deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. 6flensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 1 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nbchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 4„„ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iz auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S —— — ——— Rönig Murat's Ende. Hiſtoriſcher Roman von Bernd von Guſech. Zweiter Band. Leipji, Ernſt Julius Günther. 1865. Druck von Heinr. Mercy in Prag. Erſtes Kapitel. Das Königspaar. Auf Capo di Monte, dem königlichen Schloſſe, welches vielleicht die entzückendſte Ausſicht unter allen hochgelegenen Punkten bei Neapel bietet, ſaß die Köni⸗ gin am Fenſter und blickte ſchweigend hinaus. Aber es waren nicht die Wunder der herrlichen Ausſicht, welche ihren Blick anzogen, ihre Augen ſchweiften ins Leere und ihre Stirn war von ſchweren Sorgen belaſtet. Sie war nicht allein. König Joachim, ihr Gemahl, ging mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und ab; beide hatten eine inhaltsſchwere Unterhaltung gehabt, welche plötzlich mit einer ſchneidenden Diſſonanz abgebrochen worden war. Die Königin hatte die Lippen ſtreng ge- ſchloſſen; ihr gewölbtes Kinn, das einer echten Bonaparte, war durch zwei ſcharfe Linien, die ſich von den Mund winkeln im Affect eingeſchnitten hatten, umzeichnet; in dieſem Moment ſah ſie ihrem Bruder ähnlicher als ſonſt, aber ihr Auge hatte ſich mit Thränen gefüllt. Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. II. 1 2 Es mochten Thränen des Unwillens ſein, aber es waren doch immer Thränen, und ſie ſtrebte dieſe Zeugen der Schwäche zu verbergen. Der König dagegen ging mit gerunzelter Stirn im Zimmer umher; ſeine Augenbrauen waren zuſammengezogen, ſeine lebhaften Augen blitzten unruhig von Zeit zu Zeit die Königin an und ſein männlich ausdrucksvolles Antlitz war dunkel geröthet von dem ſtarken krauſen Backenbarte bis zur Stirn hinauf, über deren Mitte eine der Locken ſeines Raben⸗ haares herabfiel. Joachim Murat ſtand im kräftigſten Mannesalter; er hatte die Mitte der Vierziger noch nicht erreicht, und ſeine imponirende Erſcheinung, welche die Krieger im Felde und die Herzen der Frauen beſtach, konnte wahrhaft königlich genannt werden. Als er mit ſteigender Ungeduld eine Weile gewartet hatte, wurde ihm das Schweigen läſtig; er blieb neben der Königin ſtehen und fragte:„Willſt Du mich jetzt ruhig anhören, Karoline?“ „Ja, Sire“, erwiderte ſie mit gemeſſenem Tone, „wenn Sie nicht vergeſſen, daß ich die Schweſter des Kaiſers bin.“ „Hinweg mit der Förmlichkeit! Soll ich Dich ebenfalls Majeſtät nennen? Wir ſitzen hier nicht auf dem Throne, umgeben von Miniſtern und Generalen, wir ſprechen uns aus wie Mann und Frau. Ich weiß, 3 daß ich an Dir die beſte Rathgeberin, die klügſte Frau habe, und Du ſorgſt auch dafür, daß ich nie vergeſſe, wer Dein Bruder iſt. Willſt Du mich alſo ruhig anhören?“ „Gewiß, mein theurer Freund, wenn auch Du ruhig bleibſt und Dich nicht von Deiner Hitze und Hef⸗ tigkeit hinreißen läßt.“ „Ich habe raſches Blut, ja, ich kann nicht Alles billigen oder mich zahm unterwerfen, wenn mir etwas zugemuthet wird, das meiner Würde nicht entſpricht. Hätte ſich das Verhältniß zwiſchen mir und dem Kaiſer ſchon vor drei Jahren geklärt, ſo würden wir nicht in dieſe peinliche Lage gekommen ſein. Wenn der Kaiſer die Fürſten ſeines Rheinbundes, ſelbſt deſſen Könige, die er ja erſt dazu erhoben hat, zum unbedingten Ge⸗ horſam verpflichtet, ſo iſt er in ſeinem Recht, denn er iſt ihr Protector, ihr Lehnsherr, nur mit einem andern Namen; aber es iſt doch etwas Anderes mit dem Könige eines großen Reichs, wie ich bin. Wohl bin ich Fran⸗ zoſe und durch Deine Hand Prinz des kaiſerlichen Hauſes, aber ich habe auch Pflichten gegen mein Volk und kann nicht dulden, daß Neapels Selbſtſtändigkeit, die es unter ſo vielen Dynaſtien behauptet hat, durch mich verloren gehe. Darum ſchuf ich dem Reiche eine Kriegsmacht als erſte That für ſeine Unabhängigkeit. Du warſt damals gegen mich, Du nahmſt entſchieden Partei für Deinen Bruder.“ 1* 4 „Sei nicht ungerecht! Ich ſuchte einem Zerwürfniß vorzubeugen, welches nur zum Unglück für beide Theile ausfallen konnte, und meine Ueberzeugung ſteht heute für die Gegenwart und Zukunft noch auf demſelben Stand⸗ punkte.“ „An ein Zerwürfniß dachte meine Seele nicht“, ver⸗ ſetzte der König.„War ich nicht in Paris, um ihm Glück zur Geburt des Königs von Rom zu wünſchen, und weißt Du nicht am beſten, daß meine Abreiſe vor der Taufe nicht den politiſchen Grund gehabt hat, den ihm Deine Anhänger beilegten?“ „Meine Anhänger? Jvachim!“ ſagte Karoline vor⸗ wurfsvoll, aber ſanft.„Sind meine Anhänger nicht immer die Deinigen, hier wie in Paris?“ „Ha!“ rief er lachend.„Der Beweis hat ſich er⸗ geben, als ſich gleich nach meiner Rückkehr zwei feind⸗ liche Heerlager um mich und um Dich ſchaarten, weil ich den franzöſiſchen Truppen in Neapel Marſchordre gab, mein Land zu verlaſſen, das ihrer nicht mehr be⸗ durfte. Dem Kaiſer war dieſer Befehl eines ſelbſtſtän⸗ digen Souveräns eine unerhörte Anmaßung, da er meine wiederholten Bitten, ſeine Armee zurückzuziehen, bisher ſtets abſchläglich beſchieden hatte; er ſah darin den erſten Schritt zur völligen Emancipation, die offene Abſicht, ſein Joch abzuſchütteln.“ — 5 Die Königin zuckte bei dieſen Worten, aber ſie bezwang ſich, und der König, der nicht auf ſie geachtet hatte, fuhr ra⸗ ſcher fort:„Eine Contreordrekonnte er füglich nicht erlaſſen; damit hätte er meine Mediatifirung, die Einverleibung Nea⸗ pels in das Kaiſerreich ausgeſprochen; er wußte auch wohl, daß ich nicht der Mann war, wie ſein ſanfter Bruder Louis, der die Krone von Holland lieber niederlegte und Hol— land dem Empire überließ, als tapfer für ſeine Krone und ſein Volk einzutreten. Darum hielt ſich der Kaiſer nur an mein Decret, daß kein Fremder, der nicht neapolita⸗ niſcher Bürger geworden ſei, in unſern Staatsdienſten bleiben könne, und vernichtete meinen königlichen Erlaß, der nur auf das Statut von Bayonne, unſere Verfaſſung, begründet war, durch einen Machtbefehl.“ „Laß uns nicht alte Mißverſtändniſſe wieder wach rufen!“ bat die Königin.„Es war ja kein Machtbefehl, nur eine Erinnerung, daß Deine Waffengefährten und Landsleute, welche mit Dir Ruhm und Glück getheilt, ſchon dadurch, auch ohne das neapolitaniſche Bürgerrecht ausdrücklich erlangt zu haben, Civil- und Militärämter in Deinem Reiche beſitzen könnten. Du warſt anderer Anſicht. Laß mir die Gerechtigkeit widerfahren, daß ich nur zu vermitteln ſuchte; Du haſt Dich ja ſelbſt nach⸗ her mit der Meinung des Kaiſers verſöhnt.“ „Ja, nachdem ich krank und matt geworden war vor Aerger und mir die langwierige Krankheit Kraft und Muth gebrochen hatte. Sie waren ja auch einge⸗ drungen wie die Raupen in alle Zweige der Staats⸗ verwaltung, ein wahrer Weichſelzopf wie bei polniſchen Pferden, den man nicht abſchneiden kann, ohne Saft und Blut des Thieres tödtlich zu vergießen. Ohne meine Krankheit würde ich es aber herzhaft verſucht haben.“ „Du haſt Dein Reich glücklich gemacht. Joachim; Du wirſt Dein Werk vollenden, wenn dieſer unglückliche Krieg beendigt iſt, wie auch der Kaiſer, der die hoch⸗ herzigſten Ideen für die Beglückung der Völker von Eu⸗ ropa hat—“ Murat lachte laut auf.„Sentimentale Phantaſien!“ unterbrach er ſie.„Ein Gott, ein Herr in Europa, das iſt des Kaiſers einzige IJdee. Was mich betrifft, ſo kann ich Dein Wort annehmen. Ich hätte mein Werk ſchon 1810 vollenden können, wenn ich conſequent geblieben wäre; ich hätte es in dieſem Sommer vollendet, wenn ich mich nicht zu der widerſinnigen Doppelrolle entſchloſſen hätte, zu welcher mich die Schweſter des Kai⸗ ſers überredet hat. Nein, Karoline!“ fuhr er feurig fort,„ich laſſe Dir volle Gerechtigkeit widerfahren. Du haſt in edelſter Weiſe auch jetzt zu vermitteln geſucht, aber zuerſt biſt Du doch immer die Schweſter des Kaiſers und dann erſt die Königin von Neapel. Klug und fein biſt Du, Niemand kennt mich ſo wie Du, darum ſiegſt Du oft über meinen Ungeſtüm und meine Unbedacht⸗ ſamkeit. Wie einem alten Schlachtroſſe, das nachher geduldig mit Federbüſchen und buntem Geſchirr als Carroſſengaul einhergeht, ließeſt Du mir kriegeriſche Fanfaren blaſen:„En avant! Marche! Au galop! Chargez!“ und der Carroſſier ſpitzte die Ohren und ging durch.“ „Das ſchmeckt nach dem Bivouae, Sire!“ ſagte die Königin verletzt. „Ich war Reitergeneral, ehe ich König wurde, Madame!“ erwiderte Murat.„Mit dem Gleichniß wollte ich nur ausdrücken, daß es einer ſo klugen Dame leicht geweſen iſt, durch einen Appell an mein Gefühl für Ehre und kriegeriſchen Ruhm den Soldaten von dem Staatsmann zu trennen. Wäre ich taub gegen die ſchmetternde Fanfare geweſen, die mich auf das Schlachtfeld lockte, ſo hätte ich meine Unterhandlungen, welche dem Abſchluß nahe waren, raſch zu Ende ge⸗ bracht und meine Poſition wäre geſichert. Jetzt wird das ſehr viel Mühe koſten.“ „Die Unterhandlungen wären dem Abſchluß nahe geweſen? Sie ſagten mir aber doch ſelbſt, daß noch Alles im Unklaren ſchwebte, daß weder Sie, noch 8 Lord Bentinck über die erſten Sondirungen hinaus wären!“ „Das ſagte ich. In Angelegenheiten der Staats⸗ kunſt, Madame, iſt immer eine gewiſſe Zurückhaltung ſelbſt gegen die intimſten Perſonen nothwendig. Sie wiſſen, daß ich Ihren klaren Blick, Ihr Urtheil ſehr hochſchätze und mich in vieler Hinſicht, wo es auf Feinheit der Combinationen ankommt, vor Ihnen beuge. Hier aber war mir gleich von Anfang an, als ich aus Rußland kam und die Vaterlandsfreunde ſich um mich ſchaarten, bemerklich gemacht worden, daß nur das aller⸗ tiefſte Geheimniß die großen Entſchlüſſe, mit denen ich zum Heile Italiens umging, zur Ausführung kommen laſſen könne; mit aller Ehrfurcht vor Ihrem im Lande hochgeachteten und geliebten Namen wurde mir angedeu⸗ tet, daß Sie im natürlichſten Intereſſe für den Kaiſer, Ihren Bruder, nicht in Allem mit mir einverſtanden ſein würden, und ich begriff, daß ich, ich ſelbſt allein Alles ordnen und leiten, allein handeln müſſe. Da⸗ her mußte ich auch, gegen meine Neigung, als ich Ihnen bei der Aufforderung des Kaiſers, nach Deutſch⸗ land zu kommen, von den angeknüpften Unterhandlun⸗ gen ſagte, den eigentlichen Stand derſelben verſchwei— gen. Heute, wo ſie abgebrochen ſind durch meine Ro⸗ landsfahrt, ſind jene Rückſichten überflüſſig und ich will 6. Ihnen ſagen, wie weit ich ſchon gekommen war, als ich die bewußte Fanfare hörte.“ „Ich kann jene Vaterlandsfreunde errathen, die mich ſo hoch lieben und achten und gleichwohl unſere Intereſſen, mein Gemahl— untheilbar immer dieſel- ben— durch heimliche Künſte zu trennen ſuchen. Hü ten Sie ſich! Es wird eine Zeit kommen, wo dieſe Menſchen die Larve fallen laſſen, und dann, Joachim, werden Sie ein Meduſenhaupt ſchauen! Sie wollen mir nun, wo es zu ſpät iſt, Ihre Pläne in voller Wahr⸗ haftigkeit mittheilen; ich nehme das dankhar an. Viel⸗ leicht find ſie doch noch, wenn auch in anderer Form, auszuführen, und ich zweifle nicht, daß Ihnen der Kaiſer dazu willig die Hand bieten wird, ſobald er erſt dieſen Krieg glücklich zu Ende geführt hat.“ „Glücklich, Karoline? Darin liegt es eben. Die Verbündeten ſtehen am Rhein, haben ihn vielleicht in dieſem Augenblicke ſchon überſchritten. Doch vom Kriege erzähle ich Ihnen nachher, jetzt ſollen Sie meine Frie⸗ densgeſchichte hören. Ich kam aus Rußland zurück, wo der Kaiſer in der Verblendung ſeines Stolzes die ſchönſte Ar⸗ mee, welche die Welt je geſehen, nutzlos geopfert hatte. Beleidigt von einem ſeiner roheſten Satelliten, von ihm ſelbſt durch die Artikel des Moniteur, die meine Handlungen, ſelbſt meine Kriegführung einer Kritik zu 10 Gunſten Beauharnais' unterzogen⸗ würde ich doch nie einer unedlen Rache fähig geweſen ſein; die Thatſache meiner Rücktehr zur Armee nach Dresden, zu der ich nicht gezwungen werden konnte, hat es bewieſen, daß ich ſelbſt perſönliche Beleidigungen, wie ſie der Brief des Kaiſers an Dich, Karoline, enthielt, vergeſſen kann. Aber ganz Italien rief nach mir, nicht mein Volk allein. Herrliche Länder Italiens ſind losgeriſſen von der ge⸗ meinſamen Mutter und einem fremden Staate einber⸗ leibt, mit dem ſie nichts Gemeinſames haben, gegen den ein uralter Haß im italieniſchen Volke lebt.“ „Du biſt Franzoſe, Joachim!“ rief die Königin. „Ich werde es nie vergeſſen; gerade deshalb bin am erſten fähig zu der großen Miſſion, zu welcher ich mich berufen fühle Wenn ich ſie durchgeführt hätte. würde ſich der Haß in Segen verwandelt haben. Und die Gelegenheit war ſo günſtig! Ganz Italien, ſowohl die franzöſiſchen als die Provinzen des Königreichs wa⸗ ren von Truppen entblößt, der Kaiſer hatte ſeine zu⸗ ſammengerafften Conſeribirten in Deutſchland nöthig; er bedurfte dort ſeiner ganzen Macht, um nicht von dem in Waffen geſchaarten Europa erdrückt zu werden. Herr von Europa zu bleiben war ihm unmöglich, wie drohend und furchtbar er auch noch daſtand. Sollte ich den großen Gedanken, Italien in ſeiner ganzen alten Aus⸗ 11 dehnung wiederherzuſtellen, frei und unabhängig zu machen und König von Italien zu ſein vom Meere bis zu den Alpen, ſollte ich dies ſtrahlende Ziel aufgeben, das mir ſchon lange vor der Seele ſtand?“ „Soll ich Ihnen die Voaterlandsfreunde nennen, welche dies Trugbild wie einen Feuerbrand in Ihre Heldenſeele geworfen haben?“ entgegnete die Königin. „Sie nicht, mein edler Gemahl, dürſteten nach Rache für eingebildete Veleidigungen, Sie ſind erhaben über niedere Gefühle; aber jene falſchen Freunde waren es, welche Rache ſuchten für ihre verlorene Macht, die ihnen die neue Ordnung der Dinge geraubt, Rache auch an Ihnen, wenn es künftig Zeit dazu geweſen wäre! Doch erzählen Sie weiter.“ „Säe kein Mißtrauen in meine Bruſt, Karoline“, ſagte der König.„Es findet bei mir keinen fruchtbaren Boden. Ich ließ Lord Bentinck unter der Hand um einen Paß für einen Abgeſandten von mir bitten, der mit ihm über wichtige Staatsangelegenheiten verhandeln ſolle, bat aber die Sache geheim zu halten. Bentinck war ſchon im Allgemeinen über die Tendenz meiner Annähe⸗ rung unterrichtet— nun ja, Karoline, die redlichen Män⸗ ner, welche Du verdächtigſt, ſuchten mir den Boden nach Kräften zu ebnen!— er ſchlug die Inſel Ponza für die Conferenzen vor und begab ſich unverzüglich in Perſon 12 dorthin, während er in Sicilien eine andere Reiſe vor⸗ gab. Von meiner Seite kam ein geborener Engländer, welcher ſchon ſeit längerer Zeit in Neapel naturaliſirt iſt und daher das Wohl meines Landes ohne Partei— oder Familienintereſſe im Auge hat, ein Mann, dem die Sprache zu Gebote ſteht, einfach und würdig in ſeiner Haltung. Ich habe keinen Grund, Dir ſeinen Namen zu verſchweigen, den Du hoffentlich gelten laſſen wirſt: Ro⸗ bert Jones.“ „Ich kenne ihn nicht“, erwiderte die Königin kalt⸗ „Er war das Werkzeug, hinter ihm ſteht die Partei. Auf welche Bedingungen wurden die Unterhandlungen angeknüpft?“ „Ich erbot mich gegen Lord Bentinck, ganz Italien zu beſetzen, wenn ich dabei von England mit Geld un⸗ terſtützt und von den verbündeten Monarchen als König von Italien anerkannt würde.“ Die Königin erröthete vor Unwillen; daß ihr Ge— mahl ſo weit gegangen ſei, hatte ſie nicht erwartet. Doch blickte ſie nicht auf, um ihr Gefühl nicht zu verrathen, ſondern fragte nur:„Und der Engländer?“ „Sprach ſeine Zuſtimmung aus! Mußte ihm nicht an meinem Beiſtande gelegen ſein? Ich wußte wohl, was ich ihm bot. Aber wie das Krämervolk iſt, er machte dann gleich Handelsbedingungen. Ganz Italien ſollte mein 13 ſein, bis auf Sicilien, welches durch frühere Tractate dem Könige Ferdinand von Bourbon garantirt war; fer⸗ ner wünſchte er, daß 25,000 Engländer zu meiner Armee ſtießen, um unter meinen Befehlen an der Eroberung von Italien mitzuwirken.“ Tiefer wurde das Roth auf den Wangen der Kö⸗ nigin und ihr Blick ſchien ſich in den Fußboden zu boh⸗ ren. Ihr Gemahl an der Spitze engliſcher Truppen ge⸗ gen ſeinen alten Kriegsherrn und Wohlthäter, dem er Alles verdankte, ſeinen Ruhm, ſeine Erhebung zum Mit⸗ gliede der kaiſerlichen Familie, ſeine Krone! „Die militäriſche Promenade“ fuhr der König, acht⸗ los wie immer, fort,„hätte ich den Rothröcken wohl zu⸗ geſtanden; mehr als das wäre der Feldzug kaum ge⸗ worden, denn die franzöſiſchen Truppen im Lande waren kaum nennenswerth und Beauharnais damals noch bei der Armee des Kaiſers in Deutſchland. Aber daß Si⸗ cilien ausgenommen werden ſollte, mißfiel mir, und dann ſtellte Bentinck mir noch eine Bedingung, welche als das ſchmachvollſte Mißtrauen in meine Ehre mich beleidigte. Er verlangte die Einräumung von Gaöta, des ſtärkſten Bollwerks meines Landes, als Unterpfand meiner Treue. Ich wollte ſchon die ganze Unterhandlung abbrechen, da ich auch in der ganz unnöthigen Stärke der mir auf— gedrängten engliſchen Hülfstruppen einen Beweis des 14 Mißtrauens und, wenn ich der gleichen Stimme Gehör, geben wollte, ſelbſt eine Gefahr ſah, das Land nicht für mich, ſondern für England zu erobern. Indeſſen bei ruhiger Ueberlegung durfte ich doch meinem gerechten Unwillen nicht nachgeben. Auch Campochiaro, den ich ins Vertrauen zog— den Polizeiminiſter Herzog von Campochiaro werden Sie doch nicht zu den Verlarvten rechnen, vor denen ich mich zu hüten habe, Madame?“ „Nein! Aber den Prinzen Camillo Angri, Sire!“ verſetzte die Königin ſchlagfertig. Joachim lachte.„Meinen armen lahmen Camillol Warum nicht auch den Grafen Orkum, meinen biedern Deutſchen?“ Bei dieſem Namen blickte die Königin ſchnell auf; ihr Auge begegnete dem ihres Gemahls, das ihr im Bewußtſein ſouveränen Willens in ſeiner individuellen Freiheit Stand hielt, ſodaß ſie das ihrige wieder ſenkte. „Ihr erſter Lancier von Berg, wie Sie eine der glor⸗ reichſten Erinnerungen der franzöſiſchen Republik parodirt haben“, ſprach Karoline Bonaparte mit gekniffener Lippe, iſt freilich kein Latour d'Auvergne, der erſte Grenadier von Frankreich, aber er wird für Sie in jede Breſche treten, Sire.“ Ihr Ton bebte, als ſie dieſe Worte ſprach, und ein Seelenkenner würde vielleicht in demſel⸗ ben das quälendſte Gefühl der Frauenbruſt, das ſie bis 15 zum Aeußerſten treiben kann, erkannt haben. Auch der König verſtand ſie nur zu wohl, denn ſeine Stirn ver⸗ dunkelte ſich und ein finſterer Blick traf die Sprecherin, welche ihn aber nicht bemerkte, ſondern nach einer kur⸗ zen, athemloſen Pauſe gefaßter fortfuhr:„Der Prinz Camillo Angri jedoch, welchem Sie ein gleich unbedingtes Vertrauen ſchenken, iſt Ihnen nicht treu! „Beweiſe!“ brauſte der König heftig auf. „Hätte ich ſolche, Sire“, erwiderte die Königin ſtolz und feſt,„ſo ſäße der Prinz bereits in Ketten auf dem Caſtell dell' Uovo! Ich hatte als Regentin von Ihnen die Befugniß dazu! Was mich gegen ihn mißtrauiſch macht, entzieht ſich der Beſprechung zwiſchen uns, ich warne Sie aber!“ „Ich werde ihn offen zur Rede ſtellen! Er ſoll mir frei ins Auge blicken!“ rief der König. „Thun Sie das, Sire! Es wird keinen andern Erfolg haben, als daß er ſeines endlichen Sieges um ſo ſicherer wird! Wenn Sie meinem Rathe folgen wollen, ſo entfernen Sie lieber die Schlange, welche Sie an Ihrem Buſen hegen, ſo bald als möglich! War Angri mit in Ponza?“— „O nein! Ich ſandte auf Campochiaro's Rath mit dem Jones noch einen Andern zum zweiten Male hin. Sie werden lachen, Karoline, denn es war Nicolas, der 16 eitle, geleckte Geck; aber da ihn der Polizeiminiſter empfohlen, mußte er ſich doch für die Unterhandlung eignen.“ „So ſind Sie immer, Joachim! Stets dies offene, herzliche Zutrauen zu fremder Einſicht! O trauen Sie doch nur ſich ſelbſt, Ihrem eigenen Geiſte und der Stimme Ihrer unbeſtechlichen Ehre! Haben jene Geſandten Ihnen etwa beſſere Bedingungen erkämpft?“ „Ich muß zugeben, daß es ihnen nicht gelungen iſt. Sie hatten die Inſtruetion, Bentinck durch Vorſtellun⸗ gen und Bitten zu bewegen, Sicilien und Gaöta fallen zu laſſen, und ſollten dagegen den Einwand über die Stärke der engliſchen Hülfstruppen nicht erheben; wenn aber Bentinck durchaus hartnäckig bliebe, ſollten ſie im äußerſten Nothfall auf ſeine Bedingungen die Allianz ab⸗ ſchließen. Meine theure Karoline, was war zu thun? Ich konnte nicht anders. So geſchah es denn auch. Bentinck blieb bei den erneuten Conferenzen ſtarr auf ſeinen For⸗ derungen ſtehen, meine Geſandten gaben nach, wie ſie ermächtigt waren; der Vertrag wurde abgeſchloſſen. My⸗ lord ſandte ſogleich ein ſchnellſegelndes Aviſofahrzeug nach England ab, um von ſeiner Regierung die Beſtä⸗ tigung einzuholen, und ſchlug, da er dieſelbe vorausſetzte, meinen Geſandten vor, ſofort Truppen von Sicilien, Malta und Gibraltar in Neapel landen zu laſſen. Da 17 kamen die Briefe von Neh und Fouché, die dringende Aufforderung des Kaiſers, da erklang die kriegeriſche Fanfare, von der ich ſprach, und ich ließ mich von dem Wahne bethören, für den Kaiſer kämpfen und den⸗ noch König von Italien werden zu können. Das Uebrige wiſſen Sie.“ „Danken Sie Gott, Joachim, daß es ſo gekommen iſt!“ rief die Königin.„Sie ſtanden, ohne es zu ahnen, am Rande eines Abgrunds, zu welchem Sie der Rath treuloſer Menſchen, die ſich Ihre Freunde nennen, ge⸗ drängt hat. Für Sie ſteht noch Alles gut. Der Kaiſer hat einen Feldzug verloren, der nächſte kann Alles wieder gut machen, das Glück des Krieges iſt wandelbar. Ste⸗ hen Sie nur feſt auf dem Punkte, den Ihnen das Schick⸗ ſal und Ihre Ehre angewieſen hat, dann wird keine Macht Ihnen gefährlich werden. Jene Unterhandlungen ſind doch unwiderruflich abgebrochen?“ „Unwiderruflich, Karoline, auf mein Ehrenwort! Sie haben ja den Beweis an den neuen Feindſeligkeiten, welche von jenem unverlöſchlichen Krater ſich wieder über mein Reich ergoſſen haben, nicht mehr imoffenen Kampfe oder durch den Guerrillakrieg der Briganten— den erſtern würde ich mit Freuden aufgenommen, die letztern niedergeſchla. gen haben, wie einſt in Spanien— ſondern durch die ge⸗ heime Verſchwörung, in welche ſie einen Verein, den ich Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. I. 2 18 um löblicher Zwecke willen bisher aufgemuntert, gezogen haben. Ich werde aber mit den Carbonari fertig werden!“ „Haben Sie ſchon einen Beſchluß gefaßt?“ fragte die Königin. „Noch nicht! Die Maßregeln, welche Sie als Re⸗ gentin proviſoriſch erlaſſen haben, ſind ganz in meinem Sinne; ich billige das Verfahren der Militärcommiſſio⸗ nen, ſoweit daſſelbe bis jetzt zu meiner Kenntniß ge⸗ langt iſt, doch will ich mich nicht mit einem Decret über⸗ eilen; die Anſichten, wie dieſe Bewegung am beſten zu bewältigen iſt, gehen zu weit auseinander. Ich werde ſie prüfen und dann entſcheiden.“ „Wann erwarten Sie den nächſten Kurier aus Paris?“ „Unbeſtimmt, theure Karoline. Als ich mich in Er⸗ furt vom Kaiſer trennte, ließ ſich der weitere Verlauf der Dinge noch nicht überſehen. Ich hatte bei Erfurt eine zweite Schlacht erwartet, und wie ich höre, ſind unſere Feinde derſelben Meinung geweſen, darum die beiſpiellos vorſichtige Verfolgung. Was! Nach einem Siege, wie bei Leipzig, den ihnen kein Moniteurartikel ſtreitig machen kann, laſſen ſie uns ruhig abmarſchiren und tirailliren nur zum Amuſement mit unſerer Arrière⸗ garde, wo dieſe Fronte macht, um unſer Defiliren über Flüſſe zu decken. Mit 50,000 Pferden oder noch mehr, 19 was weiß ich! Mit einem hitzgen Huſarengeneral, dem Blücher, dem ſie nur den Zügel ſchießen laſſen durften! Ich hätte dieſe 50,000 Pferde commandiren ſollen! Ver⸗ zeihung, meine Karoline, ich verletze Ihr Gefühl! Es iſt der Soldat, der aus mir ſpricht, der ſich auch in die Lage des Gegners verſetzen kann und deſſen Fehler ta⸗ delt, ohne ſie ungeſchehen zu wünſchen. Eine energiſche Verfolgung wäre die Vernichtung Ihres Bruders ge⸗ weſen!“ „Sie trennten ſich doch freundlich vom Kaiſer?“ „Gewiß! Der Kaiſer ſtellte es mir ſelbſt anheim, mich in meine Staaten zu begeben.“ „Ging der Vorſchlag von ihm aus?“ „Ich glaube es. Was konnte ich ihm vor der Hand nützen? Er hatte eine zweite Schlacht aufgegeben, weil ihm der Abfall Baierns gemeldet worden war und er fürchten mußte, daß ihm bei längerem Verweilen dieſe Macht auf kürzeſtem Wege die Rückzugslinie nach Frankreich verlegte. Wenn er ſich aber den Chan— cen einer zweiten Hauptſchlacht gegen die verbündeten Armeen ausgeſetzt hätte, wäre er in die übelſte Lage gekommen und im Fall eines Unſterns nicht mehr fähig geweſen, ſich durch die Baiern, wie er jetzt gethan hat, Bahn zu brechen. Ich konnte dieſen Gründen nur bei⸗ pflichten, aber für mich ſah ich keine mehr, ihm länger 2* 20 zu folgen; in Frankreich bedurfte er meines Degens in einem Vertheidigungskriege nicht, zu welchem er doch nun gezwungen war, und ich konnte mich nicht länger den Pflichten gegen mein eigenes Reich entziehen. In Frankreich wäre ich von Neapel abgeſchnitten geweſen: die Verbündeten am Rhein, die Oeſterreicher nach un⸗ zweifelhafter Ueberwältigung Beauharnais' in Piemont, am Var, die Engländer das Meer beherrſchend. Habe ich Recht, Karoline?“ „Du haſt dem Kaiſer dieſe Gründe vorgeſtellt?“ fragte die Königin.„Waren Zeugen bei Eurer letzten Un⸗ terredung?“ „Conſtant, der erſte Kammerdiener. Unſere Unterre⸗ dung dauerte nicht lange; es war auch ganz überflüſſig. jene Dinge weitläufig zu erörtern, da ſie in die Augen ſprangen. Der Kaiſer, muß ich Dir ſagen, iſt auch durch die vielen Unglücksfälle, die in letzter Zeit über ihn her⸗ eingebrochen ſind, ſo verändert, daß er gar nicht wieder⸗ zukennen iſt, gleichgültig, ich möchte faſt ſagen—“ „Halten Sie ein, Sire! Ehren Sie das unglic meines Bruders, aus welchem er ſich größer als je er⸗ heben wird. Wenn der Kaiſer Ihnen anheimſtellte, in Ihre Staaten zurückzukehren, ſo verzichtete er dadurch gewiß nicht auf Ihren glorreichen Degen; er rechnet wohl mit Gewißheit darauf, daß Sie von Italien aus in Ver⸗ 21 bindung mit dem Vicekönig eine Diverſion zu ſeinem Vortheil unternehmen werden.“ „Eine Diverſion! Sieh da, Karoline, welche ſtrate⸗ giſche Talente entwickelſt Du auf einmal zu meiner größten Ueberraſchung! Du vergißt aber Deine wachſame Na⸗ mensſchweſter in Sicilien, Du vergißt Lord Bentinck, welcher die 25,000 Mann, die er unter meine Befehle ſtellen wollte, ſogleich nach Calabrien werfen würde, wenn ich mit Allem, was ich an Truppen habe, nach dem Po zur Verbindung mit Beauharnais abmarſchiren wollte. Nein, liebe Karoline! Unſer Weg iſt uns vorge⸗ zeichnet, wenn wir uns nicht blind in das Verderben ſtürzen wollen. „Sie gaben mir Ihr Ehrenwort, daß die Unter⸗ handlungen mit Lord Bentinck abgebrochen ſeien!“ „Ich gab es Ihnen, Madame!“ erwiderte der König. „Aber Sie verſchweigen mir etwas! Ich ſehe es an Ihrem ganzen Weſen. Wohl haben Sie Recht, daß in Sachen der hohen Politik die äußerſte Vorſicht noth⸗ wendig iſt, aber Sie thun ſehr Unrecht, wenn Sie Ihrer treueſten, ja, ich wage es zu ſagen, Ihrer einzig wahren und aufrichtigen Freundin, der Sie ſelbſt klaren Blick, Urtheil und Combinationsgabe zugeſtehen, der Sie ſchon zweimal die Regentſchaft anvertraut haben, Geheimniſſe vorenthalten, bei deren Löſung ſie Ihnen vielleicht man⸗ chen guten Rath geben könnte. Wer weiß, zu welchem vortheilhaften und ehrenvollen Ausgange die Unterhand⸗ lungen mit Lord Bentinck geführt hätten, wenn Sie mich Ihres vollen Vertrauens gewürdigt hätten! „Wer weiß Allerdings! Sie mögen Recht haben—“ „Joachim, laß uns immer gemeinſam handeln. Un⸗ ſer Geſchick und das unſerer Kinder hängt davon ab.“ Der König ſchien mit ſich zu kämpfen. „Du haſt mit Lord Bentinck abgebrochen, aber auf einer andern Seite Verbindungen angeknüpft!“ „Nein, Karoline“, erwiderte der König.„Die Ver— bündeten haben es verſucht, nicht ich. Im Lager bei Ollendorf erſchien von ſeiten Oeſterreichs Graf Mier. Kaiſer Franz bot mir im Namen der alliirten Monar⸗ chen Frieden und Freundſchaft an.“ Die Königin erſchrak.„Was haſt Du ihm geant⸗ wortet?“ fragte ſie beſorgt. „Mir wurde das Verſprechen gegeben, daß mir der Beſitz meiner Staaten garantirt werden ſollte, wenn ich die Sache des Kaiſers verließe. Graf Mier legte mir die Vollmacht ſeines Monarchen vor.“ „Und Du?“ rief Karoline. „Ich habe ihn angehört, ohne eine beſtimmte Ant⸗ wort zu geben. Ja, Karoline, die Politik, welche ſich, —— 23 nicht von Gefühlen, und wären es die theuerſten und heiligſten, leiten laſſen darf, verlangte hier eine kluge Zurückhaltung. Sollte ich wie ein enragirter Bayard ins Feuer gehen? Man hat mich oft genug mit ihm verglichen; in der Schlacht bin ich ſtolz darauf, im Ca⸗ binet muß ich mich für die Ehre bedanken. In keiner Weiſe konnte ich mir die Hände binden. Ich gebe Dir auch hier mein Ehrenwort“, ſetzte er, ihre Zweifel be⸗ merkend, mit Nachdruck hinzu,„daß keine Unterhandlun⸗ gen im Gange ſind.“ „Aber ſie werden von ſeiten der Alliirten wie⸗ der geſucht werden!“ rief die Königin.„Sie ſehen, welchen Werth man auf Ihre Allianz legt; danach kön⸗ nen Sie ermeſſen, wie ſchwach ihre Hoffnung iſt, den Kaiſer, wenn Sie auf ſeiner Seite kämpfen, zu beſiegen. Glauben Sie, daß man Ihnen Ihre Krone garantiren würde, wenn man Ihrer nicht bedürfte? Wird man aber im Fall des Sieges einem von unſerer Dynaſtie, einem einzigen Napoleon oder einem, der mit ihm verwandt iſt, ſeinen Thron laſſen? Bauen Sie ſo feſt auf die Ga⸗ rantie, welche man Ihnen bietet? Sie haben mit Recht geſagt, daß in der Politik nichts gilt, auch das Hei⸗ ligſte nicht, wenn es in Conflict mit dem Vortheil ge— räth. Was iſt aus allen Verträgen geworden, welche die jetzigen Feinde des Kaiſers vor wenigen Jahren mit 24 ihm geſchloſſen haben? Was aus dem Bündniß von Erfurt mit dem Zaren Alexander, aus der Verſchwäge⸗ rung mit dem Kaiſer von Oeſterreich? Baiern, das der Kaiſer groß gemacht hat, iſt von ihm abgefallen; ein Marſchall von Frankreich, der ihm die Krone von Schwe⸗ den verdankt, commandirt gegen ihn! Wollen Sie dem Beiſpiel Bernadotte's, auf jene Garantie geſtützt, fol⸗ gen, der Welt das dritte Beiſpiel eines abtrünnigen Franzoſen geben, um im glücklichſten Falle wie Moreau zu endigen, im wahrſcheinlichſten aber als abgeſetzter König von einer Gnadenpenſion der Allirten zu leben? Ja, Sire! Mag Ihr Zorn mich vernichten, aber ſo wahr ich lebe, auch für den Preis Ihres Abfalls nicht wird man Ihnen die Krone von Neapel nach dem Siege über den Kaiſer laſſen! Und nun betrachten Sie die Kehrſeite! Wenn der Kaiſer ſiegt! Was wird dann Ihr Loos ſein, wenn ſeine Großmuth nicht ſtärker iſt als ſein gerechter Unwille?“ „Sie nehmen vollendete Thatſachen an, welche nir⸗ gends exiſtiren!“ verſetzte der König unmuthig. Die feſte Ueberzeugung, welche Karoline in ſo feurigen Worten über die Unzuverläſſigkeit der ihm gebotenen Garantien ausgeſprochen, hatte einen großen Eindruck auf ihn ge⸗ macht. Er ging wiederum heftig im Zimmer auf und ab.„Vor ganz Europa können ſie ſich dieſe Schmach 25 nicht aufladen!“ ſprach er wie vor ſich hin.„Es wäre ein Wortbruch ohnegleichen! Womit ſollte er beſchö⸗ nigt werden? Der ritterliche Alexander, der redliche Franz, der fromme und gerechte Friedrich Wilhelm! Nein, nein! Es iſt ganz unmöglich!“ „Sie fließen über im Lobe der Feinde!“ ſagte die Königin.„Und für den Kaiſer haben Sie nur Vor⸗ würfe! Womit die Alliirten es entſchuldigen würden, wenn ſie Ihnen nicht Wort hielten? Ich darf wohl ei⸗ nen ſo feinen Politiker nicht darauf aufmerkſam machen, daß es nichts gibt, nichts in der Welt, was ſich nicht in diplomatiſchen Actenſtücken rechtfertigen ließe!“ Ihre Anerkennung ſeiner politiſchen Gaben klang etwas iro⸗ niſch, er achtete nicht darauf. „Warum aber? Welchen Grund ſollten ſie haben“, rief er,„da ſie mir die Allianz ſelbſt angeboten? Nicht ich habe ſie geſucht! Land wird im Ueberfluß disponibel ſein!“ „Ich will es Ihnen ſagen, Sire“, erwiderte Karo⸗ line Annunciata.„Weil jedes Mitglied der kaiſerlichen Familie, das ſeine Krone behielte, eine brennende Erin— nerung an die Zeit ihrer tiefſten Demüthigung für ſie wäre und zugleich eine Drohung für die Zukunft! Gerade Sie, mein Gemahl, der an der Spitze der ſiegreichen Heere des Kaiſers in die Hauptſtädte der alliirten Kai⸗ ſer eingezogen iſt!“ 26 Der König blickte ſtolz auf.„Sie wollen mich durch Schmeichelei für Ihre Anſicht gewinnen, weil Sie wiſſen, daß ich für den Ruhm nicht unempfindlich bin“, ſagte er.„Ich habe Ihnen übrigens mein Wort gegeben, daß ich mich durch keine beſtimmte Antwort gebunden habe, weder Ja, noch Nein. Meine Lage iſt wegen vieler ſich kreuzenden Intereſſen, ich wiederhole es Ihnen, ſo eigen⸗ thümlich, daß ich mit voller Bedachtſamkeit zu Werke gehen muß. Ich habe daher auch Ihre Meinung, Ihren Rath geſucht; ich werde noch die treueſten, die einſichts⸗ vollſten meiner Diener hören, ehe ich mich entſcheide, denn ich glaube ſelbſt, daß die Alliirten es nicht bei dem erſten Verſuche, durch den Grafen Mier mich zu gewin⸗ nen, bewenden laſſen werden. Unterdeſſen habe ich nichts dawider, wenn Sie an den Kaiſer ſchreiben, um auch von ihm zu vernehmen, wie er ſich meine Situation denkt, was er von mir erwartet und welche Bürgſchaft er mir geben kann für hartnäckiges Aushalten auf ſeiner Seite.“ „Sie wählen kein ſchönes Beiwort“, verſetzte die Königin.„Sie haben im Geiſte bereits entſchieden.“ „Soll ich zum dritten Male mein Ehrenwort geben? Nein!“ rief Joachim.„In kurzem aber muß ich meine Partie ergreifen. Alſo ſchreiben Sie dem Kaiſer, und auch ich werde ihm ſchreiben, ich bin es meiner Ehre 27 ſchuldig. Daß ſeine Antwort bei mir ſchwer ins Gewicht fallen wird, brauche ich Ihnen wohl nicht erſt zu ſagen. Ich bitte Sie nur, dieſer Negotiation des Grafen Mier vorläufig nicht zu erwähnen.“ „Warum nicht?“ entgegnete ſie.„Das würde gerade zur Klärung der Verhältniſſe viel beitragen. Indeſſen, wie Sie wünſchen; ich bin gewohnt, Ihren Befehlen zu gehorchen.“ „Und nun hinweg mit den Sorgen! Laß unſere Kinder kommen“, bat der König. Sie ſtand auf und zog die Glocke. Der Lakai mußte die dienſtthuende Hofdame rufen, welche die königlichen Kinder herbeiholte: zwei Prinzen und zwei Prinzeſſinnen; der älteſte, Achill, zwölf, die jüngſte, Louiſe Julia Karoline, acht Jahre alt, zwi— ſchen beiden Lätitia und Lucian. Mit Zärtlichkeit liebkoſte ſie der König nach der Reihe, als ſähe er ſie heute nach ſeiner Rückkehr aus dem Felde zum erſten Male; es mochte die Nachwirkung des eben gehabten Geſprächs ſein, die Beſorgniß vor ihrer Zukunft, wenn er jetzt nicht den rechten Entſchluß faßte. Zweites Kapitel. Graf Orkum. Erſt am Abende des zweiten Tages, nachdem Vir⸗ ginia die Nachricht von der Heimkehr ihres Gemahls erhalten hatte, fuhr ſie nach der Stadt zurück; ſie hatte ihm geſchrieben, daß ſie abgehalten ſei, früher zu kom⸗ men. Als ſie in ihrer Wohnung die Treppe hinaufſtieg, kam ihr Prinz Emilio, ihr Vetter, entgegen. „Muß man es einem glücklichen Zufalle verdanken, wenn man Sie endlich einmal trifft?“ rief er.„Ich war ſchon geſtern hier, Ihren Gemahl zu beglückwün⸗ ſchen, daß er der koloſſalen Menſchenſchlächterei von Leipzig entronnen iſt, und hoffte mit Gewißheit, Sie ſchon zu treffen; ich hörte aber, daß Sie erſt heute kom⸗ men würden.“ „Iſt der Graf zu Hauſe?“ fragte ſie. „Allerdings! Wird er ausgehen, wenn er Sie er⸗ wartet? Der Neveu iſt bei ihm und beide brennen of⸗ fenbar, deutſch mit einander zu reden; ich wollte ihnen 29 dieſen Genuß nicht länger entziehen, bin überdem bis auf den letzten Augenblick, den meine Zeit mir geſtattete, geblieben, um Sie noch zu ſehen, und danke es nun mei— nem Glücksſtern, daß es doch noch geſchehen iſt.“ „Sehr gütig, Couſin. Ich will Sie aber nicht auf⸗ halten—“ „Umgekehrt, ſchöne Virginia! Sie werden ſich ſeh⸗ nen, den Gemahl zu umarmen. Auf Wiederſehen! General Janelli will mich in einer wichtigen Angelegenheit ſpre— chen; er iſt nur deshalb von Coſenza hierher gereiſt.“ Virginia hatte kein Intereſſe, nach dieſer wichtigen Angelegenheit zu fragen; ſie würde auch beim beſten Willen Emilio's keine Antwort erhalten haben, denn er wußte ſelbſt noch nichts.„Dieſer deutſche Stier!“ murrte er für ſich hin, als er von Virginia geſchieden war und die Treppe hinabging.„Iſt er etwa jünger als ich? Oder in ſeiner maſſiven Figur annehmlicher? Zu beneiden aber, denn ſie iſt wirklich ein göttliches Weib!“ Unten an der Thür ſtand ein Diener in der braunen Livree des Hauſes Angri, welche ihm hier, wie er ſich gegen Ca⸗ millo geäußert hatte, anſtößig war. Dem Menſchen aber, der ſie trug, klopfte er vertraulich auf die Schulter und ſagte:„Wenn Du einmal nach dem Gute kämeſt, nicht wahr? Da ſoll es herrlich ſein!“ „Sehr ſchön, Illuſtriſſimo! Aber dahin komme ich 30 nicht, denn jeder von uns hat ſeine Station“, antwortete der Diener. „Nun, wenn ich aber ein Liebchen dort hätte, wie Du“, ſcherzte der Prinz,„ſo würde ich ſchon einmal Ge⸗ legenheit ſuchen hinzukommen; wär's auch nur auf einen Tag oder zwei!“ „Ach, ein Liebchen hab' ich dort nicht; ſie will nichts von mir wiſſen. Und Erlaubniß hinzugehen be⸗ komme ich auch nicht. Nur der Mas' Antonio, der nun fortgelaufen iſt, durfte manchmal hin, der hatte aber auch ſeine Nichte dort.“ „Doch nicht die ſchöne Procidanerin? Ei, Marco, da haſt Du bei dem Onkel Deinen Vortheil nicht be⸗ nutzt, ſolange er noch hier war. An Deiner Stelle würde ich mich einmal ohne Erlaubniß aufmachen; was können ſie Dir viel thun?“ „Fortjagen!“ ſagte Marco kurz und bündig. „Wär' das ſo ſchlimm? Ein Burſche wie Du fin⸗ det überall ſein Unterkommen; ich nehme Dich mit Freuden in meinen Dienſt. Wenn Du alſo einmal hin⸗ gehſt, ſo ſag' es mir, wie Du es dort getroffen haſt. Hörſt Du? Ich meine es gut mit Dir.“ Er reichte ihm ein Geldſtück und ging ſeines Weges. Virginia war unterdeſſen in ihre Zimmer getreten, um ſich dort erſt des Reiſeüberwurfs zu entledigen; 31 dann trat ſie vor den Spiegel.