Leihbibli vthel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Oltmaun in Gießen, oßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1 0Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. Eduard Schl 2 . Leih und geſebedingungen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine de m Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. beträgt: 4. nnen Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und n n für wöchentlich, 2 bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. 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Das Jahr hatte ſeinen Kreislauf vollendet, ein neues bereits ſeine längſten Tage erreicht und noch immer war kein lichter Sonnenſtrahl ſiegreich durch die Wolken gedrungen, welche den Himmel des deutſchen Vaterlandes trübten. Sie zogen ſich im Gegentheil immer ſchwärzer und drohender zuſammen. Die gegen⸗ ſeitige Erbitterung der Parteien war zu groß; unbeug⸗ ſame Feſtigkeit bis zum Starrſinn auf beiden Seiten und vielfache Mißgriffe verhinderten jede Verſtändigung, alle Verſuche dazu waren geſcheitert. Auf dem Concil zu Trident war von den Proteſtanten Niemand erſchie⸗ nen, das endlich zu Stande gebrachte Colloquium zu Regensburg hatte, wie alle vorhergegangenen Religions⸗ geſpräche, nur zu größerem Zerwürfniß geführt. Und inmitten dieſer ſich immer mehr ſteigernden Gefahr war Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 1 2 der Mann geſtorben, der zu allen dieſen folgenſchweren Bewegungen den erſten Anſtoß gegeben, aber ſtets den Krieg widerrathen und zuletzt noch ausgeſprochen hatte, daß er, ſolange er lebe, mit ſeinem Gebet ſo viel bei Gott zu erflehen hoffe, daß es zu keinem Kriege komme. Luther war am 18. Februar 1546 in ſeiner Vaterſtadt Eisleben geſtorben. Mit ſeinem Tode ſchien auch die bisher bewahrte Einigkeit unter den Fürſten des pro⸗ teſtantiſchen Bundes gewichen zu ſein; einige zogen ſich zurück, andere wurden ſogar vom Kaiſer gewonnen, deſſen Staatsklugheit und auch Mäßigung der ganzen Verwickelung den religiöſen Charakter zu nehmen und ihr nur den politiſchen des Ungehorſams einiger Fürſten gegen die Autorität des Reichsoberhauptes aufzuprägen ſuchte. Und doch ſprach ſich der Religionshaß bis zum Fanatismus bei jeder Gelegenheit aus! Ein junger Spanier, Juan Diaz, der ſich der Lehre Calvin's zuge⸗ wandt, wurde deshalb durch einen Mörder, den ſein eigener Bruder gedungen, erdolcht und dieſer, obwohl zu Innsbruck ergriffen, dem Gericht entzogen, bis er zehn Jahre ſpäter aus Gewiſſensqual ſich ſelbſt rich⸗ tete! Solche Gewaltthaten waren den Deutſchen noch fremd, aber wie bekämpften ſie ſich wüthend in Wort und Schrift! Glücklich, wer fern den großen Schauplätzen dieſer — 5— —— 3 Gährung, die jeden Augenblick zum furchtbarſten Aus⸗ bruch führen konnte, in friedlicher Stille lebte! Auf den luftigen Höhen, in den grünen Thälern des ſchönen thüringer Waldgebirges ruhte noch immer der heilige Gottesfriede. Der Köhler im tiefen Tannenforſt, der Meſſerſchmied in der Ruhl, die Weber, Garnſpinner und Holzſchnitzer in ihren Hütten und die bürgerlichen Handwerker in den Städten trieben ruhig ihre tägliche Arbeit; der Vogelſteller, in ſeiner echt thüringiſchen Leidenſchaft für die gefiederten Sänger des Waldes, ſchlich zur Vogeltränke am einſamen Quellengerieſel und lauſchte dem beſten Finkenſchlag, den nur ſein ge⸗ übtes Ohr unterſcheiden konnte; zu ihm drang der Schall der Werbetrommel nicht, welche unten im Lande raſſeln mochte. Wären nicht zuweilen doch Handwerksburſchen und andere fahrende Geſellen über den„Wald“ gekom⸗ men, ſo hätten die Bergbewohner kaum gehört, daß ſich draußen ein böſer Krieg vorbereite. In den kleinen Städten beim Bierkrug am Feierabend wurde wohl be⸗ ſprochen, was man eben gehört hatte, aber wie es zu allen Zeiten geſchieht und geſchehen wird, wo der Geſichts⸗ kreis ein beſchränkter iſt, wurden dabei die abſonder⸗ lichſten und aberwitzigſten Meinungen laut. Auf den Schlöſſern des Adels war's nicht viel beſſer; wenn der auch durch ſeine Verbindungen mehr erfuhr als die * 4 Bürger und Meiſter in ihren Werkſtätten, ſo war ſein Horizont wieder in anderer Weiſe eingeengt; nur das Lehnsverhältniß, in welchem er mit wenigen Ausnah⸗ men ſtand, machte ihm Sorgen. Denn wenn ſich auch das alte ſtrenge Lehnsweſen, in welchem der Vaſall unweigerlich bei Verluſt des Lehns und der Ehre, ja in dringenden Fällen ſogar des Lebens beim Rufe des Lehnsherrn perſönlich zum Kriegsdienſt aufſitzen mußte, längſt gelockert, der Adel ſich theils Nachlaß davon ertrotzt, theils erkauft hatte, ſo blieb doch immer die Pflicht noch unbeſtritten und konnte leicht große Ver⸗ legenheiten bereiten, namentlich da, wo ſich die Guts⸗ beſitzer aller kriegeriſchen Anwandlungen entſchlagen und lediglich dem Landbau, unbeſchadet ſtandesmäßiger Beluſtigungen, hingegeben hatten. Der alte Valentin Ehrenſtein auf ſeinem Sonnenlehn konnte wohl lachen, der hätte ſelbſt, wenn er noch jung geweſen wäre, we⸗ der dem Kaiſer noch irgend einem Fürſten zuzuziehen gebraucht, aber mancher von ſeinen begüterten Nach⸗ barn trug bei der grenzenloſen Zertheilung deutſcher Landgebiete Lehen von verſchiedenen Herren, und wenn dieſe nun, wie die beiden Linien des Hauſes Sach⸗ ſen, einander feindlich waren und jeder von ihnen den Vaſallen in einer und derſelben Perſon aufmahnte, konnte der ſich denn auch in ſeinem Leibe theilen? 5 Das war ja ſchlimmer, als ob man von wilden Pferden zerriſſen werden ſollte! Wenn das ſchon einfachen Edelleuten, welche Güter in verſchiedener Herren Ländern beſaßen, bei jetzt dro⸗ henden Kriegsläufen alſo ergehen konnte, ſo war es noch viel ſchlimmer mit den meiſten dieſer Landherren ſelbſt. Denn die Lehen waren im Laufe der Zeiten ſo verzwickt und verzweifelt durcheinander geworfen wor⸗ den, daß auch die größten und mächtigſten der deutſchen Fürſten für manche ihrer Beſitungen Vaſallen Anderer waren— eine ſo heilloſe Verwirrung der Verhältniſſe, daß ſie nicht füglich anders gelöſt werden konnte als durch einen Alexanderhieb in den gordiſchen Knoten. In Frankreich, wo der König von England die Hälfte des ganzen Landes als Kronvaſall beſeſſen, war ein hundertjähriger Krieg darum entſtanden. Die großen Fürſten in Deutſchland, eben weil ſie mächtig waren, konnten ihre fremden Lehen ohne viel Kümmerniß ge⸗ nießen, aber die kleinern! So trug der gefürſtete Graf von Schwarzburg, Viergraf, Erzſtallmeiſter und Obriſt⸗ jägermeiſter des heiligen römiſchen Reichs, außer ſeinen kaiſerlichen und unmittelbaren Reichslehen nebſt' eini⸗ gen Sonnenlehen noch von acht andern deutſchen Fürſten Städte, Schlöſſer und Aemter, ſelbſt Dörfer zu Lehn. Und gerade in der gefährlichen Spannung 6 zwiſchen dem Kurfürſten und dem Herzoge zu Sachſen war er von dem letztern zum Landtage nach Freiberg beſchieden worden und hatte ſich dem nicht entziehen können! Wie dankte er Gott, als er von da endlich heimziehen durfte und ſeine lieben thüringer Berge wiederſah! Er kam noch zurecht, wenn er gleich unterwegs in Ru⸗ dolſtadt auf der Heidecksburg einkehrte, die Hochzeitsgäſte zuſammen zu finden, ſeine eigene Gemahlin unter ihnen. Die Gräfin Katharina hatte ihre älteſte Tochter Ana⸗ ſtaſia mit dem ritterlichen Grafen Vollrath von Waldeck vermählt und in edler Gaſtfreiheit eine ſtattliche Ver⸗ ſammlung dazu geladen. Die Trauung war zwar ſchon vorüber, als Graf Günther von Freiberg zurückkam— er hatte das nicht ändern können— aber er traf doch ſeine Verwandten und Freunde dort, die Henneberger und Mansfelder, mit denen er Rückſprache über Vieles nehmen konnte, und vorzüglich, er durfte hoffen, ſein ſchweres Herz in der fröhlichen Geſellſchaft zu erleichtern. Noch war ſie vollzählig; auch das neuvermählte Paar hatte ſeine Abreiſe, die bereits feſtgeſetzt geweſen war, auf Bitten der Mutter um einige Tage verſchoben. Die Sitte, daß Neuvermählte den erſten Tag ihrer Ehe — wie es ein Zeitgenoſſe ausgedrückt hat— unter dem Dache des Gaſtwirths beſchließen, war noch nicht 7 eingeführt. Hochzeitsfeſte dauerten immer ſehr lange und die jungen Eheleute mußten dabei aushalten, auch zu den vielen derben Späßen, die auf ihre Koſten gemacht wurden, eine gute Miene zeigen; wir find darin feiner geworden, wenn auch nicht ſittlicher. Graf Günther wurde bei ſeiner Ankunft auf der Heidecksburg von der ganzen Hochzeitsgeſellſchaft mit großer Freude empfangen, die von ſeiten der Männer, da er gerade gegen Ende eines Banketts erſchien, etwas tumultua⸗ riſch war. Die Gräfin Katharina, die ihm entgegen⸗ kam, ließ ihm einen Platz an ihrer Seite bereiten; er ſah, daß ihr Auge mit einer gewiſſen Beſorgniß an ihm hing, und auch ſeine Gemahlin begrüßte ihn mit ängſt⸗ lich fragenden Blicken. Hier ſchienen ſich ſchon Nach⸗ richten ſchlimmer Art verbreitet zu haben, an welche wenigſtens die Frauen glaubten; die Männer wußten ſich dergleichen beſſer aus dem Sinne zu ſchlagen. Er mochte nicht gleich fragen, um die Heiterkeit nicht zu ſtören, aber bald genug fragte man ihn. Wirklich ſchien man hier mehr zu wiſſen, als er auf dem ſächſi⸗ ſchen Landtage und ſeiner ganzen Reiſe gehört hatte; zum Glück kennte er viele Gerüchte, welche ſich hier verbreitet hatten, als ganz abenteuerlich oder unſinnig widerlegen. Etwas Beſtimmtes vermochte er aber nicht dafür zu ſetzen, denn Herzog Moritz hatte ſeinen Stän⸗ 8 den im Landtagsabſchiede auch nichts weiter geſagt, als daß ſie ſich in gute Bereitſchaft ſetzen ſollten, um dem erſten Aufgebot ſofort zu Fuß und zu Roß Folge zu leiſten. Das ließ ſich auf verſchiedene Weiſe deuten, und Herzog Moritz, ſo jung er war, hatte eine Ver⸗ ſchloſſenheit, daß ſelbſt ſeine vertrauteſten Räthe nie eine Einſicht in ſeine Abſichten und Pläne erlangten. In⸗ deſſen wußte man doch und es war auch dem Grafen von Schwarzburg mehrfach beſtätigt worden, daß er aus Regensburg, wo der Kaiſer noch Reichstag hielt, im beſten Vernehmen mit dieſem abgereiſt war, mit ſeinem Vetter, dem Kurfürſten, dagegen erneute Zwiſtigkeiten hatte. Beide gehörten zum Schmalkaldiſchen Bunde, es war jedoch immer möglich, daß ſich Moritz von dieſem trennte und auf die Seite des Kaiſers trat, wie auch der Kurfürſt von Brandenburg von dieſem gewonnen ſein ſollte. Ob der Kaiſer, wie Manche be⸗ haupteten, ſchon mit dem längſt gefaßten Entſchluß loszuſchlagen nach Regensburg gekommen ſei, darüber wurde an der Tafel viel und heftig geſtritten und iſt auch noch lange geſtritten worden. Graf Günther bezweifelte es und gewiß mit Recht. „Wenn es aber losgeht“, rief ihm gegenüber der alte luſtige Graf von Henneberg,„wie wollt Ihr Euch denn aus der Klemme ziehen? Eure Liebden ſind, ſoviel . 8 ich weiß, kur⸗ und auch herzoglich ſächſiſcher, zu⸗ gleich kaiſerlicher und böhmiſcher, auch einiger geiſt⸗ licher Fürſten Lehnsmann. Einem könnt Ihr doch nur dienen und drei, vier andere werden Euch der Felonie ſchuldig erachten!“ „Ich werde mir ſchon zu helfen wſen Vetter!“ antwortete der Graf, welcher jedem Humor zugänglich war.„Wenn ich jedem ſein Theil Reiter ſchicke, mögen dieſe es mit einander abmachen. Ich habe dann meine Schuldigkeit gethan.“ „O macht doch endlich dem Kriegsgeſpräch ein Ende, gnädige Frau!“ wurde die Gräfin Katharina von einer ihr gegenüberſitzenden Dame gebeten, welche die Fülle ihrer üppigen Reize durch einen beſonders reichen Anzug gehoben hatte und der Mode weit ausgeſchnittener Kleider mehr huldigte, als bis jetzt in thüringer Landen Ein⸗ gang gefunden hatte. „Es möchte ſchwer ſein, Frau von Bieſerodt“, erwi⸗ derte die Gräfin.„Die Geiſter ſind allzu voll davon. Ich will es aber verſuchen.“ Sie benutzte einen Mo⸗ ment, wo ihr Nachbar, Graf Günther, dem Pokal zuſprach, und ſagte ihm, ob er nicht auf das Wohl des neuen Ehepaares trinken wolle. Der Graf brachte ſogleich aufſtehend einen alten Glück⸗ und Trinkſpruch aus, der mit Jubel aufgenommen wurde und wenigſtens 10 für eine kurze Zeit das Geſpräch über die obſchwebenden Wirren im Reiche unterbrach Ehe es wieder aufge⸗ nommen wurde, verließen die Frauen die Tafel. Frau von Bieſerodt dankte der Gräfin und wandte ſich an die junge Frau, für welche ſie ſchon, als dieſe noch ein Kind war, eine beſondere Vorliebe gezeigt hatte. In jener Zeit war ſie oft auf der Heidecksburg geweſen, ſpäter mußte ſie einen Grund gefunden haben, ihre Beſuche zu beſchränken. Die Gräfin kannte ſie als eine im Grunde gutmüthige Frau, die nur das Unglück gehabt, an einen überaus ſchwachen Mann verheirathet zu werden, den ſie ſelbſt nicht geliebt hatte und nun in aller Freundlichkeit knechtete. Dadurch war ſie ganz ihren eigenen Wünſchen und Launen überlaſſen geblie⸗ ben, und wenn man ihr auch nicht gerade beſtimmt etwas Uebles nachſagen konnte, ſo gab ſie doch den Menſchen viel Anlaß, ihr Manches ſchuld zu geben. Es war zu jener Zeit der Gräfin Katharina, die noch nicht verwittwet war, ganz lieb geweſen, daß die rück⸗ ſichtsloſe Frau, die ſich wenig Mühe gab, auch eine tadelnswerthe Sinnesneigung zu verhüllen, ihre Beſuche ſeltener werden ließ. Später war ſie mit ihr zuweilen noch zuſammengekommen, aber nur gelegentlich. Zum Hochzeitsfeſte, wo ſie den ganzen Adel ihrer beiden Herrſchaften eingeladen hatte, konnte natürlich Bieſerodt 11 mit ſeiner Frau nicht fehlen. Er ſaß noch im Saale beim Becher, wo er ſeinen Mann ſtellte. Frau Magda⸗ lena war immer am liebenswürdigſten, wenn ſie ſich nicht in ſeiner Nähe befand, und ſo beſchämte ſie auch heute durch ihre Freundlichkeit Manche, welche ſonſt viel die Naſe über ſie gerümpft hatte. Die allgemeine Aufmerkſamkeit wurde aber bald durch ein Geſchenk in Anſpruch genommen, mit welchem die Gräfin ihre Tochter und deren Gemahl erfreut, nämlich ihr Bild und das ihres verſtorbenen Gemahls, von Meiſter⸗ hand in ſo überraſchender Aehnlichkeit auf die Leinwand gezaubert, daß alle Anweſenden, als die beiden Gemälde vor ihnen aufgeſtellt wurden, in laute Rufe der Bewunderung ausbrachen. Graf Vollrath, ihr Schwie⸗ gerſohn, ſagte in ſeinem Tagebuche, das der Nachwelt erhalten geblieben iſt, die Bilder habe man für lebendig oder von Zeuxis ſelbſt gemalt halten müſſen. Auf ihr eigenes Bild, das vor zehn Jahren gemalt war, hatte die Gräfin Katharina damals geſchrieben:„Am Tage Bonifacii Bin ich ſer und zwanzig Jahr alt, im Jahr 1536.“ Vieler Augen richteten ſich, als ſie das geleſen, auf die Wittwe, deren herzliebes Geſicht in dieſem Augenblicke von einem faſt mädchenhaften Erröthen verſchönt war, ſodaß ſie viel jünger ausſah, als dies Zeugniß ſie bekundete. Das Bild, kenntlich an der 12 Inſchrift, muß jedenfalls noch auf einem der fürſtlich Waldeck ſchen Schlöſſer vorhanden ſein, und es würde ſich wohl der Mühe lohnen, wenn es durch einen Be⸗ fehl des jetzigen Landesherrn aufgeſucht würde, da es die Mutter der Ahnfrau ſeines Hauſes darſtellt. Denn von dem Grafen Vollrath und ſeiner Gemahlin Ana⸗ ſtaſia von Schwarzburg, die ihm dreizehn Kinder ge⸗ boren, ſtammt das neuere Haus Waldeck ab. Es wäre neben dieſem Intereſſe dynaſtiſcher Pietät aber auch von allgemeinem Intereſſe, das Bild einer deutſchen Fürſtin, die an Hochſinnigkeit und jeder Frauentugend das Muſter einer ſolchen war, der Nachwelt aus dem Staube der Vergeſſenheit wiederzugeben. In voller Blüte der Lebenskraft ſtand Katharina noch bei der Vermählung ihrer älteſten Tochter, die ihr bisher, weil ſie, an Geiſt und Verſtändniß reif, manche ihrer Sorgen theilen konnte, die liebſte geweſen. Wer ſie als Fürſtin bei den Feierlichkeiten und ſelbſt an der Tafel in ihrer Haltung geſehen und nun im Kreiſe der Frauen das Muttergefühl ſo mächtig her⸗ vorbrechen ſah, wer es wußte, wie ſie für das Wohl ihrer Unterthanen ſorgte und ſich oft um ihre gering⸗ fügigſten Angelegenheiten kümmerte, um einzugreifen und zu helfen, wie ſie konnte, der mußte ſchon die höchſte Achtung vor ihr haben, noch ehe der Verlauf 3 13 des Sturms, der auch ihr Land nicht verſchonte, ihr edles Bild mit reichern Kränzen ſchmückte. Graf Gün⸗ ther hatte ſchon Gelegenheit gehabt, ihre Feſtigkeit kennen zu lernen, als ſie ihre Rechte im Gedanken an ihre Kinder vertheidigte; jetzt, bei einem Geſpräch, das er unter vier Augen über die nächſte Zukunft mit ihr führte, mußte er den Geiſt bewundern, mit welchem ſie die Lage der Dinge und die Gefahren, welche auch der Religionsfreiheit drohten, beurtheilte. Sie wußte mehr, als er auf ſeiner Reiſe erfahren hatte, ſie konnte ihm ſagen, was ſie aus zuverläſſigem Munde vernom⸗ men, ihren Gäſten aber, um ſie nicht zu beunruhigen, verſchwiegen hatte: der Kaiſer hatte ſich mit dem Papſte verbündet, den Krieg gegen die Schmalkaldner und die übrigen Proteſtanten im Juni zu unternehmen und dieſelben mit Gewalt der Waffen zur alten Reli⸗ gion und zum Gehorſam gegen den römiſchen Stuhl zurückzuführen. Günther erblaßte im erſten Augenblicke, als er das hörte, faßte ſich aber ſchnell und fragte, woher ſie das wiſſe. Sie durfte ihm das nicht ſagen, denn ſie hatte Schweigen gelobt, aber ſie verſicherte ihm, daß er ſich auf die Wahrheit der Nachricht verlaſſen könne; der Kaiſer habe das Bündniß mit dem Papſte ſchon früher für den Fall, daß der Reichstag zu Regensburg 14 und das Concil zu Trident keine Einigung herbeiführten, unterhandelt; der Papſt ſei bereit, den Kaiſer mit Geld und Truppen, die ein Legat nach Deutſchland führen ſolle, zu unterſtützen, habe ihm auch die Hälfte der Jahreseinkünfte aller ſpaniſchen Kirchen ſowie den Verkauf einer großen Zahl ſpaniſcher Kloſtergüter zugeſtanden. „Euer Gewährsmann iſt ein Geiſtlicher!“ rief der Graf bei dieſen genauern Angaben. Sie antwortete darauf nicht, ſondern ſetzte hinzu, daß der Kaiſer von Regensburg bereits nach Rom geſendet habe, um nun das beſprochene Bündniß abzu⸗ ſchließen. „Aber der Juni iſt faſt vorüber!“ ſagte Günther. „Noch iſt nichts geſchehen!“ „Wißt Ihr das?“ entgegnete Katharina.„Die Schmalkaldner haben ihren Bundestag kürzlich zu Ulm gehalten, Kriegsvolk iſt im Ueberfluß zu haben für ſie, ſeit der Krieg auch zwiſchen Frankreich und England zu Ende; der Beichlingen und Georg von Reckerodt ſind mit ihren Schaaren aus franzöſiſchem Dienſt ent⸗ laſſen und ſchon angenommen von den Schmalkald⸗ nern.“ „Das haben Euch die Mansfelder geſagt!“ rief Günther.„Sie haben auch mit mir davon geſprochen!“ ———— 5 — „Nun wohl!“ ſagte die Gräfin.„Und meint Ihr nicht, daß im deutſchen Volke mehr Neigung iſt, ſich den Fürſten als dem Kaiſer anzuſchließen? Ich denke immer, der erſte Schlag iſt ſchon geſchehen.“ „Von unſerer Seite?“ fragte der Graf ungläubig. „Recht, daß Ihr es unſere Seite nennt“, erwiderte ſie.„Denn der Krieg, wie ausdrücklich vom Papſte be⸗ dungen, iſt nicht blos gegen die Schmalkaldner, ſondern auch gegen die andern Proteſtanten gerichtet. Werden ſie abwarten, bis die ganze Macht der Feinde beiſam⸗ men iſt? Ich bin nur ein Weib, das vom Kriege nichts verſteht, aber ſo viel kann ich mir ſagen, daß man nicht blos den Schild, ſondern viel eher das Schwert gebrauchen muß. Ich habe auch kürzlich einen alten verſuchten Kriegsmann geſprochen“ lenkte ſie erröthend ein, als ſie den ſtaunenden Blick bemerkte, welchen der Vetter bei den letzten, mit aufglühendem Eifer geſprochenen Worten auf ſie richtete,„den Ehren⸗ ſteiner nämlich; der kennt viele von den Hauptleuten, die in Wartegeld genommen waren, beſonders den Schärtlin von Burtenbach, der als Reichsritter ſelbſt⸗ ſtändig für ſich werben ſoll. Der alte Valentin iſt der Meinung, daß die Bundesgenoſſen gewiß losſchlagen werden, ſobald als möglich, das ſei der rechte Weg zum Siege.“ 16 Glaubt er ſo gewiß an den Sieg?“ entgegnete Günther.„Seid Ihr davon überzeugt?“ „Der Ausgang liegt in Gottes Hand!“ erwiderte Katharina.„Ich bin betrübt über dieſen Krieg, den unſer theurer Luther ſo unabläſſig bemüht geweſen iſt zu verhindern, wie mir noch kürzlich ein treuer Freund und Gehülfe des Verſtorbenen geſagt hat. Es iſt nimmer gut, daß Deutſche gegen Deutſche die Waffen kehren, und die Feinde Deutſchlands jubiliren darüber. Wenn alle, die eines Glaubens ſind, ſtark und ein⸗ müthig zuſammenhielten, würde auch die Widerpart ſich wohl beſinnen, die Waffen gegen ſie zu ergreifen!“ „Mein Sohn iſt am Hofe des Kaiſers“, äußerte der Graf. Doch ſprach er die väterliche Beſorgniß, die ſich daran knüpfte, nicht weiter aus, ſondern erinnerte daran, daß der Kaiſer, weil eben viele Reichsſtände evangeliſchen Bekenntniſſes ſich von dem bewaffneten Wi⸗ derſtande gegen ihn fern hielten, unmöglich auch dieſe mit Gewalt ihrer auf frühern Reichstagen zugeſagten Religionsfreiheit berauben könne. „Das glaube ich auch nicht“ ſagte Katharina.„Aber ſie können ſich durch Nachgeben in vielen Punkten ſelbſt ihres köſtlichen Kleinods zum Theil berauben. Das fürchten eben erleuchtete Männer, mit denen ich darüber geſprochen habe.“ 17 Günther wußte, daß ſie viel mit Geiſtlichen ver⸗ kehrte, wie ſie auch in den ihr belaſſenen Landestheilen das Werk der Reformation, welches ihr Gemahl bei ſeinem frühen Tode nicht hatte vollenden können, mit Muth und Eifer durchgeführt hatte, während Günther ſelbſt erſt vor fünf Jahren, zwei Jahre nachdem er durch ſeines Vetters Heinrich Tod zur Erbfolge auch in Arnſtadt gelangt, zur proteſtantiſchen Kirche über⸗ getreten war. Die Glaubenskraft in Katharina mußte er bewundern, wenn er auch meinte, daß ſie zu weit ging. Darin glaubte er eben den Einfluß der Männer zu erkennen, mit denen ſie ſich in geiſtlichen Dingen berieth, denen ſie jedenfalls auch die Nachrichten über die drohenden Kriegsgefahren verdankte. Er trat ihrer Anſicht über das mögliche Nachgeben in Glaubensartikeln nicht entgegen, obgleich er ſie keineswegs theilte. In ihm war das Gefühl eines deutſchen Reichsfürſten und der alten Treue noch immer mächtiger als das eines Proteſtanten und er ſuchte den Zwieſpalt, wenn er ſich in ihm regte, auszugleichen. „Ihr habt chriſtlich geſprochen, Katharina, der Aus⸗ gang liegt in Gottes Hand!“ erwiderte er.„Ihm wollen wir Alles anheimſtellen. Gibt er dem Kaiſer den Sieg, ſo vertraue ich der ſtets bewieſenen Milde Karl's, daß er ihn nicht zum Aeußerſten benutzen wird.“ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 2 18 „Gott weiß ihm ſeine Bahn vorzuzeichnen— wir wollen nur auf Gott, nicht auf Menſchen vertrauen“, ſprach Katharina.„Mögen aber auch die ſchwerſten Prüfungen über uns kommen, ſo geziemt uns Stand⸗ haftigkeit.“ Sie bemerkte wohl, daß das Geſpräch dem Vetter das Herz ſchwer machte, und ging nun auf andere Gegenſtände über, die ſie zum Theil gemeinſchaftlich betrafen, denn die Landeshoheit auch in ihrem Gebiet war immer dem Grafen geblieben. Nachdem ſie ſich über die zu beſprechenden Punkte leicht verſtändigt hatten, fragte Günther, ob der alte Valentin hier ge⸗ weſen ſei oder ob ſie ihn an einem andern Orte ge⸗ troffen habe. Katharina erwiderte, daß er bei ihr geweſen, um ſich zu entſchuldigen, daß er mit ſeiner Frau nicht zur Hochzeit kommen könne, zu der ſie ihn auch eingeladen habe, und fügte lächelnd hinzu:„Meine Gäſte hatten ſo ſehr darauf gerechnet, bei dieſer Gele⸗ genheit auch die ſchöne Rettleben kennen zu lernen, welche zu den alten Leuten auf dem Ehrenſtein ihre Zuflucht genommen hat; ſie leidet aber, wie mir Va⸗ lentin ſagte, an einem unheilbaren Siechthum, das ſelbſt die kluge Anna, die mir mein Kind auch erhalten hat, nicht zu beſiegen vermag, und wäre doch nicht mitgekommen, wenn Frau Margarethe mit ihrem Mann auch zugeſagt hätte.“ 5 19 „Ich möchte den Wundervogel, wie Frau von Bieſe⸗ rodt die Fremde nennt, ſchon einmal ſehen“, ſagte Günther.„Aber ſie läßt ſich vor Niemand blicken, auch Frau Magdalene, die doch verwandt iſt mit der Ehrenſtein, hat ſie nicht zu ſehen bekommen. Daß ſie eine Muhme des verſtorbenen Eidams iſt und keine andern Verwandten hat, als die beiden Knaben, die dort bei den Großältern ſind, mehr hat Frau Magda⸗ lene nicht erfahren, wie ſie meiner Frau geſagt hat. Wißt Ihr mehr von ihr?“ „Wenig mehr“ erwiderte Katharina, welche das, was ſie noch von Aquila über Adelheid von Rettleben gehört hatte, nicht weiter erzählen mochte, ſo verdienſt⸗ lich es an ſich für das junge Mädchen war, daß ſie den Muth gehabt, ihre Meinung über ein Unrecht auch da auszuſprechen, wo es ihr Verfolgungen zuziehen mußte. Landgraf Philipp hieß der Großmüthige, aber Aquila hielt ihn eher für unverſöhnlich in ſeinem Charakter, ſein Benehmen gegen Franz von Sickingen war der Beweis dafür. Niemals hatte Philipp von Heſſen dieſem vergeben, daß er einſt gegen ihn aufge⸗ treten, er war Sickingen's Todfeind geblieben und hatte ihm das noch auf dem Sterbelager gezeigt. Die Stunde, welche die Gräfin ſich zu einer ver⸗ traulichen Beſprechung auf den Wunſch ihres Vetters 2* 20 abgemüßigt hatte, ließ bei dieſem eine angenehme Erin⸗ nerung zurück; es war ihm immer, wenn er mit Ka⸗ tharina geſprochen hatte, zu Muthe, als habe er eine friſche Bergluft geathmet oder von ſonniger Höhe einen weiten Blick über das Land gethan. So äußerte er ſich heute gegen ſeine Frau, die in ſein Lob einſtimmte. „Ich wollte, ich könnte Euch ſo mit Rath und That zur Seite ſtehen, wie Katharina ihrem Mann geſtanden hat“ ſagte die Gräfin Eliſabeth mit einer beſcheidenen Anerkennung fremder Vorzüge, wie ſie bei Frauen nicht allzuoft gefunden werden mag.„Aber ich kann nichts thun, als Freud und Leid getreulich mit Euch theilen. Fragt nur, wenn Euch irgend Zweifel und Beſorgniſſe entſtehen, Katharina um Rath, ſie kann darin die klügſten Männer wie an Muth die herzhafteſten be⸗ ſchämen.“ Am folgenden Tage verließ Graf Günther mit ſeiner Gemahlin und den Herren ſeines Hofes, die er hier getroffen hatte, die Heidecksburg, um nach Arnſtadt zurückzukehren, wo ſeiner Entſcheidung Manches harrte, das während ſeiner Abweſenheit unerledigt geblieben war. Ein Theil der Hochzeitsgäſte folgte bald ſeinem Beiſpiele, auch das junge Ehepaar reiſte nun nach ſeinem Schloſſe Eiſenberg bei Korbach ab, und wer auch die Gaſtfreiheit auf der Heidecksburg gern noch 21 länger genoſſen hätte, fand es jetzt ſchicklich, ſich zu verabſchieden. Nach dem geräuſchvollen Leben trat wieder die gewohnte Stille ein, welche Katharina von Schwarz⸗ burg liebte und nur unterbrach, wenn es ihre Stellung und ihr Rang forderten. Sie hatte bei der Trennung von ihrer Tochter eine Faſſung gezeigt, welche bei der gefühlvollen Mutter faſt wunder nehmen mußte; ach, ſie hatte dieſelbe nur durch ihre Geiſteskraft erzwungen, um ihrem Kinde das Herz nicht noch ſchwerer zu ma⸗ chen. Jetzt aber war ſie traurig und machte ſich doch oft Vorwürfe darüber; war Anaſtaſiia denn nicht glücklich und waren der Mutter nicht noch zwei geliebte Kinder geblieben, von denen ſie ſich noch lange nicht zu trennen brauchte? S S —— ———— Zweites Kapitel. Der Krämer. Vor dem Riedthore zu Arnſtadt erhebt ſich der rechte Thalrand der Gera mit immer ſteilern, zum Theil felſigen Hängen bis zu ſeinem höchſten Punkt, der ſogenannten Waſſerleite. Ungefähr auf halber Ent⸗ fernung von dieſer Kuppe hatte vor Zeiten ein Nonnen⸗ kloſter des Benedictinerordens geſtanden, der heiligen Walpurgis geweiht, das urſprünglich von einem Grafen von Käfernburg ſchon im Anfange des zehnten Jahrhun⸗ derts bei der Wachſenburg, einer der drei Gleichen, nördlich von Arnſtadt, erbaut, dann aber dort abge⸗ brochen und auf dieſe Stätte über dem Gerathal ver⸗ ſetzt worden war. Doch hatte daſſelbe hier kaum hun⸗ dert Jahre geſtanden, als es dem Abte zu Hersfeld, welcher das Kirchenregiment damals noch in Arnſtadt der un nit nt⸗ en⸗ gen fen en, 23 übte, aus Gründen beſſerer Zucht gefiel, das Kloſter auf ſeiner Waldhöhe wiederum abreißen zu laſſen und in die Stadt dicht an die Liebfrauenkirche zu verlegen, von welcher es dann neben ſeinem alten Namen auch das Kloſter Unſerer lieben Frauen genannt wurde. Graf Heinrich MXXVII., der Gemahl der Gräfin Katharina, hatte daſſelbe, wie auch die übrigen Klöſter des Landes, ſobald er nach dem Tode ſeines ſtreng katholiſchen Vaters zur Regierung gekommen war, auf⸗ gehoben. Die Mönche des Barfüßerkloſters in Arn⸗ ſtadt wie auch die Benedictiner zu Paulinzelle hatten Widerſtand geleiſtet und waren erſt mit großem Un⸗ willen, wie der Bericht ſagt, abgezogen, als ihnen in Gegenwart des Raths von den kurfürſtlich ſächſiſchen Amtleuten zu Saalfeld, den Herren von Dennſtedt, Witzleben und Wüllersleben, welche die Reformation durchzuführen hatten, die Wahl geſtellt worden war, entweder das Kloſter zu räumen oder die evangeliſch⸗ lutheriſche Religion anzunehmen. Die armen Nonnen von Sanct⸗Walpurgis dagegen hatten ſich ſtill gefügt. Auf dem Berge, wo einſt ihre Clauſur geſtanden, war noch der Kirchhof geblieben; die Stätte heißt bis auf unſere Tage der Walpurgiskirchhof und zuweilen för⸗ dert der Pflug bei der Ackerbeſtellung noch Steintrüm⸗ mer mit Sculpturen zu Tage. — 24 Ein felſiger Vorſprung bei dieſem Kirchhofe läßt aus waldiger Umgebung das liebliche Gerathal über⸗ ſchauen; lokale Vergleichungsſucht hat ihn in neuerer Zeit die Baſtei nach der großartigen Felsmaſſe an der Elbe genannt. Hier ſtand im Sonnenbrande des heißeſten Julitages ein Mann und ſchaute unverwandt in der Richtung nach Plaue thalaufwärts. Erwartete er von dort Jemand und hatte darum den Walpers⸗ berg, wie er im Volke kurzweg genannt wurde, wie eine Warte beſtiegen? Gewiß! In Plaue war Markt, womit der freundliche Ort, als er Stadtrechte bekom⸗ men, vom Kaufer auf Anſuchen ſeines Landesherrn begnadigt worden war, und der Mann auf dem Berge ſpähte nach einem Wagen aus, der von dort zurück⸗ kommen mußte und ihn ganz beſonders anging. Er ſelbſt hatte ihn begleiten wollen, war aber ſo entſchie⸗ den zurückgewieſen worden, daß er davon abgeſtanden war. Zufällig hatte er inzwiſchen ein Geſchäft unten in der Mühle gehabt und war dann auf den Gedanken gekommen, hinaufzuſteigen, von wo man den Weg von Plaue, welcher jenſeits der Gera läuft, überſehen konnte. Die herrliche Ausſicht auf das Gebirge mit dem Schnee⸗ kopf, die ſich hier bot, kümmerte ihn nicht, ebenſo wenig die Lieblichkeit des Thales, in dem die ferne Ehrenburg, die ſich über Plaue erhob, einſt Geraburg geheißen, die ——— — 25* Augen jedes Andern auf ſich gezogen hätte. Was ging ihn die Burg an? Er war kein Ritter. Die Berge hatten für ihn nun gar keinen Reiz, denn ſie erſchwer⸗ ten ihm ſeine Wanderungen, wenn er mit ſeinem Kram auf dem Rücken hinaufſtieg, um die Leute aus Men⸗ ſchenliebe mit verſchiedenen angenehmen Dingen zu ver⸗ ſorgen. Wie nahe war er ſchon daran geweſen, die Mühſal nicht mehr nöthig zu haben; der Vater hatte ihm ſchon halb und halb ſein Wort gegeben, vor Jahr und Tag ſchon, und noch immer war er nicht Manns genug in ſeinem Hauſe, um ſeinen Willen gegen die eigenſinnige Tochter und die Mutter, die hinter ihr ſtand, durchzuſetzen. Heut waren dieſe Beiden von Arnſtadt mit Verwandten der Frau, bei denen ſie zum Beſuch auf ein paar Tage geweſen, nach Plaue zum Markt gefahren und hatten bei guter Zeit heimkehren wollen, weil jetzt ſo viel reiſiges Volk einzeln und in Trupps das Land durchzog und die Straßen unſicher machte. Sieh! Blitzte es dort nicht wieder von Stahlhau⸗ ben? Freilich! Man konnte fünf bis ſechs Reiter zählen, die auf Arnſtadt ritten. Wie gut, daß ihnen der Wagen nicht aufgeſtoßen, obgleich die Frauen nicht allein, ſondern in Begleitung zweier handfeſter Bürger gefahren waren! Die Reiter waren vielleicht auch 26 ehrſamer Leute Kind, ihres Zeichens vielleicht gar Schneider oder Weber, die man ſonſt für friedfertige Gewerke hält; aber wenn der Burſch erſt den Harniſch auf dem Leibe und die Beine über einen Gaul ge⸗ hängt hat, iſt es, als ob der Teufel des Hochmuths und der Gewaltthätigkeit in ihn gefahren wäre. Dem Krämer wurde auf einmal unheimlich auf ſeiner Klippe, er war ſich der Geldkatze bewußt, die er des Geſchäfts in der Mühle wegen umgeſchnallt hatte; wie leicht konnte er auch auf dieſer Seite, noch vor dem ſichern Thore, einem Spießer begegnen, der ihm ſein Geld abnahm! Der Graf würde ſeinetwegen dem Kurfürſten, zu dem all dies Volk zog, keinen Fehdebrief geſchickt haben. Traurige Zeiten! Gut nur, daß es weit von hier, in Oberdeutſchland, zum Pelzwaſchen kommen ſollte und nicht im geſegneten Thüringerlande! Wenn nur erſt alle die Völker, die der Kurfürſt und der Land⸗ graf ſammelten, dort hinaufgezogen wären, daß man ſie hier los würde! So dachte der Krämer und athmete erſt wieder freier, als er ſich den feſten Mauern und dem ſtarken Thore ſeiner Vaterſtadt näherte, hinter denen ſich's wohl und ſicher ſaß. Er hatte ſich das Gefährliche ſeines umher⸗ ziehenden Gewerbes noch nie ſo lebhaft vorgeſtellt wie heute, um ſo dringender regte ſich der Wunſch in ihm, — „— gar rtige iſch ge⸗ uths Den lippe hifts leicht chern Geld tſten, ſchict ton ſollte nur and⸗ man ieder hore und nher⸗ wie 27 demſelben entſagen zu können und in den Armen eines ſchmucken Weibchens von den Mühen ſeines langen Wanderlebens auszuruhen. Aufgeſchreckt wurde er aber wiederum durch Pferdegetrappel aus dieſem ſüßen Traume; diesmal war es aber ſein eigener Landesherr, der mit einem kleinen Gefolge über die Gerabrücke ge⸗ ritten kam. Er trat ehrfurchtsvoll zur Seite und zog die Kappe. Der Graf erkannte ihn und grüßte gnädig mit der Hand. Plötzlich fiel ihm etwas ein, er hielt ſein Pferd an und winkte den Krämer heran.„ Wo kommſt Du her, Kandel?“ fragte er ihn, und als dieſer ihm demüthig Beſcheid geſagt, wollte er von ihm wiſſen, ob er lange nicht auf dem Ehrenſtein geweſen. „Lange nicht, gräfliche Gnaden!“ erwiderte Kandel. „Dort kaufen ſie mir nichts mehr ab. Es hat ſich einer von Ilm dort angeſchmeichelt, von dem laſſen ſie ſich betrügen.“ „Lieber als von Dir! Er macht's vielleicht nicht ſo grob!“ lachte der Graf.„Aber wiſſen wirſt Du doch, wie's oben ſteht, Du weißt ja Alles. Hat der Ehrenſteiner in letzter Zeit viel Gäſte gehabt?“ „Grauſam viel!“ verſicherte Kandel, obgleich er nicht das Geringſte wußte. „Von ſeinen alten Genoſſen und Reitgeſellen, nicht 28 wahr?“ fragte der Graf, während die Edelleute, die ihn begleiteten, ihre Pferde dichter herandrängten. „Willſt Du mir einen Dienſt leiſten, Kandel? Es ſoll Dein Schade nicht ſein.“ „Gräfliche Gnaden haben über mich zu gebieten“, erwiderte der Krämer, von den letzten Worten ange⸗ ſpornt. „Bringe mir Nachricht, wer etwa in letzter Zeit mit dem Alten auf ſeinem Horſt verkehrt hat“ ſagte der Graf.„Es iſt mir wichtig, das zu erfahren. Aber mache Deine Sache klug und ſprich nicht davon. Wenn ich erfahre, daß Du von meinem Auftrage gegen irgend Jemand ein Wort nur gemunkelt haſt, ſo laſſe ich Dich hängen. Hörſt Du? Gegen keinen Menſchen, ſelbſt gegen Deine eigene Herzliebſte nicht!