— —½——— Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und Seſebedingungen. ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ n und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückg Abe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 3 für wöchentlich Bücher: 4bi Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1— N 5 2 Mt.— Pf. Auswärtige zbonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Vueer auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Ein kurzer Fe Fünftes Kapitel. Dunkle Wolken Sechſtes Kapitel. Eine Welt von Feinden Siebentes Kapitel. An der Früſt Achtes Kapitel. Der Sturm.. Neuntes Kapitel. Gottes Rathſchluß Erſtes Kapitel. Am Belt. Der Winter war frühzeitig eingebrochen, hatte Seen und Flüſſe mit Eis belegt und ſelbſt in das Meer hinaus mit ſtarkem Arme gegriffen. Aber wenn auch die Natur ihren Schlummer begonnen hatte, um neue Trieb⸗ und Lebenskraft für den kommenden Lenz zu fröhlichem Erwachen zu gewinnen, den Menſchen in den Gegenden, welche ſich diesmal der Krieg zu ſei⸗ nem Tummelplatze erwählt, war nicht die ſonſt auch im Kriege zur Winterszeit eintretende Ruhe vergönnt. Schleswig und Jütland, das nach der Eroberung von Friedrichsodde mit Ausnahme nur dreier Plätze in den Händen der Schweden war, hatte unter der ganzen Guſeck, Karl 1. Guſtav n. * Laſt feindlicher Behandlung zu leiden; es mußte das fremde Heer nicht allein erhalten, ſondern auch mit neuem Kriegsbedarf an Kleidung und Pferden verſehen, der willkürlichen Gelderpreſſungen nicht zu gedenken, die ſich viele, ſelbſt höhere Officiere erlaubten. Aber auch den Truppen wurden die ſonſt üblichen Winter⸗ quartiere, in denen ſie ſich in allen frühern und ſpä⸗ tern Kriegen, bis die neuere Zeit der Kriegskunſt an⸗ dere Bahnen gab, zu erholen pflegten, in dieſem Jahre nicht zugeſtanden. König Karl Guſtav hatte ſich durch den Protekter von England, Oliver Cromwell, deſſen gewichtige Stimme im europäiſchen Staatenſyſtem gehört werden uußte, bewegen laſſen, engliſche Vermittelung zu einem Frieden mit Dänemark anzunehmen, vielleicht nur, um ſeinen guten Willen zu beweiſen, weil er darauf rech⸗ nete, daß Friedrich der Dritte, in der Hoffnung auf den baldigen Beiſtand der Kaiſerlichen und Branden⸗ burger, die Unterhandlungen ablehnen werde. So ge⸗ ſchah es auch. Der König von Dänemark, deſſen Trup⸗ pen noch Rendsburg, Krempe und Glückſtadt beſetzt hielten, glaubte, daß ſein Gegner, von Deutſchland her bedroht, weder gegen dieſe Plätze, noch gegen Fünen etwas Ernſiliches mehr unternehmen könne, ſondern eher auf ſeinen Rückug aus Zütland bedacht ſein — 8⁸ L— 3 müſſe, um hier nicht wie in einer Sackgaſſe, von feindlicher Uebermacht vernichtet zu werden; doch begab er ſich in Perſon nach Fünen, wo ſich ſchon der Be⸗ völkerung ein paniſcher Schrecken bemächtigt hatte, ſo daß viele Einwohner, wie vorher die Jütländer, mit ihren beſten Habſeligkeiten die Flucht ergriffen, um auf Seeland eine letzte Zuflucht zu ſuchen. Auf der Inſel Fünen war freilich kein feſter Platz zur Vertheidigung vorhanden; die Werke von Wyborg hatte man ver⸗ fallen laſſen, weil man niemals an die Möglichkeit gedacht, daß das Inſelreich ſelbſt angegriffen werden könne Der König glaubte auch jetzt noch nicht, daß ſein Gegner es wagen werde, einen Angriff zu ver⸗ ſuchen, aber er wollte der Bevölkerung durch ſeine Ge⸗ genwart wieder Vertrauen einflößen und hier Streit⸗ kräfte ſammeln, um jeden günſtigen Augenblick zum Wiederergreifen der Offenſive zu benutzen, wenn Karl Guſtav, wie er meinte, den Rückzug aus Zütland und Schleswig antreten werde. Darum verſtärkte er die Truppen, welche auf der Inſel Fünen ſtanden, durch Zuzug aus Schonen vom ſcandinaviſchen Feſtlande und ließ auch an den Vefeſtigungen von Whborg fleißig arbeiten War der Schwedenkönig tollkühn genug, Alles auf einen Wurf zu ſetzen und trotz der Feinde, die ihn von andern Seiten bedrohten, eine Landung auf 1 1 Fünen zu erzwingen, ſo ſollte er hier den kräftigſten Widerſtand finden. Alle Vermittelung einer fremden Macht, alle Friedensvorſchläge, welche ihm durch die⸗ ſelbe gemacht wurden, wies Friedrich der Dritte, auf die glückliche Lage ſeiner Inſeln und den Beiſtand ſei⸗ ner Bundesgenoſſen vertrauend, ab. Karl Guſtav hatte mit Ungeduld auf dieſe Ent⸗ ſcheidung gewartet. Langſam, aber ſicher zog das Ver⸗ derben gegen ihn heran, die Wintermonate kamen ſei⸗ nen Feinden zu gut; der Däne konnte ſeine Rüſtun⸗ gen zur Gegenwehr vollenden und der König achtete dieſen Gegner wahrlich nicht gering; Oeſterreich hatte Zeit, aus Schleſien, wo ſich ein neues Heer ſammeln ſollte, bis zum Frühlinge ſeine Streitmacht an die Geſtade des baltiſchen Meeres rücken zu laſſen; der thatkräftige Churfürſt von Brandenburg, deſſen kriege⸗ riſchen Genius er in der Schlacht bei Warſchau kennen gelernt hatte, war vielleicht der erſte im Felde, um Schwediſch⸗Pommern an ſich zu reißen. Der König verblendete ſich keinen Augenblick über dieſen furchtba⸗ ren Bund, zu welchem noch Polen, der unverſöhnte Feind, kam und vielleicht die Seemächte England und Holland, eiferſüchtig auf Schwedens wachſende Macht, ſtoßen würden. Aber ſein kühner Geiſt wurde durch Gefahren nur geſtählt und er hatte ſeinen Ent⸗ ——— —„— 8 uu — — — N 1. 5 ſchluß längſt gefaßt. Dänemark zuerſt, dann die andern! Am heiligen Weihnachtsabend erging von Wis⸗ mar der Befehl an den Reichsadmiral Wrangel, trotz der böſen Jahreszeit mit allen Schiffen, welche er ihm zur Verfügung ſtellen werde, die Landung auf Fünen zu bewirken. Da kam eine friſche Bewegung unter die ſchwediſchen Truppen, welche ſogleich aus den Quar⸗ tieren aufbrechen mußten, um ſich an den bezeichneten Punkten zuſammen zu ziehen. Hatten bisher die Dänen überall weichen müſſen, ſo hoffte man auch, ſie nun im Herzen ihres Reiches mit leichter Mühe zu beſie⸗ gen. Ein ſchlimmes Weihnachtsfeſt für die armen Be⸗ wohner des Landes! In den Feiertagen trat Froſtwet⸗ ter ein, welches ſo ſtreng wurde, daß der König durch einen neuen Befehl die Ausführung der ſchon ange- ordneten Operation verſchob und abwarten wollte, bis das Eis, das ſich bereits über den Belt gelegt hatte, ſtark genug ſein werde, den Kriegsmarſch eines ganzen Heeres zu tragen. Indeſſen wurde dieſe Hoffnung, für welche einige frühere, wenn auch ſeltene Erſcheinungen ſprachen, im eigentlichen Sinne bald zu Waſſer. Zu Neujahr ſchon fing es wieder an zu thauen, das Eis verſchwand von der Oberfläche der Meerenge, deren ohnehin rei⸗ — 6 ßende Wogen von Stürmen noch wilder aufgeregt wur⸗ den und es blieb denn nichts weiter übrig, als wieder auf die Ueberfahrt und Landung zurückzukommen, zu welcher dann auch alle Anſtalten getroffen wurden. Dieſe erforderten jedoch mehr Zeit, als der König wünſchte und er war zuweilen ſehr unzufrieden mit ſei⸗ nen Dienern, welche ſeiner Feuerſeele ſtets zu ſchwer⸗ füllig in der Vollſtreckung ſeiner Befehle erſchienen. So vergingen die erſten Wochen des neuen Jahres, ehe die Schilfe bei Alſen und Middelfahrt ihre Sta⸗ tionen eingenommen hatten und als die Einſchiffung beginnen ſollte, warf ſich abermals hemmend der Froſt dazwiſchen, der gleichwohl nicht ſtark genug war, um einen Zug über das Eis hoffen zu laſſen. „Habt ihr mir die Nachrichten geſammelt?“ fragte der König, welcher in ſeinem Sitze zu Wismar die Witterung täglich ſelbſt beobachtete, ſeine Umgebung, „die Nachrichten, wie oft der kleine Belt in letzten Zei⸗ ten zugefroren geweſen? Ihr Güldenklau, als ſtudier⸗ ter und gelahrter Mann, wolltet mir darüber Bericht erſtatten?“ „Ich habe dazu nur Euer Majeſtät Befehl er⸗ wartet,“ ſagte der Reichsrath. Der König wußte, was Güldenklau damit ſagen wollte; es hatte ſich in den letzten Tagen Niemand —— m ———.—.— 7 getraut, den Gebieter, deſſen Laune durch viele Nach⸗ richten, die ihm auch vom Frankfurter Reichstage her zugegangen, verbittert war, ohne beſondere Aufforde⸗ rung zu nahen.—„Sprecht denn!“ ſagte er ruhig. „Ich habe mein Amt als Wetterprophet aufgegeben und will lieber auf die Vergangenheit bauen.“ „Die älteſten Nachrichten, ſo man über das Zu⸗ frieren dieſer höchſt gefährlichen Meerenge hat,“ be⸗ gann Güldenklau,„reichen bis in das Jahr Eintau⸗ ſend Acht und Vierzig—“ „Gott ſchütze mich!“ rief der König.„Wollt Ihr nicht lieber von der Sündfluth anfangen? Ich ver⸗ lange nur zu wiſſen, wie oft der kleine Belt in un⸗ ſerm Säculo zugefroren iſt.“ „Zweimal, Majeſtät. Anno zwanzig und fünf und dreißig.“ „Zweimal nur in einem halben Jahrhundert?“ rief Karl Gnuſtav. „Eure Majeſtät wolle bedenken, daß der Belt eine reißende Strömung aus der Oſtſee in das Katte⸗ gat, oder wie es die Dänen nennen, Skagerak hat und folglich ein überaus ſtarker Froſt dazu gehört, ihn zu bändigen. Der Fall, daß er feſt mit Eis belegt iſt, kann alſo nur ſelten eintreten.“ „Woher habt Ihr Eure Nachrichten?“ fragte der König unmuthig. 8 „Unter den däniſchen Gefangenen, welche allhier eingebracht ſind, habe ich Leute von der Inſel Bromsör, die mitten im Belt liegt, auch von Alſen und Fünen gefunden und befragt. Nur zwei konnten mir Beſcheid geben, alte Männer ſchon und Schiffer von Handwerk, deren Ausſagen ganz zuverläſſig waren.“ „Zwiſchen zwanzig und ſünf und dreißig liegen fünfzehn Jahre, nicht wahr, ihr Herren?“ wandte ſich Karl Guſtav an die Generale im Kreiſe.„Wenn wir eine gewiſſe Regelmäßigkeit in der Wiederkehr anneh⸗ men, ſo würden wiederum fünfzehn Jahre un⸗ ſer heutiges Ziel nicht erreicht haben. Wißt Ihr, Gül⸗ denklau, ob ſich eine ſolche Regelmäßigkeit bemerklich gemacht hat 7, „In Dingen der Witterung, Majeſtät?“ fragte der Reichsrath und die Andern erſchracken über ſeine Dreiſtigkeit. Der König lachte aber.„Haſt Recht, Meiſter!“ ſagte er in ironiſchem Tone.—„Nun, ihr Herren, ſo müſſen wir uns denn in Geduld faſſen, ob uns der Froſt eine Brücke ſchlagen will oder nicht! Das aber ſage ich Euch,“ ſetzte er mit erhöhter Stimme hinzu, „Ich werde das Schwert nicht eher aus der Hand legen, bis der Däne zu Boden geſchlagen iſt!“ Dieſe Worte fanden die freudigſte Zuſtimmung 9 und bald ſollte ihnen die That auf dem Fuße folgen. Die Kälte nahm in ſtetigem Fortſchreiten zu. Da traf der König mit ſchnellem Entſchluße ſeine Anſtalten zur Abreiſe von Wismar und brach am 25. Januar auf, um ſich ſelbſt wieder an die Spitze ſeines Heeres zu ſtellen. Vier Hundert ſchwere Reiter, drei Hundert Dragoner und ſechs Geſchütze begleiteten ihn. Bei Kiel, wo er am 29. ankam, fand er bereits 6000 Mann zuſammengezogen, welche ihre Quartiere in Jütland und Schleswig verlaſſen hatten. Der General⸗Lieute⸗ nant und Reichs⸗Admiral Wrangel, welcher in Abwe⸗ ſenheit des Königs den Oberbefehl geführt hatte, er⸗ wartete den Monarchen hier, um ihm ſeine Meldun⸗ gen über die getroffenen Maßregeln abzuſtatten und ſich über die von den Schwierigkeiten der Verhältniſſe verurſachte Säumniß in der Ausführung zu rechtferti⸗ gen. Der König war gerecht genug, dieſe Rechtferti⸗ gung gelten zu laſſen. Er beſchied ſogleich ſämmtliche Generale zu einem Kriegsrathe, in welchem er ihnen ſeinen Operationsplan für den zu eröffnenden Winterfeld⸗ zug vortrug und ihre Anſichten darüber vernahm. Wohl erhoben ſich einzelne Stimmen, welche auf die Gefahren eines möglichen Fehlſchlagens und die weiter greifenden Folgen desſelben in Bezug auf die andern ———— 10 Gegner Schwedens aufmerkſam machten, der König hörte ſie ruhig an und gab ihnen Recht, aber er er⸗ klärte, daß ihm dennoch keine Wahl bleibe, als durch einen raſchen und vernichtenden Schlag ſeinen nächſten und gefährlichſten Feind zum Frieden zu zwingen, wenn er nicht rettungslos durch die vereinte Macht ſeiner Gegner untergehen ſolle. Der Uebergang nach Fünen. gleichviel ob über das Eis oder bei offenem Waſſer, ſei das einzige Mittel; die Jahreszeit, wie ſchlimm auch unter gewöhnlichen Umſtänden, begünſtige die Un⸗ ternehmung, weil der Däne ſie jetzt nicht erwarte. Miß⸗ glücke ſie und breche dann Alles zuſammen, ſo ſei es doch ehrenvoller mit dem Schwerte in der Hand zu fallen, als rings umſtellt, ohnmächtig zur Gegenwehr, von übermächtigen Feinden langſam erdrückt zu werden. Er, der König, ſei ſich vollkommen bewußt, daß er mit die⸗ ſem Wagſtück ſein ganzes Reich und ſeine Krone auf das Spiel ſetze, aber nur auf dieſe Weiſe ſei endlich doch der Sieg über Alle zu gewinnen und wenn Alles dennoch verloren, ſo werde er, wie ein Krieger, der er zeitlebens geweſen, zu ſterben wiſſen. Die ganze Kraft ſeiner Feuerſeele hatte ſich in ſeinem Blick und Ton, wie in ſeinen Worten ausge⸗ ſprochen; hochaufgerichtet ſtand der König vor ſeinem Sitze, von welchem er ſich, als er zu ſprechen be⸗ . N 11 gann, erhoben hatte, die Linke leicht auf den Tiſch ge⸗ ſtützt, wie er ſonſt in ruhiger Haltung die fremden Geſandten, die vor ihm in Scheu und Ehrfurcht bis zur Erde ſich neigten, empfangen hatte, die Rechte aber in ausdruckvoller Weiſe ſeine Rede begleitend, ſo gab der königliche Held ſeinen Feldherrn den Entſchluß zu erkennen, an deſſen Durchführung er ſein Leben ſetzen wollte und eine allgemeine Begeiſterung theilte ſich ihnen mit. Als er geendigt hatte, erklärten Alle ein⸗ ſtimmig, mit ihm zu kämpfen und ſiegen oder ſterben zu wollen und der Beſchluß über die nähern Erwä⸗ gungen des Feldzugsplanes war bald gefaßt. Damit aber auch der Klugheit Rechnung getragen und vielleicht ein koſtbarer Aufſchub weiterer Feindſeligkeiten in ſeinem Rücken gewonnen werde, erklärte der König noch unter allgemeiner Zuſtimmung, daß er geſonnen ſei, einen Botſchafter mit Vollmacht zur Anknüpfung von Frie⸗ densunterhandlungen nach Polen zu ſenden, wozu er den Präſidenten Güldenklau erſehen habe. Der Pfalz⸗ graf von Sulzbach, welcher gleichfalls dem Kriegsrathe beigewohnt hatte, wurde auch fernerhin zum Gouver⸗ neur in Holſtein beſtellt, wo er mit fünfzehn Regimen⸗ tern das Land bewahren und aufmerkſam im Auge behalten ſolle, was von Deutſchland her durch die Kaiſerlichen und Brandenburger Feindliches unter⸗ 12 nommen werde. Der König hatte geheime Nachrichten von einem Trutz⸗ und Schutzbündniß zwiſchen Oeſter⸗ reich und Brandenburg erhalten, das ſeinem Abſchluſſe nahe ſei, darin ſollte beſtimmt ſein, daß ein Heer von 24,000 Mann unter dem Churfürſten Friedrich Wil⸗ helm dem Könige von Dänemark zu Hülfe kommen ſollte. In dieſer Faſſung kam der Tractat auch wirk⸗ lich am 5. Februar zu Stande. Karl Guſtav ſah darin nur eine dringendere Veranlaſſung, gegen Dänemark raſch vorzugehen. Aber, als ob der Winter mit ihm ſeinen Hohn treibe, fiel wiederum ein gelindes Wetter ein, welches mit Froſt abwechſelnd den Anfang des Februars bezeichnete. Der König behielt daher vorläufig ſein Hauptquartier zu Kiel, während der Pfalzgraf die Be⸗ ſetzung von Holſtein anordnete, und Wrangel zu ſei⸗ nem Heere eilte, das in der Gegend von Kolding und Hadersleben noch weitläufige Cantonnirungen inne hatte. Am Belte ſtanden die Vorpoſten und mußten täglich die Haltbarkeit des Eiſes unterſuchen. Die ſchmalſte Stelle der Meerenge bei Middelfahrt, wäre freilich für den Uebergang die erwünſchteſte geweſen, da ſie nur etwa 750 Schritt beträgt, folglich von den Colonen⸗ ſpitzen in einer halben Viertelſtunde überſchritten wer⸗ den konnte, aber hier gerade war die Strömung ſo ſtark, daß ſich das Eis nicht ſchloß. Die Aufmerkſam⸗ keit mußte ſich alſo auf die ſüdlicher gelegenen breitern Stellen richten, die ſich ſchon ganz mit Eis bedeckt hatten. Dort liegt mitten im Belt eine kleine Inſel, Brandsör oder Bromsör genannt, und von der andern Seite, von Fünen her, ſtreckt ſich ihr ein waldiges Vorgebirge wohl drei Viertel Meilen weit entgegen, ſo daß die Waſſerbreite, welche ſonſt über 13000 Schritt beträgt, bedeutend verringert wird. Dieſe Stelle ſchien daher für den Uebergang die geeignetſte, aber freilich hatten auch die Dänen, natürlich noch landeskundiger, ſie da⸗ für erkannt, auf dem Vorgebirge bei dem Edelhofe Jwersnäs, welcher ihm den Namen gegeben und den Belt beherrſcht, Geſchütze aufgefahren und an der Küſte zwei kleine Schanzen erbaut, welche wie jene Stellung bei Jversnäs ſtark beſetzt waren. Davon wußten aber die Schweden an der jütiſchen Küſte noch nichts, und als am 5. Februar endlich von den Vorpoſten die lang⸗ erſehnte Meldung einlief, daß das Eis ſtark genug ſei, ſandte Wrangel dieſe Kunde ſogleich in das könig⸗ liche Hauptquartier nach Kiel, während er die Reiterei in enge Quartiere zwiſchen Hadersleben und Kolding zuſammenrücken und die Infanterie ein Lager bei Heilſe am Belt beziehen ließ, wo er ſelbſt blieb Karl Guſtav empfing die Nachricht mit großer Befriedigung und kam am 7. Februar in Hadersleben an, wo er un⸗ — 14 verzüglich einen Schlitten beſtieg, um in das Lager zu fahren. Die Truppen empfingen ihren Kriegsherrn mit unbeſchreiblichem Jubel, ſeine Gegenwart machte ſie des Sieges gewiß. Der König, nachdem er die Meldungen ſeines Feldherrn entgegen genommen hatte, ſetzte ſich alsbald zu Pferde, und führte in Perſon, begleitet von ſeinem Stabe, hundert Reiter von der Königin Leib⸗ regiment und hundert Dragoner unter Oberſtlieutenant Bauer über das Eis auf die Inſel Brandsör hinüber, um dieſe vorläufig beſetzen zu laſſen. „Eine Patrouille ſoll vorgehen!“ befahl er dem neben ihm haltenden Oberſtlieutenant, nachdem er an dem öſtlichen Strande der Inſel eine Weile das gegen⸗ überliegende Vorgebirge von Fünen und die ſchneebe⸗ deckte Eisfläche, welche ihn noch davon trennte, betrach⸗ tet hatte. Während Bauer einen Corporal mit mehreren Dragonern zur Patrouille beſtimmte und aus dem Gliede vorrücken ließ, bemerkte der König, welcher vor der Compagnie des Leibregiments hielt, den bit⸗ tend auf ihn gerichteten Blick des Officiers, der dieſe Compagnie befehligte. „Du möchteſt mitreiten?“ ſagte er in beſter Laune. „Nein, mein Sohn. Das iſt kein Rittmeiſtersdienſt— „ — ve 15 Dein Platz iſt bei Deiner Compagnie. Wir werden Alle den wackern Dragrnern bald nachfolgen.“ Der Corporal mit ſeiner Mannſchaft ritt unter⸗ deſſen ſchon an. Kaum war er jedoch ein Paar hun⸗ dert Schritt vom Ufer enifernt, als das Eis unter der Laſt der Pferde zu krachen begann; der erſte verdäch⸗ tige Klang unter den Hufen erſchreckte die Thiere und machte ſie ſtutzen, auch die Reiter waren beſtürzt und hielten an, ſtatt raſch weiter zu reiten.—„Vorwärts!“ ſchrieen vom Ufer viele Stimmen. Da wiederholte ſich weithin fort⸗ geſetzt das unheilvolle Kniſtern und Krachen, das Eis brach an mehreren Stellen zugleich und die Pferde ar⸗ beiteten, ſchon verſinkend, in Todesangſt feſten Fuß von den weichenden Schollen zu gewinnen. Raſch wa⸗ ren die Reiter aus den Sätteln, aber auch ſie dem Ertrinken nahe— der König und ſeine Umgebung auf der Inſel, Zeugen der Todesgefahr, riefen ihnen er⸗ muthigend zu, viele Cameraden ſprangen ab, um ihnen einen faſt unmöglichen Beiſtand zu leiſten— mit faſt übermenſchlicher Anſtrengung gelang es endlich den Dragonern, ſich aus dem Flutengrabe zu retten, ihre ferde aber waren verfunken. Des Königs Stirn hatte ſich nur einen Moment verdunkelt, er bewahrte, wo Aller Blicke auf ihn ge⸗ richtet waren, die volle Zuverſicht. Es mußte in ande⸗ 16 rer Richtung die Tragfähigkeit des Eiſes und dabei zugleich die feindliche Stellung auf dem jenſeitigen Ufer recognoscirt werden. Der Reichs⸗Admiral unternahm dieſe Recognoscirung in Perſon, um den Truppen, auf welche der verunglückte Verſuch ungünſtig gewirkt haben konute, ein ermuthigendes Beiſpiel zu geben. Von einem kleinen Trupp begleitet, der ſich jedoch auf dem Eiſe zerſtreuen mußte, ritt er langſam in der geraden Rich⸗ tung auf Jversnäs hinaus. Eine Strecke war er ge⸗ ritten, als ſich wiederum das verrätheriſche Krachen hören ließ und gleich darauf das Eis an einer Stelle brach, zwei ſeiner Begleiter rettungslos begrabend— Wrangel winkte aber unerſchrocken vorwärts, dem feind⸗ lichen Strande zu. Von der Höhe des Vorgebirgs, dem er mit ſeinem zerſtreuten Trupp auf acht hundert Schritt nahe gekommen, flog jetzt ein weißes Dampf⸗ wölkchen auf, dem gleich daneben ein zweites folgte, Kartätſchen praſſelten daher und der träge Schall trug den Donner der beiden Geſchütze, welche ſie entſendet hatten, erſt hinterdrein. Die Entfernung war für Kar⸗ tätſchen immer noch zu bedeutend, um die Wirkung, openein auf vereinzelte Reiter zu haben, der Kugel⸗ hagel der kleinen Geſchoſſe ſpritzte den Schnee auf und ging in matten Sprüngen ohnmächtig vorüber— indeſſen wußte man doch jetzt, daß Jversnäs mit Ge⸗ 17 ſchütz bedeckt ſei. Auch gewahrte der Admiral die Schan⸗ zen, welche auf den Hügeln an der Küſte angelegt wa⸗ ren und ſah die arbeitenden Bauern, welche das Eis derſelben aufhieben. So konnte er dem Könige, der ſeiner mit Beſorgniß harrte, wenigſtens eine ausrei⸗ chende Meldung zurückbringen. Karl Guſtav kehrte darauf in das Lager zurück, um von dort weitere Recognoscirungen zu veranlaſſen und die Beſatzung von Brandsör noch durch 400 Rei⸗ ter und Dragoner zu verſtärken, damit ſie ſich auf jeden Fall, gegen einen feindlichen Verſuch, ſie wieder zu vertreiben, behaupten könne. Wie ſtark der Feind auf Fünen ſei, wußte er freilich nicht, aber er hielt ſtets den richtigen militäriſchen Grundſatz feſt, nie auf Schwäche oder Fehler des Feindes zu rechnen, ſondern ihm das Beſte zuzutrauen. Darum mußte er auch erwar⸗ ten, daß die Dänen Alles daran ſetzen würden, ihm die wichtige Feſtung Friedrichsodde wieder zu entreißen und da ihm die kühne Reiterthat des Prinzen von An⸗ halt⸗Deſſau gezeigt hatte, wie offen und wehrlos die⸗ ſelbe von der Meerſeite war, durfte er ſie nicht ſo ſchwach beſetzt laſſen, als es Wrangel, um für den Angriff von Fünen möglichſt viel Streitkräfte verwenden zu können, angeordnet hatte. Das Regiment Weſtgothen erhielt Guſeck, Karl x. Guſtav. 1I. 2 18 Befehl, noch an demſelben Tage aus dem Lager nach Friedrichsodde abzumarſchiren. Dann ließ der König zwei Officiere, die er per⸗ ſönlich bezeichnete, zu ſich beſcheiden. Es war der Ritt⸗ meiſter von Krockow, vom Leibregiment der Königin und der Lieutenant Löwenhielm vom Regiment Anhalt. „Dankſt Du mir,“ redete er den Erſtern an,„daß ich als Dein Pathe Dich heut nicht auf das Eis ſchickte? Du lägeſt vielleicht jetzt tief unten, eine Beute der Fiſche.“ „Eurer Majeſtät gehört mein Leben!“ erwiederte Krockow. „Du ſollſt auch nicht dahinten bleiben, wenn es gilt,“ ſagte der König, indem er ihn auf die Backen klopfte— dann wandte er ſich auch zu dem andern Offizier, welcher beſcheiden am Eingange des Zeltes ſtehen geblieben war, und gab Beiden ihre Inſtruction. Sie ſollten die Feſtigkeit des Eiſes nordlich und ſüd⸗ lich des Vorgebirges unterſuchen. Dort war der Belt zwar breiter, aber eben deshalb auch die Strömung minder gewaltig, welche an der ſchmalern Stelle durch die Landſpitze von Jversnäs, an der die Wogen ſich brachen, ungemein verſtärkt wurde und dadurch das Eis, das ſich feſtſetzen wollte, immerwährend ſchwächte.„Ich erwarte euch noch vor dem Zapfenſtreich zurück, nehmt 19 zehn Reiter mit und bringt mir gute Nachricht!“ Da⸗* mit entließ Karl Guſtav die beiden Officiere, welche ſofort aufſaßen, um ihren Auftrag auszuführen; ſie trennten ſich, da ihnen nicht befohlen war, zuſammen zu bleiben, Krockotb wandte ſich links, um nördlich die Halbinſel zu recognosciren, während Löwenhjelm die entgegen geſetzte Richtung nahm. Krockow hatte den König ſchon von Brandsör aus begleiten und ſeine Compagnie, welche auf der Inſel zurückblieb, ſeinem Lieutenant übergeben müſſen. Karl Guſtav begnügte ſich mit dieſer Sendung nicht. Sein Generalquartiermeiſter ⸗Lieutenant Erik Dahlberg, der ſchon im letzten Jahre des dreißigjähri⸗ gen Krieges in ſeiner Uugebung als Ingenieur gewe⸗ ſen war, und ſein ganzes Vertrauen beſaß, hatte ihn darauf aufmerkſam gemacht, daß bei dem ſtärker ein⸗ getretenen Froſte der Belt vielleicht auch zwiſchen Friedrichsodde und Middelfahrt feſt zugefroren ſei und wenn das der Fall, dieſe Uebergangsſtelle als die ſchmalſte unbedingt die beſte bleibe. Erik Dahlberg war der terrainkundigſte Officier des ganzen Heeres; ihm ver⸗ dankt die Nachwelt die große Zahl von Plänen„für jene Zeit meiſterhaft ausgeführt, welche dem berühmten Werke des Freiherrn von Pufendorf:„Lebensbeſchrei⸗ bung Karl Guſtavs, Königs von Schrehen beigefügt 2 ℳ ſind, Schlachtpläne, Städteanſichten, kriegeriſche Dar⸗ ſtellungen, höchſt characteriſtiſche Zeichnungen von Haupt⸗ und Staatsactionen, ſelbſt für das Koſtüm der Zeit wichtig. Der König hörte ſeinen Rath ſtets, wo der Gegenſtand in ſein Fach ſchlug; ſo auch heut. Dahl⸗ berg erbot ſich ſelbſt die Uebergangsſtelle bei Middel⸗ fahrt nochmals zu unterſuchen und der König gab ſeine Erlaubniß dazu, der General⸗Adjutant Lindeberg erhielt Befehl, Dahlberg mit ausreichender Bedeckung zu be⸗ gleiten Eine lange Zeit des unerträglichen Wartens folgte nun. Der kurze Wintertag neigte ſich bereits zu Ende, die Sonne ging glühend roth unter, ein güuſtiges Zeichen für den wachſenden Froſt. Abgehärtet war das ſchwediſche Heer, wie kein anderes, an Ertragen aller Beſchwerden gewöhnt, ohne zu murren, für den Win⸗ ter geſtählt und durch eine tüchtige Bekleidung geſchützt. Die Kargheit, welche im folgenden Jahrhundert den Soldaten im knappen, groben Rock ohne Mantel faſt erſtarren ließ, kannte man damals noch nicht; der ſchwediſche Krieger trug im Winter ſogar einen langen warmen Pelz und ſelbſt vor des Königs Zelte ſchritten die Trabanten den prächtigen Waffenrock mit dem ver⸗ ſchlungenen GU durch einen lappländiſchen Pelz ver⸗ deckt auf und ab. Da trat der König, welchen die 21 Ungeduld nicht ruhen ließ, heraus; die beiden Tra⸗ banten ſtießen ihre, unter der Spitze mit zwei Zacken und einer Quaſte gezierten Hellebarden auf den Boden und ſtanden, wie Bildſäulen regungslos. Der König blickte gen Abend, wo das letzte Roth erloſch, dann über den leuchtenden Schnee, der nicht mehr unterſchei⸗ den ließ, wo das Land aufhörte und das gefrorene Meer begann.—„Wird es kälter?“ redete er die Trabanten an. Sie verſtanden ihn und bejahten die Frage.„Macht euch warm!“ ſagte er freundlich, wie er gegen den Geringſten ſeiner Krieger war.„Morgen, ſo Gott will, ſoll uns nicht frieren!“ Sie verſtanden ihn wiederum und ein wildes Lächeln erhellte ihre wettergebräunten Geſichter. Karl Guſtav's Trabanten hatten keine Zeit, im Palaſtdienſte weichlich zu werden. Am Zelte ſtanden Edelleute und Diener des Kö⸗ nigs, welche mit ihm, als er aus ſeinem innern Kabi⸗ net getreten war, das Freie geſucht hatten— man⸗ chem unter ihnen mochte die Kälte empfindlich ſein, aber Keiner wagte es, davon ein Zeichen zu geben und Alle mußten ja den grimmigſten Froſt wünſchen, denn dieſer allein gab ihnen eine Bürgſchaft, daß ſie nicht dasſelbe Schickſal erleiden würden, das heut mehrere brave Reiter unter ihren Augen betroffen hattte. Der 2 König ſtand von ſeinem Entſchluſſe niemals ab, das wußten ſie. Wiederum kehrte Karl Guſtav in ſein Zelt zurück und warf ſich auf ſein Lager, um wenigſtens den Kör⸗ per zu ruhen, da ſein Geiſt es nicht konnte. Es wurde ſpät, aber die Sterne funkelten am dunkeln Himmel und der Schnee verbreitete eine Helle über die ganze Gegend, daß man ſelbſt ferne Gegenſtände wahrneh⸗ men konnte. Endlich gegen neun Uhr— der Zapfen⸗ ſtreich ſollte eben geſchlagen werden— kehrte Krockow und wenige Minuten ſpäter auch Löwenhjelm von ihrer Erkundigung zurück; ſie wurden ſogleich, wie der König befohlen hatte, gemeldet und vorgelaſſen. Krockow brachte die ausführlichſte Nachricht. Links von Jversnäs trug das Eis vollkommen, es war zwar jenſeit der Strömung eine offene Stelle, welche hier und da wohl einige Ellen breit, jedoch an einem Punkte ſo ſchmal war, und dabei ſo ſtarke und feſte Ränder hatte, daß ſie mit Leichtigkeit überſchritten werden konnte. Bis gegen Tybring und Fönſe war Krockow geweſen und hatte bei dem letztern Orte noch wahrge⸗ nommen, daß die Dänen auch hier zwei kleine Schan⸗ zen aufgeworfen hatten. Der König hörte den kurzen und klaren Bericht ſehr zufrieden an und belobte ſei⸗ nen Pathen; auch Löwenhjelm meldete nun, daß das Eis rechts von dem Vorgebirge gegen Bangöe hin vollkommen haltbar ſei. Sie wurden entlaſſen und der König harrte noch auf Dahlberg und Lindeberg, um ſodann erſt auf Grund der eingegangenen Nachrichten ſich zu entſcheiden. Krockow hatte, ehe er umkehrte, noch eine kleine Patrouille weiter geſchickt, welche ſich an das feindliche Ufer möglichſt nahe heranſchleichen und unterſuchen ſolle, ob dort das Eis wie bei Jvers⸗ näs aufgehauen ſei; er ſelbſt, um den König nicht all⸗ zulange warten zu laſſen, hatte ſich nicht aufgehalten; erſt eine Stunde nach ihm kehrte der Streiftrupp zu⸗ rück und brachte den Beſcheid, daß bei Jönſerwiek und Tybringegerd das Eis unverſehrt ſei. Des Königs Entſchluß ſtand danach ſchon halb und halb feſt. Kein Schlaf kam in ſein Auge, er war zu aufgeregt; die Kühnheit ſeiner Unternehmung, die Verantwortung, welche er gegen das Reich auf ſich lud, wenn er ſein ganzes Heer vielleicht der Gefahr eines ruhmloſen To⸗ des in den Wellen ausſetzte, wo ihm nur der Hohn ſeiner Feinde und das verdammende Urtheil der Nach⸗ welt folgen würde, ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er zählte die Stunden mit wachſender Ungeduld, und theilte ſchon einige Befehle aus. Endlich um zwei Uhr nach Mitternacht kehrte Erik Dahlberg mit dem General⸗Adjutanten Linde⸗ berg zurück und meldete, daß auch bei Friedrichsodde das Eis die vollkommenſie Tragfähigkeit beſitze. Der König fand aber, daß die raſche That nicht mehr ver⸗ zögert werden dürfe; Friedrichsodde war fünf Meilen entfernt; wenn alſo die Truppen erſt dorthin marſchi⸗ ren ſollten, ſo mußte der Uebergang morgen wiederum für einen Tag aufgeſchoben werden. Auch hatten bereits einige Regimenter der Reiterei, welche in den eutfern⸗ teſten Dörfern ſtanden, Befehl zum Aufbruch nach dem für den Fall des Ueberganges bei Jversnäs beſtimmten Sammelplatze erhallen. So entſchloß ſich denn Karl Guſtav zur ungeſäumten Ausführung ſeines Unter⸗ nehmens. Im Lager wurde nun Leben. Die Generale er⸗ hielten ihre beſtimmten Befehle, Adjutanten eilten, den Anmarſch der Reiterei zu beſchleunigen. Alle Truppen mußten ſich mit Brettern, Balken und Stroh zur Ueberbrückung offener und Verſtärkung ſchwacher Stel⸗ ſen im Eiſe verſehen, auch wurde Krockow beauftragt, die von ihm gefundenen günſtigen Punkte, namentlich die ſchmale Stelle offenen Waſſers, welche er allein in der Nacht angeben konnte, mit Faſchinen und Stroh zu ſchließen, das reichlich begoſſen werden ſollte, um feſt zu frieren. Er vollſtreckte dieſen Auftrag ſo gut, daß hier nicht die mindeſte Gefahr mehr vorhanden 25 war. Das Geſchütz wurde zerlegt und auf Schleifen gebracht. Allmälig tafen die einzelnen Reiter⸗Regimen⸗ ter ein und rückten auf die Inſel Brandsör hinüber. Oberſt Bornemann mit dem Leibregiment der Königin, dem Regimente des Prinzen von Anhalt und dem des Reichs⸗Admirals Wrangel, bildete die Vorhut, ihm wurden 390 ſogenannte„Commandirte“ beigegeben. Fs waren dies auserleſene Musketiere, wie ſie ſchon im dreißigjährigen Kriege unter Guſtav Adolf in der Schlachtordnung zwiſchen die Reitergeſchwader geſtellt wurden, um dieſe beim Kampf durch ihr Feuer zu un⸗ terſtützen. Die Reiterei bewegte ſich damals langſamer zum Angriff, als in ſpäterer Zeit, ſie gebrauchte ſelbſt noch Hiel die Feuerwaffe, welche Verkennnng ihres eigentlichen Elements trotzdem, daß große Feldherrn, wie der genannte Schwedenkönig und Wallenſtein gegen dieſe Unſitte Befehle erlaſſen, doch immer noch vorwaltete. Bei den langſamern Gangarten, welche meiſt nur ge⸗ ritten wurden, konnten jene commandirten Musketiere der Reiterei wohl folgen und mit ihr in Verbindung kämpfen. Sie waren aber außerdem noch zu mancher⸗ lei Dienſtleiſtungen, wozu man leichte Fußtruppen brauchte, beſtimmt. So hatte der König noch in den letzten Stun⸗ den der langen Winternacht Alles vorbereitet, was den 26 Erfolg ſeines Marſches über das„Eis und ſeines Angriffs auf den Feind, der ſeine Zeit ebenfalls nicht verloren hatte, nur irgend ſichern konnte. Dann demüthigte er ſich vor dem Herrn der Heer⸗ ſchaaren und betete um deſſen Schutz und Gnade. Bßweites Kapitel. Die Schlacht auf dem Meereseiſe. Der 9. Februar des Jahres 1658 brach an, es war ein Samſtag. Der Himmel war rein, im Oſten ver⸗ kündeten die Purpurlichter des Aufgangs einen ſonnen⸗ hellen Wintertag Es war bitter kalt, wie man es für den großen Zweck nicht beſſer wünſchen konnte. Auf der Inſel Brandsör formirte ſich das kleine ſchwediſche Heer in Schlachtordnung, ſeine Hauptſtärke beſtand wie immer in der Reiterei. Während in allen Staaten Mittel⸗ und Süd⸗Europa's die Reiterei bereits unter dem Einfluße der veränderten Kriegsverhälmiſſe namentlich der allgemein verbreiteten Feuerwaffen von der hohen Stellung, welche ſie im Mittelalter beſeſſen, allmälig zurückgewichen und in ihrem bisherigen Zahlen⸗ verhältniß zum Fußvolk bedeutend vermindert worden war, behauptete die ſchwediſche Reiterei noch immer den erſten Rang im Heere, und zwar nicht allein der Zahl nach, ſondern auch durch ihre Thaten— trotz aller Feuerwaffen! Wir wünſchen der Reiterei unſerer Gegenwart ein Gleiches! Hier auf Brandesör waren 17 Reiter⸗Regimenter verſammelt, in Ganzen 120 Compagnien, 9000 Pferde ſtark. Das Fußvolk zählte nur etwa 3000 Mann, war auch noch nicht ganz übergeſetzt, ja zum Theil noch von Stenderup her in Anmarſch. Doch hatte der König in der Schlachtordnung welche er entworfen, auf dasſelbe gerechnet, es ſollte unter Jakob de la Gardie und dem General Favaſor, der mit einigen Compagnien neuan⸗ geworbener Engländer in Holſtein angekommen war, die Mitte einnehmen und hier fünf Brigaden bilden. Die 120 Reiter⸗Compagnien waren in 44 Escadrons for⸗ mirt. Solche Geſchwader wurden damals zur Schlacht in verſchiedener Stärke aufgeſtellt, 3, 4 oder mehr Com⸗ pagnien, ſie nahmen Zwiſchenräume, die ihrer Front⸗ breite gleich waren und die Escadrons des zweiten Treffens ſtanden immer auf dieſe Zwiſchenräume gerich⸗ tet, um durch dieſelben, wenn das erſte Treffen geworfen war, zum Angriff vorzubrechen. Der Reichs⸗Admiral 29 Wrangel befehligte den rechten, General⸗Major Berents den linken Flügel, der Markgraf von Baden unter Wrangel das erſte, Totte das zweite Treffen. Bis an das Ufer vorgerückt ſtanden ſchon die drei Regimenter der Vorhut unter Bornemann mit ihren commandirten Musketiren, des weitern Befehls gewärtig. Auf dem jenſeitigen Ufer konnte man nun auch die däniſchen Trup⸗ pen in Schlachtordnung erblicken, doch hinderte die eigen⸗ thümliche Bodengeſtaltung auf Fünen, ihre Stärke zu ſchätzen. Die Hügel, die einzelnen zerſtreuten Gehölze und die vielen landesüblichen Hecken des durchſchnittenen Landes verbargen vieſelbe und gewährten, zugleich gegen den Angriff von Reiterei, welcher zunächſt nur erfolgen konnte, eine gute Deckung. Der König, in deſſen zahlreichem Gefolge ſich ſelbſt die fremden Geſandten befanden, welche an der Ehre dieſes unerhörten Zuges Theil nehmen wollten, erſchien jetzt vor der Front der Truppen, aber er gab den Befehl zum Abmarſch noch nicht. Er ritt zur Vor⸗ hut und befahl demſelben Officier, welcher geſtern das Eis unterſucht hatte, mit 24 Pferden ſeiner Compagnie nochmals die Stellen, die in der Nacht verſtärkt worden wa⸗ ren, zu recognosciren Karl Guſtav Krockow ritt friſch dazu an, ſein Lieutenant führte ihm die Compagnie zur Un⸗ terſtützung nach, im Fall die Dänen, welche einzelne Dragonertrupps zur Beobachtung vorgeſchoben hatten, mit ihm anbinden ſollten. Man ſah die kleine Abthei⸗ lung geſchloſſen über den gefrorenen und beſchneiten Belt ungefährdet dahin reiten und bald kam auch die Meldung zurück, welche die Haltbarkeit von Neuem verſicherte. Da hob ſich Karl Guſtav kraftvoll in den Bügeln, daß die lange Feder, die von ſeinem Hute herabhing, empor wehte und gab dem Oberſten Bornemann Befehl mit der Avantgarde vorzurücken Der Oberſt ließ ſogleich, wie vorher angeordnet war, ſeine Mannſchaft abſitzen und die Reiter zu Fuß, das Pferd am Zügel, in ge⸗ offneten Reihen ſich ausdehnen, wodurch die Laſt, welche das Eis zu tragen hatte, mehr vertheilt und die Ge⸗ fahr einzubrechen vermindert wurde Aller Augen waren auf ſie gerichtet und die Herzen ſchlugen höher in Er⸗ wartung der kommenden Ereigniſſe. Die Strömung mit den bedenklichen Stellen hatte die Vorhut glücklich überſchritten, ſie hielt jetzt an und ſaß wieder auf, um ſich zum Gefecht zu formiren. Denn auf dem rechten Flügel der Dänen gegen Tybring und das Fvenſer⸗ Holz hin machte ſich eine Bewegung bemerkbar, dort mußte es