——5 — S —— —— —— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und geſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezah t. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprech ende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 4 Bücher 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1F 87 2 Mk.— f. „ 2— 1 4— Auswärtige bonhenten haben für Hin⸗ und Zurückſe endung der, B ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupſern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ie haben. B 1 ſe Katharina von Schwarzburg. Hiſtoriſcher Roman von Bernd von Guſeck. Erſter Band. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1868. 65 Erſtes Kapitel. An der Kirchenſchwelle. Die Nacht war lau und ſtill, eine mondhelle Sommernacht. Keine Wolke trübte den dämmernden Himmel, an welchem der Vollmond die ſchwächern Sterne erbleichen ließ während er ſelbſt groß und ruhig, wie ein Fürſt im Bewußtſein der Macht, ſeine erhabene Bahn dahinzog. In der Natur herrſchte feierliches Schweigen, kein Wind rauſchte in den Bäumen, welche die Kuppen und Abhänge der Berge bedeckten, kaum daß ein Lufthauch, aus verborgener Schlucht wehend, von Zeit zu Zeit die Blätter der unbewegten Zweige hob und ein leiſes Flüſtern, wie Geiſtergelispel, im Laube weckte. Eine zauberiſche Beleuchtung im ſchönen Thale! Die Mondſtrahlen flimmerten auf den goldenen Kreuzen der Kloſterkirche, ſie drangen in die hohen Glasfenſter, ſodaß ſich das 1 Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. —ß — —.——— ² — —— 2 Gotteshaus wie zu einem heiligen Feſte erleuchtet aus⸗ nahm; daneben ragte die dunkle Steinmaſſe des Kloſters, deren Schatten die kleinern Gebäude, die zu ihm ge⸗ hörten, verbarg; Bäume und Büſche drängten ſich drüben im Wechſelſpiel von Licht und Dunkel zu ſelt⸗ ſamen phantaſtiſchen Bildungen— das war der Kloſter⸗ garten. Weiter hinab in der Thalſenkung lag ein grellweißes Haus, das mußte wohl neu erbaut ſein, ein weltlicher Eindringling inmitten der abgeſchloſſenen Welt. Mitternacht war vorüber; kein Glockenſchlag hatte die Stunde verkündigt, kein frommer Glockenton ſollte je wieder von jenem Thurme die Gläubigen zum Dienſte des Herrn rufen! Auf einem Vorſprunge des nächſten Berghanges ſaß, vom Mondlicht hell be⸗ ſchienen, zu dieſer nächtlichen Stunde ein einſamer Mann. Er hatte den Kopf in die Hand geſtützt und ſchaute auf die wunderbar ſchöne Landſchaft. Aber ſie weckte in ihm nicht jenes ſüße träumeriſche Be⸗ hagen, das eine Mondſcheinnacht in anmuthiger Um⸗ gebung wohl zu erregen vermag, die Bruſt des Ein⸗ ſamen hob ſich nicht mit dem tiefen Aufathmen ſanfter Befriedigung, ſondern mit ſchweren, ſchmerzlichen Seuf⸗ zern und der Mondſtrahl zitterte in den Thränen, welche unbewußt, Perle auf Perle, ſeinem Auge ent⸗ = — 3 rollten. Jetzt ließ er ſein Haupt ſinken und verhüllte das Antlit mit der Hand. So ſaß er noch eine lange Weile, dann richtete er ſich auf und ſah wie aus einem Traume erwacht umher, dann griff er zu dem breit⸗ randigen Hut und dem Wanderſtabe, welche neben ihm lagen, und wollte eben die Stätte verlaſſen, als er, nicht weit entfernt, ein heiſeres Huſten vernahm, das ſich in kurzen Pauſen näher und näher kommend wieder⸗ holte. Wer trieb hier ſein Weſen zu dieſer Stunde, wo die Menſchen im tiefen Schlafe lagen und nur ſolche, die beim hellen Tageslicht ihr Geſicht oder ihr Thun nicht zeigen durften, unter dem Schleier der Nacht umhergingen? Der Mann, der ſo lange auf dem Vorſprunge geſeſſen hatte, trat in das Gebüſch, um dem Nahenden auszuweichen, denn auf dem ein⸗ zigen Pfade, der zu dieſer Stelle und wieder von hinnen führte, hätte er ihm ſonſt begegnen müſſen. Jetzt huſtete es ſchon ganz nahe, ſtärker und keuchender als zuvor, und gleich darauf trat eine gebückte, aber große Geſtalt anf den monderhellten Platz. Es war ein Weib mit einem Handkorbe am Arme. Langſam richtete es den Kopf in die Höhe, ohne ſeine gebückte Haltung zu verändern, blickte flüchtig rechts und links in das Thal und eine Weile ſtetig zur Seite, gleichſam witternd, als ſpüre es die Nähe eines Fremden, dann 1* 4 ſah es zum klaren Himmel empor und der Verborgene konnte nun das Geſicht im Mondſchein deutlich erkennen. Er zuckte mit der Hand nach der Bruſt— kannte er die Frau oder machte dies ſtark ausgeprägte Geſicht auf ihn einen beſondern Eindruck? Sie bückte ſich jetzt wieder und tiefer als zuvor, ſie ſchien am Boden etwas zu ſuchen und kniete endlich mit einer raſchen Bewegung nieder. Da trat er aus dem Gebüſch.„Mutter Anne!“ ſagte er mit gedämpfter Stimme. Sie erſchrak und fuhr empor, ſie wandte dem Störer ein zorniges Antlit zu.„Was will Er hier?“ rief ſie.„Wer iſt Er? Was hat Er hier zu ſuchen und zu ſprechen, daß mir die ganze Nacht, der ganze Vollmond verloren geht? Ich kenne Ihn nicht; was will Er von mir?“ „Sie kennt mich wohl, Mutter Anne“, entgegnete er, indem er ihr näher trat und das lange ſchwarze Haar von den Schläfen zurückſtrich. Sie blickte in ein ſchönes männliches Geſicht, in ein dunkles, glühendes Augenpaar.„Ach du mein gnädiger Herrgott!“ rief ſie, die Hände zuſammenſchlagend. „Still, wenn Du mich jetzt erkennſt, Anne!“ ſprach er.„Nenne den Namen nicht, der hier nicht mehr ge⸗ nannt werden darf, nicht den Namen“— er ſtreckte den 1 14 75 Arm in der Richtung aus, wo unten das Kloſter lag —„und auch nicht den andern, der mir geraubt wor⸗ den iſt!“ „Aber was wollt Ihr hier?“ fragte die Frau dringend.„In Verkleidung! Wenn ſie Euch heraus⸗ ſpüren!“ „Ich trage keine Verkleidung; darin können ſie mir nichts anhaben“, erwiderte er.„Sage mir aber, was haben ſie aus dem Heiligthume gemacht? Iſt es zum Götzendienſt entweiht?“ „O redet doch nicht ſo abſcheulich!“ entgegnete ſie. „Zum Götzendienſt! Sind unſere gnädigen Herren, ſind das ganze Land und alle Thüringer Götzendiener ge⸗ worden? Wir dienen Gott dem Herrn beſſer als Shr „Die Kirche iſt alſo auch lutheriſch geworden?“ rief der Mann im Ton bitterer Klage. „Es wird kein Gottesdienſt mehr darin gehalten, ſeit das Kloſter leer ſteht; wer ſollte herkommen zur Kirche?“ erwiderte ſie.„In Solsdorf und Milwitz haben ſie ihre Prediger und die Leute oben gehen nach Königſee oder drüben nach Ilm. Eure Kirche ſteht leer und iſt verſchloſſen.“ „Gott ſei Dank!“ klang es zur Antwort.„Weißt Du etwas von Arnſtadt?“ „Da komme ich nicht mehr hin“, erwiderte ſie kurz. „Die Gräfin iſt natürlich auch lutheriſch wie alle! Doch das ſind eitle Fragen! Läßt ſich's der Graf noch wohl ſein?“ „Wenn Ihr den Grafen Heinrich meint, der iſt todt“, erwiderte die Alte. „Todt!“ rief er mit einem Aufſchrei und verſtummte dann. „Wo ſeid Ihr denn geweſen, daß Ihr das gar nicht erfahren habt?“ fragte Frau Anne verwundert. Er gab keine Antwort, ſeine Augen hafteten am Boden; die Alte bemerkte, daß der Stab in ſeiner Hand zitterte. „Ich ſoll Euch nicht Pater Ambroſius nennen und Junker Friedeburg auch nicht“ ſagte ſie,„wie heißt Ihr denn jetzt? Wo ſeid Ihr geweſen in den letzten Jahren, ſeit Ihr aus Paulinzelle fortgezogen ſeid? Ihr wißt ja, die Kräuter⸗Anne hat's immer gut mit Euch gemeint! Sagt mir, was Ihr vorhabt; ich bin nur ein altes dummes Weib, aber ich kann Euch doch vielleicht einen Fingerzeig geben.“ „Du biſt mir gut, das weiß ich, und kein dummes Weib, ich hätte Dir nur immer folgen ſollen, Anne. Das iſt aber nun zu ſpät und Du kannſt mir nicht 7 mehr helfen. Fortgezogen aus Paulinzelle, ſagſt Du? Vertrieben ſind wir, mit Gewalt vertrieben, hinausge⸗ ſtoßen in die Welt, eine Beute des böſen Feindes! Sei ſtill, Frau! Ich bin der Junker Günther nicht mehr, dem Du auf der Friedeburg Märchen erzählt haſt, auch Pater Ambroſius von Paulinzelle nicht mehr, denn unſer eigener Oberhirt von Mainz hat unſere Kloſtergelübde aufgelöſt und uns wieder der Welt über⸗ geben, der Welt und dem Satan!“ „Gott ſei bei uns!“ rief die alte Frau.„Sprecht doch nicht ſo ſündlich!“ „Nicht der eheliche Sohn eines Grafen von Schwarz⸗ burg bin ich mehr“ fuhr der Mann fort,„ſondern nur noch meiner Mutter Sohn, der Sohn der armen Frei⸗ berger Spinnerin. Der wird ſich nun ſchon durch die Welt ſchlagen. Wann iſt Graf Heinrich in Arnſtadt geſtorben?“ „Vor ſieben Jahren ſchon“ erwiderte Anne.„Er liegt in der Frauenkirche bei ſeiner ſchönen Mutter be⸗ graben.“ „Und die Gräfin? Wohnt ſie noch in Arnſtadt?“ fragte Günther. „Beileibe! Die Lande hat nun alle der Sonders⸗ häuſer, darum nennen ſie ihn auch Günther mit dem fetten Maule. Blos in Leutenberg ſitzen noch Vettern — aber das wißt Ihr ja beſſer, wer auf der Friede⸗ burg hauſt.“ „Das weiß ich!“ erwiderte Günther.„Die Gräfin Katharina aber? Iſt ſie heimgekehrt nach Henneberg?“ „Ach! Das wär' ja eine Schande für das Schwarz⸗ burger Land! Wird ſie nicht ein Witthum haben? In Rudolſtadt auf der Heidecksburg wohnt ſie und Blankenburg gehört ihr auch, da kann ſie ſich's ſchon gefallen laſſen.“ Er ſagte nichts mehr, ſondern ſetzte ſeinen Hut auf und reichte der alten Frau die Hand. „Wo wollt Ihr denn hin in der Nacht?“ fragte ſie beſorgt. „Wo willſt Du denn hin in der Nacht?“ wies er ihre Frage durch die gleiche ab. „Ich habe Kräuter geſucht, heilſame Kräuter, die müſſen bei Vollmond gepflückt werden um Mitternacht und keine Menſchenſtimme darf dabei zu hören ſein. Das habt Ihr mir zunichte gemacht, aber Ihr konntet's nicht wiſſen. Nun geh' ich wieder hinauf über die ſchöne Eiche. Wollt Ihr nach Ilm? Das Thor iſt geſperrt.“ „Mein Weg liegt da hinab“, erwiderte er, indem er in das Thal zeigte, wo das Kloſter mit ſeiner prächtigen Kirche ſtand.„Was iſt das für ein Haus dort? fragte er noch.„Das weiße da— ich kenne es nicht.“ „Das iſt auch erſt gebaut“, antwortete Anne.„Ein fremder Müller iſt hier angezogen.“ „Du wohnſt noch in Deinem Häuschen?“ fragte er. Sie bejahte es und er verließ ſie, ohne ihr Er⸗ bieten, daß ſie ein Stück mit ihm gehen und ihm einen bequemern Pfad in das Thal zeigen wolle, zu be⸗ achten. Sie blickte ihm nach, wie er im Gebüſch ver⸗ ſchwand, und ſchüttelte dann traurig den Kopf.„Was will das werden?“ ſeufzte ſie.„Warum iſt er wieder ins Land gekommen?“ Sie muſterte den kleinen Vor⸗ rath von guten Kräutern, den ſie bereits auf ihrem mitternächtlichen Gange gepflückt hatte, ehe die Störung eingetreten war. Der Segen war nun von dem Werke genommen, ſie mußte heimkehren und konnte auf ihrem weiten Gange an nichts Anderes denken als an die Heimkehr des Junkers Günther, der im Kloſter den Namen Pater Ambroſius geführt hatte. So jung war er Mönch geworden! Und nun, wie er ſagte, war er es nicht mehr, der Erzbiſchof hatte den Mönchen, welche Paulinzelle verlaſſen mußten, ihre Kloſterge⸗ lübde zurückgegeben. Warum ſie nicht lieber in ein anderes Kloſter genommen? In Erfurt gab es ja ſo viele! Dieſe Frage drängte ſich ſelbſt der einfachen Frau auf und ſie beantwortete ſich das: es mochte wohl der eigene Wunſch der Ordensgeiſtlichen geweſen 10 ſein, wie ſehr ſie ſich auch geſträubt hatten, ihr ſchönes reiches Kloſter, wo ſie herrlich und in Freuden gelebt, zu verlaſſen. Auf dem Wald, wie das Thüringer Volk kurzweg ſein Gebirge nennt, wußte man von den geiſtlichen Herrn in Paulinzelle gar viel zu erzählen; beſaßen ſie doch von langer Zeit her einen Ablaß, den ihnen der Papſt verliehen, und wenn ſie andere arme Sünder im Lande damit begnadigten, konnten ſie ja doch auch für ſich ſelbſt davon Gebrauch machen. Nun ſie endlich von dem Grafen gezwungen worden waren, auszuwandern, hatten ſie wohl nicht Luſt gehabt, ſich in andere Klöſter vertheilen zu laſſen und nach ſtrenger Ordensregel zu leben, darum hatten ſie gewiß gern ihr Kloſtergelübde vom Erzbiſchof zurück⸗ genommen. Auf Junker Günther hatte das aber Alles keine Anwendung. Der war nicht ins Kloſter ge⸗ gangen, um dort wie die andern zu leben, dazu war er noch viel zu jung und feurig nach mannhaften Thaten, alſo konnte es nur aus Frömmigkeit geſchehen ſein, und daß er nicht zufrieden war, der Welt zurück⸗ gegeben zu ſein, das hatte er ja heute deutlich ausge⸗ ſprochen. Frau Anne war keineswegs, wie ſie ſich ſelbſt genannt hatte, ein dummes Weib, ſie hatte Ver⸗ ſtand genug und kam viel herum im Lande, denn wo ſie einmal auf einem Edelhofe mit ihren Kräutern ge⸗ „ 11 holfen hatte, da war ſie immer den Nachbarn und Sippen empfohlen worden; ſelbſt die gefürſtete Frau Gräfin in Arnſtadt hatte für eins ihrer Kinder, das der Medicus ſchon aufgegeben, die Hülfe der klugen Frau von Horba geſucht und ſie in ihr Schloß holen laſſen, zum Glück ihres Mutterherzens, denn was der Arzt mit all ſeiner Gelahrtheit nicht vermocht, das hatte die arme Bauerfrau mit einem Kräutertränklein zu Wege gebracht. Wie ſie das gräfliche Fräulein, das nun bald eine Gräfin von Waldeck werden ſollte, vom Tode gerettet hatte, ſo war ſie auch auf dem kleinen Schloß, wo Graf Heinrich in glücklichſter Ehe mit ſeiner Bürgerstochter von Freiberg lebte, wie eine Retterin erſchienen: Junker Günther, von ſchwerer Kinder⸗ krankheit befallen, verdankte ihr ſein Leben, wenn er es jetzt auch wohl vergeſſen hatte! Sie aber vergaß Keinen, dem ſie einmal Hülfe gebracht, und es war, als müſſe ſie alle zeitlebens lieb haben, diejenigen am meiſten, die dem Tode recht nahe geweſen waren. So Junker Günther. Als er herangewachſen war und ſich eine Zeit lang draußen etwas verſucht hatte, war ſie oft ohne ein Geſchäft zu ſeiner Mutter gegangen, um von ihm zu hören; dann, als ſeine Aeltern geſtorben und er bei ſeinem Oheim geweſen war, mehr und länger, als ihm gut, da hatte ſie, ohne daß ihr Jemand einen Wink gegeben, wohl das Unglück geahnt, das über ihn gekommen war, und darum den Tag geſegnet, der ihn den Frieden in der ſtillen Kloſterzelle ſuchen ließ. Sie mußte heute, als ſie langſam den Berg hinaufſtieg, ſo lebhaft an die alte Zeit denken und war traurig, wenn ſie ſich zurückrief, was Günther jetzt geſprochen hatte. Er war ſo lange in der Fremde geweſen, welche Schickſale mußte er erlebt haben, welche ſtanden ihm noch bevor! Unterdeſſen war Günther in die Nähe des Kloſters gelangt. Er wußte wohl am beſten, ob es immer eine Stätte der Gottſeligkeit geweſen, ob er den Frieden, den er in den heiligen Mauern geſucht, darin gefun⸗ den hatte. Aber was er auch hier an ſchlimmer Ent⸗ täuſchung erlebt haben mochte, der Glaube, in dem er getauft und erzogen worden war, hatte dadurch nichts an ſeiner Kraft verloren, und das Gefühl, mit welchem er einſt dieſe Mauern, der Gewalt weichend, mit den Brüdern verlaſſen hatte, war heute, als er von der Waldhöhe das Kloſter zuerſt wieder erblickt, mit er⸗ neuter Bitterkeit in ihm erwacht. Nicht ſeinem eigenen Schickſal hatten die Thränen gegolten, welche er droben auf ſeinem einſamen Sitze geweint hatte, ſondern der grauſamen Gewaltthat, durch welche das Heilig⸗ thum ſeiner Kirche entriſſen worden war. In den 13 Kloſtergebäuden hauſten nun wohl die Diener der weltlichen Macht, die ſich der reichen Beute verſichert hatte, da mochten ſich jetzt Vogt und Amtmann, Rent⸗ meiſter und Forſtwart breit und laut machen— die Kirche des Herrn war der Meſſe auf ewig verſchloſſen! Mit unſichern Schritten, als ginge er ſelbſt auf böſen Wegen, nahte ſich Günther dem erhabenen Gotteshauſe, das in ſeiner ganzen Herrlichkeit vom Monde beleuchtet vor ihm lag. In der Fremde, wo er ſo lange ver⸗ weilt, hatte er manches Meiſterwerk kirchlicher Bau⸗ kunſt geſehen, in manchem prächtigen Dome des Südens gebetet, aber ihm war zu dieſer Stunde, als könne ſich keiner mit dieſer Kirche ſeiner Heimatlandes meſſen. Sie iſt nun längſt verfallen. Die mächti⸗ gen Säulen im einſtigen Mittelſchiff ragen in den leeren Himmel hinauf, ſie tragen kein Gewölbe mehr, auf den Mauern ſind hohe Bäume emporgewachſen, nur ein Thurm ohne Spitze ſteht noch wohl erhalten gen Mittag, die andern ſind ſpurlos verſchwunden, die ſchönen Fresken über dem großartigen Portale und den Bogen zu den Seitenkapellen ſind unerkennbar er⸗ loſchen, die Grabſteine der alten Aebte verſunken, mit Moos bedeckt und verwittert, aber noch heute machen die Ruinen von Paulinzelle, die ſchönſten in ganz Thüringen, den erhabenſten Eindruck, dreihundert Jahre 14 und mehr, nachdem die Kirche verödet und dem Verfall überlaſſen war. Damals ſtand das impoſante Bauwerk byzantiniſchen Stils in ſeiner Kreuzesform mit ſeinen vier Thürmen noch unverſehrt. Günther blieb einen Augenblick ſtehen und hob die gefalteten Hände zum Nachthimmel empor, als wolle er den ſtarken und eifrigen Gott an⸗ rufen, den Frevel, der an ſeinem Heiligthum begangen worden, zu rächen. Dann trat er in die Vorhalle zu dem großen ſteinernen Becken, das jetzt leer war; er ſegnete ſich Stirn, Mund und Bruſt mit dem Zeichen des Heils und kniete auf der Schwelle zu dem ver⸗ ſchloſſenen Portale nieder, um inbrünſtig zu beten. Die Macht des Gebets bewährte ſich an ihm auch zu dieſer Stunde, und als er daſſelbe beendigt hatte, legte er ſich auf die Schwelle zum Schlafen nieder. Wo konnte er beſſer gebettet ſein! Ueber den Bergen, wo das Thal des Rinnebachs zu dem der unfernen Schwarza ſich ſenkt, dämmerte nach der kurzen Sommernacht der Morgen auf. Hoch am Himmel ſtand noch der Mond, aber ſein Glanz, vor welchem die Sterne der Nacht erblichen waren, fing nun ſeinerſeits an vor den Purpurlichtern in Oſten zu ermatten. Ein friſcher Wind hatte ſich auf⸗ gemacht und die Bäume auf den Höhen geweckt, daß 15 ſie nun rauſchend ihre Zweige regten, in denen ſchon einzelne Waldvögel ihren hellen Ruf hören ließen. Die Mühle weiter unten im Thale fing an zu klappern. Nur in den ehemaligen Kloſtergebäuden war noch Alles ſtill, und der Schläfer auf der Kirchenſchwelle, der erſt ſpät den Schlummer gefunden hatte, lag regungslos ausgeſtreckt, als ſollte er nie mehr zum Leben erwachen. Da kam auf einem kleinen zottigen Klepper ein Reiter das Thal herauf; er ſang ein luſtiges Schelmen⸗ liedchen in den friſchen Morgen hinein und pfiff von Zeit zu Zeit ſeinem großen Hunde, wenn dieſer zu revieren begann. Es war ein alter Mann, was nach der hellen Bruſtſtimme und nach den Worten ſeines Liedchens kaum zu glauben war, wenn man Alter und Ehrbar⸗ keit als zuſammengehörig betrachtet. In der Nähe der Kirche verſtummte er jedoch und ritt ſchweigend an ihr hin; als er aber die andere Seite erreichte, wo das gegen Abend gerichtete Portal ſich wölbte, ſtand ſein Hund plötzlich und fing an zu bellen. Der Reiter ſah hin und erblickte auf der Schwelle einen Mann lang ausgeſtreckt; verwundert rief er den Hund zurück und ritt näher, um zu ſehen, wer ſich dieſe Schlafſtätte ausgeſucht habe. Das Gebell hatte den Schläfer eben erweckt; er richtete ſich mit einer heftigen 16 Bewegung auf und ſchaute wild umher. Ein wackeres Mannesgeſicht, tief gebräunt, mit langen, von der ſchlechten Ruheſtatt etwas wirren Haaren und einem krauſen ſchwarzen Barte um Wangen, Mund und Kinn! Beim Anblick des Reiters, der vor ihm ſein Pferd anhielt, ſtand der Erwachte raſch auf und faßte nach ſeiner Hüfte, als wolle er ſich verſichern, daß die kurze Wehr, die er umgeſchnallt trug, ihm während des Schlafes nicht abhanden gekommen ſei. „Laßt ſtecken!“ ſagte der Reiter lachend.„Ich thue Euch nichts, bin froh, wenn Ihr mir nichts thut. Ihr habt Euch kein Lotterbett ausgeſucht, um Eure Nachtruhe zu halten.“ „Lotterbetten ſuche ich auch nicht!“ erwiderte der Fremde finſter und hob ſeinen langen Wanderſtab auf, der noch am Boden lag. Das war jedenfalls ein ab⸗ gedankter Landsknecht, welcher ſich, wie es ging, durch⸗ half, bis wieder einmal die Werbetrommel ging, ein gartender Landsknecht, wie der Volksausdruck lautete. Mit denen war nicht gut Kirſchen eſſen, man mußte ſäuberlich mit ihnen umgehen. Ueberdem ſah der Mann hier mit ſeinem ſtolzen Aufblick und den langen ſchwarzen Locken nicht aus wie gemeiner Leute Sohn, und der Reiter wußte ja, daß viele vom Adel, ſeit der Landfrieden ihm das Stegreifhandwerk gelegt hatte, den Spieß auf die Schulter nahmen, um als gemeine Landsknechte für Sold zu dienen. „Ein Bett auf breiter Haide, wie's im Liede heißt, nicht wahr?“ ſagte der alte Mann auf die brummige Antwort. Jetzt faßte ihn der Fremde voll ins Auge, da er bisher nur unmuthig über ihn hingeblickt hatte. Er ſah eine ſeltſame Reiterfigur vor ſich; Roß und Mann paßten ſehr ſchlecht zuſammen. Der Klepper war un⸗ anſehnlich und klein, der Reiter augenſcheinlich hoch⸗ gewachſen, denn ſeine langen Beine hingen vom Sattel faſt bis an die Erde hinab. Aber an ſich war er ein ſchöner alter Mann, mit einem beſonders freundlichen Geſicht und muntern blauen Augen; unter ſeinem dunkelfarbigen Barett quollen ſchneeweiße Haare her⸗ vor, die ihm noch ſtark, aber ſchlicht bis auf die Hals⸗ krauſe hingen, wie vom Kinn herab ein langer wohl⸗ gekämmter Silberbart wallte. Die Oberlippe zierte ein mächtiger Knebelbart, deſſen Enden aufgeſtutzt waren. Der Reiter ſah gar nicht aus, als ob er froh ſei, wenn ihm Niemand etwas thue, im Gegentheil hatte er eine ſehr. zuverſichtliche Miene, obſchon eher luſtig als ſtreitbar. „Ihr ſeht mich ja an, als ob Ihr mich abkonter⸗ feien wolltet?“ ſagte er, als des Fremden Blick ſo Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 2 18 prüfend auf ihm ruhte.„Oder kennt Ihr mich viel⸗ leicht?“ Wohl kannte ihn Günther, denn er hatte ihn früher geſehen; aber wenn er ihn auch nicht gekannt hätte, mußte er doch wiſſen, wen er vor ſich hatte. Der Alte war im Lande zu bekannt, als daß Günther nicht ſchon von ihm hätte gehört haben ſollen. Er verleugnete ihn indeſſen. „Ich kenne Euch nicht, Herr“, antwortete er.„Ich wundere mich nur, wie Euch das Rößlein tragen kann.“ „Ja, mein tapferer Freund, auf das hohe Pferd kann ich mich nicht mehr ſetzen“, erwiderte der Alte, indem er von neuem herzlich auflachte; und da er ſah, daß der Fremde die Stirn runzelte, ſetzte er hinzu: „Ich meine es wörtlich; die Rede iſt freilich ſchon ſprichwörtlich geworden, ſie muß Euch aber nicht ver⸗ drießen. Vom Klepper aufs große Schlachtroß zu ſteigen, bin ich nicht mehr im Stande, meine Beine ſind viel zu ſteif dazu. Warum ſollte ich auch? In die Schlacht brauche ich nicht mehr zu reiten, und wer hoch ſteigt, der fällt tief. Na, Mann, was habt Ihr denn? Ihr nehmt mir ja jedes Wort übel!“ „Nicht doch!“ ſagte Günther, den Ausdruck ſeiner Züge bezwingend, der leider ſtets die leiſeſte Regung ihn nnt Der lete 36 gen erd te, ſch zu: hon ver⸗ ine In wer hr iner ung 19 ſeines Innern verrieth.„Ich dachte nur, daß Ihr doch in jungen Jahren ein Kriegsmann geweſen ſein müßt, da Ihr ſagtet, Ihr brauchtet nicht mehr in die Schlacht zu reiten.“ „Ich brauchte es auch früher nicht, mein Häuſel iſt ein Sonnenlehn! Wißt Ihr, was das iſt?“ „Ich habe mit Lehen nichts zu thun, bin ein freier Mann!“ erwiderte der Fremde. „Recht ſo! Nun, das bin ich auch, brauche Niemand Dienſt oder Abgaben zu leiſten für mein Erbgut; das heißt eben ein Sonnenlehn, weil man Niemand über ſich hat als Gottes Sonne!“ In den Worten wie in dem Klange derſelben mochte etwas liegen, das den Fremden anſprach, denn ſeine Augen ſtrahlten in ſtolzem Feuer auf, während er den langen Stab, auf den er geſtützt ſtand, kräftig ſchüttelte.„Ihr ſeid alſo auf Eurem eigenen Zaum auf Gottes freie Straße ausgeritten?“ entgegnete er. Der Alte lachte wiederum.„Ich verſtehe Euch! Ihr meint, in die Schlacht gegen reiche Krämer und Meßfahrer von Leipzig oder Naumburg!“ rief er, in⸗ dem er ſich auf den Schenkel ſchlug.„Nein, guter Kriegsmann, dieſe adlige Mode hat der alte Valentin nicht mitgemacht, obgleich er ſchon manches Jahr die Sporen trug, ehe Kaiſer Max den Landfrieden ver⸗ 2* 20 kündigte. Dafür haben ihn auch die Bauern vor zwanzig Jahren unmoleſtirt gelaſſen. Aber habt Ihr vom Albrecht Achilles gehört und vom Sickingen? Unter jenem bin ich zum erſten Mal und unter dem zum letzten Mal auf einem Streithengſt geritten; braucht's keinem zu thun, es war immer auf meinem eigenen Zaum. Ihr habt ganz Recht, nur wem ich's zu Liebe thun mochte, da geſchah's. Wo wollt Ihr denn jetzt hin, da Ihr auch ein freier Mann ſeid? Nehmt mir die Frage nicht übel.“ „Nach dort hinunter!“ Er nannte keinen Ort, den er vielleicht nicht wußte.„Nach Sachſen oder weiterhin, ich weiß es noch nicht.“ Es zeigten ſich eben Menſchen vor den Wirthſchaftsgebäuden, welche neugierig herüberblickten.„Gehabt Euch wohl!“ ſagte er zu dem Reiter, indem er plötzlich von ihm ſchied. „Wenn Ihr eine Herberg' auf ein paar Tage braucht“, rief ihm der Reiter nach,„ſo geht nach dem Ehrenſtein.„Sagt nur, ich ſchickte Euch, Ihr ſolltet auf mich warten. Ich komme morgen nach Hauſe.“ Der Fremde wandte ſich noch einmal um und zog nun doch höflich den Hut, den er, als ihn der Hund des Reiters geweckt, ſogleich trotzig auf den Kopf ge⸗ worfen hatte.„Viel Dank! Schönen Dank!“ rief er nach hr nach 309 21 zurück, dann ging er auf ſeinem grünen Pfade weiter und es blieb zweifelhaft, ob er das gaſtfreie Aner⸗ bieten mit ſeiner Antwort angenommen oder abgelehnt habe. „Das iſt ein tüchtiger Geſell, recht, wie ich ſie gern mag!“ ſagte der Reiter für ſich, indem er ihm wohl⸗ gefällig nachſah.„Wie er heißt und was er für ein Landsmann iſt, hätt' ich ihn fragen ſollen. Weit kann er nicht her ſein, denn er ſpricht nicht viel anders wie wir hier zu Lande und ſieht mir auch ſo bekannt aus. Es iſt wohl einer, der in der Fremde Pulver gerochen hat und wieder einmal Thüringer Röſtwürſtel riechen will. Mir ſoll er willkommen ſein— dem Valentin iſt's auch ſo ergangen.“ Damit lenkte der Alte ſeinen Klepper auf den Weg nach Ilm und fing das Liedchen, das er vorher geſungen, bei dem Verſe wieder an, wo er es vorher in der Nähe der Kirche abgebrochen hatte: „Er ſetzt das Gläslein an den Mund, Tummel' dich, tummel' dich, gut's Weinlein!“ Mit ſolchen Volksliedern, an denen die Zeit unge⸗ mein reich war, pflegte ſich der alte Herr ſeine Ritte zu verkürzen. Er kannte deren ſo viele, daß er daraus unter guten Freunden beim Geſpräch und Meinungs⸗ 22 ſtreit ſtets ſchlagfertig ſeine Behauptungen unterſtützen konnte und deshalb oft muthwillig dazu gereizt wurde, weil ſie gar zu gern ſeine alten Reime hörten. Am liebſten ſang er jedoch Kriegslieder, wie ihm auch Kriegsleute die liebſten Gäſte im Hauſe waren. Ob er morgen den Braunen bei ſich finden ſollte? tzen ide, uch er Zweites Kapitel. Der Gefangene. Günther ſchritt an dem weißen Hauſe vorüber, das er geſtern von der Höhe bemerkt hatte; die Mühle klapperte, in der Hausthür ſtand der Müller mit untergeſchlagenen Armen und wunderte ſich, daß der fremde Mann ohne Morgengruß an ihm vorüberging; nach ſeinen Federn zu urtheilen, mochte es ein ſchlimmer Vogel ſein. Die langen wirren Lockenhaare gefielen dem ehrbaren Meiſter nicht, noch weniger das kurze breite Schwert, das wohl gar locker in der Scheide ſaß. Vor ſolchen Gäſten, mochte es Krieg oder Frie⸗ den im Lande ſein, ſchließt man am liebſten die Thür zu und der Meiſter ſah mit großer Unzufriedenheit, daß gerade, als der Fremde vorbeiging, ſein Stuben⸗ fenſter geöffnet wurde.„Sind denn die Weibsleute 24 blind?“ Aber das war eben nicht der Fall bei dem jungen Mädchen, deſſen Hand das Schiebefenſter mit vi den vielen kleinen, in Blei gefaßten Glasſcheiben ſu öffnete, um den fremden Mann, der hier eine ſeltene o Erſcheinung war, beſſer ſehen zu können. Dem friſchen N Müllerkinde mißfiel er durchaus nicht ſo wie deſſen eit Vater, und wenn dieſer ſich gewundert hatte, daß der Je bewaffnete Menſch, der ihn doch angeſehen, ohne Gruß di vorübergegangen war, ſo konnte doch die Tochter nicht ni recht begreifen, daß er gar nicht einmal nach dem hi Fenſter blickte, deſſen Geräuſch er doch gehört haben ra mußte. Ein recht ſtolzer Kriegsmann! „Dir werd' ich helfen! Sollſt Du nach Manns⸗ leuten ausſchanen!“ fagte der Müller, aus der Haus⸗ n thür tretend, ſobald ihn der Fremde nicht mehr hören konnte.„Du haſt Dein Theil!“ „Aber der, den Ihr meint, Vater, hat mich nicht!“ e erwiderte das Mädchen lachend. E „Noch nicht, aber zu Michaeli!— Bringt die Mutter de den Mehlbrei noch nicht? Ruf' den Knappen!“ Das de Mädchen verſchwand vom Fenſter und der Müller ſah A noch einmal dem Fremden nach, der eben den Hügel erſtieg, über den der Richtſteig, von den Krümmungen 1 des Thalwegs abweichend, nach dem nächſten Dorfe e fühste. Auch der Wanderer blieb jetzt ſtehen und blickte ns⸗ uus⸗ ören cht“ utter Das noch einmal zurück; der Müller konnte deutlich ſehen, wie er den Arm erhob und gegen Paulinzelle aus⸗ ſtreckte, gleichſam drohend.„Zu ſpät, zu ſpät ge⸗ kommen, um ein Dutzend Jahre!“ ſprach der dicke Müller vergnüglich.„Ja, das wäre für deinesgleichen ein gefundenes Freſſen geweſen! So'n reiches Kloſter! Jetzt findeſt du hier keine Schätze mehr, dafür haben die Landesherren ſchon geſorgt. Iſt auch ganz ver⸗ nünftig! Warum ſollten all die Koſtbarkeiten unnütz hier liegen? Ein Glück, daß vor zwanzig Jahren die raſenden Bauern nicht Alles gefunden haben!“ Die Müllerin rief ihren Mann jetzt zum Frühſtück; auf der Höhe ſtand der fremde Wanderer immer noch und blickte unverwandt hierher. Es war dem Müller faſt unheimlich und er hätte am liebſten ein paar handfeſte Knechte aus dem Amte geholt, um den Schnapphahn, der gewiß einen böſen Anſchlag im Schilde führte, zu vertreiben. Auf alle Fälle wollte der Müller nachher mit dem Vogt reden, damit dieſer den Nachtwächter mit Spieß und Hund zu verdoppelter Aufmerkſamkeit ermahne. Günther konnte ſich noch immer nicht von dem Anblicke trennen, der ihm in der klaren Morgenbe⸗ leuchtung ganz andere Gefühle weckte als geſtern Nacht im ungewiſſen Mondlichte. Wenn Alles ſo ge⸗ 26 blieben wäre wie zu der Zeit, da er ſein friedloſes ihn Herz in jenen heiligen Mauern zu ſtillen geglaubt St hatte, dann ſtände er nicht hier, ein landflüchtiger ju Mann, ſondern geböte dort! Würde er aber darum Frieden gefunden haben? Sein Blut pulſirte ſchneller abe bei dem Gedanken, der unabläſſig, wie oft er ihn auch in von ſich gewieſen hatte, mit erneuter Macht zurück⸗ wu kehrte. Er wandte ſich nun von dem Kloſter ab, das n für ihn keine Bedeutung mehr hatte, bis einſt— er vol gab dieſe Hoffnung und den Glauben nicht auf!— hat die Abtrünnigen, welche nur eine kurze Weile ihres Ne Siegs ſich erfreuen ſollten, von der Macht der die Kirche niedergeworfen und alle heiligen Orte, die man hat ihr geraubt, dem wahren und alleinigen Gottesdienſte wo wieder geweiht ſein würden. Was dann mit Whm, Y der dieſen glühenden Wunſch bei dem letzten Blicke auf Paulinzelle ſtärker denn je gefühlt, was aus ſeiner ſ ganzen Zukunft werden ſollte— gleichviel! bie Aber die Zukunft, die ihm bisher nur eine form⸗ von loſe Wüſtenei geweſen war, fing in ſeinem Geiſte an ſich ſich wieder zu geſtalten. Er dachte an Alles, was ihm Er die alte Anne erzählt hatte. Seine Heimkehr, zu kon welcher ihn nur ſein Gefühl ohne eine beſtimmte ein Hoffnung oder einen feſten Plan getrieben hatte, ge⸗ obe wann nun einen andern Zielpunkt: das Glück blieb Hei t iedloſes eglaubt ichtiger darun chneller n auch zurück⸗ b, das — — eihres ht der ie man sdienſte tIhm, cke auf ſeiner form⸗ iſte an as ihn r, timmte te, ge⸗ tblieb ———— 27 ihm zwar auf ewig verſagt, wie es ſchon in der Stunde geweſen, als ihm zuerſt das Herz in der jugendlichen Bruſt zu einer Leidenſchaft erwacht war, welche er Sünde und Wahnſinn zugleich nennen mußte, aber eins konnte er doch jetzt mit Sicherheit gewinnen: ein Wiederſehen! Was dann weiter geſchehen ſollte, wußte er ſelbſt noch nicht; vielleicht brach der Kampf aus, von dem er ſchon im Feldlager ſeines Kaiſers von klugen, einſichtsvollen Männern als unvermeidlich hatte reden hören, der Kampf um das höchſte Gut des Menſchen, den das Schwert entſcheiden mußte, da ſich die Waffen des Geiſtes jetzt wirkungslos bewieſen hatten. In dieſem guten Kampfe für den Glauben wollte dann der ehemalige Mönch von Paulinzelle als Mitſtreiter ſiegen oder ſterben. Ohns ſich unterwegs aufzuhalten, neugierig ange⸗ ſtarrt in den Dörfern, die er durchſchritt, erreichte er die Nähe von Blankenburg und raſtete im Walde, um von dem kargen Vorrath, den er geſtern in der Stadt ſich verſchafft hatte, ein mäßiges Frühmahl zu halten. Er war von Franken her über das Waldgebirge ge⸗ kommen; es wäre nicht nöthig geweſen, dieſe Richtung einzuſchlagen, da er nach dem Rhein ziehen wollte, aber der Heimat ſo nahe, hatte ihn ein Gefühl wie Heimweh befallen. Jetzt wußte er, warum. Heute ge⸗ 28 dachte er in Blankenburg zu bleiben und, wenn er weiter gehen mußte, morgen nach Rudolſtadt zu wan⸗ dern. Dort war ſein Grenzſtein! Während er unweit der Straße auf einem ſchattigen Platze im Walde ſaß und ſein Frühſtück verzehrte, ließ ſich in ſeiner Nähe auf einmal ein helles fröhliches Gelächter vernehmen und gleich darauf von derſelben Stimme eine Frage, die er nicht verſtand, ebenſo wenig die Antwort, welche im männlichen Tone er⸗ folgte. Nun rauſchten aber die Zweige im Gebüſch und Günther ſah plötzlich einen ſchlanken Jüngling, der kaum den Knabenjahren entwachſen ſchien, vor ſich ſtehen. Dieſer ſtutzte bei dem unerwarteten Anblick des fremden Mannes im Geſträuch und ſeine Hand zuckte unwillkürlich nach dem Griff des leichten Schwer⸗ tes, das er im goldgelben Wehrgehänge trug, aber ſie hemmte ſogleich ihre Bewegung und der Jüngling wünſchte dem Fremden, in deſſen Fingern er ein Stück Schwarzbrod ſah, guten Imbiß. Ein älterer Mann am nun auch zum Vorſchein und fragte im Tone der Autorität:„Woher des Wegs?“ Der Fremde ſtand ruhig vom Boden auf und ant⸗ wortete:„Weither! Ihr aber, kommt Ihr von Blanken⸗ burg?“ Der Mann im ſchwarzen Kleide, der wohl der Hofmeiſter des jungen Herrn ſein mochte, ſah den Lun fral „J von Fr del wl wenn er wan⸗ hattigen te, ließ öhliches erſelben ebenſo ne er⸗ Geliſch ingling, vor ſich Anblick e Hard Shwer⸗ g, aber üngling in Stück Mann one der ud ant⸗ Blanken⸗ et wohl ſah den 29 Landfahrer, der ſich herausnahm, ihn ſeinerſeits zu fragen, ſträflich an; ſein Zögling dagegen antwortete: „So könnt Ihr mir vielleicht ſagen, ob die Gräfin von Schwarzburg dort iſt“, ſprach der Fremde. „Meine Baſe iſt auf der Heidecksburg“ antwortete der Jüngling mit offener Freundlichkeit.„Sie hat mich bis hierher zurückbegleitet, iſt aber heute nach Rudolſtadt zurückgekehrt.