„Ich muß doch ſehen, ob die Maske auch gut ſitzt“, waren ihre Gedanken, welche ſich durch ein bitteres Lächeln äußerten, während ſie ſich die kleinen Löckchen über den Augen ordnete und die Kammerjungfer ihr noch einige Falten des Kleides zurecht zupfte. Lieb war es ihr, daß bei dem erſten Wiederſehen nach der Kriegsreiſe ihres Gemahls der Neffe zugegen war, ſeinetwegen mußte ſie aber doch die Maske, welche ſie gemeint, anlegen.„Es iſt gut“, ſagte ſie ungeduldig zu der Zofe, welche ſie noch aufhalten wollte, und rauſchte jetzt aus dem Zimmer durch die Reihe der Gemächer, die ſie von denen ihres Mannes trennte. An der Thür ſtand ſie einen Moment ſtill und lauſchte. Sie hörte ein lautes deutſches Geſpräch, die ſtarke Stimme des Grafen mit Lachen untermiſcht und den wohlklingenden Ton Alexander's.„Eine hundsföt⸗ tiſche Canaille!“ ſagte der Graf und bekräftigte es mit einem Soldatenfluche. Wer damit gemeint war, ob Menſch oder Pferd, Virginia ließ ihm nicht Zeit zu weitern Erklärungen, ſondern klopfte an und trat ſo⸗ gleich ein. Die beiden Männer ſaßen ſich gegenüber; auf dem Tiſche zwiſchen ihnen ſtanden ein paar mit Stroh um⸗ flochtene Flaſchen und Kelchgläſer; es waren ja Deutſche! „Da iſt ſie!“ rief der Graf aufſtehend und ging ſeiner 32 Gemahlin entgegen, welche ihm, mit einem anmuthigen Gruße durch Blick und Hand für den Reffen, die Wange zum Kuſſe reichte, der ſie jedoch kaum ſtreifen durfte. Wayrlich, ein ſchönes Paar, wenn der Onkel Albrecht auch zwanzig Jahre älter ſein mochte! Er, groß und ſtark, mit einem männlichen, noch immer friſch gefärb— ten Geſichte, welches durch große, lebhafte blaue Augen und einen ſtarken, militäriſch aufgeſtutzten Schnurrbart Charakter erhielt, ſie das Bild weiblichen Liebreizes. Alexander konnte nicht anders, als beide für einander paſſend erkennen, aber es wollte ſich ihm dabei das Herz zuſchnüren und er wünſchte ſich weit hinweg. „Siehſt Du, Virginia, da hab ich mir den Bur⸗ ſchen ſchon eingefangen!“ ſagte der Graf, ſich zu ſeinem Neffen wendend.„Er wollte erſt nicht herkommen, ſträubte ſich wie ein Steppenpferd, dem man den Arkan über den Kopf geworfen hat— nicht ſtören, nicht läſtig werden beim Wiederſehen! Dummes Zeug, Virginia, nicht wahr? Lafontaine oder Jean Paul— kenne die Kerls übrigens nicht! Zwiſchen uns iſt Alles Decorum, keine Sentimentalität, wie? Setz' Dich zu uns, ſchenke ihm ein, vielleicht trinkt er Dir zu Liebe; mir hat er, Gott ſtraf mich! einen Korb gegeben, für den ich jeden Andern als meinen Neveu gefordert hätte!“ Alexander war in peinlichſter Verlegenheit. Er hatte 33 ſeinen Onkel erſt jetzt kennen gelernt, und wenn er auch nach Allem, was er von ſeinem unſtäten Leben wußte, einen Sohn des Krieges, wie jene Zeit deren ſo viele hatte, in ihm zu finden erwartet, ſo überſtieg doch dieſe Art und Weiſe alle ſeine Begriffe. Virginia ſchien aber nicht dadurch verletzt zu ſein, es mochte die Arme nicht mehr überraſchen! Sie nahm Platz auf dem Polſter⸗ ſeſſel, der noch leer ſtand, und ſagte zu dem Neffen:„Ich bin zum zweiten Male verſchwunden, ohne irgend eine Erklärung für Sie; hoffentlich ſind Sie mir nicht böſe geweſen. Es freut mich, Sie noch zu ſehen, da Sie ſonſt die angenehme Bekanntſchaft Ihres Onkels nicht gemacht haben würden.“ In ihrem Blick und Ton lag ein Commentar zu ihren Worten, der aber beiden Männern verloren ging, wenn auch bei jedem aus andern Gründen. „Ja, es iſt toll, daß ich den Jungen erſt heute als gut abgewachſenen Zwanziger zu Geſicht bekomme!“ rief der Graf.„Du ſiehſt Deinem Vater übrigens ſehr ähn⸗ lich, Alexander, wie er ſo in Deinen Jahren war. Puder und Zopf, eine grüne Pikeſche, große Reitſtiefel mit Pfundſporen und eine dicke Reitpeitſche, ſo wär' der Hans fertig. Das war ein Kerl, Virginia!“ Virginia ſah das aufſteigende Erröthen im Geſichte des jungen Freiherrn. Es wäre ihrer Gewandtheit ein Leichtes geweſen, dem Geſpräch, das für Alexander ver⸗ Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. 3 34 letzend ſchien, eine andere Richtung zu geben, aber ſie ließ ihm ſeinen Lauf.„Vertragen haben wir uns nie!“ fuhr der Graf fort.„Er kündigte mir ſchon, als wir noch unreife Bengels waren, einmal das brüderliche Du auf und wir hätten uns beinahe auf geſchliffene Rappiere duellirt— warum, das werde ich Dir ein⸗ mal erzählen, Junge, wenn wir unter uns Jungfern ſind, meine Frau iſt etwas ängſtlich in gewiſſen Din⸗ gen! Schenk' ihm doch ein, Virginia! Auf die Ge⸗ ſundheit meiner Frau wirſt Du doch austrinken? Ich kündige Dir ſonſt auch die Brüderſchaft auf.“ Alexander wußte ſich nicht anders zu helfen, um Vir⸗ ginia der Verlegenheit zu überheben, als daß er ſich ſelbſt einſchenkte, mit dem Onkel anſtieß, wie dieſer verlangte, und das Glas, nach einer ziemlich ungeſchickten Verneigung gegen ſie, auf einen Zug leerte. „Bravo!“ ſagte der Onkel.„Wie alt iſt Dein Va⸗ ter eigentlich geworden? Er hat ſehr ſpät geheirathet; das ſoll für alte Männer der Genickfang ſein. Deine Mutter iſt aber wohl ein vorzüglich ſanftes Frauenzim⸗ mer geweſen, nicht blos auswendig. Er war fünfund⸗ zwanzig Jahre älter als ich— nicht etwa eine ſo lange Pauſe, Frau! Zwiſchen uns ſind ſieben oder acht Ge⸗ ſchwiſter geſtorben. Ich war aber richtig dadurch bis an den Hans heranavanecirt und der nächſte nach ihm zum Majorat, er aber nun ſchon in den Fünfzigen; kein Menſch glaubte, daß er noch heirathen werde. Es ver⸗ ging noch eine Reihe von Jahren, ich war draußen in Paris und freute mich meines Daſeins— ſticht ihn, Gott verdamm' mich! der Hafer noch, freit um eine ſteinreiche Nachbarstochter, bekommt ſie und nach Jah⸗ resfriſt einen Sohn und Erben! Ich war um das Ma⸗ jorat, das ich ſchon in der Taſche hatte, und ſaß nun mit einer Schuldenmaſſe da, daß mir die Haare zu Berge ſtanden! Komm her Alexander, ſtoß an! Du ſollſt leben! Glaube nicht, daß ich Dir je das Leben mißgönnt habe; ich male mich nicht beſſer, als ich bin, will aber auch nicht ſchlechter heißen! Jetzt nun gar, wo ich's nicht mehr brauche, wo ich in der Wolle ſitze und mein Glück mit einem Engel theile.“ „Mein theurer Onkel“ fiel jetzt Alexander faſt in Verzweiflung ein,„ich kann Dir verſichern, daß der Va— ter von Dir niemals unfreundlich geſprochen hat. Ich danke Dir für Deine Geſinnung gegen mich; wenn wir einmal allein find, wollen wir die Vergangenheit unſerer Familie recht 6 „Er denkt, Du bekommſt eine üble Meinung von wandte ſch der Graf lächelnd an ſeine ſchwei⸗ gende Gemahlin, welche ihn mit feinem Lächeln in ſei— nem Redefluſſe gewähren ließ und nur von Zeit zu Zeit mir 36 auf Alexander einen Blick richtete, welchen dieſer unbe. greiflich fand. Fühlte ſie denn gar nichts bei dieſen un zarten Reden, oder verbarg ſie als kluge Frau ihr Ge⸗ fühl vor den Augen eines Dritten? Alexander konnte die Rückſichtsloſigkeit ſeines Onkels nur der Wirkung des feurigen Laerymä Chriſti zuſchreiben, dem er, nach des Neffen Begriffen, ſtark zugeſprochen hatte; er war aber darin ſehr im Irrthum, der Onkel würde ſchallend gelacht haben, wenn man ihn verdächtigt hätte, von zwei Foglietten die leichteſte Wirkung zu ſpüren. In⸗ deſſen hatte ſein Einſpruch doch dem Familiengeſpräch ein Ende gemacht. „Langweilig wird es Dir allerdings ſein, Frau, die al⸗ ten Geſchichten zu hören!“ ſagte er.„Biſt Du geſund? Wie ſieht es in Deiner Roſenburg aus? Wächſt es tüchtig heran? Ja, Freund, das mußt Du Dir anſehen. Bitte nur die Tante, daß ſie Dich einmal mitnimmt. Der Kö⸗ nig hat es mir geſchenkt, indeſſen ſie iſt nun doch die eigentliche Beſitzerin, was will man machen? Ich kann Dich nicht hinbringen, bitte aber die Tante, ſo nimmt ſie Dich mit in ihren Wagen; meinen Conſens haſt Du, ich bin auf einen ſo überſoliden Jüngling nicht eiferſüchtig.“ Alexander war jetzt völlig faſſungslos, und Virginia's fragender Blick, der ihn ſtreifte, trug dazu bei, ihn noch mehr zu verwirren. Wahrſcheinlich wollte ſie aus ſeinen 3 Mienen leſen, was er über dieſen höchſt unziemlichen Scherz denke. Zu ihrem Gemahle hatte ſie noch kein einziges Wort geſprochen, kein Willkommen, keine Frage nach ſeinem Ergehen, nach den Gefahren, die er beſtan⸗ den hatte. Alexander war ſo geſpannt darauf geweſen. und nun kein einziges Wort! Wie war das möglich? Wie ſollte er das verſtehen? Jetzt aber, da der Onkel ſeinen eigenen Witz belachte, hörte Alexander endlich ihre Stimme in tieferem Tone als je:„Habt ihr das Schwert jetzt auf immer in die Scheide geſenkt?“ „Ha! Sie will mich ſondiren! Ganz Neapel ſteht auf dem Kopf vor Neugier, was nun geſchehen wird, ob wir die Herren Weißröcke von Norden, die Roth⸗ röcke von allen andern Seiten bald hier ſehen werden— eine ſchöne Quetſche, wie ein ſächſiſcher Offizier auf der Berezinabrücke ſagte. Ja, meine reizende Virginia, da mußt Du nicht den Adjutanten, ſondern den Chef der Armee und des Staats fragen. Meinem Könige iſt nicht wohl bei der Geſchichte, das ſehe ich, aber er fragt na⸗ türlich einen, wie mich, der nur Soldat iſt und ſich um Alles andere wenig kümmert, nicht um Rath. Frage den König, Dir wird er vielleicht ſein Herz aus⸗ ſchütten!“ Welche unfeine Verſpottung! Virginia ſchien ſich auch davon verletzt zu fühlen.„Eine Stelle Ihres Brie⸗ 38 fes habe ich nicht verſtanden“, ſagte ſie mit einem Blicke, welcher den Gemahl in ſeine Schranken zurückwies.„Sie ſchrieben, daß der König zum erſten Male muthlos ge⸗ flohen ſei—“. „Geflohen?“ rief der Graf laut auflachend.„Aus⸗ geriſſen, ſag' ich Dir, wie Schafleder!“ Bei dieſer ge⸗ meinen Trivialität zuckte Alexander, wie von einem Natterſtiche getroffen, aber ſein Onkel fuhr luſtig fort: „Das war eine Haſenhetze, ſag' ich Dir; ich nehme mich gar nicht aus. Der alte Blücher— allen Reſpect vor ihm! — ſoll einmal geſagt haben, jeder Menſch trägt den Hunds⸗ fott in ſich, es kommt nur darauf an, daß er nicht ans Tageslicht tritt. Ich hatte das bis jetzt nicht geglaubt; bei meiner erſten Affaire ſchlotterten mir zwar auch die Steigbügel, als eine Kugel nach der andern in unſere Schwadron einſchlug und Leute und Pferde zuſammen⸗ ſtürzten, aber ein alter Franzoſe, der neben mir hielt, ein baumlanger graubärtiger Kerl, ſah ſtreng auf mich nieder und ſagte:„Sie müſſen mehr à votre aise ſein!“ Eine angenehme aise! Indeſſen fruchtete ſein Wort; ich ſchämte mich und habe die Anwandlung ſeitdem nie wieder geſpürt bis auf die Hetze von Liebertwolkwitz, zwei Tage, ehe der große Betteltanz bei Leipzig vor ſich ging! Ein Cavalleriegefecht, wie ich es in meinem Leben noch nicht mitgemacht habe, auch ſo leicht nicht wie⸗ 39 der erleben werde! An der Moskwa hatten wir mehr Reitermaſſen in der Schlacht, aber nicht ſo zuſammen, Schlag auf Schlag einhauend! Es war eine Pracht, es mit anzuſehen. Sie hatten ſich eine Weile hin und her ge⸗ ſchlagen, wie es im Cavalleriegefecht geht; man wirft den Feind, wird von friſchen Schwadronen wieder ge⸗ worfen, neue Kräfte kommen uns zu Hülfe und das Blatt wendet ſich abermals. Da wurde es eine Weile ſtill, ſie ließen von einander los, beide Theile gingen eine Strecke zurück, ralliirten und rangirten ſich; vor der Fronte flankirten nur einzelne aufgelöſte Züge und amü⸗ ſirten ſich mit Karabinerſchüſſen, die nicht trafen. Da ritt der König mit ſeiner ganzen Suite vor. Er hatte ſich in ſein ſchönſtes Coſtüm geworfen— die Frau Gräfin Orkum hat ihn darin wohl ſchon als Prinzeſſin Angri bewundert, auch der Herr Neveu wird ihn ab⸗ conterfeit geſehen haben. Gala zur Schlacht, das iſt bei uns die Parole! Wir mußten ihm Vorſprung laſſen, damit er von Freund und Feind recht angeſtaunt wer⸗ den konnte. So ritt er im Paradegalopp, der Suite wohl fünfzig Schritt voraus, die Fronte unſerer Colonnen entlang, die er nachher perſönlich zur Attake führen wollte, und wandte ſich dann weit vorwärts nach der feindlichen Seite, um auch dort ſich zu zeigen. Ich habe es in Rußland erlebt, daß ihm die Koſaken, die ſeine 40 Courage ehrten, ein donnerndes Hurrah brachten, als ſie ihn in ſeiner Pracht zu Geſicht bekamen. Die preu⸗ ßiſchen Dragoner waren aber nicht ſo höflich. Er hatte ſich an ihre Flanqueurlinie ſo nahe herangemacht, daß wir ihre roſenrothen Kragen, ihre weißen Knöpfe hätten zählen können; auf einmal ſchießt ein Offizier wie eine Rakete aus den Plänklern vor, drei, vier ſeiner Leute fahren ihm nach. Kinder, da hatte der alte Blücher Recht. Wir riſſen aus, ich kann's auf Ehre nicht anders nen⸗ nen, Keiner dachte nur daran, daß er eine Plempe an der Seite hatte! Wenn eine Schwadron geworfen iſt, muß ſie machen, daß ſie aus dem Spiel kommt; das wird kein Menſch eine Schande nennen; im Gegentheil, das gehört ſich, damit ſie Zeit gewinnt, wieder Fronte zu machen und von neuem zu attakiren. Aber wir, ein ſolcher Schwarm von hohen Offizieren, Galopins und Ordonnanzen und der König, vor einem preußiſchen Dra⸗ gonerlieutenant! Murat, im Stich gelaſſen, konnte denn auch nichts thun, als Draht ziehen, denn auf ihn mach⸗ ten ſie allein Jagd. Der Offizier hatte einen prächtigen Läufer, und wir, im vollen Hetzen ſeitwärts von ihm, ſahen, daß er ihn einholen mußte. Ich und viele wohl ſteuerten und lenkten nach Kräften, um dem Könige zu Hülfe zu kommen, aber in einem Schwarme von fünf⸗ zig, ſechzig durchgehenden Pferden ſollt Ihr's bleiben 41 laſſen, Eure Mähre zu wenden! Da war der Preuße ſchon dicht auf, noch ein paar Sprünge und er konnte ihn, wenn er ſich nicht gefangen gab, herunterhauen, aber Proſit! Ein Marechal des Logis von uns hatte ſich doch losgeeiſt und den Preußen im letzten Augenblicke er⸗ reicht; er ſtieß ihm die Klinge in den Rücken, daß er vom Pferde ſtürzte, und die Hetze hatte ein Ende.“ Beide Zuhörer hatten der Schilderung, welchen ihnen die Scene mit wahrhaften Farben, wie ſie nur der Sol⸗ dat geben kann, vor Augen geführt, mit unverkennbarer Theilnahme zugehört, welche ſich, als der Graf geendigt hatte, bei Virginia zu Alexander's größter Ueberraſchung in ein faſt verächtliches Lächeln verkehrte.„Du sublime au ridicule!“ ſagte ſie, was ihr Gemahl nur mit einem Achſelzucken aufnahm. „Und wer war der Marſchall, welcher den König aus dieſer böſen Lage befreite?“ fragte der Neffe ſchnell, um nur der ſcharfen Entgegnung, welche er fürchtete, zu⸗ vorzukommen. Der Onkel war jedoch in beſter Laune; er lachte laut auf.„Ein Marſchall? rief er beluſtigt.„Bei uns trägt zwar jeder gemeine Voltigeur den Marſchallsſtab ſchon im Torniſter, aber vom Martchal des Logis hat er doch noch einen weiten Weg bis dahin. Nein, mein gelehrter Freund, was bei der Infanterie Sergeant, das heißt 42 bei unſerer Cavallerie Marichal des Logis. Es war ein ehrlicher Unteroffizier, der eher Herr über ſein durchge⸗ hendes Pferd wurde, als wir. Der König hat ihn zu ſeinem Stallmeiſter ernannt, er iſt mit hier, und wenn Du einmal den Retter Deines Monarchen ſehen willſt, Virginia— Nicht? Nun, ich dränge Dir ſeine Bekannt⸗ ſchaft nicht auf.“ Alexander veranlaßte den Onkel, noch mehr aus dem kurzen ereignißreichen Feldzuge zu erzählen, und fragte dann, was nun aus dem Großherzogthum Berg, aus dem Königreich Weſtfalen und den andern Ländern des deutſchen Rheinbundes werden würde, da die Verbündeten ganz Deutſchland bis zum Rhein genommen. „Wir haben in unſerem Ländchen den Herrn in letzter Zeit ſo oft gewechſelt“, ſagte er,„daß wir uns nach einer bleibenden Herrſchaft ſehnen.“ „Kann nicht dienen, mein Herr Neveu“, erwiderte der Graf.„Das kümmert mich nicht. Warte es nur ruhig ab. Einen Herrn werdet Ihr ſchon wieder be⸗ kommen.“ Es war jetzt an der Zeit aufzubrechen. Alexander glaubte das Ehepaar in der Stunde des Wiederſehens nur zu lange ſchon beläſtigt zu haben; ihm fehlte aber unter vielen geſellſchaftlichen Talenten auch das, ſich leicht und gewandt verabſchieden zu können. Gewöhnlich 43 nahm in dem langen Haſchen nach einem ſchicklichen Momente ſein Aufbruch etwas Plötzliches und Haſtiges an. So auch heute. „Nun, was hat Dich denn auf einmal geſtochen?“ fragte der Onkel, als er mitten im Geſpräch aufſtand. Die Entſchuldigung, welche er äußerte, war noch ungeſchickter. Virginia half ihm aber mit ihrer vollen wiederkehrenden Anmuth über die Verlegenheit hinweg. „Wenn Sie einmal die Prunaja oder den Dornſtrauch, wie das Landgut volksthümlich heißt, in der nächſten Woche beſuchen wollen“ ſagte ſie freundlich,„ſo können Sie mich dahin begleiten, ich werde dort eine längere Zeit zubringen.“ Sie reichte ihm dabei die Hand, welche er in ſeiner erſten Freude herzhaft drückte. Aber er be⸗ ſann ſich ſogleich, verbeugte ſich ehrerbietig und ſprach ſei⸗ nen Dank für die gütige Einladung aus, die er jedoch wegen ſeiner bevorſtehenden Abreiſe wohl nicht werde annehmen können. „Damit haben Sie mir ſchon oft gedroht!“ ſagte ſie lächelnd.„Ich hoffe, lieber Couſin, daß Sie als ein echter Freiherr, der nur nach ſeinem eigenen Willen lebt, ſich auch von ängſtlichen Rückſichten auf Ihre gelehrten Zwecke frei machen werden. Sie haben noch ein langes Leben vor ſich und können darin mehr ſtudiren, als es Ihrer künftigen Frau lieb ſein wird. Alſo auf Wieder⸗ — ſehen auch diesmal! Ich werde Ihnen Tag und Stunde meiner Abreiſe melden laſſen, Sie können mich dann begleiten. Wollen Sie das, Couſin?“ „Verſteht ſich!“ rief ſtatt ſeiner der Graf. Vnce ihm aber nichts weiß, Virginia, vergib Dir nichts gegek ihn; Du biſt nicht ſeine Coufine ſondern ſeine Tante, vor der er hoffentlich Reſpect haben wird. Leb wohl, närr'ſcher Kerl! Vielleicht bekehrſt Du Dich hier, hängſt Deine Gelehrſamkeit an den Nagel und wirſt Soldat; ich ſtelle Dich dem Könige vor und Du biſt Offizier. Noch hat ſich kein Orkum auf die Gelehrſamkeit gewor⸗ fen, Du biſt der erſte. „Ich werde Deinen Vorſchlag überlegen, Onkel Albrecht.“. „Auf Wiederſehen!“ ſprach Virginia nochmals und er konnte die Thür gewinnen. Aber wie unzufrieden war er wieder mit ſich ſelbſt und ſeinem linkiſchen, un⸗ beholfenen Betragen! Welch eine Unbefangenheit und Leichtigkeit beſaß Virginia! Wie ſchön bewahrte ſie ihre liebliche Haltung, das Ebenmaß in jeder Beziehung, auch wo ſie doch unmöglich an den Manieren und Worten ihres Mannes Gefallen finden konnte! Sie hatte ihn kalt begrüßt, in der ganzen Zeit nur wenige Worte mit ihm geſprochen und ihn Sie genannt; es war Alexander nicht entgangen! Welch ein Verhältniß mußte 45 hier ſtattfinden! Welch ein Streiflicht hatte dies Sie für Alexander in die ihm dunkeln Beziehungen des Ehe— paares geworfen! Der Onkel ging mit ihr vertraut um, ſoldatiſch frei, Alexander nannte es nach ſeinem Gefühl roh; glaubte ſie ihn durch das Sie, was viel⸗ leicht hier in höhern Ständen Sitte war, in feinere Schranken zu weiſen? In ſeinen Reden machte er offenbar Anſpielungen, welche ſie verletzten; er that dies abſichtlich, wie Alexander bei ſeiner geſchärften Aufmerk⸗ ſamkeit nicht überſehen hatte, obgleich ihm Alles unver⸗ ſtändlich geblieben war Sollte es nur Neckerei, unzar⸗ ter Scherz ſein oder ſteckte mehr dahinter? Der Jüng⸗ ling hatte in der kurzen Spanne Zeit, welche er hier verlebt, mehr Fortſchritte in der Menſchenkenntniß gemacht, als früher in langen Jahren. Er ſagte ſich, daß zwiſchen Virginia und ſeinem Onkel kein glück⸗ liches Verhältniß obwalten könne, und er wurde dabei tief traurig. Aber dieſe Wahrnehmung bannte ihn wie⸗ derum in den Zauberkreis, den er ſchon durchbrochen zu haben glaubte; er mußte Gewißheit haben, er konnte nicht mit den quälenden Zweifeln, die ihn jetzt bewegten, auf Nimmerwiederſehen von Virginia ſcheiden. Vom Prinzen Camillo hatte er ſchon Abſchied ge⸗ nommen, da er wirklich die Abſicht gehabt hatte, ſich heute auch bei der Tante nach ihrer Rückkehr zu em⸗ 46 pfehlen. Den Herren, deren Bekanntſchaft er ſonſt ge⸗ ſucht hatte, um ihre Unterſtützung bei ſeinen Studien zu gewinnen, den Bibliothekaren und Cuſtoden, Profeſſo⸗ ren und Archäologen— es war eine nicht unbedeutende Zahl— hatte er bereits ſeinen Dank ausgeſprochen. Mit dem ernſtern Theil ſeiner hieſigen Aufgabe hatte er abgeſchloſſen, wenn er ſich auch leider ſagen mußte, daß er ſeine Zeit und Gelegenheit nicht nach Gebühr wahrgenommen habe und bei weniger Zerſtreuung grö⸗ ßere Reſultate hätte gewinnen können. Seine Arbeiten wieder aufzunehmen, auch wenn er jetzt noch einige Zeit länger verweilte, hatte er nicht im Sinne; er verſprach ſich keinen Vortheil davon, ſein Sinn war ihnen ent⸗ fremdet worden! Er brauchte daher mit jenen Herren nicht wieder anzuknüpfen; begegnete ihm einer und wun⸗ derte ſich, daß er noch hier ſei, ſo konnte er ihm ja, wie ſeine deutſche Gewiſſenhaftigkeit forderte, eine Er⸗ klärung geben. Aber Virginia's Bruder glaubte er von ſeinem veränderten Entſchluſſe eine Mittheilung machen zu müſſen, da er ihm in anderer Beziehung ſo viele Aufſchlüſſe über die hieſigen Zuſtände verdankte. Nur über diejenigen Verhältniſſe nicht, welche Alexander im⸗ mer näher zum Herzen gingen, über die Verhältniſſe in ſeiner Familie. Alle die Fragen, welche der großen Welt noch heute unbeantwortet geblieben waren, hatten 47 ſich allmälig auch Alexander aufgedrängt. Camillo, deſ⸗ ſen ganzes Weſen gegen ihn ſo klar und durchſichtig ſchien, daß er mit Vertrauen ſelbſt die ſchwierigſten Probleme im Staatsleben dem jungen, ihm faſt ganz fremden Manne entwickelte, Camillo hätte ihm vielleicht jene Fragen gelöſt, wenn er den Muth gehabt hätte, ſie ihm vorzulegen. Wie er Virginia und ihn kannte, war es unmöglich, daß ſich dabei etwas enthüllen konnte, deſſen ſie ſich zu ſchämen hatten. Wenn er nun heute, nachdem er einen Einblick in das Verhältniß Virginia's zu ſeinem Onkel gewonnen, den Muth faßte, eine offene, vertrauensvolle Frage, zu der ihn ſeine Verwandtſchaft berechtigte, an Virginia's Bruder zu richten? Er fand ihn daheim, in ungewohnter Laune, wie er gleich beim Empfange bemerkte. Die Klarheit ſeiner Stirn war verſchwunden, er begrüßte den Neffen ſeines Schwagers hoöflich, aber nicht ſo freundlich wie ſonſt, und damit war für dieſen Alles vorbei. Er erklärte ſein Kommen damit, daß er es für ſeine Schuldigkeit gehalten, ihn von ſeinem Entſchluß, die Abreiſe zu ver— ſchieben, in Kenntniß zu ſetzen, weil er ſich ſonſt dar⸗ über wundern müſſe, ihn noch hier zu ſehen. Was ihn dazu bewogen hatte, ſprach er nicht aus, aber Camillo bedurfte deſſen auch nicht, um ihn zu durchſchauen. Zer⸗ ſtreut hatte der Prinz die etwas lange Erklärung ange⸗ 48 hört, in welcher ſich Alexander ein paarmal feſtſpann; er ſchien aber zuletzt ſich von den Gedanken, die ihn verſtimmt haben mochten, loszureißen, und die Wolken, die auf ſeinen Brauen gelaſtet hatten, verzogen ſich. Herzlich gab er Alexander jetzt die Hand und hieß ihn, wie er ſich ausdrückte, als neugeſchenkt willkommen. Keine Frage nach ſeiner Schweſter! Der Jüngling hatte ſich zu viel zugetraut, als er den Vorſatz gefaßt, der ihn hierher geführt hatte. Camillo war wohl der Mann, Fragen zu ſtellen, nicht aber ſolche an ſich richten zu laſſen. Indeſſen wäre es unnatürlich geweſen, wenn Alexander von dem Beſuche im Hauſe ſeines Oheims, von welchem er eben kam, gar nicht geſprochen hätte. Er erzählte, daß er gegen ſeine urſprüngliche Abſicht zu⸗ gegen geweſen, als die Tante zurückgekommen ſei, und daß ſein Onkel viel Intereſſantes aus dem Kriege er⸗ zählt habe. Camillo ließ ſich davon Einiges wiederho⸗ len, das ihm Antheil einzuflößen ſchien, dann fragte er, ob der Graf ſich auf längeres Bleiben eingerichtet habe, worauf Alexander jedoch keine Antwort geben konnte. Freilich ſagte er ſich jetzt ſelbſt, daß nach der erſchüt⸗ ternden Kataſtrophe in Deutſchland der König von Nea⸗ pel nicht daran denken könne ſich theilnahmlos in ſeine Staaten, wie in eine ſichere Freiſtatt, zurückzuziehen und den Sturm an ſich vorüberbrauſen zu laſſen, daß er irgend 49 einen Entſchluß faſſen und handelnd auftreten müſſe, daß alſo für alle, welche an ſeine Perſon gebunden, ein längeres Stillleben daheim unmöglich ſei; das war ſo einfach und er hatte doch im Hauſe ſeines Onkels nicht daran gedacht! Vielleicht in den nächſten Tagen ſchon, wenn der König ſeine Staatsangelegenheiten ge⸗ ordnet hatte, veiſte er mit ſeinen militäriſchen Begleitern wieder zur Armee ab. Alexander fühlte, daß er bei die⸗ ſem Gedanken erröthete. Camillo ſchien das aber nicht zu bemerken. „Sie haben Ihr Vaterland in einer großen Zeit verlaſſen“ ſprach er.„Mißverſtehen Sie mich nicht! Ich bin fern davon, Ihnen einen Vorwurf daraus zu machen. Sie haben ſich, als Sie unabhängig wurden, dem Dienſte Ihres Staates nicht geweiht, weder mit dem Degen, noch mit der Feder; ich begreife das voll⸗ kommen. Vielleicht verſtändigen wir uns einmal dar⸗ über, daß ich anders gehandelt habe. Vorauszuſehen war es nicht, wie ſich die Ereigniſſe zu dieſem gewalti⸗ gen Umſchwunge entwickeln würden, ſonſt wären Sie vielleicht doch, Ihre wiſſenſchaftliche Reiſe vertagend, auf Ihren Gütern geblieben, um zu rechter Zeit in die Geſchicke Ihres Landes, wie es dem Grundherrn ge— ziemt, einzugreifen. In Deutſchland iſt eine Erhebung des Volks eingetreten, wie ſie faſt beiſpiellos in der Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. IH. 4 ————— ————— 50 Geſchichte iſt; mit jedem Fußbreit, welchen Napoleon's Heere ihren Gegnern räumen mußten, ſind neue Schaa⸗ ren gleichſam aus der Erde gewachſen, die Feinde zu vermehren, und in Ihrer engern Heimat wird es auch nicht anders ſein. Haben Sie keine Nachrichten von dort?“ Jetzt wurde die Glut, welche aus einem ganz an⸗ dern Grunde in Alexander's Wangen geſtiegen war, zur wirklichen Schamröthe. Er mußte ſich geſtehen, daß er fern vom Vaterlande die Geſchicke deſſelben nur vom hiſtoriſchen Standpunkte betrachtet, daß er, wie ein Träu⸗ mer in ſeine abſtracten Studien verſenkt, des Vater⸗ landes beinahe vergeſſen, und gerade weil er die großen Beiſpiele claſſiſcher Vorzeit vor Augen hatte, mußte ihn Camillo's Rede empfindlich treffen.„Sie haben Recht!“ ſagte er.„Hätte ich im vorigen Herbſt, als ich meine Heimat verließ, ahnen können, was ſich im Laufe we⸗ niger Monate begeben würde, ſo hätte ich ſie nimmer verlaſſen. Aber wie ſollte ich in ihre Geſchicke eingrei⸗ fen? Haben wir noch ein gemeinſames Vaterland? Es iſt zerriſſen. Wer iſt mein Landesherr zum Beiſpiel? Ein Knabe, für den das Land verwaltet wird, kein deut⸗ ſcher Fürſtenſohn, ein Fremder, wie unſer Nachbar auf dem Throne von Weſtfalen! Der Kaiſer Napoleon— doch ich verletze Sie, ich vergeſſe, daß Sie ein Staats— 51 diener des Königs von Neapel ſind. Sagen wollte ich nur, daß für mich, den einfachen und unerfahrenen jun⸗ gen Menſchen, auf dem heimiſchen Beſitzthum ſich wohl kaum ein Feld der Thätigkeit eröffnet hätte, da ich— verzeihen Sie mir die offene Aeußerung!— für den Im⸗ perator, dem wir gehorchen, kein Herz habe. Nachrich⸗ ten aus der Heimat ſind in letzter Zeit für mich gar nicht eingelaufen; ich ſtehe mit Niemand in einer Corre— ſpondenz von einigem Intereſſe und die Verwaltung mei⸗ ner Beſitzungen habe ich in treuen Händen zurückgelaſſen. Mein Onkel konnte mir auch nicht viel ſagen, er hat mit ſeinem Könige den Kaiſer in Erfurt ſchon am 25. Oetober verlaſſen Seitdem ſollen die Verbündeten, wie er behauptet, bis zum Rhein vorgedrungen ſein, alſo alles Land erobert haben, was dem Kaiſer noch in Deutſch⸗ land zu Gebote ſtand. Gott weiß, was damit geſchehen wird, ob die alten Gebiete ſämmtlich wiederherge⸗ ſtellt werden! Was ſoll ich jetzt, der Einzelne, dort? Daß die Jugend in Preußen und, ihrem Beiſpiel folgend, Schritt für Schritt, je weiter die Franzoſen gewichen find, die Jugend in andern deutſchen Ländern zu den Waffen gegriffen hat—“ „Nun, Sie ſtocken, Aleſſandro? Hätten Sie, wenn Sie in dieſem Frühlinge daheim geweſen wären, nicht auch die Waffen ergriffen für die Freiheit Seu * 52 immer nicht zu ſpät kommen. Heere ſtoßen!“ ſchon früher ſagte, meine Onkel.“ Doch ich will Sie nicht weiter quälen. Sie möchten am Ende glauben, daß ich als Staatsrath des Königs von Neapel Sie über Ihre Geſinnungen ausforſchen und als einen Feind des Kaiſers der geheimen Polizei überliefern wolle. Ich achte jede Ueberzeugung, wenn ſie nur eine 3 wahrhafte und feſte bleibt. Der Kampf, mein junger Freund, iſt aber noch nicht zu Ende; es wird nicht ſo leicht ſein, den Imperator, wie Sie ihn nennen, zu ſtür⸗ zen und eine neue Ordnung der Dinge in Europa her⸗ beizuführen. Darum würden Sie, der Einzelne, noch Als Feudalherr— das ſind Sie doch noch trotz aller Abolitionen— könnten Sie vielleicht mit zwanzig, dreißig Reiſigen zum deutſchen „Verſpotten Sie mich nicht!“ bat Alexander, der zu ſeiner Erleichterung ſah, daß Camillo von dem Thema, welches für ihn auf einmal tauſend Dornen hatte, abzu⸗ lenken begann.„Mein Onkel hat mir auch meine Un⸗ fähigkeit in praktiſchen Dingen vorgeworfen. Doch werde ich mich ſchon hineinfinden, wenn ich meinen rechten Standpunkt gewonnen habe. Ich gebe, wie ich Ihnen weitern Reiſepläne und kehre nach Hauſe zurück, vielleicht mit meinem „Glauben Sie?“ fragte Camillo.„Doch wir wollen 53 der Zeit nicht vorgreifen. Iſt meine Schweſter heute erſt angekommen? Von wo?“ Das wußte er nicht! Jetzt war vielleicht der Mo⸗ ment, der augenblicklich benutzt werden mußte! Alexan⸗ der, nachdem er die Fragen beantwortet hatte, äußerte mit bewegtem Tone, der aber bei jedem Worte an Zu⸗ verſicht verlor:„Ich habe meinen Onkel jetzt erſt kennen gelernt. Ich wußte von ihm nichts, als was mir mein Vater erzählt hatte; die Brüder waren nie recht einig geweſen—“ Hier ſtockte er und Camillo ſchwieg. „Ich fürchte“, fuhr der Jüngling fort, und es war, als riſſe ihm eine fremde Gewalt das Wort vom Her⸗ zen,„ich fürchte, daß Ihre Frau Schweſter nicht glück⸗ lich iſt.“ Da ergriff Camillo ſeine Hand und drückte ſie ſtark.„Ich weiß, daß Sie es gut mit Virginia meinen“, ſagte er.„Bleiben Sie ihr immer ein zuverläſſiger Freund!“ Ehe Alexander eine Antwort fand, wurde ein frem⸗ der Beſuch gemeldet: General Janelli. Der junge Frei⸗ herr griff ſogleich zu ſeinem Hute. Er ſah, daß Camil⸗ lo's Antlitz, das gegen ihn zuletzt ſo freundlich gewor⸗ den ſich wieder verändert hatte, ob infolge der Wen⸗ dung, welche ihr Geſpräch genommen, oder durch die Un⸗ terbrechung deſſelben, wußte er nicht, aber es war jetzt 54 ihn bat, näher zu treten. tete der Diener. ſchloſſen. wieder die verdüſterte Stirn, mit welcher Alexander em⸗ pfangen worden war. Der Prinz beherrſchte deren Aus⸗ druck jedoch ſo, daß ſie ſich flugs wieder glättete. „Keinen gänzlichen Abſchied alſo vor der Hand!“ ſagte er, als Orkum ſich empfahl. Der Diener wartete noch auf Beſcheid für ſeine Anmeldung und erhielt ihn jetzt. Alexander fand im Vorzimmer den General, der ſeinen Gruß im Vorübergehen höflich erwiderte. „Wer war das?“ fragte derſelbe den Diener, der „Ein Baron Orkum, Vetter des Oberſten“, berich⸗ „So, ſo!“ rief der General und warf dem Deut⸗ ſchen noch einen ſchnellen Blick nach, der ihn aber nicht mehr traf. Die Thür hatte ſich ſchon hinter ihm ge⸗ Drittes Kapitel. Die Bäthe der Krone. „Ich komme noch einmal, Don Camillo, um Ihnen das Reſultat meiner Beſprechung mit Ihrem Herrn Vet⸗ ter zu melden.“ Der Prinz bat den General, Platz zu nehmen. „Nur einen Moment!“ ſagte dieſer.„Wir dürfen keine Zeit verlieren, wenn wir handeln wollen.“ Er ſetzte ſich aber ſehr bequem nieder und fuhr fort:„Ich bin jetzt vollkommen orientirt und glaube, daß mir der Fang nicht entgehen kann. Ihr Herr Vetter iſt mit dem Manne bekannt und hat mir gezeigt, wie er zu faſſen iſt.“ „In der That!“ verſetzte Camillo. „Sie nehmen natürlich das größte Intereſſe daran, da Sie bei der Sitzung über dieſe Angelegenheit wahr⸗ ſcheinlich durch Ihr Votum den Ausſchlag zum Vorge⸗ hen der Regierung gegeben haben. Uns, die wir noch immer nicht recht wußten, wie wir handeln ſollten, bald zu viel, bald zu wenig, war es lieb, daß endlich die 56 Verordnung erſchien. Die Umtriebe der Carbonari mit dem Feinde ſind entdeckt, die Geſellſchaft iſt geächtet und mit den ſchwerſten Strafen bedroht. Nun weiß man, woran man iſt. Wir ſind Ihnen ſehr dankbar.“ „Sie thun mir zu viel Ehre an, Don Annibale; ich habe dies Decret nicht veranlaßt und will mich nicht mit fremden Federn ſchmücken. Der König fragte auch mich um meine Anſicht; ich war aber nicht für übertrie⸗ bene Strenge.“ „Ja, mein gnädiger Herr, wie wollen Sie aber ſonſt mit der Geſellſchaft fertig werden?“ rief der Ge⸗ neral.„Mit Güte kommt man nirgends weit in der Welt, amneſtirte Verbrecher ſind neue Feinde, um ſo erbitterter, weil ſie gedemüthigt worden ſind. Ich ehre Ihre milde Geſinnung, die überall gern ſchonen möchte, aber es freut mich nun doch, daß der König diesmal nicht auf Sie gehört hat. Wir können jetzt der Sache ein ſchnelles Ende machen.“ „Glauben Sie das?“ entgegnete der Prinz. „Ganz gewiß! Dieſer Capobianco iſt das Haupt der Carbonari. Ein junger Mann von Vermögen, angeſehen in ſeiner Gegend, Chef der Stadtmiliz in ſeinem unzu⸗ gänglichen Felſenneſte, das auf einem der ſteilſten Berge der Prima Calabria liegt, von kühnem, unternehmendem Geiſte und, was das Gefährlichſte iſt, ein ausgezeichneter Redner, deſſen Worte unter dem Volke wie lebendiges Feuer zünden ſollen.“ „Das klingt allerdings ſehr gefährlich. Haben Sie aber ſichere Beweiſe, daß dieſer Mann das Haupt der Carbonari iſt? Soweit unſere Ermittelungen über dieſe geheimnißvolle Verbindung reichen, iſt dieſelbe, um der Möglichkeit des Verraths nach Kräften vorzubengen, gar nicht unter einem Haupte vereinigt, ſondern beſteht nur lokal mit gewiſſen Mittelpunkten.“ „Gleichviel! General Manches ſagt mir, daß es vorzüglich darauf ankommt, gleich von vornherein ein Exempel zur Abſchreckung zu ſtatuiren. Der Capobianco hat die Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, er gilt bei uns für das Haupt der Carbonari, gleichviel, ob mit Recht oder Unrecht; wir wiſſen, daß er allerlei Reiſen macht und mit äußerſter Liſt und Kühnheit Zuſammenkünfte veran⸗ ſtaltet; es wird Ihnen nicht unbekannt geblieben ſein, daß er ſich ſogar erfrecht hat, in der Villa Angri bei Ihrer Frau Schweſter eine ſolche zu halten—“ „Sie wählen falſche Ausdrücke, Herr General!“ un⸗ terbrach ihn Camillo kalt.„Bei meiner Schweſter, ſag⸗ ten Sie?“ „Bitte um Verzeihung!“ rief Janelli lachend.„Ich meinte natürlich nur im Garten, der Ihrer Frau Schwe⸗ ſter gehört, und ohne deren Vorwiſſen. Wäre es anders 58 geweſen, ſo bin ich feſt überzeugt, daß Sie ſelbſt ſchon einen Befehl des Königs gegen die eigene Schwe⸗ ſter erbeten haben würden!“ Der Prinz verneigte ſich. „Glücklicherweiſe haben wir aber bis jetzt in dieſer Sache noch nicht mit Damen zu kämpfen“, fuhr der Ge⸗ neral heiter fort;„das würde unſere Aufgabe noch mehr erſchweren durch Confliete mit der Jugend und Schön⸗ heit, deren Verſuchung mancher von uns erliegen würde. Damen haben wir zum Glück noch nicht unter den Carbo⸗ nari ermittelt.“ „Sie vergeſſen die Dame der Königin von Sicilien!“ ſagte Camillo, der das Geſpräch, das nur ein kurzes ſein ſollte, nicht ohne Abſicht verlängerte. „Ach, die Dame von Villa Tranfa! Ja, die macht uns freilich viel Noth, wenn auch nicht durch Jugend und Schönheit! Von ihr mag Vieles ausgehen, was die Königin dann vertreten muß. Wenn es nach der Villa Tranfa ginge, ſo wäre unſer ganzes ſündiges Neapel mit uns allen, die wir zum König Joachim halten, bereits wie Sodom und Gomorrha von der Erde vertilgt, oder ein ſanfter Aſchenregen von ſieben Tagen und ſieben Näch⸗ ten hätte uns eingedeckt wie Herculanum und Pompeji. Der Himmel erhört ihre freundlichen Wünſche aber nicht, und ſo bleibt der Dame denn nichts übrig, als irdiſche Feinde auf uns zu hetzen, ſoviel ſie deren aufhetzen 59 kann. Sie hat die Hände bei unſern Carbonari im Spiel, das gebe ich Ihnen zu. Verzeihen Sie aber nur, ich bitte Sie nochmals, daß ich die Ehrfurcht vor der Frau Gräfin Orkum durch eine falſche Präpoſition ver⸗ letzte. In der Villa Angri und zwar in der reizenden Grotte, die ich noch als Gaſt Ihres Herrn Vaters be⸗ treten habe, iſt aber der Capobianco mit einigen andern Häuptern zuſammengekommen, das hat die Polizei ganz beſtimmt ermittelt. Auch ſitzt ja ein Gondolier Ihrer Frau Schweſter deswegen im Gefängniß.“ „Wie?“ rief der Prinz überraſcht, ja faſt be⸗ troffen. „Das wiſſen Sie nicht?“ entgegnete der General. „Und die Frau Gräfin hat ſich doch für ihn verwandt? Die beſte Verwendung durch Sie ſcheint ſie alſo nicht gewünſcht zu haben; ich kann es mir denken! Ihre un⸗ beugſame Gerechtigkeitsliebe würde nicht zu bewegen ſein, den geringſten Schritt zu thun. Ich begreife das vollkommen.“ „Daß ſich meine Schweſter ihres Dieners annimmt, werden Sie hoffentlich ebenſo vollkommen begreifen“, erwiderte Camillo, welcher die momentan verlorene Selbſtbeherrſchung wiedergewonnen hatte.„Mir iſt von der Sache nichts bekannt geworden, vielleicht aus dem Grunde, den Sie angenommen haben. Wenn der Menſch 60 ſich hat verleiten laſſen, der Zuſammenkunft der Ver⸗ ſchworenen, vielleicht um eines elenden Trinkgelds willen, Vorſchub zu leiſten und ihr die Grotte zu öffnen, ſo mag er dafür büßen. Meine Schweſter hat ſehr richtig erkannt, daß ich keine Veranlaſſung finden würde, ſeinet⸗ wegen ein Wort zu verlieren. Das Recht muß ſeinen Lauf haben.“ „Gewiß, das Kriegsrecht vor allem!“ fagte Janelli. „Stünde nur erſt der Capobianco vor ſeinen militäri⸗ ſchen Richtern! Indeſſen haben die Andeutungen Ihres Herrn Vetters Don Emilio mir Hoffnung gemacht; ich weiß wenigſtens, wie dem Manne beizukommen iſt. Zeit darf aber nicht verloren gehen, hier kann jede Minute koſtbar werden; denn wenn er gewarnt wird, könnten wir leere Netze zuziehen. Ich will mich darum nicht länger aufhalten. Was mich aber noch außerdem zu Ihnen geführt hat, iſt eine Nachricht, die mir unterwegs zu Ohren kam; von Ihnen glaubte ich die beſte Aus⸗ kunft zu erhalten, ob ſie wahr iſt.“ „Von mir? Sie erweiſen mir wiederum zu viel Ehre! Ich erfahre nicht mehr als jeder Andere.