zum erſten Zuſammenſtoß kommen. Der König gab daher Wrangel den Befehl, mit dem rechten Flügel der Reiterei zum Angriff vorzugehen, während er Be⸗ 31 rents mit dem liuken noch zurückhielt. Er konnte, weil er ſelbſt ſo gehandelt hätte, den Gedanken nicht aufge⸗ ben, daß die Dänen ihrerſeits zur Offenſive ſchreiten, ſeinem Angriffe mit einem Gegenſtoße begegnen, ja auf eine andere Stelle nach Jütland übergehen würden, um dort ſeine wenigen zurückgelaſſenen Streitkräfte zu vernichten und ihn ſelbſt auf Fünen in die gefährlichſte Lage zu bringen. Darum hatte er das Regiment Weſt⸗ gothen nach Fridericia abmarſchieren laſſen, darum hielt er jetzt noch ſeinen linken Flügel auf Brandsör zurück und behielt ſelbſt ſeinen Standpunkt hier, um allen feindlichen Unternehmungen begegnen zu können. Unterdeſſen hatte die Schlacht auf dem Eiſe begonnen. Die Dänen waren durch das Vorgehen Bor⸗ nemann's bewogen worden, ihm von ihren rechten Flügel das Reiter⸗Regiment Seeſtätten entgegen zu⸗ ſchicken. Bornemann, welcher bereits die Strömung paſ⸗ ſirt und ſeine Regimenter nun hatte aufſitzen laſſen, griff den Feind, der ſich bei Tybring zeigte und zugleich das Fönſer⸗Holz mit abgeſeſſenen Dragonern beſetzte, mit Ungeſtüm an, warf ihn und nahm den Oberſt Seeſtät⸗ ten, mit dem größten Theile ſeiner Officiere, welche tapfer kämpfend die Flucht verſchmähten, gefangen. So konnte der ſchwediſche Befehlshaber ſeinem Könige als glücklichen Anfang zwei eroberte däniſche Standarten zurückſenden, während er ſeine Reiter wieder fammelte und die Pferde für den Fortgang des Kampfes zu Athem kommen ließ. Der Oberbefehlshaber auf Fünen, General⸗Lieu⸗ tenant Güldenlöwe, war ſchwer erkrankt, für ihn hatte Oberſt Jens Hadersleben das Commando bei Jvers⸗ näs übernommen. Sein eigenes Regiment war nicht einmal gegenwärtig, das ſtand noch in Svendsborg auf der äußerſten Südſpitze der Inſel, wie auch auf andern Punkten, welche zu bewachen waren, noch Trup⸗ pen ſtanden, ſo daß freilich die Dänen bei Jversnäs der Zahl nach den Schweden nicht gewachſen waren. Sie hatten aber alle Vortheile des Terrains, welches für Reiterangriffe nicht ungünſtiger gedacht werden konnte, für ſich und vertrauten außerdem auch auf Dänemarks älteſten Bundesgenoſſen, die See, welche den feindlichen Einfall nicht dulden, ſondern das Heer Karl Guſtav's mit ſeinem Könige unter dem brechenden Eiſe in ihren Fluten begraben werde. Schon begrüßten ſie auch die erſten Anzeichen dazu mit Freuden. Wrangel hatte ſeine Schwadronen mit weiten Intervallen vorrücken laſſen, das Vorgebirge links umgehend. Aber wie vorſichtig die Reitermaſſe ſich auch auseinander zog, die Laſt war doch in der Nähe der Strömung zu gewaltig und die beſchneite Eisfläche fing ſichtlich an, ſich zu biegen Die Schwe⸗ —— 33 den bemerkten das wohl am beſten, aber ſie kümmerten ſich darum nicht und blieben im entſchloſſenen, wenn auch langſamen Vorrücken. Dadurch wurden die Dänen genöthigt ſich mehr rechts zu ziehen, um dem Angriff eine verſtärkte Front entgegen zu ſetzen, die neue Stel⸗ lung an der Meeresbucht war vortrefflich gewählt: der rechte Flügel gedeckt durch viele Gräben und hohe, dichte Hecken, wie ſie die einzelnen Ackerſtücke und Wieſen des fruchtbaren Landes von einander ſcheiden, der linke Flügel, welcher in dem hügeligen Terrain des Vorgebirges Schwierigkeiten für ſeine Formation fand, war gradezu auf das Eis des Meeres geſtellt und hatte die ſchwächſten Stellen deſſelben vor ſich. Der König hatte die erſten Trophäen ſeiner Vorhut mit Freude empfangen. Sein Fußvolk mit dem Geſchütz war noch immer nicht eingetroffen, aber er konnte darauf rechnen, daß es bald kommen und ſo wenigſtens den Rückhalt gegen etwaige Ausfälle der Dänen, wie er ſie bisher erwartet, bilden werde. Mehr und mehr hatte er jetzt auch die Ueberzeugung gewon⸗ nen, daß er nichts für ſeinen Rüchen zu beſorgen habe, ſondern daß ſich die Dänen, ſtatt eines ſolchen ent⸗ ſcheidenden Schrittes, mit der Vertheidigung von Fünen begnügen würden. Er ſäumte daher nicht länger, das volle Gewicht ſeiner Streitmacht in die Wagſchaale 3 Guſeck, Karl X. Guſtav. m. 3¹ der Schlacht zu werfen, gab auch dem linken Flügel Befehl über das Eis zu gehen, und eilte ſelbſt voraus, um die Reiterſchlacht, welche eben beginnen ſollte, zu ſeiten. Seine Truppen hatten das feſte Land theilweiſe ſchon erreicht als er ankam. Wrangel mußte mit ſeinem Angriff, den er gegen die däniſche Front richten wollte, ſofort einhalten. Karl Guſtav hatte mit ſeinem Adlerblick ſchnell die ganze Stellung des Feindes erkannt, obgleich er die Stärke deſſelben hinter ſeinen Deckungen nicht wahrnehmen konnte. Ein bloßes Draufgehen war nicht rathſam, nur ein geſchickt combinirter umfaſſender Angriff, während die Auf⸗ merkſamkeit des Feindes in der Front und auf dem andern Flügel beſchäftigt wurde, hatte ſichern Erfolg in Aus⸗ ſicht. Die bisherige Vorhut: Bornemanns drei Reiter⸗ Regimenter mit den 390 commandirten Musketieren, nebſt vier Escadrons vom erſten Treffen des rechten Flügels, wurden unter Wrangel geſtellt; der Reichs⸗ Admiral erhielt den Befehl, den linken feindlichen Flü⸗ gel: Reiterei und Fußvolk, das ohne Deckung auf der Schnerfläche ſtand, anzugreifen, aber nicht eher, bis er wahrnehmen würde, doß die Umgehung des rechten Flügels der Dänen, welche der König mit allen übri⸗ gen Reiter⸗Regimentern in Perſon unternahm, gelun⸗ gen ſei. Dieſe Bewegung erforderte die größte Kraft⸗ 35 anſtrengung von Menſchen und Pferden Der Schnee war tief und nirgend Bahn, verſchneite Gräben und dichte Hecken ſetzten überall den Roſſen Hinderniſſe ent⸗ gegen; in erſtere ſtürzte mancher Reiter und ſeine Hin⸗ erſt mit Klinge und Art, welche letztere jeder Dragoner am Sattel führte, durchbrochen und in dieſelben eine genügende Lücke gehauen werden, um ſie paſſiren zu können. Unbegreiflich, daß die Dänen ihre Vortheile hier nicht beſſer benutzten, und auf die natürlich in großer Unordnung ſich durch die Hinderniſſe hindurch⸗ arbeitenden Schwadronen mit einer kräftigen Attacke fielen, da ſie die Umgehung doch bemerken und das Krachen der einſtürzenden Hecken hören mußten. Sie begnügten ſich aber mit einem Feuer aus ihrer Stellung, das wenig Wirkung that; überdem wurden ſie in der Front durch Wrangel im Schach gehalten, der die commandirten Musketiere, welcher der bisherigen Vorhut beigegeben waren, ein Feuer auf die däniſche Infan⸗ terie eröffnen ließ, um ſeinem ſonſt verdächtigen Zaudern im Angriff den Schein zu geben, als wolle er denſel⸗ ben erſt durch ſeine Schützen gehörig vorbereiten laſſen. Vielleicht hatten auch die Dänen, wie ſich im eigenen Lande wohl annehmen läßt, Kunde von dem Anmarſch des ſchwediſchen Fußvolks erhalten, auf welches wahrſcheinlic —— ——— 36 gewartet werde, und erklärten ſich dadurch die Pauſe. So konnte Karl Guſtav ſeinen Plan durchführen. Während der Bewegung noch gab er dem Markgrafen von Baden den Befehl mit drei Escadrons, beſtehend aus ſeinem eigenen und den Regimentern Pfalz⸗ Sulzbach und Heſſen⸗Homburg ſich von ihm zu trennen, no weiter landeinwärts zu halten und ſolchergeſtalt die Dänen ganz zu umgehen und in den Rücken zu nehmen. Der König mit zwei Regimentern hielt Verbindung zwiſchen dem Markgrafen und Wrangel; das zweite Treffen folgte mit großem Abſtande. Alles war daher ziemlich weit auseinandergezogen wie es die Gefahr des Einbrechens nothwendig machte, es wurde dadurch den einzelnen Abtheilungen ſehr erſchwert, in das Gefecht der andern einzugreifen. Als nun die Hecken glücklich durchbrochen waren, erhielt der Markgraf von Baden, welcher ſeine Umge⸗ hung vollendet hatte, den Befehl zum Angriff, welcher ſoſort vier däniſche Escadrons, die ihm entgegen gin⸗ gen, vollſtändig über den Haufen warf. Gleichzeitig atta⸗ ckirte der König in Perſon an der Spitze des Reiter⸗ Regiments Weſtgothen und als auch hier der Feind wich, ließ Karl Guſtav die Schlacht, die er ſo glücklich eingeleitet hatte, ihren Gang gehen und ritt mit ſeinem Stabe nach einem Hügel am Ufer, wo er auch Wrangel's O* Angriff überſchauen konnte. Er hatte ſelbſt im Gefecht den Degen nicht gezogen, ſondern den Feldherrnſtab auf den Schenkel geſtützt im Handgemenge, das um ſeine Perſon entſtand, die eiſernſte Ruhe bewahrt Zetzt, wo er weithin erkennbar, auf dem Hügel hielt, richteten die Dänen ihre Geſchütze dorthin, die Kugeln ſauſten den hohen Officieren und Herrn vom Hofe über die Köpfe hinweg, und verurſachten manche unwillkührliche Bewegung, ein Paar ſchlugen dicht beim Könige ein, daß der Schnee hoch empor ſpritzte und ein Eisſplitter den Monarchen an der linken Schläfe ein wenig ver⸗ letzte. Er achtete deſſen nicht, ſein Auge war ſcharf nach ſeinem rechten Flügel, welcher eben entſchloſſen auf dem Eiſe vorging, gerichtet. „Bleibt zurück, ihr Herren!“ ſagte der König plötz⸗ lich und ritt, nur von Wenigen begleitet, vom Lande wieder auf die Eisfläche hinunter, um der Entſcheidung, welche ſich hier vorbereitete, nahe zu ſein. Auf dem andern Flügel wogte der Kampf hin und her, wie Reitergefechte, mit abwechſelnden Schwadronen geführt, ſich zu geſtalten pflegen. Da ſchallte wiederum das entſetzliche Krachen, das die Truppen nur zu gut kannten, auf der rechten Seite, wo Wrangels erſte Geſchwader zu geſchloſſen und zu hitzig angeſetzt hatten. Es wiederholte ſich an mehreren — Stellen und ein wilder Jubel der Dänen begrüßte den alten Bundesgenoſſen, der ſich endlich unter ſeinen Feſſeln zu regen begann. Bei den Schweden war es ganz ſtill geworden, aber ſie rückten mit unverminderter Entſchloſſenheit vor. Da borſt das Eis in einem mäch⸗ tigen Strudel und zwei ganze Compagnien mit Roß und Mann wurden von den ſchwarzen Wogen ver⸗ ſchlungen! Zwei Compagnien von Waldeck's und Königs⸗ marks Regiment waren es— ein furchtbarer Anblick, dieſe wild verſchlungene, um ihr Leben kämpfende Maſſe von Menſchen und Thieren zu ſehen, wie ſie in die Tiefe verſank. Auch hinter den Truppen krachte es jetzt, als wolle das Meer ihnen den Rückzug abſchneiden— das Eis brach auch dort an einer Stelle, wohin ſich zu früh bei noch unentſchiedener Schlacht, des Königs Karoſſe und der Wagen des franzöſiſchen Geſandten Terlon getraut hatten— beide verſchwanden in der aufſpritzenden Flut Kein Wunder, daß ſelbſt die ver⸗ ſuchteſten Regimenter bei dieſen Schreckniſſen von Grauen erfaßt wurden und wie auf Commandr der Angriff beinah auf allen Punkten ſtockte. Aber der König war den Seinigen nahe, er ritt ſchon über das Eis, als ſich das Furchtbare auf dem rechten Flügel begab— ſeine Begleiter riefen ihm zu: „Rettet Euch, Majeſtät! und das feſte Land war ſo 39 ſchnell wieder zu erreichen. Aber ſeine große Seele dachte nicht einen Augenblick daran, ſeine eigene Perſon nun in Sicherheit zu bringen, er war von jeher gewohnt, Noth und Gefahren und bereit, wenn es ſein mußte, ſelbſt den Tod mit ſeinen Truppen zu theilen. Statt der ängſt⸗ lichen Mahnung ſeiner Getreuen zu folgen und ſein Roß wieder zum Lande zu wenden, ritt er in raſcher Gangart über das hallende Eis weiter meerwärts, die zertrümmerten Schollen in den klaffenden Riſſen, wo noch die Strudel brauſten, zwiſchen ſich und den vorge⸗ rückten Geſchwadern laſſend. „Blaſt zum Angriff!“ herrſchte ſeine Stimme den Leibtrompetern zu, welche ihm folgten— und der mächtige Klang, mehr noch der Anblick des Königs, der allen Gefahren trotzte, belebte die Truppen mit neuer Zuverſicht. Bald ſchmetterten überall die Heer⸗ trompeten wieder das wohlbekannte Signal; ein Adju⸗ tant, ſchon früher abgeſchickt, rief Claas Totte mit den upländiſchen Reitern zur Unterſtützung Wrangels vom andern Flügel herbei, denn die Dänen hatten ſchon an⸗ geſetzt den entnervenden Eindruck des Eisbruchs zu be⸗ nutzen und mit aller Macht dem Reichs⸗Admiral in die offene Flanke zu gehen. Aber das Leibregiment der Königin unter dem tapfern Ohriſt⸗Lieutenant Lübecker ſtürzte ſich mit ſeinen 40 ſechs Compagnien zugleich in einem wüthenden An⸗ prall auf den Feind, warf ihn völlig über den Haufen und zerſprengte die ganze däniſche Reiterei, welche hier zuſammengezogen war, ſo daß die Schlacht dadurch ent⸗ ſchieden wurde. Die Upländer, wie die übrigen Regi⸗ menter, welche noch einhauen wollten, kamen zu ſpät: das Leibregiment hatte ihnen alle Lorbeern weggepflückt und hier faſt allein die ganze Ehre des Tages davon getragen. Noch ſtand zwar die däniſche Infanterie in feſter Schlacht⸗Ordnung auf dem Eiſe, in Deutſchland angeworbenes Volk, aber ſie war zu ſchwach, um noch Widerſtand zu leiſten, kaum 150 Mann ſtark, welche nicht Luſt hatten, ſich für eine fremde und hoffnungsloſe Sache aufzuopfern. Der Reichs⸗Admiral ritt heran und forderte ſie auf, ſich zu ergeben; ſie feuerten ihre Gewehre in die Luft und gaben ſich gefangen. Die ſchwediſche Jufanterie mit dem Geſchütz war noch weit entfernt, jene 390 commandirten Musketiere hatten allein an der Schlacht Theil genommen, welche die Reiterei, kaum 6000 Pferde ſtark— weil nicht alle Regimenter zum Kampfe gekommen— unter den erſchwe⸗ rendſten Umſtänden gewonnen hatte. Die Inſel Fünen, das„feine Land,“ wie der Name lauten ſoll, war der Preis des Sieges. Was noch von däniſchen Truppen auf derſelben ſtand, mußte 41 jetzt raſch vernichtet werden. In Middelfahrt und Ny⸗ borg, auch Svendborg, das wußte der König, befanden ſich feindliche Beſatzungen. Er entſendete daher nach kur⸗ zer Raſt vom Schlachtfelde den unermüdlichen Oberſten Aſcheberg mit ſeinem Regiment und dem des Prinzen von Sachſen⸗Weimar gegen Middelfahrt, den General Fabian Berents mit zwei andern nach Svendborg, wäh⸗ rend er mit dem Heere noch bis zu dem Dorfe Konge zog, nicht weit von Aſſens, der„Aſen“ Vorgebirg, von den altnordiſchen Göttern ſo genannt. Hier hatte König Chriſtian III. einſt in der ſogenannten Bürgermeiſter⸗ fehde den Grafen Chriſtoph von Oldenburg, der im Dienſte Lübecks bei dieſer letzten Erhebung ſtand, geſchlagen und die Stadt war ihrer Mauern beraubt und geplündert worden; jetzt bezog hier wiederum ein feindliches Heer das Lager. Der König brachte die Nacht im Pfarrhauſe zu Konge zu und wußte den geiſtlichen Herrn, der mit ſeiner Familie in der größ⸗ ten Furcht ſchwebte, durch ſeine gewinnende Perſönlich⸗ keit ganz zu bezaubern. Im Lager wurde die ſtrengſte Mannszucht gehalten, ſo daß die benachbarten Edel⸗ höfe und Dörfer von allen Gewaltthaten verſchont blieben, ſie lieferten dafür willig Lebensmittel. Die Nacht war noch kälter, als die vorige. Die Reiter⸗ poſten der Feldwachen, welche gegen Odenſe, die Haupt⸗ ſtadt der Inſel, ausgeſetzt waren, konnten nicht zu Pferd bleiben, um nicht ihre Gliedmaßen zu erfrieren; überall brannten mächtige Feuer, ein feindlicher Ueber⸗ fall war ja nicht mehr zu beſorgen. Fünen iſt wirklich ein„feines,“ ein anmuthiges Land, daher ſich von Alters her die vornehmſten Adelsge⸗ ſchlechter des Königreichs auf dieſer Inſel anſäßig ge⸗ macht hatten und nicht leicht auf gleich großem Ge⸗ biet ſoviel Edelhöfe anzutreffen waren. Der Winter hielt freilich die fruchtbaren Auen umfangen und die fiſchreichen ſchönen Seen, wie die kleinen Flüſſe und Waſſeradern, welche die Landſchaft in andern Jahres⸗ zeiten ſo lebendig machen, waren mit Eis und Schnee bedeckt— aber was die Scheuern aufgeſpeichert hatten und die Keller und Vorrathskammern enthielten, der weltberühmte Meth, das Erzeugniß der großartigſten Bienenzucht, die köſtlichen finniſchen Aepfel, als Zu⸗ gabe zu gediegener Fleiſch⸗ und Gemüſekoſt kam den Siegern zu gut. Seit hundert vierzig Jahren, eben ſeit jenem Kriege mit Lübeck, dem Oldenburger und dem Herzoge Albrecht von Mecklenburg, welche durch die Schlacht auf dem Ochſenberge bei Aſſens beendigt worden war, hatte kein Feind den Boden Fünens be⸗ treten und es ſtanden daher dem ſchwediſchen Heere geſchonte, fette Quartiere und bei einiger zu verhoffen⸗ — — daten, die nicht in der Schlacht von Jversnäs gefal⸗ len oder gefangen waren, hatten ſich nach Odenſe ge⸗ flüchtet, auch Steen Bille, der mit zehn Reiter⸗Com⸗ pagnien den kleinen Belt bei Middelfahrt bewacht hatte, war noch vor Aſcheberg's Annäherung von dort nach Odenſe gekommen— ſie Alle mußten ſich nun zu Gefangenen ergeben. Den General Güldenlöwe und die Reichsräthe entließ der König auf ihr Ehrenwort, in dieſem Kriege nicht mehr gegen ihn zu dienen, die übrigen Officiere wurden nach Friedrichsodde geſendet, die Gemeinen in ſchwediſche Regimenter geſteckt. Der König nahm ſeinen Sitz in dem königlichen Schloſſe, das auf der Stelle erbaut war, wo das frü⸗ here Johanniskloſter geſtanden hatte, es war alt und beſchränkt, wie es denn auch nicht allzulange nachher von Friedrich IV. nen gebaut worden iſt. Dann wohnte Karl Guſtav dem Gottesdienſte im Dom bei, deſſen Grundſtein vor ſechshundert Jahren durch König Knud den Märtyrer gelegt worden, deſſen Gebeine auch hin⸗ ter dem Altare im vermauerten Gewölbe beigeſetzt ſind. Der Sieger dankte dem Allerhöchſten für das, was ihm bis jetzt gelungen war und erflehte ſeinen Segen zu der Vollbringung des Werks. Mehrere Tage verweilte er in Odenſe, um die Erfolge ſeiner entſendeten Oberſten abzuwarten. Aſche⸗ — 15 berg hatte zwar Steen Bille nicht mehr in Middel⸗ fahrt getroffen, der mit ſeinen zehn Reiter⸗Compagnien ſchon nach Odenſe abmarſchirt war, wo er freilich auch ſeinem Schickſal nicht entgehen konnte, dafür nahm er aber 450 Mann Fußvolk gefangen, mit denen der Oberſt Henrichſon das Schloß Hindsgavl beſetzt hielt. Dies uralte königliche Schloß, auf einer Landzunge un⸗ weit Middelfahrt gelegen, welche ſich in den kleinen Belt hinein ſtreckt, hatte König Friedrich der Dritte, kürzlich an einen ſeiner Räthe, Erik Banner, verſchenkt, welcher dasſelbe umzubauen angefangen hatte, ſo daß es nicht mehr haltbar war. Ein anderer Punkt, gegen⸗ über von Friedrichsodde, wo noch ein Uebergang nach Jütland iſt, die Striebs⸗Ferge und König Friedrich die Abſicht gehegt, ſeiner Gemahlin zu Ehren eine Stadt Sophien⸗Odde anzulegen, war von den Dänen gar nicht bewacht; ein Beweis mehr, daß es ihnen niemals um eine Diverſion, wie Karl Guſtav ſie erwartet, zu thun geweſen. Aſcheberg ließ im Schloſſe Hindsgavl am Middelfahrt⸗Sund nur 40 Reiter zur Beſatzung zurück und führte dann ſeine Gefangenen dem Könige zu; es waren geworbene Deutſche, welche ſogleich bereit waren, in ſchwediſche Dienſte zu treten. Man ließ ſie auch zuſammen und gab ſie als ein neues Regiment dem Grafen Jakob de la Gardie. Bei Svendborg hatte N X—— 47 neue Anſtrengungen zu erholen, und befand ſich unge⸗ mein wohl dabei, aber die Zeit der Ruhe ſollte nicht lange währen. An der ſchmalſten Stelle des großen Belt, die nur 2 ½ Meile breit iſt, liegt Nyborg, mit dem könig⸗ lichen Schloſſe, wo einſt Chriſtian der Böſe geboren und noch im zarten Knabenalter einmal von einem Affen, den man ſich am Hofe hielt, auf das Dach und wieder herunter getragen worden, unbeſchädigt, um ſpäter als Mann durch ſeine Grauſamkeit im Stock⸗ holmer Blutbade die Schweden zum Abfall von der Union der drei nordiſchen Kronen zu treiben und ſein Leben endlich entfernt im Gefängniß zu beſchließen. Auf Nyborg richtete ſich nach dem Einzuge des Schweden⸗ königs in die Hauptſtadt von Fünen, ſogleich deſſen Aufmerkſamkeit Wrangel mit dem größten Theile des Fußvolks und fünf Reiter⸗Regimentern mußte am fol⸗ genden Tage ſchon dahin abrücken, um ſich des wich⸗ tigen Punktes und wo möglich auch der eingefrornen däniſchen Schiffe, welche im Eis des Belts lagen, zu bemächtigen. Fünf Kriegsſchiffe waren es und dreißig andere, meiſt Handelsfahrzeuge. Nyborg ſelbſt wurde ohne Widerſtand eingenommen, die Kriegsſchiffe aber, mit ſchweren Geſchützen ausgerüſtet, konnten durch einen gewaltſamen Angriff, welchen Wrangel über das Eis verſuchen wollte, nicht erobert werden. Der Reichs⸗ Admiral wartete daher auch ſein Geſchütz ab, und es gelang ihm dann durch eine Batterie, welche er am Ufer bauen ließ und künſtliche Annäherungswege, welche die Schweden erfinderiſch mit Wällen von Dünger umgaben, der mit Waſſer begoſſen gefrieren mußte, die däniſchen Schiffe, welche ſich nicht den Folgen einer gewaltſamen Erſtürmung ausſetzen wollten, zur Ergebung zu zwin⸗ gen. Ein zweites Heldenſtück in dieſem an ſeltſamen Ereigniſſen reichen Kriegszuge. 180 Kanonen, 400 Soldaten und 600 Mann Matroſen fielen den Schweden in die Hände und Wrangel konnte dem Könige eine neue Siegesbotſchaft ſenden. Der König hatte ſein Hauptquartier in dem ehe⸗ maligen Kloſter Dalum oder Chriſtianthal nahe bei der Hauptſtadt genommen und hier bereits am 11. Fe⸗ bruar von Svendborg her die Nachricht erhalten, daß dort das Eis der ſchmalen Meerengen, welche Fünen von Taſing und dies von Lageland trennen, vollkommen tragfähig ſei. Dieſer Weg, um nach See⸗ land zu kommen, iſt zwar bedeutend weiter, als der grade von Nyborg über den großen Belt, er beträgt 17 Meilen, alſo mehrere Tagemärſche, der letztere, wie ſchon geſagt, nur 2 ½ Meilen, aber jener war wegen der Inſeln, zwiſchen denen nur geringere Eisflächen 49 zu überſchreiten ſind, viel weniger gefährlich. Ueberdem drohte der umgeſprungene Wind wieder Thauwetter zu bringen. Der König ſandte daher an Wrangel den Befehl, ſobald er bei Nyborg ſeine Aufgabe erfüllt habe, ſogleich längs der Küſte nach Svendborg und von dort auf die Inſeln überzugehen. Es war jedoch ſo mild geworden, daß es ſogar zu regnen anfing, der Thauwind wuchs zum Sturme und die Eisdecke drohte ſchon zu brechen. Karl Guſtav mußte wiederum den großen Eutſchluß, den er ſchon in beſtimmte Form gekleidet hatte, nämlich für ſeine Perſon mit der ge⸗ ſammten Infanterie den nächſten Weg über den Belt zu nehmen, Wrangel aber mit der Reiterei den wei⸗ tern und ſicherern einſchlagen zu laſſen, im Moment der Ausführung vertagen und die Jahreszeit rückte immer weiter dem Frühling entgegen, die Sonne ſtieg täglich, wenn auch hinter Wolken, höher und gewann an Macht! In dieſer unerträglichen Lage ſandte der König nochmals ſeinen getreuen Erik Dahlberg aus, um ſichere Nachrichten über das Eis der Meerengen wenig⸗ ſtens bis Laaland hin einzuziehen. Sollte das große Werk unvollendet bleiben? Und welches würden dann die Folgen ſein? Guſeck, Karl X. Guſtav. U. Prittes Capitel. Der Zug über den großen Belt. In Schweden hatte ſchon früher ein däniſcher Flüchtling Aufnahme gefunden, welchem man wohl nicht ohne Grund einen Theil der fremden Aufreizung zu⸗ ſchrieb, durch welche Karl Guſtav mit zum Kriege gegen Dänemark beſtimmt worden war. Wenn er auch den Entſchluß des Königs, der ſchon bei der erſten Nach⸗ richt von den däniſchen Rüſtungen feſtſtand, nicht be⸗ ſtimmte, ſo konute er ihm wenigſtens die beſte Auf⸗ klärung über die Lage des Reichs, deſſen erſter Mini⸗ ſter er lange Zeit geweſen war, geben und dadurch den Pericht des frühern ſchwediſchen Reſidenten Durvel in Kopenhagen beſtätigen, der ſeiner Regierung noch vor 51 anderthalb Jahren geſchrieben hatte:„Im Lande ſind weder Conduite, Courage, Ordnung, Geld, Credit, noch Soldaten. Die Wunden ſeit 1645 ſind noch nicht vernarbt, das Heer iſt im Ganzen ungeübt und die Flotte ſchlecht verſehen.“ Jener Flüchtling war der Graf Corfitz Uhlefeld. Sein Vater war Großkanzler geweſen, er ſelbſt hatte eine natürliche Tochter Chriſtian's IV., Leonore Chriſtine, welche den Titel einer Gräfin von Schleswig⸗Holſtein führte, geheirathet und war Reichshofmeiſter und Vice⸗ könig in Norwegen geworden. Sein Stolz und ſeine Härte hatten ihn allgemein verhaßt gemacht und er war mit ſeinem Schwager Hannibal Seeſtädt, welcher die Schweſter ſeiner Frau geheirathet hatte, vor etwa fünf Jahren einer Verſchwörung gegen das Leben des Königs Friedrich beſchuldigt worden. Ein Mädchen, Namens Dina, mit dem er vertrauten Umgang gepflogen, wollte zufüllig zwiſchen den Schwägern ein Geſpräch belauſcht haben, in welchem von einer beabſichtigten Vergiftung des Königs die Rede geweſen; ſie hatte davon Anzeige gemacht, ihr Zeugniß aber war gegen den Mächtigen wirkungslos geblieben und hatte der Armen ſelbſt als Verläumderin das Leben gekoſtet. Corfitz Uhlefeld war jedoch bald nachher, weil er Urſache hatte, für ſeine 4* 52 Freiheit und ſein Leben zu fürchten, vielleicht auch aus böſem Gewiſſen, aus Dänemark entflohen. Er befand ſich jetzt wieder auf Fünen bei dem Könige Karl Guſtav. Mit ihm in Kopenhagen einzu⸗ ziehen, und dem Gelüſt der Rache gegen ſeine Feinde volles Genüge zu geben, war ſein glühender Wunſch und der Aufſchub, welchen der Zug in Folge der wech⸗ ſelnden Witterung erlitten hatte, konnte dem Könige nicht ſchmerzlicher ſein, als ihm Spät Abends am 14. Februar hatte ihn der Monarch aus Odenſe, wo er Quartier genommen, mehrmals nach Dalum⸗Kloſter hinaus rufen laſſen, um mit ihm einige Punkte über die Lage und Feſtigkeit der feindlichen Hauptſtadt zu beſprechen. Des Königs Seele arbeitete raſtlos an ihrem Plane: nur in dauernden Frieden ſchließen, auch ſeine andern Gegner laſſen. Der Sturm wüthete noch mit ungebrochener Macht und wie kurz auch der Ritt war, dem däni⸗ ſchen Grafen raubte er die Zuverſicht. empfing ihn gnädig, wie immer. das unſchuldige Opfer ſeiner Feinde— wie hätte er an einen ſo ſchwarzen Verrath glauben können? Der liſtige Däne hatte ſich auch in hohes Anſehen bei ihm würden bereit finden Kopenhagen konnte er einen zu welchem ſich dann Karl Guſtav Er hielt Uhlefeld für m 53 zu ſetzen gewußt; heut jedoch erſchien er dem Könige verändert, kleinmüthig. Er fragte ihn offen nach der Urſache dieſer Stimmung und Uhlefeld konnte ihm keine ſagen, gab auch die Veränderung in ſeinem Weſen nicht zu, ſondern erklärte ſich krank, die ſtets fertige Ausflucht bei jeder Verlegenheit. Noch war er nur kurze Zeit beim Könige, als Dahlberg gemeldet wurde. Das war ein ganz anderer Anblick! Vom Winde zer⸗ zauſt, mit wirrem Haar, in welchem ſchwere Tropfen hingen, die Reiterſtiefeln noch voll Schnee, erſchien Erik Dahlberg auch, aber ſein feſtes, kluges Ant⸗ litz verkündigte eher eine freudige als eine für ſeinen Herrn unliebſame Botſchaft. „Was bringſt Du?“ rief ihm der König entgegen. „Es trägt!“ war Dahlberg's Antwort.„Die Bauern, welche dem Reichs⸗Admiral abgerathen, haben gelogen.“ „Gott ſei Dank!“ rief der König mit blitzendem Auge„Sag' an wo biſt Du geweſen?“ „Auf Laaland, Majeſtät,“ erwiederte Dahlberg. „Ich bin von Svendborg über das Eis nach Taſing, von da nach der Inſel Langeland und weiter über die dritte Meerenge nach Laaland geritten— immer in geſchloſſenen Reihen und im Trabe, Majeſtät! Ich kann mich dafür verbürgen.“ den Monarchen mit aller Aufbietung ſeiner glänzenden 54 „Du biſt mein treueſter, beſter Bote!“ rief der König.„So iſt keine Zeit zu verlieren!“ Er entließ den Grafen Uhlefeld, welcher ſeine unlautern Hoffnun⸗ gen durch den Bericht des General⸗Quartiermeiſters wieder aufleben ſah, mit der Aufforderung, ſich bereit zu halten, ihn noch in der Nacht nach Nyborg, wo Wrangel lag, zu begleiten und ließ ſich dann nochmals von Dahlberg das Ergebniß ſeiner Recognoscirung vortragen. Bald nachher brach das königliche Haupt⸗ quartier von Dalum auf und kam durch einen raſchen Ritt noch in der Nacht in Nyborg an, wo der Reichs⸗ Admiral ſogleich von der Ankunft des Königs benach⸗ richtigt und zu ihm beſchieden wurde. Wrangel war dadurch überraſcht, er hatte ſchlechtere Nachrichten als Dahlberg und war weit entfernt zu ahnen, was der König beſchloſſen hatte. Als er ſich bei ſeinem Herrn einſtellte, fand er den Grafen Uhlefeld bei ihm, gegen welchen er von jeher das Mißtrauen hegte, daß er den König in übereilte Unternehmungen ſtürzen wolle. Zu ſeinem Erſtaunen ſtellte ſich jedoch der Däne heut, ſobald der König ſeinem Feldherrn den Entſchluß zum weitern Vorgehen auch über den großen Belt angekün⸗ digt und ihn um ſeine Meinung gebeten, er aber ehr⸗ lich davon abgerathen hatte, auf ſeine Seite und ſuchte 55 Rednergabe davon abzubringen Welche Wandlung war denn mit ihm vorgegangen? Hatte er vielleicht insge⸗ heim ſeinen Frieden mit dem königlichen Halbbruder ſeiner Gemahlin gemacht, für den Preis, daß er den gefährlichen Feind, welchen nichts in ſeinem Sieges⸗ laufe aufzuhalten ſchien, von einem weitern Vordrin⸗ gen erfolgreich abmahne? Gleichviel! Wrangel ſah dies Vordringen unter den jetzigen Umſtänden, wo jede Stunde das Eis unter den Füßen des marſchirenden Heeres brechen konnte, für eine Tollkühnheit an, die er nach ſeinem Gewiſſen als treuer Diener widerrathen müſſe und nahm die Unterſtützung des Dänen, welche ihm ſo unerwartet geboten wurde, gern an. Uhlefeld wurde aber nicht von Rückſichten auf das Heil des Königs Karl Guſtav und die Wohlfahrt des ſchwedi⸗ ſchen Reiches, ſondern nur durch die Gefahren, welche ſeiner eigenen Perſon drohten, zu der eifrigen Abmah⸗ nung beſtimmt, denn wenn er auch dem Tode unter dem Eiſe entging, wie mußte ſich ſeine Zukunft geſtal⸗ ten, wenn die Macht ſeines Beſchützers gebrochen wurde und Karl Guſtav, der niemals einen ſchimpflichen Frie⸗ den ſchließen konnte, mit dem Schwert in der Hand erlag? Der König hörte ihn, nicht ohne Zeichen von Un⸗ geduld, aber doch bis zu Ende an. Sein Aug reifte 3 giondern wandte ſich nun an Dahlberg und for⸗ einen Moment über Dahlberg hin, als wolle er ſich dort in ſeiner Anſicht wieder ſtärken, dann richtete es ſich auf Wrangel.„Was ſchlagt ihr Herren denn An⸗ deres vor?“ fragte er. Wrangel machte den König wiederholt auf den Thauſturm aufmerkſam, welcher draußen noch immer um die Dächer ſchnob und die Fenſter erzittern machte; er rieth das völlige Aufgehen der See abzuwarten und auf Schiffen, welche ja in ausreichender Zahl zur Ver⸗ fügung ſtänden, den Uebergang nach Seeland auszu⸗ führen— dies ſei jedenfalls ſicherer, als das Wag⸗ niß auf dem Eiſe, das nach übereinſtimmenden Aus⸗ ſagen der Strandbewohner in nächſter Friſt brechen werde. „Nun, mein wackerer Admiral, wenn der Däne etwa ſo vor der ſchwediſchen Küſte läge, wie wir auf ſeiner Inſel und er fragte unſere treuen ſchwediſchen Fiſcher, ob er wohl hinüber könnte an's feſte Land, glaubſt Du, daß ſie ihm als echte Schweden wenn auch das Eis klafterdick wäre, die Wahrheit ſagen würden?“ Wrangel war über dieſen Einwurf, der die Glaub⸗ würdigkeit ſeiner Nachrichten in Zweifel zog, etwas be⸗ troffen. Der König wartete indeſſen ſeine Antwort nicht —— —— 37 derte ihn auf, ſeine Ermittelungen, für die er ihn ver⸗ antwortlich mache, vorzutragen. Dahlberg gehorchte dem Befehl mit ſeiner ge⸗ wohnten überzeugenden Klarheit und ſchloß damit, daß, wenn nur das Wetter nicht ſchlimmer zum Thauen ſich wende, er mit ſeinem Kopfe die Sicherheit des Ueber⸗ gangs und wäre es mit einem Heere von 300,000 Mann, verbürgen wolle. Der König ſprach nun ſeinen feſten Entſchluß nochmals aus und aller Widerſpruch verſtummte. Es kam nur darauf an, die dazu nöthigen Befehle zu er⸗ laſſen und Wrangel war jetzt der Eifrigſte, ſie in Kraft zu ſetzen. Karl Guſtav wollte mit der geſammten Rei⸗ terei, für welche der Marſch auf der breitern Eisfläche des großen Belts von Nyborg grade auf Korſöe an der ſeeländiſchen Küſte allerdings nicht rathſam war, den weitern Weg von der Südſpitze Fünens über die drei Inſeln nach Seeland nehmen, während es Wran⸗ gels Ermeſſen anheimgeſtellt blieb, mit der Infanterie jene grade Richtung über das Eis einzuſchlagen oder dem Könige zu folgen. Am Morgen des 15. Februars brach Karl Guſtav mit zwei Reiter⸗Regimentern, welche bei Nyborg ſtanden, nach Svendborg auf, wohin auch die übrigen Regimenter, welche auf Fünen, wie ſchon bemerkt, in weitläufigen Quartieren zu ihrer Erbn eigenen Hauſe zu verknüpfen und in ſeine Dienſte zu 58 zerſtreut lagen, ſofort beordert wurden. Sie hatten ſich aber nur wörtlich genommen allzu ſehr zerſtreut, waren in den Quartieren nicht zuſammen geblieben, ſondern hatten ſich nach Beute in dem eroberten Lande umgethan und die einzelnen Edelhöfe mit Plünderung heimgeſucht, ſo daß, als der König nach einem ange⸗ ſtrengten Marſche von 5 ½ Meilen Abends in Svend⸗ borg ankam, er zwar 24 Compagnien, aber kaum 2000 Pferde fand, für den Nachzug der noch fehlen⸗ den Mannſchaften waren indeſſen von den Befehls⸗ habern die geeigneten Maßregeln getroffen. Den Truppen wurde nur eine kurze Raſt gegönnt. Dann brachen zuerſt unter Fabian Berents drei Regimen⸗ ter auf; ſein eigenes finniſches, Aſchebergs Regiment und das des Prinzen von Anhalt⸗Deſſau. Es führte ſeinen Na⸗ men noch, der Prinz aber, der ſich im Dienſte Karl Guſtav's, ſowohl in Polen als auch kürzlich bei der Eroberung von Friedrichsodde ſo großen Ruhm er⸗ worben, hatte das Heer auf den Wunſch ſeines Vaters, des regierenden Fürſten verlaſſen. Es war für ihn, der nach dem Laufe der Natur bald in der Regierung folgen mußte, eine Heirath im Werke, welche Friedrich Wilhelm, der Kurfürſt von Brandenburg, in Anregung gebracht hatte, um den jungen Helden mit ſeinem 59 ziehen. Die Braut, welche man ihm auserkoren hatte, war Henriette Katharina von Oranien, Schweſter der frommen Kurfürſtin Henriette Louiſe, welcher in unſern Tagen in der Stadt, die ihr zu Ehren Oranienburg genannt wurde, ein Standbild errichtet worden iſt. Die Verlobung wurde noch in demſelben Jahre, in welchem Johann Georg von Anhalt den ſchwediſchen Dienſt verließ, vollzogen, die Vermählung im folgenden Aus dieſer Ehe iſt einer der berühmteſten und populärſten deutſchen Kriegshelden entſproſſen, der unter drei Königen von Preußen ſich unſterbliche Lor⸗ beeren gepflückt, zuerſt im ſpaniſchen Erbfolgekriege für das Haus Oeſterreich in Italien, an der Donau und in den Niederlandeu, dann gegen Karl XII. von Schweden, zuletzt noch im zweiten ſchleſiſchen Kriege bei Keſſelsdorf, der letzten Schlacht ſeines Lebens; wer kennt ihn nicht den alten Deſſauer? Prinz Johann Georg nahm alſo an dem Kriegs⸗ zuge über den großen Belt nicht mehr Theil, wohl aber waren die andern fünf deutſchen Fürſten, deren Namen wir bereits erwähnten, bei den wenigen Rei⸗ tergeſchwadern, mit welchen Karl Guſtav denſelben un⸗ ternahm. Eine Kriegsthat, welche faſt einzig in der Geſchichte daſteht und die Bewunderung aller Zeitge⸗ noſſen erregte, wie ihr auch die der Nachwelt für alle 60 Zeiten geſichert iſt. Ehe der König den ihm voraus⸗ gegangenen drei Regimentern mit den übrigen folgte, erhielt er noch vom Reichs⸗Admiral die Meldung, daß nach einer angeſtellten militäriſchen Recognoscirung, welche bis zur Inſel Spröe vorgedrungen war, der Uebergang auf kürzeſtem Wege auch für das Fußvolk nicht rathſam ſei und er daher mit der Infanterie und Artillerie dem Könige über die Inſeln nachmarſchiren werde. Karl Guſtav hieß das gut und brach nun ſo⸗ gleich auf, um noch in der Nacht über die Inſel Taſing nach Langeland überzuſetzen. Es war eine furchtbare Nacht! Noch hielt der Sturm an, der die dunkeln, ſchweigenden Reiterſchaa⸗ ren umtobte; oben der Sturm und unten die rollen⸗ den Wogen gaben dem Eiſe hier und da eine wellen⸗ förmige Bewegung, welche die Pferde furchtſam machte. Der Schnee war ſchon weich und wurde bald unter den Hufen zu einer wäſſerigen Maſſe, welche fußhoch über dem Eiſe ſtand und den Marſch unglaublich er⸗ ſchwerte. Der Himmel war ſchwarz behangen, wie ein Bahrtuch über der allgemeinen Gruft, welche ſich in jedem Moment öffnen konnte. Doch der Herr des Him⸗ mels, der über den jetzt verhüllten Sternen thront, war gnädig und ließ die kühne That gelingen. Am Morgen des 16. Februars, nachdem in 24 Stunden 6 ½ 8 Meilen zurückgelegt waren, ſtand Karl Guſtav auf Langeland und machte in Rudkjöbing Raſt bis zum Mittag, um die Pferde wieder zu ſtärken und alle Nachzügler heran kommen zu laſſen Nachmittag ging es weiter, quer über die Inſel bis zu der Fährſtelle, wo die Schiffer den Langeland⸗Belt, welcher dieſe In⸗ ſel von der größeren, Laaland trennt, überſetzen. Der Belt iſt hier faſt zwei Meilen breit. Aber das milde Wetter war im plötzlichen Ueber⸗ gange wieder in harten Froſt umgeſchlagen, ſo daß ſelbſt die Vorräthe an Brod, Fleiſch und Getränken zu frieren begannen. Gegen Morgen ſchon hatte ſich der Sturm gelegt, ein klarer Winterhimmel begünſtigte den Ueber⸗ gang nach Laaland, bei welchem der General⸗Quar⸗ tiermeiſter Dahlberg, der bereits hier geweſen, voraus⸗ ritt, um den Weg zu zeigen. Die Schwadronen rückten in fünf Colonnen auf gleicher Höhe, mit großen Zwi⸗ ſchenräumen breit auseinander gezogen, über das Eis — der König in ihrer Mitte mit ſeinem zahlreichen Gefolge, in welchem außer den fünf deutſchen Fürſten, dem Grafen Uhlefeld und den höheren Gene⸗ ralen ſeines Heeres, noch der Reichsmarſchall Oxen⸗ ſtierna und die Reichsräthe Steen Bielke und Graf Ludwig Löwenhaupt genannt werden. Schon um drei Uhr Nachmittags war der Ueber⸗ 62 gang bewerkſtelligt und die kleine ſchwediſche Macht, bis jetzt nur Reiterei, ſtand auf Laalands Boden. Dieſe Inſel iſt von allen zur Krone Dänemark gehö⸗ rigen Ländern das fruchtbarſte und reichſte; ihre Haupt⸗ ſtadt Naskov war damals ſtark befeſtigt, mit fünf Ba⸗ ſtionen und einem doppelten Graben verſehen, hatte eine Armirung von 45 Geſchützen und gegen 1700 Mann Beſatzung. Der König hatte weder Geſchütz, um die Stadt zu beſchießen und Breſche zu legen, noch Infanterie, um zu ſtürmen, dennoch ließ er ſogleich den Commandanten von Naskov zur Uebergabe auf⸗ fordern. Vor den Schweden ging der entnervende Schrecken her; ſeit der Einnahme von Friedrichsodde, das ſogar die Reiterei von der Meerſeite angegriffen hatte, ſchien ihnen nichts mehr unmöglich, ſie hatten den kleinen und großen Belt, über welchen letzteren ſeit Jahrhunderten kein Roß gegangen, überſetzt und ſtanden kaum 1 ½ Meile von Naskov entfernt. Der Commandant verlor den Kopf und ergab ſich mit ſei⸗ ner ganzen Beſatzung, ohne einen Schuß zu thun; der Magiſtrat in ſeiner Herzensangſt machte ſich noch in der Nacht bei Fackelſchein auf, um dem Könige die Schlüſſel der Stadt entgegen zu tragen⸗ Auch das große Laaland war ſomit unterworfen; Karl Guſtav ernannte Guſtav Banér zum Commandanten von 63 Naskov, wo er eine kleine Beſatzung ließ, die gefan⸗ genen Dänen wurden wie gewöhnlich, in die ſchwedi⸗ ſchen Regimenter eingeſtellt. Am 17. Februar verlegte der König ſein Hauptquartier nach der alten Stadt Savljöbing, weiter weſtlich am Belt, während Wran⸗ gel mit Zurücklaſſung von etwa 3000 Mann zur Deckung von Fünen, die übrigen Streitkräfte von Ny⸗ borg an der Küſte entlang, ohne Taſing zu berühren, auf einem etwas nähern, aber breiteren Wege über die Meerenge nach Langeland führte, wo er am 18. an⸗ kam. Der König wartete ihn nicht ab, ſondern ging an dieſem Tage ſchon über den Gusborg nach Falſter und auf dieſer Inſel gleich bis an die Sundfähre vor, die Küſte von Seeland mit dem Schloſſe Vordingborg nun im Angeſicht. Von hier ließ er am 19. das Re⸗ giment Smaland den eine Meile breiten Grönſund überſchreiten und das Schloß von Vordingborg auf Seeland als Stützpunkt für den Uebergang beſetzen. König Waldemar III, der von ſeinem Sprichwort: „es gibt noch einen andern Tag!