ milienehre hüllt?“ fragte er.„Durch Emilio, nicht wahr?“ „Was er mir ſchrieb“, antwortete der Fürſt in wiedergewonnener Feſtigkeit,„hat meinen Entſchluß be⸗ ſtimmt, ſonſt wußte ich mehr, als er mir ſchreiben konnte, durch Virginia ſelbſt. Sie hatte mir, als mein letzter Augenblick gekommen ſchien, endlich ein volles und rück. haltsloſes Geſtändniß abgelegt. Es iſt Zeit, Camillo“, fuhr er fort, als er den Eindruck ſah, welchen dieſe Mit⸗ theilung auf den Sohn machte,„daß wir dieſen Frevel zuſammen beſprechen. Du hatteſt Dich losgeſagt von den Grundſätzen, auf welchen Deine Ahnen ſeit mehr als einem halben Jahrtauſend unerſchütterlich geſtanden ha⸗ ben; zwiſchen uns konnte keine Gemeinſchaft mehr ſein, und die Frucht Deines Abfalls iſt nicht ausgeblieben. Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. MI. 3 34 Wie ſchwer es mich aber auch traf, was mich zu einem Entſchluſſe bewog, den ich noch ein Jahr vorher für un⸗ möglich gehalten hätte, zu dem Entſchluſſe, einem Frem⸗ den, einem Abenteurer die Hand meiner Tochter zu ge⸗ ben, ſo mußte ich doch Alles allein tragen, denn Du ſtan⸗ deſt im Lager des Feindes! Auch heute würde ich Deinen Wunſch einer Beſprechung nicht haben gewähren können, wenn der Schluß Deines Briefes mir nicht eine Hoff⸗ nung gegeben hätte, daß Du zur Erkenntniß und zur Umkehr gekommen biſt. Darüber will ich erſt Gewißheit haben, ehe ich mich weiter über unſer Unglück mit Dir verſtändige.“ Camillo hatte die Vorwürfe, welche der Vater an ihn richtete, ſchweigend über ſich ergehen laſſen; er be⸗ harrte auch, als derſelbe geendigt hatte, noch einen Mo⸗ ment in ehrerbietigem Schweigen, und erſt als der Va⸗ ter ihn durch einen Wink aufforderte zu ſprechen, erwi⸗ derte er:„Ich habe mir niemals verhehlt, mein Vater, daß ich wegen des Entſchluſſes, den ich nach reiflicher Ueber⸗ legung gefaßt, von Ihnen und der Welt verkannt werden würde. Die Ziele, die ich für mein Vaterland verfolgte, mußten mich aber in dem Gedanken tröſten, daß einſt eine Zeit kommen werde, wo ich gerechtfertigt daſtehen, wo die Wolken, die ſich zwiſchen uns erhoben, zerſtreut ſein würden. Dieſe Zeit ſcheint ſich zu nahen, darum 35 aber gewähren Sie mir die Bitte, daß ich einſtweilen noch ſchweige.“ „Deine mhſtiſche Rede in einfaches Italieniſch über⸗ ſetzt“, ſagte der Fürſt, welcher ihm aufmerkſam zugehört hatte,„gibt zu verſtehen, daß Du Dich bei dem Uſur⸗ pator nur darum in Dienſt begeben, um gegen ihn zu wirken. Im Geiſte Deiner Väter iſt das nicht gehandelt, doch das neue Geſchlecht geht neue Wege. Ich kann Dich nicht zwingen, offener gegen mich zu ſein, und behalte mir mein Urtheil vor, bis ich Deine Ziele und Mittel kennen werde. Du ſagſt, die Zeit dazu ſei nahe. Ich be⸗ ziehe das auf die baldige Beſeitigung des uns von frem⸗ der Gewalt aufgedrungenen Königs. Du kommſt von Wien, biſt hingeſchickt worden, für ſeine Intereſſen zu wirken; ich frage Dich nicht, ob Du das gethan haſt, das muß ich Deinem Gewiſſen und Ehrgefühl überlaſſen; ich frage Dich nur, wie die Sachen für Murat ſtehen.“ „Schlecht, mein Vater; ich habe dazu aber nichts beigetragen, wie Du, meinen Einfluß zu hoch anſchlagend, glaubſt. Mein Ziel iſt auch nicht in der äußern Politik zu ſuchen. Für den König verdunkeln ſich die Ausſichten mehr und mehr und er thut das Seinige dazu, um das Mißtrauen, das man gegen ihn hegt, die Vorwürfe, die man ihm wegen zweideutigen Handelns gemacht hat, zu nähren. Er hätte ſich retten können vor einem Jahre 3* 36 durch eine große That, vielleicht wäre es noch nicht zu ſpät dazu, aber er iſt dazu nicht fähig und ſo wird er untergehen.“ „Welche große That meinſt Du?“ fragte der Vater. Camillo ſchien unſchlüſſig über die Antwort, einen Moment aber nur, dann ſprach er frei aufblickend:„Sich an die Spitze von ganz Italien zu ſtellen.“ „Was heißt das?“ entgegnete Fürſt Hettore ſtreng. „Eine neue Revolution entzünden, alle rechtmäßigen Für⸗ ſten verjagen, den heiligen Vater nicht ausgenommen? Und glaubſt Du, wenn ihm das auch im erſten Anlauf geglückt wäre, daß er ſich auf dieſem Raubthrone von Italien würde behaupten können gegen die großen Mächte, welche das nimmer dulden würden, gegen das Ungeheuer der Revolution, ſeinen eigenen Bundesgenoſſen? Nennſt Du das überhaupt eine große That? Was frevelhaft iſt, kann ich nie groß nennen!“ „Es war auch nur ein Phantaſiebild“, erwiderte Camillo ausweichend.„Die Wirklichkeit wird ſich anders geſtalten. Schon iſt auf dem Congreß das Wort Ent⸗ ſchädigung in Bezug auf den König von Neapel ge— fallen.“ „Wirklich?“ verſetzte der Fürſt.„Es konnte auch nicht anders ſein. England und Oeſterreich müſſen dem Könige beider Sicilien, der ſtets ihr Bundesgenoſſe ge⸗ S 37 weſen, wieder zu ſeinem Recht verhelfen; Frankreich, den Bourbons zurückgegeben, wird vor allen das verwandte Haus unterſtützen; der König von Preußen, durch Napo⸗ leon beraubt wie König Ferdinand, darf nicht darauf dringen, daß dieſem die Wiedererſtattung, die ihm ſelbſt zu Theil geworden, vorenthalten bleibe. Der Einzige, der zu fürchten iſt, wäre der Kaiſer von Rußland mit ſeinen liberalen Ideen; aber auch ihm wie den Engländern hat ja unſer Herr den Gefallen gethan, eine freiſinnige Verfaſſung zu geben.“ Der ironiſche Ton, mit welchem Don Hettore dieſe Worte ſprach, mußte jeden Zweifel nehmen, wie ſie gemeint ſeien, wenn Camillo noch Zwei⸗ fel über die Anſichten ſeines Vaters gehabt hätte. „Ich habe gehört“, ſagte er,„daß der König Fer⸗ dinand, als er die Regierung ſeiner Völker, frei von der engliſchen Vormundſchaft, wieder übernommen, die Ver⸗ faſſung von 1812 beſchworen und ein neues Parlament in Perſon eröffnet hat. Glauben Sie, daß er dieſelbe, wenn er auf den Thron von Neapel zurückkehren ſollte, hierher übertragen und daß ſie Beſtand haben wird?“ „Ich glaube und hoffe Beides nicht“, antwortete der Fürſt kalt. Er machte nie ein Hehl aus ſeiner poli⸗ tiſchen Ueberzeugung. Camillo ſchwieg. Auf dieſem Boden war keine Ver⸗ ſtändigung mit ſeinem Vater möglich, und wenn die 38 Wolke, von der er geſprochen, ſich auch in Bezug auf die wahren Motive ſeines Anſchließens an die neue Regie⸗ rung verzog, ſo mußte ſie, wenn der Vater die Grund⸗ ſätze des Sohnes in nationalpolitiſcher Beziehung erkannte, um ſo ſchwärzer zurückkehren. Das war nicht zu ändern, lag aber noch in weiter Ferne, darum konnte es der Va⸗ ter wohl nicht mehr erleben, und der äußere Friede, der ſich herzuſtellen ſchien, brauchte vor der Hand nicht ge⸗ ſtört zu werden. Der Fürſt kam jetzt, nachdem er über die Handlungs⸗ weiſe ſeines Sohnes einigen Aufſchluß erhalten zu ha⸗ ben glaubte, auf die traurige Kataſtrophe in ſeinem eige⸗ nen Hauſe zurück.„Ich erhielt Deine Antwort auf mei⸗ nen Brief zu ſpät“, ſagte er.„Ich habe keinen Augen⸗ blick verloren, als ich las, daß Du außer Stande ſeieſt, meinen Auftrag auszuführen, aber ich kam dennoch zu ſpät; ſie war bereits mit Allem, was ihr anhing, ent⸗ flohen! Hätte ich meinen erſten Entſchluß ausgeführt, als ich jene ſchmachvolle Eröffnung und den Antrag des Fremden erhielt, welch eine Schande wäre uns erſpart worden! Niemals würde er die Drohung, welche ſeinen wiederholten Antrag begleitete, ins Werk geſetzt haben, und hätte er es gethan, ſo würde ihm die Strafe auf dem Fuße gefolgt ſein, mit den Waffen in der Hand, durch mich ſelbſt, ſo alt ich bin, und wäre ich gefallen, 39 durch Dich, mein Sohn, daran zweifle ich keinen Augen⸗ blick!“ Seine blaſſen Wangen hatten ſich fieberhaft ge⸗ röthet und ſeine großen Augen blitzten mit einem Feuer, welches nur zu deutlich verrieth, daß die kalte, vornehme Außenſeite künſtlich gewonnen war, um ein leidenſchaft⸗ liches Inneres der Welt zu verdecken. Plötzlich aber be⸗ ſann er ſich, blickte ſeinen Sohn forſchend an und fragte: Spreche ich Dir in Räthſeln oder verſtehſt Du meine Worte?“ „Ich habe nie gezweifelt, daß mein Vater nicht ohne die gewichtigſten Beweggründe die Einwilligung zu jener Verbindung gegeben hat“, erwiderte Camillo. „Aber dieſe Beweggründe kenne ich auch heute noch nicht, obgleich mir, ſchon ehe ich das ruchloſe Schreiben Emi⸗ lio's bekam, Manches klar geworden war.“ Der Fürſt ſah ſich nach einem Seſſel um, er hatte bis jetzt, wie es ſeine Gewohnheit war, ſtehend geſpro⸗ chen; Camillo brachte ihm einen Stuhl und mußte ſich auch ſetzen.„Das Alter macht ſich mir immer fühl⸗ barer!“ ſagte der Vater.„Ich hätte nie geglaubt, ſelbſt auf dem Sterbebette, einer ſolchen Schwäche zu unter⸗ liegen, daß ich nur einen Moment mich ſehnen könne, die Schuldige mit dem Zeugniß ihrer Schmach zu ſehen, wohl gar beide zu ſegnen! Höre mich an, Camillo! Der Tod, der ſchon einmal bei mir angeklopft hat, ruft 40 mich vielleicht plötzlich ab; viele Tage ſind mir nach dem Laufe der Dinge ohnehin nicht mehr vergönnt—“ „O ſprechen Sie nicht ſo!“ rief Camillo ergriffen. „Wir werden uns noch lange nicht trennen, und da ich wieder in Ihre theure Nähe kommen darf, ſo werden wir uns oft, ja täglich ſehen!“ Der Fürſt ſchüttelte das Haupt, ob in Bezug auf ein noch langes Leben oder die Gewährung öftern Zu⸗ tritts, blieb zweifelhaft. „Es iſt mir von jeher verhaßt geweſen“, ſprach er dann,„fremde Augen in meine Verhältniſſe ſchauen zu laſſen, darum habe ich auch, als ich zu ſterben glaubte, meinen letzten Willen nicht durch den Richter aufſetzen laſſen, ſondern mit Anſtrengung meiner ſchwachen Le⸗ benskraft ſelbſt aufgeſchrieben, wenige Zeilen, aber genü⸗ gend. Die Verhältniſſe haben ſich geändert; ich habe dies Teſtament zurückgenommen und werde ein neues auf⸗ ſetzen. Du biſt nun mein alleiniger Erbe, wenn Du— aber wir haben darüber ſchon geſprochen, und die Zeit, wie Du ſagſt, wird Alles noch mehr ausgleichen.“ „Wollen Sie aber Virginia, ohne ihre Entſchuldi⸗ gung zu hören—“ „Sie hat keine Entſchuldigung!“ unterbrach ihn der Vater hart. Ein unterdrückter Seufzer ſchien aber doch dieſer Strenge zu widerſprechen und er fuhr nach einer 41 Pauſe in milderem Tone fort:„Ihr Unglück war es, daß ſie frühzeitig die Mutter verlor, für ſie ein größeres Unglück als für mich und Dich! Einen Erſatz dafür gibt es auf Erden nicht. Ich glaubte ſie freilich treuer und gewiſſenhafter Sorge anzuvertrauen, ich wähnte ſie ge⸗ borgen vor aller Gefahr, aber es bleibt darum doch eine ſchwere Anklage, daß ich mich durch eine ehrbare Außenſeite und ſchöne Worte täuſchen ließ und nicht ſelbſt die Augen offen hatte. Du haſt die Frau ge⸗ kannt, der ich Virginia's Erziehung anvertraute, der ich das Mädchen ganz überließ, während ich monatelang ab⸗ weſend war; mußte ich nicht glauben, daß ſie wie eine Mutter die ihr anvertraute Seele behüten werde? Und nun, wie ein Blitzſtrahl aus heiterem Himmel, das Ent⸗ ſetzlichſte! Ein Brief von fremder Hand, der mir nach der Baſilicata nachgeſandt wurde vom Grafen Orkum. den ich nicht kannte, deſſen Namen ich nie gehört hatte! Er warb um meine Tochter, deren Bekanntſchaft er ge⸗ macht, deren Neigung er ſich rühmte. Meine Antwort kannſt Du Dir denken; ſie war höflich, aber ablehnend, ohne viel Angabe der Gründe; es war mir gleichgültig, was er darüber dachte. Ein zweiter Brief, dringender geſchrieben, mit Andeutungen, die mir das Blut erſtarren ließen, und noch ehe ich einen Entſchluß gefaßt hatte, eine verzweiflungsvolle Mittheilung der Frau, die ich 42 nicht mehr meine Verwandte nennen kann— es war kein Zweifel mehr, meine Ehre mit Schande befleckt! Durch ein Zugeſtändniß meinerſeits die Schmach zu beſiegeln, erſchien mir als ein Verbrechen gegen mich ſelbſt; ich ſchrieb dem Grafen eine kurze Antwort, beſtimmter als die erſte, als ob ſeine Andeutungen unverſtanden geblie⸗ ben wären; über meine feſte Ablehnung durfte er aber nicht im Zweifel bleiben. Sie wiederzuſehen, wär's auch nur geweſen, um ihr meinen Fluch zu geben, war mir unmöglich; ich fühlte, daß ich mein Seelenheil gefährdet haben würde. In ewige Nacht vor der Welt mußte ſie begraben werden; ſchon war mein Entſchluß gefaßt, ſie zu meiner Schweſter in das Kloſter, das nie ein frem⸗ der Fuß betritt, bringen zu laſſen— o wär' ich nicht ſchwankend geworden! Da kam der dritte Brief, der mich niederwarf! Es war der Ausbruch eines Man⸗ nes, der zum Aeußerſten entſchloſſen iſt; er ſprach ſich nun unverhohlen über Alles aus, er wollte, wenn ich un⸗ beugſam bliebe, mit ſeinem Recht auf diejenige, die er ſchon ſein nannte, vor den höchſten Gerichtshof, ja vor den König treten, die Grauſamkeit, welche des eigenen Kindes Ehre nicht einmal vor der Welt retten wolle, der Welt öffentlich preisgeben.“ Der Fürſt hielt inne; er war tief erſchüttert, Ca⸗ millo nicht minder. Was war mit dem Vater geſche⸗ —„ 43 hen, daß er dieſe Mittheilung über ſich gewinnen konnte? War es dem Greiſe endlich doch zu ſchwer geworden, Alles allein zu tragen, und fühlte er das Bedürfniß, ſich gegen den Sohn auszuſprechen, den er nur zu lange von ſich fern gehalten hatte? Oder war ſein Stolz, der ihn bisher über jedes Eingeſtändniß des Vaterſchmerzes erhoben hatte, durch die letzten Ereigniſſe gebrochen? „Mein geliebter Vater“, ſagte Camillo,„wollen wir uns nicht von dieſen furchtbaren Erinnerungen losreißen? Ich kenne ja nun den Beweggrund Deiner Einwilligung, und wenn ſich auch ſpäter der Trug, welcher Dich dazu bewog, durch Virginia ſelbſt enthüllte, ſo glaubteſt Du doch recht gehandelt zu haben.“ „Ja, ich wähnte unſeres Hauſes Ehre wenigſtens vor der Welt fleckenlos zu bewahren“, ſprach der Fürſt, der ſich wieder ermannt hatte.„Ich opferte ihr ein an⸗ deres theures Kleinod, die unantaſtbare Treue zu mei⸗ nem Herrn und König; ich ſetzte mich der Verdächtigung aus, mich auch, wie ſo viele Barone des Reichs, der neuen Sonne zugewendet zu haben, weil ich meine Toch⸗ ter einem der fremden Eindringlinge hingab. Was ich fühlte, als ich von ihrer gewiſſenloſen Hüterin vernahm, daß ſie mit Abſcheu den Grund meiner Einwilligung zu rückgewieſen, daß ſie ſich hartnäckig geweigert, die Wahr⸗ heit zu geſtehen, daß ſie anfangs in Verzweiflung ſich geſträubt, dem Worte, das ich gegeben hatte, zu gehor⸗ chen, Du kannſt es nicht faſſen, mein Sohn! Dann kam die Vermählung, wo ich ſie zum erſten Male, aber im großen Kreiſe der Zeugen und Gäſte wiederſah, dann ihre Abreiſe nach der Baſilicata, wohin ihr Gemahl nicht folgen durfte. Was ſoll ich Dir davon ſagen? Da⸗ mit war Alles für mich vorüber!“ Er ſchwieg wiederum; bei den letzten Worten hatte er ſich vergeblich bemüht, ſeine Stimme feſt zu erhalten. Mit der Hand bedeckte er einen Moment ſeine Stirn, aber Camillo hatte wohl bemerkt, wie ihm die greiſen Wimpern zuckten, als kämpfe er, die Thräne zurückzuhal- ten, die ſich in ſein ſtolzes Auge drängen wollte, und dem Sohne that das Herz weh. „Ich will nicht unwahr ſein“, nahm der Vater ſeine Rede bewegt wieder auf.„Ich habe mich wohl um ſie bekümmert, wenn ich mich auch äußerlich von ihr losge⸗ ſagt hatte. Das tiefe Geheimniß, in welches ſie die Wayrheit hüllte, habe ich freilich erſt in dem Augenblicke durchſchaut, als ich meine Kinder zu mir rief, um ſie vor meinem Ende dennoch zu ſegnen. Da hat ſie mir im Schmerz Alles geſtanden, ihre Schuld und den Namen, der nie über ihre Lippen gekommen war, aber auch den Haß, den ſie auf ihn, der ſie verrätheriſch hintergangen, ſeitdem geworfen hat. Wenn eins mir 45 Balſam bringen konnte, Linderung wenigſtens für eine unheilbare Wunde, ſo war es das!“ Camillo war von dieſer neuen Aufklärung, welche ihm über Vieles, das er nicht begriffen hatte, Licht gab, mächtig erregt; gern hätte er noch mehr gefragt, aber er ſah, daß ſein Vater augenſcheinlich erſchöpft war; ſeine Hände zitterten, er hatte die aufrechte Haltung, die ihn ſonſt nie verließ, auf ſeinem Seſſel verloren und war jetzt das Bild eines alten, hinfälligen Mannes.„Ich danke Dir, mein Vater“ ſagte Camillo herzlich, indem er ſeine Hand er⸗ griff und küßte,„daß Du mir Dein volles Vertrauen geſchenkt haſt. Wir können nun zu paſſender Stunde wei⸗ ter beſprechen, was vielleicht zu thun iſt, auch in Bezug auf den Falſchen, deſſen Ränke dieſe letzte Schmach über uns gebracht haben.“ „Keinen Eelat!“ ſagte der Fürſt, mit ſichtlicher An⸗ ſtrengung von ſeinem Stuhle aufſtehend.„Du ſollſt noch mehr erfahren, aber jetzt nicht. Du ſpeiſeſt bei mir.“ Und ohne weiteres, wie er zu thun pflegte, verließ er das Zimmer, um ſich in ſein anſtoßendes Schlafgemach zu begeben. Wohl hatte er der Ruhe nöthig! Camillo ging in den Garten hinaus. Wie uner⸗ quicklich es auch in dieſer Jahreszeit war, die freie Luft mußte ihm wohl thun. Er wandelte in ſich gekehrt durch die Gänge und ließ Alles, was er heute gehört hatte, 46 noch einmal an ſeinem Geiſte vorübergehen, von dem Be⸗ richte Mas Antonio's, der ihn ſelbſt berührte, bis zu den verhängnißvollen Mittheilungen ſeines Vaters. Im erſten Moment war es ihm beunruhigend geweſen, daß der Brief, den er Tommaſo anvertraut hatte, in fremde Hände gefallen war; konnte das aber gefährlich ſein? Es waren Hirten, welche ſeinen Boten beraubt hatten; den Brief, den ſie allerdings bei der Durchſuchung der Kleider gefunden haben mußten, hätten ſie nicht leſen können, auch wenn er nicht in Chiffreſchrift geſchrieben geweſen wäre. Darüber durfte er ſich keine Sorgen machen. Von Mas' Antonio hätte er gewiß Manches er⸗ fahren können, was ſeinem Vater ſelbſt verborgen war. Er wußte, daß er unter der Dienerſchaft in der Villa Angri geweſen war, als die Tante, welche bei Virginia Mutterſtelle vertreten ſollte, hier längere Zeit in Abwe⸗ ſenheit des Vaters wohnte; daß der liſtige Geſelle hier durch Zufall, vielleicht auch durch die gewiſſenloſe Frau, die ſich ſeiner bediente, in das Verhältniß eingeweiht war, deſſen wahrer Zuſammenhang wohl ein ewiges Geheim⸗ niß bleiben mußte, ſchien Camillo nicht unwahrſcheinlich, und der Vater hatte vielleicht gerade deshalb, in des feſten Zuverſicht auf die Dankbarkeit und Treue dieſer Mannes, ihn Virginia mitgegeben, als ſie nach ihrer Ver⸗ mählung die Villa Angri bezogen hatte. Ihn zu fragen, 47 war unmöglich, aber Camillo hätte viel darum gegeben, zu wiſſen, wie weit er eingeweiht war. Stand er dort nicht an dem Gitter, welches jetzt die Treppe, den Auf· gang vom Ufer ſperrte? Mit wem verkehrte er dort? Ein Mann, mit welchem er geſprochen hatte, verſchwand bei der Erſcheinung des Prinzen im Gebüſch, und Mas' Antonio, welcher einen andern Weg einſchlagen wollte, folgte dem Rufe Camillo's ſehr ungern. „Wer war der Mann?“ fragte Camillo. Der Diener nannte einen beliebigen Namen, wel⸗ chen der Prinz für erlogen halten mußte. „Er ſchien ein ſchlechtes Gewiſſen zu haben!“ ſagte er, indem er Tommaſo ſcharf anſah. „Sicuro!“ beſtätigte dieſer ohne alle Verlegenheit. „Er war über das Gitter geſtiegen, um einen Blick in den Garten zu thun, der ihm gefiel; ich verwies ihm das und er fürchtete ſich wohl, als er Sie kommen ſah.“ „Woher kennſt Du ihn?“ „Aus den Bergen, von alter Zeit her!“ antwortete Mas' Antonio, indem er jetzt dem Auge des Prinzen mit einem freien, feſten Blicke begegnete. In dieſem lag Wahrheit. Es widerſtrebte Camillo, ein weiteres Verhör anzuſtellen; er ſetzte ſeinen Gang fort, und Mas' ſchlüpfte ſogleich hinter ihm in daſſelbe Gebüſch, in welchem der Fremde verſchwunden war, verfolgte den Pfad, den er 48 vald traf, und gelangte zu der Felſengrotte, an deren Eingang er ſeinen Bekannten traf. „Alles jetzt verſchloſſen!“ ſagte er.„Der Prinz fragte, wer Ihr wäret; ich nannte den erſten beſten Namen, aber dann mußte ich ſagen, woher ich Euch kenne, und das habe ich gethan, Hauptmann.“ „Du hätteſt ihm ſagen ſollen, daß ich ein Kaufmann aus Meſſina ſei, wie es auch in meinem vollgültigen Paſſe ſteht. Es kann mir ja nichts geſchehen; wir haben Frieden, die Sperre iſt aufgehoben, der Verkehr mit Sicilien freigegeben.“ „Es iſt ſchwer, hinterm Berge zu halten, wenn er einen ins Auge faßt!“ ſagte Mas' Antonio.„Ich denke doch, es wird Euch keine Gefahr bringen, Hauptmann?“ „Wenn ſie den Trenta-Capilli erkennten“, verſetzte der verkappte Kaufmann mit einem trotzigen Auflachen, „ſo würde ihm weder der Paß als Kaufmann, noch ſein Patent als Kapitän der königlichen Gensdarmerie etwas helfen. Ja, ja, das bin ich jetzt, Mas'; immer in demſelben Dienſt und gegen denſelben Feind, dem ich den Untergang geſchworen habe, als Brigantenhäuptling oder Gensdarmeriekapitän, gleichviel!“ „Soll ich Euch nun hinauslaſſen?“ fragte Mas „Du biſt um meine Sicherheit ſehr beſorgt. Ich habe hier höchſtens zu befürchten, daß man mich aus der 49 Villa weiſt, wo der Eintritt verboten iſt. Daß ich mei⸗ nen alten Waffengefährten aufſuchte, war natürlich. Von Dir habe ich auch hören wollen, ob Deinem Herrn, der in Palermo ſo gut angeſchrieben ſteht, nicht anzukommen wäre für einen neuen und beſſer eingeleiteten Verſuch. Der kindiſche Aufſtand in den Abruzzen war zu erbärm⸗ lich angelegt, natürlich von den Ingleſi, die überall Feuer anlegen, ſich aber dann nicht die Finger verbrennen wollen, es kräftig zu unterſtützen. In Calabrien ſoll's beſſer gehen. Auf Deine jetzigen Bundesbrüder gebe ich nicht viel.“ „Ich habe mit ihnen nichts mehr zu thun“, ſagte Mas'. „Deſto beſſer für Dich! Wir werden ſie gebrauchen, ſolange ſie uns Dienſte leiſten können, nachher fort mit ihnen! Sie könnten einmal ſehr läſtig werden. Ich habe bei dem ganzen Handel nur einen Einzigen, dem ich an die Kehle will— Aug' um Auge, Zahn um Zahn.“ „Den General Manches?“ fragte Mas' Antonio. Der Mann, deſſen Auge während ſeiner letzten Worte vom finſterſten Haſſe glühte, faßte Mas' an der Bruſt und ſchüttelte ihn grimmig.„Du weißt, daß ich einen ganz Andern meine!“ murrte er. Mas'befreite ſich von ſeinem eiſernen Griff und ſagte:„Wenn Ihr ihm nur ein einzig Mal ſo gegen⸗ Bernd von Guſeck, König Mrrat's Ende. 1I. 4 über ſtändet, wie ich ihm geſtanden habe, ſo würdet Ihr auch anders ſprechen. Er hat Eure Brüder nicht ge⸗ mordet!“ „Mordet der vornehme Mann, der ſich den Dolch eines Bravo miethet?“ rief Trenta-Capilli wild.„Stehe ich ihm einmal gegenüber, ſo ſollſt Du ſehen ob ich ſo ſchwach ſein werde wie Du! Bei Deinem Herrn wär's alſo, auch wenn ich ihm Briefe von ſeinen beſten Freun⸗ den überreichen könnte, umſonſt?“ „Wie ſoll ich armer Mann, mit dem er kaum ein Wort in der Woche ſpricht, darüber urtheilen?“ erwi derte Mas'„Was ich aber erlauſcht habe, hier“— er zeigte auf die Grotte—„ſo war keiner der Meinung, bei dem Fürſten auch nur leiſe anzuklopfen.“ „Gut denn. Vielleicht bedarf es der ganzen An⸗ ſtrengung nicht. Wenn die Birne reif iſt, fällt ſie von ſelbſ.“ Beide gingen dann auf einem andern Pfade zur Mauer hinab, welche die Villa von der Uferſeite ab— ſchloß; hier an einer umbüſchten Stelle ſchwang ſich Trenta⸗ Capilli hinüber.„Auf Wiederſehen im Frühling!“ riefer dem Zurückbleibenden zu. Camillo ſpeiſte mit ſeinem Vater zu Mittag und hlieb bis zum Abend, doch wurde das unglückliche Ver hältniß, das beiden ſo ſchwer auf dem Herzen lag, nicht mehr berührt; der Fürſt ſchien die Schwäche, welche ihn heute bei dem Wiederſehen und all den traurigen Erinnerungen aus ſeiner gewohnten Haltung gebracht hatte, vollſtändig bezwungen zu haben und ſich durch eine vermehrte Gemeſſenheit gegen Anſprüche, welche der Sohn etwa aus der Stunde der Hinfälligkeit erheben wollte, zu wahren. Es war ſelbſt Camillo kein Bedürfniß mehr, ſich weiter auszuſprechen; er wußte ja nun im Grunde Alles, wozu noch über die nähern Umſtände grübeln? Zweierlei beſchäftigte ihn, als er abends nach der Stadt zurückfuhr: der Zweifel über Alexander Orkum's Flucht, welche Emilio ſo beſtimmt behauptet hatte, und die Ahn⸗ dung des Bubenſtücks, denn anders konnte er Emilio's Ver— halten nicht nennen! Aus voller Seele hatte er ihm die Beſchuldigung in den Bart geworfen, daß er die giftige Schlange der Verleumdung gegen Virginia losgelaſſen habe, und Emilio hatte den Backenſtreich lächelnd hinge⸗ nommen; er war mit einer Unverſchämtheit ohneglei⸗ chen wieder zu ihm gekommen, nachdem er ihm die Schwelle verboten und ihm durch ſeine Karte Genug⸗ thuung angetragen hatte! War ihm bei ſeiner Geſinnung ohne ein öffentliches Aergerniß, das der Fürſt, als das Haupt des Hauſes, vermieden wiſſen wollte, beizukom⸗ men? Zwang er nicht ſeinem Gegner, da er den ehren⸗ haften Austrag verſchmähte, andere Waffen in die Hand? 4* 52 Dieſe Waffen waren freilich Camillo nicht fremd, er führte ſie ſchon ſeit Jahren und hatte die Gewiſſens⸗ ſtrupel, die ihn anfangs beunruhigt. längſt unterdrückt. Heute aber hatte ſein Vater ſie wieder wach gerufen, als er ihm geſagt, daß es nicht im Geiſte ſeiner Väter ge⸗ handelt ſei, im Dienſte des Feindes zu deſſen Untergang zu wirken. Sein Feind war König Joachim noch nicht geweſen, als er ſich ihm anſchloß; er hatte gegen ſeine Per⸗ ſon keinen Groll, ja ſie flößte ihm in mancher Beziehung Theilnahme ein; er erkannte willig an, was Neapel ihm verdankte, und wäre er der Mann geweſen, ſich wirklich an die Spitze von Italien zu ſtellen, ſo würde ihn Ca⸗ millo geſegnet, ihm ſelbſt ſein perſönliches Rachegefühl zum Opfer gebracht haben um des großen Vaterlandes willen! Aber wenn er thöricht genug geweſen war, auf Murat Hoffnungen für Italien zu ſetzen, ſo hatte er dieſe längſt aufgegeben; dieſe Hoffnungen gingen nun über ihn hinweg, auch über die Bourbons hinweg, und er mußte die Waffen, die ſein Vater geächtet hatte, im Dunkeln vielleicht noch lange Jahre führen, bis das Ziel erreicht oder Alles verloren war. In beiden Fällen, was war an dem Einzelnen und ſeinem Nachruhm ge⸗ legen? Wenn alſo der König, welcher ihm ſein Ver⸗ trauen geſchenkt, obgleich er wiſſen konnte, daß Camillo ihm nie verzeihen würde, was er ſeiner Ehre gethan, 53 wenn Murat auf geheimen Wegen bekämpft wurde, war⸗ um ſollte der Elende, der aus niedrigſter Abſicht nicht dem Opfer allein, das er ſich auserſehen, ſondern auch dem greiſen Vater das Bitterſte bereitet hatte, nicht in gleicher Weiſe ſeiner Strafe verfallen? Camillo hatte ſchon ſeine Pläne gefaßt, aber er riß ſich davon los, weil er ſeine Zweifel doch nicht ganz be- ſchwichtigen konnte. Klarer lag ihm vor, was er in Be⸗ zug auf den Staatsgefangenen zu thun hatte. Er mußte ermitteln, auf welche Gründe hin das Kriegsgericht gegen Orkum das Todesurtheil ausgeſprochen hatte. Wohl kannte er das kurze und gewaltthätige Verfahren, das nur zu oft auf eine ſchnöde Anklage nach flüchtig geführter Unterſuchung, ohne den Beſchuldigten überführt oder zum Geſtändniß gebracht zu haben, einen ungerechtfer⸗ tigten Spruch gefällt hatte, aber hier konnte er ſich auch nicht den Schatten eines Verdachts gegen den harm⸗ loſen Fremden denken, wenn die an ſich wunderliche An⸗ ſchuldigung, den bewußten Boten an Capobianco geſchickt zu haben, ſich als falſch erwieſen hatte. Der junge Mann, der nur ſeinen Studien einer längſt verſunkenen Zeit lebte und mit den Zuſtänden der Gegenwart ſo unbekannt war wie ein Kind, ſollte ſich in ſtaatsgefährliche Unter⸗ nehmungen eingelaſſen haben? Gleichwohl mußte der Spruch des Gerichts, deſſen Vollſtreckung der König verhindert hatte, als die Unterſuchungsacten dem Mon⸗ archen vorgelegt wurden, auf beſtimmte Thatſachen begrün⸗ det geweſen ſein; es ließ ſich nicht denken, daß der König, ſtatt das Urtheil ganz umzuſtoßen und von ſeinem Recht der Begnadigung Gebrauch zu machen, die Todesſtrafe in lebenswierige Gefangenſchaft verwandelt haben würde, wenn nicht Gründe dazuvorgelegen hätten. Seine Aeußerun⸗ gen darüber bewieſen gar nichts; er war niemals ge⸗ neigt, ſich vollſtändig auszuſprechen, oft auch zu lebhaft, zu flüchtig in ſeinen Gedanken, um gründlich auf eine ihm unangenehme Erörterung einzugehen. Camillo wollte alſo zuerſt bei dem Commandanten des Caſtells dell' Uovo perſönlich anfragen, ob ſich der Staatsgefangene noch dort im Verwahrſam befinde; war das nicht mehr der Fall, ſo war Alles erledigt. Wenn er aber noch gefan⸗ gen war, ſo hoffte Camillo die Erlaubniß zu erlangen, ihn zu ſehen und zu ſprechen, entweder von dem Com⸗ mandanten, geſtützt auf ſeine Stellung im Staatsrathe, oder durch den Miniſter, im äußerſten Falle vielleicht durch den König. Von Alexander mußte er dann hören, was ihm zur Laſt gelegt worden ſei, und konnte nach Umſtänden für die Entkräftung der Anklage wirken. Sollte auch das fehlſchlagen, ſo blieb nichts übrig, als die Beiſizer der Militärcommiſſion, welche ihn ge⸗ richtet hatte, zu ermitteln und durch einen oder den 55 andern, der am zugänglichſten ſchien, die Anſchuldigung zu erfahren, um ſich dann über ſeine eigenen Schritte zu entſcheiden. Er war es dem Armen, der für ihn ge⸗ richtet worden, er war es ſich ſelbſt ſchuldig. Und noch ein anderer Gedanke bewegte ſeine Seele, der noch keine beſtimmte Form gewann, aber doch wohlthuende Hoff⸗ nungen in ihm erweckte. Drittes Kapitel. Der letzte Krieg. Alles vergebens! Die einzige Frucht raſtloſer Be— mühungen war für Camillo, daß er trotz ſeiner Menſchen⸗ kenntniß ſelbſt an der politiſchen Unſchuld Alexander's irre geworden war. Vom Commandanten des Caſtells dell' Uovo, an welchen er ſich zuerſt gewandt, hatte er keine Auskunft erhalten; der alte Soldat war ohne eine höhere Autoriſation nicht zu bewegen geweſen, ihm auch nur zu ſagen, ob unter den Staatsgefangenen, deren Bewachung ihm anvertraut war, ſich der Geſuchte be— finde. Eine ſolche Autoriſation, welche zugleich die Er⸗ laubniß in ſich faßte, den Gefangenen ſprechen zu dürfen, hatte ſich Camillo nicht verſchaffen können; der Kriegs⸗ miniſter hatte ſie entſchieden abgelehnt, und der König, welchen er zuletzt bei einer günſtigen Gelegenheit darum gebeten, hatte ihn wieder an Macdonald gewieſen, der, an ähnliche Ueberweiſungen gewöhnt, darin nur die Be⸗ ſtätigung ſeiner Weigerung geſehen hatte und dabei 57 ſtehen geblieben war. Der König hatte ſeit kurzem ſeine Strenge gegen die Carbonari gemildert, obgleich ſie ſich trotzdem überall wieder regten. Der Um— ſchwung der Dinge in Sicilien, welcher auch in Neapel Hoffnungen weckte, hatte ihn dazu beſtimmt; er fürch⸗ tete, daß die Verbindung, welche zahlreicher und mäch⸗ tiger ſchien, als er erwartet hatte, den Eindruck der Adreſſen aus ſeinem ganzen Volke, den Eindruck der Einſtimmigkeit deſſelben ſchwächen, dem Feinde in die Hände arbeiten und das Volk mit der Ausſicht auf die ſicilianiſche Verfaſſung der Regierung abſpenſtig machen werde. Daher hatte er ſelbſt jetzt eine Verſtän- digung mit den Carbonari vorgeſchlagen, um ſie wieder zu gewinnen. War ihm das Ernſt? Sie mußten daran zweifeln. Er konnte nicht daran glauben, daß ſie ſich ihm nach furchtbarer Verfolgung ſo leicht verſöhnen würden, und ſeine Nachgiebigkeit machte ſie nur kühner. Camillo hatte aber geglaubt, daß der König in ſeiner augenblickli— chen Stimmung die Gelegenheit gern wahrnehmen werde, an einem der minder Wichtigen, deſſen Verbindung als Fremder mit jenen ſehr zweifelhaft ſchien, einen Act der Großmuth zu üben, und darum hatte er gewagt, mit ſeiner Bitte hervorzutreten. Nachdem er auch damit ge⸗ ſcheitert war, hatte er ſich endlich Einſicht in die Unter⸗ ſuchungsacten zu verſchaffen geſucht. Das war ihm zwar ebenſo wenig gelungen, doch erfuhr er wenigſtens ſo viel, daß der Baron Orkum keineswegs als ein Mitglied der geheimen Verbindung, ſondern als ein deutſcher Emiſſar, welcher im Lande unter der Maske unverdächtiger Studien und Forſchungen Unzufriedenheit ſäen, Aufruhr ermuthigen und ſelbſt den Königsmord als äußerſtes Mittel empfehlen wolle, verurtheilt worden ſei, theils durch die Ausſage eines unverdächtigen Zeugen, theils durch ſeine eigenen Aeußerungen überführt. An den letztern, welche auch der König betont hatte, zweifelte Camillo, doch wiederholte man ihm vertraulich einige derſel⸗ ben, die ihn allerdings ſtutzig machten. Sie konnten, wenn man ſie entſchuldigen wollte, unverfängliche hiſtoriſche Be⸗ merkungen ſein, in der ſchwerfälligen Weiſe vorgetragen, welche Camillo an dem jungen Pedanten kannte, aber es plieb doch immer unbegreiflich, wie er dazu gekommen war, ſie vor Gericht zu wiederholen und als die ſeinigen an⸗ zuerkennen. Den Namen des Zeugen zu erfahren gelang Camillo nicht, und dieſes wäre ihm gerade ſo wichtig ge⸗ weſen! Daß Alexander aber nicht entflohen ſei, wie Emilio behauptete, ſchien nach Allem, was er ermittelt hatte, feſt zu ſtehen, wenn es auch ungewiß war, ob er noch im Caſtell dell' Uovo verweile oder nach einem andern Staatsgefängniß gebracht ſei. Wie ſchwer es Camillo auch geworden war, hatte er ſich zuletzt ent⸗ 59 ſchloſſen, nochmals mit ſeinem Vetter Rückſprache zu nehmen, worauf er ſeine feſte Annahme, daß Alexander mit Virginia entflohen ſei, gründe; er hatte ihn aber nicht gefunden. Prinz Emilio war verreiſt; man wußte in ſeinem Hauſe nicht, auf wie lange und wohin. Camillo's erſter Gedanke war geweſen, daß er wohl die Spur verfolge, welche er gefunden zu haben glaube, und er wünſchte von Herzen, daß es ihm nicht gelingen, daß das Paar, wenn es wirklich vereint war, eine ſichere Freiſtatt erreichen möge, fern von hier, in Alexander's Heimat, wo Niemand Virginia kannte. Ueber Alles ſonſt mochte ſie ſich mit ihrem Gewiſſen abfinden! Er mußte ſich nun vor der Hand beruhigen. Von ſeinem Schwager Orkum hatte ihm der König ſelbſt geſagt, daß er ihn zum Commandanten eines vacant gewordenen Cavallerieregiments bei der Armee in den Marken ernannt habe. Den König nochmals in derſelben Ange⸗ legenheit anzugehen war unmöglich, beſonders da er von der ſich mehr und mehr verwickelnden Politik in Anſpruch genommen war. Die Spannung mit dem Papſte ſtieg in bedenklichſter Weiſe. Joachim bemühte ſich nicht mehr zu verhehlen, daß er ſich im Beſitz desjenigen Theils vom Kirchen⸗ ſtaat, den er inne hatte, mit allen Mitteln behaupten werde. Der Papſt beſchwerte ſich über die Umtriebe eines 60 neapolitaniſchen Conſuls, des Cavaliere Zuccheri; Murat ſtellte dieſelben in Abrede; als der Mann aber überführt und mit Strafe bedroht wurde, ließ der König noch mehr Truppen an die römiſche Grenze rücken und ſandte einen gewiſſen Maghella als Verwaltungscommiſſar nach den Marken, der das Volk in aller Weiſe gegen den Papſt und die Möglichkeit, ihm wieder unterworfen zu werden, aufregte. Mit dem Kaiſer von Oeſterreich, auf deſſen Allianz doch Murat's ganze Hoffnung, ſich die Krone von Neapel zu erhalten, beruhen mußte, ſtand er kaum beſſer. Wer in Mailand, als Staatsverbrecher oder Verſchworener gefährdet, die Flucht ergriff, fand in Neapel Aufnahme und Schutz, ſelbſt Deſerteure der kaiſerlichen Armee wurden angenommen. Die Verbin⸗ dung mit der Inſel Elba wurde immer vertraulicher und konnte den fremden Geſandten nicht entgehen, obſchon ſie von Murat's Miniſtern geleugnet oder, wenn ſie das nicht ganz konnten, durch die Bande der Verwandtſchaft erklärt wurde. Der König zeigte ſich bei den Feſten, welche mit dem Beginn des neuen Jahres 1815 glän⸗ zender als je am Hofe ſtattfanden, heiter und zuver⸗ ſichtlich, aber es gelang ihm doch nicht immer, die Ge⸗ müthsbewegung zu verbergen, welche die Erwartung der Dinge, welche ſich vorbereiteten, in ihm erweckte Die ausgelaſſenſte Fröhlichkeit des Carneval herrſchte in⸗ 61 zwiſchen in Neapel, als ob es von der Ungewißheit der Zu⸗ kunft gar nicht berührt werde. Auf der Toledoſtraße, der Riviera di Chiaja, dem Corſo Napoleone rollten die großen Wagen mit den tollſten Maskenaufzügen, jeder mit einem Muſikchor beſetzt durch die zujauchzende Menge, Confetti wurden geworfen; überall Ausbrüche der Luſt, Liebesabenteuer und groteske Scherze! Wer hatte den Ernſt, in der freudeſprühenden Gegenwart an kom⸗ mende Tage zu denken?