“ „D. Sie ſind beſcheiden und klug, Don Camillo! Sie wollen Ihre eigentliche Stellung, die noch eine ganz andere iſt als die officielle, welche Sie bekleiden, ver⸗ leugnen, um nicht zu viel um Ihre Verwendung 61 gebeten zu werden. Ganz Neapel weiß aber, welchen Werth der König auf Sie legt!“ „Halten auch Sie mich für den politiſchen Beicht⸗ vater des Königs?“ erwiderte Camillo lachend.„Was haben Sie für eine Nachricht gehört? Wenn ich, ohne das politiſche Beichtgeheimniß zu verletzen, Ihnen Aus⸗ kunft geben kann, ſtehe ich zu Dienſten.“ „Waffenſtillſtand am Po?“ fragte Janelli.„Der Vicekönig ſoll die Heſterreicher neuerdings zum Rück⸗ zuge von Ravenna genöthigt und mit ihnen einen Waf⸗ fenſtillſtand geſchloſſen haben. Iſt das begründet?“ „Waffenruhe, nicht Waffenſtillſtand, ſagte mir ein hoher Offizier und bemühte ſich, mir, dem Laien, dieſen Unterſchied begreiflich zu machen. Daß in der letzten Zeit die Waffen geruht haben, weiß man in Neapel ſchon lange. Von einem förmlich abgeſchloſſenen Waf⸗ fenſtillſtunde iſt mir nichts bekannt. Wie ſollte ſich auch eine militäriſche Nachricht zu mir verirren? Fragen Sie im Kriegsminiſterium.“— „Ihnen iſt nicht beizukommen!“ verſetzte der Ge⸗ neral.„Wenn aber zwiſchen dem Vicekönig und dem neuen öſterreichiſchen Generalen Chef wirklich ein Waf⸗ fenſtillſtand abgeſchloſſen iſt, welche Folgen kann das haben? Wie ich höre, hat der Präſident des Hofkriegs⸗ raths, der Feldmarſchall Graf Bellegarde, das Com⸗ 62 mando der öſterreichiſchen Armee in Italien erhalten, und wenn zwei ſolche Autoritäten, wie er und Eugen Beau⸗ harnais, Waffenſtillſtand ſchließen, ſo kann es nicht an⸗ ders als auf allerhöchſte Ermächtigung und ein Vor⸗ bote des allgemeinen Friedens ſein. Das würde auf uns, auf den König und ſeine ganze Poſition bedeutende Wirkung haben. Sie lachen mich aus, Prinz Angri, daß ich Ihnen hier Geſchichten erzähle, welche Sie lange ſchon wiſſen, und von Ihnen Aufſchlüſſe erwarte, die Sie mir nicht im Traume geben wollen. Laſſen Sie mich hoffen, daß ich meinen Zweck mit Capobianco beſſer erreiche als bei Ihnen, und verzeihen Sie meine Dreiſtigkeit.“ Camillo gab ihm beim Abſchiede nochmals die Verſicherung, daß er über dieſe Angelegenheit in der That nicht mehr wiſſe als er; der General wollte ſich jedoch von ſeiner vorgefaßten Meinung nicht abbringen laſſen. Und es ſchien, als ſolle er darin beſtärkt wer⸗ den, denn noch in ſeinem Beiſein erhielt der Prinz einen Befehl, der ihn zum Könige beſchied. Mit einer tiefen Verbeugung und einem bedeutungsvollen Lächeln em⸗ pfahl er ſich. Camillo ging ein paarmal haſtig in ſei— nem Zimmer auf und ab, ehe er Anſtalt traf, dem er⸗ haltenen Befehle nachzukommen; nicht die Nachricht von dem abgeſchloſſenen Waffenſtillſtande beſchäftigte ihn— ſie war in der That auch unrichtig!— wohl aber, was 63 Janelli von einem verhafteten Gondolier ſeiner Schweſter erzählt hatte. Der arme Mas' Antonio, der ſich ſchon gegen ihn ziemlich ungeſchickt verrathen hatte, war nun in die Grube gefallen, aus der kein Entrinnen! Wie konnten ſie aber auch einen ſo plumpen Geſellen zu Dienſten verwenden, denen er nicht gewachſen war! Ca⸗ millo ging mit ſich zu Rathe; er ſtand mitten in ſeinem Umherkreuzen ſtill und blickte zu Boden. Dann wandte er ſich gelaſſen nach dem Klingelzuge und gab Befehl zum Anſpannen. Der König war nicht allein, wie Camillo erwartet hatte. Um ihn waren vielmehr von den Miniſtern und Generalen diejenigen verſammelt, auf deren Urtheil, er das meiſte Gewicht legte, und Camillo ſah auf den erſten Blick, daß hier zwei entgegengeſetzte Strömungen wogten und daß vor ſeiner Ankunft ſchon ſtark debattirt worden war. Er kam aber nicht zu ſpät; der König hatte ihn zu der Berathung, welche er pflog, gar nicht ziehen wol— len, ſondern zu einer Stunde herbefohlen, wo dieſe nach ſeiner Annahme beendigt ſein mußte. Sie hatte ſich je— doch, da die Gegenſätze der Meinungen nicht zu verſöhnen waren und der König vermied, ſich für eine derſelben zu⸗ entſcheiden, länger verzögert und Prinz Camillo Angri mußte ſofort eintreten; der König hatte dazu ſchon Be⸗ fehl gegeben. S——— —— 64 Es herrſchte gerade eine Pauſe; offenbar ſchöpften die Parteien Athem zu neuem Kampfe; beide aber blick⸗ ten freundlich dem Eintretenden entgegen in der Hoff⸗ nung, durch ihn einen Bundesgenoſſen zu erhalten und dann zu ſiegen, denn bis jetzt hatten ſie ſich mit ihren Argumenten ziemlich das Gleichgewicht gehalten. Es war allgemein bekannt, daß der König auf die Meinung des Prinzen Angri viel Werth legte, woraus Joachim gar kein Geheimniß machte, und ſo kam er gewiß, um den Ausſchlag zu geben. Der König befahl ihm, Platz in der Verſammlung zu nehmen, ſetzte ihn nicht erſt in Kenntniß, worüber berathen werde, ſondern gab dem Nächſten, deſſen Anſicht er hören wollte, das Wort, und Camillo hatte dann ſogleich das vollſte Verſtändniß. Es war ein Conſeil über die große Frage, welche der König bereits bei ſeiner Ankunft mit ſeiner Gemahlin beſpro⸗ chen hatte. Wie die Königin richtig vorausgeſehen, waren die Unterhandlungen, welche die Verbündeten an⸗ geknüpft hatten, nicht aufgegeben; König Joachim hatte die Vorſchläge, die ihm der Abgeſandte des Kaiſers von Oeſterreich gebracht, wenigſtens angehört und nicht unbe⸗ dingt zurückgewieſen; ſo waren ſie erneut worden und der König hatte bereits abgeſondert und einzeln die An⸗ ſichten einiger ſeiner höchſtgeſtellten Diener, denen er be⸗ ſondere Zuneigung oder Vertrauen ſchenkte, vernommen. 65 Heute war es denn eine Ausgleichung derſelben, welche er in dem zuſammenberufenen geheimen Conſeil verſuchte. Von der einen Seite wurde ihm in der erneuten Discuſſion geſagt, daß bei den verſchiedenen, vielleicht entgegengeſetzten Pflichten, welche er als König von Nea⸗ pel, franzöſiſcher Bürger und Verwandter des Kaiſers mit dem, was er ſeinem Ruhme bei der Mit⸗ und Nach⸗ welt ſchuldig ſei, in Einklang zu bringen habe, nur ge⸗ fragt werden könne, ob ſich nicht alle dieſe Intereſſen in einem Punkte für den König und ſein Volk vereinig⸗ ten. In Europa walte der Kampf des neuen Jahrhun⸗ derts mit dem Alten; der Sieg könne niemals ein particu— lärer für einen Staat und ein Volk werden. Die franzö⸗ ſiſche Revolution, das Reich Bonaparte's, die neuen Kö⸗ nige, die franzöſiſchen Staatsformen ſeien für die alten Herrſcher identiſche Begriffe, daher ihre Friedensſchlüſſe, ihre Allianzen, ihre Freundſchaftsverſicherungen mit jenen nur Transactionen der Nothwendigkeit, ohne Verbindlich⸗ keit für ihre Treue und ihr Gewiſſen. Kein neuer König dürfe hoffen, ſich auf ſeinem Throne zu erhalten, wenn das Kaiſerreich geſtürzt ſei, kein Volk, ſeine neuen Inſti⸗ tutionen unter ſeinem alten Herrſcher zu behaupten; der erſte Act der Revolution wie die letzte ſegensreichſte Verfügung eines neuen Königs würden gleichmäßig ver⸗ abſcheut und verdammt werden. Daher hätten Frank⸗ Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. II. 5 66 reich, der Kaiſer Napoleon, König Joachim und das neapolitaniſche Volk gleiche Gefahren und Intereſſen; ſie könnten nur mit einander ſtehen und fallen! Von dem Rufe und der Glorie des Königs wolle man nicht reden. Er verdanke das Diadem ſeinen Kriegsthaten, aber Bo⸗ naparte und Frankreich ſeien doch die Werkzeuge Gottes dazu geworden. Moreau könne ſich für ſeinen Abfall durch die erlittenen Unbilden, Bernadotte durch die In⸗ tereſſen Schwedens und den Willen des Königs, ſeines Adoptivvaters, decken. Was würde aber die Welt zu Joachim ſagen? Alles lege ihm die Pflicht auf, Frank⸗ reich treu zu bleiben. Dreißigtauſend Mann unter ihm könnten Neapel gegen die ſieilianiſchen und engliſchen Streitkräfte vollkommen vertheidigen, ebenſo viel ſich mit den italo fränkiſchen Schaaren des Vicekönigs verei- nigen und von Italien aus den Krieg und die Rache wieder nach Deutſchland und Wien tragen. Italien, zwiſchen den beiden Armeen, werde die Baſis mit uner⸗ ſchöpflichen Hülfsquellen für beide, welche auf innern Linien, alſo den kürzeſten, in Verbindung ſtehen und deren jede im Falle des Unglücks ſich auf die andere ſtützen, durch ſie ſtärken könne. Was auch am Rhein vorfalle, der italieniſche Krieg werde immer lokal für ſich beſtehen, und wer ihn leite, zugleich die politiſchen Transactionen in ſeiner Hand haben. So allein ſei ein glücklicher Aus 67 gang ſicher, und wäre dieſe Annahme irrig, ſo habe man in der ſchwierigſten Lage, wo Menſchenurtheil zu Schan⸗ den wird, wenigſtens auf den Rath der Ehre gehört. Die andere Partei ſuchte dieſe Anſchauung zu ent⸗ kräften, ohne die perſönlichen Gefühle des Königs zu verletzen. Sie ging von der Ueberzeugung— welche ſie vorgab!— aus, daß, wenn die Einſicht Joachim's allein zu richten hätte, die Entſcheidung bereits getroffen und Neapel mit dem größern und glücklichern Theile Euro⸗ pas verbündet ſein würde. Bei ſolcher Entſcheidung falle aber neben dem Intereſſe auch die Neigung ins Gewicht; der Königspflicht widerſtrebe die Dankbarkeit, die Treue im Unglück, die Vaterlands- und Verwandten⸗ liebe. Wohin werde ſich der Sieg neigen? Die Natur der Dinge ſage es. Joachim verdanke Frankreich und Bonaparte Alles; wenn Frankreich ſeines Arms bedürfe, ſo werde er hingehen, für Frankreich zu kämpfen oder zu ſterben, und wäre des Kaiſers Leben in Gefahr, werde er ſeinen Leib zu deſſen Schilde machen. Aber im Dienſte ſeiner Wohlthäter ſein eigenes Volk in das Verderben ſtürzen, das heiße doch wohl eine Schuld auf fremde Unkoſten abtragen. Vor wenig Monaten habe das Glück Italiens dem Wunſche weichen müſſen, den der König gehegt, dem Kaiſer der Franzoſen per⸗ ſönliche, aber vergebliche Dienſte zu leiſten. Wenn er 68 nicht nach Dresden gegangen wäre, ſondern mit Lord Bentinck abgeſchloſſen hätte, ſo würde das Schickſal des Landes ein anderes ſein. Es müſſe endlich einmal auf⸗ hören, daß ſich die Italiener für die Franzoſen opfer⸗ ten; wenn ſie ihnen weiſe Geſetze und wohlthätige Einrichtungen verdankten, ſo hätten ſie dieſe Schuld mit Tribut und in Waffen längſt abgetragen, und wenn Neapel durch ſeinen König groß und geachtet daſtehe habe es durch Gehorſam und Leiden das verdient. Verpflichtung und Dankbarkeit ſeien alſo gegenſeitig. Wenn man, von den Leidenſchaften der Gegenwart abſehend, der Zukunft vorgreife und in einem Geſchichtswerke der Nachwelt ſich geſchrieben denke: Joachim opferte der Liebe für ſeine Verwandten, der Dankbarkeit für empfangene Wohlthaten, den Intereſſen eines Landes, das ſeine Heimat war, ſein Volk— und in einem andern Buche: Dem Volke, deſſen König er war, opferte Joachim alle ſeine theuerſten perſönlichen Nei— gungen— und es ſtehe in der Macht König Joachim's, eins dieſer Bücher zu vernichten, damit das andere als Wahrheit in Ewigkeit bleibe, welches werde er wählen? Der Beiſtand, welchen Neapel dem Kaiſer leiſten könne, ſei nicht ſo groß. Von 45,000 Mann, und das ſei die höchſte Stärke der Armee bedürfe man wenigſtens 25,000 zur Vertheidigung von Neapel, könne alſo nur 69 20,000 zum Vicekönig ſtoßen laſſen, wo dann 60,000. Mann gegen ebenſo viel Heſterreicher ſtänden, welche, vom Bewußtſein der Siege in Deutſchland gehoben, ſie auf⸗ halten würden, bis neue 60,000 Mann zu ihrer Ver⸗ ſtärkung kämen. Dieſe könnten die Verbündeten mit Leichtigkeit, ohne ihre Heere am Rhein zu ſchwächen, nach Italien werfen! Aber neben dem äußern Krieg auch der innere Krieg! König Ferdinand habe den leicht erregba⸗ ren Völkern von Neapel ſich ſchon mit der Conſtitution in der Hand gezeigt, Lord Bentinck verbürge deren Dauer im Namen des mächtigen und freien England. Die Unzufriedenheit im Lande ſei groß; die ſtrengen polizei⸗ lichen Maßregeln unter Joſeph, die Grauſamkeit des Ge⸗ nerals Manches gegen den Brigantaggio, die Verfolgung der Carbonari, jeder Mißgriff der Regierung, alle Drang⸗ ſale, alle Todesurtheile in acht Revolutionsjahren er⸗ wachten wieder im Gedächtniß. Schon habe man Zeichen davon in den Abruzzen und Calabrien gehabt; zu Po⸗ liſtena ſei der lange nicht mehr geſehene Freiheitsbaum errichtet worden und es habe militäriſcher Gewalt be⸗ durft, um ihn zu beſeitigen. Auch die Disciplin in der Armee ſei nicht mehr geſund. Sie werde zwar hoffent⸗ lich ſiegen; wie aber, wenn ſie nun doch von der Ueber⸗ macht der äußern Feinde und der ſich überall erhebenden Revolution geſchlagen werde? Und welches Ende ſei ab⸗ 70 zuſehen? Daß der Kaiſer der Franzoſen Alles beſiegen und die Weltherrſchaft wiedergewinnen werde, ſei ein Märchen, ein Traum; er werde höchſtens das Reich zwiſchen dem Meere und dem Rhein behaupten, alſo auf Spanien, Deutſchland, Italien verzichten müſſen, folglich an Macht ſinken. Der König von Neapel werde aber auf jeden Fall ſeinen Thron verlieren und ſein beſiegtes oder abgetretenes Volk unter der Geißel ſeiner alten Könige bluten, die um ſo grimmiger zurückkehren würden, weil ihnen die Rückkehr ſo lange ſtreitig gemacht worden ſei. Alles Gute, das die beiden franzöſiſchen Herrſcher dem Reiche gethan, werde in einem Tage verſchwinden und von der Revolution nichts übrig bleiben als die Proſcriptionsliſten. Der einzige Weg, ſich die Krone und ſeinem Volke die Inſtitutionen zu erhalten, welche er ihm gegeben, ſei der Friede und die Allianz mit den Mon⸗ archen Europas. An ihrem Worte, an ihrer Treue zu zweifeln, ſei durch nichts gerechtfertigt. Mit ihnen die Erhaltung, die Rettung Neapels, gegen ſie der ſichere Untergang, darüber könne ſich der König unmöglich ver⸗ blenden. Wie groß das Opfer ſeiner perſönlichen Gefühle auch ſei, um ſo herrlicher der Preis! Er möge einen ſchnellen, unwiderruflichen Entſchluß faſſen und nicht auf diejenigen hören, welche im Geiſte der altitalieniſchen Politik Zeitgewinn Sieg und Argliſt gegen Freund und 71 Feind Staatskunſt nennen. Nur ein Mittel gebe es, ſei⸗ nen Ruhm zu bewahren: die Erhaltung ſeines Throns. Der König, deſſen Art es ſonſt war, in ſeiner Leb⸗ haftigkeit jede längere Ausführung öfters zu unterbrechen, hatte den letzten Redner mit geſpannter Aufmerkſamkeit angehört und ihn ruhig ausſprechen laſſen. In ſeinem Geſicht, das jede Regung ſeiner feurigen Seele verrieth⸗ malte ſich bei den freien Worten, welche ihn ſelbſt nicht ſchonten, auflodernder Unwille, aber er bezwang ſich; zweimal wurde er bewegt: das eine Mal, da er der Schild für das Leben des Kaiſers genannt wurde, das andere Mal bei der Frage, welches von den beiden Büchern der Geſchichte er vernichten würde Als der Redner geendigt hatte, richteten ſich aller Blicke auf den König, ob er der Mahnung, einen ſchnellen, unwiderruflichen Entſchluß zu faſſen, Gehör geben werde, und auch den Prinzen Angri ſtreifte manches Auge verſtohlen, denn man erwartete, daß der König ihn, der mit keiner Miene verrathen hatte, welcher von den beiden entgegengeſetzten Meinun⸗ gen er ſich zuneige, wenigſtens zum Schluſſe auffordern werde, auch ſeine Anſicht vorzutragen; er konnte dann leicht das Zünglein in der ſchwankenden Wage werden. Aber der König that weder das Eine, noch das Andere. Er dankte ſeinen Getreuen für die gewiſſenhafte Dar⸗ ſtellung ihrer Ueberzeugung und beſchloß die Gründe, welche geltend gemacht worden, in Erwägung zu ziehen. Dann entließ er ſie überaus gnädig, und als Prinz Angri auf ſeinen Befehl zurückbleiben mußte, waren alle zwar einig, zu welchem Zweck das geſchah, aber keiner konnte ſich ſagen, in welcher Weiſe Camillo das Gehörte zu⸗ ſammenfaſſen und daraus ein Reſultat für die Entſchei⸗ dung des Königs ziehen werde. Auch Joachim war darüber zweifelhaft. Er warf einen prüfenden Blick auf den Prinzen, deſſen Auge ihm ruhig begegnete.„Zu welcher Partei ſchlagen Sie ſich, Angri?“ fragte der König, nachdem er eine Weile mit ſich ſelbſt zu Rathe gegangen war. „Zu der Partei, Sire, welche hier nicht gehört wor⸗ den iſt“, antwortete Camillo. „Noch eine dritte?“ rief der König.„Und wohl eine vierte, fünfte? Welche meinen Sie?“ „Die Partei, welche Ew. Majeſtät vertritt, die Partei Italiens!“ „Armes Italien!“ ſagte Joachim, von der uner⸗ warteten Antwort bewegt, indem er an ſeine hochfliegen⸗ den Pläne dachte, an die großartigen Entwürfe für das Glück der italieniſchen Völker, welche ſeiner Seele und ſeinem Herzen wirklich Ernſt geweſen waren. „Ja wohl, armes Italien!“ ſprach Camillo.„Wel⸗ cher Schmerz muß Jedem, der in Italien geboren iſt, das Herz zerreißen, wenn er ſieht, daß in dieſem Augen⸗ blick tapfere Söhne des Vaterlandes unter den franzö⸗ ſiſchen Adlern dienen, andere im Heere des Vicekönigs, wieder andere Ew. Majeſtät, noch andere dem Könige von Sicilien und ſogar den Engländern, zweimalhun⸗ derttauſend wenigſtens von den Alpen bis Cap Paſſaro, alle Kinder eines Landes, dieſelbe Sprache Italiens ſpre⸗ chend, und daß ſie, für eine fremde Sache kämpfend, ſich ſelbſt zerfleiſchen, ihre Kraft und ihr Leben fruchtlos vergeuden! In ihren Armen, in ihrem Geiſte läge Ita⸗ liens Sicherheit, und ſie gehen und betteln darum und werden überall ſchnöde abgewieſen. Nicht Italien iſt träge und ſchwach, die Schuld ſeines Elends iſt die Zerſplitte rung ſeiner Völker, das Zerwürfniß ſeiner Herrſcher!“*) „Ich wollte dem Elend ein Ende machen!“ rief der König, von dem ſteigenden Affect, mit welchem der Prinz geſprochen hatte, mächtig ergriffen. „Es iſt noch nicht zu ſpät, Sire“, erwiderte Camillo. „Was ſoll ich thun? Wenn Beauharnais der Mann wäre, ſich mit mir zu einigen, wir könnten von den ver⸗ bündeten Monarchen einen gemeinſamen Tractat erlan— *) Wer glaubt hier nicht eine Stimme aus Neu⸗Italien zu hören? Dieſe Rede wurde jedoch wirklich vor König Murat im Jahre 1813 gehalten. gen, der die Unabhängigkeit Italiens ſicher ſtellte! Beau⸗ harnais wird ſich aber nimmer mit Murat verbinden!“ „Niemals!“ beſtätigte Camillo.„Geben Sie dieſen Gedanken auf, Sire! Der Vicekönig ſucht ſein Verdienſt. in der blinden Treue, ſeinen Ruhm nicht für die Ge⸗ ſchichte, ſondern für—“ „Die Schauſtellung! Theaterruhm!“ rief der König, ohne zu ahnen, daß er ſich ſelbſt damit ſein Urtheil ſprach. „Laſſen Sie den Stiefſohn des Kaiſers alſo aus dem Spiel, verzichten Sie im Geiſte nicht auf Ihren großen Gedanken, wohl aber auf deſſen öffentliche Mani⸗ feſtation. Die Zeit wird kommen, wo Sie die Standarte Italiens entrollen können; für jetzt beſchränken Sie ſich aber auf dieſen Theil von Italien, der weder der geringſte, noch der unedelſte iſt. Geben Sie ihm eine ſichere Zukunft und die Civiliſation, nicht in karger Weiſe, wie bisher, ſondern mit vollen Händen!“ „Halt, mein Freund! Wir wollen erſt die Gegen⸗ wart ſichern! Welchen Entſchluß ſoll ich faſſen?“ „Frieden!“ antwortete Camillo kurz und beſtimmt. Der König ſchwieg. Einen ſo entſchiedenen Ausſpruch hatte er offenbar nicht erwartet; er war davon über⸗ naſcht. „Ja, Sie können Recht haben, Angri“, ſagte er nach einer Weile.„Indeſſen muß ich mich vor Ueber⸗ 35 eilung hüten. Ich bin es mir ſelbſt ſchuldig, wenigſtens abzuwarten, wie der Kaiſer meine Lage auffaßt; von ſeinem Standpunkte aus wird er natürlich anders ur⸗ theilen als ich. Es ſei fern von mir, den Weg mir durch ihn vorſchreiben zu laſſen, doch ſoll er nicht ſa⸗ gen, daß ich wie ein Verräther hinterliſtig an ihm ge⸗ handelt habe!“ Dieſe Miſchung von ritterlicher Offenheit und ver⸗ ſtecktem Handeln in Murat's Charakter war Camillo nicht unbekannt; er mußte ihn gewähren laſſen. „Die Königin hat auch an ihren Bruder geſchrieben“, fuhr Joachim fort.„Wir hoffen von einem Tage zum an⸗ dern auf Antwort. Unterdeſſen entſcheidet ſich auch auf dem Kriegstheater vielleicht noch Manches. Jedenfalls ſoll mein Entſchluß, ſobald es an der Zeit iſt, nicht auf ſich warten laſſen. Vor allem aber müſſen wir im Lande wieder Ordnung ſchaffen, Angri.“ „Ew. Majeſtät kennen darüber meine Anſichten“, erwiderte Camillo, ſich ehrerbietig verneigend. „Ich kenne ſie, habe ſie aber diesmal nicht theilen können“, erwiderte der König.„Sie glauben, durch Milde und Ueberzeugung, durch ein öffentliches Verfahren nach dem gemeinen Recht würde ich die Carbonari entwaffnen; ich bin anderer Meinung. Sie würden das nur für Schwäche anſehen und ihre Umtriebe ſchamlos fortſetzen. 76 Mag auch den Verführten, den urtheilsloſen Werkzeugen Gnade widerfahren, den Häuptern niemals.“ „Ich beſcheide mich, Sire. Wenn aber Ew. Ma⸗ jeſtät Gnadenacte beabſichtigen, ſo würden dieſe nur dann von Wirkung ſein, wenn ſie unverzüglich und umfaſſend ſtattfänden. Es gibt ſo viele, wie Sie treffend ſagten, urtheilsloſe Wertzeuge, die ſich, ohne eingeweiht in die Zwecke der Geſellſchaft zu ſein, von ihr gebrauchen laſſen; ich ſelbſt habe eins davon kennen gelernt, das ſogar an mir ſein Heil verſuchte.“ Der König lachte.„Sie hätten ſich aufnehmen laſſen ſollen!“ rief er.„Es wundert mich, daß Campochiaro noch nicht dies einfache Mittel verſucht hat! Dadurch würde der Herr Polizeiminiſter Stoff zu weit beſſern Vorträgen über die Sache geſammelt haben, die er jetzt immer mit einem Achſelzucken beginnt und endigt. Ha⸗ ben Sie den Verſucher nicht feſtgehalten und der Polizei überliefert oder ihn wenigſtens ausgeforſcht?“ „Eigenthümliche Rückſichten hinderten mich daran. Er ſtand in Dienſtverhältniſſen, die mich Anſtand nehmen ließen—“ „Nun?“ fragte der König raſch.„Doch nicht etwa in meinen oder denen der Königin?“ „In denen meiner Schweſter“, antwortete Ca⸗ millo kalt. 77 „Ah!“ rief der König mit einem aufflammenden Blicke. Nach kurzer Pauſe fragte er:„Iſt ſie hier?“ „Ich glaube“, antwortete Camillo in demſelben froſtigen Tone.„Ihr Diener iſt ſpäter doch verhaftet worden, wenn auch nicht durch mich. Ew. Majeſtät kennen den Mann; er iſt früher einmal von Ihnen be⸗ gnadigt worden.“ „Sehen Sie!“ verſetzte Joachim. „Jedenfalls wäre es intereſſant, gerade von dieſem einfachen Menſchen die Gründe zu erfahren, welche ihn zu der geheimen Geſellſchaft geführt haben, da er ſich in ſeinem Dienſte wohlbefindet und, was noch mehr iſt, weil er gegen Ew. Majeſtät eine unbegrenzte Dank.. barkeit hegt, da er als Brigant von Ihnen perſönlich begnadigt worden iſt, als er in Feſſeln ſich ein Verdienſt daraus gemacht, durch die Hoheit Ihrer Erſcheinung in ſeinem Hinterhalte moraliſch entwaffnet worden zu ſein.“ „Iſt das die alte Geſchichte?“ rief der König. „Alſo der Burſche iſt wieder aufgetaucht als Diener der Divina und Carbonaro! Gut, Camillo! Sie ſollen Ihren Gnadenact haben, wenigſtens einen kleinen Anfang dazu. Ich will dem Manne, der mir das Leben geſchenkt hat, das ſeinige zum zweiten Male ſchenken; als König muß ich etwas voraus haben. Ich werde Ihnen ein Billet an den Polizeiminiſter geben, der ſogleich ermitteln ſoll, wo 78 er gefangen ſitzt; er ſoll den Menſchen zu Ihnen führen laſſen. Sie mögen ihn ein wenig inquiriren um zu hören, wie weit ſeine Kenntniß reicht, dann aber bringen Sie ihn zu mir, Angri. Verſtehen Sie? Ohne Aufſehen. Nach Capo di Monte. Ich muß mit ihm ſprechen.“ „Wenn Sie ihn begnadigen wollen, Sire, er iſt wohl nicht werth, zum zweiten Male Ihr Antlitz zu ſchauen.“ „Nicht um den Dank des Elenden iſt es mir zu thun“ entgegnete der König.„Ich habe andere Gründe. Weiß Ihre Schweſter um ſeine Verhaftung?“ „Es iſt Ew. Majeſtät nicht unbekannt, daß wir in keiner Verbindung ſtehen.“ „Freilich, obgleich die Gründe für eine ſo unnatür— liche Spannung, die Sie mir geſagt, mich nie befriedigt haben! Indeſſen ſollte das wohl einmal aufhören. Nun, Angri, Sie haben ſich hier verſchanzt, und ich will Sie nicht herausſchlagen, obſchon ich das könnte. Brin⸗ gen Sie mir den Diener Ihrer Schweſter, ſpäteſtens morgen.“ Viertes Kapitel. ciſt und Gewalt. Zufrieden mit ſich, aber in einer Aufregung, welche er mit aller Kraft bekämpfte, ſtieg Camillo Angri wie⸗ der in ſeinen Wagen und befahl, zum Polizeiminiſter Herzog von Campochiaro zu fahren. Er mußte dem Her⸗ zoge mit dem königlichen Handbillet, das er ihm hätte ſchicken können, einige perſönliche Erklärungen geben, wie der König dazu gekommen ſei, ſich für einen politiſchen Gefangenen von ſo untergeordneter Bedeutung zu inter⸗ eſſiren. Der Herzog lächelte, als er davon Kenntniß nahm. Er war über den Menſchen, um den es ſich han⸗ delte, ſchon vollkommen unterrichtet; wenn auch die Ver⸗ folgung der Carbonari den Militärgerichten übergeben war, ſo bedurften dieſe doch überall der Mitwirkung der ge⸗ heimen Polizei, und der Miniſter hatte daher alle Fäden in ſeiner Hand behalten. Er wußte, daß die Gräfin Orkum ſich bei dem Militärcommandanten der Terra di Lavoro für einen ihrer Diener verwendet hatte, der nach 80 ihrer Annahme nur durch ein Mißverſtändniß verhaftet worden ſei; die Dame hatte bis jetzt noch keinen Be⸗ ſcheid bekommen, weil gegen ihren Diener allerdings ſchwere Verdachtsgründe vorlagen, ſodaß der Reclama⸗ tion ſeiner Herrin keine Folge gegeben werden konnte. Er, der Miniſter, hatte ſchon deshalb mit dem Oberſten Orkum bald nach deſſen Rückkehr geſprochen; Orkum theilte aber das Intereſſe ſeiner Gemahlin für den ge⸗ fangenen Diener keineswegs, denn er hatte dem Herzoge geſagt, er möge die Canaille, an der ihm gar nichts ge— legen ſei, nur ohne weiteres hängen laſſen. Jetzt aber kam ein unmittelbarer Befehl vom Könige, gegen den nichts mehr zu thun war. Vielleicht hatte ſich die Gräfin ſelbſt an den König gewandt, und wie Joachim Murat überhaupt ſchönen Frauen geneigt war, ſo wußte hier der ganze Hof, daß er die Gräfin Orkum, wenn ſie bei Feſtlichkeiten oder andern Anläſſen im Palaſt erſchien, beſonders auszeichnete, wenn auch, zur allgemeinen Schadenfreude der Mißgunſt, ohne Erfolg. Natürlich war es von der Divina nur die feinſte Koketterie, welche ſich gegen den Monarchen nicht das Geringſte vergab, um ihn deſto ſtärker zu feſſeln, und daß es ihr gelungen ſchien, wollte man an dem Betragen der Königin gegen die Gräfin Orkum wahrgenommen haben. Ob die Kälte und Grauſamkeit, welche dieſe bei allen öffentlichen Ge⸗ 81 legenheiten zur Schau trug, nicht ein bloßes Spiel vor der Welt ſei, blieb freilich zweifelhaft; indeſſen konnte Niemand, auch die ſchärfſte Läſterzunge nicht, der ſchö⸗ nen Frau das geringſte ihrem Rufe Nachtheilige mit Grund nachſagen, und da in jenen Kreiſen nichts ver⸗ hüllt und verſchwiegen bleibt, deſſen ſich die Nächſtenliebe bemächtigen will, ſo mußte ſchon, wohl oder übel, zuge⸗ geben werden, daß die Divina bis jetzt noch zu achten ſei. Immerhin aber konnte ſie an den König, deſſen Nähe ſie ſonſt in unbefangener Weiſe vermied, eine Für⸗ bitte für ihren Diener gerichtet haben, und der König hatte nicht geſäumt, ſie zu erfüllen. Ohne ſich einen Moment zu beſinnen, decretirte der Miniſter ſogleich an den Departementschef, welcher ſich mit der Militär— commiſſion in Verbindung geſetzt hatte, das Nöthige, um den Befehl des Königs zur ſchleunigſten Ausführung zu bringen, und Prinz Angri fuhr mit der Zuſicherung nach Hauſe, daß noch heute der Mann zu ſeiner Verfü⸗ gung geſtellt werden ſolle.— Für Camillo's Ungeduld währte es noch lange ge⸗ nug. Endlich, es dunkelte bereits, wurde ihm ge⸗ meldet, daß ein Carabiniero einen Gefeſſelten in das Haus gebracht habe und ihn zu ſprechen wünſche. „Gefeſſelt?“ rief der Prinz.„Man ſoll dem Un⸗ glücklichen ſogleich die Feſſeln abnehmen, auf Befehl Bernd von Guſeck, König Murat*s Ende. II. 6 — 82 des Königs! Ich übernehme die Verantwortung! Dann mögen beide heraufkommen!“ Die Ausführung dieſes Befehls hatte einige Schwie⸗ rigkeiten gemacht, da die Feſſeln zum Aufſchließen ein⸗ gerichtet waren und der Carabiniero keinen Schluſſel dazu bekommen hatte; indeſſen gelang es endlich, weil der Gefangene außerordentlich gewandt beim Abſtreifen half. Der Diener des Geſetzes fürchtete nun, er könne entſpringen; doch war er ſelbſt für alle Fälle bis an die Zähne bewaffnet und hatte ſcharf geladen. „Iſt Euch geſagt, auf weſſen Befehl Ihr hier ſeid?“ fragte der Prinz, als der Carabiniero mit ſeinem Ge⸗. fangenen bei ihm eintrat.„Auf Befehl des Königs! Ich werde dieſen Mann verhören und dann zu Sr. Majeſtät ſchaffen. Eurer weitern Dienſte bedarf ich dazu nicht. Ihr könnt gehen.“ Dem Carabiniero war allerdings davon geſagt wor⸗ den, er glaubte indeſſen ſeiner Escorte dadurch nicht überhoben zu ſein.„Ich bedarf keiner, verſtanden?“ ſagte der Prinz ſtolz.„Jede Verantwortung übernehme ich, ſagt das dem General.“ Als der Bewaffnete hinausgegangen war, ſtürzte Mas' Antonio dem Prinzen zu Füßen.„Steh auf. Tommaſo!“ befahl dieſer.„Es iſt nicht Zeit zu weiner⸗ lichen Dingen. Der König ſchenkt Dir zum zweiten Male 83 das Leben. Damit Du aber jeder Verlegenheit entzogen wirſt, will ich Dich mit einem Empfehlungsbriefe an einen geachteten Mann ſchicken, wo Du einſtweilen in Verborgenheit bleiben kannſt.“ „Verborgen, wenn mich der König— Gott ſegne ihn!— begnadigt?“ entgegnete Tommaſo. „Frage nicht! Ich habe keine Muße, Dir Deinen eigenen Vortheil zu erklären. In dieſer Tracht kannſt Du aber nicht auf der Landſtraße erſcheinen, auch Deine Livree, welche Du verwirkt haſt, darfſt Du nicht anlegen. Hier iſt Geld, ſchaffe Dir beim Trödler Kleider alla francese, hörſt Du? Ich laſſe Dir ein Pferd geben, ſobald Du in ehrbarer bürgerlicher Tracht, franzöſiſcher, verſtanden? wiederkommſt. Laß Dir nicht etwa einfallen, auf Deine eigene Hand jetzt das Weite zu ſuchen; Du wärſt verloren! Ich ſelbſt ohne Gnade würde für Deinen Tod ſtimmen.“ Vor dem ſtrengen, furchtbaren Blick, der ihn traf, erſchrak Mas' Antonio; er verſprach zu thun, wie ihm befohlen war. Von dem Prinzen entlaſſen, welcher ihm die größte Eile empfahl, kehrte er wirklich nach kurzer Zeit, völlig verwandelt im Aeußern, zurück. „Hier iſt der Brief, verwahre ihn bei Deinem Le⸗ ben!“ ſagte Camillo.„Ich habe ſchon Befehl gegeben, Dir ein Pferd zu ſatteln. Und nun höre die Straße, 6* 84 welche Du einzuſchlagen haſt, und den Ort Deiner Be⸗ ſtimmung. Halte Dich unterwegs nicht anders auf, als es Dein Pferd nöthig macht; es iſt ein weiter Ritt⸗ aber Du kannſt ihn in fünfzig Stunden zurücklegen.“ Nach einer Viertelſtunde hörte der Prinz den Huf⸗ ſchlag im Thorwege ſeines Hauſes ſchallen; der Pfeil war vom Bogen geſchnellt und mußte ſein Ziel errei⸗ chen. Am andern Morgen fuhr Camillo nach dem Pa⸗ laſt von Capo di Monte, wohin der König ihn beſchie⸗ den hatte. Er ſuchte den dienſtthuenden Adjutanten auf, um ſich melden zu laſſen; zu ſeinem Verdruß war es der Oberſt Orkum, ſein Schwager. „Unmöglich jetzt!“ ſagte dieſer, nachdem er den förmlichen Gruß des Prinzen ebenſo ſteif erwidert hatte. „Hoher Beſuch beim Könige. Beſuch aus Paris!“ Camillo war betroffen, doch zeigte er das durch keine Miene. Wer konnte aus Paris anders gekommen ſein, als ein Abgeſandter des Kaiſers Napoleon, um den König um jeden Preis im Bunde feſtzuhalten? Der Prinz that keine Frage, drängte auch nicht, dennoch ge⸗ meldet zu werden, da er ſich auf einen erhaltenen Befehl berufen konnte; ihm lag durchaus nichts daran, unver⸗ züglich vorgelaſſen zu werden. Den Oberſten verdroß es, daß ſeine wichtige Nach⸗ richt ſo gleichgültig aufgenommen wurde, und er ver⸗ 85 vollſtändigte ſie nun ſelbſt. Der Herzog von Otranto war es, Fouché, geweſener Miniſter des Kaiſers, welcher in Neapel angekommen war; er ſtand in Ungnade beim Kaiſer, wie er in Orkum's Beiſein ganz ungenirt geſagt hatte, und kam nur zu einem freundſchaftlichen Beſuch. Welch eine Zeit hatte er dazu gewählt! Aber er kam, um dem Könige in der ſchwierigen Lage ſeinen Freundes. rath zu bringen, und dazu war er allerdings vielleicht ge⸗ eignet. Hätte der Kaiſer nur auch ſeinen Rath befolgt, namentlich als er mit Talleyrand dringend von dem ruſſiſchen Feldzuge abrieth, ſo wäre Napoleon's Herr ſchaft nicht erſchüttert worden! Camillo Angri hatte den König darüber ſprechen hören und wußte, daß er damals— von Fouchs bewogen worden war, nach Dresden in das Hauptquartier zu kommen, um ſeine politiſchen Intereſſen auf dem Congreſſe zu Prag wahrzunehmen; ſeitdem war Foucht als Gouverneur der illyriſchen Provinzen, welche auch dem franzöſiſchen Reiche einverleibt waren, nach Laibach geſchickt worden. Wie er nun hierher kam, konnte Camillo ſich denken; jene Poſition mußte aufge⸗ geben werden, oder Foucheé hatte ſie aus eigenem Ent⸗ ſchluß verlaſſen. Der Prinz durfte hoffen, darüber bald Aufſchluß vom Könige ſelbſt zu erhalten, und verließ das Adjutantenzimmer, wo er nicht Luſt hatte, das Téteà LTéte mit ſeinem Schwager zu verlängern; er erſuchte 86 ihn nur, ſobald der Herzog von Otranto den König verlaſſen habe, dieſem zu melden, daß er hier ſei und ſeine Befehle erwarte. Fouché kam aus Rom, wohin ihn der Kaiſer nach der Schlacht von Leipzig beordert hatte, um die italie⸗ niſchen Angelegenheiten zu überwachen. In ſeiner Stel⸗ lung zu Napoleon wechſelten Licht und Schatten ſchon ſeit dem Conſulat; Napoleon fürchtete ihn wegen ſeiner Energie und auch wegen ſeiner Mäßigung, die er an der Spitze des Polizeiminiſteriums entfaltet hatte; daß Fouché manchen ſeiner Schritte getadelt(vorzüglich die Hinrichtung des Herzogs von Enghien), hatte ihm wieder⸗ holt die Entlaſſung aus ſeinen Aemtern zugezogen. Vor drei Jahren hatte er als Titulargouverneur nach Rom gehen ſollen, aber Napoleon war durch ſeine Weigerung, gewiſſe Correſpondenzen herauszugeben, ſo erbittert gegen ihn geworden, daß Fouché ſchon an eine Flucht nach Amerika gedacht hatte. Dieſe Spannung hatte ſich zwar ge⸗ löſt und er hatte bis zu dieſem Sommer auf ſeinen Gütern in Glanz und Unabhängigkeit gelebt, doch war ſeine Mißbilligung des ruſſiſchen Kriegs ein neuer Grund zum Zorne gegen ihn geweſen und der Kaiſer nur durch die dringendſten Vorſtellungen abgehalten worden, ihn ver⸗ haften zu laſſen. Als die Ereigniſſe dem klugen War⸗ ner Recht gegeben, hatte Napoleon ihn, weil er ſeiner 87 Talente bedurfte, in das Hauptquartier nach Dresden be⸗ rufen; jetzt aber war er wieder in Rom, von wo er einen Ausflug nach Neapel gemacht hatte, um den König Joachim zu ſehen und zu ſprechen, aus Liebe und Dienſt⸗ befliſſenheit zu ihm, wie er ihm wiederholt verſicherte. Joachim glaubte ihm. Er wußte ja, daß Fouché von jeher mit dem Kaiſer nicht gut ſtand; er hatte in ſeinem übereilten Schreiben an Napoleon als Antwort auf deſſen Brief an die Königin gerade Fouché' gedacht, welcher auch für ſeine Dienſte geopfert worden ſei; Fouché machte von ſeiner Ungnade beim Kaiſer und von dem gerechten Unwillen, der ihn erfüllte, gegen Murat gar kein Hehl und ſprach über deſſen jetzige Lage ſo einſichtig und ſo beſcheiden zugleich, da er ſich mit ſeinem Rath ganz in den Hintergrund ſtellte. Es gereichte ihm wahrlich zur Ehre, daß er ſeine perſönliche Abneigung edel vergaß und ſich der Meinung anzuſchließen ſchien, welche' am Bündniß mit Napoleon feſthalten wollte. Dadurch ge⸗ lang es ihm, die letzten Schleier der Vorſicht im Geiſte des Königs fallen zu laſſen, und der geheime Auftrag, welchen Napoleon ſeinem geweſenen Polizeiminiſter— dem erſten der Welt!— gegeben hatte, Murat's Ge⸗ ſinnung unter der Maske uneigennütziger Privatfreund⸗ ſchaft zu erforſchen, war erfüllt. Ob er den zweiten Theil ſeiner Aufgabe, ihn von neuem an die Intereſſen 88 des Kaiſers zu feſſeln, erreichen werde, ließ ſich heute bei der erſten Zuſammenkunft noch nicht überſehen. Als der Herzog von Otranto ſich entfernt hatte, meldete Graf Orkum dem Könige ſeinen Schwager. er hier? Und hat er Ihren Briganten mitgebracht!“ rief Murat.„Er ſoll kommen!“ „Welchen Briganten, Majeſtät?“ erlaubte ſich der Adjutant zu fragen. „Ich bin beſſer in Ihrem Hauſe orientirt als Sie!“ lachte der König. „Daran zweifle ich nicht, Majeſtät!“ ſagte Orkum mit einem Blicke, welcher Joachim mißfiel.„Sie ſprachen aber von meinem Briganten, Sire!“ „Sie ſollen das ein andermal erfahren. Rufen Sie Angri!“ befahl Murat und der Adjutant gehorchte. „Noch eine Frage!“ rief der König, als Orkum ſchon an der Thür war. „Keine Sinnesänderung eingetreten?“ fragte Murat. „Eher ſterben, iſt und bleibt die Parole!“ erwi- derte Orkum, und man konnte in ſeinem Soldaten- geſichte eine gewiſſe Genugthuung wahrnehmen, die er auch gar nicht zu verleugnen ſtrebte. „Aber ein Wiederſehen, ein bloßes Wiederſehen! Mein königliches Wort darauf!“ „Eher ſterben!“ wiederholte Orkum. 89 „Sie haben wohl Frieden und Allianz geſchloſſen?“ fragte der König ſcharf. „Fern davon, Majeſtät! Man ſcheint vielmehr auf eine gänzliche Separation auszugehen.“ „Unſinn!“ rief Murat.„Rufen Sie mir Ihren Schwager!“ Einige Minuten ſpäter erſchien Camillo Angri vor dem Könige.„Nun, wo haben Sie meinen Schützling?“ fragte Joachim.„Laſſen Sie ihn nur eintreten.“ „Majeſtät, ich habe mich der ſchwerſten Unvorſich⸗ tigkeit anzuklagen. Der Menſch hat Mittel gefunden, aus meinem Hauſe zu entkommen.“ „Ach! Das iſt mir aber ſehr fatal!“ rief der König. „Ich hatte gerade meine Abſichten mit ihm!“ „Ich weiß, daß ich den Unwillen Ew. Majeſtät verdient habe; ich vergaß einen Moment meinen kör⸗ perlichen Zuſtand, der mich unfähig macht, auch nur auf wenige Schritte—“ „Laſſen Sie ihn laufen, Angri!“ unterbrach ihn Joachim.„Was liegt an ihm! Er hat meinem Worte nicht getraut, das iſt zwar ſehr ehrenrührig, indeſſen hat unſere Zeit ſo viele Beiſpiele von politiſcher Unzuver⸗ läſſigkeit, daß ſie ſelbſt einem gemeinen Briganten nicht entgangen ſein können. Meine Abſicht mit ihm war auch keineswegs politiſcher Art, ich hoffte ihn zu ganz an⸗ 90 dern Zwecken zu brauchen. Laſſen wir ihn aber; wenn er hängen ſoll, wird er dem Galgen nicht entgehen. Haben Sie gehört, daß Foucht bei mir geweſen iſt?“ Camillo verneigte ſich. Der König erzählte, daß Fouché von Rom gekommen und nun wohl ganz mit dem Kaiſer zerfallen ſei; er rühmte die Klarheit ſeines Urtheils über die jetzige Lage der Dinge in Europa und beſprach dieſe dann in einer Weiſe, daß Angri wohl be⸗ merken konnte, wie ſehr die Wagſchale im Geiſte ſei— nes Monarchen wieder in entgegengeſetzter Richtung, als geſtern, zu ſinken begann. Unzweifelhaft war es der Eindruck ſeines Geſprächs mit dem Herzog von Otranto, welcher ſich bei ihm geltend machte.„Sie ſtehen feſt wie ein Fels auf Ihrer Meinung?