Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ledem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 2 beträgt: für wöchentlich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. * 7 7 2 7/ 7 3 7 7— 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr felbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die Polen Siebentes Kapitel. Severin. Achtes Kapitel. Die Rettung Neuntes Kapitel. Fridericia.. Seite 26 50 112 142 168 196 224 Rarl X. Guſtav. — —— Erſtes Capitel. Zwei Brüder. In einem jener prächtigen Eichenwälder, deren in früheren Tagen noch gar viele im nördlichen Deutſch⸗ land zu finden waren, die nun verſchwunden ſind, hiel⸗ ten zur Mittagszeit an einem milden Junitage zwei Reiter eine kurze Raſt Sie hatten ſich dazu einen ſchönen Platz ausgeſucht unter einem mächtigen Baume, deſſen von weitgeſtreckten Aeſten mit dichtem Laube ge⸗ bildete Krone ihnen willkommenen Schatten gab. Hier waren ſie abgeſeſſen: Herr und Diener offenbar, denn während der Eine, an Jahren dem grauen Haar nach ſchon vorgeſchritten, wohlbeleibt von Geſtalt, ſich ge⸗ mächlich in das weiche Gras ſtreckte, hielt der Andere, Guſeck, Karl X. Guſtav. 1. 1 ein breitſchultriger Mann von mittlerm Alter, beide Pferde und ſetzte ſich dann in einiger Entfernung von Jenem nieder. Es währte nicht lange, ſo übte die Stille des Hochmittags, welche in der ganzen Natur waltete und die kühle Waldluft ihren Einfluß und der Sitzende hörte die tiefen Athemzüge ſeines Herrn zu einem immer lauter werdenden Schnarchen ſich ſteigern. Ihm ſelbſt fiel der Kopf ſchon mehrmals auf die Bruſt, daß er ſchreckhaft wieder auffuhr, endlich faßte er ſich kurz, ſchlang den Zügel des einen Pferdes durch den des andern, wie er es im Reiterdienſte jüngerer Jahre gelernt hatte und band ſich den letztern feſt an das Knöchelgelenk über den weichen Stiefel; dann kreuzte er die Arme, lehnte ſich an den Baumſtamm zurück und ſchlief nun ebenfalls feſt ein. Die Pferde ſtanden ruhig mit geſenkten Köpfen, ſuchten trotz des Ge⸗ biſſes ein Paar Grashalme abzureißen und ſchnarchten von Zeit zu Zeit ſelbſt behaglich auf. Wie lange die beiden Männer geſchlafen haben mochten, war zweifelhaft; der Knecht erwachte von ei⸗ nem gewaltigen Ruck am Fuß und fah ſich gleich dar⸗ auf von den Pferden eine Strecke geſchleift; zum Glück ſtanden die Bäume hier ſo weitläufig, daß ihm kein Schade geſchah, ſonſt hätte er zerſchmettert werden können, ehe ſein Herr ihn rettete. Dieſer war gleich⸗ — e ie r er n. ſt, ch en re 8 ſte en e⸗ en en r⸗ ick en h⸗ 3 zeitig erwacht, mit ſchneller Beſinnung aufgeſprungen und den Pferden, welche dicht an ihn vorüber liefen, in den Zügel gefallen, ſo daß er ſie gleich zum Ste⸗ hen brachte. „Nun, Malte, plagt Dich der Düvel!“ rief er la⸗ chend in ſeiner plattdeutſchen Mundart Der Knecht machte ſeinen Fuß los, nahm die Zügel der beiden Pferde wieder auf, ſah nach, ob et⸗ was geſprengt war und ſagte dann mit vollkommenem Gleichmuth:„Das haben ſie ſich noch nicht unterſtan⸗ den, geſtrenger Herr.“ In dieſem Augenblicke hörten ſie erſt die Ur⸗ ſache, welche die Pferde wild gemacht haben mochte: ein lautes Gewieher im tiefen Walde, welches ſie das erſte Mal im Schlafe nicht vernommen hatten, und nun ganz deutlich auf dem feſten Grunde einen nahen⸗ den Hufſchlag. Ohne Befehl hielt der Knecht ſogleich den Steigbügel ſeines Herrn, der ſich mit einer Ge⸗ wandheit in den Sattel ſchwang, welche man ſeiner Leibesſchwere nicht zugetraut hätte, dann warſ ſich auch Malte ſchnell auf ſein Pferd und Beide ſahen nach ihren Waffen. Es war zwar Frieden in dieſem Lande und kein fremder Feind zu fürchten, aber die Zeiten machten es doch immer rathſam, auf ſeiner Hut zu ſein. Der alte Herr zog bedächtig eine der beiden 1 X — ———— 1 langen Reiterpiſtolen aus ſeiner Holfter und hieß Malte das kurze Schwert ziehen, das auch dieſer an der Seite trug. Da trabte unter den Eichen ein einzelner Reiter daher, welcher bei dem Anblicke der beiden Bewaffne⸗ ten, die ihm hier aufzulauern ſchienen, zuerſt ſtutzte, dann aber ſein Pferd im Galopp anſprengte und mit einem lauten Ruf, der wie ein fremdländiſcher Schlacht⸗ ruf klang, herangejagt kam „Barnim!“ ſchrie jetzt der alte Herr, der ſchon das Piſtol auf ihn angeſchlagen hatte und lachte ſo übermäßig, daß es weit durch den Wald ſchallte, wäh⸗ rend er das Feuerrohr ſinken ließ und Jenem ebenſo ſchnell entgegen ritt. Der Knecht lachte ſeinerſeits auch und ſteckte die Klinge wieder ein. „Nun, Detlev!“ rief der Ankommende luſtig. „Du führſt Dich gut auf! Meldeſt Dich an, ich reite Dir entgegen und Du legſt mir einen Hinterhalt, wie ein Raubritter.“ Beide reichten ſich die Hände und ſchüttelten ſie ſo herzhaft, als wollten ſie einander vom Pferde rei⸗ ßen. Dann ſetzten ſie ſich auf dem Waldwege, welchen der Andere gekommen war, in Bewegung und Malte folgte ihnen in gebührender Entfernung. Er hatte den fremden ſtattlichen Mann, der noch um eine halbe ei⸗ lte en be 5 Kopflänge größer ſchien, als ſein Herr, nie geſehen, aber er wußte jetzt, wer er war: der Bruder ſeines Herrn. Sie hatten ja zu diefem die weite Reiſe von jenſeit der Oder her unternommen. „Biſt wohlauf, Barnim?“ fragte der dicke Herr ſeinen Bruder mit freundlichen Blicken muſternd.„Was macht die Frau Liebſte? Und der Sohn draußen in Polen?“ „Gott ſei Dank, Detlev, Alles geſund,“ erwie⸗ derte Barnim.„Nach Erika fragſt Du gar nicht— haſs wohl ganz vergeſſen, daß ich noch eine Tochter habe, wie?“ „O nein, ich entſinne mich! Nur auf den ſchwe⸗ diſchen Namen konnte ich nicht gleich fallen, ich bin nur an die pommerſchen gewöhnt, Barnim.“ „Die Mutter wünſchte den Namen, Detlev, Du weißt es ja. Ich hätte mir freilich nach Deinem Wunſche lieber gar keine Schwedin zur Frau nehmen ſollen, nicht wahr?“ ſetzte er lachend hinzu.„Wir wol⸗ len aber unſere alten Streitſachen nicht gleich wieder arffriſchen, wo wir uns kaum nach ſo vielen Jahren die Hand gegeben haben.“ „Haſt Recht, Barnim,“ erwiederte der dicke Herr. „Indeſſen aber! Warum ſollteſt Du Dir keine Schwe⸗ din freien? Darüber habe ich wohl mein Lebtage 6 nichts geſagt! Biſt ja ſelbſt ein Schwede durch und durch!“ „Ich bin ein eben ſo richtiger Pommer wie Du, Detlev,“ entgegnete Barnim,„wenn ich auch dem Kö⸗ nige von Schweden, meinem gnädigen Landesherrn in Vorpommern den Lehnseid geleiſtet habe, wie Du in Hinterpommern dem Churfürſten von Brandenburg. Wollte auch, wir gehörten noch zuſammen und unſer gnädiger Herzog Bogislav hätte für feſte Stammhalter in Ewigkeit ſorgen können, aber da's unſer Herrgott nun einmal nicht gewollt hat und wir im Frieden ge⸗ theilt worden ſind, ziemt es Jedem von uns, ſeinem Fürſten Treue zu halten; ich dem Könige Karl Guſtav, Du dem Churfürſten Friedrich Wilhelm. An der Treue, denk ich, erkennt man den richtigen Pommern.“ „Ganz recht, Barnim. Aber Du hältſt Dich nicht blos zu Deinem Könige, ſondern zu ſeinem ganzen Schwedenvolke— mein gnädiger Churfürſt iſt doch ein deutſcher Herr—“ Iſt mein König nicht auch ein deutſcher Fürſt von Geburt?“ unterbrach ihn Barnim, der nun eben⸗ falls eifrig wurde.„Iſt er nicht Pfalzgraf von Zwei⸗ brücken geweſen, ehe ſeine Baſe vor drei Jahren die ſchwediſche Krone niederlegte und er ihr Nachfolger wurde? Sind wir etwa nicht bei Deutſchland geblie⸗ . ben, ebenſo gut wir ihr, als Pommern getheilt wurde? Der Franzoſe hat den Elſaß bekommen, losgetrennt vom deutſchen Reiche— unſer König iſt für ſein Stück Pommern deutſcher Reichsfürſt! Und daß ich für meine Perſon,“ fügte er gemäßigter hinzu,„mich gern der Zeiten erinnere, wo ich mit dem tapferen ſchwediſchen Heere unter Torſtenſon und Königsmark in jüngern Jahren zu Felde gelegen habe, das wirſt Du mir doch nicht verdenken, wenn Du auch die Waffen nicht ge⸗ führt haſt und als der Aelteſte daheim geblieben biſt, um nach unſers Herrn Vaters Tode die Güter zu be⸗ wirthſchaften.“ „Ich verdenke Dir gar nichts, Du hitziger Kerl!“ erwiederte Detlev.„Wenn ich die Waffen nicht führen mochte, ſo lag das darin, daß ich nicht wußte, für wen. Für die Schweden, welche in Pommern gehauſt hatten, wie die Türken, obenein gegen ihre Glaubensbrüder— oder gar wie der Herzog von Weimar zuletzt für die Franzoſen— ² Unſer gnädiger Herzog Bogislav war geſtorben; nach göttlichem und menſchlichem Rechte hätte, den alten Lehens⸗ und Erbverträgen nach, Herr Georg Wilhelm, der Vater meines jetzigen Churfürſten, ganz Pommern erhalten ſollen, der aber konnte ſein Recht nicht wahrnehmen und nach ſeinem Tode ſchloß der neue Churfürſt den Neutralitätsvertrag— alſo 8 blieb der Detlev von Krokow auch vom Kriege daheim und hat es niemals bereut. Wenn mein Lehnsherr ein⸗ mal die Vaſallen aufſitzen heißt, werde ich trotz meiner zweiundſechzig Jahre nicht der Letzte ſein!“ „Das weiß ich, Detlev! Du biſt von der alten guten Art, die noch lange nicht und will's Gott! nie⸗ mals in unſerm Pommerlande ausſterben wird. Viel⸗ leicht fechten wir noch einmal brüderlich neben einan⸗ der, unſere Fürſten ſind ja eng verbündet und was jetzt von einer Kriegsrüſtung der Dänen gegen uns verlautet, das bringt vielleicht hüben und drüben ein allgemeines Lehensaufgebot zu Stande— unſer König wird gewiß aus Polen bei der Hand ſein, wie der Blitz.“ „Dein Sohn iſt noch draußen?“ fragte Detlev. „Ja! Ich habe kürzlich durch einen Courier, den der König an den Statthalter herein ſchickte, gute Nach⸗ richt von dem Jungen erhalten— er hat eine tüch⸗ tige Wunde bekommen—“ „Und das nennt der alte Raufbold gute Nach⸗ richten!“ unterbrach ihn Detlev mit ſchallendem Ge⸗ lächter. „Laß mich doch ausreden!“ ſagte Barnim, gleich⸗ falls einſtimmend.„Wenn eine Wunde nicht zum Krüp⸗ pel macht, bleibt ſie immer ein Ehrenmal, doch wollte ich ſagen, daß ſie glücklich wieder geheilt iſt. Es hat e⸗ ch⸗ ip⸗ te hat 9 übrigens in Polen ſchon mehr als einen harten Strauß gegeben, denn die Polen, die vor'm Jahre durch die Niederlage von Warſchau verloren ſchienen, haben wie⸗ der Luft bekommen, ſeit der junge Kaiſer Levpold ein Bündniß mit dem Könige Johann Kaſimir geſchloſſen und Truppen hingeſchickt hat, und auch ſeitdem die Koſaken, die von der Krone Polen abgefallen ſind und ihn hart bedrängten, durch die Tataren zu einer Ver⸗ pflichtung gezwungen worden ſind, nie mehr gegen den König Krieg zu führen.— Du kümmerſt Dich wohl um dieſe Händel nicht viel?“ „Nein,“ erwiederte Detlev gelaſſen.„Ich weiß nur, daß mein Herr, der Churfürſt ſich mit Deinem Herrn, dem Könige, gegen die Polen verbunden und ſie vor'm Jahre in einer dreitägigen Schlacht vor Warſchau geſchlagen haben, in welcher die Branden⸗ burger das Beſte geleiſtet— das iſt mir genug. Um die Koſaken und Tataren kümmere ich mich nicht Mö⸗ gen ſie mit einander fertig werden!“ „Ich werde Dir zu Hauſe die Sache einmal auseinander ſetzen,“ ſagte Barnim.„Jetzt rührt ſich, wie ich Dir ſchon ſagte, auch der Däne gegen meinen Herrn und wenn der davon hört, wird er wohl gleich mit einer auserleſenen Schaar hereinkommen, wobei denn, wie ich ſtark hoffe, auch mein Karl Guſtav ſein ———.——— 10 wird, der nach ſeinem königlichen Taufpathen genannt iſt, wie Du weißt Ich hätte immer geglaubt, daß er ſich mit ſeinem Vetter im Felde wieder einmal treffen würde! Dein Sohn iſt wohl heimgekehrt?“ „Er ſteht auch noch draußen, ich weiß aber nicht wo. Du ſagſt, der König wird aus Polen abziehen— was wird dann aus dem Churfürſten? Wird nicht die ganze Macht der Polen dann auf Ihn fallen, der ſich von ſeinem Lehnsverhältniß frei gemacht hat, um ſich mit Schweden zu verbinden? Der König wird ihn doch nicht im Stich laſſen?“ „Wenn's nur nicht umgekehrt geſchieht!“ verſetzte Barnim und als Detlev auffahren wollte, ſagte er ru⸗ hig:„Die Politica, Herr Bruder, iſt eine gar wetter⸗ wendiſche Dame— wer ſich mit ihr einläßt, muß tanzen, wie ſie befiehlt. Weshalb hat der Churfürſt ſich mit Schweden verbunden? Freiwillig etwa? Der König hat ihn dazu gezwungen, das weißt Du ſo gut als ich, er hat ihm Ermeland verſprochen, wenn er zu ihm träte und ſein Herzogthum Preußen von ihm zu Lehn nähme, ſtatt wie bisher von Polen, er hat ihm für den Beiſtand von Warſchau die Sonveränetät über Preußen gegeben—“ „Wozu er gar kein Recht hatte,“ warf Detley ein„Preußen iſt polniſches Lehn.“ rſt er ut zu zu m er 11 „War polniſches Lehn. Gewalt geht vor Recht, durch die Eroberung von Polen war Karl Guſtav der Herr und Dein Churfürſt hat ihn als ſolchen aner⸗ kannt, indem er von ihm Preußen zu Lehn und dann ebenſo die Souveränetät von ihm annahm. Freilich iſt damit die Verpflichtung für den König gelöſt, ihm bei⸗ zuſtehen, wenn er in Fährniß gerathen ſollte, denn das hat nur der Vaſall von ſeinem Lehnsherrn zu fordern — hätte ſich der Churfürſt deſſen verſichern wollen, ſo hätte er die ihm gebotene Souveränetät ausſchlagen müſſen. Womit ich aber nicht geſagt haben will, daß der König ihn im Stich laſſen wird, wenn ihn etwa ein Kriegsgeſchrei des Dänen von dort abrufen ſollte — dann wird er ſchon eine genügende Heerſchaar draußen laſſen, damit Schweden und Brandenburger vereint den Polen die Spitze bieten können. Der alte Hatzfeld, der die Kaiſerlichen vor Krakau commandirt, macht ja doch keinen rechten Ernſt.“ „Du biſt erſtaunlich ſpitzfindig, Barnim,“ verſetzte Detlev.„Haſt ſo tiefe Studien in der Politik gemacht, daß einem ehrlichen Pommern dabei ganz drehend im Kopf wird— Dort müſſen wir herauskommen, nicht ſo?“ Er zeigte gegen eine lichte Stelle, die ſich vor ihnen im Walde öffnete Sie waren bei ihrem Mei⸗ ———— ——..—.—————— nungsaustauſch langſam geritten, nahten aber nun dem Ausgange und ihr Geſpräch wurde dadurch von den Welthändeln wieder auf ihre eigenen Angelegenheiten gelenkt Barnim freute ſich, daß der Bruder, welcher in langen Jahren dieſe Gegend nicht betreten hatte, noch ſo gut Beſcheid wußte und fragte nun ſeinerſeits, wie es ihm daheim, wo er gegenwärtig ja ganz allein ſei, ergehe. Detlev erklärte ſich zufrieden; ſeine Frau, die ihm vor zehn Jahren geſtorben, könne ihm freilich Niemand erſetzen, aber er habe eine tüchtige Wirth⸗ ſchafterin, die das Hausweſen in Ordnung halte, über⸗ haupt gutes und treues Geſinde, dem er wenig auf die Finger zu ſehen brauche und der Krieg in Polen werde ja doch nicht ewig dauern, dann komme der Fritz wie⸗ der heim. „Und wird Dir gewiß bald auch eine Schwie⸗ gertochter zuführen?“ fragte Barnim. Detlev warf dem Bruder, der ihm vielleicht eine Falle legen wollte, einen Seitenblick zu und antwor⸗ tete:„Das mag er thun, wenn ſie ein braves Mäd⸗ chen von echtem pommerſchen Geblüt iſt.“ „Eine Märkerin wäre Dir alſo ſchon nicht recht?“ fragte Barnim lachend.„Du kannſt es nicht laſſen, mir meine Heirath vorzurücken und meine Frau muß ſich wahrhaft fürchten, Dir unter die Augen zu treten.“ em en ten her tte, ts, ein au, lich th⸗ er die rde ie⸗ ine Dr⸗ äd⸗ 2* ſen, muß n. 13 Da reichte ihm der Bruder die Hand und ſagte ehrlich:„An Dich habe ich jetzt bei meiner Treu nicht gedacht! Mir kam nur der Gedanke, er könne ſich gar Eine in Polen erkieſen; die Polinnen ſollen gar ſchön und für die Männer verlockend ſein. Eine Polin würde ich nicht gern ſehen, ein Deutſche und wär' ſie noch ſo weit her, aus Franken oder aus Schwaben, die ſollte mir immer willkommen ſein.“ Vor ihnen öffnete ſich jetzt der Waldſaum und in der ſonnebeſchienenen flachen Landſchaft lag, kaum eine Viertelſtunde entfernt, das kleine Dorf mit dem alten Schloſſe am See, welches das Ziel ihres Rittes war. Detlev ſetzte mit einem auffordernden Blicke auf ſeinen Bruder ſeinen ſtarken Schweißfuchs in Trab und nach kurzer Zeit ritten ſie in den Hof ein, wo man ſie ſchon von Weitem hatte kommen ſehen. Auf der obern Stufe der kleinen Treppe, welche zu der Hauptthür des Schloſſes führte, ſtanden zwei Frauen. Detlev wußte ſchon, wer ſie waren und grüßte ſie vom Pferde, dann ſaß er ab, überließ Malte ſeinen Zügel und kam dem Bruder zuvor.—„Frau Schwä⸗ gerin, ich freue mich, Euch endlich von Angeſicht zu Angeſicht zu ſehen,“ ſagte er, indem er die Treppe emporſtieg, auf welcher ſie ihm entgegen kam. „Seid mir vom Herzen willkommen, Herr Schwa⸗ ger!“ antwortete ſie freundlich und reichte ihm ihre feine weiße Hand, die in ſeiner großen dunkelgebräun⸗ ten Fauſt ganz verſchwand. „Und das iſt Euer Töchterlein, meine liebe Nichte — Erika?“ Dabei wandte er ſich gegen Barnim um, als wolle er ihm bemerklich machen, daß er nun den ſchwediſchen Namen gar wohl behalten habe. „Meine Tochter Erika,“ beſtätigte die Mutter und das ſchlanke, junge Mädchen, in großer Befan⸗ genheit tief erröthet, das Auge zu Boden geſchlagen, trat vor, um den Oheim zu begrüßen, der ihr die Hand ſchmerzhaft drückte. „Tritt ein, Detlev!“ ſagte jetzt der Schloßherr. „Du biſt im Hauſe unſeres Vaters!“ Dem Bruder war wunderbar zu Muth, als er nach einem Menſchenalter die wohlbekannten Räume wieder betrat, in welchen er ſeine glückliche Kindheit verlebt hatte. Obgleich das Stammhaus der Familie in Hinterpommern lag, hatte doch der Vater der bei⸗ den Männer, welche heute hier wieder vereinigt waren, ſeinen dauernden Wohnſitz auf dem Gute in Vorpom⸗ mern genommen, vielleicht ſeiner Gattin zu Liebe, welche aus einem Geſchlecht dieſer Gegend war. Hier waren die Brüder, Detlev und Barnim, aufgewachſen, und dann als Edelknaben an den Hof des Herzogs —c e,——„——— 15 nach Stettin gekommen. Den Jüngern, Parnim, hatte der Thatendurſt ſpäter während des großen Krieges hinaus in die Welt geführt, er hatte unter dem Schwe⸗ denkönige Guſtav Adolf und ſpäter unter den Feldherrn Bauer und Torſtenſon gedient, dem Grafen Königs⸗ mark Bremen und die Kleinſeite von Prag erobern helfen und war erſt nach dem Frieden dauernd heim⸗ gekehrt, obgleich er ſich fchon früher mit der Tochter eines ſchwediſchen Oberſten verheirathet und dieſe ihm zwei Kinder geboren hatte Der Vater war unterdeſſen geſtorben. Detlev, welcher ſich bald vom Hofe zurück⸗ gezogen, hatte ihm treulich zur Seite geſtanden bis zu ſeinem Tode, und dann als der Aelteſte das Stamm⸗ gut in Hinterpommern übernommen, während dem Zün⸗ gern der Ritterſitz, wo die Eltern bisher gewohnt, zu⸗ gefallen war. Seit dieſer Zeit— es waren volle dreißig Jahre— hatte er Loſſin nicht wieder betreten. Er fand im Schloſſe nicht viel verändert, nur etwas mehr Ordnung, als in der letzten Zeit ſeines Vaters, welchem ſeine Gattin vorangegangen war, hier geherrſcht hatte. In der großen Stube ſtand faſt noch alles Geräth, deſſen er ſich erinnerte, der mächtige, mit eiſernen Zierrathen beſchlagene Schrank von Eichen⸗ holz, der lange Tiſch in der Mitte, an welchem ſo oft gute Nachbarn und Freunde des gaſtfreien Hauſes ge⸗ —————— tafelt hatten, am Ofen, der mit Leder beſchlagene Sorgenſtuhl des Vaters, der ſich aber wohl Zeitlebens keine Sorgen gemacht, es auch nicht nöthig gehabt hatte. Kurz vor dem Einbruche der Kaiſerlichen, als ſie König Chriſtian den Vierten beſiegt hatten und dann zur Belagerung von Stralſund ſchritten, war der alte Herr in ſeinem Lehnſtuhle geſtorben. Detlev hatte ihm die Augen zugedrückt und es war natürlich, daß er jetzt daran denken mußte, als ihm Barnim den Sitz auf demſelben Ehrenſeſſel anbot. Freilich wußte der nichts davon, denn er war nicht daheim geweſen. Stumm ließ Detlev ſich nieder, der Bruder ſetzte ſich zu ihm, Frau und Tochter nahmen ihm gegenüber Platz „Nun, Alter, ſei nochmals herzlich willkommen,“ ſagte Barnim„Ich hoffe, daß Du nun recht lange oder am liebſten ganz bei uns bleiben wirſt, wie auch Dein Fritz, dem ich davon ſprach, ganz vernünftig fand.“ „Hat er das?“ fuhr Detlev auf. „Warum ſollte er nicht!“ entgegnete Barnim. „Du ſitzeſt allein in Deiner Höhle—“ „Wie'n alter Bär, nicht wahr?“ warf Detlev dazwiſchen. „Das ſagt' ich nicht, ich meinte nur, daß Du dort S„— 8 /— S 8 ne 6 bt lte 17 ein einſames Leben führſt, wenn Dich auch noch ſo viel Nachbarn beſuchen. Dein Sohn wird ſobald nicht heim⸗ kehren, denn wer einmal das ſchöne Kriegsleben geko⸗ ſtet hat, nicht wahr, Ebba? der gewöhnt ſich ſchwer daran, auf ſeiner Scholle wieder ſtill zu ſitzen.“ „Ihr habt Euch bis jetzt noch nicht recht daran gewöhnt, Barnim!“ antwortete die angerufene Frau lächelnd. Detlev ſah ſie forſchend an, er hatte ſie bis jetzt noch nicht voll in's Auge gefaßt, da ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit mehr von der Tochter angezogen worden war. Beide ſahen ſich, wie er jetzt wahrnahm, durchaus nicht ähnlich. „Hörſt alſo ein vollgiltig Zeugniß,“ fuhr Bar⸗ nim gegen den Bruder fort.„Ich hatte ein trautes Weib und zwei Kinder zu Hauſe und kam nur, wenns einmal anging, oder während der Winterquartiere, heim. Was ſollte den Fritz, wenn er den Herrn Vater auch noch ſo lieb hat, wohl nach Hauſe treiben, wo er drau⸗ ßen Gelegenheit zu Ruhm und Ehre vor ſich hat! Alſo überlege Dir's, Alter. Deine Wirthſchaft geht ih⸗ ren Gang, Du ſagſt ſelbſt, daß Du gutes und treues Geſinde haſt. Bleib' darum hier. In Deiner alten Stube findeſt Du Alles, wie es ſonſt geweſen iſt und Du kannſt leben, ganz wie Dir's gefüllt. Daß Du uns Guſeck, Karl X. Guſtav. 1. 2 18 willkommen biſt, weißt Du. Hilf bitten, Frau, daß wir eine Zuſage bekommen!“ „Wahrlich, Herr Schwager, Ihr könntet uns keine größere Freude machen!“ ſagte die Hausfrau, indem ſie ihre Klaren blauen Augen freundlich auf ihn rich⸗ tete. Auch Erika blickte zu ihm auf, doch ſank ihr Auge, als es dem ſeinigen begegnete, gleich wieder zu Boden. „Habt Dank allzuſammen!“ erwiederte Detlev. „Da Ihr mich durch den Fritz, als er im vorigen Winter bei Euch war, ſo gar herzlich eingeladen habt, bin ich jetzt gekommen, denn man weiß nicht wie lange man lebt und wir haben uns ſo lange nicht gefehen, auch die Frau Schwägerin und die kleine Jungfer Nichte wollte ich gern einmal kennen lernen. Wenn Ihr mich haben wollt, bleibe ich ſchon eine Weile bei Euch, aber ehe der Wind über die Haferſtoppeln geht, muß ich wieder nach Hauſe reiten.“ „Das wird ſich finden!“ rief Barnim.„Vorerſt haben wir Dich hier und Frau Ebba mag ſehen, wie ſie es Dir recht lieb macht, damit Du den Wind über die Stoppeln und über den Schnee gehen läßeſt und nicht mehr daran denkſt, zum Aufbruch zu blaſen.— Eſſen wir bald? Du haſt Dich ſchlecht eingerichtet, Detlev, daß Du nicht zum Mittag gekommen biſt, mußt ja hungrig ſein wie ein Wolf.“ ine em ige, en. lev. gen abt, nge hen, gfer enn bei eht, rerſt wie über und htet, biſt, 19 Detlev verſicherte, noch vor dem Walde in dem letzten Dorfe reichlich gegeſſen zu haben, aber ſchon war, noch ehe der Hausherr ſeine Frau gemahnt, der Tiſch gedeckt worden und die Magd trug eine dam⸗ pfende Schüſſel herein. Er that denn trotz ſeiner Ver⸗ ſicherung dem ſchmackhaften Gericht, das der Wirthin, wenn ſie es bereitet hatte, zum Lobe gereichte, alle Ehre an. Die Frau, gegen welche er ihrer ſchwediſchen Ab⸗ kunft wegen ein gewiſſes Vorurtheil gehegt hatte, ge⸗ fiel ihm immer mehr; man ſah ihr ſo gar nicht das Kind des Lagers an, das ſie doch geweſen war, ſie hatte etwas Züchtiges und Beſcheidenes, welches Det⸗ lev, der auf Sitte hielt, beſonders für ſie einnahm, dabei aber that ſie ſo kluge und verſtändige Aeußerun⸗ gen, wenn ſie in das Geſpräch gezogen wurde, daß es den Schwager oft in Verwunderung ſetzte. Erika, wie ſich gebührte, war nur eine ſchweigende Zuhörerin, doch konnte Detlev an ihrer Miene und manchem ſchnellen Aufblick ihrer braunen Augen wahrnehmen, daß ſie mit dem größten Antheil zuhörte; es waren ja Erinnerungen aus der Zeit ihrer Großeltern von de⸗ nen ſie noch ſo wenig wußte. Der Abend brach ein, ehe ſie ſich deſſen verſahen. Barnim ſchlug ſeinem Bruder noch einen Spaziergang an das Ufer des Sees vor und Frau Ebba, von dem 2* 20 Schwager dazu aufgefordert, begleitete Beide Erika blieb zurück und ſah ihnen von ihrem Kämmerlein, welches die Ausſicht auf den See und ſein umbüſchtes ufer bot, lange nach. Sie hatte eigentlich der Ankunft des Oheims mit einer gewiſſen Bangigkeit entgegen ge⸗ ſehen und nun, wie väterlich hatte er zu ihr geſprochen! Sie fühlte, daß ſie zu ihm Vertrauen gewinnen könne. Nach dem Spaziergange kam die Abendmahlzeit bald, zu welcher der Gaſt ſich neuen Appetit geholt hatte. Die Wirthin ſah mit Wohlgefallen, wie trefflich ihm Alles mundete und wies ſeine Entſchuldigung, daß er auf der Reiſe ganz ausgehungert ſei, lächelnd zurück. „Es iſt ſchon ein anderes Ding, Frau Schwäge⸗ rin,“ ſagte er, als die Mahlzeit beendigt war.„Meine Wirthſchafterin verſorgt mich auch ganz gut und pom⸗ merſche Gerichte verſteht ſie leidlich zu kochen— aber von der Hausfrau wird doch Alles beſſer beſchafft und die beſte Würze der Mahlzeit fehlt mir.“ „Darum ſolltet Ihr eben bei uns bleiben, Herr Schwager,“ ſagte die Wirthin freundlich. Er ſchüttelte den Kopf, reichte ihr aber die Hand— dabei.„Ihr meint es gut, aber das geht nicht,“ erwie⸗ derte er. „Wenigſtens ſo lange,“ ſagte Barnim,„bis Dein Fritz Dir eine Schwiegertochter in's Haus bringt.“ ——— r nd ie⸗ ein 24 Detlev ſah in prüfend an, doch war das Auge ſeines Bruders und deſſen Miene ohne Falſch.„Wer weiß, wie lange der noch in der Welt umherfährt,“ entgegnete er„Du haſt mir ſelbſt geſagt, daß Einer, der einmal das ſchöne Kriegsleben geſchmeckt hat, ſich ſchwer entſchließen kann, auf der Scholle für immer zu bleiben Unſer pommerſcher Adel, da wir daheim immer Frieden gehabt und unſere Herzoge ſich nicht in die Welthändel gemiſcht haben, iſt ſchon ſeit hundert Jahren viel in ausländiſchen Kriegsdienſt gegangen und hat ſich dort viel Ruhm erworben Ich fürchte, wenn der polniſche Krieg zu Ende iſt, geht mein Fritz weiter, um ſich einen neuen zu ſuchen, woran ja in der unruhigen Welt kein Mangel iſt, und ſo lönnt ich Euch am Ende bis zu meinem letzten Stündlein auf dem Halſe ſitzen. Sein Auge hatte bei dieſer Rede Erika's liebliches Antlitz geſtreift, ſie ſaß ihm gerade gegenüber, und er wollte bemerkt haben, daß ſie ein wenig die Farbe wechſelte. „Dein letztes Stündlein liegt, ſo Gott will, noch fern!“ verſetzte Barnim.„Du wirſt nicht ſo aus der Art geſchlagen ſein, daß Du vor Deinem achtzigſten Jahre das Zeitliche geſegneſt. Unſer Vater iſt zwei⸗ undachtzig alt geworden, der Großvater Henning ſogar neunzig. Wenn wir Beide aber auch das hundertſte 2 Jahr erleben, ſollt's mir die größte Freude ſein, wenn wir hier in Loſſin zuſammen blieben, mag Dein Fritz ſich mit einer jungen Frau in Wildenitz niederſetzen, oder noch eine Weile in der Welt umhertreiben.“ „Laſſen wir's doch, Barnim, laſſen wir's, Frau Schwägerin!“ erwiederte Detlev.„Ich weiß, Ihr meint's ehrlich und macht nicht blos ſchöne Worte, weil Ihr denkt: Er thut's doch nicht. Aber ich ſage Euch eben ſo ehrlich— auf's Altentheil kann ich mich nicht ſetzen und werd's auch nicht thun, wenn mir der Junge eine Schwiegertochter in's Haus bringt. Sie ſoll mir ſehr willkommen ſein, wenn ſie keine Polin oder Franzöſin iſt, aber das junge Paar muß bei mir wohnen, nicht ich bei ihnen Und darum, Barnim, kann ich auch nicht auf immer in Loſſin bei Dir bleiben, ich muß auf meinem eigenen Grund und Boden ſitzen. Ich danke Euch und will ja morgen oder übermorgen nicht ſchon wieder abziehen, aber es muß doch, ehe es Herbſt wird, geſchehen.“ Als die Hausgenoſſen frühzeitig, wie es auf dem Lande meiſt heute noch und in alten Zeiten überall Sitte war, die Ruhe ſuchten, begleitete Barnim ſeinen Vruder noch in die Stube, welche für ihn im oberen Stocke des Schloſſes eingerichtet war, dieſelbe, in wel⸗ cher Beide als Knaben gewohnt hatten, bis ſie, zu ) ritz en, hr te, ige ich der Sie lin n ich icht bſt em 1en ren el⸗ 23 Jünglingen herangewachſen, an den Hof des ritterli⸗ chen Herzogs Philipp nach Stettin gekommen waren. Detlev war überraſcht, auch hier noch ziemlich Alles in der frühern Einrichtung zu finden, obgleich unſere Altvordern darin ſelten wechſelten und das Hausge⸗ räth, Schränke, Tiſche, Seſſel auf längere Dauer gear⸗ beitet wurde, als heut zu Tage; er hatte aber gemeint, die Schwedin werde Vieles nicht nach ihrem Sinne gefunden und geändert haben. Das war ihm nun bis jetzt nirgend aufgefallen und hätte die Hausfrau nicht eine ſo ſchlanke, zierliche Geſtalt, nicht die durchſichti⸗ gen Farben, das gelbe, in der Sonne wie Gold leuch⸗ tende Haar und die blauen Augen gehabt, welche ihre Herkunft Jedem verriethen, an dem ſonſtigen ehrbar tüchtigen Weſen würde ſie für eine gute Pommerin haben gelten können. „Du haſt ein braves Weib, Barnim!“ ſagte Detlev zu ſeinem Bruder. Dieſer ſtimmte in das Lob ein und fragte lächelnd, ob er nun das Vorurtheil, das er gegen die ſchwediſche Heirath bis jetzt gehegt, aufgegeben habe.„Vielleicht hat auch Dein Fritz die Baſe ſchon gerühmt,“ ſetzte er hinzu. „Das hat er gethan und mit Recht!“ antwortete Detlev.„Aber Dein Töchterlein— ich bin ganz ver⸗ A wundert über die Aehnlichkeit und kann die Augen gar nicht von der Kleinen abwenden! Findeſt Du es denn nicht?“ „Aehnlichkeit? Mit ihrer Mutter doch nicht?“ fragte Barnim.„Nur in der Größe und Geſtalt, ſonſt doch kein Zug!“ „Mit ihrer Mutter freilich nicht!“ rief Detlev „Mann, biſt Du denn blind? Gleicht ſie nicht unſe⸗ rer Mutter, wie ihr Bild bei mir in Wildenitz hängt, ſo ſprechend, daß es mir beim erſten Blick warm über's Herz lief?“ Barnim ſah überraſcht und verwundert auf. „Du weißt wohl gar nicht mehr, wie unſere Mut⸗ ter ausgeſehen hat?“ rief Detlev mit einer gewiſſen Heftigkeit.„Ich glaube, Du weißt nicht einmal mehr wie ſie geheißen hat— es war freilich ein alter, ſchlichter Name—“ „Thu' mir nicht Unrecht!“ unterbrach ihn Barnim. „Werd' ich die Mutter vergeſſen und daß ſie Nette Zitzewitz geheißen hat. Aber das Bild, was bei Dir in Wildenitz hängt, noch von ihrem Brautſtande her, hab' ich ja in meinem Leben nicht geſehen, Du haſt es ja erſt von ihrem Bruder bekommen, da ſie es bei ih⸗ rer Heirath den Eltern daheim laſſen mußte— unſer Vater hat es uns einmal erzählt, wie ſehr er darum —, ——-.„——4 tte ir 25 gebeten und wie es ihm der alte Zitzewitz abgeſchlagen hat: Nimmſt Du mir das Kind, muß ich wenigſtens ihr Bild behalten. Du ſiehſt, ich habe auch ein gutes Gedächtniß, aber in den Jahren, da wir die Mutter gekannt, und wie ich ſie noch in Gedanken habe, kann ich miris nicht denken, daß meine Erika ihr ähnlich ſehen ſoll.“ „Ich meine auch nur das Geſicht und die ſchwarz⸗ braunen Haare und die treuen Augen, wenn ſie Einen einmal anſieht,“ erwiederte Detlev beſänftigt.„So hoch gewachſen und ſo fein gebaut iſt wohl unſere Mutter in ihrem Leben nicht geweſen— aber das Geſicht, ſag ich Dir, Barnim, das Geſicht, als ob ich das Bild vor mir ſehe.“ „Das freut mich!“ ſagte Barnim.„Da wirſt Du mein Kind recht lieb haben.“ Detlev reichte ihm die Hand und drückte ſie mit ſeiner Bärenkraft, ohne ein Wort zu erwiedern. „Nun ſchlaf wohl! Ich habe Dir noch einen fri⸗ ſchen Nachttrun hinſtellen laſſen— ſchlaf geſund und träume von der alten Zeit, wo wir hier oftmalen noch lange pla derten und Anſchläge machten für die Zukunft Wie iſt Alles doch ſo anders gekommen!“ Er trennte ſi, von dem Bruder mit einem herzlichen Blicke, den di ſer rwiederte. —„——.— —————— ——,————— 2 zutites Kapitel. —— Alte Zeiten. „Dem erſten Tage des Wiederſehens folgte eine ganze Reihe, die in ähnlicher Weiſe verliefen. Auch der Streit der Meinungen zwiſchen den Brüdern blieb nicht aus. Detlev, der Aeltere, welcher ſeine pommerſche Heimath niemals verlaſſen und darum keinen erwei⸗ terten Geſichtskreis, die allgemeinen Weltbegebenheiten umfaſſend, genommen hatte, war in den alten Geſchich⸗ ten ſeines Landes wohl bewandert und ſprach mit Porliebe von der Zeit, die er ſelbſt als Jüngling noch durchlebt hatte, wo Pommern noch ein ſelbſtſtändiges Fürſtenthum war und der uralte Greifenſtamm, der es beherrſchte, kräftige Sproſſen genug beſaß, die ſeine ne ich eb ei⸗ ten mit och es es ine 7 Fortdauer auf Jahrhunderte zu ſichern ſchienen. Schlag auf Schlag hatte ſie dann gefüllt, bis das Pommer⸗ volk— um die Worte eines neueren Geſchichtſchreibers zu gebrauchen—„ſeiner Selbſtſtändigkeit verluſtig, zertreten in ſeinem Rechtsgefühl, durch die Prüfungen eines kurzen Menſchenalters aus halbtauſendjähriger ſpröder Selbſtbeſtimmung, zu gefügigen Unterthanen fremder Staatszwecke umgewandelt, getheilt wurde.“ — Dies kurze Menſchenalter hatten die Brüder von Krokow mit durchlebt, aber nur auf den Aeltern war die ganze Schwere deſſelben gefallen, der Jüngere, wel⸗ cher dem ſieghaften Heere der Schweden ſich angeſchloſ⸗ ſen, hatte davon wenig empfunden. Barnim fand es auch gerechtfertigt, daß Schweden nach dem Rechte der Eroherung einen Theil von Pommern ſich gewahrt hatte und gab wenig auf Detlev's, den alten landkun⸗ digen Verträgen entnommene Beweiſe, daß Pommern ungetheilt dem Hauſe Brandenburg habe zufallen müſ⸗ ſen. Vergebens ſchilderte Detlev mit lebhaften Farben, was das Land, ſeit die Schweden zuerſt den Fuß auf deutſchen Boden geſetzt, durch dieſelben gelitten hatte, die Gewaltthätigkeit, mit welcher ſchon Guſtav Adolf verfahren, pommerſche Lehen und Güter an ſeine Die⸗ ner noch bei Lebzeiten des Herzogs verſchenkt, wie Steen Bjelke, der ſchwediſche Legat, dann gewirthſchaf⸗ — — 28 tet, bis er zu Stettin vor Schlemmen und Praſſen in ſeinem Fette erſtickt war, wie das Schloß zu Stettin kahl ausgeplündert worden, alle Paneele und Orna⸗ mente abgeriſſen und fortgeſchleppt und die Leiche des Herzogs dort ſiebzehn Jahre unbeſtattet geſtanden, weil die Schweden ſich wohl das Erbe gefallen laſſen, aber nicht die Koſten zum fürſtlichen Begräbniß hatten her⸗ geben wollen. Barnim fand das Alles traurig, aber der Krieg bringe eben viele Drangſale mit ſich und was die letzte Anſchuldigung betraf, ſo meinte er, daß Chur Brandenburg, welches doch auch am Erbe Theil genommen, wohl ebenſo gut, als die Krone Schweden, verpflichtet geweſen ſei, für eine fürſtliche Beſtattung des Erblaſſers zu ſorgen. Frau Ebba, in deren Gegenwart gerade dieſer Punkt berührt worden, der ihr weibliches Gefühl em⸗ pörte, fragte nach den nähern Umſtänden und ob der Herzog nicht treue Diener gehabt, die ihm die letzte Ehre hätte erweiſen können. „Daran hat es ihm nicht gefehlt, Frau Schwägerin,“ erwiederte Detlev.„Ihrer Fünf waren es— ſie ſind nun alle heimgegangen— treue Pommern von altem Geſchlecht, die ihres Herrn Gebeine im Schloße zu Stettin hüteten. Ich kann ſie Euch alle nennen. Das war der Ober⸗Marſchall Chriſtof von Hohn, der Ober⸗ 29 Kämmerer Matzke Borke, dann Heinrich von Schwichow, Ernſt von Raum und Chriſtof von Mildenitz. Aber ſie waren, wie auch unſer Vater Jvachim, verarmt,— was konnten ſie thun! Ja, Barnim, auch nnſer Vater wußte damals nicht, wie er ſich durchbringen ſollte! Herzog Bogislaw hatte ihn, als nach der Niederlage von Steinau Anno Dreiunddreißig, die Kaiſerlichen über Landsberg den weichenden Schweden folgten, zum Ob⸗ riſten über die Landfolge und die Geworbenen beſtellt — und wir ſchlugen auf den Buchheim bei Landsberg — aber der Sold und die Erſtattung aller Unkoſten blieb rückſtändig, denn was das Land ſteuern konnte floß den Schweden zu, die uns für dieſe Defenſions⸗ ſteuer doch nicht ſchützten. Verzeiht Frau Schwägerin, wenn ich in der Hitze gegen Eure Landsleute etwas ſage, aber der Barnim reitzt mich dazu.“ Er hatte wirklich bisher mit einem Zartgefühl, das man nicht in ſeiner derben Natur geſucht hätte, in Ebba's Gegenwart ſich gemäßigt und Alles vermie⸗ den, was ſie hätte verletzen können. Barnim hatte es ihm gedankt und wußte auch heut dem Geſpräche bald eine andere Richtung zu geben. „Das haſt Du ja noch nie erzählt, Detlev, daß Du mit ausgezogen biſt und die Kaiſerlichen haſt ſchla⸗ gen helfen?“ ſagte er. eee 30 „Was iſt davon viel zu erzählen!“ erwiedete Det⸗ lev.„Es verſteht ſich doch wohl von ſelbſt, daß wenn den Herzog die Ritterſchaft und das Landvolk aufbietet und unſer Vater zum Obriſten beſtellt wird, ich nicht daheim bleiben werde Es gab ein recht friſches Gefecht bei Landsberg und Buchheims Reiter haben unſere pommerſchen Fäuſte gefühlt. Die Hieſigen— ich meine die Vorpommern, zu deren Obriſten die Regierung in Wolgaſt den Philipp Ludwig von Putbus beſtellt— kamen zu ſpät, der Tanz war ſchon vorbei: und über⸗ haupt verzog ſich das Ungewitter von unſern pommer⸗ ſchen Gränzen nach Süddeutſchland, wo es bei Nörd⸗ lingen zum Klappen kam— nicht wahr Herr Bruder?“ „Ja wohl! antwortete Barnim trocken. Die Erin⸗ nerung an die Schlacht von Nördlingen welche er bei⸗ gewohnt hatte war ihm keine beſonders angenehme: hier waren die Schweden entſcheidend geſchlagen, Guſtav Horn gefangen, und Bernhard von Weimar, mit ſammt den ſüddeutſchen proteſtantiſchen Fürſten, welche die Rache des Kaiſers fürchteten, zur Flucht nach Frank⸗ reich gezwungen worden, um dieſe Macht nun auch in den deutſchen Krieg zu ziehen, während die Reſte des ſchwediſchen Heeres bis an die Oſtſee zurückwichen und ſomit Alles verloren ſchien, was Guſtav Adolf gewon⸗ nen hatte. 34 „Alte Geſchichten, Detlev“ fügte Barnim hinzu. „Dreiundzwanzig Jahre her!