Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gekiehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der kalte Nordländer, der jenes Paradies noch nie betreten, mag über die poetiſche Begeiſterung lächeln, welche daſſelbe ein Stück Himmel nennt, das auf die Erde ge⸗ fallen; der Spruch im Volksmunde:„Neapel ſehen und dann ſterben!“ mag ihm als eine lächerliche National⸗ eitelkeit erſcheinen, aber dieſe kritiſchnüchternen Zweifel zerrinnen wie Schnee vor dem Strahl der Frühlings⸗ ſonne, ſobald ſich zum erſten Male am Fuße des Pauſi⸗ lippo, von den Felſen Capris oder von einer andern Stelle, die eine Ueberſicht geſtattet, vor dem Sohn der Fremde das Zauberbild des Golfs in ſeiner vollen un⸗ erreichbaren Schönheit entfaltet.* Es war ein Feſttag, einer der erſten im Monat Vernd von Guſeck: König Murat's Ende. J. 1 — 2 September. Die Glut, welche zur Mittagszeit uner⸗ träglich geweſen, hatte nachgelaſſen; ein leichter Lufthauch wehte vom Meere her, deſſen Spiegel er nicht zum Wellenſchlage zu kräuſeln vermochte, aber die Flut wurde von vielen Barken und Gondeln durchfurcht, welche in allen Richtungen ſich kreuzten, jede mit fröhlichen, feſtlich geputzten Menſchen gefüllt, die ſich in der Abendfriſche in den Oſterien und Schenkhäuſern am Pauſilippo oder auf den vorliegenden Inſeln mit Tanz und Geſang bei gu⸗ tem Wein und Fiſch ergötzen wollten. Auch herrſchaft⸗ liche Gondeln mit vornehmer Geſellſchaft zogen ſtattlich daher, und die alten Marinari und Fiſcher, die am Strande auf Gäſte warteten, machten ihre ſpöttiſchen Be⸗ merkungen darüber, wie ſo gar ſchwerfällig ſie geführt wurden; Livree verdirbt ſelbſt einen Lazzarone! Dort zum Beiſpiel der Ruderer im braunen Rock mit den weißen Umſchlägen, war das nicht der Mas' Antonio von San⸗Cataldo auf Procida, der in ſeinen jüngern Jahren in den calabreſiſchen Bergen unter Trenta Capilli gefochten und dann ſeine goldene Freiheit auf dem Straßenpflaſter und den Kirchentreppen der Stadt in Ruhe und Behaglichkeit ſüßen Nichtsthuns genoſſen hatte? Ein ſchallendes Gelächter begrüßte ihn, als er von al⸗ ten Genoſſen erkannt wurde. Hatte der Mas' Antonio endlich, vom Hunger gezähmt, ſich einfangen laſſen und — 3 diente nun in Livree wie eine von den andern Knechts⸗ ſeelen ums liebe tägliche Brod, als ob es gar keine mit⸗ leidigen Menſchen mehr gäbe, die einem armen Kerl einen Napf Maccaroni zukommen ließen? Wenn der Ruderer im braunen Dienſtrocke wirklich der Mas' An⸗ tonio von San Cataldo war, der Waoffengenoſſe des ge— fürchteten Trenta Capilli, der ſpäter als freier Mann ſeinen unbeſtrittenen Ruheplatz auf den Stufen der Apoſtelkirche hatte, ſo verrieth keine Miene, daß er das Gelächter der Schiffer auf ſich bezog, als er, ſein Ruder langſam und gemeſſen handhabend, an ihnen vorüberfuhr. „Wer von uns wird hier ausgelacht, Tante?“ fragte jedoch ein junger Mann in der Gondel, welcher bisher in der zauberiſchen Schönheit einer nie geahnten Natur geſchwelgt, die Dame, die neben ihm ſaß und ihm all die ſchönen Punkte genannt hatte. Er fragte ſie in deutſcher Sprache. „Ihr blonder Lockenkopf vielleicht! Setzen Sie den Hut auf, bitte!“ erwiderte die Dame in gebrochenem Deutſch, das von ihren vollen friſchen Lippen aller⸗ liebſt klang.„Unſere armen Marinari ſind ein kindi⸗ ſches, luſtiges Völkchen; ſie lachen Jedem ins Geſicht, der ihnen lächerlich vorkommt; ich beneide ſie oft, wenn ich in Geſellſchaft bin und über Manches gern la— chen möchte, wo ich doch ernſthaft bleiben muß, als 1 4 wäre ich eine geborene Deutſche, vom Eispol gebürtig, wie Sie!“ Der junge Mann lauſchte ihren Worten mit Ent⸗ zücken; der Klang ihrer Stimme war etwas tief, wie es bei Italienerinnen oft der Fall iſt, aber den Weg zum Herzen verfehlte er nie, mochte ſie im Scherz, wie jetzt, oder, was ſeltener geſchah, tiefgefühlt ſprechen. Was ihm jedoch für den Lauſcher einen beſondern Zauber verlieh, war der eigenthümliche Tonfall, welchen er bei der fremden Sprache annahm, die ſie gegen ihn ſtets gebrauchte, obſchon er Italieniſch wenigſtens verſtand, wenn er es auch nicht geläufig ſprechen konnte. Seine Augen ruhten auf ihr und begegneten dem freien Aufblick der ihrigen, der ihm das Blut in die Wangen trieb. „Vom Eispol ſagen Sie?“ wiederholte er.„Ich wünſchte, Sie könnten unſer ſchönes Rheinland einmal ſehen, das Ihr Gemahl nur aus Anhänglichkeit für ſei⸗ nen Fürſten verlaſſen hat. Vielleicht kehrt er doch einſt mit Ihnen dahin zurück.“ „Großen Dank, mein Herr Neffe!“ unterbrach ſie ihn.„Ich hoffe vielmehr, daß ihn ſein Glück hier auf immer gefeſſelt hat!“ Sie ſagte das mit einem Tone der Jronie, welcher dem Jüngling verloren ging. „Und doch kann er dies Glück verlaſſen!“ ſagte er. „Würden Sie daheim geblieben ſein, Don Aleſſan⸗ dro, wenn Sie an Ihres Onkels Stelle geweſen wären?“ entgegnete ſie mit aufleuchtenden Augen und einem An⸗ fluge von Ernſt. Dieſe Vorausſetzung, der Gedanke, den ſie in ſeiner Seele, die Sturmflut, die ſie in ſeinem Herzen erweckte, machten ihn einen Moment verſtummen; er mußte die Augen ſenken, die ihn zu verrathen drohten, und eine heiße Glut ſtieg plötzlich in ſeine Wangen. „Sehen Sie, Aleſſandro, Sie ſchweigen, Sie er⸗ röthen ſelbſt vor der Idee, um einer Frau willen der Stimme der Ehre nicht zu folgen!“ ſagte ſie.„Wenn der König, dem Ihr Onkel, wie Sie mit Recht ſagen, aus Anhänglichkeit hierher gefolgt iſt, wieder den Degen für den Kaiſer zieht, ſollte mein Gemahl ſich entſchuldi⸗ gen? Und womit?“ Er wollte antworten, als der vorderſte Gondolier, welchen die Schiffer für jenen Mas' Antonio gehalten, plötzlich, wie von einer Schlange geſtochen, zuſammen⸗ zuckte und das Ruder ins Meer fallen ließ. Da er ſich raſch bückte, um es noch zu erhaſchen, kam die Gondel in eine ſchwankende Bewegung, welche der Dame einen leichten Schrei des Erſchreckens entlockte. Ihr Neffe fuhr den Gondolier heftig an und beruhigte ſeine Tante; ihr Geſpräch war jedoch unterbrochen. Der zweite Gondolier, welcher über die Ungeſchicklichkeit ſeines Ge⸗ 6 noſſen ebenfalls entrüſtet war, hätte ihm am liebſten mit ſeinem Ruder eine Lection in der Handhabung deſ⸗ ſelben gegeben, aber er mußte ſich mit einem zornigen Blicke begnügen und brachte das ſtark ſchwankende Fahr⸗ zeug mit Kraft und Gewandtheit wieder zur Ruhe. Sie waren zum Glück bald an Ort und Stelle. Am Ufer lag ein vielbeſuchtes Wirthshaus, deſſen Weinlauben und Sitzplätze von Menſchen wimmelten. Caſtagnetten und Tambourin ließen ſich hören, und ein jun⸗ ges Pärchen tanzte zum Ergötzen der Zuſchauer in leiden⸗ ſchaftlichſter Weiſe die Tarantella, den Volkstanz der niedern Klaſſen; aber zahlreiche Gruppen, welche dicht am Ufer plaudernd und ſchmauſend umherlagen, hat— ten doch den Unfall bemerkt, welcher dem Gondolier in Livree paſſirt war, und ein Burſche, der wenig mehr zum Durchnäſſen auf dem Leibe trug, als das auf der Bruſt offene Hemd und ein Paar Schifferhoſen, von der rothen Schärpe gehalten, ſprang, ohne ſich zu beſin— nen, in die Flut, um das ſchwimmende Ruder aufzu⸗ fiſchen und ſich ein paar Grani zu verdienen. Die Gon⸗ del näherte ſich hinter der Ruine, welche beim Volke das Schloß der Königin Johanna heißt, ſchon dem Lande; der Schwimmer mußte ſie alſo erreichen. In geringer Entfernung von den unheimlichen, vor Alter geſchwärzten Trümmern, an welche die Sage manche — 7 grauenhafte Erinnerung geknüpft hat, lag eine heitere Villa in aller Pracht ſüdlicher Vegetation, wohl gepflegt und unterhalten, was dort nicht überall der Fall iſt, mit einem geſchmackvollen Wohnhauſe, das vom Meere aus dem Auge einen wohlthuenden Anblick bot. Beneidens⸗ werth der Beſitzer, welcher hier ſeine Tage in Glück und Frieden verleben konnte! Auch der junge Rheinländer, welcher jetzt ſeiner Tante an der Landungstreppe die Hand reichte, um ihr aus der Gondel zu helfen, hatte ein ſolches Gefühl, und wenn er ihm Worte gegeben hätte, wäre es wohl eine Antwort auf ihre Frage geweſen, welche durch den Unfall mit dem Ruder abgeſchnitten worden war. Wohl hätte er ſagen können, welcher Grund den Beſitzer dieſer Villa daheim zu feſſeln ver⸗ mocht hätte, aber freilich auf Koſten ſeiner Ehre und Soldatentreue! Daheim! Hatte ſein Oheim aber nicht eine erſte, eine nie zu vergeſſende Heimat, und war es nicht vielleicht auch ein Beweggrund geweſen, dieſe ein⸗ mal wiederzuſehen, daß er ſeinen König begleitet hatte, als dieſen der Wille des Kaiſers zum erneuten Kriege nach Deutſchland rief? Das Glück, das er in Italien gefun⸗ den, blieb ihm ja unverlierbar für das Leben, und welch ein Wiederſehen dann, wenn er mit Ehren geſchmückt, im Lorbeer des Sieges als Genugthuung für die bei⸗ ſpielloſe Kataſtrophe des letzten Winters zurückkehrte! — — Solche Gedanken beſchäftigten die Seele des Jünglings und machten ihn ſtumm, als er neben ſeiner Tante den Pfad durch die Myrtenhecken zu dem hochgelegenen Hauſe emporſtieg. Sie ſah ihn lächelnd von der Seite an und unterbrach das Schweigen nicht. An der Landungstreppe war, ſobald beide weit ge⸗ nug entfernt waren, daß ſie nichts mehr hören konnten, zwiſchen den beiden Gondolieren ein Streit entſtanden, der leicht mit Meſſerſtichen hätte endigen können. Der jüngere hatte dem ältern Vorwürfe über ſeine Unge⸗ ſchicklichkeit gemacht, das Ruder wie ein Knabe ins Meer fallen zu laſſen; er hatte ſich das herausgenom⸗ men, weil er ein wirklicher Marinaro von der Inſel Capri war, der Andere aber, wie er meinte, eigentlich nur ein zerlumpter Lazzarone, den die Laune des alten Herrn oder das Mitleid ſeiner Frau Tochter in die herrſchaftliche Livree des Hauſes Angri geſteckt hatte. Dieſer war aber dadurch nicht ſo zahm geworden, um Vorwürfe von einem gemeinen Capritaner zu ertragen; er hatte ihn ſchnöde abgefertigt, und es wäre, wie ge⸗ ſagt, von Worten zu Meſſerſtichen gekommen, trotz der Livree des fürſtlichen Hauſes Angri, welche beide trugen, wenn nicht als Friedensſtifter der triefende Schwim⸗ mer ſich wie ein Meergott mit dem Ruder, der Urſache des Streits, aus den Fluten erhoben und zwiſchen die 9 Streitenden getreten wäre. Da ging das wilde Gezänk plötzlich, wie es in der Natur der leidenſchaftlichen, aber auch gutmüthigen Neapolitaner liegt, in ein herzliches Gelächter über, und beide waren verſöhnt. Der junge Schiffer erhielt wirklich von dem großmüthigen Herrn⸗ diener ein paar Kupfermünzen für ſeinen Fang und kehrte auf dem Landwege zu ſeinen Genoſſen zurück, um mit dieſen den Lohn in der Cantina ſogleich zu ver⸗ trinken. „Nun Du es wieder haſt, ſage mir Mas', wie iſt es gekommen?“ fragte der jüngere Gondolier den ältern, der in ſeiner Art ein ſchöner Mann von etwa vierzig Jahren war.„Ich hab' es deutlich geſehen, daß Du über etwas erſchrocken biſt und darum das Ruder Dir aus der Hand fiel. Was war es?“ „Biſt Du neugierig, Marco?“ entgegnete Mas' „Mir kam ein Krampf in die Fauſt.“ „Das iſt nicht wahr, Mas', Du lügſt“, ſagte der Andere.„Ich hab's geſehen, daß Du öber etwas bei der Stellina erſchrocken biſt!“ „Diene ich mit einem Spion, der mir jeden Blick belauert?“ rief Mas' zornig. Aber er mäßigte ſich ſo— gleich und ſagte nach kurzem Beſinnen:„Ja, Marco, weil Du doch mein Kamerad und ein guter Kerl biſt, will ich Dir's ſagen. Ich habe vor der Stellina eine 10 geſehen, die ich dort nicht ſuchte, am wenigſten die Ta— rantella tanzend.“ Marco lachte.„Freilich! Da kann Dir wohl ein Schreck in die Beine und ein Krampf in die Fauſt ge⸗ fahren ſein. Wer iſt denn die Tarantellara, die Dich ſo erſchreckt hat? Ich weiß ja von gar nichts!“ „Biſt Du der Padre, dem ich beichte?“ verſetzte Mas.„Höre, Marco, ich muß doch einmal nachſehen, daß ſie ſich nicht ganz wie ein kleiner Thunfiſch in die Netze verſtrickt. Unſere Principeſſa bleibt gewiß, bis der Mond aufgeht, oben und die Zeit wird ihr nicht lang werden, denk' ich. Unterdeſſen gehe ich einmal' nach der Stellina zurück. Du bleibſt ja hier ſitzen, das weiß ich. Sollte nach mir gefragt werden, ſo ſage nur, ich ſei nach meinem Ruder ausgegangen. Das verſtecke ich ſo lange hier in den Strauch. Du biſt mein guter Freund und wirſt mit mir zuſammenhalten, wie es ſich für Diener eines Hauſes gehört. Gib mir die Hand darauf, Marco.“ „Ja“, ſagte Marco.„Aber Du mußt mir nichts über die Principeſſa ſagen! Wenn ſie den Vetter ihres Mannes freundlich anſieht, ſo iſt das keine Sünde. Was hat Dir die Frau gethan, Mas', daß Du immer Böſes von ihr denkſt?“ „Mir? Nichts! Und wer ſagt Dir, daß ich Böſes 11 von ihr denke?“ erwiderte Mas', indem er das letzte Wort ganz ausdrücklich betonte, als habe er dabei noch einen beſondern Hintergedanken. „Nun, ich ſehe es an Deinen Augen, wenn Du ſie anſiehſt oder auf ihre Worte zu Andern horchſt“, antwortete Marco.„Du haſt den böſen Blick, Mas', und wenn die Principeſſa verhext wird, ſo weiß ich, wem ſie es zu verdanken hat, und werde Dich dem Herrn Vicar anzeigen.“ „Schenk' ihr lieber ein Hörnlein als Amulet und bind' es ihr heimlich ein!“ ſpottete Mas' indem er ſich nicht länger aufhalten ließ. Er ging durch die kleine offene Pforte am Fuße der Landungstreppe wieder hin⸗ aus, um längs des Ufers nach der Stellina, dem Wirths hauſe, vor welchem er die ihn verletzende Tarantella ge⸗ ſehen haben wollih zu wandern. Marco ſah ihm nach. Er dachte alles Ernſtes im Sinne des Volksaberglaubens in Neapel, daß Mas' Antonio den böſen Blick beſitze und durch bloßes An⸗ ſchauen mit feindſeligen Augen Jemand irgend einen leiblichen oder geiſtigen Schaden zufügen könne; er glaubte davon ſchon Proben erlebt zu haben. Auch war er feſt überzeugt, daß er auf die ſchöne Frau, die in der ganzen Gegend la divina, die Göttliche, hieß, einen Haß geworfen habe; denn während alle, die ihr dienten, um dieſe Begünſtigung beneidet wurden, hatte er in Marco's Gegenwart den Principe, als ihn dieſer ſeiner Tochter bei ihrer Verheirathung mitgab, gebeten, ihn lieber bei ſich zu behalten, und war ganz unmuthig geweſen, als der alte Herr, der nie einen Befehl zurücknahm, ihn mit ſeiner Bitte abgewieſen hatte; auch ſchien er in der gan⸗ zen Zeit ſich noch nicht mit ſeiner Stellung verſöhnt zu haben; er allein, wo Jeder, den die Gebieterin eines Wortes würdigte, bis in den Himmel entzückt war, blieb wie ein Stein, wenn ſie mit ihm ſprach, und hatte es endlich ſo weit gebracht, daß ſie es vermied, ein Wort oder einen Blick an ihn zu verſchwenden. Eins der Mädchen vom Hauſe, mit dem er über dieſen wunder⸗ lichen Haß und deſſen nicht zu errathende Urſache ſprach, hatte auf ſeine Befürchtung, daß Mas' Antonio mit ſei⸗ nem böſen Blick der ſchönen Frau einen Zauber anthun könne, ſchalkhaft gelacht und gemeint, es könne wohl auch umgekehrt ſein, daß die ſchöne Herrin dem armen Mas' einen Zauber angethan habe, worauf aber Marco, weil ihm dieſe Meinung zu dumm erſchien, ſich nicht eingelaſſen hatte. Daß der finſtere Menſch nun gar anfing, die Tugend und Treue der Principeſſa zu verdächtigen, war ihm unerträglich und er ſchleuderte ihm, als er darüber recht zum Bewußtſein kam, in der ausdrucksvollſten Weiſe italieniſcher Geſtieulation die geſpreizten Finger nach. — 13 Das„Sternlein“, neu vergoldet auf dem Wirths⸗ hausſchilde über der Thür, blinkte Mas' Antonio ſchon von weitem entgegen. Das lärmende, luſtige Gewühl der Gäſte, welche ſich's hier im Freien wohl ſein ließen, hatte ſich noch vermehrt; auch tanzende Paare gab es genug; Tambourins klangen, zum Tanz geſchlagen und hoch über dem Kopf geſchwungen, daß ihre Schellen klirrten; Caſtagnetten klapperten im raſchen Takt des Volkstanzes, der die Leidenſchaft der Liebe vom erſten ſchüchternen Erwachen, vom Suchen und Meiden durch alle Momente ihres Anſchwellens bis zum Glück der Gewährung mit glühender Sinnlichkeit ſchildert. Die zahlreichen Zuſchauer gaben ihren Beifall bei jeder neuen und überraſchenden Wendung, welche dieſe Kinder des Volkes dem Tanze nicht ohne Anmuth zu leihen wußten, mit jauchzendem Bravo! und Brava! und wüthendem Händeklatſchen zu erkennen. Mas' Antonio ſchritt aber kalt und theilnahmlos vorüber und würdigte die tanzen⸗ den Paare keines Blickes, als habe er den Grund, der ihn hergeführt hatte, ganz vergeſſen. Sein ſcharfes Auge ſpähte vielmehr unter den Gruppen der Männer umher, welche weithin den Vorplatz und die Umgebung der Stellina füllten, und ſeine Stirn wurde immer finſte⸗ rer; offenbar ſuchte er Jemand, ohne ihn zu finden. Es konnte nicht fehlen, daß ſeine herrſchaftliche Livree Gäſten, welche die Gondel der Principeſſa Virginia, die nun an einen hergelaufenen Tedesco verheirathet war, kannten, ihre Gloſſen im Vorüberfahren derſelben ge⸗ macht und den Unfall des Gondoliers mit jenem rück⸗ ſichtsloſen Hohnlachen bejubelt hatten, das man in glei— cher Ungenirtheit nur bei Italienern finden kann. Ge⸗ wiß kam der Mann, nach ſeinem Ruder zu fragen; man wußte hier nicht, daß es ihm ſchon wiedergebracht war. Die Padrona des Hauſes, welche auf der Schwelle ihres Hauſes zufrieden umherſchaute, bemerkte den Diener des Hauſes Angri; vielleicht kam er, von ſeiner Herrſchaft irgend eine Beſtellung zu machen, wie es bei der Nähe der Villa ſchon vorgekommen war. Sie ſchickte einen ihrer flinken Kellner ab, die ſich wie geſchmeidige Aale durch das Gewühl der Gäſte wanden, jeden Anruf mit dem nie fehlenden„Subito!“(„Gleich!“) oder„Adesso!“ („Hier!“) beantwortend. Der Kellner fragte Mas' Antonio wie jeden Andern nach ſeinen Befehlen. Die ſer dankte ihm jedoch kurz, ſchützte ſein verlorenes Ruder vor und ging am Strande weiter, bis auf einmal land⸗ wärts ſchauend ſich ſein Auge belebte. Dort lag in ſeiner ganzen Länge ausgeſtreckt ein Mann auf einem Steinſitze und ſchien zu ſchlafen; wer aber recht hinſah, der konnte bemerken, daß er mit ſcharfen Blicken unaus⸗ bemerkt wurde, und mehrere gab es auch unter den 15 geſetzt auf das Meer hin ſpähte, als ſuche er unter den Barken, welche die von den Purpurlichtern des Nieder⸗ gangs überwallte Flut durchkreuzten, eine beſtimmte her⸗ auszufinden. Mas' Antonio näherte ſich dem Ruhen⸗ den; er hatte ſchon bemerkt, daß er von ihm geſehen und erkannt war; er ging langſam, um kein Aufſehen zu erregen. Der Mann änderte ſeine Lage nicht, ſon⸗ dern blickte ihm gelaſſen entgegen. Der Gondolier ſah, daß er von der Stellina aus nicht mehr genau beobach⸗ tet werden konnte, doch ſtand er noch einmal ſtill, dehnte ſich, die Arme wie ein Telegraph ausſtreckend, als ſei er recht läſſig, und machte dann dem Manne— mochten ſie das von der Stellina her ſehen!— ein weithin be⸗ merkbares Zeichen, zuzurücken und ihm auch einen Platz zu gönnen. Jetzt konnte es Niemand mehr auffallen, wenn er ſich zu ihm ſetzte. „Heilige Mutter Gottes! Seh ich Euch hier?“ rief er nun, ſeine Aufregung nicht länger bemeiſternd. „Du ſiehſt mich Mas' Antonio, leibhaftig!“ erwi⸗ derte der Andere, welcher in der Tracht eines Landmanns der Abruzzen war und den bebänderten Spitzhut tief in die Augen gedrückt hatte, ſodaß von ſeinem Ge⸗ ſicht nicht viel mehr zu ſehen war, als der dichte ſchwarze Bart, welcher daſſelbe vom Kinn und Mund bis zu den Backenknochen umwallte. 16 „Aber bedenkt Ihr denn nicht, daß, wenn eine Seele Euch erkennt und den Gensdarmen des Franzoſen⸗ königs verräth—“, „Daß er mich hängen läßt, wie meine drei Brüder? Ganz gewiß!“ ſagte der Mann aus den Abruzzen. „Aber ſei ruhig, mein Junge. Der Franzoſenkönig iſt nicht im Lande und es wird mit ſeiner Komödie bald aus ſein. Haſt Du nicht gehört, wenn's einen rechten Sturm auf dem Meere geben ſoll, daß ſich die Sturm⸗ vögel zeigen? Trenta Capilli iſt ein ſolcher Sturm⸗ vogel, mein Sohn.“ „Heilige Mutter Gottes! Geſegnete!“ rief Mas Antonio, bei dieſem laut ausgeſprochenen⸗ Namen von neuem erſchreckend. „Du haſt Deinen alten Muth verloren, ſeit Du den Rock trägſt!“ verſetzte der Andere kalt.„Und es iſt doch die Farbe eines guten Patrioten! Lebt er noch oder dienſt Du dem Sohne, dem Abtrünnigen?“ „Ich diene der Tochter, der mich der Principe mit gegeben hat, als ſie heirathete“, erwiderte Mas';„ſie hat einen Deutſchen geheirathet, Capitano, einen Deut⸗ ſchen, der mit dem Franzoſenkönig ins Land gekom⸗ men iſt.“ „Tommaſo!“ rief Trenta Capilli faſt ſchreckhaft. „Du lügſt!“ 17 „Ich lüge nicht“, verſetzte der Gondolier kurz und finſter. „Der Principe Don Hettore ſollte ſeine Tochter einem Fremden, einem Deutſchen im Solde Murat's zur Frau gegeben haben?“ rief Trenta Capilli.„Er, der im Herzen treu und lauter wie Gold war?“ „Es iſt ſo, wie ich ſage“, erwiderte der Gondolier. Eine Weile blickte der Andere ſtumm vor ſich hin dann fragte er:„Weshalb ſuchteſt Du mich auf?“ „Um Euch wiederzuſehen, Capitano, um Euch zu war⸗ nen, um mit Euch zu gehen, wenn Ihr mich haben wollt!“ „Still!“ unterbrach ihn der ehemalige Banden⸗ führer.„Das kann nicht ſein. Doch wird die Zeit vielleicht kommen.“ Er blickte wieder auf das Meer hinaus und ſtand jetzt auf.„Geh Deines Weges zu⸗ rück zur Villa und ſage Niemand, ſelbſt unſerm beſten Freunde nicht, daß Du mich geſehen haſt. Ich verlaſſe dieſen Strand in der nächſten Minute. Geh fort und blicke Dich nicht mehr nach mir um.“ „Wo kommt Ihr her? Wo geht Ihr jetzt hin? Wollt Ihr den armen Mas' Antonio nicht mit Euch nehmen?“ „Nein, Tommaſo!“ erwiderte Trenta Capilli.„Ich kehre nach Sicilien zu unſerem Könige zurück, der viel⸗ leicht bald, bald wieder ſeinen Einzug in Neapel halten wird. Frage nicht. Es iſt nicht Zeit, Dir zu antwor⸗ Bernd von Guſeck: König Murat's Ende. 1. 2 — * 18 ten. Iſt Dein Herr, der Deutſche, hier bei ſeiner Frau oder mit ſeinem Gebieter in den Krieg gezogen?“ „Er iſt fort mit dem Murat“ antwortete der Gon⸗ dolier haſtig.„Sage mir aber, König Fernando wird aus Sicilien—“ „Still!“ unterbrach ihn Trenta Capilli wieder. „Geh, ohne Dich umzuſchauen, Deines Weges und laß mich den meinigen gehen.“ Mas' Antonio mußte gehorchen. Er ging, von mächtigen Gefühlen bewegt, den Pfad zurück, der ihn hergeführt hatte, konnte es aber doch nicht laſſen, als er die Stellina erreicht hatte, ſich wenigſtens ſeitwärts ver— ſtohlen umzuſchauen, ob ſein ehemaliger Führer ſchon vom Ufer abgeſtoßen ſei, denn er hatte offenbar immer nach dem Meere geſpäht, ob die Barke nicht erſchiene, welche ihn wieder in Sicherheit bringen ſollte. Wenn er von Sicilien kam, wo der vertriebene König von den engliſchen Schiffen gegen jeden Angriff geſchützt war, ſo hatte er freilich die Küſte von Calabrien über die Meer⸗ enge ganz nah, aber es war ein kühnes Unternehmen, ſich auf ſo weite Entfernung von dort bis Neapel zu wagen, da ihn, wenn er erkannt wurde, der ſichere Tod erwartete. Vielleicht hatte er jedoch auf einer der In⸗ ſeln, auf Capri oder Jschia, einen ſichern Schlupfwinkel. Der König ſollte bald wieder ſeinen Einzug in 19 Neapel halten, ſagte der Capitano. Wie war das mög⸗ lich? Hier ſtand Alles wie ſeit Jahren; es hatte ſich nichts verändert; die Herrſchaft des Franzoſenkönigs, wie ihn ſeine Feinde nannten, ſchien feſter als je. Der ein⸗ fache Gondolier hatte darüber zwar kein Urtheil, aber ſeinem natürlichen Verſtande war es nicht entgangen, daß unter dem Volke viel beſſer vom König Joachim geſprochen wurde als ſonſt, und daß ihm namentlich die Lazzaroni gar nicht abgeneigt waren. Hatte doch Mas' Antonio ſelbſt, der bei dem Aufſtande in den Bergen die Waffen gegen ihn getragen und mit dem Könige ein ganz beſonderes Zuſammentreffen gehabt hatte, ſich kaum des gewinnenden Eindrucks erwehren können, den die glänzende Erſcheinung des Königs Murat, von deſſen Tapferkeit man ſich Wunderdinge wie aus dem„Orlando furioſo“ erzählte, in ſeiner prächtigen Tracht, die mehr eine herrliche Ritterkleidung als eine ſteife Soldaten⸗ uniform war, auf alle Südländer machte. Was war denn draußen in der Welt vorgefallen, daß König Fer⸗ dinand, der vor ſieben Jahren Neapel hatte verlaſſen müſſen, daran denken konnte, von Sicilien wieder her⸗ über zu kommen? Die Kunde von dem ſchrecklichen Gottesgericht in Rußland, welches im vorigen Winter die große Armee des Kaiſers Napoleon vernichtet hatte, war zwar auch bis in die unterſten Schichten der Be⸗ 2 20 völkerung von Neapel gedrungen— waren doch auch neapolitaniſche Regimenter mitgezogen, von denen nur wenige Menſchen das Unglück überlebt haben mochten— aber von oben her war Sorge getragen worden, den Ein⸗ druck der furchtbaren Nachrichten, die man nicht hatte unter⸗ drücken können, möglichſt zu ſchwächen, und nirgends iſt das leichter als bei dieſem ſorgloſen, nur dem Genuſſe des Augen⸗ blicks lebenden, ernſter Beſchäftigung und tieferem Nachden⸗ ken abholden Volke. Die Rückkehr des Königs, der ſich ſchon in Polen von den Trümmern der Armee getrennt hatte, in⸗ dem er den Oberbefehl, den ihm der vorauseilende Kaiſer anvertraut, in die Hände des Vicekönigs von Italien, des Stiefſohns Napoleon's, gelegt hatte, die heitere Stirn, welche er zur Schau trug, wenn er ſich, was ſehr oft geſchah. öffentlich zeigte, und der ruhige Gang aller Staatsgeſchäfte, der nirgends außerordentliche Maßregeln wahrnehmen ließ, hatten dazu beigetragen, auch die Gebildeten, welche mehr Ur⸗ theil beſaßen, zu täuſchen. Schon im Frühlinge waren dann wieder Nachrichten verbreitet worden, die für den Kaiſer und ſeine unbezwingliche Macht, welche nur einen Moment vor den Schrecken des nordiſchen Winters gewichen war, gün⸗ ſtiger lauteten. Er rüſtete ſich, ſeine Feinde niederzuſchlagen; auch in ſeinem Königreiche Italien, das den nicht franzö⸗ ſiſch gewordenen Theil der Halbinſel mit Ausnahme Neapels umfaßte, wurden dazu umfaſſende Anſtalten getroffen, und 2A die Adreſſe des Staatsraths und Senats von Italien, welche Begeiſterung und Opferfreudigkeit in hochtönenden Worten ausſprach, hatte auch in den neapolitaniſchen Zeitungen geſtanden, um hier gleiche Sympathien zu wecken. „Waffen und Bewaffnete“, hieß es darin,„Eiſen und Gold, Tapferkeit, Treue und Ausdauer, alles dies, Sire, bieten Ihnen Ihre italieniſchen Völker dar. Zwan⸗ zigtauſend Italiener erwarten in dieſem Königreiche nur den Befehl, zur großen Armee zu ſtoßen. Die Depar⸗ tementsbataillone brennen vor Verlangen, dieſen Ruhm zu theilen. Die Verwalter der Gemeinden bieten um die Wette Roſſe und Reiter an.“ Mas' Antonio hatte das Zeitungsblatt, welches dieſe Anſprache an den Kaiſer als König von Italien ent⸗ hielt, von einem alten Improviſatore, der ſonſt das Volk mit Erzählungen und Märchen zu unterhalten pflegte, inmitten einer zuſammengelaufenen Menge vor⸗ leſen hören, und bei der leicht entzündlichen Phantaſie der Neapolitaner hatte es an Evvivas nicht gefehlt. Auch in Neapel wurden Conſcribirte zu den Fahnen ge rufen, um die Verluſte zu ergänzen, aber keine Marſch⸗ bataillone daraus formirt. Selbſt der König blieb in Neapel, obgleich man hörte, daß Napoleon's neugebil⸗ dete Heeresmaſſen nach Deutſchland marſchirten, um den Krieg ſobald als möglich wieder zu eröffnen. Sollte es diesmal ohne Murat geſchehen, welcher ſeit Napoleon Bonaparte Obergeneral der franzöſiſchen Armee gewor⸗ den war, in allen Feldzügen deſſelben, in Italien, Aegyp⸗ ten, Spanien, Oeſterreich, Preußen und Rußland an ſeiner Seite gekämpft, Ruhm und Ehre mit ihm ge⸗ theilt hatte? Welchen Grund konnte es dafür geben? So hatten die Weiterblickenden gefragt, aber ſelbſt dem nie⸗ dern Volke war es aufgefallen, daß König Joachim dies⸗ mal zu Hauſe blieb. Für jene wurde die Meinung verbreitet, daß er ſich fortan nur dem Glücke ſeines Volkes widmen wolle, und in der That konnten ſelbſt ſeine Gegner im Lande, deren es insgeheim gar viele gab, nicht leugnen, daß Manches unter ſeiner Re⸗ gierung viel beſſer geworden ſei, als es unter den Bour⸗ bonen geweſen war, ſeit dieſe vom Hauſe Oeſterreich das Königreich beider Siecilien erhalten hatten; in der kurzen Zeit ſeit 1808, wo Joachim Murat für Napo⸗ leon's Bruder Joſeph, welcher damals nach ſeines Bru⸗ ders Willen die Krone von Neapel mit der ſpaniſchen Königskrone vertauſcht hatte, aus ſeinem deutſchen Groß⸗ herzogthum Berg hierher gekommen war, ſchien mehr Gutes für das Land geſchehen zu ſein, als in dem lan⸗ gen Zeitraume von ſiebzig Jahren ſeit dem Frieden von Wien, der dem ſpaniſchen Bourbon Karl III. auf den Thron von Neapel geholfen hatte. Für das gemeine Volk freilich, was ſollte, was konnte da geſchehen? Es verlangte ja ſelbſt nicht mehr, als was es beſaß und was ihm Niemand rauben konnte. Die Anweſenheit des Königs kam ihm aber auch zu gute, ſie befriedigte ſeine Schauluſt, und manche Spende fiel doch für die Straßenariſtokratie ab, wie ein Witzbold die Lazzaroni genannt hatte, da ſie wirklich eine Macht in Neapel ſind. Im Sommer waren Siegesnachrichten vom Heere des Kaiſers aus Deutſchland eingetroffen, bald darauf aber hatte König Joachim ſich zur Abreiſe dahin vorbe⸗ reitet. Daß er von ſeinem kaiſerlichen Schwager, wel⸗ cher Mißtrauen gegen ihn hegte, dazu aufgefordert wor⸗ den war, wußte man nicht, man ſah in der Abreiſe, welche nun ſchneller erfolgte, als man erwartet hatte, einen freien Entſchluß; der thatendurſtige Krieger, deſſen Lebenselement der Kampf war, hatte es doch nicht er⸗ tragen können, fern zu bleiben, wo ſeine alten Waffen⸗ gefährten neue Lorbeeren pflückten. Und zu einer Zeit, wo der Kaiſer Napoleon ſeine Feinde ſiegreich zurück⸗ warf und in Neapel ein feſtes, wohlgeſichertes Regiment waltete, nirgends eine Gährung ſich zeigte, konnte der König Ferdinand hoffen, bald wieder in ſeine verlorene Hauptſtadt einzuziehen? Aber Trenta Capilli hatte das geſagt, und ſo mußte es doch wohl einigen Grund haben. Zweites Kapitel. Das Hchloß der Fönigin Johanna. Auf dem platten, mit ſchönen Gewächſen beſetzten Dache der Villa waren an der Baluſtrade, welche daſ⸗ ſelbe umfaßte, Ruheſitze angebracht; von hier ließ ſich die wundervolle Ausſicht auf den Golf und ſeine See⸗ nerie am beſten genießen. Wie im Orient die ſchönſten Stunden des Tages am Morgen, ehe die Sonne zu heiße Strahlen entſendet, und abends, wenn ſie in ihr Flammenbett ſinkt, auf dem Dach des Hauſes zugebracht werden, ja in der heißen Jahreszeit ſelbſt die Nacht, ſo iſt es auch Volksſitte im Süden, dort zu ſitzen und zu plaudern, und die höhern Stände verſchmähen es nicht, wenn es ihnen behagt, ſich dieſer Sitte anzuſchließen. Die Villa Angri hatte an ſich ſchon eine ſchöne Lage; die Kunſt des Gärtners hatte ihren Umgebungen noch erhöhte Reize verliehen, ſodaß der junge Rhein⸗ länder, als ihn ſeine Tante zum Wohnhauſe führte, ſeine Bewunderung mehrmals äußerte. Auf der Plattform 25 aber ſtand er ſtumm und ſprachlos und nur der Blick ſeiner glänzenden Augen, welcher das zauberiſche Ge⸗ mälde, das ſich vor ihm aufgerollt hatte, in trunkener Seligkeit überflog, das lebendige Mienenſpiel ſeiner aus⸗ drucksvollen Züge verriethen das Entzücken, das ſeine Seele füllte. Der ſtille, unbewegte Meeresſpiegel, die Inſeln in ihrer tiefblauen, von Purpurlichtern entzündeten Färbung, am grünen Ufer dieſſeits die weißen Villen und die ganze Kette der ſchimmernden Städte, welche ſich an Neapel reihen, Portici, Reſina, Torre del Greco, als ſei es nur eine einzige Rieſenſtadt um den Golf bis zum Vorge⸗ birge der Minerba oder, wie es gewöhnlich genannt wird, der Punta della Campanella; darüber aus grünen Wein⸗ bergen ſich mächtig erhebend die Somma des Ve⸗ ſuvs, der ein leichtes, kaum ſichtbares Rauchwölkchen in den kryſtallklaren Abendhimmel aufſteigen ließ— war es ein Traum, wie er oftmals dies Bild ſeiner Sehn⸗ ſucht dem Jünglinge vorgegaukelt hatte, oder ſtand er wirklich auf dem claſſiſchen Boden und ſah das Alles mit wachen Augen? Die ſchöne Frau, welche ihn hierher geführt hatte, ließ ſich auf die Marmorbank an der Ba⸗ luſtrade nieder und beobachtete ihn lächelnd. Er hatte keine Augen mehr für ſie; er war bezaubert von einer andern Schönheit, welche freilich unvergänglich iſt, vor 26 tauſend Jahren und nach aber tauſend Jahren wie heute! Doch war es immer eine todte Schönheit und ihr Zau⸗ ber wurde gebrochen durch den erſten Laut von Virgi⸗ nia's Stimme. „Habe ich Ihnen zu viel geſagt, Aleſſandro 2 fragte ſie. „Worte können das nicht faſſen, nicht ſchildern!“ rief er, ſich zu ihr wendend in jugendfriſcher Begeiſterung, deren er ſich noch vor wenig Monden nicht fähig geglaubt hatte.„Ja, nun verſtehe ich erſt unſere Dichter ganz, nun kann ich begreifen, welche ewige Sehnſucht ſie nach dieſem Paradieſe zieht, welches Gefühl wie Heimweh ſie erfaßt, wenn ſie über den Schnee der Alpen wieder nord⸗ wärts ziehen, wo doch ihre Heimat iſt; ſie haben ein Paradies verloren.“ Ein Diener brachte Erfriſchungen herauf und ſtörte für den Augenblick die Unterhaltung, ſodaß ſie aus die⸗ ſer Exaltation in eine ruhige Tonart geleitet werden konnte, wie es die Dame wünſchte. „Nur einen grellen Contraſt, der nicht wohlthuend iſt, finde ich in dieſem überirdiſchen Bilde“, ſagte Ale⸗ xander. „Iſt es der erſte, den Sie in Ifalien finden?“ ent gegnete ſie lächelnd. „Nicht der erſte, aber der ſtörendſte“, erwiderte er. „Dies dunkle, unheimliche Gemäuer am Meer! Wenn 27 hier die Ruine eines antiken Tempels oder eines andern Ueberreſtes claſſiſcher Vorzeit läge, ſo würde das zu der Landſchaft paſſen und keinen Widerſpruch gegen den äl⸗ tern Namen von Neapel erheben— Sie kennen ihn? — Parthenope, das heißt: Mädchenblick!“ „Sie thun mir zu viel Ehre an!“ erwiderte Virginia lachend.„Ich kannte dieſen Namen nicht. Mädchenblick, das klingt ja ganz poetiſch, und die Bedeutung iſt höchſt ſchmeichelhaft.“ Ihre ſchwarzen, wunderſchönen Augen richteten ſich auf ihn, als wolle ſie die Wahrheit jenes allegoriſchen Namens erproben. Er ſchlug die ſeinigen ſogleich zu Boden und ſah das Lächeln nicht, das über ſeine Verlegenheit ihre Lippen umſpielte. Sie fragte ihn dann:„Wollen Sie mir ſagen, warum dieſe Ruine, die allerdings häßlich genug iſt, weniger hierher paßt als eine andere? Ich dächte, Trümmer der Vergangenheit wären nicht ſchön, weder an Menſchen, noch in der Natur.“ „Dies Gemäuer gehört offenbar dem Mittelalter an. Verſtehen Sie mich nicht falſch! Auch jene erhabenen Dome, welche die alten Kaiſerſtädte meines Vaterlandes, die Biſchofſitze am ſchönen Rheinſtrom zieren, gehören dem Mittelalter an, wie die herrliche Krone gothiſcher Baukunſt, der Marmordom zu Mailand, aber dieſer finſtere Bau hat mit jenen nichts gemein als vielleicht die Zeit. Er iſt gewiß der Schauplatz dunkler Thaten geweſen.“ „Ein Palaſt, caro mio““ rief Virginia heiter.„Was wollen Sie? Es iſt der Palaſt der Königin Johanna.“ „Welcher Johanna?— Der erſten?“ fragte der Jüngling, von der Mittheilung ſichtlich intereſſirt. „Hat es zwei gegeben?“ entgegnete ſie.„Meine Unwiſſenheit iſt groß, ich geſtehe ſie ein und muß mich vor einem Gelehrten wie Sie ſchämen. Ich ſpreche nur nach, was das Volk ſagt. Der Bau heißt der Palaſt der Königin Johanna; welche damit gemeint iſt, wenn es hier mehrere des Namens gegeben hat, weiß ich nicht. Iſt die erſte eine beſonders ausgezeichnete Dame ge⸗ weſen?“ Die Frage ſetzte den jungen Mann wieder in Ver⸗ legenheit. Konnte er ſeiner Tante von jener ſchönen und furchtbaren Frau erzählen, auf welcher der Verdacht ruhte, den Thron von Neapel mit Verbrechen befleckt zu haben? Virginia verlangte jedoch eine Antwort und er gab ſie ihr mit aller Pedanterie eines gründlichen Deut⸗ ſchen, denn er war wirklich ein Mann der Wiſſenſchaft, wenn er auch den Titel eines Gelehrten bei ſeiner Ju⸗ gend noch beſcheiden ablehnen mußte. „Johanna die Erſte ſtammte von jenem Karl von Anjou ab, welcher Konradin, dem letzten Hohen⸗ i 29 ſtaufen, das Reich ſeiner Väter entriß und ihn enthaupten ließ—“ „Auf dem Largo di Mercato in Neapel!“ rief Vir⸗ ginia.„Sehen Sie, das weiß ich! Und?“ „Sie beſtieg den Thron nach ihrem Großvater Ro⸗ bert, der ein Enkel Karl's war, und iſt viermal vermählt geweſen—“ „Heiliger Januarius! Bewahre uns in Gnaden!“ lachte die Tante„Iſt das ihr ganzer Anſpruch auf Nach⸗ ruhm?“ „Sie ſoll ihren erſten Gemahl ermordet haben“, antwortete Alexander zögernd. Virginia blickte betroffen, plötzlich ernſt werdend, auf. „Es wird aber von namhaften Schriftſtellern beſtritten“, fuhr der Neffe fort,„wie auch mancher an⸗ dere Vorwurf, der ihr gemacht worden, keineswegs er⸗ wieſen iſt.“ „Was war ihr Ende?“ unterbrach ihn Virginia et⸗ was heftig und jetzt in italieniſcher Sprache.„Ich erlaſſe Ihnen alles Uebrige. Ihr Ende aber, ihre Strafe?“ „Sie war zuletzt in vierter Ehe verheirathet mit einem Deutſchen—“ Virginia lachte, aber dies Lachen klang eigenthüm⸗ lich.„Das nennen Sie eine Strafe?“ rief ſie mit erzwun⸗ genem Scherz.„Und was ſoll ich arme Frau denn ver⸗ brochen haben, daß mir das gleiche Loos zu Theil ge⸗ worden iſt?“ „Sie laſſen mich nicht ausreden, gnädige Tante“, erwiderte er, immer in deutſcher Sprache, während ſie, als habe der Eindruck ſeiner Mittheilung ſie dazu veran⸗ laßt, plötzlich italieniſch geſprochen hatte.„Ich wollte nur hiſtoriſch bemerken, daß die Königin Johanna, um dem Parteitreiben kräftig zu begegnen, ſich noch in ihrem ſechsundvierzigſten Jahre entſchloſſen hatte, zum vier⸗ ten Male zu heirathen, und daß ihre Wahl auf einen deutſchen Prinzen, Otto von Braunſchweig, gefallen war. Ihr Ende war aber ein ſehr trauriges. Als die Rö⸗ mer nämlich, um der ſogenannten babyloniſchen Gefan⸗ genſchaft der Kirche, das heißt der Reſidenz der Päpſte in Avignon, ein Ende zu machen, die Wahl eines Ita⸗ lieners, Urban's VI., durchgeſetzt, der zu Rom wieder' ſeinen Sitz genommen hatte, und der König von Frank⸗ reich wider denſelben einen Gegenpapſt, Clemens VII., zu Avignon aufgeſtellt, wodurch das Aergerniß der gan⸗ zen Chriſtenheit, das Schisma entſtand, will ſagen: die Kirchenſpaltung—“ „Ich bitte Sie um Erbarmen, gütiger Neffe!