“ Der Krämer ſchüttelte den Kopf mit einem ſo be⸗ trübten Geſichte, daß die Herren lachten. „Wirſt Du denn nicht bald Hochzeit machen?“ fragte Graf Günther freundlich, indem er ihm mit der Reit⸗ gerte einen leichten Schlag auf die Schulter gab.„Du haſt mir ſchon vor langer Zeit einmal vom Heirathen geſprochen!“ Dem Kandel wurde die Antwort ſchwer.„Sie will noch warten“ ſtotterte er endlich.„Sie will ein Jahr erſt bei Ihro gräflicher Gnaden in Rudolſtadt dienen.“ ten“ ange⸗ tmit der Aber Lenn tgend Dich ſelbſt 29 „Mir auch recht! Wer iſt ſie denn? Ein Arn⸗ ſtädter Kind— warum nicht hier?“ „Sie iſt nicht aus Arnſtadt, ihr Vater hat die Mühle bei Paulinzelle gebaut“ erwiderte Kandel. „Schlag' ſie Dir für ein paar Tage aus dem Sinne, verliebter alter Narr, und thue, was ich Dir geheißen habe!“ ſprach der Graf.„Ich will wiſſen, hörſt Du, wer ſeit etwa vierzehn Tagen auf dem Ehrenſtein aus und ein gegangen „Etwa der Herr Pfarrer aus Saalfeld?“ fragte Kandel. „Dummkopf! Ich will von Herren aus der Ritter⸗ ſchaft wiſſen, Du verſtehſt mich! Mache Deine Sache gut, Du ſollſt darnach belohnt werden!“ Er gab ſeinem ungeduldig ſcharrenden Pferde Zügel⸗ freiheit und ſagte, nachdem er eine Strecke fortgeritten war, zu ſeinen Begleitern:„Weiß Gott, es iſt mir ver⸗ haßt, einen ſo feilen Schelm zu dingen, um einen alten ehrlichen Edelmann zu belauſchen. Aber wenn man von allen Seiten die ſchlimmen Praktiken hört, die Schlangenwege ſieht, auf denen die Welſchen, die des Kaiſers Ohr haben, unſere deutſchen Landsleute be⸗ rücken, ſo wird man endlich auch gezwungen, vom geraden Wege abzugehen. Ich weiß mit Beſtimmtheit, daß die Feinde unſerer Sache es jetzt darauf abge⸗ 30 ſehen haben, den Adel deutſcher Nation derſelben ab⸗ wendig zu machen.“ „An welchen Luther den berühmten Brief geſchrie⸗ ben hat? Nicht doch, gnädiger Herr!“ zweifelten die Begleiter des Grafen. „Den Adel, an welchen Luther geſchrieben und Ulrich von Hutten ſeine feurigen Lieder gerichtet hat!“ verſicherte Graf Günther.„Der Herzog von Würtem⸗ berg hat dem Kurfürſten geſchrieben, es ſeien der Reichs⸗ ritterſchaft kaiſerlicherſeits Eröffnungen gemacht wor⸗ den, wie nachtheilig die Grundſätze der Proteſtanten, nach welchen es hinfort keine Prälaturen und keine Kanonikate mehr geben ſolle, dem Reichsadel werden würden. Wo es ſich um den leidigen Vortheil han⸗ delt, ſind wir alle gebrechliche Menſchen.“ „Aber der alte Valentin, der keinen Sohn hat und für die kleinen Enkel in ſeinen Jahren doch nichts mehr erleben kann?“ wandte einer der Edelleute ein. „Der alte Valentin fängt Feuer wie ein Pulver⸗ faß, wenn von den Rechten des freien Adels die Rede iſt“ erwiderte der Graf.„Auf ſeinen eigenen Vortheil kommt es ihm dabei nicht an. Was hat er davon ge⸗ habt, daß er noch in ſeinen ſpätern Jahren dem Sickin⸗ gen zugezogen iſt? Nichts als Koſten und Wunden! Jetzt kann er freilich auf keinen Streithengſt mehr S 31 ſteigen und ſpielt auf ſeinem Zottel eine abſonderliche Reiterfigur, aber mit ganzer Seele iſt er doch noch bei der Sache, und wenn er ſelber auch nicht mehr weiter kommt als bis Arnſtadt oder Rudolſtadt, ſo kommen ſie doch zu ihm oder ſchicken ihm Botſchaft und wollen ſich Raths bei ihm erholen! Da ſprach der Kandel von dem Pfarrer in Saalfeld. Ich trumpfte ihn ab, doch mag der immer einen Mittelsmann abgeben, wer kann's wiſſen? Valentin hat mir ſelbſt erzählt, daß er mit ihm Freundſchaft halte von alter Zeit her, wo der geiſtliche Herr beim Sickingen'ſchen Heere Feldpre⸗ diger geweſen iſt, und die Geſchichte von der Stückkugel, die er hat taufen ſollen, habe ich wohl dreimal ge⸗ hört. Der Aquila macht ſeinem Namen Ehre, er ſchaut noch heut mit ſcharfem Auge weit hinaus in die Welt, weil er weit herumgekommen iſt. Die Nachricht vom Bündniß des Kaiſers mit dem Papſte, die mir zuerſt meine Muhme Katharina gegeben, iſt von ihm, von dem Saalfelder Superintendenten. Könnt Ihr das glau⸗ ben? Sie hat es mir nachher geſagt, weil ich an der ganzen Sache zweifelte. Wie iſt der aber dazu gekom⸗ men? Er iſt aus Augsburg gebürtig, hat auch ſonſt dort als Pfarrer in einem Ort gehauſt, bis ihn ſein Biſchof wegen mißfälliger, lutheriſch klingender Predigt in ſeiner Reſidenz Dillingen gefangen geſetzt hat; mit ſeiner Heimat hält er noch gute Verbindung und jetzt iſt dort ein vornehmer italieniſcher Geiſtlicher, der zur evangeliſchen Lehre übergetreten und in Augsburg pre⸗ digt— in italieniſcher Sprache!“ Die Herren lachten.„ Lacht nicht!“ ſagte Graf Günther.„Er hat ungeheuren Zulauf. Die Kaufherren verſtehen ihn, die haben ihre beſte Kundſchaft in Italien, woher ſie viel indiſche Waaren über Venedig beziehen, und das gemeine Volk, wenn es auch kein Wort von der welſchen Predigt verſteht, läuft aus Neugier hinzu, um ſich den ehemaligen Kapuzinergeneral, der luthe⸗ riſch geworden iſt, anzuſehen. Nun, dieſer hat die aller⸗ beſtimmteſte Verſicherung gegeben, daß Papſt und Kaiſer ein Bündniß zur Ausrottung der Proteſtanten geſchloſ⸗ ſen haben, und das hat man von Augsburg dem Aquila geſchrieben. Daß es wahr iſt, hört man nun ſchon aller Orten, wo der Kaiſer werben läßt.“ „Aber der Reichsadel wird ſich doch nicht beſchwatzen laſſen!“ wandte der Kanzler ein, der neben ſeinem Herrn ritt.„Und Doctor Aquila, der Luther ſo nahe geſtanden und mit ihm für das Glaubenswerk geſtritten hat, wird ſich gewiß nicht zu einem Mittelsmann ge⸗ brauchen laſſen, wenn es gilt, den Adel gegen daſſelbe aufzuhetzen.“ „Gewiß nicht!“ beſtätigte der Graf.„Aber es iſt — 33 ein ganz anderer Gedanke noch, der dem Adel, wenn er auch am Glauben feſthält, ſoweit er ihn einmal angenommen hat, noch immer im Kopfe ſpukt, der alte Sickingen'ſche Gedanke, der nicht mit ihm zu Grabe ge⸗ tragen iſt. Der Hutten hat nicht umſonſt den Bund des Adels mit den Städten gegen uns Fürſten gepre⸗ digt. Wißt Ihr den Schluß noch auswendig, den Ihr mir einmal vorgeſagt?“ Der Reiter im ſchwarzen Kleide, an den ſich der Graf wandte, ſagte augenblicklich in gewichtigem Tone die Worte her, welche das berühmte Gedicht Ulrich von Hutten's ſchloſſen: „Das hoff' ich, mancher Ritter thu, Manch Graf, manch Edelmann dazu, Manch Bürger, der in ſeiner Stadt Der Sachen auch Beſchwerniß hat, Auf daß ich's nit anheb' umſunſt. Wohl auf! Wir haben Gottes Gunſt: Wer wollt' in ſolchem bleiben dheim? Ich hab's gewagt, das iſt mein Reim! Amen! Ich muß aber bemerken“ ſetzte der Gelehrte hinzu, „daß dies Gedicht nicht dasjenige iſt, welches den Adel und die Städte gegen die Fürſten aufmahnt, ſondern die Deutſchen insgeſammt mit ihrem Kaiſer gegen die Tyrannei Roms. Später erſt ließ er ein anderes zu vorbemeldetem Zwecke ausgehen, das heißt:„Bei Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 3 34 dem Wein aus dem freien Frankenland Beklagunge der Freiſtätte deutſcher Nation“; in ſolchem forderte er die Städte auf, mit dem Adel gemeinſchaftliche Sache gegen die Fürſten zu machen, welche die gemeine Freiheit unterdrücken wollten, wie er fälſchlich vorgibt. Hier lau⸗ tet es noch ganz anders. Wenn Eure gräfliche Gnaden mir geſtatten—“ „Wir ſchenken Euch die Verſe, Doctor!“ unterbrach ihn der Graf.„Sie ſind noch im guten Gedächtniß geblieben und dem jungen Geſchlecht, das Sickingen und Hutten nicht gekannt hat, vererbt worden. Nun denkt Euch, wenn in dem jetzigen Streit, der ganz Deutſchland entzünden kann, ſich noch ein drittes Bünd⸗ niß bildete, von dem Niemand einmal recht wüßte, zu wem es ſich ſchließlich wenden würde. Der einzelne Edelmann ſchon vermag viel, wenn er ſich einen Namen gemacht hat, ſo wir jetzt am Schärtlin ſehen, wieviel mehr, wenn ſie alle zuſammenſtehen und eine bewaff⸗ nete Macht aufſtellen, gleichſam als Zünglein der Wage zwiſchen dem Kaiſer und den Schmalkaldnern! Da ziemt es, auf ſeiner Hut zu ſein, und deshalb hab' ich eben den Schelm, den Kandel, als Spion gedungen, worüber ich mich freilich ſchäme. Es iſt mir aber ſo zu⸗ verläſſig von Zuſammenkünften auf dem Ehrenſtein er⸗ zählt worden, daß ich nicht mehr daran zweifeln kann.“ 35 „Mein gnädiger Herr“, ſagte der Kanzler,„Ihr habt ganz Recht. Man muß in allen Dingen auf ſeiner Hut ſein, um nicht überraſcht zu werden. Auch will ich nicht in Abrede ſtellen, daß der Reichsadel den Fürſten nicht hold iſt, weil er fürchtet, ſeine Reichsfreiheit an ſie zu verlieren. Leider dient auch der Lehnsadel— mit Ver⸗ gunſt, Ihr Herren!— den Fürſten nicht überall ſo treu, wie er ſollte, er ſucht ſeinen Vortheil, und wenn ein Fürſt ſich auch der andern Stände annimmt, hält er ſich da⸗ durch für geſchädigt. Aber darin muß ich wider⸗ ſprechen, daß eine Einigung deſſelben gegen die Fürſten jemals zu Stande kommen ſollte. Einigung iſt nur da, wo einer gebietet und dazu das Recht und die Macht hat. Wir werden es am Schmalkaldiſchen Bunde erleben, denkt an mich.“ Der Kanzler ahnte nicht, daß ſchon die erſten Er⸗ eigniſſe, als die Bundesgenoſſen zur That geſchritten waren, zur ſelben Zeit, als er davon ſprach, ſeine Worte gerechtfertigt hatten. Der Kaiſer befand ſich mit ſeinem Hoflager noch immer in Regensburg. Er hatte nur etwa neuntauſend Mann, darunter dreitauſend Spanier, in einem Lager zuſammen, er ſelbſt, von der Gicht geplagt, konnte ſich nicht einmal zu Roß vor ſei⸗ nem Heere zeigen und befand ſich in der alten Reichs⸗ ſtadt mitten unter einer proteſtantiſchen Bürgerſchaft, 3* 36 6 was beim Ausbruche eines Religionskriegs ſeine eigene Perſon in Gefahr bringen konnte. Die ſüddeutſchen Städte dagegen hatten bereits vierundachtzig Fähnlein Fußvolk zuſammen, zu deren Kriegsoberſten ſie den be⸗ währten Sebaſtian Schärtlin von Burtenbach erwählt hatten. Dieſer führte ihnen ſeine ſ elbſtgeworbenen ſechzehn Fähnlein zu, außerdem ſtanden die Truppen des Herzogs von Würtemberg, achtundzwanzig Fähnlein Fußvolk und ſechshundert Reiter, unter Hans von Heideck als Rückhalt bei Günzburg. Schärtlin hatte gerathen, ſchleunigſt loszu⸗ ſchlagen, die kaiſerlichen Muſterplätze zu überfallen und durch Beſetzung der Alpenpäſſe dem Kaiſer den Zuzug aus Italien abzuſchneiden. Als der Bundesrath darauf eingegangen, war Schärtlin durch einen Gewaltmarſch mit einer ſtarken Heeresabtheilung vor Füſſen gerückt, welches ein Hauptſammelplatz für die Kaiſerlichen war; die Beſatzung hatte den Ort geräumt und war nach Baiern ausgewichen; ſie ſollte verfolgt werden, aber die Herren von Augsburg hatten das ſogleich ihrem Kriegs⸗ oberſten verboten, um den Herzog von Baiern, der noch eine unentſchiedene Haltung zeigte, nicht zu beleidigen. Schärtlin hatte ſich darauf unmuthig gegen Tirol gewandt, Schloß Ehrenberg, welches den Paß der Klauſe ſperrt, durch einen kühnen Handſtreich genommen und war im Begriff geweſen, im raſchen Zuge weiter zu 37 marſchiren, um das Concil zu Trident auseinander zu ſprengen. Aber auch dieſen kräftigen Entſchluß hatte er nicht ausführen dürfen; die Bundesräthe in Ulm, deren Erlaubniß dazu er nachgeſucht hatte, waren darüber erſchrocken. Tirol gehörte dem römiſchen Könige Ferdinand, dem Bruder des Kaiſers, mit dem war man nicht im Kriege, den durfte man nicht reizen. Sie hatten alſo ihrem Oberſten Befehl zur Umkehr geſandt und ihn angewieſen, ſich nach Günzburg zur Vereini⸗ gung mit den Würtembergern zu ziehen, des Weitern gewärtig, wenn erſt die beiden Häupter des Bundes, der Kurfürſt von Sachſen und der Landgraf von Heſſen, mit ihren Streitkräften herangekommen ſein würden. Ein Krieg, der mit ſchwächlichen Rückſichten begonnen wird, hat keine Ausſicht auf Erfolg, es war aber ſchon das Zeitalter, wo der Krieg längſt nicht mehr in ſeiner furchtbarſten Geſtalt, als Vernichtung des Gegners ſelbſt bis zur Ausrottung ſeines Volks, wie in den Urzeiten der Menſchheit, über die Erde ging, und neben den Rückſichten der Menſchlichkeit, die leider am wenig⸗ ſten geachtet wurden, hatten ſich auch noch viel andere gefunden, viel ſchwächliche, welche die Kriegführung lähmten. Nur da, wo ein ſtarker Wille gebietet, kann ein großes Ziel erreicht werden. Der Kanzler des Grafen von Schwarzburg hatte ganz Recht, und viele 38 Tage ſollten nicht vergehen, bis die Nachrichten von Füſſen und der Ehrenberger Klauſe ihren Weg nach Thüringen fanden, um die Worte, die er bei dem Abendritte gegen ſeinen Herrn geäußert hatte, zu be⸗ ſtätigen. Wenn es nur nicht noch ſchlimmer kam! Dem Krämer Kandel war der Auftrag, den er er⸗ halten hatte, trotz des in Ausſicht geſtellten Lohns ſehr bedenklich. Daß der Graf jeden Dienſt, der ihm geleiſtet wurde, mit fürſtlicher Großmuth belohnte, wußte Kandel, aber es fragte ſich, ob die Gefahr dies⸗ mal im Verhältniß damit ſtand. Er hatte ſeit vorigem Sommer nicht mehr gewagt, ſich im Schloßhofe zu Ehrenſtein ſehen zu laſſen, denn er hatte dort einen Feind, mit dem ſich kein vernünftiges Wort reden ließ, weil er überhaupt keine Vernunft beſaß. Das war näm⸗ lich der Wolfshund des alten Herrn, der ſeit jenem Tage, wo ihn die heilloſen Rangen auf den ehrlichen Handelsmann gehetzt, einen beſondern Haß auf dieſen geworfen hatte und ihn bei zufälliger Begegnung in Arnſtadt, wenn Herr Valentin mit dem Vieh, das er immer mitlaufen ließ, hereinkam, jedesmal grimmig anknurrte. Es war der verhaltene Groll, daß er damals nicht hatte beißen dürfen, und ſtellte eine doppelte Rache in Ausſicht, wenn es ihm einmal geſtattet ſein ſollte. Kandel wäre aber auch ſonſt nicht in Verſuchung ge⸗ 39 kommen, den Ehrenſtein wieder zu betreten, denn der alte Herr, als er ihn das erſte Mal nach jener miß⸗ glückten Erſpähung in der Stadt getroffen, hatte es ibm geradezu verboten.„Du trägſt mit Deinem Plun⸗ der auch den Leumund im Lande herum! Ich rathe Dir, aus meinem Hauſe weg zu bleiben!“ hatte Herr Valentin geſagt und dabei recht deutlich auf ſeine Wolfsrüde hingezeigt, daß der Krämer ſchon gezittert, er werde flugs zerriſſen werden. Und nun ſollte er Kundſchaft für den Grafen dort einziehen! Als er ſorgenvoll an das Thor kam, wurde ihm auf einmal das Herz leicht gemacht: dort ſah er ja das Geſchirr ſeines Gevatters flink daherfahren mit der Müllerin und der allerliebſten Lisbeth. Ein kühner Gedanke durchkreuzte ſeinen anſchlagsreichen Kopf, er glaubte einen Rettungsengel zu ſehen.„ „Nun, da ſeid Ihr ja alle mit einander!“ rief er, die Kappe vom Kopf reißend, daß ihm das dünne Haar emporflog.„Ich komme gleich nach.“ Vom Wagen grüß⸗ ten ſie ihn, auch Lisbeth, aber wie ernſthaft und ſtolz ſah ſie auf ihn herunter, kaum daß ſie mit ihrem hüb⸗ ſchen Kopf ein wenig genickt hatte! In dem ſchwarzen voigtländiſchen Kopftuch mit den zwei gehörnten Schlei⸗ fen ſah ſie aus wie eine kleine wunderſchöne Teufelin. Kandel hatte ſie einmal ſo genannt und dafür wenig⸗ 40 ſtens ein lachendes Geſicht von ihr bekommen; gegen alle andern Menſchen war ſie ein Engelein, warum mußte ſie nur gegen ihn das grauſame Herz einer Teufelin haben? Mit langen Schritten folgte er dem dahinrollenden Wagen in die Stadt, wo ſein Gevatter am Markt ein großes ſtattliches Haus beſaß. Dort war die Müllerin bei deſſen Frau, die aus Adorf im Voigtlande und mit ihr verwandt war, zum Beſuch. Nicht ohne Abſicht hatte der Müller das veranſtaltet; wenn dort der Kandel ſeine Sache nicht aufs Reine brachte, ſo war Hopfen und Malz an ihm verloren. Morgen wollten ſie aber ſchon wieder nach Hauſe fah⸗ ren und Kandel war ſeinem Wunſche noch nicht einen Schritt näher gekommen.„Das iſt, wenn man ſeinen Kindern allen Willen läßt!“ dachte er oft mißmuthig „Bei mir, wenn ich die Lieſel erſt habe und ſie mir Kinder ſchenkt, ſoll's anders werden! Wenn ich zu mei⸗ ner Tochter einmal ſagen werde: Den nimmſt Du! und eins ſagt: Nein! ſo werd' ich zeigen, wer zu befehlen hat.“ Die hübſche Lisbeth war jedoch nicht im entfernte⸗ ſten gewillt, ihm eine ſolche Gelegenheit zu geben, ſie dachte noch immer ſo, wie ſie ihrem Vater einmal geantwortet hatte, da er geſagt: Du haſt Dein Theil! Auch heute, wie Kandel ihr mit zärtlichen Blicken gleich 4¹ beim Eintritt in die Stube ſeines Gevatters nahe kam, hatte ſie nur kurze ſchnippiſche Antworten für ihn und er ſah zu ſeiner Beſchämung, daß er hier auf Kei⸗ nen zu ſeinem Beiſtande rechnen konnte, ſie lachten ihn eigentlich alle aus. Da bezwang er ſich und wurde auf einmal ernſthaft.„Habt Ihr die Reiter unterwegs geſehen?“ fragte er, ſich von den Frauen abwendend, die beiden Bürger, Vater und Sohn.„Seid Ihr nicht angeſprochen worden?“ Sie hatten den Trupp fern vor ſich herziehen ſehen, angeſprochen worden waren ſie von einigen Fußknechten um einen Zehrpfennig. „Die meine ich nicht, ich meine die Reiter! Wenn Ihr denen begegnet wäret, ſo hätte die Jungfer Lisbeth einen guten Bekannten dabei getroffen.“ Lisbeth blickte ihn ſchnell unwillig erröthend an und die Müllerin verwies ihm die Rede. „Ja, ja, Frau Müllerin! Ich weiß, was ich ſage! Hat die Jungfer nicht ſelber erzählt, daß ſie einmal im Walde einem Kriegsmann hat den Weg zeigen müſſen? Der war mit unter den Reitern. Jetzt iſt die ſchöne Summerszeit, wo mancher Reiter zu Felde leit, ſingt der alte Valentin.“ Höher glühten Lisbeth's Wangen und ihre ſonſt ſo milden braunen Augen blitzten.„Was weiß 42 Er davon?“ rief ſie.„Hab' ich's Ihm etwa er⸗ zählt?“ „Mir nicht, dem Vater, aber ich war dabei“, erwiderte Kandel.„Weiß die Jungfer nicht mehr? Sie ſagte noch, daß der Kriegsmann am Morgen erſt in Paulinzelle geweſen und daß ſie ihm darauf abends im Walde vor Rudolſtadt begegnet ſei. Sie wird doch den ſchmucken Mann nicht vergeſſen haben! Der war mit unter den Reitern, die heut von Plaue herunter⸗ kamen. Wer's nicht glauben will, der kann ihn auf dem Ehrenſtein finden. Da zieht Alles hin.“ „Auf dem Ehrenſtein?“ fragte der Hauswirth ver⸗ wundert, und die Müllerin ſagte:„Er kann doch nicht wiſſen, wie der Mann ausſieht, dem die Lieſe vor lan⸗ ger Zeit bei Rudolſtadt begegnet iſt, und ob der heute mit unter den fremden Reitern geſteckt hat!“ „Das weiß ich Alles und ich weiß noch mehr!“ ſagte Kandel, der nun ganz in ſeinem gewohnten Zuge war.„Der Kriegsmann vor'm Jahre, Jungfer Lies⸗ chen, wenn ich reden wollte— ja, den kenne ich, ſeine ganze Sippſchaft und ſeine Fahrten. Und daß er heut nach dem Ehrenſtein geritten iſt, das weiß ich, Ge⸗ vatter Ringebeil, denn ich habe ihn geſehen und mit ihm geſprochen.“ Das war nun in gewohnter Weiſe frech gelogen, aber er machte ſich, wie ihm auch ſeine 43 Muhme in Horba öfter vorhielt, kein Gewiſſen daraus. „Sagte ſie nicht, Frau Müllerin“ wandte er ſich an dieſe,„daß Sie in dieſen Tagen auf dem Ehrenſtein zu ſchaffen hätte? Ich rathe Euch, laßt die Jungfer daheim!“ Lisbeth warf ihm jetzt einen wahrhaft erzürnten Blick zu, während ihre friſchen Lippen ſich zu einer derben Abfertigung ſpitzten. Die Mutter ließ ſie aber nicht zu Worte kommen, ſondern übernahm jene ſelbſt. Dem Hauswirthe lag indeſſen daran, über die be⸗ fremdliche Nachricht, daß ſich auf dem Ehrenſtein Kriegs⸗ volk zuſammenziehe, Auskunft zu erhalten. „Ja, Gevatter!“ ſagte Kandel.„Du ſteckſt in Dei⸗ nem Bau, ich muß mir's ſauer werden laſſen, dafür erfahre ich aber auch, wie's in der Welt zugeht. Seit vierzehn Tagen wimmelt das alte Eulenneſt oben von ritterbürtigen Herren und Reitern und die Leute wer⸗ den ſich wundern, was für ein Ungewitter dort los⸗ platzen wird.“ Er wollte ſeiner Erfindungsgabe noch mehr Raum gönnen, wurde aber durch den ſtürmiſchen Eintritt einiger Handwerksgenoſſen des Hauswirths unterbrochen, „Eben iſt der Landgraf von Heſſen hier eingeritten!“ rief der erſte, der den Kopf in die Stube ſteckte.„Unſer Herr hat ihn eingeholt! Ich komme aus der goldenen — 44 Henne, da iſt viel Redens drüber! Nun wird unſer Graf wohl auch mit zu Felde ziehen müſſen!“ „Und das wußtet Ihr noch nicht?“ rief Kandel. „O ich könnte Euch noch ganz andere Dinge erzählen!“ Sie begehrten das aber nicht, wahrſcheinlich mochten ſie den Werth ſeiner Erzählungen ſchon kennen. Was in der goldenen Henne über das wichtige Ereigniß ge⸗ ſprochen worden war, galt ihnen mehr. Was wollte der Landgraf von Heſſen hier? Wo kam er her, daß er durch das Riedthor eingeritten war? Aus Schmal⸗ kalden über den Wald? Sonſt waren die Bundes⸗ tage immer in Schmalkalden gehalten worden, jetzt aber ſchon lange nicht mehr, ſondern in Ulm. Der Graf mußte doch von ſeiner Ankunft gewußt haben, daß er ihm entgegengeritten war und auch ſeinen Kanzler mitgenommen hatte, um gleich unterwegs ſchon Alles zu verabreden! Dieſe und andere Fragen wur⸗ den von den Bürgern eifrig beſprochen und die Frauen ſaßen ſtill dabei. Kandel hatte erſt eine Weile zuge⸗ hört. Die Welthändel waren nicht ſeine Sache, wie in ſeinem Geſchäft gab er ſich in ſeiner Neuigkeitskrämerei am liebſten mit dem Kleinhandel ab; darum miſchte er ſich nicht weiter in das Klugſprechen der Nachbarn, er ſchwieg aber mit der Miene eines Mannes, der das Alles beſſer verſteht und ſie ob ihrer beſchränkten Mei⸗ 45 nungen bemitleidet. Endlich fragte er halblaut wieder die Müllerin, ob ſie wirklich auf den Ehrenſtein gehen werde. „Freilich!“ erwiderte dieſe.„Denkt Er, ich werde mich fürchten, weil ſoviel Kriegsvolk oben iſt, wie Er ſagt? Bei uns in Franken fürchten wir uns nicht.“ „Franken? Franken? Seid Ihr nicht aus dem ſächſiſchen Voigtland?“ fragte er. „Franken ſind wir doch!“ entgegnete ſie.„Ich habe auf dem Ehrenſtein zu ſchaffen— Er möchte wohl gern wiſſen, was? Das erfährt Er aber heut nicht.“ „Glaubt die Frau Müllerin, daß Sie mir's erſt zu ſagen braucht?“ verſetzte er mit ſeinem pfiffigen Lächeln.„In der andern Woche komme ich wieder nach Paulinzelle, da ſoll Sie mir ſagen, ob ich Recht gehabt habe oder nicht mit den edlen Herrn, die oben auf dem Ehrenſtein verkehren. Sie geht doch Sonntag hinauf?“ „Uebermorgen!“ ſagte die Müllerin. „Schön! Ich komme vielleicht auch ſchon früher nach Paulinzelle. Schaue Sie ſich nur recht um! Sie kennt ja viele von unſerm Adel und wird ja ſehen, ob ſie Fremde oben trifft. Jungfer Lisbeth will alſo mit Gewalt auf die Heidecksburg in Dienſt gehen? Wenn ich ſo reich wäre wie Sie, Frau Müllerin, litte ich's nimmer, daß mein Kind diente! Ich redete ihr lieber anders zu.“ „Wer weiß, wie das noch Alles kommt!“ erwiderte die Frau, die ihn wohl verſtand.„Frage Er nur bei uns an, wenn Er durch Paulinzelle geht, vielleicht kann ich Ihm dann etwas erzählen.“ Er blickte Lisbeth an und ließ einen tiefen Seuf⸗ zer hören. Sie ſah heute, da ihr noch immer die Wangen glühten und ihre Augen ein Feuer bekommen hatten, wie er es noch nie in ihnen bemerkt hatte, zum Verzweifeln ſchön aus, aber er hatte ſie erzürnt und ſie ſchenkte ihm keinen Blick. Er hatte ſie ſchon früher zuweilen mit dem fremden Kriegsmanne geneckt, deſſen Erſcheinung ſie damals mit ſolcher Lebhaftigkeit geſchildert hatte, daß ein anderer Bewerber als Mat⸗ thäus Kandel eiferſüchtig geworden wäre; eiferſüchtig war aber Kandel nicht, dazu hatte er zu viel Welter⸗ fahrung und Lisbeth beſaß ja außer den Vorzügen ihrer Perſon noch andere, die ihm noch mehr zu ſtatten kommen ſollten als dieſe. Heute mußte er ſich ſagen, daß die Ausſicht dazu immer ſchlechter wurde und, wenn er nicht durch einen beſonders klugen Anſchlag die kleine wilde Taube finge, ſie ihm wohl ganz aus dem Garn gehen würde. Allerlei Pläne kreuzten ſich bereits in ſeinem Kopfe. Zunächſt aber mußte er doch an den Auftrag des Grafen denken, bei welchem ſeine Repu⸗ tation auf dem Spiele ſtand, und er durfte ſich nicht 47 damit begnügen, daß ihm die Müllerin erzählen ſollte, wen ſie auf dem Ehrenſtein geſehen, er mußte ſich noch andere Hülfe verſchaffen. Seine Muhme fiel ihm wie⸗ der ein, aber die war verſtockt, und konnte er ſich denn überhaupt auf Weibergeträtſch verlaſſen? O wenn der Gosmar noch im Lande geweſen wäre, ſein alter Spießgeſell! Drittes Kapitel. Ein Fund. Wie ſollte Gosmar noch im Lande ſein, wo er gehetzt worden war wie ein wildes Thier und der Verfolgung ſich nur mit der ihm angeborenen Fuchs⸗ liſt entzogen hatte! Wenn er freilich gewußt hätte, daß die Spur, die er verloren, ſo ganz in der Nähe wieder aufzufinden geweſen wäre, eine Spur, die ihn die Gnade ſeines letzten Herrn, wie unverſöhnlich der⸗ ſelbe auch ſonſt war, ſofort von neuem hätte gewinnen laſſen, er würde nicht hinweggegangen ſein, ſondern ſich trotz der Weigerung des alten Herrn von Ehren⸗ ſtein, der ſein Haus nicht zu einem Schlupfwinkel für Uebelthäter machen wollte, bei ihm eingeſchlichen haben. Jetzt weilte er fern von Thüringen, wenn auch nicht da, wohin ihn der Liebling ſeiner jungen Jahre, ſein 49 Junker und Zögling, den er ſo unerwartet wieder⸗ geſehen, durch Empfehlung ausdrücklich gewieſen hatte. Wo aber weilte dieſer jetzt? War in der dreiſten Behauptung des Krämers, der ihn freilich vom Wal⸗ purgisberge aus nicht unter den ziehenden Reitern auf der Straße von Plaue erkannt, noch minder geſprochen haben konnte, nicht doch ein Körnlein Wahrheit? Konnte er ihm nicht geſtern oder vorgeſtern begegnet, konnte er, wenn der Ehrenſtein wirklich ein Sammelplatz für geheime Berathungen war, nicht auch dort ſein, viel⸗ leicht im Geleit eines der Häupter, welche den großen Gedanken Sickingen's und Hutten's bei der jetzigen günſtigen Gelegenheit wieder zu erwecken gedachten? Nichts von alledem! Weſſen Gedanken Günther ſuchten, den Sohn eines jüngern Grafen von Schwarz⸗ burg und ſeiner zwar niedrig geborenen, aber recht⸗ mäßigen Ehefrau, den ritterlichen Jüngling, der an manchem Fürſtenhofe Wohlgefallen erregt und nach ſeiner erſten Heimkehr früh verwaiſt bei ſeines Vaters Verwandten auf der Heidecksburg gelebt, den nach⸗ maligen Mönch von Paulinzelle, den ſpätern Haupt⸗ mann im kaiſerlichen Heere gegen die Franzoſen— weſſen Gedanken ſich damit beſchäftigten, wo er jetzt wohl ſein und wie es ihm gehen möge— und es gab mehr als ein Gemüth im Thüringerlande, das um Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 4 50 ihn ſich Gedanken machte— der mußte weit in die Ferne ſchweifen, wenn er ihn finden wollte. Abgewichen war er aber nicht von der Bahn, die er ſich vorgezeichnet hatte. Die Reden Kandel's hatten wenig Bedeutung ge⸗ habt, richtig dagegen war die Nachricht, welche die Bürger aus dem erſten Wirthshaus der Stadt heim⸗ gebracht hatten. Der Landgraf von Heſſen war wirklich mit einem kleinen Gefolge nach Arnſtadt gekommen, nicht um den Grafen von Schwarzburg zur Truppen⸗ ſtellung für den Bund zu gewinnen, dem dieſer mittelbar als Lehnsträger beider Sachſen ſchon verpflichtet war, ſondern nur auf der Durchreiſe. Er hatte mit dem Kurfürſten Johann Friedrich eine Zuſammenkunft ver⸗ abredet; die beiden Häupter des Schmalkaldiſchen Bundes wollten ſich unweit Arnſtadt, aber nicht mehr auf Schwarzburgiſchem Gebiet, ſondern auf kurſäch⸗ ſiſchem, zu Ichtershauſen treffen. Wenn es heute noch Punkte im Thüringerwalde gibt, von denen man in vieler Herren Länder ſchauen kann, weil Thüringen im Herzen Deutſchlands die alte Zerſplitterung am meiſten bewahrt hat, ſo war das zu jener Zeit noch viel ſchlimmer, obgleich damals ſchon mehrere der alten reichsunmittelbaren Geſchlechter ausgeſtorben waren. Doch gehörte immer der größte Theil von Thüringen 51 dem Hauſe Wettin, welches nach und nach die Mark⸗ grafſchaft Meißen, die Landgrafſchaft Thüringen und endlich das kleine Herzogthum Sachſen⸗Wittenberg, an welchem die Kurwürde haftete, erworben hatte. Dieſe Lande waren vor ſechzig Jahren von den Söhnen Friedrich's des Sanftmüthigen, Ernſt und Albert, ge⸗ theilt worden, jenen beiden Prinzen, an denen Kunz von Kauffungen den vielbeſprochenen und furchtbar beſtraften Raub begangen hatte. Auf dem Rath⸗ hauſe zu Leipzig war die Theilung vereinbart und dann durch das Loos entſchieden worden, nicht nach Landſchaften, ſondern in wunderlichſter Zerſtückelung nach Städten, ſodaß jeder der beiden Brüder in jedem der Landestheile Meißen und Oſterland, Sachſen, Thü⸗ ringen, dem Voigtland und dem fränkiſchen Gebiet ſeine zerſtreuten Beſitzungen hatte. So waren in Thü⸗ ringen achtunddreißig Städte auf die eine, zweiund⸗ zwanzig auf die andere Portion gefallen. Der Jüngſte, Albert, hatte zu wählen, er entſchied ſich für die letztere, der Aelteſte, Ernſt, erhielt alſo den größten Theil von Thüringen und, weil er der Aelteſte war, auch die Kurwürde. Die Erneſtiniſche Linie war alſo damals die Kurlinie, bis die Gewalt der Ereigniſſe den Kur⸗ hut auf die andere, die Albertiniſche Linie, übertrug, welche ihn ſpäter in eine Königskrone verwandelte. 3 52 Kurfürſt Johann Friedrich, welcher in ſeiner Stadt Ichtershauſen im Gothaiſchen mit ſeinen Bundesgenoſſen zuſammentreffen wollte, um die nächſten Maßregeln für den ſchon von den Oberdeutſchen angefangenen Krieg zu verabreden, war der Enkel Ernſt's, welcher ſeine Linie geſtiftet, der Sohn Johann's des Beſtändigen, welcher den Schmalkaldiſchen Bund geſchloſſen hatte, der Neffe Friedrich's des Weiſen, der kinderlos geſtorben war. Von ſeinen Landen hatte er nur die Pflege Ko⸗ burg, alſo den fränkiſchen Antheil, ſeinem Bruder Jo⸗ hann Ernſt abgetreten, der ſpäter auch ohne Erben ſtarb. Die Albertiniſchen oder herzoglichen Lande be⸗ ſaß der junge Herzog Moritz, ebenfalls Enkel des Stif⸗ ters ſeiner Linie, Albrecht's des Beherzten, deſſen älte⸗ ſter Sohn, Georg der Bärtige, wie drüben Friedrich der Weiſe, keinen Sohn hinterlaſſen, worauf ſein Bruder Heinrich der Fromme, Moritz Vater, ihn beerbt hatte. Damit war die Reformation, welche Georg ſtreng unterdrückt hatte, auch in dem herzoglichen Sachſen eingeführt worden, aber die beiden Fürſten, welche eines Stammes und eines Glaubens waren, ſtanden gegen einander wegen mancherlei Zwiſtigkeiten in ſehr ge⸗ ſpanntem Verhältniß, und der Kurfürſt bei ſeinem heiß⸗ blütigen, leidenſchaftlichen Temperament konnte ſich mit ſeinem jungen Vetter, der ihm zu verſchloſſen war, — 53 nicht befreunden. Er traute ihm nicht, obgleich dieſer äußerlich auch zum Schmalkaldiſchen Bunde gehörte, und ritt jetzt mit dem feſten Vorſatze nach Ichters⸗ hauſen, den Landgrafen, der ſeine Tochter an Moritz verheirathet und ſelbſt eine Gemahlin aus dem ſäch⸗ ſiſchen Hauſe hatte, auf die zweideutige Haltung ſeines Eidams aufmerkſam zu machen. Als er dort ankam, fand er Philipp von Heſſen aber noch nicht vor, der war durch einen beſondern Zufall in Arnſtadt länger feſtgehalten worden, als er dort zu bleiben willens geweſen war. Graf Günther hatte ihn mit der alten glänzenden Gaſtfreiheit ſeines Hauſes aufgenommen und auch die Gräfin Katharina zu dem Feſtmahl eingeladen, das er ſeinem erlauchten Gaſte gab. Anfangs hatte ſie die Einladung ablehnen wollen, da ſie gegen den Land⸗ grafen wegen ſeiner Doppelehe eingenommen war, nicht blos in ihrem reinen Frauengefühl, ſondern auch, weil er dadurch der Sache der Reformation unendlich ge⸗ ſchadet hatte. Erzählte man doch von dem römiſchen Könige Ferdinand, daß er geäußert haben ſolle: Luther würde noch mehr Anhänger gewonnen haben, wenn er dem Landgrafen von Heſſen nicht eine Doppelehe ge⸗ ſtattet hätte. Was half es, daß Luther ſelbſt und ſeine treueſten Freunde dieſe Beſchuldigung mit Recht zurück⸗ 54 wieſen, da er ſie allerdings nicht geſtattet hatte? Man ſchenkte ihnen keinen Glauben, die Thatſache war doch geſchehen und ſelbſt Aquila mußte einräumen, daß von ſeiten der Reformatoren nicht der kräftige Wider⸗ ſpruch ausgegangen war, der ſie verhindert hätte. Wenn alſo Katharina von Schwarzburg die Begegnung mit dem Landgrafen, der ſeine hohe Fürſtenſtellung dazu benutzt hatte, ſich über Gottes Ordnung hinweg⸗ zuſetzen, gern vermeiden wollte, ſo hatte ſie dazu ihre Gründe. Sie erwog aber auf der andern Seite, daß ſie nicht zur Richterin über ihn berufen ſei, und da er, wie ihr Graf Günther ſagen ließ, ausdrücklich den Wunſch ausgeſprochen hatte, ſie zu ſehen, ſo überwand ſie ihre Abneigung und erſchien alſo auf dem Schloſſe zu Arnſtadt. Sie wurde wie immer von ihren Ver⸗ wandten mit Herzlichkeit empfangen; der Landgraf der ſie bisher noch nicht kennen gelernt hatte, weil ſie kaum ſechzehn Jahre alt, ſchon vermählt, nicht viel aus ihrer neuen Heimat gekommen war, begegnete ihr mit Auszeichnung, wie er nach Allem, was ihm Graf Günther ſchon von ihr erzählt hatte, nicht anders konnte. Seine perſönliche Erſcheinung machte auf ſie einen vortheilhaften Eindruck, in ſeinem Aeußern wie in ſeinem Weſen ſprach ſich Entſchloſſenheit und Mannes⸗ kraft aus. Nur der Zug vorherrſchender Sinnlichkeit, ——— 55 Masich oftmals bemerklich machte, konnte jenen Ein⸗ druck in Katharina etwas abſchwächen, aber ſie war darauf vorbereitet. Er ſprach mit ihr von ihrem Vater und ihren Brüdern, die er zu ſeinen treuen Freunden zählte; zu Schmalkalden in der Grafſchaft Henneberg war der Bund geſchloſſen worden, der nun ſchon fünf⸗ zehn Jahre in Kraft geblieben war und bald die Feuer⸗ probe beſtehen ſollte, und wiederum in der Grafſchaft Henneberg, etwa bei Meiningen, gedachte der Landgraf ſeine Streitkräfte zu muſtern. Im Geſpräche mit der Gräfin Katharina erwähnte er dieſer Dinge nicht, es waren nur die freundſchaftlichen Beziehungen mit ihrem Hauſe, die er berührte und auf die ſie gern einging, es konnte jedoch nicht fehlen, daß auch die allgemeinen Verhältniſſe zur Sprache kamen, und der Landgraf ſtaunte über die Klarheit, mit welcher die Gräfin ſich darüber äußerte. „Das iſt ein hochherzig Weib!“ ſagte er, als er mit dem Grafen Günther nach der Tafel beim Gange durch den Schloßgarten in der ſchattigen Maienluſt eine Weile allein war.„Ich wollte, meine Chriſtine wäre ihr, wenn nicht leiblich, doch an Muth und Geiſt ähnlich, dann würde ich Niemand anders das Regiment übergeben haben als ihr, während ich im Felde liege. Nehmt Frau Katharina zum Kanz⸗ „ 1 56 ler, lieber Herr und Ohm, Ihr könnt keinen bekommen!“ „Mein heimlicher Rath iſt ſie ſchon“, erwiderte Günther auf die ſcherzende Rede.„In wichtigen Din⸗ gen frage ich bei ihr an und ſie gibt mir immer ſo einfachen, vernünftigen Beſcheid, daß ich oft gemeint, vorher mit Blindheit geſchlagen zu ſein, weil ich nicht von ſelbſt darauf gekommen war. Wenn einer meiner gnädigen Herren von Sachſen verlangt, daß ich ihm als Lehnsmann in Perſon zum Kriegsdienſt aufſitzen ſoll, ſo will ich beherzigen, was Ihr mir eben geſagt habt. Ich glaube ſelbſt, daß meine Muhme Katharina die beſte Regentin wäre, die ich für ganz Schwarzburg beſtellen könnte!“ „Daß Ihr Euch als Lehnsmann für die beiden Herren von Sachſen nur nicht halbiren müßt!“ ſagte der Landgraf. „Sie ſtehen ja doch auf einer Seite, mein' ich!“ verſetzte⸗Günther. „Wer weiß!