* Die Entſcheidung rückte aber näher und näher. Als die ſtille Faſtenzeit kam, richteten ſich die Blicke wie— der auf die allgemeinen Angelegenheiten. Nirgends drohte ein Krieg und doch ſah man mit Verwunderung alle Vorbereitungen dazu treffen. Kuriere kamen und gingen ab in ungewöhnlich raſcher Folge, in der nächſten Um— gebung des Königs machte ſich eine wachſende Bewe⸗ gung bemerkbar. Was hatte das Alles zu bedeuten? Am 4. März war in den Gemächern der Königin kleiner Eirkel. Es waren nur einige der fremden Ge⸗ ſandten, zwei oder drei Miniſter und wenige Herren vom Hofe geladen. Der König ſchien nicht in beſter Laune zu ſein; wenigſtens hatte die Heiterkeit, welche er zuweilen aufſprudeln ließ, etwas Gezwungenes und wech⸗ ſelte mit zerſtreutem Schweigen. Da wurde ihm von einem Adjutanten eine geheime Meldung gemacht, in⸗ 62 folge deren er raſch aufſtand und ſich in ein anſtoßen⸗ des Zimmer begab; nach einer Minute erſchien der Ad⸗ jutant im Auftrage des Königs wieder, um die Königin zu bitten, ihrem Gemahl zu folgen. Die kleine Ver⸗ ſammlung blieb in geſpannteſter Erwartung zurück und wagte ſich nur durch Blicke oder einzelne Worte ihre Vermuthungen mitzutheilen. Es währte nur eine kurze Zeit, ſo kehrte der König zurück, aber allein; ſein Ange⸗ ſicht ſtrahlte von einer freudigen Aufregung, welche er vergebens zu verbergen ſtrebte. „Ich habe ſo eben die Nachricht bekommen“, ſagte er mit einer Stimme, der man die innere Bewegung anhörte,„daß der Kaiſer Napoleon am 26. Februar von Porto⸗Ferrajo abgeſegelt und mit tauſend Mann ſeiner Garde nach Frankreich unterwegs iſt“ Allgemeines Erſtaunen, zum Theil Bewunderung, auf einigen Geſichtern Beſtürzung, das war die erſte Wir⸗ kung dieſer großen, verhängnißſchweren Kunde. Alle An⸗ weſenden ſahen geſpannt auf den König, ob er ſich noch weiter ausſprechen werde. Das geſchah jedoch nicht; er beobachtete eine vorſichtige Zurückhaltung und entließ die Geſellſchaft, welche nun das Palais ſogleich verließ. Daß der König um den Plan ſeines Schwagers ge⸗ wußt habe, ſchien allen unzweifelhaft; ob er ihm Vor⸗ ſchub geleiſtet und welche Stellung er jetzt zu den Ereig⸗ 63 niſſen einnehmen werde, mußte die Zukunft lehren. Noch in derſelben Nacht ſchrieb er an die Höfe von Oeſter⸗ reich und England, um mit Tagesanbruch die Kuriere abgehen zu laſſen; er erklärte darin, daß er, möge das künftige Geſchick des Kaiſers Napoleon ſich glücklich oder unglücklich geſtalten, feſt in ſeiner Politik verharren und den abgeſchloſſenen Allianzen Wort halten werde. In ſeinem Herzen war es aber ſchon anders beſchloſſen. Er traute dem Congreß nicht, der gegen ihn ſchon drohend aufgetreten war, er verließ ſich auf das Glück des Kai⸗ ſers, den er ſchon wieder auf ſeinem Throne als den Schiedsrichter Europas ſah; ihn drückte das Unrecht, das er gegen ſeinen Schwager begangen hatte, und es drängte ihn, daſſelbe gut zu machen, indem er ſein küh⸗ nes Unternehmen durch raſche That begünſtigte. Jetzt war der Augenblick, wie ihm eine Stimme, der er ſein Ohr nicht verſchloß, zuflüſterte, als Schirmherr Italiens aufzutreten! Oeſterreich mußte dadurch förmlich über⸗ raſcht und durch die Volkserhebung, die ſich erwarten ließ, gelähmt werden; die übrigen Alliirten konnten ihm hier nicht entgegentreten, da ihre Blicke nur nach Frankreich gerichtet waren, wo die größte Gefahr drohte. Wenn Joachim Murat an der Spitze von ganz Italien ſtand, ſo konnte er je nach dem Aus⸗ gange des Kampfes mit Frankreich oder mit Heſterreich 64 unterhandeln; er mußte vortheilhafte Bedingungen er⸗ halten. „Camillo!“ rief der König feurig, indem er den Rathgeber umarmte, der ſo ganz in ſeine eigenſten Ge⸗ danken einzugehen wußte.„An Ihnen hat die Natur ſich verſündigt, indem ſie Ihnen die Körperkraft verſagte, Armeen ins Feld zu führen.“ „Mein Ehrgeiz fliegt ſo hoch nicht, Sire!“ erwi⸗ derte der Prinz, indem er ſeine beredten Augen ſenkte. Es hätte Joachim auffällig ſein und ihn zur Vor⸗ ſicht beſtimmen ſollen, daß diesmal außer den Miniſtern und vielen Freunden auch die Königin ſeinen ſchon ge⸗ faßten Vorſatz bekämpfte; ſie, die Schweſter des Kaiſers, deren Herz freudig erbebt war bei der Nachricht von deſſen großer That. Wenn die Königin Karoline ihren Gemahl vor Uebereilung warnte, ſo hätte er auf ſie wohl hören ſollen. Ein aufrichtiges Verharren bei der Politik, die er in ſeinem Schreiben an die Höfe von Wien und St.⸗James bezeichnet hatte, würde ſeine Stel⸗ lung dem Congreß gegenüber ganz befeſtigt haben; aber auch nur ein kluges Abwarten, jetzt, wo man ſeiner be⸗ durfte und ihn nicht in das Heerlager Napoleon's treiben konnte, würde ihm die namhafteſten Zugeſtändniſſe ge⸗ ſichert haben. Er aber träumte nur Siege und berief einen Rath, um alle ſeiner Zuverſicht theilhaftig zu e 65 machen und ſich der einſtimmigen Billigung des Krieges zu verſichern. Zum erſten Male enthüllte er ſeine Be⸗ ſorgniſſe vor dem Congreß und ſeine Hoffnungen für Italien. Er berechnete ſeine Streitkräfte auf 80,000 Soldaten, 14 Bataillone Provinzialmiliz, 4000 Doua⸗ niers, 2000 Waldhüter und eine zahlreiche Bürger⸗ wehr; das ganze Königreich, hoffte er, werde ſich in Waffen erheben. In den Ländern am Po, behauptete er, ſei das Volk zu ſeinen Gunſten geſtimmt und vorbe⸗ reitet; er zählte die Parteiführer her und ihre Kräfte; einer ſollte ſchon 12 Regimenter insgeheim angeworben und 12,000 Gewehre bereit haben, ein anderer vier Regi- menter; ein dritter, deſſen Namen er verſchwieg, eine hochgeſtellte und mächtige Perſönlichkeit, werde den Kern des frühern italieniſchen Heeres an ſich ziehen und ſich mit den Neapolitanern für die allgemeine Sache der Un⸗ abhängigkeit vereinigen. Unmöglich ſei es, bei dem jetzi— gen Zuſtande von Europa die Armee zu vermindern, ebenſo unmöglich, ſie in ihrer jetzigen Stärke aus den ordentlichen Einnahmen von Neapel zu erhalten; ent⸗ weder müſſe man zu neuen Auflagen ſchreiten oder die Truppen außerhalb der Grenzen auf fremde Unkoſten leben laſſen. Dann ging er auf die Politik über und ſtellte die Gefahren vor, welche der Civiliſation in Ita⸗ lien drohten. Auch er betonte dies Wort in demſelben Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. III. 5 66 Sinne, wie wir es ſeitdem ſtets von den Franzoſen ge⸗ hört haben, welche ſich rühmen, an der Spitze der Civi⸗ liſation zu ſchreiten und die Völker, wenn auch gewaltſam, damit beglücken zu wollen. Er malte den Zuſtand der italieniſchen Staaten ſeit der Wiederkehr des Alten mit den ſchwärzeſten Farben. Wohl könne man ſich den Feinden Bonaparte's verbinden, ſagte er ſeufzend, wenn ſie Frankreich nur zügeln, nicht unterdrücken wollten, wenn die Geſchicke der Völker verbeſſert, die Früchte von dreißig Jahren, die Gedanken von zwei Jahrhun⸗ derten nicht verloren würden. Aber da ſich die Politik des Congreſſes vor ganz Europa offen gezeigt habe, ſei jeder Kampf für dieſelbe eine Miſſethat an der Civi⸗ liſation. Die Verſammlung wurde von der Rede des Königs nicht überzeugt; ſie beſchloß nach lebhaften Debatten, daß die Antworten von Wien und London auf die kö⸗ niglichen Schreiben vom 5. abzuwarten ſeien, ob ſich darin die wahren Abſichten der Höfe über den Thron von Neapel ausſprechen würden; daß man aber auf jeden Fall auch das Ende der Unternehmung des Kaiſers Na⸗ poleon und die Entſcheidung des Congreſſes über die Angelegenheiten von Frankreich abwarten müſſe, ehe ein weiteres Vorgehen gerechtfertigt ſei. Auf den Entſchluß des Königs, der bereits gefaßt war, hatte dieſes Votum 67 des Raths keinen Einfluß mehr; ſein Verhängniß ſollte ſich erfüllen; am 15. März 1815 war der Krieg bei ihm ſchon eine beſchloſſene Sache. Welche Mittel konnte er aber dazu verwenden? Nur 40,000 Mann mit 5000 Pferden und 60 Kanonen ſtanden für die Operationen im Felde zur Verfügung und ihr Zuſtand war nichts weniger als gut, namentlich bei der Cavallerie, der Artillerie und den Genietruppen. Drei Regimenter hatte man aus den Gefängniſſen und Galeeren gebildet! Die Disciplin war ſchwach, die Aus⸗ rüſtung mangelhaft, die Verwaltung unzuverläſſig, die Kriegskaſſe leer. In den höhern Graden herrſchte noch immer Haß und Zwietracht zwiſchen Eingeborenen und Fremden; von 25 Generalen waren 10, von 27 Oberſten 13 Franzoſen, welche das Heer für Italiens Einheit und Unabhängigkeit führen ſollten. Dem Könige waren alle dieſe Verhältniſſe nicht unbekannt, aber er vertraute dem Glück und ſtillte die eigenen Zweifel am Gelingen mit den Erfahrungen ſeiner ſtolzen Laufbahn. So erſchien er bei dem letzten Feſt, welches vor ſeiner Abreiſe zur Armee noch einmal die vornehme Welt von Neapel am Hofe verſammelte, im Vollgefühle ſeiner Macht, in der heitern Zuverſicht des nahen Sieges. Man glaubte ihn noch nie liebenswürdiger geſehen zu haben; die Frauen waren entzückt von ſeiner Heldenſchön⸗ 68 heit. Wie er im Felde, beſonders in der Schlacht, durch einen phantaſtiſchen, halb orientaliſchen, halb der Ritter⸗ zeit entnommenen Aufzug ſeinen Truppen imponirte, ſo war ſeine Hofkleidung ebenſo prächtig als geſchmack⸗ voll. Er trug, ſtatt des allgemein üblichen Uniform⸗ fracks ſeiner Zeit, einen altdeutſchen Rock, den heutigen Waffenröcken ähnlich, nur die Geſtalt ſchöner hervorhe⸗ bend, faltenreicher um die Hüften, von himmelblauer Farbe, reich mit Gold geſtickt, dazu weiße Unterkleider und kurze Ritterſtiefeln von goldgelbem Saffian, deren Stulpen mit goldenen Franſen beſetzt waren; der Degen, welchen er auch in den Schlachten trug, hatte die Form eines kurzen altrömiſchen Schwertes, deſſen goldener Griff ohne Bügel die Bildniſſe der kaiſerlichen Familie in kunſtreich gearbeiteten Medaillons enthielt. Wer ihn heute durch die lebhaft bewegte Geſellſchaft ſchreiten ſah, die ihm enthufiaſtiſche Beweiſe ihres Antheils und ihrer Wünſche für das Gelingen ſeiner Kriegspläne gab, der konnte ihm kaum ſeine Bewunderung verſagen. Und doch gab es in der Verſammlung ſo manchen verſteckten Feind, der ihm den Untergang in dem tollkühnen Be⸗ ginnen wünſchte! Es war auch der letzte Glanzpunkt ſeiner unerſchütterten Macht! Schon am 22. März ſetzten ſich die Truppen der Feldarmee, in zwei Corps getheilt, gegen den Po in 69 Bewegung. Die vier Legionen der Linie, wobei eine der Cavallerie, unter den Generalen Carrascoſa, Ambro⸗ ſio, Lecchi und Roſetti, nahmen den Weg durch die Marken, wo bereits anſehnliche Streitkräfte geſtanden hatten; die Garde, zwei Legionen(6000 Mann ſtark), eine aus Infanterie, die andere aus Capallerie gebildet, unter den Generalen Pignatelli, Strongoli und Livron, marſchirte von Neapel auf Rom. Der Papſt hatte das wiederholte Geſuch, den Durchmarſch als einen befreun⸗ deten zu geſtatten, abgelehnt; das hielt den Marſch der Truppen über Fraseati, Albano, Tivoli und Foligno je⸗ doch nicht auf. Da ernannte der Papſt, als fürchte er eine Hinterliſt oder wolle die Gefahr vergrößern, eine Regentſchaft und reiſte eilends, gleichſam auf der Flucht, nach Florenz, ſpäter nach Genua; viele Cardinäle folgten ihm, auch der frühere König von Spanien, Karl W. der einſt mit ſeinem Sohne Ferdinand VII. von Napo⸗ leon in jenen ſtandalöſen Auftritten zu Bayonne ent⸗ thront worden war, und noch andere hochgeſtellte Per⸗ ſonen. Es war, als ſtehe Hannibal vor den Thoren Roms, und es diente dem Könige Joachim nicht zum Vortheil, daß ſo viele hohe Geiſtliche gerade in der heili- gen Oſterwoche vor ihm flohen und die kirchlichen Feier⸗ lichkeiten unterbrochen wurden. Welcher katholiſche Fürſt ſich mit der Kirche in Zwieſpalt ſetzt, möge zuſehen, daß 70 er nicht falle! Das neapolitaniſche Heer berührte jedoch die ewige Stadt nicht; es achtete überall die päpſtliche Regierung, bezahlte die Verpflegung pünktlich und hielt die ſtrengſte Disciplin. Murat begab ſich mit ſeinem Generalſtabe, deſſen Chef ein Franzoſe, der General Millet de Villeneuve, war, nach Ancona, um den Oberbefehl des Heeres zu übernehmen und die Kriegsoperationen zu leiten. Noch einmal verſuchte er, dem Congreß durch ſeine Bevoll⸗ mächtigten die Bewegung ſeines Heeres als geboten für die Sicherheit ſeiner Staaten bei etwaigen Unruhen in den ehemaligen franzöſiſchen Provinzen Italiens darzu⸗ ſtellen; er erneuerte die Verſicherung, daß er bei der Allianz mit Heſterreich feſt verbleiben werde. Konnten die verbündeten Monarchen ihm Glauben ſchenken, da ſeinen Worten die Thatſachen widerſprachen und ſeine Verbindung mit den lombardiſchen Rebellen, wie die Begünſtigung der Flucht Napoleons durch unzweideutige Zeichen bewieſen war? Der Kaiſer von Oeſterreich hatte bereits ſeit den erſten bedenklichen Nachrichten aus Ita- lien ſeine Maßregeln getroffen Eine Macht von 40,000 Mann Infanterie, 7000 Pferden und 64 Geſchützen unter dem General der Cavallerie Baron Frimont ſtand ſchlagfertig; Feldmarſchalllieutenant Baron Bianchi, wel⸗ cher den Krieg in Südfrankreich 1814 ruhmvoll geführt „ 71 hatte, war bereits Anfang März vom Fürſten Schwar⸗ zenberg nach Italien geſandt worden, angeblich um den Zuſtand der Truppen, feſten Plätze und der Militärver⸗ waltung zu unterſuchen, aber ſchon mit der geheimen Beſtimmung, falls es zum Kriege mit Murat kommen ſollte, den Befehl über die gegen ihn beſtimmte Armee zu übernehmen. Als ſich die Neapolitaner in Bewegung ſetzten, wurde Bianchi vom General Frimont ſogleich be⸗ auftragt, die Truppen, welche in den Marken ſtanden, zu ſammeln und mit Vermeidung nutzloſer Gefechte hinter dem Kanal Bentivoglio aufzuſtellen. Die Hauptmacht, auf ſtarke Feſtungen geſtützt, ſtand hinter dem Po, über welchen vier Brücken geſchlagen waren; Feldmarſchall⸗ lieutenant Graf Nugent eilte mit einem kleinen Deta⸗ chement in die Apenninen, um vereint mit den Garniſo⸗ nen von Lucca und Piombino, ſowie mit den toscani⸗ ſchen Truppen den Feind dort aufzuhalten. So erwar⸗ teten die Kaiſerlichen die Kriegserklärung. Noch war dieſelbe nicht erfolgt, als die neapolita⸗ niſche Avantgarde unter Carrascoſa die Stadt Ceſena angriff, welche von 2500 Oeſterreichern beſetzt war und nach kurzem Kampfe in beſter Ordnung geräumt wurde. Der erſte Kanonenſchuß war gefallen; jetzt erſt wurde der Krieg am 30. März förmlich erklärt. Ein Edict Murat's vereinigte die Marken nebſt den Diſtricten von 72 Urbino, Peſaro und Gubbio mit dem Königreich Neapel, ſodaß nicht mehr der Tronto, ſondern der Foglia die Grenze bildete; ein Armeebefehl rief die Truppen zum Kriege auf, bezeichnete als Feind die Heſterreicher, als Grund ihre Treuloſigkeit, als Ziel die Unabhängigkeit Ita⸗ liens und verſprach ihnen den Beiſtand von ganz Italien in Waffen. An die Italiener wurde ein Manifeſt erlaſſen, das ihre Leiden herzählte, ſie an die höchſten Güter der Un⸗ abhängigkeit erinnerte, ihnen eine freie Conſtitution ver⸗ ſprach, die Streitkräfte Neapels auf 80,000 Mann angab und in emphatiſcher Weiſe Haß, Rache, Hoffnungen, Ehr⸗ geiz als Hebel benutzend,„die Starken zu den Waffen, die Weiſen zum Rathe“ berief. Dieſer hochtönende Auf⸗ ruf an die italieniſche Nationalität, von Murat, einem Franzoſen, erlaſſen, war von Millet, auch einem Franzoſen, als ſeinem Chef des Generalſtabes, unter⸗ terzeichnet. Charakteriſtiſch genug! Der König ſetzte ſich nun an die Spitze ſeiner Avantgarde, um den Krieg, deſſen Vorſpiel der Angriff auf Ceſena geweſen war, kräftig zu beginnen. Die erſten Erfolge begünſtigten ſeine Waffen. Unter ſeiner perſön⸗ lichen Leitung wurde am 4. April die Brücke von San⸗ Ambrogio über den Panaro erſtürmt, wobei General Filangieri ſchwer verwundet fiel. Bianchi zog ſich ſeiner Inſtruction gemäß allmälig zurück, ſodaß die Neapo⸗ litaner Ferrara, Reggio, Carpi und den ganzen Land⸗ ſtrich zwiſchen Panaro und Secchia beſetzten. Am Po ſcheiterte jedoch ein von der Legion Ambroſio ſechsmal wiederholter Sturm auf den Brückenkopf von Occhiobello, und der König, der ſich in ſeinem ungeſtümen Muthe dabei den größten Gefahren ausgeſetzt hatte kehrte für ſeine Perſon nach Bologna zurück, wohin ihn ſchwere Sorgen riefen. Seine beiden Gardelegionen, ſeltſamer⸗ weiſe nicht unter einen Oberbefehl geſtellt, ſondern der Vereinbarung ihrer Diviſionsgenerale gleichen Ranges überlaſſen, hatten zwar Florenz, nachdem ſie einen Tag durch verfehlte Wege verloren, am 7. und 8. April be⸗ ſetzt und waren am 11. gegen Piſtoja vorgerückt, hatten ſich hier aber durch falſche Nachrichten über den Feind, ſeine Stärke, die Fortificationen, die er angelegt habe, und eine Umgehung, die er beabſichtige, zum Rückzuge bewegen laſſen, ohne die Verhältniſſe durch eine Re⸗ cognoscirung aufzuklären! Und Nugent ſtand dieſen 6000 Mann nur mit drei Bataillonen und dritthalb Schwadronen gegenüber! Der König hatte gehofft, daß die italieni⸗ ſchen Truppen zu ihm übertreten würden, ſtatt deſſen hatten ſich zwei toscaniſche Regimenter mit Nugent, ein modeneſiſches mit Bianchi vereinigt. Aber auch alle übrigen Hoffnungen auf eine Erhebung Italiens waren geſcheitert. Seinem Manifeſte antworteten nur leere 74 Vota, Gedichte Volksreden, aber keine Thaten; es war„die alte Geſchichte, doch bleibt ſie ewig neu!“ Von den ſechzehn verheißenen Regimentern führte endlich nur General Negri ein ſchwaches Bataillon von 400 Mann herbei. Liſten zur Einzeichnung von Freiwilligen wurden ausgelegt; ſie blieben faſt leer. Die politiſchen Gefangenen, welche durch die Neapolitaner befreit wurden, ergriffen nicht die Waffen, um ſich ihnen anzuſchließen, ſondern gingen ruhig nach Hauſe. Die ſchwerſte Sorge hatte aber dem Könige ein Schreiben Lord Bentinck's bereitet, das er noch am Po während des Angriffs auf Oechiobello erhalten hatte. Der Brite erklärte ihm darin, daß er nach den Verträgen der euro⸗ päiſchen Conföderation, da der König ohne Grund, ohne Kriegserklärung die Feindſeligkeiten gegen Heſterreich be⸗ gonnen habe, den Waffenſtillſtand zwiſchen England und Neapel für gebrochen anſehe und Heſterreich mit allen ſeinen Kräften zu Lande und zur See unterſtützen werde. Dieſe Drohung mußte Murat furchtbar ſein wenn er an den innern Zuſtand ſeines Reichs und die feindſeligen Rüſtungen des Königs von Sieilien dachte. Und ſeine Streitkräfte zerſplittert auf hundert italieniſche Meilen zwiſchen Reggio, Carpi und Ravenna! Es galt jetzt, einen Entſchluß zu faſſen. Kriegsrath alſo, der alte Fehler im Unglück! Mu⸗ 75 rat verſammelte ſeine höhern Generale, ſtellte ihnen die augenblickliche politiſche und militäriſche Lage vor und forderte ſie auf, ihre Meinung freimüthig zu ſagen. Sie ſtimmten darin überein, daß es in Betracht der feindlichen Stellungen, welche viel ſtärker als die eigenen wären, und des raſchen Zuzugs der Oeſterreicher aus Deutſchland gerathen ſei, ſich nur noch ſo lange zu hal⸗ ten, bis die Trains und Lazarethe zurückgeſchickt ſeien, dann aber ein günſtigeres Terrain für den Kampf gegen die Uebermacht zu ſuchen. Nach einer kurzen glücklichen Offenſive war Joachim Murat, der ſich ſchon als Herrn von Italien ſah, bereits auf die Defenſive beſchränkt. Mit ſchwerem Herzen gab er den Befehl zum Rück⸗ zuge in der Richtung auf Ancona; die Garden ſollten auf kürzeſtem Wege heranziehen. Dann wollte er, wo die Abhänge der Apenninen ſich dem Ufer des Adria⸗ tiſchen Meeres nähern, eine vortheilhafte Stellung ſu⸗ chen und dem Feinde die Schlacht bieten. Eine ſieg⸗ reiche Schlacht konnte Alles wieder gut machen; wie Napoleon und jeder wahrhafte Feldherr vor dieſem, von Friedrich dem Großen und dem Prinzen Eugen bis in das graue Alterthum, ſuchte er für die Entſchei⸗ dung des Krieges immer und einzig die Schlacht, als den Brennpunkt, in welchen alle künſtlich geleiteten Ope⸗ rationen wie Strahlen zuſammenfließen müſſen, und der 76 bedrückte Sinn des Königs erleichterte ſich, wenn er an dies heißerſehnte Ziel dachte. In der Schlacht Sieg oder Tod! Das Schickſal hatte es aber anders be⸗ ſchloſſen. Die Oeſterreicher, bedeutend verſtärkt, ergriffen jetzt die Offenſive, nahmen Carpi am 11. April und entſetz⸗ ten am 12. die Citadelle von Ferrara. Bianchi traf am 16. in Bologna ein, wo der Obergeneral Frimont alle vier Diviſionen ſeiner Armee vereinigte, während Murat unangefochten ſeinen Rückzug auf Rimini fort⸗ ſetzte. Auch bei den Kaiſerlichen wurde nun ein Kriegs⸗ rath gehalten, in welchem Bianchi, der älteſte General, ſeine Meinung dahin abgab, den König nur mit 3000 Mann längs der Küſte des Adriatiſchen Meeres zu ver⸗ folgen, mit den übrigen 20,000 Mann aber vereint über Florenz auf die Rückzugslinie Murat's zu marſchiren und ihn ſo von Neapel abzuſchneiden. Dieſer gewiß richtigen Anſicht war Frimont, der Mann der alten me⸗ thodiſchen Schule, nicht; er fand dieſen Rath nicht blos unmilitäriſch, ſondern ſogar gefährlich, denn Murat könne dann wieder an den Po vordringen und Oberitalien auf— wiegeln. Er entſchied ſich dafür, die Armee zu theilen und in zwei Colonnen getrennt durch die Apenninen gegen den Ronco und Garigliano vorzudringen. 23,000 Mann in zwei Theile getheilt, zwiſchen ſich das rauhe, unweg⸗ ſame Gebirge! Daß der Feind ſich mit ſeiner ganzen Macht auf einen Theil werfen und ihn vernichten könne, um dann mit dem andern leichtes Spiel zu haben, wie Bonaparte 1796 gegen Wurmſer gethan, als dieſer ſeine Colonnen zu beiden Seiten des Gardaſees vorgehen ließ, ſchien der Obergeneral ganz vergeſſen zu haben; die Geſchichte predigt nur zu oft tauben Ohren. So wurde denn die Armee wirklich in zwei Theile zerlegt, deren einen Bianchi über Florenz nach Foligno führen, während Neipperg mit dem andern dem Könige folgen und ihn durch Scheinangriffe beſchäftigen ſollte, um je⸗ nem Vorſprung zu geben. Eine Reſerve blieb zwiſchen Bologna und Ravenna ſtehen. König Murat erfuhr dieſe Bewegungen und durchſchaute den Plan; er freute ſich der Trennung des feindlichen Heeres und beſchloß, daſſelbe erſt weiter vordringen zu laſſen, damit die Ent⸗ fernung der beiden Theile von einander noch größer und ihre Verbindung und gegenſeitige Unterſtützung durch die Gebirgskette unmöglich werde. Dies traf zu bei Ma⸗ cerata; dort wollte Murat Bianchi, wenn dieſer von den Bergen gegen Tolentino herabſtieg, angreifen, während Neipperg ſich noch auf den jenſeitigen Ebenen von Ce⸗ ſena befand; die neapolitaniſche Macht hatte dann die ſtarken Poſitionen in der Mitte und Ancona als Stütz⸗ punkt der Flanke. Nur einem Einzigen, dem Ingenieur⸗ „ 78 general Colletta, der zu ſeinen Vertrauten gehörte und die Marſchlager und Gefechtsfelder auszumitteln hatte, theilte er ſeinen Plan mit und ſchloß ſeine feurige Rede mit den Worten:„Von dieſer wohl combinirten ſtrate⸗ giſchen Bewegung wird noch die Nachwelt reden.“ Sie war meiſterhaft und würde mehr Anerkennung gefunden haben, wenn das Schwert des Königs nicht in dem Mo⸗ ment, da er ſchon den letzten Schlag zum Siege zu thun glaubte, durch andere Schläge gelähmt worden wäre. Die Armee trat ihre weitern Bewegungen an und lagerte dann zwiſchen dem Ceſano und Chiente; die erſte Legion(Carrascoſa) hielt Neipperg auf, die zweite und dritte nebſt den beiden Gardelegionen ſtanden bei Ma cerata, die vierte unter Manches und Pignatelli⸗Cor⸗ chiara hielt die Grenze beſetzt und Montigny mit 3000 Mann die Abruzzen gegen Nugent, der über Piſtoja gegen Rom vorrückte. Ein Tagesbefehl vom 29. April kündigte den Truppen an, daß die Schlacht nahe ſei, daß die Bewegungen der Armee, obgleich ſcheinbar ein Rückzug, mit Abſicht geſchehen, um den Feind, der am Po zu ſtark geweſen, hierher zu locken und mit leichter Mühe zu ſchlagen. Aber der geſunkene Muth ließ ſich dadurch nicht mehr beleben, die Disciplin war ganz gelockert, und nur unter den höchſten Generalen zeigte ſich noch das Vertrauen, das der König auf ſeinen 8 5 79 Glücksſtern ſetzte. Er gedachte mit ſeinen vier Legionen Bianchi anzugreifen und zu ſchlagen, dieſem nur zwei zur Verfolgung nachzuſchicken, die andern beiden mit Car⸗ rascoſa zu vereinigen, um auch Neipperg zu werfen, dann die in den Apenninen getrennten Colonnen zu ver⸗ nichten und nach dem Siege den weitern Krieg, wie es die Verhältniſſe forderten, zu führen. Auf öſterreichiſcher Seite war aber Bianchi, welcher davon ſchon früher durch einen zweiten Brief des Fürſten Schwarzenberg unter der Hand benachrichtigt worden war, mit dem Oberbefehl betraut worden, und Frimont hatte die Armee verlaſſen, um das Commando einer zwei · ten, welche gegen Frankreich in Piemont aufgeſtellt wer⸗ den ſollte, zu übernehmen. Dadurch kam Einheit und Energie in alle Operationen, und dem Feldherrn wurde die ganze Ehre des Krieges zu Theil, der ſchon die ge⸗ fährlichſte Wendung genommen hatte, denn ein Raum von zwanzig deutſchen Meilen trennte die beiden Colonnen der Armee und Murat ſtand mit ſeiner Macht zwiſchen ihnen, des Sieges gewiß. Auch über die innern Zuſtände ſeines Reichs war er durch die neueſten Nachrichten aus Neapel beruhigt. Die hochherzige Frau, der er wie⸗ derum die Regentſchaft übertragen, hatte Alles gethan, was in ihren Kräften ſtand, um den Krieg, den ſie doch vorher widerrathen, durch ihre Fürſorge zu unterſtüßzen. 80 Sie ordnete die Nachfuhr für die Armee in den Marken, ſie ließ, als dieſe den Rückzug antrat und die Seiten⸗ colonnen der Heſterreicher die Grenzen bedrohten, die letzten Truppen. welche zur Beſatzung der Hauptſtadt und zum Schutze der königlichen Familie in Neapel zurück⸗ geblieben waren, abmarſchiren, die Küraſſiere der Garde, um den furchtſamen General Montigny gegen Nugent's Anmarſch zu verſtärken, die Gardegrenadiere zum Ge⸗ neral Manches, die Gensdarmen, die wenigen Depot⸗ truppen, ſelbſt ihre eigene Palaſtwache an die Grenze. Den Milizen ſprach ſie Muth ein und weckte ihren Eifer; dem Volke, dem ſie ſich mehr als ſonſt öffentlich zeigte, ſuchte ſie die Furcht und das Mißtrauen zu benehmen, und mit wachſamen Augen verfolgte ſie die Haltung der Carbonari, welche ſich wieder kühn zu regen anfingen, weder durch die frühere Strenge, noch die ſpätere Milde des Königs von ihren Zielen abgebracht. So gelang es ihr, Ruhe im Innern zu erhalten, und ihre Briefe waren für Joachim ein wahrer Troſt. Am Hofe befanden ſich gegenwärtig die nächſten Verwandten der Königin: ihre Mutter Lätitia Bona⸗ parte, welche in Frankreich als Mutter des Kaiſers Ma- dame Mère genannt wurde, der Cardinal Feſch, deren Bruder, und die ſchöne, geiſtreiche Schweſter der Königin Pauline Borgheſe. Alle ſahen mit ängſtlicher Spannung, 81 zwiſchen Furcht und Hoffnung getheilt, der Entwickelung der Dinge entgegen, welche in Frankreich wie in Italien das Schickſal ihres Hauſes entſcheiden mußte. Es war zu Ende April. Napoleon hatte ſeinen Siegeszug durch Frankreich, wo ihm alles Volk, alle gegen ihn ge⸗ ſchickten Truppen in neuerwachter Begeiſterung zufielen, in drei Wochen vollendet, er hatte den Kaiſerthron wie⸗ der beſtiegen und den Fürſten Europas in feierlicher Verſicherung erklärt, daß er jeden Gedanken an Krieg und Eroberung aufgegeben habe und nur dem Glücke ſeines Volkes leben wolle. Ein außerordentlicher Ge⸗ ſandter, Baron Staßart, war nach Wien abgegangen, um dem Kaiſer Franz dieſelben Geſinnungen auszuſpre chen und von ihm die Rückkehr der Kaiſerin Marie Louiſe mit ihrem Sohne nach Frankreich zu erbitten, ein anderer, General Belliard, nach Neapel, um ſeinen Schwager von ſeinem Vorgehen abzuhalten. Noch hatten die Fürſten auf dem Congreſſe ſich nicht erklärt, noch der Kaiſer von Heſterreich ſeinem Schwiegerſohne keine Ant⸗ wort gegeben. Sollte der Rieſenkampf gegen ganz Europa noch einmal aufgenommen werden? Oder war das Zer⸗ würfniß zwiſchen den Mächten der Coalition, das den Kaiſer zu ſeinem raſchen Schritte bewogen hatte, ſchon ſo unheilbar geworden, daß an keine Einigung mehr zu denken war und Napoleon deshalb auf Stimmen zu Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. III. 6 82 ſeinen Gunſten rechnen konnte? Anders ſtanden die Ver⸗ hältniſſe in Italien! Hier hatte der Kampf ſchon begon⸗ nen, durch Murat's Ungeſtüm gewiß zu früh, hier war kein Stillſtand möglich; die nächſten Tage mußten die Entſcheidung bringen, und wenn Karoline Murat unbe⸗ wacht von fremden Zeugen ihre jungen Kinder betrach⸗ tete, die noch keine Ahnung hatten, was ihnen vielleicht bevorſtand, ſo erloſch der Glanz ihrer Augen in bittern Thränen. Liertes Kapitel. Die Schlacht von Polentino. Am Abende des 1. Mai hatte ſich Bianchi's Gros bei Tolentino mit ſeiner Avantgarde unter Starhemberg vereinigt. Der Feldherr, todmüde, recognoscirte dennoch, kaum eine Viertelſtunde nach ſeinem Eintreffen, die Ge⸗ gend, denn es waren beſtimmte Meldungen über die Ankunft Murat's in Macerata, wenig über zwei Meilen entfernt, eingegangen, und ein Angriff deſſelben ſtand unzweifelhaft bevor. Es kam darauf an, denſelben in einer zur Vertheidigung gegen ſeine momentane Ueberlegenheit günſtigen Stellung zu erwarten und durch ſtandhaftes Aus⸗ harren der Colonne Neipperg's Zeit zu geben, heranzu kommen. Die Höhen bei Tolentino boten eine vortheilhafte Poſition; die Stadt ſelbſt war mit einer hohen Mauer umgeben, welche gerade auf der Oſtſeite, alſo gegen die Marſchlinie des Feindes, beſonders ſtark war; Pionniere und Commandirte der Infanterie ſetzten den Ort ſo⸗ 6. 