* — — — N 3 — —. Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von S S Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Keſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————— auf 1 Monat: 1 Mt— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 3 der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte„ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. *„„ 6„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ——— — — ————— ————— ——————— — E — Album. Bibliothek deutſcher Griginalromane. ———— Herausgegeben J. L. Kober. Fünfzehnter Jahrgang.. Fünfter Band. Im Strom der Zeit. w. Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) Im Btrom der Zeit. Roman aus der Beit Kaiſer Leopold des Erſten ſ von Bernd von Guſeck. Vierter Band. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Prag, Druck von Jarosl. Poſpiöil. 3 —— ——— Inhalt. Seite Ere Capitel. Anſchuln Zweites Capitel uf ier 333 Drittes Cupitel. Böſe Verfolgung...... 57 Piertes Capitel. Das Wiederſehen 178 Fünftes Cnpitel. Gekröntes Glück 99 Sechstes Capitel. Pio Colonna.. Sirbentes Capitel. Des Krieges Anfang Achtes Capitel. Der Frieden des Herzens 162 Meuntes Capitel. Zu Wien 1141414188 Zehntes Cnpitel. Eine feſte Heimath 2212 ₰ — — — = — * — — — — Erstes Capitel. Anſchuldigung. Der Winter war vorübergegangen und nach ihm der Lenz und der Sommer im nimmer raſtenden Laufe der Jahreszeiten. Schon brauſten wieder die Herbſtſtürme durch die blätterloſen Bäume auf den Waldbergen und trieben ihr unheimliches Spiel um die Thürme der Stadt. Wie viel hatte ſich im Verlaufe dieſer Monate verändert! Die frohe Iugend bemerkt das weniger, ſie ſieht die Wo⸗ gen der Zeit gleichmüthig dahin rauſchen, oft möchte ſie deren Eile noch beſchleunigen, wenn ihr ein lockendes Ziel winkt, das ſie nicht heute oder morgen erreichen kann, und ſie lacht dazu, wenn ihr geſagt wird, daß jeder Tag wei⸗ ter ein Schritt mehr zum Alter, zum Grabe iſt. Das weiß ſie ja ſelbſt, aber es ſind der Schritte noch ſo viele, daß ſie eine Ewigkeit ſcheinen. Anders denkt das reife Alter: für dieſes iſt der Spätherbſt eine ernſte Sn an 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. — — 10 die Vergänglichkeit, es ſtellt dann gern eine Rückſchau an in die Vergangenheit, und über wie viele Gräber ſchöner Hoffnungen hinweg ſchweift dann der Blick bis in die längſt entſchwundenen Tage, wo Alles nur ſchimmernde, reich blühende Gegenwart war! Wohl dem, welcher dann getroſt ſein Auge auch vorwärts richten kann auf den un⸗ bekannten Tag, der ſeine Erdenzukunft beſchließen wird, getroſt in dem Bewußtſein, recht gehandelt und auf den Wegen des Herrn gegangen zu ſein!— Viele mochten an dem trüben Novembertage, der ſich nr um Mittag ein wenig erhellt hatte, in den Mauern der Kaiſerſtadt an der Donau von tief ernſten Gedanken heimgeſucht worden ſein, aber Keiner vielleicht mehr, als der greiſe Herrſcher ſelbſt. Kaiſer Leopold ſtand einſam in ſeinem Zimmer der Burg und ſchaute mit ſchweren Betrachtungen beſchäftigt durch die Fenſterſchei⸗ ben hinab auf ſeine treue Stadt; ſein geiſtiges Auge um⸗ faßte aber in dieſem Momente mehr, als ſein Blick unten erſchauen konnte, es richtete ſich hinaus auf ſein ganzes geliebtes Volk, dem wiederum die furchtbarſten Prüfun⸗ gen bevorſtanden. Wie lebendig war in ſeiner Bruſt der Wunſch, ſie ihm zu erſparen! Der fromme Monarch, in deſſen Character der Grundzug Güte und Friedens⸗ liebe war, hatte ſich während ſeiner langen Regierung in immer neue Kriege verwickelt geſehen, welche unſägliche 11 Opfer von ſeinem Lande gefordet hatten; der letzte, wel⸗ cher ſeinen Thron mit Vernichtung, Deutſchland mit allen Schrecken eines türkiſchen Einbruchs bedrohte, war glor⸗ reich beendigt und hatte Habsburgs Recht auf die Krone von Ungarn endlich durchgeſetzt, und ſchon erhob ſich von anderer Seite eine fremde, räuberiſche Hand, das Recht ſeines Hauſes anzutaſten! Kaiſer Leopold konnte ſeinem Lande den Frieden erhalten, Ströme von Blut und tau⸗ ſendfache Opfer ihm erſparen: er durfte nur ſein gutes Recht dem Fremden dahingeben, ſich geduldig den Raub gefallen laſſen! Wenigſtens hätte er dann eine kurze Friſt gewonnen, bis die Habgier ihre niegeſättigten Augen wei⸗ ter auf ihn gerichtet hätte, zu neuen Forderungen durch ſeine Schwäche ermuthigt— und der greiſe Herrſcher wäre unterdeſſen vielleicht zu ſeinen Vätern verſammelt worden und hätte das nicht mehr erlebt! Wie gern hätte er jetzt ſchon das Nahen des Friedensengels begrüßt, der ihn hinüber führen ſollte, die Palme des ewigen Lebens zu empfangen! Aber noch war ſeine Stunde nicht gekom⸗ men und der ſchwere Kampf ihm nicht erſpart, den ein Fürſt von ſeinem hohen Berufe durchdrungen in ſolchen ernſten Momenten, wo an ſeinem Worte das Glück und Elend von Millionen hängt, innerlich durchzukämpfen hat. Der Kaiſer neigte in Demuth ſein Haupt und be⸗ tete um Erleuchtung von Oben. 1* .— — Im Herzen der Stadt aber, auf den Straßen und Plätzen regte es ſich ſchon; das Volk wollte Antwort ge⸗ ben auf die Frage, welche ſein Schickſal betraf. Ein dumpfes Brauſen, wie von fernen grollenden Wettern, drang hinauf bis zum Burgplatz; wildes Toben, lautes Rufen und Schreien— von Zeit zu Zeit einmal Stille, dann um ſo wüthender das Aufſtürmen der erregten Lei⸗ denſchaft. Volksaufruhr zu Wien? Nicht anders! Es war ein Aufruhr des Volkes, aber wie ihn die Fürſten mit Hochgefühlen vernehmen, ein Aufruhr des Volkes für die Ehre und die Macht ſeines Herrſcherhauſes, getragen von der Liebe und Begeiſterung, welche freudig das Höchſte und Letzte zum Opfer bringt, in dem freudigen Kampfe für Thron und Vaterland! So war es im Jahre 1700 zu Wien, ſo möge es in alle Ewigkeit ſein! Am Minoritenplatze war ein beſonders lebhaftes Gedränge: dort lag der Palaſt des greiſen Rüdiger Gra⸗ fen Stahremberg, des Hofkriegsrathspräſidenten. Wie hätte das Volk von Wien vergeſſen können, daß Er einſt die Kaiſerſtadt glorreich gegen die Türken vertheidigt hatte! Von ihm, deſſen Gewicht im Rathe des Kaiſers vom Volke vielleicht überſchätzt wurde, hofften ſie nun die kräftigſten Maßregeln, um die Schmach, welche dem Erz⸗ hauſe drohte, mit voller Machtentfaltung abzuwehren. Der König von Spanien, deſſen Leben ſchon lange 13 nur noch einer ſterbend flackernden Flamme glch, war endlich entſchlafen, mit ihm der Letzte des älteſten Zwei⸗ ges der Paßstrrger, Kaiſer Karl des Fünften Nach⸗ kommenſchaft. Die Krone von Spanien und Indien mit dem herrlichen Lünderbeſitz in den Niederlanden, obſchon theilweiſe bereits durch Ludwig XIV. beraubt, mit den Perlen Italiens: Mailand, Neapel, Sicilien, Sardinien, ſeit Jahrhunderten ſchon habsburgiſch Land— wem konnte ſie nach klarem Rechte anders zufallen, als der jüngern, allein noch beſtehenden Linie des Erzhauſes, von Karl des Fünften Bruder, Kaiſer Fetii dem Er⸗ ſten, entſproſſen? Auch war Ae geſchehen, dies Recht, an ſich ſchon unantaſtbar, durch feierliche Urkund en zu be⸗ küſige und vor fremden, unbe Anſprüchen zu bewahren. Pri! ten aus dem ſpaniſchen Hauſe, wel⸗ che franzöſiſchen Königen vermählt worden, ſelbſt Lud⸗ wig's XIV. Gemahlin, hatten allen aus ihre Geburt etwa herzuleitenden Rechten auf ſpaniſche Lande aus⸗ drücklich entſagt. Und dennoch war das Unerhörte ge⸗ ſchehen! Nach dem Tode Karl des Zweiten hatte ſich ein Teſtament vorgefunden, in welchem der Enkel des Königs von Frankreich, der Herzog Philipp von Anjou, zum alleinigen Erben der Krone von Spanien und ihrer weiten Beſitzungen in vier Erdtheilen erklärt wurde. Dieſe Nachricht war es, welche ſich zu Wien, nach⸗ 5% dem ſie dem Hofe die Beſtätigung ſeiner längſt gehegten Befürchtungen gegeben, auch unter der Bürgerſchaft mit Blitzesſchnelle verbreitet hatte, und nun tobte das Volk in wilder Aufregung durch die Straßen und verlangte Krieg, Krieg! „Wenn er nur aufſäße und ritte hinauf zur Burg!“ ſchrieen ſie auf dem Minoritenplatze und ſtreckten auffor⸗ dernd die Hände zum Stahremberg'ſchen Palaſt empor. „Der Kaiſer würde ihn ſchon hören!“ „Der Kaiſer läßt ſchon ſeit geſtern keinen Menſchen vor!“ hieß es von anderer Seite. „Ja, ja! Man kann ſich's denken! Die Schänd⸗ lichkeit, der hinterliſtige Verrath! Wie mag unſer from⸗ mer, edler Kaiſer davon betrübt ſein!— Das Teſtament iſt erlogen, iſt falſch! Es kann gar der König ſein eignes Fleiſch und Blut nicht vergeſſen haben! Iſt er nicht auch ein Abkomme des Max, wie unſere Majeſtäten? Sie ha⸗ ben's gefälſcht, die treuloſen Spanier, erkauft von den Franzoſen! Was, ſollen wir das dulden? Haben wir die Welſchen in hundert Schlachten geſchlagen von Al⸗ ters? Wir wollen ihnen zeigen, daß Oeſterreich noch Kraft hat!“ „Habt Ihr's gehört, Meiſter, vom römiſchen Kö⸗ nig?“ rief eine laute Stimme. „Nein, nein! Was iſt? Erzählt!“ ſchrie die Menge. „Er hat dem franzöſiſchen Geſandten, dem Villars, heftig angelaſſen, daß nur die Ränke Frankreichs dieſe Erbſchleicherei durchgeſetzt—“ „Recht ſo, recht ſo!“ ſchrieen ſie.„Es muß noch beſſer kommen!“ „Iſt ſchon geſchehen!“ rief ein Anderer überlaut. „Im Theater hat der römiſche König den Degen gegen den Franzmann gezogen, und wenn ihn die Königin nicht abgehalten hätte—“ Ein wilder Jubel des Beifalls erſtickte die weitere Rede, und gleich darauf folgte ein donnerndes Lebehoch auf den jungen Fürſten, zum Beweiſe, wie ſehr kräftiges Thun immer der Zuſtimmung des Volkes gewiß iſt. Niemand zweifelte an der Wahrheit dieſer Geſchichte, und doch war ſie entſtellt; König Joſeph hatte nur gegen ſeine Gemahlin, indem er die Hand an den Degengriff legte, mit einem Blicke auf den entfernt ſitzenden Geſandten des Königs von Frankreich geäußert: Ich wollte, wir gingen den Franzoſen gleich zu Leibe! Ein Page oder ſonſt Jemand von der Hofdienerſchaft mochte dieſe halblaute Aeußerung gehört und weiter erzählt haben, worauf ſie die entſtellte Faſſung gewonnen hatte. Da wurden die Thorflügel des Stahremberg'ſchen Palais geöffnet, und der wohlbekannte Wagen, in wel⸗ chem der Hofkriegsrathspräſident zu den Sitzungen des 16 Conferenzraths fuhr, rollte zur unermeßlichen Freude der Menge hervor. Ein neuer, tauſendſtimmiger Zuruf be⸗ gleitete ihn auf ſeinem Wege zur Burg. Der alte Feld⸗ marſchall ſaß in kräftiger Haltung, die er auch noch zu Pferde zeigte, in ſeinem Wagen und dankte den Leuten rechts und links, doch meinten Viele, die ihn in längerer Zeit nicht geſehen, er ſei doch ſehr gealtert, und es wäre wohl beſſer, wenn in ſo wichtiger Zeit ein jüngerer Mann an der Spitze ſtände. „Prinz Eugen!“ ſchrie es auf einmal in der Menge. Und wie auf ein Commando ſetzte ſich die Maſſe, langſam erſt, dann immer entſchiedener in Bewegung: es war wie ein Strom zur Frühlingszeit, der ſeine Eisdecke abwirft. Nach der Himmelpfortgaſſe ging es, wo das neuerbaute Palais des Prinzen von Savoyen ſtand. Aber dort hatten ſich längſt andere Volkshaufen gedrängt, wel⸗ che dem ruhmgekrönten Feldherrn, den man bald wieder als kaiſerlichen Generalliſſimus ſiegreicher Heere zu ſehen hoffte, ſchon mehr als ein Vivat gebracht, obgleich er gar nicht in ſeinem Hauſe anweſend war. Aus dieſem tobenden Volkstreiben ſich loszureißen, war für Jeden, den es einmal gefaßt hatte, eine ſchwierige Aufgabe, und willenlos wurde Mancher, ſelbſt aus den vornehmſten Ständen, der zufüllig in eine ſolche Strö⸗ 17 mung gerathen war, eine lange Zeit mit fortgedrängt. So auch ein Cavalier, der aus der innern Stadt ſeinen Weg nach dem Kärnthnerthor geſucht hatte, aber von einer plötzlich daherflutenden Menge, die er nicht zu thei⸗ len vormochte, weit von ſeinem Ziele abgezogen worden war. Endlich gelang es ihm doch, ſich an einem Durch⸗ hauſe, das er kannte, zu befreien und durch daſſelbe in ſtillere Gaſſen zu kommen, wo er, wenn auch auf Um⸗ wegen, die Richtung wieder gewann, die er eine Weile hatte aufgeben müſſen. Wie wohl that ihm die freie Luft, als er die fin⸗ ſtere Wölbung des Thores und die Brücke hinter ſich hatte! Er athmete leichter und ſchritt langſam durch die Vorſtadt, welche ſeit ſeiner langen Abweſenheit von Wien unter den Segnungen des Friedens immer mehr angebaut worden war. Der Frieden ſtand nun wohl auf dem Spiele, ja er hätte ſich nur mit Schmach erkaufen laſſen, und der Hochadel Oeſterreichs, welchem der ernſte Mann, der allein durch die Vorſtadt ſchritt, von Geburt an⸗ gehörte, ging an Eifer für die Ehre der Krone allen treuen Söhnen des Vaterlandes mit leuchtendem Beiſpiel voran. Es waren auch Gedanken ſolcher Art, welche die Seele des Einſamen beſchäftigten; ſeine perſönlichen In⸗ tereſſen gingen in dieſen höhern völlig unter: wie hätte ihm ſein eigenes Schickſal, das er nicht ändern konnte und —*————. 18 das er trug wie ein Mann, in Momenten, wie der jetzige, wo es ſich um das Heil oder Verderben eines halben Erdtheils handelte, noch bedeutend erſcheinen können? Er ſtellte ſich die Lage der Dinge vor, ſo weit er ſie über⸗ ſchauen konnte; die Perſönlichkeiten, welche berufen wa⸗ ren, durch Entſchluß und That in den Gang der Be⸗ gebenheiten einzugreifen, traten ihm lebhaft vor die Seele. Er kannte ſie ja Alle. An ſeinen eigenen Vater mußte er denken, als er ſich deſſen einſtiger Wohnung in Gumpendorf näherte. Als Vicekanzler hatte Graf Leopold Wilhem Königsegg bei ſeiner Erfahrung in Staatsgeſchäften nächſt dem Hofkanzler Grafen Strattmann ſonſt das unbedingte Vertrauen des Kaiſers beſeſſen, und ſein Rath war im⸗ mer noch bis zu ſeinem Tode im hohen Alter gern gehört worden. Der Sohn ſtellte ſich die Frage, wie dieſer Rath ſeines Vaters unter den jetzigen Verhältniſſen aus⸗ gefallen ſein würde. Dann faßte er die Perſonen in das Auge, welche jetzt dem Kaiſer am nächſten ſtanden. Auch Kinſty, welcher die auswärtigen Angelegenheiten bis da⸗ hin größtentheils geleitet hatte, war geſtorben, und die Staatsgeſchäfte ruhten nun ganz in der Hand des Gra⸗ fen Harrach. War er, welcher zu Madrid den Intriguen des franzöſiſchen Geſandten bei den ſpaniſchen Staats⸗ männern erlegen war, die das Ohr ihres ſterbenden Königs 19 beſaßen, war er der Mann dazu, in der gegenwärtigen Lage Kraft und Nachdruck zu entwickeln, auf welche es doch allein ankam? Kaunitz, der an Königsegg's Stelle Reichsvicekanzler geworden war, hätte den Bedürfniſſen der Zeit mehr entſprochen, aber ſeine Geſundheit war ſchwankend. Die einzige Hoffnung ſtand auf dem Fürſten von Salm, der für das energiſche Princip in der Con⸗ ferenz des Kaiſers galt und darin getreulich von dem Oberſtkämmerer Grafen Karl Waldſtein unterſtützt wurde. Gab es denn aber hier noch ein Schwanken und Zaudern, wo die Ehre gebot, das Schwert zu ziehen? Unter dieſen Gedanken war Graf Königsegg an die Pforte des Gartenpalais gelangt. Geſtern Abend erſt aus Tirol zu Wien angekommen, war es ihm jetzt erſt möglich geweſen, ſeine Stiefmutter zu beſuchen— ſo ſehr hatten ihn die dienſtlichen Geſchäfte, in welchen er vom Obercommando an den Hofkriegsrath geſendet worden war, in Anſpruch genommen. Als ihm die Thüre ge⸗ öffnet wurde und er hier das alte bekannte Geſicht des Dieners erblickte, dieſer ihm auf Befragen ſagte, daß ſeine Mutter anweſend ſei, und ſich entfernte, um ihn an⸗ melden zu laſſen, wehte den Grafen ein heimiſches Gefühl an, und die Wogen der Politik, die ihn bis jetzt umrauſcht hatten, rollten zur Ferne und ließen wieder die näher lie⸗ genden Intereſſen der Menſchen, um die er Sorge trug, in den Vordergrund ſeiner Seele treten. Er mußte hier ja endlich manchen Aufſchluß erhalten, den er bis jetzt vergeblich geſucht hatte. Die Gräfin Francesca war überraſcht von der An⸗ kunft ihres Sohnes, von welcher ſie keine Ahnung ge⸗ habt; ſie war nicht angekleidet, und wiewohl ſie ſonſt auch ihre Stiefkinder nie anders empfing, als wenn ſie vollſtändige Toilette gemacht hatte, ſo zögerte ſie doch jetzt keinen Augenblick, den Grafen anzunehmen. Er trat ein, ſie kam ihm entgegen und hieß ihn herzlich willkommen. Ihr prüfender Blick fand ihn ſehr verändert; derſelbe Gedanke ging in ſeiner Seele auf, als er die Mutter in's Auge faßte, doch war er zu feſt in ſeiner Haltung, als daß ſich dieſer Eindruck durch das ge⸗ ringſte Zeichen hätte verrathen ſollen. „Ich freue mich, Sie endlich wieder zu ſehen!“ ſagte die Gräfin lebhaft, als Beide zu ruhiger Mitthei⸗ lung neben einander Platz genommen hatten.„Ich habe Ihnen ſo viel zu erzählen, was ich dem Papiere nicht anvertrauen wollte. Sie wiſſen, daß ich überhaupt eine ſchlechte Correſpondentin bin.“ Karl Fidelis hatte während der ganzen Zeit ſeiner Abweſenheit nur wenige, dürftige Zeilen von ihrer Hand erhalten, welche ſie ihm, wenn grade eine ſichere Gele⸗ genheit zur Armee ging, mitgeſendet hatte. 21 „Ein recht ausführlicher Brief, den ich an Sie ge⸗ ſchrieben hatte,“ fuhr ſie fort,„und der Ihnen eine Menge der intereſſanteſten Neuigkeiten melden ſollte, iſt durch den unglücklichen Zufall, den Sie wiſſen, zurück⸗ geblieben und bald genug ganz überflüſſig geworden, da Alles anders gekommen iſt, als wir dachten. Haben Sie Riedau ſchon geſehen?“ „Ich war heut' früh einen Angenblick bei ihm,“ er⸗ wiederte Karl Fidelis. „Wie geht es ihm?“ „Er iſt ziemlich hergeſtellt und wird mich, wie ich hoffe, zur Armee begleiten können.“ „Was hat er Ihnen erzählt?“ fragte die Gräfin etwas zögernd. „Ueber den Vorfall ſelbſt nichts. Er hat mir offen erklärt, daß er nichts davon ſagen dürfe und wolle, ich weiß alſo gar nichts und hoffe, daß meine gnädige Mut⸗ ter mich ſoweit aufklären wird, als ſie ſelbſt unterrichtet iſt. Sie wiſſen doch, wie es zugegangen iſt?“ Die Gräfin beſann ſich einen Moment.„Wir wollen uns ganz ausſprechen,“ ſagte ſie dann.„Beantworten Sie mir nur noch eine Frage. Was hat Ihnen Riedau über“— ſie ſuchte nach einem Worte—„über Ihr Mün⸗ del geſagt?“ „Sie erinnern mich an meine Pflichten!“ rief Karl ————— 22 Fidelis heiter.„Warum begrüßt Cajetana ihren Vor⸗ mund nicht? Sie weiß wohl noch gar nicht, daß ich an⸗ gekommen bin?“ „Hat Ihnen Riedau gar nichts über Cajetana ge⸗ ſagt?“ wiederholte die Gräfin ihre Frage. „Ich habe nicht von Cajetana mit ihm geſprochen,“ erwiederte Karl aufmerkſam werdend.„Was hat es mit Ihrer Frage für eine Bewandtniß? Iſt etwas— zwiſchen Beiden vorgefallen?“ „Ich ſehe ſchon, Sie wiſſen von Allem, was ſich in meinem Hauſe vorgetragen hat, gar nichts,“ verſetzte die Mutter,„und ich muß denn von vorn anfangen. Damit Sie aber gleich über Cajetana im Klaren ſind, ſo hören ſie denn, daß ſie gar nicht mehr bei mir iſt.“ Karl Fidelis blickte ſie betroffen und fragend an, ei⸗ ner weitern Erklärung gewärtig. „Ich war es mir ſelbſt ſchuldig, ſie aus meiner Nähe zu entfernen,“ fuhr die Gräfin fort, obgleich es ihr ſichtlich Ueberwindung koſtete. Das hatte Königsegg frei⸗ lich nicht zu hören erwartet, und es machte auf ihn einen überwältigenden Eindruck: er hatte geglaubt, Cajetana habe das Haus ſeiner Mutter mit einer geſicherten Stel⸗ lung am Hofe oder noch beſſer mit dem eigenen Herde vertauſcht als Gattin eines braven Mannes; ſollte er ſich in ihr ſo bitter getäuſcht haben, daß ſeine Mutter ſich 23 ſelbſt ſchuldig geworden, ſie aus ihrer Nähe zu ent⸗ fernen? „Wo iſt ſie jetzt?“ fragte er haſtig. „Ich habe natürlich alles Aufſehen vermieden, ihrer Abreiſe die natürlichſte Erklärung gegeben, welche ſich zum Glück gewiſſermaßen von ſelbſt fand, durch ein ganz eigenthümliches Zuſammentreffen. Anfangs ſchwankte ich, ob ich ſie nicht in das Kloſter zurückbringen ſollte, von wo ich ſie abgeholt und zu mir genommen hatte. Es wäre vielleicht zu ihrem Heil der beſte Entſchluß geweſen. Aber dabei hätte ſich kaum der Schein retten laſſen, den ich um jeden Preis bewahren wollte. So beſchloß ich, ſie nach Salzburg auf mein kleines Gut zu ſchicken. Dort weilt ſie gegenwärtig.“ „Aber was iſt geſchehen? Was hat ſie gethan?“ forſchte Karl Fidelis mit dem höchſten Antheil. „Ich hatte es ſo gut mit ihr im Sinne,“ ſprach die Mutter.„Ihre ganze Perſönlichkeit ſchien mir geeignet, in der großen Welt Glück zu machen, ich führte ſie ein und ſie gefiel; es eröffnete ſich ſogar eine Ausſicht für ſie, in den Hofſtaat der römiſchen Königin aufgenommen zu werden, was nur abſichtlich durch die Caraffa ver⸗ eitelt wurde, indem ſie ein Mißverſtändniß vorgab. Da⸗ von nachher, es betraf meine andere Hausgenoſſin, Anna Riedau, welche Sie auch nicht mehr bei mir fin⸗ den; ich bin nun ganz allein! Doch zu Ihrer Mündel zurück.— Was werden Sie ſagen, wenn ich Ihnen er⸗ zähle, daß ich ſogar den alten Cronberg, bei welchem Ihre Bemühungen ſo ganz geſcheitert waren, für Cajetana ge⸗ wonnen hatte, ſo daß er ſie nicht allein als ſeine Ver⸗ wandte anerkannte, ſondern ſogar eine wahrhaft kindiſche Zärtlichkeit für ſie faßte! Es war mir gelungen, Beide bei einer großen Hofwirthſchaft im letzten Carneval zu⸗ ſammen zu bringen, und wenige Tage vergingen, ſo hielt der Graf bei mir förmlich um Cajetana's Hand an.“ „Unmöglich!“ rief Karl Fidelis entrüſtet.„Der alte Thor!“ „Warum unmöglich, Herr Sohn!“ entgegnete Fran⸗ cesca, indem ſie ihr ſchwarzes Feuerauge mit einem Aus⸗ druck bitterer Strenge auf ihn richtete, als wolle ſie ihn fragen, wie er ein ſolches Wort an ſie richten könne, ein⸗ gedenk ſeines Vaters, der ja auch im Alter noch die Hand eines blühenden Weibes begehrt, freilich auch erhalten hatte.„Daß es geſchehen iſt, kann ich verſichern. Das Anerbieten wurde mit Verachtung zurückgewieſen. An demſelben Vormittage aber, wo das geſchehen war, em⸗ pfing das Fräulein während meiner Abweſenheit einen Mann in meinem Hauſe, von dem Niemand einmal weiß, wie er hinein gekommen iſt. Gott ſei Dank, kann ich mich 25 auf die Treue und Verſchwiegenheit meiner Leute ver⸗ laſſen und Anna war zum Glück nicht mehr hier. So iſt das nicht in die Welt gekommen, und ich habe mich noch dazu verſtanden, ihm in den Augen der Dienerſchaft eine Art von Scheinrecht zu geben. Nun hören Sie, was ſich weiter begeben hat. Der Thürſteher, durch die Klin⸗ gel zur Pforte gerufen, öffnet dem jungen Riedau und will ihm eben bedeuten, daß ich nicht zu Hauſe bin, als aus meinen Zimmern ein Mann tritt, den er auch kennt, weil er früher ſchon mein Gaſt geweſen. Es iſt Graf Pio Colonna. Zwiſchen Beiden entſteht ein Wortwechſel, deſſen Grund der Thürſteher mir nicht angeben konnte— nur das letzte Wort des Grafen Pio hat er verſtanden: Fürchten Sie ſich? Mir lag darin der ganze Schlüſſel, und Ihnen wird nun auch Alles erklärlich ſein. Beide entfernten ſich dann mit einander; der alte Baſtian ſchloß die Thüre wieder zu— im Hauſe hatte ſich ſonſt Nie⸗ mand ſehen laſſen, und was er ſich auch über die An⸗ weſenheit des fremden Mannes in meinen Zimmern, den er nicht eingelaſſen, für Gedanken gemacht haben mag, ſo achtet er doch ſeine Herrſchaft zu hoch, um ſie aus⸗ zuſprechen. Auf einmal reißt es wieder an der Klingel, als ſollte Sturm geläutet werden, ein Knabe ſteht drau⸗ ßen und ſchreit ihm zu: An der Gartenmauer liegt ein Sterbender! Dann entflieht er. Der Baſtian ſtürzt hin⸗ 1860. V. Im Strom der Zeit. IW. 2 aus, an der Mauer entlang— da findet er Max Riedau in ſeinem Blute—“ „Zweikampf alſo mit dem Colonna!“ rief Karl Fidelis.„Den Grund ahne ich nun wohl— mein armer Max!“ Mit einem ſeltſamen Lächeln ſchüttelte die Gräfin den Kopf.—„So weit ſcheint freilich Alles klar. Die Leichtſinnige hat den Andern begünſtigt, gegenſeitige Ei⸗ ferſucht vielleicht zu einem Zweikampfe geführt. Aber wie erklären Sie ſich, daß ein kaiſerlicher Offizier ſeinem Gegner den Rücken zeigt? Die Wunde, an welcher Max Riedau faſt verblutet wäre, hat ihn von rückwärts ge⸗ troffen! O ſtaunen Sie nicht. Es gibt der Räthſel noch mehr. Als der Baſtian den Verwundeten, der bei ihm wie bei allen Leuten im Hauſe ſehr beliebt war, in ſeinem Blute gefunden, hat er ſich, ſelbſt zum Tode erſchrocken, mit Aufbietung aller Kräfte ihn herein zu tragen bemüht, nachdem er ihm wenigſtens das Blut mit ſeinem Hals⸗ tuch geſtillt. Aber er hat es doch nicht vermocht und dar⸗ um Hülfe herbeirufen müſſen, wodurch das ganze Haus in Aufruhr verſetzt worden iſt. Da hat natürlich auch Cajetana gehört, was ſich zugetragen hat, und iſt dazu ge⸗ kommen, hat ſich, gleichſam als ſei ſie wahnſinnig ge⸗ worden, zu dem Verwundeten, den ſie in des Thürſtehers Stube getragen, auf die Kniee geſtürzt und— was ſie 27 ſonſt gethan und wie ſie ſich benommen hat, das will ich lieber gar nicht erzählen, denn ich müßte in ihrer Seele vor Scham vergehen— es war, als ſei ſie ihres Verſtan⸗ des nicht mehr Meiſterin geweſen. Ich ſelbſt habe es erſt durch ausdrücklichen Befehl erfahren, da ich an dem ſon⸗ derbaren Benehmen meiner Leute ſah, daß etwas Ver⸗ dächtiges dabei vorgefallen ſein mußte. Man hatte ſie zu beruhigen geſucht, ihr vorgeſtellt, daß ſie die Sorge für den Verwundeten ihnen überlaſſen müſſe— Alles um⸗ ſonſt, ſie war nicht zu bewegen geweſen, ihn zu verlaſſen, hatte ſelbſt Hand angelegt, denken Sie ſich, Karl! ihn zu verbinden, und als das geſchehen und ein Bote nach dem Arzt geſchickt war—— nun, Karl, dann hatte ſie den Leuten befohlen, ſich zu entfernen: ſie werde allein bei dem Kranken wachen!“ Die Gräfin hielt einen Moment inne, um zu er⸗ warten, was ihr Sohn äußern werde; als dieſer aber mit dem Ausdrucke tiefſter Bewegung ſein Auge ſchweigend auf ſie richtete, fuhr ſie fort:„Mein Mädchen nahm ſich heraus, ihr leiſe Vorſtellungen zu machen, was die Men⸗ ſchen davon denken müßten und ſo weiter. Sie gab aber heftig zur Antwort, was die ganze Welt davon denke, ſei ihr gleichgültig, ſie wiſſe, was ſie thue, und als das Mädchen dann meiner erwähnte, hieß es nur kurz: ich kann mir nicht helfen! und wurde der Befehl wiederholt, 2* — ſich zu entfernen, welchem dann auch das Mädchen wie alle Uebrigen zu meiner großen Unzufriedenheit gehorch⸗ ten. Freilich waren ſie daran gewöhnt, ihren Wünſchen unbedingt Folge zu leiſten, daran bin ich Schuld.— Sie blieb nun mit dem Verwundeten allein, der bis dahin, ſo verſichern wenigſtens die Leute, kein Zeichen des Lebens von ſich gegeben hatte. Wie lange es gewährt, bis der Arzt gekommen iſt, darüber widerſprechen ſich die Aus⸗ ſagen. Gewiß iſt, daß der Arzt, als er endlich erſchien, Riedau bei einigem Bewußtſein gefunden hat— und ſelbſt jetzt, es iſt ſchmachvoll! war Cajetana nicht zu bewegen geweſen, das Zimmer zu verlaſſen. Hier iſt mein Platz! Er wird ſterben, und ich darf nicht von ihm weichen! So waren ihre Worte geweſen, welche mir der Arzt mit großer Schonung endlich mitgetheilt hat; ich habe auch ihn zum Schweigen verpflichtet und kann mich auf ſeine Diseretion unbedingt verlaſſen, wovon ich ſchon aus frü⸗ hern Zeiten die ſichern Beweiſe habe. Ohne meine Auto⸗ rität konnte der Doctor hier nichts auszurichten hoffen, er ließ ſie daher, um keine noch ſchlimmere Scene herbei⸗ zuführen, gewähren und blieb nur, wofür ich ihm ſehr dankbar bin, ſelbſt gegenwärtig bis zu meiner Heimkehr. Sie können ſich meine Lage denken. Zum Glück war mir gleich, als man den Wagen kommen ſah, mein Mädchen entgegen geeilt, um mich ſo geſchickt als möglich von Allem zu unterrichten, ſonſt hätte ich vielleicht überwältigt von dem erſten Eindrucke des Unerhörten ebenfalls die paſſende Haltung verloren, durch welche allein es mir möglich wurde, die Unglückſelige wieder in die Schranken der Schicklichkeit zurückzuführen. Wie das geſchehen iſt, will ich Ihnen nicht weitläufig ſchildern, Sie können überzeugt ſein, daß ich das Rechte gefunden habe.“— Hier verſchwieg die Gräfin allerdings, was ſie ungern geſtanden haben würde, daß Cajetana auch gegen ſie den Muth des Unglücks, der nichts mehr fürchtet, weil er nichts mehr zu verlieren hat, ſtandhaft bewahrt, ja eine Zeitlang ſelbſt ihren Befehlen getrotzt hatte, bis es ihr gelungen war, die zartern Stellen zu finden, wo Cajetana zugänglich war. „Meine erſte Frage an den Arzt war,“ ſetzte ſie dann ihre Erzählung gegen den Zuhörer, der ſich hütete, ſie zu unterbrechen, ruhiger fort,„ob der Verwundete nicht in ſeine Wohnung geſchafft werden könne, da ich ihn nicht gern in meinem Hauſe behalten möchte. Seine Ant⸗ wort lautete entſchieden: Nein! Die Wunde ſei höchſt ge⸗ fährlich, der ſtarke Blutverluſt habe ihn dermaßen ent⸗ kräftet, daß er einen Transport nicht aushalten, ſondern davon unfehlbar ſterben werde. Ich war alſo zu meinem höchſten Leidweſen gezwungen, ihn in meinem Hauſe pflegen zu laſſen. Beurtheilen Sie mich nicht falſch, Karl! Ich erſcheine Ihnen herzlos, grauſam— und doch fühlte ich das innigſte Mitleid mit dem armen Max, den ich ja ſelbſt ſo lieb habe und den ich als Opfer eines traurigen Verhängniſſes gefallen ſah. Ich hätte ſelbſt über ihm weinen und ihn Tag und Nacht pflegen mö⸗ gen, da auch ſeine Schweſter, der ich es melden ließ, ſich mit Krankheit entſchuldigte, und erſt ſehr ſpät, als er be⸗ reits außer Gefahr war, ein⸗ oder zweimal erſchien!— Aber ich durfte mich ja meinen Gefühlen nicht hingeben, wenn ich nicht Alles verderben wollte, ich mußte hart⸗ herzig erſcheinen, um Cajetana, die ſich ſo unwürdig ver⸗ geſſen hatte, wieder zu ſich ſelbſt zu bringen. Ja, ich mußte endlich auch gegen Cajetana hartherzig werden und— ſie entfernen. Sie weigerte mir hartnäckig das Verſprechen, das Zimmer des Kranken nicht mehr zu betreten; ſollte ich in meinem Hauſe Gewalt brauchen, ſie einſperren, ſie behandeln, als ſie es verdiente, da ſie doch bisher wie ein zärtlich geliebtes Kind an meinem Herzen gelegen hatte? Ich wählte das mildere Mittel, Karl: Entfer⸗ nung! Sie werden mir darin gewiß beipflichten. Meine Erzählung iſt zu Ende.“ „Was hat ſie Ihnen geſtanden?“ war das erſte Wort, durch welches nun Karl Fidelis ſein bisheriges tiefes Schweigen unterbrach. „Sie hatte kein Herz mehr zu mir,“ antwortete 31 die Mutter.„Ich ſuchte ſie durch liebevolle Vorſtellun⸗ gen zu bewegen, mir ihr Vertrauen zu ſchenken— um⸗ ſonſt! Ihre äußern Zeichen der Anhänglichkeit und des Denkens konnten mich nicht rühren, ſie waren falſch. Kein Wort, das nur einen Blick in ihr Herz geſtattet hätte, floß von ihren Lippen; ſie bat mich nur immer, ſie nicht zu quälen: ſie könne mir ja nicht ſagen, wie das Alles ſo gekommen, ſie wiſſe es ja ſelbſt nicht. Da ließ ich von ihr ab und ſie iſt nun für mich verloren. Ich will nun Ihre Anſicht hören, was weiter geſchehen ſoll.“ „Sie liebt Max Riedau!“ ſagte Karl Fidelis voll tiefen Mitgefühls. „Iſt das der Fall, wie erklären Sie das Spiel mit dem Andern?“ entgegnete die Mutter.„Ueber dieſen Punkt, über die Anweſenheit Pio's und ihr Verhältniß zu ihm verweigerte ſie mir eigenſinnig jeden Aufſchluß— ſie war jedesmal außer ſich, wenn ich wieder davon ſprach und ihr das Schlimmſte vorſtellte, was ihr Schweigen ſchaden müſſe, aber ſie konnte ſich nicht zu einer Erklärung verſtehen: Beweis genug, daß ſie ſich nicht frei von Schuld fühlte.“ „Ich glaube das Gegentheil, liebe Mutter,“ erwie⸗ derte der Graf.„Wir müſſen es der Zeit überlaſſen, dieſe Räthſel zu löſen. Manches Geheimniß freilich wird mit in das Grab genommen— doch bin ich überzeugt, daß ———— Cajetana kein Vorwurf trifft.— Iſt ſie früher abgereiſt, ehe Max außer Gefahr war?“ Die Gräfin bejahte es.„Ich konnte es nicht än⸗ dern,“ ſagte ſie. „Und hat ſie Nachricht, daß er gerettet iſt?“ „Ich— weiß es nicht; ich ſtehe mit ihr in keinem Briefwechſel. Vielleicht hat ſie es auf anderem Wege erfahren.“ Karl Fidelis erwiederte nichts, er hörte es dem Tone der Antwort an, daß ſeine Frage der Mutter unangenehm geweſen war. Sie ſchwieg nun auch und Beide verfolgten eine Zeitlang den Lauf ihrer eigenen Gedanken. „Es muß aber nun ein Entſchluß gefaßt werden,“ begann ſie dann von Neuem.„Ich ſtehe im Begriff, mein Gut zu verkaufen, und damit tritt wieder die Frage an mich heran, was mit Cajetana werden ſoll. Sie abermals zu mir zu nehmen, iſt unmöglich— rathen Sie mir, Karl, was zu thun iſt.“ „Ich bin Cajetana's Vormund,“ erwiederte dieſer. „Ich habe damit Pflichten übernommen, die ich erfüllen will. Ueberlaſſen Sie mir die ganze Sorge um das arme Mädchen.“ „Sie nehmen die Sache ernſt, lieber Sohn— das iſt ganz recht; nur ſehe ich nicht recht ein, wie Sie für 22 33 ein Mädchen ſorgen wollen, beſonders da der Krieg vor der Thüre ſteht.“ „Der Krieg!“ wiederholte Karl.„O ja, der kommt ganz gewiß und hilft über viele Sorgen hinweg. Ich neh⸗ me Alles auf mich, ich bin Cajetana's Vormund, Sie ſollen von ihr befreit werden.— Was ſagte die Welt zu ihrem plötzlichen Verſchwinden?“ „Dazu gab die Bewerbung des alten Reichsgrafen den willkommenen Grund. Sie hatte ſich nicht entſchließen können, die ihr großmüthig gebotene Hand anzunehmen, und wagte, im Gefühle ihres Unwerths für ſo hohe Ehre, auch wohl ihres Undanks dafür, nicht mehr dem edlen Oheim zu begegnen, darum hatte ſie mich beſtürmt, ſie abreiſen zu laſſen. Uebrigens hatte der gute Cronberg, der ſeiner Sache allzuſicher war, ſelbſt dafür geſorgt, mir leichtes Spiel zu machen, indem er überglücklich vor Liebe bei allen Bekannten von ſeinem Heirathsproject geſprochen hatte— um ſich auslachen zu laſſen.“— Der ironiſche Ton, mit welchem ſie das vorgetragen, ging wieder in Ernſt über, als ſie fragte:„Haben ſie ſchon einen be⸗ ſtimmten Plan, lieber Karl?“ „Ehe ich Gewißheit über Alles habe,“ erwiederte er, „kann ich keinen beſtimmten Plan faſſen. Gott wird helfen.“ Sie fragte nun nach ſeinen eigenen Angelegenheiten, 34 ob es ihm wohl ergangen ſei, woran ſie im Herzen zwei⸗ felte, ohne es zu äußern, ob er ſeine Freunde in Wien ſchon geſehen habe, und wie lange er ſich hier aufhalten werde. Er beantwortete dieſe Fragen mit einiger Zer⸗ ſtreutheit: ſeine Gedanken waren noch immer von dem einen Gegenſtande in Anſpruch genommen, der ihm eine mächtige Verantwortung auf die Seele legte. Es galt, ein fremdes Schickſal geſtalten zu helfen. Zuritrs Cngitel. Auf immer. Der Präſident des Hofkriegsraths, Graf Rüdiger Stahremberg, welchen das Volk mit ſolchem Jubel be⸗ grüßte, als er dem Anſcheine nach zur Burg fuhr, würde einen noch mehr begeiſterten Zuruf gehört haben, wenn das Volk gewußt hätte, daß er nicht zu einer Sitzung der kaiſerlichen Conferenz, ſondern bereits zu einer gehei⸗ men Berathung mit den drei Feldmarſchällen, Caprara, Eugen von Savoyen und Commerch, über die zu neh⸗ menden Kriegsmaßregeln ſich begab. Der Kaiſer hatte dazu Befehl gegeben und ließ am folgenden Tage in ſei⸗ 35 ner Gegenwart die Berathung, welche noch zu keinem endgültigen Reſultat geführt hatte, fortſetzen. Leopold der Erſte ergriff ſelbſt das Wort. Das Gefühl der Für⸗ ſtenehre, die ſich gekränkt ſah, der ſchnöde Verrath, durch welchen das gute Recht des Hauſes Habsburg ver⸗ letzt, ſeines Stammes Erbtheil ihm entriſſen werden ſollte, ſchien plötzlich alle Schwäche und Bedenklichkeit des Alters, ja die gewohnte milde Ruhe von dem greiſen Monarchen genommen zu haben. Er ſprach mit einem Feuer, als ſeien ihm die Jahre der kräftigſten Jugend zurückgekehrt, er ſtellte die Lage der Dinge mit einer Klarheit vor, die ſich nicht über die Größe und Gefahr des Kampfes verblendete, welchem er entgegen trat. Ohne irgend einen Verbündeten zu haben, zog er das Schwert. Schon hatten die Seemächte den Enkel Ludwig's XIV. als König von Spanien anerkannt, ſchon hatte dieſer durch die Zuſage, die zweite Tochter des Herzogs von Savoyen zu heirathen, dieſen italieniſchen Fürſten für ſich gewonnen und ihm durch einen Vertrag den Ober⸗ befehl über das franzöſiſch alliirte Heer in Italien und reiche Hülfsgelder zugeſichert. Wer denkt hierbei nicht an die Ereigniſſe unſerer Gegenwart? Andere italieniſche Fürſten waren dem Beiſpiel des Grenzwarts von Ita⸗ lien gefolgt: die Fürſtin von Mirandola, der Herzog von Mantna hatten den Franzoſen ihre Feſten geöffnet; 36 Papſt Clemens XI. ſchien zwar neutral bleiben zu wol⸗ len, war aber auch ſchon für Philipp von Anjou gewon⸗ nen. Der ſpaniſche Gouverneur von Mailand, Fürſt von Vaudemont, obgleich er ſeine ganze Laufbahn nur der Gnade des Kaiſerhauſes verdankte, hatte dem Könige aus fremden Geblüt ſchon gehuldigt. Was aber für Kaiſer Leopold am ſchmerzlichſten war, ſelbſt deutſche Fürſten neigten ſich Frankreich zu; ſein eigener Schwie⸗ gerſohn, der Kurfürſt Max Emanuel von Baiern, mit welchem er ſo lange Zeit in den innigſten Beziehungen geſtanden hatte, war der Erſte, dies böſe Beiſpiel zu ge⸗ ben, das auch in ſpätern Zeiten zu Deutſchland's Un⸗ glück wiederholt worden iſt. Gott wolle uns gnädig vor neuen ähnlichen Erfahrungen behüten!