—— ————— 6——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cleih und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 M. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 6 n„*„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Scladenersatz. Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Fi Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Bibliothek dentſcher Griginalromane. Herausgegeben von J. L. Kober. Fünfzehnter Jahrgang. i Pierter Band. 5 Im Strom der Zeit. MI. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) Im Btrom der Zeit. Roman aus der Beit Buiſer Leopold des Erſten * von Bernd von Guſeck. Dritter Band. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) — — a — = S — — 8 8 — 6 — — — — — 6 — — S Inhalt. —— Erſtes Capitel. Ein Intriguenſpiel Zweites Cnpitel. Der Reichsgraf Drittes Cnpitel. Die verrathene Freiſtatt. Viertes Cnpitel. Prinz Eugen.. Fünftes Capitel. Des Raubſchützen Tochter Sechstes Cnpitel. Maskenfeſt in der Favorita Siebentes Capitel. Die Entlarvung Achtes Cnpitel. Ein alter Freier 2 Ueuntes Capitel. Max Riedau Zohntes Capitel. Der Römer. ———— — — — — Seitt 80 o1 1 e — e Drittes Buch. Faſching um Hofe. Erstes Capitel. Ein Intriguenſpiel. Der Faſching des Jahres 1700 wurde zu Wien mit den gewohnten Feſtlichkeiten begangen, welche dies⸗ mal einen ganz beſondern Glanz, ſowohl am Kaiſerhofe, wie in den Häuſern des Hochadels z n Es ſchien, als wolle man den Ereigniſſen, welche das neue Jahr⸗ hundert bringen werde, mit der heiterſten Laune entgegen gehen. Auch in den bürgerl lichen Kreiſen, bis zum ärm⸗ ſten Volk hinab regte ſich die fröhliche Lebens luſt, welche die Wiener beſeelt, und wer nicht im eignen Hauſe oder zu guten Freunden geladen Faſchi ingsf freuden genießen konnte, der eſtie wenigſtens die Sc chauluſt, wozu überall die reichſte Gelegenheit dargeboten war. Wär' es nur Allen geſttet geweſen, die große Wirthſchaft zu ſehen, welche gleichſam dem ganzen Faſching die Krone aufſetzen ſolle Eine Wiederholung des Feſtes, welches 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 1 vor einiger Zeit dem Caren von Rußland gegeben wor⸗ den, war längſt der allgemeine Wunſch beſonders der Damenwelt, die noch in der ſchönen Erinnerung ſchwelgte, geweſen. Die meiſten Theilnehmer jenes unvergeßlichen Abends waren ja wieder in Wien verſammelt, die reizen⸗ den Coſtüme noch vorhanden oder leicht wieder zu be⸗ ſchaffen— es bedurfte nur des Wortes an rechter Stelle, um die Idee, welche in Aller Herzen lebte, lichthell in vas Leben treten zu laſſen. Die rechte Stelle kannte man, und die geeignete Perſon, welche dort das Wort der An⸗ regung ſprechen ſollte, war endlich auch gefunden und dazu beſtimmt worden. Da verging denn nur eine kurze Zeit, und die Allerhöchſte Entſchließung, die ſo gern Freude um ſich verbreitete in dem der Freude geweih⸗ ten Abſchnitte des Jahres, befahl die„Wirthſchaft“ in der Favorita möglichſt getreu zu wiederholen, zur blei⸗ benden Erinnerung an jenen hohen Beſuch, der ein Pfand der Freundſchaft zwiſchen den Kaiſerhöfen für alle Zeiten bleiben ſollte. Wie ein fröhliches Lauffeuer beim Victoriaſchießen ging die Nachricht von Palaſt zu Palaſt, von Mund zu Munde, und als erſt der Tag be⸗ ſtimmt war, legte ſich eine große Befriedigung über viele junge Herzen. Es gab aber auch, wie die Meinungen nun einmal verſchieden ſind, Manchen, welcher mit einer Einladung beehrt, die einem Befehle gleich kam, ſchwer 11 darüber ſeufzte. Dem Grafen Wratislaw, gegen den ſich ein ſolcher Seufzer ohne alle Zurückhaltung ausſprach, gereichte es zur höchſten Beluſtigung, den böhmiſchen Landsmann, der ihm ſein Leid klagte, mit der Schilde⸗ rung der ihn erwartenden Prüfungen zu quälen. „Im Narrenkleide, ſagen Sie, wertheſter Herr Nachbar?“ rief er.„Leben wir nicht im Faſching, wo jeder vernünftige Menſch den Narren, den wir Alle in uns tragen, wie ein Wettermännchen herauskehren muß? Man hat Ihnen ja überhaupt noch keine Maskentracht vorgeſchrieben, erwarten Sie es doch. Vielleicht gibt man Ihnen etwas ganz Erhabenes, einen perſiſchen Ma⸗ gus zum Beiſpiel mit hoher Kegelmütze und einem bunt⸗ geblümten Schleppkleide, oder einen Wilden aus Süd⸗ Amerika, wo Sie als Rothhaut quasi unbekleidet, will ſagen in kupferrothen Kattun eingenäht mit einem ſchönen Mantel und Schurz aus Vogelfedern und einem Knochen⸗ ſpieß auf der Schulter auftreten. Ihre ſtattliche Figur müßte ſich darin vortrefflich ausnehmen.“ „O mein beſter Graf Wenceslaw,“ ſtöhnte der böhmiſche Grundherr,„warum haben Sie nur von mei⸗ nem Hierſein dem Oberſthofmeiſter geſagt? Ich bin ſeit vielen Zahren nicht in ſolchen Geſellſchaften geweſen, liebe meine Bequemlichkeit, und wäre ja längſt wieder auf dem 1*½ Heimwege, wenn ich geahnt hätte, daß ich hier eingefan⸗ gen werden ſollte.“ „Eingefangen! Wenn Sie als beſondere Auszeich⸗ nung eine Einladung zu dem kaiſerlichen Feſte erhalten!“ „Sehr dankbar für die Ehre, aber ſie geht mir an das Leben! Gibt es denn gar kein Mittel—2“ „Wollen Sie ſich verdächtig machen, als wüßten Sie die Ehre nicht zu würdigen? Sich krank ſtellen etwa oder gar heimlich aus Wien entweichen? Schämen Sie ſich, Graf Cronberg! Was, ein Mann in Ihren Jah⸗ ren, kräftig, ſtattlich von Figur, fürchtet ſich vor einigen Stunden der angenehmſten Leibesübung, ich meine Tanzen?“ „Laſſen Sie mich aus, um Gotteswillen! Ich hab' nicht getanzt, ſeit ich ein kleiner Bube geweſen! Mir geht die Ruhe über Alles! Die kaiſerlichen Herrſchaften, das Gedränge, die Lichter und die Hitze, die vielen Frauen⸗ zimmer, die es noch heißer machen—“ „Ach ja! Schöne Damen können einem Manne ſchon warm um das Herz machen, Herr Nachbar!“ lachte Wratislaw.„Aber das iſt keine unangenehme Empfin⸗ dung! Stöhnen Sie nicht ſo entſetzlich! Sie werden ſich ſelbſt davon überzeugen, und ich wette, wenn wir uns in der Favorita begegnen, ſo geſtehen Sie mir nach weni⸗ ger als einer Stunde, daß Sie ſich wohl befinden. Am 13 Ende ſchauen Sie ſich dann unter den Töchtern des Lan⸗ des um und führen mit der Zeit eine der ſchönſten als Herrin nach Poritſchen.“ Graf Cronberg ſtieß einen lauten Schrei des Schreckens aus.„Das wäre mir eine ſaubere S n rief er.„Nein, Herr Nachbar, wenn ſichs thun ließe, duldete ich auf meiner ganzen Herrſch aft Poritſchen kein Frerzinmer, weder im Schloß, noch in der klein⸗ ſten Bauernhütte. Dann hätte man erſt Ruhe und Frie⸗ den. Aber Scherz i Seite! Es iſt alſo ganz unmöglich, daß ich mich bei Hofe entſchuldigen laſſe?“ „Es würde Ihnen die volle Ungnade zuziehen. Sie ind einer der großen Grundbeſitzer Böhmens, ſind Graf es heiligen römiſchen Reiches— Sie dürfen nicht fehlen, wo es gilt, dem Hofe eine Huldigung darzubringen.“ Graf Cronberg faltete tief ſeufzend die Hände über 6 weit hinabr eichenden Schooßweſte. So muß ich mich enn in mein Schickſal ergeben. Aber einen Gefallen thun Sie mir, amice. Sorgen Sie dafür, daß ich wenigſtens nicht mit einer Dame zuſammen gehracht werde. Das wäre mein Ende.“ Wratislaw zuckte die A„Ich werde thun, was ich kann. Aber ich ſage Ihnen vorher, daß meine Bemühungen vergebens ſein werden. Es ſollen diesmal lauter Paare auftreten. Jedenfalls erhalten Sie frühzeitig 5 S ( . — — genug Beſcheid, um für ſich und die Ihnen durch das Loos zugefallene Dame das Coſtüm, das man für Sie beſtimmt hat, anfertigen zu laſſen.“ „Wie 7 Für die Dame auch—?“ entgegnete Cron⸗ berg zweifelnd.„Iſt denn das meine Sache?“ „Weſſen ſonſt?“ rief Wratislaw lachend.„Seien Sie aber ganz ruhig. Sie haben dadurch keine Unbequem⸗ lichkeit, Sie dürfen nur Befehl geben, ſo wiſſen die Hof⸗ ſchneider ſchon Beſcheid— man nimmt Ihnen und der Dame Maß, etwas ungleich dürfte es freilich ausfallen! Dann ſagen Sie nur Ihre Wünſche an, ob es mehr oder minder glänzend und reich ausfallen ſoll, und Alles iſt gethan. Sparen Sie darin nichts— der römiſche König liebt eine ves Hofes würdige Erſcheinung an den Gäſten, und Sie, der in mehrern Gauen des Reiches angeſeſſen ſind, werden Andern nicht nachſtehen wollen.“ „Verlaſſen Sie mich nicht, Graf Wenzel,“ bat Cronberg, als dieſer ſich von ihm trennen wollte.„Ich habe noch ſoviel darüber mit Ihnen zu ſprechen!“ Aber Wratislaw ließ ſich nicht halten, ſondern verſprach ihm nur, ihn ſofort von dem, was über ihn beſchloſſen ſei, in Kenntniß zu ſetzen. Nach ſeiner Entfernung trug der Kammerdiener, wie gewöhnlich, zu früher Stunde das Mittagseſſen auf, ſchmackhaft und reichlich, wie immer bereitet. 7 Cronberg ſah verdrießlich auf ſeinen Teller, als ihm die Suppe vorgelegt wurde.„Was iſt das?“ fragte er. „Franzöſiſche Suppe, hochgräfliche Gnaden, mit Gemüſe und Hühnerbrüſten,“ erwiederte der Diener er⸗ ſtaunt. Der Graf nahm ein Paar Löffel.„Veit, mir ſchmeckt ſie heut' nicht,“ ſagte er.„Nimm ſie ab— gib weiter.“ Veit gehorchte ſchweigend. Als aber auch von dem ſaftigen Fleiſchgerichte, das nun folgte, der Graf nur wenige Biſſen nahm und wiederum mäckelte, hielt er ſei⸗ nen Herrn für krank und wagte es, den Koch zu entſchul⸗ digen. „Haſt Recht!“ ſagte der Graf.„Ich bin zwar nicht krank, aber man hat mir den Appetit verdorben. Schenk' ein, Veit. Ich will heut' einmal verſuchen, ob der Wein wirklich ein Sorgenbrecher iſt.“ Der Wein bewährte an ihm wirklich ſeine Kraft, die Sorgen, welche er ſich um die ihm zugedachte Ehre mit ihren Folgen machte, zerſtreuten ſich; er ſah die Sache bald in einem beſſern Lichte an und gewann Muth; ſogar die Neugier regte ſich, welchen Popanz man aus ihm machen und welche alte Donna ihm ge⸗ ſellen werde, denn eine junge Dame war ihm wohl nim⸗ S 16 mer beſchieden. Er lachte ſtill vergnügt, als er ſich in dem pompöſen Aufzuge dachte, welchen ihm Wenzel Wra⸗ tislaw ſo maleriſch beſchrieben hatte, und ſtreckte ſeinen fleiſchigen Arm aus, gleichſam um den Mantel aus Vo⸗ gelfedern über die dicke Schulter zu werfen. Dabei fand ſich denn anch der Appetit zu Veit's großer Beruhigung wieder, und als er den letzten Biſſen genoſſen hatte, ſah er herzhaft auf, wie Einer, der zu dem Aeußerſten ent⸗ ſchloſſen iſt. „Ich werde heut' nicht ſchlafen— ſondern ſpazieren fahren,“ ſagte er.„Weißt Du nicht, ob Graf Königsegg, ich meine den Grafen Karl Fidelis, in Wien anweſend iſt? Ich habe mit ihm zu reden.“ Der Diener wußte es nicht. Er war verwundert über die Aenderung in der gewohnten Tagesordnung ſei⸗ nes Herrn, welche auch die ſeinige ſtörte. Statt der Ruhe zu genießen, welche ihm der langdauernde Mittagsſchlaf deſſelben gewährte, mußte er ihn nun auf der ganz un⸗ erhörten Spazierfahrt begleiten, die allen ſeinen Anſich⸗ ten über Leibespflege nach der Tafel widerſprach. Bei der Heimkehr ließ der Graf nach dem Königsegg'ſchen Hauſe fahren, um anzufragen, ob der junge Herr anweſend ſei; er erhielt jedoch den Beſcheid, daß der Graf zwar eine hohe Einladung zum Faſching nach Wien erhalten, ſich jedoch mit dringenden Dienſtverrichtungen entſchuldigt ————— 17 habe, durch welche er bei den Truppen in Tirol zurück⸗ gehalten werde. „Nun, ſo habe ich meine Schuldigkeit gethan, Veit,“ ſagte Cronberg, gemächlich in den breiten Sitz ſeines ui fallend.„Ich wollte mich erkun⸗ digen, was dem Mädchen geworden iſt, mit dem er mir vor'm Zehre einmal zuſetzte— wie ich Dir erzählt habe. Mein Anerbieten ſchlug er aus. Ich hätte auch vielleicht noch mehr gethan. Mir iſt die dumme Geſchichte noch man ichmal im Kopfe herumgegangen, und da ich doch wieder hier bin, wollte ich ihn fragen, was nun mit ihr geworden iſt. Sie geht mich zwar gar nichts an, aber—“ Der Diener, welcher zu etwaigen Handreichungen bereit, ſtets ſeinen Puaßt ei m Herrn— Wagen, auf dem Rückſitze, hatte, war ſeit ſeit ner heſten Ingend bei dem Grafen Joha nn Nicolaus im Dienſt, mit ihm alt und allmäl lig in Erm angelung eines Andern ſein Vertrauter geworden, dem er alle ſeine Angelegenheiten erzählte. Er wußte alſo auch genau, was es mit dem Mädchen, von welchem der Graf ſprach, für eine Be⸗ wandtniß hatte. Es war das Fräulein von Cronberg, das ſeinem Herrn S% von dem Grafen Königsegg em⸗ pfohlen worden war, wiewohl vergeblich. Er ſelbſt, Veit, hatte ſich erlaubt, gegen den Beſchluß ſeines Herrn einige Vorſtellungen zu machen, war jedoch damit zur Ruhe verwieſen worden. Als nun heute der Graf von ſelbſt wieder darauf kam, konnte er nicht umhin, den Kopf zu ſchütteln. „Sehen Euer hochgräfliche Gnaden wohl!“ ſagte er;„hätten immer für das arme Fräulein ſorgen ſollen, ihr eine Stiftsſtelle kaufen oder ſo etwas! Nun läßt's Ihnen keine Ruh'!“ „O glaube doch das nicht! Ich hab' meine Ruh' deswegen doch. Wer kann Allen helfen, die darum an⸗ ſprechen. Wenn ich Dir ſage, daß dieſe Cronbergs ei⸗ gentlich gar keine Cronbergs ſind, da ſie dies Wappen nur angenommen haben, wahrſcheinlich in hinterliſtiger Abſicht— wie ich ſchon meinem Vetter Crato und dann wieder dem Grafen Karl Fidelis bewieſen habe.“ „Allen Reſpect vor dem hochgräflichen Wappen! Aber ein verlaſſenes Mägdlein!“ „Gute Menſchen werden ſich ihrer ſchon angenom⸗ men haben!“ ſagte der Graf. „Gute Menſchen, ja wohl!“ verſetzte der Diener mit einer ziemlich deutlichen Betonung, und der Graf nahm verſtimmt eine Priſe. So kam er wieder in ſeine Wohnung zurück, wo er bei der einmal in Confuſion ge⸗ rathenen Tagesordnung nichts Beſſeres zu thun wußte, als den verſäumten Schlaf nachzuholen, nicht ahnend, 19 welche Anſchläge bereits gegen ſeine Ruhe geſchmiedet wurden. Graf Wratislaw war nämlich, als er ſich von Cron⸗ berg verabſchiedet hatte, zufällig mit dem Obriſtkämmerer Trautſon zuſammen getroffen, und hatte ihm in heiterſter Laune von ſeinem Doppelgänger, wie er den dicken Reichsgrafen nannte, erzählt. Er verſprach ſich von ihm noch die köſtlichſten Stunden. Trautſon, welcher nichts von Cronberg's Anweſenheit, noch weniger von ſeinem gezwungenen Erſcheinen bei dem bevorſtehenden Hoffeſte erfahren hatte, ſchien ſich dafür mehr, als ihm ſonſt eigen war, zu intereſſiren, ſo daß ihn Wratislaw mit ſeiner wachſenden Empfänglichkeit für fröhlichen Scherz neckte und dieſe heilſame Wandlung in ſeinem Weſen dem Ein⸗ fluße ſeiner liebenswürdigen Gemahlin zuſchrieb. „Wenn mir doch auch in anderer Beziehung ein ſol⸗ cher beſchieden wäre!“ ſagte er.„Ich könnte zuweilen eine mildernde Sordina für meine allzuhell klingenden Saiten gebrauchen. Indeſſen da ich, wie Figura zeigt, ſchon für Zwei Platz in der Welt einnehme, ſo werde ich mich wohl des kühnen Gedankens zu freien entſchla⸗ gen müſſen.“ Trautſon kehrte von dieſer Begegnung unmittelbar zu ſeiner Gemahlin zurück, welche er beſchäftigt fand, die ihr bereits für das Feſt zugegangene Kleidung anzupro⸗ g 20 biren. Es war die ſaubere und einfache Tracht einer Holländerin, welche ihr ganz vorzüglich ſtand, beſonders das weiße Häubchen mit dem goldnen Bügel und den feinen Metallzierrathen gab ihrem ſchönen Kopf ein rei⸗ zendes Anſehen. „Schade, daß mein Cavalier mich verſchmäht hat,“ ſagte ſie unſchuldig lächelnd, indem ſie in den Spiegel ſah.„Vielleicht würde es mir gelungen ſein, in dieſer Verkleidung ſeine Abneigung zu beſiegen. Sein Ausblei⸗ ben iſt um ſo beleidigender für mich, als er erſt abgeſagt hat, nachdem er erfahren, daß ich ſeine Dame ſeine ſollte. 36 hoffe Sie werden dafür Genngthuung for⸗ dern, Graf L Leopold. 4 Trautſon ſchien durch den harmloſen Scherz nicht wohlthuend Keite u werden, doch bemerkte ſie es nicht, und er ſagte:„Ich ſo eben eine Nachricht erhalten, welche Dich intereſſiren wird. Der alte Cronberg iſt wieder in Wien und wird dem Feſte beiwohnen. Meinſt Du, daß ich die Gräfin Königsegg davon in Kenntniß ſetzen ſoll, Reſi?“ „Auf jeden Fall!“ rief ſie lebhaft, ſich nach ihm umſehend.„Sie kann dann immer thun und laſſen, was ſie will. Doppelt Schade nun, daß Dein Freund Karl Fidelis uns verſchmäht hat!“ „Ich werde Deinen Rath ohne Säumen befolgen,“ 21 ſagte Trautſon.„Sie hat mir einmal ihr Vertrauen ge⸗ ſchenkt, ich will es rechtfertigen. Glaubſt Du, daß ſie nun die Maske ihres Schützlings ganz fallen laſſen wird?“ „Das glaube ich nicht,“ erwiederte ſie.„Die Kö⸗ nigsegg hat das Spiel zu kühn begonnen, um die Karten ſo plötzlich hinzuwerfen. Doch wer kann ihre Abſichten durchſchauen?“— Sie blickte ihren Mann einen Mo⸗ ment ſchalkhaft lächelnd an, dann ſagte ſie:„Wenn Du ein anderer Mann wärſt, Leopold, würde ich Dir nicht zureden, jetzt gleich zu der Gräfin zu gehen. Aber ſo— verſäume die Zeit nicht.“ Es war noch eben in der letzten ſchicklichen Viertel⸗ ſtunde, einer Dame ſeinen Beſuch zu machen, als Graf Trautſon ſich in Gumpendorf bei der Gräfin Francesca anmelden ließ. Sie empfing ihn mit gewohnter Anmuth, welche jeden Schein von Koketterie ſorgſam mied. „Ich bringe Ihnen eine Nachricht, welche ich Graf Wratislaw verdanke,“ ſprach er, nachdem er ihr gegen⸗ über Platz genommen hatte.„Der Reichsgraf von Cron⸗ berg iſt in Wien, Sie werden ihn bei der Hofwirthſchaft ſehen.“ „Iſt das möglich?“ rief die Gräfin, und ihr leicht erregbares Blut färbte unter dem Einfluß raſch ſich drän⸗ gender Gedanken ihre Wangen mit einer lebendigen Röthe. 2 — 5 3. „Er hat ſich nur mit dem äußerſten Widerſtreben in das Unabwendbare gefügt, und Wratislaw bereitet ihm gewiß noch harte Prüfungen vor, ſowohl was ſein Coſtüm, als die ihm zugedachte Dame betreffen wird.“ „Welche Dame iſt das?“ fragte die Gräfin ſchnell. „Ich weiß es nicht,“ erwiederte Trautſon.„Es iſt auf keinen Fall ſchon etwas darüber beſtimmt, da, wie Sie wiſſen, der Form mit dem Looſen genügt werden muß und dies noch nicht geſchehen iſt.“ Die Gräfin beſann ſich eine kleine Weile, dann ſagte ſie mit dem bittendſten Blick ihrer ſchönen Angen:„Ver⸗ ſchaffen Sie mir die Ehre, des Grafen Cronberg Dame zu ſein.“ „Aber gnädigſte Gräfin,“ fragte er erſtaunt,„war denn nicht ſchon Ihre Hand zugeſagt, und wird es Ihrem Cavalier gleichgültig ſein, wenn ihm auf einmal dieſelbe wieder entzogen wird?“ „Sehr gleichgültig, Graf Leopold! Eine alte Frau, bedenken Sie doch. Uebrigens werde ich ſchon die Mühe auf mich nehmen, ihn mit ſeinem harten Schickſal zu ver⸗ ſöhnen. Nehmen Sie nur Rückſprache mit dem Ceremo⸗ nienmeiſter, und ſagen ihm meinen Wunſch, mit dem Grafen Cronberg zu erſcheinen. Das Coſtüme iſt mir gleich— nur kein jugendliches, daß wir nicht lächerlich werden. Jude und Jüdin, was meinen Sie? Einen 23 Handel gilt es ja doch, einen Handel mit Profit und Pro⸗ zentchen, den wir abzuſchließen haben.“ Trautſon lächelte.„Ich errathe Ihre Abſicht, gnä⸗ digſte Gräfin.“ „Wahrhaftig?“ entgegnete ſie mit einem leichten Anflug von Zronie.„Und ich bildete mir ein, kein ſo ganz durchſichtiger Kryſtall zu ſein! Wohlan denn, be⸗ ſchämt geſtehe ich Ihnen, daß Sie Recht haben: meine Abſicht iſt auf meine arme Cajetana gerichtet. Aber Eins hätte ich bald vergeſſen. Sprechen Sie ja mit dem Gra⸗ fen Wratislaw, damit er nicht ſeine eigenen Anſchläge auf Cronberg ausführt und mir meinen Handel verdirbt. Natürlich werden Sie ihn nicht errathen laſſen, daß ich irgend einen andern Grund habe, als mir den froſtigen deutſchen Faſching in einen muthwilligen italieniſchen Car⸗ neval zu verwandeln. Geben Sie Wratislaw Gewißheit, daß ich auch ihn dabei nicht vergeſſen werde. Sie ſind ganz zuverläſſig, ich weiß es. Nur daß Sie doch eine Ausnahme durchſetzten—“ „Vor meiner Frau kann ich keine Geheimniſſe haben, gnädigſte Gräfin,“ erwiederte er ehrerbietig. „Das iſt ſehr edel! Und Sie ſind der Verſchwiegen⸗ heit Ihrer Gemahlin gewiß?“ „Wie meiner ſelbſt,“ verſicherte er. „Und das will viel ſagen!“ erwiederte ſie.„Ich 24 darf alſo in jeder Beziehung unbeſorgt ſein. Sie wiſſen die Gründe, welche mich bewogen haben, dem armen Mädchen unter verändertem Namen die Pforten der Ge⸗ ſellſchaft zu öffnen, wo ſie durch ihre perſönlichen Vorzüge ſich ein Glück ſichern kann. Sie wiſſen auch, welche Ge⸗ fahr ſie ſeit einiger Zeit läuft, Ihr Incognito dort ver⸗ rathen zu ſehen, und daß ich ſie und mich ſelbſt!— für dieſen Fall ſchützen mußte. Ich habe mich damit ver⸗ trauensvoll an Sie gewendet und Ihnen Alles entdeckt. Wenn Sie mir ſagen, daß ich nicht fürchten darf, compro⸗ mittirt zu werden, ſo kann ich der Entwickelung der Dinge ruhig harren.“ „Ich glaube, daß Sie ganz ſicher ſein können. Wenn jene Perſon aber ſo unverſöhnlich iſt, als Sie fürchten, kann man freilich nicht wiſſen, welche Pfeile ſie noch im Köcher führt.“ „Wir wollen es darauf ankommen laſſen!“ ſagte die Gräfin mit einem Tone, welcher verrieth, daß man ſie we⸗ nigſtens nicht ungeſtraft reizen würde. Doch ſetzte ſie gleich wieder ſanft und freundlich hinzu:„Laſſen Sie uns denn für meines Kindes Wohl Hand in Hand gehen! Sie ſa⸗ gen, daß ſich der König ſehr für ihre Geſchichte inter⸗ eſſirt hat?“ „Ganz beſonders!“ verſicherte Trautſon.„Er erin⸗ nerte ſich der jungen, beſcheidenen Dame von der Schlit⸗ 25 tenpartie her ſehr wohl und fragte nach vielen Umſtänden, ihr Schickſal betreffend.“ „Und es iſt nicht ungnädig aufgenommen worden, was ich für nothwendig gehalten habe?“ „Im Gegentheil. Es wurde rückſichtsvoll und fein von Ihnen gefunden.“ „Ich danke Ihnen herzlich, Graf Leopold,“ ſagte die Gräfin mit einem ſeelenvollen Blicke. „Haben Sie ſchon für Fräulein Cajetana eine Ver⸗ anſtaltung für das Feſt getroffen?“ fragte Trautſon. „Noch nicht, das findet ſich,“ ſagte ſie leicht.„Ich habe nur einen Wunſch— und den will ich auch in Ihre Hand legen. Daß Cajetana nicht mit dem Grafen Pio Colonna zuſammen kommt. Ich fürchte, der gewandte Römer, der ſchon ſo viel feſten Boden am Hofe gewon⸗ nen hat, wird alle Kunſt aufbieten, um ſich den Platz als Cavalier an Cajetana's Seite zu erobern, und meine Pflicht als Mutter, zu der ich mich ſelbſt bekannt habe, fordert es, daß ich ſeinen Wünſchen überall entgegen trete. Das Glück, das ich für Cajetana ſuche, iſt mit ihm nicht zu finden. Sie ſehen, ich ſpreche auch darüber zu Ihnen mit vollem Vertrauen.“ „Würden Sie mir vielleicht eine beſtimmte Andeu⸗ tung geben, mit welchem Herrn Sie für Fräulein Cajetana zufrieden wären, im Falle ich etwas dazu thun könnte?“ 1860. IV. Im Strom ber Zeit. III. 2 „O ja,“ ſagte Francesca lachend.„Sie haben ſich ſchon einmal mit meiner Kleinen nachſichtsvoll eine Partie gefallen laſſen— mit Ihnen, ohne Schmeichelei, wäre ich für das Kind ſchon zufrieden. Aber fürchten Sie nichts, es iſt nur mein Scherz. Bei einer ſo feierlichen Gele⸗ genheit, wie die Hofwirthſchaft des Kaiſers und der Kai⸗ ſerin, darf keine unpaſſende Zuſammenſtellung der Paare ſtattfinden. Wenden Sie nur den Grafen Pio von Cajetana ab, mehr erbitte ich mir nicht von Ihnen. Alles Uebrige wird ſich ſchon von ſelbſt machen.— Wer wird denn nun die Ehre haben, Ihre liebenswürdige Gemahlin zu führen, da mein ungezogener Herr Sohn das Feldlager nicht verlaſſen will?“ Trautſon nannte den Grafen Windiſchgrätz und er⸗ klärte, daß die Erzherzogin Maria Anna, welche wegen ihres Unwohlſeins dem Feſte nicht beiwohnen könne, aus⸗ vrücklich gewünſcht habe, daß ſeine Frau und keine Andere in der holländiſchen Tracht, welche ſie ſelbſt bei dem Be⸗ ſuche des Caren getragen, erſcheine. Zufüllig ſei auch die Gräfin Rüdiger Stahremberg, mit welcher damals Graf Windiſchgrätz ein ſchwäbiſches Bauernpaar vorgeſtellt, am wiederholten Feſte Theil zu nehmen verhindert, und ſo habe es ſich gewiſſermaßen natürlich gemacht, daß der Graf im Voraus, ohne irgend welches Zuthun, zum Be⸗ gleiter der Gräfin Trautſon beſtimmt worden ſei. 27 Die Königsegg lachte ſehr über dieſe ausführliche Darlegung.„Wer könnte daran zweifeln,“ ſagte ſie, „daß mein gewiſſenhafter Freund fern davon iſt, die Hand im Spiele zu haben? Weiß ich es denn nicht, wer meinen ungerathenen Herrn Sohn zum Faſching nach Wien ein⸗ geladen und durch die Ausſicht, mit der Gräfin Trautſon ein Paar zu bilden, vor Allem zur Herkunft zu bewegen geſucht hat? Karl Fidelis ſcheint gar nicht geahnt zu ha⸗ ben, daß dieſe Einladung mit Wiſſen und Willen des rö⸗ miſchen Königs geſchehen iſt, ſonſt müßte er ſie ja für einen Befehl genommen haben, welcher alle Rückſichten auf den Dienſt bei den Truppen aufhebt. Ich bin recht böſe auf ihn, und Ihre Gemahlin hat das vollſte Recht, es ebenfalls zu ſein. Ich wenigſtens würde das niemals verzeihen.“ Trautſon lehnte das für ſeine Frau ab und entſchul⸗ digte den Freund, welcher bei der ernſt drohenden Zukunft nichts verſäumen wolle, um die kaiſerlichen Waffen in kriegstüchtigen Stand zu ſetzen, wozu er, als General⸗ adjutant, wohl grade jetzt mit allen Kräften mitzuwirken habe. „Bei einem Manne mag das zur Entſchuldigung ausreichen,“ verſetzte die Gräfin,„bei einer Dame nie⸗ mals. Aber Ihre Gemahlin denkt vielleicht milder. Ueber⸗ laſſen wir den Frevler ſeinem Schickſale, vielleicht läßt 2* es ihm doch keine Ruhe und treibt ihn noch hieher, wo er dann die gerechte Strafe leiden wird, ſeinen beneidens⸗ werthen Platz an einen Andern vergeben zu ſehen. Mit mir alſo, lieber Graf, bleibt es dabei. Der edle Cron⸗ berg wird für die Dauer eines Abends mein Gefährte. Sobald die Rollen vergeben ſind, ſetzen Sie mich davon in Kenntniß. Von der ſchuldigen Anmeldungsviſite möchte ich den Unglücklichen gern entbinden, er wird es indeſſen für ſeine Schuldigkeit halten, ſchon des Coſtümes wegen, das in Einklang gebracht werden muß. Dieſe Sorge werde ich übernehmen, ja ich behalte ſie mir ausdrücklich vor. Ich kann es keinem Andern überlaſſen, mich vielleicht ganz gegen meinen Geſchmack auszuſtatten. Iſt es einmal hier zu Lande Sitte, daß die Dame ſich von dem Herrn dies Geſchenk gefallen laſſen muß, ſo will ich es mir doch we⸗ nigſtens nach meinem Wunſch einrichten. Jude und Jüdin, vergeſſen Sie nicht.“ „Aber,“ wandte Trautſon ein,„ſo viel ich mich er⸗ innere, iſt dieſe Rolle ſchon vergeben. Die Erzherzogin Joſephe erſchien als Jüdin und der Oberſtkuchelmeiſter Graf Volkra war der Jude.“ „Sollte das Volk Ifraels, das ſich im Lande ſehr vermehrt, wie ich höre, nicht zwei Paare ſtellen können? Wir wollen von dem erſten ſo verſchieden erſcheinen, als nur irgend möglich! Aber wenn Sie es für unſchicklich 29 halten, dann Türke und Türkin. Der Reichsgraf wird als umfangreicher Orientale Aufſehen erregen, und ich bin in dieſem Coſtüme berechtigt, einen Schleier zu tragen, was mir ſehr angenehm iſt. Was meinen Sie dazu?“ Dem Grafen ſchwebte es zwar vor, daß auch dieſe Rolle ſchon dargeſtellt ſei, und in der That war es durch Fräulein Marie Eliſabeth Liechtenſtein und den Frei⸗ herrn von Gersdorff der ſächſiſchen Geſandtſchaft ge⸗ ſchehen, indeſſen war hier nicht die Rückſicht zu nehmen, wie gegen eine Prinzeſſin des kaiſerlichen Hauſes, und er verſprach, die nöthigen Einleitungen zu treffen. Zwrites Capitel. Der Reichsgraf. „Kommſt Du endlich, endlich wieder! Schon glaubte ich, es wäre Dir oder Deinem Vater ein großes Unglück geſchehen, daß Du Dein Verſprechen, mich wieder zu be⸗ ſuchen, nicht hätteſt erfüllen können! Nun grüß Dich Gott, Kathi. Wie iſt es Euch ergangen?“ Kathi küßte dem Fräulein die Hände.„Nun geht es mir gut, da ich wieder einmal bei Ihnen ſein kann!“ 30 Es war mir nicht möglich, eher zu kommen. Viele Wo⸗ chen iſt's her, daß ich hier war.“ „Was macht Dein Vater? Geht es ihm beſſer?“ Kathi ſchüttelte traurig den Kopf.„Das wird nicht mehr anders— Gott ſei ihm gnädig! Fragen's weiter nicht nach. Er hat doch wenigſtens einen Ort, wo er ſtill geborgen iſt— und heute hab' ich ihn endlich einmal wieder verlaſſen können, um zu ſehen, was mein gnädi⸗ ges Fräulein macht. Lange darſ ich aber nicht bleiben.“ „Ich möchte Euch aber ſo gern helfen!“ ſagte Cajetana mitleidig.„Geld kann ich Dir geben, denn die Gräfin ſchenkt mir ſo viel, daß ich es nimmer brauche. Aber ich wollte gern ſelbſt einmal Deinen armen Vater ſehen und die Gräfin bitten, daß ſie ihm einen Arzt 3 ſchickt— das wird ſie mir nicht abſchlagen.“ „Nimmermehr!“ rief Kathi.„Ein Arzt kann ihm nicht helfen, kein Menſch kann ihm helfen— nur der liebe Gott. Wenn Sie mich lieb haben, ſo fragen Sie mich nicht weiter, ich darf's Ihnen ja doch nicht ſagen—“ „Du haſt es mir aber verſprochen, Kathi,“ ſagte 1 Cajetana mit ſanftem Vorwurf. „Das war— als ich ſelbſt noch nicht Alles wuß⸗ te—“ rief Kathi ſo ſchmerzlich, daß es das Fräulein traf und ſie davon abſtand, länger in ſie zu dringen. „Mir war es auch um meinen Vater zu thun,“ ſagte ſie gleichſam entſchuldigend.„Vielleicht hätte Dein Vater mir Manches erzählen können— das mir die Ruhe wieder gegeben hätte! Aber wir wollen nicht mehr davon ſprechen. Nur der liebe Gott kann helfen, Du haſt ganz Recht, und er wird auch helfen.“ Beide gingen im Garten, wo Kathi das Fräulein aufgeſucht hatte, die breite Tarusallee der obern Terraſſe verfolgend, immer weiter, bis ſie die Mauer, welche hier die Grenze machte, zur Umkehr zwang. Es war ein heiterer Februartag, von einem leiſen Frühlingswehen bereits wohlthuend belebt. Die Sonne hatte längſt den Schnee geſchmolzen, der noch in voriger Woche Alles be⸗ deckt hatte, und aus dem ſchwarzen Erdreich drängten ſich die ſilberweißen Schneeglöckchem mit ihren erſten Knoſpen. Cajetana genügte den herzlichen Fragen der treuen Gefährtin nach ihrem Ergehen, ſeit ſie nicht hier geweſen war, und fragte dann ſelbſt, da ſie nicht weiter nach Ka⸗ thi's jetziger Lage forſchen wollte, ob ſie von Riedl's unter der Zeit etwas erfahren, oder vielleicht den guten Franz wieder geſehen habe. „Ich ſagt's Ihnen ja,“ ewiederte Kathi lebhafter als vorher,„daß ich es dem jungen Herrn Franz ver⸗ ſprochen hatte, ihm wiederum bei Sanct Peter Nachricht zu bringen, ſobald ich Sie geſehen hätte.“ Jajetana hatte das vergeſſen. 32 „Da mußte ich ihm denn Alles erzählen,“ fuhr Kathi fort,„und er konnte nicht müde werden zu fragen. Daß es Ihnen in dem vornehmen Hauſe ſo gut geht, und daß Sie gar mit dem Kaiſer und allen Herrſchaften zu⸗ ſammen kommen, iſt ihm ſchon recht lieb— aber er ſagte, es wäre doch beſſer geweſen, wenn Sie noch bei ſeinen Eltern wären, Sie hätten ſich ja ſonſt nimmer hinweg⸗ gewünſcht. Ich meinte, es ſei doch nun eine andere Sa⸗ che— freilich konnte ich ihm ja nicht ſagen, was ich von der Frau Mutter hielt— aber es ſei doch zu Ihrem Glücke. Da wurde er ſtill und ſagte nach einer Weile:„Wenn das iſt, muß es ſchon recht ſein.