“ entgegnete der Landgraf.„Es wird ſich ja bald zeigen. Wundern darf man ſich heut über nichts, wenn die Brandenburger uns im Stiche laſſen; der Hans von Küſtrin iſt ja gar ein Schmal⸗ kaldner Bundesgenoß geweſen. Seine eigene Mutter, die verwittwete Kurfürſtin Eliſabeth, hat ihm geſchrieben: 57 „Was könnte wohl greulicher ſein uns zu hören, denn daß der, ſo unter unſerm Herzen gelegen, Gottes Wort bekannt und angenommen, jetzo ein Helfer, Vertilger und Verfolger ſein ſollte deren, ſo ſolches haben und fördern!““ „Woher wißt Ihr von dieſem Brief?“ fragte der Graf. „Von ihr ſelbſt“, antwortete Philipp.„Ich und der Kurfürſt, als Bundeshauptleute, haben ihn ab⸗ gemahnt, ich habe mit eigener Hand darunter geſetzt, daß wir uns nach der freundlichen Unterredung von Speier ſolches geſchwinden Vornehmens von ihm nicht verſehen hätten. Alles umſonſt. Er hat ſich hinter das alte Vorgeben verſchanzt, daß der Kaiſer nicht willens ſei, der Religion wegen Jemand zu überziehen oder etwas dawider vorzunehmen, ſondern ſein Vor⸗ haben nur gegen ſeine Widerſacher und Feinde gehe, daher er, der Markgraf, auch ohne Beſtallung auf Erfordern nebſt andern Reichsſtänden ihm als ſeiner ordentlichen Obrigkeit zu gehorſamen ſchuldig ſei. Da⸗ mit iſt nichts geſagt. Es trifft ſich, daß wir eben nur in Religionsſachen, ſonſt nirgends, dem Kaiſer den Gehorſam verweigern, weil man Gott mehr gehorchen muß als den Menſchen. Will er uns alſo zum Ge⸗ horſam zwingen, ſo iſt es wegen der Religion, und die 58 Fürſten, die ſich dazu mit gebrauchen laſſen, mögen zuſehen, was ſie damit anrichten. Ihr thätet auch beſſer, theurer Herr, wenn Ihr Euch nicht auf eitle Zuſagen verließet, doch will ich Euch nicht überreden, es bleibt dabei, wie ich Euch verſprochen habe. Nur ſteht nicht gegen uns.“ „Das werde ich nimmer!“ erwiderte Graf Günther treuherzig. Sie waren im Weiterſchreiten bis an die rauſchende Gera gelangt, wo eine Erſcheinung im Waſſer ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zog. An einem ſtarken Zweige, der vom Ufergeſträuch mit ſeinen Spitzen bis in die Flut hing, hatte ſich ein unerkennbarer Gegenſtand angehängt; faſt ſah es aus wie ein ertrunkenes Thier, denn die Wellen, die von einem Wolkenbruch auf den Bergen hoch geſchwollen waren, hoben, an dem Hinder⸗ niß aufſchäumend, von Zeit zu Zeit ſchwarzbraunes Haar in ihrem grünlichen Waſſer auf, doch widerſprach dieſer Annahme die Form, welche eine ziemlich regel⸗ mäßige und eckige zu ſein ſchien. Die beiden Fürſten ſahen dem Spiel der Waſſer an dem räthſelhaften Gegenſtande eine Weile zu, ihre Vermuthungen ohne ein größeres Intereſſe ausſprechend. Da trat von der andern Seite ein Mann an das Ufer, welcher das Heben und Senken des wunderlichen Dinges auch — — 1 —— —— 59 bemerkt haben mochte. Ohne die vornehmen Herren, die er vielleicht gar nicht gewahr worden, zu beachten, warf er ſeine Schuhe und Strümpfe ab, ſtreifte ſeine kurze Zwillichhoſe noch höher auf und ſtieg vorſichtig in das Waſſer, deſſen Tiefe er wohl kennen mußte. Der Stoßſeufzer, den er ſchreckhaft hören ließ, galt der Eiſeskälte, welche die wilde Gera in dortiger Ge⸗ gend ſelbſt im Hochſommer bewahrt. „Bringe das Ding her, Kandel!“ befahl der Graf, und der Mann erkannte erſt jetzt ſeinen Landesherrn, welcher drüben mit einem vornehm gekleideten Fremden im Schatten ſtand. Er mußte das Ding aber doch erſt haben, und es war gefährlich zu erlangen, da der Fluß bedeutend höher ging, als es vom Ufer aus geſchienen hatte. Wenn der Hineinwatende etwa ſtol⸗ perte und fiel, wurde er hinweggeriſſen und konnte ertrinken, wozu er aber eines vielleicht werthloſen Fun⸗ des wegen, den er obendrein dem Grafen bringen und nicht für ſich behalten ſollte, keine Luſt hatte. Er blieb deshalb ſtehen, ſoweit es noch ſicher war, und ver⸗ ſuchte nur den Aſt, an welchem das Ding feſthing, zu ſich herüberzuziehen. Die Fürſten hatten durch ſeine Bemühung nun auch Intereſſe dafür gewonnen und der Graf ermuthigte ihn, näher heranzugehen. „Es iſt zu tief, gräfliche Gnaden!“ erwiderte der Krämer. 60 „Du Hans in allen Ecken ertrinkſt nicht!“ lachte Graf Günther.„Du wirſt in einem andern Elemente ſterben als im Waſſer! Haſt Du vergeſſen, was ich Dir geſtern befohlen habe?“ Die Blätter des Zweiges, welche der Mann ſchon erfaßt hatte, riſſen ab und blieben ihm in der Hand, während der Aſt nicht nachgab.„Ich habe ſchon An⸗ ſtalten getroffen, mein gnädigſter Herr“ ſagte der Krä⸗ mer, dem die nackten Beine bereits in der ſchneidenden Kälte des Waſſers zu erſtarren anfingen.„Das Ding hier lohnt's nicht, es iſt ein alter Sack von Fell, ich hab's deutlich geſehen.“ Er machte Miene, an das Ufer zurückzuſteigen aber ein erneuter Zuruf hielt ihn davon ab; diesmal war es der fremde Herr, der ihn ermuthigte. Wer konnte das anders ſein als der Landgraf? „Verſuch's noch einmal!“ rief dieſer.„Du ſollſt ein gutes Finderlohn haben! Ich möchte doch nun ſehen, was es iſt.“ Der Graf trieb den Zaudernden durch einen Befehl an, dem er nicht widerſtreben durfte, wie grauſam er es auch fand, ſo mit dem Leben der Unterthanen zu ſpielen. Er wagte alſo noch einen kleinen Schritt vorwärts, haſchte von neuem nach dem Zweige und diesmal gelang es ihm beſſer; er hatte ein paar zähe 61 Ruthen gefaßt, durch welche er nun wirklich den Aſt und mit ihm den Gegenſtand mehrfacher Neugier an ſich zog. Selbſt begehrlich darauf, vergaß er alle Ge⸗ fahr, bückte ſich danach weit hinüber und hatte ihn glücklich erwiſcht. Es war kein alter Rauchſack, ſon⸗ dern eine kleine viereckige Taſche von unbekanntem, langhaarigem Fell. Triefend brachte der Krämer ſie im eiligen Lauf über die Brücke und reichte ſie über die niedrige Mauer, welche hier den Weg begleitete, ſeinem ihm entgegenkommenden Herrn. Der Landgraf verabfolgte ihm ein Geldgeſchenk— und Kandel konnte gehen! Vielleicht war der Fund zehnmal ſoviel werth! Aber der Graf rief ihn zurück.„Steig' über! Schnall' die Taſche auf!“ Sie war den Herren zu naß, nicht wahr? Indeſſen wurde Kandel's Neugier dabei auch noch befriedigt und ſie ſchenkten ihm die Taſche vielleicht doch noch mit Allem, was ſie enthielt, denn was ſollten vornehme Herren damit machen? Gewiß hatte ſie einer der Reiter verloren, welche geſtern an der Gera dahergeritten waren; ſie ſah ganz aus wie eine Satteltaſche. Richtig! Das Erſte, was beim Aufſchnallen in die Augen fiel, war ein Halskragen, wie ihn feine Reiters⸗ leute, wenn ſie ſich Sonntags putzen, wohl zu tragen pflegen; der Graf hielt ihn aber für einen Frauen⸗ 62 kragen und lachte. Er wurde indeſſen durch den wei⸗ tern Inhalt bald eines Beſſern belehrt. Da war Allerlei, was eben ein Reiter im Felde braucht, bis auf das Büchslein mit Wundſalbe, freilich Alles mit Waſſer getränkt, das doch eingedrungen war, obgleich die Taſche merkwürdig feſt durch übergreifende Klappen ſchloß— ein wahres Meiſterſtück der Täſchnerkunſt, wie der Krämer wohl beurtheilen konnte. Wenn er ſie ge⸗ trocknet und wieder aufgeputzt hatte, hoffte er damit noch ein gutes Stück Geld zu verdienen. Der Land⸗ graf hatte unterdeſſen den Fund, während er geöffnet und in ſeinen verſchiedenen Abtheilungen durchforſcht wurde, immer aufmerkſamer gemuſtert; immer bunter wurde der Inhalt, offenbar hatte der Reiter viel Beute gemacht. Endlich auf einem feinen Tüchlein, das auf dem Grunde des letzten Bodens gefunden und wegen eines hartanzufühlenden Inhalts aufgewickelt worden war, blinkte es wie Gold hervor— es war ein Frauen⸗ kamm von beſonderer Form, mit Edelſteinen beſetzt. „Ha!“ rief der Landgraf.„Gib her!“ Das freilich wollte er haben! Zögernd, mit be⸗ gierig ſchlagendem Herzen gehorchte der Krämer, ſeine Finger mußte er faſt gewaltſam von dem Kleinod löſen, an das ſie ſich krampfhaft geklammert hatten. Graf Günther trat überraſcht von dem koſtbaren Funde dem 63 Landgrafen näher, der ihn in der Hand hielt und mit funkelnden Augen von allen Seiten betrachtete. „Das iſt ja ein wunderſchöner Kamm!“ ſagte der Graf.„Die Arme, der er geraubt worden iſt!“ „Melde Dich bei mir nachher auf dem Schloß!“ befahl der Landgraf haſtig dem Krämer, der ſich vor Aufregung und Aerger, daß ihm ein ſolcher Fang entgangen war, kaum zu faſſen vermochte.„Mein Kämmerer ſoll Dir mehr zahlen, als das werth iſt! Schaffſt Du mir aber den, welcher die Taſche verloren hat, oder zeigſt mir ihn an, daß ich ihn greifen kann, ſollſt Du dreifachen Lohn haben!“ Der Graf ſah ihn erſtaunt an.„Jetzt geh' Deiner Wege!“ rief der Landgraf mit Heftigkeit, als Kandel noch immer zauderte.„Nimm den ganzen Bettel mit, Du haſt ihn gefunden. Das hier behalte ich, Du ſollſt dafür bezahlt werden! Leiſtet doch Bürgſchaft für mich, mein Vetter von Schwarzburg, der zitternde Geſell traut mir nicht. Verzeiht nur, daß ich hier befehle, als wäre er mein Unterthan!“ Kandel hatte ſich aber ſchon erſchrocken vor dem Blicke des Landgrafen aufgemacht, die Mauer wieder zu überſteigen, und ſah von drüben trübſelig, wie die beiden Fürſten ſich entfernten. O wenn er mit dieſem Kamme, hübſch aufpolirt, zur edlen Frau von Bieſerodt 64 gekommen wäre, da hätte er nur fordern dürfen, kein Preis wäre ihr zu hoch geweſen, denn das war ja echt venetianiſche Arbeit! Den wollte der Landgraf gewiß für ſeine Buhle mit nach Haus bringen! „Hier ſeht Ihr's!“ ſprach der Fürſt, ſobald er mit dem Grafen den Rückweg angetreten hatte.„Der Böſe⸗ wicht, um deſſen Verſtrickung ich Euch anging und den die Leute Eurer ſchönen Muhme gewiß mit Abſicht entſpringen ließen, ſteckt noch hier! Dieſer Kamm iſt mir wohlbekannt, er hat der Perſon gehört, mit welcher der Elende die Flucht ergriffen hat; es iſt ein Ge⸗ ſchenk, das ich ſelbſt meiner Frau gemacht habe bei ihrer erſten Niederkunft mit meinem Erbprinzen Wil⸗ helm! Sie hat es wenig geachtet nachher und gar weiter verſchenkt! Ich ſollte es nicht wiſſen, aber ich fragte einmal darnach, als ſie in der Laune war, daß ſie nicht recht wußte, was ſie ſchwatzte.“ „Ihr thut Eurer fürſtlichen Gemahlin Unrecht!“ ſagte Günther warm. „Nicht wahr, das ſagt Ihro Liebden, Eure Frau Gräfin, auch und die ſchöne, kluge Katharina, und wer ſonſt von fürſtlichen Frauen das hört!“ entgegnete der Landgraf.„Ich bin ein Tyrann, ein Ehrendieb an ſeinem eigenen Fleiſch und Blut, denn chriſtliche Eheleute ſollen eins ſein. Aber fragt nur die Jungfrauen in ———— 65 ihrem Dienſt und viele Herren am Hofe ſogar, die wiſſen es ebenſo gut als ich und wiſſen noch mehr. Hebt alſo keinen Stein gegen mich auf. Ich wollte wohl, daß ich mit Eurer Muhme darüber ganz frei und offen einmal ſprechen könnte; ſie ſchaute mich an, daß ich es wohl verſtanden habe, aber ſie iſt ein hoch⸗ geſinntes Weib und würde mich ſchon abſolviren. Die beſte Zeugin freilich kann ich Euch nicht mehr zur Stelle ſchaffen, das iſt die, welcher dies Geſchmeide gehört hat; ich bitte Euch aber dringend, laßt auf den Gosmar nochmals im ganzen Lande fahnden. Er iſt hier verſteckt, darauf kann man ſchwören; dies Schmuckſtück, das mit der Taſche doch nicht ein Jahr im Waſſer geſchwommen ſein kann, beweiſt es.“ „Wenn er hier iſt“, erwiderte der Graf von Schwarzburg nachdenklich,„ſo könnte er doch nur wiedergekommen ſein! Denn ein ganzes Jahr könnte er ſich nicht im Lande verſteckt gehalten haben, ohne daß er irgendwo geſehen worden wäre; es kennen ihn zu viele ältere Leute.“ „Die Spießgeſellen vom Bauernkriege verrathen ſich nicht!“ ſagte der Landgraf.„Möglich aber auch, daß er jetzt erſt wiedergekommen iſt! Das Kleinod kann freilich auch geſtohlen ſein“, fuhr er ruhiger fort. „Oder ſie hat es verkauft und es iſt längſt nicht mehr Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 5 in ihren Händen geweſen; ein Anderer als der Gosmar kann die Taſche verloren haben, das muß ich zugeben. Es war aber zu verlockend, daß ich die Beiden, auf die es mir ankommt, hier vielleicht mit einem Zuge des Garns zugleich fangen konnte, da ging mir die kalte Ueberlegung aus. Es iſt lächerlich. Wollt Ihr noch einmal fahnden laſſen, ſo thut Ihr mir einen Gefallen, aber laßt uns nicht weiter davon ſprechen.“ „Das Kleinod mag zuletzt beſeſſen haben, wer da wolle“, ſprach der Graf,„wie iſt die Reitertaſche aber in die Gera gekommen? Hineingeworfen? Unmöglich! Verloren— jedenfalls, aber gleich ins Waſſer gefallen? Man muß ſich den Kopf nicht darüber zerbrechen. Sollte der Gosmar wieder im Lande ſein, ſo wäre er vielleicht auf dem Ehrenſtein zu finden; wie ich Euch geſagt habe, da ſpukt etwas.“ „Laßt es ſpuken! Ich habe den Junkern ſchon ein⸗ mal die Luſt zur Herrſchaft vertrieben, ſie ſollen es nicht zum zweiten Male gegen die Fürſten wagen! Daß ſie es gern möchten, glaub' ich wohl, aber ſie können's nicht. Ihre Zeit iſt vorbei, jetzt kommt die unſerige.“ Sie gelangten nun wieder zum Schloſſe, wohin die übrige Geſellſchaft unterdeſſen zurückgekehrt war da ſie es für paſſend erachtet, den beiden Fürſten, welche doch 67 wohl wichtige Dinge zu beſprechen hatten, nicht zu folgen. Graf Günther bat ſchließlich noch ſeinen Gaſt, ihm einen Tag in Arnſtadt zuzugeben, um über das, was ſich etwa doch auf dem Ehrenſtein im Stillen vorbereite, Gewißheit mit auf die Kriegsreiſe zu neh⸗ men. Er ſelbſt hatte darüber ſo viele Andeutungen bekommen, daß er kaum daran zweifeln konnte, und wollte nun in eigener Perſon ſich davon überzeugen, da er ſich des Einfalls, der ihm bei der geſtrigen Be⸗ gegnung mit dem landfahrenden Krämer gekommen war, hinterher doch nicht getröſtete, wie er auch gegen ſeine Begleiter ausgeſprochen hatte. Der alte Valentin war eine ſo grundehrliche deutſche Natur, daß er ſelbſt ſich nicht in hinterliſtige Anſchläge verwickeln ließ und von ſolchen, wenn ſie auf ſeinem Schloſſe wirklich geſch miedet wurden, jedenfalls keine nähere Kenntniß hatte; dar⸗ um hoffte aber Graf Günther an ihm eher einen Bundesgenoſſen als einen Widerſacher zu finden, wenn er ſie zu entdecken verſuchte. Der Landgraf ſagte zu und ſchickte einen ſeiner Edelleute nach Ichtersleben, um ſich bei dem Kurfürſten, falls dieſer ſchon ein⸗ getroffen ſei, wegen der Säumniß zu entſchuldigen. Kandel verfehlte nicht, ſich ſeinen Lohn zu holen, nachdem er ſich zu Hauſe ſchicklich angekleidet hatte. Es koſtete ihm einige Mühe, im Schloſſe, wo es ge⸗ drängt voll auch in den niedern Regionen war, zu ſeinem Ziele zu gelangen, aber er hatte einige Bekannte unter der Dienerſchaft und vor allem Unverſchämtheit, womit man in der Welt ſchon damals am weiteſten kam. Der fremde Herr, der ihm ſein rechtmäßiges Eigenthum, den gefundenen Kamm, entzogen hatte, war in der That kein Anderer als der Landgraf von Heſſen geweſen, er war aber ein großmüthiger Herr, wie Kandel geſtehen mußte, denn die Summe, die ihm der Kämmerer auszahlte, als er endlich bis zu dieſem vor⸗ gedrungen war, überſtieg ſeine Erwartungen bedeutend. Sehr erfreut kehrte er nach Hauſe zurück und machte ſich ſogleich wieder auf den Weg, um den Auftrag ſeines Herrn, der bei aller vermeintlichen Gefahr ihm doch ſchmeichelte, beſtens zu erfüllen. Er wollte zuerſt ein⸗ mal verſuchen, ob er von ſeiner alten Muhme, der Kräuterfrau, die in letzter Zeit immerfort oben zu ſchaffen hatte, nicht etwas herausbringen könne; heute noch bis Horba zu gehen, dazu war es ſchon zu ſpät, aber er konnte wenigſtens ſeine Kunden in Ilm beſuchen. Als noch der alte Graf Günther, der verſtorbene, dort Hof gehalten hatte, wie ſo mancher ſeiner Vorfahren in Stadt Ilm ſeine Reſidenz gehabt, war da ein recht luſtiges Leben geweſen und ein Handelsmann, der hübſche Kaufwaare anſchaffte, hatte viel verdienen 69 können. Matthäus Kandel dachte noch gern an die ſchöne Zeit. Das war aber ſchon fünfzehn Jahre her, denn nach dem Tode des alten ſtrengen Herrn, als deſſen Sohn mit ſeiner ſchönen Katharina von Henne⸗ berg aus der Verbannung von der Heidecksburg Land und Leute geerbt, war er nicht nach Ilm, ſondern nach Arnſtadt gezogen und Ilm viel einſamer geworden. Es gab aber noch immer von den alten Kunden viele da, die den Krämer, der immer Neues mitbrachte, gern kommen ſahen und trotz anfänglicher Weigerung zuletzt doch von ſeiner Waare etwas kauften. Dabei ſam⸗ melte er auch Neuigkeiten ein, denn wie es in kleinen Städten geht, wo fürſtliche Hofhaltungen ſind, beküm⸗ mert ſich die ganze Stadt um deren geringte und geheimſte Dinge, und die guten Ilmer hatten dieſe Gewohnheit, nachdem die Hofſtatt aus ihrer Zwing⸗ mauer verlegt worden, auf die benachbarten Edelſitze übertragen. Kandel mußte hier ſchon etwas hören, was zu ſeinem Auftrage paßte. Morgen wollte er dann, je nachdem er berichtet worden, ſich entſchließen, ob er vielleicht trotz des Verbotes geradeswegs in die Löwenhöhle hinaufſteigen oder ſie lieber noch um⸗ gehen und erſt in Horba, nachher in der Mühle zu Paulinzelle horchen ſolle; auf jeden Fall wollte er ſich von ſeinem Grafen nicht eher betreffen laſſen, als bis er ihm Auskunft geben konnte, wahre oder unwahre, darauf kam es ihm nicht an, ſie mußte nur ein Fun⸗ dament haben. In Ilm lachten ſie ihn aus, als er im Wirths⸗ hauſe von Werbungen ſprach, die auf dem Ehrenſtein vorgenommen würden; doch regte das Wort Werbungen, das gar ſoviel überall gehört wurde, die Gemüther auf und es entſtand über die Welthändel im Reiche ein ſo vielſtimmiges Durcheinander, wie vor Zeiten in der Judenſchule, welche einſt an Stelle der benachbarten Kapelle geſtanden, ehe die Juden in allen Schwarz⸗ burgiſchen Landen erſchlagen worden. Die letzte Frau Aebtiſſin im Eiſtercienſerinnenkloſter, auch eine Gräfin von Schwarzburg, die nach der Zerſtreuung der Nonnen Pröpſtin in Quedlinburg geworden war, hatte dem Kandel, dem ſie immer viel abkaufte, einmal die ganze Geſchichte des Judentodtſchlags erzählt. Er dachte heute daran, wie die Bürger ſo laut durcheinander zeterten, und gab es ſchon auf, ein vernünftiges Wort zu reden, als ein neuer Gaſt eintrat, vor dem die Leute, als ſie ihn bemerkten, nach und nach ſtill wurden. Kandel fuhr aber auf ſeiner Bank auf, wie von einem Meſſer angeſtochen; er brauchte nicht auf den Ehrenſtein zu gehen, Herr Valentin kam ſelber zu ihm! Es war der alte Herr in eigener mächtiger Perſon, der in die Stube —— ——— — — 71 trat, die Gäſte freundlich grüßte und von dem herbei⸗ eilenden Wirth ſeinen Abendtrunk forderte. Zu Kan⸗ del's großer Befriedigung hatte er heute den grimmigen Wolfshund, des Krämers perſönlichen Feind, nicht bei ſich. „Bleib ſitzen, Matz Kandel! Bei Dir iſt ein Platz leer, ich ſetze mich zu Dir!“ ſagte der Edelmann.„Wie geht der Schacher?“ „Euer Gnaden ſpaßen— ich bin ein guter Chriſt!“ erwiderte Kandel, durch die heitere Laune des Alten ermuthigt. „Chriſt oder Jude, der Schacher iſt Dein Gewerbe! Eine Art Zigeuner biſt Du auch! Nun ich Dich hier habe, ſage mir, was ſchnüffelſt Du um mich und mein Haus herum?“ Kandel erſchrak. Wie konnte der alte Herr ihn errathen, da er heute den erſten unverfänglichen Schritt gethan hatte? Doch ließ er ſich nicht aus der Faſſung bringen, ſondern verbarg ſeinen Schreck und fragte mit Unterwürfigkeit, wie der gnädige Herr das meine. Wenn er mit Kummer nach dem Ehrenſtein hinauf⸗ ſchaue, wo er unſchuldig, er wiſſe nicht wodurch, die Kundſchaft verloren habe, ſo ſei das doch kein Schnüf⸗ feln; er könne auch beſchwören, daß er im ganzen Jahre noch nicht in die Nähe des Ehrenſteins gekommen. 72 „Ich rede auch nicht von geſtern oder vorgeſtern, ſondern vom vergangenen Jahre!“ erwiderte Valentin, und der Krämer fühlte ſich erleichtert. Er hatte nun volle Gelegenheit, ſich zu rechtfertigen. Ohne ſich etwas Uebles zu denken, ſei er der Abweiſung der Junker nicht gleich gefolgt, worauf der Hund ihn faſt zerriſſen; er wiſſe noch heute nicht, wodurch er ſich die Ungnade zugezogen habe, ſeit aber der edle Herr ihm in Arn⸗ ſtadt ausdrücklich verboten, nach dem Ehrenſtein zu kommen, habe er ſich nicht einmal bis an den Fuß des Schloßberges getraut. Herr Valentin legte ſeine wuchtige Hand, ſchwer wie die eiſerne ſeines alten Freundes Götz von Ber⸗ lichingen, auf die Schulter des Krämers.„Ich will Dir etwas ſagen, Kandel!“ ſprach er.„Du handelſt mit falſcher Waare! Sei ſtill! Ich meine nicht die Waare, die Du im Kaſten führſt, ſondern die in Dei⸗ nem Kopf und auf Deiner Zunge. Ich mag nicht, daß Du ſie in meinem ruhigen Hauſe auskramſt, will aber auch nicht, daß Du von uns faſches Zeug in der Welt herumſchleppſt, und darum laß ich Dich lieber gar nicht erſt kommen. Zu verdienen iſt bei uns alten Leuten auch nichts mehr und die Jungen brauchen keinen Nürnberger Tand.“ Dem Krämer brannte die Erwiderung auf dem 3. Herzen, daß ja noch ein junges Fräulein oben ſei, das gewiß eine oder die andere von ſeinen ſchönen Sachen brauchen könne; er wußte von der Verwandten, welche bei den alten Leuten wohnte, Frau von Bieſerodt hatte ihm zuerſt davon geſagt und durch ihn nähere Aus⸗ kunft haben wollen, wobei er eben damals geſcheitert war; ſeitdem wußte die ganze Gegend, wer das Fräulein war, denn auf dem Ehrenſtein wurde gar kein Geheimniß daraus gemacht, nur ſehen ließ ſie ſich nicht, weil ſie ſehr krank war. Doch ſagte Kandel lieber nichts, für ihn war es auch wichtiger, ſich gegen die Beſchuldigung, die der Ehrenſteiner ihm gemacht hatte, zu verwahren. Ueberall, wo er hinkomme, werde er nach Neuigkeiten gefragt, und freilich höre und ſehe er auf ſeinen Wanderungen Vieles, aber er hüte ſich, irgend etwas zu erzählen, das etwa ſeinen Kunden zum Nachtheil gereichen könne; dennoch werde er oft genug für einen Klätſcher gehalten, weil Manches, das er gar nicht geſagt, auf ſeine Rechnung geſchrieben werde. Schließlich bat er, doch nur ein einzig Mal wieder hinaufkommen zu dürfen, da es ihm ja zur großen Schande gereiche, vom Ehrenſtein fortgewieſen zu ſein, gleich als ob er den gnädigen Herrn oder die geſtrenge Frau im Handel betrogen habe. Dies Argument ſchien Eindruck auf den menſchenfreundlichen 74 alten Herrn zu machen, wie Kandel aus ſeinem Blick zu erkennen glaubte; ehe er aber Beſcheid erhielt, trat waffenklirrend ein neuer Gaſt ein, und Valentin erhob ſich mit dem Zuruf:„Endlich!“ als habe er dieſen erwartet. Freilich mußte er einen Grund gehabt haben, hier ſo lange einzukehren. „Ich ſah Deinen Zottel vor der Thür herum⸗ führen!“ antwortete der Bewaffnete, der zwar nicht den vollen Harniſch, wie er trotz der Feuerwaffen, gegen die er nicht ſchützte, noch immer beim Adel auf Kriegsritten üblich war, doch aber Helm, Bruſtſtück und Panzerhandſchuh trug. „Ja, ich wußte, daß Du heut nach Ilm kommen mußteſt, da bin ich Dir entgegengeritten und will Dich mit hinaufnehmen. Auf einen Tag kommt's wohl nicht an.“ „Aufhalten kann ich mich nicht. Ich habe mich für den Herzog anwerben laſſen und ſoll mich nun ſtellen.“ „Um Geld!“ ſagte Valentin kopfſchüttelnd.„Das Ding gefällt mir nicht; ſonſt hielt's der Adel anders. Aber ich bin alt und kann mich in die neue Zeit nicht ſchicken.“ „Was will man machen!“ entgegnete der Andere, der ſich nun auf den Platz warf, von welchem Kandel 75 beſcheiden aufgeſtanden war.„Wollt' ich für meinen Grafen reiten, der auch Reiter braucht, ſo müßt' ich's als Lehnsmann umſonſt thun! Mir iſt ſo ſchon ein Unglück paſſirt, Vetter!“ „Nun?“ fragte dieſer.„Eine Mähre gefallen?“ „Ja, aber nicht, wie Du's meinſt, ſondern wörtlich, geſtolpert und auf die Kniee geſtürzt, dicht am Fluß, daß ich beinah hineingefallen und ertrunken wäre!“ „Du lebſt noch, Hans! Danke Gott!“ ſagte Valentin lachend. „Ich lebe noch und der Gaul hat ſich auch nichts gebrochen“, erwiderte der Reiter verdrießlich.„Aber meine Satteltaſche iſt dabei abgeriſſen und in das Waſſer gefallen, das ſie gleich fortgetrieben hat.“ „O!“ ſagte Valentin bedauernd.„Schwer kann ſie aber nicht geweſen ſein, daß ſie nicht untergeſunken iſt.“ „Schwer war ſie nicht, aber doch viel werth! Was hilft's? Sie iſt fort! Ich bin am reißenden Waſſer noch eine Strecke mitgeritten und habe ſie noch ein paarmal auftauchen ſehen, dann mag ſie doch wohl untergeſunken ſein.“ „Edler Herr!“ unterbrach ihn der Krämer, der hoch aufhorchend zugehört hatte, mit aufgeregter Stimme. „Was willſt Du?“ fragte der Fremde.„Haſt Du meine Taſche vielleicht gefunden, herausgefiſcht?“ 76 „Wenn Ihr nach Arnſtadt reiten wollt“, erwiderte Kandel, die gerade Antwort umgehend,„auf dem Schloſſe iſt Seine landgräfliche Gnaden von Heſſen eingetroffen, dem iſt etwas, ſo geſtern in der Gera gefunden wor⸗ den, zu Handen gekommen und er wünſcht gar ſehr, den Eigenthümer, der es verloren hat, zu ſprechen. Ich wollte Euch das ſagen, da ich ſo eben gehört habe, was Euch widerfahren iſt.“ Bei der Erwähnung des Landgrafen hatte der Fremde den Herrn von Ehrenſtein, den er Vetter nannte, raſch und verwundert angeblickt.„Der Landgraf iſt in Arnſtadt?“ fragte er dann den Krämer, und als dieſer es mit einer Betheuerung verſicherte. ſprach er:„Wenn das wahr iſt, ſo werden wir ja ſehen. Woher weißt Du aber, daß meine Satteltaſche ihm ausgehändigt worden iſt? Wie kommt er dazu?“ „Das weiß ich nicht“ antwortete Kandel.„Aber die Sach' iſt richtig; er hat dem, der die Taſche mit Gefahr ſeines Lebens aus der Gera gefiſcht hat, befohlen—“ „Schon gut!“ rief der Fremde ungeduldig.„Nun, Vetter Valentin, ich werde doch bei Dir heut ein Nacht⸗ lager annehmen— ich habe meine Pferde noch nicht einſtallen laſſen, komm!“ Der alte Herr gab ihm die Hand.„Das iſt recht, Hans! Morgen kannſt Du Deine Taſche Dir holen laſſen!“ Beide verließen die Gaſtſtube, in welcher es ſogleich nach ihrer Entfernung wieder ſehr laut wurde; der Krämer ſollte nun Rede ſtehen über die Ankunft des Landgrafen von Heſſen und über die gefundene Satteltaſche, deren Eigner hier ſo wunder⸗ bar den einzigen Menſchen getroffen hatte, der ihm davon berichten konnte; aber Kandel fertigte heute wider ſeine Gewohnheit die Leute, die von ihm etwas erzählt haben wollten, kurz ab, er ſchien es ſehr eilig zu haben. Faſt hätte er vergeſſen, ſeinen Krug Bier zu bezahlen.„Du wollteſt ja zur Nacht hier blei⸗ ben!“ ſagte der Wirth.„Was beißt Dich denn auf einmal?“ „Ich will dem Herrn Landgrafen melden, wem die Taſche gehört“ antwortete Kandel, diesmal der Wahr⸗ heit getreu. „Weißt Du's denn? Kennſt Du den Reiter?“ fragte der Wirth. „Kennſt Du ihn?“ entgegnete Kandel, und zu ſeiner Freude bejahte es der Wirth und nannte ihm auch den Namen; der Herr war ſchon vor ein paar Tagen bei ihm eingekehrt, ein Junker von Fehde aus dem Hennebergiſchen, von Oſtheim vor der Röhn; ſein Knecht hatte den Namen berichtet. „Er hat nicht gelogen!“ erwiderte Kandel, als habe er längſt gewußt, was er jetzt erſt dem Wirthe abgefragt hatte.„Hans von Fehde heißt er, tein Wunder, daß er nicht Frieden halten kann. Gute Nacht, Wirth. Morgen komme ich vielleicht wieder.“ —————— 3 Viertes Kapitel. Neſſelkraut. Von der Abendſonne beleuchtet, ritten die beiden Männer, welche die Stadt Ilm verlaſſen hatten, langſam jenſeits des Fluſſes am Fuß der Berge hin. Ihre Reitergeſtalten bildeten einen wunderlichen Gegenſatz: der alte Ehrenſtein im dunklen Rocke, faſt bürgerlich gekleidet, nur mit einem leichten Degen bewaffnet, auf ſeinem niedrigen Klepper, den er mit Recht Zottel genannt hatte, die langen Beine faſt den Erdboden ſtreifend, und neben ihm der ſtahlblitzende Reiter auf einem großen, ſtarken Pferde, er ſelbſt ein ſtarker, breit⸗ ſchultriger Mann, wenn auch nicht ſo hochgewachſen als ſein Vetter. Der Helm bedeckte mit ſeinem Rande die Stirn ſeines kräftigen und geſund blickenden An⸗ geſichts und ließ deſſen Züge nur um ſo männlicher erſcheinen. Hans von Fehde war wirklich ſein Name, 80 er gehörte zu den Ganerben von Oſtheim, wie die Herren vom Stein zum Altenſtein, von Mannsbach, von der Tann und Andere mehr, Vaſallen im Amte Lichtenberg der Grafſchaft Henneberg angeſeſſen. Der Adel wollte zur Zeit von Erfüllung ſeiner Lehnspflicht nichts mehr wiſſen, er zog es vor, um Sold im Kriege zu dienen, ſtatt auf eigene Koſten dem Aufgebot ſeines Lehnsherrn zu folgen; das ganze Lehnsverhältniß, das auf gegen⸗ ſeitige Rechte und Pflichten begründet war, hatte ſich im Laufe der Zeiten, beſonders ſeit die Lehen erblich geworden, verdunkelt und gelockert. So war auch Hans von Fehde, und jetzt nicht zum erſten Male, in fremden Sold gegangen, um in der Reiterfahne eines ihm be⸗ freundeten Edelmanns zu dienen, den Herzog Moritz von Sachſen zur Anwerbung einer ſolchen beſtellt. Stehende Heere gab es nicht, für jeden Krieg mußten ſie erſt angeworben werden und nach dem Frieden wurden ſie wieder entlaſſen. Die Kraft und den Kern derſelben bildete wieder, wie bei den Alten und in der Germanen Urzeit, das Fußvolk, ſeit das Ritterthum im Verfall war und Kaiſer Max die Landsknechte aufge⸗ richtet hatte. Wie mancher vornehme Herr, die neue Zeit des Krieges verſtehend, das Beiſpiel gegeben, ſah man in den Reihen des Fußvolks auch Edelleute, nicht blos als Führer, ſondern auch als einfache Streiter, ————— aus deren Mitte die Führer genommen wurden. Die Verhältniſſe waren eben ganz anders wie in unſern Tagen, ein Rangunterſchied machte ſich nicht ſo fühlbar, die Führung war nur ein Amt. Doch bildete der Adel noch immer, ſeines alten Gefolgdienſtes eingedenk, vor⸗ herrſchend die Reiterei und mußte dazu, wenn ange⸗ worben wurde, Pferd und Waffen mitbringen, wofür er dann Sold erhielt. Statt der bisherigen Schwer⸗ geharniſchten, vom Kopf bis zum Fuß in Stahl gehüllt, mit den ſchweren Ritterſpeeren zum Niederrennen des Fein⸗ des und langen, oft nur mit zwei Händen zu führenden Schwertern bewaffnet, auf ſtarken gepanzerten Streit⸗ hengſten, die nur eine ſolche Laſt tragen konnten, hatte ſich um dieſe Zeit in Deutſchland allmälig eine leichtere Reiterei gebildet, welche gegen die der Franzoſen und Südländer außerordentlich abſtach und im Nachtheil ſchien. Dieſe hatten in ihren ſogenannten Ordonnanz⸗ compagnien noch immer die alten Formen und Rüſtun⸗ gen beibehalten, wenn ſie auch leichte Reiterſchützen dabei hatten. In Deutſchland war, man weiß nicht wo und von wem zuerſt, aus ärmern Edelleuten, welche ſich jene theuern Waffen und Pferde nicht ſchaffen konnten, eine Schaar zuſammengebracht worden, welche nur Helm, Küraß und Eiſenhandſchuh ſtatt des vollen Harniſches trug, keine Lanze, ſondern nur ein tüch⸗ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 6 tiges Schwert nebſt zwei langen Reiterpiſtolen führte, daher auch leichtere und darum ſchnellere Pferde reiten konnte und im Kriege ſich bald freier und brauchbarer zeigte, als man bisher gewohnt war. Das Beiſpiel hatte Nachahmung gefunden, und jetzt war dieſe Rei tergattung ſchon ſo allgemein verbreitet, daß ſie vor⸗ zugsweiſe den Namen der deutſchen Reiter erhalten hatte, unter welchem ſie dann ſpäter auch im Auslande in den niederländiſchen und den franzöſiſchen Huge⸗ nottenkriegen als Soldtruppe mit großer Auszeichnung gekämpft hat. Jene Schwerbeharniſchten wurden gar oft von ihr beſiegt. Hans von Fehde zog als deutſcher Reiter der Fahne zu, der er ſeine Dienſte weihen wollte, und der alte Valentin, ſo ſehr er ſonſt jeder Neuerung in Ritterſachen abhold war, betrachtete ſeinen Vetter, als dieſer ſo leicht bewaffnet neben ihm ritt, doch nicht ohne Wohlgefallen. Am Ende war es doch ritterlicher, ſich nicht den werthen Leib unantaſtbar in Eiſen zu verſtecken, ſondern muthig den feindlichen Streichen darzubieten. Die Beiden hatten die Ankunft des Land⸗ grafen von Heſſen mit ihren möglichen Urſachen hin⸗ länglich beſprochen und Fehde kam wieder auf ſeine eigenen Angelegenheiten zurück. Ich will mir mein Eigenthum ſchon wiederver⸗ 83 ſchaffen“ ſagte er.„Wie der Landgraf dazu kommt, ſich's ausliefern zu laſſen, verſtehe ich nicht. Er kann mich aber fragen, ich will ihm das kleinſte Stück nen⸗ nen, das in der Taſche geweſen iſt; eigentlich brauche ich blos das ſchönſte anzugeben, daran muß er mir glauben.“ „Ein ſeltſam Feldgeräth für einen Kriegsmann!“ erwiderte Valentin heiter und gleich ſang er das Lied, das ihm einfiel: „Der in Krieg will ziehen, Der ſoll gerüſtet ſein; Was ſoll er mit ihm führen? Ein ſchönes Fräuelein— Und wie es weiter heißt! Wenn aber ein ſchönes Fräuelein— will natürlich ſagen Frauelein, ehrlich die Seine!— mit zieht, ſo kann er auch Frauengeräth für ſie kaufen, wie Du! Sie zieht aber nicht mit Dir, weder in den Krieg, noch in Dein Haus! Schlag' Dir's aus dem Sinne, Hans!“ „Sie hat mir's aber angethan, Vetter Valentin! Ich kann nicht von ihr laſſen! Wie ich das erſte Mal bei Dir war und ſah ſie bei Deiner Frau ſtehen, war mir's, als ſchöſſe mir einer eine heiße Kugel durch das Herz. Ich bin dann noch zweimal wiedergekommen, und ſie weiß auch warum. Jetzt will ich ehrlich mein Wort anbringen, und wenn ſie mich nicht abweiſt, ſchenke ich ihr zur Brautgabe den Goldkamm, der muß in ihrem ſchwarzen Haar wie die Krone einer Königin ausſehen. Was nimmſt Du mir nur den Muth, Vetter?“ „Weil es mir leid thäte wenn ein ſo friſcher und tapferer Geſell abziehen müßte als ein geſchlagener Mann. Reitersbub, laß die Röslein ſtan! Sie ſein nit Dein! Du trägſt noch wohl von Reſſelkraut Ein Kränzelein!“ „Du ſingſt wie ein Rabe, Vetter Valentin!“ erwi⸗ derte der Franke unmuthig.„Biſt Du ihr Beichtvater, daß Du im voraus weißt, job ſie ja oder nein ſagen wird, wenn ich ehrlich um ſie freie? Ich will ja nicht, daß ſie gleich mit mir als mein Eheweib in den Krieg ziehen ſoll, wie andere Frauen mit ihren Männern ſie ſoll mir nur ihr Wort geben, daß ſie meine Braut ſein will; wenn ich dann wiederkomme, mag Hoch⸗ zeit ſein“ Sie ritten eben auf Nahewinden und bogen links ab; ein Haſe lief ihnen über den Weg. Valentin zeigte hin und ſagte dann ernſthaft:„Hans! Ich kann Dir nicht helfen, Du mußt Dir's aus dem Sinn ſchlagen. Wenn ich auch ihr Beichtvater nicht bin, hat doch meine 85 Frau mit ihr geſprochen und weiß, daß nichts daraus werden kann.“ „So hat ſie ſchon einen Andern!“ fuhr der Franke auf. „Ja, Hans, den hat ſie“ erwiderte Valentin ſo ruhig, als ob er in ſeinem Alter gar keine Ahnung mehr habe, wie einem jüngern Herzen zu Muthe ſein müſſe bei einer ſo kalten Abfertigung.„Aber“ fuhr Ehrenſtein fort,„auch den wird ſie nimmer freien; mehr hat ſie nicht geſagt, hat's aber meiner Frau feierlich verſichert, daß ſie Dir nicht hold ſein könne. Da iſt denn keine Rede mehr davon. Alſo komm wie ein herzhafter Geſell zu uns, thue nicht liebeſiech vor ihr, wenn Du ſie antriffſt, rede mit ihr wie mit an⸗ dern Menſchen und Du wirſt wohl fahren. Ich bin Dir darum entgegengeritten!