c 8 —e — —, —— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und geſebedingungen. 1 offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Büͤcher jeden Tag von Morgens Uht bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei n eines geliehenen Buches wird von ſedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe dee entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. onnenent. Daſſelbe muß voraus zbezahlt werden und bertigt für 9teentric 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2———— ——— auf Monat: E ſ M Pf 1 50 Pf 2 3 Answ ärtige Kbonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Pücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene', verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſat des Ganzen verpfli ichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mirtgeliehen, auchz dafür zu ſtehen haben — Katharina von Schwarzburg. Hiſtoriſcher Roman 2 von 1 . Bernd von Guſeck. Dritter Band. 5 Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. Erſtes Kapitel. Der Bote des Landgrafen. In der zweiten Hälfte des April war eine für die frühe Jahreszeit ungewöhnlich heiße Witterung einge⸗ treten. Die Fruchtbäume ſtanden ſchon in voller Blüte, ſo zeitig, wie ſich deſſen die älteſten Menſchen nicht erin⸗ nern konnten, die Winterſaat hatte ſich bereits mehr gehoben als ſonſt im Mai, es war eine Freude, in der freien Natur zu weilen. Durch die ſächſiſchen Ebenen war aber Furcht und Schrecken verbreitet, denn hier ſollte wiederum der Krieg mit all ſeinen Greueln das Feld der Entſcheidung ſuchen. Wo der Kurfürſt auf die unbeſtimmten Nachrichten vom Anmarſch des Kaiſers aus Franken ſeine Truppen zuſammengezogen hatte, bei Meißen, und wo das Heer des Kaiſers, das nicht mehr in Franken weilte, ſondern ſchon von Eger, vereint Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. III. 1 2 mit den Schaaren des Königs Ferdinand und der her⸗ zoglichen Brüder von Sachſen, in das Voigtland ein⸗ gebrochen, im breiten Strome ſich daherwälzte, konnte das zagende Volk keine Freudigkeit am Frühling und ſeinen Hoffnungen mehr haben! Die ſtrotzenden Saaten ſollten vielleicht bald von Roſſeshufen zertreten werden, jene Obſtblüten, wer konnte noch daran denken, einſt ihre Früchte zu pflücken! Bangere Sorge noch erfüllte die Herzen vor dem eigenen Schickſal, denn das Gerücht war nicht müßig geweſen, von den Gewaltthaten der Spanier und Italiener die entſetzlichſten Dinge zu ver⸗ breiten. Da war alle Luſt und alles Behagen nur denen verblieben, welche in Waffen über die geſegneten Fluren einherzogen: der Soldat fühlte ſich wieder ein⸗ mal Herr der Welt! Von ſolchem Uebermuthe waren jedoch zwei Reiter nicht gehoben, welche in aller Morgenfrühe durch die Lommatzſcher Pflege, einen der fruchtbarſten Landſtriche Sachſens, raſch dahintrabten. Sie gehörten weder zu dem einen noch zu dem andern Heere und hatten alle Urſache, vorſichtig auszuſpähen, daß ſie nicht einem der Streiftrupps, welche die Kaiſerlichen ſehr weit ausſchickten, in die Hände ſielen. Wo das Heer des Kaiſers ſtand oder marſchirte, wußten ſie ebenſo wenig als die Vornehmſten im kurfürſtlichen Lager, das ſie 3 geſtern Abend verlaſſen hatten, aber unterwegs war ihnen heute ein Bauer begegnet, der ſchon huſariſche Reiter geſe⸗ hen haben wollte. Huſaren wurden alle ungariſchen Kriegsvölker damals genannt. Die Bedeutung des Namens verſtand man in Deutſchland nicht, er würde aber auch zu jener allgemeinen Bedeutung gepaßt haben, denn er bezeichnete die in Sold(ar) ſtehende Mannſchaft, zu der von zwanzig(husz) einer ausgehoben wurde, was vom Könige Matthias Corvinus vor etwa ſechzig Jah⸗ ren eingeführt war. Huſaren wollte der Bauer geſehen haben, ſie konnten indeſſen auch vom Herzog Moritz, welchem der römiſche König ein paar hundert ſeiner leichten ungariſchen Reiter geſchickt, hier zurückgelaſſen ſein, als er ſich aus ſeinen Landen vor dem Andrang der Kurfürſtlichen nach Böhmen entfernt hatte, um ſich mit der heranziehenden Macht des Kaiſers zu vereini⸗ gen. Jedenfalls waren es aber Feinde und die beiden Reiter hatten volle Urſache, ihnen auszuweichen. Der kleinere von beiden ließ auch ſeine ſcharfen Augen nach allen Richtungen ſchweifen, ob nicht aufwirbelnder Staub die windſchnellen Magyaren verkündige, denen bei einer Hetziagd kaum zu entgehen war. „Wir hätten noch weiter ausbiegen ſollen!“ ſagte der andere, ein junger, vornehm gekleideter Mann, un⸗ muthig. 4 „Das wollen wir auch, Junker Schenk, ſobald wir über das Flüßchen dort ſind“, erwiderte der Kleine. „Wer konnte denken, daß die Unholde ſchon bis hieher ſtreifen würden, wo der Kurfürſt mit ſeinem ganzen Heere ſo nahe iſt!“ „Der Kurfürſt wird es bereuen, wenn er den Rath meines Herrn nicht befolgt!“ murrte der junge Edel⸗ mann. „Ihr wißt alſo, was Seine Gnaden ihm gerathen hat?“ fragte jener lauernd. „Der Landgraf hat mir es auch zu mündlicher Be⸗ ſtellung vertraut, im Falle das Schreiben mir abhanden kommen ſollte“, antwortete Schenk.„Mein Herr wird nicht erwarten, daß ſein Rath in den Wind geſchlagen wird. Ich kann Dir's ſagen, da nun doch Alles anders kommen wird, der Landgraf vertraut Dir ja auch Manches. Er hat dem Kurfürſten dringend gerathen, ſich in keine Schlacht einzulaſſen, ſondern ſein Heer in die feſten Plätze zu werfen, daran würde ſich die Macht des Kaiſers brechen. Laß uns aber nicht plaudern, ſondern Acht geben, daß uns die Huſaren nicht auf den Hals kommen; ich möchte nicht zum zweiten Male und gar als Gefangener vor den Herzog Alba treten, der mir ein böſes Geſchenk zugedacht hat.“ Es war der junge Schenk von Schweinsberg, wel⸗ — 3 5 chen die Bundeshäupter mit ihrem Abſagebriefe damals in das kaiſerliche Lager vor Ingolſtadt geſandt hatten. Sein Herr, der Landgraf, hatte ihn wiederum mit einer wichtigen Sendung betraut, indem er den Kurfür⸗ ſten warnen ſollte. Es war natürlich, daß der Jüng⸗ ling bedachte, wie verhängnißvoll ſich die ganze Lage der Dinge verändert hatte; was er im Lager vor Mei⸗ ßen wahrgenommen, konnte ihm keine Hoffnung mehr laſſen. Er rief jetzt den Diener, der ihm in ſchicklicher Entfernung folgte, an ſeine Seite, und als beide weit ausſchauend ſich überzeugt hatten, daß keine Gefahr zu bemerken war, begann Schenk:„Wir werden alle un⸗ ſern Frieden mit dem Kaiſer machen müſſen, ehe es zu ſpät wird. Noch ſind wir ſtark, noch haben wir keine Schlacht verloren. Wenn aber der Sachſe durch⸗ aus ſchlagen will, ſo mag er zuſehen, daß er ſiegt, ſonſt geht Alles zu Grunde. Auf ſeine Leute kann er ſich nicht verlaſſen. Die Reiter ſchreien nach Sold, der ſchon lange ausgeblieben iſt, die Lehnsleute wollen nach Hauſe, um ihre Frauen und Töchter vor den Spaniern und Huſaren zu retten. Sieh dort! Blitzte es dort nicht im Grünen?“ „Ich habe nichts geſehen, Junker Schenk“, beruhigte ihn der Diener.„Unſer Herr ſchließt am Ende Frieden auf eigene Hand, wenn der Kurfürſt nicht will. Er 6 hat ſeinen Krieg im Hauſe!“ ſetzte er mite ſaen Blick hinzu, und als der Junker lachte, fuhr er drei⸗ ſter fort:„Ihr habt gut lachen, aber ich armer Kerl, dem es darüber ſchon ein paarmal ans Leben ge⸗ gangen iſt! Ich ſoll überall meine Finger ins Feuer ſtecken, um den gebratenen Biſſen herauszuholen, und glückt's nicht, ſo laſſen ſie mich im Stich! Wollt Ihr mir den Rücken decken, Junker Schenk, wenn ich Euch jetzt eine artige Geſchichte erzähle?“ Der junge Edelmann hätte kein Page vom Hofe ſein müſſen, wenn ſeine Neugier nicht geweckt worden wäre, da er ſelbſt ſchon in Manches eingeweiht war, worauf ſein Begleiter anſpielte.„Du weißt Deinen Hals ſchon allein aus jeder Schlinge zu ziehen, Gos⸗ mar!“ erwiderte er auf die Frage.„Was haſt Du für eine artige Geſchichte?“ „Eine Geſchichte von zwei Täubchen aus einem Neſte, wenn auch nicht von einer Mutter. Das eine freite einen Adler, das andere ſchalt es drum ſie ſchnä⸗ belten ſich denn nicht mehr aus Liebe, ſondern das erſte wollte dem andern die Augen aushacken, das flog aber davon, und der Adler wollte einen armen ehrlichen Kauz deshalb zerreißen, weil er's nicht feſtgehalten oder lieber gleich umgebracht hatte. Der Adler flog dann auch aus und hat richtig das Täubchen wiedergefunden, kenne ich, der Kauz biſt Du, aber kein ehrlicher Kauz! 7 das ſaß aber im Horſt eines ſteinalten Falken, mit dem er nicht anbinden konnte—“ „Rede vernünftig, Gosmar!“ unterbrach ihn Schenk. „Das iſt eine Fabel für Kinder! Die beiden Täubchen Biſt Du frech genug, zu behaupten, daß Dir die Gräfin von Diez eine Rache an dem Fräulein von Rettleben aufgetragen hat? Und gar unter Zuſtimmung Deines Herrn? Soll ich Dir ſagen, weſſen man Dich beſchul⸗ digte, als Du entflohen warſt?“ „Ich weiß es!“ entgegnete Gosmar unverſchämt, während doch ſein blaſſes Geſicht eine Veränderung zeigte.„Ich ſoll der Frau Gräfin, der ordentlich an⸗ getrauten Gemahlin meines Herrn, nach dem Leben geſtanden haben, aber mein Herr hat mich doch wieder in ſeinem Dienſt, das beweiſt wohl am beſten—“ Ein lauter Ausruf des Junkers von Schenk, ein erſchrockener Blick des Dieners in die Ferne, und beide jagten im ſchnellſten Lauf dem Dorfe zu, das in eini⸗ ger Entfernung vor ihnen lag. Quer über das Feld, durch die grüne Saat ſtürzte ein Schwarm fremder Reiter ihnen nach, der wie durch Zauberkunſt plötzlich aus der Erde emporgeſchnellt ſchien, da ſie ihn ſo gar nicht hatten nahen ſehen. Fremdartig ſahen die Reiter aus, ſowohl ihrer reichen wunderlichen Tracht als Be⸗ 8 waffnung nach. Sie führten Spieße, aber nicht den kurzen ſchweren Speer der abendländiſchen Ritterſchaft, auch nicht den leichten mauriſchen der ſpaniſchen Gi⸗ netes, ſondern lange Lanzen, dabei gekrümmte Säbel, ſtatt gerader Degen, mancher hatte aber Beides am Leib⸗ gurt hängen, Säbel und Schwert; außerdem konnte man Streithämmer mit langen Stielen bemerken, die an den Sätteln befeſtigt waren, auch Feuergewehre, ſie ſchienen nicht Waffen genug haben zu können. Große Schilde, unten breit, oben ſpitz, bis über die Kopfhöhe hinausragend, mit bunten Sinnbildern bemalt, deckten ihre linke Seite. Und ihre kleinen Pferde mit den lebhaften, klugen Augen, den langen, flatternden Mähnen, den magern, nervigen Gliedern und der Energie ihres ra⸗ ſend ſchnellen Laufes, wie fremdartig auch ſie gegen die ſchweren Roſſe, die man hier zu ſehen gewohnt war! Dieſe Reitergeſtalten waren die Abkömmlinge jener wilden Magyarenhorden, welche einſt durch ihre Raub⸗ züge Deutſchland, Italien und Frankreich geſchreckt, bis ſie die Sachſenkaiſer der Deutſchen bei Merſeburg und auf dem Lechfelde zurückgeſchlagen hatten. Auch jetzt, nach ſechshundert Jahren, wo ſie im Dienſt eines deutſchen Kaiſers und Königs zum Krieg gegen Deutſche kamen, waren ſie wieder der Schrecken des Landes, und in dem Dorfe, nach welchem Flucht und Verfolgung ſich 9 richteten, erhob ſich ein Jammergeſchrei, als man von weitem die furchtbaren Reiter erblickte. Junker Schenk hatte ein ſchnelleres Pferd als der Diener, welchen ihm der Landgraf mitgegeben hatte, weil deſſen Schlauheit ihm von Nutzen ſein konnte; er hatte gleich anfangs einen Vorſprung gewonnen, und als er ſich nach Gosmar umſah, fand er ihn nicht mehr hinter ſich. War er ſchon von den Huſaren eingeholt und niedergeſtochen worden oder hatte er eine andere Richtung genommen, als nach dem Dorfe, wo ſich Schenk zu retten hoffte? Gleichviel! Es war keine Zeit, an ihn zu denken, nur vorwärts, vorwärts! Die Feinde ſtürmten aber ſchon heran, ihr Geſchrei über⸗ tönte den Hufſchlag, der wie ein rollender Donner auf dem feſten Acker klang. Der Deutſche hatte das Schwert gezogen, um wenigſtens ſein Leben theuer zu verkaufen; entgehen konnte er ihnen nicht mehr, er ſuchte alſo ſein Pferd zu wenden, um ihnen mannhaft die Stirn zu bieten. Das Roß aber gehorchte nicht mehr, ſein In⸗ ſtinkt trieb es unaufhaltſam weiter, bis ein Lanzenſtich ſeine Weiche traf und es zuſammenſtürzte, ſeinem Reiter im Falle den halben Leib bedeckend. Blitzſchnell waren ſchon ein paar Ungarn von ihren Pferden geſprungen und fielen über den Geſtürzten her; ſie entriſſen ihm das Schwert und zogen ihn unter ſeinem Roſſe her⸗ 10 vor— er war gefangen! Der Anführer des Schwarms rief den Seinigen ein paar laute Worte zu, welche dem Gefangenen das Leben retteten, ſie plünderten ihn nur aus und gaben dem Führer, was ſie in dem kaum handgroßen Täſchlein auf ſeiner Bruſt unter dem Kleide fanden, einige Papiere, dann warfen ſie ihn auf eins ihrer Pferde, deſſen Reiter hinter einem andern auf die Croupe ſprang, und fort ging's im raſchen Galopp. Die armen Leute im Dorfe blieben für heute von dem entſetzlichen Beſuche verſchont und konnten nun wenig⸗ ſtens Anſtalten treffen, ſich und ihre beſte Habe in Sicherheit zu bringen. Wo war Gosmar geblieben? Er hatte im erſten Augenblick einen beſſern Rath gefunden, als nach dem Dorfe zu jagen, wo die Brücke über die Jahne lag, war geſtreckten Laufs in gerader Richtung auf den Fluß zu geritten und hatte ſein Pferd das Ufer hinabgetrie⸗ ben, in das Gebüſch hinein, welches hier dicht wucherte. Seine Hoffnung, daß der feindliche Schwarm blindlings dem Andern folgen würde, deſſen ſtolze Barettfeder ihnen eine reichere Beute verſprach, täuſchte ihn nicht, vielleicht war er auch im Eifer gar nicht von ihnen beachtet worden; er hörte wohl ihr Geſchrei, vor wel⸗ chem ihm graute, aber es kam nicht näher und er hielt mit klopfendem Herzen eine lange Weile in ſeinem 11 Verſteck, bis er keinen Laut mehr vernahm und es wagen konnte, ſich wieder umzuſehen. Da fand er das Feld leer und faßte einen ſchnellen Entſchluß. Den Junker hatten ſie gewiß eingeholt, gefangen oder viel⸗ leicht gar getödtet. Den weiten Ritt allein durch eine Gegend, die nicht mehr ſicher war, fortzuſetzen, hatte Gosmar keine Luſt. Das Lager des Kurfürſten von Sachſen, das er geſtern mit dem jungen Edelmann ſeines Landgrafen verlaſſen hatte, war nur ein paar Meilen entfernt und bot ihm jedenfalls eine ſichere Zuflucht, da ſich der Streiftrupp nicht näher an daſſelbe wagen durfte; Gosmar konnte ſich überdem durch die Nachricht, welche den Anmarſch des Feindes zu verkün⸗ den ſchien, Dank und Lohn verdienen, denn man war im ſächſiſchen Lager gänzlich im Unklaren darüber, das hatte er ausgeforſcht. Gosmar wandte alſo ſein Pferd wieder der Sonne entgegen und wurde nur noch durch den Anblick des geſtürzten Rappens ſeines Begleiters erſchreckt, den er im zertretenen Saatfelde in einiger Entfernung liegen ſah und gleich erkannte. Der arme Junker Rudolf lag gewiß auch dabei! Sich davon zu überzeugen, hatte Gosmar jedoch keine Zeit. Er gelangte noch vor Mittag in das Lager. Die Nachricht, welche er brachte, beſtätigte nur eine viel wichtigere, welche endlich eingetroffen war: die Haupt⸗ 12 macht des Kaiſers befand ſich ſchon dieſſeits der Mulde und konnte heute bis Lommatzſch oder gar noch näher rücken. Jetzt mußte die Hoffnung, welche den Kurfür⸗ ſten bis jetzt noch bei Meißen feſtgehalten hatte, die Hoffnung auf einen ſtarken böhmiſchen Zuzug, wo mög⸗ lich auf eine Erhebung des ganzen böhmiſchen Volks gegen das Haus Habsburg, aufgegeben werden. Zu ſpät entſchloß ſich Johann Friedrich, den Rath, den ihm der Landgraf von Heſſen ertheilt, den ſeine Kriegs⸗ oberſten, ſelbſt der kühnſte derſelben, Herzog Ernſt von Braunſchweig⸗Grubenhagen, lebhaft unterſtützt hatte, zu befolgen. Er ging endlich auf das rechte Elbufer, ließ die Brücke bei Meißen hinter ſeinem letzten Heerhaufen abbrennen, die Fähren verſenken und trat nun den Marſch auf ſeine ſtark befeſtigte Hauptſtadt Wittenberg an. Zu ſpät und zu langſam! Der Kaiſer war ſchon mit ſeinem Heere bis auf drei Meilen von Meißen gekommen. Er hatte das Oſterfeſt noch in Eger zugebracht, in der treukatholi⸗ ſchen Stadt, welche, von Utraquiſten in Böhmen um⸗ geben, an der Grenze des proteſtantiſchen Franken und Sachſen, ihren Glauben feſtgehalten und innerhalb ihrer ſtarken Mauern vertheidigt hatte. Am dreizehnten April war Kaiſer Karl dann aufgebrochen, des Weges, wo jetzt durch das Bergland hinüber in das Elſterthal die Bahnzüge brauſen, er hatte ſich in der Ebene rechts gegen die Mulde gewendet, dieſe überſchritten und den Marſch auf Meißen gerichtet, um den Kurfürſten in einer offenen Feldſchlacht zu treffen, ehe er Zeit habe, ſich in ſeine ſtarken Feſtungen zu werfen und ſomit den Krieg ins Unabſehbare zu verlängern. An dem Tage, an welchem die ſtreifenden Ungarn den Eilboten des Landgrafen von Heſſen niedergeworfen hatten, war das Heer bei Mügeln angelangt, das Lager ſchon abgeſteckt und in Quartiere getheilt, als eine beunruhigende Nach⸗ richt eintraf. Der ſächſiſche Heertheil, welcher unter Thumbshirn ins böhmiſche Erzgebirge entſendet geweſen war, ſollte von dort zurückgekehrt ſein und jetzt in der Flanke der kaiſerlichen Armee ſtehen, kaum anderthalb Meilen entfernt. Dieſe wäre dadurch in eine ſehr gefährliche Lage gekommen. Der römiſche König verlor darüber völlig den Kopf, ſelbſt Herzog Moritz, für den es ſich um den bleibenden Verluſt ſeines ganzen Landes handelte, wurde beſtürzt. Beide forderten, daß unverzüglich das ganze Heer ſich wieder aufmache, um Thumbshirn zu vernichten, ehe er gemeinſchaftlich mit ſeinem Kriegs⸗ herrn wirken könne. Aber der Kaiſer verlor ſeine un⸗ erſchütterliche Ruhe keinen Augenblick. Erſt Gewißheit über jene Nachricht! Zweihundert Ungarn und ebenſoviel leichte deutſche Reiter mußten aufſitzen, um die bezeich⸗ 14 nete Gegend abzuſuchen, das Fußvolk, vom angeſtreng⸗ ten Marſch ermüdet, rückte in das Lager, die übrige Reiterei folgte ihm. Als ſich die Fähnlein der Regimenter getrennt und die Krieger ihre Waffen abgelegt hatten, um ſich vor allem nur auf den Erdboden zu ſtrecken, entſtand doch wieder Unruhe; es kam ſchon ein ungariſcher Streif⸗ trupp zurück! Sie waren kaum abgeritten— hatten ſie ſo nahe dem Lager ſchon wichtige Nachrichten erfahren? Es war aber kein Trupp der eben ausgeſchickten Cor⸗ netten, ſondern einer von denen, die während des Marſches immer auf weite Entfernung voraus und ſeitwärts ſtreiften, und er brachte einen Gefangenen mit. Die Deutſchen, bei deren Quartier ſie durch die Brandgaſſe nach dem Zelte des Feldherrn ritten, liefen zuſammen, um ihn zu ſehen; es war das Regiment Hildebrand von Madruzzi's, jetzt mit dem andern ver⸗ einigt, weil ſein tapferer Oberſt vor kurzem zu Nürn⸗ berg auf dem Marſche geſtorben war. Doch hatte der Herzog Alba die Führung der zwölf Fahnen an ſich dem Hauptmann übertragen, den er vor allen andern auszeichnete; eine Rang⸗ oder Altersfolge gab es noch nicht, die Führung war ein Amt, das Jedem nach Er⸗ meſſen des Befehlshabers anvertraut werden konnte. Der thüringiſche Hauptmann war es, Günther vom 15 Walde, wie er gebeten hatte, ihn auch ferner zu nen⸗ nen, obgleich der junge Graf von Schwarzburg ihn als ſeinen Vetter anerkannte. Er ſtand auch an der Brand⸗ gaſſe des Regiments, als die braungelben Magyaren, welche ihre tatariſche Abſtammung nicht verleugnen konnten, mit ihrem Gefangenen hindurchritten. Gün⸗ ther erkannte ihn. Des Jünglings Wangen glühten vor Scham, aber ſeine Augen blickten trotzig umher und trafen auch den ſtattlichen Krieger, deſſen Antlitz ihm ſogleich als bekannt auffiel. Das war der Mann, der ihn bei ſeiner erſten, ebenfalls mißglückten Sendung vor Ingolſtadt mit ſeinem Namen angeredet hatte, der⸗ ſelbe, der ihn ſchon früher in Dresden geſehen haben wollte, als ihn der Landgraf mit einem Auftrage an die Hofmeiſterin von der Saal dorthin geſchickt hatte. Ihm fiel in dieſem Momente auch der übermüthige Zuruf wieder ein, den er im Lager vor Ingolſtadt dem kaiſerlichen Hauptmann zugerufen hatte:„Auf Wiederſehen in der Feldſchlacht“ Zu einer Feld⸗ ſchlacht war es bis jetzt nicht gekommen, und das Wiederſehen fand ihn elend gefangen, auf einem ungariſchen Pferde, zwiſchen zwei feindlichen Reitern, die über ihre ſpitzigen Schnurrbärte höhniſch auf ihn herabſahen. Der kaiſerliche Hauptmann ſah nicht höhniſch, ſondern ernſt zu ihm hin, er aber wandte — ————— 16 den Kopf zur Seite und ritt mit ſeinen Wächtern vorüber. Zu Günther geſellte ſich gleich darauf einer von den deutſchen Reitern des Herzogs von Sachſen, welche, wie die geſammmte Reiterei, ihr Lagerquartier hinter dem Fußvolk hatten, weil dies bei einem feindlichen Angriff demſelben zuerſt gefechtsbereit entgegentreten konnte. Die Reiter waren, wie damals überall, vom Adel geworben, der in jener Zeit allein zu Pferde in den Waffen geübt war. Bei der Werbung wurden aber ſowohl beim Fußvolk wie bei den Reitern geübte Leute angenommen, die ihre Waffen und ganze Aus⸗ rüſtung mitbrachten, Reiter alſo auch ihre Pferde; ein Ausexerciren bei der Truppe kannte man nicht. Auch der ſtarke, breitſchultrige Mann mit dem kräftigen, ge⸗ ſunden Angeſicht, der vom Lagerquartier der herzog⸗ lichen Reiter herüberkam, um den thüringer Lands⸗ mann, den er auf dem gemeinſamen Marſch kennen gelernt, aufzuſuchen, war ein Edelmann, der um Sold diente. Er war ſtehen geblieben, um die Ungarn mit ihrem Gefangenen zu betrachten, und ſagte dann zu Günther:„Das iſt ein Goldfink, den ſie da erwiſcht haben, ein ſchmuckes Bürſchchen! Er wird ein ſtatt⸗ liches Löſegeld zahlen müſſen!“ Ha zwe un en 17 „Sein Herr vielmehr!“ erwiderte Günther.„Er iſt ein Edelknabe des Landgrafen von Heſſen.“ „Wie kommt der hieher?“ entgegnete der Reiter verwundert.„Ich denke, Heſſen wartet's ruhig bei ſei⸗ nen zwei Weibern ab!“ „Vielleicht ein Bote des Landgrafen“ erwiderte der Hauptmann.„Ich habe den jungen Menſchen ſchon zweimal auf Botſchaft von ſeinem Herrn getroffen.“ Er erzählte die Sendung deſſelben im vorigen Herbſte und wie ſie vom Kaiſer nicht angenommen worden war. „Und das andere Mal?“ fragte der Reiter, wäh⸗ rend beide zu Günther's Zelte gingen, um ſich dort niederzulaſſen. „Ihr ſpracht vorher von den beiden Frauen des Landgrafen“ entgegnete Günther.„Kennt Ihr ſie, Hans?“ „Die Landgräfin nicht“ antwortete dieſer.„Ich bin wohl in Kaſſel geweſen, aber nicht an den Hof gekommen. Die andere aber, das Zuweib, habe ich einmal in Rochlitz geſehen, wo ſie bei der Wittwe des geweſenen Erbprinzen als adlige Jungfer diente. Sie war ein junges hübſches Mädel, aber daß ſie der Landgraf mit Teufelsgewalt zur zweiten Frau nehmen würde, hätte ich nicht geglaubt. Sehr hübſch war ſie, recht zum Verlieben.“ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. III. 18 „Sie hat Euch wohl auch gefallen, Hans? Geſteht es nur!“ Der Reiter warf ſich auf das einfache Lager im Zelte, das von den hochgethürmten Feld⸗ oder„Reis⸗ betten“ mit Vorhängen, welche andere Hauptleute mit ſich ſchleppten, ſehr abſtach und ſchon oft Verwun⸗ derung erregt hatte. Ein tiefer, vernehmlicher Seufzer, der ſich aus der breiten Bruſt des Soldreiters rang, ſchien die Gewiſſensfrage, die er beantworten ſollte, zu bejahen. Er ſprach jedoch:„Gefallen hat ſie mir wohl, wie andere hübſche Weibsbilder, aber ſo recht von Herzen doch nicht; das hat nur eine, die ich ſpäter geſehen habe. Was hilft's aber Alles, die will nichts von mir wiſſen!“ Er ſeufzte noch einmal, tiefer und ſchwerer als vorher. Günther hatte die Frage nur müßig hingeworfen. Er ſprach mit Jedem in ſeiner Art, gegen den ehrlichen henneberger Landsmann konnte er nicht ernſtere und gewichtigere Saiten anſchlagen. Sein Geſtändniß, noch mehr ſein Seufzen verwunderte ihn; wie ein ſchmach⸗ tender Liebhaber ſah der robuſte Hans gar nicht aus! Weiter zu forſchen hatte er keinen Grund, Hans ſchien jedoch ſein Herz endlich erleichtern zu wollen. „Meinen Vetter Valentin kennt Ihr“ begann er. „Er iſt zwar vierzig Jahre älter als ich, aber doch 1 19 mein richtiger Vetter in gleichem Grade, wie ſich's mit ſpätern Heirathen zuweilen trifft. Seine Tochter hatte den Klaus Rettleben zu Mann; der iſt nun todt, ſie auch— habt Ihr ihn gekannt?“ Günther verneinte es und ließ ſich die thüringi⸗ ſchen Familiengeſchichten, welche Hans in ſeinem Lie⸗ besgram zu zerſtreuen ſchienen, ruhig gefallen. Hans ging aber gleich auf ſein Ziel los.„Nun ſeht, eine Muhme von Klaus Rettleben iſt es, ſie wohnt jetzt bei den alten Leuten auf dem Ehrenſtein, die hat mir's ange⸗ than. Ich ließ mich nicht warnen, der Alte ſang mir wie ein Rabe vor: Reitersmann, laß die Röslein ſtahn, ſie ſind nicht dein, aber ich mußte mir doch den Mund verbrennen und mir's deutlich holen, daß ſie mich nicht mag.“ Günther ſah nun an ſeinem Blick und bemerkte es an ſeinem Tone, daß der Fehlſchlag ihm tiefer zu Her⸗ zen gegangen war, als man nach äußerer Beobachtung glauben konnte. Er ſagte ihm daher ein theilnehmendes Wort. „Ja, Ihr ſolltet ſie erſt ſehen!“ fuhr Hans fort. „Wenn ich katholiſch wäre, würde ich ſie eine Heilige nennen, ſo ſchön und fromm ſieht ſie aus! Ihre Augen beſonders— das iſt, als ob man in den Himmel ſchaute! Ich darf gar nicht mehr daran denken, ſonſt 2 20 geht mir aller Muth aus. Zuerſt dachte ich, ſie ſpräche nur ſo nach Jungfernart, und redete ihr zu, ſie möchte ſichs überlegen, aber ſie ſchnitt mir alle Hoffnung ab. Die Baſe Margareth hat ſie gefragt, ob ſie ſchon einen Andern hätte, da iſt ſie leichenblaß geworden und hat nicht ja, nicht nein geſagt. Ich glaube aber doch, es iſt nur, weil ſie katholiſch iſt und keinen Lutheraner heirathen will.“ „Wie iſt ihr Mädchenname?“ fragte Günther, von dieſen Worten lebhaft ergriffen. „Adelheid— Adelheid von Rettleben“, antwortete Hans.„Ihr Vater war kurfürſtlicher Amtmann im Altenburgiſchen, glaub' ich ſie iſt aber ſchon längſt eine älternloſe Waiſe und hat immer bei fremden Leuten gelebt.“ „In Dresden vielleicht?“ fragte Günther. „Bei der alten Saal, jawohl! Dann iſt ſie nach Heſſen gekommen zu der Landgräfin, hat ſich aber dort nicht ſchicken können, vermuthlich auch mit der jungen Saal, der Linken, nicht vertragen, mit der ſie, glaub' ich, etwas verwandt iſt. Mein Vetter Valentin hat mir das Alles erzählt. Ihr kennt ſie am Ende, da Ihr ſo fragt!“ „Ich kenne Adelheid von Rettleben!“ erwiderte Günther, doch ſchien es, als ſei er von andern Ge⸗ 21 danken zerſtreut, denn er ſenkte ſeine Augen und blickte ſchweigend zu Boden. Oder horchte er auf den Lärm, welcher vor dem Zelte unter den Knechten entſtand, ein Schreien und Lachen, wie durch einen beſondern Anlaß hervorgerufen? Dergleichen war aber nichts Neues im Lager, wenigſtens bei den freiſamen deutſchen Landsknechten nicht, während es im ſpaniſchen Quartier viel ernſthafter und gemeſſener zuging. Die Disciplin war hier viel ſtrenger, dafür entſchädigten ſich aber die Krieger Alba's draußen, wenn ihre Leidenſchaften ent⸗ flammt waren, an den unglücklichen Einwohnern.„Eure Geſellen werden wohl wieder einen Bären zum Mum⸗ menſchanz ausgeputzt haben!“ ſagte Hans von Fehde, der die Aufregung und Luſtigkeit vor dem Zelt eben⸗ falls hörte. Er ſtand auf und ſchlug die Leinwand der Zeltthür zurück, um zu ſehen, was es gab, und unbeſchadet ſeines Herzeleids um die Geliebte ehrlich mitzulachen. In die Thür trat aber ſchon ein anderer Hauptmann, der ſeinem Führer die Urſache der allge⸗ meinen Heiterkeit meldete. Dem vorigen Streiftrupp, welcher einen Gefangenen eingebracht hatte, war jetzt ein anderer gefolgt, diesmal aber von den zuletzt ausge⸗ ſandten. Er hatte in unglaublicher Schnelligkeit die Strecke Wegs bis zu dem Orte zurückgelegt, wo der Feind ſtehen ſollte, deſſen Nähe die Fürſten erſchreckt 22 hatte. Die Nachricht war aber blinder Lärm geweſen. In der ganzen Gegend hatte ſich von den Kurfürſt⸗ lichen weder ein Reiter noch ein Fußknecht blicken laſſen, außer dem kleinen Trupp, den die ſpaniſchen Carabineros unter Hauptmann Aldana heute früh über⸗ fallen und aufgehoben hatten. Die Landleute waren überall befragt worden, nirgends ein Spur vom Feinde! Da war es den Kriegern, die ſchon befürchtet, aus ihrer Ruhe bald wieder zu den Waffen gerufen zu werden, nicht zu verdenken, daß ſie über den Lärm eine aus⸗ gelaſſene Luſtigkeit zeigten und einen rieſigen Schwaben aus ihrer Mitte mit Stroh und Laub zum Popanz ausſtaffirten, der dann im feierlichen Umzuge durch das ganze Ouartier der Deutſchen geführt wurde, überall mit verſtelltem Schreckgeheul empfangen. Die Freude wurde noch größer, als gegen Abend der Befehl des Kaiſers dem Heere einen Raſttag gab⸗ Den Monarchen hatten die Ausſage des gefangenen jungen Edelmanns und die übereinſtimmenden Mel⸗ dungen der einzelnen zurückgekehrten Streiftrupps dazu bewogen. Dieſe hatten die Nachricht, welche ſchon ein⸗ gegangen war, daß keine feindliche Heeresabtheilung in der Nähe ſei, beſtätigt, jener angegeben, daß der Kurfürſt noch bei Meißen in ſeinem befeſtigten Lager ſtehe. Junker Schenk konnte nicht wiſſen, welcher Ent⸗ 23 ſchluß, ſeit er daſſelbe verlaſſen hatte, dort gefaßt wor⸗ den war, und hätte er es auch geahnt, ſo würde er es nicht verrathen haben. Seine Ausſage entſprach durch⸗ aus dem Schreiben des Kurfürſten, das er als Antwort für ſeinen Herrn, den Landgrafen, erhalten hatte. Es war ihm abgenommen und dem Herzog Alba übergeben worden, der ſich daſſelbe hatte überſetzen laſſen, um den Inhalt ſeinem Monarchen vorzutragen. Der Kaiſer war denn der Meinung, daß er dem Kurfürſten bei Meißen werde eine Schlacht liefern können, dazu aber mußte er ſeiner Infanterie nach den anſtrengenden Märſchen Zeit zur Ruhe und Stärkung geben, und er hatte zwei Tage dazu beſtimmt. Die leichte Reiterei ſollte während derſelben fort und fort kleine Abthei⸗ lungen auf Kundſchaft gegen die Elbe ausſenden, um von jeder Bewegung des Feindes ſogleich Nachricht zu bringen. Herzog Moritz rieth zu dieſer Vorſicht, ob⸗ gleich er den Kurfürſten genugſam kannte, um an⸗ zunehmen, daß er ſeine Anſichten und Beſchlüſſe be⸗ harrlich, wie immer, feſthalten werde. Wenn er ſich aber doch endlich überzeugte, daß der Rath des Landgrafen, den er in ſeiner Antwort abge⸗ lehnt hatte, ein ſehr weiſer ſei, konnte er ihn im mer noch ausführen und jede Stunde, die er Vor⸗ ſprung gewann, war ein Verluſt für ſeine Gegner. — 24 Als ſchon die Lagerfeuer brannten, wurde Günther vom Walde noch zum Oberfeldherrn beſchieden. Herzog Alba empfing ihn mit einem wohlwollendern Blick, als ſelbſt die höchſtgeſtellten Führer im Heere von ihm ſich rühmen konnten; nächſt der Anerkennung, welche der verſtorbene Hildebrand von Madruzzi ſeinem beſten Hauptmann gezollt, mochte auch dazu beitragen, daß Hildebrand, der Bruder des Tridentiner Biſchofs, be⸗ ſonders den Eifer des thüringiſchen Hauptmanns für den katholiſchen Glauben hervorgehoben hatte; ein inhaltreiches Geſpräch, das er einſt mit ihm über Glau⸗ bensangelegenheiten geführt, hatte den Oberſten davon überzeugt. Es war viel werth, wenn es in den Lan⸗ den, welche ganz und gar von der römiſchen Kirche abgefallen waren, doch noch einzelne treue Männer gab, die einſt, wenn die Rückflut kam, mächtig wirken konnten. Das war aber nicht der Gegenſtand, über welchen Herzog Alba noch am ſpäten Abend mit ihm ſprechen wollte, ſondern er hatte ihn auserſehen, in der zu erwartenden Schlacht, für welche er den An⸗ griffsplan ſchon entworfen hatte, den Befehl über die ſämmtlichen Schützen der deutſchen Regimenter zu füh⸗ ren, und wollte ihm im voraus ſeine Inſtruction ge⸗ ben, damit ſich der Deutſche für ſeinen wichtigen Auftrag gehörig vorbereite. Deutſche bedurften nach der Mei⸗ (=— — 25 — nung des ſpaniſchen Feldherrn immer mehr Zeit dazu als ſeine eigenen raſchern Landsleute. In dieſer An⸗ ſicht mußte er aber wenigſtens bei Günther eine Aus⸗ nahme machen. Schon daß derſelbe der ſpaniſchen Sprache ganz mächtig war, erleichterte das Verſtändniß, und nächſtdem zeigte er ein ſo entſchiedenes Eingehen in die Gedanken des Herzogs, eine ſo klare Einſicht in die Aufgabe, die ihm geſtellt wurde, daß Alba ſich viele Worte ſparen konnte. Auch das war ihm lieb. Nach⸗ dem er ihm ſeine Befehle ertheilt hatte, fragte er ihn, ob er wirklich ein Vetter der Grafen von Schwarzburg ſei. „Mein Vater war ein Graf von Schwarzburg“, antwortete Günther mit einem ruhigen und feſten Blick. „Meine Mutter, ſeine rechtmäßige Ehefrau, iſt aber nicht fürſtlichen Standes, ſondern eine einfache Bür⸗ gerstochter geweſen.“ Der Herzog hätte jetzt in den Augen des Mannes, der vor ihm ſtand, etwas wie Stolz wahrnehmen können, er achtete aber nicht darauf und fragte auch nicht weiter. Was kümmerte ihn die Herkunft, wenn der Krieger nur ſonſt ſeine Schuldigkeit that! Konnte ſich ſelbſt der vornehmſte deutſche Edelmann einem geringen ſpaniſchen Hidalgo von reinem blauen Blute gleichſtellen? Hidalgos und Granden, wenigſtens Söhne von letztern, warteten im weiten Vorgemache des herzog⸗ 26 lichen Zeltes zu jeder Stunde der Befehle Alba's. Einer von ihnen mußte durch den deutſchen Hauptmann gerufen werden. „Den gefangenen Pagen!“ ſagte der Herzog kurz, als der Gerufene eintrat. Dieſer entfernte ſich ſchnell, den Befehl auszuführen. „Ihr werdet ihn in Bewachung nehmen, Haupt⸗ mann“, ſprach er darauf.„Befragt ihn weiter über die Dinge, welche Euch wichtig ſcheinen, und bringt mir Meldung, ſobald Ihr etwas wißt. Ich verlange Nachricht, ob der Landgraf nochmals ins Feld zu rücken gedenkt. Wenn der junge Menſch nicht geſtehen will, ſo wendet jedes Mittel der Gewalt an; von Schonung will ich nichts wiſſen.“ Der Gefangene wurde vorgeführt. Er war ganz in der Nähe unter der Obhut der neapolitaniſchen Harniſchreiter geweſen, von denen heute zwei Com⸗ pagnien zum kaiſerlichen Hauptquartier commandirt waren. Als er wiederum in das Zelt geführt wurde, wo er geſtern ſchon dem Gefürchteten Rede geſtanden hatte, war ihm unruhig zu Muthe; dazu trat beim An⸗ blicke des Zeugen, den er hier traf, noch ein anderes Gefühl, das einer unmuthigen Scham. Er hatte aber, wie vorhin, nur einen flüchtigen Blick für den Haupt⸗ mam dutft Albo Lahe Bunt Hero Blick ihm etweo , 27 mann, er brauchte ihn ja nicht zu erkennen und dieſer durfte in Gegenwart des Herzogs nicht zu ihm reden. Alba hatte ihn zum Glück nicht wiedererkannt. Im Lager bei Ingolſtadt hatte er den Ueberbringer des Bundesfürſten, dem er ſtatt der goldenen Kette des Heroldgeſchenks einen Strick angedroht, kaum eines Blickes gewürdigt, wie er es Menſchen, die ſo tief unter ihm ſtanden, überhaupt ſelten that. Schenk war zwar etwas erſtaunt und ſelbſt in ſeiner jetzigen gefährlichen Lage gekränkt geweſen, daß man ihn nicht wiederer⸗ kannt hatte, da es aber einmal geſchehen war, hatte er ſich zu ſeiner damaligen Rolle nicht bekannt. Auch heute ſah ihn der Herzog kaum an, ſondern wandte ſich ſogleich zu dem Kriegsmann, der an die Zeltwand zurückgetreten war, und ſprach mit ſeinem kalten Be⸗ fehlston ein paar ſpaniſche Worte, welche Schenk nicht verſtand. Dieſen durchzuckte aber ein jäher Schreck, als eine Handbewegung des Herzogs ihn dem Hauptmanne überwies und dieſer durch eine gleiche ihn ſtumm auf⸗ forderte, ihm zu folgen. Wohin? Zum Tode etwa, dennoch zum Tode? Auf das Recht dazu kam es dem Gewalthaber ja nicht an! Mit einer Verbeugung, welche Alba nicht beachtete, gehorchte der Gefangene. Er ſchritt in ungebeugter Haltung durch die Reihe der Edelleute und Wachen, der Stolz gab ihm die Kraft *— 28 dazu, die höhniſchen Blicke trotzig zu ertragen, ſie ſoll⸗ ten ſich nicht rühmen, heſſiſches Blut zaghaft geſehen zu haben. „Ihr ſeid mir zur Bewachung übergeben, Junker Schenk von Schweinsberg“ ſagte draußen der deutſche Hauptmann zu ihm, als er mit ihm zwiſchen den Pferdeköpfen und aufgerichteten Waffen einer ſchmalen Brandgaſſe des Reiterlagers hindurchſchritt, um nach dem Quartier des Fußvolks zurückzukehren. Es wäre jetzt von Schenk aberwitzig geweſen, ſich noch zu ſtellen, als kenne er den Hauptmann nicht. „Wir haben uns ſchon vor Ingolſtadt geſehen“, ver⸗ ſetzte er möglichſt gefaßt. In den Worten ſeines Be⸗ gleiters lag auch eine gewiſſe Beruhigung, daß ſich das Schlimmſte, deſſen er ſich verſehen, nicht an ihm vollſtrecken werde. Sie kamen eben zu einer Abtheilung deutſcher Reiter, wie ſie in der ſchwach erhellten Nacht an der Sprache hörten. Die Mannſchaft war eben beim Satteln, wahr⸗ ſcheinlich ſollte wieder ein neuer Streiftrupp ausrücken, damit immer ſolche unterwegs wären, um ſich unter dem Schutze der Dunkelheit möglichſt nahe an das ent⸗ fernte feindliche Lager zu ſchleichen. „Seid Ihr es, Günther vom Walde?