“ un⸗ terbrach ihn Virginia von neuem und nun deutſch ſpre⸗ chend.„Dieſe gelehrten Dinge verſtehe ich nicht; was in aller Welt haben ſie mit der heirathsluſtigen Königin zu thun?“ „Viel!“ ſagte der Neffe und faßte ſich widerſtrebend kurz.„Clemens VII. wurde von ihr anerkannt, Urban VI. that ſie in den Bann, ſprach ihre Unterthanen vom Eide der Treue los, ſalbte und krönte ihren Vetter Karl von Durazzo zum Könige von Neapel, ihr Gemahl wurde in der Schlacht gegen Karl, als er faſt allein mit deutſcher Tapferkeit bis zum Hauptbanner ſich Bahn ge⸗ hauen, von ſeinen Rittern im Stich gelaſſen und gefan⸗ gen, Johanna aber auf Karl's Befehl ermordet.“ Virginia ſchwieg; ſie ſchien von der düſtern Kunde aus einer Zeit wilder Frevel und Gewaltthaten verſtimmt; die Gegenwart war ja ſo freudenhell, der Abend ſo ſchön, warum Geſpenſter heraufbeſchwören? Von einer benachbarten Villa tönten Mandolinenklänge herüber und eine ſüße weibliche Stimme begann eins jener einfachen, zum Herzen dringenden Volkslieder zu ſingen, aus deren unerſchöpflichem Borne ſelbſt gefeierte Componiſten nicht verſchmähen, Melodien zu nehmen, oft die ſchönſten ihrer Werke. Alexander lauſchte dem Liede, deſſen Worte er auch in der Nähe nicht verſtanden hätte, denn es war in ſicilianiſcher Mundart; Virginia ſchien ſich aber von dem Bilde der unglücklichen Königin Johanna nicht los⸗ reißen zu können, denn ſie fragte, als die ferne Sänge— rin geendigt hatte: „Weiß man die Art ihres Todes?“ 32 „Sie wurde mit Betten erſtickt, wie Desdemona oder die Kinder Eduard's“, antwortete Alexander. „Weſſen Kinder?“ fragte ſie raſch.„Desdemona— wer war das?“ Der junge Rheinländer ſtaunte. War es möglich, daß ſie Shakſpeare nicht kannte, daß ſie nichts wußte von dem Kriege der rothen und weißen Roſe, nichts von Ri⸗ chard II, welcher die Kinder ſeines Bruders, die ihm den Weg zum Throne verſperrten, auf jene ſchauerliche Weiſe ermorden ließ, nichts von Othello, dem Mohren von Venedig, und ſeinem gräßlichen:„Haſt Du heute Abend gebetet, Desdemona?“ Einige Jahre ſpäter würde er keine Italienerin vergeblich nach Desdemona gefragt haben, aber freilich nicht durch Shakſpeare, ſondern durch Roſſini mit ihr bekannt geworden, als dieſer ſeinen „Othello“ 1816 componirt hatte. „Sie ſcheinen im Zweifel, wie Sie meiner Unwiſ⸗ ſenheit aufhelfen ſollen!“ kam Virginia, da ſie ihn un⸗ ſchlüſſig über die Antwort ſah, dem Neffen zu Hülfe⸗ „Ungeſchehen machen können wir die That doch nicht mehr, alſo übergeben wir ſie der Vergeſſenheit!“ Sie ließ eine Blume, welche ſie in der Hand hielt, über die Baluſtrade fallen, gleichſam ihre Rede ſymboliſch dar⸗ ſtellend.„Es wird Zeit, an die Heimfahrt zu denken; die Sonne iſt ſchon hinter Jschia untergegangen und der 33 Mond wird bald da ſein. Wir können ſeine magiſche Beleuchtung auch in der Gondel genießen. Sie werden mir zugeſtehen, daß ich Ihnen heute einen poetiſchen Tag bereitet habe; die Fülle von Poeſie, welche über meinem herrlichen Neapel ausgegoſſen iſt, wird Ihnen noch manche ſchöne Stunde bereiten. Erſt aber müſſen wir vernünf⸗ tig über Alles ſprechen, was nicht die Phantaſie, ſondern der Verſtand zu ordnen hat, und das ſoll morgen ge⸗ ſchehen. Morgen erwartet die Königin auch einen Ku⸗ rier aus Deutſchland; vielleicht, ich kann wohl ſagen gewiß, bringt er mir einen Brief von Ihrem On⸗ kel mit. Ich will ihn in meiner Antwort durch die Nachricht in Erſtaunen ſetzen, daß ſein Neffe Alexander bei mir iſt.“ Sie mühte ſich, dieſen Namen correct aus⸗ zuſprechen, was unwiderſtehlich komiſch klang, ſodaß ſie ſelbſt darüber lachen mußte. Welch ein beneidenswerther Hort von harmloſem Frohſinn lag in dieſer kindlichen Seele, kindlich unſchuldig noch bei zweiundzwanzig Jah⸗ ren, wie ſie ihm heute ſelbſt geſagt hatte! Beneidens⸗ werther noch das Glück ſeines Oheims! Die Gräfin— ſie führte nur dieſen Titel, der ihr durch ihre Vermählung zukam, obgleich ſie von der Dienerſchaft des Hauſes noch Principeſſa nach ihrer Ge⸗ burt genannt wurde— gab Befehl zum Aufbruch. Un⸗ ten lag die Gondel bereit; Mas' Antonio war längſt Bernd von Guſeck: König Murat's Ende. I. 3 34 von ſeinem Streifzuge über die Stellina hinaus wieder eingetroffen. Roch eine letzte Umſchau von der Platt⸗ form über Land und Meer im Dämmerſcheine des Abends, der ſchon von der wachſenden Lichtſtärke des Mondes beſiegt wurde, dann riß ſich Alexander los und folgte der Tante, welche ihn über ſeine Ekſtaſe rei⸗ zend neckte, durch die Lorbeer⸗ und Myrtenhecken hinab zur Landungstreppe, wo ſie die Gondel erwartete. Die Rückfahrt nach der Stadt war für ihn von berau⸗ ſchendem Zauber, nur viel, viel zu kurz. Als er wieder im Wagen ſaß, dicht an der Seite der ſchönen Frau, welche ſeine Tante und doch zwei Jahre jünger war als er, flog ihm ein phantaſtiſcher, ja ſündhafter Gedanke durch die Seele, der ihn erbeben ließ. Wenn er der Glück⸗ liche geweſen wäre, dem ſie ihre Hand geſchenkt! Aber ach, was konnte er in die Wagſchale legen gegen ſeinen hochgeſtellten, durch Thaten ausgezeichneten Oheim; er, der bis jetzt nur im Schachte der Wiſſenſchaft unter Bergeslaſten von Büchern und Manuſeripten eine tha⸗ tenloſe Jugend verbracht und ſich erſt einen Namen zu machen hatte! Im Hauſe angekommen, das die Gräfin zu Neapel bewohnte, nahm ſie einen raſchen Abſchied von ihm und zog ſich in ihr gimmer zurück, ohne ihm, wie er gehofft hatte, noch eine Stunde anmuthiger Unterhaltung zu ge⸗ 35 währen. Es war ſchon ſpät für ſeine deutſchen Gewohn⸗ heiten, aber das Leben in Italien verſtummt erſt ſpät in der Nacht, um ſpät am Morgen, für die vornehmen Klaſſen wenigſtens, zu erwachen. Schlafen konnte er noch nicht, ſein Blut war zu aufgeregt; auch hatte er noch eine Pflicht zu erfüllen, der er heute nicht hatte genügen kön⸗ nen, nämlich ſein Tagebuch zu ſchreiben. Er führte ein ſolches mit großer Gewiſſenhaftigkeit und Treue ge⸗ gen ſich ſelbſt, indem er in Allem der Wahrheit, ohne irgend etwas zu verſchweigen oder zu beſchönigen, die Ehre gab. Sobald er in ſeinem Zimmer den Diener, welcher die Kerzen angezündet, entlaſſen hatte, ohne deſſen Erbieten, ihm beim Entkleiden behülflich zu ſein, anzunehmen, ſetzte er ſich zum Schreiben nieder, ge⸗ wahrte jedoch zu ſeiner Verwunderung, daß weder Tinte noch Federn in Ordnung waren Offenbar hatte man bei aller Gaſtlichkeit des Hauſes, die wahrhaft großartig war, nicht darauf gerechnet, daß der Gaſt das Bedürfniß zu ſchreiben fühlen könne. Lächelnd ging Ale⸗ xander zu ſeinem Koffer, der alles Nöthige auch in die⸗ ſer Beziehung enthielt; es ſetzte ihn nur in Verlegenheit, wo er ſein Reiſe. und Taſchentintenfaß, einen echten Stecher, anbringen ſolle. In den Tiſch, wie in den Herbergen ſeiner Fußwanderungen daheim, konnte er ihn hier doch nicht ſpießen. Nachdem er ſich aber auch darin, 3* 36 nicht ohne mit ſeiner ſcharfſinnigen Erfindungsgabe zufrieden zu ſein, Rath geſchafft hatte, ſetzte er ſich mit Behagen nieder und ſchrieb:„Neapel, ja Neapel! den 8. September 1813. Mit Goethe ſage ich: wenn ich Worte ſchreiben will, ſtehen mir immer Bilder vor Au⸗ gen, mir fehlen die Organe, das Alles darzuſtellen. Ge⸗ ſtern nach einer entſetzlichen Fahrt angekommen, glaubte ich beim Eintritt in Neapel mitten in die Faſchingsluſt zu Köln verſetzt zu ſein; es war, als geriethe ich in einen Volksaufruhr, in das wildeſte Getümmel raſender Men⸗ ſchen. Wollte ich alle Figuren. alle Seenen ſchildern die mir die Sinne betäubten, müßte ich den Pinſel eines Höllenbreughel führen. Ich muß mich überdies kurz faſſen, mit Abbreviaturen ſchreiben, oder noch beſſer die Vocale nach dem Muſter der orientaliſchen Sprachen Er hatte ſich darin bei ſeinen in den Colle⸗ Heften, bei ſeinen Excerpten aus Schriftſtellern und Concepten größerer Arbeiten eine be⸗ deutende Fertigkeit angeeignet und fuhr denn auch in dieſer Manier, die er bisher in ſeinem höchſt ſauber ge⸗ ſchriebenen Tagebuche nicht angewendet hatte, heute, durch weglaſſen.“ gien nachgeſ chriebenen die Fülle des ſonſt nicht zu bewältigenden Stoffes gezwungen, fort. 1 Einen Vortheil gewann er aber noch dabei, an welchen er bei ſeinen ſo gewiſſenhaften Rouſ⸗ ſeau'ſchen Bekenntniſſen in ſeines Herzens Unſchuld wohl 8 * F 3 37 kaum gedacht hatte, daß es nämlich, wenn dieſe Blätter einmal unbefugten Blicken preisgegeben würden, ſehr ſchwer fallen mußte ſie zu entziffern. Er ließ ſich heute noch mehr als ſonſt hinreißen. Was würde ſeine Tante Virginia geſagt haben, wenn ſie über ihre Perſon ge⸗ leſen hätte, was er dem Papier in dieſer nächtlichen Stunde anvertraute! „Ich hatte mir eine vornehme Dame von einem Alter, wie es zu den Jahren meines Onkels Albrecht paßt, vorgeſtellt; ſtatt ihrer ſtand ich vor einer der Charitinnen, jünger als ich, wie ſie mir ſpäter ge⸗ ſagt hat; von einer Zartheit und einem Ebenmaße der Geſtalt, wie nur der Meißel eines Praxiteles idealiſch aus kaltem Marmor hervorzuzaubern verſtanden; mit einem Antlitze von claſſiſch⸗griechiſcher Form, aber belebt und blühend, wie ein Bild von Tizian oder Giorgione, das ich zu Venedig geſehen, und Augen, deren Strahl hartes Erz zu ſchmelzen vermöchte.“ Was der Schrei⸗ ber, der, ſeinem ſonſtigen Gelehrtenſtil ganz entfremdet, in dichteriſchen Schwung gerathen war, an dieſer Stelle noch hinzufügte, das ſtrich er, als es vor ſeinen Augen ſtand, über ſich ſelbſt erſchreckend, mit vielen kunſtvollen Schnörkeln ſo vernichtend aus, das er ſelbſt die Worte nicht mehr hätte leſen können— er ſchämte ſich ihrer! War es aber nicht die erſte Unwahrheit, die er hier 38 beging? Wenn er auf die erſte Seite im erſten Jahr⸗ gang ſeines Tagebuchs geſchrieben hatte:„ tur Wahr⸗ heit!“ ſo hätte gerade die geſtrichene Stelle, vielleicht als eine Warnung, ſtehen bleiben müſſen. Vergeſſen konnte er freilich nicht, was er hier niedergeſchrieben hatte, nie, niemals, auch dann nicht, wenn ſein blondes Lockenhaar ſich einſt in Silber verwandelt haben würde! Er warf die Feder weg und ging mit geſenkten Blicken einigemal im Zimmer auf und ab. Wie konnte er wieder einlenken zu würdiger Schreibart? Er dachte an Alles, was er ſich für ſeine Anweſenheit in Unterita⸗ lien vorgenommen hatte, an die Forſchungen und Stu⸗ dien in den Bibliotheken, die Vetrachtung antiker Denk⸗ mäler, an den Beſuch hiſtoriſch merkwürdiger Stätten auf dieſem elaſſiſchen Voden— da hatte er plötzlich den Anknüpfungspunkt gefunden! Er konnte die Diſſer⸗ tation über die Königin Johanna, welche ihm die Un— geduld ſeiner Zuhörerin ſo oft abgeſchnitten hatte, zu Papier bringen; das führte ihn aus dem Labyrinth, in welches er ſich verirrt hatte, wieder auf verſtändige Wege! Ohne ſich zu beſinnen, ſtürzte er auf den Schreibtiſch zu, nahm die zu Boden gefallene Feder auf, tauchte ſie tief in ſeinen Stecher und ſchrieb:„Am Meere, unter⸗ halb des Pauſilippo, benannt von der altrömiſchen Villa Pauſilippum und berühmt durch das Grabmal Virgil's, ſowie durch das Felſenthor, deſſen ſchon Strabo erwähnt, liegt eine Ruine mittelalterlichen Baues, an⸗ geblich ein Schloß der Königin Johanna.(NB. Ob J. oder Il. noch zu ermitteln.. Wenn es die erſte ſo wäre hier der Schreckensort, wo ſie die Unglücklichen, mit denen ſie der Liebe gepflogen— hier folgten Citate aus mehreren italieniſchen Geſchichtsſchreibern— ins Meer ſtürzen ließ. In der Nähe dieſer unheimlichen Stätte hat meine Tante eine Villa, ein Geſchenk ihres Voters, des alten Fürſten Angri, der von einem Seiten⸗ zweige des Hauſes Doria⸗Angri ſtammt und verwandt iſt mit den vornehmſten Geſchlechtern dieſes Königreichs, welche wie einſt die Ptolemäer in Aegypten und, ut dicitur, mit denſelben genetiſchen Folgen, nur unter ſich hei— rathen. Schon in Rom ſagte mir Jemand, daß es aus dieſem Grunde nicht geringes Aufſehen erregt habe, als der alte Fürſt Angri ſeine Tochter einem Deutſchen ver⸗ mählt, wenn auch gegen ſeine Herkunft aus einem ehe⸗ mals reichsunmittelbaren Geſchlechte, das den Fürſten ebenbürtig, nichts zu erinnern ſei. Ich erklärte mir das, die Prinzeſſin möge wohl unſchön und vielleicht nicht mehr jung ſein, daher unter dem einheimiſchen Adel keinen Bewerber gefunden haben und mein Onkel Albrecht, der nichts beſitzt als ſeinen Degen, ſei wiederum durch den Rang und Reichthum der Dame bewogen worden, ſich ihr als Freier zu nahen— vice versa eine Vernunftheirath. Als ich ſie aber vor mir ſah, und ſpäter, als ich mit ihr, die mich mit Engelsgüte aufnahm, hinausfuhr auf das Meer und dann abends ganz allein mit ihr in dem Eden ſaß, das ihr Eigen⸗ thum iſt—“ Verzweifelnd an ſich ſelbſt erkannte Alexan⸗ der, daß er wieder auf derſelben Stelle war, vön der er ſich eben gewaltſam losgeriſſen hatte. Heute konnte er nicht mehr fortfahren, er fühlte keine Kraft mehr dazu. Morgen, bei klarem Sonnenſchein, hoffte er den Zau⸗ berring, in den er ſich gebannt ſah, zu ſprengen. Der Morgen kam und ſeine Hoffnung ſchien ſich zu erfullen, wenngleich in einer Weiſe, die ihn ſchmerzte. Die Tante hatte das Haus verlaſſen; ſie war abgereiſt und hatte ihm nur ein flüchtiges Billet hinterlaſſen. das ihn davon benachrichtigte, ohne den Grund dieſer plötzlichen Abreiſe anzugeben, von welcher ſie geſtern auch nicht die leiſeſte Andeutung gemacht hatte. Alexander war in aller Morgenfrühe, als im Hauſe noch Alles im tiefſten Schlafe lag, ausgewandert, um durch die Straßen der Stadt wieder hinauszueilen und das herrliche Morgenantlitz des Golfs zu ſchauen, wo die Sonnenſtrahlen nun die vorliegenden Inſeln in vollſte Beleuchtung ſetzten, während er ſie geſtern, da ſich das Tagesſtirn hinter ihnen in das Meer ſenkte, in den zau⸗ 41 beriſchen Tinten des Niedergangs geſehen hatte. Er war länger geblieben, als er ſich eigentlich vorgenommen hatte, und als er endlich nach dem Largo di Mercato, an welchem die Wohnung ſeines Onkels lag, zurückge⸗ kehrt war, hatte er den Gondolier getroffen welcher ge⸗ ſtern das Ruder verloren hatte und von ihm in einer Anwandlung, welche er gleich darauf ſelbſt eine Ueber⸗ eilung genannt hatte, hart angelaſſen worden war. Der Menſch mit dem dunklen Geſicht und den ſtechenden Augen hatte ihm die Nachricht, daß die Principeſſa ab⸗ gereiſt ſei, mit einem lauernden Blicke mitgetheilt, wel⸗ chen ein ſchärferer Beobachter, als der junge Geſchichts⸗ und Alterthumsforſcher war, für Schadenfreude angeſehen haben würde. Dieſer war jedoch von der überraſchenden Kunde ſo betroffen, daß er noch weniger als ſonſt fähig war, Beobachtungen auf dem Geſicht eines Menſchen anzuſtellen, gegen den er ſich obendrein im Unrecht fühlte. Er hatte ihn nur gefragt, wohin die Dame gereiſt ſei, und war, als der Gondolier ein kurzes: Weiß nicht!“ geantwortet hatte, nach Hauſe geeilt, wo er eine Erklä. rung zu finden gehofft. Der Cameriere, der zu ſeiner Bedienung beſtellt war, hatte ihm allerdings ein Billet von der Tante eingehändigt, das aber nur wenige Zeilen in einer flüchtigen, kaum leſerlichen Handſchrift enthielt. „Ich reiſe ab und kann die Zeit meiner Rückkehr nicht 42 beſtimmen. Betrachten Sie das Haus Ihres Oheims als das Ihrige. Sie werden ſich hoffentlich recht lange aufhalten, ich ſage darum: Auf Wiederſehen! Virginia.“ Ihm war es, als falle ihm ein ſchwerer Stein auf die Bruſt, welcher ihm alle Lebensfreudigkeit plötz⸗ lich zermalme. Vergebens ſagte er ſich, daß es eigent⸗ lich eine Gnade des Himmels ſei, die ihm geworden, eine Erfüllung der ſechsten Bitte im Vaterunſer, die er noch geſtern Abend im vollen Bewußtſein, an welchem Abgrunde er ſich befinde, ſo inbrünſtig gebetet hatte. Durfte er ſich dieſer Niedergeſchlagenheit, welche nur die Sünde, der er ſich ſchon widerſtandslos überlaſſen, be⸗ kundete, ſo ſchwächlich hingeben, mußte er nicht vielmehr Gott danken, daß er ihn aus der Gefahr, ſich ganz zu verlieren, gerettet hatte? Die Vernunft ſagte ihm, daß er jetzt die Zeit benutzen, ſeinen Stab flugs weiter ſetzen und den Staub von ſeinen Füßen ſchütteln müſſe. Aber ſie hatte geſchrieben: Auf Wiederſehen! Es war der Zauberſpruch, der ihn feſthielt. Wie hätte er, der völlig frei und unabhängig war, zu bleiben, ſolange er wollte, ſeinen Undank für die gütige Aufnahme ent⸗ ſchuldigen können, wenn er plötzlich davongegangen wäre, als habe er es kindiſch übel genommen, daß ſie ihn ohne Abſchied verlaſſen? Wäre es nicht auch, ab⸗ geſehen davon, eine unmännliche Feigheit geweſen, ein 43 Zugeſtändniß, daß er nicht Gewiſſenhaftigkeit und Lau⸗ terkeit genug beſitze, um in noch ſo gefährlicher Verſu⸗ chung den Grundſätzen der Ehre und Tugend treu zu bleiben? Und nicht zugleich eine ſchmachvolle Verdächti— gung Virginia's, als könne ſie, deren edle Frauenwürde in ihrer ganzen Haltung ausgeſprochen war, ſie, die Gemahlin ſeines Oheims, die wahnſinnige Leidenſchaft, deren er ſich erſt ſeit ihrer Abreiſe mit Schrecken be— wußt geworden war, nähren oder gar— Ein Schauer durchzitterte ihn, es war ihm unklar, ob des Entſetzens vor dem Gedanken, den er nicht auszudenken wagte, oder frevel— haften Entzückens! Hinweg damit! Feige Flucht war ſeiner unwürdig; drohte ihm auch eine harte Prüfung, ſie mußte ihn läutern! Er beſchloß zu bleiben und die Zeit ernſtlich für die Zwecke zu benutzen, welche ihn nach Italien ge- führt hatten. Auf drei Jahre war ſeine Reiſe berechnet; ſie hatte ihn ſchon durch den ſüdweſtlichen Theil von Deutſchland, die Schweiz und Italien bis hierher geführt und ſollte auf Siecilien, Griechenland und Paläſtina, viel- leicht bis Aegypten ausgedehnt werden. Was kümmerte es ihn, daß halb Europa im Kriege lag, daß um die Welt— herrſchaft einerſeits, andererſeits um die Freiheit geſtritten wurde?„Der Menſch iſt frei, und wär' er in Ketten gebo⸗ ren!“ hatte der unſterbliche Dichter geſagt. Die Freiheit, welche Alexander ſuchte, konnte ihm kein Weltherrſcher rau— 44 ben; er hatte keinen Sinn für die Zeichen der Zeit, die ſich in der furchtbaren Vernichtung einer Heeresmacht, wie ſie ſeit den Kreuzzügen nicht aufgeboten worden war, in der Erhebung des preußiſchen Volks und in der Bewegung Deutſchlands bekundeten, die nur noch durch die eiſerne Fauſt ſeines Bedrückers niedergehalten wurde, bis ſie zur Befreiung des gemeinſamen Vaterlandes ausbrechen konnte. Seine Welt war nicht die von heute und geſtern. So jung er war, hatte er ſich infolge einer harten, einſam abgeſchloſſenen Erziehung und frühzeitig genährten Vor⸗ liebe für das Alterthum und die Geſchichte vergangener Jahrhunderte der Gegenwart völlig entfremdet; er hatte nie die Freuden der Jugend genoſſen, nie ein Spielzeug beſeſſen, nie ein Weihnachtsgeſchenk bekommen, nur lernen, lernen hatte er müſſen, und das war bald auch ſeine einzige Luſt, ſein Trieb bis zum Fanatismus ge⸗ worden. Mit ſiebzehn Jahren— für jene Zeit unerhört! — war er zur Univerſität, mit zwanzig Jahren, nach dem Tode ſeines Vaters, des alten Sonderlings, in die Welt gegangen. Von den Freuden der Geſelligkeit hatte er keine Ahnung; auf der Univerſität hatte er ganz für ſich gelebt, ſich keinem ſeiner Studiengenoſſen genähert, noch minder an einer Verbindung oder allgemeinen Zu⸗ ſammenkünften Theil genommen; nie hatte er getanzt oder nur einen Ball be ſucht, und wo ihn der Zufall zu 45 einem ländlichen Tanze geführt hatte, war er ihm ſo weit als möglich aus dem Wege gegangen; Frauen und Mäd⸗ chen ſah er nur von fern und, wenn ſie ſchön waren, mit Wohlgefallen, aber Umgang mit ihnen hatte er weder als Knabe noch als Jüngling gehabt, denn ſein Vater hatte überhaupt keinen Umgang gepflogen, ſondern auf ſeinem abgelegenen Schloſſe faſt nur mit männlicher Bedienung in Geſellſchaft eines menſchenfeindlichen Gelehrten, ſeines Freundes, gelebt, dem er auch die Erziehung und den Un⸗ terricht ſeines einzigen Sohnes anvertraut hatte; er war in den letzten Jahren ſeines Lebens nie mehr über die Grenzen ſeines Gutes hinausgekommen, und wenn er ausritt oder ausging, war die Zugbrücke über den Schloß⸗ graben, welche ſtets wie in den Zeiten des Fauſtrechts aufgezogen war, hinter ihm wieder in ihre Ketten auf⸗ gehängt worden, bis der Piſtolenſchuß des alten Frei⸗ herrn ſeine Rückkehr verkündigte. Der Sohn hatte die Nachricht von ſeinem Tode ſo ſpät erhalten, daß er von der Univerſität, wo er ſein letztes Semeſter beſchloſſen, nicht einmal zu ſeinem Begräbniß hatte kommen kön⸗ nen. Er hatte jedoch alle Angelegenheiten wohl geordnet gefunden, in einer Weiſe, welche ihn, den Unerfahrenen, der noch nicht mündig war, vor Klippen bewahrte, ohne ihm den vollen Genuß ſeines bedeutenden Vermögens zu ſchmälern. Sein alter Lehrer war dem Freunde, der 46 ihm eine Freiſtatt gewährt hatte, vorangegangen, und Alexander ſtand nun ganz allein in der Welt. Doch hatte ſein Charakter ſich durch die leuchtenden Vorbilder des Alterthums geſtählt; er beſaß als Erbtheil ſeines Ge⸗ ſchlechts eine Feſtigkeit und Veharrlichkeit, welche ihm wohl zu ſtatten kommen mußte; die Welt kannte er nicht und mochte daher viel anſtoßen oder in mißliche Lagen gerathen, aber ſein natürlicher Verſtand war nicht ſo leicht zu täuſchen und half ihm ſtets, wenn auch nicht immer auf conventionellen Wegen, über alle Schwierigkeiten hinweg. War dieſe Kraft aber auch fähig, die Stürme zu unterdrücken, welche in dem Herzen, das bis jetzt wie in einem Zauberſchlafe geruht hatte, auf einmal mächtig erwacht waren? Er glaubte es. Drittes Kapitel. An der Hchwelle des Todes. Virginia war durch einen Eilboten abgerufen wor⸗ den; ihr Vater lag gefährlich krank danieder und wollte ſie vor ſeinem Ende noch einmal ſprechen. Seit die fremde Herr⸗ ſchaft in Neapel aufgerichtet worden und König Ferdi⸗ nand vertrieben war, hatte der Fürſt Hettore Angri die Hauptſtadt verlaſſen und ſich auf eins ſeiner Landgüter zurückgezogen, welches unweit La Caba, wenig entfernt von der großen Straße nach Salerno lag. Er hatte es kein Hehl gehabt, daß er ſich zu den Anhängern der Dh⸗ naſtie zählte, welche nach Napoleon's Decret von Schön⸗ brunn aufgehört hatte zu regieren, gleichwohl ließ man ihn in Ruhe, wie überhaupt das Shſtem der Ver⸗ folgungen in Neapel weder unter dem edlen Könige Jo⸗ ſeph, noch unter Murat, ſeinem Nachfolger, in ſolcher Weiſe um ſich gegriffen hatte, wie in andern neufran⸗ zöſiſchen Vaſallenſtaaten. Nur wo die feindſelige Geſin nung gegen die neue Herrſchaft ſich zu Thaten erhob und 48 offenbarer Aufſtand ausbrach, war mit Energie und mi⸗ litäriſcher Strenge eingeſchritten worden. Seit Gaöta, damals wie in unſern Tagen das letzte Bollwerk des rechtmäßigen Monarchen, nach langer heldenmüthiger Vertheidigung unter dem Prinzen von Heſſen⸗Philipps⸗ thal ſich ergeben hatte und in Calabrien, wo Lord Stuart mit 10,000 Mann gelandet war und in Verbindung mit den aufſtändiſchen Bergbewohnern faſt zwei Jahre Krieg ge⸗ führt hatte, die Ruhe wieder hergeſtellt war, hatte die Strenge nachlaſſen können, und König Joachim's glänzender Ein⸗ zug in Neapel, der ſich durch Krankheit verzögert hatte, war durch die Begnadigung vieler Hunderte von Verur⸗ theilten, welche in den Gefängniſſen dem Tode oder den Goleeren entgegenſahen, bezeichnet worden. An keiner öffentlichen Manifeſtation gegen die fremde Gewalt hatte ſich der Fürſt Hettore Angri betheiligt; er genoß der allgemeinen Achtung, und da er— gewiß ein ſeltenes Bei⸗ ſpiel!— keine Feinde beſaß, die ihn angeſchwärzt oder ver⸗ dächtigt hätten, ſo war er von aller Anfechtung verſchont geblieben. Nach Neapel war er nur bei dringenden Ge. ſchäften, welche ſeine Anweſenheit dort nöthig machten, gekommen; alle Verſuche ſeiner zahlreichen Verwand⸗ ten, ihn zu überreden, ſich gleich ihnen der neuen Ordnung der Dinge anzuſchließen, hatte er mit Feſtig. keit, aber ohne alle Erbitterung zurückgewieſen. Viele 3 49 beneideten ihn um dieſe antike Ruhe, welche ihn wie einen Philoſophen der ſtoiſchen Schule über alle Wi⸗ derwärtigkeiten des Lebens erhob. Dieſe blieben auch für ihn nicht aus. Er war bis jetzt, wie durch einen Talis⸗ man, während ſeines ganzen Daſeins vor jedem Un⸗ glück bewahrt geweſen; nun aber hatte er es erleben müſſen, daß ſein Sohn in offener Aufkündigung, gleich⸗ ſam mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen, in das Lager des Feindes überging, und bald darauf hatte er die Hand ſeiner Tochter, welche ſchon mit einem der vornehmſten und reichſten Barone des Königreichs ver⸗ lobt geweſen war und denſelben durch einen jähen Tod ver⸗ loren hatte, einem der Fremden gegeben, die mit König Joachim aus ſeinem früher beſeſſenen deutſchen Groß⸗ herzogthum nach Neapel gekommen waren. Seine Kraft ſchien durch den Abfall ſeines Sohnes ganz gebrochen, und doch konnte Niemand, der ihn ſah, eine Verände⸗ rung in ſeinem Weſen wahrnehmen, das die ruhige Hei⸗ terkeit, die klare Stirn ſeiner glücklichern Tage ebenſo wenig verloren hatte, als das geiſtige Uebergewicht, wel— ches ſeinen nächſten Verwandten und Freunden eine offene Frage über die wunderbaren Vorfälle in ſeiner Familie unmöglich machte. Er war in ſeinen feinen und liebens⸗ würdigen Umgangsformen das vollendete Bild eines Ca⸗ valiers der alten Zeit, wie es damals ſchon ſelten Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. J. 4 en wurde, gleichwohl blieb er in mancher Be⸗ ziehung unnahbar. Nie ſprach er ein Wort über das Ver⸗ hältniß mit ſeinem Sohne, der eine Anſtellung vom Kö⸗ nige angenommen hatte; die Verlobung ſeiner Tochter mit dem Grafen Albrecht von Orkum hatte er zwar an⸗ gekündigt und ihre Vermählung mit allem Pomp, ſeines fürſtlichen Hauſes würdig, gefeiert, aber das Räthſel, wie ſich der Deutſche zuerſt der ſchönen Virginia genähert, und vorzüglich, wie er die Einwilligung zu ſeiner Ver⸗ bindung, auch wenn er ihr Herz gewonnen, von dem ſtolzen Fürſten erlangt hatte, blieb ungelöſt. Nach der Vermählung war die junge Frau ihrem Gemahle, wel⸗ cher Adjutant des Königs war, nach Neapel gefolgt, wo er eine ſtattliche Wohnung am Largo di Mercato ge⸗ miethet; der Vater hatte ihr ſeine herrliche Villa am Pauſilippo mit allen ihren Kunſtſchätzen geſchenkt, aber wie ſich das Verhältniß zwiſchen beiden ſeitdem geſtal⸗ tet hatte, wußte Niemand. In der Caſa dell Orme, wie der Landſitz hieß, den der Fürſt unter ſeinen vielen Gü- tern zum bleibenden Aufenthalt gewählt hatte, waren die Eheleute in den vier Jahren ihrer Verbindung bei kei- ner Gelegenheit geſehen worden, und ob der Fürſt ſeine Tochter in Neapel oder in der Villa Angri einmal be. ſucht hatte, blieb ſehr zweifelhaft; es war in der Nach⸗ 4 barſchaft nicht bekannt, daß er verreiſt geweſen wäre. noch geſeh 1e h⸗ — 51 Jetzt aber kam Virginia zu ihm, denn er war ſchwer erkrankt und hatte ſie rufen laſſen. In ihrem Wagen, der ſie durch das reizende Thal von La Caba führte, ſaß ſie ſtill und in ſich gekehrt, wie der ernſte Anlaß ihrer Reiſe das erklärte. Ihr Auge irrte ohne Bewußt⸗ ſein des Geſchauten über die Weingärten und weißen Häuſer der Dörfer, die ſich in ununterbrochener Kette an den Abhängen dahinziehen, über die Olivenpflan⸗ zungen der Höhen zu der alten Felſenburg empor, welche ſieben tiefer liegende Warten, ihre Außenwerke, über⸗ ragt; der überraſchend plötzliche Anblick des Meeres, der ſich ihr mit der wundervollen Bai von Salerno ober⸗ halb Vietri eröffnete, machte keinen Eindruck auf ſie, wie doch ſonſt jedesmal, ſo oft ſie auch dieſes Weges gefahren war. Ihr Geiſt war der lichthellen Gegenwart entfremdet; weilte er in einem dunklen Grabe der Ver⸗ gangenheit oder ſuchte er ahnungsvoll den Schleier der Zukunft zu lüften? Ein calabreſiſcher Hirt, den grauen, ſpitzen Filzhut auf dem wirren Haar, den Karabiner über der Schulter, kam ihr entgegengeritten; er trieb eine Heerde Büffel vor ſich her und beſchleunigte den Gang der trägſten von Zeit zu Zeit mit einem Stich der langen Lanze, die er zu dieſem Zweck führte. Als er die vornehme Equipage bemerkte, ſprengte er vor und jagte den Leitſtier aus 52 dem Wege, dann blieb er halten, grüßte den Kutſcher und Diener auf dem Bocke vertraulich und die Dame hinter den Fenſterſcheiben des Wagens mit tiefer Re⸗ verenz. Doch hatte ſein Blick etwas Aehnlichkeit mit dem tückiſchen Blick ſeiner Büffel, und noch vor drei oder vier Jahren würde man den Seitenweg, in welchen der Kutſcher der Dame von der großen Salernitaner Straße abgebogen war, nicht ohne Beſorgniß gefahren ſein, mehr ſolcher Geſellen zu begegnen, nicht als friedlichen Hir⸗ ten, ſondern als kecken Briganti. General Manches, wel⸗ chem König Joachim die Herſtellung der Sicherheit in Calabrien übertragen hatte, war aber mit ſo furchtba⸗ rer Strenge und Grauſamkeit eingeſchritten, daß der Schrecken ſeines Namens ſich über das ganze Königreich verbreitet hatte und der Brigantaggio zum erſten Male, ſeitdem das neapolitaniſche Volk exiſtirt, wirklich ausge⸗ rottet war. Wenigſtens für eine Zeit lang, denn von jeher hat dies eigenthümliche Rottenweſen, wie es ja wört⸗ lich in der urſprünglichen Bedeutung heißt— briga, bri- gata, Rotte, Schwarm— in der Parteiung, dem ur⸗ alten Fluch des Landes, ſeine Hauptnahrung gefunden. Wer zerfallen war mit der beſtehenden Macht, ging ſo gut wie der mit dem Geſetz zerfallene Verbrecher in die Berge, und die Parteikämpfe, welche Rache an der Per. ſon und dem Eigenthum der Gegner ſuchten, miſchten 1 53 ach mit gemeinen Raubanfällen oder arteten in ſolche aus. So iſt es vor alters geweſen, ſo iſt es noch heute, und die alles menſchliche Gefühl empörenden Grauſam⸗ keiten der neuitalieniſchen Soldateska, welche die des Ge⸗ nerals Manches weit hinter ſich laſſen, werden nicht ein⸗ mal eine zeitweiſe Unterdrückung des Brigantenweſens, wie Manches, bewirken, weil es mehr als je mit politi⸗ ſchen Elementen verbunden iſt. Der Hirt ſah der Equipage lüſtern nach; ein Pfiff, und ein halbes Dutzend guter Freunde, die er in der Nähe beſchäftigt wußte, hätten ſich ihm zu dem reichen Fang geſellt, aber er war ſelbſt Zeuge geweſen, wie Be⸗ nincaſa, ein Brigantenhäuptling, vor drei Jahren zu San— Giovanni in Fiore, ſeinem Heimatsort, auf Befehl des Generals Manches mit abgehauenen Händen gehängt wor⸗ den war, und ein Schauder rieſelte bei dieſer Erinnerung, die ihn heute befiel, durch ſeine Glieder. Er ließ den Kopf hängen, ſich aller böſen Gelüſte erwehrend, und trieb ſeine Büffel weiter. Virginia ahnte nicht, welcher Gefahr ſie entgangen war. Sie fuhr nun durch das letzte Kaſtanienwäldchen, und vor ihr zeigte ſich bald das hochgelegene weiße Schloß ihres Vaters, zu welchem ſich der Wagen zwiſchen den Steinmauern, welche den Weg einfaßten, langſam em- porbewegte. Ihr Herz ſchlug mächtig, als ſie endlich 54 zwiſchen den beiden Marmorgruppen auf den Thorpfei⸗ lern hindurchfuhr; ſie rief ſich die Stunde zurück, in welcher ſie zulett hier hinausgefahren war; weit aus dem geöffneten Fenſter neigte ſie ſich, um irgend ein Zeichen zu erſpähen, das ihr den Zuſtand, in welchem ſie ihren Vater treffen ſollte, verkünde— noch hing die ſchwarze Trauerfahne nicht über dem Dach! „Lebt mein Vater?“ war ihre erſte Frage an den ſilberhaarigen Diener, der aus dem Hauſe an den Wa⸗ gen trat, um den Schlag zu öffnen. „Gott ſei gelobt, daß Ihr kommt, Altezza!“ ant⸗ wortete der Diener.„Noch lebt der Herr, aber es geht zu Ende!“ Ohne ein Wort zu erwidern, eilte Virginia die Stufen hinan, durch die wohlbekannten Räume, jede Dienſtleiſtung, die ihr geboten wurde, zurückweiſend, zu dem Gemach, wo ſie ihren Vater wußte. Im Saale, den ſie durcheilte, fand ſie mehrere Herren verſammelt. Zwei davon kannte ſie; es war der Arzt ihres Hauſes und ein Gerichtsbeamter aus der Stadt; der Vater hatte ſein Teſtament gemacht! Sie wurde mit Blicken der Theilnahme gegrüßt, welche ſie peinigten; der Arzt kam ihr entgegen, um mit ihr zu ſprechen; ſie hielt ſich aber keinen Moment auf, erwiderte den Gruß nur mit der Hand gegen die Anweſenden und verſchwand in der O Thür, welche in das Schlafgemach ihres Vaters führte. Der Arzt wollte ihr folgen, der Richter hielt ihn aber zurück. Virginia trat bebend ein. In dem geräumigen Zim⸗ mer herrſchte ein Halbdunkel, da die Jalouſien, um der Abendſonne den blendenden Eingang zu wehren, theil⸗ weiſe geſchloſſen waren; die Gardinen des großen Bet⸗ tes, in welchem der Kranke ruhte, waren zugezogen; zu Häupten des Bettes ſaß eine Frau im Nonnengewande, die ſich bei Virginia's Eintritt erhob und ihr, den Fin⸗ ger auf den Mund legend, leiſe entgegenſchritt. „Tante Margherita!“ hauchte es von Virginia's Lippen; ſie ergriff die Hand der Nonne, bedeckte ſie mit Küſſen und heftete einen ängſtlich fragenden Blick auf ihr ſtilles, friedliches Antlitz, das ſelbſt bei dieſem Wie⸗ derſehen ſeinen Ausdruck nicht veränderte. „Du kommſt noch nicht zu ſpät“, ſagte die Kloſter⸗ frau leiſe. Da ſchlich Virginia an das Bett, ließ ſich auf ihre Kniee nieder und faltete die Hände zum Gebet. In demſelben Moment regte ſich aber der Kranke hinter dem Vorhange.„Biſt Du es, meine Tochter?“ klang ſeine ſchwache Stimme. „Ich bin es, mein Vater!“ antwortete ſie mit er⸗ ſticktem Tone. 56 „Laß Dich ſehen, ſchaffe mir Licht!“ hörte ſie, und ihre Hand ſchlug den Vorhang zurück, daß der matte Dämmerſchein das bleiche Geſicht des Kranken erhellte. Er ſchloß die Augen, als werde er dennoch geblendet, aber nur einen Moment, dann blickte er wie⸗ der auf und ſah ſeine Tochter, welche noch immer auf ihren Knieen lag und keines Wortes mächtig war, lange an. Die Nonne war beſorgt näher getreten und ſtand hinter ihr. „Heffne die Gitter, Schweſter!“ ſagte der Kranke. „Ich will meinen letzten Sonnenſchein haben.“ Sie wagte nicht, ihm zu widerſprechen. Still ging ſie zum Fenſter und öffnete die Jalouſien; ein Strom goldenen Lichts drang in das Zimmer, es war wie eine Rück⸗ flut des Lebens in düſtere Gruft. Kein Strahl traf das Antlitz des Ruhenden, aber doch war es verklärt. Virginia's Herz zuckte bei dieſem Anblick; wie hatte ſie dies ſchöne Greiſenantlitz bei ihrem letzten Scheiden ganz anders geſehen! Wie freundlich, wie liebevoll heute, wenn auch unendlich leidend— und damals! „Laß uns allein, Schweſter“, ſagte der Fürſt mit ſchwachem Tone.„Ich habe mit meinem Kinde zu reden.“ Die Nonne erhob die Hand mit bittender Geberde. „Meine Zeit iſt kurz, Margherita!“ ſprach er ſanft. Da 57 wandte ſie ſich ab und verließ mit unhörbaren Schritten das Zimmer. „Steh auf, Virginia, ſetze Dich zu mir“, ſagte der Vater, indem ſeine Augen auf den ſchmerzentſtellten Zügen ſeiner Tochter ruhten. Sie hatte die ihrigen ge⸗ ſenkt, ſchwere Tropfen perlten unter ihren langen ſchwar⸗ zen Wimpern hervor. Tiefes Schweigen herrſchte im Zimmer; ſie wagte es nicht zu unterbrechen. Auf dem Rande des Bettes ſitzend, erwartete ſie mit Folterqualen der Seele, was der Vater ihr ſagen werde. „Biſt Du allein gekommen?“ fragte er endlich und ſein Ton drang in ihr Herz wie ein ſcharfer Pfeil. „Allein!“ flüſterte ſie, ohne ihr Auge zu erheben. „Mein Gemahl iſt mit dem Könige in Deutſchland.“ Der Vater ſchwieg. Sie glaubte die Pulsſchläge ihres ſtürmenden Herzens zu hören ſeine Frage hatte nicht ihrem Gatten gegolten. „Ich glaubte nicht, daß Du allein kommen wür⸗ deſt, Virginia“, ſagte er wieder, und ſie rang vergebens nach einer Antwort. Ihr war wie einem Verſinkenden, der mit den Wogen um eine Planke ſeines geſcheiterten Fahrzeugs kämpft. „Willſt Du mich hinübergehen laſſen“, begann der Sterbende von neuem, jetzt mit ſichtbarer Anſtren⸗ gung und darum mit ſtärkerer Stimme,„hinüber in die ewige Klarheit, wo Alles, Alles, was auf Erden dunkel geblieben iſt, offenbar wird, und mir die Wahr⸗ heit, um welche ich Dich ſo oft gebeten habe, noch in meiner letzten Stunde verſagen?“— „Mein theurer Vater!“ ſchluchzte ſie. „Ich habe meine beiden Kinder im Leben verlo⸗ ren“, fuhr er fort,„ſoll ich im Tode nicht eins von ihnen wiederfinden? Camillo kommt nicht. Ich habe ihn rufen laſſen, wie Dich, er kommt nicht, ich erwarte ihn vergebens. Du biſt meinem Rufe gefolgt— Thränen helfen mir nichts mehr, und wären es die bitterſten Thränen der Reue um den Gram, der mich endlich auf das Sterbelager geworfen hat— willſt Du mich ſterben laſſen ohne Dein Bekenntniß?“ „Vater! Vater!“ rief Virginia mit ausbrechendem Schmerze.„Ja, ich will Dir beichten, ſo wahr und ſo treu, wie ich vor Gott nichts verbergen kann!