“ den Beinamen „Atterdag“ erhalten, hatte dies uralte Schloß vor ſechshundert ZJahren ſtark befeſtigt und der Hanſa zum Spott den Thurm mit der goldenen Gans erbaut, wo er die deutſchen Gefangenen einſperrte— ſie haben es ihm aber vergolten, die deutſchen Städte; von 77 64 Hanſaſtädten erhielt er einzeln die Abſagebriefe, die geſammte deutſche Kaufmannswelt von der Schelde bis zur Narva, deren Flotte zum Schutze ihres Handels die ganze Nord⸗ und Oſtſee beherrſchte, wie Venedig das Mittelmeer, ſetzte ſich gegen den Dänenkönig in Bewegung und erzwang ſich in einem neunjährigen ruhmvollen Kriege, in welchem ſelbſt Kopenhagen fiel, den vortheilhafteſten Frieden. Waldemar's Trutzfeſte am Grönſunde war ſeitdem längſt verfallen und von den Dänen auch nicht beſetzt, die ſchwediſchen Reiter konnten daher ohne Widerſtand einziehen. Sie entſen⸗ deten ſogleich Streiftruppe auf Kundſchaft in die In⸗ ſel hinein, gegen Roeskild hin, die älteſte Königſtadt des Reiches, aber nirgend begegneten dieſelben feindli⸗ chen Partheien, ſie konnten nur die Flucht des Land⸗ volks melden, das vor den gefürchteten Schweden über⸗ 4 die Dörfer verließ und Schutz in Kopenhagen ſuchte. Karl Guſtav blieb mit den andern Reiter⸗Regi⸗ mentern noch zwei Tage auf Falſter. Jetzt mußte er Wrangel mit der Infanterie und Artillerie abwarten, denn er konnte nicht anders glauben, als daß die Dä⸗ nen eine Schlacht zum Schutz ihrer Hauptſtadt ſchla⸗ gen würden und ſo viel er darüber wußte, waren ihre Streitkräfte dazu auch vollkommen ausreichend, wenig⸗ NM 65 ſtens der Zahl nach den ſeinigen vollkommen gewach⸗ ſen. Am 19. war Wrangel auf Laaland angekommen, wo ihm der König auch einen Ruhetag gab, deſſen die Infanterie nach den übermäßigen Anſtrengungen ſo⸗ ſehr bedurfte. Karl Guſtav ſelbſt ging am 21. mit einer ſtarken Escorte nach Vardingborg über, um ſich durch eine Recognoscirung mit eigenen Augen von dem Zuſtande der Dinge auf Seeland zu überzeugen. Als er noch an demſelben Tage, nachdem er alle früher eingegangenen Meldungen beſtätigt gefunden hatte, nach Falſter zurückkehrte, fand er ſeinen Reichs⸗Admi⸗ ral Wrangel mit den Völkern zu Fuß und den weni⸗ gen Geſchützen, die er hatte mitnehmen können, auf der Inſel angekommen, ſo daß nun die kleine Streit⸗ macht, mit welcher er den letzten Schlag führen wollte, vereinigt war. Es iſt eine alte Wahrheit in der Kriegskunſt, daß der Angreifer im weitern Vorgehen ſich ſchwächt — nicht allein wird ihm der Nachſchub zum Erſatz ſeiner Verluſte ſchwer, ſondern er muß auch zur Deckung der gewonnenen Landſtriche, zur Beſetzung eroberter Punkte Truppen zurücklaſſen, während der vor ihm zurückweichende Vertheidiger ſich ſeinen Hilfsquellen und großen Waffenplätzen nähert, aus jenen ſich verſtärken, an dieſen einen feſten Halt gewinnen kann, um nun, Guſeck, Karl x. Guſtav. n. 5 66 wenn das Gleichgewicht der Kräfte ſich einigermaßen hergeſtellt hat, die Entfcheidung zu ſuchen, ja ſelbſt die Offenſive zu ergreifen. Man hat daraus dem Vertheidigungskriege das Wort geredet und damit das höchſte, wenn auch unberechenbarſte Element der Kriegsführung das immer auf Seiten der Thatkraft, folg⸗ lich des Angriffs ſein wird und Wunder bewirken kann, außer Acht gelaſſen. Moraliſch wird immer der An⸗ greifer, der mit Energie handelt, ſtatt abzuwarten, t Vortheil ſein, er erobert ſich auch die Meinung der elt. Karl Guſtav hatte jene Schwächung ſeiner Streit⸗ kräfte auch nicht vermeiden können. Als er ſein kleines Heer, das kaum noch ein ſolches zu nennen war, bei Stubbekjöbing auf Falſter wieder vereinigt hatte, war es etwa nur 5000 Pferde und 1500 Mann Fußvolk ſtark. Er verhehlte ſich nicht, welche Schwierigkeiten ihn noch erwarteten, wenn König Friedrich es auf das Aeußerſte ankomuten ließ, aber er hatte ſchon Größe⸗ res durch ſeine Eroberung von Holſtein, Schleswig, Jütland, Fünen und durch ſeinen Zug über das Meer vollbracht und ſtand nur wenige Meilen vor der feind⸗ lichen Hauptſtadt, wo ihm der goldene Preis des Sie⸗ ges winkte— ſollte er noch im letzten Angenblicke vor ſchwächlichen Erwägungen zurückbeben? Als er am 67 vorigen Tage von Vardingborg auf einem Schlitten, unter Bedeckung von zwei hundert finniſchen Reitern ſeine Recognoscirung unternommen hatte, waren von ſeiner Spitze einige Herren mit ihrer Begleitung an⸗ gehalten und ihm gemeldet worden, die ſich als Abge⸗ ſandte an ſeine Perſon bekundet hatten. In der That waren es die Herren von Gersdorff und von Scheel, welchen ſich der Geſandte der Republik Eng⸗ land beim däniſchen Hofe, Mr. Mradow, als Ber⸗ mittler zugeſellt hatte. Sie waren ſehr erfreut, den König unterwegs zu treffen, begrüßten ihn mit höchſter Ehrfurcht, bekundeten ſich als Unterhändler mit neuen Vollmachten für den Frieden und trugen wiederum auf einen Waffenſtillſtand an, diesmal nur von drei Tagen. „Nicht drei Stunden!“ antwortete ihnen der König. „Nicht drei Stunden werde ich Euch Ruhe laſſen! Ich habe dieſen Krieg nicht begonnen, ihr Herren— Schweden hat den Frieden von Brömſebro nicht ge⸗ brochen. Habt Ihr neue Vollmachten, einen feſten und ehrlichen Frieden zu ſchließen, ſo lade ich Euch nach dem Schloſſe Vardingborg ein, dort werde ich Euch meine Bevollmächtigten ſenden, von denen Ihr meine Bedingungen hören ſollt. Aber die Waffen laſſe ich darum keinen Tag, keine Stunde ruhen!“ Er blieb allen ihren Vorſtellungen, auch denen 18 engliſchen 5 68 Geſandten, unerbittlich und kehrte zwar, wie ſchon ge⸗ ſagt, nach Falſter zurück, aber nur, um dort ſeine jetzt vereinigten Truppen zu muſtern und am folgen⸗ den Tage ſämmtlich über die letzte Eisfläche nach See⸗ land überzuführen. In Vardingborg wurden die auf Soröe geſcheiterten Friedensunterhandlungen allerdings angeknüpft, doch mußten die Dänen auch hier den un⸗ beugſamen Stolz des Siegers bitter fühlen, denn zu den ſchwediſchen Bevollmächtigten hatte der König den Grafen Corfitz Uhlefeld geſellt, der in Dänemark ge⸗ ächtet, ihnen ein Gegenſtand der Furcht und des Haſſes war. Karl Guſtav blieb ſeinem Entſchluſſe treu, die Waffen nicht ruhen zu laſſen, er behielt ſein Ziel un⸗ verrückt im Ange. Nach Schweden war an General Steenbock, welcher dort commandirte, der Befehl ergan⸗ gen, ſofort in Schonen am Sunde, das den Dänen noch gehörte, einzumarſchiren, zwiſchen Helfingborg und Landscrona zur Behauptung der Landſchaft ein Lager zu beziehen, und 2000 Mann über das Eis nach Seeland zur Verſtärkung abrücken zu laſſen. Dieſe konnten freilich erſt nach der Entſcheidung eintreffen, ſie waren aber beſtimmt, die Lücken, welche dieſelbe mit ſich bringen mußte, wieder auszufüllen. Der König rechnete nicht feſt auf ſie, er vertraute vor der Hand S—————— 69 nur auf ſeine nächſten Truppen, welche er in gradeſter Richtung gegen die feindliche Hauptſtadt, die von Var⸗ dingborg in wenigen Tagemärſchen zu erreichen iſt, vorführte. Ein tiefer Schneefall, welcher auf Seeland eingetreten war, erſchwerte zwar den Marſch, aber die Siegeszuverſicht der Schweden ließ ſie jede Mühſal verachten. 6 Wie ſah es nun aus in Kopenhagen? War die Hauptſtadt durch ihre Feſtigkeit gegen einen feindlichen Angriff wohl geſchirmt, mit Vorräthen gegen eine län⸗ gere Belagerung verſehen? Konnte der König auf ſeine Feldherren und Räthe, auf ſeine Truppen ſich verlaſſen, fand er bei ſeinem Volke die Opferfreudigkeit, welche willig Gut und Blut für die Vertheidigung des Vater⸗ landes hingibt? Die aufgeſtellte Waffenmacht war der ſchwediſchen an Zahl überlegen, ſie zählte— die Angaben ſind verſchieden— an geworbenen Reitern und Aufgebot der Ritterſchaft etwa 3000 Pferde, dieſe konnten ſich freilich mit den Schweden im freien Felde nicht meſſen, dafür aber waren gewiß 6000 Mann Fußvolk vor⸗ handen, theils geworbene Knechte, Seeſoldaten und Matroſen, theils Aufgebot von Landvolk und überdem hatte ſich in der Stadt eine Bewaffnung der Bürger⸗ 70 ſchaft und ihrer Geſellen, ſowie der Studenten, organiſirt. Die Stadt dagegen, welche vertheidigt werden ſollte, war in einem Zuſtande faſt völliger Wehrloſig⸗ teit An die Möglichkeit, daß Kopenhagen jemals einer feindlichen Belagerung ausgeſetzt werden könnte, ſchien ſeit Jahrhunderten kein König von Dänemark mehr gedacht zu haben. Die Hauptwerke, wie die ſehr weit ausgedehnten Außenwerke waren verfallen, an vielen Stellen konnte man über die eingeſunkenen Bruſtweh⸗ ren, die hier und da kaum noch eine Elle hoch waren, hinwegreiten; das Meer, welches von der andern Seite die Königsſtadt vertheidigte, zeigte weit hinaus eine feſte Eisdecke und war daher eher dem Feinde günſtig. Auch mit den Vorräthen ſah es übel aus, Zufuhr war nicht mehr möglich; es fing ſogar Waſſermangel an, ſich fühlbar zu machen, da der ſtarke Froſt einen Brun⸗ nen nach dem andern einfrieren ließ, wie er die Müh⸗ len, auf die man noch für das fehlende Mehl vertraut, ſchon zum Stillſtande gebracht hatte. Schlimmeres noch ließ ſich von der Stimmung der Bevölkerung ſagen; ſie war in der größten Aufregung, aber nicht in einer ſolchen, wie ver Vaterlandsfreund ſie gegen den einge⸗ drungeneu Feind hofft, ſondern ſie drohte mit Aufruhr und Empörung, weil ihnen dieſer Feind, mit welchem —— — vor Kopenhagen geſtanden, um 7¹ man im tiefſten Frieden gelebt, muthwillig auf den Hals gelockt worden. Das Landvolk, das von allen Seiten in die Hauptſtadt geflüchtet war, vermehrte noch die unzufriedene Menge und verbreitete durch ſeine Er⸗ zählungen Furcht und Schrecken. Dazu kamen Ver⸗ ſprengte von Paßbrog's Regiment, welche meldeten, daß feindliche Reiterſchaaren ſie bei Roeskild überfallen hätten, und bereits bis in die Nähe von Kopenhagen ſtreiften. Die Volkswuth richtete ſich jetzt gegen die eigenen Truppen und beſchuldigte ſie der Feigheit und des Verraths, daß ſie nicht draußen im freien Felde, wie ehrliche Soldaten, dem Feinde die Schlacht böten, ſtatt in der unglücklichen Stadt ſich aufzuſtellen und ihr alle Schrecken eines Sturmes zuzuziehen. General Trampe hatte allerdings mit einer ſtar⸗ ken Reiterabtheilung bei Kiöge, beinahe ſechs Meilen die Bewegungen des auf Seeland angekommenen Feindes zu beobachten; als er aber die Meldung erhalten hatte, daß ſich das ganze ſchwediſche Heer, deſſen Stärke übertrieben angegeben wurde, im raſchen Vormarſch gegen die Hauptſtadt be⸗ finde, hatte er es für gut befunden, ſich ſchleunigſt da⸗ hin zurückzuziehen. König Karl Guſtav hatte ſeinen un⸗ ermüdlichen Oberſt Aſcheberg wiederum mit ſeinem Re⸗ 72 giment und zwei Dragoner⸗Compagnien vorausgeſchickt, um den Feind, nach deſſen Zahl er gar nicht mehr fragte, bei Kiöge oder wo er ihn ſonſt finde, anzugrei⸗ fen. Aſcheberg fand den däniſchen General nicht mehr, der bereits abmarſchirt war, aber er folgte ihm noch am Abende des 23. Februars über Kiöge hinaus, nahm einen feindlichen Streiftrupp von einem Corpo⸗ ral und zehn Reitern gefangen, und erfuhr dadurch, daß in zwei benachbarten Dörfern, ſeitwärts gelegen, däniſche Reiterei im Quartier liege. Dieſe zu über⸗ fallen, war zu lockend, Aſcheberg mußte jedoch die Un⸗ ternehmung in der Nacht bei tiefem Schnee im durch⸗ ſchnittenen Lande, deſſen er ganz unkundig war, auf⸗ geben. Dafür rückte er noch anderthalb Meilen weiter gegen die Stadt Roeskild vor und hier führte ihm das Glück gegen Morgen, als es noch dunkel war, zwei däniſche Reiter⸗Compagnien in die Hände. Wa⸗ rum dieſe einen Nachtmarſch gemacht, iſt unermittelt, gewiß aber, daß ſie ſich ganz ſicher gefühlt, denn die beiden Rittmeiſter hatten ſich gemüthlich in einen Schlitten geſetzt und waren, an der Spitze ihrer Com⸗ pagnien fahrend, feſt eingeſchlafen, welchem Beiſpiele wohl viele ihrer Reiter im Sattel gefolgt ſein mochten. Die Nacht war ſehr ſtill; Aſcheberg hörte den Zug kommen, vertheilte ſeine Compagnien rechts und links 73 vvm Wege und ſiel plotzlich, von allen Seiten heran⸗ jagend, über die Dänen her, von denen nur Wenige entkamen, eben jene Verſprengten, von denen oben die Rede geweſen iſt. Dann kehrte Aſcheberg mit ſeiner Beute um, und als der König am Morgen des 24. Februar in Kiöge einmarſchirte, ſtellte ihm ſein glücklicher Partheiführer 6 Officiere und 140 Mann als Gefangene vor; auch die beiden Standarten der überfallenen Compagnien legte er ſeinem Monarchen zu Füßen, der ihn dafür von Neuem ſeiner Zufrieden⸗ heit und Gnade verſicherte. Noch am 24. mußte ein großer Theil der Rei⸗ terei von Kiöge wieder aufbrechen, um die däniſchen Vortruppen, welche noch außerhalb Kopenhagens die beherrſchenden Punkte bei Wally und Neu⸗Amager be⸗ ſetzt hatten, zu vertreiben und ſich dann im Angeſicht der feindlichen Hauptſtadt zu zeigen. Der König rückte am 25. mit ſeiner ganzen Macht nach und nahm ſein Hauptquartier, nur anderthalb Meilen noch von Kopen⸗ hagen in Thorslunde⸗Magle. Hier konnte er nun in ſeinem Siegeslaufe, ehe er zum Aeußerſten ſchritt, einen Tag oder zwei inne halten, um den Erfolg der Unterhandlungen abzuwarten. Dieſe waren, als das Vorrücken des ſchwediſchen Heeres die Verbindung der Geſandten König Friedrichs mit ihrem Herrn abſchnitt, 7⁴ wenigſtens erſchwerte, von Vardingberg nach Thoſtrup, zwei Meilen ſeitwärts von Kopenhagen verlegt worden und der König ſollte nun über die harten Bedingun⸗ gen, welche ihm ſein ſchwer gereizter Gegner geſtellt, entſcheiden. Wenn er ſich nur noch einige Wochen hal⸗ ten konnte, dann hatte das Meer ſeine Eisdecke abge⸗ worfen, dann kam vielleicht die verheißene Hülfe aus Holland herein, die übrigen Bundesgenoſſen, der Kai⸗ ſer, der Kurfürſt von Brandenburg, die Polen, ſelbſt der Czar konnten dann ihre geſammte Macht gegen den Trotzigen in das Feld geführt haben, der nun, abgeſchnitten auf Seeland, ohne die Möglichkeit eines Rückzuges nach Schweden, wenn feindliche Flotten das Meer beherrſchten, dem ſchimpflichſten Untergange ge⸗ weiht war. Durfte ſich aber Friedrich der Dritte ſo ſchmeichelnden Hoffnungen hingeben? In ſeiner Haupt⸗ ſtadt eingeſchloſſen von einem Feinde, dem der Zau⸗ ber der Unbezwinglichkeit voranleuchtete, von dem jeden Augenblick ein Sturm, wie der von Friedrichs⸗ odde zu erwarten ſtand, und keine ſturmfreien Feſtungs⸗ werke, in der Stadt die Hungersnoth, der drohende Aufruhr! Wenn König Friedrich den Sturm ab⸗ wartete, und der Schwede Kopenhagen mit dem Schwerte nahm— wer konnte die entſetzlichen Folgen nur denken, welche ſich daraus ergeben W — b 75 mußten? Der König von Dänemark vielleicht ein Flüchtling— die drei Kronen des Nordens wieder vereinigt, aber nun auf dem Haupte des ſtolzen Feindes! viertes Kapitel. Ein kurzer Friede. Vier und zwanzig volle Stunden berieth ſich Friedrich der Dritte, ehe er zum Entſchluß kommen konnte! Auf den wichtigſten Punkten vor der Stadt ſah man die ſchwediſchen Poſten, fern zwar noch, aber doch nahe genug, um einen Gewaltſtreich befürchten zu laſſen und einem ſolchen ſchienen die däniſchen Trup⸗ pen bei der ollgemeinen Entmuthigung nicht gewachſen. Kopenhagen war von aller Verbinduug mit der Außen⸗ welt abgeſchnitten, kein Bote, kein Brief, kein Hülfe⸗ ruf konnte nach Deutſchland oder nach Holland drin⸗ gen. Vom Kaiſer wußte man wohl, daß er mit dem Kurfürſten von Brandenburg ſich zu Dänemarks Bei⸗ W ſtand verbunden hatte, aber wie langſam das ſich vor⸗ bereitete, wußte man auch und wenn unterdeſſen hier Alles in Trümmer ſtürzte, ſo war von beiden ſtaats⸗ klugen Häuptern vorherzuſehen, daß ſie ihren Frieden auf gute Bedingungen mit Karl Guſtav ſchließen wür⸗ den. Auch war die Vollziehung des Tractats, welche erſt am 15. Februar zu Berlin ſtattfand, natürlich in Kopenhagen noch unbekannt. Eben ſo wenig wußte man hier von dem Beſchluſſe, den die Generalſtaaten von Holland gefaßt hatten, ſobald als möglich 7000 Mann Dänemark zu Hülfe zu ſenden. Man glaubte ſich in der äußerſten Noth von Allen verlaſſen. Da gewann es denn der König nach ſchwerem Kampfe über ſich, die Forderungen, von denen der hochfahrende Sieger auch nicht eine nachließ, endlich anzunehmen. Als Karl Guſtav die Kunde davon em⸗ pfing, erregte ſie ihm zuerſt nicht die erwartete Freude und Genugthuung— es kam ihm vor, wie ein halb vollendetes Werk, wenn auch dieſer Frieden mit ſeinen Bedingungen Dänemarks Macht im Norden für immer zu brechen ſchien. Vernichtung des Feindes! war das Ziel, das der Kriegsheld von jeher befolgt hatte; der Gegner, der nur zu Boden geworfen war, konnte ſich unter günſtigern Umſtänden wieder erheben und daß Dänemark nie vergeſſen würde, was er ihm zugefügt, 78 daß es auf jede Gelegenheit lauern werde, ſich die entriſſenen Landſchaften und die alte Macht wieder an⸗ zueignen, wußte der Schwedenkönig nur zu gut. Eine ſolche Gelegenheit konnte ſich aber in gar kurzer Friſt bieten, ſo lange noch eine Welt in Waffen gegen ihn ſtand. Sollte alſo Frieden geſchloſſen werden, ſelbſt auf ſo große Bedingungen? Karl Guſtav war nur einen Moment zweifelhaft, er konnte ſich der Ueberzeugung nicht verſchließen, daß er ſchon Alles auf eine gefährliche Spitze getrieben hatte und dieſe mit ihm zuſammen brechen mußte, ſo bald er hier noch weiter ging. Ein Sturm auf Kopen⸗ hagen bot, wegen der geringen Streitmacht, über welche er zu verfügen hatte, kaum eine Ausſicht auf Erfolg; eine Belagerung war bei dem Mangel an ſchwerem Geſchütz und anderm Belagerungsmaterial, obenein in dieſer Jahreszeit, ganz unmöglich Wozu alſo noch ein tollkühner letzter Verſuch oder wozu gar eine Säum⸗ niß, da man Ende Februar nicht mehr lange auf den anhaltenden Froſt, auf die Dauer der Brücke, welche das Eis über das Meer geſchlagen, alſo noch auf einen Rückzug ſicher rechnen konnte? Der König ließ es denn auch geſchehen, daß die Friedenspräliminarien im Ko⸗ gerkruge bei Thoſtrup am 28. Februar 1658 unter⸗ zeichnet wurden. Die Ratification ließ nicht lange auf ————— 79 ſich warten, ſie erfolgte ſchon nach acht Tagen und ſo kam denn am 8. März in der uralten Königsſtadt Roeskild, wo Harald Blauzahn und viele Herrſcher, bis auf die letzte Eſtritidin, Margaretha, und nach ihr noch mancher König ſeine Grabſtätte gefunden, der be⸗ rühmte Friede zu Stande, welcher Schweden's Macht auf ihre Gipfel erhob und ſein Uebergewicht im Norden bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein, be⸗ feſtigte. Dänemark mußte Schonen, Halland, Blekingen, Drontheim, Bohus⸗Lähn und die Inſeln Hwen und Bornholm an Schweden abtreten, auch in die Bedin⸗ gung willigen, daß die Oſtſee fremden feindlichen Flöt⸗ ten verſchloſſen bleiben und jede derſelben, die ſich hinein wagte, mit gemeinſamer Macht vertrieben wer⸗ den ſollte. Dieſe Bedingung war namentlch gegen Holland gerichtet. Wichtig waren endlich die Forderun⸗ gen, welche Karl Guſtav für ſeinen Schwiegervater, den Herzog von Schleswig⸗Holſtein⸗Gvottorp, den er dabei nicht vergeſſen, durchgeſetzt hatte. Danach ſollte Schleswig ein ſouveraines Herzogthum und die Her⸗ zoge von Gottorp nicht weiter genöthigt ſein, Lehn bei der Krone Dänemark zu ſuchen, ferner ſollte die ge⸗ meinſchaftliche Regierung über Prälaten und Ritter⸗ ſchaft in den beiden Herzogthümern, als eine Wurzel ſo vieles Streites, aufgehoben werden Der erſte Haupt⸗ punkt iſt nachher nochmals in dem allgemeinen nordi⸗ ſchen Frieden von Oliva ausgeſprochen und erfüllt worden— ſpätere Ereigniſſe haben Schleswig wieder zu Dänemark gebracht: unſere Tage wiſſen davon zu reden. Der andere Punkt, die Aufhebung der gemein⸗ ſchaftlichen Regierung in den Herzogthümern über Prälaten und Ritterſchaft, wie ſie in dieſen Blättern bereits früher dargeſtellt worden iſt, wurde durch die beiden Stände ſelbſt vereitelt. In ganz Europa erregte der mit ſo wunderba⸗ rem Erfolge gekrönte Kriegszug Karl Guſtav's die größte Aufmerkſamkeit und Theilnahme; Gott der Herr hatte ihn ſichtbar begünſtigt durch die Eisbrücke über das Meer, nach welcher die deutſchen Heere in unſerer verhängnißvollen Zeit ſich vergebens geſehnt haben. Wird den Herzogthümern ihr Recht, nun ſo wollen wir gern Alles vergeſſen— kommt es aber endlich doch zur Waffenentſcheidung in dem langen traurigen Streite, dann möge uns wiederum der Weg bereitet werden, welcher vor zweihundert Jahren ein kleines, tapferes Häuflein unter einem wrillensſtarken Helden ſiegreich bis zur Hauptſtadt des argliſtigen Dänen ge⸗ führt hat. Es konnte nicht fehlen, daß ſich auch die ge⸗ 81 ſchmackloſe Pedauterie damaliger Poeten des Stoffes bemächtigte und allerlei Wortſpiele, die ſie artig und ſcharfſinnig nannten, zu Ehren des Siegers in die Welt fliegen ließ. So führte Einer aus, Gott habe durch die Brücke, die er über die Oſtſee geſchlagen, den Menſchen bewieſen, daß Er der Pontifes maxi- mus ſei; die Menſchen verſtanden nur größtentheils die Gelehrſamkeit nicht, weil ſie das oberprieſterliche Pontifex nicht in ſeiner Ableitung vom Brückenſchla⸗ gen kannten. Ein Anderer ſpielte mit den Worten Sued und Pania und brachte, gewiß zu ſeiner eigenen höchſten Befriedigung, folgendes klaſſiſche Diſtichon zu Wege: Sued Deus est retro; scd Dania versa Diana: Ne mirere Deo succubuisse Dea. Zu deutſch: Sued iſt rückwärts Peus, und Pania verändert iana: Nicht zu verwundern daher, daß die Göttin dem Gotte erlag. Als der Friede geſchloſſen war, erhielten die ſchwediſchen Truppen Befehl, ſofort ihre Poſitionen vor Kopenhagen zu räumen und bis Kjöge zurückzugehen. Das Heer ſollte ſo lange in ſeinen verſchiedenen Quar⸗ tieren in Dänemark bleiben, bis die Friedensbedingun⸗ gen in allen Punkten vollzogen wären und die Armen, Gufeck, Karl X. Guſtav. n. 6 8² ſobald die See wieder frei ſei, ſicher nach Schweden übergeführt werden könnte. Die beiden Könige aber kamen, zu aufrichtiger Befeſtigung des Sühnewerks, in dem vier Meilen von Kopenhagen gelegenen Schloſſe Friedrichsborg zuſammen, dem Prachtbau König Chri⸗ ſtians 1V., der in unſern Tagen ein Raub der Flam⸗ men geworden iſt. Zur Zeit Friedrichs II., von wel⸗ chem das Schloß den Namen hat, ſtand an derſelben Stelle der Edelhof Hillerödsholm, welchen der König von dem Reichs⸗Admiral Herluf Trolle gegen das aufgehobene und eingezogene Skow⸗Kloſter eintauſchte und zu einem königlichen Sitze umbauen ließ. Chriſtian IV. hatte dann dies alte Gebäude abbrechen und durch die be⸗ rühmteſten Baumeiſter und Künſtler Europa's das neue herrliche Schloß errichten und ſchmücken laſſen. Als ſein Sohn mit Karl Guſtav hier friedlich zuſammen kam, ſtand es in voller Pracht und erregte die Be⸗ wunderung jedes Gaſtes, den es in ſeinen prunkenden Räumen aufnahm. Es lag mitten in einem friſchen See und beſtand aus drei Haupttheilen, deren jeder mit Waſſer umgeben, aber durch Brücken mit den an⸗ dern verbunden war. Der Vorban hatte die Geſtalt eines Hornwerks, mit einer gerade hindurch führenden Gaſſe, zu beiden Seiten mit Gebäuden für Diener⸗ ſchaſt und Stallungen eingefaßt. Eine ſteinerne Bogen⸗ 83 brücke führte zu dem zweiten Vorhofe, deſſen Thor in einem hohen Thurm lag, hier waren die Wohnungen für die Cavaliere und höhern Beamten des Hofes, auch die königliche Küche. Aus dieſem Vorhofe gelangte man über eine dritte ſchöne Brücke zu dem prachtvollen Portal, welches den Haupteingang zum Schloſſe bildete. Es war aus Sandſtein gearbeitet und mit der reich⸗ ſten Bildhauerarbeit und Vergoldung geziert. Das Hauptgebäude hatte drei Flügel von vier Stockwerken, und war mit Kupfer gedeckt und von mehreren Thür⸗ men überragt; der Mittelbau zeigte in zwei Stockwer⸗ ken je ſieben Arcaden, deren Niſchen und Bogen mit Marmorbildern prangten. Auch lebendige Waſſerkünſte fehlten nicht, dieſe aber, wie den anmuthigen Schloß⸗ garten, hielt im März 1658 der Winter noch ge⸗ fangen. Die Zuſammenkunft war, was die äußern For⸗ men betraf, ſehr freundlich. Eine königliche Staatska⸗ roſſe in der ſchwerfälligen Pracht jener Zeit mit Stall⸗ meiſtern und Lakaien, das edle Sechsgeſpann mit Fe⸗ derbüſchen und reichen Decken geſchmückt, fuhr dem hohen Gaſte Friedrich's des Dritten entgegen, um ihn mit einem Ehrengeleit von des Königs Leibregiment nach Friedrichsborg zu flhren. Auch für ſein Gefolge waren königliche Wagen beſtellt. Zahlreiche Trabanten 6 8¹ in ihren rothen Waffeuröcken, mit dem Namenszuge des Königs auf der Bruſt und Rücken hatten die Vor⸗ höfe des Schloſſes beſetzt und erwieſen Karl Guſtav kriegeriſche Ehren; auf der Brücke zum Hauptportal empfing ihn der König von Dänemark, umgeben von den vertrauteſten Perſonen ſeines Hoſſtaates und beide Monarchen umarmten ſich. Dann führte der königliche Burgherr den Gaſt, deſſen unverhehlte Bewunderung des Prachtbaues ihn freute, ſeiner Gemahlin, Sophie Amalie aus dem Hauſe Lüneburg zu, welche mit weni⸗ gen erkornen Damen das Feſt zu verſchönern gekom⸗ men war Gewiß ſah ſie den Stolzen, der ihren Gemahl unerbittlich zur Unterwerfung in ſeinen Willen gezwungen hatte, mit noch ſchmerzlicheren Gefühlen an, als dieſer, aber ſie wußte ſich zu beherr⸗ ſchen und empfing ihn mit königlicher Würde und An⸗ muth; Karl Guſtav ſeinerſeits hatte die nicht ſelten ſchroffe Außenſeite, die er im Kriegsleben und nicht ſelten auch im Bewußtſein ſeiner Macht bei diploma⸗ tiſchen Verhandlungen trug, im Feldlager gelaſſen und erſchien zu Friedrichsborg mit der vollen Liebenswür⸗ digkeit des ritterlichen Fürſten Herzen zu gewinnen, wie es ihm ſonſt bei Männern und Frauen gelang, konnte er hier freilich nicht hoffen, aber was an ihm lag, dem feſtlichen Bankett, welches ihn erwartete, ei⸗ nen heitern und ungezwungenen Character zu geben, geſchah im vollſten Maaße und fand auch Anerkennung. Die Politik blieb von der Unterhaltung ganz ausge⸗ ſchloſſen— wie wäre ſie auch ſonſt eine heitere ge⸗ blieben! Unſern Leſern wünſchten wir, daß ſie das Bild betrachten könnten, welches ſich auch von der kö⸗ niglichen Feſttafel dieſer Zuſammenkunft im alten Pu⸗ fendorf findet. Beide Monarchen hatten denn, wie ſich ein an⸗ derer Schriftſteller ausdrückt, groß mit einander gethan, aber als ſie ſich trennten, geſchah es von beiden Sei⸗ ten mit dem Gefühl unbezwinglichen Mißtrauens. Karl Guſtav verließ Seeland's Boden ſchon in der Mitte desſelben Monats und begab ſich nach Go⸗ thenburg, um in ſeinem eigenen Reiche die beſten Maß⸗ regeln für kommende Ereigniſſe zu treffen. Es kam nun vor Allem darauf an, das Verhältniß zum Kurfürſten von Brandenburg zu klären. Die Correſpondenz zwi⸗ ſchen beiden Fürſten hatte in der Zeit nach dem ehlauer Vertrage einen gereizten Character ange⸗ nommen und wenn auch der Briefwechſel des königli⸗ chen Miniſters, Graf Schlippenbach, mit dem kurbran⸗ denburgiſchen, Otto von Schwerin, viel Friedensliebe und Verſöhnung athmete, ſo hielt der alte Diplomat doch mit den Bedingungen der letztern zurück Als aber 86 der Friede zu Roeskield geſchloſſen war, ſchrieb er aus Stettin:„Der Allerhöchſte hat nunmehr Frieden und Einigkeit zwiſchen zwei evangeliſchen Kronen geſtiftet; wir wollen hoffen, daß der Papſt zu Rom ſeines Freudensfeſtes wird enthoben ſein können und dies zur Verkraulichkeit Ihrer Majeſtät und Seiner Kurfürſtli⸗ chen Durchlaucht gereichen möge.“ Der Punkt der Re⸗ ligion, daß nämlich der Kurfürſt ſich den katholiſchen Mächten, Polen und Oeſterreich, in die Arme gewor⸗ fen hatte, hob er immer wieder hervor und erinnerte an die alte Verbindung.„In Betracht der gepflogenen Alliance und des evangeliſchen Weſens würde der Kö⸗ nig J. K. D. Schaden nimmermehr leiden, viel weni⸗ ger ſuchen. Es iſt ja ein ganzer Freund beſſer, denn drei halbe; dazu iumer gut, daß man den Acker, welcher grünen ſollte, oft unterpflüge. Ich zweifle nicht, daß S. K. D. werden ſich mit keinen Leuten iitter kirt haben oder ſich in einige dem Könige ſchädliche Anſchläge einfangen laſſen. Die Dänen werden nach dem Exempel der Iſraeliten, wegen der mit den Fein⸗ den der Kirche gepflogenen Bündniſſe, ihre Strafe aus⸗ ſtehen müſſen.“ Des Kurfürſten heller Blick ließ aber ſich nicht ſo leicht täuſchen, er verlangte ſtatt ſchöner Worte Thatſachen. Gleich nach dem Abſchluß bes Friedens 87 zwiſchen Dänemark und Schweden bot er dem Könige Karl Guſtav ſeine Vermittelung zu einem Frieden mit Polen an und ſandte den Feldmarſchall Sparre und Herrn von Hoverbeck an Johann Kaſimir ab, um da⸗ für zu wirken. Im April kamen dann Schlippenbach und Schwerin zu einer mündlichen Beſprechung in Prenzlau zuſammen, in welcher Conferenz die beiden Staatsmänner übereinkamen, daß Schwerin eine per⸗ ſönliche Audienz bei dem Könige nachſuchen und ihm die Bedingungen des Kurfürſten vortragen ſolle. Der Kurfürſt genehmigte dieſen Vorſchlag bei Schwerin's Rückkehr und Schlippenbach, davon in Kenntniß ge⸗ ſetzt, ſchrieb nun ſehr vergnügt:„Ich habe dieſer Tage im Fuhrmannskalender erſehen, daß man dem rothen Adler im Mai zu einem ſonderlichen Glück gratuliren werde, welches gewiß nichts anders iſt, als daß zur Wiedervereinigung der Freundſchaft und Vertraulichkeit mit Schweden gratulirt werden kann.“ Und bald dar⸗ auf:„Seine Majeſtät werden ſtündlich bei der Armee erwartet; es wird ſehr ſtark zu Waſſer und zu Lande in Schweden armirt, und geht man diesmal gewiß mit etlichen vierzig Schiffen zur See, um den fremden In⸗ triguen in mari baltico beſſer zu begegnen. Sonſt ge⸗ denken die beiden nordiſchen Könige ſich noch einmal in Perſon zu beſprechen. Gott gebe, daß dies auch 88 bald zwiſchen J. Maj. und S. K. D. paſſiren möge; es ſollten ſich gewiß die Engel im Himmel darüber freuen und alle treuen Diener und Unterthanen froh⸗ locken.“ Zu dieſer Freude waren aber nur geringe Aus⸗ ſichten und anch die beiden nordiſchen Könige weit da⸗ von entfernt, noch einmal eine perſönliche Zuſammen⸗ kunſt zu ſuchen. Schweden rüſtete mit aller Macht! Freilich hatte Karl Guſtav wohl Urſache dazu. Die Friedensunterhandlungen mit Polen, zu denen er den Präſidenten Güldeuklau bevollmächtigt hatte, nahmen trotz der Vermittelung des Kurfürſten faſt gar keinen Fortgang. Dort war überdem Partheiung, wie immer: Die Königin Maria Ludovica, von Abneigung gegen das Haus Oeſterreich erfüllt, arbeitete demſelben in jeder Beziehung entgegen Sie wünſchte einem Bour⸗ bon, Heinrich Julius von Condé, dem Verlobten ihrer Nichte, die Thronfolge in Polen zu verſchaffen, aber ſie haßte und fürchtete auch Karl Guſtav von Schwe⸗ den und ſetzte Alles daran, den Kurfürſten von Bran⸗ denburg, welcher ſich bisher den gegen Polen einge⸗ gangenen Verpflichtungen entzogen hatte, envlich zum Kriege zu bewegen. Polen und Brandenburg, mit Frankreich, ohne Oeſterreich— das waren ihre Pläne. Darum reiſte ſie im Frühlinge ſelbſt mit einem glän⸗ 895 zenden Gefolge nach Berlin; ſie wollte den Kurfürſten perſönlich durch Ausſichten, die ſie ihm eröffnete, ge⸗ winnen. Der ſtolzen und intriganten Frau war es bitter, den Sieger von Warſchau zu beſuchen, welcher ſie damals ſo ſchwer gedemüthigt hatte Sie war mit ihren Damen und ihrem ganzen Hofſtaate hinausge⸗ fahren, um von einem hohen Pavillon bei Praga, in welchem für ſie ein Thronſeſſel errichtet war, der Schlacht zuzuſchauen, von der ſie ſich eine wahre Luſt⸗ jagd verſprochen. Ihre eigenen Pferde hatte ſie herge⸗ geben, um die Artillerie fortzuſchaffen, mit Feuerwor⸗ ten hatte ſie die polniſchen Edelleute, die ſich vor der Tribüne noch in Siegeszuverſicht zeigten, angeredet und die Geſchichte hat das übermüthige Wort, das ihr zu⸗ gerufen wurde, wohl verzeichnet:„Wir werden die Säbel nicht brauchen, denn ſo nichtswürdige Feinde können nur mit Peitſchen und Karbatſchen aus dem Lande gejagt werden!“— Zetzt fuhr ſie in den Schloß⸗ hof zu Berlin ein und der Kurfürſt en⸗pfing ſie mit Auszeichnung; er führte ſie an ſeiner blauen Traban⸗ tengarde, welche ihr zu Ehren aufgeſtellt war, vorüber und ſie konnte wohl eine naheliegende Erinnerung nicht unterdrücken, aber ſie kleidete dieſelbe in ſchmeichelhafte Worte:„Dieſe Trabanten ſind mir wohl bekannt, es ſind ja die nämlichen, welche ſich vor Warſchau 90 unter Ew. Durchlaucht ſo heldenmüthig geſchlagen haben!