“ fragte Murat, da er in den Mienen Camillo's einen unzufriedenen Zug zu bemerken glaubte. „Ich habe ſie nach ernſter und gewiſſenhafter Prü⸗ fung gewonnen, Sire“, erwiderte Camillo. „Wir wollen nicht weiter discutiren“, verſetzte der König.„Alles, was ſich darüber ſagen läßt, iſt geſagt worden. Die Thatſachen müſſen entſcheiden.“ „Sie haben wohl eigentlich ſchon entſchieden“, wagte der Prinz zu ſagen.„Ew. Majeſtät wiſſen beſſer als ich, daß für Italien auf den Kaiſer wohl keine Hoffnung mehr zu ſetzen iſt; von allen Seiten bedroht, da die Ver⸗ 91 bündeten auch die Neutralität der Schweiz nicht gelten laſſen, ſieht Italien zu ſeiner Rettung nur auf Ew. Majeſtät. Ich kann meine Anſicht nicht ändern.“ Der König hatte im Grunde dieſelbe; er war nur durch Fouché's feines Spiel wieder über manchen Punkt irre geworden. Daher ließ er ſich jetzt mit dem Prin⸗ zen, den er zu ſeinen treueſten Anhängern zählte, in eine eingehende Erörterung ein, obgleich er kurz vorher die Disecuſſion für geſchloſſen erklärt hatte. Er ſetzte vor allem die militäriſche Lage Italiens mit einer Klarheit auseinander, welche bewies, daß er ſich hier als Soldat in ſeinem Element befand; er ſtellte die ſtrategiſchen Verhältniſſe an der Etſch, die Blokade von Venedig, die Möglichkeit einer feindlichen Landung in Neapel, die neue Operationsbaſis der Allürten, welche durch die Ver⸗ letzung der ſchweizeriſchen Neutralität gewonnen werden konnte, in ſcharfen Zügen dar und kam dadurch zu dem⸗ ſelben Reſultate wie Angri, ſeiner eigenen Iſolirung, da er von aller Verbindung mit Napoleon abgeſchnitten war. Camillo hütete ſich, ihn zu unterbrechen oder noch etwas hinzuzufügen, das nur abſchwächend hätte einwir⸗ ken können. Als er entlaſſen wurde, ſchien ihm die Entſcheidung nicht mehr zweifelhaft zu ſein. Der Herzog von Otranto blieb nur wenige Tage in Neapel, dann kehrte er nach Rom zurück. Welchen 92 geheimen Bericht er dem Kaiſer über ſeinen Auftrag ab⸗ geſtattet hat, iſt ebenſo wenig bekannt geworden als die Künſte doppelzüngiger Politik, welche er in ſeinen weitern Beſprechungen mit König Murat verſucht; man will indeſſen ihre Nachwirkungen bei den ſpätern Handlungen und Beſchlüſſen des Königs bemerkt haben. Eine Poli⸗ tik im Geiſte Fouche's glücklich durchzuführen war Joa⸗ chim Murat nicht geeignet. Vor der Hand waltete in der äußern Politik von Neapel noch eine Stille, die Stille vor dem Sturme. Deſto ſchärfer der Gang, welchen die innere Politik in letzter Zeit eingeſchlagen hatte. Was einer der Getreueſten Murat's vor dem letzten Conſeil ihm unter vier Augen vorgehalten hatte, daß einer der alten Könige, ein geborener König, ge⸗ wöhnt an abſolute Herrſchergewalt, in Gewährung von Freiheiten ihn, der aus der Revolution durch ſeine Kriegergröße zum König aufgeſtiegen, bei weitem über⸗ troffen habe, war nur zu ſehr begründet. Die Be⸗ ſchränkung vieler Beſtimmungen des Statuts von Ba⸗ honne, die ſtrenge Verfolgung der Carbonari, in welchen die Regierung jetzt ihre gefährlichſten Feinde ſah, und andere Maßregeln gaben Kunde von dem veränderten Syſtem. Im Volke wuchs die Unzufriedenheit, in der Armee lockerte ſich die Disciplin. Es iſt eine eigen⸗ thümliche Erſcheinung, daß ſich die neapolitaniſchen Trup⸗ 93 pen jenſeits ihrer Grenzen vortrefflich geſchlagen, in Ita— lien aber faſt immer den Muth verloren und die Flucht ergriffen haben. Man hat es aus der geographiſchen Lage des Landes erklärt, die den Vertheidigern mit dem Meere hinter ſich im äußerſten Fall keinen weitern Rück⸗ zug gewährt; daran denkt aber wohl der gemeine Soldat am Garigliano und Tronto nicht. Man hat ferner von der Tradition aller Jahrhunderte geſprochen, daß Neapel ſtets Eroberern zur Beute geworden, von der langen Gewohnheit fremden Jochs und darum auch der Neigung, ſich lieber mit dem Feinde zu verſtändigen, als bis auf den letzten Mann zu kämpfen alles das erklärt die Sache nicht. In neuerer Zeit— und nicht erſt ſeit. Garibaldi— ſind allerdings die Kriege in Neapel ſtets mit politiſcher Parteiung zuſammengefallen und die Sol— daten in letztere hineingezogen worden. Vor ſich die Gefahren der Schlacht, hinter ſich für die unterliegende Partei im Heere politiſche Verfolgung, Kerker, Exil Todesſtrafe— mag man ſich wundern, wenn die Kampfes— freudigkeit dort zur Fabel geworden iſt? Gegen die Carbonari waren die Militärcommiſ⸗ ſionen in voller Thätigkeit. Calabrien, wo jene Verbin⸗ dung von Sicilien aus genährt wurde, galt für den Herd der Carbonaria, und General Manches, welchem die Unterdrückung derſelben, wie einſt des Brigantaggio, an⸗ 94 vertraut war, ging mit gewohnter Strenge zu Werke. Die geheime Polizei unterſtützte ihn nach Kräften; es fanden Machinationen aller Art ſtatt, um die Ver⸗ ſchworenen zu entdecken und ihnen den Proceß zu ma⸗ chen, und mit den Mitteln zum Zwecke nahm man es nicht genau. Ein großer Schlag war ſchon gelungen; die Nachricht verbreitete ſich in Neapel, daß man das Haupt der Carbonari gefangen habe, Capobianco. Prinz Emilio Angri brachte dieſe Kunde triumphirend ſeinem Vetter Camillo. „Unmöglich!“ rief dieſer, von der Mittheilung im höchſten Grade betroffen. „Gefangen, Herr Couſin, und bereits enthauptet! Was iſt Ihnen denn?“ Camillo that einige Schritte, als wolle er ſich von dem Eindrucke dieſer Nachricht losreißen.„Ich würde das für eine ſehr unkluge Maßregel halten!“ ſagte er mit kaum beherrſchter Bewegung.„Sie ſind wohl falſch berichtet.“ „Hören Sie ſelbſt!“ Emilio zog einen Brief hervor. „Nur die betreffende Stelle!„Er mußte in Sicher⸗ heit gewiegt werden“— nämlich Capobianco, lieber Couſin!—„denn in ſeinem Felſenneſte war er nicht gut zu arretiren, ſein Anhang unter der Bevölkerung war zu groß, als daß es ohne Kampf abgegangen wäre; 95 dieſen will man aber vermeiden. Man ſtellte ſich daher, als habe man nicht den geringſten Verdacht gegen ihn, und General Janelli“— merken Sie auf, Herr Vetter! „lud ihn ſchriftlich zu einem Gaſtmahl nach Coſenza ein, welches er bei irgend einem öffentlichen Anlaß den Spitzen der Civil. und geiſtlichen Behörden nebſt vielen Miltzoffizieren gab. In dieſer letzten Eigenſchaft wurde Capobianco in den freundſchaftlichſten Eindrücken einge⸗ laden. Er glaubte ſich nicht entſchuldigen zu dürfen. Unterwegs fürchtete er, wenn er mit guter Wache unge— wohnte Straßen einſchlug, keinen Verrath, auch in Co— ſenza nicht, da er ſich vornahm, pünktlich zur Stunde des Gaſtmahls zu erſcheinen und nach deſſen Beendigung unverzüglich wieder abzureiſen, am wenigſten aber im Hauſe des Generals in Gegenwart aller Autoritäten der Provinz, welche das Anſehen ſowohl als auch das mo⸗ raliſche Gewicht der Regierung repräſentirten. Er nahm alſo die Einladung des Generals mit Dank an. Dort angekommen, wurde er freundlich empfangen und nahm in heiterſter Laune an dem Mahle Theil; beim Abſchiede aber, ſobald er aus dem Saale trat, wurde er von Gensdarmen feſtgehalten, in den Kerker geführt, am fol⸗ genden Tage von der Militärcommiſſion gerichtet zum Tode verurtheilt und ohne Verzug auf dem Marktplatze von Co⸗ ſenza vor den Augen der entſetzten Volksmenge enthauptet.““ 96 Emilio blickte auf. Was auch die Gefühle ſeines Vetters bei Anhörung der vorgeleſenen Nachrichten ge⸗ weſen ſein mochten, er hatte Zeit und Kraft gefunden, ſie vollſtändig zu beherrſchen, ſodaß ſie ſich im Aeußern nicht verriethen.„Danach iſt die Thatſache nicht mehr zu bezweifeln!“ ſagte er kalt.„Ich wiederhole es, daß ich dieſe Maßregel für einen großen Fehler halte. Es fragt ſich, wie ſie der König aufnehmen wird; indeſſen iſt ſie weder ungeſchehen zu machen, noch eine Umkehr auf einer eingeſchlagenen Bahn leicht, am wenigſten hier. Haben Sie dem General Janelli dieſen Rath gegeben?“ „Wenn auch nicht gerade dieſen, ſo ſchmeichle ich mir doch, daß die Auskunft, welche ich ihm über Capo⸗ bianco's Verhältniſſe und ſeinen Charakter zu geben ver⸗ mochte, nicht ohne Einfluß auf ihn geblieben iſt. We⸗ nigſtens werden Sie mir nun die Gerechtigkeit wider⸗ fahren laſſen, daß Sie mich nicht mehr für einen Anhän⸗ ger der Sekte halten. Freilich zählt ſie deren in Krei⸗ ſen, wo man ſie nicht vermuthet Sie äußerten das ſchon gegen mich und haben Recht; wir werden noch mehr erleben, Camillo, machen Sie ſich gefaßt darauf!“ Er ſagte das in einer ſo bedeutungsvollen Weiſe, daß Camillo aufmerkſam werden mußte. Doch begnügte ſich dieſer mit einem prüfenden Blicke auf den geheim⸗ nißvollen Vetter und richtete keine Frage an ihn. 97 „Warum nennen Sie das Verfahren Janellis einen Fehler?“ fing Emilio wieder an.„Ich ſollte meinen, der Erfolg bewieſe, daß er durchaus nicht fehlerhaft ver⸗ fahren iſt.“ „Wie nennen Sie es, unter der Maske geheuchel- ter Freundſchaft einem Gaſte den Dolch in die Bruſt zu ſtoßen?“ „Ach, der Cato Cenſorius wieder! Was wollen Sie, Camillo? Sie ſind gewiß ein treuer Anhänger unſeres Königs; glauben Sie aber, daß unter allen, die ſich ihm angeſchloſſen haben, nicht mancher iſt, der auch nur die Maske geheuchelter Freundſchaft trägt und ſchon den Dolch unter dem Mantel hat, um ihn, wenn es die Gelegenheit gibt, gegen ihn zu gebrauchen?“ „Worte ſind unnüß, wo Thaten ſprechen!“ brach Camillo auf dieſen Einwurf des Vetters mit finſterem Blick plötzlich das Geſpräch ab. Emilio ließ ihn aber nicht ſo leicht los; er kam wieder auf ſeine vorige An⸗ ſpielung zurück, die er wiederholte:„Wir werden noch mehr erleben! Ich weiß, welche überaus ſchmeichelhafte WMeinung Sie von mir haben, aber Sie werden ſich bald überzeugen, daß der arme Emilio doch nicht ſo ganz auf den Kopf gefallen iſt, um nicht Manches zu erkennen, das Andern verborgen geblieben.“ „Sie mir ſehr Unrecht!“ erwiderte Camillo Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. 1. 5. 98 froſtig, ohne die wiederholte Anſpielung, die ihn zu ei— ner Frage aufzufordern ſchien, einer ſolchen zu würdi⸗ gen. Als Emilio ſich verabſchiedet hatte, ließ er aber den Zwang fallen, den er ſich hatte anthun müſſen, und gab ſich der ganzen Leidenſchaft ſeiner vulkaniſchen Na⸗ tur für einige Momente hin. Hatte er aber ein Recht, mit der Heimtücke und dem Verrathe Janelli's ins Ge⸗ richt zu gehen? Motive und Mittel zum Zweck moch⸗ ten andere, jene aus einem reinern Borne geſchöpft, erhabener und edler, dieſe nicht ſo gewaltthätiger Natur ſein, immer blieb doch die Maske und der verhüllte Dolch im Gleichniß eine Wahrheit! Camillo entzog ſich dieſem Gedanken und gewann bald wieder die gewohnte Faſſung⸗ Der Vetter aber ging vergnügt ſeines Weges. „Immer ein wenig kitzeln!“ ſagte er für ſich.„Sie hat mir einmal Stecknadelintereſſen vorgeworfen— nun ich denke, ſie wird etwas mehr als Nadelſtiche zu fühlen bekommen. Den überklugen Herrn Couſin, der ſo ſtoß auf mich herabſieht, kitzle ich einſtweilen noch.“ Vor ſeinem Hauſe wartete ein Menſch auf ihn, wel⸗ cher dieſelbe Livree, nur in der ſilbernen Bordirung ein wenig verändert, wie ſeine eigenen Diener trug.„Biſt Du endlich da?“ rief er ſehr erfreut, als ihm der junge Burſche entgegenkam.„Und wie vorſichtig! Du haſt 89 recht gethan, nicht unter meinen Leuten zu bleiben, das neugierige Volk hätte Dich nur ausgefragt.“ Er nahm ihn mit ſich in das Haus und auf ſein Zimmer. Dort ſetzte er ſich auf ſeinen bequemſten Polſterſtuhl und for⸗ derte den Menſchen auf, ihm zu erzählen, wie er es auf dem ſchönen Landgute gefunden habe, ob ſein rei⸗ zendes Mädchen auch gegen ihn freundlich geweſen ſei, was für Leute dort hauſten, ob von der Gräfin, ſeiner Coufine, etwas verlaute, daß ſie bald wieder hinkommen werde, überhaupt Alles, was er dort erlebt und ge⸗ ſehen habe. Er griff dabei in ſeine Weſtentaſche und reichte ihm ein funkelndes Goldſtück; es war ein ganzer Napoleonsdor. Emilio glaubte nun dreiſter vorgehen zu können, ohne den Burſchen, den er völlig gewonnen zu haben glaubte, durch ein ſo übermäßiges Geſchenk gegen ſeine Abſichten mißtrauiſch zu machen. „Ja, es iſt wunderſchön dort“, begann der junge Menſch, welcher das Goldſtück zögernd und mit ſicht⸗ barer Verlegenheit genommen und ſich durch einen Hand⸗ kuß bedankt hatte.„Die Maddalena habe ich auch geſehen, aber die Steinbilder auf San⸗Gennaro ſind freundlicher, als ſie gegen mich iſt. Ich möchte ſie ſchon einmal freundlich ſehen, ich hab' es noch nicht er⸗ lebt, ich nicht! Sie ſchalt mich, daß ich doch gekommen war, und drohte mir, es der Principeſſa zu ſagen.“ —* 100 „Das wird ſie nicht thun“, ſchnitt der Prinz ihm die Rede ab, welche zu lange bei ſeinem eigenen In⸗ tereſſe verweilte.„Und wenn ſie es thut, ſo wird Dir die Gräfin, meine Coufine, nicht zürnen, ſie weiß ja die Gewalt der Liebe, welche Dich getrieben, zu würdigen. Für den äußerſten Fall bin ich da, ich ſchütze Dich Was haſt Du ſonſt dort geſehen und bemerkt? Was ſpricht man über die Herrſchaft, beſonders über meine Couſine? Empfängt ſie viele Beſuche, wenn ſie dort iſt? Haſt Du vielleicht gehört, ob ſie bei ihrer letzten An⸗ weſenheit Beſuch angenommen hat? Du ſiehſt, ehrlicher Marco, wie ſehr mich Alles, was meine Coufine betrifft, intereſſirt. Wegen der ſchönen Procidanerin mache Dir keine Sorgen; Mädchen thun ſpröde, ich kenne das; ſie ergeben ſich aber bald, wenn ſie ehrliche Abſichten merken. Du willſt ſie heirathen? Gut, ich werde mit mei⸗ ner Couſine darüber ſprechen. Erzähle mir alſo, wonach ich gefragt habe.“ Der arme Marco war in bitterer Verlegenheit, der Napoleonsdor, den er noch in der Hand hielt, brannte ihn wie Feuer. Gegen den großmüthigen Herrn konnte er nicht anders als die Wahrheit ſagen.„Gnädigſter Herr“, ſtotterte er,„da war der Prete, der kam gerade dazu, als ich mit der Maddalena ſprach; er fragte mich aus, er hielt mir vor, daß ich Unrecht gethan, 101 gegen den Befehl meiner Herrin zu handeln; ſo ſehr redete er mir ins Gewiſſen, und ich mußte ihm ſchwö⸗ ren, nichts von Allem zu erzählen, was ich etwa in unſerem Hauſe oder in der Villa Angri oder auf der Pru- naja von meiner Herrſchaft geſehen und erfahren; es ſei die Pflicht eines treuen Dieners, von ſeiner Herr⸗ ſchaft gar nichts gegen fremde Menſchen zu reden. Das habe ich dem hochwürdigen Herrn heilig verſpro⸗ chen und geſchworen, und Sie werden mich ſchon dabei laſſen!“ Erſt hatte ihn der Prinz unmuthig angeſehen, jetzt lachte er laut auf.„Du biſt eine treue, gewiſſenhafte Seele, und es ſei fern von mir Dich in Verſuchung zu führen!“ ſagte er„Alſo der Herr Prete! Haſt Du von dem Onkel Deiner Maddalena wieder etwas gehört? Der gehört doch nicht zu den verbotenen Dingen, von denen Du nicht reden darfſt?“ „Der iſt vor einiger Zeit dort geweſen“, erwiderte Marco, welcher froh war, doch etwas erzählen zu können. „Wie? Hat man ihn freigelaſſen?“ rief der Prinz überraſcht.„Und er iſt wieder im Dienſt meiner Couſine?“ „Nein“, antwortete Marco.„Er iſt, wie ein Stadt⸗ herr, in franzöſiſchen Kleidern dort geweſen, zu Pferde, Illuſtriſſimo, hat ſich die Maddalena nach der Oſteria rufen laſſen und mit ihr geſprochen, dann iſt er weiter 102 geritten, wohin, wußten ſie nicht. Ich hab's auch nicht erfahren, denn wie ich die Maddalena nach ihm fragte, woher er gekommen, wie er frei geworden ſei, und was er ihr erzählt habe, da leugnete ſie's ganz ab und hieß mich einen Narren; es ſei ein Reiſender geweſen, der ihr von Neapel Befehle von ihrer Herrſchaft mitgebracht habe. Ich ſchwieg, aber die Magd in der Oſteria wird doch den Mas' Antonio kennen, wenn er auch einen ſchwarzen Rock und einen franzöſiſchen Hut trägt! Es freut mich, daß der Arme nicht gehängt worden iſt.“ „Mich auch, guter Marco. Vielleicht erfährſt Du hier etwas über ihn. Gehört der junge deutſche Baron auch zu den verbotenen Dingen?“ „Ja, Illuſtriſſimo“, antwortete der Gondolier klein⸗ laut.„Der Prete hat ihn ausdrücklich genannt, denn er iſt ja der Neffe meiner Herrſchaft. Ich habe ihn übri⸗ gens nicht geſehen; es heißt, er werde den Herrn Gra— fen begleiten, wenn es wieder in den Krieg geht, was doch wohl bald geſchehen wird.“ „Don Aleſſandro wird ſich hüten, Freund!“ ſagte der Prinz lachend.„Ich ſage Dir, er wird ſich hüten! Doch Du darfſt nicht von ihm reden. Aengſtige Dich nicht! Du ſchneideſt Geſichter, als hätteſt Du Wermuth getrunken! Geh nur, damit Du nicht aus Verſehen Dein Gelübde brichſt oder Dich fürchteſt, es zu brechen, und 103 wenn Du mir vom kleinſten Kinde in der Prunaja er⸗ zählſt, daß es genieſt hat.“ „Hab' ich von dem Kinde ein Wort geſagt?“ rief Marco erſchrocken. Der Prinz blickte hoch auf, doch erwiderte er möglichſt unbefangen:„Ich werde es wenigſtens nicht zu Deinem Schaden auslegen. Das Kind in der Prunaja iſt ja ausdrück⸗ lich vom Prete mit in das Verbot eingeſchloſſen worden. Geh nur, armer Marco, Du kommſt mir ſonſt um. Bei kälterem Blute wirſt Du vielleicht noch Manches finden, was Du mir, ohne Dein Gewiſſen zu belaſten, erzählen kannſt. Wäreſt Du klug, ſo träteſt Du ganz aus dem Dienſt der Gräfin, wo Du eigentlich von allen Menſchen chicanirt wirſt, von Deinem Mitgondolier Mas' und ſei⸗ ner Nichte, der ſchönen Maddalena, von dem Intendan⸗ ten und nun gar von dem Prete; ich glaube ſelbſt von dem kleinen Kinde, das wohl kaum laufen kann— reden wohl noch gar nicht! Oder kann die kleine Angiolina jetzt reden?“ „Giuditta, gnädiger Herr.“ „Richtig! Giuditta! Ich verſprach mich“, fiel der Prinz ſchnell ein.„Du ſiehſt, ich kenne das Alles. Wenn Du aber aus Deinem Dienſt getreten und in den meinigen übergegangen wäreſt, ſo hätteſt Du keine Ver⸗ pflichtungen mehr und könnteſt mit mir frei vom Herzen 104 herunter plaudern; im Gegentheil wäre ich dann Dein Herr, dem Du Alles ſagen müßteſt, wonach er Dich fragt. Ueberlege Dir das und komme in der nächſten Woche wieder einmal herein. Wir wollen dann, wenn Du Luſt haſt, die Sache ſchnell abmachen. Natürlich wirſt Du mit keinem Menſchen vorher davon ſprechen“ Marco legte betheuernd die Hand auf die Bruſt und entfernte ſich dann. Der Prinz zog ſeine Brief⸗ taſche hervor, las das Schreiben, welches die Hinrichtung des vermeintlichen Hauptes der Carbonari enthielt, noch⸗ mals durch und notirte ſich dann Einiges.„Ich werde mit Stecknadeln nicht mehr ausreichen!“ ſagte er lächelnd. „Sei aber unbeſorgt, reizendes Weib! Der Dolch, den ich Dir auf die Bruſt ſetze, ſoll Dich nur von Deiner unbegreiflichen Prüderie gegen Deinen lieben Vetter hei⸗ len, Divina!“ Er küßte ſeine Fingerſpitzen und ſchnellte ſie auseinander, daß die Gelenke knackten. Fünftes Kapitel. König Murat's Abfall. Keine Antwort aus Frankreich! Wie war es mög— lich, daß der Kaiſer die Briefe ſeiner Schweſter, welche ihm mit aller Hingebung geſchrieben und die Gefahren, welche ſeiner Sache drohten, geſchildert hatte, unbeant⸗ wortet ließ, wenn er auch das Schreiben ſeines Schwa-.. gers nicht ſogleich beantwortete, weil daſſelbe einer reiflichen Erwägung unterzogen werden mußte? Standen denn die Ausſichten für ihn wieder beſſer und durfte er hoffen, durch die Unterhandlungen, welche den raſchen Fort⸗ gang der Waffen am Rhein zwei ganze Monate auf⸗ hielten, ſo viel zu erlangen, daß ihm an Murat's Mit⸗ wirkung nichts mehr gelegen war? Oder glaubte er, daß die Verbündeten ſich auch hier würden hinhalten laſſen, daß ſie nicht vielmehr den König von Neapel, der ihren Anerbietungen ſchon ein offenes Ohr geliehen hatte, zu einer raſchen Entſcheidung drängen würden? Bald nach Fouchs's Abreiſe war Graf Neipperg als 106 Abgeſandter Oeſterreichs, in Neapel angekommen, ein brillanter Cavalier, ausgezeichnet als Soldat und ge⸗ wandt in diplomatiſchen Geſchäften; er hatte ſchon 1801, noch nicht dreißig Jahre alt, mit Talleyrand verhandelt und war vor dem gegenwärtigen Kriege Geſandter in Schweden geweſen. Im Feldzuge des ver. wichenen Herbſtes hatte er wieder glänzend gedient; jetzt erſchien er beim Könige von Neapel mit neuen Vor⸗ ſchlägen auf der alten Baſis. Der Herzog del Gallo wurde beauftragt, die Unterhandlungen mit ihm zu führen. Joachim Murat hatte gleich nach ſeiner Rückkehr aus Deutſchland eifrig gerüſtet, um für alle Fälle bereit zu ſein. Zwei Legionen— dieſen Namen führten ſeine Heeresabtheilungen ſtatt des ſonſt üblichen Namens Diviſion— waren in Bewegung geſetzt worden und hatten Quartier in Rom und Ancona genommen, wo franzöſiſche Beſatzungen lagen. Der Kaiſer, wenn er auch längſt Mißtrauen gegen ſeinen Schwager hegte und durch ſein Erſcheinen bei der großen Armee und Mu— rat's Thaten bei Dresden und Leipzig nicht über ſeine Politik beruhigt wax, hatte doch dieſem Argwohn keinen Ausdruck geliehen, um Joachim jeden Vorwand zum Ab⸗ fall zu nehmen. Er hatte im Gegentheil ſeinen Gene— ralen in Italien Befehl enthielt, die neapolitaniſchen Le⸗ 107 gionen als Allürte aufzunehmen, und in dem Friedens⸗ congreſſe, der eröffnet werden ſollte, waren ſeine Bevoll⸗ mächtigten angewieſen, 50,000 Neapolitaner bei der Macht Frankreichs in Anſchlag zu bringen. Dieſe Frie⸗ densverhandlungen waren ohne Reſultat fortgeſetzt und die kriegeriſche Action zur großen Freude aller Männer der That wieder aufgenommen worden. Fürſt Schwar⸗ zenberg mit der Hauptarmee der Verbündeten hatte durch einen Seitenmarſch ſtromauf am 21. December den Rhein bei Baſel, alſo auf ſchweizeriſchem Gebiete, überſchritten; Blücher ſchien zur Vertheidigung des Mittelrheins vor⸗ läufig noch ſtehen zu bleiben. In Neapel näherten ſich die Verhandlungen ihrem Abſchluſſe, als das Jahr 1813 zu Ende ging. Ob der Kaiſer hier durch ein freundli⸗ ches Wort das rollende Rad noch aufgehalten haben würde, iſt zweifelhaft. Am Neujahrstage war bei Hofe, wie alljährlich, große Gratulationscour, welche der König und die Kö⸗ nigin auf dem Throne annahmen. Von dem diplomati- ſchen Corps fehlten diesmal, wie auch im vorigen Jahre, die Geſandten der Mächte, welche mit dem Kaiſer der Franzoſen Krieg führten. Man erinnerte ſich einer eigen⸗ thümlichen Scene, welche vor zwei Jahren hier vorge⸗ fallen war und ſchon ein gewiſſes Licht über das Ver⸗ hältniß des Königs zu ſeinem kaiſerlichen Schwager ver⸗ 108 breitet hatte. Dieſer, welcher bereits auf Murat wegen deſſen unverhüllten Strebens nach Unabhängigkeit ſeinen Unwillen geworfen, hatte keinen Ambaſſadeur, wie es ſich doch bei einem Könige deſſelben Hauſes geſchickt hätte, ſondern nur einen Bevollmächtigten nach Neapel geſandt, um der Welt zu zeigen, daß er den König nicht als Blutsverwandten betrachte. Bei der Cour hatten natürlich die Geſandten der fremden Kaiſerhöfe den Vor⸗ tritt und von ihnen würde der franzöſiſche der erſte ge⸗ weſen ſein. Da derſelbe, ein gewiſſer Durant, aber nicht den Titel Ambaſſadeur führte, ſo nahm der ruſſiſche Miniſter Fürſt Dolgoruki das Vorrecht für ſich in An⸗ ſpruch. Beide traten zugleich in den Thronſaal; der Ruſſe war groß und ſtark, der Franzoſe klein und ſchmäch⸗ tig. Jener mit weiten Schritten kam dieſem zuvor, da faßte ihn Durant am Arm, um ihn zurückzuhalten, und der Fürſt Dolgoruki legte mit drohendem Blicke die Hand an den Degen. Im Thronſaal, vor den Maje⸗ ſtäten! Der König war ihnen ſogleich entgegengegangen, hatte ihren Eifer belobt, ihm zuerſt ihren Glückwunſch zu bringen, und im Reden doch keinem den Vorrang ge⸗ geben. Andere Miniſter waren darauf zur Cour gelangt, und für dieſen Abend war Alles vorüber geweſen. Am an⸗ dern Tage hatten ſich aber die beiden Geſandten, nach⸗ dem ſie Cartel gewechſelt, im Serapistempel zu Poz— 109 zuolo geſchlagen und zugleich nicht weit davon der ruſ⸗ ſiſche Legationsſeeretär Graf Benckendorff mit dem Maré— chal du Palais Excelmans. Der Polizeiminiſter war jedoch rechtzeitig in Kenntniß geſetzt worden und hatte dem Zwei⸗ kampf ein Ende gemacht, ehe mehr Blut gefloſſen, als aus einer leichten Wunde, welche Fürſt Dolgoruki am rechten Ohre erhalten hatte. Die Angelegenheit wurde von beiden Kaiſern für eine Privatſache erklärt, die Geſandten aben wurden zurückberufen. Es war der letzte Neujahrstag, an welchem Napoleon und Alexander noch in diplomatiſcher Beziehung geſtanden hatten. „Was werden wir abermals über zwei Jahre in Scene ſetzen?“ fragte Prinz Emilio Angri den Grafen Orkum“. welchen er an jene Begebenheit erinnert hatte, nachdem die Ceremonie vorüber war. „Mir gleich! An Geſandten wird es nicht fehlen, wenn auch andere Figuren auftreten!“ erwiderte der Oberſt. „Ich vermiſſe Ihre reizende Gemahlin, meine Cou⸗ ſine“, ſagte Emilio.„Sie iſt doch nicht krank?“ „Hat wenigſtens nichts zu ſagen“, antwortete Orkum leichthin. Der Prinz hatte ihn gefliſſentlich, nachdem der König ſein unmittelbares Gefolge entlaſſen hatte, aufge⸗ ſucht und hielt ihn auch jetzt noch feſt. „Ich weiß ſchon, die Hofluft ſagt meiner Coufine nicht zu, die Stadtluft überhaupt nicht. Sie iſt gewöhnt, 110 im Freien zu leben, auf dem Lande. Wenn mein Onkel, der Fürſt Hettore, in Neapel weilte, war Virginia faſt immer in der Villa draußen, ja vor einigen Jahren be⸗ gleitete ſie ihn gar nicht hierher, ſondern ging mit ihrer Aya weit hinauf in die Baſilicata auf eine ganz abgelegene Beſitzung meines Onkels, wo ſie ſich wohl ein halbes Jahr aufgehalten hat. Ihr ſchönes Landgut mit dem dornigen Namen wird ihr recht lieb ſein.“ „Sehr lieb! Gute Nacht, Herr Vetter! Und noch⸗ mals viel Glück zum neuen Jahre!“ ſagte Graf Orkum, welcher gegen den Prinzen nur ſo viel Höflichkeit ent⸗ wickelte, als durchaus nothwendig war. Er ſtrich im Ab⸗ gehen ein paarmal ſeinen ſchönen ſtarken Schnurrbart und weihte der ganzen Sippſchaft einen herzhaften deut⸗ ſchen Fluch. Nicht ſo plump, aber keineswegs liebreicher klangen die unhörbaren Worte, welche Emilio ihm nach⸗ ſchickte. Virginia war krank am Herzen! Der Vetter mochte Recht haben, die Luft in Neapel bedrückte ſie; hier konnte ſie keine Ruhe mehr finden, nicht den leichten Frohſinn mehr, der jede Erinnerung an ernſte und furchtbare Stun⸗ den ihres Lebens immer ſchnell verſcheucht und ſie ge⸗ ſtählt hatte, zu tragen, was nicht zu ändern war. Hinaus denn in die Freiheit, am liebſten weit, weit hinweg, über den Apennin in die ſtillen Berge der Baſilicata 111 wohin nie der Fuß eines Bekannten ſich verirrte! Da ſich aber dieſer Wunſch nicht erfüllen ließ, wenigſtens fort aus der Stadt! Was war denn auf einmal über ſie ge⸗ kommen, das dieſe Veränderung in ihr hervorgebracht hatte? Auf einmal war es nicht geſchehen, wenn die äußere Haltung auch auf einmal zuſammengebrochen war. In ihren Stunden der Einſamkeit, in den Momenten, wenn ſie ſich der Erinnerung überließ oder dieſe ſie plötzlich gewaltſam überkam, hätte ein aufmerkſamer Seelenken⸗ ner wohl bemerken können, wie ſich jene Wandlung all⸗ mälig vorbereitete, ſehr langſam freilich zuerſt, aber in letzter Zeit mit reißenden Fortſchritten und ſtets kürzer werdenden Friedenspauſen voll alter gedankenloſer Le⸗ bensluſt und Fröhlichkeit. Sie ſelbſt hatte ſich lange ge⸗ ſträubt, ihren Seelenzuſtand einzugeſtehen, denn hatte ſie die Qual, mit Gedanken zu ringen, welche nichts ändern konnten nicht früher auch ſchon gekannt, nicht kürzlich noch am Krankenlager ihres Vaters, und war ſie nicht immer bald darüber hinweggekommen, nicht wieder ſo froh geweſen, wie nur in den glücklichſten Tagen ihrer Mädchenzeit? Warum ſollten dieſe häufigen Anfälle nicht auch vorübergehen? Weil ſie das aber hoffte und glaubte, war ſie ſelbſt erſchrocken und hatte es für einen plötzli— chen Wetterſchlag angeſehen, als ihr nun auch zum erſten Male die Kraft und der Stolz verſagten, vor dem Manne, dem ſie am wenigſten einen Blick in ihre Seele geſtattete, ihre gewohnte Haltung zu bewahren. Sein Erſtaunen über ihre Thränen, ſeine Fragen, die Art von Troſt, welche er ihr zuſprach, hatten ihr eine Demüthigung be⸗ reitet, welche ihr Herz mit dem bitterſten Haß gegen ihn füllte, da ſie bisher nur Geringſchätzung, unaus⸗ ſprechlich tiefe zwar, aber doch kein ſchärferes Gefühl gegen ihn empfunden hatte. Krankheit, welche ſie nun vorſchützte, war der einzige ſchwache Rettungsanker, an dem ihr ſchwankendes Boot ſich noch hielt; ob er ihr glaubte, ſchien zweifelhaft; hätte ſie aber ſein ungläubi⸗ ges Lächeln, das ſie empörte, recht verſtanden und ge⸗ ahnt, wie er ſich ihr Unwohlſein deutete, ſo würde ihr Haß zur verzehrendſten Leidenſchaft, die nur im Herzblute des Feindes Ruhe findet, geſtiegen ſein. Er hatte ihr nun ſelbſt gerathen, die längſt beſchloſſene Abreiſe nach dem Landgute nicht länger zu verſchieben und ſich dort von dem Neffen, den ſie ja mitnehmen wolle, die Zeit ſo gut und ſo lange als möglich vertreiben zu laſſen, da er ohnehin mit dem Könige bald nach Bologna ab⸗ gehen werde.„Ich reiſe allein!“ hatte darauf Virginia erwidert, ohne auf ſeine Frage, wodurch der arme Alexander ſeit einiger Zeit es bei ihr verſchüttet habe, zu antworten; ſie hatte ihn, als er pflichtſchuldigſt gekommen war, ihr ſeinen Glückwunſch zum neuen Jahre zu brin⸗ 113 gen, nicht einmal angenommen, und da ſein Onkel nicht zu Hauſe geweſen, war er ganz abgewieſen worden. Am folgenden Tage ſtellte er ſich aber wieder ein; er hielt es für ſeine Pflicht.„Komm herein, Junge!“ rief der Graf, bei dem er ſich hatte melden laſſen.„Gra tulirſt noch einmal? Haſt kein Douceur erhalten? Nun, wir wollen ſehen, vielleicht verabfolgt ſie Dir's nach⸗ träglich. Hat ſie Dir's ſagen laſſen, daß ſie morgen nach dem Gute reiſt und dort vor der Hand bleiben wird?“ Alexander veränderte die Farbe.„Wie ſollte die Tante mir das ſagen laſſen?“ entgegnete er. O ſie hat Dir's ja verſprochen, Dich mitzuneh⸗ men, in meiner Gegenwart hat ſie Dir's verſprochen, als ob ich dabei gar nicht mitzureden hätte! Nun, thue nicht ſo zimperlich wie ein Nönnchen! Ich bin nicht eiferſüchtig; mache meiner Frau die Cour nach Belieben, ich erlaube es Dir!“ „Theuerſter Onkel, ich bitte Sie!“ rief Alexander, in ſeinen heiligſten Gefühlen verletzt. Der Graf lachte, daß ihm die Thränen in die Augen traten, dann ſchellte er dem Diener und befahl, der Grä⸗ fin den Baron Orkum zu melden.„Wir gehen gleich nach!“ ſagte er zu Alexander, und dieſer konnte es nicht verhindern, daß ihn der Onkel, ohne die Antwort ſeiner Frau abzuwarten, zu ihr hinüberführte. Den Diener, Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. I. 8 welcher eben herauskam und ihm Beſcheid geben wollte, ſchob er zur Seite und trat ohne weiteres mit Alexan⸗ der, den er an der Hand faßte, bei Virginia ein. Sie war ſehr bleich, das bemerkte Alexander auf den erſten Blick, durch welchen er um ihre Verzeihung für dieſen Schritt, an dem er unſchuldig war, bitten wollte; als ſie aber die beiden Männer über ihre Schwelle treten ſah, ſchlug eine Purpurlohe über ihr Geſicht. „Alexander iſt unglücklich, daß er Dir ſeine ſchön⸗ ſten Wünſche für das neue Jahr noch nicht hat ausſpre⸗ chen dürfen!“ ſagte der Graf.„Ich habe ihn hergeſchleppt, wie Du ſiehſt, beinahe an den Haaren. Abſolvire ihn alſo zuerſt von dem Verbrechen, Dich wie ein Raub⸗ ritter überfallen zu haben, und dann erlöſe ihn von den Neujahrswünſchen, die er Dir wahrſcheinlich in Verſen declamiren wird.“ „Lieber Aleſſandro“, ſagte Virginia mit einer wah— ren Innigkeit, die ihr ſelbſt unbewußt in dieſem Augen⸗ blick ihren Blick und Ton beſeelte;„ich bin überzeugt, daß Sie mir alles Gute wünſchen. Ich war geſtern krank, und es that mir leid, Sie nicht ſprechen zu können. Mögen Sie immer ſo glücklich ſein, wie ich Ihnen von Herzen wünſche!“ Alexander hatte von ihr dieſen Ton wahren und tiefen Gefühls gegen ihn noch nie vernommen; er hätte 115 ihr beſeligt zu Füßen ſtürzen und den Saum ihres Ge⸗ wandes küſſen mögen. Was er ihr antwortete, wußte er nicht, es mochte aber wohl unbeſchreiblich albern gewe⸗ ſen ſein, denn ſein Onkel erſchreckte ihn durch ein lautes Gelächter. „Schlecht memorirt, Junge!“ rief er.„Du verwech⸗ ſelſt wahrſcheinlich ein altes Carmen, das Du einem Deiner Profeſſoren zum Neujahr hergeſagt haſt, mit dem, was Du Deiner ſchönen Tante ſagen wollteſt. Ueberſtürze Dich nicht! Biſt ſtecken geblieben— laß gut ſein. Wirſt Du ihn aber jetzt nicht begnadigen, Virginia, und mit nach Deiner Roſenburg nehmen?“ „Wollen Sie mich begleiten?“ fragte Virginia mit. einem leichten Beben der Stimme. „Siehſt Du? Es war Dein Ernſt nicht!“ rief der Graf, ehe Alexander noch freudig die Einladung anneh⸗ men konnte.„Sie wollte allein reiſen— Caprice! Beſprecht denn die Arrangements, mich ruft der Dienſt. Vielleicht befiehlt der König heute ſchon die Abreiſe zur Armee. Du wirſt nun ganz hier eingeſchloſſen, junger Menſch, Reiſende in Italien gibt's wohl gar nicht mehr. Du mußt ſehr unſchädlich ausſehen, daß Du bis hierher durch⸗ gekommen biſt. Jetzt iſt das auch vorbei, und Du mußt nun ſchon bei meiner kleinen Frau als Cuſtode, Major⸗ domo und Ritter aushalten, bis das allgemeine Pelz- 8* 116 waſchen, das nächſtens wieder losgeht, vorüber iſt. Wenn ich aber ins Gras beißen muß, ſo ſollſt Du mein Erbe ſein, vielleicht auch—“ „Sie erſchöpfen ſich!“ unterbrach ihn Virginia, und es war wieder der helle, aber nicht wohlthuende Metall⸗ klang, welcher ihrem Gemahl nicht unbekannt war. Er rieb ſich die Hände und ließ beide allein. Virginia hatte zwar vollkommen das Gleichgewicht wiedergewonnen, das ihr heute auch gegen Alexander im erſten Moment verloren gegangen war, aber die frü— here Unbefangenheit, den leichten Ton, welcher in muth⸗ williger Laune Alles ſcherzend behandelte, fand ſie nicht mehr. Alexander vermißte das nicht; er fühlte ſich weit mehr von ihrer jetzigen Weiſe angeſprochen; ihm war, als habe ſie ihn früher nicht werth gehalten, ernſtere und gemüthvolle Saiten gegen ihn anzuſchlagen, als habe ſie ihn und er ſie jetzt erſt kennen gelernt. Was ſie nach und nach zu dieſem veränderten Weſen gegen ihn be⸗ wogen hatte, waren die Vergleiche geweſen, welche ſie zwiſchen ihm und ſeinem Oheim hatte anſtellen müſſen; nicht in der äußern Erſcheinung, wo der Graf trotz ſeiner Jahre unbedingt im Vortheil gegen den Neffen geweſen wäre, ſondern in dem wahren Werthe, im Seelenadel, in der Reinheit und Lauterkeit der Geſinnung, in der Herzensgüte, in der Tiefe des Gefühls, und wie ſie von 117 der einen Seite abgeſtoßen wurde, war ſie mehr und mehr zu der andern hingezogen worden. Eine ernſte Selbſt⸗ prüfung hätte ſie gewarnt, ſich nicht allzuſehr dieſen Ver⸗ gleichen zu überlaſſen, welche ihrer ohnehin erſchütterten Ruhe nur gefährlich werden konnten; noch war ſie aber nicht fähig zu einer ſolchen Ergründung ihres Innern und ſie gab ſich den Strömungen des Augenblicks um ſo williger hin, je linder und wohlthuender deren Wellen ihrem troſtbedürftigen Herzen waren. Als der Graf nach Hauſe kam, fragte er ſeine Frau, wann ſie reiſen werde; ſie ſagte es ihm und er äußerte dann, daß noch immer nichts über den Abgang des Königs zu ſeinen Truppen bekannt ſei; er ſpreche täglich davon, damit habe es aber auch ſein Bewenden. „Bis der Sack zugeſchnürt und es zu ſpät ſein wird!“ ſetzte Orkum hinzu. „Du erlaubſt doch, wenn es einmal überraſchend kommt, daß ich perſönlich von Dir Abſchied nehme?“ fragte er dann. „Ich will, wie es ſich gebührt, ſogleich nach Neapel kommen“, erwiderte ſie. „Ganz unnöthig! Ich werde ſchon auf einen Tag Urlaub nach der Roſaja erhalten!“ „Sie vergeſſen!“ rief Virginia. „Ich denke, wir vergeſſen beide dieſe tolle Idee. Sie haben mich übertölpelt, ich knüpfte Hoffnungen an 118 das Verſprechen, das ich Ihnen in der Uebereilung gab Sie wiſſen es; ich erbitte mir das Wort zurück!“ „Niemals, Herr Graf! Sie werden es halten, denn es iſt Ihr Ehrenwort, und wenn Sie es brechen“— Sie ſprach das im drohendſten Tone und ſah ihn mit dunkelglühenden Augen an. „Nun?“ fragte er.„Dann kündigen Sie mir wohl auch Ihr Wort auf, ich meine das Ja vor dem Prieſter? Haben Sie es etwa gehalten, Grauſame? Ich erkläre Ihnen heute, daß ich mich nicht mehr für gebunden er⸗ achte; es iſt zu lächerlich, daß ich Sie gerade auf meinem eigenen Gute nicht beſuchen ſoll. Reiſen Sie morgen mit Alexander, amüſiren Sie ſich, ſo gut es die ſchlechte Jahreszeit erlaubt, aber rechnen Sie darauf, daß ich mich nächſtens dort nach Ihrem Befinden erkundigen werde!“ Wenn er von ſeinem gewohnten Du gegen ſie abwich, und auch das Sie gebrauchte, das Virginia beharrlich gegen ihn feſthielt, ſo war es immer ein Zeichen gereiz⸗ ter Stimmung, die ihn zuweilen überfiel. „Ich werde das abwarten!“ erwiderte ſie mit einem Blicke, der ihn ſtutzig machte. „Wir ſtehen alſo mit gekreuzter Klinge, Donna Virginia. Jeder bringt ſeinen Secundanten mit, wie?“ Sie kehrte ihm den Rücken und ging in ihr Ca⸗ binet, deſſen Thür ſie hinter ſich abſchloß. 119 „Ein kleiner Teufel!“ ſagte Orkum.„Man könnte ſich vor ihr fürchten, wenn ſie nicht gerade im Zorne am reizendſten wäre!