“ Der Franke verkürzte den Schritt ſeines Pferdes und ſah ſich nach ſeinem Knechte um, der in gebüh⸗ render Entfernung hinterher kam. Er ſchien Luſt zu haben, den ganzen Ritt nach dem Ehrenſtein aufzugeben. Valentin errieth ihn, faßte ſogleich in den Zügel ſeines Begleiters und rief:„Daraus wird nichts! Willſt Du ſelbſt der Haſe ſein, der uns über den Weg ge⸗ laufen iſt? Du kommſt mit, es wird Dir gut ſein!“ Fehde gab nach und ſie ritten nun eine lange Weile ſchweigend nebeneinander, bis Ehrenſtein wieder das Geſpräch anknüpfte, das nun auf die allgemeine große Frage in Deutſchland überging, was daraus werden ſolle? Wie oft hat ſich dieſe Frage unter ſtets andern, aber ebenſo unerfreulichen Verhältniſſen im deutſchen Vaterlande wiederholt, ohne je beantwortet zu werden! Sie wird auch nicht eher ihre vollkommene Löſung erhalten, als bis die rechte Form für die Einigung der deutſchen Stämme gefunden iſt. Bis dahin werden die Raben noch lange um den Kyffhäuſer fliegen, wo. der alte Kaiſer Friedrich Barbaroſſa im Zauberſchlafe ſitzt, um zu erwachen, wenn Deutſchlands neue Herr⸗ lichkeit ihn ruft. An ſo ferne Dinge dachten aber die Beiden nicht, der deutſche Reiter am wenigſten. Auf dem Ehrenſtein war es ſtill wie immer. Wo hatten ſich die Ritter und Reiſigen verſteckt, von denen die Veſte gefüllt ſein ſollte? Nirgends eine Spur von ihnen! An ihrer Statt waren nur Frauen zu erblicken. Auf dem Wege am Fuße des Schloßbergs kam den Reitern ein altes Weib entgegen, das zweite üble Zei⸗ chen, wer daran glaubte! Valentin kannte jedoch die Alte und rief ſie an.„Meinſt Du auch, Mutter Anne, daß es gut geht? Meine Frau will's behaupten!“ „Die gnädige Frau hat ganz Recht, ſie verſteht's beſſer wie ich“ antwortete die Kräuterfrau.„Ich brauche nicht mehr heraufzuſteigen. Sorgt nur, daß kein 5 3 —— 87 Schreck oder Herzeleid über ſie kommt, dann wird's ſchon werden.“ Der alte Herr warf einen Seitenblick auf ſeinen Begleiter, nickte der Kräuterfrau zu und ritt weiter. „Ich habe Dich verſtanden, Vetter Valentin“ ſagte Fehde,„und werde mich darnach richten.“ Sie waren von oben ſchon bemerkt worden. Unter der Linde auf dem Vorplatze ſaß Frau von Ehrenſtein mit ihrer jungen Verwandten; man konnte von dort einen Theil des heraufführenden Weges überſchauen, und Adelheid war die erſte, welche die beiden Reiter kommen ſah. Mutter Anne hatte wahr geſprochen; ſie ſah viel geſünder aus als ſonſt, oder war der leichte Anflug von Roſenfarbe auf ihren Wangen nur durch den Moment hervorgerufen? Wie ſehr erhöhte er den Liebreiz dieſer ſchönen Züge! Es war ein herzer⸗ freuender Blick, die beiden Frauen ſo traut vereint unter der grünen, breitblätterigen Linde ſitzen zu ſehen: die ehrwürdige Matrone mit den ſilberweißen Löckchen und dem freundlichen kleinen Geſicht neben der liebli⸗ chen Jungfrau, deren edle Schönheit einen Künſtler zur Nachbildung in Marmor begeiſtern konnte. Den Berg herauf ſtürmte es jetzt wie eine wilde Jagd. Es waren wiederum die Knaben, welche von andern Punkten nach dem Großvater ausgeſchaut hatten und ihn nun anmeldeten, wo er ſchon geſehen worden war. Frau Margarethe hatte mit Adelheid ein langes Geſpräch gehabt, das beide tief bewegt zu haben ſchien, denn ſie hatten geweint. Adelheid trocknete ihre ſchwarzen Augen und hauchte in ihre Hand, um ſie darüber zu halten und ſo jede Spur der Thränen zu verbergen; in ihrem Leben am Hofe hatte ſie das gelernt und wohl oft nöthig gehabt. Heute aber half es ihr wenig, denn als die gütige Frau, die wie eine Mutter für ſie ſorgte, ihre Stirn küßte, wurden ihre Augen doch von neuem feucht und es koſtete ihre Mühe, wenigſtens die Perlen zurückzuhalten, welche ſich durch ihre tiefgeſenkten ſchwarzen Wimpern drängen wollten. Frau von Ehrenſtein empfing den Gaſt, den ihr Mann mitbrachte, mit der Herzlichkeit, die er ſchon an ihr kannte. Wie gern hätte ſie ihn mit glückverheißen⸗ dem Blicke empfangen, aber ſie konnte ihm durch ihre Miene nur beſtätigen, was er bereits von ihrem Gat⸗ ten gehört hatte. In dieſer Miene lag ein theilneh⸗ mendes Bedauern, das aber regte ſeinen Stolz auf, und die Art und Weiſe, wie er das Fräulein begrüßte, ſtellte Valentin ganz zufrieden. Das war die männ⸗ liche Haltung, die er ihm empfohlen hatte! Nun ſollte Margarethe, die nicht damit einverſtanden geweſen, daß er den Vetter doch noch heraufbringen wollte, ihm Recht 89 geben; einen Neſſelkranz, von dem er ihm geſungen hatte, muß man feſt anfaſſen, dann brennt er nicht, obgleich es im Liede heißt:„Das Neſſelkraut iſt bitter und ſau'r und brennet mich: verloren hab' ich mein ſchönes Lieb, das reuet mich.“ Wenn ſich der Hans nur bis morgen ſo ſtraff hielt, auf dem Roß und im Kriege ſollte ihm das Herz ſchon wieder leicht werden! Adelheid pflegte ſich ſonſt, wenn Gäſte auf dem Ehrenſtein waren, viel zurückzuziehen, oft ließ ſie ſich gar nicht ſehen, oder doch nur in der Stunde, welche nach der Sitte, die dem geſelligen Umgang der Frauen und Männer im täglichen Leben enge Schranken ſetzte, für die Unterhaltung beſtimmt war; zu einer Mahlzeit mit Fremden erſchien ſie faſt nie. Heute aber blieb ſie an der Seite ihrer Tante; ſie hielt es vielleicht im Sinne ihres Oheims für unwürdig, vor einer Gefahr auszuweichen. Und eine Gefahr bedrohte ſie doch, das konnte ſie in dem ehrlichen Geſicht des fränkiſchen Vet⸗ ters leſen, der bald in ihrem Anblick Alles vergeſſen zu haben ſchien, was ihm Valentin unterwegs ſo ein⸗ dringlich vorgeſtellt hatte. Er fand indeſſen heute keine Gelegenheit mehr, vielleicht auch den Muth nicht, zu Adelheid zu ſprechen, denn gleich nach der Abendmahl⸗ zeit waren die alten Eheleute gewohnt, ihre Gäſte, und wenn deren noch ſo viele waren, zu verlaſſen, mochten 90 dieſe dann noch im Saale bleiben, ſolange ſie wollten, wenn ihnen der Nachttrunk aufgetragen war. Auch heute, wo nur ein einziger Gaſt, obendrein verwandt ihrem Hauſe, anweſend war, machten ſie davon keine Aus⸗ nahme und Adelheid hatte ſich ſchon vor ihnen ſtill zurückgezogen; ſie wartete nur draußen noch, um ihnen eine gute Nacht zu wünſchen. Der alte Herr ſah ſie mit einem ganz beſondern Blick an, er hatte es auf der Zunge, ihr zu ſagen, daß er ſie vor einem Sturme bewahrt habe— ſo wähnte er!— aber Frau Mar⸗ garethe beſaß über ihn in Angelegenheiten, mit denen er nicht umzugehen wußte, einen großen Einfluß und ihr freundlicher Wink genügte, ihn von ſeinem unzarten Vorhaben abzuhalten. Sie ſelbſt begleitete Adelheid nach ihrer Kammer. Es war aber nur ein Aufſchub, denn am andern Morgen fügte es ſich, daß Adelheid, welche, beruhigt durch das Geſpräch mit ihrer mütterlichen Freundin, herabgekommen war, als der Gaſt ſich verabſchieden wollte, doch einen Moment mit ihm allein bleiben mußte. Frau von Ehrenſtein war hinausgerufen worden und ihr Gatte noch mit einem Schreiben beſchäftigt, das er ſeinem Vetter mitgeben wollte. Kaum war Frau Margarethe hinausgegangen, als Hans von Fehde ſich rückſichtslos dem Gefühle überließ, i das er nicht mehr bemeiſtern konnte. Er nahte Adel⸗ heid, welche durch einen ſchnellen Aufblick nun doch den Moment kommen ſah, welchen ſie nach der Ver⸗ ſicherung ihrer Tante bereits vorüber glaubte. Sie wurde noch bleicher, als ſie vorher war, der flüch⸗ tige Roſenſchein von geſtern war wirklich nur vorüber⸗ gehend geweſen. „Ich wollte Euch eine Bitte ſagen“, begann der Franke mit unſicherer Stimme.„Darf ich?“ Sie gewährte es ihm ſtumm durch eine leichte Be⸗ wegung ihrer Hand. Er hätte ſehen können, daß dieſe zitterte, aber ſein Augen waren liebebetruken auf ihr ſchönes Antlitz gerichtet und konnten ungeſcheut in deſſen Zauber ſich vertiefen, weil ſie die ihrigen nie⸗ dergeſchlagen hatte.„Ich habe kein großes Hab und Gut“, fuhr er fort, nachdem er vergebens einen ſchönen und ſchicklichen Eingang geſucht,„aber ich habe doch genug, um ehrlich zu beſtehen; ich bin ein ehrlicher Mann, mein Vetter Valentin weiß das.“ Hier verwirr⸗ ten ſich ſeine Gedanken nun völlig und er ſtockte, ängſtlich harrend, daß ſie ihm ein Wort erwidern werde. Sie hätte es auch gethan, wenn er ihr Zeit gelaſſen hätte; da ſie aber nicht gleich ſprach, ſo ſtürzte er ſich, wie er in andern Kämpfen gewohnt war, blindlings auf ſein Ziel. 92 „Ich habe Euch lieb gewonnen und biete Euch wie ein ehrlicher Mann meine Hand— Sie konnte ihm nicht wehren, er hatte die ihrige ſchon ergriffen und hielt ſie ſo feſt, daß Adelheid ſie ihm laſſen mußte. Aber im Zweifel durfte er keinen Augenblick bleiben, wie ſie ſeinen Antrag aufnahm. „Ihr thut mir viel Ehre, lieber Herr“ fing ſie mit bebender Stimme an, aber er ließ ſie nicht ausreden, mit einem jubelnden Ausruf drückte er ihre Hand, daß es ſie ſchmerzte. „Wollt Ihr mich alſo als Freier annehmen, meine Braut ſein?“ rief er.„Ich verlange ja nicht, daß Ihr als mein Weib mit ins Feld ziehen ſollt, obzwar das ſo Viele thun! Hätte ich Alles gewußt, ſo zöge ich gar nicht, aber ich hatte mein Wort ſchon gegeben, ehe ich Euch kannte, und muß es nun ehrlich halten.“ Es war ihr endlich möglich geworden, ihre Hand aus ſeinem eiſernen Griff zu befreien, und wie ſie die⸗ ſelbe gleichſam in feierlicher Beſchwörung gegen ihn erhob, verſtummte er plötzlich, von dem Ausdruck in ihren Mienen mit einer ſchreckhaften Ahnung erfüllt, die ihm endlich die Worte, die er geſtern hörte, in das Gedächtniß rief. „O könnt' ich Eurem Vertrauen entſprechen!“ ſagte Adelheid jetzt in leiſen, bebenden Tönen.„Aber ich ——— S 93 darf Euch nicht täuſchen! Gebt es auf, Euer Glück zu ſuchen, wo Ihr es nicht finden könntet; wählt eine Andere, die Eurer würdig iſt.“ „Keine, keine wüßt' ich, der ich gut ſein könnte wie Euch!“ rief er.„Bedenkt's Euch noch! Ich will geduldig harren, bis ich zurückkomme; wenn ich nicht wiederkomme, iſt ja Alles vorüber!“ „Ich darf Euch nicht mit einer falſchen Antwort ſcheiden laſſen“, antwortete ſie, von dem wahren und treuen Ausdruck ſeiner Zuneigung gerührt.„Niemals kann ich Euch gehören, es wäre Verrath an Eurem edlen Vertrauen, wollte ich Euch nur einen Augenblick glauben laſſen, daß es künftig doch anders werden könnte!“ Sie ſprach das, wenn auch in tiefſter Bewegung, doch mit einem Ernſt aus, daß ihm aller Muth zu einer Gegenrede gebrochen wurde. Es war ihm wie eine Erlöſung, daß Frau von Ehrenſtein eben eintrat. Dieſe erkannte auf den erſten Blick, was hier vorge⸗ fallen war, aber ſie vermied es, das zu zeigen.„Die Müllerin von Paulinzelle iſt hier“ ſagte ſie ruhig, in⸗ dem ſie ſich unbefangen niederſetzte und ſich an Adelheid wandte, ohne den Vetter, der ganz faſſungs⸗ los ſchien, anzuſehen.„Ihre Tochter kann nicht zu Dir ziehen, oder vielmehr, ſie will nicht, ſie hat es 94 ſich nun einmal in den Kopf geſetzt, auf der Heidecks⸗ burg zu dienen, weil ſie die Gräfin, die vielleicht einmal freundlich mit ihr geſprochen hat, förmlich anbetet. Freilich iſt ſie dort auch ſchon angenommen; ihre Mutter hat dort eine Muhme, auch aus dem Voigtland, die ihr den Dienſt verſchafft hat; indeſſen wenn ſie wollte, ließe ſich das wohl ändern, die Gräfin wird ſich nicht um ihre Schloßmägde kümmern, und der Müller, der hier in unſerm Lande angezogen, iſt ja ein freier WMann, keiner von den hörigen Leuten, deren Töchter, und wenn ſie noch ſo reich, ihrem Herrn dienen müſſen, mögen ſie wollen oder nicht. Aber die Kleine hat es ſich nun einmal in den Kopf geſetzt. Willſt Du noch mit ihr ſprechen? Sie iſt hier.“ Mit Abſicht hatte Frau Margarethe ſich über den Gegenſtand ſo weit ausgelaſſen, ſie wollte Adelheid Zeit verſchaffen, ſich zu faſſen, und es war ihr gelungen. „Ich werde mit dem Mädchen reden“, ſagte Adelheid, wandte ſich dann in voller Selbſtbeherrſchung zu dem Franken und ſprach mit niedergeſchlagenen Augen:„Lebt wohl, lieber Herr! Ich wünſche Euch alles Glück!“ Er dankte ihr in unbeholfener Weiſe und blickte ihr nach, bis die Thür ſich hinter ihr geſchloſſen hatte, dann wurde ihm von Frau von Ehrenſtein gutmüthig und geſchickt über die Verlegenheit des Moments hinweg⸗ nr S V 5 geholfen. Bald darauf erſchien auch Valentin mit ſei⸗ nem Briefe, der ihm ſehr ſauer geworden war.„Hier, Hans!“ ſagte er.„Ob es der Graf wird leſen können, weiß ich nicht, Du kannſt es ihm verdolmetſcher. Ich will nur, daß er Dir auf mein Wort bei dem Lend⸗ grafen wieder zu Deinem Eigenthum verhilft.“ „Würde der an dem Worte eines fränkiſchen Edel⸗ manns zweifeln?“ entgegnete Hans unwillig.„Muß ich Dein Wort und obendrein noch einen Fürſprecher haben?“ „Es ſpart Dir viel Reden, Hans! Sei nicht ſo unwirſch, was haſt Du denn?“ „Ich möchte den ganzen Plunder fahren laſſen! gs war mir nur an dem einen Stück etwas gelegen! Ja, Vetter Valentin“, fuhr er fort, nachdem er ſich umgeſehen und bemerkt hatte, daß Frau Margarethe hinausgegangen war,„ich habe Deinen Rath in den Wind geſchlagen und muß nun freilich abreiten wie einer, der im Gefecht zerhauen und zerfetzt iſt.“ „Haſt Du doch den Schnabel nicht halten können und den Korb hinter der Hausthür gefunden?“ „Sie hat mir's deutlicher gegeben. Nun und nim⸗ mermehr will ſie mein werden. Sie kann mich nicht leiden.“ „Das wird's grade nicht ſein!“ erwiderte Valentin. „Aber die Weiber haben ihren eigenen Kopf, auch die beſten. Es iſt dumm, daß es doch noch mit Dir durch⸗ gegangen iſt! Geſtern warſt Du ſo vernünftig.“ „Sage mir nur noch eins, Vetter Valentin“, ver⸗ ſebzte Fehde, der immer unmuthiger drein ſah. Was iſt's mit dem Andern, von dem Du geſtern geredet haſt? Das muß ich noch wiſſen.“ „Weiß ich's etwa?“ erwiderte Valentin.„Meine Frau weiß es auch nicht. Als ſie Deinetwegen mit der Muhme geſprochen und die ſo abſolut erklärt hat, ſie könne Dich nicht nehmen, hat ſie meine Frau endlich gefragt, ob ſie vielleicht einem Andern ſchon ihr Herz⸗ chen geſchenkt. Da iſt ſie ſo bleich geworden wie eine Leiche und hat geantwortet, ſie werde dennoch nimmer heirathen, woraus meine Margareth geſchloſſen, daß ſie wohl einem Andern geneigt ſei, daß ſie aber nicht mit ihm ein Paar werden könne. Es gibt ja Man⸗ cherlei, weswegen es oft unmöglich iſt. Mehr hat ſie darüber nicht ſagen wollen und meine Frau hat ſie in Ruhe gelaſſen. Das hab' ich Dir ſchon geſtern erzählt, nun glaube mir's endlich. Hier, ſtoße noch einmal mit mir an auf eine glückliche Kriegsfahrt, und wenn Du nicht mehr nach Arnſtadt reiten willſt, ſo überlaß es mir, ich werde Dir Alles wieder⸗ ———, — 97 ſchaffen und nachſchicken. Ihr werdet doch noch eine Weile bei Leipzig liegen, ehe zum Aufſitzen geblaſen wird.“ Der Franke erklärte ſich mit dem Vorſchlage ein⸗ verſtanden, da ſein Stolz ſich dagegen ſträubte, vor den hochfahrenden Landgrafen mit ſeiner Forderund zu treten und das Recht dazu erſt nachzuweiſen. Er brach nun auf, ſobald er ſich auch von Frau von Ehrenſtein verabſchiedet hatte. Beide ſahen ihm von dem Platze unter der Linde nach, als er vom Schloſſe herniederritt, und Valentin brummte den Schluß des Volksliedes vom Neſſelkranz, das er ſeinem Vetter ab⸗ mahnend geſtern vorgeſungen hatte: Geſegn' Dich Gott, mein holdes Lieb, Ich ſeh' Dich nimmermehr. Am Fuße des Schloßberges, wo der Weg ſ Remda führt, den Hans von Fehde einſchlagen mußte⸗ ſah er auf einem ſchmalen Nebenpfade zwei Weiber gehen, deren fremdartig geknüpfte Kopftücher ihm auf⸗ fielen. Sie ſchauten ſich nach dem Reiter um. Die vor⸗ derſte war ſchon alt, die andere, welche dicht hinter ihr ging, hatte aber ein ſo hübſches Geſicht, daß er davon überraſcht wurde. Das mochte die Magd ſein, von welcher Frau von Ehrenſtein zu ihrer Muhme geſpro⸗ chen hatte. Was ging ſie ihn an! Er trabte vorüber Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg II. 7 und erwiderte kaum den demüthigen Gruß, den ihm die beiden Frauen zuriefen. Nicht lange, nachdem Fehde den Ehrenſtein ver laſſen hatte, ließ der alte Valentin ſeinen Klepper wieder ſatt⸗n.„Du wirſt Deinen Zottel zu Schanden reiten!“ ſägte Frau Margarethe lächelnd. „Ich muß wahrhaftig nach Arnſtadt“, erwiderte er.„Ich hab's dem Hans verſprochen. Von dem Kleinod will er nichts mehr wiſſen, das ſoll ich ihm aufheben, bis er wiederkommt, die andern Dinge ſammt der Taſche hat er aber nöthig im Felde, die will ich ihm durch einen von den Reitern des Grafen Günther nachſchicken, wenn dieſer ſie abgehen läßt. Ich mag nichts verſäumen und muß darum gleich reiten.“ Ehe jedoch der Klepper vorgeführt war, erſchien auf dem Ehrenſtein ein ſeltener Gaſt, welcher den alten Schloßherrn ſeines Rittes überhob. Es war Graf Günther von Schwarzburg, welcher den ihm gebotenen Anlaß benutzte, um ſich durch eigenen Augenſchein von der Wahrheit der Gerüchte, die mit jeder Wiederholung immer übertriebener lauteten, zu überzeugen⸗ Da er unangemeldet kam und Niemand hier von ſeinem Be⸗ ſuch, den er ſelbſt einen Ueberfall nannte, auch nur eine Ahnung haben konnte, ſo mußte er Alles auf dem Schloſſe finden, wie es wirklich war Daſſelbe war A ———— 89 nicht groß genug, um fremdes Volk, das ſich hier ſam⸗ melte, zu verbergen. Er kam nur, von einem einzigen Herrn und einem Diener begleitet, ſodaß er keine Aufmerkſamkeit erregen konnte, und ſelbſt wenn man ihn kommen ſah, ſo führte nur ein Burgweg herab, und Niemand, der ſich etwa entfernen wollte, konnte ihm ausweichen. Es waltete aber die tiefſte Ruhe in der ganzen Umgebung des Ehrenſteins, und als er in das Thor ritt, das am Tage im Gegenſatz zu andern Herrenſitzen niemals verſchloſſen war, konnte er ſich ſchon ſagen, daß die Gerüchte, mit denen man ihn be⸗ läſtigt, entweder erlogen oder daß die fremden Gäſte bis auf den letzten Mann ſchon abgezogen waren. Im Schloßhofe ſah er keinen Menſchen, nicht einmal einen Stallbuben, der ihn hätte anmelden können, nur eine alte Magd ſteckte ihren Kopf aus einer Bodenluke, zog ihn aber gleich wieder zurück, als der Begleiter des Grafen ihr winkte.„Das iſt eine wüſte Burg ge⸗ worden, gnädiger Herr!“ ſagte der Edelmann.„Die ſind ausgezogen mit Mann und Maus und haben nur die alte Hexe zurückgelaſſen.“ „Gewiß, Enzenberg!“ erwiderte der Graf heiter. „Herr Valentin hat den Harniſch wieder angelegt und iſt auf ſeinem Klepper mit dem Adelsheere, das bei ihm gemuſtert worden, nach Oberdeutſchland gezogen, um 7* 100 dort den Ausſchlag zu geben, am Ende beide Parteien zu Boden zu werfen.“ „Da iſt er!“ rief Enzenberg. Der alte Schloßherr kam eben aus ſeiner Thür, keineswegs in kriegeriſchem Stahl, ſondern in ſeine abgetragene weite Schaube gekleidet. Er hatte trotz ſeiner Jahre noch immer gute Augen und erkannte den Grafen von Schwarzburg von weitem. Verwundert ging er ihm entgegen, der ſich eben vom Pferde ſchwang. „Was verſchafft mir denn die Ehre, gnädiger Herr?“ rief er.„Die Freude, ſollt' ich lieber ſagen!“ Der Graf ſchüttelte ihm herzlich die Hand.„Habt Ihr noch einen kühlen Trunk für mich übrig?“ ent⸗ gegnete er.„So viele Gäſte werden Euch Keller und Boden geleert haben!“ „Viel Gäſte?“ fragte Valentin lachend.„Haben ſie in Arnſtadt auch die Fabel erzählt? Nicht wahr, bei mir ſoll eine Verſchwörung ausgeheckt worden ſein, gegen wen, das wiſſen nur die Obern? Ich armer Wicht! Ein paar gute Freunde oder Söhne von meinen alten Reitgeſellen ſind bei mir geweſen auf dem Durch⸗ zuge dahin oder dorthin zu einem Muſterplatze, das iſt die ganze Geſchichte. Mein Keller iſt noch im Stande, Eurer gräflichen Gnaden ein gutes Weinel zu liefern. Kommt nur herein, meine Margareth wird mit ihrer —— ſ te n ME M 101 Küche ſich auch ſchon Ehr' einlegen. Seid willkommen, Enzenberg“ Er reichte auch dieſem die Hand, und der Graf, der den Greis zu wohl kannte, um noch irgend eine Heimlichkeit oder Hinterliſt zu argwöhnen, folgte ihm in das Haus, wo die Frau ihnen ebenſo freundlich und offen entgegen trat, in ihrem einfachen und ſaubern Hauskleide das Bild einer würdigen Matrone. Sie führte die Gäſte in die große Halle und ging dann, das Frühmahl zu beſchicken, während Wein und Becher aufgeſetzt wurden. „Ich komme eigentlich im Auftrage eines Andern“, ſagte der Graf, nachdem er es ſich im Saale bequem gemacht.„Ich habe auch Gäſte, die auf dem Durch⸗ zuge ſind, lieber Nachbar. Der Landgraf iſt bei mir.“ „Das weiß ich“ erwiderte Valentin.„Euer lieber Getreuer, der Matz Kandel, hat es mir geſtern in Ilm erzählt.“ „Wieder der Kandel!“ rief der Graf.„In Ilm? Hat er Euch von ſeinem Fiſchzuge erzählt?“ Valentin war nur einen Augenblick über den Sinn der Frage zweifelhaft, dann rief er:„Hat er das Ding aus dem Waſſer gefiſcht? Davon hat mir der durchtriebene Schelm nichts geſagt. Der Landgraf hat ſich den Fund ausliefern laſſen, ich kann Euch aber ſagen, wem er gehört.“ „Dem Junker Hans von Fehde. Kann ich ihn nicht ſprechen?“ entgegnete der Graf. „Das wißt Ihr alſo! Freilich wird's Euch der Kandel erzählt haben, der hörte es mit an, wie mein Vetter Hans mir ſeinen Verluſt klagte, aber ſprechen kann Eure gräfliche Gnaden den Hans nicht mehr, der iſt ſchon vor einer Stunde fortgeritten.“ „Nach Arnſtadt?“ fragte der Graf.„Ich bin ihm nicht begegnet!“ „Nicht nach Arnſtadt, er hatte keine Zeit mehr dazu“, erwiderte Valentin.„Ich ſoll für ihn bürgen, daß ihm die gefundene Satteltaſche gehört. Der Kandel wird wohl auch erzählt haben, wie ſie in das Waſſer gefallen iſt. Wollt Ihr bei dem Herrn Landgrafen die Sache vortragen, gnädiger Herr, und das Ding für mich in Empfang nehmen? Erlaubt Ihr, ſo ſchicke ich darum.“ „Ja, lieber Herr Valentin, das iſt eine ſchlimme Sache“ verſetzte der Graf. Ich glaube ſchon, daß der von Fehde bei ſeinem Sturz mit dem Pferde die Sattel⸗ taſche verloren hat, daran iſt gar kein Zweifel. Die Taſche mit dem Reiſegeräth hat der Kandel, der ſie ge⸗ funden hat; die würde er ſchon herausgeben müſſen, es fand ſich indeſſen noch ein ganz beſonderes Stück darin vor, das man nicht in der Satteltaſche eines Reiſigen ſucht—“ der ein hen der 103 „Ein goldener Kamm, nicht wahr?“ unterbrach ihn der Alte. „Wißt Ihr das alſo? Von wem hat der Junker von Fehde dies Schmuckſtück? Vielleicht hat er es Euch erzählt.“ „Gekauft hat er es in Lichtenberg von einem, der's wohl als Beute gewonnen haben mag.“ „Als Beute!“ wiederholte der Graf haſtig in einem wegwerfenden Tone.„Hat er Euch geſagt, von wem?“ Sein Auge ruhte dabei ſo durchdringend auf dem alten Herrn, daß dieſer verwundert aufblickte. „Ihr glaubt doch nicht, daß mein Vetter gelogen hat?“ entgegnete er.„Wenn er ſelbſt das Ding als Beuteſtück im Kriege gewonnen hätte, was brauchte er's denn zu leugnen? Bei der Erſtürmung von Rom ſind ganz andere Koſtbarkeiten gewonnen worden; von da rührt's her, wie der Geſell erzählt hat, dem mein Vetter es abgekauft hat. Gekannt hat ihn mein Vetter nicht, gefragt auch nicht.“ Der Graf ſchien zweifelhaft, was er darauf erwi⸗ dern ſolle. Wollt Ihr mir eine Frage ehrlich beant⸗ worten, lieber Nachbar?“ brach er dann ziemlich auf⸗ geregt aus. „Ehrlich antworte ich immer, gnädiger Herr“, verſetzte Valentin.„Und wenn ich nicht antworten kann oder mag, ſag' ich's auch ehrlich.“ „Wißt Ihr gar nicht, wo der ſchlimme Geſell ge⸗ blieben iſt, der vor'm Jahre in Blankenburg beim Pfarrer Keiſer verhaftet wurde und nachher unterwegs entſprang, als Ihr ihm begegnetet?“ „Das weiß ich nicht, geht mich auch gar nichts an“, erwiderte Valentin.„Eure gräfliche Gnaden glaubt doch nicht, daß ich dem Galgenvogel durchge⸗ holfen oder ihn hier auf dem Ehrenſtein verſteckt habe?“ „Sicher nicht!“ ſagte der Graf.„Ihr wißt aber, wer es geweſen iſt?“ „Der entlaufene Marſtaller des Grafen Heinrich, Eures verſtorbenen Vetters; freilich weiß ich das. Und daß Ihr auf Anſuchen des Landgrafen ihn verfolgt habt, das hab' ich auch gehört; er muß alſo dort etwas verbrochen haben. Wie kommt Eure Gnaden jetzt auf einmal darauf?“ „Weil der und kein Anderer Eurem Vetter den goldenen Kamm verkauft haben kann!“ erwiderte der Graf.„Ich will Euch Alles ſagen, was ich davon weiß. Der Kamm iſt bei der Plünderung Roms ge⸗ wonnen worden, das hat ſeine Richtigkeit. Ein abge⸗ dankter Kriegsmann, der unter dem Schärtlin den Sturm mitgemacht hat, iſt damit ſpäter nach Heſſen gekommen und hat das Geſchmeide dem Landgrafen zum Kauf angeboten. Der hat es genommen und den —— . 105 Geſellen dazu, weil er ihm durch ſeine Behendigkeit und witzige Rede wohlgefallen. Das iſt der Gosmar geweſen, der entlaufene Marſtaller meines Vetters. Dem Landgrafen hat er auch gar kein Geheimniß daraus gemacht, ſondern ſich der alten Geſchichte von Anna⸗ berg gerühmt— Ihr wißt ja, Valentin, man ſpricht nicht gern davon. Entlaufen wollt' er aus keinem andern Grunde ſein, als ſich in der Welt unzuſchauen, das friedliche Leben auf dem kleinen Schlößchen habe ihm nicht mehr gefallen. Wer's ihm glaubt!“ Valentin zuckte die Achſeln. Vielleicht wußte er mehr davon, aber er ſprach ſich nicht aus. „Nun hört!“ fuhr der Graf fort.„Den Goldkamm bewahrte der Landgraf bei andern Kleinodien, und als ihm ſeine Frau endlich nach den beiden Prinzeſſinnen, die ſie ihm ſchon geboren, einen Erbgrafen ſchenkte, da machte er ihr mit vielen andern ſchönen Dingen auch dies kunſtvolle Stück aus Welſchland zum Geſchenk.“ Der alte Herr wurde ſehr aufmerkſam.„Und der Frau Landgräfin iſt es entwendet worden?“ fragte er. „Nein“ antwortete Graf Günther.„Sie hat es in ſpäterer Zeit weiter verſchenkt. Ihr wißt ja, wie es dort ſteht, mein lieber alter Freund, unter uns brauchen wir die ärgerliche Geſchichte nicht zu umſchlei⸗ 106 chen. Sie iſt einmal geſchehen. Der Landgraf möchte ſich gern rechtfertigen vor allen Menſchen; es fehlte nicht viel, ſo hätte er mit meiner Muhme Katharina darüber ein Colloquium gehalten!“ Valentin lachte.„Die würde ihm einen ſchönen Sermon gegeben haben! Schade, daß es nicht geſche⸗ hen iſt! Der goldene Kamm aber, an wen hat ihn die Landgräfin verſchenkt? Ich möchte doch gern wiſ⸗ ſen, wie er denn endlich nach Lichtenberg gekommen iſt, wo ihn mein Vetter gekauft hat.“ „Ihr werdet es Euch gleich erklären. Die Land⸗ gräfin hatte ein Fräulein, das von Sachſen, wo ſie doch zu Hauſe iſt, zu ihr gekommen war, vor etwa acht Jahren; das gewann ſie bald ſehr lieb, und da ſich mittlerweile die unglückliche Gewiſſensehe mit der Saal angeſponnen hatte, mit ihrer Einwilligung, zu der ſie gedrängt worden war, ſo mag ſie wohl auf die frühere Wiegengabe ihres Mannes keinen Werth mehr gelegt haben, kurz, ſie verſchenkte den ſchönen Goldkamm an ihr Fräulein. Nun war dieſe früher mit der Saal ſehr befreundet geweſen; die Saal, Ihr wißt ja, iſt auch aus Sachſen, ihre Mutter, die verwittwete Ober⸗ hofmeiſterin, eine Miltitz. Beide Mädchen waren gleich alt und kamen ziemlich zu gleicher Zeit aus Dresden fort, die Saal zu der Schweſter des Landgrafen, die — m ein luſtiges Wittwenleben in Rochlitz führt, und die andere, Adelheid geheißen—“ „Wie ſonſt?“ unterbrach Ehrenſtein den Grafen lebhaft. „Ja, das weiß ich nicht. Der Landgraf hat mir nur ihren Taufnamen genannt. Die war zu ſeiner Frau nach Kaſſel gekommen, ein Jahr etwa ſpäter als die Saal zur Herzogin von Rochlitz. Auf die Saal hatte aber der Landgraf ſchon ſeine Augen geworfen. Als nun die Sache ſich ſchicken wollte, mochte die Land⸗ gräfin nicht, wie ihr auferlegt war, ganz reinen Mund gehalten haben, wenigſtens nicht gegen ihr Fräulein, das ſie zärtlich liebte, und dieſe, wie mir Philipp er⸗ zählt hat, iſt denn aus allen Kräften bemüht geweſen, ſie noch zum ernſtlichen Widerſpruch zu reizen, dazu hat ſie aber die Fürſtin nicht bewegen können, und die Ehe iſt denn zur linken Hand leider geſchloſſen worden. Aber mit der Mädchenfreundſchaft iſt es nun auch aus geweſen. Die Adelheid hat der Saal einen Brief ge⸗ ſchrieben, der Landgraf hat ihn geleſen und ſagt, daß ſeine arme Margarethe dadurch äußerſt betrübt und in ihrem Gewiſſen beunruhigt worden; er hat daher die Friedensſtörerin vom Hofe entfernen wollen, aber die Landgräfin hat für ihr Fräulein gebeten und getrotzt, bis er nachgegeben, weil er ſeine rechtmäßige Frau 108 nicht noch mehr hat kränken mögen und die andere ja ihren Sitz und Staat für ſich hat, ſodaß ſie nicht zuſammenkommen. Es hat ſich aber doch einmal ge⸗ fügt, daß die Sachſin, die von ihrer Fürſtin mit einem Diener in irgend einem Auftrag verſchickt worden, unterwegs mit ihrer Jugendfreundin zuſammengetroffen iſt, und da ſoll es denn zu einem herzbrechenden Ausreden gekommen ſein. Bald darauf iſt ſie in aller Heimlichkeit von Kaſſel entwichen und hat den Diener mitgenommen, das iſt aber kein Anderer ge⸗ weſen wie der Gosmar. Nun habt Ihr die ganze Geſchichte. Das goldene Kleinod hat ſie vielleicht nach⸗ her aus Noth durch den Gosmar verkaufen laſſen oder der hat es ihr geſtohlen und iſt damit auf und davon gegangen. Wohin ſie ſich gewandt hat, weiß kein Menſch. Dem Landgrafen liegt viel daran, es zu er⸗ fahren. Als die Reiſetaſche in der Gera gefunden wurde und er den Kamm ſah, den er gleich wieder⸗ erkannte, wurde er ganz heftig und bot dem Kandel den dreifachen Werth, wenn er ihm den ſchaffe, der ihn verloren. Nachher ſah er wohl, daß der Kamm ſchon in zweiter, dritter Hand ſein könne, und ſagte, es habe ihn zu ſehr verlockt, die Beiden, auf die es ihm ankomme, hier vielleicht auf einen Zug des Garns zu fangen. Er bat mich noch einmal, auf den Gos⸗ 109 mar fahnden zu laſſen, weil der vielleicht doch noch im Lande verſteckt ſei, und wollte dann weiter nicht von der ganzen Sache geſprochen haben; nachher aber fing er ſelbſt wieder davon an und erzählte mir die ganze Geſchichte, wie es mit dem goldenen Kamm zu⸗ ſammenhing und warum es ihn ärgere, den in frem⸗ den Händen zu ſehen.“ „Und hat er Euch gar nicht geſagt, wie das Fräu⸗ lein ſeiner Gemahlin geheißen hat?“ fragte Valentin, der ſeinen gewohnten Gleichmuth, der ihn ſonſt nie verließ, bei der Erzählung des Grafen ganz verloren zu haben ſchien. „Er hat ſie nicht anders als die Sachſin genannt, einmal nur Adelheid, was ich mir gemerkt habe“, er⸗ widerte der Graf.„Nach ihrem Vaternamen habe ich nicht gefragt.“ „Hat er Euch auch nicht geſagt, warum ſie denn eigentlich aus Heſſen fortgegangen iſt?“ fragte Valen⸗ tin weiter. „Er mag ſie wohl, da ſie Unfrieden geſtiftet, nicht ſehr gnädig behandelt haben“, antwortete Günther. „Geſagt hat er mir nichts, und da er nicht davon ſprechen wollte und nur etwa brockenweiſe mir hin⸗ warf, was ich dann aufgeleſen und hier vorgebracht habe, ſo mocht' ich auch nicht weiter fragen. Sie iſt 110 übrigens katholiſch geweſen und hat ſich nicht davon abbringen laſſen, wie mir noch einfällt, ſonſt ein ſchönes Jungfräulein. Das war die einzige Frage, die ich mir erlaubte, und wer meinen lieben Herrn und Gevatter kennt, der kann vielleicht noch auf einen andern Ge⸗ danken fallen, warum die Sachſin heimlich entwichen iſt. Wem zwei geſtattet werden, der ſieht ſich auch noch nach einer dritten um. Ich rede aber wohl unziemlich. Enzenberg, von dem, was hier beſprochen worden iſt, laßt nichts gegen Andere verlauten, ich weiß, daß ich mich darin auf Euch verlaſſen kann.“ Enzenberg, der vertrauteſte Rath des Grafen, ver⸗ neigte ſich.„Wenn es alſo ſteht, mein gnädiger Herr“, ſagte Valentin, indem er ſeinen aufgeſtutzten Knebel⸗ bart mehrmals durch die Finger zog,„wird denn der Landgraf das Kleinod, das doch jetzt rechtmäßig mei⸗ nem Vetter Hans gehört, mir anvertrauen, damit ich es ihm aufbewahre?“ Der Graf glaubte das wohl, denn es war doch immer ein freies Geſchenk, deſſen der Landgraf ſich längſt entäußert hatte. Er müßte es denn ſelbſt aufbewahren wollen, bis er die ſchöne Sachſin fragen kann, wie ſie darum ge⸗ kommen iſt!“ äußerte Valentin mit einem muntern Aufblick ſeiner großen blauen Augen.„Wenn ich ha ² 2 wüßte, wie ſie heißt, könnte ich ſie vielleicht auskund⸗ ſchaften.“ „Ich werde den Landgrafen darnach fragen“ erwi derte Günther.„Da kommt unſere edle Wirthin! Werden wir nicht auch die Freude haben, Eure liebe Nichte zu ſehen? Es wird ſo viel Schönes von dem Fräulein von Rettleben geſprochen, meine Muhme Katharina hat mir beſonders von ihr erzählt, ſodaß ich ſie gern kennen lernen wöchte.“ Frau von Ehrenſtein entſchuldigte ihre Verwandte mit dem Siechthum, das ſie an ihre Kammer feſſele und unfähig mache, ſich vorzuſtellen.„Aber ich denke doch, daß Eure gräfliche Gnaden ſie bald kennen ler nen werden!“ ſetzte Valentin mit einem Blicke auf ſeine Frau hinzu, der ihr ſagte, daß er ihr viel zu berichten habe. Sie mußte ſich noch gedulden und erſt ihren Pflichten als Wirthin gegen den vornehmen Gaſt und ſeinen Begleiter genügen. Beide thaten ihrem Früh mahl Ehre an und ſchieden dann bald. Der Landgraf hatte darum gebeten, weil er noch heute nach Ichters leben reiten wollte, wo der Kurfürſt von Sachſen ſchon angekommen war. Fünftes Kapitel. Zum Kriege. „Er weiß alſo nicht, daß ich hier bin! Doch nun wird er es bald erfahren. Ja, meine Mutter, es iſt Alles wahr, wie es der Graf von Schwarzburg erzählt hat. Mir gehört der ſchöne Goldkamm, der jetzt wieder in ſeinen Händen iſt; mag er ihn behalten! Bittet den Vater, daß er deshalb nichts weiter thut. Hier hoffe ich ſicher zu ſein; er hatte nie ein Recht, mich zu verfolgen, denn wenn ich heimlich von Kaſſel abgereiſt bin, ſo geſchah es mit Vorwiſſen und Bewilligung mei⸗ ner Herrin, und ich denke doch, daß ich bei meinen Ver⸗ wandten ſo wohl geborgen bin wie in der heiligen Freiſtatt, die ich anfangs aufſuchen wollte!“ „Das biſt Du, Kind“ antwortete Frau von Ehren⸗ ſtein, welche darauf beſtanden hatte, daß Adelheid ihr e — 113 den trauten Mutternamen gab.„Solange wir leben, meine Tochter, ſollſt Du uns nicht anders als mit Deinem eigenen Willen verlaſſen, und wenn uns über kurz oder lang der liebe Gott abruft, ſo iſt auch für Dich geſorgt, wie wir ja für unſere beiden Enkel haben ſorgen müſſen. Verlaß Dich nur ganz auf mich.“ Adelheid küßte ihre Hand. „Hätte ich nur Gewißheit, ob der Mann, der mir ſtets ſoviel Treue bewieſen, doch den Raub an mir be⸗ gangen hat, wie ſie ihm ſchuld geben!“ ſagte ſie dann. „Er war noch zwei Tage bei mir, nachdem es geſchehen war, er ſprach davon mit ſolchem Unwillen und ſchien ſich meinetwegen zu grämen; ich ſelbſt habe ihm nie den leiſeſten Verdacht gezeigt, und als ich meinen Ent⸗ ſchluß gefaßt hatte, zu Euch zu gehen, geleitete er mich noch ein Stück. Entlaſſen mußt' ich ihn dann freilich, aber es wurde ihm ſo ſchwer, ſich von mir zu trennen!“ „Hat er Dir dabei recht ehrlich in die Augen ſehen können?“ fragte Frau Margarethe.„Mein Herr ſagt, daß der Gosmar, wie er ihm als Gefangener begegnet iſt, ein gar ſchlechtes Gewiſſen gezeigt hat!