“ hörte ſich dieſer von ſeinem der Reiter anrufen, der ſchon 29 völlig gerüſtet neben ſeinem ſattelnden Knecht ſtand. Es war der Junker aus dem Hennebergiſchen, wel⸗ cher heute Günther im Zelte beſucht und durch ſeine Mittheilungen an vergangene Zeiten erinnert hatte. „Wie kommt Ihr denn daher? Warum liegt Ihr nicht auf dem Ohre? Mir armem Geſellen wird's nicht ſo wohl geboten, ich muß auf Kundſchaft reiten!“ Günther gab ihm Beſcheid, ohne den beſondern Auftrag zu erwähnen, welcher ihm zuletzt geworden war, wünſchte dem Henneberger einen glücklichen Nacht⸗ ritt und ſetzte ſeinen Weg mit dem Gefangenen fort. In ſeinem Zelte ließ er Licht anzünden und reichte nun Schenk die Hand.„Ihr ſeid mein Gaſt!“ ſagte er. „Ich muß mit meinem Kopfe für Euch haften. Wollt Ihr mir auf Edelmannswort verſprechen, nicht zu ent⸗ weichen, ſo ſollt Ihr völlige Freiheit im Bezirk meiner Fahnen haben.“ Schenk gab ihm ſein Wort unbedenklich.„Euren Namen habe ich vorhin gehört“, ſprach er.„Ihr ſeid ein Sachſe?“ „Ich bin ein Thüringer“, antwortete Günther Der Gefangene wollte ihm entgegnen, daß er deshalb doch ein Sachſe ſein könne, weil die beiden ſächſiſchen Fürſten viel thüringer Land beſäßen. An die Verſchie⸗ 30 denheit der deutſchen Stämme und daß die Thüringer einer der mächtigſten in alter Zeit geweſen, ehe Franken und Sachſen vereint ſie überwältigt, an ſolche Dinge dachte der heſſiſche Junker nicht, ſie mochten ihm auch wohl ganz unbekannt ſein. Doch fand er es, am Hofe wohl geſchult, unſchicklich, ein Geſpräch fortzuführen, wozu der Andere keine Neigung zeigte. Er ſchwieg und hörte mit Befriedigung, wie ſein Hüter Befehle gab, ihm ein Zelt einzuräumen und ſonſt für ihn zu ſorgen. Was der Morgen und die kommende Zeit überhaupt für ihn bringen werde, mußte er in Geduld abwarten. Die Schlacht bei Mühlberg. Nicht die volle Ruhezeit, welche der Kaiſer ſeinem Heere zugedacht hatte, ſollte demſelben zu Theil werden. Der Raſttag that den Kriegern ſehr wohl, und das Lagerleben, das geſtern in manchen Quartieren ziem lich ſtill geweſen war, regte ſich in alter Luſtigkeit, beſonders beim Fußvolke. Es iſt eine Erfahrung, die ſich auch in neuern Zeiten wiederholt, daß die Infan⸗ terie nach weitem Marſche ſchneller ihre Munterkeit und Lebensluſt wiedergewinnt als die Reitersleute, die es doch im Sattel bequemer haben. Dieſe liegen noch ausgeſtreckt oder gehen verdroſſen umher, während die Fußgänger ſchon wieder luſtig ihre Späße treiben; ſie haben freilich auch weniger Zeit zum Ausruhen, da ſie vorher erſt für ihre Roſſe ſorgen müſſen. Im Lager — 32 bei Lommatzſch hatte überdem die leichte Cavallerie unausgeſetzt ihre Streifrotten ausgeſchickt, welche oft fünf bis ſechs Stunden ausblieben. Die Sonne ſtand in ihrer Mittagshöhe, als ein Trupp der ſächſiſchen Reiter zurückkam, der ſich unter Begünſtigung des Landesdialekts und weil Freund und Feind, da es noch keine Uniformen gab, ſchwer zu unterſcheiden war, bis gegen Meißen vorgewagt hatte. Der Rittmeiſter, der ihn geführt, mußte eine wichtige Nachricht bringen und darum den Rückweg in großer Eile gemacht haben, denn ſeinem Pferde ſtand der Schaum auf dem Leibe. Er ſprengte auch gleich bei ſeinem Herzoge vor, ihm Meldung abzuſtatten, und dieſer begab ſich ungeſäumt mit ihm zum Kaiſer. Karl V. hatte ſich zwar in ſeinem Hof⸗ und Staats⸗ leben mit aller Unnahbarkeit der Majeſtät umgeben, im Kriege aber war er nur Feldherr und zu jeder Stunde, wenn es wichtig ſchien, zugänglich. Die Nach⸗ richt, welche der Rittmeiſter von Minkwitz brachte, war wichtig genug: der Kurfürſt hatte ſein Lager bei Meißen abgebrochen und war jenſeits der Elbe im Marſch auf Wittenberg begriffen. Der Kaiſer erwog mit gewohnter Schärfe des Urtheils alle Folgen dieſes Aufbruchs. Wittenberg iſt vier gewöhnliche Tagemärſche von Meißen entfernt, es 33 war noch möglich, durch einen Gewaltmarſch den Kur⸗ fürſten einzuholen und zu einer Schlacht zu nöthigen, ehe er die ſtarke Feſtung erreichte. Aber freilich durfte keine Zeit verloren werden. Bei Meißen überzugehen, wäre unklug geweſen; der Feind, auf demſelben Ufer verfolgt, würde ſeinen Marſch auf geradem Wege nur beſchleunigt haben, ohne ſich feſthalten zu laſſen. Es war alſo ſicherer, auf dem linken Ufer raſch vorzu⸗ gehen, und wenn man in gleicher Höhe mit dem Geg⸗ ner wäre, den Strom auf einer Schiffbrücke oder durch Furten zu überſchreiten, um die erſehnte Entſchei⸗ dungsſchlacht zu liefern. Von den ſpaniſchen Arcabu⸗ ſeros zu Pferd mußte ſogleich ein kleiner Trupp auf⸗ ſitzen, um den Feind zu beobachten und zu ermitteln, wo er heute lagern werde. Dann ließ der Kaiſer, nachdem er mit Moritz von Sachſen ſeinen Plan be⸗ ſprochen hatte, den Herzog Alba rufen. Moritz wohnte dieſer Unterredung nicht mehr bei, er ging mit heiterem Angeſicht in ſein Zelt zurück, aber das Herz in der Bruſt ſchlug ihm doch und ſein lang unterdrücktes Gefühl regte ſich mächtig in ihm. War der Feind, der vernichtet werden ſollte, nicht gleich ihm ein Sproß des Hauſes Wettin? Die Zwillingseichen im Schloß⸗ garten zu Altenburg, welche zum Gedächtniß des Prin⸗ zenraubes von der Mutter Ernſt's und Albert's ge⸗ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. III. 3 — 34 pflanzt waren, hatten ihre Kronen eng verzweigt— ſollte der Enkel Albrecht's den Enkel Ernſt's verderben helfend Herzog Moritz ſetzte ſich in ſein Zelt und ſann eine Weile, dann ließ er einen ſeiner getreueſten Diener rufen und gab ihm einen Auftrag für die kommende Nacht. Sein Bruder Auguſt kam bald darauf zu ihm, er vertraute ihm aber nicht, was er noch vor dem vernichtenden Schlage zu thun gedachte. Hauptmann Aldana, welcher die ſpaniſchen Haken⸗ ſchützen auf Erkundigung geführt hatte, kam gegen Abend mit der Meldung zurück, daß der Feind, etwa drei Meilen entfernt, bei dem Städtchen Mühlberg auf dem rechten Elbufer ſein heutiges Marſchlager genom⸗ men habe und daß ſich dort nach Ausſage der Ein⸗ wohner eine Furt befinde; er habe dieſelbe unterſucht, aber zu tief gefunden, ſeine Pferde hätten ſchwimmen müſſen. Jedenfalls war damit der Anhalt für den nächſten Entſchluß gegeben. Der Kaiſer befahl, daß die Artillerie nebſt den Brückenſchiffen unter ſtarker Bedeckung beim Einbruch der Dämmerung abmarſchiren, die Infanterie um Mitternacht und gleich nach ihr die geſammte Reiterei folgen ſolle. Durch den Nachtmarſch konnte ein Uebergangspunkt in gleicher Höhe mit dem Feinde erreicht und benutzt werden, um dieſen entweder noch in ſeiner Stellung oder doch bald auf ſeinem 35 Zuge anzugreifen. In muſterhafter Ordnung wurde dieſer Befehl ausgeführt. Es war eine ſtille laue Früh⸗ lingsnacht, ohne Mondſchein, aber ſternklar. Hier und da in den Büſchen an kleinen Gewäſſern ließen ſich Nachtigallen hören. Die Truppen waren in beſter Stimmung, ausgeruht und geſtärkt, ſie hatten aber Befehl, in möglichſter Stille zu marſchiren, damit der Feind, im Fall er Schleichtrupps ausgeſendet habe, nicht aufmerkſam werde, und ſo erſcholl kein lautes Soldatenlied, wie es ſonſt in unzählbaren Verſen, um die Wegſtunden zu verkürzen, geſungen wurde. Gegen Morgen fiel ein ſo dichter Nebel ein, daß keine der in getrennten Colonnen auf gleicher Höhe marſchirenden Abtheilungen den Marſch der andern wahrnehmen konnte. Der Kaiſer beklagte ſich, daß ihn ſolcher Nebel ſtets verfolge, wenn er in die Nähe des Feindes komme, diesmal aber begünſtigte das den Marſch, welcher un⸗ entdeckt bis an das Ufer der Elbe, Mühlberg gegen⸗ über, fortgeſetzt werden konnte. Alba, der ſich an der Spitze befand, ließ jetzt Halt machen und das Lager abſtecken, während er, da mittlerweile der Nebel ge⸗ fallen war, weiter vorritt, um die Gegend und die Stellung der Sachſen auf dem jenſeitigen Ufer zu re⸗ cognosciren. Die Sonne ſtieg blutigroth empor und kämpfte die 3* 36 letzten Nebel nieder. Gegen acht Uhr traf der Kaiſer mit dem römiſchen Könige und Herzog Moritz ein, begleitet von einem zahlreichen Gefolge und ſeiner Leibwache von vierhundert Edelleuten, nebſt den leichten Reitern und den Küraſſieren, welche zur Hofſtatt commandirt waren. Karl ritt einen prächtigen ſchwarzbraunen andaluſi⸗ ſchen Hengſt, den ihm ſein erſter Kämmerer, Herr von Rye, verehrt hatte; ſeine Satteldecke war von Purpurſammt, mit Gold beſetzt; er trug einen vollen Harniſch mit reicher Vergoldung, über demſelben eine breite, goldgeſtickte Schärpe von karmoiſinrothem Taffet, auf dem Haupte einen deutſchen Helm und in der Hand, auf den Schenkel geſetzt, einen kurzen Speer, ähnlich den Jagdſpießen. Als er zu den Truppen kam, wurde er mit begeiſtertem Zuruf empfangen; er ſah die An⸗ ſtalten zum Lager, deſſen Quartiere bereits abgeſteckt waren, und gab Befehl, daß die Reiterei nicht ein⸗ rücken, ſondern vorläufig abſitzen ſolle, dann ritt er mit den Fürſten und wenigen Trabanten Alba nach, wurde jedoch vom Herzoge Moritz dringend gebeten, in einem Dorfe, das ſie berührten, nach dem anſtrengenden Nachtritt etwas Speiſe zu nehmen, und willigte ein. Alba hatte unterdeſſen nach der Furt geſucht, welche ſich in der Nähe befinden ſollte, und Landleute aus den Dörfern holen laſſen, denen ſie bekannt ſein mußte. 37 Da meldete ſich ein Mann freiwillig bei ihm und erbot ſich, ihm die Furt zu zeigen. Es war ein junger Müller, Namens Strauch, der es aus Rache that, weil ihm die Kurfürſtlichen tags vorher zwei Pferde ge⸗ nommen hatten.„Es ſoll den Dieben den Hals koſten, dazu will ich helfen!“ ſagte er zu den Reitern, denen er ſich anbot. Alba ſchickte dieſe ſogleich mit ihm ab, um die Furt zu unterſuchen, und ritt zum Kaiſer zu⸗ rück, der eben aus dem Dorfe kam, wo er gefrühſtückt hatte. Es war Schirmenitz. Kaiſer Karl, ſehr zufrie⸗ den mit Alba's Meldung, näherte ſich nun mit den Fürſten dem Strome, an deſſen jenſeitigem Ufer der Feind in Bewegung gekommen war, um den Flußüber⸗ gang zu wehren. Er war zur Vertheidigung entſchieden im Vortheil. Das rechte Ufer, das er beſetzt hielt, überhöhte das linke bedeutend und war durch einen Damm geſchützt, welcher der Artillerie, die dort aufge⸗ ſtellt wurde, ſowie den ausſchwärmenden Hakenſchützen eine gute Deckung bot, während das linke Ufer, auf welchem die Kaiſerlichen anrückten, offen und eben war, ſodaß ſie dem feindlichen Feuer im Freien, mit Aus⸗ nahme weniger kleiner Gebüſche unmittelbar am Fluſſe, ausgeſetzt blieben. Ueberdem hatten die Gegner von ihren Pontons drei getrennte Brückenglieder im Fluſſe, ebenfalls mit Schützen bemannt, welche in den Strom 38 hinein gerudert werden konnten, um den Uebergang, wenn die Furt gefunden oder eine Brücke geſchlagen werden ſollte, von der Seite zu beſchießen. Jenſeits zeigte ſich in der Entfernung das Lager der Kurfürſt⸗ lichen und die Stadt mit ihrem Schloſſe, die ihnen einen Stützpunkt gewährte. Nothwendig war es, vorerſt das Ufer zu gewinnen und dazu das feindliche Feuer einigermaßen zu däm⸗ pfen. Der Kaiſer befahl, einige Geſchütze und achthun dert bis tauſend ſpaniſche Hakenſchützen unter Benutzung jener Gehölze am Waſſer vorzuziehen, und es entſpann ſich alsbald ein lebhaftes Feuergefecht, bei der Breite des Stroms und der zur Zeit noch geringen Trefffähigkeit der Schußwaffen anfangs von geringer Wirkung. Die Ankunft des Kaiſers begeiſterte aber die Seinigen. Sie gingen rückſichtslos vor, viele bis an die Bruſt in die Flut, und nöthigten ſo die Bemannung der nähergetriebenen Brückenglieder, der ſie jetzt großen Verluſt zufügten, dieſelben zurückzuführen und zu ver⸗ laſſen. „Noch tauſend Schützen!“ befahl der Kaiſer.„Die Deutſchen!“ ergänzte Herzog Alba, als der Offizier, der den Befehl zurückbringen ſollte, abritt. Bald ſah man m lebhaften Schritt die dichten Schwärme der deut⸗ ſchen Hakenſchützen über das freie Feld daherkommen, der ſtell wet En 39 nicht achtend der feindlichen Kanonenkugeln, welche auf ſie abgeſchoſſen wurden. Während die Aufmerkſamkeit auf dieſe Verſtärkung gelenkt war, ſah Herzog Moritz endlich ſeinen Getreuen wieder, der auf triefendem Pferde ſich unbeachtet ge⸗ nähert hatte.„Nun, Einſiedel?“ fragte der Herzog haſtig und leiſe. „Abgewieſen, gnädigſter Herr!“ antwortete der Reiter ebenſo leiſe. „Haſt Du den Kurfürſten ſelbſt geſprochen?“ fragte der Herzog unmuthig. „Ich bin vorgelaſſen worden und habe genau be⸗ ſtellt, was mein gnädiger Herr mir aufgetragen hat. Wenn der Kurfürſt noch jetzt ſich dem Kaiſer unter⸗ werfe, wolle Eure Gnaden Alles zu einem erwünſchten Ende bringen. Darauf antwortete der Kurfürſt:„Der Troſt, den Dein Herr mir ſendet, mag für diejenigen gut ſein, die mit dem Tode ringen, noch bedarf ich ſolches Labſals nicht.““ „Wohl!“ ſagte Herzog Moritz kurz, indem er ſich abwandte. Das Gefecht hatte mittlerweile an Heftigkeit zuge⸗ nommen, das unabläſſige Knallen der Einzelnſchüſſe ſchlug oft ſo zuſammen, daß es wie ganze Salven klang. Die Kaiſerlichen waren jetzt entſchieden im Uebergewicht, — 40 und wenn es Alba auch nicht ausſprach, ſo erkannte er wohl, daß die Deutſchen unter der ausgezeichneten Führung, die er ihnen gegeben hatte, vorzüglich zu dem wachſenden Erfolge beitrugen. Schon ſteckten die Gegner eins ihrer Brückenglieder in Brand, die beiden andern ließen ſie verlaſſen ſtromab treiben. Der Brückentrain des Kaiſers war unterdeſſen angelangt, aber die Kähne reichten augenſcheinlich nicht für die Breite des Stroms aus. „Jene ſollten wir haben!“ rief der Kaiſer, nach den zwei Brückengliedern des Feindes zeigend, welche am jenſeitigen Ufer dahinſchwammen. Da warfen ſchon die nächſten Hakenſchützen, welche das Wort des Kaiſers hörten, ihre Arkebuſen und Jacken ab mehrere folgten dem Beiſpiele; zehn Spanier, die Schwerter zwiſchen den Zähnen, ſtürzten ſich in die Flut, drei Reiter in voller Rüſtung ſetzten ihnen mit ihren Pferden nach. Sie ſchwammen unter dem heftigſten Kugelregen zu den feindlichen Kähnen, auf welche ſich ſchon einzelne Sachſen zur Vertheidigung wieder geſchwungen hatten. Ein kurzer Kampf und die Spanier kehrten unter dem verſtärkten Feuer von jenſeits und dem Jubel der Ihrigen mit den erbeuteten Schiffen zurück. Einer der Reiter nur verſank in der ſchweren Rüſtung. Jetzt konnte der Brückenſchlag für das Fußvolk mit 41 den eigenen und den eroberten Kähnen beginnen, gleichzei⸗ tig kam die Meldung, daß die Furt, welche der Müller angezeigt hatte, für die Reiterei vollkommen brauchbar ſei. Die Truppen erhielten alſo Befehl, an das Ufer vorzurücken, welches jetzt vollſtändig von den kaiſer⸗ lichen Schützen beherrſcht war. Das Feuer der Kur⸗ fürſtlichen fing an ſchwächer zu werden; es bereiteten ſich aber bei ihnen ſchon andere Maßregeln vor, welche mit denen einer anfangs beſchloſſenen Vertheidigung im ſtärkſten Widerſpruch ſtanden. Freilich hatte der An⸗ greifer ſich am Ufer feſtgeſetzt und begann eine Brücke zu ſchlagen, freilich hatte er die Furt entdeckt und konnte ſie mit der Reiterei benutzen, aber der Ueber⸗ gang unter feindlichem Feuer iſt immer ſehr ſchwierig, und wenn der Vertheidiger die auf ſeinem Ufer an⸗ kommenden und aus dem ſchmalen, tiefen Defiliren zur Schlachtordnung aufmarſchirenden Feinde im rechten Moment, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig her⸗ überlaſſend, mit energiſchem Ungeſtüm breit umfaſſend angriff, ſo konnte der Feind in den Fluß geworfen und vernichtet werden. Nichts von alledem geſchah. Als das Schützengefecht am Ufer begann, läutete es in Mühlberg zur Kirche und der Kurfürſt, welcher die Aufforderung und das Anerbieten ſeines Vetters Moritz verſchmäht hatte, begab ſich in das Gotteshaus, um die Predigt zu 42 hören. Wohl ſuchten ihn hier ernſte Meldungen auf, aber ſie ſtörten ihn nicht, er hielt das Gefecht für ein bloßes Scharmützel und glaubte die Predigt noch bis zu Ende anhören zu können. Darüber ging die koſt⸗ barſte Zeit verloren. Entweder— oder! Eine kräftige Vertheidigung unter Benutzung aller Terrainvortheile, in deren Beſitz man war, mit dem entſcheidenden Ge⸗ waltſtoß gegen den übergehenden Feind— und dieſer Meinung war Herzog Ernſt von Braunſchweig, der ſich gleich zu den Truppen begeben hatte, um, wie im⸗ mer, das Scharmützel zu leiten— oder, wenn man die Vertheidigung aufgeben wollte, ungeſäumter Abmarſch, um wenigſtens das feſte Torgau, wenn nicht Witten⸗ berg, zu erreichen, ehe der Feind genugſame Streitkräfte auf das rechte Ufer gebracht hatte. Der Kurfürſt ließ ſich aber nicht bewegen, einen Befehl vor Beendigung des Gottesdienſtes zu geben. Die ganze Reiterei des Kaiſers war ſchon am Ufer eingetroffen, nur fünfhundert deutſche Reiter hatten zur Bewachung des Lagers zurückbleiben müſſen, näm⸗ lich zweihundertfünfzig aus der Rochlitzer Niederlage entronnene und ebenſoviel des Markgrafen Johann Georg, lauter Mannſchaft alſo brandenburgiſcher Für⸗ ſten. Mit ihnen waren neun Fähnlein Fußvolk, gleich⸗ falls nur Deutſche, zur Lagerwache beſtimmt. Setzte 6 43 der Kaiſer mehr Vertrauen auf ſeine Spanier, oder leitete ihn der Gedanke, möglichſt wenig Deutſche gegen deutſche Brüder kämpfen zu laſſen? Wir zweifeln! Alba hatte ja bereits den Herzog Moritz von Sachſen mit ſeinen ſechshundert Lanzen und zweihundert Reiter⸗ ſchützen in die Vorhut genommen. An der Spitze be⸗ fanden ſich die Ungarn, von denen aber ſchon am frühen Morgen dreihundert Pferde ſtromab zur Beobachtung von Torgau entſendet waren, nach ihnen vierhundert leichte ſpaniſche und italieniſche Reiter nebſt hundert ſpaniſchen Reiterſchützen und zur Unterſtützung zwei⸗ hundertzwanzig neapolitaniſche Harniſchreiter. Hinter dieſem Vortrabe, der ſogleich den Durchgang durch die Furt unter Führung des Müllers, dem man ein Pferd gegeben, begann, war das Haupttreffen in zwei großen Geſchwadern aufmarſchirt, von denen eins der Kaiſer ſich ſelbſt vorbehalten, während das andere der römiſche König führte, jenes vierhundert Lanzen, dies ſechshundert Lanzen ſtark, bei jedem dreihundert Hakenſchützen zu Pferd. Alba glaubte an ernſtlichen Widerſtand, darum mußte von den zuerſt überſetzenden Ungarn und leichten Reitern des Prinzen von Sulmona, etwa achthundert zuſammen, jeder einen Hakenſchützen vom Fußvolk hinter ſich auf das Pferd nehmen. Auch ließ das heftige Feuer vom rechten Ufer auf eine kräftige Vertheidigung 44 ſchließen, und Mann für Mann von den Hakenſchützen, ſobald er feſten Boden ſah, ſprang vom Pferde, um ſogleich unter dem Schutz der Reiter das Feuer zu erwidern. Aber zur Verwunderung des Feldherrn ver⸗ ließen die Kurfürſtlichen alsbald ihre Stellung, und Alba, als er einen höher gelegenen Punkt zur Ueberſicht gewonnen hatte, konnte das feindliche Heer bereits im vollen geordneten Rückzuge erblicken. Der Kurfürſt hatte dieſen Entſchluß gefaßt, nachdem er an dem Ueber⸗ gange des Kaiſers nicht länger zweifeln konnte. Zu ſpät! Der Aufbruch geſchah nun übereilt. Es kam dar⸗ auf an, die Lochauer Haide ſchnell zu überſchreiten, um einen Wald zu gewinnen, der eine gute Stellung bot. Hier wollte man ſich halten, da der Kurfürſt von der falſchen Vorausſetzung ausging, daß nur die Hälfte des feindlichen Heeres über die Elbe gegangen, die andere aber, wahrſcheinlich unter perſönlicher Führung des Kaiſers, auf dem linken Ufer gegen Torgau gerückt ſei, weil man von dort Kanonendonner gehört hatte. Das waren aber nur einige Schüſſe von den Wällen geweſen, durch welche man die allzu dreiſt anprallen⸗ den Ungarn verſcheucht. Torgau erſchien unhaltbar, der Kurfürſt gedachte alſo an jenem Walde wieder Stellung zu faſſen, nöthigenfalls einen feindlichen An⸗ griff des getheilten Heeres leicht abzuſchlagen und dort 45 über Nacht zu lagern, am folgenden Tage aber nach Wit⸗ tenberg zu marſchiren, wo er ſich für lange Zeit geſi⸗ chert glaubte. Das Haupttreffen der Reiterei ging unterdeſſen auch durch die Elbe, ſobald der Vortrab jenſeits angelangt war und ſich formirt hatte. Der Müller Strauch, der wieder zurückkam, um auch den Kaiſer hindurchzu⸗ führen, wählte dazu eine andere, mehr rechts ſtrom⸗ aufwärts gelegene Furt, weil der Grund in der erſten durch die zweitauſend Pferde der Vorhut ſtark aufge⸗ wühlt war. Feſter zeigte ſich's zwar hier, aber die Tiefe war doch ſo bedeutend, daß die Pferde ſtrecken⸗ weiſe ſchwimmen mußten. Doch gelangte Alles glücklich hinüber und der Kaiſer ließ dem Führer zwei Pferde als Erſatz für ſeine verlorenen und hundert Piaſter reichen. Echt ſpaniſch iſt des Geſchichtſchreibers Avila Bemerkung: der Mann, ſeiner Geſinnung nach, ſei einer höhern Lebensſtellung würdig geweſen, weil er für die ihm angethane Schmach gebührende Rache genommen habe! Auf der weiten freien Ebene befand ſich das feind⸗ liche Heer im eiligen Rückzuge, das Fußvolk in zwei Maſſen von verſchiedener Stärke voraus, die Reiterei in neun Geſchwadern hinter demſelben breit getrennt, um gegen die leichten Reiter der kaiſerlichen Vorhut, 46 wenn ſie den Rückzug beunruhigten, von Zeit zu Zeit Front zu machen und ſie in einzelnen Angriffen zurück⸗ zuwerfen. Dadurch gewann das Fußvolk immer mehr Vorſprung. Alba drängte ſie aber unabläſſig ſo, daß die Sachſen endlich Halt machten und ihr geſammtes Geſchütz gegen ihn in Thätigkeit ſetzten. Der Kurfürſt, der wegen ſeiner großen Beleibtheit nicht zu Pferde, ſondern im Wagen ſein Heer führte, war noch immer der Meinung, daß er es mit den Reitern des Vortrabs zu thun habe, weil der ſtarke Staub rückwärts trieb und die Ausſicht verdeckte. Dieſer Halt wurde ver⸗ hängnißvoll. Der Kaiſer war mit dem Haupttreffen im ſtärkſten Trabe, deſſen die ſchweren Pferde der Harniſchreiter fähig waren, ſeiner Vorhut, welche ſchon weit voraus mit dem Feinde plänkelte, gefolgt. Er hatte in der offenen Ebene die Geſchwader in breitern Fronten ent⸗ wickelt, nur ſiebzehn Glieder tief, was allerdings wun⸗ derlich klingt, da wir heute in der Regel mit zwei⸗ gliedrigen Linien angreifen; doch formirten ſich die deutſchen Reiter damals in ſchmaler Front mit noch viel beträchtlicherer Tiefe als ſiebzehn Gliedern. Rechts ausbiegen ließ der Kaiſer jetzt, um freiern Umblick zu gewinnen und nicht vom Vortrabe, wenn dieſer gewor⸗ fen würde, in Unordnung gebracht zu werden. Am —,— 47 Wege ſtand ein Crucifix, noch aus der Zeit, wo dies Land katholiſch geweſen war; ein ruchloſer Soldknecht hatte die Bruſt des Chriſtusbildes durchſchoſſen. Der Kaiſer bemerkte es und hob das Auge im Zorne gen Himmel: „Herr! Wenn Du willſt, ſo beſitzeſt Du die Macht, Deine Beleidiger zu ſtrafen!“ Nicht ungehört blieben dieſe Worte, ſie entflammten die Reiter zur höchſten Wuth. Die von rückwärts immer breiter werdenden Staub⸗ wolken mußten endlich den Sachſen auffallen.„Fahrt etwas ſeitwärts, gnädiger Herr!“ rief einer der ſäch⸗ ſiſchen Feldoberſten, Wolfgang Kreutz, dem Kurfürſten zu.„Fahrt ſeitwärts, damit Ihr ſeht, was gegen Euch anrückt!“ Der Leibkutſcher gehorchte. Vom Wagen konnte Jo⸗ hann Friedrich jetzt bemerken, daß den plänkelnden Ungarn und leichten Reitern nicht blos die Küraſſiere des Vortrabs, ſondern ſtarke Reitermaſſen folgten, die in beſchleunigter Gangart ſich auf gleiche Höhe mit jenen zu ſetzen ſuchten. „Vater, laßt abmarſchiren! Ich beſchwöre Euch!“ rief der Kurprinz heranſprengend.„Wir haben die ganze Macht des Kaiſers gegen uns!“ Da konnte der Fürſt nicht länger zaudern; er gab den Befehl, den Rückzug fortzuſetzen, um den ſchützenden Wald, der von 48 Sumpf und Engwegen durchſchnitten war, zu erreichen. Zur Deckung des Abmarſches ließ er die leichte Reiterei des Feindes von ſeinen geſammten Arkebuſieren zu Fuß und zu Roß angreifen, was mit großer Entſchloſ⸗ ſenheit vom Herzoge von Braunſchweig ausgeführt wurde. Aber der Kaiſer war mit ſeinen ſchweren Lan⸗ zenreitern ſchon ziemlich auf gleiche Höhe mit dem Vortrabe gelangt, hatte die neapolitaniſchen Küraſſiere, zu denen er zuerſt gekommen, mit kurzem Soldatenwort ermuntert und dem Herzog Moritz, der ihm Meldung über den Stand der Dinge gemacht, heiter geantwortet. Jetzt ſtürzte ſich Alba mit den Küraſſieren den angrei⸗ fenden Sachſen entgegen, alle Geſchwader ſchloſſen ſich mit höchſtem Ungeſtüm dieſem Anlauf an, welcher un⸗ aufhaltſam die ſächſiſchen Reiter über den Haufen warf, während die Ungarn und leichten Reiter ſie in der Flanke faßten. Es war ein Moment furchtbarer Ent⸗ ſcheidung. Der Strom der Geworfenen, in ſeinen letzten Schichten ſchon mit den ſchnellſten Verfolgern gemiſcht, brauſte über die Haide dahin, zum Theil das eigene Fußvolk treffend, das davon gleichfalls in Verwirrung und Auflöſung gerieth. Mehrere Fähnlein ſuchten ſich zwar mannhaft zu behaupten und ſchoſſen rückſichtslos auf Feind und Freund, um den Schwarm von ſich ab⸗ zuhalten, ſie wurden aber nach kurzem Widerſtande 49 auch zerſprengt und in die allgemeine Flucht mitfortge⸗ riſſen. Es war eine Hetzjagd, die gleich hinter Koßdorf begann und bis Falkenburg und Beiersdorf, jenſeits der Lochauer Haide, raſte. Mancher von den Flüchti⸗ gen ſetzte ſich dabei wohl tapfer zur Wehre, aber im Allgemeinen wiederholte ſich die Erfahrung aller Kriege, daß in dem entnervenden Gefühl der Niederlage alle moraliſche und körperliche Kraft gebrochen iſt und ſich die Beſiegten widerſtandslos ſchlachten laſſen, wie die Schafe. Der Kurfürſt hatte, als er die Flucht ſeiner Reiter ſah, den Wagen verlaſſen und ſich von den Seinigen auf einen ſtarken frieſiſchen Hengſt, der ihm geboten wurde, heben laſſen; achtzig bis neunzig Reiter, welche die Hauptfahne in ſeiner Nähe gedeckt, umgaben ihn auf der fortgeſetzten Flucht. Der Kaiſer mit ſeiner Begleitung und den Leib⸗ wachen, auch einigen ſchweren Reitercompagnien als Rückhalt war dem Angriffe in gemeſſener Entfernung gefolgt und trabte noch eine Stunde weit der Verfol⸗ gung nach, die ſich nur durch dichte Staubwolken, aus denen zuweilen Waffenblitze leuchteten, fernher bemerk⸗ bar machte. Das Feld aber, welches der Kaiſer mit den Seinigen durchritt, war mit Todten und Ver⸗ wundeten, erſchoſſenen oder geſtürzten Pferden nebſt Waffen aller Art bedeckt, Gefangene waren haufenweiſe Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. III 4 50 zuſammengetrieben und wurden von wenigen Reitern bewacht. Die Ungarn und die leichten Pferde, ein großer Theil der deutſchen Reiter und die ſpaniſchen Küraſſiere ſetzten noch immer nach, um niederzumachen Beute zu erjagen, Gefangene einzutreiben. Herzog Mo⸗ ritz von Sachſen befand ſich mitten im Getümmel, und es war doch meiſt ſächſiſches Blut, das hier vergoſſen wurde! Faſt aber wäre das ſeinige gefloſſen. Ein kurfürſtlicher Reiter ſpornte ſein Pferd gegen ihn, ließ den Zügel fallen, packte den Herzog mit der Linken und drückte mit der Rechten ſein Piſtol, die Mündung faſt an ſeinen Kopf haltend, gegen ihn ab; aber der Schuß verſagte und der beherzte Angreifer wurde von Andern niedergehauen. Ernſt von Braunſchweig war ſchon gefangen, der Kurprinz, an der Hand und am Kopfe verwundet, vom Pferde geſtürzt, aber im Fallen erſchoß er noch den Spanier, der ihn heruntergehauen hatte, wurde von den Seinigen wieder auf das Roß gehoben und entrann glücklich nach Wittenberg. Der unglückliche Kurfürſt jedoch konnte nicht mehr aus der Schlacht entkommen. Kaiſer Karl war ſchon mitten im Walde und be⸗ fahl jetzt die ſchwere Reiterei, welche auch in vollſtän⸗ diger Auflöſung war, zu ſammeln und zu ordnen, um einem möglichen Rückſchlage zu begegnen, der ihm den 51 gewonnenen Sieg wieder entreißen konnte. Er hatte nämlich ſein Fußvolk, daß erſt über die Schiffbrücke zu gehen anfing, nicht abwarten mögen, ehe er den An⸗ griff begann, nur die Hakenſchützen, welche auf den Pferden mit durch die Furt gekommen und bei dem Vorgehen der Reiterei zurückgeblieben waren, ſtanden ihm zur Verfügung. Aber es war kein Rückſchlag mehr zu fürchten. Dort kam Herzog Alba ſchon von der Verfolgung zurück, um die unausgeſetzte Flucht der feindlichen Heerestrümmer zu melden. Alba ſelbſt war verwundet, und der Kaiſer empfing ihn mit gnädigen Worten. Während ſie ſprechend zuſammen hielten, kam ein Hauptmann geſprengt mit der Meldung, daß der Kurfürſt gefangen ſei. Mitten im Schwarme der Seinigen, der ſich mehr und mehr lichtete, war Johann Friedrich auf ſeinem ſchweren Hengſte von den ſchnellen Feinden eingeholt und umringt worden. Da hatte ſich der Fürſt, wie unbeholfen er auch bei ſeiner Leibesſtärke war, tapfer mit dem Schwert zur Wehr geſetzt, aber wohl zehn bis zwölf Feinde umdrängten ihn, Spanier, Italiener, Un⸗ garn, deutſche Reiter; ein Magyar hieb ihm mit dem Säbel in die linke Wange, daß ihn das Blut über⸗ ſpritzte. Jeder wollte die Ehre haben, ihn gefangen zu nehmen. Da ſah der Kurfürſt unter ihnen einen Ritter 4* 52 ſeines Vetters Moritz Thilo von Trodt, den er kannte, und als dieſer ihm zurief, ſich zu ergeben, ließ er das Schwert ſinken, zog den Handſchuh aus und reichte dem meißniſchen Edelmann ſeine beiden Ringe mit den Wor⸗ ten:„Ich bin Trodt's Gefangener.“ So wurde er dem Kaiſer gemeldet. Dieſer befahl, ihn ſogleich vorzuführen. Alba bat ſeinen Herrn, das zu verſchieben, weil er fürchtete, daß der Kaiſer im erſten Zorne den Kurfürſten allzu un⸗ gnädig behandeln werde, ja er wagte es, als Karl ſeinen Befehl wiederholte, ihn nochmals darum zu bit⸗ ten, und erſt als der Kaiſer zum dritten Mal unge⸗ duldig auf ſeinem Willen beſtand, mußte er gehorchen. Er ritt fort und führte den Gefangenen vor. Dieſer ſeufzte tief und ſprach mit einem Aufblick zum Him⸗ mel:„Herr Gott, erbarme Dich mein, nun bin ich hier“ Das Blut ſeiner Wunde war ihm über das Geſicht und den ſchwarzen Bruſtharniſch gefloſſen, den er über dem Panzerhemde trug, er war aufs äußerſte erſchöpft, ein Gegenſtand des Mitleids. Als ihn Alba, zu ſeiner Rechten reitend, dem Kaiſer vorſtellte, wollte Johann Friedrich vom Roſſe ſteigen, der Monarch litt es aber darauf zog der Gefangene den Handſchuh aus, um des Kaiſers Hand zu ergreifen und zu küſſen, auch das guttet Karl nicht. Der Kurfürſt entblößte *— * — 53 denn ſein Haupt und begann:„Großmächtigſter, aller⸗ gnädigſter Kaiſer—“ „Bin ich jetzt Euer Kaiſer?“ unterbrach ihn Karl. „So habt Ihr mich lange nicht genannt!“ „Ich bin Eurer Kaiſerlichen Majeſtät Gefangener“, ſprach Johann Friedrich,„und bitte um fürſtliches Ge⸗ fängniß.“ „Wohlan!“ erwiderte der Kaiſer.„Es ſoll Euch werden, wie Ihr verdient habt.“ König Ferdinand, der ihm ſeine Verbindung mit den aufrühreriſchen Böhmen nicht vergeben konnte, er⸗ griff nun auch das Wort und überhäufte ihn mit Vor⸗ würfen.„Ihr ſeid ein feiner Mann! Ihr habt mich und meine Kinder verjagen und ins Elend bringen wollen.“ Der Kurfürſt erwiderte nichts, ſondern zuckte nur ſeufzend die Achſeln. Darauf erhielt Alba Befehl, ihn unter Bedeckung nach dem kaiſerlichen Lager am Ufer der Elbe bringen zu laſſen. Er hatte die peinliche Scene hinausſchieben wollen um dem Gefangenen die harte Behandlung zu erſparen; war das ein Widerſpruch im Charakter des Mannes, welcher nach vierzen Tagen dem Kurfürſten das Todesurtheil ſprach, welcher ſpäter in den Nieder⸗ landen Egmont's edles Haupt auf dem Blutgerüſt fallen ließ und ſich rühmte, viele tauſend Menſchen dem Henker 54 überantwortet zu haben? Wenn es eine menſchliche Regung auf dem Schlachtfelde von Mühlberg war und nicht der Wunſch, ſeinem Monarchen eine leidenſchaftliche, der Würde ſeiner Majeſtät unangemeſſene Aufwallung zu erſparen, ſo wollen wir ſie gern anerkennen. Außer dem Kurfürſten wurde Herzog Ernſt von Braunſchweig mit drei Grafen von Gleichen und einem Grafen von Beichlingen, welche ſämmtlich mit gefangen waren, Alba zur Bewachung übergeben. Fünfzehn Geſchütze, alles Gepäck im Lager, eine über⸗ reiche Beute, das Hauptbanner des Kurfürſten nebſt vielen Fahnen und Standarten waren den Siegern in die Hände gefallen, dritthalbtauſend Sachſen auf der Wahlſtatt geblieben, mehr noch verwundet und gefan⸗ gen. Eine Stunde vor Mittag hatte der Kampf an der Elbe begonnen und um ſieben Uhr abends erſt jenſeits der Lochauer Haide geendigt. Zeichen und Wunder waren von den gläubigen Spaniern geſehen worden. Während ihr Fußvolk über die Schiffbrücke ging, ſoll ein Adler lange Zeit auf weitgeſpannten Schwingenaüber ihm geſchwebt haben, darauf ſoll ein rieſiger Wolf aus dem Gebüſch hervorgeſprungen ſein, den die Soldaten auf freiem Felde mit ihren Schwertern erlegt; die Sonne ſoll den ganzen Tag ihren blutrothen Schein bewahrt und länger wie ihre Zeit am Himmel geſtanden haben, 55 als wollte ſie leuchten bis zum letzten Schwertſtreich gegen den Feind des wahren Glaubens, deſſen Symbol der erſchlagene Wolf geweſen. Die Schlacht war vom Kaiſer nur mit ſeiner Reiterei, ohne Mitwirkung des Fußvolks und Geſchützes gewonnen worden, für die erſtere Waffe ein letztes Beiſpiel ihrer frühern Be⸗ deutung. Wie Cäſar einſt, nur im letzten Worte Gott die Ehre gebend, ſprach Karl nach ſeinem Erfolge: „Veni, vidi, Deus vicit.“ Drittes Kapitel. Nächtliches Treiben. Herzog Moritz war hinweggeritten, als ſein unglück⸗ licher Vetter mit Blut bedeckt als Gefangener vor den Kaiſer geführt wurde. Lieber wäre es ihm geweſen, wenn das große Ziel ohne eine ſolche Demüthigung eines Fürſten aus dem Hauſe Wettin erreicht worden wäre, darum hatte er Johann Friedrich auch am heu⸗ tigen Morgen noch zur Unterwerfung zu bewegen ge⸗ ſucht. Er ſelbſt war ſeiner Sache ſchon ſicher. Der Kaiſer hatte ihn bereits vor vier Wochen in einem Schreiben an die Landſtände ſeines Herzogthums als Kurfürſten und des heiligen römiſchen Reichs Erzmar⸗ ſchall bezeichnet, ſomit dieſe Würden dem bisherigen Träger derſelben abgeſprochen. Johann Friedrich hatte N „—— 25 aber noch die Entſcheidung der Waffen geſucht, dieſe war gegen ihn ausgefallen und Moritz mußte nun ſei⸗ nen Schwiegervater, den Landgrafen, vor einem ähn⸗ lichen Schickſal bewahren. Im Lager angekommen, ſchrieb er ihm ſogleich, daß der Kaiſer einen großen Sieg erfochten habe und der Kurfürſt gefangen ſei, der Landgraf möge daher bei Zeiten daran denken, ſeinen Frieden auf billige Bedingungen zu machen, wozu er ihm ſeine Vermittlung anbot und auch die des Kur⸗ fürſten von Brandenburg in Ausſicht ſtellte. Mit die⸗ ſem Schreiben fertigte er denſelben Boten ab, welcher ſchon bei dem Kurfürſten in Mühlberg geweſen war, empfahl ihm möglichſte Eile und gab ihm einige Reiter zur Bedeckung mit. Am Morgen ſollte er zeitig auf⸗ brechen und von Leipzig aus einen zuverläſſigen Mann ſeiner Begleitung nach Gotha abfertigen, um den Mark⸗ grafen Albrecht von Kulmbach, der nach ſeiner Nieder⸗ lage bei Rochlitz dorthin als Gefangener auf den Grimmenſtein gekommen war, auf geſchickte Weiſe von den neueſten Ereigniſſen, die ſeine baldige Befreiung hoffen ließen, in Kenntniß zu ſetzen. „Ich weiß unter den Reitern einen Hennebergiſchen von Adel, der in Thüringen genaue Ortskenntniß hat“, ſprach Herr von Einſiedel.„Den gebt mir mit, Kur⸗ fürſtliche Gnaden.“ 58 „Mit dem Titel warte noch, Konrad, bis er an der Zeit iſt!“ erwiderte der Herzog.„Den Henneberger kannſt Du Dir nehmen. Erzähle dem Landgrafen von der Schlacht, was ich nicht ſo weitläufig habe ſchreiben können.