“ Und ſie neigte ſich über ihn und flüſterte Worte in ſein Ohr, vor denen mehr und mehr die tiefe Bläſſe wich, die ſeine Wangen wie ein Vorbote des nahen Todeskampfes überzogen hatte; bewegte ſich wieder in ſchnellern Pulſen; das Herz, deſ⸗ ſen Schläge vor Virginia's Ankunft geworden waren und momentan ſchon ausgeſetzt hatten s nicht fing von neuem unruhig zu pochen an— war e matter und matter das Blut, das ſchon erſtarrt ſchien 59 eine frevelhafte Sünde, die Seele des Sterbenden, auch wenn er es noch ſo gebieteriſch verlangt hatte, im letzten Augenblicke wieder auf Irdiſches zu lenken, ſie mit Bil⸗ dern von Schuld und Kampf zu füllen, wo ſie ſich nur auf ihr ewiges Heil hätte richten müſſen? Plötzlich zuckte der Kranke, und es war nicht ein beſtimmtes Wort der Tochter, das ihn ſo getroffen, denn was ſie ihm zu bekennen hatte, das war gleich mit ihren erſten Worten qualvoll in ſein Ohr gefloſſen; aber das Maß ſchien voll, ein jäher Schein färbte ſein Geſicht, er ſchien ſich aufrichten zu wollen, da ſtürzte ein Blutſtrom über ſeine Lippen und überwallte Bruſt und Bett. Lautauf ſchrie Virginia, Menſchen eilten herbei, ſie ſah nichts, die Sinne ſchwanden ihr, ſie war in Ohnmacht auf den Boden geſunken. Als ſie wieder zum Bewußtſein kam, befand ſie ſich in ihrem eigenen Zimmer, in demſelben, das ſie einſt, ehe ſie das Vaterhaus verlaſſen, bewohnt hatte; ihre frü⸗ here Dienerin, welche einſt vergebens gebeten, ſie nach ihrer Vermählung begleiten zu dürfen, ſaß an dem Bett, auf welches man ſie gelegt, und war beſchäf⸗ tigt, ſie mit ſtarken Eſſenzen und kaltem Waſſer, wie der Arzt verordnet hatte, wieder zur Beſinnung zu brin⸗ gen. Wenige Momente nur konnten verfloſſen ſein, ſeit ſie den Vater in ſeinem Blute verlaſſen, ſeit ſie ihn, 60 wie ihr das erwachende Bewußtſein ſchrecklich in die Seele rief, getödtet hatte! Sie ſprang auf, um an ſein aber die Dienerin vertrat ihr den Weg. „Bleibt, um aller Heiligen willen!“ beſchwor ſie dieſe.„Der Doctor hat mich verantwortlich gemacht.“ „Laß mich, Nina!“ rief Virginia und wollte, ihr ausweichend, nach der Thür eilen, aber Nina hielt ſie feſt. „Ich darf nicht“, entgegnete das Mädchen mit flehen⸗ dem Tone.„Der Doctor und Padre Francesco, wel⸗ cher gekommen iſt, dem Herrn die letzte Wohlthat zu ſpenden—“ Virginia ſtieß einen lauten Schrei aus.„Ich bin ſeine Mörderin!“ rief ſie, ihrer Sinne kaum mäch⸗ tig, riß ſich gewaltſam von dem erſchrockenen Mädchen los, welches von dieſen Worten mit Entſetzen erfüllt wurde, und floh hinaus, durch das Nebengemach in den Corridor, der zu den Zimmern ihres Vaters führte. Da trat ihr aus der Eingangsthür des großen Saales in Eile ein Mann entgegen, bei deſſen Anblick ſie betroffen zurückbebte. „Camillo!“ ſtammelte ſie. „Erſchrickſt Du vor Deinem Bruder?“ entgegnete er.„Geh hinein und ſieh, wie weit Du es gebracht haſt! Der Vater iſt todt!“ Lager zurückzueilen, 61 Sie erbebte wie vernichtet. Hatte ſie es denn an⸗ ders erwartet?„Du kommſt zu ſpät, wie ich, wie alle, ſelbſt der Prieſter!“ fuhr Camillo ſchonungslos fort. „Ich bin hinausgeſtürzt, wo ich nichts mehr helfen konnte. Kommſt Du jetzt erſt an? Hat Dich ſder Vater geru fen? Was willſt Du hier?“ „Ich habe den Vater geſprochen— ich will ihn ſehen, Camillo— laß mich zu ihm!“ „Du haſt ihn geſprochen? Haſt ſeine Verzeihung, ſeinen Segen?“ In dem Tone, mit welchem er dieſe Worte ſprach, klang ein Hohn, welcher Virginia's Herz zermalmte. In dieſem Momtnt trat der alte ſilberhaarige Die⸗ ner heraus, welcher wie die meiſten Schloßbewohner in die große Halle geeilt war, um auf den Knieen für die Seele des Herrn, während ihm die Sterbeſacramente gereicht wurden, zu beten. Sein Geſicht zeigte eine Aufregung, die aus Freude und Furcht gemiſcht ſchien. „Er gibt wieder Zeichen des Lebens!“ rief er den Geſchwiſtern zu, welche ſich eben noch ſo bitter gegenüberge⸗ ſtanden hatten, und beide blickten, wie von einer Him⸗ melsbotſchaft entzückt, mit ſtrahlenden Augen auf, denn ſie liebten ja den Vater trotz aller Mißverhältniſſe, welche ſie von ihm getrennt, mit unberändertem Kinder⸗ herzen. 62 „Der Doctor hat die Thüren ſchließen laſſen; er ſendet mich zu Euch, doch bittet er Euch, fern zu blei⸗ ben, in Geduld und Hoffnung zu warten, bis er Euch mehr ſagen kann.“ „Wo iſt meine Tante?“ fragte Camillo dringend. „Bei dem Herrn; der Padre auch“, erwiderte der Diener.„Ich will im Vorzimmer bleiben und ei— nige Leute bei mir behalten, damit wir Alles, was nöthig iſt, gleich beſchaffen oder beſtellen!“ Er ging wieder hinein, und die Augen der beiden Geſchwiſter be⸗ gegneten ſich jetzt in einem Gefühle. Camillo reichte der Schweſter die Hand, und dieſe ſank weinend an ſeine Bruſt. Eine Zeit lang hielten ſie ſich ſchweigend um⸗ ſchlungen, und ihre Herzen pochten ſtürmiſch an einan⸗ der; auch Camillo's Auge war thränenfeucht und ſein harter Sinn gebrochen. „Komm, Virginia!“ ſagte er dann ſanft.„Auch ich trage ja an meiner Schuld gegen den Vater und habe ihm viel Gram verurſacht. Ich konnte nicht an⸗ ders, als ich gehandelt habe, Gott iſt mein Zeuge! Aber das ändert nichts an der Sache. Laß uns in mein Zimmer gehen, Virginia. Vielleicht gewinnſt Du in die⸗ ſer Stunde, wo wir zwiſchen Furcht und Hoffnung ſchweben, Vertrauen zu Deinem Bruder.“ Sie folgte ihm in halber Betäubung. Mit ſich 63 ſelbſt zerfallen, tobte in ihrem Fnnern ein Kampf, ſo entſetzlich, daß es Wunder nehmen konnte, wie er dieſe zarte Form nicht zerſchmetterte. Sie hatte ſich ihr Ge⸗ heimniß, das ſie bisher mit ſchweren Opfern gehütet, in der erſchütternden Minute zwiſchen Erdenleben und Ewigkeit, in der Minute, welche ihres Vaters letzte wer⸗ den ſollte, entreißen laſſen; nicht mit ihrem Blute ließ ſich das zurückkaufen und ſie war in Verzweiflung über ſich ſelbſt. Denn der Wahnſinn klopfte an ihr Gehirn, nur im Wahnſinn konnte der Gedanke in ihr aufblitzen, den Tod ihres Vaters als die einzige Möglichkeit an⸗ zuſehen, das Siegel, das ſie ſelbſt in unbegreiflicher Schwachheit erbrochen hatte, wieder zu ſchließen und nun auf ewig! Wünſchte ſie den Tod ihres Vaters? Camillo ſprach viel zu ihr, ſie hörte ihn kaum. Die Fragen, die er an ſie richtete, beantwortete ſie me⸗ chaniſch, ungenügend für ihn. Er ſtand auf und ging im Zimmer auf und ab, ihr Auge folgte träumeriſch ſeinem ſchleppenden Gange; er war lahm ſeit ſeiner Kindheit, wo er durch Unvorſichtigkeit ſeiner Amme einen unglücklichen Fall gethan hatte. Das langwierige Siech thum, welches daraus entſtanden, hatte ſeiner körperlichen Entwickelung geſchadet, ſodaß ſeine ſchwächliche Figur ſchlecht zu dem ſchönen, ausdrucksvollen Kopfe paßte, auf deſſen hoher Stirn der Adel großer Gedanken und im Feuerauge ſowohl wie in den männlichen Zügen Geiſt und Willenskraft ſich bekundeten. Jetzt ſtand er ſtill und horchte, ob die verheißene Botſchaft des Arztes nicht komme, dann ſetzte er ſeinen Gang wieder fort, offenbar von innerer Unruhe getrieben, wohl erklärlich bei der Ungewißheit, in der er ſchwebte. Endlich blieb er vor Virginia ſtehen, welche die ſtützende Hand über die Augen gelegt hatte, um jedes Zeichen, das ihre Seele verrathen könnte, ſorgſam zu verhüllen. „Wäre alle Hoffnung vorüber, ſo würde er ſchon geſchickt haben. Meinſt Du nicht auch, Virginia?“ ſagte er. Da nahte ein eiliger Schritt und ſie hörten das Rauſchen eines Frauengewandes. Virginia erhob ſich raſch, in all ihren Mienen lag die geſpannteſte To⸗ desangſt. Es war die Schweſter ihres Vaters, welche zu ihnen eintrat. Der ſchärfſte Blick hätte in ihrem ſchmalen, bleichen Antliß, vom weißen, zurückgeſchlage⸗ nen Nonnenſchleier umwallt, die Kunde nicht zu leſen vermocht, die ſie brachte, ob Troſt oder Trübſal. Was war der Tod für die Gottgeweihte! „Euer Vater wird vielleicht erhalten werden“ ſagte ſie mild, und bei Camillo's freudigem Ausruf dämmerte nun doch ein freundliches Lächeln um ihren Mund. Durch Virginia's Herz aber ging ein Stich; ſie ſchau⸗ derte vor ſich ſelbſt und wünſchte ſich den Tod, daß 65 ein ſo verworfenes Gefühl in ihr aufzucken könne, wie der Hölle entſtammt, um ſie aller Liebe, aller Kin⸗ despflicht zu entfremden. Heiße Thränen entſtürzten jetzt ihren Augen. Thränen der Freude mochten ſie für die Tante und den Bruder ſcheinen, es waren aber nur Zeugniſſe der innern Zerriſſenheit, denn im Abſcheu über den Abgrund ihres Herzens war die unendliche Liebe zum Vater in aller Macht wieder zum Bewußt⸗ ſein gekommen und ſtrafte ſie, die Sünderin, um Alles, was ſie an ihm verſchuldet hatte. Doch faßte ſie ſich ſchnell in jenem raſchen Ueber⸗ gange, der ihrer wandelbaren Natur eigen war. Die Tante erzählte noch, wie der Arzt, der anfangs den— Blutſturz für die letzte Kataſtrophe angeſehen habe, nach wenigen Augenblicken auf Zeichen aufmerkſam geworden ſei, die in ihm nur eine Kriſis, eine wunderbare Selbſt⸗ hülfe der Natur, welche ſtets aller Wiſſenſchaft der Aerzte ſpottet, zu hoffen erlaubt hatten; wie er darauf hin den alten Bartolo ſogleich mit der Freudensbotſchaft abgeſchickt, den Sohn und die Tochter zu ſuchen, und nun mit Fleiß gethan, was ſeine Kunſt in ſolchem Fall vorgeſchrieben, und weiter beobachtet, bis er ſeiner Sache ſo gewiß geworden, daß er ihr, der Schweſter des Kran⸗ ken die Beſtätigung der erſten Nachricht habe anber⸗ trauen können. Ob der ſchwache, noch glimmende Funke Bernd von Guſeck, König Murat's Ende 1. 5 66 wieder zur hellen Lebensflamme werden oder bald ganz erlöſchen ſolle, mußte freilich Gott anheimgeſtellt bleiben. Während die Nonne noch ſprach, hatte ſich Vir⸗ ginia bereits mit ihrem eigenen Bewußtſein und Allem, was ſie gepeinigt hatte, abgefunden. Was war denn eigentlich ihre ſchwere Schuld? Konnte ſie ſich wirk⸗ lich dadurch in ſolcher Weiſe zerknirſchen laſſen? Geſtern noch, wie in der ganzen vergangenen Zeit, war doch Alles ebenſo geweſen, und ſie hatte ſorgenlos und heiter mit dem ſchönen Leben geſpielt. Was hatte ſich denn verändert, daß ſie gebeugt und zerſchlagen war, als könne ſie keinem Menſchen mehr frei in das Geſicht ſehen? Der Vater, in ſeinem von Krankheit verdun⸗ kelten Geiſte, hatte die Bekenntniſſe, zu denen ſie ſich ſelbſtmörderiſch hatte hinreißen laſſen, vielleicht gar nicht gehört oder begriffen, denn ſie hatte dieſelben, wie ſie ſich jetzt genau in das Gedächtniß zurückrief, nicht in klare Worte gekleidet, ſondern kaum hörbar nur in An⸗ deutungen ausgeſprochen. Gott wolle den Vater am Le⸗ ben erhalten, war jetzt ihr aufrichtiges, inbrünſtiges Fle⸗ hen; er wird den ſchauerlichen Augenblick, wo ſeine Toch⸗ ter wie eine Büßerin vor ihm lag, vergeſſen haben oder für einen Fiebertraum ſeiner Krankheit halten; wenn aber nicht, ſo war ja dafür geſorgt, daß ſie wenigſtens die Schmach, ihm nach jener Stunde unter die Augen zu 67 treten, nicht fürchten durfte; der Vater hatte ſeit ihrer Vermählung mit dem Adjutanten des neuen Königs alle Verbindung mit ihr wie mit Camillo abgebrochen und kam nur ſelten nach Neapel, wo er ſie bis jetzt nie in ihrer Wohnung oder in der Villa Angri aufgeſucht hatte. Es war nicht zu erwarten, daß er künftig darin eine Aenderung treffen werde, und ſo konnte nur das Bewußtſein, daß er von Allem Kenntniß habe, ihre Lebens⸗ freudigkeit ſtören. Indeſſen wenn dem Allwiſſenden, von welchem ihr ganzes Erdenloos und ihr Schickſal in der Ewigkeit abhing, keine Falte ihres Herzens, keine noch ſo verborgene That unbekannt war, wie ſollte ſie darüber ſich härmen, daß hienieden vielleicht, nur vielleicht eine Ahnung von Allem in einer Bruſt lebte, welche dieſelbe am wenig⸗ ſten irgendwie offenbaren würde. Mit dieſem Troſt, der an ſich ſchon ein frevelhafter Vergleich war, beſchwichtigte Vir⸗ ginia ſchnell und ſiegreich ihre Unruhe, und als die Tante ſich mit ihren Worten auch zu ihr wandte, konnte mit unbewölkten Blicken und klangvoller Stimme ant⸗ worten. Ihr war es, als habe ſie aus dem Silberſtrome der Vergeſſenheit wenigſtens einen Becher voll Schaum⸗ perlen des Augenblicks genoſſen. Die Tante Margherita, wie man ſie in der Familie, ihren Kloſternamen nicht berückſichtigend, noch immer nannte, war in ihrem Felſenkloſter hoch über Vietri, 5* 68 dem ſie als Aebtiſſin vorſtand, durch einen Boten von der plötzlichen ſchweren Erkrankung ihres Bruders be⸗ nachrichtigt worden und ſogleich herbeigeeilt, um ihn zu⸗ pflegen. Sie hatte ihn, was ſie den Kindern verſchwieg, bei ihrer Ankunft, da er bei voller Beſinnung war, ge⸗ fragt, ob ſie nicht einen Boten nach Neapel ſenden ſolle, war aber abſchläglich beſchieden worden. Wie der Fürſt Hettore bei aller Liebenswürdigkeit ſeines Benehmens ſelbſt ſeinen beſten Freunden in Allem, was ihn ſelbſt anging, verſchloſſen war, ſo durften auch ſeine nächſten Verwandten, ja die eigene Schweſter, die er ſonſt hoch verehrte, ihm weder Rathſchläge geben, noch Vorſchläge machen; jede Anordnung, die er traf, mußte aus eigener Entſchließung hervorgehen. Er wies Niemand unfreund⸗ lich ab, doch hatte gerade ſein Weſen, wenn er nach auf⸗ merkſamer Anhörung der ihm gemachten Vorſtellungen ſolche dennoch unberückſichtigt ließ, etwas ſo Beſchämendes, daß gewiß Niemand zum zweiten Male den Verſuch machte. Margherita kannte ihn, wie vielleicht kein anderer Menſch; ſie hatte es aber für ihre Pflicht gehalten, ihn an ſeine Kinder zu erinnern, die er ſich zur Betrübniß ſeiner liebe⸗ vollen Schweſter fern hielt. Als er ſie nun mit einer ihm ſonſt fremden Ungeduld, welche ſie nur ſeiner Krank⸗ heit zuſchrieb, zurückgewieſen hatte, war ſie ſchon halb entſchloſſen geweſen, auf ihre eigene Verantwortung den 69 Boten abzufertigen, da ſie es unnatürlich fand, wenn der Vater, der nach dem Ausſpruche des Arztes ſeinem Ende entgegenging, ohne ſeine Kinder nochmals zu ſe hen und ihnen ſeinen letzten Segen zu geben, von der Welt abſcheiden ſollte. Ueber die Urſache der Entfremdung wußte ſie nichts, wie alle Welt, aber dieſe kleinlichen Dinge irdiſcher Meinungsverſchiedenheit zerrannen in dem feierlichen Augenblicke, wo die Spanne Erdenleben ihr Ende erreicht, in nichts. Da hatte der Kranke, ehe Margherita zum Entſchluß gekommen war, in einer Nacht mit wahrer Sehnſucht nach ſeinen Kindern verlangt und Befehl gegeben, daß ſie in ſeinem Namen zu ihm ge rufen würden. Der Eilbote, welcher ſogleich abgefertigt worden war, hatte unterwegs einen Unfall gehabt, der ſeinen Ritt verzögerte, ſodaß er erſt in der folgen⸗ den Nacht nach Neapel gekommen war. Mit Ungeduld hatte der Vater die Stunden berechnet, welche bis zur Ankunft der Kinder vergehen mußten, und als ſie länger und län⸗ ger ausblieben, war er in jenen Zuſtand äußerſter Schwäche geſunken, in welchem ihn ſeine Tochter gefunden. Virginia rief ſich den erſten Moment ihres Eintritts bei ihm zurück, wie er ſie gefragt hatte, ob ſie allein komme. Ein Gefühl heißer Beſchämung überfiel ſie noch jetzt; nur dieſe Frage war es, welche wie ein ſcharfer Pfeil in ihr Herz, in ihr Gewiſſen gedrungen war und ihre Geiſtes⸗ 70 kraft gelähmt, ſie zu Geſtändniſſen geführt hatte, die ſo gar nicht von der Nothwendigkeit geboten ſchienen. Wie war es möglich geweſen, dies Wort„allein“ anders zu* beziehen als auf Camillo, den der Vater jedenfalls in ihrer Begleitung erwartet hatte? Zwiſchen ihnen, das wußte er wohl, beſtand kein Umgang mehr, obſchon ſie in einer Stadt wohnten, aber mußte ſie nicht die gemein⸗ ſame Sorge um den Vater verſöhnen? Die auswei⸗ chende Antwort, welche ſie gegeben hatte, als verſtehe ſie das Wort in Bezug auf ihren Gemahl, war eine Un⸗ wahrheit, geboren in der Beſtürzung des Augenblicks; ſie hatte die Frage, wie mit Wahnſinn geſchlagen, auch nicht auf ihren Mann, ſondern ganz anders gedeutet, und die vollſtändige Unmöglichkeit, daß der Vater ſie in dieſem Sinne gethan haben konnte, am wenigſten als traurigen Vorwurf, war ihr nun erſt zum klaren Be⸗ wußtſein gekommen. Wenn ſie damals bei Sinnen ge⸗ weſen wäre, nie würde ſelbſt des ſterbenden Vaters Beſchwörung ſie aus ihrer ſichern Zurückhaltung geriſſen haben! Indeſſen war es geſchehen; ein Thor, wer ſich um Geſchehenes, das nicht mehr zu ändern iſt, das Le⸗ ben verbittert! Hinweg damit! Und ſo war Virginia wieder ſie ſelbſt, das anmuthige, heitere Weſen, der Schmetterling, der im Sonnenſchein ſich auf duftenden Blüten wiegt, das harmlos in blauer Luft und bergen⸗ — 71 den Zweigen flatternde Vöglein. Tante Margherita kannte ſchon dieſe ſchnellen Wechſel in ihrer Stimmung, deren Grundton glücklicher Frohſinn war; die Anwand⸗ lungen trüber Laune, welche ein geringer Anlaß zuweilen hervorrufen konnte, waren dann heftig genug, aber ſie gingen immer in kürzeſter Zeit, wie Frühlingsgewitter, vorüber. Jetzt beſonders ließ ſich ihre ſo raſch zurück⸗ gekehrte Heiterkeit erklären; mußte ſie nicht ſelig ſein in der neu erwachten Hoffnung, wo ſie ſchon Alles verloren gegeben hatte? Dieſe Hoffnung wurde noch im Laufe des folgen⸗ den Tages mehr und mehr beſtätigt; am zweiten Morgen glaubte der Arzt ſchon die Herſtellung des Kranken, wenn nicht wieder ein Rückfall eintrete, verbürgen zu können. In dieſer Anſicht rieth er aber dringend, Alles zu vermeiden, was eine Gemüthsbewegung herbeiführen müſſe. Er kannte die Verhältniſſe des Hauſes, wie ſie ſich auf der Oberfläche, aller Welt erkennbar, wahrneh⸗ men ließen, er wußte, daß der Fürſt, deſſen Geſinnung bekannt war, mit ſeinen Kindern, die ſich, wie das jün⸗ gere Geſchlecht überwiegend gethan, der neuen Ordnung der Dinge zugewandt hatten, auf einem geſpannten Fuße lebte und daß er ſie nur in ſeiner Krankheit, die er nicht zu überleben geglaubt, zu ſich gerufen hatte. Seit er nach dem Blutſturze wieder zu ſchwachem Bewußtſein 72 gekommen war, hatte er gar nicht mehr nach ihnen ge⸗ fragt. Der Arzt hatte überhaupt nur der Aebtiſſin Zutritt zu ihm geſtattet; jetzt glaubte er ihr ſeine Ueber⸗ zeugung ausſprechen zu müſſen, daß er es bei der vor⸗ ausſichtlich langſamen Geneſung des Fürſten, auf welche der geringſte Zwiſchenfall ſchädlich einwirken könne, am rathſamſten finde, wenn Prinz Camillo ſowohl als auch die Frau Gräfin ihren Aufenthalt nicht verlängerten, um jeder Verſuchung, im Fall der Kranke ſie doch ein⸗ mal zu ſehen wünſche, aus dem Wege zu gehen. Solchen Wunſch zu befriedigen, könne er als Arzt nicht verant⸗ worten, und wenn man dem Leidenden ſage, daß die Staatsgeſchäfte des Prinzen, die häuslichen Angelegen⸗ heiten der Gräfin ihre Rückkehr nach Neapel nöthig gemacht und ſie mit erleichterten Herzen abgereiſt ſeien, ſo werde er ſich bei ſeiner matten Lebenskraft unfehlbar ſogleich beruhigen. Die Tante theilte dieſen Ausſpruch des Arztes den Geſchwiſtern mit, und Virginia war die erſte, welche ſich einverſtanden erklärte. Camillo blickte ſie prüfend an; ein Schatten flog über ſeine Stirn. Doch fügte auch er ſich der Entſcheidung, welche die Tante billigte. Als er dau. wieder mit der Schweſter allein war, wie es während ihres Aufenthalts oft der Fall geweſen, brach er endlich das Schweigen, das er bisher abſicht⸗ lich über alle ihre Verhältniſſe beobachtet hatte. Er 73 fragte ſie, ob ſie vielleicht ihren Gemahl zurücker⸗ warte. Sie ſah befremdet zu ihm auf, da es zum erſten Male war, daß er ihres Gemahls gegen ſie erwähnte. „Der Graf iſt kaum mit dem Könige in Deutſchland angekommen“, erwiderte ſie.„Es wäre denn, daß der König eine wichtige Depeſche an die Königin, welche er nur den treueſten Händen anvertrauen wollte, nach Neapel zu ſenden hätte, ſonſt glaube ich nicht, daß der Graf vor Beendigung des Kriegs zurückkehren wird.“ „Dann kann es ſehr lange dauern!“ ſagte Camillo. „Haſt Du Nachrichten ſeit ſeiner Abreiſe?“ „O ja! Mit dem erſten Kurier an die Königin kam auch ein Brief des Grafen für mich an. Er mel⸗ dete mir ſeine glückliche Ankunft ein Dresden und den Empfang des Kaiſers, bei welchem er zugegen ge⸗ weſen iſt.“ „Und wie war dieſer Empfang?“ fragte Camillo raſch, von ſeinem eigentlichen Vorſatze für den Augenblick abgelenkt. „Nicht ſo freundſchaftlich, wie der Kaiſer ſonſt ſei⸗ nen Schwager zu empfangen pflegte. Der Graf ſchreibt mir, Napoleon ſei auffallend kühl gegen den König ge⸗ weſen und habe ſich nicht einmal Zwang in Gegenwart ſeines anweſenden Kammerdieners Conſtant auferlegt. 74 Indeſſen ſei die Wolke, welche zwiſchen ihnen geſchwebt, wahrſcheinlich weil der König ohne Napoleon's Ermäch⸗ tigung beim Rückzuge aus Rußland die Armee verlaſſen hat, bald vorübergegangen und der Kaiſer habe ſeinem Schwager den Oberbefehl der Garde übertragen.“ „Der Garde! Dem Könige von Neapel!“ ſagte Camillo mit einer ſcharfen Betonung. Doch ſprach er die Gedanken, die dieſe Nachricht in ihm hervorrief, gegen Virginia nicht aus, ſondern kehrte zu dem erſten Grund ſeiner Frage zurück. „Ich glaubte, Du erwarteteſt Deinen Gemahl“, ſprach er,„weil Du gleich nach der Erklärung der Tante Deine Abreiſe beſtimmt haſt.“ „Willſt Du noch länger hier bleiben?“ entgegnete ſie. Es war ihr peinlich, daß ſie abreiſen ſollte, ohne dem Bruder, wie es doch ſo natürlich geweſen wäre, einen Platz in ihrem Wagen anzubieten, da es doch all⸗ gemein auffallen mußte, daß die Geſchwiſter, welche einen Weg ein Ziel hatten, getrennt reiſten; es mußte auffallen, weil man hier zwar wußte, daß ſie bei dem Vater in der Caſa dell Orme keinen Beſuch mehr gemacht, nicht aber, daß ſie ſelbſt ſich in Neapel nicht ſahen. „Ich werde auch bald reiſen“, erwiderte Camillo. „Indeſſen, Virginia, Deine Haſt wirft den Schein auf Dich, als wäreſt Du froh, ſo ſchnell als möglich von 75 dieſer ernſten Stätte erlöſt zu ſein, oder als zöge Dich ein beſonderer Anlaß hinweg.“ „Was meinſt Du?“ fragte ſie, indem ihr dunkles Auge mit einem herausfordernden Blicke dem ſeinigen begegnete. Er war nicht der Mann, einen hingeworfenen Hand⸗ ſchuh liegen zu laſſen. „Ich meine, daß man ſich in Neapel erzählt, Du machteſt Gondelfahrten in Begleitung eines jungen Man⸗ nes, den Niemand kennt! Ich glaube es der Ehre unſe⸗ res Hauſes ſchuldig zu ſein, Dich auf dieſe Unvorſichtig⸗ keit aufmerkſam zu machen.“ „Hältſt Du Spione in meiner Umgebung?“ entgeg— nete ſie mit einem funkelnden Blicke. „Darauf antworte ich Dir nicht!“ ſagte er ſtolz. Sie lachte plötzlich hell und heiter auf.„Wohl kennt Niemand in Neapel den armen Aleſſandro, meinen gelehrten Herrn Neffen“, rief ſie,„ſonſt würde man ſich nicht als eine entſetzliche Gefahr für die Ehre des Hauſes Angri erzählen, daß ich mit ihm, wie es hun⸗ dert Frauen in ganz andern Verhältniſſen thun, nach meiner Villa gefahren bin, um ihm die Schönheit Nea⸗ pels zu zeigen. Damit Du aber ſiehſt, daß ich Deine wohlgemeinte Warnung ehre, werde ich dem jungen Manne, ſobald ich zurückkehre, die Gaſtfreundſchaft auf⸗ 76 kündigen, die er, nicht ahnend, daß er ſeinen Onkel nicht treffen würde, in unſerem Hauſe geſucht und gefunden hat.“ Camillo wollte heftig erwidern, doch bezwang er ſich und ſprach:„Wir verſtehen uns nicht mehr, Virginia. Es wird beſſer ſein, daß wir uns wieder trennen. Viel⸗ leicht ſuchſt Du einſt Deinen Bruder, wenn kein anderer Rath mehr zu finden iſt.“ Er wartete ihre Antwort nicht ab, ſondern verließ das Zimmer. Virginia ſah ihn auch vor ihrer Abreiſe nicht wieder. Sie nahm von der Tante einen zärtlichen Abſchied, erbat ſich Nachrichten über die fortſchreitende Geneſung ihres Vaters nach Neapel und warf ſich dann mit dem Gefühl, daß ſie dies Haus nie wiederſehen werde, in ihren Wagen, wo ſie, ganz andern Gedanken ſich hingebend, zu vergeſſen ſtrebte, was ihr hier geſchehen war. ———————— Viertes Kapitel. cin grauſames Spiel. Auf Wiederſehen! hatte Virginia dem Neffen ge⸗ ſchrieben, und er harrte darauf nun ſchon acht Tage ver⸗ gebens. Immer unabweislicher hatte die Frage, vor der er zuerſt erſchrocken war, ohne ihr Stand zu halten, ſich ihm täglich aufgedrängt, ob es auch ſchicklich ſei, daß er im Hauſe bleibe wenn Virginia zurückgekehrt ſein werde. Sie war zwar ſeine Tante, aber doch jünger als er; es war gewiß unpaſſend geweſen, daß er ihre Gaſt⸗ freundſchaft, die ſie ihm doch aus Höflichkeit bieten mußte, ſo gedankenlos angenommen hatte in Abweſenheit ihres Gemahls! Konnte ſie ihn ausweiſen, wenn er nicht von ſelbſt ging? So unerfahren er in der Welt war, mußte er ſich doch ſagen, daß es ihr von den Menſchen verdacht werden konnte, einen fremden Mann, mochte er auch ein Verwandter ihres Gemahls ſein, in ihr Haus auf⸗ zunehmen, und er gerieth in wahre Angſt bei dem Ge⸗ danken, daß er die Urſache ſei, wenn ſie in den Augen der Welt eine Mißbilligung erfahre. Nur abwarten wollte er ſie, weil ſie es ihm gewiſſermaßen befohlen hatte, und dann Neapel verlaſſen. Seit ihrer Abweſenheit war es, als ob aller Glanz, aller Zauber, welcher dieſe paradie. ſiſchen Gefilde umſtrahlte, für ihn erloſchen ſei, er konnte die ſchönſten Stätten, über die ſelbſt Einheimiſche noch in Entzücken geriethen, mit wahrhaft nüchternen Blicken betrachten, und nur unter den Trümmern der alten Denk⸗ mäler oder im Staube der Bibliotheken war ihm noch wohl. Da hörte er, als er eines Abends von einer müh⸗ ſeligen Wanderung durch die Umgegend erſchöpft über die noch heißen Lavaplatten des Pflaſters zurückkehrte, daß die Principeſſa angekommen ſei. Er warf einen Blick auf ſein beſtäubtes Schuhwerk; ſo konnte er ſich ihr doch nicht vorſtellen, wie mächtig auch ſein Herz bei der Nachricht aufgewallt war. Sie hatte ihn aber kom⸗ men ſehen und ließ ihn zu ſich rufen. In all dem Lieb⸗ reize, der ihn bei ihrem erſten Anblick gleich ihr zu eigen gemacht hatte, trat ſie ihm entgegen und begrüßte ihn, der völlig verwirrt kaum das Auge zu ihr aufzuſchla⸗ gen wagte. Mein Vater iſt außer Gefahr“, ſagte ſie.„Habe ich Ihnen geſchrieben, daß mein Vater ſo krank gewor⸗ den war? Ich glaube kaum, denn ich war in großer Eile und Beſtürzung. Nun iſt aber alle Gefahr vorüber und ich 79 konnte mit beruhigtem Herzen zurückkommen. Sie ſehen aber bleich aus, Aleſſandro? Sind Sie krank? Sagt Ihnen unſere Luft, unſer Klima nicht zu?“ Das mächtige Gefühl, das ihn beim Wiederſehen übermannte, hatte das Blut aus ſeinen Wangen zum Herzen treten laſſen; ihre Frage rief es aber wie eine Springflut dunkel wallend zurück. „Ich bin glücklich hier“, mehr vermochte er nicht zu ſagen. „Das freut mich!“ erwiderte ſie, und das feine Lä⸗ cheln, das ihre Lippen umſpielte, würde ihn, wenn er den Muth gehabt hätte, zu ihr aufzuſchauen, in noch größere Verwirrung geſtürzt haben.„Ich will hoffen, daß Sie mich nicht vermißt haben— ich meine als Wirthin! Erſchrecken Sie nicht zu ſehr! Ich bin weit entfernt von der Eitelkeit, welche Sie mir zuzutrauen ſcheinen. Doch habe ich Sie acht Tage allein ge⸗ laſſen, nicht blos meines Vaters wegen, deſſen Gefahr Gott ſei Dank! ſchnell genug vorüberging, ſondern um noch das Gut zu beſuchen, das der König Ihrem On⸗ kel geſchenkt hat. Meine Anweſenheit war dort nöthig; ich tröſtete mich damit, daß Sie in ihren antiquariſchen Forſchungen wohl kaum an mich denken würden. Nein, mein guter Aleſſandro, ich verlange keine Schmeiche⸗ leien! Wie ſollte ich einen ſo ernſten Jünger der Wiſſen⸗ 80 ſchaft, welche vor allem Wahrheit fordert, auf Abwege von derſelben verlocken wollen! Da ich aber länger auf⸗ gehalten wurde, als ich erwartete, ſo fürchtete ich ſchon, Sie würden auch mit Hinterlaſſung eines Billets ver⸗ ſchwunden ſein, und freue mich nun ſehr, Sie noch zu finden, hoffentlich zu längerem Bleiben entſchloſſen?“ Sie reichte ihm ihre kleine feine Hand, deren Berührung ihn elektriſch durchzuckte. „Gnädige Tante!“ rief er, das trunkene Auge zu ihr erhebend. „So ehrfurchtsvoll, und dennoch zermalmen Sie mir die Hand faſt mit Ihrer nordiſchen Kraft, ohne mir den Handkuß, auf den ich als Reſpectsperſon doch wohl ein Recht habe, zuzugeſtehen! Laſſen Sie nur! Ich treibe keinen Tribut ein!“ Sie hatte ihm die Hand, die er be. ſtürzt an ſeine Lippen führen wollte, ſchon entzogen und mochte nun wohl ſelbſt das grauſame Spiel, das ſie mit ihm trieb, bereuen, denn ſie änderte den Ton und fragte ihn, ob er mit den gewonnenen Früchten ſeiner Studien zufrieden ſei. Dadurch gab ſie ihm die verlo⸗ rene Haltung wieder; es war ihm wie eine Mahnung an ſeine Pflicht, an den Zweck ſeines Hierſeins, an den Entſchluß, den er bereits gefaßt hatte. Er genügte ihrer Frage zuerſt und weit ausführlicher, als ſie es in ihrer Abneigung vor trockenen Dingen gefürchtet hatte, dann 81 ſprach er von ſeiner nahe bevorſtehenden Abreiſe, da ſeine Unruhe ihn nicht lange an einem Orte verwei⸗ len laſſe. „Schon jetzt?“ entgegnete ſie befremdet.„Und was treibt Sie von hinnen, da Sie unbeſchränkter Gebieter über Ihre Zeit ſind, wie Sie mir ſelbſt geſagt haben? Hat Neapel nichts mehr, was Sie feſſeln könnte? Ich meine, haben Sie alle Fundgruben Ihrer Forſchungen erſchöpft?“ „O nein!“ ſagte er mit neuer Befangenheit.„Dazu gehörte wohl mehr als die Dauer eines Menſchenlebens. Mir bleibt noch ſehr, ſehr viel! Aber ich muß dennoch ſcheiden; ich habe ſchon länger, als ich gedurft hätte, Ihre Gaſtfreundſchaft gemißbraucht, und fürchte, daß ſchon jetzt, daß Sie ſelbſt und die Welt—“ „Mir verdenken wird, daß ich Sie aufgenommen habe?“ ergänzte ſie, als er völlig ins Stocken kam. „Ich bin zwar Ihre ehrwürdige Tante, aber doch, wie wir ermittelt haben, zwei Jahre jünger als Sie; das iſt der Welt allerdings nicht entgangen und ſie hat ge⸗ wiß ſchon einige Liebespfeile für mich in Gift getaucht. Sie ſind ein Ritter im edelſten Stil der Romanze und ich danke Ihnen, daß Sie mich vor boshafter Verleum⸗ dung bewahren wollen. Indeſſen, gehört denn dazu gleich das heroiſche Mittel einer Trennung auf Nimmerwiederſe⸗ Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. I. 6 82 hen? Genügt nicht der freilich viel proſaiſchere Ausweg, daß Sie ſich in unſerer Stadt eine eigene Wohnung nehmen, um Ihre Studien fortzuſetzen?“ „Sie haben Recht!“ rief Alexander.„Sie wiſſen immer das Rechte zu treffen! So viel feſſelt mich hier noch! Ich meine“, ſetzte er erröthend hinzu, indem er ſich ihrer Worte zur Abwendung gefährlicher Mißver⸗ ſtändniſſe bediente,„ich meine, ſo viel Alterthümer, die ich bei der Fülle derſelben noch nicht durchforſchen konnte, mancher weitere Ausflug, der Beſuch der Inſeln, Capris vor Allem, wo der Palaſt des Kaiſers Tiberius noch vorhanden iſt.“ „Capri?“ wiederholte Virginia, beluſtigt von ſeiner Beſorgniß, daß ſie die Feſſeln, die ihn hier zurückhielten, auf ſich beziehen könnte.„Wollen Sie denn dem briti⸗ ſchen Leoparden gerade in die Fänge laufen? Wiſſen Sie denn in Ihrer gelehrten Unſchuld nicht, daß die Eng⸗ länder mit ihren Flotten die Meere beherrſchen, daß ihr Banner auf Capri weht, daß ſie uns hier blokirt halten und dem Könige ſchon ein Seetreffen im Golf geliefert haben?“ „Doch, gnädige Tante!“ verſetzte er, an ſeiner ſchwa⸗ chen Stelle verletzt.„Glauben Sie, daß ich in meinen Geſchichtsſtudien bei der Königin Johanna im vierzehn⸗ ten Jahrhundert ſtehen geblieben bin? Eliſabeth ſchon 83 hat den Grund zur engliſchen Seemacht gelegt; ſoll ich von der unüberwindlichen ſpaniſchen Armada nichts wiſ⸗ ſen? Afflavit Deus, et dissipati sunt! Dann hat Crom⸗ well der britiſchen Seemacht Bedeutung gegeben, und die Kriege gegen Ludwig XIV., vorzüglich der Sieg beim Cap la Hogue 1692, haben ihr das Ueberge⸗ wicht zur See verſchafft, das ſie auch während des nord⸗ amerikaniſchen Freiheitskriegs behauptet hat. In neue⸗ ſter Zeit aber die Vernichtung der ſpaniſch franzöſiſchen Flotte bei Trafalgar und früher ſchon der Sieg bei Abukir, ſoll ich ſie nicht kennen, da ich ſie ſelbſt er⸗ lebt habe?“ „Sie ſchmettern mich zu Voden, Don Aleſſandro“, rief Virginia.„Ich ſtreiche die Flagge vor Ihnen, er⸗ gebe mich auf Gnade und Ungnade! Ich habe Ihre Eru⸗ dition nicht in Zweifel ziehen können, ich arme unwiſſende Frau, noch viel weniger konnte ich mich unterfangen, Sie überhören zu wollen, ob Sie Ihre Lection, die Sie mir ſo überwältigend hergeſagt, auch gut geleent haben.“ Ihr heiterer Spott verfehlte ſeine Wirkung nicht; er ging, faſt zum erſten Male, auf ihren Scherz ein, und ſie kam dann auf ihren Vorſchlag zurück, daß er, falls ihm ein längerer Aufenthalt in Neapel noch lieb ſei, ſich eine eigene Wohnung nehmen ſolle, wo er ungeſtört ſei⸗ 84 nen Studien nachgehen und zuweilen, ohne der argden⸗ kenden Welt Anſtoß zu geben, das Haus ſeines Oheims beſuchen könne; ſie erbot ſich, ihm durch ihren Diener eine paſſende Wohnung, ſo entfernt von dem Largo di Mercato, als er nur wünſche, miethen zu laſſen. Er ver⸗ wahrte ſich, nun aber auch ganz im Scherz gegen die böſe Annahme, daß er nicht fern genug von ihr woh⸗ nen könne, da ihm der„Marktplatz“, wie er wörtlich auf Deutſch heiße, ganz abgeſehen von ſeiner ehrwürdigen Tante, noch ein hiſtoriſches Intereſſe dadurch habe, daß hier König Konradin, der letzte Hohenſtaufe, mit ſeinem Freunde Friedrich von Baden-Oeſterreich, auf Befehl des grauſamen Karl von Anjou hingerichtet worden ſei und vorher ſeinen Handſchuh unter das Volk geſchleudert habe, damit einer ihn an Don Pedro von Aragon, als ſeinen Rächer, bringe. „Keine Rückfälle, Aleſſandro!“ unterbrach ihn Vir⸗ ginia.„Ich glaube es Ihnen ſchon, daß Sie Alles wiſ⸗ ſen, auch ohne Beweiſe!“ Er lachte nun ſelbſt und gefiel ihr weit beſſer in dieſer für das heitere Leben des Augenblicks aufthauenden Stimmung die ſich von langweiliger Pedanterie wie von einer auf die Dauer ermüdenden Blödigkeit losſagte. Noch an demſelben Abende wurde für ihn, nicht allzunah dem Marktplatze, von Marco, welchen die Gräfin damit beauftragte, eine 85 freundliche Wohnung gemiethet, und er hielt es für ſeine Schuldigkeit, auch nicht eine Nacht länger unter ihrem Dache zuzubringen.„Sie ſind ein Muſter von Edelſinn!“ ſagte Virginia, als ſie ihm beim Abſchiede die Hand reichte, auf welche er jetzt nicht unterließ, ſeine Lippen mit einem ſie kaum berührenden Kuß zu ſenken. Sie war in einer ſeltſamen Stimmung, nachdem er ſie verlaſſen hatte.„Gibt es denn wirklich noch die⸗ ſen Wiederſchein eines verlorenen Paradieſes in der Welt?“ dachte ſie zuerſt nicht ohne einen Anflug von Ironie, aber bald genug wurde ſie ernſt; aus dem Gedanken ſpannen ſich gar viele andere, die ſich zu einem von vielen dunklen Fä⸗ den durchſchoſſenen Gewebe verſchlangen, und ſie blickte ſtill und ſtiller vor ſich hin, bis ſie ſich plötzlich aus dem Netz das ihre Lebensfreudigkeit immer enger umſtrickte, losriß. War ſie nicht auf beſtem Wege, die Tante Mar⸗ gherita auf ihrer Felſenſpitze bei Vietri um ihre ſtille Zelle zu beneiden? Sie lachte ſich ſelbſt über die krank⸗ hafte Anwandlung aus, welche ſie dem Einfluß des ur⸗ deutſchen Herrn Neffen zuſchrieb, der ſeinem Oheim ſo ganz und gar unähnlich war. Im Geiſte hielt ſie jetzt eine Mu⸗ ſterung über ihn und ſich; es war gewiß unrecht von ihr, daß ſie ſich gegen ihn nicht in Eis gepanzert zeigte, um jede Blüte ſeines ihm wohl ſelbſt unbewußt aufgegangenen 86 Herzensfrühlings im Froſthauch gleich zu tödten, aber ſie hätte keine Frau ſein müſſen, wenn ihr dieſe erſte Leidenſchaft eines unſchuldigen, reinen Herzens nicht ſchmei⸗ chelhaft geweſen wäre. In ihrer Macht lag es ja zu jeder Stunde, dem Spiel, das ſeinen Reiz hatte, weil es ihr neu war in der Welt, in der ſie lebte, ein Ende zu machen; daß er dabei unglücklich werden könne, lag ihren Gedanken fern; das war in der Dichtung wohl beſungen, die Wirklichkeit hatte ihr noch kein Beiſpiel gezeigt, wo ſelbſt der Verzweiflung des Moments nicht alsbald Troſt gefolgt wäre, und für ihr eigenes Herz durfte ſie doch nicht etwa beſorgt ſein? Zwei Tage vergingen, ohne daß ſich Alexander ſehen ließ. Am dritten Tage ſchickte ſie Marco zu ihm, ſich zu erkundigen, ob er vielleicht ſeiner Dienſte bedürfe. Alexander war eben von einer Fahrt im Golf zu⸗ rückgekehrt und brachte ſeiner Tante den Dank für ihr Anerbieten ſelbſt; er hatte ſchon einen armen Facchino, der ihm leid gethan, weil er ihn auf dem Molo ſtets unbeſchäftigt getroffen hatte, zu ſeiner Bedienung genommen, ſehr zum Verdruſſe ſeines Hauswirths, wie er eingeſtand. Der letztere hatte förmlich dagegen pro⸗ teſtirt, einen zerlumpten Laſtträger in ſeinem Hauſe zu dulden, und auf Alexander's Entgegnung, daß er ihn ſchon anſtändig kleiden werde, mit einem abſcheulichen Hohn⸗ lächeln geantwortet, er möge wenigſtens ſeinen Koffer und ſeine Taſchen wohl in Acht nehmen. Virginia konnte nicht umhin, den vorſichtigen Wirth gegen Alexander's Entrüſtung in Schutz zu nehmen.„Sie ſind ein Kind!“ ſagte ſie mit einem Blick, der all ſeine ſchönen Vor⸗ ſätze wie Strohfeuer aufflackern und verſchwinden ließ. „Sie leben noch im Traume einer Unſchuldswelt, aus dem Sie mit den herbſten Enttäuſchungen erwachen werden. Trauen Sie Niemand— ohne Ausnahme!“ „Laſſen Sie mir dieſen ſchönen Traum!“ rief er, und ſein Auge ruhte in Selbſtvergeſſenheit auf ihr. „Rauben ſie mir das Vertrauen nicht! Soll ich wirk. lich Niemand trauen? Auch Ihnen nicht?“ „Auch mir nicht, Aleſſandro!“ ſagte ſie, ihre dunklen Augenſterne hinter den tiefgeſenkten Lidern bergend. Ihr Ton klang tiefer als gewöhnlich, und ein leiſes Beben ließ ſich in demſelben wahrnehmen. Es war aber kein Spiel der Koketterie, ihre Gedanken hatten bei ſeiner Frage eine ganz andere Richtung genommen. Doch rief ſie die rebelliſchen ſchnell von dem Abwege zurück und fragte, in den gewöhnlichen Converſationston einlenkend, wie er die beiden Tage verlebt, ob er Neues entdeckt, Bekanntſchaften gemacht habe. „Ich habe einen ſehr intereſſanten Mann kennen ge⸗ lernt“, erwiderte er.„Leider weiß ich ſeinen Namen nicht, 88 er hat ſich mir nicht genannt, und ich konnte ihn doch nicht danach fragen. Wir trafen uns zufällig bei der Villa reale. Ich ſah, daß er hinkte, und redete ihn an, weil ich glaubte, daß er ſich verletzt habe oder gefallen ſei. Warum blicken Sie mich ſo verwundert an? Iſt das wieder kindiſch geweſen?“ Virginia hatte ihn allerdings betroffen angeſehen, als er ſeiner Begegnung erwähnte, doch war ſie ſchon wie⸗ der Herrin über den Ausdruck ihrer Züge.„Nicht doch!“ ſagte ſie lächelnd.