“ „Es iſt nicht aller Menſchen Art dieſelbe“, erwiderte Adelheid. „Warum verfolgt aber der Landgraf dieſen Men⸗ ſchen ſo grauſam, daß er noch heute ihn nicht vergeſſen Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 8 114 kann? Noch weiß kein Menſch hier, was er eigentlich verbrochen hat. Der Graf von Arnſtadt wird es wohl erfahren haben, da er darum angegangen wurde, ihn verhaften zu laſſen, und vielleicht hat der es auch der Gräfin in Rudolſtadt wiſſen laſſen, um ſeiner dort hab⸗ haft zu werden, aber ſonſt haben ſich die Menſchen nur mit allerlei Gerüchten getragen. Du biſt ſo aufrichtig gegen mich geweſen, mein Kind— weißt Du etwas da⸗ rum? Kann er nur deshalb einen ſolchen Haß auf ihn ge⸗ worfen haben, weil er Dir zur heimlichen Abreiſe ver⸗ holfen hat? Landgraf Philipp ſoll freilich der unver⸗ ſöhnlichſte Feind ſein, wie mein Herr mir oft erzählt hat, ein bitterer, furchtbaxer Mann.“ „O nein, Mutter, das iſt Landgraf Philipp nicht!“ entgegnete Adelheid.„Der Vater kennt ihn nur aus jungen Jahren, wo er durch gar Vieles, was ihm ge⸗ ſchehen, gereizt war und ſich von der Leidenſchaft hin⸗ reißen ließ; meine Fürſtin hat mir oft davon erzählt und gerade ſie läßt ihm volle Gerechtigkeit widerfahren. Er iſt ein gerechter Mann in allen ſeinen Thaten und das Volk verehrt ſeinen Fürſten. Der Gosmar war ſein Diener, nicht der meinige, er hat mich gegen mei⸗ nen Willen begleitet, da er mir nur den Wagen ſchaf⸗ fen ſollte, mit dem ich abreiſte. Ich habe ihn gemahnt, zurückzukehren, er wollte es nicht, aus Furcht vor der 3 115 Strafe. Ob ihm ſonſt noch etwas zur Laſt fällt, weiß ich nicht, es wird mir ſchwer, daran zu glauben. Es ſollte mir leid thun.“ Sie hatte ſo viel geſprochen, daß ſie davon erſchöpft ſchien und tief aufathmend die Hand über die Augen legte. Frau Margarethe blickte ſie theilnehmend an, ſie kannte ja den Harm, welcher die Jugendblüte dieſes einſt ſo fröhlichen Kindes vernichtet hatte. Adelheid's Herz war vor dem innigen Mitgefühl, das ſich ihr ſo zart kund gegeben hatte, endlich aufgegangen. In einer Weiheſtunde kindlichen Vertrauens hatte ſie der mütter⸗ lichen Freundin ihr ganzes Leben erſchloſſen, von dem Tage an, der über daſſelbe beſtimmt hatte noch in dem Hauſe zu Dresden, wo ſie nach dem Tode ihrer Aeltern Aufnahme gefunden, bis zu ihrem Aufenthalte in Heſſen und ihrer Entfernung von dort. Die eigene Jugend⸗ zeit lag zwar der ehrwürdigen Matrone, welcher dies volle Vertrauen geſchenkt wurde, ſehr fern, aber ſie konnte doch noch die Gefühle begreifen, die ein junges Herz bewegen, und that, was ſie nach ihrem frommen Sinn vermochte, um Adelheid in dem Siege, den ſie mit Aufopferung errungen hatte, zu ſtärken. Ihrem Gatten hatte ſie nichts verheimlicht als den Namen, den ihr Adelheid auch erſt nach länger Zeit genannt hatte, unter dem Verſprechen, ihn verſchwiegen zu hal⸗ 8. ten. Frau Margarethe hatte das offen ihrem Manne geſagt und dieſer auch nicht weiter geforſcht, doch hätte er bei ſcharfem Aufmerken auf manches unwillkürliche Zeichen vielleicht eine Ahnung gewinnen können, die ihn ſehr überraſcht haben würde; ein ſolches Lauſchen und Aufmerken war aber ſeiner Natur fremd. Ihm genügte es zu wiſſen, daß dem armen Kinde in früher Jugend für eine wahre und tiefe Neigung, der ſie ſich ahnungslos hingegeben, die herbſte Enttäuſchung zu Theil geworden war, nicht durch die Schuld des Man⸗ nes, der jene Neigung in ihr geweckt, ſondern durch ein dunkles Schickſal, das er ſelbſt ihr nicht näher erklärt hatte, als ſie endlich den Wahn erkannt, ſein Herz zu beſitzen. Was ihn zu ihr geführt, ihn inniger gegen ſie geſtimmt wie gegen irgend ein anderes Weſen, mit dem er dort verkehrt hatte, war ihr ge⸗ meinſamer religiöſer Glaube geweſen, für welchen beide unter den Anfechtungen, welche derſelbe auch im Lande des ſo feſt katholiſchen Herzogs Georg erlitt, die gleiche Treue hegten. Der alte Herr Valentin, Sickingen's und Hutten's Freund, hegte freilich für ſolche blinde Schwärmerei, wie er es nannte, keine ſonderliche Sym⸗ pathie; er hatte in ſeinem Kriegsleben in religiöſen Dingen eine freiere Denkweiſe gewonnen, doch ließ er Jeden darin gewähren, wenn er nur nicht ſeine Mit⸗ — 117 menſchen ſchädigte oder allzuſtreng verurtheilte, wovon er ſeinen alten Freund Aquila auch nicht frei ſprechen konnte. Adelheid mochte denn immerhin ihrem Glau⸗ ben treu bleiben; es that ihm nur leid, daß ſie dadurch in ein Herzeleid verfallen war, das ſie wohl nimmer verwinden konnte. Er hatte auch in jungen Jahren einen Freund gehabt, der in unglücklicher Liebe ver⸗ zweifelnd ſich den Tod gegeben hatte, doch bieten dem Manne ſich hundert Wege, ſich davon loszureißen, in rüſtigem Schaffen, im Kriege, in der freien Ferne kann er vergeſſen und geſunden, dem Weibe aber daheim, in ſtiller Kammer, bleibt der Harm zugeſellt und ſie muß mit ihm leben und ſterben. Der Graf von Schwarzburg war unterdeſſen nach Arnſtadt zurückgeritten, fand aber zu ſeiner Verwunde⸗ rung den Landgrafen nicht mehr dort. Philipp von Heſſen konnte ſich durch ſeine eigene perſönliche Angelegenheit, die ihn hier mit einem ſeltſamen Zufall gefeſſelt, nur einen Moment von der Verfolgung ſeiner wichtigſten Pflicht abhalten laſſen, er machte ſich Vorwürfe, auch nur dieſen Augenblick einer menſchlichen Schwäche nach⸗ gegeben zu haben. Bald nach der Entfernung des Grafen, der ihm zu Gefallen und auch aus eigenem Antriebe nach dem Ehrenſtein geritten war, hatte der Landgraf in plötzlichem Entſchluſſe von der Gräfin 118 Eliſabeth Abſchied genommen, und war mit ſeinem Gefolge nach dem nahen Ichtersleben aufgebrochen. Graf Günther konnte alſo vor der Hand nicht mit ihm über die Beziehungen reden, die er nach ſeinem Ge⸗ ſpräch mit Ehrenſtein näher aufzuklären wünſchte. Dieſer hatte eine Aeußerung gethan, als ob er mit zur Entdeckung des entflohenen Fräuleins beitragen könne, wenn er nur erſt deſſen Namen wiſſe. Va⸗ lentin hatte ſo wenig Verſtellungsgabe, daß der Graf während des ganzen Geſprächs bemerkt zu haben glaubte. wie er davon aus ſeinem Gleichmuthe kam. Selbſt ſein Benehmen bei der Anſpielung auf ein beſonderes Intereſſe des Landgrafen für die ſchöne Sachſin hatte den Grafen darin beſtärkt. Er mußte ſich aber gedul⸗ den, bis er den Landgrafen wiederſah und die wich⸗ tigern Angelegenheiten, die deſſen ganze Geiſtesthätigkeit in Anſpruch nahmen, ſo weit geordnet waren, daß er wieder an kleinliche perſönliche Dinge denken konnte. Der Drang der Ereigniſſe wurde immer gewaltiger, immer ſtürmiſcher. Längſt gefaßt waren die Entſchlüſſe, ſie mußten zur That werden. Der Kurfürſt von Sachſen, der anfangs am meiſten gezögert hatte, wenn er auch viel leidenſchaftlicher war als der Landgraf, wollte jetzt von keinem längern Aufſchub wiſſen. Beide kamen überein, binnen vierzehn Tagen bei Meiningen —— S 2 oder Fulda ein Heer von fünfundzwanzigzigtauſend Mann mit dem nöthigen Geſchütz und eintauſendvierhun⸗ dert Schanzbauern zuſammenzuziehen und dann unver züglich nach Süddeutſchland zur Vereinigung mit der Macht der Städte und der Würtemberger aufzubrechen. Es kam aber darauf an, den Kaiſer wegen ſeiner Rü⸗ ſtungen, die offenbar ihnen galten, vor der deutſchen Nation anzuklagen. Ehe ſie das thaten, richteten ſie ein Schreiben an ihn, das ihre Bekümmerniß ausſprach, von ihm für ungehorſame Fürſten gehalten zu werden, und ihn erinnerte, daß es wohl billig geweſen, ſie zu hören und ihren Gegenbericht anzunehmen, ehe er ſich gegen ſie gerüſtet.„Sie würden ſich gegen alle ihnen aufzulegende Beſchuldigung des Ungehorſams ſo zu ver⸗ halten wiſſen, daß Jedermann greifen und ſpüren ſolle, wie ſie ſolches vermeinten Ungehorſams unſchuldig und Seiner Majeſtät thätlich und gewaltig Fürhaben und Fürnehmen auf Anſtiften des Antichriſts zu Rom und ſeines unchriſtlichen Concils zu Trident allein die Ver⸗ tilgung der wahren chriſtlichen Religion, Gottes Worts und ſeines heilwärtigen Evangelii, auch die Unter⸗ drückung der Freiheit und Libertät der deutſchen Na⸗ tion beabſichtige, und ſonſt keine andern Urſachen, darum es Seiner Majeſtät zu thun, vorhanden ſeien.“ Der Kaiſer antwortete auf dieſe ſchweren Beſchul⸗ 120 digungen, welche in ſo ſtarken Worten gegen den katho⸗ liſchen Glauben ausgeſprochen waren, mit der Achtser⸗ klärung. Es war kaum anders zu erwarten. Schon Plutarch ſagte, böſe Worte reizen den Gegner mehr als böſe Thaten. Karl V. konnte dieſe Sprache nicht hinnehmen, ohne ſie mit kaiſerlicher Machtvoll⸗ kommenheit zu ahnden, wenn er freilich auch nach der Wahlcapitulation nicht berechtigt war,„irgend einen Reichsſtand ohne Verhör in die Acht zu erklären, ihm Gewalt anzuthun und fremde Truppen ins Reich zu führen“ Ehe noch die Vertheidigungsſchrift, in welcher die Bundeshäupter jene Abſicht, ihr Religionsbekennt⸗ niß zu unterdrücken, ſchlagend nachwieſen, in Deutſch⸗ land verbreitet war, hatte der Kaiſer ſie ſchon„als ungehorſame, untreue, pflicht⸗ und eidbrüchige Rebellen, aufrühreriſche Verräther und Verletzer der Majeſtät, auch als Verbrecher des gemeinen Landfriedens“ in des Kaiſers und des heiligen Reiches Acht und Aber⸗ acht, Pön, Strafe und Buße verfallen erkannt, ihre Stände und Unterthanen von den Pflichten der Huldi⸗ gung und des Gehorſams entbunden, jedes mit ihnen geſchloſſene Bündniß und Verſtändniß für null und nichtig erklärt und alle, welche ihnen anhangen und Unterſtützung leiſten würden, mit gleicher Strafe be⸗ — wa ben ſam den ent ihn IE 121 Dieſem ſtrengen Mandate Nachdruck zu geben, wo war die Macht? Achttauſend Mann zu Fuß und ſie⸗ benhundert Reiter, um den Kaiſer bei Regensburg ver⸗ ſammelt, das war die ganze Streitkraft, welche er in dem Augenblick der Achtserklärung dem Heere des Schmalkadiſchen Bundes, an fünfzigtauſend Mann ſtark, entgegenzuſtellen hatte. Seine Verſtärkungen, welche ihm aus den Niederlanden Graf Max von Büren, aus Italien der Herzog Ottavio Farneſe, Enkel des Papſtes, zuführte, waren erſt im Anmarſch; nur die vorſich⸗ tigſte Kriegführung, die jedem entſcheidenden Schlage, bis er gelingen mußte, auswich, konnte ihn vor der Vernichtung durch die Uebermacht retten. Zu dieſer Kriegführung hatte aber Kaiſer Karl den Meiſter, ohne ihn noch in ſeinem Feldherrnwerthe erkannt zu haben, ſchon gefunden: den Herzog Alba. Bisher hatte ſich Fernan Alvarez von Toledo zwar vielfach ausgezeich⸗ net, wofür er auch zum Herzoge von Alba erhoben worden war, aber doch gab ihm der Kaiſer den Ober⸗ befehl mehr aus perſönlicher Gnade als aus beſonderem Vertrauen. All ſeine Vorſicht, als ein zweiter Fabius Cunctator, durch welche er in ſeiner langen blutigen Laufbahn niemals überfallen oder in einer Feldſchlacht geſchlagen worden iſt, würde ihm jedoch in dieſem Kriege nichts geholfen haben, wenn die Schmalkaldner verſtan⸗ 122 den hätten, von der Zeit und ihrer Uebermacht ener⸗ giſchen Gebrauch zu machen. Dazu gehörte aber Ein⸗ heit des Befehls.„Einer gebiete!“ heißt es ſchon im Homer's Ilias, und alle Kriege ſeit dem trojaniſchen bis auf den jüngſten der Gegenwart haben dieſen alten Spruch beſtätigt, meiſt in trauriger negativer Weiſe. Im Lager von Donauwerth, wo ſich die Streitkräfte des Bun⸗ des Anfang Auguſt vereinigt hatten, wenige Tage⸗ märſche von Regensburg, waren gute Feldhauptleute genug. Landgraf Philipp hatte ſich in manchem Kriege ſchon als Führer bewährt, noch im vergangenen Jahre gegen Heinrich, den vertriebenen Herzog von Braun⸗ ſchweig, der mit Soldtruppen ſein Land wiederzuer⸗ obern gehofft, ſelbſt aber in Gefangenſchaft gerathen war und nun auf der heſſiſchen Veſte Ziegenhain ſaß. Da war Schärtlin von Burtenbach, der Feldoberſt der oberländiſchen Städte, deſſen Dienſte ſchon in jungen Jahren von Fürſten eifrig geſucht, der nach der Schlacht von Pavia, noch nicht dreißig Jahr alt, zum Ritter geſchlagen worden, was ſogar vier Jahre ſpäter nach dem Entſatz von Wien gegen die Türken von des Kaiſers eigener Hand zum zweiten Male geſchehen war, wie ihn auch der Kaiſer vor zwei Jahren, 1544, zu ſeinem Großmarſchall, Generalprofoß, Muſterherrn und Brandſchatzmeiſter ernannt, ſodaß er, nach ſeinen e—— 123 eigenen Worten in der hinterlaſſenen Selbſtbiographie, gehalten worden war wie ein Fürſt. Endlich konnte doch auch, wenn der Fürſtenrang entſcheiden ſollte, der Kurfürſt von Sachſen, ein Mann von der ritterlichſten Tapferkeit, wenn er auch keine Kriegsthaten als Feld⸗ herr aufzuweiſen hatte, den Oberbefehl führen. Ihm würden ſich die vielen Fürſten und Grafen, welche beim Heere waren, gewiß untergeordnet haben, wenn Philipp von Heſſen, der freilich den erſten Anſpruch auf den Commandoſtab hatte, das Beiſpiel der Entſagung ge⸗ geben hätte. Es waren außer den beiden Bundes⸗ häuptern noch zwei Prinzen von Sachſen, zwei Herzoge von Braunſchweig— der Grubenhagener mit vier Söhnen — der Erbprinz von Baden⸗Durlach, der Fürſt Wolfgang von Anhalt⸗Zerbſt, Graf Chriſtoph von Oldenburg, ein Graf von Hettingen, zwei Grafen von Iſenburg, drei von Mansfeld und der Wild⸗ und Rheingraf beim Heere, lauter Reichsunmittelbare. Aber die dringenden Mahnungen des Landgrafen zur Einheit im Kriegsbe⸗ fehl wurden nicht beachtet, weil man ihn ſelbſt ehr⸗ geiziger Abſichten zieh. Es blieb alſo bei der ſelbſt⸗ ſtändigen Führung der einzelnen Heeresglieder, die ſich zu gemeinſamer Handlung immer erſt in einem Kriegsrath verſtändigen mußten, dieſem traurigſten Nothbehelf, der unter ſolchen Umſtänden zwar nicht zu umgehen iſt, aber noch nie zu guten Erfolgen ge⸗ führt hat. Das Bundesheer war ſtark genug, der kaiſerlichen Macht wohl ſechsmal überlegen; noch viel zermalmen⸗ der hätte es auftreten können, wenn alle Fürſten, die ſich an der Erneuerung des Bundes vor neun Jahren zu Schmalkalden entweder in Perſon oder durch Ge⸗ ſandte betheiligt hatten, ihrer Verpflichtung treu ge⸗ blieben wären. Aber weder die Könige von Schweden und Dänemark, noch die Kurfürſten von der Pfalz und von Brandenburg, noch die Herzoge von Pommern und Mecklenburg und viele kleinere deutſche Reichsſtände, die ſämmtlich zum Bunde gehörten, wollten ſich in einen Krieg gegen den Kaiſer verwickeln laſſen; auch die reichen Nürnberger nicht; der eigene Schwiegerſohn des Landgrafen, Herzog Moritz von Sachſen, benahm ſich zurückhaltend. Manche wären gewiß durch einen großen Erfolg, welcher den günſtigen Ausgang des ganzen Kriegs verbürgte, noch fortgeriſſen worden. Und dieſer Erfolg war zu gewinnen ohne viel Wagniß, denn der Stützpunkt von Donauwerth beherrſchte die Donau und den Lech und ſicherte die Verbindung, auch die Zufuhr auf dem Strome, im Rücken und zur Seite war nur befreundetes Land, der Herzog von Baiern hatte ſich nicht für den Kaiſer entſchieden. Schärtlin freu als zub ſchio ſhe ſie ſin der Ahe En in ge do mi Be an mi n rieth aber, ihn, der mit dem Hauſe Heſterreich eng be⸗ freundet war und doch bald die Maske abwerfen werde, als offenen Feind zu behandeln, ſich aller Donauſtädte zu bemächtigen, das ganze Land Baiern durch ausge⸗ ſchickte Brandmeiſter und Rotten unter ſtarke Brand⸗ ſchatzung zu legen, die kleinen Städte und Flecken, um ſie nicht beſetzt halten zu müſſen und ſich dadurch zu ſchwächen, ohne Schonung zu zerſtören. Es war alſo der furchtbarſte Vernichtungskrieg, zu dem er rieth! Aber ſchon hatte ſich ein dämoniſches Schwanken im Entſchluſſe bei den Bundeshäuptern, das zum Theil in der Verſchiedenheit ihres Charakters lag, fühlbar gemacht: es war der lähmende Gedanke, daß der Kaiſer doch ihr Herr ſei und der Krieg, wie er auch enden möge, immer für ſie verhängnißvoll werden könne. Bedenklichkeiten des einen lähmten die Thatkraft des andern und es kam vorerſt nur zu Unterhandlungen mit dem Herzoge von Baiern, den ſie noch zu gewin⸗ nen hofften. Das war der Anfang des Schmalkadiſchen Krieges, welchen Schärtlin durch ſeinen kühnen Handſtreich auf die Ehrenberger Klauſe ſo trefflich eingeleitet hatte. Im kaiſerlichen Lager bei Regensburg trafen mitt⸗ lerweile Verſtärkungen ein: die Abtheilungen, welche Schärtlin aus der Gegend von Füſſen vertrieben hatte, unter Hildebrand von Madruzzi, der von ſeinen Wun⸗ den längſt geneſen war; auch neue ſpaniſche Truppen langten an, und der Generaloberſt des geſammten Fuß⸗ volks hielt eine Muſterung über dieſelben, um ſie dann dem Oberbefehlshaber des Heeres vorzuführen. Die Deutſchen und Spanier hatten ſich dazu nebeneinander aufgeſtellt und bildeten in ihrer äußern Erſcheinung einen merkwürdigen Gegenſatz. Uniformen gab es noch nicht, doch erſetzte bei den Spaniern dieſe die Volks⸗ tracht, welche im Heere trotz provinzieller Verſchieden⸗ heit allmälig ſich vereinfacht und ziemlich gleichförmig geſtaltet hatte, vorherrſchend die braune Farbe. Bei den deutſchen Landsknechten dagegen ſah man eine Miſchung der bunteſten und abenteuerlichſten, der ärmlichſten und reichſten Trachten, wie ſie nur in tollen Faſtnachts⸗ ſpielen gefunden werden kann; jeder war darin nach Geſchmack und Vermögen völlig unbeſchränkt. Aber nicht allein dieſe äußere Ausſtaffirung, auch nicht der jedem Kennerauge auffallende Unterſchied der weit ſchwerern Bewaffnung der Deutſchen, ſondern die indivi⸗ duelle Verſchiedenheit der beiden Nationen bildete jenen großartigen Gegenſatz. Die Deutſchen meiſt hochge⸗ wachſene, ſtarke, breitſchultrige Männer, in deren Reihen jedes Lebensalter faſt bis zum Knaben herab vertreten war, blühende Geſichter zwiſchen wettergebräunten, die 127 Spanier klein und behend, dunklen Antlitzes, von jener eigenthümlichen, an die Oliven ihrer Heimat erinnern⸗ den Färbung, welche die Franzoſen veranlaßt hatte, ihre Gegner ſpottweiſe nains basanés— ſonnverbrannte Zwerge— zu nennen, aber nervig, geſtählt für jede An⸗ ſtrengung, in ihren ſchwarzen Feueraugen den kriegeri⸗ ſchen Charakter verrathend, der ſie zur beſten Infanterie in Europa gemacht hatte— ſo ſtellten ſich die beiden mächtigen, in Geviertordnung aufgeſtellten Heerhaufen dar, jeder mehrere tauſend Spieße ſtark, aber der deutſche viel mehr Raum einnehmend als der ſpaniſche. Vor der Front hielten die beiden Oberſten in voller Ritterrüſtung auf gepanzerten Pferden, Hildebrand von Madruzzi, ein Italiener von Geburt, aber der deutſchen Sprache vollkommen mächtig, der ſchon im letzten fran⸗ zöſiſchen Kriege das deutſche Fußvolk des Kaiſers be⸗ fehligt hatte, und Don Alvaro de Sande, welcher ſeine Spanier aus Ungarn herbeigeführt. Alle Hauptleute, mit Hellebarde und Schwert bewaffnet, ſtanden im Gliede, ſämmtliche Fahnen in der Mitte der Geviert⸗ haufen vereinigt unter dem Schutze eines erwählten Trupps von Hellebardieren. Als ſich der Generaloberſt des Fußvolks, Marcheſe von Marignano, einer der merkwürdigſten Abenteurer des ſechzehnten Jahrhunderts, mit einem glänzenden Gefolge, das ſich ihm ange⸗ — — 128 ſchloſſen, dem Muſterplatze näherte, ritten ihm die beiden Oberſten entgegen und wurden von ihm mit Lebhaf⸗ tigkeit begrüßt. Dann begann die Heerſchau, welche von einer in unſern Tagen freilich ſehr verſchieden war. Der Marcheſe ließ zum Schluß beide Regimentsmaſſen an ſich vorüberziehen in ihrer weitläufigen Ordnung; von einer geſchloſſenen, vom Gleichſchritt und allen Bedingungen einer ſpätern Taktik wußte man noch nichts. Da wurde dieſer letzte Act der Muſterung durch die Ankunft eines Höhern unterbrochen; es war der Herzog von Alba, der mit einem großen Geleit vor⸗ nehmer Krieger, gefolgt von ſeiner eigenen Leibwache, daherkam. Die beiden Heerhaufen Fußvolk machten Halt und ordneten ſich wieder, aller Augen richteten ſich auf den Oberfeldherrn, in deſſen Hand ſie befohlen waren, zum Glück oder zum Unglück. In ruhiger Würde ſeinen andaluſiſchen Hengſt zu gemäßigtem Gange zügelnd, nahte der Herzog; wer ihn noch nie geſehen hatte, konnte eine achtungsvolle Scheu nicht unter⸗ drücken. Dieſe Stirn hatte ſich wohl noch vor Nie⸗ mand, außer dem Allerheiligſten, gebeugt, von dieſem ſtrengen Munde konnte ein Wort der Gnade nicht fließen. Den ſpaniſchen Oberſten, einen alten tapfern Soldaten, grüßte er mit feſtem Blicke, Hildebrand von Madruzzi, der ein Bruder des Cardinals von Trident ——— M 129 war, welcher das Bündniß mit dem Papſte vermittelt hatte, erfreute ſich einiger Worte von ihm. Dann ritt er mit dem Befehlshaber der Reiterei, Caſtaldo Grafen von Platina, der mit ihm gekommen war, und ſeinem Gefolge, geführt von dem Generaloberſten, der ihm Auskunft über die Truppen geben mußte, an deren Front hinab, und es waren nur wenige unter den Kriegern, welche ſich nicht einbildeten, daß ſein Auge ſie im Einzelnen gemuſtert habe. „Ihr habt gutes Volk!“ ſagte der Herzog zu Hilde⸗ brand von Madruzzi. Von ſeinen Spaniern verſtand ſich das von ſelbſt. „Ich denke, meine Deutſchen werden mir Ehre machen!“ erwiderte Hildebrand. Wie heißt der Hauptmann in der Mitte des erſten Gliedes?“ fragte Alba. „Nicht wahr, Herr Herzog, das iſt ein ſchöner Mann?“ verſetzte der Oberſt.„Er nennt ſich Günther vom Walde und hat ſchon unter mir tapfer gekämpft, iſt auch auf demſelben Schlachtfeld ſchwer verwundet an meiner Seite gefallen.“ Der Herzog ſchenkte dem Deutſchen, deſſen kriege⸗ riſche Schönheit ihm aufgefallen war, noch einen Blick und der Hauptmann, der ſeine Augen auf dem Feld⸗ herrn gerichtet hatte, ſenkte dieſelben nicht vor denen Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 9 130 Alba's, es lag in dieſem Anſchauen aber ein Ausdruck, welcher dem Herzoge wohlgefiel. Im Weiterreiten ließ er ſich den Namen des Deutſchen, der ihm ſchwer fiel, obgleich er ſelbſt etwas Deutſch verſtand, nochmals wiederholen, und als dann der„helle Hauf“ an ihm vorüberzog, faßte er den Mann, der ihm beſonders aufgefallen war, wiederum ſcharf ins Auge. Sonſt ſchenkte er den deutſchen Kriegern, außer dem Worte, das er zuerſt gegen ihren Oberſten geſprochen hatte, keine Anerkennung weiter. Es war die rohe, plumpe Kraft, die ſich ihm in dieſem Kriegshaufen verkörpert zeigte. Die ſtarken Geſellen, wie ſie, den Spieß auf der Schulter, mit geſpreisten Beinen ſchwerfällig und langſam dahermarſchirten, waren zum gewaltſamen An⸗ griff, zum ſtiermäßigen Drauflosgehen, zum Mord⸗ kampfe Bruſt an Bruſt vortrefflich geeignet, er hatte ſich davon ſchon in manchem ſeiner Feldzüge über⸗ zeugen können, vor allem im Thiergarten von Pavia, wo ſie ihre eigenen Landsleute, die geächteten Schwarzen im franzöſiſchen Solde, nach furchtbarem Kampfe nieder⸗ gemacht hatten. Aber das war Alba's Kriegsmanier nicht und ließ ſich in dem jetzigen Kriege gegen eine ſo bedeutende Uebermacht am wenigſten anwenden. Für ſeine Kriegführung waren die Spanier geſchickter, wie ſich ſchon in der ganzen Bewegung ihres Heerhaufens nun her Al wo Die ahe Tre 131 zeigte. Wie raſch und gewandt, wie elaſtiſch das Alles! Und wie viel Schützen dabei im Verhältniß zu den Deutſchen!„Auf den brennenden Lunten meiner ſpa⸗ niſchen Arcabuſeros“ ſo hatte der Kaiſer ſchon früher einmal geäußert,„ruht die Summe meiner Siege!“ Den Feinden durch geſchickte Bewegungen Vortheile abzugewinnen und ſie aus wohlverſchanzter Stellung durch ein mörderiſches Feuer zu begrüßen, dazu eig⸗ neten ſich die Spanier am beſten; waren dann die Reihen des Gegners gelichtet, dann mochte die deutſche Bärenkraft mit dem Speerangriff den Sieg vollenden, den aber auch die Spanier im Nahgefecht mit Spieß, Schwert und Dolch ohne ſie zu erringen fähig waren. Zufrieden mit dem neuen Zuzug, ließ Herzog Alba die beiden Regimenter in das Lager rücken, das bereits für ſie vergrößert und mit ausgedehntern Verſchan⸗ zungen verſehen war. Als die Deutſchen nun in ziemlich gelöſter Ord⸗ nung über das Feld ſich dem Graben und Walle nä⸗ herten, kam ein junger, ſtattlich gekleideter Reiter aus Alba's Gefolge herangeſprengt und ſtellte ſich auf, als wolle er auf ſeine Hand noch einmal den Haufen muſtern. Die Landsknechte bemerkten das wohl, kümmerten ſich aber nicht weiter um ihn, lärmten und ſangen ihre Trommelreime, nur hier und da fragte einer, dem das 9* Herrlein nicht übel gefiel:„Wer iſt das junge Blut?“ Niemand aber konnte Antwort geben. Der Einzige, der es vermocht hätte, drückte den Eiſenhut tief in die Stirn; warum ſollte er ſich dem Jünglinge, den er gleich wiedererkannt hatte, bemerkbar machen? Aber ihm gerade galt es, daß dieſer ſich aufgeſtellt hatte, um die deutſchen Krieger genauer zu betrachten, als es im Gefolge des Herzogs möglich geweſen war; er ſeiner⸗ ſeits hatte den Hauptmann im erſten Gliede, welcher Alba's Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen hatte, an dem dunkelgefärbten Antlitz und den langen ſchwarzen Locken ſchnell wiedererkannt. Der günſtige Eindruck, den er auf ihn bei der Begegnnng im Walde ſeiner Heimat gemacht hatte, verwiſchte ſich nicht ſo leicht. Jetzt hatte er ihn in der gelöſten Ordnung herausgefunden, ſpornte ſein Pferd ziemlich rückſichtslos in den Haufen hinein und rief:„Landsmann und Namensvetter, finde ich Euch hier wieder? Kennt Ihr mich noch?“ Der Hauptmann grüßte ihn ernſt.„Ihr ſeid der junge Graf von Schwarzburg“ erwiderte er, ohne ſtehen zu bleiben, und der Jüngling wandte ſein Pferd, um neben ihm eine Strecke mitzureiten. „Der bin ich, Hauptmann Günther! Ihr ſeht, ich habe Euch gleich erkannt. Wollt Ihr nun ſtreiten gegen die aufrühreriſchen Fürſten? Ich bin am Rhein gwe Reit hat, frog Gre Rei ſeht Ho 133 geweſen beim Grafen von Naſſau, aber dann mit Reitern, die der deutſche Orden dem Kaiſer geſchickt hat, zum Kaiſer gekommen.“ „Wollt Ihr Euch hier die Sporen verdienen?“ fragte der Hauptmann. „Wenn ich es dürfte, wie gern!“ rief der junge Graf.„Aber der Kaiſer will nicht, daß ich unter die Reiſigen trete. Auch mein Vater wünſcht es nicht“, ſetzte er zögernd hinzu. „Habt Ihr Botſchaft aus Thüringen?“ fragte der Hauptmann wärmer, als er bisjetzt geſprochen hatte. „Geſtern erſt“, antwortete Graf Günther.„Ich werde Euch im Lager beſuchen— darf ich?“ „Ihr werdet in meinem Zelte willkommen ſein“, antwortete der Hauptmann und nahm den Handſchlag an, den ihm der Jüngling vom Pferde bot. Dieſer ritt dann hinweg, und die Landsknechte, welche das Geſpräch zum Theil mit angehört und ſich das Bürſch⸗ lein, das ſo keck in ihren Haufen eingedrungen war, näher angeſchaut hatten, ſahen ihm jetzt ganz wohl⸗ meinend nach. Es verbreitete ſich bald, daß er ein Landsgenoß des Hauptmanns war, ein junger Graf von Schwarzburg. Sechstes Kapitel. Im Feldlager. Günther von Friedeburg hatte ſeinen Vorſatz aus⸗ geführt. Er war wieder eingereiht in die Hauptleute des Kaiſers, unter deſſen ſiegreichen Fahnen er bereits gekämpft hatte; der tapfere Oberſt, mit dem er bei Ceriſolles zugleich auf dem verlorenen Schlachtfelde ge⸗ blutet, hatte ihn mit Freuden wieder aufgenommen, als er bei Neſſelwang im Hochſtift Augsburg zwölf Fähnlein anwerben ſollte, und ihm eins derſelben an⸗ vertraut. Mit der andern, etwas ſtärkern Schaar, welche der Marcheſe von Marignano bei Füſſen ge⸗ bildet, war Madruzzi, als jene vor Schärtlin ausge⸗ wichen, zu einem Regiment zuſammengeſtoßen und hatte deſſen Befehl übernommen, während der Marcheſe zum Generaloberſten des geſammten Fußvolks der Armee ———— ——— 135 ernannt worden war. Es ſollte nun zur Ausführung kommen, was Günther glühend erſehnt hatte! Nicht den Fürſten, welche ſich dem Kaiſer widerſetzten, galt der Krieg, wie Karl gern die Welt glauben machen wollte und auch Viele glaubten, ſo heute noch der un⸗ erfahrene Fürſtenſohn, und Günther zählte in ſeinem eigenen Fähnlein manchen proteſtantiſchen Landsknecht, der nicht wußte, was er that. Der Papſt hatte das rechte Wort geſprochen, es war ein Glaubenskrieg zur Wiederherſtellung der rechten, allgemeinen Kirche, welche Petrus auf unerſchütterlichem Felſen gegründet hatte. Hier Gideon und das Schwert Gottes! Der neue Gideon, welchen Günther heute als das auserwählte Werkzeug des Herrn an der Spitze des Heeres geſehen hatte, mußte die Widerſacher ausrotten, Günther zweifelte keinen Au⸗ genblick am Siege. Und wie er in jener Mondnacht vor Jahresfriſt beim Anblick der geweihten Mauern, aus denen man die Prieſter des Herrn vertrieben, ſchwere Thränen geweint hatte, ſo ſollte er vielleicht bald unter Freudenthränen die Erfüllung des ſchönen Traums ſehen, welcher damals in ſeiner Seele ahnungs⸗ voll erwacht war. Siegreich ſollte er zurückkehren in ſein Vaterland, und wenn dann die ſtolzeſten Häupter, die jetzt aufrecht getragen wurden in hartnäckiger Ver⸗ leugnung, ſich vor dem wahren Glauben gebeugt hatten und von der milden Kirche in Reue und Buße wieder aufgenommen waren, dann wollte er wahr machen, was er einſt in feierlicher Stunde einer gleichgeſtimmten jugendlichen Seele am ſchönen Ufer der Elbe ausge⸗ ſprochen hatte: er wollte die Gelübde, die ihm ſein Erzbiſchof zurückgegeben und gelöſt, freiwillig wieder erneuern und ſein Leben in Dank und Freudigkeit als ein demüthiger Mönch zu Paulinzelle beſchließen! Die Begegnung beim Einrücken in das Lager hatte ihm die Erinnerung an ſeine thüringiſche Heimat mäch⸗ tiger erweckt, als ſie ihn ſeit langem heimgeſucht hatte: es überkam ihn wiederum wie Heimweh. Als er dieſen Knaben zum erſten Mal geſehen hatte, war er im Be⸗ griff geweſen, ein anderes Wiederſehen zu ſuchen, was er bei ſeiner Rückkehr in das Vaterland nicht gewollt, bis ihn jene Kunde von dem Tode des Mannes, den er einſt geſegnet und beneidet, geliebt und gehaßt, un⸗ widerſtehlich dazu hingeriſſen hatte. Er lebte noch ein⸗ mal die Tage durch, welche ihm in der Heimat damals vergönnt geweſen waren; die zweite Begegnung in einem andern Walde, im Hain vor der Heidecksburg, trat wie ein ſonnenhelles Bild vor ſeine Seele, er ſah ſich auf ſeinen Knieen vor der Frau, der ſein Herz in ſündiger Anbetung entgegenſchlug. Und bei dieſem zum Wahnſinne führenden Bilde ſchlug auf einmal wie 137 ein Blitz der Gedanke in ihm ein: wird auch Katha⸗ rina dem wahren Glauben wiedergewonnen werden, wird ſie ihr ſchönes Haupt neigen, um die Abſolution zu empfangen, Stirn, Mund und Bruſt wieder mit dem Weihwaſſer bekreuzen und die Mutter Gottes ſammt den Heiligen zur Fürbitte anrufen, um ihre Seele zu retten? Wenn das geſchieht, wenn die Herrliche wieder eine gläubige Katholikin iſt, ihre Hand frei.— Aber der düſtere Schatten des Zweifels flog ſchon über die zauberſchöne Fernſicht. Günther rief ſich die Zeit zu⸗ rück, welche er, von ſeinem erſten Ausfluge in die Ferne zurückgekehrt, nach dem Tode ſeiner Aeltern auf der Heidecksburg zugebracht hatte, die Zeit ſeiner furcht⸗ barſten Seelenkämpfe. Wie manches Wort fiel ihm ein, das er über Religion von Katharina gehört hatte; er ſelbſt, der, ſo jung er war, nicht einen Augenblick in ſeiner Ueberzeugung gewankt, ſich dem proteſtanti⸗ ſchen Gottesdienſte im Hauſe immer fern gehalten und die zur Zeit noch katholiſche Kirche in der Stadt be⸗ ſucht hatte, er ſelbſt war mehr als einmal mit Katha⸗ rina in ein Geſpräch über Glaubensangelegenheiten ge⸗ kommen und hatte zu ſeinem heißen Schmerz die Frau, die ſein ganzes Daſein erfüllte, in ihrer Meinung ſo feſt und eifrig gefunden, daß er vor ihren Worten er⸗ ſtaunt war. Seitdem hatte ſie an der Seite ihres Gemahls, nachdem dieſer ſeinen Vater beerbt, im ganzen Lande die proteſtantiſche Lehre einführen und befeſtigen helfen, und nun, da ganz Thüringen mit der geringen Ausnahme geiſtlichen Gebiets proteſtantiſch war, wie konnte er hoffen, daß Katharina, ſelbſt wenn die Wie⸗ derherſtellung der katholiſchen Kirche mit Waoffengewalt und äußerſter Strenge durchgeſetzt würde, für ihre Perſon den Widerruf leiſten würde? Er kannte ihren hochherzigen Sinn, der ſchon manche Gefahr beſtanden hatte, und konnte glauben, daß ſie nicht lieber den Tod erdulden würde, als abtrünnig werden von dem, was ſie für Recht hielt? Aber durch Belehrung und Er⸗ leuchtung konnte ſie zur Erkenntniß der kräftigen Irr⸗ thümer, wie die Schrift ſagt, gelangen. Ach, dieſer Hoffnung mußte Günther entſagen, wenn er ſich ihre klare Rede, ihre Begeiſterung für die Lehre zurückrief, der ſie ſich ganz geweiht hatte! Es war ihm wohlthuend, als der aufgeregte Strom ſeiner Erinnerungen ihm auch für ſeine Ueberzeugung eine gleiche Treue, ebenfalls eines weiblichen Weſens, in das Bewußtſein zurückrief. So mild und friedlich wurde ihm zu Muth! In ſeinem Herzen die alten unverharſchten Wunden tragend, in ſeinem Glaubens⸗ gefühl verbittert durch die nie zu vergeſſende Gewalt⸗ that, die ihn gezwungen hatte, mit den Ordensbrüdern 139 ſein Kloſter zu verlaſſen, auch im Kriege, den er ge⸗ ſucht, nur ſchroffer und friedloſer geſtimmt, war er einſt, als der Waffenſtillſtand von Nizza vor acht Jahren die Heere des Kaiſers für einige Zeit aufgelöſt hatte, nach Deutſchland zurückgekehrt, nicht nach ſeinem Thü⸗ ringen, wo Alles, was ihm geſchehen, noch zu neu war, ſondern nach dem herzoglichen Sachſen, wo noch ein treuer katholiſcher Fürſt in ſeinem Lande keinen Abfall duldete, während ſein Vetter, der Kurfürſt, den Urheber deſſelben, Luther, in ſeinem Werke auf alle Weiſe be⸗ günſtigte. Herzog Georg hatte zwar keinen Sohn, dem er ſein Land hinterlaſſen konnte— von ſeinen zehn Kin⸗ dern war ihm nur noch die einzige Tochter Chriſtine geblieben, die Gemahlin des Landgrafen von Heſſen; ſein Sohn Johann, welcher Luther hatte wiſſen laſſen, wenn ſein Vater eiſern gegen ihn geweſen, werde er ſtählern ſein, war ihm vorangegangen— aber der Herzog hatte im Teſtamente beſtimmt, daß ſein Bruder Hein⸗ rich nur dann die Lande erben ſolle, wenn er die katho⸗ liſche Lehre aufrecht hielte, andernfalls ſollte Alles an den römiſchen König Ferdinand fallen. So ſtand es im Herzogthum Sachſen, als Günther nach Dresden gekommen. Doch hatte er ſich bald überzeugt, daß die Hoffnungen, die er daran geknüpft, trügeriſch waren. Er hatte gemeint, dies Land mitten unter den abgefal⸗ lenen Gebieten werde ſein wie ein feſter Thurm in einer durch feindlichen Sturm verlorenen Burg, in welchen ſich die Beſatzung wirft und von dort aus den Feind wieder vertreiben kann. So war es hier nicht. Wenn auch der Herzog und Viele mit ihm noch feſt und treu waren, das Volk neigte ſich ſchon in allen Schichten zu Luther; wohl ſtanden nur katholiſche Prieſter auf den Kanzeln, aber dreihundert Pfarrſtellen waren unbeſetzt und die Stände weigerten ſich, das Teſtament des Herzogs, wie er forderte, bindend anzuerkennen. Sie ſchickten vielmehr eine Geſandtſchaft an Herzog Heinrich, der zu Freiberg reſidirte, und wollten ſich zuvor ſeiner Zuſtimmung verſichern. Günther hatte hatte viel davon gehört in dem Hauſe, das er während ſeiner Anweſenheit in Dresden oft beſuchte, weil er dort ſchon in frühern Jahren mit ſeinem Vater geweſen war, in dem Hauſe der verwittweten Hofmeiſterin von der Saal. Dieſe ſchien auch von der neuen Lehre ſchon gewonnen, obgleich ſie noch damit zurückhielt. Sie erzählte zuweilen von dem Eindrucke, den Luther's Predigt auf ſie gemacht, als Herzog Georg den Refor⸗ mator, um ihn doch zu hören, vor ſich hatte predigen laſſen. Luther hatte vom Verdienſt der Werke geſprochen und den Glauben über dieſe geſetzt, weil er zur Selig⸗ keit führe; da habe ſie bei Tafel offen erklärt, wenn 141 ſie noch eine ſolche Predigt hören könne, verhoffe ſie noch eins ſo ruhig zu ſterben, worauf der Herzog ge⸗ ſagt, er wollte viel Geld darum geben, wenn er die Predigt nicht gehört hätte; dieſe Lehre vom Glauben, der ohne gute Werke ſelig mache, müſſe das Volk zur Ruchloſigkeit verführen. Günther hatte ſich darüber mit der in ihrer Meinung ſchwankenden Frau in Erörte⸗ rungen eingelaſſen, denen ſie nicht gewachſen war; die beiden jungen Mädchen im Hauſe, ihre ſechzehnjährige Tochter und deren Freundin, eine Waiſe, die bei ihr aufgenommen war, hatten dem Geſpräche gelauſcht, jene nur mit dem Gefühl der Neugier, das ſich in dem Lächeln ihres heitern Geſichts verrieth, dieſe jedoch mit unverkennbar geſpanntem Antheil; ihre Wangen hatten ſich höher gefärbt, ihre Augen ſtrahlend auf dem be⸗ redten Vertheidiger des katholiſchen Glaubens geruht. Er kannte ſie auch ſchon aus früherer Zeit. Als er mit ſeinem Vater in Dresden geweſen war, er ſelbſt noch ein Knabe mädchenhaften Anſehens, darum das Jungfräulein genannt, hatte er im Hauſe der Frau von der Saal ein reizendes Kind von drei oder vier Jahren getroffen, das ſich ihm gleich vom erſten Tage an vertraulich angeſchloſſen hatte. Er war wohl zwölf Jahre älter, aber er hatte viel mit der Kleinen ſich beſchäftigt und geſpielt. Jetzt, da er ein Mann 142 geworden und ſchwere Schickſale über ihn gekommen waren, hatte er das Kind zur lieblichſten Jungfrau erblüht wiedergefunden. Ihr Liebreiz war es aber nicht geweſen, der ſie ihm näher geführt— Frauenreiz hatte keine Macht mehr über ihn, ſeit er das erſte Gefallen daran als Sünde und Verirrung hatte be⸗ kämpfen müſſen— es war ein ganz anderer, höherer und heiliger Reiz, welchen er an der Jungfrau erkannte: ihre fromme und tiefe Gläubigkeit, ihr inniges Ver⸗ ſtändniß der katholiſchen Lehren, ihre Andacht zum Kreuz. Bald nach jenem Geſpräch mit der Hofmeiſterin hatte er mit ihr das erſte Wort über heilige Dinge gewechſelt und ſpäter oft Gelegenheit dazu gefunden, weil er dieſe ſuchte. In welche gottgeweihte Tiefe des Gemüths hatte er da einen Einblick gewonnen, wie gerührt hatte ihn das Vertrauen, die offene und liebe⸗ volle Hingebung, mit welcher das reine und unſchul⸗ dige Kind ſich ihm anſchloß! Sie konnte ſich auch der frühern Zeit noch erinnern, obgleich ſie ein ſo junges Kind geweſen war, ſie ſcherzte darüber mit ihm, wie ſie ihn oft gezwungen hatte, mit ihr zu ſpielen, denn ſie war ſo heiter und fröhlich in ihrem Weſen, wie die wahre Frömmigkeit immer eine Freudigkeit der Seele bringt, wenn auch himmelweit verſchieden von weltlich eitlem Uebermuth. Da war auch Günther wieder für 143 eine kurze Zeit freudiger in ſeinem öden Herzen ge⸗ worden und hatte ihr eines Tages den Fernblick in ſeine Zukunft eröffnet, der ihm den Sieg des Glaubens verhieß; er hatte ihr vertraut, daß er die Kloſter⸗ gelübde gethan und davon entbunden worden, daß er ſie aber erneuern werde, ſobald das hohe Ziel, für das er in den Kampf zu gehen gedachte, erreicht ſei. Nach dieſem Tage hatten ihn die Ereigniſſe bald wieder von Dresden entfernt. Herzog Georg der Bärtige war geſtorben, noch ehe ihm die Geſandten von Freiberg die Antwort ſeines Bruders gebracht hatten; ſie würde ihn auch wenig getröſtet haben, er konnte ſie voraus⸗ ſehen, da Herzog Heinrich ein feſter Lutheraner war. Wirklich hatte dieſer auf die Zumuthung, um des Erbes willen ſeinen Glauben zu ändern, geantwortet: macht es wie der Teufel, da er dem Herrn Chriſto alle Reiche der Welt verſprochen, wenn er niederfallen und ihn anbeten würde. Ihr ſollt aber wiſſen, daß ich weltlichen Reichthum nicht ſo hoch achte, daß ich darum von der erkannten Wahrheit abweichen ſollte; lieber wollte ich und meine Katharina mit dem Stocke in der Hand ledig davongehen.