— Der Kaiſer verblendete ſich nicht über alle dieſe Verhältniſſe; er konnte zwar auf die Zuneigung der Be⸗ völkerung in den ſpaniſchen Landen, beſonders in Mai⸗ land und Neapel, zum Hauſe Oeſterreich rechnen— un⸗ zweideutig. Zeugniſſe, die uns von franzöſiſcher Seite aufbewahrt ſind, bekundeten das— aber die Be⸗ ſatzungen, welche überall verſtärkt worden waren, hin⸗ derten jede Erhebung zu Gunſten des Kaiſerhauſes, und es galt hier erſt Eroberung des widerrechtlich entfrem⸗ deten Erbes: wie unendlich ſchwerer, als nur die Be⸗ hauptung eines ſchon beſeſſenen Landes. Dennoch ſprach der Kaiſer im Vertrauen auf ſein gutes Recht das 37 entſcheidende Wort. Es wurde beſchloſſen, ein Heer nach Italien zu ſenden, und Prinz Eugen von Savoyen ſollte den Oberbefehl über daſſelbe führen. Mit heiterm Angeſichte kehrte der Feldherr, als die Berathung aufgehoben wurde, in ſeine Wohnung zurück, unterwegs vom Volke, das ſich noch immer nicht beru⸗ higt hatte, viel tauſendfach begrüßt. Wie gern hätte er den treuen Wienern, welche für Oeſterreichs Ehre eifer⸗ ten, die Kunde zugerufen, die ihre edle Unzufriedenheit mit der Säumniß, deren Gründe ſie nicht zu würdigen verſtanden, in den begeiſtertſten Freudenſturm verwandelt haben würde! Aber noch durfte er nur mit den vertrauten Waffengefährten, die unter ihm zu hohen Commando's berufen waren, davon reden. Einer von ihnen harrte ſeiner ſchon ſeit geraumer Zeit mit Ungeduld in feinem Hauſe: es war der Prinz Karl Thomas von Vaudemont, Gene⸗ ral der Cavallerie, ein Sohn des ſpaniſchen Gvuverneurs von Mailand, von welchem oben die Rede geweſen iſt. Er war nicht geſonnen, die kaiſerlichen Fahnen zu ver⸗ laſſen, ſelbſt auf die Gefahr hin, gegen ſeinen eigenen Vater kämpfen zu müſſen; hatte er doch unter dem Dop⸗ peladler bei Szlankament den Preis höchſter Ehren durch ſeine Tapferkeit erſtritten, bei Zenta den Ruhm, einer der ausgezeichnetſten Offiziere des Heeres zu ſein! Wie freute er ſich, heute dem Prinzen Eugen, als dieſer zu⸗ rückkehrte, einen Brief ſeines Vaters vorlegen zu können, in welchem dieſer ſeinen Entſchluß billigte! Prinz Eugen las ihn und äußerte dann mit feinem Lächeln, daß er ſeinen antiken Heroismus vollkommen zu würdigen verſtehe. In der That war es wohl nur eine kluge Politik des Fürſten von Vaudemont, welcher ſich für jeden möglichen Ausgang des Krieges decken wollte: ſiegte Frankreich, ſo nahm er den Sohn unter ſeinen Schirm; ſiegte dagegen der Kaiſer und mußte Mailand ſich ihm unterwerfen, ſo konnte der Sohn für den Vater die Verzeihung des Kaiſers auswirken. Der feurige Thomas von Vaudemont dachte aber nicht an eine ſo feine Berechnung; ihm war es um die Treue und Ehre zu thun, und als ihm Prinz Eugen an⸗ kündigte, daß er die Cavallerie des nach Italien beſtimm⸗ ten Heeres führen werde, ſtrahlte ſein helles Auge vor Entzücken. Er hatte noch einen Begleiter mitgebracht, den der Oberfeldherr zu ſprechen gewünſcht, den Grafen Königsegg. Dieſer hatte während der Unterredung der beiden Prinzen beſcheiden zur Seite geſtanden, bis ihn Eugen, der ihn beim Eintritt ſchon freundlich gegrüßt hatte, nach den Angelegenheiten bei der Armee befragte, die er als Adjutant des Feldzeugmeiſters, Grafen Guido Stahremberg, genau kennen mußte. Der Prinz hatte ſich nicht getäuſcht. Wie er einſt bei Zenta den Muth 39 des jungen Reiteroffiziers in einer Lage, welche ihn zu ungewöhnlicher That entflammte, kennen gelernt hatte, ſo konnte er heute die reife Einſicht deſſelben in allgemeine kriegeriſche Verhältniſſe erkennen. Graf Königsegg wußte nicht allein jeder Frage des Prinzen nach der Vertheilung der Truppen in ihren Winterquartieren, nach ihrer Stärke und ihrem Zuſtande genauen Beſcheid zu geben, ſondern er kannte auch die Landesbeſchaffenheit, beſonders der nach Italien führenden Alpenſtraßen, in allen für Kriegs⸗ zwecke wichtigen Beziehungen, und verhehlte dem Prin⸗ zen nicht, daß es ſehr ſchwierig ſein werde, den Einbruch durch die vom Feinde wohl bewachten und beſetzten Päſſe zu erzwingen. „Wir wollen ſchon Rath ſchaffen!“ ſagte Prinz Eugen lächelnd, und es ſchwebte ihm vielleicht ſchon die Idee jenes großartigen Zuges über das für Truppen bis⸗ her unerſteigliche Gebirge vor, welcher neben den be⸗ rühmteſten Unternehmungen gleicher Art, ſelbſt Hanni⸗ bal's und Napoleon, genannt zu werden verdient. „Haben Sie Ihren jungen Riedau ſchon geſehen?“ fragte er dann, nachdem er Alles erfahren hatte, was er zu wiſſen gewünſcht.„Sie wiſſen doch von dem Unglücke, das ihn betroffen hat?“ „Ich weiß davon, gnädiger Herr,“ antwortete Kö⸗ nigsegg.„Er iſt wieder hergeſtellt.“ „Ja wohl, ich habe heut' ſeine Meldung empfan⸗ gen, daß er zu ſeinem Regiment abgehen kann. Graf Colonna mußte damals, als ihn der Mörder traf, ſeine Depeſchen übernehmen und zur Armee befördern. Es iſt in Wien unerhört, daß am hellen Tage ein Mordanfall ſtattfinden kann, von welchem ſich weder die Urſache, noch der Thäter ermitteln läßt. Riedau weiß durchaus nichts davon, wie er gewiß auch Ihnen geſagt hat.“ Königsegg verneigte ſich ſtumm. „Sie können wahrſcheinlich hald wieder abreiſen und Riedau mag darauf warten. Ich intereſſire mich für den jungen Offizier, der ſo warm empfohlen iſt und in ſeiner kurzen Laufbahn ſchon mit ſo vielen Widerwärtigkeiten zu kämpfen gehabt hat. Nehmen Sie ihn auf der Reiſe unter Ihre Obhut, Graf Königsegg, daß er ſich ſchont. Mit dem beginnenden Frühlinge werden wir friſche Kräfte brauchen.— Es verſteht ſich, daß, was hier beſprochen worden iſt, kein Gegenſtand für die Oeffentlichkeit wird, doch bedarf das wohl bei Ihnen keiner Erinnerung. Vor Ihrer Abreiſe hoffe ich Sie noch zu ſehen und Ihnen guch meinerſeits Einiges für den Feldzeugmeiſter, Grafen Stahremberg, mitgeben zu können.“ Als Königsegg, auf dieſe Weiſe gnädig entlaſſen, ſich entfernt hatte, bemerkte Prinz Eugen:„Dieſer Offizier wird gewiß einſt eine hohe Stellung im kaiſerlichen Heere 41 erreichen. Wiſſen Sie, mein Prinz, daß er Ihnen in vieler Beziehung gleicht? Gott ſchenke Ihnen Beiden nur ein langes Leben.“ „Leute, wie Karl Fidelis, werden nicht alt!“ ver⸗ ſetzte der Prinz von Vaudemont lächelnd. Graf Königsegg benutzte die freien Momente, wel⸗ che er jetzt hatte, um die Freunde zu ſehen, die er noch nicht hatte beſuchen können, und es mochte Wunder neh⸗ men, daß Leopold Trautſon unter dieſen war. Für ihn, der ihm am nächſten ſtand, hätte er doch ſchon einen Au⸗ genblick haben ſollen! Er betrat das Haus, in welchem er ſtets ein lieber Gaſt geweſen war, wie einen fremden Boden, zögernden Schrittes. Noch auf der Treppe, ehe er ſc anmelden ließ, blieb er ſtehen, gleich einem Mem ſchen, der erſt Athem und Sammlung gewinnen muß, um vor einer hohen Perſon, der er nahen ſoll, im vortheil⸗ haften Lichte zu erſcheinen. Trautſon war zu Hauſe nun bei einer Gemahlin, welche einen kleinen Kreis von Freunden und Bekannten um ſich verſammelt hatte. Als der Diener den Grafen Kö⸗ nigsegg anmeldete, entſtand eine frendige Bewegung, denn er war Keinem der Anweſenden fremd und man wußte ſchon, daß er in Wien war. Trautſon eilte ihm entgegen, um ihn einzuführen; Gräfin ſtand auf und ſagte zu dem jungen, bleichen Manne, der ihr gegenüber ſaß: 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. 3 „So dürfen wir uns doch nicht mehr für zurück⸗ geſetzt gegen Sie anſehen, Herr von Riedau.“ Max Riedau war der Erſte geweſen, welcher den Grafen Karl Fidelis nach ſeiner Ankunft in Wien geſe⸗ hen hatte, obgleich der Zufall dabei im Spiel gewe⸗ ſen war. Nichts hätte Königsegg lieber ſein können, als daß er Geſellſchaft fand. Er trat mit der ungezwungenen Hal⸗ tung ein, welche denen eigen iſt, die in vornehmen Krei⸗ ſen heimiſch ſind und ſich nicht erſt in allerlei angelernten Manieren ſpreizen, wie es die dort nur geduldeten Gäſte und Emporkömmlinge thun. Leicht die Bekannten grü⸗ ßend, die ihm zunächſt in das Auge fielen, welches nicht, wie bei den Neulingen in der großen Welt, ängſtlich und ſtarr das Ziel der erſten Reverenz ſuchte, ſchritt er auf die Dame vom Hauſe zu und bat um Verzeihung, daß er erſt jetzt ſich vorſtelle— ſie möge mit einem armen Landsknechte, der in Wien von einer Kanzlei zur andern geſchickt worden, nicht rechten. Die Gräfin hieß ihn freundlich willkommen und führte ihn in den Kreis, wo man ihm neben ihr einen Platz eingeräumt hatte. Er begrüßte nun alle Bekannte, deren jeder ein Wort, die Damen beſonders viel Fragen, für ihn hatten, und reichte Riedau die Hand. Dann erſt ſetzte er ſich und wurde für die nächſte Stunde der Mittelpunkt der Geſellſchaft, denn er kam von der Grenze, welche das vaterländiſche Heer, wie man allgemein bis jetzt nur hoffte, bald in Waffen überſchreiten ſollte, und wurde um viele Aufſchlüſſe gebeten, die doch nicht in Tirol bei den Truppen, ſondern in Wien im höchſten Rathe des Kaiſers zu finden geweſen wären; Viele hatten auch Freunde und Verwandte bei der Armee und wollten von ihnen Nachrichten haben. Königsegg befriedigte, ſo weit er konnte, alle Anſprüche, die an ihn gemacht wurden, und fand erſt ſpäter, als die Wellen, die von allen Seiten auf ihn angedrungen waren, ſich einigermaßen wieder in all⸗ gemeinere Strömung verliefen, Gelegenheit, ſich dem Freunde und deſſen Gemahlin, zwiſchen denen er ſaß, zu widmen. „Ich bin noch in einer ſchweren Schuld, gnädige Gräfin, von der ich erſt abſolvirt werden muß, ehe ich wagen darf, zu Ihnen aufzuſehen,“ begann er.„Sie haben gewiß ein hartes Urtheil über mich geſprochen, als ich— im letzten Faſching— die mir zugedachte Ehre, um welche ich beneidet worden bin— nicht anneh⸗ men konnte—“ Die Gräfin ſah ihren Gemahl an und erwiederte heiter:„Es fällt Ihnen recht ſchwer, ſich zu entſchuldi⸗ gen— man ſieht, daß Sie ein ſchlechtes Gewiſſen haben. Ich will auch gar nicht läugnen, daß ich geſcholten habe, 3* denn eine kleine Eitelkeit beſitzt jede Frau, und es war doch demüthigend für mich, verſchmäht zu werden, wenn auch des kaiſerlichen Dienſtes wegen, was eine Dame natürlich gar nicht gelten läßt. Indeſſen, wenn Sie Ihre Schuld bekennen, ſo will ich Sie feierlichſt abſolviren und wieder zu Gnaden annehmen. Das iſt abgethan, wir wollen nicht weiter davon ſprechen.“ Ihr lag freilich noch Manches, das mit jenem Feſte zuſammenhing, am Herzen, wovon ſie gar zu gern geſprochen hätte: Cajetana's Begegnung mit dem alten Reichsgrafen, deſſen verunglückte Bewerbung, mit wel⸗ chem Ausgange ſie ganz einverſtanden war, dann Cajeta⸗ na's ſchlennige Abreiſe, die ſie eigentlich nicht begriff— Alles Dinge, welche ſie im höchſten Grade intereſſirten und die ſie auch mit Königsegg glaubte beſprechen zu dürfen, weil deſſen Stiefmutter es für nöthig gehalten hatte, ihrem Gemahl einige Erklärungen zu geben. Aber in der heutigen Geſellſchaft konnte ſie natürlich ihren Wunſch nicht befriedigen. Trautſon lenkte das Geſpräch auch ſchon auf andere Dinge. Er ſagte dem Freunde, wie ſehr er ſich über ſein geſundes Ausſehen freue, die Tiroler Bergluft habe ſicht⸗ lich auch auf ihn vortrefflich gewirkt. Königsegg's erhöhte Farbe, welche er mit in dies Zimmer gebracht hatte, belebte ſich noch etwas mehr. 45 „Ich fühle mich auch ganz wohl!“ ſagte er.„Unſerm Max, hoffe ich, wird die Bergluft noch beſſere Dienſte leiſten.“* Damit zog er den jungen Riedau in das Geſpräch, welchem er bis jetzt aufmerkſam, aber ſchweigend zugehört hatte. Er erwiederte, daß er bei ſeinem Regimente gewiß in kurzer Zeit wieder vollkommen geſund ſein werde. Sein Anſehen war noch immer krankhaft genug; man konnte die Spuren eines langen und ſchweren Leidens an ſeinem bleichen Antlitz, von welchem jede Spur der einſt ſo blühenden männlichen Farbe verſchwunden war, be⸗ merken, aber ſeine Schönheit hatte darunter nicht ge⸗ litten: die Frauen ſagten ſich im Gegentheil insgeheim, daß dieſe Schönheit jetzt einen idealern Character ge⸗ wonnen habe, während ſie ſonſt allzu ſoldatiſch gewe⸗ ſen ſei. „Der Prinz von Savoyen hat mir geſagt,“ ſprach Königsegg zu ihm,„daß wir zuſammen reiſen ſollen. Ich denke, mein Aufenthalt wird nur von kurzer Dauer ſein.“ „Und das ſagen Sie uns mit einer Miene, als ſei Ihnen jeder Tag in Wien zur Laſt?“ rief die Gräfin Auerſperg, welche auch zu den heutigen Gäſten der Traut⸗ ſon gehörte.„Sie haben ſich ſehr zu Ihrem Nachtheik verändert, Graf Karl Fidelis.“ Königsegg zog ſich leidlich aus dieſer Neckerei, aber das Lächeln ſtand ihm nicht mehr recht zu Geſichte, und Trautſon's Auge ruhte unbemerkt mit innigem Antheil auf dem Freunde: die Gräfin Auerſperg hatte ganz Recht, Karl Fidelis hatte ſich ſehr verändert, wie ja auch ſchon ſeiner Mutter aufgefallen war. Er kam nun mit der Dame, die er früher oft in ſeinem väterlichen Hauſe zu Gumpendorf geſehen hatte, in ein Geſpräch, welches von ihrer Seite ſehr lebhaft geführt wurde, und ſobald ſie ſich ein wenig unbeobachtet von der übrigen Geſellſchaft „Was haben Sie zu dem Ungeheuer geſagt, das uns, wie in Arioſt's Mährchen, das reizendſte Kind aus unſerm Kreiſe geraubt hat? Sie wiſſen, ich ſpreche vom Grafen Cronberg und der ſchönen Cajetana.“ „Geraubt hat er ſie wohl nicht—“ „Aber verſcheucht, vertrieben, als er ſeine Fänge wie ein Raubvogel nach ihr ausſtreckte! Sie ſind doch von Allem unterrichtet, was ſich während Ihrer Abwe⸗ ſenheit zugetragen hat?“ Offenbar war ſie es nicht, und wollte vielleicht die Lücken ihrer Einſicht durch Königsegg füllen laſſen, aber er wich ihr vorſichtig durch einige allgemeine Worte aus, welche es zweifelhaft ließen, ob er ihre Wißbegierde nicht befriedigen konnte oder wollte. Sie ſprach dann von Riedau und erinnerte ſich, einſt bei Tafel in Gumpendorf von ihm eine intereſſante Erzäh⸗ 47 lung über eine Pfeilnarbe gehört zu haben, die ſonſt auf ſeiner Stirn ſehr deutlich, wie eine blaue Schlange, zu ſehen geweſen— nun aber merkwürdiger Weiſe ver⸗ ſchwunden ſei. „Die ſchwere Verwundung, welche der Arme er⸗ litten, ſcheint ihm alles böſe Blut entfernt zu haben,“ ſagte ſie,„und das iſt ein wahres Glück, denn wie ich ſpäter von Ihrer Frau Mutter gehört habe— die Ge⸗ ſchichte wurde damals unterbrochen und nicht recht be⸗ endigt— ſollte die Narbe, welche von einem vergifteten Pfeile herrührte, früher oder ſpäter eine große Lebens⸗ gefahr über ihn bringen. Doch Sie kennen das Alles wohl aus dem Kriege viel beſſer, als ich.“ Königsegg erklärte, daß er allerdings die Sache in Ungarn mit erlebt und ebenſo wenig, als Riedau ſelbſt, auf die abergläubiſchen Reden dabei etwas gegeben habe; es ſei ihm noch nicht aufgefallen, worauf ihn die Grä⸗ fin aufmerkſam gemacht, doch ſcheine es ihm jetzt auch, als ſei jede Spur der Narbe verſchwunden und ſomit das Gift beſeitigt. „So hat der Mordanfall doch etwas Gutes für ihn gehabt,“ ſagte die Gräfin. „Er kann ihm das Glück gebracht haben!“ ver⸗ ſetzte Karl Fidelis, und als ihn die Auerſperg, von ſei⸗ nem Tone verwundert, fragend anſah, fügte er beſonne⸗ ner hinzu:„Sagten Sie nicht ſelbſt, daß er ſeine Le⸗ bensrettung vor dem Gifte, das er noch im Blute trug, einzig dieſer letzten Wunde verdanke?“ „Das glaube ich ganz gewiß,“ erwiederte ſie.„Aber hat er denn ſelbſt gar keine Ahnung,“ fragte ſie leiſer, „wer ihm dies Bubenſtück bereitet hat? Kann ſich Ihrer Frau Mutter alle Spur entzogen haben, welche zur Ent⸗ deckung des Meuchelmörders führen könnte? Der junge Mann hat doch lange Zeit, wenn ich nicht irre, wochen⸗ lang in ihrem Hauſe gelegen, ehe es möglich war, ihn ohne Lebensgefahr nach ſeiner eigenen Wohnung zu ſchaf⸗ fen; ſollte er dabei gar keine Aeußerungen gethan ha⸗ ben, vielleicht Aeußerungen in ſeinen Fieberträumen, welche gar lange anhielten? Wenn man ſich entſchließen könnte, nur die geringſte Spur anzugeben, die ſich ver⸗ folgen ließe, ſo würde der junge Mann, der ſich des all⸗ gemeinen Antheils erfreut, die kräftigſte Unterſtützung bis in die höchſten Kreiſe finden. Ihr Freund, der Obriſt⸗ kämmerer, wird Ihnen ſagen, daß der römiſche König über dieſe freche That in der Hauptſtadt außer ſich gewe⸗ ſen iſt. Da aber von Seiten des Betheiligten und derer, welche vielleicht einen Faden durch das Labyrinth beſitzen, ſo gar nichts geſchehen iſt, der Unterſuchung einen Wink zu geben, ſo hat ſie natürlich zu keinem Reſultate geführt. Es wäre eine Freundespflicht, Graf Karl, wenn Sie 49 etwas wüßten, hier ohne alle Rückſicht zu handeln, denn wenn das Verbrechen auch diesmal nicht geglückt iſt, ſo kann es das nächſtemal ſich um ſo gewiſſer erfüllen. Wer ſich einmal ein Opfer erkoren hat, der gibt es ſo leicht nicht auf.“ „Ich bin erſt ſo kurze Zeit hier, gnädigſte Gräfin, und habe von Riedau ſelbſt nichts erfahren können.“ „Wohlan, aber ganz im Vertrauen!“ ſagte die Auerſperg, und näherte ſich ihm noch mehr, ſo daß es un⸗ möglich war, von der Geſellſchaft, welche in Gruppen eine lebhafte Unterhaltung führte, gehört zu werden.„Ich will Ihnen ſagen, was ich denke. Eine Aeußerung, welche unſere kleine liebenswürdige Wirthin that, als ſich zuerſt dieſe ſchreckliche Nachricht verbreitete, hat mich zuerſt auf die richtige Idee gebracht. Die Gräfin Trautſon rief in der erſten Entrüſtung: Das kann keine deutſche Hand ge⸗ than haben! Die Aeußerung erregte Aufſehen, da in der Geſellſchaft, wo wir vereinigt waren, ſich mehrere Her⸗ ren und Damen italieniſcher Herkunft befanden: wir lieb⸗ koſen ſie ja überall und ernten nur Undank! Ich ſuchte die kleine Pauſe, welche entſtand, ſchnell zu füllen, aber das Wort gab mir zu denken. Ich entſann mich, daß Rie⸗ dau im Hauſe Ihrer Frau Mutter mit einem italieni⸗ ſchen Conte zuſammen getroffen war, der ihn mit einer gewiſſen verletzenden Manier gereizt hatte; ich erinnerte mich eines Abends in meinem eignen Hauſe, wo derſelbe Graf die reizende Cajetana, welche bei mir zum Erſten⸗ male in Geſellſchaft erſchien, mit einer wahrhaft italieni⸗ ſchen Dreiſtigkeit verfolgte, und Riedau, welcher von mir eine Einladung erhalten hatte, das Paar mit Blicken be⸗ obachtete, die er nicht zu beherrſchen verſtand— zum Glück ſcheint es außer mir Niemand bemerkt zu haben, ſonſt würde darüber wohl Einiges verlautet ſein. Das war nun freilich vor langer Zeit geſchehen, und ich konnte mir keine Rechenſchaft geben, warum mein Gedanke gleich darauf fiel, aber es gibt ſolche wunderbare Momente der Erkenntniß, in denen die Ahnung das Rechte trifft, und ich ſpreche Ihnen meine feſte Ueberzengung aus, daß ich den römiſchen Grafen— er heißt Pio Colonna— wenn auch nicht für den Anſtifter der That, aber ſtark dabei betheiligt halte.“ „Gnädigſte Gräfin!“ entgegnete Königsegg betrof⸗ fen,„das iſt eine ſchwere Beſchuldigung!“ „Ich weiß Alles, was Sie ſagen wollen, ich habe es aber auch nur gegen Sie, ſonſt gegen keinen Menſchen geäußert. Man wird auf unſer abgeſondertes Geſpräch aufmerkſam— brechen wir es ab.“ Sie ſprach ſogleich lau⸗ ter von ganz andern Dingen, und es fand ſich keine Ge⸗ legenheit mehr, ungeſtört wieder auf das Thema zurück⸗ zukommen. Als die Geſellſchaft ſich trennte, bat Trautſon den Freund, morgen Mittag mit ihm zu ſpeiſen, da er noch ſo viel mit ihm zu beſprechen habe, und da er bemerkte, daß Königsegg mit der Zuſage zögerte, ſetzte er hinzu: „Ich rechne um ſo beſtimmter darauf, als ich ganz allein bin. Meine Frau wird mit unſerm Töchterchen einen kleinen Ausflug machen.“ Da verſprach Karl Fidelis zu kommen. Er ging mit Riedau zuſammen. Dieſer hatte ſich beſcheiden zurückhalten wollen, aber Graf Königsegg for⸗ derte ihn auf, ihn zu begleiten.„Wenn Sie nicht ſchon zu müde ſind, kehren Sie noch auf eine Weile bei mir ein! Wir werden ja nun als gute Cameraden zuſammen halten.“ Max antwortete mit offener Zuſtimmung und ging mit dem Grafen durch die ſchweigenden Straßen; es war bereits ziemlich ſpät. Anfangs ſprach Königsegg viel, beſonders über die große Frage des Tages; nach und nach hörte er mehr zu, während Riedau auf ſeine Anregung Beſcheid gab, ſchien dann zerſtreut zu ſein und wurde endlich ganz ſtill. Beide gingen zuletzt eine lange Strecke ſchweigend neben einander her, bis ſie die Woh⸗ nung des Grafen erreichten. Hier ſchien dieſer zur Beſinnung zu kommen; e reichte Max die Hand und ſagte:„Verzeihen Sie! Mir r 7 52 ging ſo viel durch den Kopf— auch Sie haben wohl viel zu überdenken gehabt. Treten Sie ein.“ Der Diener, welcher die Kerzen auf den ſilbernen Armleuchtern angezündet hatte, erhielt Befehl, noch Wein zu bringen, und Königsegg füllte die Becher.„Auf Ihr Glück, Mar!“ ſagte er, den ſeinigen erhebend. „Lieber auf einen ehrlichen und ſiegreichen Krieg, Herr Graf!“ entgegnete Riedau. Beide thaten Beſcheid.—„Wir ſind Soldaten und wollen als ſolche ohne alle Winkelzüge offen mit einander reden,“ begann Königsegg.„Verſprechen Sie mir das.“ „So weit ich es kann: ja!“ erwiederte Max. „Wiſſen Sie wirklich nicht, wer Ihnen dieſe heim⸗ tütiſche Wunde beigebracht hat?— Ich will Ihnen gleich ehrlich ſagen,“ ſetzte er ſchnell hinzu,„daß meine Mutter mir Alles erzählt hat, was ſich damals in ihrem Hauſe begeben, ich bin daher, ſoviel ſie davon weiß, unterrichtet, und wäre das auch nicht, ſo kennen Sie mich, daß Sie zu mir mit vollem Vertrauen reden können. Wir halten dann Kriegsrath zuſammen.“ In Riedau's bleiches Geſicht ſtieg eine leichte Röthe empor, welche unverkennbar ſeine innere Bewegung be⸗ tundete.„Ich kann Ihnen nur ſagen, daß ich nichts weiß,“ erwiederte er. 53 „Sie haben den Grafen Colonna im Hauſe mei⸗ ner Mutter getroffen—“ „Ja!“ antwortete Max mit kurzem, feſtem Tone. „Sie haben ſich verwundert, wie er in Abweſenheit meiner Mutter, wo Cajetana ganz allein war, aus deren Zimmern kommen konnte—“ Bei Cajetana's Namen zuckte es über Riedau's Züge— der Graf glaubte darin einen bittern, wenigſtens ſchmerzlichen Ausdruck zu bemerken, und fühlte ſich in ſei⸗ ner shite beſtärkt.„Wenn Graf Colonna dort ge⸗ weſen iſt,“ erwiederte Max,„ſo hat er ein Recht dazu gehat, und da ich das weiß, ſo habe ich gar keine Ur⸗ ſache gehabt, mich darüber zu verwundern.“ „Jetzt antworten Sie mir, Max, wie Sie es einem Bruder, den Sie lieb haben, thun würden,“ ſagte Karl Fidelis, indem er Riedau's Hand ergriff.„Nicht wahr, Cajetana iſt Ihnen nicht gleichgültig?“ Max erröthete tiefer.„Ich habe noch keine Lüge ge⸗ ſprochen,“ erwiederte er und ſeine Stimme bebte.„Ja, Herr Sie mich ſo fragen— ich nehme an dem Fräulein von Cronberg ben höchſten Antheil— „O das klingt kalt und fremd! Sprechen Sie es aus, Sie haben ſich Ihres Gefühls nicht zu ſchämen. Sie lieben Cajetana!“ „Und wär' es ſo,“ rief Max in tiefer Bewegung, „warum forſchen Sie danach?“ „Wenn Sie Cajetana lieben, ſo vertrauen Sie ihr auch! Sie glauben nichts Unlaut'res von ihr, wie ſehr auch der Schein gegen ſie ſein könnte! Nicht wahr, Max?“ „Wie ſollt' ich anders von ihr denken!“ rief Max. „Kein Schatten eines falſchen Scheins iſt in meine Seele gekommen!“ „Nun denn, ſo wollen wir einſtweilen Alles auf ſich beruhen laſſen,“ ſprach Königsegg warm.„Ich weiß, was ich wiſſen wollte— mehr bedarf ich nicht. Sie lieben Cajetana und vertrauen ihr!“ „Herr Graf“— begann Riedau, plötzlich beunru⸗ higt—„hier könnte ein Mißverſtändniß entſtehen, das dem Fräulein von Cronberg nachtheilig ſein würde. Sie könnten zu dem Glauben kommen, als ſei irgend etwas geſchehen von meiner Seite— das, was in meinem In⸗ nern lebt, ihr zu offenbaren! Ich gebe Ihnen mein Wort,“ fuhr er lebhafter fort,„daß ſie keine Ahnung haben kann und daß ich nicht den geringſten Anlaß habe, das Fräulein mag handeln, wie es will, mich dadurch für gekränkt zu halten—“ „Auch das weiß ich, Max,“ erwiederte Königsegg freundlich.„Zwiſchen Ihnen hat nie eine Verſtändigung 55 ſtattgefunden; Sie wiſſen nicht, ob Cajetana Ihre Neigung erwiedert.“ „Doch, doch!“ verſetzte Riedau feſt.„Darin glaube ich, keiner Täuſchung zugänglich zu ſein. Das Fräulein von Cronberg iſt fern davon, mir irgend einen Antheil, als den einer Freundlichkeit, die ſie Jedermann ſchenkt, zu weihen. Ich weiß das, Herr Graf, und habe meine klaren Gründe dazu.“ „Sie glauben, ihr Herz iſt nicht mehr frei— Sie meinen, Graf Colonna beſitzt ihre Zuneigung.“ „Ich habe Ihnen Aufrichtigkeit verſprochen. Ja, das glaube ich.“ Der Graf unterdrückte eine raſche Antwort, die ihm auf die Zunge treten wollte.—„Ich habe freilich keinen Grund, Ihnen zu widerſprechen,“ ſagte er.„Wir laſſen denn Alles einſtweilen auf ſich beruhen— auch Ihre Ver⸗ wundung. Ich ahne und ehre das Gefühl, das Ihnen wehrt, darüber zu ſprechen. Die Zeit wird auch das auf⸗ klären. Fühlen Sie ſich nun wieder ganz kräftig? Wer⸗ den Sie die Mühſal unſerer weiten Reiſe gut ertragen?“ „Ich ſehne mich fort von hier!“ erwiederte Max. „Wär's nur erſt Frühling, denn eher beginnt der Krieg doch nicht!“ „Trauen Sie ſo unbedingt auf Krieg?“ fragte der raf. 5 „Wie könnte es anders ſein, wo Oeſterreichs Ehre auf dem Spiele ſteht!“ rief Mar feurig. „Wohl! Ich hoffe auch auf Krieg— der allein kann Allem ein Ende machen,“ ſagte Karl, indem er nochmals ſeinen Becher gegen Riedau hob.„Auf einen guten Aus⸗ gang und Eingang!“ Es klang aus ſeinen Worten ein ganz eigener feierlicher Geiſt, welcher jedoch für Max un⸗ verſtändlich blieb. Bald darauf ſchien es dieſem an der Zeit aufzubre⸗ chen, und beim Abſchiede fragte ihn Königsegg noch leicht⸗ hin nach ſeiner Pfeilnarbe, die er Jahrelang getragen und die nun auf einmal verſchwunden ſei. „Ich habe ſie ſelbſt vermißt, als ich zum Erſtenmale wieder mein Geſicht im Spiegel beſchauen konnte,“ er⸗ wiederte Max lächelnd.„Das Gift wird mir wohl mit dem Blute abgezapft ſein, und das dumme Gerede des alten Kumanen, der mir noch viel Uebles davon prophe⸗ zeite, iſt nun zur Lüge geworden.“ Prittes Cnpitel. Böſe Verfolgung. Es verging noch eine lange Zeit, ehe Graf Königs⸗ egg die gewünſchte Abfertigung erhielt, um die Rückreiſe zum Heere, das mittlerweile bedeutend verſtärkt worden war, antreten zu können. Er mußte in Wien Wochen verleben, die ihm zur Ewigkeit wurden. Man zog ihn in die Geſellſchaften, welche er ſonſt durch ſeinen Geiſt und ſeine muntere Laune belebt hatte, und wie gern er auch jede Gelegenheit ergriff, ſich ihnen zu entziehen, konnte er es doch nicht vermeiden, in verwandten oder nah' be⸗ freundeten Häuſern zu erſcheinen. Darum dankte er be⸗ ſonders ſeinem Freunde Trautſon, daß er ihn mit förm⸗ lichen Einladungen verſchonte, nachdem er ihn bei dem Mittage, wo er mit ihm allein ſpeiſte, ein für allemal gebeten hatte, zu kommen, wenn es ihm beliebe. Das that er denn zuweilen, aber nur, wenn er Trautſon allein wußte oder einen zahlreichen Kreis dort verſammelt fand. Trautſon verſtand ihn, das ahnte aber Karl Fidelis nicht, ſonſt würde es ihn ſchwer betroffen haben. An jenem Mittage hatte er noch Manches erfah⸗ ren, was ihm don Intereſſe war. Trautſon hatte ihm 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. 4 von Cajetana's kurzem und glänzendem Auftreten in der großen Welt erzählt, auch von der Werbung des alten Reichsgrafen, der ſich, als ſie geſcheitert war, tief gedeh⸗ müthigt in ſeine böhmiſchen Wälder zurückgezogen hatte, dort aber, wie Graf Wratislaw berichtet, der ihn ein⸗ mal beſucht, noch immer von kindiſcher Leidenſchaft für die ſchöne Cvuſine geplagt ſei und die Hoffnung, daß ſie endlich doch die Seine werden könne, keineswegs auf⸗ gegeben habe. Dann war von Cajetana's frühern Ver⸗ hältniſſen die Rede geweſen. Trautſon erzählte, daß der alte Mann, welcher in ihres Vaters Dienſt geſtanden und dann hier als Raubſchütz eines Mordes verdächtig geworden, endlich doch gefänglich eingebracht und im Kerker geſtorben ſei, was Königsegg mit beſonderm An⸗ theil hörte, weil damit nun alle Hoffnung genommen war, jemals etwas über gewiſſe unglückliche Beziehungen des Rittmeiſters von Cronberg zu Riedau's Vater zu er⸗ fahren.„Was iſt aus der Tochter geworden? Iſt ſie nicht mit dem bewußten Ringe hervorgetreten?“ fragte er. „Du hatteſt viel Noth um ſie.“ Trautſon erzählte von Kathi, daß ſie ihm den Ring hatte zuſtellen laſſen, um dafür ihres Vaters Freiheit zu fordern, daß aber der König natürlich Bedenken getragen, bei ſo ſchwerer Beſchuldigung, als auf dem Alten laſtete, in den Gang des Rechts einzugreifen, und die Tochter anſtatt der geforderten Auslöſung reichlich zu entſchädigen, auch für ein ehrliches Unterkommen zu ſorgen befohlen habe. Sie aber ſei dem ausgewichen, und durch Riedau, welchem ſie ſich zuerſt entdeckt, durchaus nicht zu be⸗ wegen geweſen, zu ihm, dem Grafen, zu kommen— bis ſie endlich freiwillig ſich zum Gefängniß geſtellt habe, als ſie auf räthſelhafte Weiſe erfahren, daß ihr Vater im Sterben liege. Das ſei dann weiter gemeldet worden und erſt nach einigen Wochen, als der Alte längſt ein⸗ geſcharrt geweſen, zu ſeiner Kenntniß gelangt; unterdeſſen habe das Gericht erſt ein einziges oberflächliches Ver⸗ hör mit dem Mädchen angeſtellt und ſich wahrſcheinlich in Verlegenheit befunden, was eigentlich mit ihr anzufangen ſei; da habe er denn dem Könige Meldung gemacht und von ihm Autoriſation erhalten, zu thun, was er etwa für paſſend erachte. Kathi ſei hierauf zu ihm geführt wor⸗ den und er habe mit ihr ein langes Geſpräch gehabt, das für ihn, er könne es nicht läugnen, höchſt intereſſant geweſen ſei. „Lache nicht!“ ſagte er zu Königsegg.„Es war mir allerdings intereſſant, hier ein weibliches Gemüth zu erkennen, das bei aller Verwilderung eines geſetzloſen Le⸗ bens, in das es durch den Vater gerathen war, dennoch die echten Frauentugenden der Demuth, der Sittſamkeit und Treue bewahrt hatte. Mit welcher Anhänglichkeit 4* ſprach ſie von ihrem Fräulein, wie ſie Cajetana nannte, wie heiß war ihr Wunſch, einſt ihr zu dienen, wie es ihr Cajetana auch verſprochen habe—“ „Und kann man ihr dieſen Wunſch nicht gewähren?“ unterbrach ihn Königsegg. „Cajetana war längſt nicht mehr in Wien, und Du vergißt, daß Deine Frau Mutter niemals eingewilligt hätte, dies unglückliche Mädchen in ihr Haus und gar in den Dienſt ihrer Nichte, für welche Cajetana doch in der Welt noch galt, eintreten zu laſſen.— Ich habe denn ſchon meinem königlichen Auftrage gemäß handeln und ſelbſt für ein ehrbares Unterkommen für ſie ſorgen müſſen, da ſie mir geſtand, daß ſie nun, nachdem ihr Vater ge⸗ ſtorben ſei, in der ganzen Welt keinen Blutsverwandten mehr habe, grade wie ihr Fräulein, und daß nur eine alte Soldatenwitwe vielleicht ſie noch bei ſich aufnehmen werde. Meine Frau, die ihre Geſchichte kannte, intereſſirte ſich auch für ſie und ließ ſie ſich vorſtellen; Kathi machte ihr einen guten Eindruck, und ſo wurde denn beſchloſſen, daß ſie einſtweilen in unſerm Hauſe bleiben ſollte. Nie⸗ mand wußte um ihre Herkunft; ich hatte Sorge getra⸗ gen, daß Niemand erfuhr, von wo ſie unmittelbar zu mir geführt worden war, ſie ſelbſt beſaß von ihrem gefahr⸗ vollen Leben her eine ungemeine Schlauheit, wie ich ſchon im Geſpräch bemerkt hatte, und ſo fiel es denn nicht auf, 61 daß ſie, als ein ſteyriſches Landmädchen, angeblich von den neuen Gütern, die mir aus der Weißenwolffſchen Erbſchaft zugefallen ſind, in den Dienſt unſeres Hauſes als Magd genommen wurde. Es traf ſich, daß ſie wirk⸗ lich aus Steyermark gebürtig iſt und dort ſehr genau Beſcheid weiß, ja auf dem einen unſerer Güter faſt hei⸗ miſch geweſen iſt, ſo daß alſo niemals eine Verlegenheit für ſie entſtehen kann.“ „Sie iſt alſo hier! Ich möchte ſie wohl ſprechen,“ ſagte Königsegg. „Jetzt iſt ſie grade mit meiner Frau abweſend,“ antwortete Trautſon.„Doch wird ſich wohl vor Deiner Abreiſe noch Gelegenheit finden, ſie über das, was Dich intereſſirt, zu befragen— es iſt doch über Cajetana's Fa⸗ milienverhältniſſe? Ich fürchte nur, Du wirſt nicht viel erfahren; ihr Vater hätte wohl mehr ausſagen können, aber deſſen Mund iſt nun auf ewig geſchloſſen.“ „Du haſt Recht!“ ſagte Karl Fidelis.„Es würde das Mädchen nur erſchrecken, wäre im Grunde von mei⸗ ner Seite unſchicklich und könnte doch zu nichts führen. Ich gebe den Gedanken auf.“ Beim Abſchiede hatte ihn dann eben Trautſon ge⸗ beten, ohne Einladung wiederzukommen, wann es ihm lieb ſei, aber wir wiſſen, in welcher Weiſe Königsegg dieſe Einladung benutzte. Wochen vergingen, der Winter traf 62 ein, das Jahr neigte ſich zu Ende, und immer noch konnte der Hofkriegsrath nicht mit den Entwürfen und Arbeiten fertig werden, für welche der Adjutant des Feldzeug⸗ meiſters Grafen Quido Stahremberg, welcher über alle Verhältniſſe des in Süd⸗Tirol zuſammengezogenen Corps genau unterrichtet war, die Materialien geben, mancher Anfrage genügen, ſelbſt manches Promemoria ſchreiben mußte. Er wurde daher bis in den Beginn des folgenden Jahres zu Wien feſtgehalten und mußte den ungeduldigen Riedau, welcher ihm nun einmal durch ausdrücklichen Be⸗ fehl beigeſellt war, von einer Friſt zur andern vertröſten. Dieſer Befehl hätte ſich wohl bei ſo veränderten Umſtän⸗ den aufheben laſſen, aber der fürſtliche Regiments⸗In⸗ haber, zu welchem einmal Königsegg bei einer Audienz davon ſprach, ſchien nicht darauf eingehen zu wollen. „Es iſt ihm beſſer, er bleibt bis zu Ihrer Abreiſe,“ ſagte er.„Bei meinem Regiment iſt er noch fremd, er hat jetzt noch gar nichts dort zu thun. Ich werde Ihnen noch eine Inſtruction für ihn geben, Graf Königsegg, wenn Sie abgehen.“ Das klang beinahe, als ſei das Wohlwollen, wel⸗ ches Prinz Eugen für Max gezeigt hatte, wieder erloſchen, und doch, wer die Beweggründe zur Verſagung des Wun⸗ ſches, welcher Riedau beſeelte, gekannt hätte, würde darin eben nur das reinſte Wohlwollen geſehen haben. Max war unmuthig, als ihm der Graf die abſchlägige Antwort des Prinzen mittheilte, und machte daraus ſelbſt gegen Kö⸗ nigsegg kein Hehl, wie wenig es auch für dieſen ſchmei⸗ chelhaft war, daß er die Ehre, in ſeiner Begleitung zu bleiben, ſo gering anſchlug. Karl Fidelis war aber fern von ſo kleinlichen Empfindungen. „Wollen Geduld haben, Mar!“ ſagte er ihm.„Un⸗ ſere Zeit wird ja auch kommen.“ Endlich kam ſie. Der Tod des Hofkriegsrathsprä⸗ ſidenten führte ſie herbei. Rüdiger Graf Stahremberg, der greiſe Kriegsheld, welchem die Kaiſerſtadt ihre Erhal⸗ tung gegen Kara Muſtapha zu danken hatte, beſchloß ſein ruhmvolles Leben, das er bis in das Alter friſch und heiter zu bewahren gewußt. Die Stockung der laufenden Geſchäfte, welche dadurch entſtand, bis die Allerhöchſte Entſchließung den Nachfolger, den alle Welt ſchon in dem Fürſten Mannsfeld bezeichnete, ernannt haben würde, ließ es für gerathen erſcheinen, dem Commandirenden in Tirol einſtweilen diejenigen Anordnungen zuzufertigen, mit denen man bis dahin zu Stande gekommen war, und ſo erhielt denn Graf Königsegg eines Morgens über⸗ raſchend den Befehl, ſich zur Abreiſe binnen drei Tagen bereit zu halten. Er bedurfte dazu keiner großen Anſtal⸗ ten, und Mar Riedau, welchen er ſogleich davon benach⸗ richtigte, noch weniger. 64 Während Königsegg in Folge dieſer Kunde wenig⸗ ſtens ſeine nöthigſten Abſchiedsbeſuche machte, fand Rie⸗ dau endlich wieder einmal bei ſeiner Schweſter Zutritt, welche er ſeit ſeiner Verwundung überhaupt nur einmal geſprochen hatte, da er, als ſie ihn widerſtrebend im Hauſe der Gräfin Königsegg auf dem Krankenlager be⸗ ſucht, noch nicht bei voller Beſinnung geweſen war. Sie wollte ihn eigentlich auch heute nicht vorlaſſen, ſondern mit einer leichten Entſchuldigung abweiſen; er ließ ihr aber ſagen, daß ſie ihn vielleicht zum Letztenmale ſehen werde, und ſo gab ſie denn nach, ja ſie kam ihm mit einer gewiſſen Herzlichkeit entgegen, welche er an ihr längſt nicht mehr gewohnt war. „Sollen wir uns wirklich zum Letztenmale ſehen, Mar? Gehſt Du nun in den Krieg?“ fragte ſie, indem ſie ihm die Hand reichte.„Ich wollte, ich wäre ein Mann und könnte Dich begleiten.“ „Ja, Anna,“ erwiederte er in dem gleichen Tone, vor welchem ihm das Herz aufging und die unvergeſſenen Gefühle aus der Kindheit wohlthuend erwachten.„Wir wollten als Brüder treu zuſammenhalten! Aber da es doch nun einmal anders iſt, ſo freue ich mich, Dich in Deiner ehrenvollen Lage wohl geborgen zu wiſſen.“ „Meinſt Du?“ verſetzte ſie.„Doch ich will nicht zu Dir klagen. Biſt Du nun wieder ganz geſund?“ 65 „Gott ſei Dank, ja!“ verſicherte er. „Ja wohl, Gott ſei Dank!“ wiederholte ſie aus tiefſter Bruſt.„Wer an Deinem Unglück Theil oder Schuld hat, müßte ja ſonſt vor Gram vergehen.—— Biſt Du für den Krieg auch mit Allem verſorgt? Kann ich Dir nicht noch Manches beſorgen? Ihr Männer denkt an nichts; ich bin Deine ältere Schweſter und möchte Dich nicht ſchlecht verſorgt in den kalten Winter hinausziehen laſſen!“ Sie fragte mit einer wahrhaft mütterlichen Sorglichkeit nach ſeiner Ausſtattung mit den nöthigſten Bedürfniſſen für die Reiſe und den Feldzug; er dankte ihr und beruhigte ſie darüber. „Haſt Du der Gräfin ſchon Lebewohl geſagt?“ fing ſie dann mit einer ſchon veränderten Miene an. Er verneinte es, da er den Grafen gebeten habe, ſeine Mutter erſt zu fragen, ob und zu welcher Zeit ſie ihn noch einmal empfangen wolle. „Die Cronberg findeſt Du nicht mehr dort— weißt Du das?“ „Ich weiß es, Anna,“ erwiederte er— ſo gern hätte er ſie von dieſer Richtung abgelenkt, aber er war rathlos, wie er das anſtellen ſollte. „Hat man Dir erzählt, warum ſie nicht mehr hier bleiben, nicht mehr in der vornehmen Welt, deren Para⸗ 66 diesvogel ſie ja war, erſcheinen konnte?“ fragte Anna, immer mehr in ihr gewohntes Weſen zurückfallend. „Mir hat die Gräfin geſagt, daß Fräulein von Cronberg verreiſt iſt— wie hätte ſie mir weiter etwas ſa⸗ gen ſollen? Hatte ich danach zu fragen?“ „Vielleicht doch!“ entgegnete Anna, ohne ihn an⸗ zuſehen.„Ich will Dir das Mährchen erzählen, das man den Leuten aufgeſchwatzt hat. Der alte Cronberg— Du kennſt den Narren nicht, ich aber habe ihn geſehen, wie er als ein wahrer Polieinello aus einem italieniſchen Maskenſpiel ſich am Hofe dick und breit dem Gelächter preisgab— dieſer alte Hageſtolz ſoll ſich in das glatte Lärvchen, das ihm beſtens herausſtaffirt an den Arm gehängt wurde, verliebt und ihr ſeine Hand geboten ha⸗ ben!— Denke Dir, Max, wie mir das Herz in der Bruſt ſprang, als ich davon hörte! Denn es war dafür geſorgt worden, daß es, wahr oder erlogen, recht weit, bis in die Dienerſtuben, alſo auch bis zu mir! verbreitet wurde. Mir lachte das Herz dabei in der Bruſt, denn wenn es die Wahrheit war und das Mädl, wie es nicht anders ſein konnte, ohne ſich zu beſinnen, zugriff— dann, Marx, dann war ſie reich und wir konnten auftreten und for⸗ dern, daß ſie ihres Vaters Schandthat an uns wieder gut machte—“ 67 „Anna, ich bitte Dich!