“ Sie kamen aber doch immer wieder auf dieſe al⸗ ten Geſchichten zurück und es gab deren auch, bei wel⸗ chen beide Brüder mit gleichem Wohlgefallen verweil⸗ ten. Das war die Zeit, welche ſie als Edelknaben am glänzenden Hofe des kunſtſinnigen und ritterlichen Herzogs Philipp des Zweiten verlebt hatten, in Wahr⸗ heit Pommerns Blütezeit. Man hat der„deutſchen Kleinſtaaterei“ in unſern Tagen ſo viel Böſes nachge⸗ ſagt und eine Parthei möchte mit ihr in aller Haſt mit„geſetzlichen Mitteln“ oder auch mit brutaler Ge⸗ walt ein ſchnelles Ende machen, um deutſcher Nation Herrlichkeit über Nacht wieder aufzurichten Es ver⸗ lohnt ſich, der Gerechtigkeit nach, daher wohl auch einmal darauf aufmerkſam zu machen, wie gerade die Fürſtenhöfe, die über Deutſchland verſtreut waren, zur reichen und vielſeitigen Entwickelung des geiſtigen Le⸗ bens in unſerem großen Vaterlande beigetragen haben — will man vergeſſen, daß wir Fürſtengeſchlechter be⸗ ſeſſen haben, die ſich wohl den Eſte, den Medici, ver⸗ gleichen laſſen? So hatte auch Pommern, auf deſſen Land und Leute jetzt manche Wortführer mit dem ge⸗ ringſchätzigen Lächeln der Unwiſſenheit herabblicken, ſeine Glanzperiode unter der Regierung jenes oft ge⸗ —— — 8„—„— W —— nannten Fürſten, deſſen bezaubernde Perſönlichkeit noch vierzig Jahre ſpäter den Brüdern, welche an ſeinem wahrhaft vornehmen und doch gemüthlichen, von ſteifer Etikette freien Hofe gelebt, in hellſter Erinnerung lebte. Sie riefen ſich jene Tage oft in das Gedächtniß zurück. Jeder wußte kleine Züge beizutragen, um das Bild in voller Farbenfriſche herzuſtellen, und Frau Ebba lauſchte ihren Schilderungen mit wahren Antheil. Beſonders war es der letzte Herbſt vor dem Tode des ſinnigen und frommen Fürſten, deſſen ſie mit Vorliebe in Gaſt auf wiederholte Einla⸗ gedachten. Da war e dung des Herzogs am Hofe zu Stettin erſchienen, vor Pommerlande mit welchem ſich Alles, was man dem Recht Gutes nachrühmen konnte, im ſchönſten Lichte entfaltet hatte; nicht etwa ein fürſtlicher Standesgenoſſe, ſondern nur ein Augsburger Patricier, aber freilich ein hochgebildeter Kunſtfreund, als ſolcher berühmt und von dem Herzoge ſchon früher gewonnen, um ſeine reichen Sammlungen durch Erwerbungen ſüddeutſchen Kunſtfleißes zu vermehren. Auch auf jener Reiſe brachte in Meiſterſtück mit, den berühmten Schreibtiſch, er ei welcher jetzt als eines der ausgezeichnetſten die Kunſt⸗ kammer des Berliner Muſeums ziert. Philipp Hain⸗ hofer hieß der Augsburger und die Brüder von Kro⸗ kow waren unter den Hofjunkern geweſen, welche ihn 33 bei ſeiner Ankunft in Stettin bewillkommt und zuerſt, nach frommer Sitte, in die reich geſchmückte Schloß⸗ kirche zur Predigt geführt. Sie hatten dann während ſeiner ganzen Anweſenheit, die vom Bartholomäitage bis Ausgang September dauerte, allen Luſtbarkeiten und Ausfahrten beigewohnt, durch welche das herzog⸗ liche Paar dem Gaſte ſeinen Aufenthalt angenehm zu machen geſucht und ihm das norddeutſche Land, von welchem der ſchwäbiſche Reichsſtädter wohl auch nur gering gedacht, in ſeinen Vorzügen gezeigt hatte. Da⸗ bei war den Zünglingen vielleicht zum erſten Male ein Verſtändniß all' der Herrlichkeit aufgegangen, welche an Kunſtſchätzen in Marmor, Bronce, an Zeich⸗ nungen und Miniaturen, Elfenbeinarbeiten, artigen mechaniſchen Spielereien und Luxusgegenſtänden in allen Stoffen und Metallen in den Gemächern ihres Herrn aufgehäuft waren; Barnim hatte in ſeinem Kriegsleben das wohl wieder vergeſſen, aber Detlev mahnte ihn daran und wußte Vieles der geſpannt zu⸗ hörenden Wirthin ſo anſchaulich zu ſchildern, daß ſie es vor ſich zu ſehen glaubte.„Wo iſt das Alles ge⸗ blieben!“ war dann immer ſein ſchmerzlicher Aufruf und ſie ſenkte die Augen, denn ſie konnte ſich die Ant⸗ wort darauf wohl denken. Des Herzogs Stammbuch vor Alle intereſſirtem Guſeck, Karl X. Guſtav. 1. 5 ſie. Es war eine Sammlung der feinſten Miniaturen und Handzeichnungen berühmter Meiſter geweſen, Sinn⸗ bilder, Wappen und Bildniſſe fürſtlicher Zeitgenoſſen mit ihren Unterſchriften, Emblemen und Sinnſprüchen im Geſchmacke der Zeit, Schildereien aus der heiligen und weltlichen Geſchichte, Landſchaften hatten daſſelbe geziert und zu einem unübertroffenen Schatze gemacht, welchen unach dem Tod des Herzogs ſein Bruder und Nachfolger, Bogislaw XIV., ſorgfältig aufbewahrt hatte.„Wo iſt es jetzt?“ ſchloß Detlev ſeine lebhafte Schilderung.„Kein Menſch weiß, wo es geblieben iſt!“ — In der That iſt dies koſtbare Stammbuch, für die Kunſtgeſchichte gewiß von unſchätzbarem Werthe, nach dem Erlöſchen des pommerſchen Herzogsgeſchlechts ſpur⸗ los verſchwunden! Wer es ſich angeeignet? Ob es vielleicht jetzt noch, vergeſſen und verdorben, in einem alten Schrein auf dem Familienſitze eines der damali⸗ gen Kriegsmänner ruht— oder ob es in vandaliſcher Weiſe vernichtet worden iſt, wer mag es wiſſen! Barnim hörte nicht gern davon und erzählte ſei⸗ ner Frau lieber von den Feſtlichkeiten zu Ehren des Augsburgers, als von den Beſichtigungen der Kunſt⸗ ſchätze. Herzog Philipp hatte den unvermeidlichen Zech⸗ gelagen nicht immer beigewohnt, welche für ihn ſein Bruder, der ſeurige Ulrich, als Reiter und Jäger weit 35 und breit berühmt, abhalten mußte, doch ſchützte er, wenn er zugegen war, ſeinen Gaſt vor dem allzu ſtar⸗ ken Zutrinken, da er mit pommerſchen Kehlen nicht Strich halten konnte. Die Herzogin Sophia nahm ſich ſeiner an, wenn er darunter doch gelitten hatte, ſchickte ihm dann ein Süpplein aus ihrer Küche oder heilſame Kränze von duftenden Kräutern in den Hut zu legen, welche dagegen ſchützen ſollten. Nach Kolbatz und Frie⸗ drichswalde, den herzoglichen Vorwerken, ging es dann, zur Jagd nach Gollnow und Stepenitz auf die reich⸗ beſtandenen Wildbahnen nach der Inſel Griſtow bei Kamin, wo Haſen gehegt wurden und zuletzt nach dem Witwenſitze der Gemahlin weiland Barnim's XI. zu Wollin, wo die noch immer lebensfrohe alte Dame ihren Gäſten ein munteres Tanzfeſt bereitete, das aus dem Schloſſe zu Stettin, wie jede rauſchende Muſik, ſeit dem Tode eines geliebten Bruders, verbannt war. Hainhofer hat das alles in ſeinem Tagebuche beſchrie⸗ ben und dadurch der Nachwelt ein bis in die kleinſten Züge ausgeführtes Bild des Fürſtenlebens damaliger Zeit gegeben, nicht minder auch das noch unverdor⸗ bene Gepräge des Geſellſchaftslebens unter dem ritter⸗ lichen Adel Pommerns, die Pflege der Wiſſenſchaft auf der Univerſität Greifswald, welcher die Räthe, die Theologen, Juriſten und Aerzte des Londes entſproſſen 3 und neben dieſen geiſtigen Gütern den Wohlſtand, die Blüte Pommerns bekundet. Er ſchied von dort Ende Septembers 1617; ſein fürſtlicher Wirth, ſchwermü⸗ thig ſchon ſeit Jahren, ohne dadurch dem Leben ſelbſt in äußerlichen Dingen entzogen zu ſein, ſtarb wenige Monden ſpäter, am 3. Februar 1618, in dem ver⸗ hängnißvollen Jahre, wo in Böhmen der Krieg ent⸗ brannte, welcher Deutſchland zerrüttet hat! „Wo blieb dann die Witwe des Herzogs, da er keine Kinder hinterließ?“ fragte Frau Ebba.„Folgte ſie ihrem Gemahl bald?“ Barnim wußte es nicht und ſah ſeinen Bruder auffordernd an. „So viel ich weiß, lebt ſie noch in dem ehema⸗ ligen Nonnenkloſter in Treptow— ich meine unſer Treptow an der Roya“— antwortete Detlev.„Sie hatte ſich dort einen kleinen Hof eingerichtet und führte ein zurückgezogenes ehrbares Witwenleben. Unſer Vater hat ihr einmal die Aufwartung gemacht— ich war aber nicht mit.“ Bei dieſen Geſprächen war Erika zuweilen auch eine Zuhörerin, welche des Oheims Erzählungen aus vergangenen Tagen mit dem größten Antheil lauſchte. Er hatte das junge Mädchen, deſſen ſittſames und an⸗ muthiges Weſen ihm überaus wohl gefiel, ſehr lieb ge⸗ * 8— 3— 37 wonnen, wozu die Aehnlichkeit mit ſeiner verſtorbenen Mutter viel beitragen mochte. Ueber dieſe war Frau Ebba, welche von ihrem Manne noch nichts davon gehört, ſehr überraſcht geweſen, ſie hatte ſich gewun⸗ dert, daß Barnim die Mutter ſo wenig in Erinnerung behalten, trotz ſeiner Erklärung, daß er ſie nur in ih⸗ ren ſpätern Jahren gekannt wo ſie ſich gegen die Zeit, in wechen ſie als Braut gemalt worden, ſehr verändert haben wüſſe Auf Erika, als ſie zuerſt davon gehört, hatte die Mitheilung einen räthſelhaften Eindruck ge⸗ macht; erſt war ſie tief erröthet und die beſprochene Ahnlichkeit dadurch hervorgetreten, wie der Oheim ganz aufgeregt behauptete, dann aber war ſie unverkennbar traurig geworden, was ſogar den beiden Männern auf⸗ gefallen war. Der Vater hatte die Mutter gebeten, nach der Urſache zu fragen, was dieſe jedoch aus guten Gründen die eben nur eine Mutter verſtehen konnte, unterlaſſen und auf ihrem Gemahl der es dann ſelbſt thun wollte, ausgeredet hatte, freilich ohne ihm alle ihre Gründe zu entdecken. Sie wollte nicht vor der Zeit zum Bewußtſein bringen, was ahnungslos noch im Herzen ihres Kindes ſchlummerte und villeicht zu ihren Glücke gar nicht erwachte. Doch bemerkte ſie, daß Erika, welche Anfangs vor dem Oheim eine ge⸗ wiſſe Scheu gezeigt, mehr und mehr Vertrauen gegen —— e 38 ihn gewann und bald, wenn er ihr freundlich begegnete in der offenen Weiſe, welche das Entzücken ihrer Mut⸗ ter war, mit ihn zu plaudern begann. Er nahm ſie zuweilen mit ſich, wenn er nach ſeiner Gewohnheit, einen großen Stock in der Hand, weite Spaziergänge antrat durch die Felder, wo das Getreide in wogen⸗ den Halmen der Ernte entgegen reifte oder an das Ufer des langgeſtreckten Sees, wo ihn Erika, die eine gewandte Schifferin war, auf ihrem Kahne hinaus⸗ ruderte in das klare Waſſer und ihm dann ihrerſeits Märchen erzählte, wie ſie im Munde des Volks über den See und deſſen Niren ſich erhalten hatten. Herrn Detlev behagte dies Stillleben, das zu⸗ weilen aber auch durch Beſuche guter Nachbarn luſtig unterbrochen wurde, vortrefflich, er fühlte ſich in Loſſin, wo er ſeine glückliche Knabenzeit verlebt hatte, wieder ganz zu Hauſe und Barnim, welcher das zu ſeiner Freude wahrnahm, wollte ſchon wieder mit ſeinem Vor⸗ ſchlage, daß der Bruder dauernd ſeinen Wohnſitz hier aufſchlagen möge, hervortreten, aber Ebba warnte ihn. Sie war der Meinung, man müſſe ihn ſich ſelbſt über⸗ laſſen, dann werde ſich mit der Zeit Alles finden. Der Hausherr müſſe nur vermeiden, was ihm den Aufent⸗ halt verleiden könnte, den ewigen Streit um die Welthändel. Barnim bemerkte jedoch lächelnd, das ge⸗ höre zu Detlev's Wohlbefinden, der Streit werde ja auch ſtets in aller Brüderlichkeit geführt. Die Welthändel, von denen in jener Zeit bei den geringen und beſchwerlichen Verbindungen die Kunde ſich nur langſam verbreitete, rückten nun dem Pommer⸗ lande, welches ſich ſeit dem Frieden, wenn auch unter fremder Herrſchaft, der Ruhe erfreut, und einigerma⸗ ßen erholt hatte, wieder näher. Ein Nachbar, der in der Mark geweſen war, brachte die Nachricht mit, daß ein polniſcher Kriegshaufe verheerend in das bran⸗ denburgiſche Gebiet jenſeit der Oder, die Neumark ge⸗ nannt, eingefallen ſei, um den Churfürſten für ſeinen Abfall von der Krone Polen zu ſtrafen, und ihn durch die Verwüſtung ſeines Landes zu bewegen, von dem Bündniſſe mit Schweden abzulaſſen. „Denkt Ihr, mein Herr iſt eine Wetterfahne, Herr von Podewils?“ fuhr Detlev auf. „Ich denke, daß Se. churfürſtliche Gnaden ein ſtaatskluger, hochbegabter Fürſt, wie auch ein Kriegs⸗ haupt von unübertrefflichem Geiſte iſt,“ erwiederte Po⸗ dewils bedächtig.„Der Bund mit Schweden, ſo hoch ich als ſchwediſcher Unterthan den Churfürſten dafür beloben muß, war kein freiwilliger. Als Vaſall hätte er mit der Krone Polen gehen müſſen, als dieſe den Krieg auf leichtſinnige Weiſe herausforderte, weil ſie 40 unſern gewaltigen König und Herrn, den Karolus Guſtavus, nicht kannte. Dieſer nahm den Fehdehandſchuh frendig auf und bewog durch ſeine Macht, welcher Brandenburg nicht gewachſen war, den Churfürſten ſich ihm anzuſchließen, wovon der König— wer wollte das läugnen?— großen Vortheil gehabt hat, ſowohl durch das kriegeriſche Ingenium Friedrich Wilhelms, als die Tapferkeit der Brandenburger. Aber nun erwä⸗ get, lieber Herr! Der Churfürſt hat freilich die Lehns⸗ hoheit Polens abgeſchüttelt und von Schweden die Sou⸗ veränetät erhalten, aber wird er ſie behaupten können, wenn unſer Herr ihn fernerhin nicht mit ſeiner vollen Macht unterſtützen kann? Es geht draußen ſchwach, Herr Bruder,“ wandte er ſich an Barnim, welcher den Redſeligen gern gewähren ließ,„ich habe erſt geſtern wieder Uebles gehört!— Nun ſetzt alle Möglichkei⸗ ten,“ fuhr er gegen Detlev fort.„Wir haben einen däniſchen Krieg vor der Thüre, der König muß herein⸗ kommen. Die Polen haben ſchon im vorigen Jahre wieder Oberwaſſer bekommen, ſie ſagen, weil der König ſich und ſein Königreich der Jungfrau Maria geweiht — wir Proteſtanten wiſſen, was wir davon zu denken haben! Ob er ſich mit der Judenverfolgung Geld ge⸗ ſchafft, ich weiß es nicht. Aber eine Conföderation ha⸗ ben die Magnaten für den König geſchloſſen— ich bin 41 bekannt dort Der Großfeldherr der Krone, Potocki, der Lagermarſchall, ſein Vetter, viele Wojwoden, fer⸗ ner der Caſtellan von Kijow, Stephan Czarnecki, einer ihrer tüchtigſten Kriegsmänner und der Wojwode von Podlaſien, Peter Opalinski— das iſt eben der, wel⸗ cher jetzt in der Neumark hauſt. Die können eine be⸗ deutende Macht in's Feld ſtellen. Dazu kommt Oeſter⸗ reich. Das hat ſich mit Polen verbündet, allerdings gegen Vorausbezahlung einer erklecklichen Summe und Verpfändung von Krakow, Poſen und Thorn. Soll nun der Churfürſt von Brandenburg dieſer Uebermacht die Stirn bieten? Wenn er einen guten Frieden mit Polen machen kann— wahrlich, kein Menſch darf ihn deshalb ſo benamſen, wie Ihr mir vorher imputirt habt.“ „Ich kann mit Euch keine Lanze brechen, Ihr habt zu Greifswald ſtudirt und ich bin nur ein einfacher Hinterpommer,“ antwortete Detlev.„Das aber ſeid überzeugt, mein Herr, der Churfürſt, wird immer nur nach Ehren und Treuen handeln.“ „Gewiß und auch, wie er es der Größe und dem Gedeihen ſeines Reiches und ſeines Hauſes ſchuldig iſt!“ erwiederte Podewils. „Was haſt Du denn geſtern Uebles aus Polen gehört?“ fragte Barnim.„Du weißt, mein Sohn iſt draußen.“ 2 „Der Prinz von Anhalt⸗Deſſau hat Konitz über⸗ geben,“ antwortete Podewils.„Der Ort iſt wichtig — es war die erſte Feſte, welche die deutſchen Ritter unter Hermann Balk im Lande Preußen gebaut haben; der König hatte ſie erobert und den jungen Prinzen von Anhalt mit 600 Mann hineingelegt. Sie haben ſich eine lange Weile tapfer gegen eine ſtarke polniſche Armee defendiret, ungeachtet die Fortification des Platzes bei der heutigen Kriegskunſt wenig bedeutete; als aber der König von Polen in Perſon zur Belage⸗ rung kam, konnte ſich der junge Deſſauer nicht mehr halten, ſondern ergab ſich auf Accord, mit allen Eh⸗ renzeichen abzuziehen.“ „Davon habe ich ſchon gehört— es iſt alſo wahr?“ ſagte Barnim kopfſchüttelnd.„Weiter nichts?“ „O ja,“ erwiederte Podewils.„Dann hat auch der Graf von Waldeck mit ſchwediſchen und branden⸗ burgiſchen Völkern bei Olesko eine Niederlage durch den Unterfeldherrn von Litthauen, Vincenz Corvin Gonſierski, erlitten.“ „Brandenburger?“ rief Detlev.„Wißt Ihr viel⸗ leicht, welche Regimenter? Ich habe auch einen Sohn draußen.“ Podewils konnte ihm keinen Beſcheid geben. „Wo iſt aber, frag ich, der König?“ fuhr Detlev 13 lebhaft fort.„Seine Garniſonen im eroberten Lande müſſen ſich ergeben, ſeine Hilfsvölker werden geſchla⸗ gen— wo iſt der gerühmte Held, daß er nicht wie Gottes Wetter auf den Feind niederſchmettert?“ Podewils zuckte die Achſeln und wußte nichts zu ſagen.„Der König kann nicht mehr in Polen ſein!“ nahm Barnim entſchieden das Wort.„Wenn er noch draußen wäre, könnten die Sachen nicht dieſe Wendung nehmen, das kann ich wohl ſagen, der ihn ſchon in jungen Jahren auf dem Schlachtfelde bei Breitenfeld Anno Zweiundvierzig geſehen hat— und von all ſei⸗ nen Kriegsthaten wohl unterrichtet iſt. Sorge darum nicht, Detlev, Karl Guſtav wird mit allen ſeinen Fein⸗ den fertig werden, wenn ſie auch wie Pilze aus der Erde aufſchöſſen! Sage mir aber, Herr Bruder,“ wandte er ſich wieder an ſeinen Nachbarn Podewils, „Du biſt in Polen ſo bewandert, als hätteſt Du Kund⸗ ſchaft dort? Wirſt doch nicht? Gut ſchwediſch biſt Du nimmer geweſen, weil ſie bei Dir in Haus Demmin bei der Belagerung der Feſte arg gewirthſchaftet haben!“ „Gut pommerſch bin ich und werde ich bleiben!“ ſagte Podewils und Detlev reichte ihm erfreut die Hand.„Der König von Schweden iſt mein Landes⸗ herr,“ fuhr er fort,„und ich ehre ihn hoch, werde ihm als Herzog von Pommern die Treue nimmer ver⸗ letzen, aber daß ich für die Beſchädigung, die wir Alle erfahren haben, auch gut ſchwediſch ſein ſoll, kann kein Menſch von mir verlangen. Warum ich die polniſchen Geſchichten ſo gut weiß, will ich Dir ſagen, Barnim. In Demmin, nicht bei mir, ſondern in der Stadt, wohnt ſeit Kurzem ein geiſtlicher Herr, der aus Polen gebürtig iſt und ſein Vaterland vor fünf Jahren mit dem Kanzler Radziejowski, deſſen Kaplan er war, hat verlaſſen müſſen. Ihr kennt die Geſchichte nicht, und doch trägt der geflüchtete polniſche Kanzler viel Schuld an dem jetzigen Kriege, der uns noch manches Unge⸗ mach auf den Hals ziehen kann. Warum ſich der wür⸗ dige alte Kaplan von ſeinem Herrn in Stockholm ge⸗ trennt hat, weiß ich nicht— er hat aber dort einen Kaufmann aus Demmin, der katholiſch iſt, kennen ge⸗ lernt und bei ihm, bis er wieder in ſein Vaterland zurückkehren kann, eine Freiſtatt angenommen. Der iſt es, nicht ich, Herr Bruder, welcher Kundſchaft in Polen hat und fleißig Nachrichten einzieht. Ich bin mit ihm bekannt geworden und laſſe mir gern von ihm erzählen.“ „Was iſt das für eine Geſchichte mit dem polni⸗ ſchen Kanzler, welcher Schuld an dem jetzigen Kriege hat?“ fragte Detlew.„Wollt Ihr ſie uns mittheilen, Herr von Podewils?“ „Eine ſaubere Geſchichte!“ antwortete dieſer, ſtets zur Erzählung bereit. Hieronymus Radziejowsky war Unterkanzler der Krone Polen und hatte eine junge, muntere Witwe geheirathet, Eliſabeth Slußka hieß ſie — der Kaplan hat mir alle Namen genannt— ihr erſter Mann war der Kronhofmarſchall Kazanowski geweſen. Die hatte auch der König Johann Kaſimir ſchön gefunden und ſie war nicht grauſam gegen ihn geweſen. Der beleidigte Mann war ſchon auf das Aeußerſte gereizt, da reichte ſie, durch den König ver⸗ anlaßt, eine Scheidungsklage gegen ihn ein, und bemäch⸗ tigte ſich mit Hülfe ihres Bruders ſeines Palaſtes, wobei einige ſeiner Diener erſchlagen wurden. Polniſche Wirthſchaft— nicht wahr? Er konnte keine Gerech⸗ tigkeit erlangen, was blieb ihm übrig, als Gewalt wider Gewalt? Wir hätten Alle nicht anders gehan⸗ delt! Mit einigen Freunden, mazowiſchen Edelleuten, wie mein Kaplan ſagt, vertrieb er die Räuber mit ſammt ſeiner Frau, der Königsgeliebten, aus ſeinem Hauſe. Dafür wurde er vor dem Marſchallsgericht auf Leib und Leben angeklagt und zum Tod verurtheilt; feine Frau und ihr Bruder kamen mit einer kleinen Geldbuße und geringer Haft, die nur ſo genannt wurde, fort. Der Mann floh aber, kam nach Wien und von da nach Schweden, gerade als die Königin Chriſtina ———— ——— ihre Krone niedergelegt und ihr Vetter, der Pfalzgraf Karl Guſtav, unſer jetziger Herr den Thron beſtiegen hatte. Dagegen war nun der polniſche Geſandte Ka⸗ nazil, wie es heißt, aus übergroßem Eifer auf eigene Hand mit einem Proteſt aufgetreten, weil ſein Herr, aus dem Hauſe Waſa, der Sohn König Sigismunds, welcher König von Polen und Schweden geweſen und in Schweden, wegen ſeines angenommenen katholiſchen Glaubens abgeſetzt worden war, der nächſte und rechte Erbe der ſchwediſchen Krone ſei. So fand der gewe⸗ ſene Kanzler die Sachen, als er nach Stockholm kam und daß er Oel in's Feuer gegoſſen, um den ohnehin kriegeriſch geſinnten Karl Guſtav gegen ſeinen Todfeind, den König von Polen, welcher ihn nachträglich hatte für ehrlos erklären und wegen eines gefälſchten Brief⸗ wechſels mit den abtrünnigen Koſaken zum zweiten Male zum Tode verurtheilen laſſen, daß er, ſag' ich, den Schwedenkönig gereizt, für jenen übermüthigen Proteſt und daß Johann Kaſimir bereits den Titel eines Königs von Schweden angenommen⸗ Rache zu nehmen, könnt Ihr Euch wohl denken“. „Das nennt man Gerechtigkeitspflege!“ ſagte der ältere Krockow, ſeinen ſtarken, grauen Bart aufſtutzend. „Dergleichen könnte wohl in keinem andern Lande vor⸗ kommen“. 47 „Lieber Bruder,“ entgegnete Barnim,„wir wollen demüthig an unſere eigene Bruſt ſchlagen Denke an die arme Sidonia Borck!“ Detlev blickte ihn vorwurfsvoll an. Auch dieſer Punkt war eine der Streitfragen, über welche ſie ſich nicht einigen konnten. Jenes Fräulein von Borck, acht⸗ zig Jahre alt, einem der vornehmſten und reichſten pommer'ſchen Geſchlechter entſproſſen, war durch ein Gewebe der hinterliſtigſten Verfolgung und Ungerech⸗ tigkeit, freilich auch in Folge des Haſſes, den ſie ſelbſt von vielen Seiten verſchuldet und auf ſich geladen hatte, der Zauberei und des Mordes durch teufliſche Künſte angeklagt, und nach einem langen, verwickelten Proceſſe im Jahrc 1620, wirklich hingerichtet worden. Es iſt einer der ſchändlichſten Herenproceſſe in jener Zeit düſtern Aberglaubens. Nur gingen die Anſichten über die Verurtheilte damals weit auseinander, aber wer auch nicht an ihre Schuld glaubte, und das Ver⸗ fahren gegen ſie himmelſchreiend fand, durfte in Pom⸗ mern nicht recht davon reden, da man hier, wie an⸗ derswo, noch feſt in dem alten Wahne, der ſo viel unglückliche Opfer gefordert, befangen war. Barnim, auf ſeinen weiten Kriegsfahrten aufgeklärter geworden, hatte die beſſere Meinung gegen den Bruder von jeher vertreten, für Detlev aber bei ſeiner unbegrenzten Pie⸗ —————— 48 tät für den alten Herrſcherſtamm, war es die ſchwerſte Anklage der Sidonia Borck geweſen, daß man ihr zur Laſt gelegt, zur Ausrottung des Fürſtengeſchlechts durch ihre Teufelskünſte beigetragen zu haben. Unbedingt glaubte er zwar auch nicht an die Schuld der Verur⸗ theilten, aber es war ihm ſchon genug, daß ſie erwie⸗ ſenermaßen mit einer offenkundigen Hexe, die ihr Verbrechen eingeſtanden, einen wiederholten Umgang gepflogen hatte, und die Ausſage dieſes Weibes gegen die Borck feſt ſtand, auch ſchien es ihm eines guten Chriſten nicht würdig zu ſein, an übernatürlichen Dingen zu zweifeln und ſo war er darüber ſchon mehrmals mit ſeinem Bruder, der höch⸗ ſtens die Paſſauer Kunſt alter Kriegsgeſellen, d. h. das Feſtmachen gegen Hieb und Schuß, gelten ließ, in Streit gerathen. Auch heut würde derſelbe vielleicht wieder aufgenommen worden ſein, denn Detlev rief ſchon den Herrn von Podewils zum Schiedsrichter an, wenn nicht in demſelben Augenblicke das Fräulein vom Hauſe eilig in die Trinkſtube getreten wäre, wo die drei Männer beim Becher und eifrigen Geſpräch ſaßen. Es war⸗ das eine ſo ungewöhnliche und nach herrſchendem Begriff unſchickliche Erſcheinung, daß ſchon daraus auf etwas Beſonderes, das vorgefallen, hätte geſchloſſen werden müſſen, auch wenn man nicht Erikas freudige Aufregung und ihre leuchtenden Augen geſe⸗ n e h ſ te 18 — 49 hen hätte. Sie ſelbſt hatte wohl keine Ahnung, daß ſie einen ungeziemenden Schritt that, ſie folgte nur dem natürlichen Gefühle. Mit einem innigen Blicke rief ſie dem Vater zu, der ihr ernſt und mißbilligend entge⸗ genſah:„Der Karl Guſtav! Er komnt eben in den Hof geritten“. Alles ſprang auf.„Der König?“ fragte Detlev betroffen. Sein Bruder hörte ihn ſchon nicht mehr, er war der Tochter gefolgt, welche die Stube raſch wieder verlaſſen hatte. Guſeck, Karl X. Gnſtav. 1. 4 Prittes Kapitel. ——— Heimkehr. Der König war es nicht, nur ſein Taufpathe, welcher ihmkzu Ehren ſeine Namen führte, der Sohn des Hauſes. Ein ſchlanker junger Mann, faſt ſo groß als ſein Vater, im ſchwediſchen Reiterkoller, blau mit gelben Umſchlägen, ſtürmte, eben vom Pferde geſprun⸗ gen, die Stufen der Vortreppen empor, als der Schloß⸗ herr in die Thüre trat. „Junge, wo tommſt Du her?“ rief ihm dieſer entgegen.„Hoffentlich nicht als Flüchtling aus einem unglücklichen Feldzuge.“ Auf dem Gewaltmarſch zu einem ſieghaften!“ n mit ſtolzem Aufblick und ließ ſich erwiederte der Soh . 51 dann von ſeinem Vater in die Arme ſchließen. Erika ſtand zur Seite und freute ſich des wiedergeſchenkten Bruders, den ſie zärtlich liebte, ſie hatte ihn, zufällig hinausblickend, ſchon von Weitem erkannt und war, nur ihrem Gefühle gehorchend, gleich hineingeeilt, um den Vater zu benachrichtigen, während ſie eine Magd zur Mutter geſchickt hatte, welche im Garten beſchäf⸗ tigt war. Dieſe kam jetzt auch und ihre Augen ſtrahl⸗ ten, als ſie ihren Liebling begrüßte. Karl Guſtav war es, ſie machte ſich oft darüber Vorwürfe, daß er ihrem Herzen näher ſtand, als die Tochter, aber ſie konnte es ſich nicht abläugnen. Vielleicht war es nicht von jeher ſo geweſen, vielleicht liebte ſie ihn nur mehr, ſeit er vom Elternhauſe entfernt, die Gefahren eines blu⸗ tigen Krieges theilte und ſie täglich für ſein Leben zit⸗ tern mußte! Die beiden Gäſte waren unterdeſſen auch heraus⸗ getreten und der Oheim wurde durch eine zweite Aehn⸗ lichkeit im Hauſe überraſcht, hier aber zwiſchen zwei Lebenden, zwiſchen Mutter und Sohn. Er hatte ihren ſchlanken Wuchs, nur männlich höher und feſter, ihre ſchönen, durchſichtigen Farben, welche die Wetter der Feldzüge nur wenig zu bräunen vermocht und das kry⸗ ſtallklare blaue Auge. Wer ihn ſah, obenein in dem Reiterkoller, mußte ihn für einen Nationalſchweden hal⸗ 4* atz ng wa⸗ iche tte, 53 griff ſelbſt an, wo es Noth that, wußte aber auch durch ein bloßes Wort, ja einen Blick, ihre Leute zu handhaben, daß Alles, was ſich gehörte, vft ohne be⸗ ſtimmten Befehl auf's Beſte ausgeführt wurde. So ſtanden denn bald ein paar Schüſſeln und Teller, lan⸗ desüblich gefüllt vor den Gäſten und für den Sohn war ein friſcher Pokal aufgeſetzt, mit welchem er zuerſt dem Zutrunk, welchen Hans Podewils an ihn richtete, Beſcheid thun mußte. Dann forderte ihn der Vater auf, ſeine Meldungen, wie es einem Kriegsmanne ge⸗ ziemt, vorzutragen. „Ihr wißt, daß der König von Dänemark das Herzogthum Bremen angegriffen hat?“ begann er. Sie wußten das nicht, ſie hatten nur ein dunkles Gerücht von einer Kriegserklärung Dänemarks gehört, welche bereits im vorigen Monat ergangen ſein ſollte, nachdem große Rüſtungen vorhergegangen und alle däniſchen Grenzplätze ſtark beſetzt worden waren. „Nun, Ihr ſo nah der Grenze ſeid gut berich⸗ tet!“ ſagte der junge Krockow lachend, indem er ſein keimendes, blondes Bärtchen aufſtrich„Lullt Ihr Euch hier in Frieden ein, während das Haus ſchon brennt?“ „Wir ſcheinen allerdings beſſer aus Polen, als aus unſerer unmittelbaren Nachbarſchaft berichtet zu ſein“, ſagte der Vater, die Weiſe des Sohnes mit ————————— —————— 54 einem ſtrengen Blicke tadelnd.„Von draußen haben wir wenig gehört, deſſen ihr Euch rühmen könnt. Der Prinz von Anhalt hat in Konitz kapituliren müſſen, der Graf von Waldeck iſt im freien Felde bei Olesko geſchlagen worden— von einem Contrahiebe hörte man nirgend.“ „Mein gnädiger junger Herr von Anhalt— ich habe die Ehre, unter ſeinem Befehle zu ſtehen— war in Konitz von der zehnfachen Uebermacht belagert und zog mit Kriegsehren ab, von dem Polen⸗Könige mit der größten Auszeichunng behandelt, obſchon Konitz dieſem viel Blut ſeiner beſten Truppen gekoſtet. Den König, unſern Herrn, hatten die wichtigſten Gründe bewogen, mit ſeiner Hauptmacht die Verbindung mit Rakoczy, dem Fürſten von Siebenbürgen zu ſuchen, er allein konnte dem Kaiſer, der ſich nun mit Polen wider uns verbunden hatte, ein Gegengewicht bieten, daß er abgehalten wurde, uns allzuſtark zu bedrängen. Darum des Königs Marſch nach Opatow! Daß der Waldeck geſchlagen worden iſt, wundert mich nicht, die Bran⸗ denburger beißen nicht mehr an.“ „Wie meinſt Du das, Karl?“ fuhr der Oheim auf, die feurige Rede unterbrechend. „Verzeiht! Ihr wißt wohl auch icht: daß der Kurfürſt im Begriff ſteht, ſeinen Frieden mit Polen zu W 55 machen?“ entgegnete der junge Mann. Detlev runzelte die Stirne, Hans Podewils nickte ihm zu, da er hier, ſeine erſt heut geäußerte Anſicht beſtätigt hörte.— „Ja, Oheim,“ fuhr Karl fort,„der Bund zwiſchen Schweden und Brandenburg wird am längſten gedauert haben, und wer weiß, ob nicht bald pommer'ſche Brü⸗ der von diesſeit und jenſeit der Oder gegen einander in Waffen ſtehen werden!“ „Gott verhüte das!“ ſagte der Vater und Pode⸗ wils bekräftigte durch ein lautes Amen. „Wie verhält ſich die Sache, wenn Du ſo gut nnterrichtet biſt?“ fragte Detlev. „Der Kurfürſt iſt freilich in einer ſchlimmen Lage, das giebt der König ſelbſt zu“, antwortete Karl.„Die Macht der Feinde wächſt, Oeſterreich ſoll einige Städte und Landſtriche hart an der märkiſchen Grenze bekom⸗ men, die Nachbarſchaft gefällt dem Kurfürſten nicht— ſie verſuchen alle Mittel, ihn herüber zu ziehen, thun ſchön und ſetzen ihm feindlich zu, wie's die Gelegenheit gibt. Der Kaiſer vermittelt, Polen verſpricht den frü⸗ hern Vaſallen nicht blos Verzeihung, ſondern auch einige ſchöne Abtretungen, zu gleicher Zeit iſt eine flie⸗ gende Partei in die Mark eingefallen und ſein eigenes Land ſchreit zu ihm. Ihr ſeht, Oheim, daß die Bran⸗ 56 denburger gute Urſache haben, nicht mehr ſo anzu⸗ beißen, wie bei Warſchau im vorigen Jahre.“ „Es iſt erſtaunlich,“ ſagte der Oheim,„wie tief Du ſchon in ſo jungen Jahren in die Politica geblickt haſt.“ Karl's erregbares Blut trat bei dieſer Jronie in die Wangen und er wollte etwas darauf erwidern, ſein Vater ſchnitt ihm aber die Rede ab.—„Laſſen wir vorerſt dieſe Dinge, welche doch nur auf Vermuthun⸗ gen hinauslaufen!“ ſagte er.„Berichte lieber, wie es nun eigentlich draußen im Felde ſteht und ob der Kö⸗ nig mit ſeiner ganzen Heeresmacht abmarſchirt iſt.“ „Wie könnt' Ihr das glauben!“ entgegnete Karl. „Der König wird ja doch ſeine Eroberung nicht ſo leicht aufgeben, wenn ihm auch die wetterwendiſche Hexe Fortuna in letzter Zeit manchen kleinen Streich geſpielt hat. Noch hält Paul Würtz Krakau, die alte Hauptſtadt des polniſchen Reichs, beſetzt und der öſter⸗ reichiſche General Hatzfeld, welcher davor liegt, wird ihn ſobald nicht daraus vertreiben. Der König war, wie ich Euch ſagte, nach Opatow marſchirt, um ſeine Verbindung mit Rakoczy von Siebenbürgen zu bewir⸗ ken. Seht Ihr, Oheim, ich weiß noch mehr, wenn Ihr auch meiner, als eines vorwitzigen Gelbſchnabels ſpot⸗ tet. Ich weiß, daß es im Werke war, den Rakoczy in 57 Krakau zum Könige von Polen krönen zu laſſen und daß er deshalb die katholiſche Religion angenommen hat, er war vorher calviniſch. Aber da kamen Bot⸗ ſchaften verſchiedener Art, welche meinen Herrn, den König veranlaßten, ſich wieder nach dem ſogenannten königlichen oder polniſchen Preußen zu wenden, wo die Städte ihm von Anfang an widerſtanden, während die Ritterſchaft geneigt war, ſich dem Kurfürſten von Bran⸗ denburg, als dem Herrn von Oſtpreußen und ſomit uns anzuſchließen. Dort bei einem Städtchen Mewe lagerten wir, als der König die Nachricht erhielt, daß die Dänen das Herzogthum Bremen angegriffen hatten. Bremen, Vater, das Du unter dem Königsmark einſt im großen Kriege haſt erobern helfen! Da war denn unſers Herrn Entſchluß bald gefaßt. Er übergab ſei⸗ nem Bruder, dem Pfalzgrafen Adolf Johann, den Oberbefehl über alle Streithaufen in Polen und brach nit ſechstauſend Mann aus der Gegend von Thorn u Weſtpreußen auf, um erſt, wie Torſtenſon bei geicher Gelegenheit mit dem Vater des jetzigen Dänen⸗ knigs gethan— Ihr waret ja dabei, Vater!— um eit die Dänen zu Paaren zu treiben und dann wieder at den Hauptfeind zu fallen. So lange wird der Phlzgraf dieſem die Spitze bieten, ſo lange wird ſich au) Paul Würtz in Krakau halten können.“ 58 „Und Du biſt dem Marſche vorausgeeilt? fragte der Vater. „Der König hat mir Urlaub gegeben,“ antwor⸗ tete Karl.„Aber möglich war es kaum, da das Heer trotz der furchtbaren Hitze, die wir ausſtehen mußten, ohne Raſttage in Gewaltmärſchen vorwärts rückt und vielleicht ſchon in drei Tagen hier ſein wird.“ „Das iſt ſchwediſche Art!“ rief Barnim, welcher durch die Erinnerung an ſeine eigenen Feldzüge belebt wurde.„Wir konnten das auch! Wenn ich an unſere Märſche denke, von Schleſien nach Sachſen, von Brei⸗ tenfeld nach Böhmen nnd wieder hinunter an's Meer und nach Jütlaud gegen Chriſtian den Vierten, als der, wie jetzt ſein Sohn, den Frieden gebrochen hatte. Sie nannten Torſtenſon aber auch den Blitz— krank und gichtbrüchig, wie er dabei war!— Unſer König iſt doch wohlauf und rüſtig, wie er immer geweſen.“ „Gott ſei gelobt, ja!“ erwiederte Karl.„Vo ihm liegt noch eine lange Heldenlaufbahn!“ „Warſt Du mit in Konitz?“ fragte der Vate. „Du nannteſt den Prinzen von Anhalt Deinen R⸗ fehlshaber?“ „Das iſt er jetzt,“ antwortete der Sohn.„Ler König hat mir eine Reitercompagnie unter des Pin⸗ zen Befehl im Leibregiment der Königin anvertuut. —— —— 59 In Konitz lag nur Fußvolk und eine Handvoll Dra⸗ oner.“ „Alſo ſchon Rittmeiſter, und obenein in einem ſo vornehmen Regimente— das iſt raſch gegangen, ich gratulire!“ ſagte der Oheim. Mutter und Schweſter des jungen Mannes blickten mit Freude und Stolz auf ihn. „Wird ſich aber auch die in Polen zurückgelaſſene Macht ſo lange halten können?“ fragte jetzt Hans Podewils, der ſeine Nachrichten aus dieſem Lande doch auch zur Geltung bringen wollte.„Ich habe kürzlich von einem wohl unterrichteten Manne gehört, daß ſich dort ein Umſchwung vorbereitet hat, der nach dem Ab⸗ zuge des gefürchteten nordiſchen Löwen in immer ſtär⸗ kerem Maaße ausbrechen wird. Mein Gewährsmann hat mir dabei geſagt, daß ein Kloſter dazu den erſten Anſtoß gegeben. Der König von Polen, der vor un⸗ ſerm ſiegreichen Herrn ſchon aus ſeinem Lande nach Oppeln in Schleſien geflohen war, hatte Alles aufge⸗ geben, viele ſeiner Magnaten riethen ihm, das Unge⸗ witter zu beſchwören, indem er, da er doch keinen Sohn habe, Karl Guſtav zu ſeinem Nachfolger erkläre. Das wurde noch durch die Königin hintertrieben. In Polen aber gewannen die Angelegenheiten ein beſſeres Anſehen und das erſte Beiſpiel muthiger Vertheidigung, 60 wo ſchon ganze Landſtrecken vder Wojwodſchaften, wie mein geiſtlicher Freund ſie nennt, ſich für Schweden erklärt hatten, gab, wie geſagt, ein Kloſter, das der Pauliner⸗Mönche zu Czentſtochau, unter einem Prior, Namens Auguſtin Kordecki. Jetzt ſollen überall die Magnaten für den König, der nun wieder in ſein Land zurückgekommen iſt, die Waffen ergriffen haben und mein Kaplan prophezeiht einen allgemeinen Brand, der den wenigen, dort verbliebenen Schweden, abſon⸗ derlich, wenn der Kurfürſt von Brandenburg nothge⸗ drungen ſich von ihnen abwenden ſollte, ſehr gefährlich werden dürfte.“ „Euer geiſtlicher Gewährsmann, Herr Hans, iſt ſehr wohl unterrichtet,“ verſetzte der junge Krokow, welcher mit Verwunderung zugehört hatte.„So ſteht es in der That. Der polniſche Adel iſt kein verächtli⸗ cher Feind, im Gegentheil tapfer und ritterlich— wie überhaupt die pelniſche Nation, wer ſie näher kennen lernt, Jedem gefallen muß—“ hier brach er ſchnell ab, als habe er zu viel ſagen wollen, und ſetzte mit einem kühnen Aufblick ſeiner trotzigen, nordiſchen Augen wieder bei dem verlaſſenen Gegenſtande ein.„Wir Schweden zählen jedoch unſere Feinde nicht und wenn der König jetzt Polen wieder verlaſſen hat, ſo iſt es freiwillig geweſen, um neue Lorbeeren anderswo zu eiee — ,— 61 pflücken, nicht in ſchimpflicher Flucht, wie Johann Kaſi⸗ mir. Ich war im Gefolge meines Herrn, als er im vorigen Jahre nach dem Einzuge in Krakau die Ka⸗ thedrale beſuchte und ſich durch einen Domherrn auch die Grabmäler der alten Piaſten zeigen ließ. Es war ein alter Mann mit ſilberweißen Haaren— vielleicht kennt ihn Euer geiſtlicher Freund, Herr Hans!— er hieß Simon Starowolski, ich hörte es, wie er dem Könige vorgeſtellt wurde. Mein Herr ſtand vor dem Denkmale eines alten polniſchen Königs, den ſie Wla⸗ dyslaw Ellenlang nennen, weil er wirklich nur ein Zwerg geweſen iſt, an Tapferkeit im Kampfe und an Geiſt aber ſoll er ein Held geweſen ſein, hat auch— wie mir nachher in einer Familie erzählt wurde,— Polen nach langer Theilung wieder vereinigt. Als un⸗ ſer Herr vor dem Grabe dieſes merkwürdigen Mannes ſtand, nahm ſich der Domherr die Freiheit zu ſagen: „Dreimal hat dieſer König, das Reich verlaſſend, flie⸗ hen müſſen und dreimal iſt er zurückgekehrt auf den Thron.“ Da antwortete ihm unſer Herr:„Euer Johann Kaſimir iſt nur einmal vertrieben worden, aber er wird nicht wieder kommen.“—„Wer weiß!“ verſetzte der alte Mann furchtlos„Gott iſt allmächtig und der Menſchen Geſchick wandelbar. Der König hörte ihn ſchweigend an und nahm dann ſtill den Hut ab, es 62 machte auf uns Alle einen großen Eindruck, wie er auf einmal ſein Haupt, das er bis dahin gedeckt ge⸗ tragen hatte, bei den Worten des Greiſes enthlößte; auch ſagte er nichts, während er ſich von ihm die übri⸗ gen Alterthümer des Domes zeigen ließ. Nun hat der Domherr Recht gehabt, ſein König iſt wieder gekom⸗ men, aber auch unſer Herr wird Zzurückkehren, wenn ſeine Zeit dazu erſchienen iſt. Ich wenigſtens habe kei⸗ nen Abſchied auf immerdar von den Ufern der Weich⸗ ſel genommen.“ Dieſe Erzählung hatte beſonders die Mutter und Erika intereſſirt und gern hätten ſie Karl gebeten, nun die Kriegsbegebenheiten abgeſprochen waren, auch Eini⸗ ges von dem Lande und dem Leben der Polen zu er⸗ zählen, da er in Bezug darauf anderer Meinung zu ſein ſchien, als ſein Vetter Friedrich Wilhelm, Detlev's Sohn, welcher im vorigen Winter während der Waf⸗ fenruhe die Heimat und von dort auf den Wunſch ſei⸗ nes Vaters auch Loſſin beſucht hatte. Dieſer war in keiner Weiſe mit dem Lande Polen und der polniſchen Weiſe zufrieden geweſen und hatte letztere beſonders im ungünſtigen Lichte dargeſtellt. Es wäre nun gerecht geweſen, auch Gutes darüber zu hören. Aber die alten Herren hatten noch über die Welthändel ſo viel zu fragen und zu reden, daß heut nicht daran zu denken —— 63 war, ein für die Frauen anziehenderes Geſpräch zu führen. Dabei wurde dem Becher ſtark zugeſprochen und als gegen Abend der Nachbar ziemlich ſchwerfällig ſein dickes Pferd beſtieg, um nach Hauſe zu reiten, beglei⸗ teten ihn alle Drei noch eine Strecke, Karl ſollte erſt, da er heut ſchon einen Gewaltritt gemacht hatte, zu⸗ rückbleiben, ließ es ſich aber nicht nehmen, auf einem Pferde des Vaters, da ſein eigenes freilich müde war, den abendlichen Zug noch mit zu machen. Es war ihm auch, wie die Mutter gegen Erika bemerkte, recht gut, um durch die friſche Abendluft den Wein, dem auch er zu ihrer Beſorgniß mehr als früher zugeneigt ſchien, wieder aus dem Kopfe zu vertreiben. „Morgen wird er ſchon unſer ſein,“ ſagte Erika. „Wenn Herr Hans bei uns iſt, geht es nun einmal nicht anders.