“ Als ſein Bruder geſtorben war, hatte er an demſelben Tage nach ſeinem Erbrecht, mit Zuſtimmung der Stände, die Regierung übernommen, jedenfalls auf die Hülfe des Schmalkaldiſchen Bundes bauend, deſſen Mitglied er war⸗ Ohne zu ſäumen hatte er ſogleich die Reformation eingeführt; zu Oſtern war noch im ganzen Herzogthum die katholiſche Meſſe geleſen worden, zu Pfingſten ſchon hörte man die evan⸗ geliſche Predigt von allen Kanzeln. Da war für Günther hier keines Bleibens mehr geweſen, er hatte einen raſchen Abſchied von dem ihm befreundeten Hauſe ge⸗ nommen und nur ſeiner Schweſter im Glauben die Treue an das Herz gelegt. „Ich bleibe treu bis zum Tode!“ war das letzte Wort geweſen, das er von den Lippen der Erbleichen⸗ den vernommen hatte. Seitdem, wie hatten ſich die Verhältniſſe wunder⸗ bar geändert! Herzog Heinrich, welchen ſeine Glau⸗ bensgenoſſen den Frommen genannt, war ſchon zwei Jahre nach ſeinem Vorgänger geſtorben und ſein Sohn und Nachfolger Moritz ſtand auf der Seite des Kaiſers gegen den Schmalkaldiſchen Bund, er ſollte als Proteſtant für die Wiederherſtellung der katholiſchen Glaubensein⸗ heit in Deutſchland gegen ſeinen Vetter, den Kurfürſten von Sachſen, gegen den Vater ſeiner Agnes, den Land⸗ grafen von Heſſen, kämpfen! In dem Hauſe zu Dresden, wo Günther ſchöne Stunden verlebt hatte, weilte keins von den jungen Mädchen mehr; die eine war durch unerhörte Mißachtung aller chriſtlichen Ordnung dem 145 Landgrafen von Heſſen als eine Nebengemahlin an⸗ getraut, das hatte Günther ſchon vor langer Zeit er⸗ fahren, weil die Kunde ſich ſchnell genug verbreitet hatte, wie ſehr man auch bemüht geweſen war, ſie zu verheimlichen; von der andern Jungfrau wußte er nichts, er hatte auch nicht nach ihr gefragt, genug daß er das Andenken an dies reine, fromme Weſen ſtill bewahrte, ohne jeden irdiſchen Gedanken; ſie hatte gewiß auch eine andere Freiſtatt geſucht als das Haus der Frau, deren Ehrgeiz man allein die Schuld an dem Aergerniß zuſchrieb, welches die Doppelehe eines deut⸗ ſchen Fürſten der Welt gab. Wo mochte Adelheid weilen? Im Kloſter vielleicht? Gottes Segen über ihr ſchönes Haupt! In ſeine Erinnerungen verſenkt, ſaß Günther in⸗ mitten des geräuſchvollen Lagers einſam in ſeinem Zelt. Da wurde ihm der junge Graf von Schwarzburg ge⸗ neldet, der nicht lange ſäumte, von der ihm gewor⸗ denen Erlaubniß Gebrauch zu machen. Es war ihm leicht geworden, in dem Lager der Deutſchen das Zelt des Hauptmanns zu finden, deſſen Name der ſeine war, mehr als er ahnte. Hauptmann Günther empfing ibn freundlich; in dem Jahre, ſeit er ihn in ſeiner Wald⸗ raſt vor Blankenburg geſehen, hatte ſich der Jüngling ſtattlich entwickelt, und wenn man ihm nur Raum gab, Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 10 ſo konnte er dem Wahrzeichen in ſeiner Hand Ehre machen. Aber der Vater wünſchte es nicht, daß er ſich in dieſem Kriege, der um den höchſten Preis ge⸗ führt wurde, die Sporen verdiene; der wollte es mit keiner Partei verderben, das hörte Günther bald aus den Worten des Erbgrafen heraus. „Ihr heißt Günther vom Walde“ ſprach dieſer jetzt, als er dem Hauptmann auf dem Feldſtuhl gegen⸗ über ſaß und von dem Wein, der ihm gaſtlich auf⸗ getragen worden, gekoſtet hatte.„Wo ſeid Ihr zu Hauſe?“ „Wie mein Name beſagt, vom Walde!“ antwortete Günther.„Ich bin ein Thüringer wie Ihr und nenne mich von unſerm grünen Gebirg, dem Walde. Habt Ihr gute Nachricht aus der Heimat?“ Dem Jünglinge ging das Herz auf, als er erzählen konnte. Die Nachrichten, die er durch ein Schreiben ſeines Vaters erhalten hatte, waren zwar nicht von Bedeutung; ſo ungebührlich lang und weitſchweifig in einer Zeit alle amtlichen oder geſchäftlichen Schriften waren, deren Urkunden man jetzt nicht ohne Ungeduld bis zur Erbitterung leſen kann, ſo kurz waren in der Regel die Briefe, ſie beſchränkten ſich auf das Noth⸗ wendige, ſchon weil Privatleuten das Schreiben nicht recht von der Hand ging. Doch knüpfte der junge 147 Graf an die kurzen Mittheilungen ſeines Vaters manche andere aus ſeinen eigenen Erinnerungen. Er erzählte von ſeinem letzten Tage daheim, gleich darauf, nach⸗ dem er den Hauptmann im Walde getroffen hatte, er ſchilderte den Abend auf der Käfernburg und den Scherz, den ſich ſein Vater mit den Gäſten durch das heid⸗ niſche Götzenbild gemacht, ſo komiſch, daß ſelbſt der ernſte Zuhörer lächeln mußte. Dies Lächeln verſchwand aber ſogleich wieder, als der Graf hinzuſetzte:„Wäre meine Tante Katharina dabei geweſen, ſo hätten wir das luſtige Spiel nicht gehabt, die liebt das nicht.“ Der Hauptmann ſah ihn an, als ſchwebe ihm eine Frage auf der Lippe, doch äußerte er nichts und ſein junger Gaſt ging auf andere Dinge über. Er ſprach von dem Beſuche des Landgrafen in Arnſtadt, als dieſer die Truppen, mit denen er bei Donauwerth zu den Städtern gezogen war, mit den ſächſiſchen vereinigt hatte. Der Vater hatte ihm über den kleinen Zwi⸗ ſchenfall, der ſich in Arnſtadt zugetragen und den Landgrafen dort einen Tag feſtgehalten hatte, Ei⸗ niges geſchrieben, das aber ſeine Neugier nicht befrie⸗ digte. „Denkt Euch! Eine Satteltaſche iſt in der Gera gefun⸗ den worden und darin ein goldener Kamm, den der Land⸗ graf einmal ſeiner Frau geſchenkt hatte, und der Menſch 10* iſt dabei im Spiel, den mein Vater vor'm Jahre für den Landgrafen aufgreifen ſollte, der aber entkommen war. Sie glaubten, daß er auf dem Ehrenſtein ſei— kennt Ihr den alten Herrn Valentin mit ſeinem Zottel? Gewiß!“ „Ich kenne ihn!“ erwiderte Hauptmann Günther, von der unerwarteten Wendung des Berichts mächtig überraſcht.„Wer war der Menſch, den Euer Vater verhaften ließ und der entſprungen iſt?“ „Es war ein Diener des Landgrafen, der ſich gegen ihn abſcheulich vergangen hat und den er darum ver⸗ folgen ließ. Jedenfalls hat er den goldenen Kamm auch geſtohlen. Mein Vater ſchreibt, daß das Kleinod zuletzt einem Fräulein der Landgräfin gehört hat, mit dem jener Knecht heimlich entflohen. Auf dem Ehren⸗ ſtein iſt er gar nicht geweſen, wohl aber das Fräulein. Ich will's Euch vorleſen, ich habe den Brief noch in der Taſche. Das Andere laſſe ich weg, das hab' ich Euch ſchon geſagt. Hört nur!“ Er faltete das große Blatt auseinander und las aus den krauſen, damals üblichen Schriftzügen nicht ohne einige Mühe:„„Ich wußte wohl, wie die Nichte des alten Ehrenſteiners hieß, das hatte mir die Muhme Katharina und auch die Bieſerodt geſagt, gezeigt hat er mir aber den Wun⸗ dervogel nicht, der ſeit Jahr und Tag bei ihm ein⸗ 149 geflogen war. Bin alſo abgeritten und hab' meinen Landgrafen nicht mehr zu Hauſe gefunden. Erſt wie er zurückkam, hab' ich ihn gefragt, wie die Sachſin geheißen, der ſeine Frau den Kamm geſchenkt, und ſiehe, ſie hieß wie das Jungfräulein auf dem Ehren⸗ ſtein, und der Landgraf, als er das hörte, hat gleich ſelbſt einen Ritt dahin gemacht, das Neſt aber ſchon leer gefunden.“ Mehr ſchreibt mein Vater nicht. Iſt das nicht eine ſeltſame Geſchichte?“ „Wie heißt das Fräulein?“ fragte Günther, welchen dieſe Geſchichte, deren nähere Beziehungen er nicht ahnte, weniger intereſſirte als die Erwähnuug des Mannes, den er nur zu wohl kannte und auch wieder⸗ geſehen hatte, ſeit er entſprungen war. „Den Namen hat mein Vater nicht geſchrieben; eine Sachſin iſt ſie, verwandt mit dem alten Valentin. Mehr ſteht in meinem Briefe nicht. Ich weiß nur, daß Frau von Bieſerodt bei Tiſche an meinem letzten Tage in Arnſtadt von dem Wundervogel auf dem Ehren⸗ ſtein ſprach— kennt Ihr die Frau? Sie ſieht ſelbſt aus wie ein Pſittich in ihren bunten Kleidern, mein Vater nennt ſie immer die nichtbüßende Magdalena, ſie heißt nämlich Magdalena. Ihr kennt ſie gewiß, wenn Ihr vom Walde ſeid.“ Günther gab darauf keine Antwort, obwohl er Frau von Bieſerodt ſehr wohl kannte; in jüngern Jahren hatte ſie ihn zuweilen erröthen laſſen, zuerſt aus Verlegenheit eines unerfahrenen Jünglings, dann aber, als er ſie durchſchaute, in ſtrengem Unwillen. „Ich bin lange aus der Heimat entfernt geweſen“, ſagte er.„Als wir uns vor Blankenburg trafen, war ich eben zurückgekommen; den Mann, von dem Ihr ſpracht, ſah ich dann in Blankenburg als einen Ge⸗ fangenen, wenigſtens glaube ich nach Euren Worten, daß es derſelbe geweſen iſt. Was hat er gegen den Landgrafen verbrochen?“ „Er hat ihm wichtige Papiere entwendet, ſo viel weiß ich nur“ antwortete der junge Graf.„Mein Vater ſagte es der Muhme Katharina in meinem Bei⸗ ſein; ich habe nicht recht zugehört, ſie war aber ſehr entrüſtet darüber und hat auch nachher, als die Spur gefunden war, den Blankenburgern gleich Befehl ge⸗ geben, den Uebelthäter aufzugreifen. Die Nachricht, daß er unterwegs entſprungen war, kam dann grade nach Arnſtadt, als wir bei Tiſche ſaßen. Der Vater meldete es gleich dem Landgrafen, der ihn um Aus⸗ lieferung ſeines flüchtig gewordenen Dieners angegangen war. Wenn ich mich recht beſinne, ſo waren es Papiere wegen der zweiten Heirath des Landgrafen, die er gern geheim halten wollte.“ ——— 6 151 „War die Sachſin, mit der der Knecht entflohen iſt, im Dienſt dieſer zweiten?“ fragte Günther. „Nicht doch! Ich ſagte Euch ja, daß ſie ein Fräu⸗ lein der Landgräfin geweſen iſt“ erwiderte der Graf. „In Heſſen, wie es heißt, nennen ſie die zweite die linke Landgräfin, aber bei der war das ſächſiſche Fräu⸗ lein nicht. Warum ſie heimlich entflohen iſt, wer kann's wiſſen? Aber der Knecht iſt mit ihr gegangen und hat ſie dann unterwegs wohl auch beſtohlen, denn der goldene Kamm, der in der Satteltaſche geweſen iſt, hat ihr zuletzt gehört.“ Günther ſchwieg. Jene zweite, welche in Heſſen ſpottweiſe die linke Landgräfin hieß, er kannte ſie ja genau; im Geiſte ſah er das muntere, anmuthige Mädchen vor ſich. Wie hätte er damals ahnen können, daß es einſt eine ſolche der Welt zum Aergerniß ge⸗ reichende Stellung einnehmen würde! Der Erbgraf bemerkte nicht, daß ſein Landsmann zerſtreut war, er erzählte in unbefangenem Plaudern noch Manches, von ſeinem Aufenthalte beim Grafen von Naſſau, wo es ihm ſehr wohl gefallen hatte, von ſeiner Reiſe durch das ſchöne Lahnthal auf nächſtem Wege zum Hoflager des Kaiſers, beſonders erwähnte er eines kurzen Aufenthalts bei dem Grafen von Henne⸗ berg, wo es ihm ſehr wohl gefallen hatte.„Es ſind Brüder meiner Tante Katharina!“ ſetzte er erklä⸗ rend hinzu. Der Name rief wie ein Zauberwort Günther's zerſtreute Gedanken wieder in eine einzige Richtung zurück und der Eindruck, den er auf ihn machte, ſchien unverkennbar, denn der junge Graf fragte verwundert:„Wußtet Ihr nicht, daß meine Tante Katharina aus Henneberg iſt?“ „O ja, das wußte ich!“ erwiderte Günther kurz. Warum fragt Ihr?“ „Ei, nun runzelt Ihr ja die Stirn, als hätte ich etwas Böſes damit gethan!“ verſetzte der Schwarz⸗ burger lachend.„Ihr ſaht mich auf einmal ganz über⸗ raſcht an, da mußte ich denken, Ihr hättet nicht ge⸗ wußt, daß meine Tante Katharina eine Hennebergerin iſt. Freilich müßt Ihr ſie kennen, wenn Ihr vom Walde ſeid, denn ſie wird ja im ganzen Lande, das ihrem verſtorbenen Manne gehört hat, noch heut wie eine Mutter geliebt. Sagt mir, lieber Herr, Ihr ſeid vom Walde und heißt ſo, wo aber ſeid Ihr denn eigentlich her? Ich bin vor zwei Jahren mit meinem Hofmeiſter über den ganzen Wald gegangen, von Schloß Schwarzburg über die Schmücke nach Oberhof und hin⸗ unter auf die andere Seite, kreuz und quer bis nach der Wartburg, ich werde beſtimmt Euren Ort kennen, wenn Ihr mir ſagt, wo er liegt. Von Adel ſeid Ihr doch!“ 153 Günther beſann ſich eine Weile.„Ich bin von gutem thüringer Adel“ antwortete er dann ſtolz aufblickend. „Mir gehört aber keine Scholle Land in meiner Heimat, meines Vaters Schloß iſt dem Euren zugefallen. Laßt alſo die Vergangenheit, bis die Zukunft ſie vielleicht wieder weckt und mir den Namen wiedergibt, den ich daheim zuletzt getragen habe!“ „So war Euer Vater ein Lehnsmann von Schwarz⸗ burg?“ fragte der junge Graf, auf welchen der dunkle Schluß der Antwort den vollen Reiz alles Räthſel⸗ haften übte. „Nein!“ erwiderte der Hauptmann. „Aber wie iſt meinem Vater dann das Schloß zu⸗ gefallen? Hat er es gekauft?“ „Geerbt!“ antwortete Günther.„Fragt weiter nicht, junger Herr, ich kann Euch keinen Beſcheid geben.“ Aber der Jüngling ließ ſich nicht abweiſen.„Wär' Euer Vater und ſomit Ihr meinem Vater verwandt geweſen?“ rief er.„Gebt mir nur dieſen einen Be⸗ ſcheid noch!“ „Ja!“ erwiderte Günther, und da ihm der junge Graf, davon überraſcht, die Hand reichte, gab er ihm die ſeinige mit männlichem Druck.„Jetzt aber kein Wort mehr! Wenn der gute Krieg, in den wir ziehen, zur Ehre Gottes entſchieden iſt, werde ich keinen Grund — ————— 154 mehr haben, Euch zu verheimlichen, wer ich bin. Günther heiße ich wie Ihr, nennt mich nur wie bisher, Günther vom Walde.“ Dem Jünglinge wurde es ſchwer, keine weitere Frage zu thun. Seine Augen muſterten mit lebhaften und theilnehmenden Blicken das männlich ſchöne Antlitz des Kriegers, als wollte er darin eine Aehnlichkeit mit den Familienzügen ſeines eigenen Hauſes ſuchen, doch fand er ſie nicht. Er hegte keinen Zweifel an den Worten des Fremden, die Verwandtſchaft konnte von Mutterſeite ſein, aber woher dann das Erbrecht? „Darf ich Euch Vetter nennen?“ fragte er doch noch beim Abſchiede und war betreten, als Günther das mit großer Beſtimmtheit ablehnte. Siebentes Kapitel. Die Kanonade von Ingolſtadt. Der gute Krieg! Kaiſer Karl glaubte nicht mit ſolcher Beſtimmtheit an einen unzweifelhaften Erfolg; wären ihm ſeine Feinde ſo in die Hand gegeben geweſen wie er ihnen zu dieſer Zeit, ſo würde er ſie freilich mit einem Schlage vernichtet haben. Aber wie es einmal ſtand, mußte er nur die Entſcheidung zu verzögern ſuchen. Das war zu Regensburg un⸗ möglich. Wenn die Bundesgenoſſen, wie er nicht an⸗ ders erwarten konnte, mit ihrer Uebermacht raſch an⸗ rückten, ſo war er in einer ſchwachbefeſtigten Stadt, deren Bürger proteſtantiſch waren, eingeſchloſſen, und die Verſtärkungen aus Italien konnten leicht von ihm abgeſchnitten werden, ſobald gleichzeitig ein Corps der Schmalkaldner Landshut beſetzte. Die Kriegslage war 156 ſo klar, daß der Kaiſer nicht an dieſen Operationen des Feindes zweifelte; darum brach er mit ſeinem Heere nach Landshut auf, um den wichtigen Punkt ſeiner Verbindung mit Italien zu ſichern. Statt des erwarteten Angriffs kam aber nur ein Edelknabe des Landgrafen von Heſſen, der ſich durch einen Trompeter als Abgeſandter ankündigen ließ. Er brachte, an ein weißes Stäbchen gebunden, eine ſehr lange, in ſtarken Ausdrücken gehaltene Verwah⸗ rungsſchrift der verbündeten proteſtantiſchen Fürſten, ihrer nothgedrungenen Kriegsrüſtungen wegen, welche mit den Worten ſchloß:„Und wiſſen wir für⸗ wahr, daß Ew. Majeſtät keine andere Urſach, denn unſere Religion zu unterdrücken und deutſche Nation in ihren ſpaniſchen, burgundiſchen und öſterreichiſchen Gehorſam zu bringen, gegen uns haben, es mache gleich Ew. Majeſtät den Sachen einen Schein und Deckel, wie Sie immer können und mögen.“ Ein förm⸗ licher Abſagebrief, den ſie auf die Achtserklärung für nöthig hielten, war hinzugefügt. Der Kaiſer nahm die Botſchaft gar nicht an, ſie wurde an den Herzog Alba gewieſen. Dieſer empfing den Pagen nebſt ſeinem Trompeter in ſeinem Zelte, nahm das Schreiben in Empfang, wie ihm befohlen, und las es mit unerſchütterlicher Ruhe; 157 als er dann aber ſein Auge auf den Ueberbringer richtete, zitterte der Edelknabe vor dieſem kalten, fürch⸗ terlichen Blick.„Die rechte Antwort wäre der Strick ſtatt der goldenen Kette zum Botenlohn!“ ſprach der Herzog.„Doch ſchenkt Euch der Kaiſer das Leben, er will nur diejenigen ſtrafen, welche das Ganze verſchul⸗ det haben. Wenn Ihr aber jemals wieder wagt, mit einer ſolchen Sendung hier zu erſcheinen, ſo werdet Ihr ohne alle Gnade aufgehängt werden!“ Damit wurden die Boten entlaſſen. Zur Beglaubigung erhielt der Page nur einen Abdruck des kaiſerlichen Achtbriefes wider ſeinen Herrn und den Kurfürſten. Als er mit beſtürztem Angeſicht, die Augen auf den Boden geheftet, das Zelt des Oberfeldherrn ver⸗ ließ, traf ihn der Blick des Hauptmanns der Wache, die heute von den Deutſchen gegeben war; um jeder Eiferſucht zwiſchen den verſchiedenen Nationen im kai⸗ ſerlichen Heere vorzubeugen, wurden ſie zu allen Dienſt⸗ leiſtungen ſowohl auf dem Marſch wie im Lager ab⸗ wechſelnd gebraucht, ſo auch zu den Ehrenwachen. Der heſſiſche Edelknabe, aus einem der vornehmſten Ge⸗ ſchlechter des Landes, mit einem friſchen, kecken Muthe begabt, war auf dem Hinwege gar ſtolz aufgerichtet an den deutſchen Knechten, welche den ſpaniſchen Ge⸗ neraliſſimus bewachten, vorübergegangen, ſein Auge hatte förmlich herausfordernd den Hauptmann gemeſſen, der mit gekreuzten Armen ſtand und ſeine Wache vor einem Abgeſandten der verbündeten Fürſten nicht ein⸗ mal ins Gewehr treten ließ. Jetzt kam er, den ge⸗ ſchwollenen Kamm ſtark niedergeſchlagen, wieder an dem Hauptmann vorüber, deſſen ſchöne Kriegergeſtalt ihm doch vorher aufgefallen war; er fühlte ſeinen Blick, ohne ihn zu ſehen, und ſchämte ſich, daß er ſo gedemüthigt an ihm vorbeigehen ſollte. Trotzig hob er das Auge zu ihm auf. „Auf Wiederſehen in der Feldſchlacht!“ rief er ihm zu. „Das hoffe ich, Junker Schenk von Schweinsberg!“ erwiderte der Hauptmann. „Kennt Ihr mich?“ fragte dieſer überraſcht, indem er ſtehen blieb. „Ich habe Euch zu Dresden geſehen“, ſagte der Hauptmann.„Ihr ſcheint immer zu den wichtigſten Sendungen gebraucht zu werden.“ Der Page blickte ihn mit aufblitzenden Augen an, es war aber nicht Zeit, ſich auf Erörterungen einzu⸗ laſſen, der Trompeter mahnte ihn leiſe, ſich nicht auf⸗ zuhalten, denn es konnte ja dem blutdürſtigen Spanier leid werden, daß er ſie geſchont, und er dennoch einen Schnellgalgen für ſie aufrichten laſſen.„Was wißt er 10 F 159 Ihr von meinen Sendungen!“ entgegnete daher der junge Schenk nur auf die befremdende Rede des Hauptmanns, lüftete ein wenig ſein ſammtnes Ba⸗ rett, das mit den heſſiſchen Farben durchzogen war, und ſchritt weiter, um zu den Pferden zu gelangen und baldmöglichſt das gefährliche Lager wieder zu verlaſſen. Die Krieger, welche nicht wußten, was er an ſeinem weißen Heroldſtabe gebracht und wie man ihn aufgenommen hatte, ſahen dem hochgewach⸗ ſenen jungen Edelmanne nicht ohne Wohlgefallen nach. Er war kein Knabe mehr, wenn er auch noch ein Edelknabe hieß; dieſer Name ſtand mit dem Alter der Pagen oft in Widerſpruch. Günther hatte den Junker Schenk von Schweinsberg wirklich ſchon vor ſieben Jahren zu Dresden im Hauſe der Hofmeiſterin von der Saal geſehen, an welche er einen Brief von der Herzogin Eliſabeth zu Rochlitz, der üppigen Schweſter des Landgrafen von Heſſen, gebracht hatte und viel⸗ leicht auch vom Landgrafen ſelbſt und ſchon in der ſündhaften Angelegenheit ſeiner Abſichten auf Mar⸗ garethe, die Tochter der Hofmeiſterin, welche beſtimmt war, zu ſeiner Schweſter als Hoffräulein zu kommen. Damals war der junge Page kaum fünfzehn Jahre alt geweſen, beſſer zum Frauendienſt als zum Herren⸗ dienſt geeignet, heute ſah er ihn als kräftigen Jüng⸗ ling wieder, mit einer andern, wenigſtens ritterlichern Sendung betraut.. Günther wurde aus der Vergangenheit, deren Bil⸗ der durch die Erſcheinung des jungen Heſſen in ſeiner Seele wachgerufen wurden, ſchnell in die Gegenwart zurückgeführt, als er den Herzog mit einigen Herren ſeines Gefolges das Zelt verlaſſen ſah.„Gewiß wollte er ſich zum Kaiſer begeben, um ihm Bericht abzuſtatten. Die Wache trat in das Gewehr, der Hauptmann vor die Front; er ließ die dem Oberfeldherrn zukommenden kriegeriſchen Ehrenbezeigungen machen und blickte dann ſelbſt, die ſeitwärts abgeſtreckte Hellebarde auf die Erde ſtoßend, dem vorüberſchreitenden Herzoge feſt in das Auge.⸗ Alba kannte ihn nun; er hatte ihn, ſeit er ſich von dem Oberſten Madruzzi den Namen des ſtatt⸗ lichen Kriegers beim Einrücken des neuen Zuzugs nennen laſſen, mehrmals wieder bemerkt, ihn auch an⸗ geredet und wohlgefällig bemerkt, daß der Deutſche der ſpaniſchen Sprache mächtig war. Günther hatte man⸗ chem Feldzug mit den Spaniern vereinigt beigewohnt und ihre Sprache gelernt. Auch heute richtete der Her⸗ zog wieder ein gnädiges Wort an ihn, aber es war nicht in dem Tone und der Weiſe, womit deutſche Feld⸗ herren die Herzen ihrer Soldaten ſo leicht gewinnen. Die Spanier verehrten Alba und hielten ihn hoch, die . 161 Deutſchen fürchteten ihn. Günther jedoch war keiner Furcht zugänglich und hegte andere Gedanken als die Miethlinge, die nur des Soldes und Raubes wegen dienten. Er blickte mit Achtung auf den Mann, wel⸗ cher zu den Lorbeeren, die ſchon ſeinen Helm zierten, noch ein unvergängliches Reis zu pflücken berufen war, die Wiederherſtellung des katholiſchen Glaubens! Im feindlichen Heerlager war man noch immer zu keinem kräftigen Entſchluß gekommen, obgleich Schärtlin unabläſſig dazu drängte und auf eigene Hand Manches unternahm, beſonders wenn es ſeiner Habgier etwas einbrachte. Immer legten die Kriegshäupter ihm Zügel an. Er wollte ſich Ingolſtadts bemächtigen, des wich⸗ tigen Donauübergangs, wohin der Kaiſer zwei Fähn⸗ lein ſeiner eigenen Leibwache geſchickt, welche man unter⸗ wegs hätte vernichten können, auf Befehl aber nicht angegriffen hatte. Jetzt dachte Schärtlin bei Gelegen⸗ heit einer Unterhandlung mit bairiſchen Edelleuten von der Beſatzung plötzlich loszubrechen und mit dieſen zu⸗ gleich im erſten Lauf, im Rauſch, wie er ſchreibt, die Stadt zu gewinnen, aber im ſelben Augenblick ſprengten die beiden Herren Feldmarſchälle, Schachten, der Heſſe, und Steinberg, der Sachſe, herbei und brachten ihm Befehl, beileibe nichts zu unternehmen, was den Herzog von Baiern beleidigen könne. Was half's ihm, daß Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. S er ſeinen Leibfluch:„Potz blau Feuer!“ donnerte, er mußte gehorchen. So ging denn im zweckloſen Umher⸗ ziehen die koſtbare Zeit verloren, der neutrale Baiern⸗ herzog wurde doch nicht gewonnen und die Macht des Kaiſers verſtärkte ſich durch die längſt erwarteten Trup⸗ pen, welche in beſchleunigten Märſchen über die Alpen gezogen waren: elftauſend Italiener, welche der Enkel des Papſtes, Ottavio Farneſe, herbeiführte, ſechstauſend Spa⸗ nier aus Mailand, dreihundert leichte Reiter der Herzoge von Florenz und Ferrara; außerdem brachten die beiden Brandenburger, Hans von Küſtrin und der wilde Albrecht von Kulmbach, über tauſend Pferde. Es war nichts geſchehen, die Vereinigung dieſer Truppenmaſſen zu hindern, der Landgraf fand überall Bedenklichkeiten und Schärtlin ſchrieb erbittert in ſein Tagebuch:„Er hat den Fuchs nit beißen wollen; ihm waren alle Furt und Gräben zu tief und die Moräſte zu breit. Der Zweck des Kaiſers war erreicht, er hatte ſeine Verſtärkungen durch den Marſch nach Landshut früher an ſich gezogen und kehrte nun mit ihnen nach Regensburg zurück, wo er viertauſend Mann gelaſſen hatte. Jetzt fühlte ſich Karl ſtark genug, zum Angriff zu ſchreiten, den ſeine Feinde verſäumt hatten. Dieſe glaubten ihn noch bei Landshut und ſetzten ſich endlich in Bewegung dahin. Als aber die Kunde eintraf, er ſei mit ſeiner ganzen 163 Macht wieder nordwärts auf Regensburg gegangen, ſah der Kurfürſt von Sachſen mit Schrecken darin die Abſicht, ſein Land zu überfallen. Das Bundesheer überſchritt daher die Donau, um ihm zuvorzukommen, doch lag dem Kaiſer jene Abſicht fern, ſolange noch eine ſo ſtarke feindliche Armee im Felde ſtand, er rückte vielmehr auf Ingolſtadt am Strome aufwärts, um ihm die Schlacht zu bieten. Auf dieſe Nachricht wand⸗ ten ſich die Schmalkaldiſchen, die ſchon durch das Eich⸗ ſtädtiſche Bergland zogen, auch wieder zur Donau; Ingolſtadt war das beiderſeitige Ziel. Zur Schlacht kam es aber deshalb nicht; zwei kampfgerüſtete, kampfluſtige Heere ſtanden ſich gegenüber, nur drei Meilen entfernt, und doch kam es nicht zur Schlacht! Die Kaiſerlichen hatten ihr Lager vortheilhaft ge⸗ wählt und gleich beim Eintreffen zu verſchanzen an⸗ gefangen, doch waren die Bruſtwehren noch ſo ſchwach und niedrig, daß ſie ſelbſt für Reiterei kein Hinderniß geboten hätten. Als der Morgen des letzten Auguſt⸗ tages graute, rückte das Bundesheer aus ſeinem Lager, das feindliche anzugreifen, das Kriegsvolk der Städte und die Heſſen links im freien Felde in der Richtung auf Ingolſtadt, deſſen Thürme hinter dem kaiſerlichen Lager emporragten, die Sachſen rechts, etwas zurück, am bewachſenen Ufer der Donau. Der Nebel, welcher 164 den Anmarſch gedeckt, fiel; die Wachen bemerkten den⸗ ſelben, im kaiſerlichen Lager wurde Lärm geblaſen und geſchlagen und das Heer ſtellte ſich, wie es gelagert hatte, in Schlachtordnung, auf dem linken Flügel die Spanier, bei welchen ſich der Herzog von Alba auf⸗ hielt, dann die Italiener, deutſche Haufen eingeſchoben, den äußerſten rechten Flügel nahm das deutſche Regi⸗ ment Madruzzi ein. Der Oberſt beobachtete das An⸗ rücken des Feindes; neben ihm ſtand, auf ſeine Helle⸗ barde geſtützt, der thüringiſche Hauptmann, den er als ſeinen alten Kampf⸗ und Blutgenoſſen von der letzten Schlacht in Italien vor allen andern ſchätzte. Sie theilten ſich ihre Bemerkungen mit. Man ſah die Reiterei in ſtarken Geſchwadern, zwiſchen denen zahl⸗ reiches Geſchütz fuhr, im vorderſten Treffen durch das offene Gelände daherrücken, durch die Zwiſchenräume konnte man die mächtigen Gevierthaufen des Fußvolks bemerken, welche ihnen folgten. Die entrollten Banner flatterten im Morgenwinde, die Sonne ließ die Har⸗ niſche und die Spitzen des Speerwaldes funkeln, es war ein Anblick, der ein muthiges Kriegerherz höher ſchlagen und den traurigen Gedanken, daß hier wie⸗ derum Deutſche gegen Deutſche ihr Blut vergießen ſollten, nicht aufkommen ließ. Drüben fuhr jetzt die erſte Batterie auf, es waren l en ren 165 die zwölf Feldſchlangen Schärtlin's, welche die zwölf Apoſtel genannt wurden. Der Oberſt der Städte ſah endlich ſeinen glühenden Wunſch erfüllt. Mit raſchem Entſchluß brachte er ſeine dreiundzwanzig Fahnen Fußvolk in Schlachtordnung, ihm zur Linken ritt Herzog Albrecht von Braunſchweig mit fünf Reiterfahnen auf, hinter der Höhe, auf welcher ſein Geſchütz Stellung genommen, ſtanden zwei heſſiſche Schlachthaufen, jeder über dreitau⸗ ſend Spieße ſtark, zwiſchen ihnen Reiterei und rechts da⸗ von noch mehr Geſchwader. Ohne das Einrücken der an dern Abtheilungen abzuwarten, wollte Schärtlin ſofort zum Angriff gehen, ſein Geſchütz eröffnete das Feuer auf die Schwärme von Hakenſchützen, welche Alba aus⸗ fallen ließ, um durch ihre wohlgezielten Kugeln den Aufmarſch— zu allen Zeiten der ſchwächſte Moment — zu ſtören. Sie wichen bald wieder in die Schanzen zurück, der Augenblick war günſtig. Schärtlin ſprach ſeinen Haufen mit begeiſternden Worten an, der Herzog von Braunſchweig, die Oberſten der nächſten Regimenter gaben ihm die Hand, wenn er angriffe, Leib und Leben tapfer zu ihm zu ſetzen, aber der Landgraf! Laſſen wir den wackern Schärtlin ſelbſt reden:„Auf viel Bitten, Anrufen, Flehen und mein getreu Rathen(enn ich ſahe wohl, daß der Feind erhaſcht war) wollt' mich der Land⸗ graf nit angreifen laſſen, wehrete mit Händen und Füßen, ſchrie: ich wolle ihm die Haufen verführen, die Sachſen wären noch in zwei Stunden nicht heran, rennet hin und bracht den Kurfürſten her, um mich zu perſuadiren.“ So kam es denn nur zu einer Kano⸗ nade, durch welche der Kaiſer genöthigt werden ſollte, ſein Lager zu verlaſſen. Hans Rommel, der Zeugmeiſter des Landgrafen, brachte deſſen treffliches Geſchütz vor, auch das der Sachſen fuhr auf, wohl hundert Feuer⸗ ſchlünde donnerten gegen das feindliche Lager, es war eine ſo furchtbare Kanonade, wie ſie ſeit der Erfindung der Feuerwaffen noch nicht vorgekommen war. Wenn man die noch ſehr mangelhafte Entwickelung der Artillerie jener Zeit bedenkt, kann jene Beſchießung wohl den Vergleich mit mancher berühmt gewordenen in unſern Tagen aushalten. So gering noch die da⸗ malige Trefffähigkeit war, mußte die Wirkung doch bei der geringen Entfernung, auf welche die Angreifer an die Schanzen herangegangen, unter den tiefen Maſ⸗ ſen, denen die niedrigen Wälle nur wenig Deckung gewährten, bedeutend ſein. Kaiſer Karl im Harniſch, von ſeinem ganzen Gefolge begleitet, ritt langſam durch das ganze Lager, beſichtigte die Aufſtellung, welche Her⸗ zog Alba angeordnet hatte, und ermahnte die Heer⸗ haufen jeder Nation in ihrer Sprache zum Ausharren. Er ſetzte ſich ſelbſt dabei dem heftigſten Kugelregen aus. 167 Viele Geſchoſſe ſchlugen in das Geſchwader ſeiner Leib⸗ wache ganz in ſeiner Nähe ein, Roſſe und Reiter ſtürz⸗ ten, eine Standarte wurde fortgeriſſen, aber Karl be⸗ wahrte ſeine unerſchütterliche Ruhe und riß die Truppen dadurch zur Begeiſterung hin. Doch war er nicht ohne Beſorgniß vor dem Sturme, den er unfehlbar, wenn dies mörderiſche Feuer ſeine Schaaren gelichtet haben würde, zu erwarten hatte. Darum war auch die Rei⸗ terei, welche an ſich zur Vertheidigung eines verſchanzten Lagers nichts beitragen kann, ausgerückt und in vier großen Geſchwadern da aufgeſtellt, wo etwa die Rei⸗ ſigen des Feindes über den flachen Graben und die niedrige Bruſtwehr eindringen konnten. Alba hatte für den Fall des Sturms den ſämmtlichen Hakenſchützen, welche ausgeſchwärmt an den Wällen lagen, Befehl gegeben, nicht eher Feuer zu geben, als bis die Stür⸗ menden auf zwei Pikenlängen herangelaufen wären; dann konnte keine Kugel mehr fehlen. Noch ſchien der Augenblick den feindlichen Häuptern nicht gekommen. Das Feuer nahm an Schnelligkeit zu, es war ein Donner ohne Pauſen, man ſah, nach dem Zeugniß des ſpaniſchen Geſchichtſchreibers, in den Werken nichts als Kugeln mit Höllenwuth umher⸗ ſpringen. Der unbekannte deutſche Verfaſſer einer Historia belli smalcaldici drückt ſich in einer etwas unpaſſenden Profanation alſo aus:„Nachdem das In⸗ troit der Apoſtel(Schärtlins Geſchütze) angefangen, folgte gleich das Kyrie Eleiſon bei des Kurfürſten Geſchütz die Würtembergiſchen figurirten das Gradual, die Oberländiſchen ſangen das Allelujah und Sequenz mit einander, alſo daß bei keines Kriegsmanns Zeiten, der jetzt lebt, ſolcher Tropus zwiſchen dem Offertorio je gehört worden, und haben viele hundert Perſonen deſſelben Tags im kaiſerlichen Stand das Opfer pro requie defunctorum um den Altar getragen, denen allda mit Pulverkerzen geleuchtet worden.“ Das Geſchütz der Kaiſerlichen hatte wohl geant⸗ wortet, aber es war im Nachtheil, der Zahl und Stel⸗ lung nach. Da begann das Feuer zu ermatten, man hörte nur noch die einzelnen Schüſſe knallen, welche die ſpaniſchen Hakenſchützen, die ſich auf ihrem Flügel noch außerhalb der Schanzen hielten, mit den feind⸗ lichen der Artilleriebedeckung wechſelten. „Jetzt werden ſie kommen!