“ „Ihr ſeid ein Verwandter der Gräfin?“ rief der Fremde mit einem Tone, der großen Antheil verrieth, dem Hofmeiſter jedoch ganz ungebührlich erſchien. Er wollte einſchreiten, der junge Graf kam ihm aber zuvor. „Ich bin ein Schwarzburger, Günther von Schwarz⸗ burg, ja!“ erwiderte er.„Wir heißen alle Günther oder Heinrich.“ „Und die verwittwete Gräfin—“ fragte der Fremde, hielt aber inne, als falle ihm nun doch ein, daß er ſich ungeziemend benehme. „Meint Ihr meine Baſe Katharina, die Wittwe meines Oheims Heinrich?“ antwortete der junge Graf. „Ich habe ſie beſucht, um mich von ihr und den Muhmen zu perabſchieden, denn ich gehe jetzt nach Dillenburg zum Grafen von Naſſau und dann vielleicht an den Hof des Kaiſers.“ 30 Wie war es möglich, dachte der Hofmeiſter, daß der junge Herr aus ſo vornehmem Geſchlecht einem hergelaufenen Menſchen, der ihn vielleicht am liebſten auf der Landſtraße beraubt hätte, förmlich Beſcheid gab! Er mochte aber das Herz von den ſchönen Aus⸗ ſichten, die ihm winkten, ſo voll haben, daß er Jedem davon erzählen mußte; er war ja auch noch ſo jung! Der Hofmeiſter hielt es jedoch für ſeine Pflicht, weitern Unzuläſſigkeiten vorzubeugen. „Wir finden ſchon einen andern Platz zum Aus⸗ ruhen, bis der Wagen kommt, gnädiger Herr!“ ſagte er.„Am beſten und ſchicklichſten wär's freilich, guter Freund, wenn Ihr uns dieſen Platz räumtet.“ „Nicht doch! Ich ſetze mich zu Euch!“ rief der junge Graf.„Ihr kommt aus dem Kriege, nicht wahr? Der Kaiſer hat Frieden gemacht mit dem Könige von Frankreich, da kommen wiele tapfere Kriegsleute heim; bei meinem Vater in Arnſtadt ſind auch ſchon mehrere geweſen und ich habe mir von ihnen erzählen laſſen. Setzt Euch doch!“ Er hatte ſich in das Gras geworfen, der Fremde lehnte aber zur Befriedigung des Hofmeiſters die Einladung ab und blieb vor ihm ſtehen.„ „Graf Günther von Sondershauſen iſt Euer Vater?“ fragte er. me un auf 5 Se un ha ko er, daß t einem liebſten eſcheid en Aus⸗ Jedem o jung! weitern Als⸗ Herr“ freilich mtet.“ rief der wahr⸗ Könige egsleute h ſchon etzihlen 6 Gras ung des or ihn 8 bater?“ 31 „Von Arnſtadt jetzt! Mein Vater hat nun alles Schwarzburgiſche Land, bis auf Frankenhauſen, wo mein Ohm Heinrich wohnt, und Leutenberg, das noch unſer Vetter hat. Es iſt auch ſchön dort, beſonders auf der Friedeburg.— O bleibt doch noch! Wie heißt Ihr?“ „Ich heiße wie Ihr! Günther!“ erwiderte der Fremde. Der Graf reichte ihm lachend die Hand.„Gnädiger Herr!“ rief der Hofmeiſter. Aber der Fremde hatte ſchon unbedenklich die ihm gebotene Hand ergriffen. „Ja! Das Zeichen bemerkt Ihr auch!“ ſagte Graf Günther.„Jeder ſieht mein rothes Kreuz in der Hand gleich! Das habe ich mit auf die Welt gebracht. Die Leute deuten's, daß ich einmal ein tüchtiger Kriegs⸗ n werden ſoll. Will's Gott! Wo habt Ihr denn Glücklich oder unglücklich?“ „Unglücklich!“ antwortete der Fremde.„Jenſeits des Alpengebirgs im Savoyerland— ſie haben es die Schlacht von Ceriſolles genannt. Und der Kaiſer, der unterdeſſen ſiegreich in Frankreich eingedrungen war, hat Frieden gemacht, ehe wir die Scharte auswetzen konnten.“ „Ich weiß, ich weiß!“ rief der Jüngling, der mit leuchtenden Augen zugehört hatte.„Es wird aber 32 ſchon bald wieder ein Krieg mit den Franzoſen ſein, wo Ihr's ihnen heimgeben könnt. Iſt nicht ein Zwei⸗ kampf Eures Feldoberſten dabei vorgefallen? Ich habe auch ſeinen Namen gewußt! Wie hieß er doch!“ wandte er ſich an ſeinen Hofmeiſter, der unmuthig die Achſeln zuckte.„Ei, Ihr habt mir's ja ſelbſt erzählt, als ihr mit den Letzten, die bei uns waren, geſprochen hattet!“ „Hildebrand von Madruſch, wenn Ihr den Namen begehrt“ ſagte der Fremde. „Wie kam's denn, daß Ihr den Schweizern unter⸗ lagt?“ fragte Graf Günther eifrig. Erzählt mir's!“ Ich höre nichts lieber!“ „Gnädigſter Herr, ich glaube, der Wagen kommt!“ erinnerte der Hofmeiſter.„Er wird vorbeifahren, wenn wir hier im Buſche verſteckt bleiben.“ „So ſtellt Euch an den Rand, bis er da iſt!“ Jüngling in einem haſtigen Tone, der wohl verrieth, daß er ſich nicht allzugehorſam ſeinem Erzieher fügte. Dieſer zauderte, er konnte doch ſein junges Herrlein nicht mit dem rohen Kriegsknecht allein laſſen, da ließ ſich zu ſeiner großen Erleichterung jetzt wirklich der Peitſchen⸗ knall hören, durch welchen der Kutſcher ſich ankün⸗ digte. „Sagt ihm, er ſoll warten!“ befahl Graf Günther nſein, Zwei c habe wandte Achſeln lt, als prochen Namen unter⸗ kommt!“ n wenn 4 eth, duß Dieſer in nicht ließ ſic eitſchen⸗ ankün⸗ Günther 33 raſch und der Hofmeiſter mußte ſich fügen.— ch bin kein Knabe mehr!“ wandte ſich der junge Herr jetzt mit munterem Blick zu dem Kriegsmann.„Nun erzählt mir recht ausführlich die Schlacht und warum ſie unglücklich abgelaufen iſt.“ Der Fremde hatte jedoch zu einem ausführlichen Bericht keine Luſt.„Die Schlacht war halb ſchon ge⸗ wonnen“ ſagte er,„auf einmal wandte ſich das Glück und wir konnten den Sieg nicht mehr halten.“ Da⸗ mit brach er kurz ab, und der Hofmeiſter war auch wieder da, zu melden, daß der Wagen warte. „Wollt Ihr mit mir fahren?“ fragte der junge Graf zu neuem Schrecken ſeines Mentors.„Im Ernſt! Mein Vater freut ſich, braven Kriegsleuten Herberge zu geben, ſolange ſie wollen.“ „Ich danke Euch!“ erwiderte der Fremde kurz, e die Freundlichkeit des Anerbietens zu würdigen. „Ihr wollt zu den Schmalkaldnern, ich weiß ſchon! Die werben, wie mein Vater geſagt hat.“ „Gegen den Kaiſer? Ich habe auch geſtern davon gehört— wenn's wahr iſt!“ erwiderte der Fremde. „Meint Ihr, daß ich heute für den Kaiſer und morgen gegen ihn ſtreiten werde?“ Graf Günther ſah ihn verwundert an; darüber machten ſich doch ſonſt die„frommen“ Landsknechte Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 3 34 — keine Gewiſſensbiſſe! Noch kürzlich hatte ihm der Hof⸗ meiſter aus einem dicken Buche von Sebaſtian Frank vorgeleſen von dieſem„Niemand nützen Volk, das, wenn auch der Teufel Sold ausſchriebe, ihm zu⸗ ſchneien würde wie die Fliegen im Sommer!“ „Ihr geht an den Hof des Kaiſers, vielleicht auch mit in das Feldlager“, fuhr der Kriegsmann fort. „Will's Gott! Will's Gott!“ unterbrach ihn der Jüngling freudig, indem er ſich nun vom Raſen erhob. „Da ſehen wir uns vielleicht wieder!“ ſprach der Fremde.„Lebt wohl, Graf Günther von Schwarzburg!“ Jetzt reichte er ihm, alle Rückſicht auf die vornehme Geburt des jungen Herrn vergeſſend, die Hand und ſah mit beſonderer Aufmerkſamkeit nochmals das blut⸗ rothe Mal an, das in Geſtalt eines Kreuzes in der Handfläche des Jünglings zu erkennen war. Das Kreuz, wenn es auf einen künftigen Kriegshelden deutete, konnte nur einen Streiter für den Glauben an⸗ kündigen! „Auf Wiederſehen, mein Namensbruder!“ ſagte der junge Graf und gab endlich den flehenden Mienen ſeines Hofmeiſters nach. Als hinter beiden die Zweige des Ge⸗ büſches wieder zuſammengeſchlagen waren, ſtand Günther Frank das, nzi⸗ lleicht mann n der Raſen ch der dutg!“ mehme und blut⸗ in det Das helden en an⸗ gte der ſeines des Ge⸗ zünthet 35 noch eine Weile auf ſeinen Stab geſtützt, als bedenke er, was er eben erlebt, dann trat er auch an den Rand des Geſträuchs und ſah, wie der ſchwerfällige Wagen, der auf dem Wege hielt, ſich mit ſeinen In⸗ ſaſſen langſam in Bewegung ſetzte. Das war alſo der Sohn des reichen und mächtigen Grafen, der jetzt alle Schwarzburgiſchen Lande wieder vereinigt hatte, außer Leutenberg, wie ſein Sohn eben geſagt.„Dort iſt's auch ſchön, beſonders auf der Friedeburg!“ O ja! Graf Johann Heinrich lebte alſo noch, der Abtrünnige, der aus Eifer für den katholiſchen Glauben eine Wallfahrt nach Jeruſalem unternommen hatte und daſelbſt zum Ritter ge⸗ ſchlagen worden war, bald darauf aber dennoch die Religion gewechſelt und ſeine ganze Herrſchaft der Irrlehre übergeben hatte! Hinweg mit dieſen Ge⸗ danken! Günther trat ſeine Wanderung wieder an und er⸗ reichte die Stadt, wo ihm am Thore Schwierigkeiten über den Einlaß gemacht wurden.„ Euresgleichen können wir hier nicht brauchen!“ ſagte der Thorwart aus ſeinem Fenſter.„Wir wollen in Frieden leben.“ „Werde ich den Frieden ſtören?“ rief Günther un⸗ willig. „O das kennt man ſchon! Pochen und prahlen 3* und dann raufen! Hier iſt ein Zehrpfennig, dann geht Eurer Wege!“ „Bin ich ein Bettler?“ rief der Pane heftig „3 will in Eurem Neſt nicht bleiben, nur einen freien Durchzug verlange ich. Ihr ſprecht von Frie⸗ den und ſperrt Euer Thor am hellen Tage, als wären wir noch im Bauernkriege?“ „Aha!“ ſagte der Thorwart.„Liegt da der Haſe im Pfeffer? Na, geduldigt Euch nur; in einer Stunde wird das Thor wohl offen ſtehen, wenn ſie den Kumpan haben. Wollt Ihr's aber durchaus wiſſen es iſt ein Uebelthäter entſprungen, der ſteckt noch in der Stadt, und bis er aufgefunden iſt, ſind alle Thore geſperrt. Wenn Ihr ihm etwa durchhelfen wollt, da⸗ mit iſt es nichts.“ „Die Gräfin iſt doch nicht mehr hier?“ fragte Günther ſo hochfahrend, daß er den Thorwart ſtutzig machte. „Was geht Euch die Frau Gräfin an?“ entgegnete er etwas herabgeſtimmt. Noch ehe der Fremde jedoch antworten konnte, wurde der Thorwart von innen gerufen, drehte ſich um und hörte, was ihm gemeldet wurde.„Haben ſie ihn?“ rief er, und gleich wieder zu dem Kriegsmanne ſich wendend, der vor dem ver⸗ ſchloſſenen Thore ſtand, bedeutete er ihn, daß er kommen u dann hetig einen Frie⸗ vären Haſe einer nn ſie iſſen, och in Thore lt da⸗ fragte ſutig egnete jedoch imen eneldet wieder m ver⸗ ommen 37 werde, ihn einzulaſſen, der entwiſchte Vogel ſei wieder eingefangen. Als er Günther aufgeſchloſſen hatte, fragte ihn dieſer, wer der Gefangene ſei und was er verbrochen habe. Der Thorwart ſah ihn aber miß⸗ trauiſch von der Seite an und gab ihm keine be⸗ friedigende Antwort, da er der Meinung war, daß der verdächtig ausſehende Mann, der ihn ſo ſtolz ange⸗ fahren hatte, doch vielleicht ein Spießgeſell des Ver⸗ brechers ſein könne, beſonders da er vom Bauernkriege geſprochen hatte. Der war freilich ſchon zwanzig Jahre vorbei, und ſo alt ſah der Mann hier nicht aus, daß er Theil daran genommen haben konnte, aber es waren damals, wo Alles verrückt geworden war, auch Buben von zehn, zwölf Jahren mitgelaufen. „Damit Ihr mich nicht für einen Bettler haltet!“ ſagte der Fremde, indem er aus ſeinem Beutel eine kleine Silbermünze nahm und ſie dem erſtaunten Bürgers⸗ mann in die Hand ſteckte. Das ging über deſſen Be⸗ griffe. Geben iſt freilich ſeliger denn nehmen, aber im Landsknechtskatechismus ſtand das ſonſt umgekehrt. Als Günther über die Gaſſe ſchritt, wälzte ſich ihm ein Volkshaufen entgegen, in deſſen Mitte es von Hellebarden blitzte; es waren Bewaffnete, welche den Gefangenen daherführten, von einer neugierigen Menge begleitet. Günther trat in die Thürniſche eines Hauſes, 38 um den Zug bei ſich vorbei zu laſſen. Zwiſchen zwei Hellebardenträgern, die Hände auf den Rücken ge⸗ bunden, ſchritt der Gefangene, ein kleiner, ſchmächtiger Mann, deſſen Weſen aber kein Zeichen von Niederge⸗ ſchlagenheit oder Furcht verrieth; er trug vielmehr den Kopf aufgerichtet und ſeine Augen blitzten nach allen Seiten umher. Darum war die Volksmenge, die mit ihm zog, ſo ſtill; Jeder, den ſein Blick traf, ver⸗ ſtummte im lebhafteſten Geſpräch und wagte ihn nicht mehr anzuſehen, als könne der Böſewicht mit ſeinen Augen ſchon Schaden anrichten. Wenn es von den Blankenburgern abgehangen hätte, ſo wäre das Todes⸗ urtheil, das ihm doch wohl geſprochen war, gleich an ihm vollſtreckt worden. Er blickte jetzt auch nach dem Thorwege, unter welchem Günther ſtand, und beider Augen begegneten ſich. In dem Geſichte des Gefangenen zuckte es, aber er wandte den Kopf ſogleich hinweg und war unter den Menſchen, die ihn meiſt überragten, nicht mehr zu ſehen. „Wer iſt der Mann? Und was hat er gethan?“ fragte Günther einen Bürger, der in ſeiner Nähe ſtehen blieb und nicht weiter mitgehen wollte. Der Bürger muſterte erſt den Fremden, welcher dieſe Frage an ihn richtete, und antwortete dann: „Wer das iſt? Einer, der Blut vergoſſen hat!“ zwei ge⸗ tiger erge⸗ den allen mit ver⸗ nicht einen den Odes⸗ ch on unter neten aber den ehen. an?“ ſtehen elchet dann: 39 „Der Unglückliche!“ ſagte Günther, indem er noch einen raſchen Blick nach den blanken Hellebardenſpitzen über dem Volkshaufen warf. „Habt Ihr Mitleid mit einem Mörder?“ ent⸗ gegnete der Bürger. Was er ſich aber dabei denken mochte, verſchwieg er weislich, ließ ſich auch mit dem Fremden, deſſen Handwerk wohl ebenfalls Blutver⸗ gießen ſein mochte, nicht weiter ein, ſondern ſchritt eiligſt über die Gaſſe ſeines Weges zurück. Günther folgte jetzt dem Zuge, er mußte ſehen, wo der Ge fangene blieb. In der Stadt ſchien man ihn nicht behalten zu wollen, ſchon durchzogen die Häſcher mit ihm das Thor und der Knäuel der Menſchen ballte ſich hier. Die meiſten gingen nicht weiter mit, ſie waren zufrieden, den gefährlichen Menſchen aus ihrem Weichbilde ſicher entfernt zu ſehen, nur wenige be⸗ gleiteten ihn darüber hinaus. „Der Arme!“ ſprach Günther noch einmal vor ſich hin.„Hat er Blut vergoſſen? Weſſen Blut?“ Er war ebenfalls wie die Andern umgekehrt, als er be⸗ merkt hatte, daß man den Gefangenen weiter führte. Das düſtere Bild des Gebundenen begleitete ihn auf ſeinem Wege nach der kleinen Herberge vor dem andern Thore der Stadt, wo er Mittag machen wollte. Hier fand er in der Wirthsſtube viele Gäſte, die über den * 6 . 1 —— 40 Vorfall noch in großer Aufregung waren, und ohne zu fragen, hatte er bald ſo viel gehört, daß er ſich den Zuſammenhang denken konnte. Vor kaum einer Stunde, wie es ſchien, war ein reitender Bote von Rudolſtodt gekommen, und gleich darauf hatte der Bürgermeiſter befohlen, die Thore zu ſperren; es waren von der Fleiſchergilde vier tüchtige Geſellen aufgeboten worden, die unter Anführung des Stadtweibels und Frohn⸗ vogts überall nachgeſpürt hatten; ein Mörder, hatte es geheißen, ſei aus dem Gefängniſſe entſprungen und hierher geflüchtet, wo er ſich irgendwo, wahrſcheinlich bei guter Freundſchaft, verſteckt habe. Lange hatten die Metzgergeſellen, die mit Spießen und kurzen Wehren bewaffnet worden, vergeblich geſucht, endlich war der Verbrecher gefunden worden, wo ihn freilich kein Menſch vermuthet hätte: im Keller des Predigers. Wie er dahin gekommen, ob ihm der geiſtliche Herr wohl gar aus Mitleid eine Freiſtatt gewährt hatte, darüber waren die Meinungen ebenſo getheilt wie über die Perſönlichkeit und das eigentliche Verbrechen des Gefangenen. Bald nannte man dieſen, bald jenen Namen, keinen, der nicht Widerſpruch gefunden hätte. Günther ſaß im Winkel bei der einfachen Koſt, die er ſich hatte geben laſſen, und hörte ſtill dem lauten 41 ohne Reden und Streiten zu. Kaum eine Stunde war ver⸗ hden gangen, ſeit der reitende Bote von Rudolſtadt den tunde, Befehl, auf den Entſprungenen zu fahnden, nach olſtodt Blankenburg gebracht hatte, alſo jedenfalls noch wäh⸗ miſer rend der Anweſenheit des jungen Grafen von Schwatz⸗ n der burg, vielleicht auch noch, ehe die Gräfin, ſeine Tante, orden, die Stadt verlaſſen hatte. Und nicht die kleinſte An⸗ Frohn⸗ deutung über ein Ereigniß, welches doch gerade für atte es ihn in ſeinem Alter ein ungewöhnliches war, hatte und Günther von ihm vernommen! War ihm das Schickſal einlich eines Menſchen, der, wenn er auch eine ſchlimme That hatten begangen hatte, eben deshalb unglücklich war, ſchon ehren gleichgültig? Hatte er das warme Gefühl für die ur der Menſchheit in ſeinem Grafenſchloß ſchon als Knabe ein erloren Da traf plötzlich ein Name ſein Ohr, digers. bei welchem er unwillkührlich auffuhr.„Der Gosmar Herr iſt es, Ihr könnt mir's glauben!“ rief eine ſtarke Stimme, hatte, die Andern überſchreiend.„Ich habe mir den feinen twie BGeſellen genau beſehen und kenne ihn ja nicht von rchen heute und geſtern!“ hi„Gosmar! Das fehlte noch! Der kann's nicht uden ſein!“ hörte man durcheinander reden, Andere fragten: Wer iſt Gosmar? Was weißt Du von ihm?“ ſt, die„Wenn Ihr ſo ſchreit, werdet Ihr's nicht erfahren!“ lanten ſagte der Erſte, ein rußiger Mann, offenbar ein Feuer⸗ 42 arbeiter, ein Schmied oder Schloſſer. Da geboten Viele Ruhe, es währte aber eine lange Weile, ehe die Andern bei ihren abweichenden Meinungen ſtill wur⸗ den.„Wirthshaus!“ rief der Schmied, mit ſeinem Kruge aufſtampfend. Lachend leerten Viele noch ihre Krüge und ſtampften auch nach mehr, der Wirth trug auf und es dauerte wiederum eine lange Zeit, ehe der neue Lärm ſich beruhigte. „Ja, Herr, das iſt unſere luſtige Thüringerart!“ ſagte ein Bürger, der ſich zu Günther an den kleinen Tiſch im Winkel geſetzt hatte.„Jetzt werdet Ihr aber hören, wer der Gefangene eigentlich iſt! Ihr wart ja ſo neugierig darauf!“ Günther erkannte den Mann den er in der Gaſſe nach dem Vergehen des Ge⸗ fangenen gefragt hatte.„Ihr kennt ihn wohl auch?“ fuhr der Bürger fort, indem er Günther dreiſt ins Geſicht ſtarrte; hier war er ja ſicher vor einem gewaltthätigen Beſcheide. Die Andern ſchrieen jedoch wiederholt:„Stille!“ und überhoben Günther dadurch einer Antwort. „Ich will Euch ſagen, wer der Gosmar iſt“ ſagte der Schmied jetzt.„Aber laßt mich ausreden. Ich habe das Zwiſchenſchreien ſatt. Wenn Ihr mich an⸗ hören wollt, gut! Wo nicht, ſcher ich mich auch nicht drum und behalte meine Geſchichte für mich“ Sie gelobten endlich n fungen! Gräſlein Ein allg dunkles „Auf Schnied, Varum nüſſens Nachbat flüſterte knecht f Schmied gleich hö geweſen Mir hat geſtern der füh merirt in ſich land„w berzo „Der eboten he die wur⸗ ſeinen ihre trug he der rart!“ kleinen aber wart Munn Ge⸗ uch?“ ſſt ins einem e1“ til ſagte 5 ich n⸗ h nicht „ Si — 43 gelobten ihm laut tobend, ruhig zu ſein. Als ſie das endlich waren, begann er:„Vor etlichen dreißig Jahren — ja, Gevattern, ſitzt ſtille! Ich muß ſo weit an⸗ fangen! Vor etlichen dreißig Jahren war ein junges Gräflein von Unſern auf die Wanderſchaft gegangen“— Ein allgemeines Gelächter unterbrach ihn und Günther's dunkles Geſicht färbte ſich noch dunkler. „Auf die Wanderſchaft, ſag' ich!“ wiederholte der Schmied, mit der rußigen Fauſt auf den Tiſch ſchlagend. „Warum ſollen Grafen und Herren nicht auch wandern, müſſen's immer Handwerksgeſellen ſein?“ Günther's Nachbar ſtieß dieſen mit dem Ellenbogen an und flüſterte ihm ins Ohr:„Es zug gar mancher Lands⸗ knecht friſch“—„Graf Heinrich hieß er“, fuhr der Schmied fort,„ſie rechnen ihn nicht mehr mit, Ihr ſollt gleich hören, warum, ſonſt müßt es der einundvierzigſte geweſen ſein. Ja, das weiß ich Alles— lacht nur! Mir hat's einmal der Doctor Warnheimer geſagt, der geſtern hier war mit dem jungen Arnſtädter Grafen, der führt eine Liſte über alle Schwarzburger und numerirt ſie! Mein Graf Heinrich ging in die Fremde, um ſich was zu verſuchen, und kam auch ins Sachſen⸗ land, wo noch Herzog Georg regierte, des jetzigen Herzogs Moritz Ohm.“ „Der ſo blind katholiſch war und ſeine Söhne ſchwören ließ—“ rief Günther's Nachbar herüber, wurde aber mit ſeiner Weisheit gleich zur Ruhe ver⸗ wieſen. „Still, Schuſter!“ rief der Schmied.„Auf Dein Geweck komme ich gleich zu ſprechen! Von der Re⸗ ligion iſt hier gar nicht die Rede. Hat der Sachſe ſeine Söhne ſchwören laſſen, beim katholiſchen Glauben zu bleiben, ſo hat's der Brandenburger auch gethan, und wenn ſich die Söhne überall nicht dran gekehrt haben—“ „Wie unſer ſeliger Graf!“ ließ ſich der Schuſter gleich wieder vernehmen, rief aber dadurch einen Sturm gegen ſeine Redſeligkeit hervor, die nur der Fauſtſchlag auf den Tiſch wieder beſchwichtigte. „Du haſt Deine Klugheit auf dem Schemel geholt, ich draußen, Gevatter!“ ſagte der Schmied.„Wenn Du auch ein Schuſter biſt, ein Hans Sachs doch nicht, alſo laß mich reden. Das Gräflein kam alſo nach Sachſen und ſchaute ſich in den Städten um, kam auch nach Annaberg im Erzgebirge, und wie's ſo ge⸗ ſchehen iſt, weiß ich nicht, aber er ſah dort eine arme Spinnerin, die wunderſchön war, eine Schuſters⸗ tochter aus Freiberg. Da haſt Du's, Gevatter! In die verliebte er ſich, und da ſie ein züchtiges, frommes Mädel war, wollte er ſie heirathen— ſchreit nicht ſo! 1 alle ſein lieb dafi ſtell run fir lief Er Ko bw Gr 6o St He vie wo ju wo do da vo uſter turm e eholt, Wenn nicht, nach auch 0 R⸗ eine n mnes ht ſo! ———— 45 Er hat ſie auch nachher geheirathet, Euch zum Trotz, die Ihr darüber lacht! Natürlich waren ſein Vater und alle Vettern in Harniſch gerathen, als er heimkam und ſein Vorhaben ausſprach, und ſie hätten ihn am liebſten eingeſperrt. Aber das wollte der Vater nicht, dafür ſchrieben ſie dem Herzoge von Sachſen und ſtellten ihm die Sache vor, und der ließ ſich endlich rumkriegen, weil er eine Heirath mit der Spinnerin fürſtlicher Ehre doch nicht für paſſend hielt, und ließ ſie in einen Thurm ſperren zu Annaberg im Erzgebirge. Aber was ſich ein Thüringer in den Kopf geſetzt hat, das läßt er nicht, und unſere Schwarz⸗ burger Herren ſind von der beſten Thüringerart, ſchon ſeit dem Kaiſer Günther, vorher und nachher! Graf Heinrich hatte einen treuen Roßbuben, der hieß Gosmar— Gosmar, ja, derſelbe, den ſie heute mit Stricken gebunden nach Arnſtadt abgeführt haben! Heut' iſt er bald fünfzig Jahre, damals war er nicht viel über zwölf, aber ſchlau wie ein Fuchs und ge⸗ wandt wie eine Katze, der Bengel! Den ſetzte der junge Graf auf die Spur, der Bube ſpürte ihm aus, wo das Mädel ſaß, beſtach den Thürmer mit Geld, das ihm ſein Herr gegeben hatte, der Thürmer ließ das Mädel bei ſtiller Nacht heraus, Gosmar führte ſie vor das Stadtthor, da lag der Graf mit einigen 46 Reitern im Verſteck, fort ging's im Galopp, und auf ſeinem Schloſſe wartete der Prieſter ſchon, beide ehe⸗ lich wie andere Chriſtenleute zuſammenzugeben. Das hat der Gosmar gethan.“ Ein lauter jubelnder Beifall brach aus. tan hörte den braven Roßbuben in vielen Ausdrücken loben, und vor einer Stunde hatten ſie denſelben Menſchen, der nun ein älterer Mann geworden war, mit Ver⸗ wünſchungen über die Gaſſe verfolgt, als ihn die Häſcher hinwegſchleppten, und waren nur zuletzt vor ſeinem böſen Auge verſtummt. Dieſer Gedanke war Günther gekommen und er blickte verächtlich auf die lauten Schreier. Sie erinnerten ſich vor der Hand noch nicht, was aus dieſem Roßbuben geworden war, ſeine glückliche That nahm ſie ganz in Anſpruch: ein armes Bürgermädchen war dadurch zum Eheweibe eines hochgeborenen Grafen geworden. Sie konnten es aber gar nicht begreifen, daß man das Paar nicht wieder getrennt und die junge Frau in ein Kloſter geſteckt hatte— zur katholiſchen Zeit war's ja doch noch ge⸗ weſen. „Weil Ihr die Naſe nicht aus Eurer Werkſtatt ſteckt!“ ſagte der Schmied.„Habt Ihr niemals von der ſchönen Bernauerin gehört, der Baderstochter? Dumm genug ſeid Ihr dazu. Ich ſage Euch, der Graf lebte mit ſeiner uf he⸗ rte en, en, er⸗ die vor var die and wor, ein ines ber eder eckt ct“ inen nug iner 47 Frau lange Zeit glücklich, nun ſind aber beide ſchon todt.“ „Die Geſchichte wiſſen wir— iſt ja nur ein paar Stunden von Blankenburg— es lief im ganzen Lande herum, warum ſollen wir's denn nicht gehört haben!“ ſo hieß es jetzt von mehreren Seiten. Die ältern Bürger, wie es zu geſchehen pflegt, waren bis⸗ her vor dem jüngern, lautern Geſchlecht nicht zu Worte gekommen, und einer behauptete ſogar, die Bürgers⸗ tochter mehrmals geſehen und geſprochen zu haben, denn ſie ſei gar nicht ſtolz geworden und habe nicht vergeſſen, daß ſie als armes Mädchen um das liebe Brod geſponnen habe, wenn ſie auch hernach eine Frau Gräfin geworden ſei. „Frau Gräfin!“ wiederholte der Schmied auflachend. „Die rechte Frau des jungen Grafen iſt ſie geweſen, Frau Gräfin darum noch lange nicht. Aber davon verſteht Ihr nichts. Wenn Ihr von der ſchönen Ber⸗ nauerin etwas gehört hättet, ſo würdet Ihr wiſſen, daß ſie einen Herzog von Baiern geheirathet hat, aber darum doch nicht Frau Herzogin geworden iſt. Nicht wahr, weil Eure Frau gleich Frau Meiſterin heißt! Denkt Ihr, das Knäblein der Spinnerstochter ſei etwa ein Graf von Schwarzburg geheißen?“ Günther ſtand auf, um die Stube zu verlaſſen; 48 ſein Nachbar ſah verwundert zu ihm auf und fragte ihn, ob er nicht weiter hören wolle, was denn eigent⸗ lich aus dem Roßbuben geworden ſei, von dem der Schmied doch noch mehr erzählen müſſe. Er erhielt aber keine Antwort, der fremde Mann ſchien ſeine Frage gar nicht gehört zu haben. Deſto ſchärfer drang ihm eine andere in das Ohr, als er eben die Schwelle erreichte. „Einen Jungen hat ſie gehabt? Was iſt denn aus dem geworden?“ So hörte Günther auf die Rede des Schmieds lachend fragen. Er wartete die Antwort nicht ab, ſondern ging raſch hinaus. Mehrere blickten ihm kopfſchüttelnd nach. Der Bewaffnete war ihnen ſchon lange ein unliebſamer Kumpan geweſen. ſtei ein enn die die rere War Drittes Kapitel. Eine Waldblume. Am Scheidewege! Rechtshin führte die Teufelstreppe ſteil in das Thal, das die Schwarza zwiſchen ſchroffen Wänden durchrauſcht, drüben auf der Höhe lag die einſt ſo herrliche Veſte, welche darum die blanke Burg genannt worden war, ſtatt Greifenſtein, wie ſie früher geheißen, noch ehe ſich in ihrem Schutz und Schirm ein Städtchen angebaut hatte, und links hinab, dem kurzen Lauf der Schwarza zur Saale folgend, zog ſich der Thalweg nach Rudolſtadt, über dem ſich das ſtolze Grafenſchloß erhebt, die alte Heidecksburg. Noch war es Zeit, am Scheidewege einen andern Ent⸗ ſchluß zu faſſen! Dazu gehörte aber Stille und Klar⸗ heit; der Sturm, welcher in Günther's Bruſt und Kopf geweckt worden war, hatte noch nicht ausgetobt. Er Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 4 warf kaum einen flüchtigen Blick zur Rechten, wo die Bergmaſſe zwiſchen der Rinne und Schwarza die Stadt überragt, ſondern wandte ſich trotzig auf den Pfad, um das Ziel, das ihn wie mit magnetiſcher Kraft anzog, bald zu erreichen. Es war aber doch ein Kampf in ihm entſtanden in dem Augenblicke, als man ihm den Namen des Gefangenen genannt hatte, der um eines ſchweren Verbrechens willen, wie es hieß, nach Arnſtadt geführt wurde. Wenn er ihm gefolgt wäre hinaus auf den einſamen Weg, der Angriff eines herzhaften Mannes hätte die vier Spießbürger in die Flucht gejagt und den Gefangenen befreit. Eine Pflicht der Dankbarkeit wäre es geweſen! Hätte er ihn er⸗ kannt, als er an ihm in der Gaſſe vorüberging und beide ſo feſt ſich anſahen, ſo würde er vielleicht, ohne ſich zu beſinnen, gethan haben, was ihm der Geiſt zu ſpät jetzt vorhielt. Ob Gosmar ihn erkannt hatte? Wie lange war es her, ſeit er ihn zum letzten Male geſehen? Günther war den Knabenjahren nicht entwachſen geweſen, noch nicht ſo alt als ſein junger Namensvetter mit dem blutrothen Kreuzmal in der Hand, den er heute in ſeiner Waldraſt getroffen hatte. Damals ein Knabe, den die Leute ſeines zarten, der Mutter ähnlichen Geſichts und Weſens halber das Jungfräulein nannten, und heute ein wettergebräunter 51 Mann, vom Bart entſtellt, damals in zierlich bunter Herrenkleidung, mit welcher der Wille des Vaters gegen den Wunſch der beſcheidenen Mutter ihn ſchmückte, heute in der dunklen Tracht eines gemeinen Kriegsmannes n— wie wäre es möglich geweſen, ihn wiederzuer⸗ 4 kennen? Und doch hatte Günther bemerkt, daß es dem Gefangenen über das Geſicht gezuckt war, als er ihn angeſchaut, und daß er den Kopf zur Seite ge⸗ gt dreht hatte, als ſchäme er ſich, in dieſer ſchimpflichen es Lage betroffen zu werden! Daß aber Gosmar's Ge⸗ ie ſicht ſo ganz dem Gedächtniß ſeines einſtigen Lieblings, ht den er ſo oft auf den Knieen gewiegt, den er reiten er⸗ und fechten gelehrt, im Laufe der Jahre hatte ent⸗ ing ſchwinden können! Jetzt, wenn er ſich das blaſſe Ge⸗ t. ſicht des kleinen, ſchmächtigen Mannes zurückrief und der an die alten Zeiten lebhaft dachte, konnte er freilich mt die Züge wiederfinden, die ihm, wenn auch in un⸗ ten gewiſſen Linien, vorſchwebten; aber wie ſehr mußten icht ſie ſich verändert haben! Schwere Schickſale waren ger wohl über ihn gekommen, ſeit er den Dienſt ſeines der Herrn um eines geringfügigen Umſtandes willen ver⸗ te. laſſen hatte, geringfügig jedenfalls, da ſich Günther der nicht mehr darauf beſinnen konnteß vielleicht hatte er das ihn auch gar nicht erfahren. Ihm war dunkel, als habe ſein Vater lachend über die heimliche Flucht 4* 52 des Gosmar geſprochen und dabei die Mutter geküßt, weſſen er ſich ſonſt nie erinnern konnte; dieſe alte deutſche Züchtigkeit vor den Augen der Kinder war freilich mit dem Einbrechen welſcher Sitten ver⸗ loren gegangen. Wie hart aber auch das Schickſal dem entwichenen Marſtaller mitgeſpielt haben mochte, gebeugt hatte es ihn nicht, das bewies ſeine Haltung inmitten der bewaffneten Schergen; blaß und elend war er geworden, ſodaß er dem Bilde, welches Günther noch von ihm hatte, nicht mehr entſprach, aber furcht⸗ ſam und erbärmlich ſah er nicht aus, beſonders ſein Blick hatte etwas ſo Keckes und Zuverſichtliches, daß er ſelbſt wohl an keine wirkliche Gefahr für ihn glaubte. So konnte Günther, da es jetzt unmöglich war, ihn auf dem Transport noch einzuholen oder gar zu be⸗ freien, nichts weiter thun, als ihn ſeiner eigenen Kraft überlaſſen. Er entſchlug ſich des Gedankens, der ihn wie ein Vorwurf traf, und wandte ſich im Geiſte von dem fremden Schickſale wieder dem eigenen zu. Als er die Heimat nach der gewaltſamen Aufhebung des Kloſters verlaſſen hatte, war es mit dem Entſchluſſe geſchehen, ſie nie wieder zu betreten; darum hatte er auch die Löſung ſeiner Gelübde angenommen, er wollte im Kriege ſein Schickſal ſuchen, am liebſten im Kriege . — gege nit weil ion ihm ben voll we des ihn be⸗ raft ein dem t die oſters ehen, h die eim riege M 4 — gegen die Abtrünnigen vom wahren Glauben, welche mit frevelnder Hand das Heiligthum der Kirche ent⸗ weiht hatten. Zu jener Zeit war aber gerade der Reli⸗ gionsfriede in Deutſchland geſchloſſen worden, welcher ihm vor der Hand jede Ausſicht auf den guten Kampf benahm. Er war alſo ganz aus dem dertſchen unheil⸗ voll zerſpaltenen Vaterlande hinausgewandert und hatte wenigſtens gegen andere Ungläubige unter den Fahnen des Kaiſers gekämpft, welche dieſer ſiegreich in Afrika vor Tunis entfaltet hatte. Seitdem Krieg auf Krieg gegen den König von Frankreich! Auch zu Günther war der Lockruf gedrungen, der immer wieder deutſche Krieger, verlorene Söhne ihres Vaterlandes, unter das Lilienbanner geführt hatte, trotz der entſetzlichen Nieder⸗ lage von Pavia, in welcher viele Tauſende von ihnen ihr Herzblut im Bruderkampfe gegen Frundsberg's Schaaren vergoſſen; Günther hatte aber ſein Ohr den ſchmeichleriſchen Verheißungen verſchloſſen, die ihm, der ja auch ein verlorener Sohn, ein Ausgeſtoßener ſeines Vatergeſchlechts war, verführeriſch genug klangen; man hatte ſeine Herkunft erfahren und ihm in Frank⸗ reich für Dienſte, die er leiſten ſollte, Rang und Titel mit reichem Grundbeſitz verſprochen. Er hatte das ſtolz ausgeſchlagen und war auf dem letzten Schlacht⸗ felde dieſer Kriege, wo der Sieg ſeinem Kaiſer einmal 54 untreu geworden war, ſchwerverwundet liegen geblieben. Ohne den barmherzigen Beiſtand eines armen italieni⸗ ſchen Landmanns, der ihn vor dem Einſchaufeln mit den Todten gerettet, in ſeine Hütte genommen und gepflegt hatte, wäre er verloren geweſen— er wußte kaum, ob er es ihm danken ſollte! Denn mit dem wiedergeſchenkten Leben war auch das Bewußtſein der alten Tage in ihm erwacht und für die Wunden des Körpers, die ſich geſchloſſen hatten, die viel qual⸗ vollern der Seele wieder aufgebrochen. Ein wahr⸗ haftes Heimweh hatte ihn erfaßt und über die Alpen getrieben. Nun war er in ſeiner eigenſten Heimat! Jenſeits der Berge, durch welche zu ſeiner Rechten die Saale floß, lag das Schloß, in welchem er geboren und unter den Augen ſeiner liebevollen Mutter, mit Vorliebe gehegt von ſeinem ritterlichen Vater, er⸗ wachſen war; dort lag auch die andere Burg, von welcher er den Namen trug, da er den ſeines väter⸗ lichen Geſchlechts nicht führen durfte. Auch dieſen Namen trug er nicht mehr. Nach jener Seite zog es ihn nicht, denn die Augen, welche zärtlich auf ſeine Kindheit geblickt hatten, waren längſt geſchloſſen und das Haus ſeines Vaters dem Haupte der Linie wieder zugefallen. Wandte er das innere Auge nach andern Stätten, wo er als Jüngling Tage des Glücks und nan her von nit wo deo V 55 namenloſen Elends verlebt hatte, ſo erblickte er das Schloß von Arnſtadt, wo nun ein anderer Gebieter herrſchte als damals; er ſah die verſchloſſene Kirche von Paulinzelle, vor deren Thür er geweint hatte— nirgends eine Stätte, wo er ſein Haupt niederlegen, wo ſein Herz geſunden konnte. Und vor ihm die Hei⸗ decksburg— welches Recht hatte er, ſie jetzt zu betreten? Welcher Wahnſinn flößte ihm eine Hoffnung ein, die er nimmer hegen durfte, zu der ihn auch nicht der ſchwächſte Schimmer eines Anlaſſes berechtigte? Als er in dieſen freudloſen Betrachtungen düſter geſtimmt ſeinen Weg langſamer verfolgte, hörte er plötzlich hinter ſich ein heiteres Lied von einer hellen, wohlklingenden Mädchenſtimme ſingen. Er blieb ſtehen und ſah ſich um; die Weiſe war ihm bekannt, er hatte das Liedchen wohl ſelbſt in ſeinen Knaben⸗ jahren aus fröhlicher Bruſt, die noch keinen Harm kannte, in den Bergen erklingen laſſen. Die Sängerin verſtummte aber in demſelben Augenblicke, als er ſich umſah, ſie hatte ihn auf dem Bergpfade im Walde erſt jetzt bemerkt und blieb ſtehen wie er, da ſie ſich vor dem fremden Manne fürchten mochte. Es war ein junges Mädchen, das einen Blumenſtrauß in der Hand trug; einen Moment nur ſtand ſie ſtill, dann ſetzte ſie ihren Gang fort, obgleich der Fremde 56 offenbar auf ſie wartete. Furcht war nicht ihre Art, auch hatte ſie den Mann jetzt ſchon erkannt, ſie war ſeinetwegen heute Morgen ſogar von ihrem Vater ge⸗ ſcholten worden. Ruhig blickte ſie den Fremden an und grüßte ihn; es war nicht mehr der fromme Gruß, wie er ihn in ſeinen jüngern Jahren ſtets ge⸗ hört und ſelbſt geſprochen hatte; dem Volke war jetzt ein anderer gelehrt worden, als brauche es des Herrn nicht mehr zu gedenken. „Der Pfad hier führt doch nach Rudolſtadt?“ fragte er, als das Mädchen an ihm vorübergehen wollte. „Jawohl!“ erwiderte ſie.„Habt Ihr Euch ver⸗ irrt? Ihr müßtet ſchon dort ſein!“ „Wie das?“ entgegnete er.„Ich komme von Blankenburg.