“ rief Max, von ihrem lei⸗ denſchaftlichen Weſen erſchreckt. „So ſtand es, und ich wäre dann des verhaßten Dienens als Magd ſelbſt bei einer Königin überhoben geweſen, meine eigene Herrin, alt und häßlich genug, um mir einen Hausſtand für mich ganz allein zu ſchaffen, ohne übler Nachrede ausgeſetzt zu ſein! Da bereute ich, was ich ſchon, ehe ich von dieſer Ausſicht etwas wußte— doch das will ich für mich behalten. Es kam ja auch Alles anders. Die Leute ſagen, ſie habe die Hand des reichen Mannes ausgeſchlagen, und um allen Verlegen⸗ heiten zu entgehen, ſei ſie dann abgereiſt— wohin, das verſchweige die Frau Tante weislich, damit ihr der arme verliebte Narr nicht nachſetze, um ſie mit Gewalt als ihr Geſpons heimzuführen! Iſt das nicht luſtig, Max?“ „Warum erbitterſt Du Dich immer von Neuem gegen eine Schuldloſe?“ fragte der Bruder mit leichtem Vorwurfe, obſchon er durch ihre gehäſſigen Worte tief verletzt war. „Eine Schuldloſe!“ lachte ſie auf.„Nun, Marx, ich will Dir die Augen öffnen. Sage mir nichts, gegen mich kannſt Du Dich nicht verſtellen, ich weiß, wie Alles ſteht! Wäre das Unglück geſchehen— was Gott verhütet hat— und Du als Opfer gefallen—— ſo würde ich auf ewig geſchwiegen haben; es wäre dann ja auch für mich nichts 68 anderes in der Welt übrig geblieben, als in ein Kloſter zu gehen und Buße zu thun mein Lebelang. Nun Du aber lebſt und kräftig biſt, muß ich reden. Ich habe als Deine Schweſter dieſe Pflicht.— Willſt Du wiſſen, was der Grund iſt, daß ſich Dein ſchuldloſes Fräulein aus Wien entfernt hat?“ „Ich habe nicht danach zu fragen und bitte Dich, Deinem Grolle nicht weiter Raum zu geben! Laß uns in dieſer Abſchiedsſtunde von andern Dingen reden.“ „O nein! Grade weil es unſere Abſchiedsſtunde iſt, muß ich Dir Alles ſagen. Wenn es auch ein bitterer Trank iſt, er wird Dich heilen. Höre denn! Die Cron⸗ berg hat ein heimliches Verhältniß mit dem Grafen Co⸗ lonna gehabt, ſie hat ihn bei ſich geſehen, wenn die Grä⸗ fin nicht zu Hauſe war— unterbrich mich nicht! Die Gräfin hat davon Beweiſe und Du— biſt ihm ja dort begegnet! Du ſiehſt, ich weiß Alles. Graf Colonna iſt durch ein Billet eingeladen worden zum Stelldichein, man hat ihm die Seitenpforte, ja die verborgene Treppe und die Tapetenthüre bezeichnet, durch welche er ungeſehen in das Zimmer gelangen konnte!“ „Das iſt nicht wahr!“ rief Max im edlen Zorne, indem er aufſprang.„Das iſt die ſchändlichſte Ver⸗ läumdung!“ Sie zuckte die Achſeln.„Du brauſeſt auf, wie ein 69 Sturmwind— aber es wird dadurch nicht anders, ergib Dich drrein! Reiße die Unwürdige aus Deinem Herzen, ſie verdient die Schonung nicht, mit welcher die Gräfin ihre überraſchende Entfernung vor der Welt erklärt hat. Freilich hat ſie dabei ihre eigene Perſon zu ſchonen. Aber die Maske ſoll abgezogen werden, wie klug ſie auch iſt. Die Welt ſoll erfahren, welcher Gauklerin man um ihres hübſchen Geſichts willen eine wahnſinnige Huldi⸗ gung gebracht hat.“ „Du verfolgſt Cajetana mit Deinem Haſſe,“ ſagte Max, von Allem, was er gehört hatte, tief empört.„Ich bitte Dich, Schweſter, nicht weiter zu gehen. Es iſt meine letzte Bitte an Dich. Bedenke, wie kann es Dir Seelen⸗ frieden bringen?— Mag auch Alles geſchehen ſein, was ich nimmermehr glaube—“ „Seelenfrieden iſt mein Theil nicht auf der Welt, und wenn Du nicht glaubſt, was ich Dir geſagt habe, ſo iſt es darum doch wahr!— Aber Du willſt von andern Dingen reden, ich ſchweige.“ Ihm ſchwoll das Herz in der Bruſt von bittern Ge⸗ fühlen, aber er gab ſich ihnen gegen die Schweſter nicht hin, ja ihn erfaßte in dieſem Moment ein unendliches Mitleid mit ihr und Thränen traten in ſein Auge. Ob ſie es bemerkte, blieb zweifelhaft— ihre Züge drückten keine mildere Regung aus. Als er aber, kurze Zeit, nach⸗ 70 dem ihr Geſpräch gewaltſam von dem unſeligen Gegen⸗ ſtande losgeriſſen war, Abſchied von ihr genommen und ſich entfernt hatte, da brach endlich auch ihr hartes Herz in der Einſamkeit und ſie fing an bitter zu weinen, um ihn und auch um ſich ſelbſt. Seelenfrieden war ihr Theil nicht auf Erden!— Zwei Tage ſpäter verließ Max mit dem Grafen Königsegg Wien. Die Gräfin Francesca hatte ihn nicht mehr empfangen können, ſondern ihm nur durch ihren Sohn ihre beſten Wünſche für die kommenden Ereigniſſe ausdrücken laſſen. Karl Fidelis war, nachdem er im Hof⸗ kriegsrath alle Depeſchen und ſonſtigen wichtigen Papiere für ſeinen General erhalten hatte, noch einmal zum Prin⸗ zen von Savoyen beſchieden und mit einigen beſondern Aufträgen an den Feldzeugmeiſter betraut worden. Der Prinz hatte es nicht ausgeſprochen, aber es doch ahnen laſſen, daß er bald in Perſon zum Heere zu kommen ge⸗ denke, um den Oberbefehl zu übernehmen, was Königs⸗ egg mit den freudigſten Hoffnungen füllte. Bei der Ent⸗ laſſung hatte Prinz Eugen noch wohlwollend von Riedau geſprochen und zur höchſten Ueberraſchung des Grafen ihn beauftragt, ein Rencontre zwiſchen dem jungen Manne und dem Grafen Pio Colonna, wozu Anlaß vor⸗ handen ſei, zu verhindern: er mache ihn verantwortlich dafür. So war das Geheimniß, welches Max mit ehren⸗ 71 hafter Treue bewahrte, auch dem Prinzen bekannt! Kö⸗ nigsegg verſprach, das Seinige zu thun. Von Trautſon hatte er am Tage ſeiner Abreiſe in aller Morgenfrühe Abſchied genommen, wo es noch nicht möglich war, ſich zugleich auch der Gräfin zu empfehlen; er hatte den Freund gebeten, ihn bei ſeiner Gemahlin mit der Laſt von Dienſtgeſchäften zu entſchuldigen, da es ihm wahrſcheinlich unmöglich würde, noch einmal zu ſchicklicher Stunde im Laufe des Tages wieder zu kommen. „Wenn nicht heut', mein Karl, doch auf ein künf⸗ tiges frohes Wiederſehen!“ waren Trautſon's letzte ge⸗ rührte Worte geweſen, und in langer, ſtummer Umar⸗ mung hatten die Freunde ſich ihr Lebewohl ausgedrückt. Als Graf Leopold dann ſeiner Gemahlin den ihm aufgetragenen Gruß beſtellte, ſah Marie Thereſe über⸗ raſcht auf.—„Ich möchte wohl wiſſen, wodurch er mir ſo abgeneigt iſt, daß er mir kaum die gewöhnlichen For⸗ men der Höflichkeit gönnt!“ wiederholte ſie, was ſie ſchon bei mancher Gelegenheit, unbelehrt durch ihres Gemahls Einſpruch, geäußert hatte.„Wenn ich ihm nicht Deinet⸗ wegen und auch der armen Tani wegen, der er ſich ſo edel angenommen hat, im Grunde herzlich gut wäre, könnte ich wegen ſeiner faſt abſichtlichen Vernachläſſigung einen Groll auf ihn werfen.“ Trautſon mochte wohl aus Erfahrung wiſſen, daß ſeine Entſchuldigung des Freundes, da ſie mit manchen Thatſachen im Widerſpruch ſtanden, bei Marie Thereſe kein rechtes Gehör fanden; er bemühte ſich daher heute nur, die Abſichtlichkeit ſeines Thuns in Abrede zu ſtellen, und das liebliche Töchterchen, das eben von ſeiner Wär⸗ terin in das Zimmer gebracht wurde, kam ihm erwünſcht zu Hülfe, um das Geſpräch zu beendigen. „Bleib hier, Kathi,“ ſagte die Gräfin, als die Wärterin ſich wieder entfernen wollte.„Ich habe mit Dir zu reden.“ Kathi war ſeit der Rückkehr der Gräfin von ihrer kleinen Reiſe zu ihrer Mutter, auf welcher jene ſie be⸗ gleitet hatte, die Wärterin der kleinen Eliſabeth gewor⸗ den, die ſich unterwegs mit einer wahren Zärtlichkeit an ſie angeſchloſſen. Ihre bisherige Wärterin, eine alte ehr⸗ bare Frau, hatte freilich nicht ſo luſtig mit ihr geſpielt, war auch viel häßlicher, wofür Kinder ſelbſt im zarten Alter gar empfindlich ſind; ſie war kurz vor der Reiſe krank geworden, und Niemand im Hauſe hatte ſich ver⸗ wundert, daß die Gräfin für ſie die hübſche ſteyeriſche Magd, welche ſeit einiger Zeit in den Dienſt gekommen war und ſich ſchon allgemeine Liebe durch ihre Freund⸗ lichkeit und Anſtelligkeit erworben hatte, mit der Obhut und Wartung ihres Töchterchens beauftragte. Ebenſo fand 73 man es natürlich, daß ſie nach der Rückkehr in ihrem Amte blieb, und die alte Frau, die noch immer kränkelte, war auch ganz zufrieden damit. So befand ſich denn Ka⸗ thi, wie ſie ſelbſt einmal auf Befragen gegen die Gräfin äußerte,„wie im Himmel!“ und dies beglückende Gefühl drückte ſich auch in ihrem Aeußern aus, denn ſie blühte, wie eine Roſe, und nahm ſich in ihrer ſaubern ſteyeriſchen Tracht, welche ſie auf Anordnung ihrer Herrin beim Ein⸗ tritt in den Dienſt angelegt hatte, bildhübſch aus. Ihre Wünſche ſchienen durchaus auf das Haus, das ihr Glück und Frieden gewährte, beſchränkt zu ſein, denn ſie verließ es ſelten, faſt nur, um die heilige Meſſe zu hö⸗ ren und für das Seelenheil ihres Vaters zu beten. Graf Trautſon hatte einen fragenden Blick auf ſeine Gemahlin geworfen, als dieſe Kathi zurückhielt, aber ſie bedeutete ihm, daß er nicht nöthig habe, ſie mit dem Mädchen allein zu laſſen. „Ich wollte nur noch etwas von Dir wiſſen, Kathi,“ begann die Gräfin.„Du biſt früher in Mark⸗ ſtein geweſen?“ „Ja, als es noch dem Herrn Rittmeiſter von Cron⸗ berg gehörte und mein Vater bei ihm in Dienſten ſtand.“ „Aber Du warſt noch ſehr jung damals?“ Kathi beſann ſich.„Zwölf Jahr doch,“ ſagte ſie. „Ich kann mich genau auf Alles dort beſinnen.“ 1860, V. Im Strom der Zeit. IV. 5 74 „Darum freuteſt Du Dich wohl auch, als Du bei mir von dem Orte hörteſt und glaubteſt, wieder hinzu⸗ kommen! Haſt Du noch Menſchen dort, die Dir lieb ſind?“— Kathi ſchüttelte den Kopf.„Oder ſonſt eine Urſache, welche Dich dahin zieht? Du warſt ganz auf⸗ geregt und ſchienſt eine wahre Sehnſucht zu haben— vielleicht Heimweh, armes Kind? Rede offen mit mir, vielleicht kann ich Deine Wünſche erfüllen!“ „Ich kenne keinen Menſchen mehr dort, der ſich um mich kümmern würde,“ antwortete Kathi zögernd. „Nur der Herr Pfarrer vielleicht. Aber es wäre mir ſchon lieb, wenn ich einmal wieder nach Markſtein käme— mein Vater hat viel davon geſprochen in ſeiner letzten Zeit, es ließ ihm gar keine Ruhe, und er hat mir auch einen Auftrag gegeben, daß ich nach Markſtein gehen und dort— für ihn etwas thun ſollte. Gnädigſte Frau Grä⸗ fin, davon kann ich aber nicht reden.“ „Ich will auch nicht in Dich dringen, Kind,“ ſagte die Gräfin gütig.„Gott bewahre mich, die letzten Worte Deines ſterbenden Vaters Dir abzufragen; bewahre ſie treu für Dich, und was er Dir aufgetragen hat, das mußt Du ausrichten. Zum Frühlinge reiſen wir nach Steyermark, da ſollſt Du mit uns gehen.“ Eine lebhafte Freude machte ſich in Kathi's Zügen bemerkbar.„Euer Gnaden ſind ſo gut!“ rief ſie.„Es 75 wird freilich nichts ſein— der Vater hatte zuletzt viele wunderliche Träume, aber wenn ich gethan habe, was er mich geheißen hat, ſo werde ich erſt ganz ruhig werden.“ „Warum hat Dein Vater ſeinen Dienſt bei dem Rittmeiſter von Cronberg verlaſſen, da er ihm doch ſo anhänglich geweſen iſt?“ „Der Herr Rittmeiſter hat ihn nicht mehr behalten wollen,“ erwiederte Kathi kleinmüthig. Die Gräfin ging ſchonend darüber hinweg und fragte nach Cajetana's Kindheit, wo ſich dann Kathi's Geſicht ſchnell wieder erheiterte und ſie mit redſeliger Zunge viel kleine Erlebniſſe, die ihr unvergeſſen geblie⸗ ben waren, vortrug, ſo daß ſich der Graf lächelnd ver⸗ wunderte, wie ſeine Gemahlin das Alles mit ſolcher Ge⸗ duld anhören könne. Sie kam aber nun auf eine andere Frage, ob Kathi auch den Herrn von Riedau, den Vater des jungen Offiziers, dem ſie neulich hier im Hauſe be⸗ gegnet, gekannt habe? Er ſolle ja ein Freund des Ritt⸗ meiſters von Cronberg geweſen ſein. „Ja, das weiß ich,“ ſagte Kathi.„Sie haben auch ſchon meinen Vater, wie wir noch in Meidling wohn⸗ ten, danach gefragt, aber ich kann mich nicht recht auf den gnädigen Herrn von Riedau beſinnen.— Mein Va⸗ ter hat manchmal in ſeiner Krankheit von ihm geſpro⸗ 5 76 chen— es ſuchte ihn oft heim, daß er Verſtorbene zu ſe⸗ hen glaubte und mit ihnen ſprach.“ Sie ſprach das in einem leiſen Tone, der das ahnungsvolle Grauen ihrer Seele verrieth, und der Graf, welcher den Eindruck auf ſeine Gemahlin bemerkte, glaubte nun einſchreiten zu müſſen. „Du ſollſt im Frühlinge nach Markſtein kommen,“ ſagte er.„Dein Vater ruhe in Frieden!“ Er winkte ihr mit der Hand, ſich zu entfernen, und machte dann ſeiner Frau liebevolle Vorwürfe, daß ſie ſich durch ſolche Schil⸗ derungen beunruhigen laſſe; eine klare Einſicht in die Verhältniſſe ſei durch das Mädchen, welches damals noch ein Kind geweſen, doch nicht zu erlangen, und wie Alles ſeitdem ſich geſtaltet habe, werde für die Tochter Cron⸗ berg's auch nichts dadurch gewonnen werden. „Du glaubſt doch nicht, daß Cajetana irgend ein Vorwurf treffen kann?“ fragte die Gräfin eifrig. „Es iſt ſeltſam,“ entgegnete er lächelnd,„wie dies junge Mädchen grade unter den Frauen ihre wärmſten Verehrerinnen findet, welche ſie in Schutz nehmen, wo es irgend gilt, ganz gegen Regel und Herkommen!“ „Verläumder! Als ob Frauen ihr eigenes Ge⸗ ſchlecht anfeinden könnten!— Sage mir aber, Leopold, wirſt Du Kathi nicht wenigſtens mittheilen, daß Dir der König für ſie ſo bedeutendes Geſchenk zugeſtellt hat, auch 77 wenn Du es für paſſend hältſt, es ihr vor der Hand noch nicht zu geben?“ „Warum ſollte ich das thun, Reſi?“ entgegnete Trautſon.„Wir haben uns Beide ja darüber berathen, daß es einſt ihr Heirathsgut werden ſoll; warum ſie alſo jetzt in ihrer Genügſamkeit ſtören? Sie fühlt ſich glück⸗ lich und zufrieden, und wird einſt, wenn ſich ein braver Mann für ſie findet, um ſo freudiger überraſcht ſein, daß ſie ihm auch eine Morgengabe mitbringt.“ „Aber muß ſie nicht gering von dem Könige denken, daß er ſeinen Ring zurückgenommen und ihr nicht den geringſten Erſatz dafür gegeben hat? Sie wird ihn hoch⸗ fahrender Geringſchätzung zeihen.“ „Soll ich nun das Mädchen gegen Dich in Schutz nehmen?“ ſagte er lächelnd.„Ich bin überzeugt, daß ſie ſich, nun ihr Vater todt und ſie wohl geborgen iſt, über den Ring gar keine Gedanken mehr macht.— Ihr Sinn mag Dir aber beſſer bekannt ſein, als mir. Von einem frühern Bewerber hat ſie wohl noch nichts ahnen laſſen? Sie iſt ſo offen und kennt gar keine Rückſicht, wenn ſie mit Dir ſpricht, daß es mich oft in Verlegen⸗ heit ſetzt, wie ich, ohne ihr weh zu thun, an Deiner Statt dies wild aufgewachſene Weſen zu ſchicklicherm Verhalten bringen ſoll.“ „Laß ſie nur, Leopold. Sie iſt wild und frei aufge⸗ 78 wachſen, und wenn ſie als Magd dreiſt zu mir ſpricht, ſo gefällt mir das beſſer, als wenn mir in Windiſch⸗Oberau unſere wendiſchen Bauern den Rockzipfel küſſen. Im Grunde des Herzens iſt ſie doch demüthiger, als dieſe.— Von einem Freier weiß ich nichts, es iſt mir aber ſo vor⸗ gekommen, als ob ihre Gedanken ſich mit einem jun⸗ gen Manne beſchäftigten, der ſie neulich, da ſie mit uns in der Kirche war, beim Herausgehen grüßte. Sie wurde dabei ſehr roth, und als ich ſie ſpäter einmal, da mir es wieder einfiel, danach fragte, nannte ſie mir ihn und er⸗ röthete dabei von Neuem, ſo daß ich ſie nicht weiter in Verlegenheit ſetzen wollte. Ein Freier für ſie wird er aber nimmer werden, denn er iſt der Sohn eines Bür⸗ gers und Kaufherrn, und dieſe halten viel ſtrenger auf ihren Stand, als wir!“ Biertes Capitel. Das Wiederſehen. Streng war der Winter gekommen, und eine Reiſe in dieſer Jahreszeit nach dem Alpenlande mochte Vielen, welche daheim am warmen Ofen im bequemen Lehnſtuhle 79 ſaßen, als eine der ſchauerlichſten Unternehmungen vor⸗ kommen. Friſche Soldatenherzen ſcheuten ſie aber nicht und erfreuten ſich im Gegentheil der erhabenen Scene, welche die Gebirgsnatur in ihrem winterlichen Gewande ihnen bot. Graf Königsegg und Riedau dachten wenig an Wien zurück, ihr Sinn ſtrebte vorwärts, aber ſie ver⸗ ſchloſſen ſich nicht den Eindrücken, welche jeder Tag ihrer Reiſe mit ſtets wechſelnder Schönheit auf ſie machten. Wären ſie vierzehn Tage früher gereiſt, wie es ihre Un⸗ geduld ja erſehnt hatte, ſo würden ſie freilich mit allen Beſchwerlichkeiten der Gebirgswege gekämpft, vielleicht an der Schwelle derſelben ſchon die Unmöglichkeit erkannt haben, fortzukommen. Nun aber hatte der Schneefall längſt aufgehört und das betriebſame Volk in ſeinem Ver⸗ kehr überall Schlittenbahn bewirkt, ſo daß die Reiſenden, welche im kaiſerlichen Dienſt auf allen Stationen Pferde im Voraus beſtellen ließen, ſchnell und angenehm in ihrem Schlitten, nur von einem Diener begleitet, beför⸗ dert wurden. Die Reitknechte mit den Pferden kamen in regelmäßigen Tagemärſchen nach; vor der Hand bedurfte man ihrer auch nach dem Eintreffen bei den Truppen noch nicht. Wie dies enge Zuſammenleben, Tag und Nacht vereint, die beiden jungen Männer, wenn auch durch ihre Geburt und ihre Ansſichten ſehr verſchieden geſtellt, ein⸗ — 80 ander näher brachte, ſo gewann Graf Königsegg immer mehr die Zuverſicht, daß der Gedanke, der vor der Hand ſeine ganze Seele beſchäftigte, zur ſchönſten Ausführung gedeihen werde. Er hütete ſich aber wohl, denſelben zu verrathen, wie er denn überhaupt dem Gefährten, deſſen offenes Entgegenkommen ihm das vollſte Vertrauen ge⸗ ſchenkt, ohne Rückhalt die geheimſten Wünſche und Be⸗ kümmerniſſe ſeines lautern Herzens nicht verhehlt hatte, in gleicher Weiſe einen Blick in ſeine eigene Bruſt keines⸗ wegs gewährte. Was dort in Schmerzen verborgen ruhte, das ſollte einſt mit ihm in die Gruft ſinken, ohne daß eine Seele davon eine Ahnung erhielte. „Kann ich nicht glücklich werden,“ hatte er ſich aber ſchon vor einiger Zeit gelobt,„ſo will ich doch ein an⸗ deres Glück, ſo reich, wie es nur der höchſte Flug der Phantaſie erſinnen kann, bereiten!“ Die erſten Schritte dazu waren ſchon gethan. Sie hatten nun das Gebiet des Erzſtiftes betreten, welches heute eine der ſchönſten Perlen im reichen Diadem des Kaiſerſtaats iſt, damals aber noch reichsunmittelbar war: Salzburg. Wenn dieſer Name genannt wird, geht wohl Jedem, dem es vergönnt war, das herrliche Land, welches vielleicht unter allen Gauen unſers weiten deut⸗ ſchen Vaterlandes das unübertroffen ſchönſte iſt, in ent⸗ zückender Erinnerung das Herz auf. Wo findet ſich die 81 großartigſte Erhabenheit der Alpenwelt mit ihren Rieſen⸗ häuptern im ewigen Schnee, den kühnen Bergmaſſen und unzugänglichen Felſenwildniſſen ſo nah vereint mit der Milde und Lieblichkeit reizender, geſegneter Landſchaften, durchſtrömt von den lebendigen, meergrünen Waſſern, be⸗ lebt von hellen Städten und Dörfern— und in der Berge Schooß die klaren, wundervollen Seen vom ſmaragdenen Traunſee hinauf bis zum düſtern Hallſtädter und weit zum Königsſee, über dem der Watzmann ſeine ſilber⸗ glänzenden Zacken erhebt! Tauſende beſuchen zur Som⸗ merszeit, wenn Alles im Farbenſchmuck prangt, dieſe paradieſiſchen Stätten, und haben gewiß keine Ahnung, wie prachtvoll ſie auch im Schnee und Eis ihre unver⸗ gängliche Majeſtät entfalten. Mar Riedau konnte nicht genug Worte finden, ſeine Bewunderung der nie geahnten Herrlichkeit auszudrücken, und da ihm Königsegg erklärte, daß er die Abſicht habe, das ſchöne Beſitzthum ſeiner Mutter, welches nur wenig von ihrer Straße ſeitab unterm Stauffen gelegen ſei, zu beſuchen, um ihnen dort auf die ſchnelle Reiſe, durch welche ſie ſchon viel Zeit gewonnen, einen oder zwei Tage Ruhe zu gönnen, war er freudig einverſtanden. „Nun aber, Max,“ ſagte Karl Fidelis, indem er ihm in das Auge ſah,„ich will kein unehrlich Spiel trei⸗ ben. Ahnen Sie, wenn Sie dort treffen werden?“ Max ſah ihn fragend und überraſcht an, dann ſchien wirklich eine ſolche Ahnung plötzlich in ſeiner Seele auf⸗ zugehen. „Doch nicht—?“ erwiederte er, und ſeine Frage ſtockte, während er unruhig emporſah. „Cajetana iſt dort— ich mag Ihnen keine Ueber⸗ raſchung bereiten, welche Verlegenheit herbeiführen könnte.“ „Dann laſſen Sie mich hier in Salzburg abwar⸗ ten, bis Sie weiter reiſen wollen,“ ſagte Riedau. Er konnte die Bewegung nicht verbergen, welche die unerwar⸗ tete Nachricht, daß Cajetana ihm ſo nah ſei und daß er ſie wieder ſehen könne, in ihm hervorgerufen hatte. Doch war er entſchloſſen, dies Wiederſehen, das ſeine noch un⸗ verharſchte Wunde nur ſchmerzlich berühren würde, zu vermeiden. „Bleiben Sie hier, Max— nicht bis wir weiter nach Innsbruck reiſen, ſondern bis ich Ihnen Botſchaft ſende, heraus zu kommen. Ich möchte nicht ſcheiden, ohne Alles, was hier noch dunkel und fremdartig ſtörend iſt, rein aufgeklärt zu haben: wer weiß, ob wir ſobald zu⸗ rückkehren.“ „Ich bedarf keine Aufklärung,“ erwiederte Max. „Cajetana ſteht in meiner Seele über alle Zweifel erha⸗ ben— Sie wiſſen das, Herr Graf.“ „Das weiß ich. Die verläumderiſche Nachrede— 83 wenn ſie auch, wie Sie annehmen müſſen, bei Ihrer ſtrengen Schweſter durch den Schein der Wahrheit her⸗ vorgerufen worden iſt— hat bei Ihnen keinen Glauben gefunden. Auch ich halte das für ganz unmöglich. Aber dieſe Ueberzeugung allein befriedigt mich noch nicht, da wir in einer andern Frage verſchiedener Meinung ſind. Ich komme nicht darauf zurück, ſeien Sie ganz ruhig⸗ Nur beſtehe ich auf meiner Bitte, daß Sie zu mir kommen, wenn ich Sie einladen laſſe. Mögen Sie Recht haben oder ich, ſo wäre es immer eine Muthloſigkeit, Max, wenn Sie Cajetana nicht begegnen wollten. Sie haben keine Urſache, Ihre Stirn zu verbergen, und werden in jedem Falle würdig als Mann auftreten, deſſen bin ich gewiß.“ Max konnte ſeine Zuſage nicht länger verweigern. Er blieb in der Stadt zurück und mußte Königsegg bei dem Erzbiſchofe entſchuldigen, welcher beide kaiſerliche Offiziere, als ihm ihre Anweſenheit gemeldet worden war, auf ſeine Reſidenz zur Tafel eingeladen hatte. Der ehrwürdige Kirchenfürſt, ein geborener Graf von Thun, Johann Ernſt, welcher ſeinem Lande bereits in einer drei⸗ zehnjährigen weiſen Regierung Segen gebracht hatte, war nicht ohne Kenntniß von der für das Haus Oeſterreich bedrohlichen Wendung der Politik bei ſeinem Nachbar, dem Kurfürſten von Baiern geblieben, und wollte mit dem 84 Grafen Königsegg, deſſen Vater, der Reichsvicekanzler, ihm befreundet geweſen war, Manches beſprechen, das für ſeinen Wunſch, dem Erzſtifte alle Schrecken des Krieges zu erſparen, wichtig ſein mußte. Ihm ſchwebte das glück⸗ liche Vorbild vor, das einſt der Erzbiſchof Paris, Graf zu Lodron, gegeben hatte. Dieſem war es gelungen, das Salzburgiſche Erzſtift während des ganzen dreißigjährigen Krieges vor Freund und Feind unberührt zu erhalten. Es war faſt ein Wunder zu nennen, daß in dieſer für Deutſchland nie genug zu beklagenden Zeit, wo faſt kein Winkel von den zuchtloſen, auf eigene Hand in zahlloſe kleine Unternehmungen zerſplitterten Soldatenhorden, die oft weniger den Feind, als Brod und Raub ſuchten, ver⸗ ſchont blieb, kein einziger fremder Soldat ſalzburgiſchen Grund und Boden betreten hat. Der Erzbiſchof war aller Vorſtellungen des Papſtes und des Kaiſers un⸗ geachtet nicht einmal der Liga beigetreten, weil er bei dem unſeligen Streit der Religionsparteien lieber verſöhnen, als in ſchroffer Waffenfertigkeit noch mehr ſcheiden wollte, und erſt, als er die Bedrängniß des Kaiſers ſah, ſtellte er ihm aus freier Entſchließung Regimenter aus ſeinen zum Schutz des Landes geworbenen Truppen zur Verfügung. Ueber ſeine Sorgen ſprach ſich nun zwar der Erz⸗ biſchof Johann Ernſt gegen den jungen Offizier, wel⸗ cher ihm die Entſchuldigung des Grafen Königsegg 85 brachte, nicht aus, aber als einer der Domherren, die heute zur fürſtlichen Tafel geladen waren, von dem Kriege, welcher vielleicht ausbrechen könnte, behauptete, daß er ſich einzig und allein auf die beanſpruchten Länder Ita⸗ liens und der Niederlande beſchränken, und das deutſche Reich gar nicht berühren werde, daher alſo auch alle koſt⸗ ſpieligen Vorſichtsmaßregeln überflüſſig ſeien, äußerte der Kirchenfürſt doch in ernſtem Tone:„Felix est respu- plica, quae tempore pacis de bello cogitat!— Glück⸗ lich der Staat, der in der Zeit des Friedens an den Krieg denkt,“ wiederholte er lächelnd gegen den jungen Kriegsmann, deſſen Miene er wohl anſehen mochte, daß er ſich mit dem Latein nicht viel herumgeſchlagen hatte, und er fand bei ihm nun die vollkommenſte Uebereinſtim⸗ mung. Nach aufgehobener Tafel ertheilte er einem ſeiner Offiziere den Auftrag, dem fremden Gaſte die Feſte Ho⸗ henſalzburg mit ihren ſtarken Werken und dem wohlver⸗ ſehenen Zeughauſe, und was er ſonſt zu ſehen wünſche, zu zeigen, und entließ Riedau mit jener Freundlichkeit, die ſeinem milden Character gegen Jedermann eigen war. In letzter Zeit hatte er ſich nur mehr zurückgezogen, weil er an den Augen litt, welches Uebel ihn auch an der heutigen Tafel geſtört hatte. Riedau verließ mit ſeinem höflichen Führer das erz⸗ biſchöfliche Schloß und trat auf den Reſidenzplatz, wo — —— 86 ihn von Neuem das Meiſterwerk des Springbrunnens feſſelte, deſſen Gleichen in ganz Deutſchland nicht zu fin⸗ den iſt. Damals kaum vor dreißig Jahren vollendet, leuchtete der weiße Marmor, welcher in unſern Tagen ſchon die Spuren der Zeit und Witterung von zwei Jahr⸗ hunderten trägt, noch in ſeiner vollen, unentweihten Klar⸗ heit, und Max konnte ſich nicht ſatt ſehen, wie die Rieſen⸗ pferde aus Nüſtern und Schlund die Waſſer in die coloſ⸗ ſalen Becken ſtrömen ließen, während ſein Führer mit dem Stolze des Salzburgers ihn auf alle Vorzüge des Wunderwerkes, welches Antonio Dario geſchaffen, und da⸗ bei auch auf die Macht und den Reichthum des Erz⸗ biſchofs, Primas von Deutſchland, aufmerkſam machte, welcher ſolche und viel andere Herrlichkeiten, die noch heute die Augen des fremden Gaſtes erfreuen würden, in Salzburg aufzuſtellen vermocht habe. In dieſem Moment wurden aber Riedau's Augen von einer ganz andern als dieſer ſteinernen Herrlichkeit. angezogen. Ueber den Reſidenzplatz klingelte ein leichter Schlitten daher, in welchem zwei Frauen ſaßen— die eine, wahrſcheinlich über die rothe Uniform des kaiſerli⸗ chen Dragoner⸗Offiziers, als hier ungewöhnlich, ver⸗ wundert, machte die andere aufmerkſam, und dieſe wen⸗ dete im Vorbeifahren Max ihr volles Geſicht zu: es war uur ein flüchtiger Blick, aber keine Täuſchung möglich! 87 Die Ueberraſchung, welche Karl Fidelis hatte vermeiden wollen, war nun doch gekommen— zum Glück bemerkte die einfache Frau, die an Cajetana's Seite ſaß, die tiefe Bewegung nicht, welche bei dem unerwarteten Wieder⸗ ſehen die Herzensruhe des jungen Mädchens, kaum ge⸗ wonnen und immer noch trügeriſch, auf's Neue ſtürmiſch unterbrochen hatte. Es war aber auch ein Gefühl der Freudigkeit dabei. Sie hatte Wien verlaſſen, noch ehe der Schwerverwundete außer Gefahr geweſen war, und die Gräfin hatte ihr, wie wir wiſſen, nicht mehr geſchrie⸗ ben. Von ſeiner Geneſung, um welche ſie innig zu Gott gebetet hatte, war ihr bis heute noch keine Kunde zu⸗ gegangen und danach zu fragen doch unmöglich geweſen. Sein Hierſein, unſtreitig auf der Rückkehr zu den Trup⸗ pen, gab ihr nun beglückende Gewißheit, und ſie fühlte in dieſem Augenblicke alle ihre Wünſche erhört. Was hätte ſie noch weiter wünſchen und hoffen dürfen?— In Stauffenried, der Beſitzung der Gräfin Königs⸗ egg, wo Cajetana gewiſſermaßen in Verbannung lebte, harrte ihrer aber noch eine andere Ueberraſchung. Als ihr Schlitten vor das alterthümliche Herrenhaus gelangt war, trat ihr Graf Karl entgegen, der mit Ungeduld auf ihre Heimkehr gewartet hatte. Die Begleiterin Cajeta⸗ na's, eine arme adelige Witwe aus der Gegend, welcher die Gräfin die Führung und Oberaufſicht der Wirthſchaft — 88 anvertraut hatte, die ſie einſt Anna Riedau zugedacht, war über den Beſuch eines fremden Herrn nicht wenig verwundert; als ihr aber Cajetana mit raſchem Wort ſagte, daß es Graf Königsegg ſei, konnte ſie nicht raſch genug vom Schlitten kommen, um ihn gebührend zu be⸗ grüßen. Seine achtungsvolle Höflichkeit, welche er ihr be⸗ wies, die herzliche Anrede an Cajetana, die er ſein lie⸗ bes Mündel nannte, gewannen ihm gleich im erſten Mo⸗ mente das Herz der würdigen guten Frau, welche nun, ſobald er in das große, vom lodernden Kaminfeuer wohl durchwärmte Zimmer geführt war, ſich beeilte, für eine behagliche Aufnahme des edlen Gaſtes zu ſorgen. Der Graf blieb denn, wie er gewünſcht hatte, mit Cajetana allein. Er hatte ſie ſo lange nicht geſehen, daß er ſich zu⸗ rückrufen mußte, wann es zum Letztenmale geweſen war. Als er damals beim Abſchiede ſeine Stiefmutter gebeten hatte, dem armen Kinde immer eine Mutter, niemals hart gegen ſie zu ſein, hatte er vielleicht ſchon geahnt, daß eine Zeit der Prüfung für ſie kommen werde; aber er hatte, von der Veränderung überraſcht, welche wäh⸗ rend ihres kurzen Aufenthalts im Hauſe der Gräfin zu ihrem Vortheil mit ihr vorgegangen war, nicht gezwei⸗ felt, daß ſie in der großen Welt Bewunderung erregen, vielleicht ihr Glück finden werde, das ihr nach den Aeuße⸗ i— 89 rungen ſeiner Mutter ſchon winkte. Wie war Alles wieder ſo ganz anders gekommen! Er fand Cajetana ſchöner vielleicht, unſtreitig reizend entwickelt, aber der einſt ſo ſtrahlende Blick ihres braunen Auges war um⸗ flort, wie damals im Grame um ihren Vater, und der friſche, vertrauende Ausdruck, der ihrem noch kindlichen Antlitze einſt einen unendlichen Zauber verlieh, hatte ſich in eine ſtille Hingebung verwandelt, welche einen aufmerk⸗ ſamen Beobachter wehmüthig ſtimmen konnte. Was an mir iſt, Du ſchönes liebes Kind, Dein Glück zu begründen, gelobte ſich Karl Fidelis in Gedanken, das ſoll von Herzen geſchehen, und Gott gebe ſeinen Segen dazu. „Ich komme von Wien,“ begrüßte er ſie, ſobald die alte Dame das Zimmer verlaſſen hatte.„Meine Mutter hat mir freundliche Grüße aufgetragen.“ Caje⸗ tana verneigte ſich und ſah ihm dankbar für dies Zei⸗ chen, das ihr wohlthuend war, in das ernſte, liebreich auf ſie niederblickende Auge. „Hat mein theures Mündel auf ihren Vormund nicht vergeſſen?“ ſcherzte er.„Noch immer den alten Re⸗ ſpect und Gehorſam bewahrt, und was mehr ſagen will, „ das alte Vertrauen?“ — 4.„Ganz gewiß!“ erwiederte ſie mit innigem Tone. „Das freut mich von Herzen und ich hoffe bald 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. 6 90 Beweiſe davon zu erhalten! Nun, Tani, Sie können den⸗ ken, daß meine Mutter mir erzählt hat, was in unſerm Hauſe geſchehen iſt— nein, mein liebes herziges Kind, Sie dürfen nicht Ihr Auge niederſchlagen und vor dieſem Geſpräche beben, Sie haben keine Urſache dazu, ich weiß, daß Sie ruhig der Zukunft entgegen ſchauen können, wel⸗ che Alles, was Sie gekränkt hat, zum wahren Glücke führen wird.“ „Gott möge mir beiſtehen!“ ſagte Cajetana leiſe, von ſeinen Worten tief bewegt. Wie gern hätte ſie ihn ge⸗ beten, die ganze Vergangenheit ruhen zu laſſen, aber ſie fand den Muth nicht dazu. „Max Riedau iſt von ſeiner Wunde vollkommen ge⸗ neſen,“ ſprach Königsegg, den Namen, von dem er wußte, daß er in Cajetana's Seele, auch wenn ſie keine tiefere Empfindung für ihn hegte, doch immer eine Bewegung hervorrufen mußte, mit möglichſter Ruhe betonend. „Ich weiß es—“ erwiederte Cajetana und ihr Auge ſenkte ſich tiefer. „Sie wiſſen es ſchon?“ fragte er überraſcht. „Ich habe ihn heut' in Salzburg geſehen,“ ſagte ſie mit einem Erröthen, das ſie vergeblich bekämpfte und das in Königsegg die Hoffnung, die er für Mar hegte, zu ſeiner Freude zu beſtärken ſchien. „Und geſprochen?“ fragte er. „ „Wir fuhren vorüber, wo er ſtand,“ gab ſie zur Antwort. „Er wird mich hier abholen, Cajetana, wir haben die Reiſe zuſammen gemacht.“ Sie erwiederte nichts, aber welchen Eindruck dieſe Andeutung auf ſie machte, konnte ihm nicht entgehen. Wohl hätte er ſie ſchonen ſollen, doch mußte er Gewiß⸗ heit haben, und er war im Begriffe, ſie nach Männerart, die ſich auf Frauenherzen nicht verſtehen, vielleicht auf falſchem Wege zu ſuchen, als die Rückkehr der alten Dame das Geſpräch unterbrach. Während des ganzen Abends fand ſich keine Gelegenheit mehr, daſſelbe wieder ungeſtört anzuknüpfen, und am nächſten Morgen traf Kö⸗ nigsegg, der nicht mehr darauf warten wollte, ſeine Maß⸗ regeln. Ihn ſelbſt hatte ein Traum, welcher ihm das Glück, das er Andern zu bereiten gedachte, für ſich vor⸗ ſpiegelte, mit einer ſchmerzlichen Enttäuſchung erwachen laſſen. Er fand die Witwe, die ſchon zu früher Stunde die täglichen Anordnungen für Hausweſen und Wirthſchaft traf, allein in dem Zimmer, als er zum Frühſtück ge⸗ * rufen wurde. Sie war für ihn voll freundlicher Aufmerk⸗ ſamkeit, ohne ihrer eigenen Würde etwas zu vergeben. Er ſprach mit ihr von Cajetana, und nun floß ihr Herz iber, ſie konnte nicht Lobes genug für dies engelhafte 6* . 92 Weſen finden, und dankte es der Gräfin mit Thränen im Auge, daß ſie ihr in ihrer Einſamkeit ein ſolches Glück bereitet habe. Es ſchien ihr gar nicht in den Sinn ge⸗ kommen zu ſein, der Urſache nachzugrübeln, welche Ca⸗ jetana's Hierſein bewirkt haben könne; ſie wußte, daß ſie eine Waiſe war, deren ſich die Gräfin angenommen hatte, und fand es alſo wohl natürlich, daß ihr hier in dem ſchönen Stauffenried unter ihrer Obhut eine Freiſtatt an⸗ gewieſen wurde. Was ſollte das Mädchen, arm und ohne vornehme Verwandte, in den großen Cirkeln der Reſi⸗ denz? Sie war freilich reizend genug, aber gab es denn nicht überall in den einſamen Hochthälern, die kaum eines Gemsjägers Fuß betrat, liebliche Blumen, welche von keinem fremden Auge geſchaut und bewundert wurden? Waren ſie darum minder ſchön? „Wie aber, gnädige Frau,“ ſagte der Graf,„wenn ich als Vormund des Fräuleins eine andere Beſtimmung über ſie träfe? Sie wiſſen doch, daß ich der Vormund bin?“ „Der Herr Graf belieben zu ſcherzen,“ erwiederte die alte Dame ganz erſtaunt. „Durchaus nicht, und mein Mündel ſoll es Ihnen ſogleich ſelbſt ſagen,“ entgegnete Karl Fidelis, da eben Cajetana eintrat, friſcher, roſiger, als er ſie geſtern ge⸗ funden hatte. Sie bot ihm freundlich einen guten Morgen, und er forderte denn in heiterm Tone gleich ihr Zeugniß, welches die Dame noch mehr in Verwunderung ſetzte.„Nehmen der Herr Graf es nicht für ungut,“ ſagte ſie etwas eifrig,„Ihnen hätte ich von Gerichtswegen die Vormund⸗ ſchaft nicht übertragen.“ „Euer Gnaden ſind allzugütig!“ rief er lachend. „Bin ich eines ſolchen Amtes unwürdig?“ „Zu jung, Herr Graf! viel zu jung! Sie können ja kaum zehn Jahre älter ſein, als die Tani, und zum Vormunde gehört doch ein geſetztes Alter, viel Geduld und Erfahrung.“ Er widerſprach ihr nicht— ſie hatte ihm, ſeinem Ausſehen nach, mehr Jahre zugelegt, als er beſaß. „Um Eins bitt' ich den Herrn Vormund recht ſchön,“ fuhr die Witwe fort,„laſſen Sie mir das Fräulein!“— Cajetana blickte ſie und den Grafen betroffen an.„Ja, der Herr Vormund will eine andere Beſtimmung über mein Herzchen treffen! Nicht wahr, das dulden wir nicht? Sie bleiben gern bei mir?“ „Beruhigen Sie ſich, gnädige Frau,“ erwiederte Königsegg,„es wird nichts ohne die Einwilligung des Fräuleins geſchehen.“ Bei dieſen Worten ging aber der alten Dame plötzlich der Gedanke auf, der Vormund könnte wohl gar beſondere Abſichten für ſich ſelbſt haben, — 94 und ſie gerieth in eine augenſcheinliche Verlegenheit, der ſie ſich nicht anders zu entziehen wußte, als daß ſie ſobald als möglich einen Vorwand wirthſchaftlicher Art nahm, um das Zimmer zu verlaſſen. Mochten die Beiden es un⸗ ter ſich ausmachen!— „Haben Sie etwas über mich beſtimmt?“ fragte Cajetana demüthig. „Nein, Cajetana!“ antwortete er mit Herzlichleit. „Wie könnte ich das, auch wenn mir das Geſetz vielleicht ein Recht dazu gäbe? Haben Sie aber einen Wunſch, ſo ſprechen Sie ihn offen gegen mich aus— wenn es irgend in meiner Macht ſteht, ſoll er erfüllt werden!“ „Was ſollte ich ſagen? Ich weiß es nicht!— Ich fühle es, daß ich oft recht undankbar bin—“ „Sprechen Sie ſich gegen mich aus, Cajetana!“ bat er.„Sie ſagen, daß Sie Vertrauen zu mir haben; beweiſen Sie es mir, Sie ſollen mich Ihres Vertrauens würdig finden. Sie ſind nicht ſo zufrieden und glücklich, wie ich es von Herzen wünſchte— läugnen Sie mir das nicht!“ „Muß ich das geſtehen, ſo werden Sie mich des bitterſten Undanks zeihen, und ich fühle ſelbſt, daß ich die⸗ ſen Vorwurf verdiene. Ich ſollte doch zufrieden und glück⸗ lich ſein— die Frau Gräfin hat mich mit Wohlthaten überhäuft und iſt— noch jetzt! ſo gütig gegen mich; ſie 95 hat mir hier ein ſtilles Leben gewährt, und die gute Frau von Birkenfeld iſt zu mir wie eine Mutter. Und doch—!“ Mit dieſem Wort, in Sehnſucht und Selbſtanklage zu⸗ gleich, brach ſie plötzlich ab. „Und doch—“ wiederholte Graf Karl ſanft,„doch bewegt ein anderer Wunſch Ihr Herz?“ Sie hob ſtumm den Arm nur gegen die ſchnee⸗ bedeckten Gipfel der Bergmaſſen, welche hoch über die Dächer des vorliegenden Dorfes zu den Fenſtern des Herrenhauſes hineinſchauten. Es war die alte Sehnſucht ihres Herzens, nach der Ferne, nach der Freiheit, welche ſie zuerſt in den Schmerzenstagen ihres Unglücks ſchon im Hauſe der Frau Riedl gefühlt hatte, und die immer wieder, oft mit unwiderſtehlicher Gewalt, in ihr erwachte. Konnte ſie aber einem ſo formloſen Verlangen, das in jeder Beziehung unſtatthaft und unmöglich zu erfüllen war, Worte geben? Sie hatte nun lange genug in der Welt gelebt, um die Macht der Verhältniſſe kennen zu lernen, und wenn ſie zuweilen an das kindiſche und aben⸗ teuerliche Gelüſt dachte, mit Kathi und ihrem Vater hin⸗ aus in die weite Ferne zu ziehen, fühlte ſie eine brennende Scham. Auch jetzt ſchämte ſie ſich, daß ſie ſich hatte von ihren unbeſtimmten Empfindungen hinreißen laſſen, in einer ſo ſeltſamen Weiſe die theilnehmende Frage des gü⸗ tigen Vormunds zu beantworten, und die Verwirrung, 96 welche ſich in dieſem Bewußtſein ihrer bemächtigte, hin derte ſie, irgend eine weitere Erklärung zu geben. Ob Karl Fidelis ihr bedeutungsvolles, wenn auch ſtummes Zeichen enträthſelt oder deſſen Sinn nur geahnt, blieb zweifelhaft. Er faßte ihre Hand und ſagte:„Ver⸗ trauen ſie auf Gott!