“ Cajetana dachte über dies Glück vielleicht anders: ſie lebte in Glanz und Fülle, ſie wurde rückſichtsvoll und freundlich, ſelbſt liebreich behandelt, aber ihr fehlte doch etwas, und ſie konnte ſich keine Rechenſchaft davon geben. Ohne auf Kathi's Erzählung zu antworten, fragte ſie: ob Frau Riedl wieder geſund ſei? Mit einem Seufzer verneinte Kathi die Frage.„Ich ſoll noch immer ſchuld ſein,“ ſagte ſie.„Die Frau Mutter läßt ſich's nicht ausreden, daß ich ihr etwas angethan habe, und wenn ſie meiner habhaft würde, glaub' ich, ſo könnte ſie mich den Gerichten überliefern.“ „Aber Kathi! das hat Dir doch Franz nicht ge⸗ ſagt!“ rief Cajetana. 22 00 „O nein! Der hat mich nur bedauert, und was ich weiß, das hab' ich nur errathen aus dem, was ich einmal von der Frau Riedl ſelbſt gehört hab'.“ „Von Frau Riedl? Wie das?“ fragte das Fräulein erſtaunt. Kathi hatte mehr geſagt, als ſie eigentlich wollte, und mußte jetzt erröthend eine Erklärung geben. Danach war ſie eines Abends durch die Sanct⸗Annengaſſe ge⸗ gangen und hatte am Riedl'ſchen Hauſe durch die ver⸗ ſchloſſenen Fenſterladen laute Stimmen gehört— „Und da biſt Du halt ſtehen geblieben und haſt ein biſſel gehorcht?“ ſagte Cajetana munter.„Geſteh' es nur, es iſt keine Sünde. Sie ſprachen über Dich, nicht wahr?“ Kathi's Wangen waren nun dunkelroth und ſie ſchlug den Blick nicht mehr auf, aber um ihre Lippen ließ ſich ein ſchmerzlich bitterer Zug bemerken.„Ja, Fräulein,“ ſagte ſie.„Die Frau Riedl warf ihrem Sohne vor, daß er nun gar einer Zigeunerdirne nachlaufe, die ſeiner Mutter mit ihren Teufelskünſten nach dem Leben trachte und reif ſei, verbrannt zu werden, wenn man ſie nur fange.“ „Arme Kathi! Und was erwiederte Franz darauf?“ „Er ſchwieg!“ antwortete Kathi, und es war an ihrem Tone wohl zu hören, was ſie dabei fühlte.„Ich bin dann nicht länger vor dem Fenſter ſtehen geblieben, ſondern meiner Wege gegangen.“ „Aber Du haſt den Franz ſeitdem wieder geſehen?“ fragte Cajetana. „Nein,“ war die Antwort, die nun gern das Ge⸗ ſpräch beendigen wollte. „Er hat Dich nicht einmal wieder am Sanct Peter getroffen?“ forſchte Cajetana dennoch weiter. „Ich bin nicht dort geweſen,“ erwiederte Kathi. „Das iſt Unrecht von Dir!“ ſagte das Fräulein lebhaft.„Er hat Dich vielleicht geſucht.“ „Was fragt er nach der Zigeunerdirne!“ entgegnete Kathi.—„Was er hat wiſſen wollen, das hab' ich ihm geſagt— ſeine Eltern haben's dann auch erfahren, und er hat mit mir nichts mehr zu ſchaffen.“ „Du biſt böſe auf ihn, Kathi, daß er Dich gegen ſeine Mutter nicht vertheidigt hat—“ „Wie ſollt' ich böſe ſein? Nennen ſie mich nicht Alle eine Zigennerdirne? Man läßt ſich wohl von ihnen wahrſagen oder Verborgenes ausforſchen, aber wenn das geſchehen iſt, läßt man ſie laufen.“ „Du thuſt dem Franz Unrecht. Der denkt von Dir gewiß anders, und wenn er der Frau Mutter nicht wi⸗ derſprochen hat, weil ſie dadurch nur noch erbitterter gegen Dich würde, ſo denkt er in ſeinem Herzen gewiß gut von 35 Dir, und Du würdeſt das geſehen haben, wenn Du ihm noch einmal begegnet wäreſt. Ich wäre ihm wenigſtens nicht mit Abſicht aus dem Wege gegangen, wie Du eigen⸗ ſinnig gethan haſt—“ Kathi lauſchte mit niedergeſchlagenen Augen auf dieſe Worte, welche auf ſie einen troſtreichen Eindruck machten, aber ſie ſprach ſich nicht weiter aus, ſondern ſchüttelte nur ein wenig den Kopf. Da wurde ſie durch ei⸗ nen leiſen Ausruf Cajetana's, der plötzlich ihre Rede unterbrach, veranlaßt, raſch aufzublicken; ſie ſah auch gleich die Urſache, welche das Fräulein erſchreckt hatte. Ein fremder Mann, welcher den rothen Soldatenrock und einen ſchweren Reiterdegen trug, kam den Aufgang der Terraſſe empor. Auch Kathi erſchrack und wechſelte die Farbe: war ſie doch gewohnt, in jedem kaiſerlichen Rei⸗ ter einen Feind zu erblicken, ſeit man auf ſie und ihren Vater einſt förmlich Jagd gemacht hatte! Cajetana ging aber dem Fremden mit erglühendem Angeſicht entgegen. Der zog vor ihr den Hut, und Kathi konnte bemerken, daß es ein junger, bildſchöner Mann war, der in dieſem Augenblicke auch vor Verlegenheit roth wurde und mit einer tiefen Verneigung dem Fräu⸗ lein nahte. „Ich habe um Verzeihung zu bitten,“ ſagte er, und ſeine unſichere Stimme verrieth, daß ihn die Kühnheit des Entſchlußes, welche ihn ohne langes Beſinnen hieher ge⸗ führt, bei Cajetana's Anblick verlaſſen hatte.„Die Frau Gräfin iſt, wie mir vom Thürſteher beſchieden worden, nicht zu ſprechen; ich fragte nach meiner Schweſter, man ſagte mir, daß ſie nicht mehr im Hauſe ſei, ich erlaubte mir, darüber betroffen, nach Ihnen, mein gnädiges Fräu⸗ lein, zu fragen, und wurde beſchieden, daß Sie im Garten ſeien. Wird mich das Verlangen, über das Schickſal mei⸗ ner Schweſter etwas zu erfahren, bei Ihnen entſchuldigen, daß ich es wagte—?“ „Sie können ſich nur freuen, Herr von Riedau,“ erwiederte Cajetana mit freundlicher Genugthuung.„Ihre Schweſter iſt bei dem Hofſtaat Ihrer römiſch königlichen Majeſtät aufgenommen.“ Verwundert blickte Riedau bei dieſer unerklärbaren Nachricht— ſeine Schweſter am Hofe, ſelbſt in unter⸗ geordnetem Dienſte, wie hing das zuſammen?„Sie ver⸗ dankt es Ihrer Frau Tante?“ fragte er. „Ich kann darüber nichts ſagen,“ antwortete Ca⸗ jetana ausweichend, denn ſie wußte wohl, daß die Gräfin weder etwas dazu gethan hatte, noch damit zufrieden war, wie ſie nicht verhehlt hatte.„Es kam ſehr überraſchend, die Oberſthofmeiſterin hat die Anordnung getroffen.“ „Möchte es zu Anna's Glück ſein!“ ſagte Max, und bat nochmals um Verzeihung für ſeine Dreiſtigkeit, 37 ſich unangemeldet hier eingeführt zu haben. Cajetana's Augen begegneten bei ihrer Antwort einen Moment den ſeinigen, und ſie wußte ſelbſt nicht wie, das Bild lebte in ihr auf, wie er beim letzten Scheiden in Sturm und Schnee ſie zum Fenſter hinauf gegrüßt und ſie den Gruß mit ei⸗ ner Bewegung der Hand erwiedert hatte, deren ſie ſich jetzt in beſchämender Erinnerung wieder bewußt wurde. Eine liebliche Verwirrung, welcher ſie nicht Meiſterin zu werden verſtand, malte ſich in ihren ſchönen Zügen, und Max, der ohnehin ſelbſt von ihrer Nähe befangen war, verlor mehr und mehr die Geiſtesgegenwart, die ihn fähig gemacht hätte, auch nur das Gewöhnlichſte zu ſprechen. Wie er ſie vor ſich ſah, war ſie ja wieder ganz die rei⸗ zende, kindlich anmuthige Erſcheinung, welche er in Ca⸗ jetana gleich wieder zu erkennen geglaubt, und nur an dem vermeintlichen, kalten Stolze, den er zuerſt an der Nichte der Gräfin Königsegg wahrzunehmen gewöhnt, in ſeinem Geiſte wieder erloſchen oder mit dieſer räthſelhaft ver⸗ ſchmolzen war! Entzückt, in ihr Anſchauen verloren, dachte er nicht an das Unſtatthafte der Situation, welcher ſich nun Cajetana mit aller Kraft entrang. „Sie ſind erſt kürzlich in Wien angekommen?“ fragte ſie. „Erſt heut'! Ich habe nur die Depeſchen, mit wel⸗ chen mich der Feldzeugmeiſter aus Tirol hergeſandt, ab⸗ gegeben, und bin dann gleich gekommen, um mich auch ei⸗ nes Briefes und mündlicher Aufträge zu entledigen, mit welchen mich der Herr Graf von Königsegg an ſeine Frau Mutter beehrt hat.“ „Befindet ſich mein Herr Vormund ganz wohl?“ fragte Cajetana. „Nach ſeiner Thätigkeit zu urtheilen, ja!“ ver⸗ ſicherte Riedau. „Hat er denn wirklich ſo viel zu thun, daß er nicht im Faſching nach Wien kommen kann? Es ſind ja ſo viele Offiziere aus den Winterquartieren hier, wie ich gehört habe. Und mein Vater ſagte immer, daß in den Win⸗ terquartieren ſo wenig Dienſt iſt. Der Gräfin thut es ſo leid, daß Graf Karl nicht kommen will.“ „Der Brief, den ich überbringe, wird die Gründe, welche ihn abhalten, beſſer angeben, als ich es ver⸗ möchte,“ erwiederte Riedau. Sie waren unterdeſſen auf dem Rückwege zum Hauſe begriffen und Kathi folgte ihnen in einiger Entfernung nach. Als ſie das Portal betraten, kam eben Graf Trautſon, welcher ſich von der Gräfin verabſchiedet hatte, aus der Thüre des Vorzim⸗ mers zur Rechten. Er blickte verwundert, Cajetana in Geſellſchaft eines Offiziers zu begegnen, doch als er ſie grüßte, erkannte er Riedau, von deſſen Ankunft er noch 39 nichts gehört hatte, und dieſer trat ihm ehrerbietig entgegen. „Ich werde die Gräfin von Ihrem Auftrage benach⸗ richtigen,“ ſagte Cajetana, nur halb zu dem jungen Offi⸗ zier gewendet, und eilte dann nach der Thüre, aus wel⸗ cher Trautſon eben gekommen war. Sie ſchien Kathi ganz vergeſſen zu haben. Dieſe aber ſchlüpfte mit der ihr eigenen blitzſchnellen Gewandtheit an dem Obriſtkämme⸗ rer, der ſie erſtaunt anſah, vorüber, ergriff Cajetana's Hand, küßte dieſe und verließ, ohne noch ein Wort zu dem Fräulein zu ſagen, das vordere Portal. Cajetana verſchwand in der innern Thüre und der Graf fragte: „Wer war das?“ Max konnte ihm keine weitere Auskunft geben, als daß er ſie mit Fräulein von Feldberg im Garten gefun⸗ den, ſie aber ſonſt noch nie geſehen habe. Dem Grafen war es aber ſchon aufgegangen, wo er dies ausdrucks⸗ volle braune Geſicht erblickt, und es war nun zum dritten Male, daß es einem Jrrlichte gleich an ſeinem Wege vorübergaukelnd ihn getäuſcht hatte. Nun aber Cajetana mit ihr verkehrte, hoffte er endlich zu ſeinem Ziele zu kommen. Er fragte Max noch um die Zuſtände bei den Truppen, wo er denn die alte Klage um ſchlechte Verſor⸗ gung durch das Commiſſariat hörte; er wünſchte von ſei⸗ nem Freunde Karl Fidelis etwas zu erfahren, aber Rie⸗ 40 dau, welcher ziemlich fern vom Hauptquartiere lag, hatte ihn nur wenig geſehen und konnte nur über ſeine letzte Zuſammenkunft mit ihm, als er zu ſeinem Courierritt dort abgefertigt worden, etwas erzählen. Da hatte der Graf allergings nicht ſo geſund und friſch ausgeſehen, als ihn Riedau im Kriege gegen die Türken gekannt, er war auch nicht ſo fröhlich geweſen, wie ſonſt im Felde; Riedau hatte ihm das offen geſagt, worauf der Graf etwas auf⸗ fallend geantwortet: Laß nur wieder Krieg werden, Max, das macht mich geſund! Max ahnte nicht, was er durch dieſe Mittheilungen für Gedanken in Trautſon's Seele weckte. Die Gräfin ließ nun Herrn von Riedau bitten, zu ihr zu kommen, und Trauſon begab ſich nach Hauſe, um ſeiner Frau zu berichten, welche Pläne er durch ſeine Kunde bei der Königsegg geweckt und was ſie ihm nun aufgetragen habe. Er erzählte ihr Alles getreulich und verſchwieg ihr auch nicht, daß ihm dort überraſchend wie⸗ der das Mädchen erſchienen ſei, welchem er im Auftrage ſeines Gebieters ſchon ſo lange nachgeforſcht. Faſt in⸗ tereſſirte ſich Marie Thereſia mehr für die Letztere, als für Cajetana's Angelegenheit— es war der Reiz des Ge⸗ heimniſſes, welcher die Tochter des Verbrechers umklei⸗ dete. Sie glaubte nun aber auch gewiß, daß es ihm jetzt wohl endlich gelingen werde, wonach er bisher vergeblich geſtrebt hatte. 41 „Den Ring zeigſt Du mir, nicht wahr, wenn Du ihn von ihr ausgelöſt haſt?“ fragte ſie eifrig.„Ich möchte ihn ſo gern ſehen.— Aber Du wirſt keine Gewalt anwenden, Leopold?“ „Erſt muß ich das wilde Vöglein doch fangen,“ er⸗ wiederte er lächelnd.„Dann aber kannſt Du auf ſanfte Behandlung rechnen, ſie iſt ausdrücklich zur Pflicht ge⸗ macht. Wenn nur ihr Vater nicht wäre!“ Die Annahme, daß er der Mörder des Wildmei⸗ ſters von Schönbrunn ſei, war auch der Gräfin bekannt, und ſie ſtimmte dem Gatten bei, daß für die Tochter dar⸗ aus unglückliche Folgen vorherzuſehen wären, wenn nicht das Schickſal Beide etwa ſchon getrennt hätte. Die Gräfin wußte ferner, in welcher Beziehung der Mann zu Cajetana ſtand, und war ganz aufgeregt, daß es Traut⸗ ſon nicht heute ſchon gelungen war, Licht in das Dunkel zu bringen, da er mun vielleicht lange auf eine Gelegen⸗ heit, mit Cajetana ungeſtört zu ſprechen, warten müſſe. „Die Gelegenheit wird ſich bald finden, Reſi,“ ſagte er,„denn wenn Du nichts dawider haſt, werde ich diesmal auch dem Glückswurf, der die Paare bei dem Feſt beſtimmt, ein wenig zu Hülfe kommen. Die Kö⸗ nigsegg wünſcht Cajetana vor der rückſichtsloſen Huldi⸗ gung des ſchönen Römers, wie er allgemein heißt, zu 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 3 bewahren, und ſähe es am liebſten, wenn ich wieder, wie bei der Schlittenfahrt nach Laxenburg, ihr Begleiter würde.“ „Aber Cajetana wird damit nicht zufrieden ſein!“ erwiederte die Gräfin heiter. „Das fürchte ich ſelbſt— ich bin für ein junges Mädchen wohl ein ſchlechter Geſellſchafter. Indeſſen wirſt Du mir Recht geben, wenn ich den Wunſch, den übrigens die Königsegg nur ſcherzend äußerte, zu erfüllen ſuche. Möchte es ihr ſelbſt nur gelingen, durch das Opfer, das ſie bringt, für ihr Pflegekind etwas zu errei⸗ chen. Wie ich die Gräfin kenne, halte ich es für ein gro⸗ ßes Opfer, daß ſie ſich für den ganzen Feſtabend mit dem Herrn Reichsgrafen zuſammen geben läßt.“ „Ich kenne ihn nicht,“ ſagte Marie Thereſia,„aber wie ihn der Wratislaw ſchildert, würde ich mich vor ihm fürchten. Hätte ich etwas zu beſtimmen, Leopold, ſo ließe ich überhaupt nur looſen für die, welche ihr Theil noch nicht haben— Ehepaare müßten gar nicht getrennt wer⸗ den. Warum könnten wir Beide nicht auch dort zuſam⸗ men bleiben?“ „Das wäre auch mir das Liebſte, Reſi!“ erwie⸗ derte er herzlich. Da es aber doch nicht ſtatthaft war, traf er die An⸗ ſtalt, welche er mit der Gräfin Francesca verabredet hatte, und bald ging dem Reichsgrafen von Eronberg, 43 welcher mit Angſt der Dinge harrte, die da kommen wür⸗ den, die Benachrichtigung zu, daß ihm das Loos zuge⸗ fallen ſei, mit der verwitweten Frau Gräfin von Kö⸗ nigsegg ein Paar zu bilden, und zwar, wie es gleichfalls durch den Glückswurf aus der Zahl der noch verfügbaren Trachten beſtimmt worden, als Türke und Türkin. Das Schickſal war nun entſchieden, und nachdem ſich der Graf einmal ergeben hatte, war er immer noch zufrieden, daß es ſo und nicht anders gefallen war. Eine ehrbare Witib war ihm ganz recht— was würde aus ihm gewor⸗ den ſein, wenn er in die Hände eines jungen, ſchnippi⸗ ſchen, lachenden Mädchens gefallen wäre? Uebrigens war er der Frau Gräfin vor mehrern Jahren einmal vorgeſtellt worden und kannte ja auch ihren Sohn, den freiſamen und weidlichen Grafen Fidelis, welcher draußen in Tirol auf der Franzoſenlauer ſtand. Da wußte er doch etwas mit ihr zu reden— wie anders, wenn er an eine wildfremde Dame gekommen wäre? „Veit!“ „Hochgräfliche Gnaden haben etwas Angenehmes erfahren? Dieſelben ſehen ſehr erfreut aus!“ „Im Gegentheil, Menſch! Man hat mich, wie einen Gaſeerenſelaven, an eine andere Perſon geſchmie⸗ det, mit der ich mich am 17. hujus durch eine ganze— 3* wie heißt es doch?“— Er ſah in das Schreiben—„durch eine ganze Nationenwirthſchaft hindurchrudern muß.“ Veit mochte ganz eigene unehrbietige Gedanken über ſeinen Herrn haben, denn er ſah ihn höchſt bedenklich an. Der Graf gab ihm Befehl, eine beſondere Staatsklei⸗ dung hervorzuſuchen, ihn anzukleiden und demnächſt den Wagen anſpannen zu laſſen. Dann fuhr er mit ihm nach Gumpendorf hinaus und erklärte ihm erſt unterwegs die Urſache. Als der ſchwere, altfränkiſche Wagen in der Allee ſichtbar wurde, die zum Gartenpalais führte, errieth die Gräfin Francesca, welche von der Erfüllung ihres Wun⸗ ſches bereits benachrichtigt war, ſogleich, wen dieſe Kar⸗ roſſe, die ſie nie geſehen hatte, ihr bringen werde.— „Cajetana!“ rief ſie, und dieſe, welche mit einer Arbeit beſchäftigt, dem Fenſter entfernt ſaß, blickte von dem auf⸗ geregten Rufe überraſcht auf. „Dort kommt ein Beſuch, für den ich erſt Toilette machen muß. Blicke mich nicht verwundert an. Für die⸗ ſen Beſuch paßt meine Toilette nicht. Du wirſt ſtatt mei⸗ ner empfangen, ich komme Dir jedoch zu Hülfe, ſo ſchnell ich kann. Nun, Mädchen, Du haſt eine gute Prüfung zu beſtehen: das iſt der Graf Cronberg, hörſt Du? Dein Vetter! Benimm Dich klug, verrathe S kei⸗ ner Miene! Ich warne Dich ernſtlich, daß Du Dich 45 nicht wieder von Deinen Gefühlen hinreißen läſſeſt, wie es gegen die Riedau geſchehen. Du empfängſt als meine Nichte den Grafen, vergiß das nicht.“ Cajetana war ſo beſtürzt, daß die Gräfin von dem eindringlichen Tone abgehend ſie mit einem Kuß liebreich bat, ſich zu faſſen und ihren Wunſch, der nur ihr Beſtes wolle, zu erfüllen; ſie werde nur wenige Minuten brau⸗ chen, ſich in paſſende Toilette zu ſetzen. Der Wagen war unterdeſſen vorgefahren und die Gräfin entfernte ſich in ihr Cabinet, noch ehe die Anmeldung kam, welche von Cajetana nach ihrem Befehl angenommen wurde. Vor dem Grafen Cronberg öffneten ſich die Thüren; ihm war, als er Veit, ſeinen letzten Troſt, draußen laſſen mußte, zu Muthe, als ginge er der Tortur entgegen. Ohne recht aufzuſchauen, näherte er ſich der Dame, welche er in dem Zimmer fand, mit mehrern tiefen Verbeugungen und ſprach in tiefen Gurgeltönen etwas von der Ehre, in vergangenen Zeiten ſchon der gnädigen Frau Gräfin einmal vorgeſtellt zu ſein. Eine halblaute und zitternde Stimme antwortete ihm, daß die Gräfin um Entſchuldigung bitten laſſe, ihn nicht ſogleich empfangen zu haben, daß ſie aber ſehr bald erſcheinen werde. Cronberg ſah jetzt erſt die Dame, vor welcher er ſtand, recht an, und wurde überraſcht von deren Jugend und Lieblichkeit. Er, der Frauenverächter, fühlte es warm und wohlthuend vom Auge bis in das Herz hinein, daß es doch eine Macht der Schönheit gibt, welche er bis jetzt geläugnet und verſpottet hatte. Und dies junge Mädchen ſtand vor ihm ſo demüthig und verwirrt, daß er ſelbſt wunderbar dadurch an Muth gewann. „Verzeihen Sie doch ja!“ rief er.„Mich hatte der helle Schein vom Fenſter geblendet— ich glaubte die Frau Gräfin von Königsegg zu ſehen—“ Sie wiederholte, daß die Gräfin nur wenige Augen⸗ blicke verziehen werde, und lud ihn zum Sitzen ein. Ihre Faſſung kehrte mit dem erwachenden Stolze zurück. Sie fand Kraft, den Mann zu betrachten, welcher die Ver⸗ wandtſchaft ihres Vaters zurückgewieſen, und für ſie ſelbſt gegen Graf Karl, wie ſie nun mit unausſprechlicher Be⸗ ſchämung ſich in das Gedächtniß rief, jeden Schritt ab⸗ gelehnt hatte, welcher ihm ohne ihr Vorwiſſen zugemuthet worden war. Sie hätte den Grafen Karl ja ſonſt auf Knieen gebeten, kein Wort für ſie zu verlieren. In dieſer Erinnerung ſtieg eine neue brennende Glut in ihrem An⸗ tlitz auf, und der alte Herr gerieth darüber, er wußte ſelbſt nicht warum, in große Verlegenheit. Doch fand er ſie bildſchön— er glaubte in ſeinem ganzen Leben nichts Schöneres geſehen zu haben. Aber ein Wort der ſchicklichen Unterhaltung fand er 47 nicht. Er fühlte, daß es ſeine Schuldigkeit ſei, bis zur Ankunft der Gräfin mit der jungen Dame eine Conver⸗ ſativizu führen, aber wovon er ſprechen ſollte, wußte er nicht, und in ſeiner ſteigenden Verlegenheit trat ihm der Schweiß in dicken Perlen auf die Stirn und näßte die künſtlich toupirten Locken der ſtattlichen Perücke, welche er ſich eigends für dieſen Beſuch hatte anfertigen laſſen. Sein Auge hing faſt mit flehendem Ausdrucke an dem der jungen Dame, daß ſie doch den Anfang machen möchte, aber ſie hatte ihre ſchönen weißen Lider geſenkt, und die langen dunkeln Wimpern zuckten unter der Macht ihrer eigenen Gefühle bei dieſem ſtummen Gegenüber mit dem Manne, der ſie verläugnet hatte. Indeſſen gedachte ſie der Gräfin und ihrer Ermahnung, und ſo that ſie denn wirklich eine an ſich gleichgültige Frage, deren Silberklang aber wie jenes Wunderglöcklein der alten Sage flugs alle ſeine Beängſtigung in Wohlgefühlen löste. Er antwortete ihr, und ein Geſpräch kam wirklich in Gang, wobei er immer mehr Selbſtvertrauen gewann und zuletzt ſogar einen unbeholfenen Scherz wagte, der ein Lächeln auf Cajetana's Lippen rief. Das kleidete ſie erſt ſo wunder⸗ ſchön, daß es ihm faſt leid that, als in dieſem Momente die Thüre zum innern Nebengemach ſich öffnete und die Gräfin Königsegg eintrat. Er erhob ſich geräuſchvoll, wobei der Seſſel, der ſeine ſchwere Laſt nur mühſam ge⸗ * 4 00 tragen, faſt umſchlug, und brachte nun ſeine ehrfurchts⸗ vollen Verbeugungen erſt an rechter Stelle an. Cajetana war mit ihm zugleich aufgeſtanden, machte ihm eine leichte anmuthige Verneigung und verſchwand durch dieſelbe Thüre, welche die Gräfin eben eingelaſſen hatte. Ihm war es, als falle nun wieder die ganze Laſt von Verlegen⸗ heit, die im Geſpräche mit ihr ſo glücklich von ihm ge⸗ wichen, wieder auf ſeine Bruſt zurück. Die Gräfin hatte in der That eine Toilette gemacht, wie ſie Cajetana noch nie an ihr bemerkt hatte: im Vorübergehen konnte ſie nicht umhin, ſie mit erſtauntem Blick zu betrachten. So matronenhaft war die Gräfin Francesca noch nie gekleidet geweſen, die Haube hatte ihre ſchöne Stirn und die feinen intereſſanten Züge wohl nie⸗ mals ſo tief umſchattet! Sie flößte auch dem Reichsgrafen in ihrer witwenhaften Erſcheinung eine ſolche Ehrfurcht ein, daß er kaum zu athmen wagte, als ſie ihn mit gnädi⸗ ger Handbewegung einlud, ſich wieder zu ſetzen, während ſie Cajatana's Platz einnahm. „Sie ſind mir ein alter Bekannter, Herr Graf,“ ſagte ſie.„Als mein Gemahl noch lebte, habe ich Sie zu⸗ weilen bei ihm geſehen. Es iſt mir darum lieb, recht lieb, daß ich auf dieſe Weiſe unſere Bekanntſchaft erneuern kann.“ „Ich werde die Ehre haben— mir iſt die Ehre zu Theil geworden—“ 49 „Wir werden zuſammen figuriren, lieber Graf, und müſſen uns ſo gut aus der Affaire ziehen, als mög⸗ lich. Habe ich recht verſtanden, daß wir dem Erbfeinde der Chriſtenheit unſer Coſtüm entlehnen ſollen?“ „Türke und Türkin—“ beſtätigte der Graf. „Ganz richtig. Welche Farben werden Sie wählen? Die Pracht des Orients läßt darin eine unbeſchränkte Freiheit.“ „Ich weiß wirklich nicht— Euer Gnaden möchten darüber beſtimmen,“ ſagte er in neuer Verlegenheit. „Gut. Ich werde für mich wählen— kleiden Sie ſich ganz nach Ihrem eigenen Geſchmack. Eine Harmonie der Farben iſt bei den Osmanen nicht nöthig, je ſchreien⸗ der ſie abſtechen, deſto beſſer. Wir finden uns in der Favorita zuſammen— oder werden Sie mir die Ehre er⸗ zeugen, mich abzuholen?“ „Wenn Euer Gnaden mir das erlauben—“ „So erwarte ich Sie eine Stunde früher, als wir zur Favorita befohlen ſind. Daß wir in unſern Jahren uns noch ſolchen Maskeraden hingeben müſſen! Indeſſen will es die hergebrachte Sitte des Carnevals. Wir gehen unſere Ronde durch den Saal, zu tanzen wird uns Nie⸗ mand zumuthen.— Meine Nichte hat mich doch entſchul⸗ digt, daß ich Sie habe warten laſſen—“ „O es war mir ſehr lieb— ſehr lieb—“ „Sie ſchmeicheln mir nicht, lieber Graf,“ verſetzte ſie lächelnd.„Das erwarte ich auch nicht. Es freut mich, daß die Unterhaltung meiner kleinen Nichte Sie befrie⸗ digt hat. Iſt es nicht ein liebes, herziges Kind? In un⸗ ſern Jahren, lieber Graf, können wir ſchon ſo ſprechen ohne alle Gefahr. Sie ſind ja überdem, wie man mir ge⸗ ſagt hat, ein Feind unſers Geſchlechts—“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fuhr der Reichsgraf etwas ungeſtüm auf. „Sie ſelbſt! Haben Sie nicht das ganze weibliche Geſchlecht verſchmäht, indem Sie Keiner Herz und Hand geſchenkt haben?“ „O das— das hat ſich nur nicht gefügt— es hat keine Gelegenheit gegeben—“ „Ich will Sie weiter nicht quälen. Sie haben gewiß Ihre guten Gründe gehabt. Wird Ihnen aber nicht heiß in dem Gedanken, auch nur für wenige Stunden einer Dame anzugehören?— Ruhig, lieber Graf. Sie verwöh⸗ nen mich ſonſt durch Schmeicheleien. Danken Sie es dem Glückswurf, daß Sie wenigſtens mit einer alten Frau zuſammengekommen ſind, und nicht etwa mit einem jungen Mädchen, wie meine Nichte!“ „O das wäre mir—“ Hier erſchrack der Graf aber ſelbſt vor der Unſchicklichkeit, die er hatte ausſprechen 51 wollen. Freilich wäre es ihm gar nicht ſo unlieb gewe⸗ ſen, als die alte Dame glauben mochte. Sie errieth, was er hatte ſagen wollen, und lachte herzlich, ohne es ihm im Geringſten übel zu nehmen. Dann, nach einer kurzen, von ihr gewandt geführten Fort⸗ ſetzung des Geſprächs erleichterte ſie ihm den Aufbruch, an welchen er ſchaudernd gedacht, wie er ihn, ohne un⸗ höflich zu ſein, werde bewerkſtelligen können. Als er drau⸗ ßen ſeines Veit anſichtig wurde, war es mit der ſtolzen Miene eines Siegers, der aus einer gewonnenen Schlacht zurückkehrt. Im Wagen aber fragte er dringend, wie die heutige Mittagstafel beſchickt ſei, da er einen Löwenhun⸗ ger verſpüre.„So etwas macht Appetit!“ verſicherte er. Nachdem er das Haus verlaſſen hatte, änderte Grä⸗ fin Francesca mit geſchickter Hand ihren entſtellenden Kopfputz, legte den ſchwarzen ungraciöſen Ueberwurf ab, der ihre zierliche Geſtalt verhüllt hatte, und war wieder ganz ſie ſelbſt und in der heiterſten Laune, als Cajetana zu ihr zurückkam. „Tani, wie ich mit Weihrauch vergöttert worden bin in dieſen wenigen Minuten, kannſt Du Dir nicht den⸗ ken!“ rief ſie.„Dein Oheim hat mich durch ſeine Schmei⸗ cheleien ganz berauſcht. Was ſoll aus mir bei der Maske⸗ rade mit dieſem gefährlichen Manne werden! Wohl Dir, daß Dich das Loos mit einem ſo ehrenfeſten und ſchweig⸗ ſamen Gefährten bedacht hat— ſei dankbar dafür.“ „Das bin ich auch,“ erwiederte Cajetana.„Ich fühle mich in der Geſellſchaft des Grafen Trautſon immer ſo ſicher geborgen und im Grunde meines Herzens ſo ruhig— wie einſt im Schutze meines Vaters!“ ſetzte ſie mit ſinkender Stimme hinzu. Die Gräfin blickte, plötzlich ernſt werdend, vor ſich nieder und erwiederte nichts. YPrittes Cngitel. Die verrathene Freiſtatt. Auf dem Platz, den die Wiener Volksſprache von der Kirche, welche Kaiſer Leopold I. neu und prächtig an Stelle des uralten Gotteshauſes erbaut hatte, nur kurzweg den Peter nennt, weilte um die Mittagsſtunde ein junger Mann, der Jemand zu erwarten ſchien. Bei dem lebhaften Verkehr in dieſer Stadtgegend war das nichts Ungewöhnliches, doch hätten die Bewohner der an⸗ liegenden Häuſer wohl bemerken können, daß der junge Mann, welcher den Platz regelmäßig des Morgens über⸗ 53 ſchritt, um Mittag, wenn er zurückkam, öfters hier zö⸗ gerte, auch wohl ein Paarmal auf und ab ging und ſich viel umſah, dann aber, ohne daß ſich Jemand zu ihm ge⸗ funden hätte, langſam ſeinen Weg nach dem nahen Gra⸗ ben fortſetzte, wo man ihn aus den Augen verlor. Das war auch heute der Fall. Vergebens hatte er ſich in allen Richtungen umgeſchaut, obgleich ihm eine Hoffnung, die er ſich nicht erklären konnte, geſagt, daß er heute finden werde, was er nun ſchon ſeit ſo langer Zeit fruchtlos er⸗ wartete. Er ſah ſich aber auch diesmal getäuſcht, und weil ihn jene unbegründete Hoffnung etwas mehr feſt⸗ gehalten, als ſonſt, ſo kam er ſpäter nach Hauſe, als zu der ein⸗ wie allemal feſt beſtimmten Stunde. „Aber Franz, wo ſteckſt Du?“ empfing ihn die Stimme der Mutter, als er kaum die Schwelle über⸗ ſchritten hatte, in ihrem verdrießlichſten Tone.„Ich habe mir die Augen faſt nach Dir ausgeſchaut und glaubte ſchon, Dir ſei ein Unglück begegnet. Haſt etwa wieder eine Jagd auf die hübſche Zigeunerin gemacht?“ Franz war in ſeinem Bewußtſein, obgleich aus ganz anderm Grunde, als den die Mutter vorausſetzte, nicht völlig ſicher, konnte daher nur eine allgemeine Entſchul⸗ digung ſeines verſpäteten Kommens äußern. „Ja, ja, ich glaub's!“ ſagte Frau Riedl ſpöttiſch. „Es ſollte mir ſchon recht ſein, wenn Du die Dirne ein⸗ — 54 fingeſt, damit ſie ihrer verdienten Beſtrafung überliefert würde— aber Du haſt ja nur Liebes und Gutes von ihr zu reden. Deine Mutter mag immer nur hinſiechen von dem Uebel, das ſie ihr angethan— was kümmert's Dich? An einer Frau im Hauſe wird es nicht lange fehlen, wenn auch die Mutter ſtirbt, und vielleicht geht es dann hier viel luſtiger zu. Brumme nicht, Mann. Dich mein' ich nicht— Du wirſt nicht ſo toll ſein, in Deinem Alter noch einmal zu heirathen; auch nähme Dich Keine, als die ſich hinter Deinem Rücken ihr Fädchen ſpänne, was ich von einer ehrbaren Wiener Bürgertochter nicht glau⸗ ben kann. Aber der junge Herr dort, der ſich ſo leicht um andere Dinge getröſtet hat, wo ihm erſt das Herz brechen wollte, der wird ſich nicht lange beſinnen, wenn ich todt bin und kein Wort mehr d'rein zu reden habe.“ Hier konnten Beide, Vater und Sohn, doch nicht umhin, der traurigen Anſchuldigung zu widerſprechen; Frau Riedl aber hörte nicht auf ſie, ſondern ging die Suppe aufzutragen, mit welcher ſie heute auf die Heim⸗ kehr des Sohnes ſo lange hatte warten müſſen. Im Gan⸗ zen war die Frau nicht ſchlimmer geworden, als früher, wie ſehr man es durch ihre Krankheit hätte erklären kön⸗ nen; im Gegentheil ſchien dieſe Krankheit eher mildernd auf ſie eingewirkt zu haben, nur zuweilen, wenn ſie be⸗ ſonders gereizt wurde, wie es immer der Fall war, wenn 55 die arme Kathi in das Spiel kam, nahm ſie wieder den alten ſcharfen Ton an. Räthſelhaft blieb überhaupt ihre Krankheit, an welcher ſich die Kunſt des Arztes, welchen der beſorgte Gatte in Anſpruch genommen hatte, völlig rathlos erwies, weil er außer einem allgemeinen, hin⸗ ſchmachtenden Zuſtande kein Symptom wahrnehmen konnte und ſeine belebenden oder ſtärkenden Mittel ohne alle Wirkung geblieben waren. Selbſt aufgeklärte Nachbaren waren daher zu dem Glauben geneigt, daß hier eine ge⸗ heimnißvolle und übernatürliche Urſache obwalte, die nur auf eben ſolchem Wege, dafern es nicht gegen die heilige Kirche verſtoße, zu bekämpfen ſei. Beim Eſſen hatte Frau Riedl wiederum gar keinen Appetit, ſie genoß nur wenige Löffel Suppe und hatte um ſo mehr Muße zu ſprechen. Seit einiger Zeit be⸗ ſchäftigte ſie ſich wieder viel mit dem Fräulein von Cron⸗ berg. Die Nachricht, welche Franz einſt über die Auf⸗ nahme Cajetana's in das Haus der Gräfin Königsegg heimgebracht hatte, war für Frau Riedl eine wahrhaft aufregende geweſen, denn ſie hatte daran die mannichfach⸗ ſten Vermuthungen geknüpft. Innerlich wurden die Vor⸗ würfe, die ſie ſich zuweilen ſchon über ihr Verfahren ge⸗ gen Cajetana gemacht hatte, immer lebhafter, aber ſie hütete ſich wohl, dieſelben laut werden zu laſſen. Auch heute befand ſie ſich nach ihren Worten, als ſie auf die alte Zeit zu ſprechen kam, vollkommen in ihrem Rechte. — ——————— „Was hätten wir wohl im Hauſe mit ihr anfangen ſollen? Haben wir's etwa dazu, fremder Leute Kind zu erhalten und zu verſorgen, Anton? Es wäre eine Ge⸗ wiſſenloſigkeit geweſen. Nun iſt ja auch Alles zu ihrem Glücke ausgeſchlagen. Die Gräfin hat zwei Männer ge⸗ habt und keine Kinder— wer weiß, wer ſie einmal be⸗ erbt, wenn ſie an der Cajetani ein Wohlgefallen findet? Das kann ſie ſchon, denn ich habe ſie auch lieb gehabt und gehalten, wie meinen Augapfel.