“ „Ja! Aber in Paulinzelle ſeid Ihr ſo früh am Morgen geweſen, daß Ihr jetzt ſchon lange in Rudol⸗ ſtadt ſein müßtet.“ „In Paulinzelle?“ widerholte er.„Haſt Du mich dort geſehen?“ Bei dieſer Frage hatte er ſie erſt mit einem vollen Blick angeſchaut, da er bis dahin nur flüchtig über ſie hingeblickt. Er war überraſcht von der Lieblichkeit ihres feinen Geſichts, und der Eindruck, welchen daſſelbe auf ihn machte, verrieth ſich viel⸗ leicht röthe ſteht ihre niede und ging nit ſich frag uno Sti ene dur in auf „Al prü uuft Hoo emp 1 57 leicht in ſeiner Miene, denn das Mädchen er⸗ röthete. Auch das einfachſte Kind des Volkes ver⸗ ſteht die ſtummen Zeichen, daß es gefällt. Sie ſchlug ihre braunen Augen vor dem Blicke des Fremden nieder, der nur einen Moment auf ihr geruht hatte, und ſagte:„Freilich hab' ich Euch geſehen; Ihr gingt an unſerer Mühle vorbei.“ Damit wollte ſie mit kurzem Scheidegruß ihn ſtehen laſſen, er geſellte ſich aber zu ihr.„Du gehſt auch nach Rudolſtadt?“ fragte er in gleichmüthigem Tone. Sie bejahte es, ſeine Begleitung ſchien ihr jedoch unangenehm zu ſein, denn ſie runzelte ein wenig die Stirn, was ihrem feinen Geſicht einen eigenthümlichen energiſchen Ausdruck lieh. Günther ließ ſich aber da⸗ durch nicht abſchrecken. „Biſt Du die Tochter des fremden Müllers, der ſich in Paulinzelle angebaut hat?“ fragte er ſie. Sie bejahte es wiederum kurz und antwortete auf die Frage, von wo ihr Vater hergezogen ſei: „Aus dem Voigtland.“ Ihm war ſchon, als er ſie prüfend angeblickt, ihr fremdartig geknüpftes Kopftuch aufgefallen, das über dem braunen, glatt geſcheitelten Haar zu beiden Seiten kleine gefällige Schleifen keck emporſtehend zeigte und ihrem Geſicht beſonders gut ſtand. Das war alſo voigtländiſche Tracht. 58 „Wie heißt Du?“ fragte er ſie freundlich in einem Tone, der mehr geeignet war, Vertrauen zu wecken, als daß er ſie verletzt hätte, denn er klang nicht leicht⸗ fertig oder aufdringlich. Dennoch erröthete ſie bei der Frage von neuem und beantwortete ſie, ohne aufzu⸗ blicken:„Lisbeth.“ „Kennſt Du—“ wollte er wieder fragen, aber er hielt plötzlich inne, als beſinne er ſich eines Andern, und ſie wurde dadurch veranlaßt, ihn anzuſchauen. „Wen denn?“ fragte ſie. „Ich meinte Jemand, von dem Du wohl nicht viel wiſſen kannſt“, erwiderte er.„Auf der Heidecksburg biſt Du wohl niemals geweſen?“ „O ja, lieber Herr. Ich gehe gerade jetzt hin; meine Muhme iſt dort verheirathet und ich habe von meinem Vater etwas an ſie zu beſtellen.“ „Wirklich?“ rief der Fremde. Ihre Rede hatte auf ihn einen aufregenden Eindruck gemacht, doch bemerkte ſie das nicht, denn ſie hatte, ihre Augen nach dem ſchnellen Aufblick ſchon wieder geſenkt. „Ja, die Muhme hat meinem Vater einen Brief geſchrieben, darauf ſoll ich ihr die Antwort bringen“, ſagte ſie. „Iſt es oben ſchön?“ fragte er wieder ganz gleich⸗ müthig. —— 59 „Ach, ſo ſchön!“ rief ſie.„Da ſieht man über die Stadt und über die Saale hin— ſeid Ihr noch nicht oben geweſen?“ „Vor langer Zeit einmal“, erwiderte er.„Ich weiß aber nicht viel mehr davon, ich war noch ein Knabe. Damals wohnte dort der Erbgraf, dem ſein Vater erlaubt hatte, der falſchen Lehre, die er ange⸗ nommen hatte, dort in aller Stille zu leben. Davon weißt Du nichts.“ Sie ſah ihn zweifelhaft an, denn ſie mußte wirk⸗ lich nicht, was ſie ſich bei ſeinen Worten denken ſollte. Sie ſelbſt war zu jung und nicht lange genug hier im Lande, um von jener Zeit etwas gehört zu haben. Der Erbgraf, welchen der Fremde meinte, war der nun ſchon ſeit ſieben Jahren verſtorbene Herr des Landes; er hatte bei Lebzeiten ſeines Vaters, welcher dem katholiſchen Glauben mit unerſchütterlicher Feſtigkeit anhing, viel zu leiden gehabt, da er ſich der Reforma⸗ tion zugewandt hatte, und nur der Vermittlung des Kurfürſten von Sachſen, der noch immer gehofft, auch den Grafen von Schwarzburg für Luther's Lehre zu gewinnen, hatte es der Erbgraf zu danken gehabt, daß ihm der Vater endlich geſtattet hatte, ſeinen proteſtantiſchen Gottesdienſt zu Rudolſtadt, das er ihm angewieſen, in aller Stille und im engſten Kreiſe zu 60 halten. Als der Wanderer, welcher jetzt von jener Zeit geſprochen, an die Folgen dachte, welche dieſe Duldung gehabt, wie Graf Heinrich gleich nach dem Tode ſeines Vaters den Irrglauben, wie der geweſene Mönch von Paulinzelle ihn nannte, im ganzen Lande eingeführt und Niemand, der ſich ihm nicht fügen wollte, die Duldung gewährt hatte, die ihm ſelbſt zu Theil ge⸗ worden, da nahm ſein dunkles Antlitz einen finſtern, fanatiſchen Ausdruck an und er ſchritt eine Weile ſchweigend neben dem Mädchen her, dem in ſeiner Rede beſonders das Wort von der falſchen Lehre aufgefallen war. Was mochte er damit gemeint haben? „Graf Heinrich iſt geſtorben, wie ich höre“ fing er wieder an.„Wer wohnt jetzt auf der Heidecksburg?“ Fragte er das noch? War es ihm nicht ſchon längſt geſagt worden? Warum wollte er das noch einmal hören? „Die Frau Gräfin!“ erwiderte das Mädchen.„Rudol⸗ ſtadt und Blankenburg gehören ihr als Witthum, ſagt die Muhme.“ „Hat ſie Kinder?“ fragte er leichthin. „Drei Fräulein, eins immer ſchöner als das andere“ ſagte Lisbeth, welche nun geſprächiger wurde. „Die Aelteſte heißt Anaſtaſia.“ Der Name fiel dem ——— na ner hre int er ngſt mal dol⸗ ſagt 61 Müllerkinde etwas ſchwer, als ſie ihn jedoch überwun⸗ den, fuhr ſie lebhafter fort:„Die iſt nun Braut! Die jüngſte Tochter heißt Anna Maria und iſt erſt elf Jahre, die zweite Amalie, die iſt gerade ſo alt als ich, ſagt die Muhme, ſiebzehn zu Johanni geweſen. Söhne hat die Frau Gräfin zwei gehabt, die ſind aber alle ganz jung geſtorben; der jüngſte wurde erſt geboren, als der Herr Graf ſchon todt war, iſt ihm aber gleich nachgefolgt.“ „Du biſt ja erſtaunlich gut unterrichtet!“ ſprach der Fremde wie aus gepreßter Bruſt. „Meine Muhme ſpricht von nichts lieber“, ent⸗ gegnete Lisbeth.„Im ganzen Lande geht den Leu⸗ ten das Herz auf, wenn ſie von der Frau Gräfin reden!“ „Sie iſt alſo ſehr beliebt und verdient wohl auch dieſe Liebe?“ „Ach, das iſt eine Heilige!“ rief das Mädchen, und als ſie der Fremde bei dem Ausrufe verwundert an⸗ ſah, ſetzte ſie hinzu:„So ſagt meine Muhme immer; das hat ſie noch von ihrer papiſtiſchen Zeit her, ehe im Voigtland Alles lutheriſch wurde. Habt Ihr die Frau Gräfin nimmer geſehen, wenn Ihr doch auf der Heidecksburg geweſen ſeid? Sie iſt doch lange ver⸗ heirathet geweſen!“ 62 „Sehr lange wohl, ich weiß das nicht!“ erwiderte der Fremde.„Jetzt muß ſie ſchon ältlich ſein!“ „Warum nicht gar!“ rief Lisbeth.„Wenn ſie mit ihren Fräulein zuſammen ſitzt, iſt ſie die Schönſte von allen! Ihr hättet ſie in der Kirche ſehen ſollen am vorigen Sonntag!“ Der Fremde erwiderte nichts und das Mädchen fuhr fort, zum Lobe der Gräfin zu erzählen, was ſie nur irgend auf dem Herzen hatte. Nicht ihre Schönheit rühmte ſie allein, ſondern mehr noch ihre Freundlich⸗ keit gegen Jedermann und wie ſie im ganzen Lande, wenn Jemand in Noth und Sorgen ſei, gleich zu Hülfe komme, in die ärmſten Hütten gehe, um Kranken ein Labſal zu bringen oder ſie zu tröſten, und wie ſie auch ſcharf zum Rechten ſehe, daß Niemand einem Andern etwas zu Leide thue, da ſei keine Gnade bei ihr. Die Muhme habe geſagt, wenn böſe Feinde ein⸗ mal ins Land fallen ſollten, die Frau Gräfin griffe wohl herzhaft ſelber zum Schwert, um ihre Unter⸗ thanen zu ſchützen. Während ſie ſo plauderte, ruhte Günther's Auge mit Wohlgefallen auf ihren hübſchen Zügen, und auch ſie blickte unſchuldig und heiter zu ihm auf, als wolle ſie ſehen, wie ihre Erzählungen von der Gräfin ihm geſi ſolc bur ſu Liel und ich pfli ie le 63 gefielen. Alle Scheu vor dem Fremden, wenn ſie eine ſolche gefühlt, ſchien verſchwunden. „Zu wem wollt Ihr denn eigentlich auf der Heidect⸗ burg?“ fragte ſie dann. „Wer ſagt Dir, daß ich auf die Heidecksburg will?“ entgegnete er.„Ich gedenke in Rudolſtadt eine Nacht⸗ herberge zu ſuchen und morgen weiter zu ziehen.“ „Wo's Krieg gibt!“ ſagte ſie lachend.„Im Kriege geht's aber doch grauſam zu— wär's nicht beſſer, Ihr bliebt zu Hauſe und triebt ein friedliches Handwerk? Aber Ihr ſeid wohl gar ein vornehmer Hauptmann! Ich ſeh' da einen ſchönen Ring an Eurer Hand.“ „Ein Hauptmann bin ich geweſen, der Krieg iſt aus und ich habe nichts Anderes gelernt, Lisbeth. Der Ring da—“ Er unterbrach ſeine Rede wieder und fragte ſie, wem der ſchöne Strauß zugedacht ſ ei, ihrem Liebſten vielleicht?“ Sie lachte harmlos.„Einen Liebſten hab' ich nicht und mag ich nicht!“ ſagte ſie.„Den Strauß bring' ich meiner Muhme, ich hab' ihn unterwegs ge⸗ pflückt.“ „Im Walde? Wachſen ſo ſchöne Blumen hier?“ „Blumen wachſen überall, wer ſie nur finden kann!“ entgegnete ſie. „Du haſt Recht!“ ſagte er tief aufathmend.„Blumen 64 wachſen überall, nur nicht für Jeden! Mancher ſucht wohl danach, findet aber nur Dornen und Neſſeln.“ „Armer Herr!“ erwiderte ſie mitleidig.„Ihr meint doch Euch ſelber? Iſt es Euch ſo traurig ergangen?“ Ihr raſches Verſtändniß war ihm unerwartet, er blickte ſie faſt betroffen an, und vor der Glut dieſes Blickes ſank ihr frommes Auge, das ihn theilnehmend angeſchaut hatte, zu Boden.„Es geht Keinem ſchlechter, als er verdient!“ ſagte er kurz und herb auf ihre Rede, und ſie fühlte nun doch, daß ſie mehr geſprochen hatte, als ſich ziemte. Ihr kam es jetzt auch zum Bewußtſein, daß es ſich nicht ſchicken würde, mit dem fremden Manne, über welchen ſich ihr Vater ſo ſchlimm geäußert hatte, nach der Stadt zu kommen. Wenn ihr Vater geſehen hätte, wie ſie ganz allein mit ihm durch den Wald ging! Selbſt die freundliche Muhme würde geſcholten haben, daß ſie nicht zurück⸗ geblieben. Und wenn es gar die Mutter gewußt hätte! „Gott ſei mit Dir, Du liebes Kind!“ ſagte der Fremde plötzlich und blieb ſtehen, als habe er ihre Gedanken errathen. Sie war dadurch ſo beſtürzt ge⸗ worden, daß ſie ihm nur mit einem leichten Kopfnicken antworten konnte und ganz überſah, daß er ihr zum Abſchiede die Hand bot. ſn ſih Arl ſch cht n.“ int er nd em erb ehr etzt de, ttet en. lein iche ußt der ihre ge⸗ en um 65 „Nun, Lisbeth, ich bin ein ehrlicher Mann!“ ſprach er und ſie bemerkte erſt jetzt, was er damit ſagen wollte; ſchnell legte ſie ihre kleine, von der Arbeit gehärtete Hand in ſeine Rechte, zog ſie ebenſo ſchnell zurück und verließ ihn. Gern hätte ſie ſich, als der Pfad ſich zu ſenken begann, nochmals umge⸗ ſchaut, aber das durfte ſie doch nicht— was hätte der fremde Mann von ihr denken müſſen! Günther aber ſtand und ſah ihr nach, ſolange ihre Geſtalt, deren ſchlanken Wuchs ſelbſt die falten⸗ reiche Tracht ihrer Heimat nicht ganz verbergen konnte, noch zwiſchen den Bäumen zu ſehen war. In ihm hatte ſich ein wunderbarer Gedankenblitz entzündet, der ihm, wie aus Nacht hervorgehoben, ein halberloſchenes Bild in voller Farbenfriſche beleuchtete: das Bild ſeiner Mutter! Lisbeth hatte nicht die mindeſte Aehnlichkeit mit ihr, ſoviel er ſich der Mutter noch erinnern konnte. Dieſe war blond geweſen und die junge Voigt⸗ länderin hatte braunes Haar, dem auch ihre dunklere Geſichtsfarbe entſprach, die Augen der Mutter hatten ein klares Blau gehabt— dieſe Augen ſtanden ihm am hellſten vor der Seele, während die Züge ihres freund⸗ lichen Geſichts in ſeiner Erinnerung mehr zerronnen waren— und Lisbeth's Augen leuchteten in mildem Braun. Aber das ganze Weſen des Mädchens, wie Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 5 66 es ſich auf dem kurzen Gange und im Geſpräche mit ihm gezeigt hatte— ſo mußte ſeine Mutter geweſen ſein, als ſie, die demüthige Spinnerin, das Herz des vornehmen Grafen gewonnen, ſodaß er ihretwegen ſeine hohe Geburt vergeſſen hatte. Ein trauriges Lächeln ging in dem Antlitze des Sohnes auf, als er der Mutter gedachte— wenn ſie aus dem Lande ewiger Herrlichkeit auf den verödeten Lebenspfad ihres Lieblings hätte herabſchauen können! Er ſetzte aber ſeinen Fuß jetzt weiter. Das Mäd⸗ chen hatte nun ſo viel Vorſprung, daß er es nicht mehr einholen konnte; er wollte das auch vermeiden. Die Begegnung war ihm geweſen wie ein freundlicher Lichtſtrahl; er ſah das liebliche Kind wohl in ſeinem Leben nicht wieder, wie ſo manche andere anmuthige Erſcheinung, die ſeinen Weg in der Fremde gekreuzt hatte, ohne einen tiefern Eindruck als natürliches Wohlgefallen am Schönen in ihm zu hinterlaſſen. Nach Paulinzelle kam er gewiß nicht wieder, wenn es nicht im Siegeszuge der wiederaufgerichteten Kirche war, der die weit offenen Pforten des Heiligthums zur neuen Einweihung entgegenharrten! Dann war vielleicht auch Lisbeth unter der knieenden Menge, die ſich vom Unglauben einer vorübergehenden Zeit bekehrt hatte und die Abſolution mit gläubigem Herzen nit ſen des en ges er nde res äd⸗ ehr Die cher nem hige euzt ſſen. venn irche uns war enge, Zeit etzen 67 empfing. Günther's Auge richtete ſich bei dieſem Ge⸗ danken, der ſein Herz ſtets höher ſchlagen ließ, zum Himmel empor, der über den Waldbergen ſich wölbte, und ſank dann wieder zu Boden; eine Antwort auf die ſtumme Frage, die er aufwärts gerichtet, mußte er in Demuth abwarten und ſich beſcheiden, auch wenn ſie ihm in der Spanne Zeit ſeines Erdenlebens nicht mehr zu Theil wurde. Auf dem Pfade, den er gemeſſenen Schritts ver⸗ folgte, bemerkte er eine kleine Blume, auf die er eben ſeinen Fuß ſetzen wollte; er hob ſie auf. Es war ein blaues Glockenblümchen; offenbar hatte es die Tochter des Müllers von Paulinzelle aus ihrem Strauß ver⸗ loren. Er nahm es mit ſich und wurde dadurch wieder an das liebliche Kind erinnert; bald fand er noch hier und da eine kleine Blüte, und es war ihm, als dürfe er ſie nicht liegen laſſen. Blumen auf ſeinem Pfade hatte er ja im Leben ſo wenig ge⸗ funden! Mit Abſicht waren ſie ihm auch hier nicht geſtreut. Da öffnete ſich vor ihm endlich der Wald, und wie er hinaustrat, lag auf ſeiner Höhe das ſtolze Bergſchloß in ſeiner impoſanten Größe, von den Strahlen der untergehenden Sonne hell beleuchtet, vor ſeinen Augen. Unten im engen Thale drängten 5* 68 ſich die Häuſer der Stadt, aber kein Blick des Wanderers richtete ſich hinab zu ihr, er ſchaute nur zu der Burg, deren überraſchender Anblick ihn wie ein nie geſehenes Schauſpiel gefeſſelt hielt. Und es war doch nicht zum erſten Male, daß er ſie betreten ſollte! Viertes Kapitel. Gosmar. „Der Gosmar! So wahr ich lebe! Haltet einmal, Ihr guten Leute!“ Sie gehorchten wirklich, die vier bewaffneten Metzger⸗ geſellen, welche, einer vorn, zwei zur Seite, einer ſchließend, den gebundenen Mann auf der Landſtraße mit ſich fortführten. Es war vor Stadt Ilm, deren ſchöner gothiſcher Thurm ſich eben zeigte, da, wo der Weg am Fuße des Buchberges durch die Senkung zieht. Der Ruf war von einem Reiter gekommen, den ſie auf ſeinem kleinen zottigen Klepper an den lang herabhängenden Beinen ſchon von weitem erkannt hatten, noch ehe ſein großer Hund vorausgeſprungen war, um ſie anzubellen. Sie hatten ihn dann, als er näher gekommen, ehrbar, aber wie Männer, die ſich ihrer 70 Wichtigkeit zur Zeit bewußt ſind, gegrüßt, indem ſie ſich ein wenig zur Seite gehalten, damit der Alte, der nicht gewohnt war, viel auszuweichen, an ihnen vor⸗ überreiten könne. Da war ſein Blick auf den Ge⸗ fangenen gefallen, der mit dreiſter Miene zu ihm auf⸗ ſah, er hatte ihn erkannt und ſeinen Namen gerufen. Die Metzger nahmen ihre Hellebarden von der Schulter und ſtützten ſie auf die Erde, und der eine ant⸗ wortete auf das Gebot des alten Herrn, daß ſie ſich nicht aufhalten könnten, da ſie den Mann baldigſt in Arnſtadt abliefern müßten. Ohne ſich viel um den Sprecher zu bekümmern, trieb der alte Herr ſeinen Klepper dicht an den Gefangenen heran und rief:„Wie kommſt Du denn hierher? Und was haſt Du begangen, Menſch, daß ſie Dich wie ein Stück Schlachtvieh treiben?“ Er kannte einen oder den andern von den Geſellen nach ihrem Handwerk. „Ich bin unſchuldig, Herr Valentin!“ ſagte der Gefangene. „Unſchuldig!“ murrten die Schlächter unwillig und ihr Führer ſprach:„Glaubt ihm doch nicht, Herr! Er hat Blut vergoſſen!“ Ihr auch; Ochſenblut zu Haus oder Menſchen⸗ blut im Kriege, es kommt auf eins heraus. Ich habe auch Blut vergoſſen! Rede, Gosmar! Warum treiben ſie Dich?“ 71 „Sie haben mich aufgegriffen beim Herrn Pfarrer in Blankenburg, der mir einen Winkel zum Schlafen gegeben hatte, weil ich in keiner Herberge bezahlen konnte. Dort haben ſie mich gebunden und fortge⸗ ſchleppt.“ „Weshalb aber, weshalb?“ rief Valentin unge⸗ duldig, indem er ſich auf das Bein ſchlug.„Sie müſſen Dir doch geſagt haben warum, wenn Du un⸗ ſchuldig ſein willſt. Haſt Du gelogen?“ „Sie haben mir nichts geſagt, Herr Valentin“, erwiderte der Gefangene.„Und dem Herrn Pfarrer, der ſich meiner annehmen wollte, auch nicht. Er wollte gleich mit der Frau Gäfin reden, die geſtern auf der Blankenburg geweſen iſt; das ſagte er mir, weiter weiß ich nichts und helfen wird es mir auch nichts.“ Der alte Herr ſchüttelte ſeinen weißen Kopf. „Wo biſt Du geweſen in der langen Zeit?“ fragte er dann.„Warum biſt Du eigentlich fortgelaufen aus Deinem guten Dienſt?“ Ehe der Gefangene auf dieſe Frage antworten konnte, bat der Altgeſelle den Reiter, ſie nicht länger aufzuhalten, damit ſie bei guter Zeit nach Arnſtadt kämen und nach ihrer Abfertigung noch zur Nacht wieder heimkehren könnten. „Nach Arnſtadt bringt Ihr ihn?“ entgegnete Valen⸗ 72 tin.„Auf weſſen Befehl iſt er denn feſtgenommen worden?“ „Das wiſſen wir nicht“, erwiderte der Altgeſell. „Doch wohl auf Befehl unſerer gnädigen Gräfin. Wir ſind aufs Rathhaus beſtellt worden, da haben wir aus der Waffenkammer die Hellebarden gekriegt und der Bürgermeiſter hat uns beſchieden, was wir zu thun haben. Den Mann da hatten ſie ſchon eher aus ſeinem Verſteck geholt und ins Loch geſperrt, der Frohnvogt überantwortete ihn mir und ſo ging's fort.“ „Habt Ihr ihn gebunden? Auf eigene Fauſt oder auf Befehl?“ fragte der Reiter. „Gebunden hatten ſie ihn ſchon. Aber wir müſſen fort, edler Herr!“ „Er ſoll alſo nach Arnſtadt transportirt und aus⸗ geliefert—“ Ein lautes Aufſchreien der Männer unterbrach ihn. Der Gefangene entſprang ſo eben, den Augenblick benutzend, wo die Aufmerkſamkeit weniger ſcharf auf ihn gerichtet war. Mit der Gewandtheit und Schnelligkeit eines wilden Thieres ſprang er den ſteilen Berg hinan, und der große Hund des Reiters, dadurch aufgeregt, ſprang luſtig bellend eine Strecke mit. Die Hellebarden klirrten zur Erde, die Wächter ſtürzten bergan, den Entflohenen zu verfolgen. Mit großem Antheil ſah der alte Herr der tollen Jagd nac entſ et i hun heh den lan offe gebt We büß wet gef Get Gri dach lich ſchi tra alte Mit 86 n nach, welche ſeinen Augen alsbald unter den Bäumen entſchwand. Der erſte, der zu ihm zurückkehrte, weil er ihm pfiff, war ſein Hund.„Du biſt kein Fleiſcher⸗ hund, Murks!“ rief er ihm zu.„Brauchſt nicht hetzen und quälen zu helfen! Was bringſt du mir denn da?“ Der Hund hatte einen Strick im Maule, den er lang nachſchleifte. Valentin lachte laut; das war offenbar der Strick, mit welchem der Entſprungene gebunden geweſen war, er hatte ihn alſo abgeſtreift. Wenn die Verfolger ihn einholten, mußte er es freilich büßen. Ob er unſchuldig war, mochte zweifelhaft ſein; wenn die Gräfin wirklich Befehl gegeben hatte, ihn gefangen zu nehmen und zur Auslieferung an die Gerichte ihres Vetters nach Arnſtadt zu transportiren, ſo fiel ihm jedenfalls ein Verbrechen zur Laſt. Die Gräfin war eine zu gerechte Frau, um auf bloßen Ver⸗ dacht hin einen Menſchen, dem obendrein der Geiſt⸗ liche eine Freiſtatt gegeben, zu verurtheilen. Gosmar ſchien ſich auf ihr Gebiet geflüchtet zu haben im Ver⸗ trauen auf ihre Milde; ſo dachte ſich wenigſtens der alte Herr den Zuſammenhang. Er hatte aber doch Mitleid mit ihm. Dies Gefühl iſt ſo natürlich. Der Schuldige, der verfolgt wird, iſt doppelt unglücklich, darum eben zu beklagen, aber nicht dieſe menſchliche 74 Regung allein, ſondern ein Widerwille gegen jede Ver⸗ gewaltigung iſt es, welcher die Menſchen oft für einen von den Dienern des Geſetzes verfolgten Ver⸗ brecher Partei nehmen läßt. In unſern Tagen iſt es nur auffallend, daß ein Verbrechen am Eigenthum davon eine Ausnahme macht: Diebſtahl ſcheint der Menge ſchwerer als Alles zu wiegen, den hilft ſie ſelbſt verfolgen! Herr Valentin konnte nun auf ſeinem Heimwege weiter reiten, er war nicht verpflichtet, die am Boden liegenden Hellebarden bis zur Rückkehr ihrer Träger zu bewachen, aber eine Weile wollte er doch noch abwarten, wie die Jagd ablaufen werde. Zurück⸗ kommen mußten die Leute auf jeden Fall hierher, um die Waffen, welche noch dazu Stadteigenthum waren, mitzunehmen, auch wenn es ihnen nicht glückte, den Gosmar wieder einzufangen. Seit wie lange hatte er den Menſchen nicht geſehen? Valentin rechnete nach. Es mußten mehr als zwanzig Jahre ſein, und doch hatte er ihn auf den erſten Blick wiedererkannt. Das machte, weil Gosmar eins von jenen Geſichtern hatte, die man ſo leicht nicht vergißt, in jeder Linie ſcharf gezeichnet. Es war ihm ſo gut gegangen bei ſeinem Herrn, und doch war er ſchon damals in der letzten Zeit immer elender geworden, gerade als trage er den —— Kei ſein don hat Ho dar nie zur in der ber Et un Ve er⸗ für er⸗ ſſt um der ege den 75 Keim einer Krankheit in ſeinem Leibe. Die Frau ſeines Herrn, die ihr Glück ihm eigentlich zu ver⸗ danken hatte, war immer gütig gegen ihn geweſen und hatte, als er hinzuſiechen begann, die kluge Frau von Horba kommen laſſen, um ihn zu kuriren. Gleich darauf war er aber heimlich entwichen und hatte ſich nie wieder in der Gegend blicken laſſen. Mußte er zurückkommen, um ſogleich eine Miſſethat zu begehen? Während Herr von Ehrenſtein ſich die frühere Zeit in das Gedächtniß rief, bellte ſein Hund plötzlich wie⸗ der auf, und aus dem Gebüſch, das den Fuß des Buch⸗ berges bedeckte, ſprang der Entflohene auf den Weg. Er war, wie der gehetzte Fuchs thut, kurz umgeſchlagen und auf ſeiner Fährte zurückgelaufen, indeſſen ihn ſeine Verfolger ins Blaue hinein weit entfernt ſuchten. Als er den Hund bellen hörte, war er erſchrocken, aber Herr Valentin, den er nicht mehr hier glaubte, konnte ihm doch auf ſeinem Klepper nichts anhaben, auch wenn er es gewollt hätte.„Ich bin frei!“ rief er ihm zu und ſuchte nur wieder zu Athem zu kommen, um dann ſeine Flucht in der Richtung, die er genommen hatte, eiligſt fortzuſetzen. „Wenn Du nur auch unſchuldig wäreſt, Gosmar!“ erwiderte Ehrenſtein,„ann wollte ich ſchon etwas für Dich thun.“ 76 „Ich bin unſchuldig!“ wiederholte Gosmar. „Umſonſt läßt die Gräfin auf Keinen fahnden“ verſetzte der alte Herr.„Ich will Dich aber nicht feſt⸗ halten, mich geht es nichts an. Mach' Dich aus dem Staube, ehe ſie wiederkommen.“ „Nehmt mich mit auf den Ehrenſtein!“ bat Gosmar. „Du biſt nicht klug!“ ſagte der Alte unwillig. „Ich werde Euch keine Ungelegenheit machen, ich bleibe nur über Nacht und gehe dann weiter!“ „Sieh mir einmal recht ins Auge! Kannſt Du?“ ſagte Ehrenſtein, und da der Flüchtling den Kopf hängen ließ, ſprach der Alte:„Es wäre meinem Hauſe ſchon ſeines Namens wegen nicht gut, wenn ich es zu einem Schlupfwinkel für Uebelthäter machen wollte.“ „Der bin ich nicht!“ ſchrie Gosmar auf. „Deſto beſſer!“ ſagte Ehrenſtein.„Aber ein gutes Gewiſſen haſt Du auch nicht. Mach' alſo, daß Du fortkommſt! Du wirſt ſo lange zaudern, bis ſie wie⸗ der über Dich herfallen.“ Gosmar ſagte kein Wort mehr, ſondern raffte ſchnell eine der am Boden liegenden Hellebarden auf und ſchwang ſich damit, ſie als Springſtock gebrauchend, auf den nächſten hohen Vorſprung, wo er ſogleich mit einer grüßenden Handbewegung gegen den alten Herrn im Walde verſchwand. Es that dieſem jetzt einigermaßen kle i 7 f uſe zu Du ie⸗ 77 leid, ihn ſo abgefertigt zu haben. Wenn er ihn mit auf den Ehrenſtein genommen hätte, ſo wäre er aller Verfolgung entzogen geweſen, denn die Burg mit ihrem kleinen Gebiet war ein reichsfreies Sonnenlehn, wie er heute früh ſchon dem Kriegsmann, den er auf der Kirchenſchwelle ſchlafend getroffen, erklärt hatte, er war kein Lehnsmann der Schwarzburger Grafen oder ſonſt eines Landherrn in Thüringen und brauchte Niemand Rede zu ſtehen, der Landfrieden ſchützte ihn auch vor Ueberwältigung, wenn etwa einer dazu Luſt gehabt hätte. Es war wirklich auch ſeine Abſicht geweſen, den ehemaligen Marſtaller des Grafen Heinrich, deſſen That als Roßbube für ſeinen Herrn in der ganzen Nachbarſchaft Aufſehen gemacht hatte, mit ſich zu nehmen und ihm Schutz zu gewähren, wenn er un⸗ ſchuldig war. Sein Benehmen hatte aber deutlich ge⸗ zeigt, daß er kein gutes Gewiſſen habe, wie ſehr er auch die Schuld ableugnete. Zu einem Schlupfwinkel für Mörder und Strolche konnte Herr Valentin ſeinen Ehrenſtein nicht machen; wenn die baufällige alte Burg, von den Seinigen verlaſſen, über kurz oder lang in Trümmer ſank, ſo ſollte man ihr wenigſtens nichts Böſes nachſagen können, wie ſo vielen Adelsburgen in deutſchen Landen. Ein Raubſchloß oder eine Mörder⸗ höhle war ſie nie geweſen. Mit dieſem Gedanken 78 wandte Valentin ſeinen Klepper um und ließ ihn in dem flinken Paßgange, den der alte Herr der Bequem⸗ lichkeit wegen dem ſtolzen Trabe eines wohlgerittenen Roſſes vorzog, den Weg verfolgen, der ſich bald links von dem Blankenburger nach Remda abzweigte und auch zu ſeinem Ehrenſteine führte. Ob der Gosmar entkommen ſein mochte? Er hatte ſich einer der Waffen bemächtigt, um ſeine Freiheit im Nothfall theuer zu verkaufen, aber der ſchwere Beilſpieß mußte ihm doch ſonſt hinderlich ſein, da er ein kleiner, ſchwächlicher Menſch war. Vielleicht wollte er ſich aber irgendwo anwerben laſſen, denn wer keine Waffen mitbrachte, wurde ja nicht angenommen. In Arnſtadt, wo er ge⸗ weſen war, hatte er gehört, daß die Schmalkaldner unter der Hand ſtark zu rüſten anfingen. So ſollte es doch endlich im lieben Deutſchland zwiſchen den Re⸗ ligionsparteien zum Kriege kommen! All das Disputiren der Theologen auf vielen Zuſammenkünften, das Hin⸗ halten und die kluge Politik des Kaiſers hatten zu nichts geführt; es konnten nun ſchlimme Zeiten kommen, deren Ende wohl der alte Valentin, der jetzt ſiebzig Jahre alt war, nicht mehr erleben würde, vielleicht auch der Luther nicht ſmehr, der vor einigen dreißig Jahren das Feuerlein zzuerſt angezündet hatte, von dem er gewiß nicht geahnt, daß es ein ſo großer —— te, R⸗ ner es Re⸗ ren in⸗ zu 0 en, zi iht ig 0n 79 Brand werden könnte. Kaiſer und Papſt hatten es nicht geglaubt, und es ſollte ihnen jetzt wohl nicht mehr gelingen, mit Strömen Blutes ihn zu löſchen. Das wollte der Kaiſer auch gar nicht. Er war zwar im Burgundiſchen aufgewachſen und König von Spanien, aber er hatte doch gutes deutſches Blut in ſeinen Adern. das habsburger Blut ſeines ritterlichen Großvaters Max. Nur die Autorität wollte er aufrecht halten, ſeine eigene kaiſerliche wie die Autorität der Kirche, und es fragte ſich, wenn die Häupter des Schmalkal⸗ diſchen Bundes es nicht zu billigen Vergleich kommen ließen, wer die Schuld des Krieges trug. So dachte ſich wenigſtens der alte Valentin von Ehrenſtein, deſſen Blick von ſeinem Bergſchloſſe nicht weit reichte, die Lage der Dinge. Dieſe war aber keineswegs ſo ein⸗ fach, ſondern verwickelt genug, und der ſchärfſte Ver⸗ ſtand konnte kein Mittel mehr finden, ſie zu entwirren, weil der Gegenſatz der Anſchauungen in beiden Parteien ein zu ſchroffer geworden war. Als Valentin in den Hof ſeines altersgrauen Schloſſes einritt und ein paar muntere Knaben aus der Thür des Wohngebäudes ihm jubelnd entgegen gelaufen kamen, der Hund in gewaltigen Sprüngen die Kinder bellend begrüßte und am Fenſter ſich ein freundliches Frauenantlitz zeigte, den Ankommenden 80 willkommen zu heißen, da hatte der Greis Alles ver⸗ geſſen, was draußen die Welt bewegte. Seine Welt war innerhalb dieſer Mauern und ſeiner Feldmark ab⸗ geſchloſſen. Der Knecht nahm ihm den Klepper ab, von dem er ſich leicht ſchwang, er küßte die Knaben, die ihm Hand und Mund boten, und fragte, ob ſich Niemand hier gemeldet habe, um auf ihn zu warten. Die Knaben ſahen ſich an.„Wer denn, Großvater?“ fragte der älteſte. „Nun, wenn ihr nichts wißt, Buben, ſo iſt er nicht hier!“ ſagte der Greis.„Es war ein Kriegsmann, ein wackerer, tüchtiger Geſell, wie ihr auch werden ſollt. Er iſt alſo nicht hergegangen, wie ich ihm anbot; wird ſich wohl auch den Schmalkaldiſchen anbieten! Mir kann's recht ſein.“ Im Erdgeſchoß, das allein noch bewohnbar war, ſtand die Frau, die er ſchon beim Einreiten bemerkt hatte, am offenen Fenſter. Es war ein ſo herzge⸗ winnender Anblick, dies freundliche Geſicht mit den liebevollen blauen Augen zu ſehen, daß Jeder, der in ihre Nähe kam, immer und immer wieder zu ihr hin⸗ ſchauen mußte; und doch waren die Roſen und Lilien, welche einſt auf dieſem Antlitz geblüht hatten, wor langen Jahren ſchon vergangen und ſilberweiße Löck⸗ chen der ent woll gehr hätt frich ſein erwi fein das Kna gehi woh auch ten ar, erkt chen, ſtatt der goldenen ihrer Jugend, quollen unter der engen Haube hervor. „Nun, Velten“, rief ſie heiter dem Angekommenen entgegen,„der Graf hat Dich wohl nicht fortlaſſen wollen?“ „Bin ich Dir zu lange ausgeblieben, Grete?“ ent⸗ gegnete er in dem gleichen muntern Tone.„Der Graf hätte nichts dawider gehabt, wenn ich eine Stunde früher geritten wäre, aber die ſchöne Iſenburgerin, ſein Gemahl— was ſagſt Du dazu?“ „Komm' nur herein, daß ich Dir den Kopf waſche!“ erwiderte ſie. Und als er eintrat, gab ſie ihm ihre feine, noch immer weiße Hand und nahm ihm ſelbſt das Barett und das Mäntelchen ab, während die Knaben ſich des leichten Schwerts, das er im Wehr⸗ gehänge trug, bemächtigten. Dann ſetzten ſich die beiden alten Leute, wie ſie es ge⸗ wohnt waren, zuſammen an den Tiſch, zu welchem auch die Knaben ſich ein paar von den ſchweren Stühlen ſchleppten, als könnten die Großältern gar nicht ohne ſie mit einander verkehren. Heute wurden ſie aber hinausgeſchickt.„Frage den Vogt, ob ſich ein fremder Kriegsmann hier gemeldet und ob er ihn viel⸗ leicht fortgewieſen hat, hörſt Du, Konrad? Frage ihn! Und Du, Hermann, ſieh nach dem Hunde, daß er die Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 6 Hühner nicht jagt. Leg' ihn an die Kette. Ich werde euch rufen, wenn ich euch wieder haben will.“ Damit wurden die beiden Enkel entlaſſen. „Was haſt Du mit dem Kriegsmann, Valentin?“ fragte die Frau.„Willſt Du dem Arnſtädter Grafen einen Fehdebrief ſchicken, weil er eine ſchönere Frau hat als Du?“ „Die Gräfin Eliſabeth iſt ſehr ſchön, aber das Gretchen von Ehrenſtein iſt mir doch lieber!“ erwiderte Volentin.„Von dem Kriegsmann laß Dir erzählen.“ Er berichtete kurz, wie er mit ihm in Paulinzelle zuſammen⸗ getroffen war und daß er ihn in der Meinung, daß er kein Unterkommen gefunden, nach ſeinem Hauſe ge⸗ ſchickt habe. Sie ſchüttelte ein wenig den Kopf dazu und meinte, in jetziger Zeit, wo wieder alle Wege von herumziehenden Knechten, die der Werbetrommel nach⸗ liefen, wimmelten, ſei es doch nicht recht geheuer, ſolche ausdrücklich einzuladen. „Haſt Recht!“ erwiderte er.„Aber wenn ich ſo einen armen Geſellen draußen finde, dem es ſchlecht geht und der alle Tage ſingen kann, wie' im Liede heißt:„Ei, werd' ich dann erſchoſſen, erſchoſſen auf breiter Haid“, ſo muß ich an mein eigenes junges Kriegs⸗ leben denken, wie ich als fünfzehnjähriger Knabe Hunger und Durſt gelitten habe, und es iſt mir immer, ver kön wei fto klo Fo Du ſech geſi ſet werde Amit tin?“ rafen Frau iderte t men⸗ aß er e ge⸗ dazu e von nuch⸗ ſolche 6 ſt hlecht iede reiter riegs⸗ Knabe mmet, 83 als würde uns Alles, was wir armen, brodloſen Kriegs⸗ leuten Gutes thun, einmal an unſern beiden Knaben vergolten werden, wenn wir's auch nicht mehr erleben können, daß ſie das Schwert umgürten.“ „Meinſt Du, ich wolle arme Leute von der Thür weiſen?“ verſetzte ſie.„Nur ins Haus nehme ich fremdes Kriegsvolk nicht gern. Du haſt auch lange klopfen müſſen, Valentin, als Du von Deiner letzten Fahrt, von Deinem Sickingen heimkehrteſt— weißt Du noch? Du haſt mir aber mehr zu erzählen, ich ſehe Dir's an; Du haſt mir ja auch noch gar nicht geſagt, wie Du Dich mit dem Grafen auseinanderge⸗ ſetzt haſt.“ „Ja, mit dem Grafen!“ erwiderte er.„Wär's kein Schwarzburger geweſen, ſo hätte ich vielleicht ſchwereres Spiel gehabt, denn ſo ganz konnte ich mein Recht am Kloſterholz nicht beweiſen. Aber an fürſtlicher Ge⸗ ſinnung kommt den Schwarzburgern ſo leicht Keiner zuvor, das haben ſie ſchon von ihrem Ahn, dem Kaiſer, als ein theures Ehrenvermächtniß geerbt. Er ſagte mir, das wollten wir nicht erſt dem Schiedsſpruch unter⸗ werfen, ſondern unter uns nach Recht und Billigkeit abmachen; er zweifle nicht im geringſten an meinem Wort, da er mich ja ſo lange kenne. Wir haben uns dann zuſammen hingeſetzt und die Sache feſt gemacht.“ 6* 84 „Ich dachte mir's ſchon“ ſagte Frau Margarethe. „Die Gräfin Katharina würde auch beſſer gefahren ſein, wenn ſie ſich ohne Einmiſchung des Sachſen mit dem neuen Herrn von Arnſtadt um ihr Witthum ver⸗ glichen hätte.“ „Beſſer gefahren!“ wiederholte Valentin.„Hat ſie denn um Land und Gut gefeilſcht? Sucht ſie denn geizig das Ihre, wie die Schrift ſagt? Du weißt doch am beſten, wie ſie darüber denkt.“ „Das weiß ich, aber gerade darum hätte ſie noch mehr Land bekommen müſſen, und jedes Dorf, das ihr über das Bedungene noch zugeſprochen worden, wäre glücklich geweſen! Haſt Du etwas Neues in Arnſtadt gehört?“ „O ja, durch den jungen Herrn“ erwiderte Valen⸗ tin.„Der kam eben von Rudolſtadt zurück, wo er ſich bei der Tante beurlaubt hatte, denn er ſoll nun an den Hof des Grafen von Naſſau. Ich glaube, daß es weniger iſt, um dort in ritterlichen Uebungen ſich zu vervollkommnen oder in ſeiner fürſtlichen Sitte, als daß ihn der Vater bei dem aufziehenden Ungewitter fort⸗ ſchickt, da er nicht ſicher iſt, daß ſich der feurige mittenhinein ſtürzt.“ „Droht es denn mehr?“ fragte Mh ernſt und mild. — — Kaiſ hea cht zug ſnf die Rei eige Ma nit e⸗ ſi nn och Er erzählte ihr, was er von den Rüſtungen des Kaiſers und des Schmalkaldiſchen Bundes, von dem beabſichtigten Concil, das die Proteſtanten nicht be⸗ ſchicken wollten, weil der Papſt, der doch Partei ſei, zugleich als Richter auftreten werde, und von den ſonſtigen mißglückten Verſuchen zu einer Einigung über die Glaubensangelegenheit und das neu zu geſtaltende Reichskammergericht gehört hatte, freilich nach ſeiner eigenen Auffaſſung. „Gott wird Alles zum Beſten lenken!