“ Er ſah ſie vor ihrer Abreiſe nicht wieder. Sie war noch nicht aufgeſtanden, als er am Morgen in den Palaſt gehen mußte, und als er zurück⸗ kam, war ſie abgereiſt. Ueber acht Tage vergingen noch, die allgemeinen Verhältniſſe ſich klärten, an denen Graf Orkum trotz aller Indifferenz einer echten Landsknechtsnatur doch inſo⸗ weit Intereſſe nahm, als ſie auch für ihn von Einfluß ſein mußten. Denn es hatten ſich mancherlei Gerüchte verbreitet, jedenfalls von exaltirten Anhängern der ſoge⸗ nannten italieniſchen Partei ausgeſprengt, daß der König ſchlau und in ſtarker Wehr nur den Augenblick abwarte, wo die Franzoſen und ihre Gegner ſich wieder bekäm⸗ pfen würden, um die Freiheit Italiens zu proclamiren und mit Waffengewalt gegen Jedermann aufrecht zu er⸗ halten. Ob er in dieſem Falle bei dem Haſſe der Ita⸗ liener gegen alle Fremden diejenigen ſeiner Diener, welche Ausländer waren, in Ehren und Würden belaſſen oder ſie verabſchieden werde, war immerhin zweifelhaft. Aber jenem Gerede wurde bald durch die Thatſachen ein Ende gemacht. Am 11. Januar ſchloß der Herzog del Gallo mit dem Grafen Neipperg das Bündniß zwi⸗ ſchen Neapel und Heſterreich ab. Zweck deſſelben war 120 die Fortſetzung des Kriegs gegen Frankreich zur Wie⸗ derherſtellung der europäiſchen Gleichgewichts; Oeſter⸗ reich wollte dazu in Italien 60,000, Neapel 30,000 Mann ſtellen und nach Bedürfniß mehr; den Oberbefehl dieſes vereinigten Heeres ſollte der König von Neapel und in ſeiner Abweſenheit der älteſte öſterreichiſche Ge⸗ neral führen. Der Kaiſer von Oeſterreich erkannte die Herrſchaft und Souveränetät des Königs über die Lande an, welche er gegenwärtig im Beſitz hatte, der König die alten Anſprüche Oeſterreichs auf italieniſche Staaten. Friede oder Waffenſtillſtand mit Frankreich ſollte nur gemeinſchaftlich geſchloſſen werden; der Kaiſer verſprach ſeine Vermittelung zum Friedensſchluß von Neapel mit England und den Verbündeten Heſterreichs. In gehei⸗ men Artikeln wurde noch feſtgeſetzt, daß der Kaiſer die Verzichtleiſtung des Königs Ferdinand auf den Thron von Neapel zu Gunſten Joachim Murat's garantire, König Joachim dagegen ſeinen Anſprüchen auf Si⸗ cilien entſagen und bei dem allgemeinen Frieden Euro⸗ pas dazu mitwirken werde, den König Ferdinand ander⸗ weitig zu entſchädigen; ihm ſelbſt wurde vom römiſchen Gebiet ein Theil mit 40,000 Einwohnern zugeſprochen. So war der Abfall Murat's von Napoleon denn beſiegelt! Ob er politiſch recht oder klug gethan, mußte die Zukunft lehren; die Gewiſſensfrage mochte er mit 121 ſich ſelbſt abmachen. Die bittern Thränen, welche die nicht mehr aufzuhaltende Entſcheidung der Schweſter des Kaiſers entlockte, verbarg ſie vor der Welt; ganz Neapel aber war von Jubel erfüllt, als der Abſchl. jenes Ver⸗ trags und bald darauf auch der eines Waffenſtillſtandes mit England bekannt wurde. Die Furcht vor dem Krieg im Lande war vorüber, der Handel endlich wieder frei, die Zukunft geſichert! Auch die Partei, welche ſich die nationale nannte, war durch viele Aeußerungen des Kö⸗ nigs mit Hoffnung erfüllt, und diejenigen ihrer Genoſſen, die ſich durch ſolche bei ihrer Unzuverläſſigkeit nicht täu⸗ ſchen ließen, ſahen doch in dem jetzigen Frieden den ein⸗ zigen Weg zur künftigen Erreichung ihrer Ziele mit 2 ohne Murat. Der König beeilte ſich, an Fouché, an den General Miollis, Gouverneur von Rom, und Barbou, Comman⸗ danten von Ancona, in freundſchaftlichſter Weiſe zu ſchrei⸗ ben, daß die Nothwendigkeit und das Staatsintereſſe ihn zu dieſer Allianz gezwungen, daß er aber ſeine Liebe zu Frankreich damit verſöhnen und überall bekunden werde. Sie glaubten ihm nicht. Miollis warf eine ſtarke Beſatzung in das Caſtell Sant⸗Angelo und, ſo viel Truppen er übrig hatte, nach Civita-Veechia; Barbou in Ancona ſchloß ſich, nachdem die Neapolitaner raſch das Kapuzinerfort beſetzt mit 1500 Mann in die Cita⸗ 122 delle ein. Die ganze Romagna und die Marken blieben den Neapolitanern überlaſſen, aber deren Generale wuß ten nicht, ob ſie Krieg oder Frieden hattem ſie erhielten ſelbſt auf ihre Anfragen vom Könige keine beſtimmten Befehle; um die Verwaltung des Landes kümmerten ſie ſich gar nicht, es war der heilloſeſte Zuſtand der Un⸗ gewißheit. Murat begab ſich perſönlich nach Rom, um von Miollis die Uebergabe der Engelsburg und Civita⸗ Vecchias zu erlangen, was ihm aber ſo wenig gelang als in Ancona die der Citadelle. Ueberall hörte er Pro⸗ teſtationen ſeiner Generale, Vorſtellungen der rathloſen Behörden, Klagen des Volkes; längeres Zaudern war unmöglich, er mußte zur That ſchreiten. So gab er den Befehl zur Vereinigung der neapolitaniſchen Truppen mit den öſterreichiſchen unter Nugent und zur Belage⸗ rung jener drei feſten Punkte; aber noch immer wider⸗ ſtrebte es ihm, den Krieg gegen Frankreich zu beginnen, und er bildete die Vorhut der vereinigten Truppen ge⸗ gen den Vicekönig von Italien aus Oeſterreichern, wäh⸗ rrnd er zugleich ſeinen Belagerungstruppen die Weiſung ertheilte, das Feuer nicht zuerſt zu eröffnen. Sorge mach⸗ ten ihm noch die vielen franzöſiſchen Offiziere, beſonders Oberſten und Generale, in ſeiner Armee. Er wollte ſie gern wegen ihrer Kriegserfahrung und Tüchtigkeit behal⸗ ten, vielleicht auch ſeinen eigenen Abfall durch das gleiche 123 Beiſpiel vieler Anderer abſchwächen; daher ſchmeichelte er ihnen auf alle Weiſe und ſtellte ihnen die Allianz mit Heſterreich als ein Scheinbündniß dar, Unwahrheit auf Unwahrheit häufend, und dem Ränkeſpiel doch nicht ge⸗ wachſen, daher bald durchſchaut und alles Glaubens ver⸗ luſtig. Die neapolitaniſchen Generale wünſchten dringend die baldige Entfernung der Franzoſen; ſie ſahen in ihnen die Urſache der Unſchlüſſigkeit des Königs und die Be⸗ vorzugten, welche ihnen im Wege ſtanden; ſie murrten unter ſich, Widerſpenſtigkeit und Skandal nahmen zu. Lange ſchwankten die Franzoſen, von entgegengeſetzten Intereſſen bewegt, endlich ſiegte in den meiſten das Ehr⸗ gefühl und die Vaterlandsliebe und ſie verließen die Armee; wenige blieben, aber mit Scham und Betrübniß. Der Frühling im Süden brach an, während in Frankreich noch der Winterfeldzug im Gange war. Hier unabläſſiges Vorwärtsdrängen, Schlachten und Gefechte in raſtloſer Folge, in Italien Kriegszuſtand, aber kein Krieg, ſondern politiſcher Lug und Trug in Waffen. Gewaltige Streitmaſſen ſtanden dem Vicekönig Eugen gegenüber, der mit 50,000 Italo⸗Franken das rechte Ufer des Mincio gegen Bellegarde's 45,000 Oeſterrei- cher behauptete und den Po bei Borgoforte und Pia⸗ cenza bewachte, um den König von Neapel in Schach zu halten. Dieſer hatte mit 22,000 der Seinigen und 124 8000 Heſterreichern unter Nugent Ferrara, Bologna, den Kirchenſtaat und Toscana beſetzt und ſeine Avantgarde bis Modena und Reggio vorgeſchoben. Lord Bentinck war mit 14,000 Anglo-Sieilianern bei Livorno gelandet; er ſtand ſchon auf den Bergen von Sarzana gegen Ge⸗ nua, wo nur eine ſchwache franzöſiſche Beſatzung lag. Und nichts geſchah! Während in Frankreich die alten Uebel aller Coalitionskriege durch den gemeinſchaftlichen Geiſt, der in den verbündeten Heeren ſo mächtig war, glücklich beſiegt wurden, zeigten ſie ſich in Italien in ihrer ganzen Häßlichkeit. Mißtrauen von allen Seiten, genährt allerdings durch verdächtige Zeichen! Der König von Neapel blieb unthätig, weil die Ratification ſeiner Verträge noch auf ſich warten ließ; er unterſtützte Belle⸗ garde nicht, als der Vicekönig, der ſich vor dieſem zu⸗ rückzog, nach dem Gefecht ſeiner Arrièregarde bei Villa⸗ franca plötzlich umkehrte und ihm am 8. Februar eine Reihe von Gefechten lieferte, welche zuſammen die Schlacht am Mincio genannt wurden. So blieb der Sieg unent⸗ ſchieden und beide Theile ſchrieben ſich denſelben zu. Murat hätte Piacenza angreifen können, wie Bellegarde von ihm verlangte, aber er glaubte, daß dieſer ſowohl wie Bentinck ihn nur dazu anſpornten, um ihn im Stich zu laſſen und ſeinem Feldherrnruf und ſeiner Armee, auf welche ſie doch nicht zählten, zu ſchaden Hatten ſie 125 etwa nicht Grund, ihm zu mißtrauen? In ſeinem Her⸗ zen wünſchte Joachim nur Frankreichs Triumph und brannte vor Begierde, ſich wieder mit ihm zu vereinigen. Aber auch er hatte Urſache, ſich zu beklagen. Lord Ben⸗ tinck, ſein Alliirter, duldete, daß die unter ihm ſtehen⸗ den Sicilianer ein Ediet des Königs Ferdinand, in wel⸗ chem derſelbe unter Berufung auf ſeine Rechte Murat's Un⸗ terthanen zur Rebellion aufforderte, unter den neapoli⸗ taniſchen Truppen verbreiteten. Und gerade jetzt wurden die Siege des Kaiſers über Blücher bei Montmirail und Etoges und über die Hauptarmee der Verbündeten bei Nangis und Montereau dem Vicekönig von Italien ge⸗ meldet, der ſie eifrig bekannt machte und den Völkern Italiens verſicherte, daß ihr Schickſal nur in den Händen Frankreichs liege. Auf den König von Neapel machte dieſe Nachricht den mächtigſten Eindruck; ſie beſtärkte ihn in dem alten Glauben an die Unüberwindlichkeit Napo⸗ leon's und ließ ihn bereuen, was er gethan hatte. Neue Verlegenheiten bereitete ihm die unerwartete An⸗ kunft des Papſtes in Italien. Napoleon, welcher Pius VII. ſeines Beſitzthums beraubt und ihn, der unbeugſam auf ſeinem Rechte beſtand, ſo lange gefangen gehalten, hatte ihn jetzt in Freiheit geſetzt und nach Italien ent⸗ laſſen. Er war ſchon an der Grenze von Parma, und der öſterreichiſche General Nugent hatte ihn, ohne Befehle 126 von Murat abzuwarten, mit allen militäriſchen Ehren empfangen und escortirt. Wie ſollte ſich der König von Neapel verhalten, der ſelbſt einen Theil des Kirchenſtaats ſich angeeignet hatte? Zeit zur Ueberlegung war nicht; er ſchrieb dem General Carrascoſa, der die Avantgarde commandirte, dem Papſte entgegenzureiſen und ihn durch alle Mittel der Ueberredung und Liſt unterwegs oder in Reggio aufzuhalten. Der General traf den heiligen Vater auf der Landſtraße, unter ſtattlicher Escorte von öſterreichiſcher Cavallerie, begleitet von einer zahlloſen Volksmenge; die Wagen hielten nicht an, Carrascoſa mußte ihnen folgen. An der Enza ſollte die Escorte von Neapolitanern abgelöſt werden, aber dieſe formirten ſich gar nicht, ſondern ritten, Offiziere und Soldaten gemiſcht, unter dem Volksſchwarme, zu welchem ſich noch viele andere freiwillig herbeilaufende Neapolitaner geſellten. So gelangte der Zug nach Reggio, wo ſich Carrascoſa ſogleich zum Papſte begab und ihn, nachdem er Zutritt erhalten und Pius ihm freundlich die Hand zum Kuſſe geboten hatte, nach ſeiner Abſicht fragte„Meinen Weg nach Bologna fortſetzen!“—„Aber Se. Majeſtät der König von Neapel weiß nichts von der Ankunft Ew. Heiligkeit, nichts iſt zum Empfange vorbereitet.“—„Ich verlange nichts von Sr. Majeſtät, für den ich des Himmels Gnaden hoffe“—„Alle Poſtpferde ſind für 127 militäriſche Zwecke verwendet, ohne vorgehende Beſtellun⸗ gen werden Ew. Heiligkeit nicht einmal auf der Reiſe die nöthigen Bedürfniſſe finden.“—„So werde ich mich an die Mildthätigkeit der frommen Chriſten wenden, die mich begleiten.“—„Aber ſelbſt die Pferde der Privat⸗ leute ſind ſchon längſt von der Armee requirirt!“—„So werde ich zu Fuß gehen, Gott wird mir Kraft dazu ver⸗ leihen.“ Der General ſchwieg. Er fragte nur noch, bis zu welchem Range herab und zu welcher Stunde er Mit⸗ gliedern des Offiziercorps Audienz ertheilen wolle Der Papſt erklärte, daß er gern alle ſehen würde, aber, ge⸗ drängt von der Zeit, nur die Generale empfangen könne, und beſtimmte dazu neun Uhr des andern Morgens. Car⸗ rascoſa meldete darauf dem Könige wörtlich die ſtattge⸗ habte Unterredung; der Papſt ertheilte die Audienz und reiſte ſchnell ab. Murat hatte in Bologna lange zwiſchen entgegengeſetzten Entſchlüſſen geſchwankt und. wie ſo oft, einen Mittelweg— meiſt das Schlimmſte!— eingeſchlagen, den Papſt durch Ehrenbezeigungen abzu⸗ finden, ohne ihm zu helfen. In der längern Unterre⸗ dung, welche er mit ihm hatte, kam die Wiederherſtel⸗ lung des Kirchenſtaats zur Sprache, und da der eine Alles zurückforderte, der andere aber nur Schritt für Schritt nachgab, kamen ſie endlich, ohne ſich ſchriftlich zu binden, da jeder ſein Recht nicht aus der Hand 128 geben wollte, überein, daß der Papſt Rom und das Patrimonium Petri bekommen, der König von Neapel aber den Reſt behalten ſollte. In der Wahl der einzu⸗ ſchlagenden Straße blieb Pius feſt; Murat hatte ge⸗ wünſcht, er möge durch Toscana ziehen, der Papſt aber hatte ſich für die Emilia entſchieden und reiſte auf der Strada Emilia ab In ſeiner Heimat Ceſena blieb er jedoch, bis der Krieg zu Ende war, und hielt dann erſt, am 24. Mai, gleichſam im Triumphe, ſeinen Einzug in Rom. Neuen Verdruß bereitete dem Könige ein Schritt ſeiner Generale, welcher alle Grenzen militäriſcher Dis⸗ ciplin überſtieg. Mehrere derſelben waren bei ſeinen erſten Zerwürfniſſen mit Napoleon eifrig geweſen, das Feuer zu ſchüren; einige waren eingeweiht worden in die Conferenzen von Ponza, die Mehrzahl für den Bund mit Oeſterreich, und nun ſahen ſie, wie eine falſche und wechſelvolle Politik den König und das Reich bedrohte. Sie hofften durch einen gemeinſamen Schritt den Mon⸗ archen auf einen beſſern Weg zu bringen und verlang⸗ ten in einer Eingabe, daß der König einen Kriegsrath berufe und die Meinung ſeiner Generale höre! Unter den Feh⸗ lern des Königs war einer, auf den ſie bei dieſem uner⸗ hörten Beginnen fußten; er ſtrafte in der Armee ſelten oder nie eine Gutmüthigkeit, welche in hoher Stellung zur Schwäche wird. Die Disciplin, iſt mit Recht ge⸗ ſagt worden, iſt nicht das Verdienſt der Untergebenen, ſondern des Vorgeſetzten. Wenn Murat militäriſche Verbrechen ſtets mit gebührender Strafe geahndet hätte, würden die Generale nie die Kühnheit gehabt haben, vom Könige rebelliſch ertrotzen zu wollen, daß er die Armee in ſeine Berathung ziehe. Auch jetzt ſtrafte er nicht, er begnügte ſich mit Drohungen und Beſchwichti⸗ gungen. Zum Glück für ihn wurde Lord Bentinck's An⸗ kunft gemeldet, welcher in ſtolzer und feindſeliger Hal⸗ tung vom Könige die Abtretung von Livorno gefordert hatte.„Wie ſoll ich ihm entgegentreten“, ſagte Joa⸗ chim,„wenn meine Generale mir den Gehorſam ver⸗ weigern?“ Dies brachte ſie zur Beſinnung. Noch an demſelben Tage verſammelten ſie ſich und brachten dem Könige ihre unbedingte Unterwerfung in ſeinen Willen. Damit war die Bewegung im Feldlager beendigt, aber der böſe Same nicht erſtickt, der im folgenden Jahre frech emporwucherte und ſeitdem in ſteter Erneuerung immer wieder die verderblichſten Früchte gebracht hat bis auf unſere Tage. Die Nachrichten aus Frankreich, welche ſo günſtig für Napoleon lauteten, waren nur zu wahr, und die Monarchen glaubten nun den König von Neapel am Bündniſſe feſthalten zu müſſen. Der Kaiſer von Oeſter⸗ Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. 1I. 9 130 reich ratificirte den Vertrag, welchen Graf Reipperg ab⸗ geſchloſſen hatte, der Kaiſer von Rußland ſchickte den Grafen Balaſchew als Geſandten, um Frieden mit Nea⸗ pel zu ſchließen; Lord Bentinck wurde durch den Grafen Mier bewogen, ſeine Forderung von Livorno und Piſa fallen zu laſſen, und begegnete demeKönige in ehrfurchts⸗ vollſter Weiſe. Murat aber ſah in dieſen Schritten nur die Gewißheit der Siege Napoleon's, ſein heißes Blut wallte freudig auf, da er ſeine geheimen Hoffnungen ſo glänzend erfüllt ſah, und er verſuchte jetzt, mit dem Vicekönige von Italien unter der Hand eine Verbindung anzuknüpfen. Dieſer jedoch verwarf ſeine Anträge, wies den Abgeſandten von ſich und fand Mittel, dieſe Schleich⸗ wege den Commiſſarien der Verbündeten bei Murat zu enthüllen um Haß und Zwietracht unter ſeinen Gegnern zu ſäen. Militäriſche Gritkde wirkten dazu mit. General Brenier hatte mit 14,000 Italo⸗Franzoſen den Po bei Piacenza überſchritten und die öſterreichiſche Diviſion Nu⸗ gent am 2. März bei Parma angegriffen; eine andere Ab⸗ theilung war über die Brücke von Borgoforte auf Guaſtalla vorgerückt. Auf beiden Punkten hatten die Heſterreicher bedeutende Verluſte erlitten. Man warf dem Könige von Neapel vor, ſie nicht unterſtützt zu haben. Noch mehr, eine neapolitaniſche Compagnie, im Gefecht zwiſchen franzöſiſche 131 Bataillone gerathen, war gefangen, aber noch an demſelben Tage mit ihren Waffen unter Freundſchaftsbezeigungen entlaſſen worden. Dieſe Umſtände zuſammengenommen ließen den Verdacht falſchen Spiels nur zu begründet er⸗ ſcheinen, und Graf Balaſchew brach die Friedensconferenzen ab. Um wenigſtens ſeine militäriſche Ehre zu retten, griff der König den Feind jetzt bei Reggio an. Einige öſterrei⸗ chiſche Bataillone von Nugent und die Neapolitaner unter Carrascoſa warfen den General Severoli zurück, welcher hier ſeinen Tod fand. Der König kam an, als der Sieg bereits entſchieden war; er hätte den Feind, der ſich nach Reggio gezogen hatte, vernichten können, da ihm die Straße von Parma abgeſchnitten war, aber er hinderte ſeinen. freien Abzug nicht und beſtärkte dadurch nur ſeine Allirten in ihrem Argwohn. Da erſchien plötzlich im königlichen Hauptquartier eine Botſchaft aus Neapel, welche Murat in die höchſte Aufregung und Erbitterung verſetzte. Baron Tulli kam als Flüchtling aus den Abruzzen und brachte die Nach⸗ richt, daß die Carbonari dort im vollen Aufſtande be⸗ griffen ſeien und das Banner der Bourbons aufgepflanzt hätten. Die erſte Sorge war, dieſe Kunde geheim zu halten, da in der Armee viele Abruzzeſen dienten. Dann berief der König die Miniſter, welche ſeiner Perſon ge⸗ folgt waren, zur Berathung. Die Anſichten, ob Strenge 9* 132 oder Milde hier beſſer ſei, waren getheilt; Murat war zu ergrimmt, um ſich nicht für die erſtere zu entſcheiden. Er vollzog ein Decret, welches die Verbindung der Car⸗ bonari mit Verſchwörung gegen den Staat gleichſtellte und die jetzigen Carbonari, die noch Verſammlungen halten würden, wie alle, welche ſich noch in dieſe Ge⸗ ſellſchaft aufnehmen ließen, mit Todesſtrafe bedrohte. General Floreſtan Pepe wurde mit ausgedehnter Voll⸗ macht nach den Abruzzen geſchickt; ein Adjutant des Königs ſollte die Beſchlüſſe der Regentin überbringen. Als der Adjutant ſich meldete, um die Depeſchen in Empfang zu nehmen und unverzüglich abzureiſen, ſagte Joachim, der immer in neuen Zorn über dieſe verkapp⸗ ten Gegner gerieth, die er nicht mit einem Schlage zer⸗ malmen konnte:„Da haben Sie die guten Freunde, die Schooßkinder Ihres Schwagers! Sagen Sie ihm von mir, er möge ſeine phantaſtiſche Humanität fallen laſſen. Ich bereue es, daß ich den geringſten dieſer Verworfenen begnadigt habe. Sagen Sie ihm das ausdrücklich!“ Orkum verſtand, was der König damit meinte, aber dieſer war in einer Laune, doß jede Erwiderung gefährlich war. Ueberhaupt hatte der deutſche Oberſt ſich nicht mehr der frühern Gnade zu erfreuen, was er bei ſeiner robuſten Natur erſt ſpät gemerkt hatte. Als er vor dem Abgange zur Armee nur um einen Tag — Urlaub gebeten, um ſeinen Vorſatz, ſich nicht mehr an das ihm abgelockte Verſprechen zu kehren, gegen Virgi⸗ nia auszuführen, hatte der König ſein Geſuch abgeſchla— gen.„Sie haben dort nichts zu ſuchen!“ waren ſeine Worte geweſen, welche Orkum noch heute nicht vergeſſen konnte; er als Mann hatte nichts bei ſeiner Frau zu ſuchen! Diesmal bedurfte er in Neapel keines Urlaubs, und wenn ihm der König auch die ſchleunigſte Rückkehr mit den neuen Depeſchen der Regentin zur Pflicht machte, ſo hoffte er ſich doch ein paar Stunden für ſeine eigene Perſon abzumüßigen. Sechstes Kapitel. Das Frauenherz. Im ſchönſten Frühlingsſchmucke prangten die Fluren, ein Blütenmeer ſchien ſich über das Land ergoſſen zu haben, die Berge ſchimmerten im zauberiſchen Spiel von Duft und Licht, das ſie in Farben kleidete, wie der Norden ſie nicht kennt, und darüber hin war der dunkel⸗ blaue klare Himmel geſpannt wie eine Kuppel von leuch⸗ tendem Kryhſtall. Jeder Tag ſchien die Natur mit neuen Reizen auszuſtatten und den Menſchen neue Freuden zu bereiten. In der Umgegend Neapels auf allen Wegen, an allen ſchönen Punkten ſchwärmte es in gewohnter Weiſe von einer fröhlichen, lauten Menge; aber auch ſtille, abgelegene Thäler wurden heimgeſucht, um deren eigenthümliche Schönheit im Lenzgewande zu bewundern. Den reinſten Genuß an der Natur haben aber die Land⸗ bewohner, welche nicht erſt aus ihren Steinmauern weit hinauszuwandern brauchen, denen vielmehr ein Schritt aus der Thür ihres Hauſes ſchon die volle 135 Freudenſchale bietet. So in dem ſchönen Thale, wo Virginia ſchon ſeit Wochen ein Leben ſanfter Befriedi⸗ gung geführt hatte, in einer Gemüthsſtille, welche ſie nur hier kannte, ohne einen Wunſch, als daß es ewig ſo bleiben, daß kein fremder ſtörender Geiſt in dieſe Freiſtatt einziehen möge. Sie war nicht allein, Alexander hatte ſie begleitet und weilte noch immer in der Roſaja. Alle Zweifel und Bedenken, die ihn bei ihrer Einladung beunruhigt hatten, waren verſtummt vor der Seligkeit, mit welcher ihn der Gedanke, wiederum in ihrer Nähe zu leben, füllte, und wenn ſie auch oft wieder aufgeſtiegen waren, ſo hatte ihn ſtets die Betrachtung beſchwichtigt, daß ſie ihn ja. offen und unbefangen in Gegenwart ihres Gemahls ein⸗ geladen hatte, daß alſo weder etwas Unziemliches vor der Welt, noch eine Verletzung anderer Rückſichten dabei ſein könne. Auch hier ſchien kein Menſch über ſeine Anweſenheit verwundert zu ſein, ja, was ihn beſonders beruhigt hatte, war das Benehmen des ehrwürdigen Prieſters gegen ihn, wenn dieſer mit ihm und Virginia zuweilen einige Stunden verlebte. Würde der fromme Diener des Herrn überhaupt das Schloß auf längere Zeit, als etwa ſein Amt forderte, beſucht haben, wenn er in dem Verhältniß der Gräfin mit dem jungen Manne, der ihr Neffe war, oder nur in Alexander's An— weſenheit etwas Tadelnswerthes gefunden hätte? Nur die böſe Welt der Hauptſtadt, welche Arges denkt, weil ſie ſelbſt arg iſt, hatte beachtet werden müſſen, und dar⸗ um war ja Virginia ſelbſt der Meinung geweſen, daß er nicht länger in ihrem Hauſe wohnen ſolle, während ihr Gatte entfernt war; hier, unter den einfachen, harmloſen Menſchen, durfte ein reines Bewußtſein keine falſche Beurtheilung fürchten. Auch in ſeinem eigenen Herzen fühlte ſich Alexander, ſeit er mit Virginia ver— eint war und faſt den ganzen Tag in ihrer Gegenwart lebte, mehr und mehr von jenen Stürmen befreit, die ihn nur zu oft mit dem Gefühle ſchwerer Vergehung gequält hatten; er glaubte ſich geheilt, aus der wilden Brandung der Leidenſchaft an ein geſegnetes, friedliches Eiland gerettet. Virginia's Weſen trug auch dazu bei, ihn über die letzten zweifelhaften Gedanken, welche noch in einſamer Stunde ſich regten, zu erheben. In der erſten Zeit ihrer Bekanntſchaft, wie hatte ſie damals in muthwilliger Laune, ſprühend vor heiterer Luſt, durch zündende Blicke und manches unbedachte Wort die Lei⸗ denſchaft, die ihr in dem Jünglinge anziehend und ſchmeichelhaft war, bis zur höchſten Glut angefacht, ohne ſich ein Gewiſſen daraus zu machen; ihrerſeits gewiß nur ein leichtfertiges Spiel, das auf keine Klippe führen ſollte. Jetzt war das vorüber. Sie war ſchon ſeit der 137 Rückkehr ihres Gemahls gegen Alexander völlig verän⸗ dert, und nun ſie mit ihm wieder unter einem Dache lebte, von einer ruhigen Freundlichkeit, die wie. lindes Hel auf die ſtürmiſchen Wogen ſeiner Leidenſchaft ge⸗ wirkt, bis ſich die hochgehenden mehr und mehr geebnet hatten und auch in ſeine Seele eine ſtille Innigkeit voll ſüßen Friedens eingekehrt war. Beide wähnten, das ſchöne Ideal einer leidenſchaftsloſen Freundſchaft zwiſchen jungen Herzen von Mann und Frau, das von ſo Vielen für ein unerreichbares erklärt worden iſt, zu verwirklichen. Der Abend eines Feſttags, welchen der Prieſter wiederum mit ihnen in anziehender Unterhaltung zuge⸗ bracht hatte, ſenkte ſich mit ſeinen Goldlichtern in das Thal. Der geiſtliche Herr hatte Abſchied genommen und ſich entfernt. Was er mit ihnen beſprach, reichte ſelten über die Grenzſcheide dieſes Thals hinaus; es ſchien, als ſei Alles, was draußen die Welt bewegte und er⸗ ſchütterte, von dieſer ſtillen Freiſtatt ausgeſchloſſen, und nur mit den Zeitungen, welche von Neapel aus ziemlich unregelmäßig der Gräfin zugingen, rollte von dem Wel⸗ lenſchlage der Außenwelt zuweilen eine raſch ſich verlau⸗ fende Woge hinein. Heute war dem Prieſter jedoch von anderer Seite eine Kunde zugegangen, die er nicht ver⸗ ſchwiegen hatte: die Nachricht von der Empörung in Abruzzo ultra, welche ihm ein Pilger von jenſeits des 138 Apennin gebracht. Wenn ſie begründet war, konnte dem Reiche eine große Gefahr drohen, noch kurz vor dem glücklichen Ziele, welchem daſſelbe durch den Friedens⸗ ſchluß, der es vor einem feindlichen Angriff bewahrt hatte, ſo nahe ſchien. Das Land war noch immer voll unruhiger Elemente, welche bisher nur durch das Schreckens⸗ ſyſtem niedergehalten worden; die Armee ſtand vor dem Feinde, der König war abweſend, wie ſollte die Regen— tin den Aufruhr dämpfen? Ueberhaupt, welchen Zweck hatte derſelbe, da der König Frieden auch mit England geſchloſſen hatte und das Haus Bourbon doch nur im Einverſtändniß mit England hoffen durfte, den Thron von Neapel wieder zu beſteigen? Das wußte ſelbſt der gute Prete, der ſich ſonſt nicht viel um die Angelegen⸗ heiten der Welt bekümmerte. Als er fortgegangen war, hatte ihn Alexander begleitet, um noch weiter mit ihm die Nachricht zu beſprechen, die ihn ſehr beſchäftigte, weil dabei auch die Carbonari genannt worden waren. Virginia blieb auf der Veranda zurück, und zu ihr ge⸗ ſellte ſich bald die kleine Giuditta, welche ſchon zweimal von weitem gelauſcht hatte, ob der Prete, vor welchem ſie trotz ſeiner Freundlichkeit gegen ſie doch eine gewiſſe Scheu fühlte, ſich nicht bald entfernen werde. Den An⸗ dern dagegen, der ſich viel mit ihr beſchäftigte, ſogar mit ihr ſpielte, hatte ſie ſehr lieb gewonnen. 139 „Wo iſt der Leſſo?“ fragte ſie nach ihm, als ſie ihn jetzt vermißte. „Biſt Du ihm gut?“ entgegnete Virginia, indem ſie die Kleine auf den Schooß nahm. Ginditta ſchlang ihre beiden Aermchen um den Hals Virginia's und drückte ſie lange und heftig.„So gut bin ich ihm!“ ſagte ſie lachend.„Biſt Du ihm auch gut?“ fragte ſie dann und blickte Virginia mit einer wahren Forſchermiene in die Augen. Dieſe küßte das Kind und ſagte:„Gewiß, Ginditta. Möchteſt Du mit ihm gehen, wenn er wieder fortgeht?“ „Wenn Du mitgehſt!“ erwiderte die Kleine unbe⸗ denklich. „Ach, armes Kind, ich muß hier bleiben, oder wo ich ſonſt— gefeſſelt bin“, wollte ſie ſagen, aber ſie un⸗ terdrückte dieſe Worte und fuhr ſchnell fort:„Denkſt Du denn aber nicht an Deine Mama? Willſt Du Deine Mama verlaſſen?“ „Du biſt meine Mama!“ ſagte die Kleine ganz ernſthaft. Virginia fuhr heftig auf, eine Glut überflog ihr Geſicht.„Kind!“ rief ſie.„Was redeſt Du da für Unſinn! Wenn Deine Mutter das hörte, würde ſie weinen!“ Als die Kleine ſah, daß die ſchöne Frau böſe war, 140 ſchwieg ſie verſchüchtert und fing nach kurzer Zeit ſelbſt an zu weinen.„Komm her, Giuditta!“ ſagte die Gräfin wieder gütig, küßte ſie mit Zärtlichkeit, und es war, als wollten ſich ihren tief geſenkten Augen eben⸗ falls Thränen entringen, aber ſie kämpfte die Perlen zu⸗ rück, welche ſchon zwiſchen den ſchwarzen Wimpern erſchienen, und fragte:„Wer hat Dir geſagt, Liebchen, daß Du mich ſo nennen darfſt? Erzähle mir's! Du kannſt doch nur eine Mama haben. Ich habe Dich ſehr lieb, aber Deine Mutter darfſt Du deswegen nicht betrüben. Laß mich das nicht wieder hören! Wer hat Dir geſagt, daß Du mich Mama nennen darfſt?“ „Ich weiß es nicht“, erwiderte Giuditta noch immer weinend. Virginia ließ ſie von ihrem Schooße nieder. „Rufe mir die Maddalena“, befahl ſie. Die Kleine ging betrübt von dannen und es that der Gräfin nun doch leid, ſie ſo hart weggeſchickt zu haben, denn ſie ſah ihr mit einem Blick unendlicher Liebe nach. Eine kleine Weile ſpäter kam Maddalena, wie befohlen. „Haſt Du dem Kinde geſagt, daß ſie mich Mama nennen darf?“ fragte Virginia in ruhigem Tone. „Madonna!“ entgegnete die Procidanerin und ihr ruhiges ſchönes Geſicht nahm den Ausdruck mächtigen Erſtaunens an. 141 Wer es ihm auch geſagt hat“, fuhr die Gräfin im Tone ſtolzer Würde fort,„er verdient eine ernſte Zurechtweiſung. Ich habe das Kind der Gianna zwar ganz gern und erlaube ihm Manches, aber zu einer ſolchen Vertraulichkeit darf es ſich doch nicht verſteigen; das iſt ganz unpaſſend.“ „Ich bin es nicht geweſen“, ſagte Maddalena ruhig. „Das iſt mir lieb. Ich glaube auch, daß ſich das Kind nicht wieder ſo weit erdreiſten wird.“ Sie ſchwieg einen Moment, dann fragte ſie:„Haſt Du viel⸗ leicht neuerdings Nachrichten von Deinem Oheim?“ „Nein!“ antwortete das Mädchen, und als die Gräfin ſie ſcharf und zweifelnd anſah, wiederholte ſie das Nein mit einer Betheuerung, daß ſie den Oheim, ſeit er wieder frei geworden, nicht geſehen, auch nichts von ihm gehört habe. „Als er hier war— in Verkleidung, wie Du ſagſt — hat er Dir keine Andeutung gemacht, wohin er ge⸗ hen werde?“ „Nein. Er ſagte mir nur, daß er große Eile habe, daß er aber doch den Umweg gemacht, um mich ſeinet— wegen aus der Angſt zu reißen, und daß er den Auf⸗ enthalt wieder einbringen müſſe, möge auch das Pferd darüber ſtürzen.“ „Was hatte er denn für eine Verkleidung gewählt?“ 142 Die Procidanerin ſagte kurzweg:„Bürgertracht!“ und nach einigem Beſinnen ſetzte ſie hinzu:„Er lachte ſelbſt darüber, aber er ſagte, der Prinz habe es nicht anders haben wollen.“ „Mein Bruder?“ fragte die Gräfin überraſcht. Sie war nur im weitern Verfolg ihres frühern Schreibens an den Commandanten höflich in Kenntniß geſetzt wor⸗ den, daß ihr Diener auf Befehl Sr. Majeſtät des Königs aus dem Gefängniß entlaſſen worden ſei, was ihr alle Neigung genommen hatte, noch eine Aufklärung darüber zu ſuchen. Nun hörte ſie, daß ihr Bruder dabei im Spiele geweſen ſei, aber ſie fragte nicht weiter, das Mädchen konnte ja auch nichts wiſſen. „Es ſollte mir leid thun, wenn Dein Oheim ſich wieder in unbeſonnene Unternehmungen einließe“, ſagte ſie.„Ich habe eben erfahren, daß eine Empörung jenſeits der Berge ausgebrochen iſt. Es wäre ſehr undankbar von ihm, der zweimal begnadigt worden iſt, wenn er ſich daran betheiligte; zum dritten Male möchte er vergebens Gnade ſuchen.“ Maddalena war von der Nachricht betroffen, aber ſie beruhigte ſich ſogleich wieder.„Mein Onkel iſt gewiß nicht dabei“, ſagte ſie.„Er ſprach davon, daß ihn der König wieder begnadigt habe, und meinte, er werde ſchon einmal Gelegenheit finden, ihm zu danken, obgleich 143 er nur ein armer Mann ſei und Joachim ein großer Fürſt.“ „Rufe mir Frau Gianna“, befahl die Herrin. Das Mädchen ging und bald darauf erſchien die Wirthſchafterin auf der Veranda. „Hat Dir die Maddalena erzählt?“ fragte die Gräfin in der gütigen Weiſe, welche ſie gegen ihre weibliche Dienerſchaft überhaupt, beſonders aber gegen die Wittwe zeigte, die ſie mit ihrer Kleinen hier aufgenommen hatte. „Ja!“ erwiderte Gianna, indem ſie den braunen Arm in die Seite ſtemmte.„Ich weiß nicht, wer dem Kinde alle die Dummheiten in den Kopf ſetzt, es ſchwatzt täg— lich mehr unſinniges Zeug, auf das es doch nicht von ſelber kommen kann. Soll ich meine Meinung ſagen, von wem es dies hat?“ „Rede!“ gebot Virginia. „Von Don Aleſſandro!“ ſagte die Wirthſchafterin. Virginia blickte unwillig erröthend auf.„Du träumſt!“ rief ſie. „Nein, nein, ich weiß, was ich ſage!“ erwiderte Gianna.„Er hat das Kind lieb und es läuft ihm den ganzen Tag nach, wenn es nicht bei Ew. Gnaden iſt. Geſtern erſt brachte es etwas vor, das mir auffiel, und wie ich es fragte, von wem es das habe, ſagte es:„Vom Leſſo!“ So nennt ſie den jungen Herrn“ 144 „Und was war das?“ forſchte Virginia. „Ach, Narrheit, Kinderei! Sie ſagte mir, daß ſie Angela heißen müſſe. Der junge Herr mag es paſſender finden, weil ſie freilich ſchön wie ein Engel iſt, und ſo hat er ihr denn auch andere Dinge in den Kopf geſetzt, die nun auf unſere Rechnung kommen. Wenn er etwas weiß, ſoll er es für ſich behalten.“ Virginia erhob ſich mit allen Zeichen des höchſten Unwillens.„Was fällt Dir ein!“ rief ſie mit bebender Stimme. In dieſem Augenblicke ſah ſie Alexander durch den Garten zurückkommen und ſagte, ſich bezwingend: „Geh nur, Gianna. Kein Gedanke von alle dem, was Du geſagt haſt! Unmöglich, ganz unmöglich!“ Sie wandte ſich ab, es war, als durchliefe ſie ein Schauder; ſie winkte der Frau heftig, zu gehen, und dieſe entfernte ſich, als Alexander eben die Freitreppe erſtieg. Hat ſie ihre Kleine bei Ihnen verklagt?“ fragte er lächelnd, als habe er eine Ahnung, was hier beſpro⸗ chen worden ſei. „Warum ſollte ſie das?“ entgegnete Virginia.„Nicht die Kleine, Sie ſind bei mir verklagt worden, Aleſſandro!“ Ich fragte er verwundert.„Was habe ich ver⸗ brochen?“ „Sie ſetzen der Kleinen ſtolze Dinge in den Kopf, behauptet ſie. Daß ſie Angela heißen müſſe, ſtatt Giu⸗ 145 ditta, daß ſie eine vornehmere Mutter ſich ſuchen müſſe, haben Sie dem Kinde das geſagt?“ Alexander verwahrte ſich gegen die letzte Beſchuldi⸗ gung, welche ihm ein großes Unrecht zuſchreibe.„Ich entfinne mich“, ſagte er mit ſteigender Verlegenheit, „daß ich allerdings die Kleine im Scherz einmal Angela gerufen habe, weil ſie wirklich einen wahren Engelsblick hat, und was die böſe Nachrede betrifft, ihr kindliches Gefühl gegen die Mutter vergiftet zu haben, ſo kann ihr vielleicht einmal geſagt worden ſein, daß Sie immer ſo gütig und liebevoll wie eine Mutter gegen ſie ſind und daß ſie Ihnen mit eben ſolcher Liebe wie ihrer Mut⸗ ter anhängen möge.“ „Aleſſandro, Sie können nicht unwahr ſein“, unter⸗ brach ihn Virginia ſanft.„Ich ſehe Ihnen an, Sie haben mehr geſagt.“ „Sie durchſchauen jede Falte meines Herzens!“ rief. er.„Ja, ich will es geſtehen. Ich habe die Kleine einmal gefragt, ob es ihr nicht ſüß wäre, Sie Mama nennen zu dürfen.“ Virginia ſchwieg.„Verzeihen Sie mir?“ bat er innig. Sie reichte ihm ſtumm die Hand, welche in der ſeinigen zitterte. Beide ſaßen eine lange Weile ſchweigend zuſammen. Ihn beunruhigte es, daß er ihr gewiß weh Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. U. 10 146 gethan hatte; ſie mußte es ja ſchmerzlich fühlen, daß ihr in ihrer traurigen Ehe das Mutterglück verſagt ſei. Wenn er ihr auch nicht ſagen durfte, wie ſein Ge⸗ dankenſpiel ihn zu jener Aeußerung gegen Giuditta geführt, ſo glaubte er ihr doch eine Erklärung derſelben ſchuldig zu ſein.„Sie haben mir verziehen“, begann er,„aber es muß Sie doch befremden, wie ich mir an⸗ maßen konnte, dem Kinde eine ſolche Frage zu thun.“ „Warum nicht?“ entgegnete ſie ſanft und leiſe. „Ich habe das Kind lieb, habe ihm geſtattet, mich Tante zu nennen; es lag gewiß nahe, daß Sie ihm noch eine zärtlichere Benennung erlaubt wünſchten.“ „Ich habe die Kleine beobachtet“, fuhr Alexander durch ihre Worte ermuthigt fort;„ſie hängt weit mehr an Ihnen als an ihrer eigenen Mutter, und wenn ich dieſe mit ihrem Kinde zuſammen ſehe, die unſchöne Frau und das zarte liebliche Weſen, ſo kommt es mir wie eine Unnatur vor, daß beide in einem ſolchen Verhält⸗ niß ſtehen. Gott hat es ihr geſchenkt, und ſie kann glück⸗ lich ſein, aber ſagen Sie ſelbſt, würden Sie zweifeln, wenn Sie die Kleine nie geſehen hätten und man ſagte Ihnen, es ſei ein Königskind?“ Seine Worten waren Dolche für Virginias Herz, aber ſie blutete ſtumm. Der Abend war ſchon tief ein⸗ gebrochen; Maddalena trug eine Lampe herein und warf 147 einen ſtillen, theilnehmenden Blick auf ihre Herrin, welche ſo bleich war, daß es ſie erſchreckte. Davon bemerkte Alexander nichts; ſie hatte ſich ſo geſetzt, daß ihr Antlitz nur wenig beleuchtet war.„Darf ich nun hoffen“, fing er wieder an, als das Mädchen ſich entfernt hatte,„daß Sie meine unbeſonnene Rede gegen das Kind nicht als einen plötzlichen Einfall anſehen, der—“ „O laſſen Sie das ruhen, Aleſſandro!“ bat ſie und ihre Stimme klang ſo weich, daß er davon tief er⸗ griffen wurde Auch er ſchwieg jetzt. Eine feierliche Stille herrſchte in der Natur; die Zweige der Myrten und OHrangen hingen unbewegt, nur ein leichter Hauch vom obern Thale her wehte Kühlung über die Veranda. Die. Lampe warf ihren milden Schein auf das junge Paar, das verſtummt, als hätte es ſich gar nichts mehr zu ſagen, einander gegenüber ſaß. Ein großer ſchwarzer Nacht⸗ falter, mit glührothen Unterflügeln ſchwebte hernieder und unflatterte das Licht, das ihm nur den Tod brin⸗ gen konnte. Alexander, von einem ſeltſamen Gedanken ergriffen, ſuchte ihm zu wehren, ihn zu verjagen; umſonſt, er ſank bald verſengt und zuckend zu Boden, wo er ihn mitleidig tödtete. „Armes Thierchen!“ ſagte er„Wie gleicht Dein Schickſal manchem Erdenlooſe! Nacht und ein trügeri- ſches Licht auf der Klippe!“ Er mochte an ſeinen hei⸗ 10* 148 miſchen Rheinſtrom denken, an den Felſen und die Sage der Loreley. „Auch im vollen Sonnenglanze, im heiterſten Ta⸗ geslicht ſcheitert manches Lebensſchiff!“ verſetzte Virginia mit gepreßtem Tone. Und nach einer Weile fragte ſie leiſe:„Halten Sie mich für glücklich, Aleſſandro?“ Es war zum erſten Male, daß ſie von ſich ſelbſt zu ihm ſprach, und das Herz wallte ihm ſüß und ſchmerz⸗ lich zugleich auf, daß er im erſten Moment keine Ant⸗ wort finden konnte. Hatte ſie endlich Vertrauen zu ihm gefaßt und fühlte ſie das Bedürfniß, ſich dem Herzen, das wie kein anderes an ihrem Schickſal Theil nahm, auszuſprechen? Von ihren nächſten Verwandten, von Va⸗ ter und Bruder verlaſſen, mußte ſie nicht endlich, wo ſie Treue und wahres Gefühl für ihr Loos fand, ihre Verſchloſſenheit aufgeben, die in einem ſo jungen Weſen unnatürlich war? Sie wartete nicht auf Antwort, ſon⸗ dern fuhr nach kurzer Pauſe fort:„Sie wiſſen es, ich bin nicht glücklich. Warum aber, fragen Sie, warum? War es nicht freie Wahl?“ Virginia! O wüßt ich Sie glücklich! Mit meinem Leben wollte ich es erkaufen! Sie verdienten das reinſte Glück der Erde!“ „Still, Aleſſandro! Kennen Sie mich, um ſo ver⸗ meſſen zu ſprechen? Ich war noch ein Kind, als mich 149 ſchon das Unglück heimſuchte, das mich ſeitdem wie ſeine Beute feſthält!“ „Ich weiß, Sie haben ſchon früh Ihre Mutter ver⸗ loren“, ſagte Alexander voll innigen Mitgefühls. „Meine Mutter habe ich nicht gekannt, ihren Ver⸗ luſt nicht gefühlt, aber es war freilich das erſte, das ſchwerſte Unglück, das mich getroffen hat! Wäre mir die Mutter nicht entriſſen worden, wie anders, wie ſo ganz anders würde ſich mein Schickſal geſtaltet haben! Allbarmherziger Gott! Ich war auch noch ein Kind, als mein Vater mich verlobte, zum erſten Male, Aleſſandrol! Ich war ſchon früher einmal verlobt—“ „Ich weiß es, Virginia! Der Tod entriß Ihnen den Geliebten—“ „Ha!“ zuckte ſie auf.„Geliebt habe ich ihn nicht; er war ein vornehmer und reicher Mann, faſt ſchon ein Greis gegen mich, das Kind von vierzehn Jahren, das der Vater nicht gefragt hat, als er es verlobte. Wer hat Ihnen das Alles erzählt? Hat mein Mann mit Ihnen über mich geſprochen? Was hat er Ihnen geſagt, Aleſ⸗ ſandro?“ rief ſie heftig, aber ſie unterbrach ſich ſogleich ſelbſt:„Nein, ich will es nicht hören! Liebreich kann es nicht geweſen ſein, aber ſo viel auch zwiſchen uns ſteht, halte ich ihn doch nicht für fähig, über ſeine Frau Böſes zu reden.“ „Wie ſollte er auch! Wie wäre das möglich!“ ſagte Alexander.