“ Vielleicht hatte er den Aufblick nach den lichten Höhen draußen in dieſer Weiſe verſtan⸗ den und glaubte, ihr frommes Gefühl nicht weiter ſtören zu dürfen. Es war ſehr ſchwierig, mit ihr nun in ein ruhigeres Geſpräch zu kommen. Wovon ſollte er mit ihr reden, daß er nicht trotz aller Gewandheit, die ihm ſonſt eigen geweſen, auf blinde Klippen gerathen wäre? Von Wien? Dort barg jede Erinnerung für ſie ſchmerzende Spitzen— das Haus ſeiner Stiefmuter, die großen Feſte, denen ſie beigewohnt hatte, das ſeltſame Begegniß mit dem Gra⸗ fen Cronberg, das die Mutter ironiſch eine wahre com- media dell' arte— ein improviſirtes Maskenſpiel ihrer Heimath genannt hatte, und gar die letzten Ereigniſſe!— Hätte er ihr nur feſt in das Auge ſchauen und ſie fragen dürfen, ob ihr Herz wirklich für den Römer etwas fühle, wie Mar ſo unbedingt annahm. In ſeinem Haſchen nach einem gleichgültigen Gegenſtande der Unterhaltung wurde er vielleicht zuerſt inne, daß es mit ſeiner ſonſt ſo glän⸗ zenden Gabe längſt zu Ende gegangen war. Bisher 97 mochte er ſchweigſam geworden ſein, weil ihn das, was ihn früher belebt hatte, nicht mehr anzog; er hatte in den Geſellſchaften der vornehmen Welt, die er kürzlich hatte beſuchen müſſen, wie im Kreiſe ausgelaſſener Waffen⸗ gefährten beim Heere nicht reden mögen, nun wollte er es gern in unbefangenſter Weiſe thun, und er griff dieſen und jenen Stoff auf, der ihm gleichſam unter den Hän⸗ den wieder zerrann. Endlich fand er die langgeſuchte Saite, welche in Cajetana's Herzen einen reinen Klang wecken mußte. Er nannte Kathi's Namen und gab ihr Kunde von dem ge⸗ ſicherten Looſe, das ihr zu Theil geworden war. Caje⸗ tana's Augen glänzten, ſie hörte mit dem regſten Antheil zu, als er ihr Alles berichtete, was ihm der Freund über Kathi erzählt hatte, und unterbrach ihn, da ihr Vieles ſelbſt noch unbekannt oder unklar war, durch manche Frage, die er freilich nicht immer beantworten konnte. Der Tod des alten Martin that ihr herzlich leid, aber da ſie von den Umſtänden hörte, unter denen er erfolgt war, und ſich Vieles zurückrief, das Kathi ihr früher an⸗ gedeutet hatte, ſo mußte ſie es für ein Glück halten, daß er vielleicht einem viel ſchrecklichern Ende entgangen war. Von dem Ringe des römiſchen Königs hatte Cajetana bis jetzt gar nichts gewußt: dieſe Geſchichte hing mit dem geſetzloſen Treiben des Vaters zu eng zuſammen, als daß 98 Kathi davon etwas hätte erzählen ſollen; auch war ja dieſer Ring der Talisman geweſen, auf welchen ſie gleich beim Empfang die ſchönſten Hoffnungen für den Fall der äußerſten Gefahr geſetzt hatte!— Für Cajetana's Gemüth, welches dem Ungewöhnlichen— die Neuzeit würde ſagen, dem Romantiſchen— zugeneigt war, hatte dieſe ihr ganz neue Eröffnung einen wunderbaren Reiz; ſie forſchte nach allen Einzelnheiten, welche Königsegg gar nicht wußte, und konnte ſich trotz ihrer gewonnenen Einſicht in die Ver⸗ hältniſſe der höchſten Erdenregionen kaum darüber beru⸗ higen, daß der römiſche König das muthige Mädchen, das ihm einen ſo wichtigen Dienſt geleiſtet, nicht vor ſein Angeſicht gefordert, ſie nicht perſönlich gelohnt hatte. In dieſem Augenblick war Cajetana ganz wieder das friſche Soldatenkind, das wenig nach Form und Convenienz fragt, und der Graf konnte ſich nur über ſie freuen. Er hütete ſich auch, ſie in den erſt angelernten Ideenkreis zurückzu⸗ führen, ſondern befriedigte ſie nur mit der Verſicherung, daß Graf Trautſon Vollmacht habe, für Kathi mit un⸗ beſchränkter Freigebigkeit zu ſorgen und daß ſie in ſeinem Hauſe für immer geborgen ſei. Da kam Frau von Birkenfeld eilfertig in das Zim⸗ mer und verkündigte, daß der Gaſt, welchen ihr der Graf bereits für den Mittag angemeldet hatte, eben über die Brücke fahre. Königsegg vermied es, Cajetana anzuſe⸗ 99 hen; er ſtand auf und ging Riedau entgegen, den er vor dem Hauſe, als er vom Schlitten ſtieg, in Empfang nahm.„Sie haben Wort gehalten, Max— ich danke Ihnen,“ ſagte er. „Ich habe Fräulein von Cronberg ſchon geſehen,“ war Riedau's erſtes Wort. „Das weiß ich. Auch Cajetana hat Sie erkannt. Kommen Sie— wir bleiben heut' und morgen noch hier. Dann, ſo Gott will, frölichen Muthes nach Tirol.“ Fünftes Capitel. Gekröntes Glück. Cajetana und Max ſtanden ſich gegenüber. Nur einen Moment trafen ſich ihre Augen, dann ſtellte Kö⸗ nigsegg den Waffengefährten der Dame vom Hauſe vor, und während dieſe mit vielen höflichen Redensarten den⸗ ſelben willkommen hieß, gewann Cajetana Zeit, ſich zu faſſen. Es war wohl natürlich, daß ihr in dieſem Augen⸗ blicke das Bild wieder vorſchwebte, wie ſie Max zum Letztenmale in Wien geſehen hatte, bleich, dem Tode, wie es ſchien, unrettbar verfallen— denn ſeit an jenem 100 verhängnißvollen Tage die Gräfin heimgekehrt war, hatte ſie Cajetana nicht mehr vergönnt, den Kranken, der noch immer in Lebensgefahr ſchwebte, auch nur ein einziges Mal noch zu ſehen. Zetzt ſtand er vor ihr, gerettet, dem Leben wieder geſchenkt!— Sie hatte ſchon geſtern, als ſie ihn ſo unerwartet in Salzburg getroffen, und dann, wie ſie aus des Grafen Munde die Gewißheit ſeiner vollen Geneſung vernommen hatte, Gott innig gedankt; heute erfüllte ſie die unmittelbare eigene Ueberzeugung mit einer ſeligen Zufriedenheit. Sie ſprach nun mit ihm. Die gute Frau von Birkenfeld, welche keine Ahnung hatte, daß Beide ſich ſchon kannten, war befliſſen geweſen, ihn ſogleich zur gebührenden Beachtung der Nichte ihrer Frau Gräfin zu vermögen, und wunderte ſich, als Cajetana ihn unge⸗ zwungen anſprach und ſich freute, ihn ſo ganz wieder⸗ hergeſtellt zu ſehen. Sie hielt den fremdartigen, ihr auf⸗ gedrungenen Geiſt kalter Zurückhaltung nicht länger feſt, ſie war wieder natürlich und einfach, wie ſie es in ihren frühern Jahren geweſen war, und wenn auch ihr Auge, als ſie mit Max ſprach, ſittſam ſich ſenkte, ſo verweigerte es ihm doch nicht unbedingt den freundlichen Aufblick bei manchem Wort von ihm, das ſie dazu bewog. Marx dankte ihr für die Theilnahme, die ſie ihm er⸗ weiſe, und verſicherte, daß er längſt hergeſtellt ſei und nur 101 auf die Abreiſe des Grafen von Königsegg gewartet habe, um ihn, da er mit der Aufforderung beehrt worden, zu begleiten.„Ich bin ganz geſund,“ ſetzte er nochmals hin⸗ zu, gleichſam um alle Erinnerung an den erſchreckenden Vorfall, den er unſchuldig im Gumpendorfer Palais ver⸗ urſacht hatte, in Cajetana zu verwiſchen. „Er iſt ſo geſund,“ bekräftigte Königsegg lächelnd, „daß auch die letzte Spur des Liebeszeichens, das ihm der Tatar hinterlaſſen, von ſeiner Stirn verſchwunden iſt. Es hat allgemeine Senſation erregt.“ Cajetana warf einen ſchnellen und ſcheuen Blick auf Riedau's Stirn, als zweifle ſie an der Thatſache, dann ſchlug ſie ihr Auge tiefer zu Boden und ihre Lip⸗ pen ſchloſſen ſich feſt. Frau von Birkenfeld, die ſich für jede neue Anſpie⸗ lung intereſſirte, fragte lebhaft, was es mit dieſem Liebes⸗ zeichen eines Tataren für eine Bedeutung habe, und ließ ſich von dem Grafen, trotz Riedau's Ablehnung, welche der Sache keine Wichtigkeit beilegen wollte, ausführlich befriedigen, was dieſer Angeſichts der alten neugierigen Dame nicht ohne einen Anflug ſeines alten Humors mit einiger Uebertreibung that. Bei Tafel ſaßen die Vier ſo traulich vereint, als gehörten ſie in einen unzertrennlichen Familienkreis; das war für die aufmerkſame Wirthin ein glücklicher Tag, 102 an den ſie noch oft in ihrer ſpätern Einſamkeit mit Freu⸗ den zurückdachte. Sie widmete ſich beſonders dem Gra⸗ fen, welcher ihr wie das wahre Muſter eines vornehmen Herrn erſchien, ſo gehalten und edel in jeder Bewegung, und doch ohne allen Stolz. Die jungen Leute, meinte ſie, konnten ſich ſelbſt überlaſſen bleiben, da ſie ſich ſchon kannten, und ſo oft ſie in ihrer wortreichen Unterhaltung einmal eine Pauſe machte und hinhörte, bemerkte ſie auch, daß Beide ſich ganz gut dabei befanden. Nach Tiſche rie⸗ fen ſie ihre Geſchäfte ab— und plötzlich, ſie wußten nicht, wie es geſchehen war, ſahen ſich Cajetana und Mar allein. Cajetana's erſtes Gefühl war ein heißes Zagen, ſie bebte und ihr war, als müſſe ſie auch das Zimmer verlaſſen, wenn ſie es nur geſchickt und unbefangen ver⸗ mocht hätte. Max fühlte ſich aber noch mehr der ruhigen Faſſung beraubt, als ſie. In ſeinem Herzen ging das glühende Verlangen auf, ſich in dieſem koſtbaren Augenblicke, der wohl niemals im Leben wiederkehren würde, die volle Gewißheit zu verſchaffen, ob er jede Hoffnung unrettbar aufgeben müſſe; denn wie oft er ſich auch geſagt, daß es nach Allem, was er erfahren, thöricht ſei, noch zu hoffen, wie oft er gewähnt hatte, überwunden zu haben, war doch immer die Hoffuung, die er begraben hatte, wie eine friſche Blume ihrem Grabhügel wieder entſproßt. Wie 103 aber ſollte er heute das entſcheidende Wort hervorrufen? Die Sandkörner der Zeit, die ihm mit Cajetana ohne Zeugen zu reden vergönnt war, rollten unaufhaltſam dahin— im nächſten Momente konnte der Graf zurück⸗ kehren, morgen reiſten ſie weiter, und er nahm die foltern⸗ den Gedanken als unzertrennliche Begleiter ſeines Lebens mit hinaus, um Cajetana vielleicht nie wieder zu ſehen. In dieſer Haſt, den Moment zu feſſeln, kam er zu keinem klaren Entſchluß, wie er beginnen ſolle, und Cajetana, das Peinliche der Gegenwart fühlend, fand zuerſt mit feinem weiblichen Tacte die paſſende Weiſe, die Spannung harmlos zu löſen. Sie fragte, ob er auch ſeinen Wunſch erreicht habe, in das Regiment des Prinzen von Savoyen zu kom⸗ men. Alles, was militäriſche Verhältniſſe betraf, hatte ſie auch in der fremden glänzenden Welt, in welche ſie auf einmal verſetzt worden war, mit dem höchſten Inter⸗ eſſe erfüllt, und vielleicht grade, weil in den Hofkreiſen und der übrigen vornehmen Geſellſchaft im Ganzen ſo wenig davon geſprochen wurde, hatte Cajetana Einzelnes, wovon ſie hörte, lebhaft aufgefaßt. Sie kannte ja noch aus ihren unvergeſſenen Kindeserinnerungen die Namen vieler Reiter⸗Regimenter, von denen ihr Vater große Thaten oder einzelne Schnurren erzählt hatte. So war ihr auch Riedau's Verhältniß, das, ſo lange er noch in 104 hohen Gnaden bei ſeiner fürſtlichen Beſchützerin ſtand, viel Stoff zur Theilnahme gegeben hatte, genau bekannt geworden, und ſie war heute als Soldatentochter einiger⸗ maßen beſchämt, daß ſie nicht an der Uniform ſchon zu erkennen vermochte, was ihre Frage betraf. Riedau be⸗ jahte dieſelbe und war wie von einem Alp befreit, daß er nun Cajetana's liebe Stimme hören und zu ihr reden konnte. Er ſprach von der Gnade des Prinzen gegen ihn und daß nun alle ſeine Wünſche erfüllt ſein würden, wenn es im Frühlinge zum Kriege käme. Sie warf einen ihrer ſchnellen Blicke auf ihn, dem er wohl hätte eine beſchämende Deutung geben können. „Meine erreichbaren Wünſche!“ ſetzte er von ſeinen Gefühlen fortgeriſſen hinzu. Sie ſchwieg— ein leiſes Beben, das ſie vergeblich bekämpfte, wurde an ihren feinen Lippen bemerkbar. „Ich gehe morgen von hier— und wenn ich denke, daß ich vielleicht in Ihren Angen den ewigen Vorwurf trage, der mich begleiten wird und ſich wohl gar von mir für die Zukunft Uebles verſieht, als könne ich Rache neh⸗ men wollen— ſo iſt es mir, als müßte ich Sie bitten, mir zu vertrauen—“ „Ich verſtehe Sie nicht—“ ſagte Cajetana leiſe und zitternd. „Darf ich mich ausſprechen?“ rief er.„Wird Fräu⸗ 105 lein von Cronberg mir nicht zürnen? Sie haſſen mich, Sie müſſen mich haſſen, der ich auf Tod und Leben— Sie fürchten gewiß, daß ich dort angekommen, wo ich den Gegner wiederfinden muß, von Neuem den Kampf ſuchen werde, Blut um Blut! Aber vertrauen Sie mir! Sein Leben wird mir heilig ſein— ich werde keinen Ge⸗ danken der Rache in meiner Seele aufkommen laſſen um Ihretwillen!“ „Was bedeuten dieſe Worte?“ entgegnete Cajetana mit einiger Aufregung, da ihr plötzlich eine Ahnung aufging, von welcher Annahme Max dabei geleitet wer⸗ den könne.„Wen meinen Sie, den Sie um meinetwillen ſchonen wollen? Sprechen Sie es offen aus, ich habe keine Urſache, das zu ſcheuen.“ Sie dachte dabei an die Rede ihres Vormunds, welche ſo wohlthuend ihr Selbſt⸗ gefühl aufgerichtet hatte. „Wenn ich den Namen des Mannes nennen ſoll, dem ich gegenüberſtanden habe—“ fagte Riedau zögernd. „Graf Colonna!“ rief ſie mit Ungeduld.„Ich weiß es— aber wenn Sie die heimtückiſche That, welche an Ihnen begangen worden iſt, nicht ahnden wollen, wie kann das um meinetwillen ſein!“— Ihr jungfräulicher Stolz empörte ſich vor dem Gedanken, daß auch Rie⸗ dau glauben könne, was die Gräfin zu ihrer unausſprech⸗ lichen Demüthigung für möglich gehalten Colvnna 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. 106 ſei mit voller Berechtigung zu dem dreiſten Schritte ge⸗ kommen, der all' dieſe unglücklichen Folgen nach ſich ge⸗ zogen hatte. Wenn ſie gar eine Ahnung gehabt hätte, welche ſchmachvolle Beſchuldigung, wie ätzendes Gift, Anna Riedau in ihres Bruders Ohr geträufelt!— „Ich bin mit dem Grafen ſo flüchtig nur bekannt, daß Alles, was ihn betrifft, mir gleichgültig iſt!“ Ein helles Licht der Freude glänzte aus Maxens Augen hervor, und als ſie das bemerkte, gerieth ſie in Verwirrung. „Habe ich Sie gekränkt?“ fragte er herzlich. Sie lehnte dieſe Vorausſetzung ab.„Warum ſollten Sie das!“ entgegnete ſie leiſe, und ſehnte nun heiß ihren Vormund oder Frau von Birkenfeld herbei, obgleich ſie ſich ſo gern in Riedau's Augen vollſtändig gerechtfertigt hätte. „Ich würde eher mein Blut opfern, als Ihnen das leiſeſte Weh zufügen!“ rief er, jetzt nicht mehr Herr über ſich ſelbſt.„Es gab eine Zeit, wo ich ſelig war in Hoffnung— dann zerriß der Zweifel mein Herz. Heut' ſehe ich Sie vielleicht zum Letztenmale— Fräulein Caje⸗ tana, beleidigt Sie eines ehrlichen Soldaten Wort, der nur bitten will, daß Sie freundlich ſeiner gedenken?“ Sie hatte ſich ganz abgewendet— er konnte nicht wahrnehmen, ob ſie zürnte. Ihn riß es hin mit unwider⸗ 107 ſtehlicher Gewalt, dieſer Augenblick mußte über ſeine Zukunft entſcheiden.„Cajetana!“ ſagte er mit Innig⸗ keit und faßte ſanft ihre Hand. Was er ihr aber ſagen wollte, er konnte vor der mächtigen Bewegung, die ihn übermannt hatte, nicht weiter reden: der Gruß vom Fenſter, den ſie ihm einſt im Schneeſturm bei ſeinem er⸗ ſten Scheiden von Wien ſtumm und bedeutungsvoll ge⸗ ſpendet, das alte Freundesband ihrer Väter, ſelbſt der dunkle Vorwurf, den ſeine Schweſter ſo oft gegen den Verſtorbenen erhoben, und tauſend Gedanken noch wirrten und drängten ſich in ſeiner Seele— es war ihm, als könne es gar nicht anders ſein, Beide gehörten ein⸗ ander an!— Cajetana's Hand hatte in der ſeinigen gezuckt und ſich ihm entziehen wollen; er aber hielt ſie feſt und ſagte nur mit unendlicher Liebe:„Ich kann nicht anders, Ca⸗ jetana!“ Sie erbebte, aber ſie ließ ihm ihre Hand. Da ſtand überraſchend Graf Fidelis vor ihnen. Vor Scham tief erglühend, aller Faſſung beraubt, bebte Cajetana zurück, Thränen entſtürzten ihrem Auge— ſie war wie vernichtet. Max aber begrüßte mit ſtrahlenden Blicken den Freund, der ihm ja vorhergeſagt, was nun in freudige Erfüllung gegangen— deſſen war er gewiß, auch ohne ein einziges Wort von Cajetana's Lippe. Karl Fidelis ſäumte keinen Moment, ſie zu erlöſen. 7* 108 „O zagen Sie nicht vor mir! Mein Herzens⸗ wunſch— Euch Beide vereint zu ſehen, iſt endlich erfüllt. Gib ihm die Hand nur wieder, Du theures Kind, und Gottes Segen ruhe auf Eurem Bande!“ Er faßte Beider Hände und fügte ſie in einander. So plötzlich und nie geahnt dieſe Wendung in Cajetana's Leben getreten war, daß ſie davon überwältigt, keiner klaren Vorſtellung fähig, mit ſich geſchehen ließ, was Karl Fidelis in ſeiner Freude that, fühlte ſie doch in ihres Herzens Heiligthum eine ſchöne ſtille Zuverſicht, daß nun Alles gekommen ſei, wie es Gott zu ihrem Glücke gefügt habe. In namenloſer Seligkeit, die aber nicht verletzend und leidenſchaftlich hervortrat, bat ſie Max, nun auch mit ihrem Wort zu bekräftigen, daß ſie ihn annehme, der ſie vom erſten Augenblicke, da er ſie ge⸗ ſehen, treu im Herzen getragen habe, und ihre leiſe ge⸗ flüſterte Antwort, die ſie ſtill weinend gab, füllte ihn mit tauſend Wonnen. Wer unſerer Leſer, dem ein gleiches Glück im Leben beſchieden war, ob ihm auch bereits lange Jahre darüber vergangen ſind, wird nicht von ei⸗ nem warmen Frühlingshauche aus ſeiner Jugend ſchön⸗ ſter Zeit angeweht, wenn ihm bei zufälligem Anlaß die Erinnerung an die Stunde vor die Seele tritt, in welcher ſein Glück einſt gekrönt wurde?— Der Frau von Birkenfeld ſtellte nun Königsegg das 109 Brautpaar vor. Sie war Anfangs ſprachlos vor Er⸗ ſtaunen, dann aber fiel ſie Cajetana um den Hals und ergoß ſich in einen Strom von freudigen Glückwünſchen, welche ſie jedoch einzig und allein an den Bräutigam richtete. Ihn kannte ſie ja erſt ſeit geſtern, wo ſie den ſtattlichen Offizier am Hofbrunnen vor der Winter⸗ reſidenz in Salzburg zum Erſtenmale mit Augen erblickt hatte, nicht ahnend, welche Bedeutung er ſo bald für ſie gewinnen würde. „Aber, aber!“ rief ſie dann,„wo es eben in den Krieg geht! Haben die jungen Leutchen das auch be⸗ dacht? Es wäre doch rathſamer geweſen, mit der Verlo⸗ bung bis zum Frieden zu warten— das arme Bräutchen wird ſich ja grämen und vor jedem Boten zittern, der über die Berge kommt.“ „Ei, liebe gnädige Frau,“ verſetzte Königsegg, der den Eindruck dieſer Unheil andeutenden Worte bemerkte, „wer ſagt Ihnen denn, daß das junge Paar während des ganzen Krieges Braut und Bräutigam bleiben will? Bricht jetzt ein Krieg aus, ſo kann er leicht ſo lange dauern, wie der vorige mit den Türken, und unſer tapferer Freund hier hat wohl nicht Luſt, bis zum Frieden zu warten.“ „Aber— wird die Frau Gräfin es auch erlauben, daß etwa— Sie verzeihen mir, Herzliebchen— die junge 110 Frau gar ſelber mit in den Krieg zieht? Wie geht es da zu! Keine bleibende Stätte, keine Hauswirthſchaft!“ Das hieß die zarte Blume, die ſich hier kaum aus ihrer verſchwiegenen Hülle entfaltet hatte, doch allzu derb anfaſſen! Die gute Frau von Birkenfeld, eine durchaus praktiſche und proſaiſche Natur, dachte nur an die äußern Nöthigkeiten und Einrichtungen, und hatte keine Ahnung, daß ſie Cajetana, welche ſie doch ſo lieb hatte, bis in ihr tiefſtes Gefühl verletzte. Königsegg machte ſich Vor⸗ würfe, ſie dazu veranlaßt zu haben— auch ihm war es Entweihung, in dieſer Weiſe von dem ſchönſten Erden⸗ verhältniß zu reden! Und doch konnte er der alten Dame nicht ganz Unrecht geben: wo über dem Idealen die ma⸗ terielle Wirklichkeit mit ihren gebieteriſchen Forderungen ganz vergeſſen wird, rächt ſie ſich gewöhnlich ſehr bitter. Er unterdrückte aber den Eifer der wirthlichen Frau. „Vor der Hand ſind wohl über alle dieſe Dinge noch keine Entſchlüſſe gefaßt,“ ſagte er.„Das wird die Zeit bringen, und gewiß kann dann Ihr Rath von großem Nutzen ſein. Wir wollen dem jungen Paare die Roſen der Gegenwart gönnen.“ Ueber dieſe ſchöne Rede freute ſich Frau von Birkenfeld ungemein, da ſie die Blumen, vorzüglich die Roſen liebte und dies die einzige, poetiſchen Gedanken zugängliche Seite ihres Weſens war. Man überließ denn das liebende Paar ſich ſelbſt, 111 ſie hatten ſich gewiß ſo viel zu ſagen!— Auch wir ehren den Zauberkreis, welchen ſie bald, in der tiefen Fenſter⸗ niſche ſitzend, unnahbar um ſich gezogen hatten, und ge⸗ hen lieber mit dem Grafen Karl Fidelis zu Rath, wie ſich nun ihre Zukunft geſtalten ſolle. Er dachte heute nicht zum Erſtenmale, auf die Veranlaſſung der Frau von Birkenfeld, daran, ihn hatte es lange ſchon beſchäftigt, und es galt nur, die Ideen, die er ſich darüber gemacht hatte, in paſſender Weiſe zur Ausführung zu bringen. Sein ſchöner Vorſatz, das Glück, das ihm auf Erden nimmer beſchieden war, in reichſter Fülle den beiden jun⸗ gen Herzen, die einander ſo werth waren, zu bereiten, war gelungen, und dies Gefühl gab ihm ſelbſt ein Glück, das er als Erſatz für das verſagte hinnehmen konnte. Aber er wollte nun auch die äußere Geſtaltung der neuen Verhältniſſe, die er ſchaffen half, feſt und dauer⸗ haft begründen. Wenn das geſchehen war, dann war ſeine letzte Aufgabe erfüllt, dann willkommen die franzö⸗ ſiſche Kugel, welche ſeinem Herzen endlich Ruhe geben konnte! Dieſer Gedanke hatte ihn ſchon oft beherrſcht. In jenen Zeiten waren die Verhältniſſe viel ein⸗ facher, die Lebensanſprüche ſelbſt der bevorzugten Stände viel beſcheidener, als in unſern Tagen, wo manches Herzensglück an der Unmöglichkeit, ihnen zu genügen, ſcheitert. Auf den moßloſen Prunk des ſechzehnten Jahr⸗ ———ͤ——— ——— — 112 hunderts, der die Feſtkleider des Adels mit Edelſteinen und Perlen überſäete und auch im Bürgerſtande Ver⸗ ſchwendung und Genußſucht hervorgerufen hatte, war die Sündflut des dreißigjährigen Krieges über unſer armes deutſches Vaterland gekommen. So grauenhaft ſeine Folgen, ſo fluchwürdig ſein Angedenken, hatte er doch, freilich aus bitterer Noth, wieder einfachere Zuſtände im häuslichen Leben herbeigeführt. Und wenn ſchon gegen das Ende des Jahrhunderts die böſe Luft aus Frankreich neue Ueppigkeit nach dem Beiſpiele Ludwig's XIV. her⸗ überführte und deutſche Fürſten, auch kleiner Länder, nur zu eifrig dieſem Beiſpiele nacheiferten mit glänzen⸗ dem Hofſtaat, Garden und Prachtbauten, ſo war die An⸗ ſteckung doch nicht tiefer in das Volk gedrungen, und alle Lebenseinrichtungen, wie die Bedürfniſſe eines Hausſtan⸗ des hatten einen beſcheidenen Character. Das Wort der Schrift: wenn ihr Eſſen und Kleidung habt, ſo laſſet euch genügen, ſchien ſeine praktiſche Anwendung gefun⸗ den zu haben, und wir zweifeln nicht, daß man ſich dabei glücklich gefühlt hat. In Oeſterreich gab überdem der Kaiſer, wie wir ſchon hervorgehoben haben, an ſeinem Hofe zu Wien nicht blos im Punkte ſtrenger Sittlichkeit, ſondern auch in weiſer Sparſamkeit ein ganz anderes Bei⸗ ſpiel, als ſein und Deutſchlands alter Gegner, der aller⸗ chriſtlichſte König. Am einfachſten aber in ſeinen An⸗ 113 ſprüchen war der Soldat. Damals gab es noch keine, durch die Zeitverhältniſſe und den vermeintlich nothwen⸗ digen Standesluxus hervorgerufenen Beſchränkungen der perſönlichen Berechtigung, ſich zu verheirathen; den Con⸗ ſens dazu für die Offiziere niedern Grades ertheilte der Regimentsinhaber, ohne daß dazu der Nachweis eines beſtimmten Vermögens erforderlich geweſen wäre. Was heute der frevelhafteſte Leichtſinn, eine ſchwere Verſchul⸗ dung gegen ein geliebtes Weſen ſein würde, daſſelbe an eine ungeſicherte Exiſtenz zu feſſeln, in Noth und Elend zu ſtürzen— dafür fehlte damals der Begriff. Eine Sol⸗ datenwirthſchaft bedurfte keines großen Hausraths, denn ſie mußte darauf eingerichtet ſein, jeden Tag aufgeſchla⸗ gen und an eine andere Stätte verlegt zu werden, wie das Feldlager: bedenken wir, daß es erſt ſeit kurzer Zeit ſtehende Heere gab und bei den faſt ununterbrochenen Kriegen noch nirgend bleibende Garniſonen. Die Sol⸗ datenehe war mehr als jede andere darauf geſchloſſen, Freud und Leid, Mühſal und Entbehrung feſt verbunden zu tragen, und die Kriegsgeſetze, ſo ſtreng ſie gegen die Anweſenheit lockerer Weibsperſonen beim Heere eiferten, geſtatteten doch den ehrbaren Soldaten⸗ und Offizier⸗ frauen, ihren Männern, wo es irgend mit höhern mili⸗ täriſchen Rückſichten verträglich war, zu folgen. Bei Wittſtock wurden 140 Offiziersdamen gefangen. Auf 114 Märſchen, in Lagern und Quartieren, im Kriege reichte der Sold, ſo karg er war, mit dem, was beigeſteuert wurde, vollkommen zur Erhaltung der Soldatenwirth⸗ ſchaft aus; Beute, an der auch der Offizier bei recht⸗ lichem Gewinn— nicht durch Plünderung— Antheil hatte, Löſegelder für Gefangene, deren Höhe nach dem Range durch völkerrechtliche Verträge feſtgeſtellt war, eröffneten ſogar die Ausſicht auf Reichthum, und hatte der Offizier erſt eine Compagnie zu Fuß oder zu Roß, ſo war er in einer wahrhaft glänzenden Lage, da eine ſolche bei ſtrengſter Rechtlichkeit der Bewirthſchaftung an Menſchen und Material ein höchſt bedeutendes Einkommen ab⸗ warf— in manchen Armeen mehrere tauſend Thaler. Es wäre daher auch ohne die Vermittelung des Grafen Königsegg dem jungen Riedau kein Vorwurf zu machen geweſen, daß er es wagte, Cajetana, unbekannt mit dem Leben, wie ſie war, an ſeine Armuth feſſeln zu wollen. Die Liebe fragte damals viel weniger, als heute, nach Geld und Gut— ſie hatte noch mehr Kraft und Vertrauen, auch in Entbehrungen nicht unterzugehen. Aber Karl Fidelis wollte dem jungen Paare eine Zukunft ohne dieſelben ſichern. Dabei mußte er freilich klug zu Werke gehen, wenn er nicht Riedau's allzureges Gefühl verletzen wollte. In irgend einer Weiſe mußte die Form gefunden werden, ihm die Annahme deſſen, was ihm zu⸗ 115 gedacht war, leicht zu machen— eine offen gebotene Un⸗ terſtützung hätte er, wenn auch mit Anerkennung der freundlichen Abſicht, ſtolz und unbeugſam abgelehnt. Er durfte nicht wiſſen, welchen Urſprung ſie hatte. Der Graf glaubte den Weg, den er einzuſchlagen hatte, ſchon jetzt zu erkennen; auch war ja noch Zeit, die Einleitun⸗ gen dazu zu treffen, damit es erwartet wurde, und wenn es geſchah, alle Ueberraſchung wegfiel. Einen Wider⸗ ſpruch von Cajetana hatte er wohl gar nicht zu fürch⸗ ten, da ſie gewohnt war, ſich ſeiner Leitung ihrer An⸗ gelegenheiten unbedingt zu vertranen. Vor dem Frühlinge war an die Verbindung überhaupt nicht zu denken— bis dahin hatte er auch noch die nöthigen Verhandlungen mit ſeiner Mutter zu führen, welche zwar kein Recht auf Cajetana hatte, und auch wohl ihre Einwilligung zu dem Schritte, der ſie aller weitern Verpflichtungen über⸗ hob, nicht verweigern würde, doch aber mit gebührender Rückſicht darum gebeten werden mußte. Alles das brief⸗ lich abzumachen, erforderte bei der weiten Entfernung und den mangelhaften Verbindungen viel Zeit. Karl Fi⸗ delis erwog dieſe Verhältniſſe mit Klarheit in ſeinem Geiſte und hatte ſie bald in feſte und paſſende Formen gebracht. Der Aufenthalt in Stauffenried, welcher Anfangs nur auf zwei Tage beſtimmt geweſen war, wurde nun um 116 noch zwei verlängert: es bedurfte dazu der Fürbitte der Frau von Birkenfeld gar nicht, welche dem Grafen vor⸗ ſtellte, wie grauſam es ſein würde, das Brautpaar ſo ſchnell wieder zu trennen. Karl Fidelis war ſelbſt im Anſchauen dieſes reinen Glückes zweier Seelen von un⸗ entweihter Lauterkeit ſo beſeligt!— Die Verlobten hatten viel Zeit, ſich Alles zu ſagen, was ihr Herz noch barg; kein kalter oder feindſeliger Blick ſtörte dieſe koſtbaren Momente des Zuſammenſeins— wenn Cajetana dem Auge ihres Vormundes begegnete, ruhte es mit innigem Wohlwollen auf ihr, und mußte ſie dann auch jedesmal lieblich erröthen, ſo fühlte ſie doch in ihrem Innern die füßeſte Befriedigung, daß er es ſo gut mit ihr meine. Am Abende vor der Trennung kam ſie auf einen Punkt, den ſie ſchon zweimal hatte berühren wollen, von welchem ſie aber Max immer glefliſſentlich wieder entfernt hatte. Es war das Verhältniß zu ſeiner Schweſter. „Was wird Anna ſagen, wenn ſie Alles erfährt?“ begann ſie, und ließ ſich jetzt nicht mehr davon abbrin⸗ gen.„Nein, nein! Es kann mir nicht gleichgültig ſein, wie ſie mich aufnehmen wird! Wir ſtanden einſt in ſo freundlichen Verhältniſſen, bis ſie erfuhr, daß die Gräfin aus gütiger Abſicht meinen wahren Namen verhehlt hatte. Da that ſie mir ſehr weh— und ich möchte wohl 117 von Dir wiſſen, Max, ob ſie dazu aus der Vergangen⸗ heit ein Recht gehabt hat! Sei aber ganz ehrlich— von Dir will ich felbſt das Schlimmſte ertragen, was ich damals, ich geſtehe es, nicht vermochte. Du kennſt ge⸗ wiß die Urſachen genau, die ſie bewogen, meines Va⸗ ters Gedächtniß zu ſchmähen.“ „Liebe Cajetana, ich habe meinem Vater verſpro⸗ chen, Alles, was zwiſchen ihm und Deinem Vater vor⸗ gefallen iſt, in Vergeſſenheit zu begraben. Du kannſt mich nicht meinem Verſprechen untreu machen wollen.“ „Gegen Fremde gilt es doch nur! Willſt Du auch mir, da es die Ehre meines Vaters betrifft, nichts ſagen?“ „Ich kann nicht anders!“ ſagte er mit liebevollem Tone. „Mir, mir ſchlägſt Du die erſte Bitte ab?“ rief Cajetana. „Ich muß!“ erwiederte er ſanft und feſt.„Wort⸗ bruch forderſt Du nicht von mir!“ „So glaubſt Du auch, was Anna mir geſagt hat, ſo hältſt auch Du meinen Vater für ſchuldig; denn glaub⸗ teſt Du es nicht, ſo würdeſt Du mein Herz durch ein einziges Wort beruhigen!“ „Ich glaube nicht daran, das betheuere ich Dir!“ ſprach er mit dem Ausdruck feſter Ueberzeugung.„Miß⸗ 118 verſtändniſſe, die ich nicht kenne, müſſen hier gewaltet haben, und ſchon das Verbot meines Vaters beweiſt, daß er nicht die böſen Zweifel hegte, mit denen meine Schweſter in ihrer unglücklichen verbitterten Stimmung Dir weh gethan hat.“ „Aber wenn ſie doch dieſe Meinung hegt, ſo wird ſie mir nimmer freundlich ſein,“ ſagte Cajetana. „Wir ſehen ſie vielleicht erſt nach Jahren wieder! Bis dahin lernt ſie wohl milder denken.“ Er ſprach hier gegen ſein eigenes Wiſſen, denn wie er ſeine Schweſter kannte, war bei ihr an Milderung ihrer Sinnesart nicht zu denken. Auch Cajrtana ſchüttelte zweifelnd den Kopf.— „Du wirſt ihr doch gleich ſchreiben?“ fragte ſie.„Auch ich will es thun, mag ſie auch meinen Brief mit Unwillen empfangen. Wir ſollten es noch heut' zuſammen thun, Marx.“ ⸗ Er redete ihr das aus, und bat ſie um das Ver⸗ ſprechen, nicht eher an Anna zu ſchreiben, bis er ſeiner Schweſter Mittheilung gemacht habe.„Was ich ſchreiben werde, kann ſeine Wirkung nicht verfehlen,“ ſagte er.„Es iſt ja die ſchönſte Löſung des Mißverhältniſſes zwiſchen unſern Vätern.“ „Ja, Max!“ ſprach ſie, von dieſem Gedanken leb⸗ haft ergriffen. Was ihn aber beſonders zu ſeiner Bitte bewogen hatte, die Beſorgniß, daß Anna das vertrauens⸗ 119 volle Entgegenkommen ſeiner Braut mit der tödtlichſten Kränkung im Sinne ihrer letzten Unterredung beantwor⸗ ten könne, das ſagte er ihr freilich nicht— überhaupt war er noch gar nicht entſchloſſen, ob er ſeiner Schwe⸗ ſter in nächſter Zeit ſchon Nachricht über das Band, das er geknüpft hatte, geben ſolle. Sie war ihm nun völlig eutfremdet. Sechstes Cagitel. Pio Colonna. Scheiden und Meiden! Dem Manne, der ſich los⸗ reißt von einem geliebten Weſen, um dem Rufe der Pflicht in die Ferne zu folgen, greift es wohl auch ſchmerzlich an das Herz, ſo daß er nicht immer im Stande iſt, die feſte Haltung, die ihm ziemt, zu bewahren; aber wenn der erſchütternde Moment vorüber iſt und im zer⸗ ſtreuenden Wechſel der Scenen um ihn her, unter den Forderungen, welche an ſeine Thätigkeit gemacht werden, ſein Geiſt abgezogen wird von dem einen Gedanken und ſich mit voller Kraft ſeinem Berufe widmen muß, wird auch das Herz geſtählt und weiß ſich einer entnervenden Sehnſucht zu erwehren, ohne darum dem liebend treuen Angedenken, dem Talismann auf allen Wegen zu ent⸗ ſagen. Die Zurückbleibende dagegen, in den gewohnten Umgebungen, welche noch kürzlich Zeugen ihres Glückes geweſen, in ſtiller weiblicher Thätigkeit, welche Herz und Geiſt nicht in Anſpruch nimmt, ſo daß dieſe immer wieder ſich mit dem Geliebten beſchäftigen können— wie verſchieden iſt auch hier der Frauen Loos! Iſt es aber zu beklagen?— Bei Mar Riedau währte es freilich einige Zeit, bis er den friſchen Muth wieder fand, weil ſeine Thätigkeit nicht unmittelbar nach der Trennung in Anſpruch genommen wurde und er auf der langen Winterreiſe mehr in einem paſſiven Verhalten blieb. Der Graf ließ ihn ge⸗ währen, wenn er in ſeine Gedanken vertieft oft meilen⸗ weit ſchwieg; es war nicht Abſicht bei Karl Fidelis, auf der Herreiſe ſchon, ſeit ſie Wien verlaſſen, war er un⸗ gewöhnlich ſchweigſam geweſen, jetzt bemerkte es Mar gar nicht. Der Weg durch das ſchöne Land, deſſen lebendige grüne Waſſer jetzt in Eis gepanzert waren, über den ſtar⸗ ken Paß, der den Eingang von Tirol ſchützt und weiter zu Berg im immer breiter werdenden Unterinnthal nach Innsbruck, dann hinauf an den Sill, höher und höher zum Brenner, wurde in ſo ſtarken Tagfahrten zurück⸗ gelegt, als es damals möglich war. Nur in der Haupt⸗ 121 ſtadt des Landes, wo Graf Königsegg bei den oberſten Behörden einige Geſchäfte wegen der Heerbedürfniſſe hatte, wozu er von Wien beauftragt, wurde ein kurzer Aufenthalt gemacht. Vom Brenner ging es dann raſcher thalabwärts am Eiſack, doch mußten ſie nicht ſelten mit den winterlichen Schrecken des Hochgebirges kämpfen und ſogar einmal drei Tage liegen bleiben, bis die Straße wieder gangbar gemacht war. Endlich that ſich das weite, im Sommer ſo anmuthige Thal von Briren vor ihnen auf, und wie gaſtfreundlich auch der Fürſtbiſchof ſie nach all den Beſchwerden zu einigem Ausruhen in ſeiner prächtigen Reſidenz bewegen wollte, eilten ſie doch unauf⸗ haltſam weiter, um die zweite Biſchofſtadt, Trient, zu erreichen, wo das Hauptquartier des Feldzeugmeiſters, Grafen Stahremberg, war. Auf dieſer letzten Strecke, als ſchon die Strenge des Winters durch ſüdliche Lüfte gemildert war und die reichen Klänge italieniſcher Mund⸗ art ihr Ohr trafen, hielt es Graf Königsegg an der Zeit, vorſichtig einzuleiten, wofür ihn der Prinz von Savohen verantwortlich gemacht hatte. Es war in Salurn. Sie übernachteten hier. Ein Kohlenbecken, das der dienſtfertige Cameriere gebracht, ſollte die unbehaglich kalte Luft im Zimmer durchwärmen, hatte aber eine viel ſchlimmere, mit Rauch gemiſchte, ver⸗ breitet, ſo daß die Thüren nach dem Corridor aufgeriſſen 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. 8 122 werden mußten. Dort ragte an der entgegen geſetzten Wand ein rieſiges Marmorbild des Gekreuzigten; der Mondſtrahl, welcher gebrochen durch das Fenſter ein⸗ drang, umſpielte das bleiche Haupt mit der Dornen⸗ krone und umwob es mit einer milden Glorie. Konnte Karl Fidelis eine beſſere Stätte wählen, um dem jungen Freunde Verſöhnung und Vergebung für ſeinen Feind an das Herz zu legen? „Sie werden beim Regimente ein unangenehmes Wiederſehen haben, Max,“ begann er. „Mit Colonna!“ verſetzte Max, der ihn ſogleich verſtand.„Ich habe auch ſchon daran gedacht.“ „Hoffentlich nicht mit unverſöhnlichen Gefühlen?“ ſagte der Graf. „Nein, wahrlich nicht!“ erwiederte Riedau offen. „Ich bin zu glücklich, als daß ich ihm irgend etwas nach⸗ tragen könnte.“ „Das iſt mir lieb zu hören. Denn wiſſen Sie, auch der Prinz, Ihr Regimentsinhaber, wünſcht alle neue Zerwürfniß zwiſchen Ihnen Beiden vermieden zu ſehen. Verſprechen Sie mir das.“ „So weit es an mir liegt und meiner Ehre nicht zu nahe tritt, ja! Es gibt hier freilich eine Grenze—“ „Das ſehe ich ein. Doch wenn Sie ihm keinen An⸗ laß geben, Streit zu ſuchen— er, ſollte ich meinen, hätte 123 wenig Urſache dazu. Ihre Hand darauf, daß Sie ihm keine Gelegenheit geben wollen.“ Max reichte ſie ihm unbedenklich und Königsegg freute ſich ſeines Werkes. Schon überall hatten ſie in den Ortſchaften an der großen Heerſtraße nach Italien, welche ſie verfolgten, einquartierte Truppen gefunden, Trient, wo das Haupt⸗ quartier des jetzigen Oberbefehlshabers lag, war überfüllt damit. Hier mußten die beiden Reiſegefährten ſich tren⸗ nen, denn Graf Königsegg hatte ſein Ziel erreicht, wäh⸗ rend Riedau weiter ſüdwärts erſt ſein Regiment fand, das in der Gegend von Roveredo Quartiere bezogen hatte. Beim Abſchiede erinnerte Karl Fidelis den jungen Freund nochmals an ſein Verſprechen und entließ ihn dann ſeinerſeits mit der Verheißung, für ſeine Verbindung mit Cajetana alle nöthigen Schritte zu thun. Das Geſuch um den Conſens des Feldmarſchalls, Prinzen Eugen, war bereits aufgeſetzt und Königsegg hatte die Vermittelung übernommen. Es war nicht daran zu denken, daß der Feldzug früher eröffnet wurde, als im Sommer— bis dahin konnte alſo für Max Alles geordnet ſein. In Roveredo lag der Stab des Regiments Sa⸗ voyen⸗Dragoner; Riedau meldete ſich bei dem General⸗ Wachtmeiſter, der bereits von Wien aus von deſſen Ver⸗ ſetzung durch den Prinzen ſelbſt unterrichtet war und ihn 8* 124 daher wohlwollend aufnahm. Er wurde derjenigen Com⸗ pagnie zugetheilt, welche in den nächſten Dörfern einquar⸗ tiert war, und ging ohne weitern Aufenthalt dahin ab. Der Empfang, den er bei ſeinen neuen Cameraden fand, war ein überaus herzlicher, denn ſie wußten gar wohl, daß Prinz Eugen, wenn er ſelbſt einen Offizier in ſein Regiment nahm, immer nur Verdienſt und Tapferkeit berückſichtigte; auch war durch einen der Ihrigen, der einer vornehmen Familie angehörig eine Zeit lang in Wien auf Urlaub geweſen war, von der räthſelhaften Verwundung Riedau's, die einem Morde ſehr ähnlich ſah, viel erzählt worden, was für ihn, den noch Unbekannten, bereits ein allgemeines Intereſſe in Anſpruch genommen hatte. Riedau fühlte ſich nun ganz wieder in ſeinem Elemente; der Reiterdienſt bis in ſeine geringſten Leiſtungen hinab, die Sorge für die Pferde, wie für die Mannſchaft, war ſein Lebens⸗ beruf, dem er wie kein Anderer vielleicht, alle ſeine Kräfte mit Eifer widmete, und das Bewußtſein ſeines Glückes, die freudige Ausſicht, die ihm für den Frühling winkte, diente nur dazu, ihm die Erfüllung ſeiner Pflicht noch lieber zu machen. Es fiel ihm nicht ein, wenn ſich die Unbequemlichkeiten und manche Uebelſtände ſeines Quartiers, wo ſchon wälſche Art und Weiſe herrſchte, be⸗ merkbar machten, ſich zweifelnd zu fragen, ob es auch recht gethan ſei, Cajetana aus dem ſtillen, behaglichen 125 Leben in Stauffenried zu reißen und ihr dafür dieſen ſchlimmen Erſatz zu bieten: er wußte, Cajetana war ein echtes Soldatenkind und jeder Soldatenlage mit fröhli⸗ chem Muthe gewachſen. Sie hatte ihm das oft geſagt und ſeine Schilderungen, die er ehrlich gab, ſtets von der komiſchen Seite aufgenommen. Marx konnte überzeugt ſein, daß Cajetana auch ein echtes, treues Soldatenweib ſein werde.