“ ſagte der thüringiſche Hauptmann zu ſeinem Oberſten. „Glaubt Ihr das?“ rief ein junger Reiter, der aus des Kaiſers Gefolge unvermerkt hier zurückgeblie⸗ ben war.„Ich ſehe noch keine Anſtalt.“ Seine Wan⸗ gen glühten, ſeine Augen blitzten von kriegeriſchem Feuer. 169 „Reitet hinweg, Graf von Schwarzburg!“ ſagte Oberſt Hildebrand von Madruzzi ernſt.„Hier iſt Euer Platz nicht. Ich will die Verantwortung gegen den Kaiſer nicht auf mich nehmen.“ Der junge Graf ſprang vom Pferde und ließ es laufen.„Stellt mich in Euer Glied, Vetter!“ rief er dem thüringiſchen Hauptmann zu.„Ich nehme alle Verantwortung auf mich ſelbſt!“ „Ihr nennt mich Vetter?“ entgegnete der Haupt⸗ mann mit einem ſtolzen Aufblick.„Wohlan! Wenn Ihr es wißt, ſo kommt her, macht dem ſchwarzbur⸗ giſchen Blut Ehre!“ Es war kein Moment zur weitern Verſtändigung. Der junge Graf hörte wohl, was zu ihm geſagt wurde und daß der Namensvetter ſich zu mehr noch bekannte, aber die Kampfluſt, die ſein Blut wie Feuerbäche durch die Adern brauſen ließ, nahm jede andere Regung ge⸗ fangen. Sie ſollte jedoch nicht befriedigt werden. Das Geſchützfeuer begann mit erneuter Heftigkeit, der Feind mochte bei der Haltung der kaiſerlichen Heerhaufen, die er von ſeiner Höhe wohl beobachten konnte, den Sturm noch nicht genugſam vorbereitet halten. Gleich darauf erſchien auch in vollem Lauf ein Edelmann des Kaiſers und hinter ihm drein jagten Graf Reinhard von Solms und Graf Johann von Naſſau⸗Saarbrück. Dem letztern war der junge Schwarzburger beſonders anvertraut, er brachte ihm den Befehl des Kaiſers, unverzüglich zu Seiner Majeſtät zurückzukommen. Er⸗ röthend und unwillig beſtieg Graf Günther ſein Pferd wieder, das bei der nächſten Abtheilung angehalten worden war und ihm jetzt zugeführt wurde. „Ihr verſäumt nichts!“ ſprach der Thüringer, der ihn mit Freude und Wohlgefallen beobachtete. Dem jungen Grafen kam es nun wieder zum Be⸗ wußtſein, daß jener es angenommen hatte, als er ihn Vetter genannt, er konnte aber nicht mehr mit ihm ſprechen, da er den beiden Grafen, die nach ihm aus⸗ geſandt waren, folgen mußte.„Im Feuer bleibſt Du ja doch!“ tröſtete ihn Johann von Naſſau.„Mehr als hier, wo die Kugeln alle zu hoch fliegen; bei uns ſchlagen ſie ein!“ „Seid Ihr mit ihm verwandt, Günther?“ fragte Hildebrand von Madruzzi, als die Herren fortgeſprengt waren.„Er nannte Euch Vetter.“ „So nannte er mich“, antwortete Günther. Eine weitere Erklärung, auch wenn er ſie beabſichtigt hätte, ließ der zunehmende Donner des Geſchützes nicht zu. Nachdem derſelbe wieder eine geraume Zeit gewüthet hatte, das Lager von neuem mit Geſchoſſen überſchüttet worden war, ließ er zum zweiten Male nach, zum zwei⸗ 17¹ ten Male konnte der Sturm erwartet werden. Aber wie das erſte Mal blieb er aus. Die Bewegungen, welche von den Wällen der Werke bei den feindlichen Heerhaufen zu bemerken waren, kamen wieder zum Stillſtand, man ſah ein Häuflein von Reitern vor der Front ſich ſammeln, an den reichen Federbüſchen er⸗ kennbar als die Fürſten und Führer des Heeres. Sie beriethen wieder und fanden abermals, daß es beſſer ſei, mit dem Feuer fortzufahren, das auch ſogleich, nach⸗ dem die Herren auseinander geritten waren, in geſtei⸗ gerter Heftigkeit wieder begann. Da lächelte der Kaiſer, der trotz aller Abmahnungen ſeiner Getreuen vor ſeiner Leibwache hielt, und ſagte: „Laßt dieſen eiſernen Regen nur ablaufen, es wird bald ſchön Wetter kommen.“ Er gab Befehl, daß die Reiterei wieder in ihre Standorte im Lager einrücke und abſitze, da er jetzt keinen wirklichen Angriff mehr erwartete. Der eiſerne Regen praſſelte unterdeſſen weiter und hörte erſt nach neunſtündiger Dauer ganz auf. Der Einzige, der fortwährend zur That getrieben hatte, mußte mit Schmerz ſehen, daß die Fürſten nicht ſchlagen wollten; er begriff ſelbſt kaum, daß er an dieſem Tag nicht von Sinnen gekommen.„Gott gebe“, ſchrieb er ſpäter nieder,„daß es nicht mit Tradiment Verrath) zugegangen. Wenn man mir gefolgt hätte, ſo wäre es dem Haus Oeſterreich hart ergangen.“ In dieſen Worten lag ein tiefer Einblick in die Tragweite dieſes Kriegs, welche ſich wohl die Bundesgenoſſen, als ſie denſelben begannen, nicht klar gemacht hatten. Dem Hauſe Oeſterreich, wenn ſie den Sieg zu gewinnen vermochten, konnte die Kaiſerkrone, welche in demſelben, wenn auch nicht ausgeſprochen, doch thatſächlich erblich geworden war, verloren gehen, um einem proteſtanti⸗ ſchen Fürſten übertragen zu werden! Daran dachten die Verbündeten aber gewiß noch nicht und auch am entſcheidenden Siege mochten ſie zweifeln, da ſie zu keinem kühnen Entſchluſſe ſich auf⸗ ſchwingen konnten. Der Abend ſank. Für die Ge⸗ ſchütze, die man ihrer Schwerfälligkeit wegen nicht gut zu bewegen vermochte, wurde an derſelben Stelle, wo ſie den Tag über geſtanden und gefeuert hatten, ein Wall gegen einen etwaigen Ueberfall aufgeworfen und ſtarke Bedeckung zurückgelaſſen; die Streithaufen blieben bis zum Einbruch der Nacht über die ganze Ebene ausgebreitet und rückten dann erſt wieder in ihr Lager hinter dem kleinen Fluß, der Schuker, welche die Geg⸗ ner trennte. Der folgende Tag verging unter Schar⸗ mützeln vor den Schanzen, das Geſchütz ruhte. Bei jenen Plänkeleien zeigte ſich aber, daß eine neue Zeit auch im Kriege eingebrochen war, die dem Ritterthum — 2 173 mit ſeinen allentſcheidenden Reiterkämpfen ein Ende machte. Aufgelöſte Schützenſchwärme wurden nach ein⸗ ander von drei mächtigen Geſchwadern der Schmal⸗ kaldner im freien Felde angegriffen. Sonſt nur mit Bogen und Armbrüſten bewehrt, wären ſie leicht nieder⸗ geritten und vernichtet worden, jetzt zerſprengten um⸗ gekehrt ſie mit ihrem Feuer die auf ſie anſetzenden Reiterhaufen. Mittlerweile ließ der Herzog Alba ſeine böhmiſchen Schanzgräber, damals die beſten der Welt, Tag und Nacht an den Werken arbeiten, um dieſe zu erhöhen und auch weiter hinauszutreiben, ſodaß ſie den Feind zwangen, ſich in weiterer Entfernung zu halten. Am dritten und vierten Tage wurde die Be⸗ ſchießung des Lagers fortgeſetzt, dabei blieb es. Wohl richtete ſie manchen Schaden an, in der Nähe des Kaiſers wurden wiederum Leute getödtet und verwun⸗ det, eine Kugel ſchlug in ſein Zelt und zerſplitterte die Holzbekleidung des darin erbauten Saales und Schlafgemachs, aber ſo wenig das Feuer die Ruhe des Monarchen zu erſchüttern vermochte, ſo wenig wankte auch die Standhaftigkeit der Truppen, welche überdem auch an der höhern Bruſtwehr mehr gedeckt ſtanden. So beſchloſſen denn die Verbündeten abzuziehen, und Spott und Hohn zogen ihnen nach, als man am Morgen des vierten September nur noch ihre Reiterei bemerkte, welche in vielen Geſchwadern mit etlichen leichten Ge⸗ ſchützen die Nachhut bildend den Rückzug deckte. Ar⸗ tillerie und Gepäck waren ſchon in der Nacht voraus⸗ geſchickt die Maſſen des Fußvolks ihnen mit grauendem Tage gefolgt. Der Kaiſer mit dem Herzoge von Alba und wenigen Reitern begab ſich auf die Höhe, von wo Schärtlin's Apoſtel ihn zuerſt begrüßt hatten, er be⸗ obachtete die Marſchrichtung des Feindes, dem er nur etwas leichte Reiterei nachſandte. Auch ein Liedlein iſt der verunglückten Unternehmung bald nachgeſungen worden, ein Liedlein der freien Landsknechtsmuſe, das ſich mit ſeinen dreiundzwanzig Verſen noch erhalten hat. Darin zeigt ſich aber ein weiter gehender Blick, als man ſonſt den„frummen“ Landsknechten, welche meiſt nicht viel über ihren Spieß hinausblickten, nachrühmen kann. Ein Vers lautet: Landtgraff, das ſag' ich dir fürwar: Der Kayſer kriegt nit auff ain jar, Darzu nit auff vier wochen. Wenns im ein jar nit eben iſt, So ſetzt er jhm ain andre friſt, Man muß ihms anderſt kochen. In demſelben Sinne ſprach im jenſeitigen Heerlager auch Schärtlein, als er ſich bald darauf über die zu treffenden Maßregeln mit dem Landgrafen erzürnte. Er fand das zweckloſe Hin⸗ und Herziehen, das nach —— F 175 der Kanonade von Ingolſtadt folgte, äußerſt verderblich und ſagte grade heraus, daß er gemeint, daß ſie, wohl vierzigtauſend Mann ſtark und mit aller Rüſtung zum Schlagen wohl verſehen, ſich nicht auf die Finkenneſter le⸗ gen, ſondern mit einem Male der Laſt abkommen würden, der Kaiſer ſei ein großmächtiger Herr, den würden ſie nicht ausharren. Es war derſelbe Gedanke, welchen das Lied des Landsknechts ſpäter ausſprach. Der Land⸗ graf aber wurde ſehr zornig und rief:„Schlagen, ſchla⸗ gen, das iſt immer Dein Rath, Dir zu Lieb ſchlagen. Es wollt' bald geſchlagen haben, aber auch bald um Land und Leute gekommen ſein, und die oberländiſchen Städte mit ihren Großhaufen rathen auch nur zum Schlagen, damit ſie der Gäſte bald abkämen.“ Der Auftritt wurde ſo heftig, daß Schärtlin in vollem Zorn um Mitternacht hinwegging. Zwar ſuchten ihn andere Führer zu beſänftigen und der Landgraf ſelbſt ſprengte ihm am andern Tage, als beide ſich begegneten und Schärtlin, ohne ihn anzuſehen, weiter ritt, eiligſt nach und bat ihn, die Sache„im alten Stall ſtehen zu laſſen“, er ſei voll Wein geweſen; aber ein Herz konnte der alte verſuchte Held zu dieſem Kriege nicht mehr haben, da er ſah, daß kein rechtſchaffener Ernſt damit war. Wenn das nicht, was ſie bezweckten, was hofften denn die Bundeshäupter? Glaubten ſie Kaiſer Karl einzu⸗ 176 ſchüchtern? Sie hatten es gewagt, an dem Tage, wel⸗ cher der erſten Beſchießung ſeines Lagers folgte, ihm auf die Zurückweiſung ihres vorigen Schreibens und den Achtsbrief eine beleidigende Herausforderung zu ſenden, in welcher ſie ihn als Karl, der ſich den fünf⸗ ten römiſchen Kaiſer nenne, bezeichnet hatten; wenn dieſer Beleidigung nicht ſofort mit einer Waffenthat auf Tod und Leben vertreten wurde, konnten ſie davon einen andern Erfolg erwarten als eine muthwillige Verſchlimmerung ihrer Lage? Der Kaiſer wußte gar wohl, wer mit aller Kraft auf Entſcheidung durch die Waffen gedrungen hatte, er kannte ſeinen gefährlichſten Gegner. Ihm erſchien es als der ſchwärzeſte Undank, daß Schärtlin von Burtenbach, den er für ſeine früher ihm geleiſteten Dienſte mit Ehren überhäuft hatte, in den Reihen ſeiner Feinde ſtand und zum Vernichtungskampf mahnte. Er hatte ihm eigenhändig den Ritterſchlag, den er ſchon früher bekommen, nochmals ertheilt, was wohl noch nie geſchehen, er hatte ihn einige Jahre ſpäter in den Adelſtand erhoben, denn der Ritterſchlag war keineswegs an adlige Geburt geknüpft, wie man ge⸗ wöhnlich glaubt, Ritter und Edelmann durchaus nicht gleichbedeutend, es gab gar viele bürgerliche Ritter und umgekehrt eine Menge Edelleute, welche nicht Ritter waren. Welchen ſchmeichelhaften Adelsbrief hatte dem „Lieben Getreuen Schörtle von Burtenbach“ das kaiſerliche Heroldsamt von Toledo aus, im Druck achtzehn Seiten fül⸗ lend, ausgefertigt und ſein bürgerlich Wappen mit dem Stechhelm durch höhere Embleme und einen goldgekrönten Turnierhelm gebeſſert, ſelbiges„zu führen und zu ge⸗ brauchen in allen und jeglichen ehrlichen und rödlichen, adeligen, ritterlichen Sachen und Geſchäften, zu Schimpf und Ernſt, in Stürmen, Streiten, Kämpfen, Turnieren, Gefechten, Geſtechen, Ritterſpielen, Feldzügen, Panieren, Gezelten aufſchlagen, Inſiegeln, Petſchaften, Kleinoden, Gemälden, Fenſtern und Begräbniſſen und ſonſt an allen Enden und Orten nach ihren Ehren, Nothdurften und Wohlgefallen“. Mußte er ſich nicht in ſeinen lan⸗ gen, zweigeſpitzten Bart hinein ſchämen, dies Wappen zu führen, da er den Herrn, der es ihm verliehen, ſo erbittert bekämpfte? Der Kaiſer wollte eher Sachſen und Heſſen ver⸗ zeihen als dem Schärtlin. Im weitern Verlauf des thatenloſen Herbſtfeldzugs, als der Oberſt vom Heere durch Augsburg, in deſſen Dienſt er ſtand, zum Schutz der bedrohten Stadt abberufen war und hier durch einzelne, nicht ohne Grauſamkeit geführte Unternehmun⸗ gen dem Kaiſer vielen Abbruch that, entſandte dieſer ein fliegendes Corps, um zur Strafe ſein Schloß Bur⸗ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 16 tenbach zu verbrennen. Schärtlin hatte aber daſſelbe beſetzt und das Landvolk bewaffnet, ſodaß mehrere Herren ſeiner Nachbarſchaft den Kaiſer baten, von dem Zuge abzuſtehen, weil er über die ganze Gegend ent⸗ ſetzliches Unglück bringen werde. Denn der unbeugſame Kriegsmann hatte dem Biſchofe von Augsburg gedroht, für jedes Haus, das man ihm verbrenne, ein Dorf zu verbrennen und für einen Markt ſein ganzes Bisthum wüſt und eben zu machen. Er war der Mann dazu, Wort zu halten, und ſelbſt ein Mordverſuch, der auf ihn zur Nachtzeit in ſeinem Zelt gemacht wurde, ſtimmte ihn nicht nachgiebiger in ſeiner Haltung. Da trafen Nachrichten beim Heere der Verbündeten ein, welche dem Kriege eine andere Wendung gaben. Der Kaiſer hatte ſich längſt mit der anſehnlichen Macht vereinigt, welche ihm der Graf von Büren, durch ge⸗ ſchickte Märſche den gegen ihn geſandten feindlichen Schaaren ausweichend, aus den Niederlanden zugeführt hatte. Jetzt ſtellte auch der König Ferdinand in Böh⸗ men an der ſächſiſchen Grenze ein Heer auf, deſſen Befehlshaber der Statthalterſchaft in Sachſen einen Abſagebrief ſchickte; vorzüglich aber bedrohte den Kur⸗ fürſten ſein eigener Vetter Moritz, der ſich anſchickte, als offener Verbündeter des Kaiſers die Acht an ihm zu vollſtrecken. Seine Länder zu retten, forderte der — ————— Kurfürſt kräftige Unterſtützung von den Bundesgenoſſen, beſonders von den norddeutſchen, die ſich der Sache bisher fern gehalten, er fand aber nur leere Worte und die beim Heere forderten ihn förmlich zur Heim⸗ kehr auf, um auch heimkehren zu können! Es war genug geſchoſſen und ſcharmutzirt worden, auch fürſt⸗ liches Blut gefloſſen— Herzog Albrecht von Braunſchweig war in einem Gefechte gefallen, in einem andern der „linke Schwager“ des Landgrafen, ein Bruder ſeines Zu⸗ weibes, wie Margarethe von der Saal in Deutſchland genannt wurde, verwundet— der Winter ſtand vor der Thür. Rückzug, Heimkehr, Trennung, Winterquartiere in den geiſtlichen Stiftern, um dieſe zu brandſchatzen— dem Kaiſer war der bisherige Kriegsſchauplatz überlaſſen, und eine Aeußerung des Landgrafen, als ihn der Rath von Frankfurt beim eiligen Durchzug mit zweihundert Reitern heimwärts fragte, was er thun ſolle, iſt charakteriſtiſch für die ganze Lage:„In dieſer Zeit muß jeder Fuchs Sorge tragen, ſeinen eigenen Schwanz zu bewahren!“ Achtes Kapitel. Von Land und Leuten. Der Winter war eingebrochen, das Gebirge tief verſchneit, Weihnachten, das heilige Feſt nahte heran. In ganz Deutſchland ruhten die Waffen, nur Sachſen, das immer wieder bis in die neueſte Zeit das böſe Schickſal zu tragen hat, auf ſeinen geſegneten Fluren Kriege zur Entſcheidung gebracht zu ſehen, nur Sachſen ſollte die Ruhe, wenn ſie auch nur eine vorübergehende war, nicht genießen. An einem finſtern Decemberabend ritt ein Reiter, in einen dicken Wolfspelz gehüllt, mit einigen Beglei⸗ tern zur Heidecksburg hinan, begehrte Einlaß und wurde der Gräfin Katharina, welche mit ihren beiden Töchtern, der Hofmeiſterin und einigen andern Frauen noch ver⸗ einigt ſaß, gemeldet; es war der Graf von Schwarz⸗ 181 burg. Die Gräfin erhob ſich, ihn zu empfangen, er⸗ ſtaunt über den unerwarteten Beſuch. Was konnte ihn von Sondershauſen, wo Graf Günther jetzt ſeine Reſi⸗ denz genommen, in dieſer ſtrengen Jahreszeit, bei den ſchlechten Wegen hierher geführt haben? Er hatte ſein ganzes Gefolge im Vorzimmer ge⸗ laſſen und trat ſo haſtig ein, daß er ſich erſt in der Thür beſann, den Wolfspelz nicht abgelegt zu haben. Raſch warf er ihn ab, er fiel von ſeinen Schultern zur Erde.„Komme ich nicht wie ein Dieb in der Nacht, Muhme Katharina?“ rief er der Gräfin entgegen, die ihn willkommen hieß.„Wollt Ihr mir auf eine Nacht Obdach gewähren?“ „Auf viele Tage, lieber Vetter, ſolange es Euch bei mir gefällt!“ erwiderte die Gräfin herzlich. Sie fragte nicht, aber ihr kluges Auge bemerkte die Auf⸗ regung, in welcher der Graf war, und daß er ſich ſehnte, mit ihr allein zu ſprechen. Ein Wink entfernte die Hofmeiſterin mit den Kindern und die übrige Ge⸗ ſellſchaft, kaum daß der Gaſt Zeit hatte, ſeine Nichten zu begrüßen und den Frauen ein Wort zu ſagen. „Ihr habt eine Sorge, lieber Vetter!“ ſprach Katha⸗ rina, ſobald ſie mit ihm allein war. „Ich ſtehe als Flüchtling vor Euch, von Land und Leuten vertrieben!“ rief Günther. „Was ſagt Ihr?“ entgegnete ſie betroffen.„Durch wen? Treibt es der Herzog ſo weit?“ „O nein, nicht der Herzog!“ entgegnete Günther. „Um ſeinetwillen habe ich büßen müſſen. Es iſt der Kurfürſt, der mich ſtrafen will, daß ich meiner Lohns⸗ pflicht auch gegen den Andern nachgekommen bin!“ „Ich bitte Euch, der Kurfürſt? Wie iſt er auf einmal dahergekommen? War er denn nicht am Rhein? Setzt Euch, Vetter, laßt mich Alles hören, wamit wir beſprechen können, was zu thun iſt!“ Der Graf ſetzte ſich mit einem tiefen Seufter, ſein ſorgenvolles Antlitz zeigte jetzt keine Spur von der frühern ſo wohlthuenden Heiterkeit.„Sie ſagten mir's voraus, die es gut mit mir meinten!“ ſprach er.„Wenn die beiden ſächſiſchen Fürſten, von denen ich Güter zu Lehn trage, ſich wieder entzweien würden, wie es ſchon geſchehen, und jeder von mir fordern möchte, daß ich ihm mit der ſchuldigen Mannſchaft und Ritterpferden zuzöge, was ſollte da aus mir werden! Ich glaubte recht klug zu handeln, als ich beiden meine Lehnspflicht leiſtete. Herzog Moritz ſchien auch damit zufrieden zu ſein, er hat mir's wenigſtens nicht nachgetragen, daß ich dem Kurfürſten mit der Hülfe, welche ihm die Stadt Halle an Kriegsvolk ſchickte, auch ein Paar Reiter nach dem Oberland zugehen ließ. Wie ich von dem grau⸗ ——— ——„—— 1 1 1 183 ſamen Blutbad hörte, das der Herzog in Halle für die Schmalkaldiſche Hülfe anrichten wollte, wurde mir frei⸗ lich übel zu Muth— Ihr wißt doch, daß er alle Ein⸗ wohner wollte niedermachen laſſen?“ „Entſetzlich! Das kann nicht wahr ſein!“ rief Katharina. „Ich weiß es von einem der Rathmänner aus Halle, der mit auf der Moritzburg geweſen, um Gnade zu er⸗ bitten. Sie hatten die ſchreckliche Kunde bekommen. Herzog Moritz war mit ſeiner Kriegsmacht und andert⸗ halbtauſend Huſaren vom Könige Ferdinand in Halle eingerückt— bis auf Wittenberg, Gotha und Eiſenach hatte er ſchon das ganze Land des Kurfürſten in ſeine Gewalt gebracht. An Halle aber, das die Reſidenz des Cardinal⸗Erzbiſchofs Albrecht geweſen und ſich um unſers Glaubens willen eigenmächtig in den Schutz des Kur⸗ fürſten begeben hatte, wollte er wegen der Mithülfe gegen den Kaiſer ein Exempel ſtatuiren. In der Nacht nach ſeinem Einrücken ſollte dreimal mit der Trommel in der Stadt umgeſchlagen werden, beim dritten Male jeder Soldat über ſeine Wirthsleute herfallen und ſie todtſchlagen—“ „Das iſt unmöglich! Man hat Euch eine Lüge ge⸗ ſagt!“ rief Katharina mit edlem Unwillen.* „Der Rathmann hat mir's betheuert!“ verſicherte 184 der Graf.„Sie ſind nachts um drei Uhr, als ſchon zweimal umgeſchlagen war, mit brennenden Wachslich⸗ tern auf die Moritzburg gegangen und haben den Her⸗ zog fußfällig um Gotteswillen gebeten, kein unſchuldig Blut zu vergießen. Umſonſt! Da hat ſein Bruder Auguſt im Zorne ſelbſt das Schwert gegen ihn gezückt und geſagt:„Wenn's denn nicht anders iſt, ſollſt Du der erſte im Blutbade ſein.“ Erſt jetzt hat Moritz mit ſich handeln laſſen.“ Katharina verwarf entrüſtet die ganze Erzählung als eine verleumderiſche Lüge, wie deren von beiden Seiten jetzt viele verbreitet würden, ſie beſtritt dieſelbe mit Gründen, doch hatte die Erfindung immerhin Glau⸗ ben gefunden und hat ſich auch der Nachwelt in einem ſonſt mit urkundlichen Nachrichten belegten Werke er⸗ halten. „Es ſoll mir lieb ſein, wenn es nicht wahr iſt!“ ſagte Graf Günther.„Mich ließ der Herzog in Ruhe und ging überhaupt nach Dresden zurück, wo er ſein Kriegsvolk meiſt entließ. Er hatte die Acht vollſtreckt, die Lande des Kurfürſten beſetzt bis auf drei Städte; der Kurfürſt hatte bei der Trennung des Schmalkadi⸗ ſchen Heeres Winterquartiere im Mainziſchen und Ful⸗ daiſchen bezogen, der Heſſe war nach Hauſe gegangen, faſt alle oberländiſchen Städte hatten ſich dem Kaiſer —— 185 unterworfen— wo ſollte noch irgend eine Gefahr für den Herzog drohen? Siehe da! Wie ein Sturmwind iſt auf einmal der Kurfürſt in Thüringen! Ja, liebe Käthe, er iſt im Lande, er hat meine Reiter, die ich dem Her⸗ zog auf kaiſerlichen Befehl nach Langenſalza geſchickt, dort überfallen und gefangen, meine Abgeſandten, die mich entſchuldigen und Remonſtration einlegen ſollten, den Chriſtoph Enzenberg und Doctor Benedictus Rein⸗ hard, hat er ebenfalls feſtgehalten und iſt dann feind⸗ lich auf Sondershauſen gerückt, ſodaß ich der Gefan⸗ genſchaft nur durch ſchleunige Abreiſe entgehen konnte. So komme ich her.“ „Wollt Ihr hier den Ansgang abwarten? Bleibt mit Gott bei mir, lieber Vetter! Wir wollen ja ſehen, ob der eigenſinnige Mann Euch weiter verfolgen wird, weil Ihr Eure Lehnspflicht gegen den Herzog erfüllt habt!“ „Nein, Du muthiges, tapferes Weib!“ rief Günther. „Ich will Dir die böſen Gäſte nicht auf den Hals ziehen. Hier kann meines Bleibens doch nicht ſein. Ich gehe zum Kaiſer, wo mein Sohn ſchon den ganzen Sommer geweſen iſt. Der Kaiſer hat in Schwäbiſch⸗ Hall an der Gicht krank gelegen, jedenfalls finde ich ihn in Schwaben, in Heilbronn oder Ulm, ſchreibt mein Sohn. Augsburg, das der Schärtlin vertheidigt, 186 und der Würtemberger halten ihn noch feſt, aber ſie unterhandeln auch ſchon um Gnade. Da will ich hin und die Sache abwarten.“ „Wo iſt Eliſabeth mit den Kindern?“ fragte Katha⸗ rina.„In Frankenhauſen vielleicht bei Eurem Bruder?“ „Die iſt, wie ſie gewünſcht hat, nach Arnſtadt ge⸗ gangen, der können ſie nichts anhaben!“ erwiderte der Graf.„Nur ich mußte weichen, da ich keine Macht habe, mein Land mit gewaffneter Hand gegen den Ein⸗ bruch zu vertheidigen.“ „Und Eure Unterthanen?“ fragte Katharina ſanft, doch war in ihrem Blick ein ernſter Vorwurf zu leſen. „Ihr habt doch für ſie geſorgt, lieber Vetter? Die Rotten des Herzogs, beſonders die Böhmen und Ungarn, welche er mitbrachte, haben in den kurfürſtlichen Landen arg gehauſt.“ Das war der Fall geweſen und der Kurfürſt hatte ſich, als er den Grenzen Thüringens nahte, in einem Schreiben an die Landſtände ſeines Vetters als Ant⸗ wort auf das ihrige, das ſie vor zwei Monaten im Auftrage ihres Herrn an ihn gerichtet, über„das un⸗ chriſtliche türkiſche und huſariſche Volk, das Moritz mit Rauben, Morden und Brennen in ſein Land geführt“, mit bitterem Unmuth ausgeſprochen. Die Stände hatten ihn gebeten, die Beſetzung ſeines Landes durch ihren mit ten ren 187 Herrn geſchehen zu laſſen, um Sachſen vor einem größern Unglück ja vor einer Zerreißung zu bewahren, wenn der Herzog den Befehl des Kaiſers nicht aus⸗ führe und dieſer die Achtsvollſtreckung einem fremden Fürſten übertrüge. Nun hatten die Truppen des Her⸗ zogs ebenſo gehauſt, wie es andere nicht ſchlimmer ge⸗ than hätten, und es ſtand eine furchtbare Rache in Ausſicht, welche die Kurfürſtlichen nehmen würden. Sachſen gegen Sachſen! Der alte Fluch der deutſchen Stämme drohte auch dieſe in ſich zu zerreißen und zu gegenſeitiger Zerfleiſchung zu führen! „Meine Unterthanen haben nichts verbrochen, mein Land iſt ſchwarzburgiſch, nicht ſächſiſch“, entgegnete Günther auf die Bemerkung und Frage Katharina's. „Der Kurfürſt wird zur Beſinnung kommen, daß ich nichts gethan, er wird draußen im Felde gehört haben, daß ich meinem Sohne ausdrücklich verboten habe, das Schwert zu ziehen, es ſei denn zur Vertheidigung des eigenen Lebens. Ich habe das Alles dem Kurfürſten nach Langenſalza geſchrieben und vor meinem Ausritt von Sondershauſen mein Land ſeiner Schonung em⸗ pfohlen. Der Kanzler und die Stände ſind zur Regierung des Landes beſtellt, ſolange ich abweſend bin— was konnte ich mehr thun, liebe Katharina? Sollte ich als freier Fürſt des Reichs mich dem Sachſen als Gefangener ſtellen?“ 188 Sie gab ihm Recht, daß er nicht anders habe han⸗ deln können, obgleich in ihrem Innern eine Stimme gegen ihn ſprach. Vielleicht hätte ſie ſelbſt als Frau es darauf ankommen laſſen, ob der Kurfürſt, wenn ſie muthig ihn erwartete, eine weitere Gewaltthat verüben werde. Bei dem Charakter Johann Friedrich's, dem ſie mit Recht einen ſtarken Eigenſinn vorgeworfen hatte, war das aber wohl zu befürchten, und ſo hatte Graf Günther gewiß richtig gehandelt, ihn nicht zu reizen, ſondern ſeine Großmuth und Frömmigkeit anzurufen. Unterdeſſen war Sorge getragen worden, die Begleiter des Grafen unterzubringen und die Tafel auf den weiten Ritt in ſchlimmer Witterung, den ſie heute gemacht, reichlich zu beſchicken. Die Gräfin ſpeiſte jedoch mit ihrem Vetter allein, beide hatten noch viel mit einander zu ſprechen. „Ich weiß, Katharina, daß Ihr Eurem ſeligen Mann in der Regierung treulich zur Seite geſtanden, ihm manchen guten Rath gegeben habt“ ſagte er.„Lehnt das nicht ab, es macht Euch Ehre. Ich bitte Euch nun, auch meinen Räthen Euren klugen Rath nicht zu verſagen, wenn ſie ſich an Euch wenden, wie ich ſie angewieſen habe, in ſchwieriger Lage zu thun.“ Katharina's Augen leuchteten.„Ihr ſchlagt meine ſchwache Kraft zu hoch an, lieber Vetter“ ſagte ſie. „Was ich aber vermag, will ich mit Gottes Beiſtand thun.“ ——— 9M ſie. E —— 189 „Auch meine Eliſabeth mit den Kindern empfehle ich Euch, ſie ſind ſchon in Arnſtadt.“ Das Gefühl für die Seinigen machte den Grafen einen Augenblick weich, doch faßte er ſich ſchnell und nahm Katharina's Ant⸗ wort, daß ſie gleich morgen nach Arnſtadt fahren wolle, die Lieben zu tröſten, dankbar an. Er ſprach dann davon, wie er vielleicht beim Kaiſer, der ihm beſonders gnädig ſei, Gutes wirken könne; der Kaiſer habe es wohlgefällig aufgenommen, daß er ihm ſeinen jungen Sohn geſendet habe, es ſei ihm von Werth, daß ſo viele proteſtantiſche Fürſten ihm Zeichen ihres Vertrauens gegeben, den Krieg nicht für einen Reli⸗ gionskrieg zu halten, gewiß werde der Kaiſer, auch wenn das zweite Kriegsjahr ihm die noch unbeſiegten Häupter des Schmalkaldiſchen Bundes unterwerfe, jenes Vertrauen rechtfertigen, und ihn in dieſem Vorſatze zu beſtärken, wolle er ſich den Bemühungen des Kurfürſten von Brandenburg und der andern evangeliſchen Fürſten, welche dem Reichsoberhaupte treu geblieben, anſchließen. Dann werde noch Alles zu einem glücklichen Ende führeu. „Gott gebe es!“ ſagte Katharina, doch theilte ſie die Zuverſicht nicht. Was ſie von außen her vernom⸗ men hatte, ließ ſie an einem wahren und aufrichtigen Frieden, in welchem dem proteſtantiſchen Bekenntniß nichts verloren gehen würde, zweifeln, wenn nicht des 190 Kaiſers Politik, deren Räthſel und Geheimniſſe kein Sterblicher gelöſt hat, einen ſolchen Frieden verlangte. Sie ließ aber nun die ganze Politik, an welcher ſie nichts ändern konnte, fallen und ſprach mit dem Vetter von den Seinigen, auch von andern näher liegenden Dingen. Das war für beide wie ein linder wohlthuender Balſam auf die herben, ätzenden Stoffe, welche ſie bis jetzt berührt hatten. „Ich habe Euch aber noch etwas zu erzählen“, ſagte Günther darauf.„Der Sohn der Spinnerin hat ſich wiedergefunden, unſer Halbvetter, den Ihr hier auf der Heidecksburg gehegt habt und der nachher nach Paulinzelle ging. Man konnte ihn ſchon den künftigen Abt von Paulinzelle nennen! Wenn Euer Schwiegervater länger gelebt und die katholiſche Kirche im Lande, wie bisher, aufrecht erhalten hätte, ſo wäre er Abt geworden.“ Katharina war bei den erſten Worten betroffen ge⸗ weſen. Sie hatte doch mit Niemand als mit Doctor Aquila, dem Zeugen ihrer Begegnung im Haine, von dem Armen geſprochen, deſſen Erinnerung ihr ſtets traurige Gefühle weckte! Indeſſen war ſie fern davon, dieſer Erinnerung auszuweichen, ſie bezog die Rede des Vetters auf jene Rückkehr des Ruheloſen vor andert⸗ halb Jahren und wollte darüber ſprechen, der Graf aber ließ ſie nicht dazu kommen.„Ja, Katharina, er en er i3 tor on ets on, des ruf 191 trägt jetzt ſtatt der gehofften Inful des Abts den Helm. Mein Sohn hat ihn im Lager des Kaiſers getroffen und ohne Umſtände als Vetter anerkannt.“ Katharina war nur einen Moment verwundert über die Mittheilung. Dieſe paßte aber zu der Begegnung im Haine, da war Günther's Erſcheinung ſchon die eines Kriegsmannes geweſen, und ſie hatte ihn gefragt, ob er den Weg gefunden, den ſie für ihn als den rechten erkannte. Daß er nicht unter einem proteſtantiſchen Fürſten kämpfen werde, konnte ſie wiſſen, und ſo durfte ſie ſich nicht wundern, daß er im Lager des Kaiſers gefunden worden war; es intereſſirte ſie nur zu hören, wie der junge Graf mit ihm in ſo genaue Beziehung gekommen, daß Günther ſich zu erkennen gegeben hatte; das ſchien ſeinem verſchloſſenen Weſen ſo zuwider, daß es ſie befremdete. Auf ihre Frage danach vermochte der Graf jedoch keine befriedigende Antwort zu geben. Sein Sohn führte, trotz aller Bemühungen ſeines Hof⸗ meiſters, wie andere junge Herren, den Degen lieber als die Feder, wenn er nur gedurft hätte, und im Feldlager ſchreibt man ohnehin nicht viel. Daß er im deutſchen Regiment Hildebrand von Madruzzi's den ſchönen Kriegsmann, von dem er ſeinem Vater gleich nach dem Zuſammentreffen im Walde vor Blankenburg viel erzählt, als Hauptmann wiedergefunden, daß er 192 ihn in ſeinem Zelte beſucht und dieſer mitten im Kugel⸗ regen vor Ingolſtadt ſich als ſeinen Vetter bekannt habe, daß er nachher freilich zurückziehen wollen, aber doch, weil er ſich habe überrumpeln laſſen mit dem Worte Vetter, was nur auf den Namen Günther ge⸗ meint geweſen, ſeine Abkunft nicht länger geleugnet, und daß er der Sohn des Grafen Heinrich, der eigent⸗ lich der Einundvierzigſte heißen müßte, wenn ihm die Vettern nicht wegen ſeiner Heirath den Platz in der Reihe ſtreitig gemacht hätten— das hatte der junge Graf Günther ſeinem Vater wohl geſchrieben, und dieſem war es genügend, aber Katharina fand darin immer nicht erklärt, was ſie gern gewußt hätte, dieſe ſchein⸗ bare Veränderung in dem Weſen des Mannes, an dem ſie einen ſo natürlichen Antheil nahm. Hatte er end⸗ lich Alles überwunden? War er nun freier, offener geworden? Er konnte dann auch noch glücklich werden! Er war in der Blüte der Mannesjahre, hatte kaum die Mitte der Dreißig überſchritten, warum ſollte er nicht ein Mädchen finden, das er noch lieb gewinnen und das ihn glücklich machen konnte? Katharina wünſchte es ſo ſehr! Gerade als ſie dieſem Gedanken recht lebhaft ſich hingab, fing der Graf, den die eingetretene Unter⸗ brechung ihres Geſprächs auf andere Ideen brachte, en 193 plötzlich an:„Iſt Euer kleiner Schützling noch auf dem Ehrenſtein?“ Sie blickte raſch auf, aus ihrem Auge blitzte ein Strahl, gleichſam entzündet durch ſeine Frage. Wie kam er dazu, in dieſem Moment die Jungfrau zu erwähnen, der ſie allerdings einen vorübergehenden Schutz gewährt hatte? Sie mußte ihm eine ſolche Gegenfrage thun. „Ich dachte wieder an den Krieg, da wir vom Lager des Kaiſers geſprochen hatten“, antwortete Günther. „Da kam ich auf die Bundeshäupter, was die nun wohl im neuen Jahre anfangen würden, und wie ich be⸗ dachte, mit welchen großen Plänen ſie im Sommer in Ichtersleben zuſammengekommen waren, fiel mir natür⸗ lich der Ritt des Landgrafen ein, von dem er ſo ver⸗ drießlich wiederkam. Es wundert mich nur, daß er nicht nach der Heidecksburg geritten iſt, da der alte Balentin ihm ſo unumwunden geſagt hatte, daß ſeine Nichte bei Euch wäre. Er hat Reſpekt vor Dir, Käthe, Du kannſt ſtolz darauf ſein.“ „Ihn riefen wohl wichtigere Dinge, als daß er noch ein Kind, dem die Verhältniſſe an ſeinem Hofe drückend geworden waren, weiterer Nachfrage würdigen konnte. Ich hatte den Wunſch der Frau von Ehrenſtein, welche mit Recht ein Zuſammentreffen ihrer Adelheid mit dem Landgrafen verhüten wollte, gern erfüllt und das lieb⸗ Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 13 194 liche Kind auf einige Tage zu mir genommen. Das würde ich auch, wenn mich der Landgraf mit einem Beſuche beehrt hätte, nicht verleugnet haben, aber ge⸗ ſehen hätte er ſie darum doch nicht.“ „Ich glaub's!“ erwiderte Günther.„Du würdeſt ſelbſt dem Kaiſer muthig begegnen! Iſt die Adelheid denn ſo lieblich, wie Ihr ſagt?“ „Hab' ich ſie ſo genannt, ſo iſt's von Herzen ge⸗ weſen“ antwortete Katharina. „Den Landgrafen hättet Ihr ſehen ſollen, als ich ihn nach dem Namen ſeines entflohenen Hoffräuleins gefragt und ihm auf ſeine Antwort:„Rettleben!“ geſagt hatte, daß ſie auf dem Ehrenſtein bei dem alten Va⸗ lentin ſei. Da wurden ſeine großen Augen noch ein⸗ mal ſo feurig, als ſie ohnedem ſind. Er fragte denn gleich heftig, ob ſie den Gosmar noch bei ſich habe. An dem ſcheint ihm das Meiſte gelegen, weil der die Ur⸗ kunden entwandt, die ſich auf ſeine Trauung mit der zweiten beziehen. Die Mutter hatte ihn dazu erkauft, weil ſie damit die Ehre ihrer Tochter retten wollte. Habe ich Euch das noch nicht erzählt? Ich ſollte es auch eigentlich nicht, dem Landgrafen war es nur in der Aufregung entfallen und er verbot mir davon zu reden. Es muß dort eine wunderliche Wirth⸗ ſchaft ſein!“ 3 8 195 „Eine traurige Verirrung des ſonſt ſo ausgezeichneten Fürſten!“ entgegnete Katharina.„Wahrhaft zu beklagen für die gute Sache, der er ſeinen Arm und ſeinen Geiſt geweiht hat! Die Nachwelt wird dieſen Schatten an ſeinem edlen Bilde bedauern.“ „Es wird Alles vergeſſen in der Welt!“ ſagte Günther. „Er ſelbſt hat wohl ſchon Kummer und Noth genug mit der zweiten Frau, die nicht ſo fügſam iſt wie die erſte, und wenn es ſo fortgeht, vier oder fünf hat ſie ihm ſchon geboren—“ Katharina unterbrach dieſe Erörterungen, die ſie nicht liebte, mit der Frage, ob der Landgraf ſeinem Bundesgenoſſen, dem Kurfürſten, jetzt auch zu Hülfe gezogen ſei, um dieſem ſein Land wiedererobern zu helfen. Günther wußte das nicht, zweifelte aber daran, da der Kurfürſt allein ſtark genug dazu ſei und der Landgraf wohl bald feindliche Gäſte vom Rhein her in ſeinem eigenen Hauſe zu befürchten habe. Er bat dann die Gräfin, ſich nicht ſtören zu laſſen, wenn er morgen in aller Frühe aufbreche, und nahm von ihr Abſchied. „Tröſtet meine Eliſabeth!“ legte er ihr noch einmal an das Herz.„Ich dachte erſt auch daran, ſie zu meinem Bruder nach Frankenhauſen zu bringen, aber ſie meinte, 13* 196 wir ſollten den Heinrich, der mit ſeiner Frau ſo ſtill lebt, daß kein Menſch in ganz Thüringen von ihm ſpricht, aus dem Spiel laſſen, ſie wollte ihm, der gar keine Kinder habe, nicht mit den unſerigen Unruhe machen und glaubte auch, in Deiner Nähe, Du herzhafte Katha⸗ rina, viel ſicherer zu ſein!