„Ich finde Ihre Frage ganz natürlich und menſchenfreundlich. Hatte der Lahme einen Unfall erlitten?“ „Nein! Er dankte mir und lehnte mein Erbieten, ihn zu führen, freundlich ab. Da er aber, gleich mir, kein beſtimmtes Ziel zu haben ſchien, ſo ging er, gewiß aus Höflichkeit für meine Theilnahme, mit mir und er⸗ zählte, daß er ſchon ſeit früher Kindheit lahm ſei. Wir kamen dann in ein Geſpräch, ich weiß ſelbſt nicht wie; er hatte nicht die läſtige Manier des Fragens, wie Viele, die ich auf Reiſen getroffen habe und die mich exami⸗ nirten, als wäre ich ein verdächtiger Landſtreicher; im Gegentheil mochte ihm ſchon der erſte Blick, den er for⸗ ſchend bei meinem mangelhaften Italieniſch auf mich rich⸗ tete, geſagt haben, was von mir zu halten ſei, und ſo leitete er denn eine Unterhaltung ein, ſo anſprechend, wie ich ſie hier noch nicht genoſſen habe, und zugleich beleh⸗ rend; ich habe in der kurzen Stunde, welche ich mit ihm verlebte, mehr gelernt als in der ganzen Zeit meines Aufenthalts, das heißt, die hieſigen Verhältniſſe betreffend; ja ich kann ſagen, daß ich nun erſt zu einer klaren An⸗ ſicht darüber gekommen bin.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Aleſſandro! Man hat Sie ausforſchen wollen, Ihnen Fallen geſtellt. Sie ahnen nicht, welcher Mittel ſich die geheime Polizei bedient! Dergleichen mag nöthig ſein, weil die Bourbons noch viele Anhänger im Lande haben und öfter ihre Send⸗ linge unter der Maske harmloſer Reiſender herüber⸗ ſchicken, um das Volk für neuen Aufruhr zu bearbeiten. Aber es bleibt doch für unvorſichtige Fremde im⸗ mer eine Gefahr, denn wenn Sie auch das reinſte Gewiſſen und von der ſtrengſten Unterſuchung nichts zu fürchten haben, würden Ihnen doch bei einer Verdächtigung die unangenehmſten Folgen nicht erſpart werden. Ich rathe Ihnen, ſich mit keinem Unbekannten, und wäre er Ihnen noch ſo intereſſant, in längere Ge⸗ ſpräche einzulaſſen!“ „Wiederum predigen Sie mir Mißtrauen, und mit welchem Eifer! Wenn Sie meinen Unbekannten geſehen und geſprochen hätten, ſo würden Sie keine ſolche Ungerechtigkeit gegen ihn begehen.“ — = S —— —— —— ————— — 90 „Er hat ſich Ihnen nicht genannt— hat er Sie nach Ihrem Namen, nach Ihren Verhältniſſen gefragt?“ „Nicht im entfernteſten!“ verſicherte Alexander. „Konnte ihn das intereſſiren?“ „Wietrennten Sie ſich?“ forſchte Virginia, dereneſ org⸗ niß um den Reffen durch ſeine Worte nicht beſchwichtigt ſchien. „Er ſchwieg auf einmal in einer ziemlich kurz ab⸗ brechenden Weiſe mitten im Geſpräch und winkte einem Fiaker.„Caleſſaro! Nach Santa Lucia!“ rief er, ſchwang ſich, auf die Arme geſtützt, mit einer ſeltenen Muskelkraft in das Wägelchen und ſagte mir nur:„Auf Wiederſehen!“ Ich ſtand, wie ich nicht leugnen will, etwas beſtürzt über dieſe plötzliche Abfertigung und ſah dem aufgeputzten Pferde nach, das im ſcharfen Galopp durch das Gewühl der Menſchen flog. Mein Begleiter wird aber wohl ſei⸗ nen begründeten Anlaß zu der ſchnellen Trennung von mir gehabt haben; vielleicht iſt ihm eine dringende An⸗ gelegenheit eingefallen, die er gänzlich vergeſſen hatte, oder die Unterhaltung mit mir iſt ihm langweilig ge⸗ worden. Es wäre ein merkwürdiger Zufall, wenn wir uns unter den Hunderttauſenden, welche Neapel bewohnen, einmal wieder begegneten. Ich halte daher das„Auf Wiederſehen!“ das er mir gar freundlich noch zurief, nur für eine höfliche Redensart und bin von ſeinem ſonder⸗ baren Benehmen durchaus nicht gekränkt.“ 91 „Sie ſind auch in der Verſöhnlichkeit ein Ideal, theurer Aleſſandro“, erwiderte Virginia.„Ich wünſche Ihnen je⸗ doch, daß Sie nie auf eine härtere Probe, als heute geſtellt werden, ob ein Verlaſſenwerden ſo leicht zu tragen iſt. War der Mann ſehr lahm?“ fragte ſie nach einer kurzen Pauſe. Alexander beſchrieb ihr deſſen Perſönlichkeit, ſo gut er konnte; vielleicht kannte ſie ihn, da er offenbar der gebildeten oder auch der höhern Geſellſchaft angehörte, wo es doch nach ſeiner Anſicht nicht viel Lahme geben konnte. Sie verneinte aber ſeine Frage ſehr entſchieden. „Glauben Sie, daß ich für Gebrechen eine beſondere Vorliebe beſitze, um alle Hinkenden in Neapel zu kennen?“ entgegnete ſie. Damit ward der Gegenſtand des Ge⸗ ſprächs verlaſſen Aleſſandro erzählte ihr, was er ſonſt in den beiden Tagen gethan und erlebt hatte, und ſchien ſich in gewiſſer Weiſe entſchuldigen zu wollen, daß er ſich gar nicht habe blicken laſſen, worüber ſie ihm doch keinen Vorwurf gemacht. Er glaubte aber in ſeiner deutſchen Bedenklichkeit, ſie könne ſein Ausbleiben als Undank an⸗ ſehen, und als ſie jetzt ſogar nicht auf ſeine Entſchuldigung einging, fiel es ihm wieder auf die Secle, daß ſie die⸗ ſelbe wohl gar für eine Anmaßung halten könnte, als bilde er ſich ein, von ihr ſtark vermißt worden zu ſein. Sie bemerkte endlich ſeine Unſicherheit und brach in ein herzliches Gelächter aus. 92 „Nein, Aleſſandro“, rief ſie,„dieſe Serupel ſind keines Athemzugs werth! Sie leben nicht in Ihrem kal⸗ ten, förmlichen Deutſchland oder am altſpaniſchen Hofe, ſondern im ſchönen, heitern Italien, wo man ängſtliche Rückſichten nicht kennt. Ich habe Ihnen meine Achtung bezeigt, als Sie Ihren ehrenvollen Rückzug aus meinem Hauſe antraten, um mir böſe Nachreden zu erſparen; mehr verlangen Sie aber nicht von mir, und ich bitte Sie, meinetwegen ſich keinen Zwang mehr aufzulegen. Kom⸗ men Sie oder bleiben Sie weg, wie es Ihre Zeit und Luſt ver⸗ anlaßt, verweilen Sie bei mir flüchtige Minuten oder lange Stunden ganz nach Ihrem Gefallen. Lieb ſind Sie mir jederzeit— verlangen Sie davon noch einen Beweis?“ Er bebte vor dem Tone, mit welchem ſie dieſe Worte ſprach. Ein Anderer wäre dadurch vielleicht ſo kühn geworden, ſie beim Wort nehmen zu wollen, und hätte die Erfahrung gemacht, wie frei eine Italienerin ſprechen kann, ohne ſich die geringſte weitergehende Vertraulichkeit gefallen zu laſſen; Alexander ſah aber in ihrer Frage nur eine unendliche Herzensgüte, die ihn be⸗ ſchämte, und kämpfte faſſungslos mit ſeiner Leidenſchaft, welche vor ihrem ſüßen Tone wieder aufflammte, als habe er noch gar keinen Sieg über ſie errungen. Und er war doch ſo ſtolz darauf geweſen, ſie im redlichen Kampfe beſiegt zu haben. Zu ſeiner großen Erleichterung wartete Virginia gar nicht auf eine Antwort, ſondern plauderte, ohne nach ihrer Frage eine Pauſe eintreten zu laſſen, von andern Dingen, ſodaß er Zeit hatte, ſich zu beſinnen, um ihr auf das wechſelnde Gebiet der Unterhaltung zu folgen, wo ſeiner Standhaftigkeit keine Gefahr mehr drohte. Er ſchied ſpät abends in völliger Unbefangenheit von Virginia und ſtellte ſich auf dem Heimwege die Frage zu ernſtlicher Erwägung, ob es nicht am beſten ſei, wenn er recht oft, ja täglich ihre Gegenwart ſuche, wo er ſich daran gewöhnen könne, ſie ohne dieſe jedesmaligen Kämpfe ruhig zu betrachten, als ein Ideal, das er in ſeiner Vereh⸗ rung hoch und heilig halten müſſe. Zu Hauſe ſetzte er ſich ſogleich hin und ſchrieb Alles in ſein Tagebuch, treu dem Programme:„Nur Wahrheit!“ Als er das Geſchriebene dann überlas, war es über jene Frage, ob ſeltener oder öfter ein Wiederſehen rathſam, zu einer förmlichen Diſ— ſertation mit Gründen und Gegengründen gediehen; „druckfertig“, mußte er ſich ſagen,„eines Rigoroſi zum Doctordiplom würdig! Die Philoſophie iſt doch, nächſt der Religion, der einzig feſte Stab im Leben!—„Wenn man der Krücke bedarf!“ ſetzte ein ihm fremder ironi— ſcher Dämon plötzlich in ſeinem Geiſte hinzu und er ſah ſich erſchrocken um, als habe das außer ihm eine Stimme geſprochen, wie Mephiſto zum Fauſt. 94 Seine Theorie war zu dem erwünſchten Reſultat: „ſo oft als möglich!“ gekommen. Er hatte einmal das Geheimniß geleſen, daß man jede Befürchtung nur herz⸗ haft anfaſſen müſſe, wie eine Neſſel, die bei leiſer Be⸗ rührung brennt, ſonſt aber nicht; dies Argument war ihm ſchlagend geweſen. Er beſuchte daher Virginia's Haus nach einer ſehr abgekürzten Arbeitsſtunde in einer der öffentlichen Bibliotheken ſchon am nächſten Tage wieder. Die Tante war im Begriff, zu Hofe zu fahren, wo heute bei der Königin Karoline als Regentin des Staats wäh⸗ rend der Abweſenheit des Königs großer Empfang war. Doch nahm Virginia den Neffen noch auf einen Augen⸗ blick an. Wenn ſie beabſichtigt hatte, ihm durch den Glanz und Geſchmack ihrer Robe und den Schmuck ihrer Bril⸗ lanten zu imponiren und ihre Schönheit, gehoben durch die Kunſt der Toilette, im ſtrahlendſten Lichte zu zeigen, ſo ſchlug das fehl. Alexander war erſtaunt, geblendet, aber er hatte ſie weit ſchöner in dem einfachſten Kleide, ohne den äußern Prunk gefunden; ſie bedurfte deſſen nicht, ihr na⸗ türlicher Liebreiz wurde eher durch dieſen verdunkelt. Sie erſchien ihm wie ein fremdes Weſen und es fiel ihm heute nicht ſchwer, die Haltung, die er ſich zur Ge⸗ wiſſensſache gemacht hatte, gegen ſie zu behaupten. Viel⸗ leicht wäre es das beſte Mittel geweſen, ihn darin zu beſtärken, wenn ſich Virginia ihm nie anders als in ———————————— S großer Toilette gezeigt hätte. Sie lachte über den Ein⸗ druck, welchen ſie ſichtlich auf ihn machte, über das ſon⸗ derbare ceremonielle Weſen, das ſich ſeiner mehr und mehr zu bemächtigen ſchien.„Kommen Sie, Aleſſandro!“ ſagte ſie.„Reichen Sie mir Ihren Arm, ich erlaube Ihnen, mich an den Wagen zu führen. Vorher aber noch einen Blick in den Spiegel, wie ſich das Paar ausnimmtl“ Er fand ſich plötzlich wieder aus der ſichern Felſen⸗ burg, die er ſich erbaut hatte, in die ſtürmiſche Bran⸗ dung geſtürzt, als er den vollen weichen Arm, nur halb vom langen Handſchuh bedeckt, in dem ſeinigen fühlte und ſie in übermüthiger Laune mit ihm vor den Spiegel trat, um den Contraſt des Bildes, das ſich bot, zu betrachten: ſie in prächtigſter Hoftoilette, eng anſchmiegend, mit kurzer Taille und weit ausgeſchnitten, wie es die Mode vor⸗ ſchrieb, er im einfachen Rocke, den noch der Schneider in Düſſeldorf gemacht, mit dem keineswegs elegant ge⸗ fältelten Buſenſtreif und dem unſcheinbaren Gilet, nebſt den Pantalons von grauem, ſchlichtem Zeuge, eine gol⸗ dene Uhrkette à la Malte, die mit ihrem Petſchafte unter der Weſte herabhing, ſein einziger Schmuck! Vir⸗ ginia lachte ganz ausgelaſſen.„Das iſt allerdings ſehr komiſch!“ rief ſie.„Aber, mein Aleſſandro, unſere Köpfe— wie? Jeder Maler muß uns Gerechtigkeit widerfahren laſſen. Antinous— oder hieß er Antonius?— und 96 wie hieß ſie doch gleich? Neimporte! Ich denke, unſerer Köpfe brauchen wir uns nicht zu ſchämen. Werden Sie nicht roth, ich will Sie nicht eitel machen. Andiamo!“ Sie machte ſeinem Spiegelbilde eine ſchalkhafte Vernei⸗ gung und ſchien überſehen zu haben, welche Gemüthsbe⸗ wegung ſich in ſeinem Geſichte ausſprach. „Ich habe einen Brief von Ihrem Onkel bekommen“, ſagte ſie noch auf der Treppe. Wie war es möglich, daß ſie das erſt jetzt erwähnte? Selbſt Alexander in ſeinem augenblicklichen Gefühlsſturme mußte das auffallen und er fragte, wann ſie den Brief erhalten habe. „So eben, guter Aleſſandro! Das Beſte gebe ich immer zuletzt. Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen die Nachricht vorenthalten hätte!“ „Wie geht es meinem Onkel?“ fragte er lebhaft. „Wird er bald zurückkommen?“ „Per dio! Was denken Sie? Nach einem ſo glän⸗ zenden Siege, wie er mir ſchreibt! Jetzt geht es nach Wien, um Oeſterreich den Frieden zu dictiren, unterdeſſen wird von einer andern Armee Berlin genommen ſein, die Ruſſen kehren in ihre Eisregion zurück; dann erſt, mein theurer Freund, können wir hoffen, Ihren Onkel wieder⸗ zuſehen. Morgen erzähle ich Ihnen mehr davon. Addio!“ Sie ſaß bereits im Wagen, als ſie die letzten Worte ſprach; der Diener in Galalivree ſchloß den Schlag und ſprang hinten auf, während die Pferde ſchon anzogen. Alexander ging langſam nach Hauſe, von den gehörten erſtaunlichen Nachrichten, deren Zuſammenhang er nicht verſtand, weniger in Anſpruch genommen, als von der Situation vor dem Spiegel, in welchem er ſich Arm in Arm mit Virginia geſehen— ein Anblick, unbergeßlich für das Leben! Aber die Selbſtanklage, daß er dennoch die Charakterſtärke, deren er ſich ſchon gerühmt hatte, nicht beſitze, mahnte ihn, bei dem gefährlichen und verführeriſchen Bilde nicht zu verweilenzer ſuchte ſich davon loszureißen, vergebens, es folgte ihm auf allen ſeinen Wegen. Um ſich zu be⸗ täuben, ſtürzte er ſich in das Gewühl des Molo und zwang ſich, deſſen bunten und lärmenden Erſcheinungen ſeine Aufmerkſamkeit zuzuwenden. Dort ſchrieen Ver⸗ käufer ihre Waaren aus, der Frittore ſeine brodelnden Maccaroni, der Waſſermann aus ſeiner mit Lorbeerreiſern beſteckten Bude ſein Eiswaſſer, die Trödler ihre tauſend Kleinigkeiten; hier lockten der Puleinell mit der Affen⸗ fratze, der Vorleſer, der Puppenſpieler ihr Publikum an; alte Weiber, ihren Kram von Schnittwaaren auf dem Kopfe, boten ihn, durch das Gedränge ſchreitend, feil, andere, in Winkeln hockend, röſteten Kaſtanien oder Mais. Hier wurde eine Waſſermelone ausgeſchlachtet, dort köſtlicher Falerner oder Salernitaner geſchenkt; da war der Wechsler mit ſeinem Haufen kleiner Münze, der Fruchthändler, Bernd von Guſeck: König Murat's Ende. I. 98 der einen ſchwer beladenen Eſel durch die Menge trieb und ſeine Goldäpfel, Feigen und Weintrauben laut an⸗ pries, der Charlatan ebenſo Pillen und Mixturen für jegliches Uebel, dazwiſchen das Landvolk, Frauen und Mädchen in ihren maleriſchen Trachten, unter ihnen manche Geſtalt von wahrhaft claſſiſcher Schönheit, Sol— daten der Garde, welche allein noch in ihrer Garniſon war, Matroſen und Fiſcher und die Herren der Straße, die Lazzaroni. Alexander hatte dies Volkstreiben, das ihn ſonſt beängſtigte, bisher ſo viel als möglich vermieden, heute ſuchte er deſſen dichteſte Haufen auf und fand ſich zu ſeiner eigenen Verwunderung bald ſo von den originellen Erſcheinungen intereſſirt, daß, ohne ſelbſt darüber zum Bewußtſein zu kommen, der Zweck, ſich zu zerſtreuen, erreicht wurde. Ihm war, als ſei er plötzlich in eine ganz fremde Welt verſetzt. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen, um eine Gruppe oder einzelne beſonders auf⸗ fallende Scenen in dem ſinnverwirrenden Chaos zu be⸗ trachten. Welche Fülle von Studien über den Charakter und die Phyſiognomie dieſes Miſchvolks von Oökern, Siculern, Griechen, Römern, Gothen, Bhzantinern, Lon⸗ gobarden, Normannen, Arabern und Spaniern ließ ſich hier machen! Die Geſchichte von Jahrhunderten rollte, Bild auf Bild, an ſeinem Geiſte vorüber, als er — §— 99 endlich einen Ruhepunkt gewonnen hatte und in das un⸗ ruhige. farbenreiche Gewirr hineinſah, das wie die Bil⸗ der eines Kaleidoſkops in ewigem Wechſel der Formen und Lichter blieb. Sein Blick ruhte jetzt auf einem Paare, das in ſeiner Nähe, ohne ſich um ihn zu küm— mern, plaudernd ſtand, gewiß ein liebendes Paar, das glücklich war, ſich zu ſehen und zu ſprechen. Das Mädchen war von junoniſchem Wuchs und edler, helle⸗ niſcher Geſichtsbildung, wie er kein ſchöneres Profil von Stirn und Naſe, Mund und Kinn bei antiken Bildwer- ken in Muſeen geſehen hatte; ihre Augen unter den regelmäßigen Bogen ihrer Brauen hatten einen ruhigen Blick, ihr Antlitz einen ernſten Ausdruck— vielleicht war ſie nicht glücklich! Sie trug ein langes rothes Kleid, am Saume mit Gold geſtickt, in einer Drapirung, die er der griechiſchen Gewandung entlehnt glaubte. Jeder Facchino hätte ihm ſagen können, daß es die Feſttracht der nahen Inſel Procida war, er aber hielt ſie für eine Tochter der ioniſchen Inſeln und wunderte ſich nur, ſie mit einem gemeinen Neapolitaner im vertrauten Ge⸗ ſpräch zu ſehen, da ſie doch gewiß kein Kind des nie⸗ dern Volkes war. Der Mann kehrte ihm den Rücken zu, ſo daß er ſein Geſicht nicht ſehen konnte. Es war ein breitſchulteriger Geſell mit ſchwarzem, krauſem Haare unter dem reich bebänderten Hut; die Jacke trug er über 7* 100 der Schulter hängend, das Hemd, das ſich zeigte, war von ungewöhnlicher Sauberkeit, wie man ſie ſonſt unter ſeinesgleichen nicht ſah, und der rothe Shawl um die Hüften wie die Sandalen mit ihren Riemen über die Knö⸗ cheln hinauf waren ganz neu. Er ſprach leiſe und ein⸗ dringlich zu dem Mädchen, das ihn gelaſſen anhörte. Auf einmal ſah er ſich um; wahrſcheinlich hatte ſie ihn aufmerkſam gemacht, daß ſie von einem Fremden beobachtet würden. Ein finſterer, drohender Blick ſeines Feuerauges traf den Störer; als er ihn aber kaum an⸗ geſtarrt hatte, zog er den Hut und trat auf ihn zu mit dem ſchnell fertigen:„Befehlen?“ Alexander erkannte ihn erſt nicht und wollte ſich mit einer gutmüthigen Entſchuldigung, daß er abſichtslos ſtehen geblieben ſei, zurückziehen; doch wurde er an dem Geſicht und deſſen Ausdruck bald inne, daß der Gondolier ſeiner Tante, welcher bei der Fahrt nach der Villa Angri das Ruder hatte fallen laſſen, vor ihm ſtand.„Ihr ſeid's?“ ſagte er mit einem verwunderten Blick auf die Kleidung des Dieners. Dieſer verſtand ihn ſogleich und erklärte, daß er Urlaub habe, ſeine Verwandten zu beſuchen, und dazu nicht in herrſchaftlicher Livree gehen könne. Der junge Deutſche hatte darauf nichts zu erwidern, nickte ihm freundlich zu, grüßte das Mädchen höflich und ent⸗ fernte ſich. 101 „Nun, Maddalena?“ ſagte Mas' Antonio, deſſen Blick ſich wieder verfinſtert hatte, als er ſah, wie ſie dem Fremden nachſchaute, als könne ſie ihre Augen gar nicht von ihm abwenden. „Was willſt Du?“ fragte ſie unſchuldig. „Das iſt er, von dem ich Dir erzählt habe“, er— widerte er. „War er das?“ entgegnete ſie und blickte von neuem dem Fremden nach, deſſen hohe Geſtalt eben im Gewühl verſchwand.„Ich glaube Dir nicht, Mas'. Nun ich ihn geſehen habe, glaube ich Dir nicht. Ma⸗ donna wäre auch nicht fünf Tage bei uns geblieben, wenn Du Recht hätteſt.“ Er antwortete nur mit einer der ausdrucksvollen Geberden, welche im dortigen Volke keiner Erklärung bedürfen. Dann ſprach er:„Ich habe Dir nun Alles geſagt. Wenn Du wieder heimkommſt zu Deinem Kinde, weißt Du, woran Du biſt. Nur mir, Deinem Vetter, darfſt Du trauen, nur mir haſt Du zu gehorchen.“ Sie blickte ihn ruhig an; in ihren Mienen lag keine Widerſetzlichkeit, aber ebenſo wenig unbedingter, demüthiger Gehorſam. Wenn der Deutſche das Paar jetzt beobachtet hätte, ſo würde er jeden Gedanken, daß es ein liebendes ſein könne, aufgegeben haben. Südli⸗ ches Blut äußert ſich aber anders, als er es begreifen konnte. 102 „Wann gehſt Du?“ fragte Mas' Antonio. „Morgen oder übermorgen, ſobald Madonna be⸗ fiehlt“, antwortete ſie. „Gut. Sie hat Dir erlaubt, heute in die Stadt zu kom⸗ men“, verſetzte er.„Ich aber verbiete es Dir. Verſtanden?“ Sie ließ die langen Korallenſchnüre, welche in dreifacher Reihe auf ihre volle Bruſt herabhingen, durch ihre gebräun⸗ ten Finger laufen und ſagte ruhig:„Warum, Don Maſo?“ „Weil ich nicht will!“ rief er wild.„Verſuche es auf Gefahr Deines Lebens!“ Er legte die Hand an den Gürtel, als ſuche er dort eine Waffe, die er gegen das Verbot der Regierung trug. Jetzt belebte ein klares Lächeln die Züge des Mäd⸗ chens.„Du thuſt mir doch nichts!“ ſagte ſie. Aber vor der Wuth, die ſich bei dieſer Herausforderung in ſeinen Zügen malte, vor dem funkelnden Stahl, der plötzlich in ſeiner Hand emporzuckte, wich ſie erſchrocken zurück. Beide ſahen ſich einen Moment an. Er verbarg das Meſſer wieder, ſchüttelte die Hand drohend gegen ſie und ſtürzte hinweg, ohne ihr ein Wort der Beruhigung zu ſagen. Sie ſtand noch einen Mo⸗ ment, eine Thräne ſtahl ſich aus ihren Augen, welche ihm ſtarr nachblickten, dann erhob ſie den Kopf mit ei⸗ nem ſtolzen Nackenwurf und ſchritt mit leichtem Gange den Weg hinab, welcher nach der Grotte des Pauſilippo führte Fünftes Kapitel. Mm Hofe. Große Cour war bei der Königin befohlen, und die Anfahrt im Palazzo reale dauerte länger als je, denn nicht allein die Großwürdenträger und das zahlreiche Heer der Bevorrechteten, welche bei Hofe erſcheinen mußten, der größere Theil des Hochadels, der ſich eifrig der neuen Dynaſtie, weil ihr Thron bis vor kurzem für die Ewigkeit befeſtigt ſchien, angeſchloſſen hatte, ſondern auch Viele, welche keine dringende Verpflichtung hatten, ſich öfter in der Reggia zu zeigen, ließen heute ihre Wa⸗ gen vorfahren. In der Stadt hatte ſich die Kunde ver⸗ breitet, daß ein königlicher Kurier mit Depeſchen aus Deutſchland angekommen ſei; man durfte hoffen, bei der Cour wichtige Nachrichten zu erfahren, und wenn ſie günſtig lauteten, ſogar aus dem Munde der Königin ſelbſt. Ihr Schweigen im andern Falle konnte bedeu⸗ tungsvoll werden. Politiker machten ſich die Lage klar. Neapel war —— — 104 nicht unmittelbar bedroht; wenn auch von Sicilien aus der vertriebene König Ferdinand und die unverſöhnliche Königin Karoline nach dem verlorenen Reiche ſehnſüchtig herüberſchauten, ſo konnten ſie ſelbſt mit britiſcher Hülfe nicht daran denken, eine Wiedereroberung zu verſuchen. England war von dem Continentalkriege, den es gegen Napoleon unterſtützte, ganz in Anſpruch genommen, den Bourbons ſtand kein eigenes Heer zu Gebote, und ihre Partei in Neapel war geſchwächt, vor allem aber ein⸗ geſchüchtert durch die rückſichtsloſe Strenge, mit welcher die Franzoſen gegen ſie verfahren waren. Noch wirkte die Erinnerung an den unglücklichen General Rodio, welcher, beſchuldigt, das Volk aufgeregt zu haben, von einem Kriegsgericht freigeſprochen, auf Anſtiften einiger Franzoſen, deren Raubgier er einſt als Civilcommiſſar des Königs entgegengetreten, ſowie zweier vornehmer Neapolitaner, ſeiner Feinde, von der Regierung zehn Stunden darauf vor ein zweites Kriegsgericht geſtellt, von dieſem verurtheilt und darauf ſchimpflich von hinten erſchoſſen worden war; noch hatte man die Verfolgungen des Jahres 1807 im Gedächtniß, wo der Staatsrath des Königs Joſeph, Veechioni, nach Turin geſchleppt, Luigi la Giorgi, ein reicher Edelmann, im Kerker geſtorben, der Herzog Filomarina enthauptet, der Oberſt Marcheſe Palmieri, für den die Volksmenge 105 vergebens um Gnade geſchrieen, an den Galgen gehängt, wo der Prinz Ruffo Spinoſa, die Grafen Barbo⸗ lazzi und Chartani, wo Damen von Rang, wie Luiſa de Medici und Mathilde Calvez, der Biſchof von Seſſa, Monſignor de Felice, und eine große Zahl von Prieſtern und Mönchen lange Zeit gefangen gehalten worden waren. Die Grauſamkeit, mit welcher General Manches das Brigantenweſen unterdrückt hatte, war noch in friſcherem Andenken. Kein Wunder, wenn die bourboniſche Par⸗ tei im Lande entmuthigt war und kein Lebenszeichen mehr von ſich gab. Aber mehr als durch dieſe Schrecken hatte die franzöſiſche Herrſchaft durch Wohlthaten ſich zu befeſtigen geſucht. Es war nicht zu leugnen, daß Neapel ihr unendlich viel Gutes verdankte, und Viele im Lande, welche früher den aufgedrungenen Kö⸗ nig Joſeph ſowohl wie Murat mit feindſeligem Blick betrachtet, hatten ſich vollſtändig mit der neuen Ordnung der Dinge, welche, abgeſehen von perſönlichen Intereſſen, dem Vaterlande zum Segen gereichte, ausgeſöhnt. Darum konnte es wohl möglich ſein, daß die Regierung ſich durch eine weiſe und vorſichtige Politik in der gefährli⸗ chen Kriſis, welche ſeit Jahresfriſt in Europa eingetreten war, behauptete. An einen Sturz Napoleon's von der Höhe ſeiner Weltherrſchaft dachte zwar Niemand, aber daß ſie erſchüttert war und ihre Herſtellung eines Rie⸗ 106 ſenkampfes bedurfte, konnte ſelbſt von den Fanatikern des Kaiſerreichs nicht in Abrede geſtellt werden, und es fragte ſich nur, wie dieſer Kampf endigen, ob der König von Neapel, der ſchon Anſtalten getroffen hatte, ſich da⸗ von zurückzuziehen, um nur dem Wohle ſeines Staats zu leben, bis zu Ende auf alle Gefahr hin daran Theil nehmen und welchen Lohn er, im Fall der Kaiſer Sieger bliebe, von dieſem davontragen, oder, wenn Napoleon unterliege, ob Joachim es verſtehen werde, ſeine Krone aus dem Schiffbruche zu retten. Vielleicht gaben die Nachrichten, welche man heute zu erfahren hoffte, einen Fernblick in die Zukunft. Zum zweiten Male hatte Joachim Murat, als er in den Krieg ſeines kaiſerlichen Schwagers gezogen war, ſeine Gemahlin zur Regentin des Reichs erklärt, und er hätte die Regierung in keine beſſern Hände legen können. Karoline Bonaparte, die jüngſte Schweſter des Kaiſers, war nicht ſo ſchön als ihre Schweſter Pauline, welche an den Fürſten Borgheſe vermählt war, aber ſie war an Geiſt und Klugheit eine ſeltene Frau, wie von einer faſt männlichen Feſtigkeit. Mit welcher Feinheit wußte ſie ſtets zwiſchen ihrem Bruder, an deſſen Inter⸗ eſſen ſie mit voller Hingebung feſthielt, und ihrem Gemahl, der ſchon ſeit Jahren danach ſtrebte, ſich von der Abhängigkeit eines Vaſallenkönigs zu befreien, den 107 Frieden zu vermitteln! Ohne ſie wäre es bei der Heftigkeit ihres Gemahls und dem unbeugſamen Herrſcher⸗ willen ihres Bruders längſt zum Bruche gekommen. Als der König in Rußland, nachdem der Kaiſer die Trümmer ſeiner großen Armee verlaſſen, um nach Paris voraus⸗ zueilen, ſich in unvorſichtiger Weiſe über ſeinen eigenen nothwendig einzuſchlagenden Weg geäußert hatte, war er ſchon von Davouſt, der in ihm nicht den Monarchen, ſondern nur den alten Waffengefährten und Feldherrn des Kaiſers, alſo ſeinesgleichen erkannte, mit der je⸗ nem Marſchall eigenthümlichen Rückſichtsloſigkeit behan⸗ delt worden.„Die Beherrſcher von Oeſterreich und Preußen ſind es von Gottes Gnaden“, hatte er ihm— geſagt,„Sie aber ſind nur König durch Napoleon's Gnade und franzöſiſches Blut!“ Murat hatte darauf heftig geantwortet, ſich aber nicht abhalten laſſen, nach ſeinem Königreiche abzureiſen und die Reſte ſeiner nea⸗ politaniſchen Truppen nachzuziehen. Dieſer Schritt war im„Moniteur“ bekannt gemacht und ſtark getadelt worden, da ſeine Anweſenheit in Neapel, das er in den beſten Händen gelaſſen, durchaus nicht nothwendig ſei. Schärfer hatte ſich der Kaiſer in einem Briefe an ſeine Schweſter ausgeſprochen, in welchem er Joachim einen Abtrün⸗ nigen und Unwürdigen genannt, unfähig in der Politik, unwürdig ſeiner Verwandtſchaft und für ſeine Machina⸗ 108 tionen einer öffentlichen und ſtrengen Züchtigung werth! Der König, wüthend über dies Schreiben, deſſen er ſich bemächtigt, hatte ſogleich in der erſten Zorneshitze dar⸗ auf geantwortet und unter Anderem dem Kaiſer geſagt:„Die Wunde iſt meiner Ehre geſchlagen, und es ſteht nicht mehr in der Macht Ew. Majeſtät, ſie zu heilen! Sie haben einen aiten Waffengefährten beleidigt, der Ihnen treu in Gefahren, kein geringes Werkzeug Ihrer Siege und eine Stütze Ihrer Größe geweſen iſt, der Ihren ſchwan⸗ kenden Muth am 18. Brumaire wieder beſeelt hat!“ Es war ein kühner Vorwurf, welchen Murat in dieſen letzten Worten wagte; der Kaiſer ließ ſich ungern daran erinnern, daß er als General Bonaparte an jenem verhängnißvollen Tage, als er den großen Staatsſtreich, das Directorium von Frankreich zu ſtürzen und ſich zum erſten Conſul ernennen zu laſſen, ſchon einmal den Muth ſinken laſſen und ſich verloren geglaubt hatte. Murat war aber noch weiter gegangen.„Wenn es eine Ehre iſt, wie Sie ſagen, Ihrer Familie anzugehören, ſo er⸗ widere ich darauf, Sire, daß Ihre Familie durch mich ebenſoviel Ehre empfangen hat, als ich von ihr durch die Aufnahme als Gatte Karolinens. Tauſendmal, ob⸗ gleich König, beſeufze ich die Zeiten, in denen ich als einfacher Offizier wohl Vorgeſetzte, aber keinen Herrn hatte. König geworden, aber in dieſer höchſten Stellung 109 von Ew. Majeſtät tyranniſirt, in der Familie beherrſcht, habe ich mehr als je das Bedürfniß der Unabhängigkeit, den Durſt nach Freiheit gefühlt. So kränken, ſo opfern Sie Ihrem Mißtrauen die Männer, die Ihnen am treueſten und beſten auf dem gewaltigen Wege Ihres Glückes gedient haben; ſo wurde Fouché Savary ge⸗ opfert, Talleyrand Champagny, Champagny Baſſano und Murat Beauharnais, jenem Beauharnais, der bei Ihnen das Verdienſt ſtummen Gehorſams hat und das andere (vielleicht noch angenehmer, weil es knechtiſcher iſt): dem Senat von Frankreich mit heiterem Angeſicht die Ver⸗ ſtoßung ſeiner Mutter verkündigt zu haben!“ Vergaß der König von Neapel, als er dieſe Stelle niederſchrieb, daß corſiſches Blut in den Adern Napoleon Bonaparte's rollte, und daß der Corſe ſeinem Feinde nie vergibt, wenn auch die Vendetta, die Blutrache, nicht mehr als ein heiliges Vermächtniß uralter Zeiten von Geſchlecht zu Geſchlecht erbt? Wer weiß, wie der Kaiſer die unerhörte Sprache, die ſich ſein Schwager gegen ihn erlaubt hatte, einſt geahndet haben würde; jetzt bedurfte er ſeiner, und ſo ignorirte er, was Murat in der Auf⸗ wallung geſchrieben hatte. Er ermahnte ihn nur, in ſeiner Politik vorſichtiger zu ſein, und ließ ſich endlich durch die beſchwörenden Briefe ſeiner Schweſter anſcheinend beſänf⸗ tigen. Ein Schreiben, in verwandtſchaftlicher Zuneigung 110 gehalten, war für Joachim das Friedenspfand. Gleichzeitig hatte dieſer Briefe vom Marſchall Ney und dem Mini⸗ ſter Fouché erhalten. Der erſtere hatte ihm die Ungeduld der Armee, den König von Neapel wieder in ihren Rei. hen zu ſehen, geſchildert, ihm geſagt, daß die Cavallerie laut nach ihrem Führer rufe, ohne den ſchon zwei Schlachten gewonnen worden; Fouché hatte ſchlau eine andere Saite angeſchlagen, ein anderes Intereſſe zu wecken geſucht, indem er es für eine Pflicht ſeiner Freund⸗ ſchaft erklärt, ihm zu eröffnen, daß ſich ein Friedens⸗ congreß zu Prag vorbereite und der König von Neapel, wenn er im Feldlager anweſend ſei, unfehlbar zugelaſſen werden, als Abweſender aber vergeſſen bleiben würde. Die Pflicht und die Ehre wie der eigene Vortheil riefen ihn alſo nach Dresden. Dennoch hatte der König ſelbſt einer unmittelbaren Aufforderung des Kaiſers noch Wi⸗ derſtand geleiſtet, weil Pläne hochfliegender Art, die ſchon ſeit drei Jahren ihn beſchäftigten, der Verwirklichung nahe ſchienen. Als er aber den ſtundenlangen Bitten der Königin und eines ſeiner Miniſter in der Nacht nach Empfang jenes Briefes nachgegeben und ſich ſein Geheim⸗ niß hatte entreißen laſſen, da war es Karolinen, die ihr Entſetzen darüber meiſterhaft zu verbergen wußte, gelun⸗ gen, ihn zu überzeugen, daß es jenem großen Gedanken, Italien unter ſeiner Herrſchaft zu vereinigen, keinen Ein⸗ 111 trag thue, wenn er, dem Rufe ſeines franzöſiſchen Vater⸗ landes gehorchend, zum Kampf an die Elbe eile; dort kämpfe er als Prinz des franzöſiſchen Hauſes, hier werde ſie, die Regentin, ſeine Intereſſen als König wah⸗ ren und die angeknüpften Unterhandlungen mit Lord Bentinck zum Abſchluß bringen. Die Schweſter Napoleon's mit dem britiſchen Oberbefehlshaber der Hülfstruppen in Sicilien und Bevollmächtigten am Hofe König Ferdi⸗ nand's! Es kann Staunen erregen, daß Murat ſich durch die ſeltſamen Combinationen ſeiner Gemahlin überreden ließ, und iſt jedenfalls charakteriſtiſch für ihn. Indeſſen hatte die Politik ſchon wunderlichere Dinge hervorgebracht. War doch die andere Königin Karoline, die ſich auch Königin beider Sicilien nannte, Maria Thereſia's Tochter, die Schweſter der unglücklichen Maria Antoinette von Frankreich, welche den Haß gegen die Franzoſen und die Rache an den Widerſachern ihres Hauſes zu ihrem Lebens⸗ element gemacht hatte, vor zwei Jahren, entrüſtet über die hochfahrende engliſche Protection, von neuer Hoffnung beſeelt für die Wiedererlangung des neapolitaniſchen Throns durch die Verbindung Napoleon's mit einer Prinzeſſin des Kaiſerhauſes von Oeſterreich, ihrer Nichte Marie Louiſe, war ſie doch vor zwei Jahren mit ihrem Todfeinde in Verbindung getreten! Konnte man ſich etwas Unnatürlicheres denken, als Karoline von Habsburg-Bour⸗ 112 bon und Napoleon Bonaparte im Einverſtändniß zur Verjagung der Engländer aus Sicilien und Murat's aus Neapel, wo ihr Gemahl dann, verbündet mit Frankreich und abhängig von ihm, mit franzöſiſchen Geſetzen regie⸗ ren ſollte? Dieſer Plan, der weder in Form eines Trac⸗ tats gebracht, noch überhaupt ſchriftlich verhandelt wor⸗ den, war von beiden Theilen nur ein Spiel der Argliſt geweſen. Sie wollte nur Neapel gewinnen, er Sicilien den Engländern entreißen; jedes gedachte dann dem andern die Frucht zu entwinden. Es bewies aber die Wandelbarkeit auch der Extreme in der Politik, wie es ſich ja fortgeſetzt hat bis auf unſere Tage. König Murat, in deſſen Feuerſeele ſtets die Phantaſie über den kalten Verſtand die Herrſchaft davontrug, der überhaupt wenig geeignet war, ſcharf zu ſichten und lange zu über⸗ legen, hatte ſich von ſeiner Gemahlin bereden laſſen, daß es möglich ſein werde, als frarzöſiſcher Prinz unter Napoleon's Adlern zu kämpfen und gleichzeitig mit Na⸗ poleon's Feinden Tractate zur Eroberung der Napoleoni⸗ ſchen Provinzen in Italien zu ſchließen; er hatte ſofort ſeine Feldequipage in Stand ſetzen laſſen und war nach Dresden in das Hauptquartier des Kaiſers abgereiſt. Von allen dieſen Familienangelegenheiten, wenn man ſie ſo nennen will, wußten die hochgeſtellten und ange⸗ ſehenen Perſonen, welche heute zur Cour bei der Regen⸗ 113 tin ſtrömten, nichts, und ſie ſollten auch nichts davon er⸗ fahren. Es war eine glänzende Verſammlung, ſo zahl— reich, wie ſie lange nicht in dem königlichen Palaſte ge⸗ ſehen worden war. Die großen Kron⸗ und Hofbeamten, die Miniſter, die Mitglieder des Staatsraths, die Gene⸗ ralität und das Offiziercorps, die Municipalität, ſelbſt die Univerſität, die Akademien und die vom Könige ge⸗ gründeten Geſellſchaften waren vertreten, vorzüglich aber ſah man vom hohen Adel viele Herren und Damen. Manche von ihnen, welche frühere Zeiten gekannt hatten, mochten Vecgleiche zwiſchen jetzt und damals anſtellen. Auch näher liegende Anläſſe drängten ſich der Erinnerung auf. „Iſt es nicht wie die letzte Gratulationscour vor der Abreiſe unſerer vorigen Königin, der jetzigen von Spanien?“ flüſterte ein junger Mann in der Uniform eines Staatsraths einem Cavalier zu, der eben mit einer reizenden Frau im Kreiſe der Damen hatte und ſich ihm jetzt näherte. „Sie glauben doch nicht, daß es auch eine letzte Cour ſein könnte, Vetter Camillo?“ entgegnete der Ca⸗ valier, indem er einen Blick umherwarf, ob die anſtößige Rede auch nicht gehört werde. „Könnte nicht auch für König Joachim ſich ein größerer Thron finden, wie für König Joſeph?“ ſagte der erſtere wieder.„Vielleicht kehrt er nach 8 Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. 1. 114 zurück, von wo er zu uns gekommen iſt, und nimmt von dem ſiegreichen Kaiſer eine mächtigere Krone in Empfang!“ „In Deutſchland? Wiſſen Sie dort eine ſolche?“ verſetzte der Vetter geringſchätzig.„Es freut mich aber, daß Sie nicht an dem Siege des Kaiſers zweifeln. Ihre Schweſter hat ſchon etwas davon ausgeplaudert, ſie beſann ſich jedoch, daß ſie der Königin nicht vorgreifen dürfe, und brach plötzlich in der intereſſanten Mittheilung ab. Eine entzückende Frau, Virginia! Ich gönne ſie dem froſtigen, rohen Nordländer nicht; mir iſt, als müſſe ſie an ſeiner Seite erfrieren!“ Camillo erwiderte nichts auf dieſe Worte, welche ſich nicht ganz für den ältlichen Herrn, ſeinen Vetter, paßten, er blickte nicht einmal nach ſeiner Schweſter hinüber.„Ihre Reminiscenz an die letzte Gratulations⸗ cour bei der Königin Julia“, fuhr der Vetter fort, indem er behaglich lächelte,„ruft mir jene Zeit und die ganze Reiſe, welche ich die Ehre hatte, mitmachen zu dürfen, lebhaft in das Gedächtniß. Sie wiſſen, daß ich der einzige Cavalier war, der ſie begleitete, außer mir die Herzogin von Caſſano, die Marcheſa del Gallo und die Prinzeſſin Doria⸗Avellino, meine Couſine.“ „Sie dehnen die Bande der Verwandtſchaft ſehr weit aus, Herr Vetter!“ verſetzte Camillo ironiſch. „Doria⸗Avellino, Doria⸗Angri und wir, Angri ſchlicht⸗ Siee 115 weg— haben Sie noch kein Diplom für die Akademie der Geſchichte und Alterthümer? Ich hätte nicht ge⸗ glaubt, daß die Genealogie Ihre Leidenſchaft wäre! Sie müſſen mit einem jungen Deutſchen bekannt wer⸗ den, den ich kürzlich draußen bei der Villa reale auf dem Corſo Napoleone getroffen habe; er hätte an dem Prinzen Emilio Angri den beſten Cicerone in das Ge⸗ biet dunkler Geſchlechtsfragen gefunden.“ „Voll Stachel und Spitzen, wie immer!“ ſagte Emilio.„Sie ſcheinen aber auch eine Leidenſchaft ge faßt zu haben, nämlich für die Deutſchen. König Joachim ſoll unſere ſchöne Krone mit einer mãch· tigern in Deutſchland vertauſchen, die natürlich erſt ge ſchmiedet werden müßte, und Sie importiren uns da⸗ für vielleicht den König von Weſtfalen. Bewegung unter den Verwandten wäre gewiß im Intereſſe des Kaiſers; Stabilität erregt Unabhängigkeitsgelüſte und landesväterliche Paſſionen, die ſich nicht immer mit der erſten Rückſicht eines kaiſerlichen Prinzen vertra⸗ gen. Denken Sie an den König von Holland, gelieb⸗ ter Vetter. Ich weiß aber, durch wen Sie dieſe alemanniſchen Anwandlungen gewonnen haben, durch Ihre reizende Schweſter und deren tapfern Gemahl. Halte— là! Qui vive? Iſt der junge Deutſche, von dem Sie ſprachen, vielleicht derſelbe, von welchem man 8* 116 ſich erzählt, daß er als naher Verwandter in das Haus der Göttlichen eingedrungen iſt?