“ Bei der Wieder⸗ holung dieſes ihres einſtigen Lieblingsausdrucks ſah ſie ihren Mann ſträflich an, ob ſie etwa einen Zweifel daran in ſeinem Geſicht entdecken könne. Er kaute jedoch als geduldiger Zuhörer unverfänglich weiter und ſie fuhr fort: „Sie iſt nun unter vornehmen Leuten und hat ſogar Zu⸗ tritt bei den kaiſerlichen Majeſtäten. Natürlich denkt ſie an Unſereinen gar nicht mehr, und wenn wir ihr einmal begegnen ſollten, ſo wird ſie ſich zur Seite abwenden, als kennte ſie uns nicht. Das iſt die Dankbarkeit für alle meine Wohlthaten. Ich hab's freilich nicht anders er⸗ wartet.“ „Sie hat aber ſo freundlich von Euch geſprochen,“ wandte Franz ein,„ſie hat ſich ſo theilnehmend nach Eurem Befinden erkundigt.“ „Hat ſie das? Nun dann hätte ſie mir auch helfen können, wenn ſie das boshafte Geſchöpf, das zu ihr kom⸗ 57 men darf, bewogen hätte, mit ihrer heimtückiſchen Rache von mir abzulaſſen! Für wen habe ich mir denn das Elend auf den Hals gezogen? Doch nur für das gnädige Fräulein, das ich vor einem ſo unſaubern Umgange be⸗ wahren wollte! Aber auf Dank hat man nimmermehr zu rechnen, nicht einmal bei ſeinen eigenen Kindern!— Sei nur ſtill, Franz, Du weißt ſchon, daß ich Recht habe.“— Sie ſchwieg nun ſelbſt ganz erſchöpft und holte mit ſchweren Seufzern Athem, als ſei ihr die Bruſt zu⸗ geſchnürt. Gegen Abend kam der Knecht aus Meidling, den ſie ihren Hausmann nannte, nach der Stadt und wußte eine Gelegenheit abzupaſſen, wo er mit Frau Riedl allein ſprechen konnte. „Ich hab' die Zigeunerbrut aufgeſpürt,“ war ſein erſtes Wort. „Was ſagſt Du? Wo haſt ſie?“ rief Frau Riedl heftig aufgeregt. „Ich hab' ſie nicht, aber ich weiß, wo ſie ſtecken, und wenn ich ſoll, geh' ich hin und geb' ſie an.“ „Erzähle doch, wie biſt Du denn dazu gekommen?“ Der Knecht erzählte, daß er geſtern, zufällig nach der Schaufellucken gehend, wo er ein Geſchäft gehabt, vor ſich im Zwielicht des Abends ein ge⸗ 1860, IV. Im Strom der Zeit. III. —— —— 58 ſehen habe, das ihm grad' wie die braune Kathi aus dem Feldhüterhäuſel vorgekommen ſei. Die habe einen ſo ganz eigenen Gang, daß man's nicht leicht vergeſſen könne. Er ſei ja oft genug mit Eſſen draußen bei dem Volke geweſen, um ſich's recht zu merken. So habe er das Mädel, das er für die Kathi gehalten, nicht aus dem Auge gelaſſen— aber pfiffig hab' er's anſtellen müſſen, daß ſie's nicht gemerkt, wie ſie verfolgt werde, ſonſt würde ſie wohl ſeinen Anſchlag zu Schanden gemacht ha⸗ ben. Sie ſei denn endlich in einen ganz wüſten Winkel hineingebogen, wo viel Strauchwerk und viel Gewächs geſtanden; das habe ihm denn möglich gemacht, ihr un⸗ geſehen etwas dichter auf den Hacken zu ſein, bis ſie wie⸗ der vor einer kleinen ſchlechten Hütte ſtehen geblieben, eben wie das Häuſel in Meidling geweſen, das ſie ſchänd⸗ lich abgebrannt hatten, als ſie die Flucht ergriffen. Da habe das Mädchen eine Weile mit gebücktem Kopfe ge⸗ horcht— und auch er, der Hausmann, habe den Athem angehalten und die Augen angeſtrengt, denn er ſei doch nicht recht ſeiner Sache gewiß geweſen. Endlich aber habe ſie angeklopft, ſo recht diebiſch mit fünf Schlägen, zwei, eins, zwei, als wollte ſie den drinnen das rechte Zeichen geben. Nicht lange, ſo ſei auch die Thüre aufgegangen, und er habe deutlich gehört:„Schläft er, Mutter Merſe?“ Der Kathi Stimme, darauf könne er nun 59 ſchwören. Was das alte Weib, das ihr die Thüre ge⸗ öffnet, auf die Frage geantwortet, habe er nicht verſtehen können, das Mädel ſei dann in das Haus gegangen und der Riegel hinter ihr wieder vorgeſchoben worden. Er habe ſich noch eine Weile ſtill verhalten, dann aber der Hütte näher geſchlichen, wo er erſt auf der andern Seite durch eine Ritze in dem verhangenen Fenſter einen ſchwa⸗ chen Lichtſchimmer bemerkt habe. Drinnen ſei Alles ſtill geweſen, und nachdem er wohl eine Viertelſtunde in aller Geduld unterm Fenſter gehorcht, habe er fortgehen wollen, da ihn ſelbſt ein Grauen auf der wüſten, abgele⸗ genen Stelle überkommen— da aber ſei's auf einmal im Hauſe laut geworden, er habe eine Mannsſtimme ver⸗ nommen, die gräßlich geflucht habe; gewiß behaupten wolle er zwar nicht, daß es die Stimme des alten Sol⸗ daten geweſen, des Vaters der Kathi, welcher wegen Mord landflüchtig geworden, die Stimme habe einen andern Klang gehabt, viel hohler, als er ſich erinnerte, den Alten früher reden gehört zu haben, aber es konnte ja Niemand anders ſein. Worüber er geflucht und was er geſprochen, das könne er nicht ſagen, da er nur ein⸗ zelne Worte verſtanden; ihm ſei's auch nun zu gräulich geworden, und er habe ſich denn auf die Beine gemacht, da er doch nichts weiter hätte ausrichten können. „Du weißt aber, wo es iſt? Du haſt Dir die 4* —— — ——— 60 Stelle und das Haus genau gemerkt, daß Du es wieder finden kannſt?“ fragte Frau Riedl mit haſtiger Rede. „Mit verbundenen Augen!“ verſicherte der Haus⸗ mann.„Ich hab' mir viele Wahrzeichen genommen.“ Sie nickte zufrieden und beſann ſich eine Weile. Dann ging ſie nach der Thüre, die zur Küche führte, ſah hinaus, um ſich zu überzeugen, ob auch Niemand dort horche. Mann und Sohn arbeiteten hinten im Comtvir über wichtigen Handelsbriefen, welche eingegangen wa⸗ ren. Sie konnte alſo vor Ueberraſchung ganz ſicher ſein. Mit feſt eingekniffenen Lippen, die ihren Entſchluß ſchon verkündeten, nahte ſie ſich wieder ihrem Knechte. „Du biſt ein kluger Kerl, Hausmann,“ ſagte ſie. „Haſt Deine Sache geſcheit angefangen, und wenn Du ſie ebenſo zu Ende bringſt, ſoll's Dein Schade nicht ſein. Du verdienſt Dir außerdem noch ein Gotestehe. Mir verhilfſt Du wieder zu meiner Geſundheit, die mir die böſe Brut geſtohlen hat, und dem unſchuldig vergoſſe⸗ nen Blute des Wildmeiſters ſchaffſt Du ſeine Vergeltung, damit der Arme endlich Ruhe im Grabe findet.“ „Ich ſoll ſie alſo angeben?“ fragte der Haus⸗ mann kurz. „Das mußt Du ſelbſt wiſſen. Ich will keinem Men⸗ ſchen etwas vorſchreiben.“ 61 „Ihr ſagt aber, daß es mein Schade nicht ſein ſoll— was krieg' ich dafür?“ „Wenn ich wieder geſund werden kann, o dann ſollſt Du ein Geſchenk haben, daß Dir das Herz lacht.“ „Wie viel aber? Es wäre mir doch lieber zu 1 wiſſen!“ 14 „Wenn ich geſund bin—“ „Wenn ich die Zigeunerbrut angebe und zum Ge⸗ fängniß ſchaffe!“ berichtigte der Knecht ihre Bedingung. „Weiter kann ich doch nichts thun! Ihr ſagt ja, daß Ihr geſund werdet, wenn das Mädel ihre Strafe erleiden muß mehr von mir?“ „Nun, Hausnun ich verſpreche Dir ein Geſchenk— wieviel, das will ich mir erſt überlegen, das hängt davon ab, was Du ſchaffſt. Sorge nur dafür, wenn Du es 6 doch thun willſt— denn das iſt Dein eigener, freier Wille, ich habe Dich nicht dazu überredet!— ſorge aber dafür, daß Du nicht das leere Neſt findeſt und die Vögel etwa ausgeflogen ſind, wenn Du hinkommſt!“ „Das weiß ich ſelbſt! Wo aber bringe ich meine 1 Sache an?“ 11 „Ja, damit habe ich gar nichts zu ſchaffen,“ ſagte ſie, ſich wieder nach der Thüre umſehend, als wolle ſie ihn nun los ſein.„Der Alte wird als Wilddieb verfolgt und hat, wie es heißt, den Wildmeiſter erſchoſſen— wei⸗ 62 ter weiß ich nichts und mag auch nichts weiter ſagen. Geh' nur jetzt, Hausmann. Mir iſt gar übel zu Muth.“ Sie ſetzte ſich und ſtützte den Kopf in die Hand— diesmal verſtellte ſie ſich nicht. Der Knecht hätte gern noch ihr Verſprechen in be⸗ ſtimmtere Form gebracht, da er von ihrer Freigebigkeit, durch Erfahrung belehrt, keine große Meinung hatte, aber er ſah, daß er doch nichts ausrichten werde, und mußte ſich mit dem Ungewiſſen begnügen. Es war nicht allein die wiederholte Aufforderung der Frau Riedl, nicht die eigene Verfolgungsluſt, die in rohen Seelen oft ſo mächtig iſt, ſondern noch ein beſonderes Rachegelüſt gegen die braune Kathi, welches ihn getrieben hatte, ſie aufzuſpüren. Kathi hatte einſt ſeine Huldigungen auf die kränkendſte Weiſe ſtolz abgewieſen. Was aber trieb Frau Riedl an, das Mädchen bis zur Vernichtung zu verfolgen? „Anton,“ ſagte ſie beim Schlafengehen mit dem Tone der äußerſten Hinfälligkeit zu ihrem Manne,„es geht mit mir zu Ende. Erſchrick nicht ſo, Du zitterſt ja, wie ein Eſpenlaub. Ich weiß, Du meinſt es gut mit mir, ich hab's auch nicht anders um Dich verdient. Du biſt ein braver Mann, Anton, aber ſchwach, ſehr ſchwach, das wirſt Du wohl ſelbſt am beſten fühlen. Kannſt Du einer Seele etwas abſchlagen? Dem Franz am wenigſten. Sage nun ſelbſt, wenn ich todt wäre—“ 63 „Ach Binerl, ich bitt' Dich, hör' auf! Du brichſt mir das Herz entzwei. Der liebe Gott wird ſchon wieder helfen!“ „Ja, ſo ſagſt Du immer, und es iſt auch ſchon recht ſo. Aber wenn man die Hände in den Schooß legt und keine Anſtalt macht, ſich ſelbſt zu helfen, ſo zieht auch der liebe Gott die Hand von Einem ab; man verdient's halt nicht beſſer!“ „Aber Mutter, was ſoll denn geſchehen? Sag' doch nur, ich will ja Alles thun, und müßt' ich bis an's Ende der Welt reiſen, um Dir ein ſicheres Arcanum zu holen!“ „Mir hilft kein Kraut— wenn nicht der giftige Wurm, der mich geſtochen hat, auf der Wunde zerdrückt wird.“ Er bekreuzte ſich fromm.„Das ſind unchriſtliche Reden, Binerl,“ wagte er kleinlaut zu entgegnen. „Ich wollte auch gar nicht von mir reden,“ ſagte ſie.„Ich meinte nur, wenn ich todt wäre, und der Franz käme dann zu Dir und brächte Dir Eine, die er hei⸗ rathen wollte, würdeſt Du's ihm abſchlagen können?“ „Der Franz iſt ſo vernünftig— er denkt nicht an's Heirathen, ſeit ihm das Herz ſo ſchwer geworden iſt.“ Sie lachte.„Glaubſt Du's? Und wenn er doch d'ran dächte?— Schlägſt Du's ihm ab?“ gefallen kann, abſonderlich hat ſie ein Paar Augen, die 64 „Du wirſt ja noch da ſein, rede mir nicht ſo. Der Franz brächte uns doch gewiß ein wackeres Dirndl—“ „Er könnte Dir bringen, wen er wollte, Du hätteſt den Muth nicht, Nein zu ſagen. Setz' den Fall, er käme Dir mit der Zigeuner⸗Kathi!“ Würdeſt Du Nein ſagen?“ „Da iſt ja gar kein Gedanke!“ rief er. „So? Meinſt Du? Nun, Anton, ich weiß das beſſer. Ich ſag' Dir, wenn ſie der Mutter mit ihrer ſchwarzen Kunſt etwas anhaben kann, ſo kann ſie's auch dem Sohne. Und ſie hat's ſchon gethan. Er kann nicht mehr von ihr laſſen, er hat die Tani rein vergeſſen, wenn er auch noch, um uns blind zu machen, von ihr ſpricht. Die braune Hexe iſt jetzt ſein Herzblatt— vor mir fürchtet er ſich noch, aber wenn ich werde geſtorben ſein, da bringt er ſie Dir als Tochter in's Haus, und Du wirſt ſie herzen.“ Vergebens ſuchte der geängſtigte Mann ſie von die⸗ ſer unſinnigen Vorſtellung abzubringen. „Unſinnig, wie ſo?“ entgegnete ſie.„Haſt Du Dir die Braune einmal angeſchaut? Danke Deinem Heiligen dafür, daß Du es nicht gethan haſt. Ich wollte, ich wäre auch ſo klug geweſen. Dann hätte ich vor ihr Ruh' ge⸗ habt. Sie iſt ſchon ſo, daß ſie einem jungen Menſchen 65 ſchmeicheln ſich Einem ordentlich in das Herz hinein— ich fühlte es, wie ſie mich bat, und widerſtand ihr nur mit aller Kraft, darum habe ich ſie eben erbittert. Anton! jetzt will ich Dir etwas ſagen. Wenn es in Deiner Ge⸗ walt ſtände, dies Geſchöpf mit ſeinem Vater den Gerich⸗ ten zu überliefern, und damit Deine Frau und Deinen Sohn von ihren Zauberkünſten mit einem Male zu er⸗ löſen— würdeſt Du es thun?“ „Stelle mir doch nicht ſo grauſame Fragen!“ bat er. „Ich ſage Dir, Du würdeſt es nicht thun, denn Du könnteſt es nicht. Ich aber kann es.“ Sie ſchwieg. Er erwartete mit betrübter Seele, daß ſie den Irrgängen ihrer Einbildung noch weiter folgen würde, aber zu ſei⸗ ner Erleichterung ſchien ſie es aufzugeben, ſprach über⸗ haupt nicht mehr und ließ ihm den Glauben, daß ſie eingeſchlafen ſei, mit welchem er denn auch beruhigt ent⸗ ſchlummerte. Die arme Kathi hatte keine Ahnung, was über ih⸗ rem Haupte ſchwebte, als ſie an demſelben Abende in dem abgelegenen Schlupfwinkel, wo ihr Vater bei der Witwe eines alten Kriegsgefährten eine Freiſtatt gefunden hatte, an dem dürftigen Lager ſaß und ihn bewachte. Be⸗ wachen mußte ſie ihn, denn des Nachts war ſeine ſchlimm⸗ ſte Zeit, während er den Tag meiſt verſchlief. So hatte 66 ſich wenigſtens in der letzten Zeit ſein Zuſtand geſtaltet, und darum war es eben Kathi möglich geworden, ihn ein Paarmal unter der Obhut der Witwe zu laſſen und ihr Fräulein aufzuſuchen, das zum Erſtenmale in jener Nacht, freilich unerkannt, an ihr vorübergefahren war, als ſie mit ihrem Vater noch keine Stätte hatte, wo ſie ihr Haupt hinlegen konnte, als den harten Stein. Seit⸗ dem war ihnen die Witwe des alten Zeltgenoſſen begeg⸗ net und hatte ſich mitleidig ihrer angenommen. Bei ihr, die jene kleine Hütte beſaß, wo Riedl's Knecht ſie auf⸗ geſpürt hatte, wohnten ſie nun, und die entſchloſſene Frau hatte bald auch über den Vater eine gewiſſe geiſtige Ge⸗ walt gewonnen, ſo daß ſie, als Kathi auf längere Zeit jenen Ausgang wagte, für ſein ruhiges Verhalten ſtehen konnte. Nur geſtern war er wieder, kurz nachdem Kathi heimgekehrt war, in eine Tobſucht verfallen, die ſie er⸗ ſchreckt hatte, und ſo bewachte ſie ihn heute, als die Stunde kam, wo er ſich vom Schlaf zu ermuntern pflegte, mit ängſtlich beſorgtem Herzen. Ihre Sorge war aber unnöthig, denn er war ſchon lange wach, ſie hatte es nur bei dem matten Lichte der kleinen Lampe, die ſie obenein ſo geſetzt, daß er im Schat⸗ ten lag, nicht bemerkt. Er hatte ſein Auge weit offen auf ſeine Tochter gerichtet, deren Geſicht von dem Scheine ein wenig erhellt war. 67 „Kathi!“ ſagte er endlich mit leiſer Stimme. Sie erſchrack, als habe ſie ein Geiſt gerufen— ſo ſanft und liebevoll hatte der Vater wohl in langen Jah⸗ ren ihren Namen nicht ausgeſprochen; ihr Auge füllte ſich mit Thränen und die freudigſte Hoffnung ſchwellte ihre Bruſt.„Ja, Vater, ich bin hier,“ ſprach ſie. „Biſt Du in Markſtein geweſen?“ Dieſe Frage raubte ihr ſchnell wieder allen Muth, den ſie ſchon gefaßt hatte. Er war noch immer in die alten, wirren Strudel ſeiner Gedanken gebannt. Wider⸗ ſprechen durfte ſie ihm nicht, denn er gerieth dann ſtets in großen Zorn, wovon ſie erſt geſtern wieder ein Be⸗ ſpiel erlebt hatte. Sie beantwortete ſeine Frage alſo nur mit einem leiſen Nein, ohne weitern Zuſatz, wie es im⸗ mer am beſten war. Er ſeufzte darauf und warf ſich zur andern Seite. Aber nur eine kurze Weile ſchwieg er heute, dann fing er wieder an, wie er ſonſt ſelten that, von demſelben Gegenſtande zu reden. „Wirſt Du morgen nach Markſtein gehen?“ „Wenn ich kann, Vater,“ antwortete Kathi. So weit lag Markſtein, über Berg und Thal, und ſie dachte oft ſelbſt daran, wie es dort einſt viel beſſer geweſen! Dort hätte der Vater vielleicht Ruhe gefunden, aber er war ja nicht zu bewegen geweſen, ſie dort zu ſuchen, ſon⸗ dern es hatte ihn nach längerm Umherirren wieder hier⸗ 68 her zurückgetrieben, als ziehe es ihn mit unwiderſtehlicher Gewalt. „Vergiß nicht, was ich Dir geſagt habe. Ich könnte Dir noch mehr ſagen, aber ein Eid bindet mein Ge⸗ wiſſen. Was ich ſonſt gethan hab', das geht nur Men⸗ ſchen an, und wenn ich's verwinde, iſt's gut, aber wenn man ſchwört, ſo geſchieht's bei Gott, und der läßt ſich nicht ſpotten.“ In dieſer Vorſtellung, die nicht aus der einfachen Seele des Alten entſprungen ſein konnte, da er ſich auf ſolche Dinge nie eingelaſſen hatte, erging er ſich oft— vielleicht hatte ſie ein fremder Einfluß, ſpitzfindig wie ſie war, in ihm hervorgerufen, und er fand eine Art von Troſt darin. „Vergiß die Quelle nicht, von der ich⸗ Dir geſagt habe, die fließt darüber hin. Ein grauer Stein hängt über und gelbes Schwefelmoos wächſt an den Felſen. Grabe tief, und wenn das Waſſer nachſtürzt, kehr' Dich nicht d'ran— ſtreif' Dir den Hemdärmel auf bis an die Schulter— ſo tief wird es ſein.“ Sie hatte dieſe irren Reden ſchon oft gehört. Wohl möglich, daß ſie irgend einen wahren Grund hatten, aber wenn ſie darauf eingegangen und etwa Fragen gethan, was ſie dort im Waſſer ſuchen ſolle, ob er etwas darin verloren oder vergraben habe, war er immer furchtbar 69 böſe geworden, hatte geflucht und getobt, und im Augen⸗ blicke Alles vergeſſen, was er eben geſprochen hatte. So war ſie denn zu der Ueberzeugung gelangt, daß es beſſer ſei, ihn ruhig reden zu laſſen und ſcheinbar mit Allem einverſtanden zu ſein, ohne ihn durch Einſpruch oder Frage zu reizen. „Laß Dich nur nicht ſehen dabei“— fuhr er nach einer Weile fort—„und wenn Einer kommt, ſchieß'! Auf Deine junge Seele fällt's nicht, Alles auf meine, auf meine! Das wird dann mit einander abgethan!—“ Hier ſtieß er ein dumpfes Aechzen aus, das der Tochter durch Mark und Bein ging. Sie faltete die Hände und betete für die Seele ihres Vaters. „Haſt Du ihn heut' geſehen?“ fragte er dann leiſe und heiſer. „Nein, Vater!“ ſagte ſie mit eindringlichem Tone, der zugleich flehend klang, daß er ſich beruhigen möge. „Du ſiehſt ihn nicht— ich aber ſehe ihn. Er hat mir geſtern gewinkt. Ja, ich bin ihm gefolgt bis hieher, aber nun ſoll er mich auch liegen laſſen, verkrümmt und zerſchlagen, wie ich bin. Luſtiger freilich wär's, Kathi, wenn wir Zwei im ſchönen Mondlicht draußen durch die Tannen ſtreifen könnten— iſt nicht ein ſchwacher Spürſchnee gefallen? Kannſt Bache vom Friſchling unterſcheiden, Mädel? Den Hund haſt Du brav ge⸗ 70 troffen— Gott bewahre mich, daß ich mehr von Dir verlange!“ Ihr Herz klopfte in immer heißern Schlägen; wenn ſeine Gedanken dieſe Richtung nahmen, glaubte ſie jeden Moment, er werde mit raſcher Hand einmal den Schleier herabreißen, deſſen düſteres Geheimniß ſie bis jetzt nur ahnen konnte. Was auch geſchehen war, als ſie ihn an jenem verhängnißvollen Tage allein gelaſſen hatte, um ihr Fräulein in ihrer tiefſten Betrübniß um den Tod des Vaters aufzuſuchen, es war nie zwiſchen dem Alten und Kathi beſprochen worden. Aber ſie zitterte vor dem Wort, das ihre faſt zur Gewißheit geſtiegene Furcht be⸗ ſtätigen mußte— da ſprang ſein wandernder Geiſt wieder⸗ um ab davon. „Mein gnädiger Herr wird ſchon wieder kommen,“ ſagte er.„Ich kenne ihn beſſer! D'rauf und d'ran! Feſt in die Steigbügel getreten, den Degen hart gefaßt! Trom⸗ peten an's Maul, ihr bunten Schlingel— zum Galopp blaſen! Standarte voran! Wer läßt den Rittmeiſter im Stich? Wir haben ihn herausgehauen— er kommt ſchon wieder. Dann wird's auch mir wieder gut werden, Kathi!— Du gehſt morgen mit mir zur Beichte?“ Von dieſer überraſchenden Frage, welche er noch niemals gethan, wallte des Mädchens Herz auf.„Ja 71 Vater, das wollen wir thun!“ rief ſie mit unausſprech⸗ licher Inbrunſt. Er ſagte kein Wort mehr, er lag ſtill, und nach eini⸗ ger Zeit glaubte Kathi an ſeinen regelmäßigen Athem⸗ zügen zu hören, daß er wiederum eingeſchlafen ſei. Eigent⸗ lich war das ganz gegen ſeine Gewohnheit, da er ſonſt am Tage zu ſchlafen pflegte und meiſt die ganze Nacht abwechſelnd in ſeinen wirren Reden ſich erging, während Kathi am Lager ſaß, die ſich nur gegen Morgen, oder wenn es am Abende möglich war, ein Paar Stunden Schlummer ſtahl. Heute, da er ſich auf ungewohnte Weiſe beruhigt hatte, kam es auch wie ein ſanfter Frieden über Kathi's Gemüth. Der Gedanke, den er zuletzt ausge⸗ ſprochen' hatte, morgen mit ihr zur heiligen Stätte zu gehen und in der Beichte den Segen der Buße zu ſuchen, war gewiß auch für ihn ein troſtreicher geweſen, der ihm nun Stille und Frieden in die Seele gebracht hatte. Wie glücklich war Kathi in dieſem Gedanken! Wie gern wollte ſie alle ihre Kräfte aufbieten, den Vater, der ſich nur mühſam fortſchleppen konnte, zur Kirche zu führen, ſelbſt wenn es nöthig wurde, auf ihren Schultern zu tragen! Sie wachte noch eine geraume Zeit, endlich legte ſie ſich zu Füßen des Vaters, wo ihre eigene Lagerſtatt bereitet war, nieder und ſank dann gleich in einen ſüßen, feſten Schlaf.* 72 Die lange Winternacht war im Scheiden. Am Himmel funkelten noch die Sterne, deren Licht nach Mon⸗ desuntergang wieder an Stärke gewonnen hatte, aber der Oſten wurde bereits hell und die Kälte nahm empfind⸗ lich zu. Da nahten mehrere Männer der entlegenen Hütte, in welcher Kathi mit ihrem Vater ſchlief. „Iſt es auch recht hier? Du ſchauſt Dich noch gar verdächtig um.“ „Ich bin meiner Sache ganz gewiß,“ verſicherte der Befragte. „Leuchte her! Wo iſt die Thüre?“ Gleich darauf erklangen ein Paar dröhnende Schläge, welche in der Hütte auch den feſteſten Schlaf brechen mußten. Es regte ſich aber nichts. „Wir ſchlagen ſie ein,“ ließ ſich eine brummende Stimme vernehmen. „Laßt das bleiben!“ befahl der Nächſte an der Thüre, welcher der Anführer zu ſein ſchien. Er klopfte noch einmal ſtärker an, und als er drinnen endlich ein Geräuſch hörte, rief er:„Macht auf, wenn ihr nicht wollt, daß die Thüre mit Gewalt geöffnet wird!“ „Wer kommt denn hier zur Nachtzeit bei einer armen Witwe einzuſprechen?“ fragte es von Innen. „Das wird ſie gleich ſehen,“ antwortete der Klopfer barſch.„Wir kommen im Namen der Obrigkeit.“ Einen Moment war drinnen Alles ſtill, dann hieß es:„So können auch andere Leute ſagen! Die hohe Obrigkeit wird es einer armen Witwe nicht verdenken, wenn ſie ihr Haus bei Nacht verſchloſſen hält. Kommt bei Tage— da ſteht es offen. Ich habe nichts begangen und brauche mich vor der Obrigkeit auch nicht zu fürchten.“ Ein Wink des Anführers, und unter donnernden Schlägen krachte die Thüre in ihren Angeln. „Haltet ein! Ich will ja aufmachen!“ kreiſchte die Frau.„Ihr ſchlagt mir Alles entzwei!“ Die Thüre öffnete ſich wirklich, und von der vorgehaltenen Laterne beleuchtet ſahen die Männer die in einen groben Mantel verhüllte Geſtalt auf der Schwelle, von welcher es ſchwer zu unterſcheiden war, vb Mann oder Weib. „Sie hat einen Einlieger im Haus— wo iſt der?“ herrſchte ſie der Anführer an. „Einen alten lahmen Soldaten, ja! Einen Zelt⸗ bruder meines ſeligen Mannes, den ich aus Chriſten⸗ pflicht bei mir aufgenommen hatte. Mit dem werdet Ihr doch nichts ſchaffen wollen?“ Ohne weitere Antwort ſchob ſie der Bewaffnete zur Seite und die Männer drängten ſich in das Haus. Es waren ihrer Vier, drei davon aber nur mit Wehren ver⸗ ſehen, der vierte trug eine Laterne. „Wo haſt Du den Landläufer?“ fuhr der Anfüh⸗ 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 74 rer wieder die Frau an, welche mit ihnen in die leere Stube kam.„Mach' nicht viel Umſtände, ſonſt geht Dir's übel.— Einer beſetze die Hausthür'!“ befahl er gegen die Schergen gewandt, von denen der Nächſte ſofort um⸗ kehrte. „Nun wenn's denn Gewalt gilt— ich bin ein Sol⸗ datenweib und weiß, daß dagegen nichts zu machen iſt. Geht da hinein, da werdet Ihr den alten Mann finden!“ „Nehmt Euch in Acht, Herr!“ raunte der Mann mit der Laterne dem Anführer zu.„Es ſind ihrer Zwei d'rin— das Mädel ſchießt, wie'n Scharfſchütz. Wer zuerſt hinein geht, kann Blei zu ſchlucken kriegen!“ „Alſo Du voran!“ befahl der Anführer.„Du haſt ſie verrathen, Du kannſt den Weg zeigen. Vorwärts! Wir machen kein Federleſens mit Dir, wenn Du Dich ſperrſt.“ In großer Angſt klopfte der Bedrohte an die Thüre der Hinterſtube.„Jungfer Kathi!“ rief er ſchüchtern. „Wenn Sie d'rin iſt, ſo mache Sie um Gotteswillen ge⸗ duldig auf, und laſſe die Herren von der Obrigkeit ein. Es ſind ihrer ſechs, und Sie wird kein Unglück anrichten wollen—“ Da trat aber ſchon der ungeduldige Führer der Schaarwache ſtark mit dem Fuße gegen die Thüre, daß ſie wich, und ſchob den Knecht vor ſich in die finſtere Stube hinein, wo die Lampe längſt erloſchen war. Der b 70 Schein der Laterne zeigte aber den neugierigen Blicken ein ſchlankes Mädchen, das in kühner Haltung mit fun⸗ kelnden Blicken vor ihnen ſtand, als wolle ſie den Mann auf dem Lager, den ſie auch bemerkten, vertheidigen. Der Laternenträger hielt ſeine Leuchte ſo, daß er völlig im Schatten blieb. Aber es ſollte ihm nichts helfen. „Iſt das der Mann und das Frauenzimmer, wel⸗ ches Du angegeben haſt?“ fragte ihn der Führer un⸗ freundlich. Er ſtotterte etwas, das nicht recht zu verſtehen war, denn er hatte bei Kathi's Anblick ſeine ganze Faſſung ver⸗ loren. „Was wollt Ihr von uns?“ rief das Mädchen mit erhobener Stimme. „Euch feſtnehmen! Alſo nur aufgeſtanden, Mann! Ihr ſeht, aller Widerſtand wäre umſonſt!“ „Mein Vater iſt krank, kann nicht gehen— was haben wir verbrochen, daß Ihr uns in der Nacht über⸗ fallt?“ „Das werdet Ihr ſelber am beſten wiſſen und wird Euch ſchon von andern Herren abgefragt werden auf eine oder die andere Weiſe. Dein Vater kann nicht gehen— nun wir wollen ihm Beine machen—“ „Um Gottes Barmherzigkeit willen! Er iſt ein kranker, elender Mann— thut ihm nichts!“ rief Kathi 5 iei 76 in höchſter Angſt, und die Soldatenwitwe, die mit herein gekommen war, ſtellte ſich dreiſt an ihre Seite. „Schämt Ihr Euch nicht,“ rief ſie mit ihrer hellen Stimme,„Leute zu mißhandeln? Iſt die Obrigkeit nicht da? Wenn's ſein muß, nehmt ihn mit, aber gehen kann er nicht, wenn er halb getragen wird—“ „Ich will ihn ſchon führen, geſtrenger Herr!“ ſagte Kathi, deren Muth ganz gebrochen ſchien.„Be⸗ fehlt nur.“ „Das hält uns zu lange auf— haſt keine Trage, Mutter? Fortgeſchafft wird er, todt oder lebendig, verlaß Dich auf mein Wort. Alſo ſchaff' eine Trage oder ein Paar Stangen. Die Jungfer geht ohnehin mit, auf ſie lautet mein Befehl auch. Nun, alter Geſelle, Ihr rührt Euch ja gar nicht?“ Der Mann auf dem Lager gab kein Lebenszeichen von ſich, es war, als habe ihn das plötzliche Ereigniß wie ein Schlagfluß getroffen. Als das Licht auf ſein blaſſes, vom Bart umſtarrtes Geſicht fiel, konnte man aber ſehen, daß ſeine Augen raſtlos von Einem auf den Andern blitzten. Der Ausdruck ſeiner Blicke war eher ein freu⸗ diger zu nennen, als daß er Beſorgniß verrathen hätte, und Kathi mußte an manche Aeußerung denken, die nun ihre Rechtfertigung fand. Es geſchah nun, was er zuwei⸗ len erſehnt hatte. 77 Die Witwe hatte die Trage herbeigeſchafft, ſie lei⸗ ſtete Kathi Hülfe bei dem alten Zeltbruder ihres Mannes, dem man nur eben Zeit gab, angekleidet zu werden, dann legten ſie ihn mit einer Decke gegen den Froſt, welche ſie ihm noch mitleidig reichte, hinauf, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung. Zetzt erkannte endlich Kathi den Haus⸗ mann aus Meidling, welcher ſie verrathen und die Scher⸗ gen hieher geführt hatte. „Seid Ihr's wirklich?“ rief ſie ſchmerzlich. „Ich bin's, Jungfer Kathi!“ ſagte er, der ſich nun ſchon wieder verhärtet fühlte.„Hochmuth kommt vor'm Falle.“ Sie erwiederte nichts; der Anführer der Schaar⸗ wache jedoch, welcher hier einigen Zuſammenhang ahnen mochte, hieß ihn rauh und verächtlich voran leuchten, während ſie das Haus verließen. „Weine nicht, Kind!“ tröſtete die alte Frau, welche an der Schwelle zurückblieb.„Es wird ſo ſchlimm nicht werden.“ „Um mich habt keine Sorge, Mutter Merſe,“ ſagte Katharina. Draußen war es unterdeſſen ſchon ziemlich hell ge⸗ worden, ſo daß man alle Gegenſtände deutlich unterſchei⸗ den konnte.„Löſch' nur aus!“ befahl der Führer dem voranſchreitenden Knechte.„Du leuchteſt dem jungen Tage —— 78 die Augen aus.“ Der Knecht gehorchte und ließ nun den beiden Männern, welche den Gefangenen trugen, den Vortritt. Neben ihrem Vater ging Kathi und neigte ſich zuweilen zu ihm herab, um zu lauſchen, ob er ihr viel⸗ leicht etwas zu ſagen habe, was aber jedesmal einen harten Zuruf von dem Anführer, der hinter der Tragbahre ſchritt, zur Folge hatte. Sie ließ ſich dadurch nicht abſchrecken, und die Schergen hatten ſelbſt Mitleid mit ihr, als ſie es wagte, dem Vater leiſe zuzuſprechen. Auf einmal ſprang ſie zur Seite, ſchnell und ge⸗ wandt wie ein Reh, und ehe ſich Einer recht beſinnen konnte, war ſie entflohen.„Setzt nieder! Lauft ihr nach, fangt ſie ein!“ ſchrie der Hauptmann. Seine Häſcher gehorchten, er ſelbſt blieb zur Bewachung bei dem Ge⸗ fangenen zurück, und der Knecht aus Meidling mit ihm. Aber es war für die Verfolger zu ſpät. Kathi hatte den Moment und den Ort zur Flucht mit ſchnellem Blick rich⸗ tig gewählt, die nächſte Umgebung war nicht recht zu überſehen, Strauchwerk und Zäune deckten die Richtung, welche ſie genommen hatte; nur noch ein einziges Mal bekamen die Männer, die ihr nachſetzten, im Dämmer⸗ lichte ihre ſchlanke Geſtalt von fern zu ſehen, wie ſie durch eine Hecke ſprang, dann war ſie verſchwunden, und da der Vorſprung, welchen ſie genommen hatte, überhaupt ſchon zu groß war, um ſie noch einzuholen, ſo kehrten ſie 79 verdrießlich zu ihrem Hauptmann zurück, der ſie tüchtig ausſchalt. Sie nahmen nun ihre Laſt wieder auf, und der Angeber, welchem bei Kathi's Flucht ein Stich durch das Herz gegangen war, fragte kleinmüthig, ob er jetzt gehen könne, da er doch nichts weiter nütz ſei. „Nütz biſt Du nichts, das glaub' ich ſchon,“ ſagte der Führer.„Aber gehen kannſt Du nicht. Haſt Du einmal die Sache eingerührt, mußt Du ſie auch in Rich⸗ tigkeit bringen. Wir brauchen Deine Ausſage noch. Ich kenne Dich nicht, Du kannſt ebenſo gut ein Schelm, als ein ſicherer Mann ſein. Marſch fort alſo!“ „Ich bin ein ſicherer Mann, Herr Johann Anton Riedl aus der Sanct Annengaſſe iſt mein Herp „Geht mich gar nichts an, wird ſich finden. Die Dirne hat ihren Vater im Stich gelaſſen, um ſich ſelbſt zu ſalviren; Du ſollſt erſt ein ordentlich Zeugniß able⸗ gen! Alſo nicht gemuckt!