“ Sie ſchoß aber damit über ihr Ziel hinaus, dem Kurfürſten konnten dieſe Worte, unnatürlich, wie ſie waren, nicht gefallen und er kannte ja auch die unzu⸗ verläſſige Frau zu genau, um nicht der Abſicht ihres Beſuches mit einigem Mißtrauen entgegen zu ſehen. Nicht weniger bot ſie ihm bei der erſten Beſprechung ohne Zeugen, als die polniſche Krone für einen ſeiner Söhne, freilich gegen Leiſtungen, die ſie nicht gleich ausſprach, die ſich aber errathen ließen. Dieſer dornen⸗ volle Königsreif war in früheren Zeiten ſchon mehr als einem Hohenzollern angetragen, immer jedoch ab⸗ gelehnt worden und die Gründe dazu hatten ihre Gül⸗ tigkeit noch nicht verloren. Hier aber kam noch hinzu, daß ein williges Eingehen in die Pläne der Königin zu einem Bruche zwiſchen Brandenburg und dem Hauſe Habsburg, wie zu einer Annäherung an Frankreich geführt haben würde. Der Kurfürſt war für die letz⸗ tere zu deutſch geſinnt; die ganze franzöſiſche Wirth⸗ ſchaft unter der Königin Anna und dem Kardinal Ma⸗ zarin in den Händeln der Fronde widerſtrebte ſeiner Natur; in der Politik Frankreichs ſah er nur eine Ge⸗ fahr für Deutſchland und er zweifelte keinen Augen⸗ blick, daß ſie bald genug wieder im Geiſte Richelieu's 91 hervottreten we de. Am deutſchen Kaiſerhauſe hielt er als deutſcher Reichsfürſt mit der angeſtammten Treue ſeiner Ahnen So wußte er die Königin von Polen, ohne ihre Pläne ſchroff zurückzuweiſen, doch durchſchauen zu laſſen, daß er nicht darauf eingehen könne Er rieth aufrich tig zum Frieden mit Schweden, welcher alle weitern Ver⸗ wickelungen ſofort löſen werde und verſprach darin ſeine weitern guten Dienſte Maria Ludovika reiſte unbefrie⸗ digt ab und die Ereigniſſe nahmen ihren Gang, wel⸗ chen ſie nicht hemmen konnte Die Schweden ſtanden noch immer auf däniſchem Boden; Vorwände dazu wurden leicht gefunden. Bis in den Mai hielt Wrangel noch mit einem Theile ſei⸗ nes Heeres Seeland beſetzt und hatte ſein Hauptquar⸗ tier in Slagels, immer noch im Innern der Inſel, wenn auch nur vier Meilen von Körſör, dem gewöhn⸗ lichen Ueberfahrtsorte nach Fünen. Dann räumte er zwar Seeland, aber die ſchwediſchen Truppen behielten ihre Poſitionen auf Fünen, in Schleswig und Jütland; es war, als könnten ſie auch von dieſer Beute nicht laſſen. Die Landſchaften, welche Dänemark hatte ab⸗ treten müſſen, lagen fern und waren weder von dem Heere, das der König führte, betreten, noch eigentlich erobert worden, wie die genannten Provinzen. Vereute 92 Karl Guſtav ſchon den ſchnell geſchloſſenen Frieden und glaubte er, daß er noch mehr hätte erreichen können? Wie dem auch war, er rüſtete mit Macht. Bald erhob er ſich wieder in Perſon und kam in Flensburg wieder zu ſeinem Heere, wie der alte Schlippenbach bereits an Schwerin, den brandenburgiſchen Miniſter geſchrieben hatte, daß er hier ſtündlich erwartet werde. Der Kurfürſt Friedrich Wilhelm ſäumte run auch nicht länger, die Geſandten an ihn abzuſchicken, um, wie es auf der Conferenz zu Prenzlow vorgeſchlagen worden, der Verſtändigung einen praktiſchen Boden zu geben. Dazu erwählte der Kurfürſt ſeinen getreuen Otto Schwerin und den Doctor Weimann, welcher viel von ihm in diplomatiſchen Geſchäften gebraucht wurde, be⸗ ſonders im Haag. Aber die Zeit hatte ſich ſchon ge⸗ ändert. Der König war nicht geneigt, die brandenbur⸗ giſchen Geſandten zu ſehen, ertheilte ihnen gar keine Audienz, ſondern ließ ihnen ſagen, daß er befugt ſei, ſie als Feinde zu tractiren. Schwerin war über dieſe ungnädige Aufnahme um ſo mehr beſtürzt, als er ſich ſonſt des beſondern Wohlwollens des Schwedenkönigs zu erfreuen gehabt hatte, doch hielt er es unter dieſen Umſtänden der Ehre und Würde ſeines Herrn nicht für angemeſſen, länger zu verweilen, ſondern reiſte mit Dr. Weimann in der Nacht wieder ab. 93 Beide Könige, welche den Frieden zu Roeskild geſchloſſen hatten, waren gegen einander ſchon mit Be⸗ ſchwerden aufgetreten, beide Mächte haben, als derſelbe nur allzu früh wieder gebrochen wurde und ein zweiter, viel längerer und blutiger Krieg begann, dem Gegner die Schuld aufgebürdet. Gewiß iſt, daß die Schweden die Feindſeligkeiten begannen. Karl Guſtav konnte ſich des Mißtrauens nicht entſchlagen, daß der Frieden von Dänemark nicht aufrichtig gemeint ſei und mit gewohn⸗ ter Argliſt, ſobald ſich nur die günſtige Gelegenheit finden werde, von Neuem gebrochen werden möge Dieſen günſtigen Augenblick dem Feinde zu rauben, und ihn nun rückſichtslos zu vernichten, gleichviel was ganz Europa dazu ſagen werde, war Karl Guſtav's feſter Entſchluß und ſchon im Sommer 1658 griff er wieder zu den Waffen. Unter dem Vorwande, daß ſeine Truppen aus Dänemark nach Preußen abgeführt wer⸗ den ſollten, wo der Krieg mit Polen noch immer ſei⸗ nen langſamen Fortgang hatte, ließ der König ſie wie⸗ der nach Seeland rücken und als er hier fefien Fuß gefaßt, warf er dem Dänen von Neuem ſeinen Fehde⸗ handſchuh hin. Dieſer Schritt erregte das ungeheuerſte Aufſehen und manchen Schrei des Unwillens gegen den Ruhe⸗ ſtörer, deſſen Uebermuth und Eroberungsgier keine 9⁴ Grenzen kannte, wie ihm auch der Krieg an ſich, gleich den Bandenführern des dreißigjährigen Krieges, aus denen er hervorgegangen, als Höchſtes galt. Man glaubte auf keinen dauernden Frieden in der Welt rechnen zu dürfen, ſo lange Karl Guſtav von Schwe⸗ den nicht von der ſtolzen Höhe, auf die er ſich ge⸗ ſchwungen, herabgeſtürzt ſei, ja Viele gingen ſo weit, zu ſagen, daß nur ſein Tod der Welt den Frieden geben werde. Zunächſt befeſtigte der neuentbrannte Krieg die bereits geſchloſſenen Alliancen ſeiner Gegner und trieb ſie zu engerm Aneinanderſchließen. Der ſchon erwähnte Offenſiv⸗ und Defenſiv⸗Tractat zwiſchen dem Kaiſer, Brandenburg und Polen ſollte nun endlich zur That werden, die feſtgeſtellte Streitmacht in's Feld rücken.„Nachdem nun der König von Schwe⸗ den aufs Neue den Krieg wider Dänemark begon⸗ nen,“ ſchreibt der Miniſter Schwerin,„und wie man davon hält, den Vorſatz hat, den König ganz zu ver⸗ jagen und Dänemark zu ſubjugiren, hat ſich der Kur⸗ fürſt entſchloſſen, kraft der mit Dänemark abgeſchloſſe⸗ nen Alliance mit der kaiſerlichen, der polniſchen und ſeiner eigenen Armee nach Holſtein, Schleswig und Jütland zu gehen.“ S P nbmalg Fünftes Kapitel ʒ—— Dunkle Wolken. Die Kunde von dem heldenkühnen übergange des ſchwediſchen Heeres über das Eis des Meeres hatte ſich ſchnell in allen königlichen Ländern verbreitet und Stolz und Bewunderung erweckt ſelbſt in den deutſchen Provinzen, welche erſt ſeit zehn Jahren ſchwediſch waren und noch der Zeit bedurften, um es recht zu werden. Bald darauf miſchte ſich auch in vielen Familien, welche Söhne oder liebe Verwandte beim Heere hatten, die Sorge hinein. Man wußte zwar, daß der ganze Kriegs⸗ zug mit verhältnißmäßig geringen Opfern zu ſeinem glorreichen Ende geführt worden war, aber wer unter den Opfern des Krieges ein theures Haupt zu bewei⸗ 96 nen hat, dem iſt es gleich, ob dasſelbe in einer Völ⸗ kerſchlacht, wo die Todten und Verwundeten nach vielen Tauſenden gezählt werden, gefallen iſt oder in einem unbedeutenden Gefechte, das von beiden Seiten nur wenige Leute gekoſtet hat. Hier war es vorzüglich der Untergang jener beiden Reiter⸗Compagnien bei Jversnäs unter dem brechenden Eiſe, der alle Gemü⸗ ther, auch die unbetheiligten, beſchäftigte. Man konnte ſich das Bild nicht grauſenhaft genug denken, wie im Moment ſiegesfreudigen Angriffs plötzlich der Abgrund unter den Roſſeshufen ſich geöffnet und die Reiter nun dem unentrinnbaren Tode in's Angeſicht geſtarrt! Auch in Loſſin, dem Krokow'ſchen Gute, laſtete die bange Sorge und der Zweifel gar ſchwer auf den Herzen denn alle Nachrichten von dem Sohne waren ſchon ſeit geraumer Zeit ausgeblieben. Konnte Karl ſo rückſichtslos und leichtſinnig ſein, nicht die erſte Gele⸗ genheit wahrzunehmen, um ſeinen Eltern ſagen zu laſſen, daß er Alles glücklich überſtanden habe? Der Vater hatte in Demin angefragt, ob Botſchaft vom Heere gekommen, er hatte, als Oberſt Vieck das ver⸗ neint, ſelbſt den weiten Weg nach Anklam nicht ge⸗ ſcheut und von dort die Nachricht heimgebracht, daß die beiden verunglückten Reiter⸗Compagnien zwar nicht vom Leibregiment der Königin, ſondern von Waldeck 7 und Königsmark geweſen, daß aber auch vom L eibregi⸗ ment mehrere Reiter und Officiere eingebrochen und ertrunken ſein ſollten. Näheres wußte man nicht. Die Mutter, wie ſehr auch der Sohn ihr Liebling war, hielt ſich mit der ihr eigenen Herzhaftigkeit die Schreckensbilder fern, welche ſich Erika zuweilen aus⸗ malte, doch mußte auch ſie zuweilen in einſamer Stunde bitter weinen und ſah von einem Tage zum andern der gehofften und gefürchteten Entſcheidung vergebens entgegen. Da wandte ſich Barnim an den Kommandanten in Wismar, den Oberſten Mardefeld und bat um deſſen Vermittelung, um über ſeinen Sohn Gewißheit zu erhalten; er glaubte für dieſen, den der König über die Taufe gehalten und noch immer ſeiner Gnade würdigte, ſchon eine Beachtung in Anſpruch nehmen zu dürfen Bei der Langſamkeit aller Nachrichten konnte er freilich nicht hoffen, alsbald aus ſeiner Ungewißheit erlöſt zu werden, aber er hatte doch etwas gethan und mit dieſem Bewußtſein kehrte auch wieder einige Ruhe auf Loſſin ein. Der Frühling erwachte in dieſem Jahre ſpät an den baltiſchen Geſtaden, und auch landeinwärts ließen die Vorboten, nach welchen der Landmann. ſo ſehnſüchtig blickt, lange genug auf ſich warten. Dann aber ſtand auch Alles binnen wenigen Tagen Guſec, Karl x. Guſtav m. 7 1 1l* 98 durch einen Zauber geweckt, in voller Pracht des jun⸗ gen Grüns. Mit dem Erwachen des Lenzes lebt ſelbſt in Herzen, welche vom Grame ſchwer heimgeſucht ſind, die Hoffnung wieder auf und treibt neue Blüten, um wie viel mehr fühlen ſich lebensfriſche geſunde Naturen, wenn ſie aus dem Zwing und Bann des Winterzimmers erlöſt ſind, neu gekräftigt! So war es in Loſſin. Hier hatten ſich zwar die Frauen, Ebba nordiſch gewöhnt und ihre Tochter von Jugend auf aller Verzärtelung fern gehalten, auch in der ſtrengſten Kälte und bei dem ſchlimmſten Wetter nicht im Zimmer feſſeln laſſen, ſon⸗ dern täglich, wenn auch nur aufkurze Zeit, das Freie, wo für ſie allein Lebensluſt war, geſucht. Aber ein Anderes war es doch nun, im wärmern Sonnenſchein, unter dem blauen Himmel, in deſſen Aether hoch und unſichtbar die jubelnden Lerchen ſich wiegten, durch Feld und Flur, weit hinaus am Ufer des Sees oder in dem friſch ſich belaubenden Walde zu ſchweifen! Der Vater hatte nun viel auf ſeinen Feldern zu thun, er über⸗ wachte die Arbeiten mit der ſtrengen Ordnungsliebe, welche alte Soldaten, die ſich zur Landwirthſchaft an⸗ ſäſſig gemacht, immer bewähren. Mutter und Kind mochten daher ihre Ausflüge, ſobald Frau Ebba in Haus und Hof ihre Pflichten erfüllt hatte, meiſt allein. Sie beſprachen dabei was ihnen am Herzen lag: die 99 Ungewißheit von Karl, welche ihnen aber jetzt minder ängſtlich erſchien, wenn ſie bedachten, daß er ſie ja auch wäh⸗ rend des Feldzuges in Polen, und damals viel länger, auf Nachrichten hatte warten laſſen. Wie leicht konnte auch ein Schreiben, das er an ſie aus Dänemark abgeſen⸗ det, verloren gegangen ſein. Dann ſprachen ſie von den überſtandenen Gefah⸗ ren des vergangenen Herbſtes, als die Polen mit furchtbarer Verwüſtung Pommern heimgeſucht hatten und ſie faſt allein von Allen, welche die wilden Feinde bei ſich geſehen hatten, verſchont geblieben waren. Sie dankten Gott dabei für den Frieden, der eine Wieder⸗ holung dieſer Schrecken unmöglich gemacht hatte. Denn, ſo ſchloß die Mutter gegen Erika, entweder ſchließt nun auch Polen mit unſerm Könige Frieden, das iſt das Wahrſcheinlichſte wie uns auch der gute Oheim Detlev kürzlich geſchrieben hat, oder der König führt jetzt wieder ſeine geſammte Macht nach Polen und dann iſt es keine Frage, daß er ſiegen wird, wie er ſchon einmal dort geſiegt hat. Jedenfalls aber können polniſche Schaaren, wenn ſie daheim zu thun haben, nicht wieder in Pommern einfallen. Dies hatte auch ihr Gemahl, gegen den ſie daſſelbe geäußert, zugegeben, aber die Zuverſicht mit welcher ſie neue Siege für den König verkündigte, wenn Polen den ihm gebotenen 7* 100 Frieden ablehnen würde, konnte er nicht unbedingt thei⸗ len.„Damals“ ſo ſagte er ihr— gegen ſeinen Bru⸗ der Detlev hätte er es nicht zugegeben—„damals war er verbündet mit dem Kurfürſten von Branden⸗ burg und was ihm dieſer in der Schlacht von War⸗ ſchau für Dienſte geleiſtet hat, kann nicht geläugnet werden: Detlev behauptet ſogar, ohne ſeinen Kurfür⸗ ſten wäre die Schlacht gar nicht gewonnen worden. Jetzt ſteht derſelbe nicht mehr auf ſeiner Seite— wir wollen hoffen, daß der König mit ſeinen tapfern Schweden ſiegen wird, aber ſo feſt darauf bauen dür⸗ fen wir nicht. Der Kampf gegen die Ubermacht hat ſeine Grenzen.“ Auch die Friedenshoffnungen, von denen ſein Bruder wiederum in ſeinem Briefe geredet hatte, lonnte er nicht als wahrhaft begründet annehmen. Er hatte in Demmin die Bekanntſchaft des polniſchen Kaplans gemacht, deſſen ſein Nachbar Podewils ſo oft in Loſſin erwähnt hatte, er würde ihn auch in ſein Haus einge⸗ laden haben, wenn er nicht die Abneigung ſeiner ſtreng lutheriſchen Frau vor jeder Begegnung mit einem Ka⸗ tholiken gekannt hätte: ſie war auch darin eine echte Schwedin und wir wiſſen ja, wie die religiöſe Intole⸗ ranz in ihrem Vaterlande noch in unſern Tagen von ſich hat reden laſſen, an Härte und Grauſamkeit wohl ſe 101 ziemlich aufwiegend, was man der römiſchen Kirche Schuld gegeben hat. Nach Loſſin wagte alſo Barnim den polniſchen Kaplan, wie ſehr er ihm auch gefiel, nicht einzuladen, es würde ſofort zu unerſprießlichen Erörterungen über Glaubensartikel, zu welchen ſeine eifrige und bibelfeſte Frau nur zu ſehr geneigt war, geführt haben, und all' die Feinheit und Klugheit des greiſen Prieſters hätte dieſe Klippe nicht vermeiden können. Aber deshalb hatte Barnim doch an ſeiner Unterhaltung Geſchmack gewonnen und da er ihn auch einmal bei ſeinem Freunde Podewils getroffen hatte, ihn in ein politiſches Geſpräch verwickelt, wobei ihm derſelbe ſeine Anſichten über die jetzige Lage der Dinge beſcheiden zwar, aber vollkommen überzeugend, ausein⸗ ander geſetzt hatte. Uber die Verhältniſſe des Nordens maßte er ſich kein Urtheil an, die Dauerhaftigkeit des kaum geſchloſſenen Friedens von Roeskild bezweifelte damals auch wohl noch kein Menſch. Aber wie es in Polen und Preußen ſtand, darüber traute ſich der Kaplan wohl einige Kenntniß zu, vielleicht unterhielt er auch noch geheime Verbindungen mit ſeiner Parthei im Vaterlande, wodurch er von Allem, was dort vorging, unterrichtet wurde Nach ſeiner Meinung war es zwar ſehr löblich, daß von beiden Seiten an dem Friedens⸗ werke gearbeitet werde, er wollte auch die ehrliche Ab⸗ 102 ſicht dazu und die aufrichtige Vermittelung des Kurfür⸗ ſten von Brandenburg nicht in Abrede ſtellen; aber er konnte nur geringe Hoffnung hegen, daß es zu einem, der ganzen Chriſtenheit erwünſchten Ziele führen werde. Die Gegenſätze waren zu ſchroff, die Forderungen gin⸗ gen zu weit auseinander; es war nicht anzunehmen, daß Polen, wie man ſich ſchmeichle, in dem allge⸗ meinen Frieden„die points d'honneur der Securität“ nachſetzen werde.„Der Ehrenpunkt“, äußerte der geiſt⸗ liche Herr und ſein kluges Auge leuchtete im ſtolzen Nationalgefühl höher auf,„der Ehrenpunkt ſteht gerade in Polen jeder andern Rückſicht voran und kein König würde es wagen, der Republik ein Zugeſtändniß anzu⸗ ſinnen, welches die Ehre Polens verletzte: der geringſte Landbote würde ihm auf dem Reichstage entgegentreten. Darum, wenn auch mein Vaterland noch ſo viel ge⸗ litten hat und darum den Frieden wünſcht, fürchte ich, daß die Unterhandlungen— weil der Bogen über⸗ ſpannt wird— ſich zerſchlagen werden.“ In dieſen letzten Worten lag zugleich auch die feine Andeutung eines andern Ausganges, als der König von Schweden im Hochgefühl ſeiner bisherigen Siege von dem fortgeſetzten Kampfe hoffen mochte. Der überſpannte Bogen konnte brechen! Es ſtimmte mit Krockow's eigenen Beſorgniſſen überein, doch hütete 103 er ſich wohl, ſie gegen den geiſtlichen Herrn auszu⸗ ſprechen, der, wenn er auch nicht zu der Parthei des Königs Johann Kaſimir gehörte, doch immer ein Pole war. Was dieſer geſagt, wiederholte er zu Hauſe Wort für Wort, konnte aber damit die Zuverſicht ſeiner Frau nicht erſchüttern.„Was unſer königlicher Herr vollbringen kann,“ entgegnete ſie,„das vermag kein Menſch vorher zu ſagen. Wer hätte den letzten Zug über die gefrorene See, wer hätte die ſchnelle Erobe⸗ rung von ganz Dänemark für möglich gehalten? Die Welt wird noch mehr Wunder von ihm erleben, ſeiner Feinde mögen noch ſo Viele ſein!“ Als Frau Ebba von der Begegnung ihres Ge⸗ mahls mit dem polniſchen Geiſtlichen gehört, bat ſie ihn, einmal des Namens Tenczynski gegen denſelben zu erwähnen: er ſchien mit allen vornehmen Geſchlech⸗ tern Polens bekannt zu ſein und es war ja natürlich, daß ihn Barnim nach der Familie des jungen Man⸗ nes fragte, der ſich, wie nicht zu läugnen, in Loſſin ſo edel benommen hatte. Kannte der Kaplan dieſelbe, ſo konnte Barnim weiter gehen und auch von Drewionka, dem oftgenannten Sitze des Staroſten von Tenzchn, reden: ob der geiſtliche Herr vielleicht etwas von den Schickſalen der Familie in letzter Zeit gehört habe. Barnim kam dieſer Aufforderung getreulich nach, 104 konnte aber ſeine Frau, welche mit großer Spannung auf ſeine Heimkehr wartete, mit dem, was er berichtete, nicht befriedigen. Der Kaplan kannte wohl den Sta⸗ roſten von Tenzehn und wußte, daß er ein weltkluger, ſtets den Verhältniſſen ſich fügender Mann war, er hatte ihn, wie er ſich erinnerte, einmal zu Krockow und ſpäter noch einmal auf einem Landgute des Kron⸗ fähnrichs Johannes Sobieski geſehen, aber ſeine Fami⸗ lie kannte er nicht, wiewohl der Ruf die Frau Sta⸗ roſtin als eine höchſt liebenswürdige wenn auch etwas taube Dame und ihre Töchter als ſehr ſchön bezeich⸗ nete; von ihren Erlebniſſen in letzter Zeit hatte er nichts gehört. Daß der Staroſt ſich, wie es ſchien, beim ſiegreichen Vordringen der Schweden der Parthei, welche von Johann Kaſimir abfiel, angeſchloſſen und den fremden Truppen, die zu Drewionka und auf ſei⸗ nen andern Gütern Quartier genommen, eine gute Aufnahme bereitet habe, glaubte er gern, jetzt werde er wahrſcheinlich wieder gut polniſch ſein! Frau Ebba konnte alſo auf dieſem Wege keine Aufſchlüſfe erlangen und war noch froh, daß ſie nicht, wie ſie ſchon ein⸗ mal beabſichtigt, den alten plumpen Hans Podewils mit der Ausforſchung des Polen beauftragt hatte. Für ihr Kind war denn immer nur der alte, und freilich der beſte Troſt, der in dem feſten Glauben ihres ver⸗ 105 trauenden Herzens lag. Erika hatte noch oft mit der Mutter davon geſprochen und dieſe ihr wiederholt in klarer Weiſe zum Bewußtſein gebracht, was ihnen von jener traurigen Kunde bis jetzt offenbart worden. Karl hatte zuerſt davon geſprochen, als er ſich gegen die Anſchuldigung vertheidigen wollen, mit ſeinem Vet⸗ ter Fritz, als Beide au f jenem polniſchen Edelſitze zu⸗ ſammen getroffen, in Unfrieden gelebt zu haben. Karl hatte Zeugniß abgelegt— und gegen ſeine Wahrhaf⸗ tigkeit konnte kein Zweifel walten— daß ſich das Herz der älteſten Tochter des Hauſes dem Vetter zu⸗ geneigt und zuletzt eine heftige Leidenſchaft für ihn gefaßt, ſo daß ſie der Vater deshalb aus dem Hauſe gebracht und dasſelbe bald darauf mit ſeiner ganzen Familie verlaſſen habe. beſchuldigt, mit dem Her ſein Benehmen ein leich ben, das mochte er ſelbſt Freilich hatte Karl den Vetter zen des jungen Mädchens durch fertiges Spiel getrieben zu ha⸗ glauben— auch darin konnte die Mutter die Worte ihres Lieblings nicht in Zwei⸗ fel ziehen,— aber was er von ſeinen Warnungen gegen Fritz und deſſen Unbefangenheit und Weſen ſelbſt nach Wanda's Entfernung erzählt hatte, ließ immer die Annahme beſtehen, daß Fritz weder eine Schuld trage, noch überhaupt irgend ein anderes Gefühl für das unglücklich verblendete Kind empfunden, als das 105 Wohlgefallen an dem harmloſen Umgange mit einem jungen uud heitern Mädchen; vielleicht ſei es auch die Freude geweſen, polniſch reden zu können, die ihn oft in den Kreis der Familie, aus welchem ſich Karl zu⸗ rückgezogen, geführt habe. So weit ging das, was Karl, nicht ohne dazu gezwungen worden zu ſein, be⸗ richtet hatte. Dann war Severin Tenczynski hier ge⸗ weſen. Er hatte ſich gegen den Oheim Detlev, als dieſer ihn gebeten hatte, die Frauen des Hauſes in Frieden zu laſſen, wie es einem jungem ritterlichen Edelmanne gezieme, in heftigſter Weiſe über das Be⸗ tragen der jungen, deutſchen Edelleute in Polen, auch in jener Beziehung, ausgeſprochen und mit einem Tage der Abrechnung gedroht. Daß er bei ſolcher Geſinnung die edelſte Rache durch Schonung geübt, hatte ihm zur höchſten Ehre gereicht und war bei den Frauen, welche ſeiner Erſcheinung an jenem Morgen in ihrem Fami⸗ lienkreiſe gern gedachten, unvergeſſen. Schon damals hatte ſich aber Erika's Herz der Mutter geöffnet und ihr volles Vertrauen auf Fritz ausgeſprochen. Die Mutter erinnerte ſich daran, daß ſie erklärt, einen Eid für ihn leiſten zu können. Nun war er ſelbſt gekom⸗ men und ſein anfängliches Benehmen, als er betroffen geweſen, daß die Familie hier von Drewionka etwas gewußt, daß er bei ſeinen Erzählungen von dort ab⸗ 107 ſichtlich Wanda's Namen, obgleich er der Töchter des Hauſes gedacht, zu nennen vermieden, hatte Erika's Zuverſicht erſchüttert.„Er hat kein reines Gewiſſen!“ war ihr erſtes Wort nachher zu der Mutter geweſen — ein Wort aus dem zum Tode betrübten Herzen, wie ſich in der Frauenbruſt wohl am meiſten das Wort der Schrift bekräftigt: des Menſchen Herz iſt ein trotziges und verzagtes Ding. Mit welchem Entzücken hatte ſie darauf dem liebevollen Vorwurfe der Mutter gelauſcht, daß ſie ihm Unrecht gethan, und ſich danach geſehnt, von ihr beſchämt zu werden, indem ſie Friedrich durch eine grade Frage veranlaſſen wollte, ſich offen auszu⸗ ſprechen! Seine Abreiſe hatte das verhindert, aber ſein letztes Wort und der Blick, welcher dasſelbe begleitet hatte, als der Vater ihn gebeten, ein feindliches Zu⸗ ſammentreffen mit ſeinem Vetter im Felde, ſo weit es ſich mit ſeiner Ehre vertrage, zu vermeiden, hatte den Schatten verſcheucht, welchen ein fremdes Mißtrauen in Erika's Seele geworfen„Wie Er meine Ehre ſchont, werde ich die ſeinige ſchonen!“ hatte er dem Vater Karl's geantwortet, es war der Ausdruck ge⸗ kränkten Gefühls geweſen, den Erika mit frendig auf⸗ bebendem Herzen in ſeinem Tone vernommen hatte und als er ihr die Hand gereicht, hatte ſie ihm im Stillen Alles abgebeten, wodurch ſie ihm Unrecht gethan. Die 108 Mutter, wenn ſie jetzt davon ſprach, bereute, daß ſie nicht den letzten Augenblick beſſer benutzt hatte, um jedes Misverſtändniß, das offenbar zwiſchen ihm und ihrem Sohne lag und vielleicht der Keim zu weiterer Entfremdung werden konnte, zu beſeitigen, ſeine Worte, die ihr faſt drohend geklungen, hatten ſie im erſten Augenblick erſchreckt und dann war es zu ſpät geweſen. Nun aber, wo ſie auch Frieden in der Welt hoffte und ſich dieſen Glauben durch die Bedenken ihres Mannes nicht nehmen ließ, ſann ſie darauf, wie ſie die Beiden, deren herzliche Eintracht ſie ſo innig wünſchte, wieder zuſammenführen und Aug' in Auge mit einan⸗ der verſtändigen und verſöhnen könne. Wenn Frieden iſt! hatte Barnim auf des Bru⸗ ders Einladung, zu ihm nach Wildenitz zu kommen, geantwortet. Jetzt war Frieden und wo noch ein Kriegs⸗ feuerlein glimmte, ſollte es ja mit Gottes Hilfe bald ausgelöſcht werden. Unterdeſſen mußte auch Antwort aus Dänemark eingehen, wo nach des Oberſten Mar⸗ defeld Angabe das Leibregiment der Königin noch ſtand und daher von dem Rittmeiſter von Krockow Nachricht einzuziehen war. Dann lonnte leichtern Her⸗ zens der Plan einer Reiſe nach Wildenitz verfolgt werden; Frau Ebba hatte dieſe Beſitzung ihres Schwa⸗ gers, von welcher derſelbe immer das Heimweſen be⸗ 109 ſonders rühmlich geſchildert, noch nie geſehen, und hegte bei den Hoffnungen für ihr Kind, denen ſich nach den Aeußerungen Detlev's, die er nur in ſeiner wun⸗ derlichen Weiſe verblümt, wie nach den Gedanken ihres Gemahls keinerlei Hinderniſſe entgegenſtellten, den dringenden Wunſch, den Ort, wo Erika ihr Glück und ihre bleibende Heimath finden ſollte, kennen zu lernen. Vielleicht war dann der Schwager Detlev im Voraus zu veranlaſſen, ſeinen Sohn, der hoffentlich nicht mehr im Felde ſtand, zu ſich zu beſcheiden— ſie ſelbſt be⸗ wegten Karl, mit königlichem Urlaub ſie zu begleiten; Frieden und Glück dann auf immerdar! In dieſem Sinne ſprach ſie denn, nachdem ihre Gedanken ſo zu einem beſtimmten Plane gekommen waren, zu ihrem Gatten. Dieſer hörte ſie mit freund⸗ lichem Lächeln an und erwiederte:„Das iſt Alles recht ſchön, Ebba, und Niemand ſollte es natürlich mehr freuen, als mich, wenn Alles ſo käme! Aber wir dür⸗ fen die Rechnung nicht ohne den Wirth machen.“ „Und wer iſt hier der Wirth?“ fragte ſie mit einem Blicke, in welchem einiger Stolz leuchtete. „Seine Majeſtät, mein Herr Gevatter, König der Schweden, Gothen und Wenden,“ erwiederte er. Sie kehrte ſich, wie ihre Art war, wenn ſie ſich durch eine unerwartete Antwort in einer falſchen Vor⸗ ——— 110 ausſetzung überraſcht fühlte, ein wenig ab und ſagte: „Ich glaubte ſchon, Ihr meintet unſern Wirth auf Wildenitz und könntet annehmen, daß wir ihm eine Schwiegertochter, deren Hand er nicht als die höchſte Ehre für ſeinen Sohn, als ein Glück auch für ſich an⸗ ſähe, bringen wollten— mit einem Worte, ich glaubte, daß Ihr Zweifel au Detlev's Wunſche hegtet. Wie könnt Ihr aber in ſolchen Dingen Scherz treiben!“ „Scherz treibe ich nicht, Ebba,“ verſetzte Barnim, „und habe Dir ja meine Meinung nicht vorenthalten. Ob der König Frieden mit Polen ſchließen wird, weiß ich zwar nicht, da ich niemals in ſeinen Rath gezogen worden bin, noch minder hineingezogen werden kann, aber wenn es richtig iſt, was der alte Kaplan ſagt, daß Polen ſeine Bedingungen nicht annehmen wird, ſo weiß ich auch, daß mein Herr, der König, mit den Bedingungen, die er einmal geſtellt hat, nicht wie ein Jude ſchachert und feilſcht, ſondern ſie, wenn die An⸗ dern markten wollen, eher noch erſchwert, wie jener Eroberer in Rom einmal noch ſein Schwert in die Wagſchaale warf, in welcher das ihm zu zahlende Gold abgewogen werden ſollte. Dann nimmt der Krieg mit Polen ſeinen Fortgang und aus dem nur ehrenhalber noch glimmenden Feuerlein, wie Du ſagſt, wird wieder ein mächtiger Brand, dann könnte es ſich leicht ereig⸗ 111 nen, was Gott verhüten möge, daß Karl und Fritz ſich doch im Felde auf Armslänge begegneten und ihre Fechtkunſt an einander prüften.“ „Hört auf— ich bitte Euch!“ rief Ebba, von dieſem Gedanken erſchreckt. „Man muß ſich auch dieſen Fall denken und das Schlimmſte, was daraus folgen kann,“ ſagte Barnim. „Hat man das Schlimmſte als möglich gedacht, ſo kann man daran nicht mehr unerwartet zu Boden ge⸗ ſchlagen werden. Alles ruht in Gottes Hand. Ich wollte nur ſagen, mein braves Weib, daß wir uns mit unſeren Vorſätzen noch nicht zu weit in die Zukunft verſteigen dürfen. Wenn der Krieg in Polen und Preu⸗ ßen ſeinen Fortgang nimmt, ſo können wir natürlich nicht reiſen. Wer weiß, was uns dann hier bevor⸗ ſteht Ich glaube zwar auch nicht, daß uns wieder ein wilder Schwarm von Polacken ſobald heimſuchen wird, denn wenn mein Herr, der König, ſich mit dem Heere, das er vorher gegen die Dänen von dort abgeführt und jetzt ſo bedeutend verſtärkt hat, wieder nach Polen aufmacht, ſo wird er ihnen zu Hauſe vollauf zu thun geben, und auch der Herr Kurfürſt, meines hartköpfi⸗ gen Bruders Lehnsherr mag ſich vorſehen, daß ihm das Tergiverſiren nach beiden Seiten nicht vom Könige vergolten wird und er für ſein eigen Haus kämpfen 112 muß. Es pfeifen ſchon Stimmen genug, welche meinen, Brandenburg, das allzu hoch aufſtrebe, müſſe fundi- tus ruinirt werden. Aber der Kaiſer, Herzensfrau, der Kaiſer! Seit Savelli's und Peruzzi's Zeit, von denen Anclam und Greifswald zu erzählen wiſſen, haben wir hier in Pommern keine Kaiſerlichen mehr ge ſehen und die Gelegenheit wäre vielleicht ſehr verlockend zu einem Verſuche, ob man den Schweden nicht das deutſche Land, das ſie mit dem Schwerte gewonnen, wiederum mit dem Schwerte entreißen könnte. Der Getreue, dem man es geben könnte, pocht ja ſchon auf ſein Recht, wie Dir mein Herr Bruder zu verſchiedenen Malen aus alten und neuen Geſchichten bewieſen hat Wenn nun der Kaiſer in ſeinen Erbländern ein Heer ſam⸗ melt und grades Weges nach Pommern marſchirt?“ „Lieber Herr, was Gott über uns verhängt, müſſen wir tragen“ erwiederte Ebba. „Das iſt ja meine Meinung So lange es denn in der Welt dunkel ausſieht, dürfen wir nicht für uns allein auf Sonnenſchein rechnen. Wenn Friede iſt! hab' ich dem Detlev geſagt und dabei muß es bleiben“ Die Wolken, von denen er geſprochen hatte, hingen freilich ſchwer am Himmel, aber den Blitz, den ſie in ihrem Schooße bargen und der ſie bald flammend zerreißen ſollte, hatte doch Niemand, gls wer den Re⸗ 113 girnen, wo die Ereigniſſe ſich vorbereiten, ganz nahe ſtand, erwartet. Die bedeutenden Rüſtungen Schwedens waren der Welt kein Geheimniß, auch in Pemmern wußte man davon, denn es wurde im Lande ſtark ge⸗ worben, ſie erregten vielen Argwohn, aber im Grunde konnte es man dem Könige nicht verdenken, daß er, noch immer bedroht von ſo vielen und mächtigen Geg⸗ nern, ſich in wehrhaften Stand zu ſetzen ſuchte. Als aber die Kunde erſcholl, daß er trotz ſeiner gefährlichen Lage, umgeben von einer Welt von Feinden, den Frieden mit Dänemark, der ihn wenigſtens von einer Seite ſicher geſtellt zu haben ſchien, wieder aufgekün⸗ digt, daß er ein Manifeſt voll Anſchuldigungen wider dieſe Macht geſchleudert habe und ſeine Truppen auf Seeland bereits wieder im vollen Marſche auf Kopen⸗ hagen ſeien, deſſen Nähe ſie kaum verlaſſen— da erſchracken ſelbſt ſeine treueſten Freunde, welche nicht durch ihn ſelbſt von der Nothwendigkeit ſeines Schrittes überzeugt werden konnten, und gaben ihn verloren. Hans Podewils brachte die Nachricht zuerſt nach Loſſin und wurde damit unwillig zurückgewieſen. Als er aber ſein Wort verpfändete, daß er ſie aus dem Munde des Oberſten Vieck in Demmin ſelbſt gehört, daß alle Neugeworbenen, welche ſich dort geſammelt, Befehl erhalten hätten, ſtatt nach Stettin, wie ſie ver⸗ Guſeck, Karl x. Guſtav. n. 8 1¹⁴ meint, ſchleunigſt nach Wismar auszumarſchiren und ein neues Mandat zu Anwerbungen, wenn nicht gar zu Ausſchreibungen von Rekruten angekommen ſei, da konnte Barnim Krockow nicht länger an der Wahrheit zwei⸗ feln Zum erſten Male ging ein Gefühl des Unmuths gegen ſeinen Herrn, den er bisher in unbedingter Hul⸗ digung verehrt hatte, in ſeiner Seele auf und gab ſich auch in ſeinen zuſammengezogenen Brauen, in dem bit⸗ tern Ausdrucke ſeines Mundes zu erkennen.—„Ja, vann ſteht freilich Alles anders, als wir es uns ge⸗ dacht haben!“ ſagte er.„Dann wird ſich der König nicht in Perſon mit ſeiner geſammten Macht nach Polen erheben können, um ſeinen zweiten Feind und mit dieſem ſeinen falſchen Freund zu beſiegen, worauf der Kaiſer wohl auch Frieden gemacht hätte— dann muß er mit dem Dänen kämpfen und das wird jetzt, wo er ihm ein Paar Monate Ruhe gelaſſen hat, ein Kampf auf Tod und Leben! Die Andern werden unterdeſſen nicht müßig ſein, und am Ende bleibt auch dem Könige nichts Beſſeres zu wünſchen, als der Tod ſeines großen Oheims Guſtav Adolf. Barnim begegnete hier dem leuchtenden, tiefblauen Auge ſeiner Gemahlin, das mit einem ganz beſondern Ausprucke auf ihn gerichtet war. Sie hätte dieſem Aus⸗ drucke wohl Worte gegeben, aber die Gegenwart des —„— 11⁵ Gaſtes hielt ſie davon ab. Er verſtand ſie dennoch und die Röthe, welche im unwilligen Reden ſein männliches Geſicht gefärbt hatte, wurde dunkler, aber es war nun die Farbe der Beſchämung Er ſchämte ſich, dem Gefühle des Augenblicks nachgegeben und ſolche Worte über ſeinen Herrn geſprochen zu haben, Ebba's Blick hatte ihn darüber zum Bewußtſein ge- bracht. Auf die ſeufzende Antwort des Nachbars, daß freilich ein ehrlicher Reitertod für den Kriegsmann das Beſte ſei, was aber aus dem Lande und ihnen Allen, die dem Kriege zur Beute fielen, werden ſolle, erwiederte er nun gefaßter: „Ich wüßte freilich ein Mittel, Hans, was Land und Leute und auch den König, wie viel Feinde ihn auch umſchnauben mögen, retten könnte, aber da es nicht gebraucht worden iſt, wo uns ſchon das Waſſer an der Kehle ſtand und es einerlei war, mit dem De⸗ gen in der Hand oder zu Tode geſchunden von den Polen umzukommen, ſo glaube ich auch nicht, daß es nun gedeihen würde.“ „Ihr meint ein allgemeines Aufgebot?“ fragte Podewils kopfſchüttelnd. „Ich meine, daß der König, ſtatt mit Geld frem⸗ des Geſindel zu werben, das beim erſten Umſchlag des Wetters feldflüchtig unter die feindlichen Fahnen läuft, 8 1¹⁶ ſtatt mit ſeinen Ständen um Rekrutenbewilligung zu hadern, hochherzig ſein ganzes, treues Volk von der Nordſee bis an die Spitze des finniſchen Meerbuſens hin zu den Waffen rufen ſolle, und daß ſein Volk wie Ein Mann ſich erhebe und mit Gut und Blut im Kampfe zu ſeinem Könige ſtünde— dann würden ſie es wohl bleiben laſſen, mit einer ſolchen Macht, die nimmer zu bezwingen iſt, den Waffengang zu wagen, und ein ehrlicher, feſter Friede auf Recht und Billig⸗ keit gegründet, würde der Chriſtenheit den lang' ent⸗ behrten Segen zurückgeben.“ Ebba's Augen ſtrahlten in höherem Feuer, ihr edles Antlitz war von der ſchönen Glut der Begeiſte⸗ rung überwallt.„Amen, lieber Herr!“ rief ſie mit be⸗ wegter Stimme„Gott wolle es alſo geben!“ Es zeigte ſich aber ſchon hier, daß auf eine Be⸗ geiſterung, die wie ein elektriſcher Strom durch alle königlichen Lande gehe, nicht zu rechnen war, die Strömung vielmehr überall unterbrochen und gehemmt ſein werde. Hans Podewils war gewiß ein tüchtiger Mann, ſonſt auch empfänglich für große Ideen, aber er hörte die feurige Rede ſeines Freundes unbewegt an und ſchüttelte den Kopf nur ärger. 00 „Ja, Barnim,“ ſagte er dann, nachdem er einen langen Zug aus ſeinem Becher gethan hatte,„das S — 117 wäre ſehr ſchön: die Sturmglocke im Herzogthum Bremen und in Pommern, oben in Lappland und Finn⸗ land, in ganz Schweden und in den neueroberten Ländern Karelen und Livland und wie ſie alle heißen mögen! Aber werden ſie kommen, Herr Bruder? Wer wird kommen, glaubt Ihr? Die Ritterſchaft? Der Bürger? Oder der leibeigene Bauer, dem's gleich iſt, ob er den oder jenen Herrn hat, da's ihm bei keinem beſſer gehen wird? Das ganze Volk wie Ein Mann, ſagſt Du! Ja, wenn wir nur Ein Volk hätten! Zähle ſie nur, Du kannſt es beſſer, als ich, die vielen Völ⸗ kerſchaften, die zum ſchwediſchen Reiche geſchlagen worden ſind ſeit hundert Jahren! Iſt das Ein Volk? Woher ſollen ſie die Anhänglichkeit an Schweden ha⸗ ben, das ſie— nimm mir's nicht übel— abgeriſſen hat von ihren frühern Herrn, woher die Treue und Aufopferung für den König, den ſie gar nicht kennen, kaum wiſſen, wie er heißt? Wird ſich der Karele— ich weiß nun einmal keinen Andern dort— darum grämen, wenn er wieder moscowitiſch wird, wie er vordem geweſen, der Livländer, Krone Polen kommt, und ſo die Andern alle, die nicht wenn er wieder zur von alter Abſtammung her Schweden ſind, was wer⸗ den ſie ihre ganze Wohlfahrt auf's Spiel ſetzen, wo ſie doch kein rechtes Herz zur Sache haben können? 118 Und wenn wirklich ein Sturm und Kriegsgeſchrei durch alle ſchwediſchen Lande ginge, und die Menſchen wirk⸗ lich zu Hauf liefen, glaubt mir, Herr Bruder, es nähme doch daſſelbe Ende! Denn der Eber iſt von den Hunden geſtellt, die ihn feſthalten, die Jäger kommen von allen Seiten daher und fordern ihn auf den Fang⸗ ſpieß, mag er auch noch einen oder den andern mit ſeinen Hauern treffen, es bleibt ihm am Ende doch nichts übrig, als ſich in das tödtliche Eiſen zu ſtürzen. Dann geht es an die Theilung und Gott ſei uns gnädig!“ Barnim ſchwieg. Die engherzige Meinung ſeiiis alten Freundes, welche dem großen Schwedenreiche alle Zuſammengehörigkeit und ſeinen verbundenen Völkern jedes ſtarke Nationalgefühl im Bewußtſein, ein Gan⸗ zes zu bilden, abſprach, hatte den treuen Mann zwar empört, aber er konnte nicht läugnen, daß in den Wor⸗ ten piel Wahres lag. Die Zeit war noch zu kurz, jene Völker ſchon zu einem Ganzen verſchmolzen zu ſehen, der Rieſenbau, zu welchem der erſte Waſa, als er vor den Dänen zu den Dalekarliern floh, den erſten Grund⸗ ſtein gelegt, hatte ſich erſt in dem jetzt laufenden Jahr⸗ hundert, alſo binnen kaum fünfzig Jahren, wunderbar ſchnell zu ſchwindelnder Höhe emporgethürmt— ſollte er wieder zuſammenſtürzen, Alles verloren gehen, was 119 Guſtav Adolfs Siege, was die Feldherrn ſeiner Toch⸗ ter, was jetzt der Held Karl Guſtap gewonnen hatte? Eine trübe Ahnung ging durch Barnim's Seele und machte ihn ſtill. Podewils trank gelaſſen ſeinen Becher aus, als er ſeine abweiſende Rede beendigt hatte. Frau Ebba, die ihn mit lebhaftem Unwillen angehört, wartete noch ein Weilchen, ob ihr Herr nicht antworten werde; da er aber mit geſenktem Auge ſchwieg und ſie das ſchmerzliche Zucken um ſeinen Mund gewahrte, trat ſie für ihn ein und ſprach mit beredten Worten aus, was ihre Seele füllte, frauenhaft und würdig immer, aber doch mit nordiſchem Muthe, daß ſich König Karl Gu⸗ ſtav gefreut haben würde, Erik Slange's Tochter ſo tapfer ſeine Sache führen zu hören. Kein Wort, das den Freund und Nachbar ihres Hauſes hätte perſönlich verletzen können, aber doch ein Geiſt ihrer Rede, der ihn wohl beſchämen mochte! Gab er das von Jägern umſtellte königliche Wild verloren, ſchien ſelbſt ihr Ge⸗ mahl nach dem momentanen Aufſchwunge, den er, Karl Guſtav's Getreuſter, genommen hatte, wieder in ſeinen erſten Kleinmuth zurückgeſunken zu ſein, welcher dem Könige nichts Beſſeres zu wünſchen wußte, als einen Tod in der Schlacht, wie ſein großer Oheim geendigt hatte: Ebba Slange hielt das Banner freudiger Zu⸗ 12⁰ verſicht hoch empor und prophezeite das glorreichſte Ende des Rieſenkampfes. In einer Beziehung iſt ihr Glaube nicht zu Schanden geworden! Der alte Podewils, der ſtets ein großer Vereh⸗ rer von ihr war, fand ſie in ihrer Aufregung faſt überirdiſch ſchön und fühlte ſich von ihren Worten ganz überwältigt.„Ich will ja gern Unrecht haben!“ ſagte er.„Es ſind freilich ſchon Wunder und Zeichen in der Wetgeſchehen und was ein ſtarkes Herz und ein tapſerer Arm vermag, haben unſere Väter an mehr, als einem Exempel erfahren. liber Nacht kann Alles anders wer⸗ den— abſonderlich in der Politik. Wir wollen des⸗ halb auch hier in Pommern nicht verzagen. Für's Erſte gilt's ja noch in Polen.“ 5 Schwer war es heut, das Geſpräch auf etwas anders zu lenken, weil die Nachricht, welche er gebracht hatte, ſich fort und fort den Gedanken wieder auf⸗ drängte. Es traf aber, noch ehe Podewils wieder ſeinen Flepper beſtieg, doch eine Kunde in Loſſin ein, welche die gedrückte Stimmung, der ſich Barnim nicht entwinden kennte und die ſchon anfing, auch auf Ebba einzuwir⸗ ken, in die lebhafteſte Freude umwandelte. Der Poſtreiter brachte einen Brief, in welchem der Schloßherr ſogleich die längſt erwartete Antwort auf ſeine von dem ſchwe⸗ diſchen Commandanten in Wismar nach Holſtein ver⸗ mittelte Anfrage fand. 121 „Karl iſt nach Preußen entſendet!