„Was ich von ihren frühern Jahren weiß, hat mir nicht mein Onkel, ſondern Ihr Bruder geſagt, als ich von Ihnen ſprach. Aber auch nicht mehr, nur das.“ „Camillo! Ich glaube Ihnen, daß er nicht mehr von mir geſagt hat. Wir ſind uns fern und fremd ſeit meiner Kindheit, wie ich allein, mir ſelbſt überlaſſen ge— blieben bin, auf mich ſelbſt gewieſen bis auf den heuti⸗ gen Tag. Ihr Onkel lernte mich kennen, er warb um mich, Niemand ſagte mir davon; mein Vater faßte ſei— nen Entſchluß, der mein Schickſal beſtimmte.“ „Man ſagt mir, nicht Ihr Bruder, ſondern ein Verwandter Ihres Hauſes“, begann Alexander ſchüch⸗ tern die Frage, die ihm auf dem Herzen lag,„daß Ihr Herr Vater ein treuer Anhänger des alten Königsſtam⸗ mes iſt, daß er ſich immer von dem jetzigen Hofe fern gehalten hat, und daß es viel Aufſehen erregt hat, als er dennoch die Hand ſeiner einzigen Tochter einem Offizier des Königs Joachim gab, da man gar nicht begriff, wie dieſer Ihre Bekanntſchaft gemacht oder den Muth ge⸗ wonnen habe, um Sie anzuhalten!“ Als er ſo weit ge⸗ kommen war, erſchrak er ſelbſt über ſeine Kühnheit und er konnte auch bemerken, daß Virginia davon ver⸗ letzt war. Mußte er nicht erwarten, was ſie ihm in ver⸗ 151 trauender Hingebung mittheilen werde? Durfte er mehr fordern und fragen? Sie ſtand langſam auf, er ſah, daß ſie ihm zürnte; es traf ihn wie ein Wetterſtrahl, er ſtürzte zu ihren Füßen. „Virginia!“ rief er,„Du, meine Heilige, Stern meines Lebens, wende Dein Antlitz nicht von mir!“ Da neigte ſie ſich über ihn und hauchte einen Kuß auf ſeine Stirn; enteilen wollte ſie, aber ſie vermochte es nicht mehr, denn ihre Kraft war von tauſend furcht⸗ baren Erinnerungen gebrochen, welche auf ſie einſtürmten; ſie ſank zuſammen wie ein hülfloſes Kind in heißen Thränen, und wenn ſie Alexander nicht ſchnell geſtützt hätte, wäre ſie hart auf die Marmorplatten des Bodens gefallen. Einen Moment ruhte ſie an ſeiner Bruſt, welche hochauf ſchlug, als er den Arm um ſie ſchlang, ſie zu halten, aber ihr ſchnell wiederkehrendes Bewußtſein er⸗ ſchreckte ſie, daß ſie ſich mit einer Heftigkeit von ihm losriß, welche ihn beſtürzt machte. „Ich bin ein krankes, ſchwaches Weib, Aleſſandro!“ ſagte ſie kaum vernehmbar. Verlaſſen Sie mich nicht, mein einziger Freund! Was Sie mich gefragt haben, iſt ſo natürlich! Wir ſprechen wohl noch mehr davon, heute aber bedarf ich der Ruhe. Sie ſehen, daß ich wie ein Kind bin.“ Es war ein ſchwacher Verſuch zum Scherze, der ihn nur noch mehr betrübte. Er bat ſie um Verzei⸗ hung und war nicht im Stande, ſeine völlige Faſſungs⸗ loſigkeit zu verbergen; ſie reichte ihm nochmals die Hand⸗ „Wie könnte ich Ihnen jemals zürnen, meinem einzigen, treuen Freunde“ ſagte ſie innig.„Vielleicht kommt aber die Stunde, wo Sie an mir zweifeln werden! O ſchwö⸗ ren Sie nicht! Die Stunde wird kommen, Aleſſandro! Dann bewähren Sie ſich!“ Raſch entzog ſie ihm jetzt die Hand, die er an ſein Herz drückte, kaum wiſſend, was er that, und verließ die Veranda. Einen Augenblick vor⸗ her war ein ſchönes, bleiches Antlitz, welches ſtarr vor Beſtürzung auf die Scene geſchaut hatte, zwiſchen den Säulen verſchwunden. Nach ſolchem Abend das Wiederſehen am Mor⸗ gen, wenn das unerbittliche Tageslicht jeden Zug, jeden Wechſel des Ausdrucks im Antlitz erhellt! Virginia trat jedoch dem Jünglinge, der ſich vor der erſten Begegnung fürchtete, als ſei er ein ſchuldbewußter Verbrecher, mit einer ſo ruhigen Haltung entgegen, als habe ſie Alles vergeſſen, was geſtern zwiſchen ihnen vorgefallen. Hatte ſie doch in ihrem jungen Leben viel Anderes hin⸗ ter einer erkünſtelt klaren Außenſeite verbergen müſſen! Kein Wort ſprach ſie, das ſich auf geſtern bezog— wie hätte er den Muth finden ſollen, davon zu beginnen! Die kleine Giuditta kam in gewohnter Weiſe zu ihr ge⸗ ſprungen und war auch gegen ihn zutraulich, wie immer, quälte ihn mit Fragen und Forderungen und hatte offen⸗ bar nach Kinderart kein Gedächtniß mehr für den An⸗ laß, um deſſentwillen ſie geſcholten worden war, den ſie auch gar nicht verſtanden hatte. So vergingen die Stunden leicht, und auch in Alexander's Gemüth ſtellte ſich das Gleich⸗ gewicht wieder her, er war nur viel ſtiller als ſonſt. Virginia bemerkte das wohl, doch hütete ſie ſich, ihn zu fragen. Als ſie ſich ſpäter in ihre Zimmer zurückgezo⸗ gen hatte, wanderte er, wie er zu thun pflegte, in das Thal hinauf, an dem Kirchlein vorüber zu der Höhe, auf welcher die Landſtraße hinlief. Vor der Thür der Oſteria bemerkte er einen Wagen; es war nichts Auffallendes für ihn, weil dort Fuhrleute ſowohl als Fußwanderer und wer ſonſt des Weges zog, einen Halt zu machen pflegten. Er wollte ſeinen Spaziergang noch weiter fortſetzen, ohne ſich um die Reiſenden, deren wieder einige vor dem Hauſe ſaßen, zu kümmern, als ein Mann aus der Thür trat, der ihn bei ſeinem Namen anrief. Er wandte ſich um und erkannte zu ſeiner Ueberraſchung den Prinzen Emilio Angri, deſſen Bekanntſchaft er im Winter zu Neapel gemacht hatte. „Treffe ich Sie hier?“ rief Emilio mit wohler⸗ künſtelter Verwunderung.„Ich wähnte Sie ſchon jenſeits der Alpen, wenn das Kriegsgetümmel am Po Sie nicht aufgehalten hätte. Sie waren ſo ſpurlos verſchwunden 154 wie ein Zugvogel! Sind alſo hier eingeflogen? Ei, ei, was wird Ihr tapferer Onkel dazu ſagen?“ „Mein Onkel hat mich gebeten, Durchlaucht, wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit der Tante in ihrer ländlichen Zurückgezogenheit, wenn ſie eines Rathes oder Beiſtandes bedürfte, zur Seite zu ſtehen!“ „Seltener Mann!“ verſetzte der Prinz, welchem die Verlegenheit nicht entging, die ſeine Neckerei in dem jungen Deutſchen erzeugt hatte.„Es fällt mir auch nicht ein, meiner ſchönen Couſine Ihren Beiſtand zu mißgönnen, nur beneide ich Sie, Cariſſimo! Hätte ich geahnt, daß meine Couſine Beſuch annimmt, ſo würde ich nicht des obern Weges vorübergefahren ſein; nun aber begleite ich Sie auf einen Moment, ſoviel es meine dringenden Geſchäfte geſtatten. Ich will mich we⸗ nigſtens überzeugen, ob ſich die reizende Virginia unter Ihren Fittigen wohl befindet. Kommen Sie!“ „Ich möchte Sie bitten, Durchlaucht, gegen Ihre Frau Couſine dieſen Ton des Scherzes nicht anzuſchla⸗ gen“ ſagte während des Ganges Alexander ernſthaft und jetzt mit einem feſten Blicke.„Es würde für mich höchſt unangenehm ſein.“ „Ihre Integrität ſteht über allem Zweifel erhaben!“ erwiderte Emilio lächelnd.„Wäre es nur auch ſo in einer gewiſſen andern Beziehung! Als naher Verwandter der Dame, die ſich für Sie intereſſirt, halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu ſagen, daß man in Neapel an Ihr plötzliches Verſchwinden ſeltſame Vermuthungen knüpft.“ „Wer kann ſich darum gekümmert haben?“ fragte Alexander.„Wer hat ein Recht dazu?“ „Die hohe Polizei!“ erwiderte der Prinz gelaſſen. Der Freiherr ſtand ſtill und ſah ihn mit einem er⸗ ſtaunenden und unwilligen Blicke an.„Fürchten Sie von mir keine Denunciation!“ fuhr Emilio fort.„Ich kann Ihnen aber mit Gewißheit ſagen, daß auf Sie ge⸗ fahndet worden iſt und daß man Sie jetzt in den Abruz⸗ zen glaubt.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ rief Alexander heftig. „Wenn Sie ſelbſt den Zuſammenhang nicht begreifen, ich natürlich noch weniger“, erwiderte Emilio.„Halten wir uns nicht auf, Sie rauben mir koſtbare Minuten, die ich in der Gegenwart meiner liebenswürdigſten Vir⸗ ginia verleben könnte. Ja, Verehrteſter“, ſprach er im Weitergehen,„man hält Sie für nichts Geringeres als einen Emiſſär der Feinde unſerer Regierung, der ſich unter der unſchuldigen Maske eines Alterthumsfor⸗ ſchers, welchen die Gegenwart nichts kümmert, bei uns eingeſchlichen hat, um das Volk zu bearbeiten. Welchen Grund Sie vielleicht ſelbſt durch unbeſonnene Aeußerun⸗ 156 gen zu dieſem Verdacht gegeben haben, vermag ich nicht zu beurtheilen. Das elaſſiſche Alterthum mit ſeinen An⸗ ſchauungen über Volksfreiheit und Regierungsformen gibt wohl ſo manche Analogie, welche bei gelegentlichen Reden darüber der Polizei Anſtoß erregen könnte. Ich entſinne mich ſelbſt, als wir einmal durch die Platanen⸗ allee der Villa reale gingen, von Ihnen dergleichen ge⸗ hört zu haben; wir ſtanden dann zuſammen an der eiſer⸗ nen Baluſtrade am Meer und ſchauten nach Capri hin⸗ über, das Ihr dichteriſcher Landsmann, wie Sie ſagten, mit einer ruhenden Sphinx vergleicht— vortrefflich! Sie ſprachen dabei Einiges über Kaiſer Tiberius, den Tyrannen, welcher dort ſeine Villeggiatura gehalten, und berührten ſonſt noch Allerlei, intereſſant genug, aber nicht ganz unverfänglich. Sie zeigten mir auch das Caſtell dell' Uovo, wo der letzte römiſche Kaiſer, Romulus Au- guſtulus, nach ſeiner Entthronung durch einen andern Landsmann von Ihnen, den Odoaker, ſeine Tage be⸗ ſchloſſen hat. Erinnern Sie ſich Ihrer Nutzanwendun⸗ gen noch?“ „Sie haben ein beſſeres Gedächtniß als ich“, erwi⸗ derte Alexander unmuthig.„Was ich geſagt habe, weiß ich nicht mehr, es können aber nur hiſtoriſche Thatſachen geweſen ſein. Will Ihre Polizei, wenn uns einer ihrer Spione behorcht hat, daran ein Aergerniß nehmen, ſo mag ſie die Geſchichte von Jahrtauſenden und die ewi⸗ gen Wahrheiten ſtreichen, welche dieſe lehrt. Etwas Anderes als Wahrheit kann ich nicht geredet haben und bin ſtets bereit, meine Worte zu vertreten!“ „Das glaube ich gern, ohne die ſchmetternde Fan— fare, mit welcher Sie dieſe Herausforderung an den Herzog von Campochiaro, unſern Polizeiminiſter, be⸗ gleiten. Ich zweifle keinen Augenblick an Ihrer Streit⸗ fertigkeit, da ich ja weiß, daß in Deutſchland kürzlich die ganze ſtudirende Jugend mit ihren Profeſſoren an der Spitze die Federn und Folianten mit dem Schwerte vertauſchte, um Napoleon zu bekämpfen, gegen den auch unſer König den Degen gezogen hat. Laſſen Sie aber doch meine Warnung nicht unbeachtet. Auf hiſtoriſche Dis⸗ cuſſionen und Argumente würde ſich die Militärcom— miſſion, der Sie im Fall einer Anklage verfielen, nicht einlaſſen.“ „Ungehört und ohne mich zu überführen, könnte ſie mich nicht verurtheilen“, ſagte Alexander.„Ich danke Ew. Durchlaucht für die Warnung, aber ein ſo lächer⸗ licher Verdacht kann mich nicht bewegen, einer Anklage auszuweichen, die ich ruhig abwarten will.“ „Ich kann es Ihnen auch nicht verdenken, daß Sie es hier, wo Sie im Paradieſe leben, auf das Aeußerſte ankommen laſſen“ verſetzte der Prinz.„Sie müſſen 158 am beſten wiſſen, was Sie zu thun haben. Fort denn mit der Politit! Welch eine entzückende Lage hat dies Schloß! Das ſind ja die Gärten der Armida! Beneidenswerther Rinaldo! Aber ich ſehe mit Entſetzen, daß ich das ganze Ungewitter, welches gegen die Polizei in Ihnen heraufzog, auf mein armes unſchuldiges Haupt herablockte! Schonung, Erbarmen! Wie Sie das claſ⸗ ſiſche Alterthum, liebe ich unſere Dichter; wäre Ihnen ſtatt der romantiſchen Armida die elaſſiſche Circe lieber?“ „Sie beleidigen die Ehre meiner Tante, Prinz An⸗ gri!“ rief Alexander mit erneuter Heftigkeit.„Ich werde das nicht dulden.“ „Gut, Herr Baron!“ erwiderte der Prinz höhniſch. „Wenn Sie es ſo nehmen, können wir ſpäter einmal darüber reden. Für den Augenblick iſt weder Zeit noch Ort dazu günſtig, auch fehlt es uns am Nöthigſten.“ „Ich bitte nur Zeit und Ort zu beſtimmen!“ rief der Freiherr. „Sobald ich von meiner Reiſe zurückkomme“, erwi⸗ derte Angri.„Ich werde die Ehre haben, die nöthigen Schritte einzuleiten. Vor der Hand haben wir nach Brauch und Herkommen wohl nichts mehr mit einander zu verhandeln?“ Alexander blieb ſtehen, machte dem Prinzen eine 159 leichte Verneigung und ſchlug, ohne ihm noch ein Wort zu ſagen, einen andern Pfad ein, der ſeitwärts wieder in die Berge führte. „Deine Furia tedesca werden wir zähmen!“ ſprach Emilio für ſich, indem er ihm nachſah. Dann ſetzte er ſeinen Weg nach dem Schloſſe fort, in deſſen Nähe er ſchon gelangt war. Er vermied es, den Eingang durch das Portal zu benutzen; er wußte in den Garten zu kommen, um von dort unangemeldet in das Haus zu treten; er wollte ſeine Couſine überraſchen. Virginia ſaß, wie gewöhnlich, auf der Veranda und hatte die kleine Giuditta auf dem Schooß, welche in kindlicher Weiſe zärtlich mit ihr plauderte, während ſie liebreich auf das unſchuldige Weſen herabſah und ihr zuweilen die Wange oder die ſchwarzen Locken ſtreichelte. An der nächſten Säule ſtand Maddalena und blickte mit ſtiller Theilnahme auf die liebliche Gruppe, aber in ihren ernſten Zügen hätte ein Beobachter eine unverkenn⸗ bare Traurigkeit leſen können. „Madonna!“ rief ſie plötzlich. Die Herrin ſah auf und erblickte auf der Freitreppe einen fremden Mann; es war ihr Vetter Emilio, der nun ſchnell heraufkam. „Welch reizendes Bild!“ rief er.„Wenn es nicht ſündhaft wäre, möchte ich ſagen: eine Madonna! Ich 160 würde nur zweifelhaft ſein, ob von Guido Reni oder von Tizian, und wenn ich die dritte ſchöne Geſtalt vergleichen ſoll, ob der heiligen Anna oder Katharina. O geben Sie das Kind nicht fort! Es kleidet Sie wundervoll!“ Vir⸗ ginia hatte dem Mädchen gewinkt, welches die Kleine, die ſich vor dem fremden Mann ohnehin fürchtete, auf den Arm nahm und ſich raſch entfernte. „Was verſchafft mir die Ehre, Herr Vetter?“ fragte die Gräfin, welche wieder vollkommen die Dame von Neapel war, mit allem Stolz und Selbſtbewußtſein, wo⸗ durch ſie ihn oft zur Verzweiflung gebracht hatte. „Ich würde es nicht gewagt haben, ſchöne Couſine, Sie zu überfallen, wenn ich nicht, achtungslos vorüber⸗ fahrend, bei einem Halt in der Oſteria droben den in⸗ tereſſanten Teutonen, den Neveu Ihres Gemahls, getroffen hätte, der mir bewies, daß Sie Beſuch, ſogar auf längere, unbeſtimmte Zeit, annehmen. So kam ich auf einen Augenblick herab, mich nach Ihrem Ergehen zu er⸗ kundigen und fand Sie in einer ſo reizenden Situation, daß ich Ihnen nur wünſchen könnte, dies wunderſchöne Kind möchte das Ihrige ſein; Sie werden einem Ver⸗ wandten von meinem Alter dieſen Gedanken nicht übel nehmen, der ſo nahe liegt.“ Sie zuckte leicht die Achſeln, faſt mitleidig, doch entging es ihm nicht, daß ſeine Aeußerung getroffen 161 hatte, und diesmal ſchärfer als ein bloßer Nadelſtich. „Haben Sie eine weite Reiſe?“ fragte ſie, indem ſie ihn einlud, Platz zu nehmen. „Nicht allzu weit, aber dringend; ich kann mich nur ſo lange aufhalten, bis meine Pferde gefüttert ſind. In einer wichtigen Angelegenheit wünſcht ein Bekannter mich zu ſprechen, ein intimer und wahrer Freund von mir.“ „Beſitzen Sie deren?“ fragte Virginia. „In Ihrem Reichthum ſpotten Sie meiner Armuth. Ein Blick von Ihnen genügt, um jeden Mann zu Ihrem Sklaven zu machen, aber Sklaven— und wären es Cim⸗ bern und Teutonen!— ſind nicht immer die zuverläſſigſten Freunde. Ich meine nicht etwa Ihren Gemahl, Divina; der hat eine ſo eigenthümliche Stellung, daß ihn keiner der Enchklopädiſten zu elaſſificiren wüßte—“ „Erſchöpfen Sie ſich nicht, Don Emilio, wie ich Ihnen ſchon oft gerathen habe. Ihre gelehrten Anſpie⸗ lungen gehen mir, wie Sie wiſſen, ganz verloren!“ „Weil mir die Gabe abgeht, mich Ihnen ſo ver— ſtändlich zu machen wie der jüngere Gelehrte, welcher ſeinen claſſiſchen Studien bei Ihnen obliegt.“ „Mein Neffe verſchont mich mit Allem, was mir läſtig iſt!“ verſetzte Virginia. „Und Sie bauen auf ihn wie nur die Königin Johanna früherer Zeit auf ihre deutſche Leibwache! Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. 1. 11 162 Laſſen Sie ſich aber von einem welterfahrenen Manne ſagen, daß es ſelbſt einer Divina gefährlich iſt, in ihrer Umgebung eine Schönheit erſten Ranges zu dulden, wie das junge Mädchen, das mit dem Kinde von Ihnen ging.“ Virginia antwortete ihm nur mit einem ſtolzen Blicke, in welchem ſich eine unbeſchreibliche Verachtung malte. Er ließ ſich aber nicht niederſchmettern, ſondern ergriff ihre Hand und hielt ſie feſt, als ſie ſie ihm heftig entziehen wollte. „Reizendes Coufinchen, laſſen Sie uns Frieden und Bündniß ſchließen! Ich bin kein zu verachtender Freund, denn ich komme nicht mit leeren Händen, wohl aber könnte ich leicht ein gefährlicher Feind werden!“ Sie hatte ihre Hand, welche ſchmerzhaft in ſeinem feſten Griff gezuckt hatte, endlich mit Anſtrengung be⸗ freit und ſagte unwillig:„Wenn Sie mir mit Ihrer Feindſchaft drohen, wozu ich Ihnen keinen Anlaß ge⸗ geben habe, ſo muß ich es tragen!“ „Keinen Anlaß?“ rief er.„Sie haben mich ewig zurückgeſtoßen, die Worte meines heißeſten Gefühls nicht verſtehen wollen; Sie haben mich mit Spott und Witz überſchüttet, mich verächtlich behandelt, wo Sie doch ſo viel Grund hätten, mich als ihren Freund mit dem Füllhorn Ihrer Gunſt zu beſeligen! Wir ſind allein, Virginia! Darum endlich einmal Offenheit. Sie 163 ſind in meiner Gewalt, ich kann Sie verderben, wäh⸗ len Sie!“ Virginia war tödtlich erblaßt; um ihre Lippen zuckten alle Fibern, aber ihr Auge, ſchwärzer jetzt als die Nacht, aus welcher Blitze flammen, traf den Spre⸗ cher mit ungebeugter Kraft, und die Haltung, in welcher ſie ſich erhob, war ſtolzer, als er ſie je geſehen hatte. „Ich habe nichts zu fürchten!“ ſprach ſie in aufge⸗ regtem Tone.„In Ihrer Gewalt kann ich niemals ſein! Ihre Drohung verachte ich!“ Auch Emilio war aufgeſtanden.„Beſinnen Sie ſich!“ ſagte er.„Ich nehme dies nicht als Ihr letztes Wort. Meine Erklärung hat Sie überraſcht, Sie be⸗ dürfen Zeit, ſich zu faſſen.“ Ein plötzliches Auf⸗ leuchten in ihren Zügen, wie Freude, ließ ihn der Richtung ihres Blickes folgen.„Ah, Sie vertrauen auf Ihren deutſchen Ritter, der im rechten Augenblicke zu Ihrer Hülfe kommt. Ich überlaſſe Ihnen, ſich mit ihm über die Wahl, die ich Ihnen geſtellt, zu verſtändigen. Schöne, einzige Divina“, fügte er in völlig verändertem, leidenſchaftlichem Tone hinzu,„ſtoßen Sie mich nicht zu⸗ rück!“ Virginia wandte ſich ab von ihm.„Ich gönne Ihnen Zeit, die meinige iſt heute abgelaufen! Bald ſehen wir uns wieder, hoffentlich zum Glücke für uns beide! Mit Ihrem Ritter habe ich mich ſchon ausgeſprochen.“ 1 164 Ohne dieſe Rede, welche wie ein ſcharfer Dorn Virginia verletzte und beunruhigte, weiter zu erklären, empfahl er ſich mit ſchnellem Abſchiede und ging über die Treppe des Weges zurück, den er gekommen war. Er begegnete Alexander. Beide grüßten ſich kalt und Emilio ſagte im Vorüberſchreiten:„Ich werde bald die Ehre haben, von mir hören zu laſſen.“ Siebentes Kapitel. Die Verhaftung. Als Graf Orkum mit den Depeſchen des Königs in Neapel bei der Regentin ſich meldete, hatte die Ange⸗ legenheit, welche den Monarchen zu den durchgreifend⸗ ſten Maßregeln veranlaßte, bereits eine andere Wen⸗ dung genommen. Das Decret des Königs athmete die äußerſte Strenge; zur Ausführung deſſelben war aber der General Floreſtan Pepe, ein Mann von gütigem und wohlwollendem Charakter, beſtimmt worden, eine Con⸗ ceſſion, welche Joachim demjenigen ſeiner Miniſter ge⸗ macht, welcher ſich für Milde in der Behandlung dieſer Angelegenheit ausgeſprochen hatte. Ebenſo war die Re⸗ gentin verfahren. Sie hatte ſogleich die zuverläſſigſten Truppen nach Abruzzo marſchiren laſſen, als Commiſſa⸗ rien aber zwei abruzzeſiſche Grundbeſitzer bevollmächtigt, welche im ſchönſten Rufe politiſcher Tugenden ſtanden: den Cavaliere Delfico und den Baron Nolli. Das Feuer der Empörung, welches das ganze Königreich in Brand 5 166 zu ſetzen drohte, war von der Inſel Liſſa im Adriatiſchen Meere aus entzündet und geſchürt worden. Dieſe Inſel hatten die Engländer ſtark beſetzt und zu einem Haupt⸗ ort ihres Handels und der Contrebande gemacht. In Calabrien, wo, durch Manches eingeſchüchtert, allgemeine Entmuthigung herrſchte, konnten ſie nur insgeheim ihre Umtriebe fortſetzen, in den Abruzzen aber rührten ſich die Carbonari freier, und an einem vorherbeſtimmten Tage war die Revolution gleichzeitig und allgemein in der Provinz Teramo an der Grenze des Reichs ausge⸗ brochen. Der Plan war, ſich bewaffnet im Felde zu ver⸗ ſammeln, in die Städte einzudringen, die Behörden ab⸗ zuſetzen, neue zu ernennen, die Herrſchaft Murat's als geſtürzt zu erklären und Ferdinand von Bourbon zum conſtitutionellen König auszurufen, dann in gleicher Weiſe die andern Provinzen zu durcheilen und mit Hülfe der dortigen Bundesbrüder und des Glücks bis Neapel vor⸗ zudringen. Alles war nach Wunſch gegangen, jene ganze entlegene Provinz mit Ausnahme der Hauptſtadt revo— lutionirt, ohne daß es Gewaltthat oder Anſtrengung ge⸗ koſtet hätte; Joachim's Behörden waren ruhig von ihren Poſten abgetreten, die neuen führten ebenſo ruhig die Geſchäfte auf Grund der beſtehenden Geſetze. Dieſe Um⸗ wälzung war in einem Tage bewirkt worden, ein Zeichen allgemeiner Zuſtimmung. Um ſo größer die Gefahr für 167 die Regierung. So ſtanden die Sachen, als Baron Tulli dem Könige die Botſchaft in das Lager brachte. Aber es war kein Nerv in dieſer Erhebung. Schon in dem benachbarten Diſtrict von Chieti hatte ſie keinen Eingang gefunden; die Vorſichtsmaßregeln des Inten⸗ danten Montejaſi hatten das verhütet und einige ſchnell herbeigeeilte Abtheilungen von Gensdarmen den Auf⸗ ſtändiſchen von Teramo den Uebergang über den Pesca⸗ rafluß verwehrt. Aeußere Hülfe blieb aus, die innere nachhaltige Kraft fehlte, das Strohfeuer war ſchon in ſich ſelbſt im Erlöſchen. Die alten Beamten Murat's traten einer nach dem andern wieder in ihre Functionen, und die neuen wichen ihnen ebenſo geräuſchlos, als ſie eingeſetzt worden waren Als Graf Orkum ſich der Re⸗ gentin vorſtellte, um ihr die Depeſchen ihres Gemahls zu überreichen, konnte ſie ihm bereits ſagen, daß die von Neapel abgeſchickten Truppen zu ſpät gekommen und die Ruhe vor ihrer Ankunft ſchon vollſtändig wiederherge⸗ ſtellt ſei. Die Königin ließ ſich dann von ihm genauen Bericht über die Operationen der Armee abſtatten, und was Orkum als Soldat beklagte, daß dieſelben durch den Mangel an Uebereinſtimmung zwiſchen den Verbün⸗ deten gehemmt würden, erfüllte ihr Herz mit Freude. Vielleicht war doch noch, trotz der Nachrichten aus Frank⸗ reich, welche nach der kurzen Siegesperiode für den Kai⸗ 168 ſer wieder traurig genug klangen, durch Zerwürfniſſe der Verbündeten, auf welche die Königin hoffte, ein Um⸗ ſchwung der Dinge möglich, und dann fiel ihr die ſchöne Auf⸗ gabe wieder zu, die ſie ſchon mehr als einmal glücklich gelöſt hatte: ihren Bruder und ihren Gemahl zu verſöh⸗ nen. Sie entließ den Adjutanten heute gnädiger, als ſie ſonſt gegen ihn war. Er hatte ſich niemals ihrer beſon⸗ dern Gunſt rühmen können, da ſie ihn nicht viel höher ſtellte, als einen Glücksritter, der ſich nur eine glänzende und ſorgenfreie Exiſtenz durch den Fürſten, welchem er ſeine Dienſte geweiht, habe ſichern wollen; es waren aber noch andere Gründe hinzugekommen, welche den Grafen um den Reſt ihrer Achtung gebracht hatten. Heute zeigte ſie ihm jedoch ein huldreicheres Antlitz als je und fragte, als ſie ihn entließ, ſogar flüchtig nach ſeiner Frau, was ſie bisher noch nie gethan. Er erwi⸗ derte, daß ſeine Frau auf dem Lande ſei, und bat um Erlaubniß, wenn er nicht heute noch Depeſchen für Se. Majeſtät zu erwarten habe, auf einige Stunden ſein Gut beſuchen zu dürfen. Die Königin gewährte ihm die Bitte und beſchied ihn erſt auf den zweiten Tag zum Empfang der Papiere, welche er dem Könige zu überbringen habe. Selbſt der ſonſt geringen Beobachtungsgabe Orkum's war das veränderte Benehmen der Königin Karoline auf— gefallen. Sie war ihm nicht gewogen und hatte ihre Gründe 169 dazu, ſie machte aus ihrer Abneigung gegen ſeine Frau, zu welcher ſie noch mehr Urſache zu haben glaubte, ſelbſt bei öffentlichen Gelegenheiten wenig Hehl; was war denn geſchehen, daß ſie auf einmal nach ihr fragte? War ſie endlich über Virginia's Sinn und Charakter, der ſelbſt ihm, dem Gatten, unbegreiflich war, mehr aufgeklärt? Auf welche Weiſe aber? Es war ſchon ein Räthſel, wie ſie überhaupt von manchen Dingen unterrichtet wor⸗ den, denn daß ſie es war, ließ ſich nicht verkennen; wie aber mußte ſie neuerdings eine andere Einſicht, die ſie offenbar zu beſchwichtigen ſchien, gewonnen haben? „Die Weiber!“ ſagte der Graf wenig ehrerbietig auf dem Heimwege vom Palaſt.„Sie gönnen ſich nicht das Weiße im Auge!“ Er traf dann Anſtalten, nach der Roſaja, ſeinem Landgute, zu fahren, da er Virginia be⸗ reits erklärt hatte, daß er ſich an ſein Verſprechen, ſie dort nie zu beſuchen, nicht mehr für gebunden halte. Es war eine zu kindiſche Caprice! Ihm hatte ſie ja doch nichts mehr zu verheimlichen. Virginia war denn von einer neuen Ueberraſchung bedroht. Emilio's Betragen, ſeine Aeußerungen hatten ſie bis in das Herz getroffen und empört, ſodaß ſie gleich, nachdem er ſein letztes Wort geſprochen hatte, von der Veranda in ihr Zimmer gegangen war, ohne Alexander, den ſie doch kommen ſah, abzuwarten. Den 170 Jüngling hatte es wohl befremdet, aber er konnte ſich denken, daß der Prinz in ſeiner frivolen Weiſe ſie viel⸗ leicht verletzt habe und daß ſie ihre Verſtimmung nicht zeigen wolle. Sie ließ ſich jedoch den ganzen Tag nicht mehr ſehen; auch die kleine Giuditta, welche ſtürmiſch nach ihr verlangte, erhielt keine Erlaubniß, zu ihr zu kommen, und Maddalena, als Alexander ſie fragte, ob ihre Herrin krank ſei, gab ihm kaum eine Antwort; ihre Miene war ſtreng, faſt feindſelig, ſodaß es ihm auf⸗ fallen mußte. „Sind Sie böſe auf mich, Maddalena?“ fragte er. Ihm war es unmöglich, gegen das Mädchen, das ihm nie wie eine Dienerin erſchien, in einer andern Weiſe zu ſprechen. Sie gab ihm keine Antwort, aber ſie erröthete und ein ſchneller abweiſender Blick traf ihn.„Was habe ich Ihnen gethan?“ fragte er wiederum, da er in ihrem Weſen die Beſtätigung zu leſen glaubte, daß ſie irgend etwas gegen ihn habe. „Mir?“ antwortete ſie, und in dem räthſelhaften Tone, mit welchem ſie dies Wort ſprach, konnte manche Deutung gefunden werden. Sie ſtand ihm aber nicht weiter Rede. Am frühen Morgen des folgenden Tages brachte ihm ein Knabe aus der Oſteria ein Billet; es war von 171 dem vornehmen Herrn, welcher geſtern dort geweſen und heute zurückgekommen war, zur Beſtellung übergeben worden. Vom Prinzen Angri! Alexander's Züge ſpannten ſich, in ſeinen Augen funkelte der Unwille von geſtern; ein Gefühl, das er nie gekannt, der Drang nach Ver⸗ geltung, ſchwellte ſeine Bruſt und zog die Muskeln ſeines Arms zuſammen. „Ich kehre heute ſchon nach Neapel zurück. Sie werden unverzüglich durch meinen Secundanten von mir hören. Da ich wohl annehmen kann, daß Sie als geweſener Student mit der Führung des Degens ver⸗ traut ſind, werde ich Rappiere vorſchlagen, ſtehe aber auch auf Piſtolen zu Dienſt, wenn Sie das vorziehen.“ Deutſche Hiebe! Alexander hatte auf der Univer⸗ ſität bei ſeinem zurückgezogenen Leben nie auf der Menſur geſtanden und in der Fechtkunſt nur wenig ge⸗ lernt, aber es war ihm, als könne er nur mit der Klinge in der Hand, auf Armlänge von ſeinem Gegner ge⸗ trennt, das Weiße in ſeinem Auge erkennend, von ihm die rechte Genugthuung für ſeine frechen und frevelhaften Reden erlangen. Während er noch in großer Aufregung mit dem Billet, das er zerknittert hatte, auf der Ve⸗ randa ſtand, erſchien Maddalena eilig und beſtürzt. Alexander fragte ſie erſchrocken, ob die Gräfin kränker geworden ſei. 172 „Nein, nein!“ rief das Mädchen.„Aber Sie, retten Sie ſich! Man ſucht Sie, Gensdarmen!“ „Sie träumen, Maddalena! Was habe ich mit Gensdarmen zu ſchaffen?“ „Fragen Sie nicht; ſie kommen ſchon in das Schloß! Fliehen Sie dort hinüber, in die Schlucht, zur Kirche!“ Warſie denn immerdar die treue Warnerin vor Gefahr, und auch jetzt, wo ihre reine Seele von dem Verdacht, den ihr einſt ſchon ihr Oheim eingeflößt hatte, durch das Zeugniß ihrer eigenen Augen mit Haß gegen Alexander erfüllt ſein konnte, auch jetzt noch wollte ſie ihn retten? Er verſchmähte aber ihre Warnung und es war dann zu ſpät. Durch die Ausgangsthür des Salons trat ein Gens⸗ darmerieoffizier in voller Bewaffnung unter die Säu⸗ len der Veranda und kam, ſobald er den Freiherrn er⸗ blickte, ſchnell auf ihn zu.„Sind Sie der Baron Aleſ⸗ ſandro Orkum?“ fragte er. „Der bin ich!“ erwiderte Alexander, nun doch be⸗ fremdet, da es Ernſt zu werden ſchien, was er für ein ſeltſames Mißverſtändniß Maddalena's gehalten hatte. Der Offizier überreichte ihm ein Papier; es war ein Verhaftsbefehl gegen ihn in aller Form, unterzeichnet und beſiegelt. „Der Grund iſt nicht angegeben!“ rief der Freiherr. „Darf ich fragen—“ 173 „Ich kann Ihnen darauf keine Antwort geben“, erwiderte der Offizier.„Sie werden den Grund Ihrer Verhaftung am beſten wiſſen oder jedenfalls erfahren. Ich bitte Sie, mir ohne Aufenthalt zu folgen. Ihre Effecten werden nachkommen; ich habe dazu Befehl er⸗ theilt. Keinen Widerſpruch, Herr Baron! Sie ſehen, ich habe Mittel, nöthigenfalls Gewalt anzuwenden.“ Er zeigte auf zwei Gensdarmen, welche jetzt ebenfalls unter den Säulen erſchienen. „Gut, mein Herr. Ich folge Ihnen. Ihre Behörde wird ſich bald überzeugen, daß ſie auf falſche Indicien hin ſich übereilt hat; rechnen Sie aber auch darauf, daß ich bis zum Könige mein Recht ſuchen werde. Sie wer⸗ den mir wenigſtens erlauben, meiner Tante die Urſache meiner Entfernung zu ſagen und zwei Zeilen in einer nicht erledigten Ehrenſache zu ſchreiben!“ „En avant!“ rief der Offizier mit dem ganzen Uebermuth ſeines Corps den Gensdarmen zu. In dieſem Augenblicke erſchien Virginia. Madda⸗ lena hatte, als der Offizier herausgetreten war, keinen andern Rath mehr gewußt, als ihre Herrin eilends zu benachrichtigen. „Darf ich fragen, Herr Kapitän“, ſagte die Dame ſtolz und gebieteriſch,„was dieſer Einbruch in mein Haus bebeutet?“ 174 „Frau Gräfin“ erwiderte der Offizier achtungsvoll, denn ihm war die hohe Stellung des Grafen Orkum bei dem Könige wohl bekannt,„ich bin beordert, dieſen Herrn zu arretiren; die Pflicht meines Dienſtes geſtattete mir nicht, Ihnen zuvor eine Anzeige zu machen. Ich bitte deshalb um gnädige Entſchuldigung. Iſt es gefällig, Herr Baron?“ Virginia warf einen unruhig fragenden Blick auf dieſen.„Ich gebe Ihnen mein Wort Tante, daß ich kei⸗ nen Grund zu dieſer Gewaltthat gegen meine Freiheit weiß!“ ſagte Alexander.„Das Räthſel muß ſich ja alsbald aufklären! Erlauben Sie mir nur noch einen Moment zum Ordnen der erwähnten Angelegenheit, Herr Offizier.“ „Ich bedaure!“ erwiderte dieſer.„Briefe zu ſchrei⸗ ben iſt Ihnen nicht mehr geſtattet; auch werden Ihre Papiere ſchon ſämmtlich in Beſchlag genommen ſein.“ „Meine Papiere?“ rief Alexander, und eine heiße Glut überflog ſein ganzes Geſicht bei dem Gedanken, daß damit die geheimſten Regungen und Gefühle ſeines Innern, die er dem Papier anvertraut hatte, fremden Augen preisgegeben würden. Er war dadurch ſo faſſungs⸗ los, daß es ſchien, als ſei er völlig in Verzweiflung ge⸗ rathen. Virginia erſchrak vor dieſen Zeichen eines unver⸗ kennbaren Schuldbewußtſeins, die auch dem Offüier nicht entgingen. 175 „Es wird ſich Alles aufklären, Sie haben Recht!“ ſagte dieſer mit einem gewiſſen Hohn.„Setzen Sie mich aber nicht länger in Verlegenheit. Ich habe gemeſſene Ordre, Sie nöthigenfalls gefeſſelt abzuführen.“ „Meine Tante, ich wiederhole, was ich Ihnen ge⸗ ſagt habe; ich bitte Sie nur, was auch in Zukunft von mir vielleicht zu Ihrer Kenntniß kommen mag, mich nicht zu verkennen, mir zu verzeihen!“ Virginia hatte jetzt auch den Muth und die Faſſung verloren. Der Offizier winkte ſeinen Leuten, aber Alexander folgte ihm jetzt, ohne es zur Anwendung von Gewalt kommen zu laſſen. Sein letzter Blick begegnete Virginia's Augen, welche mit Beſorgniß und einer Glut auf ihn gerichtet waren, daß es ihn durchzuckte, wie an jenem Abende; ſie erhob die Hand gegen ihn, wie zu einer troſtreichen Betheuerung, dann ſchloß ſich die Pforte zwiſchen ihm und ihr, vielleicht auf ewig. Eine kurze Zeit gab ſich Virginia dem Sturm ihrer Gefühle hin, ohne auch nur den ſchwächſten Verſuch, ihnen Widerſtand zu leiſten. Sie wies Maddalena, welche zu ihr ſprach, von ſich, ſie hörte gar nicht auf ihre Worte. In ihrem Zimmer eingeſchloſſen, ruhte ſie eine Weile auf ihrem Seſſel, in welchen ſie kraftlos geſun⸗ ken; ihr war, als ſtehe ſie erſt jetzt verlaſſen und allein in der Welt, da ihr der einzige Freund, der es treu mit 176 ihr meinte, geraubt war. Aber nicht lange währte dieſer Zuſtand der Schwäche. Sie ermannte ſich, der Gedanke, daß etwas geſchehen müſſe, um ihn zu retten, gab ihr Kraft. Aleſſandro war nicht frei von Schuld, das glaubte ſie aus ſeinem Erſchrecken über die Beſchlagnahme ſeiner Papiere erkannt zu haben; um ſo weniger durfte das Ergebniß einer parteiſchen Unterſuchung, auf welche in Neapel zu rechnen war, abgewartet werden. Nur ein Machtbefehl konnte ihn retten. Durch wen aber war dieſer zu erlangen? Die Regentin würde ſich nie zu ei⸗ nem ſolchen verſtehen, am wenigſten, das fühlte Virginia nur zu ſehr, auf ihre Fürbitte. Und der König, der ihn allein geben konnte, war fern, der Gang der Kriegs⸗ gerichte, wie das entſetzliche Beiſpiel Capobianco's be⸗ wies, ſo ſchauerlich raſch! Der Geiſtliche hatte ihr davon erzählt. Virginia dachte an ihren Vater, an ihren Bru⸗ der. Camillo hatte ſich gegen Alexander, wie dieſer oft gerühmt hatte, ſtets ſo freundlich bewieſen, aber wenn er ſich auch bewegen ließe, für ihn Schritte zu thun, mußten ſie nicht zu ſpät kommen? Nur eine un⸗ mittelbare, ſchleunigſte Fürſprache konnte den Machtbe⸗ fehl auswirken, welcher dem Gericht Einhalt that, und wer hatte ein größeres Intereſſe daran als Alexander's nächſter Verwandter, ſein Oheim, der dem Könige ſo nahe ſtand? Sie überlegte nicht weiter, ſie ſetzte ſich 177 nieder, um an ihren Gemahl zu ſchreiben, zum erſten Male mit einer Bitte! Ein Eilbote ſollte den Brief zur Armee bringen; unterdeſſen wollte ſie durch Camillo we⸗ nigſtens Aufſchub eines allzu ſchnellen Verfahrens durch die Andeutung, daß der König eine Entſcheidung geben werde, bewirken. Die ganze Energie ihrer Seele war erwacht. Noch hatte ſie den Brief nicht beendigt, als ſie im Vorzimmer eine männliche Stimme hörte, vor welcher ſie aufhorchend erbebte.„Willſt Du mich wie eine Schildwache von meiner eigenen Frau abweiſen?“ hörte ſie ſagen.„Zurück, Mädel, wenn Du auch noch ſo hübſch biſt!“ Virginia ſprang auf; führte ihr guter Engel im Augenblicke der Noth ihr die Rettung ſchon herbei? Mit keinem Gedanken ſtrafte ſie den Wortbruch, den ſie trotz der Aufkündigung des Verſprechens nicht für möglich gehalten hatte; ſie dachte gar nicht an dieſen, ſie eilte ihrem Gatten zum erſten Male in ihrem Leben freudig entgegen. Er trat ein und ſtutzte über dieſen Empfang, da er wohl einen ganz andern vermuthete; noch war er von dem, was ſich hier begeben hatte, nicht unterrichtet. So machte Virginia's ſtrahlendes Geſicht auf ihn einen Eindruck, der ihn ſogleich kräftig den Arm um ihre Geſtalt ſchlingen und ſie an ſeine Bruſt ziehen ließ; der lang erbetene Friede war denn endlich geſchloſ⸗ Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. I. 12 178 ſen! Aber ſeine Berührung gab ihr ſchnell wieder die frühere Haltung zurück, welche ſie nur einen Moment durch ganz andere Beweggründe verloren hatte; ſie machte ſich frei von ſeiner Umarmung und trat einige Schritte. zur Seite. „Nun, Frau, Dir thut es doch nicht etwa leid, daß Du endlich gegen Deinen Mann vernünftig biſt?“ „Ich freue mich, daß Sie hier ſind!“ erwiderte Vir⸗ ginia jetzt, ohne ihn anzuſehen.„Eine Gewaltthat iſt hier geſchehen, welche Sie gut machen und ahnden werden. Man hat Ihren Neffen mit bewaffneter Macht verhaftet.“ Zuerſt blickte ſie Orkum ſtarr an, als könne er die Nachricht nicht faſſen, dann brach er in ein ſchallendes Gelächter aus.„Was? Den Jungen?“ rief er.„Was hat er denn verbrochen? Eine alte Scharteke aus der Bibliothek geſtohlen oder eine Venus aus der Antiken⸗ ſammlung?“ „Ein politiſcher Verdacht ſcheint auf ihm zu ruhen; man hat ſeine Papiere in Beſchlag genommen!“ „Donnerwetter, ja! Ich bin ihm begegnet! Wenn ich das gewußt hätte! Ich bin der Escorte begegnet— ein verſchloſſener Wagen, zwei Gensdarmen als Spitze auf hundert Schritt voran, zwei andere rechts und links neben der Kaleſche. Man ſieht dergleichen aber ſo oft, daß ich nicht fragte. Was ging's mich an? Ein po⸗ 179 litiſcher Verdacht, ſagſt Du? Wie iſt der Bücherwurm dazu gekommen? Weißt Du gar nichts, Virginia? Hör' einmal, Du wirſt mir am Ende auch abgeholt; in Deiner intereſſanten Grotte ſind noch andere Zuſammen⸗ künfte gehalten worden als—“ „Sie werden doch keine Zeit verlieren?“ unterbrach ihn Virginia, über deren Geſicht wieder der feindſeligſte Ausdruck zuckte. „Sie intereſſiren ſich gewaltig für den jungen Mann, Frau Gemahlin Durchlaucht!“ erwiderte er lachend.„Es iſt eine ſtarke Portion Gutmüthigkeit, die Sie mir zu⸗ trauen! Ihm kann ein kühler Aufenthalt für einige Zeit bei ſeinem erhitzten Blute nicht ſchaden und ich habe während der Zeit Seelenruhe! Doch ich ſehe, Du verſtehſt keinen Spaß; wir wollen alſo die Sache ernſt⸗ haft beſprechen. Weißt Du wirklich keinen Grund, der ihn verdächtigt haben könnte?“ „Bei Gott, nein!“ ſagte ſie. „Und haſt Du auch keine Muthmaßung? Biſt Du feſt überzeugt, daß er keine Urſache hat, ſich vor einer Unterſuchung zu fürchten? Ich ſehe Dir's an, daß Du Deiner Sache nicht gewiß biſt!“ „Wahrhaftig, nicht das Geringſte wüßte ich zu ſagen!“ entgegnete ſie.„Wenn er beſtürzt war, als ihm die Beſchlagnahme ſeiner Papiere angekündigt wurde, ſo 16 180 iſt das erklärlich; wer läßt gern ſeine Briefe, ſeine Tagebücher von Fremden leſen!“ „Darum ſchreibt man lieber gar nichts, wie ich, für eigene Rechnung! Du führſt doch kein Tagebuch⸗ Virginia?“ „O weichen Sie mir nicht aus! Verzögern Sie den Schritt nicht, den Sie jedenfalls für Ihren Neffen thun werden, thun müſſen!“ „Muß ich?“ fragte er. Wie ſo? Und welchen Schritt meinſt Du?“ „Den Befehl auszuwirken, daß dieſem ungerechten Ver⸗ fahren gegen Ihren nächſten Verwandten Einhalt geſchehe!“ „Den Befehl vom Könige, nicht wahr? Und warum thut die Divina dieſen Schritt nicht ſelbſt?