“ Die Männer blieben ſehr lange aus und wären ſie nicht zu Dreien geweſen, hätte Frau Ebba, da ſie keinen Knecht mitgenommen hatten, ſchon nach ihnen bei ein⸗ brechender Dunkelheit ausgeſchickt, ob einem vielleicht ein Unfall begegnet ſei. Sie hatten nur bis zum Fiſcherhauſe an der Seeſpitze mit dem Nachbar reiten wollen, und es verging Stunde auf Stunde, Erika wurde bange, die Mutter aber traf die Wahrheit und beruhigte ſie da⸗ mit. Im Hauſe durfte die gewohnte Ordnung nicht ge⸗ 6⁴ ſtört werden, alles Geſinde wurde zur rechten Zeit ſchlafen geſchickt, nur ein alter, zuverläſſiger Knecht mußte aufbleiben, und auf die Herren warten, welche erſt ſpät in der Nacht heimkehrten und ſehr zufrieden waren, heut nur von dieſem empfangen zu werden. Sie waren zu früh an das Fiſcherhaus gekommen, um ſchon umzuwenden, auch ſchien es nicht rathſam, den Nachbar allein reiten zu laſſen, wenigſtens hatten ſie ihn noch eine weitere Strecke ſicher geleiten wollen, dann aber, als ſie in die Nähe von Haus Demmin gelangt, war Hans Podewils plötzlich mit der drin⸗ genden Bitte über ſie hergefallen, noch ein Viertel⸗ ſtündchen bei ihm einzuſprechen, ſo daß ſie, ohne ihn zu beleidigen und bei ſeinem aufgeregten Zuſtande das Aeußerſte von ihm zu befürchten, nicht anders gekonnt, als ſeine Bitte zu erfüllen. In dieſer Weiſe ſtellte wenigſtens Barnim Krockow am andern Morgen die Sache ſeiner Frau vor; in der Nacht, als er ſein Bett geſucht, hatte ſie wohl feſt geſchlafen und daher nicht mehr mit ihm geſprochen. Detlev lachte beim gemeinſchaftlichen Frühſtück, er war ja als Witwer, der nach ſeinen Erzählungen mit vielen Nachbarn von Wildenitz gute Kundſchaft hielt, nicht mehr gewohnt, eine beſtimmte Ordnung zu halten und wenn Einer geſtern dem Podewils bei ſeiner Einladung zur Nacht⸗ 65 zeit das Wort geredet haite, ſo war es gewiß der Schwager geweſen, Frau Ebba irrte darin nicht. Den Sohn ſprach ſie frei— was konnte er gegen Vater und Oheim thun? Er that ihr vielmehr leid, denn das nächtliche Gelage, deſſen er doch gewiß nicht ge⸗ wohnt war, ſchien ihn nach dem angeſtrengten Ritt in der Tageshitze, welcher demſelben vorausgegangen, ſtark angegriffen zu haben; er war zwar in ſeiner Haltung feſt und friſch, ſo daß man an keine Nachwehen des Trunkes glauben konnte, aber in ſeiner Schweigſamkeit, welche gegen die geſtern bezeugte Redekunſt abſtach und noch mehr in dem Blick ſeines Auges glaubte die Mutter eine gedrückte Stimmung wahrzunehmen. Viel⸗ leicht war es aber auch die Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt, daß er ſich hatte zu einer ſolchen Ungebühr hin⸗ reißen laſſen. Die Mutter dachte noch ſehr unſchulds⸗ voll über ihren Liebling und doch hätte ſie, welche in ihrer Jugend ein Kind des Lagers geweſen war, wiſſen fönnen, daß Alt und Zung im wilden Kriegsleben kei⸗ nen großen Unterſchied macht. Es währte aber nur eine kurze Zeit, ſo rieß ſich der Sohn aus der Stimmung, welche das Herz ſeiner Mutter weich gemacht hatte. Die Urſache derſelben war ihr gänzlich fremd geblieben. Hätte ſie nicht eine halbe Stunde der erneuten Unterhaltung zwiſchen den Män⸗ 5 Guſeck, Karl x. Guſtav. 1. 5 66 nern am Morgen verſäumt, ſo würde ſie vielleicht den Moment, in welchem Karls Blick zuerſt ſich verdüſterte, bei ihrer ſcharfen Beobachtungsgabe bemerkt und daraus einen ſie beunruhigenben Schluß gezogen haben, wel⸗ cher ihrem Gatten und Schwager gar nicht einfallen konnte. Es war geweſen, als er von dem Oheim aus⸗ führlich nach ſeinem Zuſammentreffen mit deſſen Sohn gefragt worden, über welches er geſtern, wo ihn wich⸗ tigere Mittheilungen beſchäftigten, ſchnell hinweggegan⸗ gen war. Im Herbſt des vorigen Jahres, nachdem Beide, wenn auch in verſchiedenen Heeren, als Waffen⸗ brüder in der glorreichen Schlacht von Warſchau ge⸗ kämpft hatten, waren ſie auf einem Streifzuge noch⸗ mals zuſammen gekommen und hatten dann, als eine anhaltende böſe Witterung alle Unternehmungen in jenen Gegenden eine Zeitlang unmöglich machte, unter einem Dache mehrere Wochen verlebt. Fritz Krockow hatte davon bei ſeinem Vater in Wildenitz Manches erzählt und den ſchönen Vetter Karl Guſtav oft gerühmt, nur, daß er„verdammt kurz angebunden“ ſei, war von ihm zuweilen lächelnd hervorgehoben worden. Heut nun hatte der Oheim von dieſem Zuſammenleben im pol⸗ niſchen Quartier etwas Näheres erfahren wollen und Karl ihm denn auch Einiges erzählt, was er ſich jedoch meiſt hatte abfragen laſſen, ohne dabei in den geſtri⸗ 67 geu Fluß der Rede zu kommen. Herr Detlev war da⸗ von nicht recht befriedigt geweſen, er hätte von ſeinem Sohne gern mehr gehört, beſonders da es ihm in deſſen Erzählungen geſchienen hatte, als ſei dort noch etwas vorgefallen, daß er Bedenken trage, zu erwäh⸗ nen und da nun auch der Neffe in ähnlicher Weiſe über jene Zeit nicht recht mit der Sprache heraus⸗ gehen wollte, war er auf den Gedanken gefallen, daß die beiden Vettern etwas mit einander gehabt. Das Heimlichthun war ſeiner ehrlichen pommerſchen Natur zuwider und er hatte denn geradezu danach gefragt. Das war der Moment, welcher der Mutter, wenn ſie zugegen geweſen wäre, viel Stoff zum Nachdenken ge⸗ geben hättte. Karl hatte den Kopf zurückgeworfen und mit einem Blick, welchen der Vater ernſtlich mißbilligte, den Onkel gemeſſen, ehe er ihm antwortete:„Ich wüßte nicht, warum wir uns hätten überwerfen ſollen! Keiner von uns maaßte ſich an, des Andern Thun und Beginnen zu hofmeiſtern— und ſo ſind wir als Vet⸗ tern geſchieden.— Kann ſein,“ ſetzte er lebhafter hinzu, „daß wir uns, wenn die Fürſten, unſere Herren ſich trennen, künftig feindlich uns begegnen müſſen. Dann werden wir als Soldaten wiſſen, was wir zu thun haben.“ Dadurch hatte er das Geſpräch wieder auf die 5* 68 große Frage der Zeit gelenkt, welche für die beiden Brüder von der größten Bedeutung war und ſie von Neuem in weitläufige, vor der Hand noch unfruchtbare Erörterungen verwickelte. Während derſelben, an wel⸗ chen Karl keinen Theil mehr nahm, war die Mutter zurückgekehrt und hatte nur an ihrem Lieblinge die in ſich verſunkene Stimmung bemerkt, ohne deren Urſache zu erkennen. Er gab ſich ihr jedoch nicht lange hin; der Trotz, der ſeinem Charakter inne wohnte, war nicht blos nach Außen gekehrt, er wandte ſich auch gegen die eigenen Regungen in ſeiner verſchwiegenen Bruſt. Die Mutter ſah ihn bald wieder klar aufblicken und hörte ſeine Stimme in das Geſpräch der ältern Herrn ſich miſchen: die Schwäche, wenn ſie körperlich geweſen, war überwunden, und hatte er ſich insgeheim Vorwürfe gemacht, ſo waren ſie in der Erkenniß ihrer Berechti⸗ gung ſchon beſchwichtigt. Sie freute ſich deſſen, ſehnte ſich aber nun auch, den Sohn einmal ganz allein zu genie⸗ ßen, um ſich recht mit ihm ausſprechen zu können: Die Spanne Zeit, die ihr dazu vergönnt blieb, war ja ſo kurz gemeſſen, in zwei Tagen vielleicht ſchon mußte er wieder aufbrechen und einen neuen blutigen Kriege entgegen ziehen, vor welchen das Herz der Mutter bebte. Endlich gegen Abend, als der Vater und Oheim 60 auf das Feld gegangen waren und den jungen Kriegs⸗ mann, der von der Landwirthſchaft nicht viel mehr ver⸗ ſtand und noch weniger Neigung dazu fühlte, nicht mit⸗ genommen hatten, fand ſich der von der Mutter her⸗ beigewünſchte Augenblick. Allein blieb ſie zwar auch nicht mit ihm, aber Erika, die ihn ja eben ſo innig liebte, konnte immerhin eine Zeugin ihres Herzensaustauſches ſein. Auch Karl ſchien ſich der ungeſtörten Vereinigung mit Mutter und Schweſter zu freuen, ſein Auge ruhte lie⸗ bend bald auf der einen, bald auf der andern und ſeine Miene, welche nicht ſelten etwas Schroffes hatte, was die Mutter früher gar nicht bemerkt, wurde wieder offen und freundlich, wie ſie einſt geweſen war. Sie ſaßen vereint im Garten, wo ſchon der Vater des jetzigen Beſitzers von der Mauer ein Lug⸗in's⸗ Land hatte bauen und auf ſtarken Pfeilern gegen das Wetter überdachen laſſen. Hier bot ſich eine ſo ſchöne Fernſicht, wie ſie die flache Gegend, deren Reiz in ihrer Fruchtbarkeit und der wechſelden Färbung von Feld, Wieſe und Wald lag nur bieten konnte. Der Blick ſtreifte über die nächſte Umgebung von Loſſin zu dem umbüſchten See, an deſſen Nordſpitze das Dach des kleinen Fiſcherhauſes zu erkennen war, weit hinaus bis zur Feſte Demmin, wo die Flußniederungen der Tollenſee und Prene, die ſich hier vereinigen, ſich in 70 ihrem Laufe und ihren Krümmen abzeichneten. Dort hinüber gen Wölle und weiter an die Gränze von Holſtein ſollte binnen Kurzem die Heeresmacht König Karl's K. Gu⸗ ſtav, welche man nun täglich in der Gegend erwarten konnte, ſich in das Gebiet des Dänen ergießen und das Auge der Mutter richtete ſich traurig auf den Sohn, den ſie bald wieder verlieren ſollte. Er verſtand ſie wohl, aber er gab ihren Gedanken keine Nahrung, ſondern fing an, unauf⸗ gefordert von ſeinen Leben und Thun zu erzählen, ſeit er zuletzt das Vaterhaus verlaſſen hatte, erzählte von Gefechten denen er beigewohnt, und vermied dabei durch gräßliche Schilderungen, wie viele es lieben, das weibliche Zartgefühl zu verletzen. Mit Vorliebe verweilte er bei dem Helden⸗Könige, dem er ſeine Dienſte geweiht hatte und ſein Auge glänzte wenn er von ihm ſprach. Dann kam er auf das Land und die Sitten des Vol⸗ kes, zu welchen ihm der Kriegszug ſeines Königs geführt hatte. Drei Feldzügen hatte er dort beigewohnt, ſeit er unter dem Feldmarſchall Wittenberg zuerſt in Polen eingerückt war und daher wohl Gelegenheit gehabt, Alles genan kennen zu lernen, auch hatte ſich Anfangs das Volk nicht ſpröde vder feindſelig gezeigt, ſondern in vielen Landſtrichen— vornehmlich in Poſen und Kaliſch— eine ſtarke ſchwediſche Parthei gebildet, da in Polen Unzufriedenheit und Gährung genug herrſchte. 71 Noch im vorigen Herbſt hatte Farl, wie er erwähnte, dieſe Geſinnung in einem vornehmen Hauſe gefunden, wo er längere Zeit ſein Quartier gehabt. „Das war dort, wo du mit dem Vetter Fritz zu⸗ ſammen geweſen biſt?“ fragte Erika. Er bejahte es kurz und wollte abſpringen, aber die Mutter hielt ihn feſt.—„Ihr habt Euch nicht recht vertragen?“ fragte ſie, weil ſie nicht wußte, daß ihn der Oheim heut ſchon deswegen zur Rede geſtellt hatte.„Der Fritz hat dich gegen ſeinen Vater— und natürlich gegen uns auch— ſehr gerühmt, aber doch auch dem Oheim merken laſſen, daß ihr etwas mit ein⸗ ander gehabt— was iſt es denn eigentlich geweſen?“ Sie that dieſe Frage in ruhiger und offener Weiſe, als erwarte ſie eben nur einen unbedeutenden Zwiſt zweier junger aufbrauſender Menſchen zu hören, vielleicht veranlaßt durch dieſelben Streitpunkte welche auch die Väter zuweilen bei aller Liebe gegen einander in Harniſch brachten. „Hat er mich angeklagt?“ fuhr aber Karl auf. „Ich ſollte meinen, daß er wenig Urſach' hätte, ſich deſ⸗ ſen zu rühmen, was in Drewionka vorgefallen iſt. Hat er's etwa gethan? Hat er von der Familie erzählt?“ „Daß ihr gaſtfrei aufgenommen worden, daß über⸗ haupt Gaſtfreiheit einer der ſchönſten Züge im polniſchen Charakter— von der Familie, in deren Hauſe ihr Quartier gehabt, iſt mir wenig erinnerlich, was er etwa erzählt hätte. Des alten Staroſten erwähnte er mit ſeinen wunderlichen Haarzöpfen, und das einmal ein großes Feſt während eurer Anweſenheit dort geweſen, wo die jungen polniſchen Edelleute die Geſundheit der Tochter vom Hauſe aus deren Schuh getrunken.—“ „Alſo hat er ihrer doch gedacht!“ ſagte Karl bit⸗ ter.„Sonſt hat er nichts von dem Mädchen erzählt?“ Die Mutter wurde aufmerkſam„Halte gegen uns nicht hinter dem Berge, mein Sohn!“ bat ſie.„Du haſt doch ſonſt vor mir keine Geheimniſſe in dir ver⸗ ſchloſſen, weil du dir nie etwas vorzuwerfen hatteſt 7 Sollte ſich das in der kurzen Zeit ſchon geändert haben?“ „Nein, Mutter!“ rief Karl.„Das hat ſich nicht geändert und wird ſich nimmer ändern! Ich habe mir auch hier nichts vorzuwerfen, weder gegen Friedrich Wilhelm meinen Vetter noch— Aber es findet ſich wohl noch Gelegenheit davon zu reden.— Wenn Du indeſſen zweifelſt; fuhr er raſch fort, als er dem Auge der Mutter begegnete das mit dem Ausdruck der Sorge, auf ihn gerichtet war, wenn du irre wirſt an mir, ſo will ich gleich reden. Erika kann es immer mit anhören: es dient ihr vielleicht zur Warnung, denn unſer ſtilles Loſſin wird wohl binnen Kurzem von fremden und un⸗ ———— 73 gebetenen Gäſten heimgeſucht werden, wie wir in Drewi⸗ onka waren bei dem Staroſten von Tenczyn. So Gott will, werden es hier nicht Feinde ſein, wie wir dort.— Kurz denn! Es traf ſich nicht von ungefähr, das mein Vetter Fritz ſein Quartir auch in Drewionka erhielt und mir dort begegnete, ſondern er hatte ſich den Ort ausgebeten und es durchgeſetzt daß er noch mit zwan⸗ zig brandenburgiſchen Dragonern auf dem Gute des unſerer Sache befreundeten Staroſten von Tenczyn ein⸗ rückte, obgleich dasſelbe ſchon mit dreißig ſchwediſchen Reitern, die ich befehligte belegt war. Der König ſah es aber gerne wenn Schweden und Brandenburger ſich miſchten wo es gerade auf den äußerſten Poſten die Gelegenheit bot. Nachher behauptete Fritz, er habe ge⸗ wußt, daß ich in Drewionka liege und nur aus dieſem Grunde darum gebeten, dort einquartirt zu werden: Die Wahrheit iſt aber, daß er den alten Tenczynski mit Frau und Tochter bei einem Nachbarn, wo der Fritz eben auf dem Durchmarſch lag, geſehen hat und deßhalb die Luſt in ihm entſtanden iſt, zu ihnen in's Haus zu kommen und während der langen Raſtzeit des Heeres daſelbſt zu bleiben. Möglich, daß ihm Tenczynski meinen Namen genannt und von mir erzählt hat, wie er mir ſagte: ich will ihn nicht gerade zu der Lüge zeihen, aber daß er ſo wenig meinetwegen, als wegen der eisgrauen Haarzöpfe des alten Staroſten oder wegen der halb⸗ tauben Frau Staroſtin nach Drewionka gekommen iſt, kann ich wohl behaupten. Was ſiehſt Du mich ſo er⸗ ſchrocken an, Erika? Haſt ſchon ein feines Verſtändniß Kleine! Ja, ſo hing's zuſammen. Der Staroſt hatte eine Tochter, ich ſage mit Bedacht hatte, wie Ihr gleich hören werdet. Wahrlich es war ein Mädchen von adeligen Sinn, und ſchön—— feurigen Geiſtes, wie die Polin⸗ nen ſind, doch auch wieder ſanft und mild.— Fritz kam nach Drewionka, und wie dort die Sitten im Um⸗ gange nicht ſo ſtreng, wie bei uns ſind, wo fremde Gäſte ſelten die Gegenwart der Frauen genießen, war er mit ven Töchtern des Staroſten, es waren noch zwei außer der Alteſten, von der ich rede— täglich viel zu⸗ ſammen, natürlich ſtets die Mutter dabei, aber dieſe gab wenig Acht auf das, was ſich um ſie her zutrug, und hörte auch nicht einmal, was geſprochen wurde.“ „Du willſt uns doch nicht etwas Unehrliches von Deinem Vetter erzählen?“ unterbrach ihn die Mutter. „Was ich weiß, ſollſt du hören, Mutter— Du haſt es verlangt. Ich war nicht oft dabei, wenn im alten Saale der Fritz mit der Frau Tenczynska und ihren Töchtern am Kaminfeuer ſaß, denn ich hatte mich von Anfang an mehr zurückgehalten, ſchon weil ich nicht polniſch ſpreche wie Fritz, der es ſchon länger gelernt 75 hatte. Wenn ich aber mit dem Staroſten dabei war, bemerkte ich, daß Fritz vor Allem mit Wanda ſprach, ich meine die älteſte Tochter ſie hieß Wauda—— mit ihr ſprach Fritz faſt immer und ſie plauderte harmlos mit ihm. Einmal warnte ich ihn, er ſolle ſich hüten, den Frieden des Hauſes zu ſtören— er wies aber meine Warnung zurück, und ich konnte denn von Woche zu Woche mehr wahrnehmen, was endlich ſelbſt der halb⸗ tauben Mutter ja dem alten Staroſten nicht mehr entging. Das Mädchen hatte eine ſo heftige Leidenſchaft zu dem Fremden gefaßt, der vielleicht nur ſein Spiel mit ihr getrieben hatte, daß es der Vater für rathſam hielt, ſie aus dem Hauſe, in irgend ein Kloſter zu bringen, deſſen Namen ich niemals habe erfahren können.—“ Er hielt einen Moment ein. Erika war bei der Erzählung, welche ihr jungfräuliches Gefühl verletzte, mehr und mehr erblaßt, er bemerkte es aber nicht, ſein Auge irrte unſtät umher, wie ſeine Gedanken in dieſem Momente wanderten. Die Mutter ſagte:„Gewiß trifft Fritz dabei keine Schuld, auch wenn es ſo iſt, wie Du ſagſt. Ich kenne ihn ja ſo genau, er gibt ſich ſtets, wie er iſt und kann ſich ſo wenig verſtellen, wie Du. Wir haben ihn hier im vorigen Winter nur ein Paar Wo⸗ chen gehabt, aber ich habe ihn kennen gelernt, als wäre er in Loſſin aufgewachſen. In ſeinen harmloſen Umgang 76 mit der Familie, welche ihn ſo gaſtfreundlich aufgenom⸗ men, hat er nicht im Entfernteſten an die Möglichkeit gedacht, daß ſich daraus ſo ernſte Folgen entwickeln könnten.— Du ſagſt zwar daß Du ihn gewarnt und daß er Deine Warnung zurückgewieſen, aber er hat ſie wohl nur für Scherz und Neckerei gehalten, wie junge Leute ſie mit einander treiben. Ich kann auch kaum glauben, daß die Entfernung der Tochter ſo zuſammen⸗ hängt wie Du ſagſt. Es iſt doch gar nicht möglich, daß eine Jungfrau, ſelbſt wenn ihr Herz nicht gleich⸗ gültig gegen einen Mann geblieben iſt, ſich in einer ſolchen Weiſe verrathen könnte; der Mutter wenn ſie Vertrauen zu ihr hat, wird ſie wohl Alles und auch das ſagen, aber daß es einen Fremden, wir Dir, auf⸗ fallend werde— unmöglich, mein Sohn! Ihre Abreiſe mag gar nicht mit Deiner vorgefaßten Meinung zu⸗ ſammen hängen.“ „Eine ſchwediſche oder eine deutſche Jungfrau wird dem Bilde gleichen, daß du aufgeſtellt haſt, Mutter,“ erwiederte der Sohn.„Aber Du kennſt die Polinnen und ihre Leidenſchaft nicht ſchien durch ſeine Mit⸗ theilung ſelbſt aufgeregt zu ſein, denn er ſtand von der Holzbank auf, wo er ſeine Mutter und Schweſter ge⸗ genüber geſeſſen hatte und holte, wie aus ſtürmender Bruſt tief Athem—„Was ich euch erzählt habe, iſt „ 77 wahr!“ fuhr er fort„Wenn ich euch noch ſage, daß der Staroſt von Tenczyn während unſrer Anweſenheit in Drewionka nicht wieder zurück kam, als er ſeine Toch⸗ ter fortgebracht hatte, daß auch die Frau und die an⸗ dern Töchter abreiſten, wir erfuhren nicht einmal, wohin und daß bald Nachricht kam, Tenczynski habe ſich der Conföderation von Tyſzowce angeſchloſſen, ſei alſo aus einem Freunde unſerer Sache ein erbitterter Feind ge⸗ worden, ſo werdet Ihr ſehen, daß ich nichts übertrieben habe“ „Und wie äußerte ſich Fritz, als es ſo weit ge⸗ kommen war?“ fragte die Mutter nach einer Weile. „Er?!“ antwortete Karl mit erneuter Heftigkeit. „Er war, wie aus den Wolken gefallen, als ich mit ihm darüber ſprach, er wollte mich erſt gar nicht ver⸗ ſtehen, als ich ihm vorhielt, daß ſeinetwegen Wanda das elterliche Haus meiden müſſe und dann ſtritt er mir's ab, nannte mich einen grübelnden Geſellen, der aus ganz unſchuldigen Dingen immer etwas Verfäng⸗ liches herausſpüre und wollte nicht das mindeſte Zei⸗ chen, daß ihm das Mädchen beſonders gewogen ſei, bemerkt haben! Als dann i Mutte ud die Schweſtern, ohne von uns Abſchied zu nehmen, aus Drewionka verſchwanden, wurde er zwar ernſthaft und nachdenklich, aber niemals habe ich von ihm das Ein⸗ geſtändniß erhalten, daß ich Recht hatte. Gleich nachher rief ihn ein Befehl ſeines Feldoberſten hinweg und wir haben uns ſeitdem nicht wieder geſehen.“ „So viel ich Dich aber verſtanden habe,“ ſagte die Mutter, welcher es hier um volle Aufklärung zu thun war,„glaubſt Du ſelbſt nicht, daß Fritz mit Abſicht ein herzloſes und leichtſinniges Spiel mit dem armen Kinde getrieben habe, ſondern daß er nur unbe⸗ dacht zu freundlich gegen ſie geweſen ſei und folglich ihn ſelbſt keine andere Schuld treffe, als dieſe!“ Karl ſchwieg und Erika erhob furchtſam ihr Auge zu ihm, in ſeinen Geſichtszügen zu leſen.„Ich habe Dir ſchon erklärt, Mutter,“ antwortete er endlich mit einem finſtern Blicke,„daß ich hier nicht als der An⸗ kläger meines Vetters hinter ſeinem Rücken auftreten mag. Hat er ſelbſt Euch gar nichts von der ganzen Sache erzählt, ſo muß er dazu ſeine Gründe gehabt haben. Du wirſt Dir, ſo gut wie ich, Deine Gedan⸗ ken darüber machen. Er hat mich einen Grübler genannt — das bin ich nicht, ich bin offen geweſen gegen ihn und offen gegen Dich, denn ich habe keine Verpflich⸗ tung, die Geſchichte zu verſchweigen, und auch keinen Grund dazu, wie er doch haben muß, ſonſt würde er ſie Dir erzählt haben, da er von der Familie ſprach und ſogar des kleinen Schuhes erwähnte, aus welchem 79 die heißblütigen Vettern des Hauſes nach polniſcher toller Sitte Wanda's Geſundheit getrunken. Wäre er in's Angeſicht ausſprechen; hinter ſeinem Rücken thue ich es nicht.“ „Aber Unrecht thuſt Du ihm dennoch!“ entgeg⸗ nete Frau Ebba.„Setze Dich in ſeine Stelle— o fahre nicht auf, Karl Guſtav! Wär's denn undenkbar, daß auch zu Dir, ganz ohne Dein Zuthun, eine edle Jungfrau insgeheim eine Neigung faßte und würdeſt Du Dich, ſelbſt gegen Deine nächſten Verwandten, derſelben rühmen?“ 2 „Mir wird dergleichen nicht geſchehen,“ verſetzte Karl mit einem bittern Lachen.„Ich will ja auch dem Vetter keinen Vorwurf machen. Er hat vielleicht die ganze Geſchichte ſchon vergeſſen, denn er war doch ge⸗ wiß während ſeines Aufenthaltes hier in Loſſin luſtig und guter Dinge?“ „So ruhig und heiter wenigſtens,“ erwiederte die Mutter,„wie nur das reinſte Gewiſſen geben kann.“ Erika ſtand nun auch raſch auf, ihr Auge, das über die Brüſtung des kleinen Thurmes hinaus in das Land geſchweift war, hatte den Vater und Oheim be⸗ merkt, welche eben heimkehrten. So nahm das Geſpräch ein ſchnelles Ende. Hatte Karl erklärt, daß er abſicht⸗ lich in Erika's Gegenwart, und ihr vielleicht zur War⸗ nung, von Dingen ſprechen wolle. die beſſer vor einem jungen Mädchen nicht abgehandelt werden, ſo hätte es freilich im Willen der Mutter geſtanden, ihn daran zu verhindern Daß ſie es nicht gethan, mochte wohl auch ſeinen guten Grund haben, da ſie eine klare, ver⸗ ſtändige Frau war, welche ſich nie durch die Anwand⸗ lung des Augenblicks beſtimmen ließ, darum griff ſie auch ſelbſt den Faden auf, als Karl ihn fallen laſſen wollte und führte ihn weiter bis zu einem richtigen Schluſſe, befriedigend für ſie und auch für das ſchwei⸗ gende Kind an ihrer Seite! s Viertes Kapitel. Der König. Im Lande wurde es während der nächſten Tage lebendig. Die Kunde vom Anmarſche des Königs mit einer erleſenen Truppenſchaar hatte ſich ſchnell verbrei⸗ tet und manche Beſorgniß erregt, denn wenn man auch hoffen durfte, daß unter den Augen des ſtrengen Fürſten, welcher erſt kürzlich einen Kriegs⸗Artikelsbrief erlaſſen, gute Mannszucht gehalten werde, ſo konnte doch der General⸗Gewaltiger und der Rumormeiſter nicht überall ſein und die Compagnie⸗Profoßen ſahen zuweilen den Soldaten, wenn ſie ſonſt tüchtige Kriegs⸗ geſellen waren, durch die Finger. Der Ruf, welcher den Truppen vorausging, war in Bezug auf ihr Ver— Guſeck, Karl X. Guſtav. 1. 6 halten gegen friedliche Einwohner nicht der beſte; man nannte ſie wiederholt„ein ſchwarz und ſchmutzig Volk, lüſtern nach guten Quartieren.“ Biele vorſichtige Grundbeſitzer vom platten Lande, welches den Placke⸗ reien bei Durchmärſchen mehr ausgeſetzt iſt, ſchafften daher ſchon werthvolle Gegenſtände oder ihre Familien hinter die ſchützenden Mauern benachbarter Städte oder rathſchlagten, wie ſie ſich eine Salva⸗guardia verſchaffen könnten. Der junge Krokow ergrimmte, als in ſeines Va⸗ ters Hauſe ein Nachbar zuerſt davon ſprach und ehe ſein Vater, der auch als ehemaliger ſchwediſcher Offi⸗ cier darin eine Ehrenkränkung ſeines Heeres ſah, dar⸗ auf antworten konnte, rief er:„Braucht's eine beſſere Salva guardia als des Königs Befehl? Nach dem Ar⸗ tikelsbrief wird der Soldat, der ſeinen Wirth muth⸗ willig plagt oder vergewaltthätiget, bei Waſſer und Brod drei Tage in Eiſen geſchloſſen, im Wiederho⸗ lungsfalle muß er Gaſſen laufen und wenn er ihn am Leibe geſchädiget, verliert er die Hand! Glaubt Ihr, daß wir keine Kriegsgerichtsordnung und keinen Gene⸗ ralſtab, das heißt, kein General⸗Auditorsgericht haben, welcher die Aufſicht führt, daß alle Verbrechen ordent⸗ lich geſtraft werden?“ Der Nachbar wollte ſich mit dem ſtattlichen Ritt⸗ 83 meiſter im Hofregiment der Königin nicht in einen Streit einlaſſen, er zwinkerte bedeutſam mit den Augen und zog den Kopf zwiſchen die Schultern, als habe er bereits eine„Vergewaltthätigung“ zu befürchten. „Daran zweifle ich keinen Augenblick!“ ſagte er.„Aber was hilft es dem Beſchädigten, wenn hinterher ſein Peiniger Gaſſen läuft oder die Hand verliert; er hat's vorher weg. Womit ich der königlich⸗ſchwediſchen Sol⸗ datesca, zu der wir ja auch unſere Kinder gern ſtellen, nichts Deſpectirliches nachreden will— es geht nur eben nicht anders. Delicta kommen überall vor, wenn auch Delinquenten noch ſo ſchwer geſtraft werden.“ Detlev Krockow gab ihm darin Recht und die Mei⸗ nungsverſchiedenheit, da ſie nun Zwei gegen Zwei ſtand, wurde noch eine Weile erörtert, ohne zu einer Eini⸗ gung zu führen. „Ihr habt gut Reden,“ ſagte endlich der Nach⸗ bar, als er ſchon zu Pferde ſaß, um heimzureiten, zu ſeinem Wirthe, hinter welchem der Sohn ſtand.„Ihr dürft nur das Taufzeugniß von dem da mit ſeinem königlichen Pathen draußen an's Hofthor ſchlagen laſſen und Keiner krümmt hier einer Henne den Schwanz— wir aber, wir armen Teufel!“ Als er dieſe gefährliche Rede geführt, gab er aus Furcht vor der Replik ſeinem Pferde ſchnell die Sporen und jagte vom Hofe, ſo daß 6 84⁴ die Zurückbleibenden in ein ſchallendes Gelächter aus⸗ brachen. In Loſſin wurden keine Maßregeln zu irgend einer Si⸗ cherſtellung getroffen, Karl aber bereitete ſeinen Aufbruch vor, um noch vor abgelaufenem Urlaube wieder zu ſei⸗ nem Regimente zu ſtoßen, das, wie er hörte, durch die vorauseilenden Quartiermacher bereits auf den 18. Juli in Jarmen und deſſen Umgegend angeſagt war. Der Vater wollte ihn begleiten, um ſeinem Kö⸗ nige und Herrn, den er als ſolchen noch nicht geſehen hatte, ſeine Aufwartung zu machen. Er durfte nicht fürchten, daß er eine fürſtlich kalte Aufnahme finden würde, denn er hatte gehört, daß der ehemalige Pfalzgraf von Zweibrücken auch als Karl der Zehnte, von Gottes Snaden der Schweden, Gothen und Wenden König, noch immer für ſeine alten Kampfgenoſſen aus dem großen Kriege ein warmes Herz habe und es drängte den wackern pommer'ſchen Edelmann, ſeinem Landes⸗ herrn für die Gnade zu danken, mit welcher er ſeinem Sohne bewieſen hatte, daß er noch immer ſeines Pathen eingedenk ſei. Ehe jedoch Vater und Sohn aufbrachen, traf ein töniglicher Offizier mit einem Schreiben in Loſſin ein, welches die ganze Familie, ja das ganze Schloß und Dorf, als ſich die Nachricht verbreitete, in die größte 85 Aufregung verſetzte. Das Schreiben war an Herrn Barnim von Krockow, ehemaligen Obriſt⸗Wachtmeiſter im Dienſte der Krone Schweden, gerichtet und enthielt die Benachrichtigung, daß Seine Majeſtät der König am 18. Juli in Loſſin eintreffen und daſelbſt mit einem kleinen Gefolge, das genau nach Herren, Die⸗ nern und Pferden angegeben war, daſelbſt ſein Quar⸗ tier nehmen werde. Der Gutsherr war über die Ehre, welche ihm zu Theil werden ſollte, im höchſten Grade erfrent und auch Frau Ebba's Geſicht ſtrahlte, beſon⸗ ders nachdem ihre erſte Beſorgniß,— wie ſie den König und ſo viele vornehme Herren würdig bewirthen ſollte, durch die Mittheilung des Hofmarſchalls, zer⸗ ſtreut war, daß Seine Majeſtät für die Zeit Ihrer Anweſenheit auf Loſſin keinerlei Bewirthung annehmen werde, ſondern die nöthigen Anſtalten für Allerhöchſt⸗ dero Perſon und das ganze Gefolge bereits getroffen ſeien, uur um Herd und Feuer werde gebeten. Wie nun der Sohn ſtolz war auf ſeinen gnädigen Herrn und auch auf ſeinen Vatet und Erika ſich kindlich freute, den Monarchen, von dem ſie ſchon ſo viel Rühmens gehört, nun auch von Angeſſcht in ihrem eigenen Hauſe zu erblicken, war Detlev, der Oheim, wohl der Ein⸗ zige in ganz Loſſin, welchen die Nachricht mit großem Mißbehagen erfüllte. Achtung hatte er wohl auch vor 86 dem Könige Karl Guſtav, deſſen Kriegsruhm ſchon in jungen Jahren die Welt durchdrungen hatte, aber er ſah in ihm doch den gefährlichen Feind ſeines eigenen Landesherrn und wenn es ſich beſtätigte, daß der Kur⸗ fürſt wirklich das ihm aufgedrungene Bündniß löſen und ſich mit ſeinem bisherigen Lehensherrn, dem Kö⸗ nige von Polen, um den Preis der Souveränität in Preußen verſöhnen wolle, ſo konnte leicht Pommern der Schanplatz eines Krieges zwiſchen Brandenburg und Schweden werden. Es war ihm daher auf keine Weiſe lieb, dem Fürſten perſönlich zu begegnen, wel⸗ cher gleich nach ſeiner Thronbeſteigung und nachdem Deutſchland ſich kaum von den Schrecken des dreißig⸗ jährigen Krieges ein wenig zu erholen begonnen, eine neue Brandfackel durch ſeine polniſche Fehde in die Welt geſchleudert hatte, deren Feuersbrunſt ſich nun auch wieder nach Deutſchland zu ziehen drohte. „Malte!“ ſagte Herr Detlev zu ſeinem Knecht am Abende des Tages, welcher die königliche Anmel⸗ dung nach Loſſin gebracht hatte.„Wie gefüllt es Dir hier?“ „Gut, geſtrenger Herr, aber in Wildenitz beſſer,“ antwortete Malte. „Bangt Dich's nach der Frau oder nach den dicken Erbſen mit Speck?“ fragte Detlev, ihn ſcherz⸗ haft am Ohre zauſend. 87 „Es hat hier nicht die rechte pommer'ſche Art, haben ſich ſchon viel abgedankle Schweden hier einge⸗ ſtallt,“ antwortete der Knecht. „Haben die Pferde gut gefreſſen?“ fragte der Herr weiter, ohne auf die letzte, etwas freche Rede Maltens einzugehen. „Wie die Raupen im Kohl, geſtrenger Herr. Ich kann ſchütten, ſo viel ich will— darüber kann ich nicht klagen. Sie kommen nur zu wenig heraus, und machen deshalb Unfug im Stalle. Der Schweißfuchs beißt wie ein Hund und wird den geſtrengen Herrn einmal herun⸗ terſchmeißen“ Auf dieſe, in der plattdeutſchen Mundart noch derber ausgedrückten Prophezeihung lachte der alte Herr und ſagte dann:„Wir wollen ihm den Hafer⸗ ſtich ſchon austreiben. Höre jetzt, Malte. Du biſt ein vernünftiger Kerl. Uebermorgen kommt der König von Schweden— wir wollen ihm Platz machen. Wenn ich das meinem Bruder ſage, gibt's Lärm, er läßt mich nicht fort oder ich müßte mich mit ihm ernſtlich über⸗ werfen, was ich doch bei Leibe nicht will. Verſtehſt Du mich, Malte?“. „O ja!“ erwiderte dieſer.„Wir wollen uns heim⸗ lich aus dem Staube machen.“ „Ich werde meinem Bruder einen ehrlichen und 88 freundlichen Abſchied hinterlaſſen, damit er weiß, warum ich in aller Stille abgezogen bin. Er wird mir's dann nicht verdenken, wenn er ſich die Sache ruhig überlegt. Der König wird ihn aber vor's Erſte beſchäftigen. Nun, Malte, ſteh' alſo morgen früh auf, ſobald der erſte Hahn kräht— ſchütte den Pferden nur ein klei⸗ nes Futter und tränke ſie ſatt, im nächſten Dorf hin⸗ term Walde ſollen ſie mehr haben, wenn wir nur erſt heraus ſind! Wacht einer der andern Knechte auf und fragt Dich, wie's wohl nicht anders ſein wird, ſo ſag' nur, Du wüßteſt weiter nichts, und mache die Pferde fertig. Es wird Keiner d'rum aufſtehen, mich brauchſt Du nicht zu wecken, ich werde ſchon zu rechter Zeit da ſein. Jetzt packe die Satteltaſchen und die Man⸗ telſäcke und hole es Dir in den Stall morgen früh, wenn die Pferde freſſen.“ Malte gehorchte mit Freuden. Sein Herr hatte im Geiſte, als er ſeinen Verwandten gute Nacht ge⸗ wünſcht, ſchon Abſchied von ihnen genommen und wenn es ihm leid that, zu ſcheiden, wo er mit ſolcher Liebe aufgenommen worden war, ſo fühlte er das beſonders, als er nun allein blieb und an die kleine liebe Erika dachte. Sie war ſeit Kurzem ganz anders geworden, gar nicht mehr ſo luſtig plaudernd mit ihm, wie ſonſt und als er ſie eimnal gefragt hatte, ob ſie böſe auf ——— 89 ihn ſei und ober ihr vielleicht unbewußt etwas gethan habe, waren ihr plötzlich die hellen Thränen aus den Augen geſtürzt, ſie hatte ihm, ehe er's hindern konnte, die Hand geküßt, aber geſprochen kein Wort. Es mußte alſo doch etwas vorgefallen ſein, das dem jungen mun⸗ tern Vöglein den Sinn getrübt hatte. Dem guten alten Herrn fehlte alle feinere Beobachtungsgabe, aber ſelbſt dieſe würde hier vielleicht zu Schanden geworden ſein. Die Schwägerin fragen mochte er nicht, um nicht das Uebel wohl gar ärger zu machen, aber es that ihm herzlich leid, die Augen des Kindes, deſſen Aehnlichkeit mit dem Bilde der Großmutter Detlev oft wahrhaft von Neuem überraſchte, in Thränen aus unbekannter Urſache geſehen zu haben, und er hätte viel darum gegeben, Erika's Harm in irgend einer Weiſe lindern zu können. Er mußte heut, da er ſie vielleicht zum letzten Male in ſeinem Leben geſehen hatte, immer wieder an ſie denken und fügte dann dem kurzen Briefe an ſeinen Bruder, den er ſchon im Laufe des Tages heimlich geſchrieben hatte, um ihm den Grund ſeines heimlichen Aufbruchs und den wärmſten Dank für ſeine Aufnahme zu ſagen, noch einen Gruß an ſeine Gold⸗ tochter bei, wie er Erika oft genannt hatte. Dieſen Brief faltete er dann zuſammen und legte ihn auf den Tiſch— dort ſollte man ihn am Morgen, wenn 90 er bereits ein paar Stunden von Loſſin entfernt ſein würde, finden und dem Hausherrn übergeben. Als er Alles beſorgt hatte, ſprach er mit erleichtertem Herzen ſeinen Abendſegen und ſchlief feſt, wie immer bis zu der Stunde, wo er ſich vorgenommen hatte, aufzu⸗ ſtehen. Da erwachte er, wie geweckt— er hatte das zur Gewohnheit und viele Menſchen können es. Raſch ſtand er nun auf, der Morgen fing ſchon an zu grauen — ohne Zweifel hatte Malte ſeinem Befehle gemäß die Pferde gefüttert und war im Begriff zu ſatteln. Herr Detlev kleidete ſich an, er hörte ſchon einen lei⸗ ſen Tritt auf der Stiege. Malte kam, das Gepäck zu holen. Er öffnete ihm die Thüre:„Du biſt ein ver⸗ nünftiger Kerl!“ ſprach er ihm halblaut entgegen. „Das bin ich— Du aber nicht!“ hörte er zu ſeiner großen Beſtürzung antworten und ſein Bruder Barnim ſtand vor ihm.„Was ſoll das heißen, Detlev?“ fuhr dieſer fort, ehe der überraſchte Gaſt zu Worten kommen konnte,„Du willſt mir den Schimpf anthun vor meinem ganzen Geſinde, heimlich auszubrechen, als hätte ich Dir wer weiß, welches Herzeleid zugefü ügt? Iſt das auch gut pommerſche Art, von der Du immer ſprichſt? Ich ſollte meinen, Du tämſt eher aus Welſch⸗ land oder doch aus Polen, wo man auch hinterrücks iſt! Wenn Du es in Loſſin ſatt haſt und unſere ewi⸗ 91 gen Bitten, auf immer bei uns zu bleiben, Dir zur Laſt ſind, nun ſo ſag' es mir ehrlich am Tage und reite dann aus, wenn die Sonne ſcheint, daß Pich und mich alle Leute ſehen können! Ich will Dich nicht ge⸗ fangen halten— laß es alſo wenigſtens Tag werden, und ſage meiner Frau und meinen Kindern Lebewohl, dann begleite ich Dich in aller Freundſchaft eine Strecke.“ „Biſt Du nun fertig?“ entgegnete Detlev, der ſich unterdeſſen gefaßt hatte.„Du hältſt mir eine Pre⸗ digt, wie ſie der ſelige Krackewitz in Greifswald nicht ſtrenger halten konnte, ehe ihn der kaiſerliche Kom⸗ mandant ſo unchriſtlich grauſam dafür behandelte. Warum ich abreiſe, beſagt Dir der Zettel dort, wel⸗ cher allen Dank für Deine Freundſchaft und viel Grüße an Deine Eheliebſte und Dein Töchterlein enthält. Daß ich Dir nichts davon geſagt habe, iſt freilich nicht ganz pommer'ſch— aber denkſt Du denn, Kerl, daß mir's nicht auch leid thut, von Loſſin und Euch Allen wegzugehen, wo wir uns doch wahrſcheinlich auf dieſer Welt nicht wieder zu ſehen kriegen? Soll ich mich hinſtellen vor Deine Frau und die kleine Erika, daß mir etwa zu Muth wird, als wär ich ſelbſt ein Weib? Laß mich alſo in Gottes Namen reiten, hab' nochmals Dank und ſage Deinen Frauensleuten und auch Deinem 92 Jungen von mir viele Grüße. Ihr werdet den Kopf überdem voll genug haben von wegen des Königs!“ „Nein, Detlev. Ich habe Deine Pferde, nimm mirs nicht übel, ſchon abbeſtellt. Meine Frau iſt auf⸗ geſtanden, wie ich geweckt wurde. Glaubſt Du in mei⸗ nem Stalle wäre keine Ordnung, daß Einer ſo mir nichts, Dir nichts mit zwei Pferden ausrücken könnte, ohne daß es mir gleich gemeldet würde? Ich bin zu lange Soldat geweſen, um nicht auch auf meinem Hofe gute Kriegszucht zu halten! Ich kann mir's denken, Du willſt dem Köuige aus dem Wege gehen, und daran will ich Dich auch nicht hindern, aber warum gleich bis hinter die Oder, bis nach Wildenitz reti⸗ riren? Geh' doch zu unſerm alten Hans Podewils, der Dich ſo oft eingeladen hat, bei ihm ein paar Tage zu bleiben! Warum ſollen wir uns denn nun auf ein⸗ mal trennen, da die Zeiten vielleicht ein Wiederzuſam⸗ menkommen ſchwer machen? Was haſt Du in Wil⸗ denitz? Hier kannſt Du uns mit Rath und That bei⸗ ſtehen, denn die Durchmärſche werden nun wohl nicht abreißen und wer weiß was Alles noch hinterdrein kommt. Sei alſo vernünftig, Detlev. Meine Frau war⸗ tet unten auf uns am Kaminfeuer. Fort kamſt Du jetzt auf keinen Fall.“ Detlev machte zwar einige Einwendungen, welche 93 kaum noch ernſtlich gemeint waren und ergab ſich dann auf Gnade und Ungnade. Frau Ebba empfing ihn lächelnd und wußte ihm jede Verlegenheit durch ihr Benehmen zu erſparen, ſo daß er ſich bald wieder ganz gemüthlich fühlte und ſich die Morgenſuppe, welche heut durch das außergewöhnliche Ereigniß veranlaßt, ſehr früh aufgetragen wurde, beſſer munden ließ, als ſie ihm ſeit langer Zeit geſchmeckt hatte. Erika erſchien dann auch— ihr war nichts geſagt worden und ſie wunderte ſich daher, den Oheim und die Eltern ſchon zu finden, da ſie ſonſt meiſt die erſte hier war und der Mutter in der Wirthſchaft emſig vorarbeitete. Als ſie denn von dem Oheim ſelbſt hörte, daß er habe in aller Morgenfrühe mit„polniſchem Abſchiede“, wie es ihr Vater genannt, abreiſen wollen, erſchrack ſie förm⸗ lich und richtete auf ihm einen traurigen und fragenden Blick, der ihm zum Herzen ging. „Nun, Du närriſches Mädel!“ rief er.„Ich bin nicht der Brautmann, der fortgeht— nur Dein alter Ohm, der Dich freilich ſo lieb hat, wie nur ein Freiersmann Dich lieb haben könnte. Komm her, Kind, gib mir'ne Hand. Ich bleibe heute noch hier.