“ ———— Biertes Capitel. Prinz Eugen. Max Riedau war wieder in Wien, wohin er die ehrenvolle Sendung, die man ihm anvertraut, mit ſtürmi⸗ ſcher Freude übernommen hatte. Aber für ihn ſchien ſich hier Alles verändert zu haben. Seine Schweſter hatte er nicht mehr in ihrem gewohnten Verhältniß gefunden, da⸗ mit glaubte er ſich auch des Anlaſſes beraubt, das Kö⸗ nigsegg'ſche Haus wieder zu betreten, wie er doch mit freudig aufwallendem Herzen gehofft— die Gräfin hatte ihn bei ihrer ſonſt freundlichen Unterredung, als er ihr den Brief und die mündlichen Anträge des Grafen Karl Fidelis überbracht, nicht einmal eingeladen, wieder zu kommen: er hatte zu ſehr darauf geachtet, um es etwa überhört zu haben. Bis zu ſeiner Schweſter, zu deren Wiederſehen ihn wirklich ein brüderliches Gefühl trieb, das von all' ihrer herben Zurückweiſung nicht ertödtet worden war, hatte er bei den dreifach ehernen Mauern, welche ihre jetzige Stätte vor dem Eintritte Unbefugter ſchirmten, noch nicht vorzudringen vermocht. Sie hätte ihm viel⸗ leicht Manches aufgeklärt, das ſein Herz ſo ſchwer beunru⸗ higt hatte! Ueberhaupt aber fand er noch andere Pforten 81 verſchloſſen, die ihm in frühern Zeiten gaſtfreundlich offen geſtanden hatten. Mit dem unverzeihlichen Verbrechen, das er begangen hatte, eine ihm zugedachte hohe Ehre und Verbindung nicht zu würdigen, war er in das Nichts zurückgeſunken, aus welchem ihn nur die Laune einer vor⸗ nehmen Frau wie das hübſche Spielzeug eines Moments emporgehoben hatte. Die fürſtliche Dame hatte ſich auch bereits über ihn bei dem Concerte im Auerſperg'ſchen Hauſe gegen Graf Wratislaw genugſam ausgeſprochen. Jetzt war er wirklich wieder der arme Fähnrich von Riedau, der nichts beſaß, als ſein Pferd und ſeinen De⸗ gen, und gar nicht berechtigt war, in den Kreiſen zu er⸗ ſcheinen, wo er ſonſt, wenigſtens in den Augen der Frauen, eine ſehr vortheilhafte Rolle geſpielt hatte. Gedanken ſolcher Art mußten ſich ihm aufdrängen, als er ſich mitten im ranſchenden Faſching der kaiſerli⸗ chen Reſidenz von Allem ausgeſchloſſen ſah und ein wah⸗ res Einſiedlerleben führte, ehe er ſeine Abfertigung zur Rückkehr nach Tirol erhalten konnte. Viele Offiziere, die er kannte, waren in Wien, um die Feſte zu genießen, und wenn er ihnen begegnete, waren ſie gegen ihn herz⸗ lich und offen, wie immer, der Cameradſchaft getreu, welche im kaiſerlichen Heere von jeher die Waffenbrüder verbunden hat, aber, genauer befreundet mit Keinem der⸗ ſelben, ſuchte er ſie nicht auf, und ſie waren auch von 82 ihren Geſellſchaften und Vergnügungen zu ſehr in An⸗ ſpruch genommen, um ſich ihm zu widmen. Dem Gra⸗ fen Pio Colonna, welchen er auch einmal auf der Straße geſehen hatte, war er gefliſſentlich ausgewichen. Nicht, daß er ihn haßte— dieſem Gefühle war ſeine ritterliche Seele, wie einem niedrigen Neide, nicht zugänglich. Der Graf hatte zwar die Stelle in dem Dragoner⸗ Regimente des Prinzen von Savoyen erhalten, auf welche ſich Mar nach Allem, was ihm geſagt worden war, Hoffnung ge⸗ macht hatte; er war vielleicht noch glücklicher geweſen, wie Max an jenem Abende unſeligen Andenkens mit be⸗ bendem Herzen bemerkt zu haben glaubte—— aber das füllte Riedau nicht mit Haß gegen ihn. Er fühlte nur, daß er ein Zuſammentreffen mit ihm zu vermeiden habe, denn er wußte, daß es leicht ein hartes werden konnte, wenn er ſich der erſten Begegnung an der Tafel der Gräfin Königsegg erinnerte. Darum war er ihm auf dem Burgplatze aus dem Wege gegangen. Wenige Tage erſt befand er ſich in Wien, und ſie dünkten ihm nun eine Ewigkeit. Er hatte von dem bevor⸗ ſtehenden großen Feſte am Hofe gehört— dort würde ihm die Protection der Prinzeſſin von Holſtein, wenn er ſie noch beſeſſen hätte, den Zutritt nicht haben eröffnen können, aber er hätte vielleicht vorher in allen Häuſern, wo er damals den Zutritt hatte, die Vorbereitungen ge⸗ 83 ſehen und Theil an ihnen genommen, und nach dem Feſte wäre ihm keine einzige Scene deſſelben unbekannt geblie⸗ ben. Kümmerte ihn das Alles jetzt weniger, als er es ſonſt bei ſich ſelbſt für möglich gehalten hatte, ſo war doch immer eine Frage, ein heißer Wunſch in ſeinem Herzen wach: wird Cajetana an dem Feſte Theil nehmen, in welchem Coſtüm, als weſſen Dame? Graf Colonna! Er bebte bei dieſem Gedanken— gleichwohl, hatte er ein Recht, dem Grafen deshalb zu zürnen, wenn er ſo glück⸗ lich geweſen war, durch ſeine hohe Geburt und ſeine Connexionen ſich den Platz an Cajetana's Seite zu er⸗ obern? In dem Unmuthe, der ihn oft befiel, war es dann ſtets, wie der ſtille Zauber eines friedlich blinkenden Sterns, wenn er des letzten Wiederſehens mit Cajetana gedachte, und er erröthete dann vor dem phantaſtiſchen Spiel ſeiner Träume, das an jene unvergeßliche Momente viel ſchöne Hoffnungen knüpfte. Er wurde aus einem ſolchen Vergeſſen der Gegen⸗ wart, da er in ſeinem Quartier ſaß und auf die Straße hinabſchaute, ohne einen Gegenſtand in das Auge zu faſſen, plötzlich durch den Befehl geweckt, ſich ſobald als möglich zu dem Generaliſſimus Prinzen Eugen von Sa⸗ voyen zu verfügen. Wie von einem belebenden Strahl getroffen, ſprang er auf, kleidete ſich raſch, als wäre im Lager Allarm geblaſen, dienſtlich an und eilte zu der Wohnung ſeines Feldherrn in der Himmelpfortgaſſe, wo derſelbe vor zehn Jahren ein beſcheidenes Haus gekauft und ſeitdem in einen ſtattlichen Palaſt verwandelt hatte*). Dieſer, wie überhaupt die Bauten des Prinzen, vorzüg⸗ lich die in der Vorſtadt auf der leichten Anhöhe, wo Hildebrand für ihn im feinſten Geſchmack das Belvedere entſtehen ließ, wurden bald der ſchönſte Schmuck der Kaiſerſtadt. Mit klopfendem Herzen, aber nur freudig aufgeregt, trat Max Riedau vor den Prinzen, als dieſer ihn auf die Meldung ſogleich vorgelaſſen hatte. Der Prinz empfing ihn mit jener einfachen Freundlichkeit, die ihm alle Herzen ſeiner Soldaten gewann, weil ſie keine angenommene Maske war, ſondern ſich im Felde durch eine wahrhaft väterliche Sorge für ihr Wohl bekundete. „Ihr habt die Depeſchen aus Tirol überbracht,“ ſagte Prinz Eugen, indem er dem jungen Offizier wohl⸗ wollend in das offene Geſicht ſchaute.„Ich möchte aber von Euch noch einige Auskunft haben, wie man ſie nicht aus den geſchriebenen Berichten immer herausleſen kann. Geht's Euch gut im lieben Tirol?“ „Euer Durchlaucht wiſſen, daß es kein Land gibt beſſer kaiſerlich als Tirol.“ ²) Das jetzige Finanzminiſterium. 85 „Das weiß ich,“ erwiederte Eugen lächelnd,„und danach frage ich nicht. Ich meine, ob Ihr über etwas zu klagen habt.“ „Der Soldat wünſcht ſich's immer beſſer, als er's hat,“ antwortete Riedau beſcheiden. „Ich ſehe es ſchon an Euren Mienen, Ihr wollt nicht recht mit der Sprache heraus. Es wird wieder die alte Klage ſein.“ „Ja, Euer Durchlaucht, wenn Sie es doch befeh⸗ len— es iſt faſt wieder ſo, wie bei Semlin.“ Des Prinzen ſchönes, helles Auge blitzte.„Woran leiden die Truppen?“ fragte er. „Es iſt keine Vorſorge getroffen für den Winter, die Zufuhr bleibt oftmals weg, und wenn die braven Ti⸗ roler nicht wären, ſo ſähe es hier und da gar ſchlimm aus, denn das Geld wird knapp.“ „Auch Rückſtände?“ „Beim Regiment Herbeville wenigſtens, von den andern kann ich nicht reden. Aber bei meinem Ritt habe ich im Innthal auch von den Fußvölkern Klage gehört.“ „Dem ſoll Abhülfe geſchehen!“ ſagte der Prinz ent⸗ ſchieden.—„Wie iſt die Stimmung bei den Truppen?“ „Gut, wie immer, Euer Durchlaucht. Alles voll fröhlichen Muths.“ 86 „Und auf Krieg begierig, wie?“ fragte Eugen wie⸗ der erheitert. „Der erſte Kanonenſchuß wird mit Zubel begrüßt werden! Unſere Mannſchaft iſt wie ein feuriges Roß, das auf das Gebiß knirſcht und ſich kaum zügeln läßt.“ „Und wie mag es bei meinem Regiment ſtehen?“ fragte der Prinz, indem er ſein Ange feſt auf Max richtete. „Zweifeln Euer Durchlaucht, daß Savohen Dra⸗ goner immer das erſte iſt, wo es gilt?“ „Habt Ihr viele Bekannte in meinem Regiment?“ fuhr Eugen fort, über die Lebhaftigkeit des jungen Man⸗ nes lächelnd. „Nein, gnädigſter Herr.“ „Aber Ihr hattet doch einmal, wie mir geſagt worden iſt, den Wunſch, in mein Regiment verſetzt zu werden?“ „Der Ehre wegen, Euer Durchlaucht!“ antwortete Marx, indem ein leichtes Roth in ſeine Wangen ſtieg. „Nun, wenn es Euer Wunſch noch iſt, ſo ſollt Ihr die eben vacant gewordene Lieutenantsſtelle bei Haupt⸗ mann Wildenfels'Compagnie haben. Seid Ihr zufrieden damit?“ „Euer Durchlaucht machen mich glücklich!“ rief Mar freudig. 87 Der Prinz reichte ihm die feine Hand, welche Rie⸗ dau dankbar und ehrfurchtsvoll küßte. „Jetzt geh' der Herr Lieutenant und melde ſich bei ſeinem Oberſten, der auch in Wien iſt, ebenſo, wie es der Dienſt ſonſt vorſchreibt. In Zeit von acht Tagen kann er ſeine Abfertigung erwarten. Es wird ihm wohl lieb ſein, ſich bald zu ſeinem neuen Regiment zu begeben, wenn er auch den Faſching darüber verſchmerzen muß.“ „Ich habe vom Faſching nichts genoſſen, gnädigſter Herr. „Sonſt war der junge Herr doch bei allen Merenden anzutreffen?“ entgegnete der Prinz freundlich. „Das iſt Alles vorüber, Euer Durchlaucht.“ Der Prinz ſah ihn einen Moment forſchend an, dann that er, zum Ernſt des kaiſerlichen Dienſtes zurück⸗ kehrend, noch einige Fragen über Einzelnheiten deſſelben bei dem Corps in Tirol, und entließ dann den jungen Offizier, welcher ihm ſeinen Dank nochmals in freimüthi⸗ ger Soldatenweiſe ausſprach. „Das iſt mein Erſatz!“ rief Max Riedau, als er auf ſeinem Wege an einem der vornehmen Häuſer vorüber ging, wo er ſonſt Eintritt gehabt hatte.„Ich bin ſtolz darauf, daß ich es Euch nicht verdanke!“ Voll freudigen Gefühls, das ſich in ſeinen Zügen ausſprach, ſetzte er mit raſchen kräftigen Schrittten ſeinen Gang fort, als er 88 ſich auf einmal überraſchend von einem jungen Mädchen aufgehalten ſah. „Gnädiger Herr!“ rief es ihn mit einer ſo flehen⸗ den Stimme an, daß er ſtehen blieb, und in der Mei⸗ nung, eine Bedürftige vor ſich zu ſehen, ſchon nach einer kleinen Geldmünze griff. Wo er ſo glücklich war, konnte er eine Arme, die ihn um Hülfe anſprach, nicht abweiſen. „Schenken Sie mir nur eine Minute Gehör, gnä⸗ diger Herr,“ bat das Mädchen. „Du nennſt mich, wie es mir nicht zukommt,“ ſagte er.„Nimm aber hier eine kleine Gabe— ich bin ſelbſt arm.“ „Geld brauche ich nicht, ſondern Gnade!“ ſprach ſie mit angſthaftem Tone.„Ich kenne Sie gut, ich habe Sie im gräflich Königsegg'ſchen Palais geſehen.“ Jetzt erinnerte ſich auch Max der Züge und der Ge⸗ ſtalt dieſes Mädchens; im Königsegg'ſchen Garten hatte er ſie mit Cajetana getroffen, ſie war dann zurückgetre⸗ ten, als er ſich genähert, und es fiel ihm auch wieder ein, wie ſie dann, an dem Grafen Trautſon raſch vorüber ſchlüpfend, Cajetana's Hand geküßt und ſich eiligſt aus dem Hauſe entfernt hatte.„Jetzt erkenne ich Dich auch!“ ſagte er.„Was wünſcheſt Du von mir?“ Sie blickte ſich ſchen um— es waren keine Menſchen 89 in der Nähe, nur auf der andern Seite des Platzes gin⸗ gen ein Paar Leute, die ſich um nichts kümmerten. „Ich wollt' ſie ſchön bitten, dieſen Ring hier“— ſie zog aus ihrem Tuche ein kleines Linnenpäckchen her⸗ vor, das ſie raſch aufwickelte; ein goldner Ring mit ei⸗ nem leuchtenden Saphir kam zum Vorſchein—„dieſen Ring, wollt' ich Sie bitten, an den römiſchen König ge⸗ langen zu laſſen; es hängt meines Vaters Leben daran. Um dieſes Ringes willen wolle der König ihm Gnade ſchenken!“ Sie ſprach dieſe Worte mit zitternder Stim⸗ me und einer Angſt, die ihre ganze Geſtalt beben ließ. „Aber Mädchen,“ entgegnete er ſtaunend,„wie ſoll ich das verſtehen? Wer iſt Dein Vater und was hat er begangen, daß der König ihm Gnade ſchenken ſoll? Was hat dieſer Ring zu bedeuten?“ „Das Alles wird der König ſchon wiſſen— ſagen Sie ihm nur, daß mein Vater gefangen liegt—“ Der junge Offizier mochte ſeine eigenen Gedanken über die Bedeutung des Ringes haben, denn in ſeinem edlen und offenen Geſichte zeigte ſich eine gewiſſe Gering⸗ ſchätzung, als er dem Mädchen kurzweg ſagte: „Warum zeigſt Du den Ring nicht ſelbſt vor?“ „Ich?!“ rief ſie.„Wie ſoll ich—7 Der König kennt mich nicht, er weiß gar nichts von mir— aber 1860. IV. Im Strom der Zeit. IIM. 6 90 der Ring, der Ring, wenn er ihn ſieht, der wird ihn mahnen—“ „Mädchen, wir können hier auf offener Straße nicht länger ſtehen bleiben; in mein Quartier kannſt Du auch nicht kommen, das geht nicht— und ich muß doch erſt wiſſen, was das Alles bedeutet, wenn ich mich Deiner annehmen ſoll. Wie ich den Ring an des römiſchen Kö⸗ nigs Majeſtät gelangen laſſe, weiß ich freilich ſelber noch nicht. Wo kann ich mit Dir reden, daß es ehrbar iſt?“ Sie blickte ihn mit ihren dunklen treuen Augen an und war blutroth geworden.„Wenn Sie heut' etwa nach Gumpendorf hinaus gehen— auf dem Wege ſollen Sie mich finden. Aber um der Barmherzigkeit willen helfen Sie mir bald, es kann jeden Augenblick ſchon zu ſpät ſein.“ „Geh voran, ich werde Dir ſogleich folgen— ich habe Zeit,“ erwiederte Riedau.„Wenn ich auch nicht, wie Du meinſt, nach dem Königsegg'ſchen Hauſe gehe!“ ſetzte er hinzu. Das Mädchen legte dankbar die Hand auf das Herz und eilte hinweg. Er folgte ihr, verwundert und auf⸗ geregt über die Begegnung, deren Räthſel er bald zu lö⸗ ſen hoffte, mit gemäßigten Schritten. Sie war ihm bald in der nächſten Gaſſe verſchwunden, als er aber das Thor hinter ſich hatte und durch die menſchenleeren Strecken 91 wechſelnden Anbaus jenſeit des Glacis ſchritt, bekam er die ſchlanke Geſtalt wieder zu Geſicht; ſie ſtand zuweilen ſtill und blickte ſich nach ihm um, wartete ihn jedoch nicht ab, als ob ſie die rechte Stelle zu ungeſtörter Beſprechung noch nicht gefunden habe. Erſt ganz in der Nähe der Allee, welche zum Eingange des Königsegg'ſchen Palais führte, blieb ſie ſtehen und zog ſich, als er heran kam, ſeitwärts hinter die Biegung der Mauer, welche ſie nun völlig verdeckte. Hier fand ſie Riedau. „Ich danke Ihnen, gnädiger Herr,“ ſagte ſie de⸗ müthig.„Sie haben meine Bitte erhört.“ „Gern will ich thun, was in meinen Kräften ſteht, weil ich eine Bürgſchaft für Dich habe,“ ſprach er, mit einer Handbewegung gegen das Haus, wo Cajetana— ihm jetzt ſo nah!— weilte.„Aber Du mußt mir auch ſagen, wie Alles ſteht, damit ich weiß, daß ich für keine ſchlechte Sache rede.“ Sie ließ den Kopf ſinken und ſchwieg eine Weile. „Mein Vater liegt auf Tod und Leben im Thurm,“ ſagte ſie dann ſchmerzlich,„er hat aber einmal dem rö⸗ miſchen König einen Dienſt geleiſtet, woran ſich der gnä⸗ digſte Herr erinnern wird, ſobald er den Ring wieder ſieht, den er uns dafür geſchenkt hat. Dann wird er Gnade für Recht ergehen laſſen.“ „Wie heißt Dein Vater, damit ich Auskunft geben 6* i 92 lange Umfrage gehalten werden, wenn ihm raſch geholfen werden ſoll?“ Sie zögerte mit der Antwort.—„Der König wird 6 6 das Alles wiſſen,“ wiederholte ſie dann.„Ich darf Ihnen nicht mehr ſagen.“ „Und wo biſt Du zu finden? Wenn Deine Bitte erhört wird und ich Dir eine gute Nachricht zu bringen habe, wo find' ich Dich?“ „O mich— mich dürfen Sie nicht erſt ſuchen! Ich wache zu jeder Stunde, wo mein Vater gefangen liegt, und wenn ihm Gnade wird, ſo erfahre ich es ſchon.“ „Sage mir nur Eins. Wie biſt Du grade auf mich gekommen, den Du doch nicht kennſt, daß ich Deinen Ring beſtellen ſoll?“ „Ich kenne Euer Gnaden ſchon— wenn auch nicht lange. Aber ich wollte— einen Andern aufſuchen und bitten, da kamen Sie auf der Straße gegangen, und es war mir, wie ein Gedanke vom lieben Gott, daß ich Sie und Niemand ſonſt bitten müßte.“ „Nun, ich will mein Heil verſuchen. Zwar weiß ich noch nicht recht, wie ich es anſtellen ſoll, denn zu des Königs Majeſtät habe ich natürlich keinen Zutritt, aber ich denke— einen andern ſichern Weg zu finden. Behüt' Dich Gott! Wenn ich Dir etwas Gutes zu ſagen habe, iiit kann, und wer hat ihn verhaftet? Es kann doch keine 93 willſt Du mich nicht um dieſe Stunde morgen oder über⸗ morgen hier erwarten?“ Sie neigte ſich tief.„Euer Gnaden wollten das thun?“ rief ſie freudig. „Du biſt im Dienſte des Fräuleins,“ ſagte er, wiederum nach dem Palais zeigend. „Nein,“ ſagte ſie kopfſchüttelnd.„Wie glücklich wollte ich bei meinem gnädigen Fräulein ſein, aber dazu iſt gar keine Hoffnung!“ Sie ſagte das mit einem ſolchen Aus⸗ drucke, daß Max noch mehr fragen mußte. „Du haſt das Fräulein ſehr lieb?“ „Ach ſo lieb! Mein Leben könnt' ich für ſie laſſen.“ „Siehſt Du ſie heut'?“ Sie verneinte die Frage und ſetzte hinzu:„Wohl nimmer, bis—“ „Ich verſtehe Dich und gehe, mein Beſtes zu thun. Ich darf von dem Ringe doch zu dem, welchen ich um die Vermittelung bei dem Könige bitten will, reden? Anders würde er ſich nicht dazu verſtehen.“ „Euer Gnaden werden ſchon thun, was Recht iſt,“ erwiederte ſie demüthig. Max entfernte ſich nun und warf noch einen Blick auf das Haus, in welches er ſeine Schweſter zurück⸗ wünſchte, um durch ſie ein Recht zu haben, daſſelbe von Zeit zu Zeit, wie ſonſt, zu beſuchen. An die Schweſter 94 hatte er gedacht, als er eine Perſon ſuchte, welche die Vermittelung ſeines ſeltſamen Auftrages übernehmen kön⸗ ne. Anna war dazu gewiß ganz geſchickt, überdem ſtand ſie in Dienſten der römiſchen Königin, alſo den höchſten Perſonen wenigſtens mittelbar nah. Nur zweifelte Max, welcher durch ſeine Aufnahme in die vornehme Welt doch einige Einſicht in die Verhältniſſe eines fürſtlichen Hofes gewonnen hatte, daß es einer Dienerin ſo untergeordneten Ranges, wie ſeine Schweſter war, möglich ſein werde, ohne weitere Vermittelung durch die zweite, dritte Hand ſeinem Wunſche zu genügen, und in gewiſſer Hinſicht fürchtete er ſich auch, ſie bei einer ſo unklaren Sache, wie die mit dem Ringe, in das Vertrauen zu ziehen.— Wenn ſein Gönner, Graf Karl Fidelis, in Wien geweſen wäre, ſo hätte er wohl gewußt, daß er es in keine treuern Hände legen könne. Da kam ihm auf einmal wie ein Lichtſtrahl der Gedanke an den Obriſtkämmerer Grafen Trautſon, er begriff nicht, daß er wie verblendet, nicht früher darauf gefallen war. Graf Trautſon kannte ihn, da Karl Fidelis, mit dem er nah befreundet war, Riedau ihm empfohlen hatte; die öffentliche Meinung nannte ihn auch den ver⸗ trauten Freund des römiſchen Königs— Mar beſann ſich keine Minute länger, dem Grafen das Pfand ſeines Herrn anzuvertrauen und dadurch die Gnade der Ma⸗ jeſtät für einen Ihr erwieſenen frühern Dienſt des unbe⸗ 95 kannten Mannes, der im Kerker ſchmachtete, in Anſpruch zu nehmen. Wie freute er ſich, als ihm geſagt wurde, daß der Graf zu Hauſe ſei! Auch durfte er nicht lange im Vor⸗ zimmer warten. Trautſon hatte ſchon gehört, daß Riedau endlich die längſtverdiente Beförderung erhalten und auch ſeinen Wunſch erreicht habe, in das Dragoner⸗Regiment des Prinzen von Savoyen verſetzt zu werden. Er empfing ihn deshalb mit einem freundlichen Glückwunſch. Riedau dankte ihm und ging mit ſoldatiſcher Grad⸗ heit ohne künſtliche Einleitung gleich auf den Zweck ſeines Beſuchs.„Ich komme, dem Herrn Grafen einen Ring zu übergeben,“ ſagte er,„den ich eben zur Beſtellung an des römiſchen Königs Majeſtät erhalten habe.“ Mit dieſen Worten überreichte er dem Obriſtkäm⸗ merer das Kleinod, welches dieſer oft genug an der Hand ſeines Herrn geſehen hatte, um es nicht augen⸗ blicklich zu erkennen. So war es denn endlich gefunden und er konnte den Wunſch des Gebieters erfüllen! Stau⸗ nend und freudig fragte er Max, wie er zu dem Ringe gekommen ſei. Dieſer erzählte ihm ſein Abenteuer mit kurzen Worten und verſchwieg in ſeiner Offenheit, die keine Urſache hatte, ſich zu verläugnen, auch den Umſtand nicht, daß der Graf, gleich ihm, das Mädchen, welches ihm den Ring übergeben, ſchon im Königsegg'ſchen Pa⸗ 96 lais geſehen haben könne, wenn ſie von ihm vielleicht be⸗ merkt worden ſei. Der Graf hatte allerdings nicht auf das Mädchen geachtet, aber es war ihm lieb, daß er nun doch für etwaige weitere Nachforſchungen einen Anhalt gewonnen habe. Vor der Hand bedurfte er ja nur des Ringes: ſein Herr hatte nur verlangt, denſelben wieder zu erlangen, und dafür eine angemeſſene Belohnung im Gelde für das Mädchen, das ihm durch ſeltene Entſchloſ⸗ ſenheit einſt wenigſtens einen böſen Sturz erſpart hatte, ausgeſetzt. Daß ſie jetzt dafür eine ganz andere und wichtige Gnade in Anſpruch nahm, wollte er dem Könige vortragen. Er ließ ſich noch einmal von Riedau genau wiederholen, was ſie über ihren Vater und deſſen Gefan⸗ genſchaft ausgeſagt hatte— dem Grafen war es kein Geheimniß, welches Verbrechens man den flüchtigen Be⸗ wohner der verfallenen Hütte bei Meidling beſchuldigt hatte, und nach Allem, was er damit in Verbindung bringen konnte, war es eben kein Anderer, als den ſein Herr einſt im Thiergarten getroffen hatte. Aber er wußte noch nicht, daß man ſeiner endlich habhaft geworden, und auch ſein Gebieter konnte es noch nicht wiſſen, ſonſt würde er ihm heute, wo er ihn ſchon geſehen hatte, ein Wort davon geſagt haben. „Ich übernehme die Beſtellung,“ ſprach Trautſon, nachdem Riedau ſeine Meldung wortgetreu wiederholt 97 hatte.„Was Seine Majeſtät beſchließen wird, kann ich nicht ſagen. Es kommt wohl vor Allem auf das Ver⸗ gehen an, welches man dem Gefangenen zur Laſt legt. Ebenſo wenig kann ich Ihnen verſprechen, Ihnen mitzu⸗ theilen, was Seine Majeſtät beſchließen— ich bin dazu nicht ermächtigt.“ Das hatte ſich der junge Offizier nicht überlegt. „Es thut mir leid, dem armen Mädchen gar keinen Troſt bringen zu können,“ ſagte er. „Den Troſt wenigſtens können Sie ihr bringen,“ erwiederte Trautſon nach kurzem Beſinnen,„daß Seine Majeſtät den Ring, welcher Ihr zurückgeſtellt wird, huld⸗ reich aufnehmen und ſich des Dienſtes, wenn ein ſolcher geleiſtet worden iſt, wohl erinnern werden. Mehr kann ich Ihnen nicht ſagen, und es wird wohl auch für das Mädchen genug ſein, um in Geduld zu erwarten, was beſchloſſen wird. Sie ſoll nur auf jeden Fall angeben, wo ſie zu finden iſt. Wollen Sie ſich noch einmal mit ihr bemühen?“ „Ich habe es ihr zugeſagt, ohne daß ſie mich ge⸗ beten hat. Mein Wort muß ich halten!“ Der Graf billigte das und fragte, nun dieſe An⸗ gelegenheit erledigt war, nach andern Verhältniſſen, welche Mar ſelbſt betrafen. Dieſer gab ihm Beſcheid, ſeine Ver⸗ hältniſſe waren ſo einfach, daß ſie wenig darüber be⸗ 98 richten ließ; dann bat er Trautſon, wenn er ihm Auf⸗ träge nach Tirol für den Grafen Königsegg mitzugeben habe, ſie ihm noch in dieſer Woche anzuvertrauen, da er Befehl erhalten habe, ſich binnen acht Tagen reiſefertig zu machen. Trautſon ſagte ſie ihm zu. Als Riedau ihn verlaſſen hatte, ſäumte der Obriſt⸗ kämmerer keinen Augenblick, ſeinem Herrn die erwünſchte Mittheilung zu machen und ihm den Ring zu überreichen. Da er ſtets Zutritt hatte und grade in letzter Zeit man⸗ cher Anlaß geweſen war, daß ihn der König zu unregel⸗ mäßigen Zeiten hatte rufen laſſen, ſo erregte es kein Aufſehen, daß Graf Trautſon ſich heute ſchon zum zwei⸗ ten Male melden ließ. Der König war jedoch etwas überraſcht. „Hannibal vor den Thoren, Leopold?“ fragte er, als er Trautſon's ernſtes Antlitz erblickte. „Ich bringe Eurer Majeſtät den Ring, welchen Sie befohlen haben.“ Der König nahm ihn angenehm überraſcht in Em⸗ pfang.„Erzähle!“ befahl er in der vertraulichen Anrede, welche er in beſonders freundlicher Stimmung gegen den Freund gern gebrauchte. Trautſon berichtete, was ihm der junge Offizier gemeldet hatte, und des Königs Blick wurde plötzlich ernſt. „Das verlangt ſie!“ ſagte er kurz. Trautſon konnte — 99 ſeinem Berichte nichts hinzufügen und geſtattete ſich kein Wort, das auf die Entſchließung ſeines Herrn irgend einen Einfluß hätte üben können. Der König betrachtete den Ring eine Weile, dann ſchloß er ihn in ein Fach des Schreibtiſches, an welchem er ſaß, und ſprach:„Den Lauf des Rechts kann ich nicht aufhalten. Es thut mir leid um das Mädchen, aber ich kann hier nicht helfen. Soll ein Dienſt, den man mir geleiſtet hat, das Recht geben, ungeſtraft Verbrechen zu begehen, wohl gar einen Mord? Das Gericht ſitzt über ihn im Namen der Kaiſerlichen Majeſtät. Iſt er unſchul⸗ dig, ſo wird ihm kein Haar gekrümmt werden— iſt er ſchuldig, ſo darf Ich das Recht der Gnade nicht üben, das nur meines Herrn und Vaters Majeſtät zukommt. Und wollte ich um Gnade bitten, ſo kann ich es nimmermehr für einen überführten Mörder. Hab' ich Recht, Leopold?“ „Eure Majeſtät hören ſtets auf die Stimme der eigenen, lautern Ueberzeugung.“ „Für das Mädchen aber werde ich ſorgen,“ fuhr der König ſichtlich erleichtert fort.„Das übertrage ich Ihnen. Sie haben meinen Wunſch, den Ring wieder zu haben, ſo glücklich erfüllt, daß ich nun die Sorge, dafür den reichlichſten Erſatz zu geben, mit unbeſchränkter Vollmacht in Ihre Hand lege.“ „Um die Wiedererlangung des Ringes habe ich 100 keine Verdienſte,“ erwiederte Trautſon.„Alle meine Be⸗ mühungen, die ich nur mit Vorſicht betreiben konnte, ſind geſcheitert, und nur der Zufall hat mich heut' begünſtigt, daß ſich Eurer Majeſtät Befehl endlich erfüllte. Ich werde dem heutigen hoffentlich beſſer nachkommen. Geruhen Eure Majeſtät nur, mir eine Beſtimmung zu ertheilen, was dem Mädchen, für den ſchlimmſten Fall, ich meine, wenn ihr Vater des Verbrechens überführt wird—“ „Nein, Graf Trautſon,“ unterbrach ihn der König. „Handeln Sie mit unbeſchränkter Vollmacht ganz nach Ihrem eignen Ermeſſen. Ich gebe Ihnen im Voraus meine volle Zuſtimmung zu Allem, was Sie thun werden, und entbinde Sie nicht allein von allen Verantwortlich⸗ keit, ſondern auch von jedem Berichte über das, was ge⸗ ſchehen iſt. Ich weiß, indem ich es in Ihre Hand lege, daß die Sache abgethan iſt, und weiter will ich nichts wiſſen— hören Sie, Graf Trautſon? Nur Eins bedinge ich mir, daß der Erſatz eines kaiſerlichen Erzherzogs würdig iſt und keine rückſtändigen Schulden auf meinem Namen haften bleiben.“— Mit dieſem halben Scherze brach der König die Unterredung über dieſen Gegenſtand ab und lenkte ſie auf einen andern, der für ihn von höherer Wichtigkeit war. Er betraf die Kriegsbereitſchaft für den ernſten Fall, der nach den neuſten Nachrichten aus Spanien nicht mehr lange ausbleiben konnte. Fünftes Cagitel. Des Raubſchützen Tochter. Zwei Tage war Mar Riedau vergeblich in Gum⸗ pendorf geweſen, um dem Mädchen, das ihn um ſeine Vermittelung gebeten hatte, den Ausfall derſelben mitzu⸗ theilen. Graf Trautſon hatte ihn nach ſeiner Audienz bei dem römiſchen Könige nochmals zu ſich eingeladen und ihm den Auftrag gegeben, die Perſon zu einer ge⸗ wiſſen Stunde zu ihm zu beſcheiden, da er ſelbſt mit ihr zu ſprechen habe; ihn aber zugleich dabei gebeten, gegen keinen Menſchen über den Vorfall etwas zu äußern, weil es Seiner Majeſtät unangenehm ſein werde, Ihren Na⸗ men in Verbindung damit geſetzt zu ſehen. Der Graf hatte keinen Anlaß gefunden, Riedau zu verſchweigen, welcher Art der Dienſt geweſen ſei, für welchen der König dem Mädchen in ſeiner Großmuth den Ring geſchenkt hatte, nicht ahnend, in welche Hände derſelbe kommen werde. Max erſtaunte nicht wenig, als er weiter erfuhr, daß er es mit der Tochter des Mannes zu thun habe, gegen welchen er, in der Meinung, daß es auf eine ganze Bande ſei, mit ſeinen Reitern einen bewaffneten Streiſ⸗ zug unternommen hatte. Um ſo dringender wünſchte er, 102 ſie wieder zu ſehen. Graf Trautſon hatte ihm noch aus⸗ drücklich aufgetragen, dem Mädchen für ſich volle Sicher⸗ heit zu verſprechen, auch die beſten Ausſichten auf eine gute Zukunft zu eröffnen, über welche er eben Rückſprache mit ihm nehmen wolle. Als nun Riedau zweimal ver⸗ gebens zu derſelben Stunde, wo er ſich nach Gumpendorf beſchieden hatte, an Ort und Stelle geweſen war, hatte er ſchon im Sinne gehabt, im Königsegg'ſchen Palais bei dem Fräulein von Feldberg nach ihr zu forſchen; da ihm aber der Obriſtkämmerer verboten hatte, gegen irgend Jemand über dieſe Angelegenheit zu ſprechen, ſo hatte er es nicht auf ſeine eigene Hand thun wollen und fragte nun erſt um die Ermächtigung an. Er knüpfte daran noch andere Hoffnungen für ſich ſelbſt, die ihm das Herz unruhig ſchlagen ließen, als er Trautſon die Frage vortrug. Dieſer bemerkte wohl, daß Max, der keiner Vorſtellung fähig war, noch einen Nebengedanken hatte, doch war er fern davon, wie ein Weltmann von minderer eigener Lauterkeit vielleicht gethan haben würde, eine nie⸗ drige Abſicht zu vermuthen. Er forſchte nicht weiter dar⸗ nach, nur konnte er nicht damit einverſtanden ſein, der Sache noch mehr Verbreitung zu geben, weil eine Nach⸗ frage im Königsegg'ſchen Palais doch eine Erklärung nothwendig gemacht hätte. Bei nächſter Gelegenheit wollte er vielmehr ſelbſt Cajetana, wie zufällig, nach dem Mädchen ——,—— 103 fragen, das ihr in ſeiner Gegenwart ſo zärtlich, faſt konnte man ſagen, leidenſchaftlich die Hand geküßt hatte, wobei ſich dann vielleicht irgend ein Anknüpfungspunkt zu wei⸗ tern Ermittelungen bieten werde. Riedau, als er dieſe An⸗ ſicht des Grafen hörte, erbot ſich, noch einmal, und wenn es ihm lieb ſei, jeden Tag, ſo lange er noch in Wien ver⸗ weile, das Mädchen an dem Orte, wohin ſie ihn ſelbſt geführt habe, aufzuſuchen, Trautſon nahm es aber nur noch für ein einziges und letztes Mal an. Diesmal war Max glücklicher. Er fand das Mäd⸗ chen wirklich auf einem Erdhügel, verdeckt durch die Gar⸗ tenmauer ſitzend, den Kopf in die Hand geſtützt, anſchei⸗ nend voll tiefer Traurigkeit. Als ſie ſeiner anſichtig wurde, ſprang ſie auf und kam ihm mit hoffnungſtrahlenden Augen entgegen. „Euer Gnaden haben mir geſagt, Sie wollten mir etwas Gutes bringen!“ rief ſie. „Das bringe ich Dir auch!“ erwiederte er.„Zwei⸗ mal bin ich ſchon hier geweſen—“ „Ich konnte nicht kommen,“ ſagte ſie wieder finſter blickend.„Sie haben mich gejagt, gehetzt, wie ein wildes Thier—— Aber was bringen mir Euer Gnaden? Hat mein Ring eine gute Fürbitte gethan?“ „Ich habe ihn an den Herrn Obriſtkämmerer Seiner Majeſtät gegeben, da ich doch ſelbſt keinen Zutritt beim 104 Könige habe. Du kennſt den Herrn, haſt ihn ſchon ge⸗ ſehen; es war derſelbe, der aus dem Zimmer der Frau Gräfin kam, weißt Du? und der mit dem Fräulein ſprach, ehe Du Dich hinweg machteſt.“ „Der war's?“ rief Kathi mit aufblitzenden Augen. „O ja, den kenne ich wohl. Der hat mich auch gehetzt, ſein Pferd gegen mich geſpornt, um mich niederzureiten—“ ihr Ton klang bitter und hoffnungslos, als ſie hinzuſetzte: „Und dem haben Sie meinen Ring gegeben?“ „Kind, da biſt Du wohl im Irrthum! Graf Traut⸗ ſon thut keinem Menſchen weh, er iſt der gütigſte, freund⸗ lichſte Herr, dem Du ganz vertrauen kannſt. Gewiß iſt es ein Anderer geweſen, mit dem Du ihn nun verwech⸗ ſelſt. Er verſpricht Dir mit ſeinem Worte als Edelmann volle Sicherheit für Deine Perſon und die beſten Aus⸗ ſichten für Deine Zukunft, wenn er erſt mit Dir Rück⸗ ſprache genommen hat. Ich werde Dir ſeine Wohnung und die Stunde ſagen, wo Du ihn zuverläſſig triffſt. Er wird Befehl geben, Dich gleich vorzulaſſen.“ „Und was iſt aus meinem Ringe geworden?“ fragte Kathi, welche kaum auf ihn hörte in ihrer Ungeduld. „Der Ring iſt bereits wieder in den Händen Seiner Majeſtät— Du ſollſt dafür den reichſten Erſatz haben.“ „Ich verlange aber nichts für mich— ich will nur Gnade für meinen Vater!“ rief ſie faft ſchreiend. —,—————— 105 „Sprich nur mit dem Grafen Trautſon,“ tröſtete ſie Riedau.„Ich kann Dir weiter nichts ſagen.“ „Hat der König meinen Ring, und hat doch kein Wort der Gnade geſprochen—*!“ „Wie ſoll ich es wiſſen? Ich ſage Dir, was der Graf mir für Dich aufgetragen hat— mehr weiß ich nicht, mehr kann ich nicht thun. Höre auf mich!