— Mit jedem Ordonnanzreiter, der nach dem Hauptquartier in Trient in dienſtlichen Angelegenheiten abgefertigt wurde, ließ er ein Briefchen nach Stauffen⸗ ried, zur Beſtellung an den Grafen Königsegg abgehen. Doch war in jener Zeit das dienſtliche Schreibweſen, das in unſern Tagen bis zu ſchreckenerregender Höhe gewachſen iſt, noch ſehr beſchränkt und es gingen, wenigſtens für Riedau's Wünſche, ſelten genug nach dem Hauptquartier directe Sendungen. Mit der Poſt war es noch gar ſchwach beſtellt. Der Briefwechſel der Verlobten war da⸗ her kein lebhafter, um ſo größer die Freude hier und dort beim jedesmaligen Empfange der ziemlich ſtarken Cvu⸗ verte, in welchen ſtets mehrere einzelne Briefe, die ſich aufgeſammelt hatten, bewieſen, daß ſich die Getrennten faſt täglich mit einander beſchäftigten. Vom Grafen Colonna hatte Mar bisher wenig ge⸗ hört. Derſelbe ſtand bei derjenigen Compagnie des Re⸗ giments, welche am meiſten gegen die ſüdlichen Ausgänge 126 des Gebirgs vorgeſchoben lag und hier die Grenze be⸗ obachtete. Franzöſiſche Truppen waren bereits in das Herzogthum Mailand eingerückt, deſſen ſpaniſcher Statt⸗ halter, wie früher erwähnt, ſich für Philipp Anjon er⸗ klärt hatte; ſie hielten auch andere wichtige Punkte durch Accord beſetzt und bewachten ſtreng die Päſſe, welche aus Tirol nach Italien führen. Ein Einfall ihrerſeits in das kaiſerliche Gebiet ſtand zwar nicht zu erwarten, aber der Commandirende ließ doch die Grenzen deſſelben durch ſeine Dragoner, welche noch zu Fuß und zu Pferd zu den verſchiedenartigſten Dienſtleiſtungen verwendet wurden, mit Feldwachen und unermüdlichen Streiftrupps ſichern. Dort ſtand auch Pio Colonna, und da es bei der Strenge des Grenzdienſtes äußerſt ſchwer hielt, Urlaub zu bekom⸗ men, ſo war es erklärlich, daß Riedau ihn noch gar nicht in Roveredo, wo ſich doch alle Offiziere des Regiments gelegentlich ſahen, getroffen hatte. Er ſehnte ſich wahr⸗ haft danach: die ganze Erinnerung an das, was zwiſchen ihnen vorgefallen war, hatte für einen Character, wie Riedau's, ſo viel Gehäſſiges, daß er nur hoffen konnte, durch ein offenes Ausſprechen, wie es Cameraden zuſteht, davon befreit zu werden. Endlich ſah er ihn einmal; Max erkannte ihn ſchon von fern, wie er unter dem Thorwege des großen Gaſthauſes, wo die Offiziere ge⸗ wöhnlich verkehrten, mit der ſchönen Padrona des Hau⸗ 127 ſes ſtand. Max beſchleunigte ſeinen Schritt, aber Co⸗ lonna, der ihn nicht beachtet haben mochte, wandte ſich gelaſſen um und ging in die nächſte Seitengaſſe, wo er verſchwunden war, ehe Marx, wie er wollte, ſeinen Na⸗ men rufen konnte. Er war dann nicht mehr zu finden, denn er hatte ſein Pferd irgendwo anders untergebracht und wahrſcheinlich die Stadt, ohne länger zu ſäumen, gleich verlaſſen. Hierauf vergingen wieder mehrere Wo⸗ chen, ehe ihn Riedau wiederſah. Nun aber trafen Beide in der Stadt ſo unvermeidlich Stirn an Stirn zuſam⸗ men, daß Colonna, auch wenn er gewollt hätte, nicht mehr ausweichen konnte. Er ſchien es aber auch nicht zu wollen, denn kaum hatte er Mar erblickt, als er ihm ſchnell entgegen kam. Sein ausdrucksvolles Geſicht färbte ſich mit einer lebhaften Röthe. „Zur glücklichen Stunde finde ich Sie endlich!“ rief er.„Seit Wochen drängt es mich dazu, vom erſten Tage an, wo ich Ihre Ankunft beim Regiment erfahren habe. Begleiten Sie mich— was ich Ihnen zu ſagen habe, kann nicht auf offener Straße geſchehen! Es betrifft meine Rechtfertigung, Herr von Riedau.“ Max erklärte, daß auch er ihn ſchon in beſter Ab⸗ ſicht als Camerad habe aufſuchen wollen, und dieſe Aeußerung ſchien auf den Römer einen ſehr günſtigen Eindruck zu machen. Beide begaben ſich denn in das 128 Hinterſtübchen des Gaſthauſes, wo ihnen auf Colonna's Befehl eine Foglietta feurigen Weines aufgeſetzt wurde und ſie nun zu ungeſtörter Beſprechung allein blieben. „Nicht wahr, Sie haben mich im ärgſten Verdacht gehabt?“ begann der Römer.„Gibt es eine unritterli⸗ chere That, ja man kann ſagen, eine feigere Schandthat, als wenn ein offener Zweikampf durch den Dolch des Mörders hinterrücks beendigt wird?“ „Ihnen habe ich die Schuld nicht gegeben, das ver⸗ ſteht ſich wohl von ſelbſt— auch wenn mir die That un⸗ erklärlich geblieben iſt. Ich habe gegen Niemand davon geſprochen, nicht einmal geſagt, daß ich mich mit Ihnen geſchlagen habe. Im ganzen Regiment weiß es kein Menſch, wenn Sie es nicht erzählt haben.“ „Das habe ich nicht gethan,“ erwiederte der Graf, fuhr aber raſch fort, als müſſe er das entſchuldigen: „Ich habe zwar keine Urſache, irgend etwas zu ver⸗ heimlichen, aber ich hielt es für unnütz, eine Geſchichte zu erzählen, welche ſie betraf, den hier noch Niemand kannte. Auf alle Fälle wollte ich erſt in Ihren Augen gerechtfertiget ſein. Es iſt edel von Ihnen, daß Sie, ohne den Zuſammenhang zu wiſſen, annahmen, ein Ca⸗ valier könne einer heimtückiſchen That nicht fähig ſein— aber ich bin es mir ſelbſt ſchuldig, Ihnen zu ſagen, wie 129 die hündiſche Treue eines halbwilden Knaben, der mir gehörte, das Unglück herbeigeführt hat.“ Er miſchte ſeinen Wein ſtark mit Waſſer und that einen tiefen Trunk, ehe er, dem ſchweigenden Deutſchen gegenüber, fortfuhr:„Ich hatte einen Buben, einen klei⸗ nen Leibdiener, aus Rom mitgebracht, einen Traſteveri⸗ ner— vielleicht iſt Ihnen damit ſchon viel geſagt, denn die trotzige und kühne Sinnesart dieſes Rione der ewigen Stadt iſt wohl überall bekannt. War nun der Bube in gewiſſer Hinſicht nicht viel beſſer, als ein junger Wolf oder eine andere wilde Beſtie, die man nur durch äußerſte Strenge in Schranken halten kann, ſo beſaß er doch ſonſt eine große Gewandtheit und Anſtelligkeit und war mir mit blinder Treue ergeben. Nun hören Sie, wie oft ein un⸗ bedachtes Wort die entſetzlichſten Folgen hat. Ich be⸗ merkte zufällig, als ich mit ihm ausging, daß er einen verborgenen Dolch trug, und ſchalt ihn deshalb, er aber ſagte, der ſei immer für mich bereit und werde mich rä⸗ chen und retten, wo es immer ſei, und ich, durch dieſe Er⸗ gebenheit eingenommen, ſagte ihm deshalb vielleicht ein aufmunterndes Wort. Wir— trafen uns dann—— was zwiſchen uns mit der Klinge ausgetragen werden ſollte, mag hier ganz unberührt bleiben!“ Er ſtockte einen Moment und es koſtete ihn offenbar Anſtrengung, die jäh aufſteigende Bewegung ſeines Innern niederzukämpfen, 130 bis er wieder gemeſſener fortfahren konnte:„Wir ſtan⸗ den uns gegenüber— dem Knaben erſchien es für mich von höchſter Gefahr, er ſchlich herzu, und ohne eine Ahnung von den Geſetzen ritterlicher Ehre zu haben, kam er mir mit ſeinem Dolche zu Hülfe.— Als ich die furcht⸗ bare That ſah, welche mich mit unauslöſchlicher Schande brandmarken konnte, war ich in meiner Verzweiflung zu⸗ erſt im Begriff, den Buben auf der Stelle niederzuſtoßen und Sie und mich zu rächen; er aber riß ſeine Bruſt auf und bot ſie meinem Degen dar— das entwaffnete mich, und ich befahl ihm, ſo ſchnell er könne, nach der Pforte des Palazzo zu laufen, dort Sturm zu läuten und Men⸗ ſchen zur Hülfe herbeizuſchicken, während ich bei Ihnen blieb und das Blut zu ſtillen ſuchte. Als dann die zuru⸗ fene Hülfe kam, entfernte ich mich, ſo unglücklich in mei⸗ ner Seele, wie Sie es vielleicht nicht möglich halten.“ Dieſe Erzählung war im Einzelnen nicht ganz der Wahrheit gemäß, beſonders was das Verhalten nach der Unglücksthat betraf, doch nahm ſie Riedau als unbedingt wahr auf und bat den Römer die Angelegenheit nun auf ewig zwiſchen ihnen für abgethan zu halten. Das biedere deutſche Wort fand ſelbſt den Weg zu Colonna's ränke⸗ vollem Herzen, und raſch entzündlich, wie er war zum Gu⸗ ten wie zum Böſen, ſprang er auf, reichte Mar die Hand und rief mit feurigem Ausdruck:„Du biſt ein echtes, rit⸗ 131 terliches Blut! Laß uns Freunde ſein— hinweg die förmliche Höflichkeit zwiſchen uns! Wir ſind nicht blos Cameraden, ſondern Brüder!“ Riedau's Gemüth war für dieſen Ton empfänglich, und wie es in der kaiſerlichen Armee ſchöne Sitte war, daß ſich die Waffengenoſſen gleicher Stellung mit dem brüderlichen Du nannten, fand er kein Bedenken, in das ihm angetragene Verhältniß einzugehen. „Du biſt ein Ritter, wie Tancred in Taſſo's un⸗ ſterblicher Dichtung!“ rief Colonna— und Riedau lehnte dies Lob lachend ab, indem er zugleich geſtand, daß er weder von Tancred, noch Taſſo etwas wiſſe. All' die feine Bildung, die er als Günſtling der Prinzeſſin von Holſtein in den bevorzugten Kreiſen kennen gelernt hatte, war ihm ſehr ſchnell wieder verloren gegangen. Max brach jetzt wirklich das Geſpräch ab und fing von mili⸗ täriſchen Dingen an zu reden; der Graf ſchien hier ſei⸗ nerſeits nicht recht zu Hauſe zu ſein, und beantwortete Riedau's Fragen nicht ſelten auf eine Weiſe, welche den eifrigen Soldaten, dem der kaiſerliche Dienſt ſo hoch ſtand, in großes Erſtaunen ſetzte. Faſt wäre er ein Paar⸗ mal über die gänzliche Unwiſſenheit des Römers in ein lautes Gelächter ausgebrochen. Da hätte der Mann doch lieber hundert wälſche Verſe weniger lernen ſollen!— Der Graf war aber vielleicht nur zerſtreut und gab 132 nicht recht Acht auf Riedau's Worte. Ihn beſchäftigte eine Frage, die er nur nicht einzukleiden wußte, da er ſelbſt vorhin geäußert, daß Alles, was zwiſchen ihm und Riedau damals mit der Klinge ausgetragen werden ſollte, unberührt bleiben möge. Max bedurfte darüber keiner Aufklärung— er konnte nicht einen Moment im Zweifel ſein, warum ihn Graf Pio mit dem Degen angefallen und zum Zweikampf ohne Zeugen, gegen alles ritterliche Herkommen, gezwungen hatte. Es war die leidenſchaft⸗ lichſte Eiferſucht geweſen, unter deren Einfluß er die Selbſtbeherrſchung verloren, und wenn eine lange ſchwere Zeit hindurch Max daraus den Schluß gezogen hatte, daß Cajetana's Herz ſchon vergeben und für ihn ſelbſt nichts mehr zu hoffen ſei, ſo waren dieſe trüben Wolken jetzt durch die Sonne ſeines Glückes ſiegreich zerſtreut worden. Anders aber mit Pio Colonna! Er war gleich nach Rie⸗ dau's Verwundung mit den Depeſchen, welche dieſer zur Armee bringen ſollte, betraut und ohne eine Stunde Friſt abgeſchickt worden; er hatte Wien ſeitdem nicht wieder geſehen. Von Allem, was ſich hier zugetragen hatte, wußte er trotz ſeiner Verbindungen, die er nur nicht benutzen konnte, ſo gut, wie nichts. Man würde ihm auch nicht viel haben melden können, da die Gräfin Francesca ihre Maßregeln klug getroffen hatte. Daß Riedau hoffnungs⸗ bos an ſeiner Wunde darnieder liege, war das Einzige, 133 was er erfuhr; um ſo mehr überraſchte ihn die Nachricht ſeiner Ankunft beim Regiment, als dieſe bis zu den vor⸗ geſchobenen Poſten gelangte. Heute war nun Alles zwi⸗ ſchen ihnen ausgeglichen und es drängte ihn zu einer Frage nach Cajetana. Bei kälterm Blute hatte er ſich längſt ſagen müſſen, daß ihr Benehmen an jenem Un⸗ glückstage, als er überraſchend vor ſie getreten war, ihn keineswegs zu den Hoffnungen berechtigt hatte, mit denen er ſich auf dem geheimnißvollen Pfade geſchmeichelt. Thatſachen, die ſich nicht abläugnen ließen, waren frei⸗ lich ihr Brief und der Schlüſſel zu der kleinen Pforte, und beide beſaß er noch, aber zuweilen, da er ſelbſt an Rän⸗ ken und Liſten reich war, peinigte ihn, wie ein Dorn im Fleiſch, die Möglichkeit, daß er durch die Vermittlerin ſich habe auf plumpe Weiſe täuſchen laſſen. Bei einem deutſchen Edelmanne wäre das ganz unmöglich geweſen, der würde von deutſcher Frauen reiner Sitte eine zu feſte Ueberzeugung gehabt haben, um ein jungfräuliches Ge⸗ müth ſo niedrigen Intriguenſpiels fähig zu halten, das un⸗ fehlbar Schmach und Verachtung nach ſich ziehen mußte. Graf Pio Colonna mußte jenſeit der Alpen viel erlebt haben, da er auch heute ſich noch der Hoffnung hingab, daß Cajetana nur durch ſein ungeſtüm leidenſchaftliches Benehmen im erſten Moment erſchreckt worden ſei und ſelbſt in ſeinen Augen den Schein äußerer Haltung habe S 134 retten wollen. Daß der Vorfall im Hauſe und ſeine blu⸗ tigen Folgen nicht ohne Einfluß auf ſie geblieben, konnte er ſich denken, wenn er an die Gräfin Francesca dachte. War Cajetana noch bei ihr und ſpielte ſie noch in den Hofkreiſen und der vornehmen Geſellſchaft die glänzende Rolle, in welcher ſie immer ſo ruhig geblieben, daß es Pio Colonna oft mit Entzücken gefüllt, weil er für ſich ſelbſt Hoffnungen daran geknüpft, die ſeine Verbündete nur zu eifrig genährt hatte!— Als Riedau jetzt, ſeine wachſende Zerſtreutheit be⸗ merkend, zum Aufbruch mahnte, da er vor der Dunkelheit ſein Dorf zu erreichen wünſchte, zerſprengte Colonna plötzlich die Kette vorſichtiger Zurückhaltung, die er ſich bisher angelegt hatte.„Biſt Du zuletzt noch bei der Gräfin Francesca geweſen?“ fragte er, und Mar be⸗ jahte es.„Hat ſich im Hauſe viel verändert? Deine Schweſter, weiß ich, iſt in den Dienſt der römiſchen Kö⸗ nigin gekommen— iſt die Nichte der Gräfin noch da⸗ heim?“ Riedau's edle Züge färbten ſich bei dieſer graden Frage lebhafter. Er verneinte ſie ebenfalls, und Pio's Augen hefteten ſich mit einem ſtechenden Blick auf ihn. „Iſt ſie verheirathet?“ fragte er wieder, und das zweite Nein aus Riedau's Munde hatte einen ſo bewegten Aus⸗ druck, daß es dem Römer auffallen mußte. Da erſchien 135 es nun dem offenen und ehrlichen Character des Deutſchen hinterliſtig, wenn er gegen den Waffenbruder noch länger ein Geheimniß aus ſeiner Verlobung machen wollte, die er ja doch in einigen Wochen erfahren mußte, und er hoffte durch eine grade Erklärung allen in Colonna's Seele etwa noch genährten Täuſchungen der Selbſtliebe ein Ende zu machen. „Du ſprichſt, als wüßteſt Du etwas von dem Fräu⸗ lein!“ rief der Römer ungeduldig. „Sie iſt meine Braut,“ ſagte Max ſo ruhig, als wolle er Alles vermeiden, was Zenen reizen konnte. Er heftete ſeinen Blick auch gar nicht auf ihn, ſonſt würde er die tödtliche Bläſſe bemerkt haben, welche Colonna's Antlitz jäh überzog, während er die flammenſprühenden Augen zu Boden ſchlug und die zuckenden Lippen mit den Zähnen zuſammen biß. Es war aber nur die Gewalt ei⸗ nes unbewachten Moments— ſchon hatte der Römer ſich wieder bemeiſtert und er reichte dem Cameraden die Hand. „Du biſt glücklich,“ ſagte er, ohne noch das Be⸗ ben ſeiner Stimme ganz beherrſchen zu können.„Du haſt den Preis davon getragen, um welche in der herrlichen Ritterzeit manche Lanze gebrochen, manches Gelübde ge⸗ than und erfüllt worden wäre, und wie in jenen ſchönern Tagen der Courtoiſie dem Sieger, dem das köſtliche 136 Kleinod errungen, von allen Mitbewerbern ritterliche Glückwünſche entgegen getragen wurden, ſo nimm ſie auch von mir an, ſo aufrichtig, wie ſie gemeint ſind!“ Er ſprach viel zu geſpreizt, um ehrlich zu ſein, und machte wohl nur ſo viele Worte, um die Faſſung, derer er bedurfte, wieder zu gewinnen. Max nahm aber in ſeiner Unbefangenheit den Glückwunſch als ohne Falſch gemeint auf und dankte ihm dafür. Beide trennten ſich hierauf ohne längeres Säumen. Die Vorboten des Frühlings verkündigten ſeine Nähe bereits mit allem Zauber ſüdlicher Vegetation, als Marx durch den Grafen Königsegg die längſt erſehnte Entſcheidung über ſein Glück erhielt. Der Prinz Eugen in ſeiner Eigenſchaft als Regimentsinhaber ertheilte den Conſens zu der Verheirathung des Lieutenants von Rie⸗ dau mit Fräulein von Cronberg— er hatte ſich nur über die große Jugend des Bräutigams gewundert und ſcherz⸗ weiſe geäußert, der Riedau fürchte wohl, das Heirathen könne einmal ganz verboten werden, und wolle ſich daher bei Zeiten ſichern. Das Geſuch war aber ſo warm unter⸗ ſtützt worden, daß er den Conſens gab, mit der Bedin⸗ gung jedoch, daß die Vermählung nicht eher vollzogen werde, bis der Krieg, der im Frühjahr ausbrechen ſollte, einen gewiſſen Abſchnitt gewonnen habe. Er fand es nicht wohlgethan, ſo kurz vor Beginn des erſten Feldzuges zu 137 heirathen, und ſtellte vorläufig feſt, daß es früheſtens während der nächſten Winterquartiere geſchehen könne. Das war für Riedau's Herz eine bittere Bedingung und zum Erſtenmale regte ſich in ihm gegen den ſonſt ſo ge⸗ liebten Feldherrn ein gewiſſer Unmuth, der die Urſache dieſer Härte in der eigenen Eheloſigkeit des Prinzen ſuchte, aber bei beſſerer Beſinnung ſchämte er ſich dieſer Selbſtſucht und ergab ſich männlich in das Unabwend⸗ bare. Zweifel blieben ihm allerdings, ob der Prinz ſeine Befugniſſe hier nicht zu weit ausgedehnt habe, indeſſen mußte er dabei immer die väterliche Abſicht ehren, und als er auf ſeine, unter dem erſten Eindruck geſchriebene Mittheilung an Cajetana nach der gewohnten Friſt Ant⸗ wort erhielt, fühlte er ſich durch die klare und liebliche Weiſe, in welcher ſie abgefaßt war, im Herzen innig er⸗ quickt, ſelbſt erheitert. Ohne verſtellte Sprödigkeit, die ihrer geſunden Natur überhaupt fremd war, ſprach ſie es aus, wie leid es ihr thue, ihre Verbindung verzögert zu ſehen, aber ſie ließ gleich darauf eine muntere Strafpre⸗ digt folgen, wie ein guter Soldat ſich über einen Befehl ſeines Feldoberſten in ſo meuteriſchen Worten äußern könne, und drohte, ſeinen Brief durch ihren Herrn Vor⸗ mund, der ſie ſchon früher als er von Allem in Kennt⸗ niß geſetzt, an den Prinzen gelangen zu laſſen. Dann ging ſie vom Scherze in das Gebiet des tieffinnigen Ge⸗ 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. 9 138 fühls über, und hier war jedes Wort für ſein Herz von beglückendſter Wirkung. Zum Schluſſe benachrichtigte ſie ihn, was ſie über der wichtigern Angelegenheit zuerſt vergeſſen zu haben ſchien, daß die Frau Gräfin von Kö⸗ nigsegg an ſie geſchrieben und ihre Einwilligung zu ihrer Verbindung ertheilt habe. In welcher Form dies ge⸗ ſchehen war, theilte ſie nicht mit, und einem minder un⸗ befangenen Leſer, als Max, würde das aufgefallen ſein. Was ging ihn aber in ſeinem Glücke, das zu hindern die Gräfin nicht berechtigt geweſen wäre, die Form ihrer Einwilligung an? Er kannte ja die freundliche, wohl⸗ wollende Dame, die gegen ihn und ſeine arme Schweſter ſtets gütig geweſen war, obgleich Anna das nie anerkannt hatte; er verdankte ihr wahrſcheinlich die Erhaltung ſei⸗ nes Lebens, da ſie ihn zum Tode verwundet in ihr Haus aufgenommen hatte. Cajetana hatte ihm endlich noch in Stauffenried wiederholt ausgeſprochen, wie liebreich die Gräfin gegen ſie geweſen ſei. Warum ſollte er alſo die heutige kurze Nachricht ungenügend finden? Er ſäumte teinen Augenblick, die Braut über ſeine Stimmung, die ihr, wie ſie ſich ausdrückte, etwas zu„wälſch“ erſchien, zu beruhigen; er verſprach ihr, auf ihre Strafrede eingehend, inskünftig muſterhafte Disciplin bei ſich ſelbſt zu halten und gegen keinen Befehl zu murren, mochte er ihm vom Feldoberſten oder von ſeiner nächſten Autorität, nämlich 139 ſeinem Bräutlein, ertheilt werden. Er warnte ſie aber auch vor feindlichen Anſchlägen, die auf ſie ſelbſt gerichtet werden könnten, vor einem gewiſſen türkiſchen Parteigän⸗ ger aus Böheim, der, wenn es ihm gelinge, ihren Auf⸗ enthalt zu erforſchen, nicht ſäumen werde, ſein Glück zum Zweitenmale zu verſuchen. Cajetana hatte ihm nämlich die Werbung des Reichsgrafen von Cronberg, die ſie noch immer nicht für Ernſt hielt, erzählt. So in glücklichſter Stimmung der Geliebten, während er an ſie ſchrieb, gei⸗ ſtig nah, vollendete er ſeinen Brief, den er dem nächſten Ordonnanzreiter, welcher nach Trient abging, ſelbſt über⸗ gab. Und nun nahm ihn der Dienſt, als mit der mildern Jahreszeit die Rüſtungen mit erhöhter Thätigkeit betrie⸗ ben wurden, mit voller ungetheilter Kraft in Anſpruch. Hiebrutes Cnitel. Des Krieges Aufang. Unbeſchreiblich war der Jubel beim Heere, als Prinz Eugen am 20. Mai zu Roveredo eintraf und den Ober⸗ befehl übernahm. Viele der Truppenabtheilungen hatten bereits unter ſeiner glorreichen Führung geſtanden, Allen 9* 140 aber war ſein Name eine ſichere Bürgſchaft des Sieges. Mochten die Franzoſen auch unten in Wälſchland alle Päſſe aus Tirol ſo ſtark beſetzt haben, daß nach ihrer Meinung keine Maus hindurch könne, Er wird ſchon Rath ſchaffen. Die Aufgabe für Eugen war eine ſo überaus ſchwierige, daß ſie die ganze Fülle und Energie ſeines Genius herauszufordern ſchien. Ein Feldherr erſten Ranges ſtand ihm gegenüber: es war Catinat. Dieſer hatte die Stellung am Montebaldo, den ſtarken Punkt bei der Madonna della Corona, vorzüglich aber den Paß der Chiuſa beſetzt. Zetzt führt eine ſchöne, bequeme Chauſſee hindurch, aber ſonſt ſind die Naturverhältniſſe noch, wie ſie waren: die ſchroffen Felsmaſſen ragen hart an der Straße empor, die brauſende Etſch, gegen welche die letztere durch eine niedrige Mauer geſchützt iſt, ſtrömt hindurch, und jenſeit ſteigt das nackte röthliche Geſtein gleichſam aus dem Strome ſteilrecht auf. So iſt der furchtbare Engpaß beſchaffen, der bei einer guten Ge⸗ ſchützvertheidigung unangreifbar genannt werden konnte. Daß Prinz Eugen das Blut ſeiner Soldaten, wo es irgend möglich war, ſchonte, wußten ſie; ſie wußten aber auch, daß, wo es ein großes Ziel galt, er Alles dran ſetzte, und ſie wären ihm mit blindem Vertrauen gefolgt, wenn er den Paß der Chiuſa hätte ſtürmen wollen. Aber 141 bald wurden ſie inne, daß es nicht ſeine Abſicht war, den Stier bei den Hörnern zu faſſen. In mehrern Richtungen ließ er an den Wegen arbeiten, damit der Feind, wenn er davon Kenntniß erhielt, über die wirkliche Wahl der Straße, die er nehmen wollte, getäuſcht werde. Er konnte, wenn er die Chiuſa vermeiden wollte, von Roveredo rechts nach der Spitze des Garda⸗Sees marſchiren, und dieſen zur Linken laſſend, die Straße nach Brescia, den kürzeſten Weg nach Mailand, gewinnen. Catinat hatte dieſe Möglichkeit nicht außer Acht gelaſſen und dafür ge⸗ ſorgt, daß Eugen auch hier auf energiſchen Widerſtand ſtoßen mußte. Aber es war auf einem weitern Umwege auch möglich, aus Tirol links abmarſchirend durch das venetianiſche Gebiet in Italien einzurücken. Hier glaubte ſich der franzöſiſche Feldherr durch die Neutralität der Republik Venedig und die Gründe geſichert, welche gegen ſo weitgreifende ſtrategiſche Umgehungen ſprechen. An eine Unternehmung, wie ſie Eugen ſchon beſchloſſen hatte und durch ſeine Soldaten und Tauſende von Bergbewohnern vorbereiten ließ, dachte er nicht im Entferntſten, und zum Glück fand ſich auch im allzeit treuen Tirol kein Ver⸗ räther, der es ihm um gewiß zu hoffenden reichen Lohn heimlich hinterbracht hätte. Es galt, über das Gebirge öſtlich der Etſch, das ſelbſt von den Landesbewohnern nicht einmal mit Karren langſam ſich fortſchiebenden Heerſäule nach vorn gerit⸗ 142 befahren wurde, Wege für Truppen und Geſchütz zu bahnen, um ſo auf der kürzeſten Strecke in das Gebiet von Verona zu gelangen. Eine Arbeit, welche faſt das Unmögliche zu fordern ſchien, deren Ausführung aber zeigte, wie ſich mit freudigem Muth und vereinten Kräf⸗ ten Wunderbares erreichen läßt. Schon nach ſechs Tagen konnte der Marſch, wenn auch noch nicht von der ſchwe⸗ ren Artillerie und dem Gepäck, angetreten werden; dieſe blieben einſtweilen noch in Roveredo und ſollten erſt in einigen Tagen folgen. Der Uebergang war für die Truppen allerdings mit unſäglichen Anſtrengungen verbunden; die Infanterie hatte das ihr zugetheilte leichtere Geſchütz meiſt zu ziehen, die Wagen zu zerlegen und zu tragen; die Dragoner, welche mit dem Fußvolk marſchirten, wäh⸗ rend die Reiterei gleich von Roveredo in das Val Duga gezogen war, mußten ihre Pferde auf den ſteilen Pfa⸗ den am Zügel führen. Hier war es, wo Max Riedau, der unverdroſſen auf ſeinem Platz in der Zugordnung ſeinen Leuten das beſte Beiſpiel gab und ſie durch manch' heiteres Sol⸗ datenwort ermunterte, den Grafen Königsegg zum Erſten⸗ male ſeit langer Zeit wieder ſah. Königsegg kam im Auftrage des Feldzeugmeiſters Stahremberg, der jetzt die geſammte Infanterie commandirte, längs der tiefen, 143 ten, was nur ein ſo vorzügliches Roß, wie er beſaß, möglich machen konnte. Er ſollte an einem gewiſſen Punkte, den ihm der Feldzeugmeiſter genau angegeben hatte, die Spitze der marſchirenden Colonne anhalten, weil letztere ſehr auseinander gekommen war. Als er Mar erblickte, der, wie jeder Dragoner, ſein Pferd am Zügel führte und gemeſſenen Schritts dahin zog, rief er ihn freundlich an und ritt eine Weile neben ihm. „Meiner Vormundſchaft hat mich der Prinz noch nicht entheben wollen,“ ſagte er.„Ich hoffte, ſie noch vor dem Abmarſche, wie Sie wiſſen, in Ihre Hände niederlegen zu können, aber es iſt anders beſchloſſen wor⸗ den. Sie waren gewiß ſehr ungeduldig.“ „Anfangs, ja!“ geſtand Mar ehrlich.„Auch habe ich mit meinem Briefe, der es weiter meldete, nicht ge⸗ wartet, bis mein Blut ruhiger geworden; dafür bin ich aber durch eine ſo herzige Antwort belohnt und zurecht⸗ gewieſen worden, daß es mich nicht reut. Es wird ſo ge⸗ wiß am beſten ſein.“ „Ganz gewiß!“ beſtätigte Karl Fidelis.—„Iſt Graf Colonna mit in dieſem Theile des Regiments?“ „Nein. Seine Compagnie marſchirt ganz vorn.“ „Sie haben doch Ihr Verſprechen gehalten? Der Prinz erinnerte ſich Ihrer und fragte danach.“ 144 „Er hat mir Brüderſchaft angetragen, und ich hab' ihm geſagt, daß Cajetana meine Braut iſt.“ Karl Fidelis war davon zwar ein wenig betroffen, aber er ſagte gleich:„Das iſt ganz gut. So wird hoffent⸗ lich Alles offen und ehrlich abgemacht ſein. Nun, Max, wir werden uns jetzt wohl öfter ſehen. Gott gebe uns nur, daß das erſte Gefecht glücklich iſt, das iſt von großer Wichtigkeit für den ganzen Feldzug.“ Mar in ſeiner feſten Zuverſicht zweifelte daran keinen Augenblick, und wo das Gefühl, daß man ſiegen müſſe, in einer Armee vorherrſcht, beſitzt ſie darin ſchon den Talisman, der ihr den Sieg bannt. Der Weg wurde für einen Reiter immer gefährlicher, doch ſaß Graf Königsegg nicht ab, weil er fonſt, neben der Colonne auch zu Fuß einherziehend, ſeinen Auftrag nicht hätte zu rechter Zeit ausführen können. Sein braves Roß ließ ihn auch nicht im Stich, ſondern bewährte hier alle Muskelkraft ſeiner weltberühmten Race. Noch ehe er bis zur Spitze des Zuges ſich vorgearbeitet hatte, fand er den Grafen Pio Colonna, aber nicht an ſeinem Platz in der Marſchordnung, ſondern auf dem Boden liegend, ein Bild des Jammers und der Hülfloſigkeit. Bei ihm hielten zwei Dragoner ſeiner Compagnie, welche der Hauptmann zurückgelaſſen hatte, um ihm beizuſtehen— er ſchien aber Alles aufgegeben zu haben. 145 Als der General⸗Adjutant herankam, machten die Dragoner ehrerbietig Platz, und der römiſche Graf hob ſein ſchwarzes Auge mit einem ſchmachtenden Blick zu dem Reiter empor. Dieſer Blick aber entrüſtete den guten Soldaten.„Graf Colonna,“ redete er ihn in italieniſcher Sprache, aber im dienſtlichen Tone an,„als kaiſerlicher Offizier dürfen Sie ein ſolches Beiſpiel nicht geben! Die Mannſchaft erträgt alle Beſchwerden mit bewunderungs⸗ würdiger Ausdauer— und keinen Offizier gibt es, der ihr nicht zeigte, was dabei des Offiziers erſte Pflicht iſt.“ Der Römer murmelte verächtlich etwas zwiſchen den Lippen, was Königsegg nicht verſtand, er hatte auch nicht Zeit, ſich länger aufzuhalten.—„Ermannen Sie ſich, Graf Pio!“ rief er ſehr ernſt;„ich befehle Ihnen im Namen des Herrn Feldzeugmeiſters ſogleich aufzu⸗ ſtehen— daß Sie es im Stande ſind, glaube ich ver⸗ bürgen zu können! Laſſen Sie ſich, wenn ich zurückkomme, nicht noch in dieſer unwürdigen Lage finden! Ich würde Sie melden müſſen!“— Er ritt weiter, und ſein Pferd, dem ſelbſt dieſe wenigen Minuten der Raſt eine gute Erholung geweſen war, trug ihn nun bald bis an die Spitze der Marſchordnung, die er an dem vom Befehls⸗ haber bezeichneten Punkte Halt machen ließ. Den Truppen wurde geſtattet, ſich die zweiſtündige Ruhe, welche nun eintrat, nach aller Bequemlichkeit zu Nutz zu machen; 146 dann ſah man denn gleich den ganzen, erſt aus dem Gröbſten hergerichteten Gebirgsweg auf meilenweite Ausdehnung mit den weißen Röcken überſäet, denn bei der Ermüdung iſt Ruhe das erſte Bedürfniß, Speis und Trank kommt erſt hinterdrein. So ſchliefen denn mehrere brave Regi⸗ menter hingeſtreckt auf das harte, unebene Geſtein, wie Ein Mann, und das vollſtimmige Schnarchen, das ſich bald zu einem wetteifernden Chorus zu verſtärken ſchien, erſchreckte das Wild in den höher gelegenen Bergregionen und ließ die Adler von ihren Horſten verwundert hernieder ſchauen. Aber die Sicherheit des ruhenden Heereskörpers war dabei nicht gefährdet, und wäre ein Feind in der Nähe geweſen und hätte gemeint, einen glücklichen Ueber⸗ fall ausführen und unter den Schlafenden ein Blutbad anrichten zu können, der würde für ſein Gelüſt empfindlich beſtraft worden ſein. Die Dragoner, welche der Spitze der Marſchſäule beigegeben waren, hatten, wie immer, den Ehrendienſt der Feldwachen. Prinz Eugen wußte zwar ganz genau, daß ihm hier kein Feind entgegentreten werde, und hatte durch ſeine Kundſchafter genug erfahren, um aus den Maßregeln Catinat's auf die Ideen, von wel⸗ chen er ausging, ſchließen zu können, aber darum ließ er in der Strenge des Dienſtes nicht das Geringſte nach, und bei jeder noch ſo kurzen Raſt eines Tagmarſches, wie 147 zur Nachtzeit wurden Pikkets und Vedetten ſo gewiſſenhaft ausgeſtellt, als nur in der allergefährlichſten Lage. Kö⸗ nigsegg leitete die Ausſtellung, wie ihm befohlen war, ſelbſt— ſie war höchſt einfach, da man wenig Ueberſicht hatte und ſich nur darauf beſchränken mußte, auf eine gewiſſe Strecke vorwärts und in ein wildes Hochthal, das hier einmündete, ſeitwärts, die nöthige Vorſicht zu bewahren. Als er von dieſem Geſchäft zurückkam, fand er auch den Grafen Pio Colonna glücklich bei ſeiner Compagnie wieder eingetroffen. Er ſaß auf einem Steine und ließ ſich die Vorräthe, welche ſein Diener nun herbeigebracht hatte, trefflich munden. Beim Anblicke Königsegg's ſchien ihm zwar der Appetit einen Moment zu vergehen, aber er überwand dieſe Schwäche und ſah den Ankommenden, wie Einer, der in ſeinem guten Recht iſt, ruhig entgegen, ohne aufzuſtehen oder ſeinen Imbiß zu unterbrechen. Der Dragoner⸗Hauptmann, deſſen Compagnie Co⸗ lonna zugetheilt war, hatte dem General⸗Adjutanten ſchon deſſen Zurückbleiben wegen gänzlicher Erſchöpfung ge⸗ meldet, dabei aber geäußert, daß er es mehr für Weich⸗ lichkeit halte und bei einem gemeinen Dragoner ſchon ein gut Mittel angewendet haben würde, ihn wieder auf die Strümpf' zu bringen. Als der Graf nun ſo behaglich daſaß und ſich's wohl ſchmecken ließ, konnte es Königs⸗ 148 egg's männlicher Sinn nicht über ſich gewinnen, mit ihm ein Wort zu ſprechen, oder ihn zu fragen, ob er ſich wieder erholt habe, ſondern er ritt mit gemeſſenem militairiſchen Gruße an ihm vorüber. Dann aber ſaß er auch ab, um ſeinem Pferde Erleichterung zu geben, und ging, daſſelbe am Zügel führend, zurück durch die ruhenden Truppen, bis zu dem Seitenthal, wohin er beim Wiederaufbruch zur Verkürzung der beträchtlichen Tiefe eine Abtheilung zu dirigiren hatte. Hier band er ſein Pferd an einen Baum und ſtreckte ſich nun auch auf den Boden, um we⸗ nigſtens noch eine halbe Stunde Schlummer zu genießen. Drei Tage dauerte der Uebergang und die Truppen hatten dabei mit den bedeutendſten Terrainſchwierigkeiten zu kämpfen, welche nur durch wahrhaft herviſche An⸗ ſtrengungen zu beſiegen waren. Wir preiſen Alles, was die Fremden Großes gethan, und können der Bewunde⸗ rung ihrer Thaten gar nicht Worte genug leihen— möchten wir nur auch der vaterländiſchen Thaten in gleicher Weiſe gedenken! Aber nur zu leicht ſpült der bewegliche Zeitſtrom, der über unſer Geſchlecht dahinrauſcht, demſelben die Erinnerung an das kaum Vergangene hinweg, und viele Chrenthaten vaterländiſcher Krieger, der höchſten An⸗ erkennung werth, verfallen der Vergeſſenheit. Wie viele derſelben ſind in den Kriegs⸗ und Feldacten beglaubigt, wie viele von den Kriegsſchriftſtellern der ältern Zeit 149 erzählt, aber wer weiß von ihnen? Jene heldenmüthige Ausdauer in dem dreitägigen Kampfe mit den Bebirgs⸗ hinderniſſen auf dem Marſche von Roveredo in das Gebiet von Verona gehört zu den ruhmvollſten Beiſpielen, was Truppen leiſten können. Endlich war das Ziel erreicht. Die Infanterie bezog ein Lager auf den Höhen von Breonio, und raſtete hier einige Tage, um das ſchwere Geſchütz und die Wagen⸗ züge abzuwarten, die nun erſt ihren Marſch antreten konnten. Die Fortſchaffung derſelben bot natürlich noch viel mehr Schwierigkeiten; ſtatt der Pferdebeſpannung waren der ſchweren Artillerie die ſicherern Zugochſen vorgelegt worden, einem Stück oft zehn bis fünfzehn Paar. Dabei gingen noch Soldaten und aufgebotenes Landvolk neben den Geſchützen, um ſie bergan befördern zu helfen, bergab zu hemmen. So glückte es auch dieſen wichtigen Theil des Heeres ohne einen erwähnenswerthen Unfall über das Gebirge zu bringen, das die ſchwere Reiterei, wie ſchon erwähnt, gleich von Roveredo aus durch das Val Duga überſchritten hatte. Der Republik Venedig— eigentlich nur ihren lokalen Behörden— war der Einmarſch kaiſerlicher Truppen nur einfach angezeigt worden. Am 4. Juni, nachdem Prinz Eugen alle ſeine Streitkräfte vereinigt hatte, brach er aus dem Lager von Breonio auf und begann nun die Ope⸗ 150 rativnen, welche den erſten Feldzug des ſpaniſchen Erb⸗ folgekrieges zu einer koſtbaren Perle in ſeinem Sieger⸗ diadem gemacht haben. Catinat war durch den plötzlichen Einbruch in Italien, den er auf einer ganz andern Seite erwartet hatte, völlig überraſcht worden; es gelang ihm auch jetzt nicht, Eugen's eigentlichen Operationsplan zu errathen. Der Prinz manövrirte meiſterhaft, um ihn darüber zu täuſchen, und der ſonſt ſo klare und entſchloſſene Feldherr, der ihm gegenüber ſtand, zeigte eine Unſicherheit und eine Haſt, welche den Sieger von Staffarda und Marſaglia nicht wieder erkennen ließ. Vielleicht diente es auch dazu, ihm die Zuverſicht zu rauben, daß er ſich wohl bewußt war, am Hofe zu Verſailles in der all⸗ mächtigen Maintenon eine Gegnerin zu haben, der ſein frankes, derbes Soldatenweſen anſtößig war. In Verſailles war König Ludwig durch dieſe Eröffnung des Feldzuges in große Beſorgniß geſetzt worden. Er fürchtete von der Kühnheit des Prinzen Eugen das Aeußerſte, er ſah ihn ſchon den Po überſchreiten, die Gebiete von Ferrara und Modena beſetzen, ja einen Zug nach Neapel unternehmen, um auch dieſe wichtigſte der ſpaniſchen Beſitzungen in Italien dem Kaiſer zu erobern. Eugen dachte aber vorerſt nur daran, den Feind zu einer Theilung ſeiner Streitkräfte zu verleiten, und als ihm das gelungen war, ging er mit eilftauſend Mann 151 in der Nacht zum 9. Juli über den Tartaro und griff ihn entſchloſſen an. Das verſchanzte Caſtagnaro wurde mit Sturm genommen; in der Schanze an der Etſch wartete der Feind einen ſolchen nicht ab; dann führte Prinz Eugen ſein Corps in entwickelter Schlachtordnung gegen Carpi vor. Aber das Terrain war einem ſolchen Vorrücken höchſt ungünſtig; durchſchnitten iſt es zwar faſt immer in Italien, aber hier mehr, wie anderswo. Zu den gewohnten Flutgräben und umbüſchten Acker⸗ flecken kamen noch ſchwimmende Reisfelder, dem Auge des Reiſenden angenehm im Vorüberfahren zu ſchauen, aber weniger dem des Soldaten, der ſich darin ſchla⸗ gen ſoll. Die Franzoſen wichen langſam zurück, ſie verthei⸗ digten ihr Terrain Schritt für Schritt. Es gab ein äußerſt erbittertes Feuergefecht, das an einzelnen Punkten lange wie feſtgebannt blieb. Da hatten die Franzoſen das bedeckte Gelände, das ſie nun erreichten, zu einem Hin⸗ terhalte trefflich benutzt, aus welchem hervorbrechend eine ziemlich bedeutende Schaar das Küraſſier⸗Regiment Neuburg, das auf ſeinem Flügel der allgemeinen Vor⸗ rückung gefolgt war, plötzlich in Front, Flanke und Rücken attaquirte. Aber das nächſte Infanterie⸗Bataillon eilte ſchon den bedrängten Waffenbrüdern zu Hülfe, und ſchon flog auch der Prinz von Vaudemont an der Spitze ſeines 152 Küraſſier⸗Regiments herbei, um dem Kampfe eine andere Wendung zu geben. Der gefährliche Moment war vor⸗ übergeführt und die Frontalſchlacht hatte ihren weitern Lauf und mußte ſich ausringen. Freilich konnte in dieſem Terrain, das ſo viel Hinderniſſe bot, die gewohnte ſtrenge Schlachtlinie nicht gehalten werden, ſie war überall ge⸗ brochen. Die Franzoſen ergriffen überdem immer wieder die Offenſive mit allem Ungeſtüm ihrer Nation, um dadurch dem ſtetigen Vordringen der Kaiſerlichen Einhalt zu thun; denn ſie wußten ja, daß ſie auf baldige Unter⸗ ſtützung zu rechnen hatten, wenn es ihnen nur gelang, ſich noch bis dahin zu behaupten. General Saint Fremont, welchen Catinat mit einem ſchwachen Corps hier zurück⸗ gelafſen, als er nach Oſtiglia geeilt war, um Eugen's vermeintlichen Einfall in das Modeneſiche zu vereiteln, hatte dringend den General⸗Lieutenant Grafen Teſſé, wel⸗ cher nicht weit entfernt ſtand, um Hülfe gebeten, und dieſer, dem Kanonendonner folgend, traf wirklich mit friſchen Truppen zu rechter Zeit ein, um die ſchon ver⸗ lorene Schlacht noch einmal zum Stehen zu bringen. Prinz Eugen aber ließ ſich durch ihn nur eine kurze Zeit aufhalten, ehe er den Sieg unwiderruflich an ſeine Fahnen feſſelte. Er ſetzte ſich perſönlich an die Spitze, um ſeine Krieger zum erneuten Angriff zu führen, ſie folgten ihm mit der höchſten Begeiſterung. Ein Pferd wurde ihm unter dem Leibe erſchoſſen, eine Kugel ſtreifte ſein Knie, aber er verließ das Gefecht nicht eher, als bis es entſchieden, der Feind auf allen Punkten geſchlagen war. Das war die Schlacht von Carpi, der erſte in der langen Reihe von Siegen, welche die kaiſerlichen Paniere in jenem glorreichen Kriege für gutes Recht krönten. Die Franzoſen räumten Carpi, nicht ohne Gewalt⸗ thätigkeiten an den wehrloſen Einwohnern, wie das nach einer Niederlage, wo die Truppen theilweiſe in voller Auflöſung ſind, zu geſchehen pflegt. Bald rückten die Kaiſerlichen ein; es war ſtrenger Befehl gegeben, Reih und Glied nicht zu verlaſſen, und die zitternden Be⸗ wohner, die ſich ſchon neuen Gräueln ausgeſetzt wähnten, ſchöpften in ihren Kellern und Schlupfwinkeln, wohin ſie ſich geflüchtet hatten, wieder einigen Muth. Auf der Piazza grande blieb ein erwähltes Bataillon unter den Waffen ſtehen; die Laubengänge unter den zierlichen Arcaden, welche rings umher laufen, ſonſt der Sammel⸗ platz der reichen und müſſigen Welt, wo Witz und Laune, Coquetterie und auch ernſtere Unterhaltung ſich kreuzten, noch ehe der Feierabend das arbeitſame Volk zum Noe⸗ turno fresco durch die Straßen fluten ließ, ſtanden heute leer; als aber die Truppen auf ihren verſchiedenen Stell⸗ plätzen auseinander gegangen waren, fanden ſich dann bald noch Beſucher der ſchönen Lauben ein, meiſt Offiziere 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. 