84 gleich durch fortificatoriſche Anſtalten in Vertheidigungs⸗ zuſtund. Weithin gegen die zerſtreut liegenden Häuſer des Weilers Madia war der Bergrücken breit und flach, die Gegend offen und nur ſtellenweiſe ſumpfig. Die Vorhut ging noch zwei Stunden vorwärts bis zu dem Wirthshauſe von Montemilone an der Straße im Chientithal; Monte⸗ milone ſelbſt, wie viele italieniſche Orte, iſt wie ein Adlerhorſt auf eine ſteile Kuppe gebaut. Letztere gehört zu dem Gebirgsaſt, welcher die Thäler des Chienti und der Potenza ſcheidet, beide parallel zum Adriatiſchen Meere, alſo in der Richtung auf den Feind hinlaufend. In Montemilone und mehreren andern Orten wurden Auf⸗ nahmepoſten für die Linie der Vortruppen aufgeſtellt. Auf den Höhen bei Tolentino lagerten die Truppen in mehreren Treffen; ihre Stärke betrug etwa 10,000 Mann Infanterie und 1000 Pferde mit 28 Geſchützen. Bianchi hatte ſeine Dispoſition für die anzunehmende Schlacht ſchon entworfen, als ein Schreiben von Neipperg ein⸗ traf, das ſeine Mitwirkung ganz unwahrſcheinlich machte, da er von Carrascoſa feſtgehalten werde. Dennoch änderte der Feldherr ſeinen Entſchluß nicht, was ihm zur hohen Ehre gereicht. König Murat hatte ſeine vier Diviſionen, etwa 16,000 Mann Infanterie und 2000 Pferde, noch nicht ganz zuſammen, die Legion Lecchi war noch im An- 85 marſch. Er wußte ſich aber auch ohne dieſelbe dem Feinde überlegen und glaubte an keinen ernſtlichen Wider⸗ ſtand. Seine Dispoſition zum Angriff war vortrefflich; nun die Schlacht, ſeines Wunſches Erfüllung, ſo nahe war, hatte ſein Geiſt alle andern Sorgen überwunden, er war wieder ganz Soldat, der kühne Reiterführer, der entſchloſſene Feldherr ſeiner frühern ſchönſten Jahre. Als Reſerve ließ er die Gardelegion Pignatelli bei Macerata zurück, die zweite nebſt der Legion Ambroſio ſollte am 2. Mai zum Angriff gegen Tolentino vor⸗ rücken, wohin auch die Legion Lecchi beordert wurde. Der Morgen brach an; in aller Frühe ſchon ordnete Bianchi ſeine Truppen zur Schlacht. Die Höhen beſetzten fünf Bataillone und eine Schwadron unter Senitzer, die Mitte im Thalgrunde drei Bataillone, neun Schwa⸗ dronen und 24 Geſchütze unter Mohr, die Waldhügel jenſeits des Chienti, alſo auf dem äußerſten rechten Flügel, zwei Bataillone und eine kleine Huſarenabthei⸗ lung; ebenſo waren nach links in das Potenzathal ein Bataillon und ein Zug Huſaren entſendet. Die Stadt Tolentino hinter der Schlachtlinie war mit einem Ba⸗ taillon beſetzt. Auf der Chauſſee von Macerata ſprengte an den Colonnen ſeiner Neapolitaner vorüber, mit lauthallendem Zuruf von ihnen begrüßt, der König an der Spitze eines 86 glänzenden und zahlreichen Gefolges von Generalen, Ad⸗ jutanten und Ordonnanzoffizieren, denen ein Schwarm von Ordonnanzreitern aller Waffen, Reitknechten und Dienern mit Handpferden und die Escadron vom Dienſt ſich an⸗ ſchloß. Murat hatte wieder das prachtvolle Coſtüm an⸗ gelegt, das er immer am Ehrentage der Schlacht trug, weithin erkennbar den eigenen Truppen wie dem Feinde und darum nicht ſelten das Ziel feindlicher Kugeln, denen er mit ſtolzer Verachtung aller Gefahr trotzte. Einelichtblaue Kutka vom feinſten Kafimir, mit goldenen Schnüren be⸗ ſetzt umſchloß ſeinen Leib; die Aermel waren nach polniſcher Sitte bis zum Ellbogen aufgeſchlitzt und flatterten im raſchen Ritt weit zurück, ſodaß die goldgelben Unter⸗ ärmel zu ſehen waren; ein breiter Gurt von Gold trug das kurze Schwert, deſſen Griff ohne Stich⸗ blatt und Bügel an ſeinem großen Knopf, wie ſchon er⸗ wähnt, die Bildniſſe ſeiner Familie zeigte; weite purpur⸗ farbene Beinkleider, mit einer Goldtreſſe auf der Naht beſetzt, fielen auf die goldgelben Saffianſtiefeln herab; auf dem Haupte trug er einen aufgeſchlagenen, mit Gold bordirten, inwendig mit Federn ausgelegten Hut, von welchem ein Reiherbuſch aufragte und vier lange Strauß⸗ federn nach vier Seiten niederwallten. Sein edles Roß war mit türkiſchem, reich beſchlagenem Zaumzeug ge⸗ ſchmückt. Der König ritt auf einem deutſchen, mit goldge⸗ 87 ſticktem Purpurſammet überzogenen Sattel, die Schabracke war von gleicher Farbe, die Steigbügel vergoldet. Wenn er in dieſer phantaſtiſchen Pracht auf frühern Schlachtfel⸗ dern an der Seite des Kaiſers erſchien, konnte kein grö⸗ ßerer Contraſt gefunden worden. Napöleon in ſeinem einfachen grauen Rocke über der ſchmuckloſen Uniform, mit dem bekannten Hute, den nur er in der ganzen Armee trug, nachläſſig auf ſeinem Pferde hängend, ein ſchlechter Reiter— und docherblich Murat's Glanz, ſchrumpfte ſeine Heldengeſtalt ein in den Augen der Soldaten, und ſie ſahen nur auf den kleinen Mann, deſſen Adlerblick die Schlacht beherrſchte. Heute war König Murat aber nicht der Zweite, wie ſonſt, er ſprengte in ſeine erſte ſelbſtſtändige Schlacht. Ihm folgten Graf Millet, ſein Generalſtabschef, die Generale Pedrinetti, Chef der Artillerie, Colletta, Chef des Genieweſens, Franceschetti, ein geborener Corſe, der ihm beſonders treu ergeben war, mit den übrigen Adjutanten, unter denen der Her⸗ zog von Rocca⸗Romana und Selliers; von ſeinen Or⸗ donnanzoffizieren, jungen, talentvollen Leuten von Rang und Bildung, mit denen er ſich wie Napoleon zu um⸗ geben liebte, eine Pflanzſchule für künftige Truppenführer, war der ſchöne, hochſinnige Herzog von Caspoli der all— gemeine Liebling der Armee. Auch der Leibmamluk fehlte unter der Dienerſchaft nicht; ſtatt Napoleon's 88 Ruſtan war es hier ein Mohr von tiefſchwarzer Eben⸗ holzfarbe, der im grellen orientaliſchen Coſtüm ſtets auf einem Rapphengſte ſeinem Gebieter folgte. Als der König die Spitze ſeiner Avantgarde er⸗ reicht hatte, ließ er dieſelbe halten und jagte auf einen Hügel, um das Terrain und die Aufſtellung des Feindes zu recognosciren. Er war überraſcht, die Oeſterreicher in Schlachtordnung zu erblicken; ſein kriegsgeübtes Auge erkannte ſofort, daß dieſe nicht blos auf ein Rückzugsgefecht berechnet war; er konnte ſich der Ueberzeugung nicht verſchließen, daß es hier einen ernſten Kampf geben würde, und er begrüßte denſelben mit Freuden, denn er hoffte Bianchi zu ver⸗ nichten, wenigſtens zu zerſprengen. Der öſterreichiſche Feldherr mit ſeinem Stabe befand ſich ebenfalls bei ſei— nen Vortruppen und beobachtete den Anmarſch des Fein⸗ des, welchen ihm vorgeſchickte Huſarenpatrouillen gemeldet hatten. Die Colonnen, welche ſich, an ihren blitzenden Ba⸗ jonetten erkennbar, in den Krümmungen des Thalwegs und auf der Chauſſee wie ſtahlgepanzerte Rieſenſchlangen da⸗ herbewegten, verſchwanden aber wieder; ſie ſuchten ge⸗ deckte Aufſtellungen, um ihre Punkte für den Angriff einzunehmen, für welchen der König mit großer Umſicht ſeine Maßregeln traf. Faſt der ganze Vormittag war darüber vergangen, —.——— 89 die Sonne ſtand in ihrer Mittagshöhe und brannte mit ſüdlicher Glut über dem Chientithale und deſſen Rän⸗ dern. Endlich gegen 12 Uhr gab der König den beiden Legionen Ambroſio und Livron Befehl zum Vorrücken, jener gegen Tolentino, dieſer gegen Montemilone. Sechs Escadrons waren beſtimmt, ſich an die Spitze zu ſetzen, um das Terrain gegen den Abhang der Sforza Coſta aufzuklären. Der Commandant dieſer Reiterſchaar jagte heran, um ſich beim Könige zu melden und ſeine nähern Inſtructionen zu empfangen; er trug noch die Uniform der königlichen Adjutanten, da es üblich war, dieſelbe auch bei einer Verſetzung in die Armee nicht abzulegen. Als er mit dem gezogenen Säbel ſalutirend dicht vor Murat ſein Pferd kunſtgerecht aus vollem Lauf parirte, daß es ſich auf die Hinterfüße ſetzte und nur noch ein⸗ mal leicht aufbäumte, ſah ihn der König mit dem alten Blick ſeiner Gnade an, den er lange vermißt hatte.„Nun, Graf Orkum, Sie haben eine ſchöne Gelegenheit, die erſten Lorbeeren dieſes Tages zu pflücken“, ſagte er freund⸗ lich und gab ihm ſeine nähern Befehle. Orkum ſprengte ganz glücklich wieder zu ſeinen Schwadronen und führte ſie raſch vor. Aber er verſäumte, ſich den nöthigen Ue⸗ berblick zu verſchaffen, fand keinen Raum, ſich ganz zu entwickeln, und ſah ſich plötzlich überraſchend angegriffen. Drei Schwadronen von Prinz⸗Regent⸗Huſaren ſtürzten 90 ſich mit echt ungariſchem Ungeſtüm auf die neapolitaniſche Cavallerie und warfen ſie über den Haufen; die Verfol⸗ gung ging im ſcharfen Rennen bis an die Infanterie, vor deren Feuer die braven Magyaren endlich zurückge⸗ hen mußten, ſodaß ſich die feindlichen Schwadronen unter dem Schutz derſelben wieder ſammeln konnten⸗ Murat hatte dieſen glänzenden Angriff des Feindes und die Flucht der Seinigen von der Höhe geſehen und ſeine dunklen Augen ſprühten zornige Flammen„Das iſt ein ſchlechtes Debüt!“ rief er. Ob dies perſönlich auf Orkum's erſte Waffenthat oder auf die ganze Schlacht gemeint war, blieb zweifelhaft. Die Infanterie der beiden Colonnen ging unterdeſſen zum Angriff vor und nahm ſeine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch. Dichte Schwärme von Tirailleurs bedeckten den Abhang gegen Montemi- lone und den Thalgrund, wo eine tiefe Schlucht mit einer einzigen Brücke hinter Arancia den Oeſterreichern einen ſtarken Vertheidigungsabſchnitt gewährte. Das Geſchütz und Gewehrfeuer entbrannte auf der ganzen Linie. Die öſterreichiſchen Vortruppen wichen langſam zurück, auf den Höhen wie im Thale. Nur auf der offenen Hoch⸗ fläche wurde eine Jägerabtheilung, die ſich zurückzog, von neapolitaniſcher Cavallerie ereilt, umringt und gefangen. Faſt wäre der Feldherr Bianchi, der mit dem Chef ſei⸗ nes Generalſtabes, Oberſtlieutenant Fleiſcher, und meh⸗ 91 reren andern Offizieren dahin vorgeritten war, einem glei- chen Schickſale verfallen. Sie zogen ſchon die Säbel, um ſich gegen die von vorn und von den Seiten heranja⸗ genden Neapolitaner zu vertheidigen, ſchon hörten ſie einen höhern feindlichen Offizier von weitem in deut⸗ ſcher Sprache:„Ergeben Sie ſich!“ rufen, da war aber blitzſchnell eine Huſarenſchwadron von Prinz Regent zur Hand, welche ſich dem Feinde entgegenwarf und ihren Feldherrn rettete. Der Sieg auf den Höhen neigte ſich mehr und mehr auf die Seite der Neapolitaner; ihre Tirailleurs drangen mit großer Gewandtheit und Tapferkeit vor, die Colonnen folgten ihnen ziemlich dicht, das ummauerte Städtchen Montemilone wurde genommen; infolge deſſen mußte auch das ſeitwärts nach dem Abhange liegende Santa Lucia geräumt werden und dieſer Flügel der Oeſterreicher trotz des helden⸗ müthigſten Widerſtandes auf Madia und die oben er⸗ wähnte Schlucht zurückweichen Nur im Thalgrunde ſchei- terten die Angriffe, welche wiederholt auf die Straßen⸗ brücke von Arancia unternommen wurden; alle Stürme wurden abgeſchlagen. General Mohr hatte ſelbſt die Pionniercompagnie zur Vertheidigung wie die Infanterie verwendet. Der Abend brach ein. Von den waldigen Höhen von Montemilone drangen die Neapolitaner immer weiter herab, und es war zu befürchten, daß ſie ſich für 92 die Nacht ganz nahe an der Hauptſtellung feſtſetzen wür⸗ den. Da befahl Bianchi, ſie in die Wälder zurückzuwerfen. Vier Bataillone gingen mit klingendem Spiel, ohne ei⸗ nen Schuß zu thun, zum Bajonettangriff vor, den die Neapolitaner nicht annahmen. Sie wichen bis an den Rand des Waldes zurück, und die Dunkelheit machte dem Kampf überall ein Ende. Die Neapolitaner lagerten auf den gewonnenen Höhen und im Thal, wo die gegen Arancia vorgedrungenen Colonnen bis hinter die Schluch— ten des Wirthshauſes von Montemilone zurückgenommen wurden. Der König begab ſich für die Nacht mit ſeinem Gefolge nach Macerata zurück; er konnte mit dem Er⸗ folge des Tages vollkommen zufrieden ſein und zweifelte keinen Augenblick an dem vollkommenen Siege, den er iin voraus durch einen Kurier der Königin melden ließ. Er konnte noch Verſtärkungen an ſich ziehen und ſandte Carrascoſa Befehl, am Morgen unverzüglich den Gene⸗ ral Neipperg anzugreifen. Dieſer hatte bereits durch ein neues Schreiben um 9 Uhr morgens, welches Bianchi gegen 2 Uhr mitten im Kampfe erhielt, dem Feldherrn die letzte Hoffnung auf ſeine Mitwirkung benommen. Ein minder feſter Charakter würde die Schlacht am folgenden Tage nicht fortgeſetzt, ſondern die Nacht zum Rückzuge benutzt haben. Bianchi vertraute aber auf den Geiſt und die Tapferkeit ſeiner Truppen —— und beſchloß, das Glück der Waffen hier entſcheiden zu laſſen. Die Legion Lecchi hatte am Abend der Schlacht in ihrem Marſche Macerata erreicht und blieb hier ſtehen, während die Gardelegion Pignatelli, welche als Reſerve zurückgeblieben, nun auch vorrückte. So hatte König Mu⸗ rat für den zweiten Schlachttag 25,000 Mann, wobei 3500 Reiter, mit 15 Geſchützen zur Verfügung. Kein Schlaf kam während der ganzen Nacht in ſeine Augen; er hatte ſeine Dispoſition für den erneuten Angriff aus⸗ gegeben und fürchtete nur, Bianchi könne ihm, wie die Ruſſen ſtets während des Vormarſches auf Smolensk vor drei Jahren gethan, während der Dunkelheit ent⸗ ſchlüpfen. Damals hatte der König, als Führer der Avant⸗ garde Napoleon's, ſein Zelt ſtets bei den Vorpoſten auf⸗ ſchlagen laſſen und in mancher Nacht daſſelbe zuweilen verlaſſen, um nach den Wachtfeuern des Feindes zu ſpä⸗ hen und auf Zeichen ſeines Rückzugs zu lauſchen. Es koſtete ihn Ueberwindung, heute ſo weit vom Schlacht⸗ felde zu bleiben. Sobald der Morgen graute, ſtieg er wieder zu Pferde und begab ſich nach der Oſteria von Montemilone, die von Macerata drei Stunden ent⸗ fernt liegt. Seine Ankunft brachte das Lager in Be⸗ wegung, und die Schleichpatrouillen der öſterreichiſchen Feldwachen, welche unter Begünſtigung eines dichten Ne⸗ 94 bels ſich nahe an die neapolitaniſchen heranwagten⸗ konnten bald die ſichere Meldung bringen, daß der Feind unter die Waffen trete. Murat bildete drei Colonnen aus ſeinen Truppen. Die erſte, unter dem Fürſten Pignatelli, beſtehend aus deſſen noch friſcher Gardelegion, verſtärkt durch eine Linienbrigade, mit Cavallerie und Artillerie, war beſtimmt, im Thale gegen Arancia vorzugehen und hier durchzu⸗ brechen; die zweite, rechts davon, unter General Aquino, welcher für den verwundeten Ambroſio die Legion be⸗ fehligte, ſollte auf dem Bergrücken zwiſchen den beiden Flüſſen die Höhen von Madia, die dritte, nur vier Ba⸗ taillone und einige Escadrons Chevauxlegers, jenſeits des Chienti den äußerſten rechten Flügel der Oeſterreicher angrei- fen, der geſtern ganz unbeachtet gelaſſen worden war. Der entſcheidende Punkt lag in der Mitte. Die Sonne hatte den Nebel ſiegreich durchbrochen, öſterreichiſcherſeits konnte man jetzt die drei Colonnen in ihrem entſchloſſenen Vor⸗ rücken wahrnehmen. Aus der mittlern, welche im Chienti⸗ thal heraufdrang, löſte ſich bald eine dichte Wolke von Tirailleurs, die den ganzen Grund und deſſen Hänge be⸗ deckte. Drei Gardebataillone folgten ihren Schützen in ge⸗ ſchloſſenen Colonnen, die Cavallerie der Infanterie. Weiter rückwärts waren drei Bataillone als Reſerve ſtehen geblie⸗ ben. Gegen dieſen mächtigen Andrang konnte Feldmar⸗ —————— v 95 ſchalllientenant Mohr Arancia, hinter welchem eine ein⸗ zige Brücke über die tiefe Schlucht von Caſſone führte, nicht behaupten, er räumte Arancia und Guiboli und zog ſich ohne Verluſt hinter das Defilé zurück, wo er, die Schlucht vor der Fronte, Aufſtellung nahm. Raſch beſetzten die Neapolitaner Araneia, ihre Batterien fuhren an den Rand der Schlucht vor, der König wies perſön⸗ lich einer derſelben die Anhöhe bei Cantogallo an, auf welcher er nun die Schlacht leitete. Von hier richteten ſeine Geſchütze ein verheerendes Feuer auf den Hof von Caſſone, den die Oeſterreicher nebſt dem Gehölz be⸗ ſetzt hielten. Er erkannte wiederum mit ſcharfem Sol⸗ datenblick den Schlüſſel der feindlichen Stellung, welcher die Schlucht beherrſchte und den Uebergang ſchwierig machte. Auf dieſen Punkt ordnete er den Sturm an. Die Garden überſchritten die Schlucht unter dem Feuer ihrer Artillerie und nahmen das Gehöft und den Wald nach mehrmals wiederholtem Angriff, wobei es zu einem er⸗ bitterten Bajonettkampf kam. Murat ließ ſofort zwei Kanonen hierher bringen, welche die Oeſterreicher im Thale lebhaft beſchoſſen, während die Batterie von Cantogallo ihr Feuer auf die feindlichen Plänkler am Abhange der Hauptſtellung richtete. Die Garden nebſt der Cavallerie drangen nun längs der Chauſſee weiter gegen Tolen⸗ tino vor. 96 Aber der öſterreichiſche Feldherr wußte, daß ein Durchbrechen des Feindes im Thale verhängnißvoll wer⸗ den mußte, und ließ daſſelbe mit äußerſter Anſtrengung vertheidigen, ſodaß es ihm gelang, das Gefecht hier zum Stehen zu bringen. Auf den Höhen nahm der Kampf eine andere Wendung. General Aquino, welcher Ambro⸗ ſio's Legion jetzt befehligte, bekundete weder Einſicht noch Muth. Die Truppen der rechten Flügelcolonne gingen entſchloſſen vor; ihre Tirailleurs drangen aus dem Walde von Montemilone bis nahe an die öſterreichiſche Stellung und eröffneten ein heftiges Feuergefecht; die Soutiens, auch das Unterſtützungsbataillon folgten raſch in das Freie, aber das Gros wurde von Aquino im Walde zurückgehalten und die Entfernung zwiſchen ihm und den im Kampf begriffenen Abtheilungen wuchs immer mehr. Da ließ Vianchi, dies bemerkend, das Regiment Chaſteler, in Maſſe geſchloſſen, mit klingendem Spiel zum Bajonettangriff aus der Stellung vorbrechen und warf die einzige hier verfügbare Dragonerescadron dem feindlichen Bataillon, das allein den Tirailleurs gefolgt war, in die rechte Flanke. König Murat, der von dem Hügel bei Cantogallo auch das Gefecht ſeines rechten Flügels überſchauen konnte und bereits einen Ordonnanz⸗ offizier an Aquino, deſſen Unentſchloſſenheit ſeinen Zorn reizte, mit ſtrengen Befehlen abgefertigt hatte, hob ſich ——.— h *——— 97 hoch in den Steigbügeln, als er ſah, daß die Heſterrei⸗ cher aus der Vertheidigung zum Angriff übergingen. Der Erfolg konnte kaum zweifelhaft ſein. Vor den geſchloſſe⸗ nen Bataillonsmaſſen mußten die lockern Tirailleurſchwärme weichen, die funkelnde Helmreihe der Dragoner ſtürzte jetzt im geſtreckten Lauf auf das Bataillon, das ſofort zerſtäubte. Was die Waffen nicht niederwarf, wurde niedergehauen— Alles das Werk eines Augenblicks. Der König hatte den letzten Moment nicht abgewartet, er war zu den Schwadronen gejagt, welche im Thalgrunde der Colonne gefolgt waren„En avant!“ rief er ſchon von weitem, wie er in Momenten des Affects immer die franzöſiſche Mutterſprache auch gegen ſeine Italiener gebrauchte. Die Reitermaſſe ſetzte ſich ſogleich in Trab und Murat führte ſie ſelbſt den Abhang hinauf, um ſeiner geworfenen Infanterie zu Hülfe zu kommen, da⸗ mit ſie den ſchützenden Wald ſicher erreichen könne. Aber die Berghalde war auf dieſer Seite moraſtig und die Cavallerie mußte ihr Vorhaben aufgeben; übel zugerichtet erreichten die Reſte der Zerſprengten den Wald und die Oeſterreicher kehrten in ihre Stellung zurück. Auch auf dem andern Flügel jenſeits des Chienti hinderte das Terrain, welches nur Fußpfade bot, den Angriff der Neapolitaner, obgleich der König von ſeiner in Macerata zurückgebliebenen Reſerve noch die Brigade Majo zur Ver⸗ Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. UI. 98 ſtärkung ſeiner Flügelcolonne dorthin beordert hatte Ge⸗ neral Majo benahm ſich nicht beſſer als Aquino, zer⸗ ſplitterte ſeine Kräfte und wurde ebenfalls durch einen Offenſivſtoß der Oeſterreicher zurückgedrängt. Der Mittag war herangekommen, als der König den Hauptangriff auf die feindliche Stellung auf den Höhen von Madia richten ließ, da er im Thale nicht mehr durchzubrechen hoffte. Dort konnte er 8000 Mann verwenden, während die Oeſterreicher nur drei Bataillone und eine Escadron und kein Geſchütz hatten; die Höhe war für Kanonen unzugänglich⸗ Mit voller Siegeszuver⸗ ſicht beobachtete jetzt Murat von ſeinem Hügel bei Cantogallo das Vordringen ſeiner Waffen. Um gegen einen unvermutheten Reiterangriff geſchützt zu ſein, hatte Aquino die Infanterie in große Vierecke, jedes zu zwei bis drei Bataillonen, formirt. Plötzlich donnerte ein Kanonen⸗ ſchuß auf öſterreichiſcher Seite, der König blickte über raſcht auf, er ſah die Colonnen ſeiner Legion ſtutzen. Hatte der Feind durch ein Wunder Geſchütze auf jene Steile gezaubert? Nicht durch ein Wunder, ſondern ein⸗ fach, indem Bianchi gegen manchen Widerſpruch, welcher im Fall eines Unglücks den Verluſt der Kanonen be⸗ fürchtete, den Befehl gegeben hatte, eine halbe Batterie, zwei Kanonen und eine Haubitze, in Rohre, Laffeten und Protzen auseinander zu nehmen und hinaufzutragen, 99 oben aber wieder zuſammenzuſetzen, womit man kurz vor dem Angriffe zu Stande gekommen war. Der Mo⸗ ment der Ueberraſchung hatte mächtig gewirkt, doch wur⸗ den die Oeſterreicher lebhaft von der Batterie bei Can⸗ togallo beſchoſſen, und die Vierecke, in Schachbretform geordnet, mit Tirailleurs in den Intervallen, gingen trotz des Kartätſchenfeuers wieder vor. Bianchi war in Perſon zur Stelle; ſeine Gegenwart ermuthigte die Truppen. Als das vorderſte Viereck näher gekommen war, machte es, ſtatt mit gefälltem Bajonett anzuſtürmen, Halt und eröffnete ein ſchlechtgezieltes Flintenfeuer, das gar nicht erwidert wurde. Von dieſer Kaltblütigkeit betroffen, ſtell⸗ ten die Neapolitaner ihr Schießen ein und beide Theile ſtanden ſich ein paar Minuten gegenüber. Der König war außer ſich; er hatte ſeinen Liebling unter den Ordon⸗ nanzoffizieren, den jungen Herzog von Caspoli, zu Aquino geſchickt, um ihn anzufeuern; er wußte, daß der kühne Jüngling ſich an die Spitze des erſten Vierecks geſetzt haben würde, um es in ſeinem Namen zu führen; ver⸗ mochte auch dieſer nichts mehr? In dieſem Augenblick erſchienen ein paar feindliche Reiterſchwadronen, die aus dem Chientithal heraufgekommen waren; ſie gingen ſofort zur Attake. Es war der General Baron Taxis, der ſie herbeigeführt. Zugleich ließ Bianchi Sturmmarſch ſchlagen und das Regiment Chaſteler abermals in der 7* 100 Fronte vorrücken. Faſt in demſelben Moment erſtieg auch General Eckhardt mit einem Bataillon und einem Zuge Huſaren von der andern Seite, aus dem Potenzathal. die waldigen Höhen und drang gegen Montemilone vor, um den Rücken der Neapolitaner zu bedrohen. Da ſank ihnen der Muth. Das vorderſte Viereck lief auseinander, kein Zuruf, keine Klinge der Offiziere vermochte ihre Flucht nach dem Walde aufzuhalten; der ritterliche Her⸗ zog von Caspoli fand dabei ſeinen Tod; er war kaum zum Jünglinge erwachſen. Auch das zweite Viereck löſte ſich auf; die beiden andern, welche weiter zurückgeſtan den, konnten noch halbgeordnet ihren Rückzug antreten. Auch ſie wären zerſprengt und die ganze Legion vernich⸗ tet worden, wenn Baron Taxis mit der Cavallerie, um ſie abzuſchneiden, nicht in die Gebüſche viel zu weit links gegangen wäre, ſtatt auf feſtem, ebenem Boden geradeaus in den fliehenden Feind einzuhauen. Bianchi ſah es mit Unwillen und ſchickte ihm einen Adjutanten nach; der Moment war aber unwiederbringlich verloren. Mit welchen Gefühlen ſah König Murat von ſeinem Hügel die Niederlage ſeines rechten Flügels! Aber es ſollte noch mehr auf ihn einſtürmen, um ſeine Seelenkraft auf die härteſte Probe zu ſtellen. Wie im vorigen Jahre bei jenem Landhauſe vor Piacenza, als er mit Colletta den Angriff auf die Feſtung berieth, zwei Boten zugleich 101 anlangten, welche ihm die Kunde von Napoleon's Sturz brachten— eine Schreckenskunde für ihn trotz ſeines Scheinkriegs— ſo wiederholte ein dämoniſches Spiel des Zufalls heute daſſelbe Ereigniß. Faſt in dem Augen⸗ blicke, als er mit Grimm und großer Beſorgniß die Flucht ſeiner Truppen zum Walde von Montemilone ſah und nun die letzte Hoffnung ſchwand, dem Gefecht im Thalgrunde, das noch immer im heftigen Feuer un⸗ terhalten wurde, eine günſtige Wendung zu geben, trafen mitten in der Schlacht zwei Kuriere bei dem Könige ein. Der eine kam vom General Montigny aus den Abruzzen und meldete, daß die Defilés von Antrodoeco nicht länger zu behaupten geweſen und daß auch die Ct— tadelle von Aquila übergeben worden ſei. Freilich ſchrieb der zaghafte Landsmann Murat's nicht, daß er jene ſtarke Stellung auf die bloße Nachricht vom Anmarſch des Feindes verlaſſen und daß der Commandant von Aquila ebenfalls ohne Noth die Feſtung geräumt habe. Dennoch war der König, der ſo etwas ahnen mochte, außer ſich und ließ die weitere Meldung über den un— ruhigen Geiſt der Bevölkerung, welcher einen Aufſtand befürchten laſſe, nicht als Entſchuldigung für den Rück⸗ zug Montigny's gelten. Der zweite Kurier, vom Kriegs⸗ miniſter Maedonald geſandt, berichtete, daß die Oeſter. reicher am Garigliano, dem Grenzfluſſe, erſchienen ſeien 102 und in der Hauptſtadt die äußerſte Niedergeſchlagenheit herrſche, auch daß in Calabrien bereits wieder einzelne Aufſtände ſtattgefunden, welche nur mit Mühe vor der Hand unterdrückt worden. Als Murat die verhängnißvollen Depeſchen geleſen hatte, fühlte er den Boden unter ſich ſchwanken; ein verſäumter Moment konnte ihn unrettbar vernich⸗ ten. Welche Fehler man ihm auch vorwerfen konnte, Unentſchloſſenheit in der Gefahr gehörte nicht dazu. Die Schlacht mußte ſchleunigſt abgebrochen, der Rückzug angetreten werden, um ſich mit Carrascoſa zu vereinigen und dann die Armee über das Gebirge an den Volturno zu führen, deſſen ſtarke Vertheidigungslinie er in Verbindung mit Macdonald's Truppen, der ſogenannten Armee des Innern, zu halten hoffte. Dieſer Gedanke ſchwebte ihm jetzt aber nur dunkel vor, die nächſte Noth⸗ wendigkeit war der Rückzug auf Macerata. Dazu er⸗ theilte er die nöthigen Befehle. Zur Aufnahme der wei chenden, zum Theil aufgelöſten Colonnen rückte die noch in Macerata ſtehende Brigade Medici vor, aber der Feind war bei der Verfolgung Aquino's ſchon auf den Kreuz— weg im Thalgrunde gelangt und ſchnitt ihr den Rückzug ab, ſodaß auch dieſe Brigade, zugleich in der Fronte durch zwei Bataillone angegriffen, zerſprengt und zerſtreut wurde. Graf Millet, der Chef des Generalſtabes, ſandte 103 dem Fürſten Pignatelli, der im Thale noch die ſtarke Stellung inne hielt, auf einem Zettel den ſchriftlichen Befehl, ſogleich nach Monte Olmo abzuziehen, ließ aber ſofort durch einen Ordonnarzoffizier mündlich be⸗ ſtellen: Nicht vor der Nacht! Dem Fürſten ſchien es aber gerathener, ſich an das geſchriebene Wort zu hal⸗ ten, und trotz des Einſpruchs ſeiner Regimentscomman⸗ danten verließ er ſeine Poſition, wo er mit den Garden den Feind länger aufgehalten und den Rückzug gedeckt haben würde. Der König warf die Cavallerie nochmals der ungeſtüm drängenden Verfolgung entgegen; ſie kam bald in Unordnung zurück.„Ich werde Sie vor ein Kriegsgericht ſtellen, Orkum!“ donnerte er den Führer des erſten Regiments an, dem er, in Perſon vorſpren⸗ gend, im vollen Zurückjagen begegnete. Orkum zeigte ſtumm auf ſein ſtrömendes Blut; er hatte einen Hieb in das Geſicht bekommen. Murat achtete nicht darauf; er ordnete ſchnell einen Verhau an, um die Schlucht, welche ſich von der Oſteria der Sforza Coſta zum Chienti⸗ fluß ſenkt, zu ſperren; er ſprang dabei vom Pferde und legte ſelbſt Hand ans Werk, während ſchon eine feind⸗ liche Schwadron herankam und ihre Plänkler auf ihn und ſeine wenigen Begleiter ſchoſſen. Der öſterreichiſche Feldherr beſtrafte nachher den Rittmeiſter, welcher dieſe Escadron führte, daß er den König nicht gefangen ge⸗ 104 nommen habe, was ihm bei mehr Entſchloſſenheit wohl gelungen wäre. Murat hatte unterdeſſen Geſchütze auf den Rond der Schlucht bringen laſſen, unter deren Feuer ſich ſeine Cavallerie wieder ſammeln und der Rückzug fortgeſetzt werden konnte. Die Dämmerung ſenkte ſich nun in das Thal und die weitere Verfolgung wurde eingeſtellt. Der glorreichſte Sieg gegen die Uebermacht war errun— gen, aber bis zur völligen Vernichtung des Feindes reichte die Kraft nicht aus. In Macerata ſammelte Murat ſein geſchlagenes Heer, und wenn er ſchon die vorige Nacht in fieberhafter Ungeduld ſchlaflos zugebracht hatte, mit welchen ſchrecklichen Gefühlen durchwachte er die heutige! Noch ließ ſich der Verluſt ſeines Heeres nicht überſehen, aber wie bedeutend er auch ſein mochte, ſchlimmer war die Entmuthigung der Truppen, von der er ſich zuletzt überzeugt hatte, und die Unfähigkeit oder der böſe Wille ſeiner Generale Dieſer trat bei der Berathung hervor, welche er noch in der Nacht mit ihnen hielt. Wenn die Marſchälle Napoleon's es gewagt hatten, dem Kaiſer, als er noch Herr von Frankreich war, den Gehorſam aufzukündigen, warum nicht die neapolitaniſchen Generale ihrem Könige, deſſen Sache ſie für rettungslos verloren anſahen? Nur gingen ſie dabei auf italieniſchen krummen Wegen, und bei den ärger⸗ lichen Auftritten, zu denen es kam, behauptete der 105 König wenigſtens die äußere Autorität. Der Zuſtand der Armee wurde ihm aber in dem traurigſten Lichte geſchildert; General Lecchi erklärte ihm geradezu, daß ſeine Legion ihm nicht mehr gehorche, und auch in der Ambroſio's, wie ihr jetziger Führer Aquino berichtete, war Unordnung und Widerſpenſtigkeit eingeriſſen. Während dieſer unheilvollen Beſprechung tobte draußen der Sturm und ſtrömte eiſiger Regen; auf die Hitze des vorigen Tages war plötzlich, wie es zuweilen im Apennin ge⸗ ſchieht, ein Umſchlag zur Kälte erfolgt, ſodaß man ſich in ein nordiſches Land verſetzt glaubte, und dieſe Schrecken des Wetters dienten dazu, die Stimmung der geſchla- genen Truppen in ihren Bivouaks noch mehr herabzu⸗ drücken. Der Rückzug war nur noch längs der Küſte auf Pescara möglich; er wurde am frühen Morgen ange⸗ treten. Von einer Ordnung konnte keine Rede mehr ſein. Die Armee marſchirte in zwei Colonnen auf Pa⸗ rallelſtraßen, heftig verfolgt von den Oeſterreichern, welche nun durch die Vereinigung mit Neipperg auf 22,000 Mann angewachſen waren und vier Colonnen bildeten, de ren eine ſchon gegen Rom abrücken konnte, um Terracina zu gewinnen. Macerata wurde angegriffen, noch ehe die Wagen und Pferde des Königs und ſeiner Miniſter in Sicherheit waren, ſodaß ein Theil davon erbeutet 106 wurde. Eine Colonne unter General Starhemberg kam der neapolitaniſchen Nachhut unter Majo zuvor und ſchnitt ſie ab. Die Wuth der Elemente hatte mit dem an⸗ brechenden Tage nicht nachgelaſſen, ſondern tobte fort; die Wege wurden immer beſchwerlicher und die Märſche zum Theil bei Nacht ausgeführt, um Vorſprung vor dem Feinde zu gewinnen; dadurch ſtieg die Auflöſung der Armee ſo, daß nur noch Carrascoſa's Legion, welche bei Tolentino nicht mitgefochten hatte, in guter Ordnung blieb. Die Soldaten ließen ſich haufenweiſe fangen. Selbſt die Garden löſten ſich auf; truppweiſe nur noch marſchirend, erreichte das Heer den Tronto und Pescara, wo es ſich einigermaßen ſammelte, um nun die Küſte zu verlaſſen und auf der großen Straße landeinwärts zur Vereinigung mit Macdonald's Truppen an den untern Garigliano und Volturno zu ziehen. In Pescara erfuhr Murat, daß der Prinz Cariati, ſein Geſandter beim Congreß nach Neapel zurückgekehrt ſei und die Unmöglichkeit eines Vergleichs mit den ver⸗ bündeten Monarchen berichtet habe. Sie hatten den König von Neapel wegen ſeines Friedensbruchs des Throns für verluſtig erklärt und mit Ferdinand IV. einen Allianztractat abgeſchloſſen, in welchem ſie ihm unter gewiſſen Bedingungen das Königreich Neapel zu⸗ geſtanden. 107 „Wenn ich untergehen ſoll“, rief Murat mit fun⸗ kelnden Augen,„ſo will ich wenigſtens als Soldat mit den Waffen in der Hand ſterben!“ Aber dieſe Hoffnung mußte ja im nächſten Moment, wenn er an den Zuſtand ſeines Heeres dachte, in ihm ſinken. Nur ein Stern ſtrahlte ihm noch in der Dunkelheit, die ihn mehr und mehr umnachtete; es war der Glücksſtern Napoleon's! Wenn der Kaiſer ſiegte, wenn es ihm wenigſtens gelang, ſich auf dem wiedergewonnenen Throne durch einen bil— ligen Friedensſchluß zu behaupten, ſo konnte er ja ſeinen Schwager, der für ihn ſofort das Schwert gezogen hatte, nicht fallen laſſen. Doch auch dieſer letzte Stern der Hoffnung ging in trüben Wolken unter. Durch Cariati erfuhr der König, daß Napoleon den übereilten Krieg ſeines Schwagers im höchſten Grade mißbillige, da er die angeknüpften Unterhandlungen nur erſchwere und die Monarchen reize, ſodaß, wenn ſie dieſelben zurückwieſen und der erneute Kampf unglücklich für das Kaiſerreich ausfalle, Murat die Schuld an deſſen Sturze beizumeſſen ſei. Da biß der König die Lippen zuſammen und blickte eine Weile ſtarr vor ſich hin. „Es kommt Alles anders!“ rief er endlich.„Das Glück, das mir ſtets hold geweſen iſt, wird mich nicht ganz verlaſſen.“ In Pescara durfte er ſich nicht länger aufhalten, 108 als das Sammeln ſeiner zerſtreuten Truppen erforderte; er mußte raſch weiter auf der Straße, die über das Ge⸗ birge führt, ziehen, weil ihm Bianchi an der Spitze ſeiner Cavallerie dieſelbe über Aquila ſchon zu verlegen drohte. In Aquila erhielt Neipperg mit andern diplomatiſchen Aufträgen eine Depeſche vom Fürſten Metternich, durch welche er ermächtigt wurde, dem Könige Joachim— dieſen Titel geſtand ihm Kaiſer Franz ausdrücklich noch zu!— einen Jahrgehalt von einer Million Gulden gegen frei⸗ willige Entſagung des Throns anzubieten, doch ſolle er vorher Bianchi's Meinung darüber hören. Bianchi erklärte augenblicklich, daß dieſer Antrag zu unterlaſſen ſei, da Murat keinen Widerſtand mehr leiſten könne. Neipperg war ſchon im voraus derſelben Anſicht ge⸗ weſen. Ob Murat, wenn er von dem Erbieten der Verbündeten etwas erfahren hätte, daſſelbe angenommen haben würde? Nach ſeinem Charakter iſt es zu bezwei⸗ feln, da er ſpäter unter viel verzweifeltern Umſtänden ein ähnliches ausſchlug. Auch England war gewillt, den König mild zu behandeln, wie ein Schreiben von Lord Burgherſh(ſpäter Lord Weſtmoreland, Geſandter in Berlin, dann in Wien) an Bianchi noch gegen Ende Mai bewies, aber dieſer energiſche Feldherr wollte von Zugeſtändniſſen an den Feind, den er niedergeworfen hatte, nichts mehr wiſſen. 