“ Der Stab des Oberceremonienmeiſters, welcher, hart auf das Parquet des Saales geſetzt, die Ankunft der Königin verkündete, überhob Camillo der Antwort. Prinz Emilio, ſein Vetter, eilte, wie alle Welt, den Standort einzunehmen, den ihm ſein Rang nach der Hofordnung vorſchrieb. Auch hier wie am Kaiſerhofe der Tuilerien hatte ſich die neue Herrſchaft mit allen Inſignien und allem Pompe der alten Monarchien umkleidet; das bloße Waffenkleid, die kriegeriſche Einfachheit eines glücklichen Soldaten in neuer ſchlichter Umgebung, aus Volksele⸗ menten gebildet, würde den Völkern nicht imponirt haben. Bei dem Zeichen des Oberceremonienmeiſters verſtummte augenblicklich das Geſchwirr der lebhaften Unterhaltung, das bisher in der Verſammlung geherrſcht hatte, Alles reihte ſich im weiten Halbkreiſe und weiter⸗ hin in den anſtoßenden Gemächern zur langen Doppel⸗ reihe und erwartete den Eintritt der Regentin. Die Königin erſchien unter Vortritt der Hofchargen; zwei Pagen, ſchöne Knaben aus den vornehmſten Geſchlech⸗ tern, trugen ihr die Schleppe, ihre Damen und Cava⸗ liere folgten ihr. Sie erwiderte die tiefe Verneigung aller Anweſenden mit huldvollem Lächeln und einem Blick, welcher grüßend die Runde überſtreifte; ihr Auge 117 war heiter, ihr Antlitz voller Sonnenſchein. Die Er⸗ wartung, in welcher ſo Viele gekommen waren, hatte ſie nicht getäuſcht. Die Regentin verkündigte dem Hofe und der Verſammlung einen großen Sieg, welchen die Waffen des Kaiſers bei Dresden über die Hauptarmee der Verbündeten davongetragen hatten, und betonte mit Stolz, wie dieſer Sieg vorzüglich dem Könige von Neapel zu danken geweſen. Er, vom Kaiſer mit der Lei⸗ tung des großartigen Ausfalls beauftragt, hatte an der Spitze von 20,000 Pferden den linken feindlichen Flü⸗ gel umgangen und vernichtet; 13,000 Oeſterreicher, welche er gefangen in Dresden einführen konnte, hatten ſeinen Triumphzug geſchmückt. Noch verkündigte die Königin mit einem zweiten, den Kreis durchlaufenden Blicke, daß General Moreau, der als Verräther an ſei— nem Vaterlande ſich den Feinden deſſelben zur Verfü⸗ gung geſtellt, an der Seite des Kaiſers Alexander ſeinen Tod gefunden habe. Ihr Blick erſetzte Alles, was ſie an dieſe Nachricht hätte anknüpfen können, und Mancher in der Verſammlung fühlte ſich unbehaglich dabei. Aber Karoline Murat war heute nur Huld und Gnade; ſie ſchritt langſam durch den weiten Bogen der Anweſenden, nahm deren Huldigung nochmals ein— zeln an, ſprach mit vielen in freundlichſter Weiſe und wußte ſtets Fragen oder Worte zu finden, welche an⸗ 118 ſprechend waren. Wenn alte Hofleute, welche zu andern Zeiten hier oder an fremden europäiſchen, beſonders deutſchen Höfen Aehnliches oft erlebt hatten, ſich die nichtsſagenden Redensarten zurückriefen, mit denen Po⸗ tentaten und Potentätchen ihren Rundgang abhielten, immer dieſelben, gleichſam auswendig gelernt, mehr zum Belächeln als zum Hervorrufen beglückter Geſichter ge⸗ eignet, wie ſie doch pflichtmäßig der Anrede folgen muß⸗ ten, ſo bekamen ſie allen Reſpect vor dem Geiſte dieſer Frau, welche doch immer nur eine Juriſtentochter von zweifelhaftem Adel und die Gattin eines Gaſtwirthsſoh⸗ nes war. Majeſtätsverbrecheriſche Gedanken im Palazzo reale angeſichts der Schweſter Napoleon's, des Gebieters von Italien! Als die Königin den großen Saal verließ, um auch in den andern Gemächern, wohin die Rangordnung ſich abſtufte, die Ehrfurchtsbezeigungen mit gleicher Huld ent⸗ gegenzunehmen, flutete die Geſellſchaft hinter ihrem Gefolge zuſammen. Der Zufall wollte es, daß Camillo ganz gegen ſeine Abſicht in die Nähe ſeiner Schweſter kam; vielleicht hatte ſie die ſeinige geſucht. Es war ihm nicht entgangen, daß die Königin mit Virginia nicht geſprochen hatte. Sie konnte natürlich nicht an jeden Herrn und jede Dame von den Hunderten, welche zur Cour gekommen waren, ein Wort richten und wußte 119 meiſt mit ſeltenem Scharfblick diejenigen Perſonen her⸗ auszufinden, bei denen es nöthig oder klug ſchien; aber Camillo hatte doch nicht geglaubt, daß ſie an ſeiner Schweſter, deren Gemahl bei dem Könige in hoher Gunſt ſtand, vorübergehen würde, ohne ihr wenigſtens einen freundlichen Blick, ein Lächeln zu ſchenken. Vir⸗ ginia war aber dadurch nicht unangenehm berührt wor⸗ den, das zeigte ihr unbefangen heiteres Antlitz, ſelbſt ihr leichtes Fächerſpiel im Geſpräch mit dem Vetter Emilio, welcher ſich wieder zu ihr gefunden hatte; keine Spur von jener affectirten Gleichgültigkeit, welche ein ſcharfes, welterfahrenes Auge ſo leicht durchſchaut, ſon⸗ dern das harmloſe, faſt kindliche Weſen, das den Bru⸗. der, wenn er es an ihr bemerkte, tief traurig machte. Sie blickte zu Camillo auf, als ſie mit dem Vet⸗ ter dem Strome folgend an ihm, der zurückbleiben wollte, vorüberſchritt.„Gute Nachrichten! Gott ſei Dank!“ ſagte ſie herzlich zu ihm, indem ſie verweilte. „Der Vater beſſert ſich täglich.“ „Gott ſei Dank, ja!“ wiederholte er. „Hat Dir Tante Margherita heute geſchrieben?“ fragte ſie. „Nein“, war ſeine ruhige Antwort. „Mir aber, Camillo“, ſagte ſie.„Wir dürfen nicht die leiſeſte Beſorgniß mehr haben.“ Sie nickte ihm freund⸗ 120 lich zu und ließ ſich von ihrem Begleiter, welcher mit verbindlichem Lächeln zugehört hatte, weiter führen. „Brüder ſind doch Barbaren, wahre Schythen und Hunnen gegen ihre Schweſtern!“ ſprach Prinz Emilio zu ihr.„Welcher Mangel an Aufmerkſamkeit, an der gewöhnlichſten Artigkeit in ſeinen Manieren gegen die divina Virginia! Ein Eisbär, ein Cyklop!“ „Geſchwiſter legen keinen Werth auf äußere Schön⸗ thuerei!“ erwiderte ſie lachend.„Wollen Sie ihm nicht gar den Vorwurf des Schweſterhaſſes machen? Camillo iſt nur kalt von außen.“ Sie nahm ſo warm für den Bruder Partei, der doch, wie alle Welt wußte, mit ihrem Manne in keinem freundſchaftlichen Verhältniß ſtand! Ob er während deſſen Abweſenheit die Schweſter beſuchte, war zweifelhaft. Prinz Emilio wenigſtens, welcher in ſeine ſchöne Couſine wirklich verliebt war und gar zu gern der Cavaliere ſer⸗ vente des Hauſes geworden wäre, hatte ihn noch niemals dort getroffen. Er ließ denn die Sache fallen und ftagte nach der Tante Margherita, welche er noch als blühendes Mädchen gekannt hatte, ehe ſie in das Kloſter gegangen war; er wußte auch den tiefer liegenden Grund, der ſie zu dieſem Entſchluſſe bewogen, wie er denn über— haupt ſich vermaß, wenn auch nicht mit der Genealogie, wie Camillo vermeinte, wohl aber mit der geheimen 224 Geſchichte ſeiner ganzen weitverzweigten Verwandtſchaft bekannt zu ſein. Sehr neugierig von Natur, wollte er von Virginia wiſſen, ob die Frau Aebtiſſin ſich gar nicht über ihre Vergangenheit geäußert habe, ob ſie noch gut ausſehe und wie ihr die Kloſtertracht ſtehe. Mit dieſen und andern kleinlichen Dingen beläſtigte er die junge Frau, bis dieſe zuletzt ganz ungeduldig wurde und ihm ſagte, ob er als einziger Cavalier unter ſo vielen Damen auf der Reiſe mit der Königin Julia vielleicht dieſe Stecknadelintereſſen liebgewonnen habe. Er biß ſich ein wenig auf die Lippen, erwiderte aber freundlich lächelnd:„Nadeln ſtechen, ſchöne Couſine. Wünſchen Sie nicht, daß ich ein Liebhaber von Nadeln ſei. Tödten können Nadelſtiche zwar nicht, aber empfindlich verletzen und zur Verzweiflung bringen.“ Wie er dieſe Rede meinte, ob in Bezug auf ſich, daß ihn Virginia für ſeine vielen Aufmerkſamkeiten mit Nadelſtichen verfolge, oder ob es eine Drohung war, daß er endlich gereizt auch zu dieſer Waffe greifen könne, blieb zweifelhaft; es intereſſirte Virginia auch nicht. Prinz Emilio war ihr eine durchaus unbedeutende Per⸗ ſon, die ſich nicht einmal der Nadelſtiche getraute, ſon⸗ dern höchſtens läſtig wie eine Herbſtfliege werden konnte: zehnmal verjagt und immer wieder da. Sie wußte ihn auch bald, indem ſie mit andern Bekannten ſprach, 122 zu iſoliren; er hörte dem Geſpräch noch eine Weile mit ſeinem ewigen verbindlichen Lächeln zu, dann aber faßte er plötzlich einen mannhaften Entſchluß, wandte ſich kurz ab und ſuchte ſich andere Geſellſchaft, als dieſe undank⸗ bare Frau, die er jedoch nicht aus den Augen ließ, weder hier, noch ſonſt. An die Cour ſchloß ſich unmittelbar ein glänzen⸗ des Feſt an, denn die Königin verſtand es faſt mehr noch als ihr prachtliebender Gemahl, den Hof von Neapel mit Glanz zu umgeben. Unter den Bourbonen mochte im königlichen Palaſt mehr Ceremoniel und altſpaniſches Gepränge geherrſcht haben, Geſchmack und Luxus, dem jetzigen vergleichbar, gewiß nicht. Als die Verſammlung endlich ſpät entlaſſen wurde, fuhren die Meiſten mit der vollen Ueberzeugung nach Hauſe, daß an einen Wandel der Dinge nicht mehr zu denken ſei; ſelbſt diejenigen, die mit der neuen Regierung insgeheim noch grollten, ſagten ſich, daß es wohlgethan ſein werde, die Hoffnung auf einen Wetterſturm aus Sicilien auf— zugeben und ſich ſo gut als möglich mit den Thatſachen der Gegenwart zu verſöhnen. Der Sieg Napoleon's, welchen die Königin ſo ſtolz verkündigt hatte, war auch durch Privatnachrichten von andern Perſonen als der Gräfin Virginia beſtätigt worden, ja, durch die genauere Darſtellung, welche ein General ſeinen Freunden in einem 123 Nebengemache vorgeleſen hatte, war die Wichtigkeit dieſes Siegs noch bedeutend erhöht worden. Nach den abge⸗ brochenen Friedensunterhandlungen und dem Ablauf des Waffenſtillſtandes, als Oeſterreich ſeine ganze Macht den Alliirten zugeführt hatte, war es den Freunden des Kaiſerreichs ſehr bedenklich erſchienen, ob es Napoleon bei all ſeiner Feldherrnkunſt gelingen werde, ſich im Kampfe gegen eine ſolche Uebermacht ſeiner Feinde zu behaupten. Nun hatte aber ſein erſter Hauptſchlag gerade Oeſterreich getroffen, hatte ihm, gleichſam zur Strafe für ſeinen Abfall, eine furchtbare Niederlage be⸗ reitet und konnte bei der Uneinigkeit, die allen Coali— tionen eigen iſt, leicht die ganze Action der Gegner läh⸗ men, während Napoleon, ein Meiſter in der Kunſt, ſeine Siege energiſch zu benutzen, nicht ſäumen werde, einen nach dem andern niederzuwerfen, ehe ſie ſich gegenſeitig unterſtützen konnten. Dann mit der Großmuth, die ſchon dem Kaiſer Alexander wie dem Kaiſer Franz, ſeinem Schwiegervater, bedeutende Vortheile bei einer Verſtän⸗ digung mit ihm geboten hatte, mochte er vielleicht für ſeine erneuten Vorſchläge ein geneigtes Ohr finden und das verhaßte Preußen ganz zertrümmern. Wer weiß, wie bald ein Decret, aus einer feind⸗ lichen Hauptſtadt datirt, dem erſtaunten Europa ver⸗ kündigte, wie es einſt den Bourbons von Neapel ge⸗ 124 ſchehen:„Das Haus Hohenzollern hat aufgehört zu re⸗ gieren.“ Von ſolchen Gedanken erfüllt, beſuchte am Tage nach der Cour Prinz Emilio Angri ſeinen Vetter Camillo, welcher ihm geſtern nicht mehr Stand gehalten und das Feſt weit früher als er verlaſſen hatte. Er fand ihn verſtimmt, was ſich bei den erſten gewechſelten Reden zeigte, doch ſchien es nur eine vorübergehende Anwand⸗ lung zu ſein, denn er leugnete die Bemerkung, welche Emilio darüber machte, und wurde auffallend heiter. „Sie waren in Verlegenheit, Herr Vetter“ ſagte er dann,„wie Sie unſerem Könige, falls ihn der Kaiſer, um ihn nicht allzu feſt bei ſeinem Volke von Neapel Wurzel ſchlagen zu laſſen, nach Deutſchland verſetzen wollte, eine Krone ſchaffen könnten. Da haben Sie das Problem ja gelöſt. Die Krone von Preußen iſt vacant. Brechen wir dazu noch aus dem alten Diadem der Habsburger ein Juwel, zum Beiſpiel Böhmen, nach welchem ſchon einmal der alte Fritz wie ihn die Deutſchen nennen, die Hand ausgeſtreckt hat, ſo iſt die Krone ſtattlich genug. Sind Sie nicht auch dieſer Meinung, Emilio?“ Dieſer wußte nie recht, wie er mit Camillo daran war, auch jetzt nicht, ob er im Ernſt ſprach oder ihn perfiflirte. Er nahm jedoch das Beſſere an und erwi⸗ derte:„Es würden ſich in Deutſchland wohl noch an⸗ 125 dere Combinationen machen laſſen, als auf Koſten des kaiſerlichen Schwiegervaters, den ſich Napoleon nicht durchaus verfeinden darf. Wen aber würde der Kaiſer uns als König geben?“ „Muß es denn durchaus wieder ein König ſein?“ warf Camillo hin. Der Vetter ſah ihn überraſcht an. In der Ver⸗ wandtſchaft des Hauſes Angri waren alle Parteien ver⸗ treten, wenn auch nicht in öffentlich ausgeſprochener Weiſe. Von Camillo, der eigentlich Niemand hatte, an den er ſich als Freund angeſchloſſen, und der darum auch ſehr verſchieden über ſeine wahren politiſchen Grundſätze be⸗ urtheilt wurde, glaubte doch die Mehrzahl, daß er ſich vollkommen dem neuen Gouvernement geweiht habe und ihm vielleicht noch näher ſtehe, als bekannt war. Das hingeworfene Wort fiel daher dem Prinzen Emilio auf; es konnte leicht aus officiellem Borne ge⸗ ſchöpft ſein. „Sie glauben?“ entgegnete er vorſichtig, und da ihn Camillo fragend anſah, fügte er hinzu:„Der Kaiſer könnte wirklich den Gedanken hegen?“ „Welchen Gedanken? Sprechen Sie ſich aus!“ for⸗ derte Camillo. „Nun, er könnte wohl Neapel mit dem Königreich Italien, das er ſich perſönlich vorbehalten, oder mit 126 dem andern Theile, Kirchenſtaat, Toscana, Piemont und ſo weiter, den er zum franzöſiſchen Kaiſerreiche geſchlagen hat, vereinigen. Sie können überzeugt ſein, theuerſter Vetter und Freund“ ſetzte er raſch hinzu,„daß Sie Alles, was Sie mir etwa darüber ſagen, in den treuſten und verſchwiegenſten Buſen ſenken!“ „Das weiß ich!“ erwiderte Camillo.„Allerdings brauchten wir dann keinen beſondern König mehr, indeſſen wenn wir nun einmal gar keinen König mehr in Italien hätten?“ Jetzt blickte der Vetter ihn ſtarr und erſchrocken an. „Sie ſprechen ja wie die Carbonari!“ rief er. Camillo lachte.„Sind Sie eingeweiht in deren Geheimniſſe?“ entgegnete er.„Weichen Sie mir nicht aus! Sie können überzeugt ſein, theuerſter Vetter und Freund“, wiederholte er feierlich Emilio's eigene Worte, daß Sie Alles, was Sie mir etwa darüber ſagen, in den treuſten und verſchwiegenſten Buſen ſenken!“ „Parodiren Sie mich?“ rief Prinz Emilio.„Sie können doch nicht im Ernſt glauben, daß ich mich nur entfernt mit dieſer gefährlichen Sekte eingelaſſen hätte?“ „Sie ſoll ihre Mitglieder unter den höchſten Stän⸗ den, unter den achtbarſten und aufgeklärteſten Männern, wie unter den niedrigſten und ungebildetſten Volksklaſſen zählen“, erwiderte Camillo.„Es iſt alſo keine Beleidi⸗ ————————————————L——————— 127 gung; die politiſchen Anſichten ſind ſo verſchieden! Woher wüßten Sie denn ſonſt, daß ich wie ein Carbonaro ſpreche!“ „Weil Sie von Abſchaffung des Königthums, von einer Republik ſprachen!“ rief Emilio, dem das Thema immer peinlicher wurde. „Sie haben mich falſch verſtanden! Iſt denn die Republik der Zweck jener großartigen Verſchwörung?“ „Wie ſoll ich das wiſſen?“ entgegnete Emilio im- mer unruhiger.„Ich bitte Sie ernſtlich, keinen Verdacht auf mich zu werfen. Wollen Sie mich ſondiren, ſo gebe ich Ihnen mein fürſtliches Wort—“ „O mein edler Vetter Don Emilio!“ unterbrach ihn Camillo lachend,„ich bin vollkommen von Ihrer— Integrität überzeugt, ein neugeborenes Knäblein kann nicht unſchuldiger ſein! Laſſen wir Kaiſer und Könige, Republikaner und Carbonari und freuen uns des Lebens. Wer war die wunderſchöne Procidanerin, mit welcher ich Sie heute früh auf der Straße ſprechen ſah? Das iſt doch wenigſtens ein unſchuldiges Geheimniß, welches ſelbſt Salicetti's Spione nicht zu ſcheuen gehabt hätte?“ Die Erwähnung des verſtorbenen Polizeiminiſters in unmittelbarem Verfolg des unheimlichen Geſprächs über die Carbonari war dem Prinzen Emilio nicht be⸗ ruhigend; der Vetter ſchien ſeine vorgefaßte Meinung noch nicht aufgegeben zu haben und ihn durch eine Art 128 von geiſtiger Tortur zu einem Geſtändniſſe bringen zu wollen. Doch durfte er ſich nicht den Schein geben, als habe er dieſe zu fürchten. Er warf ſich alſo gleich auf die Vrücke, die ihm zu einem andern Gegenſtande der Unterhaltung geboten war.„Ja, Camillo, ein wunder⸗ ſchönes Mädchen, dieſe Procidanerin!“ ſagte er.„Sie fiel mir auf, als ich aus dem Hauſe Ihrer göttlichen Schweſter kam, und ich mußte ſie anſprechen. Wo waren Sie aber, Theuerſter, daß Sie mich belauſchten? Ich habe Sie nicht bemerkt!“ „Kann ich armer lahmer Menſch verlangen, daß Sie mich bemerken, wenn Ihnen ſolche Reize geboten werden?“ „Ach, Freund, Sie überſchätzen mein Glück! Die Schöne war mit Stacheln bewehrt, wie eine Brombeer— ranke.“ „Warum nicht poetiſcher, wie eine Roſe?“ verſetzte Camillo lachend.„Oder behalten Sie dieſen Vergleich meiner Schweſter vor?“ „Von der Divina bin ich nicht angenommen worden“, erwiderte Emilio.„Und doch weiß ich ganz beſtimmt, daß ſie zu Hauſe war, daß ſie kurz nach mir einen Be⸗ ſuch nicht abgewieſen hat.“ „Wer ſagt Ihnen das?“ fragte Camillo raſch, beinahe heftig. 129 „Dieſe Augen, Herr Vetter! Ich will Ihnen geſte⸗ hen, daß ich den Marktplatz nicht ſogleich verließ; es war, als ob ich durch eine unſichtbare Gewalt zurückge⸗ halten würde. Lächeln Sie nicht ſo ungläubig, Sie Frei⸗ geiſt! Und meine Ahnung wurde erfüllt. Die Proci- danerin, deren Schönheit auch Sie anerkennen, kam aus dem Hauſe Ihrer Schweſter; ich ſprach ſie an, wie ich Ihnen ſchon ſagte, nicht in Bezug darauf, denn ich kam gar nicht auf den Gedanken, daß das Mädchen etwa im Dienſte Virginia's ſtehen könnte, ſondern ich ſagte ihr ein paar Worte, wie man ſie einem ſchönen Kinde ſagt. Sie antwortete mir nicht gerade freundlich und ging hinweg, da wurde ſie von einem ihr nacheilenden Diener in der Livree unſerer Familie gerufen und kehrte raſch in das Haus zurück. Ich fragte den Menſchen nach ihr und hörte, daß ſie eine Dienerin der Prinzeſſin ſei, von außerhalb; er wußte nichts Näheres. Ich denke mir. ſie iſt entweder von einer der Beſitzungen ihres Vaters oder von dem Gute, das ihr der König geſchenkt hat.“ „Ihrem Gemahl!“ warf Camillo ein. „Ganz recht, ihrem Gemahl, nicht ihr! Sie corrigiren mich mit voller Befugniß. Während ich noch meine Gedanken darüber hatte, daß die Couſine die Livree unſeres Hauſes nach ihrer Verheirathung noch führe und daß ihr Herr Vater das nicht hätte erlauben ſollen, kam Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. I. 9 130 ein junger Mann gegangen, den man auf den erſten Blick an ſeinen blonden Haaren und der hellen Geſichts⸗ farbe für einen Ausländer, einen Deutſchen erkannte, ſchritt gerade auf das Haus Ihrer Schweſter zu und trat ohne weiteres hinein, als ſei er dort vollkommen heimiſch.“ „Wohnen nicht mehr Menſchen in dem großen Hauſe?“ verſetzte Camillo.„Sie ſind ſehr eiferſüchtig, guter Vetter.“ „Glauben Sie, ich werde blind und ohne Prüfung urtheilen?“ entgegnete Emilio.„Das thue ich niemals. Ich wartete wohl eine Viertelſtunde, ob der junge blonde Mann, gleich mir abgewieſen, wieder herauskommen werde und als das nicht geſchah, ſuchte ich mich zu über⸗ zeugen, ob er nicht zu einem von den übrigen Bewoh⸗ nern des Hauſes gegangen ſei. Das war aber nicht der Fall. Ich erfuhr, daß er der Frau Gräfin ſeine Auf⸗ wartung gemacht habe, und ſah ihn von dem Caft aus, wo ich meine Station genommen hatte, erſt nach einer Stunde wieder erſcheinen. Ihnen, theuerſter Vetter, nur Ihnen, deſſen Ehre dabei betheiligt iſt, lege ich meine Wahrnehmungen ans Herz. Es iſt gar keine Frage, daß der junge Mann jener deutſche Reffe ihres Gemahls iſt, welchen Virginia aus übertriebener Gaſtfreundſchaft in ihr Haus aufgenommen und, wie ich heute erſt ver⸗ s 131 nommen, dem Anſtandsgefühl gehorchend, ſeit ihrer Rück⸗ kehr aus der Caſa dell' Orme wieder daraus entfernt hat; der Jüngling ſcheint ſich aber daraus ein gewiſſes Hausrecht abzuleiten, das er mit deutſcher Unverſchämt⸗ heit zum großen Nachtheil Ihrer Schweſter behauptet. Ich ſtelle Ihnen das Urtheil darüber anheim, ob es Eiferſucht iſt, wie Sie ſagen, oder nicht vielmehr der Eifer für die Ehre des Hauſes Angri, welche durch die Unvorſichtigkeit Virginia's und die Frechheit eines herge⸗ laufenen Deutſchen compromittirt wird.“ „Kommen Sie zu Athem, Vetter Emilio, Sie haben ſich ganz echauffirt! Der junge Mann hat Sie dermaßen in Harniſch geſetzt, daß Sie ſelbſt, Don Emilio, der einen ſo glühenden Eifer für die Ehre des Hauſes Angri zur Schau trägt, der erſte ſind, dieſe Ehre zu verdächtigen. Beruhigen Sie ſich! Das Verhältniß, welches Sie quält, iſt das unſchuldigſte von der Welt. Varon Orkum, ſo heißt der Neffe des Grafen, lebt ganz andern Zwecken in Neapel, als der Ehre ſeines Oheims zu nahe zu tre⸗ ten; das verbietet ihm ſchon ſeine deutſche Gewiſſen⸗ haftigkeit, an welcher ſich mancher Italiener ein Beiſpiel nehmen könnte! Und wenn es wahr iſt, was Sie gewiß mit großer Feinheit ermittelt hatten, daß meine Schweſter wirklich zu Hauſe geweſen iſt, Sie abgewieſen und den Neffen ihres Mannes angenommen hat, ſo mag ſie dazu 9* 132 ihre Gründe gehabt haben, über welche Niemand das Recht zuſteht, Rechenſchaft von ihr zu fordern. Be⸗ gleiten Sie mich zu einem Spaziergange nach der Chiaja?“ Emilio ſchützte andere Geſchäfte vor. Er war ent⸗ rüſtet über die Aufnahme, welche er heute bei dem Vetter gefunden hatte, und nahm ſich vor, da er gewiſſermaßen auch hier ausgewieſen wurde, Camillo künftig zu ver⸗ meiden, bis er ihn ſelbſt aufſuchen würde. Virginia's Geheimniſſe dagegen, die ihm ziemlich durchſichtig ſchie⸗ nen, glaubte er bald ermitteln zu können, und wenn ſie in ſeiner Hand war— der kühne Gedankenflug, den er nehmen wollte, wurde zwar durch einige Bedenklichkei⸗ ten gelähmt, den deutſchen Gemahl betreffend, welcher jeder Urbanität ermangelte, indeſſen konnte nicht eine ruſſiſche Kugel den chevalier de fortune aus dem Wege ſchaffen? Sechstes Kapitel. Die Carbonari. Camillo Angri ging wirklich, ſobald ſein Vetter ihn verlaſſen hatte, nach der Chiaja hinaus, der ſchönen Straße, in welcher ſtets ein lebhaftes Volksgewühl iſt und auch die vornehmſten Herrſchaften ihren Corſo halten. Langſam, wie ſein hinkender Gang es bedingte, verfolgte der Prinz ſeinen Weg, erwiderte hier und da einen Gruß oder wechſelte ein Wort mit Bekannten. Er kam an die Stelle, wo vor vier Jahren feindliche Kugeln in ſeiner Nähe eingeſchlagen waren. Eine engliſche Kriegs⸗ flotte war damals, während der öſterreichiſche Krieg, der den Kaiſer beſchäftigte, eine günſtige Gelegenheit zur Eroberung von Neapel zu bieten ſchien, von Sicilien ausgelaufen, hatte hier und da einige Truppen und viele der geflüchteten Briganten an das Land geworfen und im Golfe ſelbſt der Hauptſtadt das Schauſpiel eines Seekampfes gegeben. Da war König Murat, der die Vertheidigungsanſtalten von Portici bis Cumä, am Pau- 134 filippo und am Fuße von Capo di Monte geleitet, ſelbſt am Strande geweſen, um ſeine Fregatte und Corvette, welche beide allein gegen viele Fahrzeuge von verſchie⸗ dener Größe kämpften, durch ſeinen Anblick zu ermuthi⸗ gen, und die Königin Karoline, an Muth ihrem kaiſerli. chen Bruder ebenbürtig, hatte ſich mit ihren Töchtern nach der Strada di Chiaja begeben, um dem Kampfe zuzuſchauen, wo ſie britiſche Kugeln erreichen konnten; ihr hochherziges Beiſpiel hatte den ganzen Hof und eine zahlreiche Volksmenge dahin geführt, ſodaß ſich die Straße, wie an einem Feſttage, mit Menſchen und Wa⸗ gen gefüllt. Der Abend hatte dem Kampfe ein Ende gemacht, ohne daß die arg beſchädigten neapolitaniſchen Schiffe genommen worden wären. Bald darauf, als die Erfolge Napoleon's in Deutſchland, die Schlacht von Wagram und der Waffenſtillſtand von Znaym im Süden bekannt geworden, hatten die Verbündeten von Siecilien ihre Pläne aufgegeben und ſogar die Inſeln Procida und Ischia nach Zerſtörung ihrer Befeſtigungen geräumt. Nur auf Capri, freilich dem wichtigſten Punkte, weil es der Schlüſſel zum Golf von Neapel, wehte noch die engliſche Flagge. Und noch ein anderer Tag ſtieg in Camillo's Gedächtniß auf, weil er mit dem Schickſal ſeiner Fa⸗ milie eng verbunden war. Am Geburtstage Napoleon's vor vier Jahren war die Verlobung ſeiner Schweſter 135 mit dem deutſchen Grafen, Adjutanten des Königs, an⸗ gekündigt worden. An demſelben Tage, während ſchon alle Vorbereitungen zur pomphafteſten Feier des Napo⸗ leonsfeſtes getroffen wurden, die Regimenter der Garni⸗ ſon zur großen Parade antraten und die Schiffe im Ha⸗ fen ſich mit dem reichſten Flaggenſchmuck bedeckten, war plötzlich eine mächtige feindliche Flotte in den Golf ein⸗ gelaufen, um die Stadt zu bombardiren. Der König hatte keine einzige Anſtalt zum Feſte abbeſtellen, dage⸗ gen ſchnell die kleine Escadre und die Hafenbatterien armiren laſſen. Um drei Uhr nachmittags waren die feindlichen Fahrzeuge in Schlachtordnung vorgerückt und hatten die erſten Geſchoſſe gegen die Stadt geſchleudert; die wenigen neapolitaniſchen Schiffe, mit feſtlich bunt ge⸗ ſchmückten Maſten und Segeln, unter Anführung des Königs in Perſon, der zum erſten und einzigen Male während ſeiner ſiebenjährigen Regierung die Uniform als Großadmiral des Kaiſerreichs angelegt hatte, wa⸗ ren ihnen kühn entgegengegangen, um den Kampf, un⸗ terſtützt von den Landbatterien, anzunehmen. So hatten denn die Geſchütze auf dem Meere gegen einander ge⸗ donnert, während von den Caſtellen die Kanonen zur Feſtſalve gelöſt wurden, die Truppen ihre Paradeauf⸗ ſtellung auf der ſchönen Riviera di Chiaja nahmen und ihre kriegeriſchen Inſtrumente ertönen ließen und auf 136 allen Punkten, wo es etwas zu ſehen gab, das Volk laut ſeine Theilnahme bekundete. Nie hat man den Kö⸗ nig ſo ſtrahlend im Hochgefühl ſeiner Macht geſehen, als an jenem Tage, wo ihm das Glück alle ſeine Wünſche krönte: Krieg und Ruhm, Pomp und Herrlichkeit und er allein die Augenweide einer unermeßlichen bewun⸗ dernden Volksmenge! Gegen Abend hatte die feindliche Flotte den Kampf abgebrochen, der auf keiner Seite viel Schaden gethan. Camillo Angri war damals noch nicht Mitglied des Staatsraths geweſen; er hatte darum mit größerer Freiheit ſich unter das Volk miſchen kön⸗ nen, weniger, um das vielſeitige Schauſpiel zu genießen, das ihm in keiner Beziehung tiefere Hoffnungen erregte, als vielmehr, um ſeine Gefühle zu betäuben, welche durch das Ereigniß des Tages, das ſeines Hauſes heiligſte In⸗ tereſſen betraf, die Verlobung ſeiner Schweſter, heiß auf⸗ geregt waren. Der Beſuch des Vetters Emilio und deſſen Aeußerungen hatten ihm heute die wenig verharſchte Wunde wieder ſchmerzhaft berührt, und irgend ein geringfügiger Anlaß unterwegs, deſſen er ſich kaum bewußt geworden war, ließ auf dem Schauplatz ſeiner erſten Ahnung der unſeligen Verhältniſſe auch die äußern Vorfälle in ſeiner Seele wieder in lebendige Erinnerung kommen. In ſich verſunken, hatte er für Alles, was ihn umgab, keinen Sinn mehr, ſeine Augen ſtreiften ohne rechtes Bewußt⸗ 137 ſein des Geſchauten über die Menſchen und ihr Treiben, bis er ſich plötzlich von einem Landmann aufgehalten ſah, der ſich mit abgenommenem Hute in ſeinen Weg ſtellte. Mechaniſch griff er nach der Börſe, um den ver⸗ meintlichen Bettler abzufertigen. Dieſer trat jedoch zu⸗ rück und ſagte:„Mein gnädiger Herr kennt mich wohl gar nicht mehr?“ „Tommaſo!“ rief der Prinz, welcher ihn jetzt erſt ins Auge faßte.„Wie, biſt Du aus dem Dienſt entlaſſen?“ „O nein, Altezza. Nur beurlaubt auf einige Tage bin ich geweſen und glaubte die Livree des fürſtlichen Hauſes Angri ablegen zu für meine Gänge. 6 bin in der Hütte geweſen. Der Prinz ſchien die beſondere Betonung nicht zu bemerken.„Im Walde bin ich geweſen“, ſetzte der Diener hinzu; ſein lauerndes Auge konnte aber nicht das geringſte Zeichen bemerken, daß der Prinz ihn verſtanden, und er wurde nun irre, ob man ihm auch in Bezug auf denſelben die Wahrheit geſagt habe; er hielt es für ge⸗ fährlich, noch mehr mit der Sprache herauszugehen, da der Prinz ſeine Reden nur eben wörtlich nahm und mit einem gleichgültigen Kopfnicken beantwortete, das ihn zu entlaſſen ſchien. Auf einmal beſann ſich aber Camillo eines An⸗ dern.„Ich habe Dich ſchon immer nach Deiner Geſchichte 138 mit dem Könige fragen wollen, Mas' Antonio“, hielt er ihn, der ſchon ſeines Weges gehen wollte, feſt.„Im Hauſe meines Vaters war es kein Geheimniß, daß Du vor einigen Jahren mit gegen den König gekämpft haſt und von ihm begnadigt worden biſt. Ich habe, wenn ich dort war, immer keine Gelegenheit gefunden, Dich ſelbſt danach zu fragen, und bald nachdem Dich mein Vater angenommen hatte, biſt Du in den Dienſt meiner Schwe⸗ ſter übergegangen. Iſt die Geſchichte wahr, daß Du die Begnadigung wie ein Recht vom Könige ſelbſt ge⸗ fordert haſt?“ „Ja, ja, gnädiger Herr!“ erwiderte Mas' Anto⸗ nio.„Es war in der Ebene von Palma. Ich hatte das Unglück gehabt, von den Gensdarmen gefangen zu wer⸗ den; ſie banden mich mit Stricken und ſchleppten mich fort; der Galgen war unrettbar mein Loos, wie er mehr als einem Galantuomo beſchieden worden iſt, drei Brü⸗ dern meines Capitano zum Beiſpiel. Da kam auf ein⸗ mal der König geritten, mit großem Gefolge. Er ſprengte heran und fragte die Gensdarmen, wer ich ſei. Ich ließ aber keinen zu Worte kommen, ſondern ſagte gleich: „Majeſtät, ich bin ein Brigante, aber der Begnadigung werth; denn geſtern, als Ew. Majeſtät in den Bergen von Scilla war, lag ich verſteckt in einem Hinterhalt und konnte Sie tödten; ich hatte auch den Gedanken und 139 ſpannte meinen Karabiner, aber Ihr königlicher Anblick hielt mich davon zurück. Wenn ich geſtern den König erſchoſſen hätte, würde ich heute nicht gefangen und dem Tode nahe ſein.“ Der König begnadigte mich, ich küßte ſeinem Pferde das Knie und die Gensdarmen mußten mich laufen laſſen.“ „Und Du liefſt ſogleich wieder in den Wald“, ſagte der Prinz, das Wort nun auch etwas betonend,„und warſt feſt entſchloſſen, den König bei nächſter Gelegen⸗ heit nicht zu ſchonen?“ „Was denken Altezza!“ rief Mas' Antonio.„Ich bin ein gemeiner Mann, aber doch immer ein Ga⸗ lantuomo! Werde ich mich für die Gnade mit einer Ku⸗ gel bedanken? Ich ging aus Calabrien fort und wollte heimkehren nach Procida, wo ich zu Hauſe bin, da traf ich den Fürſten, Ihren Herrn Vater, der mich als Knaben ſchon gekannt hatte; er bot mir an, in ſeinen Dienſt zu treten, und ich habe ſeitdem ehrlich gelebt.“ „Bravo!“ ſagte der Prinz.„Wie hieß Dein Capitano, dem drei Brüder gehängt worden ſind?“ Mas' Antonio blickte finſter auf.„Altezza werden nicht verlangen—“ „Nein, nein!“ unterbrach ihn Camillo.„Ich will Dich nicht veranlaſſen, einen Namen zu nennen, der für Dich Anſpruch hat, geſchont zu werden, wenn ich mir 140 auch denken kann, daß der Träger deſſelben ſich in Si⸗ cherheit gebracht hat. Dieſer Capitano, welcher drei Brü⸗ der durch einen ſchimpflichen Tod verloren hat, mag allerdings Urſache haben, ſeine Rache zu ſuchen, auch am Könige perſönlich, wenn ſich ihm die Gelegenheit böte, obgleich der König nicht für Alles verantwortlich gemacht werden kann, was die Strenge ſeines Generals zur Unterdrückung des Brigantaggio für nothwendig ge⸗ halten hat. Du aber, den der König mit eigenem Munde begnadigt hat, wirſt ihm freilich den Dank nicht mit einer Kugel geben; ich ſprach das nicht im Ernſt, denn ich weiß ja, daß ein Galantuomo ſolchen Gedanken nicht hegen kann. Perſönliche Rache nur für perſönliche Be⸗ leidigung!“ Er ſprach dieſe Worte kurz und raſch, gleichſam vor ſich hin, doch blickte er gleich wieder frei auf und ſagte:„Du haſt ſeitdem ehrlich gelebt, ich weiß es, als Gondolier meines Vaters und nun meiner Schwe⸗ ſter. Biſt ja ein Marinaro von Procida und das Waſſer gewiß mehr Dein Element, als der Wald.“ Trieb der Prinz ſein Spiel mit ihm oder war es nur zufällig, daß er dies Wort, das im Sinne Mas' Antonio's nicht ohne Bedeutung ausgeſprochen worden war, wiederholte? Der Gondolier wagte ſich jedoch nicht weiter zu verrathen, ehe er ſeiner Sache ganz gewiß war, und beſtätigte die Annahme, welche der Prinz geäußert 141 hatte, nur mit dem ſtets fertigen„Sicuro!“ des Ita⸗ lieners. „Haſt noch eine Verwandte zu Deiner Herrin ge⸗ bracht?“ fragte Camillo leichthin.„Man ſagte mir davon.“ Mas' Antonio ſtutzte ſichtlich.„Ins Haus der Prin⸗ cipeſſa nicht, auch nicht in die Villa Angri, ich weiß von keiner“, ſagte er. Die offenbare Lüge zu widerlegen konnte dem Prinzen nicht einfallen, er nickte wieder gleichgültig und diesmal mit einem ſo ſtolzen Ausdrucke, daß der Gondolier ſofort mit gewohnter Unterwürfigkeit ſeinen Rickzug nahm. War Maddalena alſo doch geſehen wor⸗ den? Er vermied das Haus ſeiner Herrin, da er ſich dort nicht gern in der Tracht, mit welcher er die Livree für ſeine Waldgänge vertauſcht hatte, blicken laſſen wollte; in der Villa Angri, wo er für die gute Jahres⸗ zeit mit einem Theile der Dienerſchaft ſtationirt war, fand er vielleicht ſeine Verwandte noch, wenn die Gebie⸗ terin ſie nicht ſchon wieder zurückgeſchickt hatte. Er dachte an den drohenden Abſchied, den er geſtern von ihr ge⸗ nommen hatte, und es that ihm mun leid; er ſchämte ſich, das Meſſer gegen ſie gezückt zu haben, und es über⸗ lief ihn kalt, wenn er ſich die Möglichkeit dachte, in der Wuth, welche ihn oft zu Dingen hinriß, die er nachher ſchwer bereute, der armen lieben Maddalena, der Tochter ſeines einzigen nun längſt verſtorbenen Bruders, ein Leid 142 zu thun. Warum trotzte ſie ihm aber auch, der es ſo gut mit ihr meinte und ihr Alles vertraute, was er auf dem Herzen hatte? War es denn nicht zu ihrem Beſten, daß er ihr verbot, in die Stadt zu kommen, wo ſie tauſend Nach⸗ ſtellungen ihrer Schönheit preisgegeben war? Wenn ſie der lahme Don Camillo bemerkt hatte, den die Cameriera der Herrin als einen abgeſagten Weiberfeind bezeichnete, wie mußte ſie Andern, welche mehr Sinn für Frauen⸗ ſchönheit hatten, aufgefallen ſein, noch dazu in ihrer pro⸗ cidaniſchen Feſtkleidung, auf welche die eitle Dirne ſo viel hielt! Mas Antonio nahm ſich vor, ihr einmal recht väterliche Vorſtellungen zu machen, da ſie anfing, gegen ſeine ernſtlichen Befehle trotzig zu werden und auch die Partie ihrer Herrin mit einer Hartnäckigkeit zu nehmen, welche ganz an ihren verſtorbenen Vater erinnerte, der im Streit um ein paar elende Thunfiſche von einem andern Tonnaro erſtochen worden war. Ganz entfremden durfte er ſich das Mädchen nicht, da er ſonſt von ihr nicht das Mindeſte von Allem, was ihm doch ſo wichtig war, erfuhr; alſo auch die Klugheit rieth ihm, freundlich mit ihr umzugehen. Ueber dieſen Gedanken war ihm ſein Geſpräch mit dem Prinzen in ſeiner Hauptſache faſt aus dem Gedächtniß gekommen, und als er ſich wieder deſſen Aeu⸗ ßerungen zurückrief, machte er zu den Bergen hinauf eins jener verächtlichen Fingerzeichen, deren das gemeine ita⸗ 143 lieniſche Volk ſich zur Bekräftigung ſeiner Worte, oft ſo⸗ gar ſtatt deren bedient.„Sie haben mich belogen!“ murrte er.„Wie konnte ich auch ſo dumm ſein, das von ihm zu glauben! Es war gut, daß ich nicht weiter herausging. Cauzo di diavolo! Er hätte mich trotz der Begnadigung noch an den Galgen gebracht! Wie ſchlau er mich über meinen Capitano ausfragen wollte! Trenta Capilli— das wäre freilich ein Fang!“ Er ſah eine Weile ſtarr vor ſich hin und ließ den Kopf hängen.„Ja, ja, er hat Recht! Perſönliche Rache für perſönliche Veleidigung! Der Trenta Capilli, das iſt ein Anderes! Gott ſei König Joachim gnädig, wenn er ein⸗ mal dem Trenta Capilli ſo ſchußgerecht vor den Karabi⸗ ner käme wie mir, oder er ihm auf ſonſt eine Weiſe an das Leben könnte! Ich aber, den er perſönlich begnadigt hat?“ Er ſchüttelte ſich, als wolle er dieſe Anwandlun⸗ gen, die ihm ſonſt fremd waren, von ſich werfen, und ſetzte ſeinen Weg im halben Laufe fort, bis er die Villa An⸗ gri erreichte. Hier hörte er aber, daß Maddalena, ſeine Nichte, heute früh ſchon von einem kleinen Wagen abge⸗ holt worden ſei, und es that ihm nun doppelt leid, daß er von ihr im Zorne geſchieden war. Wie gern wäre er einmal ſelbſt nach dem Landgute ſeiner Herrſchaft oder vielmehr des Herrn Grafen, dem es der König geſchenkt hatte, gegangen, um ſich an Ort und Stelle von 144 Allem, was ihm noch zweifelhaft auf dem Herzen lag, durch den Augenſchein zu unterrichten; an Zeit hätte es ihm nicht gefehlt, denn er hatte außer den gelegentlichen Gondelfahrten ſeiner Herrin, zu denen er von der Villa nach der Stadt befohlen wurde, um ſie abzuholen, ſehr wenig zu thun; ein Anderer hätte ſeine Stelle vertreten, an Bootsleuten war kein Mangel und irgend ein Vor⸗ wand, Urlaub zu erhalten, wie jetzt, hätte ſich gefunden, beſonders da die Prinzeſſin niemals perſönlich mit ihm ſprach, ſondern ihm ſtets durch den Hausmeiſter ihre Wil⸗ lensmeinung zukommen ließ. Aber ein beſtimmter Befehl, den er nicht zu umgehen wagte, hatte ihm verboten, jenes Landgut zu betreten, der Befehl des Fürſten Don Hettore, den er noch immer als ſeinen eigentlichen Herrn betrach⸗ tete. Ihm verdankte er ja, daß er wieder ein ſicheres, glück⸗ liches Leben führen konnte! Was war aus den Andern geworden, welche der Cardinal Ruffo einſt für den Ban⸗ denkrieg in den Abruzzen angeworben hatte, den er im Namen des Königs Ferdinand nach deſſen erſter Vertrei⸗ bung geführt, mit denen er Anno 1799 Neapel ſiegreich wiedergenommen? Als die Franzoſen ein paar Jahre ſpäter zum zweiten Male gekommen, hatten die beherzten Geſel⸗ len wieder gegen ſie ihr Blut vergoſſen, aber vergebens, und wer ſich dann hatte flüchten können, war nach Sicilien gegangen bis auf neue Gelegenheit. Von dort hatten 145 die Engländer, als ſie den großen Verſuch vor vier Jah⸗ ren gemacht, das Königreich von allen Meeren her anzu⸗ greifen, eine Menge jener Briganten auf die Küſte ge⸗ worfen und dann ſich ſelbſt überlaſſen, nachdem ſie ihren Verſuch aufgegeben hatten. Was war den Verlorenen übrig geblieben, als ein Verzweiflungskampf in Bergen und Wäldern, der nun mit den furchtbarſten Greucln von ihrer Seite die Vergeltung und die Schreckensmaßregeln der Regierung herausgefordert hatte? Auch Mas' Antonio wäre, wie ſo viele Andere, der Gerechtigkeit verfallen geweſen, ſelbſt nach der Be⸗ gnadigung des Königs, wenn ſich nicht der Fürſt Hettore ſeiner angenommen hätte. Der König hatte eine Amne⸗ ſtie für alle erlaſſen, welche die Waffen niederlegen, ſich den Behörden ſtellen, der Regierung Treue und den Ge⸗ ſetzen Gehorſam ſchwören würden; wie Viele hatten den Eid geſchworen, um ihn, nachdem ſie ihren Raub ver⸗ praßt und vergendet, wieder zu brechen, von neuem zum Brigantaggio zurückzukehren, im Vertrauen auf neue Amneſtie, oft mit verändertem Namen, ſodaß Manche wohl fünf⸗ bis ſechsmal dies Spiel getrieben hatten! Wäre Mas' Antonio nicht von dem edlen Fürſten An⸗ gri in Dienſt genommen worden, er hätte ſich viel⸗ leicht nicht zu einem ſo ſchändlichen Eidbruch hinreißen laſſen, aber das Gewerbe hätte er wohl nimmer aufgege⸗ Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. 