“ Einſiedel verließ mit Tagesanbruch das Lager, in welchem Alles nach den Anſtrengungen des vorigen Nachtmarſches und der darauf folgenden Schlacht noch im tiefen Schlafe lag. Der Kaiſer mit den Fürſten war ſelbſt zur Nacht in das Lager zurückgekehrt, wo er ſeinem Heere eine zweitägige Raſt geben wollte, da er nach der vollſtändigen Zertrümmerung des feind⸗ lichen Heeres und der Gefangennahme des Kurfürſten keinen Wechſelfall mehr zu fürchten hatte. Mochten immerhin die Flüchtlinge der Schlacht ſich in die Fe⸗ ſtung Wittenberg werfen, wo ſich die Kurfürſtin Sibylle mit ihren Söhnen und dem Bruder ihres Gemahls befand, der Kaiſer hatte in ſeinem Gefangenen ein Pfand für die baldige Capitulation der Hauptſtadt. So ruhte denn Alles im Lager im feſten Schlafe, als der Morgen anbrach, und Herr von Einſiedel ritt, ohne noch Jemand zu ſprechen, mit ſeinen wenigen Beglei tern der geſtern geſchlagenen Schiffbrücke zu, um über dieſelbe auf das linke Ufer und ſeinen Weg nach Wur⸗ zen zu gelangen. Die Brücke ſtand unter Bewachung 59 einer ſtarken Abtheilung von Hakenſchützen, welche hier zurückgelaſſen war; Einſiedel bemerkte, daß ſie eben in das Gewehr trat, wie es ſchien, um beſichtigt zu werden, denn ein Reiter mit rother Feldbinde über der Achſel hielt vor ihrer Front. Als der Bote des Her⸗ zogs von Sachſen näher kam, wurde er mit ſeinen Begleitern bemerkt und der Reiter kam ihnen langſam entgegen. „Ach, den kenne ich, Herr Einſiedel!“ rief einer, der neben dem Sachſen ritt, gab ſeinem Pferde die Sporen und ſprengte den kaiſerlichen Hauptmann an. „Guten Morgen, Herr Günther! Schon wieder im Sattel? Habt noch ſchönſten Dank für Euer mörderi— ſches Feuer geſtern, ohne das wohl noch mancher von uns mitten im Waſſer heruntergeſchoſſen worden wäre. Ihr blieſt ſie aber vom Ufer ein wenig hinweg! Habt Ihr etwas nach Thüringen zu beſtellen? Ich werd's nun doch noch einmal wagen! Gebt mir einen Gruß mit, Herr Günther! Schade, daß es kein Briefel mehr ſein kann— Ihr könntet mir vielleicht beſſer helfen als mein Vetter Valentin.“ Günther wurde der Antwort auf die wunderliche Rede überhoben, weil Herr von Einſiedel auch herange kommen war. Dieſer kannte den Hauptmann nicht perſönlich, grüßte ihn aber und fragte nach Einigem, 60 was ihn ſeiner Reiſe wegen intereſſirte, beſonders nach der Sicherheit der jenſeitigen Gegend. „Ihr könnt bis Thüringen und weiter in vollkom⸗ mener Sicherheit reiten!“ erwiderte der Hauptmann, und Einſiedel, mit einem ſchnellen Seitenblick auf den Henne⸗ berger, von dem jener das nächſte Ziel des Rittes doch nur erfahren haben konnte, ſetzte ſeinen Weg fort. Junker Hans blieb noch einen Augenblick zurück. „Habt Ihr nichts nach Thüringen zu beſtellen?“ fragte er nochmals.„Nichts nach dem Ehrenſtein? Ich ſoll zwar eigentlich nach Gotha, wo der Markgraf Albrecht noch auf dem Grimmenſtein ſitzt, aber auf den kleinen Seitenweg wird's wohl nicht ankommen.“ Herr von Einſiedel, welcher ſich den hennebergiſchen Junker be⸗ ſonders ausgebeten hatte, würde wenig von ihm erbaut geweſen ſein, wenn er ſeine große Offenherzigkeit gehört hätte. „Grüßt Herrn Valentin, er ſoll ſich des Mannes bei Paulinzelle erinnern“ antwortete Günther. „Nur den Vetter? Soll ich nicht Eure Bekannte von Dresden auch grüßen?“ fragte Hans. „Grüßt auch ſie, ſagt ihr, daß ich ſie ſegne für ihre Treue zum Glauben!“ erwiderte Günther und ließ ſich nicht länger aufhalten, obgleich Hans noch gern eine andere Beſtellung, ihn ſelbſt betreffend, über⸗ 61 nommen hätte. Einſiedel mit den Andern ritt aber ſchon auf die ſchwankende Brücke, es war kein längeres Zurückbleiben mehr möglich. Die Reiſe wurde in möglichſter Eile fortgeſetzt; überall, wo ſich Gelegenheit bot, verbreitete der Abge⸗ ſandte des Herzogs Moritz wie ſein Herr ihm befohlen hatte, die Nachricht von dem Siege des Kaiſers und erregte dadurch Freude oder Schrecken, je nachdem die Einwohner geſinnt waren. Denn auch im herzoglichen Sachſen gab es Viele, welche große Beſorgniſſe an den Sieg der kaiſerlichen Waffen knüpften, weil ſie als Folge deſſelben die Unterdrückung der proteſtantiſchen Kirche fürchteten. Die Nachricht eilte bald Herrn von Einſiedel voraus. Während der kurzen Raſten, die er halten mußte, während jedes Verweilens auf ſeinem Wege wurde die Kunde von denen, welche ſie hörten, weiter verbreitet, und Hans von Fehde, nachdem er in Leipzig von Einſiedel, der ſelbſt über Halle auf ge⸗ radeſtem Wege nach Kaſſel ritt, mit genauen Inſtrue⸗ tionen entlaſſen worden war, hörte bereits in Weißen⸗ fels und Naumburg von der Schlacht bei Mühlberg erzählen, aus welcher er doch unmittelbar kam! Hatten die Schwalben ihn überholend die Nachricht ſchon früher dahin gebracht? Er bog nun von ſeiner vorgezeichneten Richtung links ab, um über Jena in das obere ſchwarz⸗ 62 burger Land zu reiten. Ein Gewiſſen machte er ſich darum nicht. Der gefangene Markgraf konnte die ſchöne Ausſicht vom Grimmenſtein immer noch eine Weile genießen, er brauchte hernach, wenn er die Nachricht etwas ſpäter erfuhr, nicht ſo lange ungeduldig auf ſeine Befreiung zu warten, mit der es doch noch Zeit hatte. Herr von Einſiedel, der den Kurfürſten von Sachſen genau kannte, hatte gemeint, das ſei ein hart⸗ näckiger Herr, der werde auch in der Gefangenſchaft, ja im Angeſichte des Blutgerüſtes nicht ſo leicht nach⸗ geben. In Rudolſtadt, wo Junker Hans an einem Regen⸗ tage gegen Abend eingeritten war, mußte er die Nacht bleiben, obwohl er noch recht gut auf den Ehrenſtein, wohin ihn ſein Herz trieb, hätte gelangen können. Aber ſein Pferd war todmüde, er ſelbſt bedurfte einiger Ruhe und wollte ſich nun ſeinem Ziele ſo nahe, Alles recht ſchön überlegen, wie er ſeine Sache anfangen müßte. Im rothen Krebs wußten ſie auch ſchon, was weit draußen an der Elbe vorgefallen war! Und als er gar mit einigem Selbſtgefühl verrathen, daß er bei Mühlberg mitgeſtritten hatte, war's mit der Ruhe für ihn vorbei, es ſammelten ſich bald zahlreiche Gäſte im Krebs, die von ihm hören wollten, wie es dabei zuge⸗ gangen und ob der Kurfürſt von Sachſen wirklich, wie ein Gerücht ſich verbreitet, von dem„huſariſchen Volke“, das ein Schreckniß für das ganze Land war, in Stücke gehauen ſei. von Fehde ſchon mehrmals widerlegen müſſen, er war auch hier eifrig damit beſchäftigt und vergaß darüber faſt ſeine eigenen Angelegenheiten. Nur ſo viel hatte er auf ſeine erſten Fragen nach den Verwandten ge⸗ hört, daß Herr Valentin von einem gefährlichen Sturze mit ſeinem Klepper lahm geblieben ſei, was er herzlich beklagte. Während er noch im Erzählen ſaß und das Reitergetümmel auf dem Schlachtfelde ſeinen lautloſen Zuhörern feurig ſchilderte, erſchien ein gräflicher Diener von der Heidecksburg und brachte ihm von der Frau Gräfin eine Einladung auf das Schloß, da ſie ihn noch heute zu ſprechen wünſche. Etwas betreten blickte er auf ſeinen Reitanzug, der die Spuren des fetten thüringer Erdreichs zeigte, der Diener beruhigte ihn aber: Ihre gräfliche Gnaden habe ſchon daran gedacht und laſſe ihn bitten, ſich darüber keine Sorge zu ma⸗ chen, ein Reiter könne aus dem Kriege nicht ſchmuck wie zum Feſt kommen. Hans ließ denn nur das Nö⸗ thigſte von Säubern über ſich ergehen und machte ſich mit dem Diener auf den Weg nach dem hochgelegenen Schloſſe. Zum Glück hatte der Regen nachgelaſſen. Katharina von Schwarzburg war ſchon durch un⸗ 65 Uebertreibungen und Lügen hatte Hans 64 beſtimmte Gerüchte beunruhigt, welche den Ereigniſſen wie Schatten vorausgeeilt waren; bald hatten die Nach⸗ richten eine beſtimmtere Form angenommen und heute war ihr gemeldet worden, daß ein Reiter unten in der Stadt angelangt ſei, welcher die genaueſte Kunde ge⸗ bracht, weil er der Schlacht ſelbſt beigewohnt habe. Man hatte ihr ſogar wiederholt, was er in der erſten Minute davon erzählt; aber er konnte nach Art dieſer Kriegsleute nicht die Wahrheit berichtet haben, darum wollte ſie ihn ſelbſt ſprechen. Das Ereigniß war zu wichtig, um ſeine Beſtätigung geduldig abzuwarten. Der hennebergiſche Edelmann aus Oſtheim vor der Rhön hatte die Gräfin Katharina, welche eine Tochter ſeines alten Grafen Wilhelm war, in ihren Mädchen⸗ jahren einige Male geſehen, und wenn er auch damals noch ein Knabe geweſen, konnte er ſich noch recht gut ihrer erinnern. Als er ihr angemeldet war und vor⸗ gelaſſen wurde, fand er ſie freilich ſehr verändert, aber nach ſeiner Meinung ſchöner. Etwas verlegen näherte er ſich ihr, die ihn ſtehend empfing; ſeine Verbeugung war ziemlich ungeſchickt, aber er blickte ſie doch treu⸗ herzig an, da er ihr Landsmann war; das wollte er ihr auch gleich ſagen. Sie fragte aber ſchon ſelbſt danach. Er war ſeinem Vater, den ſie bei ihrem Vater geſehen hatte, ſo un⸗ 65 gemein ähnlich, daß ſie davon überraſcht wurde, und als er ihre Frage bejahte, reichte ſie ihm die Hand— Das Fräulein, das hinter ihrer Herrin ſtand, bemerkte zu ihrem großen Ergötzen, daß der Reitersmann in der arg zugerichteten Kleidung die feine weiße Hand, die ihm gereicht worden, in ſeine volle braune Fauſt nahm und drückte, ſtatt ſie ehrerbietig, wie es ſich geſchickt hätte, an ſeine bärtigen Lippen zu führen. Das Hof⸗ fräulein wollte ihre Nachbarin, welche noch mehr hinter der Gräfin zurückſtand, auf die heitere Scene, die ſich hier vorzubereiten ſchien, aufmerkſam machen, aber dieſe hatte die Augen niedergeſchlagen und beachtete ſie nicht. „Ich habe Euch bitten laſſen, zu mir zu kommen“, ſprach die Gräfin jetzt,„weil ich gehört, daß ein Mit⸗ kämpfer der Schlacht, von welcher ſich die Nachricht ſchon verbreitet hat, in Rudolſtadt angekommen ſei. Iſt die Nachricht begründet?“ „Ganz recht, Frau Gräfin. Wir haben die Kur⸗ fürſtlichen hinter Mühlberg angegriffen, ein paar tau⸗ ſend erſchlagen und den Kurfürſten ſammt dem Braun⸗ ſchweiger und drei Grafen von Mansfeld gefangen.“ Katharina beherrſchte ihr Antlitz, daß es den Ein⸗ druck, den ſeine Worte auf ſie machten, nicht verrieth. An der Wahrheit derſelben konnte ſie bei ſeinem ehr⸗ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. III. S 66 lichen Geſicht nicht zweifeln.„Seid Ihr bei der Ge⸗ fangennahme des Kurfürſten geweſen?“ fragte ſie ſo gefaßt als möglich. „Ja, gnädige Frau. Er hätte ſich mir ebenſo gut ergeben können, ich war ihm ebenſo nahe als der Trodt, aber den kannte er, und weil ihn der Huſar in die Backe gehauen und das helle Blut über Hals⸗ berg und Krebs lief, konnte er ſich nicht länger wehren und gab dem Trodt ſeine Ringe.“ Er erzählte nun ausführlich den ganzen Hergang, welchen die Gräfin tief bewegt anhörte. Als er aber nachholen wollte, wie die Schlacht eigentlich angefangen hatte, unterbrach ſie ihn; das konnte für ſie kein Intereſſe mehr haben, ihr war es genug, daß die Schlacht verloren, daß der Kurfürſt der Gnade oder Ungnade des Siegers preis⸗ gegeben war. Was konnte ſie von dem Berichterſtatter noch weiter erfahren? Die Folgen des Siegs, wer konnte ſie überhaupt ſchon vorausſehen? Katharina dankte dem hennebergiſchen Lgndsmann für ſeine Nach⸗ richt und fragte nur noch, ob er ihren Vetter, den Grafen Günther, im Gefolge des Kaiſers oder im Lager geſehen habe. Seiner Rückkehr in das Land, aus welchem ihn der Kurfürſt ungerecht vertrieben hatte, ſtand nichts mehr im Wege und ſie knüpfte Hoffnungen daran. 67 „Im Lager, freilich!“ antwortete Hans von Fehde. „Er hat auch gut mitgeholfen, denn wie wir durch die Furt gehen ſollten, ſchoſſen ſie von drüben ſo mörde⸗ riſch, daß ſie uns wohl manchen Sattel leer gemacht hätten, wenn Euer Herr Vetter mit ſeinen guten Haken⸗ ſchützen ſie nicht mit Kugeln vom andern Ufer der Elbe zurückgeſcheucht hätte.“ „Wie?“ rief die Gräfin überraſcht.„Mein Vetter hat ſich am Kampfe betheiligt?“ „Er, ja! Weil er die Schützen commandirte! Das andere Fußvolk iſt nicht zum Schlagen gekommen“ er⸗ widerte Hans.„O, er ſteht in hoher Gnade beim Alba, und wer ſich etwas bei dem ausbitten möchte, der könnte ſich am beſten erſt an Günther vom Walde wenden.“ „Günther vom Walde?“ fragte Katharina be⸗ fremdet.„Wie verſtehe ich das?“ „Ja, ſo heißt er in der ganzen Armada, obzwar Jedermann weiß, daß er ein Graf von Schwarzburg iſt. Das junge Herrlein, das mit ſeinem Vater am Hoflager iſt— Euer Gnaden wiſſen ja, daß der von Arn⸗ ſtadt hat weichen müſſen— das junge Herrlein hat es dem oder jenem erzählt, daß der tapfere Haupt⸗ mann, dem der Alba Madruzzi's Regiment zu führen gegeben hat, ſein Vetter iſt, ein Graf von Schwarzburg, 5* 68 der nur keine fürſtliche oder adlige Mutter gehabt und ſich darum lieber Günther vom Walde nennen läßt, von unſerm Walde, dem Thüringerwalde, auf dem er geboren—“ Der Sprecher ſtockte plötzlich, nicht weil er die Gräfin Katharina von einer ſeltſamen Bewegung er⸗ griffen ſah— das bemerkte er gar nicht— ſondern weil ſein Auge in dieſem Moment einem andern begegnete, deſſen Strahl ihn überraſchend traf. Herr Gott, war es denn möglich! Hinter der Gräfin, das Antlitz ihm zugewandt, erröthend, gewiß weil ſie ihn wiederſah, ſtand Adelheid! O, die Gräfin wußte um Alles und hatte ihm als ihrem Landsmann dieſe Freude bereitet! Hans vergaß aber in ſeiner Freude, daß die Gräfin ihn erſt jetzt als einen Landsmann erkannt und vorher wahrſcheinlich von ſeinem ganzen Daſein nichts geahnt hatte. Katharina war ſchnell wieder gefaßt, ſie ſchrieb die Unterbrechung ſeiner Worte nur dem Eindruck zu, den er doch wohl bemerkt, und dem Gedanken, daß es ihr unangenehm ſein könnte, von jener nicht fürſtlichen Abkunft reden zu hören. Damit ſchrieb ſie aber ihrem ehr⸗ lichen Landsmann aus Henneberg mehr Scharfſinn zu, als er wirklich beſaß. Sie nahm gleich das Wort, um die Pauſe nicht fühlbar werden zu laſſen, und ſagte, daß ſie nicht denjenigen, von welchem er geſprochen, 69 ſondern den regierenden Grafen Günther gemeint habe. Eine Verwechſelung ſei freilich im Hauſe Schwarzburg leichter als in jedem andern, weil der Name Günther vorherrſchend ſei. Der regierende Graf werde wohl nicht perſönlichen Antheil an der Schlacht genommen haben, wenn er auch in der Umgebung des Kaiſers geblieben ſei. Als ſie eine zerſtreute Zuſtimmung dazu erhalten hatte, dankte ſie dem Kriegsmanne nochmals für ſeine Mittheilungen und bat ihn, daß er es ſich zur Abendtafel mit ihren Herren vom Schloß gefallen laſſen möge; er war damit entlaſſen und draußen wartete ſchon ein Hofjunker auf ihn, um ſeiner ſich anzunehmen und ihn zu einem reichbeſchickten Nacht⸗ mahl zu führen. Der Kriegsmann beſaß aber zu wenig höfiſche Ma⸗ nieren, als daß er die freundliche Neigung des Hauptes und die leichte Handbewegung, mit welcher er gnädig entlaſſen wurde, ſogleich verſtanden hätte. Er verbeugte ſich zwar auch, wich jedoch nicht vom Platze, ſondern wandte ſich nun ohne Umſtände an Adelheid von Rett⸗ leben. „Ich hatte Euch ja gar nicht geſehen!“ begann er und ſeine Verlegenheit nahm wieder zu. Reden konnte er hier nicht, wie es ihm um das Herz war, aber er mußte doch wenigſtens wiſſen, wie Adelheid hierher 70 gekommen.„Seid Ihr denn nicht mehr bei den alten Leuten?“ „Die gnädige Gräfin hat mir erlaubt—“ antwortete Adelheid, in gleicher Befangenheit. Wie hätte es auch anders ſein können! Sie hatte nichts vergeſſen! Der Gräfin ſchien es in jeder Hinſicht paſſend, der Unſchicklichkeit, welche der Junker von Fehde, ohne es zu ahnen, beging, ein Ende zu machen. Sie ſelbſt legte zwar wenig Werth auf Formen der Hofſitte, ſie konnten ihr vielmehr zuweilen läſtig werden, aber ſie durfte ſich anch nichts vergeben, und hier war noch ein anderer Grund, der ſie bewog, das Geſpräch, das in ihrem Bei⸗ ſein angeknüpft werden ſollte, zu unterbrechen: Adel⸗ heid mußte ſich verletzt fühlen durch das Benehmen des rückſichtsloſen Mannes. Der ſagte mit einer gewiſſen Haſt:„Ich bringe Grüße nach dem Ehrenſtein— auch für Euch! Günther vom Walde— mein Vetter Valentin ſollte nur an Paulinzelle denken— er läßt Euch ſagen — mit Permiß, gnädige Frau Gräfin—“ Die Gräfin wandte ſich aber mit einer viel ſtolzern Miene zu ihm, als er vorher geſehen hatte.„Ihr werdet dazu Gelegenheit finden!“ ſprach ſie, neigte noch einmal ein wenig ihr Haupt und zog ſich in ihre Gemächer zurück, gefolgt von den beiden Fräulein. Adelheid hatte dem Beſtürzten, der nun endlich einſah, 71 daß er ſich unſchicklich benommen hatte, noch einen flüchtigen, aber unendlich gütigen Blick geſchenkt, um die Demüthigung, die er fühlen mochte, zu mildern. Hans wollte nun keine Viertelſtunde länger hier oben verweilen, aber der Hofjunker, welcher im Vorzimmer auf ihn wartete, lud ihn auf Befehl der Gräfin ſo liebenswürdig zur Tafel ein, daß er nicht widerſtehen konnte. Im Kreiſe einiger guten Geſellen fühlte er ſich bald wohler und bequemer als bei den vor⸗ nehmen Frauen und erzählte dann ſeine Kriegsgeſchich⸗ ten dankbaren Zuhörern, die immer mehr von ihm wiſſen wollten. Erſt auf dem Rückwege nach der Stadt fiel es ihm wieder auf das Herz, daß er Adelheid nun doch nicht auf dem Ehrenſtein treffen und ſein Heil noch einmal, zum letzten Mal, verſuchen könne. Selbſt wenn ſie nur zu einem kurzen Beſuch auf der Heidecks⸗ burg war, konnte er ihre Rückkehr nicht abwarten, da er die Verzögerung ſeines Auftrags nicht länger ausdehnen durfte. Noch war er ja nicht ſein freier Herr wieder, er hatte dem Herzoge von Sachſen keinen freiwilligen Geſellenritt zum Kriege gethan, ſondern war in ſeinen Sold getreten und ſtand noch in ſeinem Solde, mußte alſo getreulich ausführen, was ihm auf⸗ getragen war. Aber bei den alten Leuten konnte er wenigſtens erfahren, wie Alles ſtand, wie lange Adel⸗ 72 heid bei der Gräfin bleiben werde und warum ſie eigentlich bei ihr ſei, auch vor allen Dingen, ob ſie vielleicht ihren Sinn geändert und den Andern, den ſie doch nicht bekommen könne, vergeſſen habe, wenn ſie überhaupt einen gehabt, was ja noch gar nicht gewiß, ſondern nur Vermuthung war! Mit dieſem tröſtlichen Gedanken ſtieg er, von einem gräflichen Diener geleitet, nach der Stadt hinunter, wo ſchon alle Lichter in den Häuſern erloſchen waren. Nur in einem Hofe, an welchem er vorüberging, hörte er noch Hammerſchläge. „Was iſt das?“ fragte er den Diener.„Nach dem Feierabend und gar ſchon zur Nacht?“ „Es iſt ein Schwertfeger— Meiſter Brecht heißt er. Es wird ihm wohl einer, der morgen fort will, noch ſpät etwas auszuhämmern gebracht haben. In den vorigen Wochen war's oft ſo— fahrende Kriegsleute!“ „Was jetzt noch fährt, das kann nur gleich wieder heim gehen!“ lachte Hans in ſeiner Weinlaune.„Der Tanz iſt vorbei, wir haben den Kehraus aufgeſpielt.“ Im rothen Krebs lag auch ſchon der letzte Gaſt, der hier zur Nacht eingekehrt war, im Winkel auf der Streu; Fehde's Knecht ſaß aber noch, ziemlich ver⸗ ſchlafen, am Tiſch bei der ſpärlich brennenden Lampe und wartete auf ſeinen Herrn. Als er ihn kommen hörte, ſtand er auf, ging zu dem Schläfer und ſtieß ihn mit dem Fuß an.„Alleweile!“ rief er ihn auf⸗ Der Mann aber, der wie ein Igel zuſammengeballt lag, ſchien ſo feſt zu ſchlafen, daß er weder die unſanfte Berührung noch den Ruf merkte.„Mir auch recht!“ brummte der Reitersknecht und öffnete ſeinem Herrn die Thür. Dieſer fragte nach den Pferden, entließ den gräflichen Diener, der ihn durchaus der Sicherheit wegen bis hierher hatte begleiten wollen, und fragte dann barſch nach dem Wirthe. Der ſchlief auch ſchon. „Merkt das Volk, daß Frieden wird?“ rief der Junker. „Werden die krummen Rücken ſchon wieder ſteif gegen uns Soldaten? Rufe mir den rothen Krebs!“ Der Knecht wußte des Wirths Kammer nicht, mel⸗ dete dagegen, daß einer dort auf der Streu liege, der ſeinen, der Edlen von Fehde, Namen kenne und den Herrn habe ſprechen wollen, wenn er nach Haus komme. „Beleuchte mir den Kerl!“ befahl Hans. Der Knecht gehorchte; das matte Licht des ungeputzten Dochtes fiel auf eine dürftige, zuſammengekrümmte Geſtalt und ein blaſſes, bartloſes Geſicht mit feſtgeſchloſſenen Augen. „Jammervoll!“ ſagte Hans.„Man möchte ihm gleich ein fettes Stück Fleiſch und eine Kanne dickes Bier unter die Naſe ſtecken, um ihm nur auf die Beine zu helfen. Laß ihn liegen! Ich kenne ihn nicht.“ Er 74 gab darauf ſeine Brfehl⸗ für zeitigen Aufbruch und ließ ſich nach der für ihn hergerichteten Kammer führen, wo er auch dem Knecht ſein Lager geſtattet hatte. Im Kriege iſt Alles gleich. Kaum hatten beide die Wirthsſtube verlaſſen, als das Stroh in der Ecke zu raſcheln begann. Der Schläfer ſchien plötzlich erwacht zu ſein, wenn er ſich vorher nicht verſtellt hatte. Es war finſter in der Stube, der Reitersknecht hatte die kleine Lampe mit genommen. Dennoch wußte der Menſch, der auf der Streu ſeine Glieder jetzt reckte und aufſtand, das eine Fenſter zu finden, kettelte den Laden los und ſtieß ihn auf. Eine matte Helle drang herein und machte die Gegen⸗ ſtände halb erkennbar. Auf der Bank, die längs der Wand unter den beiden hinlief, lag ein dickes Bündel, das nahm der Mann und ro Uie es auf. Er brauchte nicht lange darin zu ſuchen, bis er fand, was er haben wollte; es ſchien ein zuſammengewickeltes Geflecht zu ſein. Er ſteckte es in ſein Wams, das loſe um ſeine dürren Glieder hing, dann rollte er das Bündel wieder zuſammen, ſtieg auf die Bank und ſprang aus dem Fenſter. In der Stube wurde es gleich darauf wieder finſter, der Laden war von außen wieder angedrückt worden. — Als der Tag anbrach, zu dieſer Jahreszeit vor vier — Uhr, hatte der Knecht des Junkers von Fehde, wie ihm befohlen war, die Pferde abgefüttert, der Wirth kam auch ſchon zum Vorſchein und fragte ihn, ob er den Wandersmann, der auf der Streu geſchlafen, etwa geſehen habe, er ſei fort, aber ſein Bündel noch da. Der Knecht wußte von nichts, er hatte ihn wie einen grauen Knäuel auf dem Stroh liegend verlaſſen, heute aber die Wirthsſtube noch nicht betreten; wenn ſein Bündel noch da ſei, werde er ſchon wiederkommen, ſagte er, und auf die Ausſage des Wirths, daß er aus dem Fenſter geſprungen ſein müſſe, lachte er mit einem frechen Soldatenwitze. Der Wirth ſtimmte ein; die Zeche des Nachtſchwärmers war gering und durch den Inhalt des Reiſebündels gedeckt, auch wenn der Mann nicht wiederkommen ſollte. Hans von Fehde ritt darüber hinweg. Bald nachher kam aber Meiſter Brecht, der Schwertfeger, nach dem rothen Krebs und fragte nach dem Fremden, der geſtern hier eingekehrt war; er brachte eine kurze Wehr mit, welche ihm der Mann noch ganz ſpät zum Ausbeſſern einiger ſchadhaft ge⸗ wordenen Stellen, auch zum Schleifen übergeben hatte; die Waffe war von ausgezeichnet gutem Stahl. Hatte ſie denn der Eigenthümer auch, wie ſeine ſonſtigen Habſeligkeiten, im Stich gelaſſen? Es ließ ſich kaum annehmen. Gewiß kam er wieder, aber es blieb doch 76 auffällig, daß er einen nächtlichen Ausflug durch das Fenſter gemacht hatte; das Haus war freilich verrie⸗ gelt geweſen, aber mußte es denn durchaus in der Nacht ſein, wenn der Menſch nicht auf verbotenen öder verbrecheriſchen Wegen ging? Meiſter Brecht gab dem Wirth einſtweilen das kurze breite Schwert, das jetzt haarſcharf geſchliffen war, in Verwahrung und trug ihm auf, wenn der Fremde zu⸗ rückkäme, von dieſem den Betrag für die Arbeit einzu⸗ ziehen. Als er wieder nach Hauſe kam, überraſchte ihn ſeine Frau mit der Nachricht, daß auf dem Schloſſe ein Dieb mit einer Strickleiter in der Nacht habe ein⸗ ſteigen wollen, dabei aber verſcheucht worden ſei. Näheres wußte ſie nicht; ein Mädchen vom Hofgeſinde, dem die Meiſterin begegnet war, hatte es ihr in aller Eile er⸗ zählt. Dem Schwertfeger fiel gleich ein, ob das nicht der Gaſt aus dem rothen Krebs geweſen ſein könne, der in der Nacht aus dem Fenſter geſprungen war, ſo recht nach Diebesart; er kehrte ſofort nach dem Wirths⸗ hauſe zurück, um dort Lärm zu machen, daß ſie den Vogel, wenn er wieder einflöge, ohne viele Umſtände feſthalten ſollten. War er unſchuldig, ſo konnte ihm ja nichts weiter geſchehen. Meiſter Brecht kam aber zu ſpät. Der Verdächtige war gleich nach ihm ganz harmlos zurückgekommen und hatte geſchimpft, daß das 66 Haus wie ein Gefängniß zugeſchloſſen werde und die Gäſte, ehe die Langſchläfer drinnen erwachten, aus dem Fenſter ſpringen müßten, um ihre Geſchäfte in der Stadt zeitig abzumachen; er hatte dann ziemlich hochfahrend nach ſeiner Zeche gefragt und ſich auf ſein großes Geldſtück nichts herausgeben laſſen, auch die Wehr hatte er bezahlt und ſich ſehr zufrieden mit der Arbeit erklärt. Darauf war er in aller Seelenruhe abgezogen. Der Wirth hatte von dem beabſichtigten Einbruch auf dem Schloſſe noch nichts gewußt, beſtritt ihn auch jetzt gegen den Schwertfeger und kam auf die freche Rede des Reitersknechts zurück, einer könne ja wohl aus dem Fenſter ſpringen und in ein anderes einſteigen, ohne ſtehlen zu wollen, wenigſtens kein Geld und Gut. Auf dem Schloſſe dachte man jedoch anders darüber. Eine ſeidene Strickleiter von wahrhaft kunſtreichem Geflecht war gefunden worden, gerade unter einem Zimmer, in welchem ein Schrank mit vielen Koſtbar⸗ keiten ſtand. Wie der Dieb überhaupt in das Schloß gekommen und wodurch er in ſeinem Vorhaben geſtört worden war, blieb räthſelhaft. Die Gräfin, als man ihr am Morgen den verdächtigen Fund in ihr Schlaf⸗ gemach gebracht hatte, war darüber zuerſt unwillig geweſen, hatte aber wie gewöhnlich ihre Ruhe ſchnell wiedergewonnen und befohlen, nicht viel über die 78 ( Sache zu reden, damit man ihr deſto eher auf die Spur kommen könne. Wir wäre es aber möglich ge⸗ weſen, dies Gebot durchzuſetzen? Vielleicht noch ehe daſſelbe gegeben war, hatte ſich die Nachricht ſchon im ganzen Schloſſe und auch in der Stadt verbreitet. Nach⸗ forſchungen wurden wohl angeſtellt, ſie ergaben das Eine, was der Wirth zum rothen Krebs doch nicht auf ſeine Gefahr verheimlichen durfte, ſeiner Leute und auch Meiſter Brecht's wegen, aber wenn auch der fremde Landſtreicher, wahrſcheinlich einer von den vielen Ver⸗ ſprengten der ſächſiſchen kleinern Beſatzungen, welche der Kaiſer auf ſeinem Marſche durch das Voigtland ſchon überwältigt hatte, ſich noch durch einen verwe— genen Streich eine reiche Beute mit auf den Weg hatte nehmen wollen, wer konnte ihn ausfindig machen, da er ſchon fort war? Die Gräfin hätte freilich Reiter vom Hofgeſind ausſchicken können, es wurde ihr auch vorgeſchlagen; man hatte ſich im Wirthshauſe den Strolch ſo genau beſchreiben laſſen, daß, wenn er unterwegs eingeholt wurde, er nicht zu verkennen war. Da aber Niemand wußte, wohin er ſeinen Weg genom⸗ men hatte und er doch wahrſcheinlich, wenn er ein böſes Gewiſſen hatte, die gebahnten Straßen vermied, ſo konnte nur ein glücklicher Zufall ihn einem ſeiner Verfolger in die Hände liefern. Katharina war über 79 haupt jeder Gewaltthätigkeit ohne beſtimmten Grund zur Verfolgung abgeneigt, und als ſie an den ehema⸗ ligen Diener des Landgrafen von Heſſen erinnert wurde, den ſie gewiſſermaßen aus einem Sanctuarium, nämlich aus der Wohnung des bei ihr hochangeſehenen Pfarrers von Blankenburg, habe verhaften laſſen, er⸗ widerte ſie mit einem Blicke, welcher dem Rath Schweigen auferlegte, daß die Verhaftung an dieſer Stelle ohne ihren Befehl geſchehen ſei, daß aber gegen jenen Diener des Landgrafen nicht ein bloßer Verdacht, wie hier, vorgelegen habe. Die Verfolgung unterblieb alſo. Katharina hatte die Strickleiter, welche in weißer und rother Seide feſt und fein geflochten war, bei ſich behalten uud zeigte ſie ihren Frauen, als dieſe ſich, durch das Ereigniß heute früher herbeigeführt, um ſie verſammelten. Adelheid Rettleben war noch nicht zu— gegen. Die Gräfin hatte noch geſtern, infolge des Geſprächs mit dem hennebergiſchen Edelmanne, nachdem ſie das Hoffräulein entlaſſen, Adelheid zu ſich beſchieden und mit ihr lange in vertrauter Mittheilung vereint geſeſſen. Vielleicht war dieſe darum ſpät entſchlummert, die anweſenden Frauen wunderten ſich wenigſtens, daß ſie, deren Gemach doch unmittelbar an das Zimmer ſtoße, dem der Einbruch gegolten, ſo gar nichts von dem Geräuſch unter dem Fenſter vernommen habe, ohne — welches ein ſolcher Verſuch doch nicht abgegangen ſein könne. Wäre der Vorfall in unſern frivolen Tagen ge⸗ ſchehen, ſo würden die Damen vom Hofe bei den Erörte⸗ rungen über die unter einem Fenſter gefundene Strickleiter bedeutungsvolle Blicke lächelnden Einverſtändniſſes ge⸗ wechſelt haben. Im Schloſſe Katharina's von Schwarz⸗ burg war das aber nicht der Fall, vielleicht hielt auch Adelheid's ganze Perſönlichkeit jeden leichtfertigen Ver⸗ dacht von ihr fern. Jetzt trat ſie ein; auch ſie wußte ſchon von dem verdächtigen Funde. Das Mädchen, das ihr zur Bedienung gegeben war, hatte ſie damit geweckt. Sie kam, um von der Gräfin ſelbſt Alles zu hören, und war etwas verwundert, ſchon ſo Viele hier zu finden. Katharina erwiderte ihren Mor⸗ gengruß mit der Freundlichkeit, durch welche ſie Adel⸗ heid, die nicht als Dienerin, ſondern als Gaſt auf der Heidecksburg war, vor ihrer andern Umgebung aus⸗ zeichnete; in dem Blicke, der ihre Worte begleitete, lag heute noch ein beſonderer Ausdruck, den nur Adelheid verſtand. Sie hatte dek Gräfin geſtern das Benehmen des Herrn von Fehde erklärt und ſich über ihre Ablehnung ſeines Antrags gerechtfer⸗ tigt. Der arme Hans, wenn er ihre beſtimmte Aeu⸗ ßerung gehört hätte, würde ſeine wieder aufgelebte Hoffnung nicht noch mit auf den Ehrenſtein getra⸗ le —,— 81¹ gen haben, wo ſie ihm erſt gänzlich geraubt wor⸗ den war. „Haſt Du gehört, Adelheid, was in der Nacht hier geſchehen iſt?“ fragte die Gräfin. Sie nannte das Mädchen, das ſich ihr trotz Allem, was zwiſchen ihnen ſtand im religiöſen Bekenntniß, innig abgeſchloſſen hatte, auf Adelheid's Bitte mit dem traulichen Du, das ſie auch gegen ihre andern Fräulein brauchte. „Ich habe es gehört!“ erwiderte Adelheid.„Das iſt wohl die Strickleiter?“ Dieſe lag auf einem Seiten⸗ tiſch, wo ſie ſchon viel beſehen und beſprochen war. Als Adelheid näher trat, zeigte auch ſie eine Verwun⸗ derung über die ſchön verſchlungenen Knoten und Stiegen, auf einmal aber wurde ſie ſichtlich betroffen, ihre Augen ſuchten unwillkürlich die Gräfin. Doch beherrſchte ſie ſich gleich und legte das Geflecht ſchwei⸗ gend wieder auf den Tiſch. Ihr Aufblick, in welchem eine gewiſſe Beſtürzung lag, wurde dem Unwillen über den beabſichtigten Frevel zugeſchrieben und nur Katha⸗ rina hatte ihn anders gedeutet. Sie fragte aber nicht, und erſt als ſie im Laufe des Tages mit Adelheid eine Stunde allein war, hörte ſie, was dieſe betroffen ge⸗ macht hatte. Adelheid glaubte das ſeidene Geflecht von weißen und rothen Seidenſchnüren, das offenbar nicht urſprünglich zum Werkzeug gemeinen Diebſtahls Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. III. 6 82 beſtimmt geweſen war, zu erkennen. In ihr war eine Erinnerung geweckt worden, die ſie faſt vergeſſen hatte. Eine ganz ähnliche Strickleiter hatte ſie einſt zu Kaſſel geſehen, nicht ganz ſo entfärbt und unſcheinbar wie dieſe, aber ſonſt, ſoviel ſie ſich entſann, von völlig gleicher Arbeit. Der Landgraf hatte ſeiner Gemahlin unter andern ſeltſamen Werkzeugen, von denen er eine Sammlung beſaß, auch dies Geflecht gezeigt, von dem er behauptete, daß es ſeiner Muhme Mechthild von Cleve gehört habe; woran er eine Geſchichte geknüpft, welche Adelheid der Gräfin Katharina nicht wiederholte; der Ausgang war blutig geweſen. „Dieſelbe Leiter kann es aber nicht ſein“ ſchloß ſie. „Dergleichen Arbeiten mögen ſich gleichen. Nur daß der Landgraf ſeine Gemahlin damals auf die heſſiſchen Farben aufmerkſam gemacht und ich dieſe hier wieder⸗ fand, fiel mir auf. Ich bin recht kindiſch, daß ich Euch damit läſtig falle.“ „Haſt Du nicht einen andern Gedanken damit ver⸗ knüpft?“ fragte Katharina ſanft.„Geſtehe mir's, Adel⸗ heid, Du mußteſt an den Gosmar denken und an Deine letzte Begegnung mit ihm!“ Adelheid küßte die Hand der Gräfin und ſagte de⸗ müthig:„Ich ſtehe in Gottes Hand und in Eurem Schutze“ Katharina umarmte ſie; dies feſte Herz zu 83 beruhigen, hatte ſie keine Urſache. Adelheid zagte vor keiner Gefahr, der beſte Schutz war ihr ſtarker Glaube, daß ohne die Zulaſſung des Herrn ihr kein Haar ge⸗ krümmt werden könne. Sie hatte nur auf die wieder⸗ holte Bitte ihrer Tante Margareth den Ehrenſtein verlaſſen, um bei der Gräfin zu wohnen, als ſie nicht mehr zweifeln konnte, daß ſie der Gegenſtand einer rachſüchtigen Verfolgung war. Viertes Kapitel. Der ueberfall. Große Freude im ſchwarzburger Lande! Graf Günther war zurückgekehrt und durch zwei Commiſ⸗ ſarien des Kaiſers nach der widerrechtlichen Vertreibung feierlich wieder in ſeine Beſitzungen eingeführt. Ein Jubel herrſchte im ganzen Volke, das ſeine Anhäng⸗ lichkeit an ſein altes angeſtammtes Fürſtengeſchlecht auf alle Weiſe kund gab. Deutſcher Nation Herrlichkeit unter einer Krone, wie zur Zeit der Sachſen⸗, Fran⸗ ken⸗ und Hohenſtaufenkaiſer, iſt gewiß die ſchönſte Er⸗ innerung unſerer Vorzeit, und wohl kann man tief beklagen, daß die Macht der Kaiſer von Deutſchland geſunken, je mehr ſie ihr eigenes Haus ſtatt das Reich zu mehren ſtrebten, bis letzteres ganz zerfiel; aber ſelbſt in jenen Jahrhunderten der Größe behaupteten 85 die einzelnen Stämme immer ihre Selbſtſtändigkeit und hingen an ihren eigenen Fürſten. Wer da um des Ideals willen, das unſerer Gegenwart vorſchwebt, ge⸗ waltſam eingreifen wollte, der würde zu Schanden werden. Die Nation eins in Allem, was ihre Geſammt⸗ intereſſen, ihre Macht und ihr Anſehen betrifft, dazu eine ſtarke Leitung, ſonſt aber Achtung der Stämme und Staaten, in welche das Volk ſich getheilt, Achtung ihrer Rechte, die ſich wohl einigen laſſen mit dem Recht der Geſammtheit! Möchte der Sturm der Zeit unſer deutſches Vaterland dazu kräftigen! Die Gräfin Katharina, benachrichtigt von der be⸗ vorſtehenden Ankunft ihres Vetters, war gleich nach Sondershauſen geeilt, um ihn mit den Seinigen zu empfangen. Welch ein freudiges Wiederſehen, wo das ſchönſte Familienleben von je geherrſcht hatte! Unter welchen Sorgen und drohenden Schreckniſſen war Graf Günther, der Macht des erzürnten Lehnsherrn weichend, abgereiſt und wie hatten ſich nun für ihn und ſein Haus alle dunklen Wolken zerſtreut! Er ſah der Zu⸗ kunft mit Vertrauen entgegen. Die Nachrichten, welche er mitbrachte, beſtätigten Alles, was Katharina ſchon erfahren hatte. Der Kaiſer war nach dem Siege bei Mühlberg vor die Hauptſtadt ſeines Gefangenen gerückt. Wohl hätte Wittenberg bei ſeiner ſtarken Befeſtigung 86 einer längern Belagerung widerſtehen können. In der Stadt befand ſich die Kurfürſtin Sibylle, welche das Volk hoch verehrte, mit ihrem Schwager und ihren Söhnen, die Beſatzung war anſehnlich verſtärkt durch die Flüchtigen, welche ſich nach Wittenberg geworfen hatten, und wurde von einem entſchloſſenen Manne befehligt, auch die treue Bürgerſchaft, ſtolz darauf, daß in ihren Mauern das Werk der Reformation begonnen hatte, war zur Vertheidigung entſchloſſen. Der Kur⸗ fürſt, mit der Todesſtrafe bedroht, wenn er die Seini⸗ gen nicht zur Uebergabe auffordere, hatte dies Anſinnen mit den Worten zurückgewieſen: das Unglück, daß ihn in Seiner Majeſtät Hände gebracht, habe ihm den Muth nicht genommen, welcher zeitlichen Verſtrickungen nicht unterworfen ſei. Er hatte ſelbſt das unter Alba's Vorſitz geſprochene Todesurtheil ruhig angehört.„Der Kaiſer wird gnädiger mit mir verfahren“ hatte er geſagt.„Kann es aber nicht anders ſein, ſo bitte ich mir den Tag meines Todes vorher anzuzeigen, damit ich meiner Frau und meinen Söhnen noch die erfor— derlichen Mittheilungen machen kann.“ Darauf hatte er das Schachſpiel, in welchem er mit ſeinem Mitge⸗ fangenen, dem Herzoge Ernſt von Braunſchweig, begriffen war, gleichmüthig fortgeſetzt. Dem Kaiſer war es ſicher mit dem Todesurtheil nicht Ernſt geweſen, Herzog 87 Moritz hatte ſich unſtreitig für ſeinen Vetter verwen⸗ det. Graf Günther wußte das zwar nicht und kein Geſchichtſchreiber jener Zeit hat ſich darüber ausge⸗ laſſen; doch hatte der Herzog wenigſtens den Angriff auf Wittenberg, welcher die Belagerten zum verzwei⸗ feltſten Widerſtand getrieben hätte, verzögert, indem er die geforderten Schanzarbeiter nur in ungenügender Zahl geſchafft hatte. Unterdeſſen waren der Kurfürſt Joachim von Brandenburg und der Herzog Wilhelm von Cleve, Brüder der Kurfürſtin, dem Hauſe Habsburg verwandt, angelangt. Beide hatten, den von Natur zur Milde geneigten Charakter des Kaiſers kennend, die Vermittlung übernommen und durch ihre Bemü⸗ hungen endlich einen Vertrag zu Stande gebracht. Die Bedingungen deſſelben kannte der Graf von Schwarzburg nur im Allgemeinen, er war abgereiſt, ſobald er die beruhigende Ueberzeugung mitnehmen konnte, daß das Blut eines deutſchen Fürſten nicht durch einen Machtſpruch, zu welchem weder das Gericht, das niedergeſetzt worden, noch der Kaiſer nach der Verfaſ⸗ ſung des deutſchen Reichs berechtigt war, vergoſſen werden ſollte. Doch wußte Graf Günther, daß die Kurwürde auf Herzog Moritz, alſo auf die jüngere Linie des ſächſiſchen Hauſes übergehen, demſelben eini⸗ ges Land von der ältern abgetreten, der Markgraf 88 Albrecht auf dem Grimmenſtein freigegeben, der Kurfürſt dagegen gefangen bleiben ſolle, ſolange es dem Kaiſer gefalle. Katharina fragte ernſt, was über die Religions⸗ ſache beſtimmt ſei. „Soviel ich erfahren konnte“ erwiderte der Graf, „iſt darüber in dem Vertrage gar nichts erwähnt. Es ſoll darin eine Bedingung geſtanden haben, daß der Kurfürſt, wie er gelobe, ſich den zum Wohle des Reichs zu faſſenden Beſchlüſſen des Kaiſers zu unterwerfen, daſſelbe auch unter die Beſchlüſſe des Concils thun wolle, der Kurfürſt ſoll aber erklärt haben, daß er ſich das immermehr gefallen laſſen, ſondern lieber den Tod erdulden werde. Darauf hat der Kaiſer den Artikel eigenhändig durchgeſtrichen.