109 Es war eine traurige Heerſchau, die letzte ſeines Lebens, welche Murat am 11. Mai zu Popoli hielt, wo er durch Carrascoſa wieder 14,000 Mann mit 16 Ge⸗ ſchützen zuſammengebracht hatte. Ohne Raſt ging er in einem vierzehnſtündigen Marſch über das hohe Gebirge. Seine zuchtloſen Truppen überließen ſich den größten Exceſſen und Gewaltthätigkeiten im eigenen Lande. Noch hegte der König die Hoffnung, ſich mit der Armee des Innern vereinigt an den Waſſerlinien der Weſtküſte be⸗ haupten zu können, aber Manches hatte, ſobald er die Nach⸗ richt von der Niederlage bei Tolentino erhalten, ſchon die Grenze verlaſſen und war von Nugent bei San⸗Ger⸗ mano angegriffen worden, während Major d'Aſpre über Ponte⸗Corvo ihn umgangen hatte, ſodaß ſeine Infanterie ſich gänzlich zerſtreut und er nur mit der wenigen Cavallerie und zwei Geſchützen ſich nach Capua rettete. Hier⸗ her war der König im Anmarſch. Bianchi folgte ihm auf dem Fuße, um ſich ſeinerſeits mit Nugent zu ver— einigen und dann gerade auf Neapel zu marſchiren. Am 15. Mai erließ er eine Proelamation, in welcher er die Beſitznahme des Königreichs Neapel für ſeinen recht— mäßigen König Ferdinand verkündigte, den Einwohnern Sicherheit der Perſon und des Eigenthums verhieß und alle Militärs, welche ihrem legitimen Monarchen den Eid der Treue ſchwören würden, in ihren Graden und 110 Würden beſtätigte. Ein Aufruf von großer Wirkung im Lande! Murat, der alles Vertrauen auf ſein Heer verloren hatte, griff jetzt zu dem letzten Mittel, das immer wie- der bis auf unſere Tage verſucht worden iſt, wankende Throne zu ſtützen, immer mit demſelben elenden Erfolge, ja mit dem Fluche der Lächerlichkeit, einem Mittel, das ſelbſt der gewaltige Napoleon in den hundert Tagen ſei— ner Herrſchaft von 1815 nicht verſchmäht hat; er bot dem Volke eine freiſinnige Conſtitution! Um ſie als längſtbeſchloſſen darzuſtellen, wurde ihr das Datum vom 30. März gegeben, okgleich ſie erſt am 12. Mai gebo⸗ ren wurde Glaubte er wirklich, die Neapolitaner, welche nur dem Glücke, dem Sieger zujauchzen, würden ſich auf dies Blatt Papier wie ein Mann für ihn erheben zu einem Volkskriege, wo er ſo viele heimliche Gegner im Lande hatte und der Abfall, der Verrath täglich die Reihen ſeiner Anhänger lichtete? Er hatte jetzt die noch verfügbaren Streitkräfte bei Capua aufgeſtellt. Die Legion Carrascoſa ſtand am Gebirge bei Venafro, die vierte bei Mignano, das Garde⸗ grenadierregiment in Seſſa, der Reſt in Capua, das Hauptquartier des Königs war in Caſerta Kein Land Eu— ropas kann ſich, den neuen Louvre in Paris ausgenom⸗ men, eines größern und ſchönern Schloſſes rühmen, als 111 König Karl III. zu Caſerta vor hundert Jahren erbaut hatte; ein rieſiges Viereck, faſt 400 Schritt lang und 300 Schritt tief, in allen Marmorarten prangend, von einem Portikus mit hundert Säulen durchſchnitten, um⸗ geben von herrlichen, weitausgedehnten Gartenanlagen mit Waſſerkünſten, die von einer ſechs Meilen langen Waſſerleitung auf kühn gebauter Brücke über das Thal von Maddaloni geſpeiſt werden. Aber für all dieſe Pracht und Herrlichkeit, welche ſonſt der Neigung des Königs ſo ſehr zuſagte, hatte Murat jetzt keinen Sinn, ſie mahnte ihn zu ſchrecklich an ſein Unglück; er zog ſich für ſeine Perſon mit geringer Umgebung nach dem nah⸗ gelegenen Städtchen San⸗Crucio zurück, wo er die Mel⸗ dungen und Berichte empfing und gegen ſeine Art raſtlos über Entwürfen brütete, ohne zu einem Entſchluß kommen zu können. Fünftes Kapitel. Die Sntthronung. Der Siegesnachricht, welche der König nach den errungenen Vortheilen des erſten Tages von Tolentino ſeiner Gemahlin zugeſchickt hatte, war die Enttäuſchung, die bitterſte Enttäuſchung nur zu ſchnell gefolgt. Die Königin hatte jene Kunde ſogleich ihrer Mutter und Schweſter mitgetheilt, welche darüber in die lebhafteſte Freude verſetzt worden waren; der Cardinal Feſch hatte ſie darin beſtärkt, verwöhnt wie er war durch die lange Reihe von Siegesnachrichten ſeines kaiſerlichen Neffen aus früherer Zeit. Das Mißtrauen Karolinens, die den Tag nicht vor dem Abend loben wollte, wurde ſchon nach zwei Tagen beſtätigt, und nun jagten ſich die Unglücksbotſchaften. Der König war beſiegt und ver⸗ folgt; das Heer, wie er ſchrieb, löſte ſich auf, aus den Provinzen gingen die ſchlimmſten Nachrichten ein, das Volk wurde unruhig, die Carbonari erhoben immer fre— cher das Haupt, General Manches, der nur gegen wehr⸗ —,— 113 loſes Volk und elende Briganti Muth gezeigt und ſich einen Namen durch den Fluch ſeiner Opfer gemacht, hatte die Grenze verlaſſen, ohne einen Schuß zu thun. Von allen Seiten drohte Gefahr, jede Ausſicht verdun⸗ kelte ſich, jede Hoffnung ſchwand, das Reich ſchien un⸗ widerruflich verloren. In dieſer furchtbaren Lage bewährte ſich die See⸗ lenſtärke der Schweſter Napoleon's. Sie ſorgte vor allem für die Sicherheit der Verwandten, welche bei ihr eine Freiſtatt geſucht; in Frankreich allein bei dem Kai⸗ ſer war noch Heil zu finden; ſie traf Anſtalten für ihre ſichere Ueberfahrt. Als die Gefahr immer näher rückte, trennte ſie ſich auch von ihren Kindern, welche ſie unter guter Bedeckung nach der ſtarken Feſte Gasta ſandte. Der Prinz Cariati war eben angekommen und hatte Audienz bei ihr, auch der General Colletta, vom Könige geſchickt, befand ſich dabei; ſie ſprach mit den beiden Männern feſt und ruhig, aber das Mutterherz forderte ſeine Rechte, als die Kinder tief betrübt von ihr Ab⸗ ſchied nahmen. Nur mit Anſtrengung bewahrte ſie äu⸗ ßerlich ihre Faſſung, tröſtete die Geliebten, zwang ſich zu einer heitern Miene und ſprach ihnen Hoffnung ein, die ſie nicht theilte. Der ergreifende Augenblick war vorüber, die Königin bebte ſichtlich und es herrſchte ein Schweigen im Zimmer, das die beiden tief bewegten Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. IM. 8 114 Zeugen nicht zu unterbrechen wagten. Dann fing ſie wieder an von Staatsgeſchäften zu ſprechen und wandte ſich beſonders an Colletta; ſtatt Manches müſſe ein entſchloſſener General das Commando an der Grenze erhalten, welcher den Feind über den Liri zurückwerfe, um den gefährdeten Rückzug des Königs aus den Abruz⸗ zen zu erleichtern. Sie nannte Macdonald, den Kriegs⸗ miniſter, und Colletta pflichtete ihr bei. Da kam der Herzog von San⸗Teodoro, welcher die königlichen Kin⸗ der zu den Wagen begleitet hatte, zurück, meldete, daß ſie abgereiſt ſeien, und erzählte weinend, was ſie dabei gethan und geſagt. „O halten Sie Ihre Thränen zurück!“ unterbrach ihn die Königin erſchüttert.„Es iſt für mich nicht Zeit, mich weichen Gefühlen hinzugeben!“ Sie faßte ſich ge⸗ waltſam und führte die Conferenz zu Ende. Als Cariati das Cabinet der Königin verließ, fand er im Vorzimmer den Prinzen Camillo Angri, der ihm früher mit Inſtructionen vom Könige zum Wiener Con⸗ greß nachgeſchickt worden war. Er grüßte ihn mit fra— gender Miene; Angri erwiderte den Gruß unbefangen und ſchien die Frage nicht zu bemerken; zu einer Be⸗ ſprechung war nicht Zeit, denn der Kammerherr vom Dienſt rief den Wartenden in das Cabinet. „Treten Sie näher, Prinz Angri“, ſagte die Köni⸗ 115 gin, als er ſich tief vor ihr verneigte.„Es iſt mir ein Bedürfniß, in dieſem ernſten Augenblicke auch die An⸗ ſichten eines ſo treuen Freundes des Königs zu hören. Sie ſind es doch?“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihn mit einem ſcharfen Blicke in das Auge faßte. Wodurch habe ich bei Ew. Majeſtät dieſen Zwei⸗ fel verſchuldet?“ erwiderte er. „Verzeihen Sie mir! Wo Alles wankt, was bisher feſt wie Felſen zu ſtehen ſchien, überraſcht uns oft ein Zweifel, auch wo ſeine Beſtätigung am ſchmerzlichſten wäre! Ich glaube ja nur zu gern, daß Sie das Ver⸗ trauen des Königs unter allen Umſtänden gerechtfertigt haben. Sie kennen die ganze Größe der Gefahr, von welcher er bedroht iſt?“ Camillo glaubte die Frage bejahen zu dürfen. „Die Armee, die er geſchaffen hat, die ihm Alles verdankte, ihre ehrenvolle Stellung im Lande, Vortheile jeder Art und das Höchſte, den Ruhm vor Europa, wie hat ſie dem Könige gelohnt? Ich gebe den Truppen nicht die Schuld, wohl aber den Leuten, denen er die Führung anvertraute! Mit Wohlthaten hat er ſie über⸗ häuft, viele aus der Niedrigkeit emporgezogen. Die Elen⸗ den! Mehr als einer iſt ſchon zum Verräther an ſeinem Herrn geworden!“ Sie mäßigte die heftige Sprache, in welcher ſich der Geiſt der Bonaparte verrieth und fuhr 8* 116 dann fort:„Jetzt hat der König an ſein Volk appellirt. Glauben Sie, daß es ihm antworten wird?“ Das bittere Lächeln, welches dieſe Frage begleitete, verrieth, wie ſie ſelbſt darüber dachte; ihr war der Schritt ihres Ge⸗ mahls, im Momente, da er ſelbſt am Rande des Ab⸗ grunds ſtand, eine freie Verfaſſung, gleichſam von der Noth ihm abgerungen, zu proelamiren, ebenſo fruchtlos als unwürdig erſchienen. Camillo antwortete in ihrem Geiſte. „Vor zwei Jahren, noch beſſer in der Zeit des Frie— dens, hätte dieſer hochherzige Entſchluß, weil er aus voll⸗ kommener Freiheit des Willens entſprungen wäre, viel⸗ leicht Großes bewirken, dem Throne des Königs eine Unterlage von Granit, aller Stürme ſpottend, verleihen können,— „Jetzt nicht mehr!“ unterbrach ihn die Königin. „Und auch damals nicht! Der Granit, auf welchen der Thron eines Herrſchers ſich ſtützen muß, iſt die eigene Kraft. Wehe dem, der ihn auf die leicht bewegliche Menge, die dem Sande der Dünen, der Meereswoge gleicht, bauen will! Ich weiß Sie denken anders. Vielleicht kommen Sie einſt auch zu der Einſicht, daß Ihre ſchönen Ideen Phantome, Seifenblaſen ſind; mögen Sie dieſe Erfahrung an dem Volke, für das Sie ſchwärmen, nicht zu bitter erkaufen! Wenn das Heer den König verläßt und das Volk ſeinem Geſchenke mit Gleichgültigkeit, ja 117 mit rebelliſchen Zeichen antwortet, was glauben Sie, kann noch geſchehen, um der Kataſtrophe vorzubeugen? Sprechen Sie frei.“ „Kampf bis zum letzten Athemzuge, wenn er noch möglich iſt, oder eine ehrenvolle Capitulation“, er⸗ widerte Angri. „Und für den letzten Fall— doch wir wollen den Ereigniſſen nicht vorgreifen!“ ſagte die Königin.„Seien Sie überzeugt, daß der König den Degen nicht niederle⸗ gen wird, ſolange ihm noch die Möglichkeit des Kam⸗ pfes gegeben iſt. Was aber kann noch geſchehen, um den innern Feinden, ja, Prinz Angri, den innern Feinden, ſolange der Kampf nicht entſchieden iſt, den Fuß auf den Nacken zu ſetzen, den der König in ſeiner Milde nur allzu ſchnell wie⸗ der zurückgezogen hat? Ich weiß, Sie haben ihm dazu gerathen! Beſiegte Feinde mag man ſchonen, Reu⸗ müthigen, die ſich unterwerfen, von Herzen vergeben, aber der Natter, die man zertreten wollte, das Leben ſchenken, damit ſie die Ferſe, welche ſchon über ihrem Kopfe ſchwebte, mit giftigem Stachel treffen kann? Verſtehen Sie ſich auf Chiffreſchrift, Prinz Angri?“ Sie nahm aus einem Porte⸗ feuille, das vor ihr lag, ein zerknittertes, nicht ganz ſaube⸗ res Papier und reichte es dem über ihre plötzliche Frage be⸗ troffenen Camillo. Es war ſein Brief, welchen er Mas' Antonio in 118 geheimer Sendung anvertraut hatte; er ſah es auf den erſten Blick. Als er ihn aus der Hand der Königin em⸗ pfing, raffte er ſeine ganze Geiſteskraft zuſammen; er fühlte, daß ihre Augen brennend auf ihm ruhten, er war ſich bewußt, daß ein Zucken in ſeinen Mienen bei ihrer überraſchenden Frage ihr nicht entgangen ſein konnte. „Wiſſen Ew. Majeſtät, von wem dies Schreiben iſt, an wen gerichtet?“ fragte er, nun in vollkommener Selbſtbeherrſchung. Karoline Murat warf— ihm einen vernichtenden Blick zu, wie nur der ihres Bruders einen Schuldigen hatte bis in das Mark treffen können.„Sie wiſſen es nicht?“ entgegnete ſie.„Laſſen Sie ſich ſagen, Prinz Angri, daß ich noch im letzten Moment der Herrſchaft, die man mit allen Mitteln ſchändlicher Hinterliſt zu untergraben be⸗ müht geweſen iſt, die Macht beſitze, einen Verräther zu beſtrafen; noch gehorchen die Commandanten der vier Caſtelle von Neapel meinem Worte, und kein Soldat wird ſich weigern, das Urtheil eines Kriegsgerichts zu vollſtrecken. Ich weiß aber, nicht der Tod iſt für einen ſtolzen Geiſt die härteſte Strafe, ſondern Verachtung! Behalten Sie dies Billet und reiſen Sie ab, nach Calabrien, nach Sicilien, wohin Sie wollen!“ „Majeſtät!“ rief Camillo, der während ihrer letzten Worte erblaßt war. 119 „Wollen Sie leugnen, daß Sie dies Billet geſchrie⸗ ben haben?“ rief die Königin. „Ew. Majeſtät haben mich einen ſtolzen Geiſt ge⸗ nannt“, erwiderte Camillo mit bebender Stimme;„ich will und kann keine Lüge vor Ihnen ausſprechen. Wie auch dieſes Billet in Ihre Hände gekommen und durch wen die Anklage gegen mich erhoben worden iſt, leugnen mag ich es nicht, daß ich es geſchrieben habe. Wollen Ew. Majeſtät mir nicht Glauben ſchenken, daß mein Beweggrund geweſen, meinem Könige einen ſpätern Vor⸗ wurf über die Gewaltthat, die ich verhindern wollte, zu erſparen, ſo muß ich es tragen.“ „Die ſchöne Phraſe nehme ich für das, was ſie iſt! Reiſen Sie, ich gebe Ihnen noch zwei Stunden Sicherheit in Neapel!“ Sie winkte entlaſſend mit ſtrenger und kalter Miene, und Camillo mußte wiederum alle Kraft aufbieten, um ſich beim Durchſchreiten der Vor⸗ gemächer, wo viele Augen neugierig in ſeinen Mienen forſchten, ſich nicht zu verrathen. Sein einziger Gedanke war: Entwaffnet! In dem Augenblicke, wo das Gebäude der beſtehenden Macht im Zuſammenſturz begriffen, wo es möglich war, durch eine große That den künftigen Geſchicken des Landes eine Grundfeſte zu geben, den Kö⸗ nig Murat inmitten ſeiner Garden ohne Schwertſtreich gefangen zu nehmen, unberechenbar, für welche Erfolge! 120 wo ſich dann auch dem ſtolzen Sieger wie dem hinter deſſen Schilde gedeckt ſich nahenden Bourbon hohe Be⸗ dingungen ſtellen ließen, in dieſem entſcheidenden Augen⸗ blicke war Camillo, der ſich Alles ſchon klar vorgezeich⸗ net, ſeine Freunde wie ſeine Werkzeuge bereit hatte, entwaffnet, durch das Wort einer Frau! Sie wußte, daß er ihr Feind war, ein Verräther an ihrem Herrn und König, ſie konnte ihn vernichten, und ſie gab ihn frei. Er nannte es eine kindiſche Schwäche, daß er ſich dadurch ſeiner Ehre gemäß für gebunden hielt; hatte er es vorher mit ſeiner Ehre verträglich gehalten, des Königs Vertrauen mit Treuloſigkeit zu lohnen, wie kam er jetzt auf einmal zu ſo zarten Gewiſſensſkrupeln? Aber er konnte ſie nicht über⸗ winden, er fühlte ſich zur That entnervt. Ob er abrei⸗ ſen oder der Drohung, die ihm nur zwei Stunden Sicherheit gewährte, trotzen ſolle, war ihm nur im erſten Momente zweifelhaft, dann entſchied er ſich dafür, Nea⸗ pel zu verlaſſen; in wenigen Tagen mußte ja doch hier die Kataſtrophe einbrechen, und dann ſtand ſeiner Rück⸗ kehr nichts im Wege, wie er ſich dann auch nicht mehr für gebunden erachten konnte. Wohin er ſich wenden ſollte, war ihm auch bald klar. Er hatte daran ge⸗ dacht, zu ſeinem Vater zu gehen und ihn um eine Frei⸗ ſtatt in der Villa Angri zu bitten, welche er ihm, wenn er das Motiv hörte, nicht abgeſchlagen haben würde; 121 hatte er ſie dem Briganten gewährt, warum nicht dem eigenen Sohne, wie fern er ihn auch in letzter Zeit wie⸗ der von ſich gehalten hatte! Aber ein anderer Gedanke, der ihm zuſagte, weil er kühn und liſtig zugleich war, hatte ihn ſchnell beſtimmt; er wollte keineswegs nach Calabrien fliehen, ſondern dem Könige gerade entgegen⸗ gehen, ihm ſagen, was rathſam ſchien, und dort die letzte Agonic ſeines Sturzes mit Augen ſehen. Als er zu dieſem Entſchluſſe gekommen war und die Anſtalten zur ungeſäumten Abreiſe befohlen hatte, richtete ſich ſein Geiſt auf die Frage, wie die Königin in den Beſit ſei— nes Geheimniſſes gekommen ſei. Zwar konnte er nur unbeſtimmte Vermuthungen hegen, ein Spiel von un⸗ glücklichen Zufälligkeiten für möglich halten, aber den⸗ noch, wie von Ahnung oder dunkler magnetiſcher Kraft getrieben, flogen ſeine Gedanken ſtets auf einen Punkt und formten ſich ein beſtimmtes Bild, den Gaukler von Reggio! Ihm war es, als verkünde ihm ein Seher⸗ blick des Geiſtes, der auch Verhülltes in Zeit und Raum zu durchdringen vermag, daß nur Emilio, gleichviel auf welche Weiſe, zum Verräther an ihm geworden ſein könne, und in ſeiner Seele erwachte das ganze glühende Rachegelüſt des Italieners. Mit der Waffe in der Hand war von Emilio keine Rechenſchaft zu fordern, keine Ge⸗ nugthuung zu erlangen. Camillo ſtarrte lange vor ſich 122 hin, ſeine Lippen waren auf die Zähne gepreßt, ſeine Hände krampfhaft geballt; wenn ihn jetzt der Jüngling geſehen hätte, welcher ſonſt den edlen und hohen Geiſt in ſeinen Zügen bewundert hatte, wie ſehr würde er vor ihm erſchrocken ſein! Die Uhr vom nahen Thurme riß⸗ ihn endlich aus dem finſtern Brüten über böſen Gedan⸗ ken; ſie mahnte ihn, daß keine Zeit mehr zu verlieren ſei. Der Wagen wurde gemeldet; er ſprang auf, doch ſein lahmer Fuß, den er ganz vergeſſen zu haben ſchien, verſagte ihm faſt den Dienſt, ſodaß er ſich zum Wagen führen laſſen mußte. An der Hausthür traf er einen Cavalier der Königin, deſſen Anblick ihn ſtutzen ließ. „Kommen Sie zu mir?“ fragte er faſt rauh. Der Ca⸗ valier überreichte ihm ein Billet.„Von Ihrer Majeſtät!“ ſagte er.„Widerruf!“ war Camillo's erſter Gedanke. Aber das Billet enthielt nur die Worte:„Der König weiß Alles. Karoline.“—„Haben Sie ſonſt noch Be⸗ fehle?“ wandte ſich Angri an den Cavalier.„Wenn ich deren hatte, ſo ſind ſie durch Ihre Abreiſe erledigt“, er⸗ widerte dieſer. Camillo verſtand ihn; wahrſcheinlich ſollte er ihn, im Falle er nicht abreiſte, verhaften laſſen. Er erſuchte ihn kalt, der Königin ſeine Ehrfurcht zu mel⸗ den, und ließ ſich ohne weitern Aufenthalt von dem Die⸗ ner in den Wagen helfen, der mit ihm fortrollte. Bis zum Thore wollte er ſich entſchließen, ob er trotz des königlichen Handbillets den Weg nach Capua oder die Straße nach Salerno einſchlagen ſolle. Die Ereigniſſe in Neapel entwickelten ſich immer ſchneller. Im Golf erſchien plötzlich ein engliſches Ge⸗ ſchwader von zwei Linienſchiffen und zwei Fregatten und ſetzte die Stadt in die äußerſte Beſtürzung, da man ein Bombardement fürchtete. Nicht lange, ſo ſteuerte ein Boot unter Parlamentärflagge dem Hafen zu; es überbrachte ein Schreiben des Commodore Campbell an die Regen⸗ tin, in welchem er die Auslieferung aller Schiffe und alles Seematerials forderte und für den Fall der Wei⸗ gerung allerdings mit einem Bombardement drohte. Ka⸗ roline Murat nahm das Schreiben ruhiger auf, als man hätte erwarten ſollen; ſie berief ſogleich einen Miniſter⸗ und Staatsrath und legte ihm das Schreiben des briti⸗ ſchen Commodore vor. Der Polizeiminiſter erklärte, daß der Inhalt der Depeſche bereits in der Stadt be⸗ kannt ſei, wenigſtens die darin enthaltene Drohung und daß er ſich nicht getraue, einen unvermeidlichen Volkstu⸗ mult zu unterdrücken. In gleichem Sinne ſprach der Intendant und rieth, im Intereſſe des Volks ſich in das Unvermeidliche zu fügen. General Colletta war dagegen für Widerſtand und glaubte nicht, daß die feindlichen Schiffe ſich in das Feuer der Hafenbatterien wagen wür⸗ den; er hielt das Ganze nur für eine leere Drohung. Meh⸗ 124 rere Andere unterſtützten ſeine mannhafte Anſicht. Aber die Regentin ſprach:„Mag die Gefahr übertrieben ſein, ſo iſt die Furcht in der Hauptſtadt doch einmal vorhan⸗ den, und die aufrühreriſchen Elemente in der Bevölkerung können darin einen Vorwand zur offenen Empörung fin⸗ den. Noch hat England, wenn es auch den Waffenſtill⸗ ſtand aufgekündigt hat, keine Feindſeligkeiten begonnen; es iſt für den König von großer Wichtigkeit, die Zahl ſeiner Feinde nicht zu vermehren. Wenn das Verfahren des Commodore Campbell von ſeiner Regierung gebil⸗ ligt wird und dieſe nach dem Gewaltſchritt, einen feier— lich abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand gebrochen zu haben, ſich vor ganz Europa durch einen zweiten die Schande aufladen will, den Schrecken eines Volks zu mißbrau⸗ chen und ihm ſeine Marine zu rauben, ſo wird die Ge⸗ ſchichte darüber richten. Ich kann die Verantwortung nicht auf mich nehmen, Neapel der Zerſtörung preiszu⸗ geben, und beauftrage Sie, Prinz Cariati, mit dem Com⸗ modore zu unterhandeln.“ Damit wurde die Sitzung aufgehoben und Cariati erhielt noch ſeine geheimen In⸗ ſtructionen. Die Königin hatte ſich nicht allein durch die Rückſichten auf Neapels Wohl beſtimmen laſſen, ſon⸗ dern ſie mußte nach den letzten Nachrichten, die von Ca⸗ ſerta eingegangen waren, auch an die Sicherheit ihrer ei— genen Perſon und ihrer Kinder denken. 125 Cariati begab ſich an Bord des engliſchen Linien⸗ ſchiffs, auf welchem der Commodore ſeine Flagge auf⸗ gezogen hatte, und bewährte wieder ſeine ganze Geſchick⸗ lichkeit in Unterhandlungen. Er theilte dem Briten mit, daß im Miniſterrathe die Partei des Widerſtandes die Oberhand habe, geſtützt auf militäriſche Autoritäten, und daß die Regentin, wenn die Forderungen nicht ermäßigt würden, auf keinen Fall darauf eingehen könne. Camp⸗ bell, welchen die Verantwortung eines wirklichen An⸗ griffs auch zu groß erſchien, ließ ſich durch Cariati's Vor⸗ ſtellungen herabſtimmen, und es kam der Vertrag unter Bedingungen zu Stande, welche nur eine Beſchlagnahme der Marine bis zu beendigtem Kriege, das Aufhören aller Feindſeligkeiten zwiſchen England und Neapel und, was der Regentin unter den gegenwärtigen Verhältniſſen die Hauptſache war, für die Königin, ihre Kinder und Begleitung mit allem Eigenthum nach ihrer Auswahl Sicherheit zur Ueberfahrt nach Frankreich, oder wohin ſie zu gehen wünſchte, feſtſtellten. Sie ſetzte ihren Gemahl ſogleich von dieſem Vertrage in Kenntniß und bereitete nun Alles für den letzten Moment vor, da ſie die Hoffnun⸗ gen des Königs auf eine günſtige Wendung der Dinge nicht mehr theilte. Murat glaubte noch immer ſich mit 15,000 Mann hinter dem Volturno halten zu können; die Feſtungen 126 Ancona, Pescara, Capua, Gaöta waren noch von ſeinen Truppen beſetzt— Zeit gewonnen, Alles gewonnen! Es konnten unerwartete Ereigniſſe eintreten, welche die Ku⸗ gel der Fortuna wieder für ihren alten Liebling in günſti- ges Rollen brachten. Vierzehn Tage waren ſeit dem Unglück von Tolentino vergangen; der erſte niederſchla— gende Eindruck auf ſein Gemüth hatte ſich abgeſchwächt und neue hochfliegende Pläne gingen ſchon weit über die jetzige Bedrängniß in eine ungemeſſene Ferne hin⸗ aus. In dieſer Weiſe hat ſich Joachim Murat bis zu ſeinem letzten Augenblicke bekundet. Die Nacht vom 16. zum 17. Mai war im Schei⸗ den, als plötzlich das Lager der vierten Legion bei Mignano alarmirt wurde; der Feind hatte die Vorpoſten ange⸗ griffen und geworfen und kam in ſtürmiſcher Verfolgung mit ihnen zugleich in das Lager, das auf dieſe Weiſe vollſtändig unvorbereitet überfallen wurde. Eine un⸗ glaubliche Verwirrung entſtund; wohl wirbelten die Trom⸗ meln Generalmarſch, riefen die Hörner und ſchmetterten die Trompeten, aber jeder Ueberfall iſt mit dem Schrecken im Bunde; die Dunkelheit, das Geſchrei, die Schüſſe, ſchon im Lager, das Einhauen feindlicher Reiter, Alles diente dazu, die Bemühungen der Offiziere, ihre Trup⸗ pen zu ordnen und Widerſtand zu leiſten, nach kurzem Ringen völlig zu Schanden zu machen. Es war der 127 Major Baron d Aſpre, der mit vier Compagnien und zwei Schwadronen dieſen glücklichen Ueberfall ausgeführt hatte, ein ſchönes Lorbeerblatt in ſeiner ruhmvollen Laufbahn, welche ihn noch vierunddreißig Jahre ſpäter unter Radetzky zu einer unvergänglichen Siegeskrone führte. Schon waren die Neapolitaner in wilder Auflöſung, alle Truppentheile gemiſcht, Flucht und Rettung ihr ein⸗ ziges Streben; da raſſelte noch in geſchloſſener Colonne, wohlgeordnet, ein Cavallerieregiment heran, das nicht im Lager geſtanden, ſondern in nahen Dörfern canton⸗ nirt hatte. General Pignatelli⸗Cerchiara jagte der dun⸗ teln Maſſe mit neuer Hoffnung entgegen.„Sie den⸗ noch Graf Orkum? Trotz Ihrer Wunde?“ rief er dem Oberſten zu und gab ihm die Richtung an, in welcher er attakiren ſollte, um den Feind, der ſeinerſeits auch völlig auseinander gekommen war, zurückzuwerfen und ſo den Fliehenden Luft zu ſchaffen, damit ſie endlich zum Stehen gebracht und wieder geordnet werden könnten. Vergebliche Hoffnung! Die Schwadronen, welche be⸗ herzt genug dem Führer bis hierher gefolgt waren, ſtutz⸗ ten, als ſie die gänzliche Auflöſung der Ihrigen an dem Tumult und Getöſe der nächtlichen Flucht erkannten; das Terrain, das ihnen der General zum Angriff gewie⸗ ſen, wurde immer ſteiler, plötzlich ſchallte ihnen der don⸗ nernde Hufſchlag einer feindlichen Cavalleriemaſſe in ge⸗ 128 ſtreckter Carriere und das wohlbekannte Schlachtgeſchrei der Ungarn entgegen; da warteten Orkum's Reiter den Zuſammenſtoß nicht ab, nur wenige Offiziere ſtürzten ſich, dem tapfern Oberſten folgend, in den Feind, ihre Leute warfen ſich herum und jagten in aufgelöſten Schwärmen mit verhängtem Zügel zurück, ritten zum Theil ihre eigene fliehende Infanterie nieder und zer⸗ ſtreuten ſich in alle Winde. Als der Morgen graute, war von der ganzen neapolitaniſchen Legion, welche Tags zuvor faſt noch 6000 Mann gezählt hatte, nichts mehr zu ſehen, als was gefallen oder gefangen war, alles Uebrige hatte ſich verlaufen und die vereinzelten Offiziere konnten nichts thun, als ſich mit den Verſpreng⸗ ten, die etwa noch zu ſammeln waren, zu Carrascoſa's Legion oder nach Capua zu retten. General Carrascoſa übernahm es, dem Könige die verhängnißvolle Meldung, welche ihm wahrſcheinlich ſchon durch Flüchtlinge zugekommen war, an Stelle des Fürſten Pignatelli, der ſich durch einen Sturz mit dem Pferde verletzt hatte, durch eine ausführliche Darſtellung der jetzigen militäriſchen Lage zu vervollſtändigen. Er fand den König in der höchſten Aufregung, aber nicht, wie er erwartet hatte, von Zorn entbrannt, zu den äußerſten Entſchlüſſen geneigt, ſondern geradezu fremden Rathes und Troſtes bedürftig. Carrascoſa konnte ihm Beides 129 nicht ſpenden. Er hatte höchſtens noch 5000 Mann und 2000 Pferde, auf welche er ſelbſt kein rechtes Ver⸗ trauen mehr ſetzte; er hielt zwar noch mit ſeiner Avant⸗ garde das nördliche Ufer des Volturno, den wichtigen Vereinigungspunkt der Straßen von Rom und Pescara beſetzt, konnte jedoch nicht mehr hoffen, ſich daſelbſt zu behaupten. Murat vergaß über dieſen Auseinanderſetzungen einen Moment das ganze politiſche Mißgeſchick, das ihn mehr als das kriegeriſche gebeugt hatte, und brach auf einmal in die heftigſten Vorwürfe gegen den Führer der vernichteten Legion aus, den er vor ein Kriegsge⸗ richt ſtellen und erſchießen laſſen wollte, weil er ſich habe überfallen laſſen. „Kann das nicht den größten Feldherren geſchehen?“ entgegnete Carrascoſa.„Iſt es nicht Friedrich dem Großen bei Hochkirch widerfahren und Ew. Majeſtät in Rußland bei Winkowo?“ Dieſe Erinnerung hörte Murat nicht gern, aber ſie wurde hier durch die ſchmeichelhafte Zuſammenſtellung gemildert und erreichte ihren Zweck. Er fuhr zwar im erſten Moment auch gegen Carrascoſa ungnädig auf und bedeutete ihn, es ſei doch ein großer Unterſchied zwiſchen dieſen Fällen, in denen die überfallenen Trup⸗ pen durch ihre Feldherren ſogleich geordnet worden und Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. II. 9 ſich ruhmvoll behauptet hätten, und der unerhörten Schmach von Mignano, welche eine ganze Diviſion vom Erdboden hinweggefegt, aber nachdem er ſich darüber ausgeſprochen hatte, wurde er wieder ruhiger.„Einige Offiziere haben ihre Schuldigkeit gethan“, ſagte er.„Iſt über den Grafen Orkum etwas Gewiſſes eingegangen?“ „Sie haben dieſen tapfern Offizier verloren, Sire“, erwiderte Carrascoſa.„Kurz, ehe ich mein Lager ver⸗ ließ, meldete ſich ein Standartenträger ſeines Regiments, der dem Commandeur, als Alles umkehrte, muthig ge⸗ folgt war, in der Hoffnung, die Mannſchaft durch das geheiligte Feldzeichen mit ſich fortzureißen— „Nennen Sie mir dieſen Braven, er hat den Offi— ziersrang und das Kreuz verdient!“ rief Murat.„Or⸗ kum iſt alſo gefangen?“ „Todt, Sire!“ erwiderte der General.„Er iſt an der Seite jenes Braven gefallen.“ Der König ſchwieg einen Moment; in ſeinen Zügen machte ſich eine tiefe Bewegung ſichtbar; hatte er dem Deutſchen wirklich eine ſo große Zuneigung geſchenkt? „Er iſt zu beneiden!“ ſagte er endlich mit einem ſchweren Seufzer.„Wäre auch mir ein ſo ſchöner Tod auf dem Schlachtfelde beſchieden geweſen!“ Dann ging er ſchnell auf die allgemeine Lage der Dinge über, welche er ſeinem General in ſcharfen Zügen ——— 131 darſtellte. An einen längern Widerſtand im Felde gegen den übermächtigen Feind, der immer neue Verſtärkungen an ſich zog, war nicht mehr zu denken, die Feſtungen, die noch beſetzt waren, konnten ihn noch weniger auf—⸗ halten, als die Feſtungen an der Weichſel, Oder und Elbe vor zwei Jahren die Verbündeten in ihrem Sieges⸗ marſch nach dem Rhein aufgehalten hatten. Sechs Pro⸗ vinzen hatten ſich ſchon für die Bourbons erklärt; der zweite Sohn des Königs Ferdinand, Don Leopold von Salerno, war im Feldlager der Oeſterreicher angekom⸗ men und hatte Manifeſte an das neapolitaniſche Volk erlaſſen, welche den Geiſt der Milde und Verſöhnung athmeten und ihren Eindruck nicht verfehlen konnten. Durch die geheimen Geſellſchaften waren dieſe Manifeſte überall gedankenſchnell verbreitet worden. Durfte der König trotz der freiſinnigen Verfaſſung, die er dem Volke verheißen auf eine Erhebung zum Verzweiflungs⸗ kampfe für ihn unter ſo hoffnungsloſen Umſtänden rechnen? Er glaubte zwar feſt, daß er der allgemeinen Liebe des Volks genieße, weil er ihm ſo viele Wohl⸗ thaten während ſeiner Regierung gebracht— und dieſer gefährliche Irrthum hat ihn ſpäter in den Abgrund des Verderbens geſtürzt— aber in dieſem Moment ſagte er ſich, daß es Uebermenſchliches fordern hieße, vom Volke eine Anſtrengung zu erwarten, wo das Heer aufgelöſt, 9* 132 der Feind im Lande, die engliſche Flotte im Golf von Neapel und die ſiecilianiſche Macht zu einer Invaſion bereit ſei. Die Meldungen ſeiner Gemahlin über die innern Zuſtände und den abgeſchloſſenen Vertrag mit dem Commodore Campbell ließen ihm keinen Zwei⸗ fel mehr, und die Vorfälle der letzten Nacht, wo eine ganze Legion vor wenigen öſterreichiſchen Compagnien, ohne zu fechten, zerſtäubt war, ſagten ihm, daß er in⸗ mitten ſeines Heeres für ſeine Perſon nicht mehr ſicher ſei. Gefangenſchaft war der entnervende Gedanke, der ſeine gewohnte Thatkraft lähmte. Ihn gefangen zu nehmen mußte das ganze Beſtreben des Feindes ſein, aus Haß und Rache ſowohl, als um den Kaiſer Napo⸗ leon, zu dem er ſich begeben konnte, ſeines Arms zu berauben. Er fürchtete den Verrath in Neapel, in der Stadt wie im Palaſt. Wem durfte er noch trauen, da ihm die Königin Karoline gemeldet hatte, daß Camillo Angri, den er für ſeinen treueſten Anhänger gehalten, von ihr entlarvt worden ſei! Im erſten Moment war er über die Nachgiebigkeit gegen die übermüthigen For⸗ derungen des britiſchen Commodore heftig aufgebrauſt; jetzt ſegnete er den Entſchluß ſeiner klugen Gemahlin, der wenigſtens ſeiner Familie Sicherheit gewährte. Er faßte nun auch ſeinen Entſchluß, der gebieteriſchen Noth⸗ wendigkeit ſich für den Augenblick bis auf beſſere Zeiten zu fügen. Er übertrug daher den Heerbefehl an den General Carrascoſa und wartete den Abend ab, um ſich heimlich nach Neapel zu begeben. In den Zeiten der Bourbons wäre es möglich ge— weſen, durch die dunklen Straßen unbemerkt zum Palaſt zu gelangen; Murat hatte aber ſeiner Hauptſtadt eine taghelle Erleuchtung gegeben, und das Volk, das in den Straßen mit gewohnter Sorgloſigkeit die Nachtfriſche durchſchwärmte, erkannte ihn trotz ſeiner einfachen Klei⸗ dung und grüßte ihn mit lebhaftem Zuruf, wie ſonſt. Er kam gewiß, die Engländer aus dem Hafen zu ver⸗ jagen, wie er einſt gethan, als er ihnen ſogar das Felſeneiland Capri, deſſen Feſte ſie für unbezwinglich ge⸗ halten, mit einer Handvoll Soldaten, wenn auch nur für eine Zeit lang, entriſſen hatte! Das laute Zujauchzen der Menge traf ihn wie ein belebender elektriſcher Schlag. „Ja, mein treues Volk!“ rief er für ſich.„Muß ich dich jetzt verlaſſen, ſo ſoll es nicht für immer ſein. Du ſollſt deinen König wiederſehen, er wird dich zum Siege führen.“ Im Palaſt eilte er ſogleich in das Zimmer der Kö⸗ nigin, welche ihn mit heißem Schmerze empfing und umarmte.„Das Glück hat uns verrathen!“ ſagte er, von ihrem Anblick erſchüttert.„Alles iſt verloren!“ Dieſe troſtloſen Worte gaben ihr die nur einen Moment 134 verleugnete Seelenſtärke wieder.„Nicht Alles“, erwi⸗ derte ſie,„wenn wir die Ehre und unſere Standhaftig⸗ keit bewahren!