“ rief er ſchon bei den erſten Zeilen, die er geleſen, ſeiner ängſtlich ihn beobachtenden Frau zu. „Gott ſei gelobt! So lebt er— und hat alle Gefahren überſtanden! Warum aber ſind wir ohne alle Nachrichten geblieben? Ein Wort hätte er doch von ſich hören laſſen können— er iſt vielleicht ver⸗ wundet, krank geweſen?“ Der Vater konnte auf die Fragen der Mutter aus ſeinem Briefe keinen Beſcheid geben. Darin war nur geſagt, daß der Rittmeiſter Karl Guſtav Krockow won der Königin Leibregiment, nachdem er mit demſelben aus Seeland nach Fünen zurückgekehrt, auf ausdrück⸗ lichen Befehl Seiner Majeſtät des Königs nach Gothen⸗ burg, allwo Allerhöchſt Dieſelben nach glücklicher Campagne eine Zeitlang reſidiret, berufen worden, von dort zwar uach Flensburg, wohin mittlerweile das Regiment ab⸗ marſchirt, im Laufe des Mai zurückgekommen, aber nur, um ſich zu melden, daß er mit Uberbringung von Depeſchen an den Herrn Feldmarſchall⸗Lieutenant von der Linde, welcher die Truppen an der Weichſel zur Zeit befeh⸗ ligte, commandirt jei. Dahin ſei er dann inſtradirt worden. Auf welchem Wege, beſagte das Schreiben nicht, wie es denn überhaupt nichts, als die thatſächlichen Anga⸗ ben enthielt, welche die Eltern in der Hauptſache beru⸗ higen mußten Der Sohn war geſund, war von ſeinem Könige mit einem beſondern Auftrage beehrt worden; das mußte ihnen genügen. Warum er ihnen nichts von Allem gemeldet hatte? Die Mutter war die erſte, ihn deßhalb von jedem Vorwurfe frei zu ſprechen, er hatte auf jeden Fall geſchrieben, nur war der Brief verloren gegangen. Podewils freute ſich mit ihnen und ritt dann in behaglichſter Stimmung ab. Unterwegs erſt befiel ihn wieder die Sorge vor der Zukunft und er fragte ſeuf⸗ zend, warum es denn nicht im lieben Pommerlande ſo gemüthlich bleiben könne, wie eben jetzt, was ſie, die Landſaſſen, denn eigentlich ein Krieg zwiſchen den Kro⸗ nen Schweden und Polen angehe, zu welchem die Ge⸗ legenheit geradezu vom Zaum gebrochen worden ſei? Begierig war er, was ſein politiſches Orakel, der geiſt⸗ liche Herr aus Polen, zu dieſer neuen Wendung der Dinge ſagen werde, über welche er noch nicht mit ihm geſprochen hatte. In Loſſin hatte nun auch Erika, welche nicht zu⸗ gegen geweſen, als die Nachricht über ihren Bruder angekommen war, die Kunde davon erhalten. Lichte Freude war auch bei ihr der erſte Ausdruck ihres lieb⸗ lichen Geſichts geweſen, dann aber glaubte die Mutter einen ſinnenden, beſorgten Blick ihres Auges zu be⸗ 123 merken, als falle ihr doch etwas auf's Herz.„Wird er dort bleiben?“ fragte Erika. Der Vater konnte es nicht wiſſen und gab der Frage keine tiefere Bedeutung, die Mutter aber ver⸗ ſtand ſie. Als Erika ſpäter den Eltern gute Nacht gewünſcht und ſich in ihr Kämmerlein begeben hatte, ſagte Frau Ebba:„Mir liegt es wohl auch am Her⸗ zen, zu wiſſen, ob Karl dort bleiben wird.“ „Ja, wer kann Dir das beantworten, da der ſtolze junge Herr gegen uns ſtumm bleibt,“ erwiederte der Vater.„Freilich wohl möchten wir wiſſen, wo er blei⸗ ben wird. Ich denke mir, ſein Regiment wird nicht wieder nach Preußen geſchickt werden, bevor der neue Krieg in Dänemark zu Ende iſt, und ſomit wird Karl, wenn er ſeine Depeſchen an den Feldmarſchall⸗ Lieutenant übergeben und deſſen Antwort an den König erhalten hat, zurückkommen. Sein Platz iſt doch immer beim Regimente.“ „Wird aber der Krieg in Dänemark alle Regi⸗ menter, welche jetzt dort ſind, feſthalten, wird der Kö⸗ nig nicht gerade gegen die ſtärkſten Feinde ſeine beſten Regimenter ſchicken— und wäre es nicht möglich, daß Karl, auch wenn das Leibregiment in Dänemark bliebe, eine andere Beſtimmung erhalten hätte?“ 124 „Du ſtellſt mir Fragen, die nur der König beant⸗ worten kann. Was haſt Du, Frau?“ „Fällt Euch denn gar nicht ein, was ſich nun doch ereignen könnte, wenn unſer Karl Guſtav bei dem Heere in Preußen bliebe? Ihr ſagtet vor Kurzem erſt, daß er dann wohl auf Armeslänge plötzlich ſeinem leiblichen Vetter im Kampfe gegenüber ſtehen könnte—“ „Leiblichen Brüdern iſt das ſchon begegnet, wenn ſie unter verſchiedenen Fahnen dienten,“ entgegnete Barnim, welchem das alte Soldatenblut warm wurde. „Traurig bleibt's immer und wenn man's mit Ehren kann, wird man ein ſolches perſönliches Zuſammen⸗ treffen im Gefecht vermeiden, fügt es aber das Ge⸗ tümmel der Schlacht alſo, nun dann gebietet einzig Ehre und Pflicht, mag es kommen, wie es will.“ „Gott ſchütze uns!“ ſagte Ebba leije. Sechſtts Kapitel. Eine Welt von Feinden. önig Karl Guſtav war nicht wie ein tollkühner Raufbold, der ſich mit dem Schwert in der Fauſt blind⸗ lings in's Abenteuer ſtürzt, in den neuen Krieg ge⸗ gangen, ſondern er hatte mit dem Blicke des Staats⸗ mannes alle Verhältniſſe umfaßt und als Feldherr nach allen Seiten hin ſeine Maßregeln getroffen. Die Zahl ſeiner Feinde und ihre Macht ſchreckte ihn nicht, er wußte, daß das Geheimniß des Sieges in ganz andern Dingen liegt, als die ſich zählen und meſſen laſſen. Sich ſelbſt hätte er den däniſchen Krieg vorbe⸗ halten, zu welchem er freilich auf Seeland wiederum 126 nur verhältnißmäßig geringe Streitkräfte verwenden konnte In Holſtein blieb der Pfalzgraf von Sulzbach als Gouverneur, unter ihm Georg Friedrich von Wal⸗ deck mit 6000 Pferden und 2000 Mann zu Fuß, er hatte den Sturm zu beſtehen, der etwa von Deutſch⸗ land her einbrechen ſollte. Pommern's feſte Plätze wa⸗ ren mit tüchtigen Commandanten beſetzt und auf ſich ſelbſt gewieſen, der König rechnete darauf, daß die Kaiſerlichen und Brandenburger Pommern als deut⸗ ſches Land aus Achtung vor dem weſtphäliſchen Frie⸗ den nicht angreifen würden, und hoffte beshalb auch auf eine Mitwirkung der in Stettin unter Paul Würtz, dem Vertheidiger von Krakau, ſtehenden Truppen gegen Preußen hin zu gemeinſchaftlichen Operationen mit ſei⸗ nem, des Königs Bruder, dem Pfalzgrafen Adolf Johann, der ſich noch immer dort hielt und keinen ſeiner wichtigen Punkte Thorn, Graudenz, Marienwer⸗ der, Stum, Marienburg, Elbing, welche der Feldmar⸗ ſchall⸗Lieutenant von der Linde deckte, verloren hatte. Von Livland aus war General Donglas beordert wor⸗ den, das Herzogthum Kurland zu beſetzen und den Herzog Jakob, noch aus Kettler's, des letzten Heer⸗ meiſters Stamme, welcher im geheimen Einverſtänd⸗ niſſe mit Polen ſtand und gewiß bald feindlich aufge⸗ treten wäre, zu verhaften. Dies war geſchehen, die 127 Schweden hatten den Herzog in ſeiner Hauptſtadt Mietau gefangen genommen und mit ſeiner Gemalin, obgleich dieſe ihrer Entbindung entgegen ſah, nebſt ſei⸗ ner ganzen Familie nach Narva abgeführt. Douglas ſollte dann im geeigneten Augenblick das Herzogthum Preußen, das Land des Kurfürſten von Brandenburg angreifen. Von dem Czaren befürchtete der König nicht viel, auch mit ihm waren Unterhandlungen angeknüpft und dieſe verſprachen einen beſſern Erfolg, als die zu Danzig mit Polen, welche trotz der Bemühungen der brandenburgiſchen Geſandten, die es in der That ernſt⸗ lich zu meinen ſchienen, nur in die Länge gezogen wurden. Eins aber, worauf der König mit Beſtimmt⸗ heit für den Krieg in Preußen rechnen konnte, das war die Uneinigkeit zwiſchen den Bundesgenoſſen, wie ſie ſich bei allen gemiſchten Heeren und zu allen Zei⸗ ten herausſtellt Nach Holſtein ſollte zwar auch ein ſolches rücken, zuſammengeſetzt aus Kaiſerlichen, Brandenbur⸗ gern und Polen, aber hier ſtand der Oberbefehl dem Kurſürſten von Brandenburg zu und deſſen gebieteriſche Perſönlichkeit, welche wohl geeignet war, alles Wider⸗ ſtrebende unter ſeinen Willen zu beugen, kannte der König nur zu wohl. Hier war in der That ein kräf⸗ tiges Vorgehen zu fürchten, aber bis dahin hoffte Karl Guſtav mit Dänemark fertig zu ſein, dem Pfalzgraſen 128 von Sulzbach, der ſich einſtweilen halten ſollte, zu Hülfe zu eilen und ſich nun mit einem ebenbürtigen Gegner zu meſſen. Auf dieſen Kampf freute ſich ſeine kriegeriſche Seele! Zur See endlich, im Sunde, wach⸗ ten ſeine wohlausgerüſteten Schiffe, daß nicht eine holländiſche Flotte, deren Auslaufen zu erwarten ſtand, den Dänen zu Hülfe komme und etwa vor Kopenha⸗ gen erſcheine, bevor die Stadt in ſeine Hände gefallen ſei. Von England hatte der König ſich wenig Gutes zu verſehen, aber Frankreich, in ſeiner nie verläugne⸗ ten Politik gegen das Haus Habsburg, das ihm wiederum feindlich entgegentrat bei den Thronfolgebe⸗ werbungen in Polen, Frankreich, ſo hoffte Karl Guſtav, werde ihm, wenn auch nur mittelbar, wie es im An⸗ fange des großen deutſchen Krieges mit Guſtav Adolf gethan, gute Dienſte leiſten; die Königin von Polen war ganz franzöſiſch geſinnt, ſie beherrſchte ihren Ge⸗ mahl und eine große Parthei in Polen war gegen den Krieg. Karl Guſtav konnte noch immer den kommenden Ereigniſſen feſt und muthig entgegen blicken. Im Auguſt waren die Feindſeligkeiten auf See⸗ land bereits eröffnet worden. Die Schweden erſchienen wieder vor Kopenhagen und ſchloſſen König Friedrich in ſeiner Hauptſtadt ein, aber ehe ein Angriff unter⸗ nommen werden konnte, mußte erſt Kronborg, die wich⸗ 129 tige Feſte vor Helſingör, der Schlüſſel zum Sunde, genommen werden König Friedrich der Zweite hatte vor hundert Jahren das alte feſte Schloß, das ſchon lange vor der Erbauung von Helſingör, der Stadt Helſingborg auf ſchwediſchem Ufer gegenüber, am Sunde geſtanden und denſelben geſchützt hatte, mit Feſtungs⸗ werken aus großen, gehauenen Quadern verſehen, welche in vortrefflichem Zuſtande erhalten waren. Daß er aber einen Angriff zu Lande nicht recht für möglich gehalten, bewies, daß er zugleich unweit der Feſte, zwiſchen ihr und der Stadt, vor dem rothen Thore der letztern, einen prächtigen Luſtgarten mit einem phan⸗ taſtiſchen Schlößchen angelegt hatte, das ſeine Geſtalt ſeitdem verändert hat, aber noch immer Marienluſt heißt. Hier hauſten jetzt die Schweden, welche Kron⸗ borg alsbald berannt hatten, und ſich anſchickten, ſie mit Liſt vder Gewalt zu nehmeu, da eine förmliche Belagerung den König in ſeinen Abſichten auf Kopen⸗ hagen zu lange aufhalten mußte. Zur ſelben Zeit war aber ſchon das Heer bereit, welches den Dänen in ihrer Bedrängniß Hilfe bringen ſollte und der Kurfürſt von Brandenburg als Ober⸗ feldherr berief die vornehmſten Generale zu einem Kriegsrathe, während die einzelnen Corps langſam ihren Sammelplätzen zuzogen. Wohl erhoben ſich hier Guſeck, Karl X. Guſtav. n. 9 130 Stimmen für eine methodiſche, und recht ſichere Krieg⸗ führung, es ſchien gefährlich, eine ſo ſtarke Feſtung, wie Stettin, mit ihrer anſehnlichen Beſatzung und dem unternehmenden Commandanten im Rücken zu laſſen, daher riethen ſie, dieſe Feſtung vor allen Dingen zu belagern und erſt nach deren Einnahme mit der gan⸗ zen Armee nach Holſtein zu rücken. Hier möge jedoch immerhin die ſchwere Reiterei, welche bei der Belage⸗ rung nichts helfen könne, und ein Theil der Infanterie den Krieg beginnen, um den Pfalzgrafen Philipp von Sulzbach einſtweilen zu beſchäftigen. Der Kurfürſt ver⸗ warf jedoch dieſe Vorſchläge unbedingt und ſein gewichtiges Wort entſchied. Nicht allein widerſtrebte dieſe langſame Weiſe der Kriegführung ſeinem thatkräftigen Feldherrn⸗ geiſte, der ſtets auf raſche Operationen und entſchei⸗ dende Waffenſchläge ging, wie er ſpäter der Welt, vorzüglich den Schweden nach Karl Guſtav, bewieſen hat, ſie erſchien ihm auch in der jetzigen Lage geradezu verderblich, denn ſie gewährte dem Feinde dasjenige, woran im Kriege Alles gelegen iſt: Zeit! Was half die Ervberung von Stettin wenn unterdeſſen Kopen⸗ hagen fiel und Dänemark vernichtet wurde? Der Zweck des Kriegszuges war doch, dem Könige von Dänemark zu Hülfe zu kommen und that man das vor Stettin? Wer Karl den Zehnten kannte, der wußte, daß er ſich 131 dadurch nicht irren oder etwa gar nach Deutſchland locken ließ. Es waren aber auch noch andere Gründe, welche den Kurfürſten bewogen, das ſchwediſche Pom⸗ mern nicht anzugreifen; ſo lange als möglich wollte er die Beſtimmungen des weſtphäliſchen Friedens aufrecht halten, denn wurden ſie unverletzt erhalten, ſo hinderte man auch die fremden Mächte, die ſich mit zu Bürgen desſelben aufgeworfen, die Klauſeln nach ihrem Belie⸗ ben zu Deutſchlands Schaden zu brechen, und endlich ſah der Kurfürſt immer noch ganz Pommern als ſein recht⸗ mäßiges Eigenthum an, das er einſt doch noch mit ſeinen übrigen Staaten zu vereinigen hoffte. Pommern mußte daher geſchont werden. Leider war es ihm nur nicht möglich, von ſeinen eigenen Landen überall die Verwüſtung abzuhalten, welche ſie beim Durchzuge von ſeinen Bundesgenoſſen, ja von den brandenburgiſchen Truppen ſelbſt erlitten. Das Kurfürſtliche Kriegsrecht, in achtzehn Titeln vor⸗ trefflich ausgearbeitet, ein Muſter der Kriegsgeſetz⸗ gebung für damalige Zeit, war zwar längſt in Kraft getreten und die ſtrengſten Verordnungen hielten es aufrecht, aber wir haben ſchon wiederholt darauf auf⸗ merkſam gemacht, daß in den Heeren aller Staaten noch eine ſehr große Zahl alter Kriegsgeſellen diente, die den dreißigjährigen Krieg in ſeinen letzten, an Land⸗ 9* 132 verwüſtung Alles übertreffenden Jahren mitgemacht hatten— der Geiſt dieſes entſetzlichen Krieges ſpukte noch fort und ließ ſich erſtviel ſpäter bannen. Alle Kriegs⸗ artikel und deren Titelkupfer, auf welchen die Strafen jeglicher Art abgebildet waren, alle Richterſprüche und Exe⸗ cutionen halfen dazu nicht, den böſen Geiſt konnte erſt eine andere, beſſere Zeit verſcheuchen. Darum konnte auch Graf Dohna in einem Schreiben an den Mini⸗ ſter Schwerin, welcher den Kurfürſten bereits an die Spitze des Heeres begleitet hatte, die prächtige Hal⸗ tung und Tüchtigkeit der Truppen, die er im Marſche ſah, preiſen, aber er mußte doch hinzufügen;„Die Unbill, welche unſere Leute begangen haben, ſchreit um Rache, und ich hoffe, daß der Kurfürſt die Urheber ſolcher Bosheiten entdecken wird.“ Vorzüglich waren es jedoch die Polen, die ſich in Grauſamkeit und Verheerung hervorthaten, als ſolle das Land auf alle Zeiten verderbt werden Es war ja freilich nicht Feindesland, aber doch deutſches Land und der Deutſche kann nimmer des Polen Freund ſein, auch wenn dieſer an ſeiner Seite kämpfen muß. Nach dem zu Berlin abgeſchloſſenen Tractate ſollte der Kö⸗ nig von Polen 5000 leichte Reiter und 3000 Mann zu Fuß und Dragoner zu dem vereinigten Heere ſtel⸗ len, davon waren nur 2— 3000 Pferde erſchienen, die 1³3 übrigen Truppen ſollte Peter Opalinski, der Woje⸗ wode von Podlaſie, nachbringen. Aber die Zuchtloſig⸗ keit des Vortrabs, der auf dem ganzen Marſch mit mutbwilliger Bosheit ſelbſt die Mühlen und Backöfen zerſtörte, aller ſonſtigen Gräuel, vor denen die Seele ſchaudert, zu geſchweigen, verbreitete ſchnell genug Ent⸗ rüſtung und Zorn gegen dieſe Bundesgenoſſen ſelbſt bei den hartgeſottenen Kriegsknechten des Heeres und trieb das Landvolk zur Verzweiflung. Der Kurfürſt war ſchon am 7, September mit dem Miniſter von Schwerin, dem General⸗Kriegskommiſſär von Platen und Herrn von Somnitz vorausgeeilt, um mit einem ſtarken Reiterhaufen in Holſtein einzurücken, während die Hauptmacht im langſamen Hrereszuge folgte. Sie ſollte nicht durch die Mark ziehen, ſondern durch die benachbarten Länder, hielt ſich aber auf beiden Gren⸗ zen und hier, wie dort mit gleicher Verwüſtung. In der Mark hatte er den Prinzen von Anhalt⸗Deſſau, welcher nun ganz aus ſchwediſchen Dienſten in bran⸗ denburgiſche übergetreten war, als ſeinen Statthalter gelaſſen, derſelbe war aber nicht im Stande, das Land vor Bedrückungen zu ſchützen, wenn er nicht durch Ge⸗ waltmaaßregeln gegen die Soldatesca die Verbündeten des Kurfürſten ihm verfeinden wollte. Traurige Rück⸗ ſichten! Auf die Klagen, welche den Landesherrn tra⸗ — 134 fen, ordnete dieſer jedoch ſofort an, daß ſich das Land⸗ volk bewaffnen und Gewalt mit Gewalt vertreiben ſolle. So entſtand ein kleiner Krieg, der hier und da mit Erbitterung geführt wurde. 33 Von Mecklenburg aus ſollte der Einbruch in Hol⸗ ſtein geſchehen. Der Kurfürſt hielt am 14. September bei Parchim eine große Heerſchau und erließ dann ein Manifeſt, welches der Welt die Beweggründe ſeines Handelns darlegte Der Pfalzgraf von Sulzbach hatte die Nachricht vom Anmarſch des verbündeten Heeres ſogleich ſeinem Könige in das Lager von Kopenhagen gemeldet, aufhalten konnte er dasſelbe nicht, ſeine Poſten an der Gränze zogen ſich langſam vor dem Vortrabe des Kurfürſten, welchen der kaiſerliche General Graf Sporck, unter ihm brandenburgiſcher Seits Pfnel, be⸗ fehligte, zurück. In einer ſehr gedrückten Lage befand ſich nun der Herzog von Holſtein. Er wünſchte ſeine Neutralität zu behaupten, aber ſie wurde nicht geachtet, ſeine Geſandten, welche den Kurfürſten zu Huſum tra⸗ fen und ihm Vorſtellungen machten, und um Schonung des Landes baten, erhielten zur Antwort, daß die Be⸗ ſetzung dem Herzoge eher angenehm ſein müſſe, da das Land auch von den Schweden nicht geſchont werde, ſeine neutrale Stellung habe er aber ſelbſt ſchon auf⸗ gegeben, indem er den Schweden vielfache Unterſtützung geleiſtet. Der alte Herr wandte ſich nun um Rath an ſeinen königlichen Schwiegerſohn. Dieſer rieth ihm, offen auf ſeine Seite zu treten und der Herzog war gar nicht abgeneigt dazu Aber er fand den heftigſten Wider⸗ ſpruch bei ſeinen Ständen, beſonders der Adel wollte, des gemeinſchaftlichen Regiments wegen, nichts davon wiſſen, da er auch dem Könige Friedrich Treue ge⸗ lobt hatte. So ergab ſich der Herzog in ſein Schick⸗ ſal, zu dulden, was er nicht ändern konnte. Unterdeſſen war der Kampf vor Kopenhagen ſchon furchtbar entbrannt. Anfangs, als die erſte Rachricht vom neuen Anrücken der Schweden an einem Sonn⸗ tage während des Gottesdienſtes gekommen, war Alles in größter Beſtürzung geweſen und wenn Karl Guſtav, wie er frühet im Sinne gehabt, ſtatt von Kiel wieder über den Belt zu gehen und im Süden von Seeland ſein Heer zu landen, dasſelbe mit der Flotte gerade vor Kopenhagen geführt hätte, wo nur 400 Mann Beſatzung lagen, ſo hätte er im erſten Schrecken viel⸗ leicht die Hauptſtadt gleich zur Ergebung gezwungen. Auch jetzt hatte Alles den Kopf verloren und ſann nur auf Flucht— man drang in den König, ſich mit ſeiner Familie nach Norwegen zu begeben. Aber der König, Er der Einzige, behielt Standhaftigkeit:„Muß ich ſterben“ ſagte er,„ſo will ich es hier, wie der 136 Vrgel in ſeinem Reſte.“ Er herief den Magiſtrat, die Geiſtlichkeit und die Profeſſoren der Univerſität auf das Schloß und befragte ſie, ob ſie Blut und Leben für die Vertheidigung des Vaterlandes wagen wollten; ſie antworteten ihm mit einem freudigen Ja und bald bemüchtigte ſich, durch das Beiſpiel des Königs, durch Wort und That der höchſtgeſtellten Männer des Reichs entflammt, der ganzen Einwohnerſchaft eine hohe Be⸗ geiſterung. Die Außenwerke wurden aufgegeben, die Vorftädte in Brand geſteckt; Tag und Nacht arbeiteten alle Klaſſen der Bevölkerung an den Wällen der Stadt. So fand Karl Guſtav die Stadt, als er in Per⸗ ſon vor derſelben erſchien. Der Anblick der brennenden Vorſtädie, welche die Bürger ſelbſt angezündet, machte ihn ſtutig, es war das unverkennbare Zeichen eines zum äußerſten Widerſtande entſchloſſenen Volksgeiſtes. Dennoch drang Dahlberg, welcher Tags zuvor den Vertheidigungszuſtand der Stadt recognoscirt hatte, auf ungeſäumten Sturm; wie einſt beim Eisübergange, verbürgte er ſich mit ſeinem Kopfe für das Gelingen und erbot ſich, zu Wagen an der Szitze der Stür⸗ menden über den elenden Wall hinwegzufahren. Aber in dein Kriegsrathe, welchen der König zu Wallby hielt, erklärten ſich alle Generale gegen den Sturm, zu welchem das Heer zu ſchwach ſei; Wrangel rieth 137 vielmehr, wie ſchon früher geſagt, zuerſt Kronborg an⸗ zugreifen und— der König gab nach. Es war die veränderte Haltung von Kopenhagen, welche ihn dazu beſtiumte. Auf rieſe moraliſche Kraft im däniſchen Volke, geboren in der höchſten Gefahr, entſchloſſen zum Kampfe der Verzweiflung, hatte er nicht gerechnet. Stillſtand im Kriege iſt Rückſchritt. Zwar fiel Kronborg nach drei Wochen mit 77 Kanonen und rei⸗ chem Material in Wrangels Hand und die Schweden waren, was ſie nie geweſen, Herren des Sundes. Aber die Belagerung Kopenhagens, obwohl von Steen⸗ bock mit aller Kraft geleitet, konnte ohne ſchweres Ge⸗ ſchütz keinen raſchen Fortgang nehmen. Die Belagerten gewannen dadurch Zeit, ihre Wälle zu verſtärken, vor den Thoren Raveline anzulegen, Blockhäuſer zu bauen — und bald ſuchten ſie den Kampf durch wüthende Ausfälle, bei welchen man immer die ſchwarzen Schaa⸗ ren der Studenten tapfer voran ſah. Bei einem der⸗ ſelben verloren die Schweden in einem langdauernden hartnäckigen Gefechte mehrere hundert Todte und ſogar 300 Gefangene. Die Ankunft der ſchwediſchen Flotte unter Bjelkenſtjerna brachte zwar einen Umſchwung her⸗ vor, die Stadt wurde nun auch mit glühenden Kugeln beſchoſſen, mehrere Feuersbrünſte entſtanden, Mangel an Lebensmitteln machte ſich fühlbar, die Thätigkeit der 138 Bürgerſchaft ſchien zu ermatten— aber Karl Guſtav erhielt beſtimmte Nachricht, daß Holland eine Flotte zum Beiſtande Dänemarks ſenden werde und an dem folgenden Tage die Meldung des Pfalzgrafen von Sulzbach über den Anmarſch des Kurfürſten. Einen Moment dachte Karl Guſtav ſchon daran, die Belage⸗ rung unter dieſen Umſtänden aufzuheben. Aber im Geiſte muſterte er die Macht, über welche er außer ſeinem kleinen Heere in Seeland noch auf däniſchem Boden zu gebieten hatte. Die Inſel Fünen war mit 3000 Reitern unter dem Grafen von Waldeck und Henrik Horn belegt; in Friedrichsodde ſtanden 3600 Mann unter dem General Bötticher und dem Prinzen von Sachſen⸗Weimar, die Inſel Alſen hielt der tapfere Aſcheberg mit 1000 Mann beſetzt. In Holſtein waren die Feſtungen und Tönningen laut Vertrag den Schwe⸗ den eingeräumt worden, worauf ſich eben der Kurfürſt von Brandenburg berufen, als der Herzog gegen ihn die Neutralität hervorgehoben hatte. Freilich mußte der Pfalzgraf von Sulzbach, der in Holſtein befehligte, einen ſchweren Stand haben, aber es kam dort ja nur darauf an, daß er den ungleichen Kampf eine Weile hinzuhalten wußte. Der König beſchloß daher, dem Drange der auf ihn einſtürmenden Gefahren nicht zu weichen. Philipp von Sulzbach erhielt Befehl, ſeine Regi⸗ 139 menter ſogleich zuſammenzuziehen, die Marſch— das tiefer gelegene fruchtbare Land— zu verwüſten, um dem Feinde in Holſtein den Unterhalt zu rauben und ſich nach Rendsburg zurück zu ziehen, wo er eine Schiffbrücke über die Eider ſchlagen und befeſtigen ſollte, damit er die Freiheit ſeiner Operationen be⸗ haupte. Der König ſelbſt betrieb nun die Belagerung von Kopenhagen mit raſtloſem Eifer und als nach der Eroberung von Kronborg Wrangels Truppen wieder zu ihm ſtießen, rückte ſie wirklich vor; mehrere Batte⸗ rien des Feindes waren ſchon zum Schweigen gebracht, die ſchwediſchen Laufgräben hatten ſich bis auf 50 Schritt dem gedeckten Wege vor dem Hauptgraben ge⸗ nähert, es kam nur noch darauf an, einen Damm zu durchſtechen, um das Waſſer des Grabens ausſtrömen zu laſſen, dann der Sturm! Aber im letzten und höchſten Momente der Noth, welche alle Hingebung der Kopenhagener zu Schanden zu machen Lrohte, erſchien die holländiſche Flotte, eine der prächtigſten, welche Holland je gerüſtet, vor dem Sunde; 35 Kriegsſchiffe mit einer Menge von Trans⸗ portfahrzengen, welche Lebensmittel und Truppen führ⸗ ten, unter Jakob von Waſſenaer, Herrn von Ordam, Admiral von Holland, nebſt den Vice⸗Admiralen Cor⸗ nelius de Witt und Peter Floris. Widrige Winde 140 hielten ſie ſechs Tage bei Hammermölle feſt und der Reichs⸗Admiral drang in den König, daß er ihn, be⸗ günſtigt durch Strom und Wind, angreifen laſſe. Aber Karl Guſtav gab nicht der Stimme der Kriegskunſt, ſondern der Politik Gehör; er wollte vor der Welt der Angreifer nicht ſein, vielleicht rechnete er auch darauf, daß die Holländer ihn aus Furcht vor Eng⸗ land, welches ihm jetzt Hülfe verſprochen hatte, nicht angreifen, ſondern nur eine Demonſtration verſuchen würden. Er wußte jedoch noch nicht, daß der Gewaltige, welchen der Königsmord an die Spitze von England geführt, das er über acht Jahre mit ſtarker Hand und in vieler Beziehung trefflich regiert hatte, Oliver Crom⸗ well, bereits am 3. September geſtorben war. Von ſeinem ſchwachen Sohne und Nachfolger im Protecto⸗ rat, Richard Cromwell, wie ſehr er auch Schweden zugethan, war kein kräftiger Schritt mehr zu erwarten. Der König von Schweden vertraute aber noch auf England und begab ſich nach Kronborg, während Wrangel ſeine Flagge am Bord des Admiralſchiffes aufzog und mit 44 Segeln unter den Admiralen Bjelkenſtjerna, Sjöhjelm und dem jüngern Wrangel von Kopenhagen ebenfalls dorthin ging. Am 29. Oc⸗ tober ſetzte der Wind um, die holländiſche Floite 14¹ lichtete die Anker und ſegelte gerades Weges in den Sund. Der König ließ ſie von der Feſtung Kronborg ſalutiren, ſie gab keine Antwort, ſondern hielt ihren Cours mitten zwiſchen Kronborg und Helſingborg, in der offenbaren Abſicht, die Einfahrt in den Sund zu erzwingen. Da entriß Karl Guſtav, der auf der Bat⸗ terie mit ſcharfem Auge ihr Gebahren beobachtete, dem nächſten Conſtabler die Lunte und feuerte ſelbſt den erſten Schuß auf die hollöndiſchen Schiffe ab, welche nun von beiden Schlöſſern, die den Sund bewachen, ſcharf beſchoſſen wurden, ohne jedoch viel Schaden zu leiden. Die ſchwediſche Flotte aber verſperrte den Hol⸗ ländern jetzt in Schlachtordnung den Waſſerweg und eine Seeſchlacht entbrannte, welche mit der äußerſten Erbitterung ſechs Stunden fortgeſetzt wurde. Unſere Gegenwart ſieht bei allen großen Seemächten die Flotten mit ihren neuen Kriegsdampfern und Panzer⸗ ſchiffen, bewehrt durch die furchtbarſten Geſchütze, Bom⸗ benkanonen, Armſtrongs und wie ſie heißen, geſchützt durch Rieſenbauten von Kriegshäfen, wie Cherbourg, Portsmouth, Kronſtadt, in's Ungeheure wachſen— eine Seeſchlacht, dieſen coloſſalen Anſtrengungen entſprechend, hat ſie ſeit faſt ſechzig Jahren nicht mehr geſehen und der Menſchenfreund ſchaudert, wenn er ſich eine ſolche 122 unter dem Einfluſſe der neuen Zerſtörungsmittel in Zukunft denkt. Ob ſie vielleicht gerade dadurch zurück⸗ gehalten wird? Eine Seeſchlacht iſt immer furchtbarer, als die Schlacht zu Lande, denn unter ihr ſtatt des feſten Bodens lauert die tückiſche Flut auf ihr Opfer, der ſichere Rückzug fehlt, die eigenen Munitionsvorräthe drohen, den feindlichen Geſchoſſen ausgeſetzt, mit Tod und Verderben. In unmittelbarer Nähe, wenn die Schlachtlinien ſich durchbrochen haben, fegen die Schiffe ihre Verdecke gegenſeitig mit Kugeln und Kartätſchen der Breitſeiten, dann klammen die Enterhaken ſich feſt, ſchlagen die Enterbrücken hinüber, ſtürzt die Mannſchaft zum perſönlichen Kampf. So auch bei der Schlacht im Sunde. De Witts Schiff, von den Schweden geentert, mußte die Flagge ſtreichen; das holländiſche Admiral⸗ ſchiff, zwei Stunden im Kampfe gegen das ſchwediſche, war mit durchlöchertem Rumpfe dem Sinken nahe, dennoch behielt Jakob von Ordam, gichtbrüchig auf ſei⸗ nem Lehnſtuhle oben ſitzend, die kaltblütigſte Geiſtes⸗ gegenwart und rettete ſich und ſein Schiff; Wrangel ſein Gegner, deſſen Fahrzeug das Steuerruder verlo⸗ ren hatte, mußte ſich von Sturm und Flut aus der Schlacht hinweg treiben laſſen und der König, welcher die Schlacht beobachtete, gab ihn verloren. Da kamen 143 auch däniſche Schiffe von Kopenhagen her den Hollän⸗ dern zu Hülfe und Karl Guſtav gab mit ſchwerem Herzen ſeiner Flotte das Signal zum Rückzuge. Der Sund war den Holländern geöffnet, ſchon am Abende warfen ſie vor Kopenhagen Anker und brachten der jubelnden Stadt den lang erſehnten Entſatz, friſchen Proviant auch und einige tauſend Mann Kriegsvolk. Sie thaten ſich nicht wenig zu gut auf dieſen Erfolg, und als bei ſpätern politiſchen Verwickelungen mit Dänemark dies ihnen den Sund zu ſperren drohte, gaben ſie zur Antwort: ſie hätten den Schlüſſel noch, mit welchem ſie Anno Acht und funfzig den Sund aufgeſchloſſen hätten. Die ſchwediſche Flotte zog ſich in den Hafen von Landscrona zurück. Karl Guſtav aber eilte zu ſeinem Heere. Jetzt mußte freilich die Belagerung von Kopen⸗ hagen aufgehoben werden, aber es geſchah in einer Weiſe, welche den Dänen imponirte und allerdings geeignet ſchien, ihren Jubel etwas zu dämpfen, denn ſie konnten ſehen, daß ihr gefürchteter Gegner nicht geſonnen war, von ihnen abzulaſſen. Am Tage nach der Seeſchlacht verließ das ſchwe⸗ diſche Heer ſeine Poſitionen vor Kopenhagen und ſtellte ſich auf der Höhe von Wallby in Schlachtordnung auf. Hier blieb es zwei Tage, den Feind zum Kampfe 1¹4 herausfordernd, ſtehen, und als dieſer ihn nicht an⸗ nahm, zog es langſam nach Bröndshvi ab, nur an⸗ derthalb Meilen von der Hauptſtadt gelegen, wo es ein feſtes Lager aufſchlug, wohl geeignet, derſelben die Zufuhr vom Lande abzuſchneiden. Der König erklärte ſeinen Generalen, vom däniſchen Boden nicht weichen zu wollen, bis er Dänemark beſiegt habe oder vernich⸗ tet worden ſei: Keiner wagte einen Einſpruch zu thun. Er begab ſich darauf nach Kronborg zurück, wo er bis gegen Weihnachten blieb, mit großen Entwürfen be⸗ ſchäftigt, von den Verhandlungen mit Frankreich, Eng⸗ land und Holland vielfach in Anſpruch genommen und mitten im Kriege auch die innern Angelegenheiten ſei⸗ nes Reiches und deren gedeihliche Entwicklung leitend und ordnend. In dieſer Beziehung glich er dem erſten Kaiſer der Franzoſen. Sein Heer richtete ſich unterdeſſen zu längerm Verbleiben im Lager bei Bröndshoi ein, welches all⸗ mälig erweitert wurde und im Laufe von zwei Jahren — denn Karl's Wort wurde eine Wahrheit!— durch allerlei Anbau das Anſehen einer Stadt mit breiten und regelmäßigen Straßen erhielt, wie es denn von den Soldaten auch Karlſtadt genannt wurde. Natürlich haben ſie ſelbſt beim endlichen Abmarſch davon keine Spur ſchen laſſen. n 145 Während auf Seeland der König in eine Stel⸗ lung gebracht worden war, welche ſeiner Feuerſeele un⸗ erträglich ſchien, in die Stellung des Abwartens, hatte ſein Statthalter in Holſtein ſich vor der Uebermacht der Verbündeten nicht halten können und ſich dem er⸗ haltenen Befehl gemäß, nach Schleswig und Jütland zurückgezogen, wo er ſich auf die Behauptung der feſten Städte beſchränken mußte. Der Kurfürſt von Branden⸗ burg hatte durch Verſtärkungen, welche Stephan Czar⸗ neckt, der Wojewode von Rußland, nachgeführt hatte, eine Heeresmacht von 30,000 Mann. Ehe er jedoch weiter vorrückte, um die ganze jütiſche Halbinſel vom Feinde zu befreien, hielt er es für nöthig, die Inſel Alſen zu erobern. Dort ſtand ein unternehmender Sol⸗ dat, den er im polniſchen Kriege wohl kennen gelernt hatte; ſeine geringe Streitmacht konnte von Fünen aus wohl verſtärkt werden und ſo vielleicht kühne Parthei⸗ gängerſtreiche gegen die Verbindungen der vordringen⸗ den Armee ausführen. Montecuccoli, der kaiſerliche Feldherr, welcher ſich nachmals hochberühmt gemacht, ſtimmte dem Kurfürſten bei und Czarnecki ließ ſofort polniſche Reiter durch den Alſener Sund ſchwimmen, um Sonderburg, was der ſchwediſche Oberſt Aſcheberg beſetzt hatte, zu recognosciren. Nicht lange, ſo erſchie⸗ nen däniſche Schiffe— das Meer war ihnen ja frei, Guſeck, Karl X. Guſtav. U. 10 ———————————————————— Dank den Holländern! Sie führten Kaiſerliche und Brandenburger nach Alſen hinüber, Czarnecki ſelbſt mit ſeinen leichten Reitern durchſchwamm den Meeresarm und das Schloß Sonderburg wurde bald on 4000 Mann belagert Aſcheberg ſuchte nur Zeit zu gewinnen; mehr⸗ mals zur Capitulation aufgefordert, antwortete er ſtets: WMorgen werde er Beſcheid geben. Da kamen zu ſeiner Rettung einige ſchweviſche Schiffe, welche Jagd machen ſollten auf eine däniſche Transportflotte, mit welcher Truppen des verbündeten Heeres nach Seeland zur Vertreibung der Schweden übergeſetzt werden ſollten. Sie legten ſich dicht vor das Schloß, Aſcheberg ließ von demſelben ein furchtbares Feuer auf die Belagerer richten, unter deſſen Schutz und Pulverdampf er ſeine geſammte Mannſchaft durch Mauerlücken, welche ge⸗ brochen wurden, auf die Schiffe rettete und ſo glücklich nach Fünen brachte Alſen blieb in den Händen des Feindes, der nun unaufhaltſam gegen Jütland vor⸗ rückte. Der Herzog von Holſtein erkaufte ſeine Neutra⸗ llität mit einer hohen Geldſumme, nebſt Einräumung des Schloſſes von Gottorp, welches die Schweden ver⸗ laſſen hatten, und begab ſich in banger Sorge um ſei⸗ nen Schwiegerſohn nach Tünningen. Jütland befand ſich nach kurzer Zeit faſt ganz in den Händen der Verbündeten, überall erhob ſich auch e 447 das Landvolk gegen die Schweden, welche ſich nun, ihre übrigen Poſten aufgebend, in Friedrichsodde con⸗ centrirten, von wo ſie freilich noch, als die feindliche Hauptmacht bei Rixen ſtand, das Land durch verhee⸗ rende Streifzüge beunruhigten. Dasſelbe thaten in⸗ deſſen auch die Polen, obgleich ſie als Befreier gekom⸗ men waren. Der Kurfürſt ſowohl, als Montecuccoli, ließen Czarnecki volle Gerechtigkeit widerfahren, er er⸗ warb ſich auch hier durch ſeine Feldherrngaben und ſeine Entſchloſſenheit großen Ruhm; noch am Weih⸗ nachtstage erſtürmte er mit ſeinen Polen Kolding und machte den größten Theil der Beſatzung nieder, aber ſein Stolz beleidigte alle höhern deutſchen Offiziere, und die Zuchtloſigkeit, welche er ſeinen Polen geſtattete, die Verwüſtungen welche ſie überall anrichteten, bewo⸗ gen den Kurfürſten, beim Könige Johann Kaſimir auf Abberufung dieſer Truppen zu bitten, welche hier voll⸗ kommen entbehrlich, in Preußen beſſer gebraucht wer⸗ en könnten. Dies geſchah wenigſtens theilweiſe und die Armee bezog nun Winterquartiere. Auch in Preußen traf noch vor Jahresſchluß am 29. Dezember die Schweden ein harter Schlag: Thorn, das ſich ſo tapfer vertheidigt hatte, mußte capituliren. Mit bangen Er⸗ wartungen ſah die Welt dem kommenden Jahre ent⸗ gegen, welches große Entſcheidungen bringen mußte. 148 Das einzige Glück, welches Karl Guſtov noch erfuhr, war der Abſchluß eines dreijährigen Waffenſtillſtandes mit Rußland unter ſo günſtigen Bedingungen, daß die ſchwediſchen Geſandten ſelbſt darüber erſtaunten Da⸗ durch war der König wenigſtens von jener Seite, welche Livland ewig bedrohte, ſicher und hoffte auch gute Wirkung in Polen.„Das wird uns dort mehr gut thun, als alle franzöſiſche Eloquenz,“ ſchrieb er an Schlippenbach. Freilich war in Polen, obgleich die Friedensun⸗ terhandlungen durch den neuen däniſchen Krieg wieder in's Stocken gerathen waren, eine ſtarke Parthei gegen die Fortſetzuug des Kampfes Darum wurden auch der Beſatzung von Thorn bei der Capitulation ſo vortheil⸗ hafte Bedingungen zugeſtanden, daß der Statthalter und General⸗Capitain des Kurfürſten von Branden⸗ burg in Preußen, Fürſt Radzivill, darüber ganz miß⸗ trauiſch wurde, ob es Polen auch aufrichtig mit dem Vertrage von Wehlau gemeint habe. Gerüchte liefen um, es ſei ein zweimonatlicher Waffenſtillſtand mit Schweden geſchloſſen worden, in welchem ein geheimerArtikel die Nicht⸗ anerkennung der Souverainetät des Kurfürſten in Preußen ausſpricht. Dazu kam, daß die Oppoſition gegen den Landesherrn, namentlich in Königsberg, immer kecker ihr Haupt erhob und eine ſogenannte patriotiſche Parthei 149 ſich an Polen anſchließen wollte.„Ihr könnt mir glau⸗ ben,“ ſchrieb Fürſt Radzivill darüber vertraulich an den Miniſter Schwerin, daß die Bosheit bei den Ein⸗ wohnern groß und abſcheulich iſt und unter dem Volks⸗ hefen(hier die treibende Kraft gemeint) befinden ſich ſelbſt Perſonen von Auszeichnung, von den höchſten Staatsbehörden und von den Geiſtlichen.“ In welcher Verfaſſung die verbündeten Truppen waren, ſchildert der Fürſt aufrichtig.„Die Belagerungstruppen von Thorn ſind ganz ruinirt, die von Gonſiewski, der Riga vergeblich angegriffen, werden ſich in den Winterquartieren nicht wieder erholen, die von Sapieha rebelliren, die Mann⸗ ſchaft des kaiſerlichen General Suſa iſt durch Seuche faſt ganz umgekommen und die Unſrigen ſo niederge⸗ ſchlagen und geſchwächt, daß die Reiterei vor Elbing und Marienburg, ſo die Schweden noch halten, das ganze Oberland ruiniren und meinen Ruf verdunkeln wird. Ich will nicht, daß man dermaleinſt in der Ge⸗ ſchichte leſe, Preußen ſei durch meine Verwaltung zu Grunde gegangen, bitte daher den Kurfürſten dringend um ſchleunige Abſendung einiger Regimenter.“ Dabei wurde die Stimmung zwiſchen den verbündeten Feld⸗ herren immer gereizter und die Klagen über die Polen bitterer.