10 154 denen die Aufregung des langen Kampfes noch wehrte, ſich der Ruhe hinzugeben. ZJetzt hielt der Sieger, Prinz Eugen, ſeinen Einzug. Er, als Feldherr, war immer der Letzte, welcher ſich der Bequemlichkeit überließ; zuvor muß⸗ ten alle Anordnungen für die Sicherheit und die weitern Bewegungen des Heeres getroffen ſein. Er nahm ſein Hauptquartier in dem alterthümlichen Schloſſe, das mit ſeinen weitausgeſchweiften Zinnen die Stadt hoch über⸗ ragt. Des Prinzen Geiſt war in ſich nun ſo geſtillt und befriedigt, daß er wieder Aufmerkſamkeit für äußere Dinge hatte, die ihm beachtenswerth erſchienen. Der runde Thurm an der Zugbrücke, von Epheu undurchdringlich überwachſen, fiel ihm auf; er muſterte den kühnen Bau des alten Caſtells, zu welchem er hinaufritt, und unterhielt ſich mit den Herren ſeines Gefolges in geiſtreicher und liebenswürdiger Weiſe. Die Generale hatte er bereits entlaſſen, nachdem er ihnen ſeine Befehle für den folgenden Tag mitgetheilt hatte, Befehle, die auf ungeſäumte Be⸗ nutzung des Sieges berechnet waren. Er wußte die Zeit wie ein Meiſter zu benutzen, und nicht die Sorge für ſeine eigene Wunde, welche erſt auf dem Schloſſe zu Carpi einen ordnungsmäßigen Verband erhielt, konnte ihn be⸗ wegen, von ſeinen Grundſätzen der Kriegführung auch nur einen Moment abzugehen. 155 Graf Königsegg begegnete am Abende dem alten Dragoner⸗Hauptmann, der ſich gegen ihn über die Weich⸗ lichkeit des römiſchen Grafen in einer ſo eigenthümlichen Weiſe ausgeſprochen hatte. Es regte ſich in ihm die Neugier, zu erfahren, ob Colonna ſich dem entſprechend auch im Gefecht benommen habe, und er konnte nicht umhin, als der Alte ihn grüßte und ſich erkundigte, ob er ganz mit heiler Haut davon gekommen ſei, eine Frage nach Colonna fallen zu laſſen. „Allen Reſpect, Euer Gnaden!“ erwiederte der Hauptmann.„Als wir zuerſt in's Feuer kamen, dacht' ich bei mir, der wird mir auch ein rechter Beißer ſein! und ich hielt ihn ſcharf im Auge. Beiſeit ſchlüpfen, wegen Durchgehen des Pferdes oder weil's nicht mehr fort kann— man kennt die Kunſtſtückchen ſchon!— Er ſteckte zuerſt den ganzen Fuß bis an die Hacken in die Steigbügel und ſie ſchlotterten ihm reſpectabel. Da mußten wir d'rauf gehen. Und ſchauen, Euer Gnaden, von dem Augen⸗ blicke an, wo wir anſetzten und er erſt die blanke Klinge vor ſich hatte, da war's, als ob er ein ganz anderer Menſch würde. Er hieb unter den Vorderſten mit ein und ſchlug ſich, wie ein Teufel! Es war eine Freude mit anzuſchauen; zwei feindliche Reiter hieb er vom Pferde, daß ſie förmlich herunter kollerten: der älteſte Dragoner kann es nicht ge⸗ ſchickter machen.“ 10* 156 „Das freut mich zu hören. Wir haben ihm alſo wohl Unrecht gethan, Herr Camerad.“ „Nun, was das betrifft— ein Mutterſöhnchen bleibt er doch, aber Courage hat er im Leibe, wie ein echter Cavalier, und er wird dem Regimente Savoyen⸗Dragoner ſchon inskünftig Ehre machen.“ Karl Fidelis hätte gern auch noch Mar Riedau aufgeſucht, aber deſſen Compagnie war mit auf Pikket ge⸗ zogen und es war daher für heute nicht möglich. Die Vorpoſten waren über Carpi hinaus in der Richtung, wohin der Feind ſeinen Rückzug genommen hatte, aus⸗ geſtellt worden. Dort finden wir Max. Er hat die Füh⸗ rung der Compagnie übernommen, weil ſein Hauptmann in der Schlacht ſchwer verwundet worden iſt. Das war ſchon bald nach dem erſten Vorrücken auf Caſtagnaro ge⸗ ſchehen, ſo daß Mar die Compagnie faſt während der ganzen Schlacht geführt hatte, und wegen der Umſicht und Entſchloſſenheit, welche er dabei bekundet, vom Oberſten des Regiments mehrmals laut belobt worden war. Der Prinz Eugen ſelbſt, welcher Augenzeuge einer ſolchen kräftigen Benutzung des Moments geweſen war, hatte ſich anerkennend über ihn geäußert. Es war daher wohl natürlich, daß Mar Riedau in freudig gehobener Stim⸗ mung draußen an der Straße, wo er ſeine Compagnie wohlverdeckt hinter der Mauer einer Caſina aufgeſtellt 157 hatte, die kurze Sommernacht zubrachte. Der Mond ſtand zwar nur als eine ſcharfe, ſchmale Sichel am tief⸗ ſchwarzen, italieniſchen Himmel, aber die Sterne leuchte⸗ ten darum in der hellſten Pracht und ließen die Umriſſe jedes Gegenſtandes, die weißen Mauern des Gartens, die ſpitzen, dunkeln Cypreſſen, die fern haltende Vedette auf ihrer Höhe klar hervortreten. Die Dragoner waren ab⸗ geſeſſen und lagen zum Theil bei ihren Pferden; es war allmälig ſtill unter ihnen geworden, ſo daß man das ein⸗ förmige Plätſchen des Springbrunnens im Hofe der Ca⸗ ſina hören konnte. Da rief plötzlich der Schnarrpoſten, der zu Fuß mit der Schußwaffe im Arm dreißig Schritt von der Feldwache aufgeſtellt war, ſein lautes:„Halt! Wer da?“ und man ſah einen Reiter kommen, der ſich als kaiſerlicher Offizier zu erkennen gab.„Iſt das Hauptmann Wilden⸗ fels' Compagnie?“ fragte er dann gleich, und als es be⸗ jaht wurde:„Lieutenant Riedau iſt erſchoſſen?“ Da meldete ſich Mar Riedau gleich ſelbſt mit heiterm Lachen, daß er noch friſch und geſund ſei, und erkannte in dem Ankommenden den Grafen Colonna. Dieſer ſprag, ohne vorerſt ein Wort zu erwiedern, vom Pferde. „Wo kommſt Du her?“ fragte Mar freundlich, in⸗ dem er einem Dragoner winkte, dem Grafen das Pferd 158 abzunehmen.„Wer hat Dir geſagt, daß ich erſchoſſen ſei? Mein Hauptmann iſt ſchwer verwundet.“ „Es hieß ſo drüben—“ antwortete jetzt Colonna. „Du ſollteſt gefallen ſein— ich mußte ſehen, ob es wahr wäre.“ Marx dankte ihm herzlich— hätte er doch den Be⸗ weggrund in Pio's Seele zu erkennen vermocht! Er bot ihm etwas Brod und Wein, das aber Colonna aus⸗ ſchlug. Beide ſetzten ſich, von der Mannſchaft entfernt, an die Mauer. „Ich darf nicht lange bleiben, da ich ohne Urlaub fortgeritten bin,“ ſagte Colonna nach einer Weile des Verſtummens.„Das war heut' ein heißer Tag, und es konnte Dir und mir eine Kugel gegoſſen ſein.— Trifft ſie mich heut' oder morgen— ſo nehme ich gegen Dich eine Schuld mit in's Grab—“ „O ſprich doch nicht mehr davon! Du haſt keine Schuld und wir wollten ja die Sache auf ewig ruhen laſſen!“ „Davon red' ich nicht!“ ſagte Colonna mit einem unverkennbaren Hohne, der ſeine Worte wie ein halbes Gelächter klingen ließ.—„Wärſt Du gefallen, wär' Alles vorbei geweſen— nun ich aber fallen kann, und dann meine Pflicht gegen einen Cameraden und Bruder nicht gethan hätte, da ich ihn doch abhalten mußte, in Schande 159 zu gerathen—— ſo muß ich heut' reden, wie ſchwer mir's auch wird.“ „Was ſprichſt Du da?“ rief Mar, der an den kla⸗ ren Sinnen Colonna's zu zweifeln begann. „Du haſt einen Bund geſchloſſen— im guten Ver⸗ trauen! Ich bin es Dir ſchuldig— weil ich an Dir eines Ruffo Bubenſtück gut zu machen habe— Dir die Augen zu öffnen; morgen iſt es für mich vielleicht zu ſpät, darum ließ es mir heut' keine Ruh', ich muß Dir Alles ſagen. Werde nicht ungeduldig, laß mich reden— oder vielmehr laß die Beweiſe für mich ſprechen. Hier— dies Billet, lies es morgen früh, ſobald es hell wird: es iſt von ihr an mich— hier, nimm dieſen Schlüſſel, er iſt zur geheimen Thüre im Palazzo des Gräfin Francesca; ſie— nicht die Gräfin meine ich!— hat ihn mir geſandt für jenen verhängnißvollen Tag—“ Mar ſprang heftig auf; er zerriß das Billet, das ihm der Graf aufgenöthigt hatte, in kleine Stücke und zerſtreute es weit umher, den Schlüſſel warf er über die Mauer. „Was thuſt Du?“ rief Colonna, der ſich ebenfalls erhob.„Wenn ich Dir mit meiner Ehre betheuere, daß es Wahrheit iſt, was ich Dir geſagt habe—“ „Mein Vertrauen iſt unwandelbar, wie Gottes Sterne über uns!“ entgegnete Mar mit hellem, zuver⸗ 160 ſichtlichem Tone, wenn auch in großer Aufregung. „Glaubſt Du ſelbſt an das, was Pu mir geſagt— ſo biſt Du betrogen, denn nie, niemals iſt Cajetana deſſen fähig geweſen! Das weiß ich, und wenn Du mir noch viel Schlimmeres ſagen wollteſt, Du kannſt meinen Glau⸗ ben nimmer erſchüttern!“ „Zweifelſt Du an meinem Wort, das ich Dir mit reiner Ehre verbürge?“ rief Colonna heftig. Da fielen zwei Schüſſe draußen bei den Vedetten und unterbrachen das Geſpräch, als es zum gefährlichſten Bruch führen wollte. Die Dragoner ſprangen raſſelnd vom Boden auf und machten ſich fertig zum Aufſitzen; Riedau warf dem Römer nur noch ein flüchtiges:„Mor⸗ gen mehr, wenn Du willſt!“ hin und eilte dann zu ſeiner Compagnie, um einen Trupp vorzuſenden, der die Urſache des Schießens ermitteln ſollte. Colonna aber ließ ſich ſein Pferd geben und ritt ohne Abſchied hinweg. Er war hieher gekommen im feſten Glauben, daß ſein Neben⸗ buhler nicht mehr lebe; er hatte ſich unter dem Eindrucke der Enttäuſchung zu dem längſt bedachten Schritte hin⸗ reißen laſſen, Cajetana, wie er ihr einſt gedroht, zu ver⸗ derben, indem er ihre Ehre in Riedau's Augen be⸗ fleckte— und hatte nur erlebt, wie die wahre Liebe in ihrem Glauben und Vertrauen nimmer zu erſchüttern iſt. Glaubte er denn ſelbſt nicht auch an Cajetana's makel⸗ 161 loſe Reinheit? Hatte er noch einen Zweifel, daß er von der Vermittlerin, die ihm Brief und Schlüſſel geſandt, ſchmachvoll getäuſcht worden ſei? Und wenn er die Wahrheit ſeiner Worte mit ſeiner Ehre verbürgt hatte, welche elende Doppelſinnigkeit mußte das rechtfertigen? Pio Colonna jagte, mit ſich ſelbſt zerfallen, durch die Nacht und hätte in dieſer ſchwarzen Stunde wohl gewünſcht, daß Ruffo's Dolch einſt ſicherer geführt worden wäre!— Wie anders der Zuſtand in Riedau's Gemüth, nach⸗ dem er der kurzen Spannung wegen eines erwarteten feind⸗ lichen Angriffes durch die Meldung, daß nur eine kleine Patrouille ſich habe ſehen laſſen, überhoben war! Wie bald legte ſich die Aufregung ſeines Innern und eine heilige Ruhe über die niedrige Anſchuldigung der Gelieb⸗ ten kehrte ihm zurück! Es war, als walle ſein Herz ihr darum nur noch inniger entgegen, und er fühlte nur Mit⸗ leid mit Colonna, keinen Haß und keinen Drang nach Vergeltung. Achtes Capitel. Der Frieden des Herzens. Der Morgen kam und die Feldwachen wurden ein⸗ gezogen, denn das Heer ſollte nach dem Siege nicht, wie es ſonſt wohl bei minder energiſcher Kriegführung ge⸗ ſchah, auf ſeinen Lorbeeren ruhen, ſondern den Vortheil kräftig verfolgen. Riedau kehrte mit ſeiner Compagnie zum Regiment zurück, aber den Grafen Colonna ſah er nicht wieder, dieſer war bereits abmarſchirt. Dagegen wurde ihm ein Glück zu Theil, das ſeine kühnſten Hoff⸗ nungen überflügelte. Als die Truppen aufmarſchirt ſtan⸗ den, um ihre Bewegung anzutreten, ritt der Oberfeldherr an der Front herunter und gab jedem Regimente, das ſich ausgezeichnet hatte, ſeine Zufriedenheit zu erkennen. Vor ſeinem eigenen Regimente hielt er ſtill, ſein leuch⸗ tendes Auge blickte ſuchend über die Reihen, und als es Riedau gefunden hatte, rief er ihn zu ſich. Mit klopfen⸗ dem Herzen ritt Max vom Flügel der Compagnie, die er führte, aus dem Gliede und ſprengte zum Prinzen, der ihm freundlich entgegenſah.„Ihr habt Eure mir ſchon bekannte Valeur und Unſicht geſtern von Neuem bewährt,“ ſagte er.„Hauptmann Wildenfels iſt heut' 163 Morgen geſtorben, Ihr werdet die Compagnie behalten und ſeid zum Hauptmann ernannt. Machet mir und dem Regiment fernerhin Ehre!“ Ohne den Dank des Ueberraſchten abzuwarten, ritt der Prinz, ſeine Dragoner grüßend, weiter; der Com⸗ mandant des Regiments wünſchte Riedau, der ſich mel⸗ dete, herzlich Glück und wiederholte Vieles von dem, was er ihm ſchon geſtern für ſein Verhalten in der Schlacht geſagt hatte. Max aber, als er zu ſeiner Compagnie zurückſprengte und die Blicke der Cameraden von den andern Compagnien, wie die ſeiner Mannſchaft ſo freund⸗ lich an ihm hingen, fühlte ſich glücklich, wie einſt, als er in Stauffenried den höchſten Wunſch ſeines Lebens er⸗ reicht hatte— er mußte jetzt vor Allem an Cajetana den⸗ ken und hätte ihr gern Alles ſelbſt geſagt, was er ihr heute noch, wenn Zeit war, ſchreiben wollte. Dieſe Zeit fand ſich aber im Lager noch nicht, denn die Sorge für die Compagnie, bei welcher ein neuer Befehlshaber im⸗ mer viel zu ordnen findet, nahm ihn den ganzen Nach⸗ mittag in Anſpruch, und Abends erhielt er einen lieben Beſuch, den des Grafen Karl Fidelis. Der Graf war in einer freudigen Stimmung, als ſei ihm ſelbſt ein Glück widerfahren, auf das er im Leben nicht mehr rechnete. Er wünſchte Max Glück und äußerte ſcherzend, nun ſei er als Vormund auch aller Sorgen für 164 die äußere Wohlfahrt ſeines Mündels überhoben, da ſie nun als Gemahlin eines kaiſerlichen Dragoner⸗Haupt⸗ manns eine große und glänzende Rolle ſpielen werde, wenn auch nicht unter den Entbehrungen des Kriegs⸗ lebens, doch ſpäter in der Kreisſtadt eines Kronlandes, wo ſie auf zwanzig Meilen in der Runde gebieten werde. „Nur nicht in Böhmen!“ ſetzte er hinzu.„Dort ſchmach⸗ tet Graf Cronberg, der Oheim, noch immer nach ihr, und ein Brief, den ich heut' vom Grafen Trautſon er⸗ hielt, ſagt mir, daß ihn Wratislaw beneidet, weil er aus Gram täglich magerer wird, was bei dem armen Wratislaw in ſo jungen Jahren leider grade umgekehrt der Fall iſt!“ Riedau, in ſeiner glücklichen Aufregung, ging auf dieſen Ton ein, bis Königsegg ernſter wurde und mit ihm, zu Marxen's unausſprechlicher Freude, ſeine Ver⸗ heirathung beſprach, welche nach des Prinzen Erlaubniß während der nächſten Winterquartiere ſtattfinden konnte. Er ging dabei auf alle Einzelnheiten der nöthigen An⸗ ſtalten ein, als ſei er ſelbſt der Brautvater, der die Hoch⸗ zeit auszurichten habe, ſogar von dem Tage ſprach er, an welchem dieſe vielleicht ſtattfinden könne; er hatte ihn ſchon vor Weihnachten im Sinne, da ſeine Mutter noch immer beabſichtigte, Stauffenried zu verkaufen, obgleich ſich der erſte Handel, zur großen Freude der Frau von 165 Birkenfeld, zerſchlagen hatte.„Ehe Sie kommen, Max,“ ſagte er dann,„wird Cajetana einen gar lieben Beſuch haben, wie mir Trautſon ſchreibt. Rathen Sie, aber werden Sie nicht eiferſüchtig, es iſt ein weiblicher Be⸗ ſuch, und wenn von einem lieben die Rede iſt—“ „Ihre Frau Mutter?“ rief Max raſch. Königsegg ſah ihn etwas befremdet an. Die Liebe Cajetana's zu ſeiner Stiefmutter war wohl ſehr erſchüt⸗ tert worden, wenn Cajetana's dankbares Gemüth ihr auch immer noch treue Gefühle bewahrte. „Nein, Max,“ erwiederte er.„Steigen Sie in etwas niedere Regionen.“ „Die Kathi!“ rief Riedau erfreut.„Aber wie kommt die dorthin?“ „Sie iſt mit ihrer Herrſchaft“— den Namen ſprach Karl Fidelis nicht aus—„in Steiermark geweſen, und dort, wie mein Freund mir nur andeutet, muß ſich etwas ermittelt haben, was in Beziehung ſteht zu Cajetana's Familienverhältniſſen. Trautſon hat das Gut geerbt, das einſt dem Rittmeiſter von Cronberg, Cajetana's Vater, gehört hat, und dort iſt durch den Geiſtlichen, der noch lebt, Einiges bekannt geworden, das ihn betrifft.“ „Wär' es möglich?“ entgegnete Riedau in höchſter Spannung.„Erzählen Sie.“ „Mir iſt nichts Näheres darüber mitgetheilt wor⸗ 166 den,“ antwortete Königsegg.„Wahrſcheinlich iſt auch meinem Freunde nichts weiter bekannt, da er nicht ſelbſt dort geweſen iſt. In Folge deſſen hat aber Kathi die Erlaubniß erhalten, ihr Fräulein, deſſen Aufenthalt meine Mutter dem Grafen Trautſon nicht verſchwiegen hat, von Markſtein aus— ſo heißt das Gut— zu beſuchen, um ihr die gemachten, für ſie gewiß wichtigen Entdeckun⸗ gen mitzutheilen, und der Pfarrer, wie mir geſchrieben wird, will ſie begleiten. Wahrſcheinlich ſind ſie in dieſem Augenblicke in Stauffenried bei ihr.“ In Riedau's lebhaft erregtem Geſicht war der Wunſch zu leſen, gleichfalls dort zu ſein, und Karl Fi⸗ delis reichte ihm lächelnd die Hand.—„Wenn ich nur wüßte, was dieſe Nachrichten enthalten!“ rief Max. „Mich geht es doch auch an, und nicht blos, weil Tani meine Braut iſt!“ „Ich weiß es, Max,“ ſagte Königsegg,„und neh⸗ me den größten Antheil daran. Aber es hilft doch hier nichts als Geduld. Der nächſte Brief wird es ja melden. Wir werden überdem in den nächſten Tagen und viel⸗ leicht Monaten vollauf zu thun haben, daß wir nicht blos an uns ſelbſt denken können, denn der Prinz will den Feind nicht entſchlüpfen laſſen, ſondern ihn ferner ſchlagen, wo er ihn findet.“ So ſpielte Karl Fidelis das Geſpräch auf die 167 Kriegsbegebenheiten hinüber, für welche Riedau das feu⸗ rigſte Intereſſe fühlte, und Beide unterhielten ſich noch lange, bis der Graf Abſchied nahm, um aus dem Lager wieder zu dem Flecken zu reiten, wo ſein General Stah⸗ remberg heute Quartier genommen hatte. Eine ſeltſame Stimmung ſchien Karl Fidelis auf einmal zu überkom⸗ men— er blickte Riedau mit faſt verklärten Augen an und hielt ſeine Hand lange ſtumm in der ſeinigen, wäh⸗ rend in ſeinem edlen Antlitz ein trauriges Lächeln auf⸗ ging.—„Leb' wohl, Max!“ ſagte er endlich, und nannte den jungen Freund Du.„Grüße Deine Braut von ihrem Vormunde, ſie ſoll meiner freundlich gedenken. Seid glücklich— und nun Gott behüt Dich immerdar!“ Ge⸗ rührt dankte ihm Riedau und Beide trennten ſich. Im Sternenſchein ritt Karl Fidelis, von ſeinem Diener gefolgt, langſam vom Lager hinweg, deſſen Wachtfeuer noch lange ſeinen Pfad beleuchteten. Als ſie endlich hinter ihm blieben, kehrten ſeine Gedanken aus dem Reiche wunderbarer Ahnung, in welches ſie ſich verloren hatten, wieder in die Wirklichkeit zurück, und er faßte nun Riedau's Zukunft, die ſich ſo glücklich ge⸗ ſtaltete, ſchärfer in das Auge. „Wohl bedürfen ſie meiner jetzt nicht mehr,“ ſprach er für ſich,„aber es iſt mir dennoch lieb, daß ich für ſie geſorgt habe. Gott wolle es verhüten— aber kann nicht 168 auch Max einſt vor dem Feinde den Tod der Ehre finden, und Cajetana bliebe verlaſſen, in Noth und Gram noch von Sorgen bedrängt, zurück? Beſſer doch, daß ich mein Teſtament gemacht habe!“ Da gab er ſeinem Pferde die Sporen und eilte raſcher ſeinem Ziele zu. In den nächſten Tagen, wie er ganz richtig voraus⸗ geſagt hatte, gab es vollauf zu thun, und kleine Gefechte mit der Nachhut der Franzoſen fielen faſt täglich vor. Beſonders hartnäckig wurden einmal einige Caſinen ver⸗ theidigt, welche an einem tief eingeſchnittenen Bache nicht weit von einander lagen und ſo dem Vorrücken der Kai⸗ ſerlichen ein nicht unbedeutendes Hinderniß entgegen ſetzten. Es mußte zu einem ernſtlichen Angriffe geſchrit⸗ ten werden. Dieſer wurde damals anders bewirkt, als jetzt. Abgeſeſſene Dragoner waren dazu beſtimmt, weil die Infanterie, welche nur in langen, zuſammenhängen⸗ den Linien kämpfte, ihre Ordnung nicht gern brach, wie es doch beim Gefecht um Gehöfte und Dörfer geſchehen muß; ſie rückte zur Unterſtützung der Dragoner nach, während dieſe ein Schützengefecht eröffneten und ein⸗ zudringen verſuchten, dann umging ſie die Gebäude, um den herausgeworfenen Feind weiter zurückzudrängen. Da⸗ gegen begleiteten einige Trupps von Grenadieren die Dragoner, um Handgranaten in die beſetzten Oertlich⸗ keiten zu werfen. Die Grenadiere, ſonſt acht bei jeder 169 Compagnie, waren in dieſem Feldzuge zum Erſtenmale im kaiſerlichen Heere regimenterweiſe in beſondere Com⸗ pagnien zuſammengezogen worden. Auf die beſchriebene Weiſe wurden auch die Caſinen angegriffen, welche Teſſe's Nachhut feſthielt, und der Hauptmann von Riedau führte ſeine abgeſeſſenen Dragoner, deren Pferde außer Feuer⸗ bereich unter guter Bedeckung zurückblieben, freudigen Muthes vor.„Haltet Euch nicht lange mit Schießen auf!“ rief er ſeinen Leuten zu.„Geh't ihnen bald zu Leibe, das vertragen ſie nicht.“ Die erſten Schüſſe krachten ſchon; die braven Gre⸗ nadiere, alle Gefahr verachtend, näherten ſich den Mau⸗ ern, bis ſie mit ſtarkem Arme ihre flammenden Wurf⸗ geſchoſſe hinüber werfen konnten. Tapfer hielten die Franzoſen Stand, auch der erſte Anlauf zum Sturme, den Riedau bald befahl, wurde abgeſchlagen. Das Feuer nahm an Dichtigkeit zu.—„Wo iſt der Hauptmann?“ rief auf einmal eine klare Stimme, und man bemerkte ei⸗ nen Reiter, der zwiſchen die Dragoner ſprengte. Riedau erkannte den Grafen Königsegg und eilte zu ihm. „Biſt Du es, Max?“ rief Karl Fidelis.„Der Feldzeugmeiſter läßt ſagen, er werde gleich noch eine zweite Compagnie ſenden— und hat ſich ſehr gefreut über Deinen tapfern Angriff.“ „Ich bedarf keiner Verſtärkung, Herr Graf,“ er⸗ 1860, V. Im Strom der Zeit. IV. 11 170 wiederte Max.„Nicht wahr, Burſchen, wir nehmen die Neſter allein?“ Jauchzend ſtimmten ihm ſeine Dragoner bei und folgten ihm ſogleich zum zweiten Sturme, der mit einem mörderiſchen Kugelregen hinter der ſichern Mauer empfangen wurde. Graf Königsegg folgte— er ſah die Mauern von den Kaiſerlichen erſtiegen, das Gehöft genommen. Freu⸗ dig wollte er eben ſein Pferd wenden, um dem Feldzeug⸗ meiſter die Kunde zu bringen, als er plötzlich im Sattel ſchwankte, die Zügel fallen ließ und ſeitwärts vom Roß zur Erde ſank. Eine feindliche Kugel hatte ihn tödtlich getroffen— das Pferd brauſte in vollem Laufe davon. Von dem geſchloſſenen Trupp der Dragoner, welcher den Stürmenden folgte, eilten Mehrere dem Gefallenen zum Beiſtande herzu, ein Korporal lief den Hauptmann zu benachrichtigen, der auch gleich zurück kam, da die Feinde in voller Flucht waren, und die Verfolgung ihm nicht oblag, vielmehr nur die Beſetzung der eroberten Caſina. Aber dem Grafen Karl Fidelis kam alle Hülfe zu ſpät. Max fand ihn noch am Leben, die Dragoner hatten ihn ſanft auf eine Raſenſtelle gelegt, und ein alter, erfahrener Reiter war beſchäftigt, ihm das Blut zu ſtillen, doch ſagte der Blick, den der Alte ſeinem herzuſtürzenden Hauptmann entgegen ſchickte, daß keine Hoffnung mehr ſei. Sprechen konnte der Sterbende nicht mehr, aber ſein 171 Auge richtete ſich mit liebevollem Ausdruck auf Max, den er noch erkannte, als dieſer ſich mit tiefem Schmerz über ihn beugte— dann überzog die Bläſſe des Todes das edle Antlitz, und es verklärte ſich, wie es in dem feier⸗ lichen Augenblicke des Abſcheidens vom Zeitlichen oft ge⸗ ſchieht, mit einer faſt überirdiſchen Schönheit. Marx be⸗ tete über ihm, auf ſeine Kniee geſunken, und alle umſte⸗ henden Dragoner thaten desgleichen, während vorn und bei der benachbarten, noch nicht eroberten Caſine das Krachen der Schüſſe fortdauerte, gleichſam zur Ehren⸗ ſalve des Gefallenen. Mit Thränen im Blick erhob ſich Max.—„Beſſer ſo, als im Bett, Herr Hauptmann!“ ſagte der alte Rei⸗ ter, der neben ihm ſtand. Riedau reichte ihm ſtumm die Hand und begab ſich wieder zu den vordern Reihen, nach⸗ dem er für die irdiſche Hülle ſeines Wohlthäters die nächſten Anordnungen getroffen und eine Meldung an den Feldzeugmeiſter Grafen Stahremberg abgefertigt hatte. Er beſaß nun einen wahren Freund weniger auf der Welt. Hätte er geahnt, wie Karl Fidelis die Ruhe gefunden hatte, die ſein Herz, trotz des redlichſten Kam⸗ pfes mit ſich ſelbſt hienieden nimmer gewinnen konnte, er würde das Loos des Gefallenen minder beklagt haben.— Hinweg aus dem rauhen Kriegsleben mit ſeinen blutgetränkten Schlachtfeldern zu einer Stätte der Her⸗ 11* 172 zensruhe und ſüßen Friedens! In Stauffenried, wo Ca⸗ jetana ſtill unter der Obhut der Frau von Birkenfeld lebte, finden wir eine ſolche Freiſtatt. Wohl dachte die Braut oft mit klopfendem Herzen an die Gefahren, von welcher ihr Geliebter umringt war, aber wir kennen ja längſt ihren friſchen Muth, wo es das Soldatenleben galt, und es waren nur Momente, in denen ihr bange wurde, dann kehrte die Ruhe, welche das Bewußtſein des Glücks im feſten Gottvertrauen gibt, wieder in ihre Seele zurück. Noch wußte ſie nichts von dem unerwarteten Vor⸗ zuge, welcher Max betroffen hatte, noch war auch der liebe Beſuch, von welchem Graf Königsegg ihrem Bräu⸗ tigam erzählt, nicht angelangt, weil in den Reiſeplänen der Gräfin Trautſon eine Veränderung eingetreten und Kathi's Beurlaubung, welche ohnehin wegen der kleinen Eliſabeth ihre Schwierigkeiten hatte, dadurch verzögert worden war. Cajetana hatte keine Ahnung, welche Freude ihr bevorſtand, und traute daher ihren Augen kaum, als an einem ſonnenhellen Sommerabend ein kleines Wäg⸗ lein in den Hof zu Stauffenried einfuhr und ſie auf dem⸗ ſelben, trotz der ſteyriſchen Tracht, die ſie nie an ihr ge⸗ ſehen hatte, ihre Kathi erkannte. Ohne Rückſicht auf ihren Stand zu nehmen, eilte ſie ihr entgegen und ſchloß ſie mit einem freudigen:„Grüß Dich Gott!“ in ihre Arme. Als ſie aber den ehrwürdigen Begleiter Kathi's, 173 den geiſtlichen Herrn im Silberhaar, wahrnahm, wurde ſie doch beſchämt und gewann wieder die Haltung, um ihn ſchicklich zu begrüßen. „Iſt das Fräulein Tani?“ ſagte der Greis mit freundlichen Blicken, indem er Cajetana prüfend und lieb⸗ reich betrachtete.„So ganz herangewachſen— der Frau Mutter ſo ähnlich! Sie kennen mich wohl gar nicht mehr?“ Vor Cajetana's Augen trat plötzlich, wie von um⸗ florenden Wolken befreit, das lichthelle Bild ihrer Kind⸗ heit.—„Hochwürdiger Herr, wie ſollt' ich Sie nicht ken⸗ nen, meinen theuern Lehrer?“ rief ſie und küßte ſeine Hand, ehe er es hindern konnte.„Tauſendmal willkom⸗ men! Wie glücklich bin ich heut'!“ Ihr Blick ſuchte Ka⸗ thi's Augen, die ihr unter Freudenthränen leuchtend be⸗ gegneten, und ſie führte Beide in das Haus, wo ſie Frau von Birkenfeld rief, um ihr zu ſagen, welches Glück ihr geworden war. Kathi's Name und Verhältniſſe waren der alten Dame aus Cajetana's Erzählungen längſt bekannt, und den geiſtlichen Herrn empfing ſie mit all' der Achtung, die ſein Stand und ſein ehrwürdiges Aeußere verlangten. Sie fühlte aber zugleich, daß Cajetana ſich mit Beiden viel zu ſagen haben mochte, wobei ihre Gegenwart nur ſtörend ſein mußte, und ließ ſie bald allein. Da konnte es nun Kathi, nachdem ſie ihr Fräulein 174 als Braut beglückwünſcht, kaum erwarten, bis der Pfar⸗ rer das wichtige Geheimniß, das ſie hergeführt hatte, offenbarte, und ſie ſah ihn, der noch zu Cajetana von Er⸗ innerungen ihrer Kindheit ſprach, ſo bittend und auffor⸗ dernd an, daß er nicht länger zögern konnte.—„Ich habe Ihnen etwas mitzutheilen,“ begann er.„Es be⸗ trifft Ihren ſeligen Herrn Vater und auch den Vater die⸗ ſes Mädchens, den Martin, den Sie ja ſpäter wieder geſehen haben. Kann ich dabei nicht umhin, Ihrem kind⸗ lichen Gefühl weh zu thun, ſo bringe ich dafür auch Bal⸗ ſam und Troſt.“ „Hochwürdiger Herr, was Sie mir ſagen,“ erwie⸗ derte Cajetana von dieſem Eingange ahnungsvoll bewegt, „das kann mir immer nur troſtreich ſein.“ „So hören Sie mich an. Ich ſpreche von längſt vergangenen Tagen. Der Herr Vater, den ich ja in Markſtein, als er noch mein Gutsherr war, ſo genau, wie nur irgend wen, kennen gelernt habe, war ein offe⸗ ner, Allen vertrauender Mann, deſſen Herzensgüte nur zu oft gemißbraucht wurde. Er hatte ſchon damals ehren⸗ voll gedient, und es traf ſich, daß in der Nachbarſchaft von Markſtein, beſonders in Steyregg, ſich mehrere von ſeinen alten Gefährten zuſammenfanden, weil das Regi⸗ ment dort reducirt worden war; außerdem machte der Herr Vater gar bald viel Bekanntſchaften ſonſt in der 175 Gegend und war bei allen Feſtlichkeiten und Zuſammen⸗ künften. Dort— ich muß es ſagen— ging es etwas wild zu, es wurde beſonders ſtark geſpielt, um hohe Summen, oft um die ganze Habe von Einzelnen.“— Er hielt einen Moment inne, als er Cajetana erbleichen und zittern ſah: ſie dachte an ihr nie zu vergeſſendes Geſpräch mit Anna Riedau, an den räthſelhaften Brief, den ſie in Nachlaß ihres Vaters gefunden hatte.—„Hören Sie mich ſtarken Muthes an!“ ſprach der Pfarrer mit ſanfter Ermunte⸗ rung.„Ich will kurz ſein, um bald zu der ſeltſamen und glücklichen Löſung zu kommen. Der Herr Vater verlor faſt täglich, wie er mir ſelbſt geſagt, und auf meine be⸗ ſcheidenen Vorſtellungen ewiederte er immer nur, daß er verſprochen habe, bei der Geſellſchaft zu bleiben, ſein Wort müſſe er halten. So verlor er viel und mußte zu⸗ letzt Summen ſchuldig bleiben. Längſt ſchon hatte es auch ſein treuer Diener Martin gewagt, ſich ein freies Wort gegen ihn herauszunehmen, worüber der Herr Va⸗ ter ſich oft erzürnt hatte. Nun kam aber eine große Ver⸗ ſuchung über den Herrn. Ihm war eine Summe von einem Freunde, deſſen Vermögen es war, anvertraut— und damit ließ ſich eine Schuld, welche bezahlt werden mußte, decken, zugleich bot ſie Ausſicht, bei beſſerm Glück Alles wieder zu gewinnen— binnen drei Tagen kam ja von den Erträgen Markſtein's ſo viel ein, daß jene an⸗ 176 vertraute Summe, wenn ſie auch für dieſe kurze Friſt angegriffen wurde, erſetzt werden konnte, dafern nicht ein gänzlicher Fehlſchlag aller Hoffnungen eintrat. Der Herr Vater verrieth ſeine Gedanken dem Diener, dieſer bat ihn fußfällig, davon abzuſtehen, und als der Herr nun zornig wurde, da faßte Martin einen ebenſo ſtaunenswerthen, als verzweifelten Entſchluß. Er ſtahl über Nacht die eichene Geldkiſte, in welcher das anvertraute Gut lag, trug ſie hinaus und verſenkte ſie in das tiefe Becken einer Quelle. Dort hat ſie geruth bis auf dieſe Tage, wo ſie von dem Mädchen dort, nach Anweiſung ihres ſterben⸗ den Vaters wieder gefunden worden iſt. Der Martin wollte dadurch ſeinen Herrn nöthigen, von ſeinem eigenen Einkommen das anvertraute Gut zu erſetzen, und ſo dem Alles verſchlingenden Spiel jenes zu entziehen, wie zwei⸗ felsohne auch geſchehen iſt. Sich ſelbſt band er durch ei⸗ nen ſchweren Eid die Zunge, gegen keinen Menſchen, we⸗ der ſeinen Herrn, noch irgend wen, ein Wort von ſeiner That zu ſagen, bis Sie, Fräulein Cajetana, mündig ſein würden, denn Ihnen wollte er das Geld erhalten. Da⸗ mit aber für den Fall ſeines eigenen Todes oder weitern Verſchlagenwerdens das Geheimniß nicht verloren ginge, ſchrieb er Alles ausführlich nieder— er war ein Schul⸗ meiſtersſohn und des Schreibens mächtig— und brachte mir die Schrift wohlverſiegelt als ſein Teſtament, das 177 erſt in dem Jahre, welches darauf vermerkt war, eröffnet werden ſollte, wenn er mir nicht früher Botſchaft ſenden würde. Ich ermahnte ihn, zu beichten, da ich ſah, daß er viel auf der Seele hatte, aber er verſchmähte das und ging, da ihn ſein Herr nun entlaſſen hatte, mit ſeinem Kinde, der Kathi dort, in die Fremde.“ „Hochwürdiger Herr!“ brach jetzt Cajetana aus, welche mit ſteigender Bewegung, erſchüttert bis auf den Grund ihres Herzens, zugehört hatte.„Sie bringen mir eine Wohlthat vom allbarmherzigen Gott! So kann ich meines Vaters Gedächtniß reinigen und rechtfertigen! Das anvertraute Gut hat ſich gefunden— ich kann es wieder geben! Denn“— fuhr ſie bebend, unter Thränen fort—„mein Vater hat es nicht vermocht, ſogleich ſeine Schuld an den Freund abzutragen, und dieſer iſt bald ge⸗ ſtorben und ſeine Tochter fordert ihr Recht! O haben Sie Dank, daß Sie mich ſo glücklich machen!“ Der Pfarrer ſuchte ſie zu beruhigen und beſprach ſelbſt noch Alles, was er nicht erklärt hatte, mit Ruhe, um die gewaltige Aufregung ihrer Seele— Schmerz und Freude zugleich!— zu ſtillen. Kathi mußte dann auch er⸗ zählen, wie ſie zu dem Auftrage gelangt war, den ſie im⸗ mer als einen Fieberstraum ihres Vaters angeſehen hatte, wie ſie dann aber doch in Markſtein, als ſie mit ihrer jetzigen Herrſchaft dorthin gekommen, demſelben gehorcht, 178 und im Becken der Quelle, die er ſo genau bezeichnet, auf dem Steingrunde, viel überwachſen und verſchüttet, die Kiſte entdeckt, die ihr zu ſchwer geweſen, zu heben, ſo daß ſie, ihrer Anweiſung gemäß, zum hochwürdigen Herrn gegangen, der ihr dann helfen laſſen. „Der Fund,“ nahm der Pfarrer wieder das Wort, „iſt zu Handen meines gnädigen Herrn, des Herrn Obriſtkämmerers, gegeben worden, der ihn in Berwah⸗ rung genommen hat, bis er Ihnen zugeſtellt werden kann, was ich zu unternehmen auf der unſichern Reiſe nicht wagte.“— Cajetana machte eine entſchieden abwehrende Bewegung, ſie wußte ja, wem der gefundene Hort ge⸗ hörte!—„Ich aber,“ fuhr der Pfarrer fort,„war nun ermächtigt, Martin's Teſtament zu eröffnen, das für den Fall meines Ablebens meinem Nachfolger im Amte über⸗ geben worden wäre, und ſo bin ich denn zu der Kenntniß gelangt, die ich Ihnen mitgetheilt habe. Mit Freuden nahm ich die Gelegenheit wahr, auf den leiſe angedeute⸗ ten Wunſch meines Herrn Grafen, der mittlerweile auch in Markſtein eingetroffen war, die Kathi hieher zu be⸗ gleiten, um meine liebe Tani— Sie verzeihen mir!— die ich ja getauft und zuerſt unterrichtet habe, wieder zu ſehen und ihr ſelbſt Alles zu ſagen.“ Cajetana dankte ihm wiederholt mit einiger Rüh⸗ rung; als aber nun einige Befriedigung eingekehrt war, 179 ſah ſie wohl, daß dem Greiſe auf die heutige Tagfahrt Ruhe nöthig ſei, und ſie führte ihn ſelbſt in das für ihn bereitete Zimmer, wo ſie noch für alle Bequemlichkeit und Erfriſchung ſorgte, ehe ſie ihn verließ. Dann kehrte ſie zu Kathi zurück, und die beiden Mädchen hatten nun ihre vollen Herzensergießungen, als ſeien ſie noch die alten Geſpielinnen und nicht durch Geburt und Verhältniſſe ſo weit von einander getrennt. Der Wunſch Kathi's, in den Dienſt ihres Fräuleins zu treten, hätte jetzt vielleicht, wenn dieſe ſich vermählte und doch einer Dienerin bedurfte, in Erfüllung gehen können, aber die Verhältniſſe hatten ſich geändert: Kathi war durch die Pflicht der Dankbarkeit an die Gräfin Trautſon gefeſſelt, welche ihr die Pflege ihres Töchterchens übertragen hatte. Es war ſchon ſehr ſchwer geweſen, das Kind, das Kathi wunderbar lieb ge⸗ wonnen hatte, nur auf dieſe kurze Zeit von ihr zu tren⸗ nen, und Kathi, welcher die gütige Gräfin keine beſtimmte Friſt der Rückkehr geſetzt, hatte ihr verſprochen, nur zwei Tage bei ihrem Fräulein zu verweilen, da ſie wußte, daß die Herrſchaft ſehr bald nach Wien zurückkehren wolle. Cajetana konnte dagegen nichts einwenden und ſagte ihr nur, daß ſie ihr viele Aufträge nach Wien geben werde. Vor Allem wollte ſie an den Grafen Trautſon ſchreiben und ihn bitten, die gefundene Eichenkiſte, mochte ſie ent⸗ halten, was nur möglich, mit einem Briefe von ihr bei 180 der Ankunft in Wien dem Fräulein von Riedau zuzu⸗ ſtellen; dann auch hatte ſie der Gräfin Königsegg Mit⸗ theilungen zu machen, und endlich dachte ſie auch an die Sanct⸗Annengaſſe und hatte die letztern Kränkungen ver⸗ geſſen, welche ſie dort erlebt hatte; nur der frühern Liebe eingedenk, wollte ſie ihr Herzensglück, von dem wohl die Riedlſche Familie noch nichts wußte, ihr mittheilen laſſen— dabei mußte es hoffentlich gelingen, Kathi's Frie⸗ den mit der Mutter zu machen. Und als Kathi bei Nen⸗ nung des Namens lebhaft erröthete, lächelte Cajetana ſchalkhaft und ſchonte die Geſpielin nicht. Zur Abendtafel, welche Frau von Birkenfeld in ländlicher Weiſe reich beſchickt hatte, fand ſich dann Alles zuſammen und Kathi mußte daran Theil nehmen. Die ſteyriſche Dorftracht gab zwar dem Geſinde in Stauffen⸗ ried Einiges über dieſe Ehre zu reden, indeſſen war es ja nichts Ungewöhnliches auf dem Lande, daß die Herr⸗ ſchaft wenigſtens mit den Obern ihres Hausſtandes ſpeiſte, und da man ſchon etwas von dem frühern Ver⸗ hältniß des fremden Mädchens zu dem Fräulein gehört hatte, ſo beruhigte man ſich— auch darüber, daß Befehl ge⸗ geben wurde, der Fremden ein Nachtlager im Zimmer des Fräuleins zu bereiten. Frau von Birkenfeld hatte da⸗ gegen zuerſt einen kleinen Einſpruch erhoben, war aber bald bewogen worden, ihre Zuſtimmung zu geben. Mehr 181 Mühe hatte es Cajetana gekoſtet, Kathi, welche ſich der Anordnung als durchaus unſchicklich widerſetzte, zu be⸗ ſtimmen, über ſich, wie das Fräulein wollte, verfügen zu laſſen. Wie raſch vergingen die zwei Tage, in denen ſo viel noch, das Cajetana auf dem Herzen hatte, zu fragen und zu beſprechen war! Sie kam gar nicht recht zur Be⸗ ſinnung. Erſt nachdem ihr ehrwürdiger Taufherr und Lehrer und die geliebte treue Kathi geſchieden waren, fühlte ſie mit vollem Bewußtſein, was ihr dieſer Beſuch gebracht hatte, und ſie dankte Gott im wiederholten, tief andäch⸗ tigen Gebet. Dann eilte ſie, Max von Allem Kenntniß zu geben. Ehe jedoch dieſer Brief abgehen konnte, traf aus Italien einer ein, welcher ihr meldete, was dort vorgefallen war— zum Glück und zur Trauer. Der Tod des Grafen Königsegg erfüllte Cajetana mit tiefer Be⸗ trübniß: ſie rief ſich Alles zurück, was ſie ihm verdankte— es war ja ihr ganzes Lebensglück, ſeit er ſie aus dem Kloſter genommen hatte bis auf den heutigen Tag! Sein edles Bild trat in ſeiner Milde und Vertrauen erweckenden Männlichkeit immer wieder vor ihre Seele, und ſie be⸗ trauerte ihn mit aufrichtigem Herzen, ſo daß ſie Anfangs gar nicht zugänglich war für die freudigen Nachrichten, welche Max von ſeiner eigenen glücklichen Beförderung, die nun die ganze Zukunft des Paares ſicherte, zu geben 182 hatte. Frau von Birkenfeld that redlich das Ihrige, ſie von dem Betrübenden abzuziehen und dem Erfreulichen zuzuwenden: das Meiſte aber wirkte dazu ihre eigene Frömmigkeit, welche Gottes Rathſchluß zu ehren ihr bald den Troſt gab. Sie fügte nun ihrem Briefe noch eine längere Nach⸗ ſchrift hinzu, und als ſie ihn abgeſendet hatte, wurde ihr erſt wieder ruhiger um das Herz. Freilich wußte ſie, daß viel Zeit vergehen mußte, ehe ihre Sendung in des Ge⸗ liebten Hände kam, und ſie eine abermalige Nachricht von ihm erhalten konnte, aber ſie hatte ſich, da ihr Mar den Lauf der Dinge im Kriege vorgeſtellt, beſcheiden gelernt und lebte ihre Tage ſtill im liebreichen Umgange mit Frau von Birkenfeld, ſo daß ſie kaum bemerkte, wie die Sommerblumen allmälig verblühten und der Herbſt ſeine bunte Flora, den letzten Blütenſchmuck der Natur, brachte, bis er das Laub der Waldbäume, ehe er es ihnen entriß, mit jener wunderbaren Farbenpracht bekleidete, welche in den Bergen ſo unvergleichlich iſt. Da wurde der liebenden Braut die Freude, daß endlich wieder eine Nachricht von Max kam. Sie war gleich nach dem ſiegreichen zweiten Treffen bei Chiari geſchrieben, und enthielt des Inter⸗ eſſanten viel; Cajetana hatte aber im erſten Moment nur Sinn für die eine Verkündigung, welche ſie erbebend, mit lieblichem Erröthen las: daß der Prinz, neuerdings zu⸗ 183 frieden mit Marx, ſehr gnädig mit ihm geſprochen und ihm beſtimmt nach Beziehung der Winterquartiere Urlaub verheißen habe, um ſeine Braut als junge Frau heim⸗ zuführen. Eugen hatte über dies Wort noch geſcherzt, daß des Soldaten Heimführung allerdings nicht die eines in Wohlleben und Bequemlichkeit hauſenden Freiers ſei, aber eine Heimath habe der Soldat doch auch im Kriege: ſein Regiment! Das war ja ganz aus Cajetana's muthiger Seele geſprochen. Monate vergingen noch, ehe der Feldzug, glänzend wie er begonnen hatte, beendigt wurde. Eugen war un⸗ erſchütterlich in ſeinem feſten Lager gegen die Uebermacht der Franzoſen geblieben; ſeine Reiterei hatte durch die kühnſten Streifzüge dem Feinde ihre Ueberlegenheit fühl⸗ bar gemacht, der Schrecken ging vor ihr her— im Thore von Caneto, wie ein bewährter Schriftſteller erzählt, ſpaltete ein Huſar zwölf Franzoſen die Köpfe! Die Stim⸗ mung des Landvolks— ſo berichtete der franzöſiſche Marſchall ſelbſt ſeinem Könige— war ganz für die Kai⸗ ſerlichen, es führte ihnen Lebensmittel im Ueberfluße zu, während die Franzoſen an Allem Mangel litten. Endlich mußten dieſe ihre Stellung verlaſſen, und nun begann Eugen ſeine Operationen wieder mit derſelben kühnen Schnelligkeit, welche den Feind ſchon in Verzweiflung geſetzt hatte. Es ſchien, als wolle er mitten im November 184 einen neuen Feldzug eröffnen und— damals unerhört!