“ ſagte Frau Margarethe. „Wir können es hier ruhig mit anſehen, wenn uns nicht der armen Leute im Allgemeinen jammerte“ fuhr Valentin fort.„Auf den Wald werden ſie mit Heerhaufen nicht kommen, Schlachten ſind hier nicht zu liefern. Aber ſonſt liegen wir freilich eingequetſcht zwiſchen lauter Schmalkaldiſche Bundesglieder, Heſſen, Sachſen und die Mansfelder Grafen. Es könnte alſo ſchon ſein, daß einzelne Streifparteien ſich hierher verirrten. Wir müſſen unſer Thor gut verſchließen, Margarethe!“ „Du thuſt, als klopften ſie ſchon an!“ erwiderte ſie.„Sage mir lieber, was der junge Graf von der lieben Käthe erzählt hat!“ „O lauter Gutes und Schönes“ antwortete Valen⸗ tin.„Sie hat ihm mit ihren beiden älteſten Töchtern das Geleit gegeben bis Blankenburg, wo ſie Einiges zu ordnen hatte, denn ſie ſieht überall gern mit eigenen Augen und das Regiment könnte unter dem kräftigſten Manne nicht beſſer beſtellt ſein als unter ihr.“ „Und ſie iſt ſo herzensgut!“ ſagte Margarethe. „Keine Thräne, die ſie nicht trocknen möchte, kein Un⸗ recht, das ſie duldete. Mit dem Finanziren und den Praktiken der Amtleute und Kaſtner, wie es ſonſt wohl unter dem alten Grafen, ihrem Schwiegervater, vorge⸗ kommen, iſt es vorbei.“ „Jawohl, und wo ſie einen in ihrem Lande ſtrafen oder verfolgen läßt, muß es wohl ſeinen Grund haben“, verſetzte Valentin.„Entſinnſt Du Dich noch des Gosmar, der als junger Burſche das Reiterſtücklein in Annaberg drüben im Erzgebirge ausführen half? Weißt Du nicht mehr? Der Gosmar, der nachher bei ſeinem Herrn in hoher Gnade ſtand und bei der Frau natürlich noch mehr? Er entlief nachher!“ „Was willſt Du auf einmal mit dem?“ fragte Frau Margarethe verwundert.„Freilich weiß ich mich noch auf ihn zu beſinnen! Graf Heinrich war ja mit ihm bei uns.“ „Ich habe ihn heute geſehen“, erwiderte Valentin, „in Stricken und Banden; er hat ſich aber frei ge⸗ —— ——— na geſ Bel hat wo auc ſtei m we gel Gr li tr den nit in, 87 macht, der junge Fuchs iſt im Alter nicht aus der Art geſchlagen“ Und er erzählte nun die zweite ſeltſame Begegnung, die er auf ſeinem heutigen Ritte gehabt hatte. Margarethe hörte mit großem Antheile zu und war ſehr zufrieden, daß ihr Herr nicht dem Einfall, auch dieſem Menſchen eine Freiſtatt auf dem Ehren⸗ ſtein anzubieten, nachgegeben hatte. Bei dem Kriegs⸗ manne, den er vor der Kirchenthür zu Paulinzelle ſchlafend angetroffen, wär's vielleicht unverfänglich ge⸗ weſen, den Andern aber, der wegen Blutvergießen an⸗ geklagt und auf Befehl der gerechten und gütigen Gräfin Katharina verhaftet worden war, um ausge⸗ liefert zu werden, hätte eine unverdiente Wohlthat ge⸗ troffen. „Ich entſinne mich des Menſchen ganz genau; er war ein kleiner Burſche, flink und geſchmeidig wie ein Iltis“, ſagte Frau von Ehrenſtein.„Sein Herr rühmte ihn ſehr, wie treu er ihm ſei; mir gefiel er nicht und die Treue hat er ihm nicht bewieſen, da er bei Nacht und Nebel entwichen iſt. Ich weiß nun Alles wieder. Die alte Anne könnte mehr von ihm erzählen, wenn ſie wollte, aber da ſie die kluge Frau iſt, trägt ſie aus keinem Hauſe, was ſie dort erfahren hat, am wenigſten aus dem Hauſe des Grafen Heinrich Schwarzburg, ohne den ſie unerbittlich als Hexe verbrannt worden wäre. Weißt Du, Velten, wo der Gosmar jetzt ſtecken wird? Bei der alten Anne in Horba! Da ſucht ihn kein Menſch!“ „Er wird ſich hier nicht lange aufhalten“, äußerte Valentin.„Gott gebe, daß er den Hackeſpieß, den er mitnahm, nicht gegen ſeine Verfolger hat brauchen müſſen. Die Herren von Blankenburg werden ihre aufgebotene Stadtwehr nicht eben gnädig empfangen, wenn ſie wieder einzieht, ohne den Maleficanten in den Thurm zu Arnſtadt abgeliefert zu haben. Den Strick, womit er gebunden war, brachte wenigſtens mein Murks an, den können ſie aufleſen, wenn ſie wollen.“ „Ich möchte wiſſen, was er verbrochen hat“ ſagte Margarethe. „Schade, daß ich ihm nicht auf dem Hinritt be⸗ gegnet bin, da hätte ich in Arnſtadt fragen können“, erwiderte Valentin.„Erfahren werden wir's ſchon. Er behauptete zwar hartnäckig, daß er unſchuldig ſei, und ſchrie förmlich, als ich ihn einen Uebelthäter nannte, aber ein ſchlechtes Gewiſſen hatte er doch, denn er konnte mich nicht anſehen. Und dann die Gräfin, die Keinem Unrecht thun läßt!“ „Freilich; aber ein Menſch kann auch unſchuldig in Verdacht kommen! Was mag ihn nur wieder herein⸗ geführt haben?“ — — ———*— on ein wa 89 „Nun, ein echter Thüringer hält's draußen nicht lange aus!“ entgegnete Ehrenſtein.„Ich habe das oft an mir ſelber verſpürt. Wenn ich in jungen Jahren eine Weile hier ſtill geſeſſen hatte und in der Welt es bunt herging, ſodaß Ehre und Anſehen zu gewinnen war, da wurde mir wohl das Blut warm und ich zog auch aus, um mein Schwert zu verſuchen. Solange es Krieg gab mit herzhaftem Dreinſchlagen, gefiel mir's auch ganz gut, aber bald mußte ich doch wieder an unſern grünen Thüringer Wald mit ſeinen ſchönen Bergen und Thälern denken und das wurde täglich lebhafter in mir, bis ich draußen nicht mehr froh werden konnte.“ „Und zu Hauſe bliebſt Du dann doch nicht lange“, ſagte Margarethe. „Sage das nicht! Wie lange hab' ich mit Dir Haus gehalten, bis mich zuletzt der Sickingen wieder aufrief!“ „Dein Sickingen!“ erwiderte Margarethe.„Ich glaube, Du wirſt einmal nicht ſo trauern, wenn ich ſterbe, wie Du um den Sickingen getrauert haſt.“ „Um Dich werde ich gar nicht trauern, denn wir ſterben beide zuſammen, Gretchen, das geht gar nicht anders! Der Sickingen aber— was haben wir alle, wir vom Adel beſonders, aber auch ganz Deutſchland 90 an dem verloren! Wenn alle dachten wie ich, ſo wären die Fürſten, die ihn auf ſeiner Veſte noch im Sterben unedel behandelt haben, ohnmächtig gegen ihn und uns geweſen. Dann ſtände ein ſtarker Adelsbund durch ganz Deutſchland und dem Kaiſer und Reich wäre geholfen, wie auch dem armen Volk, denn von Bedrückung könnte nicht mehr die Rede ſein!“ Frau von Ehrenſtein kannte dieſe Anſchauung ihres Mannes ſchon, er faßte immer Alles von der ſchönſten und edelſten Seite auf, beſonders Sickingen's gewaltige Pläne. Statt der Antwort nahm ſie ein gedrucktes Blatt vor, das auf dem Tiſche lag, und las:„Darnach iſt kommen der große Gott Mammon oder Geiz. Wie hat der nicht allein Bauern und Bürger, ſondern recht gröblich Adel, Grafen, Fürſten und Herren beſeſſen, daß man dergleichen kann leſen in allen Hiſtorien. Der Adel will Alles haben, was Bauer und Fürſt hat, ja ſie wollen Fürſt ſein.“ „Wer ſagt das?“ fragte Ehrenſtein barſch. „Doctor Martinus Luther“ erwiderte ſie gelaſſen, indem ſie ihm das Blatt reichte. Es war eine Er⸗ mahnung des Reformators, welche dieſer nach der Red⸗ lichkeit ſeines Herzens und der Deutſchheit ſeiner Ge⸗ ſinnung hatte ergehen laſſen, als Gefahr drohte, daß ſich einige deutſche Fürſten mit dem Könige von Frank⸗ reic dar na nio vel Wo ni de g n — 91 reich gegen den Kaiſer verbinden würden. Er ſtrafte darin ſein Volk mit ernſtlichen Worten. Valentin nahm das Blatt und las den Anfang laut:„Wem nicht zu rathen iſt, dem iſt nicht zu helfen.“ Dann verſtummte er und las die ſtrengen Worte ſtill für ſich zu Ende. „Wo haſt Du das her?“ fragte er die Frau. Es war ihr von Rudolſtadt, wohin ſie in häuslichen An⸗ gelegenheiten einen Boten geſchickt, mitgebracht worden. „Er hat Recht, der Mann Gottes! Das ſag' ich ja eben! Wenn nicht Jeder an ſich dächte, um ſich auf Koſten Anderer zu bereichern, dann hätten wir zu⸗ ſammengehalten, als es galt, und Franz von Sickingen lebte heute noch und wäre Marſchall der geſammten Ritterſchaft Deutſchlands, wir hätten keinen Bauern⸗ krieg gehabt und es ſtünde kein Krieg zwiſchen Kaiſer und Fürſten vor der Thür!“ Dem hellen Verſtande der Frau war das Alles nicht recht einleuchtend, aber ſie ließ ſich nicht weiter darauf ein. Sein Held war nun einmal der rheiniſche Ritter, der ſo klein von Geſtalt und ſo groß und gewaltig an Geiſt geweſen war, und wenn Valentin nach ſeiner Heimkehr von der letzten Kriegsreiſe, auf welcher er einen Streithengſt beſtiegen, anfangs auch manches mißbilligende Wort über Sickingen's Pläne, 92 die ihm den Untergang gebracht, namentlich über ſein Streben, ſich ſelbſt zum Fürſten in dem zu ſäculari⸗ ſirenden Kurfürſtenthum Trier aufzuſchwingen, geäußert hatte, ſo war er doch mit jedem Jahre, das darüber vergangen, blinder für dieſe Schatten in dem leuchten⸗ den Bilde ſeines letzten Feldherrn geworden. „Du glaubſt an den Krieg?“ fragte Margarethe, von der Vergangenheit ablenkend. „Graf Günther hält ihn für unvermeidlich“ er⸗ widerte Valentin.„Wie ſoll's anders werden?“ „Und wenn der Kaiſer ſiegt, was wird aus unſerer Glaubensfreiheit?“ „Der Kaiſer wird nicht ſiegen!“ entgegnete Valen⸗ tin zuverſichtlich.„Die Schmalkaldner ſind ſo ſtark und über ganz Deutſchland verbreitet, daß keine andere Macht aufkommen kann; die oberländiſchen Städte allein halten jeden Zuzug aus Italien ab; der Landgraf von Heſſen, der Kurfürſt von Sachſen, der Würtemberger und ſo viele andere— es wird vielleicht harte Kämpfe geben, aber ſiegen kann der Kaiſer nicht. Für junge Kriegsleute viel Ausſicht, mich geht das nichts mehr an.“ „Du glaubſt, der Gosmar werde ſich auch anwerben laſſen?“ bemerkte Margarethe.„Der muß aber doch ſchon fünfzig Jahre alt ſein!“ V 93 „Thut nichts! Wie alt war ich, als ich das letzte Mal auszog? Der Gosmar iſt übrigens noch nicht ſo alt, höchſtens ſechs⸗ oder ſiebenundvierzig, im beſten Mannesalter, wenn er nur ſtärker und kräftiger wäre. Leute wie er kann man aber auch brauchen, als Läufer und Späher, oder als Hakenſchütz, es muß ja nicht immer der Spieß ſein. Siebenundvierzig, ſage ich Dir, mehr nicht. Sein Herr hat mir erzählt, daß er nicht älter als zwölf Jahre geweſen, als er ihm das Jung⸗ fräulein im Thurme zu Annaberg ausgeführt und den Thürmer beſtochen hat. Als er fortlief, war er kaum in den Zwanzigen und der Knabe des Grafen eben zwölf geworden, wie mir der Vater nachmals erzählt hat. Du weißt, ich war gerade damals am Rhein, danach können wir rechnen. Wenn man in ältere Jahre kommt, vergeht die Zeit wie im Fluge.“ „Der Knabe iſt ſeitdem auch ein Mann von etlichen dreißig Jahren geworden, wenn er noch lebt, der Arme!“ ſagte Margarethe.„Ob er in ein anderes Kloſter gegangen ſein mag? Oder in die weite Welt? Wann haben wir ihn mit ſeinen prächtigen ſchwarzen Locken zuletzt geſehen, Velten, ehe er nach Paulinzelle ging?“ Valentin legte auf einmal emporfahrend ſeine ſchwere Hand auf den Arm ſeiner Frau und ſah ſie zweifel⸗ 94 haft an, als ob er mit einem ihm plötzlich aufge⸗ ſtiegenen Gedanken beſchäftigt wäre. „Was haſt Du?“ fragte ſie. „Ich glaube“, ſagte er,„daß ich ihn heute in aller Morgenfrühe geſehen habe!“ „Den Günther?“ rief ſie erſtaunt. „Ja, ja, den Sohn unſeres Grafen Heinrich, der ihm einen Namen von ſeinem Vetter, dem Leuten⸗ berger, borgen mußte, den Günther von Friedeburg! Ich trug mich auf meinem ganzen Ritt damit herum, wem der ſtattliche Kriegsmann, den ich früh ſchlafend auf der Kirchenſchwelle gefunden, wohl ähnlich ſei, denn er kam mir doch bekannt vor und ich ſuchte ihn draußen in einem von meinen Feldlagern. Nun haſt Du mir mit dem Wort Paulinzelle und den langen ſchwarzen Locken auf einmal die Augen geöffnet; es war der Friedeburg, kein Anderer! Nur iſt er ſchwarz⸗ braun im Geſicht und hat einen Bart, als wär' er ein Kapuziner geworden, ſeit er die Benedictinerabtei verlaſſen mußte. Wir haben ihn zuletzt auf der Heidecksburg geſehen, als ſeine Aeltern todt waren; Graf Heinrich, ſein Ohm, hatte ihn zu ſich genommen. Laß ſehen, wann war das? Der alte Graf ſtarb Anno einunddreißig, es iſt alſo ſchon vierzehn Jahre her! Damals ſah der Junker von Friedeburg, der dort ſehr ge⸗ —— eig ler 85 hätſchelt wurde, noch wie Milch und Blut aus, hatte eigentlich ein Jungferngeſicht und ſoll ſeiner Mutter ähnlich geweſen ſein, ein kräftiges ſchwarzburgiſches Ge⸗ ſicht hatte er wenigſtens nicht. Das Bärtchen ſtutzte er zwar ſchon, aber es war doch erſt im Sprießen. Kein Wunder, daß ich den braunen bärtigen Mann heute nicht wiedererkannt habe!“ „Du irrſt Dich wohl, Valentin!“ ſagte Mar⸗ garethe. „Nein, nein! Er kannte mich gewiß gleich wieder, das konnte auch gar nicht anders ſein. Ich war nahe an ſechzig damals, da verändert man ſich nicht mehr viel. Er ſah mich groß an, ſodaß ich ihn fragte, ob er mich etwa abkonterfeien wolle. Aber er verrieth ſich mit keinem Wort und ging trotzig ſeiner Wege.“ „Sollte er mit dem Gosmar zuſammen heimgekehrt ſein?“ fragte die Frau. „Immer möglich! Man kann's faſt nicht anders glauben! Das wären aber ſektſame Spießgeſellen, der geweſene Mönch, von dem ſie ſchon ſagten, daß er zum künftigen Abt von Paulinzelle beſtimmt ſei, um ihn zu verſorgen, und der Marſtaller, der um Todt⸗ ſchlags willen verfolgt wird!“ „Richte nicht, Valentin!“ mahnte Frau Margarethe ſanft. 96 „Haſt Recht! Ich weiß ja gar nichts und wir werden's wohl auch nicht erfahren. Rufe die Jungen herein, daß mir das Herz wieder friſch wird. Was macht Adelheid?“ „Traurig und ſtill wie immer“ erwiderte die Frau. „Das wird nicht mehr anders werden.“ wir zen au. Fünftes Kapitel. Der heidniſche Donnergott. Auf dem alten Schloß in Arnſtadt war zum Ab⸗ ſchiede des jungen Grafen, der nun in die Welt hinaus an fremde Höfe ziehen ſollte, noch ein Feſt veranſtaltet. Die Trauer der Mutter ſollte dadurch etwas über⸗ täubt werden und der junge Herr mitten aus der lärmenden Fröhlichkeit abreiſen. Ohne Lärm konnte man in alter Zeit nicht luſtig ſein, und es ging im großen Saale ſo ausgelaſſen zu, daß Doctor Reinhard, der Rath des Grafen, lächelnd warnte, daß es nicht ein Ende nehme, wie vor Zeiten auf dem Reichstage zu Erfurt, wo im St.⸗Peterskloſter der Boden des Saales, in welchem ſich der Kaiſer Friedrich Barbaroſſa mit ſeinem Sohne, dem römiſchen Könige, und vielen Fürſten und Herren befunden, unter der Laſt Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. l. 7 98 eingebrochen und mehrere von ihnen jammervoll in einem unterirdiſchen Abzugsgraben umgekommen.„Auch ein Ahnherr meines gnädigen Grafen!“ ſetzte der Rath hinzu. „Dieſe Geſchichte erzählt er mir oft!“ rief der Graf heiter.„Ich ſoll bauen! Das alte Schloß gefällt ihm nicht mehr. Nun, dazu kann Rath werden, wenn wir erſt mit andern Dingen über den Berg ſind!“ Seine nächſten Freunde verſtanden, was er damit meinte; es war die drohende Kriegsgefahr, in welche der Graf von Schwarzburg gerieth, der für mehrere ſeiner Beſitzungen ein Vaſall ſowohl des Kurfürſten von Sachſen als ſeines Vetters albertiniſcher Linie, des Herzogs Moritz zu Sachſen war. Seiner Lehnspflicht nach mußte er, wenn es zum Aeußerſten kam, Kriegs⸗ volk ſtellen, wenn nicht gar verlangt wurde, daß er in Perſon Zuzug leiſte. Doch hoffte er noch immer wie viele wohlgeſinnte Männer auf einen friedlichen Ausgleich, und dann erſt konnte er ſich der Erbſchaften erfreuen, durch welche er bis auf eine einzige Herr⸗ ſchaft alle Schwarzburgiſchen Lande vereinigt hatte, da auch die beiden Aemter Blankenburg und Rudolſtadt, die der Wittwe des letzten Arnſtädter Grafen nur als Witthum auf Lebenszeit übergeben waren, zu ſeinen unbeſtrittenen Beſitzungen gehörten. Günther der Reiche, in luch ſath Graf ihm wir umit elche hrere von des icht riegs⸗ aß er mmer lichen ften Hetr⸗ to da ſtadt, t als ſeinen Reiche — 99 welchem das Volk noch einen andern humoriſtiſchen Beinamen gegeben hatte, konnte wohl an Stelle der alten baufälligen Burg, in welcher einſt ſein Ahnherr, der Kaiſer, gehauſt, ehe er auf den deutſchen Thron berufen wurde, ein neues ſtattliches Schloß aufrichten. Heute waren auch Frauen beim feſtlichen Mahle, was in jener Zeit, wo die Frauen noch ein ziemlich abgeſchloſſenes Leben führten, nicht immer der Fall war. Das Haus Schwarzburg zählte gar viele ange⸗ ſehene adlige Vaſallen; wir könnten mehr als achtzig Geſchlechter namhaft machen, von denen die meiſten noch blühen, wie die Witzleben, Griesheim, Watzdorf, Holleben, Dobeneck, Hopffgarten, Wurmb und andere, zum Theil auch heute noch in Schwarzburgiſchen Landen angeſeſſen ſind. Auch Edelleute aus fremder Fürſten Gebiet trugen Schwarzburgiſche Lehen bei der alten, in voller Kraft noch beſtehenden Entwickelung des Lehnsſyſtems, wenn auch die urſprüngliche Grundlage deſſelben, Leiſtungen und Gegenleiſtungen in Treu und Schutz beſonders der perſönliche Reiterdienſt der Vaſallen, längſt in Vergeſſenheit gekommen war. Von dieſen Auswärtigen ſah man heute auch ein paar, welche der Zufall hierher geführt hatte, an der Tafel des Grafen Günther: den Hans Wangenheim, der ſonſt nicht gern hofirte, und den alten deutſchen Degenknopf Landwüſt, 7* — 100 der ſeinen Sitz an der Mulde nur verlaſſen hatte, um für die Wunden aus frühern Kriegszügen, welche ihn zuweilen noch mit Beſchwerden heimſuchten, an einer Heilquelle etwas zu thun. Die Beiden, die ſich hier unerwartet getroffen hatten, ſaßen an der Tafel beiſammen und bedauerten nur, ihren alten Freund Ehrenſtein nicht hier zu ſehen. Der hatte aber die Einladung abgelehnt. „Wäret Ihr geſtern gekommen!“ ſagte der Graf über den Tiſch hinüber, als er ihr Bedauern hörte. „Geſtern war er bei mir. Ich lud ihn ein, er hat mirs aber rund abgeſchlagen. Wenn Ihr ihn ſehen wollt, müßt Ihr ihn in ſeinem Eulenneſte aufſuchen. Er getraut ſich nicht mehr meinen Tummler zu leeren und fürchtet ſeinen alten Ruhm zu verlieren. Kriegs⸗ leute ſind darin fürſichtig.“ „Ihr nennt den Ehrenſtein ein Eulenneſt, gnädiger Herr?“ entgegnete ſeine Nachbarin, eine geſprächige Frau in mittlern Jahren, welche ſich durch einen be⸗ ſonders reichen Anzug unter den übrigen, meiſt ziem⸗ lich einfach gekleideten Frauen auszeichnete.„Es hauſen doch nicht lauter Eulen in dem alten Gemäuer, ſon⸗ dern auch ein Wundervogel von ausnehmendem Ge⸗ fieder.“ „Das iſt auf dem Ehrenſteine nichts Neues, Frau vol Rü iue zu und atte elche an e ſich Tafel eund t die Gruf hörte. r hat ſehen uchen. leeren ädiger üchige en be⸗ zien⸗ hauſen ſon⸗ m Ge⸗ Frau 101 von Bieſerodt“ erwiderte der Graf.„Schon einmal hat ein Wundervogel dort ſein Neſtchen gehabt, ein Wundervogel aus dem Morgenlande obendrein. Habt Ihr nicht von dem Grafen von Gleichen gehört?“ „Von dem Manne mit zwei Frauen?“ fragte ſie raſch und lebhaft. Die Nächſtſitzenden lachten.„Fragt nur den Hof⸗ meiſter meines Sohnes, Doctor Warnheimer, der wird's Euch erzählen!“ ſagte der Graf und rief dieſen gleich an.„Frau Magdalena von Bieſerodt will die Ge⸗ ſchichte von dem Grafen Gleichen hören, wie er mit ſeinen beiden Frauen Haus gehalten hat, natürlich mit Erlaubniß des Papſtes.“ „Die kenne ich ſchon!“ verſetzte die muntere Frau. „Seine Gnaden behaupten aber, die ſchöne Sarazenin habe auf dem Ehrenſtein gewohnt, und verweiſt mich an den Herrn Doctor.“ „Es heißt ſo, edle Frau!“ erwiderte dieſer.„Graf Ludwig von Gleichen hatte ſeine Befreierin nur unter der Bedingung heirathen wollen, wenn er bei ſeiner Rückkehr nach Thüringen ſeine Gemahlin nicht mehr am Leben fände. Dieſe lebte aber noch, und ſo trug er doch Bedenken, die beiden Frauen zuſammen zu bringen. Er ſoll ihr alſo den Ehrenſtein, Schloß und Amt, geſchenkt und zum Wohnſitz angewieſen haben. 102 Ich zweifle aber daran, denn die Beſitzung hat ihm nicht gehört, ſondern—“ Die Tafelgenoſſen ließen ſeine Auseinanderſetzung nicht aufkommen, ſondern übten ihren derben Witz an dem ergiebigen Stoffe, nicht gerade zur Erbauung der anweſenden Frauen, wie ſehr dieſe auch an dergleichen gewöhnt ſein konnten. Der zarte und ſinnige Geiſt der Unterhaltung mit Frauen oder in deren Gegen⸗ wart war mit der Zeit der Minneſänger ſchon ſeit Jahrhunderten entflohen, dem Idealismus ein derber Realismus gefolgt, ein Rückſchlag, der ſich oft wieder⸗ holt. Es kamen auch Anſpielungen auf den neuen Grafen von Gleichen vor, den Landgrafen Philipp von Heſſen, der ebenfalls zwei angetraute Frauen beſaß. „Aber der jetzige Wundervogel, gnädiger Herr!“ ſagte Frau von Bieſerodt, als der Graf an ihrer Seite wieder zugänglich war.„Habt Ihr ihn geſehen? Ich bin ſehr neugierig, etwas Näheres zu hören!“ „Was meint Ihr eigentlich, Frau Mogdalena?“ entgegnete Graf Günther, indem er ihr ſein ehrbarſtes Geſicht zuwandte, um ſie zu zwingen, ſich ganz auszu⸗ ſprechen. „Ich meine die junge Frau, von der man in der ganzen Gegend ſpricht und die Niemand geſehen hat, * ——— R —— 103 von dem man etwas über ſie erfahren könnte!“ er⸗ widerte Frau von Bieſerodt. „Und was ſpricht die ganze Gegend von ihr?“ fragte der Graf.„Ich weiß von nichts.“ „Eure gräfliche Gnaden verſtellen ſich!“ rief die Dame.„Ihr ſolltet nicht wiſſen, was ſogar auf der Heidecksburg erzählt worden iſt?“ „Sogar?“ wiederholte der Graf.„Warum ſogar? Iſt denn Rudolſtadt viel weiter vom Ehrenſtein als Arnſtadt?“ „Das meine ich nicht!“ entgegnete Frau Magdalena etwas ungeduldig, weil ſie feſt überzeugt war, daß der Graf ihr nur ausweiche.„Aber wenn die Gräfin Katha⸗ rina duldet, daß in ihrer Nähe davon geſprochen wird, ſo muß doch wohl an der Sache etwas ſein!“ „An welcher Sache?“ fragte Graf Günther mit einem vergnügten Zwinkern der Augen. „Daß die Fremde auf dem Ehrenſtein eine ent⸗ flohene Nonne iſt, die ihre guten Gründe hat, ſich eine Zeit lang—“ Hier ſtockte Frau von Bieſerodt, denn ihre lebhaften Augen, die ſich dem auf ſie gerichteten Blicke des Grafen entziehen wollten, begegneten, über die Tafel blitzend, denen der Gräfin, in welchen ſie einen leichten Vorwurf zu leſen glaubte. „Nun, ſtrenge Frau, wir ſind ja nicht mehr katho⸗ 104 liſch!“ verſetzte der Graf.„Wenn wirklich ein fremder Wundervogel auf dem Ehrenſtein eingeflogen iſt, wo⸗ von ich nichts weiß, und wenn er gar aus einer Kloſterzelle flüchtig geworden iſt, was ich nun gar nicht glaube, ſo brauchen wir ihn nicht auszuliefern. Es wäre übrigens nicht meine Sache, denn ich habe auf dem Ehrenſtein nichts zu befehlen, Herr Valentin iſt nicht einmal des Kaiſers Lehnsmann. Beſucht doch Eure Baſe einmal, da könnt Ihr's gleich erfahren. Iſt Frau von Ehrenſtein nicht Eure Baſe? Mich dünkt, Ihr hättet davon geſprochen.“ „O ja, wir ſind verwandt— weitläufig! Doch haben wir keinen rechten Verkehr unterhalten; die Baſe iſt doch ſo ſehr viel älter und mein Mann paßt nicht recht zum alten Valentin.“ Dem Grafen wurde in dieſem Augenblicke ein Brief überreicht, den ein Reiter von Rudolſtadt über⸗ bracht hatte.„Hat das ſolche Eile?“ fragte er den Leibdiener, da eine Störung bei Tafel ſonſt ungehörig war. Ein Blick auf den Brief ließ ihn aber die feinen und zierlichen Schriftzüge der Gräfin Katharina er⸗ kennen, und der Leibdiener erlaubte ſich, ihm etwas in das Ohr zu flüſtern.„Was?“ fuhr er auf, indem er ſich zu dieſem umwandte. Die Tafelgeſellſchaft war ſchon bei Ueberreichung des Wi wie auf wer dig Ha mit ſch de we tin ——— — 3 „ IeW. des Briefes aufmerkſam geworden; er mußte doch etwas Wichtiges enthalten, da nicht damit gewartet wurde, bis die Tafel aufgehoben war. Als der Graf gewahrte, wie das laute Geſpräch verſtummte und alle Blicke ſich auf ihn richteten, ſagte er aufſtehend:„Meine lieb⸗ werthen Gäſte wollen mich eine kurze Weile entſchul⸗ digen! Ich überlaſſe Euch der Sorge meiner lieben Hausfrau.“ Wer die ſteife Förmlichkeit gewohnt war, die ſich mit der ſpaniſchen Grandezza vom Kaiſerhofe aus auch ſchon an manchen deutſchen Fürſtenhof verbreitet hatte, der mochte verwundert ſein, wie einfach und herzlich der Umgang ſich hier noch bewegte. Das war noch alte deutſche Sitte, die in ihrem ungezwungenen Weſen der Würde des gefürſteten Grafen doch nichts vergab. Die Gräfin Eliſabeth übernahm ſogleich die Sorge, welche ihr Gemahl ihr übertragen hatte, indem ſie mit ihren Nachbarn die Unterhaltung unbefangen wieder anknüpfte. Sie war vielleicht mehr geſpannt als irgend wer in der Geſellſchaft, was der Bote von Rudolſtadt wohl gebracht haben könne, da ſie den Gegenſtand wußte, um den es ſich handelte. Aber ihr ſtilles, freundliches Geſicht verrieth dieſe Spannung nicht, ſie ver⸗ ſtand ſich zu beherrſchen. Der alte Valentin von Ehren⸗ 106 ſtein hatte ſie eine ſchöne Frau genannt; im ſtrengen Sinne des Worts war Eliſabeth von Iſenburg das nicht, aber die Freundlichkeit und edle Frauenwürde, die ſich in ihren immer ruhigen Zügen ausſprach, machten dieſe ungemein anziehend und man ſah ihr nicht an, daß ſie Mutter von zehn Kindern war. Ihr Erſtgeborener, dem eigentlich das heutige Feſt galt, war ſechzehn Jahre, das jüngſte Töchterlein erſt vier Jahre alt; an der Tafel nahmen nur die beiden älteſten Theil, der junge Günther und ſeine Schweſter Magda⸗ lena, die kaum ein Jahr jünger war als er. Es währte nur eine kurze Weile, ſo kam der Graf zurück. Er hatte den Brief der Gräfin Katharina ge⸗ leſen und den Boten über das, was er noch wiſſen wollte, ausgefragt; was er gehört hatte, ließ ſich einſt⸗ weilen nicht ändern. Als er wieder in den Saal ein⸗ trat, ließ ſich ein gewiſſer Verdruß in ſeinem Geſicht bemerken, doch glätteten ſich die Falten ſeiner Stirn ſogleich, als er die heitere Laune ſeiner Gäſte ſah. Er ging hinter dem Stuhle ſeiner Gemahlin vorbei, dieſe wandte ſich mit einem fragenden Blicke nach ihm um und er neigte ſich, den neugierigen Edelknaben zur Seite ſchiebend, zu ihr nieder, um ihr zuzuflüſtern: „Er iſt entſprungen!“ Im Gegenſatz zu ſeinem kurz zuvor ſichtbaren Unmuth ſchien die Mittheilung auf die ſie daß wie eine ſein weſ rn eſe un ur n: unz VR die Gräfin eher einen angenehmen Eindruck zu machen, ſie neigte blos ein wenig das Haupt, zum Zeichen, daß ſie ihn verſtanden habe, und er nahm ſeinen Platz wieder ein.„Meine Muhme ſchickt mir Botſchaft über einen Mann, den meine Juſtiz verfolgt“ ſagte er ſeinen nächſten Tiſchgenoſſen zur Erklärung ſeiner Ab⸗ weſenheit.„Sie hatten ihn in Blankenburg ergriffen, er iſt aber auf dem Transport bei Ilm entſprungen.“ „Laßt ihn laufen, gnädiger Herr!“ ſagte der alte Landwüſt.„Für wen ein Strick gedreht iſt, der ent⸗ läuft ihm doch nicht. Eure Juriſten haben Geſchäfte genug.“ Das erregte nun einigen Widerſpruch von den Ein⸗ geſeſſenen der Schwarzburgiſchen Lande. Sie meinten, hier gebe es viel weniger zu richten und zu ſtrafen wie bei den Unterthanen benachbarter Fürſten, abſon⸗ derlich in Sachſen, wo der Landwüſt her ſei. Das Schwarzburgiſche Landvolk habe faſt gar keine Abgaben und ſei durchweg wohlhabend, viele Bauern ſogar reicher als ihre Herren; wo aber Reichthum herrſche, da ſei auch Zufriedenheit und die meiſten Verbrechen würden aus Armuth und Noth begangen. Der alte Landwüſt wandte ſein rothes markiges Geſicht von einem zum andern, wie ſie auf ihn ein⸗ redeten, und ſtrich ſich nur zuweilen den dicken blonden 108 Knebelbart.„Hat's keinem von Euch einmal in der Fauſt gejuckt?“ fragte er endlich mit einem halbunter⸗ drückten Fluch, den nur die Nähe der Gräfin zum beſten Theile zurückhielt.„Muß es denn immer ge⸗ ſtohlen ſein?“ „Ihr habt Recht!“ ſagte der Graf.„Der Ent⸗ ſprungene war kein Dieb oder Räuber. Er iſt nicht dem Strick entlaufen, ſondern etwas Schlimmerem. Wohl bekomm's ihm! Und nun bringt mir den Käfern⸗ burger Willkomm, Kredenzer! Er ſoll heut' der Arn⸗ ſtädter Abſchied heißen.“ Der Hofjunker brachte das alterthümliche Trinkhorn, das wohl zwei Maß Wein faßte. Es hatte einſt den Grafen von Käfernburg gehört, welche nun längſt aus⸗ geſtorben waren; den größten Theil ihrer Beſitzungen hatten die Schwarzburger kraft der gemeinſamen Ab⸗ ſtammung geerbt. Ihr altes Schloß, nur eine Stunde von Arnſtadt entfernt, ſollte heute Abend noch, wie Graf Günther ſchon bekannt gemacht hatte, zu einer beſondern Luftfeier beſucht werden. Der Käfernburger Willkomm wäre dort eher an ſeinem Platze geweſen. Doch ließen ſie ſich ihn auch jetzt gefallen; es war noch die Zeit unmäßigen Zechens im lieben Deutſchland, und die neue Kirchenlehre, die überall auf Beſſerung der Zucht und Sitte drang, hatte darin nichts zu ändern m. rn, den U⸗ gen Ab⸗ ſde wie ner ger ſen. och und der en vermocht. Die Gräfin Eliſabeth erhob ſich, als das mächtige Trinkhorn gebracht wurde, und mit ihr ver⸗ ließen auch die andern Frauen die Tafel, nicht ohne lächelnde Rückblicke auf die Herren, die ſich nun erſt zurecht ſetzten und ſchon das gewaltige Trinkgefäß mit prüfenden Augen maßen, ob ſie der ihnen angeſon⸗ nenen Probe auch gewachſen ſein würden. Es mußte nämlich auf einen Zug geleert werden, und ein prächtig eingebundenes Buch wurde auf dem Schenktiſch aus⸗ gelegt, in welches der Name eines Jeden, der das Heldenſtück vollbrachte, eingetragen wurde, ein Beweis, daß es nicht ganz leicht war. Nur ſchwachen oder jüngern Leuten konnte ein Nachlaß auf die Hälfte oder noch weniger gewährt werden, und der junge Graf, dem noch kein Flaum auf der Lippe ſproßte, genoß heute dieſe Vergünſtigung. Als an ihn die Reihe kam, ſich für den Zutrunk und die vielen wohlgemeinten Wünſche zur glücklichen Fahrt in die Fremde zu be⸗ danken, goß er noch einen Theil des ihm zugedachten Weins in die ſilberne Kanne ab und ſprach dann ſeinen Dank in kurzen Worten aus, die aber ſo friſch und männlich klangen, daß dadurch der üble Eindruck, den ſein Verſchmähen des edlen Rebenſaftes gemacht hatte, vollkommen aufgewogen wurde. „Laßt mich das Kreuz in Eurer Hand ſehen, junges 110 Herrlein“ ſagte der alte Landwüſt, nachdem endlich die Tafel aufgehoben war und die Geſellſchaft in Gruppen ſprechend, ſtreitend oder lachend umherſtand, Mancher auch ſchon den Saal verlaſſen hatte, um ſich den Rauſch zu verſchlafen und abends auf der Käfernburg zu neuen Thaten gerüſtet zu ſein. Der junge Graf reichte dem Gaſte die Hand, in welcher das Kreuz infolge der lebhaften Anregung ſeines Innern beſonders ſcharf und blutroth leuchtete. „Habt Ihr es Euch ſchon deuten laſſen?“ fragte der Alte, der es verwundert betrachtete. „Zweimal“, nahm ein Anderer für den jungen Herrn lachend das Wort.„Das erſte Mal bei der Geburt von der Hebamme, das zweite Mal von der klugen Frau aus Horba, die hat mirs ſelbſt geſagt.“ „Ich halt's mit der letztern!“ ſchrie ein Dritter aus⸗ gelaſſen.„Was haben ſie aus dem Kreuze gedeutet?“ Dem Jünglinge waren die tobenden Scherzreden läſtig, doch mußte er ſie dulden, da auch ſein Vater mitlachte. „Was kann das rothe Kreuz bedeuten!“ rief der Befragte.„Kreuzzüge gibt's nicht mehr, da trugen's die Tempelherren. Wenn er nicht der Aelteſte wär', dem Land und Leute zukommen, könnte man's auf einen Biſchof oder Cardinal deuten. Biſchof kann man pen cher uſch Uen ung tete. der gen der der t. us⸗ 7 eden ater der ens vär“ auf man heute werden, ohne katholiſch zu ſein, in Naumburg haben wir den Amsdorf! Aber die kluge Anne will davon nichts wiſſen, die meint, das ſei gar kein Kreuz, ſondern ein Paar gekreuzter Schwerter und da ſie blut⸗ roth, ſo bedeute das einen Kriegshelden.“ Die Augen des Jünglings leuchteten bei dieſen Worten, nicht vor Unwillen mehr, ſondern ſtolz, denn er konnte ſich dieſe Deutung, die er ſchon kannte, wohl gefallen laſſen. „Das iſt das Beſte, ſo Ihr werden könnt!“ ſagte der alte Landwüſt und die Sache war damit abgethan. Gegen Abend wurde der Auszug nach der Käfern⸗ burg angetreten, von der Gräfin mit den andern Frauen zu Wagen. Diesmal hatte ſie ihre fünf Knaben alle mitgenommen, ſie waren aber darauf vorbereitet, was ſich dort begeben werde, damit ſich die jüngſten nicht fürchten möchten. Der Graf mit ſeinem älteſten Sohne und alle Gäſte nebſt einem kleinen Gefolge von Dienerſchaft ſetzten ſich zu Pferde. Es war ein herr⸗ licher Sommerabend; die Hitze des Tages hatte ſich gelegt, vom Gebirge wehte ein friſcher Wind herüber und rauſchte in den Kronen der„hohen Buchen“, von denen der Wald den Namen trägt, an deſſen Saum ſich der vornehme Zug dahinbewegte. Zur Rechten blieb die Bergmaſſe, auf deren jenſeitigem Abhang das 112 Walpurgiskloſter lag, das nun auch, wie alle Klöſter im Lande, aufgehoben war; dort thürmten ſich die Höhen bis zu ihrer Spitze, der Waſſerleite, auf; vor den Reitern öffnete ſich die Ausſicht auf das ebene Land, dann zeigte ſich drüben auf kahlem Bergvor⸗ ſprunge die uralte, längſt nicht mehr bewohnte Käfern⸗ burg, ſchon damals einer Ruine gleich. Jetzt ſind ihre Mauerreſte bis auf den letzten Stein abgetragen, um unten zu Ställen und Scheunen verwendet zu wer⸗ den; unter dem Berge hat im Anfange des vorigen Jahrhunderts eine verwittwete Fürſtin von Schwarz⸗ burg, Auguſte Dorothea, geborene Herzogin von Braun⸗ ſchweig, in Erinnerung ihrer Heimat ein ſchönes Luſt⸗ ſchloß nach dem Muſter des fürſtlich Wolfenbüttelſchen zu Salzdahlen erbaut, mit einem trefflichen Garten, der ſeiner Zeit viel Bewunderung erregt hat. Damals ſtellte ſich die alte Burg auf der Höhe mit ihrer ganzen Umgebung unwirthlich dar, und die Meiſten in dem ſtattlichen Zuge, der ſie nach dem wunderlichen Einfalle des Grafen Günther beſuchte, hatten wohl nur einen dunkeln Begriff davon, daß ſie einſt die Reſidenz eines mächtigen Geſchlechts geweſen war, welchem außer dem nächſten Gebiet auch die Herrſchaft Arnſtadt und Plaue, Ilm und Ilmenau, Schloß Elgersburg, die Klöſter Paulinzelle, Georgenthal und Schlotheim und del ne ſcho öſter die vot bene wor⸗ ern⸗ ihre un wer⸗ igen atz aun⸗ Auſt⸗ enzu det nals nzen dem falle einen eines ußer und die und —— 113 die Grafſchaft Buchau gehört hatten. Dies reiche Be⸗ ſitzthum war nach dem Tode des letzten Käfernburgers vor hundertſiebzig Jahren etwas zerſplittert worden⸗ der größte Theil aber, wie ſchon erwähnt, den Grafen von Schwarzburg zugefallen. Im Freien vor der Burg ſollte der heutige Abend zugebracht werden; dazu waren auf Befehl des Grafen ſchon Anſtalten getroffen, für Sitze und noch mehr für Speiſe und Trank geſorgt worden. Es ging wiederum ſehr luſtig zu und der Hofmeiſter des Erbgrafen, der an dieſer Stätte auch der Vorzeit gedenken wollte, konnte für ſeine Auseinanderſetzung über die Sage von einem Hunnenfürſten Namens Kefa, welcher den erſten Grund zu dieſer Veſte vor tauſend Jahren ge⸗ legt haben ſollte, keine rechten Zuhörer gewinnen. Die Sommerkäfer, welche beim Einbruch der Dämmerung reichlich die Luft durchſchwirrten und mancher der Frauen, die ſich ihrer kaum erwehren konnten, einen Schrei entlockten, übernahmen den Gegenbeweis für die gemeinere Ableitung des Burgnamens, die im Volke lebt. Aber Doctor Warnheimer ließ ſich nicht irren. Ein Wink ſeines Herrn ermuthigte ihn. Er trat auf einen Stein, ſein ſchwarzer Mantel flatterte im Winde, er ſtreckte den Arm gegen die Mauerkrone des nächſten Thurms aus und ſprach mit lauter Stimme:„Wenn Ihr Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 8 114 denn nicht hören wollt von dem Menſchengeſchlecht, das in uralter Zeit hier zuerſt ſeine Wohnſitze aufge⸗ ſchlagen hat, ſo werdet Ihr vielleicht eher lauſchen, wenn ich Euch ſage, daß hier in blinder Heidenzeit die böſen Geiſter, denen göttliche Verehrung geweiht wurde, ihre Macht gezeigt und mit vernehmlichen Zeichen dem Volke ihre Furchtbarkeit offenbart haben.