“ Katharina konnte das Vertrauen, welches ihr Vetter an dieſe Nachgiebigkeit des Kaiſers knüpfte, nicht thei⸗ len. Ihr war dies gänzliche Schweigen über die wich⸗ tigſte Angelegenheit vielmehr ein unheimliches Vorzeichen. Sie mußte ſich darüber bald mit dem einſichtsvollen und glaubensſtarken Manne beſprechen, der ſie während der letzten Zeiten in mancher bangen Sorge, wenn auch nur brieflich, aufgerichtet hatte. Sie ließ ſich daher in dem Kreiſe ihrer lieben Verwandten, wie herzlich ſie auch darum gebeten wurde, nicht lange aufhalten, ſon⸗ dern kehrte nach Rudolſtadt zurück, wo ihre Kinder ſie 89 mit Ungeduld erwarteten. Doctor Aquila, als ob er geahnt hätte, daß ſie ihn zu ſprechen wünſche, war von Saalfeld herübergekommen und hatte ſich, da er ſie nicht zu Hauſe getroffen, bewegen laſſen, wenigſtens bis morgen auf ſie zu warten. Er trat ihr ſchon am Wagen entgegen, und ſie hieß ihn willkommen. Ihre Töchter waren nun zufrieden. Die älteſte hatte mit Adelheid Rettleben heute ein Geſpräch gehabt, das ihr das Herz ſchwer gemacht hatte, ein Geſpräch zum erſten Mal über die Religion. Adelheid hatte es nicht herbei— geführt, als aber die junge Gräfin es begonnen hatte, war ſie ihm nicht ausgewichen. Von ihren wenn auch noch ſo milden Worten beunruhigt, ſehnte ſich Amalie, mit der Mutter darüber zu reden. Nun war ihr wieder getroſt um das Herz und ſie erwartete ruhig die Zeit, wo ſie mit ihr ſprechen konnte. Die Gräfin führte Aquila in ihr Zimmer, wo ſie mit ihm allein blieb. Er war gekommen, um ihr die Nachrichten mitzutheilen, die er ſo eben aus Wittenberg von ſeinem Freunde und treuen Gefährten am Refor— mationswerk, Bugenhagen, erhalten hatte; ſie ſtimmten mit denen, welche Graf Günther mitgebracht hatte, überein und waren nur in Bezug auf die einzelnen Bedingungen der Wittenberger Capitulation genauer. Namentlich erfuhr Katharina jetzt, wie über die Lande 90 des Kurfürſten, die als verfallen betrachtet worden, verfügt war. Nur den Kindern des Kurfürſten ſollte ein jährliches Einkommen und zur Erſtattung deſſelben eine Anzahl thüringiſcher Städte eingeräumt werden, darunter Eiſenach, Weimar, Jena, Gotha; auch Saal⸗ feld ſollte ihnen verbleiben, ſowie Koburg dem Bruder des Kurfürſten. Bugenhagen, welcher erſt vor fünf Jahren aus Dänemark, wo er die Reformation einge führt und zehn Jahre verweilt hatte, nach Wittenberg zurückgekehrt war, um ſein Amt als Paſtor an der Stadtkirche und Generalſuperintendent des Kurkreiſes wieder zu übernehmen, ſchrieb dem Freunde ausführlich über die Vorgänge in Wittenberg, als die Bürgerſchaft nach der Gefangennehmung des Kurfürſten bereit ge⸗ weſen war, die Stadt ſelbſt auf die Mahnung ihres Herrn nicht zu übergeben, ſondern ſich bis auf den letzten Mann zu wehren. Abgeſandte derſelben waren zu Bugenhagen gekommen, da ſie gewohnt waren, Lu⸗ ther und die andern Reformatoren auch in Staatshän⸗ deln thätig auftreten zu ſehen. Sie hatten den Stadt pfarrer gebeten, dem Kurfürſten ihren Entſchluß zu ſchreiben, damit er die Stadt nicht aufgebe, und da Bugenhagen ihnen deshalb Vorſtellungen gemacht, wa⸗ ren ſie in ihn gedrungen, das Volk durch die Glocken zur Kirche und zum Gebet zu rufen, um von Gett 91 ſelbſt zum beſten Rath erleuchtet zu werden. Was der Pfarrer dabei von der Kanzel geſprochen, hatte er Aquila mitgetheilt und dieſer las die ergreifendſte Stelle der Gräfin von Schwarzburg vor. Sie lautete: „Weil wir nun nicht wiſſen, was wir in unſerer Noth thun ſollen, ſo haben wir allein das noch im Vorrath, lieber himmliſcher Vater, daß wir unſere Augen aufſchlagen zu Dir in den Himmel. Alles, wor⸗ auf ſich die Menſchen verlaſſen, das haben wir vorher reichlich gehabt und ſind dadurch verdorben. Und daß wir gar keinen Troſt, in keiner Creatur oder Menſchen⸗ werk ſollten haben, ſo haſt Du uns auch genommen unſern lieben Herrn, den Kurfürſten. So danken wir nun, lieber himmliſcher Vater, Deiner Gnade, daß Du uns mit dieſer väterlichen Strafe dahin gedrungen haſt, daß wir uns allein verlaſſen auf Deine Barmherzigkeit in Chriſto Jeſu, wie Du von uns forderſt im erſten Gebote. Da haſt Du, was Du von uns haben willſt. Darum, weil Dir unſere Noth allein zu Thüren ge⸗ kommen iſt, ſo halte mit Gnaden wohl Haus gegen Deine armen Kinder und ſei mit Deinem heiligen Geiſte bei unſerm Kurfürſten und bei uns, daß Du guten Rath gebeſt, damit wir errettet werden.“ Bugenhagen fuhr dann in ſeinem Briefe fort:„Da fiel alles Volk und die Kinder auf die Kniee und 92 beteten ſo ernſtlich, daß wir alle im Geiſt es fühleten, Gott habe ſich unſeres Gebetes angenommen. Mir ſagten vor der Kirchthür Einige, auch gelehrte Leute, die ſonſt der Welt Klugheit über einfältiglich frommes Weſen ſetzen: Nun kann unſere Sache nicht böſe wer⸗ den, denn wir haben's Gott allein gar in die Hand gegeben.“ „Das iſt ein ſchönes Vorbild für jeden Menſchen in ſeiner Noth!“ ſagte die Gräfin tief ergriffen.„So wird der Herr auch ſeine evangeliſche Kirche nicht in der jetzigen Gefahr verlaſſen. Die Männer, welche ſie haben begründen helfen und tapfer geſtritten haben, als jeder Fußbreit gegen die noch unerſchütterte Macht des Papſtes erkämpft werden mußte, werden mit der⸗ ſelben Tapferkeit das Errungene vertheidigen, da wird nicht einer fehlen. Meint Ihr nicht auch?“ „Wer kann für ſich ſelbſt in der Stunde der An⸗ fechtung ſtehen!“ erwiderte Aquila.„Bürgſchaft für die andern in der Feſtigkeit, wer wollte ſie überneh⸗ men?“ Dem ſtrengen Manne ſchwebte Melanchthon vor, der nach Luther's Tode, als die Univerſität ſich aufge⸗ löſt, Wittenberg verlaſſen und eine Zuflucht in Zerbſt geſucht hatte. Katharina fragte ihn nach dem weitern Verlauf der Dinge und er las ihr noch vor, was Bugenhagen 93 ihm über den Beſuch der Kurfürſtin Sibylle im Lager des Kaiſers und ihre gnädige Aufnahme und von dem Gegenbeſuch des Kaiſers auf dem Schloß geſchrieben hatte. Das Benehmen des Monarchen an Luther's Grabe, als Herzog Alba und der Biſchof von Arras in ihn gedrungen, des Erzketzers Gebeine ausgra⸗ ben und verbrennen zu laſſen, ſeine ernſten Worte: „Laßt ihn ruhen! Er hat ſeinen Richter!“ und auf wiederholtes Andringen:„Ich führe Krieg mit den Lebenden, nicht mit den Todten!“ machten auf Katha⸗ rina einen tröſtlichen Eindruck, der noch verſtärkt wurde, als ſie die Aeußerung des Kaiſers hörte, daß er in den oberdeutſchen Landen nichts in der Religion geän⸗ dert, warum er es hier thun ſolle? „Was wird nun der Landgraf thun?“ fragte ſie dann. „Er hätte vielleicht für eine Friſt Hülfe bringen können“ antwortete Aquila.„Jetzt bleibt ihm auch nichts übrig als der Fußfall.“ „Ich hoffe, daß er dadurch für die allgemeine Sache vielleicht noch beſſere Bedingungen erhalten wird, als es dem beſiegten Kurfürſten möglich war“, ſagte Ka⸗ tharina.„Die Fortſetzung des Kampfes könnte leicht das Unglück noch größer machen. Ich habe freilich Nachricht, daß es an der Weſer gut für die Schmal⸗ 94 kaldner ſtehen ſoll, und das könnte ſie leicht verführen, ſelbſt nach dem Siege des Kaiſers dort das Aeußerſte zu verſuchen, aber nach meinem ſchwachen Urtheil wäre dennoch das Ende kaum zweifelhaft. Lächelt Ihr über mich?“ „Ganz Schwarzburg weiß, wie es mit Eurem Ur⸗ theil beſchaffen iſt“, entgegnete der Geiſtliche.„Wer hat denn die Lande, wenn auch nicht offen vor aller Welt, eigentlich verwaltet und regiert, während der Graf im Exil war? Reden wir aber nicht davon, ich ehre Eurer Gnaden Beſcheidenheit. Wißt Ihr Genaueres über den Stand an der Weſer?“ „Ich habe Nachricht vom Grafen Albrecht, dem Mansfelder, der dort die Reiterei befehligt“ erwiderte ſie.„Thumbshirn mit ſeinem Heerhaufen hat ſich aus Böhmen dorthin gezogen, auch Oberſt Manteuffel noch einige ſächſiſche Fahnen dorthin geführt. Sie haben die Kaiſerlichen zurückgedrängt und ſind willens, dem Landgrafen von Heſſen den Oberbefehl anzubieten. Nach dem, was ich von dem ſächſiſchen Hofrath von Tann, den die kurfürſtliche Familie nach Kaſſel geſchickt, auf ſeinem Rückwege gehört habe, glaube ich nicht, daß der Landgraf den Antrag der Oberſten annehmen wird, denn er hat der Familie des Gefangenen nur 95 ſein chriſtliches Mitleiden melden und ihr rathen laſſen, vertragsweiſe Frieden zu ſuchen.“ „Ich glaube es wohl!“ ſagte Aquila.„Und wenn die Nachricht von dem Siege und der Wittenber⸗ ger Capitulation nach der Weſer kommt, wird ſich das noch unbeſiegte Heer wohl zerſtreuen, beſonders da Thumbshirn, wenn er ſein Volk nicht entläßt, auch zu den Aechtern gerechnet werden ſoll. Wenn der Kaiſer ſich mit ſeiner Macht doch noch gegen die niederdeut⸗ ſchen Bundesglieder wenden müßte, ſo blieben wir hier wenigſtens von dem Durchzug ſeiner zügelloſen Spanier und Ungarn verſchont. Ihre Greuelthaten überſteigen alle Begriffe. Der Kaiſer verdient großes Lob, daß er in Wittenberg nur Deutſche hat einrücken laſſen. Ich hoffe aber, daß er auch, wenn er ſein Heer aus Sachſen wieder in ſeine Erblande führt, unſer Thüringen nicht berühren wird.“ „Doch muß man ſich auf alle Fälle vorſehen“ erwi⸗ derte die Gräfin.„Ich habe einen Freibrief vom Kaiſer für die ſchwarzburgiſchen Lande ausgewirkt“ ſetzte ſie nach einer kleinen Zögerung, als ſchäme ſie ſich, ihr Verdienſt ſelbſt auszuſprechen, lächelnd hinzu, und als Aquila ſie deshalb rühmen wollte, lehnte ſie es ab; ſie habe nur die Gelegenheit früher wahrgenommen als ihr Vetter, der unſtreitig auch dafür geſorgt haben 96 würde. Dann kam ſie wieder auf die wahrſcheinliche Unterwerfung des Landgrafen Philipp zurück und äußerte, daß ſie jedenfalls auf ſeiner Reiſe zum Kaiſer ſuchen werde, ihn zu ſprechen. „Ihr wollt ihm an das Herz legen, nichts einzu⸗ gehen, was unſerm Glauben nachtheilig ſein könnte?“ fragte der Geiſtliche. „Das will ich, obgleich ich es bei der Feſtigkeit Philipp's nicht für nöthig erachte“, antwortete ſie.„Es iſt aber auch eine andere und perſönliche Angelegenheit, die ich gern durch ihn zu einem guten Ende führen möchte. Wayrlich, lieber Herr, mir ſelbſt kommt es kleinlich vor, daß ich in dieſer Zeit, wo viel höhere und wichtigere Dinge als ein Menſchenleben in Geſahr ſchweben, mich von Sorgen um ein ſolches bewegen laſſe, aber ich habe doch immer eine Verpflichtung übernommen; ich rede von der Armen, die meiner Obhut anvertraut worden iſt, weil man ſie hier ſicher glaubte. Ihr kennt ſie ja.“ „Das Fräulein von Rettleben?“ erwiderte Aquila. „Mein alter Ehrenſtein hat mir ſagen laſſen, daß Ihr ſie zu Euch genommen habt, um ſie feindlicher Nach ſtellung zu entziehen, die ſogar nach ihrem Leben trachte. Von wem dieſe ausgeht und aus welchem Grunde, hat er mir nicht gemeldet; das Schreiben fällt ihm ſchwer, — 97 vielleicht wollte er es auch nicht zu Papier bringen. Ich ſträube mich gegen den Gedanken, der ſich mir dabei aufgedrängt hat. Es wäre nicht deutſche Art, ſondern welſche Rachſucht.“ „Wen meint Ihr?“ fragte die Gräfin, und da er Anſtand nahm, ſeinen Verdacht auszuſprechen, ſagte ſie: „Gewißheit hat Adelheid ſo wenig als Ihr und ich, kein Wort der Anklage, keine Andeutung deſſen, was ſie ſelbſt glaubt, iſt über ihre reinen Lippen gegangen. Ich will Euch erzählen, was ich weiß. Freilich hat ſie den Gemahl ihrer Herrin ſchwer gereizt, indem ſie dieſe zu bewegen geſucht, das ihr abgelockte Zugeſtändniß zu der zweiten Heirath zurückzunehmen; ſie hat auch der Jugendfreundin nach geſchehener Sache bei einer Be⸗ gegnung Worte geſagt, die, aus empörtem Herzen ge⸗ kommen, wohl ſcharf und ſchneidend geweſen ſein mögen. Ihr wißt, daß ſie dann am Hofe eine ſehr ſchlimme Stellung gehabt hat und bald nach jener Begegnung mit dem jungen Weibe von Kaſſel abgereiſt iſt, mit Vorwiſſen und ausdrücklicher Bewilligung ihrer Herrin. Die zweite, oder wollt Ihr ſie Gräfin von Diez nen⸗ nen, welchen Titel ihr der gewiſſenloſe Mann ver⸗ liehen, iſt jedenfalls ſchuld an der Verfolgung, welche ſie ſeitdem getroffen hat, und ich will zur Ehre des Landgrafen glauben, daß er nichts davon weiß. Darum Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. III. 7 — muß ich ihn eben ſprechen. Hätte ich Alles ſchon ge⸗ wußt, als er zuletzt in Thüringen war, ſo würde ich ſchon damals offen gegen ihn geweſen ſein; aber ich habe erſt nach und nach die Thatſachen erfahren, aus denen ich mir meine Ueberzeugung gebildet habe. Da war im Dienſt des Landgrafen ein Menſch, der ſich bei ihm durch mancherlei Eigenſchaften ſehr beliebt gemucht hatte und von ihm bei vielen Dingen gebraucht worden war, der beſaß auch das Vertrauen der Diez und beſonders ihrer Mutter. Doch mußte er in letzter Zeit die Gnade ſeines Herrn verloren haben, denn er wurde von der Landgräfin ihrem Fräulein als Be⸗ gleiter bei deſſen heimlicher Abreiſe mitgegeben. In Koburg, als Adelheid ihren Entſchluß geändert hatte und nach dem Ehrenſtein gehen wollte, entließ ſie ihn dann. Bald nachher forderte der Landgraf meinen Vetter in Arnſtadt auf, ſeinen entwichenen Diener, der ſich nach dem Schwarzburgiſchen geflüchtet habe, auf greifen und mit Allem, was man bei ihm finden werde, nach Kaſſel bringen zu laſſen. Er theilte ihm den Grund mit, warum er ihn verfolgen laſſe: er hatte urkunden geſtohlen, welche ſich auf die zweite Heirath bezogen. Ihr habt mit mir darüber geſprochen, daß die traurige Sache beichtväterlich behandelt werden und verſchwiegen bleiben ſollte. Den Landgrafen trifft keine Schuld, daß ſie veröffentlicht worden iſt, ſo behauptet er wenigſtens. Die Mutter ſeines zweiten Weibes, deren Ehrgeiz die öffentliche Anerkennung der Tochter und wohl noch viel Höheres, etwa gar die Scheidung Philipp's von ſeiner rechtmäßigen Gemahlin verlangte, hatte ſich in den Beſitz jener Urkunden geſetzt und zwar durch jenen Gosmar, ſo hieß der Diener des Land grafen, den ſie und noch mehr ihre Tochter beſtochen und zu ihrem blinden Werkzeuge gemacht hatte. Die Urkunden waren ſchon längſt vermißt worden; daß ſie aber der Gosmar entwendet, hatte ſich erſt nach ſeiner Entweichung herausgeſtellt, wahrſcheinlich durch die Frau ſelbſt, welche ſich, nun der Zweck erreicht war, mehr und mehr von der Mutter losgeſagt und dieſer alle Schuld der Veröffentlichung aufgebürdet hatte. Von ihr war der Landgraf auch unterrichtet worden, daß der Gosmar in ſeine Heimat zurückkehren werde, nachdem er Adelheid von Rettleben verlaſſen. Sie ſcheint die ganze Vergangenheit dieſes Menſchen gekannt zu haben.“ „Ihr wußtet von dieſem Zuſammenhange ſchon da mals?“ fragte der Superintendent, als Katharina inne hielt, wie von andern Gedanken bewegt. „Ich wußte nur, was mein Vetter mir mit kurzen Worten ſchrieb, um mich zu veranlaſſen, dem Manne, 100 deſſen Auslieferung der Landgraf forderte, ebenfalls nachſpüren zu laſſen. Ich erfuhr ſeinen Namen erſt ſpäter. Hätte ich gewußt, daß er ſich bei dem Pfarrer Keiſer aufhielt, ſo würde ich vielleicht einen andern Weg gefunden haben. Ich habe Gosmar in ſeinen jungen Jahren gekannt. Er iſt allerdings aus Schwarz⸗ burg— doch das ſind vergangene Zeiten, von denen ich jetzt nicht reden will. Der Mann wurde verhaftet, wie Ihr wißt, und entkam auf dem Transporte nach Arnſtadt. Vor nicht langer Zeit kam er aber wieder zum Vorſchein; ein Jahr war vergangen, ſeit nichts mehr von ihm gehört worden war— wer hätte auch nach ihm forſchen ſollen? Er ließ ſich ungeſcheut blicken und ſchien die Gnade ſeines Herrn wiedergewonnen zu haben, denn er trug deſſen Farben und deutete an, daß er mit einer wichtigen Sendung beauftragt ſei. So wurde mir wenigſtens erzählt. Adelheid hatte von ſeiner Anweſenheit im Lande nichts erfahren. Da war eines Abends, als ſie unter der Linde auf dem Ehrenſtein geſeſſen, wie ein Erdgeiſt aus einer Felskluft, plötzlich der kleine blaſſe Menſch vor ihr erſchienen, und als ſie aufgeſtanden und ihn bei Namen genannt und gefragt, wo er herkomme, hatte er mit verſtörtem Blick ihren Arm gefaßt; ehe er jedoch ein Wort ſprechen können, was dies freche Thun bedeute, war zu Adelheid's Ret⸗ 101 tung der große Wolfshund des alten Valentin unver⸗ muthet mit furchtbarem Gebell auf ihn losgeſtürzt und nur Adelheid's Zuruf hatte den Gosmar vor ſeinen Zähnen gerettet. Der war beim erſten Anſchlagen des Thieres von Adelheid zurückgeſprungen und hatte ein langes Meſſer gezogen; als ihn aber der Hund auf den Ruf des Mädchens nicht angefallen, hatte Gosmar nur athemlos geſagt:„Ein ander Mal!“ und war eilends hinweggegangen. Noch an demſelben Abende hatte ihn der alte Ehrenſtein, der irgendwo in der Nachbarſchaft geweſen war, unten im Thale angetroffen und ange⸗ rufen, Gosmar aber, von ſeinem böſen Gewiſſen ge⸗ trieben, vor ihm die Flucht ergriffen, der alte Herr hatte ihn auf ſeinem Klepper einholen wollen und war dabei geſtürzt. Ich kam andern Tages auf den Ehren⸗ ſtein und fand im Hofe viele Leute um den Wolfshund verſammelt, der im Sterben lag, nach allen Zeichen vergiftet. Man gab es dem Krämer Kandel ſchuld, weil der Hund dieſen oft geängſtigt habe, Adelheid vertheidigte den Mann aber gegen mich und glaubte einer andern Hand die That zuſchreiben zu müſſen. Ihr ſeid nicht auf dem Ehrenſtein ſeitdem geweſen?“ „Ich war in dringenden Geſchäften verreiſt und habe außer der erwähnten Botſchaft von Valentin nichts geſehen oder gehört. Daß dem Fräulein von 2 — Rettleben Gefahr drohe wegen ihres unverzagten Zeug niſſes wider das Vergehen, das Ihr mildiglich eine Verirrung nennt, iſt Alles, was ich aus Valentin's Worten entnommen habe. Ich war beruhigt, daß ich ſie unter Eurem Schutze wußte, auch in anderer Hinſicht beruhigt, weil ich dort immer fürchtete, die Knaben, welche an ihr mit einer feurigen Vorliebe hingen, könn⸗ ten doch von ihr ein oder das andere ſchädliche Wort über den Glauben hören.“ „Für meine Mädchen fürchtet Ihr das nicht?“ ent gegnete Katharina lächelnd.„Ich ſage Euch, ſie hängen nicht minder an ihr wie die kleinen Vettern, die ihren Namen tragen. Indeſſen“, fuhr ſie wieder ernſt wer⸗ dend fort,„wir können ganz ruhig ſein, Adelheid hat mir ſelbſt erklärt, daß ſie mir für die Duldung, mit welcher ich ſie bei mir aufgenommen habe, dankbar ſei und nur bitte, ſie ſtill bei ihrer Glaubensübung in ihrem Kämmerlein zu laſſen. Ich habe mich der Zeit erinnert, wo ich mit meinem Gemahl in gleicher Lage war, nur geduldet in unſerm Glauben, dem wir einzig innerhalb dieſer Mauern leben durften, und ſo habe ich gemeint, damit eine alte Schuld abzu tragen.“ „Ihr habt das doppelt gethan“ erwiderte der Pfarrer;„einſt gegen den Jüngling, den Ihr hier auf⸗ 103 genommen, und nun gegen dieſe Jungfrau. Laßt es aber damit genug ſein.“ kannte ſeine unbeugſame Strenge gegen An⸗ dersglaubende und konnte ſich über die Ermahnung, die er für nöthig hielt, nicht wundern. Die Erinne— rung an die Vergangenheit rief ihr andere Gedanken zurück, ſie gab ſich ihnen aber nicht hin, ſondern theilte ihm, ohne auf ſeine letzten Worte einzugehen, nur kurz mit, was ſie durch Hans von Fehde vor kurzem gehört hatte, und kam dann auf ihre unterbrochene Erzählung zurück. „Adelheid hat Grund dazu, ſich vor rachſüchtiger Nachſtellung zu hüten“, knüpfte ſie wieder an.„Das Wort, das ſie unwillkürlich hingeworfen: ihr habe der Mord des armen Hundes gegolten, bereute ſie zwar, als ſie hörte, daß es mir entgangen, aber eine zweite Begegnung mit dem Hinterliſtigen, der ihr einſt Treue geheuchelt hatte, um ſie zu verderben, nahm ihr den letzten Zweifel über ſein Vorhaben. Nachdem der Hund, der treueſte Wächter, aus dem Wege geräumt war, ge lang es dem Sendlinge fremder Rachſucht, Adelheid, welche keine Furcht kennt und ſich ihres erſten Ver dachtes ſchämte, nochmals zu überfallen, wiederum auf derſelben Stelle, welche ſie wegen des Vorfalls, den ſie ſich ſchon anders gedeutet, nicht meiden wollte. Va lentin lag noch an ſeinem Sturze darnieder, Frau Mar 104 gareth aber war mit Adelheid zu gewohnter Abend⸗ ſtunde draußen geweſen und hatte ſie eben verlaſſen, die Knaben ſpielten in einiger Entfernung im Gebüſch. Wie das erſte Mal gleich einem böſen Geiſte ſtand plötzlich Gosmar vor dem Mädchen, das in tiefen Gedanken geſeſſen hatte.„Ihr ſeid des Todes, wenn Ihr einen Laut von Euch gebt!“ ſagte er mit dumpfer Stimme und das lange Meſſer blitzte wieder in ſeiner Hand. Sie hatte ſich vom Schreck ſchnell erholt.„Was willſt Du?“ fragte ſie ihn und ſchaute ihm muthig in das entſtellte Geſicht. Als ſie das geſagt, hat er aber ſelbſt zu ſchwanken angefangen, als verliere er die Kraft; ein ſchwächlicher Menſch iſt er von Leibesgeſtalt und mag wohl von ſeinem Gewiſſen, wie es Gott der Herr zuweilen fügt, in dem ſchlimmſten Augenblicke zerknirſcht worden ſein; er hat noch etwas geſtottert, was ſie nicht verſtanden, ſie hat ſich Gott befohlen und iſt ruhig von ihm hinweggegangen, ohne ſich weiter nach ihm umzuſchauen. Gleich darauf hat ſie auch die hellen Stimmen der Knaben gehört. Die hatten den Böſewicht nicht mehr geſehen.“ „Glaubt Ihr wirklich, daß er einen Mord beab⸗ ſichtigt hat?“ fragte der Geiſtliche, welcher die Erzäh⸗ lung mit Abſcheu angehört hatte.„Sollte ein rachſüchtiges Weib ſo weit gehen?“ 105 „Die Ehrenſteiner glauben es gewiß, Adelheid aber lehnt dieſen Verdacht entſchieden ab. Auch läßt ſich nicht leugnen, daß, wenn ein Mord beabſichtigt worden wäre, der Böſewicht ihn, ohne Zeit mit Reden zu ver⸗ lieren, ausgeführt haben würde. Was er noch zuletzt, als ihre muthige Frage ihm die Faſſung genommen, zu ihr geſagt hat, iſt ihr, ſo glaube ich wenigſtens, gewiß nicht verloren gegangen; ſie will nur überhaupt nicht viel davon reden. Er hat ihr vielleicht unter Bedrohung ihres Lebens eine ihm aufgetragene Forde⸗ rung geſtellt. Ihre Verwandten wollten ſie aber auf jeden Fall einem wiederholten Verſuche nicht ausſetzen. Frau von Ehrenſtein ließ mich daher bitten, ihr bei mir eine Zuflucht zu gewähren. Was werdet Ihr ſagen, lieber Herr, wenn Ihr hört, daß ſie ſelbſt hier nicht ſicher iſt?“ „Wie wäre das möglich?“ rief Aquila. „Der Verwegene, der ſie wie ein Spürhund ver⸗ folgt, hat ſich auch hier einzuſchleichen und ſie in ihrer Kammer des Nachts zu füberfallen geſucht, iſt aber daran, wir wiſſen nicht wie, verhindert worden.“ Die Gräfin erzählte dem Pfarrer von der gefundenen Strickleiter und der anfänglichen Meinung, daß es auf einen Ein⸗ bruch zu einem Diebſtahl abgeſehen geweſen ſei, ſie berichtete, daß aber Adelheid, als ſie die Strickleiter 106 genau betrachtet, dieſelbe erkannt, ſich wenigſtens einer ganz ähnlichen erinnert habe, welche der Landgraf ein mal als ein beſonderes Kunſtwerk ſeiner Frau gezeigt. „Sie hat zwar nicht zugegeben, daß es dieſelbe ſein könne“, ſchloß Katharina,„als ich ſie aber gefragt, ob ſie dabei nicht an Gosmar gedacht, hat ſie mir nicht viel entgegnet. Es iſt wohl denkbar, daß man den Ver⸗ folger der Armen mit dieſem Werkzeug ausgeſtattet, um zu ihr zu dringen, oder daß er es ſelbſt in ſeinen Beſitz gebracht hat. Er mag ſich wahren! Fällt er in meine Hände, ſo hat er wenig auf Gnade zu hoffen!“ Sie ſprach das mit der ſtrengen Entſchloſſenheit, welche der Unwille über böſe Thaten ſtets in ihr er⸗ zeugte. Aquila beſtärkte ſie darin; auch er war ein ſtrenger, unbeugſamer Richter, dem, wie ſo manchem Theologen jener Zeit, etwas mehr chriſtliche Milde zu wünſchen geweſen wäre.„Sprecht jedenfalls mit dem Landgrafen, wenn Ihr ihn treffen könnt“, ſagte er. „Stellt ihm offen Alles vor, was geſchehen iſt; er muß dem ein Ende machen, wenn er nicht ganz von dem Weibe beherrſcht wird. Ich möchte auch gern mit ihm reden, gnädige Gräfin, im Punkte der Religion! Er darf ihr nichts vergeben, nicht ein Jota! Mag er ſich ein Beiſpiel nehmen an dem ſtandhaften Kurfürſten, der lieber wie ein heiliger Märtyrer ſterben wollte, 107 als in Glaubensſachen nachgeben. Wollt Ihr mich als Euren Begleiter mitnehmen, gnädige Gräfin, wenn Ihr dem Landgrafen entgegenreiſt?“ Sie ſagte ihm das zu, doch wurde die Reiſe verhindert, da der Landgraf, als er endlich ſeine Unterhandlung zu leidlichen Bedingungen gekommen glaubte, auf nächſtem Wege nach Halle reiſte, wo der Kaiſer mit ſeinem Heere auf dem Marſche nach Süddeutſchland eingerückt war. Fünftes Kapitel. Eine deutſche Fürſtin und ba. In der Reſidenz an der Domkirche, wo der Kaiſer ſein Hoflager genommen, hatte Landgraf Philipp in tiefſter Demüthigung ſeine Kniee vor dem Throne ge⸗ beugt. Karl, umgeben von allen Fürſten und Ge⸗ ſandten ſeines Gefolges, von Grafen und Herren und zuſchauendem Volk, ſoviel der Saal faſſen konnte, hatte ſein verlegenes Lächeln bei Verleſung der Abbitte mit drohend gehobenem Finger und den Worten in niederländiſchem Deutſch:„Wohl! Ich will Dich lachen lehren!“ geſtraft, worauf der Knieende erſchrocken die Hände zuſammengeſchlagen und Haupt und Augen zur Erde geſenkt hatte, bis auch die Erwiderung auf ſeine Abbitte durch den kaiſerlichen Vicekanzler Seld erfolgt war; dann hatte er ſich, da der Kaiſer ihm kein Zeichen 109 gab, erhoben und dem Monarchen die Hand gereicht, welche dieſer jedoch nicht genommen. Als er ſich hier⸗ auf entfernt, war er eingeladen worden, mit ſeinem Schwiegerſohn Moritz, dem neuen Kurfürſten von Sachſen, und dem von Brandenburg beim Herzog Alba auf der Moritzbburg zu Abend zu ſpeiſen. Dort ſpät in der Nacht hatte man ihn verhaftet. In der Capitulation war bedingt geweſen, daß er nicht mit„einigem“ Ge⸗ fängniß belegt werden ſollte; daraus, heißt es, habe ein feiner Federzug„ewiges“ Gefängniß gemacht und ſomit den ganzen Sinn verfälſcht, was der Landgraf nicht bemerkt und im guten Glauben unterzeichnet habe. Die Sache iſt behauptet und auch lebhaft beſtritten worden, ſie iſt nicht mehr zu ermitteln; jedenfalls hat der Kaiſer von dieſem welſchen Kunſtgriff ſeines ge⸗ treuen Perenotti, den man ihm ſchuld gegeben, nichts gewußt, ſondern nur die Ergebung Philipp's auf Gnade oder Ungnade angenommen. Der Landgraf war nun ein Gefangener wie der geweſene Kurfürſt von Sachſen und blieb es wie dieſer fünf Jahre lang! Sie wurden dem Hoflager jetzt voraus geführt. Zunächſt richtete ſich der Marſch auf Thüringen. Die Hoffnung, welche Doctor Aquila gegen die Gräfin von Schwarzburg ausgeſprochen hatte, erfüllte ſich nicht. 110 Thüringen wäre allerdings von dem Durchzuge ver⸗ ſchont geblieben, wenn der Kaiſer ſich von Wittenberg nach Niederſachſen gewandt hätte, um die dort noch ſiegreichen Verbündeten niederzuſchlagen. Aber dieſe hatten ſich nach ihrem glücklichen Erfolge gegen den kaiſerlichen Befehlshaber, Erich von Braunſchweig, den ſie bei Drakenburg überfallen und geſchlagen hatten, alsbald zerſtreut, als die Nachrichten von Wittenberg zu ihnen gedrungen waren. Der Kaiſer hätte ſich auch noch gegen Magdeburg wenden können, das die Auf⸗ forderung, ſich zu unterwerfen, mit Feſtigkeit abgelehnt hatte. Aber wichtige Gründe bewogen ihn, ſeine Macht nach Süddeutſchland zu führen, wo er einen neuen Reichstag auszuſchreiben gedachte und die zweifelhafte Haltung des neuen Königs von Frankreich— Franz J. war kürzlich geſtorben— beſſer beobachten konnte. Nach Beendigung des Kriegs an der Weſer, die ihn ſehr gefreut hatte, traute er der Stadt Magdeburg keinen dauernden Widerſtand mehr zu; er übertrug dem Kur⸗ fürſten Moritz die Vollziehung der Acht gegen dieſelbe und rückte zuerſt auf Naumburg, wo der bis jetzt nicht zu ſeinem Bisthum gelangte Julius von Pflug einge⸗ ſetzt worden war. Auf dieſem kurzen Marſche erfuhr das wehrloſe Land ſchon, was ſpaniſche Willkür und Grauſamkeit zu bedeuten habe. Wohl den ſchwarz⸗ 111 burgiſchen Landen, daß die kluge Gräfin Katharina ihnen einen Schutzbrief vom Kaiſer ausgewirkt hatte, ohne ſich darauf zu verlaſſen, daß der Kaiſer die Trup⸗ pen in ſeine Erblande zurückführen werde! Viele thüringiſche Grafen und Herren eilten nach Naumburg, um dem Kaiſer ihre Huldigung zu bringen und ſich ſeiner Gnade zu verſichern; auch Graf Gün⸗ ther war unter ihnen. Er beſaß dieſe Gnade zwar ſchon, aber er wollte auch ſeinen Sohn wiederſehen, der noch immer im kaiſerlichen Hoflager weilte. Auf der Rückkehr beſuchte er ſeine obere Grafſchaft, die bei dem fortgeſetzten Marſch des Heeres nach Franken von einzelnen Schaaren wenigſtens geſtreift werden konnte. Er hielt es für ſeine Pflicht, während dieſer Zeit in ſeiner frühern Reſidenz Arnſtadt zu bleiben, um jeder Nichtachtung des kaiſerlichen Schutzbriefes ſogleich kräftig entgegentreten zu können. Den Heimweg von Naum⸗ burg nahm er nicht über Weimar, ſondern über Rudol⸗ ſtadt, wo er mit ſeiner Muhme Katharina Rückſprache darüber nehmen wollte; ihre beiden Aemter waren am meiſten ausgttze. Als er auf die Heidecksburg kam, fand er die Gräfin nicht zu Hauſe, wohl aber das Schloß in ſeinen weiten Räumen bereits mit flüchtigen Familien, beſonders von den benachbarten Edelſitzen, angefüllt, welche ſich trotz 112 aller Zuſagen vor den Spaniern nicht geſichert glaubten Katharina war in der Stadt, um dort Anſtalten für die Verpflegung ihrer Gäſte zu treffen, denen ſie be⸗ reitwillig die Thore geöffnet hatte. Der Graf ließ ſich zu ſeinen Nichten führen, die er in Geſellſchaft ihrer Hofmeiſterin und eines ihm unbekannten bildſchönen Mädchens fand; das konnte endlich die Rettleben ſein, die er bisher noch nicht geſehen hatte! Sie wurde ihm auch, nachdem er die Töchter Katharina's freundlich begrüßt hatte, von der Hofmeiſterin vorgeſtellt und er mußte ſich bezwingen, nicht gleich mit ihr von ihrem wunderlichen Verhältniß am Hofe zu Kaſſel zu reden. Vielleicht fand ſich dazu noch heute Gelegenheit. Die Rückkehr der Gräfin Katharina unterbrach ſchon ſeine erſten Worte an das junge Mädchen, deſſen bleiches Geſicht von einem flüchtigen Erröthen noch ſchöner wurde. „Ich bitte mir nur ein Frühſtück bei Euch aus, liebwerthe Muhme“ rief er der Eintretenden entgegen. „Ich komme von Naumburg zurück und bin über Nacht in Weimar geweſen.“ „Iſt der Kaiſer in Naumburg?“ fragte Katharina, nachdem ſie den Vetter willkommen geheißen hatte. „Jawohl; er hielt geſtern Morgen eine große Heer⸗ ſchau. War eine Pracht! Aber es kam auf einmal eine , er⸗ ne 5 tüchtige Regenhuſche und verdarb manch ſchönes Röck— lein von Sammt und Seide! Was ſagt Ihr dazu? Der Kaiſer muß ein ſparſamer Herr ſein, er ſchickte ſpornſtreichs einen Pagen, was das Pferd laufen konnte, nach ſeinem alten Mantel und Filzhut, kehrte ſeinen prächtigen Sammtmantel um und nahm das Sammt⸗ barett ab, das er drunter ſteckte, ließ ſich lieber die braunen Locken als das Hütlein beregnen! Ei, Kinder, was lacht ihr? Thut lieber auch wie die Majeſtät und laßt eure Sachen nicht verderben!“ Die Gräfin hielt es für rathſam, ihre Töchter, die ihre jugendliche Heiterkeit nicht bezwingen konnten, mit den andern Frauen zu entfernen. „Hab' ich den Wundervogel endlich zu Geſicht bekom⸗ men!“ ſagte Graf Günther, welcher Adelheid nachgeblickt hatte.„Das Mädel iſt allerdings ſehr ſchön!“ „Fromm und gut, Vetter!“ verſetzte Katharina und fragte nun nach Allem, was er ſonſt in Naumburg geſehen und erfahren hatte. Das Traurigſte war ihm der Anblick der beiden gefangenen Fürſten ge⸗ weſen, welche der Kaiſer immer einen Tag vor ſich herführen ließ. Die Kunde von der Ueberliſtung des Landgrafen hatte ſich mit Blitzesſchnelle im Lande ver⸗ breitet und große Erbitterung im Volke hervorgerufen, welche noch durch die Greuel und Schandthaten des kai⸗ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. IMI. 8 114 ſerlichen Kriegsvolks, beſonders der Spanier, geſteigert worden war. „Ihr habt doch an unſern Schutzbrief erinnert?“ fragte Katharina beſorgt. „Den Herzog Alba ſelbſt“ verſicherte Günther.„Er nickte dazu; eine rechte Antwort bekommt man von dem Hochmüthigen ſelten, er dünkt ſich mit ſeinem Titel, der doch eben nichts als ein bloßer Titel iſt, mehr zu ſein als jeder deutſche Fürſt, der Land und Leute regiert. Ich habe zur Sicherheit noch mit einigen andern Oberſten über unſere Salvaguardia geſprochen; die Deutſchen gaben mir gleich Recht, die Spanier be⸗ handelten mich kühl.“ „So muß man zuſehen, daß man der Gewalt ſich erwehrt!“ rief Katharina aufgeregt. „Haſt Recht, Du heldenmäßige Seele! Aber man muß auch zuſehen, daß man ſich nicht Schlimmeres auf den Hals zieht! Sende mir nur gleich Botſchaft, wenn etwas vorfällt, damit ich herüberkomme und dagegen remonſtriren kann.“ In ihren blitzenden Augen hätte er die Antwort leſen können, die ſie unterdrückte. „Es war ſchade, daß ich unſern Halbvetter nicht getroffen habe“ fuhr der Graf fort.„Der ſoll in ſei⸗ nem Regiment die ſtrengſte Mannszucht halten und doch bei ſeinen Kriegsleuten beliebt ſein, daß ſie für ihn — — 115 das Leben ließen. So ſagt wenigſtens mein Sohn. Er war aber juſt mit einigen Fähnlein abmarſchirt, um die Wege zu öffnen, die hier und da von den Bauern verſperrt ſind. Das Landvolk iſt in großer Wuth gegen die Spanier und hat ſchon viele erſchlagen, die auf eigene Hand ſeitwärts ſtreiften. Wir wollen Gott dan⸗ ken, Käthe, wenn die ganze Windsbraut oder wilde Jagd vorübergebrauſt ſein wird. Schicke nur gleich nach Arnſtadt, ich will das Meinige dazu thun, wenn wir uns wehren müſſen. Der Kaiſer wird uns Recht geben, daß wir ſeinem Schutzbrief Achtung verſchaffen, da ſein Generalprofoß nicht überall ſein kann. Er hat große Strafen darauf geſetzt, wenn das arme Volk mit Gewaltthaten heimgeſucht wird, läßt auch fleißig hän⸗ gen, aber er rottet das Uebel nicht aus, er müßte denn von ſeinen Hispaniolen die Hälfte aufknüpfen laſſen. Sie nehmen noch mit, ſoviel ſie können, von unſerm deutſchen Geld und— Ihr verſteht mich ſchon, ich darf gegen die ehrbare Frau Muhme nicht davon reden. Es iſt ſchlimm, daß die hochadligen Dons, welche commandiren, dem Unweſen nicht ſteuern. Mein Shn hat mir erzählt, daß der Andere, der Friede⸗ burg— „O nennt ihn immer unſern Vetter!“ fiel Katharina ein.„Oder laßt ihm den Namen, den er ſelbſt gewählt — 116 hat— Günther vom Walde! Was hat Euer Sohn von ihm erzählt?“ „Daß er in Halle ſchon, wo eine förmliche Schlacht zwiſchen beiden Nationen vorgefallen iſt, einen Zwei⸗ kampf mit einem ſpaniſchen Hauptmann beſtanden, den er wegen ſchlechter Mannszucht zur Rede geſtellt hat. Ja ſelbſt dem Alba hat er ins Geſicht geſagt, daß durch ſolches Thun die Ehre der kaiſerlichen Fahnen befleckt werde; ſo dreiſt mag er's wohl nicht ausgedrückt haben, aber der Sinn ſoll ungefähr ſo geweſen ſein, und Alba, der ihm ſehr gewogen iſt, hat ihm nicht deshalb gezürnt.“ „Habt Ihr nicht gehört, wann der Kaiſer ſein Kriegsvolk entlaſſen wird?“ fragte Katharina, bewegt von der wiederholten Erwähnung des Mannes, mit deſſen Zukunft ſie ſich oft beſchäftigte. „Vor der Hand iſt wohl noch nicht daran zu den⸗ ken. Es wäre auch viel ſchlimmer für uns, wenn ſie abgedankt in einzelnen Rotten durch das Land zögen; da könnte uns kein kaiſerlicher Schutzbrief helfen.