1. 10 ———— ——— 146 ben und darin ſicher ſeinen Untergang gefunden. Das hatte er ſich ſelbſt ſchon oft geſagt. Darum ehrte er in dem Fürſten ſeinen Wohlthäter und gehorchte ſeinen Be⸗ fehlen unbedingt auch da, wo er ſie hätte unbemerkt über⸗ ſchreiten können; ja er würde das Schwerſte, das Schrecklichſte, ſogar ein Verbrechen blindlings ausgeführt haben, wenn es ihm der Fürſt Don Hettore befohlen hätte. Eins nur vermißte er ſchmerzlich in ſeinem behag⸗ lichen Leben ohne Mühſal und Anſtrengungen: die Frei⸗ heit! Als er auf der abendlichen Gondelfahrt mit der Herrin und ihrem blondlockigen Cicisbeo, wofür er den jungen Fremden unbedingt anſah, am Ufer bei der Stellina den Mann erblickte, unter welchem er einſt in den Bergen frei und wild umhergeſtreift war, Gefahr und Kampf ſeine Luſt, da hatte es ihn durchzuckt wie ein Meſſerſtich, und wenn er daran dachte, was der alte Capitano ihm geſagt hatte, konnte er gar nicht zur Ruhe kommen. Welche Ueberwindung hatte es ihm gekoſtet, ſein eigenes Geheimniß zu hüten, trotz des ſchweren Ei⸗ des, der ihm die Zunge band, und der Dolche, die ſein Leben bedrohten, wenn er bundbrüchig würde! Heute, als er auch an dieſe Feſſeln dachte, die er ſich doch freiwil⸗ lig und für dieſelben Zwecke auferlegt, für welche er einſt unter den Freiſchaaren des Cardinals Ruffo ſiegreich und ſpäter bei den Briganten mit Trenta Capilli unglücklich 147 gekämpft hatte, wurde ihm das Gefühl der Abhängig⸗ keit von ſo vielen Seiten recht drückend und er wäre am liebſten durch einen Sprung ins Meer von der Lan⸗ dungstreppe, auf welcher er ſaß, allem Elend entgangen, das er auf einmal in ſeinem ganzen Daſein erblickte. Statt des armen glücklichen Schifferknaben von Proeida, ſtatt des ſtolzen, freien Mannes der Berge war er nichts mehr als ein erbärmlicher Sklave, der Wachthund eines buhleriſchen Weibes, das willenloſe Werkzeug fremder und unbekannter Menſchen, mit denen er ſich unbedacht⸗ ſam in eine Verbindung eingelaſſen hatte und die ihn nun nach ihrem Belieben vernichten konnten. Hatten ſie ihn nicht ſchon heute auf die Probe geſtellt, als ſie ihn an den Prinzen Camillo gewieſen hatten, der gewiß eher zu ihren Verfolgern als zu ihren Bundesbrüdern gehörte? Der Abend ſank, die Dämmerung, kurz, wie ſie der Süden nur kennt, ging ſchnell zur Nacht über. Am Ufer ſchimmerten überall Lichter; auf dem ſpiegel⸗ glatten dunkeln Meere ſchwamm der Widerſchein der Sterne; hier und da leuchtete hinter dem Kiel eines Fahr⸗ zeugs eine feurige Furche in der Flut auf, wie ſie in jenen Breiten nicht ſelten das Auge des Fremden in Verwunderung ſetzt. Ruderſchlag und Fiſchergeſang auf den Wellen! Mas' Antonio ſaß noch immer auf ſeiner Treppe und ſah auf das Meer hinaus, hinüber nach den 10* 148 Inſeln, welche im Dunkel nicht mehr zu erkennen waren; er dachte an ſeine frohen Jahre der Jugend, an Madda⸗ lena's Mutter, die ſeinen Bruder ihm vorgezogen hatte. Da ſtieß ein Boot, das er erſt jetzt gewahr wurde hart unter ihm an die Landungstreppe und wurde an den Pfahl gekettet.„Wer kommt?“ fragte er. Ein leiſes Zeichen antwortete ihm. Sie waren es, die er erwartete. Er erwiderte das Zeichen, und vier Männer ſtiegen aus, deren jeder ihm die Hand reichte mit dem beſondern Druck, der ihm ſagte, daß es die rechten waren. „Ihr habt mich in eine Falle ſtürzen wollen“, em⸗ pfing er ſie. „Wir Dich?“ entgegnete der erſte der Angekomme⸗ nen, welche ſämmtlich in dunkle Mäntel gehüllt waren, die ſie in der Finſterniß noch unerkennbarer machten. „Was meinſt Du damit?“ „Der Mann, an den Ihr mich gewieſen habt, ver⸗ ſtand mich nicht und wollte nichts wiſſen. Ihr habt mich auf die Probe ſtellen wollen, ob ich Euch verrathen könnte!“ „Das wäre eine ſehr ungeſchickte Probe geweſen!“ erwiderte der Verhüllte unwillig.„Haſt Du Dich ihm auch in rechter Weiſe entdeckt, von der Hütte geſpro⸗ chen, vom Walde?“ „Das habe ich!“ 149 „Von den Köhlern, die den Wald von Wölfen ſäu⸗ bern wollen?“ „Sollte ich ihm das Wort ſagen, da er auf nichts einging?“ erwiderte Mas' Antonio.„Was hat er wohl mit Köhlern zu thun, daß ich mit ihm auf einmal von Köhlern reden ſollte, als wäre ich verrückt geworden? Weiß nicht alle Welt, daß man ſich unter Carbonari jetzt etwas ganz Anderes denkt als arme Kohlenbrenner im Walde? Hätte ich das Wort gegen ihn ausgeſprochen, er würde mich gleich beim Kragen gefaßt haben.“ „Ich hätte Dich für muthiger gehalten“, ſagte der Verhüllte.„Doch“, wandte er ſich an ſeine Gefährten, „es kann ſein, daß wir falſch berichtet ſind, oder daß er zu vorſichtig iſt, ſich gleich zu offenbaren. Führe uns zur Grotte“, befahl er dann Mas' Antonio, welcher ſtumm gehorchte. Er ſtieg mit den Männern die Treppe hinauf und bog dann in einen Fußpfad ab, der ſo ſchmal war, daß ſie ihm nur einer hinter dem andern folgen konnten. Schweigend gingen ſie im Finſtern hin, bis ſie den Eingang zu einer Felſengrotte erreichten, der nach dem Meere hin geöffnet, aber mit Gebüſch verdeckt war, ſodaß ihn ſelbſt am Tage nur ein Kundiger finden konnte. Der Gondolier zündete, ohne ein Wort zu ſagen oder um Erlaubniß zu bitten, plötzlich Licht an. Sie be⸗ fanden ſich in einem beſchränkten, aber ſehr behaglich zu 150 längerem Verweilen eingerichteten Raume; Strohſeſſel und ein paar Polſter nebſt einem großen und zwei kleinen Tiſchen ſtanden an den glatt ausgehauenen Felſen⸗ wänden umher; man ſah einen Schenktiſch mit Fächern, in denen Schalen, Gläſer und anderes Geſchirr zu Er⸗ friſchungen zu bemerken, ein paar Armleuchter, ſogar ein Spiegel war vorhanden. Der Fürſt oder vielleicht ſchon ſein Vater hatte dieſe Grotte zu einem angeneh⸗ men Aufenthalt für die Stunden der Sonnenglut ein⸗ richten laſſen, und es mochte ſich hier in dem kühlen Felſen im Halbdunkel, welches das in den Zweigen gebrochene Tageslicht ſelbſt um Mittag nicht zu zerſtreuen vermochte, beim Sorbetto unter guten Freunden oder noch lieber im trauten, ſüßen Selbander höchſt anmuthig ſizen. Auch Donna Virginia liebte dieſe Grotte ſehr. Heute Nacht aber diente ſie und nicht zum erſten Male zum Schlupfwinkel von Männern, die ſich 6 geheime Zwecke verbunden hatten. „Setze Dich zu uns“, ſagte zu Mas' Antonio der Wortführer, der jetzt wie ſeine Genoſſen den Mantel zurückgeworfen hatte und ein jugendliches Geſicht von kühnem Ausdruck, zu der kräftigen Geſtalt paſſend, ſchauen ließ. „Laßt mich ſtehen“, tiietie der Gondolier. „Warum habt Ihr mich armen und niedern Mann über⸗ 151 haupt in Eure Geſellſchaft genommen, warum mich dazu aufgefordert? Was kann ich Euch nützen?“ „Mein Bruder“ entgegnete der junge Mann,„viel große Dinge in der Welt ſind von Einzelnen ausgegan⸗ gen, welche hoch über der Menge auf Fürſtenthronen oder als Feldherren auf Streitroſſen geſeſſen haben, die größten aber von der zu einem Zweck, in einem Sinne verbundenen Geſammtheit. Dazu darf Keiner fehlen, nicht der ärmſte und niedrigſte Mann, wie Du ſagſt, und wollte Gott, wir könnten Jeden, der in italieniſcher Zunge ſpricht, mit italieniſchem Herzen fühlt, mit italie⸗ niſchem Kopfe denkt, zu den Unſern zählen. Setze Dich zu uns!“. Mas' Antonio gehorchte. Sie waren nun zu fün um den Tiſch verſammelt, und jene vier kannten ſich alle zu genau, um ſich mit den vorgeſchriebenen Förm⸗ lichkeiten, wie ſie die Statuten der Verbindung aus vie⸗ len Urſachen, auch der Vorſicht wegen feſtgeſetzt, aufzu⸗ halten. Es war überhaupt nur eine kurze Beſprechung, zu welcher ſie ſich hier verſammelt hatten.„Wir können frei von Allem reden“, ſagte der junge Mann, welcher ihr Haupt zu ſein ſchien.„Wir haben von dieſem treuen Manne keinen Verrath zu fürchten, im Gegentheil wird er uns unter ſeinen jetzigen und ehemaligen Genoſſen, deren er viele zu finden weiß, neue Brüder zuführen, 152 denn er iſt, wie wir alle, für die Sache des Vaterlan⸗ des ein Streiter geweſen und wird, gleich uns, zur Er⸗ kenntniß des rechten Weges kommen.“ „Ja, Ihr Herren!“ nahm Mas' Antonio das Wort. „Euch kenne ich erſt ſeit geſtern“, wandte er ſich an den jungen Mann, welcher das Wort führte.„Ihr ſeid nicht aus Neapel. Die andern drei kenne ich, ſie haben mich mit dem rechten Ton der Vogelpfeife angelockt und richtig gefangen, dagegen will ich auch weiter nichts ſagen. Aber, Ihr Herren, wenn es der Perſon des Kö⸗ nigs gilt, ich bin ein Galantuomo; dem Könige, der mich begnadigt hat, kann ich nichts anthun.“ Der Jüngling lächelte. Er wußte ſchon aus ſeinen calabreſiſchen Bergen, daß der gemeinſte Räuber ſich mit dieſem Ehrennamen brüſtet und auch wohl in man⸗ cher Weiſe, wie das wunderliche Gemiſch des Volkscha⸗ rakters es bewirkt, ſein brutales Handwerk zuweilen mit einigen Flittern von Ritterlichkeit aufputzt.„Murat iſt ein hochherziger Mann, wer wollte ihm das ſtreitig ma. chen!“ erwiderte er.„Du hatteſt ihn verſchont, da es in Deiner Macht lag, ihn zu tödten— mußte er Dich nicht begnadigen? Durfte er, als König, weniger Ga⸗ lantuomo ſein als Du, der Brigante? Lacht nicht, Ihr Freunde! König⸗Ehrenmann— wie das klingt! Ein Komödiant— wie?“ „Nun, Herr“, verſetzte Mas',„wenn ich ihn aber nun belogen hätte? Konnte nicht jeder Gefangene vor⸗ geben, den König aus dem Hinterhalt verſchont zu ha⸗ ben? War es nicht immer königlich, daß er mich auf mein bloßes Wort begnadigte?“ „Königlich!“ wiederholte einer der Andern, welche bisher ſchweigend und finſter zugehört hatten. Und ſich zu dem Jünglinge, welcher ihr Oberhaupt ſchien, wen⸗ dend, ſagte er ihm einige Worte in einer Sprache, welche der Gondolier nicht verſtand, an dem Seitenblick auf ihn und dem verächtlichen Tone konnte er aber wohl be⸗ merken, daß ſie ihm galten, und das heiße Blut in nen Adern wallte auf. „Dem Könige ſollſt Du auch nicht feindlich ſein, braver Mann!“ ſprach der Jüngling beſchwichtigend zu ihm.„Wir fordern überhaupt nur von Dir, daß Du der Sache Deines Vaterlandes, für welche Du ſchon Dein Leben gewagt haſt, treu bleibſt. Dieſe heilige Sache bleibt ewig dieſelbe, wie unſer ſchönes Italien und ſein Volk ewig bleibt, während die Könige ſterben und die Herrſchaft wechſelt. Ich könnte Dir zwanzig fremde Fürſtenhäuſer nennen und mehr noch, welche im Laufe der Jahrhunderte in unſerem herrlichen Lande ge⸗ herrſcht haben, ſeit es die Freiheit, ſich ſelbſt zu beherr⸗ ſchen, an den erſten Auguſtus verloren hat. Soll dieſe 154 Zeit in ihrer Reinheit, ehe ſie von Bürgerkriegen befleckt wurde, die glorreiche Römerzeit vor Marius und Sulla, niemals wiederkehren?“ Ein kurzes, ſpöttiſches Auflachen des Mannes, der vorher in fremder Sprache geſprochen hatte, unterbrach die feurige Rede des Jünglings und beſchämte ihn, denn er mußte ſich ſelbſt ſagen, daß er ſeine edelſten Perlen begeiſterter Rhetorik hier verſchwende.„Ich meine“, ſprach er einlenkend,„daß wir von Dir nichts fordern, als daß Du einige geringere Aufträge, welche wir Dir geben werden, getreulich beſorgſt. Das Blatt, welches Du heute beſtellen ſollteſt und aus Mißtrauen zurück⸗ behalten haſt, gib mir nur wieder.“ Mas' Antonio zog es aus ſeiner rothen Schärpe, in welcher es verſteckt war, und überreichte es dem jun⸗ gen Manne. Dieſer warf einen Blick auf das Blatt, um ſich zu überzeugen, daß es auch das rechte ſei, und legte es dann neben ſich auf den Tiſch.„Kann ſein, Ihr Freunde“, ſprach er, ohne den Gondolier weiter zu beachten, zu ſeinen Gefährten,„daß unſere Nachrich⸗ ten falſch waren. Wir haben noch keine allgemeine Ver⸗ bindung und Oberleitung im Lande, wie weit wir uns auch ſeit den drei Jahren unſerer Thätigkeit verbreitet haben. Selbſt in den einzelnen Provinzen ſtehen die Vereine nur ſehr mangelhaft im Zuſammenhang, und ſo 155 iſt es wohl möglich, daß die Nachricht, welche mich zu dem heutigen Schritte bewog, auf einer Täuſchung be⸗ ruhte.“ „Sie kann aber gefährlich werden! Weißt Du nicht, daß der Wolf ſchon Witterung bekommen hat, welche neuen Feinde ihm drohen? Wir werden bald ſtatt An⸗ greifer die Gehetzten ſein, mit aller Argliſt und Grau— ſamkeit, die ſie nur aufbieten können. Warum haſt Du Deine Augen gerade auf dieſen Prinzen gerichtet?“ „Weil wir ein Haupt brauchen!“ rief der Jüngling. „Sei Du es!“ erwiderte der Andere.„Biſt Du es nicht ſchon in Calabrien?“ ließ ſich der Dritte ver⸗ nehmen. „Ich bin es nicht, und mich aufwerfen zum Ober⸗ haupt wie ein Thrann, das ſei fern von mir!“ entgeg⸗ „ nete der Jüngling, in deſſen funkelnden Blicken gleich⸗ wohl der Eindruck ſich malte, welchen jener Aufruf in ſeiner Seele gemacht hatte.„Ich hatte auch noch andere Gründe, auf Camillo Angri meine Hoffnung zu ſetzen.“ Hier unterbrach ihn der finſtere Mann wiederum mit einigen Worten in fremder Sprache, und der Jüng⸗ ling runzelte die Stirn.„Meine Zeit iſt gemeſſen“, fuhr er dann fort, dem Einwurf durch ein leichtes Kopf⸗ nicken Recht gebend.„Ich bin hierher gekommen, um wenigſtens, was an mir iſt, zu thun, damit nicht blos 156 die einzelnen Hütten in einer Provinz, ſondern auch die Gemeinweſen der benachbarten Landſtriche ſich in Ver⸗ bindung ſetzen. Darum bin ich nach der Terra di La⸗ voro gekommen. Wie Neapel das Haupt der Städte in unſerem Reiche, bis es einſt kein Reich mehr in Ita⸗ lien, ſondern nur ein Land, ein Volk, ein Gemeinweſen geben wird mit Rom als Hauptſtadt, ſo muß einſt⸗ weilen von Neapel der Herzſchlag ausgehen, der alle Pulſe des ganzen Landes in Bewegung ſetzt. Ich habe Euch, Ihr guten Vettern, wie wir uns alle nennen, dar⸗ über noch einige Mittheilungen zu machen, welche ſelbſt der Nachtwind nicht hören darf, um ſie weiter zu tra⸗ gen, denn das Ohr des Verräthers ſchläft nicht und der blutige Manches lauert vielleicht ſchon wieder auf neue Opfer. Sei deshalb unſer Schild, Du treuer Mann. Bewache uns, daß Niemand uns belauſcht und ſtört. Was hier zwiſchen uns beſprochen wird, ſollſt Du ſpäter erfahren.“ Mas' Antonio ſtand ſogleich auf und verließ die Grotte. Er athmete leichter auf, als die friſche Nacht⸗ luft ſeine Stirn und Bruſt berührte; in dem eingeſchloſ⸗ ſenen Felsgewölbe, unter den fremden Menſchen, von denen er nur einen einzigen mit Namen kannte, war ihm unheimlich zu Muthe geweſen. Wie anders hatte er ſich das gedacht, wozu man ſeine alten Neigungen von 157 neuem aufgeſtachelt hatte! Der Gebirgskrieg, mit Liſt und Verwegenheit gegen die Uebermacht der Franzoſen und der neuen Provinzialgarden geführt, in wilder Frei- heit, in Waffen— das war ſeine Luſt geweſen! Was ihn zuerſt von Procida herübergeführt hatte in den Auf⸗ ruhr der Abruzzen, wo der Cardinal Ruffo bewaffnete Schaaren geſammelt, das war ihm heute ſeit lange wie⸗ der einmal hell zum Bewußtſein gekommen: gekränkte Liebe, wilde Eiferſucht auf den eigenen Bruder! Seit⸗ dem hatte er an dem freien, geſetzloſen Leben Geſchmack gewonnen, und die Unzufriedenheit mit ſeiner jetzigen Lage war dem Manne, der ihn einſt als einen verwege⸗ nen und ſchlauen Briganten gekannt hatte, ſehr zu Hülfe gekommen, als er ihn für neue Zwecke warb. Statt der geträumten Erlöſung war Mas' Antonio jedoch in ſeiner alten Sklaverei, wie er ſie nannte, geblieben, für den Hinterhalt in der Felsſchlucht mit der ſchußfertigen Büchſe im Arm war ihm die dunkle Höhle der Ver⸗ ſchwörer gegeben worden; nur das Ende, welches ſchlimmſten Falls in Ausſicht ſtand, ſchien daſſelbe zu ſein— ein ſchmachvoller Tod! *— Siebentes Kapitel. Gamilho. „Gott ſchenke Dir Frieden, Virginia! Dein Vater iſt nun ſo weit hergeſtellt, daß er meiner nicht mehr be⸗ darf, und ich kehre in meine ſtille Zelle zurück, zu der frommen Heerde, welche der Herr meiner Obhut anver⸗ traut hat. Ich bete zu Gott, daß er Dich bald finden und zu mir führen möge!“ Die Leſerin ſchauderte unwillkürlich und wollte das Billet, ohne es zu Ende zu leſen, zerknittern, aber ſie widerſtand dieſer Anwandlung.„Dein Vater hat mir keinen Auftrag für Dich gegeben, als ich ihn da⸗ nach fragte; auch für Camillo nicht. Aendern wird ſich das Alles nur im ewigen Lichte. Ich werde Dir die Stätte bereiten, hier oder dort, wie es der Wille des Allmächtigen iſt. Deine treue Tante Beata.“ Sie hatte ſich mit ihrem Kloſternamen unterzeichnet, obgleich ſie von ihren Verwandten nie anders als Margherita ge⸗ nannt wurde. — 159 Raſch warf die junge Frau die ernſte Mahnung von ſich und öffnete, um deren Eindruck zu verwiſchen, einen andern Brief, welchen ſie heute mit einem zweiten Kurier aus Deutſchland, der dem erſten an die Königin nur zu bald gefolgt war, erhalten hatte. Ihre Züge verwandelten ſich, um ihre Lippen zuckte es in eigen⸗ thümlicher Weiſe; ihre Augenlider zogen ſich näher zu⸗ ſammen, ſodaß ihr Blick ſich verſchärfte. „Zu früh getrommelt und gepfiffen, verehrte Frau Gemahlin! Wir hatten wirklich eine ſchöne Bataille ge⸗ wonnen. Unſere Attake, als ſich der König ſelbſt an die Spitze ſetzte, war brillant, wir ſprengten ein paar Quarreés und ich habe mit eingehauen und Fleiſch gehackt, daß es eine Luſt war. Die andern wurden überritten, abgeſchnitten, gefangen! Der Kaiſer glaubte ſich ſchon zum zweiten Male in Wien und die Herrlichkeit mit dem König war groß, alle Rancune vergeſſen; er fraß den König, der ihm den Sieg verſchafft hatte, beinahe vor Zärtlichkeit auf.“ Virginia ließ das Blatt ſinken, von dieſer rohen Ausdrucksweiſe ſichtlich abgeſtoßen. Aber der Eingang deu⸗ tete Unglücksnachrichten an und ſie las weiter. „Nach Wien iſt weit, aber nach Prag wären wir vielleicht gekommen, wenn dem Kaiſer nicht flau geworden wäre. Er ging nach Dresden zurück und ließ ſei⸗ nen Doctor Corviſart über ſich her, ſchickte nur den Van⸗ 160 damme dem geſchlagenen Feinde nach und ließ nichts hinterher rücken; ſo rannte ſich der feſt und wurde faſt mit ſeiner ganzen Armee gefangen. An demſelben Tage, wo wir den Alliirten bei Dresden ſo ſchön aufſpielten, hatte Blücher, der alte Stier, den Herrn Herzog von Tarent, unſern feinſten Nobelmann, in Schleſien auf die Hörner genommen und ihn in die Katzbach geworfen; ein paar Tage vorher war Oudinot vor den Thoren Ber⸗ lins von den Preußen abgeklopft worden. Hiob ein Glücksvogel gegen unſern Kaiſer, der eine Unglückspoſt über die andere empfing! Ich fürchte, die Karte geht ſchief. Eben kommt noch eine neue angenehme Nachricht. Auch unſer Neh, mit dem der Kaiſer quitte ou double gegen Berlin ſpielen wollte, iſt erbärmlich abgetrumpft geworden, ſeine ganze Armee auseinander gelaufen. Der König gibt zwar noch nichts verloren und der Kai⸗ ſer thut gut, daß er ihn aufkandart hält, denn läßt er ihm Zeit zur Ueberlegung, ſo bekommt mein Herr Rück⸗ fälle in die frühere Paſſion, ſich vom Zügel ganz frei zu machen, kappt ſeine Anker und macht ſich flott, mag der ſtolze Dreimaſter, der ihn bis jetzt mitgenom⸗ men hat, ſcheitern, wo er will. Warum ſollen wir mit zu Grunde gehen? Ich wünſchte, das Pelzwaſchen wäre erſt ganz vorüber und ich ſäße wieder in unſerm ſchö⸗ nen Hauſe in Neapel, um einen andern, leider bis jetzt 461 auch nicht glücklichen Feldzug gegen eine gewiſſe ſtolze und nur gegen ihren rechtmäßigen Herrn grauſame—“ Virginia warf das Blatt zur Erde und ſetzte ihren klei⸗ nen Fuß darauf; ihr Buſen wogte heftig, ihr Auge füllte ſich mit Thränen. In dieſem Moment fühlte ſie ſich tief unglücklich, vor ſich ſelbſt erniedrigt. Aber ſie faßte ſich gewaltſam, nahm das Papier wieder auf und zerriß es, ohne ſeinen Inhalt noch eines Blickes zu wür digen, in kleine Stücke. Kurz darauf trat ihre Dienerin ein und legte ſtill ein kleines, ſorglich zuſammengefalte⸗ tes Billet vor ſie hin. Auf die beiden vorigen, welche ihr Herz in ſehr verſchiedenem Geiſte mit Dornen ge⸗ geißelt, der Balſam! Sie entließ die Zofe mit einem. Wink; dieſe entfernte ſich ebenſo geräuſchlos, als ſie ge⸗ kommen war, und Virginia ergriff das Billet mit zittern⸗ den Händen, ihre Mienen zeigten die ängſtlichſte Span⸗ nung; als ſie aber die erſte Zeile geleſen hatte, drückte ſie das feine Blatt entzückt an ihre Lippen und warf einen ſtrahlenden Blick ihrer ſchönen ſchwarzen Augen gen Himmel. Jene Zeile enthielt die Worte:„Unſere Giuditta iſt wieder ſo friſch und geſund, wie ein Fiſch im Waſſer.“ Dieſe Nachricht genügte vollkommen, um Virginia Alles vergeſſen zu machen, was noch vor einigen Minuten ſie ſchwer heimgeſucht hatte. Sie las die Zeile noch zweimal mit beſeligtem Lächeln; es war, als wolle Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. J. 11 162 ſie ſich feſt überzeugen, daß ſie auch Wahrheit geleſen habe. Dann zog ſie die Glocke. „Wer hat das gebracht?“ fragte ſie. „Die Maddalena“, antwortete die Dienerin. „Warum die Maddalena wieder?“ fragte die Her⸗ rin überraſcht.„Gab es keinen andern Boten?“ Die Dienerin konnte darauf keine Antwort geben, und Virginia ließ Maddalena kommen. „Mädchen, warum kommſt Du wieder hierher?“ fragte die Gräfin.„Konnte der Prete keinen andern Boten ſchicken?“ „O ja, Madonna“, erwiderte die Procidanerin in ihrer ruhigen Weiſe, die zu den klaren Zügen ihres kindlichen. Antlitzes ſo wohl paßte.„Ich habe aber, da ich nun gut abkommen konnte, den hochwürdigen Herrn darum ge⸗ beten, weil ich mit meinem Oheim zu reden habe. Niemand als ich kann ihm das ſagen, was ich ihm ſagen muß. Ihr werdet mich darum nicht ſchelten, Madonna.“ „Es iſt wohl ein Herzensgeheimniß, um das ich auch nicht wiſſen darf?“ fragte Virginia lächelnd. „Ich könnte es Euch ſchon ſagen und werde es auch“, erwiderte Maddalena.„Erſt aber muß es doch mein Oheim wiſſen.“ „Betrifft es Dich oder ihn?“ „Ihn.“ „Nun, ſo geh hinaus nach der Villa. Dort findeſt Du ihn. Sage ihm, er ſolle mich heute vor dem Ave Maria mit der Gondel abholen; ſo lange kannſt Du bei ihm bleiben und dann mit ihm hereinkommen. Morgen aber, wenn Du mir nicht entdeckſt, daß Dein Herz be⸗ ſondere Gründe hat, noch länger zu verweilen, mußt Du wieder zurückkehren. Biſt Du ungern dort? Iſt Dir Dein Dienſt läſtig?“ „Wenn ich nicht bei Euch ſein Madonna, ſo bin ich in der Roſaja am liebſten.“ „Nenne mir den Namen nicht!“ rief die Gräfin heftig.„Wer den Ort umgetauft hat, mag dort Roſen ſuchen; für mich bleibt er die Prunaja, wie er vordem geheißen hat, der Dornbuſch. Ich hoffe aber, Lenetta“, ſetzte ſie ihre unbedachte Aeußerung zum Scherze wendend, hinzu,„daß Du nicht blos Dornen dort findeſt, und will Dich auch, wenn die Zeit kommt, zu mir nehmen. So lange wird Dein Marco aber wohl nicht worten wollen.“ „Madonna!“ verwahrte ſich die Procidanerin mit dem Tone des Erſtaunens, lächelnd zwar, aber nicht erröthend. „Willſt Du mir's leugnen, Schelmin?“ ſagte Vir⸗ ginia, indem ſie ihr freundlich mit dem Finger drohte. 15 164 „Ja, das kann ic Swidette Waddn lena.„Der Marco!“ „Nun, Kleine, ſei tichtn ſo ſtolz! Willſt einen Raths herrn oder einen Baron heirathen?“ lin „Heirathen macht nicht glücklich“, ſagte die Pro⸗ cidanerin. Da zuckte es ſchmerzlich über das Geſicht der jungen vornehmen Frau; hingeriſſen von dem Gefühle des Moments, wie es nur zu oft geſchah, küßte ſie das Mädchen auf die Stirn und entließ es, ohne ein Wort zu ſagen. Maddalena war nur fünfzehn Jahre alt, aber ſie hätte nicht ihren von Natur ſcharfen Verſtand be⸗ ſitzen müſſen, wenn ſie aus dieſer plötzlichen Aufwallung der Gräfin, verbunden mit Allem, was ihr Mas' An⸗ tonio, ihr Oheim, über dieſelbe geſagt hatte, nicht die Ueber⸗ zeugung geſchöpft hätte, daß ihre Herrin in ihrer Ehe nicht glücklich ſei. Die Aeußerung, durch welche Maddalena ſie getroffen hatte, war dieſer auch in einer traurigen Erinnerung entfloſſen, die ſich ihr, ſie wußte nicht wie, plötzlich aufgedrängt, die Erinnerung an ihre Mutter und deren harte Behandlung, von welcher ſie bei rei⸗ 3 ferem Bewußtſein oft genug eine Zeugin geweſen war. Auf dem Wege nach der Villa Angri vergaß ſie das aber, jung wie ſie war, und dachte an die Neckerei der Herrin, über welche ſie mehrmals ſtill vor ſich hin 165 lächeln mußte. O nein, den Marco mochte ſie nicht zum Mann; ein Rathsherr, ein reicher Kaufmann aus der Toledoſtraße wäre ihr ſchon recht geweſen, ein mäch⸗ tiger Baron noch lieber! Dabei mußte ſie aber doch wieder an die Herrin denken. War's denn möglich, was ihr der Oheim zur Warnung geſagt, daß ſie nicht ſo blind Alles thun ſolle, was ihr geheißen? Wenn die Frau auch nicht glücklich war mit ihrem Manne, mußte ſie ihm darum untreu werden? Das Bild des jungen Fremden, den ihr der Oheim gezeigt und genannt hatte, ſtellte ſich vor ihre Seele; er war gewiß ſchön und freundlich, ſollte er wirklich das Herz der Gräfin gewonnen haben? Bei dieſem Gedanken wurde Mad⸗ dalena traurig, ſie liebte ihre Herrin ſo ſehr! Und wenn ſie gar auf den ſchändlichen Verdacht kam, den ihr der Oheim wie einen Tropfen Gift mit auf den Rückweg nach der Roſaja gegeben hatte, ſo verwandelte ſich ihre Traurigkeit in Unwillen. „Wenn er ſeine Herrſchaft für ſo ſchlecht hält, warum bleibt er denn in ihrem Dienſt? Mich ſollten nicht eiſerne Ketten halten, wenn ich ſicher wüßte, daß ſie den ſchönen Deutſchen liebt und daß die kleine Giu⸗ ditta— nein, nein! Ich werde es ihm ſagen! Er verdient den Schutz gar nicht, den er genießt, und auch meine War⸗ nung nicht, um welche ich den weiten Weg gelaufen bin.“ 166 In der Villa traf ſie zuerſt Marco, welcher ſie kommen ſah und ihr mit einem ſo freudigen Ausruf entgegeneilte, daß ſie, an die Neckerei ihrer Herrin denkend, doch ein wenig in Verlegenheit gerieth. Das ging bei ihr aber ſchnell vorüber; ſie beſaß eine ſo eigen⸗ thümliche Ruhe des Gemüths, wie es bei einem fünf· zehnjährigen Mädchen und einer Italienerin Wunder nehmen konnte. Marco's Frage, was ſie ſchon ſo bald wieder hergeführt habe und ob ſie nun vielleicht ganz hier bleiben werde, ließ ſie unbeantwortet und wollte nur wiſſen, wo ihr Oheim Mas' Antonio ſei. Der fand ſich auf Marco's lauten Ruf auch bald dazu und machte große Augen, als er ſeine Nichte erblickte; ſein Geſicht zeigte aber nicht die Freude, welche die Züge ſeines jün⸗ gern Genoſſen erhellte.„Santo demonio!“ rief er. „Ich komme Deinetwegen“, ſagte ſie, die drohende Frage, welche auf ſeinen Lippen lag, abſchneidend. „Ich habe mit Dir zu reden, Oheim.“ Er blickte ſie prüfend an und ſchickte dann Marco ohne viele Umſtände hinweg. Als dieſer ſich mit einem vorwurfsvollen, aber doch immer freundlichen Blick auf Maddalena entfernt hatte, fragte Mas' Antonio rauh:„Was willſt Du von mir?“ Er ſah in dieſem Moment ſeinem Bruder, wenn dieſer auf die Mutter ſchalt, ſo ähnlich, daß Maddalena unwillkürlich die Hand auf das Herz legte. 167 „Rede! Was willſt Du von mir?“ wiederholte er ſeine Frage, finſterer als zuvor.„Du biſt nun hinter die Wahrheit gekommen und wirſt mir ſagen, wie es ſteht?“ „Ich komme Deinetwegen“, wiederholte auch ſie. „Du biſt nicht ſicher, Oheim. Sie haben Verdacht auf Dich geworfen—“ „Wer?“ fragte er heftig.„Der Prete? Die Chianna?“ „Was denkſt Du! Was ſollten die von Dir wollen!“ entgegnete ſie verwundert.„Haſt Du ihnen Grund ge⸗ geben?“ „Mache mich nicht wild! Rede!“ fuhr er ſie an. „Ich meine die Gensdarmen. In der Oſteria, wo ich der Frau Chianna etwas für die Haushaltung zu holen hatte, ſaßen ihrer drei und tranken; ſie kümmerten ſich nicht um mich, und da ich lange warten mußte und mich nicht allzu weit von ihnen unter den Nußbaum ge⸗ ſetzt hatte, ſo konnte ich hören, was ſie ſprachen; ich achtete nicht darauf— was ging es mich an! Es waren Offiziere, wie ich ſehen konnte, der eine trug ſogar den Orden mit den fünf Zacken. Draußen am Wege nach Acerra ſtanden noch zehn oder zwanzig mit ihren Pferden und der Bottega des Hauſes trug ihnen Wein zu. Auf einmal hörte ich den mit dem Orden ausrufen:„Angri? 168 Gerade bei denen niſten ſie ſich ein; dort ſind ſie am ſicherſten““ Jetzt horchte ich auf und kein Wort entging mir. Der Offizier holte ein Papier hervor:„Hier habe ich die Verdächtigen bezeichnet, wie ſie uns angegeben worden ſind. Viel Nichtswürdigkeit dabei— Feind⸗ ſchaft, Rache! Gewiß mehr Unſchuldige als Strafbare! In der Villa Angri halten ſie aber Zuſammenkünfte, das haben unſere Leute erſpäht. Dort ſucht ſie Niemand. Der Alte iſt zwar kein Freund des Königs, aber auch kein heimlicher Verräthet, der Sohn iſt Staatsrath, die Tochter mit einem Adjutanten des Königs verhei⸗ rathet. Aber einen Spießgeſellen haben ſie dort unter der Dienerſchaft, der ſteht auf meiner Liſte! Ein alter Brigant, der bei dem Trenta Capilli geweſen, einmal ſchon gefangen, vom Könige, den er bei der ſchwachen Seite gefaßt, begnadigt.“ Oheim, das biſt Du!“ Mas Antonio war blaß geworden, wodurch ſein ſchwärzliches Geſicht einen olivenfarbigen Schein bekam; doch nicht Furcht war es, die ihn erbleichen ließ, ſondern Grimm, das zeigten ſeine glühenden Augen, ſeine feſtge⸗ klemmten Zähne. Er machte dem Ne ein i Zeichen fortzufahren. „Ich bin fertig. Der Ofſie las noch ein päar Namen, dann ſagte er: Ich weiß ganz gewiß, daß der Capobianco, deſſen wir nicht habhaft werden können, 169 der Menſch, den man allgemein als das Oberhaupt der ganzen verruchten Sekte bezeichnet, in Neapel geweſen iſt. Unbegreiflich, daß Keiner den Preis ſich verdienen kann! Aber zu Pferde jetzt!“ Und alle ſtiegen auf und ritten hinweg.“ 4i „Und das haſt Du Dir Alles gemerkt, daß Du auf einmal reden kannſt wie ein Vorleſer vom Molo, als ſei Dir die Zunge gelöſt?“ rief Mas' Antonio. „Ich bin niemals ſtumm geweſen, auch nicht taub“, verſetzte die Procidanerin, aus der Aufregung, welche ihr die Zunge beflügelt hatte, in ihre gewohnte Weiſe zurückfallend. „Du biſt hergekommen, mich zu warnen— ich danke Dir! Zu fürchten habe ich nichts, fürchten aber ſollen diejenigen, die mich verrathen haben! Es iſt die leichteſte Art, mich loszuwerden, ſie verdienen ſich dadurch wohl noch eine andere reiche Schenkung! Geh heim, gutes Mädchen, ich danke Dir! Meine arme liebe Maddalena, ich bin Dir böſe geweſen, habe Dir mit dem Meſſer gedroht und Du biſt doch zu mir gekom⸗ men, weil Du mich in Gefahr glaubſt. So auch Deine Mutter— geſegnet ſei ihr Andenken!— als mir ein Dolch geſchliffen war, den ich am wenigſten—“ Er brach kurz ab und liebkoſte das Mädchen, das nun mit ihren klugen Augen voll inniger Beſorgniß zu ihm aufſah. 170 „Sei geſegnet auch Du, und mögeſt Du glücklich werden, das gebe die gebenedeite Mutter aller Gnaden!“ „Darf ich der Principeſſa ſagen, was ich gehört habe, damit ſie Dich ſchützt?“ fragte ſie, von ſeiner Rede bewegt. „Keinem Menſchen! Bei Deinem Leben!“ rief er, aus der ungewohnten Weichheit wieder hart geworden. „Und wenn ſie mich fragt?“ „Dann ſage ihr, ich, Mas' Antonio, habe es Dir verboten! Sage ihr das und ſieh zu, ob ſie auf ihrer Frage beſtehen wird!“ „Gut, Oheim!“ Er legte ihr die Hand auf das Haupt, als wolle er noch etwas ſagen, doch wandte er ſich gleich darauf kurz ab und verließ ſie, ohne ſich weiter um ſie zu kümmern. Sollte ſie nach dieſem Geſpräch noch hier bleiben, wie es ihr die Herrin geſtattet hatte? Ihre Beſorgniß um ihn, welche ſie hergetrieben hatte, war nicht gehoben, ſie mußte vielmehr nach ſeinen wilden Aeußerungen, deren Sinn ſie kaum ahnen konnte, noch mehr um ihn zittern, aber was konnte ſie für ihn thun? Da fiel ihr noch der Auftrag ein, den ihr die Gebieterin für ihn gegeben hatte; ſie ſuchte ihn und konnte ihn nicht mehr finden, Niemand von den Leuten im Hauſe hatte ihn geſehen. Es blieb ihr alſo nichts übrig, als 171 den Befehl der Herrin an Marco zu beſtellen, welcher die Gondel mit ihrem Oheim nach dem Hafen zu führen hatte. Marco ſchlug ihr auch vor, was ſo natürlich war, daß ſie bis dahin hier bleiben und ſich ausruhen möge; aber ſie hatte keine Luſt dazu und verſtand den Vorwurf nicht, den er ihr mit einem halb traurigen Tone machte. Viel früher, als es nöthig geweſen wäre, rüſtete er die Gondel. Sein Kamerad ließ ſich noch immer nicht blicken; es wurde nach ihm ausgeſchickt, vielleicht war er in der Stellina, wo er zuweilen ein paar Stunden ſeiner unbeſchäftigten Zeit zu verbringen pflegte; auch dort wurde er nicht gefunden, und als endlich die Stunde kam, welche kein längeres Säumen für die befohlene Gondel mehr duldete, blieb Marco nichts übrig, als allein zu fahren. Virginia hatte das Mädchen bei der Rückkehr von der Villa nicht geſehen, weil Maddalena keine Weiſung dazu erhalten hatte; ſie hielt ſich bei der Cameriera auf, deren beſonderer Zuneigung ſie ſich erfreute. Morgen wollte ſie nach dem Landgute heimkehren und ſich vorher noch Befehle von der Herrin erbitten. Der Hausſtand der jungen Frau war auf dem großartigſten Fuße ein⸗ gerichtet. Sie ſelbſt wie ihr Bruder Camillo beſaß ein ſehr bedeutendes Vermögen als Erbtheil von ihrer Mutter, in deſſen vollen Beſitz ſie bei ihrer Verheira⸗ 172 thung getreten war; ihr Vater hatte ſie außerdem ſeinem fürſtlichen Range gemäß glänzend ausgeſtattet und ihr⸗ die Villa Angri geſchenkt. Ihr Gemahl war, wie viele höhere Militärs, vom Könige Joachim nach dem Bei⸗ ſpiele des Kaiſers mit einer reichen Dotation an Grund⸗ beſitz bedacht worden, und hatte auf demſelben in rei⸗ zender Gegend, wo bisher nur ein verfallenes Haus, die Prunaja— der Dornbuſch— geſtanden, einen ſchönen, ſchloßartigen Herrenſitz erbauen laſſen, dem der König, als er ihn geſehen, ſtatt des alten, an irgend eine Lokal⸗ ſage geknüpften Namens den der Roſaja gegeben hatte. So konnte das gräfliche Paar, das mit äußern Glücksgütern wie mit der Gnade des Monarchen reich ge⸗ ſegnet war, an drei verſchiedenen Orten mit allem Luxus wohnen, und aus der zahlreichen Dienerſchaft hatte ein Theil ſowohl in der Villa Angri als auf dem Land⸗ gute ſeinen bleibenden Aufenthalt; nur die für den un⸗ mittelbaren Dienſt um die Perſon des Grafen oder der Gräfin beſtimmten Leute und das Küchenperſonal folgten der Herrſchaft, wenn ſie die Stadtwohnung zu Neapel verließ, um auf einem der andern Sitze eine Zeit lang zuzubringen. So war Mas' Antonio auf der Villa angeſtellt, ſeine Nichte Maddalena auf der Ro⸗ ſaja, welche etwa zehn Miglien von der Hauptſtadt, ſeitwärts der großen Straße nach Avellino lag und auf 173 Fußpfaden in drei bis vier Stunden zu erreichen war. Er hatte ſie vor einem Jahre in den Dienſt der Gräfin gebracht und liebte ſie trotz ſeines herriſchen und rauhen Benehmens wie ſeinen Augapfel, ſodaß es lieblos ſchien, beide zu trennen; er hatte aber ſelbſt darum gebeten, weil ſie dort nach Allem, was er ſah und hörte, ſicherer war. Maddalena befand ſich auch auf dem einſamen Landgute, das von der Herrſchaft nur ſelten beſucht wurde, ganz wohl; ſie war von der Frau, welche dort die Wirthſchaft unter dem Intendanten führte, ſehr freundlich aufgenommen worden, und deren kleines Töch⸗ terchen hatte ſich mit der zärtlichſten Liebe an die hübſche Procidanerin angeſchloſſen, welche ſelbſt noch ein halbes Kind war und ſo reizend mit ihr zu ſpielen wußte. Auch der geiſtliche Herr aus Acerra, der eine Art von Ober⸗ aufſicht über die Hausgenoſſen der Roſaja zu führen ſchien und eine ſtrenge Sittenzucht handhabte, war gegen Maddalena väterlich wohlwollend und gebrauchte ſie oft zu kleinen Sendungen, deren Aufträge ſie ſtets zu ſeiner Zufriedenheit ausführte. Warum mußte denn der Oheim die unſchuldige Seele des Mädchens mit Unruhe und Zweifel erfüllen? Sollte ſie wirklich Niemand mehr vertrauen oder glauben als ihm? Gegen Abend wurde ſie zu ihrer Herrin gerufen. „Weißt Du vielleicht, wo Dein Oheim iſt?“ fragte dieſe, 174 als Maddalena bei ihr eintrat.„Marco kommt allein, er ſagt mir, daß Dein Oheim nirgends zu finden iſt.