“ Die Unterredung zwiſchen beiden war nur kurz; es galt, die weitern Verfügungen zu treffen, die er mit den Miniſtern und wenigen Getreuen be⸗ ſprechen mußte. Bei der Armee wurde nun das Schickſal von Neapel entſchieden. Bianchi ließ ſchon am folgenden Morgen Carrascoſa's Vortruppen in den Brückenkopf von Capua zurückwerfen und traf Anſtalten, den Vol⸗ turno unterhalb Capua zu überſchreiten, um durch eine raſche Bewegung den Feind von der Hauptſtadt abzu⸗ ſchneiden. Er hatte ſein Hauptquartier in einem Land⸗ hauſe an der Straße von Gaöta nach Capua genommen, welches der Familie Lanza gehörte und davon die Caſa Lanza genannt wurde. Am Morgen des 19. Mai war er eben im Begriff, zu Pferde zu ſteigen, um die Mauer⸗ reſte einer uralten Brücke im Volturno bei Solipaca, welche ſich leicht zum Uebergange herſtellen ließen, zu recognosciren, als ihm der öſterreichiſche Generalconſul in Neapel, der ſich von dort kommend bei den Vor⸗ poſten eingefunden hatte, angemeldet wurde; als Ueber⸗ bringer wichtiger Nachrichten, ließ er ſagen. Bianchi gab die Recognoscirung auf und empfing den Conſul im Beiſein der Generale Neipperg und Starhemberg, zu 135 denen ſich noch Lord Burgherſh geſellte, der bereits der Schlacht von Tolentino beigewohnt hatte. Der Conſul war aber nur gekommen, dem neapolitaniſchen Miniſter der auswärtigen Angelegenheiten, Duca di Gallo, Bahn zu brechen, denn dieſer folgte ihm faſt auf dem Fuße. Vianchi nahm dieſen mit feinſter Höflichkeit auf, erklärte ihm jedoch ſogleich ſehr beſtimmt, er könne und wolle ſich nicht auf diplomatiſche Verhandlungen einlaſſen; er ſei nur Soldat und werde als ſolcher handeln. In ſeinen Augen ſei der Krieg beendigt, denn es bedürfe nur noch des Volturnoübergangs und die Hauptſtadt ſei erobert. Der König möge einen General bevollmächtigen, um durch eine Militärconvention die Uebergabe des Landes und der Feſtungen zu regeln. Vergebens ſtellte der Miniſter Murat's vermittelnde Anträge, Bianchi ließ ſich nicht darauf ein, ſondern erklärte weiter, daß er weder die Feindſeligkeiten einſtellen, noch auf einen Waffenſtillſtand eingehen werde. Schweren Herzens kehrte der Miniſter nach Capua zurück, wo er den General Carrascoſa von dem ſchlechten Erfolge ſeiner Sendung benachrichtigte, und eilte dann nach Neapel, um die fernern Beſchlüſſe ſeines Herrn zu vernehmen. Der König war gefaßt, er hatte nichts Anderes erwartet; er ſelbſt als Soldat an der Spitze einer ſiegreichen Armee würde nur ſo gehandelt haben 136 wie der öſterreichiſche Feldherr. Für kriegeriſche Verhält⸗ niſſe hatte er ſtets das reinſte Verſtändniß. Er wählte denn für die Friedensunterhandlungen den Prinzen Ca⸗ riati, für den Abſchluß der Militärconvention den Gene⸗ ral Colletta zu ſeinen Bevollmächtigten und ſagte jenem, daß er nichts für ihn, ſondern Alles für den Staat, dieſem, daß er nur für die Ehre der Armee und die Ruhe des Volks zu erlangen ſuche, was möglich ſei. „Ich will die ganze Laſt des Unglücks auf mich allein nehmen!“ ſchloß er. Um achr Uhr morgens am 20. Mai erſchien der Ge⸗ neral Carrascoſa, als Oberbefehlshaber der neapolitani— ſchen Armee, vom Könige durch Colletta mit Inſtructio⸗ nen verſehen, bei den öſterreichiſchen Truppen, welche er ſchon im Anmarſch gegen den Volturno traf, deſſen Ufer ihre Vorpoſten beſetzt hielten. Er wurde mit ſeinem Be⸗ gleiter Colletta nach der Caſa Lanza geführt, wo die Conferenzen ſogleich begannen. Lord Burgherſh bethei⸗ ligte ſich an denſelben. Die Unterhandlungen waren ſehr bewegt und ſtanden mehr als einmal auf dem Punkte, abgebrochen zu werden. Gleich nach Beginn der Sitzung hatte Carrascoſa durch einen Ordonnarzoffizier aus Ca⸗ pua, der ihm nachgeſendet worden, die Meldung erhal⸗ ten, daß die Heſterreicher bereits in der Nacht den Vol⸗ turno an zwei Punkten überſchritten hätten und gegen 137 die Regii Lagni, alſo ſchon gegen die Rückzugslinie ſtreiften, aber dennoch hatte der General ſtandhaft ſeine Forderungen feſtgehalten, ſolange er noch die Möglich⸗ keit ſah, etwas davon zu erlangen. Endlich, als die Zeit drängte und die höchſte Gefahr im Verzuge war, gab er nach, und Colletta neapolitaniſcher⸗, Neipperg öſterreichi⸗ ſcherſeits wurden beauftragt, die Militärconvention, wie ſie nun vereinbart worden war, in beſtimmte Artikel zu bringen. Um vier Uhr nachmittags kam die Uebereinkunft zu Stande; von ihren dreizehn Artikeln und ſechs Zu⸗ ſatzpunkten war die Hauptbeſtimmung:„Ein Waffenſtill⸗ ſtand iſt abgeſchloſſen. Am 21. rückt die öſterreichiſche Armee in Capua ein, am 22. geht dieſelbe bis Capo di Chino bei Neapel; am 23. beſetzt ſie die Hauptſtadt.“ General Carrascoſa hatte eingewilligt, das ganze König⸗ reich dieſſeits der Meerenge mit Ausnahme der Feſtun⸗ gen Ancona, Pescara und Gaöta, auf welche ſeine In⸗ ſtruction nicht ausgedehnt war, dem Könige Ferdinand zu überliefern und ſeine Truppen, die Reſte der neapo⸗ litaniſchen Armee, nach Salerno zurückzuziehen, wo ſie durch General Ambroſio reorganiſirt werden ſollten. In allen dieſen Verhandlungen war des Königs Joachim Murat gar nicht gedacht, als ſei er nicht mehr vorhanden! Noch am Abende deſſelben Tages erhielt der ent⸗ thronte Monarch die Nachricht von der abgeſchloſſenen 138 Convention. Sein Schickſal war darin ganz unbeſtimmt gelaſſen; die Beſorgniß vor Verrath und Gefangenſchaft erwachte wieder in ſeinem Geiſte und er verlor keinen Augenblick mehr, um ſich dieſer Gefahr zu entziehen. Der Abſchied von ſeiner Gemahlin bewegte ihn tief; er mußte ſich von ihr und ſeinen Kindern trennen, wenn er ſich ihnen erhalten wollte. Karoline Bonaparte, wie ſchmerz⸗ lich auch ſie ergriffen war, bewies wiederum ihre See⸗ lenſtärke und mahnte ſelbſt zum Aufbruch. „Leb' wohl, Du tapferes Herz!“ ſagte er.„Grüße unſere geliebten Kinder! Auf ein glückliches Wiederſehen!“ Der Rathſchluß des Herrn über Leben und Tod hatte es jedoch anders über das unglückliche Königspaar verhängt; ſie ſollten ſich nur im ewigen Lichte wieder⸗ finden. Sechstes Kapitel. Ischia und Neapel. Bei ſpäter Abendzeit glitt ein kleines Fahrzeug, von wenigen Perſonen beſetzt, durch die Gondeln und Bar⸗ ken, welche in ungewöhnlicher Ruhe im Hafen lagen, während auch das laute, fröhliche Treiben, das ſonſt am ganzen Ufer weit hinaus ſich regt, verſtummt oder doch gedämpft ſchien. Nur in der Stadt hörte man das Getöſe, das Rollen der Wagen und den Lärm des Volks wie früher, aber es war jetzt nicht der luſtige, harmloſe Sinn, der den Neapolitaner beherrſcht, ſondern die Un⸗ ruhe und Aufregung, oder die Furcht vor den kommen⸗ den Ereigniſſen, welche ſich kund gab. Auf dem Golf lag ſchon tiefe Dunkelheit; nur den Kiel des kleinen Fahrzeugs umſpielte ein magiſches Licht, das aus der Flut emporſtieg; eine feurige Furche bezeichnete hinter ihm noch eine kurze Strecke den Weg, den das Schiff⸗ lein genommen hatte. Dort lagen die ſtolzen Eichen⸗ wälle Albions, wie die Briten mit Selbſtgefühl ihre 140 hochbordigen Kriegsſchiffe zu nennen liebten. Dieſe ver⸗ mied das kleine Fahrzeug, es ſteuerte der Inſel Procida zu. Von fern konnten die Schiffer einen ähnlichen Feuer⸗ ſtreif wie den ihrigen wahrnehmen; er kam ihnen ent⸗ gegen und ſie hielten darauf hin, denn es war offenbar nur eine kleine Barke, welche von Procida zum Feſtlande ruderte. Beide Fahrzeuge begegneten ſich faſt Bord an Bord; die Barke wurde von einem einzigen Manne ge⸗ führt, ein Weib ſaß hinter ihm; die nachtgewohnten Au⸗ gen konnten deutlich ihre Umriſſe erkennen. „Wißt Ihr etwas vom Könige?“ rief der Barken⸗ führer den Männern auf dem Schifflein zu. „Der König iſt guten Muthes!“ antwortete ihm eine ſtarke, klangreiche Stimme und die beiden Fahrzeuge ſchoſſen an einander vorüber. War dieſe Begegnung nicht der des Kaiſers auf der Ueberfahrt von Elba nach Frankreich ganz ähnlich? Murat, denn er war es, welcher dem Barkenführer geantwortet hatte, nahm ſie für ein glückliches Omen. Zwar floh er aus ſeinem Reiche und Napoleon war dem ſeinigen entgegengeeilt, um es wieder in Beſitz zu nehmen, aber wie es dem Kaiſer gelungen war, ſo ſollte einſt auch Neapel ſeinen zurück⸗ kehrenden Herrn empfangen, wenn das Volk die Herr⸗ ſchaft der Bourbons wieder gefühlt hatte. Die nächtliche Be⸗ gegnung auf der See galt ihm als ein Pfand des Schickſals. 141 Murat war unerkannt am Abende nach Pozzuoli geeilt und hatte ſich hier auf einem kleinen Fahrzeuge eingeſchifft, um nur erſt ſicher aus der Nähe der Gefahr zu entrinnen. An Procida vorüber ging der Lauf. Hinter dieſem Eilande erhebt ſich die reizende Inſel Ischia aus den Fluten; ſchon zeichnete ſich der hohe Baſaltfelſen, welcher mit ſeinem Caſtelle den geräumigen Hafen beſchützt, gegen den lichtern Nachthimmel ab und bald konnte man auch die weißen Häuſer von Ischia, dem Haupt⸗ orte der Oſtküſte, auf welche das Schiff ſeine Richtung nahm, erkennen. Der Hafen war erreicht, der Anker ſauſte in die Tiefe; Joachim Murat landete auf dem letzten Fleckchen Erde, das ihm von ſeinem großen, blühenden Königreiche für einen Tag noch geblieben war. Nach den Gemüthsbewegungen, welche ſeine Kraft erſchüttert hat⸗ ten, ſehnte er ſich nach Ruhe; im Schlummer wollte er für kurze Stunden Alles vergeſſen! Es war ſchon ſo ſpät, daß es einige Mühe koſtete, ein Unterkommen zu finden; Murat hatte ſeinen Begleitern verboten, ſich und ihn zu nennen. Morgen ſollte ein größeres Fahrzeug für die Ueberfahrt nach Frankreich gemiethet werden. Als er erſt in ſeinem Schlafzimmer, nachdem er die An⸗ dern entlaſſen hatte, mit ſeinem Kammerdiener allein war, fühlte er ſich wirklich ſo guten Muthes, wie er dem Schiffer, der nach dem König fragte, unerkannt verſichert 142 hatte, und er legte dem treuen Diener, der ihn entklei⸗ dete, die Hand auf die Schulter.„Nicht wahr, Armand, wir werden Neapel bald wiederſehen?“ „Wie Gott will, Sire!“ antwortete der Diener mit einem Blicke auf ſeinen Herrn, in welchem ſich der tiefſte Schmerz ausſprach. Murat wollte aber dieſen Blick nicht verſtehen. Neapel wiederzuſehen war ihm freilich ſchon am fol⸗ genden Morgen vergönnt, aber nur von fern, mit den Augen des Verbannten. Die Behörden der Inſel und der Commandant des Caſtells kamen auf die Nachricht ſei⸗ ner Ankunft, welche er nicht länger unterdrückte, ihm ihre Aufwartung zu machen; ſie erwieſen ihm noch alle königli⸗ chen Ehren, auch nachdem er ihnen eröffnet hatte, welche ver⸗ hängnißvolle Wendung der geſtrige Tag durch die Con⸗ vention von Caſa Lanza herbeigeführt, ja ſie ſchienen dadurch noch mehr veranlaßt, ihm ihre Anhänglichkeit und unwandelbare Treue zu beweiſen; ihnen war und blieb er der König von Neapel, und Murat konnte dieſe letzte ſchöne Erinnerung mit in das Exil nehmen. Aber er war davon auch ſo tief und mächtig bewegt, daß er — vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben!— das Bedürfniß der Stille und Einſamkeit fühlte, während ſonſt die rauſchende Hochflut des Lebens ſein Element geweſen war. Nur von Armand begleitet, verließ er das Haus und 143 entzog ſich bald der Aufmerkſamkeit der Bewohner des Städtchens, indem er den nächſten Pfad in das reizende Labhrinth der Weingärten einſchlug, welche daſſelbe, auf vulkaniſchem Boden immer höher aufſteigend, umgürten. Der Epomeo, der vor Jahrtauſenden die Anſiedler aus Euböa und Syrakus, welche wiederholt verſucht hatten, ſich auf der ſchönen Inſel niederzulaſſen, durch ſeine Ausbrüche vertrieb, iſt nun ſeit fünfhundert Jahren ſtill ge⸗ worden, aber das Feuer in ſeiner Tiefe darum nicht er— loſchen; jetzt wirkt es aber nicht mehr zerſtörend, ſondern ſegensreich auf die üppige Vegetation und hat Ischia ſei⸗ nen herrlichen Wein und ſeine berühmten heißen Bäder gegeben. Nicht zu dieſen, wie leicht auch das nächſte zu erreichen war, richtete der Verbannte ſeinen Weg, auch nicht zu dem mühſamen Aufwege des hohen Vulkans, wo ihm die gaſtfreien Mönche von San Niecolo mit freudiger Ehrfurcht empfangen und die herrlichſten Fern— ſichten auf die ganze Küſte ſeines ehemaligen Reiches ge— zeigt haben würden; er ſuchte eine friedliche, einſame Stelle, wo er eine Stunde ruhen und die Schwäche ſei⸗ nes Herzens, deren er ſich ſchämte, ſtillen könne. Ziemlich hoch mochte er ſchon geſtiegen ſein, in Ge⸗ danken verſunken, ohne ſich nach Armand, dem Kammer⸗ diener, umzuſchauen, der ihm in einiger Entfernung folgte, als ſich ihm plötzlich durch das Weinlaub eine überra⸗ V 144 ſchende Ausſicht öffnete. Er trat auf einen Vorſprung hinaus, der einen kleinen mauriſchen Kiosk trug. Welch ein Anblick! Unter ihm lag in unbewegter Ruhe der Spiegel des Meeres; drüben zur Rechten erhoben ſich die fernen, zackigen Gipfel der calabreſiſchen Berge; am Ufer zog ſich die Kette der kleinen Städte hin, welche ſich der weitgeſtreckten Hauptſtadt anſchließen, und das prächtige Neapel mit ſeinen Thürmen und Caſtellen; dieſſeit, in unmittelbarer Nähe ſchimmerte im hellen Sonnenglanz die Inſel Proecida und rechts das düſtere Capri; gen Norden hätte er auf der fernen Landzunge die Felſenburg von Gaöta, wo ſeine theuren Kinder noch weilten, wahrnehmen können. Sein Blick hob ſich zum Himmel, deſſen tiefen Azur kein Wölkchen trübte, und ruhte dann in tiefem Sinnen auf der Kuppe des Veſuvs, welche eine leichte Rauchſäule in den reinen Aether aufſteigen ließ. Da weckte ihn eine ſilberhelle Kinderſtimme aus ſei⸗ nen ſchmerzlichen Gedanken an die verlorene Herrlichkeit, und als er ſich betroffen umſah, ſtand eine Frau vor ihm, bei deren Anblick er zuſammenzuckte wie vor einer Geiſter⸗ erſcheinung. Geiſterhaft bleich war die Frau, aber von einer faſt überirdiſchen Schönheit, daß man hätte bewun⸗ dernd vor ihr in den Staub ſinken mögen; ein kleines Mädchen hielt ſich an ihrem Gewande feſt und blickte halb 145 furchtſam, halb neugierig nach dem fremden ſchönen Manne, den es heute nicht zum erſten Male ſah, aber längſt wie⸗ der vergeſſen hatte. Er aber ſchien keine Augen für den Liebreiz des Kindes zu haben; er ſtarrte nur unverwandt der ſchönen Frau entgegen, welche bei dieſer nie geahn⸗ ten Begegnung völlig die Faſſung verloren zu haben ſchien. Eine Secunde nur ſtanden ſich beide ſo gegenüber, dann wandte ſich die Frau raſch ab, zog ihr Kind an ſich und wollte fliehen. „Auch einem Unglücklichen unverſöhnlich?“ rief er mit bewegtem Tone, und ſie kehrte ihm zögernd ihr Antlitz wieder zu, in welches nun das Blut, das zum Herzen gefloſſen war, mit tiefglühendem Purpur zurück⸗ flutete. Er nahte ihr, er bot ihr die Hand, aber ſie reichte ihm die ihrige nicht. „Wie kommen Sie hierher?“ fragte ſie mit beben⸗ den Lippen„Warum haben Sie die Freiſtatt, die ich gefunden—“ „O fragen Sie lieber, welch ein freundlicher Ge⸗ nius mich hierher geführt hat, um Sie endlich, endlich wiederzuſehen, Sie um Verzeihung zu bitten, Ihr Herz, das mich einſt nicht ſo gehaßt wie jetzt, zu verſöhnen! Laſſen Sie“ fuhr er fort, indem er das Kind, das ſich erſchrocken ſträubte, vom Boden hob und an ſeine Bruſt drückte, „laſſen Sie dieſen Engel für mich bitten! Ich habe Ihr Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. IMI. 10 146 Vertrauen getäuſcht, ich bin aber auch durch Ihren Zorn und Haß beſtraft worden, ſeit Sie mich erkannt, den König, ſtatt des einfachen—“ Sie nahm das Kind, das weinend die Arme nach ihr ausſtreckte, mit Heftigkeit von ihm hinweg und un⸗ terbrach dadurch ſeine leidenſchaftlichen Worte, was ſie bis jetzt vergebens verſucht hatte.„Ich vergebe Ihnen Alles!“ ſagte ſie mit zitternder Stimme.„Ich haſſe Sie nicht mehr. Sie ſind unglücklich, ich weiß es. Aber ver⸗ laſſen Sie mich, unſere Wege dürfen ſich nicht mehr kreuzen.“ „Frei ſind Sie, frei, Virginia! In Neapel werden Sie Joachim Murat nicht mehr begegnen, und der Mann, dem Sie durch das Machtwort Ihres Voters verbunden waren, hat den Tod auf dem Schlachtfelde gefunden. „Graf Orkum!“ rief ſie, von dieſer Kunde erſchreckt. „Er hat ſeine Treue für mich mit dem Tode beſie⸗ gelt“, beſtätigte Murat.„Unter den feindlichen Säbeln iſt er verblutet, an der Spitze ſeiner Schwadronen. Ein ſchö⸗ ner, beneidenswerther Tod!“ In dieſem Moment dachte er nicht daran, daß ſeine Worte nur halb wahr, daß Orkum von ſeinen Schwadronen verlaſſen den Tod gefunden hatte. Der Wunſch, daß auch ihm ein ehrlicher Reitertod beſchieden geweſen wäre, hatte ihn völlig übermannt. 147 Da wurde er durch das Rauſchen des Weinlaubs hinter Virginia aufmerkſam und erblickte ein ſchönes Mädchen, das von dorther in das Freie trat und bei ſeinem Anblick erſchrak; er erkannte daſſelbe, denn er hatte es ſchon einmal geſehen vor der Villa Angri, wo er in Begleitung des Grafen Orkum erſchienen war. „Leben Sie wohl, Sire!“ ſagte Virginia, welche ihre Dienerin nun auch bemerkte, mit haſtigem Tone. „Gott führe Sie auf allen Ihren Wegen!“ Er reichte ihr noch einmal die Hand, und ſie verweigerte ihm die ihrige, als Zeichen der Verſöhnung, nicht mehr. Mit ei— nem letzten Blicke auf die ſchöne bleiche Frau und das liebliche Kind, das, an ihre Bruſt geſchmiegt, ſcheu nach ihm hinüberſah, ſchied Joachim. Gedanken, die ihm zeit⸗ lebens fremd geweſen waren, Gedanken an ein friedliches, beſcheidenes Loos, fern von der Welt in glücklicher Her⸗ zensruhe, beſchlichen ſeine Seele und ſtimmten ihn trau⸗ riger als der Sturz ſeiner Macht und Herrlichkeit. „Was bringſt Du mir, meine treue Maddalena? Wie geht es meinem Vater?“ fragte Virginia, ſich ge⸗ waltſam dem Eindrucke jenes letzten Moments entrei⸗ ßend, indem ſie das Kind von ihrem Arme ließ.„Hat Dich Niemand geſehen?“ „Geſehen Viele, aber Niemand erkannt“, erwiderte Maddalena, auf ihren dichten Schleier deutend, der jetzt 10* 148 zurückgeſchlagen über ihre Schläfe herabhing.„Mein Dheim wußte mich auch zu hüten. Der Fürſt war nach der Stadt gefahren; er iſt wieder ganz geſund und war⸗ tet nur auf die Rückkehr des alten Königs.“ „Du haſt aber doch etwas auf dem Herzen und biſt traurig, Maddalena. Was iſt Dir? Vertraue mir's!“ „Ja, Madonna!“ ſagte das Mädchen, dem nun helle Thränen in die Augen traten.„Marco, der Arme — man hatte gar nichts mehr von ihm gehört, ſeit er ſo undankbar Ihren Dienſt verlaſſen hatte. Nun weiß mein Onkel, wo er geblieben iſt— er hat ſich gebrau⸗ chen laſſen, viel ſchlechtes und falſches Zeugniß abzulegen, verführt durch Gold und andere Verſprechungen, die man ihm doch nicht halten konnte, und da iſt ihm end⸗ lich das Gewiſſen erwacht über ſeine Schlechtigkeit gegen Euch und den Meineid, den er bei ſeinem Zeugniß ge⸗ ſchworen— und er hat ſich erhängt.“ Hier brach ſie in heftiges Weinen aus; die Herrin ſuchte ſie zu beruhigen und ſagte:„Du mitleidiges Herz! Wie unglücklich würdeſt Du ſein, wenn er Dir wirklich lieb geweſen wäre!“ „Ja, ja!“ erwiderte Maddalena.„Aber um mei⸗ netwillen iſt doch Alles geſchehen! Sie haben ihm ver⸗ ſprochen, daß ich ſeine Frau werden ſollte, und er hatte ſich dadurch verführen laſſen!“ 149 „Wer kann das ſagen! Woher weiß Dein Oheim Tommaſo das Alles?“ „Von einem, welchem der Marco vor ſeinem Tode ſein Herz aufgeſchloſſen hat; den hat er gebeten, es mei⸗ nem Oheim zu ſagen und ihm für mich einen letzten Gruß zu bringen!“ Virginia war tief bewegt; auch ſie betraf es ja, das falſche Zeugniß, zu welchem ſich der arme Burſche in ſeiner Verblendung hatte verlocken laſſen, es betraf ſie in mehr als einer Hinſicht, und ſeine ſpäte Reue mit ihrer furchtbaren That war für ſie von ergreifender Wirkung. Wie hätte ſie aber mit ihren Gedanken lange dabei verweilen können, da ihr eigenes Schickſal durch die Nachricht, welche ſie vor wenigen Minuten gehört, eine ſo entſcheidende Wendung genommen hatte? Sie hatte Orkum nie geliebt, ja ſie hatte ihn nicht ein⸗ mal geachtet; ſeine rohe Natur, ſeine Geſinnung, die nicht über die eines nach Geld und Glück fahrenden Landsknechts ſich erhob, hatte ſie ſtets abgeſtoßen; ſie war gezwungen worden, ihm ihre Hand zu reichen, und hatte es in jenen Tagen der Verzweiflung in halber Betäu⸗ bung gethan, aber nun der Tod dies Band zerriſſen hatte, dachte ſie doch mit mildern Gefühlen an ihn; der Tod verſöhnt Alles! „Von meinen Verwandten oder von denen, die mir 150 nahe geſtunden haben, haſt Du nichts gehört?“ fragte ſie ihre Dienerin, als beide den Pfad zu der Vigne, in welcher ſie eine verborgene Freiſtatt gefunden, ſchweigend zurückgelegt hatten.„Ich meine“ ſetzte ſie mit einem An- fluge ihres frühern Stolzes hinzu, der die Annahme nicht geſtatten wollte, als ſcheue ſie ſich, ihre Frage unumwun⸗ den zu ſtellen,„den Baron Orkum, der in einem Ker⸗ ker für gemeine Verbrecher ſchmachten ſoll, und ſeinen Feind, den Prinzen Emilio „Mein Oheim weiß nur, daß der junge gnädige Herr nicht mehr auf dem Caſtell dell' Uovo gefangen ſitzt, ſondern gleich, nachdem ihm die Todesſtrafe erlaſ— ſen, in ein anderes Gefängniß abgeführt worden iſt, ob in Neapel oder in der Provinz, hat mein Oheim nicht erfahren können. Der Prinz Don Emilio iſt wieder in Neapel, aber Don Camillo ſchon vor einigen Tagen ab⸗ gereiſ.“ „Sind Deine Nachrichten auch gewiß?“ fragte Vir⸗ ginia zweifelnd.„Wie iſt es Mas' Antonio gelungen, über den Gefangenen das Alles zu erfahren?“ Ein halbes Lächeln ſpielte einen Moment um Madda⸗ lena's feinen Mund.„Einem armen, niedern Manne ge⸗ lingt oft mehr als dem Mächtigen!“ erwiderte ſie. „Mein Oheim hat viele Freunde.“ „So wird ihm auch noch mehr gelingen!“ rief Vir⸗ 151 ginia, in aller Lebhaftigkeit ihrer wechſelnden Gefühle aufblitzend.„Du haſt ihm doch geſagt—“ „Alles, Madonna! Auch, daß er ſchweigen ſoll.“ „Bald wird dies Schweigen nicht mehr nöthig ſein, Maddalena!“ erwiderte die Herrin.„Bald werde ich nichts mehr zu fürchten haben; die Welt und ihre Ver⸗ folgungen kann ich fortan verachten.“ Und ſie theilte ihr mit, was für ihr Schickſal von ſo großer Entſchei⸗ dung werden mußte. Maddalena hörte es mit Erſtau⸗ nen und Theilnahme; ſie richtete einen forſchenden Blick auf die Frau, welche nun zur Wittwe geworden war, und hätte gern in ihrer Seele leſen mögen. Aber Virginia entließ ſie mit dem Kinde; ſie fühlte das Be⸗ dürfniß, allein zu ſein und ihre Gegenwart und Zukunft zu bedenken. Am folgenden Morgen verließ Joachim Murat mit ſeinem kleinen Gefolge die anmuthige Inſel, wo er noch für einen Tag königliche Ehren, die letzten, genoſſen hatte, und ſchiffte ſich auf einem größern Fahrzeuge nach Frankreich ein. Dort hoffte er von ſeinem Schwager, dem Kaiſer, mit offenen Armen aufgenommen zu werden, denn er war ſich bewußt, daß er ihm in allen Kriegen des Kaiſerreichs, ja noch früher die wichtigſten Dienſte geleiſtet hatte und daß in dem neuen Kriege, der in den Niederlanden eröffnet werden ſollte, Napoleon wohl einen 152 Feldherrn wie ihn brauchen konnte. Nach dem Siege glaubte Murat die Rückkehr auf ſeinen Thron geſichert. Unterdeſſen ging aber die Zertrümmerung der letzten Reſte ſeiner Herrſchaft mit ſchnellen Schritten zu Ende. Als ſich in Capua am Abende des 20. Mai die Nach⸗ richt von dem Abſchluß der Militärconvention verbreitete, entſtand unter den Truppen eine dumpfe Gährung, welche ſelbſt der Autorität des Feſtungscommandan⸗ ten, des Generals Pepe, und ihres Diviſionsgenerals Carrascoſa trotzte, dem ſie bisher ſtrengen Gehorſam be⸗ wieſen hatten. Der Herzog di Gallo, welcher die Un⸗ terhandlungen geleitet hatte, wurde bei ſeiner Abreiſe von Capua öffentlich inſultirt. Die erſte Legion, bis jetzt die zuverläſſigſte der ganzen Armee, war in völlige Meuterei gerathen, und als ſie beim Abmarſch kaum das Thor und die äußern Werke von Capua paſſirt hatte, lief ſie auseinander, allen Vorſtellungen, Bitten und Drohungen ihrer Offiziere ſpottend. In der Stadt entſtand ein Volkstumult. Schon verſuchten die tobenden Haufen die Gefängniſſe zu erbrechen, da ließ General Carrascoſa, welcher mit einigen Offizieren ſeines Sta⸗ bes zurückgeblieben war, um die Feſtung zu übergeben, den öſterreichiſchen Feldherrn bitten, ſeinen Einmarſch zu beſchleunigen. Bianchi ſchickte ſofort zwei Schwadro⸗ nen Huſaren, von denen die Ordnung bald hergeſtellt 153 wurde. Welches Schauſpiel bot aber die Straße nach Neapel! Der ganze Strich derſelben durch die paradie⸗ ſiſche Landſchaft war mit weggeworfenen Waffen und Armaturſtücken bedeckt; die Artillerie hatte ſelbſt ihre Geſchütze und Fahrzeuge ſtehen laſſen: 22 Kanonen und 97 Munitionswagen! Das war die Armee von Neapel! Ihre Schmach iſt wie ein fluchbeladenes Erbtheil auf eine folgende Generation übergegangen und hat ſich in unſern Tagen, nur viel brennender noch, wiederholt. Da⸗ mals war ſie von ihrem Könige verlaſſen, der ſie und das Land preisgegeben hatte, in jüngſter Vergangenheit brandmarkte ſie ſich durch den ſchnödeſten Eidbruch und Abfall; damals fiel die Auflöſung der ungezügelten Menge zur Laſt, deren Disciplin in ruhigen Zeiten ver⸗ nachläſſigt war, heute trifft der Vorwurf des Verraths die Führer! Das war an dem Tage geſchehen, welchen der ent⸗ thronte König noch auf der Inſel Ischia, im Angeſichte ſeiner Hauptſtadt, zugebracht hatte. Auch in Neapel wurde das Volk jetzt unruhig; die Flüchtlinge von Capua, welche über Averſa hereinſtrömten, vermehrten die Aufregung; es entſtand hier und da wilder Tumult, den zwar die Sicherheitswache, die einzige noch verfügbare bewaffnete Wehr, unterdrückte, aber für die Nacht und den folgenden Tag waren ernſtere Aufſtände zu beſorgen, und die Re⸗ 154 gentin— es war der letzte Aet ihrer Herrſcherpflicht— er bat ſich von dem britiſchen Commodore einige Truppen. Dieſer ließ 300 engliſche Marineſoldaten an das Land ſetzen. Karoline Murat aber begab ſich nun infolge ihres früher abgeſchloſſenen Vertrags mit wenigen erwählten Perſo⸗ nen ihres Hofſtaats an Bord eines engliſchen Schiffes, um das Königreich zu verlaſſen; die Miniſter Agar, Zurlo, Macdonald und einige andere hochgeſtellte Män⸗ ner, welche ſich durch allzu großen Eifer für die Dynaſtie Murat ausgezeichnet hatten und darum dem verkündeten Frieden der Bourbons nicht recht trauten, ſchloſſen ſich ihrer Königin an. Sie ſtellte jetzt das Geſuch, ſich nach England begeben zu dürfen. Die Genehmigung dazu mußte erſt vom Admiral Exmouth, welcher die Flotte in den ſicilianiſchen Gewäſſern befehligte, eingeholt wer⸗ den; darum blieb Karoline Murat noch mehrere Tage auf dem Tremendous— ſo hieß das britiſche Linienſchiff im Hafen von Neapel— gewiß die furchtbarſte Prüfung ihres Lebens.„Spettacolo e spettatrice delle sue mi- serie!“ drückt ſich ein italieniſcher Geſchichtsſchreiber dar⸗ über aus. Die Hauptſtadt war nun völlig ſich ſelbſt überlaſſen; es gab keine Regierung, keine Gewalt mehr, um Geſetz und Ordnung aufrecht zu halten. Die 300 Engländer mußten ſich begnügen, die wichtigſten und koſtbarſten Ge⸗ 155 bäude zu beſetzen, als der Volksaufruhr mit aller Furcht⸗ barkeit eines Vulkans ausbrach. Durch die Hauptſtraßen ſchrie und tobte die wilde Menge, die nun ebenſo wüthend nach dem Könige Ferdinand brüllte, als ſie noch vor kurzem dem Könige Murat zugejauchzt hatte. Schon wurden hier und dort Gewaltthätigkeiten an den Häuſern der bekannten Anhänger des Entflohenen verübt; das Volk erbrach die Gefängniſſe, um die Opfer der Politik, wie ihm ſeine Aufhetzer ſagten, zu befreien, in der That aber befreite es auch Verbrecher der gemeinſten Art, welche nun die zügelloſen Schaaren vermehrten, ja ihre Führer wurden und zur eigenen halbgeſühnten Schuld neue Frevel häuften. Hinter Schlöſſern und Rie⸗ geln war weder Perſon noch Eigenthum mehr ſicher; die Polizei ſchien verſchwunden, die Sicherheitswache mit ihr; in ihren verſchloſſenen Häuſern zitterten die Beamten, deren Pflicht es geweſen wäre, die Wogen des Aufruhrs zu bekämpfen, und die Municipalität ſah die einzige Ret⸗ tung nur noch bei den ſiegreichen Truppen Oeſterreichs. Eine Deputation eilte ihnen entgegen, um den feindlichen Feldherrn zu beſchwören, baldmöglichſt Neapel zu beſetzen. Auf dem Largo di Mercato hatte die Menge jetzt ein Opfer gefunden; es war einer der thätigſten und bekannteſten Anhänger der Bonaparte, der ſchon unter König Joſeph dem Hofe nahe geſtanden, ſeitdem zwar 156 keine öffentliche Stellung mehr bekleidet, ſich aber durch Verfolgung und Angeberei der Briganten, der Carbonari und anderer Volksfreunde, wie man ſie nannte, be⸗ merklich gemacht hatte. Insgeheim war er ſchon längſt der Volksrache bezeichnet worden. Er hatte ſich in verderbliche Sicherheit gewiegt, weil er durchaus nicht öffentlich hervorgetreten, ſondern ſeine Fäden im Dun⸗ keln geſponnen, ſein ganzes Spiel, das noch andere Ab⸗ ſichten als die ſeiner ſogenannten Loyalität gegen die beſtehende Herrſchaft verfolgte, in tiefſter Verhüllung ge⸗ trieben hatte. Darum mochte er auch in der Zeit der Kataſtrophe wieder nach Neapel gekommen ſein, wo er nichts mehr fürchtete, ſeit der Schlag, den er gegen den letzten und gefährlichſten ſeiner Feinde geführt, denſelben, wenn auch nicht ſeiner Erwartung gemäß zermalmt, doch vertrieben hatte. In unbegreiflicher Großmuth hatte die Regentin den entlarvten Verräther geſchont, indeſſen war er doch entfernt; und nun das ganze Gebäude, auf welches Don Emilio ſeine Exi⸗ ſtenz geſtützt hatte, zuſammenbrach, die alte Dynaſtie zurückkehrte, kam es darauf an, ſich eine neue Poſition zu ſchaffen; dazu aber konnte am ſicherſten der Fürſt Hettore verhelfen, deſſen Integrität bei dem Könige Fer⸗ dinand über allem Zweifel erhaben ſtand. Zu dieſem Zwecke war Emilio gerade in der Kriſis nach Neapel 157 zurückgekommen; er hatte jedoch zweimal vergebens um Zutritt bei ſeinem Oheim gebeten. Heute in ſpäter Nacht, als das Volksgewühl ziemlich verſtummt war, das in der jetzigen Lage die Straßen unſicher gemacht, hatte er den dritten Verſuch beabſichtigt; eine Nachricht, welche er durch einen ihm bekannten Offizier erhalten, die Nachricht von dem Tode des Grafen Orkum, hatte ſeine Unruhe bis zu einem fieberhaften Grade geſteigert, da ſich neue, formloſe Zukunftsbilder daran knüpften. Alle Nachforſchungen nach Virginia's Aufenthalt waren bis jetzt fruchtlos geweſen; weder in der Roſaja, noch in ihrem Hauſe zu Neapel, noch auch in der Villa Angri, wo er unter der Hand die Dienerſchaft hatte ſondiren laſſen, hatte er irgend eine Spur zu entdecken vermocht. Daß ſeine Annahme, daß ſie mit dem jungen Orkum entflohen ſei, eine Annahme, welche nur die ihn verzeh⸗ rende Eiferſucht geboren hatte, falſch geweſen, wußte er bereits ſeit längerer Zeit; er wußte, daß der Deutſche, der ihm ſo kühn den Handſchuh hingeſchleudert hatte, noch im Kerker ſaß und hoffentlich dort vergeſſen wurde, bis eine Reviſion der Gefängniſſe, mit der es unter der wiedereingeſetzten Regierung gewiß keine Eile hatte, ihn künftig einmal bei Gelegenheit an das Tageslicht ziehen würde. Bis dahin hoffte Emilio Alles errungen zu haben, was er erſtrebte. Doch in dem Moment, als er über 158 den Largo di Mercato fuhr, erſchreckte ihn Fackelſchein und ein wildes Volksgeſchrei, das plötzlich in einer Sei⸗ tengaſſe losbrach; er gab ſeinem Kutſcher Befehl, raſch davonzujagen, umſonſt! Ihm entgegen ſchallte jetzt auch Tumult und wälzte ſich ein wilder Haufe, meiſt Lazzaroni, aber geführt von beſſer gekleideten Menſchen; der Kutſcher mußte ſeine Pferde zügeln, Emilio drückte den Hut tief in die Augen und hoffte unangefochten hindurchzukommen. Da ſchrie auf einmal eine gellende Stimme ſeinen Namen; es war wie der Funke in ein Pulverfaß. Die Meiſten wußten freilich nicht, was der Name bedeutete und wer Don Emilio Angri war, aber es genügte, daß ihn das wüthende Geſchrei Einzelner als Ver⸗ räther, als Bluthund bezeichnete, um den furchtbarſten Aus⸗ bruch der Volksrache zu entzünden. Wie ein Rudel hungriger Wölfe in der Steppe ein vereinzeltes Gefährt anfällt, ſo ſtürzten die Lazzaroni über den Wagenſchlag des Prinzen her; einige fielen den Pferden in die Zügel, andere riſſen den Kutſcher vom Bock, den Wagen auf und ſtürmten förmlich Räder und Tritte, um ſich des unglücklichen Emilio zu bemächtigen.„Reißt dem Verräther das Herz aus dem Leibe! Schleift ihn zu Tode!“ war das Wuthge⸗ ſchrei hier und wenige Schritte davon unermeßlicher Jubel einer andern Volksſchaar, welche ein Opfer der Tyrannei, das ſo eben aus dem Gefängniß befreit worden war, 159 hier auf dem Marktplatz wiederfand und mit tobendem Jauchzen und hundert Evvivas begrüßte. Zu verkennen war ja der große ſchöne Mann mit dem blonden Locken⸗ haar nicht; ein Fremder, ein Deutſcher, hatte er doch unter dem Murat geduldet und, wie es hieß, für das Volk von Neapel! Vergebens ſuchte er ſich dem zu⸗ dringlichen Jubel zu entziehen. In dieſem Augenblicke miſchten ſich die beiden Volkshaufen an dem feſtgehal⸗ tenen Wagen, aus welchem ſoeben ein todblaſſer Mann geriſſen wurde, ein unglückliches Opfer entfeſſelter Dä⸗ monen! Raſch brach ſich der Deutſche Bahn zu ihm, er hatte ihn erkannt. „Meine Freunde!“ rief er mit mächtiger Stimme, und ſeine große, auffallende Geſtalt, der Anhang, der ihm noch immer zuſchrie, ließ die Menſchen, welche Hand an Emilio gelegt hatten, ſtutzen. „Den überlaßt mir!“ rief der Fremde.„Er iſt mein Feind; ich habe meine Sache mit ihm abzumachen!