“ Katharina fragte ihn nun, ob er die gefange⸗ nen Fürſten etwa habe beſuchen dürfen, und als er das verneinte, theilte ſie ihm über das Verhältniß des Landgrafen und ſeiner beiden Frauen zu Adelheid Rettleben mit, was ſie ſchon mit Doctor Aquila 7 beſprochen hatte, wenn ſie auch gegen den Vetter nur die Thatſachen, nicht ihre gewonnene Einſicht in deren Zuſammenhang berichtete. Er wurde davon jetzt, da er Adelheid ſelbſt geſehen hatte, noch mehr intereſſirt als früher, fragte viel nach den Umſtänden und wie⸗ derholte ſeine Meinung, daß wohl auch ihre Schönheit den Landgrafen, der mit zweien noch nicht zufrieden ſei, zu Verfolgungen gereizt habe. Katharina verwies ihm aber die Rede und brach das Geſpräch bald ab, indem ſie das Frühmahl, das ſich der Graf ausgebeten hatte, auftragen ließ. Er hielt ſich nicht lange mehr auf, die Töchter der Gräfin wollte er nur noch ſehen. Dieſe erſchienen, aber mit ihnen nicht mehr das ſchöne Mädchen, dem er gehofft hatte, doch noch eine Frage über ihre Feindin ſtellen zu können. Die Thatſachen ſprachen für Katharina's Anſicht, daß die Saal ihre Verfolgerin ſei, dann aber war nach ſeiner Meinung, die mehr ins Praktiſche griff, Eiferſucht die Urſache, nicht, wie Katharina glaubte, die Gewiſſensangſt, welche ihr Adelheid's Bußpredigt geweckt haben ſollte. Viel⸗ leicht hatte aber der Gosmar nur den goldenen Kamm, den er ihr ſchon einmal geſtohlen, zum zweiten Male rauben ſollen. Er war ja wieder in ihren Händen. Der Landgraf, da ſich der Eigenthümer, an deſſen ehr⸗ lichen Erwerb er nicht zweifeln konnte, gemeldet, hatte 118 das Kleinod dem Grafen Günther übergeben und dieſer es dem alten Valentin zugeſandt, für ſeinen Vetter zum Aufheben; der Alte hatte es aber ohne weiteres ſeiner Nichte zugeſtellt, der es doch gehörte. So wußte wenigſtens Günther. Von dem Gedanken des alten Herrn, daß ſich Adelheid mit ſeinem Vetter Hans dar⸗ über auseinanderſetzen könne, und was er für dieſen am Ende doch noch hoffte, hatte der Graf natürlich keine Ahnung. Katharina war von der Beſtätigung der Gewalt⸗ thaten, welche ſich das fremde Kriegsvolk gegen die Einwohner erlaubte, in große Sorge geſetzt; ſie begriff, daß der Schutzbrief des Kaiſers zwar die geordneten Haufen unter ihren Führern abhalten werde, ſich in ſchwarzburgiſchen Landen ihrer Zügelloſigkeit zu über⸗ laſſen, daß er aber gegen einzelne Rotten keine Bürg⸗ ſchaft gewähre. Die muthige Fürſtin traf daher An⸗ ſtalten, ihre Unterthanen ſelbſt zu ſchützen. Viele von ihren Landſaſſen hatten ſchon für Weib und Kind um Aufnahme in der Heidecksburg gebeten, jetzt ließ ſie auch, ſoweit das Schloß ſie faſſen konnte, arme Leute mit dem, was ihnen lieb, Frauen und Jungfrauen, Greiſe und Kinder ein. Als an dem Durchzuge nicht mehr zu zweifeln war, ſandte ſie einen Abgeordneten zum Herzog Alba und erbot ſich unter 119 Berufung auf den Schutzbrief, welcher ihre Unter⸗ thanen vor jeder Beſchädigung bewahren ſollte, für die Truppen gegen Zahlung die nöthigen Lebensmittel an die Saalbrücke zu ſchaffen. Gleichzeitig ließ ſie aber weit ſtromab von Rudolſtadt, um der Stadt den Durch⸗ marſch zu ſparen, eine andere Brücke ſchlagen; dort ſollte der Zug den Fluß überſchreiten. Den Edelleuten der Nachbarſchaft, welche nicht mit den Ihrigen auf die Heidecksburg gekommen waren, auch den Schult⸗ heißen der umliegenden Dörfer ſchickte ſie Befehl, ſich für alle Fälle in wehrhaften Stand ſetzen. Auf Gott vertrauend, da ſie nun das Ihrige gethan, wartete Katharina die Ereigniſſe ab und ihre Hoffnung ſtieg, da ihr Abgeordneter eine freundliche Antwort von dem kaiſerlichen Heerführer zurückbrachte. Der Heereszug wälzte ſich näher, der Schrecken ging ihm voraus. Ueber Lauchſtädt und Jena richtete ſich der Marſch; nur ein kleiner Streif der obern ſchwarz⸗ burgiſchen Lande konnte getroffen werden, aber gerade hier lag Rudolſtadt in der äußerſten Spitze gegen das ſächſiſche Gebiet und die Gräfin Katharina ſah ſich an wie ein Grenzwart. Da ſchien ihr eine Botſchaft, welche Herzog Heinrich von Braunſchweig, der ſich beim Heere befand, an ſie richtete, ein glückliches Pfand der Sicherheit zu geben. Er ſagte ſich mit ſeinen — 120 Söhnen und dem Herzog Alba zum morgenden Sonn⸗ tage bei ihr an, ſie baten ſich ein Morgenbrod bei ihr aus. Gefährliche Gäſte! Heinrich von Braunſchweig war derſelbe, welcher vor fünf Jahren wegen ſeiner Feindſeligkeit gegen den ſchmalkaldiſchen Bund aus ſeinem Lande Wolfenbüttel durch den Landgrafen von Heſſen vertrieben und bei dem ſpätern Verſuche, es wiederzuerobern, von demſelben gefangen worden war; die Unterwerfung Philipp's hatte ihm die Frei⸗ heit aus ſeiner Haft auf der Veſte Ziegenhain wieder⸗ verſchafft und er war ein hohnlächelnder Zeuge der Demüthigung ſeines Feindes zu Halle geweſen. Jetzt wiedereingeſetzt in ſein Land, folgte er dem Kaiſer auf deſſen Zuge und hatte ſeine beiden den Proteſtanten gleich feindlich geſinnten Söhne Karl Victor und Philipp bei ſich. Was den Herzog aber der Gräfin von Schwarzburg in der Lauterkeit ihrer Geſinnung beſonders widerwärtig machte, war ſeine Frevelthat— ſie konnte es nicht anders nennen— mit Eva von Trott, welche nach langbewahrtem Geheimniß weit und breit bekannt geworden und Katha⸗ rina bei der zweiten Ehe des Landgrafen immer wieder eingefallen war. Wie Margarethe von der Saal Hof⸗ fräulein geweſen, ſo jene Eva von Trott; ſie war von der Gemahlin des Herzogs, als die verbrecheriſche Nei⸗ 2 gung ihres Herrn ſich verrieth, entfernt worden; es 12¹ hatte ſich die Nachricht verbreitet, ſie ſei geſtorben, der Herzog hatte ihr ein prächtiges Leichenbegängniß ver⸗ anſtalten und viele Seelenmeſſen leſen laſſen, aber ſie lebte, er hielt ſie in ſeiner Staufenburg auf dem Harze heimlich verborgen— jahrelang! Das war doch ein noch gottloſerer Frevel als die Doppelehe des Landgrafen, und dieſen Mann ſollte Katharina jetzt in ihrem Hauſe als Gaſt ſehen, mit ihm den Todfeind des evangeliſchen Glaubens, der den frommen Ver⸗ fechter deſſelben auf das Blutgerüſt hatte bringen wollen! Katharina ſtand eine Weile in tiefen Gedanken, als ſie die Anmeldung des Herzogs geleſen hatte, ihr Auge war auf den Boden geheftet, ihr Mund ſtreng geſchloſſen, ihr ſonſt ſo mildes Antlitz hatte einen völlig fremden Ausdruck angenommen. Die Stimme ſihrer geliebten Tochter, welche ſchüchtern heine leiſe Frage ausſprach, brachte die Mutter wieder zu ſich ſelbſt zu⸗ rück, ſie umarmte ihr Kind, das ſich an ſie ſchmiegte, rief auch ihre Jüngſte herbei und drückte beide an ihre Bruſt.„Fürchtet euch nicht! Alles wird gut werden!“ ſagte ſie innig. Dann trennte ſie ſich ſchnell von ihnen und ging Vorbereitungen für den vornehmen Beſuch und deſſen mögliche Folgen zu treffen. Es blieb ihr noch reichliche Zeit dazu. Die Vorhut der Kaiſerlichen, bei welcher ſich Alba und der Herzog von Braunſchweig 122 befanden, war heute in Kahla eingerückt, von wo das Schreiben nach Rudolſtadt abgeſandt worden war. Kahla iſt zwar nur ein paar Stunden von Rudolſtadt ent⸗ fernt, aber ſie konnten doch hier morgen nicht allzufrüh eintreffen und der heutige Tag gehörte noch Katharina. Sie fertigte erſt einige Boten ab, die ſie in verſchiedenen Richtungen ausſandte, um, wie ziemlich laut geäußert wurde, zur fürſtlichen Aufnahme der Gäſte Alles, was noch fehlte, herbeizuſchaffen, dann ſchrieb ſie eine höfliche Antwort an den Braunſchweiger, daß er mit ſeinen Prinzen und dem Herzog Alba ihr willkommen ſein werde; ſie habe freilich viel Frauen und Kinder ihrer Unterthanen aufgenommen, welche in jetziger Zeit aus Furcht zu ihr geflohen, doch werde ſie wohl Raum für die Gäſte finden und gern Alles thun, was ihr Haus vermöge. Noch einmal fügte ſie die Bitte hinzu, dafür ſich zu verwenden, daß ihre armen Leute auch des Schutzbriefes, den ihnen des Kaiſers Gnade gewährt, ſicher genießen möchten. Als am Sonntage die Glocken zur Kirche läuteten, fertigte ſie ihren Hofmeiſter ab, der unten an der Brücke die Fürſten erwarten und auf das Schloß führen ſollte. Sie trug ihm auf, den Herzog von ihr zu bitten, daß er vorlieb nehmen und, was etwa zur würdigen Aufnahme fehle, mit ihren Verhältniſſen entſchuldigen möge; ſie 123 lebe als Wittwe ſehr zurückgezogen und habe ſo vor nehme Gäſte nicht erwartet; ſie erſuche ihn darum, nicht zu viel Dienerſchaft mit auf das Schloß zu brin gen, ſen dieſelbe unten in der Stadt zu laſſen, wo für ſie nach Kräften geſorgt werden ſolle. Nachdem auf dieſe Weiſe der Gaſtfreiheit in äußerer Form ge nügt war und Katharina ſich auch von der Ausfüh rung e ſonſtigen Anordnungen überzeugt hatte, legte ſie ſelbſt ein reiches Kleid an, wie es zum Em pfange der Fürſten paßte. Sie hatte dies ſchöne dunkle Gewand von ſchwerem Stoff, mit Perlen und geſchmack⸗ voller Stickerei geziert, lange nicht getragen und ein trauriges Lächeln, das einen flüchtigen Moment in ihren Zügen ſichtbar wurde, that der treuen Dienerin, die ihr beim Ankleiden half, weh, doch wagte ſie keine Frage zu thun. Dies Lächeln galt wohl der Erin nerung an eine glückliche Vergangenheit, ehe der ge liebte Gatte von ihr geſchieden war. Nachdem ſie c 6 — angekleidet war, ließ ſie ihre Töchter kommen und mußte nun viel heiterer lächeln, als dieſe ihre Erſchei nung in kindlicher Weiſe bewunderten. Auch die Hof meiſterin erlaubte ſich eine beifällige Bemerkung und ſagte:„Ihr werdet ohne Zweifel den grimmen Löwen, vor welchem ganz Deutſchland zittert, durch Eure Hold ſeligkeit zähmen.“ — — 124 Katharina nahm ſonſt ein ungezwungenes Wort nicht übel, diesmal wurde ſie aber ernſt.„Wir wollen Gott bitten, daß der Löwe uns ſeine Pranken nicht fühlen läßt!“ erwiderte ſie. Die Gäſte konnten jetzt erwartet werden. Die Gräfin hatte nicht die Abſicht, ihre Töchter während der An⸗ weſenheit der Fremden bei ſich zu behalten, ſie entließ auch ihre Frauen ſund nur die Hofmeiſterin durfte bleiben. „Wollten Eure gräfliche Gnaden erwägen“, fragte dieſe leiſe,„ob es nicht vielleicht gut wäre, das Fräu— lein von Rettleben hier zu laſſen? Man kann doch nicht wiſſen, wie es ſich fügt; ſie iſt katholiſch, und wenn gerade die Rede darauf käme, ſo könnte das wohl eine gute Empfehlung bei ſo eifrigen Katholiken ſein.“ Katharina war unwillig über dieſen Einfall, ſie lehnte ihn aber nur einfach ab, da nicht mehr Zeit war, ihrem Unwillen Worte zu geben, denn die Fürſten ritten eben im Schloſſe ein, wie die Gräfin gebeten hatte, nur von wenigen Dienern begleitet. Sie empfing ihre Gäſte mit ruhiger Würde, ohne ſich durch über große Zuvorkommenheit etwas zu vergeben, aber doch in allen Formen höfiſcher Sitte, welche auf gleiche Weiſe erwidert wurden. Herzog Heinrich machte in 125 ſeinem franken Weſen auf ſie einen beſſern Eindruck, als ſie erwartet hatte. Er ſtellte ihr ſeine Söhne vor: Karl Victor, der mit ihm auf der Veſte Ziegenhain als Gefangener geſeſſen, und Philipp Magnus, der an Geiſtes⸗ und Körpergaben als ein Weltwunder ange⸗ ſehen wurde, denn er verſtand ſechs Sprachen! Aber Katha⸗ rina war am meiſten geſpannt, Alba kennen zu lernen. Sein Aeußeres hatte man ihr wohl geſchildert, und doch entſprach er dem Bilde nicht, das ſie ſich von ihm gemacht hatte. Er begegnete ihr mit jener vornehmen Galanterie, welche man den Spaniern nachrühmt, ſeine Züge, die man ihr als hart und ſtolz bezeichnet, nah⸗ men ſogar ihr gegenüber eine gewiſſe Freundlichkeit an, nur in dem dunkeln Auge konnte ſie die Beſtätigung des Rufes finden, den er ſich geſchaffen hatte. Ein Löwe, wie ihn die Hofmeiſterin genannt, war Alba nicht; der Löwe iſt großmüthig. Das Mahl wurde aufgetragen, die Tafel war mit dem koſtbarſten Silbergeſchirr bedeckt, die Speiſen und edlen Weine hätten auch einem verwöhntern Geſchmacke, als ihn die drei Welfenfürſten beſaßen, keinen Wunſch gelaſſen; Herzog Alba, der die Freuden der Tafel mit ſpaniſcher Mäßigkeit wenig liebte, genoß nicht viel, ſondern unterhielt ſich mehr mit der anmuthigen Wir⸗ thin, deren geiſtvolle und verſtändige Rede ihm gefiel. — 126 Immer munterer wurden die deutſchen Gäſte, der junge Philipp Magnus äußerte ſich beſonders lebhaft. Auf ihn blickte ſein Vater mit beſonderem Wohlgefallen; er hatte die größten Hoffnungen auf ihn geſetzt. Wie er körperlich eine Schnellkraft beſaß, daß er mit gleichen Füßen ſo hoch ſpringen konnte, als er ſelbſt war, zeigte er auch einen Schwung des Geiſtes, der ihm das Höchſte erreichbar zu machen ſchien, und ſtolze Träume waren es, denen ſich der Vater, der ſeinem Wahlſpruch: Meine Zeit in Unruhe! bis ins Alter Ehre machte, für den Sohn hingab. Wer ihm damals geſagt hätte, daß beide Söhne, welche hier mit ihm in jugendlicher Kraft und Laune tafelten, nach ſechs Jahren für ihn auf dem Schlachtfelde fallen würden, gegen einen ſeiner jetzigen Verbündeten, der gleich ihm ſo eben aus der Gefangenſchaft befreit war: Albrecht Alcibiades von Brandenburg⸗ Kulmbach! Während des Gaſtmahls wurde die fürſtliche Wir⸗ thin plötzlich hinausgerufen. Sie blieb ſehr lange. Die Gäſte machten rühmende Bemerkungen über ihre Perſon und ihre Aufnahme und Herzog Heinrich geſtattete ſich, ſeine väterliche Würde in Gegenwart der Söhne nicht achtend, einen leichtfertigen Scherz, welcher der Gran⸗ dezza des Spaniers jedoch nicht zu munden ſchien. Sieh, da trat die ſchöne Frau wieder ein, ſchöner 127 noch als zuvor, ihre Wangen in lichtem Purpur glühend, ihre Augen von einem Feuer, das wahrhaft Blitze ſchoß. Sie war in großer Aufregung.„Herr Herzog“ wandte ſie ſich mit bebender Stimme an Alba,„Eure Leute verletzen das Kaiſerwort, das mir gegeben worden iſt; ſie rauben in mehreren Dör⸗ fern. Ich bitte Euch, mir Gerechtigkeit zu ſchaffen.“ „Was iſt geſchehen?“ fragte Alba mit einem Gleich⸗ muth, welcher ſie erbitterte. „Die Spanier treiben den armen Bauern ihr Vieh hinweg—“ Ein luſtiges Lachen unterbrach ſie bei die⸗ ſen Worten, welche den Herren, die an ganz andere Gewaltthaten gewöhnt waren, nur Heiterkeit erregten. Sie wurde dadurch noch mehr gereizt und wandte ſich von ihnen hinweg, den großen Flügelthüren zu, welche aus dem Saale in die Vorhalle führten. Alba hatte —* nicht mitgelacht, das wäre ihm nicht ſchicklich geweſen, er nahm das Wort und Katharina wandte ihm hoffend das Antlitz zu. Sie wurde aber enttäuſcht. „Gebt Euch zufrieden, Frau Gräfin!“ ſprach der Feldherr kalt.„Bei Kriegszeiten iſt dergleichen gar nicht zu vermeiden.“ „Was iſt ein Kaiſerwort, wenn es zum Spott wird!“ rief ſie.„Ich fordere ernſtlich, daß meinen Leuten ihr Vieh zurückgegeben wird!“ — 128 Alba zuckte die Achſeln und ſagte ruhig:„Sendet hin!“ Die Fürſten gaben ihrer Heiterkeit abermals Raum. „Ich fordere es von Euch!“ rief Katharina mit zornfunkelnden Augen.„Oder“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie die Hand auf ihr ſtürmendes Herz legte:„Fürſten⸗ blut für Ochſenblut!“ Da brachen die Fürſten in ein unmäßiges Geläch⸗ ter aus, der Scherz war derb und deutſch! Alba je⸗ doch mochte in dem Antlitz der Gräfin einen andern Ausdruck als den eines Scherzes leſen, es war ihm neu, daß irgend Jemand wagte, ihm nur entfernt ſo zu begegnen: er war Furcht und Zittern gewohnt. Und hier ſtand ein Weib vor ihm mit einer Drohung! Es war aber eine Dame und von hoher Geburt. „Wenn Ihr es wünſcht“ ſagte er kalt,„ſo will ich einen hinausſenden, daß womöglich wenigſtens ein Theil des Viehes zurückgegeben wird. Vielleicht über⸗ nimmt von Euren Hoheiten“, wandte er ſich an die Prinzen von Braunſchweig,„einer der Frau Gräfin zu Gefallen den Ritt?“ „Nein, Ihr Herren, das will ich nicht!“ fiel Ka⸗ tharina ein, welche darin nur den Verſuch ſah, ihr ernſt begonnenes Werk ſcheitern zu laſſen. Ihre Worte verlangten Sühne, Alba wollte ſeine Spanier zur Rache 129 herbeirufen laſſen, und wenn auch ihr ſelbſt vielleicht keine Gefahr drohte, ſo konnte über ihre Unterthanen Aergeres verhängt werden.„Gebt mir einen ſchrift⸗ lichen Befehl an Eure Soldaten, Herr Herzog von Alba!“ Der Herzog maß ſie jetzt mit einem Blick, vor welchem in einem minder furchtloſen Herzen das Blut zu Eis erſtarrt wäre; er antwortete nur durch eine ſtolz verneinende Bewegung des Hauptes. „Wollt Ihr das nicht?“ rief Katharina, ſeinen Blick mit Unerſchrockenheit erwidernd.„Nun, dann ſage ich Euch, daß keiner von Euch, Ihr Herren, und Eurem Geſind aus meinem Hauſe kommen ſoll, bis Alles zu⸗ rückgegeben iſt, und werden Gewaltthaten begangen— bei Gott! ſo wird Keiner lebendig dies Schloß ver⸗ laſſen!“ Sie klatſchte in die Hände und die Flügelthüren des Saales wurden weit aufgeriſſen. Eine Schaar gewappneter Männer mit Hellebarden und Schlacht⸗ ſchwertern drang ein, ſtreitbare mächtige Geſtalten von echtem Thüringerblut, die Vaſallen und Wehrleute der Gräfin, welche ſie geſtern ſchon auf das Schloß zu denen entboten hatte, welche bereits hier weilten. Als die Meldung von dem Raube während der Mahlzeit gekommen und die Herrin von der Tafel hinausge⸗ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. III. 9 130 rufen worden war, hatte ſie gleich Befehl gegeben, daß alle ſich möglichſt geräuſchlos in der Vorhalle verſam⸗ meln und ihres Winks gewärtig ſein ſollten. Das Thor und die Pforten des Schloſſes waren ſchon früher beſetzt worden, damit Niemand von der fremden Diener⸗ ſchaft hinauskomme. Der Herzog von Braunſchweig ſprang auf, als er die Bewaffneten erblickte, ſeine Söhne griffen erſchrocken zum Schwert; über Alba's Geſicht zuckte ein fahler Schein, den wohl kein Menſch vorher oder nachher je an ihm geſehen hat: es war doch die Bläſſe der Furcht der er ſich nimmer zugänglich geglaubt hatte! Katha⸗ rina, zur Seite getreten, hielt den Schutzbrief des Kaiſers, den ſie in ihrer Gürteltaſche getragen, bedeu⸗ tungsvoll empor— ein Wort von ihrem Munde und die Fürſten verbluteten unter den gefällten Speeren ihrer Getreuen. Herzog Heinrich, in Gefahren voll Geiſtesgegen⸗ wart, faßte ſich zuerſt und rief:„Vortrefflich, edle Frau Wirthin! Das lob' ich mir! Ihr ſeid eine Landes⸗ mutter, die ſich ihrer Unterthanen mit Ernſt annimmt. Kachdrücklicher könnt Ihr uns nicht beweiſen, daß Ihr Recht habt, Eure Leute nicht verderben zu laſſen. Es wird ſchon das Beſte ſein“, wandte er ſich an den Herzog Alba, der mit kaltem und ſtrengem Blick auf 131 die Bewaffneten ſah,„wir ſchicken nicht, wie Ihr im Sinn hattet, einen von den Unſerigen hinaus, ſondern überlaſſen die Sendung der Frau Gräfin. Einen ſchriftlichen Befehl von Euch werden die Soldaten ſchon reſpectiren.“ Alba's Geſicht war ſtarr wie Stein, doch gab er durch ein kaum merkliches Zeichen ſeine Zuſtimmung. „Wollet uns denn Papier und Feder reichen laſſen, Frau Gräfin“ ſagte Heinrich von Braunſchweig mög⸗ lichſt unbefangen, während ſeine Söhne noch immer ihre Aufregung nicht bezwingen konnten. Die Gräfin gab dem Amtshauptmann, welcher die bewaffneten Edelleute hereingeführt, einen Befehl mit gedämpfter Stimme, welchen die Fürſten, die an der Tafel ſtan⸗ den, nicht hörten, dann verließ ſie ſelbſt mit einer ſtummen Verneigung den Saal, um ihnen zu der Schrift das Nöthige zu ſenden. Nach dem, was hier vorgefallen, war für ſie ein längeres Verweilen un⸗ möglich. Nicht lange währte es, ſo wurde ihr der verlangte Befehl mit Unterſchrift und Siegel vom Herzog Alba überbracht. Er war in ſpaniſcher und deut⸗ ſcher Sprache abgefaßt, kurz und ſtreng; Todesſtrafe wurde darin Jedem angedroht, der gegen die Salva⸗ guardia Seiner Kaiſerlichen Majeſtät einem ſchwarz⸗ burgiſchen Unterthan nur das Geringſte rauben oder — 132 das bereits Genommene nicht augenblicklich zurückſtellen würde. Herzog Heinrich ließ zugleich die Gräfin bit⸗ ten, nun die Sache abgethan ſei, ihren Gäſten zu ge⸗ ſtatten, ſich bei ihr beurlauben zu dürfen. „Ich laſſe Seiner Gnaden danken, daß er die Sache vermittelt hat“, erwiderte Katharina.„Wenn dieſelbe ganz abgethan ſein wird, will ich nicht ſäumen, meinen Dank beim Abſchiede perſönlich auszuſprechen.“ Sie war ſo ganz über die Schranken, welche ſie ſelbſt in ihrem ganzen Leben frauenhaft geehrt hatte, hinweg⸗ geführt worden, daß ſie all ihre Seelenkraft aufbieten mußte, um der Gewalt dieſer furchtbaren Momente nicht zu erliegen. Aber ſie beſiegte ihre Schwäche und traf ſchnell Anſtalt, den Befehl Alba's dahin zu beför⸗ dern, wo er ihr Genugthuung ſchaffen ſollte. Ihren Getreuen hatte ſie aufgetragen, keinen der Herren aus dem Saale zu laſſen, bis ſie anders beſtimmen würde; auch die Diener, welche unten bewirthet worden waren, ſahen ſich bewacht und im Grunde gefangen. Die Zeit der Erwartung war an ſich nicht von langer Dauer, aber für Katharina wurde ſie drückend wie die ſchwerſte Laſt. Sie hatte ihre Kinder bei ſich, einige Frauen und treue Diener. Noch nie hatten die Töchter ihre Mutter in einer ſolchen Stimmung, noch nie ihr theures Antlitz ſo verwandelt geſehen! Den Andern, welche wohl 133 ahnten, was geſchehen war, wenn ſie auch nicht Alles wußten, war bang ums Herz; ſie fürchteten die ſchrecklichſten Folgen: einen Sturm auf das Schloß, ein Blutbad. Doch wagte Niemand ſeine Befürchtungen zu äußern, als könne dadurch das Unglück herbeigeru⸗ fen werden. Endlich ſprengte der Bote, welchem die möglichſte Eile eingeſchärft worden war, in den Schloßhof; er brachte die Gewißheit, daß Alba's Befehl unverzüglich Gehorſam gefunden hatte und den Landleuten das Ihrige zurückgegeben war. Jetzt ging Katharina, ihre Gefangenen zu entlaſſen. Ihre Kinder beſchworen ſie, nicht mehr perſönlich dem Schwerbeleidigten zu nahen, ſie wies aber die Bitten ſanft zurück.„Ich bin es ihnen und mir ſelbſt ſchuldig!“ ſagte ſie.„Seid getroſt! Meine treuen Schwarzburger wachen, daß mir kein Leid geſchehen kann.“ Noch ſtanden die Bewaffneten, wie ſie befohlen, in der Vorhalle und hüteten die Thüren des Saals, in welchem die Fürſten ſich ſelbſt überlaſſen geblieben waren. Was ſie berathen und wie ſie den unerhörten Vorfall beſprochen, hat Niemand erfahren. Als die Flügelthüren ſich wieder öffneten und die Gräfin, noch immer ernſt, aber nicht mehr in jener Haltung, welche ein edler Zorn ihr gegeben, über die Schwelle trat, 134 wurde ſie von Alba, der ihr einige Schritte entgegen⸗ ging, mit gemeſſener Höflichkeit empfangen. Er, der Oberfeldherr des Kaiſers, an der Spitze eines ſiegreichen Heeres, das auf ſeinen Wink ganze Länder mit Feuer und Schwert heimſuchen konnte, war von einer deut⸗ ſchen Frau gezwungen worden, ſich ihrem Willen zu beugen. Ungeſchehen zu machen war das nicht und er mochte wohl ahnen, daß dieſe Demüthigung nicht ver⸗ ſchwiegen bleiben konnte, ja daß die Geſchichte ſie der Nachwelt erzählen werde, aber er hätte ſich etwas vergeben, wenn er ſie als eine Schmach für ſich aner⸗ kannt hätte. Heinrich von Braunſchweig wandte die ganze Begebenheit zum Scherz und lachte jetzt darüber, es ging ihm aber nicht von Herzen, und ſeine Söhne blickten finſter zu ſeinem Spaß. Katharina dankte ihm und Alba und nahm die Zu⸗ ſage, welche ihr gegeben wurde, ohne daß ſie darum gebeten, die Zuſage, daß weder ihr ſelbſt noch ihren Unterthanen nachgetragen werden ſollte, was durch die Umſtände hier veranlaßt worden war, mit freudigem Herzen an. Wie war ſie jetzt wieder von bezaubernder Anmuth! Herzog Heinrich hatte mit Bewunderung auf⸗ geblickt, als ſie in zürnender Hoheit, ſchön wie Bellona, die Kriegsgöttin, vor ihnen ſtand, jetzt war ſie wieder das Bild holder Weiblichkeit. Schnell folgte auf den 135 Moment der Verſöhnung der Aufbruch. Als die Gäſte geſchieden waren, zog ſich Katharina in ihr Gemach zurück und ſank auf die Kniee, Gott unter Thränen, die nun endlich nach langer quälender Spannung aus⸗ brachen, für Abwendung des Entſetzlichſten zu danken. Sie ſchauderte vor der Frage zurück, ob ſie ihre Drohung erfüllt haben würde, wenn Alba ihr getrotzt hätte! Gott hatte es gnädig verhütet! — —— Sechstes Kapitel. Günther vom Walde. Unabläſſig war an dieſem Tage der Marſch in ge⸗ trennten Heeresabtheilungen durch das Saalthal fort geſetzt worden, Ruhe und Frieden ſollten erſt wieder einkehren, wenn der Durchzug ganz vorüber war. Da kam die Nachricht auf das Schloß zu Rudolſtadt, daß der Kaiſer hier zu übernachten gedenke. Einige Stun den waren kaum ſeit dem verhängnißvollen Frühmahl vergangen. Katharina, wie angegriffen ſie auch von der mächtigen Seelenbewegung jener Momente war, in denen Alles auf der Spitze geſtanden hatte, fand bei der Anmeldung des Kaiſers die ganze Stahlkraft ihrer Seele wieder. Sie mußte befürchten, daß Alba dem Kaiſer, der auf kurze Entfernung ſeinem Heere gefolgt und gegen Mittag in Kahla eingetroffen war, die That 137 gemeldet, die man gegen ihn gewagt hatte. Der Spanier konnte dann ſein Gewiſſen beruhigen; er hatte ſein Wort gehalten, wegen der Ungebühr keine Rache zu nehmen, aber er war es dem Kaiſer ſchuldig geweſen, ihm den Vorfall zu melden; was der Monarch darüber beſchließen werde, hatte Alba nicht zu verantworten. Die Gräfin verzagte nicht vor der neuen Gefahr. Sie hatte ſich vorher ſagen müſſen, daß ſie durch ihre kühne That eine ſolche auf ſich zog. Kaiſer Karl war aber zur Milde geneigt. Sie wollte ihm vorſtellen, daß ſie auf ſeinen Schutzbrief ihr volles Vertrauen geſetzt habe und nur zu jenem Schritte der Nothwehr durch die Nichtachtung kaiſerlicher Befehle und ihre Regentenpflicht gedrängt worden ſei; hinzuſetzen konnte ſie, daß ſie nimmer ſo weit gegangen wäre, wenn ſie die Nähe des Kaiſers und ſomit die Möglichkeit geahnt hätte, ihn um Hülfe anzuflehen. Wie ihr Vetter Günther einſt, gleichſam prophetiſch, zu ihr geſagt, daß ſie furcht⸗ los dem Kaiſer ſelbſt entgegentreten würde, ſo hoffte ſie jetzt nicht zu Schanden zu werden. Sie traf von neuem Anſtalten zur Aufnahme fremder Gäſte, diesmal war es aber wirklich der Löwe in ſeiner Hoheit und Großmuth, auf den ſie hoffte; Alba konnte ſie nur dem Tiger vergleichen. Schon daß ihr im voraus der Kaiſer nur mit einem ganz kleinen Gefolge auf dem 138 Schloſſe zum Nachtquartier angeſagt war und das Hof⸗ lager mit den Leibwachen in der Stadt, die übrigen zur Bedeckung deſſelben commandirten Truppen aber in der Gegend übernachten würden, diente ihr zur Be⸗ ruhigung. Sie ſandte gleich nach Arnſtadt, um den Grafen von der bevorſtehenden Ankunft des Kaiſers zu benachrichtigen; was heute Morgen hier vorgefallen war, wollte ſie ihm mündlich aufklären, die Thatſachen erfuhr er natürlich durch den Boten, denn ſie hatten ſich ſchon durch die Theilnehmer am guten Werke überall ſchnell verbreitet. Ehe noch Graf Günther eintraf, kam von anderer Seite eine Nachricht, welche wohl geeignet war, den Muth Katharina's wieder zu erſchüttern. Der Ueber⸗ bringer, ein Mann aus der Gegend von Neuſtadt, der athemlos vor die Gräfin trat, überraſchte ſie mit der Meldung einer Schlacht, welche dort vorgefallen ſei. „Eine Schlacht?“ erwiderte ſie ungläubig.„Ihr träumt oder die Furcht hat Euch den Kopf verwirrt. Es ſteht ja nichts mehr im Felde.“ „Unſere Bauern!“ entgegnete der Mann.„Sie haben die Spanier angegriffen und ihnen eine Schlacht ge⸗ liefert, wohl drei Stunden lang, und die Spanier haben weichen müſſen. Ich kann es Eurer Gnaden be⸗ ſchwören, denn ich habe es ſelbſt mit angeſehen und — 139 bin nur eiligſt fortgeritten— ich muß nach Gotha. Und da mir die Leute unten geſagt haben, daß der Kaiſer herkommen wird, hab' ich's Eurer Gnaden melden wollen.“ Die Gräfin fragte nach den nähern Umſtänden, konnte aber nicht viel erfahren. Sie hielt die That⸗ ſache für ein Unglück, obgleich ſie wohl begriff, daß die Erbitterung des Landvolks über die Gewaltthaten, mit denen das Heer ſeinen Weg bezeichnete, zu bewaffnetem Widerſtande führen mußte. Sie ſelbſt hatte nach ihrer heutigen That kein Recht, dieſe Nothwehr zu tadeln. Neuſtadt war aber nicht ſchwarzburgiſch, ſtand alſo nicht unter dem kaiſerlichen Schutzbrief, es gehörte zu den verwirkten Ländern des gefangenen ehemaligen Kur⸗ fürſten von Sachſen, und Katharina wußte nicht, ob es deſſen Söhnen gelaſſen oder dem neuen Kurfürſten Moritz zugefallen war. Auf Nachſicht hatten die auf⸗ geſtandenen Bauern nicht zu rechnen, die einzige Hoff⸗ nung für ſie war der unaufhaltſame Weiterzug des Heeres. Die neue Sorge, daß der Kaiſer durch dieſe Nach⸗ richt gereizt werden und auch für das, was hier ge⸗ ſchehen, eine ſtrenge Ahndung eintreten laſſen könne, ließ Katharina wieder bang der nächſten Stunde ent⸗ gegenſehen. Da erſchien Graf Günther, welcher auf 140 ihre Anzeige gleich hergeritten war; er begrüßte ſie mit lauter Bewunderung ihres Heldenmuths, der dem Hauſe Schwarzburg zu unſterblichem Ruhme gereiche, und ſuchte ihre Beſorgniſſe zu zerſtrenen.„Was geht uns Neuſtadt an!“ rief er.„Der Kaiſer iſt ein gerechter Herr. Er wird uns nicht büßen laſſen, was Andere verbrochen haben, ja er kann Dich nur loben, Käthe, daß Du ſeinem Schutzbrief Achtung verſchafft haſt, was der Alba nicht konnte oder wollte. Du wirſt doch Deinen ganzen Hofſtaat zum Empfange verſammeln?“ „Nennt Ihr mein beſcheidenes Hausweſen einen Hofſtaat?“ erwiderte Katharina.„Eine Nürnberger Kaufmannsfrau könnte mich beſchämen. Doch werde ich freilich thun müſſen, was ſich gehört.“ Sie ſelbſt hatte das reiche Gewand, das ſie nach der Entfernung der Fürſten wie eine Laſt von ſich ge⸗ worfen hatte, wieder angelegt, hatte nun auch ihre Töchter bei ſich und ſonſt eine angemeſſene Umgebung, um dem Reichsoberhaupte einen ſchicklichen Empfang zu bereiten. Der Kaiſer ließ lange auf ſich warten. Der Tag neigte ſich bereits, als endlich der lange Zug von Wagen, Reitern und Troß mit den ſtattlichen Kriegshaufen, welche ihm das Geleit gaben, vom Thurme bemerkt und gemeldet wurde. Ein vorauseilender Kämmerer hatte jede Feierlichkeit auf dem Wege ver⸗ 141 boten. Wie es beſtimmt war, brachte der Kaiſer nur ein kleines Gefolge mit auf die Heidecksburg. Er war wieder leidend an der Gicht, doch ließ er ſich nicht aus der Carroſſe heben oder gar in das Schloß tragen, ſondern bezwang ſeinen Schmerz und begab ſich, von der Gräfin und dem regierenden Grafen an der Pforte empfangen, in den großen Saal, wo ſich heute Vormit⸗ tag der Auftritt mit Alba zugetragen hatte, jetzt aber eine feſtlich geſchmückte Verſammlung von Herren und Frauen in tiefſter Demuth ihn erwartete. Ob er von der heldenmüthigen That der Frau gehört, da er ſchon ſo huldreiche Worte an ſie gerichtet hatte? Faſt ſchien es ſo, als er die Treue des Hauſes Schwarzburg be⸗ tonte und der Gräfin dabei einen ernſten und prüfenden Blick zuwandte, aber er konnte auch in Aufrichtigkeit ſo ſprechen, denn Graf Günther hatte für ſeine Treue, die ſich nicht zur thätigen Theilnahme an dem Kriege der Schmalkaldner hatte bewegen laſſen, von den Feinden Karl's viel erduldet und der Erbgraf befand ſich noch im Gefolge des Kaiſers. Letzterer ſtand jetzt hinter ihm, die Tante, der er von Kindheit an die liebevollſte Verehrung geweiht, mit freundlichen Augen beobachtend. Kaiſer Karl konnte auch noch einen dritten Schwarz⸗ burger um ſeiner Treue willen rühmen, die nicht blos im Dulden und Dienen am Hofe, ſondern in der Feld⸗ 142 ſchlacht ſich bewährt hatte. Bei dieſem Gedanken, der in Katharina erwachte, durchzuckte ſie plötzlich ein an⸗ derer: wenn Günther, der ſich vom Walde nannte, vielleicht gegen das unglückliche, zur Verzweiflung ge⸗ triebene Volk bei Neuſtadt gekämpft hätte? Sie durfte ſich aber nicht ihren Gedanken hingeben, der Kaiſer ließ ſich ihre Töchter vorſtellen und dann auch einige andere Perſonen, denen er ein paar gnädige Worte ſagte. Er rühmte hierauf gegen die Gräfin die Schön⸗ heit des Saalthals, das er mit dem Thale des Arno bei Florenz verglich. Ein Blick, den er von der Höhe der Heidecksburg bei der Ankunft gethan hatte, mochte eine flüchtige Aehnlichkeit gefunden haben, die Aeußerung that aber den thüringiſchen Herzen, welche ſtolz auf ihre Heimat waren, ſehr wohl und ſie trugen Sorge dafür, daß ſie nicht vergeſſen wurde, ſondern von Mund zu Mund bald ihren Weg in eine Chronik fand. Der Kaiſer entließ dann die Verſammlung und begab ſich in die für ihn bereiteten Gemächer. Katharina blieb in Ungewißheit, ob ſie ſich über den Sinn, den ſie ſeinem Lobe der ſchwarzburgiſchen Treue in Bezug auf ſich ſelbſt untergelegt, etwa getäuſcht habe, ſie konnte ebenſo wenig entnehmen, ob er von dem Kampfe ſeiner Vorhut gegen das aufſtändiſche Landvolk ſchon Kennt⸗ niß beſitze. Ihr Vetter, mit dem ſie noch darüber 143 ſprach, meinte, daß es wohl nicht der erſte und letzte Kampf geweſen ſein werde, darum möge ihm der Kaiſer keine große Bedeutung beilegen; er könne aber die gute Folge haben, daß die Heerhaufen mehr zuſammen gehalten und dadurch die Gräuel aufſichtsloſer Rotten verhindert würden, daß auch der Marſch im Ganzen beſchleunigt weiter gehe. Er ſelbſt, Graf Günther, hatte von einem der deutſchen Herren im Gefolge des Kaiſers, den er während ſeines Aufenthalts am Hof lager kennen gelernt, die Andeutung erhalten daß man wohl einem Angriff von ſeiten der Heſſen zur Be freiung ihres gefangenen Landgrafen entgegenſehen könne. Auch das mußte den Marſch beſchleunigen, um nur erſt gut katholiſches Land im Hochſtift Bamberg zu erreichen.„Die armen gefangenen Herren!“ ſetzte Günther hinzu.„Sie ſind heut in Saalfeld; der Kaiſer ſchickt ſie immer voraus. Wenn Ihr ſie doch an der Saalbrücke hättet ſehen und tröſten können!“ Katharina hatte nichts davon gewußt, ſie würde auch nicht verſucht haben, ſie zu ſehen; das hätte ihnen nur herbe Gefühle erweckt.„Hätteſt wenigſtens Deine weiße Taube hinabſenden können als Friedenstaube!“ ſagte Günther.„Es wäre ihr vielleicht ein Labſal ge weſen, Käthe, ihren Feind unſchädlich gemacht zu ſehen.“ „Ihr beurtheilt dies fromme Gemüth falſch!“ er 144 widerte Katharina.„Kein Gedanke der Rachſucht kommt in ihre Seele. Sie betet für ihre Feinde.“ „Gott wird's ihr lohnen!“ ſagte der Graf.„Warum hattet Ihr ſie aber nicht bei Euch im Saale? Einen Kaiſer ſieht man nicht alle Tage.“ „Sie wünſchte es nicht“ antwortete Katharina. „Wir ſprechen ſpäter einmal noch mehr von ihr. Ich bin nun erwartungsvoll, lieber Vetter, ob der Kaiſer nicht morgen doch noch der Vorfälle dieſes Tages ge⸗ denken wird. Seine heutige Ruhe kann die Stille vor einem Gewitter ſein. Bricht es los, Günther, ſo lenkt es wenigſtens von den armen Leuten ab, die ja auch Eure Unterthanen ſind, und laßt es nur mein Haupt treffen. Ich trage allein die Schuld.“ Günther beruhigte ſie darüber.„Ich glaube nicht einmal, daß er die Nothwehr der ſächſiſchen Bauern beſtrafen wird“ ſagte er.„In Wittenberg hatte er die Bürger berechtigt, Spanier und andere Fremde, welche gegen die Capitulation etwa in die Stadt dringen wollten, mit Gewalt abzutreiben, da nur Deutſche ein⸗ rücken ſollten, und es kam wirklich zu einem Kampfe darüber, den der Kaiſer gut hieß. So wird er hier auch thun, denn ſein Wille iſt, daß die allerſchärfſte Mannszucht gehalten werde, und die Bauern unter⸗ ſtützen eigentlich nur den Generalprofoß.“ „e—— 145 Der Graf behielt Recht. Am nächſten Morgen, als der Kaiſer aufbrach, ließ er der Gräfin für ihre Auf⸗ nahme in den gnädigſten Ausdrücken danken und reiche Geſchenke unter ihre Dienerſchaft vertheilen; eine per⸗ ſönliche Aufwartung nahm er nicht mehr an, wahr⸗ ſcheinlich weil er ſich mehr leidend fühlte als geſtern, nur den Grafen von Schwarzburg wollte er noch ſprechen. Die Audienz währte kaum einige Minuten, dann verließ der Kaiſer mit ſeinen Begleitern das Schloß, um ſeine Reiſe fortzuſetzen. Unten vor der Stadt erwartete ihn ſein ganzes zahlreiches Gefolge mit den Leibwachen an der Straße nach Saalfeld. „Mit keinem Wort hat er Dein Duell erwähnt, Käthe!“ war das erſte Wort, als Graf Günther von der Begleitung, die er dem Kaiſer gegeben hatte, wieder auf das Schloß zurückkehrte. „O ſcherzt nicht über den ernſten Augenblick, den ich gern vergeſſen möchte!“ entgegnete Katharina. „Vergeſſen, was Euch ewigen Nachruhm bringt!“ rief Günther.„Nie wird es vergeſſen werden, daß eine deutſche Fürſtin den furchtbaren Alba bezwungen hat! Dein Leben haſt Du eingeſetzt für das Wohl Deiner Unterthanen!“ „Ich bitte Euch, ſprecht nicht weiter davon!“ bat ſie. „Was hat Euch der Kaiſer noch geſagt?“ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. UI. 10 = 146 „Er hat meinen Sohn belobt und ihm eine Hel⸗ denlaufbahn prophezeit. Gott ſchütze den Knaben! Dann aber ſagte er mir, daß unſer Halbvetter ſeinen Dienſt geſtern verlaſſen habe. Ja, Käthe! Er hat nicht gegen die Bauern kämpfen wollen— ich habe es nach⸗ her von meinem Sohne in aller Eile gehört. Der Kaiſer ſagte mir den Grund nicht, warum er ihn ent⸗ laſſen hat, es iſt aber ſo!“ „Erzählt, was Ihr wißt!“ bat Katharina, von der Nachricht aufgeregt.„Er hat gegen ſeine Landsleute nicht kämpfen wollen?“ „Ich weiß nicht viel, mein Günther konnte ſich nicht lange aufhalten. Bei Neuſtadt iſt die Vorhut, lauter Spanier, plötzlich von bewaffneten Bauern in großer Zahl überfallen worden und hat ihnen nach einem heftigen Gefecht weichen müſſen, auf die Hauptmacht zurück. Bei dieſer hat der Glücksritter, der die deut⸗ ſchen Landsknechte jetzt befehligt, der Marcheſe von Marignano, dem Friedeburg oder Günther vom Walde Befehl gegeben, mit ſeinen zehn Fähnlein vorzurücken, die Bauern zu zerſprengen und furchtbare Rache an der ganzen Gegend zu nehmen; der hat aber erklärt, daß er kein thüringiſch Blut vergießen werde. Wie es dann weiter gekommen, weiß ich nicht. Alba hat es dem Kaiſer gemeldet, kurz vor Rudolſtadt iſt ſein Bote e 147 eingetroffen; Euer edler Widerpart ſcheint alſo gleich, nachdem er von ſeiner Niederlage durch Euch bei ſeinen Truppen angekommen, volle Arbeit gefunden zu haben. Der Kaiſer hat die Entlaſſung, welche der widerſpen⸗ ſtige Hauptmann gefordert, ohne Umſtände genehmigt und Alba's Antrag, ihn ſofort einem Kriegsgericht zu überweiſen, abgelehnt. Mein Günther wird den Na⸗ mensvetter alſo nicht mehr beim Heere finden, was ihm ſehr leid thut. Ihr ſeht aber, wie mild der Kaiſer geſinnt iſt! Jeder Kriegsfürſt würde eine ſolche Wider⸗ ſetzlichkeit ſtreng beſtraft haben, dem Kaiſer iſt es jetzt überall um Verſöhnung zu thun.“ „Gott gebe, daß Ihr Recht habt!“ erwiderte die Gräfin. Ihr Vetter nahm Abſchied, um die guten Hoffnungen, die er hegte, nach Arnſtadt zu bringen und ſeiner Gemahlin gleich zu ſchreiben. Der Haupt⸗ zug war nun an der ſchwarzburgiſchen Grenze vorüber, hoffentlich auf Niewiederkehr; mochten die Leute im Sächſiſchen und in Franken ſehen, wie ſie mit ihren ſchlimmen Gäſten fertig würden. Ein Glück nur, daß der Kaiſer nicht in hieſiger Gegend ſchon einen Theil ſeiner Söldner, da er einer ſo ſtarken Armada nicht mehr zu bedürfen ſchien, entlaſſen. Die Nachricht, welche Katharina gehört hatte, be⸗ ſchäftigte ihre Seele mehr, als der Graf ahnen mochte. 10* — 148 Der Ruheloſe, der noch immer keinen Frieden gefunden hatte, war alſo wieder einem ungewiſſen Schickſal preisgegeben! Es machte ihm Ehre, auf welche Weiſe das geſchehen war, aber was hatte er nun beſchloſſen, wohin wollte er ſich wenden? O daß in ihm das Ge⸗ fühl der Heimat, das ihm gewehrt hatte, die Spee ſeiner Krieger mit thüringiſchem Blute zu o mächtig würde, ihn ganz in Thüringen zu feſſeln! Aber hoffen ließ ſich das nicht! Wie ſollte er in ſeinem glühenden Eifer für den katholiſchen Glauben hier eine bleibende Stätte ſuchen, wo er dieſem nicht frei und öffentlich leben konnte, ſondern etwa nur ſtill geduldet? Ein Frauengemüth mochte ſich dabei in demüthiger Hingebung an den Rathſchluß, der es auf ſeinen Wegen alſo geleitet, befriedigen, Günther niemals! Katharina konnte nicht anders, ſie mußte Adelheid Rettleben erzählen, was ſie von dem Grafen vernom⸗ men hatte. Sie wußte ja, daß Adelheid ſchon als Kind Günther kennen gelernt und daß ſie zur Jung⸗ frau erwachſen ihn wiedergeſehen hatte, längere Zeit ſogar oft mit ihm vereinigt geweſen war, ſie konnte ſich wohl berechnen, zu welcher Zeit. Ihr war Vieles begreiflich in dem innerlichen Weſen Adelheid's, ſeit ſie das wußte. Ihr Zartgefühl hielt ſie ab, ſchärfer erforſchen zu wollen, was ihr verhüllt blieb, doch lebte 149 ein Wunſch in ihr, der aus unbeſtimmten Gefühlen immer mehr zum Bewußtſein kam. Es widerſtrebte ihr aber, irgend etwas zu ſeiner Erreichung zu thun, denn konnte ſie wiſſen, ob es auch zum wahren Glücke führen würde? Nur die ſich bietende Anknüpfung an die Mittheilungen des Herrn von Fehde, welcher Adel⸗ heid ſogar einen Gruß von Günther gebracht, und die BVemerkung, daß Adelheid ſeitdem eine ihr noch räthſel⸗ hafte Ruhe gewonnen hatte, bewogen ſie, ihr zu erzählen, was ſie heute über Günther erfahren. Wie falſch hatte ſie jene Ruhe beurtheilt! Sie würde mit weiblichem Scharfblick gewiß erkannt haben, daß jene äußerliche Stille nur eine ſchmerzliche Reſignation barg, wenn ſie ihr eine tiefere Aufmerkſamkeit gewidmet hätte. Das aber hatte Katharina immer ſchonend vermieden. Sie überraſchte Adelheid auch heute nicht auf eine Weiſe, daß ſie ſich hätte verrathen müſſen, wenn ſie ihres Herzens Geheimniß zu verhüllen Urſache hatte, ſondern leitete ihre Mittheilung vorſichtig ein. Dennoch konnte Katharina den lichten Strahl in Adelheid's dunklen Augen bei ihrer Nachricht nicht überſehen, wenn er auch noch ſo ſchnell durch die geſenkten Lider verdeckt wurde. Auch der Ton ihrer Frage nach den Folgen der edel⸗ müthigen Weigerung Günther's gab den Eindruck, wel⸗ chen die Nachricht auf ſie gemacht hatte, deutlich kund 150 „Seid unbeſorgt um den Freund!“ beruhigte ſie Katharina.„Der Kaiſer weiß eine ſolche Geſinnung zu achten und läßt ihn auf ſeinen Wunſch vom Heere ſcheiden. Wohin er ſich nun wenden wird, ich möchte es wohl wiſſen, da ich an ſeinem Schickſal von früher Jugend den größten Antheil nehme. Ihr wißt, er war bei uns wie ein Kind vom Hauſe.“ Die Gräfin hatte Adelheid davon erzählt, aber von Günther, der aus ſeiner Vergangenheit in ihrem Umgange zu Dresden Manches berührt hatte, war ihr kein Wort über ſeinen Aufenthalt auf der Heidecksburg erinnerlich.„Viel— leicht bleibt er nun doch in ſeiner Heimat!“ ſetzte Katharina hinzu.„Die Heimat feſſelt uns mit un⸗ zerreißbaren Banden, wenn dieſe auch eine Zeit lang gelockert ſcheinen.“ Adelheid's Wangen wurden bleicher, ein Lächeln ſchwebte um ihre Lippen, aber wie ſchmerzlich war dies Lächeln! „Ihr habt Recht!“ ſagte ſie mit bebender Stimme. „Es iſt wohl möglich— jetzt mehr als je!— daß Günther von Friedeburg in ſeine Heimat zurückkehrt — durch Gottes Gnade als Sieger!“ Ihre Stimme hatte, während ſie ſprach, einen immer feſtern Klang gewonnen, jetzt ſchlug ſie plötzlich die Augen auf, in denen die Glut einer wahren Begeiſterung ſtrahlte. 151 Das war aber kein Aufleuchten irdiſcher Hoffnung, ſondern das Feuer einer höhern und heiligen Seelen⸗ ſtinmmung, und Katharina konnte ſich keinen Moment darüber täuſchen, wenn ſie auch den Funken, der jene Glut geweckt, nur ahnte. Durch Gottes Gnade als Sieger! Was konnte Adelheid anders meinen als den Sieg des katholiſchen Glaubens und die Wiederher⸗ ſtellung deſſelben im Thüringerlande, welche ſie von dem Waffenſiege des Kaiſers hoffte! Daß Adelheid dabei an die Worte aus Günther's Munde dachte, die über ihr Leben entſchieden hatten, an ſeinen Ausſpruch: er werde nach jenem erreichten Ziele in dem wieder geweihten Heiligthum von Paulinzelle ſeine Gelübde erneuern, das konnte Katharina nicht wiſſen, denn Adelheid hatte von jenem Moment nie mit ihr ge⸗ ſprochen. Sie folgte dem Mädchen nicht auf dem Ge⸗ dankenwege, zu welchem Adelheid ſich hatte hinreißen laſſen, ſie nahm ihre Aeußerung hin und und ſagte nur:„Wenn Günther in Thüringen bleibt, ſo wünſche ich ihm ein wahrhaftes und bleibendes Glück!“ Zu dieſer Stunde war Günther in Saalfeld eben vor den Kaiſer geführt worden. Alba hatte auf ſeine Weigerung, die Befehle, die er ſelbſt ihm wiederholt, zu vollſtrecken, ſeine Forderung, aus dem Dienſte des Kaiſers, den er freiwillig genommen, entlaſſen zu 152 werden, nicht beachtet, ihn vielmehr augenblicklich ver— haften laſſen. Sein Zorn war um ſo höher aufgelo⸗ dert, als er Günther bisher mit Auszeichnung behan⸗ delt hatte; die Stimmung, in welche ihn die auf der Heidecksburg erlittene Schmach verſetzt, mochte dazu beigetragen haben, ſeinen Grimm zu ſteigern. Er hatte ſofort Meldung über den Ungehorſam des deutſchen Hauptmanns, dem er die Unterführung des frühern Regiments Madruzzi übertragen, an den Kaiſer geſchickt und um Genehmigung gebeten, den Verhafteten zur Verhütung drohender Meuterei unter ſeinen Leuten unverzüglich vor ein Kriegsgericht ſtellen und deſſen unzweifelhaftes Todesurtheil vollſtrecken zu dürfen. Der Kaiſer hatte darauf Günther's ſtrafloſe Entlaſſung verfügt, Alba jedoch auf eigene Verantwortung die⸗ ſelbe bis zur Ankunft des Monarchen in Saalfeld ver⸗ zögert, um Vorſtellungen dagegen zu erheben. Karl war aber nicht geneigt, einen gefaßten Beſchluß zurück⸗ zunehmen, da er nichts ohne reifliche Ueberlegung that. Er ließ vielmehr den Hauptmann vorführen, um von ihm die Gründe ſeines Verhaltens zu hören und ihm dann die Gewährung ſeines Geſuchs ſelbſt zu ver⸗ kündigen. Günther vom Walde war ihm ſchon bekannt, wenn er ihn auch bisher nicht einer gelegentlichen Anſprache 153 gewürdigt hatte. Im Kriege war dem Auge des Kai⸗ ſers wiederholt die männliche Schönheit des deutſchen Hauptmanns aufgefallen, welcher ihm durch den Herzog Alba vielfach gerühmt worden war; bei Mühlberg hatte er ſelbſt ſeine treffliche Führung der Haken⸗ ſchützen am Elbufer bemerkt; er ſagte ihm heute darüber ein Wort der Anerkennung, als Günther vor ihn trat. Dieſer hatte eine ganz andere Aufnahme erwartet und war daher ſichtlich überraſcht. Der Kaiſer fragte ihn dann nach den Vorfällen bei Neuſtadt und warum er die Befehle ſeines Feldoberſten nicht ausge⸗ führt habe. Günther berichtete über jene, was er wußte, da er dem Gefecht, das nur die Spanier be⸗ ſtanden, nicht beigewohnt hatte; er äußerte ſich dann ehrfurchtsvoll, aber freimüthig über ſſein eigenes Ver⸗ halten und ſchloß damit, daß er für ſich keinen andern Ausweg geſehen, als ſeine Entlaſſung zu fordern, weil er nach den bisherigen Erfahrungen auf dem Marſch nur eine ſtete Wiederholung blutiger Kämpfe mit den Landesbewohnern befürchte und es mit ſeinem Ge⸗ wiſſen nicht vereinigen könne, das unglückliche Volk niederſchlagen zu helfen. Der Kaiſer warf einen Blick auf Alba, welcher mit unbewegter Miene die Worte ſeines bisherigen Günſt⸗ lings, die zugleich eine Anklage für ihn enthielten, — 154 angehört hatte. Dann fragte er Günther, ob er nicht glaube, daß der Angriff bei Neuſtadt ein Verſuch ge⸗ weſen ſei, die gefangenen Fürſten oder wenigſtens einen derſelben zu befreien. Günther verneinte das aus voller Ueberzeugung; er kannte dies Mißtrauen des Kaiſers, das dieſen auch bewogen hatte, ſeine Ge⸗ fangenen nur durch Spanier escortiren und bewachen zu laſſen, weil er fürchtete, daß die Deutſchen in ſeinem Heere Mitleid mit den Fürſten haben und ihnen vielleicht Gelegenheit zur Flucht verſchaffen könnten; um wie viel mehr beſorgte er einen Ueberfall von ſei⸗ ten ihrer Unterthanen, beſonders da ihm nicht fremd geblieben war, daß man ſeine Räthe einer hinterliſti⸗ gen Fälſchung der Urkunde des Landgrafen von Heſſen beſchuldigte. Der Kurfürſt von Brandenburg und Moritz von Sachſen hatten ihm ſogar Vorſtellungen deshalb gemacht. Auf Günther's entſchiedene Verneinung ſagte er: „Es iſt gleichwohl ein Verſuch ſolcher Art hier in Saalfeld gemacht worden!“ Alba, zu welchem er ſich wandte, beſtätigte es durch eine ſtumme Ver⸗ neigung. „Ich habe in meinem Kerker nichts davon gehört“, erwiderte Günther.„Inmitten des Heeres Eurer — 155 Kaiſerlichen Majeſtät iſt aber ein ſolcher Verſuch Wahnſinn!“ „Wenn ich Dich entlaſſe“, fragte der Kaiſer darauf, „in weſſen Dienſt willſt Du treten?“ Da ließ ſich Günther auf ein Knie nieder und ſprach mit bewegter Stimme:„Wenn Eure Kaiſerliche Majeſtät unſere hochheilige Religion in dieſem Lande wiederhergeſtellt haben wird, dann gedenke ich in den Dienſt des Herrn zurückzutreten, für den ich unter Eurer Majeſtät ſiegreichen Fahnen gekämpft habe. Ich war Mönch zu Paulinzelle.“ In Alba's Geſicht ließ ſich ein Zug des frühern Wohlwollens gegen Günther wahrnehmen, deſſen Worte auch auf die Umgebung des Kaiſers, unter denen ſich gerade kein Proteſtant befand, einen großen Eindruck machten; nicht ſo auf den Kaiſer, der aus vielen Gründen die Religion bei dieſem Kriege nicht in den Vordergrund geſtellt hatte, auch nicht geſonnen war, die Glaubenseinheit im Reiche auf dem Wege, zu welchem der Papſt ihn drängte, herzuſtellen. „Du biſt entlaſſen“, antwortete er mit gnädigem Tone, und Günther wurde durch einen ſtrengen Wink Alba's bedeutet, daß er nichts weiter zu ſprechen habe. Nur ein Wort des Dankes für die ihm erwieſene Gnade erlaubte ſich Günther noch, dann verließ er das 156 Schloß, auf welchem der Kaiſer für den heutigen Tag ſeine Reſidenz genommen hatte. „Schade um den Mann!“ ſagte Herzog Heinrich von Braunſchweig, nachdem alle entlaſſen waren, zu Alba.„Den hätten wir beide geſtern mit zwanzig ſeiner handfeſten Geſellen brauchen können. Was meint Ihr?“ Dem ſtolzen Granden war jede Erinnerung an die erduldete Schmach widerwärtig.„Glaubt Eure Gna⸗ den?“ entgegnete er.„Er iſt ein Vetter der Gräfin! Was wollt Ihr auch? Habt Ihr nicht, wie ich, auch ohne der Dame läſterliches Beginnen das Mandat Seiner Majeſtät zu achten vermeint?“ Heinrich lachte.„Mit zwanzig deutſchen Lands⸗ knechten wär's doch beſſer geweſen!“ ſagte er.„Habt Ihr den Waghals von geſtern noch nicht in Eurer Gewalt? Wenn ich meinen guten Schweißhund noch hätte, der in Wolfenbüttel, als die Schmalkaldner damals mein Schloß gewonnen, Schärtlin, dem Schelm, ins Bein gebiſſen hat, ſo wollt' ich Euch den ange⸗ ſchoſſenen Fuchs wohl ſchaffen!“ „Er iſt ſo gut getroffen, wie der Schütz ver⸗ ſichert“, erwiderte Alba,„daß er wohl in irgend einem Winkel, wohin er ſich geſchleppt haben mag, ver⸗ bluten wird.“ 157 „Den andern Fuchs, den Pfaffen, auf den ich Euch aufmerkſam machte, will der Kaiſer durchaus ſchonen“, ſagte Herzog Heinrich.„Sie werden ihm noch heiß machen! Luther iſt todt, aber ſeine Geſellen leben noch und dieſer hier iſt der ärgſte. Der Kaiſer will aber nichts davon hören.“ Siebentes Kapitel. Auf dem Sterbelager. Aquila war ſich wohl bewußt, daß er einer Ver⸗ folgung ausgeſetzt ſein könne, wenn es den Gegnern des evangeliſchen Glaubens gelang, den Kaiſer endlich für ſtrengere Maßregeln zu gewinnen. Der Saalfel⸗ der Superintendent war keine milde, verſöhnliche Na⸗ tur, wie der ſanfte Melanchthon, ſondern gehörte zu den eifrigſten und ſchärfſten Bekämpfern des Katholicis⸗ mus, der ſelbſt in unweſentlichen Punkten von Nach⸗ giebigkeit nichts wiſſen wollte. Wie er ſich darüber gegen ſeinen alten Freund aus Sickingen's Zeit und gegen die glaubensfeſte Gräfin von Schwarzburg geäußert, ſo hatte er ſich auch ohne alle Menſchenfurcht auf der Kanzel ausgeſprochen. Seine Predigten waren um ſo gewaltiger geworden, je mehr er Urſache bekommen — 159 hatte, an der unbeugſamen Standhaftigkeit ſelbſt der ſtärkſten Pfeiler des proteſtantiſchen Kirchenthums zu zweifeln. Bugenhagen wurde beſchuldigt, dem Kaiſer Reue über ſein bisheriges Verhalten geäußert und ſich undankbar gegen ſeinen bisherigen Landesherrn und Beſchützer, den gefangenen Johann Friedrich, benommen zu haben, ſelbſt in ſeinen Kanzelreden. Auch Agricola, der brandenburgiſche Hofprediger, welcher im wahrhaft überſpannten Eifer viel weiter als Luther gegangen war und Melanchthon einen heimlichen Papiſten ge⸗ ſcholten hatte, war jetzt mit ſeinem Kurfürſten Joachim der ſtreng lutheriſchen Lehre abgeneigt; er hatte in der Predigt die Schlacht von Mühlberg verherrlicht und ſchien eine Unterwerfung unter die Beſchlüſſe des Tri⸗ denter Concils rathſam zu finden. Durch dieſe und andere Nachrichten war Aquila gereizt worden, ſeine Predigten immer ſchroffer auszuarbeiten, und ängſtliche Freunde hatten ihn bei der Kunde, daß der Kaiſer im Saalthale heraufziehe, gewarnt und gebeten, daß er einer möglichen Gefahr wenigſtens für eine kurze Zeit aus dem Wege gehe. Er hatte aber dieſe Zumuthung mit Unwillen abgelehnt. Sollte auch er ſich ſchwach zeigen und dem Volke alles Vertrauen zu ſeinen geiſt⸗ lichen Hirten rauben? Wenn das Volk ſich alſo ver⸗ laſſen ſah, mußte es nicht in Verſuchung des Abfalls —— — —— ——— 160 kommen? Der Kaiſer hatte noch keinen Prediger um ſeiner Lehre willen verfolgt, und wenn er es hier zu thun gedachte, ſo wußte Aquila, daß ihm dennoch ohne Gottes Zulaſſung kein Haar gekrümmt werden könne. Nur dazu ließ er ſich bewegen, daß er ſich bei dem Einzug des Kaiſers mit dem Herzoge von Braunſchweig ſtill in ſeinem Hauſe hielt; es hätte leicht als heraus⸗ fordernder Trotz gedeutet werden können, wenn er, deſſen Name und Sinnesart nur allzuwohl bekannt waren, öffentlich dem Kaiſer unter die Augen getreten wäre. Seine Feſtigkeit wurde nicht auf die Probe geſtellt. Wohl war der Kaiſer auf Aquila von denen, welche ihn kannten, aufmerkſam gemacht worden, aber er wollte wie Herzog Heinrich zu Alba geſagt, von nichts hören. Aquila blieb unbehelligt, und der Aufenthalt des Kai⸗ ſers in Saalfeld war nur kurz. Spät abends, nach⸗ dem die letzten Krieger des Hofgeleits den Ort verlaſſen hatten, ſtörte den Geiſtlichen, der in ſeinem Studir⸗ zimmer ſaß, noch ein ſtürmiſches Klopfen an ſeiner Hausthür. Es war eine Bürgersfrau, welche ihn bat, zu einem Sterbenden zu kommen. Er ließ ſie nicht lange warten und begleitete ſie; auf dem Gange erzählte ſie ihm, daß es ein Fremder ſei, der ſich verwundet in ihrem Hauſe verſteckt habe. Aus Chriſtenpflicht habe ſie 161 ihn aufgenommen und ſeine Wunde, ſo gut ſie gekonnt, verbunden, da er nicht gewollt, daß ſie nach dem Bader laufe. Nachher ſeien Kriegsleute gekommen, die in allen Häuſern nach ihm geſucht, ſie habe ihn aber in einen Schlupfwinkel gebracht, wo ihn keiner habe finden kön⸗ nen. Jetzt ſei er nun ſehr elend und ſie habe es nicht länger mit angeſehen; der Bader ſei aber nicht zu Hauſe, da habe ſie denn in ihrer Herzensangſt den Herrn Pfarrer aufgeſucht. Aquila fand in einer dunklen Kammer beim ſchwa⸗ chen Lampenſchein der vorleuchtenden Frau den Ver⸗ wundeten auf einer Decke liegend. Dieſer ſchien aber nicht ſo elend zu ſein, als die Mitleidige ihn geſchildert hatte, denn er empfing den ſchwarzgekleideten Mann, der an ſein Lager trat, mit einem kräftigen Fluche.„Wollt Ihr mich etwa noch ſchröpfen?“ rief er.„Ihr curirt mich doch nicht mehr; holt mir lieber die kluge Frau aus Horba!“ Der Geiſtliche ermahnte ihn, ſtill zu ſein; er ſei zwar kein Arzt, wiſſe aber mit Wunden Beſcheid und wolle ihm helfen, wenn er könne. „Den Leib rettet mir Keiner mehr!“ rief der Ver⸗ wundete wild.„Könnt Ihr etwa meine Seele retten?“ „Das kann nur der Herr, der auch Euch erlöſet hat!“ erwiderte Aquila, und als ihn der Verwundete⸗ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 11 162 milder geworden, fragte, ob er ein Geiſtlicher ſei, be⸗ jahte er es. „Ich will Euch beichten“ ſagte der Kranke jetzt mit einem tiefen Seufzer. Aquila winkte der Frau, welche mit ihm am Lager ſtand, ſich zu entfernen; ſie that es ungern, aber ſie mußte gehorchen. Die Lampe hatte ſie auf den Tiſch geſtellt. Der Herr Pfarrer, das wußte ſie, verſtand ſich auf Wundenpflege, er hatte es im Kriege gelernt, wie die Leute erzählten, auch hatte ſie geſehen, daß er zu Hauſe, ehe er mit ihr gegangen, Einiges, wie Verbandzeug, zu ſich geſteckt hatte; er mochte denn ſehen, ob er die Seele mit Gebet, den Leib mit guter Wundſalbe rette. Sie ſagte ihm nur noch, er möge rufen, wenn er etwas brauche, dann ließ ſie ihn mit dem armen ſchwächlichen Menſchen allein. Wohl eine halbe Stunde verging, ehe der Pfarrer mit der Lampe in der Hand wieder herauskam. Er ſah noch viel ernſthafter aus als gewöhnlich, ſodaß die Frau, eine arme Wittwe, die ſonſt zu dem geiſt⸗ lichen Herrn ein herzliches Zutrauen hatte, ſich vor ihm beinahe fürchtete.„Sie muß bei dem Kranken wachen!“ ſagte Aquila.„Ich weiß wohl, daß Sie dergleichen chriſtliches Liebeswerk um Gottes willen thut, aber Sie wird diesmal auch Ihren irdiſchen Lohn haben.“ Er gab ihr Geld, wofür ſie für den Verwun⸗ 163 deten noch ein Labſal kaufen ſollte, ordnete ſonſt noch Mancherlei an und empfahl den unglücklichen Menſchen ihrer Fürbitte. Dann ging er nach Hauſe und begab ſich gleich in ſein Studirzimmer, um Alles aus treuem Gedächtniß niederzuſchreiben, was ihm der Sterbende in oft unterbrochenen Mittheilungen zur Erleichterung ſeiner Seele gebeichtet hatte. Ein Sterbender war es, nach Aquila's Meinung konnte er die Nacht nicht über⸗ leben. Am Morgen aber, als der Pfarrer hinſchickte, um nach dem Manne fragen zu laſſen, hörte er zu ſeiner Verwunderung, daß er noch lebe und den Wunſch drin⸗ gender wiederholt habe, die kluge Frau aus Horba holen zu laſſen, von der man auch in Saalfeld wußte; die allein könne ihn noch heilen. Aquila hatte keine Hoffnung mehr für ihn gehabt; die Kugel, welche ihn getroffen hatte, war zwar hindurchgegangen, doch hatte er einen ſtarken Blutverluſt erlitten, ehe er aus der erſten Bewußtloſigkeit nach dem Schuſſe erwacht war und ſich fortgeſchleppt hatte, und war dadurch ganz entkräftet, auch mochte die Kugel wohl edle Theile getroffen haben. Mehrmals hatte der Pfarrer daher die Erzählungen, die oft in ſchweren Seufzern erſtickten, ganz abbrechen wollen, obgleich ſie von großer Wich⸗ tigkeit, wenn auch nicht für ihn ſelbſt, waren, der Ver⸗ 1* 164 wundete hatte ſich aber nicht abhalten laſſen, Alles zu ſagen, was er auf dem Herzen hatte, bis er zuletzt in äußerſter Erſchöpfung verſtummt war. Da er nun doch die Nacht überlebt hatte, faßte Aquila neue Hoff⸗ nung für ihn und beſchloß, ihm auch die Kräuterfrau aus Horba, auf welche er ein ſo großes Vertrauen ſetzte, holen zu laſſen. Sein eigenes Geſchirr konnte er dazu nicht geben, weil er ſelbſt infolge der letzten Erlebniſſe eine Fahrt zu machen hatte, er ließ aber ein anderes in der Stadt beſtellen und ging dann noch einmal in das Haus der Wittwe, um ſich ſelbſt von dem Zuſtande des Kranken zu überzeugen. Er fand ihn ſehr ſchwach, aber doch nicht hoffnungslos. Jeden⸗ falls mußte er eine ſo zähe Lebenskraft haben, wie ſie dem Pfarrer in ſeinem erfahrungsreichen Leben noch nicht vorgekommen war. Viel zu ſprechen, wozu er Anſtrengungen machte, erlaubte er ihm jedoch nicht, ermahnte ihn vielmehr, ſich ganz ruhig zu verhalten und Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen, und tröſtete ihn mit der Erfüllung ſeines Wunſches nach der Hülfe der Frau aus Horba.„Soll ich aber, da Du noch lebſt“, fragte er ihn, ehe er ging,„icht lieber für mich be⸗ halten, was Du mir geſtern aufgetragen haſt? Du kannſt es, wenn Du wieder geſund biſt, ſelber thun, das wäre Dir wohl beſſer.“ 165 c „Nein Ehrwürden!“ ſtöhnte der Verwundete.„Thut nur, wie ich Euch gebeten habe; das wird mir das größte Labſal ſein.“ In der Rachbarſchaft des Hauſes, wo der Kranke lag, wußten die Leute ſchon darum, es war kein Grund mehr, ihn zu verheimlichen, ſeit die Kaiſerlichen die Stadt verlaſſen hatten. In Saalfeld kannte man be⸗ reits den Vorfall, der ihm faſt das Leben gekoſtet. Am Tage der Ankunft des Kaiſers hatten nämlich die gefangenen Fürſten, welche immer unter ſpaniſcher Bewachung vorausgeſchickt wurden, in Saalfeld über⸗ nachtet und die allgemeinſte Theilnahme gefunden, der Kurfürſt als bisheriger Landesherr der Stadt und ſein Mitgefangener, der Landgraf, wegen des Betrugs, der ihm nach der überall verbreiteten Meinung geſpielt worden war. Die ſpaniſchen Wachen hatten Mühe gehabt, das Volk beim Einzuge abzuhalten, und Meh⸗ vere, die ſich allzu dreiſt herzugedrängt, mit ihren Spie⸗ ßen zurückgeſtoßen. Faſt wäre darüber ein Tumult entſtanden, wenn nicht ein ſchöner Junker des Land⸗ grafen, der ihm zur Bedienung gelaſſen war, das Volk ermahnt hätte, das Schickſal ſeines Herrn nicht zu verſchlimmern. Da war unter den Menſchen auch ein kleiner, ſchmächtiger Mann geweſen, den Niemand ge⸗ kannt, der hatte mit großer Unverſchämtheit ſich durch 166 die angeſehenſten Bürger mit den Ellenbogen durchge⸗ arbeitet und dem Junker ein Zeichen gegeben, dann war er wie ein Wieſel wieder entſchlüpft. Abends in der Dämmerung hatte die ſpaniſche Schildwache, die vor dem Fenſter des gefangenen Landgrafen geſtanden, einen verdächtigen Menſchen geſehen, der dort umher⸗ geſchlichen, er war angerufen und, da er geflohen, von mehreren Spaniern verfolgt worden, bis in die Vorſtadt, wo er über einen Gartenzaun geſprungen war. Da hatte einer noch auf ihn im Sprunge geſchoſſen; ob er ihn getroffen, war zweifelhaft. Sie hatten den Zaun, den er mit Gewandtheit erklettert, mühſelig auch über⸗ ſtiegen, aber in der zunehmenden Dunkelheit keine Spur mehr gefunden und ihn nachher noch lange vergebens geſucht. Daß der Verwundete, der nun im Hauſe der Wittwe lag, derſelbe war, den die Spanier geſchoſſen, ſtand außer Zweifel, es blieb nur ein halbes Wunder, wie er ſich hatte bis dahin ſchleppen können. Doctor Aquila fuhr bald aus dem Thore der Stadt auf die Straße nach Blankenburg und Rudol⸗ ſtadt. Als er in die Nähe von Schwarza kam, wo die beiden Wege ſich trennen, holte ihn ein Reiter ein, der, von einem Knecht mit einem bepackten Handpferde ge⸗ folgt, hinter ihm hergetrabt war. Er faßte den geiſt⸗ lichen Herrn im Vorüberreiten flüchtig ins Auge, ohne 167 ihn zu grüßen, wandte ſich aber noch einmal im Sattel nach ihm um und verhielt das Pferd, bis ihn das ein⸗ ſpännige Wäglein wieder erreichte. „Wißt Ihr vielleicht, ob die Heidecksburg von dem Zuge des kaiſerlichen Heeres betroffen worden iſt?“ fragte er. „Der Kaiſer hat dort übernachtet“, antwortete der Superintendent, und da er in den Zügen des Fremden eine unverkennbare Unruhe bemerkte, wurde er veran⸗ laßt, ihn ſchärfer anzuſehen. Auf einmal glaubte er ihn zu erkennen. „Herr Graf von Schwarzburg, wenn ich nicht irre?“ fragte er. So nenne ich mich nicht!“ antwortete der Fremde. „Wie kommt Ihr dazu?“ „Ich habe Euch vordem geſehen!“ verſetzte der Geiſtliche.„Es iſt ſchon über ein Jahr her. Im Hain vor dem Schloſſe begegnete ich Euch, und zwar in der Geſellſchaft der Frau Gräfin. Entſinnt Ihr Euch nicht?“ Wie hätte Günther ſich des Mannes entſinnen ſollen, dem er damals keinen Blick geſchenkt, da er nur Augen für die holde Frau gehabt, deren plötzliche Er⸗ ſcheinung ihn ſo geblendet hatte, als ſei ſie von lichten Strahlen umfloſſen! Als er jetzt aber daran erinnert ——— 168 wurde, fiel ihm der hagere, etwas gebückte Mann im ſchwarzen Kleide wieder ein, der an der Seite der Gräfin dahergeſchritten war. „Es iſt möglich!“ antwortete er kurz.„Nennt mich aber nicht Graf Schwarzburg, ſo heiße ich nicht“ ſetzte er hinzu.„Iſt der Kaiſer lange auf der Heidecksburg geweſen?“ Das wußte Aquila nicht, noch weniger, was ſich am Tage vor der Ankunft des Kaiſers dort zugetragen hatte. In Saalfeld war das noch nicht bekannt ge⸗ worden, Alba hatte dafür Sorge getragen.„Ihr ſeid wohl auch auf dem Wege nach Rudolſtadt, edler Herr?“ fragte der Geiſtliche.„Werdet viel eher dort anlangen als ich.“ Er gab dabei ſeinem Knecht, welcher bei der Umkehr des Reiters angehalten hatte, ein Zeichen, weiter zu fahren. „Ich gedenke nicht nach Rudolſtadt zu reiten“ ant⸗ wortete Günther, nach der Blankenburger Straße blickend, die ſich vom Dorfe an der Schwarza links hinzog. „Lebt wohl!“ „Einen Augenblick noch!“ bat Aquila und ließ ſeinen Knecht wieder halten.„Kommt Ihr aus Saal⸗ feld?“ „Aus Gräfenthal!“ antwortete der Reiter. Die Erinnerung an Saalfeld, wohin er auf Alba's Befehl 169 in Haft geführt worden war, um des Kaiſers Ankunft und vielleicht eine ſtrenge Strafe zu erwarten, war ihm verhaßt. Er kam heute wirklich aus Gräfenthal, wohin er ſich nach ſeiner Entlaſſung zurückbegeben hatte, um von ſeinen Kriegern, die er nicht weiter führen wollte, Abſchied zu nehmen und ſeine Pferde, welche dort geblieben waren, wiederzuerlangen. „In Saalfeld liegt ein Menſch an ſchwerer Wunde darnieder, den Ihr kennt“, ſagte der Geiſtliche.„Viel⸗ leicht wäre es Euch lieb, ihn nochmals zu ſehen und zu ſprechen. Er heißt Gosmar, gnädiger Herr.“ Günther war betroffen.„Gosmar?“ wiederholte er.„Schwer verwundet? Wie kommt er hieher?“ „Zu viel müßte ich Euch davon erzählen, wozu jetzt nicht Zeit iſt“, verſetzte Aquila. Wenn Ihr nach Saalfeld zurückreiten wollt— ich ſetze voraus, daß es Euch wichtig iſt!— ſo kann ich Euch ſagen, wo Ihr ihn findet.“ Der Reiter bat ihn darum und erhielt genauen Beſcheid. Während dann das Geſchirr des Geiſtlichen weiter fuhr, befahl Günther ſeinem Knechte, mit dem Handpferde in der Schenke des Dorfes einzu⸗ kehren und auf ihn zu warten. Er ritt hierauf nach Saalfeld zurück, wo er nach einigem Fragen das kleine Haus der Wittwe fand. Der Knabe, der ihn zuletzt dahin geführt hatte, mußte die Frau herausrufen; 170 Günther hörte von ihr, daß der Kranke im Sterben liege. Er ſaß ab und trat in die niedere Kammer. Mit leiſen Schritten näherte er ſich dem ärmlichen Lager; das Tageslicht fiel ſchwach durch das halbverklebte kleine Fenſter, kaum war es möglich, die ohnehin ent⸗ ſtellten Züge des Verwundeten zu erkennen. Es war aber Gosmar. Ernſt blickte Günther auf ihn hernieder, die Erinnerung an ſeine Kindheit, wo er an dieſem Un⸗ glücklichen mit aller Wärme einer unverdorbenen Kna⸗ benſeele gehangen hatte, machte ihn traurig. Da war es ihm, als ſchlage der Kranke die Augen auf, er bückte ſich zu ihm hernieder und begegnete wirklich einem ſtarr auf ihn gerichteten Blicke. Sollte er zu Gosmar noch reden, die im Scheiden begriffene Seele noch be⸗ unruhigen? Das war aber nicht das Antlitz eines Sterbenden, wie elend es auch war; Günther hatte in ſeinem Leben zu oft der letzten Stunde eines Abſcheidenden beigewohnt, um nicht deren Zeichen zu kennen. Der Kranke bewegte jetzt die Lippen, er glaubte ſeinen Na⸗ men zu hören und ein Lächeln in den Zügen des Lei⸗ denden zu bemerken.„Kennſt Du mich, Gosmar?“ fragte er ſanft. Gosmar ſuchte ſeine Hand zu erheben, ſie ſank aber kraftlos zurück.„Halte Dich ſtill, Gosmar!“ ſagte Günther, indem er ſeine Rechte auf Gosmar's Arm legte. „Du wirſt wieder geſund werden, ich ſorge für Dich und laſſe wieder nach Dir fragen.“ Er wandte ſich dann zu der Wirthin, welche mit Staunen an ſeiner Seite geſehen hatte, wie der Halbtodte ſich wieder er⸗ holte; ſie folgte dem vornehmen Herrn, der die Kammer verließ, und empfing von ihm den Befehl, Alles zur Pflege des Verwundeten zu thun, wobei er ein reich⸗ liches Geldgeſchenk in ihre Hand legte.„Schafft ihm einen Arzt, wenn einer hier zu haben iſt“ ſchloß er. Sie erwiderte ihm, daß der Kranke nach einer klu⸗ gen Frau verlangt habe, welche drüben auf dem Wald, ein paar Stunden von hier wohne, und daß der Herr Pfarrer ſchon nach ihr geſchickt habe.„Wie heißt die Frau und wo wohnt ſie?“ fragte der Fremde auf⸗ merkſam, und als ihm Mutter Anne aus Horba ge⸗ nannt wurde, ſchien er damit zufrieden und ging hinaus, wo der Knabe ſein Pferd hielt.„Laßt dem Armen nichts abgehen“, ſagte er noch.„Und wenn Mutter Anne herkommt, ſo beſtellt ihr, daß ich bin⸗ nen einiger Zeit bei ihr nachfragen werde, wie es mit dem Verwundeten ſteht. Sie kennt mich. Ihr dürft nur ſagen, daß ich bei ihr geweſen bin, als ſie den da behauſt hat, daran wird ſie es wiſſen.“ ——. — 172 Die Wittwe ſah dem ſchönen Kriegsmanne nach, wie er auf ſeinem ſtolzen Roſſe dahinritt, dann kehrte ſie mit einem tiefen Grauen zu ihrem Pflegling zurück, der offenbar nicht ſterben konnte, weil er gar ſo viele Sünden auf ſeinem Gewiſſen hatte, die ihm ſelbſt die Beichte nicht abgenommen. Günther ritt wieder im Saalthal hinab nach Schwarza, wo ihn ſein Knecht erwartete, dann wandte er ſich auf die Straße nach Blankenburg; rechts in gerader Richtung war der luthe⸗ riſche Prediger nach Rudolſtadt hinabgefahren. Günther ſchaute noch einmal nach den Höhen, welche den Fluß begleiten; dort weiter hin lag das Schloß, deſſen er nie ohne mächtige Bewegung gedacht hatte. Schlug ihm heute das Herz nicht mehr wie ſonſt? Hatte er endlich nach ſchweren Kämpfen überwunden? Was war nun ſein Lebensziel, nachdem er dem Waffendienſt entſagt und die rothe Feldbinde des Hauſes Oeſterreich abgelegt hatte? Noch immer war es ihm Ernſt mit dem Vorſatz, den er bei ſeiner Kniebeugung geſtern noch dem Kaiſer ausgeſprochen, aber er zweifelte doch an der Erfüllung jener Hoffnung, die ſeit ſeiner Auswanderung aus Paulinzelle der Inhalt ſeines Lebens geweſen war: Wiederherſtellung der katholiſchen Kirche in allen deut⸗ ſchen Landen! Was er nach dem vollſtändigen Siege aiſers in Oberdeutſchland erlebt, was er kürzlich 173 in Sachſen, dem Herde des Lutherthums, wahrge nommen hatte, ließ ihn an dem ernſten Willen zweifeln, auch der Kirche zu einem vollſtändigen Siege zu ver helfen. Sein klarer Verſtand, der ſich doch in Mo menten ruhiger Betrachtung über den glühenden Reli gionseifer erhob, ſagte ihm auch, daß es faſt unmöglich ſei, den Proteſtantismus, nun er ſo feſte Wurzeln ge ſchlagen und ſich weit über Deutſchland und in die nordiſchen Reiche verbreitet hatte, auszurotten. In der engen Kloſterzelle hatte Günther's Blick nicht ſo weit gereicht, um das zu erkennen. Der Kaiſer hatte zum Ueberfluß ſein Wort gegeben, in Sachen der Religion nichts zu ändern und nur auf dem Wege des Concils zu verhandeln. Davon hoffte Güther nichts; ſeine Aeußerung vor dem Kaiſer war der letzte Aufſchwung ſeiner Hoffnung geweſen, des Kaiſers kaltes Wort:„Du biſt entlaſſen!