“ Bei dieſem Hinweis auf die Schauer der Geiſter⸗ welt, der auch in aufgeklärten Zeiten ſeine Wirkung nicht verfehlt, wurde die Geſellſchaft ſtiller und ſchenkte dem gelehrten Manne, hinter welchem Niemand den Schalk vermuthete, Gehör. Er berichtete Manches über den Götzendienſt der alten Thüringer und das Zauber⸗ weſen, das in allen Bergen noch bis auf den heutigen Tag ſpuke. Wie er das ſagte, rückten die Frauen näher zuſammen und von den Männern fühlte mehr als einer jenes Durchrieſeln, das in großer Geſellſchaft eher etwas Angenehmes als Beängſtigendes hat. Der Abend war ſo ſchön, das Zwielicht hüllte bereits die Gegend ein, gegen den lichtern Himmel zeichnete ſich die dunkle Maſſe des Thurms mit ſeiner zackigen Mauerkrone ſcharf ab. Da hörte ſich's ganz gut an, wenn von dem Abgott Stuffo auf dem Eichsfelde und der Jecha erzählt wurde, nach welcher noch die Jecha⸗ burg bei Sondershauſen genannt wurde, und wenn es un lecht, ufge⸗ ſchen, enzeit weiht lichen ben.“ iſter⸗ tkung henkte den über uber⸗ tigen rauen meht ſchaft Der s die e ſich ckigen t an, und echr nn es . dann finſterer ward, bedurfte es ja nur eines Wortes, um die bereit gehaltenen Pechpfannen und Holzſtöße anzuzünden. Dann konnten die Leute in der Nachbar⸗ ſchaft denken, auf der Käfernburg werde von den Geiſtern der alten Grafen wieder ein Bankett ge⸗ feiert. Plötzlich krachten zwei furchtbare D Donnerſchläge, welche den Redner unterbrachen und ſeinen Hörern durch Mark und Bein gingen. Laut auf ſchrieen einige der Frauen, andere waren vor Entſetzen betäubt; wie aber aller Augen ſich zu der Höhe des Thurms richteten, von wo der Donner erklungen war, ſahen ſie mit Schrecken lebendige Feuerſtrahlen aufſteigen, von einem Ziſchen und Brauſen begleitet, das die Furcht zu einem Orkan vergrößerte, und im Bogen ſprühte es wie zwei feurige Waſſerfälle hernieder über die Mauer, daß die Frauen aufſpringend die Flucht ergriffen und auch die Männer, deren viele am Boden gelegen, ſich auf⸗ rafften, um der drohenden Gefahr zu entgehen. Da⸗ zwiſchen ein Gelächter, das recht wie das Hohnlachen böſer Geiſter klang, und nach kurzer Friſt Stille und tiefe Nacht. Die Erſcheinung des Unholds auf der Zinne, welche man deutlich geſehen, war verſchwunden, — Brauſen verſtummte, die Flammen erloſchen. Nur einen Moment war es aber Nacht, dann 8 116 gewannen die Augen neue Sehkraft und konnten in der Dämmerung die Gegenſtände wieder unterſcheiden. Das Gelächter, jetzt mehrſtimmig, klang von neuem, aber herzlicher als zuvor.„Zündet die Feuer an!“ ge⸗ bot des Grafen laute Stimme, und allmälig gewann man die Ueberzeugung, daß ſich der launige Herr, welcher dergleichen liebte, mit ſeinen Gäſten einen Spaß erlaubt habe. Mehrere waren auch eingeweiht geweſen und hatten dazu beigetragen, die allgemeine Beſtürzung durch ihr Betragen zu vermehren. Auf die Knaben, obgleich die Mutter ſie alle bei ſich ge⸗ halten und ſie vorbereitet waren, hatte das Gaukelwerk doch einen ſtarken Eindruck gemacht, wie viel mehr mußte es in grauer Vorzeit auf das Volk, das noch im Kin⸗ desalter ſtand, gewirkt haben. „Nun, Reiffenberg, Euer Püſtrich hat ſeine Kunſt ſeit der Heidenzeit noch nicht verlernt!“ ſagte der Graf, als der große Holzſtoß brannte und Alles um denſelben ſich vereinigt hatte, die Geſichter ſo roth jetzt, wie ſie vorher zum Theil blaß geworden waren, aber nur wenige verdrießlich, denn man verſtand da⸗ mals noch Spaß, wenn er auch etwas derb war.„Ja, edle Herren und ſchöne Frauen, hier ſteht der Zauberer, der mit verbotener Kunſt ſein Teufelsſpiel mit uns getrieben hat, und ich ſchlage vor, ihn mit ſeinem en in eiden. olen, ge⸗ wann Hert, einen weiht meine Auf g⸗ werk mußte in⸗ Kunſt e der s un roth varen, d da⸗ beter uns einem . 6 3 6 6 — heidniſchen Donnergott hier lebendig zu verbrennen. Den Püſtrich kann ich Euch heute nicht zeigen, es hat viel Mühe gekoſtet, ihn mit Stricken dort hinaufzu⸗ winden, denn der Kerl iſt ſchwer. Morgen ſollt Ihr ihn aber ſehen, denn ich hoffe, Ihr bleibt noch ein paar Tage in Arnſtadt; da laſſe ich das Götzenbild, das mir der Reiffenberg abgelaſſen hat, wieder hin⸗ bringen. Wollt Ihr einſtweilen hören, was es damit auf ſich hat, ſo wird es Euch mein gelehrter Warn⸗ heimer erklären. Redet, Doctor Benedictus!“ Der Hofmeiſter berichtete, diesmal unter allgemeiner Aufmerkſamkeit, daß vor kurzem auf der wüſten Rothen⸗ burg bei Kelbra die Herren von Tütgeroda, denen ſie gehört, ein Götzenbild von Metall gefunden und an den hier gegenwärtigen Adam von Reiffenberg ver⸗ kauft, der es wiederum Seiner gräflichen Gnaden, welche davon Kenntniß erhalten und ihn darum ange⸗ gegangen, käuflich überlaſſen habe. Beſagter Götze ſei von einem ſchwarzen unbekannten Metall, habe die Figur eines ſitzenden, überaus dicken Knaben, der eine Hand über den Kopf, die andere auf das Knie gelegt; inwendig ſei er hohl und habe den Mund offen, auch ein Loch im Kopf. Hier brach die lang unterdrückte Heiterkeit der Zuhörer wieder aus, und der Redner konnte nur einigen, welche die gehörte Exploſion 118 durchaus erklärt haben wollten, noch in aller Eile ſagen, wie ein geſchickter Phyſikus durch Experimente dahin gekommen, das alte Kunſtſtück der heidniſchen Pfaffen, womit ſie das Volk von der Rothenburg herab geſchreckt und in blinder Zucht erhalten, wieder zu produciren. Die Tradition, die noch im Volke ſo viele Jahrhunderte ſich erhalten, habe den Mann darauf geführt. Dem Monſtrum werde der Kopf ver⸗ keilt— bei dieſem Ausdrucke hatte der Gelehrte wiederum mit der Lachluſt der wenigen, ihm treu gebliebenen Hörer zu kämpfen— dann werde das hohle Bild mit einer Mixtur gefüllt, welche des Phyſici Geheimniß ſei, bis an den offenen Mund, durch welchen die Füllung geſchehen, wenn es nicht etwa, wie er dahin⸗ geſtellt ſein laſſe, ſchon durch das Loch im Kopfe be⸗ wirkt worden. Nachdem auch das Mundloch verkeilt worden, ſetze man den Götzen, der nun wörtlich ge⸗ nommen toll und voll ſei, über ein Becken mit glühenden Kohlen; er fange an zu ſchwitzen, daß die hellen Schweißtropfen an ihm herunterliefen, und wenn das Fluidum in ſeinem Innern eine gewiſſe Hitze er⸗ langt, treibe es die beiden Holzkeile aus Schädel und Mund mit Donnerklang aus und fahre ſelbſt in feuri⸗ gen Strömen nach. Der Pedant hatte faſt den letzten ſeiner Zuhörer verloren, als er ſchloß, und nur eine 6 1 119 ihr Urtheil aber kränkte „Das iſt zu kindiſch!“ ſagte ſie, indem auch ſie ihm den Rücken kehrte; es war Dame ſtand noch bei ihm, und demüthigte ihn tief. Frau von Bieſerodt. Unter den ältern Männern hatte ſich jedoch die daß es nicht wohlgethan ſei, mit igen zu ſpielen; es wiſſe Kräfte darin walteten, und ß man nicht aus langem den jüngern um Erlaub Thurme ihre Anſicht verbreitet, dergleichen unheimlichen Din Niemand, welche verborgenen die Zeiten ſeien ohnehin ſchwer genug, da den Donner eines heidniſchen Abgottes Schlaf wieder zu wecken brauche. Von Leuten baten aber mehrere den Grafen niß, dem Püſtrich noch heute auf ſeinem zu dürfen, ſie waren zu neugierig, Der Graf ließ gern einige von den den Heimweg nach Arnſtadt beleuchten Als auch der junge Graf Brüder ſich nicht Reverenz machen ihn zu ſehen. Fackeln, welche ſollten, dazu anzünden. Günther ſich dazu geſellt, ließen ſeine abhalten, mit auf den Thurm zu gehen, und ſelbſt von den Frauen folgten mehrere dem muthigen Beiſpiele der Bieſerodt, welche gleich dafür geſtimmt hatte, und r Geſellſchaft blieben bei der Gräfin nur wenige von de cherzhaften Ver⸗ Eliſabeth zurück, die mit der ganzen ſ anſtaltung nicht einverſtanden geweſen war. Der Püſt⸗ rich aber empfing nach langer Verachtung wieder ein⸗ 120 mal die Huldigung einer zahlreichen Verſammlung, welche ſich ſeiner abſonderlichen Majeſtät freute. Noch jetzt iſt er in ſeiner Zurückgezogenheit zu Sonders⸗ hauſen, wohin er ſpäter gebracht worden, bereit, Hul⸗ digungen anzunehmen, wiewohl von Zweiflern einer ſpätern Zeit ſogar ſeine vormalige Gottheit bei den alten Hermunduren oder den bis hierher vorgedrungenen Wenden beſtritten worden iſt. Unſern modernen materia⸗ liſtiſchen Forſchern war es ſogar vorbehalten, in ihrem Grimm gegen Poeſie und Ideale das eherne Gebild für eine Branntweinblaſe zu erklären. 1 hul⸗ iner den nen 5 ti Sechstes Kapitel. ren hild Das Verſteck. Der Donner auf der Käfernburg war wirklich unten in der nächſten Umgebung gehört worden und hatte die Leute erſchreckt. Zwar ließ die Erklärung nicht lange auf ſich warten, aber ſie wurde nicht all⸗ gemein geglaubt, obgleich es bekannt war, daß die gräfliche Herrſchaft mit vielen Gäſten die Käfernburg beſucht und bei angezündeten Feuern im Freien ge⸗ ſpeiſt hatte. Irgend etwas Geheimnißvolles war vor⸗ gefallen, das ließen ſich die Leute nicht nehmen; man wollte es durch die Erklärung nur verbergen und nicht unter das Volk kommen laſſen, um keine Furcht zu er⸗ regen. Oder wenn es doch die Wahrheit war, daß mit einem heidniſchen Götzenbild dort Spaß getrieben worden, ſo ließ man ſich nicht aufreden, daß der 122 Donner, den man doch gehört hatte, mit natürlichen Dingen zugegangen. Das war Teufelswerk. Der Teufel ginge noch immer auf der Erde um und werde umgehen bis an der Welt Ende, ſo wurde von allen Kanzeln gepredigt; ſollte man daran zweifeln? Der alte Götzendienſt war doch nichts Anderes geweſen als Teufelsdienſt, und nun ſich vornehme Herrſchaften heraus⸗ genommen hatten, ihren Spaß mit dem Teufel zu treiben, hatte er ihnen mit Donnerſtimme verkündigt, daß er immer noch da ſei und Macht habe, ſie zu verderben. Es war ein übles Zeichen auf die Reiſe für den jungen Grafen Günther, welcher gerade am andern Morgen das Schloß zu Arnſtadt verlaſſen hatte; ein Glück nur, daß er das Muttermal des heili⸗ gen Kreuzes in ſeiner rechten Hand mit ſich trug, das ihn vor Anfechtungen ſchützen konnte. So äußerte ſich wenigſtens ein wandernder Krämer, der die Nachricht in die Hütte der klugen Frau nach Horba gebracht hatte, wohin er gekommen war, um von ihren Kräuter⸗ tränken für ſeinen Handel etwas einzukaufen. „Meinſt Du?“ entgegnete die Alte.„Und was weißt Du vom Kreuz, der Du heute ein Papiſt biſt und morgen ein Lutheraner, übermorgen ein Calvini⸗ ſcher und den Tag darauf ein Wiedertäufer, wie's Dein Vortheil mit ſich bringt!“ wei 1 an! ich We lieb ſ M 9 Yer erde Aen hiſt ni⸗ 3 8 8 mm „Was ich im Grund des Herzens bin, Muhme, das weißt Du nicht, das geht auch keinen Menſchen etwas an!“ erwiderte der Krämer.„Unſer Herrgott ſieht nicht auf das Kleid. Ich komme weit herum in der Welt und warum ſoll ich in ein Haus, wo ſie Schwarz lieber ſehen, feuerroth kommen? Das Kreuz aber, Muhme Anne, iſt doch aller Chriſten Gemeingut.“ „Es iſt gar kein Kreuz, das der junge Schwarz⸗ burger in der Hand hat!“ ſagte ſie. „Ein liegendes Kreuz, ein Andreaskreuz!“ behauptete der Krämer.„Sie nennen's auch ein burgundiſches Kreuz! Es bedeutet, daß der junge Herr nicht allein ein ſtarker, eifriger Chriſt, ſondern auch ein treuer Diener des Hauſes Burgund werden wird!“ „Haſt Du das Zeichen geſehen, Kandel?“ verſetzte ſie.„Nicht? Wie kannſt Du dann reden! Ich aber habe es geſehen und ſage Dir, es iſt kein Kreuz, ſon⸗ dern es ſind zwei Schwerter, kreuzweis über einander gelegt. Ich bin nur ein dummes Weib, aber daraus kann ich mir ſchon meinen Vers machen. Nun, halte Dich nicht weiter auf, Du willſt noch nach Rudolſtadt und wirſt ſpät hinkommen. Oder haſt Du eine Wünſchel⸗ ruthe mit und willſt unten bei Rothenbach Schätze graben, die die Mönche beim Abzug dort verſteckt haben auf fröhliche Wiederkehr?“ 124 „Wenn ich eine Wünſchelruthe hätte, Mutter Anne“, erwiderte der Krämer, ſie mit ſeinen liſtigen Augen anblinzelnd,„ſo könnte ich ſie ſchon bei Dir anſchlagen laſſen. Vielleicht fände ich bei Dir einen Schatz, den mir der Herr Graf in Arnſtadt gar gern bezahlte!“ „Du red'ſt recht albern!“ ſagte ſie.„Mach' daß Du Deinen Pack auf die Schulter nimmſt, komm, ich will Dir helfen.“ „Wir ſind Geſchwiſterkind, Anne, wenn Du auch viel älter biſt!“ erwiderte er.„Ich werde Dich nicht angeben! Du ſollteſt gegen Deinen Vetter nicht ſo hinterm Berge halten!“ „Du haſt wohl in Ilm zu tief ins Glas geguckt!“ ſagte ſie böſe werdend. „In Deine Kammer möcht' ich einmal gucken! Du haſt Dir einen aufgehoben! Na, Alte, ſei doch ver⸗ nünftig, ich ſpaße ja nur. Hab' ich Unrecht, ſoll's mir lieb ſein, denn wenn's herauskäme, daß Du einen, auf den große Herren fahnden, bei Dir verſteckt hielteſt, könnte es Dir übel ergehen!“ „Wen meinſt Du denn eigentlich?“ fragte ſie etwas beſänftigt.„Glaubſt wohl gar, ich habe den Menſchen, der den Metzgergeſellen von Blankenburg fortgelaufen iſt, in meinem Häuſel? Sie ſollen nur kommen und ſuchen!“ 125 S„Ja, ja, finden werden ſie ihn nicht, wenn Du gn ihn auch hier haſt!“ ſagte der Krämer.„Du weißt wohl nicht einmal, wie er heißt und wo er her iſt?“ ſ„O ja, das haben ſie mir in Blankenburg geſagt“, erwiderte die Alte trocken.„Du weißt aber vielleicht 3 noch mehr, denn Du kommſt weit in der Welt herum. Sprichſt ja, daß große Herren auf ihn fahnden— was hat er denn verbrochen? Zum Herrn Valentin hat er geſagt, daß er unſchuldig iſt.“ — = — MM 6„Hat er das geſagt? Alſo zum Herrn Valentin! ei Vielleicht hat der ihn auf ſeinem Ehrenſteine, wie?“ „Meinetwegen kann er ihn haben!“ verſetzte Anne. ät“„Du weißt alſo nicht, was er gethan hat?“ 8„Haſt Du einmal vom Grafen von Gleichen ge⸗ 2 hört mit ſeinem beiden Weibern?“ fragte der Krämer. u ½„Du biſt wirklich betrunken, Kandel!“ fuhr die Muhme auf. 6. Er lachte.„Ich will ja nicht von der Heidin tſ⸗ reden, die auf dem Ehrenſteine gewohnt hat und heute noch dort umgehen ſoll!“ rief er.„Ich habe ein anderes vns Exemplum, das noch am Leben iſt. Wer iſt das Haupt e der Schmalkaldner? Nein, Anne, das gehört Alles fen zu Deiner Sache vom Gosmar! Ich meine den Land⸗ ud grafen von Heſſen, Herrn Philipp der mit einer Frau nicht hat auskommen können und dem die Herren 126 Wittenberger Theologen noch eine zweite erlaubt haben, wie der Papſt weiland dem Gleichen. Das hat aber ſein Ohm in Sachſen ſehr übelgenommen und iſt mit der Mutter des Fräuleins, die aus Dresden war, ſcharf verfahren, daß ſie ihm Alles hat geſtehen müſſen. Dabei hat der Gosmar mit geholfen und der Land⸗ graf läßt auf ihn fahnden. Hier haſt Du die ganze Geſchichte, erzähle ſie aber nicht weiter, denn ich habe ſie Dir nur wieder geſagt, weil Du meine alte gute Muhme biſt. Steckt er in Deinem Hauſe, ſo kannſt Du ihn fragen, ob's wahr iſt, kannſt ihm auch ſagen, wer es erzählt hat, er kennt mich.“ „Wenn er in meinem Hauſe ſteckte, brauchte ich Dich nicht zu fragen!“ verſetzte die Kräuterfrau, welche ihn ruhig angehört hatte.„Du ſprichſt vom Land⸗ grafen— was hat der aber im Schwarzburgiſchen zu ſuchen? Unſer Graf hat den Mann doch in Blanken⸗ burg verhaften laſſen!“ „Freilich! Er hat dem Landgrafen den Gefallen gethan. Warum, das weiß ich nicht.“ „Weißt Du wirklich eins nicht?“ entgegnete ſie höhnend.„Du weißt doch ſonſt Alles, und was Du nicht weißt, das lügſt Du. In Blankenburg wirſt Du erzählen, daß Du den Entſprungenen bei mir geſehen haſt, in Rudolſtadt ſchon, daß eigentlich der Ehren⸗ — 5— ute nnſt en, ——— 127 ſteiner ihm durchgeholfen hat, und wenn Du wieder nach Arnſtadt kommſt, ſagſt Du den Leuten haarklein, wie er ſeinen Herrn, den Landgrafen, verrathen hat.“ „Seinen Herrn? Das habe ich nicht geſagt! Hat er alſo in Dienſten des Landgrafen geſtanden?“ rief der Krämer eifrig. Frau Anne wies ihn jedoch unfreundlich ab, ſie ließ ſich auf nichts mehr ein. Kandel nahm ſeinen ſchweren Packen auf, wobei ſie ihm behülflich war, und verabſchiedete ſich. Sie begleitete ihn vor die Thür und ſah ihm nach, wie er den Berg nach Rothenbach hinabſtieg; als ſie ſicher war, daß er nicht mehr umkehrte, ging ſie raſch wieder in ihre Hütte und fand in der niedrigen Stube ſchon den Gaſt, den ſie aus ſeinem Verſteck eben hatte befreien wollen. „Haſt Du gehört, was der hier erzählt hat?“ fragte ſie ihn. Er nickte.„Nun, was ſagſt Du dazu?“ „Er hat gelogen!“ war die Antwort. „Er lügt immer, wenn er die Glocken hört und nicht weiß, wo ſie hängen!“ ſagte die alte Frau. „Aber ich will von Dir wiſſen, ob es ſeine Richtigkeit hat mit den beiden Weibern Deines Landgrafen und ob er Dich wirklich verfolgt. Du haſt mich auch be⸗ logen! Du haſt mir geſagt, daß Du bei ihm in 128 Gnaden geſtanden haſt und nur mit Urlaub herge⸗ kommen biſt, um Dich zu Hauſe wieder einmal umzu⸗ ſehen, weil Du gehört haſt, daß Dein erſter Herr und ſeine Frau geſtorben ſind. Weswegen ſie Dich von dem Herrn Pfarrer weggeholt haben, willſt Du ſelbſt nicht wiſſen, Du biſt aber ebenſo verlogen wie der Kandel. Sagſt Du mir die Wahrheit nicht, ſo geb' ich Dir kein Quartier mehr. Was willſt Du über⸗ haupt noch hier, wenn ſie Dich hier hetzen und jagen? Du haſt nur einen Katzenſprung bis an die Grenze, da kann Dir kein Menſch mehr was anhaben, und wenn Du ſo in Gnaden bei Deinem Landgrafen ſtehſt, ſo geh doch wieder zu ihm, der wird Dich ſchon ſchützen! Ich hab' Dir nun meine Meinung geſagt! Worauf warteſt Du noch?“ „Worauf ich noch warte, Mutter Anne?“ er⸗ widerte der Geſcholtene, ſich an die letzte Frage der ihn überſtürzenden Worte haltend.„Ich will nicht fort, ehe ich weiß, was aus meinem Junker Günther geworden iſt. Sie hat mir verſprochen, Mutter Anne, ihn aufzuſuchen und mit ihm zu reden. Er iſt noch in Rudolſtadt, das weiß ich.“ „Woher? Das Mädel kann auch nichts weiter wiſſen, als daß ſie ihn im Walde getroffen hat und daß er hingegangen iſt; ob er dort noch hauſt, woher herge⸗ umzl⸗ und on ſelbſt e der geb über⸗ gen renze, und ſtehſt, itzen! orauf e der nicht nther Anne, och in weiter t und woher weißt Du das? Den laß ſeine Wege allein gehen, v 129 hänge Dich nicht an ihn. Der braucht Dich nicht, der braucht keinen Menſchen, ſondern nur den lieben Gott.“ „Den brauchen wir alle, Mutter Anne!“ ſagte er mit niedergeſchlagenen Augen. „Nun, Gosmar, das iſt das erſte vernünftige Wort, das ich von Dir höre“, ſprach ſie freundlicher.„Sage mir denn aufrichtig, wie ſteht's mit Dir und Deinem Landgrafen? Haſt Du wirklich geholfen, die Mutter ſeiner Kebſe dem Herzoge von Sachſen in die Hand zu ſpielen?“ „Eine Kebſe hat der Landgraf nicht!“ antwortete Gosmar.„Das Fräulein von der Saal iſt ſein ange⸗ trautes Eheweib, mit Zuſtimmung der andern, ſeiner erſten und fürſtlich geborenen Frau, und die Theologen in Wittenberg, die doch wohl ein Recht mitzuſprechen haben, ſind ihm dabei nicht zuwider geweſen, das hat Ihr ſchon der Vetter Kandel geſagt. Kümmere Sie ſich alſo darum nicht weiter. Die andere GEeſchichte iſt verdreht, die weiß der Krämer nicht. Warum der Graf in Arnſtadt auf mich fahnden läßt, das will ich Ihr ſagen, wenn Sie doch gar ſo neugierig iſt! Er wird erfahren haben, daß der Sohn ſeines derſtorbenen Vetters wieder im Lande iſt, und fürchtet ſch. daß nun Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 130 doch noch außer ihm und dem Leutenberger einer vom Hauſe Schwarzburg da wäre, der ihm noch einen fetten Biſſen von der Erbſchaft ſtreitig machen könnte. Und da haben ſie ihm erzählt, daß ich beim Paſtor, der den Grafen Heinrich mit der Freibergerin getraut, ange⸗ kommen bin, flugs hat er ſich gedacht, das ſei, um die rechten Beweisſchriften, Trauſchein und Taufſchein zu beſchaffen, flugs ſind ſie denn mit einer Anklage fertig geweſen, die mich eines Verbrechens beſchuldigt, und haben mich nach Arnſtadt ſchleppen wollen, wo ſie mir dann ſchon abgedrungen hätten, wo mein Junker ſich aufhält, von dem ich dazumalen doch noch gar nichts wußte, denn ich habe ihn erſt auf der Gaſſe in Blankenburg geſehen, als ſie mich ſchon mit gebundenen Händen fortführten.“ „Das iſt eitel Fuchsſchwänzerei, Gosmar!“ ſagte die Alte.„Deine Augen ſind wie die Irrwiſche, die hin und her gaukeln; wenn Du mich anſäheſt, blieben Dir die verlogenen Geſchichten in der Kehle ſtecken. Du biſt ein Fuchs geweſen von klein auf, noch eh' Dich Dein ſeliger Graf in den Stall nahm. Der arme Junker Friedeburg wird dem Grafen keinen Morgen Land abſtreiten, er könnt's nicht einmal, wenn er wollte, das weiß ich auch, ſo dumm ich bin. Weswegen er wiedergekommen iſt, darüber wird ſich der Graf vom fetten Und r den ange⸗ n die in zu fertig und o ſie unker gar ſſe in denen ſagte , die lieben tecken. ch eh arne lorgen wollte, en er Graf B 3 3 2 3 M L 131 keine Sorge machen. Der Graf weiß gewiß gar nicht einmal, daß er wieder da iſt. Alſo damit komm mir nicht. Willſt Du mir nichts ſagen, gut, aber Wind brauchſt Du mir deswegen nicht vorzu⸗ machen.“ „Mutter Anne, Sie ſetzt mir das Meſſer an die Kehle!“ erwiderte Gosmar.„Ich will Ihr denn ehr⸗ lich ſagen, daß ich Ihr die wahre Geſchichte nicht er⸗ zählen kann. Ein Eid bindet meine Zunge.“ „Das hätteſt Du gleich ſagen ſollen!“ verſetzte ſie. „Was man beſchworen hat, muß man halten.“ „Weil Sie aber gut gegen mich iſt und mir viel⸗ leicht noch helfen kann“ fuhr er fort,„ſo will ich Ihr wenigſtens ſo viel ſagen, daß freilich der Landgraf ſeine Ungnade auf mich geworfen hat, und wenn ich ihm ausgeliefert werde, iſt es um mich geſchehen, es ſei denn, daß ich meine Sache wieder gut mache. Will Sie mir nun helfen, daß ich meinen Junker Günther wiederfinde?“ „Hat der mit Deiner Sache etwas zu thun?“ fragte Anne. „Nein!“ antwortete er.„Ich will ihn nur einmal wiederſehen, da ich ihn ſo ſehr lieb gehabt habe. Er war zwölf Jahre alt, als ich fortging, und nun iſt er vierunddreißig! Ich kannte ihn aber doch wieder! 65 Mutter Anne, Sie geht morgen nach Rudolſtadt, bringe Sie ihn mit heraus! Sie hat mir's ver⸗ ſprochen!“ „Das hab' ich nicht verſprochen, Gosmar, denn wie ſoll ich ihn herausbringen, wenn er nicht mag? Ich kann ihn ja doch nicht mit Gewalt fortſchleppen, wie Dich die Blankenburger. Sagen will ich ihm, daß Du hier biſt, dann mag er thun, was er will. Ich rathe Dir aber, hänge Dich nicht an ihn. Er hat Unglück genug gehabt in ſeinem Leben.“ „Glaubt Sie das wirklich, Mutter Anne?“ fragte der ehemalige Diener des Grafen von Schwarzburg in einem beſonders weichen Tone, der an ihm be⸗ fremden konnte.„Ich meine, daß er aus Gram über den Tod ſeiner Mutter ein Mönch in Paulinzelle ge⸗ worden iſt?“ „Das kann nur ſein Beichtvater wiſſen“, ant⸗ wortete Anne.„Aber ich glaub's. Die Mutter ſtarb ihrem Herrn in acht Tagen nach, wie hätte ſie nach ſeinem Tode noch lange leben können! Er hatte reich⸗ lich für ſie geſorgt. Schloß und Amt freilich fiel an ſeinen Vetter in Arnſtadt, der nun auch todt iſt, den Mann der Gräfin Käthe, aber Geld und Gut war für die Wittwe geſammelt, daß ſie mit ihrem Junker geſichert war, wenn er auch kein Schwarz⸗ No nae zut ihn ſei da 133 burgiſch Land erben konnte und den Schwarzburgiſchen Namen nicht führen durfte.“ „Er würde ihm keine Schande gemacht haben!“ fuhr Gosmar auf. „Sicher nicht! Aber die Mutter ſtarb dem Vater nach, und es mochte wohl, wie er aus der Fremde zurückkehrte und beide ncht mehr am Leben fand, über ihn kommen, daß er doch ein halb verſtoßener Menſch ſei, wenn er auch noch ſo gut behandelt wurde, und da war er denn auf einmal in das Kloſter gegangen. Ich habe ihn nachher als Pater Ambroſius wohl ein paarmal geſehen, aber er ſah nicht zufrieden aus. Dann kam bald der andere Glaube ins Land und die Mönche mußten Paulinzelle verlaſſen; wo er ſeitdem geweſen iſt, weiß ich nicht.“ „Aber hat ihn denn ſein Ohm— das war der ver⸗ ſtorbene Graf in Rudolſtadt doch immer— hat er ihn denn ziehen laſſen?“ „Mich haben ſie nicht dazu genommen, Gosmar!“ erwiderte die Alte.„Das Reden von der alten Zeit hilft zu nichts, es fällt einem nur immer Alles wieder ein, wenn man ein Geſicht aus der Zeit ſieht wie Deins. Ich werde morgen hinuntergehen und mit dem Günther reden, wenn er noch da iſt.“ Sie ging, für ihren Gaſt, dem ſie eine verborgene Zuflucht gegeben hatte, das Abendbrod zu beſorgen, und machte ſich dabei ihre Gedanken, um das, was ſie von Kandel und ihm gehört hatte, in Zuſammenhang zu bringen. Immer hatte Gosmar doch eine Schuld an ſeinem letzten Herrn, dem Landgrafen von Heſſen, begangen, wie er ſich auch ſeinem erſten, dem Grafen Heinrich, durch ſeine heimliche Entweichung untreu be⸗ wieſen hatte. Den Dienſt, den er ihm in Annaberg zur Befreiung ſeiner Geliebten erwieſen hatte, rechnete ihm die kluge Frau, die ihn als ein Nachbarskind hatte aufwachſen ſehen, nicht hoch an; ein ſo liſtiger An⸗ ſchlag hatte ihm ſelbſt Freude gemacht, denn er hätte eigentlich nach ſeiner Fuchsnatur Reineke ſtatt Gos⸗ mar getauft werden müſſen. Recht war es der Alten daher nicht, daß er mit dem Junker Günther, wie ſie ihn in Gedanken immer noch nannte, wieder anbinden wollte, denn ſie ſah für dieſen nur Verdruß daraus entſtehen. Sie hatte ſich in der erſten Unbedachtſamkeit bewegen laſſen, ihn in Rudolſtadt zu ſuchen, da ſich Gosmar dort nicht zeigen durfte, wo er leicht erkannt werden konnte, aber was an ihr war, ein Zuſammen⸗ kommen des armen Günther mit dem Landflüchtigen zu verhindern, wollte ſie thun. Die Müllerstochter von Paulinzelle, der ſie im Walde begegnet war, als dieſe von Rudolſtadt heimkehrte, hatte ihr von dem ———— fun gong ſe kon ſilbſ Pau eka ger Do wei hat Mu An Kr 135 fremden Manne erzählt, mit dem ſie eine Strecke ge⸗ gangen war, weil er ſie nach dem Wege gefragt, den ſie auch hinab gewollt hatte; nach der Beſchreibung konnte es kein Anderer geweſen ſein als der, den ſie ſelbſt in der Vollmondnacht auf dem Berge über Paulinzelle getroffen und im hellen Licht gleich wieder⸗ erkannt hatte, weil ſie ihn einſt von böſer Krankheit gerettet und weil er ſeiner Mutter ſo ähnlich ſah. Darum mochte ihn auch der Gosmar, der ihn noch weit länger, wohl zehn Jahre länger nicht geſehen hatte, gleich wiedererkannt haben. Wer freilich die Mutter nicht ſo oft wie ſie beide von Angeſicht zu Angeſicht erblickt hatte, der konnte in dem bärtigen Kriegsmanne nicht gleich den Kloſtermönch Ambroſius von Paulinzelle oder gar den Junker Friedeburg wiederfinden! Ob er noch in Rudolſtadt weilte, ſich vielleicht auf der Heidecksburg bei der Gräfin wieder eingeführt hatte? Gut aufgenommen würde ſie ihn gewiß haben, da ſie immer ſo Zütig gegen ihn geweſen war; ſie hatte ja ſelbſt mit Frau Anne, als dieſe ein⸗ mal von ihm anfing, freundlich über ihn geſprochen, wenn ſie auch kurz abgebrochen hatte. Aber doch war Mutter Anne zweifelhaft, ob er es gewagt habe, die Heidecksburg zu betreten; ſie dachte anders, als ſie dem Gosmar geſagt hatte, über die Beweg⸗ „————————— 136 gründe Günther's, ſich in Kloſtermauern zu ver⸗ ſchließen. Vor Tagesanbruch verließ ſie ſchon ihre Hütte, denn ſie war an nächtliche Wanderungen bei ihrem Geſchäft gewöhnt und bedurfte wenig Schlaf mehr. Es war ihr nicht lieb, daß ſie den Fuchs allein in ihrem Hauſe laſſen mußte, der ihr gewiß Alles durchſtöberte, aber was er nicht finden und ſehen ſollte, hatte ſie ſorgfältig verſchloſſen; hätte ſie ihn doch gern ſelber mit einge⸗ ſchloſſen, wenn es angegangen wäre. Als ſie ihn abends in ſein Verſteck geſchickt, hatte ſie ihm geſagt, daß ſie vor Tage ausgehen werde, und ihn ermahnt, ſich nicht draußen zu zeigen. Im Dorfe wußte Niemand, daß er bei ihr war, denn er hatte ſich erſt bei Nacht und Nebel an dem Tage, wo er entſprungen war, bei ihr eingefunden und ſich ihr entdeckt; ihre Hütte lag auch draußen ſeitab, ſodaß Leute, die kein Geſchäft bei der klugen Frau hatten, gar nicht hinkamen, aber es konnte doch in ihrer Abweſenheit nach ihr gefragt werden, und wenn man den fremden Menſchen fand, gab's ein Gerede. Sie mußte Alles vermeiden, was den Leuten Verdächtiges über ſie zu ſprechen gab, denn wenn ſie auch die Herrſchaften, denen ſie Dienſte geleiſtet hatte, ſchützten, ſo konnte das doch nicht immer aus⸗ reichen und ſie wußte, daß ſie beim Richter ſchon durch 137 ihre Wunderkuren viel auf dem Kerbholz hatte. Ein Bauer war geſtern aus Ilm mit der Nachricht von dem entſprungenen Mörder gekommen, er hatte ſogar behauptet, es ſei ein Preis auf ſeine Wiedereinlieferung ausgeſetzt worden. Sie hatte Gosmar davon benach⸗ richtigt und es war nun ſein eigener Nachtheil, wenn er den Kopf vor die Thür ſteckte, und dieſe nicht vielmehr zugeſperrt hielt, wie ſie ihm anempfohlen hatte. Rudolſtadt war nur eine kleine Stadt, ſie iſt ſeit⸗ dem gewachſen. Frau Anne hielt es nicht für ſchwer, den Geſuchten zu finden, wenn er überhaupt noch dort war. Sie glaubte auch unbedenklich nach ihm unter irgend einem Vorwande fragen zu können, denn er war leicht zu beſchreiben und hatte ſich gewiß keinem Menſchen zu erkennen gegeben, falls er nicht, woran ſie zweifelte, auf die Heidecksburg gegangen war. Wo ſollte er ſich aufhalten als in einer Herberge, und deren gab es nur ein paar! Ihre Hoffnung wurde aber getäuſcht, ſie fand ihn nicht und hörte gar nichts von ihm. Nirgends, wo ſie nach ihm fragte, wollten die Leute einen ſo ſtattlichen Kriegsmann geſehen haben, und als ſie doch in einem Wirthshaus vor der Stadt auf der andern Seite an der Straße nach Jena ihre Frage bejahen hörte, paßte wieder die Beſchreibung 138 nicht. Dort war ein Hauptmann aus Sachſen ge⸗ weſen, ein baumlanger Menſch mit einem fürchterlichen weißblonden Knebelbarte; der hatte junge Burſchen an⸗ werben wollen, als aber die Frau Gräfin davon Kennt⸗ niß erhalten hatte, war er bedeutet worden, alsbald Rudolſtadt zu verlaſſen und auch im Amte Blanken⸗ burg nicht etwa ſeinen Werbetiſch aufzuſchlagen. Dieſe Geſchichte erzählte ihr der Krämer Kandel, ihr Vetter, dem ſie in der Stadt begegnete. „Es iſt eine reſolute Frau, die Gräfin! Allen Reſpekt vor ihr!“ ſetzte er hinzu.„Ihre Unterthanen befinden ſich wie im Himmel. Ja, wenn alle Herren im lieben Thüringerlande ſo geweſen wären wie ſie, dann hätten wir das Elend mit dem Bauernkriege vor zwanzig Jahren nicht gehabt und wir Arnſtädter wären um ein paar tauſend Gulden Strafgeld wegen des Aufruhrs reicher! Weißt Du, daß der Gosmar auch unter den Rotten geweſen iſt?“ Sie ſtutzte, doch ſagte ſie gleichgültig:„Es ſind viele tollgewordene Menſchen dabei geweſen. Woher weißt Du denn auf einmal, daß auch der Gosmar mitgeholfen hat? Du haſt mir ja gar nichts davon geſagt.“ „Es iſt mir eingefallen, ich hatte es vergeſſen, Muhme Anne“, erwiderte der Krämer.„Iſt es aber nicht Baue viele Münz Pögel ui nun den näher der gewo ſicht Kloſt pim velſe 139 nicht ein Spaß, daß der Landgraf, der gerade die Bauern bei Frankenhauſen geſchlagen und ihrer ſo viele vertilgt hat, abſonderlich ihren Anführer, den Münzer, daß der ſich gerade einen von den ſchlimmen Vögeln in ſeinen Dienſt genommen hat, wie Du mir erzählt haſt? „Du biſt nicht klug!“ rief die alte Frau.„Hab' ich Dir ſo etwas erzählt? Woher ſollt' ich das wiſſen? Der Gosmar geht mich gar nichts an, den ſuche, wo Du willſt, nur nicht bei mir!“ Sein pfiffiges Lachen machte ſie noch böſer und ſie kehrte ihm den Rücken. „Muhme Anne!“ rief er hinter ihr her. Sie kehrte ſich doch noch einmal nach ihm um.„Ich habe den Pater Ambroſius wiedergeſehen!“ ſagte er.„Gelt, nun wirſt Du gut? Ja, Muhme!“ fuhr er fort, in⸗ dem er ſich ihr, die ſtehen geblieben war, wieder näherte.„Der junge Herr iſt aber kein Pater mehr, der vor lauter Faſten und Kaſteien blaß und elend geworden war, ſondern hat lange ſchwarze Locken und ſieht verbrannt aus wie ein Köhler, der hat in keiner Kloſterzelle mehr geſteckt, ſondern viel unter freiem Himmel gelegen.“ „Du haſt Dich wohl verſehen, Vetter Kandel!“ verſetzte Anne mit möglichſter Ruhe. „Ja, wie ihr die Stimme zittert! Jetzt möchte ſie wiſſen, wo ſie ihn auch ſehen kann!“ lachte der Krämer. „Verſehen ſoll ich mich haben! Kenne ich den hoch⸗ würdigen Herrn etwa nicht? Habe ich ihn nicht als muntern Junker ſchon gekannt, wo die Leute immer ſchrieen vor Verwunderung, wie er ſeiner hübſchen Mutter ähnlich ſah?“ „Ach, geh! Die war blond und er rabenſchwarz!“ „Thut nichts! Stirn, Augen, Naſe, der ganze Kopf, Alles! Jetzt freilich hat er ſich einen dicken Bart wachſen laſſen, aber wer ihn gekannt hat, der findet ihn gleich wieder heraus! Ach, Du glaubſt es ja auch, Muhme Anne, und willſt nur, daß ich's recht ſicher beſchwören ſoll. Den hätteſt Du gern verhext, nicht wahr?“ „Wo willſt Du ihn denn geſehen haben?“ fragte ſie. „Heute?“ „Heute, ja!“ beſtätigte er.„Hier in Rudolſtadt.“ „Haſt Du mit ihm geſprochen?“ „Nein. Aber die Frau Muhme möchte wohl gern mit ihm ſprechen?“ „Das möchte ich ſchon“, erwiderte Frau Anne. Wenn er ſich ſo verändert hat, möchte ich wohl wiſſen, wo er in den letzten Jahren gelebt hat. Du weißt, daß ich ihn auch als Junker gekannt habe, länger als Du.“ Pan wen ie. 141 „Geh hinauf die Gaſſe da; am obern Ende beim Schwertfeger, da hab' ich ihn geſehen“, berichtete Kandel.„Er ging grad' ins Haus, wie ich vorbei⸗ kam, ſah mich an, wollte aber von mir nichts wiſſen; er glaubte wohl, ich kennte ihn nicht wieder, den ich doch ſo oft geſehen habe, wenn er mit unſerm ſeligen Herrn ausritt. Ich werde mitgehen, Muhme Anne! Ich möchte doch auch gern wiſſen, wie es ihm er⸗ gangen iſt.“ „Das erfährſt Du zeitig genug, Dir bleibt ja nichts verborgen“ entgegnete die Muhme.„Ich mag Dich gar nicht mit haben. Du willſt es doch nur wiſſen, damit Du Dich beim Grafen in Arnſtadt wichtig machen kannſt. Erzähl' ihm, was Dir einfällt, auf ein paar Lügen kommt's Dir ja nicht an.“ „Dem Grafen wird ſo viel nicht daran gelegen ſein!