“ Er be⸗ ſchrieb ihr genau, wo der Graf wohnte, und gab ihr guch die Zeit an, zu welcher er ihr befehlen ließ, zu erſcheinen. Sie aber ſchien kaum auf ihn zu achten, ihr Auge wan⸗ derte mit dem Ausdrucke einer großen innern Angſt, ihre Lippen zuckten, ihr Buſen hob ſich unter dem quälenden Einfluß ihrer Gedanken. „Habt Dank, gnädiger Herr!“ ſagte ſie dann und wandte ſich plötzlich von ihm ab, in entgegengeſetzter Rich⸗ tung, als die ihn hergeführt hatte, enteilend. Er rief ihr nach, daß ſie nicht vergeſſen möge, was er ihr geſagt habe; ſie gab aber keine Antwort, ſondern verſchwand bald aus ſeinen Augen. Damit war für ihn die ganze Angelegenheit beendigt, er kehrte zur Stadt zurück, um dem Grafen Trautſon den letzten Bericht darüber abzuſtatten. Am Thore begegnete er einer altmodigen, ſchwer⸗ fälligen Karoſſe, von dicken, getigerten Pferden gezogen, was damals eine beliebte und theuer bezahlte Spielart der Farbe war. Im Wagen ſaß, beinah die ganze Tiefe 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 7 106 füllend, ein ſtark beleibter Herr, welcher mit ſeinem vollen rothen Geſichte durch die Scheiben leuchtete; auch der Rückſitz war eingenommen, Mar achtete nicht darauf, durch wen. An dem ſchön gemalten Wappen auf dem Schlage, das eine beſondere Farbenpracht von Gold und Roth, Silber und Blau zeigte, hätte er bei einiger Kennt⸗ niß einen vornehmen Herrn errathen mögen, aber er ſchenkte ihm kaum einen Blick und ging mit ſoldatiſcher Geringſchätzung an dem geſpreizten Fuhrweſen vorüber. Er ſah nur noch, daß die Karoſſe den Weg nach Gum⸗ pendorf einſchlug, und wußte nun wohl, wem der Beſuch zugedacht war. Es füllte ihn mit einer Mißſtimmung, deren er ſich zwar ſchämte, die er aber doch nicht gleich zu unterdrücken vermochte. Graf Cronberg fühlte ſich jedoch in ſeinem bequemen Wagen, von ſtattlichen Tigerpferden gezogen, ſeinem ge⸗ treuen Veit gegenüber, der ſeines geringſten Winkes ge⸗ wärtig war, auch nicht behaglich. Er ging wiederum einer anſtrengenden Viertelſtunde entgegen. Die Sitte forderte es, von der Gräfin, welche bei dem morgigen Feſte ſeine Dame vorſtellen ſollte, die letzten Befehle zu erbitten. Er hatte ſeine türkiſche Kleidung geſtern erhalten und mit ſtaunenden Blicken betrachtet; ſie war vom Hofſchneider mit einiger Phantaſie in den brennendſten Farben gefertigt und zu ſeiner großen Genugthuung wenigſtens unermeßlich 107 weit, ſo daß er, als er ſie bei verſchloſſenen Thüren und Fenſterladen verſchämt anprobirt hatte, ſeinem kopfſchüt⸗ telndem Veit geſtanden, er fühle ſich darin gar nicht übel. Bei einem Blicke in den Spiegel war er dann freilich über ſich ſelbſt in ein donnerndes Gelächter ausgebrochen, das der erſchrockene Diener kaum zu dämpfen vermocht. „Ein Paſcha von wenigſtens drei Roßſchweifen!“ hatte er ſtolz geſagt. Dieſe Zuverſicht war aber heute ganz erloſchen, als er ſich wieder dem Hauſe näherte, vor deſſen Herrin er ſich eigentlich fürchtete. Ihre Augen be⸗ ſonders hatten für ihn etwas Gefährliches: ihm war, als könne vor ihnen auch der feſteſte Wille eines Mannes nicht Stand halten. Auch hatte ihre Stimme mit der fremdartigen Betonung, in welcher ſie Deutſch ſprach, einen wunderbar gebietenden Klang für den Reichsgrafen, der leider kein Italieniſch verſtand, und ſie dadurch zwang, ſich mit ihm in einer ihr nicht geläufigen Sprache zu unterhalten, was ſie nicht gern that. Und die Stimme war doch ſo ſanft, das ſchwarze Auge doch ſo ſchön! Es mochte aber wohl die Ueberlegenheit ihres Geiſtes ſein, welche er fürchtete, und wenn er ſich dachte, daß er viele lange Stunden mit ihr vereint ſein und mit ihr eine Con⸗ verſation führen ſollte, ſo wurde ihm ſiedend heiß in der kalten Winterluft, daß ſich der ehrliche Veit über die Schweißtropfen wunderte, die ihm auf die Stirn traten. 7* 108 Die Gräfin empfing ihn in einer augenſcheinlichen Verlegenheit, welche ſo auffallend war, daß ſie die ſeinige verdoppelte. Sie lud ihn ein, Platz zu nehmen, und ganz gegen ihre Art ſchien ſie gar kein Wort zu finden, das ihm den Eingang zu ſeinem ſo ſchön memorirten Für⸗ bringen erleichtert hätte. Endlich, als er ſo ſchweigend und geängſtigt vor ihr ſaß und Beide nur wenige ge⸗ zwungene Redensarten nichtsſagend genug gewechſelt hat⸗ ten, brach die Gräfin auf einmal in ein herzliches Ge⸗ lächter aus, das ihn wie ein friſcher Waſſerſtrahl belebte und unwiderſtehlich zwang, in das Lachen einzuſtimmen, ohne daß er wußte warum. Sie lachte ihn offenbar aus, er lachte mit. „Lieber Graf, es hilft doch Alles nichts— ich muß mit meiner fatalen Entdeckung an das Tageslicht treten. Ihr Sultansſtaat iſt fertig, nicht wahr?“ „Ganz fertig, gnädigſte Gräfin,“ verſicherte er froh, daß er nun endlich zum Ziele kam.„Geſtern Abend habe ich Alles erhalten vom Turban bis auf die Saffian⸗ ſchuh.“ „Und ſehr prächtig, wie ich mir denken kann?“ fragte Francesca mit einer Miene tiefen Bedauerns, die er nicht verſtand. „Ich hoffe,“ erwiederte er ſchmunzelnd in der Erinnerung ſeiner geſtrigen Toilettenprobe,„ich hoffe, 5 109 Euer Gnaden keine Schande zu machen. Das Ganze nimmt ſich, wie ich glaube, ſehr gut aus, der Mann hat weder Zeug noch Aufputz geſpart, wie ich ihm auch aus⸗ drücklich befohlen habe.“ Die Gräfin ſeufzte.„Was werden Sie zu dem Ge⸗ ſtändniß ſagen, das ich Ihnen nun ablegen muß! Aber ich verſichere im Voraus, daß ich unſchuldig bin. Denken Sie ſich— der Unglückliche hat die Maße verwechſelt.“ Der Reichsgraf machte große Augen und ſah ſie ganz betroffen an, ohne ſie recht zu verſtehen. „Sie ſind verſteinert, mit Recht! Ich war es auch. Statt des ſchönen Gewandes einer Sultanin, das ich mir nach den reizendſten orientaliſchen Märchen, die ich in jüngern Jahren geleſen, ausgedacht hatte, Ihrer Pracht, Herr Graf, gewiß durch guten Geſchmack ent⸗ ſprechend, habe ich ein abſcheuliches dunkelbraunes Kleid bekommen, Muſchelhut und Stab— kurz, aus einer über⸗ müthigen Sultanin des Morgenlandes bin ich zur Strafe meiner Sünden in eine beſcheidene Pilgerin verwandelt worden!“ Graf Cronberg war ſo verwirrt, daß er nur mit einem theilnehmenden Brummen antworten konnte. „Vor einer Minute, als ich den Anzug beſichtigen und zur Probe anlegen wollte, habe ich das Unglück erſt bemerkt!“ fuhr die Gräſin fort.„Die Zeit iſt zu kurz, 110 noch eine Abhülfe treffen zu laſſen, man verſichert mich, daß es ganz unmöglich iſt. Ich bin in Verzweiflung.“ „Nun, Euer Gnaden, es muß auch einmal ſo ge⸗ hen—“ tröſtete ſie Cronberg. „Ja, es bleibt nichts anders übrig,“ ſagte ſie.„Wie ſehr ich auch bedauere, dadurch der Ehre Ihrer Geſell⸗ ſchaft verluſtig zu gehen, weiß ich keinen andern Rath, als den Tauſch, mit welchem Sie im Grunde, hoffe ich, nicht ganz unzufrieden ſein werden.“ „Tauſch?“ wiederholte der Reichsgraf, der ſich bei dieſem Worte in kühne wunderliche Gedanken verſtieg. „Ach, ich habe Ihnen wohl die ganze Verwechſelung nicht erzählt?“ rief ſie.„Mir iſt der Kopf ganz wirr davon, ſo daß ich noch nicht zu einer vernünftigen Rede gekommen bin, wie es ſcheint. Denken Sie! Der Unſelige, welcher jene zauberhafte Tracht anfertigen ſollte, nahm mir genau Maß, und dann meiner Nichte— Sie haben Ca⸗ jetana geſehen? Wir ſind ſo verſchieden an Wuchs, Tani hoch gewachſen, ſchlank, ich dagegen klein; als ob ich eine Ahnung hätte, warnte ich ihn—“ „Und er hat die Maße verwechſelt?“ brach der Reichsgraf erheitert mit ſeiner dröhnenden Stimme los und ſchlug ſich dabei ſchallend auf den dicken Schenkel, daß die Gräfin vor Schreck ein wenig zuſammen⸗ zuckte. 111 „Sie haben es errathen,“ ſagte ſie und ſah ihn mit einer erwartungsvollen Miene an. „Ei, das iſt ja luſtig!“ rief er.„Die Türkin iſt alſo für das Fräulein gemacht und eine Pilgerin, wenn ich recht gehört habe, für die Frau Gräfin!“ „So hat es der Unmenſch beliebt. Rathen Sie uns nun, was zu thun iſt!“ „Euer Gnaden ſprachen ja von einem Tauſche—*“ nahm er den Gedanken willfährig auf. „Es bleibt kaum etwas Anderes übrig, wenn wir beide Paare nicht vom Feſte wegbleiben wollen. Denn über Kreuz zu erſcheinen, Türk und Pilgerin, und um⸗ gekehrt iſt doch nicht möglich.“ Der Reichsgraf lachte.—„Mit wem ſollte denn das liebe Fräulein gehen?“ „Graf Trautſon war zu Cajetana's Cavalier be⸗ ſtimmt; er wird ſehr unzufrieden ſein. Ihnen wäre aber der Tauſch nicht unangenehm, darf ich hoffen.“ „Nicht im Geringſten!“ verſicherte er unbedenklich. „Im Gegentheil!“ „Nun, Sie ſind ein offener, deutſcher Ritter,“ ver⸗ ſetzte die Gräfin lächelnd.„Eitel wollen Sie mich nicht werden laſſen. Nein, nein, lieber Graf! Werden Sie nicht roth— Sie brauchen ſich Ihrer Ehrlichkeit nicht zu ſchämen. Es muß alſo in dieſer Weiſe ausgeglichen wer⸗ 112 den. Ich habe Ihren Rath hören wollen, ehe ich einen Schritt unternahm; nun Sie aber derſelben Meinung ſind, daß kein anderer Ausweg möglich iſt und meine ar⸗ me Nichte doch um des Schneiders Schuld nicht des gan⸗ zen herrlichen Feſtes verluſtig werden darf, ſo will ich gleich an Graf Trautſon ſchreiben, ihm das Unglück, das ihn auch trifft, mittheilen und ihn bitten, uns wegen des eigenmächtigen Tauſches, zu dem wir gezwungen worden ſind, bei dem Oberſtceremonienmeiſter zu entſchuldigen, welcher bereits die Liſte der Paare, wie ſie als Gäſte zur Wirthſchaft kommen werden, Allerhöchſten Orts eingereicht haben mag. Sind damit einverſtanden, lieber Graf?“ Cronberg war mehr als einverſtanden damit, ſein zwinkerndes Auge, ſeine freudige Miene verrieth das, aber er durfte ſeine Zufriedenheit doch nicht ſo ausſpre⸗ chen, er mußte wieder gut machen, was er vorher in der Uebereilung Beleidigendes geſagt hatte. Die Gräfin un⸗ terdrückte jedoch jeden Verſuch dazu mit lachendem Muthe und ſagte ihm, daß ihre Nichte bis jetzt noch nichts von dem Geſchehenen ahne, jedenfalls aber mit dem Tauſch eben ſo zufrieden ſein werde, als er, wenn auch aus einem verſchiedenen Grunde: er der Perſon, ſie des ſchönen Coſtüms wegen.—„Cajetana wird reizend ausſehen in meiner Märchentracht!“ ſchloß ſie.„Neh⸗ „ 113 men Sie ſich in Acht, daß Sie nicht Ihr Herz an ſie verlieren.“ „Wäre das ein Unglück?“ fragte der Reichsgraf mit unerhörter Gewandtheit, über welche er ſich ſpäter, als er wieder im Wagen mit ſeinem Veit ſaß, im Stillen ſelbſt ein Compliment machte. Francesca lächelte fein.„Wer weiß!“ ſagte ſie. „Man ſoll mit Gefahren nicht ſpielen, hat man mir oft geſagt, leider bei mir mit wenig Erfolg; ich habe alſo kein Recht, Ihnen weiſe Lehren zu geben. Unſere Angele⸗ genheit iſt alſo klar. In Gartenſaal der Favorita ſehen wir uns morgen wieder.“ Graf Trautſon erhielt das Billet, das ihn von dem Mißverſtändniſſe des Kleidermachers in Kenntniß ſetzte und die weitere Ausgleichung des ſeltſamen Zufalls in ſeine Hand legte; es war mit einem friſchen, graziöſen Humor geſchrieben und machte auf ihn den heiterſten Eindruck. Er theilte es ſogleich ſeiner Gemahlin mit, wel⸗ che es lachend las und dann ſagte:„Glaubſt Du, daß hier nicht eine feine Hand im Spiele geweſen iſt „Aber, Reſi!“ rief er lächelnd. „Ich glaube ganz gewiß, daß der arme Schneider unſchuldig iſt!“ verſetzte ſie. „Du meinſt, die Verwechſelung ſei abſichtlich geſche⸗ hen? Nun, ich muß ſagen, ihr Frauen traut einander 114 nicht über den Weg, wie man zu ſagen pflegt. Ein Mann wäre auf den Gedanken gar nicht gekommen. Und welche Abſicht könnte die Gräfin dabei gehabt haben?“ „Das weiß ſie gewiß beſſer, als ich,“ erwiederte Marie Thereſe, indem ſie dem forſchenden Blicke ihres Gatten auswich. „Freilich könnte es vielleicht recht zum Guten für die arme Tani führen,“ ſagte der Graf, der ein Weilchen nachgedacht hatte.„Es iſt nicht ſo unmöglich, was Du mit weiblichem Scharfſinne durchſchaut zu haben glaubſt. Wenn der alte Herr gleich mit Cajetana zuſammen ge⸗ bracht wird, und findet an ihr Wohlgefallen, ſo iſt das ein grader Weg, welcher beſſer zum guten Erfolge führen kann, als der vermittelnde durch die Gräfin. Mir bleibt nichts übrig, als den Tauſch anzunehmen und meine Pil⸗ gerſchaft mit ihr, ſtatt mit der jungen Schönheit anzu⸗ treten, was meiner eiferfüchtigen kleinen Frau gewiß ganz lieb ſein wird.“ „Du haſt jetzt ſehr viel mit jungen Schönheiten zu thun,“ erwiederte ſie.„Das Waldfräulein mit dem Ringe erwarteſt Du ja heut' auch noch.“ „Ja, Reſi,“ erwiederte er.„Ich wünſche ſehr, daß das Mädchen kommt, damit ich den Befehl des Königs ausführen kann. Was mir aber der junge Riedau von ihrem Benehmen erzählt, als er ſie neulich getroffen hat, 5 —— B 115 läßt mich fürchten, daß ſie gar nicht kommen wird. Sie hat mich wohl erkannt, während ich natürlich keine Ahnung hatte, daß ſie dieſelbe ſei, welche ich damals am Kärnth⸗ nerthurme getroffen habe. Ich ſoll ſie haben niederreiten wollen, Reſi— Du weißt aber, was ich Dir erzählt habe.“ „O ja— wie eine Schlange iſt ſie unter Deinem Pferde hinweggeſchoſſen. Du brauchſt Dich nicht zu fürchten, ſie wird ſchon kommen. Umſonſt wird ſie den Ring nicht zurückgeben wollen, und wenn ſie dadurch den Vater nicht retten kann, ſo nimmt ſie die Gnade des Kö⸗ nigs wenigſtens für ſich.“ „Riedau ſagt, daß ſie mit einem Stolze geſprochen, wie eine Fürſtin—“ „Schau!“ verſetzte die Gräfin lächelnd.„Der Alte iſt am Ende ein Häuptling des namenloſen Volks, denn, wie mir immer geſagt worden iſt, ſoll dies Mädchen ja eine Zigeunerin ſein. Nun, Leopold, wenn ſie nicht kommt, ſollte ſie mir gefallen. Denn ihrem Vater, ſagſt Du, iſt nicht zu helfen.“ „Er iſt irrſinnig,“ erwiederte Trautſon.„Ich habe im Auftrage des Königs mich genau von Allem unter⸗ richtet und auch ſchon darüber Meldung abgeſtattet. Auf die Anzeige eines Mannes aus Meidling, der ihn viel⸗ leicht in der Abſicht auf eine Belohnung aufgeſpürt hatte, iſt er in der Hütte eines alten Weibes, angeblich der 116 Witwe eines Kriegsgeſellen, gefunden und verhaftet wor⸗ den. Auch ſeine Tochter. Dieſe aber hat auf dem Wege nach dem Gefängniß die Flucht ergriffen und hat bis jetzt, obgleich man ſie mehrmals zu ganz verſchiedenen Tages⸗ zeiten wieder in der Hütte der alten Frau geſucht, nicht ermittelt werden können. Im Thurme, wohin man den Vater gebracht, hat man ſich dann bald überzeugt, daß er irrſinnig iſt, was man im Anfang für Verſtellung an⸗ geſehen hatte. Ich bin ſelbſt bei ihm geweſen.“ Die Gräfin ſtieß einen Laut der Furcht und des Widerwillens aus. „Ein menſchlicher Richter hatte ihn ſchon aus dem ſchlimmen Kerker, in welchen man ihn zuerſt geworfen hatte, in eine geſündere Zelle bringen laſſen, wo er Licht und freie Luft hat und mit einem einzigen Gefangenen, der nur ein leichteres Verbrechen büßt, zuſammen liegt; dieſer hat ihn zugleich zu bewachen, daß er ſich kein Leid anthut. Ich ließ mich zu ihm führen, damit ich dem Kö⸗ nige genauen Bericht abſtatten konnte; aber es war ver⸗ gebens, daß ich an ſein Lager trat und ihm ruhig zu⸗ ſprach: er warf ſich mit Ungeduld auf die andere Seite und war zu keinem Worte zu bewegen, während er doch, wie mir der Andere verſicherte, ſonſt zuweilen ſehr viel ſchwatzen ſoll. So konnte ich dem Könige nur die Be⸗ ſchreibung ſeiner Perſon bringen, und dieſe paßte.“ 147 „Geh nicht wieder dahin, Leopold,“ bat die Gräfin. „Aus eigenem Antriebe gewiß nicht,“ beruhigte er ſie. Der Tag verging, ohne daß die Tochter des Ge⸗ fangenen erſchien, und auch am folgenden Tage ließ ſie ſich nicht blicken. Graf Trautſon mußte annehmen, daß Riedau wohl Recht gehabt, als er ihr Kommen bezwei⸗ felte, und es war ihm, der Worte des Königs eingedenk, ſehr unangenehm. Dieſer blieb ſomit, wie er wenigſtens die Sache anſah, in des Mädchens Schuld, und er hatte doch im Sinne gehabt, gegen ſie, mit Ausnahme eines Eingriffs in den Rechtsgang der Kaiſerlichen Gerichte, eine wahrhaft fürſtliche Großmuth zu üben. Die einzige Hoffnung, welche der Graf für den Fall ihres Ausblei⸗ bens noch auf Cajetana geſetzt hatte, war durch den wunderlichen Zufall— wenn es ein ſolcher war!— der nun für morgen ſtatt Cajetana's die Gräfin Königsegg an ſeine Seite führte, getrübt worden. Wie ſollte er jetzt Gelegenheit finden, auch wenn er während des Feſtes zu⸗ weilen in ihre Nähe kom, die Erforſchungen möglich zu machen, die ſich nicht durch eine kurze Frage und Ant⸗ wort abthun ließen, ſondern vorſichtig eingeleitet werden mußten? Es war nun zu ſpät. Auch wenn heute noch bei ſinkendem Abend die Dirne, an welche er ſchon mit einem ihm ſonſt fremden Unmuthe dachte, in ſein Haus gekom⸗ men wäre, er hätte ſie nicht mehr annehmen können; denn es war nun Zeit, ſich in die dunkle, einfache Pilgertracht zu werfen, welche er für das Feſt in der Favorita, recht nach ſeinem Sinne, gewählt hatte. Er fand es nun ſelbſt ganz paſſend, daß er mit der ältern Dame, ſtatt wieder⸗ um mit dem jungen Mädchen, erſcheinen ſolle. Damals bei der Schlittenfahrt war es wirklich das Loos geweſen, das über ihn entſchieden hatte; jetzt würde er in dem Be⸗ wußtſein, gleich Andern eingegriffen zu haben, nicht ganz gleichmüthig ihren Bemerkungen entgegen getreten ſein. Hatte er, der eines Königs Vollmacht beſaß, die reichſte Großmuth gegen das niedrig geborne Mädchen zu üben, auf ſie zwei Tage gewartet, daß ſie erſcheinen werde, ſich ihren Lohn zu holen, ſo war es Kathi nicht in den Sinn gekommen; ſie wollte ja nichts für ſich, nur Gnade für ihren Vater! Der König hatte nun ihren Ring, es war ihm geſagt worden, was ſie dafür er⸗ bitte— nun mußte ſie harren mit Geduld, wie der junge * ritterliche Mann ſie vertröſtet hatte, bis es dem Könige gefallen werde, das Wort der Gnade zu ſprechen. Ihre Seele hatte ja keine Ahnung, daß ihn höhere Gerechtig⸗ keit davon abhalten könne! Zu derſelben Stunde, wo Graf Trautſon es aufgegeben hatte, ſie noch kommen zu ſehen, ſaß ſie im Halbdunkel des Abends, das ſchon alle ——— 129 Umriſſe zerfließen ließ, wiederum auf den Stufen der Kirche, wo ſie allein Troſt und Frieden fand. Sie war, als nur wenige Menſchen in dem offenen Gotteshauſe beim Lichtſchein der Kerzen zu erblicken waren, verſtohlen eingetreten und hatte ſich an einem Seitenaltare auf ihre Kniee geworfen, die Stirn in tiefſter Zerknirſchung auf die Steine gedrückt, und ſo recht aus Herzensgrunde gebetet, für ihren Vater, für ihr Fräulein, für den jun⸗ gen freundlichen Kriegsmann, der ſtets mit Cajetana's Bilde vereint vor ihre Seele getreten war, noch ehe er ſich ihrer angenommen hatte, dann auch für einen Andern, bei deſſen Gedenken ihre Thränen reichlicher floſſen, und endlich, ganz zuletzt auch für ſich. Nun ſaß ſie, mit dem namenloſen Segen eines inbrünſtigen Gebets erquickt, ſtill und demüthig auf den Stufen der Kirche, um die Stunde zu erwarten, wo ſie ihren gewohnten Gang antreten konnte. Da kam eiligen Schritts ein Mann vorüber gegan⸗ gen, der, als er die dunkle Geſtalt auf der Treppe er⸗ blickte, einen Moment ſtill ſtand, gleichſam überraſcht,* dann aber ſchnell ihr nahte. „Du biſt es, Kathi!“ rief er mit unverhehlter Freude. Ihre erſte Bewegung war, zu fliehen, aber ſie be⸗ ſann ſich und kam ihm, da ſie aufgeſprungen war, ent⸗ gegen.„Ich bin es, lieber Herr,“ ſagte ſie leiſe. ——————————— ſehen?“ fragte er, ihre Hand ergreifend. Ihnen Niemand geſagt?“ gebeten, wieder zu kommen, und bin alle Tag' hier vor⸗ über gegangen, aber ich habe Dich nimmer geſehen. Wa⸗ rum biſt Du nicht gekommen, Kathi?“ Mann aus Meidling ausgeſpürt worden ſind, wo wir um Gottes Barmherzigkeit willen ein Obdach gefunden hatten, daß er uns angegeben hat bei den Gerichten, daß mein Vater in den Thurm geworfen iſt und ich gehetzt werde, wo ich mich ſehen laſſe, als wär' ich ein Thier des Waldes?“ In ihrer Stimme lag die tiefſte Bitter⸗ keit, wie ſie nur eine Ausgeſtoßene fühlen kann. er erſchüttert.„Das Alles wär' Dir geſchehen, ohne daß ich ein Wort erfahren hätte! Warum haſt Du mich nicht bufgeſucht? Du wußteſt ja, daß Du mich hier treffen konnteſt; ich würde mich Deiner angenommen haben, ſo weit ich konnte! Haſt Du ſo wenig Vertrauen zu mir, Kathi?“ 0 „Und warum habe ich Dich ſo lange nicht hier ge⸗ „Wiſſen Sie es nicht— 2“ entgegnete ſie.„Hat es „Wie ſoll ich es wiſſen! Ich habe Dich ſo herzlich „Sie wiſſen es alſo nicht, daß wir von Ihrem „Kathi, ich bitte Dich, was ſprichſt Du da?“ rief Sie ſchwieg, ihre Hand zitterte in der ſeinigen. „Niemand hat mir ein Wort geſagt!“ fuhr er fort. 121 „Und doch kann der Menſch das nicht auf ſeinen eigenen Kopf gethan haben, ohne zu fragen“— Hier unterbrach er ſich, als ob er ſchon zu viel geſagt habe, von ſeinem Unwillen hingeriſſen. Dann legte er ſanft die andere, freie Hand auf des Mädchens Schulter.„Du arme Ka⸗ thi! Ich bin freilich kein mächtiger und vornehmer Herr, daß ich Dir helfen und Deinen Vater befreien könnte. Aber dulden werde ich nimmer, daß ſie Dich mißhandeln, Du unſchuldiges Kind, und ich bitte Dich, mit mir zu kommen, jetzt grade. Du haſt keine Urſache, Dich zu ſchä⸗ men oder zu fürchten, Du kannſt Jedermann unter die Augen treten, und ich will doch ſehen, ob ſie es wagen werden, Dich zu kränken, wenn ich Dich an meiner Hand hineinführe.“ „Ich kann nicht mit Ihnen gehen,“ erwiederte ſie von ſeinen aufgeregten Worten beunruhigt.„Sie wiſſen nicht—“ „Ich weiß Alles!“ unterbrach er ſie.„O ſie haben mir von Dir Schlimmeres geſagt, als wahr iſt. Ich will Dich nun vor ihr Angeſicht führen, ob ſie den Muth ha⸗ ben werden, Dir Gerechtigkeit zu verweigern.“ „Nimmermehr!“ rief ſie, als ſie ſeine Abſicht end⸗ lich ahnte.„Ich— werde ſchon Gnade für meinen Va⸗ ter finden, ich hoffe ganz beſtimmt darauf. Laſſen Sie mich, lieber Herr, wir ſehen uns beſſer nicht mehr wie⸗ 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 8 ————————————— — der— ich danke Ihnen für Alles, was Sie freundlich an mir gethan haben—“ „Nein, Kathi! Ich laſſe Dich nicht. Ich will Dich geehrt von den Menſchen, die Dich verfolgen, ich will Dich froh und zufrieden ſehen. Du mußt mir heut' ver⸗ ſprechen, daß Du wieder kommſt.“ Sie machte ſich ſanft, aber entſchieden von ihm frei; ſie ſagte kein Wort, aber er glaubte von ihrer Hand, als ſie dieſelbe der ſeinigen entzog, das Verſprechen, um das er ſie bat, erhalten zu haben. Dann enteilte ſie ihm, ohne daß er ſie zurückzuhalten wagte. Von Cajetana war zwiſchen ihnen nicht geſprochen worden. „Aber Franzl, wie ſpät bleibſt Du aus?“ empfing den Heimkehrenden der Vater mit liebevollem Vorwurfe. „Iſt es nicht genug, daß Du früh fleißig biſt? Mußt Du auch noch bis in die ſinkende Nacht arbeiten?“ „Wo iſt die Mutter?“ fragte Franz ſtatt der Antwort. „Sie hat ſich in der Dunkelſtunde ein wenig nieder⸗ Bgelegt und iſt eingeſchlummert, wie ich glaube. Wir wollen ſie nicht ſtören. Ihr iſt ſeit ein Paar Tagen wieder recht elend zu Muthe! Wenn der liebe Gott doch helfen wollte, daß man ein Mittel fände, ſie von dieſer furchtbaren Ein⸗ bildung zu curiren!“ Er ſagte das Wort ſo leiſe und vorſichtig, daß es außerhalb der Stube auch das ſchärfſte 123 Lauſcherohr nicht hören konnte, denn er erinnerte ſich ſehr wohl, wie ſchlimm er angekommen war, als er einſt gewagt hatte, gegen ſeine Gattin von einer bloßen Ein⸗ bildung zu reden. „Weiß der Herr Vater etwas von unſerm Haus⸗ mann aus Meidling?“ fragte Franz. Der Vater ſah ihn verwundert über die Frage an. „Iſt ihm etwas geſchehen?“ „Weiß der Herr Vater, daß er die armen Leute aus dem Feldhüterhauſe angegeben hat?“ „Angegeben— wie ſo?“ fragte Riedl. „Alſo hinter Ihrem Rücken iſt das geſchehen! Ich muß die Frau Mutter fragen, ob ſie auch nichts davon weiß.“ Da war ſie ſchon zur Hand, die Frage zu beant⸗ worten. Sie ſtand, ein weißes Tuch um den Kopf, faſt geſpenſtig anzuſehen, denn ſie war wirklich leidend und blaß, in der Thüre zum Schlafgemach, wo ſie ſich eine Weile niedergelegt hatte.„Was willſt Du von mir wiſſen, mein Sohn?“ fragte ſie ungewöhnlich ſanft. Ihr Ton entwaffnete ihn.„Mutter, iſt es mit Ihrem Vorwiſſen geſchehen, was der Hausmann ge⸗ gen den alten Martin und ſeine Tochter unternom⸗ men hat?“ fragte er nur in der gewohnten, rückſichts⸗ vollen Weiſe. 8* „Ja, Franz,“ antwortete ſie.„Er hat mir davon geſagt.“ „Und die Frau Mutter hat es geduldig geſchehen laſſen, daß er unglückliche Menſchen verfolgt hat?“ „Unglücklich haben ſie manchen Andern gemacht!“ verſetzte die Mutter ſchwer ſeufzend.„Ich hab's dem Hausmann nicht geheißen, er hat nach ſeinem eigenen Gewiſſen gehandelt, verbieten konnte ich es ihm nicht.“ „Der alte Mann iſt in den Thurm geworfen wor⸗ den, die Tochter, unſchuldig wie ſie iſt—“ „Unſchuldig!“ unterbrach ihn die Mutter mit einem ſcharfen, verächtlichen Tone. „Ja, Mutter, unſchuldig, wie nur ein frommes Mädchen ſein kann!“ beſtätigte er feſt, durch den Wechſel ihres Weſens ſeinem kräftigen Entſchluſſe zurückgegeben. „Sie hat keine Urſache, Ihr Angeſicht zu ſcheuen, ſie kann mit freier Stirn vor Sie treten und Sie fragen: was habe ich gethan, daß Sie einen ſolchen Haß auf mich ge⸗ worfen haben? Und das ſoll ſie auch. Ich ſelbſt werde ſie der Frau Mutter zuführen, damit dieſem traurigen Zu⸗ ſtande ein Ende gemacht wird!“ „Franz!“ rief die Mutter in ungemeſſenem Er⸗ ſtaunen vor dieſer feſten Sprache, welche ſie nie an ihrem Sohne wahrgenommen hatte. Herr Riedl faltete die Hände und das Herz klopfte ihm in ängſtlicher Erwar⸗ 125 tung des Sturmes, der nun ausbrechen mußte. Aber ſeine Beſorgniß war unbegründet, der Sturm brach nicht aus. „Es iſt ein ſehr trauriger Zuſtand, mein Sohn,“ ſagte Frau Riedl mit halber Stimme,„Du haſt Recht. Ein Ende wird es bald nehmen, darüber kannſt Du außer Sorgen ſein. Willſt Du mir das Mädchen zuführen, ich habe auch nichts dagegen. Vielleicht thut es ihr ſelber leid, was ſie angerichtet hat, und dann wird ſie ſchon wiſ⸗ ſen, wie es wieder gut zu machen iſt.“ „Ich habe ſie heut' zum Erſtenmale wieder getrof⸗ fen—“ ſagte der Sohn gleichſam entſchuldigend. „Das glaube ich Dir; wärſt Du ſonſt ſo traurig geweſen? Sie hat Dir geklagt, nicht wahr, daß ich ſie habe verfolgen laſſen?“ „Sie hat nicht über Sie geklagt, ſie hat nur er⸗ zählt, was ihr widerfahren iſt. Mag auch dem Vater zur Laſt fallen, was ich nicht beurtheilen kann, das Mädchen iſt fromm.“ „Das kannſt Du beurtheilen?“ verſetzte die Mutter* mit ihrem alten ſcharfen Tone. „Ich glaube! Sie ſucht das Gotteshaus— ich habe ſie nie anders getroffen, als dort, ſeit ſie Meidling ver⸗ laſſen hat.“ „Sie ſoll mich heilen!“ rief Frau Riedl auf ein⸗ 126 mal heftig ausbrechend.„Dann will ich zufrieden ſein.“— Sie ging, dem Sohne noch einen bitterböſen Blick zuwerfend, nach der Küche, wo man ſie bald die Magd ſchelten hörte, ſo hell und nachdrücklich, als ſei jede Spur einer Krankheit von ihr gewichen. Der Vater winkte den Sohn zu ſich und ließ ſich von ihm Alles erzählen, was ihm von Kathi über das Verfahren ſeines Hausmanns geſagt worden war; es er⸗ füllte ihn mit gerechtem Unwillen, daß Alles eigenmächtig hinter ſeinem Rücken geſchehen ſei, und er beſchloß, den Mann ernſtlich zur Rede zu ſiellen. „Wo hauſt denn nun das arme Mädchen?“ fragte er dann mitleidig.„Wird man ſie in Ruhe laſſen, wo ſie ein Obdach gefunden hatte? Sie hat Dir wohl nicht ge⸗ ſagt, wo das iſt?“ Franz erwiederte, daß ſie es ihm nicht geſagt habe, daß er aber hoffe, ſie wieder zu ſehen. „Ich wollte wohl, wir könnten ihr helfen,“ ent⸗ gegnete der Vater.„Sie glaubt doch, daß die Verfolgung von uns ausgegangen iſt. Ich werde es mir überlegen, was zu thun iſt— aber Franzl, die Mutter iſt krank, wir dürfen ſie nicht in Unruhe bringen— es wird am beſten ſein, wir Beide als Männer behalten Alles für uns. Nicht, daß wir hinter'm Rücken der Mutter Heimlichkei⸗ ten hätten, es iſt nur, um ſie zu ſchonen. Du biſt ganz 127 meiner Meinung, lieber Sohn. Was Du auf dem Herzen haſt, mir kannſt Du es immer ſagen, wir werden dann ſchon ſehen, wie wir am beſten Rath ſchaffen können. Nun geh' in Deine Kammer und zieh' Dir den Hausrock an, daß ſie nicht denkt, wenn wir ſo lange zuſammen ſtecken, daß wir gefährliche Anſchläge ausbrüten.“ Er verſuchte, über ſeinen Scherz zu lachen, aber es wollte nicht recht glücken, und Beide trennten ſich ernſt geſtimmt. Hechstes Capitel. Maskenfeſt in der Favorita. In der Wieden, wo die neue Favorita lag, rollten die Karoſſen der vornehmen Welt, Läufer mit Fackeln vvraus, Diener hinten aufſtehend, in faſt ununterbroche⸗ ner Folge. Es bildete ſich eine Wagenreihe, welche in der Nähe des kaiſerlichen Luſtſchloſſes in's Stocken ge⸗ rieth und nur allmälig, wie ein Wagen nach dem andern vorfuhr und die zum Feſte geladenen Gäſte ausſtiegen, nachrücken konnte. Da gab es in denen, welche ſich ein wenig verſpätet hatten, und darum faſt ganz hinten ſich 128 anſchließen mußten, manchen ſtillen Seufzer, daß etwas von dem zauberiſchen Feſte verſäumt werden könne. Das war aber ſchon vorgeſehen, denn die Anfahrt war ſo früh befohlen worden, daß Alle verſammelt ſein konnten, ehe das Feſt ſeinen Anfang nahm. Die Gräfin Königsegg hatte mit Abſicht geſäumt: ſie wollte nicht lange in den Verhandlungszimmern weilen. Auch fühlte ſie, im Wagen harrend, ſo wenig Ungeduld als Cajetana, welche dem Spiele des Zufalls, das ſie nun dem Grafen Cronberg zuführte, mit klopfendem Her⸗ zen entgegen ging. Sie konnte darum auch den heitern Worten, welche die Gräfin während des Stillhaltens im Wagen an ſie richtete, nur wenig erwiedern. Endlich traf auch ſie die Reihe, und Cajetana hätte es an dem leiſen Geflüſter, an den bewundernden Blicken der ſchon verſammelten Gäſte, als ſie mit der Gräfin in den präch⸗ tigen Räumen erſchien, bemerken können, welchen Eindruck ſie machte. Sie war aber zu befangen und verlegen, um auf dieſe untrüglichen Zeichen, welche ihrer Begleiterin nicht entgingen, Acht zu haben; ſchon nahten auch die beiden Cavaliere, denen ſie zugeſellt waren. Der Reichsgraf von Cronberg hatte bereits, wie ſie, allgemeines Aufſehen erregt, wenn ſchon in anderer Weiſe. In einem Anfall von genialer Laune, vielleicht auch nicht ganz ohne äußern Einfluß, hatte der Schneider, welcher —— 129 ihn zum rechtgläubigen Moslim ausſtaffirt hatte, ſeine kühnſte Phantaſie erſchöpft, um ihn ſo grotesk als mög⸗ lich erſcheinen zu laſſen. Schon der Turban, von der grünen Farbe des Propheten, zeigte einen koloſſalen Bau, der ſich von ſchweren Falten eines weißen Shawls um⸗ wunden, wie eine Gebirgsmaſſe emporthürmte und durch einen hohen Reiherbuſch noch impoſanter geſtaltete. Der Kaftan aber, der über dem gelben, in bequemſter Weite drapirten kurzen Leibrock in ungeheuerem Umfang faſt bis auf die Erde reichte, war vom brennendſten Roth mit himmelblauen pelzverbrämten Aermeln; ein feuerfarbener Gürtel ſchlang ſich loſe und ſchmeichelnd um den jeder Einſchränkung ſpottenden Leib, unter ihm floſſen ſchnee⸗ weiße wolkig gebauſchte Pantalons zu den gelben Saf⸗ fianſtiefeln hernieder, welche einen Fuß umkleideten, wohl gemacht, eine ſo gewichtige Figur mit voller Sicherheit zu tragen. Außer den wenigen Eingeweihten war Alles ge⸗ ſpannt, wer das würdige Seitenſtück zu dieſem perſonifi⸗ cirten Faſchingsſpaß ſein würde; man erwartete beſtimmt, eine eben ſo abenteuerliche weibliche Carricatur erſcheinen zu ſehen, und hielt die Veranſtaltung ſchon für eine, nicht grade geſchmackvolle, aber doch beißende Verſpottung des Erbfeindes, den man im vergangenen Jahre endlich zum ſchimpflichen Frieden gezwungen hatte. Wie groß war 130 daher das Erſtaunen, ja man kann ſagen, die allgemeine Entrüſtung, als mit der Gräfin Königsegg, die im Pil⸗ gergewande kam, eine junge Dame— Viele kannten ſie ſchon!