“ hatte dieſe vernichtet. Wenn aber Thü ringen nicht der alten Kirche zurückerobert wurde, wenn Paulinzelle auf immer verſchloſſen blieb, ſollte Günther in einem andern Kloſter die Gelübde, die ihm faſt gegen ſeinen Willen gelöſt worden waren, erneuern? Er ſpornte ſein Roß, als er ſich heute dieſe Frage wieder vorlegte. Die Welt und ſeine kriegeriſche Lauf bahn hatten ihn bei geſtählter Thatkraft in manchen Widerſpruch mit ſeinem früher geſteckten Lebensziele 174 geſetzt. Vielleicht konnte er es auf einem andern Wege erreichen, für den Glauben zu wirken auch in der Welt, wie er im letzten Kriege für den Glauben geſtritten hatte. Im Kloſter würde er wohl ſeinem Glauben gelebt, aber doch nur wenig für denſelben gethan haben, das war ihm aber möglich, wenn er in weltlichem An⸗ ſehen, das er ſich wenigſtens im Beſitz verſchaffen konnte, für die Ausbreitung ſeines Glaubens thätig war. Un⸗ beſtimmte Pläne hatten ihn ſchon zuweilen beſchäftigt, wenn er an der Rückkehr nach Paulinzelle zweifelte, er wollte ſie aber erſt reichlich bedenken, wenn er jede Hoffnung dazu aufgeben mußte. Sein nächſtes Ziel war offenes Auftreten in ſeiner Heimat. Er wollte ſich den Verwandten ſeines Vaters, denen er ſich eine Zeit lang ganz verborgen hatte, wieder nähern, ohne irgend ein Recht der Anerkennung, welches ihm das fürſtliche Herkommen verſagte, in Anſpruch zu nehmen er kam mit Ehren geſchmückt und auch der Anlaß, der ihn aus des Kaiſers Dienſt entfernt hatte, konnte ihm nur zur Ehre gereichen. Alle wollte er wiederſehen, die er noch am Leben fand von den Schwarzburgern aus ſeiner Jugendzeit, alle, auch Katharina! Er hatte gut zu machen, was er bei ſeiner letzten Begegnung mit ihr ſich zum Vorwurf rechnete; damals war er ſchlecht auf ſeiner Hut geweſen, ihre unerwartete Erſcheinung im 175 Hain hatte ihn der Selbſtbeherrſchung, auf die er ſo ſtolz war, beraubt. Nun hoffte er ganz anders vor ſie zu treten. Sein heutiger Ritt war zunächſt nach dem Ehrenſtein gerichtet; er hatte ſich in der letzten Zeit viel mit dem Schickſal der Jungfrau beſchäftigt, das in mancher Beziehung dem ſeinigen glich, mehr, als er ſelbſt wußte! Die Erinnerung an ſie war wiederholt in ihm geweckt worden, er hatte ihr ſogar einen Gruß geſandt und ſie geſegnet für ihre Treue zum Glauben. Da er jetzt nach Arnſtadt zu reiten gedachte, wo er den Grafen Günther zu finden hoffte, lag der Ehrenſtein ſo nahe an ſeinem Wege, daß er hinaufreiten wollte, um die treue Tochter ſeiner Kirche wiederzuſehen und ſie in ihrer Feſtigkeit durch ein Wort im Sinne der frühern herzlichen Beziehung zu ſtärken. Er wußte ſie gut aufgehoben für den Augenblick und glaubte auch nicht, daß ſie hier bedrängt werden würde, ihren Glauben im proteſtantiſchen Lande zu verlaſſen, aber ihre Zu⸗ kunft— wenn die greiſen Verwandten ſtarben, war ihre Zukunft geſichert? Er wollte ſich darüber Gewißheit verſchaffen, das hielt er wenigſtens für den einzigen Grund, welcher ihn veranlaßte, ſie auf dem Ehrenſtein aufzuſuchen. Dem alten Valentin, der ihn einſt auf der Kirchenſchwelle wie einen Ausgeſtoßenen getroffen hatte, glaubte er ſich auch in anderer Geſtalt zeigen 176 zu müſſen. Die Hoffnung, welche er einſt an ſeine ſieghafte Heimkehr geknüpft hatte, war freilich in ihrer Glorie faſt erloſchen, aber ſie konnte ja wieder aufleben. Wünſchte er das entſchieden dem allgemeinen Heile nach, wie er es anſah, ſo fühlte er heute zum erſten Male einen räthſelhaften Zweifel in ſeiner Bruſt, ob er die beſondere Rückwirkung auf ſein eigenes Schickſal noch mit derſelben Inbrunſt wünſche wie vor drei Jahren. Konnte er wirklich wieder der Mönch Ambroſius von Paulinzelle werden? Als er das Dörflein im Thale erreicht, wo der Weg nach dem Ehrenſtein von der Straße abgeht, trennte er ſich wiederum von ſeinem Knechte, dem er aber jetzt befahl, nach Arnſtadt vorauszureiten und ihn dort erſt zu erwarten, er werde vielleicht zur Nacht, vielleicht auch erſt morgen kommen. Von Arnſtadt, wenn er den Grafen nicht treffen ſollte, beabſichtigte er nach deſſen Reſidenz Sondershauſen, dann zu den andern beiden noch lebenden Schwarzburgern in Frankenhauſen und Leutenberg und nach dieſen wunderlich kreuzenden Zügen zuletzt nach der Heidecksburg zu reiten, wo er Abſchied zu nehmen gedachte, Abſchied auf immer von der alten Heimat, um ſich in einem andern Lande, das noch feſt katholiſch war, eine neue zu gründen. Katharina wußte jetzt wohl ſchon, daß er hier war, der 177 Geiſtliche, ihr damaliger Begleiter im Hain, mochte es ihr gleich erzählt haben. Aquila war nach Rudolſtadt gekommen, als die Gräfin eben mit ihren Töchtern und dem Fräulein von Rettleben ohne weitere Begleitung ausgefahren war, wohin, konnte man ihm nicht ſagen. Er mußte ſich alſo gedulden, wenn er nicht, ohne ſie geſprochen zu haben, nach Saalfeld zurückkehren wollte. Die Hof⸗ meiſterin, welche ihn gleich nach ſeiner Ankunft empfing, ſagte ihm, daß die Gräfin, wie ſie geäußert, vielleicht erſt ſpät abends heimkehren werde, und war der Mei⸗ nung, daß ſie ganz im Stillen alle Orte ihrer Aemter, welche beſonders vom Durchzuge der Kaiſerlichen ge⸗ litten, mit freigebiger Hand entſchädigen wolle. Aquila fand das ganz in ihrem Geiſte und entſchied ſich, auf ſie zu warten, mochte ſie auch noch ſo lange ausbleiben. Er bat die Hofmeiſterin, ihn ganz ſich ſelbſt zu über⸗ laſſen, da er ſeinen Amtsbruder in der Stadt beſuchen und noch Manches dort beſorgen wolle. Für ſeine gaſtliche Aufnahme im Schloſſe war geſorgt, und die alte Dame, welche ſich mit dem ſtrengen Manne nie recht behaglich fühlte, war ganz zufrieden mit ſeinem Wunſche. Er brachte den Tag, der ihm doch lang wurde, zuletzt im Haine zu, wo ihn die kühlen Schatten zu will⸗ kommener Raſt einluden. Hier wäre ſo recht der Platz Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. III. 12 178 geweſen, die Mittheilungen, welche ihn nach Rudolſtadt geführt hatten, auch dem Fräulein von Rettleben zu machen, und es that ihm leid, daß ſie nicht von der Ausfahrt zurückgeblieben war. Er wurde aber auf dem Ruheplatze, den er ſich ausgewählt, durch ein anderes junges Mädchen aufgeſucht. Es war die Magd aus Paulinzelle, welche er ſchon bei der Gräfin geſehen hatte, die Tochter des voigtländiſchen Müllers. Frau Katharina hatte ſie als ſittſam und treu gerühmt. Sie kam mit ſchnellen Schritten daher, er ſah, daß es ihm galt, und ſie redete ihn auch gleich an.„Ehrwürden, ich ſuche Euch im ganzen Hain!“ rief ſie.„Die Frau Hofmeiſterin hat nach Euch ausgeſchickt; es ſind grau⸗ ſame Nachrichten gekommen. Die Kaiſerlichen ſollen um⸗ kehren, weil im ganzen Lande die Sturmglocken geläutet werden und das Volk gegen ſie zuſammenläuft, wie im Bauernkriege. Wenn doch nur die Frau Gräfin wieder hier wäre!“ Aquila war von der Nachricht betroffen, die ſo gar unglaublich nicht klang. In Saalfeld waren ſchon geſtern Gerüchte von dem bewaffneten Widerſtande des Landvolks auf dem Marſche des kaiſerlichen Heeres eingelaufen; es war doch möglich, daß die eingeſchlagene Richtung aufgegeben worden war, um eine andere zu wählen, wenn auch nicht zum völligen Rückmarſche. 16 Der Superintendent begleitete das Mädchen nach dem Schloſſe und fragte, wer die Nachricht gebracht habe. Sie nannte den Krämer aus Arnſtadt, der es unten im Wirthshauſe erzählt hatte.„Aber der lügt, wie gedruckt“ ſetzte ſie hinzu.„Wer weiß, ob es wahr iſt.“ In der Stadt wie im Schloſſe war aber doch eine große Unruhe verbreitet, und die eben von dem Aus⸗ flug zurückkehrende Gräfin wurde mit der Kunde em⸗ pfangen, zu deren Aufklärung die Hofmeiſterin bereits nach der Stadt hinabgeſchickt hatte, um den Krämer holen zu laſſen. Aquila fand die Gräfin ſehr gefaßt. Auch ſie zweifelte, wie der kriegskundige Pfarrer, daß das Heer des Kaiſers vor zuſammengelaufenen Bauern umkehren werde, wenn es vielleicht auch eine minder ſchwierige Straße einſchlagen mußte, als die über den Wald, die ihm durch Verhaue und andere Hinderniſſe ungangbar gemacht werden konnte. Sollten aber dennoch andere Gründe, vielleicht ungünſtige Nachrichten vom Norden her den Kaiſer zur Umkehr bewogen haben, ſo war doch immer noch ſein Schutzbrief in Kraft, und Katharina hatte für jenen Fall ſchon beſchloſſen, ſich unmittelbar an ihn zu wenden, da er ihre That gegen Alba doch wiſſen mußte und gleichwohl mit Still⸗ ſchweigen übergangen hatte. Aquila beſtärkte ſie im muthigen Ausharren und ſagte ihr dann, daß er ge⸗ 12* — 180 kommen ſei, um ihr in anderer Beziehung Aufklärungen zu bringen. Er konnte ſich in Gegenwart ſo vieler Per⸗ ſonen, welche um die Gräfin verſammelt waren— auch Adelheid Rettleben unter ihnen— nicht näher aus⸗ ſprechen, auch wurde eben der Krämer Kandel gemeldet, der aus der Stadt herbeſchieden war. „Du ſetzeſt das ganze Land in Aufruhr!“ redete ihn die Gräfin ſtreng an.„Berichte der Wahrheit gemäß, was Du weißt und ob Du es von glaubwürdigen Perſonen gehört oder ſelbſt geſehen haſt.“ Ihr ernſter Blick machte den Krämer doch befangen und die Nachrichten, welche er unten im rothen Krebs mit jedem neuen Zuhörer immer ſchrecklicher vorge⸗ tragen hatte, ſchrumpften bedeutend ein. Daß verſchie⸗ dene kleine Anfälle auf dem Walde von ſeiten der Bewohner auf die marſchirenden Truppen gemacht worden waren, daß ſogar ein ſtundenlanger Kampf ſtattgefunden hatte, wußte die Gräfin ſchon; die Nach⸗ richt, daß die ganze Heeresmacht umkehre, war dem Krämer von einem Manne aus Gräfenthal erzählt worden, den er in Saalfeld geſprochen; er ſelbſt hatte einen kaiſerlichen Oberſten, der ſeine Schuldigkeit nicht gegen die Bauern gethan, ſondern ſie, wie es hieß, geſchont hatte, in Ketten zum Richtplatz führen ſehen. Hier richtete ſich Matthias Kandel auf, es galt 181 ſeine Ehre durch einen letzten Schuß ins Schwarze zu retten, vor welchem die ſtolze Frau Gräfin verſtummen mußte. „Eure gräfliche Gnaden kennen ihn auch!“ ſagte er. „In jungen Jahren hat er Wohlthaten bei Euch ge⸗ noſſen. Es iſt Herr Günther von Friedeburg, der nach⸗ her ein Kloſtermönch in Paulinzelle wurde.“ Katharina erbebte, ihr Auge ſuchte unwillkürlich das junge Mädchen, das in einiger Entfernung ſtand und bei den letzten Worten des Krämers tödtlich er⸗ blaßt war.„Du haſt es ſelbſt geſehen—“ fragte die Gräfin und hielt inne, als verſage ihr die Stimme, das Entſetzliche auszuſprechen. „Ja, gräfliche Gnaden!“ verſicherte Kandel, dadurch ermuthigt, mit dreiſter Stirn.„Er iſt jetzt Oberſt ge⸗ weſen im Heere des Kaiſers; der hat ihn für ſeine Schonung der armen Leute zum Tode führen laſſen.“ „Meinſt Du Herrn Günther, den Sohn des Grafen Heinrich von Schwarzburg?“ ergriff jetzt der Super⸗ ntendent von Saalfeld das Wort. „Den meine ich!“ erwiderte Kandel, den Pfarrer dreiſt anblickend.„Ich kenne ihn und habe ihn ſelbſt zum Richtplatz führen ſehen.“ „Nun, dann ſage ich Dir“, ſprach Aguila, ſeine mächtige, klangvolle Stimme erhebend,„Du lügſt! Vor 182 wenig Stunden habe ich ihn frei und frank nach Blan⸗ kenburg reitend geſprochen!“ Eine Bewegung entſtand in der nächſten Umgebung der Gräfin, ſie hörte von der Hofmeiſterin einen Laut des Erſchreckens und ſah, wie dieſe den Arm um Adel⸗ heid ſchlang, welche zuſammenzuſinken ſchien. Ein ſchneller Wink Katharina's und die Frauen führten ſie hülfreich in das Nebenzimmer. Der Krämer ſtand wie zu Boden geſchmettert durch Aquila's Worte, und die Gräfin befahl ihm mit hartem Ton, ſich augenblicklich zu entfernen. — Achtes Kapitel. Gosmar's Beichte. Der Zwiſchenfall ſchaffte dem Pfarrer endlich die Möglichkeit, der Gräfin mitzutheilen, was ihn nach Rudolſtadt geführt hatte. Sie ſprach noch mit tiefer Bewegung zu denen, die ſich um ſie verſammelt hatten. Mehrere verſtanden die Urſache dieſer Bewegung wohl; es war nicht allein die Entrüſtung über die freche Lüge des Krämers, es war der Eindruck, welchen das vermeintliche Schickſal eines Mannes, der ſie ſo nahe anging, auf ſie gemacht hatte. Aber ſie ſprach beruhi⸗ gend zu ihrer Umgebung. Wie ſich die Behauptung, welche Kandel als Augenzeuge vorgebracht, in eine Lüge verkehrt hatte, ſo war es jedenfalls auch mit dem Gerücht von der Umkehr der Kaiſerlichen, und dieſe ſelbſt zugegeben, blieb es doch unwahrſcheinlich, daß ſie —— 184 gerade auf derſelben Straße marſchiren würden, welche ſie ſchon gezogen waren. Als die Gräfin darauf die Verſammelten entließ, war es natürlich, daß ſie den geiſtlichen Herrn aus Saalfeld noch bei ihr zu bleiben bat, man wußte, daß ſie ſich gern mit ihm über Angelegenheiten des allgemeinen Wohls berieth. Sie hatte vorher ſchon über das Befinden des Fräuleins von Rettleben eine beruhigende Meldung bekommen. Es war allen nicht fremd, daß die Arme ſich nicht einer ſo ſtandhaften Geſundheit erfreute, wie ſonſt Thüringer⸗ art war; bei ihrer zarten Natur mußte eine Gemüths⸗ bewegung immer angreifend wirken und ihr Gemüth war heute wohl durch die Schreckensnachrichten des ver⸗ logenen Arnſtädter Krämers ſehr beunruhigt worden. „Setzt Euch zu mir, mein würdiger Freund“, ſprach Katharina, nun auch erſchöpft von der Anſtrengung, mit welcher ſie bis jetzt ihre Faſſung erhalten hatte. „Laßt uns aufrichtig zuſammen reden, verſchweigt mir nichts. Ihr wolltet mir Aufklärungen bringen— ſie hängen doch wohl mit dem zuſammen, was uns eben erzählt worden iſt, da Ihr meinen Vetter geſehen und geſprochen habt?“ „Im Zuſammenhange ſtehen ſie allerdings, wenn auch nicht in unmittelbarſter Beziehung auf die jüngſten Vorgänge“ erwiderte Aquila.„In Saalfeld liegt nämlich 185 ein Menſch tödtlich verwundet, der bei einem Verſuche, zu dem gefa ngenen Landgrafen von Heſſen zu dringen von den Spaniern geſchoſſen worden iſt. Ich wurde zu ihm gerufen und er hat mir, da er zu ſterben ver⸗ meinte, Geſtändniſſe abgelegt, die ich nach ſeinem aus⸗ drücklichen Wunſche allen, die ſie betreffen, mittheilen ſoll, damit ſie ihm zum Heil ſeiner Seele chriſtlich vergeben. Es iſt der Mann, gnädige Gräfin, von dem Ihr ſchon öfter zu mir geſprochen habt: der ehemalige Marſtaller des Grafen Heinrich von Schwarzburg.“ „Gosmar?“ rief Katharina. „Derſelbe! Ich habe Alles, was er mir geſagt hat oder ich ihm weiter abgefragt habe, ſogleich zu Papier gebracht, um keinen Umſtand zu vergeſſen; es iſt eine ſchlimme Verkettung argliſtiger und verwerflicher Thaten. Lollt Ihr, ſo lege ich Eurer Gnaden die Schrift vor, damit Ihr ſie mit Bedacht leſen könnt, um dann dem Fräulein von Rettleben, die es zuletzt am meiſten be⸗ trifft, mitzutheilen, was Ihr für gut haltet.“ „Hat er ihr nach dem Leben geſtanden?“ fragte die Gräfin.„Von der rachſüchtigen Frau gedungen?“ „Nicht zum Morde, gnädige Frau Gräfin. Ihr findet hier Alles“, erwiderte Aquila, indem er ihr ſeine Schrift überreichte. „Das jetzt bedächtig zu leſen, hab' ich nicht Ruhe 186 genug!“ entgegnete Katharina.„Laßt es mir hier. Erzählt mir den Inhalt.“ „Ich will es kurz verſuchen“ antwortete der Geiſt⸗ liche.„Ihr wißt, welchen Dienſt dieſer Gosmar als ein Knabe von zwölf oder vierzehn Jahren ſeinem Herrn erwieſen hat; auch daß er dem Sohn des Grafen, der aus der Ehe mit der Bürgerstochter ent⸗ ſprang, beigegeben war und dieſen, als er heranwuchs, mit Roß und Schwert vertraut machte, wißt Ihr. Nun aber fiel in ſeine Seele der böſe Funke, der ſein ganzes Leben dem Widerſacher überantwortet hat: er faßte eine ſündhafte Neigung zu der Frau ſeines Herrn—“ Katharina entfärbte ſich und ſah den Pfarrer mit Unwillen und Zweifel an. „Ich wiederhole Euch nur ſein eigenes Geſtändniß“, ſprach Aquila weiter.„Die Bürgerstochter ſtand ihm nach ſeiner Meinung an Geburt nicht zu hoch und er faßte die wahnſinnige Hoffnung, daß ſich, wenn ihr Herr ſtürbe und ſie wieder in ihre Niedrigkeit zurück⸗ kehren müßte, für ihn, der ſich als den Urheber ihres Glücks anſah, eine Möglichkeit bieten würde, ſie zu ſeinem Weibe zu machen. Ja, Frau Gräfin, der Thor trug ſich mit dieſer Hoffnung und der böſe Feind gab ihm ſogar das Gelüſt ein, ſeinem Herrn 187 nach dem Leben zu trachten. Das hat er ſich freilich, wie er ſagt, tapfer abgewehrt— Gott gebe, daß es wahr ſei!— aber der Frau hat er ſich doch einmal in ſeiner blinden Leidenſchaft verrathen, und dann iſt er, weil nun ſeines Bleibens dort nicht mehr ſein konnte, heimlich entflohen. Es war kurz vorher, ehe auch in hieſigen Landen die Bauern unſere Lehre von der Erlöſung irdiſch verſtanden und der Aufruhr be⸗ gann. Da ſtürzte ſich der Gosmar auch hinein; wenn Fürſten und Herren den Geringſten gleich gemacht wurden, für ihn war's eine grimmige Luſt! Nach dem üblen Ausgange des Bauernkriegs entrann er der Strafe und trieb ſich dann umher, zog unter dem Frundsberg mit nach Italien und war bei der Er⸗ ſtürmung von Rom. Jetzt, Frau Gräfin, fängt ſeine neue Verſtrickung an. Ihr habt mir von dem goldenen Kamme erzählt, welchen das Fräulein von Rettleben zum Geſchenk von der Landgräfin zu Kaſſel erhalten hat. Dieſer Kamm iſt ein Stück von der unermeßlichen Beute, welche bei der Plünderung Roms gemacht wor⸗ den iſt. Gosmar hat ihn, wie er mir gebeichtet, einer vornehmen Römerin mit frecher Fauſt vom Haupte geriſſen— doch will ich Euer Gnaden mit dieſen Greueln verſchonen, habe ſie auch, als Niemand mehr angehend, nicht aufgeſchrieben. Er iſt nachher umher⸗ 188 gezogen, ſich ſeines gottlos geraubten Gutes in aus⸗ gelaſſenem Leben zu freuen, bis Alles wie gewonnen, ſo zerronnen geweſen. Da hat er ſein letztes Stück, den koſtbaren Kamm, dem Landgrafen von Heſſen, in deſſen Land er grade auf ſeinen Fahrten gekommen war, zum Kauf angeboten. Der Landgraf hat es gekauft und den Mann dazu, weil er ihn als gewitzigt und weit in der Welt bekannt für ſeinen Dienſt gut zu brauchen gemeint. Nun war es in der Zeit, wo die traurige Anfechtung des böſen Feindes über den Fürſten kam. Gosmar iſt dann bei dem jungen Weibe, das nur durch den Trauring zur Buhlſchaft— verzeiht mir, daß ich nicht ſchön thun kann mit gottloſen Dingen, ich will aber nicht weiter davon reden— wollte ſagen, daß Gosmar bei dem jungen Weibe, noch mehr bei ihrer Mutter in beſondere Gunſt kam, ihnen manchen Dienſt erwies und, wie Euch ſchon bekannt, zuletzt aus ſeines Herrn Verſchluß die Urkunden ſtahl, welche die kirchliche Trauung ihrer Tochter mit dem Landgrafen bewieſen. Was ſie damit bezweckt hat, iſt bald genug offenbar worden: die unſelige Doppelehe, welche geheim bleiben ſollte, wurde in ganz Deutſchland bekannt. Es iſt alſo ganz richtig, was der Landgraf damals hergeſchrieben hat, um ſeinen treuloſen Knecht einfangen zu laſſen.“ „Ganz zu verdenken iſt es der Mutter nicht“ ſagte 189 die Gräfin,„daß ſie ihrer Tochter wenigſtens die eine Schmach abnehmen wollte; über die unglückliche That⸗ ſache im Ganzen ſind wir einerlei Meiuung. Was hat Euch Gosmar nun weiter geſtanden?“ „Er iſt lange von jedem Verdacht wegen des Dieb⸗ ſtahls der Documente verſchont geblieben“ fuhr Aquila fort.„Der Landgraf wußte, daß ſie ſich im Beſitz der Frau von Saal befanden, aber nicht, auf welche Weiſe ſie zu denſelben gelangt war, und mag vielleicht Arg⸗ wohn auf ihre Tochter ſelbſt gehabt haben. Indeſſen iſt er wohl zu beſtrickt von dieſer geweſen, um ſie zur Rede zu ſtellen, und wenn er es gethan, wird er von ihr leicht über die ganze Angelegenheit beſchwichtigt worden ſein. Gosmar blieb in Gnaden und wurde von der Diez endlich zum Werkzeug ihres Haſſes gegen das Fräulein von Rettleben, ihre ehemalige Freundin, erkauft. Wir wiſſen, wie dieſer Haß nur aus dem eigenen ſchlechten Gewiſſen entſtanden iſt. Gosmar kannte die Beweggründe nicht, und es iſt ein trauriges Zeichen ſeiner Verworfenheit, daß er ſich zu ſolchen Bubenſtücken gebrauchen ließ. Durch ihn wurde die arge Frau von Allem unterrichtet, was zu Kaſſel vor⸗ ging. Gosmar hatte ſich auch in das Vertrauen des Fräuleins zu ſchleichen verſtanden, als er ihr von ſeinem erſten Dienſt und dem Knaben erzählt, den ſie ſpäter 190 als Mann im Hauſe ihrer Mutter zu Dresden kennrn gelernt hatte, ja, ich will Euer Gnaden auch eine Anſpielung nicht verſchweigen, die er mir gemacht. Er behauptet, daß ſich des Fräuleins Herz—“ „O lieber Herr“ unterbrach ihn Katharina,„ſprecht bloße Anſpielungen dieſes Elenden nicht aus! Er hat Adelheid's Vertrauen ſchändlich betrogen!“ „Jedes Vertrauen!“ ſagte der Geiſtliche.„Ich halte ihn für einen Menſchen, der aus bloßer Luſt an böſen Liſten und Ränken ſein Spiel mit fremdem Wohl oder Weh und mit dem Heil ſeiner eigenen Seele getrieben hat. Er diente Freund und Feind, wie im Kriege ein von beiden Theilen bezahlter Späher. Der Landgräfin hatte er ſich ſchon früher als ein belobter Knecht ihres Herrn werth gemacht, ſie gebrauchte ſeine Dienſte, um die heimliche Entfernung ihres Fräuleins möglich zu machen, und ahnte nicht, daß er den Plan ſogleich der Diez verrathen würde. Die trug ihm denn auf, mit dem Fräulein zu gehen und ſie eines Stückes zu be⸗ rauben, das ſie in ihrem blinden Aberglauben für einen Liebeszauber hielt. Da habt Ihr nun den Auf⸗ ſchluß über ſein letztes Thun. Ich meine den beſagten goldenen Kamm. Die Landgräfin hatte ihn, wie mir der Gosmar geſagt, bei der Geburt ihres erſten Sohnes von ihrem Gemahl zum Geſchenk erhalten und nach 191 längern Jahren wieder verſchenkt an ihr Fräulein. Der Landgraf hatte das unwillig ſeiner Buhle erzählt und dieſe war ſeidem bemüht geweſen, das Kleinod an ſich zu bringen, weil ihr Gosmar geſagt, daß er in Italien von deſſen Zauberkraft gehört habe. Eine wilde Eiferſucht war über ſie gekommen in der Furcht, daß ſich des Landgrafen Herz dadurch dem Fräulein zuwenden könne, und Gosmar hat ſeine teufliſche Luſt gehabt, ſie darin zu beſtärken. Er ſelbſt glaubte es auch, doch will ich Eure Gnaden nicht mit ſeinen giftigen Vermuthungen behelligen. Der Landgraf hat in ſeinem Leben genugſam bewieſen, daß es keiner Zauberkräfte bedarf, um ihn zu verlocken— ich ſchweige aber, Frau Gräfin. Nur daran erinnern will ich Eure Gnaden, wie auch dem Fürſten an der Entdeckung des Fräuleins gar viel gelegen war und er noch von Arn⸗ ſtadt aus ſich perſönlich darum bemühte—“ „Bleibt beim Gosmar!“ bat die Gräfin. „Ich werde gleich zu Ende ſein“, erwiderte er. „Gosmar hat mir geſtanden, daß er das Fräulein auf der Reiſe wirklich beraubt habe, daß er aber nicht nach Kaſſel zurückkehren gewollt, weil er ſich allzuſehr dort verwickelt, daß er darum mit andern Dingen auch den goldenen Kamm verkauft habe. Nachher, auf ſeinem Wege nach Sachſen, wo er gute Kundſchaft von früher 192 gehabt, iſt er plötzlich in Blankenburg gefangen worden, aber auf dem Transport entſprungen; er wußte noch jetzt nicht, wie der Landgraf ſeine Spur erfahren hat. Er glaubt aber auch, daß es durch die Diez geſchehen, der er geſagt hat, daß er ſich im Schwarzburgiſchen, wo er daheim, wohl am beſten eine Weile verſtecken könne, bis der Zorn ſeines Herrn über die heimliche Flucht verraucht ſei. Von dem eigentlichen Grunde ſeiner Verfolgung, daß der Landgraf nämlich ſeinen Uurkundenraub endlich erfahren, wußte er nichts, ich habe ihm auch keine Kenntniß davon gegeben. Er hat ſich dann wieder nach Heſſen gewagt, als der Landgraf zu Felde gelegen; was er inzwiſchen getrieben, kann uns gleichgültig ſein. Bei der Diez hat er aber keine gute Aufnahme gefunden; die hat ihm Falſchheit vor⸗ geworfen und ihn, wie er behauptet, verderben wollen, da er ihr das Kleinod, an welchem ihr Alles gelegen, nicht gebracht hat. Wer kann ſich in dieſem Labyrinth zurecht finden? Das aber hat er klar ausgeſprochen, daß er ſich endlich doch wieder von der Diez erkaufen laſſen, ihr um jeden Preis den Goldkamm von dem Fräulein, deſſen Aufenthalt bekannt worden, zu ſchaffen, daß er in landgräflicher Liverei, die er ſich dreiſt zu⸗ gelegt, hieher gekommen und Alles verſucht hat, dem Fräulein nahe zu kommen und ihm unter Androhung 193 des Todes das Kleinod abzutrotzen, daß er wirklich den Hund vergiftet, der ihm den Zugang erſchwert hat, und daß er zuletzt mittels jener Strickleiter, die die Diez zu ſolchem Zweck aus ihres Herrn Raritäten entnommen, ſogar einen nächtlichen Ueberfall verſucht hat, von welchem ihn nach ſeiner Ausſage nur ein plötzliches Grauen verſcheucht, das ihn überkommen und gleichſam aller Kraft beraubt hat. Ich nenne das ein göttliches Wunder in ſeinem Gewiſſen! Ob er dies ſein beladenes Gewiſſen durch ein volles Geſtändniß gegen mich erleichtert hat, weiß ich nicht; ich zweifle daran, denn er verwirrte ſich mehr als einmal und kam ſogar auf eine Beſchuldigung, die man ihm auf gebürdet, er habe die Landgräfin zum Vortheil der Andern aus dem Wege räumen wollen! Vielleicht ſteht er jetzt ſchon vor dem höchſten Richter, dem keine Falte des Herzens verborgen iſt. Das Schickſal hat ihn zuletzt ereilt, als er dem Landgrafen in ſeiner Haft eine Bot ſchaft von der Diez hat bringen wollen. Bei dem Fürſten iſt ein junger Edelmann, den er noch vor der Mühlberger Schlacht mit einer Botſchaft an den Kur fürſten geſchickt hatte; dieſer war auf der Rückkehr von den Kaiſerlichen gefangen und ſpäter, als der Landgraf ſelbſt verhaftet war, demſelben beigegeben worden. Gosmar hatte jenen Ritt mit ihm gemacht, war aber Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. 1I 13 194 pei dem Ueberfall entkommen und bei den Sachſen bis nach der gänzlichen Zerſprengung derſelben geblieben. Dann hatte er hier noch zum letzten Male ſein Glück verſucht, um endlich den Preis ſeiner böſen Anſchläge mit heimzubringen; nachdem ihm das mißrathen war, hatte er ſich erboten, dem Landgrafen wenigſtens eine mündliche Botſchaft, wie es daheim ſtehe, zu bringen, wozu ihm der Junker Schenk von Schweinsberg, ſo heißt der Gefangene, die Hand bieten ſollen. Dabei iſt er dann niedergeſchoſſen worden.“ Es blieb der Gräfin noch Manches unerklärt, aber ſie begnügte ſich mit der Gewißheit, daß Adelheid nun vor Verfolgung einſtweilen ſicher ſei. Ihre Gedanken richteten ſich dadurch wieder auf Adelheid's Zukunft. Der heutige Vorfall bei der Lüge des Krämers und deren unmittelbar folgenden Widerlegung, die Anſpie⸗ lung Gosmar's, die ſie nicht hatte ganz ausſprechen laſſen, weil ſie darin eine Entweihung ſah, Alles trug dazu bei, die Hoffnung auf eine gewünſchte Möglichkeit in ihr zu beſtärken, und ſie fragte Aquila nach den nähern Umſtänden ſeiner Begegnung mit ihrem Vetter. Nur ſein Bericht über Gosmar hatte bis jetzt ſie davon abgezogen. Er erzählte ihr, wie er den Reiter, der ihn auf der Landſtraße angeredet, alsbald wiederer⸗ kannt und ihm Beſcheid über die Anweſenheit des 195 Kaiſers auf der Heidecksburg und dann über Gosmar gegeben habe, worauf Herr Günther nach Saalfeld zurückgeritten ſei; den Namen eines Grafen Schwarz⸗ burg, mit welchem er angeſprochen worden, habe er jedoch abgelehnt. Die Gräfin erwiderte darauf etwas zerſtreut, daß er ſich im Heere des Kaiſers Günther vom Walde genannt habe und daß er dieſen Namen, wie ſie durch ihren Neffen gehört, für immer beizu⸗ behalten gedenke. Sie beendigte damit die Unterredung und ging ſelbſt, ſich zu überzeugen, ob Adelheid nach dem plötzlichen Wechſel von jähem Todesſchreck zu glück⸗ licher Botſchaft, der ſie erſchüttert hatte, auch geiſtig wieder erſtarkt ſei. Aquila hatte ſich ſchon verabſchiedet und fuhr gegen Abend nach Hauſe, wo man ihm ſagte, daß der Verwundete, zu dem er geſtern gerufen worden, noch immer am Leben ſei und Mutter Anne aus Horba, die richtig angekommen, ihn gewiß noch kuriren werde; er müſſe ein wahres Katzenleben haben nach der Aus⸗ ſage ſeiner Wirthin, die ihn ſchon dreimal für todt gehalten. Der Pfarrer begnügte ſich für heute damit. Als er jedoch am andern Morgen ſelbſt nachfragen wollte, kam ihm an der Thür der kleinen Hütte die Wittwe mit der Nachricht entgegen, daß der Unglück⸗ liche nun doch in der Nacht geſtorben ſei— ach, ſo chwer! Mutter Anne habe viel mit ihm geſprochen 13* 196 und gebetet, da ſei er endlich ſtill geworden. Aquila wollte die Kräuterfrau noch befragen, die war aber am frühen Morgen ſchon fortgegangen. Sie hatte auf das Geheiß des Sterbenden noch etwas aus ſeinem Wams nehmen müſſen, ein feines Täſchlein, wie die Wittwe geſehen, aber gehört hatte ſie nicht, was der Kranke dazu geſagt, denn Mutter Anne hatte ihr Ohr zu ſeinem Munde herniederneigen müſſen, damit er ganz leiſe zu ihr ſprechen könne. Verſtocktheit bis in die Sterbeſtunde hinein! dachte der Geiſtliche. Er traf hierauf Anſtalt, daß der armen Wittwe die weitern Sorgen für den Geſtorbenen abgenommen würden. Sie erzählte ihm noch von dem ſchönen vornehmen Herrn, der geſtern den Mann auf ſeinem Schmerzenslager beſucht habe, ohne noch mit ihm ſprechen zu können; Aquila hörte auch, daß der Fremde für Mutter Anne eine Beſtellung hinterlaſſen, dieſe aber keiner Frage über ihn Rede geſtanden habe. Er rieth der Wittwe, über den Todten mit all ſeinen Angelegenheiten zu ſchweigen. Ihn ſelbſt aber beſchäftigten dieſe mehr, als er ſich zugab, und ſeine Anweſenheit in Rudolſtadt hatte dazu beigetragen. Wem gehörte das feine geſtickte Täſchlein, dus der Sterbende noch mit irgend einem geheimen Auftrag der Kräuterfrau übergeben hatte? Der Ge⸗ danke lag nahe, daß es noch ein Stück von dem Raube 197 ſei, den er an der Jungfrau begangen, zu deren Schutz er beſtellt geweſen war. Sollte es ihr zurückgegeben werden? Oder welche Beſtimmung hatte es ſonſt? Nicht Adelheid, ſondern dem Lieblinge ſeiner jungen und beſſern Tage, der ihm noch in der letzten Stunde wie ein Traumbild erſchienen war, hatte Gosmar dies ſein theuerſtes Pfand beſtimmt, und Anne trug es heim, bis ſie es würde abgeben können. Sie mußte aber viele Tage darauf warten. Unterdeſſen beſuchte ſie ihr Vetter Kandel einmal. Er ſah elend und niederge⸗ ſchlagen aus und erklärte auf Befragen, daß er das Umherlaufen im Lande doch nicht mehr aushalten könne, er werde ſeinen Handel aufgeben und ſich in Arnſtadt zur Ruhe ſetzen. Dabei ſeufzte er recht beweglich und ſagte:„Wenn ich mir wenigſtens eine liebe Frau ins Haus hätte führen können! Aber der Müller hat mir's nun rund heraus geſagt, daß nichts daraus werden könnte; die Lieſel möchte mich nicht und die Gräfin ließe ſie nicht fort.“ „Schlag' Dir's aus dem Sinn und nimm Dir in Arnſtadt eine Andere; eine alte Jungfer kriegſt Du immer noch, eine Junge paßt nicht für Dich. Biſt Du noch einmal oben geweſen?“ „Beileibe!“ rief der Krämer.„Da geh' ich nicht mehr hin. Seit die Gräfin den Alba hat durch die 198 Spieße jagen wollen, iſt nicht gut Kirſchen eſſen mit ihr. Auch ſitzt immer der Pfaff aus Saalfeld oben, der macht ſie noch ſtrenger. Gib Acht, Muhme, das gibt noch ein Unglück, wenn der Kaiſer doch wieder Alles zum Alten zurückbringt. Der Pfaff wird die Gräfin aufhetzen, die ſo ſchon eine hartnäckige Luthera— nerin iſt, und wenn's heißen wird: Meſſe und Papſt, wird ſie's nicht dulden wollen und dem Land die Exe cution auf den Hals ziehen!“ „Du freilich gehſt heut in die Predigt, morgen in die Meſſe und übermorgen in die Judenſchule, wie's grade Profit gibt!“ erwiderte die Kräuterfrau.„Weißt Du, daß der Gosmar todt iſt?“ Was hätte Kandel nicht wiſſen ſollen! Er erzählte gleich Dinge von Gosmar, welche von Mutter Anne wenigſtens zur Hälfte widerlegt werden konnten; ſie ließ ſich aber nicht darauf ein, ſondern fragte ihn, ob er gar nichts von dem Friedeburg gehört habe, wie ſie ihn immer noch nannte. Kandel wurde durch dieſe Frage, die ihn allzu lebhaft an ſeinen nie zu verwin⸗ denden Schiffbruch auf dem Rudolſtädter Schloſſe erinnerte, in Verlegenheit geſetzt; er wollte ſich durch eine neue Lüge heraushelfen, fing aber an zu ſtottern und geſtand endlich, vielleicht zum erſten Male, daß er nichts wiſſe. Seine Muhme hielt ihn nicht auf, als 199 er gleich darauf ſeinen Kaſten wieder auflud, um ihn, wie er ſagte, nach Hauſe zu ſchleppen und dann nicht wieder auf den Rücken zu nehmen.„Frau von Bieſe⸗ rodt fragte mich nämlich auch nach dem ſchönen kaiſer lichen Hauptmann, von dem ſie in Arnſtadt bei unſerm Herrn Grafen viel Heldenthaten gehört hat“ ſagte Kandel noch beim Abſchiede, als falle ihm erſt jetzt Manches ein.„Im Lande iſt er und hat des Kaiſers Dienſt quittirt. Am Ende fängt ſich die Bieſerodt, nun ſie ſeit Jahr und Tag Wittwe geworden iſt, den geweſenen Pater doch noch ein, wenigſtens als Beicht vater, wenn Paulinzelle wieder als Kloſter herge⸗ ſtellt wird.“ Mutter Anne ſchalt ihn wegen ſeiner frechen Reden und warf die Thür hinter ihm zu, als er, von ſeinem reumüthigen Anfall geheilt, lachend hinwegging. Im Lande war Günther, das wußte die alte Frau; wenn ſie ihn auch nur zu finden gewußt hätte, um ihm das anvertraute Pfand des ſterbenden Gosmar zu übergeben. Er kam vielleicht gar nicht mehr zu ihr, wenn er gehört hatte, daß Gosmar geſtorben ſei, nach dem er doch nur bei ihr hatte fragen wollen; mit ihr hatte er ja nichts weiter zu ſchaffen. Sie ſetzte ſich nun eine Friſt, wie lange ſie noch auf ihn warten wollte; wenn er bis dahin nicht kam, mußte ſie das 200 Täſchlein loszuwerden ſuchen, denn ſie war alt und konnte ſterben, dann konnte es in andere Hände fallen und Günther es vielleicht gar nicht bekommen. Am beſten war es ſchon, wenn ſie es der Gräfin von Ru⸗ dolſtadt übergab, die wußte ihn gewiß zu finden. Günther hatte, wie er ſich vorgenommen, den Ehren⸗ ſtein beſucht, wo er, als er ſich zu erkennen gegeben, die freundlichſte Anfnahme gefunden hatte. Was ihn dahin geführt, der Wunſch, Adelheid Rettleben wieder⸗ zuſehen und zu ſprechen, war zwar nicht erfüllt wor⸗ den, er hatte aber gehört, wo ſie jetzt weile, und von Frau Margarethe, die ihn in der Erinnerung alter Zeiten beſonders liebreich behandelte, auch Manches über die Verfolgung vernommen, welcher Adelheid aus⸗ geſetzt war; er ſelbſt hatte ſie danach fragen wollen, da ihm Hans von Fehde ſo viel davon erzählt hatte. Es war der Grund ſeines Beſuchs, wie er offen er⸗ klärte. Der alte Valentin, trotz ſeines lahmen Beins voll unverwüſtlicher Heiterkeit, hatte ihm darauf den Vers geſungen: Gut Gſell, du ſollt mich recht verſtahn, Und wie du mich wilt, ſo ſollt du mich han In einem Roſengarten. Doch war er von ſeiner Frau mit einem ſanften Vorwurf unterbrochen worden. Daß Gosmar tödtlich 201 verwundet in Saalfeld lag, wie Günther erzählt, hatte auf die beiden alten Leute einen ſehr verſchiedenen Eindruck gemacht. Valentin war damit nicht unzufrie den geweſen und hatte das Mitleid ſeiner Frau nicht begriffen. Vom Ehrenſtein herniederreitend war Gün⸗ ther unſchlüſſig geworden, ob er jetzt nicht doch zuerſt nach Rudolſtadt, wohin es ihn immer ſtärker zog, reiten ſolle, aber er hatte dieſen Gedanken als eine Schwäche verworfen und ſich, wie vorher beſchloſſen, nach Arnſtadt gewendet und von dort, da er den Gra— fen nicht mehr getroffen, nach Sondershauſen. Auch hier war er freundlich empfangen worden, beſonders von der Gräfin Eliſabeth, die ihn trotz ſeiner Zurück— haltung als lieben Verwandten behandelte und den ihm durch kaiſerliches Diplom verbrieften Namen Günther vom Walde gar nicht für den, der ihm recht mäßig zukam, gelten laſſen wollte. Die Mittheilungen ihres Sohnes aus dem Feldlager hatten ſie längſt für den Vetter eingenommen und ihr herzgewinnendes mütterliches Weſen feſſelte Günther, dem ſolches un endlich wohl that, länger in Sondershauſen, als er gewollt hatte. Nach ſeiner Abreiſe war die gütige Fürſtin nur damit unzufrieden, daß er über ſeine Pläne für die Zukunft ein tiefes Schweigen beob achtet hatte. Neuntes Kapitel. Glück und Frieden. Die Zukunft! Jeder Tag belehrt uns, wie thöricht es iſt, weit in die Zukunft greifende Pläne zu faſſen; es kommt doch Alles anders, als der klügſte Geiſt denkt, ein Augenblick geſtaltet oft ein ganzes Menſchen⸗ ſchickſal um. Günther vom Walde hatte wohl auch ſeiner Zukunft ein feſtes Ziel zu ſetzen vermeint, als er einſt aus Paulinzelle gezogen; noch jüngſt war es ihm Ernſt damit geweſen, als er vor dem Kaiſer zu Saalfeld ſein Knie gebeugt hatte, aber jetzt war dies Ziel ihm verdunkelt und nur in unbeſtimmten Umriſ⸗ ſen ſchwebten ihm andere Ziele vor, die er künftig ver⸗ folgen könne. Eins nur ſtand ihm noch feſt, daß er in ſeiner thüringiſchen Heimat nicht bleiben könne, 203 wenigſtens in dem Lande nicht, wo er geboren war. Abſchied hatte er im Geiſte überall genommen, wo er jetzt ſich gezeigt hatte; den letzten Abſchied, den ſchwerſten, wollte er heute nehmen. So ſchön und herrlich war das Thal ſeiner heimi— ſchen Saale, ſo entzückend der Blick über das Land und den Wald, von dem er zum ewigen Andenken den Namen als ſeinen eigenen mit in die Ferne nehmen wollte! Er ſtieg vom Pferde und übergab es ſeinem Diener; unangemeldet, womöglich unbemerkt wollte er die Stätte wieder betreten, welche ihm einſt ſo ver⸗ hängnißvoll geworden war; heute konnte er es mit ge— läuterten Gefühlen. Dennoch ſchlug ihm das Herz immer mächtiger und eine räthſelhafte Scheu vor neuer und ſtrenger Selbſtprüfung bemächtigte ſich ſeiner. Am Schloßthore wurde er nun doch bemerkt und mußte ſich anmelden laſſen. Als er dann mit dem Edelknaben, der ihn führte, die Thür des Empfangzimmers er⸗ reichte, trat ihm, daſſelbe eben verlaſſend, ein holdes Mädchenpaar entgegen, das, ſeine Verneigung mit freund⸗ lichem Blick erwidernd, an ihm vorübereilte. Es waren die Töchter Katharina's. Sie hätten ihn wiedererkannt, auch ohne daß ſie ſeine Ankunft gewußt, den Schläfer im Haine, den ſie einſt belauſcht hatten, als er im ſüßen Schlummer von ſeiner Mutter geträumt. Wie 204 ſtattlich ſah er jetzt aus, Herr Günther vom Walde, der wirklich ihr Vetter war; ſie freuten ſich, ihn heute näher kennen zu lernen, wenn erſt die Mutter mit ihm geſprochen haben würde. Auf ihren Wunſch hatten ſie das Zimmer verlaſſen, als er ſich an⸗ melden ließ. Katharina war nicht allein, als ſie Günther empfing; er ſah eine ältere Frau neben ihr ſtehen, was nur die Hofmeiſterin ſein konnte, deren er ſich auch noch aus frühern Zeiten erinnerte. So wurde es ihm leicht, ſeine Haltung, die er einen Moment ſchon ſchwanken fühlte, zu bewahren, und die Gräfin war glücklich darüber. Sie ſprach ihn gleich ſo herzlich an, ſo un⸗ befangen zugleich, daß ſie ihm auch dadurch zu Hülfe kam und er in vollkommener Faſſung ſie begrüßen konnte. Die Hofmeiſterin, welche ihn ſeit ſeinem Schei⸗ den vor ſiebzehn Jahren nicht wiedergeſehen hatte, bewillkommte ihn auch und freute ſich im Stillen ſeiner männlichen Erſcheinung. Wie vortheilhaft hatten das Leben, die Freiheit, der Kampf auf ihn gewirkt! In der Kloſterzelle wäre der bleiche Mönch vielleicht nicht mehr unter den Lebenden. Von dieſer Zeit war in dem Geſpräch, das nun ungezwungen floß, mit keiner Silbe die Rede; möchte er ſie ſelbſt nur ganz vergeſſen können! Dagegen fragte die Gräfin, nachdem ſie von 205 ſeinem Kriegsleben viel geſprochen, nach den Vorfällen, die ihn bewogen hatten, daſſelbe aufzugeben, und ihre Augen ſtrahlten von Anerkennung, als er einfach die Thatſachen erzählte, jedes Verdienſt einer ſo natür⸗ lichen Handlung von ſich abweiſend. Immer noch wartete ſie aber vergebens, daß er nach Adelheid Rett⸗ leben fragen werde, welche er doch hatte grüßen laſſen, von der er wiſſen mußte, daß ſie hier war. Ihr feines weibliches Gefühl glaubte in dieſem Schweigen Abſicht⸗ lichkeit zu erkennen und ſie mußte ihm ſelbſt überlaſſen, daſſelbe zu brechen. Endlich fragte er nun doch nach Adelheid und erklärte zugleich ſeinen Grund, als fürchte er, mißverſtanden zu werden. Die Gräfin antwortete ihm ruhig, daß Adelheid noch hier ſei und den Freund, der ihrer gedacht, gern wiederſehen werde; ſie bat die Hofmeiſterin, das Fräulein von der Ankunft deſſel⸗ ben in Kenntniß ſetzen zu laſſen, und fragte Günther, während die alte Dame das beſtellte, ob er ſchon ge⸗ hört habe, daß der ehemalige Marſtaller ſeines Vaters an ſeiner Wunde geſtorben ſei. Günther wußte es noch nicht. Er hatte längſt von Gosmar ſich losgeſagt, aber die Nachricht ſeines Todes that ihm doch leid; er hätte noch Manches von ihm ergründen mögen. Die zurückkehrende Hofmeiſterin unterbrach die Mitthei lungen nicht, welche die Gräfin ihrem Vetter über den 2 06 Verſtorbenen machte, aber er erfuhr nicht Alles, was ihr Aquila geſagt und in der Schrift, die er ihr zurückgelaſſen, niedergelegt hatte. Erſt als ſie geendigt, meldete die Hofmeiſterin, daß Fräulein von Rettleben mit den jungen Gräfinnen in den Hain gegangen ſei. Katharina bat Günther nun, ſich auf der Heidecksburg wie ſonſt wieder heimiſch zu machen, ſolange es ihm gefalle; es war ſchon Befehl gegeben, für ſeine Auf⸗ nahme auf längere Zeit zu ſorgen, und er fand in den Zimmern, die ihm angewieſen wurden, gar Vieles, das ihn an die alten Tage erinnerte. Gedachte er aber die gaſtliche Einladung auf lange anzunehmen? Was hätte ihn dazu bewegen können? Im Hain war Adelheid, die Töchter Katharina's hatten ſie begleitet— gerade deshalb wollte Günther ſie dort aufſuchen. Er konnte ihr in Gegenwart der Mäd⸗ chen Alles ſagen, ſo wähnte er, was er ihr zu ſagen hatte. Sie verleugnete ihren katholiſchen Glauben ſo wenig als er, deſſen war er ſicher, darum durfte er auch ungeſcheut mit ihr davon ſprechen, wie er einſt in dem Hauſe zu Dresden, wo er ſie kennen gelernt, über die höchſten und heiligſten Dinge in ſeltener Uebereinſtimmung mit der Jungfrau geſprochen hatte. Fragen, die ihm ſonſt über ihre Schickſale zu Kaſſel am Herzen lagen und neuerdings auf dem Ehrenſtein 207 wie heute durch Katharina's Mittheilungen über Gos⸗ mar's Geſtändniſſe geweckt worden waren, mußte er dann auf eine ſpätere Gelegenheit verſchieben, die ſich auch während eines noch ſo kurzen Aufenthalts zu ganz vertrautem Ausſprechen finden konnte. Mit dieſen Ge⸗ danken betrat er den Hain, und das Herz wallte ihm auf, als er nach kurzer Wanderung ein Frauengewand durch das Gebüſch zu erkennen glaubte. Ueberraſchen wollte er Adelheid nicht; ſie wußte durch die Mädchen, welche ihn im Vorzimmer geſehen hatten, um ſein Hierſein; er ſchritt alſo unbeſorgt in pfadloſer Rich⸗ tung durch das dichte Laubholz, um ihr zu begegnen. Da ſtand ſie vor ihm— ganz allein! In dieſem Moment achtete er nicht darauf, ob die Mädchen bei ihr waren, er wurde nur durch Adelheid's Anblick be⸗ troffen. Wie fand er ſie verändert! Schöner, verklärt wie eine Heilige, aber ſo bleich, ſo leidensvoll ihre Züge! Plötzlich überflutete eine liebliche Roſenglut ihr ganzes Antlitz bis über die hohe Stirn hinauf— ſie hatte ihn erkannt. Er nahte ihr und reichte ihr die Hand, welche ſie, wenn auch etwas zögernd, nahm, ihr dunkles Auge vermied das ſeinige nicht; in dieſem Blicke ſtrahlte die ſchwärmeriſche Glut wieder, welche einſt in der gleichen Begeiſterung für ihren Glauben ſie vereinigt hatte. Aber ſchon ſtrömte die raſche Flut, 208 welche ihre Wangen einen Moment roſig gefärbt, zum Herzen zurück und ſie wurde bleicher als zuvor, während ihre leuchtenden Augenſterne hinter den tief geſenkten weißen Lidern verſchwanden und die zitternde Hand ſich ſanft Günther entzog. „Seid mir von Herzen gegrüßt!