“ erwiderte Kandel mit ſeinem pfiffigen Lachen. „Aber ich weiß eine ſchöne Frau, wenn ich's der ſage daß Pater Ambroſius wieder da iſt, ſo ſchenkt ſie mir drei Dukaten.“ „Dummes Gerede! Wen meinſt Du?“ fuhr ihn die Muhme au. „Na, ſollteſt Du nicht wiſſen, wer ſo oft nach Paulinzelle kam und gar ſo viel zu beichten hatte, wenn Pater Ambroſius—“ 142 „Haſt Du ſchon Alles vergeſſen, wie es in der Kirche gehalten wurde?“ unterbrach ſie ihn.„Weißt Du nicht mehr, daß der Prieſter, das Geſicht bedeckt hatte, da⸗ mit Keiner wußte, wer ihm die Beichte abnahm?“ „Ach, Frau Magdalene wird's ſchon gewußt haben! Wenn ich wieder nach Horba komme, werde ich Dir die Dukaten zeigen, die ſie mir für meine hübſche Nach⸗ richt geſchenkt hat. Beichten kann ſie freilich nicht mehr bei ihm, denn er ſieht gar nicht mehr aus wie ein geiſtlicher Herr, vielleicht iſt er aber im gelobten Lande geweſen und darum ſo braun; weltliche Kleidung zu tragen, kann ihm der Biſchof erlauben. Bei uns dürfte er ſich in der Kutte doch nicht blicken laſſen. Grüße ihn ſchön von mir, wenn Du ihn findeſt.“ Die alte Frau trennte ſich in großem Unmuthe von ihm, ſeine letzten boshaften Reden waren ihr zu⸗ wider. Sie wußte freilich, wen er meinte, aber wenn auch die leichtfertige Frau einſt an dem ſchönen jungen Manne ein Wohlgefallen gefunden und daſſelbe ſelbſt dann nicht bezwungen hatte, als er die prieſterlichen Weihen genommen hatte, ſo war doch nimmer zwiſchen ihnen ein Einverſtändniß geweſen. zun ver rin ſche unk grü Hei Veſ Ell ihr bis am die Siebentes Kapitel. Wiederſehen. Auf waldiger Höhe, wo einſt ein heiliger Hain zum Opferdienſt des Heidenvolkes ſeine düſtern Schatten verbreitet, hatte vor vielen Jahrhunderten ein Thü⸗ ringer Häuptling Rudolf, der ſein Volk von der Herr⸗ ſchaft der Franken befreit, die Heidecksburg erbaut und unter ihr im Thal der Saale ein Städtchen ge⸗ gründet, dem er ſeinen Namen gegeben hatte. Burg Heideck war der Anfang einer ganzen Reihe ſtarker Veſten, alle gegen die Wenden erbaut, welche, über die Elbe, ſonſt der Slawen Grenzfluß, dringend, einen Keil ihrer Anſiedelungen zwiſchen den Sachſen und Franken bis zur Saale vorgetrieben hatten. Wie die Franken am Fichtelgebirge ſich durch Burgen geſchützt, hatten die Thüringer eine Vertheidigungslinie durch die Veſten Schwarzburg, Käfernburg, Greifenſtein, Saalfeld, Lobda⸗ burg, Orlamünde, Dornburg, Rudelsburg, Saaleck und Neuſtadt gezogen, die ſtolze Heidecksburg war aber der erſte Stützpunkt derſelben geweſen. Seitdem, welche Schickſale hatte das geſegnete Land erlebt! Einſt ein mächtiges Königreich, das vom Harz und von der Weſer bis an den Böhmerwald und dem Regenfluß folgend bis an die Donau, der Baiern Grenze, reichte, war es nun wie ein zerſchlagener Edelſtein in zahlloſe Stücke und Stücklein zerſplittert, eins nicht einmal mehr im Glauben! So dachte der Einſame, der in der Schwüle des Mittags, welche über den Bergen lag, durch die Schatten des Hains wandelte. Günther Friedeburg war es, der wie gebannt noch immer nicht zu dem Entſchluß gekommen war, vom Ufer der Saale zu ſcheiden. Der freundliche Meiſter, bei dem er die Scharten ſeiner Klinge für neue Kämpfe ausſchleifen laſſen, hatte ihm, ohne nach Heimat und Herkunft zu fragen, gern eine Herberge gewährt; es bedurfte ja nach dem Aeußern ſeines Gaſtes nicht vieler Fragen, da er ſelbſt, der Meiſter, auf ſeiner Wanderſchaft als Geſell auch aus angeborener deutſcher Kriegsluſt ſich von Jakob von Wernau, dem Locotenenten Vater Frundsberg's, anwerben laſſen und ſogar den Sturm auf Rom mitgemacht hatte Als er dann erfahren, daß auch ſein Gaſt in Italien geweſen, in dem unver⸗ geßlichen Lande, von dem er noch jetzt mehr ſprach, als der Meiſterin lieb war, als ihm der Fremde Namen von deutſchen Hauptleuten aus dem Heerlager des Kaiſers nannte, die auch er gekannt hatte, wenn ſchon vor zwanzig Jahren nur als gemeine Lands⸗ knechte noch, da war er ihm in der Freude um den Hals gefallen und hatte ihn gebeten, ſo lange bei ihm zu bleiben, als es ihm gefalle. Günther war dadurch der Einkehr in einem Wirthshauſe, die ihm gerade hier unlieb geweſen wäre, überhoben worden, er hatte aber die freundliche Einladung des Schwertfegers nur unter der Bedingung angenommen, daß er ſich für ſeine Zehrung mit der Meiſterin abfinden dürfe, da er reich⸗ lich mit Geld verſehen ſei. Dadurch hatte er die Meiſterin, die ihn anfangs mit höchſt mißtrauiſchen Augen angeſehen hatte, mit ſeinem längern Verweilen ausgeſöhnt. Er konnte nun ziemlich unbemerkt, ſelbſt im Städtlein Rudolſtadt, bleiben, denn das Aufſichts⸗ weſen hatte ſich zu jener Zeit noch nicht zu einer förmlichen Polizei ausgebildet, von welcher der Geiſt perſönlicher Freiheit im Mittelalter nichts wiſſen wollte, und nur in beſonders reichen Handels⸗ und Seeplätzen, wo der Zudrang von Fremden und damit die Gefahr für die Sicherheit der Perſon und des Eigenthums Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 10 146 zunahm, gab es etwas Aehnliches. Günther hatte alſo nicht zu fürchten, daß er anders als durch die Neugier, die er nicht zu befriedigen brauchte, beläſtigt werden könne, und durfte die Gelegenheit, das unwiderſtehliche Verlangen, welches ihn hierher geführt hatte, zu er⸗ füllen, nicht gewaltſam herbeiführen. In der Welt verſäumte er nichts, wenn er ſich auch längere Zeit hier in Verborgenheit aufhielt, er hatte ja kein Ziel, keinen Zweck, als dem allgemeinen Looſe der Menſchen, gleichviel wenn, zu verfallen, nichts, das ihn hätte wünſchen laſſen, dieſen Endpunkt ſeines Erdendaſeins möglichſt ſpät zu erreichen! Das Daſein hatte keinen Werth für ihn, und wäre er kein gläubiger Chriſt geweſen, ſo würde er es längſt abgeworfen haben. Dieſer Gedanke war ihm auch ſchon einmal genaht, da hatte ihn aber das Lächeln eines Kindes entwaffnet, ihres Kindes, um die er den Stahl bereits gegen ſein eigenes Leben geſchärft hatte! Seitdem war ſo Vieles mit ihm anders geworden und jene Verſuchung konnte ihm nicht mehr Gefahr bringen. Sterben wollte er freudig und unverzagt, aber nicht um eigenes Leid, ſondern im Kampfe für die Wiederherſtellung des wahren Glaubens in ſeinem Vaterlande. Er hatte ſich in den Jahren, die er in der Zurückgezogenheit des Kloſters verlebt hatte, mit eifrigen Studien der „ F Geſchi göcktiſ lunge zelle, durch hatten in ihr jungen auch gute Vatet hatte verdu betre hiſto Bew wand den Geiſt einſti ten, gewe ſink klein den W 147 Geſchichte ſeines Thüringen beſchäftigt, da ihn die ascetiſchen Schriften, in die er ſich zuerſt verſenkt, nicht lange gefeſſelt hatten. Die Benedictiner von Paulin⸗ zelle, ſo wenig ſie ſich in gelehrten Forſchungen oder durch ein beſonders ascetiſches Leben ausgezeichnet, hatten doch Schätze profaner und geiſtlicher Wiſſenſchaft in ihrer Bibliothek geſammelt und dieſe waren dem jungen Kloſterbruder, auf den ſie wegen ſeiner wenn auch nur einſeitig erlauchten Geburt ſtolz waren, zu gute gekommen, als er ſich über die Vorzeit ſeines Vaterlandes belehren wollte. Was er damals gelernt hatte, war ihm freilich in ſeinem Kriegsleben vielfach verdunkelt worden, ſeit er aber die Heimat wieder betreten, kam es ihm bei jeder Stätte, an die ſich hiſtoriſche Erinnerungen knüpften, von neuem zum Bewußtſein. So auch heute, als er durch den Hain wandelte, um in der duftigen Friſche die heißen Stun⸗ den vorübergehen zu laſſen. Die alte Zeit! Sein Geiſt erhob ſich bei dem Gedanken an Thüringens einſtige Herrlichkeit, an die Wandlungen, die es erfah⸗ ren, an die gewaltigen Kämpfe, deren Schauplatz es geweſen, über die Gegenwart und ſein eigenes Leben ſank zur Nichtigkeit herab. Wie konnte er über die kleinlichen Schickſale, die er erlebt hatte, noch murren, den Schmerz, der ihn quälte, noch eines Seufzers 10* 148 werth halten, da die nächſte Welle im Strom der Zeit ihn vielleicht ſpurlos hinwegriß zum uferloſen Ocean! Er ſetzte ſich unter einen uralten Baum und gab ſich mit geſtillter Seele dem Eindrucke des Waldfriedens hin, der rings um ihn herrſchte. Den Rücken an den vielgeborſtenen, mit Moosbüſcheln überwachſenen Stamm gelehnt, ließ er ſeine Augen bald in das grüne Blätter⸗ meer über ſeinem Haupte, bald in die dämmernde Tiefe der Baumnacht, welche die Höhe bedeckte, ſchwei⸗ fen. Die Stille des Hochmittags waltete hier, keines Vogels Ruf unterbrach das feierliche Schweigen, auch die geſchäftige Inſektenwelt, die ſonſt mit tauſendfältigem Leben ſich in Moos und Riedgras, Strauch und Geſtein ſchwirrend regte, war wie ausgeſtorben, Günther's Herzſchlag ſchien der einzige, der hier noch pulſirte. Seine Augen blickten nur träumeriſch, gleichſam ohne Sehkraft hinaus, ſeine Gedanken verwirrten ſich, die Bilder ſeines Innern floſſen phantaſtiſch in einander, ſchon ſenkten ſich die Lider mit den langen Wimpern ſchwer über die ſchwarzen Augenſterne, er gab, ohne es zu wiſſen, den Halt am Stamme der Eiche auf und ließ ſich ſanft in das ſchwellende Moos niedergleiten; zwei Minuten darauf war er feſt entſchlummert. Süße Träume— wie hätte der ſanfte Zauber, der ihn überwältigt hatte anders wirken können!— glück⸗ liche gen kelch loſe hatt halb über wie ſüc den mn ter⸗ nde vei⸗ nes uch gen tein ers irte. ohne die der, pern ohne und iten; nett. der ic⸗ 2 6 . ————————— vmm 149 liche goldene Träume waren es, in denen ſeine frei⸗ gewordene Seele wie ein Schmetterling auf Blumen⸗ kelchen ſich wiegte. Ein Lächeln, wie es ſeine freud⸗ loſen, ernſten Züge ſeit langen Jahren nicht erhellt hatte, ſpielte um ſeinen Mund, er hatte die Lippen halb geöffnet, ſie bewegten ſich leiſe, ein Wort kam über ſie, kaum hörbar geflüſtert zuerſt, dann deutlicher wiederholt und mit einem Tone, ſo weich und ſo ſehn⸗ ſüchtig, ein Wort von Herzen, ein heiliger Name! Nicht ungehört verklang der ſanfte Laut. Durch den Wald, Arm in Arm geſchlungen, leiſe plaudernd, als wollten ſie die ſchlummernden Vögel nicht wecken, waren zwei holde Mädchengeſtalten dahergekommen; beim Anblick des fremden Mannes, der ſchlafend unter dem Baume lag, hatten ſie zuerſt erſchrocken umkehren und fliehen wollen, aber die Jüngſte, noch ein Kind, hatte die Aeltere mit einem Druck ihres Arms feſt⸗ gehalten; ſie hatten lauſchend hingeſpäht nach dem Schläfer, und da er ſo gar feſt zu ſchlummern ſchien, waren ſie näher geſchlichen, um ihn zu betrachten. Er ſah ſo freundlich aus, er lächelte im Schlaf, gewiß träumte er von glücklichen Dingen. Jetzt ſchien er auch ſprechen zu wollen und die beiden Kinder— auch die Aelteſte war kaum ſechzehn Jahre alt!— neigten ſich, furchtſam und doch von mädchenhafter Neugier 150 bezwungen, über ihn. Da zuckten beide zuſammen und ſahen ſich mit glänzenden Augen an, welche ſogleich einen feuchten Schimmer annahmen— von den Lippen des Schlummernden hatten ſie vernehmlich ein Wort gehört, das auch ihre Herzen elektriſch berührte, das Wort:„Mutter!“ In demſelben Moment, als hätte ihr Blick ihn geweckt, ſchlug der Fremde ſeine großen ſchwarzen Augen auf und die Mädchen bebten zurück. Ehe er ſich aus dem Zauberlande, in welches die holden Ge⸗ ſtalten gar wohl paßten, in die Wirklichkeit finden konnte, waren ſie ihm entſchwunden. Er richtete ſich auf, er blickte umher, das Bewußtſein kehrte ihm zu⸗ rück— hatte er nur geträumt oder war die Erſcheinung mehr als Traum geweſen? Nirgends eine Spur, kein rauſchender Zweig, der verrathen hätte, daß ein menſch⸗ liches Weſen in der Nähe ſei! Günther ſtand auf und trat den Rückweg an, unzufrieden mit ſich ſelbſt. In den Träumen, die ihn heimgeſucht hatten, in dem Nachſpiel derſelben, das ihn noch mit offenen Augen bethört, fand er einen Vorwurf für ſein jetziges Leben, und er beſchloß, dem Zaudern und Säumen ein raſches Ende zu machen, dann aber hinab zu ziehen von den Bergen, wieder ſüdwärts, da er geſtern eine Nachricht von ſeinem Meiſter gehört hatte, die ihn dazu beſtimmte. —— 151 Der ſächſiſche Hauptmann, der vor kurzem hier ge⸗ weſen, hatte erzählt, daß der Kaiſer im Reiche werben laſſe, hatte auch ein paar Orte genannt, wo die Kriegsoberſten, welche damit beauftragt waren, ihre Muſterplätze aufgeſchlagen hatten. Es war keine Frage, der Krieg um das höchſte, heiligſte Gut mußte bald eröffnet werden, der Feldruf: Hie Welf! Hie Waibling! diesmal in ganz anderer Bedeutung als zur Hohen⸗ ſtaufenzeit, ſollte in Deutſchlands Gauen wieder er⸗ ſchallen, da galt kein Ausweichen, es hieß, wie der Herr geſagt:„Wer nicht iſt für mich, der iſt wider mich!“ und Günther wollte in dem guten Kriege, den er für den letzten Zweck ſeines ſonſt nutzloſen Lebens anſah, nicht fehlen. Als er ſo durch den Hain ſchritt, ſchlugen klar und deutlich geſprochene Worte an ſein Ohr, die zu ſeinen Gedanken paßten, als ob ſie durch dieſe im Walde geweckt worden wären. Die Stimme, die er vernahm, hatte ein ſo wunderbar wohlklingendes Organ, daß er dadurch betroffen ſtehen blieb, um ihr beſſer zu lauſchen. Ihr Grundton war tief und männ⸗ lich, aber ſo klangreich, ſo ergreifender Modulationen in höhere und weiche Chorden fähig, ohne dabei in unwürdige Weichlichkeit auszuarten, daß Günther ſich nicht erinnerte, je eine herrlichere Stimme gehört zu haben. Die Worte aber! „Ich habe das Schreiben an die ſächſiſchen Ge⸗ ſandten ſelbſt geleſen, Amsdorf hat mir eine Abſchrift geſchickt. Der Kurfürſt ſagt darin, daß alle Anerbie⸗ tungen und Verſprechungen des Kaiſers wegen der Unparteilichkeit auf dem Concil keine Sicherheit ge⸗ währen; er könne auch einem Vergleiche durch gewählte Schiedsrichter nicht trauen, denn wenn auch völlige Uebereinſtimmung aller zur Bedingung gemacht würde, ſo wären doch unter den deutſchen Schiedsrichtern auch Katholiſche, und würde etwa Luther, der gewaltigſte Mann in der heiligen Schrift, zugelaſſen werden? Selbſt Melanchthon nicht! So hat der Kurfürſt ſchon im Mai an ſeine Abgeordneten nach Worms geſchrie⸗ ben, als noch der Kaiſer in Brüſſel krank lag, und ſeitdem hat ſich durch die mündlichen Verheißungen Karl's in der Lage nichts geändert. Wie Luther ſelbſt darüber denkt, hat er wohl vielmals ausgeſprochen und mir noch ſelbſt aus der Gegend von Leipzig, wo er jetzt bei einem Freunde iſt, mit ſeiner eigenen Hand geſchrieben. Ich ſehe keinen friedlichen Austrag der Sache.“ Der Ton der letzten Worte war der einer ernſten Trauer. Günther hatte gleich anfangs, als er den Sinn und Geiſt der Rede verſtanden, ſeinen Hut tief in die Stirn gedrückt und war dann ruhig weiter ge⸗ 3 6 6 — 6 S 153 ſchritten, da er nicht daran dachte, einem Gegner aus⸗ zuweichen, nöthigenfalls auch mit andern Waffen als leiblichen gerüſtet war, um ihm zu begegnen. Er wollte den Mann ſehen, der mit dieſer herrlichen Stimme und der Kraft ſeines Wortes jedenfalls ein gefährlicher Feind war, wenn er vor dem Volke ſprach, das ſich durch äußere Gaben leicht hinreißen läßt; auch wollte er wiſſen, an wen die Rede gerichtet worden, da er keinen Laut einer Antwort vernommen. Der Sprecher ſchien aber nicht Raum zu einer ſolchen zu geben, er redete noch, als wenige Schritte von ihm entfernt aus dem dichten Unterholz, das ſeine Annäherung verborgen, der Fremde trat. Wie geblendet blieb Günther ſtehen. Nicht die hagere, etwas gebückte Erſcheinung des ſchwarzgeklei⸗ deten Mannes, der bei ſeinem Anblick im Sprechen inne hielt, zog ſeinen Blick auf ſich, ſondern die Frau, welche neben demſelben ging. Sie war weder durch einen beſonders ſtattlichen Wuchs, noch durch reiche Kleidung ausgezeichnet, doch hatte die Haltung ihrer ſchlanken und zugleich in edelſter Formenſchönheit prangenden Geſtalt eine unvergleichliche Würde; ihr Antlitz war nicht regelmäßig ſchön, aber von einer Anmuth der Züge, welche auch für das Alter, von dem ſie noch fern war, einen herzerfreuenden Ausdruck 154 ſicherte. Ernſt blickte ſie, wie es der Inhalt ihres Geſprächs mit ſich brachte, doch konnte dies dunkelblaue Auge, das ſie ſo eben verdüſtert auf den Zweifler am Frieden gerichtet hatte, gewiß auch in bezaubernder Milde und Freundlichkeit ſtrahlen! Unter dem ſchwarzen Schleier, der um ihre Schläfe wallte, ſchimmerte das klare Gold ihres Haares hervor, wie eine goldene Krone über der reinen Stirn. Bei dem Verſtummen des Sprechers an ihrer Seite folgte ihr Auge verwundert der Richtung ſeines Blicks und gewahrte den fremden Mann der bewaffnet, den Hut tief in das Geſicht gedrückt, von welchem enig mehr als der vom Bart umſchattete Theil zu ſehen, unter der Eiche vor ihr ſtand, ſogleich aber mit raſchen Schritten auf ſie zueilte. Sie war betroffen, wehrte indeſſen ihrem Begleiter, der den Fremden von ihr abhalten wollte. Als dieſer jedoch vor ihr ein Knie beugte und in leidenſchaftlicher Bewegung das Haupt ſenkte, regte ſich in ihr die frauenhafte Beſorgniß und ſie trat einen Schritt zurück. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte ſie mit einem leichten Beben der Stimme. Da hob er die Hand und warf den Hut zurück, der zur Erde fiel und ſein dunkles Geſicht mit den langen Locken und den glühenden ſchwarzen Augen upt und nen rick, den gen — S ₰ 155 enthüllte. Die Frau ſah erſchrocken auf ihn nieder— es bedurfte nur eines Moments, um ihn zu erkennen. „Günther!“ rief ſie tiefbewegt. „Zürnt mir nicht!“ ſagte er, ſich raſch erhebend. „Ich habe Euch nicht überfallen, nicht erſchrecken wollen, Frau Gräfin!“ „So ſeid Ihr zurückgekehrt!“ ſprach ſie, jetzt voll⸗ kommen gefaßt, mit der alten Freundlichkeit, die er an ihr kannte.„Und Ihr habt, wie ich ſehe den rechten Weg gefunden!“ Dabei reichte ſie ihm die Hand. Er errieth, was ſie meinte ſein Kleid und das Schwert, das er trug, gaben ihr den Anlaß dazu. Der Weg aber, der ihr der rechte ſchien, war ihm der Weg des ewigen Verderbens. Im Zweifel darüber durfte er ſie nicht laſſen, ſeinen Glauben zu verleugnen würde er ſelbſt im Angeſicht einer Todesgefahr nicht fähig geweſen ſein. Er hatte ihre Hand ergriffen und mit bebenden Lippen geküßt, ſein Auge ruhte auf ihrem Antlitz, als wolle es erſt Leben und Licht aus ihm gewinnen, doch ſenkte es ſich vor dem ihrigen, das mit ſtiller Hoheit ihm begegnete. „Ich habe den rechten Weg niemals verloren!“ antwortete er auf ihre Frage in einem Tone, welcher ſeine Gefühle nur allzuſehr verrieth. 156 Sie warf einen ſchnellen Blick auf ihren Begleiter, der den ihm gänzlich Unbekannten aufmerkſam be⸗ trachtete, dann hieß ſie Günther willkommen auf der Heidecksburg.„Ihr findet viel verändert im Vater⸗ lande!“ ſetzte ſie ernſt hinzu. „Sehr viel!“ erwiderte er.„Ich habe ſchon Alles erfahren. Habt Dank, daß Ihr mir erlauben wolltet, Euer Schloß zu betreten, ich muß mir aber an dem Glück genügen laſſen, das mir heut' widerfahren iſt. Mein Weg iſt weit und ſchwer. Doch, ſo Gott will, kehre ich einſt zurück, wenn—“ Hier unter⸗ brach er ſich, indem er ſein Auge feſt auf den Mann im ſchwarzen Kleide richtete, der neben der Gräfin ſtand, und ſein Blick hatte einen Ausdruck von Feind⸗ ſeligkeit, welcher nicht mißzuverſtehen war. In dem blaſſen und ruhigen Geſichte des Geiſtlichen zeigte ſich jedoch keine Spur von Verwunderung oder Unwillen darüber, es ſchien im Gegentheil milder zu werden. „Ich darf jetzt nicht hier weilen!“ fuhr Günther fort, indem er ſich wieder zu der Gräfin wandte, die wohl bemerkt hatte, wie er ihren Begleiter mit einem Blick voll Haß angeſchaut, und die ſich, wenn ſie auch ſeine Gedanken ahnte, dadurch nur verletzt fühlen konnte. „Daß ich Euch wiedergeſehen habe, Frau Gräfin, ſoll mir ein Pfand ſein, daß auch meiner noch ein höheres ohl lic ine te. ſoll 157 Glück wartet! Darf ich Euch noch eine Bitte an das Herz legen?“ „Wenn ich ſie erfüllen kann und darf“, erwiderte ſie,„gewähre ich ſie gern.“ „Laßt die Kirche von Paulinzelle verſchloſſen!“ ſagte er. „Ich verſtehe Euch!“ antwortete ſie mild.„Doch habe ich dort nichts zu gebieten oder zu verſagen. Nur hier und in Blankenburg ſind mir einige Rechte zugeſtanden, Fürſtenrechte auch nicht, denn ich bin eine Frau und die Lande gehören dem jetzt regierenden Grafen zu Schwarzburg in Arnſtadt.“ Sie ſagte das gleichſam in mütterlicher Belehrung und ſetzte dann hinzu:„Beſchwert Euer Herz der Gedanke, daß die Kirche von Paulinzelle einem andern Gottesdienſte geöffnet werden könnte, als dem ſie bisher geweiht war, ſo kann ich Euch darüber beruhigen. Der Graf hat dieſe Abſicht nicht.“ Günther hatte, während ſie ſprach, ſein Auge wieder zu ihr erhoben und hörte vielleicht kaum auf ihre Worte, ſo ſtürmte das Blut durch ſeine Adern. Er bezwang ſich aber mit Rieſenkraft, neigte ſich tief, als ſie geendigt hatte, und ſagte nur, faſt unverſtänd⸗ lich:„Ich danke Euch, Frau Gräfin. Gott ſei mit Euch!“ 158 „Wollt Ihr wirklich nicht wenigſtens eine Stunde bei mir eintreten, nicht meine Kinder ſehen?“ fragte ſie, als er ſich zum Gehen wandte.„Ihr kennt die Jüngſte gar nicht, die andern waren auch noch klein — verdenkt es der Mutter nicht, wenn ſie Euch daran erinnert, wie lieb Ihr die Kinder einſt hattet!“ Sie hatte es wohl gemeint mit dieſen Worten, aber ein Glück war es, daß der Geiſtliche zugegen war, die Glut, welche ſie ahnungslos entzündet hatte, wäre ſonſt wohl, wie die eines Vulkans, verhängnißvoll auf⸗ gelodert. Die Gegenwart des ſchweigenden Zeugen bannte ſie jedoch und Günther konnte, wenn auch erſt nach ginem kurzen Kampfe, eine ſchickliche Antwort geben.„Die jungen Gräfinnen kennen mich nicht mehr und haben mich wohl längſt vergeſſen“, erwiderte er. „Ich danke Euch nochmals, Frau Gräfin, aber ich muß Rudolſtadt noch heut' verlaſſen. Glaubt, daß ich nie⸗ mals Eure Gnade vergeſſen werde!“ Er machte eine Bewegung, als wolle er nochmals vor ihr das Knie beugen und ihre Hand faſſen, aber ſie trat zurück und er kehrte ſich ab, ohne weitern Abſchied, ohne den Geiſtlichen zu grüßen, und entfernte ſich mit raſchen Schritten. Die Gräfin war augenſcheinlich erſchüttert und gab ſich auch keine Mühe, das zu verbergen, denn ſie hatte — mm— 159 keine Urſache dazu. Der Geiſtliche fragte ſie nicht, aber ſie hielt eine Erklärung für nöthig. „Der Arme iſt ſehr unglücklich!“ ſagte ſie weich. „Ihr kennt ihn wohl, Doctor Aquila?“ „Ich kenne ihn nicht, gnädige Gräfin“, erwiderte der Geiſtliche. „Ihr habt Saalfeld in der erſten Zeit wenig ver⸗ laſſen“ verſetzte ſie,„doch werdet Ihr wohl von der Ehe des Grafen Heinrich mit der ſächſiſchen Bürgers⸗ tochter gehört haben; es war ſein Sohn, der eben von uns ging.“ „Der Sohn!“ wiederholte der Geiſtliche mit Antheil. „O ja! Ich habe früher von ihm gehört. Er ging nach dem Tode ſeiner Aeltern ins Kloſter Paulinzelle, nicht wahr? Jetzt trägt er das Ordenskleid nicht mehr, ſcheint aber den Fanatismus deſſelben bewahrt zu haben. Wohl iſt er deshalb unglücklich zu nennen.“ „Er iſt nie recht gücklich geweſen, vielleicht nur ſeine Knabenjahre ausgenommen“ entgegnete die Gräfin, während ſie mit dem Geiſtlichen den Rückweg nach dem Schloſſe antrat.„Von ſeiner Kindheit haben wir nicht viel erfahren. Seine Aeltern, deren Verbindung viel Widerſpruch erregt hatte, lebten ganz zurückgezogen und ſelbſt der Vater hatte wenig Umgang mehr mit ſeinen Verwandten. Als ich mich verheirathete, wußte ich gar 160 nichts von ihm; er kam nicht nach Arnſtadt, wie die andern Vettern meines Mannes, denn mein Schwieger⸗ vater, der ſehr ſtreng an allem Hergebrachten hielt— nicht blos im Punkte der Religion!— hatte ganz mit ihm gebrochen. Ich war auch noch zu jung, um mich viel um andere Dinge zu bekümmern. Erſt als wir Arnſtadt verlaſſen mußten— Ihr wißt ja, warum!—“ „Um des Glaubens willen!“ beſtätigte der Geiſtliche. „Mein Schwiegervater duldete den Sohn nicht länger bei ſich, weil Heinrich ſeiner Ueberzeugung nicht wieder untreu werden konnte, und wir mußten hierher nach Rudolſtadt ziehen, als meine älteſte Tochter kaum ein Jahr alt war. Da fand ſich zum erſten Male der Vetter, der wie mein Mann Heinrich hieß, bei uns zum Beſuch ein, da mein Mann, wenn auch aus einer andern und wichtigern Urſache gewiſſermaßen verſtoßen war wie er. Mein Mann iſt dann wieder einmal bei ihm geweſen, ich nicht, weil ich damals das Unglück hatte, meinen Knaben, der hier geboren war, zu verlieren. Auch wünſchte der Vetter nicht, daß ich mitkommen ſollte, es würde ſeine demüthige Frau nur in Verlegen⸗ heit ſetzen. Ich ſage das nur, damit Ihr nicht ungleich von mir denkt.“ „Ihr dürft Euch nicht gegen Stolz und Hochmuth verwahren, gnädige Gräfin“, entgegnete Aquila. — 161 „Jeder, der Euch nahe gekommen iſt, hoch oder niedrig geboren, weiß davon zu ſagen.“ „Ein oder das andere Mal brachte der Vetter ſeinen Knaben mit“ fuhr die Gräfin fort, dies Lob mit einer leichten Handbewegung ablehnend.„Der war damals fünfzehn oder ſechzehn Jahre alt. Doch wurde er bald auf Reiſen geſchickt und als er zurückkam, ſtarb ſein Vater, dem auch die Mutter bald folgte. Da forderte mein Mann den jungen Menſchen, der ſich einem unge⸗ meſſenen Schmerze hingab, auf, zu uns zu ziehen, und führte ihn faſt mit Gewalt hierher. Er war unterdeſſen etwa achtzehn Jahre alt geworden und ein ſchöner, ſtattlicher Menſch; mein Mann ſagte, daß er ſeiner Mutter ähnlich ſehe wie ein lebendiges Abbild. Aber er hatte eine Schwermuth, die von der Zeit nicht ge⸗ lindert, ſondern eher verſtärkt wurde; Zeichen davon glaubte ich ſchon früher bemerkt zu haben, obgleich er zuweilen recht froh ſein konnte. Vieles mochte aber dazu beitragen, ihm den friſchen Lebensmuth ſeines Alters immer mehr zu benehmen: der plötzliche Tod ſeiner Aeltern, das Bewußtſein, daß er von der Ver⸗ wandtſchaft ſeines Vaters ausgeſchloſſen ſei, wie er auch den Namen des Hauſes nicht führte; der Zweifel, wie er nun ſein Leben geſtalten ſolle, und endlich, laßt es mich geſtehen, auch das Aergerniß, das er an dem Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. IJ. 11 162 Gottesdienſt in unſerm Hauſe nahm, von dem er ſich beharrlich ausſchloß. Ihr wißt, daß mein Schwieger⸗ vater nur auf Verwendung des verſtorbenen Kurfürſten von Sachſen meinem Manne eine beſondere Hofhaltung hier in Rudolſtadt und einen lutheriſchen Prediger ge⸗ ſtattete, doch nur für ſein Haus und ſeine Dienerſchaft, ſoweit dieſe freiwillig an dem evangeliſchen Gottes⸗ dienſte Theil nehmen wollte.“ „Ich kam bald darauf nach Saalfeld“ ſagte Aquila, „und weiß mich zu erinnern, daß Euer ſeliger Herr Gemahl zu meiner Einführung als Superintendent von Rudolſtadt herüberkam, wobei er mir Einiges von ſeinem Hausweſen erzählte. Der Punkt aber, den Eure Gnaden in Bezug auf den Jüngling berührt, daß er als ſtarrer Anhänger der römiſchen Kirche an dem Gottesdienſt in Eurem Hauſe ein Aergerniß genommen, erklärt mir, warum er den Entſchluß gefaßt hat, Euch zu verlaſſen. Die Melancholie, von der Ihr ſpracht, vielleicht eine angeborene, mag ihn dann wohl zu dem Entſchluß ge⸗ führt haben, in das Kloſter zu gehen.“ Die Gräfin äußerte ſich darüber nicht.„Als mein Schwiegervater geſtorben war“, ſprach ſie nach einer Pauſe weiter,„konnte mein Mann in dem Lande, das ihm zugefallen, die neue Kirchenordnung, der er ſelbſt mit gläubiger Seele anhing, allmälig einführen— le in er „Ihr ſagt: Kirchenordnung!“ unterbrach ſie der Superintendent von Saalfeld.„Sagt lieber: die von Menſchenſatzung gereinigte Chriſtuslehre! Mit der Kirchenordnung würden wir uns ſchon vertragen haben. Schrieb Luther doch an den Propſt Buchholzer in Berlin: wenn ſein Herr, der Kurfürſt, das Evangelium Chriſti lauter, klar und rein predigen laſſe und die beiden Sakramente nach der Einſetzung des Herrn geben, fallen laſſe, was im Gottesdienſt menſchlich ſei, ſo möge der Propſt mit herumziehen in der Proceſſion, ein ſilbern oder golden Kreuz und einen Chorrock von Sammt oder Seide tragen, ja drei über einander wie Aaron, und möge, wenn der Kurfürſt Luſt daran habe, derſelbe vorher ſpringen und tanzen, mit Harfen, Pauken, Cymbeln und Schellen, wie König David vor der Lade des Herrn, nur daß nicht eine Noth zur Seligkeit daraus gemacht werde. Die Kirchenordnung, gnädige Frau Gräfin, iſt Nebenſache, die Lehre thut's!“ Sie kannte den eifrigen Freund und Mitſtreiter Luther's, der mit dieſem zu Wittenberg gelehrt und gewirkt hatte, und nahm den Tadel gegen ihren Aus⸗ druck hin. Er hatte aber damit ihre Erzählung unter⸗ brochen und dieſe wurde auch nicht wieder angeknüpft, da die Gräfin ihre beiden jüngſten Töchter eilig kom⸗ men ſah, als ob ſie ihr etwas Wichtiges zu verkünden 164 hätten. Es war die Nachricht, daß ſie weiter hin im . Hain einen fremden Mann ſchlafend gefunden und von ihm erſchreckt worden ſeien. Die Gegenwart des Super⸗ intendenten, deſſen ſtrenges Geſicht ſie bei aller Aus⸗ zeichnung der Mutter ſcheuten, hinderte ſie, die nähern Umſtände zu erzählen, wie ſie ihn belauſcht und durch ſein Wort im Traume gerührt worden. Die Gräfin wußte, wer jener Mann geweſen war, und beruhigte die jungen Mädchen, welche ſie ſchon überall geſucht hatten. „Geht nur vor uns her!“ ſagte ſie lächelnd.„Ich werde Euch ſchützen, daß Euch nichts geſchieht.“ „In Eurem Schutz, die Ihr die Macht dazu habt“, bemerkte der Geiſtliche, als die Kinder dem Worte ge⸗ horchend vor ihnen hergingen,„wer wollte ſich nicht geborgen fühlen! Aber mich rührt es immer, wenn ich das Kind einer armen, niedriggeborenen Mutter ſehe, die ſich ſelbſt nicht helfen und ſchützen kann gegen fremden Uebermuth oder gegen Gewalt, und höre, wie das Kind mit vollem ſüßen Vertrauen die Mutter, wie ein mächtiges Weſen, zu ſeinem Schutz anruft und ihr jede erlittene Unbill klagt, damit ſie dieſelbe beſtrafe. Ich erlebte das noch kürzlich einmal in Saalfeld; es war das Kind einer armen Leibeigenen, das der Herr der Mutter geſchlagen hatte, ein vornehmer und reicher Mann.“ 165 „Ihr übernahmt es für die Mutter, ihn wenigſtens mit Worten zu ſtrafen?“ fragte die Gräfin. „Das habe ich gethan“ erwiderte Aquila.„Doch fürchte ich, die arme Frau wird es nachher haben ent⸗ gelten müſſen, wenn der Herr auch meine Vorſtellung ruhig hinnahm. Ich bin leider etwas raſch und überlege mir nicht immer weltlich klug die Folgen meines Eifers.“ „Ihr kennt keine Menſchenfurcht!“ ſagte die Gräfin. „Das habt Ihr in Eurem Leben ſchon oft bewieſen!“ „Wenn es nur die eigene Perſon betrifft“ erwi⸗ derte der Superintendent lächelnd,„ſo iſt es ſchon gut, wenn man keine Menſchenfurcht kennt. Ein Anderes iſt, wenn man durch ſein dreiſtes Werk andere Men⸗ ſchen mit in Gefahr bringt, da ſoll man ſich doch be⸗ denken, abſonderlich dafern es nicht um des Einen willen, was noth iſt, geſchieht. Gilt es das, ſo muß jede andere Rückſicht ſchweigen, und wie Luther auf dem erſten Wormſer Reichstage vor Kaiſer und Fürſten und allen Prälaten, die ihm an das Leben wollten, geſagt, ſoll Jeder ſprechen: Hier ſtehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen! Gott hilft auch und gebraucht oft Werkzeuge, die ſich ohne Gottes Nöthigung wohl beſinnen würden, ob ſie helfen ſollten, wie mir in mei⸗ nen jungen Jahren die Schweſter des Kaiſers.“ Er meinte die geweſene Königin von Dänemark, Iſabella, deren Fürbitte ihm die Freiheit wiederver⸗ ſchafft, als ihn der Biſchof von Augsburg, Chriſtoph von Stadion, in deſſen Diöceſe er damals Pfarrer war, do gefangen geſetzt, weil er ſich freimüthig für die Lehren re Luther's erklärt hatte. Die Gräfin Katharina kannte u die merkwürdige Lebensgeſchichte Aquila's, der endlich u zu Saalfeld im ſächſiſchen Lande Superintendent ge⸗ e worden war und hier in geſegnetem Wirken lebte, noch ſi immer als Freund Luther's ein eifriger Vorkämpfer der Reformation.“ —„Ihr werdet hoffentlich keinen Schutz mehr brauchen, als den Euch Euer Landesherr gewährt, am wenigſten aber die Fürſprache einer Frau“, ſagte ſie auf den Rückblick Aquila's in ſeine jüngern Jahre. „Wer weiß!“ entgegnete der Geiſtliche ernſter. „Mein Herr, der Kurfürſt, iſt zwar nicht geſonnen, die Diener des göttlichen Wortes fremder Anfechtung preis⸗ zugeben, wie er auch wegen Luther's Buch„Wider das Papſtthum“ erklärt, daß Doctor Martinus einen ſonderlichen Geiſt habe, der ihn nicht Maß halten laſſe; weder die vorigen Kurfürſten, ſein Oheim Frie⸗ drich der Weiſe, noch ſein Vater Johann, hätten dem⸗ ſelben Maß ſetzen wollen, noch gedenke er ſelbſt der⸗ gleichen zu thun; Luther habe einen weit andern Sinn, als der von Andern gefaßt zu werden vermöge; wenn n⸗ ⸗ , n 167 ſich Jemand an ihm ärgern wolle, ſo könne er, der Kurfürſt, es nicht hindern. Aber ich ſage, es könnten doch Zeiten kommen, in denen ſeine Macht nicht aus⸗ reicht. Setzet, der Krieg bricht aus, und Gott in ſeinem unerforſchlichen Rathſchluß gibt den weltlichen Waffen unſerer Widerſacher den Sieg, um die Unüberwindlich⸗ keit unſerer geiſtlichen Waffen in deſto ſchönerem Lichte ſtrahlen zu laſſen, da könnte es ſchon ſein, daß die Prediger der reinen Lehre auf eine Zeit lang von den Kanzeln vertrieben, ja auf Leben und Tod verfolgt würden und für ihr irdiſches Theil einer Zuflucht und eines Schutzes bedürften.“ „Ich kann mir dieſe Möglichkeit nicht denken!“ ſagte die Gräfin erregt.„Sollte auch der Krieg aus⸗ brechen und der Sieg dem evangeliſchen Bunde treu⸗ los werden, nimmer doch könnte das Licht, das über einen ſo großen Theil unſeres Vaterlandes aufgegangen iſt und bereits weit hinauf die Länder des Nordens, Niederland, ja Frankreich überſtrahlt, wieder in Fin⸗ ſterniß erlöſchen durch irdiſche Gewalt!“ „Darin habt Ihr Recht, und Euer ſtarker Glaube wird nicht zu Schanden werden“„ erwiderte Aquila „Aber was an ihr iſt, an der irdiſchen Gewalt, das Licht zu dämpfen, das thut ſie ſchon ſelbſt. Erſt vor kurzem hat zu Doornik in den Niederlanden, alſo im 7 168 eigenen Lande des Kaiſers, ein franzöſiſcher Prediger, Namens Pierre Breuil, der aus Straßburg dorthin berufen war, den Flammentod erduldet. Es iſt auf dem Reichstag zur Sprache gekommen, wie mir ge⸗ ſchrieben worden iſt, der Kanzler des Kaiſers hat aber erklärt, nicht um der Religion willen, ſondern wegen Ungehorſams gegen die Geſetze ſtrafe der Kaiſer ſeine Unterthanen. Das iſt eine Vermengung des geiſtlichen und weltlichen Regiments, die für jedwedes Urtheil in Glaubensſachen den Deckmantel abgibt. Sie haben uns vorgeworfen, daß in Augsburg gleicherweiſe einer geſtraft worden, weil er ſein Kind in der alten Weiſe nach römiſcher Kirchenordnung habe taufen laſſen; ich habe den Mann gekannt, er hieß Baumgärtner. Darauf iſt entgegnet, er ſei nur in eine Ordnungsſtrafe von dreißig Gulden genommen, nicht aber, wie es drüben geſchehe, verbrannt worden, aber Granvella hat erwi⸗ dert: mehr oder weniger ändere das Weſen der Sache nicht; die Katholiken ſtraften härter, die Proteſtanten gelinder, geſtraft werde von beiden. Ich erzähle das nur, um zu zeigen, daß wir auf eine großmüthige Benutzung des Siegs, falls Gottes Zulaſſung ihn den Feinden verleiht, nicht zu rechnen haben.