— den Winter hindurch fortführen. Das ganze Herzogthum Mantua, außer der Hauptſtadt und Goito, wurde be⸗ ſetzt; vier Regimenter gingen über den Po nach Gua⸗ ſtalla, um auch das Herzogthum Modena zu gewinnen. Hier aber wurde der Feldzug in der Mitte Dezembers beendigt und die Truppen bezogen ſieggekrönt ihre Win⸗ terquartiere. Größer als der Erfolg im Felde war die Wirkung des entſchloſſenen Vorgehens auf die europäiſchen Mächte. Wie es immerdar wieder der Fall iſt, energiſches Handeln reißt Bundesgenoſſen an ſich. Der neue König von Preu⸗ ßen— Dänemark, Holland, England, Hannover ſchloſſen ſich dem Kaiſer an, der auf ſein gutes Recht vertrauend zuerſt allein das Schwert wider das mächtige Frankreich gezogen hatte. Nun waren für eine glückliche Fortſetzung des Krieges die ſchönſten Ausſichten, und Prinz Engen, der das Heer auch im Winter nicht verließ, that Alles, um daſſelbe für den neuen Feldzug in den beſten Stand zu ſetzen. Mar Riedau aber, welchem, ohne daß er daran er⸗ innerte, der verheißene Urlaub ertheilt wurde, eilte ſeinem Glücke entgegen. Er hatte die Compagnie ſeinem Lieute⸗ nant, auf den er ſich unbedingt verlaſſen konnte, über⸗ geben, und ſchloß ſich, dazu aufgefordert, der Reiſe des 185 Generalfeldwachtmeiſters Grafen Guttenſtein an, welchen der Prinz nach Wien ſchickte, um ſeinen Vorſtellungen über die Bedürfniſſe des Heeres Nachdruck zu geben. In dem Gefolge dieſes Generals reiſte Max bis in das Al⸗ penland, wo er ſich noch vor Salzburg von ihm beurlaubte, um ſeitab links nach Stauffenried zu gelangen. Cajetana hatte über die Zeit ſeiner Ankunft, die ſich auch vorher nicht beſtimmen ließ, keine Nachricht, ſie wurde alſo, obgleich ſie ihn erwartete, vollſtändig über⸗ raſcht. Ein Wiederſehen, hinter welchem keine neue Tren⸗ nung mehr drohte! Das Glück der Verlobten war ein reines, ungetrübtes— wenn auch die Erinnerung an den edlen Karl Fidelis, dem allein ſie es ja verdankten, zu⸗ weilen eine ſanfte Trauer in ihnen weckte. Max betrieb nun die Anſtalten zu ſeiner Vermählung mit Eifer, denn er wollte ſobald als möglich zu ſeiner Compagnie zurück⸗ kehren, für welche er ein ſo lebendiges Intereſſe hatte, daß Cajetana ihm zuweilen neckend vorwarf, er habe ſeine Dragoner und Pferde mehr lieb, als ſie. Er ant⸗ wortete ihr dann, daß er ſeine Befehlshaberſchaft mit ihr theilen werde. „Meint der Herr Hauptmann,“ entgegnete ſie, „daß eine Frau nicht im Stande wäre, eine Schaar muthig in den Feind zu führen?“ „O nein!“ erwiederte er.„Ich habe ſo eben ein 1860. V. Im Strom der Zeit. 1V. 12 *. 186 herrliches Beiſpiel davon erlebt. Da war die Fürſtin von Mirandola, Brigitta Pico, in deren Hauptſtadt vier⸗ hundert Mann vom Feinde als Beſatzung lagen. Sie hatte zuerſt von allen italieniſchen Fürſten den Muth, ſich für das Haus Oeſterreich zu erklären, bewaffnete Bürger und Bauern, und nahm die ganze Beſatzung gefangen. Unſer Regiment Guttenſtein wurde dann herbeigerufen und ſicherte die tapfere Frau vor der Rache der Franzoſen.“ „Das gefällt mir!“ rief Cajetana, in die Hände ſchlagend.„Die muß ich kennen lernen!“ Max lachte und meinte, das werde nicht wohl an⸗ gehen, da Savohen⸗Dragoner ganz wo anders ſtehe. Der Pfarrer von Markſtein hatte bei ſeinem Ab⸗ ſchiede geäußert, daß er gern aus Steyermark trotz der dreißig Meilen Entfernung herüber kommen würde, um Cajetana, die er getauft, auch bei ihrer Vermählung ein⸗ zuſegnen, aber die Verlobten wollten ihm das bei ſeinem Alter und der winterlichen Jahreszeit nicht zumuthen. Noch war der Winter zwar ungewöhnlich mild, in⸗ deſſen konnte man ſeiner Strenge bald entgegen ſehen, und das war auch ein Grund, warum Max ſeine Hochzeit nicht verzögert wiſſen wollte, wie ſehr auch Frau von Birkenfeld dafür ſprach. Es war wichtig, den rauhen Al⸗ penpaß noch vor dem Eintritt des vollen Winters zu überſchreiten, um in die milderen Lüfte des Südens zu 187 gelangen. Max kaufte dazu in Salzburg einen bequemen Wagen, den er für Cajetana auch künftig brauchen konnte, wenn ſie mit andern Offizierfrauen dem Heereszuge folgen durfte; er ſtattete ihn mit Allem aus, deſſen ſeine künftige Gemahlin für ihr Feldleben bedurfte, und wir haben ſchon geſehen, daß es, verglichen mit der Einrichtung neuerer Zeit, auch der beſchränkteſten herzlich wenig war. Man hatte eben ſonſt weniger Bedürfniſſe. Frau von Birkenfeld gab dabei ihren guten Rath, der nur zuweilen, wenn er zu reichliche Dinge forderte, von Cajetana, die davon nichts wiſſen wollte, Einſpruch fand. Am Vorabende der Vermählung, als die Drei in ſtiller und feierlicher Stimmung zuſammen ſaßen, lief noch ein Brief aus Wien ein: Max erkannte die Hand⸗ ſchrift ſeiner Schweſter und wurde roth. „Laß mich erſt allein leſen,“ bat er. Es war der erſte Brief von Anna, das erſte Le⸗ benszeichen, das ſie gab, ſeit ihr der Bruder ſeine Ver⸗ lobung gemeldet, ſeit Cajetana ſpäter mit den herzlichſten Worten an ſie geſchrieben hatte. Beide wußten nicht ein⸗ mal, ob der Fund aus Markſtein, welcher ihr allein über⸗ wieſen war und ſie doch nun in ihrem Sinne glücklich machen mußte, durch den Grafen Trautſon in ihre Hände gelangt war. Cajetana, in bewegter Erwartung, gab dem Wunſche 12* 188 ihres Verlobten nach und ließ ihn den Brief öffnen und erſt für ſich leſen; kaum hatte ſein Auge aber die erſten Zeilen überflogen, als es vor Freude ſtrahlend ſich auf die Braut richtete.„Lies mit mir!“ rief er.„Ihr Herz hat ſich endlich wieder gefunden!“ „Iſt es wahr?“ rief Cajetana beglückt.„O, das iſt mir ein liebes Geſchenk zu morgen!“ Und Beide laſen nun vereint, was Anna's Brief enthielt, während Frau von Birkenfeld ſtill die Hände faltete und mit Thränen im Auge das ſchöne Paar betrachtete, von dem ſie ſich nun ſobald trennen ſollte, in ihrer Einſamkeit zurückblei⸗ bend, wie vor Cajetana's Ankunft. Neuntes Capitel. Zu Wien.. Graf Trautſon war ſpäter mit ſeiner Familie nach Wien zurückgekehrt, als er Anfangs berechnet hatte, und ſein erſtes Geſchäft, nachdem er die nöthigen Meldungen bei Hofe abgemacht, war geweſen, in eigener Perſon dem Fräulein von Riedau das ihm zur Beſtellung anvertraute Pfand zu überbringen. Wie ſtaunte Anna und gerieth 189 faſt in krampfhafte Spannung, als ihr des Herrn Obriſt⸗ kämmerers Grafen Trautſon Excellenz gemeldet wurde. Was konnte ihn zu einer Perſon ſo niedern Ranges füh⸗ ren? Er entledigte ſich ſeines Auftrags in kürzeſter Weiſe, indem er nur die Kiſte, welche ihm ein Diener nachtrug, der Riedau überreichte und ſie wegen der Erklärung, welche er nicht zu geben vermöge, auf den Brief Caje⸗ tana's verwies, welchen dieſe ihrer Kathi mitgegeben hatte und der nun von dem Grafen in Anna Riedau's zitternde Hand gelegt wurde. Sie vermochte jetzt kaum die Formen der Etikette gegen den hochgeſtellten Mann, der auch gegen ſie ſeine gewohnte wohlthuende Freund⸗ lichkeit bewies, zu behaupten, und konnte es kaum erwar⸗ ten, bis er ſich, von ihr in tiefer, faſt zur Verzerrung werdenden Demuth zur Thüre begleitet, wieder entfernt hatte. Dann ſank ſie, einer Ohnmacht nahe, auf ihren Seſſel, ihr Auge ſtarrte die dunkle, räthſelvolle Kiſte an und ihre zitternden Hände hatten kaum die Kraft, den Brief, der ihr Alles erklären ſollte, zu öffnen. Als ſie ihn nun in ſeinem Anfange geleſen hatte, erwachte aber in ihr die volle Energie wieder; ihre Wangen rötheten ſich dunkler, ihre Augen funkelten mit brennender Glut. Sie hatte geendigt und ſprang auf; ſie preßte beide Hände auf die Bruſt und ſtieß einen Schrei aus, wie es ein Ge⸗ fangener thut, der aus ſchweren Banden plötzlich der 190 Freiheit wiedergegeben wird. So heftiger, bis über die Grenzen der Weiblichkeit hinausgehender Leidenſchaft hätte ſie ſich vorher vielleicht ſelbſt nicht für fähig ge⸗ halten, und ſie bezwang ſich ſchnell genug. Es kam ja nun darauf an, zu ſchauen, was ihr hier die Gunſt eines nie geträumten Schickſals beſcheert hatte— und ſie eilte denn, Hülfe zu ſchaffen, die ihr die feſte, in ihrem Schloß längſt verroſtete, hier nicht zu erbrechende Kiſte öffnen konnte. Ihr gutes Gedächtniß wußte ja genau, was darin, wenn Alles ſeine Richtigkeit hatte, enthalten ſein mußte; ſie war der Liebling ihres Vaters geweſen— grade weil ſie ſo häßlich war und Niemand ſie leiden mochte!— und hatte von ihm Alles zu erfahren gewußt, was ſie nur wünſchte. Ueberlaſſen wir ſie ihrer Freude!— Die Nachricht von dem Tode des Grafen Karl Fi⸗ delis Königsegg hatte in Wien den allgemeinſten Antheil in allen Kreiſen erregt, denn der ritterliche Mann hatte wohl keinen einzigen Feind im Leben gehabt— Niemand wurde hier aber wohl ſtärker dadurch erſchüttert, als Trautſon, der die Kunde erſt bei ſeiner Heimkehr erhielt. Es bedurfte einiger Zeit, bis er ſich ſo weit gefaßt hatte, die Trauerbotſchaft ſeiner Gemahlin mitzutheilen. Sie wurde davon tief ergriffen. Königsegg hatte zwar nach ihrer Meinung, die ſie ſich nicht beſtreiten ließ, immer — eine gewiſſe Abneigung gegen ſie gezeigt, von der ſie den 191 ſonſt unerklärlichen Grund, wie wir wiſſen, in einer ſelt⸗ ſamen Eiferſucht auf ihren Gemahl, deſſen Freundſchaft für ihn durch ſeine Heirath beeinträchtigt worden ſei, ge⸗ ſucht hatte. Aber daran dachte ſie jetzt nicht mehr. Ihr war er ſtets ein lieber Gaſt im Hauſe geweſen, da er Leopold's Freund war, und die Trauer ihres Gemahls um ihn ſtimmte ſie ſelbſt wehmüthig. Sie fragte ihn, ob er nicht die Gräfin, ſeine Stiefmutter, beſuchen wolle, wo er gewiß viel Näheres über ihn hören werde; da er aber dazu keine Neigung fühlte, vielmehr lieber ſeinen Bru⸗ der, Franz Anton, den Maltheſer⸗Ritter, aufſuchen wollte, der grade auch mit Urlaub von der Armee eingetroffen war, ſo fuhr Maria Thereſe ſelbſt nach Gumpendorf, um der Gräfin Francesca ihr Beileid zu verſichern. Sie fand die Gräfin in Trauerkleidung, die ſchwarze Krepphaube mit der Schneppe tief in die Stirn gezogen, ganz das Bild einer alternden Frau, die keinen Werth mehr auf anmuthige Erſcheinung legt: die Trautſon hatte ſie lange nicht geſehen, und würde ſie bei zufälliger Be⸗ gegnung in fremder Umgebung gar nicht erkannt haben. Gleichwohl war das nicht die Wirkung des Trauerfalls in der Familie, denn wenn ſie auch Karl Fidelis von den Kindern ihres Gemahls am meiſten bevorzugt hatte, ſo blieb ſie doch immer die Stiefmutter und ihr Herz war von keinem tiefer gehenden Grame berührt worden. Auch 192 äußerte ſie ſich zu der Trautſon Verwunderung ſehr ru⸗ hig über den Todesfall.„Er iſt auf dem Bette der Ehren geſtorben,“ ſagte ſie.„Welcher Soldat kann ſich ein ſchöneres Ende wünſchen?“ Unter dem ſchwarzen Krepp hervor richtete ſich das ſchwärzere Auge Francesca's mit einem ganz eigenthümlich prüfenden Ausdruck auf die junge Frau, die neben ihr ſaß; was ſie in ihrem Antlitz bemerkte, war aber nicht mehr, als mildes weibliches Mitgefühl. „Es thut mir leid,“ fuhr ſie dann fort,„daß wir von ſeiner Hand gar keine Papiere, keinen ſchriftlichen Nachlaß erhalten haben. Er war kein Freund von ſchrift⸗ lichen Aufzeichnungen— ich wußte das ſchon, und ſein älterer Bruder, der aus den Winterquartieren hier an⸗ gekommen iſt, beſtätigt es, daß er, außer den dienſtlichen Schriften, welche er als General⸗Adjutant zu führen hatte, nichts geſchrieben, weder über ſeine eigenen Erleb⸗ niſſe, noch weniger über ſeine Anſichten und Gefühle. Nicht wahr, das iſt ſehr zu beklagen, Frau Gräfin?“ „Ganz gewiß!“ ſagte die Trautſon.„Den Seini⸗ gen würde ein ſolcher Nachlaß unſchätzbar ſein.“ „Er hat nicht einmal die an ihn eingegangenen Briefe aufbewahrt,“ ſprach die Gräfin Francesca weiter. „Jeder wurde ſogleich, nachdem er beantwortet oder, wenn das nicht nöthig, geleſen war, verbrannt. Das Ein⸗ zige, was wir hätten von ihm erhalten können, wäre ſein Teſtament geweſen; aber auch das iſt verloren gegangen, denn der Auditor, bei welchem er es verſiegelt nieder⸗ gelegt, iſt von einem franzöſiſchen Streifcorps mit dem Actenwagen des Regimentsgerichts gefangen worden, und die Feinde haben alle Scripturen, die für ſie kein Intereſſe hatten, vernichtet— auch meines Sohnes Teſtament, trotz alles Einſpruchs von Seiten des gefangenen Auditors, welcher dieſe ganze Gewaltthätigkeit mit anſehen mußte. Es iſt für uns zu bedauern, denn in ſeinem letzten Wil⸗ len hatte Karl Fidelis ſich doch wohl auch für ſeine hin⸗ terlaſſenen Verwandten über Vieles ausgeſprochen— ſonſt hätte das Teſtament, wie mein älterer Sohn ſagt, keine Wichtigkeit gehabt, da Karl Fidelis ſich niemals hat ver⸗ mählen wollen“— hier beobachtete Francesca wiederum die theilnehmende junge Frau ſcharf, aber ebenſo frucht⸗ los—„und da er ſomit auch keine von ihm abſtammen⸗ den Erben beſeſſen: ſein ganzes Vermögen fällt natürlich ſeinen Geſchwiſtern zu.“ Für dieſe Angelegenheiten hatte die Trautſon kein Intereſſe, die Stiefmutter hielt überhaupt den ganzen Gegenſtand der Trauerviſite damit für erſchöpft.— „Wiſſen Sie von Fräulein Cronberg?“ fragte ſie dann plötzlich, indem ſie den Ton ihrer Stimme änderte.„Sie wird heirathen.“ — 194 „O, ich habe ſehr neue Nachrichten von ihr, Frau Gräfin,“ erwiederte die Trautſon lebhaft.„Sie werden ſich auch darüber freuen. Herr von Riedau iſt für ſeine ausgezeichnete Tapferkeit zum Hauptmann befördert wor⸗ den— und mein Mann ſagt, die ganze Zukunft des jun⸗ gen Paares iſt dadurch geſichert.“ „So wäre ja eine andere Großmuth, die von einer ganz unerwarteten Seite kommen ſollte, ganz überflüſſig 1* ſagte die Königsegg in einem ironiſchen Tone.„Denken Sie ſich, Frau Gräfin, daß der alte Reichsgraf, Sie wiſſen! der erſt Cajetana's Verwandtſchaft mit Unwillen von ſich wies, der ſpäter— ein wenig durch meine Ver⸗ anlaſſung— ſich mit dieſem Gedanken verſöhnte, ja in ein anderes Extrem fallend das junge Mädchen durch die engſten Bande an ſich feſſeln wollte, daß dieſer, nun er erfahren, daß ſie, die ihn ausgeſchlagen, ſich anderweitig verlobt hat, in einer wahrhaft rührenden Großmuth ſo weit gehen will, ſie auszuſtatten! Mir hat es geſtern Graf Wratislaw mitgetheilt und meine Mitwirkung da⸗ bei in Anſpruch genommen, da Cajetana, wie Sie auch wiſſen, noch auf meinem Gute bei Salzburg weilt und dort bis zu ihrer Vermählung bleiben wird. Wenn aber Herr von Riedau Hauptmann geworden iſt und ſich durch Uebernahme der Compagnie in einer ſo glänzenden Lage befindet, ſo bedarf es ja der Großmuth unſers Herrn — 195 Reichsgrafen gar nicht. Ich wundere mich nur, daß Herr von Riedau, der zuerſt gar nichts erreichen konnte, nicht einmal die Anſtellung, für welche ich mich ſelbſt bei Ihrem Herrn Gemahl dringend verwendet, nun plötzlich ſo bevorzugt worden iſt, wo doch viel ältere Offiziere im Regiment ſein müſſen.“ „Das verſtehe ich nicht,“ erwiederte Maria The⸗ reſe.„Aber mein Mann ſagt, daß es ein Vorrecht des Oberfeldherrn ſei, darin ganz nach ſeinem Gefallen zu verfahren.— Wegen der großmüthigen Abſicht des Gra⸗ fen Cronberg meine ich aber,“ ſetzte ſie mit weiblicher Sorgſamkeit hinzu,„daß ſie doch nicht abgelehnt werden ſollte: es wäre auch kränkend für ſeine gute Abſicht.“ Sie hatte keine Ahnung, daß mit der Vernichtung des Teſtaments, von welcher die Gräfin Königsegg er⸗ zählt hatte, für Cajetana bereits eine der reichſten Aus⸗ ſichten verloren gegangen war!— „Ich habe Alles dem Grafen Wratislaw überlaſſen, dem der alte Herr ſein ganzes Vertrauen geſchenkt hat,“ erwiederte die Königsegg etwas kühl.„Eine Vermittelung in dieſer eigenthümlichen Angelegenheit konnte ich nicht übernehmen, nachdem ich ſchon einmal darin kein Glück gemacht habe.“ Maria Thereſe tröſtete ſich, daß ihr Gemahl, wel⸗ cher den Beiden nah ſtand, vielleicht auch zu Rathe ge⸗ 196 zogen würde. Von der wunderbaren Geſchichte aus Mark⸗ ſtein erzählte ſie nichts, da ſie nicht wußte, ob die Königs⸗ egg über die Vergangenheit von Cajetana's Vater unter⸗ richtet war. Sie bezweifelte es. Auf der Rückfahrt zur Stadt kam ihr ein Wagen entgegen, in welchem ein einzelner Herr ſaß, der ſie im Vorüberfahren ehrerbietig grüßte. Dies ſchöne bleiche Geſicht mit dem ſchwarzen Lockenkopf und den dunkeln Augen— ſie täuſchte ſich nicht: das war Graf Pio Co⸗ lonna!— Wie kam er nach Wien? Was wollte er bei der Gräfin Königsegg? Brachte er ihr vielleicht, vom Heere kommend, einige letzte Nachrichten von Karl Fidelis' Tode? Maria Thereſe bedauerte, nicht noch eine Viertel⸗ ſtunde in Gumpendorf verweilt zu haben. Ihr Gemahl hörte alle Einzelnheiten ihres Beſuchs, die ſie ihm lebhaft erzählte, mit Antheil an. Die Stim⸗ mung der Gräfin Königsegg überraſchte ihn nicht, er hatte ſie nicht anders erwartet. Lächelnd vernahm er die guten Abſichten des Reichsgrafen von Cronberg gegen Cajetana, von dem ihm Wratislaw, mit welchem er doch kürzlich verkehrt, noch nichts geſagt hatte: es ſollte alſo wohl ein Geheimniß ſein und war nur durch Frauen aus⸗ geplaudert worden. Er freute ſich darüber und äußerte ſich im Sinne ſeines verſtorbenen Freundes, daß im Soldatenſtande viel Wechſel ſtattfinde und es daher er⸗ 197 wünſcht ſei, im eigenen Beſitzthum ein feſtes Fundament für jede Geſtaltung der Zukunft zu haben. Die Anwe⸗ ſenheit des Grafen Colonna in Wien noch vor beendigtem Feldzuge war ihm ein Räthſel, und doch hatte es ſeine natürliche Löſung, welche er bald erfuhr. Colonna war durch die Folgen einer Wunde, welche er an demſelben Tage erhalten, an dem Graf Königsegg gefallen war, unfähig geworden, an dem weitern Feldzuge Theil zu nehmen, und hatte zu ſeiner Wiederherſtellung Urlaub erhalten. Nur das erſchien ſeltſam, daß er, ſtatt in dem milden Klima ſeines eigenen italieniſchen Vaterlandes zu bleiben, welches jedenfalls ſeiner Geneſung zuträglicher geweſen wäre, nach Deutſchland gekommen war, grade zu der rauhen Jahreszeit, die ſich ſchon fühlbar machte. Zog ihn ein beſonderer Magnet hieher?— Einſt war ſeine Lei⸗ denſchaft für Cajetana, die er ſo wenig zu verhehlen ſich mühte, in allen Kreiſen Wiens, wo er Zutritt hatte, be⸗ kannt geweſen— nun aber war Cajetana ja nicht mehr hier, und er mußte doch wohl, da er mit Riedau bei einem Regiment ſtand, von ihrer Verlobung Kenntniß erhalten haben. Um ſo mehr wunderte ſich die Gräfin Trautſon, was er im Königsegg'ſchen Palais gewollt, und hätte ihn, als ſie ihn nochmals in einer Geſellſchaft traf, am liebſten ſelbſt gefragt. Er war hier der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit— da er vom Heere kam 198 und den erſten blutigen Gefechten beigewohnt hatte, mußte er tauſend Fragen genügen; ſeine Wunde, an der er noch trankte, machte ihn um ſo intereſſanter, auch ſchien da⸗ durch ſein ganzes Weſen, das ſonſt zuweilen beſonders ältere Damen verletzt hatte, vortheilhaft verändert wor⸗ den zu ſein.„Ich nehme Vieles, womit ich ihm Unrecht gethan habe, zurück,“ ſagte die Gräfin Auerſperg, welche mit ihm ein langes Geſpräch über ſeinen Regimentscame⸗ raden Riedau gehabt hatte, zu Trautſon.„Wiſſen Sie— doch Ihnen iſt es wohl längſt bekannt, was mir Graf Pio eben erzählt hat— daß unſer Schützling mit der reizenden Tani verlobt iſt, die uns durch die bewußte Ver⸗ wickelung ihrer Lage ſo plötzlich entführt wurde?“ Trautſon konnte nicht in Abrede ſtellen, daß er da⸗ von unterrichtet war, und hatte auch keine Urſache, es zu läugnen. Er zog ſich aber dadurch ein ſcharfes Ver⸗ hör von der Gräfin zu, welche nun alle Verhältniſſe, ſo weit er davon Rechenſchaft zu geben im Stande war, wiſſen wollte. Das Hinzutreten ſeiner Gemahlin erlöste ihn endlich, indem ſich die Auerſperg nun an dieſe wandte, und es war nicht bloße Neugier, welche ſie trieb, ſondern ſie fühlte von jeher das lebhafteſte Intereſſe für das junge Paar, das nun endlich verbunden werden ſollte. Dann fragte ſie nach der kleinen Eliſabeth. „Sagen Sie mir,“ rief ſie dabei plötzlich,„war⸗ 199 um haben Sie der Wärterin ihres Töchterchens die aller⸗ liebſte ſteyeriſche Tracht genommen, welche ihr ſo gut ſtand? Ich begegnete ihr geſtern, und fand ſie zwar in der ſtädtiſchen bürgerlichen Kleidung vornehmer ausſehend, aber es that mir doch leid, daß ſie die heitere Alpentracht mit dieſer vertauſcht hatte.“ „Meine Kathi iſt auch avancirt,“ erwiederte die Trautſon lächelnd.„Sollte ſie ewig als Magd und Kin⸗ derwärterin dienen, da ſie zu etwas Beſſerem paßt und“— ſetzte ſie mit einem Blicke auf ihren Gemahl hinzu—„ihr eigenes hübſches Vermögen hat?“ „Hat ſie das?“ entgegnete die Gräfin.„Ach ja, dieſe ſteyeriſchen Bauern ſind oft ſehr reich. Sie haben alſo das freundliche Mädchen aus Ihrem Dienſt ent⸗ laſſen?“ „O nein, das habe ich nicht,“ antwortete die Traut⸗ ſon.„Sie iſt nur nicht mehr Wärterin meiner Elſi, ſon⸗ dern ihre Aufſeherin— das iſt aber Alles eins, ſie hegt und pflegt das Kind doch, wie ſonſt. Ich wollte ihr nur eine beſſere Stellung geben. Sie will auch bei mir bleiben, bis ſie einmal heirathet.“ „Das wird nicht lange auf ſich warten laſſen,“ er⸗ wiederte die Auerſperg. Wirklich war Kathi ſeit der Rückkehr nach Wien in eine veränderte Stellung getreten. Die Gräfin, welche ihr 200 innig wohl wollte, hatte ſich Alles fein überlegt und ihres Gemahls Zuſtimmung leicht erhalten, ihn auch bewogen, dem Mädchen zu eröffnen, daß die Gnade des römiſchen Königs ihr eine reiche Ausſteuer geſchenkt habe, welche längſt treulicher Verwaltung übergeben ſei. Bei dem Worte Ausſteuer war Kathi, die ohnehin von der Mit⸗ theilung mächtig überraſcht worden war, noch tiefer er⸗ röthet, und eine verneinende Bewegung des Kopfes ſchien den damit verbundenen Gedanken abzuweiſen. Dann aber hatte ſie dankbar ihrer Herrſchaft die Hände geküßt und ſich in Alles gefügt, was dieſe über ſie im Dienſte des Hauſes beſtimmte; es hatte ſie mit Entzücken gefüllt, daß ſie nicht von ihrer kleinen Elſi getrennt werden ſollte. In der feinen Tracht eines Wiener Bürgermäd⸗ chens, die ihr die Gräfin, mit Recht oder Unrecht, ihren eigenen Gedanken folgend, auserkoren hatte, würde ſie nun wohl mit einiger Zuverſicht das Haus des Herrn Riedl in der Sanct Annengaſſe haben betreten können, um ſich des Auftrags und Briefes zu entledigen, welchen ihr Cajetana wirklich in Stauffenried zur Beſtellung übergeben hatte. Aber Anfangs ſchämte ſie ſich, in der Kleidung, die ihr nach ihrer Meinung nicht zukam, ſich öffentlich zu zeigen, und verließ das Haus nur wenig, und als ſie endlich Muth gefaßt hatte, den Schritt zu thun, war der Gang, den ſie mit ungeſtüm klopfendem 201 Herzen unternommen, vergeblich, denn ſie fand nur die Magd zu Hauſe, welche ſie nicht kannte: die ganze Fa⸗ milie war verreiſt, das Mädchen wußte nicht, wohin. Eine Reiſe, wie ſie das Hausweſen durch den jungen Herrn Franz kannte, bei dem Geſchäftsleben des Vaters, bei dem Geſundheitszuſtande der Mutter, obenein zu die⸗ ſer Jahreszeit, war ihr ganz unbegreiflich; es mußte etwas Beſonderes vorgefallen ſein, das den Anlaß dazu gegeben hatte, und Kathi kehrte mit einer Bangigkeit heim, welche ſich noch ausſprach, als ſie der Gräfin von ihrem Gange Bericht erſtatten mußte. Die Gräfin lachte ſie aus.„Sie ſind noch irgendwo in der Sommerfriſch, oder zur Weinleſe eingeladen geweſen, wo ſie ſich noch wohl befinden. Du mußt Dich alſo ſchon gedulden, Kleine. Alles kommt zu ſeiner Zeit.“ Die Erkundigung zu wiederholen, wagte Kathi ſo⸗ bald nicht. Auch hatte die Magd ihr gar nicht angeben können, wann die Heimkehr der Familie zu erwarten ſei; Alles war bei der Abfahrt ſehr eilig gegangen, und Frau Riedl hatte ihr nur befohlen, das Haus gut zu hüten. Wenn aber Kathi vor der Hand nicht nach der Annen⸗ gaſſe ging, ſo hatte die Gräfin, die ſich nun einmal für ſie intereſſirte, Veranſtaltung getroffen, daß die Rückkehr des Kaufherrn gleich im Trautſon'ſchen Hauſe gemeldet werde. Ein Billet ihres Gemahls an denſelben war dort 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. 13 —— „ 1 3 6 3 3 6 ſ 3 5 1 3 6 . 202 abgegeben worden mit der Weiſung, daſſelbe dem Herrn Riedl bei ſeiner Ankunft ſofort auszuhändigen. Es verging noch eine längere Zeit, ehe dieſelbe er⸗ folgte. Ein junger Mann erſchien endlich, um nach den Befehlen Seiner Excellenz zu fragen, er gab ſich als der Sohn des Kaufmanns Riedl kund. Der Graf war nicht zu Hauſe, und die Gräfin empfing Franz natürlich nicht, wiewohl ſie eine kleine, weibliche Neugier fühlte, ihn zu ſehen: damals vor der Kirche, als er Kathi ge⸗ grüßt, war ſie erſt durch deren Betragen aufmerkſam ge⸗ worden, daß ſie in einer Beziehung zu ihm ſtehen mußte, hatte ſich aber erſt ſpäter mit ihrer wachſenden Vorliebe für Kathi dafür intereſſirt. Franz erhielt den Beſcheid, daß der Graf ſeinem Vater bald ſeine Wünſche zu wiſſen thun werde, und entfernte ſich wieder. Er hatte Kathi nicht geſehen, welche zufällig mit einem Auftrage verſchickt war; der Kammerdiener, welcher den jungen Riedl ge⸗ ſprochen hatte, erzählte aber, daß er in auffallender Un⸗ ruhe geweſen ſei. Am folgenden Morgen gab die Gräfin mit der Erlaubniß, die Aufträge des Fräuleins von Cronberg im Riedl'ſchen Hauſe zu beſtellen, Kathi zu⸗ gleich ein Billet an den Kaufmann mit, das ſie aber erſt abgeben ſollte, wenn ſie mit der andern Angelegen⸗ heit vollkommen fertig ſei: es war von dem Grafen, ge⸗ wiß in Geſchäften. 203 Kathi trat denn den Gang zum Zweitenmale an, und ihr Herz wogte unruhiger, als bei dem erſten. Sie fand das Haus in der Sanct⸗Annengaſſe gegen die ſon⸗ ſtige Gewohnheit offen, die Magd mochte aber wohl ein kurzes Geſchäft in der Nachbarſchaft haben. Im Hauſe herrſchte eine tiefe Stille. Kathi ſtand eine Weile und lauſchte— nirgend ließ ſich Jemand hören. Endlich wagte ſie es, an die nächſte Thüre im Flur zu klopfen— Nie⸗ mand antwortete. Sie faßte ſich nun ein Herz— kam ſie doch nicht aus eigenem Antriebe, ſondern im Auftrage ihres Fräuleins und des Herrn Grafen. In der Stube, welche ſie betrat, war kein Menſch— in der nächſten aber hörte ſie ein ſchweres Seufzen, wie aus hartbelaſteter Bruſt. Raſch öffnete ſie die Thüre: da ſaß im Lehn⸗ ſtuhle, den Kopf in die Hand geſtützt, das Geſicht ihr grade zugewendet, der alte Herr Riedl und— weinte! Er weinte ſo hoffnungslos, daß ihm die hellen Thränen über die Backen liefen und er ſelbſt, aufgeſchreckt durch die Erſcheinung des fremden Mädchens, die Kraft nicht ge⸗ wann, ſich zu ermannen: er ſchien vollſtändig geknickt zu ſein. „Um Gotteswillen!“ rief Kathi, zu ihm eilend. „Was iſt geſchehen? Iſt Frau Riedl krank?“ „Nein, nein, Jungfer!“ ſagte er nun, ſich mühſam zuſammenraffend, indem er aufſtand.„Es iſt nichts— 13* 204 gar nichts! Was ſteht in Ihren Wünſchen? Nein, es iſt nichts— beruhige Sie ſich, Sie hat keine Urſache, mich zu bedauern. Womit kann ich Ihr dienen?“ „Der Herr Riedl kennt mich wohl nicht mehr— ich bringe viel ſchöne Grüße von Fräulein Tani und auch einen Brief an die Frau Riedl von dem gnädigen Fräulein.“ Auf dem trübſeligen Geſichte des alten Mannes ging ein matter Schein von Freude auf.„Ich werde meine Frau gleich rufen— ſie iſt nicht krank,“ ſagte er. „Aber ich bitte die Jungfer, nichts davon zu ſagen, wie Sie mich vorhin gefunden hat. Man hat ſo manchmal ſeine Stunden, wo's Einen überkommt, beſonders wenn man alt wird. Warte Sie nur einen Augenblick— ich hole die Frau.“ Er entfernte ſich ſchwankenden Ganges, und Kathi fand, daß er in der kurzen Zeit, ſeit ſie ihn zuletzt in der Kirche geſehen hatte, unglaublich alt geworden war. Was betrübte ihn ſo? Es mußte doch ein ſchweres Un⸗ glück über ihn gekommen ſein, daß ein Mann ſo wei⸗ nen konnte!— Da kam er ſchon zurück und ſeine Frau mit ihm. Dieſe erkannte Kathi in der bürgerlichen Kleidung auch nicht gleich wieder, indem ihre Augen ſeit einiger Zeit blöde geworden waren; ſie grüßte die fremde, fein ge⸗ 205 kleidete Jungfer mit Achtung und rief:„Hat uns denn Fräulein Tani wirklich nicht vergeſſen? Wo iſt ſie denn jetzt und geht es ihr gut? Setze Sie ſich doch, Sie muß uns recht viel erzählen!“ Sie ſagte das in einem freudigen Tone, aber Kathi konnte auch in dem eingefallenen Geſichte der alten Frau die Spuren eines tiefen Grames bemerken, und die Thrä⸗ nen traten ihr ſelbſt vor Mitgefühl und unbeſtimmter Be⸗ ſorgniß in die Augen.—„Darf ich nicht wiſſen, Frau Riedl,“ ſagte ſie mit zitternder Stimme,„was Ihnen geſchehen iſt?“ Beim erſten Ton dieſer Stimme fuhr Frau Riedl, wie von einem plötzlichen Schreck angefaßt, zuſammen; ſie ſchirmte ſich mit der Hand die Augen gegen das Licht und rief:„Iſt das nicht—7“ „Ja, ich bin's— die Kathi,“ ſagte das Mädchen de⸗ müthig,„und ich bitte, ſeien Sie mir nicht bös, ich hab' nichts gethan, daß Sie mir Uebles zutrauen könnten—“ „Es iſt ja nun auch Alles vorbei!“ ſprach die alte Frau, ohne recht zu wiſſen, was ſie ſagte.„Mit uns geht's zu Ende— Du ſtolzirſt in prächtigen Kleidern, Gott geſegne es Dir!“ „Aber Binerl,“ rief Riedl erſchrocken, ſie am Arme faſſend.„Was für Dinge redeſt Du da?“ Da kam ſie erſt zu ſich. 206 „Gott wird wieder helfen, was Ihnen auch geſche⸗ hen iſt, und ich will für Sie beten!“ ſagte Kathi tief be⸗ wegt.„Frau Riedl, ich weiß, Sie haben ſchlimm von mir gedacht, aber Gott und die Heiligen ſind mir Zeugen, daß ich unſchuldig bin. Mir iſt es gar traurig gegangen, bis ſich der Herr Graf von Trautſon meiner angenom⸗ men hat. Dort bin ich jetzt im Hauſe, und wenn ich dieſe Kleider trage, die mir nicht zukommen, ſo iſt es auf Be⸗ fehl meiner gnädigen Frau Gräfin.“ „Sei Sie nur ruhig,“ nahm Riedl das Wort. „Meine Frau meint es nicht bös. Kommt Sie etwa vom Herrn Grafen, der mir Befehle ſchicken wollte?“ Er ſprach das mit einer gewiſſen Beklommenheit, die aber Kathi nicht bemerkte, auch fiel Frau Riedl ihrem Manne gleich in die Rede. „Du kommſt von der Tani, meinem Augapfel!“ rief ſie ſo freundlich, als habe ſie plötzlich Alles ver⸗ geſſen, was ſie gegen dies Mädchen feindlich geſtimmt hatte.„O erzähle doch, gib her den Brief, den muß ich erſt leſen!“ Kathi reichte ihr den Brief, mit welchem Frau Riedl an das Fenſter ging und zu leſen begann. Ihr Gatte ſah ihr mit einem beſorgten Blicke nach, dann fragte er wie⸗ der, ob Kathi einen Auftrag Seiner Excellenz für ihn habe? Da fand ſie keine Urſache, ihre Beſtellung zu verzögern, da auch ihre erſte Angelegenheit eigentlich abgemacht war, und überreichte ihm das Billet des Gra⸗ fen. Der alte Riedl brauchte noch keine Brille, aber er wiſchte ſich doch die Augen und auch die Stirn, ehe er an das Leſen ging. Kaum hatte er aber den Eingang geleſen, als er mit dem Ausdrucke des höchſten Staunens und der Beſtürzung ſein Auge auf Kathi richtete. „Was?!“ rief er mit heiſerer Stimme.„Sie— die Ueberbringerin— Sie iſt die Katharina Leitgruberin, für welche Seine Excellenz— bei mir—— die Summe ein⸗ gezahlt hat?!“ Davon wußte Kathi nichts, aber ſie hieß ſo: Leit⸗ gruber war der Familienname ihres Vaters, er war nur nie mehr danach genannt worden. Sie bekannte ſich zu der Angabe des Grafen. „Für Dich?!“ rief jetzt Frau Riedl, mit ihrem halb geleſenen Briefe herbei eilend.„Du haſt bei meinem Manne das Geld eingelegt—2“ Und ſie zitterte, indem ſie Kathi's Arm faßte.„Du willſt es haben, nicht wahr? Du kommſt, es Dir zu holen?“ „Wenn der Herr Graf Geld für mich eingezahlt hat, ſo weiß ich davon nichts,“ erwiederte Kathi.„Ich weiß wohl, daß es mir gehört— aber haben will ich es nicht, ich brauche es nicht.“ „O, Du biſt brav!“ rief die alte Frau und wollte 1 208 augenſcheinlich noch mehr ſagen, aber ihr Gatte unter⸗ brach ſie abermals mit dem Rufe:„Aber Binerl!“ Da verſtummte ſie und ging wieder nach dem Fenſter, um Cajetana's Brief weiter zu leſen, bei welchem ſie bald vor Rührung zu weinen anfing. Herr Riedl überflog auch in Haſt das Ende des gräflichen Schreibens und holte aus erleichterter Bruſt Athem. „Ja, mein gutes Kind,“ ſagte er,„Dein Hab' und Gut ſoll zu Deinem Vortheil getreulich weiter ver⸗ waltet werden— wenn mir Gott gnädig iſt!“ Er faltete die Hände.„Alſo Katharina Leitgruberin?“ Da klopfte es draußen, und die Magd, welche unter⸗ deſſen heimgekehrt war, öffnete die verſchloſſene Haus⸗ thüre; die Eltern wußten es ſchon— es war Franz. Er hatte Kathi auch noch nicht in der Kleidung geſehen, wel⸗ che ihr ein verändertes Anſehen gab, und ſtutzte bei ihrem Anblick, da er ſie nicht gleich erkannte.—„Jungfer Ka⸗ tharina Leitgruberin,“ rief ihm der Vater entgegen,„für die Seine Excellenz der Herr Obriſtkämmerer bei uns die Summe eingezahlt hat— ſie bringt uns auch Grüße von Fräulein Tani, denke Dir!“ „Nennen Sie mich nur immer noch Kathi,“ ſagte das Mädchen zum Vater, während ſie in Franzen's ſtumm dargereichte Hand mit niedergeſchlagenen Augen flüchtig die ihrige legte. Die Mutter kam herbei und ſah mit verweinten Augen von Einem zum Andern, es ſchien aber, als könne ſie ihre Gedanken nicht ſammeln. Der Vater wechſelte unterdeſſen mit Franz einen ſchnellen Blick, und als dieſer bekümmert den Kopf ſchüttelte, ver⸗ lor der alte Mann einen Augenblick die Faſſung. Zum Glück hatte die Mutter auf Beide nicht Achtung gegeben, ſie nöthigte Kathi zum Sitzen und hatte viele Fragen nach Cajetana, welche Kathi nun zu beantworten begann. So fand der Vater Zeit, ſich wieder zu faſſen, und Franz hörte Kathi's Erzählungen zu ein ſcharfes Auge hätte aber bemerken können, daß er zerſtreut war, aus mehrfa⸗ chen Urſachen— auch Kathi's veränderte Erſcheinung, die auf einen Wechſel ihrer Lage ſchließen ließ, beunruhigte ihn. Eins fiel ihm freudig auf: er ſah, daß die Mutter, obgleich ſie doch wußte, wer Kathi war, ſich ſo freundlich gegen ſie zeigte— war es aber nicht vielleicht, weil ſie jetzt ſchwach von Gedanken war, und konnte bei voller Be⸗ ſinnung die alte feindſelige Ungerechtigkeit nicht zurückkeh⸗ ren? Er ſprach dann auch mit Kathi, und ſie mochte ſei⸗ nen erſten verwunderten Blick richtig verſtanden haben, denn ſie erklärte ihm ungefragt, was ihn beſchäftigte. Es war aber für ſie nun Zeit, aufzubrechen, denn ſie hatte ihre Aufträge beſtellt. Als ſie Abſchied nahm, bat ſie Frau Riedl, bald wieder zu kommen, und noch ehe Kathi zur Stubenthüre gelangt war, von Franz begleitet, ſagte 210 die Mutter zu ihrem Manne mit dem halbirren Lächeln, das ihn ſtets mit Betrübniß füllte:„Die heilt mich!“ Franz ging nicht bloß mit Kathi bis vor die Thüre, ſondern er begleitete ſie nach Hauſe. Er hatte mit ihr ſo viel zu reden, er mußte ihr Alles ſagen, was ſein Herz bedrückte.„Uns geht es ſchlecht, Kathi,“ begann er. „Dir kann ich es ſchon ſagen, denn Du nimmſt Theil an uns. Mein Vater hat große Verluſte gehabt— ein fal⸗ ſcher Freund, dem er in Geſchäften nur zu viel anver⸗ traut, hat betrüglichen Bankerott gemacht und uns mit hin⸗ eingezogen; noch ſtehen wir, aber es kann ſich nicht lange verzögern laſſen. In dieſer ſchweren Kriegszeit iſt kein Geld ſelbſt für die höchſten Zinſen zu ſchaffen, die Regierung hat in England neun Procent geboten— doch was rede ich? Das verſtehſt Du ja nicht. Aber Du haſt wohl geſehen, die Mutter hat ſich's zu Herzen genommen und iſt recht ſchwach! Die Reiſe, wo wir von einem Ge⸗ ſchäftsfreunde zum Andern vergebens fuhren, hat es ihr angethan— ſie wollte durchaus mit, um gleich zu wiſſen, wie es ſtehe. Ach, Kathi, ich kann's nicht laſſen, davon zu reden, Du biſt die Einzige, gegen die ſich mein Herz ausſprechen kann. Um meine armen Eltern iſt mir's nur— ich werde ſchon durch die Welt kommen, obgleich ich gehofft hatte, Kathi—“ Er faßte ihre Hand wieder⸗ um und konnte nicht weiter reden vor ſchmerzlicher Be⸗ wegung. „Iſt denn gar nicht zu helfen?