“ „Was rühmt Ihr mich nur immer, wo ich doch ſo gar nichts gethan habe!“ entgegnete die Gräfin. Sie verſprach ihm noch einmal, gleich morgen ſeine Frau zu beſuchen und ihr treulich zur Seite zu ſtehen, wenn Eliſabeth nicht ganz zu ihr auf die Heidecksburg ziehen wolle. Dann ſchied Günther von ihr und ſie blieb allein. Jetzt erſt konnte ſie Alles recht bedenken und erwägen, was er ihr erzählt hatte. Ueber den Stand des Krieges hatte ſie vielleicht beſſere Nachrichten als er, da ihr der Superintendent von Saalfeld immer mit⸗ theilte, was er durch ſeine Verbindungen in Augsburg erfuhr. Noch hielt ſich dieſe mächtige Stadt. Ihr tapferer Oberſt, den ſie mit den höchſten Anerbietungen aus des Kaiſers Dienſt lange vor dem Kriege in den ihrigen ge⸗ zogen hatte, war geſonnen, ſie bis zu ſeinem letzten Blutstropfen zu vertheidigen. Auch Herzog Ulrich von Würtemberg hatte ſich, ſoviel man wußte, noch nicht unterworfen, Straßburg, Frankfurt ebenſo wenig, von den vier Hauptorten der Städte nur Ulm. Dem Piſer ſo 197 blieb alſo, wenn die Bundesgenoſſen nur feſt ſtanden, noch viel zu thun, um erſt Oberdeutſchland zu bezwingen. Unterdeſſen konnten Sachſen und Heſſen den abtrünnigen Herzog Moritz niederwerfen und den Böhmen, wo der althuſſitiſche Geiſt ſich bis zur Empörung gegen ihren König Ferdinand regte, der erſt ſeit zwanzig Jahren die Krone der Czechen erworben, die Hand zum gemein⸗ ſamen Widerſtande reichen. So hatte Aquila hoffnungs⸗ voll geſchrieben. Aber Katharina ſah nicht ſo vertrauend in die Zukunft. Was der Schmalkaldiſche Bund bisher gethan und was er verſäumt hatte, gab keine Hoffnung zu einem Aufſchwung ſeiner Thatkraft. Es konnten ſchwere Zeiten kommen, die nur das Vertrauen zu Gott ruhig erwarten half. Als Katharina ſich endlich ſpät in der Nacht zur Ruhe begab, geſtärkt durch die heilige Bibel, in welcher ſie heute lange geleſen, kehrte ihr Geiſt vom Allgemeinen auch zu den Gedanken zurück, welche ihr Herz zunächſt berührten. Sie dachte an ihre Kinder, an die lieben Verwandten in Arnſtadt, die um den fernen Gatten und Vater weinten, ſie muſterte im Geiſte ihre Freunde und Getreuen, auf welche ſie unter allen Verhältniſſen rechnen konnte, ſie ſann auf Mittel, ihren Unterthanen die Leiden der Zeit fern zu halten, und als ihr die Gedanken ſchon im Entſchlummern durcheinander floſſen, ſchwebten ihr 198 noch zwei Geſtalten, halb erkennbar, wie in Duft gehüllt, vorüber, weit getrennt, denn ſie hatten ja keine Verbindung, dann aber näher und näher ſich kommend, über ihnen in einer Glorie das Kreuz! Die Hände faltend, keiner klaren Vorſtellung mehr fähig, war Katharina entſchlummert. Neuntes Kapitel. Verfolgung. Das Feſt des Herrn, das fröhliche Weihnachtsfeſt, hatte auch in dieſem Jahre, wo doch ſo ſchwere Wolken am Himmel Deutſchlands drohten, ſeine Kraft bewährt. Bei der Luſt und Freude der Kinder war auch den Aeltern und Freunden das Herz wieder froh geworden und man ſah gefaßter dem neuen Jahre entgegen. Die Ereigniſſe, welche es bringen ſollte, ließen nicht lange auf ſich warten. Der Abend des Neujahrstages war finſter, mit Re⸗ gen und Sturm auf Stadt und Land geſunken, da klopften ſchon die Gewaffneten des Kurfürſten von Sachſen an das Klausthor zu Halle. Der Wild⸗ und Rheingraf Philipp, der Kämmerer von Ponickau und der Feldmarſchall von Schönberg waren es, welche mit 200 ihren Geſchwadern und ſechshundert Schützen Einlaß begehrten. Konnte er ihnen verweigert werden? Sie ritten ſogleich auf die Moritzburg zu dem kranken, ge⸗ brechlichen Erzbiſchof, der ihnen Stadt und Schloß übergeben mußte. Andern Tages hielt Johann Friedrich ſelbſt mit mehreren Fürſten und vielen Grafen und Herren ſeinen Einzug und führte die Unterhandlung mit dem Erzbiſchofe bald zu dem Ende, daß ihm die Bis⸗ thümer Magdeburg und Halberſtadt abgetreten werden mußten. Dann zog er auf Leipzig. Herzog Moritz, der ſich hier befand, wich einem Treffen aus, eilte viel⸗ mehr nach Dresden und ſammelte wieder Truppen, da er ſie meiſt entlaſſen hatte, ſchrieb auch eilends um Hülfe an den Kaiſer. Alles wäre aber für ihn zu ſpät gekommen, wenn der Kurfürſt Schlag auf Schlag hätte folgen laſſen. Seine Krieger brannten vor Begierde, die Freudenſchüſſe, welche ſie ſchon vor zwei Monaten im kaiſerlichen La⸗ ger, dem ſie bei Giengen gegenübergeſtanden, wegen der Eroberung der kurfürſtlichen Lande durch Herzog Moritz gehört hatten, dem Verräther an ſeinem Stamm und Glauben mit ſcharfen Schüſſen zu vergelten. Sie hatten in Oberdeutſchland ihre Kampfluſt nicht befrie⸗ digen dürfen, um ſo höher war dieſe jetzt geſtiegen. Warum führte ſie ihr Fürſt nicht gegen den treuloſen —ů —— F ——— — 201 Vetter, warum erſt zur Belagerung von Leipzig, das ihm zufallen mußte, wenn Moritz geſchlagen war? Drei Wochen wurde Leipzig vergebens belagert und mit unglaublich ſchlechtem Erfolge beſchoſſen. Kein Wunder, wenn das Volk an Verrath, wenigſtens ab⸗ ſichtliche Schonung dachte und das Spottlied ſang: „Leipzig liegt haußen und Leipzig liegt drinnen, alſo kann Leipzig nicht Leipzig gewinnen!“ Viele kurfürſt⸗ liche Offiziere hatten nämlich Hab und Gut, Weiber und Kinder nach dem ſichern Leipzig gebracht, ehe ſie zum Kriege ausrückten; ſo mochten ſie vielleicht nicht ernſthaft der Stadt ſchaden wollen, und in einem Kriegs⸗ rath wurde der Sturm, zu welchem Georg von Recke⸗ rodt, Oberſt eines heſſiſchen Regiments, dringend mahnte, mit Stimmenmehrheit verworfen. Der Kurfürſt hob denn die fruchtloſe Belagerung auf, nicht etwa, um noch jetzt den Herzog Moritz, der bei Chemnitz erſt wenig Truppen beiſammen hatte, vor Ankunft der Hülfe, die ihm ſein Jugendfreund Albrecht von Bran⸗ denburg⸗Kulmbach zuführte, anzugreifen, ſondern um in dem fetten altenburger Lande bequeme Winterquar⸗ tiere zu beziehen. Und noch lächelte ihm das Glück, wenn er nur die wandelbare Fortuna bei der Stirnlocke gefaßt hätte! Ein verführeriſches Weib bot ihm ihre Hülfe dazu. 202 Markgraf Albrecht war in Sachſen angekommen und rückte auf Rochlitz. Hier reſidirte Eliſabeth, die Schwe⸗ ſter des Landgrafen von Heſſen, Wittwe jenes Erbprinzen von Sachſen, der, noch ſtrenger katholiſch als ſein Vater Georg der Bärtige, vor dieſem geſtorben war. Seine Wittwe zeigte ſich in keiner Beziehung ſtreng weder im Glauben, noch in ihren Sitten. Daß ſie über die Doppelehe ihres Bruders empört war, galt weniger dem Aergerniß an ſich als der Perſon ihres geweſenen Hoffräuleins, das der Landgraf gewählt hatte. Sie ſelbſt wußte ſich, ohne zu einer zweiten Heirath zu ſchreiten, ihren Wittwenſtand ſo freudenreich als mög⸗ lich zu machen. Albrecht von Brandenburg, im wilden Lebensgenuß anf ſeiner kurzen ſtürmiſchen Laufbahn ſich berauſchend, wurde von der ſchönen Wittwe, die ihn auf ihrem Schloſſe fürſtlich aufnahm, mit ſchlauer Liſt bethört, daß er über den Feſtlichkeiten beim ſchäu⸗ menden Becher der Luſt aller Vorſicht des Feldherrn vergaß. Da wurde er in der Nacht zum dritten März nach einem großen Gelange, das ſeine Wirkung auf ihn und die meiſten ſeiner Führer nicht verfehlt hatte, von den Kurfürſtlichen, an welche er verrathen war, überfallen, für ſeine Perſon, als er ſich raſch gewaffnet auf das Pferd geworfen hatte, nach tapferem Wider⸗ ſtande gefangen und ſein zuſammenlaufendes Kriegs⸗ ine die ar, r —— 203 volk zum großen Theil niedergemacht. Was davon begnadigt wurde, mußte ſchwören, binnen vier Monden nicht gegen den Kurfürſten zu dienen, und zog dann mit weiß geſchälten Stäben, dem Zeichen ſchimpflicher Ergebung, von dannen. Zerſprengt war alſo die Hülfsmacht des Herzogs, es kam nur noch darauf an, ihn ſelbſt zu ſchlagen, dann friſch im Siegeslaufe nach Böhmen hinein, wo die furchtbarſte Gährung waltete, in Prag die utra⸗ quiſtiſche Ritterſchaft ſich verſammelt hatte, Schaaren des huſſitiſchen Landvolks zuſtrömten, die alten huſſitiſchen Schlachtgeſänge, vor denen manches Reichsheer in ent⸗ nervender Furcht zerſtäubt war, in den Straßen nach hundertjähriger Ruhe wieder erſchallten und die Glocken vom Thein und vom Neuſtädter Rathhauſe, welche ſchon König Wladiskaw zu läuten ſtreng verboten hatte, ihre dumpfen, aufregenden Klänge hören ließen. Nur ein mannhafter Entſchluß, ein raſches Vordringen nach Prag, dem nichts im Wege ſtand, und Böhmen, deſſen Stände ſich der alten Erbeinigung mit Sachſen erinner⸗ ten, wäre dem Hauſe Habsburg verloren geweſen! Der Kurfürſt ließ ſeinen Sieg bei Rochlitz den böh⸗ miſchen Ständen melden und erklärte ſich bereit, jene Erbeinigung mit ihnen zu erneuern, ſie ſchrieben ſchon eine allgemeine Rüſtung der drei Stände des König⸗ reichs aus und ernannten einen Oberfeldhauptmann über ihre Kriegsmacht: Kaspar Pflug von Rabenſtein, der auch ſofort gegen das Gebirge rückte, um ſich mit den Sachſen in Verbindung zu ſetzen. Ohnmächtig mußte König Ferdinand dieſer offenen Widerſetzlichkeit zuſehen. Er konnte nichts thun, ſie zu unterdrücken, denn die Mährer, die Schleſier, auf die er gerechnet hatte, waren ſäumig, der Kaiſer noch fern. Aber der Kurfürſt von Sachſen kehrte mit ſeinem Siege bei Rochlitz zufrieden in die Winterquartiere nach Altenburg zurück, um auf ſeinen Lorbeeren zu ruhen, und ließ nur eine Abtheilung unter Thumbshirn bis Joachimsthal in Böhmen einrücken, zu ſchwach, um hier etwas zu wirken, zu ſtark, wenn der Kurfürſt doch zurückbleiben wollte, denn ſie ſchwächte ihn gegen die wachſende Macht ſeines Gegners. Johann Friedrich war kein Feldherr, er hatte das ja ſelbſt im Schmal⸗ kaldiſchen Lager gegen den Landgrafen und den wackern Schärtlin erklärt; wenn er aber kein Feldherr war, mußte er eigenſinnig auf ſeiner eigenen Meinung beſte⸗ hen, da es ihm doch an gutem Rath unter ſeinen treuen ſächſiſchen Kriegsoberſten nicht fehlte? Wäre Schärtlin bei ihm geweſen, vielleicht hätte er jetzt eher auf ihn gehört als im verwichenen Herbſte. Aber der Tapfere war zu dieſer Zeit von ſeiner Stadt —— nit keit v Mn Ek 205 bereits aufgeopfert, um des Kaiſers Gnade zu erlangen. Von den vier Hauptorten des Städtebundes hatte ſich, wie ſchon bemerkt, Ulm zuerſt ergeben; die Leinweber, wie Schärtlin die Ulmer ſpottweiſe nannte, waren mit einer Deputation vor dem Kaiſer erſchienen und hatten in ſpaniſcher Sprache— zum erſten Male, daß eine neuere fremde Sprache zu Unterhandlungen in Deutſchland gebraucht wurde!— ihre Schuld bekannt, daß ſie in ihm den Allmächtigen ſelber beleidigt. Der Kaiſer hatte ſie begnadigt und ihnen nur eine Geldſtrafe auferlegt. Herzog Ulrich von Würtemberg war dann ebenfalls auf Unterhandlungen eingegangen, dem Grafen Büren hatte ſich Frankfurt unterworfen. Die kleinern Städte überſtürzten ſich darin; an einem Tage waren ſechs Deputationen eingetroffen, um ihren Fußfall vor der beleidigten Majeſtät zu thun. Nur das mächtige Augsburg hatte eine Zeit lang Miene gemacht, ſich zu vertheidigen, wozu es wohl die Mittel und auch den Feldhauptmann beſaß. Die Mauern und Wälle der Stadt waren ſtark, Schärtlin hatte noch immer dreitauſend Mann und zwei⸗ hundert Geſchütze. Er hatte ſich anheiſchig gemacht, die Stadt über Jahr und Tag zu halten, unterdeſſen könne ein Umſchwung der Verhältniſſe eintreten, der Bund ſich wieder aufraffen, und wenn es Gottes Wille ſei, daß ſie zu Grunde gehen ſollten, ſei es doch beſſer, 206 um des Wortes Gottes und der Freiheit des Vaterlandes willen zu ſterben, als in Schande und Verleugnung der Wahrheit zu leben. Das hatte männlich gelautet, aber bei den Kaufherren, die nur für das Ihrige zagten, wenig Anklang gefunden. Anton Fugger war auf ſeine eigene Hand zum Kaiſer gereiſt und mit billigen Bedingungen wiedergekommen; nur ihren Oberſten Schärtlin ſollten ſie entfernen, eine kleine Beſatzung aufnehmen, eine geringe Geldſumme zahlen, um Ver⸗ gebung bitten und neue Huldigung leiſten, ſonſt aber bei ihrer Religion bleiben. Im Rath, wo das kauf⸗ männiſche Intereſſe überwog, war man gleich damit einverſtanden geweſen und hatte nur Beſorgniß, wohl auch einige Schum vor Schärtlin gefühlt; man hatte ihn zu überreden geſucht, daß er nur des Scheins wegen auf vierzehn Tage nach der Schweiz gehen ſolle, und als er darauf beſtanden, nur mit Vorwiſſen der Ge⸗ meinde und des Kriegsvolks, aber nicht heimlich mit Schimpf und Hohn die Stadt zu verlaſſen, hatten ihn die Herren mit weinenden Augen gebeten,„da er immer ſo treu und ritterlich an ihnen gehandelt, ſolle er ſie und gemeine Stadt ſammt ſo vielen Weibern und Kindern nicht alſo in Sterben und Verderben führen; ſie erkennten, daß die Stadt in ſeiner Hand ſtünde, er möge ihnen Krieg oder Frieden bringen, doch bäten ſie des ng tet, ten, auf gen ſten ng 207 ihn um Gottes willen, er ſolle ihnen zum Frieden helfen, ſie wollten ihm unter ihrem Stadtſiegel Urkund geben, daß er nichts ohne ihr Geheiß und anders nicht, denn einem rittermäßigen Mann gebühret, bei ihnen gehandelt, ſie wollten ihm auch ſeine Güter zu Burtenbach liegends und fahrends bezahlen“. Da hatte ſich der tapfere Mann endlich fügen müſſen. In den Worten, die er ſelbſt darüber niedergeſchieben hat, drückt ſich ſeine volle Erbitterung aus.„Da die Fürſten ſo ſpöttlich vom Oberland entwichen, die Oberpfalz und die Donau ganz und gar verloren, Würtemberg und alle Städte bis Konſtanz und Lindau ſchändlich über⸗ geben, Baiern und Tirol wider uns, Alles rings um Augsburg voller Feinde und ich mich keiner einzigen menſchlichen Hülfe zu getröſten hatte, hab ich mich endlich drein ergeben.“ Mit nur fünfunddreißig Reitern war er am 29. Januar 1547 vor Tagesanbruch aus der Stadt geritten, und noch an demſelben Tage hatten die Ab⸗ geordneten derſelben den Kaiſer zu Ulm fußfällig um Gnade gebeten. Bald darauf war auch Straßburg dem Beiſpiele gefolgt und am vierten März der Herzog von Würtemberg. Zum Hohn erzählte ſich das Volk die Fabel, er habe ſich dazu ein Roß abrichten laſſen, das vor dem Hauſe des Kaiſers die Kniee gebeugt, worauf der Reiter abgeſeſſen, um im Audienzſaal vor 208 dem Throne in großer Verſammlung ein Gleiches zu thun. Hier habe er ein klägliches Sündenbekenntniß durch den Mund ſeines Kanzlers abgelegt. Der ſpa⸗ niſche Geſchichtſchreiber Avila als Augenzeuge berichtet von jener Roßfabel nichts, wie ſich überhaupt ſein Werk durch einen würdigen und edlen Ton auszeichnet. So war denn ganz Süddeutſchland dem Kaiſer unter⸗ worfen, gerade im März, als der Kurfürſt von Sachſen bei Rochlitz geſiegt und das ganze Land des Herzogs Moritz bis auf Dresden und Pirna erobert hatte und in Böhmen ſich die gefährliche Bewegung zu ſeinen Gunſten immer gewaltiger ausbreitete, während der Landgraf von Heſſen neue Rüſtungen betrieb. Die niederſächſiſchen Bundesſtädte Bremen, Braunſchweig, Goslar, Hamburg, Magdeburg, Hildesheim, Göttingen, Hannover, Minden und andere, alle norddeutſchen Bundes⸗ oder religionsverwandten Fürſten, ſelbſt die fremden Könige, an die man ſich gewandt, konnten doch immer noch Beiſtand leiſten und der Krieg eine furchtbare, welthiſtoriſche Wendung nehmen. Es fam nur darauf an, welche Partei von der augen⸗ blicklichen Lage den meiſten Vortheil zu ziehen ver⸗ ſtand. Drüben freilich ein ſtarker Wille, die Ein⸗ heit des Gedankens, die Einheit des Kriegsbefehls, der geſchickteſte Feldherr, ja der Kaiſer ſelbſt ein ſolcher tniß ſpa⸗ chtet ſein hnet. nter⸗ chſen und einen der Die weig, ngen, tſchen ſt die unten Krieg mgen⸗ er⸗ Ein⸗ fehls ſolher im beſten Sinne— wie ſtand es bei den Verbün⸗ deten? Gar traurig! Im Süden regte ſich der Frühling ſchon mit Macht, im Herzen von Deutſchland, in Franken und Thü⸗ ringen, hatte er aber noch um jeden Schritt zu kämpfen den er dem Winter auf den Bergen abgewann. Oben lag immer noch Schnee an vielen Stellen, ob auch die Saale vom Waldſtein auf dem Fichtelgebirge, wo ihre Quelle liegt, der Main und die andern Flüſſe immer mehr Waſſer herabführten. In den Thälern wurde es aber ſchon luſtig grün, die Gräſer ſproßten, die zeitigſten Frühlingsblümchen hoben ihre bunten Köpf⸗ chen aus der Erde, die Knospen an den Sträuchern und Bäumen fingen an zu ſchwellen. Stürmiſche Lüfte fegten die Nebel hinweg, die immer von meuem aus den Schluchten und Höhlen der Berge empordampften und ſich zu Wolken ballten, am Himmel jagten ſich wunderliche Gebilde, unſichtbar in der Höhe ſchwebten die Lerchen und ließen ihren fröhlichen Geſang er⸗ ſchallen, die Kuppen, welche lange Zeit verhüllt ge⸗ weſen, ragten mit klaren Umriſſen im leuchtenden Blau des Aethers. Wie ſtimmte das Alles der Menſchen Gemüther zu neuer Hoffnung und Freude! Am Fenſter ihres Zimmers ſtand Katharina von Schwarzburg und ſchaute mit hellen Augen den Wolken Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. II. 14 nach, welche der friſche Morgenwind über das Thal der Saale trieb. Auch in Katharina's Seele war neue Hoffnung und Freudigkeit erwacht, wenn ſie ſich auch über den Ausgang des Kriegs, deſſen zweiter Feldzug vorbereitet wurde, keiner Täuſchung hingab. Ihre Hoffnung und Freudigkeit ſtand auf einem feſtern Grunde als dem der irdiſchen Macht. Was kommen ſollte, war eine Schickung des Herrn und mußte wie alle Dinge denen, die ihn liebten und fürchteten, zum Beſten dienen. Nachrichten, die ihr von außen zu⸗ gegangen waren, trugen dazu bei, dieſe gottesfreudige Stimmung zu erhöhen. Graf Günther, der beim Hof⸗ und Heerlager des Kaiſers glücklich angekommen war, hatte ihr die beruhigendſten Mittheilungen über das Verhalten deſſelben gegen die unterworfenen proteſtan⸗ tiſchen Stände gemacht; nirgends war die freie Reli⸗ gionsübung geſtört worden, der Kaiſer ſchien wirklich ſeine frühern Manifeſte unverbrüchlich halten zu wollen. Und wenn er auch nach dem vollſtändigen Siege auf die an ſich preiswürdige Vereinigung beider Religions⸗ parteien in einem gereinigten Glaubensbekenntniß zu⸗ rückkam und der Kampf in Wort und Schrift von neuem entbrannte, ſo mußte doch, wenn beide Theile redlich eine Verſtändigung wollten, zuletzt wenigſtens ein dauernder Glaubensfriede zu Stande kommen. Es war aber nicht dieſe Ueberzeugung allein, welche Katharina's Augen ſo hell in den ſchönen Morgen hin⸗ ausſchauen ließ. Sie hatte auch von ihrer Tochter und deren Gemahl erfreuliche Briefe erhalten, erfreulich nicht blos in Bezug auf das Glück Anaſtaſia's, an welchem die Mutter nie gezweifelt, ſondern auch in Bezug auf die Verhältniſſe zu Kaſſel. Graf Vollrath von Waldeck beſaß das Vertrauen des Landgrafen, er war ſein Geſandter beim Religionsgeſpräch zu Regensburg im vorigen Winter und hier einer der Auditoren geweſen, ihm war auch jetzt Manches bekannt, was Andere nicht wußten, und er nahm keinen Anſtand, der verehrten und geliebten Mutter ſeiner Anaſtaſia davon zu er⸗ zählen. An eine Bundeshülfe durch den Landgrafen war freilich nicht zu denken. Er war von allen Seiten bedroht, ſeiner gräflichen Vaſallen Lippe, Schaumburg, Rittberg beraubt, ſeines eigenen Landesadels, deſſen Vornehmſte ſich zum Kaiſer wandten, nicht mehr ſicher, das Land war erſchöpft, aber dennoch hatte er feierlich erklärt, ſich zu keinem Schritte zu verſtehen, der gegen die Religion oder die Ehre wäre. Die wichtigſte Nach⸗ richt, welche Graf Waldeck ſeiner Schwiegermutter mit⸗ getheilt hatte, war aber die, daß der Landgraf dem Kurfürſten, nachdem dieſer ſeinen Sieg nicht durch eine kräftige Unternehmung benutzt hatte, den Rath ge⸗ 14* geben, ſolange er noch unbeſiegt ſei, einen Vertrag zu ſchließen, auf den der Kaiſer gewiß eingehen werde. Dieſe Ausſicht war es beſonders, welche Katharina mit Hoffnung erfüllte. Welches Elend konnte dadurch dem Vaterlande noch erſpart werden! Ein Geräuſch hinter ihr machte ihr bemerklich daß ſie nicht mehr allein war. Sie wandte ſich um und ſah in die treuen braunen Augen der Magd, die ſie beſonders gern um ſich hatte; einfach, wie ſie war, lehnte ſie oft die Dienſtleiſtungen der Fräulein ab, welche zu ihren Befehlen ſtanden, und ließ ſich perſön⸗ lich lieber, wie eine Bürgerfrau, von minder feinen Händen bedienen.„Was willſt Du, Lisbeth?“ fragte ſie freundlich, da ſie das Mädchen nicht gerufen hatte und dieſes etwas auf dem Herzen zu haben ſchien. „Ich wollt' ſchön bitten, auf einen Tag oder zwei fortgehen zu dürfen“ ſagte die Magd. „Iſt Jemand krank bei Dir?“ fragte die Gräfin theilnehmend. „Bei mir Niemand, ich will auch nicht nach Pau⸗ linzelle gehen“ antwortete Lisbeth.„Auf dem Ehren⸗ ſtein aber iſt die Frau verunglückt, und das Fräulein hat den Kandel gebeten, der juſt oben war, daß er her⸗ gehen möchte, ob ich nicht ein paar Tage abkommen könnte.“ 3 213 „Verunglückt? Frau von Ehrenſtein?“ rief die Gräfin.„Was iſt ihr geſchehen?“ „Das weiß ich nicht“ erwiderte das Mädchen. „Der Kandel wußt' es auch nicht, er war gleich her⸗ gelaufen.“ „Iſt er noch hier? Rufe ihn herein!“ befahl die Herrin.„Du kannſt Dich auf den Weg machen, ſobald Du willſt, der Krämer mag Dich begleiten.“ „Auf den warte ich nicht, ich geh' ſchon allein“, ſagte Lisbeth.„Der will auch weiter nach Orla⸗ münde, hat er geſagt. Ich ruf ihn gleich.“ Im äußerſten Vorzimmer harrte der Krämer auf Beſcheid, er wollte auch gern hören, warum das Fräulein durch⸗ aus die Lisbeth haben wollte, da ſie doch andere Mägde hatte und die Lisbeth gewiß nicht auf lange abkommen konnte. Das fragte er auch, ſobald ſie aus dem Gemach der Gräfin kam, und als er keinen Be⸗ ſcheid erhielt, wollte er ſie durchaus nach dem Ehren⸗ ſtein begleiten, ſein Geſchäft in Orlamünde könne warten. Sie hieß ihn aber dem Befehle der Frau Gräfin gehorchen und ermahnte ihn noch, ſie nicht etwa zu belügen, ſondern es ehrlich zu ſagen, wenn er nicht wiſſe, was auf dem Ehrenſtein geſchehen ſei. „Wie werd' ich denn das nicht wiſſen?“ entgegnete er, die ihm halb Zugeſagte verliebt anlächelnd.„Gibſt 214 Du mir ein Herzeküßchen, ſo ſollſt Du's auch gleich erfahren.“ Er nahte ihr ſchon mit geſpitztem Munde. Sie hob aber ihre kleine harte Hand, um ſich in wehrhaften Stand zu ſetzen, und er wollte doch den äußerſten Folgen ſeiner Zärtlichkeit nicht begegnen. „Nun, ich erzähle Dir's unterwegs! Warte auf mich! Die Audienz wird ja nicht ewig dauern.“ Er verließ ſie, da ſchon ein Diener aus dem nächſten Gemach, das nach dem Zimmer der Gräfin führte, ihn zu rufen kam. Lisbeth dachte aber nicht entfernt daran, auf“ ihn zu warten, ſondern hatte in wenig Minuten ſchon zuſammengerafft, was ſie etwa für eine kurze Abweſen⸗ heit brauchte, und trat ihre Wanderung an, ehe er noch von der Gräfin entlaſſen war. Daß er ſie mit ſeinem Kaſten auf dem Rücken nicht einholte, dafür wollte ſie ſchon ſorgen. „Nun, Kandel“ redete ihn die Gräfin an, als er mit tiefen Verbeugungen eintrat und an der Thür ſtehen blieb,„was iſt der guten Frau von Ehrenſtein be⸗ gegnet? Du haſt geſagt, ſie ſei verunglückt.“ „Sie hat einen grauſamen Fall gethan“ erwiderte der Krämer. „Und das Fräulein hat Dich hieher nach der Lis⸗ beth geſchickt?“ fragte die Gräfin, in deren Mienen ein lebhaftes Bedauern über den Unfall der alten N A 21¹5 würdigen Frau zu leſen war.„Was kann die aber helfen? Mutter Anne wäre beſſer!“ „Die wird ſchon auch geholt ſein, gräfliche Gnaden. Die Lisbeth ſollte doch auf den Ehrenſtein ziehen, weil das Fräulein ein abſonderliches Wohlgefallen an ihr gefunden hatte; nun ging das aber nicht, weil ſie ſchon allhier bei Euer Gnaden Schloßgeſind durch ihre Muhme verdungen war. Jetzt—“ „Schon gut, Kandel!“ unterbrach ihn die Gräfin. „Das Fräulein wird Dir ihren Grund nicht geſagt haben. Weißt Du etwas Näheres über den Fall der armen Frau von Ehrenſtein? Haſt Du das Fräulein ſelbſt geſprochen?“ „Ja, gräfliche Gnaden. Ich wollte oben einmal wieder anfragen, da begegnete ich draußen den beiden Junkern mit dem abſcheulichen Hunde, der mich wieder anfiel; ich fürchtete mich aber nicht und wies ihn ab. Inzwiſchen kam das Fräulein dazu, rief den Hund ab und ſchalt die Junker und ſagte mir, daß heute nichts für mich zu machen ſei, weil die geſtrenge Frau ſich ſchier zu Tod gefallen habe, im Schreck über ihren Herrn, der mit ſeinem Zottel geſtürzt, unten beim Dorfe, wie er einem, den er gern hat ſprechen oder fangen wollen, nachgejagt iſt. Wer das geweſen, das hat mir das Fräulein nicht geſagt, ich bin ihm aber nachher 216 ſelbſt begegnet. Eure gräfliche Gnaden kennt ihn auch, es iſt der, dem vor Jahr und Tag hier nachgeſetzt wurde, jetzt kann er ſich aber frei ſehen laſſen, denn er hat Frieden von ſeinem Herrn und iſt ein Bote von ihm, ich glaube gar an den Kaiſer, der ſchon bei ſtehen ſoll. Gott behüt' uns! Die Sachſen— „Laß dieſe Dinge!“ ſchnitt ihm die Gräfin ſeine Rede ab.„Ich fragte Dich nach der Frau von Ehren⸗ ſtein. Das Fräulein hat Dich alſo hieher geſchickt?“ „Sie fragte, wo ich hin wolle, und als ich ihr Be⸗ ſcheid gab, trug ſie mir auf, Eure gräfliche Gnaden in ihrem Namen um Urlaub für die Lisbeth zu bitten. Warum, das hat ſie mir nicht geſagt. Aber ich kann mir's wohl denken. Der Freier, den ſie abgewieſen hat— es ſollt's Niemand wiſſen, aber ſo etwas erfährt man doch, abſonderlich wenn mam ſelber eine hat, die darum weiß— nun alſo der Freier war doch wieder ein⸗ mal oben geweſen— ich kenne ihn, ein Junker von Fehde aus Eurer gräflichen Gnaden Land Henneberg“ Die Gräfin kannte das Geſchlecht, aber ſie winkte dem Krämer zu ſchweigen, da ſie an ſeinen Neuigkeiten, die er faſt noch lieber als ſeine Waaren auspackte, kein Gefallen hatte. Sie wußte nun, was der Frau von Ehrenſtein widerfahren war; der Sturz des alten — 1 217 Herrn hatte wohl keine üblen Folgen gehabt, da ſonſt auch von ihm mehr geſprochen worden wäre; die Ver⸗ muthungen des Krämers über den Grund, welchen das Fräulein von Rettleben gehabt, ſich die Müllerstochter von Paulinzelle zu erbitten, konnten ihr gleichgültig ſein, und wenn ſie auch von der Erwähnung des Menſchen, von dem ſie mehr wußte als der Arnſtädter Krämer, befremdet war, ſo mochte ſie doch nicht weiter nach ihm fragen. Sie durfte hoffen, durch Adelheid Alles zu er⸗ fahren, was ſie intereſſirte, denn in der kurzen Zeit, welche dieſe, um der Begegnung mit dem Landgrafen zu entgehen, bei ihr auf der Heidecksburg geweſen, hatte ſie ihr ganzes Herz gewonnen, mehr noch, wie Adelheid ihr ſelbſt geſtanden, als die ſo gütige Frau von Ehrenſtein, welche doch ihre Verwandte war; um deswillen mehr, ſo glaubte wenigſtens Katharina, weil zwiſchen ihnen kein ſolcher Unterſchied des Alters ſtatt⸗ fand als zwiſchen Adelheid und der hochbetagten Matrone. Der Krämer wurde denn entlaſſen. Er hörte, daß die Gräfin das Geſuch des Fräuleins ſchon be⸗ willigt habe, als er aber draußen nach Lisbeth ſich umſah und fragte, um an ihrer Seite angenehm durch den Wald die zwei Stunden zum Ehrenſtein zu ſchlen⸗ dern und wo möglich doch ihr Jawort endlich unter vier Augen zu gewinnen, vernahm er mit großem ———— —— 218 Verdruß, daß ſie längſt fort ſei. Er konnte nicht hoffen, ſie auf ihren jungen flinken Beinen einzuholen, ſetzte alſo ſchmollend ſeinen Weg nach Orlamünde fort, wo er bei dem geweſenen Abt des Wilhelmitenkloſters Ellinger, dem der Kurfürſt bei ſeiner Verheirathung des aufmunternden Beiſpiels wegen die Einkünfte ſeines aufgehobenen Kloſters geſchenkt hatte, immer einen guten Abſatz fand. Es war die Abſicht der Gräfin Katharina geweſen, die Verwandten in Arnſtadt morgen einmal wieder zu beſuchen; die Nachricht von dem Unglücksfall der alten Frau von Ehrenſtein bewog ſie, noch heute zu fahren und ſich unterwegs nach dem Befinden der Leidenden zu erkundigen. Vielleicht trugen auch die weitern An⸗ deutungen Kandel's, auf welche ſie ſich nicht mit ihm eingelaſſen hatte, dazu bei. Sie nahm ihre beiden Töchter mit, welche ihre Couſinen ſehr lieb gewonnen und mit den jüngſten, obſchon dieſe nur ſieben und ſechs Jahre alt waren, gern ſpielten. In dieſer fröh⸗ lichen Erwartung plauderten die Mädchen im Wagen viel, die Hofmeiſterin bemerkte aber wohl, daß die Gräfin immer ernſter wurde, und geſtattete ſich zuletzt eine Frage. Es war eine hingeworfene Aeußerung des Krämers, welche Katharina nicht verloren gegangen war und ſie nach der kurzen Ablenkung ihrer Gedanken — ———— 2¹9 auf nähere und perſönliche Beziehungen wieder beſchäf⸗ tigte: der Kaiſer ſollte ſchon in Bamberg ſtehen. Wohl konnte es erwartet werden, daß er ſeinem Bruder in der Bedrängniß zu Hülfe kommen und den Krieg in Norddeutſchland nach deſſen unglücklicher Wendung gegen ſeine Vorkämpfer, Herzog Moritz und Markgraf Albrecht, mit ſeiner ganzen Macht aufnehmen werde. Aber daß er, der noch vor kurzem krank in Schwaben gelegen hatte, jetzt ſchon bis Bamberg vorgedrungen ſein ſolle, ſchien faſt unmöglich; es war gewiß eine von den vielen falſchen Rachrichten, welche der Krämer, um ſich eine Wichtigkeit beizulegen, bei ſeinen Wan⸗ derungen aus unbeſtimmten Gerüchten verbreitete. In Wahrheit hatte Kaiſer Karl allerdings Bamberg nicht erreicht und kam auch gar nicht dorthin, wohl aber war er zu Nürnberg und richtete ſeinen Marſch durch die Oberpfalz auf geradem Wege, das Fichtelgebirge zur Seite laſſend, nach Eger, wo König Ferdinand mit ſeiner geringen Schaar eine abwartende Stellung ge⸗ nommen und der Herzog Auguſt von Sachſen, Moritz' Bruder, ihm die ſchwere ſächſiſche Reiterei zugeführt hatte. Von allen Bewegungen der beiden Parteien war in Thüringen noch nichts Näheres bekannt, Katharina wußte nur, daß ſich Entſcheidungen vorbereiteten, und war, als ſie wieder daran dachte, durch die ſorgloſe Heiterkeit ihrer nichts ahnenden Kinder wehmüthig ge⸗ ſtimmt worden. Die Frage der treuen Frau, welcher ſie die beſondere Obhut ihrer Töchter anvertraut hatte, ſtählte ſie jedoch wieder, ſie fühlte, daß ſie ſich nicht weichen Gefühlen hingeben dürfe, wo die Ereigniſſe vielleicht bald ihre ganze Seelenkraft in Anſpruch nah⸗ men. Freundlich beantwortete ſie die Frage der Hof⸗ meiſterin, der Wahrheit gemäß, aber doch nur im All⸗ gemeinen, und ſetzte zugleich hinzu:„Alles ſteht in Gottes Hand! Wir wollen thun, was an uns iſt, und den Ausgang ihm anheimſtellen.“ Auf dem Ehrenſtein war im Hofe große Bewegung, als der Wagen der Gräfin von Schwarzburg unan⸗ gemeldet einfuhr. Das Geſinde lief eben zuſammen, man hörte laute Stimmen durcheinander, Alles ſtürzte nach einem Punkte hin, wo ſich ein Knäuel von Men⸗ ſchen bildete. Auf einen Wink der Gräfin ſprengte der berittene Diener, der ihren Wagen begleitete, voraus, ſich nach der Urſache des Zuſammenlaufs zu erkun⸗ digen. Er ſah in der Mitte des Kreiſes einen großen Wolfshund im Todeskampfe liegen. Die Leute hatten einen weiten Ring um ihn gebildet, Alles war jetzt ſtill und nur flüſternd theilten ſie ſich ihre Bemerkungen mit. Der gräfliche Diener wandte verächtlich ſein Pferd ————— S 6 ————————— — ——— 2 S und jagte zum Wagen ſeiner Herrin zurück, der mitt⸗ lerweile am Wohnhauſe vorgefahren war.„Es iſt nur ein Hund!“ meldete er lachend. In der Thür des Hauſes erſchien jetzt mit freudig verwundertem Geſicht das junge Mädchen, das heute erſt von der Gräfin Urlaub genommen hatte und nicht längſt hier angekommen war.„Wie geht es der Frau?“ fragte Katharina, als ſie ihr ſchnell beim Aus⸗ ſteigen half. „Der fehlt nichts! Aber der Herr iſt ſchwer ge⸗ ſtürzt!“ antwortete Lisbeth etwas zerſtreut, da ſie den Menſchenknäuel im Hofe bemerkte und vor Ungeduld brannte, zu ſehen, was es dort gab. „Wo iſt das Fräulein?“ fragte die Gräfin nur noch, Lisbeth wurde aber der Antwort überhoben, denn Adelheid trat ſelbſt aus der Pforte und eilte der Gräfin entgegen. Sie konnte ihr nun Alles ſelbſt ſagen, was ſie dem Papier anvertraut hatte. Auch ſie warf einen verwunderten Blick nach der gedrängten Gruppe, in deren Mitte ſich etwas Beſonderes zu⸗ tragen mußte, aber die Ankunft der theuren, innig verehrten Frau ließ ſie nichts Anderm ihre Aufmerk⸗ ſamkeit ſchenken. Sie küßte ihr die Hand und wurde von den jungen Schweſtern, welche ſie ſehr lieb ge⸗ wonnen hatten, herzlich begrüßt. „Iſt Euer Oheim ſchwer verletzt?“ fragte die Gräfin mit großem Antheil. „Ach, ſehr ſchwer, wie ich fürchte!“ antwortete Adel⸗ heid traurig.„Um meinetwillen!“ wollte ſie hinzu⸗ ſetzen, aber ſie unterdrückte das Wort, das ſie in Gegenwart der Hofmeiſterin bereut hätte, noch zu rechter Zeit und ſagte:„Um einen Menſchen einzu⸗ holen, der vor ihm auswich, muthete er ſeinem Pferd wohl zu viel zu, es iſt auch alt, und ſtürzte mit ihm! Welch ein Troſt für meine arme Tante wird es ſein, Euch zu ſehen!“ Katharina verſparte ſich alle Fragen, welche ſie noch hatte, auf ungeſtörte Beſprechung und wollte mit Adelheid in das Haus eintreten, als dieſe noch einen Blick auf die Menſchengruppe warf, die ſich noch nicht aufgelöſt hatte. Da kam Lisbeth, die ihrer Neugierde nicht hatte widerſtehen können, von dort zurückgelaufen.„Der Hund iſt vergiftet!“ rief ſie ſchon von weitem. Der Gräfin machte das einen unangenehmen, aber natürlich keinen wichtigern Ein⸗ druck, deſto mehr ſchien Adelheid von dem Zuruf des Mädchens ergriffen. Hatte. das Thier etwa beſonders geliebt? „Das gilt miv!“ klang es im erſten Gefühl faſt unhörbar von ihren Lippen, aber die Gräfin hatte es 223 doch verſtanden und faßte betroffen ihre Hand. Adel⸗ heid's Augen richteten ſich mit einem räthſelhaften flehenden Blick auf ſie— was hatte das Alles zu bedeuten? „Gräfliche Gnaden, das arme Thier iſt vergiftet, Mutter Anne ſagt es auch!“ rief Lisbeth, welche un⸗ terdeſſen herangekommen war.„Das hat kein An⸗ derer gethan als der ſchändliche Kandel, weil der Hund nimmer leiden wollte, daß er ins Schloß kam. Geſtern Abend noch hat er ihn fortgeſcheucht. Alle Leute ſagen, daß der Kandel es geweſen iſt, der ihm einen vergifteten Biſſen eingegeben hat. Er ſoll ſich nur wieder ſehen laſſen— hier oder bei uns!“ „Beruhige Dich, Kind!“ ſagte die Gräfin zu dem Mädchen, das in großer Aufregung war.„Dem Kandel geſchieht gewiß Unrecht. Kommt, meine Adelheid, ich muß Frau von Ehrenſtein über den armen Voalentin fragen, wir ſprechen dann mehr! Die jungen Gräfinnen zögerten; ſie wären nach Mädchenart, die ſich von geheimnißvoll ſchrecklichen Dingen eher angezogen als abgeſtoßen fühlt, am liebſten mit Lisbeth zu den Menſchen hingegangen, unter denen es jetzt in Meinungsſtreit lauter wurde, aber ein freundlicher Blick der Hofmeiſterin belehrte ſie eines Beſſern und ſie folgten der Mutter, welche 224 mit Adelheid von Rettleben ſchon in das Schloß ge⸗ treten war. „Dem Kandel geſchieht Unrecht, gnädige Frau“, ſagte Adelheid leiſe und bang zu der Gräfin.„Ihr habt wahr geſprochen. Dieſen Mord an dem treuen Thiere hat eine ganz andere Hand begangen.“ Ende des zweiten Bandes. Druck von Bär 4 Hermann in Leipzig. 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