“ Ein neues Jauchzen der Leute, die ihn befreit hatten, eine ſchnelle Verſtändigung zwiſchen ihnen und den Drängern Emilio's, und auch dieſe ſchrien dem Deut⸗ ſchen zu, der ſeinen Feind von ihnen zu perſönlicher Rache forderte. Augenblicklich ſollte er ſie nehmen, ſie boten ihm ſchon ihre Dolche an, und er ſuchte vergebens ſich Gehör zu verſchaffen. Warum zögerte er? War er 160 feig, wollte er ſie um ihr Dpfer bringen? Wie das Wetter umſchlägt, kehrte ſich der Unwille auf einmal auch gegen ihn und beide ſchienen verloren zu ſein. Donnernder Hufſchlag plötzlich, wie von vielen hun⸗ dert Roſſen und raſſelnde Säbel, eine helle ſchmetternde Fanfare von Trompeten! Die breite Straße herauf im ſtarken Trabe öſterreichiſche Huſaren— es war ein Anblick, der die Menge plötzlich in ſcheuer Flucht zer⸗ ſtäuben ließ. Wohl führte noch eine Fauſt gegen den zu⸗ ſammengebrochenen Emilio einen Schlag, ſelbſt einen matten Dolchſtich, aber nur in raſender Haſt, um ſchnell vor den gefürchteten Ungarn ſich zu retten. Feld⸗ marſchalllieutenant Bianchi hatte die Bitte der Deputa⸗ tion aus der Hauptſtadt um ſchleunige Truppenſendung gewährt und den Grafen Neipperg mit den Regimentern Liechtenſtein⸗Huſaren und Toscana⸗Dragoner nebſt einer Cavalleriebatterie ſogleich im Eilmarſch aufbrechen laſſen. Neipperg erreichte im Trabe die Stadt gegen Mitter⸗ nacht, wo er ſogleich einzelne Abtheilungen nach den wichtigſten Plätzen und Gebäuden ſchickte. Das Verbrechen, das auf dem Largo di Mercato durch die Erſcheinung der kaiſerlichen Reiter verhütet wurde, war nicht das einzige in Neapel, deſſen Ausführung nun unterblieb. Der Offizier, welcher die Halbſchwadron führte, hielt über⸗ raſcht ſein Pferd an, als er ſich in deutſcher Sprache 161 von einem Manne angeſprochen hörte, der einem andern eben in einen Wagen half, wie es ſchien, von der heu⸗ lend davonlaufenden Menge befreit. „Was iſt hier geſchehen, Landsmann?“ fragte er. „Gott und Ihnen ſei Dank, noch nichts!“ erwiderte der Deutſche.„Wird nun Sicherheit ſein?“ „Wie in Abraham's Schooß, wo wir ſind!“ rief der Offizier, ſeinen Huſaren nachjagend. „Erholen Sie ſich, Prinz Angri“ ſagte der Deutſche zu Emilio, der ſeiner Sinne noch nicht mächtig zu ſein ſchien und ganz kraftlos in der Ecke ſeines Wagens lehnte, wie ihn jener hineingehoben hatte.„Steig' auf, Kerl!“ fuhr der Retter den Kutſcher an, welcher ſich unter die Räder verkrochen hatte und nun langſam her⸗ vorkam. „Was wir mit einander abzumachen haben, Prinz Angri, dazu findet ſich ſpäter Zeit. Eine Ehrenſache ver⸗ jährt nicht.“ Hätte Don Emilio ſeine Geiſteskräfte ſchon wieder beſeſſen, ſo würde er über dieſe Rede höhniſch gelächelt haben, er war aber keines klaren Gedankens fähig und ein tiefer Seufzer ſeine e ganze Antwort. „Wohin, gnädigſter Herr?“ fragte der Kutſcher, der jetzt die Zügel der unruhig gewordenen Pferde, welche der Fremde beim Auseinanderlaufen der Menge ſogleich Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. II. 11 162 mit wunderbarer Geiſtesgegenwart ergriffen hatte, wieder auf ſeinem Bocke hielt. Der Herr gab keine Antwort.„Fahre nur nach Hauſe!“ rieth der Fremde, und das Geſpann, das kaum noch zu bändigen war, ſetzte in Sprüngen mit dem Wa gen davon. Eine Weile ſtand der Deutſche noch ſtill, blickte unſchlüſſig nach einem Hauſe, das ihm nur zu wohl be⸗ kannt war, lauſchte auf das ferne Getöſe in andern Straßen und ſchritt dann ſeiner frühern nahegelegenen Wohnung zu, um zu verſuchen, ob er dort noch Eingang finden werde. Was hatte er erlebt, ſeit er ſie zuletzt ver⸗ laſſen hatte! Welche Nachrichten, nach denen er ſich ſehnte, ſollte ihm der folgende Morgen bringen? Neapel war nun ruhig geworden. Der unerwartete Einmarſch der öſterreichiſchen Cavallerie hatte den Pö⸗ bel eingeſchüchtert, was die drohenden Feuerſchlünde der britiſchen Escadre im Hafen nicht vermocht hatten. Was hatten dieſe den Lazzaroni anhaben können, die kein Eigenthum zu verlieren hatten! Vor den Kugeln konnte man ſich ſchon bergen, die Reiterſäbel waren viel ge⸗ fährlicher Am folgenden Tage hielt Bianchi mit dem Gros der Armee ſeinen feierlichen Einzug in die Stadt; ihm zur Rechten ritt Prinz Leopold von Salerno. Noch waren die vier Caſtelle von Neapel nicht übergeben, da⸗ 163 her ſchwieg von dort der Donner der Kanonen zur Be⸗ grüßung; aber alle Glocken wurden geläutet, die Häuſer und Balkone waren mit Teppichen und Blumenguirlan⸗ den geſchmückt, Blumen regneten auf den Prinzen und den Sieger von Tolentino nieder, weiße Tücher, von ſchönen Händen geſchwungen, wehten ihnen Willkommen zu. Tauſendſtimmiger Jubel empfing die Einziehenden, die ewige durch alle Zeiten gehende Wiederholung des Volksrauſches, wer kennt ſie nicht! Zu beklagen, wer ir⸗ gend einen Werth darauf legt oder darin ein Pfand ſieht auch nur für die nächſte Zukunft! Im Hafen flaggten alle Schiffe, und Karoline Murat, welche dort noch zu- rückgehalten wurde, verſchloß ſich in die Kajüte des Tremendous, der wie die andern ſeine Maſten und Raaen im reichſten Feſtſchmuck prangen ließ. Sie ſollte noch manche bittere Erfahrung machen, ehe ſie den Golf von Neapel verlaſſen konnte! Schon an demſelben Tage ſchwammen Barken, mit der Hefe des Volks beſetzt, um ihr Schiff und wurden ihr die gemeinſten Spottlieder geſungen. Prinz Leopold nahm durch eine Proclamation für ſeinen Vater, den König Ferdinand, wieder Beſitz von dem Königreiche dieſſeits des Faro; er verkündigte die Rückkehr des legitimen Monarchen, forderte die Behör⸗ den dringend zur Aufrechthaltung der öffentlichen Ruhe 112 164 und Sicherheit auf und beruhigte das Volk über den Einmarſch der befreundeten kaiſerlichen Truppen. Dieſe hatten ſogleich die vier Caſtelle und die Kaſernen beſetzt und auf den großen Plätzen der Stadt ſtarke Bereit⸗ ſchaften aufgeſtellt, von denen fortwährend zahlreiche Patrouillen durch die Straßen entſendet wurden, um jeden Aufruhr oder Exceß niederzuſchlagen. Ein Theil der leichten Truppen war ohne Aufenthalt weiter mar⸗ ſchirt, um nach Calabrien zu rücken, wo man trotz der ausgeſprochenen bourboniſchen Geſinnung noch einzelne Unruhen beſorgte, denen der Feldherr durch mobile Co⸗ lonnen begegnen wollte. Graf Neipperg wurde zum Gou⸗ verneur der Hauptſtadt ernannt. Die Entſcheidung, auf welche Karoline Murat noch warten mußte, traf endlich ein; ſie lautete ungünſtig für ihre Wünſche. Lord Ermouth verweigerte ihr Ge⸗ ſuch, ſich nach England zu begeben; ihr war ein Aſyl in Oeſterreich geſtattet, wo ſie unter dem ſelbſtgewählten Namen einer Gräfin von Lipona(Anagramm von Napoli) mit ihren Kindern gaſtliche Aufnahme finden ſollte. Gerade als der Telegraph die Abreiſe König Ferdinand's aus Meſſina zur Heimkehr nach Neapel verkündete, lichtete der Tremendous die Anker, um die unglückliche Frau, begleitet von dem öſterreichiſchen Major von Sunſtena, nach Trieſt zu bringen. Die beiden Schiffe begegneten 165 ſich und als das königliche Fahrzeug in Sicht kam, hatte der engliſche Commodore die Roheit, der entthronten Fürſtin zu ſagen, ſie möge nicht erſchrecken, wenn ge⸗ ſchoſſen würde; er ſalutire nur den König von Neapel. Mit kaltem Stolze erwiderte Karoline Murat:„Ka⸗ nonendonner iſt den Bonaparte weder fremd, noch un⸗ angenehm!“ Der Kelch war geleert. In Gaöta wurde ihr die erſte Freude wieder zu Theil, als ſie ihre Kinder dort ans Herz drücken konnte. Siebentes Kapitel. Murat's Verhängniß. Kurz vorher war auch Joachim Murat an dem Fel⸗ ſen von Gasta, deſſen Spitze die uralte Torre dOr⸗ lando krönt, vorübergefahren. Droben auf der ſtarken Feſte wehte ſein königliches Banner noch; dort weilten ſeine theuren Kinder. In ihm erwachte plötzlich der Ge⸗ danke, ſich in die Feſtung zu werfen und als Soldat unter ihren Mauern begraben zu laſſen, wenn es ihm nicht gelinge, ſich zu vertheidigen, bis ein neuer, ſicher zu erwartender Umſchwung der Dinge eingetreten ſei. Aber er konnte dieſen Vorſatz, wenn er überhaupt ernſtlich gemeint war, nicht ausführen; Schiffe ſperrten den Zu⸗ gang, und ſo wandte der Steuermann nach Nordweſt der fernen Küſte Frankreichs zu, wie einige Tage ſpäter der des Tremendous, nachdem Karoline Murat ihre Kin⸗ der von Gaöta abgeholt hatte, in entgegengeſetzter Richtung wandte, um, die Südſpitze Italiens umſchiffend, in die Adria zu gelangen und nordwärts haltend Trieſt zu erreichen. 167 Der König Ferdinand beeilte ſich nicht, ſeinen Einzug in die wiedergewonnene Hauptſtadt zu halten. Am 4. Juni ſtieg er zu Bajä an das Land, unter den Trüm⸗ mern altrömiſcher Herrlichkeit; am 6. begab er ſich einen Schritt näher in den Palaſt von Portici, wo er noch elf Tage verweilte Es war, als wolle er erſt ſeiner ge⸗ rechten Sache ganz ſicher ſein. In Neapel war aber längſt Alles ruhig, jedes Caſtell von den Oeſterreichern beſetzt; General Napolitani hatte die Feſtung Pescara ſchon am 28., Montemayor Ancona am 29. Mai über⸗ geben; nur General Begani in Gaöta hatte die Auffor⸗ derung abgelehnt, eingedenk der frühern ruhmvollen Ver⸗ theidigung des Prinzen von Heſſen Philippsthal und wie ſein Herr auf unvorherzuſehende Ereigniſſe hoffend. Aber dieſer ferne letzte Punkt fiel nicht mehr in die Wagſchaale. Die öſterreichiſche Beſatzung in Neapel konnte am 11. Juni in großer Parade auf das Marsfeld rücken, wo eine Dankmeſſe für den ſiegreich beendigten Feldzug celebrirt wurde. Endlich am 17. Juni hielt der zurückkehrende rechtmäßige Herrſcher ſeinen Einzug in die Hauptſtadt, welche er vor zehn Jahren verlaſſen hatte. Das Gepränge war eine Wiederholung der frü⸗ hern Scenen; Viele meinten, eine ſtark abgeſchwächte, wozu die Erſcheinung des Monarchen, ſeine Perſönlichkeit, verglichen mit Murat's kriegeriſchem, imponirendem We⸗ 168 ſen, das kleine Gefolge, die höchſt beſcheidenen Pferde und die ganze Einfachheit des Zugs im Vergleich zu der aufregenden Pracht, an welche das Volk gewöhnt war, nicht wenig beitrugen. Murat hatte das Volk wohl zuweilen re da scena(Theaterkönig) genannt, den Bourbon nannte es heute ſchon re contadino(Bauern- könig) und ſchalt ihn geizig; ſeinem Enkel war in Zu⸗ kunft der re bomba beſchieden, und wie der im erſten Revolutionsrauſch getaufte re galantuomo nach der Ernüchterung in dem gemißhandelten Neapel geheißen wird, klingt wenig ſchmeichelhaft. Am 17. Juni waren die Bourbons wieder in Neapel, während an demſelben Tage in den Niederlanden ſich die Entſcheidungsſchlacht für die franzöſiſchen Bourbons, welche vor Napoleon aus Paris geflohen waren, auf den kommenden Morgen vor⸗ bereitete. Der Kaiſer hatte ſeinen ungeſtümſten Gegner, den alten Blücher, ſchon am 16. geſchlagen, warum ſollte ihm der Sieg gegen Wellington untreu werden? Na⸗ poleon hoffte bei Waterloo auf Sieg. So dachte auch Joachim Murat, der bereits vor drei Wochen den franzöſiſchen Boden bei Fréjus betre⸗ ten, aber nicht gewagt hatte, ohne die Erlaubniß Napo⸗ leon's nach Paris zu kommen. Seine geheimen Ver⸗ handlungen mit England, ſein offener Abfall im vori⸗ gen Jahre, die Allianz mit Oeſterreich und der Krieg, 169 den er gegen Frankreich begonnen hatte, mußten ihn wohl mit Beſorgniß vor dem Zorne des Kaiſers füllen. Darum hatte er an Fouché geſchrieben, ihm die Beweg⸗ gründe und den Ausgang des letzten Feldzugs, den er nur im Intereſſe des Kaiſers geführt, in beredten Wor⸗ ten geſchildert und ihn gebeten, dem Kaiſer zu ſagen, daß er nach Frankreich gekommen ſei, ihm ſeinen Arm zu bieten, in der Hoffnung, daß ſein Glück als Feldherr das Unglück als König gut machen werde. Foucheé hatte das Schreiben dem Kaiſer überreicht, welcher es aber mit den kalten Worten zurückgegeben:„Welchen Frieden habe ich denn nach dem Kriege von 1814 mit dem Kö⸗ nige von Neapel geſchloſſen?“ Murat war alſo abgewieſen und blieb, von Furcht und Hoffnung bewegt, in Toulon, um die Entſcheidung des Kriegs abzuwarten; der Sieg mußte ja den Kaiſer freundlicher gegen ihn ſtimmen. Da traf ihn wie ein Donnerſchlag die Kunde der Niederlage von Waterloo, welche bald den Weg nach dem Süden fand und hier, wo die Schreckensherrſchaft von 1793 den Royalismus nicht bis auf die Wurzeln ausgerottet hatte, wilde Volks⸗ unruhen gegen die Bonapartiſten erregte. Es fielen Greuel der abſcheulichſten Art vor, der Marſchall Brune wurde ermordet. Murat ſah ſein Leben bedroht; er mußte ſich verbergen. In ſeiner Rathloſigkeit ſchrieb er 170 wieder an Fouche, an mehrere Miniſter Ludwig's XVIII. und bat um einen Paß für ſich und ſeinen Ordonnanz⸗ offizier Maceroni nach England. Der letztere, den er mit ſeinen Briefen in Verkleidung abgeſchickt hatte, machte ſich verdächtig und wurde verhaftet; die Ant⸗ wort blieb alſo aus. Seine Getreuen hatten ſich ſchon, als er Neapel verließ, zerſtreuen müſſen; ſie waren meiſt in ihre Heimat zurückgekehrt, nach Frankreich, Corſica, Deutſchland, Polen, denn es war ihnen nicht geſtattet worden, in der neu zu organiſirenden neapolitaniſchen Armee zu bleiben. Bei ihm waren zuletzt noch drei Adjutanten geweſen, und auch von dieſen hatte er ſich ſeiner Sicherheit wegen trennen müſſen. Er irrte von Zuflucht zu Zuflucht; zuletzt fand er eine ſolche bei einem mit⸗ leidigen Bauer, der ihn vor ſeinen Verfolgern mehrere Tage in einem Hühnerſtalle verbarg, bedeckt mit Laub und Zweigen. Endlich ſchien der Sturm vorüberge⸗ brauſt. Er hatte an den König von Frankreich geſchrie⸗ ben, ohne Datum, um nicht ſein Aſyl zu entdecken, nur mit der Bezeichnung:„Aus meinem dunklen Abgrunde.“ Dieſen Brief hatte er Foucheé geſchickt, welcher ihn dem Kö⸗ nige übergeben ſollte. Beide ſchwiegen. Da faßte der unglückliche Mann den Entſchluß, nach Paris zu gehen und ſein Schickſal in die Hände der alliirten Monar⸗ chen zu legen, die, ſo hoffte er, eingedenk ſeiner 1 171 Krone, ſeines Waffenruhms und der früher ihm gebotenen Hand, großmüthig ſeine Zukunft ſichern würden. Aber nicht durch den Süden Frankreichs wollte er reiſen, wo ihm die Volkswuth drohte, ſondern zur See. Es gelang ihm, ein Handelsſchiff nach Havre de Grace zu miethen; ſeine Adju⸗ tanten Roſetti, Rocca⸗Romana und Bonafoux, davon be⸗ nachrichtigt, begaben ſich mit ſeiner Equipage an Bord. Er wollte auf einer Barke, nur von ſeinem Armand be⸗ gleitet, nachkommen, um alles Aufſehen zu vermeiden. Als er nun kam, war das Schiff ſchon fort, ohne ihn abzuwarten! Er mußte alſo verlaſſen wieder ans Land ſteigen; ein Fußpfad, den er einſchlug, führte ihn wieder zu der Hütte des Bauern, der ihn früher aufgenommen und verborgen hatte. Hier ſank er ſeiner Kraft beraubt nieder; der geweſene König des ſchönſten Reichs der Erde, der Reiterführer, der einſt an der Spitze von faſt dreihundert Schwadronen von der großen Armee einer Welt in Waffen Trotz geboten hätte, lag hier, ſchwach und hülfsbedürftig wie der ärmſte Bettler! Aber er raffte ſich bald wieder auf. Er beſchloß, nach Cor⸗ ſica zu gehen. Dort hatten die Vonaparte in ihrem Heimatslande noch einen ſtarken Anhang, dort waren viele ſeiner eigenen alten Soldaten zerſtreut, die ihm nach Neapel gefolgt und nun nach Hauſe gegangen waren; einer ſeiner treueſten Adjutanten, der General 172 Franceschetti, wohnte dort in Zurückgezogenheit. Er ſuchte ja auch nur ein Aſyl! Auf einer Barke fuhr er hinaus, um das Poſtſchiff abzuwarten, das alle Donnerstage nach Corſica abging. Eine Bombarde ſegelte vorüber, ſie wurde vergebens angerufen. Gegen Abend ging die See hoch und das kleine Fahrzeug gerieth in Gefahr; da kam endlich das Poſtſchiff, geführt vom Kapitän Bonelli, der ſo menſchlich war, Murat, obgleich er ſich nannte, aufzu⸗ nehmen. General Franceschetti wohnte bei ſeinem Schwie⸗ gervater, Colonna Ceccaldi in Vescovato, wo derſelbe Maire war. Am Abende des 25. Auguſt wurde er her⸗ ausgerufen, ein Fremder wollte ihn ſprechen. Er ſah einen Mann im Mantel vor ſich, das Haupt mit einer ſchwarzen Seidenmütze bedeckt, welche tief in das Ge⸗ ſicht herabgezogen war; Gamaſchen, wie ein gemeiner Soldat, trug der Mann und ſeine Haltung war gebeugt. „Sie kennen mich nicht, Franceschetti?“ „Sire!“ rief der General in äußerſter Beſtürzung. Es war ſein König! Er führte ihn mit allen Zeichen alter Anhänglich⸗ keit in das Zimmer, ſorgte für ſeine Aufnahme und Bequemlichkeit und hörte erſchüttert ſeine Schickſale, ſeit er ſich von ihm getrennt hatte. Von weitern Plänen 173 war vorerſt keine Rede; Murat bedurfte vor allem der Ruhe. Aber dieſe ſollte ihm nicht lange gewährt bleiben. Die Nachricht ſeiner Ankunft hatte ſich bald verbreitet, und die ſchwache königliche Partei auf der Inſel er⸗ ſchrak, weil ſie fürchtete, er könne ſich mit Hülfe der zahl⸗ reichen Bonapartiſten Corſicas bemächtigen. Schon am folgenden Morgen erſchien daher auf Befehl des Ober⸗ ſten Verriere, Commandanten von Corſica, der Lieute⸗ nant Serra mit 30 Gensdarmen in Vescovato, um Murat nach ſeinen Abſichten zu fragen und nöthigenfalls zu verhaften. Dieſer wußte zwar den Offizier zu über⸗ zeugen, daß er fern davon ſei, Unruhen erregen zu wol⸗ len, und Serra zog ab, doch die rohaliſtiſche Partei war nicht ſo leicht zu beſchwichtigen, ſie trieb Verriere dazu, Embargo auf alle Schiffe im Hafen von Baſtia zu legen, und ſandte einige ihrer Häupter nach Genua, um den britiſchen Commandanten zu Hülfe zu rufen. Wirklich kam auch von dort ein engliſcher Offizier, der ſich mit Murat beſprach, aber von ihm gleichfalls beruhigt wurde. Nach Vescobato ſtrömten unterdeſſen viele Menſchen, um ihn zu ſehen, und er beſchloß endlich, dieſe Freiſtatt zu verlaſſen, um allen Zweifeln ein Ende zu machen. Schon war von Livorno eine Fregatte mit zwei Kano⸗ nenbooten herübergekommen, deren Kapitän mit den Par⸗ 174 teihäuptern der Royaliſten unterhandelte; es hieß, daß auf Murat's Kopf ein Preis von 150,000 Franken geſetzt worden ſei. Er wandte ſich nach Afaccio, nachdem er den Be⸗ hörden ſchriftlich erklärt hatte, daß er nur komme, um ſich hier einzuſchiffen. Aber das Volk empfing ihn mit Jubel, und als ihm von einem nahen Verwandten ſeiner Schwiegermutter, Ramolino, welchem Napoleon den Nieß⸗ brauch ſeines Vaterhauſes und der Familiengüter verlie⸗ hen, den Murat ſelbſt in Neapel mit 40,000 Franken Gratification zum Ritter des Ordens beider Sicilien in Brillanten ernannt hatte, jetzt im Unglück die Thür des Bonaparte'ſchen Familienhauſes verſchloſſen wurde, führte ihn die Menge wie im Triumphe nach einem Gaſthofe, wo er ſeine Wohnung nahm. Dieſer Empfang war ſein Unglück; er berauſchte ſeine leicht entzündliche Seele, rief neue Hoffnungen, neue wildromantiſche Pläne in ihm wach. Wie anders, wenn ſeine Idee ſich dem Edelmuth der ſiegreichen Monarchen anzuvertrauen, zur Ausführung gekommen wäre!„Großer Gott!“ rief er abends als dem Volksjubel endlich tiefe Stille gefolgt war. Welche Erinnerungen erwachen in meiner Seele! So empfing mich meine Hauptſtadt jedesmal, wenn ich zurückkehrte!“ Das Feuer ſeiner Augen erloſch in Thränen, er 175 drückte Franceschetti ſtumm die Hand.„Wenn ein fremdes Volk“, fuhr er nach einer Weile lebhafter fort, „für mich dieſe Sympathien hat, wenn es mir ſeine Waffen anbietet, was werden meine Neapolitaner thun! Ich nehme das Vorzeichen an und mein Entſchluß iſt gefaßt; ich will unter meinem Volke leben oder ſterben! Sie werden Neapel wiederſehen, Franceschetti; bereiten wir unſere Abreiſe vor.“ Franceschetti erſchrak und machte ihm die dringend— ſten Vorſtellungen; es war vergebens. Die Gefahr des Unternehmens reizte ihn nur, die Unmöglichkeit des Ge⸗ lingens ſah er nicht ein. Schnell, wie er ſeinen Ent⸗ ſchluß gefaßt, war er auch mit dem ganzen Operations⸗ plane fertig. Er wollte ein paar hundert Corſen wer⸗ ben und mit ihnen auf gemietheten Barken bei Salerno landen. Dort ſtanden 3000 Mann ſeiner frühern Armee; ſie waren unzufrieden mit der neuen Herrſchaft, er konnte auf ihren Uebertritt rechnen; mit ihnen wollte er ſich dann ſogleich in die Berge nach Avellino werfen, wo ſeine Macht durch treue Anhänger ſchwellen mußte. Den Oeſterreichern, welche ihn auf der Straße nach Neapel ſuchen würden, konnte er ſo um drei Tagemärſche nach der Baſilicata vorauskommen und dort ſeine Baſis finden, von welcher er das ganze Reich mit dem Ruhm ſeiner Erfolge zu füllen hoffte. Nicht eher wollte er nach der 176 Hauptſtadt ziehen, als bis die Regierung, mit wel⸗ cher das Volk ſchon wieder unzufrieden war, erſchüt⸗ tert und der zagende Bourbon zur Flucht veranlaßt ſein würde. Was dann weiter geſchehen, auf welche Weiſe er ſich auf dem wiedereroberten Throne gegen die verbündeten Monarchen erhalten werde, kümmerte ihn vor der Hand nicht. Die Warnung lag ſo nahe, wenn er an Napoleon dachte, deſſen gleiches Unternehmen trotz des anfänglichen glänzenden Erfolgs durch eine einzige Schlacht furchtbar geendigt hatte, aber die Zukunft machte Joachim Murat niemals Sorge; im ſchlimmſten Falle ſtarb er mit dem Schwerte in der Hand auf ſeiner letzten Wahlſtatt. Franceschetti gab es auf, ihn von ſeinem verhängniß⸗ vollen Schritte abzubringen; er glaubte es nun ſeiner Ehre ſchuldig zu ſein, ihn nach Kräften darin zu unter⸗ ſtützen und ſein Schickſal, wie es auch kommen möge, mit ihm zu theilen. Was er an baarem Gelde beſaß, gab er dazu her, ſelbſt ein Taufgeſchenk von Brillanten, das Murat, als er während ſeines Aufenthalts in Ves⸗ covato bei einem Kinde des Generals Pathenſtelle ver⸗ treten, dieſem geſchenkt hatte. Murat ſelbſt beſaß nur 7400 Franken, mit denen er eine Expedition zur Erobe⸗ rung ſeines verlorenen Königreichs ausrüſten wollte! Doch hatte er noch einige Brillanten, welche in ſeinen Gürtel eingenäht wurden. Hätte doch Pauline Borgheſe, ſeine 177 Schwägerin, ihren reichen Schatz an Schmuck und Edel⸗ ſteinen, ſtatt ihn dem Kaiſer zu ſchicken, wo er in deſſen Wagen nach der Schlacht von Waterloo den preußiſchen Soldaten als unermeßliche Beute in die Hände fiel, ihm geſchenkt; er würde Wunder damit bewirkt haben! Gold iſt oft eine ſtärkere Waffe als das Schwert; er kannte ſein Volk von Neapel, und der Urenkel ſeines Gegners ſollte in unſern Tagen dieſelbe Erfahrung machen. In⸗ deſſen war das ein eitler Wunſch; Murat konnte nur dem Schwerte und, wie er ſich in gefährlichen Träumen ſchmeichelte, dem Zauber ſeines Namens vertrauen. So brachte er denn 250 Corſen zuſammen, unter denen hö⸗ here und niedere Offiziere waren, und ließ ſechs Barken miethen, die ihn auf die Küſte von Salerno ſetzen ſollten. Alle Anſtalten waren ſchon getroffen, da langte am 28. September mittags in Ajaccio unerwartet der Or⸗ donnanzoffizier Maceroni an, welchen Murat von Tou⸗ lon nach Paris geſendet und ſchon verloren gegeben hatte.„Sie kommen ſpät, Maceroni!“ rief er ihm ent⸗ gegen, als er ſich meldete.„Drei Monate habe ich auf die Entſcheidung der allirten Monarchen gewartet; ſie haben mich den Dolchen der Mörder überlaſſen, ſie, die einſt meine Freundſchaft ſuchten! Mein Entſchluß iſt nun gefaßt. Was bringen Sie noch?“ Maceroni überreichte ihm ein Schreiben, welches Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. MI. 12 178 einen Paß für den König enthielt, unterzeichnet vom Fürſten Metternich, Fürſten Schwarzenberg und Sir Charles Stuart, nebſt den Bedingungen, unter welchen er ein Aſyl in Heſterreich finden ſollte. Dieſe Bedin⸗ gungen, von Metternich geſtellt, lauteten: Der König lebt dort als Privatmann. Die Kö⸗ nigin hat ſich Gräfin Lipona genannt, ihm wird derſelbe Name vorgeſchlagen. Es ſteht ihm frei, ſich eine Stadt in Böhmen oder Oberöſterreich zum Aufenthalt zu wählen; zieht er vor, auf dem Lande zu leben, ſo ſteht dem nichts im Wege. Er gibt ſein Wort, die öſterreichiſchen Staaten nicht ohne Einwilligung des Kai⸗ ſers zu verlaſſen und mit ſeiner Familie den Geſetzen gemäß zu leben, welche in Oeſterreich Geltung haben. Murat warf das Schreiben auf den Tiſch.„Alſo ein Gefängniß mein Aſyl!“ rief er bitter.„Gefängniß iſt Tod! Nie werde ich freiwillig ein Gegenſtand des Triumphs für das Haus Oeſterreich ſein! Ich verwerfe das Anerbieten ich will die Königin nur in Neapel wiederſehen!“ Der Würfel war unwiderruflich gefallen. Bei Tafel, zu welcher die höhern Offiziere gezogen wurden, ent⸗ wickelte er ſeine Ideen mit dem alten Feuer.„Ich gehe mit den glücklichſten Hoffnungen, meine Staaten wieder zu erobern. Der unglückliche Krieg hat mir meine Rechte nicht geraubt. Königreiche werden mit den Waffen ver⸗ 179 loren und durch die Waffen wiedergewonnen; die Rechte der Krone ſind unwandelbar und geſtürzte Fürſten ſteigen wieder auf ihren Thron, wenn es das Glück, Gottes Werkzeug, will. Napoleon hatte entſagt und kehrte auf demſelben Wege zurück, den ich verſuche; er wurde ge⸗ ſchlagen und iſt gefangen; ich habe nie entſagt, meine Rechte ſind unangetaſtet, und werde ich beſiegt, kein ſchlimmeres Loos kann mir werden als Gefangenſchaft; es wäre gegen das Völkerrecht! Aber ſeid ruhig, Neapel wird mein St. Helena ſein!“ Er wandte ſich dann an einen Corſen, Namens Carabelli, den er einſt nach Neapel gezogen und der ſich ihm jetzt ſogleich genähert, auch als ein gewandter Mann bei der Anwerbung von Freiwilligen und der Beſorgung von Barken weſentliche Dienſte geleiſtet hatte. Mit ihm beſprach Murat noch Manches, dankte ihm für ſeine Treue und verſprach ſie ihm zu lohnen, wenn er es wie⸗ der im Stande ſein würde. Der Mann hatte aber ſei⸗ nen Lohn ſchon dahin, einen Judaslohn. Als die Tafel aufgehoben und die kleine Verſamm⸗ lung entlaſſen war, zog ſich der König in ſein Cabinet zurück, um ein Rechtfertigungsſchreiben ſeines Schritts aufzuſetzen, das er wieder ſeinem Ordonnanzoffizier Ma— ceroni zur Ueberbringung an den Fürſten Metternich an⸗ vertrauen wollte. Seine Gemahlin mit den Kindern war 180 in Oeſterreich angekommen; er dachte ſchon jetzt an eine glückliche Wiedervereinigung. Die Offiziere zerſtreuten ſich, jeder in ſeine Wohnung, um Alles für die unmittel⸗ bar bevorſtehende Abreiſe vorzubereiten. „Um elf Uhr, Ottavij!“ raunte Franceschetti einem General zu, der ſich kürzlich zu den Getreuen Murat's ge⸗ ſellt und geſchworen hatte, den König niemals zu verlaſſen. „Ich werde nicht fehlen!“ ſagte Ottavij und ver⸗ ſchwand. Mit langen Schritten eilte Carabelli, der dienſtfer⸗ tige Corſe, ſeiner Wohnung zu. Dort wartete ein Mann in höchſter Ungeduld auf ihn.„Ich muß fort!“ rief er dem Kommenden entgegen.„Wind und Flut warten auf Niemand. Wie ſteht es? Können Sie mir etwas Be⸗ ſtimmtes mitgeben?“ „Nur zwei Minuten, Freund! Ich bringe es ſogleich zu Papier. Jetzt weiß ich Alles; der Miniſter wird mit mir zufrieden ſein!“ Er ſetzte ſich an ſeinen Schreibtiſch und ſchrieb haſtig, während der Andere unruhig im Zimmer auf und ab ging.„Abgemacht!“ ſagte er dann. „Hier! Glückliche Reiſe! Empfehlen Sie mich dem Prinzen Canoſa und laſſen Sie ſich den Edelhirſch nicht entgehen.“ „Ich müßte der Trenta⸗Capilli nicht ſein!“ erwi⸗ derte der Andere, grimmig auflachend, ſteckte das ſorglich verſiegelte Papier zu ſich und verließ das Haus. Bald 181 darauf lichtete ein Schnellſegler die Anker im Hafen von Ajaccio und ſteuerte ſüdwärts. Der Abend ſank. In eirzelnen Abtheilungen ſam⸗ melten ſich die Soldaten, welche König Murat gewonnen hatte, am Ufer; die Barken lagen bereit; um elf Uhr war die Einſchiffung vollendet. Nur der General Ottavij hatte ſich nicht eingefunden; man wartete nicht länger auf ihn. Die kleine Flottille ſtach in See, Niemand hielt ſie auf oder kümmerte ſich darum. Der Nachthimmel war ſternklar, das Meer ruhig, ein günſtiger Wind ſchwellte die Segel— lauter gute Vorzeichen, welche Murat in dieſem Sinne aufnahm. Die Mannſchaft, mit ihren Führern auf den Barken vertheilt, war vom beſten Muthe beſeelt. Am Bord des Fahrzeugs, das der König mit den Perſonen ſeines ummittelbaren Gefolges beſtie⸗ gen hatte, befanden ſich darum weniger Soldaten, aber ſie waren begeiſtert durch die Ehre, daß er in ihrer Mitte weilte, und es bedurfte hier eher der Beſchwichtigung als der Aufmunterung. Murat war heiter, ſein Geiſt flog, von freudiger Hoffnung beflügelt, den wehenden Wim⸗ peln weit voraus. Sechs Tage war die Fahrt günſtig, dann brach ein Sturm los, welcher drei volle Tage währte; die Bar⸗ ken wurden dadurch völlig zerſtreut. War es an ſich ſchon ein tollkühnes Unternehmen, mit 250 Mann auf 182 der Küſte von Neapel mit Eroberungsgedanken zu landen, ſo erſchien es jetzt, wo nur noch eine Barke in der Nähe des Königs geblieben war, ein Wahnſinn. Aber Murat wies jede Einrede heftig zurück, in der Hoffnung, daß ſich die vom Sturm verſchlagenen Fahrzeuge ſchon wieder ſam⸗ meln würden; war doch der Landungspunkt den Füh⸗ rern bezeichnet! Unter dem Schutze der nächſten Nacht verſchwand indeſſen auch die letzte Barke unter einem Manne, welcher ſieben Jahre in der königlichen Garde gedient und von Murat manche Auszeichnung genoſſen hatte. Jetzt ſchien der König ſelbſt einzuſehen, daß er, bei ſeinem Vorhaben verharrend, dem ſichern Untergange entgegeneile. Er wurde Franceschetti's Vorſtellungen zugänglich und faßte endlich den ſchweren Entſchluß, nach Trieſt zu gehen und die Freiſtatt in Oeſterreich mit ſei⸗ ner Gemahlin zu theilen. Die Barke war ebenfalls ſo weit nach Süden verſchlagen, daß ſie in den Golf von Santa⸗Eufemia gerathen war und von dort in die Meer⸗ enge von Meſſina zur Umſchiffung des Caps Sparti⸗ vento, der Südſpitze Italiens, nur noch einen kurzen Weg hatte. Im Adriatiſchen Meere blieb dann freilich noch bis Trieſt eine weite Fahrt, aber der König war doch von ſeinem unheilvollen Plane zurückgebracht; er war gerettet. Der Fregattenkapitän Barbara, welcher Murat's Barke führte, war ein geborener Malteſer, als 183 guter Seemann bekannt; er hatte in frühern Jahren das Piratenhandwerk getrieben und war von Murat in die Marine genommen, nach und nach zu ſeinem jetzigen Range befördert und zum Baron erhoben worden; der König glaubte ſich unbedingt auf ihn verlaſſen zu können. Bar⸗ bara erhielt Befehl, nach dem Faro di Meſſina zu ſteuern. Aber er machte Einwendungen, daß er kein Waſſer und keine Lebensmittel für eine ſo weite Fahrt an Bord habe, überhaupt, daß die Barke zu ſolcher Reiſe nicht geeignet ſei; er ſchlug vor, bei Pizzo zu landen, dort habe er Credit und Bekanntſchaft, er wolle ein anderes Schiff miethen, müſſe aber, um bei den Behörden ſicher zu ſein, des Königs Päſſe vorzeigen, welche er mit der Er⸗ klärung verlangte, daß er ohne dieſelben nicht landen könne. Dieſer Einſpruch gegen den bereits gefaßten Ent⸗ ſchluß wirkte auf Murat wie der Stein im Wege auf eine bereits matt dahinrollende Kanonenkugel, welche durch dies Hinderniß neue Kraft und neuen Aufſchwung erhält.„Man verweigert mir alſo den Gehorſam!“ rief er mit ſtarker Stimme.„Wohlan, da wir hier aufge⸗ halten werden ſollen, ſo werde ich ſelbſt landen, Ihr an meiner Seite! Das Schickſal will es! Mein Ge⸗ dächtniß kann nicht in Neapel vergeſſen ſein; ich habe dem Volke Gutes gethan, es wird mir beiſtehen!“ Barbara erhielt jetzt Befehl, landwärts zu halten. 184 Der König befahl den Seinigen, wie es an Schlachttagen nach dem Muſter des franzöſiſchen Kaiſerheeres auch in ſeiner Armee ſtets geſchehen war, große Uniform anzulegen; er ſelbſt ſchmückte ſich noch einmal mit aller Pracht. Als die Barke das Ufer erreicht hatte, wollten die Offiziere an das Land ſpringen; der König hielt ſie zurück, er wollte der erſte ſein. So ſetzte er am 8. De- tober mittags den Fuß wieder auf den Boden ſeines ver⸗ lorenen Königreichs; mit ihm waren nur 29 Gefährten: die Generale Franceschetti und Natali, ein Militärbeamter, drei Kapitäns, drei Lieutenants, acht Sergeanten und neun Gemeine, außerdem drei Diener. Am Ufer ſtanden einige arme Korallenfiſcher, welche den Fremden in ſchimmernder Tracht, den man ihnen als ihren König bezeichnete, mit einem Evviva! begrüßten. Auch Land⸗ leute liefen herzu. Der König aber eilte nach dem großen Platze des Städtchens, auf welchen das feſte Schloß herniederſchaut. Dort exereirte gerade die Stadtwache; einige Küſtenkanoniere ſtanden herum, welche noch Murat's Uniform trugen.„Da ſind meine Sol⸗ daten!“ rief er in großer Aufregung.„Vorwärts!“ An der Spitze des kleinen Häufleins gelangte er auf den Platz Hier mußte er ſeinen erſten Erfolg gewinnen. Achtes Kapitel. cin blutiges cönde. Mit Staunen und auch mit Schrecken ſahen die Bürger den kriegeriſchen Zug in ihre friedliche Stadt einbrechen; die Kanoniere ſtarrten ihm neugierig ent⸗ gegen. „Erkennt Euren König!“ rief Murat mit hallender Stimme. Mehrere kannten ihn; es entſtand eine große Bewegung, ein Rufen und Schreien, aus welchem die Stimmung nicht recht zu erkennen war. Von den Ka⸗ nonieren kamen fünf herbeigeſtürzt, ſich dem Könige an⸗ zuſchließen; die Reihen der Stadtwehr löſten ſich. Mehrere liefen davon, die Andern waren in leidenſchaftlicher Aufregung. Minuten ſind koſtbar in ſolcher Lage. Der König wollte die Menſchen anreden, die ihm nur unſchlüſſig ſchienen, aber ein paar junge Leute ſtellten ſich ihm in den Weg.„Sire! Verlaſſen Sie Pizzo, Sie find von Feinden umgeben. Verlieren Sie keine Zeit!“ 186 „Unmöglich!“ rief Murat. Da ſprang auch ein älterer Mann athemlos, als komme er weit her, zum Könige heran.„In die Berge, Majeſtät! Hinauf nach Monteleone! Ich will Sie führen!“ „Dich muß ich kennen! Wer biſt Du?“ rief Murat. Aber ſeine Generale drängten ihn, dem Rathe zu folgen, und er gab nach.„Folgt uns!