— als Türkin gekleidet erſchien, der ſich der wan⸗ delnde Regenbogen des Orients in ſeiner ganzen Maſſen⸗ haftigkeit ſogleich nahte, um ſie als die Seinige in An⸗ ſpruch zu nehmen. Es ging ein lautes Gemurmel durch den Saal, das nur den einen Gegenſtand hatte. Am flammendſten malte ſich der Unwille in den ſprechenden Zügen eines Cavaliers, der in altrömiſcher Tracht er⸗ ſchienen war, die zu ſeiner klaſſiſchen Geſichtsbildung und ſeinem Weſen wohl paßte und die er mit Stolz trug, denn es war ja die Tracht ſeiner Ahnen der Vorzeit in der ewigen Stadt, als ſie noch die Beherrſcherin des Erd⸗ kreiſes war. Die Toga palmata, wie ſie einſt die Ritter bei feierlichen Aufzügen getragen, vom reinſten Weiß, nach beſonderm Vorrecht mit goldenen Palmen geſtickt und mit einem breiten Purpurſaum verſehen, hatte er mit maleriſchem Faltenwurf von der linken Schulter über die Bruſt geſchlungen, daß ſie den rechten Arm frei ließ; die gleichfalls weiße Tunica mit dem breiten patriciſchen Purpurſtreifen und kurzen Aermeln umſchloß gefällig den ſchlanken Leib, von einem Gärtel feſt zuſammen gehalten; das kurze lockige Haar mit einem Lorbeerkranze ge⸗ ſchmückt hatte ſonſt keine Bedeckung. Es war eine edle, ———— 131 an die ſchönſten Gebilde klaſſiſcher Kunſt erinnernde Er⸗ ſcheinung, welche manch' ſchönes Auge ſchon theilneh⸗ mend auf ſich gezogen hatte. Als nun der Türke, den der Altrömer ſchon viel zum Gegenſtande ſeines ſchärfſien Spottes gemacht, ſich zum Sultan der bezaubernd ſchö⸗ nen Orientalin aufwarf, loderte das blendende Feuer, in welchem des Römers ſchwarze Augen ſelbſt bei ruhigem Muthe ſtrahlten, zu einer ſprühenden Glut auf, und er wandte ſich, den heftigſten Unmuth in allen Zügen ſeines Geſichts, zu der Dame, der ihn das Loos ſtatt des alten Hofkriegsrathspräſidenten, Grafen Rüdiger Stahrem⸗ berg, zugeſellt, welcher beim Carenfeſte bedeutſam genug als römiſcher Triumphator erſchienen war, heute aber nicht Theil nehmen konnte. „Nun, Fräulein Santellier, das nenne ich ein paſ⸗ ſendes Paar!“ rief er.„Es iſt, als ob die Frau Gräfin ihre Nichte vor dem ganzen Hofe der Lächerlichkeit preis⸗ geben wollte!“ Die kleine lebhafte Franzöſin hatte ſchon viel über den dicken bunten Paſcha gelacht und fand den Contraſt zwiſchen ihm und der jungen Dame gar nicht übel.„Was wollen Sie, Graf Pio?“ ſagte ſie.„Mag dergleichen bei den Herren Türken nicht oft vorkommen? Wer wehrt dem häßlichſten Muſelmanne, ſich die ſchönſte Sclavin zu kaufen? Ueberdem, es iſt ja Faſching— es freut mich, in 132 dieſem Paare den erſten Verſuch heiterer Laune zu ſehen, denn ſonſt, ich muß geſtehen, geht Alles zum Fürchten ernſthaft und langweilig ab; unter den Masken aller Nationen der Erde, die hier ſich bewegen, ſchimmert doch nur die eine ſteife ſpaniſche Grandezza hindurch und Allen wäre wohler in ihren gewohnten Perücken!“ Graf Pio Colonna hörte kaum auf ſie; ſein glü⸗ hendes Auge verfolgte alle Bewegungen Cajetana's. Was hatte er nicht verſucht, um des Glückes an ihrer Seite für dieſen Abend theilhaftig zu werden. Bei der Zahl hoher Gönner, deren er ſich rühmen konnte, hatte er mit Beſtimmtheit darauf gerechnet; um ſo größer war ſein Unmuth geweſen, als ihm in ſeiner ſtolzen Zuverſicht plötzlich der Beſcheid wurde, daß bereits ein nicht mehr abzuänderndes Geſchick über die Damen des Königsegg'⸗ ſchen Hauſes beſtimmt habe. Da hatte er im Voraus dem Begünſtigten, den man ihm nicht nannte, bittere Rache geſchworen, und es iſt leicht möglich, daß ſein auf⸗ ſprühender Zorn daraus entſprang, daß der lächerliche alte Mann, welcher ſich ihm jetzt darſtellte, gar kein Ge⸗ genſtand für ſeine Rache war, deren heiße Luſt er alſo nicht büßen konnte. Eiferſichtig auf dieſen Nebenbuhler zu ſein, war unmöglich. Ein Balſam aber lag aus die⸗ ſem Grunde doch in der unerwarteten Löſung, und er hatte jetzt nur das eine nächſte Ziel im Auge, bei der 133 Tafel, durch welche der Tanz bald nach den erſten Um⸗ gängen unterbrochen wurde, Cajetana's Nachbar zu wer⸗ den, um ſich ihre Hand ſpäter, wo die Trachten ſich un⸗ gezwungen miſchten, zu ſoviel Tänzen zu ſichern, als die Sitte nur irgend erlauben würde. Die Gräfin Francesca hatte unterdeſſen mit großer Unbefangenheit Trautſon ihren Dank abgeſtattet, daß er ihre Bitte, das Mißverſtändniß, an dem ſie nicht Schuld ſei, auszugleichen, erfüllt und ſich ſelbſt dabei zum Opfer gebracht habe. Sie hatte ſeinen Widerſpruch gegen dies Wort lächelnd als eine Pflicht der Galanterie hingenom⸗ men und war dann zu ſeiner Gemahlin getreten, wel⸗ cher ſie über ihre reizende und einfache Tracht, beſon⸗ ders über das holländiſche Häubchen, das ſie wie das jüngſte Mädchen erſcheinen ließ, einige freundliche Bemer⸗ kungen machte. „Mein armer Karl Fidelis wird heut' in ſeinem kalten Alpenlande mit ſeinen Gedanken recht viel unter uns weilen!“ ſagte ſie.„Ich will mir Alles recht ge⸗ nau betrachten, damit ich ihm eine genaue Schilderung ſchreiben kann. Der junge Riedau, welcher in den näch⸗ ſten Tagen wieder zum Heere abgeht, will meinen Brief mitnehmen.“ Graf Windiſchgrätz, der als Begleiter der Gräfin Trautſon neben ihr ſtand, pries ſein Glück, daß der ritter⸗ 134 liche Karl Fidelis im Feldlager zurückgehalten worden ſei und er an ſeine Stelle habe treten können; beim vorigen Feſte war er als Schwabe mit der Gemahlin des Feld⸗ marſchalls Stahremberg, welche zugleich bei Tafel die Ehrennachbarin des Caren abgab, geſellt geweſen. Ohne die Erkrankung des alten Helden, die auch deſſen Gemah⸗ lin zurückhielt, würde er trotz des Ausbleibens Karl's Fidelis nicht zu der heutigen Ehre gelangt ſein, er pries ſich alſo doppelt glücklich, und die Gräfin Trautſon gab ihm darauf, mit einem ſchalkhaften Aufblick zu ihrem Gemahle, ihre Hand, denn eben wurden mit großem Ge⸗ räuſch die Flügelthüren zum Saale geöffnet, in welchem die kaiſerlichen Majeſtäten, als Wirth und Wirthin in vaterländiſch öſterreichiſcher Tracht ihre Gäſte erwarteten. Ein Lichtmeer in blendender Fülle wallte durch die geöffneten Thüre den Eintretenden, wie ſie paarweiſe ge⸗ ordnet vorſchritten, entgegen. Die ganze Pracht an Sil⸗ ber und Gold zahlloſer Armleuchter und Kandelaber, deren Kerzen eine Taghelle verbreiteten, war hier entfal⸗ tet, mächtige Spiegel ſtrahlten überall das Licht zurück und verdoppelten deſſen Stärke. Cajetana hatte ſchon ein⸗ mal dieſe Räume betreten, aber nicht bei ſo glänzender Ausſchmückung und Erleuchtung, ſondern bei Tage; ſie war auch ſchon den Allerhöchſten Herrſchaften genaht und vorgeſtellt worden, dennoch machte Alles, was ſie 135 heute ſah, ſelbſt die fremdartigen Geſtalten rings um ſie her einen überwältigenden Eindruck auf ſie. Dem Reichs⸗ grafen an ihrer Seite, der ſich ſeit langen Jahren von ſolchen Feſtlichkeiten fern gehalten hatte, mochte es nicht beſſer gehen, als ihr; wenigſtens fand ſie an ihm keine ermunternde Sicherheit des Benehmens, das ihr leicht aus der unausſprechlichen Befangenheit, welche ſich ihrer bemeiſtert, geholfen hätte. Das Paar machte den kaiſer⸗ lichen Wirthen, wie die übrigen, aber halb bewußtlos vor Verwirrung, ſeine Reverenzen, und ſah ſich dann mit dem Strome fortgeriſſen, der nun, ehe der Tanz begann, in getheilten Wellen durch die feſtlichen Räume flutete. Hier fand Cajetana bald ihre Geiſteskraft wieder und ſchämte ſich, daß ſie abermals, gleich einem Kinde, von äußern Eindrücken derſelben beraubt worden war.„Was iſt es denn mehr?“ ſagte ſie mit einem gewiſſen Trotze, der jetzt in ihr erwachte, und ihr Auge blickte hell und muthig umher, die bunt gemiſchte Menge, unter der ſie ſich be⸗ wegte, zu betrachten. Die Gräfin Königsegg mit ihrem Begleiter war von ihr im Gedränge getrennt worden, doch bemerkte ſie das Pilgerpaar in einer andern Reihe und war der Gräfin dankbar, daß ſie ihr ſo freundlich zu⸗ lächelte. Manche andere Perſönlichkeit, welche ſie in Ge⸗ ſellſchaft kennen gelernt hatte, erkannte ſie wieder in der fremden Verkleidung, und es gereichte ihr nun zur Freude, 136 daß ſie ungeſtört durch ihren noch immer ſtummen Herrn ihre Beobachtungen fortſetzen konnte. Ihr Auge irrte ſu⸗ chend durch die lebhaft bewegten Gruppen— ſuchte es Jemand, den Cajetana zu finden erwartete und den ſie noch nicht geſehen hatte? Wie dem auch ſein mochte, ſo war es derjenige nicht, vor deſſen Feuerblick, als er ſie traf, ihr Auge ſich empfindlich verletzt ſenken mußte. Graf Pio Colonna hatte ſich endlich, obgleich er noch nicht mit ſeiner Dame in ihre Nähe zu dringen vermocht, Cajetana bemerklich gemacht, und die hübſche Franzöſin an ſeinem Arme, Tochter eines vornehmen Edelmannes aus Villar's Begleitung, hätte wohl fühlen können, daß ihr die Bewegung nicht galt, in welche er gerieth, als das Auge der Orientalin von dem ſeinigen in ſeiner zehrenden Glut doch endlich angezogen war. Aber ſie plauderte in vollem Eifer, um ihm, der fremd war und Viele noch nicht kannte, alle Paare zu nennen, welche in ihren Bereich kamen. Da klangen denn alle die ritterlichen Namen hoher Ge⸗ ſchlechter, die noch heute um den Kaiſerthron und in den Kronlanden des Kaiſerſtaates in Macht und Anſehen blühen— nur wenige von ihnen ſind erloſchen. Ueber das Maskenfeſt, welches dem Caren gegeben worden war, hat uns die Chronik der Zeit die genaueſten Aufzeichnun⸗ gen erhalten, Paar für Paar in ſeiner Tracht genannt und die Plätze bezeichnet, welche ſie bei Tafel eingenom⸗ 137 men, auch welche Aufmerkſamkeiten dabei von dem Kaiſer ſeinem erlauchtem Gaſte, welcher damals noch nicht den Kaiſertitel führte, erwieſen worden ſind, wie er ihm einen koſtbaren Kryſtallpokal mit Wein dargebracht, den der Car auf ewige Freundſchaft mit einem Zuge geleert und dann als Geſchenk herzlich erfreut angenommen, worauf er ſich an den römiſchen König gewendet, der ihm acht⸗ mal habe Beſcheid thun müſſen, und dann von ihm ent⸗ zückt umarmt und in die Höhe gehoben worden ſei. In der allgemeinen Anordnung war das heutige Feſt die Nachfeier zur unauslöſchlichen Erinnerung des erſten, und auch die Coſtüme, auf welche damals die höchſte Pracht verwendet worden, waren, wie ſchon bemerkt, im All⸗ gemeinen dieſelben; nur hatte ſich unter den theilnehmen⸗ den Perſonen, von denen namentlich mehrere fürſtlichen Geſchlechter vom Auslande nicht anweſend waren, Man⸗ ches geändert, und Fräulein Santellier war befliſſen, ihrem ſchönen Römer, mit welchem ſie höchlich zufrieden war, Alles zu ſchildern. Die lebensvollen Männer und Frauen, alt und jung, welche an dem kaiſerlichen Carne⸗ val im Jahre 1700 Theil nahmen, blicken wohl in den Ahnenſälern jener edlen Geſchlechter aus ihren Bild⸗ rahmen in Harniſch oder im ſeidenen Hofkleide auf ihre Nachkommen herab— vielleicht iſt es dieſen nicht ohne Intereſſe, wenigſtens von Einigen aus noch heute blühen⸗ 1860, IV. Im Strom der Zeit. III. 9 138 den Häuſern zu hören, welche dem römiſchen Grafen von ſeiner geſprächigen Dame genannt wurden. „Sehen Sie dort! Das iſt Johanna Thurn, die friesländiſche Bäuerin— bildſchön, nicht wahr? Sie war dem Caren, der in frieſiſcher Tracht incognito blieb, zu⸗ geſellt, und iſt ſo ſehr beneidet worden! Er hat dort herum die Zimmermannskunſt erlernt, deshalb war ihm die Tracht die liebſte. Die franzöſiſche Bäuerin dort iſt eine Gräfin Hoyos, ihr Cavalier Graf Joſeph Paar— ob es wohl im ganzen ſchönen Frankreich eine ſolche Tracht gibt? Ich ſage Nein. Es müßte denn der Straß⸗ burger richtig ſein— Straßburg liegt jetzt in Frank⸗ reich, lieber Graf, man hört es hier nicht gern! Den Straßburger kennen Sie wohl, es iſt Graf Philipp Die⸗ trichſtein, Hauptmann der Arcierengarde, darum hat er auch wohl die Ehre, die jüngſte Erzherzogin zu führen, Maria Magdalena, eine reizende kleine Prinzeſſin. Ihre zweite Schweſter iſt nicht recht wohl, darum ſehen Sie die Gräfin Trautſon als holländiſche Bäuerin— froſtig, blond, ganz Ehefrau und Mutter, va! Die ältere Erz⸗ herzogin Joſephe ſehe ich jetzt nicht; ſie iſt als Jüdin hier mit dem Grafen Volkra, der ſehr ſpaßhaft ausſieht. Dort die grüne Jägerin, das iſt die Frau des reichſten Mannes in Oeſterreich, des Fürſten Liechtenſtein; ihr Herr Graf Löwenſtein. Fräulein Fugger kann freilich 139 auch mit Einigem aufwarten, ſie ſoll eine engliſche Bäue⸗ rin ſein; der liebenswürdige Graf Auerſperg führt ſie. Seine Gemahlin iſt unter den Dienerinnen bei der Ma⸗ jeſtät. Ah! Hier iſt die heidniſche Welt: Die Erzherzogin Maria Eliſabeth mit Graf Daun— Tataren; Seine rö⸗ miſche Majeſtät mit der Gräfin Traun— Aegypter; die ſchöne Wratislaw mit dem alten Grafen Breuner— Chi⸗ neſen. Sie war das Vorigemal eine Armenierin und ſah wunderhübſch aus, ſaß auch bei der Tafel neben dem Könige— das darf heut' nicht mehr ſein, was würde die Gräfin Caraffa ſagen— Hier haben wir Zigeuner: Graf Ludwig Thun mit der Gräfin Mollart. Wollen wir uns wahrſagen laſſen? Ihre Tochter paßt dazu mit Graf Rappach, Charlatan und Charlatane— hübſch bunt! Da, die reizende Gräfin Schlik— eine Italienerin, wie ich glaube, ſilberner Strahlenkamm und viel Bänder und Korallen; ihren vornehmen Herrn kennt ganz Wien, weil ſein Vater die Stadt gerettet hat: Prinz Joſeph, der Sohn des Herzogs Kark von Lothringen. Apropos Rettung Wiens: kein Pole hier? Doch! Sehen Sie die hängenden Aermel? Ein Staroſt! Das iſt Graf Wels und die Gräfin Martinitz! Daneber auch ungariſche Magnaten: Graf Kolowrat mit der brünetten Päßberg, und, wenn Sie einen Soldaten ſehen wollen, da Sie, glaub' ich, im Felde noch keinen geſehen haben— haha! 9* 140 dort haben Sie einen Soldaten und eine Soldatenfrau: Graf Leopold Dietrichſtein mit der Gräfin Eſther Stah⸗ remberg. Sehen Sie nicht aus, als wollten ſie gleich ge⸗ gen mein armes Frankreich in den Krieg ziehen? Der junge Fürſt“— fuhr ſie leiſer und etwas ernſter fort— „für den das Schwert gezogen werden ſoll, hat nicht ohne Abſicht, glaub ich, flandriſche Tracht angelegt— dort ſteht er; die alte Ehrendame neben ihm iſt Ihnen bekannt: Gräfin Waldſtein. Es ſind noch mehr Waldſteins hier: Graf Carl mit ſeiner niedlichen Couſine Joſephe; ihr Co⸗ ſtüm ſoll hannoveriſch ſein, gewiß der römiſchen Königin zu Ehren. Bin ich nicht die beſte Ariadne in dieſem Irr⸗ garten, die Sie hätten finden können?“ Graf Pio mußte ihr darüber ein Compliment ſa⸗ gen, das ſie ermunterte, ihm im Weiterwandeln noch mehr Paare zu nennen und mit Bemerkungen zu beglei⸗ ten, welche nicht immer harmlos waren. Zetzt ordnete ſich der erſte Tanz, ein Feſtzug der Gäſte, bei welchem ſich die zuſammen gehörigen Masken noch nicht trennten, was erſt, wie ſchon geſagt, nach der Tafel geſtattet war. Cajetana ſchrit daher noch immer am Arme des Reichsgrafen Cronberg einher, und es war ihr auch recht lieb. Wie frei ſie ſich auch, nachdem die erſte Befangenheit überwunden, gefühlt hatte, war doch all⸗ mälig, ſie wußte ſelbſt nicht warum, eine räthſelhafte 141 Verſtimmung über ſie gekommen, mitten in dieſem lau⸗ ten fröhlichen Treiben, das ſich in der Maskentracht frei vom Zwange ſelbſt in der Nähe der kaiſerlichen Herr⸗ ſchaften bewegen durfte. Cajetana fühlte ſich in der Menge vereinſamt; die Gräfin war die Einzige, welche ſich hier um ſie kümmerte, und war ſie gewiß, daß es aus einer wahren mütterlichen Zuneigung geſchah— war es nicht vielmehr Beharrlichkeit in einer Rolle, welche ſie einmal aus Mitleid übernommen hatte, und vielleicht nur ein wenig Wohlgefallen an ihr? Wenn Cajetana nach wahrer Liebe ſuchen wollte, ſo konnte es nur draußen geſchehen, weit von hier, vielleicht an einer unheimlichen Stätte des Schreckens: bei ihrer treuen Kathi! Sie mußte oft an das arme Mädchen denken— und dann wanderten ihre Gedanken noch weiter; ſie hatte die Macht nicht mehr, ſie zurückrufen, ob ſie auch erbebte, wohin ſie ſich mit Wehmuth verirrten. Die zauberiſch ſüßen Töne der Muſik, für Cajetana in dieſer Vollendung noch im⸗ mer eine ihr fremde Gewalt, dienten noch mehr dazu, ihre Seele weich und träumeriſch zu ſtimmen, und ſo war es ihr lieb, daß ſie nicht am Arme eines Andern ging, der ſie mit Unterhaltung gequält hätte. Was der alte Herr von Zeit zu Zeit, nachdem auch er das Gleich⸗ gewicht wieder gefunden hatte, mit ihr ſprach, klang ſo wohlwollend und gutmüthig, daß ihre Scheu vor ihm, —— 142 das Gefühl, das ſie gegen ihn eingenommen hatte, mehr und mehr ſchwand. Sie konnte ihm ſchon antworten, und bald war ſie ungezwungen freundlich gegen ihn, was ihn wahrhaft zu freuen ſchien. Er blieb, als der erſte Rund⸗ gang beendigt war, mit ihr in der Nähe ihrer Tante ſtehen, und dieſe bemerkte mit großer Befriedigung, daß bereits ein ſicherer Grund zu dem weitern Aufbau für Cajetana's Zukunft gelegt war. Der Reichsgraf ſchien ein ganz anderer Mann geworden. Sie beklagte es jetzt, daß ſie es hatte geſchehen laſſen, ihn heute in ſo lächer⸗ licher Geſtalt vorzuführen, und ihr Auge ſuchte den An⸗ ſtifter dieſes Faſchingſcherzes, der ſich freilich ſelbſt nicht geſchont hatte, denn die andaluſiſche Tracht, in welcher er ſeine ſtattliche Fülle zur Schau trug, machte ihn eben ſo zur Folie ſeiner Dame, der Gräfin Eckevort, als es der Reichsgraf von Cronberg geworden war, nur mit dem Unterſchiede, daß beim Grafen Wratislaw alle Welt die Selbſtironie erkannte, welche ihn grade ſo gefürchtet machte, weil ſie ihm ſcheinbar das Recht gab, gegen An⸗ dere eine um ſo gefährlichere Waffe zu wenden. Graf Wratislaw hatte in dieſem Augenblicke ein Geſpräch mit Fräulein Santellier angeknüpft, mit welcher er ſich gern unterhielt, weil ſie ihm nichts ſchuldig blieb; dadurch hatte er aber auch den Römer, welcher ſeine Dame nicht verlaſſen durfte, an ſeine Stelle gefeſſelt, während doch — — 143 deſſen Seele mit aller Ungeduld danach brannte, den Moment zu benutzen, um ſich der Gruppe Cajetana's zu nähern. Heitern Angeſichts hatte Wratislaw von Zeit zu Zeit auch ein verbindliches Wort für Colonna, welches dieſer in gleicher Weiſe erwiedern mußte, wo er lieber den Böhmen mit dem Dolch in der Hand aus ſeinem Wege, den er ihm ſperrte, vertrieben hätte. Graf Wenzel genoß aber das Behagen des Augenblicks mit vollen Zü⸗ gen; er wußte ohnehin, daß er dadurch der Gräfin Kö⸗ nigsegg einen großen Dienſt erweiſe, denn ſie hatte ſich daß ihr die rück⸗ ſichtsloſe Huldigung des Römers für ihre Nichte ſehr einſt offen gegen ihn ausgeſprochen, unangenehm ſei. Das Glück hatte ſich gegen Pio Colonna heute Abend ganz verſchworen. Nicht allein, daß er vor der Tafel nur einen einzigen flüchtigen Moment fand, in welchem er La⸗ jetana begrüßen konnte, ſondern auch für die Tafel war es ihm ganz unmöglich geweſen, ſich einen Platz n ihr oder nur ihr gegenüber zu ſchaffen. Seine in gereiz⸗ ter Stimmung zuletzt etwas ungeſtümen Bemühungen 3 er ſich wandte, ziemlich kalt zurückgewieſen worden. Er hatte das ſchon och auf einen ausblieb. Seine des Herzens war, 1 waren von dem ſtarren Manne, an den vor dem Feſte gewußt, und daher nuren glücklichen Zufall gehofft, der jedoch Dame, welche zu erfahren in Intriguen 144 um nicht den dürftigen Schleier, den er über ſeine Laune zog, zu durchſchauen, neckte ihn, wie mit ſcharfen Na⸗ delſpitzen, lachend und erbarmenlos, und gab ihm end⸗ lich, damit er noch einen Handſtreich zur Eroberung un⸗ ternehmen könne, für eine Viertelſtunde Urlaub, indem ſie ſich zu einigen ältern Damen flüchtete, die ſich gemächlich aus dem Gewirr zurückgezogen hatten. Als Pio Colonna ſich ſelbſt überlaſſen, an der Thüre ſtand, durch welche Diener und Dienerinnen ka⸗ nen und gingen, und die Arme unter der Toga gekreuzt, mit funkelnden Blicken Cajetana ſuchte, die er aus den Augen verloren hatte, hörte er ſich auf einmal von der Schwelle des Nebenzimmers angeredet. Bei der Nennung ſeines Namens wandte er ſich raſch um. Eine kleine, häß⸗ liche Perſon, deren eine Schulter merklich höher war als die andere, mit einem von Kupfer überlaufenen Geſicht, ſtand hinter ihm und ſah ihn mit lebhaft blitzenden Augen an. Zu der Geſellſchaft, wenigſtens zu den Masken, wel⸗ che ſich im Saale bewegten, gehörte ſie nicht, denn ſie trug gewöhnliche, keineswegs reiche Kleidung. Ihm war es, als habe er ſie ſchon geſehen, noch ehe er aber ein Wort ſagen konnte, kam ſie ſeinem Gedächtniß zu Hülfe. „Der Herr Graf wundern ſich, daß Anna von Rie⸗ dau, welche bei der Frau Gräfin von Königsegg die Ehre gehabt, Sie zu ſehen, hier ſich erdreiſtet, Sie an⸗ 2 —— —,———— 6 145 zureden. Ich konnte es mir aber nicht verſagen, da ich Sie abgeſondert am Eingange meines Reiches ſtehen ſah— vielleicht haben Sie einen Wunſch, den ich erfül⸗ len könnte; ich gebiete unbedingt über alle Erfriſchungen, wenn ich auch dieſe Schwelle zum Tempel der Glücklichen nicht überſchreiten darf.“ Es lag bei allem Scherz der Worte doch eine ſchnei⸗ dende Schärfe in ihrer Rede, und Colonna, welcher ſich allerdings nun ihrer erinnerte und auch gehört hatte, daß das Geſellſchaftsfräulein der Gräfin Königsegg als Kammerdienerin in den Hofſtaat der römiſchen Königin aufgenommen war, verſtand ſie genau. „Ich bin Ihnen ſehr dankbar, Fräulein,“ erwiederte er.„Könnten Sie meinen Wunſch erfüllen, ſo würde mein Dank freilich unausſprechlich groß ſein, aber die Er⸗ friſchung, nach welcher ich lechze, ſpendet Ihr Reich nicht.“ „Und wenn ich Sie erriethe— und doch vielleicht, wenn nicht hier, ſo an einem andern Ort, helfen könnte—?“ „Wie ſoll ich Sie verſtehen?“ rief der Römer feurig. „Sie dürfen hier nicht länger mit mir reden,“ ſprach ſie, indem ihre ſcharfen Augen über die glänzende, gaukelnde Welt irrten, von welcher ſie ausgeſchloſſen war.„Es würde auffallen und Ihnen nur ſchaden. Noch hat mich die ernſte Pilgerin nicht bemerkt, welche drüben ihren Pfad in ſtillem innern Glücke wandelt—— und auch die ſtolze Sultanin im ſilberdurchwirkten Gewande, die Perle, die Krone des ganzen Feſtes, hat mir noch keinen Blick geſchenkt, viel weniger mich erkannt, wie oſt ich auch an dieſe Schwelle getreten bin.— Vertrauen Sie mir, Graf Pio,“ ſchloß ſie ſchnell.„Ich will Ihr Glück— Sie ſollen von mir hören.“ Wie ein dunkler Schatten glitt ſie raſch hinweg und ließ den Römer in ſtürmiſcher Bewegung zurück. Hatte ſie ihn durchſchaut, und welchen Antheil nahm ſie an ihm, daß ſie ihn ihrer Hülfe verſicherte? Gleichviel! Er gab ſich keine Mühe, das zu enträthſeln, er hatte eine Bun⸗ desgenoſſin gewonnen und kannte Frauenliſt als mäch⸗ tig. Noch ehe er zu ſeiner Dame zurückkehrte, die von ihm eine Probe ſeiner Gewandtheit zu hören erwartete, ſuchte er das Reiterſtücklein, wie ſie es genannt, auszu⸗ führen, nämlich dennoch, trotz Ceremonienmeiſter und aller oberſten Hofchargen durch Beſtechung den Platz an Cajetana's Seite zu erobern. Er kam triumphirend zu Fräulein Santellier, ſeiner Sache ganz gewiß— ſie war ihm ja ſo leicht gemacht worden: ein unſchuldiges Verſchieben und Weiterrüken, das die Ordnung, die man beliebt hatte, nur an der einen Stelle, wo Römer und Römerin eingeſetzt werden ſollten, unterbrach. 147 „Charmant!“ ſagte die Santellier.„Wer wird aber mein Nachbar ſein, das heißt, der andere, da ich auf Sie nur als für mich ſtumme Perſon rechnen darf?“ Das hatte er unverzeihlicherweiſe nicht erforſcht, er nannte ihr aber dreiſt einen Namen, von dem er glaubte, daß er ſie zufriedenſtellen werde.„Graf Pio, Sie wiſſen es nicht!“ erwiederte ſie lachend.„Ich muß mich mit dem Reize der Ungewißheit tröſten. Voilà! Der große Moment naht.“ Das Zeichen zur Tafel wurde gegeben. Die kaiſer⸗ lichen Majeſtäten nahmem an dem obern Ende derſelben Platz, rechts und links von Ihnen an beiden langen Seiten die Paare nach ihrer Maskentracht, wie es vor⸗ her, ohne alle Berückſichtigung des Ranges oder der Etikette, beſtimmt war. Nur an dem untern Ende der Tafel, den kaiſerlichen Herrſchaften gegenüber, ſaß Nie⸗ mand. Weit vor dem Römerpaare hatte Cajetana mit ihrem Begleiter ſchon den Saal betreten, und Colonna's raſt⸗ loſes Auge war ihr gefolgt, ſo daß er eine trübſelige Miene, ein bedeutſames Achſelzucken von Einem an der Thüre, das ihm ein Zeichen geben ſollte, gar nicht be⸗ merkte. Fräulein Santellier war es jedoch nicht entgangen. „Conſul und Imperator!“ ſagte ſie feierlich.„Der Wür⸗ fel iſt gefallen— aber gegen Dich!“ Sie hatte Recht. 148 Der Verſuch, den er ſchon als geglückt angenommen hatte, war mit emfindlichen Folgen für denjenigen, der ihm dazu verhelfen wollte, fehlgeſchlagen. Man wies den Römer und die Römerin auf die Seite und an die Plätze, welche ihnen von Anfang an zugetheilt waren, ſehr fern von den erwünſchten und zum Unglück in derſelben Reihe. „Ich hoffe, einen Stviker in meinem Nachbar zu finden,“ ſagte die Santellier, als ſich Pio Colonna, erblaßt vor innerm Unmuthe, auf die Lippen biß. Cajetana hatte keine Ahnung davon, daß um den Platz an ihrer Seite auf ſolche Weiſe gekämpft worden war. Sie war zu demüthig, zu wenig von dem Hauche der Welt berührt, um zu glauben, daß ein Werth darauf gelegt werden könnte. Mit geſenkten Angen ſaß ſie zwiſchen ihrem Herrn, der ſie mit immer wachſendem Wohlwollen behandelte, und einem ältern, ihr ganz fremden Cavalier, welcher ſie mit Auszeichnung beim Platznehmen begrüßt hatte und zuweilen, wenn ſeine Dame anderweit unter⸗ halten war, freundliche Worte an ſie richtete. Ihr ſchräg gegenüber hatte ſie die römiſche Königin geſehen, deren Blick immer wieder mit Wohlgefallen auf dem lieblichen Mädchen ruhte. Sie machte ihren Nachbar, den Fürſten Salm, aufmerkſam auf ſie. War Cajetana von der Natur mit allen Reizen geſchmückt, ſo hatte an dieſem Abende auch der feinſte Geſchmack bei der Anordnung ihrer Klei⸗ —— 149 dung das Seinige gethan, ſie in der That, wie Anna Riedau geſagt hatte, zur Krone des Feſtes zu machen. Das lichtblaue, ſilberdurchwirkte Kleid umſchloß eng an⸗ geſchmiegt ihre ſchlanke Taille und ließ die herrlichen Formen ihrer edlen Geſtalt rein und makellos hervor⸗ treten; ein Obergewand von leichtem, aber nicht minder koſtbarem Stoff wallte, von den Schultern zurückgenom⸗ men, duftig darüber hin; auf der ſchönen Stirn unter dem glänzenden braunen Haar, das in Wellen geſcheitelt war nach einer fremden, hier noch nie geſehenen Weiſe, blinkte ein Diadem von großen, werthvollen Perlen, halb durch den Schleier vom feinſten, kunſtreich geſtickten Muſſe⸗ lin verdeckt, welcher vom Scheitel, wo die Fülle des üppigen Gelocks zu einem verſchlungenen Knoten gefeſſelt war, an beiden Seiten hernieder floß. Nirgend war ein unharmoniſcher Gegenſatz von Farben und Formen zu bemerken, überall milder, dem Auge wohlthuender Glanz, welcher die ſtrahlende Schönheit des Gebildes, dem er nur zur lichten Umfaſſung diente, um ſo ſieghafter her⸗ vorhob. „Es thut mir leid,“ ſagte die Königin zu dem Für⸗ ſten Salm, dem ſie als dem Begründer ihres Glücks ihr volles Vertrauen ſchenkte, ſelbſt in geringfügigen Ange⸗ legenheiten ihres Hofſtaats—„es thut mir leid, daß die Gräfin Caraffa mich durchaus mißverſtanden hat. 150 Dies liebliche Weſen würde ich ſo gern in meiner Nähe geſehen haben. Statt deſſen hat ſie die unſchöne Riedau in eine untergeordnete Stelle gezogen, von der ich nicht einmal wußte, daß ſie unbeſetzt war, und den Platz unter meinen Fräulein, welchen ich gemeint, einer ganz Andern gegeben, die mir, ſo vornehm ſie iſt, wenig zuſagt.“ „Die Frau Oberſthofmeiſterin,“ erwiederte der Fürſt mit feinem Lächeln,„iſt in ihrem Amt eine ſo gewiegte Dame, daß Eure Majeſtät dennoch wohl thun werden, ihr das Regiment darin zu belaſſen.“ Nicht weit entfernt, nach der Seite zur Kaiſerin hinauf, ſaß König Joſeph, deſſen lebhaftes, für alles Schöne empfängliche Auge während der Tafel nicht ſelten von dem Liebreiz der ſchönen Orientalin angezogen wurde. Er wunderte ſich nur darüber, daß man dieſe herrliche Blume des Morgenlandes zwiſchen die beiden alten Schächer geſetzt hatte, während doch viele jüngere Her⸗ zen ihr hier entgegenſchlagen mochten. Cajetana's Augen wanderten nicht, ſie hielt dieſelben züchtig geſenkt, und nur, wenn ſie von einem ihrer Nach⸗ barn angeſprochen wurde, antwortete ſie freundlich mit einem halben Aufblicke. In ihrer Seele war ſie aber ſchon lange zu einem Entſchluſſe gekommen, der ihre Wange in einem lichtern Roſenglanze erglühen ließ— jetzt, da Alles im lebhafteſten Geſpräch beſchäftigt war und ihr 151 anderer Nachbar ſeine Dame angelegentlich unterhielt, war der rechte Moment, den ſie benutzen mußte, wenn er nicht unwiederbringlich verloren gehen ſollte. Sie wandte ſich zu dem Grafen Cronberg, der eben wahrhaft zärtlich zu ihr geſprochen hatte. „Herr Graf“— begann ſie mit leiſem, bebendem Tone—„Sie ſind gegen mich ſo gütig, ohne mich zu kennen— ich darf Sie nicht länger täuſchen, ich muß Ihnen ſagen, wer ich bin, ob ich auch dadurch Ihre Freund⸗ lichkeit verlieren werde—“ „Aber, Fräulein Tani— verzeihen Sie, daß ich Sie ſo nenne; mir iſt, als hätt' ich Sie ſchon Jahre lang gekannt, als könnten wir nimmermehr von einander gehen! Was ſprechen Sie ſo feierlich?