“ Einen rechten Plan, was er nun weiter thun wolle, hatte er noch nicht gefaßt. Zum alten Podewils nach Haus Demmin wollte er nicht, ebenſo gut konnte 94 er hier bleiben. Traf er den König dort nicht, ſo doch gewiß ſchwediſche Einquartierung, mit welcher er nichts zu thun haben wollte. Im Ganzen aber war ihm der Entſchluß, Loſſin nun auf immer zu verlaſſen, wieder halb und halb leid geworden— er fühlte ſich heut, wo er eben im Begriffe geſtanden, das zu thun, wohler als je bei ſeinen Verwandten, und würde unbedingt jenen Entſchluß ſchon aufgegeben haben, wenn er ſich nicht vor ſich ſelbſt geſchämt hätte. Der Sohn, nach welchem Detlev endlich fragte, da er gar nicht zum Vorſchein kam, war die Urſache geweſen, daß Detlev's Abſicht entdeckt worden war. Nachdem ſich der Oheim ſchon zur Nacht auf ſeine Stube zurückgezogen hatte, war Karl auf den Gedan⸗ ken gekommen, am andern Morgen in aller Frühe nach Jarmen zu reiten, um bei den dort bereits eingerück⸗ ten Fouriren Nachricht einzuziehen, wo der König ſein Hauptquartier an dieſem Tage haben werde, damit er für den folgenden ſicher ſei, mit ſeinem Vater den rech⸗ ten Weg einzuſchlagen, wenn ſie dem königlichen Herrn entgegen reiten wollten. So hatte auch er Befehl ge⸗ geben, daß ſein Pferd bei Tagesanbruch geſattelt werde und dabei erfahren, was er dann gleich ſeinem Vater gemeldet hatte, während er ſich dadurch nicht abhalten ließ, ſeinen Ritt zu unternehmen. Der Vater konnte thun, was er für paſſend hielt. Detlev ſchalt auf den Neffen, als ihm Barnim den Zuſammenhang erklärte, indeſſen war er nun damit ſchon einverſtanden, wenig⸗ ſtens heut noch zu bleiben; morgen konnte er ja mit dem Bruder und deſſen Sohn, wenn ſie aufſaßen, um den erlauchten Gaſt feierlich einzuholen, zugleich aus⸗ reiten, und ſich unterwegs von ihnen trennen, um dem Könige nicht zu begegnen und auch ſeinen Truppen auszuweichen, denen er heut vielleicht gerade in die Hände geritten wäre. Im eigenen Lande und gewiſſer⸗ maßen unter den Augen des Königs, der bei Exceſſen nicht ſpaßte, war wohl keine Gewaltthat an einem friedlichen Reiſenden zu fürchten, aber es hatte für einen ſolchen immer ſeine Verdrießlichkeit, einer mar⸗ ſchirenden Soldatesca zu begegnen, wär's auch nur der ſchlechten Witze wegen, mit denen die rohen Burſchen ihn in der Regel reichlich bedenken. „Malte,“ſagte Herr Detlev nachher zu ſeinem Knechte, als er ihn im Stalle aufſuchte,„es ging nicht.“ Malte verzog den Mund zu einem breiten Lächela, das ſeinem Herrn ſehr unangenehm war. „Lacht mich der Kerl aus?“ rief er und hob ſchon die Hand zu einem ſchweren hinterpommer'ſchen Schlage. Aber er beſann ſich anders und lachte nun ſelbſt.„Ja Malte, ſie haben uns abgefangen,“ ſagte 96 er.„Wir werden nun morgen mit Trompetenſchall und fliegenden Standarten bei helllichtem Tage ausmar⸗ ſchiren.“ „Wenn's nur wahr iſt, geſtrenger Herr!“ erwie⸗ derte Malte. Als die Familie zur gewohnten Zeit Schlag zwölf Uhr ſich zu Tiſch ſetzen wollte und der Hausherr ſchon nach alter, guter Sitte das Gebet geſprochen hatte, wurden Alle durch einen donnernden Hufſchlag geſtört, welcher vom Hofthore her erſchallte.„Es iſt der junge Herr!“ ſagte der Vogt, der nebſt Andern vom Schloß⸗ geſinde am untern Ende der Tafel mit ſeiner Herr⸗ ſchaft ſtets zu Mittag aß. „Denkt der Junge, wir werden ihm nichts übrig laſſen, daß er's ſo eilig hat?“ ſagte der Hausherr lächelnd und winkte, Platz zu nehmen, während man draußen hörte, wie der Ankommende in geſtreckter Carriere auf den Hof ſprengte und laut nach ſeinem Knechte rief. Bald darauf trat er ſelbſt, das Angeſicht vom ſchnellen Ritt in der Mittagshitze geröthet, in das Zimmer und ſein erſtes Wort war:„Der König! Er wird in einer Viertelſtunde hier ſein!“ Alle ſtanden raſch auf, Frau Ebba ſchien in augen⸗ ſcheinlicher Beſtürzung. „Aber es ſollen durchaus keine Umſtände gemacht —— M— S—— 8 8— — 97 werden!“ fuhr der Sohn raſch auf.„Nur unter der Bedingung, daß ich dafür ſtehe, hat mir der König er⸗ laubt, vorauszureiten und ihn anzumelden. Niemand ſoll auch nur ein Kleid wechſeln, kein Gericht mehr aufgetragen werden— der König würde es ſehr übel nehmen. Er hat mir das ausdrücklich aufgetragen— er will ſeinen Herrn Gevatter und die Frau Gevatte⸗ rin, wie er mir ſagte, nur auf ein paar Stunden heim⸗ ſuchen und noch heut nach Demmin gehen. Morgen iſt vor Demmin Heerſchau!“ Der Vater wollte noch mehr fragen, aber Frau Ebba, welche ſchon ihre Geiſtesgegenwart wieder ge⸗ funden hatte, nahm das Wort.„Wie viel Herren von ſeinem Gefolge bringt er mit?“ forſchte ſie und als der Sohn ihr nachdrücklich antwortete:„Nur Einen!“ nickte ſie dem Gemahl, über ſeine große Aufregung lächelnd, zu, gab Befehl, daß die dampfende Schüſſel, welche ſchon aufgeſetzt war, pfort wieder abgetragen werde, bis des Königs Ankunft die Mahlzeit geſtatte, winkte ſtatt ihres Mannes, der jetzt eifrig mit dem Sohne ſprach, den Schloßleuten, ſich zu entfernen, und muſterte ſchließlich mit einem mütterlichen Blicke das einfache Hauskleid ihrer Tochter, ob ſie nicht dennoch des Königs Befehl brechen müſfe. Aber ſie war zu⸗ frieden und nun Alles geordnet war, trat ſie zu den Guſeck, Karl X. Guſtav. 1. 7 98 Männern und ſagte zu Detlev, der mit gerunzelter Stirn dem weitern Berichte ſeines Neffen über ſeine unvermuthete Begegnung mit dem Könige zuhörte.„Ja, ſieber Schwager, Ihr müßt uns nun ſchon beiſtehen. Seid nicht böſe, daß wir Euch aufgehalten haben und Ihr doch noch erlebt, was Ihr gern vermeiden wolltet“ Detlev wurde durch ihre Rede erſt daran erin⸗ nert, daß für ihn gar keine Verpflichtung da ſei, dem fremden Könige zu hofiren und daß er ſich der Ver⸗ legenheit ganz und gar entziehen könne, da der König nur ein paar Stunden hier bleiben wolle. Er durfte nur während der Zeit ſeine Kammer hüten oder gar hinaus gehen in's Dorf, auf das Feld, an den See, vielleicht in's Fiſcherhaus, wo es im Schatten am Waſſer gewiß recht kühl war. „Nein, Oheim!“ verſetzte Karl auf dieſe Aeuße⸗ rungen lebhaft.„Der König hat gefragt, ob Gäſte auf Loſſin ſeien und ich habe ihm Eure Anweſenheit ge⸗ meldet. Ihr könnt alſo nicht gut ausbleiben.“ Der Oheim wurde auch aller Mühe überhoben, denn der König, welcher ſeinem Boten nicht die gehoffte Viertelſtunde Vorſprung gegönnt hatte, ritt eben, von einem Offizier begleitet, von zwei Dienern gefolgt, in den Hof. Barnim eilte ihm, nur den Hut raſch vom Nagel an der Wand reißend, entgegen, ſein Sohn mit 99 ibm— Detlev entſchloß ſich zögernd und erſt auf drin⸗ gende Ermahnung ſeiner Schwägerin dazu. Frau Ebba mit ihrer Tochter erwarteten den Herrn auf der Vor⸗ treppe des Schloſſes, an deſſen unterſter Stufe Detlev ſtehen blieb. „Gott grüß Dich, mein alter treuer Gevatter!“ rief der König, indem er ſein edles Roß mit zwei Sprüngen heran führte. Der junge Krockow war ſchnell bei der Hand, ihm den Steigbügel zu halten; er ſchwang ſich, trotz ſeiner anſehnlichen Stärke, welche den frühern Waffengenoſſen an ihm überraſchte, mit Leichtigkeit aus dem Sattel und ſchüttelte Barnim, der ihn ehrfurchts⸗ voll begrüßte, mit ſoldatiſcher Herzlichkeit die Hand. Detlev hatte unterdeſſen Muße gehabt, den König genau zu betrachten. Er hatte ſich von dem Helden, deſſen Kriegsruhm die Fama weithin verkündet hatte, ein anderes Bild gemacht, das unwillkürlich aus der Erinnerung an Karl Guſtav's Dheim und Vorfahren, den großen Guſtav Adolf entſtanden war. Dieſen hatte Detlev Krockow geſehen, als er zuerſt dicht an der Oder⸗ burg vor Stettin erſchienen war und den Herzog Bo⸗ gislav, krank und verlaſſen, wie er ſchon von Vielen war, genöthigt hatte, zu ihm heraus in ſein Lager zu kommen, um mit ihm ein Bündniß zu ſchließen, das er nicht ablehnen konnte. Detlev war ein Zeuge 7* 100 geweſen, wie die Schweden dann, obgleich die Thore von Stettin ihnen durch den Commandanten Siegfried von Damitz geöffnet waren, nicht durch dieſe, ſondern über einen ſchmalen Steg zwiſchen zwei unfertigen Gräben den Wall hinauf, zum Zeichen der Eroberung, ihren Einzug gehalten hotten. Alles das hatte ſein treues Gemüth gegen den fremden Fürſten eingenommen, wel⸗ cher nicht geſtattet hatte, wie Bogislav's Abgeordnete ihn gebeten, daß ihr reichsunterthäniger Herr den Ruhm der Treue und des Gehorſams bis in die Grube mit⸗ nehmen dürfe. Aber dennoch hatte Guſtav Adolfs ge⸗ waltige und gewinnende Perſönlichkeit auch auf ihn ihren Eindruck nicht verfehlt und wenn er in den letz⸗ ten Jahren von Karl Guſtav, dem neuen Schweden⸗ könige gehört, hatte er immer an den Sieger von Brei⸗ tenfeld denken müſſen. Jetzt ſah er einen beleibten Herrn, kaum von Mittelgröße, vor dem baumlangen Barnim Krockow und ſeinem eben ſo hoch gewachſenen Sohne ſtehen und die achtungsvolle Scheu, welche er ſonſt immer vor dem Gewaltigen gefühlt, der ſogar den Kurfürſten Friedrich Wilhelm gezwungen hatte, ihm zu Willen zu ſein, fing an ſich zu verlieren. Er warf einen Blick rückwärts zu Frau Ebba und ihre Tochter hinauf, welche vorgeneigt die Begrüßung mit geſpannter Aufmerkſamkeit betrachteten. 10¹ Zetzt wandte ſich der König dem Hauſe zu und Detlev mußte ihm denn auch ſeine Reverenz machen. „Das iſt Dein Bruder nicht wahr, Varnim?“ kam Karl Guſtav dem Schloßherrn zuvor.„Ich freue mich, noch Einen von dem wackern Geſchlecht der Krokow zu ſehen.— Seit mir gegrüßt, meines tapfern Erik Slange herzhafte Tochter!“ rief er dann Frau Ebba zu, welche die Treppe heruntergekommen war, um ihn zu empfangen. Er reichte ihr, welche ſich tief vor ihm verneigte, die Rechte, und wehrte ihrem Handkuß.„Sieh da, Euer Töchterlein wohl? Sieht Euch aber nicht ähnlich! Wie heißt ſie?“ „Erika, Euer Majeſtät,“ antwortete die Mutter. „Nach ihrem Großvater.“ „Recht ſo!“ verſetzte der König und betrat nun das Schloß, in deſſen Tafelzimmer mittlerweile ſchon die Befehle der Hausfrau flink ausgeführt worden waren. Karl Guſtav nahm, ehe das Mittagsmal, zu welchem er ſich auf Soldatenmanier eingeladen hatte, aufgetragen war, in der vordern Stube Platz und hatte viel zu fragen, viel alte Erinnerungen mit ſeinem einſtigen Kriegsgenoſſen zu wecken. Detlev konnte ſehen, daß ſein Bruder viel Anſpruch auf die Gnade des Königs erworben haben mußte, obſchon er ſich ſeiner Kriegsthaten nicht rühmte, er konnte jetzt auch, ſo wenig 102 ihm auch, wie wir wiſſen, eine ſcharfe Beobachtungs⸗ gabe eigen war, bemerken, daß er ſich doch in der Perſönlichkeit des Königs geirrt, als er dieſelbe uach der Elle gemeſſen hatte. Karl Guſtav war zwar nicht hochgewachſen, aber ſtark und kräftig gebaut und die Beleibtheit, die in den letzten Jahren entſtanden war, that ihm keinen Eintrag, er war raſch und noch immer gewandt in allen ſeinen Bewegungen. Kaum vierund⸗ dreißig Jahre alt, war er noch immer ein ſchöner Mann, ſein Antlitz hatte edle und regelmäßige Züge, ſein Auge war feurig und die hohe, gebietende Stirn von dunklem Haar beſchattet, das ihm in ſchweren freien Locken auf den Nacken hing. In ſeinem Weſen lag etwas Herzgewinnendes, das noch durch die fein⸗ ſten und liebenswürdigſten Manieren im Umgange be⸗ ſonders mit Solchen, denen er wohl wollte, erhöht wurde, aber Niemand wagte doch, ſich gegen ihn einer unziemlichen Vertraulichkeit zu überlaſſen, denn all ſei⸗ nem einnehmenden Weſen leuchtete ſein hoher Geiſt, die wahre Majeſtät eines Herrſchers hindurch und machte ihn in gewiſſer Weiſe unnahbar Zur Tafel, als Frau Ebba ihn meldete, daß Alles ſeines Befehles harre, führte er die Hausfrau und nahm an ihrer Seite Platz. Erika, welche ſich zurück⸗ ziehen ſollte, mußte auf ſeinen beſondern Wunſch bleiben, 103 nur das Schloßgeſinde nahm natürlich an der Malzeit nicht mehr Theil. Der König ſprach viel und lebhaft, er unterhielt ſich mit Frau Ebba von naheliegenden Dingen, auch von ihren Verwandten in Schweden, von denen nur noch wenige lebten, ohne in Verbindung mit ihr geblieben zu ſein. Als die Frauen ſich dann beur⸗ laubt hatten und die Männer noch beim Becher ſitzen blieben, kam der König wieder auß Ebba's Vater zu ſprechen, welcher in der zweiten Schlacht bei Breiten⸗ feld vor fünfzehn Jahren gefallen war und zu Leipzig in Sanct Nikolas begraben lag. Seine Tochter hatte damals ſchon auf den Wunſch ihres Gemahls das Heer verlaſſen, deſſen ſchnelle Züge unter Banär die Urſache dazu geweſen waren, ſie wohnte mit ihren bei⸗ den Kindern ruhig in Loſſin, während Barnim dem Kriege weiter folgte und es oft ſegnete, daß er ſie nach Hauſe geſchickt, als Torſtenſon den Oberbefehl übernahm, gegen deſſen blitzſchnelle Operationen ſogar die ſeines Vorgängers in den Schatten traten. Frauen durften in jener Zeit ungehindert den Heeren folgen, noch der Kriegsartikelsbrief, welchen Karl Guſtav kürzlich bei ſei ſeiner Thronbeſteigung erlaſſen hatte, beſagte:„es ſoll einem jeglichen Soldaten frei ſtehen, ſein ehelich Weib bei ſich zu haben.“ Dadurch wuchſen aber die Heere zu Wandervölkern an, welche dem Lande, wo 104 ſie lagerten oder zogen, um ſo beſchwerlicher fielen, als natürlich nur für die Kopfzahl der Streitbaren Ver⸗ pflegung geliefert wurde, der ganze Troß alſo von Nichtſtreitern, Knechten, Buben und Frauen für ſeine Ernährung ſelbſt ſorgen mußte, was nicht immer mit Geld und guten Worten geſchah. Das beſte Mittel, dies ſchlimme Anhängſel vom Heeee abzuſtreifen, war immer die Schnelligkeit der Züge geweſen, wo jener Troß nicht folgen konnte und auch Karl Guſtavs Ge⸗ waltmarſch vom Ufer der Weichſel bis an die Prone, 55 Meilen in 17 Tagen bei glühender Sonnenhitze, lieferte jetzt den Beweis davon. „Haſt wohl gethan, Barnim, Dein Weib zu Hauſe zu laſſen!“ ſagte der König, als er von der frühern Zeit ſprach,„Ihr und Deinen Kindern iſt es auch gut bekommen. Erfuhr ſie dann bald den Tod ihres Vaters?“ „Ich ließ es etwas anſtehen, bis ich fürchtete, ſie möge die Kunde etwa auf anderm Wege erhalten. Sie hat freilich ſehr um den Vater getrauert, doch aber bald ſich gefaßt, denn ſie iſt eine verſtändige Frau.“ „Verſtändig und tapfer, wie ihr Vater Erich. Denkſt Du noch daran, wie er bei Breitenfeld mit dem erſten Treffen, daß unter ihm ſtand, auf den Feind — 105 anſetzte? Ich konnte es recht ſehen, denn ich hielt dicht bei dem Feldmarſchall. Das Feuer war mörderiſch, denn unſere Stücke konnten uns in der Bewegung nicht folgen, die Kaiſerlichen aber ſtanden feſt und ließen uns ankommen; ihre Artillerie war alſo in voller Ac⸗ tion, während wir ihr nichts entgegen zu ſetzen hatten, als unſern guten Muth, mit dem wir dem Feinde un⸗ ters Geſicht gingen. Dem Feldmarſchall Torſtenſon, den gerade an dem Tage die böſe Gicht einmal ver⸗ laſſen hatte, ſo daß er reiten konnte, wurde ein Pferd unterm Leibe erfchoſſen und ein Stück ſeines Pelzes vom Leibe geriſſen— und was mir geſchah, Barnim, weißt Du noch?“ „Eine Kettenkugel rieß Eurer Majeſtät Hengſten den Kopf ab!“ rief Barnim.„Sie ſchlug auch den Grubbe nieder, den Staatsſekretarius. Ihr waret aber, wie der Blitz, wieder zu Roß, denn gleich darauf ſetz⸗ tet Ihr mit uns Reitern vom rechten Flügel gegen die Kroaten an, die vor uns mit verhängten Zügeln die Flucht ergriffen. Ein Küraſſier⸗Regiment wandte mit um und löſte ſich ſchändlich auf—“ „Madlo!“ beſtätigte der König.„Es hat für die Fahnenflüchtigkeit ſchwer gebüßt. Der Erzherzog ließ in Böhmen Kriegsgericht über dasſelbe halten, Oberſt Madlo, ſowie Oberſtlieutenant und Oberſtwachtmeiſter 106 des Regiments wurden enthauptet, alle Offiziere, deren man noch habhaft werden konnte, mit dem Schwerte gerichtet Cornets, Wachtmeiſter und Unteroffiziere, ſowie der zehnte Mann von den gemeinen Reitern auf öffent⸗ licher Landſtraße gehenkt, nachdem zuvor der Freimann ihre Degen zerbrochen hatte. Wir aber trugen den Vortheil ihrer Flucht davon, denn wir warfen nun beide Reitertref⸗ fen des linken Flügels mit leichter Mühe über'n Haufen.“ „Nun, Eure Majeſtät bekam noch ſchwere Arbeit genug auf dem andern Flügel, wo es unterdeſſen ſchlecht gegangen war,“ ſagte Barnim, welcher den König mit großer Freude das Gedächtniß jener glor⸗ reichen Schlacht erneuern ſah. „Ja! Dort hatte Hannibal Gonzaga unſere Rei⸗ ter weit zurückgeworfen— Königsmark war verwun⸗ det, Dein Schwiegervater, der unter' ihm das erſte Treffen befehligte, zum Tode getroffen ſchon gefallen, unſere allzu dünn formirten Brigaden fingen an vor der Wucht der kaiſerlichen Vierecke und dem mörderi⸗ ſchen Musketenfeuer der Schützentrupps an den Ecken der Tercien in Verwirrung zu gerathen, die walloni⸗ ſchen Dragoner fielen ſchon in unſere zurückgelaſſenen Stücke und die Conſtabler liefen davon— wir ver⸗ meinten, die Schlacht ſei verloren. Da wußte der Feld⸗ marſchall ſie wieder herzuſtellen und das Blatt wandteſich.“ 107 „Nicht der Feldmarſchall, ſondern vornehmlich Eure Majeſtät!“ warf Barnim lebhaft ein.„Ihr führ⸗ tet die Reiterei des rechten Flügels dem linken zu Hülfe und ſchlugt die kaiſerliche auch hier aus dem Felde.“ „Auf des Feldmarſchalls Befehl!“ entgegnete der König lächelnd. „Der Befehl iſt ſein, die That Euer, mein gnä⸗ diger Herr!“ rief Barnim eifrig.„Und wer, als der durchlauchtige Pfalzgraf zu Zweibrücken hat denn, nach⸗ dem das Fußvolk noch lange im heißen Kampfe, Pike gegen Pike geſtanden, und die Kaiſerlichen ſich zuletzt in das Birkholz geworfen hatten, zuletzt als ſie den Wald verlaſſen mußten, reinen Tiſch gemacht, das kaum Einer zu entrinnen vermochte? Solches kann Zeder⸗ mann bezeugen, und ganz beſonders Euer Majeſtät jetziger Feldmarſchall Karl Guſtav Wrangel.“ Der König ſchüttelte den Kopf und wollte ſein Lob nicht weiter hören, er weilte aber gern bei der Erinnerung ſeiner erſten Feldzüge und wußte noch Manches zu erzählen, was den Tiſchgenoſſen intereſſant war. Detlev erwartete immer, er werde auch einmal auf den letzten Krieg zu ſprechen kommen, und dabei vielleicht ein Wort fallen laſſen, aus welchem ein Schluß auf die jetzige Lage der Dinge zu machen ſei, 108 aber vergebens. Der König erwähnte ſeiner gegenwär⸗ tigen Verhältniſſe mit keiner Silbe, und der Name des Kurfürſten von Brandenburg, auf welchen Detlev Krockow immer noch lauſchte, kam nicht über ſeine Lip⸗ pen, ſo reichlich er auch dem guten Weine ſeines Wirthes zuſprach, der ſonſt das Herz offen macht. Als endlich der letzte Becher geleert war und der König keinen mehr annahm, war die größte Hitze des Julitages vorüber. Karl Guſtav gab Befehl, die Pferde vorzuführen und nahm Abſchied von der Hausfrau „Erik Slange's tapfere Tochter wird ſich zwar vor ſchwediſchen Soldaten nicht fürchten,“ ſagte er freundlich,„aber der Krieg bringt wunderliche Geſellen unter die Fahnen. Ich denke daher, dieſe Salvaguardia, die ich für Euch geſchrieben habe, wird auf alle Fälle gut ſein.“ Er überreichte ihr den Schutzbrief mit ſeiner königlichen Unterſchrift, den er ſich von dem Traban⸗ ten⸗Hauptmann, ſeinem Begleiter, geben ließ. Frau Ebba ſprach ihm ihren Dank aus und hoffte, daß ſie gegen Schweden niemals werde Gebrauch davon machen müſſen. „Gegen wen ſonſt, Frau Gevatterin?“ entgegnete der König lachend.„Meint Ihr Polen oder Branden⸗ burger, wenn ſie mir auf dem Fuße folgen ſollten, würden ſich an meine Schrift kehren?“ S Sb N — S F r E 8— — 109 Dem ehrlichen Detlev ging es wie ein Stich durch das Ohr; der König hatte die Brandenburger ſchon ſeine Feinde genannt— Gott ſchütze Pommern! Er verneigte ſich, als an ihn die Reihe kam, aber er blieb zurück, als ſein Bruder und deſſen Sohn ihre bereit gehaltenen Pferde beſtiegen, um dem König noch bis an die Grenze von Loſſin das Geleit zu geben. Mit Frau Ebba war nach ſeiner Meinung gar nicht zu reden, denn die Ehre, die ihr widerfahren war, das viele Rühmen der ſchwediſchen Nation hatten ihr gewiß das Blut gar ſtolz in Wallung geſetzt— der König hatte ſie wiederholt eine tapfere Frau genannt, vielleicht zeigte ſie ſich noch einmal tapfer, wenn etwa die Brandenburger feindlich hier einfallen ſollten! Sehr verſtimmt zog ſich Detlev in ſeine Kammer zurück— der Wein machte ihn ſonſt immer fröhlich, wie kam es denn, daß er ihm heut das Herz eben ſo ſchwer, als den Kopf gemacht hatte? Der alte Herr warf ſich auf ſein Lager, um die Sorgen zu verſchlafen, die mit des Königs einzigem Worte in ihm geweckt worden waren. Frau Ebba und ihre Tochter hatten ſich auf das Lug⸗in's⸗Land begeben, von wo ſie den kleinen reiſigen Zug, der den König geleitete, auf dem Wege nach Demmin noch eine Strecke mit den Augen ver⸗ 1¹⁰ folgen konnten. Die Mutter ſah ihm mit freudigen Augen nach; Karl Guſtav war von ihrer früheſten Jugend an der Held ihrer Gedanken geweſen, die große Achtung, die er ihrem Vater einſt bewieſen, die Freund⸗ lichkeit und Gnade gegen ihren Mann, daß er ſich ſelbſt bei ihrem erſten Kinde, das ſie im Winterquar⸗ tier geboren, zum Taufpathen angeboten hatte, und die Art, wie er ſich heut in Loſſin benommen hatte, nicht wie ein neuer König, der die Staffeln ſeines Thrones hinangeſtiegen und die alten Waffengefährten unten weit zurückgelaſſen hat, ſondern recht wie ein hochherziger, ritterlicher Soldat— der ehrliche Detlev mochte wohl Recht haben, daß hr das ſchwediſche Blut heut ſtolz geworden war! Als endlich der Zug der Reiter an der Seeſpitze verſchwand, winkte ſie mit ihrem Tuche hinaus, obgleich Niemand es mehr ſehen konnte, dann ſetzte ſie ſich zu ihrer Tochter, welche zärtlich zu ihr aufſchaute und fragte ſie, wie ihr der König ge⸗ fallen habe. Erika ſprach ſich bewundernd über ihn aus, dann ſagte ſie, ohne die Mutter anzuſehen:„Er meinte, daß ihm leicht Feinde auf dem Fuße hieher folgen könnten — glaubſt Du das?“ „Fürchteſt Du Dich?“ entgegnete die Mutter lächelnd. Aber ſie wurde plötzlich ernſthaft, als falle 6 2* — S 8 2 ———— ——— — 111 ihr ein, daß in der Frage ihres Kindes wohl noch ein tieferer Sinn liegen könne.„Wer kann wiſſen, was die Zukunft bringt, Erika!“ ſetzte ſie hinzu„Ver⸗ trauen wir nur immer auf Gott, der wird's wohl machen.“ Ihre Worte fanden auch, wie immer, bei der Tochter eine gute Statt. Erika ſchmiegte ſich an ſie und Beide ſaßen noch lange in der milden Abendluft, bis die Sonne ſich hinter die hohen Erlen am See neigte. Süßer Frieden waltete in der Natur und auch das Herz war ſtill, voll reinen Gottesfriedens. Der Gedanke, wie bald vielleicht wilde Stürme auf dieſe Ruhe folgen könnten, ſtörte Mutter und Kind zur Stunde nicht. Jänftes Capitel. Heerſchau und Krieg. Am 19. Juli 1687 hielt König Karl der Zehnte Guſtav bei der Feſte Demmin Muſterung über das mark eröffnen wollte. Mit nur 6000 Mann war er auf die Nachricht, daß Friedrich der Dritte, der ſchon lange gerüſtet, ihm den Krieg erklärt und das Herzogthum gegriffen habe, aus der Gegend von Thorn aufgebrochen, aber die Anſtrengungen des Eilmarſches hatten jene Stärke bedeutend vermindert. Namentlich waren die Pferde der Reiterei hart mitgenommen worden und wie es hieß, unterwegs zu Hunderten gefallen. Man ſah kleine Heer, mit welchem er den Krieg gegen Däne⸗ Bremen— ſchwediſch ſeit dem weſtphäliſchen Frieden— an⸗ 113 daher bei den ohnehin ſtark gelichteten Regimentern dieſer Truppengattung gar Viele, welche zu Fuß ein⸗ herziehen mußten, in der Hoffnung, in Pommern oder beim Einmarſch in Feindesland, in Holſtein, wo ein vor⸗ trefflicher Pferdeſchlag, für die ſchwere Reiterei zu fin⸗ den, wieder beritten gemacht zu werden. Ihr Gepäck, ſammt Sattel und Zeug, war den Heerwagen aufge⸗ laden, welche immer in großer Zahl unter dem Gene⸗ ral⸗Wagenmeiſter mit hinlänglicher Bedeckung den Zü⸗ gen folgten; ſie ſelbſt, die unberittenen Reiter, ſollten in geordneten Abtheilungen zuſammengehalten werden, das geſchah aber nicht, ſie zerſtreuten ſich als Nach⸗ zügler und hatten ſich ſchon im brandenburgiſchen Pom⸗ mern mancherlei Gewaltthaten im Lande zu Schulden kommen laſſen, ſo daß Profoſe und Rumormeiſter viel Arbeit mit ihnen gehabt. Seit dem Einrücken in Stet⸗ tin und nun in Schwediſch⸗Pommern war das etwas beſſer geworden, da der König unnachſichtliche Strenge befohlen hatte, während im fremden Lande, ohnehin eines zweifelhaften Bundesgenoſſen, den man ſchon für einen Feind anſehen mußte, obgleich er noch nichts gegen Schweden unternommen hatte, mehrfach den Me⸗ rodebrüdern durch die Finger geſehen worden war. Im eigenen Lande hatte der König überhaupt die Zügel des Heerbefehles wieder ſtraff angezogen und aus den Guſeck, Karl X. Guſtav. 1. 6 1¹⁴ Garniſonen, ſowie aus den Lagern, welche hier und da ſchon bei nahender Kriegsgefahr gegen die Dänen bezogen worden waren, Alles von Truppen zuſammen⸗ gerafft, was irgend verfügbar war. Dennoch überſtieg die Stärke ſeines Angriffsheeres nicht zwölf tauſend Mann, wobei etwa vier tauſend Reiter ſein mochten, ein Verhältniß, welches für jene Zeit, wo die Reiterei noch immer ein großes Uebergewicht, ja im Feldge⸗ brauch und der Kriegsordnung noch den Vorrang vor dem Fußvolk behauptete, nur gering zu nennen war. Dieſe kleine Heerſchaar wurde vor Demmin vom Könige gemuſtert. Auch Karl Guſtav Krockow hatte ſich wieder ſeinem Regimente eingereiht und ſein Vater ihn begleitet, um Zeuge der königlichen Muſterung zu ſein, zu welcher eine große Menſchenmenge aus der Umge⸗ gend, ſoweit die Kunde davon gedrungen, in aller Morgenfrühe zuſammengeſtrömt war. Wenn die Leute aber viel Glanz und Pracht und die Entfaltung eines großartigen, kriegeriſchen Gepränges erwartet hatten, ſo ſahen ſie ſich darin ſehr getäuſcht. Die meiſten Re⸗ gimenter kamen aus dem Kriege in einem fernen, un⸗ wirthlichen Lande, hatten dort ſchon viel gelitten, auch in ihrem äußern Material der Bekleidung, und waren geſtern erſt nach einem angeſtrengten Marſch ohne Raſttage hier eingetroffen. Sie konnten daher die Fama, — —— S 8— — — S—* —— die ihnen vorausgeeilt war nicht Lügen ſtrafen und wenn ſie auch das Mögliche gethan, um vor ihrem Könige und Kriegsherrn nicht„ſchmutzig“ zu erſcheinen, „ſchwarz“ blieben ſie doch und ihr einziger Schmuck waren ihre Waffen. Nur die Truppen, welche im Lande geblieben und hier erſt zu dem aus Polen kom⸗ menden Corps geſtoßen waren, hatten ein etwas beſſe⸗ res Anſehen, obſchon auch hier die mangelhafte Ver⸗ waltung, über welche zu allen Zeiten Klage geführt wird, Manches zu wünſchen übrig gelaſſen hatte. In zwei Treffen war das Heer aufgeſtellt, ganz nach der Schlachtordnung, welche weiland Guſtav Adolf, der geniale Schöpfer neuer Formen im Kriegsweſen, eingeführt hatte. Karl Guſtav, der in ihm ſein groß⸗ artiges Vorbild ſah, auch in der Machtſtellung, welche er Schweden zu geben gedacht, hatte die Formen der Taktik Guſtav Adolfs beibehalten und nur die allzu leicht gegliederte Brigadeſtellung, deren Vorzüge er in den letzten Schlachten des dreißigjährigen Krieges nicht mehr wahrgenommen hatte, abgeſchafft. Guſtav Adolf hatte nämlich je zwei Regimenter, gleich gekleidet, zu einer Brigade vereinigt und ihre Pikeniere und Musketiere — letztere ſchon zwei Drittel des Ganzen— in be⸗ ſondern Abtheilungen zu gegenſeitiger Unterſtützung ſo aufgeſtellt, daß voran eine Linie von Pilenieren, ſechs 1¹6 Mann tief ſtand, hinter ihr entweder geſchloſſen auf die Mitte, oder getheilt beide Flügel überragend ein Paar Muskelier⸗Pelotons, und wiederum dahinter eine größere Linie von zwei Pikenieren und drei Musketier⸗ Abtheilungen, abwechſelnd gemiſcht, ſo daß die Muske⸗ tiere die Flügel und noch in der Mitte zwiſchen beiden Pikeniercompagnien einen Trupp bildeten. Im polni⸗ ſchen Kriege, ehe Guſtav Adolf durch franzöſiſche Ver⸗ mittelung den Waffenſtillſtand ſchließen konnte, der ihn frei machte, nach Deutſchland zu gehen, war die eben geſchilderte Brigadenſtellung noch durch zwei Linien hin⸗ ter den vordern drei verſtärkt geweſen, die aber, weil ſie dem Gefechte lange Zeit zu viel Waffen ent⸗ zogen, im deutſchen Kriege nicht mehr vorkamen. Eine große Beweglichkeit ließ ſich dieſen, in kleinere Abthei⸗ lungen gegliederten Brigaden nicht abſprechen und wo es darauf ankam, dem Feinde die Vortheile des Bo⸗ dens abzugewinnen oder ſeine unbehülflichen Maſſen durch ein dichtes Kugelfeuer zu lichten, hatten ſie ſich auch bewährt. Guſtav Adolf hatte in dieſer Formation zugleich für die Ausbildung des Feuergefechts geſorgt. Seine Musketiere ſtanden in geöffneter Ordnung mit Zwiſchenräumen, ſo daß aus den hintern Gliedern in die vordern eindoublirt werden konnte und die Stellung dann nur drei Mann tief war; ſtatt des frühern Glie⸗ —— derfeuers mit Ablaufen derer, die geſchoſſen hatten hinter die Front, was immer viel Unordnung erzeugte hatte er das Pelotonfeuer eingeführt, wobei jedes Peloton, 24 Mann ſtark, auf Commando zugleich ab⸗ ſchoß, das erſte Glied knieend, das zweite darüber hin⸗ weg, das dritte auf die Zwiſchenräume gerückt. Bei der Schwerfälligkeit des damaligen Ladens— die Ar⸗ tillerie ſchoß raſcher, als die Infanterie, hatte das ſchwediſche Salvenfeuer in Pelotons ſchon einige Wir⸗ kung, die Brigadeſtellung alſo auch darin Vortheile. Aber im Zuſammenſtoß mit den großen und mächtigen Vierecken der Kaiſerlichen hatten ſie namentlich in den letzten Jahren, wo die innere Kraft nicht mehr die alte war, oft weichen müſſen, und König Karl der Zehnte gab nichts auf ſie. Nach dem dreißigjährigen Kriege iſt ſie auch nicht mehr vorgekommen. Das Fußvolk ſtand demnach in ungebrochener Front, Regiment an Regiment, nur mit kleinen Zwi⸗ ſchenräumen, welche dieſe trennten, durchgängig ſechs Mann hoch, die Pikeniere in der Mitte jeder Com⸗ pagnie, rechts und links davon die Musketiere, ſo drei „Trupps“ gebildet, jeder von zwei Pelotons. Noch hatten die Regimenter verſchiedene Farbe der Bekleidung, wie ſie bereits brigadenweiſe unter Guſtav Adolf eingeführt worden war und es machte einen überaus bunten Ein⸗ x 118 druck, dieſe rothen, gelben, grauen, grünen, ſchwarzen und weißen Röcke in einer Front zu ſehen, keineswegs nach der Harmonie der Farben, ſondern nach dem Range der Befehlshaber oder dem Alter der Regimen⸗ ter geordnet. Jede Compagnie hatte ihre Fahne, doch waren dieſelben vor der Mitte der Squadron, je vier alſo, vereinigt. Squadron, damals auch beim Fußvolk gebräuchlich, bezeichnete hier ein halbes Regiment, und hatte daher vier Compagnien, wovon ſie auch Vier⸗ fähnlein genannt worden. Die Fahnen hatten gleich⸗ falls verſchiedene Farben und waren mit Sinnſprüchen geziert. Alle Offiziere ſtanden vor der Front und tra⸗ ten erſt, wenn gefeuert werden ſollte, in das Glied ein. Jakob de la Gardie, Reichsmarſchall, befehligte das geſammte Fußvolk, welches die Mitte der Schlacht⸗ ordnung bildete, im erſten Treffen ſtanden die Regi⸗ menter Uxland, Smaland, Südermannland und Weſter⸗ mannland, im zweiten Jakob de la Gardie und ein Regiment angeworbener Polen von der dem Könige Johann Kaſimir feindlichen Partei. Vor den Zwiſchen⸗ räumen des erſten Treffens waren die Geſchütze auf⸗ gefahren und außerdem hatte jedes Regiment zwei leichte Stücke, welche auf ſeinen beiden Flügeln ſtanden. Die Reiterei hielt zu beiden Seiten des Fußvolks. Sie formirte zahlreiche Schwadronen, obſchon ſie, wie — —,.,—— 1¹9 geſagt, durch die Anſtrengungen des Krieges und der letzten Märſche in ſich ſehr zuſammengeſchmolzen war. Reiterei läßt ſich nicht ſo ſchnell erſetzen, als Fußvolk. Die Geſchwader waren in drei Glieder aufgeritten, wie es durch Guſtav Adolf ebenfalls ſchon ſtatt der frühern tiefen Haufen eingeführt war. Auch hier gab es ein buntes Farbenſpiel der Uniformen und Standarten; der Befehl, wonach die ganze Armee, mit Ausnahme der Dragoner, in Blau gekleidet wurde, iſt erſt von Karl dem Eilften im Jahre 1687 erlaſſen worden. Die Küraſſiere, mit deutſchen oder däniſchen Pferden beritten, trugen an Schutzwaffen nur noch den Bruſt⸗ harniſch und die Stahlhaube, und führten außer dem etwas gekrümmten Pallaſch einen Karabiner und zwei lange Piſtolen. Die Dragoner auf kleinen, meiſt ſchwe⸗ diſchen oder jetzt auch polniſchen Pferden, zum leich⸗ ten Dienſt, oft auch zum Gefecht zu Fuß beſtimmt, waren deshalb mit Musketen ausgerüſtet und hatten nur kurze Degen, welche ſie abgeſeſſen nicht hinderten. Später bildeten ſie unter Karl dem Zwölften, den Kern der ſchwediſchen Reiterei und trugen ihren Ruhm in allen Ländern; jetzt aber ſtanden ſie noch den ſchwe⸗ ren Reitern nach. Auch bei der Reiterei hatte jede Compagnie ihre eigene Standarte. Die Reiterei des rechten Flügels commandirte der 120 General⸗Lieutenant Karl Magnus, Markgraf von Ba⸗ den, welcher dem Könige in der Schlacht von War⸗ ſchau das Leben gerettet hatte Unter ihm befehligte der Prinz Johann Georg von Anhalt⸗Deſſau, deſſen bereits mehrfach Erwähnung geſchehen, das erſte Treffen, in welchem noch ein deutſcher Fürſt, der ſpäter bei Fehr⸗ bellin unter dem großen Churfürſten gegen die Schwe⸗ den berühmt gewordene Prinz Friedrich von Heſſen⸗ Homburg, ein Reiter⸗Regiment führte*). Das Dra⸗ goner⸗Regiment Taube ſtand, etwas vorgeſchoben, auf dem äußern, das Leibregiment der Königin auf dem innern Flügel des erſten Reitertreffens rechter Hand, welches außerdem die Regimenter Urland, Weſtgothen, Smaland, Heſſen⸗Homburg und Baden enthielt. Das zweite Treffen rechten Flügels, zuſammengeſetzt aus den Regimentern Wrangel, Wittenberg, Heſſen⸗Darmſtadt, *) Derſelbe verlor ſpäter bei der Belagerung von Ko⸗ penhagen ein Bein, das er ſich durch ein ſilbernes, wenig⸗ ſtens eins mit ſilbernen Charnieren, erſetzen ließ, wovon er den Beinamen:„mit dem ſilbernen Bein“ führte. Bei Fehr⸗ bellin griff er gegen des Churfürſten Befehl zu früh an, was Heinrich von Kleiſt den Stoff zu ſeinem trefflichen Drama geliefert hat. Den ſchon ältern Landgrafen mit dem ſilbernen Bein hat aber der Dichter mit poetiſcher Freiheit als jugendlichen Helden auftreten laſſen. 12¹ Bötticher, Waldeck und Magnus de la Gardie, führte der General⸗Major Bötticher. Zwiſchen den beiden Fuß⸗Regimentern in der Mitte der Schlachtordnung hielt die Leibgarde zu Pferd. Der linke Reiterflügel unter dem Pfalzgrafen von Sulzbach hatte im erſten Treffen, das der General⸗Major Arndtſon befehligte, die Regimenter Oſtgothen, Finnen, Aſcheberg, Lethmath und Sulzbach, im zweiten vom General⸗Major Beerent geführt, die Reiter von Königsmark, Croy, Unger und drei zuſammengeſetzte Geſchwader. Auch hier ſtand ein Dragoner⸗Regiment, das von Wittenberg, auf dem äußern Flügel der Oſtgothen etwas vorgeſchoben. Das Gepäck des Heeres in eine mächtige Wagenburg for⸗ mirt, hielt hinter der Mitte des Ganzen. Als der König mit einem verhältnißmäßig gerin⸗ gen Gefolge ſich der Schlachtordnung näherte, welche der Reichs⸗Admiral Karl Guſtav Wrangel aufgeſtellt hatte, begrüßte ihn der kriegeriſche Klang der Heer⸗ trompeten und Pauken, der Trommeln und Pfeifen; alle Fahnen und Standarten neigten ſich vor dem Kriegsherrn, welcher dann langſam die Front beider Treffen hinunter ritt, die Truppen mit ſcharfem Auge muſternd, manchem Führer ein gnädiges Wort ſpen⸗ dend. Den deutſchen Fürſten, welche unter ihm Dienſte genommen, leuchtete ſein Auge mit beſonderer Gunſt 122 entgegen, außer den ſchon Genannten waren es noch drei: der junge Prinz Georg von Heſſen⸗Darmſtadt und der Sohn des regierenden Herzog Wilhelm von Sachſen⸗Weimar, Prinz Adolf Johann, welcher nach ſeines Vaters Tode bei der Landestheilung Eiſenach erhielt, beide Prinzen hielten vor ihren geworbenen Reiter⸗Regimentern, endlich war noch einer von An⸗ halt beim Heere, Prinz Emanuel, der ſpäter zu Plötz⸗ kau reſidirte, was ihm als Erbe zufiel. Vorzugsweiſe hatte fich der Oberſt Aſcheberg, der ſich vom gemeinen Reiter aufgeſchwuugen hatte, durch ſeine Kriegsthaten die Gnade des Königs erworben Im December des vergangenen Jahres erſt zum Oberſten ernannt, hatte ihm Karl Guſtav ſeinen eigenen Degen, eine reiche Schärpe und goldene Kette, 2000 Thaler an Werth, nebſt einem Rittergute von 30,000 Thalern geſchenkt — letzteres allerdings im polniſchen Preußen, dem eroberten Lande, das jetzt wieder gefährdet war. Als der König beide Treffen entlang geritten war und auch der Wagenburg ſeine Aufmerkſamkeit geſchenkt hatte, ließ er das ganze Heer in getheilten Schaaren an ſich vorüber ziehen. Die damalige Zeit kannte noch keine künſtlichen Bewegungen oder Evolu⸗ tionen, ſie wären auch bei der tiefen Aufſtellung des Fußvolks in ſechs Gliedern, welche von einander meh⸗ 123 rere Schritt Abſtände hatten, nicht wohl ausführbar geweſen, Zug⸗, d. h. Marſchordnung und Schlachtord⸗ nung, das war Alles. Die Zugordnung wurde zum Abmarſche gebildet, daher eben ihr Name— von zie⸗ hen. Es gab einfache Zugordnung, in Pelotons und doppelte Zugordnung, in Trupps, welche ſpäterhin im Bataillon, Diviſionen genannt worden ſind. In der doppelten Zugordnung ließ der König ſein Heer an ſich vorüber ziehen; der Gleichſchritt war noch nicht erfunden, Regimentsmuſiken gab es nicht, die Mann⸗ ſchaft marſchirte weder geſchloſſen, noch gerichtet, wor⸗ auf ſpätere Zeiten beim Defiliren ſo viel Werth gelegt haben. Wie ſie bei der Aufſtellung mit Zwiſchenräu⸗ men von etwa drei Fuß, zur bequemeren Handhabung der Waffen, zum Durchziehen und Eindoubliren, ſtand, feſt auf den geſpreizten, keineswegs mit zuſammenge⸗ zogenen Hacken, ſo marſchirte ſie auch geöffnet, mit beliebigem Tritt; es war eben ein Heereszug, der ſelbſt vor der Perſon des Königs keine gemeſſenere Formen annahm. Auch ſetzte das Heer Karl Guſtav's gleich ſeinen Marſch ohne weitern Aufenthalt fort. Der König über⸗ ließ den Oberbefehl einſtweilen dem Reichs⸗Admiral Wrangel und begab ſich vorerſt noch auf eine Reiſe nach Greifswald und Stralſund, um dieſe feſten Punkte 124⁴ in Augenſchein zu nehmen, für den Fall, daß der Däne unter dem Schutz ſeiner Flotte etwas gegen Pommern verſuchen ſollte. Nachdem der König aufge⸗ brochen war, und das Heer ſeinen weitern Marſch gegen die meklenburgiſche Grenze angetreten hatte, gleich vom Muſterungsfelde aus, verlief ſich allmälig die Bevölkerung der Umgegend, welche zu dem kriege⸗ riſchen Schauſpiele zuſammen geſtrömt war. Barnim Krockow hatte von ſeinem Sohne, welcher beim Ab⸗ marſch noch einmal von ſeinem Regimente heraus⸗ ſprengte, als er ſeinen Vater am Wege halten ſah, einen letzten Abſchied genommen und kehrte langſam — man hätte ſagen können, widerſtrebend nach Loſſin zurück. Bei dem Anblicke des in Schlachtordnung auf⸗ geſtellten Heeres war ihm das alte kriegeriſche Blut in den Adern warm geworden und das Herz in der Bruſt, buchſtäblich gevonnen, aufgehüpft, wie es bei einem großen, freudig überraſchenden Eindrucke zuweilen, wenn auch nur ſelten im Leben zu geſchehen pflegt. Das waren die tapfern Schaaren, dieſelben Regimen⸗ ter noch, mit welchen er einſt in ſeinen Kriegsjahren Freud und Leid, Ruhm und Ehre getheilt hatte, und wenn er auch die ſchwarzen Standarten ſeines alten, livländiſchen Reiter⸗Regiments, vermißte, mit der todes⸗ muthigen Inſchrift:„Ult Abrahamus vult immolare —————— [25 ſilium. Pro Rege nostro sic nos parati sumus mori.