“ ſprach er erſt jetzt.„Ihr habt Euch unter Gefahren und Verfolgung bewährt; bleibt unſerer hochheiligen Kirche auch ferner treu, Adelheid!“ „Ich habe es Euch gelobt, Günther!“ antwortete ſie mit leiſer, bebender Stimme. „Nicht mir Adelheid, dem Herrn und der hei⸗ ligen Jungfrau!“ entgegnete er ſanft.„Ich weiß, Ihr werdet Euer Gelöbniß halten in dem Lande, das unſere Kirche verloren hat, ſelbſt wenn Euch eine noch ſchwerere Verſuchung nahen ſollte.“ Er dachte an den Bewerber, der ihn ſelbſt noch im letzten Augen⸗ blicke, als ſie ſich an der Elbbrücke getrennt, um ſeine Vermittelung gebeten hatte. Auf dem Ehrenſtein war ihm zwar eine Beruhigung darüber gegeben worden, in Wahrheit für ihn eine ſolche, da er, wenn Adelheid ſich zu der Verbindung bewegen ließ, die ſchwerſten Gewiſſenskämpfe für ſie vorausſah, die Möglich⸗ keit aber, daß ſie durch eine ſo ſtandhafte Liebe endlich doch gewonnen werden könne, beunruhigte ihn 209 von neuem, als er Adelheid wiederſah, und er hätte ſie gern offen gefragt. Sie ahnte nicht, was er meinte. Noch einmal hob ſie ihr Auge zu ihm auf und ſagte mit Zuverſicht: „Durch eigene Kraft kann ich es nimmer, aber Gott wird mir dazu helfen!“ Er wollte ihr noch mehr ſagen— von Selbſttäu⸗ ſchung befangen über die Natur des Gefühls, das mehr und mehr in ihm erſtarkt war, glaubte er wie ein Bruder und Freund zu Adelheid reden zu können— aber ſchon war der Moment vorüber. Eine helle Mädchen⸗ ſtimme rief Adelheid's Namen und im Gebüſch rauſch⸗ ten die Zweige von nahenden Schritten. Erröthend wiederum und tiefer als zuvor, gab Adelheid Antwort und ſagte flüchtig zu Günther:„Wir ſuchten Blumen — haben uns eben getrennt— es ſind die Töchter der Gräfin.“ Sie waren ſchon lachend und ſcherzend ganz nahe, verſtummten aber, als ſie bei Adelheid den Frem den ſahen. „Verzeiht, wenn ich Euch erſchreckt habe!“ ſagte Günther, ihnen mit freiem und wohlwollendem Blick entgegentretend.„Von der Frau Mutter wißt Ihr wohl ſchon, daß ich hier kein Fremder bin. In Eurem Gedächtniß, Fräulein Amalie, kann ich freilich ſeit ſo langer Zeit nicht mehr leben.“ In ſeinen Zügen machte Vernd von Guſeck Katharina von Schwarzburg. III. 14 210 ſich plötzlich eine tiefe Bewegung ſichtbar, wie er bei dieſen Worten ſein Auge auf die älteſte der Schweſtern richtete; es war der Gedanke, daß ihn einſt das ſüße Lächeln eines Kindes vor einer grauenhaften That bewahrt hatte. Sie waren beide befangen, die holden Mädchen. An freies Geſpräch mit Männern nicht gewöhnt, wurde Amalie, die älteſte, durch den räthſelhaften auf ſie ge⸗ richteten Blick des Fremden, von dem ſie doch wußte, daß er eigentlich ihr Oheim war, noch mehr in Ver⸗ legenheit geſetzt, aber ſie antwortete ihm freundlich und auf dem Rückwege nach dem Schloſſe, den ſie nun an⸗ traten, gewann ſie bald Vertrauen genug, um ihm ſagen zu können, daß ſie ihn ſchon einmal im Hain geſehen habe— feſt eingeſchlafen! Welche zweite Er⸗ innerung weckte ſie dadurch in ihm! Aber keine Gefahr mehr! Auch die jüngere Schweſter, die noch ganz Kind war, kaum dreizehn Jahre alt, fand nun den Muth, mitzuſprechen; nur Adelheid ging ſchweigend, mit geſenkten Augen an Günther's Seite, und er hätte nach den ernſten Worten, welche beide vorher gewechſelt, jedes leichtere, wie es jetzt nur möglich war, für eine Kränkung gehalten. Mit ihr das unterbrochene Geſpräch fortzuſetzen und den Freundſchaftsbund im heiligſten Einverſtändniß neu und feſt zu ſchließen, 211 glaubte er noch während ſeines Aufenthalts Gelegen⸗ heit zu finden. Dieſe wurde ihm aber nicht zu Theil. Die Gräfin Katharina hätte es mit ihrer Frauenwürde unvereinbar gefunden, ihm eine ſolche zu bieten, auch wenn Adelheid nicht jeden Anlaß dazu ſtreng vermieden hätte. Dieſe erſchien ſogar weniger im Saal zu der gewohnten Stunde, wo die Frauen ſich um die Gräfin verſammel— ten, der einzigen, in welcher die Sitte den Herren im oſſe den Zutritt und eine Unterhaltung mit den Damen geſtattete. Auch mit den jungen Gräfinnen, denen es die Mutter zuweilen erlaubte, luſtwandelte ſie jetzt nicht mehr im Hain. Günther hatte anfangs eine wachſende Ungeduld darüber gefühlt, aber dieſe doch endlich bezwungen; bedurfte es denn nach den ſchönen Worten ihrer Zuverſicht eines neuen Bundes zwiſchen ihnen? Er faßte einen ſchnellen Entſchluß und nahm eines Abends, als Adelheid nicht bei der Gräfin erſchienen war, Abſchied, um Rudolſtadt am Morgen zu verlaſſen. Katharina war überraſcht, doch hielt ſie ihn nicht zurück, ſondern bat ihn nur mit einem freundlichen Blicke ihrer ſeelenvollen Augen, bald wiederzukommen. Auch ihre Kinder, welche zu ihm viel Zutrauen gewonnen hatten, gaben ihm dieſen M Wunſch zu erkennen. Er ſagte zu, wenn es ihm möglich 14* 212 ſein werde, und bat ſeinerſeits, dem Fräulein von Rett⸗ leben ſeinen Abſchiedsgruß zu beſtellen. Er konnte das, weil es allgemein bekannt geworden war, daß er ſie ſchon ſeit ihrer Kindheit kannte. Ihn zog es zunächſt nach dem Süden Deutſchlands, wo ſich die Kirchenfrage jetzt entſcheiden mußte, nicht auf dem Concil, das ſich vom deutſchen Boden nach Italien gezogen hatte, ſondern auf dem Reichstage, den der Kaiſer jedenfalls ausſchreiben mußte. Günther wußte nicht, daß es bereits von Bamberg aus ge⸗ ſchehen war und zwar nach Augsburg. Er ritt über den Wald nach Franken, ohne ſich irgendwo aufzuhal⸗ ten. Nachdem er Gosmar's Tod erfahren hatte, war er der Nachfrage in der Hütte der alten Anne über⸗ hoben. Mutter Anne erwartete ihn immer noch; ſie glaubte, daß er vielleicht von dem Täſchlein wiſſe, das ſie für ihn in Verwahrung hatte; vielleicht erfuhr ſie unterdeſſen, wo er im Lande zu finden ſei, und wenn ihr das nicht gelang, ſo wollte ſie ein ganzes Jahr auf ihn warten; kam er dann nicht, ſo ſollte die Gräfin von Rudolſtadt das Pfand in weitere Ver⸗ wahrung nehmen. Günther hörte auf ſeinem Wege, den vor ihm auch das Heer des Kaiſers genommen hatte, noch genug was ſeinen Entſchluß, daſſelbe zu verlaſſen, rechtfertigte. „— 213 Er hätte wohl mehr als einmal gegen ſeine armen Landsleute das Schwert ziehen müſſen. In Bamberg traf er den Biſchof von Würzburg, Herrn Melchior Zobel von Guttenberg, der zu dem dortigen Kirchen⸗ fürſten gekommen war, um gemeinſame Maßregeln gegen ihren unruhigen Nachbar, den Markgrafen von Kulmbach, zu beſprechen, welcher nach ſeiner Befreiung vom Grimmenſtein gewaltthätiger denn je ihre Rechte an der Grenze verletzte. Der Biſchof von Würzburg kannte auch ſeinen perſönlichen Feind, der den Mark⸗ grafen gegen ihn aufſtachelte, und ſprach ſich gegen Günther vom Walde, der von ihm wegen früher ge⸗ leiſteter Dienſte in Bamberg, ſobald er zufällig ſeine Ankunft erfahren, gleich eingeladen worden war, ſehr D 2 bitter über jenen Vaſallen aus. Es war Wilhelm von Grumbach, der in ſpätern Zeiten traurig genug bekannt geworden iſt. Doch hätte der Biſchof ſich immer ſagen müſſen, daß er ſelbſt durch Rechtsverweigerung in der Teſtamentsſache ſeines Vorgängers, der ein Oheim von Grumbach's Frau geweſen, ſich den wilden Reiter⸗ führer zum Feinde gemacht habe. Auf eigene Rechte pochen, fremde verletzen, ſcheint ſich aber in vieler Men⸗ ſchen Geiſt ganz gut zu vertragen. „Wollt Ihr Euch nicht in meinem Hochſtift nieder⸗ laſſen?“ fragte der Biſchof ſeinen Gaſt.„Männer wie —— 214 Euch kann man in dieſer Zeit als Lehnsleute brau⸗ chen! Sobald ich ein Lehn offen habe, werde ich an Euch denken. Ihr könnt einſtweilen im Centamt Mayn⸗ berg ein Gut kaufen, ich ſtrecke Euch das Geld vor. Es gehört einem Henneberger von Adel. Das ganze Amt iſt ſonſt hennebergiſch geweſen.“ Günther fragte näher; er wußte, daß Hans von Fehde, ſein Bekannter aus dem Kriege, der ihn noch in anderer Beziehung anging, im Hochſtift Würzburg ein Gut beſaß, welches er wegen angeblicher Religions⸗ bedrückung verkaufen wollte. Günther glaubte auch das Amt Maynberg von ihm gehört zu haben und täuſchte ſich nicht. Der Biſchof nannte wirklich den Junker von Fehde und äußerte, daß er ihn als proteſtantiſchen Unterthan gern los ſein wolle. Günther behielt ſich vor, mit Fehde, den er perſönlich kenne, bei ſeiner Rückkehr von Augsburg in Unterhandlung zu treten; ihm ſchien es mehr als bloßer Zufall zu ſein, daß ihm hier Gelegenheit geboten wurde, ſeinen Wunſch nach einer feſten eigenen Heimat erfüllen zu können. Gen Augsburg ging nun ſeine Reiſe. Er hatte in Bamberg gehört, daß der Kaiſer von da nach dem aus dem Mühlberger Lager berufenen, aber erfolglos ge⸗ ſchloſſenen Reichstage von Ulm die Stände zum erſten September nach Augsburg beſchieden habe. Auch hier 215 wurden dem Thüringer, als er an einem ſonnigen Auguſtabende in die alte ehrwürdige Reichsſtadt ein⸗ ritt, die traurigſten Eindrücke nicht erſpart. Auf dem ſogenannten Berlach, dicht am Rathhauſe, ſah er zwei Galgen und ein Schaffot, wie man ihm ſagte, zur Beruhigung der Einwohner errichtet, um die Gewalt⸗ thaten der Soldateska an ihnen zu ſtrafen. Doch hatte dieſe erbarmenloſe Strenge ſie nicht zu bändigen vermocht. Selbſt unter den deutſchen Truppen war des ausgebliebenen Soldes wegen ein furchtbarer Auf⸗ ruhr entſtanden; ſie waren mit entrollten Fahnen und brennenden Lunten vor des Kaiſers Quartier im Fug⸗ ger'ſchen Hauſe gezogen und hatten Geld oder Blut gefordert. Das entſetzlichſte Unglück hatte ſtunden⸗ lang über der Stadt geſchwebt, ſie wäre allen Schrecken preisgegeben worden, wenn der Kaiſer durch ſeine Spanier den Aufruhr niederzuwerfen verſucht hätte. Seine Mäßigung hatte ihn die Schlacht zwiſchen beiden Nationen vermeiden laſſen und den Meuterern ſogar Strafloſigkeit gewährt, der Sold war geſchafft und das Regiment dann aufgelöſt und entlaſſen wor⸗ den. Günther's Herz bebte vor Unmuth in der Bruſt, als man ihm das erzählte hätte er noch hier be⸗ fehligt, wahrlich, es wäre ſo weit nicht gekommen! Freude erlebte er überhaupt nicht viel zu Augsburg. 7 216 Er hatte ſich den Gang der Dinge raſcher, entſcheiden⸗ der gedacht; das war ja wieder ganz das alte ſchlep⸗ pende Weſen der Reichstagsverhandlungen voriger Zeit. Der Kaiſer benutzte ſeinen Sieg nicht, wie es von der einen Seite gehofft, von der andern gefürchtet worden war; er konnte ſich zum unbeſchränkten Herrn in Deutſchland machen, wie er es in ſeinen Erblanden war, die Fürſtenrechte, die Reichsfreiheit der Stände in Unterthanenpflichten verwandeln— wer hätte es ihm jetzt zu wehren vermocht! Aber er fühlte ſich in ſeinem Gewiſſen gebunden durch die beſchworene Reichs⸗ verfaſſung und begnügte ſich damit, die alte Ordnung der Dinge und ſeine Autorität herzuſtellen. Ebenſo wenig griff er in der Religionsfrage durch, und die Kurfürſten, als ſie das erkannten, nahmen ſofort für ſich die Mitwirkung dabei in Anſpruch, geiſtliche wie weltliche, je nach ihrem Standpunkte; ſeit undenklicher Zeit waren zum erſten Male wieder alle ſieben zum Reichstage erſchienen. Es ging nun in Augsburg zu wie in unſerm Jahrhunderte auf dem Congreß zu Wien. Die wichtigſten Verhandlungen kamen nicht vorwärts, dafür ergötzte ſich die zahlreich verſammelte vornehme Welt, der ſich viele andere ausgezeichnete Perſonen angeſchloſſen hatten, in rauſchenden und üppigen Feſten. Als Günther vom Walde dieſe Wendung 217 der Dinge ſah, verließ er Augsburg und ſuchte ſeine eigene Zukunft feſter zu geſtalten, da er für die Zu⸗ kunft ſeiner höhern Intereſſen keine Befeſtigung in ſeinem Sinne mehr hoffte. Der Herbſt und Winter vergingen. Die Unterhand⸗ lungen mit dem Papſte hatten immer noch keinen Er⸗ folg gehabt, da wurde dem deutſchen Volke jene interi⸗ miſtiſche Religionsordnung bekannt, welche eingeführt werden ſollte, bis eine vollkommene Einigung der bei⸗ den Religionsparteien erreicht ſei. Drei Männern ſeiner Wahl hatte der Kaiſer den Entwurf dazu über⸗ tragen: dem Biſchofe von Naumburg, Julius von Pflug, dem Weihbiſchofe von Mainz, Michael Heldung, und dem brandenburgiſchen Hofprediger Agricola, welcher bei den ſtrengen Proteſtanten bereits für halb abtrünnig galt. Von allen Seiten wurde dies Interim ange⸗ griffen; auch die Katholiken waren nicht damit zufrie⸗ den, obgleich faſt alle ſtreitigen Glaubensſätze darin zu ihren Gunſten abgefaßt waren; ſie wollten aber ſelbſt dieſe geringen Zugeſtändniſſe nicht. Wie das Volk darüber urtheilte, bewies der ſchnell von Mund zu Mund getragene Reim:„Hütet euch vor dem Interim, es hat den Schalk hinter ihm.“ Die Prediger auf den Kanzeln eiferten dagegen, am ſchärfſten der Superin⸗ tendent von Saalfeld, Kaspar Aquila, deſſen Worte, 218 weit über ſeinen Sprengel hinaus durch den Druck verbreitet, dem Werke des Kaiſers um ſo gefährlicher wurden, als ſie deſſen ſchwache Seiten mit unerbitt⸗ licher Wahrheit aufdeckten. Da mochte es dem Kaiſer leid thun, daß er den ſtarren Lutheraner, als er zu Saalfeld ihm bezeichnet worden war, geſchont hatte, und ſeine Rathgeber ruhten nicht eher, bis er ihn ſtreng bedrohen ließ. Der furchtloſe Man konnte nicht leicht eingeſchüchtert werden, doch beſchworen ihn die Seinigen und viele gute Freunde, ſich der guten Sache zu erhal⸗ ten und eine Weile Saalfeld zu verlaſſen, bis der Kaiſer beſchwichtigt ſei, und Aquila gab endlich nach. Aber der Kaiſer ließ ſich nun bewegen, einen Preis auf ſeinen Kopf zu ſetzen: fünftauſend Gulden dem⸗ jenigen, der ihn bringe! Hatte der um ſeines Glaubenseifers willen Verfolgte zu fürchten, daß ein Thüringer ſich den Blutpreis werde ver⸗ dienen wollen? Einem ließ es doch keine Ruhe, als das kaiſerliche Mandat bekannt gemacht wurde; er konnte ein ſchönes Geld gewinnen und ſich zugleich an dem Manne rächen, der ihn als Lügner vor einer hohen Frau an den Prager geſtellt und um ſeine beſte Kund⸗ ſchaft gebracht hatte. Kandel fing auf einmal ſeinen Hauſirhandel wieder an und wagte ſich ſogar auf das Rudolſtädter Schloß, wo er den Verborgenen zuerſt 21 9 ſuchte, da derſelbe bei der Gräfin in hohen Gnaden ſtand. Es waren aber gerade Gäſte auf der Heidecks⸗ burg, ihre Brüder, die Grafen von Henneberg, und andere, und ſo ließ ſich kaum annehmen, daß der Geächtete auch dort ſei, wo die Gefahr der Entdeckung ſo nahe lag und Frau Katharina ſelbſt das Schlimmſte dabei fürchten mußte, da Alba, der beim Kaiſer Alles galt, gewiß nur auf eine Gelegenheit lauerte, ſich an der kühnen Frau zu rächen. Kandel ſpürte hier und da, klopfte auch wohl beim Geſinde auf den Buſch, fand aber nicht die geringſte Spur. Er war zaghaft hinauf gekommen, die Gräfin ſchien aber ſeine freche Lüge vom vorigen Male vergeſſen zu haben, war es ja doch nicht ſeine erſte bei ihr geweſen. Sie erlaubte ihm ſeine Waaren vor ihren Gäſten auszulegen und er konnte mit ſeinem Geſchäft zufrieden ſein. Ausſicht zu dem Fange, nach welchem er immer fieberhafter ver⸗ langte, fand er aber hier nicht, daher ging er bald e wieder fort. n Unten begegnete er ſeiner alten Muhme aus Horba, n die zum Schloſſe hinaufſteigen wollte.„Kannſt Du doch nicht ſtill ſiten?“ rief ſie ihn an.„Der Handel geht n Dir wohl über Alles?“ 5„Man muß keinen Profit von der Hand weiſen, Muhme Anne!“ erwiderte er.„Viel Gäſte ſind oben, — 220 —— auch Schwarzröcke, ohne die ſie nicht leben kann. Einer ſah grad aus wie der aus Saalfeld. Sie weiß doch?“ Er blinzelte dabei die alte Frau verſchmitzt an, die richtete ſich aber, wie ihre Art bei beſonderem Anlaß war, groß auf und er konnte ihren Blick nicht ertra⸗ gen.„Du möchteſt ihn wohl gern ausſpüren und ver⸗ rathen!“ ſagte ſie.„Fünftauſend Gulden wär' ein ſchöner Profit! Aber hüte Dich, Matz, Sie ſchlagen Dich todt, die Saalfelder! „Ach, ach, Mutter Anne! Was denkt Sie!“ ſtotterte er.„Ich, ein guter Lutheraner!“ Sie drohte ihm aber mit ihrem langen dürren Finger und ließ ihn ſtehen. Ihm war nicht ganz wohl zu Muthe; die Vergeltung, die ſie ihm angekündigt hatte, wenn er den Preis ſich verdiente, beunruhigte ihn doch, aber wer konnte ihn einſt des Verraths überführen? Die Summe wurde ja doch nicht hier ausgezahlt und er durfte ja nur im Auslande bleiben, wohin kein Saalfelder kam; der Kaiſer mußte ihn ſchützen. „Sie hat ihn doch, die Frau Gräfin!“ dachte er, als er unſchlüſſig vor dem Thore ſtand.„Zu wem ſollte er ſich ſonſt geflüchtet haben? Ihren lieben Predigern hilft ſie ja überall, und wenn ſie's gewagt hat, dem Alba zu trotzen, ſo wird ſie ſich vor dem Kaiſer auch nicht fürchten, von dem noch weniger Gefahr iſt. Auf 221 dem Stadtſchloſſe iſt es zu laut, ſie wird ihn ſtiller verſteckt haben.“ Er dachte an die Schwarzburg, die uralte Veſte, von der ſich das gräfliche Haus benannt hat. Im einſamen Waldthale, auf ihrer Felſenzunge von der Schwarza bis auf den engen Zugang rings um⸗ brauſt, war die Burg ſo recht zu einer Freiſtatt ge⸗ ſchaffen. Nach der Schwarzburg alſo! Der Weg, vier Stunden weit, war ermüdend, Kandel geſtattete ſich daher eine Raſt im Zechenhauſe, das am Eingange des wildromantiſchen Thales lag, da, wo jetzt das Wirths⸗ haus der Chryſopras ſteht. Als Kandel hier mit der Bergmannsfrau, die ihm einen friſchen Trunk ge⸗ bracht, vor der Thür ſaß, kam ein Wäglein daher, mit einem ſtarken Pferde beſpannt. Der Krämer fuhr auf, wie von einem Stiche getroffen. Kannte er dies Geſchirr nicht? War es nicht das des Saalfelder Paſtors? Aber ein Blick auf den Wagen ließ ihn das vergeſſen, denn oben ſaß hinter dem Knecht ſeine Allerſchönſte, die er trotz des letzten groben Beſcheides von ihrem Vater noch immer nicht aufgegeben hatte. „Lieſel, wo kommſt Du her?“ rief er aufſpringend. „Nimm mich mit, ich bin todmüde.“ Sie ließ anhalten und fragte mit einem unfreund lichen Blicke, wohin er denn wolle. Da fiel ihm erſt Alles wieder ein.„Nach der Schwarburg, Herzchen!“ 222 ſagte er.„Willſt Du auch hin? Haſt Du auf der Schwarzburg zu ſchaffen? Ich ſeh' da einen vollen Korb! Und das Geſchirr da, das iſt doch nicht herrſchaftliches aus Rudolſtadt?“ Seine Fragen über⸗ ſtürzten ſich in dem plötzlichen Gedanken, daß es nun vielleicht in ſeine Hand gegeben ſei, zwei Fliegen mit einer Klappe zu ſchlagen, den Paſtor zu entdecken und die Spröde endlich durch Furcht zu bezwingen. Seine kleinen Augen funkelten wie die eines ſprungfertigen Marders. Aber auch Lisbeth's Augen blitzten, ſie war keine ſchüchterne Taube.„Das Geſchirr iſt von der Schwarzburg“, ſagte ſie.„Wollt Ihr mitfahren, ſo ſteigt auf.“ Er kletterte lachend zu ihr empor; ſie machte ihm Platz, indem ſie ihren wohlgefüllten Korb neben den Knecht ſtellte. „Fort!“ rief ſie luſtig. Die Bergmannsfrau ſah dem ungleichen Paare mit großen Augen nach. Am folgen⸗ den Morgen kam Lisbeth, allein zurück und als die Frau ſie fragte, wo ſie den Krämer gelaſſen, lachte ſie wie ein Kobold. Auf dem Schloſſe zu Rudolſtadt war unterdeſſen Mutter Anne auf ihre Bitte bei der Gräfin vorgelaſſen worden und hatte ihr das ſeit Jahresfriſt aufbewahrte Vermächtniß Gosmar's übergeben. Wohleingenäht war jetzt das Täſchlein, denn die Alte hatte doch der Neugier 993 2420 nicht widerſtanden, zu unterſuchen, was darin enthalten ſei; damit aber Andere nicht derſelben Verſuchung er⸗ liegen ſollten, hatte ſie eine Beſichtigung wenigſtens erſchwert. Katharina war verwundert geweſen über die Gabe, die Erklärung der alten Frau hatte ſie aber mit lebhaftem Antheil vernommen, und ihr das Pfand zurückgebend, hatte ſie ihr geheißen, ein paar Stun⸗ den zu warten, da ſich ihr Vetter zu heute bei ihr habe anmelden laſſen; ſie könne das Täſchchen ihm alſo ſelbſt überreichen. Günther kam wirklich. Die Zeit der Prüfung, die er ſich auferlegt hatte, war vorüber, er hatte ſie ernſt und redlich beſtanden; aus den Schlacken war gediegenes Gold hervorgegangen, ſchöner und reiner ſein Glaube aus dem Streben nach geläuterter Erkenntniß. Die fanatiſche Hoffnung auf einen unmöglich gewordenen Umſchwung hatte er aufgegeben, damit aber auch das Lebensziel, das er ſich einſt in dieſem Wahne geſetzt hatte; manche Unterredung mit erleuchteten Männern ſeiner Kirche, ja der entſchiedene Ausſpruch eines hoch geſtellten Kirchenfürſten hatten ihn darin beſtärkt. Ein anderer feſter Halt für ſein Leben ſchwebte ihm vor; er hatte im ſchönen Frankenlande, der alten Heimat nicht fern, bereits ein eigenes Beſitzthum erworben, 1. daſſelbe, zu welchem ihm einſt der Biſchof von Würz 224 burg gerathen hatte. Wenn der ehrliche Hans von Fehde, von dem er es erkauft, gewußt hätte, wer einſt an des Käufers Seite dort hauſen ſollte! Er hatte ſich zwar in ſein Loos gefunden, hatte ſtolz ſeinem Vetter Volentin auch die Rückerſtattung ſeiner Koſten für den Goldkamm, die ihm der alte Herr ohne Adelheid's Vor⸗ wiſſen geboten, als ſeiner Ehre zuwider abgelehnt, aber die Nachricht, welche ihm jetzt bald werden mußte, war ſeiner Ruhe doch gefährlich. Einſtweilen bewirthſchaftete er noch unverdroſſen ſein Erbgut, deſſen Schuldenlaſt durch den vortheilhaften Verkauf des würzburgiſchen Lehns etwas erleichtert worden. Wenn aber jene Nach⸗ richt erſt zu ihm kam, ſollte es ihm doch ſchwer fallen, ſich in das Unvermeidliche zu finden. Katharina von Schwarzburg hatte Günther längſt erwartet. Endlich war ihr ſein Vertrauen in einem langen Briefe erſchloſſen worden; ſie hatte ihm Gewiß⸗ heit geben ſollen, ob er auch kommen dürfe. Brauchte ſie lange Zeit, um dieſe Gewißheit zu begründen? Sie wußte ja ſchon, daß Adelheid's Herz ihm ſeit Jahren gehörte, daß die Kunde ſeiner Vergangenheit im Kloſter und ſein Vorſatz, in daſſelbe einſt zurückzukehren, ihre Jugend getrübt hatte, und daß die Liebe, die ſie nie⸗ mals in ihrem Herzen zu bezwingen vermocht, wie ein Bann zwiſchen ſie und die heilige Freiſtatt getreten 225 war, in welche ſie ſich nach ihrer Entfernung aus Heſſen hatte zurückziehen wollen. Gelübde, die ſie nimmer hätte erfüllen können, wären Frevel und Sünde geweſen. Das Alles wußte Katharina, wenn es ihr Adelheid auch nicht deutlich geſagt hatte. Ihre Antwort auf ſeinen Brief hatte ihn jetzt hierher geführt und ſie em pfing ihn mit der Herzlichkeit einer Mutter, die ihrem Sohne ſein Glück zu verkünden hat. Als dann der Augenblick kam, wo er Adelheid ſelbſt nahen durfte, war es nicht die Glut ſtürmiſcher Leidenſchaft, die ſeine Worte entflammte; er hatte das Bewußtſein, daß Adelheid um ihrer ſelbſt, nicht blos um ihrer Glau benstreue willen in einem lange verdunkelten Borne heiligen Gefühls gewonnen, und ſprach zu ihr aus fried lichem, wenn auch noch ſo freudig bewegtem Herzen Katharina war auf Adelheid's innige Bitte zugegen geblieben; in ihrer Nähe wurde es der Jungfrau leichter, das Wort zu ſprechen, mit welchem ſie ihre ganze Seele dem geliebten Manne hingab. Spät abends erſt konnte Mutter Anne den Auftrag eines Sterbenden erfüllen. Günther begrüßte ſie freund⸗ lich; die nächtliche Begegnung oberhalb Paulinzelle ſchwebte vor ſeinem Geiſte. Wie hatte ſein Schickſal ſich nun anders und ſegensreich geſtaltet! Das Pfand, das ſie ihm übergab, nahm er befremdet an, ihre Erzählung Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg 1II 15 5 b= 2 S 0 D gab ihm keine Erklärung dazu; als ſie aber, ohne ihn zu fragen, die Hülle von dem Täſchlein abriß und es öffnete, wurde er betroffen. Ein Blättchen Papier lag darin, es war mit wenigen Worten beſchrieben. Mutter Anne konnte nicht leſen, ſie wußte nicht, was Günther's Augen aufſtrahlen und feucht werden ließ.„Johanne Erdmuthe Linderin!“ Es war der Name ſeiner Mutter, und darunter ſtand:„Meinem Sohne Günther zum Schutz in allen Dingen!“ Ein Mariengulden mit einem ſchwarzen Sammtbande im Henkel lag dabei, wie ihn oft der fromme Glaube der Zeit geliebten Perſonen als Amulet gab. Günther war von tiefer Rührung ergrif⸗ fen. Die alte Frau, welche ſo theilnehmend auf ihn ſah, hatte ſeine Mutter ja gekannt, er mußte ihr ſagen, was ihn ſo mächtig bewegte. Wie aber war Gosmar zu dieſem dem Sohne zugedachten Geſchenke gekommen? Dies Räthſel wurde ihm erſt ſpäter gelöſt, als Katha— rina ihm Gosmar's Geſtändniſſe übergab, welche der Pfarrer Aquila niedergeſchrieben hatte. Der Unglückliche hatte in ſeiner wahnſinnigen Leidenſchaft dies Pfand für ſich ſelbſt geraubt, zum ewigen Andenken! Die Gräfin wurde am andern Morgen durch die uner⸗ wartet frühe Rückkehr ihrer getreuen Lisbeth überraſcht. Schon fürchtete ſie irgend ein Unheil auf der Schwarz burg, aber Lisbeth's heitere, faſt ſiegesſtolze Miene be⸗ ruhigte ſie. Nachdem die Voigtländerin gemeldet, wie entſchloſſen ſie auf eigene Verantwortung gehandelt hatte, mußte die Gräfin auch lächeln.„Hoffentlich“, ſagte ſie,„haſt Du den Schelm nicht in das unterſte Verließ zu Molchen und Schlangen ſperren laſſen. Zum Glück braucht er nicht lange dort feſtgehalten zu wer⸗ den, denn meine Brüder wollen den theuren Gaſt mit ſich nach Henneberg nehmen, wo er ſicherer iſt als bei mir. Dann mag der Vorwitzige wieder frei hinweg⸗ gehen und immerhin verrathen, daß Katharina von Schwarzburg den verfolgten Prediger des Evangeliums bei ſich aufgenommen hat, ſie wird ſich zu verantworten wiſſen.“ Dazu wurde ſie jedoch nicht aufgefordert. Der Zorn des Kaiſers war ſeiner Natur nach keine nachhaltige Glut. Er war gereizt worden durch Aquila's Schriften gegen das Interim, von dem ſich der Kaiſer ſoviel Heil verſprochen hatte, doch ließ er den Geflüchteten nicht weiter verfolgen, und ſchon nach Jahresfriſt konnte dieſer als Dekan zu Schmalkalden wieder öffentlich predigen. Zwei Jahre ſpäter, als ſein Herr, der Kur⸗ fürſt Moritz, vom Kaiſer abgefallen, den Paſſauer Ver⸗ trag, der das Interim aufhob, erzwungen hatte, kehrte Aquila nach Saalfeld zurück, wo er bald nach dem Augsburger Religionsfrieden geſtorben iſt. 228 Günther vom Walde, der auf ſeinem fränkiſchen Landſitze im ungeſtörten Eheglück lebte, wurde von den Kämpfen der Zeit nicht mehr berührt. Aus Heſſen hörte Adelheid wohl gelegentlich, was ſich dort zutrug. Der Landgraf hatte durch das Vorgehen ſeines Schwie⸗ gerſohnes nach fünfjähriger ſtrenger Haft die Freiheit wiedererhalten und litt noch an den Folgen derſelben; ſeine häuslichen Verhältniſſe waren nicht beſſer gewor den. Irgend ein Zeichen, daß Adelheid's Jugendfreun din, die Gräfin von Diez, noch immer die rachſüchtige Geſinnung gegen ſie hege, wurde jedoch nicht kund, Adelheid ſchien dort vergeſſen zu ſein und war zufrieden damit. Um ſo treuer blieb ihr Andenken dagegen bei ihren Verwandten in Thüringen, ſolange dieſe noch lebten, und als das greiſe Ehepaar auf dem Ehrenſtein ſtarb, Frau Margarethe nur acht Tage nach ihrem Herrn, beide ohne längere Krankheit, waren Günther und Adelheid bei der feierlichen Beiſetzung zugegen. Die Knaben, über deren Vormundſchaft und Erziehung der Graf von Schwarzburg zu beſtimmen hatte, wären am liebſten mit Adelheid nach Franken gezogen. Das war aber nicht ſtatthaft. Sie waren jedoch ſpäter, als ſie herangewachſen in den gemeinſchaftlichen Beſitz des Sonnenlehns traten, ſehr oft auf dem Schloſſe im Centamt Maynberg. 229 Auch mit dem Hauſe Schwarzburg, welchem Gün ther entſproſſen war, hielt er freundliche Verbindung. Sein junger Vetter, dem er mehrfach auf ſeinen Lebens wegen begegnet war, rechtfertigte die auf ihn geſetzten Hoffnungen. Das blutrothe Mal in ſeiner Hand hatte wahr prophezeit, er wurde einer der glänzendſten Ver treter des Hauſes und die Geſchichte hat ihm den Na men des Streitbaren beigelegt. Auch für ſein Land wurde er ein trefflicher Fürſt, deſſen Wirken ſich ver ewigt hat, wenn auch das Schloß, das er an Stelle des älteſten Fürſtenſitzes in der„Aarenſtadt“ erbaut, heute nur noch in einem Thurm und wenigen Mauern erhalten und ſelbſt die herrliche Liebfrauenkirche, in der er bei ſeinen Ahnen begraben liegt, faſt zur Ruine ge worden iſt, bis in unſern Tagen Fürſt und Volk ſich vereinigt haben, das Meiſterwerk altdeutſcher Baukunſt zu erhalten. Stiller als das ſeinige, aber geſegnet, wie ſelten ein anderes, war das Walten Katharina's von Schwarz burg, die nach jenem Tage, der ihr den Namen„die Heldenmüthige“ gegeben, noch viele Jahre für das Wohl ihrer Unterthanen lebte. Sie freute ſich des Glückes ihrer Kinder, von denen auch die jüngſte Tochter ſich einem Grafen von Waldeck, Samuel zu Arolſen, die zweite, Amalie, einem Mansfeld vermählte. Zu Rudol— 230 ſtadt, das ſie auch im Tode nicht verließ, hatte ſie fort und fort Verkehr mit vielen ausgezeichneten Perſonen ihrer Zeit, bis ſie, die Perle ihres Hauſes, zur Ruhe des Herrn einging. Ihr Gedächtniß im Volke iſt bis auf den heutigen Tag nicht erloſchen. Mögen deutſche Fürſtinnen ſich Katharina die Heldenmüthige von Schwarzburg zum Muſter nehmen! Ende. Druck von Bär& Hermann in Leipzig Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Deutſche Original⸗Romanr. Preis per Band 20 Ngr. Bernd von Guſeck, Nach der Flut. Hiſtoriſcher Roman. Vier Bände.— Heimath und Ferne. Hiſtoriſcher Roman. Zwei Bände.— Kaltenborn. Novelle. Ein Band.— Karl X. Guſtav. Hiſtoriſcher Roman. Zwei Bände.— König Murat's Ende. Hiſtoriſcher Roman. Drei Bände.— Aus eigner Kraft. Hiſtoriſcher Roman. Zwei Bände.— Madame de Brandenbourg. Hiſtoriſcher Roman. Zwei Bände. Im Strom der Zeit. Roman aus den Tagen Kaiſer Leopold's I. Vier Bände. Julie Burow, Ein Arzt in einer kleinen Stadt. Roman. Der Weg in den Himmel. Novelle. Zweite Auflage. Zwei Bände.— Ein Bürgermeiſter. Geſchichtlicher Roman. Drei Bände.— Er⸗ innerungen einer Großmutter. Roman. Zwei Bände. Johannes Kepler. Hiſtoriſche Erzählung. Drei Bände. Johannes Kepler. Hiſtoriſche Erzählung. Zweite Abtheilung. Drei Bände.— Künſtlerliebe. Novelle. Ein Band.— Lebens⸗ bilder. Zwei Bände.— Ein Lebenstraum. Roman. 3 Bände. Verſuch einer Selbſtbiographie. Ein Band.(Preis 10 Ngr.) Ernſt Fritze, Caritas. Roman. Drei Bände.— Die Erben von Wollun. Novelle. Ein Band.— Erneſt Oktav. Novelle. Drei Bände. Die Gebrüder Koltrum. Novelle. Zwei Bände.— Gertrud. Roman. Vier Bände.— Die Herren von Ettershaiden. Roman. Zwei Bände.— Idalium. Novelle. Zwei Bände.— Schloß Bärenberg. Roman. Drei Bände.— Solitude. Novelle. Zwei Bände.— Vorwärts! Novelle. Zwei Bände. Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Deutſche Original⸗Romant. Preis per Band 20 Ngr. Edmund Hoefer, Der große Baron. Eine Geſchichte. Zwei Bände.— Eine Geſchichte von damals. Ein Band.— In Sünden. Eine Familiengeſchichte. Zwei Bände.— Vergangene Tage. Ge⸗ ſchichten. Ein Band. Inhalt: Fräulein Elſe. Im Waldſchloß. Ein Schrei — Tolleneck. Eine Erzählung aus der Napoleoniſchen Zeit Drei Bände.(Preis nur 22 ½ Ngr.) Carl von Holtei, Ein vornehmer Herr, oder Zwei Freunde. Erzählung. Ein Band.— Ein Nord in Riga. Erzählung. Ein Band.— Schwarzwalduu. Roman. Zwei Bände.— Die Töchter des Freiſchulzen. Erzählung. Ein Band.(Preis 7 ½ Ngr.)— Eine Biographie. Ein Band. GPreis 10 Ngr) — Levin Schücking, Aus der Franzoſenzeit. Erzählungen Ein Band.— Günther von Schwarzburg. Hiſtoriſcher Roman. Zwei Bände.— Eines Kriegsknechts Abentener. Hiſtoriſche Novellen. Zwei Bände. Inhalt:? 1. Band. In den Caſematten Magdeburgs. Der Arcier. 2. Band Deutſcher und Ungar. Der Feſtungs⸗Commandant. — Die Rheider Burg. Erzählung Zwei Bände.— Der Sohn eines berühmten Mannes. Hiſtoriſche Erzählung.— Aus den Tagen der großen Kniſerin. Hiſtoriſche Novellen. Zwei Bände Inhalt, Die Odalisken. Die Novize. — Aus alter und nener Zeit. Erzählungen. Zwei Bände. Inhalt: 1. Band. Das Mlißverſtändniß. Die drei Großmächte. Viola 2 Band. Auf einen Schelmen anderthalben Wie der Schnee ſchmolz. Dorly — Familienbilder. Zwei Bände. Inhalt: 1. Band. Ein berühmter Mann. Ein altec Name. Die Toch⸗ ter des Hauptmanns. 2. Band. Ellen Stanhope. Ein Hochzeitstag. Er⸗ füllte Wünſche. Ernſt Willkomm, Frau von Gampenſtein. Roman. Drei Bände.— Peter Pommerering. Hiſtoriſcher Roman. Zwei Bände— Ein Stieſ⸗ find des Glücks. Humoriſtiſcher Roman aus dem Leben. Drei Bände * Srey Control Ghart Green vellow ed Magenta