“ befahl er den Kanonieren, die zu ihm übergetreten waren, und die kleine Colonne verließ in feſt geſchloſſener Ordnung den Platz und die Stadt, ehe die Bürger, welche offenbar eine feindliche Geſinnung zeigten, zu einem Entſchluſſe gekommen waren. Alles war nun wieder im Marſch und ſtieg den Berg hinauf, wo der Weg nach Monte⸗ leone führt. Der König, von dem erſten Fehlſchlag ſeiner Hoffnung geiſtig gedrückt, ſchien erſchöpft und konnte nicht recht fort; der Marſch wurde langſamer, wie ſehr auch die beiden jungen Leute, welche den König gewarnt hatten, zur Eile drängten. Der dritte, ältere Mann, der ſich zum Führer erboten hatte, war nicht mehr zu erblicken. Murat wußte, daß er ihn ſchon früher einmal geſehen hatte, er konnte ſich aber nicht beſinnen, wo. Jetzt war auch keine Zeit dazu. „Sind die Kanoniere gefolgt?“ Zwei waren mitge⸗ kommen.„Wo ſind die andern?“—„Sie kommen 187 nach!“ Wirklich ſah man ſie den Berg heraufkommen, aber mit ihnen allerlei bewaffnetes Volk, das ſie zu überholen ſuchten. Die jungen Männer beſchworen den König, den Marſch zu beſchleunigen; in Monteleone werde er treue Unterthanen finden, welche Blut und Leben für ihn einſetzen würden. Aber der König wollte durchaus auf die Kanoniere warten, commandirte ſelbſt„Halt!“ und als ihn auch ſeine Offiziere mit Vorſtellungen beſtürmten, forderte er gebieteriſch Gehorſam. Auch von der andern Seite liefen jetzt bewaffnete Einwohner herbei, die Kanoniere wichen vom Wege ab und ſchienen nur Zuſchauer ab⸗ geben zu wollen. Da ging der König den Leuten furcht⸗ los entgegen.„Kinder, bewaffnet Euch nicht gegen Euren alten Herrn. Ich komme nicht in böſer Abſicht nach Ca⸗ labrien, ich will nur den Beiſtand der Behörden in Mon⸗ teleone zu meiner Reiſe nach Trieſt ſuchen, wo meine Familie iſt. Hättet Ihr mir Zeit gegeben, Euch Alles auf der Piazza der Stadt zu erklären, ſo wür⸗ det Ihr gehört haben, daß ich Päſſe von den Mon⸗ archen beſitze, die ſelbſt König Ferdinand gelten laſſen wird.“ Sie hatten ihn wirklich angehört. Da trat aus der Menge ein Mann in Uniform hervor; ſeine großen Epaulettes gaben ihm das Anſehen eines Oberſten, es 188 war aber die bourboniſche Hauptmannsuniform. Raſch rief ihn der General Franceschetti an und erſuchte ihn, ſie ſicher nach Monteleone escortiren zu laſſen. Aber der Offizier erwiderte mit einem wilden Blicke:„Ich bin der Gensdarmeriekapitän Trenta⸗Ca⸗ pilli und Ihr werdet mir nach Pizzo folgen!“ Franceschetti riß ein Piſtol hervor und drohte ihn niederzuſchießen, wenn er den König nicht frei ziehen laſſe; Murat verbot ihm aber laut, die Waffen zu ge⸗ brauchen. Seine kleine Truppe ſchloß ſich feſt um ihn und ſchlug, von allen Seiten umſtürmt und bedroht, aus eigenem Entſchluß den Rückweg nach dem Ufer ein, wo Barbara's Barke ſie wieder aufnehmen ſollte. Der Strand war erreicht, dort lag wirklich ein Boot bereit, derſelbe Mann, den der König ſchon geſehen zu haben glaubte, war wieder da, er hatte ſich des Ruders be⸗ mächtigt und winkte heftig. Wo aber war Barbara? Der Elende hatte den König und ſeine Begleiter an das Land geworfen und ihrem Schickſale überlaſſen. Man konnte ſeine Barke nur noch als einen ſchwarzen Punkt auf dem hohen Meere wahrnehmen. Dennoch trieben die Begleiter Murat's ihren Herrn, in das Boot zu ſteigen, und ſtrengten alle Kräfte an, es flott zu machen, während die Soldaten den Feind abhielten und mehrere ſchon verwundet waren.„Wollt Ihr ihn entkommen 189 laſſen?“ ſchrie Trenta⸗Capilli den Bewaffneten zu und ſprang hinzu, um ſelbſt Hand an das Boot zu legen. Da gab Joachim Murat Alles auf. Er rief ſeinen Soldaten zu, ihn mit ihren ſchwachen Kräften nicht länger zu vertheidigen, und überreichte dem Feinde ſeinen Degen.„Nehmt dieſen Degen, Männer von Pizzo, der für Euer Vaterland einſt mit Ruhm gekämpft hat; nehmt ihn, aber ſchont das Leben meiner Tapfern.“ „Schonung?“ rief Trenta-Capilli, aus deſſen Augen der unverſöhnlichſte Haß ſprühte.„Drei meiner Brüder ſind auf Deinen Befehl gehängt worden—“ „Auf meinen Befehl Niemand! Sie ſind Offizier, ich vertraue mich Ihrer Ehre an!“ rief der König. Aber ein wildes Hohngelächter war die Antwort. Sie fielen über ihn her und riſſen ihm vom Leibe, was werthvoll ſchien; ſeine Brillanten, die er verborgen ge- tragen, ſein Geld, ein Creditbrief von 60,000 Franken Rebenüen auf ein Banquierhaus in Neapel, ſeine Päſſe, die Proclamation, die er verbreiten wollte, Alles ging verloren, und die Mißhandlungen, die er von dem wüthen⸗ den Haufen erdulden mußte, waren ihm bitterer als der Tod. Franceschetti, ähnlich gekleidet und decorirt wie er, hatte ſich vergebens für ihn ausgegeben, um ihn zu retten; ein Kerl hatte ſchon die Axt gehoben, um ihm den Kopf zu ſpalten, er wurde aber noch zurückgeriſſen. 190 So wälzte ſich die tobende Menge mit allen ihren Ge⸗ fangenen nach Pizzo hinein, wo man ſie ſofort auf das Schloß brachte und ſämmtlich in ein finſteres Gefängniß einſperrte, ohne ſich um die Verwundeten zu kümmern. Da lagen ſie nun durcheinander auf der Erde, die mei— ſten Corſen wohl ihre Thorheit verfluchend, daß ſie ſich hatten zu dieſem Zuge verblenden laſſen. Der König ſaß in dumpfem Schweigen auf einem Schemel in der Ecke, ſeine Offiziere ſtanden um ihn her in ſchweren Sor⸗ gen für ihn. Draußen aber tobte fort und fort das Wuth⸗ geſchrei der Menge, welche ihr Opfer verlangte. Nach einer Stunde erſchien wenigſtens eine mitlei⸗ dige Sendung von Eſſen, auch etwas Wäſche; gegen Abend aber verſtummte plötzlich das Toben des Volks, und bald darauf trat ein Offizier in den Kerker, welchen der commandirende General in beiden Calabrien, Nunziante, auf die Meldung des Vorgefallenen mit vierzig Mann ſicilianiſcher Infanterie geſchickt hatte, um die Gefange⸗ nen zu übernehmen und zu bewachen. Dieſer hatte die Mörderrotten, die nach Blut lechzten, ſofort zerſtreut und das Schloß beſetzt; er kam jetzt, die Namen der Gefange⸗ nen zu verzeichnen. „Ich bin Joachim Napoleon, König von Neapel“, ſagte Murat, ſich ſtolz vor ihm erhebend. Da ſchlug der Offizier die Augen nieder, verneigte ſich achtungsvoll 191 und meldete ſich als Kapitän Stratti mit ſeinem Auf⸗ trage, wobei er Murat Majeſtät nannte und ihn bat, ihm in ein anderes Gemach zu folgen. Der König lehnte das ab. Spät noch traf der commandirende General ein, der ſich ſogleich dem Gefangenen vorſtellte. Er mißbil⸗ ligte das gewaltthätige Benehmen der Einwohner von Pizzo, bedauerte aber wegen ihrer noch immer drohenden Haltung und ſeiner Verantwortlichkeit gegen den König, ſeinen Herrn und die alliirten Truppen, die Lage vor der Hand nicht ändern zu können, wie ſehr auch dies Mißgeſchick ſeine volle Theilnahme erwecke. Murat ent⸗ ließ ihn würdevoll. Für die Nacht wurden nun wenig⸗ ſtens Matratzen und Decken geſchafft, doch kam wohl keine Minute Schlummer in das Auge des Königs nach den furchtbaren Scenen des Tages; er zählte die Stun⸗ den nach dem Ausrufen der Schildwachen, das jede Vier⸗ telſtunde ſich wiederholte. Endlich tagte der Morgen. Jetzt erſt, nach dem Zeugniß eines Leidensgenoſſen, fand ſich ein Chirurg ein, um die Wunden zu verbinden, für welche Jeder, ſo gut er es vermochte, bis jetzt ſelbſt geſorgt hatte. General Nunziante kam wieder, war aber verlegen. Er hatte für die Soldaten ein anderes Unterkommen angeordnet, den König bat er jedoch, ſich noch vierundzwanzig Stun⸗ den zu gedulden, bis weitere Entſcheidung von Neapel 192 eingegangen ſein würde. Die Erklärung gab ſpäter ein Offizier der Wache. Murat war angeblich deshalb noch im Gefängniß geblieben, weil bewaffnetes Bergvolk in die Stadt gekommen, unter dem Vorwande, ſich zur Verfügung gegen den feindlichen Einfall zu ſtellen, in Wahrheit aber, um den König zu befreien. Es waren Truppen aufgeſtellt und zwei Kanonen vor dem Schloſſe aufgefahren worden, mit der Drohung, Feuer zu geben, wenn das Landvolk nicht nach Hauſe ginge. Daſſelbe hatte aber unter der Anführung eines ehemaligen Bri— ganten, welchen Murat einſt begnadigt haben ſollte, der Aufforderung getrotzt und ſich erſt in der Racht verlaufen. Am dritten Tage, den 10. October, wurde nun dem gefangenen Könige ein beſſeres, für ihn eingerichtetes Zimmer im Schloſſe angewieſen; die beiden Generale durften bei ihm bleiben, die übrigen Offiziere wurden von ihm getrennt Er frühſtückte mit General Runziante und mehreren ſicilianiſchen Offizieren von deſſen Be⸗ gleitung, welche ein achtungsvolles Schweigen gegen den gefallenen Herrſcher beobachteten; er ſelbſt behauptete eine ernſte Faſſung. Dann ſchrieb er an ſeine Gemahlin, an den öſterreichiſchen commandirenden General in Rea⸗ pel und an den engliſchen Geſandten; er übergab dieſe Vriefe beim Diner an den General Nunziante, welcher ſie an ſeinen Monarchen ſchickte. Doch hat ſie König 193 Ferdinand erſt, nachdem ſein Befehl, welchen er bereits gegeben hatte, vollſtreckt worden war, an ihre Beſtim⸗ mung gelangen laſſen Mit Recht hatte Joachim Mu⸗ rat den Zauber ſeines Namens in Gedanken getragen; dieſer Zauber hatte aber in anderem Sinne gewirkt, als er gehofft hatte. In einer andern Gegend als in Cala— brien, wo Manches ihn durch ſeine blutige Strenge ver⸗ haßt gemacht, würde er vielleicht das Volk für ſich be⸗ geiſtert haben; dieſe Möglichkeit hatte er nicht erprobt, dagegen war jener Zauber bei ſeinen Feinden mächtig geworden und hatte die Furcht erweckt, zu ſeinem Ver⸗ derben. Als die Regierung die Nachricht von Murat's Plänen erhalten hatte, war ſie in große Beſtürzung ge⸗ rathen; augenblicklich waren die Wachen verſtärkt, Trup⸗ pen in den Palaſt gezogen worden; man hatte die ent⸗ ſchiedenſten Muratiſten verhaften wollen, aber den Muth nicht dazu gehabt; der Prinz von Canoſa war mit un⸗ beſchränkter Vollmacht nach Calabrien geſchickt, der öſter⸗ reichiſche Feldherr dringend gebeten worden, Detache⸗ ments nach den bedrohten Punkten abrücken zu laſſen. Seitdem hatte ſich Alles geändert; der Telegraph, mit' allen Armen arbeitend, hatte die Nachricht von Murat's Landung und ſeiner Gefangennahme nach Neapel ge⸗ bracht, die Furcht war für den Moment zwar vorüber und man ſchämte ſich ihrer vielleicht, aber ſie mußte ja Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. MI. 13 194 zu einer ewigen Beunruhigung wieder aufleben, wenn der gefangene Löwe in Freiheit geſetzt würde. Ein St.⸗ Helena gab es nicht für Joachim Murat, der in ſeiner Proclamation das Schreiben König Ferdinand's an Bianchi und den Herzogstitel wie die Erbauung des Palaſtes von Caſa Lanza für dieſen eine Nationalſchmach genannt hatte, durch welche er zu ſeinem Unternehmen veranlaßt worden ſei. Nunziante hatte alſo ſchon ſeinen gemeſſenen Befehl erhalten, aber er glaubte nicht, daß es Ernſt damit ſei, und hatte Vorſtellungen dagegen er⸗ hoben. Darum verſicherte er auch ſeinem Gefangenen, mit dem er an dieſem und dem folgenden Tage ſpeiſte, aus wahrer Ueberzeugung, ſein Herr ſei menſchlich und werde ihn gewiß ſeiner Familie wiedergeben. Dieſe Ueberzeugung ſchien ihn aber verlaſſen zu haben, als er am nächſten Tage zur Tafel erſchien. Er war augen⸗ ſcheinlich verlegener als zubor und erzählte, daß er eine telegraphiſche Depeſche erhalten habe, welche nur die Worte gebracht:„Sie werden ihn einſchließen—“ und dann unterbrochen worden ſei. Murat verſtand die Abſicht des Generals nicht, der ihn vielleicht vorbereiten wollte, und antwortete nur, der Schluß der Depeſche werde ſchon nachkommen, er hoffe, daß der König ſeinen Sieg nicht mißbrauchen werde. Der Tag verging. Am 12. Oetober kam der Com⸗ —.——— 05 mandant der engliſch ſicilianiſchen Flottille, welche im Tyrrheniſchen Meere kreuzte, nach Pizzo und ſtellte ſich Mu⸗ rat vor; dieſer nahm die Gelegenheit wahr und verlangte, nach Tropea, einer nahegelegenen kleinen Hafenſtadt, ge⸗ bracht zu werden, wo er die Entſcheidung des Königs abwarten wolle. General Nunziante wollte einwilligen, aber der Brite bemerkte, daß er wohl dazu erſt die Er⸗ laubniß ſeines Herrn einholen müſſe, da Murat an Bord eines engliſchen Schiffes deſſen Gewalt entzogen ſein und unter dem Schutze der engliſchen Flagge ſtehen würde. So ging auch dieſer letzte Hoffnungsſtrahl einer Rettung verloren. Abends fing Nunziante wieder an von ſeiner Depeſche zu reden und der König mußte end⸗ lich eine Abſicht merken.„Was würden Sie thun“, unterbrach er ihn lebhaft,„wenn die Depeſche Ihnen beföhle, mich vor ein Kriegsgericht zu ſtellen?“ „Dazu“, erwiderte Nunziante zögernd,„würde mich keine bloße Depeſche bewegen, niemals! Dieſen Befehl müßte ich, von der Hand des Königs unterzeichnet, durch eine königliche Stafette erhalten.“ Murat erwiderte nichts, ſondern aß ruhig weiter. Als er die Tafel aufgehoben hatte, ließ er ſich noch von Natali einige Scenen aus Metaſtaſio's Dramen, die er liebte, vorleſen, legte ſich dann zu Bett und ſchlief ſo ruhig wie lange nicht. Kein Gedanke an die Gefahr, 196 welche jetzt unabwendbar über ſeinem Haupte ſchwebte, kam in ſeine Seele. Er hatte ſogar gegen ſeine Um⸗ gebung von einem Vergleiche mit König Ferdinand ge⸗ ſprochen. Um Mitternacht ritt endlich die königliche Stafette, von welcher Nunziante geſprochen hatte, in das Schloß von Pizzo ein. Sie brachte die ſchriftliche Wiederholung des Befehls, welchen er durch den Telegraphen ſchon früher erhalten hatte; die Ausführung war durch ſeine Vorſtellungen nur verzögert, aber nicht widerrufen wor⸗ den. Der Befehl lautete, von demſelben frühern Tage, den 9. Oetober, datirt; „Wir, Ferdinand, von Gottes Gnaden König beider Sicilien u. ſ. w., haben beſchloſſen und beſtimmen, wie folgt: Artikel 1. Der General Murat iſt vor ein Kriegs⸗ gericht zu ſtellen, deſſen Mitglieder von unſerem Kriegs⸗ miniſter ernannt werden. Artikel 2. Es wird dem Verurtheilten nur eine halbe Stunde Zeit gegönnt, um den Beiſtand der Reli⸗ gion zu empfangen.“ Am 13. October früh, als der König angekleidet war, trat Kapitän Stratti bei ihm ein und erſuchte die beiden Ge⸗ nerale Franceschetti und Natali, ihm zu folgen. Murat fragte, warum dies geſchehe, erhielt aber keine andere Erklä⸗ — 197 rung, als daß es befohlen ſei; draußen von beiden noch⸗ mals befragt, erwiderte der Offizier, daß eine Verhandlung aufgenommen werden ſolle. Die Generale wollten wieder zum Könige zurückgehen, wurden aber von der Wache daran verhindert und in das finſtere Gefängniß zu den Offizie⸗ ren und Soldaten geführt, wohin dieſe bereits um zwei Uhr in der Nacht wieder gebracht worden waren. Murat, als ſie nicht zurückkamen, fragte ſeinen treuen Armand, der zu ihm gekommen war, ob er nichts wiſſe. Da traten aber mit dem Kapitän Stratti noch drei an— dere ſicilianiſche Offiziere herein, Armand wurde hinaus⸗ geſchickt, und Stratti erklärte, der König werde vor ein Kriegsgericht, das in einem Nebenzimmer verſammelt ſei, geſtellt werden, um Rechenſchaft über die Motive ſeiner Landung in Calabrien zu geben. Einen Moment war der Gefangene betroffen und wechſelte die Farbe, doch faßte er ſich ſchnell.„Herr Kapitän“, ſprach er ſtolz,„ſagen Sie dem Präſidenten des Gerichts, daß ich mich weigere, vor ſeinem Tribu⸗ nal zu erſcheinen. Männer wie ich haben nur Gott Rechenſchaft von ihren Handlungen abzulegen. Mögen ſie ihr Urtheil ſprechen, ich habe nichts mehr zu ant⸗ worten.“ Jetzt kam der Offizier herein, welcher zum Ver⸗ theidiger des Angeklagten beſtellt war, ein Kapitän Sta⸗ 198 race, ſicilianiſcher Herkunft. Er ſtellte ſich dem Könige vor und die Thränen ſtürzten ihm aus den Augen, als er die traurige Pflicht meldete, die ihm auferlegt war. „Ich ſoll Ew. Majeſtät vertheidigen“, ſagte er,„und vor welchen Richtern!“ „Sie ſind nicht meine Richter!“ nterbrach ihn Mu⸗ rat.„Sie ſind meine Unterthanen, und es iſt ihnen nicht erlaubt, ihren Souverän zu richten. Ebenſo wenig kann ein König einen andern König richten, weil keiner über ſeinesgleichen Gewalt hat. Die Souveräne haben keinen andern Richter als Gott und ihr Volk! Will man mich aber als Marſchall von Frankreich betrachten, ſo kann mich nur ein Rath von Marſchällen richten; wenn als General, von Generalen. Ehe ich zu der Nie⸗ drigkeit Ihrer verſammelten Richter herabſteige, muß manche Seite aus der Geſchichte von Europa geſtrichen werden. Das Tribunal iſt incompetent, es iſt für mich eine Schmach.“ Vergebens ſuchten Stratti und Starace ihn zu be wegen, nur einige Zeilen zu ſeiner Vertheidigung nieder zuſchreiben.„Ihr könnt mein Leben nicht retten!“ ſagte er.„Es handelt ſich nicht um einen unparteiiſchen Rich⸗ terſpruch, ſondern um ein vorherbeſtimmtes Todesurtheil. Die Männer, welche jenes Tribunal beſetzt haben, ſind nicht meine Richter, ſondern meine Henker. Sagen Sie 199 nichts zu meiner Vertheidigung, Kapitän Starace, ich be⸗ fehle es Ihnen.“ Einige Augenblicke darauf, als die Beiden ihn ver⸗ laſſen hatten, um dem Gerichtshofe ſeine Weigerung zu bringen, erſchien der Inquirent deſſelben und wollte die Generalien der Form wegen erledigen, indem er nach Namen, Alter und Vaterland fragte. „Ich bin Joachim Napoleon, König beider Sici⸗ lien!“ erwiderte Murat.„Sie wiſſen Alles. Entfer⸗ nen Sie ſich, mein Herr!“ Auch die andern Offiziere, welche ihm gewiſſerma⸗ ßen zur Bewachung gegeben waren, mußten ihn verlaſſen und er blieb mit Stratti, deſſen Benehmen ſein Ver⸗ trauen gewonnen hatte, allein. Jetzt forderte das menſch⸗ liche Gefühl in der Bruſt des Unglücklichen ſein Recht und das Herz floß ihm in bittern Klagen über. „Ich hätte den König für größer und menſchlicher gehalten!“ ſprach er, im Zimmer auf und ab gehend. „Ich würde großmüthiger an ihm gehandelt haben, wenn er in meinen Staaten gelandet wäre und das Loos der Waffen ihn in meine Hände hätte fallen laſ⸗ ſen. Ich bin kein Verbrecher, ich habe meine Hauptſtadt nur durch die Gewalt der Waffen verloren und in kei⸗ ner Weiſe meinen Titeln und Rechten, die mir durch Verträge auf das Königreich Neapel zugeſichert worden 200 ſind, entſagt. Hat ein gefangener Feldherr das Le⸗ ben verwirkt? In Pizzo iſt Freude über mein Un⸗ glück! Was habe ich gethan, um die Neapolitaner zu Feinden zu haben? Ich habe für ſie die ganze Frucht langer Kriege und Mühen geopfert und laſſe meine Fa⸗ milie arm zurück. Was frei iſt in Neapels Geſetzen, iſt mein Werk; ich habe eine Armee geſchaffen zur Verthei⸗ digung des Vaterlandes, ich habe das Volk von Neapel zu einem der angeſehenſten in Europa gemacht!“ Er ſprach dann mit Vorliebe von ſeinen alten Feldzügen, kam aber bald wieder auf die Gegenwart zurück.„Wie anders laſſe ich dem Könige ſein Land zurück, als da er ſich 1806 nach Palermo flüchtete! In der Lage, in wel— cher ich mich befinde, hat er meinen Tod nicht nöthig, um ſicher und unangefochten zu herrſchen. Statt des grau— ſamen Befehls, den er für mich gegeben hat, wäre es beſſer geweſen, dem Beiſpiel der alliirten Mächte zu folgen, die ihm den Weg vorgezeichnet haben, indem ſie mir Päſſe ertheilten, um mich meiner Familie wie⸗ derzugeben. Das wäre eines Königs würdiger geweſen, als dieſe Politik, die nur eine unbegründete Furcht be⸗ kundet und einſt die Rache an ihm oder ſeinem Hauſe heraufbeſchwören muß. Seine Großmuth gegen einen wehrloſen Feind hätte ihre Weihe durch die Geſchichte erhalten. Statt deſſen will man die Tragödie des Her⸗ 201 zogs von Enghien wiederholen; ich ſoll dafür büßen und habe keinen Theil daran gehabt, das ſchwöre ich bei Gott, vor deſſen Angeſicht ich bald treten werde.“ Er ſchwieg eine dann ſagte er:„Kapitän Stratti, ich fühle das Bedürfniß allein zu ſein. Ich danke Ihnen für die Liebe, die Sie mir in meinem Un⸗ glück bewieſen haben, ich kann Ihnen meine Dankbarkeit nur in Worten beweiſen. Seien Sie glücklich!“ Weinend ging Stratti hinaus. Unterdeſſen hatte das Kriegsgericht ſeinen Spruch ge⸗ fällt. Dieſer lautete:„Da Jvachim Murat, durch das Ge⸗ ſchick der Waffen in den Privatſtand, in welchem er geboren, zurückgetreten, mit neunundzwanzig Genoſſen zu verwege⸗ nem Unternehmen nach Neapel gekommen iſt, nicht um einen Krieg zu beginnen, ſondern Aufruhr anzuſtiften, da er das Volk zur Rebellion aufgerufen, die legitime Sou⸗ veränetät verletzt und einen allgemeinen Aufſtand des Königreichs und ganz Italiens verſucht hat, ſo wird er als öffentlicher Feind zum Tode verurtheilt, kraft des Geſetzes, das noch zu Recht beſteht.“ Es war ein Geſetz, welches Murat ſelbſt gegeben, in vielen Fällen jedoch ſuspendirt hatte, das ſich nun gegen ſeine eigene Perſon kehrte. Der Referent des Tribunals erſchien, um ihm anzukün⸗ digen, daß er zum Tode verurtheilt ſei und dies Urtheil in 202 einer halben Stunde vollſtreckt werden ſolle. Murat hörte das Urtheil mit kalter Verachtung an. Man bot ihm einen Beichtvater, er ließ ihn kommen; es war der Prieſter von Pizzo, Masdra mit Namen.„Sire“, ſprach der Diener des Herrn, als er Prgelaſſen wurde,„ich ſehe Sie heute zum zweiten Male. Als Ew. Majeſtät vor fünf Jahren nach Pizzo kamen, bat ich um einen Beitrag zum Bau unſerer Kirche, die ſeit dem Erdbeben vor ſiebenund⸗ zwanzig Jahren noch nicht völlig hergeſtellt war, und Sie be⸗ willigten mehr, als ich hoffte. Darum wird meine Stimme auch heute nicht vergeblich bei Ihnen ſein, da ſie heute für ein höheres Gut ſprechen wird, für Ihr ewiges Seelen⸗ heil.“ Der König hatte ſchon ein kurzes, aufrichtiges Glaubensbekenntniß niedergeſchrieben, das er dem Prie⸗ ſter gab; dann betete er mit ihm. Und nun zur letzten irdiſchen Sorge! Er ſetzte ſich nieder und ſchrieb: „Meine liebe Karoline! Meine letzte Stunde iſt gekommen; in wenigen Au⸗ genblicken werde ich aufgehört haben zu leben, in weni⸗ gen Augenblicken wirſt Du keinen Gemahl mehr haben. Vergiß mich nie; mein Leben war mit keiner Ungerechtigkeit befleckt. Leb' wohl, mein Achill, leb' wohl, meine Läti⸗ titia, leb' wohl, mein Lucian, leb' wohl, meine Louiſe; zeigt Euch meiner würdig vor der Welt! Ich laſſe Euch 203 ohne Königreich, ohne Glücksgüter inmitten meiner zahl⸗ reichen Feinde zurück; ſeid beſtändig einig, zeigt Euch erhaben über das Mißgeſchick; denkt, wer Ihr ſeid und was Ihr geweſen ſeid, und Gott wird Euch ſegnen. Flucht meinem Gedächtniß nicht; wißt, daß es mein größter Schmerz im letzten Augenblicke meines Lebens iſt, fern von meinen Kindern zu ſterben. Empfangt meinen vä⸗ terlichen Segen, empfangt meine Küſſe und meine Thrä⸗ nen! Behaltet ſtets das Andenken Eures unglücklichen Vaters im Gedächtniß! Pizzo, den 13. October 1815.“ Dann ſchnitt er eine Locke ſeines Haares ab, legte ſie in den Brief und gab ihn unverſiegelt an den Kapi⸗ tän Starace mit der Bitte, denſelben nebſt dem geſchnit⸗ tenen Stein, den man nach ſeinem Tode in ſeiner Hand finden werde, ſeiner Familie zu überbringen. Seine Uhr ſollte ſein treuer Diener Armand zum Andenken erhal⸗ ten. Er bat noch, ſeine Generale Franceschetti und Na⸗ tali ſehen zu dürfen; es wurde ihm abgeſchlagen. „Wohlan denn!“ rief er.„Zögert nicht länger, ich bin zum Tode bereit.“ Die Thür ſeines Zimmers wurde geöffnet, drau⸗ ßen ſtand eine Section von zwölf Mann Sicilianern. Feſten Schritts, mit heiterem Angeſicht trat er ihnen entgegen.„Schont das Geſicht, zielt auf das Herz!“ rief er ihnen zu. Dann richtete er ſeinen Blick auf den 204 geſchnittenen Karneolring an ſeiner Hand, welcher das Bild der Königin Karoline trug, und bot ſeine Bruſt den Kugeln. So empfing er die tödtliche Salve; es war um vier Uhr nachmittags. Sein zerſchmetterter Körper wurde in der Kirche von Pizzo beigeſetzt. Reuntes Kapitel. n Jrieden. Eine düſtere Befriedigung herrſchte am Hofe zu Neapel, als General Nunziante die Vollſtreckung des Blut⸗ befehls meldete. Nur die Todten kommen nicht mehr wieder! König Ferdinand hatte bereits im Juni, noch aus Portici, ehe er in ſeine Hauptſtadt einzog, dem Helden, welcher in ſechs Wochen Murat's Armee zer⸗ trümmert und das ganze Königreich für ſeinen rechtmä⸗ ßigen Herrn erobert hatte, ſeine Erkenntlichkeit bewieſen, hatte ihn zum Herzoge von Caſalanza erhoben und ihm ein Jahrgehalt von 9000 Ducaten oder 15,000 Gulden verliehen, obgleich Bianchi den Antrag, als Generaliſſi⸗ mus in neapolitaniſche Dienſte zu treten, abgelehnt hatte. Jetzt wurde das Füllhorn der königlichen Gnade über diejenigen ausgeſchüttet, welche den gefährlichſten Feind der Dynaſtie hatten vernichten helfen. Die Stadt Pizzo erhielt den Beinamen Fedelissima, die Treueſte und ewige Abgabenfreiheit, der Gensdarmeriekapitän und ehe⸗ 206 malige Brigantenchef im Dienſte der Bourbons, Trenta⸗ Capilli, welcher Murat um perſönlicher Rache willen ſchon lange verfolgt und endlich ſeinen Zweck erreicht hatte, wurde zu einem höhern Grade befördert; den Bei⸗ ſitzern des Kriegsgerichts wurden andere Auszeichnungen, wenn auch nicht unmittelbar darauf, zu Theil. Im Londe herrſchte nach Stürmen Ruhe, und das leichtſinnige Volk, beſonders in der üppigen Hauptſtadt, gab ſich bald wieder dem ſorgloſen, ausgelaſſenen Trei- ben hin, das nur Sinn für den Genuß des Augenblicks hat. Unter det glatten Oberfläche der allgemeinen Zu⸗ ſtände, welche dem Spiegel des Golfs bei ſtillem Meere glich, konnten Tieferblickende aber manches drohende An⸗ zeichen erblicken, welches künftige Stürme vorherſagte. Es gab eine Partei im Lande, welche einſt von den Bourbons geliebkoſt und für ihre Sache gewonnen wor⸗ den war; nicht die Häupter alle, die ſich anderer Zwecke bewußt waren, als durch die Wiederkehr der alten Dy⸗ naſtie erreicht werden konnten, aber wohl der minder klare Theil derſelben und viele aus den einzelnen Hüt⸗ ten der weitverzweigten Verbindung, deren Fehler der Mangel einer einheitlichen Organiſation war. Dieſe Ver⸗ bindung, von Murat's Regierung heftig verfolgt, hätte jetzt Anerkennung hoffen dürfen, aber ihre letzten Ziele auf welche doch einige Streiflichter gefallen waren, er⸗ 207 ſchienen ſo gefährlich, daß ſie auch der wiederhergeſtellten Herrſchaft ein Gegenſtand des Argwohns wurden. Bald tauchte eine Gegenverbindung, die ſogenannten Calderari Eeſſelſchmiede), auf, welche vom Polizeiminiſter, Fürſten Canoſa, begünſtigt, die Carbonari und ihre Zwecke eifrig bekämpfte. Wenige Jahre ſpäter und die Zuckungen der Revolution verbreiteten ſich wieder über ganz Italien, beſiegt und niedergehalten und immer aufs neue aus⸗ brechend bis auf unſere Tage. Aber auch die Strenglegitimen im Lande erfreuten ſich nicht alle des vollen Sonnenſcheins königlicher Gnade. Selbſt der Fürſt Hettore Angri, deſſen lohale Geſinnung über allem Zweifel erhaben ſtand, hatte bei Hofe, als er ſich beeilte, trotz körperlichen Leidens ſeinem zurückgekehr⸗ ten Monarchen die Aufwartung zu machen, eine zwar ehrenvolle, aber kalte Aufnahme gefunden. Es war nicht genug, ſeine Geſinnung unter Murat's Herrſchaft ſelbſt auf die Gefahr der Verfolgung niemals verleugnet zu haben, man verlangte Action für die gute Sache. „In dieſer Beziehung“, hatte der Sohn des Fürſten Hettore bitter bemerkt,„ſteht Fra Diavolo, weil er im Solde der vertriebenen Dynaſtie ſeine Räuberbande ge⸗ führt, höher als Sie, mein Vater, und die Mönche der Incoronata, welche für die Zuflucht, die ſie ihm gewährt haben mit Aufhebung ihres Kloſters beſtraft worden 208 ſind, müßten nachträglich zu den reichſten Pfründen ge⸗ langen.“ Der Fürſt hatte ihm die Rede zwar verboten, und nie war ein Wort, das einer Anklage gegen den König ähnlich geſehen, über ſeine Lippen gegangen, aber zu Herzen mochte er ſich die Aufnahme doch genom⸗ men haben, denn er ließ ſich, als er zum erſten Male wieder zu einer Hoffeſtlichkeit eingeladen wurde, mit Krankheit entſchuldigen und verließ bald darauf Neapel, um ſich ganz auf ſeine Caſa dell' Orme zurückzuziehen, wo er die Jahre der Fremdherrſchaft zugebracht hatte. Hier aber erkrankte er nun wirklich von neuem, nach⸗ dem er die wiederholten Anfälle der letzten Zeit immer wieder mehr durch die eiſerne Kraft ſeines Geiſtes als durch körperliche Feſtigkeit überwunden hatte, und daß er jetzt ſterben müſſe, war ihm vom erſten Moment, als ihn die Krankheit niederwarf, klar. Einmal hatte er ſich darüber täuſchen können, jetzt nicht mehr. Warum ſollte er den Tod noch von ſich abweiſen, auch wenn es möglich geweſen wäre? Er hatte die Wiederkehr ſeines rechtmäßigen Monarchen, die ſein heißeſter Wunſch geweſen war, erlebt, er war dadurch um eine bittere Erfahrung reicher geworden; ſeine Kinder konnte er niemals wiedergewinnen! Camillo hatte ſich von einem Vorwurfe gereinigt, um ſich deſto ſchwerer mit einem andern zu belaſten; er hatte ſich unedler Verſtellung be⸗ 209 dient, um unter der Larve eines treuen Anhängers den Ufurpator durch falſchen Rath und geheime Anſchläge mit einer verkappten Genoſſenſchaft ins Verderben zu ſtürzen, nicht zur Wiederaufrichtung des legitimen Throns, ſondern für phantaſtiſche, nie zu verwirklichende Ideale, deren Verfolgung von jeder Regierung als verbrecheriſch gebrandmarkt werden mußte. Der Sohn ſtand dem Vater, ſeit er es gewagt hatte, ihm ſein ſociales und politiſches Phantom in einer feurigen Rechtfertigung zu enthüllen, noch ferner, als er ihm in der Maske eines Muratiſten geſtanden hatte. Nur die äußere Form wurde zwiſchen beiden aufrecht erhalten und es fiel dem Fürſten Hettore, da er ſeinen Tod nahen fühlte, nicht ein, Camillo wie vor zwei Jahren an ſein Sterbebett rufen zu laſſen. Anders mit Virginia! Sein Herz ver— langte nach ihr; es war ihm, als könne er nicht in Frieden ſcheiden, wenn er ſie nicht noch einmal geſehen und geſegnet hätte, ſein armes, verſtoßenes, gemißhan⸗ deltes Kind! Mit ſeiner greiſen Schweſter, welche wieder von ihrem Kloſter herabgekommen war, um den Bruder zu pflegen, ſprach er inbrünſtig davon, und als er täglich ſchwächer wurde, quälte es ihn mehr und mehr, daß dieſer Wunſch hienieden nicht mehr in Erfüllung gehen konnte. Wenn er ſich nicht durch die freche Dro⸗ hung des Deutſchen, der nun den Tod ſeines Söldner⸗ Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. III. 14 .„ 20 handwerks gefunden, hätte bewegen laſſen zwenn er die Furcht vor der Schmach in den Augen der Welt, vor welcher ſein ſtolzes Haus ſeit einem Jahrtauſend makellos dageſtan⸗ den, überwunden und ſein Kind, ſtatt es jenem Fremdling hinzuwerfen, in die verborgene Freiſtatt des Kloſters unter die Obhut ihrer ſtrengen und doch liebevollen Verwandten gebracht hätte, welches Unglück, welche Leiden wären Virginia erſpart worden! Aber freilich, er hatte damals ja nicht den wahren Zuſammenhang ihrer und ſeiner Schmach gekannt, nicht geahnt, daß der Miethling, der ihre Hand begehrte, um ſeine Schuld an ihr wieder gut zu machen, ihn belogen und eine fremde Schuld für ſchnöden Lohn auf ſich genommen hatte, daß ſein Kind das Opfer eines Andern geworden war, der unter dem Beiſtande einer Gewiſſenloſen, welche Mutterſtelle bei ihm vertreten ſollte, und durch den Reiz des Geheimniſſes, das ſeine Perſon umſchwebte, das Herz der Armen gewonnen und ihren romantiſchen Sinn, ihre Harmloſigkeit gemißbraucht hatte. Das Alles war ihm erſt enthüllt worden durch Virginia's Bekenntniß, als er auf dem Sterbebett lag⸗ wie heute, wo er nicht mehr von demſelben aufſtehen ſollte. Wo weilte ſie jetzt? Sie war entflohen, um dem verhaßten Ehejoche, um den böſen Nachſtellungen eines hinterliſtigen Feindes, und der unrettbaren Schande zu entgehen, welche ſie bis dahin künſtlich von ſich ab⸗ 211 gewendet hatte. Wohin war ſie geflohen? Allc Nach⸗ forſchungen, ſelbſt nach dem bekannt gewordenen Tode ihres Gemahls und der Entfernung ſeines Herrn, waren vergeblich geblieben; ſie hatte Neapel, vielleicht Italien verlaſſen. Frau Margherita ſtrebte den Sinn ihres Bruders von dieſen irdiſchen Sorgen, die ihn Tag und Nacht quälten, auf das Ewige zu lenken; im himmliſchen Lichte ſollte er Virginia wiederſehen, dort alle Zweifel in der Gnade des Allbarmherzigen gelöſt finden. Aber wenn er auch eine Weile ihren Worten lauſchte und Pater Francesco, ſeinem ehrwürdigen Beichtvater, der ihn kei⸗ nen Tag verließ, ein frommes Gehör ſchenkte, immer wieder kam er mit heißer Sehnſucht auf ſein Kind zu- rück.„Schafft ſie mir, wenn ich ruhig ſterben ſoll!“ ſagte er mehr als einmal, und die Schweſter war tief betrübt um ihn. „Wenn die letzte Hoffnung fehlſchlägt“, ſprach ſie zu dem Beichtvater, mit welchem ſie Alles berieth,„wenn unſer Bote zurückkommt und auch von dort keine Nach⸗ richt bringt, die auf eine Spur leiten könnte! Ich fürchte, daß ſeine Seele nimmer die Faſſung gewinnen wird, ſich von dieſem zehrenden Gedanken ihrem ewigen Heile zuzuwenden!“ Der Pater beruhigte ſie.„Der letzte Moment iſt 212 nicht ſo nahe, wie Sie glauben, hochwürdige Frau; Sie können es an dieſer Stimmung und Unruhe bemerken. Wenn der letzte feierliche Moment kommt, wird das Ir⸗ diſche von ihm abfallen, wie Schlacken vom lautern Golde.“ Es war ein Bote ſchon vor längerer Zeit nach der Baſilicata abgeſandt worden, um der Frau, welche, aus Virginia's Dienſt entlaſſen, bereits im Frühlinge nach ihrer Heimat zurückgekehrt war, noch einmal durch ernſt⸗ liche Vorſtellungen und reiche Verſprechungen, wenn ſie irgend etwas über den jetzigen Aufenthalt ihrer Herrin wußte, dies Geheimniß, das ſie bis jetzt in Abrede ge⸗ ſtellt, zu entlocken. „Wenn der Mas' hingegangen wäre!