“ „Herr Graf, Sie kennen mich als die Nichte der Frau Gräfin von Königsegg—“ „Freilich, freilich! Und da ich die Ehre habe, von Mutterſeite mit den Königseggern verwandt zu ſein, ſo ſind Sie mein kleines Mühmchen! Das hilft nun ſchon nichts, ich bin geboren in Frankenland und frank und frei in meiner Rede, hab's Herz auf der Zunge.“ „Ich bin aber keine Feldberg, keine Verwandte der Gräfin!“ flüſterte Cajetana in großer Angſt, daß ihr Ge⸗ ſpräch, das der Graf laut zu machen drohte, von den Nahſitzenden gehört werden könnte.„Mein Vater“— 152 ſagte ſie zitternd—„iſt Kaspar von Cronberg geweſen— von dem Sie wiſſen— und wenn ich unter einem andern Namen hier bin, meine Schuld iſt es nicht!“ Als ſie es nun vom Herzen hatte, war ihr leicht zu Muthe, aber ſie mußte kämpfen, daß ihre Thränen nicht hervorbrachen. Der Graf ſaß ganz betroffen, er ſprach kein Wort— aber er faßte Cajetana's Hand und hielt ſie ſchweigend feſt. Was in ſeiner Seele vorging, davon konnte er ſich vielleicht ſelbſt keine Rechenſchaft geben. Cajetana erbebte wohl, als er ihre Hand ergriff, aber ſie hatte den Muth nicht, ihm dieſelbe zu entziehen, und es ging ihr dabei wie ein Friedensgruß durch das Gemüth. Wenn ihr Nachbar zur Rechten auch bemerkte, daß zwiſchen Beiden Seltſa⸗ mes geſchah, ſo hatte er wenigſtens den Takt der großen Welt, es nicht zu zeigen. In dieſem Augenblicke hob der Kaiſer die Tafel auf und es war nun Alles vörüber. Die Gäſte begaben ſich in den Ballſaal zurück; jetzt hatte Graf Pio Colonna ſeine Gelegenheit beſſer wahrgenommen, mit der Entſchloſ⸗ ſenheit, die ſeiner altrömiſchen Maske entſprach, war er ſchnell, ſammt ſeiner Dame, die ihn verſtand, in Cajetana's unmittelbare Nähe durchgebrochen, als ſie ſich kaum mit ihrem ſchwerfälligen, nun auch geiſtig aus dem Gleich⸗ gewicht gekommenen Nachbar erhoben hatte. Er bat Ca⸗ jetana um den erſten Tanz, welcher mun folgte— konnte 153 ſie ihm denſelben verſagen? Beim Uebergange in den Ballſaal hielt er ſich mit ſeiner Dame dicht hinter ihr und ſprach mit ihr, aller Convenienz ſpottend, wodurch er ihrem Begleiter jede Gelegenheit raubte, ſich gegen ſie auszuſprechen, wie er es noch immer auf Cajetana's Ge⸗ ſtändniß ſchuldig war. Dieſe blickte in der Seelenſtimmung, die ſie jetzt nur nach Stille und Frieden fern von dem geräuſchvollen Treiben ſich ſehnen ließ, gleichſam nach einem Ausweg ſuchend umher, ob ſich keine Hand hülfreich ihrer annehme, ſie aus dieſem Irrſal entrinnen zu laſſen. Aber es war vergebens. Sie ſah die Gräfin wohl, die ihr wiederum mit liebevoller Miene zunickte, auch Graf Trautſon hatte für ſie einen wohlwollenden Blick, doch Beide ahnten ja nicht, was ihr Gemüth bewegte, und ſchon begann die rauſchende Muſik zum Tanze einzuladen. Die Masken⸗ paare trennten und miſchten ſich, ein Mohr entführte die Römerin von Colonna's Seite, und dieſer bot, mit einer kaum bemerkbaren Verneigung gegen den Grafen Eron⸗ berg, Cajetana die Hand. „Muß das ſein?“ fragte dieſer etwas barſch. „Der Herr wird ſich in ſein Schickſal finden müſſen,“ erwiederte Colonna übermüthig im Gefühl ſeines Glückes, und von Leidenſchaft trunken führte er Cajetana zum Tanz. 1860. IV. Im Strom ber Zeit. III. 10 Siebrutes Cnpitel. Die Entlarvung.. „Erinnerſt Du Dich endlich Deiner Schweſter, Max? Man hat mir geſagt, daß Du ſchon Wochenlang in Wien biſt, und ich ſehe Dich heut' erſt— aber ich mache Dir keine Vorwürfe.“ „Es würde auch mit Unrecht ſein, Anna, denn ich habe vom erſten Tage an, als ich erfahren, daß Du nicht mehr bei der Gräfin ſeiſt, mich bemüht, Zutritt zu Dir zu erlangen, bis heut' immer vergebens.“ Sie lachte.„Man hält hier das ganze weibliche Geſchlecht, jung oder alt, ſchön oder häßlich, in ſtrengſter Abgeſchloſſenheit. Es wäre auch ſehr gefährlich, wenn mir ein junger Offizier nahen dürfte.— Du biſt bei der Gräfin geweſen?“— Er bejahte es und rühmte die Freundlich⸗ keit, mit welcher die Gräfin von ſeiner Schweſter ge⸗ ſprochen hatte. Anna lachte abermals und nun mit ihrer alten Bitterkeit.„Sie kann das jetzt ohne Beſorgniß thun!“ ſprach ſie.„Iſt meine Stelle wieder beſetzt? Daß ſie es wenigſtens durch das ſchöne Wechſelkind nicht iſt, habe 155 ich geſtern geſehen, wo die Gräfin ſie wie einen Para⸗ diesvogel zur allgemeinen Bewunderung zeigte.“ „Wen meinſt Du mit dem Wechſelkinde?“ fragte Max ernſt und unwillig. „Ein Tauſchkind, wenn es Dir beſſer klingt! Du haſt natürlich auch der vornehmen Nichte der Frau Gräfin gehuldigt, die aus einem Kloſter in Franken kam, wun⸗ derſchön, wie die Männer ſagten, eine reiche Erbin, wie man hoffte— Dir war natürlich nicht der kleinſte Schim⸗ mer einer Hoffnung beſchieden. O man hatte Großes mit ihr im Sinne, ſie ſollte an den Hof kommen, nicht etwa in die adelige Domeſtikenſtube, wie ich, ſondern unter die Hofdamen, ganz unmittelbar zur Augenweide der Ma⸗ jeſtät— Du wirſt nicht ſo boshaft ſein, mich falſch zu verſtehen, ich meine Ihre Majeſtät, die Königin! Die alte kluge Hofmeiſterin glaubte aber, es ſei beſſer nicht ſo, und nahm mich, welche für keinen Menſchen eine Augenweide iſt. Nun galt es, eine neue Mine zu graben— geſtern am Maskenfeſte der Wirthſchaft. Ich ſtand draußen an der Schwelle, die ich nicht überſchreiten durfte, und ſie ſchwebte im Kreiſe der höchſten Herrſchaften, ge⸗ feiert, bewundert von Allen— an der Hand des alten Narren, der ſo blind war, wie Du, nicht zu erkennen, welchen Streich man geſpielt, Dir, ihm, aller Welt!“ 10* 156 „Aber, Anna,“ unterbrach ſie endlich der Bruder, „was ſoll das Alles heißen? Ich verſtehe Dich nicht.“ „Willſt Du wiſſen, wer dieſe eingetauſchte Nichte der Italienerin iſt? Nun, Deine Schweſter wird es Dir ſagen. Haſt Du den Namen Cronberg vergeſſen? Dieſe edle Dame iſt eine Cronberg— nicht genug, ſie iſt die Tochter des Mannes, welcher unſern Vater ſo ſchändlich betrogen hat!“ Mar ſtarrte ſie betroffen und ſprachlos an. „Du glaubſt es nicht, Du möchteſt mich gern der Unwahrheit zeihen— Partei nehmen für ſie gegen Deine Schweſter. Ich muß es ertragen, wie ſo vieles Andere. Aber wenn ich Dir eine Bürgſchaft ſtelle, wie dann? Wiſſe, ſie hat es mir ſelbſt geſagt!“ „Sollte es möglich ſein?“ rief Max.„Wie aber hängt das zuſammen? Ich faſſe es nicht.“ „Darin kann ich Dir weiter nicht dienen! Man hat es nicht für nöthig gehalten, mich einer Erklärung zu wür⸗ digen— man ſagte mir nur: ſo iſt es, Du haſt nicht da⸗ nach zu fragen. Und ich, mein gutes Recht im Herzen, das mich wohl von ihr Rechenſchaft fordern hieß, ich mußte ſchweigen. Aber meine Stunde wird auch kommen— ſie iſt ſchon da!“ Mit einem Blicke unheimlicher Schaden⸗ freude ſah ſie Mar an, deſſen Züge ſeine tiefe Bewegung 157 verriethen.„Wird der Herr Bruder nun die Komödie weiter ſpielen helfen?“ fragte ſie. „Ich kenne die Gründe nicht, welche die Gräfin zu ihrem Handeln bewogen haben—“ erwiederte er.„Ich werde in wenigen Tagen Wien verlaſſen.“ „Und keinen Schritt thun, der vielleicht jetzt grade an der Zeit wäre? Die Gräfin muß erfahren, daß ſie in meiner Hand iſt, daß ein Wort von mir genügt, ſie zu verderben!—— Wenn ſie das weiß, ſo wird ihr kein Opfer zu groß ſein, mein Schweigen zu gewinnen. Ich verlange von ihr kein Almoſen, keinen hingeworfenen Brok⸗ ken der Gnade, nur mein Recht— unſer Recht, Mar!“ „Was meinſt Du, Anna? Ich bitte Dich, ſei ruhig, Schweſter, Du verzehrſt Dich in dieſem einen unglücklichen Gedanken!“ „Es zehrt an meinem Leben, Du haſt Recht. Darum frage ich Dich, willſt Du den Schritt thun? Es handelt ſich nur darum, daß die Gräfin für ihre Puppe, ihr Schooßkind, ihren hübſchen Wechſelbalg eintritt und die Schuld, welche an ihr haftet, einſtweilen übernimmt—“ Mar ſtand entrüſtet auf.„Das zu fordern mutheſt Du mir zu?“ rief er.„Ich erkläre Dir ein⸗ für allemal, daß ich an dem Worte, das ich unſerm Vater gegeben habe, grade und ehrlich feſthalten werde, und keinen Schritt, 158 auch nicht den allergeringſten, thun will, der die unglück⸗ liche Sache betrifft.“ „Mir aber, Herr von Riedau, ſind die Hände nicht gebunden!“ entgegnete Anna, indem ſie ebenfalls auf⸗ ſtand und böſe zu ihm emporſah.„Du wirſt wenigſtens erlauben, daß ich für mich handeln kann, wenn Du Deine Anſprüche aufgibſt.“ „Anna, thue es nicht! Du kannſt nur Unſegen bereiten, nichts erlangen!“ „Meinſt Du?“ erwiederte ſie mit Hohn.„Nun, wenn Deine Abreiſe nicht vor der Thüre ſtände, könnteſt Du bald erleben, daß ich doch etwas erreicht hätte. Viel⸗ leicht gelangt die Kunde davon gelegentlich auch zu Dir. Unſere Wege haben ſich früh getrennt und gehen immer weiter auseinander. Wir werden uns vielleicht ſo bald nicht wieder ſehen, auch führt es zu nichts, wir verſtehen uns doch nicht mehr. Es thut mir leid, daß ich Dich jetzt bitten muß, mich zu verlaſſen, da mich der Dienſt ruft. Hoffentlich iſt die Zeit nicht fern, wo ich nicht mehr nö⸗ thig haben werde, zu dienen.“ Mar nahm mit ſchwerem Herzen Abſchied von ihr, ſie blieb kalt, wie eine Schlange. Als er fort war, ſchrieb ſie zwei Briefe, den einen an die Gräfin von Königsegg, den andern, über welchem ſie mehr Zeit zubrachte, an den Grafen Pio Colonna. 159 Der erſtere, deſſen Inhalt nach dem kurz vorher geführ⸗ ten Geſpräch ſich errathen ließ, mochte wirkſam genug abgefaßt ſein, denn Gräfin Francesca, als ſie ihn las, erbleichte flüchtig, ihre Lippen preßten ſich und ihre ſchwarzen Augenbrauen zogen ſich dicht zuſammen. Aber es war nur ein Moment, der ſchnell vorüberging. Ein halblautes Gelächter löste die Spannung; Francesca ſetzte ſich an ihren Schreibtiſch und beantwortete das Billet ihrer ehemaligen Geſellſchafterin in zierlichen, per⸗ lengleich gereihten Zeilen, ohne dabei auch nur durch eine Silbe den feinen Ton und Takt, der ihr eigen war, zu verletzen. Kaum zwei Stunden, nachdem die Riedau ihren Pfeil abgeſchoſſen hatte, wurde ſie ſchon durch die Ant⸗ wort überraſcht. Sie zerriß den Unſchlag in der Haſt, aber ihre Erwartung war bitter getäuſcht. Was ſie las, reizte ſie auf das Aeußerſte.„Wohlan, Madonna!“ rief ſie.„Die Hand, die ich biete, wird zurückgewieſen— ſe⸗ hen Sie zu, ob Sie die Folgen tragen können.“ Noch an demſelben Tage glückte es ihr, ſich eine Minute Ge⸗ hör bei der Oberſthofmeiſterin, Gräfin Caraffa, zu ver⸗ ſchaffen. Die alte ſtrenge Dame, welche unerbittlich alle Formen des Ranges und der Etikette aufrecht hielt, würde niemals ein direct an ſie gerichtetes Geſuch um Andienz 160 bewilligt haben, daher war Anna Riedau ſo klug gewe⸗ ſen, ſich von ihr überraſchen zu laſſen, als ſie ein Billet las, das ſie bei dem Erſcheinen der Gräfin mit allen Zeichen der Beſtürzung verbarg. Die Oberſthofmeiſterin fragte ſie augenblicklich, was das zu bedeuten habe. „Ercellenz verzeihen—“ ſtammelte die Riedau. „Ich will es wiſſen,“ ſagte die Gräfin mit dem Tone, der keinen Widerſpruch zuließ. „Eine Entdeckung, die mich ganz aller Faſſung be⸗ raubt— Euer Excellenz befehlen es zu wiſſen, ich ge⸗ horche. Es betrifft nur mich ſelbſt und das junge Mäd⸗ chen, mit dem ich ſo lange unter einem Dache bei der Frau Gräfin von Königsegg gelebt habe. Noch geſtern, als ich ſie als türkiſche Dame gekleidet unter den vor⸗ nehmſten Herrſchaften erblickt, hatte ich keine Ahnung von dem, was ich heut' erfahren würde.“ „Fräulein von Feldberg iſt gemeint?“ fragte die Gräfin.„Was iſt mit ihr?“ „Excellenz haben befohlen, mir ſteht nur zu, Dero Willen zu gehorchen. Dies junge Mädchen, das überall als Nichte der Frau Gräfin von Königsegg präſentirt worden iſt— heißt in Wahrheit nicht Fräulein von Feld⸗ berg, ſondern iſt die Tochter eines Offiziers von niede⸗ rem Herkommen, Namens Cronberg.“ Die Oberſthofmeiſterin war zu ſehr gewöhnt, alle 161 Regungen ihres Innern ſtreng zu hüten, als daß ſie das Erſtaunen und die Entrüſtung, welche ſie bei dieſer ſelt⸗ ſamen Mittheilung überfielen, äußerlich hätte verrathen ſollen.„Das klingt ſehr unwahrſcheinlich,“ erwiederte ſie. „Wie will man das beweiſen?“ „Ich kann es!“ antwortete die Riedau.„Und auch das Mädchen, wenn man es befragte, würde ſeinen Na⸗ men nicht einen Augenblick verläugnen.“ „Was alterirt Sie das aber?“ fragte die Gräfin Caraffa.„Ich fand Sie ja ganz conſternirt.“ „Soll es mich nicht in Beſtürzung ſetzen,“ antwor⸗ tete die Riedau,„wenn ich mir denke, daß auch auf mich der Schein fallen könnte, als ſei ich mit im Complot ge⸗ weſen, eine Perſon, die gar keine Anſprüche darauf hat, in die Nähe des kaiſerlichen Hofes zu bringen? Wird mich, die ich ſo lange mit ihr zuſammengelebt, nicht der Verdacht treffen, daß ich um ihre Herkunft ge⸗ wußt und dennoch geſchwiegen habe, da es doch meine Pflicht geweſen wäre, ſofort von dem Verbrechen Anzeige zu machen?“ „Wenn Alles ſich ſo verhält, wie mir geſagt wird,“ verſetzte die Gräfin mit ſtrengem Blicke,„ſo können Sie ſich beruhigen. Beweiſe werden freilich verlangt werden.“ Anna erklärte ſich bereit, ihre Ausſage zu beweiſen, und die Oberſthofmeiſterin ließ ihre Unterlippe noch wei⸗ 162 ter als gewöhnlich über die dunkel beſchattete Oberlippe greifen, als ſie mit einem vielſagenden Kopfnicken die de⸗ müthige Kammerdienerin verließ, welche erſt, nachdem ſie allein war, ihre unglückliche Figur keck wieder aufrich⸗ tete, ſo weit das eben anging. Die Schmach, welche dem Hofe angethan war, mußte gerächt werden. Dies Gefühl beſeelte die Gräfin Caraffa. Es war ein ſo unerhörtes Beginnen, daß es die ſtrengſte Strafe herausforderte. Hatte man mit ihr ſelbſt, der Dame, welcher die Bewahrung der Zucht und Sitte, wie des geheiligten Ceremoniells oblag, ein frevelhaftes Spiel getrieben, als man ihr dieſe Namenloſe präſentirte? ZJe⸗ denfalls durfte keine Zeit verſäumt werden, um ſogleich energiſche Schritte zur Ermittelung der Wahrheit zu thun, und dazu mußte die Gräfin erſt eine höhere Ermächtigung einholen. Sie beſchloß, die Sache ſogleich der Königin vorzutragen. Mit gewohnter Milde, für eine ſchärfere Beobachte⸗ rin aber auch mit einem unterdrückten Lächeln hörte die hohe Frau den Bericht ihrer Oberſthofmeiſterin an, wel⸗ chen dieſe in gemeſſener Form, die ſie auch hier inne halten mußte, abſtattete. Als ſie geendigt hatte und den Eindruck, auf den ſie gerechnet, bei ihrer Gebieterin ver⸗ mißte, war ſie einigermaßen betreten, da es ihr ſchien, als wanke unter ihren Füßen der feſte Grund, auf welchem 163 bisher Alles, was ihrer Fürſorge oblag, geſtanden hatte. Sie fürchtete längſt einen gewiſſen Einfluß, den eine neue Zeit heraufzuführen begann, in welcher ſie keinen Platz mehr finden konnte. „Es thut mir leid, liebe Gräfin,“ ſagte die Königin Amalie freundlich,„daß Sie dieſe Entdeckung gemacht haben. Ihr Eifer für das Rechte verdient aber meinen vollen Dank. Von dem, was Sie mir eben geſagt haben, bin ich ſchon unterrichtet.“ „Eure Majeſtät wiſſen—2 Darf ich mich unter⸗ ſtehen zu fragen, durch wen?“ „Sie können ſich wohl denken, daß die Gräfin Kö⸗ nigsegg wichtige Gründe haben mußte, den wahren Na⸗ men des jungen Mädchens zu verſchweigen, daß ſie aber auch den Schritt, den ſie gethan, nicht wagen durfte, ohne ſich darüber zu rechtfertigen. Ich hätte es, wie geſagt, lieber geſehen, wenn Sie dieſe Entdeckung nicht gemacht hätten, will auch nicht fragen, auf welche Weiſe es ge⸗ ſchehen iſt, aber es freut mich, Sie über die vermeint⸗ liche Strafbarkeit ihres Thuns, Uns gegenüber, vollkom⸗ men beruhigen zu können.“ „Eure Majeſtät ſprechen einen gewiſſen Tadel gegen mich—“ „Durchaus nicht, liebe Caraffa. Ich habe Ihnen ſchon geſagt, wie ſehr ich Ihren Eifer dankbar anerkenne.“ 164 „Wie glücklich mich das auch macht, bitte ich Eure Majeſtät doch um Erlaubniß, zu berichten, daß ich ganz zufällig durch eine der Kammerdienerinnen, welche ich in großer Alteration traf, zur Kenntniß der ſeltſamen Be⸗ gebenheit gekommen bin. Das arme Mädchen hatte es eben durch ein Billet ſelbſt erfahren und ängſtigte ſich, daß man ſie als eine Mitſchuldige anſehen könne, weil ſie mit der fraglichen Perſon lange Zeit unter einem Dache gewohnt hat.“ „Sie meinen die Geſellſchafterin der Gräfin Kö⸗ nigsegg, über welche wir uns ſo arg mißverſtanden ha⸗ ben?“ entgegnete die Königin, nicht ohne ein ſichtbares Zeichen der Abneigung gegen die Riedau, welche freilich niemals zum Dienſt um ihre Perſon kam, ihr aber doch vorgeſtellt worden war und entſchieden mißfallen hatte. „Sie mag ſich ebenfalls beruhigen.— Ich bitte Sie, Frau Gräfin, über dieſe Angelegenheit gegen Niemand, wer es auch ſei, zu ſprechen; ich wünſche nicht, daß ſich die Ent⸗ deckung weiter verbreitet, und erſuche Sie, deshalb die geeigneten Befehle zu geben.“ Die Oberſthofmeiſterin fühlte zwar die Sprache der Herrin, aber hier handelte es ſich auch um ihre Pflicht, um ihr Amt, das, noch ehe die Prinzeſſin von Hannover als Gemahlin des römiſchen Königs in die kai⸗ 165 ſerliche Burg ihren Einzug gehalten, ihr, der Gräfin Ca⸗ raffa von einer höhern Autorität übertragen war. „Eurer Majeſtät Befehle werden pünktlich befolgt werden,“ ſagte ſie.„Ich wage nur, allerunterthänigſt zu bemerken, daß es jedennoch angemeſſen ſein dürfte, einer Perſon, welche das Recht bei Hofe zu erſcheinen nicht be⸗ ſitzt, für die Zukunft alle Inconvenienzen zu erſparen, für den Fall, daß ihre Herkunft auf ähnliche Weiſe, wie ſie mir eröffnet worden iſt, weiter bekannt werden ſollte. Auch der Gräfin Königsegg muß daran gelegen ſein, die Sache ſo ſtill als möglich verbluten zu laſſen.“ „Das Kind iſt ihre Nichte!“ erwiederte die Königin. „So hat Eure Majeſtät noch nicht die ganze Wahr⸗ heit vernommen!“ entgegnete die alte Dame ſichtbar er⸗ leichtert.—„Unglaublich, daß man ſich derlei Frevel er⸗ laubt. Die Perſon iſt die Tochter eines armen Offiziers von niederm Herkommen, wie ſie ſelbſt, wenn ſie befragt würde, nicht läugnen kann.“ „Eine Cronberg iſt ſie, Frau Gräfin, und der alte Reichsgraf, der eine ſo originelle Figur ſpielte, ihr Vetter. Ich will aber die ganze Angelegenheit hiermit beendigt wiſſen, liebe Caraffa. Wie ich fürchte, hat man Sie nicht recht über dies liebliche Kind berichtet, indeſſen wün⸗ ſche ich, daß Sie Niemand deshalb zur Rede ſtellen. Um Ihr Gewiſſen zu beruhigen, übernehme ich für das Er⸗ — — —— 166 ſcheinen des Fräuleins von Cronberg am Hofe alle Ver⸗ antwortung.“ Die Oberſthofmeiſterin verneigte ſich tief und mußte ihre ungelösten Serupel in ſich verſchließen, da eine weitere Erörterung abgeſchnitten war. Aber ſie mußte, dem Befehle der Königin nachkom⸗ mend, die geeigneten Anordnungen treffen, um einer wei⸗ tern Verbreitung der Nachricht über die wahren Verhält⸗ niſſe der allbewunderten jungen Dame zu verhindern. Sie ließ daher ſofort die Riedau zu ſich entbieten und äußerte ziemlich ungnädig, daß ſie durch ihre Mittheilung wahr⸗ ſcheinlich ſich ſelbſt Unannehmlichkeiten zugezogen haben werde, weil ſie auf falſchen Vorausſetzungen beruhten. Die Perſon, von welcher die Rede, ſei keineswegs von niederem Herkommen, ſondern eine Couſine des Reichsgra⸗ fen von Cronberg, wodurch allerdings auch eine Verwandt⸗ ſchaft mit dem Königsegg'ſchen Hauſe erklärbar ſei. Anna lächelte bitter, ohne jedoch die Ehrfurcht vor ihrer hohen Vorgeſetzten nur im Mindeſten zu verletzen. „Ob ich die Unwahrheit geſagt, würden Euer Excellenz durch die einfache Frage an den Reichsgrafen, ob er mit dem Rittmeiſter Kaspar Cronberg verwandt geweſen ſei, aufzuklären vermögen. Ich weiß es ganz genau, daß er dieſe ihm angeſonnene Verwandtſchaft mit Entrüſtung zurückgewieſen hat.“ „Von wem weiß man das?“ fragte die Gräfin. 167 „Von dem Herrn Grafen Karl Fidelis von Königs⸗ egg,“ erwiederte Anna, ohne ſich einen Augenblick zu be⸗ ſinnen. Sie ſprach inſofern die Wahrheit, als ſie allerdings dieſe Nachricht aus dem Munde des Grafen Karl Fidelis gehört hatte, nur war ſie nicht ihr ſelbſt erzählt, ſondern nur von ihr erlauſcht worden, als er ſeiner Mutter davon Mittheilung gemacht, während Anna im Nebenzimmer, wie oftmals, das Geſpräch behorchte. „Vor der Hand wünſche ich,“ ſagte darauf die Grä⸗ fin Caraffa mit den Worten der Königin,„daß über dieſe Angelegenheit gegen Niemand geſprochen werde. Ueberhaupt will ich auf die große Gefahr aufmerkſam machen, welche es mit ſich bringt, wenn über Vorfälle und Perſönlichkeiten des Hofes indiscrete Aeußerungen gethan werden, die ihren Weg in das größere Publikum finden. Wer ſolche Indiscretionen begeht, hat ſich auf die ſtrengſten Strafen gefaßt zu machen. Ich warne Sie da⸗ her, beſonders über dieſe Sache wegen der Cronberg, auf ausdrücklichen Befehl Ihrer Majeſtät, der Königin.“ Anna hatte darauf nichts zu erwiedern und wurde entlaſſen. In ihrem Zimmer fand ſie, gleichſam als Ent⸗ ſchädigung für die erlittene Demüthigung, einen Brief— es war die Antwort des Grafen Pio Colonna auf ihr Billet. Spöttiſch las ſie die glühenden Ausdrücke der Dankbarkeit, in welchen er abgefaßt war; dann nahm ſie 168 das feine, duftende Blättchen, welches der Brief als Ein⸗ lage enthielt, und betrachtet das Siegel, das nicht das Wappen der Colonna, ſondern im ſchönſten Lack den Ab⸗ druck einer kunſtreich geſchnittenen antiken Gemme zeigte. Die Aufſchrift: A Madonna Cajetana ſchien ihr be⸗ ſondere Freude zu macheu, ſie lachte ſehr heiter auf. Ohne Weiteres erbrach ſie das Billet und las es mit wahrhaft dämoniſcher Luſtigkeit in allen ihren Zügen. Dann legte ſie das Blättchen wieder ſorgfältig in ſeine Falten zuſammen und verſchloß es mit dem an ſie gerichteten Briefe in ihren Schrein. „Ein wenig warten, Geduld lernen!“ ſagte ſie für ſich. Von dem, was hier gegen ſie geſponnen wurde, hatte Cajetana keine Ahnung. Dennoch war ſie von Ban⸗ gigkeit erfüllt. Sie hatte der Gräfin bereits am Morgen nach dem Feſte geſtanden, daß es ihr unmöglich geweſen ſei, den Grafen Cronberg, der ihr ſo freundlich begegnet, länger zu hintergehen und ſich auf dieſe Weiſe in ſein Wohlwollen zu ſtehlen. Der Gräfin war dieſe Mitthei⸗ lung ſehr überraſchend gekommen, und wie es dann immer geſchah, wenn ſie nicht Zeit gehabt, ſich auf die erwarte⸗ ten Wechſelfälle vorzubereiten, hatte ſie einen Moment die gewohnte Selbſtbeherrſchung verloren. „Zum zweiten Male handelſt Du gegen meinen 169 Wunſch und Willen!“ hatte ſie aufgeregt gegen Cajetana geſagt.„Ich werde meine Hand ganz von Dir zurückzie⸗ hen, wenn Du mir mit ſolchem Undank lohneſt.“ Da war auch Cajetana, von dieſem Vorwurf ver⸗ letzt, aus der demüthigen Haltung getreten, welche ſie gegen ihre Wohlthäterin immer bewahrt hatte.„Ich kann nicht falſch ſein!“ hatte ſie lebhaft erröthend der Gräfin zur Antwort gegeben.„Auf eine edlere Weiſe hoffe ich Ihnen meinen Dank zu bezeigen.“ Die Gräfin hatte ſie darauf mit einem langen Blick gemeſſen, als wolle ſie prüfen, was dieſe Worte, in denen ſie noch einen verſteckten Sinn vermuthete, bedeu⸗ ten ſollten. Dann hatte ſie wieder ruhig und freundlich geſagt:„Du wirſt mich bald verlaſſen. Ich hoffe, daß Du ſpäter erkennen wirſt, wie Alles, was ich von Dir verlangt habe, nur zu Deinem Beſten geweſen iſt. Läug⸗ nen will ich nicht, daß dieſe neue Schwäche, welche Du bewieſen haſt, mich für Deine Zukunft beſorgt macht. Ich nenne es eine Schwäche, ſich von der Stimmung des Augenblicks hinreißen zu laſſen. Doch es iſt nun einmal geſchehen, und um Geſchehenes, das nicht mehr zu ändern iſt, viel Betrachtungen anzuſtellen, halte ich für Thor⸗ heit. Nur die böſen Folgen muß man abzuwenden ſu⸗ chen. Das wird meine Sorge für Dich ſein. Die Offen⸗ 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 11 170 heit, liebes Kind, die Du auch mir eben bewieſen haſt, iſt ſehr ſchön— nur kann ſie in der Welt, die uns nie⸗ mals mit gleicher Offenheit entgegen kommt, leicht ge⸗ fährlich werden. Nimm auch dieſe Warnung mit auf Deinen künftigen Weg.“ „Was haben Sie über mich beſtimmt?“ fragt Ca⸗ jetana nun wieder mit der alten Demuth. „Das— kann ich Dir noch nicht ſagen; doch wird die Entſcheidung nicht mehr lange auf ſich warten laſſen.“ Von dieſen dunkeln Worten, die eine Aenderung in ihrer Lage verkündeten, war Cajetana mit Bangigkeit er⸗ füllt worden, welche in der Einſamkeit, als ſie ſich wie⸗ der in ihrem Zimmer befand, noch wuchs. Die Gräfin Francesca erwog aber, nachdem ſie allein geblieben war, die Folgen, welche Cajetana's übertriebene Gewiſſenhaf⸗ tigkeit nach ſich ziehen konnte. Alle ihre ſchönen Entwürfe, welche ſie durch die Mittheilung an den Grafen Trautſon und durch ihn bei der Königin geſichert wähnte, drohten nun zu ſcheitern. Denn wenn Cronberg, erzürnt durch das Spiel, das mit ihm getrieben worden war, das ſorg⸗ ſam bewahrte Geheimniß der Oeffentlichkeit übergab, ſo war es unmöglich, Cajetana noch länger zu halten: ihre Rolle in der vornehmen Welt hatte mit einem ſchmach⸗ vollen Fiasco geendigt, das auch ihre Beſchützerin zwin⸗ gen mußte, wiederum eine Verbannung freiwillig über ſich auszuſprechen. Während Francesca noch mit dieſen Gedanken be⸗ ſchäftigt war, ſah ſie aus ihrem Fenſter eine Karoſſe durch die Allee daher kommen, und wollte ſchon Befehl geben, daß ſie für Niemand zu ſprechen ſei, als ſie das nicht leicht zu verkennende Tigergeſpann bemerkte. Es war Cronberg! Was konnte die Abſicht ſeines Beſuchs ſein? Hatte er den Muth, ſie zur Rede zu ſtellen? Es wäre bei ihm, der ſeine tödtliche Verlegenheit im unge⸗ wohnten Verkehr mit Damen kaum ein wenig überwun⸗ den hatte, wohl denkbar geweſen, daß er in ſeinem Ver⸗ druße gradezu in das Extrem einer Rückſichtsloſigkeit gegen alle höfliche Form umſchlug. Francesca hatte aber ſchon die volle Faſſung ihres überlegenen Geiſtes wieder gewonnen und ſie nahm den Grafen, als er gemeldet wurde, zuvorkommend an. Ein Blick genügte, um den Ungrund ihrer letzten Befürchtung zu erkennen. Der Graf erſchien mit einem wahren Sonnenſcheine auf ſeinem ganzen üppigen Ge⸗ ſichte. Sie trat ihm unbefangen und freundlich entgegen und empfing ihn mit der Frage, ob er gekommen ſei, zu ſchelten. „Zu ſchelten?“ rief er.„Wie ſollt' ich mir das unterſtehen und worüber könnte ich ſchelten?“ F˖ůÜů— 172 „Setzen Sie ſich, lieber Graf. Sprechen wir uns aus. Tani hat mir geſagt, daß ſie mir zuvorgekommen iſt, da ich mir vorgenommen hatte, Ihnen heut' Alles zu ſa⸗ gen. Sie ſind mir auch zuvorgekommen mit Ihrem lieben Beſuch— ich hatte ſchon die Feder ergriffen, Sie darum zu bitten.“ „Aber, Frau Gräfin, es iſt ja nun Alles gut, Alles in der Ordnung und Richtigkeit—“ „Nein, lieber Graf. Was müſſen Sie von mir denken, daß ich es bis jetzt unterlaſſen habe, Sie von den wahren Verhältniſſen zu unterrichten! Könnten Sie nicht glauben, die Verwechſelung der Coſtüme ſei von mir mit Abſicht bewirkt worden, nur um Cajetana Gele⸗ genheit zu geben, ſich hinterliſtig in Ihr Wohlwollen zu ſchleichen?“ Auch die Gräfin gebrauchte hier Worte, die ihr in den Mund gelegt waren. „Schleichen!“ wiederholte der Graf.„Hat ſich was zu ſchleichen! Mit Sturm unter Trommelſchlag und fliegenden Fahnen iſt ſie eingerückt. Sie wollte mir nach⸗ her noch etwas darüber ſagen, aber der Mann in der weißen Wolle ließ ihr ja keine Ruhe. Wer iſt dieſer zu⸗ dringliche Menſch eigentlich?“ Die Gräfin nannte flüchtig Colonna's Namen und ging wieder zu ihrem Gegenſtande.„Ich bin es mir ſchuldig, Ihnen die Gründe auseinander zu ſetzen, die 173 mich bewogen haben, das arme verlaſſene Kind, deſſen Vormund mein Sohn Karl Fidelis iſt, nicht unter ihrem eigenen Namen in die Geſellſchaft einzuführen. Mein Sohn regte ſelbſt, ohne es zu wiſſen, die Idee dazu in mir auf.“ „Danach hat kein Menſch zu fragen,“ verſetzte Cronberg.„Ich glaub' Ihnen Alles, ohne daß Sie's erzählen. Genug, mein Mühmchen iſt einmal da, und ich freue mich ſelbſt wie ein Kind darüber.“ „Sie ſind ſehr gütig, meiner armen Tani dieſen Namen zu geben,“ erwiederte die Gräfin, welche ihn mit wachſendem Erſtaunen beobachtete.„Es iſt um ſo freundlicher von Ihnen, da ſie kein Recht darauf hat, wie wir Alle, auch Tani, ſehr wohl wiſſen. Das war eben auch einer von meinen Gründen, ſelbſt den Schein einer unberechtigten Prätenſion vor der Welt zu ver⸗ meiden.“ „Nicht doch, Frau Gräfin!“ rief Cronberg ſehr vergnügt.„Freilich hab' ich's auch einmal nicht anders geglaubt und Freund Karl Fidelis— verzeihen Sie! Ihren Herrn Sohn, wollt' ich ſagen, als er mir das Mühmchen vorſtellen wollte, da ich grade bei einem Fa⸗ ſanen ſaß, haha! mit meiner heraldiſchen Erudition aus dem Felde geſchlagen. Ich war auch meiner Sache ganz ſicher und kümmerte mich nicht weiter darum, weil ich —— ja die Kleine gar nicht geſehen hatte. Wär' das geweſen, wie es nun iſt— ei, da wären mir die Augen vielleicht ſchon früher aufgegangen. Ich glaute aber Wunder, wie genau ich meine Genealogie ſtudirt hätte! Aber was ſagt der weiſe König Salomo? Unſer Wiſſen iſt Stückwerk! Wie ich nun die Tani— verzeihen's nur noch einmal, Frau Gräfin, aber mein eignes Mühmchen werde ich ſchon ſo nennen dürfen!— wie ich ſie nun geſehen habe und ſie mir ihren Namen entdeckt hat, ließ es mir keine Ruhe, und ich habe einen alten Scribenten, der von dem Hauſe Cronberg eine genaue Hiſtoria geliefert, von An⸗ fang an durchgeſtöbert, um mein Gewiſſen ganz zu beru⸗ higen, da es mir doch, je mehr ich mir das Mädel anſah, abſonderlich, als ſie mit dem zudringlichen Welſchen tanzte, in die Augen fiel, daß ſie wohl Cronberg'ſches Blut in den Adern haben konnte. Und ſiehe da, Frau Gräfin, die Sach' iſt richtig und ich muß mich ſchämen, wie ein begoſſener Pudel. Wer's mir noch vor acht Tagen geſagt hätte, den würd' ich ausgelacht haben, denn ich meinte, daß ich den Helwichius, der Anno 1625 die Genealogie unſers Hau⸗ ſes von 620 bis 1625 ediret hat, auswendig könnte. Und ich hatte doch einen Nebenaſt des Baumes, der ſich ſchon im vierzehnten Saeculo in einem unſcheinbaren Rüthlein abgezweiget und ſich quasi unter den reichlich wuchernden Blättern der andern verloren, ganz überſehen — oder vergeſſen. Das iſt nun derjenige, aus welchem Tani unzweifelhaft entſproſſen iſt.“ „Wenn aber,“ bemerkte die Gräfin, die ihn lächelnd mit großer Geduld angehört hatte,„das Buch von 1625 iſt, wie läßt ſich die Abkunft Cajetana's dann weiter nachweiſen? Ich fürchte, Sie haben ſich durch Ihre Güte zu der Annahme beſtimmen laſſen.“ „Nein, nein!“ erwiederte Cronberg eifrig.