“ „Ich weiß nichts“, erwiderte das Mädchen, aber es ahnte die Wahrheit. Seine Warnung hatte gefruchtet, der Oheim hatte die Gefahr erkannt, er war geflohen! Virginia bemerkte wohl, daß Maddalena befangen war und ſich Umuhe in ihren ſonſt ſo herzerquickend ſtillen Zügen ausdrückte. Wie hätte ſie aber fremden Geheimniſſen mit unerbittlicher Schärfe nachſpüren ſollen, da ſie ſelbſt nicht liebte, belauſcht und umſpäht zu werden? Sie entließ Maddalena und gab die Gondelfahrt, welche ſie beabſichtigt hatte, auf. Vor dem Neffen ihres Gemahls aber, der nach mehreren Tagen, in denen er ſich nicht hatte blicken laſſen, wieder einmal angemeldet wurde, ließ ſie ſich entſchuldigen, nicht mit Krankheit oder Ge⸗ ſchäften, ſondern ohne Angabe eines Grundes. Sie hatte in Wahrheit keinen, wenigſtens machte ſie ſich dar⸗ über nicht klar. Alexander kannte die Formen des Umgangs gar nicht, welche in ſeiner Heimat noch eingeſchnürt in jene peinlichen Rückſichten der Höflichkeit und Convenienz waren, von denen ſie ſich erſt ſpäter, faſt mehr, als es ſich mit guter Sitte verträgt, befreit haben. Aber er war doch beſtürzt, als er ohne weiteres wie ein läſtiger Bettler von der Thür ſeiner Tante abgewieſen wurde, 175 wenn auch nicht beleidigt. Sie mußte auf ihn zürnen; er hatte ſich gewiß, ohne es zu ahnen, ihren Unwillen durch irgend etwas zugezogen, das ſie verletzt oder gekränkt hatte. Was konnte das aber ſein? Er war ſich durch⸗ aus nicht einmal eines Gedankens bewußt, mit dem er ihr hätte zu nahe treten können. Vergebens hielt er eine ernſte Prüfung, ein ſtrenges Gericht mit ſich ab. Sollte es viel⸗ leicht keine That, ſondern eine Unterlaſſung, eine Ver⸗ nachläſſigung ſein, durch welche er ſie beleidigt hatte? Sein Ausbleiben etwa, welches ihm, Gott war ſein Zeuge! ſchwer genug gefallen war? Sie hattte ja ſelbſt in Anbetracht der argen Welt gewünſcht, daß er keinen Anlaß zu böſen Reden geben möge! In ſeiner Rathloſig⸗ keit wollte er zuerſt an ſie ſchreiben und ſich rechtfertigen, da er keinen andern Grund ſeiner Abweiſung erſinnen konnte; aber er verwarf dieſen Gedanken. Durch wen hätte er den Brief beſtellen ſollen, und würde ſie nicht durch einen ſo dreiſten Schritt noch mehr verletzt werden? Nur ein freundlicher Vermittler konnte ihm helfen— Virginia's Bruder! Er eilte ſogleich zu ihm. Seit ihrer erſten Begegnung, von welcher er Vir— ginia erzählt hatte, ohne Camillo als ihren Bruder zu kennen, war er öfter mit ihm zuſammengetroffen, und ſchon beim zweiten Male hatte er gehört, wer der inter⸗ eſſante Mann war, dem er einen wahren Einblick in 476 die hieſigen Verhältniſſe verdankte. Der Bruder ſeiner Tante! Und er hatte ihn noch nicht dort geſehen, ſie hatte noch nicht von ihm geſprochen! Zufällig konnte das nach ſeiner Meinung nur ſein, und bei dieſem Glauben war er auch von beiden gelaſſen worden. Er hatte natürlich ſogleich Virginia ſehr erfreut Mittheilung davon gemacht und dieſe ihm mit dem feinen Lächeln, das ihr zu Gebote ſtand, wenn es galt, eine Regung ihres Innern zu verbergen, geantwortet:„Ich dachte es ſchon! Sie verſtehen aber noch nicht ſcharf zu porträtiren. Ihre Silhouette des unbekannten Freundes hatte einen ſo fremden Zug, daß ich meinen Bruder nicht darin erkannte, trotz der Lahmheit, an welcher der Arme ſeit ſeinen Knaben⸗ jahren leidet.“ Auf die Bemerkung, daß es wunderbar ſei, den Bruder noch nicht in ihrem Hauſe getroffen zu haben, hatte er von ihr ſo wenig als von Camillo eine richtige Antwort erhalten, und er war viel zu einfach, um auch ſpäter, als ſich das fortſetzte, etwas Anderes als Zufall darin zu ſehen. Camillo hatte ihn bald zu ſich eingeladen, und die Stunden, welche er mit ihm verlebte, waren ihm ſtets höchſt anziehend geweſen. Welch ein reicher Geiſt, welche feine, auf claſſiſchem Fundament ruhende Bildung, und vor allem, was für Alexander beſonders imponirend war, da er ſelbſt bis jetzt deren ermangelt, welche Klarheit des Urtheils über 177 die Gegenwart! Auch daß er über viele Dinge ſo offen ſprach, er, ein Staatsrath des Königs! Es war ein Zeichen des Vertrauens, welches dem jungen Manne un⸗ gemein lieb ſein mußte, denn er ſah ihn offenbar für ſeinen Verwandten an. Wie war ein ſolcher Unterſchied in Kenntniſſen zwiſchen zwei Geſchwiſtern nur mög⸗ lich! Anfangs, wenn er Virginia's naive Verwechſelungen oder ſeltſame Reden über Gegenſtände der Literatur und Wiſſenſchaft bemerkt hatte, war es für ihn ein Scherz, eine Neckerei geweſen, dann aber, als er ſich nicht mehr ableugnen konnte, daß es wirklich ein Mangel an Kenntniſſen und Cultur des Geiſtes ſei, war er förm— lich erſchrocken und einen Moment darüber ganz unglück⸗ lich geweſen; doch gerade weil ſie ihm deshalb ſo leid that, war ſeine unſelige Neigung zu ihr nur noch ge⸗ ſtiegen. Sie hatte übrigens mehr als einmal geſehen, daß ſie ſich in ſeinen Augen durch ihre Unbekanntſchaft mit Dingen, auf welche er einen ſo hohen Werth legte, bloßgeſtellt habe, aber ſie war keineswegs beſchämt, ſondern eher beluſtigt geweſen und hatte ihm noch vor kurzem geſagt:„Wenn Sie eine Neapolitanerin hei⸗ rathen, ſo dürfen Sie keine Beſorgniß haben, eine ebenſo unwiſſende Frau zu bekommen, wie ich bin Wir haben. jetzt die Caſa Carolina für adlige Mädchen, welche darin ſo gelehrt erzogen werden, als Sie nur wünſchen Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. 1. 12 178 können. Ich war aber ſchon fünfzehn Jahre alt, als ſie vom Könige Joſeph, der nun in Spanien iſt, gegrün⸗ det wurde, und ſo muß ich mir denn ſchon, wie meine armen Zeitgenoſſinnen, durchhelfen, ſo gut es geht. Ihre deutſchen Fräulein wiſſen wohl erſchrecklich viel?“ Darüber hätte er beim beſten Willen keine Aus⸗ kunft geben können, denn er war nie mit jungen Mäd⸗ chen, wie überhaupt nicht mit Frauen in geſellſchaftliche Berührung gekommen; ob aber, wenn das der Fall ge⸗ weſen, ſeine Antwort ein ſo glänzendes Zeugniß geweſen wäre, als Virginia erwartete, laſſen wir dahingeſtellt. Den Prinzen Camillo fand er heute zu Hauſe, was nicht immer der Fall geweſen war, wenn er ihn hatte beſuchen wollen.„Was haben Sie auf dem Herzen?“ hörte er ſich beim Eintritt gleich nach der erſten Begrü⸗ ßung angeſprochen, und er bewunderte den Scharfblick, welcher ihm ſeine Unruhe anſah. Ohne ſich zu bedenken, erzählte er, was ihm geſchehen und wie er ſich nichts Anderes denken könne, als daß er ſich durch irgend ein Verſehen, vielleicht durch einen Mangel an Aufmerk⸗ ſamkeit, indem er länger nicht ſeine Aufwartung gemacht, ihren Unwillen und dieſe Strafe zugezogen habe; der Schluß dieſer gründlichen Auseinanderſetzung, welche Camillo mit großer Geduld anhörte, war, daß der Bru⸗ der gebeten wurde, ſeine Entſchuldigung und die Bitte 179 um Verzeihung für unwiſſentlichen Fehler zu über⸗ nehmen. „Ei, mein Aleſſandro“, erwiderte der Prinz lä⸗ chelnd,„machen Sie Ihrem Namen Ehre und überlaſſen Sie keinem Andern, was Sie ſelbſt thun können. Ich bin feſt überzeugt, daß Sie nur durch einen Schatten beunruhigt werden. Meine Schweſter war vielleicht von Un⸗ annehmlichkeiten in ihrem Hauſe in Anſpruch genommen. welche für Sie kein Intereſſehaben und ſollte ſie Ihnen, dem Neffen, als Grund Ihres Nichtempfangs eine Un⸗ wahrheit, wie es in der Welt Ton iſt, ſagen laſſen?“ Alexander verwahrte ſich dagegen, daß irgend etwas, ſeine Tante oder ihre Familie betreffend, für ihn ohne Intereſſe ſein könne, und erfuhr dann Einiges, das ihn betroffen machte. Der Gondolier, welchen er kannte, war entflohen, und es ſchien, als ſei er ein Mitglied jener geheimen Verbindung geweſen, deren Exiſtenz Ca⸗ millo ſchon einmal gegen Alexander angedeutet hatte. „Aber in ſeiner Stellung, ein armer, abhängiger Diener, was könnte er der Verbindung helfen, daß ſie ihn auf⸗ genommen haben ſollte?“ rief der junge Deutſche. „Gibt es eine Armee aus lauter Generalen, eine geiſtliche Hierarchie nur aus Erzbiſchöfen, irgend einen Verein ohne Abſtufung, ohne Helfer und Diener?“ ent⸗ gegnete Camillo.„Denken Sie an die Freimaurer!“ 12* 180 „Aber was bezweckt dieſe Verbindung der Carbo— nari, warum verfolgt man ſie?“ Camillo zuckte die Achſeln.„Ueber ihre Zwecke iſt die Regierung noch im Dunkeln; Alles, was ich Ihnen darüber ſagen kann, iſt meine perſönliche Anſicht. Die Regierung, welche anfangs den Bund, der nur ethiſche Zwecke zu haben ſchien, geduldet, ja gebilligt hat, nimmt jetzt an, daß die Carbonari ihr feindlich ſind, und darum werden ſie verfolgt.“ „Sie ſind alſo den Bourbons zugethan, wirken für dieſe.“ „Möglich, daß man dies jenſeits des Faro glaubt, und es heißt auch, daß die Königin Karoline von Bourbon — verwechſeln Sie die beiden Damen ja nicht, mein jun⸗ ger Freund!— mit den Carbonari Verhandlungen ange⸗ knüpft hat, und zwar durch keine geringere Perſon als den Fürſten von Moliterno; ja von mancher Seite wird behaup⸗ tet, daß die Königin Karoline von Bourbon die ganze Verbindung geſtiftet habe. Das Letztere iſt gewiß un⸗ wahr, und wenn das Erſtere der Fall ſein ſollte, ſo lebt man am Hofe zu Palermo in einer argen Täuſchung. Das iſt wenigſtens meine Anſicht! „Aber eins von Beidem doch! Hie Welf, hie Waib⸗ ling!“ rief Alexander. „Dieſer Feldruf iſt auch in Italien jahrhunderte⸗ 181 lang erklungen, als er längſt keine Bedeutung mehr hatte“, erwiderte Camillo.„Wie aber, wenn die Car⸗ bonari doch noch einen dritten zu dem ihrigen gemacht hätten, den Feldruf: Italia?“ Alexander ſah ihn zweifelnd an.„Wie ſoll ich das verſtehen?“ fragte er. „Niemals iſt der Zeitpunkt, ganz Italien zu ver⸗ einigen, wie es im Alterthum war, ſo günſtig geweſen als jetzt“ fuhr Camillo fort.„Früher widerſtrebte die⸗ ſem Gedanken bei der Zerſplitterung Italiens die Ver⸗ ſchiedenheit, die Eiferſucht und das Selbſtſtändigkeitsgefühl der einzelnen Staaten, ich brauche das Ihnen, dem Ge⸗ ſchichtskundigen, nicht weiter zu entwickeln. Jetzt ſteht das anders, ſeitdem Napoleon dem alten Staatenſyſtem ein Ende gemacht hat. Toscana, Parma, der Kirchen⸗ ſtaat ſind zum frarzöſiſchen Kaiſerreiche geſchlagen wor⸗ den, wie früher ſchon Savoyen und Piemont; die Lom⸗ bardei, Venedig, Modena hat er als Königreich Italien ſeiner eigenen Perſon übertragen, Neapel unſerem jetzigen Könige. Von den Inſeln abgeſehen, haben wir alſo nur noch drei italieniſche Ländermaſſen, und was für die Ein⸗ heit Italiens heute von unberechenbarem Vortheile iſt, alle innern Verſchiedenheiten ſind durch die eiſerne Hand Napoleon's ausgeglichen; die drei francoitaliſchen Staa⸗ ten haben gemeinſam die Kriegsverfaſſung, die Geſetz⸗ 182 gebung durch den Code Napolton und die Intereſſen. Wenn jetzt, gleichviel auf welche Weiſe, eine Kataſtrophe jene Dreitheilung erſchütterte, ſo könnte der Vereinigung zu einem großen Ganzen nicht viel im Wege ſtehen, denn der Boden iſt dazu bereitet.“ „Sie ſprechen ja, als wären Sie ſelbſt ein Carbo⸗ naro!“ rief Alexander. Camillo lächelte fein, und eine gewiſſe Aehnlichkeit mit ſeiner Schweſter, welche ſonſt nur gering war, trat in dieſem Momente hervor.„Mir iſt, auch wenn meine innerſte Ueberzeugung mich zu einem gleichen Reſultate der Anſchauung führte, doch von der Natur eine Schranke geſetzt worden, die ich nicht überſpringen kann“, erwi⸗ derte er.„Urtheilen Sie ſelbſt! Wie könnte ich mit meinem lahmen Fuß ein Verſchworener ſein und mich an Zuſammenkünften, verkappten Unternehmungen und Gewaltſchritten betheiligen, ohne ſofort von der wach⸗ ſamen Polizei bemerkt und entlarvt zu werden? O nein, meine politiſche Loyalität iſt vor aller Verſuchung bewahrt.“ „Würden Sie aber jene Einheit, welche doch der hiſtoriſchen Entwickelung Italiens widerſpricht, für ein Glück halten? Sie mögen Recht haben, daß Vieles durch die gemeinſamen Staatseinrichtungen jetzt vermit⸗ telt iſt, was ſonſt ſcharfe Gegenſätze bildete, indeſſen 183 die innere Verſchiedenheit der Stämme, welche ja doch auch hiſtoriſch begründet und darum nicht durch ein De⸗ eret auszurotten iſt, haben Sie dieſe auch recht erwogen? Es iſt gerade wie in meinem Vaterlande. Und dann wollen wir doch nicht verkennen, was Italien, wie Deutſch⸗ land, in der Entwickelung ſeiner Cultur ſeinen kleinen Fürſtenhöfen verdankt, Sie den Mediceern, dem Hauſe Eſte, wir den Thüringern, den rheiniſchen Fürſten, den Höfen zu Weimar, zu Dresden. Endlich, wenn denn nun wirklich Ihre Einheit gelungen wäre, wem ſollte die Krone angeboten werden?“ „Mein lieber deutſcher Herr Vetter“, verſetzte Ca⸗ millo wiederum mit ſeinem feinen Lächeln,„ich habe dieſe Krone nicht zu vergeben. Sie vergeſſen auch, daß ich Ihnen nicht meine Anſichten, ſondern, ſoweit ich ſie mir denken und errathen kann, die der Carbonari aus⸗ geſprochen habe. In dieſer Beziehung kann ich mich natürlich täuſchen, aber wäre es nicht eine weitere Con⸗ ſequenz ihrer Zwecke, wenn ſie, ſtatt auf die ghibelli⸗ niſche Idee Dante's von einem Kaiſerthum, noch weiter zurückgriffen, in jene Zeiten, wo Italien am herrlichſten und ehrfurchtgebietendſten daſtand, ich meine die Zeit von der Vertreibung Hannibal's bis zu den Bürger⸗ kriegen? Nicht durch Namen, und wären es die glor⸗ reichſten, ſondern durch thatſächliche Verhältniſſe werden 184 die Völker verbunden, und die Staatsform, welche in dem halben Jahrtauſend ihres Beſtehens gerade zu der von mir bezeichneten Epoche ihren höchſten Werth er⸗ reichte, könnte der Verbindung, welche ſich der Geſchicke Italiens bemächtigen will, vielleicht die beſte ſcheinen. Ich kann mich aber irren, denn die eigentliche Idee, der tiefere Geiſt der Verbindung iſt noch in tiefes Dun⸗ kel gehüllt und wird vielleicht nie aufgeklärt wer⸗ den. Haben Sie im Hauſe meiner Schweſter nichts über die bevorſtehende t Ihres Onkels ge⸗ hört?“ Alexander wußte nicht einmal, daß der Onkel er⸗ wartet werde. Die Nachricht machte auf ihn aber mehr einen beunruhigenden als einen frohen Eindruck und er konnte ſich nicht verſtellen! „Er iſt der Bruder Ihres Vaters, nicht wahr?“ fragte Camillo.„Sie haben an ihm gewiß einen liebevollen Ver⸗ wandten.“ „Ich habe ihn noch nie geſchen erwiderte Alexan⸗ der.„Er iſt ein jüngerer Bruder meines Vaters, hat aber ſchon ſeit längerer Zeit im Auslande gelebt, und auch während er bei unſerem damaligen Großherzoge, Ihrem jetzigen Könige, war, habe ich ihn nicht kennen gelernt.“ Es war ihm ſichtlich unangenehm, ſich über ſeine Familienverhältniſſe gegen einen Fremden auszu⸗ 185 ſprechen, und Camillo war zu taktvoll, um nicht ſogleich davon abzulenken. „Wir können den König vielleicht bald in Neapel erwarten“, ſagte er.„Die Nachrichten aus Deutſchland lauten nicht erfreulich für die Sache des Kaiſers. Ge⸗ wiß hat meine Schweſter darüber nähere Aufſchlüſſe er⸗ halten. Officiell wird nur ſo viel bekannt gemacht, als die Königin für nöthig hält. Indeſſen geht daraus doch hervor, daß ſich auf dem Kriegsſchauplatze Alles zu einer großartigen Entſcheidung vorbereitet, und während wir ſprechen, iſt ſie vielleicht ſchon erfolgt. Davon hängt wahrſcheinlich das Schickſal Europas, gewiß aber das Schickſal Italiens ab. Es kommt nur auf eine richtige Politik an.“ Alexander bemerkte den Blick, welchen Camillo über die Uhr auf dem Schreibtiſch ſtreifen ließ, und ſah mit Erſchrecken, wie lange er die gewiß unſchätzbare Zeit ſeines Gönners in Anſpruch genommen hatte. Er em⸗ pfahl ſich daher, ſobald er eine Pauſe der Unterhaltung dazu benutzen konnte, und erſt zu Hauſe fiel ihm Man⸗ ches aus Camillo's Reden wieder ein, was er mit ſeinen deutſchen Begriffen von Treue nicht recht zu vereinigen wußte. Wenn er, der unabhängige Freiherr, ſo geſpro⸗ chen hätte, ſo wäre es noch zu entſchuldigen geweſen. Sein engeres Vaterland Berg war aus einer Hand in 186 die andere gegangen. Seit dem Erbfolgeſtreit des ſieb⸗ zehnten Jahrhunderts hatte es Pfalz⸗Neuburg gehört, dann war es an Pfalz-Zweibrücken gekommen und da⸗ durch ſpäter mit Baiern vereinigt worden; Baiern hatte es 1806 für Ansbach vorübergehend an Preußen abge⸗ treten, Preußen im Frieden von Tilſit an Napoleon, der für ſeinen Schwager Murat daraus ein Großherzogthum geſchaffen und andere Territorien dazu geſchlagen hatte; ſeit Murat's Erhebung auf den Thron von Neapel wurde Berg für den Knaben des geweſenen Königs von Holland, Louis Napoleon, verwaltet. Mit wahrem Behagen hatte ſich der junge Pedant dieſe hiſtoriſche Reihenfolge con⸗ ſtruirt. Wo ſollte da eine Anhänglichkeit an irgend ein Herrſcherhaus herkommen! Freilich war es in Neapel auch⸗ nicht viel anders, und der Prinz Angri konnte dieſelbe Frage an ihn thun, aber er hatte Staatsdienſte genom⸗ men, und Alexander Orkum war unabhängig! Mit der Treue eines Staatsdieners vertrugen ſich Reden nicht, wie Camillo ſie geführt, denn er ſchien ja die Anſichten der Carbonari förmlich zu den ſeinigen gemacht zu ha⸗ ben! Indeſſen, er war gegen ihn als Verwandten wohl nur ſo offen und ſeine ganze Auseinanderſetzung doch im Grunde objectiv geweſen. Alexander dagegen hatte das Vertrauen nicht erwidert, indem er bezüglich ſeiner Fami⸗ lienverhältniſſe zurückhaltend geblieben war, und es ließ 187 ſich doch annehmen, daß Camillo ſie längſt durch ſeine Schweſter kannte. Onkel Albrecht war der jüngere Bru⸗ der des Majoratsherrn und hatte, wie Alexander durch ſeinen Vater wußte, ſich mit dieſem wegen übermäßiger und unberechtigter Forderungen entzweit, hatte ſein Glück hier und da verſucht, der Vater ihn ſogar kurzweg einen Spieler genannt! Dann war er in preußiſche Dienſte getreten, nach der Abtretung in das Contingent des neuen Großherzogthums, war mit ſeinem Fürſten in Spanien geweſen und ihm bei der Verſetzung nach Nea⸗ pel gefolgt, wo er ſein Glück gefunden hatte. Alexander verſank in tiefe und traurige Gedanken, als er zu dieſem Abſchluſſe gekommen war, und bebte vor der Ausſicht, daß er ſich bald überzeugen werde, wie glücklich ſein Onkel ſei. Hatte er aber nicht dieſe Ueberzeugung ſchon und rieth ihm ſein guter Genius nicht, ſo bald als möglich ſich von hier loszureißen? Warum hatte er nicht die Kraft dazu? Achtes Kapitel. Verdechte Wege. Aus Deutſchland waren allerdings ſchlimme Nach⸗ richten eingelaufen, Virginia kannte ſie jedoch nicht in ihrem vollen Umfange, weil ſie den Brief ihres Gemahls nicht bis zu Ende geleſen, ſondern ihn, ohne die Nach⸗ richt, welche für ſie noch eine beſondere Mittheilung über ſeine Rückkehr enthielt, zu bemerken, vernichtet hatte. Die Königin aber war durch ihren Gemahl in ſeiner gewohn⸗ ten heftigen Schreibart von Allem unterrichtet worden, was ſeit dem Siege von Dresden, an welchem er ſelbſt den ruhmvollſten Antheil gehabt, und den ſanguiniſchen Hoffnungen, die auch er daran geknüpft hatte, in der Kriegslage verändert war. Sie zitterte für ihren Bru⸗ der, und die alten Beſorgniſſe, daß ihr Gemahl, wie er ſchon ſeit drei Jahren damit umging, ſeine Sache von der des Kaiſers trennen werde, regten ſich von neuem in ihrer Seele. Es hatte ſie erſchreckt, daß ſie doch nicht Alles wußte, womit er ſich in ſeinen Gedanken „ 189 trug. Die Liſt und Verſtecktheit, welche er in großer Selbſtverblendung für ſeine Meiſterſchaft in der Politik hielt, hatte ſich auch gegen ſie bekundet. Vielleicht hatte er ſchon Schritte gethan, welche ihn, wenn der Kaiſer ſiegte compromittiren mußten und bei dem Siege der Coalition doch nicht retten konnten, denn Karoline Vona⸗ parte hielt es für unmöglich, daß die Alliirrten einen, der dem Hauſe des Kaiſers ſo nahe ſtand, jemals in ihre Mitte aufnehmen, auf einem der eroberten Throne dulden würden. In dieſem Sinne, behutſam warnend, ohne dieſe Ueberzeugung ſchroff auszuſprechen, hatte ſie ihrem Gemahl auf deſſen letzten Bericht geantwortet, der bereits aus dem Hauptquartier Borna datirt war, wo er mit einem Theile der kaiſerlichen Streitkräfte die gegen Leipzig vordringende feindliche Hauptarmee auf⸗ halten ſollte, während Napoleon den verunglückten Zug gegen Blücher und in weiterer zweifelhafter Ausſicht ge⸗ gen Berlin unternommen hatte. Kein Wort in ſeinem Schreiben hatte ſie zu der Annahme berechtigt, mit wel⸗ cher ſie ſich quälte, und ſie kannte ihn zu genau, um nicht zu wiſſen, daß er an der Spitze franzöſiſcher Trup⸗ pen nur Soldat, nur Franzoſe war, daß alſo ein Ge⸗ danke an Abfall jetzt nicht in ſeine Seele kam. Aber die Ereigniſſe konnte dieſen Gedanken ſehr bald wecken, und die Schweſter des Kaiſers glaubte ſchon jetzt auf kluge 190 Weiſe vorbeugen zu müſſen. Wenn der König von Neapel abfiel, ſo war ganz Italien für den Kaiſer verloren; drr Vicekönig konnte dann in Oberitalien die Fort⸗ ſchritte der Oeſterreicher nicht mehr aufhalten. Welche Folgen ſich weiter daraus entwickeln würden, ließ ſich nicht überſehen. Mit dem Kaiſer ſtehen und fallen, ſchien der Königin der einzige Weg, welchen die Ehre wie die Klugheit gebot, und ſie ſehnte ſich glühend danach, ihrem Gemahle mündlich Alles ſagen zu können, was ſie dem Papiere auch in der vorſichtigſten Form nicht anzuber⸗ trauen wagte. Auch die innern Angelegenheiten des Staates mach⸗ ten ihr als Regentin ſchwere Sorgen. So viele Mühe ſich die Regierung auch gab, die Nachrichten vom Kriegs⸗ ſchauplatze nicht in ihrem ganzen Umfange bekannt werden zu laſſen, ſie hatten ſich doch verbreitet, und die Feinde der Krone, welche man längſt vernichtet glaubte, erhoben wieder frech das Haupt, nur in anderer Geſtalt. Es wa⸗ ren nicht mehr die Räuber⸗ und Mörderſchaaren, welche ſie gegen die Franzoſen und ihre Anhänger bewaffneten, ſondern geheime Verſchwörungen, deren Leiter, deren Ver⸗ bindungen der eifrigſten Nachſpürung verborgen blieben, hatten ſich gebildet, und man konnte wohl einzelner un⸗ bedeutender Mitglieder habhaft werden, nicht aber die Ausbreitung dieſes gefährlichen unterirdiſchen Feuers ver⸗ 191 hüten. Der Herd deſſelben ſchien auf Sicilien zu ſein, wo der Haß der Königin Karoline von Vourbon die Glut ſchürte, von welcher ſie den Wiedergewinn der Krone von Neapel hoffte. Männer von Einſicht hatten dieſe Annahme freilich beſtritten und auf den Geiſt der Völker aufmerk⸗ ſam gemacht, der ſich, wie in Deutſchland, auch in Ita⸗ lien zu regen beginne, um die Herrſchaft des Kaiſers zu bekämpfen, aber Karoline Murat hatte dafür kein rechtes Verſtändniß; es wäre ja der himmelſchreiendſte Undank geweſen, wenn das Volk von Neapel für die unendlichen Wohlthaten, die es ihrem Hauſe, dem Kaiſer, dem Kö⸗ nig Joſeph und ihrem Gemahl verdankte, mit einer Er⸗ hebung gegen daſſelbe geantwortet hätte. Sie erblickte— in den drohenden Zeichen nur das Werk lichtſcheuer Ver⸗ ſchwörer zu Gunſten der Bourbons, und die Abneigung, welche ſie perſönlich gegen die Habsburgerin Karoline hegte, diente nur dazu, ſie in ihrer Anſicht zu beſtär⸗ ken, daß von dort alles Uebel ausgehe. Doch ſprach ſie ſich nur gegen ihre vertrauteſten Räthe und Die⸗ ner über die Sorgen aus, welche ſie bedrückten; äußer⸗ lich trug ſie eine heitere Stirne zur Schau, wenn ſie, wie jetzt oft geſchah, mit ihren vier ſchönen Kindern dem Volke ſich zeigte. Auch die gewohnten Feſtlichkeiten bei Hofe, nur nach der Jahreszeit herkömmlich beſchränkt, erlitten keine Unterbrechung. Auf die größere Maſſe des 192 Volkes verfehlte das auch ſeine Wirkung nicht, die Tiefer⸗ blickenden ließen ſich aber dadurch nicht täuſchen und ſahen der Zukunft mit geſpannter Erwartung, in Furcht oder Hoffnung, je nach ihrem Parteiſtandpunkte, ent⸗ gegen. Zu Camillo Angri kam eines Morgens in unver⸗ kennbarer Aufregung ſein Vetter Emilio.„Was iſt geſchehen?“ rief ihm der Lahme entgegen, indem er, ſtär⸗ ker hinkend als je, über das Zimmer zu ſeinem Em⸗ pfange ging. Emilio blickte ſich noch einmal ſorglich nach der Thür um, ob er dieſe auch feſt zugemacht habe, dann faßte er Camillo's Hand und ſprach:„Sie haben einſt gegen mich einen Verdacht gehegt, den ich noch heute nicht vergeſſen kann, der mir ſchlafloſe Nächte ge⸗ macht hat—“ „Infolge reichlicher Soupers!“ ergänzte Camillo. „Sie meinen Ihre Bewunderung der Gräfin Orkum?“ „O nein! Wäre das kränkend? Dieſe Bewunderung iſt aber in einen harten Conflict gerathen! Ich meine den Verdacht, den Sie einſt ausſprachen, als wäre ich eingeweiht in die Geheimniſſe einer gewiſſen Verſchwö⸗ rung.“ „Der Carbonari?“ verſetzte Camillo, da der Vetter ſich ſcheute, den gefährlichen Namen auszuſprechen.„Ja, 193 liebſter Couſin, dieſer Gedanke hat auch mir ſchlafloſe Nächte bereitet, denn trotz Ihrer Betheuerungen konnte ich nach Allem, was Sie hatten durchblicken laſſen, mich der Furcht doch nicht ganz entſchlagen, daß ein Mitglied des Hauſes Angri ſich in dieſe gefährliche Verbindung für unbekannte, jedenfalls ie Zwecke ein- gelaſſen habe!“ „Ihre Furcht iſt nur allzu begründet geweſen!“ ſagte Emilio mit dem Ausdruck des Vollbewußtſeins, welch eine wichtige Mittheilung in ſeiner Macht ſtand. „Nicht ich, ſondern ein anderes Mitglied des Hauſes Angri ſteht den Carbonari ganz nahe!“ Er ſah den Wt ter dabei mit bedeutungsvollen Blicken an. „Was ſoll das? Wen meinen Sie?“ rief Camillo heftig und ſeine Augen funkelten. „Nur ruhig, ruhig! Vor allem thut uns hier Ruhe noth, damit wir keinen übereilten Schritt, keinen Miß⸗ griff thun!“ ſagte Emilio, indem er ein gedrucktes Blatt aus der Taſche zog.„Leſen Sie das und ſagen Sie mir Ihr Urtheil darüber.“ Er reichte das Blatt ſtinem Vet⸗ ter und beobachtete deſſen Züge. Camillo warf nur einen Blick auf die Druckſchrift und zuckte mit einem faſt mitleidigen Lächeln die Achſeln. „Wer hat Ihnen das gegeben oder in die Hände ge⸗ ſpielt?“ fragte er. Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. 1. 13 —————————— — 194 „Wiſſen Sie, was es enthält? Sie haben es kaum angeſehen, nicht geleſen?“ entgegnete Emilio. „Ich hoffe, lieber Couſin“, erwiderte Camillo, der ſeine Aufwallung vollkommen wieder bemeiſtert hatte,„daß Sie mir in meiner Stellung als Staatsrath einige Kennt⸗ niß von dem, was im Reiche vorgeht, zutrauen werden. Glauben Sie, daß mir die Exiſtenz dieſes Flugblatts, das überall verbreitet wird, unbekannt geblieben iſt? Ich brauche es nicht erſt zu leſen, auch gibt der Titel ja gleich an, was es enthält: die ſicilianiſche Conſtitution, den Völ⸗ kern beider Sicilien verheißen. Engliſche Contrebande, theuerſter Emilio! Wer hat ſie bei Ihnen einge⸗ ſchmuggelt?“ „O, Sie würden weder ſcherzen, noch ſpotten, wenn Sie eine Ahnung hätten, wo dies Blatt gefunden worden iſt!“ ſprach Emilio feierlich und vorwurfsvoll.„In der Villa Angri.“ „Sie ſind nicht klug!“ fuhr Camillo auf. „In Ihren Augen, ich weiß es ſchon, ſtehe ich nicht als Stern erſter geiſtiger Größe. Sie haben mich Ihre Ueberlegenheit oft genug fühlen laſſen. Gönnen Sie mir daher die kleine Genugthuung, auch einmal etwas früher als Sie bemerkt und durchſchaut zu haben. In der Villa Angri, im Garten der Divina iſt dies Blatt gefunden worden. Welche Bedeutung, welchen Zweck 195 daſſelbe hat, weiß auch ich, obgleich ich nicht Staats⸗ rath, ſondern nur ein ci-devant⸗Cavalier der Königin Marie bin. Es ſoll im Volke von Neapel für die Bourbons wirken, welche ihm dieſe in Sicilien bereits eingeführte Conſtitution verheißen; es iſt eine Zündſchnur für die revolutionären Minen, welche die Carbonari in aller Heimlichkeit und in allen Provinzen graben.“ „Wo haben Sie dieſen Vortrag gehört, Couſin?“ entgegnete Camillo in dem vorigen Tone, und als der Vetter empfindlich wurde, fuhr er ſchnell fort:„Die Richtigkeit deſſelben angenommen, ebenſo die Thatſache, daß in der Villa Angri dies Blatt gefunden worden und auf eine von Ihnen noch nicht erklärte Weiſe in“ Ihre Hände gekommen iſt, ſo frage ich Sie doch: was beweiſt das gegen unſer Haus? Wollen Sie etwa gar meine Schweſter Virginia zu einer Carbonara machen?“ „Nicht ich!“ wiederholte Emilio.„Virginia ſelbſt, ihr unvorſchtiges Benehmen, ihre ſchnelle Flucht—“ „Was ſagen Sie?“ rief Camillo.„Wenn Sie nicht berauſcht ſind, ſo ſprechen Sie im Delirium!“ „Sachte, ſachte, Don Camillo!“ erwiderte der Vetter, nun auch auffahrend.„Sie trotzen zu ſehr auf unſere Verwandtſchaft und meine Nachſicht mit Ihren weitgehen⸗ den Scherzen, wenn nicht gar auf Ihre körperliche 13⁸ 196 Schwäche! Sie ſollen mir für dieſe Beleidigung Satis⸗ faction geben!“ „Mit Freuden, wenn Sie darauf beſtehen! Vorher aber widerlegen Sie mich durch eine vernünftige Auskunft.“ „Wohlan, ſie wird ſehr kurz ſein“, ſprach Emilio. „Ein ehrlicher Burſche im Dienſt Ihrer Schweſter, gut, aber dumm, mir beſonders anhänglich, weil ich mit ihm zuweilen freundlich geſprochen, ihm auch ein paar Grani geſchenkt habe—“ „Ha!“ rief Camillo kurz und verächtlich. Emilio verſtand aber ſeine Meinung nicht. „Dieſer arme Burſche“, fuhr er fort,„hat das Blatt in der Grotte der Villa gefunden. Sie wiſſen, die ſchöne Grotte, umrankt und beſchattet von Mhrten, wo uns der Fürſt Hettore, Ihr Vater, als wir noch jünger waren, zuweilen zu ſich einlud, bei köſtlicher Bewirthung mit ihm zu plaudern. Der glückliche Zufall wollte, daß ich, im Begriff, Ihrer Schweſter, die ich in der Villa wußte, meinen Beſuch zu machen, gerade die Lan⸗ dungstreppe hinaufging, als mein junger Burſche mit dem Blatte, das er in der Grotte gefunden hatte, aus dem Gebüſch kam. Ich bemerkte es in ſeiner Hand, fragte danach— er gab es mir, geleſen hatte er es nicht, denn der Arme kann gar nicht leſen. Stellen Sie ſich meinen Schreck vor, dies Machwerk zu erblicken! 197 Natürlich kam nicht der entfernteſte Verdacht auf Virgi⸗ nia in meine Seele, aber Verrath mußte hier im Spiele ſein, wie wäre das Blatt ſonſt in ihren Garten ge⸗ kommen? Ich eilte daher, ihr die Mittheilung zu machen, ſie zu warnen. Sie ließ ſich auf meine An⸗ meldung mit Krankheit entſchuldigen. Ich muß Ihnen geſtehen, daß ich ſeit der Behandlung, von welcher ich Ihnen vor einiger Zeit erzählte, das Haus Ihrer Schwe⸗ ſter vermieden habe, endlich aber hatte ich meinen ge⸗ rechten Unwillen überwunden und war in der beſten Ab⸗ ſicht gekommen, um ſo mehr kränkte mich die Wie⸗ derholung des Spiels, das ſie mit mir trieb.“ „Ihre perſönlichen Wallungen wollten Sie mir nicht erzählen!“ rief Camillo ungeduldig. „Doch bin ich mir ſchuldig, Couſin, mich in Ihren Augen zu rechtfertigen. Als die Cameriera mir die Antwort brachte, riß ich aus meinem Portefeuille ein Zettelchen und ſchrieb darauf die Worte:„Der Freund hat Ihnen eine wichtige, Ihre Sicherheit betreffende Mittheilung zu machen.“ Das Mädchen mußte das hin⸗ eintragen, aber ſtatt der Einladung, ihr zu folgen, er⸗ hielt ich den mündlichen Beſcheid: Altezza danke für die gute Abſicht, habe jedoch für ihre Sicherheit nichts zu fürchten. Mündlich das und kein freundliches Wort dazu!“ „Sie haben es verſchuldet!“ ſagte Camillo. —— ———— 198 „Wodurch, ich bitte Sie? Die Divina wäre die erſte und einzige Frau, der eine Huldigung mißfiele. Aber Sie verſtehen das nicht; Sie ſind ein Weiberfeind, kennen alſo die Frauen nicht. Hier walten andere Gründe vor; denn ſelbſt wenn ſie einen Bevorzugten haben, ſo verzichten die Frauen deshalb nicht auf einen zweiten, dritten Verehrer con grazia in infinito. In allen Eh⸗ ren, mein Herr Cato Cenſorius; ich ſpreche ja von einer Dame unſeres Hauſes! Mir blieb denn nichts übrig, als beſchämt abzuziehen. Heute aber erfahre ich, daß Virginia gleich oder doch bald nach meiner Anweſenheit zur Stadt zurückgekehrt und ſchleunigſt abgereiſt iſt— laſſen Sie mich ausreden, Camillo!— noch mehr, der Chef der Gensdarmerie ſagt mir, daß ein Menſch aus der Dienerſchaft meiner Couſine bereits ſeit mehreren Tagen als ein Mitverſchworener der Carbonaria verfolgt wird, ſich aber durch die Flucht gerettet hat. Ich überlaſſe es dem Scharfſinne des Staatsraths Prinzen Angri, ſich die Conſequenzen zu ziehen.“ „Sie ſcheinen ſehr einfach!“ erwiderte Camillo kalt. „Den Knecht gebe ich Ihnen preis; möglich, daß er ſich von dem geheimen Bunde als taubſtummes Werk⸗ zeug hat gebrauchen laſſen! Ich weiß davon; es iſt der geweſene Brigante, welcher ſich der perſönlichen Begna⸗ digung des Königs rühmte. Selbſt wenn er ſich un⸗ 199 ſchuldig weiß, ſo hat er Recht gethan, bei der kleinſten Verdächtigung zu jliehen, denn die Kriegsgerichte ver— fahren ſummariſch mit ſeinesgleichen. Die Abreiſe meiner Schweſter ſteht damit in gar keinem Zuſammen⸗ hange; ſie iſt jedenfalls ſchon beſchloſſen geweſen, ehe Sie den Ueberfall auf die Villa Angri ausführten, und Ihre Warnung, welche ihr unverſtändlich geweſen iſt, hat ſo wenig Einfluß auf dieſen Entſchluß gehabt, als der Umſtand, daß eins der Flugblätter, aus denen Ihr ſchö⸗ ner Vortrag eine Zündſchnur für Mineurs webte, in der Villa Angri gefunden worden iſt. Man hat deren ſogar im königlichen Palaſte gefunden!“ „Gut!“ ſagte Emilio ſchnell aufſtehend.„Sie ver⸗ werfen meine Mittheilung als eine Phantaſie des Rau⸗ ſches oder Deliriums, ich habe meine Schuldigkeit ge— than und die weitern Folgen nicht zu verantworten. Ihren Beleidigungen will ich mich nicht länger ausſetzen; ich denke, daß mein Renommee durch fünf Zweikämpfe, welche der ganze Hochadel des Reichs kennt, hinläng⸗ lich feſt ſteht, um nicht angezweifelt zu werden, wenn ich von Ihnen keine Genugthuung fordere. Leben Sie wohl, Herr Staatsrath. Vielleicht werden Sie noch die altrömiſche Befriedigung eines Brutus genießen, über Ihre eigenen Verwandten zu Gericht zu ſitzen. Ich glaube ja doch, daß die Divina ein Aſyl in der Caſa 200 dell' Orme oder unter den Fittigen der Tante Aebtiſſin gefunden hat, deren Convent auch bei der Aufhebung der Klöſter in halber Maßregel verſchont geblieben iſt. Diesmal aber, das werden Sie als Diener des Kö⸗ nigs mir zugeben, wird keine Schonung mehr möglich ſein.“ „Unſer Haus, Herr Vetter, verlangt keine Scho⸗ nung und bedarf ihrer nicht!“ erwiderte Camillo mit ſtolzer Ruhe, ohne ſich auf die andern Worte Emilio's einzulaſſen. Dieſer nahm einen kurzen Abſchied; in der Thür kehrte er ſich nochmals um, als wolle er etwas ſagen, da ihm aber Camillo bereits den Rücken zuge⸗ wandt hatte, ſo ging er, den Kopf zurückwerfend, hin⸗ weg. Camillo war nun allein. Er ſchritt mit ſeinem ſchleppenden Gange mehrmals im Zimmer auf und ab, dann blickte er empor und ſchüttelte den Kopf. Auf dem Tiſche lag das Druckblatt, welches Emilio zurück⸗ gelaſſen hatte, gewiß mit Abſicht, um ſich des gefährli⸗ chen corpus delicti zu entledigen. Wer ſtand ſo hoch, daß er in dem zunehmenden Mißtrauen der Regierung über allem Verdacht erhaben geweſen wäre? Liefen die Fäden, welche ſie in die Hände bekommen hatte, nicht wie ein Nervenſyſtem durch den ganzen Staatskörper, durch alle Klaſſen des Volks? Freilich durfte nicht Jeder, von welchem man wußte oder ahnte, daß er den Carbonari ſich angeſchloſſen hatte, in Anklageſtand ver⸗ — 201 ſetzt werden, denn es war noch kein Geſetz erſchienen, welches dieſe Verbindung als ſtaatsgefährlich bezeichnet und geächtet hätte; man mußte Thatſachen haben, um den einzelnen Mitgliedern, deren man ſich bemächtigen konnte, den Proceß zu machen, und gegen Hochgeſtellte konnte ſelbſt der General Manches, dem wiederum die Unterdrückung der geheimen Verſchwörungen in die Hand gelegt war, durch ſeine Kriegsgerichte auf wenig begrün⸗ deten Verdacht hin kein Urtheil fällen und vollſtrecken laſſen. Aber wer bürgte dafür, daß nicht am nächſten Morgen ſchon das Proſeriptionsgefetz gegen die Carbo⸗ nari erfloß? Und dann wehe Jedem, der des Carbonaris⸗ mus verdächtig war! „Armer Emilio!