“ ſagte die frühere Dienerin Virginia's zu dem alten Bartolo.„Der würde ſchon Gewißheit ſchaffen, und wenn die Gianna einen Eid geſchworen hätte! Ich glaube aber, der Mas' Antonio könnte ſelber reden, wenn er wollte!“ „Das iſt ein verſtockter Sünder, Nina!“ erwiderte der alte Diener.„Der Herr hätte ihn nicht wieder aufnehmen ſollen oder wenigſtens nicht ſo oft beur⸗ lauben, daß er ſeinem alten Handwerk nachgeht. Wir wiſſen alle, daß ihn der Murat vormals begnadigt hat, aber glaubſt Du nicht, daß er mit bei ſeiner Gefangen⸗ nahme thätig geweſen iſt, da er von dort kam und die 213 Nachricht von der Erſchießung des geweſenen Königs ſo friſch brachte? Wo iſt er jetzt? Weißt Du's? Wir alle nicht.“ „Bartolo! Vielleicht bringt er uns den einzigen Troſt für unſern armen Herrn!“ rief Nina. Bartolo ſchüttelte den Kopf über dieſe voreilige Hoffnung. Der finſtere Menſch, der mit Niemand unter ſeinen Mitdienern mehr verkehrte, als er mußte, war wohl nicht fähig, jene Hoffnung zu verwirklichen, auch wenn er gewußt hätte, wo die Tochter des Fürſten weilte, was Nina nur darauf gründete, daß das Mädchen, wel⸗ chem Virginia eine beſondere Vorliebe geſchenkt, ſeine Nichte war. Er hatte vor einiger Zeit Urlaub gehabt zu einer weitern Reiſe, wohin und wozu, wußte Niemand. Von dort war er zurückgekehrt mit der Nachricht von Murat's Tode, welche dem kranken Fürſten, weil ſie ihn zu ſehr aufgeregt hätte, nicht mitgetheilt worden war. Seitdem war er wieder verſchwunden und kein Menſch wußte, wer ihm eigentlich die Erlaubniß gege⸗ ben hatte. Auf ihn eine Hoffnung zu ſetzen, konnte wohl nur einer Frau einfallen, die ſich in der Noth an jedem Ströhhalm aufrecht zu halten ſucht. Und doch! Der Abend war ſchon tief eingebrochen; am Bette des Kranken, deſſen Lebenskraft heute wunder⸗ bar aufgeflackert war, ſaß die Aebtiſſin und ſuchte, da 214 er ſo lebhaft ſprach, ihn zu beſchwichtigen, wie der Arzt, welcher draußen mit Pater Francesco Rückſprache nahm, ihr empfohlen hatte. Da öffnete ſich unhörbar in ihren Angeln die Thür, und die unwillig aufblickende Mar⸗ gherita ſah eine tiefverſchleierte Frau in Trauerkleidern, ein kleines, ebenſo gekleidetes Mädchen an der Hand, eintreten. Raſch erhob ſich die Aebtiſſin, ihr Herz bebte; ſie wußte, wer es war, noch ehe die Eintretende ihren Schleier zurückgeſchlagen hatte. Und auch der Vater, von deſſen Bette heute auf ſeinen Wunſch die Vorhänge hinweggenommen waren, wußte auf den erſten Blick, wer ihm nahte, und der laute freudige Ruf des Na⸗ mens, der all ſein Denken und Fühlen qualvoll be⸗ ſchäftigt hatte, verkündigte der Kommenden, welche Auf⸗ nahme ſie fand. Sie eilte zu ihm, ſie kniete, wie damals, an ſeinem Bette nieder, heute nicht zur reuevollen Beichte, ſondern um den letzten Segen des ſterbenden Vaters zu em⸗ pfangen. Er legte die Hand auf ihr Haupt, er ſah das Kind an, das die Mutter ihm endlich gebracht hatte; konnte ſie fürchten, daß er es verſtoßen werde? Das Kind war ſchüchtern, wie ſehr die Mutter es auch auf Alles vorbereitet und mit liebevollen Gedanken für die Begegnung zu erfüllen verſucht hatte; es weinte ſtill, als der fremde, blaſſe Mann, der hier ſo krank in ſeinem S 2 215 Bette lag, die Hand ſegnend auch auf dies unſchuldige Haupt legte, und ſchmiegte ſich hülfeſuchend an die Mut⸗ ter, welche noch keines Wortes mächtig war. Neben ihr ſtand die Aebtiſſin mit gefalteten Händen; ihr Gebet ſtieg zum Himmel, daß nur jetzt der Herr noch ihres Bruders verſchonen wolle, da es ja ein ewiger Vorwurf für ſeine Tochter ſein müßte, wenn er jetzt abgerufen würde, durch ihren unerwarteten Anblick zum Tode erſchüttert! Ihr Gebet wurde erhört. Der Kranke war mächtig ergriffen, aber es ſchien, als wolle ihm die⸗ ſer Moment eher wohlthätig ſeine Lebensgeiſter aus ihrer Hinfälligkeit auffriſchen, und er fand die Kraft, mit der Wiedergeſchenkten zu reden, ihr mit Worten zu ſa⸗ gen, was er ſchon mit ſtummen Zeichen gethan, und ſie aus vollem Herzen ſein geliebtes Kind zu nennen. Leiſe hatte ſich unterdeſſen auch Pater Francesco genähert; ſein mild auffordernder Blick wurde von Virginia ver⸗ ſtanden; ſie küßte die Hand ihres Vaters, mit welchem ſie nun ſchon unter mühſam bekämpften Thränen ge⸗ ſprochen hatte, und verließ mit dem Kinde das Zimmer, gefolgt von der Aebtiſſin, bei der ſie nun ohne allen Rückhalt in einer langen, ſchmerzlichen Unterredung wohl eine Stunde verweilte, nachdem ſie die Kleine ihrer Die⸗ nerin übergeben, welche ſie hierher begleitet hatte. „Ja, Tante Margherita!“ ſprach ſie, als beide ſich 216 trennten, um die Ruhe zu ſuchen, deren ſie gleich ſehr bedürftig waren.„Nun komme ich zu Dir, die mir die Stätte ſchon lange bereitet hat. Mein Geſchick hat ſich erfüllt. Du haſt die Sorge um das Einzige, das mich noch an die Welt feſſeln könnte, von meinem Herzen ge⸗ nommen; für das geliebte Weſen, das keine Ahnung von Allem hat und nie haben ſoll, wirſt Du ſorgen, daß ihm ein ſicheres und glückliches Erdenloos bereitet wird. Könnte es glücklich werden an meiner Seite? Ich habe Dir nichts verſchwiegen, ich habe Dir auch die Schwachheit meines Herzens bekannt, das, nachdem es in ſeinem erſten Erwachen ſo bitter getäuſcht, nachdem es von anderer Seite hart verletzt worden, noch einmal von Glück träumte. Das iſt vorüber, ich habe dieſe Schwäche überwunden.“ Ihr Auge ſenkte ſich vor dem prüfenden Auge der Aebtiſſin, das auf ihr ruhte, ſie faßte ihre Hand und küßte ſie, aber ihre Lippen zitter⸗ ten.„Bei Dir werde ich den Frieden meines Herzens wiederfinden!“ ſetzte ſie bebend hinzu.„Und wie Du Beata heißt, ſo möge mir ein geweihter Name von gleich ſegensreicher Bedeutung werden, wenn ich den Schleier nehme.“ Im Hauſe hatte die Ankunft der Gräfin die größte Theilnahme erweckt; unter den treuen Dienern, welche der Herrſchaft am nächſten ſtanden, knüpften ſich ſogat 217 Hoffnungen daran für die nochmalige Geneſung des Für⸗ ſten. Dieſe Hoffnungen erfüllten ſich jedoch nicht. Der Fürſt lebte noch acht Tage, und der Arzt hatte geſtattet, daß ſeine Tochter ſtets in ſeiner Nähe bleibe, weil dieſe, ſtatt ihm durch Gemüthsaufregung zu ſchaden, vielmehr beruhigend auf ihn wirkte; viel ſprach er nicht mehr, aber ſein müdes Auge, wenn es auf Virginia ruhte, ver⸗ rieth den innern Frieden, den er gefunden hatte. Am achten Tage verſchied er ſanft, ohne daß der Uebergang vom Schlummer zum Tode ſich durch einen Kampf be⸗ merklich machte. Nach Camillo hatte er nicht ein einziges Mal gefragt. Wo war der Sohn, der nun alle Titel und Beſitzungen erbte? Wo weilte er, daß ihn gar keine Kunde von dem nahen Ableben ſeines Vaters ereilt hatte? Mas Antonio, welcher nach ſeiner Rückkehr von einer für ihn traurig verfehlten Unternehmung ſofort wieder abgeritten war, um in entgegengeſetzter Richtung dem ſterbenden Herrn ſeine Tochter, welche er wohl zu finden wußte, herbeizuſchaffen, hätte auch verrathen kön⸗ nen, wohin Prinz Camillo ſich gewendet hatte, aber ihn aufzufinden wäre nicht ſo leicht geweſen. Camillo war auf einer Reiſe durch die Provinzen begriffen, um für die Verbindung, von welcher er das künftige Heil Ita⸗ liens hoffte, möglicherweiſe die ihr noch immer fehlende Einheit in der Leitung anzubahnen, und wenn er darüber 218 verſäumte, den letzten Segen ſeines Vaters zu empfan⸗ gen und ihm liebend die Augen zuzudrücken, ſo durfte der Mann, der ſeinem Ziele jedes Opfer zu bringen be⸗ reit war, ſelbſt das eigene Bewußtſein der ſogenannten Ehrenhaftigkeit des Handelns, nicht um perſönliche Be⸗ ziehungen klagen. Hätte er erreicht, was er anſtrebte, ſo würde er auch nicht geklagt haben, aber ſeine Bemühun⸗ gen waren wiederum an den alten Klippen welche faſt noch ſtarrer als ſonſt hervortraten, geſcheitert; es war ihm nicht einmal gelungen, den Plan für ein gemein⸗ ſames Handeln bei der veränderten Lage der Dinge und der Wiederaufrichtung des Alten in Italien feſtzuſtellen. Alles blieb vereinzelt, zerfahren wie bisher, und Camillo wurde in der Verſtimmung, mit welcher er nach Neapel zurückkehrte, durch die Nachricht vom Tode ſeines Vaters ſchmerzlich getroffen. 5 „Wer war bei ihm, Tommaſo, in ſeiner letzten Stunde?“ rief er. „Die hochwürdige Domina und Ew. Durchlaucht Schweſter“, antwortete Mas' Antonio, wohl wiſſend, welchen Eindruck ſeine letzten Worte machen mußten. „Virginia!“ rief Fürſt Camillo betroffen.„Sie iſt zurückgekommen! Weißt Du mehr? Geſtehe es!“ „Ich habe ſie geholt“, erwiderte Tommaſo.„Hier iſt nichts mehr zu verleugnen nöthig. Als ich meinen 219 Herrn, der mir ſo viele Wohlthaten erzeigt hatte, zum Tode krank ſah und hörte, daß er nicht ſterben könne, weil ihm das Herz nach der Tochter ſchrie, da holte ich ſie. Mir war's verunglückt, als ich den König, der mir zweimal das Leben geſchenkt, retten wollte, meinem al⸗ ten Hauptmann zum Trotz, obgleich er mich mitgenom⸗ men hatte als Helfershelfer; nun wollte ich wenigſtens an meinem Wohlthäter, ſolange er noch lebte, ein gu⸗ tes Werk thun. Sollte ich nicht wiſſen, wo die Princi⸗ peſſa war, da meine Maddalena in ihren Dienſten ſtand und ſich oft genug von mir heimlich ab⸗ und zurudern ließ, um ihr Nachrichten zu bringen?“ „Aber Du haſt es immer dreiſt abgeleugnet, Dich ſogar verſchworen!“ rief der Fürſt. Mas Antonio machte eine achſelzuckende Bewegung, die wenig Sorge über ſein Unrecht verrieth. „Iſt meine Schweſter noch in der Caſa dell' Orme?“ „Nein, ſie iſt hier, das heißt, in der Villa. Sie beſtellt ihr Haus, Durchlaucht, denn ſie wird nun ins Kloſter gehen.“ „Unmöglich!“ rief Camillo lebhaft. Doch faßte er ſich, blickte den Diener eine Weile unſchlüſſig an und fragte dann, wer ihm von dieſem Entſchluß Kenntniß gegeben habe Mas' Antonio nannte ihm ſeine Nichte Maddalena. 220 „Haſt Du etwas von meinem Vetter Emilio ge— hört?“ fragte der Fürſt abbrechend. „Unheilbar, ſagen die Aerzte“, erwiderte Tommaſo. „Er ſoll ſich einbilden, Tag und Nacht mit vielen hun⸗ dert Schlangen zu kämpfen, die er um ſeine Glieder ſich ringeln ſieht; ſeine Wärter können es nicht ſchaudervoll genug ſchildern.“ „Eine Frage noch, die Du aber der Währheit ge⸗ treu beantworten mußt“ ſagte der Fürſt, raſch ablenkend. Mas' Antonio warf ihm einen ſchnellen Blick zu, der wie ein Blitz unter ſeinen ſchwarzen Augenbrauen hervorſprühte.„Wem gilt es, Durchlaucht?“ „Hat der junge Baron Orkum den Aufenthalt mei⸗ ner Schweſter erfahren? Hat er ſie wiedergeſehen?“ „Wenn ich Ja antworten könnte, ſo wäre ich ein reicher Mann. Er hat mir viel geboten, wenn ich ihm ausſpüren könnte, wo die Frau Principeſſa ſich aufhalte. Aber der Mas', wenn er auch gelogen und falſch ge⸗ ſchworen hat, iſt doch, wo er Treue gelobt, ein Ga⸗ lantuomo.“ „Er iſt doch noch hier?“ fragte Camillo. „Ja, Durchlaucht.“ „Und meine Schweſter in der Villa Angri? Wie iſt es möglich, daß er dort nicht gefragt, ſie nicht gefun⸗ den hat?“ 221 „Sie iſt erſt geſtern aus der Caſa dell' Orme dort eingetroffen. Gefragt hat er mehr als einmal. Wenn er es heute nochmals verſuchte, würde er ſie ſchon fin— den.“ „Nun, Tommaſo, gehe und bringe der Gräfin meine Grüße, ſag' ihr, ich würde ſie noch heute beſuchen, wenn ich könnte. Willſt Du in meinem Dienſte bleiben? Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich die ganze Diener⸗ ſchaft meines Vaters behalte, aber ich will es Jedem freiſtellen, zu bleiben oder zu gehen, beſonders einem Galantuomo wie Dir. Denn wer bei mir bleibt, muß mir auch ganz dienen!“ „Ich verſtehe Ew. Durchlaucht und glaube nicht, daß Sie mich brauchen können.“ „Du biſt ein trotziger Geſell, Tommaſo, ich meine aber doch, daß Du nicht abtrünnig werden kannſt. Oder hat Dir vielleicht Dein alter Hauptmann jetzt eine gute Stelle bei ſeinen Wölfen angeboten?“ „Eine Kugel vor den Kopf hat er mir angeboten“, erwiderte Mas Antonio kalt.„Eben weil ich ein Ga. lantuomo bin, worüber Ew. Durchlaucht zu ſpotten belieben.“ „Nun geh nur, Tommaſo, wir werden uns doch wohl verſtändigen. Thuc, wie ich Dir geheißen habe, und warte auf mich in der Villa. Da es aber nichts 222 mehr zu verleugnen gibt, ſo ſage mir, wo iſt die Gräfin Orkum bis jetzt geweſen?“ „Das werden Sie heute am beſten von ihr ſelbſt erfahren“, verſetzte der hartköpfige Mann, und Fürſt Camillo entließ ihn, um Alles zu bedenken, was die er⸗ haltene Trauerbotſchaft ihm auferlegte. Erſt als er allein war und ſeine Gedanken ſich auf dieſen einen Punkt richteten, fühlte er, wie ſtark in ihm doch trotz aller Entfremdung die Sohnesliebe geblieben war, und er wurde ſehr traurig, daß Alles ſo hatte kommen müſ⸗ ſen. Doch entriß er ſich bald wieder dieſer weichen Stimmung; er hatte die Pflicht, zu handeln, damit es in ſeiner Familie oder vielmehr mit der Einzigen, an welcher er noch hing, nicht noch trauriger würde als bisher. Mas Antonio kam ihm jedoch zuvor. Er machte einen kleinen Umweg und ſuchte die Wohnung des jun⸗ gen deutſchen Freiherrn auf, von welchem er ſeit länge⸗ rer Zeit ſchon ganz anders dachte als einſt, wo er ge⸗ gen ſeine Nichte Maddalena ſo feindlich über ihn geſpro⸗ chen hatte. Das hatte Maddalena bewirkt. Fünf Monate waren vergangen ſeit Alexander Or⸗ kum nach langer Haft als Opfer einer gewaltthätigen Militärjuſtiz, die vom Recht nur den Namen hatte, im Volkstumult ebenſo gewaltthätig und rechtlos befreit * —— 223 worden war, und nichts hatte ihm im Wege geſtanden, das Land, wo er ſo ungerecht behandelt worden, zu ver⸗ laſſen. Aber es hielt ihn hier wie mit Zauberbanden feſt; es wäre ihm geweſen, als ſcheide er mitten in ei⸗ ner Kriſis unvollendeter Lebensgeſtaltung, wenn er jetzt ſich von hier losriß. Von Woche zu Woche hielt er ſich mit Hoffnungen hin, welche ſich nur auf ſchwache Gründe ſtützten; er hatte zuerſt mit ſich ſelbſt gar ein ſeltſames Spiel getrieben, als wolle er ſich nicht geſtehen, was doch alle Nerven ſeines Daſeins belebte; er hatte den Grund längern Bleibens darin gefunden, daß er es ſeiner Ehre ſchuldig ſei, eine förmliche geſetzliche Frei— ſprechung von der wider ihn erhobenen Anklage nachzu⸗ ſuchen, weil er ſich nicht dabei beruhigen könne, durch einen rebelliſchen Volkshaufen, der die Gefängniſſe er⸗ brach, in Freiheit geſetzt zu ſein. Allen Ernſtes hatte er ſich, als die Unruhen ſich gelegt hatten, die Oeſterreicher eingezogen und die Behörden wieder in ihre Functionen ge— treten waren, mit einem Antrage auf Reviſion ſeines Proeeſſes durch einen ordentlichen Gerichtshof gemeldet und ſich erboten, bis zu deſſen Entſcheidung entweder ſich wieder einer angemeſſenen Haft zu unterwerfen oder Caution zu ſtellen. Aber dieſer Antrag in ſeiner Ge⸗ wiſſenhaftigkeit war doch allen, an welche er ſich des⸗ halb wandte, zu deutſch, in dem Sinne, was man 224 jenſeits der Alpen darunter verſteht, erſchienen; er war mehrfach darüber geradezu ausgelacht worden, und ſ elbſt ſeine Landsleute, unter denen er einige Bekanntſchaften gemacht hatte, waren nicht abgeneigt, ihn wegen dieſer Idee zu ver⸗ ſpotten. Welcher Gerichtshof konnte ſich mit ſeiner Sache befaſſen, da die Anklage eine politiſche geweſen war und dasjenige, was man ihm einſt als Verbrechen zur Laſt gelegt ſich durch den Umſchwung der politiſchen Ver⸗ hältniſſe gegenwärtig in ein Verdienſt verwandelt hatte? Auf eine bloße Formalität konnte es ihm doch nicht an⸗ kommen! Hier, wo man jetzt Alles null und nichtig be⸗ trachtete, was in zehn Jahren geſchehen war, hatte der Fremde, dem ſein Recht ja thatſächlich widerfahren war, da er unangefochten auf freiem Fuße ſtand, keinen An⸗ ſpruch auf weitere Beachtung. Alexander konnte bald ſelbſt nicht mehr daran glauben, daß nur dieſe Angele⸗ genheit ihn noch in Neapel feſthielt. Es war das mäch⸗ tige Gefühl, das er als ſündhaft ſo lange und ſo ver⸗ gebens bekämpft hatte, das in der langen Zeit ſeiner Gefan⸗ genſchaft eher erſtarkt als erloſchen war, da es ſich, wie er meinte, von jedem frevelhaften Wunſche zu einer ſtillen und reinen Verehrung geläutert hatte, wie ja in frommer Vorzeit mancher Ritter ſich in reiner Minne einer edlen verheiratheten Frau zum Dienſt geweiht. Dieſe ſtille Naphthaflamme war aber ſchnell zu einer ſtürmiſchen Glut emporgeflammt, als er bald nach ſeiner Befreiung Virginia vergebens geſucht und dafür den Tod ihres Ge⸗ mahls vernommen hatte. Seitdem war nur ein Gedanke in ihm mächtig geweſen und hatte täglich ſeine Einſam⸗ keit belebt; alle Bilder der ſchönen Stunden, die er in Virginia's Nähe verlebt, jeder Blick, den ſie ihm ge⸗ ſchenkt, jedes Wort, das er von ihrem Munde gehört hatte, beſonders die unvergeßlichen letzten Tage, wo er mit ihr vereint geweſen war, lebten in ſeiner Seele in friſcher Erinnerung— und ſie war nun frei! Wohin aber hatte ſie ſich vor der feindlichen Welt gerettet? Bei ihrem Vater weilte ſie nicht; das ſchöne Beſitzthum, welches König Murat ihrem Manne geſchenkt hatte, war wie alle Dotationen der fremden Offiziere von der wie⸗ derhergeſtellten Regierung eingezogen worden; Alexander hatte ſelbſt auf den entlegenern Gütern des Fürſten Het⸗ tore, von denen ſie ihm erzählt, Nachforſchungen anſtellen laſſen, im Zwieſpalt mit ſeinem Bewußtſein, daß er kein Recht dazu habe; ihren ehemaligen Gondolier hatte er zu gewinnen verſucht, daß dieſer ihm helfe; er war bei ihrem Bruder geweſen, als dieſer nach kurzer Verban⸗ nung zurückgekehrt war; Alles umſonſt! Mit Bangigkeit gedachte er einiger traurigen Worte, welche Virginia einſt gegen ihn in einer trüben Stimmung hatte fallen laſſen, und das Bild eines Felſenkloſters ſchwebte ihm Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. IMI. 15 26 vor; er ſah den düſtern Kreuzgang, ſah eine zarte ver⸗ hüllte Geſtalt in Nonnenkleidern dort. Hätte er geahnt, daß ſich dies Bild ſeiner Verwirklichung nahte! Aber er . wies es ſtets von ſich, wenn es vor ihm aufdämmerte und ihm das Heiz ſchwer machte; er hielt das Vertrauen und die Hoffnung feſt und richtete ſein Auge über die öde Gegenwart hinweg in eine ſchimmernde Ferne voll Glück und Seligkeit. Da ſtellte ſich der erſte Bote der Verheißung bei ihm ein. Mas' Antonio verkündigte ihm, daß Virginia in der Villa Angri eingetroffen ſei. Längſt erhofft, raubte die Nachricht doch Alexander alle Faſſung, ſodaß er einen Moment ſprachlos ſtand und ſich vor dem Diener ſchämen mußte. Dann beſchenkte er ihn reich und verlor nun keine Zeit, damit die Geliebte ihm nicht wieder wie ein ſchöner Traum entſchwinde. Mas' An⸗ tonio war früher als er in der Villa, aber er hütete ſich, der Gräfin zu ſagen, daß er den Deutſchen benach⸗ richtigt habe; er begnügte ſich damit, ihr den nahen Be⸗ ſuch ihres Bruders anzukündigen. Sie hatte ſchon nach deſſen Wohnung ein Billet ſchicken wollen, um ihn für den Fall ſeiner Rückkehr zu ſich einzuladen; nun fühlte ſie eine ſanfte Beruhigung, daß er hier ſei und daß ſie ihn noch ſprechen werde; die Kunde vom Tode des Va⸗ ters hatte er wohl ſchon, ſie wollte Abſchied von ihm nehmen; es war ihr letzter Wunſch, ehe ſie den ſchmerz⸗ lichſten Abſchied nehmen mußte, der ihr noch bevorſtand, den Abſchied von dem Kinde ihrer Leiden! Mit Giuditta wandelte ſie noch einmal durch die Gänge des Gartens und trat hinaus auf den Punkt, von welchem die volle Schönheit des Golfs und ſeiner zauberiſchen Umgebungen zu überſchauen war. Das kind⸗ liche Geplauder der Kleinen hörte ſie kaum, dringende Fragen beantwortete ſie zerſtreut; ihre Seele verſenkte ſich ſtill in die Erinnerung einer Stunde, welche ſie einſt hier verlebt hatte. Das oft geſchaute Bild war ihr da⸗ mals in dem Entzücken fremder Augen mit neuen Reizen ausgeſtattet erſchienen; ſie wurde traurig bis zum Wei⸗ nen, der Seufzer, der ihren Lippen entfloh, war ein letzter Gruß in Gedanken, ein heißer Wunſch für das Glück des Freundes. Da rief die Kleine plötzlich, als könne ſie in der Seele ihrer Mutter leſen, hell und freudig einen Namen, welcher eben Virginia's Seele bewegte. Und wie dieſe, davon erſchreckt, aufblickte, ſtand Alexander vor ihr. Bei⸗ der Augen begegneten ſich. Nur ein unbewachter Mo⸗ ment war es bei Virginia, die ſo ahnungslos überraſcht worden war, und ſie ſenkte ſogleich ihre dunklen Augen⸗ ſterne zu Boden, aber ihr Blick hatte ihn mit namenloſer Seligkeit erfüllt. bender Stimme.„Es war eine lange, grauſame Tren⸗ nung!“ Sie hatte ihre Faſſung noch nicht ſo weit wieder gewonnen, um eine ruhige Antwort geben zu können, aber er wußte, was ſie unterdeſſen erlebt hatte, und konnte nicht erwarten, ſie anders zu finden. Stumm reichte ſie ihm die Hand, welche er zittern fühlte; das Kind, das ſich ganz überſehen fühlte, rief noch einmal, jetzt vor⸗ wurfsvoll ſeinen Namen. Er neigte ſich zu der Kleinen hernieder, küßte ſie und ſprach zu ihr mit der innigſten Liebkoſung. „Du gehſt jetzt nicht wieder fort?“ fragte das Kind ſchmeichelnd. Ihn durchzuckte es, doch war es der Augenblick nicht, Virginia, wie ſein volles Herz ihn drängte, die Antwort auf die Frage des Kindes zu überlaſſen. Er mußte ihr Gefühl ehren, der Zeit ihr Recht laſſen. Sie war durch ſeine Freundlichkeit gegen die Kleine noch tiefer bewegt worden, ſodaß ſie ihn nur leiſe bitten konnte, ſie zu begleiten, und erſt als er an ihrer Seite, nun auch ver⸗ ſtummt wie ſie und traurig, dahinſchritt, fand ſie Worte, nach ſeinem Schickſal und ſeinen Leiden zu fragen. Er ſprach nur kurz davon. Was er auch erduldet hatte, es war ja vorüber; er weilte in Virginia's Nähe, — „Sehe ich Sie endlich wieder?“ ſprach er mit be⸗ —— 6 229 wo für ihn einzig Leben war! An der Pforte des Hauſes ſtand Maddalena; ſie hatte ihn bei ſeiner Ankunft ſchon geſehen und ihm geſagt, wo er die Herrin finden werde. Als beide zurückkamen und das Kind an ſeiner Hand ging, heftete die Procidanerin einen langen, prüfenden Blick auf ſeine Züge, ſie las aber kein Glück darin.„Sie haben mir eine Freude bereitet!“ ſprach Virginia, als ſie mit Alexander allein im Zimmer ſaß, nachdem die Kleine bei Maddalena geblieben war.„Ich hatte kaum gehofft, Sie noch einmal zu ſehen.“ Ihre Stimme, welche anfangs ſo feſt geweſen war, als ihre gemeſſenen Worte es bedingten, fing wieder zu beben an, doch fuhr ſie mit erzwungener äußerer Ruhe fort:„Sie wiſſen, was mich betroffen hat, ſeit wir uns nicht geſehen haben. Ihr Oheim iſt den Tod der Ehren geſtorben, ich habe meine Vater verloren und werde nun fern von der Welt die ſichere Freiſtatt ſuchen, die mir ſchon längſt bereitet war“ „Virginia!“ rief Alexander erſchrocken, als er ſeine Furcht, die ihn nur zu oft heimgeſucht hatte, begründet ſah. „Ja, mein theurer Freund, der Sie nur mein Glück wünſchen, Sie werden mir den Frieden gönnen, den ich nur dort finden kann.“ „Frieden und Glück!“ rief er außer ſich.„Und gäbe es denn außer der Kloſterzelle kein Glück mehr für Virginia? Weiß ſie nicht, daß ihr ein Freund lebt, der ſein Herzblut für ſie vergießen würde, wenn er ihr das Glück damit erkaufen könnte? Wäre es ihr denn unmög⸗ lich, ihr Glück dieſem Freunde zu vertrauen?“ Sie war von ſeinen leidenſchaftlichen Worten er⸗ ſchüttert, die künſtlich errungene Faſſung, mit welcher ſie ihm ihren Entſchluß hatte verkündigen wollen, war wie⸗ der verloren; ſie konnte nichts thun, als ihre Hand beſchwörend gegen ihn aufheben und aus feuchten Augen ihm einen Blick ſchenken, der ihm danken ſollte für ſeine Liebe, zugleich aber auch bitten, ſie zu ſchonen. Dieſer Blick jedoch riß ihn völlig hin. „Virginia, weißt Du nicht, daß ich Dich liebe?“ rief er.„Daß ich Dich geliebt habe vom erſten Augen⸗ blicke an, ſeit ich Dich geſehen? Und kannſt Du mich verſtoßen wollen in dem Moment, wo nichts mehr zwi⸗ ſchen uns ſteht?“ „Vergeſſen Sie Alles?“ fragte ſie, mit Anſtrengung ihre Kraft aufbietend. „Die Kirche kann binden und löſen, ſie wird ihre Einwilligung nicht verſagen!“ „Und was ſonſt zwiſchen uns ſteht?“ rief ſie, ſchaudernd in der plötzlichen Erinnerung eines fernen blutigen Endes. Er verſtand ſie nicht; ehe er jedoch antworten konnte, klopfte es ſtark an die Thür, und ohne die Erlaubniß abzuwarten, trat Camillo herein. Er hatte ſchon gehört, —————.— 231 daß Orkum hier ſei, dennoch flog ein Schatten über ſeine Stirn, als er ihn erblickte und an der Faſſungs loſigkeit von beiden ſah, daß ſie ſich ſchon verſtändigt hatten. Aber er hütete ſeine Gedanken, begrüßte viel⸗ mehr Orkum herzlich und umarmte dann ſeine Schweſter, welche er ſeit dem Tode ihres Vaters zum erſten Male wiederſah. Seine Erſcheinung gab Virginia ihre See⸗ lenkraft zurück; ſie war ſich bewußt, daß ſie nichts ge⸗ than oder geſprochen, das ſie hätte bereuen müſſen, und wie tief ihr Herz auch getroffen war, es blutete im Stillen; dieſe Momente der Prüfung mußten ja vor⸗ übergehen und der Friede, nach dem ſie ſich nun wahrhaft ſehnte, ſollte ſie bald, von Allem getrennt, was jetzt noch ihre Seele ſchmorzlich gefangen hielt, in ſtiller Zelle umſchatten. So dachte ſie jetzt wenigſtens. Als aber Camillo, nachdem er lange mit ihr über den Vater und die Familienangelegenheiten geſprochen hatte, den Freund, welcher dabei ſtumm, in ſich verſunken geſeſſen, bei der Hand nahm und in ſeiner vorgefaßten Meinung über deſſen Hierſein plötzlich fragte:„Habe ich Recht, wenn ich mich nun Deines ſpät gefundenen Lebensglücks er⸗ freue?“ da wurde ſie todtenblaß und erwiderte kaum vernehmbar:„Du irrſt! Mein Loos iſt beſtimmt! Unſeres Vaters Schweſter hat mir die Stätte bei ſich ſchon bereitet.“ „Das kann nicht ſein! Das wäre eine Sünde gegen 232 Dich ſelbſt, gegen ihn und auch gegen Gott, denn es iſt der innere Beruf nicht, der Dich in das Kloſter füh⸗ ren würde!“ Vergebens ſuchte Virginia ihn zu unter⸗ brechen; er ſprach in feurigen Worten mit ſiegreicher Beredtſamkeit weiter und vernichtete in wenigen Minuten das Werk, das die Aebtiſſin und der Beichtvater, beide aus wirklicher Ueberzeugung, auf ſcheinbar unerſchütterli⸗ chem Grunde aufgebaut hatten. Welch einen Kampf beſchwor er herauf! Als er die Hinderniſſe, die ſie für unüberwindlich gehalten, mit Gründen niederwarf, als er ihren Entſchluß ſo ſcharf verurtheilte und ſie beſchwor, ſich nicht einem Phantome zu opfern, da war es wie eine Ritterthat für ſie, daß Alexander, für deſſen Glück Camillo ſprach, ihn bat, ſie nicht länger zu quälen, ſon⸗ dern ihr Zeit zu gönnen, ſich mit ſich ſelbſt zu berathen, und in ihre Hand Alles zu legen, was ſie allein zu ent— ſcheiden habe. Er ſtand auf, um ſich zu verabſchieden. „Willſt Du ihn hoffnungslos entlaſſen?“ rief Camillo. Und Virginia hätte nicht ſie ſelbſt, nicht der Gewalt ihres Herzens und des Moments unterworfen ſein müſſen, wenn ſie Alexander's innig auf ſie gerichteten Augen hätte widerſtehen können!„Wir ſehen uns wieder!“ flü⸗ ſterte ſie und er nahm jetzt, mit freudigſter Hoffnung er⸗ füllt, einen ſchnellen Abſchied. Camillo begleitete ihn hinaus, wo ſein Wagen hielt. — — —8 „Gehen Sie frohen Muthes!“ ſagte er„Ihr Wunſch wird erfüllt. Sie haben die mächtigſte Fürſprache in Vir⸗ ginia's Herzen. Daß jenes kirchliche Hinderniß Ihrer Ver⸗ bindung beſeitigt wird, ſei meine Sorge. Ich verbürge mich für den Dispens und zwar vom Papſte ſelbſt.“ „Wie ſoll ich Ihnen danken!“ rief Alexander. „Dadurch, daß Sie meiner Schweſter ein reines Glück bereiten“, ſagte Camillo warm.„Die Arme hat es in ihrem Leben noch nie gekannt!“ „Ich ſchwöre es Ihnen!“ rief Alexander aus vollem Herzen. „Und laſſen Sie die Vergangenheit begraben ſein!“ fuhr Angri fort.„Wenn Virginia Ihnen davon reden will, geben Sie es nicht zu, Sie erzeigen ihr dadurch eine Wohlthat.“ Schnell von dieſem Gegenſtande abſprin⸗ gend, fragte er dann:„Wiſſen Sie von unſerem neuen Laokoon?“ Alexander ſah ihn verwundert an.„Ich meine unſern gemeinſchaftlichen Widerſacher“, fuhr er fort, „meinen Vetter Emilio. Ich nenne ihn Laokoon, weil ſein zerrütteter Geiſt ſich mit der ſchauerlichen Idee quält, von Schlangen umringelt zu ſein, mit denen er fort⸗ während kämpfen muß. Ich ſelbſt mag den Grund dazu gegeben haben, weil ich ihn einſt einen Schlangengaukler nannte, worauf er immer wieder, da er ſich wohl getroffen fühlte, in Gedanken zurückkam. Die Todesangſt ſeiner 234 feigen Seele, als er ſich von den wüthenden Volksrotten aus dem Wagen geriſſen und ſein Leben bedroht ſah, hat ihn in ein Nervenfieber geſtürzt, das in wilden Phanta⸗ ſien zu einer bleibenden Verſtörung ſeines Geiſtes ge⸗ führt hat. Er iſt für unheilbar erklärt und dem Irren⸗ hauſe übergeben worden. Wir müſſen beide die Genug⸗ thuung, die er uns ſchuldig geblieben iſt, in dieſer Schickung ſehen.“ „Ich vergebe ihm von Herzen!“ ſagte Alexander, und Camillo kehrte zu ſeiner Schweſter zurück, mit welcher er ſo viel zu beſprechen und zu ordnen hatte. Zwei Tage vergingen dem Liebenden in Furcht und Hoffnung; er zagte, daß er, dem Ziel ſeiner Wünſche ſo nahe gekommen, wieder hinaus in die öde Waſſer⸗ wüſte verſchlagen werden könne. Am dritten Abende erhielt er jedoch von Virginia einen Brief, der ihn aller bangen Zweifel enthob und beſeligt zu ihr führte, um die Beſtätigung ſeines Glückes aus ihrem Munde zu hören. Sie trat ihm entgegen, mit ihrem Kinde an der Hand, das ſich ſogleich von ihr losmachte und ihm freudig entgegeneilte. Er hob es an ſeine Bruſt und nahte der Mutter.„Meine Virginia!“ rief er mit ſtrah⸗ lenden Augen. Sie war in tiefſter Bewegung, als ſie das Kind an ſeinem Herzen ſah, heiße Thränen perlten von ihren Wimpern; ſie reichte ihm die Hand, und —— 235 als er ſie ſanft an ſich zog, da ging es wie ein Got⸗ tesfriede durch ihre Seele; ſie fühlte, daß ſie nun endlich in guter und treuer Hut geborgen ſei für das Leben. Die Zukunft wurde bald, ohne der Welt irgend ein Einſehen zu gönnen, geſtaltet. Camillo wußte, wie er verſprochen hatte, durch ſeine Verbindungen in Rom den Dispens des Papſtes für die Ehe der verwittweten Gräfin Orkum mit dem Neffen ihres Gemahls zu er⸗ langen; der Prieſter von Acerra, der in alle Verhält⸗ niſſe eingeweiht war, ſegnete das Paar in aller Stille ein, und gleich darauf reiſten die Neuvermählten mit dem Kinde und der Procidanerin, welche ihre Herrin nicht verließ, nach Deutſchland ab, wo Virginia am ſchönen Rhein eine neue Heimat finden ſollte. Die Gondel, auf welcher ſie an das Schiff zur Ueberfahrt nach Genua gehen wollten, lag an der Ufer⸗ treppe; Mas' Antonio ſtand darin finſter auf das Ruder geſtützt und ſah den aus der Villa Kommenden entgegen. Das einzige Weſen ſchied von ihm, das noch ein menſch⸗ liches Gefühl in ihm wecken konnte, aber durfte er Maddalena zurückhalten? Er hatte ihr noch das ſchönſte Korallenhörnlein als Amulet gegen jede Gefahr und An⸗ fechtung gekauft und zur Erinnerung an ihn und ihr Vaterland mitgegeben; die heilige Jungfrau möchte ihr gnädig ſein in der Fremde! 236 Virginia nahm von ihrem Bruder, den ſie vielleicht nicht wiederſehen ſollte, einen ſchmerzlich bewegten Ab⸗ ſchied.„Laß mich bald hören“, ſagte ſie,„daß Du ein wahres Glück für Dein Herz, eine liebende Braut gefunden haſt.“ „Ich habe eine ſolche!“ erwiderte er ernſt, mit einem ſtolzen Aufblick.„Eine hehre, ſtrenge Braut; ob ich ſie erringen oder für ſie ſterben werde, wer mag das wiſſen!“ Seine dunklen Worte zu erläutern war nicht mehr Zeit, er drückte Virginia noch einmal an das Herz und blickte der Gondel nach, ſoweit er ſie noch verfolgen konnte; das letzte Wehen des weißen Tuches ſeiner Schweſter erwiderte er mit dem ſeinigen und kehrte dann einſam und gedankenvoll nach der Stadt zurück. In Neapel wandte ſich, nachdem König Murat's Ende die letzten Beſorgniſſe vor einer neuen Erſchütte⸗ rung der wieder aufgerichteten Herrſchaft zerſtreut hatte, allmälig Alles den frühern Zuſtänden zu. Was die Zwiſchenzeit unter fremder Gewalt geſchaffen hatte, wurde beſeitigt, mochte es auch an ſich gut und wohlthätig ſein. Bald fing es wieder an im Volke zu gähren; die Car⸗ bonari waren eifrig bemüht, das Feuer der Unzufrieden⸗ heit zu ſchüren und am Umſturze zu arbeiten, vor der Hand zu ihrem eigenen Verderben. Wenige Jahre nur, — 2 37 ſo wurde Camillo's düſtere Ahnung erfüllt; er ſtarb für ſeine Ideale, deren Verwirklichung in ihrer Rein⸗ heit unmöglich war. Sein letzter Brief, welchen Mas' Antonio nach dem Rheinland brachte, war die erſte Trauer, welche Virginia's neuen Lebenshimmel trübte; ſie wurde dadurch erſchütternd an Alles erinnert, was hinter ihr lag. Aber ſie war ja ſo glücklich; der Mann, dem ſie ihre Zukunft anvertraut, hatte ſich bewährt, wie ſie ihn einſt in der ſchönen Heimat gemahnt, an jenem Abende, als ſie zum erſten Male von ihrem Gefühle zu ihm hingeriſſen worden war! Sie hatte ihm, wie ſehr er ſie auch gebeten hatte, die Vergangenheit ruhen zu laſſen, längſt ihres Herzens tiefſten Grund erſchloſſen, und er liebte ſie darum nicht minder, ja er war gegen ſie noch inniger, war ihrem Kinde der gütigſte Vater; wie konnte ſie ſich der Trauer lange hingeben? „Friede mit Dir, mein Camillo!“ Friede mit ihm, mit allen, welche mir die heimiſche Erde deckt!“ ——