“(wie Abraham den Sohn opfern will, alſo ſind wir bereit, für unſern König zu ſterben)— ſo ſah er über dem Walde der Piken und den Reitergeſchwadern doch die alten ruhmreichen Feldzeichen flattern und hörte den lauten ſchmetternden Klang der Heertrompeten, denen er ſo oft zum Siege gefolgt war. Auch manchen Bekannten und Waffenbruder fand er noch in den Rei⸗ hen, denn der große deutſche Krieg war ja kaum ſeit neun Jahren beendigt. Am liebſten wäre Barnim Krockow gleich wieder ſelbſt in irgend ein Reiterge⸗ ſchwader eingerückt, um den neuen Feldzug, der friſche Lorbeeren verſprach, mitzumacheu; waren doch viel ältere, ja greiſe Krieger genug in den Schaaren, welche der König gegen den hinterliſtigen Dänen führte. Es hätte vielleicht nur eines Wortes von Seiten des könig⸗ lichen Gaſtes in Loſſin bedurft, um ſeinen Wirth der anmuthigen Frau und Tochter und ſeinem eigenen Herde wieder für eine Weile abwendig zu machen, aber Karl Guſtav hatte dies Wort nicht geſprochen und Barnim Krockow, nachdem er von ſeinem Sohne Abſchied genommen und noch mit manchem alten Kriegs⸗ gefährten ein Wort gewechſelt hatte, ritt nach Hauſe faſt traurig geſtimmt. Erſt der Anblick ſeiner eigenen Feldmark, ſeines Hauſes und der Seinigen gab ihm 126 den guten Muth zurück und er ſagte ſich, daß er draußen nichts mehr zu ſchaffen habe. DDetlev war unterdeſſen ſchon von Frau Ebba, noch mehr aber von Erika umgeſtimmt worden, ſo daß er die Abſicht, an demſelben Tage, we die Straße frei von ziehenden Kriegsleuten geworden, ſeine Heimreiſe wirklich anzutreten, gänzlich aufgegeben hatte. Und nun dieſelbe einmal vertagt war, ſchien es, als ob er ſich allmälig mit dem Gedanken vertraut machte, noch län⸗ ger hier zu bleiben— man mußte ihn nur darin, wie Frau Ebba ihrem Manne und ihrer Tochter rieth, nicht ſtören, ſondern jedes unvorſichtige Dreinreden vermeiden, was ihn nur zu neuer Widerſpenſtigkeit rei⸗ zen konnte Es war, als verſtehe es ſich von ſelbſt, daß er nun die weitern Begebenheiten, hier, wo man doch dem neuen Schauplatze des Krieges näher war, abwarten müſſe. In Polen und Preußen war es nun ſtiller geworden. Der polniſche Geiſtliche in Demmin, wie Hans Podewils berichtete, war ſogar der Meinung, es werde zu einem Frieden kommen. Bei dem neuen Feinde, den der König von Schweden jetzt erhalten, bei andern, die ihm drohten, Holland und vielleicht auch Cromwell, der Protector von England— müſſe er ja froh ſein, mit der Republik Polen ein billiges Abkommen ſchließen zu könuen, da ſich alsdann wohl —*— M 127 auch der Churfürſt von Brandenburg hüten werde, etwas Feindſeliges zu unternehmen und der Kaiſer ſei⸗ ner Friedensliebe nach, wieder vermittelnd eintreten könne. Wolle dagegen der König voll eiſerner Hart⸗ näckigkeit mit aller Welt anbinden, ſo möge er zuſehen, daß nicht polniſche und tatariſche Reiter ihm einen Be⸗ ſuch im eigenen Lande machten, daß nicht wiederum, wie im vergangenen dreißigjährigen Kriege kaiſerliche Fahnen am baltiſchen Meere wehten und er am Ende, wie ein zu Tode gehetzter Eber ſeinen vielen Feinden erliege. „Euer Kaplan iſt ein kluger Politicus, Hans,“ verſetzte Barnim, als Podewils dieſe Aeußerungen wie⸗ der erzählt hatte,„aber meinen König kennt er nicht! Frieden ſchließt Karl Guſtav nur als Sieger, niemals aus Beſorgniß“ Der treue Waffengenoß hatte nur zu ſehr Recht. Frieden hat Karl Guſtav als Sieger geſchloſſen, als er ihn aber gleich wieder brechen mußte und nun alle ſeine Feinde ihn bedrängten, ja auch die neutralen Mächte Europa's aus Furcht vor dem Weltbrande, der ſich von Norden her ſich von Neuem, wie im dreißig⸗ jährigen Kriege, zu entzünden drohte, den König beſtürm⸗ ten, Frieden zu ſchließen, da— doch wir wollen den Bege⸗ benheiten nicht vorgreifen, ſie entwickeln ſich raſch genng. 128 In fortgeſetzten Gewaltmärſchen rückte das Heer Karl Guſtav's gegen die Grenze von Holſtein vor⸗ Der König reiſte ihm nach und hatte zu Schwan noch eine Beſprechung mit Herzoge Guſtav Adolf von Meck⸗ lenburg, ſeinem Schwager, der, wie der König, mit einer Tochter des Herzogs Friedrich von Schleswig⸗ Holſtein vermählt war. Zu Mölln am See im Lauen⸗ burgiſchen, erreichte Karl Guſtav ſein Heer wieder. Im Herzogthum Lauenburg, damals noch unabhängig unter Fürſten aus dem Hauſe Askanien, ſächſiſcher Linie, regierte ſeit dem vorigen Jahre Julius Heiurich, der dritte Sohn von neunzehn Kindern ſeines Vaters, der Bruder jenes Franz Albert, welchen ein düſterer Verdacht lange Zeit fülſchlich beſchuldigt hatte, der Mörder Guſtav Adolfs in der Schlacht von Lützen ge⸗ weſen zu ſein. Dem Herzoge war der Durchmarſch des ſchwediſchen Heeres einfach nur angezeigt worden. Vei Mölln, dem Städtchen an der Steckenitz, wo Till Eulenſpiegel, der luſtige Geſell, begraben liegt, glaubte der König auf Wiederſtand zu ſtoßen, weil dieſer Paß leicht zu vertheidigen geweſen wäre. Aber es zeigte ſich kein Feind und das Heer nahte ungehindert der Grenze von Holſtein. m Wo war denn aber der Däne, welcher mit ſol⸗ cher Zuverſicht dem nordiſchen Löwen den Fehdehand⸗ ð ———* 129 ſchuh hingeworfen hatte, weil er den Augenblick für günſtig hielt, Schweden von der Höhe, welches es ſeit Guſtav Adolf gewonnen, hinabzuſtürzen und für Däne⸗ mark das alte Uebergewicht im Norden wieder zu ge⸗ winnen? Auf eine ſo blitzſchnelle Unternehmung Karl Guſtav's hatte König Friedrich allerdings nicht gerech⸗ net. Er glaubte ihn in Polen all zu tief verwickelt, als daß es ihm gelingen könne, ſich von den Feinden, welche er dort mit ſeinen zuſammengeſchmolzenen Streit⸗ kräften bekämpfte, ſo leicht loszumachen; Dänemark hatte es vorerſt auf eine leicht zu erringende Beute, das ſchöne Land an der Nordſee, abgeſehen. Dorthin waren neun tauſend Mann unter dem Reichsfeldmar⸗ ſchall Andreas Bille marſchirt, etwa ſieben tauſend Mann ſtanden in Holſtein, und zu ihrer Unterſtützung noch vier tauſend in Zütland. Außerdem hatte der König in den Landſchaften jenſeit des Sundes an der ſchwediſchen Küſte: Schonen, Halland, Bleckingen, ſo wie in Bohus, welche damals ſämmtlich noch zu Dänemark gehörten, faſt eben ſo viel Truppen, gegen zwanzig tauſend Mann aufgeſtellt, welche nur auf Befehl war⸗ teten, in Schweden einzufallen. Er ſelbſt, Friedrich der Dritte, war mit der däniſchen Flotte nach Danzig ge⸗ ſegelt, um dem Schwedenkönig, welcher nach ſeiner Meinung von Weſtpreußen aus nur zur See heim⸗ Guſeck, Karl x. Guſtab. 1. 9 130 kehren konnte, aufzulauern, ihm den Rückweg zu ver⸗ legen und ihn wo möglich auf offener See gefangen zu nehmen. Auch in Holſtein hatte man ſich keines ſchwediſchen Angriffs, noch weniger der Nähe des ge⸗ fürchteten Königs in Perſon verſehen Darum waren auch keine Streifparteien in das Lauenburgiſche entſen⸗ det. So konnte Karl Guſtav am 23. Juli ungehindert die Alſter bei Fulsbüttel überſchreiten. Jenſeit des Flußes zeigten ſich die erſten Dänen, eine Reiterſchaar von 400 Fferden, welche ſich mit der Kühnheit, welche ihnen eigen iſt, auf die ſchwediſche Vorhut warfen, deren Stärke ſie nicht zu ſchätzen vermochten, dafür aber auch zerſprengt, viele niedergehauen und noch mehr ge⸗ fangen wurden. Das ſchwediſche Heer rückte darauf gegen Hamburg vor, wo der König ſeinen Truppen nach den unerhörten Anſtrengungen, welche ſie bisher gemacht, in Sttenſee und Umgegend einige Tage Raſt gab. In dem reichen Lande that dieſe ungemein wohl, auch konnte man ſich in Hamburg wieder mit dem Nöthig⸗ ſten für den angehenden Feldzug verſehen, gegen baare Bezahlung freilich nur, aber mit Geld waren die Schweden, wie ihr zeitgenöſſiſcher Geſchichtsſchreiber ausdrücklich ſagt, trotz ihrer zerlumpten Kleidung reich⸗ lich verſehen. Von hier befehligte der König den Reichs⸗Admi⸗ — 131 ral Karl Guſtav Wrangel mit einigen tauſend Mann nach Bremen, um das Herzogthum von den Dänen zu befreien, während er ſelbſt wieder aufbrach und am 3. Auguſt die Schanzen bei Kryk und Neudorf ſtür⸗ men ließ. Sie wurden ſchlecht vertheidigt, der Feind gab ſchnell genug die Hoffnung auf, ſich zu behaupten und ergriff die Flucht; höhere Offiziere, welche dieſer wehren wollten, fielen in Gefangenſchaft, ſo der Oberſt von Benfeld, der Oberſtlieutenant von Wackerbarth und Andere. Am 6 Auguſt ſtand der König von Itze⸗ hoe, wo ſich die in Holſtein verſtreuten däniſchen Trup⸗ pen zuſammengezogen hatten, es ſchien auf eine ernſt⸗ hafte Vertheidigung abgeſehen, aber als die Stadt in Brand geſchoſſen wurde, zogen ſich die Dänen zurück und hielten in Holſtein ſo wenig, als in Schleswig Stand, ſondern zogen ſich, vor den Schweden langſam weichend, nach Jütland zurück. Auch die Segeberger Schanzen waren verlaſſen worden. Unterdeſſen hatte Wrangel im Herzogthume Bremen ſeinen Zweck erreicht, binnen vierzehn Tagen war das däniſche Corps ver⸗ jagt und größtentheils aufgerieben; alle feſten Plätze, bis auf Bremervörde hatten dann den Truppen ihres Kö⸗ nigs wieder die Thore geöffnet. Der Feldmarſchall Bille führte die Reſte ſeines Heerhaufens nach den Herzogthümern zurück, ließ die Völker aus der Marſch zu Waſſer nach 9 132 Ripen überſetzen und faßte erſt in Jütland bei Kol⸗ ding und Friedrichsodde wieder einen feſten Halt. Der letzigenannte Ort war vor fünf Jahren, alſo 1652 durch König Friedrich in eine ſtarke Feſtung verwan⸗ delt und nach ihm Friderica genannt worden, welcher Name in dem deutſch⸗däniſchen Kriege unſerer Tage nur zu bekannt geworden iſt. Die gefangenen Dänen wurden in eine Brigade formirt und unter dem Ober⸗ ſten Reichau nach dem fernen Reval in Eſthland, wel⸗ ches damals, wie die andern Oſtſeeprovinzen des ehe⸗ maligen Schwertordens, mit Ausnahme des noch ſelbſt⸗ ſtändigen Herzogthums Curland, der Krone Schweden gehörte, in Marſch geſetzt. Die Peſt hatte dort ge⸗ wüthet und die Bevölkerung, wie die Beſatzung gelich⸗ tet, dem ſollten die gefangenen Dänen abhelfen, doch machte man ſich auch nicht viel daraus, wie der ehr⸗ liche Pufendorf, als Hiſtoriograph Karl Guſtavs, naiv wenn die Peſt auch jene Gefangenen hin⸗ raffte. Schwiegervater des Königs von Schweden, welchem er ſeine zweite Tochter, Hedwig Eleonvra, vermählt hatte. Schleswig⸗Holſtein— wie viel Streit iſt ſeit der erſten Union von 1533, als die drei Brüder aus FUngehindert rückte das Heer in Schleswig ein. Der alte Herzog Friedrich der Dritte war der — 3 n. t eit 133 dem Hauſe Oldenburg,(dem däniſchen Königshauſe) ſich in die vereinigten Herzogthümer theilten, bis auf unſere Tage 6 um dies Land geführt worden, wie ſieht dieſer Streit 1 noch immer ſeiner Erledigung entgegen! Es kann uns hier nicht beſchäftigen, dieſe verwickelten und vielbe⸗ ſprochenen Verhältniſſe, deren Wurzeln ſchon in alter Zeit zu ſuchen ſind, auseinander zu ſetzen. Nur ſo viel zum Verſtändniß der eigenthümlichen Stellung, in welche Herzog Friedrich gerieth, als ſein Schwieger⸗ ſohn, der Schwedenkönig, mit ſeinem, des Herzogs Lehnsherrn, dem Könige von Dänemark, im Kriege lag. Bei der Theilung, welche vor etwa hundert Jah⸗ ren durch den Vertrag von Flensburg zwiſchen dem Könige Friedrich dem Zweiten und ſeinem Vatersbru⸗ der, Adolf von Schleswig⸗Holſtein Statt gefunden hatte, waren die Herzogthümer nicht etwa getrennt wor⸗ den, ſondern Jeder hatte ſowohl in Schleswig, als in Holſtein Beſitzungen erhalten und außerdem waren die Prälaten und die Ritterſchaft, ſo wie einige Aemter und Striche unter gemeinſchaftlicher Regierung, der ſo⸗ genannten Gommunio regiminis, geblieben. In dieſer unklaren Auseinanderſetzung, vorzüglich aber in dieſer letztern Gemeinſchaft, lag die nie verſiegende Quelle des Haders. Ueber die abgetheilten Städte und Aemter 4 wurden zwar zwei beſondere, von einander nicht ab⸗ 4 13⁴ hängige Landesregierungen eingerichtet, von welchen die Königliche erſt nach Hadersleben, dann nach Flensburg, endlich nach Glückſtadt verlegt wurde, die Herzogliche unverändert in der Reſidenz zu Schloß Gottorp blieb. Ueber die ungetheilten Stände und Aemter regierten aber der König und der Herzog abwechſelnd ein Jahr um das andere, von Michaelis an. Auch wurde über beide Herzogthümer jährlich ein großes Landgericht ab⸗ gehalten, in welchem ebenfalls abwechſelnd der König und der Herzog das Directorium führten. Man ſieht, die Zuſammengehörigkeit von Schleswig und Holſtein war ſowohl bei jener eigenthümlichen Theilung, wie bei der Verwaltung der vereinigten Herzogthümer auf⸗ recht erhalten worden. Aber welche Verwicklungen ent⸗ ſtanden, wenn der König, wie im Jahre 1651, ſeinen eigenen Krieg führte und der Herzog ſich neutral ver⸗ halten wollte! Ueberall fanden die Schweden feindli⸗ ches Gebiet mit neutralem ſo gemiſcht, daß es ſich nicht unterſcheiden ließ und ſie daher in ihren Forderungen und— wir können es nicht anders nennen! Erpreſſun⸗ gen gar keinen Unterſchied mehr machten. Von letztern erfuhr der König freilich nichts, er hätte ſie nicht ge⸗ duldet, aber die Schule des dreißigjährigen Krieges war noch im friſchen Andenken und was auch in un⸗ ſerm Jahrhundert die franzöſiſchen Marſchälle und Ge⸗ ———.———— nerale in Deutſchland erpreßt, die ſchwediſchen im ſieb⸗ zehnten Jahrhundert haben ſich nirgend beſcheidener gezeigt. So forderte im Rendsburgiſchen,(das aller⸗ dings königlich war) ein ſchwediſcher Oberſt zu ſeinem Unterhalt täglich 313 Thaler, und was Andere darin geleiſtet, haben die Herzogthümer empfunden! Während das ſchwediſche Heer ſich in Holſtein ausbreitete und namentlich der königliche Antheil der Grafſchaft von Pinneberg ſchwer heimgeſucht wurde, hatte ſich der König zu ſeinem Schwiegervater nach Schloß Gottorp begeben, wo er einige Tage im Kreiſe der fürſtlichen Familie zubrachte. Der alte Herr regierte bereits faſt fünfzig Jahre, war aber immer noch friſchen und rüſtigen Geiſtes, voll tiefer Gelehrſamkeit, die er noch immer durch Studien vermehrte, großmüthig, frei⸗ gebig, mäßig, kein Kriegsheld, aber die Weltbegeben⸗ heiten mit klarem Auge verfolgend. Er hatte ſelbſt für ſein kleines Fürſtenthum einmal in weiter Ferne Han⸗ delsverbindungen anknüpfen wollen und deshalb vor vierzig Jahreu eine Geſandtſchaft nach Perſien geſchickt, aber dieſe hatte keinen Erfolg gehabt und ihrem erſten Bevollmächtigten Otto Bruckmann, war wegen Verun⸗ treuung der Kopf abgeſchlagen worden. Der Herzog. hörte von dieſer verfehlten Unternehmung nicht gern reden und hatte ſich ſeitdem an die nächſten Intereſſen . 136 gehalten, ſein Land weiſe regiert, ſeine Beſitzungen, als auch ihm nach dem Ausſterben der Grafen von Schauenburg ein Theil von Pinneberg, das ihnen ge⸗ hörte, zugefallen, durch Tauſch mit dem Grafen von Rantzau mehr abgerundet, hatte ihm in vertriebenen Arminianern aus Holland gewerbfleißige Einwohner zugeführt, denen er Friedrichſtadt erbaute, und ganz beſonders die Wiſſenſchaften gepflegt, wie ihm denn die Bibliothek zu Gottorp einen großen Theil ihrer werth⸗ vollen, beſonders mathematiſchen Werke verdankte. Am Hofe, als ſein königlicher Eidam erſchien, war der Erb⸗ prinz Chriſtian Albert zugegen, der ganz im Sinne ſeines Vaters erzogen war und ſpäter, als er zur Re⸗ gierung gelangte, die Univerſität Kiel anlegte; außer ihm fand der König noch die beiden jüngern Schwe⸗ ſtern ſeiner Gemahlin, von denen die älteſte, Anna Dorothea, eben vom Kinde zur Jungfrau erblühend, ſeiner Gemahlin ähnlich und ihm darum ſehr lieb war. Es waren ein Paar friedliche und fröhliche Tage, welche Karl Guſtav auf dem Schloſſe zu Gottorp ver⸗ lebte, eine erquickende Raſt vor dem gewaltigen und aufreibenden Kriege, welchem er entgegen ging. Aber mit dem klugen Schwiegervater beſprach er auch man⸗ chen von den großartigen Entwürfen, die ſeine hohe Seele füllten, und beſonders war es die Stellung, 137 welche Herzog Friedrich in dem ausbrechenden Kriege einnehmen ſollte, ein Gegenſtand der Erwägungen. Die⸗ ſelbe glich derjenigen, welche vor zwei Jahren der Chur⸗ fürſt von Brandenburg in ſeinem Verhältniß als Lehns⸗ mann des Königs von Polen in deſſen muthwillig her⸗ aufbeſchworenen Kriege mit Schweden hatte. Auch Däne⸗ mark hatte den Krieg angefangen, Karl Guſtap war der Angegriffene und wenn ſich der Herzog von Schles⸗ wig⸗Holſtein, ſein Schwiegervater, auf ſeine Seite ſtellte, konnte ihm derſelbe Preis, welchen der Chur⸗ fürſt von Brandenburg erworben hatte, die Souveräne⸗ tät, nämlich über ſein zu Lehn getragenes Land, nicht entgehen. Aber der Herzog war zu vorſichtig, um ſich im Voraus durch ein Verſprechen zu binden, und ſein Eidam achtete ihn zu hoch, um ihn, wie damals den Churfürſten, zu einem Bündniſſe zu zwingen, das allerdings für ihn die verderblichſten Folgen haben kome nrn Nur ein kleines Gefolge hatte den König an den herzoglichen Hof begleitet, dabei war auch der junge Krockow, ſein Pathe, welcher für die Dauer des Mar⸗ ſches in die unmittelbare Umgebung ſeines Herrn ge⸗ zogen worden war.„Sorge nicht!“ hatte der König zu ihm geſagt.„Wenn es zur Action kommt, werde ich Dich nicht zurückhalten. Für das Erſte halten ſie 138 mir nicht Stand. Friedrichsodde wirſt Du als Reiters⸗ mann nicht ſtürmen helfen—“ „Warum nicht?“ war Karls Antwort geweſen. „Euer Majeſtät geben nur dem Leibregiment der Köni⸗ gin Erlaubniß dazu, dann wollen wir dem Fußvolke den Weg zeigen!“ Das hatte dem Knige wohl gefallen und als er von Gottorp aufbrach, wo ſich Krockow auch ſehr wohl befunden und beſonders der kleinen ſechsjährigen Prin⸗ zeſſin Auguſta Maria ſich dienſtfertig bewieſen hatte, kam der Monarch wieder auf Friedrichsodde gegen ſei⸗ nen Pathen, der neben ihm reiten mußte, zu ſprechen. Die Feſte war ihm wichtig, nach ihrer Einnahme hoffte er nach der Inſel Fünen überſetzen zu können, weil hier der kleine Belt, welcher dieſelbe von Jütland trennt, nur etwa 2000 Schritt breit iſt. Wohl wußte der König, daß die Stadt vor Kurzem mit neuen Feſtungswerken verſehen und mit alten verſuchten Trup⸗ pen beſetzt war, aber er glaubte die erſteren nicht ſtark genug, um einem entſchloſſenen Sturme widerſtehen zu können und wußte, daß ſeine eigenen Krieger ſich mit jeder Uebermacht maßen. Hatte er doch bei Warſchau in Verbindung mit den Brandenburgern, Achtzehntau⸗ ſend gegen Hunderttauſend, bei Sieg er⸗ fochten! 139 „Willſt Du mit ſtürmen, ſo ſei's!“ ſprach der König freundlich zu ſeinem Pathen.„Du kannſt Dich einer Bri⸗ gade anſchließen, meine Reiterei will ich freilich nicht gegen Schanzen und Bollwerke anreiten laſſen.“ Am 25. Auguſt erſchien das Heer vor Fried⸗ richsodde. Sechstauſend Dänen, lauter Kerntruppen, bildeten die Beſatzung, und der Reichs⸗Feldmarſchall Andreas Bille hatte nach ſeinem Rückzuge aus Bremen ſelbſt den Befehl in der Feſtung übernommen. Der König fand bei der Recognoscirung die Werke ſtärker, als er ſie vermuthet hatte, ſieben ganze und zwei halbe Baſtione. Dennoch wurde der gewaltſame Angriff be⸗ ſchloſſen, aber zwei ſchwediſche Batterien, welche den Sturm vorbereiten ſollten, erlagen gleich Anfangs dem überlegenen Feuer der Dänen und der König gab den Gedanken auf. Es waren ihm auch Nachrichten zuge⸗ gangen, welche es ihm unrathſam erſcheinen ließen, auf dieſem Kriegsſchauplatze, unbekümmert um das, was auf dem andern und unmittelbar in ſeinem Rücken vorging, allzu hartnäckig zu verbleiben. In Polen und Preußen ſtand es mißlich, Krakau war in dieſem Au⸗ genblicke wahrſcheinlich ſchon an Hatzfeld verloren, ein zweites öſterreichiſches Heer unter Montecucolli mar⸗ ſchirte gegen Preußen, um den Pfalzgrafen, des Kö⸗ nigs Bruder, in Verbindung mit den Polen zu bedrän⸗ 140 gen. Der Churfürſt von Brandenburg hatte zwar noch nichts Feindſeliges unternommen, aber er ſtand im Be⸗ griff ſeinen Frieden mit Polen zu machen und konnte dann in Schwediſch⸗Pommern einfallen, auf welches er ſeine Anſprüche, trotz der Entſchädigung, die er im weſtphäliſchen Frieden dafür erhalten, noch nicht auf⸗ gegeben hatte. hich Unter dieſen Umſtänden beſchloß der König, ſein Heer vor Friedrichsodde ein Lager beziehen und Ver⸗ ſtärkungen abwarten zu laſſen, ehe es zu einem ernſt⸗ lichen Angriff auf die Feſtung ſchritte, für ſeine Per⸗ ſon ſich aber nach Wismar zu begeben, um Deutſch⸗ land und„dem polniſchen Weſen“ näher zu ſein und ſeine Entſchlüſſe nach Maßgabe, wie ſich die Verhält⸗ niſſe entwickeln würden, ſchneller faſſen zu können. Der General⸗Lieutenant und Reichs⸗Admiral Wrangel ſollte den Oberbefehl in Jütland führen. Gleichzeitig wurde die Flotte, welche unter Claus Bjelkenſtierna bei Go⸗ thenburg lag, zum Ablaufen befehligt, um die däniſche wo möglich zu ſchlagen und dann für eine Landung in Fünen bereit zu ſein. Der König von Dänemark war nämlich, als ihn die überraſchende Nachricht von dem Eiubruche Karl Guſtav's in Holſtein getroffen, ſchnell mit ſeiner Flotte von Danzig heimgekehrt und hatte ſich auf das Schloß Friedrichsburg be⸗ 141 geben, um von dort die Vertheidigungsmaßregeln zu Willſt Du mich nach Wismar begleiten, mein Sohn?“ fragte Karl Guſtav ſeinen Pathen, als er ſeine Abreiſe beſchloſſen hatte.„Ich möchte Dich mit einem Schreiben an den Commandanten Mardefeld vorausſchicken.“ „Eure Majeſtät haben über mich zu befehlen,“ erwiederte Krockow,„aber wenn mein gnädiger Herr mich fragt, ſo kann ich nur bitten, daß ich die Erlaub⸗ niß erhalte, bei meinem Regiment wieder eintreten und im Felde bleiben zu können.“ „Meinſt Du, wir werden dort auf der faulen Bärenhaut liegen?“ entgegnete der König.„Bald genug werden uns fremde Gäſte in unſerm Hauſe einen Be⸗ ſuch machen und es könnte vielleicht ein Stück Arbeit koſten, ſie wieder hinauszuwerfen Ich glaubte, Dir damit einen Gefallen zu thun, daß Du Deiner Hei⸗ mat näher wärſt, und in der Stunde der Noth helfen könnteſt— indeſſen, wenn Du lieber hier bleibſt, wo Du ſicherer auf Kriegsarbeit rechneſt, ſo will ich Dir Deine Bitte gewähren.“ n ü in Sechſtes Kapitel. ————— Die Polen. Von der Gefahr, welche der König gegen ſeinen Pathen angedeutet, hatte man in Pommern keine Ah⸗ nung und doch war ſie bereits ganz nah. Das Ver⸗ trauen auf den Helden, welcher die Geſchicke ſeiner wei⸗ ten Lande leitete, war ſo groß, daß man nicht im Ent⸗ ferntſten daran dachte, ſeine Feinde könnten wagen, ihm auch einmal Gleiches mit Gleichem vergelten und wie er ſie heimgeſucht, ſo ihm in ſein Gebiet zu fallen. Hans Podewils wurde förmlich in Loſſin verlacht, als er mit dieſem Gedanken, welchen ſein polniſcher Kaplan gegen ihn ausgeſprochen hatte, dort zum Vorſchein kam. Barnim ſowohl, als der ehrliche Detlev, neckten ihn 143 mit ſeinen polniſchen Orakel, auf das er blind vertraue und riethen ihm, ſich lieber gleich mit Weib und Kindern hin⸗ ter die feſten Wälle von Stralſund zu flüchten, da Dem⸗ min mit ſeiner ſchwachen Beſatzung und dem alten Com⸗ mandanten Virok doch keinen ausreichenden Schutz ge⸗ währen möchte. Er hörte ſie gutmüthig an und ſagte: „Lacht nur! Es ſoll mich freuen, wenn's anders kommt.“ „Sind denn die Streifpartheien, von denen Ihr einmal erzähltet, daß ſie dem Kurfürſten von Branden⸗ burg in ſeine Mark gefallen, jetzt wieder abgezogen?“ fragte Frau Ebba, welche ſeinen Worten doch einige Wichtigkeit beilegte. „Das weiß ich nicht, Frau Nachbariu“ antworte er.„Vielleicht,— ſo ſagt wenigſtens mein Orakel ihr Herren!— vielleicht marſchiren ſie jetzt als gute Freunde durch die Mark oder durch Hinterpommern, um uns zu beſuchen.“ Die Brüder lachten zwar jetzt nicht mehr, aber ſie wollten von dieſer Annahme nichts hören. Erſt als Podewils ſich verabſchiedet hatte und Frau Ebba ernſt⸗ haft die Möglichkeit, daß er dennoch Recht habe, ver⸗ theidigte, ging ihr Gemahl darauf ein, ſie mit allen Gründen, an die er feſt glaubte zu wiederlegen; ſie liefen freilich darauf hinaus, daß des Königs gefürchte⸗ 144 ter Name daß beſte Defenſionswerk für das ſonſt wehr⸗ loſe Land ſei. Detlev aber behauptete, daß wenn auch ſein Kurfürſt Frieden mit den Polen mache, er deßhalb nicht den Spieß umkehren ſeinen bisherigen Bundesge⸗ noſſen, mit welchem er Ruhm und Vortheil erſtritten, ein offener Feind ſein und fremden Partheien, um den König zu beſchädigen, den Durchzug durch ſein Land geſtatten werde. Frau Ebba konnte ſich auf Alles, was ſie hörte nicht beruhigen und Barnim bemerkte noch beim Schlafengehen, daß er Erik Slange's tapfre Tochter wie ſie der König genannt, heut gar nicht wieder erkenne.„Wir liegen ja auch nicht an der Gränze“ ſchloß er,„und wenn ſie ja, was ich gar nicht glaube, einen Einfall machen ſollten, ſo würde das Gerücht ſich ſo ſchnell mit dem Schrecken und der Angſt über das Land verbreiten, daß wir immer noch Zeit hätten, unſere Vorkehrungen zu treffen.“ „Und welche Vorkehrungen würden das ſein?“ fragte ſie. „Kannſt du zweifeln?“ entgegnete er.„Die Sturm⸗ glocken ziehen im ganzen Pommerlande, aufſitzen die Ritterſchaft und das Gefindel aus dem Lande ſchlagen! Meinſt du, wir würden uns wieder eine ſolche Schmach bieten laſſen, wie des Braunſchweiger Erich's Durch⸗ zug vor hundert Jahren? Seitdem ſind die Pommern — 1⁴⁵ erſt aufgerüttelt worden und wer— uns anbinden will mag nur kommen!“ Ebbas Augen leuchteteten von nenem Muthe beſeelt auf, die Zuverſicht ihres Gatten hatte ſich ihr mitgetheilt und ſie ſuchte heut nur nochmals das Käm⸗ merlein ihres Kindes, um Erika, deren Beſorgniß ſie wohl in ihren Zügen geſehen hatte, zu beruhigen, che ſie ſich zu friedlichen Schlummer niederlegte.— Wenn Barmin darauf vertraute, daß ſich vie Nachricht von einem feindlichen Einfall ſchnell wie ein Heidefeuer über das ganze Land verbreiten werde, ſo hatte er nicht gekannt, was ſchneller iſt, als ſelbſt der Schrecken, der vor ihm herläuft. In der Nacht, welche dieſem Taße folgte, wurde der alte Wächter zu Loſſin, als er in der erſten Stunde nach Mitternacht ſeine Runde machte, auf einen Feuerſchein aufmerkſam, wel⸗ cher in der Richtung gen Morgen den Himmel röthete — es war aber zu fern, als daß er hätte Lärm ma⸗ chen und die Loſſiner zum Löſchen und Retten eilen ſollen, ſo bedauerte er nur die vom Brande Heimge⸗ ſuchten, und befahl ſie dem Schutze Gottes. Aber bald darauf ging in derſelben Richtung ein zweites Feuer auf und der Wächter fühlten ſich nun verpflichtet wenig⸗ ſtens den Vogt zu wecken und mit ihm zu berathen, wo es eigeutlich ſein könne, und ob es möglich ſei, Gufeck, Karl X. Guſtav. 1. 10 1⁴6 etwas zu thun. Ihre Meinungen gingen aber ausein⸗ ander, Feuer bei Nacht täuſcht ſehr und Jeder rieth auf verſchiedene Dörfer die aber doch zu weit entfernt waren, um ſich zum Beiſtande aufzumachen. Gegen Morgen endlich erſchreckte den Wächter ein drittes Feuer, das um doch viel näher ſchien und er ſtand jetzt nicht länger an, im Herrenhofe Lärm zu machen. Als der Schloßherr draußen erſchien, wo er die Feu⸗ ersbrünſte, deren erſte jetzt matter wurde, überſehen konnte, zuckte es ihm doch, wie ein Schreck, durch die Glieder, das konnte kein zufälliges Zuſammentreffen ſein— er dachte an das Geſpräch von geſtern und ſein an die Wahrzeichen eines Verheerungskrieges ge⸗ wöhntes Auge konnte ſich der Uberzeugung nicht ver⸗ ſchließen, daß hier wohl das Unheil, das er kürzlich noch verlacht hatte, im raſchen Anzuge ſei. Uber den Ort, wo die dritte und nächſte Feuersbrunſt wüthete, ſtritten ſich zwar die Leute immer noch, auch der Guts⸗ herr war darüber nicht mit ſich einig, er beſchloß aber, ſelbſt auf Erkundigung auszureiten und befahl, unter⸗ deſſen ein Paar Wagen anzuſpannen, um wenn er zurückkehre, ſogleich bereit zu ſein, Frau und Kind und ſeine beſte fahrende Habe, wenn es nöthig ſein ſollte, in Sicherheit zu bringen. Dann wollte er die Sturm⸗ glocke ziehen laſſen und verſuchen, den mannhaften — —— 147 Widerſtand gegen fremde Gewalt, von dem er geſtern geſprochen hatte, in's Werk zu richten. Detlev, welcher unterdeſſen auch erſchienen war, erklärte, ihn begleiten zu wollen, aber Barnim bat ihn, zum Schutze und Rath bei ſeiner Frau zurückzubleiben Ebba, zu der er ſich dann begab, hatte ſich ſchnell angekleidet und wollte von einer Flucht nichts wiſſen„Wo Ihyr bleibt mein lieber Herr, da iſt auch mein Platz!“ ſagte ſie.„Schickt mich nicht wieder heim, wie einſtmals aus dem fernen Thüringen — jetzt iſt dazu kein Grund. Sollen wir die armen Leute, die doch auf ihren Herrn vertrauen, ihrem Schickſall überlaſſen?“ „Ebba, Du kannſt hier nichts helfen;“ erwiederte Barnim ernſtlich.„Ich werde freilich auf meinem Platze bleiben und Loſſin, meinen Herd vertheidigen, aber Ihr und das andere Frauensvolk mußt fort nach Demmin. Rede mir nichts weiter, es iſt mein Wille. Packe ein, was Du retten willſt, aber ich denke noch immer es wird der Feind nicht ſein, alſo verliert den Kopf nicht Sobald ich ſichere Nachricht habe, bin ich wieder hier.“ Er hatte ſchon einen Fuß im Steigbügel, als er das ſagte, nickte ſeiner Tochter noch zu, welche eben auch in großer Angſt auf der Treppe erſchien und ſprengte in den grauenden Morgen hinaus. Im Hofe, wie im Dorfe herrſchte die gewaltigſte Aufregung, die 10 1¹8 Leute ſchrieen und liefen durcheinander, Alles war rath⸗ los. Malte, Herr Detlev's Knecht, hatte auf eigene Hand beide Pferde geſattelt und verlangte von ſeinem Herrn die, weil es noch Zeit ſei, ungeſäumte Abreiſe, ohne zu bedenken, daß die Richtung derſelben vielleicht rettungslos dem Verderben, das er fliehen wollte, in die Hände führte. Der alte Herr, ſchalt ihn tüchtig aus und verwarf ſein Anſinnen. Uber ſeine Schägerin konnte er nur ſeine Freude haben. In der allgemeinen Beſtürzung, die ſich bis jetzt nur auf unbeſtimmte Befürchtungen gründete behielt ſie faſt allein die ruhi⸗ ge Beſonnenheit. Dem Befehle ihres Herrn gemäß, der noch nie ſo entſchieden zu ihr geſprochen hatte, packte ſie Werthvolles und Nöthiges ein, für den Fall, daß ſie Loſſin verlaſſen müſſe, wie er es beſtimmt, aber ſie über⸗ eilte nichts und ſprach Allen, die ihr nahten und bei ihr Rath und Troſt ſuchten, guten Muth ein, vorzüg⸗ lich ihrem Kinde, das bis jetzt in ahnungsloſer Sicher⸗ heit gelebt hatte und nun auf einmal aus ihrem Frie⸗ den aufgeſchreckt war. Detlev ſtand ihr bei, ſoviel er konnte, und es gelang ihm auch, Erika ſoweit zu beru⸗ higen, daß ſie mit Vertrauen auf die Rückkehr ihres Vaters harrte, mit welchem vielleicht die Nachricht kam, daß all die Angſt und Noth ohne Grund geweſen ſei. Unterdeſſen war es heller Tag geworden und 149 Frau Ebba trat wieder einmal auf die Freitreppe hinaus um auch im Hofe, wo ſich der erſte Aufruhr gelegt hatte, zum Rechten zu ſehen. Da hörte ſie vom Eingange des Hofes her donnernden Hufſchlag und erkannte mit freudigem Herzen das Pferd ihres Gemahls, aber gleich darauf, durchzuckte ſie ein tödlicher Schreck: das Pferd kam im wildeſten Lauf in den Hof gerannt, aber ſein Sattel war leer und hing auf einer Seite, die Steig⸗ bügel flogen auf und ab und ſchlugen die Flanken des erhitzten Thieres, das grade vor den Stall lief und dort von den herbeigeeilten Knechten angehalten wurde. Auch Frau Ebba eilte hinüber— ihr Herz erſtarrte, als ſie jetzt ſah, daß das Pferd mit Blut bedeckt war! Ihr Herr— was war mit ihm geſchehen? Er lag vielleicht hülflos— wo ſollte ſie ihm ſuchen? Die Knechte jammerten und waren rathlos, aber ſchon hatte die Frau, deren Muth im Unglück ſich bewährte, ihre Faſſung wieder gewonnen und mit ſcharfen Auge er⸗ kannt, daß das Blut, von welchen das Pferd über⸗ ſtrömt war, von einer Wunde kam, welche das Thier am Halſe trug, unverkennbar eine Schußwunde. Der Sattel, die Seite, waren frei von Blut— es war, Gott ſei Dank! nicht das des Reiters! Sie ordnete daher ſchnell an, was geſchehen kounte. Zwei Knechte wurden ausgeſchickt, die Hufſpur des Pferdes rückwärts 150 zu verfolgen, der Schäfer wurde geholt, um für das verwundete Thier zu ſorgen, das wahrſcheinlich noch die Kugel im Halſe trug. Ebba, in ſchwerer Beſorgniß zwar noch, aber doch von Hoffnung neu erfüllt, kehrte mit ihrer Tochter die voll Todesangſt, als ſie die Kunde vernommen, der Mutter nachgeeilt war, in ihr Zimmer zurück, um in Geduld und mit Gebet zu er⸗ warten, was die nächſten Stunden bringen würden. Der Schwager Detlev, welcher auf ſeine eigene Hand, wenn auch nur zu Fuß, vorher ausgegangen war, und darüber den erſchreckenden Vorfall verſäumt hatte, ſtellte ſich unn ebenfalls wieder ein und rieth, die Wagen vorfahren und aufladen zu laſſen: nach ſeiner Meinung war Barnim in einen feindlichen Hinterhalt gefallen oder ſonſt auf eine Streifparthei geſtoßen, welche auf ihn geſchoſſen hatte, das Pferd das getroffen worden, mochte wohl geſtürzt ſein und ſeinen Reiter, der mit Gottes Hilfe hoffentlich unverſehrt geblieben, mit zu Falle gebracht haben, dann war es gewiß aufgeſprun⸗ gen und fortgelaufen. Daß es weither gekommen, bewies, daß man den Schuß hier nicht hehört hatte, er vor dem Dorfe hatte angeſtrengt hinausgeſchaut und gehorcht und nichts der Art vernommen. Alſo konnte Barnim, auch wenn er im glücklichſten Falle nicht in Feindes⸗ hand gerathen war, nicht frühzeitig genug zurückkommen, 151 um den Beſehl zur Ausführung ſeiner vorbereiteten Maaßregeln zu geben, und es ſchien rathſam, nicht darauf zu warten, fonſt könnte es leicht zu ſpät werden. Demmin war ja auch nicht aus der Welt und wenn Alles ſich glücklicherweiſe als blinder Lärm erwieſe, konnte man bald wieder fröhlich heimkehren. Frau Ebba wollte jedoch nicht auf eigene Verant⸗ wortung in die feige Flucht, wie ſie es ziemlich frei⸗ müthig nannte, willigen, war vielmehr entſchloſſen in Begleitung eines treuen Knechts ebenfalls auszugehen, um das Schickſal ihres Herrn zu erforſchen: es litt ſie nicht länger im Hauſe, ſie glaubte, pflichtvergeſſen zu ſein, wenn ſie hier unthätig verharre. Aber in dem Augenblicke, wo ſie das ausſprach, war es ſchon zuſpät, auch dazu. Im Dorfe entſtand ein wüſtes Geſchrei, welchem bald Jammerlaute folgten— Die Sturmglocke ſchlug an, aber zwei Klänge nur, dann verſtummte ſie wie⸗ der. Und ehe man im Herrenhofe ſich beſinnen konnte, ſprengten auch hier ſchon einige fremde Reiter in nie geſehener bunter Tracht, auf kleinen ſchlanken Pferden ein, welche tobend in unbekannter Sprache das in die Ställe und Gebäude fliehende Geſinde anſchrieen. Vom Fenſter des Wohnzimmers aus, wo die Frauen mit den al⸗ ten Herrn Detlev zuſammen waren, konnte man die Frem⸗ den heranjagen ſehen, Detlev, ohne ein Wortzu ſagen, wollte ihnen furchtlos entgegen gehen, aber Ebba hielt ihn zurück. 152 „Was wollt Ihr thun? Was könnt Ihr helfen?“ rief ſie.„Wollt Ihr Euch Mißhandlungen ausſetzen? Bleibt hier! Laßt mich mit ihnen reden! Einer Frau werden ſie nichts thun.—“ „Wo denkt ihr hin, Schwägerin!“ entgegnete er und machte ſich von ihrer Hand los.„Ich müßte mich ja vor meinen Bruder und vor mir ſelber ſchã⸗ men!“ Er eilte hinaus, aber ſie folgte ihm. Draußen waren ſchon ein Paar von den fremden Reitern abgeſprungen und hatten ihre Pferde den Andern zu halten gegeben, ſie ſtürmten mit gezogenen krummen Säbeln die Treppe hinauf und ſchrieen den alten Krockow mit wilden Geberden an. Was ſie riefen, ver⸗ ſtand er nicht, er fragte ſie deutſch: was ſie wollten und was ſie hier zu thun hätten. Da faßte ihn Einer, ein kleiner Menſch mit zwei ſpitz herabhängenden Bart⸗ zöpfen, an die Bruſt— aber Herr Detlev warf ihn mit einer ſo feſten pommerſchen Fauſt zurück, daß er wie ein Ball die Treppe hinabkugelte und ſelbſt ſeine Geſellen in ein lautes Gelächter ausbrachen. Ehe er ſich aufraffen und wüthend mit der geſchwungenen Klinge den ihm angethanen Schimpf rächen konnte, hatte auch Detlev ſchon ſeinen mächtigen Degen gezogen, und ſich breit vor die Thür des Hauſes geſtellt, als wolle er dieſelbe und die Frau welche hinter ihm ſicht⸗ 153 bar wurde, auf jede Gefahr hin vertheidigen. Der kleine Menſch, welchem beim Treppenſturz die viereckige Mütze von dem grauen geſchorenen Kopfe gefallen war, riß fluchend und zeternd ein langes Fauſtrohr aus dem reichverzirten Paß, der ſeinen Rock umgürtelte und feuerte blind auf den alten Edelmann, aber in der Wuth ſchoß er fehl, die Kugel ſchlug hoch über deſſen Kopf in die Mauer. Jetzt wäre Detlev jedoch unrettbar verloren geweſen, wenn nicht in demſelben Augenblick ein donnernder Anruf die Mordgeſellen verſchüchtert hätte: ſie wandten ſich um und ſahen den Prächtigge⸗ kleideten, welcher an die Treppe ſprengte und ſich raſch vom Roſſe ſchwang, während der ganze Hof ſich mit Reitern füllte. Ein zweiter kurzer Befehl des jungen, reſchgekleideten Mannes und die wilden Kriegsleute, welche Detlev's Leben bedroht hatten, zogen ſich von der Treppe zurück, welche er nun langſam hinaufſtieg. In gebrochenem deutſch fragte er den alten Edelmann ob er der Gutsherr ſei und als dieſer ſich als deſſen Bruder zu erkennen gab, der in ſeiner Abweſenheit hier ſein Recht vertrete, befahl der Fremde ihm Quar⸗ tier zu geben, ſeine Leute würden ſich ſchon ſelbſt Un⸗ terkunft verſchaffen. Frau Ebba trat unterdeſſen vor, bleich zwar und noch erſchüttert von dem, was ſie eben erlebt hatte, aber doch gefaßt und muthig. Sie bat 3 3 —.—— 151 den fremden Officier um Schonung für ihre Dorfbe⸗ wohner. Er verneigte ſich mit höflicher Sitte vor der Dame, gab aber nur eine unbeſtimmte Antwort— von Schonung wußte dies wilde Volk, das er befehligte, wohl nicht viel und Ebba war ja ſelbſt ein Kind des Krieges, den ſie in ſeiner furchtbarſten Geſtalt kennen gelernt hatte; ihr ſank das Herz und ſie lud den Frem⸗ den mit einer ſtummen Handbewegung ein, ihr Haus zu betreten, wo er, daß fühlte ſie, bald ſich als Herr werde. Er rief von der Höhe der Treppe noch ſeinen Reitern, welche in gedrängter Schaar mit⸗ ten im Hofe hhilten, m begehrlige Blicke nach dem ſtattlichen Gebäuden warfen, einige Worte des Beſehls zu, worauf ſie, wie Detlev als er ſchon ſeiner Schwä⸗ gerin und dem Fremden folgte, noch einmal zurück⸗ ſchauend bemerken konnte, abſaßen. „Wo iſt der Mann?“ fragte der Pole, ſein dunk⸗ les, feuriges Auge auf die Frau heftend, welche ihm die Thür des Zimmers öffnete. Der Anklang von Hohn welchen Frau von Kro⸗ kow in ſeiner Frage zu hören glaubte, verletzte ſie ſchmerzlich. „Die Eurigen werden ihn wohl erſchoſſen haben!“ rief Sie mit einem bittern, ergreifenden Tone. In den Augen des Fremden leuchtete ein Blitz 55 auf, er erwiederte nichts, ſondern trat in die Stube, wo er ſich umſah und übermüthig ſeine Mütze ſammt Hand⸗ ſchuhen auf den Tiſch warf.„Ich bin doch hier beim Herrn von Krockow?