„Die Unverſchämtheit unſerer Nachbarn geht ſo weit,“ ſchreibt Radzivill,„daß die gefangenen 150 Schweden ohne Anfrage durch unſer Land geführt werden, daß die Polen die von uns gemachten Gefan⸗ genen mit Gewalt entreißen wollen, und dabei unſer flaches Land furchtbar verheeren. Die polniſche Be⸗ ſatzung von Straßburg habe ich in Feſſeln ſchlagen laſſen, denn unmöglich kann ich dulden, daß dieſe Po⸗ len die Kirchen berauben, Frauen ſchänden und die Feſtungswerke zerſtören.“ So der Fürſt, welcher doch ſelbſt aus erlauchtem polniſchem Geſchlechte war Die⸗ ſen Klagen ſetzte der Großmarſchall der Krone Polen, Georg Lubomirski, andere Beſchwerden entgegen und ſuchte alle Schuld der ſtockenden Erfolge auf die Brandenburger zu ſchieben. Kein Wunder daher, daß Karl Guſtav, welcher vonder Lage der Dinge in Preußen und Polen genauunterrich⸗ tet war, dem kommenden Jahre mit erſtarktem Ver⸗ trauen entgegen ſah. Nach Weihnachten begab er ſich von dem Schloſſe Kronborg, wo er ſeit der Aufhebung der Belagerung von Kopenhagen reſidirt hatte, wieder in das Lager ſeines Heeres und traf hier alle Vorbe⸗ reitungen, um die Erſtürmung der feindlichen Haupt⸗ ſtadt, welche er zweimal unter weit günſtigern Umſtän⸗ den aufgegeben hatte, nun endlich durchzuſetzen. Ver⸗ ſtärkungen aus Schweden wurden herangezogen, und genaue Recognoscirungen angeſtellt. Dieſe ergaben, daß 151 der Meeresarm zwiſchen Kopenhagen und der vorlie⸗ genden Inſel Amagor ſehr verſchlammt und kaum noch drei Fuß tief war, die Feſtungswerke aber im Ver⸗ trauen auf den Schutz des Meeres hier am ſchwächſten ſich zeigten. Hier ſollte denn der Hauptangriff geſche⸗ hen und der König wartete nur auf ſeinen alten Bun⸗ desgenoſſen, den Froſt, der ihm hier einen feſten Weg bereiten werde. Die ſtolze Zuverſicht aber, die er in ungebeugter Seele trug, gab er der Welt durch eine Denkmünze kund, welche er um dieſe Zeit prägen ließ. Ihre Umſchrift lautete: Dänemark ernährt mich, Bran⸗ denburg verzehrt ſich, gegen den Kaiſer wehre ich mich, Kurſachſen ehre ich.“ Unter den deutſchen Reichsfürſten, zu denen auch er durch ſeine Geburt als Pfalzgraf von Zweibrücken unn die deutſchen Lande, welche der Krone Schweden zugefallen waren, gehörte, gab es Manchen, welcher ihm freundlich geſinnt war, Kurſachſen hatte er auch für ſich zu gewinnen verſucht und die geiſtlichen Kurfürſten von Mainz und Cöln ſtanden auf ſeiner Seite. Ein glückliches Neujahr denn! Siebentes Kapitel. An der Gruft. In den polniſchen Wäldern und Sümpfen hielt ſich der Winter noch lange, nachdem er bereits Wo⸗ chenlang in den mildern Gegenden Deutſchlands ſeine Herrſchaft aufgegeben hatte. Ein ſtarker Schneefall, der plötzlich wieder eingetreten war, als es ſchon einmal heftig zu thauen angefangen, ſchien noch auf Wochen die Einkehr des Frühlings zu vertagen und ſchnitt die Verbindung zwiſchen vielen Ortſchaften, welche kaum eröffnet worden war, von Neuem ab. Nur einen Tag hielt dies Wetter in der Gegend zwiſchen Wartha und Weichſel an, aber der Schnee lag dann ſo tief, daß zu Pferd auch für den Landeskundigſten kaum fortzukommen war. 153 So arbeitete ſich an einem ſonnenhellen Morgen, der auf den Schneeſturm gefolgt, ein Reiter, gefolgt von fünf mit Lanzen bewaffneten Knechten, auf unge⸗ bahntem Wege durch die Kieferwaldung, deren immergrüne Aeſte unter der Laſt des Schnees, welche noch auf ihnen lag, ſich tief gebengt hatten, ſo daß der Reiter ſich zuweilen bis auf die Mähne ſeines Roſſes beugen wußte, um ihrer kalten und naſſen Berührung auszuweichen. Er ritt aber, ohne über die einzuſchlagende Richtung zwei⸗ felhaft zu ſein, durch den Wald, und munterte zuwei⸗ len ſein Pferd, das durch die Anſtrengung im tiefen Schnee von Schweiß triefte, durch einen kräftigen Spornſtich auf. Endlich erreichte er die weite Wald⸗ blöße, die er längſt mit Ungeduld erwartet hatte, und jenſeit derſelben ſah er den in grader Richtung breit durchgehauenen Weg, auf welchem er nach kurzer Zeit an ſein Ziel gelangen mußte. 6 Im Schnee bemerkte er aber zugleich eine Men⸗ ſchenſpur, ſie kam ſeitwärts aus dem Walde und führte über die Blöße grad' hinweg, neben der Spur war der Schnee von Blut geröthet. War es Menſchenblut oder Wildſchweiß? Sein ſcharfes Auge ließ ihn nicht lange in Zweifel, wenig hundert Schritt vor ihm ſah er einen Menſchen, der in großer Eile vor ihm floh und als er ſich verfolgt ſah, ein Stück Wild, gewiß einen 154 Rehbock, den er über der Schulter trug, von ſich warf. Der Reiter, von ſeinen bewaffneten Knechten gefolgt, machte ſofort Jagd auf ihn. Und der Flüchtling, der zald einſah, daß er auf der Waldblöße nicht entrinnen, den jenſeitigen Stand, wo er ſicher vor den Roſſen geweſen wäre, nicht mehr erreichen konnte, blieb ſtehen. Von der Schulter riß er ein Jagdgewehr, nahm aus der Blechkapſel, die er mit Pulverflaſche und Schrot⸗ beutel am Leibgurt trug, die brennende Lunte und machte ſich ſchußfertig Aber der Reiter hatte ihn ſchon erkannt:„Naruſßzewicz!“ rief er lachend. 1on Der Alte reckte jetzt ſeinen Hals aus dem Pelze und ſah den jungen 2 deſſen Geſicht er nun erſt in's Auge faßte, verwundert an.„Biſt Du's, Herr Severin?“ entgegnete er, indem er die Lunte wieder in ihre Kapſel barg und das Schießgewehr über die Schulter hing. S „Hab' ich Dir erlaubt, meinen Gefangenen zu bewachen, damit Du meine Rehe ſchießeſt?“ fragte Severin Tenczynski, denn er war es, welcher hier im Walde mit dem alten Naruſzewicz zuſammentraf, den er einſt auf dem Streifzuge in Pommern ſo übel behandelt hatte. „Deine Rehe, ſagſt Du?“ entgegnete der Alte., Iſt Dein Herr Vater, der hochwohlgeborne Sit von Tenczyn todt?“ 155 „Was meinem Voter gehört, iſt auch mein,“ ver⸗ ſetzte Severin leicht.—„Was macht der Verwundete? Iſt er hergeſtellt, die Schramme wieder glatt?“ „Denkſt Du, wir haben eine Hexe hier, die ihn verzaubern kann?“ rief Naruſzewicz.—„Eine ſchöne Schramme das! Sonſt geht's ihm gut, nur hungern müſſen wir, hungern, darum hab' ich auch den Rehbock geholt, es blieb mir nichts übrig!“ Er ſah ſich nach ſeiner Jagdbeute um, welche unterdeſſen ſchon einer von den Knechten aufgehoben und an ſeinen Sattel⸗ knopf befeſtigt hatte. Tenczynski rief einen andern aus ſeinem Gefolge herbei, bfahl ihm abzuſitzen und den Reſt des Weges zu Fuß zurückzulegen, dem alten Naruſzewicz aber winkte er, das Pferd des Mannes zu beſteigen, was er auch ohne Einſpruch that. Ihr Verhältniß mußte ſich alſo ſeit jenem Vorfalle im Pommern weſentlich geändert haben. Die Knechte wunderten ſich noch mehr, als der Hauptmann den Alten an ſeine Seite winkte und mit ihm im halblauten Geſpräch, von welchem Keiner ein Wort verſtehen konnte, voraus ritt. „Haſt Du ihn gehalten, wie ich befohlen habe 2* ſuze Tenczynski. „Wie es einem Schiriverwunbeten 0 antwortete der Alte. 156 „Streng eingefperrt will ich aber hoffen!“ er⸗ gänzte Severin. n „Wenn ich ihn nicht zuweilen an die Luft ge⸗ bracht hätte, würde ſein Wunde nicht geheilt ſein,“ war die Antwort. Sie iſt alſo geheilt! Wird er wieder die Waffe führen können?“ in So gut wie ich!“ ſagte Naruſzewicz, mit einem Aufblick, welchen Severin Tenczynski verſtand. „Laß gut ſein, Alter! Komm nicht immer wieder auf die Geſchichte zurück. Würdeſt Du anders gehan⸗ delt haben, als ich, wenn ſich einer Deiner Unterge⸗ benen gegen dich aufgelehnt hätte?— Die Wunde iſt alſo ganz geheilt, aber das ſchöne Geſicht wird er nicht wie⸗ der im Spiegel ſehen!“ Ich beneide ihn um die ſchöne Narbe!“ bemerkte Naruſzewicz. 6 Severin lachte.„Sie würde Deinem Heldenge⸗ ſicht allerdings vortrefflich ſtehen, indeſſen will ich ſie ihm doch gönnen,“ verſetzte er.„Weiß er, wo er iſt? Hat er, da Du ihn doch gegen meinen Befehl zuwei⸗ len herausgelaſſen haſt, mit Jemand geſprochen?“ „Er kann nicht polniſch,“ entgegnete der Alte kurz. Vor ihnen öffnete ſich jetzt der Waldſtreifen, wel⸗ cher ſie noch von der freien Fläche getrennt hatte und 157 vor ihnen lag ein großes Dorf mit zerſtreuten Ge⸗ höften, über welchem ſich auf einem niedrigen, aber die flache Gegend beherrſchenden Hügel ein ſtattliches Herrenſchloß mit erenelirten Mauern und mehreren Thürmen zeigte, von welchen einer mit großem vergoldeten Kreuze entſchieden der Thurm der Kirche war, welche mit in das Viereck des Edelhofes gezogen war. Naruſ⸗ zewicz ſprengte voraus, Severin folgte ihm mit ſeiner kleinen Reitertruppe langſam; es war ihm ganz recht, wenn der Alte die Ueberſchreitung ſeiner Inſtructio⸗ nen noch vor ihrer Ankunft wieder gut machte. So fand Severin Tenczynski, als er einritt, nur das Geſinde mit dem Schloßverwalter, das ſich verſammelt hatte, um ihn zu begrüßen und ſeine Be⸗ fehle zu vernehmen und ſpäter fand ſich auch der Haus⸗ kaplan ein, welcher den Sohn ſeines Herrn Patrons, deſſen Lehrer er in jüngern Jahren geweſen war, freundlich bewillkommnete. In dem alterthümlichen, mit dunklem reich ge⸗ ſchnitztem Getäfel und orientaliſchen Teppichen ge⸗ ſchmückten Zimmer hatte ſich Severin am lodernden Feuer niedergelaſſen, ihm war nach dem langen Ritt und nach dem vorher inne gehabten ſchlechten Winter⸗ guartieren des Kriegslebens ſo behaglich zu Muth, wie er ſich noch ſelten gefühlt hatte: dieſer Stammſitz ſei⸗ ————————————————————— ———————— „ nes Geſchlechts Stara⸗Tenczyn genannt, Abt⸗Tenczyn, weit abgelegen von den großen Heerwegen und Tummel⸗ plätzen des Krieges, war in ſeiner glücklichen Einſam⸗ keit, geſchirmt durch meilentiefe Föhrenwälder und un⸗ wegſame Sumpſfſtrecken, weder von feindlichen, noch polniſchen Schaaren heimgeſucht worden und hatte da⸗ her die unentweihte althergebrachte Eigenthümlichkeit bewahrt, deren ſich Severin noch mit Ehrfurcht aus ſeinen Knabenjahren erinnerte, als ſein Vater noch hier gewohnt, ehe er das freundliche, einem geſelligen Leben bequemer gelegene Drewionka bezogen hatte. Wäre er doch nie aus Stara⸗Tenczyn gegangen! dachte der Sohn, als er eine Weile ſtill in die praſſelnde Flamme ge⸗ ſchaut hatte. Dann ſchweifte ſein Blick über die düſtere Pracht des Zimmers, die Waffenſtücke und Banner an der dunklen Wand, unter welchen ſich Trophäen aus halbvergeſſenen Kriegen der Vorzeit befanden, über den mächtigen Schenktiſch mit den ſilbernen Kannen und Bechern und forſchte dann wieder an den runden, klei⸗ nen Fenſterſcheiben, deren Randſtücke aus bunt gemal⸗ tem Glaſe zuſammengeſetzt waren, ob der Tag ſi ich nicht bald neige 1 Fern von dieſem reich ausgeſtatteten Rümen an z welchen ſich noch mehrere andere, mit ſarmatiſchem Luxus vergangener Zeiten eingerichtete Zimmer des Schloſſes reihten, lag der Gefangene, nach welchem ſich Severin Tenczynski wiederholt erkundigt hatte, in einem großen Gemach, deſſen kahle Wände durch den Man⸗ gel alles Gerätys noch unfreundlicher erſchienen. Erſt vor einigen Stunden war ihm dies Zimmer im hin⸗ tern Flügel, der ſich an die Kirche ſchloß, angewieſen worden, bis dahin hatte er in einem beſſern, mit eini⸗ gen Bequemlichkeiten vorzüglich mit einer guten Lager⸗ ſtätte verſehenen Gemach gehauſt, wo er auch ſorglich in ſeiner Krankheit geflegt worden war. Der alte Kriegs⸗ mann, der ſein Wächter geweſen, hatte ſich freilich barſch gegen ihn benommen und die Frau, die er zu ſeiner Wärterin beſtellt, war ihm, als er wieder Beob⸗ achtungen hatte anſtelleu können, abſchreckend genng erſchienen, auch betrachtete ſie ihn offenbar als einen unheimlichen Gaſt, denn ſie bekreuzte ſich jedesmal, ehe ſie ihm nahte— vielleicht auch, weil ſie wußte, daß er ein verlorner Ketzer war, deſſen Berührung das Heil ihrer Seele gefährden könne— aber niemals hatte er von Beiden eine unfreundliche Behandlung erfahren, hatte ſogar, als er beſſer gewordeu war, im Schloß⸗ garten luſtwandeln können, bis der Schnee das un⸗ möglich gemacht und überhaupt alle Erleichterungen ſeiner Lage genoſſen, nur kein Geſpräch mit einer menſchlichen Seele, nach welchem er ſich oft ſchmerzlich — 2—— 160 ſehnte Er verſtand zwar nicht polniſch, aber er würde es hier gewiß gelernt haben, wenn ſich nur Jemand mit ihm eingelaſſen hätte. Auch für das religiöſe Be⸗ vürfniß ſeiner Seele war er hier ganz auf ſich ſelbſt, auf ſeine Glaubensſtärke und ſeine Kraft im Gebet zurückgewieſen worden. Wohl hörte er die Glocken, welche die Gemeinde zur Andacht riefen und öfter, als er es in ſeiner Heimath gewohnt war, wohl drang der ernſte Klang der Orgel in ſeine Zelle und ſtimmte ihn feierlich, aber es war doch eine fremde Kirche, gegen welche er von Jugend auf ſtreng eingenommen war und er würde ſie nicht beſucht haben, auch wenn es ihm verſtattet geweſen wäre. Dunkel entſann er ſich, daß einmal, da er noch ſchwer krank gelegen hatte, ein Mann an ſeinem Lager erſchienen war und, wie es ihm vorkam, lateiniſche Worte zu ihm geredet hatte, das mochte der Pfarrer geweſen ſein, der ihm geiſtli⸗ chen Zuſpruch gebracht, vielleicht auch eine Bekehrung an ihm verſucht hatte, er war aber zu ſchwach geweſen, auf ihn zu achten und nachher hatte er ihn nie wieder geſehen. In dieſer Weiſe waren ihm Tage und lange Wochen vergangen und als er ſeine Wunde mit deren Folgen überſtanden hatte, war er oft mit wachſender Ungeduld durch Worte und Zeichen in ſeinen Wächter gedrungen, ihm zu ſagen oder zu bedeuten, was mit — —.———„————————————„„—————. 161 ihm werden ſolle, vb es nach Kriegsrecht ſei, daß er, welcher mit den Waſfſen in der Hand als Verwun⸗ deter gefangen worden, hier in einſamer Haft zurück gehalten werde, ohne daß er um ſeinen Loskauf nach den beſtehenden Verträgen unterhandeln könne. Der Alte hatte ſtets den Kopf geſchüttelt, das immer fer⸗ tige; nie rozomi zur Antwort gehabt und ach ſelzuckend ſeine eisgrauen Bartzöpfe gedreht, wenn er doch nicht umhin gekonnt, die ausdrucksvollen Zeichen ſeines Ge⸗ fangenen zu verſtehen. Heut endlich, als er zu ihm ge⸗ kommen und ihm bedeutet hatte, ſein Zimmer zu ver⸗ laſſen, war die Hoffnung erwacht, daß der Tag der Befreiung endlich erſchienen ſei und ſelbſt in dem kah⸗ len, unſaubern Gemache, in welches er ihn geführt, hatte dieſe Hoffnung ihn nicht verlaſſen: die Verände⸗ rung mußte doch etwas zu bedeuten haben, ſie war gewiß der erſte Schritt, daß er dies alte Waldſchloß überhaupt verlaſſen ſolle. Kam er nun erſt wieder in's Land hinaus, zu andern Gefangenen, mit feindlichen Officieren und Kriegsoberſten zuſammen, ſo konnte er ſein Recht, ſich loszukaufen, wohl wahrnehmen! Er wußte, denn es war in beiden Heeren bekannt gemacht worden, daß auch im jetzigen Kriege von den krieg⸗ führenden Mächten eine Uebereinkunft geſchloſſen war, ſich wegen der Ranzionirung der Gefangenen nach dem Guſeck, Karl X. Guſtav. n. 11 —————————— ——————————— „ ——————— 8462 im Jahre 1642 während des deutſchen Krieges ver⸗ Heinbarten Cartel zu richten und danach betrug ſeine Loskaufſumme als Rittmeiſter nicht mehr als 150 Thaler. Er ſelbſt beſaß ſie nicht, denn er war rein ausgeplündert worden, aber er wußte, daß ſie mit Freuden erlegt werden würde, wenn es ihm nur ge⸗ ſtattet wurde, einen Boten abzuſenden— nach der fer⸗ nen Heimath oder auch zu dem nächſten Standort ſei⸗ ner Kriegsgenoſſen. Der Abend war eingebrochen, zur gewohnten Stunde erſchien die alte Frau; welche ihm ſein einfa⸗ ches Nachtmahl brachte. Mit beſſerem Appetit, als bis⸗ her, aß der Gefangene; er hoffte, daß auch der Wäch⸗ ter noch einmal kommen und ihm vielleicht wegen Mor⸗ gen irgend ein bedeutungsvolles Zeichen geben werde, aber dieſe Hoffnung erfüllte ſich nicht und die Nacht ſenkte ſich wieder, ſchwarz und traurig für ihn, wie al⸗ le ihre Vorgängerinnen. Er warf ſich auf ſein Lager, das ſich mit der Wohnung verſchlechtert zu haben ſchien und konnte lange nicht einſchlafen. Als er endlich, ihm ſchien es vor Kurzem, feſt entſchlummert war, wurde er plötzlich durch ein Schütteln an der Schulter ge⸗ weckt. Er fuhr empor, der Schein einer Fakel blendete ſein Auge; als er aber frei blicken konnte, ſah er den kleinen alten Kriegsmann, ſeinen Wächter, an ſeinem Lager ſtehen, der ihm ſtreng winkte, aufzuſtehen und ſich anzukleiden. Freudig gehorchte er, indem er ſtürmiſche Fragen an den Alten richtete, welche dieſer nicht ver⸗ ſtand oder verſtehen wollte Als er bereit war, führte ihn der Wächter hinaus, ohne die Thüre, wie er ſonſt wohl gethan, zuzuſchließen und ſelbſt dieſer geringfügi⸗ ge Umſtand diente dazu, ihn in ſeiner Hoffnung zu beſtärken. Durch einen ſchmalen und langen Gang führ⸗ te der Weg, eine enge Treppe hinauf, dann wieder eine ſolche, von mehr Stufen hinab Endlich öffnete der Alte ein Bogenpförtlein und ſchritt ſelbſt zuerſt hindurch, dann, als der Gefangene ihm gefolgt war, hob er die Fackel hoch empor, daß ſie mit ihrem Scheine weit umher leuchtete. Der Gefangene blickte mit einem mäch⸗ tigen Erſtaunen auf; er ſah, daß er in der Kirche war und ein wunderbares Gefühl, eine unverſtandene Ahnung ergriff ihn und ließ ſein Herz höher ſchlagen. Er war noch nie in einer katholiſchen Kirche geweſen und wie klein auch das Gotteshaus zu Stara⸗Tenczyn, wie arm ihr Schmuck auch gegen die Pracht anderer Kirchen in den Ländern des katholiſchen Bekenntniſſes ſein mochte, immerhin ſah das Auge des Lutheraners doch bei dem Scheine der Fackel, welche nur dis nächſten Gegenſtän⸗ de erhellte, ſo viel Fremdes, daß er eine flüchtige Se⸗ eunde vielleicht ſeine eigeue Lage und den Zweifel, war⸗ 16⁴ um man ihn hieher geführt, vergaß. Der Alte ſchritt ſchweigend durch das Schiff der Kirche, nachdem er ſich gegen den Hochaltar, wo das Bild des Gekreuzigten ſtand, tief verneigt und das Zeichen des Heils über Stirn und Bruſt gemacht hatte. In einen Seitengang führte er den Gefangenen, hier ſah er noch einen Al⸗ tar, kleiner und einfacher, als den andern, zu welchem breite, mit einem Teppich belegte Stufen emporführ⸗ ten, neben dem Altare rechts und links erblickte er in langer Reiche, mit Bildhauerarbeit und Wappen ver⸗ ziert, emporſtehende mit Inſchriften bedeckte Marmorta⸗ feln— Grabmäler! Ergriffen blieb der Gefangene ſte⸗ hen: was ſollte er hier? Da faßte ihn der greiſe Führer bei der Hand, nahm ihn faſt gewaltſam mit ſich hinweg und ſtellte ihn vor ein Denkmal, das letzte und neuſte in der Reihe. Er ſenkte die Fackel, daß ihr unerbittliches Licht die Goldbuchſtaben der kurzen Inſchrift grell er⸗ hellte. Der Gefangene ſah nur in der Mitte derſelben, groß und klar abgeſetzt: WANDA TENOZVNSKA. Ein Laut des Schreckens und Schmerzes ertrang ſich ſeiner Bruſt, das Blut ſtürmte ihm in jäher Bran⸗ dung zum Kopf und Herzen und pochte in der kaum 165 verharſchten Wunde, als wolle es dieſelbe aufreißen und ausſtrömen mit ſeinem Leben. Nur Eines klaren, aber vernichtenden Gedankens fähig, nicht wiſſend, was er that, ſtürzte er auf ſeine Kniee und drückte ſein Antlitz auf die kalten, feuchten Steine. Lautlos und trotz ſeines harten Sinnes erſchüt⸗ tert, ſtand der alte Kriegsmann über ihm und die Fa⸗ ckel zitterte in ſeiner Hand, während ſich ſein Auge erwartungslos auf die dunkle Niſche der Seitenaltars richtete. Aus dieſer trat jetzt ein Dritter hervor, wel⸗ cher dort mit einer Blendlaterne geweilt hatte; er nä⸗ herte ſich raſch dem Knieenden, der ihn, kaum ſeiner Sinne mächtig, nicht kommen hörte. Wie ein Adler, ſeiner Beute gewiß, ſah er mit glühendem Auge zu ihm nieder; der Seufzer, der ſich noch einmal deſſen Bruſt voll ſo tiefen Wehs entwand, war Wohllaut in ſeinen Ohre. Dann rührte er den Knieenden mit der goldbe⸗ ſchlagenen Scheide ſeines Säbels an. „Entweihe dieſe Stätte nicht!“ hörte der Gefan⸗ gene mit ſchneidendem Tone in deutſcher Sprache ſagen. Es rief ihn zum Bewußtſein, in die Gegenwart— aus der Gruft des Todes in das freudloſe Leben zu⸗ rück Er ſprang auf und wandte dem Fremden, wel⸗ chen er hinzugekommen ſah, ſein Antlitz zu. Da erblickte dieſer von der Stirn ſchräg über Naſe und Wange 166 hinablaufend die breite blutrothe Narbe, welche keinen Zug mehr des früher ſo ſchönen Geſichts erkennen ließ. Severin hatte dasſelbe zwar nie mit Augen geſehen, aber er glaubte ja zu wiſſen, wie es geſtaltet geweſen und in dieſem Momente trat, durch ein räthſelhaftes Spiel der Gedanken, noch ein anderes unvergeſſenes Antlitz, das er leiblich— nur zu wohl geſchaut, das treueſte Ebenbild des Mannes hin, wie er einſt ge⸗ weſen ſein mochte, vor ſeine Seele und ſchien mit bit⸗ tenden Augen deren Grimm zu mildern. „Ihr habt die Jungfrau gekannt, welche hier zur Ruhe eingegangen iſt?“ fragte er, unter dieſem Ein⸗ fluſſe mit einem andern Laut der Stimme, als ſie dem Gefangenen zuerſt erklungen war. „Mit welchem Rechte fragt Ihr danach?“ ent⸗ gegnete dieſer, ſich abwendend. „Mit welchem Rechte?“ rief Jener, und die weichere Stimmung war ihm ſchnell wieder entſchwun⸗ den.„Du fragſt, der Du ihr Mörder biſt?“ Wie von einen Dolchſtoß getroffen, zuckte der Gefangene und ſtarrte ihn ſprachlos an. „Du biſt doch der Krockow? Biſt Du's?“ rief Severin drohend. „Ich bin Krockow—“ entgegnete der Gefangene mit bebender Stimme.„Aber—“ 167 „Spo haſt Du kein Wort mehr zu ſagen!“ unter⸗ brach ihn Severin„Die Rache des Himmels hat Dich ſchon getroffen— aber auch meiner Rache biſt Du verfallen! Wiſſe, ich bin Wanda's Bruder!“ ein Wort erwiederte Krockow, aber ex hatte ſich nun ermannt und ſein Auge begegnete furchtlos dem flemmenſprühenden Blicke des Polen. „Mich hindert nichts, als die geweihte Stätte, Dich Wanda's Schatten an ihrem Grabe zum Opfer zu kringen!“ fuhr dieſer in höchſter Wildheit fort, ohne die Leränderung zu bemerken, welche in dem Weſen ſeines Gefangenen vorgegangen war.„Es wäre nur die gerechte Strafe, wenn ich Dich tödtete, wie Du die Wchrloſe durch ſchändliche Verletzung des Gaſtrechts geopfert haſt—“ „Du lügſt!“ rief Krockow. Da zuckte Severin's Hand zum Säbel und es wäre vielleicht zu einer blutigen That an heiliger Stätte gekommen, wenn der alte Kriegsmann, der mit ſchar⸗ ſem Auge beide beobachtet hatte, nicht ſchnell dazwiſchen getreten wäre:„Bedenke, wo Du biſt, Herr!“ ſagte er in polniſcher Sprache.„Gottes⸗Haus und die Grabſtätte deiner Ahnen!“ Severin kam zur Beſinnung.„Führe ihn hinauf in den Saal“ befahl er kurz und Naruſzewicz winkte 168 dem Gefangenen, ihm zu folgen. Aber dieſer wider⸗ ſetzte ſich: „Nicht von der Stelle gehe ich, eh' die ehrloſe Anſchulvigung von mir genommen iſt!“ rief er.„Ich bin Karl Guſtav Krockow, habt Ihr nach dem gefragt, der bin ich, aber—“ „Mehr brauche ich nicht!“ unterbrach ihn Seke⸗ rin.„Hinweg mit Dir! Ich will dir die Ehre anthan, welche Du nicht verdienſt: Du ſollſt nicht ſagen, daß ein polniſcher Edelmann an Ritterlichkeit irgend einem nachſtehe! Gott wird im Waffengange zwiſchen uns entſcheiden!“ Da blickte Krockow hoch auf und ſeine Gedanken nahmen eine andere Richtung. „Hinweg mit Dir, ſag ich noch einmal!“ rief Severin.„Ich folge Dir ſogleich— Du ſollſt Dir die beſte Waffe wählen, die in der Rüſtkammer iſt— oder biſt Du im ſchlechten Gewiſſen zu feig, gegen Wanda's Bruder zu lämpfen?“ „Ein Gottesgerichtskampf— wohlan!“ ſagte Kro⸗ chow mächtig aufgeregt. Dann wandte er ſich ab und folgte dem mit der Fackel voranſchreitenden Alten, welcher ihn auf demſelben Wege wieder aus der Kirche führte. Severin Tenczynski aber ſenkte nun auch ſeine Knie und beugte ſein ſtolzes Haupt zum Gebet am 169 Grabe ſeiner Schweſter, er betete nicht um den Frie⸗ den ihrer Seele, es war ein ſündiges Gebet um Rache, welchem der Herr der Barmherzigkeit ſich verſchloß. Auf dem kurzen Wege in dem engen Gange, welcher die Kirche mit dem Schloſſe verband, beſtürm⸗ ten den Gefangenen die widerſtreitendſten Gefühle. Wanda war todt! Dieſe Kunde, welche für ihn den tiefſten Schmerz in ſich faßte, ſo grauſam plötzlich, ohne alle Vorbereitung über ihn gekommen, hatte ihn ver⸗ nichtend getroffen, aber er war emporgeriſſen worden durch eine Beſchuldigung, die ihn bis in das Mark ſeines Daſeins empörte Zetzt ahnte er wohl, warum er, von allen andern Gefangenen getrennt, eigenmäch⸗ tig, wie Alles hier zu Lande geſchah, in dieſe abgele⸗ gene Gegend geſchleppt worden war! Er hatte im vorigen Spätherbſt auf einem Streifzuge ein Gefecht mit brandenburgiſchen Reitern beſtanden, dabei war ihm das Pferd unter dem Leibe erſchoſſen worden und er hatte ſich, unter demſelben liegend, mit einer Wunde an der rechten Hand, die ihn wehrlos gemacht, dem feindlichen Officier ergeben müſſen. Wohl zwanzig Reiter, von allen Seiten umringt, waren mit ihm gefangen worden. Man hatte ihn auf ein Beutepferd gehoben und dann die Gefangenen unter ſtarken Escorte in Marſch geſetzt. Plötzlich war dann mit wildem Ge⸗ ſchrei aus einem Walde eine überlegene Schaar polni⸗ ſcher Reiter hervorgejagt, ihr Anführer hatte mit dem brandenburgiſchen Officier, der ihm entgegen ſprengte — es waren ja Verbündete!— einen kurzen Wort⸗ wechſel gehabt, dann aber ſich unter Hohnlachen mit ſeinen Leuten auf den Zug der Brandenburger geſtürzt, um ihnen die Gefangenen mit Gewalt zu entreißen. Das geſchah wohl öfter, denn wir wiſſen, daß ſich Fürſt Radzivill, der Statthalter des Kurfürſten von Brandenburg, darüber beſchwerte Die Brandenburger ſetzten ſich zur Wehr, die Polen hieben förmlich ein und in dem wüthenden Getümmel, welches dabei ent⸗ ſtand, ſchonten ſie auch die Gefangenen nicht, obſchon dieſe unbewaffnet waren, und Krockow, welcher ihnen nach ſeiner Uniform als Officier auffiel, deſſen Löſe⸗ geld ſie vielleicht den Deutſchen nicht gönnen wollten, erhielt jenen furchtbaren Hieb über das Geſicht, der ihn für todt vom Pferde warf. Was weiter auf dem Platze und ſpäter mit ihm geſchehen, wußte er nicht: es mochte wohl eine lange, nicht mehr nach Tagen zu meſſende Zeit, vergangen ſein, ehe er wieder aus dem Zuſtande zwiſchen Tod und Leben, der ihn, von weni⸗ gen halbbewußten Momenten unterbrochen, während ſeines Wundfiebers und einer ſich daran heftenden lang⸗ wierigen Krankheit gefeſſelt hielt, zu klaren Vorſtel⸗ 17¹ lungen erwachte. Da war er ſchon hier in dem Schloſſe geweſen, welches er ſeitdem nicht verlaſſen hatte. Wie er hieher gekommen, wußte er nicht. Daß aber der polniſche Reiterführer, welcher damals den Gewalt⸗ ſtreich gegen die Bundesgenoſſen ſeines Königs ausge⸗ führt hatte, nicht derſelbe Mann geweſen war, der ihm in heutiger Nacht unter ſo erſchütternden Umſtän⸗ den und mit einer ihn tief empörenden Anklage ent⸗ gegen getreten, das wußte er beſtimmt, denn er hatte jenen Anführer, einen alten Krieger mit langem eis⸗ grauem Bart in unmittelbarer Nähe geſehen und erin⸗ nerte ſich ſeiner ganz genau. Möglich, daß Tenczynski mit in der Schaar geweſen, möglich auch, daß er ſich erſt ſpäter des ſchwerverwundeten feindlichen Officiers bemächtigt, nachdem er von den gefangenen Reitern ſeinen Namen erfahren hatte. In welcher Abſicht er das gethan, ihn pflegen und heilen laſſen, war heut erſt klar geworden! Daß er ihn für einen Andern hielt, welchem mit mehr Recht Schuld gegeben werden konnte, Wanda's Herz gebrochen zu haben, was konnte es Karl Guſtav Krockow helfen? Sein Gefühl ſträubte ſich dagegen, eine Erklärung zu geben, welche ihm nicht geglaubt wohl gar mit einigem Schein der Wahrheit für feiges Läugnen ausgelegt werden konnte— um ſo ferner lag ihm dieſer Gedanke, als er herausgefordert war, 172 was er gethan, mit dem Degen zu vertreten. Welch' ein elendes Schauſpiel hatte man mit ihm getrieben, um ſeine Mannhaftigkeit zu erſchüttern und ihn recht erbärmlich vor dem ſtolzen Rächer erſcheinen zu laſſen: um Mitternacht vom Lager geriſſen, bei Fackelſchein in die Kirche, an die Gruft ſeines vermeintlichen Opfers geführt, deſſen Tod er nicht geahnt hatte! Wie mochte der Gegner triumphirt haben, als er zuſammgebrochen, auf ſeine Knie geſtürzt war— und kein Menſch hatte doch eine Ahnung, nur Gott wußte es, welches Gefühl, tief in ſeiner Bruſt verhüllt, ihn in jenem furchtbaren Augenblicke an Wanda's Grabe niedergebeugt hatte! Sein ehrlicher deutſcher Sinn empörte ſich über all dieſen Aufwand heimtückiſcher Argliſt und er dankte ſeinem Feinde nur eins, daß er ihm einen ehrenvollen Ausweg gekaſſen. Da ſtand er ſchon im Waffenſaale, wohin der Alte ihn hatte führen ſollen. An den Wänden blinkten Harniſche aus einer längſt vergangener Zeit, Spieße und andere Trutzwaffen in allerlei Form, Bogen und Pfeile und Schießgewehre von älteſter Gattung, wie es längſt außer Gebrauch gekommen, türkiſche Säbel und Handſchars, polniſche Karabellen mit reichem Beſchlag, aber auch eine treffliche Auswahl von Schwertern und Degen, wie andere Nationen ſie führten und das Auge des ſchwediſchen Officiers, wäre es nicht von 173 ſeinen Gedanken verdüſtert geweſen, hätte ſich daran freuen können. Naruſczewiez zündete mit ſeiner Fackel zwei eiſerne Lampen an, die an ſchweren Ketten von der Decke herniederhingen, dann ſteckte er die Fackel ſelbſt in den Ring, der nach alterthümlicher Weiſe noch in der Wand dazu befeſtigt war. Nicht lange währte es, ſo erſchien auf demſelben Wege Severin Tenczynski. Mit einem finſtern Blicke maaß er den Feind ſeines Hauſes, wofür er den Ge⸗ fangenen hielt. „Habt Ihr euch eine Waffe gewählt?“ fragte er. „Laßt mir eine ſolche reichen—“ antwortete Kro⸗ ckaw,—„der Eurigen gleich!“ „Die wißt Ihr nicht zu führen!“ entgegnete Ten⸗ czynski und rief dem alten Naruſzewicz ein Paar pol⸗ niſche Worte zu, worauf dieſer einen ſtarken Degen mit Stichblatt und Korbgriff von der Wand nahm und ihn Krockow ſchweigend überreichte. Dieſer wies ihn jedoch zurück. „Ich mag nicht im Vortheil ſein! Laßt mir einen Säbel geben, wie der Eure!“ „Im Vortheil?“ lachte Severin höhniſch auf. „Doch wie Ihr wollt!“ Und Naruſzewiez willfahrte auf ſeinen Wink dem Verlangen des Deutſchen. Er legte einen prächtigen polniſchen Säbel mit damas⸗ cirter Klinge in ſeine Hand. Eine Freude, die er ſich nicht die Mühe gab, zu läugnen, ging in Krockow's entſtelltem Geſichte auf, als er ſich nach langer Schmach wieder bewaffnet ſah, die Kampfluſt leuchtete aus ſei⸗ nen Augen. Severin Tenczynski trat unterdeſſen an den mäch⸗ tigen Kamin, der auch hier nicht fehlte und legte ein zuſammen gefaltetes Papier, das er aus ſeiner Bruſt zog, auf den Sims.„Das iſt ein Paßport für Euch, Herr Krockow,“ ſagte er kalt,„wenn ich von Eurer Hand fallen ſollte. Der Alte dort wird dann für Euer Fortkommen ſorgen und Euch begleiten, bis Ihr wieder bei den Euren ſeid, falls dieſe nicht bis dahin durch unſere ſiegreichen Waffen ganz vom polniſchen Boden vertrieben ſind. Fallt Ihr, ſo ſoll Euch ein ehrliches Begräbniß werden. Kein Wort mehr! Ich habe ein Gelübde gethan bei der heiligen Mutter von Czenſtochowo, das will ich halten. Kommt Ihr ſicher nach Hauſe, dann berichtet Eurer Mutter und Schwe⸗ ſter, was hier geſchehen iſt.“ „Was wißt Ihr von den Meinigen?“ rief Krockow. DerPole aber winkte heftig abwehrend mit der Hand, zog ſeinen Säbel und gab, mit ritterlichem Anſtande ſalutirend, dem Gegner das Zeichen, ſich zum Kampfe zu ſtellen. 175 Gleich darauf kreuzten ſich die Klingen und Se⸗ verin, ſeiner Ueberlegenheit in Führung der nationalen Waffe ſich bewußt, keineswegs geſonnen, den Feind zu ſchonen, in welchem er den Mörder ſeiner geliebten Schweſter ſah, fiel den Deutſchen mit raſchen Hieben an, ohne viel an die eigene Deckung zu denken. Aber bald wurde er zu ſeiner Verwunderung inne, daß ſein Gegner, wenn er auch den polniſchen krummen Säbel ſtatt des graden und ſchweren Reiterdegens zum erſten Male in der Hand haben mochte und zuerſt wohl etwas unſicher in deſſen Führung war, ſo daß er ſich mehr auf das Pariren der hageldicht fallenden Streiche und Finten beſchränkte, mehr und mehr mit der frem⸗ den Waffe vertraut wurde, aus der Abwehr ſchon in den Gegenhieb überging, daß ſeine Klinge nicht mehr halb flach fallend in der Luft nur ſauſte, ſondern die⸗ ſelbe ſchon mit dem eigenthümlichen ſcharfen Laut pfei⸗ fend durchſchnitt. Wie auf Verabredung ſenkten jetzt Beide die Waffen, der erſte Gang war beendigt. Sie maaßen ſich einen flüchtigen Moment mit den Augen und blickten dann ernſt vor ſich hin, in kurzer Pauſe neue Kraft für die Fortſetzung des Kampfes zu ſammeln. Da trat der alte Michael Naruſzewicz, welcher ein ſtummer und aufmerkſamer Zeuge des Waffen⸗ 176 ganges geweſen war, vor und ſagte in polniſcher Sprache:„Laßt es genug ſein, Herr Severin Ten⸗ czynski. Du ſiehſt, daß er Dir gewachſen iſt. Ich ſage Dir, Du wirſt ihn nicht beſiegen. Willſt Du Deiner Mutter noch einen Gram mehr verurſachen?“ „Zurück, alter Rabe, der mir Unheil krächzt!“ rief Severin.„Lüge nicht mit Deinen grauen Haaren, nicht um meine Mutter ſorgſt Du, ſondern um die ſeinige, welche Dir's angethan hat mit ihren Künſten.“ „Ich läugne es nicht, ſie hat mir wohlgethan, mich geheilt, wo ich hätte wie ein Hund umkommen müſſen, Du weißt das am Beſten— und haſt Du ein Gelübde zur heiligen Mutter Gottes gethan, ich auch Herr Tenczynski, darum bin ich hier in Stara⸗Tenczyn und nicht draußen im Lager: ich will's vergelten, was an mir geſchehen iſt!“ Severin verſchmähte es, ihm zu antworten, er warf ihm einen ſtolzen funkelnden Blick zu, hob den Säbel empor und gab dadurch ſeinem Gegner, welcher das raſche Geſpräch der Beiden, das er nicht verſtand, mit Ungeduld beobachtet hatte, das Zeichen zum er⸗ neuten Kampfe. Krockow war ſchnell mit der Klinge zur Hand und der Pole mußte ſeine ganze Gewandt⸗ heit im Fechten aufbieten, um der überlegenen Kraft des Deutſchen, die er jetzt zu fühlen begann, nicht zu 177 erliegen. Da bemerkte dieſer, daß ſein alter Wächter, der nun ziemlich nahe ſtehen geblieben war, ebenfalls den Säbel zog, den er nach Landesart ſtets an der Seite trug, der Gedanke an heimtückiſchen Verrath mußte ihm auſſteigen und das Gefühl des Unwillens entflammte ihn zu immer mächtigern, kaum noch ab⸗ zuwehrenden Streichen, mit welchen er ſeinen Feind angriff. Ein ſchmetternder Hieb und die Waffe des Polen flog, aus der halb gelähmten Hand geſchlagen, klirrend weithin auf den getäfelten Fußboden— wehr⸗ los ſtand Severin, der Willkühr ſeines Gegners preis⸗ gegeben. Da trat der alte Naruſzewicz raſch zwiſchen Beide, Krockow hatte jedoch ſchon die Klinge geſenkt, wie hätte er anders handeln können? Als er aber den Alten vortreten ſah, wähnte er, daß dieſer den Kampf aufnehmen wolle, bis ſein Landsmann ſich wieder in Vertheidigungsſtand geſetzt habe, und er machte ſich bereit, obgleich mit Widerſtreben, gegen den Greis, der ihn bisher menſchenfreundlich behandelt hatte, zu fechten. Der Alte jedoch nahm den Säbel in die linke Hand, die Spitze zur Erde geſenkt, winkte beſchwichti⸗ gend mit der Rechten und wandte ſich dann zu Ten⸗ czynski, welcher voll Grimm und Beſchämung noch wie gebannt an ſeiner Stelle ſtand, als ſei er auch geiſtig erlegen. Guſeck, Karl X. Guſtav. U. 12 „Jetzt iſt es genug, Herr Severin Tenczynski!“ ſagte er mit dem trotzigen Tone, wie er ihn nur ſonſt als Edelmann des Wojewoden von Rußland gegen den Staroſtenſohn geführt, der ihm nichts zu befehlen hatte„Ich ſage Dir, ich dulde es nicht weiter. Er konnte Dich zuſammenhauen und hat es nicht gethan. Schlägſt Du Dich weiter mit ihm, ſo ſchlag' ich da⸗ zwiſchen— und Du haſt es mit Zweien zu thun.“ Severin fuhr auf— da rief ihm aber der Deutſche zu:„Beliebt's Euch, ſo hebt Euren Säbel wieder auf, ich bin auch jetzt noch bereit, Euch zu beweiſen, daß Ihr über mich in einem ſchweren Irrthume befangen ſeid.“ zweifelhaft. „Was ich Euch jetzt ſagen kann, nachdem ich meine Ehre gewahrt habe! Ich bin nicht der, für den Ihr mich haltet— ſo wahr mir Gott helfe in meiner letzten Stunde, ich habe nichts verſchuldet an dem ſchweren Leide, das Euer Haus betroffen hat, nichts an dem Glück und Frieden Eurer Schweſter, der auch mir ſo heilig war, wie er Euch nur ſein konnte Wenn ich auch ein Krockow, wenn ich auch zu Drewionka, dem Sitze Eures Vaters und der Seinigen geweſen bin— nicht ich bin es, welchen Ihr Urſache habt, zu Wes wolt At bnnitſcgen⸗ fragte Tenczynsti —— — „—„ e— ————— — en——— 179 haſſen! Wollt Ihr mir Glauben ſchenken, gut! Wo nicht, ſo nehmt Eure Waffe wieder auf und nur Einer von uns möge lebend dieſen Platz verlaſſen!“ Severin hatte ihn ſchweigend angehört, das glü⸗ hende Auge feſt auf ihn gerichtet.—„Soll ich Euch gegenüber ſtellen dem weißen Haupte meines Vaters, dem Antlitz meiner Mutter?“ rief er drohend.„Wollt Ihr auch ſie Lügen ſtrafen? Soll ich Euch an Wanda's Sarge beſchwören laſſen, was Ihr ſagt.“ „Thut das!“ ſagte Krockow aus tiefſter Bruſt. Severin ſchwieg; er hörte nicht, was ihm Na⸗ ruſzewicz mahnend zurief, er ſchien einen Moment Allem entfremdet zu ſein, was ihn umgab, was hier geſche⸗ hen war. Auf einmal blickte er entſchloſſen auf, ſagte dem Alten ein paar polniſche Worte und ſprach dann mit feſter Stimme:„Ihr ſeid frei! Dieſer Edelmann wird Euch geleiten. In der Feldſchlacht oder— in Eurer Heimath ſehen wir uns wieder.