“ fragte Kathi er⸗ ſchüttert.„Wenn mein Herr Graf zum Beiſpiel—* Oder,“ ſetzte ſie zaghaft hinzu—„wenn das, was der Herr Graf eingezahlt hat—“ „Nein, Kathi!“ rief Franz.„Dazu hab' ich Dich zu lieb! Za, in dieſem ſchweren Leid muß ich Dir's ſa⸗ gen, ich hab' Dich lieb, wie mein Herz nur lieben kann, und ich hoffte, Du wärſt mir auch gut— und dachte an ein künftig Glück für uns!— Aber darum grade kann ich Dein Erbieten nicht annehmen. Anvertraut Gut iſt heilig!“ „Wenn es aber ſo iſt— und Gott uns gnädig ſein will—“ ſagte Kathi, von ſeiner Rede aller Faſſung be⸗ raubt—„dann müſſen Sie es grade thun— und ich nehm's als ein Zeichen, daß es wahr iſt—“ Beide ſtanden grade an der Kirche, wo ſie ſich oft geſehen hatten, und Niemand war eben nah: wär's aber auch geweſen, Franz hätte ſich an die ganze Welt nicht gekehrt! Er ſchlang ſeinen Arm um Kathi und zog ſie ſanft an ſeine Bruſt. Sie ließ es geſchehen, und es war ein ſtummes Gelöbniß, das in Beider Seelen dieſe Stun⸗ de heiligte. Gottes Segen ruhte auf ihm!— Zehntes Crpitel. Eine feſte Heimath. Gottes Segen ruhte auch auf dem Bunde, der bald nach der heiligen Weihnachtszeit in dem Kirchlein zu Stauffenried geſchloſſen wurde. Max Riedau führte nun ſeine junge Frau mit ſich in die Ferne, in das künftige Kriegsleben hinaus, und Beide waren voll freudigen Gott⸗ vertrauens, daß Alles ſich glücklich für ſie geſtalten werde. Mit tiefer Bekümmerniß blieb Frau von Birkenfeld, nach⸗ dem ſie die ſchwere Stunde der Trennung überſtanden hatte, zurück, und die Einſamkeit, an welche ſie früher ſo gewöhnt geweſen war, daß ſie dieſelbe nie gefühlt, machte ſich ihr nur ſchmerzlich bemerkbar, wozu noch die Sorge um ihre eigene Zukunft kam, wenn Stauffenried, wie die Gräfin Königsegg noch immer beabſichtigte, verkauft wer⸗ den ſollte. Ueber dieſe Sorge half ihr aber ihr frommer Sinn hinweg: Gott lenkt ja Alles zum Beſten!— Auf der Reiſe hatte das junge Paar, dem eine Salzburgerin als Cajetana's Dienerin folgte, allerdings ſchon mit den Winterſtürmen des Hochgebirges zu käm⸗ pfen, doch ging alle Gefahr glücklich vorüber, welche ſie oft genug im Sillthale, das zuletzt gar ſchroff und eng wird, 213 und dann jenſeits Mattrey, wo die Straße das Thal ver⸗ läßt, um zum rauhen Brenner emporzuſteigen, bedroht hatte. Als ſie die Paßhöhe überwunden und das erſte Maulthier mit ſeinen rothen Quaſten, wie ein geſchmück⸗ ter Bote vom Süden, ihnen vor ſeinem Karren daher klingelnd begegnete, lachte Cajetana fröhlich auf, als ſeien ſie nun ſchon ihrem Ziele ganz nah. Aber bis dahin mußte noch manche Wegſtrecke zurückgelegt werden, und der Eintritt in das Wunderland Italien, der grade hier manche Erwartung enttäuſcht, mißfiel der jungen Frau ſehr; auch die ſchönen Fluren weiter hinein nahmen ſich im traurigen, ſchneeloſen Wintergewande wenig anzie⸗ hend aus, und nur einzelne maleriſch gelegene Ort⸗ ſchaften mit ihren Caſtellen aus alter Zeit konnten Caje⸗ tana gefallen. Um ſo zufriedener war ſie, als ſie endlich die Bezirke erreichten, wo die kaiſerlichen Truppen in Winterquartieren lagen und der Anblick von Kriegern, den ſie vor Allem liebte, ihr Herz erfreute. Vor dem Flecken, wo Riedau ſein eigenes Quartier hatte, war ſeine Ankunft zufällig durch einen Dragoner bemerkt worden, der die Kunde ſchnell verbreitete: ſo wurde der Hauptmann von ſeinen Leuten, die von allen Seiten zuſammen liefen, mit einem Jubel begrüßt, welcher für die junge Frau unendlich wohlthuend war. Das Haus, das ſie nun für die Dauer der nächſten Monate bewohnen 214 ſollte, war ein ſtattliches Gebäude nach italieniſchem Geſchmack, mit einem platten Dache, wenigen Fenſtern, einem Balcon im obern und einer zurückgezogenen Log⸗ gia hinter Säulen im untern Stockwerk; Cajetana kam es wie ein Palaſt vor. Max hatte ihr ſchon unterwegs erzählt, daß der Eigenthümer des Hauſes mit ſeiner ganzen Familie vor dem Kriegslärm hinweggezogen ſei und es ihm zur freien Verfügung überlaſſen habe: Caje⸗ tana konnte ſich alſo darin nach Gefallen einrichten. Sie nahm auch all' die ſchönen Räume, welche zum Theil ſehr reich, beſonders mit Gemälden guter Meiſter, aus⸗ geſtattet waren, in Augenſchein, aber ſie ſagte dann: „Das iſt nicht für uns, Mar!“ und beſchränkte ſich auf ein Paar Zimmer, die einfachſten, welche die Ausſicht auf den freien Platz des Fleckens boten, wo für die Com⸗ pagnie der Allarmplatz war und ſich die Mannſchaft täg⸗ lich einmal ſtellte. Riedau war ganz damit einverſtanden. Dann ging die junge Frau mit Eifer an die Einrich⸗ tung ihrer Wirthſchaft. Es war wohl gut, daß ſie in Stauffenried fleißig darin gelernt hatte und der Frau von Birkenfeld, welche ſie gern unterrichtete, an die Hand gegangen war; aber es würde ihr hier für die Beſchickung des Hauſes bei den eigenthümlichen italieniſchen Verhält⸗ niſſen nicht viel geholfen haben, wenn ſie nicht eine alte Dienerin des abweſenden Beſitzers vorgefunden hätte, 215 von dieſem zurückgelaſſen, um in ſeinem Eigenthum doch einigermaßen zum Rechten zu ſehen. Dieſe ſtand der jun⸗ gen Deutſchen, deren liebreiches Weſen die grämliche Alte ſchnell gewonnen hatte, mit Rath und That bei, und es kam Cajetana zu Statten, daß ſie bei der Gräfin Königs⸗ egg etwas italieniſch lernen und in den großen Geſell⸗ ſchaften zuweilen hatte ſprechen müſſen. Sie gewann die ſchöne Sprache jetzt erſt lieb und drückte ſich bald ganz ge⸗ läufig darin aus. Ein wahres Stillleben, ſo recht geſchaffen für ein neuvermähltes Paar, das nichts von der Außenwelt will und ſich ſelbſt genug iſt, begann nun für ſie. Bei der Compagnie ſtand zwar noch ein Lieutenant und auch ein Fähnrich, aber der Erſtere war ein alter Soldat ohne alle Manieren, der ſich in Gegenwart einer Dame ſtets un⸗ heimlich fühlte und ſie daher mied, und der Fähnrich lag an einer Wunde darnieder, welche er bei einem Bauernaufſtande, der mit Waffengewalt hatte unterdrückt werden müſſen, nach Riedau's Abreiſe erhalten hatte. Aus den benachbarten Quartieren des Regiments kamen wohl nach und nach, als Riedau ſich beim Generalwacht⸗ meiſter gemeldet hatte, die Offiziere, die ihm alle zugethan waren, in ſeinen Flecken, um ihn zu begrüßen und ſeine Gemahlin kennen zu lernen; Einer oder der Andere brachte auch ſeine Frau mit, bei welcher dieſer Wunſch 216 der Neugier noch lebhafter war, und es ziemte ſich dann für Riedau's, dieſe Beſuche, die übrigens fern von aller Etikette, ſondern ungezwungen, wie das ganze Feldleben, waren, zu erwiedern. Aber alles das war doch nur ver⸗ einzelt und ſchnell vorübergehend, und der größte Theil des Winters blieb den jungen Eheleuten, um ſich ſelbſt zu leben. Die Stunden, welche Riedau in ſeinem unver⸗ änderten Soldateneifer dem Dienſte, der Beaufſichtigung und Uebung ſeiner Mannſchaft und Pferde widmete, galten Cajetana dabei nicht für verloren, denn ſie war für ſeinen Dienſt faſt ebenſo eifrig beſorgt als er, und wenn er dann heimkehrte, war es um ſo behaglicher in dem wohnlichen Zimmer: Cajetana hatte es verſtanden, ſich die wohlthuendſte Häuslichkeit zu ſchaffen. Der italieniſche Frühling, der ſo zeitig die Mandel⸗ bäume mit Blüten bedeckte und friſches Grün hervorrief, während in der deutſchen Heimath noch Alles in Froſt und Schnee begraben ſein mußte, überraſchte Cajetana nicht wenig, und wie ſehr ſie ſich auch mit den Gedanken vertraut gemacht hatte, daß ſie eigentlich nur in einem Zelte wohne, welches abgebrochen werden müſſe, ſobald der Trompeter Allarm blies, fühlte ſie doch ein wahres Bedauern, die Stätte, wo ſie ſich ſo glücklich gefühlt hatte, vielleicht recht bald zu verlaſſen. Es war eben, weil ſie hier das erſte Glück des eigenen Herdes genoſſen hatte— ſpäter, bei dem ſteten Wechſel des Aufenthalts, ſollte das Scheiden ihr ſchon leichter werden. In jenen langjährigen Kriegen war das Wort des Dichters noch eine Wahrheit: „Der Soldat hat auf Erden kein bleibend Quartier,“ und ein liebendes Weib, das ihr Schickſal an das ei⸗ nes Soldaten knüpfte und Alles mit ihm theilen wollte, mußte ſich d'rein finden, ſich nirgend eine hei⸗ miſche Stätte gründen zu kännen, bis der Frieden kam oder— die ewige Ruhe!— Prinz Eugen begann, im Widerſpruch mit der herrſchenden Kriegsmanier, welche lange Winterquartiere mit ſäumigen Rüſtungen zu halten pflegte, ſeine Feld⸗ züge oft ſehr früh, wodurch er eins der wichtigſten Ele⸗ mente des Erfolges für ſich gewann: die Ueberraſchung. Diesmal hatte er mitten im Winter eine Unternehmung ausgeführt, welche die Franzoſen ſo entmuthigte, daß ſie ihre Stellungen hinter dem Oglio räumten und ihm das ganze Land bis zur Adda preisgaben: es war der Ueber⸗ fall von Cremona, bei welchem der franzöſiſche Oberfeld⸗ herr Villeroy gefangen worden war*). Nach dieſem *) Die Franzoſen ſangen ſelbſt auf den ſchlechten Feldherrn ein Spottlied: Frangais, rendez gräce à Bellone, Franzoſen, dankt der Bellona, Votre bonhqur est sans égal, Euer Glück iſt ohne Gleichen einmal: Vous avez conservé Orémone Ihr habt behauptet Cremona Et perdu votre général! Und verloren den General! 1860, V. Im Strom der Zeit. IV. 14 218 Unternehmen, bei welchem Cremona nicht behauptet wer⸗ ven konnte, trat aber wieder Waffenruhe ein und die Operationen begannen erſt im Mai. Das Regiment Savoyen⸗Dragoner war nicht mit zu dem Ueberfall ver⸗ wendet worden und blieb bis zur allgemeinen Concentra⸗ tion des Heeres ungeſtört in ſeinen Quartieren. Cajetana konnte daher in der ihr ſo lieb gewordenen Umgebung noch lange verweilen und den vollen Zauber des ſüdlichen Frühlings genießen. Als dann der Tag des Aufbruchs gekommen war, ging es in die blühende, lachende Land⸗ ſchaft hinaus, und der Reiz, den die unbekannte Ferne auf empfängliche Gemüther übt, verfehlte auch bei Caje⸗ tana ſeinen Eindruck nicht und ließ ſie jedem folgenden Tage in der Erwartung neuer Erſcheinungen und wunder⸗ barer Erlebniſſe heiter entgegen ſehen. So lange die Truppenbewegungen nur ſogenannte Reiſemärſche waren, durften die Wagen wenigſtens nach Beendigung des Marſches wieder in die Quartiere oder Lager einfahren, und es gab dann immer ein fröhliches Wiederſehen— noch herrſchte auch kein Mangel beim Heere, der ſich ſpäter ſo fühlbar machte. Die energiſchen Vorſtellungen des Prinzen hatten wenigſtens für den Be⸗ ginn des Feldzuges die beſte Wirkung gehabt. Als aber die eigentlichen Operationen begannen und Eugen ſein kleines Heer vor der Uebermacht der franzöſiſchen Armee, 219 welche, jetzt vom Herzoge von Vendome befehligt, die Offenſive ergriffen hatte, zuſammenhalten und erſt in die feſte Stellung von Caneto, dann aber, um der Blokade von Mantua eine ſtarke Deckung zu geben, in die Nähe dieſer Stadt führen mußte, blieb das ganze Gepäck des Heeres und mit ihm auch die Wagen, welche den Offi⸗ zieren gehörten, mit den Frauen und dem nicht kämpfen⸗ den Heergefolge, oft Tagelang von den Truppen getrennt, und marſchirte zur Seite, oft auch der Sicherheit wegen voraus, unter ausreichender Bedeckung, ſeine eigene Straße. Das war denn für Cajetana die erſte Prüfung. Anfangs ſiel ſie ihr ſehr ſchmerzlich, aber ihre ſtarke Seele faßte ſich bald und fügte ſich in das Unabänderliche, deſſen Nothwendigkeit ſie einſah. Um ſo freudiger ſah ſie dem Moment entgegen, wo ſie wieder mit Max, wenn auch nur für kurze Zeit, vereinigt wurde, für ihn ſorgen, ihn pflegen konnte! Das war freilich nur der Fall, wenn die Truppen für einige Tage Halt machten und vom Feinde nichts zu beſorgen war. Beim Abmarſche von Caneto ſchlug die Wagen⸗ colonne, um einen Tag früher aufgebrochen, als die Armee, abermals eine Seitenſtraße ein, um bei etwaigen Stockungen die Heeresbewegung nicht aufzuhalten. Bei einem ſo gewaltigen Troß, wie er im vorigen Jahrhun⸗ derte die Heere begleitete, mußte überhaupt die ſtrengſte 14* 220 Ordnung gehalten werden, wenn er nur vorwärts kom⸗ men ſollte. So war auch hier der General⸗Wagenmei⸗ ſter, welcher Alles leitete, unter ihm ein bedeutendes Aufſichtsperſonal; der General⸗Gewaltiger, der die Hee⸗ respolicei übte, hielt mit ſeinen Leuten Zucht unter den Troßknechten und Bedienten. Ihn zu unterſtützen, war von der Truppenbedeckung, die den ganzen Transport ge⸗ gen feindliche Handſtreiche zu ſchützen hatte, für eine be⸗ ſtimmte Zahl von Wagen immer einige Mannſchaft ge⸗ geben, welche nebenher marſchirte, während die geſchloſ⸗ ſenen Abtheilungen in der Zugordnung, wie ſie der Befehls⸗ haber der ganzen Escorte für zweckmäßig erachtete, ihre Straße hielten. Neben der Wagenabtheilung, zu welcher Cajetanas gehörte, ritten Dragoner, und ihr Herz klopfte, als ſie auch einen Offizier von der Spitze zurückkommen ſah, der wohl die Ordnung prüfen wollte; gewiß dachte ſie an Max und wünſchte ihn an Jenes Stelle hieher, aber ſie ſchämte ſich gleich dieſes Wunſches, denn war es nicht viel ehrenvoller, in dem kampffertigen Heerzuge zu mar⸗ ſchiren, der jeden Augenblick ruhmvolle Gefechte beſtehen konnte, als hier in Sicherheit fern vom Feinde mit dem Gepäck einherzuziehen? Der Offizier kam unterdeſſen näher und muſterte jeden Wagen und die darauf ſitzenden Perſonen mit ſcharfen Blicken, als ob er Jemand ſuchte— 221 da erkannte ihn Cajetana plötzlich und erſchrack ſo, daß ſie unwillkürlich den Arm ihrer ſalzburger Dienerin ſaßte, welche neben ihr ſaß. War es möglich? Graf Colonna, der das Regiment ſchon vor ihrer Ankunft verlaſſen hatte, um ſeine Geſundheit wieder herzuſtellen, den ſie überhaupt ſeit jenem, nie zu vergeſſenden Tage im Königsegg'ſchen Palais nicht geſehen— wie kam er plötzlich hieher, da noch geſtern im Lager von Caneto, wo ſie zufällig alle Offiziere des Regiments einmal zuſammen geſehen hatte, von ihm keine Spur geweſen war? Er hatte ſie nun auch erkannt, hielt aber nicht an, ſondern ritt mit ehrerbietigem Gruße an ihrem Wagen vorüber. Sie ſah ihn auch wäh⸗ rend des ganzen Marſches nicht mehr, weder als unter⸗ wegs eine Raſt gemacht wurde, noch beim Einrücken in die Quartiere. Die Wagen fuhren nämlich vor dem zum Nachtquartier erſehenen Orte im geſchloſſenen Viereck nach ſtrenger Ordnung zu einer Wagenburg auf, dabei campirte Alles im Freien unter dem Schutze ausgeſtellter Wachen; nur die Vornehmſten des Zuges und die Offi⸗ zierfrauen erhielten in der Stadt ein Unterkommen unter Dach und Fach. Cajetana mußte ſich viel mit der Erſcheinung des Grafen Colonna beſchäftigen. Sie lebte in Gedanken noch einmal ihre Vergangenheit durch, ſo weit er in dieſelbe verwebt war— als ſie aber von der Erinnerung an das 222 letzte Zuſammentreffen mit ihm erſchüttert wurde, trat auf einmal ihres Gatten Bild troſtreich vor ihre Seele, und das unheimliche Gefühl zerran vor der freudigen Zuverſicht, daß ja nun Alles vorüber und ſie wohl ge⸗ borgen ſei. Hätte ſie gewußt, in welcher Weiſe Pio Co⸗ lonna noch kurz vor ihrer Verbindung ihre Ehre gegen Max zu verdächtigen geſucht! Mar hatte ihr davon na⸗ türlich kein Wort geſagt, wie er auch den Verläumder ſeitdem nicht wieder geſehen hatte, da er, wie ſchon erwähnt, bald nach dem nächtlichen Geſpräch verwundet worden war. Cajetana dachte jetzt nicht mehr an ihn, ſondern nur an ihren Gatten, dem ſie nach ihrem Nachtgebet in Ge⸗ danken eine ſanfte Ruhe wünſchte und daß er auch ihrer gedenken möge. Dann ſchlief ſie ſanft ein, die Salzbur⸗ gerin ihr zu Füßen, vor der Thüre der treue Diener, welchen ihr Max zum beſondern Schutze mitgegeben hatte. Am andern Morgen, als der Aufbruch geſchah und Cajetana in ihrem Wagen vor das Thor kam, hielt wie⸗ derum Graf Colonna am engen Ausgange, gleichſam um hier, wo ihm nichts entrinnen konnte, die ausziehenden Fuhrwerke zu zählen. Auch heute grüßte er Frau von Riedau, indem er ſein Haupt entblößte und ſich tief im Sattel neigte; er hielt ſo nah, daß ſie, wie flüchtig ihr Blick ihn auch traf, ſeine auffallend bleiche Farbe, gegen welche die dunkelglühenden Augen um ſo ſchwärzer er⸗ ſchienen, bemerken mußte, und ſo tief er ſie gekränkt hatte, regte ſich in ihr doch ein weibliches Mitleid: gewiß war er noch recht krank und nur das Gefühl der Ehre hatte ihn vorzeitig wieder in das Feld geführt. Sie ſah ihn, wie geſtern, während des ganzen Marſches nicht mehr, denn er hielt ſich ſtets bei der Hinterhut auf. Wenn ſie aber dachte, daß nur zufällig dies dienſtliche Commando ihn hergeführt hatte, ſo irrte ſie ſich; er hatte ſich daſ⸗ ſelbe zu verſchaffen gewußt, und noch ehe die Sonne un⸗ terging, ſollte ſie ſich davon überzeugen. Der heutige Tagmarſch war nur klein. Seit man den Oglio überſchritten hatte, war für das Fuhrweſen die Nothwendigkeit nicht mehr vorhanden, daſſelbe un⸗ gewöhnlich anzuſtrengen, und die Lage der für die Nachtraſt bequemen Ortſchaften ergab die Haltepunkte. Das Wetter war herrlich, der dunkelblaue italieniſche Himmel ſchim⸗ merte wolkenleer über der reichen Landſchaft; noch war die verſengende Hitze nicht eingetreten, welche ſpäter das Grün entfärbt oder an den Straßen mit Staub über⸗ pudert, die Flutgräben mit ihrem Waſſer, die Weinge⸗ hänge an den jungen Maulbeerbäumen, Alles war noch friſch. Von Zeit zu Zeit leuchteten die weißen Mauern einer Villa oder das goldene Kreuz einer Kapelle ſeitwärts herüber; Dörfer und Städtchen, in der Bauart nicht zu unterſcheiden, unterbrachen die Einförmigkeit der Gegend, —————————— 224 rechts hin zeigten ſich ſaftgrüne weite Fluren der Nie⸗ derung: es waren die reich bewäſſerten Reisfelder, die ſich nach Mantua hinziehen. Cajetana that es leid, als ſchon vor der Mittagszeit der Marſch beendigt wurde; ſie wäre noch gern ſtundenlang in diefer köſtlichen Umgebung gefahren, in der ſie nur Eins vermißte, das ſie in Stauf⸗ fenried immer beſonders entzückt hatte: das Lied und das Flattern munterer Vögel. In dem Städtchen, wo Quartier gemacht wurde, er⸗ hielt ſie ein hohes, großes Zimmer, wohl verſperrt nach Landesart gegen Licht und Luft, welche die Bevölkerung, die mehr auf der Straße als im Hauſe lebt, draußen ſucht. Cajetana ließ dieſe ihre Lebenselemente gleich ein⸗ ſtrömen, aber die Ausſicht war nur auf eine enge Gaſſe und einen halbverfallenen Springbrunnen, deſſen Waſſer karg und melancholiſch plätſcherte. Das Alles mißfiel Cajetana im höchſten Grade, und ſie hätte es vorgezogen, draußen vor der Stadt bei dem Wagenpark im Freien zu bleiben, wenn es ſich nur geſchickt hätte. Nach dem Mittagsmahle mit der unvermeidlichen Polenta bedauerte ſie, daß ſie ſich die Sieſta zu halten nicht angewöhnt hatte, wozu ſie ſchon bei der Gräfin Francesca Gelegenheit gehabt hätte, aber ſie fand das beſte Mittel, ihre Ungeduld zu ſtillen, indem ſie im Hauſe Schreibzeug verlangte und mit einiger Mühe auch erhielt. Sie ſchrieb an Max; es gingen zuweilen Ordonnanzen zum Heereszuge ab, und ſie wollte den General⸗Wagenmeiſter bitten laſſen, den Brief zu beſtellen— lagen doch noch mehrere Tage zwiſchen heute und dem Wiederſehen. Als ſie eben zu ſchreiben anfing, kam ihre Dienerin herein und meldete den Grafen Colonna, der ihr, ohne die Erlaubniß abzuwarten, auf dem Fuße folgte. Er⸗ bebend, aber mit einem ſtolzen Unwillen im Blick und Miene ſtand Cajetana auf— ein Wink befahl der Die⸗ nerin zu bleiben. Der Graf hatte ſich beim Eintritte tief verneigt; er erſchien Cajetana noch bläſſer, als heute Morgen— ſie hätte, wenn ſie ihn ſchärfer beobachtet, das krampfhafte Zucken ſeiner Lippen bemerken können. Er warf einen Blick auf die Dienerin, welche an der Thüre ſtand, und es war ihm ſelbſt natürlich, daß ſie blieb. Ehrfurchtsvoll nahte er Cajetana noch einige Schritte, dann blieb er ſtehen und ſprach mit bebender Stimme in italieniſcher Sprache, unbekümmert, ob ihn die Magd an der Thüre ebenfalls verſtehe:„Madonna, ich mußte kommen, meine ſchwere Schuld zu ſühnen! Ich habe mich an einer Heiligen vergangen, aber ich ſelbſt bin getäuſcht worden durch den ſchändlichſten Verrath, wie ich nun weiß—“ „Herr Graf,“ ſagte Cajetana, von ſeinen Worten noch mehr beunruhigt—„laſſen Sie die Vergangenheit 226 auf ewig unberührt. Sie können mir nichts zu ſagen haben—“ „Doch, Madonna! Meine bittere Reue, mein Flehen — um Vergebung!“ „Ich habe längſt verziehen“— erwiederte Cajetana tief bewegt—„aber darum bitte ich Sie, Herr Graf—“ Ihre Bitte war nicht mißzuverſtehen, aber Graf Pio hörte nicht darauf.„Ich bin in Wien geweſen,“ fuhr er haſtig fort,„ich habe die Gräfin Francesca ge⸗ ſprochen, ich habe— die Andere aufgeſucht, die mich ge⸗ täuſcht und verrathen; ſie hat mir mit Hohn geſtanden, daß ſie mich mit Abſicht betrogen, mich und Sie zu ver⸗ derben—“ „Max!“ rief auf einmal Cajetana in freudigem Aufſchrei, und die Erſchütterung des Moments ließ ſie ohne Rückſicht auf die Umgebung an ihres eintretenden Gemahls Bruſt ſinken. Riedau erkannte den Grafen; er ſchlang den Arm ſchützend um ſein geliebtes Weib, und ein fragender Zorn⸗ blick traf Colonna, während zum Erſtenmale ſeit langer Zeit wieder an ſeiner Stirn blitzartig die blaue Narbe ſich fein, aber unverkennbar dahinſchlängelte. Cajetana, die zu ihm aufſah, erſchrack. Aber Pio Colonna ſah leuchtenden Auges auf ihn und ſeine bleiche Wange färbte ſich mit einem ſchwachen 227 Roth.„Ich bin gekommen, Abbitte zu thun,“ ſprach er feſter, als zuvor—„ich habe zu Wien von meiner Schuld die bittere Ueberzeugung gewonnen— ein Verrath, wie er nicht ſchwärzer erſonnen werden kann, hat mich in das Verderben geſtürtzt, an einer Heiligen zu freveln— darum bin ich hier, Max, und auch Dich wollt' ich morgen aufſuchen—“ „Iſt es ſo,“ rief Mar,„o dann laß uns von Allem ſchweigen! Es konnte ja nicht anders ſein.“ „Lebt wohl!“ entgegnete Colonna plötzlich, als auch Cajetana's Auge nach ihres Gemahls Worten ſich mit einem göttlichen Strahl der Verzeihung auf ihn rich⸗ tete. Eine jähe Bläſſe kehrte auf ſein Antlitz zurück, er wandte ſich ab, und ohne auf Riedau's Bitte zu achten, eilte er hinweg— hinaus, wo ſein Roß ſtand, und dann aus der Stadt, im donnernden Galopp, daß ein Hufeiſen ſeines Pferdes losgeriſſen in das höchſte Fenſter eines Hauſes flog. Marx und Cajetana blieben tief bewegt zurück, aber ſie ſprachen ſich aus und die Ruhe kehrte ihnen bald wieder. Sie konnten ihn jä nur bemitleiden, ihr Glück wurde dadurch nicht berührt. Mar erzählte, daß er, da ſeine Marſcheolonne heute nur wenige Miglien von dem Wagenzuge ſeitwärts lag, dieſe Nähe benutzt habe, um Nachmittag für ein Paar Stunden Urlaub zu nehmen, 228 und Cajetana war ihm ſo dankbar dafür!— Im Laufe des Geſprächs bemerkte er, daß ſie vft verſtohlen und beſorgt ihn beobachtete, und er fragte ſie danach. „Weißt Du,“ erwiederte ſie zögernd,„daß die Pfeil⸗ narbe vorhin ſich wieder auf Deiner Stirn gezeigt hat? Ich habe ſie gar nicht mehr geſehen, ſeit—“ „Seit— 2 Nun ſprich es nur aus, Du haſt Dich nicht zu ſchämen, daß Du dem Hülfloſen Deinen Beiſtand weihteſt.“ „Ja, Max— ich hatte damals nur Dein Unglück vor Augen, und was die ganze Welt ſagte, war mir gleichgültig. Aber die Pfeilnarbe macht mir Sorgen, ich glaubte ſie auf ewig verſchwunden.“ „Ein ſolcher Moment, wie der heutige, konnte ſie wohl wieder aufwecken! Aber es iſt ja nun Alles gut und ſie iſt wieder vergangen— nicht wahr? Sei ruhig, ſie kommt nicht wieder und noch weniger bricht ſie auf— denn ich habe ja kein böſes Blut mehr, gegen keinen Men⸗ ſchen! Sollte ſie aber auch einmal wieder kommen,“ ſetzte er ſcherzend hinzu,„ſo hab' ich ja einen Arzt immer bei mir. Würde Deine Liebe ſtark genug ſein, Tani, den Schauder zu überwinden und mich zu retten, wie der Kumane einſt geſagt hat?“ Sie war tief erröthet und antwortete ihm nur durch einen Blick ihrer ſeelenvollen braunen Augen. er lachend fort,„ſo bitte ich meine erſte Liebe darum, das ſchöne Mädchen mit dem Roſenkranze aus der Sanct Annengaſſe, die wird mir ſchon helfen!“ Sie hatten ſich längſt, bei zufälliger Erwähnung, darüber verſtändigt, warum Cajetana bei der erſten Be⸗ gegnung im Garten von Gumpendorf ihm ſo wunderbar bekannt vorgekommmen war.„Sterbe ich dennoch,“ ſcherzte er weiter,„ſo biſt Du frei und kannſt Deinen Herrn Ohm, den Reichsgrafen, noch heirathen.“ „O pfui, Max! Treibe nicht ſo häßlichen Spott!“ bat ſie. Er mußte nun bald nach ſeinemm Lager zurückreiten und ſah Cajetana erſt wieder, als das Heer bei Mantua Halt machte und gegen den Feind eine feſte Stellung nahm, wo der Wagenzug auch einrückte. Den Grafen Pio Colonna aber ſah er gar nicht wieder— der war, wie ge⸗ meldet worden, von Neuem heftig erkrankt und in Mar⸗ caria zurückgeblieben, wo er leicht dem nachrückenden Feinde, der nun ſein Lager kaum einen Kanonenſchuß von dem kaiſerlichen aufſchlug, in die Hände gefallen ſein konnte. Bis jetzt hatte Cajetana ihren Gemahl noch in kei⸗ nem Gefechte gewußt, war verhältnißmäßig nur auf kurze Zeit von ihm getrennt geweſen. Dieſe Prüfungen kamen auch für ſie im Laufe des Sommers, aber wie ſehr „Willſt Du es nicht, ſtolze adelige Dame,“ fuhr ————————— 230 auch ihr Herz dabei litt, ſie beſtand dieſelben helden⸗ müthig, und als nach der Schlacht von Luzzara Mangel und Elend über das kaiſerliche Heer kam, das zu ſchwach war, ſich durch kühne Offenſivſchläge von dem mächtigen Gegner zu befreien, der es in ſeiner Stellung in der un⸗ geſunden Po⸗Niederung feſthielt, als Offiziere und Sol⸗ daten monatelang ohne Sold blieben, da ertrug die treue Frau alle Entbehrungen mit lächelndem Muthe und er⸗ heiterte die Seele ihres Gatten, die ſich nur ihretwegen Sorgen machte. Die Noth lähmte bald auch die morali⸗ ſchen Triebfedern der Truppen: waren ſie doch meiſt ge⸗ worben, nicht lauter wackere Oeſterreicher, die auch an Standhaftigkeit das beſte Beiſpiel gaben. Eine ſchlimme Deſertion riß ein, ſelbſt von dem eigenen Regimente des Prinzen Eugen entliefen oft zehn, einmal ſogar mehr als zwanzig Mann eidvergeſſen den Fahnen— Da hatte Mar Riedau die Genugthuung, daß Tag für Tag von ſeiner Com⸗ pagnie beim Appell auch nicht ein Mann fehlte; ſo mäch⸗ tig wirkt der Einfluß eines Offiziers, der die unbegrenzte Liebe und das Vertrauen ſeiner Soldaten hat, und er wußte dieſen guten Geiſt zu erhalten. Prinz Eugen er⸗ theilte im deshalb das höchſte Lob und rühmte ihn ganz ausdrücklich in ſeinem Berichte an den Kaiſer. Auf dieſe trübe Zeit folgten aber wieder beſſere Tage, und als die Winterquartiere bezogen wurden, trat für Cajetana wieder eine lange Zeit ungeſtörten friedli⸗ chen Glückes ein. Es wurde erhöht durch die Mutter⸗ freuden, deren ſie hier theilhaftig wurde, und wenn da⸗ mit auch neue Sorgen, neue Anſprüche kamen, ſo wur⸗ den dieſe doch durch die neue Seligkeit bei Weitem über⸗ wogen. Riedau aber dachte nun zuweilen ernſtlich an eine längere Trennung, und wenn er noch nicht mit Ca⸗ jetana davon ſprach, ſo war es, um ſie nicht zu beun⸗ ruhigen und weil er hoffte, daß bald eine Entſcheidung über ihn ſelbſt erfolgen werde; denn Prinz Eugen, als er vor ſeinem Abgange nach Wien das Regiment zum Letzten⸗ male gemuſtert, hatte ein inhaltſchweres Wort zu ihm geſagt. „Ich rechne auf Euch, Hauptmann Riedau, wenn ich Euer anderswo bedarf,“ war des Prinzen Aeußerung geweſen, worauf Max mit Freude die dankbare Verſicherung ſeiner ſteten Bereitſchaft für des Feldherrn Befehle gegeben. Da hatte der Soldat geſprochen, nun aber erwachte die Sorge des Gatten und Vaters und er mußte oft an Stauffenried denken. Wenn er jedoch gegen Cajetana ein Wort äußerte, daß ſie mit dem Kinde bei dem neuen Feldzuge geſteigerten Gefahren entgegen gehe, hatte ſie immer muthig geantwortet:„Wir ſtehen in Gottes Hand, und wer an ſeinem Platz iſt, der muß Alles neh⸗ men, wie es kommt. Mein Platz iſt bei Dir, ich habe ſonſt keine Heimath. Unſern Knaben wird Gott uns be⸗ ——— ——— 232 hüten!“ So nahte der Frühling, als nach langer Zeit, wohl einem Jahre, in welchem Riedau gar keine Nach⸗ richten aus Oeſterreich erhalten hatte, ein Brief ankam, der freilich ſelbſt ein ſehr altes Datum trug und lange ge⸗ wandert und gelegen war, ehe er ſeine Beſtimmung ge⸗ funden hatte. Zugleich mit dieſem Briefe, deſſen ſich Ca⸗ jetana bemächtigte, denn er trug die Aufſchrift an ſie, überbrachte der Ordonnanzreiter auch ein Schreiben mit dem Siegel einer kaiſerlichen Kanzlei an Riedau. Daſſelbe machte auf einmal in Mar allen Zweifeln ein Ende. Der Prinz Eugen berief ihn nach Wien, wo er ſich bei ihm melden ſollte. Ehe Mar aber noch Cajetana davon Mit⸗ theilung machen konnte, lachte dieſe hell auf.„Mar! höre doch!“ rief ſie.„Hier hab ich von der Gräfin Königsegg einen Brief: der alte Herr hat mir ein Haus geſchenkt!“ Und ſie lachte über dieſe Nachricht, die ihr ſo wunderlich vorkam, von Neuem ganz ausgelaſſen, bis ihr auf einmal der Zuſammenhang, der Beweggrund, das ganze Verhältniß zum Bewußtſein kam und ſie ſich ihrer unverſtändigen Gedankenloſigkeit ſchämte. Sie war noch immer ein harmloſes Kind!— Mar war überraſcht und betroffen, als er den Brief der Gräfin auf Cajetana's Begehren laut las. Derſelbe war nur kurz. Er benachrichtigte Cajetana, daß der Reichsgraf von Cronberg ihr durch eine Schenkungs⸗ 233 urkunde, die ämtlich niedergelegt ſei, ein Haus zu Wien, das er habe einrichten laſſen, zur nachträglichen Mor⸗ gengabe ihrer Vermählung übermacht habe, und forderte ſie auf, davon in Perſon oder durch einen Bevollmäch⸗ tigten Beſitz zu nehmen. „In Perſon!“ beſtimmte Max.„Hier iſt mein Schreiben: wir reiſen nach Wien!“ Während Cajetana erſtaunt das dienſtlich ausgefer⸗ tigte Schreiben aus der Kanzlei des Hofkriegsraths⸗Prä⸗ ſidenten las, zu welcher Würde Prinz Eugen in Wien kürzlich erhoben worden, überflog Mar den Schluß des Briefes der Gräfin. Er enthielt nur die Erwartung, Cajetana bald wieder zu ſehen. Die beiden Gatten blickten ſich dann in die Augen. „Haſt Du nun eine Heimath?“ fragte Max. Ihre Zu⸗ kunft hatte eine völlig veränderte Geſtaltung gewonnen. Die Meldungen im Quartier des Stabes und bei dem Obercommando, welches nach des Prinzen Entfer⸗ nung wiederum Graf Stahremberg übernommen hatte, waren bald abgemacht, die Anſtalten zur Reiſe, wo ſo wenig zu ordnen und mitzunehmen iſt, in kurzer Zeit ge⸗ troffen. Schwer wurde Max der Abſchied von ſeiner Compagnie, und die Mannſchaft gab ihm ihre Liebe und ihre Trauer um ſeinen Abgang in lauter Weiſe zu er⸗ 1860. V. Im Strom der Zeit. IV. 15 234 kennen. Er betrachtete ihn aber nicht als einen bleibenden, da er nicht vom Regiment genommen, nur zur beſonderen Dienſtleiſtung auf eine Zeitlang berufen war. Der Frühling erleichterte die Reiſe, für welche Rie⸗ dau aber doch alle Vorſicht in Bezug auf das ſpätere Er⸗ wachen der Natur im Gebirge getroffen hatte. Sie ge⸗ langten glücklich hinüber, und Cajetana beſtand nun dar⸗ auf, Frau von Birkenfeld in Stauffenried zu beſuchen. Der Umweg war jedoch vergeblich, Stauffenried war verkauft; die Gräfin hatte es wohl vergeſſen, oder es nicht für werth erachtet, zu ſchreiben. Der neue Beſitzer wußte nicht, wohin Frau von Birkenfeld gezogen, auch in Salzburg war nichts von ihr zu erfahren.„Die Grä⸗ fin hat ſie zu ſich genommen,“ ſagte Cajetana, und täuſchte ſich darin nicht. Was harrte zu Wien Alles auf Cajetana! Ihr Herz klopfte, aber ihr Auge ſtrahlte, als ſie unter ſo völlig veränderten Umſtänden in die Kaiſerſtadt einfuhr, jetzt die Gattin eines edlen, ritterlichen Mannes, welcher ſich ſelbſt die Auszeichnung verdankte, die ihm auf ſeiner Laufbahn geworden war— und damals, als ſie durch dies Thor den Weg nach dem fernen Salzburg ein⸗ geſchlagen hatte, eine Geächtete— Konnte man es ihr ver⸗ denken, daß ſie einen hellen Blick nach Gumpendorf hin⸗ ————————— 235 über warf, und ihren Gemahl, der bald nach der Ankunft ſeinen Weg dahin richtete, nicht gleich begleiten wollte? Sie erfuhr aber eine Genugthuung, welche ſie nie geträumt hatte: die Gräfin Francesca kam mit Max zu⸗ rück, um Cajetana zuerſt zu begrüßen. Als dieſe ſie vom Fenſter in dem wohlbekannten Wagen erkannte, eilte ſie ihr beſchämt und freudig bis auf den Hausflur entgegen. Die Gräfin litt es nicht, daß ſie ihr die Hand küßte; ſie ſchloß ſie ſtumm in ihre Arme und ließ ſich von ihr in das Zimmer führen, wo ſie Cajetana erſt aufmerkſam be⸗ trachtete. Die junge Frau mußte wohl die Prüfung gut beſtehen. Sie nahm den Glückwunſch der Gräfin demü⸗ thig auf und brachte ihr auf Verlangen ihren Knaben, den Francesca, welche ſelbſt kein Kind beſeſſen, mit freundlichen Blicken anſah. Von der Vergangenheit war teine Rede; die Gräfin ſprach baldmöglichſt von der Schenkung des Reichsgrafen und wies Riedau an den Grafen Trautſon, welcher es bei der Abreiſe Wratislaw's, der zu diplomatiſchen Verhandlungen verſchickt war, übernommen hatte, dieſe Angelegenheit zu ordnen. Dann erzählte ſie kurz, daß Fräulein Riedau aus ihrem Dienſt am Hofe getreten ſei und eine eigene Wohnung bezogen habe— wo? das wußte die Gräfin nicht. Sie brach nun auf, und beim Abſchiede, den ſie von Cajetana nahm, zeigte ſie eine wahre, vom Herzen kommende Innigkeit.—„Wir 15* 236 ſehen uns nun wohl öſter!“ ſagte ſie.„Die Birkenfeld ſende ich Ihnen morgen.“ Es widerſtrebte Riedau, ſogleich den Grafen Trautſon zu beſuchen, was er ohne dieſe ſeltſame An⸗ gelegenheit gethan haben würde. Er ging vielmehr aus, die Wohnung ſeiner Schweſter zu erfragen. Cajetana blieb bei ihrem Kinde zurück. Sie ſang es eben in Schlaf, als leiſe an ihrer Thüre geklopft wurde. Auf ihr Herrein! erſchien mit freudeverklärtem Angeſicht auf der Schwelle, in ſtädtiſcher Kleidung fremdartig zwar, aber doch auf den erſten Blick erkannt Kathi. Sie eilte zu Cajetana, die ihr ein Willkommen zurief, und weinte vor Entzücken, ſie wieder zu ſehen. Graf Trautſon, in deſſen Hauſe ſie grade geweſen, hatte ſie hergeſchickt. Da gab es viel Fragen und Verwunderung— denn Kathi war ſeit einigen Mo⸗ naten auch verheirathet, und mußte erzählen, wie das gekommen war. Freilich verſchwieg ſie dabei, wodurch ſie das Herz der Frau Riedel gewonnen hatte, wenn ſie auch der Bedrängniß erwähnte, in welcher die Familie geweſen, und die nun durch geſchickte Geſchäftsführung und Gottes Gnade glücklich vorüber gegangen war. Sie berichtete auch lächelnd, daß Frau Riedl zufrieden geweſen, eines Schulmeiſters Enkelin und kein Zigeunermädchen in ihr zu finden, und daß ſie ihre Berechtigung, ſich wie eine Bürgerstochter zu kleiden, was ſie zuerſt auf den Wunſch ihrer Gräfin gethan, bei jener Entdeckung ſchon vor ihrer Verlobung anerkannt habe. So plauderte ſie noch lange und erzählte auch von ihrer Gräfin, wie engelsgut dieſe noch immer gegen ſie ſei und eigentlich ihr Glück begründet habe. Da kam Rie⸗ dau zurück. Er war von Kathi's Erſcheinung überraſcht und wünſchte ihr von Herzen Glück. Sie entfernte ſich nun, von Cajetana mit Grüßen beauftragt und der Ver⸗ heißung ihres baldigen Beſuchs in der Sanct Annen⸗ gaſſe. Max konnte ihre Entfernung kaum erwarten, um Cajetana zu berichten, daß er Trautſon begegnet ſei und dieſer ihn nicht entlaſſen, ſondern mit ſich genommen habe, um ihn mit dem Stande der Cronberg'ſchen Schenkung bekannt zu machen. Der Reichsgraf war zu Wien, hatte von Wratislaw gehört, daß Riedau baldigſt ankommen müſſe, und wollte nun ſeine Verwandte ſelbſt feierlichſt in das ihr zugedachte Beſitzthum einführen. Die einſtige Schwachheit hatte er nach Trautſon's Zeugniß überwunden und nahm auch bereits wieder unter ſeines Veit's Pflege erfreulich zu.—„Du wirſt Dir denn ſchon gefallen laſſen,“ ſchloß Max,„in der Karoſſe mit den Tigerpferden Deine feierliche Auffahrt in Deine künftige Wohnung zu halten. Dort weiß ich Dich in Zukunſt wohl und ſicher geborgen, wenn ich im Felde für meinen Kaiſer und ſein gutes Recht kämpfe, und alle Winter komme ich nach Wien, bis endlich Friede wird!“ Er ahnte nicht, daß der Kampf um das gute Recht des Hauſes Oeſterreich gegen Frankreich und im eigenen Lande gegen Rebellen noch ſo lange Jahre dauern ſollte; aber der Friede, der, wenn er auch nicht Alles brachte, was Oeſterreich zuſtand, nicht die Krone Spaniens, aber och weite und ſchöne Beſitzungen der Niederlande, Mailand, Mantua, Neapel, Sardinien!— dieſer Friede kam endlich doch!— Cajetana ergab ſich um ihres Kindes willen in Alles, was Mar für ihre Zukunft ſchon im Voraus heute anordnete. Sie fragte ihn dann nach ſeiner Schweſter. Er hatte ſie gefunden, mit dem Schickſal ausgeſöhnt, ihre Schweſter, wie ſie Cajetana genannt, mit offenen Armen erwartend. „Wenn all das, was mit mir geſchehen ſoll, nur vorüber wäre!“ ſeufzte Cajetana.„Ich fürchte mich vor dieſer Begegnung, die mich tief beſchämt und wo ich doch ſoviel Dank ſchuldig bin. Nur freue ich mich, daß ich meine liebe Frau von Birkenfeld wieder ſehen ſoll und daß ſie nun doch wohl bei mir bleibt, wenn Du mich in Wien zurücklaſſen willſt— iſt es Dein Ernſt?“ Er hatte ſeine Meldungen auf Morgen verſchoben und kannte daher ſeine Beſtimmung nicht, die ihn vorerſt ————— * 239 mit dem Prinzen nach Ungarn führen ſollte. Aber er ſtellte Cajetana von Neuem vor, was ſie längſt eingeſehen hatte, und ſie unterdrückte die Thräne auch, die ſich in ihr Auge ſchlich. „Du biſt mein Herr, Max, und weißt es am beſten,“ ſagte ſie.„Du ſollſt immer eine rechtſchaffene Soldatenfrau an mir finden!“ Ende des vierten und letzten Bandes. ——— — 8 —* 5 — 1 — „