“ Ein Blick aus Virginia's Augen traf ihn, vor dem er augenblicklich verſtummte; ein unheimliches Gefühl wurde in ihm geweckt, deſſen er ſich ſchämte, denn es war von Furcht nicht fern; er lenkte daher ſogleich ein. Laß uns vernünftig zuſammen den Fall bedenken“ ſprach er.„Wenn mein Neffe, deſſen Name wenigſtens an mich erinnern muß, auf einen ſpeciellen Haftbefehl aus meinem Hauſe oder Deinem, wie Du willſt, ab⸗ geholt wird, ſo kann es nicht auf bloße unbeſtimmte Vermuthungen, ſondern nur infolge einer ganz beſtimm⸗ ten Anklage geſchehen ſein. Nun bedenken Sie ſelbſt. Virginia, ob es in dieſem Falle nicht compromittirend 181 für mich wäre, wenn ich beim Könige als ſein Fürſpre⸗ cher auftreten wollte. Der König würde mich unbedingt abweiſen, denn er iſt gegen die geheime Verſchwörung, in welche ſich der gute Alexander in ſeiner Dummheit eingelaſſen zu haben ſcheint, im höchſten Grade erbittert, und ich kann Ihnen ſagen, Virginia, daß ich durch⸗ aus nicht mehr ſo gut bei ihm ſtehe, als in frühern Zeiten. Es wäre auch ein Wunder!“ „Aber Sie können wenigſtens bewirken, daß nicht ein übereilter, grauſamer Spruch, wie gewöhnlich, gefällt und vollzogen wird, ſondern daß eine gerechte Prüfung, in welcher ſich Aleſſandro's Unſchuld herausſtellen muß, das Urtheil beſtimmt.“ „Ich kann mich mit; der ganzen Sache nicht befaſ⸗ ſen“, verſetzte der Graf, nachdem er eine Weile Alles bei ſich erwogen zu haben ſchien.„Trifft ihn das Unglück, ſo iſt es ſeine Schuld. Warum läßt er ſich in Dinge ein, die ihn nichts angehen! Meiner werthen Perſon wegen iſt der Majoratsherr nicht nach Neapel gekommen, und mitten im Kriege zu reiſen ſetzt ſchon andere Zwecke voraus als die unſchuldigen Studien, die er vorgab.“ „Der Krieg war in Rußland, ſeine Heimat ganz ruhig! Dafür glaube ich bürgen zu können, daß er in Wahr⸗ heit zu keinem andern Zwecke nach Italien gekommen iſt, als zu hiſtoriſchen Forſchungen!“ 182 „Charmant! Ich glaube aber nicht, daß ein Kriegs⸗ gericht Deine Bürgſchaft annehmen wird. Wir müſſen ihn ſeinem Schickſal überlaſſen. Es wäre allerdings hart für ihn, wenn er ſo jung und reich, Beſitzer eines herr⸗ lichen Majorats, ſterben müßte, indeſſen hinterläßt er keine trauernde Familie, nicht einmal eine Braut. Seine Güter können nicht confiscirt werden, denn ſie liegen dieſſeits des Rheins, wo die Allürten Alles wieder ein— genommen haben, und am Ende käme der ſchöne Grund⸗ beſitz, um den ich meinen alten Bruder immer beneidet habe, doch noch in meine Hände.“ Bei dieſen Worten, welche mehr verriethen, als er eigentlich ſagen wollte, gab Virginia, von einer tiefen Verachtung erfaßt, jeden Gedanken auf, durch ihn etwas für Aleſſandro's Rettung zu erreichen Sie ſelbſt mußte handeln, was aber konnte ſie thun? Sie hörte nicht mehr, was er noch ſprach; das Haupt in die Hand geſtützt. welche den Ausdruck ihres Geſichts verbarg, ſaß ſie mit Entwürfen beſchäftigt, von denen ſie einen nach dem andern als unausführbar verwerfen mußte. Endlich wurde ſie aus ihrer Theilnahmloſigkeit durch einen Namen geweckt, welcher nie gleichgültig von ihr vernommen wurde. Sie blickte fragend auf, denn ſie hatte nicht verſtanden, was der Graf geſagt hatte. „Willſt Du ſie kommen laſſen?“ fragte er nochmals. 183 „Ich war im Begriff, nach Neapel zu fahren“, ſagte ſie, raſch aufſtehend. In ihrem Geiſte war das volle Bewußtſein ihres Verhältniſſes zu dem Manne, den ſie ihren Gemahl nennen mußte, wieder erwacht.„Ich konnte nicht erwarten, Sie hier zu ſehen, da ich Ihr Ehrenwort dagegen hatte. Es ſtand Ihnen zu jeder Zeit frei, Ihre Beſitzung zu beſuchen; nur wenn ich hier wäre, hatten Sie mir verſprochen fern zu bleiben. Was ich auch über Ihre Ehre dachte“— hier bebte ihre Stimme mächtig—„an Ihr Wort glaubte ich wenigſtens an das Wort eines deutſchen Edelmannes! Sie haben mir auch dieſe letzte Täuſchung geraubt, laſſen Sie mich Ihnen das Feld räumen! Sie ſind Herr in Ihrem Eigenthume, ich werde es nicht mehr betreten! Mit allen, die zu mir gehören, werde ich es noch heute verlaſſen!“ „Aber, Frau, ich bitte Dich um Gotteswillen!“ rief der Graf.„Ich kam ja nur her, um nach drei Jahren endlich einmal nachzuſehen; Du kannſt Dir denken, daß es mich Deinetwegen intereſſirt. Alle dieſe Heimlich⸗ keiten wären vermieden worden, wenn Du ganz einfach die Sache genommen hätteſt, wie ſie nun einmal lag. Ich habe meine Ehre zum Opfer gebracht, ganz recht! aber die Welt wußte das nicht. Ein paar Wochen Ge⸗ rede, dann wäre Alles vergeſſen geweſen.“ Die Gräfin, bleich wie eine Sterbende, hatte ſchon 184 die Glocke gezogen.„Anſpannen, zwei Wagen!“ be⸗ fahl ſie, als die Procidanerin erſchien.„Du wirſt mich begleiten. Sage Frau Gianna, daß ich ſie ſprechen will, ſogleich!“ „Sie wollen alſo den Skandal vor der Welt?“ fragte der Graf mit unruhigem Tone, als das Mädchen⸗ ſich entfernt hatte. Ihre Entſchloſſenheit hatte ihm das Gefühl gegeben, daß er ſie nicht zum Aeußerſten trei⸗ ben dürfe. „Ich überlaſſe es Ihnen, den Skandal zu vermei⸗ den“, erwiderte ſie, noch immer tief erſchüttert; in ſolcher Weiſe hatte er noch nicht zu ihr geſprochen, wie oft er es auch verſucht hatte.„Ich reiſe nicht plötzlich ab, die Befehle dazu waren ſchon gegeben; nun habe ich noch weitere Anordnungen getroffen, das iſt Alles. Ich gehe nach der Villa Angri, meinem Beſitzthum; dort werde ich vor der Hand wohnen. Sie kehren wahrſcheinlich zur Armee zurück, wie ich vermuthe; vor der Welt wird Alles glatt und eben ſein!“ Ihr Ton klang ſchmerzlich bei dieſen Worten; plötzlich erhob ſie ihr Auge mit einem bit⸗ tenden Ausdrucke zu ihm und ſagte weich:„Laß uns in Frie⸗ den ſcheiden!“ „Wir wollen gar nicht ſcheiden!“ rief er, deſſen rohes Gemüth jetzt doch ergriffen war. Die Wirthſchaf⸗ terin trat eben ein, und er verließ das Zimmer, um ſich 185 nach dem ſeinigen zu begeben, an deſſen Eingang ſchon der Oberverwalter des Gutes auf ihn wartete, der ihm ſeine Meldungen machen wollte. Orkum hörte ſie kaum an. Ihn beſchäftigte die Wendung, welche ſein Verhältniß zu Virginia genommen zu haben ſchien, denn ſo ſchroff ſie ſtets gegen ihn geweſen war, hatte er doch immer mehr Intereſſe für ſie gewonnen, und die Ausſicht, daß endlich doch dieſe unnatürliche Spannung aufhören werde, war ihm ſehr erfreulich. Aber ſeine Hoffnung täuſchte ihn. Während er noch die andere Ausſicht, welche ſich ihm heute eröffnet hatte, die Ausſicht, durch das Un⸗ glück ſeines Neffen in den Beſitz des Orkum'ſchen Fa⸗ milienmajorats zu gelangen, in ſeinem Geiſte erwog und ſchon allerlei Pläne daran knüpfte, ob er die ganze Stellung in Neapel und beim Könige, wo nach ſeinem höchſt trivialen Ausdrucke nicht mehr viel zu„brudern“ war, aufgeben, das Gut verkaufen und, hoffentlich mit ſeiner ſchönen Frau, nach dem Rhein zurückkehren ſollte, fuhren bereits die beiden Wagen vor, welche Vir⸗ ginia zu ihrer Abreiſe anzuſpannen befohlen hatte. Er kam eben zurecht, um in Gegenwart des Oberverwalters und der Dienerſchaft von ihr Abſchied nehmen zu können, was von ihrer Seite in ſo gemeſſener Form wie immer geſchah und nur durch ſein lebhaftes„Auf Wiederſehen!“ vor den Leuten, welche ihre Abreiſe gleich nach ſeiner 186 Ankunft unbegreiflich finden mußten, einiges Decorum erhielt. Sieh! Da kam auch die ſtämmige Wirthſchaf⸗ terin mit dem Kinde an der Hand, um in den zweiten Wagen zu ſteigen. War das Giuditta? Welch ein wun⸗ derſchönes Kind war ſie geworden, ſeit er ſie nicht ge⸗ ſehen hatte! Dies feine, vornehme Geſichtchen, dieſe zarten Farben, dieſe Augen, wie zwei Sonnen leuchtend! Warum konnte dies engelhafte Weſen nicht ſein und Virginia's Kind ſein! Er wollte der Kleinen die Hand geben, aber ſie fürchtete ſich vor ihm und barg ihr Köpfchen in dem Rock der Gianna, welche ſie ſchnell in den Wagen hob und ihr mit einem kurzen Knix gegen den gnädigen Herrn folgte. Schon war der erſte Wagen, in welchem ſich Maddalena auf den Rückſit, der Gräfin gegenüber, geſetzt hatte, abgefahren; der zweite rollte ihm nach, und Graf Orkum mußte ſich ſelbſt geſtehen, daß er die lächerlichſte Figur von der Welt ſpielte. Um den Anſtand zu retten, beſchloß er mit dem Verwalter wenigſtens noch eine Reviſion der neuen Anlagen zu unternehmen, ehe auch er die Rückreiſe nach Neapel antrat. Als Virginia die Hauptſtadt erreicht hatte, gab ſie Befehl, daß der zweite Wagen ohne Aufenthalt nach der Villa Angri fahre, wohin ſie bald nachkommen werde; ſie ſelbſt ließ vor der Wohnung ihres Bruders 187 halten, an welcher ſie ihr Weg vorbeiführte. Sie hatte Camillo's Wohnung ebenſo wenig als er die ihrige ſeit ihrer Verheirathung betreten. Ihre einzige Beſorg⸗ niß war, daß ſie ihn nicht zu Hauſe treffen werde; der Diener, welchen ſie mit einer Frage danach hinaufgeſchickt hatte, brachte ihr aber die Meldung, daß der Prinz ihr bereits entgegenkomme, und wirklich empfing ſie Camillo ſchon auf der Treppe.„Es freut mich, Virginia, Dich bei mir zu ſehen!“ rief er. In ſeinem Geiſte lebte die Erinnerung an die letzten Worte, welche er ihr beim Abſchiede in der Caſa dell' Orme geſagt. War der Mo⸗ ment, den er dort angedeutet hatte, für ſie jetzt ge⸗ kommen? Sie dankte ihm für den herzlichen Empfang durch Wort und Blick und ließ ſich von ihm in ſein Zimmer führen, deſſen Einrichtung ihr Auge ſchnell überflog, weil ſie ihr ein Bild von dem Leben des ihr ſeit Jahren ent⸗ fremdeten Bruders geben konnte. Als beide ſich nieder⸗ gelaſſen hatten, reichte Camillo der Schweſter nochmals die Hand, erwartungsvoll, was ſie ihm nun als Anlaß ihres außerordentlichen Erſcheinens ſagen werde. Aber ſeine Erwartung wurde getäuſcht; nicht ihrer ſelbſt und ihres verworrenen Schickſals wegen kam ſie, ſondern um eines Andern willen, und was Camillo's Scharfblick in der Seele dieſes Andern längſt geleſen hatte, diente 188 dazu, daß ſich ſein Herz, das der Schweſter ſich ſchon weit geöffnet hatte, weil ſie bei ihm Hülfe und Rath für ſich zu ſuchen ſchien, wieder verſchloß. Der Antheil für Alexander, welcher ſogar ihren Stolz bis zu dem Schritte, den ſie jetzt gethan, zu beugen vermochte, mußte ihm in einem ſtrafbaren Lichte erſcheinen. „Ich weiß um die Verhaftung des jungen Orkum“ erwiderte er ruhig, ohne ſeine Gedanken durchblicken zu laſſen.„Da der Graf, ſein Onkel, welcher über ihn na⸗ türlich die beſte Auskunft hätte geben können, abweſend war und man wußte, daß ich mit dem jungen Mann zu⸗ weilen verkehrt habe, ſo erzeigte man mir die Ehre, meine Wahrnehmungen über ihn hören zu wollen. Ich konnte der Wahrheit gemäß nicht anders ſagen, als daß ich ihn für ſehr unſchädlich und die Verdächtigung, welche ihn getroffen, für eine falſch begründete halte. Gleichwohl muß ſie doch ſtark genug geweſen ſein, um meine Aus⸗ ſage zu entkräften, denn wie ich eben benachrichtigt wor⸗ den bin, iſt der junge Mann nach dem Caſtell dell' Uovo gebracht worden.“ „Du weißt ſeinen Aufenthalt!“ rief Virginia, und in ihren Zügen malte ſich eine gewiſſe Zerſtreutheit, als ſinne ſie über dieſe Kunde nach, ob ſich daran weitere Hoffnungen knüpfen ließen. „Man hatte die Höflichkeit, da ich einmal in der 189 Angelegenheit befragt worden war und der Graf Orkum der Gemahl meiner Schweſter iſt, mich von der Verhaf⸗ tung in Kenntniß zu ſetzen und mir auch eine Benach⸗ richtigung über das Reſultat der Unterſuchung zu ver⸗ ſprechen.“ „Nicht wahr, Du biſt von ſeiner Unſchuld überzeugt? Du wirſt auch ferner für ihn zeugen, ihn nicht fallen laſſen?“ „Ich glaube, daß er ſehr unſchuldig an dem Ver⸗ brechen iſt, das man ihm zur Laſt legt“, ſagte Camillo. „Darf ich es wiſſen?“ fragte ſie raſch. Er ſchien einen Augenblick unſchlüſſig, dann ſagte er:„Warum nicht, da Du ſelbſt gewiſſermaßen dabei intereſſirt biſt? Man hat ihn im Verdacht, einem Haupte der Carbonari, das in Gefahr der Entdeckung und Verhaftung ſtand, von hier aus einen Eilboten ge⸗ ſendet zu haben, der es noch zu rechter Zeit warnen ſollte. Dieſer Bote kam zu ſpät, jener Chef der Carbo⸗ nari wurde ergriffen und enthauptet—“ „Capobianco?“ rief Virginia. „Weißt Du alſo darum? Nun, Dein alter Gondolier Mas' Antonio, als Helfershelfer der Carbonari über⸗ führt und bereits verurtheilt, vom Könige aber aus ro⸗ mantiſcher Ritterlichkeit begnadigt, war jener Eilbote, deſſen Abſendung man dem jungen Orkum Schuld gege⸗ ben hat.“ 190 „Unmöglich!“ rief ſie.„Das iſt ganz unmöglich!“ „Davon bin ich ſo feſt überzeugt als Du!“ erwi— derte er.„Aber Du wirſt zugeben, daß die Anklage immer⸗ hin ſchwer genug iſt, um ſeine Verhaftung zu rechtfer⸗ tigen, und es wird nun darauf ankommen, ob er im Stande iſt, ſeine Unſchuld ſo zu beweiſen, daß er frei— geſprochen werden muß.“ „Du wirſt für ihn ſprechen, Camillo! Du kannſt es, da Du ſelbſt über jedem Verdacht illoyaler Geſinnun⸗ gen erhaben ſtehſt!“ „Alles, was ich habe für ihn thun können“, erwi⸗ derte Camillo kalt,„iſt bereits geſchehen. Ich habe we⸗ nigſtens bewirkt, daß er dem Kriegsgericht entzogen und dem Civilgericht übergeben iſt.“ „Dank Dir!“ rief Virginia. „Das iſt aber auch Alles, was ich thun kann. Recht und Geſetz zu beugen würde ich ſelbſt dem Könige nicht rathen.“ „Wenn er unparteiiſche Richter findet, muß er als unſchuldig freigeſprochen werden! Weißt Du ſeinen An⸗ kläger?“ Camillo zuckte die Achſeln.„Und wenn ich ihn wüßte“, ſagte er,„ſo begreifſt Du, daß ich ihn nicht nen⸗ nen darf.“ „Wird die Unterſuchung lange dauern?“ fragte ſie & 191 und als ſie auf die ſonderbare Frage, die er nicht be— antworten konnte, keinen Beſcheid erhielt, ſtand ſie plötz⸗ lich auf, dankte ihm für die Beruhigung, welche er ihr gegeben hatte, und nahm einen ſchnellen Abſchied. Kein Wort über ſich ſelbſt und ihre Verhältniſſe, keine Ein⸗ ladung an Camillo, nun auch ſie einmal zu beſuchen, nur zuletzt noch die erneute Bitte, für Alexander Orkum zu ſprechen, als ob es ihr ganz gleichgültig ſei, was der Bruder über ihren glühenden Eifer denke! Der Wahrheit gemäß bedurfte es des Sporns für Camillo nicht; ihm war es eine Ehrenſache, Alexander nicht für fremde Schuld— und weſſen Schuld!— büßen zu laſſen. Achtes Kapitel. Der Hturz des Kaiſerreichs. Im Felde hatte der König endlich— zu ſpät!— das lange zögernde Abwarten aufgegeben. Die Nachrich⸗ ten aus Frankreich, welche ſeine Gemalin betrübt hatten, waren für ihn eine ernſte Mahnung geweſen, ſich endlich als ein aufrichtiger Verbündeter zu zeigen, wenn er die Früchte ſeiner Politik nicht verlieren wollte. Schon zeigte ſich Graf Balaſchew immer ſchwieriger bei den Friedens⸗ unterhandlungen; Alles geſtaltete ſich den Neigungen und Intereſſen Joachim's immer widerwärtiger. Nur eine raſche Soldatenthat konnte die Wage wieder in das Gleichgewicht bringen— das Schwert des Brennus! Wie oft wünſchte er ſich in dieſen Tagen an die Spitze eines Reiterheeres, mit welchem er wie Attila oder Dſchingis⸗ Khan die Erde, ſo weit die Hufe ſeiner Roſſe trügen, überziehen und unterwerfen könnte! Da wäre ihm wieder das Blut leicht und fröhlich durch die Adern gerauſcht! Aber auch in dieſen gebundenen Verhältniſſen mußte 7 193 etwas geſchehen. In einer Zuſammenkunft mit Bellegarde wurden die neuen Kriegsoperationen beſchloſſen, welche gleichzeitig von den Neapolitanern am Taro, von den Oeſterreichern am Mincio eröffnet werden ſollten; jene gegen Piacenza, dieſe gegen Mailand. Am 13. April überſchritt Murat mit 9000 Mann den Taro, während eine Legion den Uebergang von Borgoforte beobachtete und in Sacca ein Scheinverſuch zum Brückenſchlag über den Po gemacht wurde, um für Bellegarde, der ge⸗ gen das Centrum und die Linke des Feindes ope⸗ rirte, eine Diverſion zu machen. Dieſe wurde jedoch von ſiebenfacher Uebermacht verhindert; die combinirte Reſerve blieb unthätig. Dagegen wurde der Feind, nachdem die Neapolitaner den Taro mit einem Verluſte von 500 Mann überſchritten hatten, zurückgeworfen; daß er nicht abgeſchnitten wurde, gab der König in ſeinem Ungeſtüm dem öſterreichiſchen General Gobert ſchuld, welcher zu langſam geweſen ſei. Die Sieger bivouakirten auf der Wahlſtatt. Als Joachim beim erſten Morgengrauen ſchon wieder zu Pferde ſtieg, traf ſein Adjutant, den er nach Neapel abgefertigt hatte, mit den Briefen der Regentin bei ihm ein.„Ich habe Sie früher erwartet!“ ſagte der König, der ſchon den Fuß im Bügel hatte.„Sie konnten ſich nicht trennen, wie es ſcheint!“ Und ohne ſeine Ent⸗ ſchuldigung abzuwarten, befahl er ihm nur, die Depeſchen Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. I. 13 194 an den Miniſter abzugeben und ihm ſogleich zu folgen. Rapport und Vortrag nach dem Gefecht! Orkum biß ſich auf die Lippe. Mit ſeiner Herrlich⸗ keit hier ſchien es aus, wenn nicht ein brillantes Ereig⸗ niß ihn wieder in der hohen Gnade befeſtigte. War das der Lohn? Wenn Orkum ſich dachte was ihm vielleicht ein unerwartetes Glück in nächſter Zukunft beſcheren konnte, vollkommene Unabhängigkeit von der Gnade dieſes Emporkömmlings, der aus dem niedrigſten Volke ſtammte, während die Ahnen des Grafen reichsunmittel⸗ bar geweſen waren, keinem Landesherrn unterworfen, bis der Rheinbund ſie ſäculariſirt hatte, ſo ritt er ſehr unwillig, nachdem er ſeine Depeſchen abgegeben, dem Könige nach, unwillig und todmüde nach der angeſtrengten Nachtreiſe. Das Tirailleurfeuer hatte bereits begonnen, als er ihn traf. Murat legte, als der Adjutant ſich bei ihm meldete, nur kurz die Hand an ſeinen aufgeſchlage⸗ nen Hut mit den wallenden Schwungfedern und wies ihn dadurch ſtumm in das Gefolge zurück, das hinter ihm auf dem Hügel hielt, von wo er das Gefecht leitete. Der Feind, der bei Firenzuola übernachtet hatte, war noch eingeholt worden; er wurde aber nach kurzem Kampfe über die Rura geworfen, und nur die Nacht machte der Verfolgung an dem ſchwach befeſtigten Kloſter San⸗Nazzaro ein Ende. Jetzt erſt ließ ſich der König — 195 vom Miniſter Vortrag halten und nahm Orkum's Be⸗ richt über ſeine Sendung an. Er hatte bereits auf dem nächſten Wege Kenntniß von dem in ſich ſelbſt erloſche⸗ nen Aufſtande in den Abruzzen erhalten und auch den letzten Schein der Milde, zu dem er bewogen worden war, gegen die Empörer aufgegeben, indem er ſtatt des Generals Floreſtan Pepe den franzöſiſchen General Mon⸗ tigny dorthin abgeordnet hatte, deſſen Härte bekannt war. Die Italiener nannten ihn einen böſen Charakter. Bei dieſer Stimmung des Königs war es von Orkum ſehr unvorſichtig, ſeines Neffen und deſſen Verhaftung zu erwähnen; er that es aber dennoch. Der König hatte wohl keine Ahnung, daß Orkum einen Neffen habe und daß dieſer vor kurzem in Neapel geweſen ſei. Er hörte im erſten Moment aufmerkſam zu, als er aber vernahm, daß dieſer Neffe mit Orkum's Gemahlin auf dem Gute geweſen und dort verhaftet worden ſei, ſprühte er in ſeiner Weiſe ungeduldig auf.„Verſchonen Sie mich! Iſt er ſchuldig, ſo kann ihn Ihre Verwandtſchaft nicht ret— ten, noch minder die Fürbitte der ſchönen Frau!“ Sein feuriges Auge blitzte bei dieſen Worten über den Kreis der Anweſenden, ob einer ſich getraue, an ſeinem Aus⸗ ſpruche zu zweifeln. Er entließ ſie dann; die Dispoſition für den fortgeſetzten Angriff am frühen Morgen war be⸗ reits gegeben. 196 Es war am 15. April. Die Sonne ging herrlich auf und verſprach einen wunderſchönen Tag. In beſſerer Laune, als der König geſtern ſein Gefolge entlaſſen hatte, begrüßte er es heute; ſein Geſicht war heiter, wie immer, wenn er in das Gefecht ritt; auch Orkum, den ſeine Feinde ſchon für abgethan und beſeitigt anſahen, erhielt einen freundlichen Gruß Der Graf ſetzte ſich denn anmaßender als je im Sattel zurecht und ſprengte rückſichtslos Ge⸗ neralen und Excellenzen voraus, dem Könige dichtauf. Der feindliche Befehlshaber General Mancune ſchien bei San⸗Nazzaro Widerſtund leiſten zu wollen, das Kloſter wurde aber nach einem hitzigen Gefechte genommen und der Gegner nach Piacenza hineingeworfen, zu deſſen An⸗ griff bereits im voraus Dispoſitionen entworfen worden waren. Dieſer Angriff mußte jedoch gehörig vorbereitet werden; durch einen Handſtreich durfte man nicht hoffen die Feſtung zu nehmen. Die Truppen richteten ſich im Lager ein, der König nahm ſein Hauptquartier, wie er oft zu thun pflegte, bei den Vorpoſten. Hier fand ſich ein kleines, ſchön gelegenes Landhaus, wo für ihn ſchnell ein paar Zimmer bereit ſtanden und in der Küche die königliche Dienerſchaft das Diner zu beſchicken thätig war. Auf einem ſchattigen Raſenplatze der Villa ging Joachim Murat mit dem Ingenieurgeneral Colletta auf und ab; er beſprach mit ihm die Vertheidigungsmittel 2 197 von Piacenza, und die beſten Angriffspunkte. Jetzt war er wieder ganz Soldat und die kühnſten Hoffnungen belebten ſeine Bruſt. Orkum, der in einiger Entfernung unter den Bäumen ſtand, hatte ihn kaum je ſo freudig geſehen. Da trafen faſt zugleich zwei Offiziere ein, welche ſich zuerſt an den Adjutanten wandten, um ſie beim Könige zu melden; der eine kam vom öſterreichiſchen Feldherrn, der andere aus Frankreich! Schon hatte ſie Joachim bemerkt und kam Orkum entgegen, welcher ſie ankündigen wollte.„Aus Frankreich?“ rief er und ſein Geſicht belebte ſich.„Laſſen Sie ihn gleich näher treten!“ Aber er beſann ſich doch, daß er ſeinen jetzigen Verbündeten mehr Rückſichten ſchuldig ſei und befahl ſeinem Adjutanten, den Ordonnanzoffizier des Grafen Bellegarde zuerſt kommen zu laſſen. Dieſer meldete ſich als Ueberbringer eines Schreibens von ſeinem Feldmar⸗ ſchall und überreichte daſſelbe. General Colletta war einige Schritte zurückgeblieben; zu dem Adjutanten hatten ſich noch einige andere Generale und hohe Offiziere ge⸗ funden. Aller Augen waren auf den König gerichtet, welcher die öſterreichiſche Depeſche eiligſt erbrach. Kaum hatte er die erſte Zeile geleſen, als er erblaßte und einen ſchnellen dunklen Blick auf ſeine Offiziere warf. Graf Bellegarde benachrichtigte ihn von der Einnahme von 198 Paris durch die Verbündeten und kündigte zugleich an, daß die Feindſeligkeiten in Italien ruhen und Friedens⸗ unterhandlungen mit dem Vicekönige Eugen angeknüpft werden ſollten! Heftig bewegt, mit verſtörten Mienen ging der König für ſich ganz allein ein paar Schritte weiter; dann gab er ein ſtummes Zeichen, daß der an— dere Offizier, welcher den an ihn gerichteten Fragen der Generale bis jetzt nur ausweichende Antworten ertheilt hatte, näher treten ſolle. „Was bringen Sie?“ redete ihn der König haſtig an. „Alles iſt verloren, Sire!“ antwortete der franzö ſiſche Offizier mit bewegter Stimme, indem er ſein Schreiben überreichte. Der König nahm es ſchweigend in Empfang, ſeine ſtarke Hand zitterte. Der Bericht war umfangreich und von dem verhängnißvollſten Inhalt. Das Mißgeſchick des Kaiſerreichs, das Unglück ſeiner Waffen, der Ver⸗ rath einiger Führer, die Felonie eines Miniſters, die Un- triebe der Ehrgeizigen, die Verhandlungen und das Ab⸗ ſetzungsdecret des Senats, die Flucht des Königs Joſeph, die Capitulation von Paris, die Abdankung des Kaiſers, die Rückkehr der Bourbonen unter dem Jubel des feilen Volks, das in Frankreich mehr als anderswo der Macht und dem Glücke zujauchzt— Alles, Alles ſtürzte wie in einem Katarakt auf den König ein und beraubte 199 ihn einen Moment ſeiner ganzen Faſſung. Wenn er viel Unglück erwartete, eine ſo beiſpielloſe Kataſtrophe hatte er doch nicht für möglich gehalten! Der ſtolze, für die Ewigkeit aufgethürmte Bau Napoleon's lag in Trüm⸗ mern! Joachim konnte ſeine Traurigkeit nicht beherrſchen, als er den verſammelten Offiizeren die Ereigniſſe in Frankreich mittheilte; er befahl dann auch hier die Ein⸗ ſtellung der Feindſeligkeiten und ritt nach Firenzuola zu⸗ rück, um von dort bald nach Bologna abzureiſen, wohin ihm alle Perſonen, die in ſeinem Hauptquartier anweſend waren, unverzüglich folgten. Mehrere Tage verlebte er in äußerſter Niedergeſchlagenheit, welche eher noch zu⸗ nahm, als daß ſie den Vorſtellungen ſeiner vertrauteſten Freunde gewichen wäre; er dachte an nichts Anderes als an den Sturz des Kaiſerreichs, das er ſelbſt mit all ſei⸗ nen Kräften hatte aufrichten helfen, an Napoleon, der ihm nicht mehr als ſtolzer Despot, ungerecht auch gegen ihn, ſondern nur als ſein Wohlthäter und Verwandter und nun im Unglück erſchien. Die eigenen Gefahren, welche ihm in der jetzigen Lage drohten, beſchäftigten Joachim's Geiſt nicht. Unterdeſſen war der Vertrag zwiſchen dem Vicekönig von Italien und Bellegarde abgeſchloſſen worden, wel— chen auch Murat genehmigte. Das Heer des Prinzen Eugen trennte ſich; die Franzoſen kehrten in ihre Hei⸗ 200 mat zurück; die Italiener ſollten den Landſtrich behalten, welchen ſie beſetzt hatten, nämlich zwiſchen Po, Mincio und den Alpen; die Neapolitaner hatten die Stellungen einzunehmen, welche in den Tractaten des Bündniſſes be⸗ ſtimmt warenz alle feſten Punkte dieſſeits des Mincio, welche die Franzoſen noch beſetzt hielten, mußten den Oeſterreichern übergeben werden. Genua, das von den Anglo⸗Sicilia⸗ nern berannt war und in Kenntniß von den Thatſachen in Frankreich geſetzt wurde, capitulirte; Lord Bentinck mit britiſcher Eigenmächtigkeit erklärte ſogleich die Wie⸗ derherſtellung der alten Republik mit ihren Geſetzen und Behörden nach dem Zuſtande von 1797, ohne ſich darum zu kümmern, was der Rath der verbündeten Mächte darüber beſchließen werde. Welch ein Zuſtand überhaupt in Italien, ehe wieder geordnete, wenn auch nicht beſſere Verhältniſſe eintraten! In Mailand, der von Napoleon bevorzugten Stadt, brach ein Volkstumult aus; er wurde ſchnell zum bewaffneten Aufruhr. Zu den Bürgern geſellte ſich das hereinſtrö⸗ mende Landvolk, an das die Leiter der Bewegung ſchon Waffen vertheilt hatten. Alle Wappen und Zeichen des Königreichs Italien wurden herabgeriſſen und beſudelt wie ſie in unſern Tagen nach gleichem Aufruhr gegen das Haus Heſterreich wieder aufgezogen worden ſind, um heute abermals zu Gunſten einer verhofften Repu⸗ 201 blik angefeindet zu werden! Die Autorität der Behör⸗ den wurde verhöhnt, der Miniſter Prina erbarmungslos gemordet und eine proviſoriſche Regierung eingeſetzt, welche ſofort eine Geſandtſchaft an die nordiſchen Mon⸗ archen abfertigte, um von dieſen eine freie Conſtitution zu fordern, deren Entwurf ſie bereits fertig mitbrachte. Der Vicekönig, welcher die Anwendung von Waffenge⸗ walt bei der Ungewißheit der Zukunft nicht für gerathen hielt, Bürgerblut zu vergießen auch nie vermocht hatte, verließ das Land, wo ſeine Regierung nichts mehr thun konnte und ſelbſt ſeine Perſon bedroht war, und begab ſich nach Baiern zum Könige Max, ſeinem Schwieger⸗ vater. Darauf ließ der Feldmarſchall Graf Bellegarde, den Vertrag überſchreitend, ſeine Truppen in Mailand einrücken, um der Anarchie ein Ende zu machen. Mit dem Königreich Italien hatte es nun thatſächlich eben⸗ falls ein Ende. Im Kirchenſtaate, ſoweit er wieder unter die Herrſchaft Pius VII. zurückgekehrt war, hatte der Papſt bereits alle Geſetze des franzöſiſchen Kaiſer⸗ reichs widerrufen und die alten bis auf die Tortur hergeſtellt; ebenſo Victor Emanuel, kaum wieder auf ſeinem Throne ſeßhaft, die von 1770; in Toscana waren ſogar von einem übereifrigen Diener Ferdinand's III., der dem edlen Großherzoge voraneilte, die neuen Schulen, die Kunſt⸗ und Wohlthätigkeitsanſtalten, weil von den 202 Franzoſen errichtet, aufgehoben worden. Das bisherige Königreich Italien, Parma, Modena, Lucca, die drei Legationen und die ſogenannten Preſidien von Toscana — letztere förmlich vergeſſen in den früher abgeſchloſſe⸗ nen Verträgen!— waren in den Händen der Heſter⸗ reicher und wurden ohne beſtimmte Geſetze nach dem gelegentlichen Bedürfniß militäriſch verwaltet. Genua hatte, von Freiheit träumend, ſeine alte Verfaſſung wieder aufgerichtet, die man ihm doch nicht laſſen mochte. Die Marken, von neapolitaniſchen Truppen beſetzt, ſtanden unter einer gemiſchten und nicht ſelten willkürlichen Regierung. Was war aus dem Traume eines einigen und unabhängigen Italien geworden, an deſſen Spitze ſich ſchon Joachim Murat geſehen hatte! Nur in ſeinem eigenen Reiche Neapel war die neue Ordnung der Dinge, wie ſie aus der Franzoſenherrſchaft hervorgegangen, noch in Kraft, und es fragte ſich, ob der König, der nach dem „Sturze Napoleon's und der Rückflut des Alten über alle Lande wie ein Fremdling iſolirt in der jetzi- gen politiſchen Strömung der Zeit ſtand, es mög⸗ lich machen werde, ſeine Krone und mit ihr Alles, was die Franzoſen ſchon damals ſtolz die Giviliſa⸗ tion, ihr Werk nannten, aufrecht zu erhalten, oder ob die trübe Prophezeiung, welche ſeine Gemahlin einſt gegen ihn ausgeſprochen, ſich erfüllen ſollte. 2— 203 Was an ihm war, ſich in ſeiner Stellung zu be⸗ haupten, geſchah jetzt mit aller Thatkraft, deren Murat fähig war. Er hatte ſich ermannt. Das Geſchehene ließ ſich nicht mehr ändern. Wie tief ihn auch der Sturz ſeines Schwagers erſchüttert hatte, er durfte ſich nicht der Trauer um ihn hingeben, wenn er nicht mit in den Abgrund geriſſen werden ſollte; er mußte den Verbün⸗ deten gegenüber, welche jetzt ſeiner Hülfe nicht mehr bedurften feſt und würdig auftreten. Daß er in den letzten Tagen des Feldzugs, noch ehe ihm die Ereig⸗ niſſe an der Seine bekannt ſein konnten, mit ſolcher Energie den Krieg gegen die Armee Napoleon's in Italien betrieben hatte, ſprach ja für ihn und entkräftete jedenfalls das Mißtrauen, das eine Zeit lang und, wie er ſich ſelbſt wohl bewußt war, mit Recht gegen ihn geherrſcht hatte. Sobald er ſeine Angelegenheiten in Bezug auf die ihm garantirten Landſtriche nach Kräften geordnet hatte, ernannte er den General Carrascoſa zum Gouverneur der Marken, ließ ihm zwei Legionen und kehrte nach Neapel zurück, um dort den innern Angelegenhei⸗ ten ſeine ganze Sorgfalt zu widmen. Nur wenn er dieſen eine größere Feſtigkeit gab, ſich in dem Vertrauen und der Anhänglichkeit ſeines Volkes, das ſeine Wohlthaten erkennen mußte, einen ſtarken Unterbau für ſeine Macht ſicherte, durfte er hoffen, den Stürmen, welche ihm droh⸗ 204 ten, zu trotzen. So hatten ihm die einſichtsvollſten Män⸗ ner geſagt, welche es treu mit ihm meinten, ſo hatte ihm auch ſeine Gemahlin, die Regentin, geſchrieben. Klugheit und Feſtigkeit! Er fürchtete ſich vor dem Wiederſehen der Königin Karoline, vor ihren Thränen um den Bru⸗ der, vor ihren Vorwürfen, daß er ihn doch wohl hätte retten können, wenn er ſich nicht von der nationalen Partei, welche ſie haßte, hätte gewinnen laſſen; aber ſie hatte ihm doch ſchon ihre Zufriedenheit über ſeine zögernde Kriegführung bezeugt und war ſelbſt zu kräftigen und klaren Geiſtes, um ſich gegen Thatſachen mit ohnmäch⸗ tigen Klagen zu ſträuben, zu klug und zu ſtolz, um der Welt ihre wahren Gefühle zu zeigen, und ſo hoffte er, den erſten ſchweren Moment mit Ruhe bald vorüberzuführen. Seine Hoffnung täuſchte ihn nicht. Kein Zeuge war bei der erſten Unterredung zugegen, welche das königliche Paar nach der Rückkehr Joachim's hatte, aber ſein von Zuverſicht ſtrahlendes Geſicht, als er wieder zu den Her⸗ ren ſeines Gefolges trat, ſeine ganze Haltung bei der großen Cour, welche ſtattfand, um ihn zu beglückwün⸗ ſchen, verkündigte, daß zwiſchen ihm und der Königin, welche heiter und glücklich ſchien, keine Meinungsverſchie⸗ denheit ſtattfand. Enthuſiaſten gaben ſich ſchon der Hoff⸗ nung hin, daß bei den verwirrten Zuſtänden Italiens er doch der Held der Zukunft ſein und, wenn die Waſſer, ——————— 205 die jetzt hoch gingen, ſich vor ihm, dem Felſen im Meere, verlaufen hätten, der ganzen Halbinſel endlich das Heil der Einheit unter ſeinem Schild und Schwert bringen werde. Große Feſte folgten ſich in faſt ununterbrochener Reihe, am Hofe auf Befehl, von den Hochgeſtellten und dem vornehmen Adel, ſoweit er zu Murat hielt, aus Eifer, ſich im Lichte der beſten Geſinnung zu zeigen. Neapel ſchien in den Carneval, in einen Taumel der Luſt verſetzt, der ſich bis auf die unterſten Volksklaſſen erſtreckte. Und doch war es in den höchſten Regionen eitel Trug und Gaukelſpiel; denn ſchon ſtiegen die dro⸗ henden Zeichen am Horizont herauf, die ſich nicht ver⸗ kennen ließen, und an manchen Orten hatten ſich auch wieder Sturmvögel gezeigt, wie ſie das wachſame Auge ſchon oft als Herolde nahender Wetter bemerkt hatte. Ein Erlaß des Feldmarſchalls Grafen Bellegarde wurde in Neapel geleſen, der die Rückkehr der alten Lombardie unter die Herrſchaft des Hauſes Oeſterreich verkündigte. In dem Friedensvertrage von Paris, wel— cher am 30. Mai abgeſchloſſen war, ſuchte der König von Neapel vergebens ſeinen Namen; er las von dem Congreſſe zu Wien, wo die Streitfragen des Beſitzes geordnet werden ſollten— von ihm war keine Rede! Das 206 Wort„Legitimität“ klang wieder mit der Deutung, daß nur durch ſie auf den Trümmern, welche die Revolution geſchaffen, deren böſe Werke zerſtört, das Gute erhalten und dauernde Zuſtände auf der alten rechtmäßigen Grund⸗ lage aller Herrſchgewalt wiederhergeſtellt werden könn⸗ ten. Durfte Murat dies Princip für ſich günſtig nennen? Gleichwohl nahm er es für ſelbſtverſtändlich an, daß er auf Grund des abgeſchlofſenen Bundesvertrags den Congreß von Wien beſchicken müſſe, und ernannte im voraus zu ſeinen Geſandten den Herzog von Campo⸗ chiard und den Fürſten Cariati. Am Hofe rauſchte in— deſſen das Freudenmeer im üppigſten Wogenſchwall, und Viele mochte es geben, die ſich mit Luſt darein verſenk⸗ ten, um den Augenblick zu genießen, wohl ahnend, daß er nur kurz ſein werde. Der König ſelbſt gab zuweilen den Gang der Feſtlichkeiten an; ja er bekümmerte ſich inmitten der ernſten Arbeiten, zu denen er die beſten geiſtigen Kräfte Neapels berufen hatte, am Morgen, ehe er in die Verſammlung der erleuchteten und patriotiſchen Männer ging, welche mit ihm das Wohl des Vaterlan— des berathen ſollten, um die Veranſtaltungen des Hof⸗ marſchalls für den Abend und beſtimmte einzelne Perſo⸗ nen, die er einzuladen befahl. Es konnte ihn reizen, wenn dieſen Einladungen auch unter triftiger Entſchuldi⸗ gung, nicht Folge geleiſtet wurde. ———— 207 „Werden wir diesmal Ihre Frau ſehen?“ fragte er den Oberſten Orkum an dem Tage, wo die Garniſon den aus dem Felde zurückgekehrten Truppen ein großes Feſt gab und der ganze Hof ſeine Erſcheinung zuge⸗ ſagt hatte. Orkum war überraſcht von der Frage, welche der König zum erſten Male in Gegenwart der übrigen Her⸗ ren ſeines Gefolges an ihn richtete. Er konnte ſie nicht einmal beantworten, denn Virginia hatte ihren Entſchluß, in der Villa Angri ihren bleibenden Aufenthalt zu neh⸗ men, ausgeführt und er war des Anſtandes wegen zwar ein⸗ oder zweimal, als er ſie dort aufſuchte, an⸗ genommen worden, nie aber zu einem Geſpräch mit ihr unter vier Augen gekommen, ſondern nur in Madda⸗ lena's Anweſenheit, welche mit einer Arbeit beſchäftigt auf Befehl ihrer Herrin im Zimmer geblieben war. „Majeſtät, ich fürchte—“ begann er verlegen, aber der König unterbrach ihn ſogleich:„Ein Soldat fürchtet nichts! Die Königin erwartet Ihre Frau heute Abend.“ Noch war es Zeit, Virginia dieſen Befehl, denn anders war die Sache doch nicht zu nehmen, vor Be⸗ ginn der militäriſchen Feierlichkeit, welche gegen Mittag dem großen Feſtmahle vorausging, zugehen zu laſſen. Graf Orkum ſchrieb ſeiner Gemahlin und legte ihr drin⸗ 208 gend ans Herz, nur diesmal ſich nicht wieder mit Krank— heit zu entſchuldigen, da ſie ihn bei dem ſo beſtimmt ausgeſprochenen Wunſche des Königs in die ſchlimmſte Lage ſetzen würde. Als er das niedergeſchrieben, lachte er ſelbſt bitter auf.„Was kümmert ſie ſich darum, wenn mich auch der König fortjagte, wie es ſo vielen braven Soldaten, die ihr Glück an das ſeinige geheftet haben, in Ausſicht ſteht?“ ſagte er für ſich.„Ich ſollte ihr ſchreiben:„Wenn Du kommſt, gibt der König Deinen Cicisbeo frei.“ Wie freudig würde ſie Toilette machen!“ Indeſſen ſtand die Bitte, von der er ſich nichts verſprach, einmal geſchrieben und er ſchickte den Boten nach der Villa Angri ab.„Die Antwort zur Parade!“ befahl er ihm. Es waren die Heeresabtheilungen, welche den Feldzug in Deutſchland mitgemacht hatten, denen die Garniſon von Neapel das Feſt gab, und der kriegeriſche Pomp, der auf Befehl des Königs vorher auf dem Marsfelde durch eine Paradeaufſtellung zum Entzücken der ſchauluſtigen Bevölkerung der Hauptſtadt entwickelt wurde, erinnerte an die unvergeßliche Fahnenweihe am 26. März 1809, am Tage nach dem Geburtsfeſt beider Majeſtäten. Damals waren 12,000 Mann in der Strada di Chiaja geſchaart geweſen; der König auf dem Throne ſitzend, die Königin mit den Kindern, die Miniſter, die 209 Generalität, der ganze Hof auf prächtigen Tribünen; dem Throne gegenüber ein Altar mit dem Kreuz und den Fahnen, welche den neuen Regimentern Lerliehen werden ſollten, und auf reichem Seſſel in pontificalibus, umgeben von Geiſtlichkeit und Miniſtranten, der Cardinal Firrao bei ſtrömendem Regen! Unter dem Donner des Geſchützes von den Caſtellen und Schiffen hatte der Cardinal die Fahnen eingeſegnet, dann waren ſie im Halbkreiſe um den Thron des Königs aufgeſtellt worden, um dort eine nach der andern von den Truppen empfangen zu werden; in dieſem Augenblick hatte ſich plötzlich der Himmel aufgeklärt und der herrlichſte Sonnenſchein dem Feſt bis zum Ende geleuchtet. Von jenen Tapfern, wie viele waren heute noch unter den Fahnen? Doch mochten wohl nur ihre wenigen alten Waffengefährten, welche, meiſt mit Narben bedeckt, aus Rußland und Deutſch⸗ land in die Heimat zurückgekehrt waren, bei der Erin⸗ nerung an die Fahnenweihe ſo ernſte Fragen ſich ſtellen, dem Volke war es daſſelbe Schauſpiel mit andern Fi⸗ guranten. Gleichviel, es erfüllte ſeinen Zweck, wie auch die Feſtlichkeiten des Hofes, die Jagden und Turniere; ſie zeigten die Macht und Herrlichkeit des Königs im ſchönſten Glanze und zerſtreuten jeden Zweifel an deren Beſtändigkeit. Den Abend des Tages krönte ein Ball in den Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. I. 14 210 großartigen Räumen, welche mit verſchwenderiſchem Luxus dazu geſchmückt waren; der König und faſt noch mehr die Königin Karoline liebten dieſe Pracht. Graf Orkum war vom perſönlichen Dienſt bei der Majeſtät heute ent⸗ bunden worden, um ſeine Gemahlin zum Feſte zu be⸗ gleiten; ſie hatte zugeſagt. Seit der Rückkehr des Mon⸗ archen war die Divina, wie nicht unbemerkt geblieben, bei keiner Gelegenheit, weder am Hofe noch in den Pa⸗ läſten der Großen, welche ſie ſonſt durch ihre Gegenwart geziert hatte, erſchienen. Es hieß, ſie ſei krank, aber wenn man ſich der großen Cour im vorigen Jahre er⸗ innerte, wo die Königin ſie in ſo auffallender Weiſe zu⸗ rückgeſetzt hatte, und dem eigenthümlich geheimnißvollen. Lächeln ihres Vetters, des Prinzen Emilio, bei jeder Frage nach dem Befinden ſeiner ſchönen Coufine eine Vedeutung gab, ſo erſchien dieſe Krankheit ſehr zweifel⸗ haft. Welches Aufſehen erregte es daher, als ganz un⸗ erwartet die Gräfin Orkum kurz vor den Herrſchaften am Arme ihres Gemahls in den Saal trat! Aber wie bleich war ſie, welche Veränderung war mit ihr vorge⸗ gangen! Im erſten Moment ging es wie ein unheim⸗ liches Befremden durch die glänzende Verſammlung, dieſe todtenblaſſe Geſtalt unter den blühenden oder geſchmink⸗ ten Damen erſcheinen zu ſehen; doch war es nur ein Moment, nur der erſte Blick, mit dem nächſten über⸗ —.. 