“ „In der Feldſchlacht mit Freuden!“ erwiederte Krockvw. Einen Dank ſprach er ihm nicht aus. Naruſzewicz hatte unterdeſſen ſeine Fackel aus dem Wandringe genommen und winkte dem Deutſchen. Dieſer legte die fremde Waffe, die er noch immer in der Hand gehalten, von ſich, mit einer ſtummen Nei⸗ gung des Hauptes nahmen die beiden Gegner von 1 einander Abſchied; hinter Krockow ſchloß ſich die mäch⸗ tige Eichenthüre, durch welche er jetzt in das Innere des Schloſſes und nach ſeiner Kammer geführt wurde und Severin blieb einſam beim Scheine der Eiſen⸗ lampen in der Waffenhalle zurück. Eine Stunde ſpäter ſaß der Gefangene im Sat⸗ tel und ritt hinaus in die Nacht, deren ſtrenge Luft ihm heut lindes Frühlingswehen dünkte. Wie aus dem Grabe erſtanden kam er ſich vor, er warf die entner⸗ venden Gedanken, die ihm folgen wollten, weit hinter ſich— ſeine Seele blickte wieder muthig in das Leben, in die Zukunft. Die Waffengenoſſen ſollte er wieder ſehen, zurückkehren dahin, wo ſein Heldenkönig die Sei⸗ nigen zu neuen Siegen führte, unter ſeinen Augen wollte er wieder kämpfen, ſich Lorbeern um die Schläfe winden, die ſein entſtelltes Geſicht ſchön machen ſelbſt in den ſeiner Mutter! * M— 6 Achtes Kapitel ————— Der Sturm. Neue Siege— neue Lorbeern?! Anfang Fehruars ſchon hatte der König den Sturm auf Kopenhagen beſchloſſen. Alles war dazu mit Umſicht eingeleitet, Dahlberg hatte wieder ſelbſt recognoscirt und wie ſchon mehrmals, glaubte er das Gelingen des Unternehmens, trotz der dreifachen Ueber⸗ macht des Feindes verbürgen zu können. Der günſtigſte Angriffspunkt war zwiſchen dem Schloſſe und Kalle⸗ bodſtrand, hier, wo jetzt ein wohlangebauter Stadttheil liegt, ſtand damals noch kein Haus, und der Zugang zu den Palliſaden des gedeckten Weges und dem Feſtungsgrabeu war vom gefrornen Ufer aus ſehr er⸗ 182 leichtert. Nach der Dispoſition follte hier der Haupt⸗ angriff geſchehen, bei welchem der König in Perſon ſein wollte— drei andere Sturmcolonnen auf andere Punkte gerichtet, ſollten denſelben unterſtützen. Als die Dunkelheit am 8. Februar einbrach, rückte das ganze ſchwediſche Heer aus ſeinem Lager bei Wallby und näherte ſich der Stadt. Tiefer Schnee bedeckte die Landſchaft und erſchwerte den Marſch; um nicht von den Wällen auf der weißen Fläche bemerkt zu werden, hatten die Truppen ihre Hemden über den Rockziehen müſſen, auf den Hüten trugen ſie nach ſchwediſcher Sitte zum Abzeichen im Gefecht Strohbüſchel, wie die Kaiſer⸗ lichen und Brandenburger grüne Reiſer zur Schlacht aufzu⸗ ſtecken pflegten. In möglichſter Stille rückte das Heer, in ſeine Abtheilungen geſchaart vor,— da blitzte es drei⸗, vier⸗, ſechsmal von der Seite herauf, Kanonen⸗ donner krachte und Kugeln ſchlugen von der Flanke her in die Maſſen ein. Der Angriff war verrathen worden, der Feind auf ſeiner Hut! Ohne Verrath wäre der Sturm unzweifelhaft gelungen! Karl Guſtav ließ Halt machen, entzog die ctri⸗ pen dem Feuer und ſchickte ſogleich eine Abtheilung zum Angriff gegen dieſe unerwartete Batterie Es war ein Prahm mit Kanonen beſetzt, welchen die Dänen dort ausgelegt und nun ſo hartnäckig vertheidigten, daß 9 x n 183 der Morgen nach der langen Winternacht zu dämmern begann, ehe der Prahm genommen und angezündet werden konnte. Zum Sturme war es für heut nun zu ſpät; der König ließ ſeine Armee wieder in das Lager rücken in In folgender Nacht dasſelbe Spiel! Der Prahm war nicht völlig zerſtört, der Feind hatte ihn wieder beſetzt, zugleich aber Stellen im Eiſe aufhauen laſſen, um den Zugang zu erſchweren. Wiederum rückten die Schweden aus, diesmal bis unter die alten Werke, dem Garten der Königin gegenüber, aber der Prahm mußte von Neuem genomnen und gänzlich vernichtet werden, ehe der Sturm zu beginneu war und die Nacht reichte dazu nicht aus. Mißmuthig, die Haupt⸗ macht ohne gekämpft zu haben, marſchirten die Truppen zum zweiten Male ab. Doch war nun wenigſtens jenes Hinderniß beſeitigt. Karl Guſtav konnte ſein Vorhaben nicht aufgeben, er hätte ſeinen ganzen Charakter dazu verläugnen müſſen! Auf dem Todtenbette, ſagte man, habe er die⸗ ſen Sturm bereut— möglich das, im Leben hat er unes nie gethan, er konnte eben nicht anders Ohne Aufſchub, guulin ver folgenden Nacht am 10. Februar, rückte das e Heer zum Hritten Male aus:„Hilf Herr Gott!“ war als Loſung gegeben. Sechs Regimenter unter General —————— —————— 184 Ferſen waren zum Hauptangriff gegen den oben ange⸗ gebenen Stadttheil beſtimmt, ſie waren in zwei Co⸗ lonnen getheilt, welche auf gleicher Höhe vorrücken ſollten, unterſtützt durch das Regiment Oſtgothen und 300 abgeſeſſene Reiter unter Aſcheberg. Als Reſerve hatte der König die meiſten national⸗ſchwediſchen Re⸗ gimenter zurückbehalten. Die Oſtſeite der Stadt ſollte Guſtav Baner angreifen, der dritte und vierte Angriff bei Norreport und gegen Chriſtianshavn waren nur Scheinangriffe, um den Feind auch hier zu allarmiren. Die Truppen hatten lautlos ihre Stellungen ein⸗ genommen. Um ein Uhr nach Mitternacht gaben zwei angezündete Theertonnen auf der Höhe von Wallby das Signal zum allgemeinen Angriff. Voran gingen der Hauptcolonne 200 Mann mit Aexten, Beilen und Handgranaten, ihnen folgten 100 Seeleute mit Sturm⸗ leitern und Brückengeräth für die aufgehauenen Eis⸗ ſtellen und den Hauptgraben. Die Schweden hieben die Palliſaden nieder, ſetzten über den Graben, ſtürm⸗ ten den Hauptwall, deſſen Bruſtwehr mit Waſſer be⸗ goſſen, und ſpiegelglatt gefroren war— Alles unter dem verheerendſten Feuer der Dänen. Wiederum waren dieſe von Außen gewarnt worden und zur hartnäckig⸗ is ſten Gegenwehr hinter ihren Werken aufgeſtellt, noch„ ehe die Schweden zum Sturme ſchritten. Es war ein — 185 furchtbarer nächtlicher Kampf, an welchem nicht allein die Truppen der Befatzung, ſondern auch die Bürger und Studenten, ja ſogar viele Weiber Theil nahmen. Zwei Stunden währte er mit grenzenloſer Erbitterung, vergebens führte der Reichs⸗Zeugmeiſter Erik Sten⸗ bock auf Befehl des Königs die Smaländer aus der Reſerve vor, er ſelbſt fiel tödtlich verwundet, ſeine Leute wichen in Unordnung zurück; die Brüder Sparre rückten mit den Södermannländern in's Gefecht: ſie erlagen der Uebermacht des Feindes, der immer mehr Kräfte hieher zog, weil er die Scheinangriffe, die nur mit Troßknechten und wenigen abgeſeſſenen Reitern unternommen wurden, als ſolche erkannte. Wie es oft mit getheilten Angriffen geſchieht, ſo war es auch hier: ſie wurden nicht in Uebereinſtimmung, der eine zu früh, der andere zu ſpät ausgeführt. Dahlberg, welcher den Kampf in unmittelbarſter Nähe beobachtet, überzeugte ſich endlich von deſſen Hoffnungsloſigkeit und machte dem Könige darüber Meldung. Noch war es Zeit, den Sturm einzuſtellen und das Gefecht abzubrechen, noch hatte Karl Guſtav friſche ſchwediſche Regimenter dazu in Reſerve: hätte er auch dies letzte Gewicht in die Wagſchaale geworfen und dieſelbe wäre dennoch, wie der Monarch ſich nicht mehr verblenden konnte, in die Höhe geſchnellt worden und wäre darüber der 186 Tag angebrochen mit einem Ausfall des Dänen und Holländer, ſo hätte wohl die ganze Armee ihren Un⸗ tergang gefunden. Dies drohende Unheil ahzuwenden, gab der König mit ſchwerem Herzen den Befehl zum Rückzuge. Er war zum erſten Male in ſeiner ganzen kriegeriſchen Laufbahn beſiegt worden! Mit welchen Gefühlen er ſich darauf in ſein Zelt einſchloß, läßt ſich ermeſſen. In Kopenhagen aber war unermeßlicher Jubel, und noch bis gegen Ende des folgenden Jahrhunderts wurde alljährlich ein Dank⸗ feſt für den Sieg, mit Abſingung der Sturmpſalmen in allen däniſchen Kirchen gefeiert. Die Gegend, wo der Kampf am furchtbarſten gewüthet hat, jetzt, wie ſchon geſagt, in einem wohl angebauten Stadttheile gelegen, hat den Namen der Sturmſtraße zum ewigen Gedächtniß erhalte. nmn Karl Guſtav war jedoch weit entfernt, ſich vor der Welt als beſiegt zu bekennen und den Schauplatz, wo er ſich ſchon unvergänglichen Nachruhm gewonnen hatte, zu verlaſſen Das Glück im Kriege iſt wandel⸗ bar, eine Niederlage kann auch der größte Feldherr erleiden, er muß ſie nur durch glorreiche Siege zu decken verſtehen Wie einſt Cortez in Amerika ſeine Schiffe verbrannte, ſo gab auch hier Karl Guſtav jeden Gedanken an unrühmlichen Abzug auf. Im Herzen 187 von Dänemark ſaß er feſt und wollte nicht eher wei⸗ chen, bis er es erdrückt hatte, mochte er ſelbſt vom Feſtlande her durch die Heeresmacht der Verbündeten, von der See durch die holländiſche Flotte eingeſchloſſen ſein. Dieſen Ring zu ſprengen, hoffte er mit Sicher⸗ heit, wenn er nur erſt ſein nächſtes Ziel erreicht habe. 6 Nenne man dies Beharren imimerhin Trotz, der das Geſchick herausfordert: es war doch Character! Unſere 1 ſchwächliche Zeit, welche keinen ſtahlfeſten Character meht zu gebären ſcheint, mag ſich daran ſpiegeln und ſchämen. ₰ Der König fühlte ſich übrigens doch nicht ſo ver⸗ laſſen von allen Freunden, als es ihm die Thatſachen aufdrängen wollten. In England war der neue Pro⸗ tector, Richard Cromwell, für Schweden ſehr günſtig geſtimmt und wenn die Hülfe, welche ſchon ſein Vater vetheißen, thatſächlich durch eine engliſche Flotte er⸗ ſchien, ſo hoffte Karl Guſtav Kopenhagen, dem er zu Lande alle Zufuhr abgeſperrt, auch von der Seeſeite volſſtändig einzuſchließen und durch Hunger zur Ueber⸗ gabe zu zwingen. Alle däniſchen Inſeln: Fünen, Lan⸗ geland, Waland, Möen, Falſter, Seeland bis auf die Hauptſtadt, waren in ſeiner Gewalt, überall wurden alte Befeſtigungen hergeſtellt und neue angelegt, um gegen die Verbündeten, welche in Jütland Winterquar⸗ ,— 188 tiere bezogen hatten und nun wohl Fünen angreifen würden, gedeckt zu ſein. Wrangel erhielt Befehl, die Streitkräfte mehr zu concentriren; Friedrichsodde, wo ohnehin furchtbare Krankheiten ausgebrochen waren, wurde geräumt, ſeine Befeſtigung geſchleift, nur im Kaſtell blieb noch eine Beſatzung. Auf Fünen zog der Reichs⸗Admiral alle Regimenter bei Jversnäs, dem heutigen Wedelsborg, wo ſich die Schweden im vori⸗ gen Jahre den Zugang auf dem Eiſe erkämpft hatten, zuſammen und benutzte die Schanzen, welche damals die Dänen angelegt hatten, zur Verſtärkung der eigenen Stellung. Noch aber rückten die Kaiſerlichen und Bran⸗ denburger nicht in's Feld. Sie wollten ſich erſt durch Beſetzung der feſten Punkte ſichern. Nachdem Renbs⸗ burg und Steinburg von den Schweden geräumt wa⸗ ren, hielt der Kurfürſt bei Flensburg Heerſchau und ſchloß Friedrichsodde von der Landſeite ein, Mangel an Belagerungsgeſchütz hinderte jedoch vor der Hand einen ernſtlichen Angriff. Da erſchien endlich Anfangs April die von Karl Guſtav heiß erſehnte engliſche Flotte im Sunde, 43 Schiffe mit 2000 Kanonen, unter dem Admiral Mon⸗ tague; ſie ſegelte Kronborg vorbei und warf zwiſchen Helſingör und Hwen Anker. Aber ſo groß der Jubel im ſchwediſchen Lager bei dieſer Nachricht war, der 189 Freude folgte bald die bitterſte Enttäuſchung. Nicht zu Hülfe, zum Abſchluß eines Bündniſſes erſchien dieſe ſtattliche brittiſche Armada, ſondern nur um Holland, dem eiferſüchtig bewachten, in dieſen Gewäſſern das Gleichgewicht zu halten. Auch eröffnete der Admiral dem Könige, als er zur Audienz vorgelaſſen wurde, daß es Englands wie Frankreichs Abſicht ſei, den Frie⸗ den im Norden auf der Baſis des Roeskilder Ver⸗ trages wieder herzuſtellen. Daß er Befehl hatte, für den Fall, daß Dänemark dieſen Vorſchlag verwerfen würde, ſeine Flotte mit der ſchwediſchen zu vereinigen und den Uebergang der Allirten auf die Inſeln zum Entſatze von Kopenhagen zu verhindern, hielt er zuerſt noch vorſichtig zurück. Mißmuthig ſchrieb Karl Guſtav an den Reichsrath:„Es iſt uns präjudicirlich, die reale Aſſecuration, die wir haben, aus den Händen zu geben und uns mit Feder und Dinte zu begnügen“ Indeſſen kam es doch zu Pacificationsverſuchen von Seiten der neutralen Mächte und der König konnte ſich ihnen nicht ganz entziehen: er ſuchte Englands Beiſtand durch Anerbietung däniſcher Provinzen, ſelbſt des deutſchen Herzogthums Bremen zu erkaufen. Ehe es jedoch zu einer Verſtändigung kam, da England noch den Schlüſſel zum Sunde, Kronborg, verlangte, geſchah in London der Umſchwung der Dinge, welcher den 190 ſchwachen Sohn Oliver Cromwells veranlaßte, ſeine„ Protectorwürde niederzulegen und jede Ausſicht auf engliſchen Beiſtand für Schweden trübte. Admiral Montague lichtete die Anker und verließ den Sund; eine neue holländiſche Flotte unter Ruyter erſchien und« Beide lagen außerhalb des Sundes, aber zur Einfahrt bereit, um den Friedensvorſchlägen, welche inzwiſchen im ſogenannten Haager Convent zwiſchen England, Frankreich und Holland näher formulirt worden waren, bei den kriegführenden nordiſchen Königen Nachdruck zu geben. Es waren die Roeskilder Bedingungen, nur einen Hauptpunkt, der gegen das Intereſſe der See⸗ mächte ſprach, daß nämlich die Oſtſee fremden Flotten verſchloſſen werden könne, hatten ſie geſtrichen. Drei. Wochen waren Friſt gegeben, in dieſer Zeit ſollte weder Kopenhagen entſetzt, noch ein Corps von Jütland auf* die Inſeln übergeführt werden⸗ Der Krieg wurde hier freilich dadurch aufgehal⸗ ten, ganz zu hindern war er nicht. Bei Friedrichsodde hatte Johann Georg von Deſſau, der nun ein Schwa⸗ ger des Kurfürſten von Brandenburg geworden und gegen ſeinen bisherigen Kriegsherrn im Felde ſtand, mit einem alten Waffengefährten, Königsmark, ein hitzi⸗ ges Reitergefecht beſtanden; darauf war das Kaſtell am Meere geſtürmt und von den Schweden verlaſſen e————————.——— —-—— —„——— — 191 worden, welche noch durch eine Mine, gezündet, als die Feinde ſchon eindrangen, denſelben viele Menſchen tödteten. Der Kurfürſt wollte nun ſogleich nach Fünen überfetzen und holländiſche Schiffe waren zur Hand, denn Ordam hatte ſich an die Unterhandlungsfriſt nicht gekehrt, vielmehr die Verbindung zwiſchen den von den Schweden beſetzten Inſeln unterbrochen, auch Ruyter befohlen, ſich mit ihm zu vereinigen, was denn geſche⸗ hen war. Aber ein ſo ernſthaftes Unternehmen, wie der Kurfürſt beabſichtigte, zu begünſtigen, wagte der Holländer aus Beſorgniß vor der engliſchen Flotte doch nicht und ſo mußte ſich Friedrich Wilhelm begnügen, ein paar tauſend Mann auf die Inſel Fenve zu wer⸗ fen, welche dieſelbe eroberten, während die Hauptmacht unter Barfuß und dem kaiſerlichen General Ranft noch in Jütland blieb. Dieſem erſten Glücke folgten bald einige Unfälle: mehrere Schiffe, die bereits zum Ueber⸗ führen im Aalborger Hafen vereinigt waren, wurden von den Schweden zerſtreut, tauſend Polen aus Aar⸗ huus mit großem Verluſt vertrieben, ein paar hundert Brandenburger gefangen genommen. Mittlerweile hatte Karl Guſtav, um Fünen zu ſchützen, ſeine Flotte un⸗ ter Wrangel, nur noch 28 Schiffe ſtark, in den klei⸗ nen Belt geſchickt Die holländiſche und däniſche, ver. einigt dreimal ſtärker, verfolgten ſie, aber auch die eng⸗ 192 liſche kam in Sicht und hinderte die Feindſeligkeiten, worauf die vier Flotten ſich trennten und die beiden fremden, die ſich ſchon zur Schlacht gerüſtet, auf ver⸗ ſchiedenen Wegen nach Kopenhagen ſegelteni So ſtand der Krieg im Norden eine Zeitlang feſt, in Preußen dagegen, obgleich Anfangs Paul Würtz aus Stettin einen ſiegreichen Zug dahin unternommen⸗ und Douglas von Livland aus einfiel, wandte ſich das Glück bald ganz von den Schweden ab und bald hat⸗ ten ſie nur noch Elbing und Marienburg in ihren Händen. Jetzt war aber auch Pommern bedroht, wel⸗ ches bisher der Kurfürſt von Brandenburg vor jedem Angriff energiſch bewahrt hatte, die wiederholten Auf⸗ forderungen Oeſterreichs und die ihm dazu gebotene Truppenhülfe ablehnend. Ihn hatte dabei die nicht un⸗ begründete Beſorgniß geleitet, daß der Kaiſer das von ſeinen Truppen eroberte Land ſchwerlich an ihn ah⸗ treten würde und Pommern, ganz Pommern, blieb für Friedrich Wilhelm noch immer das berechtigte Ziel ſeines Strebens. Da veranlaßte ihn endlich grade jene Beſorgniß, von ſeiner bisherigen Zurückhaltung, gegen Schwediſch⸗Pommern abzugehen. Der Kaiſer hatte in Schleſien ein neues Heer, 14,000 Mann ſtark, unter dem General Souches zuſammen gezogen und dieſem befohlen, auch ohne den Kurfürſten grade auf Stettin — e— e ———————— 193 vorzurücken. Jetzt durfte Friedrich Wilhelm nicht län⸗ ger ſäumen. Er gab dem Generallieutenant Grafen zu Dohna, der mit 3000 Mann in der Mark ſtand, Be⸗ fehl, ſich mit den Kaiſerlichen zu vereinigen, während er ſelbſt mit der in Schleswig und Zütland ſtehenden Macht, nur wenige Truppen zurücklaſſend, von Holſtein aus ebenfalls nach Pommern aufbrach. Unter ihm führte Montecuccoli die Kaiſerlichen, Stephan Czarneckt den Reſt der polniſchen Hülfsvölker. Dieſer Angriff ſollte den auf Stettin erleichtern, indem Wolgaſt genommen und die Verbindung der pommerſchen Hauptſtadt mit Stralſund unterbrochen würde. Armes Pommerland! Von zwei Seiten angefallen, von den Schweden, welche die feſten Plätze beſetzt hielten und ſich auch im freien Felde ſchlugen, mit der äußerſten Hartnäckigkeit ver⸗ theidigt, der ſchlimmſten Verheerung durch die feindli⸗ chen Schaaren ausgeſetzt, hielten die Bürger Pommerns in den Städten doch feſt an dem Eide der Treue, welchen ſie ihrem Landesherrn geleiſtet und halfen wacker bei der Vertheidigung ihrer Mauern. Freilich wohl war das in jener Zeit auch ihr eigenes Intereſſe, denn wenn die Stadt mit Sturm genommen wurde, gehörte alle Habe darin nach Kriegsbrauch den Sie⸗ gern. Und ob auch ſchon ein Vierteljahrhundert ſeitdem vergangen, das Beiſpiel von Magdeburg war in deutſchen Guſeck, Karl 2. Guſtav. n. 13 194 Landen unvergeſſen. Kleinere Orte durften es nicht wagen, ſich dem mächtigen Andrange des Feindes zu widerſetzen, Greifenhagen wurde ſchon Anfang Auguſt genommen, auch Lamin, Dievenow und Swiene von dem Grafen Stahremberg beſetzt, der mit drei Regi⸗ mentern zu Fuß und tauſend Reitern gegen Norden entſendet worden war, während die kaiſerliche Haupt⸗ macht vor Damm lag. Hier vertheidigte ſich der ſchwe⸗ diſche Commandant, Oberſt de la Coutidre, auf Unter⸗ ſtützung von Stettin rechnend, ſo tapfer, wie in Wol⸗ lin Wolframsdorff gegen den Grafen Stahremberg, aber beide Orte mußten ſich nach mehrfach abgeſchla⸗ genen Stürmen ergeben, Wollin, weil es in Brand gerathen war, der ihm alle Lebensmittel und Muni⸗ tion verzehrt, Damm, weil die Unterſtützung ausblieb, und die Kaiſerlichen bei Nacht, wenn auch unter großen Verluſten, das Schloß am See erſtürmt hatten. Deſto ruhmvoller war die Vertheidigung von Stettin, durch General Würtz, mit nur 1200 Mann, meiſt gefan⸗ genen Dänen und Neugeworbenen, gegen die Haupt⸗ armee, zu welcher nun auch Graf Dohna geſtoßen war. Der Commandant ließ alle Aufforderungen zur Ueber⸗ gabe unbeantwortet, es mußte eine förmliche Belage⸗ rung unternommen werden, welche ſich bis in den No⸗ vember hinzog. Der Kurfürſt von Brandenburg hatte 195 zwar Unterſtützung zugeſagt, wenn er Demmin genom⸗ men haben würde, aber ehe das geſchah, war den Be⸗ lagerten Hülfe gekommen. Karl Guſtav, welchem der Abmarſch des verbündeten Heeres aus Zütland und Holſtein die Sorge um Fünen genommen und freiere Verfügung über ſeine Truppen geſtattet, hatte den Reichsadmiral Wrangel mit bedeutender Verſtärkung nach Stralſund geſandt. Dieſer überfiel die Inſel Uſe⸗ dom, nahm 200 Brandenburger im dortigen Schloſſe gefangen und ließ ſogleich 1000 Mann zu Fuß und 600 Pferde nach Stettin marſchiren. Paul Würtz, da⸗ durch kühn gemacht, unternahm einen neuen Ausfall mit dem glücklichſten Erfolge, ließ die feindlichen Ma⸗ gazine in Curau durch einen Handſtreich zerſtören und ſah nun ſeine muthige Ausdauer gekrönt, indem Graf Souches ſich veranlaßt fühlte, die lange frucht⸗ loſe Belagerung endlich aufzuheben. Auch Greifswald, obwohl nur ſchwach beſetzt, hatte ſich unter General Müller zu derſelben Zeit ruhmvoll gegen das vereinigte Heer unter dem Kur⸗ fürſten von Brandenburg vertheidigt. Die Schweden waren nur Schritt vor Schritt bei deren Einmarſch in Pommern gewichen. Der Kurfürſt ſelbſt hatte ſich mit drei Regimentern Reiterei, 700 Mann zu Fuß und ſechs leichten Regimentsſtücken gegen das Schloß 13 196 Tribbeſees gewandt, um dem Heere das Defilee, wel⸗ ches dasſelbe deckte, zu öffnen. Nach zweiſtündigem Ge⸗ fecht hatte ſich das Schloß ergeben und der Kurfürſt nun die Hauptmacht über Dammgarten, welches die Schweden verlaſſen, gegen Stralſund vorgeführt. Ge⸗ neral Sporck, ſeitwärts detachirt, hatte Cvitz erſtürmt, ein Verſuch des Kurfürſten auf die Vorſtädte von Stralſund war aber vereitelt worden, worauf die Ar⸗ mee Greifswald angegriffen. Alle Stürme waren jedoch abgeſchlagen worden, wiederum unter tapferer Mitwir⸗ kung der Bürger, worauf der Kurfürſt den Angriff aufgegeben hatte. Gegen Demmin rechts ab wurde nun der Gene⸗ ral Feldmarſchall Otto Heinrich Sparre, vor wenigen Jahren auch erſt, wie der Derfflinger in brandenbur⸗ giſche Dienſte getreten, entſendet. Starke Partheien ſtreiften ihm voraus, um ſeinen Marſch zu decken und die Gegend, wie den Feind zu erkunden. Im Felde ſtanden hier keine ſchwediſchen Truppen mehr, nur hin⸗ ter den feſten Mauern von Demmin traf der Oberſt Vieck, der noch immer hier commandirte, alle Anſtalten zur Vertheidigung, das Land war wehrlos. Wiederum, wie vor zwei Jahren und faſt um dieſelbe Zeit er⸗ ſchienen auch die polniſchen Reiter von Neuem, deren Gedächtniß noch immer mit Schrecken unter der Be⸗ 197 völkerung lebte. Diesmal aber wurde ihrem Treiben doch einigermaßen Einhalt gethan. Ihr Feldherr, der Wojewode von Rußland, als er auf die Vorſtellungen des Kurfürſten von ſeinem Könige im vergangenen Jahre den Befehl erhalten hatte, den größten Theil ſeiner Truppen in die Heimath zu entlaſſen, hatte ſich eine Kernſchaar nicht allein verſuchter, ſondern auch disciplinirter Soldaten zurückbehalten, denen er in Pommern, welches der Kurfürſt zu ſchonen wünſchte, die ſtrengſten Befehle gegeben hatte. Aber auch die brandenburgiſchen Kriegsoberſten waren darauf bedacht geweſen, wo es ſich irgend thun ließ, den entſendeten polniſchen Streiftrupps durch deutſche das Gleichgewicht halten zu laſſen und dieſe nur wackern, entſchloſſenen Führern anzuvertrauen, welche auch unter ihren Leuten allen Exceſſen zu wehren verſtanden. Schwediſch⸗Pom⸗ mern wurde eben ſchon für brandenburgiſches Land an⸗ geſehen: der alte Detlev Krockow würde ſeine Freude an dieſer Machtentfaltung ſeines Fürſten gehabt haben. Noch mehr aber hätte er ſich gefreut, ſeinen Sohn zu ſehen, wie kräftig er die Rechte ſeines Herrn im Sinne der ihm ertheilten Inſtruction wahrnahm. Er war auf Befehl des Feldmarſchalls, der ihn perſönlich kennen und ſchätzen gelernt, mit einer ſtarken Abthei⸗ —— 198 lung brandenburgiſcher Dragoner entſendet, um den Landſtrich jenſeit Demmin, als dies eingeſchloſſen wurde, zu durchſtreifen und alle polniſcheu Trupps, welche er etwa dort antreffen würde, mit Genehmigung des Wojewoden zurückzuſenden. Ihm ſelbſt war dieſer Auf⸗ trag im höchſten Grade willkommen, denn er hatte ſchon beim Einmarſch in Pommern nichts ſehnlicher gewünſcht, als in die Gegend von Loſſin zu kommen und bei dem Wiederſehen, deſſen Gedanke ſchon ſein Herz höher ſchlagen ließ, zugleich für die Sicherheit ſeiner theuren Verwandten ſorgen zu können Als nun die Rede davon ging, Partheien zu entſenden, hatte er ſich darnm beworben und durch einen Freund in der Umgebung des Feldmarſchalls ſeinen Wunſch durchge⸗ ſetzt. Dergleichen Wege ſind zu allen Zeiten betreten worden. 109 Der Monat October hatte eben mit einer Reihe ſonniger, wunderſchöner Tage begonnen, wie er ſie meiſt zu bringen pflegt. Fröhlichen Muths zogen die märkiſchen Dragoner unter ihrem jugendlichen Führer, der ſich in manchem Gefecht ihr Vertrauen erworben hatte, des Weges, der ihnen angewieſen war, freilich nicht ohne Verlangen nach den verbotenen Früchten, welche die verſchärften Befehle ihnen wehrten, aber eben deshalb um ſo eher bereit, den fremden Maro⸗ 199 deurs, die etwa danach greifen wollten, auf die Finger zu klopfen. Fritz Krockow konnte ſich unbedingt auf ſie ver⸗ laſſen! Die brandenburgiſchen Dragoner hatten ſich ſchon damals den Ruf erworben, welchem einige Jahre ſpäter der kaiſerliche General Dünewold Ausdruck ver⸗ lieh, als ihn der große Kurfürſt bei Dürkheim in der Pfalz fragte, wie er mit ihnen zufrieden ſei.„Durch⸗ laucht, mit denen jage ich den Teufel aus der Hölle!“ war ſeine freudige Antwort und Dünewold war kein Schmeichler. Auf ſeiner Beſitzung Saabor in Schleſien — nach ihm der ſchönen Gräfin Coſel, der Geliebten und Gefangenen Auguſts des Starken, und gegenwär⸗ tig dem Fürſten Carolath gehörig— hat Dünewold ſpäter oft noch mit Vorliebe von den märkiſchen Dra⸗ gonern, die unter ihm gefochten, erzählt. Mit fünfzig dieſer wackern Geſellen konnte Fritz Krockow denn ſchon gegen die polniſchen Streiftrupps, wenn er ſie auf landverderblichem Treiben betraf, ſehr entſchieden auftreten. Ihre Anmaßung und Großſpre⸗ cherei verſtummte vor der entſchloſſenen Sprache des deutſchen Officiers, wenn ſie ſahen, daß er ihr that⸗ ſächlichen Nachdruck zu geben vermochte. Hindern konnte er ſie freilich nicht immer, wenn er ihnen die ſchrift⸗ liche Ordre ihres Feldherrn mitgetheilt hatte, dieſe zu 200 umgehen, indem ſie auf dem Rückmarſch wieder Sei⸗ tenwege einſchlugen, indeſſen durften ſie ſich wenigſtens nicht mit Unwiſſenheit entſchuldigen, wenn ſie deshalb zur Rechenſchaft gezogen wurden. en Es war ein herrlicher Morgen, als Fritz Krockow aus ſeiuem letzten Quartier frühzeitig aufgebrochen, ſich der wohlbekannten Spitze des Sees näherte, wo das kleine Fiſcherhaus lag und man bald die Gebäude von Loſſin wahrnehmen konnte. Mit ſeiner bewaffneten Schaar wollte er nicht anrücken, um den Verwandten, ehe ſie ihn erkannt, eine ſchreckende Beſorgniß zu er⸗ ſparen, er ließ daher die Dragoner an einem geſchütz⸗ ten Platze abſitzen, gab dem Wachtmeiſter den Befehl über ſie und ritt ſelbſt, nur ven einem einzigen Manne be⸗ gleitet, in raſcher Gangart, nach dem Dorfe. Hier fand er die Leute in großer Aufregung, Gruppen ſtanden eifrig ſprechend zuſammen, Andere liefen wie rathlos umher und ſeine Erſcheinung vermehrte offenbar den Schrecken, der ſich der armen Bauern ſchon bemächtigt hatte. Die ſtoben auseinander und flüchteten ſich unter dem Geſchrei der Kinder und Weiber in die Häuſer. Vergebens, daß er ihnen in deutſcher Sprache beruhi⸗ gende Worte zurief. Nur eine alte Frau, welche mit unterſchlagenen Armen in ihrem Thorweg ſtand, als 201 wolle ſie denſelben vertheidigen, konnte er fragen, was hier vorgefallen ſei. „Polacken im Schloſſe!“ antwortete ſie— er be⸗ durfte nicht mehr. „Reite hinaus— ſie ſollen aufſitzen!“ rief er, im Sattel ſich umwendend, ſeinen Dragonern eilig zu. „Der Wachtmeiſter ſoll ſie ſo raſch als möglich nach dem Schloſſe bringen Marſch— marſch!“ Und die beiden Reiter kehrten ihre Pferde nach verſchiedenen Seiten und jagten aus dem Dorfe, der Dragoner zu dem zurückgebliebenen Trupp, ſein Offi⸗ cier im geſtreckten Lauf nach dem Schloſſe. Hinter allen Zäunen reckten ſich jetzt furchtſame und neugierige Köpfe von Alt und Jung empor, um ihm nachzuſchauen. Die alte Frau, die ihn zuletzt erkannt hatte, verbreitete die große Nachricht. Als Fritz Krockow donnernd in den Hof ſprengte, ſah er wirklich einen Trupp von acht bis zehn Mann, der aber zu ſeiner Verwunderung in geſchloſſener Ord⸗ nung hielt— vielleicht war es nur ein Rückhalt, der den Plünderern den Abzug ſicherte. Aber Alles war ſtill im Hofe, ſtill im Schloſſe— ſollte auch ſein Dheim mit den Frauen dasſelbe verlaſſen haben und nach ihm alles Geſinde entflohen ſein? Die Polen hatten ihn kommen ſehen und es ent⸗ 202 ſtand unter ihnen eine Bewegung, als er ſie in polni⸗ ſcher Sprache anrief;„Was wollt ihr hier? Wer commandirt euch?“ Der Rottmeiſter am rechten Flügel zeigte ſtatt der Antwort nach dem Schloſſe und Krockow erblickte dort vor der Treppe einen kleinen Mann abgeſeſſen neben ſeinem Pferde ſtehen, als erwarte er Jemand. Friedrich gab ſeinem Roſſe die Sporen, das ihn in wenigen Sprüngen zu dem polniſchen Anführer trug, welcher ihm die Mütze ſchief auf das rechte Ohr ge⸗ drückt, feſt entgegen ſah. „Commandirſt Du hier?“ rief Krockow und der Pole blickte überraſcht auf, als er ſich in ſeiner Sprache anreden hörte. Aber er verlor keinen Moment ſeine Faſſung. „Ja wohl!“ antwortete er.„Und deshalb rathe ich Dir, zieh ab Für Dich iſt hier nichts zu holen— ich ſtehe hier auf Salvaguardia und laſſe keinen Stroh⸗ halm nehmen!“ Friedrich's edles Antlitz färbte ſich dunkelroth: der Pole hielt ihn für einen Marodeur.„Siehſt Du die kurfürſtliche Feldbinde?“ rief er entrüſtet. Der Alte lachte kurz auf und ſchnaufte in ſeinen grauen zottigen Bart.„Zieh' ab!“ wiederholte er.„Ich 203 laſſe Dich hier nicht ein. Salvaguardia— verſtehſt Du das nicht?“ „Die werde ich übernehmen!“ entgegnete Krockow, welchem dieſer Vorwand nur eine tückiſche Liſt ſchien⸗ „Ich habe Befehl von Deinem eigenen Wojewoden Herrn Stephan Czarnecki, alle polniſchen Partheien zum Heere zurückzuſenden— willſt Du das ſchriftlich ſehen?“ Der Alte legte bei dem Namen ſeines Feldherrn die Hand ſalutirend an ſeine viereckige Mütze, dann aber blickte er den eifrigen Deutſchen ſchlau an, drehte ſeine langen eisgrauen Bartzöpfe und ſagte:„Schrift⸗ lich? Kann mir nichts helfen— ich kann nicht leſen.“ Noch hatte er nicht ausgeſprochen, als hinter ihm in der Schloßthüre ein freudiger Ausruf erklang, er wandte ſich um— die Frau war es, die er hatte rufen laſſen, ſie kam vertrauensvoll muthig, ganz allein. Ihr Angeſicht, lebhaft geröthet, erſchien ihm auch jetzt wieder verklärt, wie das Antlitz einer Heiligen, aber ſie hatte nicht Augen für ihn, ſie ſchaute nur auf den deutſchen Reiter, der ihr Worte zurief, welche der Pole nicht verſtand, während er ſich vom Pferde ſchwang und deſſen Zügel dem Knechte zuwarf, der ſich hinter ſeiner Herrin vordrängte und die Treppe herabge⸗ laufen kam. 20¹ Aber der ſtaunende und finſtere Blick des Polen wurde nun von dem Bilde freudigſter Begrüßung, das ſich auf den Stufen vor ihm zwiſchen der ſchönen Frau und dem jungen Manne bot, abgezogen, denn ein fer⸗ nes Waffengeraſſel, ſeinem Ohre ein vertrauter Klang, ſchallte vom Dorfe her und er ſah einen gedrängten Haufen brandenburgiſcher Reiter im ſtarken Trabe kom⸗ men, deſſen Spitze ſchon in den Hof bog. Da hielt er es für rathſam, ſich in den Sattel zu werfen und zu ſeinem kleinen Trupp zu ſprengen, der ſchon in großer Unruhe war. Nach Allem, was er eben geſehen hatte, war er hier überflüſſig, denn die Frau hatte nichts zu befürchten und ſie wußte ja, weshalb er hergekommen war, er hatte es ihr ja durch einen ſeiner Leute, wel⸗ cher deutſch ſprach, ſagen laſſen. So konnte er abziehen, und er wollte es auch, aber die Dragoner ſchienen ihm den Weg verſperren zu wollen. Sie waren in der gan⸗ zen Breite des Eingangs aufgeritten und ihr erſtes Glied hatte ſchon die langen Musketen, welche die Dragoner, wie das Fußvolk führten, von den Schul⸗ tern genommen, als wolle es ſich fertig machen zum Da kam ihr Officier herbei, ſeine laute Stimme gab ihnen ſchon von Weitem Befehl, ſich friedlich zu halten, er kam zu Fuß und reichte dem polniſchen 205 Se die Hand, welche dieſer etwas mürriſch an⸗ nahm. „Ich bitte Dich um Verzeihung, wackerer Mann,“ ſagte er, daß es die Polen hören konnten.„Ich habe Deine edle Abſicht verkannt. Wir ſind ja Bundesge⸗ noſſen im Felde, laß uns denn auch hier als Waffen⸗ hrüder im Quartier hauſen. Meine Verwandte ladet Dich gaſtlich ein.“ „Ich danke ihr,“ verſetzte der Alte.—„Sag' ihr, daß ihr Sohn mein Gefangener war, daß er aber nun frei iſt und eine ſchöne Narbe trägt, um die ihn mancher Kriegsmann beneidet. Sag' ihr das und laß Deine Reiter mir eine Gaſſe frei machen— ich kann hier nicht bleiben. Muß meinem Hauptmann Meldung machen!“ Umſonſt bat ihn Krockow darum, wollte auch mehr von ihm wiſſen über ſeinen Vetter, von welchem er geſprochen hatte, aber der Pole ließ ſich auf nichts ein, und er mußte ihm denn willfahren. Als der Raum frei war, ſchoſſen die ſarmatiſchen Reiter wie Pfeile vom Bogen geſchnellt hinaus und bogen gleich links ab, daß Niemand ihnen mehr nachſchauen konnte. Friedrich kehrte nun zu ſeiner Tante zurück, deren Erklärung ihn über die Abſichten des Polen beruhigt hatte. Frau Ebba war heut allein mit ihrer Tochter 206 zu Hauſe, ihr Gemahl, weil die Gegend noch ganz ſicher ſchien, hatte der dringenden Bitte des ſchwer er⸗ trankten Podewils, zu ihm zu kommen, Folge geleiſtet; dieſer wollte ihn für den Fall ſeines Todes zum Vor⸗ munde über ſeine Kinder beſtellen. Als nun für die Unterkunft der Dragoner im Dorf und Schloß auf einen Tag— länger durfte Fritz nicht weilen— ge⸗ ſorgt war, fand ſich endlich die Zeit zum ruhigen Aus⸗ ſprechen, aber vergebens blickte er jedesmal, wenn die Thüre ſich öffnete, erwartungsvoll auf: Erika ließ ſich nicht ſehen Er fragte envlich nach ihr und ſein männ⸗ liches Geſicht erröthete, als das Auge der Mutter bei ſeiner Frage mit einem liebevollen, aber doch räthſel⸗ haften Blicke auf ihm ruhte. „Erika wird ſpäter kommen,“ war ihre Antwort ohne weitere Erklärung. Sie ſprach dann wieder von dem Polen, der ſich ihr als der Mann angekündigt, welchem ſie einſt wie eine Samariterin, obgleich er ein Feind war, geholfen hatte, und der ſich ihr nun dankbar beweiſen wollte. Das veranlaßte ihn, zu beſtel⸗ len, was der Alte ihm über den Vetter Karl Guſtav geſagt hatte. Das Auge der Mutter trübte ſich. Sie erfuhr nichts Neues, da ſie unterdeſſen endlich von ihrem Sohne einen Brief erhalten, in welchem er ihr die Urſache ſeines langen Schweigens geſchrieben hatte, 207 von der letzten Nacht ſeiner Gefangenſchaft und was dabei vorgefallen war, hatte er ihr zwar nichts erzählt, das wollte er mündlicher Beſprechung vorbehalten, aber ſie wußte doch, daß er ſchwer verwundet geweſen und er hatte ihr nicht verhehlt, daß die Narbe ſein ganzes Geſicht entſtellt habe und ſie ihn nicht wieder erkennen werde. Viel Thränen hatte ihr das gekoſtet, ſie war ſo ſtolz auch auf die Schönheit ihres Lieblings gewe⸗ ſen, zu ſtolz auf dieſen äußern Vorzug, ſo daß ihr die Hand des Herrn deſſen Nichtigkeit gezeigt hatte— das ſagte ſie ſich als gute Chriſtin oft, aber das Mut⸗ tergefühl ließ ſich nicht immer dadurch beſchwichtigen und machte auch jetzt ihr Auge feucht. Sie ſagte dem Neffen, daß Karl Guſtav ihr geſchrieben habe und daß er nach Dänemark zurückgekehrt ſei, ohne ſeine Heimath beſuchen zu können. Dann aber nahm ſie endlich die Gelegenheit wahr, nach welcher ſie ſich bei Friedrichs letzter Anweſenheit vergeblich geſehnt hatte. Klar mußte es werden, was noch immer, wie ein düſterer Schat⸗ ten über Erika ſchwebte, eher durfte er ihr Kind nicht wieder ſehen. „Hat Dir der alte Mann, deſſen Dankbarkeit mich rührt, auch geſagt,“ begann ſie,„daß er mir Herrn Severin Tenczynski angemeldet, denſelben, der uns vor zwei Jahren ſo edel beſchützt hat, als die ganze 208 Gegend unter der Grauſamkeit ſeiner Landsleute ge⸗ litten?“ Er hat ihn hier angemeldet?“ rief Friedrich. „Wäre es Dir unlieb, mit ihm zuſammen zu treffen?“ fragte ſie mit prüfendem Blicke. „Ich kenne ihn nicht— wenn er aber der Sohn des Staroſten von Tenczyn iſt, bei welchem mein Vetter und ich Gaſtfteundſchaft genoſſen haben, kann ich nur wünſchen, daß ich ihn ſehe.— Hat Euer Sohn“— fuhr er nach kurzer Pauſe mit ſichtbarer Ueberwindung fort,„aus Drewionka Manches erzählt und dabei in vorgefaßter Meinung auch meiner gedacht ——, ſo möchte ich vom Herzen, daß Einer hier er⸗ ſchiene, deſſen Zeugniß als— Sohn des Staroſten wohl gelten würde!