“ „Noch iſt der Friede ja nicht gebrochen!“ ſagte die Gräfin.„Der gnädige Gott wird ihn uns erhalten!“ ——— ger, thin auf Re⸗ ber gen eine chen ben iner eiſe ich rauf von ben wi⸗ ache iten ähle hige den 169 „Amen!“ erwiderte der Superintendent, aber ſeinem Tone war es anzuhören, daß er das Wort mehr in Ergebung als in feſter Zuverſicht ſprach. Sie waren in dieſem Geſpräch an das Schloßthor gelangt, wo die beiden jungen Mädchen ſtehen geblie⸗ ben waren, um ſie zu erwarten. Die älteſte Tochter der Gräfin, nach der Mutter Katharina's auf den alten Namen Anaſtaſia getauft, erſchien jetzt auch, um die vom Luſtwandeln Heimkehrenden zu empfangen; ſie hatte unterdeſſen in ihrer Kammer mit den Hoffräulein oder, wie ſie damals genannt wurden, adligen Jung⸗ fern fleißig an ihrer Ausſtattung gearbeitet, denn ſie war Braut und ihre Hochzeit ſollte nicht mehr lange hinausgeſchoben werden. Dem Geiſtlichen that es wohl, die Mutter mit ihren drei lieblichen Töchtern zu ſehen, wie hier das ſchönſte Verhältniß, das er den höchſten wie den niedrigſten Familien zum Muſter aufſtellen konnte, beſtand. Er verweilte aber nicht lange mehr auf der Heidecksburg, die er heute nur auf der Durch⸗ reiſe beſucht hatte. Sein alter Freund und Bekannter von Sickingen's Zeit her, Valentin Ehrenſtein, hatte ihn dringend eingeladen, bald einmal zu ihm zu kom⸗ men, da er in einer wichtigen Angelegenheit mit ihm zu reden habe. Achtes Kapitel. Die kluge Frau. „Er muß ja kommen! Bleibe Sie doch noch, Muhme Anne! Ich ſage Ihr, er ſtreift viel draußen umher; einen friſchen Kriegsmann leidet es nicht in der Stube, wenn er nicht Frau und Kinder hat!“ ſetzte der Schwertfeger mit einem Seitenblick auf die Meiſterin hinzu. „Ich habe noch mehr Gänge, Meiſter Brecht!“ ant⸗ wortete die Kräuterfrau.„Wenn Sein Gaſt wieder kommt, ſage Er ihm nur, daß ich hier geweſen bin und er ſolle doch, ehe er ganz fortgeht, einmal zu mir heraufkommen, es wolle ihn Jemand ſprechen; aber es müſſe bald geſchehen.“ „Jemand?“ fragte der Meiſter.„Sie will ihn wohl neugierig machen? Das hilft Ihr nichts! An mu vol nit 6 dem prallt jeder Bolzen ab, wie an einem guten Mai⸗ länder Harniſch. Soll ich ihm nicht gleich ſagen, wer der Jemand iſt?“ Die Alte beſann ſich eine Weile.„Meinetwegen!“ ſagte ſie dann.„Es iſt einer, der ſeine Mutter ge⸗ kannt hat, den Namen wird er gleich wiſſen.“ „Na aber, Mutter Anne, wie heißt er denn?“ nahm die Meiſterin das Wort.„Mein Mann will ihn nicht danach fragen und ich getraue mir's auch nicht. Man muß doch aber wiſſen, wen man beherbergt, abſonder⸗ lich wenn's einer von dem Niemand nützen Kriegs⸗ volke iſt.“ „Mutter, ſo rede mir nicht!“ entgegnete der Meiſter. „Niemand nütz! Wenn's keine Kriegsleute gäbe, wo⸗ mit ſollte denn Stadt und Land vertheidigt werden? Das iſt immer ſo! Iſt Frieden im Lande, ſo ſind wir Niemand nichts nütz und mein ganzes Gewerb als Schwertfeger iſt ein gottloſes gegen das fünfte Gebot, ſobald's aber Noth iſt, daß der Feind kommen könnt', ſchreien ſie nach uns und wir ſind die lieben Kinder!“ Die Meiſterin wollte ſcharf entgegnen, aber die Kräuterfrau hielt ihr den Mund zu.„Stille, Frau Gevatterin! Zankt Euch ein ander Mal. Ich kann nicht mehr zuhören. Beſtellt, was ich Euch geſagt habe, 172 Meiſter Brecht. Sollte aber der Gaſt gar nicht mehr zu Euch kommen bis Abend, ſo ſchickt Euren Jungen zum rothen Krebs, da wird mein Vetter Kandel ſein, den laßt es wiſſen, damit ich zu Hauſe nicht unnütz warte.“ Sie entfernte ſich; wenige Minuten nach ihr trat aber der Mann ein, den ſie geſucht hatte. Wegbleiben konnte er ja nicht, es lag noch ſeine geſchnürte Feld⸗ taſche da, in der er ſeine Sachen verwahrt hielt. Meiſter Brecht meldete ihm ſogleich, was ihm aufge⸗ tragen war. Bei Nennung der Kräuteranne blickte er überraſcht auf; hatte ſie doch ſeine Spur gefunden? Als er dann ihre Aufforderung hörte, ſah er den Meiſter ſcharf an und fragte, ob er wiſſe, wer es ſei, der ſeine Mutter gekannt haben wolle. Ihm ſelbſt war kein Zweifel darüber, doch wollte er hören, ob die alte Frau eine Andeutung gemacht habe, welche den Schwertfeger auf richtige Vermuthungen führen könne. Dieſer verneinte die Frage ehrlich. Der Fremde fragte, wie weit es bis Horba ſei, und als ihm der Meiſter Beſcheid gegeben, verlangte er ſogleich von der Meiſterin den Betrag ſeiner Zehrung zu wiſſen, da er ohnehin heute habe weiter ziehen wollen, daß er nun aber den Weg zu der Kräuteranne nicht ſcheuen werde. „Ja, ja! Wer ein guter Sohn iſt“, erwiderte ſie,„der verit chtji noch 6 Weſe letzter Befri Anne reder Geſc das ihre Men Dar eine dagi Gaſt der Mei hat nol hül 173 vergißt die Mutter ſein Lebtag nicht und wenn er achtzig Jahre alt wird. Eure Mutter lebt wohl noch?“ Er verneinte es kurz, und ſie wurde durch ſein Weſen wiederum eingeſchüchtert, ſodaß ſie auch in dieſer letzten Stunde ſich nicht getraute, einen Verſuch zur Befriedigung ihrer Neugier zu machen. Von der alten Anne war auch nichts zu erfahren. Wenn die hätte reden wollen, die hätte aus allen Schlöſſern im Lande Geſchichten erzählen können, aber ſie war verſchwiegen wie das Grab; darum vertrauten ihr auch die Herrſchaften ihre Geheimniſſe an und riefen ſie zu Hülfe, wo kein Menſch ſonſt helfen konnte, gewiß auch zu argen Dingen. Darüber durfte man aber nicht reden, ſonſt that ſie einem in aller Stille etwas Böſes an. Der Kandel dagegen, an den ſie den Meiſter für den Fall, daß der Gaſt ausbleiben ſollte, gewieſen, der erzählte friſch von der Leber weg, was er wußte, von dem hoffte die Meiſterin doch etwas zu hören. Der Fremde zahlte ſeine Zehrung. Meiſter Brecht bat ihn noch einmal, das zu laſſen, aber er lehnte dieſe Bitte mit warmem Danke ab, machte im Gegentheil noch den Kindern ein reiches Geſchenk und legte auch der Meiſterin, welche gerade hinausgegangen war, ein hübſches kleines Kreuz von Korallen auf das Fenſter⸗ 174 bret.„Das iſt aus Welſchland!“ rief der Schwert⸗ feger mit leuchtenden Augen.„So hab's ich da ge⸗ ſehen an den Mädeln und ſechs, ſiebenfache Schnüre dazu über die vollen Brüſte.“ „Laßt das Eure Frau nicht hören!“ warnte der — — — Fremde lächelnd, indem er ihm die Hand zum Abſchied in reichte. Auch der Meiſterin, die er noch draußen traf, gab er die Hand.„Ich wünſche Euch nur Freude an twe Euren Kindern!“ ſagte er, und ſie dankte ihm mit Ber Thränen in den Augen. Sein Geſchenk, als ſie es det fand, ſicherte ihm ihr Andenken auf immer. hun Bald, nachdem er fortgegangen war machte ſich nul die Frau ein Geſchäft in der Stadt und fragte im nit rothen Krebs nach dem Krämer, als habe ſie ein Ge⸗ Fed ſchäft bei ihm. Zu ihrer Freude war er eben von wa ſeinen Gängen heimgekommen; eine Viertelſtunde ſpäter Rei hätte ſie ihn nicht mehr getroffen, da er im Begriff ſtand, nach Blankenburg und Königſee zu gehen, um Bre morgen oder übermorgen nach Arnſtadt, wo er wohnte, chen zurückzukehren. Sie konnte ihm freilich nicht die Be⸗ ſtellung machen, welche ſeine Muhme dem Meiſter nur ver für den Fall, daß ſein Gaſt wider Vermuthen bis zum Abend ausbleibe, aufgetragen hatte, aber ſie durfte Er ihm doch mittheilen, daß der Fremde heimgekehrt ſei und ſich ſchon den Weg nach Horba gemacht habe. 175 „Ihr wißt wohl, wer dort auf ihn wartet?“ fragte ſie den Krämer. „O ja, und Sie möchte es auch gern wiſſen, Frau Meiſterin, nicht wahr?“ erwiderte Kandel. „Nun, ich weiß es ja ſchon!“ ſagte ſie.„Es iſt einer, der die Mutter unſeres Gaſtes gekannt hat.“ „Richtig! Der iſt ſehr weit her und hoch her! So etwa aus Tirol oder der Schweiz, wo die höchſten Berge ſtehen, mein' ich. Ein grauſam reicher Menſch, der zu ſeinem Vergnügen zu Fuß geht und dabei Kundſchaft ſucht für den Kaiſer. Ich hab' ihn ein⸗ mal in Augsburg geſehen, da ritt er einen Hengſt mit einer langen geſtickten Decke und einem gelben Federbuſch auf dem Kopfe, den Hengſt meine ich. Es war ein kohlſchwarzer Rappe, ſo ſchwarz wie ſein Reiter.“ „Reich iſt er, das glaub' ich ſchon!“ ſagte Frau Brecht.„Er hat mir auch ein ſchönes rothes Kreuz⸗ chen geſchenkt.“ „Ein Kreuz! Nehme Sie ſich in Acht, er will Sie verführen!“ „Ach“, ſagte die Meiſterin halb lachend,„ſchäm' Er ſich doch!“ „Ich meine, zum alten papiſtiſchen Glauben! Was denkt Sie! Ein Kreuz alſo! Nicht auch ein paar ſaubere Heiligenbildchen mit ausgeſchnittenem Papier und goldenen Rändern? Er iſt ein vornehmer katho⸗ liſcher Herr, kann ich Ihr ſagen.“ „Aber wie heißt er denn?“ fragte ſie eifrig. „Wenn Sie es ganz für ſich behalten will: er iſt ein Vetter des Papſtes, ſeinen welſchen Namen kann Sie doch nicht ausſprechen. Hat er die Frau Gräfin beſucht?“ „Die hat doch mit den Papiſten nichts zu thun!“ entgegnete die Meiſterin.„Aber mir fällt ein, daß er mich nach ihr gefragt hat, wieviel Kinder ſie hat und ob ſie als Wittwe über den Tod ihres Herren noch ſehr betrübt iſt.“ „Sieht Sie!“ rief der Krämer.„Und was hat Sie ihm geantwortet?“ „Na, ihre Betrübniß zeigt eine vornehme Wittwe doch nicht den Leuten! Seinen Namen möchte ich aber ſchon hören, vielleicht merk' ich mir ihn doch.“ Kandel ſprach ihr einen langen welſchen Namen vor, über den ſie den Kopf ſchüttelte.„Mein Mann würde ihn ſchon nachſprechen!“ ſagte ſie.„Der hat ſich in Welſchland lange herumgetummelt, Gott ſei's geklagt! Ich werde aber bald erfahren, ob mein Schwarzkopf oben auf dem Schloß geweſen iſt.“ „Frage Sie danach, und wenn ich die andere Woche 177 wiederkomme, ſo ſage Sie mir Beſcheid. Ich will Ihr dann auch erzählen, was Ihr Schwarzkopf bei meiner Muhme ausgerichtet hat.“ Er nahm ſeinen Kaſten auf den Rücken und ging. Die Meiſterin aber, als ſie ihrem Manne die gehörten Neuigkeiten erzählte, wurde von ihm ausgelacht.„Dem glaube Du nur!“ ſagte der Schwertfeger.„Am Ende macht er Dir unſern Kriegsmann noch zu einem Freier für die Frau Gräfin.“ „Nun, wenn er ein vornehmer Herr iſt?“ ent⸗ gegnete die Frau. „Und wenn er der Sohn des Kaiſers wäre! Katho⸗ liſch iſt er, das iſt das Wahre an der ganzen Geſchichte des alten Lügenbolds, er hat es mir offen geſagt und Jeder mag bei ſeinem Glauben bleiben. Aber daß die Frau Gräfin, deren verſtorbener Herr um ſeines Glaubens willen in jungen Jahren hart gelitten hat, keinen katholiſchen Freier annähme, und wenn er der Schönſte und Vornehmſte wäre, darauf will ich mich lebendig verbrennen laſſen.“ Die Frau ſchwieg vor der ſtarken Stimme ihres Mannes, aber ſie hatte über den Fall, wenn er ein⸗ treten ſollte, eine andere Meinung als er. In ihren Augen war der Gaſt, wenn er auch katholiſch war, ſeit heute bedeutend im Werthe geſtiegen. Was hatte Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 12 178 er aber in Verkleidung hier geſucht? Kundſchaft für den Kaiſer, was hieß das? In der Hütte der alten Kräuterfrau zu Horba wartete unterdeſſen der Mann, dem ſie ein Verſteck gewährt hatte, mit Ungeduld auf ſeine Wirthin. In ſeiner Unruhe hatte er doch ihr Verbot nicht geachtet, ſondern mehrfach draußen nach ihr ausgeſchaut, war auch von vorübergehenden Leuten bemerkt worden. Mutter Anne, als ſie endlich durch das Dorf gegangen kam, wurde daher von einer Nachbarin lachend zur Rede geſtellt, was ſie für einen kleinen, blaſſen Men⸗ ſchen in ihrem Hauſe habe. Sie that verwundert, ant⸗ wortete, daß er ſich wohl Raths bei ihr erholen wolle, kam aber deshalb in ſehr üble Laune, welche nur da⸗ durch gemildert wurde, daß ſie beim Eintritt in ihre Hütte das Neſt leer fand. Er hatte alſo ihre Heim⸗ kehr nicht abgewartet, ſondern ſich aus dem Staube ge⸗ macht, wahrſcheinlich in der Furcht, ſich ſelbſt durch ſeine Unvorſichtigkeit in Gefahr gebracht zu haben. Als ſie jedoch in der Küche eben Feuer anzündete, ſteckte Gosmar ſeinen Kopf herein; er war wieder ſo leiſe angeſchlichen, daß ſie ihn gar nicht hatte kommen hören. „An den Galgen mit Ihm!“ fuhr ſie ihn heftig an. „Oder aufs Rad, wo er hingehört, Er Spießgeſelle Münzer's!“ Wo erz gel Fu ſte 179 Gosmar ſtutzte wohl bei ihrem zornigen Will⸗ kommen, bei dem letzten Worte aber lachte er.„Weiß Sie kein beſſeres Schimpfwort? Worüber iſt Sie denn ſo böſe?“ „Sollen die Leute ſagen, daß meine iche Hütte zu einem Schlupfwinkel für Räuber und Mörder ge⸗ worden iſt?“ rief ſie, von ſeinem Gelächter noch mehr erzürnt.„Warum biſt Du nicht ſtill im Loche ſitzen geblieben, wie ich Dir's geheißen habe? Mußt Du Deine Fuchsſchnauze alle zwei Stunden einmal in den Wind ſtecken? Die Leute haben mich ſchon nach Dir gefragt, in Rudolſtadt wiſſen ſie, daß Du mit bei den Bauern geweſen biſt, und bald werden ſie's auch hier wiſſen. Mache dich fort, ich will Deine Hehlerin nicht ſein.“ „Das hat Ihr wohl auch der Vetter Kandel er⸗ zählt?“ entgegnete Gosmar ungedemüthigt. „Wenn er mir's erzählt hat, ſo wird er's auch Andern erzählen! Ich will Seine Schande nicht bei mir haben!“ „Braucht's drum wahr zu ſein, wenn's der Vetter Kandel erzählt hat? Sie hat ihn ja ſelbſt einen ver⸗ logenen Menſchen geſcholten! Und wenn's wahr wäre, ſo iſt lange Gras drüber gewachſen. Wer dabei um⸗ gekommen iſt, der hat's weg; die Fürſten und Herren haben die Menſchen zu Tauſenden am Leben geſtraft 12* und am Gelde geſchätzt, Bauern und Bürger; nach zwanzig Jahren werden ſie Keinem mehr etwas an⸗ thun, der ihnen dazumalen entwiſcht iſt. Sage Sie mir lieber, ob Sie meinen Junker gefunden hat.“ „Nein!“ erwiderte ſie hart.„Er braucht alſo nicht weiter zu warten. Es wird bald dunkel ſein, dann kann Er ſich aufmachen. Ich will Ihm nicht nach⸗ ſehen.“ „Weiß Sie, warum ich meine Fuchsſchnauze in den Wind geſteckt habe?“ verſetzte er.„Ihretwegen, Mutter Anne.„Es klopfte Jemand an und rief nach Ihr, ſo laut und ſo dringend, daß mir brühheiß in meiner Kammer wurde. Aber ich hielt mich doch feſt und rührte mich nicht; an die Kammerthür kam's auch, klopfte und rief, aber die war verſchloſſen. Als es endlich fortging, wollte ich doch ſehen, was es eigent⸗ lich geweſen war, und ging nach, ſodaß mich aber kein Menſch ſehen konnte—“ „Aber die Leute haben Dich doch geſehen!“ unter⸗ brach ihn Anne, etwas beſänftigt durch ſeine Er⸗ zählung, die ihre Neugier reizte.„Nun, wer war's denn geweſen?“ „Ein Bote mit Querſack und Stock, hatte einen großen ſchwarzgelben Hund bei ſich, ſo groß wie ein Kalb, Murks hieß der Hund.“ „Das hat Er ihm angeſehen?“ lachte die Alte, die bei der Beſchreibung des Hundes unwillkürlich mit dem Kopfe genickt hatte, als wiſſe ſie nun ſchon Alles. „Der Bote rief das Thier, weil es Ihre Hühner jagte, Mutter Anne!“ erwiderte Gosmar.„Iſt Sie nun zufrieden? Ich ſehe Ihr an, daß Sie ſchon weiß, wo der Bote her iſt und was er von Ihr gewollt hat.“ „Wo er her iſt, das kann ich mir ſchon denken“, ſagte die Frau,„aber was er hier gewollt hat, weiß ich nicht. Ich habe dort nichts zu ſuchen, die verſteht es beſſer als ich.“ „Was denn? Fiebertränke kochen, vielleicht auch Liebestränke?“ entgegnete Gosmar.„Nun, werde Sie nur nicht wieder böſe! Die edle Frau von Ehrenſtein braucht wohl dergleichen nicht mehr—“ „Woher weiß Er, daß der Bote vom Ehrenſtein war?“ fuhr Anne wieder auf. „Ich habe ihn gefragt“ antwortete Gosmar gelaſ⸗ ſen.„Alles Ihretwegen, Mutter Anne! Der Bote kehrte ſich plötzlich noch einmal um und ſah michz ſollte ich fortlaufen, wie einer, der ein ſchlechtes Gewiſſen hat oder ſich fürchtet? Was hätte er denken müſſen, wenn ich wieder ins Haus geſprungen wäre und mich eingeſchloſſen hätte? Ihr wär's zum Schaden geweſen. Ich ging alſo ganz ruhig auf ihn zu und fragte ihn, was er wolle.“ „Nun?“ rief die Alte, da er nicht weiter ſprach. „Ja, Mutter Anne, es war verdrießlich, es war ſehr verdrießlich! Der Kerl kannte mich. Es iſt ein Unglück, wenn man nicht ausſieht wie aus einer großen Schafheerde, in der nur der Schäfer die einzelnen Schafsgeſichter herausfinden kann.„Gosmar!“ ſchrie er mich an.„Steckſt Du hier?“ Ich ſagte ihm, daß ich hier gar nicht ſtecke, ſondern nur eben vorbeigekommen ſei, und fragte ihn, da ich ihn auch erkannte, den Knecht des alten Herrn Valentin, was er hier gewollt. Da gab er nur kurzen Beſcheid, daß eins oben krank ſei und daß er die kluge Frau habe rufen ſollen, und ging dann ſchnell ſeiner Wege, als wolle er mit mir nichts zu ſchaffen haben; am liebſten hätte er vielleicht den Hund, der mich anſchnüffelte, zum Anpacken und Feſthalten gehetzt. Der Fang wäre ihm bezahlt worden!“ „Sagte er nicht, wer oben krank ſei?“ fragte die Kräuterfrau, welcher ſeine Mittheilung erfreulich ſchien. „Nein!“ antwortete Gosmar.„Er gab mir auch keinen Auftrag; daraus ſieht Sie, wie klug ich's ge⸗ macht habe, daß er nicht gemerkt, wo ich eigentlich mein Unterkommen gefunden! Vielleicht wird er's im — „ 183 Dorfe für Sie beſtellt haben, daß es Ihr Jemand ſagt.“ „Es iſt gut!“ verſetzte ſie.„Aber was ich Dir ge⸗ ſagt habe, dabei bleibt's. Deinen Junker habe ich nicht gefunden, der kommt alſo nicht; geh Deiner Wege und ſieh, wie Du Dir weiter hilſſt, ob Du Deinen Landgrafen wieder gut machen kannſt oder einen andern Herrn findeſt, wenn Du nicht gar auf eigene Fauſt das Handwerk wieder aufnimmſt, das Du mit dem Münzer getrieben haſt.“ „Den Münzer ſchelte Sie nicht, Mutter Anne! Das war ein ſtudirter Mann, mit dem der Landgraf, als er ihn gefangen bekam, ſelbſt ſeine Noth hatte, ihm aus der Bibel ſeine Sünden zum Gewiſſen zu führen. Was ſoll ich's gegen Sie leugnen— ja, ich bin mit bei Frankenhauſen geweſen! Wenn die Bauern, ſtatt geiſt⸗ liche Lieder auf ihrer Wagenburg zu ſingen und ſich für kugelfeſt zu halten, mit Spieß und Schwert drauf gegangen wären, hätte die ganze Geſchichte vielleicht ein anderes Ende genommen und ich könnte mir ſelbſt Knechte halten, ſtatt daß ich einen argen Herrn mit dem andern vertauſchen muß.“ „War etwa Graf Heinrich ein arger Herr für Ihn?“ rief die alte Frau, die durch ſein Geſtändniß aufs neue gegen ihn aufgebracht war.„Was hat 184 Ihn denn fortgetrieben, wenn's nicht die Luſt am Un⸗ fug in der Welt war, die Er freilich bei Seiner from⸗ men Herrſchaft nicht büßen konnte?“ Gosmar konnte den Blick der Alten nicht ertragen, ſeine Augen flackerten wieder wie Irrlichter umher. „Graf Heinrich war ein guter Herr!“ ſagte er.„Und ſeine Hausfrau noch beſſer als er. Warum ich fort⸗ gegangen bin, Mutter Anne, das habe ich Ihr ſchon geſagt.“ „Aber nicht die Wahrheit!“ erwiderte ſie.„Die mag ich auch gar nicht wiſſen, was geht's mich an! Ich will überhaupt gar nichts mehr mit Dir zu thun haben; jeden Tag hört man neue Schlechtigkeiten von Dir; am Ende kommt's noch heraus, daß Du auch den Grafen, Deinen Herrn, oder die Frau umgebracht haſt!“ Ein graufahler Schein zuckte bei dieſen harten Worten über das blaſſe Geſicht des Mannes, und er ſagte mit einem erzwungenen Lachen:„Am Ende noch mehr! Ich habe die Heidecksburg an allen vier Ecken angezündet, daß die Gräfin mit ihren drei Töchtern verbrannt iſt!“ „Du biſt ein verſtockter Geſell, das weiß ich ſchon“, verſetzte die Alte, ſich wieder zu ihrem Herde wendend, wo das Feuer während dieſes Geſprächs erloſchen war. Gosmar verließ die Küche und ſetzte ſich in der Stube 185 auf die Bank, ſtützte den Kopf in die Hand und ſaß lange in tiefen Gedanken. Ein abermaliges Klopfen an der Thür ſtörte ihn, und als er aufblickte, wurde die Thür eben geöffnet, er ſprang freudig auf, denn vor ſeinen Augen ſtand derjenige, nach dem er ſich ſo ſehr geſehnt hatte. „Seid Ihr's?“ rief er.„Seid Ihr's wirklich, Junker Günther?“ „Und Du biſt frei, Gosmar!“ entgegnete der Ein⸗ getretene, der die Thür raſch hinter ſich zuzog.„Ich habe Dich in ſchlimmer Lage geſehen, als ich durch Blankenburg ging. Hat man Dich als unſchuldig ent⸗ laſſen? Und was willſt Du von mir, daß Du mich hieher beſtellt haſt?“ „Wo ſeid Ihr jetzt?“ fragte Gosmar haſtig.„Auf der Heidecksburg?“ Günther verneinte das mit einer gewiſſen Heftig⸗ keit, indem ſeine Augenbrauen ſich finſter zuſammen⸗ zogen.„Ich bin unterwegs!“ ſagte er dann. „So nehmt mich mit!“ rief Gosmar.„Laßt mich bei Euch bleiben! Gefällt's Euch, ſo zieh' ich gleich, dieſen Augenblick mit Euch ab; hier kann ich doch nicht mit Euch reden!“ Da trat aber Frau Anne, welche draußen die Stimmen der Männer gehört hatte, ſchon herein und 186 freute ſich nicht minder als Gosmar, daß ihre Be⸗ mühung in Rudolſtadt doch nicht umſonſt geweſen war. Sie hieß Günther mit einer wahren Aufregung will⸗ kommen und muſterte ihn nun bei Tageslicht, ob er wirklich ſeiner Mutter noch ſo ähnlich ſah, wie ihr Vetter es behauptet hatte. Daß er für heute wenig⸗ ſtens mit ihrer ſchlechten Hütte vorlieb nehmen werde, bezweifelte ſie nicht, reichte ihm einen Stuhl und legte Hand an, ihm ſeine Taſche abzunehmen, er aber dankte ihr und ſagte, daß er zur Nacht in Königſee bleiben wolle; er ſei nur hieher gekommen, weil ſie bei ſeinem Wirth, dem Schwertfeger in Rudolſtadt, nach ihm ge— fragt und hinterlaſſen, daß ihn„der da!“— erzeigte auf Gosmar— ſprechen wolle. „Das kann ich unterwegs!“ fiel Gosmar ein.„Ihr nehmt mich alſo an?“ „Suchſt Du einen Dienſt bei mir?“ entgegnete Günther.„Bei einem, der zu Fuß, den Ranzen auf dem Rücken, den Stab in der Hand, wandert?“ „Ich will Euch doch dienen!“ rief Gosmar.„Ginge es nach der Gerechtigkeit, ſo müßtet Ihr—“ „Sei ſtill!“ unterbrach ihn Günther.„Davon will ich nichts hören! Was iſt mit Dir, Gosmar? Du haſt mich verlaſſen, wo Niemand Dich hinwegtrieb, und nach ſo vielen Jahren finde ich Dich als einen Gef ſoht hof kam ſein geb drü mei Str neh Sae ſige den zwa wele Vt die ill Du ieb, 187 Gefangenen wieder, dem man das Schlimmſte nach⸗ ſagt. Sage mir, wie das abgelaufen iſt und warum Du nun hier mich ſprechen willſt.“ „Ich habe mich ſelbſt frei gemacht“ antwortete Gosmar,„und da ich Euch in Blankenburg erkannt hatte, war's mir wie eine Gnade von Gott und ein Zeichen, daß ich wieder zu Euch gehen und Euch die⸗ nen ſollte wie ſonſt.“ „Wohl Dir, wenn Du noch auf Gnade von Gott hoffen kannſt!“ erwiderte Günther.„Mit mir gehen kannſt Du aber nicht. Ich will aufrichtig gegen Dich ſein. Nicht aus Noth bin ich zu Fuß über das Wald⸗ gebirge gewandert, ich hatte meine Urſachen dazu; drüben auf der andern Seite werde ich erwartet von meinem Diener mit den Pferden, dann ziehe ich meine Straße, die ich ziehen muß. Ich kann Dich nicht mit⸗ nehmen; gib Dir keine Mühe, mich zu überreden. Sage mir alſo kurz, was Du mit mir ſprechen wollteſt; ſage es mir hier, Mutter Anne kann Alles anhören, denn ich habe keine Geheimniſſe mit Dir, den ich ſeit zwanzig Jahren nicht mehr geſehen habe.“ Es lag eine kalte Abfertigung in ſeinem Tone, welche bewies, daß er dem ehemaligen Diener ſeines Vaters keine Zuneigung mehr bewahrte, wohl auch an die Beſchuldigungen glaubte, die er in Blankenburg 188 gehört hatte, und Gosmar fühlte ſich dadurch tief ge⸗ kränkt.„Ihr habt mich vergeſſen und verachtet mich jetzt“ ſagte er vorwurfsvoll. „Ich habe nicht vergeſſen, daß Du mir einſt treu und freundlich geweſen biſt, daß ich Dir Manches verdanke“, erwiderte Günther.„Aber Du haſt mich freiwillig verlaſſen, und ich, Gosmar“, ſetzte er mit tiefem, aus der Bruſt klingendem Tone hinzu,„ich habe von Allem, was meine Jugend berührt, auf ewig Ab⸗ ſchied genommen! Geh denn im Vertrauen auf Gottes Gnade, wenn Du nicht blos mit leeren Worten ſo ge⸗ ſprochen haſt, Deinen Weg und nimm von mir eine Beihülfe an, die ich Dir gern biete.“ „Meint Ihr, ich habe Euch rufen laſſen, um Euch anzubetteln?“ rief Gosmar, deſſen Bläſſe einer miß⸗ farbenen Röthe gewichen war.„Ich ſtehe zwar hier faſt ſo nackt, wie ich auf die Welt gekommen bin, denn ſie haben mir, als ſie mich fortſchleppten, Alles ge⸗ nommen, aber lieber würde ich verhungern am Wege, als mir, wie einem Bettelmann, einen Kreuzer von Euch vor die Füße werfen laſſen.“ „Du thuſt mir Unrecht, ich meinte es gut“, ſagte Günther.„In meinem Entſchluß kann ich nichts ändern, den ändere ich nie. Willſt Du aber einen Rath von mir hören, ſo verlaſſe das Land ſobald als möglich, au de ein nich mit abe Ab⸗ ttes R⸗ eine Euch niß⸗ hier denn ge⸗ ege, von ſagte dern, voln lich 189„ denn Deine Spur iſt ſchon aufgefunden. Du haſt einſt die Waffen getragen für eine verruchte Sache, ſo bringe Deine Hand wieder zu Ehren, indem Du für eine beſſere wieder die Waffen ergreifſt. Willſt Du das, ſo kann ich Dir ein geſchriebenes Wort von mir geben, auf das Du angenommen wirſt von dem Manne, an den ich Dich weiſen werde.“ „Gebt mir's, gnädiger Herr!“ bat Gosmar, auf einmal ganz demüthig. „Gebt's ihm nicht!“ miſchte ſich jetzt Frau Anne ein, deren graue Augen von einem zum andern ge⸗ blickt hatten, wie ſie die Worte mit einander wechſelten. „Traut ihm nicht! Er macht einen ſchlechten Gebrauch davon.“ Aber ihr Einſpruch bewirkte gerade das Gegentheil von dem, was ſie beabſichtigte. „Du ſollſt meine Empfehlung haben, Gosmar!“ ſagte Günther und ſchnallte die Taſche auf, die er neben ſich auf die Bank geſtellt.„Hier dies Blatt nimm und geh damit nach Innsbruck in Tirol; es iſt ein weiter Weg, aber er bringt Dich auch aus dem Bereich Deiner Verfolger. Ich zahle Dir gleich Handgeld für den Kriegsoberſten, der dort jedenfalls ſein Regiment aufrichten wird. Siehſt Du das auch für einen Bettelſold an?“ Gosmar warf einen verſtohlenen Blick auf das 190 Pergamentblatt, das ihm Günther gereicht hatte; es war mit einigen Zeilen beſchrieben, die er aber nicht leſen konnte, denn ſie waren nicht deutſch; es hätte ihm aber auch in deutſcher Schrift und Sprache Mühe ge⸗ macht.„Werdet Ihr mir für das Wort noch böſe ſein, gnädiger Herr?“ fragte er, während Günther aus einem Beutel Geld nahm. „Laß den gnädigen Herrn weg!“ erwiderte Günther. „Der bin ich nicht. Hier, nimm das. Geh alſo nach Innsbruck in Tirol und frage nur gleich bei der Wache am Thor oder an der Hofburg nach dem Feld⸗ oberſten Hildebrand von Madruſch oder, wie ſie ihn welſch nennen, Madruzzi. Wirſt Du Dir den Namen merken?“ „Madruzzi!“ wiederholte Gosmar. „Vielleicht liegt er noch krank an ſeinen ſchweren Wunden, ich glaub's aber nicht, vielleicht iſt er auch gar nicht mehr in Innsbruck, dann aber wende Dich nur flugs an den erſten beſten der Hauptleute, die Du daſelbſt finden wirſt, melde Dich zur Annahme in ein Fähnlein, das ſie werben wollen, und zeige, wem es auch ſei, das Blatt vor. Es wird Dir gute Aufnahme ſichern. Zuerſt aber frage nach Hildebrand Madruzzi.“ Gosmar drückte ihm ſeinen Dank aus. Die alte . M ko un da de n u hi 1 Frau aber murrte:„Das werdet Ihr bereuen, Junker Günther. Womit hat er das an Euch verdient? Weder Geld noch einen Paßport hat er verdient, ſondern den Strick ſchon vor zwanzig Jahren.“ „Ich weiß, was ich thue, Mutter Anne“ erwiderte Günther, indem er ſich freundlich zu ihr wandte, wäh⸗ rend er gegen Gosmar an ſeinem frühern Ton nichts geändert hatte.„Wenn mir nach Recht und Würdig⸗ keit gemeſſen würde, ſo hätte ich auch viel Schlimmes verdient.— Wirſt Du Dich gleich aufmachen, Gosmar, oder gedenkſt Du noch die Nacht hier zu bleiben?“ „Wie Ihr befehlt, Herr!“ antwortete Gosmar. „Hier bleiben ſoll er mir nicht!“ rief die Alte. „Ich habe meine Chriſtenpflicht an ihm gethan, nun will ich ihn aber nicht länger haben. Jeden Tag kommt mehr Schändliches heraus, das er begangen hat, und es iſt nicht einmal rechte Chriſtenpflicht geweſen, daß ich ihn hier verſteckt gehalten habe, ich hätte müſſen dem Amtmann Anzeige machen! Die Leute werden mit Fingern auf mich weiſen!“ Gosmar wollte ſprechen, Günther wehrte ihm jedoch und ſagte ruhig:„Wenn Du ihn nicht länger beher⸗ bergen willſt, mag er ſich noch vor der Dunkelheit auf den Weg begeben.— Leb'wohl, Gosmar. Die Zeit bringt uns vielleicht doch noch einmal zuſammen. Wenn Du 192 mir aber noch etwas Beſtimmtes zu ſagen haſt, ſo ſprich! Du haſt mich doch nicht blos hieher beſchieden, um Dich zu meinem Dienſt anzubieten?“ Der Flüchtling warf einen Blick auf die Alte und erwiderte ſtockend:„Ich wollte das freilich, aber u ich hätte doch auch gern mit Euch von der alten Zeit geſprochen—“ „Die laß ruhen!“ unterbrach ihn Günther mit fin⸗ ſterem Blick. i „Aber wenn ich die Straße nach dem fernen Tirol nehmen ſoll, da iſt es wohl gleich, ob ich ſo oder ſo ſi über den Wald gehe, und könnte doch heut' noch mit Euch im nächſten Städtchen übernachten.“ „Das will ich nicht!“ ſprach Günther beſtimmt aus. „Glaubſt Du Dich vielleicht ſicher bei mir? Wenn be Deine Verfolger Dich finden, und Du biſt auch in 4 meiner Begleitung, ſo kann ich Dich nicht ſchützen. Der g beſte Schutz, Gosmar, iſt Dein gutes Gewiſſen. Haſt A Du das, ſo wirſt Du in der Gefahr nicht umkom⸗ 4 men. Alſo fahr' wohl. Ich will noch eine Weile hier ſu raſten.“ ne Gosmar machte keinen weitern Verſuch mehr. Er wollte Günther die Hand küſſen, dieſer entzog ſie ihm di jedoch und legte ſie ihm auf die Schulter.„Ich habe ſo Dich nicht vergeſſen!“ ſagte er wohlwollender als bis⸗ her.„Viel weniger noch verachte ich Dich! Es würde mir ſchlecht anſtehen!“ Frau Anne hörte mit Verwunderung und Mißver⸗ gnügen dieſe Worte und nahm den Dank für die Auf⸗ nahme, welchen ihr Gosmar beim Scheiden ausſprach, mit ſaurem Geſicht auf. Sie hatte ſich dabei, wie ſie in beſonderer Gemüthsbewegung zu thun pflegte, aus der gebückten Haltung ihres Alters aufgerichtet und überragte den kleinen, dürftigen Mann wohl um eine Kopflänge. Ihre frühere Geſinnung gegen ihn hatte ſich vollſtändig umgewandelt, ſeit er ſelbſt eingeſtanden, was ſie ihrem Vetter nicht recht geglaubt hatte, daß er an den Greueln des Bauernkriegs Theil ge⸗ nommen, der ſchrecklichen Zeit, welche ſie ihres Mannes beraubt hatte. Auch der Mann der alten Frau war von dem wilden Ausbruch langgenährten Haſſes er⸗ griffen worden, welcher damals das Landvolk in Mittteldeutſchland, das Luther's Lehre von der Freiheit auf das Irdiſche deutete, gegen ſeine Dränger zum Auf⸗ ſtand getrieben. Anne hatte ihn nicht zurückhalten kön⸗ nen und bald nachher ſeinen Tod beweint. Ihr Zorn aber hatte nicht die Hartherzigen getroffen, die ſie für die Vollſtrecker eines göttlichen Strafgerichts anſah, ſondern die Unglücklichen, welche ſich zum Aufruhr hatten hinreißen laſſen, ſie hatte ihren Mann beweint, Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. J. 13 194 aber nicht entſchuldigt und haßte noch jetzt ſeine Ver⸗ führer und Genoſſen. r „Hätt' ich Alles gewußt“ ſagte ſie auf Gosmar's e Dank,„ſo wärſt Du nicht über meine Schwelle gekom⸗ h men. Daß Dich der Landgraf verfolgt, kann ich mir nun ſchon denken; er iſt dahinter gekommen, wer ſich d bei ihm eingeniſtet hat, und auch bei unſerm Grafen e hat's keiner großen Aufmahnung gebraucht, denn Eure Rotten haben ihn ja ſelber mit ſeinem Vater in Son⸗ dershauſen bedrängt. Die Geſchichte von der andern Frau Deines Landgrafen oder gar, weil Du Dich grade beim Prediger verſteckt haſt, von der lieben—“ Sie unterdrückte ſogleich ihre Rede, da ſie noch zu rechter Zeit inne wurde, daß ſie von Günther's Mutter ſpre⸗ chen wollte, und ſetzte nur kurz hinzu:„Alles Fuchs⸗ ſchwänzerei! So wirſt Du auch die Wohlthat, die Du eben genoſſen haſt, vergelten, bis endlich doch Galgen und Rad Dein Lohn iſt!“— „Das ſoll Sie mir noch abbitten!“ wiederholte Gos⸗ mar die Worte, die er ſchon einmal zu ihr geſprochen hatte, nahm ſeine Kappe von der Bank, das Einzige, das er mit ſich zu nehmen hatte, und verließ die Stube. Die harte Frau ging mit hinaus, um zu ſehen, daß er auch wirklich ſeinen Abzug nicht verzögere; er wollte ihr noch etwas ſagen, beſann ſich aber anders, als er — einen Knaben aus dem Dorfe kommen ſah, und eilte raſch davon. Mutter Anne blieb ſtehen; bemerkt war er doch ſchon worden, wie ſie bei ihrer Ankunft erfahren hatte, ſie konnte nun gleich eine Erklärung geben. „War das der Bote vom Ehrenſtein?“ fragte jedoch der Bauernknabe, und als die alte Frau das verneinte, erſt jetzt ſich wieder daran erinnernd, was ſie über Günther's Anweſenheit faſt vergeſſen hatte, hörte ſie, daß der Bote in der Schenke geweſen ſei und beſtellt habe, wenn ſie nach Hauſe käme, ihr zu ſagen, daß ſie nach dem Ehrenſtein kommen ſolle, die geſtrenge Frau möchte von ihr einen guten Rath haben; es habe aber damit keine große Eile, wenn's heut zu ſpät würde, ſolle ſie nur morgen heraufkommen. Mit dieſer Be⸗ ſtellung hatte der Schenker ſeinen Knaben jetzt herge⸗ ſchickt. Anne fertigte ihn ab und ging zu ihrem letzten und lieben Gaſte zurück, der noch auf ſeinem Platze ſaß, als wolle er doch nicht mehr nach Königſee wan⸗ dern, ſondern ein Nachtlager in ihrer ſchlechten Hütte annehmen. Als ſie eintrat, blickte er aus ſeinem Hinſtarren auf und erhob ſich. Der freundliche Ausdruck, mit welchem er ſeine Augen auf ſie richtete, ermuthigte ſie zu der Frage:„Seid Ihr auf der Heidecksburg ge⸗ weſen?“—„Nein!“ erwiderte er und ſchien ihr nicht 3* 196 weiter Auskunft geben zu wollen, denn die Freundlich⸗ keit verſchwand aus ſeinem Blicke. Auf einmal aber leuchtete ein wunderbarer Glanz in ſeinen Augen auf. „Ich bin nicht auf der Heidecksburg geweſen“, ſprach er mit einer Bewegung, die ſich auch, wie immer, in ſeinen Zügen verrieth,„ aber ich habe die Gräfin Katharina geſehen und geſprochen. Du weißt, Mutter Anne, wie ſie einſt gütig gegen mich geweſen iſt, und ich darf Dir nicht erſt ſagen, daß ich ſie aufſuchen mußte, nachdem ich einmal wieder in die Heimat gekommen bin. Viele haben mich erkannt und es wäre bit⸗ terer Undank geweſen, mehr als das, wenn ich ſie nicht aufgeſucht hätte! Weib, was blickſt Du mich ſo traurig an, als könnteſt Du in meiner Seele leſen? Kannſt Du das, ſo haſt Du nicht Urſache, traurig zu ſein, ſondern ein Hoſianna zu ſingen, wenn Du dem Herrn unſerm Gotte noch ein Hoſianna ſingen kannſt!“ Sie erſchrak, denn ſie mißverſtand die Urſache der dunklen Glut, welche mehr und mehr in ſeinen Augen aufloderte.„Hat Euch die Gräfin freundlich aufge⸗ nommen?