“ fragte er. Detlev bejahte es und ſetzte zur Erklärung der Worte ſeiner Schwägerin noch hin⸗ zu, daß der Gutsherr ausgeritten geweſen, um Erkun⸗ digung über die Feuerzeichen, die ſich in der Nacht be⸗ merkbar gemacht, einzuziehen, daß aber nur ſein Pferd und zwar mit einer Schußwunde im Halſe zurückge⸗ kommen ſei, ſo daß die Familie um den Vater in der größten Beſorgniß ſchwebe. „Vater?“ wiederholte der Pole, welcher die ganze Erzählung mit geringſchätziger Miene angehört hatte und nur dieſe Worte verſtanden zu haben ſchien.„Iſt Sohn im Hauſe?“ „Der Sohn iſt nicht mehr daheim,“ erwiederte Detlev, von der haſtigen Frage verwundert. „Sohn iſt Soldat, Officier beim feindlichen Heere?“ rief der Fremde.„Ganz recht, ich bin ganz richtig.— Nun, Frau von Krockow, ich bleibe mit meinen Rei⸗ tern hier. Sorgt für uns.“ Ebba war an der Thüre ſtehen ſie ver⸗ ſchmähte es, ſich auf weitere Frörterungen einzulaſſen — der Gewalt konnte ſie keinen Widerſtand entgegen⸗ ſetzen, wenigſtens hoffte ſie, durch die Anweſenheit des 156 Officiers, welcher trotz ſeiner Jugend nach dem Ein⸗ fluß, den er auf die erſten Eindringlinge geübt, einen hohen Rang zu bekleiden ſchien, vor roher Gewaltthat geſchützt zu ſein, ihre ganze Seele aber ſchwebte noch in tödtlicher Beſorgniß um das Schickſal ihres Ge⸗ mals und ſie mußte ſich um jeden Preis darüber Ge⸗ wißheit verſchaffen. Mit einer leichten und vornehmen Verbeugung verließ ſie das Gemach und ihr Schwager wollte ihr folgen, aber der Pole rief ihn noch einmal zurück, ziemlich herriſch. „Bleibt da!“ ſagte er.„Ich habe noch mit Euch zu reden.“ „Ich aber keine Luſt dazu, junger Mann,“ er⸗ wiederte Detlev, indem er ſeine mächtige Geſtalt auf⸗ richtete und auf den viel kleinern, ſchmächtigen Polen mit einem grollenden Blicke herab ſah. Der Pole zuckte augenblicklich nach dem reich mit Steinen beſetzten Griffe ſeiner krummen Karabella, worauf auch der alte pommer'ſche Edelmann ſeine ſchwere braune Fauſt an den Degen legte. „Ich denke,“ ſagte er,„daß man bei Euch auch einige Achtung vor grauen Haaren hat.“ Der Pole lachte kurz auf und ließ ſeinen Säbel los.„Denkt lieber daran, daß Ihr in meiner Gewalt ſeid,“ erwiederte er.„Ihr und Alle, welche in dieſem 157 Hauſe leben!“ Er ſagte das in ſeinem gebrochenen, fremdartig betonten Deutſch, welches aber vollkommen verſtändlich war, auch ohne den drohenden Blick ſeiner ſchwarzen Augen, mit welchem er dieſe Worte beglei⸗ tete.—„Iſt die Frau wirklich allein im Hauſe?“ „Bis ihr Mann hoffentlich wieder kommt, ja!“ beſtätigte Detlev, welcher es für unnöthig hielt, der Tochter zu erwähnen. „Sohn iſt heimgekehrt— ich weiß es!“ rief der Pole. „Ja wohl— nun aber wieder beim Heere! Kennt Ihr den Sohn?“ fragte Detlev verwundert. Der Fremde ſchüttelte ſtolz und verächtlich den Kopf; offenbar hatte er es nur auf den ſchwediſchen Officier bei ſeiner Frage abgeſehen, den er hier gefan⸗ gen zu nehmen gehofft. Detlev gewann es nun, ſeiner Schwägerin zu Liebe, über ſich, dem Polen Menſchlichkeit und Schonung gegen Unſchuldige an das Herz zu legen. Wiederum lachte dieſer auf, daß unter ſeinem dichten, aufgeſtutzten Bärtchen die weißen Zähne zwi⸗ ſchen den übermächtig aufgeworfenen Lippen hindurch⸗ blinkten.—„Schonung!“ rief er.„Haben Eure Leute Schonung in Polen bewieſen? Unſere Väter und Kin⸗ der waren auch unſchuldig!“ Ein wilder Haß ſprühte aus ſeinen Augen und entſtellte in dieſem Moment die Züge ſeines ſonſt ſchönen, jugendlichen Antlitzes. 158 Da fühlte der ehrliche Detlev, daß nichts zu hoffen war und mit ſchwerem Herzen ging er hinweg, jetzt nicht mehr aufgehalten. Er ſuchte ſeine Schwägerin auf, nicht um ihr mitzutheilen, was ihn mit Bangig⸗ keit für ſie und die Ihrigen erfüllte, ſondern um ſie nach Möglichkeit zu beruhigen und ihr zur Seite zu ſtehen, wo es irgend möglich war. Sie empfahl ihm nur ihr Kind, daß er bewachen möge, wie deſſen Schutz⸗ engel, damit ihr ſtilles Kämmerlein den Friedensbre⸗ chern entzogen bleibe, für ſich ſelbſt hatte ſie keine Furcht, ſie wußte, daß ihr und den armen Leuten im Dorfe Schlimmes drohte, denn, was ſie in ihrer Ju⸗ gend in deutſchen Landen Aehnliches mit eigenen Au⸗ gen geſehen und nur ſelten bei ihres Vaters Kriegen durch ihre Bitten abgewendet hatte, lebte ihr noch un⸗ vergeſſen in der Erinnerung— aber das Schlimmſte hatie ſie doch ſchon erfahren, der Gemal und Be⸗ ſchützer war ihr geraubt und ſie kündigte dem Schwa⸗ ger an, daß ſie jetzt dennoch hinaus wolle, ihn zu fuchen. Die Knechte, welche ſie ausgeſchickt hatte, waren noch nicht zurückgekehrt, vielleicht aus Furcht im Walde verſteckt geblieben— ſo mußte ſie ſelbſt hinaus und wär's allein, wenn Keiner vom Geſinde den Muth hatte, ſie zu begleiten, wozu ſie Niemand zwingen wollte!„Ihr nicht, Schwager, ſetzte ſie lebhaft hinzu, 159 als ſie in ſeiner Miene las, was er ſagen wollte.„Ich weiß, Ihr thätet das mit Freuden— aber wer ſchützt mein Kind? Laßt mich nur, Gott iſt ja über mir!“ Sie hatte Anſtalten getroffen, ſo gut ſie konnte, die fremden Gäſte zufrieden zu ſtellen. Unterdeſſen war ein Theil derſelben, auf einen Befehl, den der junge Officier ihnen aus dem Fenſter zugerufen hatte, wie⸗ der aufgeſeſſen und vom Hofe hinweg geritten, aber freilich nicht weit, ſondern in das Dorf, das rettungs⸗ los ihrer Willkühr Preis gegeben war. Nur vor den Flammen blieb es geſichert— wenigſtens ſo lange, als es der Horde belieben werde, hier zu verweilen. Der jugendliche Befehlshaber ſchien ſich im Schloſſe auf längeres Bleiben einzurichten. Er nahm von den vordern Zimmern, wie von ſeinem Eigenthume Beſitz, machte es ſich bequem, ließ von den„Pacholzen,“ wie er ſeine Knechte rief, die Handpferde, deren ſie mehrere mit ſich führten, abladen und ſein anſehnliches Gepäck in das Schloß tragen und nahm Speis und Trank an, das ihm ein Diener des Hauſes brachte. Die zu⸗ rückgebliebenen Reiter hatten mittlerweile ihre Pferde in die Ställe eingezogen, und Alles hinausgeworfen, was ihnen dabei im Wege ſtand— vom Schloßgeſinde ließ ſich aus Furcht Niemand blicken, der ihrem Trei⸗. ben gewehrt hätte; ſo lief denn brüllendes Vieh auf 160 dem Hofe umher, und Einer aus der wilden Rotte — es war der kleine Graukopf mit den langen ſpitzi⸗ gen Bartzöpfen, welchen Herr Dettlev die Vortreppe hinab geworfen hatte, machte ſich ſchon den Spaß, auf die ſchönſte Kuh zu ſchießen. Der Knall, welcher unter der menſchlichen und thieriſchen Bevölkerung des Schloſſes einen großen Schrecken verurſachte und von den Genoſſen des Schützen mit lautem Jubel begrüßt worden, war aber kaum gefallen, als an dem offenen Fenſter des Erdgeſchoſſes der Anführer der Polen er⸗ ſchien und durch ein donnerndes Wort der Luſtigkeit ein ſchnelles Ende machte. Die Feuerröhre, welche ſchon von mehreren Seiten geſpannt worden waren, um das Vergnügen des Zielſchuſſes auf Kühe, Gänſe und Enten fortzuſetzen, wurden wieder in Ruh gebracht, die Reiter ſahen jedoch finſter aus und murrten unter einander. Da trat der Anführer aus der Thüre und kam raſch die Treppe hernieder, auf den Trupp zu, der vor der Stallthüre ſtand. „Wer hat geſchoſſen?“ fragte er mit ſcharfer Stimme. „Ich, Herr Tenczynski!“ erwiederte der kleine Mann trotzig, indem er unter ſeinen dicken Augenbrau⸗ nen empor einen böſen Blick auf den jungen Mann warf⸗ „Habe ich nicht jeden Unfug verboten?“ rief 161 dieſer, zornig über das Benehmen des Widerſpen⸗ ſtigen. »Mir haſt Du nichts zu befehlen, ich bin To⸗ warſzyſz des hochgebornen Wojewoden von Rußland, und ein Edelmann wie Du!“ war die Antwort, welche jedoch einen augenblicklichen Schlag in das Geſicht zur Folge hatte. Wüthend rieß der Geſchlagene ſeinen Säbel aus der Scheide und griff den Beleidiger an, dieſer war aber auf ſeiner Hut geweſen und hatte ſchnell auch ſeine Waffe gezückt; es erfolgte ein kurzes, hitziges Ge⸗ fecht, welches damit endigte, daß der Towarſzyſz des Wojewoden von Rußland von einem Kopfhiebe getrof⸗ fen zu Boden taumelte. „Sorgt für ihn!“ ſagte der Führer, welcher von Jenem Herr Tenczynski genannt worden war, zu den Polen, die ſchweigend dem Zweikampfe zugeſchaut hat⸗ ten. Sein Geſicht war noch von der Aufregung ge⸗ röthet, er ſenkte den Säbel in die Scheide und ſein Auge flammte über die Genoſſen hin, welche mit fin⸗ ſtern Geberden ſeinem Befehle Folge leiſteten. Es konnte ihm nicht entgehen, daß hier viel Gährung vor⸗ handen war und es nur eines geringen Luftzuges be⸗ durfte, um den glimmenden Funken der Widerſetzlichkeit in lichten Brand auflodern zu laſſen. Doch kümmerte Guſeck, Karl x. Guſtav. 1. 11 — 162 er ſich wenig darum; er trat hinzu, während ſie den Verwundeten, der ſchon wieder zur Beſinnung kam, aufhoben und die Hiebwunde, die ihn getroffen hatte, unterſuchten; ſie war nicht gefährlich, wie ſich Ten⸗ ezynski überzeugte und er ſagte mit gemäßigtem Tone: „Waſcht ihn ab und verbindet ihn!“ Dann wandte er ſich mit einer raſchen Bewegung um und wie ſein Auge dabei die Front des Schloßgebäudes überflog, wurde es von einer lieblichen Erſcheinung an einem der obern Fenſter überraſcht, die aber ſogleich, als ſie ſich bemerkt ſah, verſchwand. Es war ein junges, ſchlankes Mäd⸗ chen geweſen, das weit vorgeneigt demjenigen, was ſich vor ihren Augen auf dem Hofe begab, zugeſchaut hatte. Der Pole hatte ſie mit ſcharfem Blicke in ihrer gan⸗ zen Geſtalt erkannt und einen Moment geſtutzt— ein plötzlicher Gedanke ſchoß, wie ein Brandpfeil, durch ſeine Seele: das war die Tochter des Hauſes! Wie nun—— 7 Ein dämoniſches Leuchten flackerte un⸗ heimlich in ſeinen ſchwarzen Augen auf, um ſeine Lip⸗ pen zuckte ein feindſelig bitteres Lächeln. Erika war vom Fenſter ganz zurückgetreten und ſah ihn nicht mehr, ſonſt würde das Bild, was ihr rettend und ſtrafend ſo ſchön erſchienen war, häßlich entſtellt worden ſein. Im Hausflur begegnete der Pole dem alten Herrn Detlev, welcher ihm ſeinen Dank ausſprach, daß er 163 die Bitten ſeiner Schwägerin beachtet und dem grau⸗ ſamen Muthwillen ſeiner Leute Einhalt gethan habe. Der Fremde lehnte dieſen Dank ſtolz ab. „Ich hatte es anders befohlen— habe nur Un⸗ gehorſam beſtraft!“ entgegnete er.„Wo iſt Frau Krockow?“ „Sie iſt ausgegangen, um nach ihrem Manne zu forſchen—“ antwortete Detlev.„Ihr habt keine Aus⸗ kunft darüber gegeben—“ „Soll ich für jeden Deutſchen ſtehen, der uns in den Weg läuft?“ verſetzte der Pole mit allem Ueber⸗ muth ſeines Volks.—„Sagt aber— wer war's der oben aus einem Fenſter geſchaut— ein junges, brau⸗ nes Mädchen?“ „Soll ich jede Magd des Hauſes wiſſen?“ ent⸗ gegnete Detlev ziemlich in gleichem Tone. Der Pole fuhr auf.„Alter, Du thuſt nicht wohl, mich zu reizen!“ rief er drohend. Ich könnte wieder daran denken, wie Deine Landösleute bei uns in Polen gehauſt, könnte meinen Reitern freies Spiel gönnen — die kennſt Du nicht, ſonſt würdeſt Du klug ſein! Wer war das Mädcheu? Eine Magd nimmermehr! Es war die Schweſter oder Tochter der Frau— ſprecht!“ „Ich bitte Euch, Herr,“ erwiederte Detlev, ſich 1 —— 164 bezwingend, ſo daß er nun wirklich bittend ſprach,„laßt die Frauen des Hauſes in Frieden— es wird einem jungen, ritterlichen Edelmanne geziemen!“ „Haben eure jungen, ritterlichen Edelleute die Töchter Polens in Frieden gelaſſen?“ rief der Fremde mit einer Heftigkeit, welche keine Schranken zu kennen ſchien. Doch bezwang er ſich augenblicklich wieder, und ſetzte kälter hinzu:„Ein Tag der Abrechnung muß für Deutſche und Polen kommen! Darauf verlaßt Euch!“ Er wollte vorüber nach ſeinem Zimmer gehen, aber der alte Krockow, durch dieſe Aeußerung mehr beunruhigt, als durch den vorigen ungezügelten Ausbruch der Lei⸗ denſchaft, hielt ihn noch feſt „Wollt Ihr die Deutſchen für Alles verantwort⸗ lich machen,“ ſagte er,„was vielleicht Schweden und allerlei Volk, das unter des Schwedenkönigs Fahnen von Alters her dient, in Eurem Vaterlande verübt haben?“ Der Pole, der ſchon halb an ihm vorübergegan⸗ gen war, blieb ſtehen, wandte ſich raſch nach ihm um und faßte ſeine Hand mit einem feſten feindſeligen Drucke.„Für Alles, nein!“ verſetzte er, dem alten Herrn mit einem Blicke, aus dem der Rachedurſt lo⸗ derte, in das Ange ſehend.„Aber für Eins! Und das hat kein Schwede, das hat ein Deutſcher verſchuldet!“ 165 Mit dieſen Worten, welche in dem fremdartigen, ge⸗ brochenen Deutſch die Leidenſchaft kaum verſtändkich machte, ſchied er von Detlev und ſchlug die Thüre ſeines Zimmers lautſchallend hinter ſich zu. Das war denn ein ſchlechter Troſt für künftige Behandlung ſeiner Verwandten, für welche ſich ſchon der Alte nach dem heutigen energiſchen Einſchreiten einiger Hoffnung hin⸗ gegeben hatte. O wenn doch Alle, wie er gerathen hatte, hinter den feſten Mauern von Demmin wohl geborgen geweſen wären. Gegen dieſe konnte eine flie⸗ gende Reiterſchaar nichts ausrichten! Nun aber war Barnim, man wußte nicht auf welche Weiſe, verunglückt, ſeine Frau hatte ſich nicht abhalten laſſen, nach ihm auszuſpähen, und nur von einem einzigen Knechte be⸗ gleitet— was konnte ihr, wenn noch einzelne Nach⸗ zügler raubend und mordend umherſtreiften, jetzt ſchon geſchehen ſein! Und er, der alte Detlev, der auf ihren ausdrücklichen Wunſch zurückgeblieben war„ um ihrem Kinde Schutz zu gewähren, wie ſollte er ſie ſchirmen gegen die Frechheit des Polen, der ohnehin ein Recht dazu in den Gewaltthaten ſuchte, welche in ſeinem Vaterlande geſchehen waren? Verzeihlich konnte man es nennen, wenn Herr Detlev ſeinem Malte, der ihm eben trübſelig in den Weg kam, nicht Unrecht gab, als dieſer ſeufzend ſagte:„Ach, wären wir doch ſtill in ———— — *— 166 Wildenitz ſitzen geblieben, geſtrenger Herr! Dahin kommen ſie nicht!“ Als aber Malte mit einem Vorſchlage heraus⸗ rückte, heut in der Nacht, wenn Alles im Schlafe und das Polenvolk in der Betrunkenheit liege, nun wirklich aufzubrechen, da er die aus dem Stall gejagten Pferde in einen Winkel gebracht, wo ſie ſo leicht Niemand finde, wies ihn der alte Herr unwillig zurück.„Das verhüte Gott,“ ſagte er,„daß ich meinen armen Bru⸗ der, wenn er noch lebt, und ſeine Frauensleute in der Noth feige verlaſſe! Nein, Malte, jetzt heißt es, mit ihnen aushalten, mag geſchehen, was Gott will.“ „Aber was wollt Ihr helfen, geſtrenger Herr!“ wandte Malte ein.„Sie werden Euch mißhandeln!“ „Haben einſtweilen die Kaiſerlichen,“ entgegnete Detlev, der ſelbſt in dieſer Stimmung ſeine alten Ge⸗ ſchichten nicht vergaß,„dem erſten Gottesgelehrten in Pommern, dem Superintendenten Barthold von Kracke⸗ witz zu Greifswald, um ſeines Freimuths auf der Kan⸗ zel willen ein„Product abſchmeißen laſſen, ſo muß ich auch dulden, was mich trifft. Meiner Haut wehre ich mich, ſo lange ich kann.“ „Ein Product?“ fragte Malte, welcher in dem Worte irgend eine grauſame Tortur ſah, mit Schrecken. „Eine Tracht, heißt das! Sie nannten es ſo, die Wälſchen!“ erklärte Detlev. 167 „Da iſt ja der geſtrenge Herr Bruder,“ ſagte hierauf Malte mit echt pommerſſchem Gleichmuthe, in⸗ dem er durch die offene Hausthüre hinter ihm in den Hof zeigte. Detlev wandie ſich raſch um und erblickte zu ſei⸗ ner unausſprechlichen Beruhigung und Freude ſeinen Bruder Barnim, welcher, allem Anſchein nach unver⸗ ſehrt, mit der treuen Frau an ſeiner Seite, über den Hof gegangen kam.„Gott ſei Dank!“ rief der alte Herr und eilte ihnen entgegen. * „ Siebentes Capitel. Severin. Wohl hatten polniſche Reiter auf Barnim Krockow geſchoſſen, als ſie plötzlich aus einem Gebüſch vorbre⸗ chend auf ihn eingeſprengt waren, doch hatte, wie Det⸗ lev und auch Frau Ebba gehofft, nur eine Kugel ſein Pferd getroffen, das mit ihm, vom Schmerz der Wunde raſend, durchgegangen und im Walde geſtürzt war, dann ſich aber, des Reiters entledigt, aufgerafft und ſeinen Lauf bis auf den Hof zu Loſſin fortgeſetzt hatte. Barnim war ihm gefolgt und doch erſt jetzt angekom⸗ men, da ihm der Unfall ziemlich entfernt von ſeinem Hauſe begegnet war, ſo daß die Feinde dasſelbe ſchon lange vor ihm erreichen und in Schrecken ſetzen konnten. 169 Wie hatte er ſich angeſtrengt, da er ſich Alles aus⸗ malte, was während ſeiner Abweſenheit über ſeine Lie⸗ ben kommen mochte und wie hatte ſein Herz gebebt, als er ſein treues Weib aus der Ferne ſchon erkannt, das wie eine Flüchtige auf freiem Felde zu irren ſchien. Der Gedanke an Erika, ſein geliebtes Kind, das er vielleicht in dem Maße, wie die Mutter den Sohn, unwillkürlich vorzog, hatte ſeinen Fuß beſchleunigt, um ſeine Angſt ſchneller zu beſchwichtigen— an Detlev, der ja ihr Schutz ſein wollte, hatte er in dieſem furcht⸗ baren Momente gar nicht gedacht, er wähnte Erika in der Hand der Ruchloſen, von deren Gräueln in der Nachbarſchaft ihm ſchon fliehende Bauern das Schreck⸗ lichſte gemeldet hatten! Aber Ebba, welche ihn ver⸗ ſtand, winkte ihm ſchon von Weitem, noch ehe ſeine Stimme ſie erreichen konnte, ein Zeichen der Beruhi⸗ gung zu und eilte ihm entgegen, an ſeiner Bruſt wie⸗ der Vertrauen zu gewinnen. Bis dahin hatte ſie den ſtarken Muth bewahrt, nun aber trat die Weiblichkeit in ihr Recht, und ſie brach in heiße Thränen aus, welche ſie lange hinderten, ihm zu ſagen, was geſche⸗ hen war, und was ſie hinausgetrieben hatte, in ſtei⸗ gender Angſt ihren Gatten zu ſuchen. Nur daß Erika in Detlev's Schutze ſei, konnte ſie ihm ſtammeln. Zetzt waren ſie heimgekehrt und hatten den Bru⸗ 17⁰ der noch in guter Zuverſicht gefunden, es galt nun, ſich mit den Feinden abzufinden, ſo gut es ging. Bar⸗ nim konnte mit reinem Gewiſſen an ſeine kriegeriſche Vergangenheit denken, niemals hatte er gegen Wehr⸗ loſe Gewaltthaten oder Bedrückungen ſich erlaubt— warum ſollte Gott über ihn eine Vergeltung verhän⸗ gen, die er nicht verſchuldet hatte? Er ließ ſich nur ein wenig von den Spuren des Sturzes mit dem ver⸗ wundeten Pferde reinigen, welche an ſeinen Kleidern noch ſichtbar waren, dann ging er, ſich mit dem feind⸗ lichen Befehlshaber zu beſprechen. Im Hofe war es ganz ſtill, von den Polen freilich auch vom Geſinde, nichts zu ſehen. Die erſteren lagen in den Ställen und ſchliefen wohl, nachdem ſie reichlich gegeſſen und ge⸗ trunken hatten, was ihnen die Hausfrau zu geben be⸗ fohlen. Das Geſinde hatte ſchüchtern das umherlau⸗ fende Vieh anderweit untergebracht und ſich dann wie⸗ der verkrochen. Der Schloßherr mußte ſich ſelbſt bei ſeiner Einquartirung anmelden. Auf ſein Klopfen antwortete Niemand, er trat daher ein. Da ſah er in ſeinem eigenen Seſſel lang ausgeſtreckt einen jungen Mann ruhen, der ihm mit ſcharfem Blicke entgegen ſtarrte und es gar nicht der Mühe werth zu halten ſchien, ſich zu erheben. Auf dem Tiſche lag eine viereckig geformte Mütze mit Pelz⸗ —— —— 171¹ werk beſetzt und einem Reiherbuſch über funkelnder Agraffe geziert, daneben ein krummer Säbel, deſſen Griff und Scheide reich ausgelegt und mit Edelſteinen geſchmückt waren. „Ich bin Euer Wirth, Herr,“ ſagte Barnim ruhig, ohne ſeine Würde gegen den übermüthigen Fremden etwas zu vergeben.„Nehmt vorlieb, wie Ihr es fin⸗ det. Auch ich bin Soldat geweſen und habe weite Kriegsfahrten gemacht, weiß daher, was ſich geziemt und hoffe, daß wir im guten Einvernehmen bleiben werden.“ Der Pole ſtand jetzt auf und verneigte ſich leicht. Sein Anſtand zeigte noch mehr, als ſeine reiche Klei⸗ dung, daß er einem guten Hauſe entſproſſen war.— „Ihr ſeid Herr Krockow?“ fragte er. „Barnim von Krockow, ja wohl,“ antwortete der Gutsherr.„Darf ich mir auch Euren Namen er⸗ bitten?“ „Severin Tenczynski!“ ſagte der Pole mit einem gewiſſen Nachdrucke, indem er den Wirth noch ſchärfer in das Auge faßte, als erwarte er, daß dieſer Name, den er wohl für ſehr vornehm hielt, auf ihn Eindruck machen werde. Das war aber nicht der Fall, Krockow hörte ihn gleichmüthig und dankte ihm dann, daß er, wie ihm geſagt worden, beginnenden Exceſſen unter ſeinen Leuten ſo edel gewehrt habe. 172 Das Lächeln, mit welchem der Pole dieſen Dank hinnahm, war ſehr zweideutig.„Ihr habt auch die Waffen getragen?“ fragte er.„Im jetzigen Kriege?“ Barnim verneinte und berichtigte das mit eini⸗ gem Selbſtgefühl. „Immer doch der Krone Schweden, welche mit uns in Streit liegt ſeit hundert Jahren!“ verſetzte der Pole, dem es auf die hiſtoriſche Richtigkeit ſeiner Be⸗ hauptung nicht ankam.„Euer Sohn dient noch dem Könige?“ „Der König iſt unſer Landesherr,“ antwortete Barnim. Tenczynski drehte ſeinen Bart zwiſchen den Fin⸗ gern, und ſah einen Augenblick, wie zerſtreut, durch das Fenſter.„Ich habe Befehl von meinem Feldherrn, dem Wojewoden von Rußland, Herrn Stephan Czar⸗ necki, dieſe Gegend zu beſetzen,“ ſagte er dann, feſt aufblickend.„Mein Quartier werde ich bei Euch neh⸗ men. Sorgt dafür, daß meinen Reitern hier und im Dorfe nichts fehle.“ „Ich weiß, was Kriegsgebrauch iſt,“ erwiederte Barnim, ſich mühſam bezwingend. „Dann wißt Ihr auch, daß in Feindesland Alles dem Krieger gehört!—“ „Ich kenne die Kriegsartikel des Königreichs Po⸗ 173 len nicht,“ unterbrach ihn Barnim, welchem das Blut in das Geſicht ſtieg,„aber in allen Verordnungen an⸗ derer Mächte finden ſich Strafen gegen Raub und Brand, ſelbſt an feindlichen Unterthanen!“ „Die Articuli constitutionum bellicarum der Re⸗ publik Polen,“ erwiederte Tenczenski ſtolz,„welche unſer erwählter König, ein primus inter pares, d. h. ein Erſter unter Gleichen, zu beſtätigen hat, ſind in allen Dingen den beſten gleich, die ihr kennen mögt. Wenn aber nach Kriegsrecht dem Soldaten eine Beute zufüllt, ſei es von einem erlegten Feinde oder in einer mit Sturm genommenen Stadt oder aber, wie hier im eroberten Lande, ſo iſt das nicht Raub, mein Herr Krockow!— Ich kann meine Reiter in ihren Rechten nicht kürzen, wie ich Euch, um unnützem Geſchrei Eurer Dorfleute vorzubeugen, erkläre.“ „Und auf mein Eigenthum legt Ihr, der Befehls⸗ haber, die Hand!“ verſetzte Barnim, den jungen Mann, deſſen Tone ihm unerträglich wurde, auf jede Gefahr herausfordernd. „Ich bedarf beſſen nicht—“ ſagte Tenczynski verächtlich, indem er ſich halb abwandte. Doch ſetzte er gleich, in eine höfliche und geſchmeidige Weiſe zu⸗ rückfallend, hinzu:„Es wird mir lieb ſein, wenn ich hier 17⁴ mit Euch und Euren Damen in Freundſchaft und Frie⸗ den leben kann, ſo lange ich bleibe.“ Barnim antwortete nur durch eine ſtumme Bewe⸗ gung der Hand, welche der Fremde ſich nach Belieben deuten mochte, dann brach er dies Geſpräch ab, das ihm nur eine Demüthigung bereitet hatte. Die Klug⸗ heit, welche ihn dazu veranlaßt, war ihm dabei faſt verloren gegangen, er wunderte ſich nur, daß der Pole, den er gereizt hatte, zuletzt gegen ihn ſo freundlich ge⸗ worden war und fühlte ſich dadurch zu dem falſchen Schluſſe verleitet, daß es vielleicht rathſam ſei, ihm bei jeder Gelegenbeit furchtlos die Zähne zu zeigen. Die Seinigen fand er im obern Stock des Schloſſes, wo ſie ſich eingerichtet hatten, nur die Hin⸗ tertreppe zu benutzen, um mit den ſchlimmen Gäſten, welchen das ganze Erdgeſchoß, wie die Geſindeſtuben und Ställe überlaſſen blieben, gar nicht in Berührung zu kommen. Barnim fand Frau und Tochter ruhiger, als er geglaubt hatte; namentlich hatte ſich Erika, welche vom Fenſter aus, verſtohlen und wie ſie wähnte, unbemerkt, eine Zeugin geweſen war, wie der junge Offizier die Rohheit ſeiner Reiter gebändigt, und ihren Rädelsführer niedergehauen hatte, von dem Gaſte ein ſchönes, ritterliches Bild ausgemalt, von welchem ſie für die kommenden Tage alles Heil erwartete. Nach 175 ihrer Meinung war es ein Glück zu nennen, daß der Zufall gerade dieſen edlen Krieger nach Loſſin geführt hatte, denn was von Außen her bereits an Jammer und Nothſchrei ſeinen Weg hieher gefunden, erfüllte alle Gemüther mit Grauen und Beſorgniß. Barnim hütete ſich, dieſes gute Zutrauen zu ſtö⸗ ren. Das Schlimmſte, wenn es auch bei ihnen ein brechen ſollte, war ja durch alle vorhergehende Angſt und Sorge ncht abzuwenden. Nur eine Rettung gab es, daß der König, von deſſen Siegeszuge gegen die Dänen bereits herrliche Kunde eingelaufen war, von dieſem halb niedergeworfenen Feinde ablaſſen und wie ein zermalmendes Gewitter auf die frechen Raubſchaa⸗ ren fallen werde, die es gewagt, ſich wie biſſige Hunde an ſeine Ferſen zu heften, und ihm faſt unmittelbar, ſeit er ihr Land, ſeine Eroberung, verlaſſen, in ſein eigenes Gebiet zu folgen. Aber auf dieſe Rettung, von welcher Barnim zu ſeinem Bruder faſt ſehnſüchtig ſprach, war nicht zu hoffen, denn der Köuig war tief hinein in Schleswig eingedrungen— von ſeiner Rück⸗ kehr nach Wismar wußte man hier noch nichts— und hatte nur in wenig feſten Plätzen des Pommerlandes Beſatzungen zurückgelaſſen, da er bei den vielen Fein⸗ den, denen er die Stirn zu bieten, bei den weit ent⸗ legenen Kriegsſchauplätzen in Polen, Preußen, Livland 4 176 und den andern Oſtſeeländern, in Pommern, Schweden und Bremen, wo er Truppen aufzuſtellen hatte, alle irgend verfügbaren Streitkräfte mit ſich genommen, um dem Dänen, welcher ihm hinterrücks den alten Streich weiland Chriſtian's des Vierten wiederholt hatte, ſeine ſchwere Hand fühlen zu laſſen.„Wir müſſen uns in die Zeit ſchicken, Detlev, denn es iſt böſe Zeit, wie die Schrift ſagt!“ Mit dieſem Spruche ſchloß er ſeine Rede und ſein Auge ruhte einen Moment mit inniger Liebe auf den Seinigen.„Ich glaube, fuhr er fort,„daß man mit einiger Feſtigkeit bei dieſen Polacken am beſten fährt. Wer ſich einſchüchtern läßt und gar um Gnade betteln will, den treten ſie mit Füßen.“ „Haſt Recht, Junge!“ ſagte Detlev, der ſeinen Bruder, obgleich dieſer nur wenige Jahre jünger war, als er, gern mit dieſem Ausdruck nannte.„Gegen mich wollte er ſchon ſeine krnmme Plempe zücken, ich griff aber kurz und gut auch an meinen Degen und da be⸗ ruhigte er ſich. Freilich müſſen wir uns auf böſe Dinge gefaßt machen, denn er warf mir vor, wie bei ihm draußen übel gehauſt worden ſei und wie unſere Leute in Polen auch von Schonung nichts gewußt. Nun, mein Fritz hat mir genug davon erzählt— da können die ſtrengſten Profoſe und die beſten Offiziere nichts 177 thun. Der Polack ſchien es auch hauptſächlich auf ſchwe⸗ diſche Soldaten abgeſehen zu haben.“ „Ei, Detlev! Die Brandenburger werden ihnen darin nichts vorwerfen können!“ verſetzte Barnim, den alten Streit ſelbſt jetzt nicht vergeſſend.„Im großen Kriege kam alles üble Gerede auf die Schweden; da ſprachen ſie von ſchwediſchen Stiefeln, vom Schweden⸗ trunke und wie all die Teufeleien hießen, womit ſie arme Leute gemartert haben ſollen und es waren in den letzten Jahren kaum noch ein paar Hundert Schwe⸗ den dabei, alles Andere fremdes Volk!“ „Das wirſt Du freilich am beſten wiſſen, Bar⸗ nim!“ erwiederte Detlev trocken.„Ich ſage auch nur, was ich gehört habe. Er fragte nach Deinem Sohne ganz erpreß und wußte, daß er wieder herein iſt.“ Dieſe Mittheilung erregte einiges Staunen und unbeſtimmte Beſorgniß; Detlev vermochte aber nichts Näheres anzugeben, als daß der Pole eine Bekannt⸗ ſchaft mit dem jungen Krockow geläugnet habe. „Er heißt Tenczynski, Severin Tenczynski,“ ſagte Barnim.„Nun, Kinder, was habt Ihr denn?“ Der Name machte allerdings auf Ebba und ihre Tochter einen ſchreckhaften Eindruck— Beide erbebten und ſahen einander unwillkürlich mit einem ängſtlich fragen⸗ den Blicke an, ſo daß es dem Vater nicht entgehen konnte. Guſeck, Karl X. Guſtav. 1. 12. ——— 178 „Tenczynski?“ wiederholte Ebba.„Habt Ihr auch recht gehört? Die polniſchen Namen klingen alle für unſer Ohr ähnlich und ſind ſchwer auszuſprechen!“ „Er nannte ſich mir ſelbſt, ſo klar und deutlich, daß ich mich nicht irren konnte. Was erſchreckt Euch denn bei dem Namen Tenczynski? Ihr habt etwas dabei.“ „Der Karl—“ ſagte die Mutter zögernd— „hat uns von dem Hauſe eines Staroſten von Ten⸗ czyn oder Tenczynski viel traurige Dinge erzählt.“ „Ha!“ rief der Vater.„Ich will doch nicht fürch⸗ ten, daß unſer Sohn ſich dort mit Rohheit befleckt hat und daß nun der Pole— ein Sohn oder Ver⸗ wandter— hier ſeine Rache ſucht—?“ „Nein, nein!“ erwiederte Frau Ebba eifrig, ihren Liebling zu vertheidigen.„Karl Guſtav wäre deſſen nicht fähig, ich weiß ganz beſtimmt, daß er nichts Bö⸗ ſes dort verſchuldet hat und kann für ihn ſtehen.“ „So werde ich den Mann offen und ehrlich fra⸗ gen,“ ſagte Barnim.„Damit kommt man immer am weitſten und er ſoll wenigſtens ſehen, daß wir mit eben ſo viel Abſcheu von den Gewaltthaten reden, die bei ſeinen Verwandten geſchehen ſein mögen, und daß er ſie unſerm Sohne nicht aufbürden darf.“ „Thut das nicht!“ bat die Mutter dringend 179 und auch Erika drängte ſich mit flehendem Blicke an den Vater.„Laßt uns Alles vermeiden, was ihn, der doch einmal die Gewalt hat, gegen uns reizen kann— wir wollen uns ſtill halten und ihm nimmer in den We kommen— bald, bald muß ja der König ſeinem Volke zu Hülfe eilen!“ ſagte er,„ſo würde der König ſchnell bei der Hand ſein— hier iſt aber nur Pommern!“ Barnim wurde durch dieſe Worte von der Frage, die er mit ſeiner Frau noch zu erledigen hatte, vor der ſeinem pommer'ſchen Artheil handle, bekämpfen, und der ſich daraus entſpinnende, wenn auch in aller Brü⸗ derlichkeit geführte Streit machte es der Mutter und Tochter möglich, ſich durch ein paar raſch gewechſelte, von den beiden Männern nicht vernommene Worte zu niſſen des heutigen Tages! Wer konnte der junge pol⸗ niſche Reiterführer, der ſich offen Tenczynski genannt und mit Wiedervergeltung gedroht hatte, anders ſein, als Wanda's Bruder? Warum aber ſuchte er ſeine 180 Rache hier? Warum forſchte er feindlich nach Karl, welcher warnend ſo weit es ihm möglich geweſen, das Unheil zu verhüten geſucht hatte? Die Mutter ſprach dieſe Frage nicht aus, weil ſie alles vermied, das ſeit jener Erzählung betrübte Herz ihres Kindes aus ſeiner ſcheinbar wiedergewonnenen Beruhigung aufzuſtören, aber bei ſich ſelbſt konnte ſie nicht anders, als immer wieder fragen: iſt Karl Guſtav auch redlich mit uns geweſen, hat er uns Alles erzählt? Seine eigene Ge⸗ müthsſtimmung, als ihm das Herz damals überge⸗ floſſen, hatte der Mutter doch noch ein Räthſel in die Seele gelegt, das ſie vielleicht bei längerm Bleiben des Sohnes gelöſt hätte, das heut ſie aber von Neuem ängſtigte. Tenczynski ſuchte noch an demſelben Tage, als der Abend ſank, eine Annäherung an die Familie. Der alte Towarſzyſz oder Dienſtedelmann des Feldherrn Czarnecki, welcher ſich nur zufällig, auf eigene Hand mit zwei oder drei Reitern ſtreifend, der Schaar Se⸗ verin Tenczynski's angeſchloſſen und von dieſem, als er ſich ihm mit der blanken Waffe widerſetzte, einen Kopfhieb erhalten hatte, war von einem heftigen Wund⸗ fieber befallen, wahrſcheinlich vor Wuth, der er ſich, nachdem er wieder zur Beſinnung gekommen, hingab. Tenczynski ließ die Hausfrau um einen kühlenden Trank 181 oder was ſie ſonſt als Linderungsmittel beſitze, bitten. Frau Ebba war, als Soldatentochter, welche lange mit im Felde geweſen, nochmehr aber ſeitdem als Haus⸗ frau, wie es in alten Zeiten überall und auf dem Lande hier und da noch der Fall, mit einigen ſehr wirkſamen Mitteln für Krankheiten oder Verletzungen einfacher Art vertraut und immer zur Hülfe bereit. Sie übergab aber den Trank, den ſie ſchnell bereitet hatte und die lindernde Wundſalbe, welche ſie noch aus dem Kriege beſaß und immer neu anfertigen ließ, nicht dem Knecht, der an ſie abgeſchickt war und aus dem polniſchen(Weſt⸗ Preußen gebürtig, deutſch ſprach, ſondern ließ ſich von ihm, den Einſpruch ihres Gatten ſanft zurückweiſend, zu dem Verwundeten führen.„Das bringt Segen, lieber Herr!“ ſagte ſie mit einem ſeelen⸗ vollen Blicke zu Barnim und er begleitete ſie. Auf einem Strohlager im Stalle, wohin die Genoſſen ihn gelegt, fanden ſie den Mann mit verbundenem Kopfe, das Blut nur wenig abgewaſchen, mit dunkel geröthe⸗ tem Geſicht und halb offenen, glühenden Augen, ein widerlicher Anblick. Neben ihm lag eine Flaſche, deren Geruch den Branntwein verrieth, mit welchem er ſich wieder zu beleben verſucht hatte— er ſtammelte un⸗ zuſammenhängende Worte, die wie Flüche klangen! Ein alter Reiter faß neben ihm auf dem Stroh, die bren⸗ 182 nende Tabakspfeife zum Aerger des Gutsherrn im Munde. Beim Eintritte des Paares ſtand er auf und gleich ſammelten ſich auch mehrere ſeiner Genoſſen, die in andern Winkeln des Stalles gelegen hatten, um den Verwundeten. Frau Ebba näherte ſich ihm herzhaft und ließ ſogleich den preußiſchen Knecht als Dol⸗ metſcher gebrauchend, das Tuch abnehmen, um die Wunde zu unterſuchen und friſch mit ihrem Balſam zu verbinden. Wüthend ſchrie der Towarſzyſz auf und ſchlug nach Allen, die ſich mit ihm beſchäftigten, als er aber die ſchöne Frau bemerkte, die ſich mit ſanftem Zuſpruch zu ihm hernieder neigte, wurde er ſtill, wie ein Lamm:„Panna Maria!“ klang es von ſeinen bär⸗ tigen Lippen und die Umſtehenden bekreuzten ſich. Die Wunde wurde lau gereinigt, dann legte Ebba ſelbſt den Verband um. Als ſie ſich aufrichtete, dem preußi⸗ ſchen Knechte weitere Verhaltungsbefehle zu ſagen und ihm den Trank zu übergeben, den er dem Verwunde⸗ ten in gemeſſenen Friſten reichen ſollte, ſtand der junge Befehlshaber hinter ihr. Mit dem Ausdruck der Be⸗ wunderung in ſeinen ſchönen Zügen ſagte er der barm⸗ herzigen Frau einige Worte, welche ſie zuerſt nicht verſtand, dann aber, als ſie darin einen Dank zu ver⸗ nehmen glaubte, mit ſtiller Beſcheidenheit ablehnte. Sie verließ den Ort und hörte kaum, daß der Pole 183 ihren Gemal bat, den Abend in ihrer Geſellſchaft blei⸗ ben zu dürfen; ſein Anblick hatte ſie wieder an ihres Sohnes Erzählung erinnert und was darin für ſie ſelbſt und die ſie lieb hatte Bekümmerndes gelegen hatte. So vernahm ſie auch nicht, daß ihr Gemal ſie entſchuldigte, nicht in der Männer Geſellſchaft bleiben zu können und was er als Grund angab— ihr war es lieb, daß Tenczynski ſich gleich darauf, nachdem er ihr nochmals gedankt hatte, von ihnen trennte, und nach dem Stalle zurückging.„Er ſchien beleidigt zu ſein,“ ſagte Barnim.„Ich kann mir aber nicht helfen. Soll ich dem Feinde meines Königs aufwarten und kann ich gar dem Detlev zumuthen, mit ihm zu trinken?“ Die Nacht ſank über die Gegend nieder, aber mit ihr nicht der Frieden, den ſie ſonſt zu bringen pflegte. Wiederum rötheten Feuerzeichen in verſchiedener Rich⸗ tung den Horizont, ſie gaben Zeugniß, wie weit ſich ſchon der erbarmenloſe Feind über das Land ausge⸗ breitet hatte und die Einbildungskraft konnte ſich alle die Schreckniſſe ausmalen, welche der Schein jener Flammen beleuchten mochte. Den Bewohnern von Loſſin, auch im Dorfe, war verhälinißmäßig noch wenig Uebles geſchehen, aber ſie zitterten vor dem nächſten Tage und was irgend konnte, ſuchte in der Nacht heim⸗ 184 lich zu flüchten. Wer Demmin nicht erreichen oder dort keine Aufnahme finden konnte, hatte im Walde und an den unzugänglichen Buchten des Sees immer noch Schlupfwinkel, wohin kein feindliches Roß ſeinen Huf zu ſetzen vermochte. Auch Detlev trat für ſeine Ver⸗ wandten mit dieſem Vorſchlage heraus. Da nirgend ein Gegner im Felde ſtand, ließ ſich nicht erwarten, daß die Polen Wache ausgeſtellt haben würden, die Möglichkeit, unbemerkt den Hof verlaſſen zu können, war daher nicht zu beſtreiten. „Schwager, das kann Euer Ernſt nicht ſein!“ rief Ebba, noch ehe ihr Mann eine Antwort zu geben vermochte.„Würde mein Herr Haus und Hof und vor Allem ſeine armen Unterthanen verlaſſen, und wenn er hier bliebe, glaubt Ihr, daß ich mich von ihm trennen würde? Nein, lieber Schwager, Ihr meint es gut— aber wir wollen zuſammenbleiben Alle, die zuſammen gehören und mit einander tragen, was Gott über uns verhängen wird. Bis jetzt waltet Er ja gnädig mit uns! Es iſt uns nur leid, daß wir Euch durch unſere Bitten ſo lange bei uns feſtgehalten haben— Ihr wäret doch wohl noch ſicher über die Oder gekommen und ſäßet nun geborgen in Euren Wildenitz.“ Detlev verwahrte ſich dagegen, als ob ſein Vor⸗ ſchlag aus Beſorgniß um ſeine eigene Perſon entſprun⸗ 185 gen ſei.— Barnim drückte ihm die Hand und ſagte: „Das iſt auch Keinem von uns eingefallen! Wir kennen Dich ja. Mag's dann gehen, wie Gott will!“ So ſuchten ſie denn die Ruhe, welche ſich doch nicht in gewohnter Weiſe finden wollte, denn wenn ſich draußen auf dem Hofe irgend ein Geräuſch in der ſtillen Nacht regte, ſchreckte es die Bewohner von Loſſin aus un⸗ ruhigem, von böſen Träumen heimgeſuchten Schlum⸗ mer auf, und es war wohl nicht Einer, der nicht Gott gedankt hätte, als endlich der Morgen anbrach. Im Hofe war bald lärmendes Treiben von den fremden Gäſten— es ſchien, als rüſteten ſie ſich zum Aufbruch; man ſah Pferde ſatteln und Reiter ſchon in voller Bewaffnung. Aber nur ein paar ſaßen auf und ritten hinaus. Im Grunde mußte man ja wün⸗ ſchen, daß dieſe Leute welche ihr Führer in ſtrenger Zucht hielt, hier blieben und nicht andern Kriegsrotten Platz machten, von denen man ſich Uebles verſehen konnte. Die Familie Krockow ſaß bei ihrer Morgenſuppe, als ein raſcher Tritt die Treppe hinauf eilte, gleich darauf an die Thüre geklopft wurde und ohne die Er⸗ laubniß abzuwarten, der polniſche Offizier eintrat. Er verneigte ſich vor der Frau des Hauſes, welche nicht ohne Befremdung ſich erhob— ſein dunkles Auge blieb 4₰ 186 über die Männer hinblitzend, auf Erika hängen, als feſſele ihn deren, von der Ueberraſchung lieblich gerö⸗ thetes Antlitz. Sie ſah ihn zum erſten Male ganz nah und der Eindruck ſeiner Perſönlichkeit konnte, wenn man Alles vergaß, nur ein gewinnender ſein. Er war nicht ſehr hoch gewachſen, aber im ſchönen Ebenmaß, ſeinen ſchlanken Leib umſchloß ein enger Rock von amaranthfarbigem Stoff, reich mit ſilbernen Blumen durchwirkt, von einem, mit Perlen und Evelſteinen ge⸗ ſtickten breiten Gürtel zuſammengehalten, an welchem der eben ſo beſetzte Säbel hing; ein weites perlgraues Obergewand, deſſen aufgeſchlitzte Aermel leer von der Schulter herabhingen, umfing die ganze Geſtalt, Stie⸗ feln von buntem Saffian und die viereckige Mütze mit dem Reiherbuſch vollendeten den fremdartigen Anzug, für welchen ſogar die Brüder Krockow— und ſelbſt in dieſem Momente!— Augen hatten. Es ſchien, als habe die Eitelkeit des jungen Mannes Sorge getragen, ſich möglichſt ſchön heraus zu ſtaffiren, um ſein unver⸗ ſchämtes Eindringen in die Häuslichkeit, die ihm ver⸗ wehrt bleiben ſollte, einigermaßen annehmbar zu machen. „Ich wollte Euch nicht einen Knecht ſenden,“ ſagte er, ſein Auge gewaltſam von Erika abziehend, zu der Mutter,„und ſo kam ich ſelbſt, um Euch zu melden, 187 daß wahrſcheinlich mein Feldherr, der Wojewode von Rußland, morgen oder übermorgen hier einrücken wird. Muß ich ihm den Platz räumen„ſo werde ich doch nach Kräften dafür ſorgen, daß Euch die Leiden des Krieges möglichſt erſpart bleiben.