“ ſagte Camillo mit ironiſchem Lächeln, indem er das Flugblatt vom Tiſche nahm. Er las es gedankenvoll durch. Es enthielt im Auszuge die weſentlichſten Beſtimmungen der ſogenannten ſicilianiſchen Conſtitution von 1812. Lord Bentinck, der Bevollmäch⸗ tigte Englands am Hofe König Ferdinand's, hatte nach den vielen Schwankungen der dortigen Politik und ſei⸗ nem eigenen letzten Verſuche, mit Jvachim Murat ein Verſtändniß anzuknüpfen, endlich den Widerſtand der Königin gegen ſeine frühern Vorſchläge, einen Weg im Sinne des Zeitgeiſtes einzuſchlagen, beſiegt. Nachdem der offene Kampf nur zu Niederlagen geführt hatte, 202 wollte man einen Verſuch machen, das ganze Volk durch liberale Zugeſtändniſſe zu gewinnen. König Ferdinand hatte Sicilien eine Conſtitution gegeben! Warum nicht? Eine mehr in der Reihe! Es war im Ganzen die eng⸗ liſche Verfaſſung, wie es bei Lord Bentinck's Mitwir⸗ kung natürlich war, mit wenigen Abänderungen, das Wahlgeſetz, die Zahl der Volksvertreter und das Feu⸗ dalweſen betreffend, dem man ſeine Vorrechte nahm und ſeine Lehen, folglich die Macht ließ. Im Jahre 1812 war der Entwurf ſchon feſtgeſtellt worden, aber in Kraft wurde die Conſtitution erſt geſetzt, als Lord Bentinck, feindlicher als je gegen Murat geſinnt, nach Sicilien zurückgekehrt war, kurz nach deſſen Abreiſe zum Kaiſer, durch welche die bereits weit vorgeſchrittenen Unter— handlungen mit England unerwartet abgebrochen worden waren. Die neue Verfaſſung, welche dem Volke von Nea— pel bei der Wiederherſtellung der Bourbons nie beſeſſene Freiheiten verhieß, ſollte nun die geiſtige Waffe werden, deren man ſich ſtatt der Mordwaffen Fra Diavolo's und ſeiner Nachfolger, welche wie die Köpfe der Hydra nachgewachſen waren, bediente. Eine geiſtige Macht aber ſollte dieſe Waffe führen, und das war die geheime Verbindung der Carbonari. Camillo lächelte bitter. Er kannte die Verhältniſſe ganz genau. Er wußte, welche Kämpfe es Lord Ben⸗ 203 tinck, dem Obercommiſſar der Schutzmacht England, gekoſtet hatte, in Sicilien den Abſolutismus zu brechen, deſſen Seele die Königin, deſſen thätigſte Werkzeuge der Herzog von Ascoli, der Fürſt Canoſa, der Marcheſe della Schiava und andere Höflinge waren. Zweierlei hatte aber die Bemühungen der Briten begünſtigt: die geheimen Verſuche der Königin im Jahre 1810, ſich der drückenden Abhängigkeit von England durch eine Annäherung an Napoleon, der nun dem habsburgiſchen Kaiſerhauſe verſchwägert war, zu entziehen, und der ver⸗ unglückte Angriff Murat's auf Sicilien. Dieſer hatte gleich nach der Rückkehr von Paris, wo er der Ver⸗ mählung des Kaiſers mit der Erzherzogin Marie Louiſe beigewohnt hatte, zur Eroberung von Sicilien, welche ihm Napoleon aufgetragen, 16,000 Mann und 300 Schiffe zuſammengezogen. Freilich hatte er keine Ah⸗ nung von den Verhandlungen des Kaiſers mit der Königin von Sicilien; er wußte nicht, daß General Grenier, welcher die franzöſiſchen Truppen in Neapel, die Mehrzahl der Ar⸗ mee, befehligte, geheime Inſtructionen hatte, und erwartete vergebens deſſen Zuſtimmung zum Beginn der Operationen, als er ſchon ſein prachtvolles königliches Zelt auf dem Hü— gel del Piale aufgeſchlagen und ſeinen Hof, die Mini⸗ ſter, einige Staatsräthe und die für die Regierung von Sicilien bereits beſtimmten Perſonen im Lager verſam⸗ 204 melt hatte. Hundert Tage waren darüber vergangen, der kleine Krieg hatte Tag und Nacht von Reggio bis Scilla, von Torre di Faro bis Meſſina, zu Land und zu Waſſer geſpielt, mit vielem unnützen Verluſt von beiden Seiten; vergebens hatte der König mit Heftigkeit Gre⸗ nier's Widerſtand, der die Unmöglichkeit vorſchützte, be⸗ kämpft; endlich waren die Aequinoctialſtürme gekommen, und die Unternehmung hatte aufgegeben werden müſſen. In Pizzo hatte ſich König Murat eingeſchifft, um nach Neapel zurückzukehren; das Jauchzen des Volkes hatte ihn begleitet, in demſelben Pizzo, wo ihn nach wenigen Jahren ſein Verhängniß ereilte! Nach dieſer verfehlten Expedition war die feindſelige Stimmung der Königin von Sicilien gegen die Engländer offener hervorgetreten, weil ſie beſtimmt auf den Kaiſer rechnete, welcher ſchon den Arm ſeines Schwagers gegen ſie aufgehalten hatte, aber die Wachſamkeit Lord Bentinck's hatte ſchon frü— her Spuren der Anſchläge entdeckt, welche er nur als Undank für den gewährten Schutz und treuloſen Ver⸗ rath anſehen konnte; die Königin war nach Wien ge⸗ reiſt, mehrere ihrer Anhänger waren in der angeſtellten Unterſuchung ermittelt und mit dem Tode beſtraft wor⸗ den. Vor vier Jahren hatte Fra Diavolo, der Räuberchef, der mit vierhundert Genoſſen auf das Feſtland geworfen worden, überall geſchlagen, von ſeinerzerſprengten Bande ge⸗ trennt, aus dem Kloſter der Incoronata, wo ihm die Mönche eine Freiſtatt gewährt, vertrieben, von Wald zu Wald irrend, als er endlich, bettelarm, ſchwach und des Lebens überdrüſſig, gefangen, und hingerichtet worden war, auf dem Schaffot die Königin von Sicilien verflucht, welche ihn zu dieſem Unternehmen getrieben. Die höher⸗ geſtellten Opfer ſpäterer Zeit waren ſchweigend für die Sache geſtorben, der ſie ihr Leben geweiht. Lord Ben⸗ tinck aber hatte den Moment und die Abweſenheit der Königin benutzt, um die Haltloſigkeit des bisherigen Re⸗ gierungsſyſtems dem Könige und deſſen Räthen zu be⸗ weiſen und die Einführung freierer Staatsformen, nach dem Muſter der engliſchen durchzuſetzen. Gerade jetzt, wo in Neapel König Murat nicht einmal das ungenügende Statut von Bayonne, das ſein Vorgänger, König Jo⸗ ſeph, als er nach Spanien ging, ſeinem Volke zum Ab⸗ ſchiede als Verfaſſung hinterlaſſen, in ſeinen weſentlichſten Beſtimmungen durchgeführt hatte, war daran die Hoff⸗ nung geknüpft worden, daß ein Vergleich zwiſchen ihm und dem Könige Ferdinand, der ſeinen Sicilianern aus innerem Antriebe eine Conſtitution gegeben hatte, bei den erregbaren Neapolitanern von entſchiedenſter Wirkung ſein würde. Was konnten ſie mehr wünſchen als Frei⸗ heit unter ihrem rechtmäßigen Königshauſe? Darum die angeknüpften Verbindungen mit einzelnen einflußreichen 206 Mitgliedern der Carbonaria, die man kannte, darum die Verbreitung der Grundzüge der ſicilianiſchen Conſti⸗ tution. Alle Wohlthaten für die materielle und geiſtige Entwickelung, welche das Land der Fremdherrſchaft un⸗ leugbar im reichſten Maße verdankte, behielt es ja, die rechtmäßigen Herrſcher ſchenkten ihm dazu die politiſchen Rechte und Freiheiten, welche ihm jene verſagte— mußte es ſich nicht dafür erheben? Das bittere Lächeln Camillo's ſchien aber dieſen Er⸗ folg in Zweifel zu ziehen; der Staatsrath König Mu⸗ rat's, welcher das Vertrauen ſeines Monarchen genoß, hatte einen tiefern Einblick in die Verhältniſſe dieſſeits des Faro, als man drüben, trotz aller fleißig unterhalte⸗ nen Verbindungen, haben konnte, weil man Alles durch gefärbte Gläſer anſah. Auf das Volk von Neapel hoffen? Ueberhaupt, in wen oder was Vertrauen ſetzen? Die Er— fahrungen ſeines eigenen wie ſeines öffentlichen Lebens hatten Camillo längſt alles Vertrauen geraubt; es gab auf Erden nichts, auf das man ſich verlaſſen konnte. Tugend, Ehre, Frömmigkeit, Sittlichkeit, Vaterlandsliebe — Schaumperlen, welche in köſtlichen Farben ſchimmern und vor einem Lufthauche des Angenblicks zerplatzen! Auch ſich ſelbſt traute Camillo nicht mehr; in ſeiner ei— genen Bruſt hatte er bei ſtrenger Selbſtprüfung Regun⸗ gen gefunden, welche ihn mit Grauen erfüllt hatten! 207 War es nach der Lehre der Kirche die Macht des Satan, welche in der Erbſünde wurzelt? Wer ſtand ihm dafür, daß ſie zu böſer Stunde nicht auch ihn, wie viele Beſſere und Edlere, überwältigen und zu Thaten hinreißen könne, welche keine Reue zurückzukaufen im Stande ſei? Aus den politiſchen Wirren der Zeit, die jenes bittere Lächeln in ſeine Züge gerufen hatten, war Ca⸗ millo in das Labyrinth ſubjectiver Zweifel geführt worden, das er in einſamer Stunde nur zu gern durch⸗ irrte. Er wandte ſich den Angelegenheiten ſeiner eigenen Familie zu. Die große Nachricht, welche ihm Emilio mit ſo viel Wichtigkeit gebracht hatte, erſchien ihm lächerlich. Selbſt in ſeiner heutigen Stimmung mußte ſich ſeine düſtere Stirn erhellen, wenn er ſich Virginia als Ver⸗ ſchwörerin dachte, als Carbonara, wie er den Vetter geſagt hatte. Dieſe Verbindung und weib⸗ liche Mitglieder! Verſtecktheit, den Stempel ihrer Ab⸗ kunft, beſaß Virginia zwar genug, und ihr Vertrauen hatte wohl ſeit ihrer früheſten Kindheit keine Seele be⸗ ſeſſen, am wenigſten der Bruder, der ſo viel älter war und vor dem ſie ſich fürchtete; ſie hatte ſchon, als ſie noch mit der Puppe ſpielte, ihre kleinen Geheimniſſe ge⸗ habt, hatte ſich höchſt ungern über Alles, was ſie ſelbſt betraf, befragen laſſen und ſich durch ausweichende oder unklare Antworten der vollen Wahrheit, auch wo es für 208 ſie ganz gleichgültig geweſen wäre, entzogen. Wie dann ferner ihr Schickſal und Leben ſich geſtaltet hatte, mochte dieſer Hang zur Meiſterſchaft in der Kunſt, ſich nie durch⸗ ſchauen oder errathen zu laſſen, ſich entwickelt haben, wenn derſelbe nicht vielleicht in trauriger Wechſelwirkung mit zu jener Geſtaltung ihrer Lebensverhältniſſe beigetragen hatte. Ob ſie aber, mit fremden und wichtigen Geheim⸗ niſſen betraut, fähig ſein würde, dieſelben mit gleicher Sicherheit zu bewahren, wie ihre eigenen, blieb ſehr zwei⸗ felhaft, denn ſie war doch immer eine Frau.„Arme Vir⸗ ginia!“ dachte Camillo, denn wie ſtreng er auch gegen ſie war, er liebte ſie doch im Grunde ſeines Herzens, wie all die Seinigen, die nicht erſt ſeit heut und geſtern, ſon⸗ dern ſo lange Camillo denken konnte, ſich einander ent⸗ fremdet und fern geſtanden hatten, dennoch durch Bande der Liebe, unzerreißbar ſtark, verbunden waren. Er hatte das wieder recht gefühlt, als er mit Virginia an dem vermeintlichen Sterbebette des Vaters zuſammengetroffen war. Ihre jetzige Lage, ihre Ehe, das Verhältniß zum Vater, zu ihm, die furchtbare Leere ihres Herzens, welche, wenn heute noch nicht, doch über kurz oder lang ſich ihr fühlbar machen mußte; konnte der äußere Glanz, die Rolle, welche ſie in der großen Geſellſchaft ſpielte, die Huldigung, von der ſie umgeben war, dafür entſchädigen? Noch war ſie die goldſchimmernde Libelle, welche leicht— 209 geflügelt am ſonnigen Bache dahingaukelt, aber es kam die Zeit, welche im Leben nicht immer bis auf den Herbſt wartet, um daſſelbe des Lichts und der Farben und all ſeines vergänglichen Reizes zu entkleiden, und dann, Virginia? Armes Weib! In manchem Zeichen, das er nur von fern bemerkt und darum nicht ganz begriffen hatte, glaubte er ſchon das aufſteigende Gewölk zu ſehen, das den Sturm heraufführen konnte. Der Verwandte ihres Gemahls, der für ſie eine ſo tiefe Leidenſchaft ge⸗ faßt hatte, daß Camillo, als er ihn kennen gelernt, an— fangs Beſorgniſſe gehegt, erſchien ihm jetzt faſt wie ein Troſt; wenn alle Täuſchung für Virginia zerrann und nirgends für ſie der feſte Halt zu erblicken war, den ihr der Mann, dem ſie ſich hingegeben hatte, nimmer gewähren konnte, dann fand ſie vielleicht einen treuen und lautern Freund an dem Jünglinge, mit dem ſie jetzt ein herzloſes Spiel zu treiben ſchien, wie mit dem Larvenſchwarme ihrer Anbeter am Hofe. Auch ihre plötzliche Abreiſe mochte in dies Spiel gehören. Vielleicht war indeſſen Emilio's Zudringlichkeit die Urſache. Virginia hatte vor nicht langer Zeit ihrem Bruder ſchuld gegeben, daß er ſie mit Spionen umſtelle; ſie hatte nur die Perſonen verwechſelt; Emilio war es. Der alternde Cava⸗ lier, von heißer Leidenſchaft für das reizende Weib ent⸗ brannt, von wüthender Eiferſucht gefoltert, daß ſie einen Andern glücklich machen könne, hatte ſich Mittel und Wege Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. J. 14 210 geſchafft, ſie zu bewachen, und wenn ſie das auch noch erkannt hatte, was war natürlicher, als daß ſie ſich durch einen ra⸗ ſchen Entſchluß, wie es ihre Art war, vor ſeinen läſtigen Beſuchen, die ſie doch nicht immer abweiſen konnte, und vor ſeiner noch läſtigern Beobachtung ihrer Schritte gerettet hatte? Sie war gewiß auf das Landgut gereiſt, das der König ihrem Manne geſchenkt hatte; dort konnte ſie, geſchirmt durch die eingetretene Regenzeit, welche ihr alle uner⸗ wünſchten Gäſte fern hielt, in Zurückgezogenheit die Heim⸗ kehr des Grafen abwarten, der wenigſtens die Pflicht hatte, ſie dann weiter vor Unziemlichkeiten zu ſchützen. Nur das Gehirn eines Don Emilio konnte auf den abenteuer⸗ lichen Gedanken kommen, daß ſie geflohen ſei, weil ihr Diener in der Grotte der Villa einen Abdruck der ſiciliani- ſchen Conſtitution gefunden hatte. Tommaſo, der geweſene Brigant, ob unter Fra Diavolo, Brandi, Palmieri oder ei⸗ nem andern Bandenführer, gleichviel, der Begnadigte Murat's, der nun rückfällig geworden war und das Ri— tual der Carbonari ſo ungeſchickt an Camillo verſucht hatte, ohne Anklang zu finden, wer anders konnte das Blatt in der Villa verloren haben? Er hatte ſeine Haut nicht für die unbekannten Obern, die ihn doch nicht ſchützten, zu Markte tragen wollen und war entflohen. Der Schlüſſel des Räthſels, welchen Emilio im Boudoir einer Frau geſucht, lag in den Fußtapfen des gemeinen Gondoliers. Neuntes Kapitel. In der Roſajc. Virginia, in ihrem bequemen Wagen gegen das Wetter geſchützt, das mit ſchweren Regentropfen gegen die geſchloſſenen Fenſter ſchlug, kümmerte ſich wenig darum, welche Beweggründe ihrer plötzlichen Abreiſe unterge⸗ legt würden. Sie dachte an Keinen, den ſie in Neapel zurückgelaſſen hatte, nicht an den jungen Deutſchen, deſſen Weſen ſie oft mit Erſtaunen, deſſen kaum verhüllte Lei⸗ denſchaft ſie mit einem Gefühl wie Trauer füllte; noch minder dachte ſie an den Bruder, und es hätte in der That weit mit ihr gekommen ſein müſſen, wenn ſie je bei ihm ſich hätte Rath und Troſt holen ſollen; das hatte ihr letztes Zuſammenſein mit ihm in der Caſa dell' Orme wieder beſtätigt. Seine Abſchiedsworte:„Vielleicht wirſt Du einmal Deinen Bruder ſuchen, wenn kein anderer Rath mehr zu finden iſt!“ die ihr Unglück zu weiſſagen ſchienen, hatten noch lange in ihrer Seele nachgeklungen. Jetzt aber war dieſer Eulenruf verhallt, welcher doch 14* 212 auf ſie, da ihr Geiſt nicht ganz frei vom Glauben an böſe Vorbedeutungen war, damals Eindruck gemacht hatte, und das Bild ihres Bruders begleitete ſie nicht. Am wenigſten aber ſchenkte ſie dem Vetter, deſſen zärt⸗ liche Bemühungen ihr wahrhaft widerwärtig waren, nur einen Gedanken. Ihre Seele war in einem träumeriſchen Zuſtande, der keine klare Vorſtellung aufkommen ließ; unbeſtimmte, wie von Duftgewölk umfloſſene Bilder aus dem Eden ihres erſten jugendlichen Erwachens ſchwebten ihr vor. Unter Palmen am blühenden Ufer des ſtillen Sees, im ſüßeſten Frieden wähnte ſie zu ruhen, ein En⸗ gelsantlitz ſchaute lächelnd auf ſie hernieder, da zerrann es wie Nebel, und Alles wurde öde; graue Wellen, langhin und langſam rollend, eine nach der andern, ohne Raſt, ohne Eile, überfluteten ihr Paradies, plötzlich aber ſtand vor ihr lichtprangend ein Cherub mit dem Flam⸗ menſchwerte in zürnender Schönheit, auf ſeiner Stirn ihr Schickſal zu leſen! Sie erwachte ſchreckhaft aus ihren Träumen, ſie blickte um ſich her und lächelte über ſich ſelbſt. Mit ihrem duftenden Taſchentuch ſchaffte ſie ſich einen freien Blick durch die angelaufenen Fenſter⸗ ſcheiben; welch ein troſtloſes Wetter! Sie mußte ja bald ihr Ziel erreichen, aber der ſtrömende Regen erlaubte kaum die nächſten Gegenſtände zu erblicken, und ſie lehnte ſich wieder in die weichen Polſter zurück, „ 213 um in Geduld das Ende ihrer kurzen Reiſe zu er⸗ warten. Ihr Bruder hatte Recht, ſie ging auf das Landgut ihres Gemahls. Wenn ſie tiefere Gründe dazu hatte, als einen plötzlichen Einfall, dem ſie ſelten widerſtrebte, ſo waren es wenigſtens nicht die, welche ſelbſt Camillo ſuchte. In Zurückgezogenheit zu leben, war nicht ihre Art. Die Heimkehr des Grafen würde ſie hier am we⸗ nigſten, ſondern lieber in der rauſchendſten Umgebung abgewartet haben, und vor Unziemlichkeiten, wenn ſich irgend ein Mann ſolche jemals gegen ſie erlaubt hätte, ſchützte ſie ſich ſelbſt am beſten. Der Weg, welcher ihr heute zur Ewigkeit ſich dehnte, ſenkte ſich endlich in ein Thal, und der graue Schleier, welcher die ganze Gegend verhüllt hatte, ſchien ſich plötzlich zu lichten. Ein friſcher Wind von der Höhe ſetzte das träge Gewölk, das am Himmel gelaſtet hatte, in Bewegung, noch ein heftiger Regenguß, der auf die Kutſchendecke praſſelte, dann zer⸗ riſſen die Wolken, der Wind fegte ſie ſtürmiſch zur Seite, ein erſter Sonnenblick, und die Natur zeigte ihr zauber⸗ ſchönes Antlitz wieder, das nur zu lange mißfarbig be⸗ deckt geweſen war. So fuhr Virginia in das liebliche Thal ein, in welchem die Roſaja lag; es war, als komme mit ihr, der Herrin, wieder Freude und Licht in das dunkle Gefild. Auch ihr war die Umgebung des Land⸗ 214 hauſes, dem ſie ſich nahte, noch nie ſo reizend erſchie⸗ nen als heute. Die ſchön und phantaſtiſch geformten Kuppen, in welchen der Thalrand ſich dahinzog, die Wein⸗ gärten mit den weißen Winzerhäuschen, am Wege der muntere Bach, der ihn begleitete und heute, vom Regen geſchwollen, hundert übermüthige Cascadellen bildete, die Kapelle droben, von der Sonne wie mit einer Glorie umſtrahlt, die bunten Herzblumen, die Gebüſche, im Lich⸗ terſpiel demantner Regentropfen funkelnd, und das Haus ſelbſt, ſo wohnlich, ſo friedlich unter den hohen Bäumen ihr entgegenſchauend— Virginia hatte ſich weit aus dem geöffneten Fenſter gelehnt und nahm all die Schönheit in vollen Zügen in ſich auf. Sie fühlte ſich hier immer ſo glücklich; war dieſer Bach der Lethe, welcher ſie Alles vergeſſen ließ, was jenſeits der Höhe lag, von wo ſie in das Thal einfuhr? Von der Dienerſchaft, welche ſich ihr bequemes Le⸗ ben noch bequemer machte, bemerkte Niemand das Nahen des Wagens, bis er vor der Pforte hielt. Da überſtürzte ſich aber auch Alles, um die Herrin zu empfangen. Dieſe ſchwang ſich, jede Hülfe verſchmähend, aus dem Wagen, ihr Auge ſchien etwas zu ſuchen. „Tante!“ rief plötzlich eine klare Kinderſtimme, und ein kleines liebliches Mädchen, das in der Haſt beinahe umge⸗ rannt worden, machte ſich zwiſchen den Leuten emſig Bahn. 215 Virginia's Auge erheiterte ſich; ſie nahm das Kind auf den Arm und küßte es, ohne ein Wort zu ſagen. „Madonna!“ hörte ſie jetzt in ſtaunendem Tone aus⸗ rufen; eine braune, kräftige Frau trat herzu und hieß die Gebieterin mit großer Freude willkommen. „Da nimm Dein Kind, Gianna!“ ſagte die Gräfin und reichte ihr die Kleine, welche lieber bei der ſchönen Herrin geblieben wäre.„Sie iſt wieder ganz geſund?“ Die Frage klang ſo vornehm gleichgültig, wie eine hohe Dame eben nach armer Leute Ergehen zu fragen pflegt. „Ja, Altezza“ erwiderte die Frau, indem ſie das Kind an ihre Bruſt drückte und liebkoſte.„Es hat ihr wohl Jemand etwas Böſes angethan; Gott ſei Dank, es iſt aber bald vorübergegangen.“ Die Gräfin lächelte.„Am Ende wirſt Du noch ſelbſt verzaubert werden, Gianna! Wahrhaftig, Du haſt der armen Kleinen ſchon ein Korallenhörnlein angehängt. Willſt Du mir nicht auch eins ſchenken?“ „Altezza könnten es vielleicht recht gut brauchen“, verſetzte die Frau mit einem gewiſſen trockenen Ausdruck. Die Dienerſchaft hatte ſich unterdeſſen eifrig mit dem wenigen Gepäck beſchäftigt, das die Herrin mit⸗ brachte und das nur auf eine kurze Anweſenheit zu deu⸗ ten ſchien. Virginia ſtand noch auf der Veranda, welche ſie betreten hatte; ſie konnte ſich noch nicht entſchließen, 216 aus der balſamiſchen Luft, welche nach dem erquickenden Regen das ganze Thal durchwehte, in das Haus zu ge— hen.„Wo iſt Maddalena?“ fragte ſie, da ſich das Mäd⸗ chen, welches ſie längſt vermißt hatte, ſo gar nicht zeigte. „Zum Herrn Prete iſt die Lenetta gegangen“, ant⸗ wortete für die Mutter, an welche die Frage gerichtet war, mit heller Stimme das Kind, das neben Frau Gianna ſtand, ſich an deren Rock hielt und mit glänzen⸗ den Augen zu der Gräfin emporſchaute. „Du weißt das genau, kleine Giuditta!“ ſagte Vir⸗ ginia, indem ſie ſich freundlich zu dem Kinde hernieder⸗ beugte und ihm die roſigen Wangen ſtreichelte.„Und was macht die Lenetta bei dem Herrn Prete?“ „Er ſoll für ſie beten“, antwortete die Kleine. Virginia warf einen ſchnellen Blick, plötzlich ernſt geworden, auf die Mutter.„Was heißt das, Gianna?“ fragte ſie in dem tiefen Tone, der bei ihr ſtets auf eine ungewohnte Gemüthsbewegung ſchließen ließ. „Sie will den hochwürdigen Herrn bitten, eine Seelenmeſſe für einen ihrer Verwandten zu leſen“, er⸗ klärte die Frau. „Hat ſie kürzlich Nachrichten bekommen von außer⸗ halb?“ fragte die Gräfin. Gianna wußte das nicht; die Procidanerin hatte ihr nur dieſen Grund angegeben, als ſie um Erlaubniß 217 gebeten hatte, zum Prieſter gehen zu dürfen. Sie wurde von der Herrin jetzt vorläufig entlaſſen, da ſie als Wirth⸗ ſchafterin Anſtalten für deren Aufnahme zu treffen hatte; ihr Kind blieb, als verſtehe ſich das von ſelbſt, bei der ſchönen Frau zurück, welche ihm geſtattet hatte, ſie Tante zu nennen. Es war ein reizendes kleines Weſen von ungefähr vier Jahren, mit einem Geſichtchen, das nur einen leichten Anflug ſüdlichen Teints hatte, umwallt von glänzenden ſchwarzen Locken und belebt von einem Augenpaar, deſſen Feuer Jeden, der das Kind ſah, mit Bewunderung füllte. Judith war die Kleine getauft. Warum mußte dieſes liebliche und liebevolle Weſen den Namen jener blutigen Heldin der heiligen Schrift tragen, deren Gedächtniß Grauen erweckt? Konnte die kleine Giuditta ihr jemals ähnlich werden? Sie ſaß auf dem Schooße Virginia's und ie ihr Allerlei vor; ſie hatte ihr ſo viel zu erzählen. Vir⸗ ginia hörte ihren kindiſchen Geſchichten in ſüßer Vergeſ⸗ ſenheit ernſterer Verhältniſſe theilnehmend zu, als werde ſie wirklich dadurch im höchſten Grade intereſſirt; ſie richtete Fragen an das Kind nach ſeinen kleinen Erleb⸗ niſſen, ſie wußte in ſeine Gedanken und Vorſtellungen einzugehen und lachte mit ihm, daß es dem Herzen wohl that, wenn Jemand beide beobachten konnte.„Wie ſchade, Frau Gianna“, hatte Maddalena bei der vo⸗ 218 rigen Anweſenheit zu der Mutter Giuditta's geſagt, als ſie die Gräfin in ſolchem ſüßen Spiel mit der Kleinen geſehen hatte,„wie ſchade, daß Madonna kein Kind hat! Meint Ihr nicht auch?“ „Kinder machen Sorgen“, hatte darauf Gianna er⸗ widert;„man kann nicht zeitlebens mit ihnen ſpielen.“ Und freilich mochte die arme Wittwe, welche aus der Baſilicata war, viel Sorgen gehabt haben, ehe ſie die gütige Herrin mit ihrem Kinde hier aufgenommen und ihr die Wirthſchaft des ſchönen Gutes anvertraut hatte. Der Gräfin fiel jetzt Maddalena wieder ein, welche ſie zur Wärterin des Kindes beſtimmt, ſeit ſie dies lieb gewonnen hatte. Wem konnte die Seelenmeſſe, um welche das Mädchen den Prieſter bitten wollte, anders gelten, als ihrem Oheim Mas' Antonio, deſſen räthſel. haftes Verſchwinden bis jetzt unaufgeklärt geblieben war? Einen Grund zur Flucht wußte ſie nicht zu finden; er war in ſeinem Dienſt, wenn auch ſeinem Weſen nach nicht gerade einnehmend, doch immer zuverläſſig geweſen, der Vater würde ihn ſonſt nicht zu ihr gegeben haben; ein Vergehen lag nicht vor, das ihn aus Furcht vor der Strafe hinweggetrieben; er ſchien ſich auch wohl zu befinden, ſoweit Virginia, die ſich mit ihrer Diener— ſchaft wenig in Geſpräche einließ, darüber urtheilen konnte; es mußte alſo, wenn er nicht verunglückt war, ein ganz 219 beſonderer Anlaß ihn zu ſeiner heimlichen Entfernung beſtimmt haben. Maddalena wußte darum! Sie war nach ihrer eigenen Angabe plötzlich in die Stadt gekom⸗ men, um mit ihrem Oheim zu reden; ſie hatte den Prieſter, als dieſer den Boten abfertigen gewollt, den ſich die Gräfin mit Nachrichten über das Befinden ihres erkrankten Lieblings beſtellt hatte, ausdrücklich gebeten, ihr dieſe Botſchaft anzuvertrauen. Nur ſie, hatte Mad⸗ dalena damals geſagt, konnte dem Oheim das mittheilen, was ſie für ihn wußte, und ſie hatte es auch ihrer Herrin erzählen wollen, wenn ſie nur erſt den Oheim geſprochen hätte. Zu einer Erklärung war es aber nachher nicht gekommen, weil Virginia verſchmäht hatte, nach fremden Geheimniſſen, die ihr nicht freiwillig vertraut würden, zu fragen. Nun aber ſchien ſich wirklich das Schickſal des Verſchwundenen in trauriger Weiſe erfüllt zu haben, denn Maddalena war gegangen, ſich für ihn eine Seelen⸗ meſſe zu erbitten. Gewiß erklärte ſie Alles bei ihrer Rückkehr. Maddalena blieb nicht lange aus. Als ſie die An⸗ kunft der Gräfin hörte, eilte ſie ſogleich zu ihr und küßte ihr mit Thränen die Hand. Virginia ſah, daß ſie tief betrübt war. Sie legte ihr die Hand auf die Schulter und bat ſie, ihr zu ſagen, was ſie bekümmere und ob ihr vielleicht zu helfen ſei. 220 „Zu ſpät! Zu ſpät!“ ſagte Maddalena ſchmerzlich. Die Kleine, welche noch bei Virginia ſtand, fragte ſie ängſtlich und wiederholt, warum ſie weine, und wies jetzt ſogar die Gräfin zurück, welche ſie beruhigen wollte. „Bringe das Kind ſeiner Mutter“, ſprach dieſe,„und komme wieder zu mir. Vielleicht iſt doch noch zu helfen, wo Du ſchon alle Hoffnung aufgegeben haſt.“ Das Mädchen gehorchte und kehrte ſogleich zurück. Ein Schimmer von Hoffnung war ihr nun doch bei den letzten Worten der Herrin wieder aufgegangen; ſollte es nicht möglich ſein, daß die vornehme Frau, deren Mann dem Könige ſo nahe ſtand, noch im letzten Augenblick Rettung bringen könnte, wenn dieſer letzte Augenblick noch nicht vorüber war? „Ja, Madonna!“ ſagte ſie, als ſie die Schwelle kaum überſchritten hatte und warf ſich Virginia zu Füßen. „Mein Oheim iſt vielleicht noch nicht todt! Er iſt aber gefangen und verloren, wenn Ihr ihn nicht rettet!“ „Weshalb? Was hat er gethan?“ fragte Virginia betroffen.„Rede, damit ich. verſtehe und weiß, was zu thun iſt!“ Maddalena erzählte in gedrängter Haſt, daß ihr Oheim vorgeſtern hier geweſen ſei. Er habe ſie nach der Oſteria rufen laſſen, um im Schloß kein Aufſehen zu erregen; dort habe ſie ihn gefunden und von ihm 221 gehört, daß er verfolgt werde und gleich weiter gehen müſſe, er wolle ihr nur Einiges in Verwahrung geben, das ſie ihm treulich hüten ſolle wie einen Schatz. Das habe er auch gethan; als ſie aber mit ihm in Eile geſprochen und ihn gefragt, ob er nicht hier bleiben wolle, ſeine Herrſchaft werde ihn gewiß ſchützen, da wäre er aufge⸗ ſprungen und hinweggeſtürzt, um das nahe Gebüſch zu erreichen, denn ein paar Carabinieri, die ſie gar nicht geſehen, ſeien plötzlich dahergeritten, und nun ſei ihm das Schrecklichſte geſchehen; er habe ſich verwickelt in die Dornranken der Flur und ſei zur Erde gefallen, die Reiter, die ſchon Jagd auf ihn gemacht, ſeien gleich von den Pferden geſprungen und über ihn hergeſtürzt; vor ihren ſichtlichen Augen ſei er mit Stricken gebunden und hinweggeſchleppt worden.„Zum Tode!“ ſetzte ſie jammernd hinzu. Virginia hatte in ſteigender Aufregung zugehört. Vieles war ihr in der Erzählung ganz unverſtändlich ge- blieben. Warum wurde Mas' Antonio verfolgt? Ein Diener der Gräfin Orkum, deren Gemahl Adjutant des Königs war! Wie kam es, daß von ſeiten der Polizei bei ſeiner Herrſchaft keine Anzeige gemacht, keine Nachfrage gehalten worden? So wenig Virginia von dieſen Dingen verſtand, mußte ſelbſt ihr als Frau das auffallend erſcheinen. Und wenn er doch verdächtig und 222 verfolgt war, kannte ihn denn jeder Carabiniero, welcher des Weges geritten kam? Weshalb blieb er nicht ruhig, wie ein unbeſcholtener Mann, der nichts zu fürchten hat, an der Oſteria ſitzen, als die Zwei geritten kamen? Sein plötzliches Aufſpringen und Entfliehen mußte ihn ja ſogleich verrathen, und wenn er auch das nahe ſchützende Gebüſch erreicht hätte, wäre er nicht fortan erſt recht gehetzt wor⸗ den, wie ein Thier des Waldes? Maddalena hatte wohl auch etwas Aehnliches gedacht; ſie konnte nur annehmen, daß ihr Oheim beim Anblick der Reiter den Kopf verloren habe. Mas' Antonio hatte aber gu⸗ ten Grund gehabt, ihre Nähe nicht abzuwarten; wenn auch nicht jedem Carabiniero des Polizeiminiſters, einem von den beiden, welche hier angeritten kamen, war er nur zu wohl bekannt, denn er hatte einſt mit ihm unter dem Trenta Capilli gedient! Der ehemalige Waffen⸗ bruder war jetzt ein Fanghund geworden. „Verzweifle nicht!“ ſagte Virginia theilnehmend auf den ſchmerzlichen Ausruf Maddalena's.„Ich werde thun, was ich kann. Sage mir nur— Du haſt es mir verſprochen!— was Du mit Deinem Oheim zu reden hatteſt, als Du nach der Stadt kamſt. Er iſt gleich dar⸗ auf entflohen, Deine Rachricht muß ihn dazu beſtimmt haben. Wenn ich Alles weiß, kann ich um ſo beſſer für ihn handeln. Schenke mir alſo Dein Vertrauen, Maddalena.“ 223 Die Procidanerin kämpfte mit ſich ſelbſt.„Er hat es mir bei meinem Leben verboten“, erwiderte ſie endlich. „Wie? Mir etwas zu ſagen, hat er Dir verboten? Ausdrücklich mir?“ „Madonna— ja!“ gab das Mädchen zögernd zur Antwort. Die Gräfin ſchwieg.„Zürnt ihm deshalb nicht!“ bat Maddalena.„Der Arme hat ſo viel Unglück in ſei⸗ nem Leben gehabt, ſchon als er noch in jungen Jahren auf unſerer Inſel in San⸗Cataldo lebte— die Mutter hat mir davon erzählt—“ „Sei ruhig, mein Kind, ich zürne ihm nicht! Je— der Menſch hat etwas auf dem Herzen, das er nicht der ganzen Welt erzählen möchte; ſelbſt Deine ſtille, reine Seele wird ihr Geheimniß bergen! Ich werde für Dei⸗ nen Oheim thun, was ich kann; er iſt ja mein Diener! Geh noch einmal zur Kapelle hinauf, bitte den Prete von mir, daß er mich beſuche. Du wirſt es ihm ſchon dringend machen, damit wir keine Zeit verlieren.“ Maddalena, neu belebt durch die Zuſage, eilte hin⸗ weg und die Gräfin ſaß eine lange Weile in ſich gekehrt. Sie wußte, daß ſie ſich auf die Treue dieſes finſtern und ſtummen Mannes verlaſſen konnte, ihr Vater bürgte für ihn! Aber er war doch immerhin in Manches eingeweiht, und wenn er jetzt, angeklagt um andere Dinge, welche * ſie nicht kannte und die ihr gleichgültig waren, eines ſchnellen Todes ſtarb— es lag vielleicht in ihrer Hand, ihn zu retten oder fallen zu laſſen. Virginia ſtand raſch auf und ſtrich ſich mit der Hand über die Stirn, als wolle ſie die Gedanken der Verſuchung dort vertreiben. Wie vor kurzem, als ſie an den möglichen Tod ihres Vaters in ähnlicher Weiſe gedacht hatte, erſchrak ſie über ſich ſelbſt und mußte ſchaudernd erkennen, daß die Mächte des Abgrunds aus der Nacht ihre Krallen nach ihrem Herzen ſtreckten. Sie dankte Gott, nach kurzer Friſt den frommen Diener des Herrn zu erblicken, welcher unverweilt Mad⸗ dalena's Aufforderung gefolgt war.„Willkommen zu tauſend Malen!“ rief ſie noch unter dem Eindrucke der eben beſtandenen Kämpfe. Der Prieſter verneigte ſich vor ihr und blickte ſie mit ſeinen milden Augen freundlich und troſtreich an.„Ich bin von Allem unterrichtet, Frau Gräfin“, ſprach er. „Das Mädchen hat mir ſchon vor Ihrer Ankunft er⸗ zählt, was ſie konnte. Ich glaube nicht, daß der Mann, um welchen ſie Sorge trägt, wegen eines gemeinen Verbrechens oder Rückfalls in frühere Verirrungen verhaftet worden ſſt, ſondern daß vielleicht politiſche Verdachtgründe gegen ihn vorliegen. Um ſo weniger iſt zu erwarten, daß ihm ſchnell der Proceß gemacht und 225 das Urtheil vollſtreckt worden iſt. Wäre er ein Mann von Gewicht, aus hoher Stellung oder angeſehenen bür⸗ gerlichen Verhältniſſen, ſodaß man in ihm einen der Führer oder eins der Häupter jener Verbindung ge⸗ fangen hätte, von welcher Ew. Gnaden gehört haben werden—“ „Man ſpricht viel dabon in Neapel“, beſtätigte die Gräfin ſeine Annahme;„meinen Sie aber, daß mein Mas' Antonio dazu gehören könnte, der arme, unbedeutende Gondolier?“ „Der Prieſter zuckte leicht die Achſeln.„Ich kann darüber nicht urtheilen“, erwiderte er,„aber ſie ſpüren ja zu dieſer Stunde Verſchworene unter allen Ständen des Volks, ſogar auf den Altarſtufen der heiligen Kirche Gottes.“ „Verſtehe ich Sie recht?“ rief Virginia.„Sie, mein Vater?“ „Wenig hätte gefehlt, meine Tochter“, antwortete der Prieſter, ſein greiſes, ehrwürdiges Haupt neigend. „Indeſſen ſprechen wir von dem Falle, welcher dies arme Kind betroffen hat. Ich wollte ihr zum Troſte ſagen, daß ich nicht an eine ſchnelle Verurtheilung ihres Oheims glaube, weil man von ihm, den man für ein Mitglied der Verſchwörung hält, gerade'“ weil er ein armer Mann von untergeordneter Stellung iſt, Geſtänd⸗ Bernd von Guſeck, König Murat's Ende. I. 15 226 niſſe über ſeine Mitverſchworenen und andere für die Unterſuchung wichtige Aufſchlüſſe zu erlangen hoffen kann, während das bei einem der Obern und Leiter ganz vergebens wäre. Darum wird man einen derſelben, ſobald man ſeiner habhaft werden kann, ſofort durch die Militärcommiſſion richten laſſen und tödten, wäh⸗ rend man Gefangene, wie den Oheim der treuen Mad⸗ dalena, länger ſchont. Ich glaube alſo, daß eine Re⸗ elamation von Ew. Gnaden als Herrſchaft des Mannes nicht zu ſpät kommen wird.“ Maddalena, welche jedes Wort von ſeinen Lippen mit wahrer Inbrunſt vernommen hatte, faltete freudig und dankbar die Hände über ihrer Bruſt. „Und an wen müßte ich dieſe Reclamation richten?“ fragte die Gräfin. „In erſter Inſtanz wohl an den Militärcomman⸗ danten der Provinz“, antwortete der Prieſter.„Sie wiſſen, daß dieſelben für dieſe Angelegenheit mit außer⸗ ordentlichen Vollmachten verſehen, daß die Civilgerichte in Bezug auf jene Verbindung ſuspendirt ſind.“ „Das weiß ich nicht. Wollten Sie mir das Schreiben aufſetzen, guter Vater? Ich weiß ſo gar nicht Beſcheid.“ „Gern, Frau Gräfin. Mag aber die Maddalena, nun ſie überzeugt iſt, daß Alles für ihren Oheim ge⸗ ſchehen iſt, nicht gehen?“ — — 227 Virginia blickte den Prieſter fragend an. Er hatte ihr vielleicht noch etwas Beſonderes zu ſagen. Da er aber ganz unbefangen ihren Blick erwiderte, ſprach ſie: „Laßt die Arme immer noch hören, was wir an den Commandanten ſchreiben. Es wird ihr Herz erleichtern, wenn ſie hört, daß ich die Freilaſſung meines Dieners fordere.“ „Verzeihung, Frau Gräfin. Erregen wir dem Kinde keine voreiligen Hoffnungen“, ſagte der Prieſter.„For⸗ dern können Sie die Freilaſſung Ihres Dieners nicht, ich habe mich vielleicht in dem Worte Reclamation un— richtig ausgedrückt. Sie können ſich nur für ihn ver⸗ wenden und Ihr Anſehen geltend machen, daß ihm nicht Unrecht geſchieht oder auch, daß er milder behandelt wird, vielleicht volle Begnadigung erhält, falls ſein Ver⸗ gehen nicht allzu ſchwer ſein ſollte. So glaube ich Ihr Schreiben an den Commandanten aufſetzen zu müſſen. Reizen dürfen wir die militäriſche Gewalt nicht, welcher dieſe Angelegenheit unterworfen iſt; wir haben ja leider Beiſpiele genug, wie ſie früher ſchon gehandhabt worden und daß kein Recht dagegen zu erlangen iſt. Ich rathe Dir alſo, Maddalena, Dich in Geduld und Ergebung zu faſſen. Du haſt gethan, was Deine FPflicht war, Deine Herrin wird Deinen Oheim nicht verlaſſen, und der Allmächtige hat unſer aller Schickſal in Händen.“ 15* „Laß uns denn allein, Maddalena“, ſprach die Gräfin freundlich. Das Mädchen küßte ihr und dem geiſtlichen Herrn die Hand und ging hinaus. Noch an demſelben Tage wurde ein Bote mit dem Schreiben der Gräfin Orkum an den Militärcomman⸗ danten der Terra di Lavoro abgefertigt. Das Schreiben war ſehr geſchickt abgefaßt, Virginia hatte ſich aber doch erlaubt, in dem Entwurfe, den ihr der Prieſter vorge⸗ legt hatte, einige Wendungen und Ausdrücke, welche ihr allzu demüthig erſchienen, zu ändern; das fürſtliche Blut in ihren Adern konnte ſich nicht verleugnen. Wie hätte ſie dem Niedriggeborenen, welchen nur das Glück und die Gnade des Königs zu ſeinem jetzigen Range erhoben hatten, in bittender Form ſich nahen können! An die Stellung ihres Gemahls und daß der Comman⸗ dant vielleicht Rückſicht auf dieſelbe nehmen werde, dachte ſie dabei nicht, ſie betrachtete ſich in ihrem Geiſte nie als eine Andere als Virginia Angri. Der Bote war abgeritten, und erſt jetzt fand ſie die Ruhe, welche ſie hier geſucht hatte. Sie verbrachte den Abend auf der Veranda, wo ſie die kleine Giuditta um ſich ſpie⸗ len ließ, bis dieſe von der Müdigkeit überwältigt wurde, und Maddalena an der Treppe ſitzen mußte, um der Kleinen behülflich zu ſein, wenn dieſe es nöthig hatte. Das Kind ſchien überhaupt immer, ſolange — — * 229 die Gräfin im Roſenſchloſſe weilte, ihrer Mutter ganz genommen zu ſein, und Frau Gianna war auch zufrieden damit, wie ſie ſelbſt zu Maddalena ſagte, da ſie in dieſer Zeit alle Hände voll zu thun hatte und ſich um Giuditta nicht recht bekümmern konnte. „Deine Principeſſa ſollte die Giuditta an Kindes⸗ ſtatt annehmen und zu einer vornehmen Dame erziehen!“ ſagte ſie am Morgen, als ſie mit der Proeidanerin darüber ſprach und das Kind ſchon wieder nach der Herrin, welche noch ſchlief, ſtürmiſch verlangte.„Glaubſt Du nicht auch, daß die Giuditta eine ganz prächtige Dame werden müßte? Nun, Lenetta, wer weiß, was noch geſchieht!“ „Schämt Euch, Padrona, ſo hoffärtiger Gedanken!“ erwiderte das junge Mädchen; wenn ſie aber die Kleine betrachtete, wie zart und fein ſie war, und ihre Mutter dagegen, die braune, ſtämmige Hirtentochter aus der Baſilicata, ſo mußte ſie bei aller Unſchuld ihres Her— zens auf wunderliche Gedanken kommen. Einige Tage vergingen ohne irgend ein beſonderes Ereigniß. Der Bote war mit einer ſehr artigen Ant⸗ wort des Commandanten zurückgekehrt, in welcher der— ſelbe das Verſehen ſeines Untergebenen, der Frau Gräfin keine Anzeige von der Verhaftung eines ihrer Diener gemacht zu haben, zu rügen verſprach und ſich vorbe⸗ hielt, über die Sachlage, von welcher er augenblicklich nicht ganz informirt ſei, ſobald als thunlich Nachricht zu geben; er werde natürlich Alles thun, was in ſeinen Kräften ſtehe; um das Intereſſe, welches die Frau Gräfin an dem Schickſale ihres Dieners nehme, mit ſeiner Pflicht zu verſöhnen. Danach war Virginia überzeugt, daß ihre Verwendung Mas' Antonio gerettet habe, und ſprach das ſo zuverſichtlich gegen Maddalena aus, daß die erneute Warnung des Prete vor übereilten Hoffnungen nicht mehr fruchtete. Tage des Stilllebens, wie ſie Virginia's Herz nie genoſſen zu haben wähnte! Sie hatte keinen Wunſch mehr, als daß ſie ewig währen möchten! Nichts von der Welt ſehen oder hören, nicht an die Vergangenheit oder an die Zukunft denken, ſondern nur dem ſüßen Frieden der Gegenwart leben, glücklich im Genuſſe der paradieſiſchen Natur, welche ſie in wohlthuender Abge⸗ ſchloſſenheit umgab, glücklich, das Kind, dem ihr gan⸗ zes Herz gehörte, um ſich zu haben und mit ihm zu ſpielen, als ſei ſie ſelbſt wieder ein harmloſes, fröhliches Kind— da traf ein Diener ihres Hauſes aus Neapel ein; der König war angekommen und mit ihm Virginia's Gemahl. Sie ſaß gerade auf der Veranda und blickte lächelnd auf das Kind hernieder, das auf den Stufen der Freitreppe mit Maddalena ſich neckte.„Da kommt 231 eine Nachricht vom Commandanten!“ rief ſie, als ihr der Brief, welchen der Diener gebracht, von Frau, Gianna ſtumm übergeben wurde. Aber der Ausdruck ihres Geſichts veränderte ſich bei dem erſten Blicke auf die Schrift des Couverts.„Noch nicht!“ ſagte ſie der freudig aufgeſprungenen Maddalena und begab ſich in ihr Zimmer, um fern von beobachtenden Augen den Brief ihres Mannes zu leſen. Er enthielt nur wenige Zeilen und der Anfang ließ wieder jenes feindſelige Lächeln um ihre Lippen zucken, welches ſelbſt ihrem ſo reizen den Geſichte einen häßlich entſtellenden Zug verleihen konnte. „Du haſt es Dir ſelbſt zuzuſchreiben, ſtolze Virginiä, daß Dein Sklave ſich ſchriftlich, ſtatt perſönlich, alſo gegen jegliche Dienſtvorſchrift meldet. Warum haſt Du mir den Eintritt in mein eigenes Benefiz verboten? Ich war nicht ganz bei Verſtande, als ich mir das Ehren— wort abſchwindeln ließ, aber ich habe es einmal gegeben. Wir ſind alſo glücklich wieder in Neapel, wir, das heißt immer der König und ich privatim und officiell.“ Virginia's Hände zitterten, ihre Farbe war bis auf den letzten Blutstropfen gewichen, ein Zeuge dieſes Moments würde ſich vor dem Blick ihres nachtſchwarzen Auges entſetzt haben. Sie machte eine Bewegung als wolle ſie wiederum das Billet zerreißen, aber es enthielt nur 232 noch einige Worte.„Mit hängenden Ohren, tüchtig abgewalkt kommen wir heim. Der König iſt zum erſten Male vor einem blanken Säbel ausgeriſſen und wäre bei einem Haare gefangen worden. Nun aber ſind wir glücklich hier und werden magnifiquer auftreten als je. Wenn Napoleon auch ſtürzen ſollte— Joachim Murat ſteht feſt.“ ————— S Ende des erſten Bandes. —— — ½ — — ² „ .