211 zeugte man ſich, daß gerade dieſe Lilienbläſſe ſie in hö⸗ herer, faſt überirdiſcher Schönheit ſtrahlen ließ, daß es noch die Divina war, heute göttlicher als je! Prinz Emilio, welcher, von ihrer unerwarteten Erſcheinung ganz aus der Faſſung gebracht, mitten im Geſpräch mit einer der ſchönſten und koketteſten Frauen verſtummt war, fand ſich, als er wieder ſprechen wollte, von ſeiner Dame ver⸗ laſſen und ſtarrte mit Gefühlen, die ſein Inneres qual— voll zerriſſen, nach Virginia hinüber. War dieſe Ver⸗ heerung ihrer Roſen ſein Werk? Aber ſie ſtand in ſo ruhiger und ſtolzer Haltung, wie er ſie noch nicht er— blickt zu haben glaubte, ſie ſprach ſo gelaſſen mit den Wenigen, die ſich herbeiließen, ihr zu nahen, ehe ſie wußten, wie ſich heute die Königin gegen ſie benehmen werde. Da kam der Hof, die Majeſtäten— es war ein mi⸗ litäriſches Feſt!— ſchon in den vordern Zimmern mit begeiſtertem Zuruf begrüßt, der König in all ſeiner Pracht des äußern Aufzugs; die frohſte Stimmung aus den Zügen ſeines ausdrucksvollen Geſichts ſprechend, die Kö⸗ nigin ſo heiter und klar, wie ſie ſich öffentlich lange nicht gezeigt hatte. Und ſiehe! Bald hatte ſie im Kreiſe die Gräfin Orkum bemerkt und ſprach mit ihr in der freund⸗ lichſten Weiſe fragte ſie theilnehmend, daß Viele es hö. ren konnten, nach ihrer Geſundheit und kam ſogar, als 14 212 ſie ſchon ein paar Schritt weiter gethan hatte, nochmals zu ihr zurück, um noch irgend eine Frage an ſie zu rich⸗ ten. Was auch die Königin ſonſt gegen Virginia ge⸗ habt haben mochte, und es ſchien nicht ſchwer zu er⸗ rathen jetzt war Alles wieder gut; wodurch aber und wie, das gab denen, welche ſich dafür intereſſirten, viel zu denken. Der König ſprach ebenfalls mit der Gräfin, aber in anderer Art, als man ſonſt von ihm, der eine ritterliche Aufmerkſamkeit mit vieler Soldaten⸗ freiheit gegen Damen zu vereinigen wußte, gewohnt war; wenn man es bei ihm für möglich gehalten hätte, würde man heute eine gewiſſe Unſicherheit des Benehmens be⸗ merkt haben, als er mit Virginia ſprach, welche vor ihm ſo kalt und gemeſſen ſtand, als wäre ſie die Fürſtin, welche einem Vaſallen Audienz ertheilt. „Sie hat es verſtanden, ſich eine Poſition zu ſichern“ ſüiſtert die ſchöne, kokette Frau, welche bei Virginias Eintritt mit dem Prinzen Emilio Angri geſprochen hatte. einer ſehr ſtarken Dame an ihrer Seite zu. „Es iſt aber doch ein Skandal, daß ſie nicht ein wenig Roth aufgelegt hat!“ erwiderte dieſe.„Mit ei⸗ nem ſolchen Leichengeſicht zu kommen, iſt ein Affront für die ganze Geſellſchaft.“ „Die Männer ſind aber gerade heute begeiſtert von ihrer Schönheit, liebe Prinzeſſin“, bemerkte die Andere. 213 „Vampyriſche Gelüſte!“ entgegnete die Prinzeſſin, mit dem Fächer ihr anſehnliches Geſicht kühlend, dem man wenigſtens keine krankhafte Bläſſe nachſagen konnte. Virginia hatte ſich, offenbar dazu veranlaßt, den Damen der Königin angeſchloſſen. Es mußte jedenfalls eine große Veränderung in ihrer Stellung vorgegangen ſein, daß ſie in eben dem Maße, als der König ſich von ihr zurückzog, die Gunſt der Königin gewonnen hatte. Eine der ſcharfſinnigſten Beobachterinnen wollte es dadurch erklären, daß die Königin gerade auf Virgi nia eiferſüchtig geweſen ſei, weil ſie eine ernſtliche Nei⸗ gung ihres Gemahls, welche ſeiner Natur ſonſt fremd war, zu der Divina gefürchtet habe, daß ſie aber nun von dieſer Beſorgniß zurückgekommen ſei und das Un⸗ recht, welches ſie der Gräfin gethan, wieder gut machen wolle Denn es war nicht zu leugnen, daß Virginia, wenn der König wirklich ein tieferes Gefühl für ſie empfunden, ihn durch ihr Benehmen vollſtändig davon geheilt hatte. Dies Benehmen, ſeit die Gräfin Orkum am Hofe und in der Geſellſchaft erſchienen war, hatte für letztere ein unergründliches Räthſel gebildet. Wo jede Andere ſich im Uebermaße geſchmeichelt gefühlt hätte und der Aus⸗ zeichnung vielleicht mehr als halbwegs entgegengekom⸗ men wäre, hatte ſich Virginia mit einer wahrhaft altrö⸗ miſchen Matronenhaftigkeit gepanzert, und was eben 214 das Beleidigendſte für den König war, der auch als Mann ſeine gerechten Anſprüche machte, nur gegen ihn hatte ſie ſich in dieſer kalten Weiſe benommen; gegen alle Andern war ſie die echte heißblütige Neapolitanerin in ſprühender Lebensluſt geweſen. Wenn ſie kein Spiel feiner Berechnung getrieben, wie Viele meinten, ſo hatte ſie es verloren; der König war vollſtändig abgekühlt, ſtatt durch ihr Verſagen zu höherer Leidenſchaft ent⸗ flammt zu ſein. Selbſt die kokette Frau, welche noch heute von der ſichern Poſition Virginia's geſprochen hatte, mußte ihre vorgefaßte Meinung endlich aufgeben; ſie glaubte aber nun die Urſache zu der Krankheit der Gräfin gefunden zu haben; es war die Reue, daß ſie den Bo⸗ gen allzu ſcharf geſpannt habe, bis er zerbrochen ſei. Virginia blieb nicht lange auf dem Feſte. Sie ver⸗ ſchwand ziemlich früh, ohne daß ihre Entfernung noch von dem Hofe bemerkt worden wäre, da die Wogen der zahlreichen Geſellſchaft bei der ausgelaſſenen Stimmung, welche von den militäriſchen Feſtgebern ausging, aufge⸗ regt durcheinander fluteten. Nur Emilio hatte ſeine Couſine nicht aus den Augen verloren. Es war ihm nur ein einziges Mal gelungen, in ihre Nähe zu kommen und ein paar flüchtige Worte ungehört von Andern zu ihr zu ſprechen.„Sie haben mich grauſam zurückge⸗ ſtoßen, als ich Ihnen meinen Beiſtund bot!“ hatte er — 215 ihr zugeflüſtert.„Ich habe es nicht über mein Herz bringen können, Vergeltung zu üben. Noch harre ich auf ein gütiges, liebevolles Wort.“ „Mein letztes Wort haben Sie!“ war ihre Ent⸗ gegnung geweſen, ſo ſchneidend, daß es ihn wie ein Dolchſtich getroffen, und ſie hatte ſich von ihm hinweg zu dem Nächſtſtehenden gewandt, um ihn mit einer Freund⸗ lichkeit anzureden, als wolle ſie Emilio abſichtlich zur unverſöhnlichſten Feindſchaft reizen. Kämpfend mit ſich ſelbſt war er zurückgetreten, aber ſeine Blicke hatten ſie unabläſſig verfolgt. Kurz ehe ſie aus dem Saale in die anſtoßenden Zimmer verſchwand, ſchien ſie einen Mo⸗ ment noch gezaudert zu haben; der König war zufällig ihr gegenüber in einiger Entfernung mit einer Gruppe von Damen in lebhafter Unterhaltung begriffen geweſen und Emilio hatte bemerkt, daß ſich Virginia's Augen auf Joachim Murat richteten; es war ein ſeltſamer Blick, man hätte ihn ſchmerzlich nennen können! Lange, vielleicht unbewußt ruhten dieſe ſchönen ſchwarzen Au⸗ gen auf dem Könige, der keine Ahnung davon hatte; plötzlich, wie von magnetiſcher Kraft berührt, blickte er auf und hinüber zu der bleichen Frau, welche nun au⸗ genblicklich aus ihren Gedanken aufgeſchreckt den Saal verließ. Welche Gedanken mochten es geweſen ſein, die 216 ihre Augen mit dieſem wunderbar ſchmerzlichen Blick auf den König gebannt hatten? Emilio war darüber keinen Moment in Zweifel. Noch ſaß der Glückliche, den er mit wüthendem Haß beneidete, im Kerker und ſein Leben war bedroht; von dem Könige allein hing ſeine Be⸗ gnadigung ab! Sollte es dazu kommen? Und wenn ein Preis gefordert wurde für den Machtſpruch? Der Prinz hatte auf dem Feſte, das ſeinen Höhepunkt noch lange nicht erreicht hatte, nichts mehr zu ſuchen. Er kehrte zu Fuß in ſeine Wohnung zurück, da er ſeinen Wagen erſt viel ſpäter beſtellt hatte. Zu Hauſe ſetzte er ſich nieder und ſchrieb noch einen langen Brief. Am andern Morgen ſtand er zwei Stunden früher auf., als ſeine Gewohnheit war; ſeine ganze Dienerſchaft ge⸗ rieth in Schrecken, denn er war kein gütiger Herr. Nur gegen einen, den er vor wenigen Monaten in ſeinen Dienſt genommen hatte, machte er eine Ausnahme und dieſen ließ er rufen. „Marco, hier iſt ein Brief an Deine geweſene Her⸗ rin. Du wirſt ihn ſogleich nach der Villa Angri brin⸗ gen und ihr zu eigenen Händen übergeben.“ „Ich?“ rief Marco beſtürzt.„Sie iſt gewiß zornig gegen mich, daß ich meinen Abſchied gefordert habe. Könnte nicht ein Anderer? Es iſt mir ſchrecklich, Al⸗ tezza vor Augen zu treten.“ 217 „Schweig! Du haſt zu gehorchen. Ich erwarte Antwort auf meinen Brief, Du bringſt ſie mir zurück. Iſt es Dir nicht lieb, daß ich Dich ſchicke, Elender, oder haſt Du erbärmlich Deiner Liebe entſagt und fürch⸗ teſt Dich, nicht die Gräfin, ſondern das Mädchen wie⸗ derzuſehen, das Du verlaſſen haſt?“ „Heilige Mutter, gebenedeite!“ rief Marco.„Ich ſie verlaſſen?“ „Man ſagt mir, daß der ſonſt freie Zugang der Villa von der Meerſeite jetzt geſperrt iſt. Bringe mir Nachricht, auf welche Weiſe man außerdem, ohne durch das große Portal vom Berge her zu gehen, hineinge⸗ langen kann. Du haſt meine Befehle!“ Er winkte ge⸗ bieteriſch und Marco entfernte ſich in äußerſter Nieder⸗ geſchlagenheit. Die Stunden des Vormittags bis zur Rückkehr ſei⸗ nes Boten wurden Emilio zur Ewigkeit. Endlich erſchien Marco, noch jammervoller, als er ſich entfernt hatte. Er brachte den uneröffneten Brief wieder zurück, keine Ant⸗ wort, keinen Beſcheid über den letzten Auftrag ſeines Herrn, er ſchien vollſtändig den Kopf verloren zu haben. Emilio ſah den armen Burſchen, der zitternd vor ihm ſtand, mit verächtlicher Miene an.„Haſt Du die Gräfin geſehen?“—„Nein.“—„Sie hat Dir den Brief zu⸗ rückgeſchickt und Dir ſagen laſſen, es ſei keine Antwort 218 nöthig?“—„Ja.—„Du haſt auch die Maddalena nicht geſehen?“—„Heute nicht!“—„Und einen Zu⸗ gang haſt Du nicht gefunden?“—„Nein.“—„Mache Dich zu einem weiten Ritte bereit, in einer Stunde werde ich Dich abfertigen.“ Er vernichtete den Brief, welchen Virginia ver⸗ ſchmäht hatte, und ſchrieb jetzt zwei andere: den einen an den Fürſten Hettore Angri, ſeinen Onkel, den zweiten an Camillo, welcher geſtern nicht bei dem Feſte, deſſen Veranlaſſung er fern ſtand, zugegen geweſen war. Neuntes Kapitel. Der Gaukler von Reggio. Camillo Angri ſtand dem Könige jetzt auch ferner als ſonſt. Der König, welcher ſo viel Werth auf ſeine Meinung gelegt und ihn darum in den Staatsrath auf⸗ genommen hatte, war verſtimmt gegen ihn. In zwei wichtigen Angelegenheiten war er der Anſicht und den Wünſchen des Königs entgegengetreten. Zuerſt in der Frage, wie mit den Carbonari verfahren werden ſolle. Der König, der in der Armee zu wenig ſtrafte, war in politiſcher Beziehung für die äußerſte Strenge, und Ca⸗ millo Angri hatte ſich der entgegengeſetzten Anſicht, die nur von Wenigen vertreten war, mit Gründen ange⸗ ſchloſſen, welche den König um ſo mehr gereizt hat⸗ ten, weil er ſie nicht widerlegen konnte. Empfindlicher noch hatte ihn ein zweites Votum Camillo's getrof⸗ fen, das ihn an der verwundbarſten Stelle berührte. Im Lande wie im Heere waren noch Franzoſen, welche hier ihr Glück gefunden hatten und bei dem 220 Bruche mit Frankreich zurückgeblieben waren. Murat, um der Volksſtimme zu genügen, welche ſich gegen die Begünſtigung der Fremden ausſprach, hatte verordnet, daß nur Neapolitaner Staatsämter bekleiden dürften, daß Niemand Staatsbürger werden könne, als nach den Beſtimmungen des Statuts von Bayonne, und daß die Fremden, welche binnen einem Monate nicht das Bür⸗ gerrecht gefordert und erlangt hätten, aus ihrem Dienſt treten müßten. Alle hatten daſſelbe gefordert. Der Staats⸗ rath war bei der Prüfung anfangs nachſichtig verfahren, bald aber ſtrenger geworden, ſodaß der König ſich durch die Klagen und Vorwürfe, welche ihm die mit Verluſt ihrer Stellen bedrohten Franzoſen gemacht, veranlaßt geſehen hatte, dem Staatsrath eine Liſte von 27 Per⸗ ſonen vorzulegen, denen er verſprochen hatte, daß ihnen das Bürgerrecht gewährt würde. In der eröffneten Dis⸗ euſſion war von der einen Seite ſein Vorſchlag gebil— ligt, von der andern Seite aber, namentlich von Camillo Angri, geltend gemacht worden, daß der Staatsrath das Statut von Bayonne nicht ändern könne, alſo auch über die Siebenundzwanzig nur geſetzmäßig entſchieden werden müſſe. Der König hatte die Debatte abgeſchnitten und ſofortige Abſtimmung verlangt, in welcher von 28 Räthen nur drei gegen ihn ſtimmten; unter dieſen war Ca— millo Angri. Aus der Liſte der Siebenundzwanzig waren 221 dann 38 geworden und in der Armee noch mehr, ſodaß in der That die ganze Verordnung illuſoriſch geblieben, ebenſo wie die verheißene Aufhebung der Conſcription. Sier freilich mußten ſelbſt die Gegner der Regierung, welche ſich damals noch nicht durch Parteiverbiſſenheit über die wahren Bedürfniſſe des Landes verblendeten, zugeben, daß der Zeitpunkt nicht gekommen ſei, die be⸗ waffnete Macht zu vermindern, daß ſie im Gegentheil ver⸗ ſtärkt werden müſſe. Von Wien liefen gar bedenkliche Berichte ein; der König von Neapel, deſſen bei Berufung des Congreſſes gar nicht erwähnt worden war, hatte alle bourboniſchen Höfe: Frankreich, Spanien, Sicilien, gegen ſich, und auch England verfehlte nicht, ſein zwei⸗ deutiges Betragen während des kurzen Feldzugs zur Sprache zu bringen. Unter ſolchen Umſtänden konnte nur eine impoſante Machtentfaltung, geſtützt auf die uner⸗ ſchütterliche Anhänglichkeit ſeines Volks, den Thron von Neapel retten. In letzterer Beziehung hatte der König ſchon viel gethan; die Abgaben waren erleichtert, der Handel durch die liberalſten Maßnahmen begünſtigt wor⸗ den; nun wurde auch das gewohnte Mittel der Adreſſen in Schwung gebracht. Das Beiſpiel der Kronbeamten und Abhängigen pflanzte ſich mit Blitzesſchnelle bis zu den geringſten Corporationen im Staate fort, welche dem Könige Gut und Blut darboten; das größte Aufſehen 222 machte die Adreſſe des Truppencorps in den Marken und die des Adels, weil beide zugleich vom Könige eine freie Verfaſſung forderten— die Armee und der Adel! Mit dieſen Manifeſtationen konnte der König allerdings vor den Congreß treten, aber ſein Vertrauen darauf war doch nur gering. Darum vermehrte er ſeine Kriegsmacht auf eine achtunggebietende Stärke und gab auch den Mi⸗ lizen eine beſſere Organiſation, namentlich in Neapel, wo die von ihm vorgeſchriebene Sicherheitswache, aus den beſitzenden Klaſſen und den angeſehenſten Männern aller Stände gebildet, wenigſtens 12,000 Mann ſtark, in ſechs Bataillone und eine Schwadron formirt wurde. Ein Ehrenzeichen in Form einer goldenen, weiß emaillirten Medaille mit dem eichenbekränzten Wappen und Bild⸗ niß des Königs und der Inſchrift„Ehre und Treue“ ſollte den Eifer wecken. So gerüſtet glaubte Murat den Ereigniſſen ruhig entgegenſehen zu können. Die Verbündeten waren ſchon zu Troyes, noch vor Napoleon's Fall, übereingekommen. den König Ferdinand von Sicilien für Neapel anderweit in Italien zu entſchädigen; zu Chaumont hatten ſie ſpä⸗ ter den Vertrag Oeſterreichs mit Joachim beſtätigt. Auf dem Congreſſe war dieſer Tractat zwar angefochten wor⸗ den, aber die Streitfrage über Polen, welche die Groß⸗ mächte in zwei Parteien ſpaltete, bewirkte, daß der Kö⸗ 223 nig von Neapel von beiden Seiten als Verbündeter ge⸗ ſucht wurde. Er fühlte einen geheimen Triumph dabei, weil es eine Anerkennung ſeiner Macht war. Die An⸗ ſprüche des Hauſes Bourbon auf den Thron von Neapel hatten jetzt wenig Ausſicht, gehört zu werden, ja der Kaiſer von Rußland ſollte mit einer Hinweiſung auf die Grauſamkeit bei der Reſtauration von 1799 geäußert haben: es ſei unmöglich, jetzt, wo es ſich um das Glück der Völker handle, einem Schlächterkönig den Thron von Neapel zurückzugeben. Die Feſte in Neapel nahmen daher einen immer glänzendern und freudigern Cha⸗ rakter an, und nun Italien wieder den Reiſenden offen ſtand, erſchienen viele Fremde von Rang und Bedeutung am Hofe, ſelbſt die Prinzeſſin von Wales, die künftige Königin von Großbritannien. Auf einem dieſer Feſte, das in Portici in den Ge— mächern der Königin gegeben wurde, traf unerwartet die Kunde von dem Ableben der Königin Karoline von Si— cilien ein. Sie war am 13. September plötzlich im Schloſſe von Hetzendorf bei Wien geſtorben. Niemand war bei ihr geweſen, man hatte ſie ganz allein in ihrem Zimmer todt gefunden, auf einen Seſſel an der Wand niedergeſunken, den Arm auf der Lehne mit offener Hand, die ſie wahrſcheinlich nach der über ihr befindlichen Klingelſchnur ausgeſtreckt, um Hülfe herbeizurufen. Weder 224 der Beiſtand des Arztes, noch die letzten Wohlthaten der Kirche waren der Sterbenden zu Theil geworden. Was auch die Königin Karoline Murat bei der Nachricht vom Ableben ihrer Todfeindin, mit welcher der Nerv aller Unter⸗ nehmungen gegen ihren Thron abgeſtorben ſchien, fühlen mochte, die Würde forderte, daß ſie es vor der Welt nicht zeige; die beiden Majeſtäten zogen ſich ſofort mit dem ganzen Hofe zurück und das Feſt löſte ſich auf. Beim Herausgehen wartete Prinz Emilio Angri auf ſeinen Vetter Camillo, den er ſeit langer Zeit zum erſten Male wiedergeſehen, in der Geſellſchaft aber nur flüchtig begrüßt hatte. „Nun, Sie Unſichtbarer, hat man Sie endlich ein⸗ mal wieder?“ fragte er, als Camillo kam.„Wann kann ich Sie ſprechen?“ „Sollte das noch nöthig ſein?“ entgegnete Camillo mit verdüſtertem Blick in ſeinem froſtigſten Tone, indem er weiter ſchreitend Emilio nöthigte, mit ihm zu gehen, da ſich dieſer ſchon nach einer menſchenfreien Niſche in der Nähe umgeſehen hatte, wo er ungeſtört einen Mo⸗ ment mit ihm verweilen könne. „Haben Sie meinen Brief erhalten?“ fragte Emilio ſtaunend. „Wenn Sie darauf eine Antwort erwarten“, erwi⸗ derte Camillo mit einem Tone, welcher den Vetter doch unerwartet traf,„ſo machen Sie ſich gefaßt, daß ſie nicht in bloßen Worten beſtehen wird.“ „Wir müſſen uns ausſprechen, in aller Ruhe! Nie⸗ mand kann ja betrübter ſein als ich“, ſagte er. „Wenn Sie das ſind, ſo laſſen Sie uns ſchweigen! Jetzt und auf immer!“ verſetzte Camillo, die Unterredung, welche im leiſeſten Tone geführt wurde, abbrechend, da der Strom der Menſchen ſie umdrängte. „Finde ich Sie morgen zu Hauſe?“ fragte Emi- lio noch. „Der Gaukler von Reggio niemals!“ erwiderte Camillo mit einem vernichtenden Blicke, indem er ſich an einen Bekannten, der eben an ihnen vorbeiging, an⸗ ſchloß und mit ihm weiter ging, ohne ſich um den Vetter noch zu kümmern. Das Wort hatte getroffen. In jenem Briefe, wel⸗ chen Emilio geſchrieben, als er ſein Billet uneröffnet von Virginia zurückerhalten, hatte er ſich bildlich der alten Sage von dem Gaukler bedient, der, in Reggio wegen ſeiner Hexenkünſte ausgewieſen, der Stadt aus Rache die gefährlichſte ſeiner Schlangen heimlich zurückgelaſſen hatte, welche nun aus verborgenen Schlupfwinkeln viele Men— ſchen, beſonders Frauen und Kinder, auf ihren We⸗ gen geſtochen und mit ihrem Gifte getödtet hatte, ohne daß es gelungen wäre, ſie zu ergreifen. Emilio hatte dies Beynd von Guſeck, König Murat's Ende. II. 15 Bild gebraucht, um das Gerücht zu bezeichnen, das mehr und mehr, ohne daß man den Urheber bezeichnen könne, in der Geſellſchaft beſtimmte Thatſachen verbreitet habe, die Virginia's Ruf vergifteten. Dieſen Thatſachen auf den Grund zu gehen, um ſiegreich für die Verleumdete ein⸗ zutreten, hatte er als ſein Verdienſt gerühmt, dann aber zu ſeiner unausſprechlichen Betrübniß hinzufügen müſſen, daß er Wahrheit gefunden. Und nun erklärte ihn Ca⸗ millo für den Gaukler von Reggio! „Dein gebrechlicher Körper würde Dich nicht vor ſtrenger Ahndung von meiner Seite ſchützen“, murrte er in Gedanken hinter ihm her,„wenn Deine Tage nicht gezählt wären, ſtolzer Grande! Du ſtürzeſt vielleicht ſchon morgen von Deiner Höhe herab!“ Er hatte mit ſeinem feinen Gehör belauſcht, wie der König ſeinen Vetter, als er an ihm vorüberging, auf morgen und keineswegs in gnädiger Weiſe zu ſich befohlen hatte. Daß Camillo Angri nicht mehr im beſondern Vertrauen des Königs ſtand, war in den höhern Kreiſen kein Geheimniß; man kannte auch die Urſache und fand dieſes ſtarre Alt⸗ römerthum, in welchem ſich der junge Staatsrath gefiel, höchſt lächerlich. Wenn er dadurch, wie es den Anſchein hatte, in Ungnade gefallen war, ſo gönnte man ihm das von allen Seiten. Warum hatte er denn mit ſeinem ehr⸗ würdigen Vater, der ſich von dem neuen Hofe fern hielt, 227 gebrochen, wenn er ſich nicht ohne allen Rückhalt und Einſpruch dem Intereſſe des Königs ergeben wollte? Auch der König mochte ſo denken. Er empfing Ca⸗ millo, als dieſer ſich zu der befohlenen Stunde einſtellte, nicht mit der offenen Vertraulichkeit, die er gegen Freunde aus ſeinem Soldatenleben mit in den Purpur genommen hatte, ſondern mit der gemeſſenen Haltung des Souve⸗ räns.„Sie werden nach Wien gehen“, kündigte er ihm an.„Sie ſelbſt haben mir damals zugeſtimmt, als ich den Bund mit Heſterreich abſchloß; ich hoffe, Sie werden in dieſem Sinne den Herzog von Campochiaro mit Ihrem Rathe unterſtützen. Ihre beſondern Inſtructionen ſollen Sie noch erhalten.“ Camillo verneigte ſich tief. In vieler Beziehung war es ihm lieb, Neapel gerade jetzt zu verlaſſen; er entging dadurch dem ſchwerſten Conflicte, der ihm drohte, dem Conflicte mit ſeinem Vater. „Es handelt ſich um die Erfüllung des Vertrags“, fuhr der König, obgleich er nicht davon ſprechen wollte, gleichſam getrieben fort.„Mir ſind die Marken zuge⸗ ſichert und ich werde ſie behaupten! Iſt es nicht ein Ehrenpunkt für mich? Sagen Sie ſelbſt, Angri!“ „Wenn Sie die Macht dazu haben, Sire—“ „Die habe ich und werde mir noch eine größere ſchaffen!“ rief der König mit Heftigkeit. Doch fühlte er 15* 228 6 nun, daß er ſich zu mehr Enthüllungen hinreißen laſſe, als er bei ſeinem erſchütterten Vertrauen auf Angri's unbedingte Hingabe beabſichtigt hatte, und ging einige⸗ mal im Zimmer auf und ab, um ſich zu beruhigen. Dann ſprach er, vor Camillo ſtehen bleibend:„Sie haben mir opponirt, Angri. Ich hoffe aber, Sie werden mit mir zufrieden ſein, wenn ich Ihnen ſage, daß ich Ihrem Schwager die Naturaliſation verweigert habe. Ja“ fuhr er in einem gereizten Tone fort, als er das Erſtaunen bemerkte, das wie ein Blitz über Camillo's Züge zuckte, aber ſogleich unterdrückt wurde,„ja, Prinz Angri, ich habe dem Grafen Orkum das Bürgerrecht in Neapel verwei⸗ gert und ihm freigeſtellt, nach meinem alten Großher⸗ zogthum Berg zurückzukehren, wo ihm durch den Tod ſeines Neffen ein großes Beſitzthum zufallen wird.“ „Durch den Tod ſeines Neffen, Sire?“ fragte Ca millo, durch dieſe zweite Kunde beunruhigt.„Ew. Ma— jeſtät meinen doch nicht den Neffen, welcher hier in Nea⸗ pel war und das Unglück gehabt hat, unſchuldig in eine Unterſuchung verwickelt zu werden?“ „Ja, ja, den meine ich!“ rief der König.„Unſchul⸗ dig, ſagen Sie? Die Militärcommiſſion iſt anderer An⸗ ſicht. Nun, mein Prinz, auf die Gefahr, mir in dieſem Punkte von neuem Ihre Unzufriedenheit zuzuziehen, muß ich Ihnen ſagen, daß ich den jungen Mann, weil ſeine ———— 229 Sache mit der der Carbonari zuſammenhängt und der Vortrag des Juſtizminiſters mir Zweifel ließ, ob ſie von den Civilgerichten mit der nöthigen Energie betrieben werde, dieſen entzogen und dem Tribunal überwieſen habe, welches ich nun einmal für die ganze Angelegen⸗ heit beſtellt. Abgeſehen von Ihrer diſſentirenden Anſicht, müſſen Sie mir wenigſtens zugeben, daß ich in Ihrem Sinne gehandelt, wenn ich keine Ausnahme dulden will, wie Sie keine ſtatuiren wollten in Bezug auf das Bür⸗ gerrecht meiner armen Landsleute. Keine Ausnahme ſelbſt nicht für den Protege Ihrer Schweſter!“ Der König hatte ſo heftig und ſo raſch geſprochen, daß es faſt unmöglich geweſen war, ihm zu folgen. Doch hatte Camillo den Kern ſeiner Rede nur zu wohl verſtanden und war davon tief ergriffen.„Ich hoffe“, ſprach er jetzt, als ihn Murat bei ſeinen letzten Worten herausfordernd anſah,„daß die Offiziere Ew. Majeſtät, welche zu Gericht ſitzen, Schuld und Unſchuld zu unterſcheiden vermögen!“ „Rechnen Sie darauf!“ verſetzte der König laut und hart.„Das Urtheil iſt bereits geſprochen!“ „Und, wenn ich es wiſſen darf, Sire“, fragte Ca⸗ millo mit bebender Stimme„dies Urtheil lautet?“ „Auf Tod!“ antwortete der König. Majeſtät!“ rief Camillo.„Hier wird ein Unſchuldi⸗ ger gemordet! Ich mache mich verbindlich, die Beweiſe 230 ſeiner Unſchuld beizubringen und bitte nur um die Gnade des Aufſchubs, um Zeit.“ „Sie compromittiren ſich, Angri!“ rief der König. „Ich will es Ihrem Eifer für meine Integrität nachſehen, daß Sie eine ſolche Sprache gegen mich zu führen wagen. Laſſen Sie mich aber kein Wort mehr in dieſer Sache hö⸗ ren! Ihre Inſtructionen für die Reiſe nach Wien, Ihre Depeſchen für den Herzog von Campochiaro haben Sie noch im Departement des Auswärtigen in Empfang zu nehmen. Morgen reiſen Sie!“ Mit einem leichten Ab⸗ ſchiedsgruße zog ſich der König in ſein Cabinet zurück und Camillo kehrte in einer Aufregung nach Hauſe, die ihn für den Augenblick ganz rathlos machte. Er hatte geglaubt, ſchon am Ziele zu ſein; es war ihm gelungen, ſich Kenntniß von dem Gange der gegen Alexander Or⸗ kum eingeleiteten Unterſuchung zu verſchaffen, das frei⸗ ſprechende Urtheil des Gerichts ſtand außer aller Frage; woher nun dieſer plötzliche und gewaltthätige Eingriff des Königs, welcher durch die Erklärung, daß er keine Ausnahme von dem einmal angeordneten Verfahren ge⸗ gen die Carbonari dulden könne, nicht motivirt erſchien? Alexander war verloren! Der Spruch, der ihn zum Tode verurtheilte, war gefällt, vielleicht ſchon vollzogen! Wenn er aber noch nicht vollſtreckt war, ſo gab es nur ein Mittel, ihn zu retten! Camillo mußte ſich ſelbſt der 4——— 231 That anklagen, welche man auf den Unſchuldigen ge⸗ wälzt hatte; er mußte ſagen, daß er es geweſen ſei, wel⸗ cher den Boten mit der Warnung an das Haupt der Carbonari abgeſchickt hatte; es war eine Ehrenſache für ihn, mochte ihm das Geſtändniß auch den ſichern Un⸗ tergang bringen. Welche Prüfung, welcher Kampf! Hättet Ihr ihn hochherzig und ſiegreich beſtanden, dem Tode Euch geweiht, um nicht einen Unſchuldigen für Euer Verbrechen bluten zu laſſen? Ihr werdet mir die Ant⸗ wort ſchuldig bleiben! In ſeinem Zimmer ſaß Camillo eine Weile finſter brütend. Er war noch zu keinem Entſchluß gekommen, als er ſich aus dieſer entnervenden Stimmung riß, um den nöthigſten Brief zu ſchreiben.„Ihrem Auftrage, mein heilig verehrter Vater, kann ich nicht genügen, des Königs Befehl ſendet mich morgen nach Wien. Gewinnen Sie es über ſich ſelbſt, zu vollbringen, was Sie mir anvertraut hatten. und dadurch in ewige Nacht zu begra- ben, was uns zur unauslöſchlichen Schmach gereicht. Die Wolke, die zwiſchen uns geſtanden hat, wird bald der Sonne weichen.“ Nur dieſe wenigen Zeilen ſchrieb er, ſchloß und ſiegelte den Brief und übergab ihn zur Be⸗ ſtellung. Es war ein kurzes Ausweichen von ſeinen Ge⸗ danken geweſen, ein Waffenſtillſtand nur, der Kampf in ſei⸗ nem Innern erwachte von neuem mit verſtärkter Gewalt. 232 Ein goldener Herbſttag ſchimmerte über dem Lande und lockte zu Luſt und Freude hinaus in die freie Natur. Auf dem Molo, an der Riviera, auf allen ſchönen Punkten der Umgegend von Neapel ſchwärmte und wogte es wieder von lebensluſtigem Volk, von Wagen und Reitern. Von dem Vorplatze der Villa Angri auf der Landſeite, wo eine Cypreſſenallee ſchnurgrade nach der höher laufenden Straße führte, konnte man die vorübereilenden Erſchei⸗ nungen auf dem ſtaubigen Wege ſehen, und Maddalena ſaß vor dem verſchloſſenen Thorwege im Schatten mit ihrem Spinnrocken, das Kind zu ihren Füßen hütend, das im Graſe mit Blumen ſpielte; ſie blickte ſtill in die Ferne, wo das lebendige Treiben mit dem Frieden um ſie her einen mächtigen Gegenſatz bildete. In ihrem Herzen war aber das Mädchen traurig, und wenn ihre Augen ſich auf das unſchuldige Kind zu ihren Füßen ſenkten, hätte ſie weinen mögen. Ihre Herrin, die ſie trotz Allem, was ſie von ihr wußte und ſelbſt geſehen hatte, zärtlich liebte, lag drinnen krank und gebrochen; der arme ſchöne Mann, bei deſſen Erinnerung das Herz der Maddalena bebte, war gefangen und viel⸗ leicht ſchon todt, ihr eigener letzter Verwandter in die weite Welt gegangen! Wenn die Kranke ſtarb, Du arme kleine Giuditta! Durch die Cypreſſenallee kam plötzlich ein leichter 233 Wagen daher; Maddalena ſtand auf, rief das Kind und wollte ſich in das Pförtlein des verſchloſſenen Thorwegs zurückziehen, als ſie einen der Männer auf dem Wagen heftig winken ſah und ihren Namen rufen hörte. Es war Graf Orkum, ihr Herr; ſie mußte gehor⸗ chen und ihn erwarten. Der Wagen hielt und Graf Orkum ſprang herab und half ſeinem Begleiter abſteigen, den die Procidanerin nicht kannte Es war ein ſchöner, ſtattlicher Mann mit ſchwarzen Locken und feurigen Augen; es gefiel ihr, daß er ſogleich auf das Kind auf⸗ merkſam wurde und daſſelbe freundlich, mit unverkenn⸗ barem Antheil betrachtete. Vornehm mußte er ſein, denn er trug einen prächtigen grünen Sammetrock mit gol⸗ denen Schnüren, und der Graf war gegen ihn ſo zuvor⸗ kommend! „Laß uns ein, Midchen führe uns zu Deiner Frau!“ befahl er. „Madonna iſt todkrank und liegt zu Bett“ ſagte ſie. „Unmöglich!“ rief der Fremde und Graf Orkum: „Das iſt nicht wahr! Hinweg da!“ Er wollte Maddalena, welche mit dem Kinde vor der Pforte ſtand, zur Seite ſchieben, als ihr ein Mann heraustretend zu Hülfe kam, in welchem er ſeinen Hausarzt erkannte. „Iſt es Ernſt, Doctor?“ rief er. Der Arzt ſtutzte bei dem Anblicke des Fremden 234 und verneigte ſich tief vor demſelben, ehe er dem Grafen antwortete. Der Fremde machte ihm einen verbietenden Wink und er ſagte nun:„Ich würde es nicht verantwor⸗ ten können, wenn ich Ew. Gnaden nicht bitten wollte, von dem beabſichtigten Beſuche abzuſtehen. Der Fall iſt ſehr ernſt; ich ſah vom Fenſter aus Ihren Wagen und eilte hierher, um Sie abzuhalten. Jede Störung der Kranken könnte tödtlich ſein!“ „Kommen Sie, Orkum!“ ſagte der Fremde, welcher ernſt und unruhig geworden war;„hier iſt kein Beſinnen nöthig.“ Er neigte ſich zu der Kleinen hernieder und reichte ihr ſeine Hand, in welche ſie, welche ſonſt vor Fremden ſcheu war, nach kurzem Zögern ihr feines Händchen legte; mit ſichtlicher Freude hob der Fremde das Kind empor und küßte es zweimal, dann ließ er es vorſichtig wieder auf den Raſen nieder, und während ſeine Angen unverwandt auf ihm ruhten, zog er einen von den blitzenden Diamant⸗ ringen, die ſeine Hand ſchmückten, vom Finger, gab ihn der Kleinen und wandte ſich, mit einem kurzen Abſchieds⸗ wink der Hand gegen den Arzt, ohne ein Wort zu ſpre⸗ chen, nach dem Wagen, der in einiger Entfernung hielt; Graf Orkum richtete noch eine flüchtige Frage an den Arzt und folgte dann. Raſch, wie ſie gekommen waren, fuhren ſie durch die Cypreſſenallee wieder von dannen. — —— ½ 235 „Wer war das?“ fragte Maddalena, während die Kleine entzückt ihr den Ring emporhielt. „Kennſt Du ihn nicht?“ entgegnete der Arzt ver⸗ wundert, ſchüttelte aber doch vorſichtig den Kopf und gab ihr eine ſehr unbeſtimmte Antwort, als ſei auch er ſeiner Sache nicht gewiß. Dann kehrten ſie nach dem Hauſe zurück. Virginia lag wirklich krank und der irdiſche Arzt konnte ihr nicht helfen. Ihre Kraft war endlich Allem, was in letzter Zeit über ſie hereingebrochen war, erlegen und ſie ſah nur noch einen Ausweg, um dem Elend und der Verzweiflung zu entrinnen. Sie wußte, daß ſie von der Welt ſchon geächtet war, obgleich dieſe von der Wahrheit noch immer keine Ahnung hatte; ſie wußte, daß ihr der Einzige, der noch von ihr gut dachte, auf deſſen Treue ſie wie auf einen Felſen bauen konnte, der unter glücklichen Sternen bei früherer Begegnung im Leben ſie unausſprechlich glücklich gemacht haben würde, in dieſem Augenblicke ſchon durch einen ſchimpflichen Tod entriſſen war. Die erſte Kunde hatte ihr ein Billet mit verſtellter Handſchrift gebracht, das ſie deshalb nicht, wie das frühere, uneröffnet zurückgeſchickt hatte; ſie würde die Meinung der Welt, die ſie niemals hoch ge⸗ halten, verachtet haben, wenn nicht der Schreiber jenes Billets neue empörende Schmach daran geknüpft hätte, 236 indem er ihr für den Fall, daß ihr Gemahl bei der Rückkehr in ſeine Heimat, wovon man jetzt ſpreche, ſich von ihr trennen ſollte, ſeine Hand bot, um ſie dadurch vor der Welt glänzend wieder zu erheben! Die zweite Nachricht, welche ihr Orkum ſchonungslos mitgetheilt, nicht ohne die entſetzliche Andeutung, daß ihre Vorliebe für Alexander leicht jede Begnadigung des Verurtheilten unmöglich gemacht habe, hatte ſie dann zur Verzweiflung gebracht, und als, Schlag auf Schlag, ein dritter Brief kam, auf deſſen Umſchlag ſie erbebend die lange nicht erblickte Handſchrift ihres Vaters erkannte, da war ſie kaum fähig geweſen zu begreifen, was ihr der Vater ſchrieb. Es war die kurze, ſtrenge Anzeige, daß er Camillo beauftragt habe, ſie abzuholen und in die einzige Freiſtatt zu bringen, wo ſie ſich mit Gott verſöhnen könne, in das Kloſter zu ſeiner Schweſter. Dem Wahnſinn nahe, in ihrem Zimmer eingeſchloſſen, hatte ſie mehrere Stunden zugebracht; nun war aber das Alles vorüber. Sie hatte zum Tode erſchöpft dem Arzte den Zutritt geſtat⸗ tet, aber in ihrem Herzen war es ſtill, grabesſtill; ſie wußte andere Freiſtatt, als die ihr der Vater geboten hatte. Der Arzt, als er den Beſuch der beiden Herren ver⸗ hindert, fand nichts dagegen einzuwenden, daß Madda⸗ lena der Kranken auf ihr Verlangen das Kind brachte; es konnte dazu dienen, durch ſanfte Gefühle ihre aufge⸗ N — 237 regten Nerven zu beſchwichtigen, eine Verſagung würde ſie noch mehr gereizt haben. Er hatte auch nichts dawi⸗ der, daß die Kleine allein bei der Kranken blieb; nur daß dieſe das Bett verlaſſen und ſich ankleiden wollte, war ihm nicht lieb. Indeſſen gab er den ſchwachen Ver⸗ ſuch, ſie davon abzubringen, auf, als er ſah, daß ſie heftig wurde. Dem Mädchen hatte er verboten, von dem Be⸗ ſuche zu reden, und Maddalena ſchwieg auch darüber, bis die Kleine, woran der Arzt unbegreiflicherweiſe gar nicht gedacht hatte, mit ihren feurigen Erzählungen und ihrem Ringe Alles verrieth. Da wurden Virginia's todten⸗ bleiche Wangen plötzlich von heißer Glut überfloſſen; ſie ſchien einen Moment ſprachlos, nur ihre Augen richteten ſich fragend auf Maddalena, welche dann nicht anders konnte, als der Wahrheit getreu Alles berichten. Vir⸗ ginias Auge verdunkelte ſich, als Maddalena ihr den Fremden und ſein freundliches Benehmen gegen das Kind ſchilderte, ihre Hände zitterten, ihr Buſen wogte ſichtlich in heftigſter Bewegung. Doch entließ ſie das Mädchen ſogleich und blieb nun mit Giuditta allein. Sie ſetzte ſich auf ihr Bett und nahm die Kleine auf den Schooß, liebkoſte und küßte ſie mit Inbrunſt und hörte ſchweigend zu, wie dieſe mit kindlichem Ge⸗ plauder immer wieder von dem ſchönen Manne erzählte, der ihr den Ring geſchenkt, welchen ſie nur einen Au⸗ 238 genblick aus der Hand gegeben, als Virginia ihn ſehen wollte, und ſogleich wieder zurückverlangt hatte.„Warum weinſt Du, Tante?“ fragte ſie auf einmal mitten in ihrer wie⸗ derholten Erzählung, daß ſie der ſchöne Mann geküßt habe. Virginia's Thränen rannen nun unaufhaltſam; ſie drückte das Kind ſtumm an ihr Herz und ſagte mit gebrochener Stimme:„Nenne mich nur Mutter! Du darfſt es!“ „Darf ich?“ rief Giuditta fröhlich.„Und wirſt Du nicht böſe? Schilt mich die Lenetta und meine Mutter nicht?“ „Du darfſt es! Ich bin Deine Mutter!“ klang es in ſchmerzlichen Lauten von Virginia's Lippen, und das Herz hätte ihr brechen mögen über des Kindes Freude und ſeine unſchuldigen Fragen, warum der Leſſo gar nicht wiederkomme, dem ſie es erzählen wolle, daß ſie nun Mutter ſagen dürfe. Lange ſaß Virginia mit dem Kinde auf dem Schooß und weinte viel, endlich wurde die Kleine müde, legte ihr Köpfchen an Virginia's Bruſt, und es währte nicht lange, ſo war ſie entſchlummert. Sanft und vorſichtig legte ſie Virginia auf ihr Bett und ſtand eine lange Weile verſunken in das Anſchauen des lieblichen Weſens, dann ging plötzlich ein Schau⸗ der durch ihre ganze Geſtalt; es war der Dämon ihres Schickſals, der ſie ſchrecklich an ihren Entſchluß mahnte. 2 — 239 Sie wagte nicht noch einen letzten Blick auf das ſchlummernde Kind zu werfen; mit ſchwankenden, aber raſchen Schritten ging ſie zu ihrem Spiegeltiſch, wo ein Kryſtallglas mit friſchem Waſſer ſtand; ſie zog ein Fach, nahm ein ſorglich eingewickeltes Fläſchchen heraus, träu⸗ felte von der hellen Flüſſigkeit, welche es enthielt, unge⸗ zählte Tropfen in das Waſſer und hielt das Glas in der krampfhaft bebenden Hand— wagte ihr Blick im ſündhaften Frevel dieſes entſetzlichen Augenblicks das Bild des Gekreuzigten über dem Betaltar zu ſuchen? „Mutter!“ flüſterte es wie mit einer Engelsſtimme durch das todtenſtille Gemach. Virginia zuckte zuſammen; ſie wandte ſich um. „Mutter, laß mich nicht allein! Süße, liebe Mutter, bleibe bei mir!“ hörte ſie das Kind im Traume ängſtlich ſprechen. Und das Glas entſtürzte Virginia's Hand, daß es am Boden zerſchmetterte; ſie ſelbſt, von Schauern der Gottesnähe überwältigt, eilte zu dem Lager, wo Giuditta ruhte, ſank auf ihre Kniee und rief, die gefalteten Hände hoch zum Himmel erhebend:„Nein, nein, Du mein geliebtes Kind! Ich bleibe bei Dir, ich verlaſſe Dich nicht!“ Ende des zweiten Bandes. —— —„——————————— 3 ——— * ——————————