“ Dieſe freundliche Geſinnung verdiente doch wahr⸗ lich keine herbe Abfertigung, wie ſie Barnim ſchon auf den Lippen ſchwebte. Er konnte nicht anders, als ihm dafür danken und ihn einladen, ſich zu ihnen niederzu⸗ laſſen und an ihrem Frühmale Theil zu nehmen. Ten⸗ czynski hatte das ſeinige ſchon genoſſen, aber der Ein⸗ ladung zu bleiben, leiſtete er Folge. Den Stuhl, wel⸗ chen der Hausherr zwiſchen ſich und Detlev für ihn einſchieben wollte, nahm er ihm jedoch aus der Hand und ſetzte ihn, mit wieder hervortretender Dreiſtigkeit des Soldaten, dem Alles zuſteht, neben Frau Ebba, auf die Seite, wo Erika ſaß. Er richtete auch ſogleich das Wort an dieſe, aber die Rede, die ihm ohnehin in deutſcher Sprache nur unvollkommen zu Gebote ſtand, floß ihm ſchlechter, als je, ſo daß das junge Mädchen, verwirrt von ſeinem Benehmen, nicht verſtand, was er ihr ſagte. Auch die Andern hatten nur das Wort Aehn⸗ lichkeit herausgehört und der alte Herr Detlev nickte ihm zu, da Niemand darauf antworten wollte. Was konnte er meinen, als daß er gar keine Aehnlichkeit 188 zwiſchen ihr und ihrer Mutter finde? Die große Aehn⸗ lichkeit, welche ſie dafür mit ihrer Großmutter, von Vater Seite hatte, konnte er ja nicht wiſſen. Auf das bejahende Zeichen des Oheims ſchien der Fremde ſich berechtigt zu fühlen, noch einmal Erika's Züge einer genauen Prüfung zu unterwerfen, denn er richtete ſein Auge ſo ſcharf auf ſie, daß Erika, obgleich ſie das ihrige tief geſenkt hatte, davon erbebte in ihrem jung⸗ fräulichen Gefühl tief verletzt. Die Mutter kam dem Ausbruche des Unwillens, der ſich ſchon bei ihrem Ge⸗ male bemerklich machte, raſch zuvor, indem ſie ein Ge⸗ ſpräch anzuknüpfen ſuchte, das den Fremden für ſie in Anſpruch nahm. Sie fragte nach dem Verwundeten, ſie forſchte nach dem Feldherrn, deſſen Ankunft er ver⸗ kündigt hatte, und was ihr ſonſt der Augenblick ein⸗ gab, aber der Pole ſchien heut ſo ungewandt mit der Zunge, als habe er ſein ganzes Deutſch vergeſſen. Bielleicht war er auch von andern Gedanken, vielleicht von den Nachrichten zerſtreut, welche ihm heut mit der Meldung ſeiner ausgeſchickten Reiter eingegangen wa⸗ ren. Er ſprach unzuſammenhängender, unverſtändlicher als je zuvor, dennoch blieb er ganz rückſichtslos bei der Familie ſitzen, als gehöre er dazu und habe gar nicht Luſt, ſich wieder in ſeine Abſonderung zurückwei⸗ ſen zu laſſen. Frau Ebba ſah mit Beſorgniß die auf⸗ 189 ſteigenden Wolken auf der Stirn ihres Gemals, die ſchwellenden Adern an den Schläfen ihres Schwagers. Da fand ſie den Muth, die Geſellſchaft aufzuheben, wie eine Königin, welche ihre Diener entläßt. Sie ſtand auf, bat den Gaſt, ſo lange er im Schloſſe zu Loſſin ſein werde, dasſelbe auch fernerhin vor Gewaltthaten zu ſchützen und wenn er dem Feldherrn weichen müſſe, ſeines Verſprechens eingedenk zu ſein, dann verneigte ſie ſich freundlich vor ihm, wie vor ihrem Gatten und Schwager und trat einen Schritt zurück. Das war nicht falſch zu verſtehen, Tenczynski hatte ſich ſogleich, als die Dame aufſtand, raſch erhoben und griff nun nach ſeiner Reihermütze, ſich zu verabſchieden, während die Männer— Detlev ſichtlich ſchmunzelnd über ſeine re⸗ ſolute Schwägerin— etwas langſamer ſeinem Bei⸗ ſpiele folgten. Auch zum Abſchiede hatte der Pole ſich nicht geläufig ausdrücken können. „Es iſt wohl kein Zweifel, Mutter?“ fragte Erika, als Beide allein waren. „Wer mag es wiſſen, Kind!“ erwiederte dieſe ſeufzend.„Ich danke nur Gott, wenn es der Fall iſt. daß er die Gedanken an Vergeltung aufgegeben zu haben ſcheint, Was hat er denn auch zu rächen? Kann irgend wer dafür verantwortlich gemacht werden, wenn ſich wirklich Alles dort ſo zugetragen haben ſollte, als Karl erzählt hat!“ 190 „Karl hat uns nicht Alles erzählt!“ verſetzte Erika und dieſe Aeußerung, welche ſo ſehr mit den Gedanken ihrer Mutter ſtimmte, überraſchte dieſelbe, weil ſie das heut zum erſten Male von ihrem Kinde hörte.„Karl kam zu ſehr, zu oft auf den Namen Drewionka, und Tenczyn zurück— ihm lag noch viel mehr auf dem Herzen!“ „Er wird es mir vertrauen, was es auch ſein mag,“ ſagte die Mutter, welche gern abbrechen wollte. Aber Erika ließ es nicht zu. „Wenn Fritz das wüßte!“ ſagte ſie leiſe, und gleich darauf mit einer tiefen Innigkeit zur Mutter ſich wendend, fragte ſie:„Biſt Du aber auch ſo recht vom Herzen überzeugt, daß er unſchuldig iſt?“ „So feſt überzeugt, daß ich für ihn einen Eid leiſten könnte!“ ſagte die Mutter, ihr Kind umfangend. Hier war es zu einem Vertrauen gekommen— in ſtiller Stunde, geſtern vielleicht erſt, unter dem Ein⸗ fluße des Namens, der überraſchend den traurigen Wiederhall in der Bruſt des Mädchens geweckt hatte. Erika weinte ſtill an der Bruſt ihrer Mutter. Tenczynski war von ganz andern Gefühlen be⸗ wegt, in ſein Zimmer zurückkehrt und maß dasſelbe mit ſtarken Schritten. Sein Blut wallte ſtürmiſch. „Sie iſt ihm ähnlich— wie aus den Augen geſchnit⸗ ten!“ klang es fort und fort in ſeiner Seele.„Was 191 Du geſchworen haſt, mußt Du halten— es wird Dir ja leichter werden, weil ſie ihm ſo ähnlich ſieht!“ Und doch ſtand er immer wieder, wenn er bis zu dieſem Gedanken gekommen war, in ſeinem Sturmlaufe durch das Zimmer ſtill und preßte die Hand vor die Stirn, als müſſe er ſich gewaltſam auf Alles beſinnen, was ihn mahnte, nicht mildern Gefühlen Raum zu geben. Endlich ſtampfe er wild auf und ſogleich erſchien der preußiſche Knecht, den er zum Dienſt um ſeine Perſon erkoren hatte.„Iſt Naruſzewicz wieder bei Verſtand?“ fragte er ihn. „Die Frau hat Wunder an ihm gethan,“ ant⸗ wortete der Knecht. „Ruf' ihn,“ befahl der Offizier und bald darauf trat der verwundete Towarſzyſz, noch immer mit ver⸗ bundenem Kopfe, aber ſonſt dem Anſchein nach wieder ganz erkräftigt, in das Zimmer. „Ich will Dir Gelegenheit geben, Deine Klage über mich beim Wojewoden von Rußland anzubringen,“ ſagte Tenczynski kalt zu ihm.„Sattle flugs Dein Pferd, nimm Deine drei Schlachtizen mit und reite. Ich habe Dich nicht zu mir gerufen, ich will Dich los ſein. Du haſt mich verſtanden, Michael Naruſzewicz.“ Der alte Kriegsgeſell zog ſeine ſpitzigen Bart⸗ zöpfe mit der Fauſt noch länger herab und ſchnaufte. 492 „Laß mich noch hier, Severin Tenczynski,“ ſagte er. „Ich will Dir gehorchen in Allem.“ Verwundert ſah der Officier den ſonſt ſo trotzi⸗ gen Edelmann ſeines Feldherrn an, er zweifelte faſt, ob er ſchon wieder ganz zu ſich gekommen ſei oder der Kopfhieb noch auf ſeine Gemüthsart wirke. „Ich habe hier etwas zu vergelten,“ ſagte Naruſzewicz. „Mir?!“ fuhr Tenczynski auf, indem er ihn ſtolz und drohend anblickte. „Mit Dir hatte ich ſchon einmal Abrechnung,“ entgegnete der Alte kurz„Ich meinte Dich nicht.“ „Ich will Dich aber hier nicht haben!“ ſagte Tenczynski.„Zieh' ab.“ „Ich ſtehe hier für meinen Herrn, den hochge⸗ bornen Stephan Czarnecki, dem Du gehorchſt,“ ver⸗ ſetze Naruſzewicz„Bis der Herr Wojewode kommt, werde ich hier bleiben.“ Da wollte ihn der Officier im auflodernden Zorne faſſen, der kleine Mann entzog ſich ihm aber gewandt und war gleich darauf verſchwunden. Tenczynski eilte hinab auf den Hof, gab den Reitern, welche nicht zu ſeiner eigenen Schaar gehörten, Befehl, augenblicklich zu ſatteln und abzuziehen, nöthigenfalls das Pferd des Naruſzewicz, wenn er ſich nicht einſtellen ſollte, an der 193 Hand mitzunehmen und ſchärfte ihnen ein, binnen einer Viertelſtunde den Hof zu räumen, da er ſie nicht län⸗ ger hier dulden wolle. Sie gehorchten ihm, aber die böſe Saat, welche von ihnen geſtreut ſein mochte, war unter ſeinen eigenen Reitern ſchon aufgegangen. Ein Paar traten vor ihn und fragten ihn, was mit ihnen werden ſolle— wo alle Andern Beute machten und volle Freiheit hätten, wären ſie allein gebunden, als ob ſie in einem Schloſſe ihres eigenen Königs in Gar⸗ ½ niſon lägen, Herr Tenczynski möge ſich des Verſpre⸗ chens erinnern, das er ihnen vorgeſtern noch gegeben hatte, gerade hier ihres Herzens Freude zu haben. Tenczynski wechſelte die Farde; der alte Rott⸗ meiſter hatte aber ſeine Vorſtellung in einem ſo ehr⸗ baren, von Meuterei weit entfernten Tone vorgetragen, daß der Offizier ſie nicht ſchnöde abfertigen konnte. „Geduldet euch!“ ſagte er.„Severin Tenczynski hat noch kein Verſprechen gebrochen. Es ſoll euch Alles werden!“ Er ging mit einem feſten Blicke auf die Gruppe, die ſich um ihn gebildet hatte, hinweg und ſo lange er ſie hören konnte, ſchwiegen ſie auch, weil er es trotz ſeiner Jugend verſtand, ſich gefürchtet zu machen; als er aber die Freitreppe hinauf in das Schloß geſtiegen war, brach ein allgemeines Murren aus, für ihn um Guſeck, Karl X. Guftav. 1. 3. 6 194 ſo gefährlicher, als er nicht hoffen durfte, daß der Wojewode, unter welchem er den Streifzug nach Schwe⸗ diſch⸗Pommern mit unternommen, ihn für ſeine befrem⸗ dende Schonung dieſes Fleckchens Erde inmitten der Landverheerung, welche beabſichtigt war, beloben werde. Tenczynski kümmerte ſich jedoch wenig darum; ſeine ganze Seele war von dem Gedanken eingenommen, wie er das Gelübde, das er ſeiner Mutter im Augen⸗ blicke des Scheidens abgelegt, in's Werk ſetzen ſolle. Es war an keine beſtimmte That gebunden, ſondern nur im Sinne der furchtbaren Worte des alten Teſta⸗ ments: Aug' um Auge! Zahn um Zahn! Sobald er die Grenze, den Oderſtrom überſchritten hatte, war er mit dem Eifer eines Spürhundes befliſſen geweſen, Tag für Tag nach dem Namen zu forſchen, den ihm die Mutter wohl zehnmal mit glühendem Blicke wie⸗ derholt hatte, bis es ihm endlich gelungen war, die erſte Angabe zu hören, die ihn endlich an der Spitze der weithin das Land überſchwemmenden Schaaren hie⸗ her geführt hatte. Nicht der Zufall, wie Frau Ebba und ihre Tochter wähnten, hatte ihn wunderbarer Weiſe nach Loſſin gebracht, vielleicht durch Gottes Schickung— der Zufall ſpielt freilich oft ſeltſam im Menſchenleben und iſt immerdar ein Diener der Vor⸗ ſehung— hier aber war es die eigene, mit Aufbie⸗ 195 tung alles Scharfſinns durchgeſetzte Abſicht! Nun konnte ihm doch noch ein falſches Ziel geworden ſein, denn es gab wohl mehr des Namens in Pommern, aber ſeit wenig Minuten war er ſeiner Sache gewiß! Das Bild, an welchem ſeine unglückliche Schweſter, alle Kunſt, die ſie im Kloſter ihrer Erziehung mit ſeltenem Talent ge⸗ lernt und bis zur Meiſterſchaft ausgebildet, ſpäter, durch ihre ſtrafbare Neigung zu dem Feinde ihres Volkes verblendet, mit lebendigen Farben verſchwendet hatte— das Bild, das man auf ihrem gebrochenen Herzen gefunden hatte, glich es nicht zum Verwechſeln der Jungfrau, welche ihm heute erſchienen war! Konnte noch ein Zweifel obwalten? Schonung! O ja! Er hatte bis jetzt Schonung bewieſen— wie der Tiger gegen ſein Opfer, das ihm nicht mehr entrinnen kann. Achtes Kapitel. Die Rettung. Stephan Czarnecki war nach dem Abzuge des Königs von Schweden aus Polen, mit viertauſend Reitern über die Oder geſetzt und in Schwediſch⸗Pom⸗ mern verheerend eingefallen Nächſt Johannes Sobieski, welcher ſich damals bereits großen Ruhm gegen die Tataren und Koſaken erworben hatte und ſpäter Kron⸗ großfeldherr, zuletzt König von Polen und der Helfer von Wien gegen die Türken wurde, war Stephan Czar⸗ necki einer der ausgezeichnetſten Krieger ſeiner Nation, bisher Kaſtellan von Kijow, bekleidete er jetzt die Würde eines Wojewoden von Rußland, unter welcher Bezeich⸗ nung natürlich nicht das jetzige Rußland, ſondern der⸗ 197 jenige Theil von Polen zu verſtehen iſt, welcher dieſen Namen führte und Landſtriche von Galizien, nebſt Po⸗ dolien, Volhynien und die Ukraine bis an die litthauiſche Grenze hin umfaßte. Czarnecki hatte ſich zwar im Felde dem Schwedenkönige nimmer gewachſen gezeigt, aber nach deſſen Abzuge deſſen Bundesgenoſſen Rakoczy, der ſich mit den Trümmern ſeines verlaufenen Heeres unklug nach Volhynien gewagt, zu einer ſchimpflichen Kapitulation genöthigt, durch welche er ſich verpflichtete, 400,000 Thaler Entſchädigung zu zahlen und alle Be⸗ ſatzungen, die er noch in Krakau und andern polniſchen Städten hatte abzuberufen. Dadurch war der Fall von Kra⸗ kow vorbereitet und Czarnecki befähigt worden, mit ſeinen windſchnellen Reitern den weiten Streifzug nach Pom⸗ mern zu unternehmen. In Krakau nämlich konnte ſich nun der ſchwediſche Commandant, Paul Würtz, unmög⸗ lich mehr halten, obgleich die Kaiſerlichen, welche vor der alten Königſtadt lagen, ihm ſehr wenig zuſetzten. Oſterreich war überhaupt, um den weſtphäliſchen Frieden nicht zu brechen, keineswegs mit der Hülfe eingetreten, welche Polen nach dem geſchloſſenen Bündniſſe erwar⸗ tet hatte, und ſeine Truppen erſchienen aus jenem Grunde nur als ungariſche Völker auf dem Kriegs⸗ ſchauplatze. Paul Würtz als er endlich den Entſchluß faßte, Krakau zu räumen, um dem Könige die Trup⸗ 198 pen, deren er ſo dringend benöthigt war, zu erhalten, fand daher gar keine Hinderniſſe beim Abzuge und hatte auch unterwegs nichts zu fürchten, denn der große pol⸗ niſche Reiterſchwarm war wie ein Sturmwind dahin gebrauſt und ſtreifte bereits in Pommern bis Ucker⸗ münde und Anklam, während die Schweden auf dem nächſten Wege nach Holſtein zogen, um ſich mit Wrangel's Heere in Schleswig zu vereinigen. König Karl Guſtav weilte unterdeſſen noch in Wismar, der alten Hafenfeſte, welche der Sage nach von Wizymir, dem Sohne Lech's, eines der älteſten Herrſcher des Sarmatenreichs erbaut, ſpäter den Gra⸗ fen von Schwerin gehört hatte und im weſtphäliſchen Frieden von Meklenburg an die Krone Schweden ab⸗ getreten war Hier hatte der König ſein Hof⸗ und Hauptfeldlager aufgeſchlagen, um die Gefahren, welche ihm von allen Seiten drohten, mit ſcharfem Blicke zu überwachen. Ihm waren bereits Meldungen von Allem zugegangen, was ſich in Polen zugetragen hatte und was ſich auch gegen ſeine Oſtſee⸗Provinzen, die frühern Ordensländer, im Geheimen vorbereitete. Der Herzog von Kurland aus Kettler'ſchem Stamme, noch immer nach ſeines Ahnherrn, Gotthard Kettler, vor hundert Jahren geſchloſſenem Tractat polniſcher Vafall, fing an, gegen Schweden, ſeinen Nachbarn, eine zweideutige . 5 199 Stellung einzunehmen: die Feinde hielten den Lzwen ſchon für krank und rechneten darauf, ſich bald in eine leichte Beute theilen zu können. Sie hatten ſich aber verrechnet. Wenn auch Karl Guſtav zu Wismar ſchein⸗ har unthätig und abwartend ſich verhielt, ſo traf er och übera eine energiſchen Vorkehrungen und die erfahrenen und treuen Räthe der Krone, die er um ſich verſammelt hatte, waren damit beſchäftigt, ſie ſchnell ausführen zu laſſen. Neue Ausſchreibungen in allen Ländern der Krone ſollten das Heer für den kommen⸗ den Feldzug, den der König ſchon im Winter zu eröff⸗ nen gedachte, auf eine nie geſehene Stärke bringen. Daneben wurden überall, auch in Pommern, Werbun⸗ gen angeſtellt So hoffte Karl Guſtav, obwohl er die Räumung von Krakau gehört und damit einverſtanden war, weil er die dadurch gewonnenen Truppen noch zu einem letzten Schlage für dies Jahr gegen die Dänen brauchen wollte, in Polniſch⸗Preußen mit den 8000 Mann, welche ſein Bruder der Pfalzgraf Adolf Johann, dort befehligte, noch immer feſten Fuß zu behalten, denn Thorn vertheidigte ſich tapfer durch die glücklichſten Ausfälle, deren die Kriegsgeſchichte für das folgende Jahr, 1658, noch mehr zu verzeichnen haben ſollte. Da geſchahen bin⸗ nen einer halbjährigen Belagerung gegen Dreihundert ſolcher von der unerſchrockenen Beſatzung und mehr als 200 die Hälfte davon wurden mit der Reiterei ausgeführt. Man hält das heut für unmöglich. Die Truppen hatten alſo das Vertrauen des Königs gerechtfertigt und die Hoffnung, welche er zu Wismar trotz aller ungünſtigen Vorfälle hegte, von dieſem Stützpunkte einſt, wenn er nur erſt die Dänen vollſtändig niedergeworfen habe, in Polen wieder die Offenſive ergreifen zu können, war keine ganz unbegründete. In Livland hatte an Horn's Stelle der Feldmarſchall Douglas den Befehl über⸗ nommen und war eifrig bemüht, die 7000 Mann, welche dort geſtanden, durch neue Anwerbungen auf die dop⸗ pelte Stärke zu bringen, unter ihm ſollte dann General von Helmfeldt Kurland beſetzen, um des Herzogs Ver⸗ bindung mit Polen zu verhindern. Die öſtlichſten Land⸗ ſchaften am Meerbuſen, Ingermannland und Karolien ſchützten 9000 Mann, und in Schweden ſtanden, um einem etwaigen däniſchen Einfall von Schonen oder Norwegen aus zu begegnen, auch noch 7— 8000 Mann. In dieſer wehrhaften Verfaſſung glaubte der König allen kommenden Ereigniſſen gewachſen zu ſein und alsbald wieder zum Angriffs⸗Kriege ſchreiten zu können, den er für den allein entſcheidenden anſah. Alle großen Feldherrn der Vorzeit und ſpäterer Jahrhunderte: Alerander, Cäſar, Guſtav Adolf, Prinz Eugen, Frie⸗ drich der Zweite, Napoleon haben darin gedacht, wie er, und ſich darum in der Kriegskunſt unſterblich gemacht. 201 Erſt nur die Dänen! Schweden war bereits unbe⸗ ſtritten die erſte Macht im Norden, Guſtav Adolf's ¹ Siege, welche ihm bereits, ehe er nach Deutſchland ging, 3 weite Landſtrecken, auf Koſten Rußland's und Polens gewonnen, die Politik Orenſtierna's, die Erwerbungen an den deutſchen Küſten der Oſt⸗ und Nordſee, hatten Schweden zu ſeinem Ubergewichte erhoben und Karl Guſtav wollte dasſelbe nicht allein erhalten, ſondern erweitern. Wenn er aber die großen Gedanken, welche er zu erhöhter Machtſtellung ſeiner Krone, ja zu einer Umgeſtaltung aller politiſchen Verhältniſſe des Norden, ſelbſt gegen den Widerſpruch der Republiken England und Holland, in ſeiner erhabenen Seele hegte, unauf⸗ haltſam durchführen wollte, ſo kam es vor Allem darauf an, Dänemark, den alten Widerſacher Schwedens, ganz zu brechen. Dänemark konnte es nicht vergeſſen, daß es einſt das Supremat im Norden Europa's beſeſſen hatte, daß Kund der Große auch England beherrſcht, daß Waldemar der Erſte norddeutſche Fürſten ſeiner Lehnshoheit unterworfen, daß Waldemar Atterdag's kluge Tochter Margaretha die Union der drei Kronen von Dänemark, Norwegen und Schweden bewirkt hatte und Schweden noch von Chriſtian dem Zweiten in ſtrenger Botmäßigkeit gehalten worden war. Es gedachte mit ungeſtilltem Verlangen nach Rache der Losreißung 202 Schwedens durch den erſten Waſa, und aller Einbuße an Macht und Land, welche es ſeitdem durch Schweden erlitten hatte— die Hoffnung auf einen Umſchwung der Dinge, welcher Schweden wieder von ſeiner ange⸗ maßten Höhe ſtürzen und Dänemark das, was es ſein Recht nannte, von Neuem und dann zu beſſerer Wah⸗ rung zurückgeben werde, ging ihm nie verloren und mit der ihm eigenen Zähigkeit benutzte es jeden Anlaß, der ihm günſtig ſchien, Schweden zu ſchaden. So ſchon im dreißigjährigen Kriege, damals freilich mit dem Ver⸗ luſt von Irmtland und Herjedalen, ſo wiederum jetzt. Wenn Dänemark nicht bis zur Ohnmacht für alle Zeiten geſchwächt wurde, ſo konnte Schweden niemals auf einen geſicherten Beſitz ſeiner Stellung rechnen, denn unter der Leitung einer kräftigen Hand war Dä⸗ nemark noch immer ſtark genug, ihm dieſelbe, auch ohne Bundesgenoſſen ſtreitig zu machen. Am Land durch den Beſitz von Norwegen, Schleswig⸗Holſtein und den auf ſchwediſcher Seite des Sundes gelegenen Küſtenland⸗ ſchaften, wegen der leichten Concentrirung ſeiner Kräfte, dem ſchwediſchen Reiche gewachſen, in welchem dieſe wegen der weiteren Ausdehnung ſeiner entlegenen Pro⸗ vinzen ſchwierig war, von einem eben ſo kriegeriſchen, in Ausdauer und Schlauheit vielleicht überlegenen Volke be⸗ wohnt, konnte Dänemark noch auf ſeine unter dem * 203 Schutz einer ſtarken Flotte unangreifbare Inſelſtellung des Kernlandes trotzen. Karl Guſtav aber war feſt entſchloſſen, ihm in's Herz zu greifen, um jeden Preis! Wie ſchwer auch dem Inſelreiche anzukommen war, eine Landung mußte geſchehen, mochte ſie noch ſo viel Opfer koſten. Der König wartete Tag für Tag auf die Mel⸗ dung, daß ſeine Flotte, die er, wie ſchon erwähnt, unter Claus Bielkenſtjerna aus dem Hafen von Gothenburg hatte auslaufen laſſen, den Dänen eine entſcheidende Seeſchlacht geliefert habe, welche ihm den Weg nach Fünen öffnen werde. Vor Wismar, den Hafen ſperrend und vertheidi⸗ gend, lag zu jener Zeit auf einer Inſel oder vielmehr einer großen Sandbank, ein Fort, der Wallfiſch genannt. Dasſelbe war ein gemauertes baſtionirtes Viereck, das ſeit der ſchwediſchen Beſitznahme, wie auch die Feſtungs⸗ werke auf der Landſeite, welche weder Wallenſtein, noch bald darauf Guſtav Adolf widerſtanden hatten, bedeutend verſtärkt worden war. Auch Karl Guſtav, die Wichtigkeit dieſes Seeplatzes richtig würdigend, hatte auf Wismar's Befeſtigung viele Summen verwendet, ſo daß ſein Sohn Karl der Eilfte dieſe Werke die ſilbernen Wälle zu nennen pflegte. Sie trotzten auch im nordiſchen Kriege einer hartnäckigen Belagerung der Dänen, Preußen und Hannoveraner, Feinde Karl's des Zwölften, bis die Be⸗ 204 ſatzung vollſtändig ausgehungert war und ſich ergeben mußte. Darauf wurde dann Wismar geſchleift und Schwe⸗ den mußte ſich im Stockholmer und Nyſtädter Frieden ver⸗ bindlich machen, die Feſtungswerke niemals wieder her⸗ zuſtellen; im Anfange unſers ZJahrhunderts iſt die Stadt dann für eine bedeutende Summe an Mecklen⸗ burg verkauft worden, alſo unter ſein altes Herrſcher⸗ haus zurückgekehrt. Karl Guſtav dachte aber nicht im Entferntſten daran, daß ſolches ſich jemals ereignen könnte, wenn er das Fort Wallfiſch auf ſeiner königli⸗ chen Schaluppe beſuchte und hinausſpähte über das blaue Meer, ob nicht bald ein Schnellſegler daher eilen werde, ihm die erwünſchte Nachricht von einem gewon⸗ neuen Treffer zu bringen. Dorthin gen Norden waren ſeine Blicke oft gerichtet— in ſeinem hohen Geiſte ſchwebte auch wohl das ſtrahlende Ziel, die drei Kronen wieder zu vereinigen und dadurch Schweden's Größe und Macht über alle Staaten Europa's, ſelbſt über die Macht des Kaiſers zu erheben. Aber wie ſehr ihn auch vor Allem der Krieg gegen Dänemark beſchäftigte, er verlor darüber Nichts aus den Augen, was ſich ſonſt zutrug: hatte er ſich doch darum nach Wismar begeben, um den Gefahren, die ſich von andern Seiten wie Wet⸗ terwolken, gegen ihn thürmten, näher zu ſein. Die Meldungen von dem Einfalle der polniſchen Streit⸗ 205 ſchaaren in Pommern, welche ihm bald genug von mehreren Commandanten der feſten Plätze zugingen, erfüllten ihn mit Grimm: ſo ſchnell hatte er ſie nicht erwartet und er hätte ſich am liebſten ſelbſt an die Spitze eines er⸗ leſenen Corps geſtellt, um ſie zu verjagen. Das konnte er nun ſchon nicht thun, doch ergingen ſogleich Befehle an die nächſten, in Holſtein beim weitern Vordringen zurückgebliebenen Beſatzungen, alle entbehrlichen Trup⸗ pen unverzüglich nach Wismar in Marſch zu ſetzen. „Das Geſchmeiß iſt nur ſchwer zu faſſen!“ ſagte der König unmuthig zu dem Reichsrath Niels Brahe und dem Commandanten von Wismar, Oberſt Mar⸗ defeld, welche eben bei ihm waren.„Es hält nirgend Stand, ſchwärmt aber um ſo läſtiger umher und ſticht, wo es ſich hinſetzt.— Haſt du an Wrangel geſchrie⸗ ben, daß er mir den Krokow von der Königin Leib⸗ regiment ſendet?“ Mardefeld bejahte es. „Ein Mittel gäbe es freilich, die böſe Rotte zu vertilgen, daß kein Einziger den Rückweg über die Oder fände,“ bemerkte Brahe.„Die Bauern müßten ſich aller Orten mit Dreſchflegeln und Heugabeln über ſie hermachen—“ „Nein, guter Niels!“ unterbrach ihn der König. „Vergiſſeſt Du, was bei Sundeby kürzlich geſchehen iſt? 206 Der Bauer gehört nur in den Krieg, wenn er zum Soldaten ausgehoben und in ein Regiment geſteckt wird; ſonſt ſoll er ſtill ſitzen. Ich billige nicht, was der Bötti⸗ cher bei Sundeby gethan hat, aber der Krieg bringt es ſo, wenn ſich Bauern und Bürger hinein miſchen. Laß dir nicht etwa einfallen, Niels, einen Wink an meine pommerſchen Bauern ergehen zu laſſen: die Grau⸗ ſamkeit hat ſonſt kein Ende und Maaß. Ich werde ihnen Hülfe ſchicken, ſobald ich kann.“ Er entließ die beiden Herren, weil der Präſident des Tribunals gemeldet wurde, das vor Kurzem hier als oberſter Gerichtshof für Pom⸗ mern erichtet worden war. Selbſt unter den Sorgen des Krieges vergaß der König nicht, ſich um die andern Obliegenheiten ſeines Regiments, beſonders um die Rechtspflege zu bekümmern. „Was iſt denn bei Sundeby geſchehen?“ fragte Oberſt Mardefeld, welcher davon noch nichts gehört hatte, den Reichsrath. Dieſer zuckte die Achſeln.„Wrangel hatte den General Bötticher mit drei Reiter⸗Regimentern aus dem Lager vor Friedrichs entſendet, um bis zur äußer⸗ ſten Spitze von Zütland gen Windſyſſel zu ſtreifen und was ſich etwa noch von Dänen auf der Halbinſel fände, zu zerſprengen. Da fand er die Schanzen bei Sundeby mit fünfzehn Compagnien Bauern beſetzt— 207 Widerſtand; Bötticher ließ ein zu ähnlichen Allotriis zu verleiden, hundert niederhauen und ſchickte d Strafpredigt nach Hauſe.“ welche ihnen in die Hände fallen. „Es wird wohl mehr ſein, als Brahe.„Der Czarnecki führt das Felde zu ſchaffen gemacht und der ſo gering von ihm, wie er ſpricht.“ Bauern vom Pfluge, ſage ich euch, nur mit Spießen und ſchlechten Musketen verſehen und abgetheilt in fünfzehn Compagnien. Sie leiſteten faſt gar keinen Regiment Dragoner abſitzen und die Bruſtwehr mit Sturm nehmen; da liefen ſie, wie die Schafe, und was nicht fortkommen konnte, warf die Gewehre weg und ſchrie um Pardon. Bötticher ſtatuirte aber ein Erempel, um ihnen die Luſt er ließ gegen Acht⸗ ie andern mit einer Die Polacken würden nicht ſo gelinde verfahren, wenn unſere pommerſchen Bauern ſich zur Wehr ſetzen wollten,“ ſagte Mardefeld.„Ich kenne ſie von Alters her, ſie ſind, wie eingefleiſchte Teufel, wenn es gilt Rache zu üben. Das haben ſie von ihren guten Freun⸗ den, den Tataren gelernt. Gott erbarme ſich über die, Für unſere Bauern iſt es ſchon am beſten, ſie halten eine Weile ſtill, bis wir ihnen das Geſindel vom Halſe ſchaffen“ ſolches!“ erwiederte Corps, welches in Pommern eingerückt iſt, er hat uns ſchon im offenen König denkt nicht 208 „Und dennoch riethet ihr zu einem Aufſtande des Landvolks?“ fragte Mardefeld. „Ja Konrad!“ ſagte Niels Brahe, indem er den Oberſten mit ſeinen großen klugen Augen anſah.„Der Aufſtand müßte nur nicht vereinzelt, ſondern an allen Orten auf einmal geſchehen und mit zermalmender Ge⸗ walt auf die Polen fallen. Haben unſere Väter ſich der Dänen entledigt, wird das Pommervolk es auch mit den Polen vermögen. Eingefleiſchte Teufel an Grau⸗ ſamkeit mögen ſie ſein, aber glaubt mir, ſie kriechen zu Kreuze, wenn ſie nur einmal brav abgeklopft ſind.— Der König hat es jedoch verboten,“ ſetzte er hinzu, „und ſeinen Dienern ziemt es, zu gehorchen.“ In Pommern war hier und da, wir wiſſen es, auch die Rede davon geweſen, allüberall im Lande die Sturmglocke läuten zu laſſen und ſich mit aller Kraft der Feinde zu erwehren, aber daß mußte, wie der edle Brahe rich⸗ tig geſagt, eine wirkliche Volkserhebung unter einheit⸗ licher Leitung ſein, nicht von Einzelnen geſchehen, welche dadurch nur die entſetzlichſte Rache heraufbeſchwören konn⸗ ten. Wer aber ſollte das Wort dazu geben? Die wil⸗ den Schwärme hatten ſich auch zu ſchnell verbreitet und wütheten aller Orten zu furchtbar, als daß eine Ver⸗ ſtändigung oder Vorbereitung zu einem Widerſtande möglich geweſen wäre. 209 Auch Loſſin war nicht ganz von den Schreckniſſen, welche den ganzen Landſtrich heimſuchten, verſchont geblieben. Einen oder zwei Tage wohl hatte ſich die Rotte, welche daſelbſt eingefallen war, bändigen oder, wie ſie es nannte, ihr gutes Recht, vorenthalten laſſen, dann aber waren ſchon im Dorfe, das nicht unter den Augen ihres Officiers lag, die Bauern geplündert und mißhandelt worden und der Befehlshaber mochte es jetzt, wo ſchon eine Beſchwerde, wenn auch noch in ge⸗ ziemender Form gegen ihn laut geworden war, nicht mehr für rathſam halten, ſeinem Befehle, der den Rei⸗ tern unbegreiflich ſein mußte, da er ihnen bis hierher alle Zügel hatte ſchießen laſſen, eine fernere Achtung zu verſchaffen. Die Klagen, die zu ihn um Abhülfe ſchrieen, die Vorſtellungen, welche ihm der Gutsherr machte, wurden von ihm mit kaltem Bedauern abgefertigt und das war, als es bekannt wurde, das Signal, daß ſich auch die im Edelhofe einquartirten Leute zu regen an⸗ fingen.„Was liegen wir hier ſtill?“ hieß es.„Unſere Cameraden jagen von Ort zu Ort und ſammeln ſich Schätze, wie die Bienen— warum räumen wir hier nicht in einer Stunde auf, haben unſere Freude und Herzensluſt an Allem, was uns hier gefällt, zün⸗ den dann das Neſt an und ſuchen mehr Beute? Wa⸗ rum zögert der Staroſtiz von Tenczyn noch, uns Preis Guſeck, Karl X. Guſtav.. 14 210 zu geben, was unſer iſt? Er hat es verſprochen und wird Wort halten, ſagte er, aber die Andern laſſen uns unterdeſſen nichts mehr übrig!“ So flogen die wilden Reden hin und her und erhitzten die Gemüther der Unzufriedenen. Mehrere fuhren ſchon den Rottmeiſter an, der ihnen gütlich zureden wollte, und ſchrieen nach dem alten Naruſzewicz, das ſei ein ganz anderer Kerl, den woll⸗ ten ſie ſich zum Lieutenant wählen, der werde ihnen Recht verſchaffen. Naruſzewiſz war aber verſchwunden, man hatte ihn nicht mit den andern drei Edelleuten vom Dienſtgefolge des Wojewoden von Rußland ausreiten ſehen, vielmehr war ſein Mohrenkopf geſattelt von Ei⸗ nem an der Hand geführt worden— der Alte war bei Tenczynsky geweſen, ob er wieder hinausgekommen, hatte Niemand bemerkt, er hatte vielleicht wieder Streit mit dem jungen Manne bekommen, der noch in den Win⸗ deln gelegen, als er ſich ſchon türkiſche Kugeln hatte um die Ohren pfeifen laſſen, und lag jetzt wohl gar von ſeiner Hand erſchlagen in irgend einem Winkel des Hauſes! „Wir wollen ihn ſuchen!“ ſchrie Einer und der Name Naruſzewicz ſchien zum Feldgeſchrei der Meuterer wer⸗ den zu ſollen. Sie riefen laut nach ihm, hatte er ſie doch gegen den eigenſinnigen Führer vertreten, der hier wohl Alles für ſich haben, ihnen keinen Antheil gönnen wollte„Wißt ihr, was ihm im Kopfe ſteckt?“ ſchrie Einer.„Das ſchöne Mädchen, das aus dem Fen⸗ ſter zuſchaute, wie er den armen Ellenlang niederhieb!“ Ein jauchzendes Gelächter ſtimmte dem Sprecher bei, und Naruſzewicz Ellenlang, dieſen Beinamen führte er, wurde von Neuem zum Lieutenant ausgerufen. „Er ſoll das ſchöne Mädchen haben! Kein An⸗ derer, als Naruſzewicz!“ ſchrie der Sprecher und Alle ſtimmten ihm mit rohem Zubel bei.„Vorwärts! Wir fragen nicht weiter!“ Die Stimme des abmahnenden Rottmeiſters verhallte. Gott ſchütze die Unglücklichen! Severin Tenczynski hätte vielleicht auch nicht mehr vermocht, die Sturm⸗ flut zu beſchwören, die ſich nun auf das Schloß ſtürzen wollte, er war indeſſen nicht einmal in der Nähe, er ſaß nicht ahnend, was ſich hier begab, weit dahinten, im Garten auf dem Thürmlein, welches in das Land hinaus ſchaute und hatte ſich ſeinen Gedanken überlaſſen, die auch nicht Gedanken des Frieden's für dies Haus waren. Die Polen ſtürmten ſchon, wie eine gierige Meute, über den Hof und Frau Ebba, welche von dem Tumult längſt an das Fenſter gezogen war, riß nun ihr Kind an ihre Bruſt und befahl ihre Seele dem Herrn, Barmin und Detlev aber, welche den ganzen Tag die Frauen nicht verließen, ſtellten ſich mit dem Degen in der Hand vor die Thüre, ſie, wenn ih⸗ 242 nen perſönlich Gefahr drohen ſollte, bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen. Von dem Hofe ſchmetterte in dieſem Augenblicke hell und klar eine Trompete— vergebens! die aufge⸗ regten im Momente, wo ſie dem lang gezügelten Fre⸗ velmuthe in wilder Luſt ſich überließen, hörten die Klänge gar nicht, ſchon hatten die Vorderſten die Treppe erreicht, welche zum Eingange des Schloſſes empor führte, da trat auf einmal ein Mann aus dem Portal, bei deſſen Erſcheinung ſie in ein ſtürmiſches Jauchzen ausbrachen, welches den Frauen im obern Stock, welche die Urſache nicht kannten, den letzten Reſt der Stand⸗ haftigkeit raubte. Es war der alte Michael Naruſze⸗ wiſz, Towarſzysz des Wojewoden von Rußland, wie er ſich ſtets brüſtete, der Mann, welchen die Reiter geſucht und ſchon verloren gegeben hatten. Noch immer trug er das Tuch um die Kopfwunde, die er Herrn Tenczynski verdankte— ſein Geſicht zeigte eine Ver⸗ wundernng über den freudigen Zuruf, der ihn begrüßte, aber gleich nahm es wieder ſeinen gewohnten ingrim⸗ migen Ausdruck an und er ſchüttelte die hoch erhobene Hand.„Was wollt ihr?“ rief er. „Dich holen!“ ſchrieen ſie.„Du ſollſt unſer Lieu⸗ tenant ſein, wir wollen nun ausräumen.— Du ſollſt den beſten Antheil haben!— Das ſchöne Mädchen,“ 21¹3 überſchrie eine laute Stimme die andern,„das ſchöne Mädchen ſoll Dein ſein!“ Da wurde das braune Geſicht des kleinen Alten dunkelroth und er rief heftig:„Zurückhier! Wer einen Fuß über dieſe Schwelle ſetzt, dem ſpalt' ich den Kopf! Hier wohnt eine Heilige!“ Ehe ſie, verdutzt und betroffen über den Alten, den ſie für verrückt hielten, ſeine Einrede recht ver⸗ ſtanden hatten, ſprengte aber in den offenen Thorweg ein buntverbrämter Trompeter, hielt das Schallloch ſeiner mächtigen Trompete, an welcher das Heerfähnlein mit den polniſchen Farben flatterte, hoch in den Hof hinein und ſchmetterte laut das Signal, das er drau⸗ ßen ſchon wiederholt ohne Erfolg geblaſen hatte. Die Krieger ſahen ſich beim erſten Ton erſchrocken um und als ſie den Leibtrompeter erblickten und das Heerſignal verſtanden, das er in den Hof hinein ſchallen ließ, entſtand unter ihnen eine große Bewegung. „Hört Ihr nicht?“ ſchrie der Towarſzysz und jetzt ließ auch der Rottmeiſter, der ſeinen Leuten unmu⸗ thig gefolgt war, ſeine laute Stimme erſchallen, die ſie zu den Pferden rief. Hinter dem alten Naruſzewicz erſchien faſt zn gleicher Zeit in der Thüre des Schloſſes Severin Tenczynski 214 „Was geht hier vor?“ rief er„Wer läßt hier blaſen?“ Der Klang des wohlbekannten Signals im Dorfe hatte ihn von ſeinem Thürmlein abgerufen, er hatte es, nach dem Schloſſe eilend, näher kommen gehört— jetzt ſah er den Trompeter, welcher über den Hof ſprengte, als wolle er den Harthörigen, die noch immer zauderten, die Trompete an die Ohren ſetzen. Aber ſie liefen ſchon auseinander, dem Stalle zu; es galt kein Säumen; den alten Geſellen, welche ſchon in vielen Kriegen mitgeritten, war es zu wohl bekannt, welche Strafen ſie verwirkt hätten, wenn ſie nicht unverzüglich dem Heerſignal Folge leiſteten und auch Derjenige, auf deſſen Befehl es hier nur geblaſen werden konnte, war ihnen zu wohlbekannt, als daß ſie nicht gewußt hätten, wie unnachſichtlich er ſtrafte. Auch Severin Tenczynski mußte gehorchen. Der Befehl, welchen der eherne Mund des Kriegsinſtru⸗ mentes ausſprach, galt ihm ſo gut, wie dem gemein⸗ ſten Reiter. Zögernd wandte er ſich in das Schloß zu⸗ rück, um ſich zu rüſten, da rief ihn der alte Naruſze⸗ wicz an:„Gieb mir ein Pferd, Herr Staroſtiz! Du haſt meines hinweggeſchickt— ſoll ich zu Fuß nach⸗ hinken?“ Du kannſt hier bleiben!“ ſagte Severin mit e7 215 einem plötzlichen Auffahren, wie von einem guten Ge⸗ danken.„Biſt verwundet durch meine Schuld, mußt Dich pflegen—“ „Danke, Hauptmann! Daß mich die Schweden oder die Bauern todtſchlagen! Gieb mir ein Pferd!“ „Nein, ſag' ich. Ich komme wieder— wir wer⸗ den die Gegend nicht verlaſſen! Der Wojewode will nur zuſammenblaſen laſſen, was in der Nähe iſt, ich weiß, daß ich wieder komme. Du ſollſt mir Alles bewachen, Alles hier iſt mein!— Herr Krockow!“ wandte er ſich beim Anblicke des Schloßherrn, welcher herabge⸗ kommen war, mit haſtiger Gebehrde an dieſen.„Ich reite auf eine kurze Zeit aus— dieſer Mann bleibt zurück, ich mache Euch dafür verantwortlich, daß ihm kein Haar gekrümmt wird!“ Aber der Towarſzysz hatte ſich ſchon davon ge⸗ macht; er mochte eine beſſere Witterung von kommen⸗ den Dingen haben, als der junge Officier. Ohne deſ⸗ ſen Erlaubniß abzuwarten, bemächtigte er ſich des er⸗ ſten beſten Handpferdes, von denen immer in damali⸗ ger Zeit viele mitgeführt wurden, des nöthigen Erſatzes wegen, und noch ehe einer der Reiter aus dem Stalle ziehen und aufſitzen konnte, ſaß der Alte ſchon im Sat⸗ tel Der preußiſche Knecht führte das Roß ſeines Herrn an die Treppe und dieſer, welcher ſich nach wenigen 2¹6 Worten mit Krockow zurückgezogen hatte, kam nun in voller Marſchrüſtung heraus, um dem Befehle ſeines Feldherrn, dem er am wenigſten trotzen durfte, zu ge⸗ horchen. Was ihm der Leibtrompeter des Wojewoden zugerufen, ehe er ſein Pferd gewandt und den Hof wieder im vollen Laufe verlaſſen hatte, ließ ihm dar⸗ über keinen Zweifel. Aber in ſeiner Seele lebte die Gewißheit und der feſte Entſchluß wiederzukehren, ſo⸗ bald es irgend möglich ſei. Der Schloßherr war ge⸗ eilt, die Seinigen zu beruhigen, ſobald er gehört hatte, daß ein unmittelbarer Aufbruch erfolgen werde und der Oberfeldherr, welcher ſchon ſrüher angemeldet worden, ganz in der Nähe ſei, um wahrſcheinlich ſein Haupt⸗ quartier hier zu nehmen, er ließ ſich nicht weiter ſehen und Tenczynski's Auge ſchweifte vergebens über alle Fenſter, ob es ihm nicht gelinge, noch einmal— „Was willſt Du, Severin?“ ſagte er ſich.„Ver⸗ derben ſollſt Du ſie, Alle verderben!“ Er ſetzte ſeinem Hengſte die Sporen ein und gab den Reitern, welche ſchon in Reihe und Glied hielten, das Commando zum Abmarſch. Barnim und Detlev traten jetzt auf die Schloßtreppe hinaus und der letztere konnte es ſich nicht verſagen, als der polniſche Officier ſich nochmals im Thorwege um⸗ wandte, demſelben ein Lebewohl zuzuwinken, welches die⸗ 242 ſer wie einen Hohn aufnehmen mußte. Barnim's Herz, wenn auch momentan erleichtert, da der ſchreckliche Moment durch Gottes Gnade ſo wunderbar vorüberge⸗ führt war, konnte noch immer nicht frei aufathmen, denn wenn nun wirklich der Feldherr der feindlichen Streitmacht, welchen man ihm angemeldet hatte, in Loſſin einzog, durfte er ſich einer gleichen Schonung getröſten, als ſie ihm verhältnißmäßig bisher zu Theil geworden war und konnte er überhaupt allen Anforde⸗ rungen genügen, welche nun an ihn geſtellt werden mußten? „Gott hilft weiter!“ tröſtete ihn Detlev.„Du Kleingläubiger, zweifelſt Du, nachdem Du eben ein ſolches Wunder erlebt haſt!