“ Hätte er geahnt, wie Severin Tenczynski über ihn dachte, wie er ihn raſtlos verfolgt, wie er Karl Guſtav, ſeinen Vetter, den er für ihn gehalten, mit dem Schwerte zur Rechenſchaft gezogen hatte Gleich⸗ viel! Der heiße Wunſch, den er hegte, wurde erfüllt. Severin Tenczynski war ganz in der Nähe— auch er hatte ſich den Streifzug ausgebeten, und aus viel andern Gründen noch! Den alten Naruſzewicz hatte er vorausgeſendet mit einem Trupp ſeiner beſten „Renner,“ wie ſie nach türkiſchem Brauch bei den 209 Polen auch hießen, er ſollte ihn anmelden und vor allen Dingen das u gegen andere Streifer ſichern. Nun war der Alte zwar wieder abgezogen und Fritz Krockow, der ihm von dem Befehle ſeines Feld⸗ herrn geſagt, zweifelte, ob Tenczynski noch kommen werde; als er aber gegen Erika's Mutter den Wunſch geäußert, ihn zu ſehen, ritt Severin, als ſei er davon wie durch einen Bannſpruch herheigeführt, ſchon in den Hof, von einem einzigen Diener begleitet, langſam und ruhig, wie im Gefühle vollkommenſter Sicherheit. Fritz bemerkte ihn durch das Fenſter zuerſt und ſprang auf; aber er ging ihm nicht entgegen, um ihn in Abweſenheit des Schloßherrn zu empfangen, ihm lag daran, daß er in Frau Ebba's Gegenwart zuerſt mit ihm zuſammen traf. Dieſe war in ungewöhnlicher Bewegung— zu viel kam heut, wo ſie allein war, zuſammen, ihre Standhaſtigkeit zu erſchüttern, aber ſie faßte ſich bald und ließ Tenczynski, als er ihr gemel⸗ det wurde, zu ſich einladen. Severin trat ein, auch er war aufgeregt— wem er hier finden würde, konnte er aus des alten Michaels Bericht nicht ahnen, als er aber den brandenburgiſchen Officier neben Frau Ebba erblickte, ſtutzte er betroffen und war kaum fähig, die Dame ſchicklich zu begrüßen. Ja, das war endlich der Mann, den er als Ziel ſeiner Rache ge ſüt das wa⸗ Guſeck, Karl 2. Guſtav. n. 240 ren die Züge, welche ſeine unglückliche Schweſter nur zu treu auf Elfenbein nachgebildet hatte— das war auch die Aehnlichkeit, die ihn an der lieblichen Tochter dieſes Hauſes überraſcht und in einen wunderbaren Zwieſpalt ſeiner Gefühle verſetzt hatte. Zetzt aber, jetzt ſtand Alles anders, er hatte ihm ein ſchweres Unrecht abzubitten und der ſtolze Mann gewann es über ſich. „Wenn wir uns ſprechen, will ich Euch Alles erklären!“ ſagte er, nachdem er zu Ebba's unausſprech⸗ licher Verwunderung ihrem Neffen gleich, nachdem er ſie begrüßt, die Hand gereicht und ihn um Verzeihung für eine Kränkung gebeten, die er ihm unwiſſentlich zugefügt habe. „O nein!“ rief Friedrich ahnungsvoll in der Tiefe ſeines Herzens bewegt.„Gebt mir dieſe Auf⸗ klärung gleich hier— im Beiſein meiner geliebten Verwandten, vor der ich kein Geheimniß habe. Ihr habt mich beſchuldigt, die Gaſtfreundſchaft Eures Hau⸗ ſes verrätheriſch vergolten zu haben— iſt's nicht ſo?“ Severin blickte zögernd auf die Frau, deren Blicke nun bittend auf ſeinem Antlitz ruhten.—„Ja, Herr!“ ſagte er dann mit bebender Stimme.„Und Keiner von uns konnte anders— möge Gott uns vergeben! Seitdem aber— bin ich wieder bei meiner Mutter geweſen und es hat ſich ein theures Vermächtniß ge⸗ 211 funden, Blätter von der Hand einer geliebten Ent⸗ ſchlafenen geſchrieben, Worte der Beichte auch in letzter Stunde, die der Prieſter ſich verpflichtet gefühlt, ihrer Mutter zur Beruhigung zu enthüllen— ſie ſprechen Dich frei von aller Schuld!“ Hier verſagte Wanda's Bruder die Stimme, er ergriff nochmals die Rechte des Mannes, der tief erſchüttert vor ihm ſtand und konnte nur noch leiſe hinzuſetzen:„Bete für Wanda's Seele!“ Ueuntes Kapitel. Gottes Rathſchluß. Der Herbſt rückte vor, nach Frieden ſeufzte die Welt; ſollte wiederum das Jahr vergehen, ein neues, vielleicht noch eine ganze Reihe folgen, und der Krieg fortgeſetzt werden, der ſchon ſo viel Opfer, ſo viel Blut und Thränen gekoſtet hatte? So fragten die Freunde der Menſchheit, ſo die Familien, und die Ein⸗ zelnen, welche darunter leiden mußten. Den Frieden wollten auch die Mächte Europa's, die nicht an dem Kriege im Norden betheiligt waren, weniger jedoch aus Erbarmen und Menſchlichkeit, als aus Gründen der höhern Politik. Wenn Karl Guſtav ſiegreich aus ſei⸗ ner Bedrängniß hervorging, ſo ſchrieb er Geſetze vor, 213 welche durch Zertrümmerung der däniſchen Monarchie dem Norden eine neue Geſtaltung geben, Schweden zur gebietenden Macht in Europa erheben mußten. Aber ebenſo bedenklich erſchien für die neugeborne Idee eines europäiſchen Gleichgewichtes eine Zerſtücklung Schwedens. Beide nordiſche Könige hatten die ihnen eigenſüchtig gebotenen Friedenvorſchläge der neutralen Mächte verworfen, auch der Kurfürſt von Brandenburg ſah darin in mehr als einer Hinſicht Gefahren für die Machtſtellung, welche er ſeinem Reiche, wie ſeinem Hauſe zu ſchaffen gedachte. Das Schwert mußte alſo doch entſcheiden, aber es konnte raſch entſcheiden und dieſe Entſcheidung lag da, wo der rings umſtellte nordiſche Löwe ſelbſt das Schwert und den Feldherrn⸗ ſtab führte. Friedrich Wilhelm beſchloß daher, ſo ſpät es im Jahre war, ſo wenig die Fortſchritte in Schwediſch⸗ Pommern ſeinen Erwartungen entſprochen hatten, noch einen Schlag zu veranlaſſen, wenn er ihn auch nicht in Perſon ausführte. Die Einnahme von Demmin, deſſen Bürgerſchaft durch die ſchönen Worte des Feldmar⸗ ſchalls Sparre gewonnen, durch ſeine Drohungen ein⸗ geſchüchtert, dem Commandanten allen Beiſtand ver⸗ ſagte, ſo daß er capituliren mußte, war in Pommern die letzte Waffenthat des Jahres, worauf die Truppen, 2¹4 obgleich es noch ſehr früh dazu war, Winterquartiere bezogen. Ein Theil derſelben rückte aber doch wieder nach Holſtein ab. Die engliſche Flotte war nach Hauſe geſegelt, wo die Verhältniſſe nach der Abdan⸗ kung des Protectors höchſt unſicher waren. Zetzt lief die holländiſche unter Ruhter von Kopenhagen aus, und richtete ihren Cours ſüdlich. Karl Guſtav war in Beſorgniß, wohin ſie ſich wenden möchte, er fürchtete einen Angriff auf Malmör oder YPſtad. Sie lief aber in den Hafen von Kiel, und nahm hier den General von Schack mit däniſchen und deutſchen Truppen ein, um ihn nach Fünen überzuſetzen. In Holſtein war bei dem Abmarſch der verbündeten Armee nach Schwediſch⸗ Pommern Graf Eberſtein mit vier kaiſerlichen, General von Quaſt mit ebenſoviel brandenburgiſchen Reiter⸗Regi⸗ menter geblieben. Dieſe verſtärkt durch 600 Polen, 1000 däniſche Reiter und 600 Dragoner erhielten jetzt den Befehl, über den kleinen Belt ebenfalls nach Fünen zu gehen. Am 31. Oectober hatte Ruyter die Truppen bei Kjärtemünde an das Land geſetzt, die Reiter Eberſtein's und Quaſt's ſchifften auf Booten und großen Kahnen über, die Pferde ſchwimmend am Zügel, mehrere leichte Abtheilungen der Polen und Dänen ſchwammen auch ganz durch die Meerenge. So ſtanden 9000 Mann auf Fünen's Boden, denen der Pfalzgraf 2¹⁵ von Sulzbach, ſeit Wrangel die Verſtärkungen nach Stralſund geführt, nur 1000 Reiter und 1000 Mann zu Fuß entgegen zuſetzen hatte. Dennoch hätte er ſie wohl bei der Landung angreifen, vielleicht einzeln ſchlagen und ſo ihre Vereinigung, welche dann bei Odenſee Statt fand, hindern können. Das geſchah nicht, der Pfalzgraf zog vielmehr ſeine Truppen bei Nyborg zu⸗ ſammen und der König, im hohen Grade unzufrieden mit ihm, ſandte den Reichsfeldzeugmeiſter Guſtav Otto Stenbock nach Fünen, um dort den Oberbefehl zu übernehmen Er ſelbſt durfte Seeland nicht verlaſſen, wenn er nicht Alles Preis geben wollte— aber es ſchmerzte ihn tief, daß er nicht ſeine beſten Truppen, welche auf Fünen ſtanden, perſönlich in den Kampf führen konnte„Gott gebe doch,“ rief er mehr als einmal,„daß der Feind mit uns in demſelben Lande ſtände!“ Stenbock, auf welchen er ſein letztes Vertrauen geſetzt, vermochte das hereinbrechende Unglück auch nicht mehr zu wenden. Er berichtete dem König, daß Nyborg keiner Belagerung widerſtehen könne und er daher eine offene Feldſchlacht annehmen werde. Noch einmal verſuchte Karl Guſtav die Holländer, welche das Meer beherrſchten, für ſich zu gewinnen, indem er ihnen Fünen zur Sequeſtration anbot, wenn ſie ————— 2¹6 ſeine Truppen nach Deutſchland überſetzten. Er hoffte dadurch wenigſtens dieſe zu retten! Ruyter konnte da⸗ rauf nicht eingehen und das Heer der Verbündeten rückte gegen Nyborg vor, wo die Schweden eine vor⸗ theilhafte Stellung gewählt und nach Möglichkeit ver⸗ ſtärkt hatten. Am 14. November erſchien die Vorhut, dreihun⸗ dert deutſche und polniſche Reiter; ſie wurde mit einem wirkſamen Geſchützfeuer empfangen und feſtgehalten, ſo daß ſie die beabſichtigte Recognoscirung nicht aus⸗ führen konnte. Der kaiſerliche Officier, der ſie führte, ſuchte nur Schutz im Terrain zu einer Aufſtellung, um den Aufmarſch des nachfolgenden Heeres zu decken. „Wollt Ihr Halt machen— wir Polen nicht!“ rief ihm der polniſche Führer zu, der ihm untergeordnet war und ohne ſeine Genehmigung abzuwarten, gab er ſeinen leichten Reitern das Commando, in einen Schwarm aufgelöſt, gegen den Flügel der feindlichen Poſition anzuprellen. Wohl erhielt er auch dort aus Hagelſtücken Feuer, und mehrere Pferde und Reiter ſtürzten, aber ſeine Hoffnung, den Feind zu einem Ausfall zu locken, ſchlug nicht fehl— eine ſchwediſche Schwadron trabte ſeitwärts der letzten Schanze vor und griff die zerſtreuten Polen an, welche nach ihrer Fechtweiſe dem Zuſammenſtoß auswichen, die Schwe⸗ 217 den aber mit Geſchrei umkreiſten, in ihre geſchloſſene Ordnung hineinſchoſſen und auch auf die äußern Rot⸗ ten gelegentlich einhieben Ihr Führer aber war doch mit dem ſchwediſchen Officier, der ihn laut angerufen, in einen ernſthaften Kampf gerathen, wobei der Pole auf ſeinem gewandten ukrainiſchen Pferde, das er nach jeder Seite kurz herumwerfen konnte, gegen den ſchwe⸗ rer berittenen Schweden im Vortheil war. Beide hatten ſich auf den erſten Blick erkannt, ſie beſtanden ſich nicht zum erſten Male im Zweikampf und was zu mit⸗ ternächtiger Stunde aus perſönlicher Urſache abgebro⸗ chen worden, ſollte nun um kriegeriſcher Ehre ihrer Standarten willen, auf ſonnenhellem Schlachtfelde aus⸗ gekämpft werden. Der Schwede war ſchon im Nach⸗ theil, denn der Pole gewann ihm wiederholt die linke Seite ab, wich ſeinen kräftigen Hieben aus und ver⸗ galt ſie mit blitzſchneller Schärfe, deren jener ſich nur mühſam erwehren konnte— da kamen von beiden Seiten neue Reiterabtheilungen zum Gefecht, eine brandenburgiſche Schaar nahm die geworfenen Polen auf und in dem Getümmel und Handgemenge, das wie eine Woge über die Fläche rollte, wurden die beiden Kämpfer mitgeriſſen und getrennt. Das Heer der Verbündeten hatte während dieſes Vorſpiels ſeine Schlachtordnung gebildet, den rechten 218 Flügel unter General von Quaſt, den linken unter Schack; eine Kanonade leitete wie immer, den Angriff ein, welcher nun von Quaſt mit dem größten Unge⸗ ſtüm begonnen wurde. Reitergefecht auf beiden Flügeln hin und her wogend, während das Fußvolk, das in der Minderzahl war, Anfangs unthätig außer Schuß⸗ bereich blieb. Die Schweden warfen mehrmals die feindlichen Geſchwader zurück, das Leibregiment der Köni⸗ gin machte wiederum einen glänzenden Angriff, der Alles durchbrach, was ſich ihm entgegen ſetzte— und bei dieſem Angriff führte der Zufall endlich doch herbei, was in der Heimath ſo oft befürchtet wurde: die Vettern Krockow trafen ſich im Handgemenge! Friedrich kannte den Gegner nicht, den er, wo ihn Alles wich, muthig anfiel, und ſeine eigene Mutter hätte ja Karl Guſtav nicht wieder erkannt. Dieſer, den Vetter wohl erkennend verſchmähte es doch, ſich ihm zu nennen, er begnügte ſich aber, ſeine Hiebe zu pariren und ſchonte ihn, wie er ſich gelobt hatte, ſeit er die letzte feierliche Kunde aus der Heimath erhalten. Da ſtürzte Fried⸗ rich's Pferd, von einer Kugel getroffen, über ihn hin⸗ weg wälzte ſich die Rückflut der ſchwediſchen Reiter, welche von friſchen Kräften angefallen und geworfen waren. Karl Guſtav wollte ſeinem gefallenen Vetter beiſprin⸗ gen, ihn retten, es war unmöglich und er gab ihn 219 verloren! Der Sieg neigte ſich nun mehr und mehr auf die Seite der Uebermacht, General Quaſt, zwei⸗ mal durch den Leib geſchoſſen, ordnete noch immer neue ſtets heftigere Angriffe an und die Dänen und Holländer, welche bis dahin faſt müßig geweſen, gewannen nun auch Vortheile. Der linke ſchwediſche Flügel unter Henrik Horn wurde vollſtändig geſchla⸗ gen, das Fußvolk beinah gänzlich aufgerieben, der rechte unter dem Pfalzgrafen konnte ſich wenigſtens noch in leidlicher Ordnung nach Nyborg zurückziehen. Aber am folgenden Tage wurde die Feſtung von der See⸗ heite durch Ruyter's Flotte beſchoſſen, zu Lande von den Verbündeten angegriffen und mußte ſich auf Gna⸗ de oder Ungnade ergeben Die Generäle Horn, Königs⸗ mark, Graf Waldeck, Weiher und der Prinz von Sachſen Weimar mit 3000 Reitern wurden gefangen. Der Pfalzgraf, welchem in der Schlacht vier Pferde unter dem Leibe erſchoſſen worden, und Stenbock ret⸗ teten ſich Nachts in einem Boote mitten durch die feindliche Flotte nach Seeland und brachten dem Kö⸗ nige die Nachricht, daß ſeine Kerntruppe vernichtet und Fünen verloren war. Karl Guſtav fühlte die ganze Schwere dieſer Nie⸗ derlage, über welche ihn der Gedanke, daß er ſie nicht perſönlich erlitten hatte, nicht tröſten konnte, aber er verzagte 220 nicht. Wohl mußte er gewärtig ſein, daß die Sieger nun ungeſäumt von Fünen nach Seeland übergehen würden, um ihn hier anzugreifen, ja er ſehnte ſich danach und traf alle Anſtalten, um dieſem Angriffe, der zu einem Vernichtungskampfe führen mußte, zu begegnen. Nirgend ſah er einen ehrenvollen Ausweg mehr und ſo war er denn bereit, mit dem Schwerte in der Hand zu ſterben, wenn ihm der Sieg entrun⸗ gen würde.. In dieſer Stimmung traf ihn eine Meldung, welche ihn zu neuer Hoffnung und damit zu neuer Thatkraft weckte. Ein Offizier, der ſich in der Schlacht von Nyborg verſprengt, und nicht mit dem Reſte des Heeres gefangen, auf einem Fiſcherkahne, noch ſpäter als der Pfalzgraf, nach Seeland gerettet hatte, mel⸗ dete ſich im Schloſſe von Kronborg und bat um Er⸗ laubniß, dem Könige eine wichtige Nachricht, welche er bringe, ſelbſt vortragen zu dürfen. Der König ließ ihn augenblicklich zu ſich kommen. Ein Mann trat ein, deſſen Geſicht durch eine Hiebwunde dermaßen ge⸗ zeichnet war, daß der Monarch bei ſeinem Anblick ihm entgegen rief:„Nun mit Dir haben ſie es ernſthaft gemeint!“ mehr kennt!“ antwortete der Officier und jetzt erſt, A „So ernſthaft, Majeſtät, daß mich kein Menſch ℳ— N—— — 8—* — u8 8 221 am Ton der Stimme und an den Augen erkannte der König, wen er vor ſich hatte. „Biſt Du's, mein Pathe?“ rief er mit Theil⸗ nahme und legte dem jungen Manne die Hand auf die Schulter.„Armer Karl! Wem verdankſt Du dieſe Narbe?“ Karl Krockow berichtete kurz, daß er ſie, ſchon gefangen und wehrlos, von einem Polen oder Tataren erhalten habe„Ich glaub's!“ rief der König mit Un⸗ muth.„Und bei Nyborg? Erzähle mir von der Schlacht! Haben wirklich bei der feindlichen Landung die Reiter nicht fechten wollen, wie man mir zur Entſchuldigung für den unterlaſſenen Angriff geſagt hat?“ „Ich weiß davon nichts,“ erwiederte Krockow. „Ihro Majeſtät Leibregiment wenigſtens brannte vor Un⸗ geduld, ſich mit dem Feinde zu meſſen und murrte, als es Befehl zum Rückzuge erhielt. In der Schlacht haben dann wohl alle Regimenter ihre Schuldigkeit gethan“ „Das weiß ich,“ ſagte der König.— Was haſt Du mir ſonſt zu melden?“ „Der holländiſche Admiral hat ſich geweigert, die feindliche Armee mit ſeinen Schiffen nach Seeland über⸗ zuführen, wie ihre Feldherrn begehrten,“ antwortete 222 Krockow, im vollen Bewußtſein der Wichtigkeit ſeiner Nachricht. „Was ſagſt Du?“ rief der König erſtaunt.„Wie kannſt Du das erfahren haben?“ Krockow berichtete, daß er noch zwei Tage auf Fünen ſich verborgen gehalten, da er in dem Edelhofe, wo er früher im Quartier gelegen, eine Zuflucht ge⸗ funden hatte, ſicher vor jedem Verrath. Der Gutsherr hatte die Nachricht, welche er eben gemeldet, aus dem Munde eines hohen däniſchen Officiers, ſeines Ver⸗ wandten, erhalten und ihm mitgetheilt, als er ihm das Fiſcherbvot verſchafft hatte, das ihn nach Seeland überſetzen ſollte. Im Lager der Verbündeten ſolle eine große Entrüſtung über den Admiral Ruhter herrſchen, der ihnen mit Entſchiedenheit die Mittel verweigerte, ihren Sieg zu benutzen. Der König hörte den Bericht ſeines Pathen auf⸗ merkſam an, befragte ihn noch über Manches und ent⸗ ließ ihn ſehr gnädig, um ſofort mit ſeinen Räthen die Wahrſcheinlichkeit der erhaltenen Meldung in Erwä⸗ gung zu ziehen. Sie beſtätigte ſich bald auf andern Wegen, der Grund war klar: Holland wollte zwar Schwedens Uebermacht verhindern, aber nimmermehr Schwedens Untergang bewirken. „Das übermüthige Krämervolk hat ſich der Waage 223 in Europa bemächtigt und ſpielt das Zünglein darin,“ rief Karl Guſtav.„Aber ſeine Zeit wird ſchon auch kommen!“ Dieſe kam freilich— ein franzöſiſcher Miniſter konnte den Holländern noch unter dem jetzigen Könige von Frankreich ſagen, als ſie den Friedensbedingungen zu Utrecht pene On traitera chez vous, de vous sans vous! Nur erlebte Karl Guſtav dieſe Zeit nicht mehr. Die Friſt aber, die ihm gegeben war, wußte er zu benutzen. Er gab nichts von ſeinen Forderungen nach, wiewohl er neue Unterhandlungen mit Holland anknüpfte, dagegen nahm er die Geneigtheit zum Frie⸗ den wahr, die ſich immer mehr und mehr in Polen zeigte und hier wollte er dem Rieſenplane, den er An⸗ fangs gegen dies Reich gehegt, entſagen und ſich mit der Abtretung des polniſch gebliebenen Theiles von Livland begnügen. Gegen Dänemark aber Angriff noch immer um jeden Preis! Noch gegen Ende des Jahres ordnete er einen Einfall in Norwegen an, den der greiſe Feldmarſchall Cars Kagge, einſt im dreißigjähri⸗ geu Kriege der ruhmvolle Vertheidiger von Regens⸗ burg, noch im ſiebenzigſten Jahre, zerſchoſſen und„zer⸗ arbeitet,“ wie er ſich ſelbſt nannte, auf des Königs Wunſch übernahm. 22⁴ Es kam nun vor Allem darauf an, ſich der Zu⸗ ſtimmung, der opferfreudigen Mitwirkung ſeines Vol⸗ kes zu verſichern. Der König berief daher einen allge⸗ meinen Reichstag nach Gothenburg, dem er in Perſon beizuwohnen gedachte Er übergab den Heerbefehl auf Seeland und den noch beſetzten kleinen däniſchen In⸗ ſeln dem Pfalzgrafen von Sulzbach mit der beſtimm⸗ ten Weiſung, ſobald der Froſt wieder den Belt mit Eis belegen würde, nach Fünen überzugehen und die Inſel wieder zu nehmen. Angriff, die Seele und der Nerv aller Kriegführung, auch hier!“ Am 18. December landete der König nach langer Abweſenheit wieder auf Schwedens Ufer und fand zu Gothenburg ſchon einen großen Theil der Landſtände verſammelt. Zum Landmarſchall wurde der Freiherr Guſtav Poſſe, Landeshauptmann in Kronborg⸗Lehn er⸗ nannt; Wortführer des geiſtlichen Standes war Enan⸗ der, Biſchof von Linköping, Bürgermeiſter Prytz des Bürger⸗ und Pehr Eriksſon von Urland des Bauern⸗ ſtandes. Nachdem das heilige Weihnachtsfeſt vorüber war, wurde am 4. Januar 1660 der Reichstag mit gewohnter Feierlichkeit eröffnet, der König hielt vom Throne eine kräftige Rede, in welcher er ungeſchmückt die ganze Lage des Reiches darſtellte. Zu ſeinen Füßen ſaß der Erbprinz, ein Kind von vier Jahren, die — 225 Königin mit dem geſammten Hofſtaat wohnte der wich⸗ tigen Handlung bei. Nachdem der Erzbiſchof auf die Thronrede altem Herkommen gemäß geantwortet hatte, wurde die Verſammlung entlaſſen, um demnächſt die königliche Botſchaft und die Forderungen an Geld und Heeresausſchreibung, welche ſie enthielt, zu vernehmen. Frieden, wenn es mit Ehren ſein konnte, aber auch nur dann, ſonſt Fortſetzung des Krieges mit allen Mitteln! Das ſprach der König offen aus, ſelbſt gegen Perſonen, deren Stellung ſie eigentlich von ſeinem Rathe fern halten mußte, freilich waren es immer nur ſolche, denen er perſönlich ſeine Gnade geſchenkt und auf die er ſich unbedingt verlaſſen konnte, wie ſein Pathe Karl Guſtav Krockow. Dieſer war jetzt unter ſeine Adjutanten aufgenommen worden und genoß des Königs beſonderes Vertrauen. Keiner vielleicht vergalt es aber auch mit einer ſo unbedingten Hingebung und wenn er es für nöthig hielt, mit einer Offenheit, die einen Höfling mit Entſetzen erfüllt hätte. In Sachen der Politik hatte er freilich nur eines Soldaten Urtheil, zuweilen traf er aber doch den Nagel auf den Kopf. Ueber den Krieg dagegen ſprach der König gern mit ihm und gab ſeinen geſunden Anſichten Recht. „Glaubſt Du, daß ich ihn ſiegreich beendigen werde? fragte er ihn eines Abends, als Krockow den Guſeck, Karl x. Guſtav. U. 15 226 Dienſt hatte und nachdem alle andern Herren entlaſſen, von ihm zurückgehalten worden war. „Eure Majeſtät haben vielleicht nicht mehr Zeit dazu—“ autwortete Krockow. „Was meinſt Du?“ fuhr der König auf und drückte die Hand an die Stirn, indem er ihn betroffen anſah. „Ich meine, es wird früher Friede geſchloſſen werden,“ erklärte Krockow. Der König ſchwieg eine Weile und athmete tief auf, die Hand noch immer an die Stirn gepreßt.„Ich verſtand Dich als einen unwillkührlichen Propheten,“ ſagte er dann kurz abbrechend und entließ den Pathen, um noch mit dem Staatsſecretair Ehrenſten zu arbei⸗ ten. Krockow wagte noch eine Warnung vor dieſer an⸗ geſtrengten Thätigkeit, welche auch der Leibarzt wider⸗ rathe, aber der König wies ihn damit ab. Allerdings war Karl Guſtav ſchon ſeit einigen Tagen unwohl, aber er ließ ſich dadurch nicht einen Moment abhalten, ſich den Regierungsgeſchäften, wie den Verhandlungen mit den Geſandten der vermitteln⸗ den Mächte, den Operationsplänen für den Krieg im kommenden Frühlinge, wie dem Fortgange des Reichs⸗ tags zu widmen. Kein Wunder, daß Alles, was ſeit vorigen Herbſt auf ihn geiſtig eingeſtürmt war, auch 227 ſeine eiſerne Geſundheit angegriffen hatte— von Schonung wollte er nichts wiſſen, ja er ſchien ſeine Thätigkeit faſt fieberhaft zu verdoppeln und die Vor⸗ ſtellungen ſeiner Gemahlin fruchteten eben ſo wenig, als die ſeiner getreuen Räthe und Diener, weil der Leibarzt, Dr. Köſter, lächelnd erklärte, das Unwohlſein des Königs habe gar nichts zu bedeuten und könne nur gefährlich werden, wenn man ihn durch unnütze Be⸗ ſorgniß reize. Die nächſten Tage beſtätigten des Arztes Ausſpruch. Der König fühlte ſich kräftiger und ſprach ſchon davon, nach Beendigung des Reichstages ſich wieder an die Spitze ſeines Heeres in Seeland zu ſtellen., ja er be⸗ rechnete den Tag ſeiner Abreiſe nach Kronborg. Gott hatte es anders beſchloſſen. Am 7. Februar trat plötz⸗ lich ein heftiges Fieber ein, das ſchnell einen lebens⸗ gefährlichen Character annahm. Alle Bemühungen Dr. Köſters, alle Gebete der Königin und ſeiner Getreuen konnten des Himmels unerforſchlichen Rathſchluß nicht ändern. Karl Guſtav ſelbſt erkannte klar, daß ſeine Stunde gekommen ſei und hatte dem Tode zu oft in der Feldſchlacht ins Auge geſehen, als daß er ihn fürchten konnte. Mit ungetrübter Geiſteskraft bis zum letzten Augenblicke ordnete er alle Angelegenheiten des Reichs, beſtellte zur Regentin während der Minderjäh⸗ 15 — 228 rigkeit ſeines Sohnes die Königin Hedwig Eleonora mit dem Beirath der fünf höchſten Reichsbeamten, empfahl ihnen die ſorgſame Erziehung des Thronerben und die Regierung des Reichs nach Schwedens Geſetz und nahm dann von Allen, zuletzt von ſeiner troſtloſen Gemahlin und dem noch unbewußten Knaben, einen männlichen, ſeines chriſtlichen Sinnes würdigen Abſchied. Als er die heiligen Sacramente empfangen und mit dem Biſchofe gebetet hatte, ließ er ſich zu Bett brin⸗ gen, wie er zwei Tage nicht gethan.—„Ich weiß wohl, daß ich nun ſterben werde, aber Gottes Wille geſchehe!“ ſprach er gefaßt, und zwei Stunden nach⸗ her, in der Nacht zum 13. Februar 1660 verſchied er, einer der größten Helden Schwedens, ausgezeichnet als Staatsmann, wie als Feldherr. Im kräftigſten Man⸗ nesalter, kaum acht und dreißig Jahre alt, mitten aus den Stürmen und Kämpfen, die er zum Theil durch rieſenhafte Entwürfe für die Machtſtellung Schwedens heraufbeſchworen hatte, rief ihn der Herr ab, und es war vielleicht ein Glück für ihn ſelbſt, wie es für die nordiſche Welt und manches deutſche Land wohl zum Glücke führte— zum Frieden! Wer kann ſagen, was geſchehen wäre, wenn Karl dem Zehnten, der ſich nimmer von fremder Macht Bedingungen vorſchreiben ließ, ein längeres Leben beſchieden geweſen wäre, 229 wenn er das Schwert nicht aus der Hand gelegt hätte? Die Bündniſſe der Großen dieſer Erde ſind gar ge⸗ brechlich, wer mag ihnen eine Dauer auch nur für wenige Tage verbürgen? Was haben wir in unſerer Zeit darin erlebt! Wenn es Karl dem Zehnten nun gelungen wäre, die Bündniſſe ſeiner Feinde zu ſpren⸗ gen, einen oder den andern für ſich zu gewinnen, welche unabſehbare Kette von Folgen konnte den Krieg, wie es einſt ſchon in Deutſchland geſchehen, auf Menſchen⸗ alter hinaus verlängern und maaßloſes Elend über die Völker bringen! Gott hatte es anders beſchloſſen. Friede, Friede! tönte es bald durch alle Länder, welche unter der Geißel dieſes blutigen Krieges geſeufzt hatten und die Glocken von allen Kirchen verkündigten das Segens⸗ werk und riefen die Gläubigen zum Dankgebet. Zu Oliva war der Friede mit Polen, dem Kaiſer und dem Kurfürſten von Brandenburg am 23. April, und fünf Wochen ſpäter, am 27. Mai, zu Kopenhagen der ait Dänemark geſchloſſen. Salven im ſchwediſchen Lager, das noch immer vor der däniſchen Hauptſtadt ſtand, Kanonendonner von deren Wällen und von den Flotten im Meere begrüßten ihn. Vier Tage ſpäter führte der Pfalzgraf von Sulzbach das kleine Heer ab, das kaum noch 3000 Mann zählte; Tauſende von Menſchen 230 ſtrömten herbei, den Abmarſch der gefürchteten Schwe⸗ den zu ſehen. Für Schweden zog der Friede keine Ver⸗ luſte nach ſich, es behielt alle, außer Bornholm, ſeine Erwerbungen von Roeskild. In Dänemark aber wurde die Verfaſſung geändert, die Wahlkrone in eine Erb⸗ krone verwandelt— der Adel konnte es gegen den einmüthigen Beſchluß der drei andern Stände nicht hindern. Zugleich wurde dem Köuige die unumſchränkte Macht übertragen und durch eine neue Huldigung zuge⸗ ſichert, in deren Folge ſpäter Friedrich der Dritte dem Staate als Reichsgrundgeſetz das ſogenannte Königs⸗ geſetz von 1663 gab, welches auch die Erbfolge in den deutſchen Herzogthümern feſtſtellte und in unſern Tagen, weil der König keine Nachkommen hat, wieder vielfach zur Sprache gekommen iſt. Möchte Deutſch⸗ land nur wenigſtens dafür ſorgen, daß die Herzogthümer in ihrem übrigen, ſchwer bedrohten Recht bleiben und ſich erinnern, wie einſt das viel mächtigere Dänemark, vor der deutſchen Hanſa ſich gebeugt, von Karl X. Guſtav aber in Herzen ſeines Reiches angegriffen wor⸗ den iſt! Fehlt uns die Flotte noch— der Winter baut uns vielleicht eine Brücke über das Eis, wie dem großen Schwedenkönige im Jahre 1658! Das Friedensfeſt war in allen Landen des Nor⸗ dens, wie in unſerm deutſchen Pommern, gefeiert und 231 die ſchöne Sommerszeit brachte manch' fröhliches Wie⸗ derſehen. Nach dem Kriege wurden damals noch die meiſten Truppen ganz entlaſſen, denn ſtehende Heere, wenige Leibwachen der Fürſten und die Feſtungsbe⸗ ſatzungen ausgenommen, gab es noch nicht; die Herr⸗ ſcher jener Zeit nahmen erſt allmälig darauf Bedacht und behielten von ihrer im Kriege ziemlich verwilder⸗ ten Soldatesca nur einen kleinen Theil, als Kern und Stamm für die neuen beſſern Organiſationen im Dienſt. Waren ihre Schaaren doch meiſt geworbenes Volk, das ſich nun wieder in alle Welt verlief! Aber auch von den Mannſchaften, welche im eigenen Lande aus⸗ gehoben worden, gab man die meiſten dem Ackerbau und Gewerbe zurück— allgemeine Wehrpflicht gab es noch nicht, die Ausſchreibung von Rekruten traf daher nur die untern Volksklaſſen und bei der durch kaum überſtandene ſchwere Kriege gelichteten Bevölkerung be⸗ durfte das Land der Arbeitskräfte gar ſehr, welche ihm durch die allgemeine Entlaſſung wieder zuſtrömten. Ganze Regimenter wurden aufgelöſt, ihre Fahnen und Standarten in die Zeughäuſer abgegeben. Der große Kurfürſt von Brandenburg ging erſt jetzt mit Ernſt an die Aufgabe, die er ſich geſtellt hatte und wie die Souverainetät in Preußen, die ihm der Frieden von Oliva ſicherte, das Fundament des preußiſch⸗branden⸗ 232 burgiſchen Staates geworden, hat Friedrich Wilhelm auch die Kriegsmacht begründet, auf welche ſich der⸗ ſelbe ſtützt. In Schweden war eine andere Wehrverfaſſung ſeit den Waſa's eingeführt und beſteht in ihrem Weſen noch: Das Indelta, das Syſtem der„eingetheilten“ oder angeſiedelten Truppen. Darum konnten dort noch größere Entlaſſungen Statt finden und namentlich kehr⸗ ten auch die Pommern, welche in den letzten Jahren theils geworben, theils zwangsweiſe eingeſtellt waren, in ihre Heimath zurück, viele Officiere, auch die unter den Fahnen Karl Guſta's ruhmvoll gedient hatten. Auf Loſſin hofften die Eltern, daß ihr Sohn, nun ſein Kriegsherr geſtorben, ebenfalls heimkehren und dem Vater treu zur Seite ſtehen, bald eine gute Heirath ſchließen und dann das Gut übernehmen werde, wie es der Vater einſt gethan hatte. Die Mutter zagte zwar von dem erſten Momente des Wiederſehens, der ihr den Liebling ſo grauſam entſtellt zuführen ſollte, aber ihre Liebe hatte ſich dadurch eher geſteigert und ſie war als echtes Soldatenkind tapfer genug, um ſich bald auch an den ſchlimmſten Anblick zu gewöhnen. Da erſchien Karl, ohne ſich anzumelden, unerwartet eines Tages zu Loſſin und die Mutter erſchrack doch, als ſie ihn ſah, ſo heftig, daß ſie ihre ganze Faſſung verlor und durch Erika beſchämt wurde, welche dem Bruder mit Zärtlichkeit entgegeneilte, als habe ſie gar keine Augen für ſein entſtelltes Geſicht. Es war aber nur ein ſchwacher Moment bei Frau Ebba, der ſchnell vorüber ging und ſie wog ihn auf durch die innigſte Begrüßung; als dann der Vater kam und Karl ſelbſt herzhaft über ſein Ausſehen ſprach, ja ſcherzen konnte, da war, wenigſtens für den Augenblick, das Schwerſte überwunden, wenn auch noch im Stillen manche Thräne darum floß. Mehr Kummer machte ihr jedoch, daß all die ſchönen Pläne zerronnen, welche die Eltern bereits für die Zukunft gefaßt hatten. Karl erklärte, daß er ſeinem ſterbenden Herrn verſprochen habe, dem jungen Könige treu zu dienen, ihn nimmer zu verlaſſen und ſein zar⸗ tes Alter zu behüten; er war von der Königin Mut⸗ ter zum Begleiter ihres Sohnes ernannt, deſſen Gou⸗ verneur der Reichsrath Horn geworden war. Mit Freuden hatte Karl Guſtav Krockow dieſen ehrenvollen Dienſt angetreten und nur einen kurzen Urlaub in die Heimath genommen, um ſeine Eltern wieder zu ſehen und ihnen ſeine neue Lebensſtellung mitzutheilen. Die Mutter war traurig darüber, der Vater hingegen, der ſeines königlichen Feldherrn Gedächtniß ehrte, konnte nur mit dem Sohne einverſtanden ſein. 234 „Nach Wildenitz wirſt Du uns aber noch beglei⸗ ten!“ ſagte er. Karl wies die Unmöglichkeit nach— er war von Allem unterrichtet, was ſich ſeit dem Frieden in der Familie zum glücklichſten Einverſtändniß geſtaltet hatte, aber ſeine Zeit war gemeſſen und er konnte nicht daran denken, ſich einer ſo weiten Reiſe, welche obenein erſt in drei Wochen Statt finden ſollte, anzuſchließen. „Bringt meinem Vetter den beſten Gruß, den aufrichtigſten Handſchlag und Glückwunſch!“ ſprach er mit einer Bewegung, deren tiefern Grund ſelbſt die Mutter nicht ahnte und niemals erfahren hat. In ſeine Bruſt verſchloß er bis an das ſpäte Ende ſeines ein⸗ ſamen Lebens, daß er die Jungfrau im fremden Lande, welche ihr Herz dem Vetter zugewandt, mit heißer ver⸗ borgener Leidenſchaft geliebt hatte! Niemand hat je von ihm erfahren, was er gefühlt, als er zu mitter⸗ nächtlicher Stunde an Wanda's Gruft geführt wurde und wenn er ſich nicht entſchließen konnte, ſelbſt auf den Wunſch der Königin nicht, ſich eine Gattin zu wählen, ſo mußte die Welt ſich damit begnügen, daß ſeine Narbe den Vorwand dazu abgab, welche nur Abſcheu, nicht Liebe erregen könne.— Der Mutter war es bekannt, daß er ſeinem Vetter Friedrich gegrollt, weil er ihn im Verdacht gehabt, mit dem Herzen — Wanda's ein frevelhaftes Spiel getrieben zu haben, aber darüber war er ja durch Wanda's Bruder bei dem Zuſammentreffen mit ihm hier aufgeklärt worden und ſie freute ſich daher aufrichtig der Verſöhnung, die jetzt aus ſeinen Worten ſprach. Fritz Krockow war vor Kurzem hier geweſen. Er hatte den Kriegsdienſt verlaſſen, weil ſein Regiment mit andern aufgelöſt worden war, und wollte nun, bis der Kurfürſt wiederum zu den Waffen rufen würde, auf ſeines Vaters Wunſch das alte Erbgut bewirth⸗ ſchaften, welches ihm Herr Detlev für den Fall, daß er eine Hausfrau heimführe, trotz ſeiner frühern Aeuße⸗ rungen, zu übergeben beabſichtigte. So war er denn auf Loſſin erſchienen, und hatte um die Geliebte ſeines Herzens nach der Väter Sitte bei den Eltern gewor⸗ ben, ehe er Erika ſelbſt ein Wort geſagt hatte. Nöthig war das freilich nicht geweſen: junge Herzen haben zu allen Zeiten auch ohne Worte ſich zu verſtändigen gewußt. Ein Schreiben Detlev's an ſeinen Bruder, wunderlich genug abgefaßt und mit dicken Buchſtaben faſt unleſerlich geſchrieben, hatte die Werbung ſeines Sohnes unterſtützt und eine wiederholte Einladung nach Wildenitz gebracht, da er ſelbſt der Verlobung, falls ſie genehmigt werde, nicht beiwohnen könne; zur Hochzeit aber wolle er ſich jederzeit, dafern ſie nicht in den 236 härteſten Winter verlegt werde, einfinden. Die Eltern hat⸗ ten dann mit ihrem Kinde geſprochen und aus vollem Herzen ihren Segen gegeben. Bald nach der Verlobung war Fritz im Vollgefühl ſeines Glückes wieder ab⸗ gereiſt, wie er dem Vater verſprochen hatte; die Reiſe nach Wildenitz, welche Barnim ſeinem Bruder,— wenn Friede ſein werde— ſchon zugeſagt, war beſchloſſen. Karl Guſtav ſchied von den Seinigen viel früher, ehe ſie zur Ausführung kam, die Mutter trennte ſich mit ſchwerem Herzen von ihm, da ſie ihn wohl nur ſelten wiederſehen konnte und für ſeine Zukunft keine friſchen, wohlthuenden Hoffnungen hegte. Ein Leben in kalter Pflichttreue— es hatte wohl ſeine Berechtigung und innere Befriedigung, aber konnte es den heißen Wün⸗ ſchen, welche ſie für das Glück ihres Lieblings hegte, genügen? Wie anders dagegen Erika's Zukunft! Welch' ein treues und lauteres Herz hatte ſie gewonnen, wie glück⸗ lich ſollte ſie werden! Auch der Oheim, der nun ihr Vater werden ſollte, hatte ihr ſchon in Loſſin eine wahrhafte Zuneigung geſchenkt und empfing ſein Töch⸗ terlein, wie er ſie gleich nannte, mit einer Freude, die in ihrem etwas derben Ausdruck ein feines Hoffräu⸗ lein vielleicht erſchreckt haben würde. Erika war aber bei allem natürlichen Zartſinn doch ein kerniges, ge⸗ 237 ſundes Landmädchen und kannte des Oheims Weiſe, die ihr doch nur bewies, wie lieb er ſie hatte. „So lieb, ja,“ betheuerte Detlev,„daß, wenn es nicht um die Aehnlichkeit wäre, ich noch heut mit dem kurfürſtlichen Officier da kurzen Proceß machen und ſelbſt um die Hand meiner lieblichen Nichte— Gett nerzeih' mir die Sünde!— freien würde. Geiſtlichen Conſens wollte ich ſchon erhalten!“ „Auch bräutlichen— Herr Bruder?“ entgegnete Barnim lachend. „Glaubſt Du, ich könne gegen den Milchbart nicht aufkommen?“ verſetzte Detlev barſch.„Kommt jedoch, daß ich euch zeige, ob ich wegen der Aehnlich⸗ keit Recht gehabt.“ Er führte ſeine Gäſte in das große Zimmer, wo ſchon die Tafel gedeckt war und viele Familienbilder in dunkeln Rahmen von der Wand hernieder ſchauten. „Sieh her, Barnim,“ ſagte er ernſt,„das iſt Deine Mutter.“ Alle waren überraſcht. Wenn auch das Bild nicht von Meiſterhand gemalt war und ſchon von der Zeit gelitten hatte, ließ ſich doch die Aehnlichkeit, welche Detlev oft angedeutet, nicht verkennen. Ihre Züge, be⸗ ſonders ihre Augen, hatten ſich wunderbar auf die Kinder ihrer beiden Söhne vererbt. 238 „Das iſt ein Segen für ſie, eine glückliche Ver⸗ heißung! ſagte Frau Ebba gerührt und Detlev nahm ſtumm die Hände des jungen Paares und legte ſie noch einmal, zur zweiten Verlobung nun auch in ſei⸗ ner Gegenwart in einander. Bei Tafel dann wurde Alles freier und fröhlicher beſprochen, Vergangenheit und Zukunft, der überſtan⸗ dene Krieg, des Königs plötzlicher Tod und der Friede, welchem man nur Dauer wünſchte. Dabei trat denn freilich wieder die Meinungsverſchiedenheit der Brüder hervor, ſowohl in Bezug auf den verſtorbenen Monarchen, als auf die Bedingungen des Friedens. Barnim behauptete, daß Karl Guſtav, ſein König, bei längerem Leben doch über alle Feinde geſiegt, Däne⸗ mark zertrümmert und ganz Pommern dem Reiche ein⸗ verleibt haben würde. Detlev beſtritt das und tadelte die bisher ſiegreichen Verbündeten, daß ſie Schweden Alles gelaſſen, was Karl Guſtav erobert, daß nicht wenigſtens der Kurfürſt den ihm widerrechtlich einſt vorenthaltenen Theil vom Erbe des alten Greifenſtam⸗ mes zurückgefordert und ſo das liebe Pommerland wie⸗ der vereinigt habe, nachdem die Feuerkugel, welche über den Himmel gefahren war und ihn für kurze Zeit in Brand geſetzt hatte, ſo ſchnell zerplatzt und erloſchen ſei. Auf dies Gleichniß wollte Barnim heftig antwor⸗ — N — 239 ten, Frau Ebba jedoch kam ihm zuvor und ſagte mild: „Ehret Eottes Rathſchluß! Die Menſchen ſind doch nur Werkzeuge in Seiner Hand! Was geſchehen ſoll nach Seinem Willen, daran können Menſchen nichts ändern. Er hat Frieden der Welt geſchenkt— Fried' und Eintracht walte auch zwiſchen uns, auf daß unſer Glück ungetrübt bleibe!“ Da hob Detlev ſeinen mächtigen Pokal und rief: „Erik Slange's tapfere Tochter ſoll leben! Sie hat uns Beide niedergeſchlagen. Friede ſei mit dem Könige, den der Herr heimgerufen hat, Friede mit uns Allen — und Gott wolle einſt auch unſer Pommerland in Frieden wieder vereinigen!“ Ende des zweiten und letzten Theils. — *