“ fragte ſie. Er hörte aber nicht auf ihre Worte. „Aus Nacht und Sünde habe ich mich aufgeſchwun⸗ gen zum Licht“, fuhr er fort;„die Schlange, die mich im Herzen umringelt hielt, liegt zertreten zu meinen —— 197 Füßen und ich kann wieder frei aufblicken zur heiligen Gottesmutter, vor der ich mein Haupt ſchuldbewußt verhüllen mußte! Darum freue Dich Weib, und ſegne mit mir die Stunde, da mir Gottes Gnade zum Siege verholfen hat! Ich kann nun getroſt meine Lenden gürten mit dem Schwerte des Heils!“ Seine gewaltige Sprache, die ſie an eine unver⸗ geſſene Nacht im Waldgebirge erinnerte, das fremd⸗ artige Lächeln, das ſeine Züge wie in geiſtiger Ver⸗ zückung überflog, machten auf ſie einen tiefen Eindruck. So hatte ſie den Prieſter der Wiedertäufer auf der Höhe geſehen, als ihr Mann ſein nichts ahnendes Weib zu der nächtlichen Verſammlung nach der Reinsbergen mitgenommen hatte, und wie ſie damals gebebt vor den mächtigen Worten, die ihr wie Frevel erklungen waren, fühlte ſie auch jetzt ein Grauen, obſchon ſie nur dunkel ahnte, welcher Sinn in der Rede des leidenſchaftlich aufgeregten Mannes verborgen lag. Sie hätte ihn gern mit klaren und nüchternen Wor⸗ ten gefragt, was ſie gern wiſſen wollte: wo er die Gräfin geſehen und was vorgefallen ſei, das ihn reden laſſe wie einen, über den ein fremder Geiſt gekommen iſt, aber ſie wagte es nicht. Sie ſagte nur:„Ich freue mich, wenn Ihr dem lieben Gott danken könnt!“ 198 Er fühlte, daß er nicht Herr ſeiner ſelbſt geweſen war, im raſchen Umſchwung regte ſich plötzlich wieder der Zweifel in ihm. Konnte er ſchon triumphiren? Draußen ging die Sonne unter, und wenn eine leib⸗ liche Schlange, im Geklüft zertreten, bis dahin gezuckt und ſich gewunden hat, dann ſtirbt ſie wohl bei Sonnen⸗ untergang und ſtirbt, um ſich nie wieder aufzubäumen. Iſt es auch ſo mit der Schlange im Herzen? War es ihm nicht in dieſem Moment, als habe er ſich zu viel gerühmt und als fühle er, daß ſie ſich doch noch rege und wieder erſtarken könne? „Ich will Dir ſagen, Mutter Anne, wie ich die Gräfin gefunden habe“ ſprach er in haſtigem Ueber⸗ gange zu einer Redeweiſe, die ſie faſt noch mehr ver⸗ wunderte als die vorige.„Sie kam im Hain mit einem Eurer ketzeriſchen Pfaffen ſpaziert, ich trat ſie an und ſie erkannte mich wieder, ſie ſprach wie eine Mutter zu einem verlorenen Sohne, der heimkehrt, und wollte mir vielleicht auch ein Schaf ſchlachten laſſen, wie im Cvangelio, lud mich ein und wollte mir ihre Kinder zeigen, ich dankte ihr und ging, wie ich jetzt gehen werde. Eins nur hab' ich gewonnen dabei, daß meine Kirche, die Kirche von Paulinzelle, verſchloſſen bleibt bis auf den Tag des Herrn!“ Die erſten Worte hatte er in einem ſchneidenden 199 Tone geſprochen, der ſelbſt der einfachen Frau erzwun⸗ gen geſchienen; der kalte und bittere Hohn konnte un⸗ möglich aus ſeinem Herzen kommen! Bei der letzten Wendung hatte aber ſeine Stimme wieder den vollen Klang gewonnen, ſein Auge ſich mit feurigem Strahl weit geöffnet, und nun ſäumte er auch keinen Moment länger, zu ſcheiden. „Werdet Ihr wiederkommen?“ fragte die alte Frau zaghaft. „Wenn Kreuz und Rauchfaß und wehende Kirchen⸗ fahnen wieder durch die Thäler des Waldes getragen werden!“ erwiderte er.„Die Jahreszeiten werden nicht oft wechſeln, bis das geſchieht.“ Neuntes Kapitel. Auf dem Ehrenſtein. Am Thore des alten, halbverfallenen Schloſſes, das mit ſeinem jetzigen Beſitzer wohl ſeinen letzten Be⸗ wohner verlieren mußte, ſtand wie ein Wächter, der nach Feinden ausſchaut, der große ſchwarzgelbe Hund, an welchem Gosmar vor der Hütte der alten Anne den Boten von Ehrenſtein als kenntlich bezeichnet hatte. Das Thier ſah rechts und links hinab und bellte von Zeit zu Zeit gegenſtandslos in die Ferne. Da trat auch ſein Herr, dem es nur vorausgelaufen war, unter der Wölbung des Thores hervor, verbot ihm den Lärm und blickte ebenfalls nach den beiden Wegen, welche hier zuſammentrafen. Es ließ ſich aber noch nichts entdecken. Was er am ungeduldigſten er⸗ wartete, ob das kleine einſpännige Wäglein, das ihm 201 den langjährigen Freund und geiſtlichen Helfer bringen ſollte, oder die alte arme Kräuterfrau, hätte er wohl ſelbſt nicht entſcheiden können. Zu ihm geſellten ſich jetzt, über Stock und Stein daherſpringend, ſeine beiden Enkelknaben, die ihm athemlos verkündigten, daß der Kandel heraufkomme, der werde gewiß wieder hübſche Sachen haben, die der Großvater ihnen kaufen könne. Dem Großvater ſchien aber der Krämer heute nicht ſo willkommen zu ſein als ſeinen Knaben, er ſtrich ſeinen Knebelbart in die Höhe und ſagte:„Dem lauft entgegen und ſagt ihm, daß ich nichts brauche, 1 er ſoll ſich die Mühe nicht erſt machen, heraufzuſteigen; nehmt den Murks mit, und wenn der Jude nicht um⸗ kehren will, ſo hetzt ihm den Hund auf den Hals! Geh mit, Murks. Aber beißen laßt ihn nicht.“ „Iſt der Kandel ein Jude, Großvater?“ fragte der älteſte Knabe. „Schlimmer als ein Jude! Er iſt ein Türke oder Heide oder auch gar nichts, wie's einer haben will! Lauft, Kinder! Sagt ihm, in der andern Woche ſoll er wiederkommen, heut' kann ich ihn durchaus nicht brauchen.“ Die Knaben erfüllten jauchzend den willkommenen Auftrag und bald hörte man unten, wo der Fuß der Höhe vom bewachſenen Abhang verdeckt war, das — ——— — — folgte. Gewiß hatte der Krämer Weitläufigkeiten ge⸗ macht und ſich doch eindrängen wollen, worauf der Hund gegen ihn losgelaſſen worden. Der Alte lachte, aber der rohe Spaß that ihm nun ſelbſt leid und er pfiff durchdringend auf dem Finger. Es war zwar noch lange nicht ſo ſchlimm, als wenn der Kandel einem der alten Wegelagerer in die Hände gefallen und neben perſönlicher Mißhandlung ſeines ganzen Krams beraubt worden wäre. Von dieſer adligen Sitte, wie der alte Herr kürzlich gegen den Kriegs⸗ mann bei Paulinzelle geäußert, hatte ſich Schloß Ehren⸗ ſtein, ſeines Namens würdig, immer rein gehalten, aber auch der tödtliche Schreck, den der Krämer in ſeiner Feigheit jetzt erlitten hatte, konnte ihm übel bekommen. Da ſprang es den Berg herauf, erſt der Hund und bald hinter ihm die Knaben.„Er hat ihn doch nicht gebiſſen?“ fragte der Großvater ſtreng. Sie berichteten lachend, daß Kandel wie eine Katze davongeſprungen ſei und ſie den Hund, der ihm nach⸗ geſetzt, gleich abgerufen hätten.„Das iſt recht! Ich will die Spürnaſe nur heut' nicht hier haben“ ſagte der alte Herr.„In der andern Woche kann er kom⸗ men, da will ich ihm abkaufen.“ wüthende Gebell des Hundes, dem ein Angſtſchrei — 203 Kandel war nicht weit gelaufen. Als die Knaben, die ihm ſo junkerlich gewaltſam den Zugang zum Schloß gewehrt, den ihn verfolgenden Hund abgerufen hatten und gleich darauf der gellende Pfiff von der Höhe erfolgt war, hatte er ſchnell die Furcht verloren und ſeine Flucht eingeſtellt. War das blos ein vor⸗ nehmes Vergnügen geweſen, das man ſich mit ihm gemacht hatte, oder ſollte er wirklich gerade heute nicht kommen? Die kleinen Junker hatten ihm getreulich, mit ihren hellen Stimmen einander überbietend, das Gebot des Großvaters wiederholt: er ſolle die andere Woche wiederkommen, heute könne man ihn nicht brauchen. Warum aber nicht? „Aha!“ ſagte er für ſich, als er auf dem Wege von Nahwieden her einen Einſpänner langſam herauf⸗ fahren ſah. Er ſelbſt war von der Rudolſtädter Straße, die weiter unten eine halbe Stunde vom Ehrenſtein vorüber nach Stadt Ilm und Arnſtadt geht, wo er zu Hauſe war, einen Richtſteig über die Berge gegangen und bemerkte nun den Wagen wieder, den er ſchon unterwegs vor ſich geſehen hatte. Wie er weit und breit bekannt war, wußte er auch, wem der Wagen gehörte und daß derſelbe heute früh auf der Heidecksburg geweſen. „So, ſo! Der alte Herr Valentin hat mit Seiner Ehrwürden zu thun und darum keine Zeit zum Han⸗ deln mit mir! Wenn's noch der ſelige Tezel wäre, mit dem die luſtigen Junker manchen guten Handel auf Ablaß für ihre Sünden abgeſchloſſen haben! Unſere jetzigen geiſtlichen Herren laſſen aber nicht mehr wegen der Sünden mit ſich handeln und der da am wenigſten! Da heißt's: Bereue Deine Sünden, thue Buße und beſſere Dich! Das iſt ſehr unbequem!“ Mit dieſen unheiligen Gedanken ſpähte er auf den ankommenden Wagen hernieder und erkannte nun auch den Mann, der hinter dem Knecht ſaß. Es war wirk⸗ lich Aquila, der Superintendent aus Saalfeld. Wollte er den Herrn Valentin nur beſuchen, wie er heute früh ſchon die Gräfin auf der Heidecksburg beſucht hatte, oder war er nach dem Ehrenſtein ausdrücklich ein⸗ geladen worden? Der gehörte doch gar nicht nach Saalfeld ins Sächſiſche, ſondern hatte ſeinen Paſtor unten in Teichmannsdorf! Wenn Herr Valentin ſich den Doctor Aquila aus Saalfeld holen ließ, ſo mußte etwas ganz Abſonderliches vorgefallen ſein, wie man bei einer ſchweren Krankheit ſich einen andern Doctor ruft, wenn der erſte nicht helfen kann. Deshalb brauchte aber nicht der ehrliche gute Kandel mit dem Hunde fortgehetzt zu werden; er wußte manchmal beſſern Rath zu geben als Pfaff und Doctor zuſammen! —— S—— 205 Er wollte doch hinter die Sache kommen, weshalb ihm heute die Thür gewieſen war, wenn er es auch nicht wagen durfte, noch einmal anzupochen. Darum wartete er auch den Pfarrer nicht ab, wie er zuerſt gewollt hatte, er mußte ſich gar nicht mehr zeigen. Von der Höhe des Vorplatzes war die Ankunft des Erwarteten nun auch bemerkt worden, obſchon im Thale bereits die Schatten des Abends lagen.„Da iſt er endlich!“ ſagte Ehrenſtein und warf noch einen flüchtigen Blick in der andern Richtung, wie er ſchon mehrfach gethan hatte.„Die Anne kommt wohl heut' nicht mehr! Sie wird zu ſpät nach Hauſe gekommen ſein! Daß ſie den argen Schelm alſo doch bei ſich gehabt hat— ſiehſt Du, Gretel, ich habe immer Recht.“ Frau Margarethe war auch unter die alte große Linde gekommen, welche vor dem Thore ſtand und eine Steinbank beſchattete, auf der das greiſe Ehepaar oft die Sommerabendſtunden in traulichem Geſpräch ver⸗ brachte, während die Enkel, ihrer frühverſtorbenen Tochter Kinder, um die Großältern ſpielten und ſich balgten. „Du haſt immer Recht, Velten, wenn Du Dich nicht geirrt haſt“ erwiderte die Frau mit gutmüthigem Lächeln.„Mit der Adelheid haſt Du nicht Recht; es war ganz unnöthig, daß Du nach der alten Anne 206 ſchickteſt. Aber wenn Du Deinen Kopf aufſetzeſt, iſt mit Dir nichts anzufangen.“— „Du hältſt ſie wohl gar für geſund? Sie wird auf der Kirchweih tanzen und ſpringen!“ „Das wird ſie nicht, aber was ihr fehlt, dafür hilft kein Kraut und kein Trank, die kluge Frau müßte denn wahrhaftiglich eine Hexe und Zaubrerin ſein, wie viele Menſchen glauben.“ „Damit kommſt Du mir immer! Gram und Herze⸗ leid können freilich auch elend machen, aber wer ein guter Chriſt iſt, der überwindet das, oder wenn's nicht geht, ſo muß doch der Leib wenigſtens kurirt werden. Ich habe für Beides geſorgt, Gretel, alſo gib Dich zufrieden. Hältſt Du ſie für krank im Gemüthe, nun, da kommt der Seelenhelfer zuerſt, wie Du ſiehſt, Mutter Anne kann morgen leiblich nachhelfen.“ Der ſtarkknochige Rappe vom guten Landesſchlag, welcher den Wagen des Superintendenten von Saal⸗ feld zog, gewann eben mit Anſtrengung die letzte Er⸗ hebung und die alten Leute unter der Linde ſtanden auf, um dem Freunde entgegen zu gehen. Das war ihnen Kaspar Adler, wie ſein eigentlicher deutſcher Name war, den er nur nach der allgemeinen Sitte unter den Männern der Lehre und Wiſſenſchaft in eine alte Sprache überſetzt hatte. Ehrenſtein hatte ihn vor — dreißig Jahren kennen gelernt, als er, der reichsfreie Edelmann, Franz von Sickingen zugezogen war, der für die verwittwete Landgräfin von Heſſen gegen den jetzigen Landgrafen Philipp deren Recht geſucht hatte. Aquila, der eben die Univerſität Leipzig verlaſſen hatte, begeiſtert und erfüllt von Luther's Lehren, war von Sickingen als Feldprediger für ſeinen Heereszug ge⸗ wonnen worden, und Valentin von Ehrenſtein hatte mit dem viel jüngern Manne, deſſen Unerſchrockenheit ſich nicht blos in ſeiner Predigt, ſondern auch in Kriegsgefahren bewährte, bald Freundſchaft ge⸗ ſchloſſen. Beide waren ſich einige Jahre ſpäter dort noch einmal begegnet, als Ehrenſtein dem Sickingen noch einmal aus freiem Entſchluß zugezogen war; da hatte er ſeinen Freund, der mittlerweile wechſelnde Schickſale gehabt, wiederum auf der Ebernburg ge⸗ troffen, diesmal aber als Hauslehrer der Kinder Sickingen's. Nach dem Tode dieſes kühnen Reichsritters, der für Valentin das leuchtende Vorbild eines ſolchen war, hätte er wohl nimmer geglaubt, ſeinem Adler, wie er ihn lieber nannte, noch einmal im Leben zu begegnen, denn dieſer war aus Oberdeutſchland, ein geborener Augsburger, und Valentin gedachte nun ſein Leben ruhig auf dem Ehrenſtein zu beſchließen, aber bald hatte er von ihm durch den Grafen Heinrich, 208 ſeinen Nachbar in Rudolſtadt, gehört, daß Aquila Prediger und Lehrer in Wittenberg geworden ſei und Luther getreulich zur Seite ſtehe, ſowohl im Amt wie bei deſſen herrlichem Werk, der Vibelüberſetung; nicht lange nachher war Abler gar auf Luthers Wunſch nach Saalfeld gekommen, wo er dann Superintendent geworden war. In ſolcher Nähe hatten beide denn die alte Freundſchaft erneuert, und wenn ihr Umgang, wie es manche Verhältniſſe mit ſich brachten, auch kein häufiger war, ſo ſahen ſie ſich doch von Zeit zu Zeit und erinnerten ſich gern der alten gemeinſchaftlich ver⸗ lebten Tage. Ihr Unterſchied im Alter, der überhaupt nur fünfzehn Jahre betrug, hatte ſich mehr und mehr dem innern Weſen nach ausgeglichen; Aquila näherte ſich jetzt auch ſeinem ſechsten Jahrzehnt, und wenn ſein ſchwarzes Haar auch noch wenig Silberfäden zeigte, ſo war doch Valentin Ehrenſtein mit ſeinem ſchneeweißen Scheitel feuriger und jugendlicher als er. Wie raſch und kräftig ging er ihm entgegen, während der Geiſtliche ſich von ſeinem Knecht vom Wagen helfen ließ! „Willkommen! Ich danke Euch, Doctor, daß Ihr mir's nicht abgeſchlagen habt!“ rief der Schloßherr und ſchüttelte ihm die Hand. „Vor der Ernte wäre ich ſchon ohne Eure Ein⸗ ladung einmal wiedergekommen“ erwiderte der Super⸗ Ahrila ei und ſt wie nicht lunſch ndent denn igang, h kein Zeit ver⸗ aupt mehr herte venn iden nem er. der ieß! öhr hetr in⸗ er⸗ 209 intendent, deſſen ernſtes Geſicht einen ungemein freund⸗ lichen Ausdruck angenommen hatte.„Seid gegrüßt im Herrn, edle Frau! Die beiden Junker ſeh' ich auch friſch und geſund. Ich freue mich.“ „Helft das Geſchirr unterbringen, Jungens!“ befahl Valentin den Knaben, welche vor dem geiſtlichen Herrn immer einen großen Reſpect hatten und in ſcheuer Entfernung ſtanden.„Bleibt drinnen!“ Sie folgten dem Wagen, den der Knecht eben in das Thor fuhr.„Setzen wir uns noch eine Weile?“ fragte Ehrenſtein den Freund.„Der Abend iſt ſo ſchön und ich kann Euch hier beſſer Alles ſagen.“ Die Drei nahmen Platz auf der großen Steinbank unter der Linde und der Geiſtliche war erwartungsvoll, was der Anlaß zu der beſondern Einladung ſei, die ihm durch einen Boten zugekommen war. „Willſt Du es lieber erzählen, Margarethe?“ wandte ſich Valentin an ſeine Frau.„Dir geht das beſſer vom Munde— es iſt eine Weibergeſchichte, Freund Adler! Ihr nehmt's nicht übel, wenn ich unter uns immer noch ſo ſage. Eurem Kirchenſtand gebe ich darum doch alle Ehre.“ „Wir haben zuſammen geſtanden, wo die Kugeln keinen Unterſchied zwiſchen weltlich und geiſtlich mach⸗ ten, Valentin!“ erwiderte Aquila herzlich.„Erzählt Bernd von Guſeck, Katharina von Schwarzburg. I. 14 210 denn, Frau Margarethe— ich kann mir denken, was es betrifft.“ „Das glaube ich kaum, Ehrwürden. Es betrifft eine Verwandte unſeres verſtorbenen Schwiegerſohnes, die zu uns ihre Zuflucht genommen hat; es können etwa vier Wochen ſein. Von Koburg bekamen wir da, ohne vorher etwas zu wiſſen, einen Brief, daß ſie dort ganz allein und verlaſſen geblieben, die fürſtliche Frau, bei der ſie bis dahin geweſen, habe ſie nicht ſchützen können, als ſie angefeindet worden, ohne daß ſie ſich eine Schuld beimeſſen könne—“ „Den Brief kann der Doctor nachher leſen“, unter⸗ brach Valentin ſeine Frau.„Du ſprichſt ſehr herz⸗ beweglich, aber ich will's kürzer machen. Das arme Mädel heißt Adelheid Rettleben und iſt eine Muhme meines verſtorbenen Schwiegerſohnes Klaus Rettleben; ſie war in Liebe und Freundſchaft aufgewachſen mit der linken Landgräfin von Heſſen— verſteht Ihr mich?“ Dieſe Mittheilung ſchien auf den Geiſtlichen einen unangenehmen Eindruck zu machen, es war das eine wunde Stelle im Bewußtſein der Reformatoren. Irdiſche Rückſichten hatten ſie doch bewogen, einem fürſtlichen Verlangen nachzugeben, das mit ihrer chriſtlichen Ueber⸗ zeugung im Widerſpruch ſtand. Es war die Doppelehe des Landgrafen von Heſſen. Aquila hatte zwar keinen 211 Theil an dem Beſcheide, welcher dem Fürſten auf ſein Anſinnen zuletzt geworden war, aber Alles, was die Männer betraf, die er als Streiter der Kirche vor allen hoch und werth hielt, berührte ihn mit, und dieſe Sache konnte vorzüglich dazu dienen, ihrem Anſehen zu ſchaden. Hatten ihre Feinde ja doch ſchon Luther's Ehe benutzt, um ſeinem Reformationswerk niedrige Beweg⸗ gründe unterzuſchieben! „Die linke Landgräfin!“ wiederholte er.„Bei der war alſo die Muhme Eures Eidams im Dienſt?“ „Im Dienſt nicht. Sie hatten ſich ſehr lieb in den Kinderjahren. Adeheid ging dann als Hoffräulein zu der Landgräfin Chriſtine nach Heſſen. Ihr wißt ja, daß ſie eine Tochter des Herzogs Georg aus Sachſen war. Wie's nun dort weiter gegangen, weiß ich nicht— ſie hat davon wenig erzählt— ich glaube aber, daß ſie der Fürſtin ihrer Freundin wegen zuwider geweſen iſt.“ „Und darum iſt ſie entfernt worden?“ fragte der Superintendent, welcher bei dieſem Einblick für das ihm noch unbekannte Mädchen eine lebhafte Theilnahme faßte. „Wahrſcheinlich!“ erwiderte Ehrenſtein.„Sie ſpricht über ihre letzte Zeit in Kaſſel nicht viel und hat ſelbſt meiner Frau nur ſo viel geſagt, daß ſie ganz beſonders ihres Glaubens wegen dort nicht länger bleiben können, n denn, lieber Herr, ſie iſt katholiſch.“ —— 14* 212 „Was ſagt Ihr?“ rief Aquila erſtaunt und be⸗ troffen.„Ein katholiſches Hoffräulein bei der Land⸗ gräfin? Wie hat das der Fürſt nur ſo lange geduldet? Hat er's gewußt?“ „Vielleicht ſagt ſie es Euch ſelber, wie das zuge⸗ gangen iſt“ antwortete Valentin.„Bedenkt, die Land⸗ gräfin war die Tochter Herzog Georg's, der am eifrig⸗ ſten bei der katholiſchen Religion ausgehalten hat; wie ſie den Landgrafen geheirathet, war der ja ſelbſt noch katholiſch, und wenn ſie auch nachher mit ihm unſern Glauben angenommen hat, ſo wird ſie es ihrem Fräulein vielleicht nachgeſehen haben, daß dieſe bei ihrem katholiſchen Weſen geblieben iſt.“ „Ich kann das Alles nicht begreifen!“ verſetzte Aquila.„Von einem Weibe und noch dazu von einem jungen Weibe läßt ſich dergleichen Feſtigkeit kaum er⸗ warten, wenn nicht beſondere Urſachen ſie darin be⸗ ſtärkt haben. Ich werde mit ihr ſprechen, wenn ſie mich, der nicht ein Prieſter ihres Glaubens iſt, an⸗ hören will. Wie kam ſie nun aber nach Koburg und warum wandte ſie ſich dann gerade an Euch?“ „Sie iſt ſchon ſonſt, als meine Tochter noch lebte, hier auf dem Ehrenſteine geweſen, da Rettleben, wie geſagt, ihr Vetter war.“ „Darum ſchrieb ſie mir auch aus Koburg“ nahm h—————— —— 2r — 213 Frau von Ehrenſtein jetzt wieder das Wort.„Dort⸗ hin war ſie ganz allein gekommen. Es war ihr, wie ſie mir ſagt, zuletzt nichts übrig geblieben, als ſich zu entfernen. Sie hatte im Sinne gehabt, nach Baiern zu gehen, wo ſie eine Verwandte hat, die in einem Kloſter Aebtiſſin iſt, dort aber in Koburg iſt ſie krank geworden und um ihre ganze Habe gekommen. Da hat ſie wie durch Gottes Eingebung an uns gedacht und uns gebeten, ſie eine Weile aufzunehmen. Mein Mann hat ſie dann abholen laſſen. Aber wer ſie früher ge⸗ ſehen hat, das luſtige Kind, das wie eine Roſe blühte, der kennt ſie jetzt nicht wieder; ſie iſt krank an Leib und Seele, glaub' ich, und darum hat Euch Valentin auch bitten laſſen, einmal herzukommen und der Armen tröſtlich zuzureden; vielleicht beichtet ſie Euch!“ „Mir!“ entgegnete Aquila, deſſen Geſicht ſchon wieder den ernſten, ſtrengen Ausdruck angenommen hatte.„Da hättet Ihr um einen katholiſchen Prieſter nach Erfurt ſchicken müſſen! Wenn Ihr aber wollt, ſo werde ich verſuchen, ſie zur Offenheit gegen Euch, ihre Wohlthäter, zu bewegen. Habt Ihr für ihre leib⸗ liche Krankheit etwas gethan, einen Arzt befragt?“ „Meine Frau verſteht ſich ſelbſt auf allerlei Krank⸗ heiten, beſſer wie mancher Bader!“ erwiderte Ehren⸗ ſtein.„Hier aber weiß ſie ſich ſelbſt keinen Rath mehr, 214 und da Adelheid keinen Arzt haben will, ſo habe ich eine Frau, zu der Viele in der Gegend ein großes Ver⸗ trauen haben, herbeſtellt, daß ſie ihr vielleicht mit einem Trank gegen die Anfechtung zu Hülfe kommt. Ja, Grete, ſtoße mich nicht an! Wenn ich gefragt werde, ſo gebe ich eine bündige Antwort, kein Drehen und Wenden um das Ding herum. Wir glauben, daß der Adelheid irgend etwas angethan iſt, davon ſie nicht geſund werden kann.“ „Und ein Teufelswerk wollt Ihr durch ein anderes vertreiben?“ entgegnete Aquila, der zwar aufgeklärter war als viele ſeiner Zeitgenoſſen, aber den herrſchen⸗ den Glauben an übernatürliche Künſte, weil er durch manche unerklärliche Erſcheinung unterſtützt wurde, nicht ganz verwarf.„Laßt mich denn das Fräulein ſehen, ich weiß ja nun, was ich erfahren ſollte.“ „Ihr wißt Alles, Ehrwürden, was uns ſelbſt bekannt iſt“, ſagte Frau von Ehrenſtein aufſtehend.„Ich mochte in das arme Kind, daß ſich ſo unglücklich fühlt, nicht mit Fragen dringen. Sie weiß, daß Ihr her⸗ kommen würdet, vielleicht hat ſie auch von ihrem Fenſter Euch ſchon geſehen, ich werde aber voraus⸗ gehen und ſie auf Euren Beſuch vorbereiten oder ſie mit in den Saal bringen.“ Als Frau Margarethe fortgegangen war, begann a k —— der Superintendent:„Ihr glaubt, man hat dem Fräu⸗ lein irgend einen böſen Zauber angethan, und habt mich rufen laſſen, damit ich ihn im Namen des Herrn beſchwöre. Iſt es nicht ſo?“ „Nein, Adler!“ erwiderte Valentin ehrlich. ſollt ihrer armen Seele, die ſich ſo ſehr nach geiſtlichem Troſt ſehnt, Frieden zuſprechen. Einen katholiſchen Prieſter kann ich ihr nicht ſchaffen und möchte es auch nicht, der Leute wegen, die doch nur nachlaufen und nach⸗ beten und nicht ſicher ſind. Sie hat auch gar nichts da⸗ wider geſagt, als ſie hörte, daß Ihr zu ihr kommen würdet.“ „Vielleicht hat es der Herr alſo gefügt!“ ſprach Aquila, und der Gedanke, hier eine Seele für ſeinen Glauben zu gewinnen, trat ihm nahe.„Was Ihr won der großen Heerde des Volkes ſagt, iſt richtig; wenige ſind, die ſich ſelbſt die Mühe geben, in göttlichen Dingen zu forſchen, und iſt ihnen das Wort Gottes doch jetzt aufgethan in der heiligen Schrift, die Jeder⸗ mann leſen kann, wer nur zu leſen verſteht. Aber das iſt eben noch das Hinderniß, daß die Lehrer ihr Amt ſchändlich verſäumt haben. In den Städten ſelbſt liegt's im Argen, aber auf dem Lande wächſt das Volk auf in Dummheit und Unglauben, kann nicht leſen und ſchreiben und plappert nur nach, was ihm vorgeſagt wird. Mit einem Umſchlage läßt ſich das 216 nicht ändern; feſt in der reinen Lehre kann das Volk auch noch nicht ſein, denn ſie iſt ihm noch nicht lange gepredigt; das Senfkorn will Zeit haben, bis es zum Baume wird, der die Welt beſchattet. Darum iſt es gut, Valentin, daß Ihr es nicht durch Römiſche wollt verwirren laſſen, und ich rathe Euch doch, Eure Muhme nicht allzulange hier zu beherbergen.“ „Ihr fürchtet doch nicht für uns auf unſere alten Tage?“ fragte Valentin lächelnd.„Oder etwa für die kleinen Buben?“ „Hängen dieſe nicht ſehr an der Muhme?“ ent⸗ gegnete Aquila. „Freilich! Sie iſt gar zu lieb und freundlich zu ihnen“ antwortete der Großvater.„Aber von geiſt⸗ lichen Dingen ſpricht ſie nicht mit ihnen, davon wiſſen die Jungen auch nichts.“ „Ich glaub's!“ ſagte Magiſter Aquila in einem Tone, welchen der Freund für einen Vorwurf nehmen konnte. Was er noch mehr ſagen wollte, wurde durch ein Knurren des Hundes unterbrochen, der neben ſeinem Herrn gelegen hatte und jetzt den Kopf hob, nach einer beſtimmten Richtung hinauswitternd, wäh⸗ rend ſich die fleckigen Haare auf ſeinem Rücken ſträubten. Valentin beſchwichtigte ihn durch einen Schlag auf den Kopf, und der Geiſtliche knüpfte das SR AXR 217 Thema nicht wieder an, ſondern nahm ein anderes auf, das nun einmal zur Sprache gebracht war. „Die Frau, die der Landgraf als zweite gehei⸗ rathet hat, war alſo eine Freundin Eurer Muhme!“ begann er.„Soviel ich weiß, war ſie im Dienſt der Prinzeſſin Eliſabeth in Rochlitz, der Schweſter des Landgrafen, die eben kein Wittwenleben führt, wie es dem Herrn wohlgefällt. Eure Muhme iſt aber zu der Landgräfin nach Heſſen gekommen und hat wohl für das gute Recht ihrer Fürſtin geſprochen, wodurch ſie in Ungnade gefallen iſt. Ja, Freund, das war ein ärgerlicher Fall, der beichtväterlich, nicht aber öffentlich hätte behandelt werden ſollen. So haben es Luther und Melanchthon, die an der Sache nichts ändern konnten, auch gemeint, und diejenigen haben eine große Sünde begangen, welche dasjenige unbedachtſamer⸗ weiſe gemein gemacht, was der Fürſt und die Geiſt⸗ lichen, die er zu Rathe gezogen, einander unter dem Siegel des Beichtgeheimniſſes vertraut hatten.“ „Freilich! Aber wenn es verſchwiegen blieb, ſo fiel die Schande vor der Welt doch auf die Frau, die kein Menſch für ein angetrautes Eheweib anſah. Man kann's ihr nicht verdenken, wenn ſie's öffentlich gemacht.“ „Beſſer, daß einer eine unverdiente Schande trägt“, 218 antwortete Aquila ſtreng,„als daß ein öffentlich Aergerniß für die ganze Kirche entſteht! Und iſt die Schande denn von ihr genommen? Iſt ſie nicht doch die unrechtmäßige Frau? Ja, Freund, das bleibt ſie, wenn auch die Stifter unſerer Kirche nicht auf ihrem Widerſpruch unerſchütterlich beſtanden. Ich habe das Schreiben geleſen, das ſie dem Landgrafen durch ſeinen Unterhändler— unſern Bucer, Valentin, Sickingen's Schützling!— auf ſeine mit Gründen des alten und neuen Teſtaments gewappnete Bittſchrift geſchickt haben. Eine Bittſchrift, ja! Er verlangte von ihnen ein Zeugniß, daß das, was er thue, nicht un⸗ erlaubt und, obwohl er es vielleicht zur Vermeidung des Aergerniſſes heimlich thun ſollte, doch nicht wider Gott ſei, daß ſie daſſelbe für eine rechtmäßige Ehe halten und auf Wege denken möchten, wie die Perſon, die er heirathen wolle, bei Ehren zu erhalten ſei. Das haben ſie ihm Alles widerlegt, haben ihm dringend um ſeines eigenen Wohls und um des Evangeliums willen abgerathen; wenn er aber dennoch, gegen ihren Rath und ihre Billigung, ein zweites Weib nehme, ſo müſſe es im Wege der Dispenſation und heimlich geſchehen, ſodaß die Sache außer ihm und der gewählten Perſon nur wenigen Zeugen unter dem Siegel der Beichte bekannt werde.“ . L „Ihr hättet ihm auch das nicht einmal zugeſtan⸗ den! Ihr hättet kein Haarbreit nachgegeben!“ „Wer weiß!“ erwiderte Aquila.„Der Landgraf iſt der erſte Beſchützer unſerer Kirche, die Seele des Schmalkaldiſchen Bundes; es ſtand zu befürchten, daß er dann die verweigerte Erlaubniß vom Kaiſer begehrte, der ſie nicht ohne den Papſt gegeben hätte, und ſo wäre der Landgraf dem Papſt wieder zugeführt, von uns abwendig gemacht worden.“ „Ihr hättet es doch nicht gethan!“ wiederholte Valentin.„Erinnert Ihr Euch noch, wie die meute⸗ riſchen Landsknechte in Sickingen's Feldlager Euch in ihrer Tollheit und Trunkenheit zwingen wollten, eine Stückkugel zu taufen? Habt Ihr es gethan, obgleich ſie Euch mit dem Tode drohten, Euch vor eine geladene Karthaune ſtellten? Ihr habt es nicht gethan, an⸗ geſichts der brennenden Lunte! Und ſie ſchlugen wirk⸗ lich auf, um zu zünden, aber Gott der Herr rettete Euch doch, das Pulver war naß geworden. So hättet Ihr auch den Landgrafen mit ſeinem heidniſchen Ver⸗ langen abgewieſen und Gott der Herr würde es ſchon wohl gemacht haben.“ Bei dieſem feſten Glauben des einfachen alten Mannes leuchteten die dunkeln Augen des Predigers und ein freundliches Lächeln ging bei der Er⸗ 220 innerung an jenen furchtbaren Tag in ſeinen Zügen auf. Er ſagte aber:„Rühmt mich nicht! Jeder Diener des Herrn, ſelbſt jeder tapfere Kriegsmann würde ge⸗ than haben wie ich. Es galt ja nur mir und brachte ſonſt Niemand Gefahr, hier aber ſtand die Sicherheit der Kirche auf dem Spiele!“ „Großvater, da iſt die Adelheid!“ ließen ſich hinter beiden die hellen Knabenſtimmen vernehmen und Aquila ſtand raſch auf, ſich umzuſchauen. An der Seite der Frau von Ehrenſtein nahte ſich ein bleiches Mädchen, deſſen Erſcheinung ſelbſt auf den geiſtlichen Herrn, der für Frauenſchönheit ſonſt nicht empfänglich war, einen ungewöhnlichen Eindruck machte. Die Geſtalt, die er ſah, war nicht hoch ge⸗ wachſen, noch minder dem Auge durch einen beſondern Reiz der Formen anſprechend, aber ihr Antlitz, das gleich den erſten Blick unwiderſtehlich feſſelte, konnte idealiſch ſchön genannt werden. Vom reinſten Oval mit edlem griechiſchen Profil, hoch die Stirn und klar, ihr entſprechend die ruhigen dunklen Augen, über welchen ſich feine, regelmäßig gezogene Brauen tief⸗ ſchwarz, wie das glattgeſcheitelte Haar, auf der Lilien⸗ weiße der Haut ſchön abzeichneten, die Züge ſtill und fromm, nur um den keuſch geſchloſſenen Mund jener ſchmerzliche, dem Seelenkenner nicht zu verhehlende — Ausdruck eines geheimen Wehs— ſo war dies bleiche und liebliche Antlitz, welches dem Geiſtlichen erſchien wie das einer der erſten chriſtlichen Jungfrauen, von denen die Kirchengeſchichte erzählt, daß ſie um ihres Glaubens willen Verfolgung und Tod erlitten. Er ging den Frauen entgegen.„Das iſt unſere liebe Verwandte Adelheid“, ſagte Frau von Ehrenſtein. Sie hatte Adelheid nicht davon unterrichtet, daß nur ihretwegen der Geiſtliche gebeten worden war, das Haus wieder einmal zu beſuchen, und Adelheid er⸗ widerte ſeinen Gruß unbefangen. „Wird es aber nicht zu kalt?“ fragte Valentin, der gern baldmöglichſt eine Gelegenheit herbeiführen wollte, ſeinen Freund dem Mädchen zu nähern, damit er ſie beobachte und ihr Vertrauen gewinne, wie er ja ſonſt das Vertrauen aller, die mit ihm in Berührung kamen, oft ſchon beim erſten Worte ſeiner zum Herzen gehen⸗ den Stimme gewann. Der Abend war ſchon weit vorgerückt, Valentin's Erinnerung wurde daher nach einer Weile, welche noch im Freien unter freundlichem Geſpräch zugebracht worden, von Frau von Ehrenſtein wieder aufgenommen und alle verließen den Sitz unter der Linde. Hinter ihnen wurde das Thor der alten Veſte ſogleich geſchloſſen, als lebe man in den Zeiten des Fauſtrechts, und es herrſchte doch tiefer Frieden 222 im Lande. Von dem Einzigen, der vor der Burg im Hinterhalte lag und bei dem Verſuche, ſich anzu ſchleichen, durch das vernehmliche Knurren ſeines Feindes zurückgeſcheucht worden war, hatte Schloß Ehrenſtein keinen Ueberfall zu befürchten. 8 Im großen Saale, wo noch an Waffen und Jagd⸗ ſtücken aus alter Zeit ein Ueberfluß war, hatte Frau Margarethe doch verſtanden, Plätzchen einzurichten, wo ſie mit ihrem ne und, wenn gute Freunde auf dem Ehrenſtein waren, auch in Geſellſchaft zu ſitzen pflegte. Hier wurde heute die Abendmahlzeit genoſſen und dann länger als gewöhnlich verweilt, da die Unterhaltung gar lebhaft geworden war. Adelheid nahm freilich keinen Theil daran, da ihr das Meiſte, was beſprochen wurde, fremd war, aber der Geiſtliche hatte ſich doch ſchon durch manche Aeußerung, zu der er ſie ſcheinbar abſichtslos zu bewegen gewußt, ein Urtheil über ſie gebildet. Daß ſie ihm gleich ihr Ver⸗ trauen ſchenken oder gar, wie ſeine Freunde in faſt kindlicher Weiſe hofften, beichten würde, hatte er nie vorausgeſetzt, er mußte zufrieden ſein, daß ſie ihm, dem Prieſter einer andern Confeſſion, welcher ſie in ihrem Vorurtheil vielleicht nicht einmal den Namen einer ſolchen zugeſtand, überhaupt ſo unbefangen ge⸗ antwortet, als er ſie theilnehmend nach ihrer Reiſe, nach ihrem Unfall in Koburg, nach ihrer Geſundheit gefragt hatte. Ihr Blick hatte dabei den ſeinigen nicht gemieden, und wie ſie ihr ſchönes dunkles Auge ſo ruhig auf ihn gerichtet, war ihm der Ausdruck deſſelben fromm und ſchuldlos erſchienen. Wahrlich, mit dieſem Mädchen hätte er gern über heilige Dinge geſprochen, gern mit ihm die ſtreitigen Punkte ihres verſchiedenen Bekenntniſſes erörtert, ſie würde ihn ruhig angehört, er ſie preicht überzeugt und gewonnen haben. Das mußte aber einer künftigen Gelegenheit vorbehalten bleiben. Für heute nahm er die Ueber⸗ zeugung mit und ſprach ſie auch gegen ſeinen Wirth, der ihn in das für ihn bereitete Gemach begleitete, entſchieden aus, daß des Mädchens Seele zwar von einem verborgenen Harm, nicht aber von irgend einer Verſchuldung getrübt ſei und ihr körperliches Leiden oder vielmehr Hinſiechen wohl damit in Zuſammen⸗ hang ſtehe, für Beides aber die ſtille Zurückgezogenheit das beſte Heilmittel ſein werde. „Will ihr die kluge Frau, zu der Ihr geſchickt habt, mit einem unſchuldigen Trank als Stärkung zu Hülfe kommen, ſo laßt es geſchehen“, ſchloß er ſeine Mei⸗ nungsäußerung.„Nur möge Eure Hausfrau darüber wachen, daß keine verbotenen Künſte dabei getrieben werden, die nur zum Schaden an Leib und Seele ge⸗ 224 reichen. Im Volke ſpukt's damit nur zu ſehr. Wegen der Knaben ſeid Ihr alſo ganz außer Sorgen?“ „Ganz und gar! Auch iſt mein Paſtor unten in Teichmannsdorf ein wachſamer Mann, den Ihr ja kennt.“ Der Superintendent nickte; ob er jedoch deſſen Eifer und Wachſamkeit ſo ganz anerkannte, blieb zwei⸗ felhaft.„Laßt denn das Fräulein ſtill bei Euch wohnen“ ſprach er darauf.„Vielleicht kommt Ihr bald einmal zu mir nach Saalfeld; die paar Stunden Wegs ſind für einen Reitersmann wie Ihr noch immer nicht zu weit. Dann höre ich, was Eure Haus⸗ frau weiter von dem Fräulein erfahren hat.“ „Und ich, wie es um den Frieden im lieben Reich ſteht!“ erwiderte Ehrenſtein.„Ihr habt doch noch immer Eure Nachrichten vom Doctor Martinus Luther und ſelber von Eurem Kurfürſten oder aus deſſen Umgebung. Ich traue dem Frieden nicht. Die Leute ſagen, der heidniſche Donnergott habe ſich auf der Käfernburg wieder hören laſſen— das iſt dummes Gerede! Aber ſie ſehen und hören doch überall Vor⸗ zeichen! Gott mache es gnädig!“ Ende des erſten Bandes. Druck von Bär& Hermann in Leipzig. rey Gornſtrol Ghart Sreen Nellov⸗ Bed Magenta Srey 4