“ Frau Ebba theilte dieſe Zuverſicht im vollem Maaße, ihre Seele, welche freilich auch verzweifelnd gezagt hatte, war nun mit erhöhtem Vertrauen geſtärtt, ja eine Freudigkeit ſprach ſich in ihrem ganzen Weſen aus, welche auch auf Erika beruhigend wirkte Das arme Kind, welche aus dem ſüßen Frieden ihrer glücklichen Jugend ſo furchtbar aufgeſtört worden war, bedurfte freilich Zeit, um ſich wieder der Hoffnung, wie eine vom Sturm und Gewitterregen niedergebeugte Blume ihren Kelch der Sonne, zuzuwenden. Ihr war die Ge⸗ genwart noch ſo ſchwarz umnachtet, daß ſie kaum wagte, 218 an eine heitere Zukunft, welche ihr wieder aufgehen könne, zu denken! Der Tag verging, in der Gegend war es ſtill geworden. Die Bewohner des Dorfes, von denen auch die letzten kürzlich entflohen waren, kamen nach und nach einzeln aus ihren Schlupfwinkeln hervor, freilich nur zum neuem Jammer über ihre verlorene Habe, ihr zerſtörtes Eigenthum. Wo ſollten ſie Hülfe in ihrer Noth ſuchen, als bei ihrer Gutsherrſchaft? Das war die einzige Lichtſeite der alten ſchwer drückenden Hörig⸗ keit, daß der Herr für ſeine Leibeigenen auch zu ſorgen hatte, wenn ſie Unglücksfälle trafen und wo das Verhältniß, wie in Loſſin, wirklich ein echt patriarchaliſches war, wie es ſich leider nur ſelten fand, da war auch die Herrſchaft immer bereit, ſo weit es in ihren Kräften lag, die Noth zu lindern. Frau Ebba ging ihrem Gemahl darin mit dem werkthätigſten Beiſpiel voran; ihm, als dem Haupte des Hauſes, welcher Alle zu ſchützen und für Alle zu ſorgen hatte, wollte bei der ſchweren Prüfung zuweilen der Muth ſinken, ob er das auch im Stande ſein werde, da er die gegenwärtige Heimſuchung nur für die Vorbotin viel ſchlimmerer Tage anſehen mußte und die Sorge für ſeine Lieben, die auch jetzt nichts davon wiſſen wollten, den freien Augenblick zur Flucht nach dem feſten Demmin zu benutzen, machte ihm das 219 Herz ſchwer. Da war ihm denn die Anweſenheit ſeines Bruders ein rechter Troſt, und Detlev hatte ertlärt, ſich nun, auch wenn er noch über die Oder nach Bran⸗ denburgiſch-Pommern kommen könnte, auf keinen Fall von ihm trennen, ſondern Freud und Leid mit ſeinen Verwandten theilen zu wollen. Die Nacht ſank und mit Bangigkeit ſpähten die Loſſiner wieder nach den gewohnten Feuerzeichen, welche faſt in jeder vorhergehenden Nacht aufgelodert waren. Rings umher blieb aber der Horizont dunkel und es mochte wohl die Nähe des gefürchteten Feldherrn Czur⸗ necki ſein, welche ſeine wilden Schaaren diesmal von ihren gewohnten Gräueln abhielt. Gegen Morgen hörte der Wächter den Hufſchlag einiger vorübertrabender Reiter und Waffengeraſſel— er ſchlich ſich im Fin⸗ ſtern an das Hofthor und lauſchte. Wie fuhr er freu⸗ dig zuſammen, als er deutſche Worte hörte! Doch wagte er nicht anzurufen und zu fragen. Aus dem Dorfe aber kam bei Tagesanbruch die Nachricht herauf, daß eine Streiftruppe der ſchwediſchen Beſatzung von Demmin hier geweſen ſei, um Kundſchaft vom Feinde einzuziehen. Wo war der Feind? Nirgend eine Spur mehr von ihm und wie hier, ſo war es weit und breit; gleich den Schwalben im Herbſt, die man wohl ſich ſammeln, aber nicht abziehen ſieht, waren die polniſchen 220 Reiter aus der Gegend verſchwunden. Bald kamen denn auch Nachrichten von andern Strichen her, als die Verbindung wieder frei und gefahrlos war; das Land ſchien von den Feinden, die es ſo plötzlich überfallen hatten, eben ſo plötzlich befreit zu ſein. Was war aber die Urſache dieſes unerklärbaren ſchnellen Rückzuges geweſen? Hatte ein höherer Befehl den Wojewoden Czarnecki abgerufen, wo er eben noch beſchäftigt war, mit ſcharfer Sichel die Früchte ſeines kühnen Unter⸗ nehmens zu ernten oder war es die nahende Hülfe des gereizten Königs, dem der Pole nicht Stand zu halten wagte, weil er durch ihn ſchon in vergangenen Jahren die ſchweren Niederlagen bei Golembic und Sendomierz erlitten hatte? Hans Podewils, der ſich nun auch wieder einmal eingefunden, um zu ſehen, wie es zu Loſſin ergangen ſei, brachte dieſe Auslegung des polnifchen Rückzuges mit, welche in Demmin, wo ſich der Oberſt Vieck ſchon auf einen nächtlichen Ueberfall gefaßt gemacht, das größte Aufſehen erregt hatte. Der polniſche Kaplan, vielleicht der einzige Mann in Demmin, welcher mit Ruhe den Dingen entgegen ſah, hatte gegen Herrn von Podewils jene doppelte Möglichkeit aufgeſtellt, neigte ſich aber der erſtern zu, weil es in Polen wohl darauf ankam, erſt daheim den Feind, welcher noch immer 221 einzelne Plätze, namentlich in Polniſch⸗Preußen, beſetzt hielt, mit vereinten Kräften zu vertreiben, ehe man ſich auf weitere Unternehmungen einlaſſen konnte. Der Ein⸗ fall des Wojewoden hatte ſeinen Zweck erreicht, Schrecken verbreitet, dem Dänenkönige vielleicht etwas Luft ver⸗ ſchafft— Zeit gewonnen, Alles gewonnen! Nun aber war er nöthiger daheim! Barnim hörte den Nachbar unmuthig an.„Dein kluger Pfaff hätte für die Gaſtfreundſchaft, die er hier im Lande gefunden, beſſer gethan, ſich auf einen Klep⸗ per zu ſetzen und ſeine Landsleute chriſtlich von ihren Grauſamkeiten abzumahnen,“ ſagte er.„Das beſtelle ihm von mir. Hoffentlich wird es nicht weiter nöthig werden— aber ſollten ſie noch einmal kommen, Hans, ſo nimm den Mann als Geißel.“ Es blieb aber ſtill und nach einigen Tagen hörte man, daß das ſchwediſche fliegende Corps, das ſich ſchon von Wismar in Marſch geſetzt, auf die Nachricht von dem ſchnellen Abzuge der Polen Befehl zur Um⸗ kehr erhalten hatte. In Loſſin trat nun wieder Ruhe ein und Ebba fand manche ſtille Stunde, ſich mit ihrem Kinde, deſſen Herz ſich ihr in der Zeit banger Beküm⸗ merniß erſchloſſen hatte, liebend zu beſprechen. Sie fragte ſich oft, ob ſie nicht hätte mit dem Fremden eine offene Verſtändigung ſuchen ſollen; nach ihren 222 Gedanken blieb faſt kein Zweifel, daß er der Bruder des Mädchens war, von welchem Karl erzählt und dadurch einen Schatten in Erika's junge Seele gewor⸗ fen hatte; durch ihn hätte ſie die volle Wahrheit erfah⸗ ren! Wie es möglich geweſen wäre, die Gelegenheit dazu herbeizuführen, wußte ſie freilich nicht, aber daß dieſe Gelegenheit unwiederbringlich verloren war, ſtand feſt und es wäre ja auch ein großes Unglück, wenn ſie in gleicher Weiſe wiederkehren ſollte. Da kam eine andere Nachricht, welche in Loſſin Alles freudig erregte. Ein Bote aus Detlev's hinter⸗ pommer'ſchen Gute traf ein, welcher den weiten Weg ſchnell genug zurück gelegt hatte und zum Glück, allen Schnapphähnen, die etwa das Land unſicher machten, entgangen war. Er brachte einen Brief von Detlev's Sohne. Der Vogt, als das Schreiben in Wildenitz an⸗ gekommen war, hatte ſogleich einen Boten damit abge⸗ fertigt, da er wußte, wie lieb es ſeinem Herrn ſein würde und deſſen Heimkehr noch ganz unbeſtimmt war. In dem Briefe meldete Fritz, das für die Branden⸗ burger der Krieg in Polen zu Ende ſei, weil der Kur⸗ fürſt einen Friedens⸗Vertrag geſchloſſen habe, und daß, wenn der Vater dieſem Brief erhalte, bereits eine Ge⸗ ſandtſchaſt an den König von Schweden unterwegs ſein werde, dieſem die nöthigen Erklärungen abzugeben; es — ſei ihm, dem Schreiber, vergönnt worden, ſich der Geſandtſchaft anzuſchließen und wenn er auch nicht den weiten Umweg machen und nach Wildenitz kommen könne, ſo hoffe er doch auf dem Zuge nach Holſtein wo der König von Schweden wohl im Feldlager zu finden ſein werde, die lieben Verwandten in Loſſin wie⸗ der zu ſehen, wohin ihn— Hier brach der Vater, welcher den Brief im Kreiſe der Familie laut vorgeleſen hatte, plötzlich ab und behielt, was weiter darin ſtehen mochte, für ſich, indem er das Schreiben in ſeine Ta⸗ ſche ſteckte. „Er ſoll uns herzlich willkommen ſein!“ ſagte Barnim, und Frau Ebba, welche während des Leſens ſich aufmerkſam vorgeneigt hatte, daß Erika neben ihr faſt verſchwand, ſtimmte herzlich ein. Detlev dankte ihnen, war jedoch offenbar zerſtreut und hielt mit der Hand in der Taſche den Brief feſt. „Frieden alſo dort!“ nahm Barnim die wichti⸗ gere Nachricht auf, welche das Schreiben gebracht und dadurch freilich nur beſtätigt hatte, was längſt voraus⸗ geſehen worden war.„Frieden dort und Krieg mit uns!“ Ueuntes Capitel. Fridericia. Der Vertrag von Wehlau war unter Vermitte⸗ lung des kaiſerlichen Geſandten dell Iſola zu Stande gekommen, das Bündniß mit Schweden dadurch that⸗ ſächlich für den Kurfürſten von Brandenburg gelöſt. Ihn hatten Rückſichten der Staatsklugheit, welche Nie⸗ mand als er mit klarem Blicke zu würdigen verſtand, dazu beſtimmt, Rückſichten auf die allgemeiue Weltlage, die ihn bei einem fernern Wachſen der ſchwediſchen Macht mit Gefahren bedrohte, vorzüglich aber Rück⸗ ſichten auf das Wohl und die Machtſtellung ſeines eigenen Staates. In jenem Vertrage wurden die Her⸗ zoge von Preußen von aller Lehensverbindlichkeit gegen ————— die Krone Polen befreit und ſomit ſouverain. Nur da⸗ durch war es möglich, daß der Sohn und Nachfolger des großen Kurfürſten ſich am 18. Januar 1701 die Königskrone in Preußen aufſetzen konnte, in Bran⸗ denburg, zum deutſchen Reiche gehörig, wäre das un⸗ möglich geweſen; der Vertrag von Wehlau iſt alſo recht eigentlich das Fundament der Größe Preußens gewor⸗ den. Außerdem erhielt der Churfürſt in Hinterpom⸗ mern die beiden Herrſchaften Lauenburg und Bätow, welche bisher zu Pomerellen, das polniſch war, gehör⸗ ten, dieſe jedoch noch als polniſches Lehn, endlich die Stadt Elbing als Pfand für eine Summe von 400,000 Thalern, welche Polen an Brandenburg zahlen ſollte. Dagegen erkannte der Churfürſt zu Recht beſtehend den Rückfall von Preußen an die Krone Polen nach dem Erlöſchen ſämmtlicher Linien des Hauſes Bran⸗ denburg an und verhieß der Krone in jedem künftigen Kriege ſeinen Beiſtand mit 1500 Mann zu Fuß und 500 Reitern. Für jetzt ſollten ſogar 6000 Mann zum polniſchen Heere ſtoßen, und der Feldmarſchall Derff⸗ linger, welcher vor Beginn dieſes Krieges in branden⸗ burgiſche Dienſte getreten war, hatte auf Befehl ſeines Herrn Poſen und andere Plätze, welche ſeine Truppen noch in Polen inne gehabt, räumen müſſen. Da es aber dem Kurfürſten eher darauf ankam, einen Frie⸗ Guſeck, Karl X. Guſtav. 1. 15 226 den zu vermitteln, als Schweden vollſtändig unterliegen zu ſehen, was für ihn vielleicht Manches wieder in Frage geſtellt hätte, ſp blieb die Mitwirkung ſeiner Kriegsvölker einſtweilen aus, für den Bruder des Kö⸗ nigs von Schweden ein großer Gewinn, da auch die kaiſerlichen Hülfstruppen unter Hatzfeld und Monte⸗ cuccoli, wie ſchon bemerkt, äußerſt thatenlos blieben und ſich für die geringſte Unternehmung erſt Weiſun⸗ gen vom Hofkriegsrath aus Wien erbaten. Es war eben die Politik, welche den Feldherrn, wie es ſo oft geſchieht, die Hände band. Polen aber mußte natürlich die ganze Armada mit ihrem unabſehbaren Troß von Nichtcombattanten, ganz noch im Stile des dreißig⸗ jährigen Krieges erhalten und die Noth ſtieg dort in einem Maaße, daß die Salzwerke zu Wieliczka verpfän⸗ det werden mußten, welche erſt Auguſt der Starke im folgenden Jahrhundert zurückerhielt. Karl Guſtav von Schweden loderte freilich in großem Zorne auf, als er den Abfall des Churfürſten von Brandenburg, wie er es nannte, nun in der That durch förmlichen Vertrag beſtätigt fand, aber er war ſelbſt ein zu gediegener Staatsmann, als daß er ſich all' den Gründen, welche ſeinen bisherigen Bundesge⸗ noſſen zu einer Aenderung ſeiner Politik bewogen hatten, auf die Dauer hätte verſchließen können. Zeug⸗ 227 niß jedoch, daß er ſie als berechtigt anerkannte, legte er nicht ab, das durfte der Kurfürſt nicht von ihm verlangen. Der Abgeſandte, welcher ihm die officielle Mittheilung von dem Vertrage und ein eigenhändiges Schreiben des Churfürſten brachte, fand daher eine zwar nirgend gegen die Formen verſtoßende, aber doch eine ſehr kalte Aufnahme und wurde nicht länger zu⸗ rückgehalten, als ſeine Abfertigung unerläßlich be⸗ dingte. Auf der Rückreiſe beurlaubte ſich der junge pom⸗ 3 mer'ſche Edelmann, welcher ihn begleitet hatte, für einige Tage, um dahin zu eilen, wohin ihn— der Vater hatte dieſe Stelle ſeines Briefes bei der Vor⸗ leſung unterdrückt— wohin ihn ſein Herz zog. In 3 Loſſin hatte man ſeiner Ankunft, deren Tag er nicht hatte beſtimmen können, ſchon früher entgegen geſehen, und als er eintraf, kam ihm zuerſt zu ſeiner großen i Wohl wußte er, 35 — er ſelbſt hatte ihn ja dazu veranlaßt— aber daß er ihn jetzt nach 3 ſo vielen Wochen noch hier finden ſollte, hatte er nicht erwartet, es mußte ihm alſo doch außerordentlich hier gefallen.— In dieſem Sinne äußerte er ſich, als der Vater ihn mit einer markerſchütternden Umarmung willkom⸗ 15* 228 men geheißen hatte und fragte nach den Verwandten. —„Geduld!“ ſagte der Vater.„Sie ſind zu einer „Kindstaufe bei einem guten Freunde und Nachbar. Mußt heut ſchon mit Deinem alten Vater vorlieb nehmen.“ Der Sohn war betroffen, ſein mildes, braunes Auge trübte ſich.„Und morgen ſchon muß ich wieder ſcheiden,“ ſagte er. „Heut kommen ſie wieder und Du wirſt nicht mit dem erſten Hahnenſchrei morgen reiten,“ tröſtete ihn der Vater.„Komm' nur herein— ich habe mit Dir zu reden.“ Er führte ihn in die große Wohnſtube, während für ſeine Aufnahme von den Schloßleuten ohne wei⸗ tern Befehl geſorgt wurde. Detlev ſetzte ſich in den Stuhl des Hausherrn und hieß ſeinen Sohn den an⸗ dern, den er ſonſt einzunehmen pflegte, zu ihm rücken. Lange Fragen und Umſchweife liebte er nicht, heut ſchien es ihm aber doch ſchwer zu werden, gerade auf das loszugehen, was er ihm zu ſagen hatte, denn er räuſperte ſich mehrmals und antwortete zerſtreut auf die Erkundigungen des Sohnes, wie es hier bei dem Einfalle der Polen ergangen ſei, deren Spuren er ſo weit ſie geſtreift waren, bemerkt hatte. „Ja, Fritz,“ ſagte der Vater, auf einmal,„ich möchte Dich eher fragen, wie es bei eurem Einfalle in Polen zugegangen. iſt! Was wir zu erdulden gehabt haben, iſt euch auf's Kerbhotz geſchnitten geweſen.“ „Traurig genug, daß Unſchultige büßen müſſen, was Andere verbrochen haben,“ erwiederte Fritz.„Zu läugnen iſt es freilich nicht, daß auch von unſern Leuten hier und da ſchlimm gehauſt worden iſt— der Offi⸗ cier kann es beim beſten Willen nicht immer verhin⸗ dern!“ „So!“ verſetzte Herr Detlev unzufrieden.„Das gibſt Du für Dich zu, der Du ein richtiger Pommer biſt und bei dem Heere unſers gnädigſten Kurfürſten dienſt und hier haben wir das Erempel erlebt, daß ein Polack, der ſich noch obenein bitter über euch be⸗ ſchwert hatte, unter ſeinem tollen Volk ſo gute Manns⸗ zucht hielt, daß Loſſin ganz allein verſchont geblieben iſt. Viel Ehre für ihn und Schande für Dich.“ „Vater,“ erwiederte Fritz, indem ſein edles Ge⸗ ſicht unwillig erröthete,„mich trifft nichts von dem, was Du geſagt haſt. Wo ich geweſen bin und befeh⸗ ligt habe, iſt nichts vorgefallen.“ „Nun, die Baſe wird Dir noch mehr erzählen— ich habe die verwirrten polniſchen Namen nicht behal⸗ ten, wir wollen heut nicht weiter davon reden.“ „Ja, lieber Vater, wir haben von erfreulichern 230 Dingen zu reden,“ ſagte der Sohn.„Ihr ſeid mir noch eine Antwort ſchuldig.“ 2 „Junge!“ erwiederte der Vater nach einigem Zaudern.„Schlag' Dir's aus dem Sinn—“ „Vater!“ rief Friedrich auffahrend, als traue er ſeinen Sinnen nicht. „Es ſteht zu viel im Wege. Ihrſeid Geſchwiſter⸗ kind—“ „Wir ſind aber nicht katholiſch!“ rief Friedrich. „Das habt Ihr auch bisher als kein Hinderniß an⸗ geſehen.“ „Wir ſind nicht katholiſch, aber unſere lutheriſchen Paſtoren wollen auch von Heirathen unter ſo nahen Verwandten nichts hören. Dann aber— ſieht ſie mei⸗ ner ſeligen Frau Mutter ähnlich— und dabei wird mir denn doch zu Muth, als wär's ganz unmöglich, daß ihr euch heiraten könntet!“ „Ich begreife Euch nicht!“ rief der Sohn.„Mir ſieht ſie ähnlich, mir! Alle Menſchen finden das und es muß doch Glück bringen, wenn Eheleute einander ähnlich ſehen!“ „Sieht ſie Dir auch ähnlich? Es kann ſein,“ er⸗ wiederte der Vater.„Gedacht hab' ich noch nicht daran, aber es kann ſein Warum ſollteſt Du Deiner Groß⸗ mutter nicht ähnlich ſehen? Fritz, ich ſage Dir's ehr⸗ 231 lich, mir kommt es wie eine Sünde vor, wenn Du das Ebenbild Deiner Großmutter freien wollteſt.“ Er ſagte das ganz ernſthaft, Fritz konnte es aber nur für einen Spaß halten, wie ſie der Vater zuwei⸗ len mit dem ernſthafteſten Geſicht vorzubringen pflegte, für eine Neckerei, hinter welcher ſich eine freudige Bot⸗ ſchaft verbarg— gewiß hatte er ſchon, nach guter al⸗ ter Sitte, mit den Eltern geſprochen, und es bedurfte nur noch des letzten Wortes, um ſeinen Sohn unaus⸗ ſprechlich glücklich zu machen. In dieſer Annahme lachte er laut und fröhlich auf—„Ja, Vater, wenn Erika das Ebenbild meiner Frau Großmutter wäre, wie ſie in ihren letzten Jahren ausgeſchaut haben mag,“ rief er,„dann möcht' ich wohl nicht um ſie freien, aber die Großmutter iſt doch auch einmal jung und lieblich ge⸗ weſen—“ Da ſtockte er, denn er ſah jetzt, daß er ſich in ſeinem guten Glauben geirrt hatte und daß es dem Vater wirklich mit dem wunderlichen Einfalle, deſſen Berechtigung Friedrich nicht begreifen konnte, Ernſt zu ſein ſchien. Es beunruhigte ihn, denn er wußte, daß der Vater oft ſeine ſeltſamſten Gedanken, die er bei einem Andern wahrſcheinlich ſtark beſtritten haben würde, mit der größten Beharrlichkeit, die an Eigen⸗ ſinn grenzte, feſt hielt. Reizen durfte man ihn dann nicht durch Widerſpruch, die Erfahrung hatte gelehrt, 232 daß man ihn dadurch nur ſtarrſinniger machte. Er lenkte alſo ein.—„Wenn Ihr jedoch dieſen Umſtand, an den ich wahrhaftig nicht gedacht habe, für ſo be⸗ denklich haltet“, ſagte er,„ſo muß ich als Euer Sohn gehorchen.“ „Du haſt doch dem Mädel noch nichts in den Krpf geſetzt?“ fragte der Vater.„Mit ihr vrm Hei⸗ rathen geſprochen?“ „Wie ſollte ich ohne Eure Einwilligung einen ſo emſcheidenden Schritt thun!“ entgegnete Fritz.„Ihr wolltet ja doch erſt in Loſſin einſprechen und ſehen, wie Erika Euch gefiele., Der alte Herr ſah ihn ſchon viel freundlicher an. —„Du biſt ein verſtändiger Sehn,“ ſprach er.„Das Mädchen gefällt mir, als wär's meine eigene Tochter, und es kommt mir immer vor, als wäret ihr Beide Bruder und Schweſter, ich weiß nicht, wen ich mehr lieb habe.— Aber eben deswegen auch. Weißt Du was, Friedrich Wilhelm, zeige Dich als ein Held, mache Deinem Herrn, nach dem ich Dich getauft habe, mei⸗ nem Bruder zum Tort, weil der ſeinen Schwedenkönig zum Pathen genommen, mache Deinem Kurfürſten Ehre— auch ihm wird es ſchwer gefallen ſein, ſich von der Verbindung zu trennen, die ihm gewiß ſo lieb geweſen iſt, weil ſie ihm bei Warſchau ſo viel Ruhm ein⸗ 233 getragen hat, und doch hat er es gethan, weil es ſo beſſer war. Ahme ſein Beiſpiel nach!“ Bei dieſem Vergleiche, der eben ſo wunderlich war, als der Einfall, eine Aehnlichkeit als Hinderniß für Brautleute anzuſehen, ſah Friedrich ſeinen Vater mit einem ſo erſtaunten und zweifelhaften Blicke an, daß dieſer böſe wurde.„Kurz und gut,“ ſagte er,„ich bin der Meinung, daß Du gar nicht erſt abwarten ſollteſt, bis ſie von der Kindstaufe nach Hauſe kommen, ſon⸗ dern, wenn Mann und Roß ſatt ſind,—“ er ſchloß mit einer Handbewegung, welche Fritz nicht mißver⸗ ſtehen konnte. „Wenn mein Herr Vater beſiehlt—“ erwie⸗ derte er, jetzt mit geſenkten Augen, um ſich nicht zu verrathen. „Befehlen! Ich meine es gut mit Dir und mit der Kleinen— und daß ich Dir's kurz ſage, mir iſt vor einiger Zeit ein böſer Traum gekommen, der läßt mir keine Ruh. Die ſelige Mutter erſchien mir und drohte mir und es war, als ſtündeſt Du an ihrer Seite— da erwachte ich wie in Schweiß gebadet und mein erſter Gedanke war, es iſt wohl ſündhaft, die Kinder zuſammen zu geben. Du biſt freilich wohl im Feldlager einer von den Ungläubigen geworden, hältſt nichts mehr von Träumen und lachſt mich gar aus, 234 aber ich denke noch, wie meine Väter, und kann mir nicht helfen. Laß es heute gut ſein, bleib da, und ſei wie ein rechter Vetter, wenn Barnim mit ſeinen Frauensleuten heim kommt, aber nichts von der Ge⸗ ſchichte, das verſprich mir. Ich werde ſchon ſehen, was weiter zu thun iſt.“ Friedrich war zufrieden, den Vater ſo reden zu hören. Er widerſprach ihm keineswegs in Bezug auf den Traum und meinte nur, daß er ſich die Erſchei⸗ nung und ihr Drohen vielleicht anders gedeutet haben könne, als es richtig geweſen wäre. Dann ſtellte er ihm Alles anheim und verſprach, ſich ganz nach ſeinem Willen zu verhalten. Friedrich ſchien bei der Geſandt⸗ ſchaft, an welcher er nur als ein unbedeutender Be⸗ gleiter Theil genommen, ſchon etwas von diplomatiſchen Künſten gelernt zu haben. Spät in der Nacht erſt, wie es bei Kindstauf⸗ ſchmäuſen in alter Zeit zu ſein pflegte, kehrte der Guls⸗ herr mit Frau und Tochter zurück. Der alte Hans Podewils hatte zwar ſelbſt nicht mehr taufen laſſen, aber doch bei ſeiner verheiratheten Tochter, deren Mann auch im Felde ſtand, den Schmaus ausgerichtet und die Gäſte, welche er eingeladen hatte, waren in der allgemeinen Freude über den Abzug der Landbeſchädi⸗ ger, ſo fröhlich und ſo lange beiſammen geblieben, daß — 235 Viele gar nicht mehr das gaſtliche Haus verlaſſen konnten. Barnim gehörte zu denen, welche der Wein nicht niederwarf und ſo kam er denn gegen Mitternacht heim. Die Nachricht von Friedrich's Ankunft, die ihm gleich gemeldet wurde, erfreute ihn ſehr und als der Neffe, der es für ſchicklich erachtet hatte, auf ſeine Heimkehr zu warten, ihm ſchon auf der Freitreppe ent⸗ gegenkam, bewillkommte er ihn auf das Herzlichſte. „Du hätteſt beinah kein Obdach mehr gefunden—* rief er.„Die Polen ſtürmten ſchon das Haus, da wurde glücklicherweiſe zum Abzuge geblaſen! Nun, Ebba, was haſt Du? Es iſt ja Alles vorüber!“ Friedrich begrüßte die Mutter und Erika— der Schein der Leuchte, mit welcher der Diener am Ein⸗ gange ſtand, fiel auf Erika's Geſicht, es kam Fried⸗ rich bleicher vor, als er es jüngſt geſehen hatte, doch war heut keine Zeit mehr, ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen, denn auf der Schwelle des Wohnzimmers ſchon entließ Frau Ebba ihr Kind und verſchob auch ſonſt alles Erzählen und Beſprechen, gegen Friedrich gewendet, auf Morgen. Der Vater fragte, ob er ſchon einquartirt ſei und als ihm das bejaht wurde, ſtimmte 236 „Wo haſt Du meinen Karl Guſtav, Deinen Vet⸗ ter, zuletzt geſehen?“ fragte er noch, als Fritz ſchon die Thüre erreicht hatte. „Seit vielen Monaten nicht— in Polen zuletzt,“ erwiederte dieſer. „In Drewionka zuletzt, nicht wahr?“ fragte Ebba und ihr Mutterauge hing feſt an ihm, was dieſe Frage, die ihr der Moment mit unwiderſtehlicher Gewalt auf⸗ gedrängt hatte, auf ihn für einen Eindruck machen werde. „Wißt Ihr von Drewionka?“ fragte er ſichtlich betroffen. Der Oheim aber warf die erneute Aufforderung dazwiſchen, Alles bis auf Morgen zu laſſen und Beide trennten ſich, mit Unruhe und Sorgen im Herzen. Am andern Tage, wo hätte ſich ein freier Mo⸗ ment zu offener Beſprechung, ungehört von den An⸗ dern gefunden? Wie hätte ſich die Mutter, mit Fried⸗ rich allein zuſammenfinden können? Detlev verließ den Sohn und die Geſellſchaft ſeiner Verwandten keinen Augenblick und Friedrich ſelbſt ſchien das Geſpräch über Drewionka lieber ganz öffentlich abthun zu wol⸗ len, denn er fragte gleich wieder danach, ob ſein Vet⸗ ter Karl davon etwas hieher berichtet habe, und als er hörte, daß Karl hier geweſen ſei und daß der pol⸗ 237 niſche Officier, welcher ſich hier einquartirt, Tenczynski geheißen habe, fing er ſofort zu erzählen an, freilich kein Wort von dem, was für Ebba im Hinblick auf ihr Kind das Wichtigſte geweſen wäre, aber doch immer von dem alten Staroſten und ſeiner Familie und daß derſelbe keine Urſache gehabt, ſich über Gewaltthätigkeiten der Brandenburger oder Schweden auf ſeinen Beſitzungen zu beklagen. Wenn der hier einquartirte Officier wirk⸗ lich der Sohn des Staroſten geweſen, ſo war die Schonung, welche Friedrichs Vater an ihm gerühmt hatte, vielleicht nur die Anerkennung der Mannszucht geweſen, die von den Krockow's in Drewionka aufrecht erhalten worden war. Als Fritz dann das Leben dort ſchilderte und dabei wieder mehrmals der Familie er⸗ wähnte, hoffte Ebba immer, er werde Wanda's Namen nennen, ſchon um ſein gutes Bewußtſein darzuthun, aber ſie harrte vergebens darauf. Ahnte er denn gar nicht, was ſein Vetter von ihm erzählt haben konnte, oder war das abſichtliche Vermeiden, von dem Mäd⸗ chen zu ſprechen, Zartgefühl? Frau Ebba ſträubte ſich, dasſelbe für ein ſchlimmes Zeichen anzuſehen und hätte viel darum gegeben, zu wiſſen, wie Erika, welche nach ihrer Weiſe halb hinter ihr verborgen ſaß und mit tief geſenkten Augen Friedrichs Erzählungen lauſchte, in dieſem Momente über ihn denken mochte, ob die 238 Zuverſicht, welche die Mutter ſo willig beſtätigt hatte, in ihr nicht von Neuem erſchüttert ſei. Friedrich glaubte nun, ſeiner Pflicht genügt zu haben und ſein Vater, der von der Bedeutung nichts ahnte, welche dies Ge⸗ ſpräch haben konnte, brach es ziemlich gewaltſam ab, um von andern, als vergangenen Dingen zu reden. Er wollte wiſſen, was nun der Kurfürſt thun, ob er ſich neutral verhalten oder ſeine Truppen zu den Polen ſchicken werde, um mit dieſen gemeinſchaftlich gegen die Schweden zu kämpfen; Fragen, worauf Fritz natürlich keine Antwort geben konnte. Es entwickelte ſich darauf zwiſchen den Männern eine lebhafte Beſprechung der ſchwebenden Verhältniſſe, an welchen die Frauen ſich nicht betheiligten. Ebba wurde bald abgerufen und ihre Tochter folgte ihr. „Er hat kein reines Gewiſſen, Mutter!“ war Erika's erſtes Wort, als ſie mit ihr allein war Sie ſprach es tonlos, mit bebender Stimme. „Das wolle Gott verhüten! Du thuſt ihm Un⸗ recht— und ich werde Dich heut noch beſchämen!“ erwiederte die Mutter liebevoll. Es fand ſich aber keine Gelegenheit mehr dazu, denn Friedrich konnte nicht länger verweilen, der Urlaub, der ihm nur kurz zugemeſſen worden, war abgelaufen und er mußte ſcheiden. 239 „Kommſt Du als Feind wieder,“ ſagte Barnim zu ihm,„ſo mache es nicht ſchlimmer, als der Pole. Und ſtehſt Du einmal meinem Karl Guſtav im Felde gegenüber, ſo vermeide, wenn es ſich mit Deiner Ehre verträgt, ein perſönliches Zuſammentreffen mit ihm.“ „Wie er meine Ehre ſchont, werde ich die ſeinige achten!“ erwiederte Fritz und die Mutter glaubte darin eine Beziehung auf ſeine letzte Begegnung mit Karl, ja einen Vorwurf für dieſen zu hören. Als er dann Erika ſtumm die Hand reichte und Beide ſo einen flüchtigen Moment zuſammen ſtanden, fiel es ſelbſt dem Vater auf, wie ähnlich das ſchöne Paar einander war und ſein Herz wallte auf. Er ging noch mit hinaus, als Friedrich aufſaß und der ſchmerzliche Blick, mit welchem dieſer von ihm ſchied, that ihm weh.„Ich weiß nicht, was ich von ihm denken ſoll,“ ſagte er ſpäter zu ſeiner Frau, welche vor ihm keine Geheimniſſe hatte und ihn ſchon von Allem in Kenntniß geſetzt hatte, was ſie beküm⸗ merte. „Denkt nur Gutes!“ hat ſie.„Die Zeit wird es aufklären. Mit Detlev ſprecht aber nicht.“ Er ſagte ihr das zu, wenn Detlev nicht ſelbſt vor ſeiner Abreiſe, die nun unwiderruflich feſtgeſetzt war, mit ihm das Eis brechen würde. Das geſchah jedoch 20 nicht. Zwei Tage, nachdem Friedrich in Loſſin geweſen war, nahm ſein Vater, wie es ſchon vorher beſchloſſen, Abſchied, und kein Wort, wie es doch ſo natürlich ge⸗ weſen wäre, kam über ſeine Lippen. Nur gegen Erika, aber gegen dieſe ganz allein, daß es Niemand hörte, ſagte er am Morgen, ehe er aufbrach:„Dich ſehe ich einmal in Wildenitz wieder! Kämſt Du gern dorthin und bliebſt dort, Kleine?“ Als ſie unſchuldig das be⸗ jaht und zu ihm aufgeſehen, erröthete ſie plötzlich, ſie wußte ſelbſt nicht warum, daß ihr die Purpurglut über Wangen und Stirn bis unter das braune geſcheitelte Haar wogte.„Es bleibt dabei!“ ſagte der Oheim freundlich und dann folgte bald ſein Abſchied. Barnim begleitete ihn zu Pferde, wie er ihn im Sommer ein⸗ geholt hatte, und trennte ſich erſt ſpät von ihm.— „Ich komme wieder oder Du kommſt zu mir,“ ſagte Detlev. „Wenn Frieden iſt,“ erwiederte Barnim.— Als er zu ſeiner Frau zurückkehrte, erzählte ihm dieſe, was ihr Erika geſagt hatte und Barnim ſchüttelte den Kopf. —„Er hat ſeine eigenen Einfälle und Anſchläge, da⸗ bei bleibt er und ſein Kopf iſt dann ſo dick und hart, daß nichts mit ihm anzufangen iſt.— Lieb iſt mir nur, Ebba, daß Karl nicht hier mit Fritz zuſammen 241 traf! Wie Alles ſteht, wären ſie wohl feindlich auf einander geſtoßen!“ „Gott wolle ſie nicht im Felde zuſammen führen!“ ſagte Ebba mit einem inbrünſtigen Seufzer.—„Wo unſer Sohn jetzt ſein mag? Vielleicht zu dieſer Stunde in der Feldſchlacht, in Todesgefahr!“ Ihre Hände fal⸗ teten ſich unwillkührlich, um für den Liebling zu beten. In der Feldſchlacht ſtand er nicht, zu einer Feld⸗ ſchlacht war es überhaupt nicht gekommen, aber der Todesgefahr ging er entgegen. Der König, der ſeiner nicht vergaß, hatte ihn aus dem Lager vor Friedrichs⸗ odde nach Wismar beſcheiden laſſen, um ihn der flie⸗ genden Schaar zuzutheilen, welche beſtimmt war, ſeine Heimath von den eingedrungenen Polen zu befreien. Als dieſe jedoch durch die Nachricht, daß ſich ſchwe⸗ diſche Truppen bei Wismar ſammelten, ſchon verſcheucht worden waren, hatte der König ſeine Streitkräfte wie⸗ der zu dem Unternehmen, mit welchem er den Feldzug dieſes Jahres krönen wollte, abrücken laſſen. Seine Flotte hatte der Däniſchen wirklich ein Seetreffen bei der Inſel Moen, welche die Meerenge zwiſchen Falſter und Seeland deckt, geliefert, aber dies Treffen war unentſchieden geblieben; die ſchwediſche Flotte, 26 könig⸗ liche Schiffe und 20 Kauffahrer, welche zum Kriegs⸗ dienſte eingerichtet worden, waren dann in den Hafen Gufeck, Karl X. Guſtav. 1. 16 242 von Wismar eingelaufen, um zu einer Landung auf Fünen behülflich zu ſein, aber die Umſtände machten eine ſolche noch unausführbar. „Wir kämpfen, wie ein Hatzhund gegen einen Fiſch, den er nur anbellen, nicht beißen kann!“ ſagte der König im Kreiſe ſeiner Vertrauten.„Aber wir wer⸗ den ſchwimmen und tauchen lernen!“ Die bisberige Beſatzung von Krakau war mittler⸗ weile eingetroffen. Paul Würtz, der ſich dort ſo gut bewährt hatte, wurde zum Commandanten von Stettin ernannt, das wohl auch bald einer feindlichen Belage⸗ rung entgegen ſehen konnte; Fabian Ferſen führte die drei Regimenter zu Fuß, durch Mannſchaft aus Schwe⸗ den verſtärkt, welche die Flotte mitgebracht hatte, nach Schleswig. Er brachte den Befehl des Königs an Wrangel mit, Friedrichsodde mit Sturm zu nehmen. Heut zu Tage beſinnt man ſich zweimal, ehe man, ſtatt einer förmlichen Belagerung, ohne viel Vorberei⸗ tung zum gewaltſamen Angriff ſchreitet. Der Sturm muß freilich auch der letzte Act der Belagerung ſein, wenn die Feſtung es darauf ankommen läßt, aber er wird erſt durch all' die unermeßlichen Zerſtörungsmit⸗ tel, welche die Fortſchritte der Geſchützkunſt geſchaffen haben, großartig eingeleitet, und wenn die Feuer⸗ ſchlünde das zu ſtürmende Werk mit Geſchoſſen über⸗ 243 ſchüttet, die Beſatzung ſelbſt hinter ihren Deckungen gelichtet und moraliſch erſchüttert, das Mauerwerk an paſſenden Stellen zertrümmert haben, dann erſt brechen die Sturmcolonnen vor und kommen leichtern Kaufs zum Ziele. Friedrichsodde ſollte ohne alle Vorbereitung, zu welcher, abgeſehen von der Ungeſchicklichkeit der Schweden im Belagerungskriege, auch die Mittel fehl⸗ ten, mit Sturm genommen. Was aber das Unterneh⸗ men zu einem der kühnſten machte, welches die Kriegs⸗ geſchichte verzeichnet hat, war, daß die däniſche Be⸗ ſatzung um ein Drittheil ſtärker war, als die Schwe⸗ den. Jene hatte urſprünglich nur aus den Regimen⸗ tern Linderode, Leſſel und Pogwiſch, zuſammen etwa 2000 Mann, beſtanden, ſie war aber durch das Leib⸗ regiment des Feldmarſchalls Bille, 1000 Pferde, durch Holk's Leibregiment zu Fuß, das Alt⸗Jütländiſche und Roſeneranz's Regiment, zuſammen 4500 Mann ver⸗ ſtärkt worden. Der Reichs⸗Admiral Wrangel konnte nur etwas über 4000 Mann zum Sturme verwen⸗ den, dieſer mußte daher ſo überraſchend als möglich und mit dem größten Ungeſtüm geſchehen. Eine genaue Recognoscirung ging demſelben voraus; ſie ſoll„auf Händen und Füßen kriechend“ ausgeführt worden ſein, um den Luchsaugen der däni⸗ ſchen Wachen zu entgehen. Darnach Wrangel 16 244 ſeine Dispoſition. Die Feſtung ſollte am 25. Oktober, eine Stunde vor Tagesanbruch, an drei Orten zugleich geſtürmt werden. Wrangel ſelbſt mit vier Brigaden, gebil⸗ det aus den Regimentern Niels Brahe, Lorenzſon, Peter Sparre, Fabian Ferſen und Spens wollte ſich gegen die Baſtionen am Meer nach Middelfahrt zu wenden; eine zweite Colonne, ebenfalls 4 Brigaden, unter Jakob de la Gardia ſollte die Baſtione gegenüber dem Galgenberge nehmen, während eine dritte, gebildet aus 3 Regimentern zu Pferd und ebenſo viel zu Fuß unter Fabian Berents das Königsthor angreifen ſollte. Hier waren merkwürdiger Weiſe die Reiter beſtimmt, abzuſitzen und das Thor mit Sturm zu nehmen, wo⸗ rauf das Fußvolk in die Stadt eindringen würde! Die ſchwierigſte Aufgabe war aber dem Prinzen Johann Georg von Anhalt⸗Deſſau geſtellt, nämlich die Feſtung mit zwei Reiter⸗Regimentern und einer Compagnie Handgranatiere gerade zu aus der See anzugreifen. Auch das Meer war nämlich am Abend vor dem Sturme recog⸗ noscirt worden und man hatte befunden, daß man zu Pferde im Waſſer am Strande entlang reitend bis an eine Polliſadenreihe gelangen konnte, welche als Wellen⸗ brecher vor der Feſtung eingerammt waren. Gelang es hier, wo man ſich däniſcherſeits natürlich keinen An⸗ griff erwartete, eine Offnung zu brechen, ſo konnte ein überfall des dortigen Thores wohl gelingen. Der Prinz von Anhalt hatte im Kriegsrathe ſelbſt dieſen Vorſchlag gemacht und dies kühnſte Reiterſtücklein für ſich in Anſpruch genommen. Als die Truppen zu der beſtimmten Stunde laut⸗ los dir ihnen angewieſenen Poſten eingenommen hatten, jeder Mann zum Erkennungszeichen einen Strohwiſch auf dem Hut, ließ der Reichsadmiral als Signal zum gleicheitigen Sturm, wie verabredet worden, einen hoch⸗ gelegenen Bauernhof anzünden. Mit der Heftigkeit eines Orkens brachen die Schweden zum Angriff vor. Die Därn wurden faſt überfallen und jeder Uberfall iſt mit dem Schrecken im Bunde; dennoch krachten bald ihre Stücke von den Wällen in die Dunkelheit hinaus und die Stürmenden wurden auch von einem heftigen, wenn aug hier wirkungsloſen Musketenfeuer empfangen. Am Körigsthore, wohin der Reichsmarſchall Andreas Bille in Perſon geeilt, wurde der heftigſte Wiederſtand ge⸗ leitet und die abgeſeſſenen Reiter hatten das ſchwerſte Siel. Auf andern Punkten hörte man ſchon der Shweden Siegesgeſchrei. Unterdeſſen die tauſend Pferde, welche de junge Prinz von Anhalt beim Auflodern des Bauern⸗ hfes ſogleich in die dunkle Meeresflut geführt, in mäch⸗ tiem Andrange durch das Waſſer. Von den Wällen, 246 wo man das unerhörte Wagſtück wohl vernehmen, wenn auch nicht deutlich erkennen konnte, verſpotteten die Dänen den tollkühnen Feind, der ſolches wohl nur im ſchwediſchen Bramarbaſiren, ohne irgend einen vernünf⸗ tigen Zweck, unternommen hatte, aber man richtete doch die Geſchütze dorthin und die Kugeln ſauſten über die Köpfe der Reiter oder ſchlugen ſpritzend in dit See. Auch von den däniſchen Schiffen wurden die Sckweden beſchoſſen. Hier war keine raſche Gangart möglich doch ſtrebten die Roſſe ſelbſt nach Möglichkeit ausgrifend im Waſſer voraus, das ihnen nur bis an die Läuche ging. Die Handgranatiere waren von den vorderſten Riter⸗ compagnien mit auf die Kruppen der Pferde genonmen worden, wie es in alter und neuer Zeit oft geſchhen, um Fußvolk raſch an Ort und Stelle zu bringen, wo man ſeiner bedarf. Endlich war die Reihe der Paliſa⸗ den erreicht und abgeſprungene Reiter ließen mter dem fortgeſetzten däniſchen Feuer die Aute luſtig erklinen. „Gnädiger Herr, nicht Ihr zuerſt, laßt mich mit meiner Compagnie voran!“ rief eine Stimme em Prinzen zu, der ſchon ſein ſcheuendes Pferd in die erſte gewonnene Lücke ſpornte. „Folge mir, Karl Guſtav Krockow!“ rief aber er Prinz und auf mehreren Stellen brachen nun ſchon duch die geſchaffenen Lücken die ſchwediſchen Reiter mit wildm 217 Geſchrei ein. Nur eine geringe Waſſerſtrecke noch, dann war der feſte Boden gewonnen— im Lauf dann zur Brücke, die über den Graben führte, zum Thore, das eine unbegreifliche Nachläſſigkeit, weil man ſich hier ſo ganz ſicher geglaubt, nicht geſperrt hatte! Am Thore aber aber es ein hitziges Gefecht, das der grauende Morgen beleuchtete. Der Prinz hieb zuerſt ein, viel däniſche Piken richteten ihre Stöße auf ihn, ſein Pferd wurde verwundet, ihn ſelbſt traf ein Stich, der aber von dem Officier, der ſich dicht an ſeiner Seite hielt, mit dem Degen kräftig abgelenkt wurde, worauf der Prinz den Dänen niederhieb und ſich nun mit der wachſenden Zahl ſeiner Reiter Bahn brach. Auch an andern Punkten war der Sieg ſchon er⸗ rungen, die Schweden brachen in die Stadt ein, Andreas Bille, der däniſche Reichsmarſchall, ſchwer verwundet, war in eins der Außenwerke gerettet worden, wo ſich die Vertheidiger, die noch am Leben und nicht gefangen waren, ſammelten, um auf däniſchen Schiffen, die in der Nähe lagen, ſich nach Fünen zu retten. Widrige Winde hinderten dieſe aber, ſich dem Lande zu nähern, die Reſte der Dänen muften ſich den Siegern auch erge⸗ ben und Andreas Bille ſtarb bald an ſeinen Wunden. So fiel Fridericia, die ſtarke Feſtung, welche König Friedrich der Dritte kürzlich mit großen Koſten erbaut 28 hatte über zwei tauſend Gefangene, unter ihnen der Reichsrath Magnus Horck, ſechs Oberſten und einige dreißig Hauptleute, neun und dreißig Fahnen und Standarten und ſiebenzig Geſchütze waren der Preis des Sieges. Die Gefangenen wurden vom Oberſten von Schönleben zum Könige nach Wismar geführt, um nach damaliger Sitte in ſchwediſche Regimenter auf ent⸗ fernten Stationen, Danzig und Riga geſteckt zu werden. Karl Guſtav Krockow durfte den Oberſten begleiten, der Prinz von Anhalt hatte es veranlaßt, damit Einer dabei ſei, welcher dem Könige den Waſſerſturm der Reiterei berichten könne. Der Schlüſſel zu den däniſchen Inſeln war ge⸗ wonnen und der wunderbarſte Kriegszug ſollte bald Europa in Erſtaunen ſetzen! Ende des erſten Theils.