„Die Sache iſt ganz in der Ordnung. Ich habe Alles auscal⸗ culirt. Was erſt den Namen betrifft— ſo wechſelt in dieſem Nebenzweige unſers Stammes der Name Kaſpar und Kon⸗ rad, einer um der andern. Anno 1625 war ein Kaſpar zuletzt verzeichnet, das ſind fünf und ſiebenzig Jahre her, muß alſo der Urgroßvater Tani's geweſen ſein, weil ihr Vater wieder Kaſpar geheißen hat. Alſo das iſt richtig. Soldaten ſind Alle geweſen, weil ſie keinen Grundbeſitz überkommen haben: das ſtimmt alſo wieder. Nun wäre noch die Entſtehung des Wappens zu ermitteln.“ „Die erlaſſe ich Ihnen, lieber Graf. Ich bin über⸗ zeugt, daß ſie ebenſo ſcharfſinnig ermittelt worden iſt, als die andern Punkte, und ſomit gar kein Zweifel an der Richtigkeit Ihres Calcüls bleibt. Wie wird ſich Tani freuen, wenn ich ſagen kann, daß ſie jetzt nicht mehr in der Welt ſteht, als Eine, welche Niemand angehört, — 176 5 ſondern daß ſie einen gütigen Vetter beſitzt, der ſich ihret⸗ wegen ſo mühſamen Studien unterzogen hat.“ „O das iſt meine Paſſion!“ verſetzte Cronberg mit leuchtendem Angeſicht.„Aber, wenn es angeht, möchte ich das dem herzigen Mädel ſelbſt ſagen. Wenn es an⸗ geht, Frau Gräfin!“ ſetzte er in einer gewiſſen Verle⸗ genheit hinzu, als habe er noch etwas auf dem Herzen. „Was follte dagegen ſprechen?“ erwiederte Fran⸗ 3 eesca.„Ich werde Tani gleich rufen laſſen.“ „Ich möchte nur noch Eins fragen—“ hielt ſie Cronberg zurück.„Sie iſt ein bildſauberes Mädchen— und in der Favorita, wie ich ſo nach der Tafel ſtand und ſie tanzen ſah, da hörte ich unter dem jungen Mannsvolk mancherlei reden über ſie und den Welſchen, der ſo gar nicht von ihr abließ.“ „Wahrhaftig?“ ſagte Francesca mit unwillig bliz⸗ zenden Augen. „Iſt etwas dahinter?“ fragte er angelegentlich. „Mir können es Euer Gnaden ſchon ſagen.“ zi„Nicht das Geringſte!“ erwiederte die Gräfin leb⸗ haft.„Das Benehmen des Grafen Pio iſt Cajetana ſo läſtig, wie mir, ich werde ihm aber Schranken zu ſetzen wiſſen.“ „Das iſt brav!“ rief Cronberg, indem er ſich auf das 3 Bein ſchlug.„Wenn Sie Hülfe brauchen, ſo bin ich auch 7 da und werde mein Mühmchen nicht im Stiche laſſen.— Aber“— fing er wieder befangen an—„die Tani hat wohl ihr anderes Theil ſchon, was ihr lieber iſt, als der Welſche, den ſie nicht mag?“ „Und wäre das für ein junges Herz unnatürlich?“ entgegnete Francesca lächelnd. „Freilich nicht— es wäre ganz in der Ordnung!“ ſagte Cronberg, indem er die Backen gleichſam nieder⸗ geſchlagen hängen ließ.„Ich möchte es nur gern wiſſen.“ „Aus vetterlichem Antheil, ich verſtehe Sie. Doch glaube ich, daß Tani's Herz noch, ganz frei iſt.“ „Brav, ſehr brav!“ rief Cronberg freudig.„Sie ſchauen mich an, Frau Gräfin, als könnten Sie mir in der Seele leſen, und ich bin's auch gar nicht mehr im Stande, mich vor Ihren Augen zu verbergen. Wollen die Tani wirklich rufen laſſen? Ich möchte meinem Mühmchen ſelber ſagen, wie es mit unſerer Verwandt⸗ ſchaft ſteht.“ Die Gräfin zog die Klingel und gab der erſchei⸗ nenden Jungfer die nöthigen Befehle. Ihr Geſicht war ernſt geworden, ſie ſchien von der neuen Wendung, die ſich nur halb entwickelt hatte und noch mehr ahnen ließ, völlig überraſcht worden zu ſein, ſo daß ſie dem Gra⸗ fen zerſtreute Antworten gab, als er Fragen über Caje⸗ tana an ſie ſtellte. Dieſe trat gleich darauf ein⸗ —— —— Da war es aber mit der bisherigen Ungezwun⸗ genheit des Reichsgrafen vorbei. In ſeinen Augen ſprach ſich freilich eine faſt überfließende Freude über Cajetana's Erſcheinen aus, aber die Zunge war ihm wieder ſchwer gefeſſelt wie ſonſt und ſein ganzes Benehmen die Ver⸗. legenheit und Unbeholfenheit ſelbſt. Auch Cajetana fühlte ſich, eingedenk ihres Geſtändniſſes, zu deſſen Erörterung ſich an dem Feſtabende kein freier und zeugenloſer Mo⸗ ment mehr gefunden hatte, in großer Befangenheit, und es blieb nur der Gräfin vorbehalten, die Erklärung, wel⸗ che Alles zwiſchen Beiden ebnen ſollte, zu geben. Sie that es mit wenigen Worten, und der Reichsgraf, von Herzen froh, daß es ihm abgenommen war, reichte nun Cajetana die Hand.„Wir ſind alſo Vetter und Muhme, von vier⸗ hundert Jahren her!“ ſagte er.„Ich kann nicht mehr anders zu Ihnen ſagen, als Tani— Sie werden's mir doch erlauben?“ „Wenn der Herr Graf mich wirklich als Ihre Ver⸗ wandte anerkennen wollen—“ „O ſprechen Sie mir nicht ſo! Anerkennen— wo es erwieſen iſt! Und Herr Graf zum Vetter!— Sagen Sie mir, Frau Gräfin, wo liegt der Sohn in Tirol? Ich muß gleich an ihn ſchreiben, pater peccavi ſagen.“ „Wenn Sie meinem Sohne ſchreiben wollen, ſo trifft es ſich gut, daß in wenigen Tagen, vielleicht über⸗ morgen ſchon ein junger Offizier, der mit Depeſchen vom Hauptquartier herein geſchickt war, wieder hinaus geht. Er hat mir einen Brief von meinem Sohne mitgebracht und ſich erboten, die Antwort zurückzunehmen. Jedenfalls kommt er daher vor ſeiner Abreiſe zu mir, und wenn Sie mir alſo einige Zeilen für meinen Sohn anver⸗ trauen wollen, ſo bin ich gern bereit, ſie zu beſorgen.“ Es war ein Glück für Cajetana, daß die Gräfin während ihrer an Cronberg gerichteten Worte auch ihre Augen auf ihn geheftet hatte und kein Seitenblick das Antlitz des jungen Mädchens traf. Als der Graf ſeine Antwort gegeben hatte, war es Cajetana bereits gelun⸗ gen, den verrätheriſchen Ausdruck zu beherrſchen, der ſich in ihren Zügen gemalt, und was von erhöhter Farbe ſich durch keine Willenskraft unterdrücken ließ, fand ja ſeine natürliche Erklärung durch die Situation des Mo⸗ ments, welche für ſie eine glückverheißende, wolkenloſe Zukunft vorbereitete. Was Cronberg noch weiter mit ihr ſprach, wie er vom wohlwollenden Gefühl gegen ſie hingeriſſen, ſie zu⸗ weilen, ohne es zu wiſſen, Du nannte, als verſtehe ſich das zu dem Mühmchen gleichſam von ſelbſt, konnte nur zur Beſtätigung der Annahme dienen, daß er, der reiche, kinderloſe Mann, für Cajetana nun in aller Hinſicht als für ſeine Verwandte ſorgen werde, und ₰ hätte der ———— 180 Gräfin daher leicht um das Herz werden müſſen. Dies weiblich zartfühlende Herz hatte aber eine Ahnung, als könne das Glück, das die raſch erwachte Zärtlichkeit des Vetters Cajetana's ihr zudenken möchte, zu neuen Prü⸗ fungen führen, und Francesca's Auge ruhte deshalb mit milder Theilnahme auf den unſchuldigen Zügen ihrer Schutzbefohlenen. Wird ſie Kraft haben, dieſe Prüfun⸗ gen zu beſtehen? Graf Cronberg hatte ſeinen Beſuch ſo lange aus⸗ gedehnt, wie es ſein treuer Veit, der im Wagen auf ihn wartete, noch nie erlebt hatte. Selbſt die Tigerpferde wurden ungeduldig, fingen an zu ſcharren und ſich zu bei⸗ ßen, ſo daß der Kutſcher, um ſie zu beruhigen und vor Erkältung in der Winterluft zu ſchützen, mehrere Volten vor dem Palais fuhr. Als der Graf endlich erſchien, fand er ſeinen Veit aus tiefem Schlaf erwacht und ſehr verdrießlich, obgleich er kein Wort zu äußern wagte. Um ſo vergnügter ſchien der Herr, denn er kniff den Diener, wie er zuweilen in großer Luſtigkeit zu thun pflegte, wenn Veit ihm gegenüber im Wagen ſaß, höchſt ſchmerzhaft in das Bein. „Du wirſt Dich wundern, Veit!“ ſagte er. Ahtes Capitel. Ein alter Freier. Graf Pio Colonna hatte einen römiſchen Knaben bei ſich, einen Traſteveriner, welcher alle guten und böſen Eigenſchaften beſaß, die ſich in dieſem Volkstheile der ewigen Stadt bis auf unſere Tage erhalten haben. Der Knabe hieß Ruffo und war höchſtens zwölf Jahre alt, erſetzte aber ſeinem Herrn jeden andern Diener um ſeine Perſon; der Graf konnte ſich unbedingt auf ihn ver⸗ laſſen, auch in den ſchwierigſten Aufträgen, die er ihm gab. In Wien wurde ihm jeder Auftrag noch ſchwieriger dadurch, daß er nur ſehr mangelhaft deutſch verſtand und noch mangelhafter ſich verſtändlich machen konnte. Den⸗ noch erſetzte er das durch ſeine Schlauheit und Furcht⸗ loſigkeit, und Colonna hatte noch nie ſeine Befehle un⸗ erfüllt geſehen. So war es Ruffo auch gelungen, den Brief ſeines Herrn an die unverhoffte Gönnerin, die er am Hofe ge⸗ funden hatte, zu bringen, ohne ſich durch die Hinderniſſe, die er Anfangs fand, abſchrecken zu laſſen. Jetzt ſollte er, da die gehoffte Wirkung des Briefes ſeinem ungeduldigen Herrn zu lange ausblieb, den gefährlichen Weg, auf wel⸗ 182 chem ihn nicht bloß wörtliche, ſondern auch thätliche Zurückweiſung bedrohte, noch einmal machen, und zum Erſtenmale wagte er einen Einſpruch. „Wie ich da bin, Herr, laſſen ſie mich nicht zum Zweitenmale ein.“ Er warf dabei einen ausdrucksvollen Blick auf ſeine Kleidung, welche allerdings nicht ſo glän⸗ zend war, wie es ſich für einen Herrendiener gepaßt hätte. Der Graf nahm aber dieſe Gebehrde ſehr übel. „Verdienſt Du einen beſſern Rock?“ rief er er⸗ zürnt.„Ich ſehe ſchon ſeit Wochen, daß Du übermüthig wirſt und geputzt ſein willſt! Was ich Dir gebe, iſt für Dein Wolfsgeſicht gut genug. Hüte Dich, daß ich ſolche Reden nicht noch einmal höre.“ Der Knabe warf einen halb ſcheuen, halb trotzigen Blick auf ſeinen Herrn, da aber die Züchtigung, die er erwartet hatte, ausblieb, begann er wieder:„Ich würde aber von den Schloßleuten immer eingelaſſen werden, wenn ſie mich als Pagen eines reichen Herrn anſähen— ſtatt deſſen müſſen ſie mich für einen Bettelbuben halten.“ Jetzt ſchlug der Blitz wirklich ein, denn es war eine wunde Stelle, welche der Knabe berührt hatte. Ruffo wich aber dem Schlage gewandt aus, ſo daß er ihn nur ſtreifte, und rief:„Herr, ich rede nur die Wahrheit. Die kleine häßliche Donna wunderte ſich auch über mich und fragte, ob ich wirklich in Ihren Dienſten ſtände. Sie iſt 183 doch ſehr häßlich, gnädiger Herr! Warum ſoll ich wieder zu ihr gehen?“ Da lachte der Graf, der den Buben durch ein Ge⸗ miſch von Vertraulichkeit und launenhafter Strenge zu tauſend Ungehörigkeiten verleitet hatte, und ſagte:„Du biſt ein Affe, möchteſt nicht Ruffo, ſondern Ruffiano ſein!“ Bei dieſem Wortſpiel, welches der zwölfjährige Knabe verſtand, der vielleicht ſchon das ſaubere Geſchäft eines„Ruffiano“(Kupplers) getrieben hatte, lachte die⸗ ſer, daß ſeine weißen, ſcharfen Zähne zum Vorſchein ka⸗ men und er wirklich ein wahres Wolfsgeſicht zeigte. „Hier iſt der Brief, Burſche!“ ſagte nun der Graf. „Wenn Du ihn wieder ſo klug bei der Häßlichen beſtellſt, wie das Erſtemal, und mir eine Antwort bringſt, wie ich ſie wünſche, ſollſt Du eine neue Jacke haben, ſo bunt und reich, daß Dir das Herz lachen ſoll.“ Ruffo machte ſich denn auf den Weg, und die Ver⸗ heißung hatte ſo mächtig auf ihn gewirkt, daß er ſchon nach zwei Stunden mit ſiegfrohem Angeſicht zu ſeinem Herren zurückkehrte und aus ſeinem allerdings verſchoſſe⸗ nen und ärmlichen Röckchen ein kleingefaltetes Billet her⸗ vorzog. „Hier, Signore!“ war ſein kurzes Wort. Der Graf winkte ihn hinweg und erbrach eiligſt das Siegel. Sein Auge funkelte von Leidenſchaft, als er ſah, 184 daß das Billet eine Einlage enthielt; ohne die drei Zei⸗ len zu leſen, durch welche dieſe Einlage begleitet wurde, entfaltete er dieſelbe: ſie war deutſch geſchrieben, aber ſo klar und leſerlich, daß er ſie trotz ſeiner ſchwachen Kenntniß der deutſchen Schriftſprache dennoch verſtehen konnte. Mit einem wahnſinnigen Entzücken küßte er die Unterſchrift, hob das Billet triumphirend gen Himmel und las es dann zum zweiten und dritten Male. Dann ging er im Zimmer auf und ab, ſah nach dem Stand der Sonne und vermochte ſeine fieberhafte Ungeduld kaum zu zügeln. Untergehen mußte die Sonne und wieder auf⸗ gehen, ihre Mittagshöhe erreichen, ehe die Stunde ſchlug, die ihn zu ſeinem Glücke führen konnte! Jetzt erſt fiel es ihm ein, die drei Zeilen zu leſen, mit welchen ihm ſeine treue Bundesgenoſſin das ſüße, dreimal ge⸗ ſegnete Geheimniß jenes Billets überſendet hatte. Sie waren in italieniſcher Sprache geſchrieben, fehlerhaft ge⸗ nug, aber dennoch willkommen. Er fand in der kürzeſten Faſſung die genaueſte Richtſchnur. Was war nun zu thun für heute, um die ewig langen Stunden des Abends und der Nacht zu verbringen? Ha, es war ja Faſching in dem frommen Wien, und die ſtrenge, faſt klöſterliche Stille, welche der Kaiſer ſeiner Reſidenz aufgeprägt hatte, und die er oft rühmte im Gegenſatz zu dem lockern, ſündhaften Leben am Hofe zu Verſailles, war für ein 185 Paar kurze Wochen einem heitern Lebensgenuße gewichen. Hinaus denn in die rauſchenden Wogen der Freude! „Ruffo! Degen und Hut! Du begleiteſt mich!“ „Doch nicht zu der Donna del Promontorio?“ fragte der Bube mit einer frechen Anſpielung auf die ver⸗ wachſene Schulter des Fräuleins, dem er den Brief ge⸗ bracht.„An ihrem Vorgebirg möchte ich nicht gern ſcheitern.“ Der Graf ſchenkte ihm in beſter Laune für den ſchlechten Witz eine kleine Kupfermünze: Ruffo war nicht verwöhnt bei ihm. Beide verließen denn das Haus. Auf der Straße begegnete Colonna einen Offizier in der Uniform ſeines Regiments. Er ging auf ihn zu und ſtaunte, als er ihn erkannte. Es war Herr von Rie⸗ dau, von deſſen Anweſenheit zu Wien er ſo wenig, als von ſeiner Verſetzung zum Regiment Savohen⸗Dragoner etwas erfahren hatte. „Wohinaus, Camerad?“ fragte er ihn, ohne ſeine Verwunderung zu verrathen. „Zu unſerm Regiments⸗Inhaber, dem Prinzen!“ antwortete Riedau, den Gruß kurz erwiedernd. „Meldung?“ fragte Colynna. „Ja, zum Abgange nach Tirol,“ erwiederte Max und wollte vorüberſchreiten. „Schon bei der Conteſſina gemeldet?“ rief der 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 12 186 Graf ihm noch übermüthig nach, und als Riedau ſich raſch umwandte, lachte er und winkte ihm einen Abſchied mit der Hand.„Auf Wiederſehen!“ „Unter den Waffen!“ antwortete Riedau mit einem ſtolzen Blick und ſetzte ſeinen Gang fort. „Haſt Du ihn verſtanden, Ruffo?“ fragte der Graf ſeinen Knaben, welcher dicht hinter ihm ſtand. „Nein. Aber hüten Sie ſich vor dem, Herr!“ er⸗ wiederte der Bube. „Du wirſt mich ſchützen, Junge!“ ſagte Graf Pio lachend. Der Knabe griff in die Bruſt ſeiner Jacke und nickte.„Führſt Du ein Stilett?“ fragte der Graf. „Nimm Dich in Acht, dergleichen Spielzeug iſt hier ver⸗ boten.“ Ruffo ſchnellte die Finger empor mit einem jener italieniſchen Zeichen des frechſten Hohnes. Sein Herr drohte ihm und Beide ſetzten ihren Weg fort. Max Riedau ging einen andern Weg, den einer reinen, unbefleckten Mannesehre. Vom Prinzen Eugen, der ihn zu ſich beſchieden hatte, wurde er ſehr gnädig empfangen. Es hatten ſich dem Feldherrn noch einige Fragen aufgedrängt, welche die genauern Verhältniſſe der Truppen betrafen, ihren Dienſtbetrieb im inneren Ver⸗ bande, welcher das wichtige Fundament ihrer Leiſtungen iſt, ihren Zuſtand in aller Beziehung, Fragen, welche ihm auf officiellem Wege nur nach dem Schema und in ſeinem Sinne völlig ungenügend beantwortet worden wä⸗ ren, und wie Prinz Eugen immer die richtigen, wenn auch oft unſcheinbaren Quellen der Erkenntniß zu finden wußte, ſo befragte er nun den jungen Offizier, der friſch von der Truppe kam und deſſen offenes, ſoldatiſches We⸗ ſen ihm verſprach, daß er ohne viele Umſchweife die Wahr⸗ heit ſagen werde. Seine Vorausſetzung täuſchte ihn nicht. Riedau's Antworten ſtellten ihn vollkommen zufrieden; er erfuhr, was er wiſſen wollte. Vieles, das ihm unangenehm war, hatte er nicht anders erwartet. „Ja, ich glaube es!“ ſagte er mehrmals, da ihm Riedau offenbare Mängel im Dienſte freimüthig ein⸗ geſtand.„Thut nur Alle eure Schuldigkeit, ſo wird es beſſer werden.“ Er dachte an die vielen hohen und nie⸗ dern Offiziere, welche ſich mit Urlaub aus den Winter⸗ quartieren entfernt hatten, und wenn er ſich gegen den Untergebenen, der vor ihm ſtand, auch nicht darüber aus⸗ ſprach, ſo klang doch ſein Gedanke in der beifälligen Be⸗ merkung wieder, daß er, wie es ſcheine, die Freuden des Faſching zu Wien nicht ungern verlaſſen werde, um ſich zu ſeinem neuen Regiment zu begeben. „Es iſt mein größter Wunſch, Durchlaucht,“ er⸗ 12* 188 wiederte Max.„Vom Faſching habe ich nicht viel geſehen, und es iſt bei mir gar kein Verdienſt, daß ich lieber drau⸗ ßen bin, denn ich kann's nicht anders; aber wenn vor⸗ nehme und reiche Cavaliere, die wohl eingeladen ſind, anher zu kommen, lieber draußen bleiben in des Kaiſers Dienſt, ſo wird mein gnädigſter Herr wohl mit ihnen zu⸗ frieden ſein.“ „Zum Beiſpiel?“ fragte der Prinz, über die warme Sprache lächelnd.„Ihr habt doch ein beſtimmtes Beiſpiel im Sinne?“ „Den Herrn General⸗Adjutanten Grafen von Kö⸗ nigsegg zum Beiſpiel,“ erwiederte Riedau.„Und viele Andere.“ „Der Königsegg iſt ein tapferer Offizier,“ ver⸗ ſetzte der Prinz.„Den nehmt Euch in jeder Beziehung zum Muſter.— Er gab darauf dem neuernannten Lieute⸗ nant ſeines Regiments noch ein Schreiben an deſſen Oberſten mit, ſagte ihm, daß er morgen beim Hofkriegs⸗ rath die letzte Abfertigung erhalten werde, ſchärfte ihm Sorgfalt mit den Depeſchen ein und entband ihn von ei⸗ ner weitern perſönlichen Meldung. „Grüßt mein wackeres Regiment,“ ſagte er zum Schluß.„Ich hoffe Euch bald zu ſehen.“ In dieſen Worten ſchien für Mar die Erfüllung ſei⸗ nes heißen Soldatenwunſches auf einen neuen Krieg ver⸗ 189 heißen zu werden, und er verließ den Prinzen mit ſtolzer Freude über die Ehre, die ihm zu Theil geworden war. Noch einen Tag zu Wien! Morgen ſollte er ſeine letzten dienſtlichen Aufträge erhalten, übermorgen ſein Roß wie⸗ der an Mariahilf vorbei gen Abend wenden. Ehe er Wien verließ, mußte er noch einmal, wie er verſprochen hatte, der Gräfin Königsegg ſeinen Beſuch machen, um den Brief in Empfang zu nehmen, welchen ſie ihm für ihren Sohn mitgeben wollte. Sein Herz ſchlug höher bei die⸗ ſem Gedanken— durfte er hoffen, dabei Cajetana wieder⸗ ſehen? Wäre ſeine Schweſter noch dort geweſen, ſo hätte er ein Recht gehabt, in der Zeit, welche er ſchon hier müſſig verharrt, zuweilen wie ſonſt im Palais zu Gum⸗ pendorf zu erſcheinen, dann hätte ihm das Glück auch vielleicht wohl gewollt, daß er Cajetana wieder getroffen und geſprochen hätte. Jetzt war das Alles anders. Und war es nicht gut, daß es ſo ſtand? Was ſeine Schwe⸗ ſter ihm geſagt hatte, daß Cajetana mit ihm und ihr durch die Väter in einer eigenthümlichen Beziehung ſtand, war für ſein immer mächtiger werdendes Gefühl nur ein neuer Reiz geworden. Sie war ihm ja nicht fremd mehr, nicht durch eine hohe und reiche Ver⸗ wandtſchaft von ihm unnahbar getrennt— ein Soldaten⸗ kind, arm, wie er— Gewaltſam riß er ſich heute aus dem Wellen⸗ 190 ſtrome ſeiner Hoffnungen, der ihn bei dem Gedanken an ein mögliches Wiederſehen bei ſeinem morgenden Be⸗ ſuche erfaßt hatte, um ihn raſchen, ſtürmiſchen Laufs einem ſchimmernden Ziele entgegen zu tragen, das zwar noch fern, aber ſeiner Kraft durch das Glück des Krieges nicht unerreichbar blieb. Er riß ſich jedoch los von dieſem Gaukelbilde der Phantaſie: nicht in ſpielenden Träumen, ſondern durch Thaten wollte das Glück errungen ſein. Den heutigen Tag benutzte er, um ſich noch von dem Grafen Trautſon zu beurlauben, welchen er ſeit dem Tage, wo er ihm den letzten Beſcheid über ſein Ge⸗ ſpräch mit der Tochter des Raubſchützen gebracht, nicht wiedergeſehen hatte. Der Graf war nicht zu Hauſe, aber er begegnete der Gräfin, welche eben, als er den Thür⸗ ſteher nach der Stunde fragte, wo er wiederkommen dürfte, in ihrer Sänfte von einem Beſuch heimkehrte, ihn freundlich grüßte und bat, nur eine kurze Weile zu verziehen, da ihr Gemahl in wenigen Minuten zurück⸗ kehren werde. Er ließ ſich daher von dem Diener in das Zimmer führen, wo er das erwarten konnte, wurde aber bald durch eine Sendung zur Gräfin eingeladen. Max Riedau hatte ſich in frühern Zeiten, als er noch in Gna⸗ den bei ſeiner hohen Beſchützerin ſtand, zu viel in vor⸗ nehmen Kreiſen, beſonders von Damen, bewegt, um dar⸗ über in Verlegenheit zu gerathen. Sein geſundes, kern⸗ 191 haftes Weſen hatte ihn aber auch vor dem Gegentheile, vor einer geckenhaften Anmaßung bewahrt, welche junge Menſchen, die von den Frauen bevorzugt werden, nur zu leicht widerwärtig zur Schau tragen. Ohne Befangen⸗ heit, aber in beſcheidener Haltung trat er bei der Gräfin ein, welche ihn freundlich willkommen hieß und ſich halb entſchuldigte, daß ſie ihn gebeten, zu ihr zu kommen— ſie hoffe aber durch ihn Nachrichten von ihrem Oheim, dem Grafen Weißenwolff, Erblandhofmeiſter, zu bekom⸗ men, den er, wie ihr Gemahl ihr geſagt, unterwegs krank in Salzburg getroffen habe. Was ſie erfahren, ſei ihr nicht genügend, ſie bitte ihn alſo, zu erzählen, wie er ihren Oheim gefunden und ob er in Lebensgefahr ſchwebe. Riedau beruhigte ſie darüber. Er hatte auf ſeinem Ritt von Innsbruck herüber den vierten Tag in Salz⸗ burg übernachtet und war zufällig von dem kranken Herrn geſehen worden, der ihn hatte höflich zu ſich entbieten laſ⸗ ſen, um von ihm Nachrichten über den Stand der Dinge beim Heere zu erfahren. Er war nur von der Gicht heim⸗ geſucht, ſonſt aber ganz heiterer Laune geweſen. Die Gräfin freute ſich über dieſe gute Nachricht, da ſie ihren Oheim ſehr lieb hatte. Ob der Grund aber, weshalb ſie den jungen Offizier hatte rufen laſſen, wirk⸗ lich nur die Sorge um den Oheim geweſen, wer mag das ſagen? Sie knüpfte ein anderes Geſpräch an und 192 wußte Max zu veranlaſſen, daß er ſich mehr und mehr äußerte, faſt ſchien es, als wolle ſie ihn nur recht kennen lernen. Die kleine harmloſe Frau! ZJetzt ſprach ſie von der Gräfin Königsegg, da ſie wußte, daß dieſe ihm ihr Wohlwollen rein erhalten hatte— und ſiehe! auf einmal hatte ſie ihn gefangen. Sein Auge wie ſeine Wange hatten ihn verrathen. Mehr wollte ſie ja nicht; ſie ging daher ganz unbefangen darüber hinweg und fragte ihn, ob er den Sohn der Gräfin vor ſeiner Abreiſe in Tirol ge⸗ ſehen habe. Max erzählte, was er von dem Grafen Karl Fidelis wußte. „Werden Sie ihn bei Ihrer Rückkehr ſehen?“ „Ganz gewiß. Ich werde mir morgen von der Frau Mutter einen Brief an ihn holen.“ „Dann ſagen Sie ihm nur, die Damen in Wien hätten es ihm ſehr übel genommen, daß er die Einladung zum Faſching abgelehnt habe, ganz beſonders ich, die ich die Ehre haben ſollte, ihn als meinen Cavalier zu ſehen.“ Wie entzückt würde ihr Gemahl geweſen ſein, dieſe Aeußerung des reinſten Seelenfriedens zu hören! „Und wenn Sie wieder kommen,“ fuhr ſie heiter fort,„dann ſollen Sie mir ſagen, wie der edle Graf, der mir eine ſolche Demüthigung bereitet, meine Botſchaft aufgenommen hat.“ „Ich komme nicht wieder, gnädigſte Gräfin,“ ant⸗ wortete Max.„Wir gehen vorwärts, ſobald der Schnee auf den Bergen ſchmilzt.“ „Sie kommen doch wieder!“ ſagte die Gräfin mit einem ſchnellen ſchalkhaften Blicke, aber ſie brach gleich ab und fragte, ob er den Krieg denn für ganz gewiß halte. „Was hätte der Soldat, wenn er darauf nicht hof⸗ fen könnte!“ entgegnete Riedau. Da war unterdeſſen der Graf heimgekehrt, wie ſei⸗ ner Gemahlin angezeigt wurde, und gleich darauf erſchien er auch in deren Zimmer. Er war noch im Hofkleide, denn er kam eben vom Könige. Freundlich begrüßte er Riedau und wünſchte ihm Glück, daß er ſich bereits die Gnade des Prinzen Eugen gewonnen habe; auch der König, der ein ſehr gutes Gedächtniß beſitze, habe ſich ſeiner wieder erinnert, ſogar der Gelegenheit, bei welcher er ihn zum Erſtenmale geſehen habe. Er richtete dabei ſein Auge forſchend auf den jungen Mann, ob dieſer ihm vielleicht etwas in Bezug auf die bewußte Sache bringe, da er aber nichts bemerkte, gab er den Gedanken auf, ihn alsbald mit ſich auf ſein eigenes Zimmer zu führen, und ſetzte das Geſpräch hier fort, bis Riedau ſich verabſchiedete. 194 Die Gräfin wünſchte ihm eine glückliche Rückkehr zum Heere und die Erfüllung aller ſeiner Wünſche, wofür er ſich mit einem lebhaft aufglühenden Blicke und freudi⸗ gem Lächeln bedankte. Trautſon begleitete ihn bis in das Vorzimmer, wo er ihn nun doch fragte, ob er nichts weiter von dem Mädchen mit dem Ringe gehört habe, ſie ſei nicht ge⸗ kommen und er befinde ſich gewiſſermaßen in Verlegenheit, was er thun ſolle, um ihr die Gnade, die ihr zugedacht ſei, angedeihen zu laſſen, da auch das Fräulein, bei dem er ſie damals geſehen, nicht wiſſe, wo ſie zu finden ſei. Riedau wußte ebenſo wenig etwas von ihr. Der Graf trug ihm dann Grüße an ſeinen Freund Karl Fidelis auf und wiederholte die Wünſche ſeiner Gemahlin. Als er zu ihr zurückkehrte, fand er ſie in der glücklichſten Stimmung, aber etwas aufgeregt. „Leopold!“ ſagte ſie.„Das wird ein Paar, wie kein zweites wieder zuſammen paßt— wie wir, Leopold, denk' an mich!“ „Was meinſt Du, Reſi?“ fragte er ganz erſtaunt. „O ich weiß ſchon, was ich ſage!“ erwiederte ſie. „Dieſer hier und die hübſche Tani draußen in Gumpen⸗ dorf— wie ſchön ſchickt ſich nun Alles! Der alte Vetter, der Herr von der fränkiſchen Grafenbank, iſt ganz aus⸗ geſöhnt, ja ganz vernarrt in ſein Mühmchen, er wird ſie 195 ausſtatten, daß kein Fürſt ſich ihrer zu ſchämen hätte; der junge Herr iſt in Gnaden bei ſeinem Prinzen, und was noch mehr ſagen will, der künftige Kaiſer kennt ihn. Gibt's Krieg, ſo kommt er als General wieder, und es gibt Hochzeit.“ „Ich bitt' Dich ſchön, Reſi, bleib da! Du fliegſt mir ja ganz davon. So ſehr ich dem jungen Mann alles Glück wünſche, iſt er doch noch weit davon entfernt. Du weißt ja nicht einmal, wie Cajetana von ihm denkt, ob ihr Herz ſich ihm zuneigt. Was ich aber vom alten Cron⸗ berg weiß, läßt mich an einer fürſtlichen Freigebigkeit von ſeiner Seite zweifeln. Wir können überhaupt zu dem Gelingen dieſes Plans nichts thun, obgleich ich die Luſt dazu in Deinen Augen ſehe. Stellen wir Alles Gott anheim.“ „Da haſt Du Recht, Leopold. Der wird's wohl machen.“ „Wegen der Cajetana iſt großes Turnieren geweſen. Die Frau Oberſthofmeiſterin hat es doch, der Himmel weiß wie, erfahren, daß man ihr eine verkappte Dame einge⸗ ſchwärzt, und iſt deshalb mit einer Klage vor die Königin getreten. Du kannſt Dir denken, wie ſie verſteinert geſtan⸗ den, als Ihre Majeſtät ſchon von Allem unterrichtet war. Freilich iſt es nun ein Glück, daß durch ein Mißverſtänd⸗ niß Cajetana nicht Hofdame der Königin geworden iſt, die 196 Arme würde jetzt einen üblen Stand haben. So ſteht ſie aber unter dem Schutze einer ganz unabhängigen Frau, und ihr kann nichts weiter geſchehen, als daß ſie einmal bei einem großen Feſte vergeſſen wird.“ „Daran wird ihr nichts gelegen ſein. Ich wenig⸗ ſtens hätte mich nach keinem Feſte geſehnt, wo ich gewußt hätte, daß ich Dich nicht finden würde. Als Deine Frau kann ich es jetzt ſchon ſagen, ohne Dich allzu eitel zu machen.“ Er lächelte ſie liebevoll an und ſagte hierauf:„Du ſcheinſt es als ganz gewiß anzunehmen, daß Cajetana's Herz dem jungen Manne zugeneigt iſt, der uns eben ver⸗ laſſen hat. Möchte ſie ſich nur nicht von den leidenſchaft⸗ lichen Huldigungen berauſchen laſſen, die ihr von anderer Seite gebracht werden!“ „Nun, Leopold!“ erwiederte die Gräfin eifrig, „wenn ſie ſich von dieſem Römer, der ihrer nicht werth iſt, bethören läßt, daß ſie ihn einem braven deutſchen Herzen vorzieht, ſo ſoll ſie mir leid thun.“ Ihr Gemahl ſtimmte ein, äußerte jedoch, daß Graf Colonna grade einem unbefangenen weiblichen Herzen gefährlich werden könne. Dann kam er wieder auf den Gegenſtand zu ſprechen, der ihn nun ſchon ſeit mehr denn Jahresfriſt in unerſprießlicher Weiſe beſchäftigte, auf den bewußten Ring. Der König hatte ihn erſt heute wieder danach gefragt, ob er noch keine Ausſicht habe, ſich von einer für ihn ganz unangenehmen Verpflichtung befreit zu ſehen. Auf Trautſon's Verſicherung, daß von ſeiner Seite Alles geſchehen ſei, um den Aufenthalt des Mäd⸗ chens, das ſich nicht freiwillig ſtellen wolle, zu ermitteln, daß aber bis jetzt keine Spur gefunden worden, weder im Königsegg'ſchen Hauſe, noch bei der Soldatenwitwe, wo ſie früher eine Zuflucht gehabt, war der König mit ſichtlichem Verdruße zu einem andern Geſpräche überge⸗ gangen.—„Ich kann mir wohl denken,“ ſagte der Graf, „daß es dem Herrn peinlich iſt, wieder im Beſitze des Ringes zu ſein, ohne dem Mädchen dafür eine angemeſ⸗ ſene Entſchädigung zukommen zu laſſen, aber es iſt doch ihre eigene Schuld. Rathe mir, mein kluger Miniſter, was ſoll ich thun? Du weißt ſonſt für Alles Rath.“ Die Gräfin beſann ſich eine Weile.„Wenn das arme Kind irgendwo zu finden iſt,“ ſagte ſie dann,„ſo iſt es in der Nähe des Gefängniſſes, in welchem ihr Va⸗ ter liegt.“ „Aber ſollen wir dort auf ſie lauern laſſen, ihr einen Hinterhalt legen, mit Gewalt uns ihrer Perſon bemächtigen, nur um ihr eine Wohlthat aufzudrängen, die ſie nicht mag?“ „Das ſoll nicht geſchehen— aber ſie dort treffen, ihr freundlich begegnen! Dir muthe ich ein ſolches Un⸗ ternehmen nicht zu, wie ſich von ſelbſt verſteht, aber da Du einmal in dieſer Sache dem jungen Riedau Dein Vertrauen geſchenkt haſt, der morgende Tag iſt noch ſein. Ich glaube ganz gewiß, daß das Mädchen ſich in der Nähe ihres Vaters aufhält, und wenn ſie ſich auch bei Tage nicht hervorwagt, doch des Abends ſuchen wird, etwas von ihm zu erfahren. Haſt Du neuere Meldungen über ſeinen Zuſtand?“ „Ja wohl, der König wünſchte davon zu wiſſen. Es iſt Alles noch beim Alten und ſomit keine Möglichkeit, irgend eine Unterſuchung mit ihm einzuleiten. Der Ge⸗ fängnißarzt verſichert, daß der alte Mann völlig geſtörten Geiſtes ſei und keiner klaren Vorſtellung, geſchweige denn einer klaren Rede fähig.“ „So wird er wohl ſterben im Kerker?“ fragte die Gräfin mitleidig. „Es wäre ein Glück für ihn, da ſein Zuſtand un⸗ heilbar ſein ſoll.— Ich werde mir Deinen Rath überle⸗ gen, Reſi. Freilich iſt es dem wackern Riedan viel zuge⸗ muthet, wenn er am letzten Abende ſeines Hierſeins auf Vedette ziehen ſoll, um die widerſpenſtige Verächterin kö⸗ niglicher Gnade einzufangen, indeſſen thut er es mir wohl zu Gefallen, wenn er bedenkt, wem er eigentlich zum Dank verpflichtet.“ Neuntes Caitel. Mar Riedau. Sie hatte wohl Recht, die mitleidige Frau. Wo anders konnte Kathi zu finden ſein, als in der Nähe ihres Vaters, ſobald die Dunkelheit ihr Schleier über die Stätte und ihre Umgebung breitete? Bei der Soldaten⸗ witwe, wo ihn der Verräther ausgewittert und die Scharwache gefangen genommen hatte, wäre es freilich auch möglich geweſen, Kunde von ihr zu erlangen, wenn die ſtarrköpfige alte Frau nur Willens geweſen wäre, ſolche zu geben. Aber dazu hätte ſie keine Drohung, keine Gewalt bewogen. Sie gab Kathi Herberge, wie früher, hütete ihre Thüre ſorglich, und wenn irgend Gefahr zu nahen ſchien, entließ ſie das Mädchen durch ein Schlupf⸗ loch in der Hinterwand des Hauſes, wo ſich wüſtes Ge⸗ ſtrüpp und hohe Trümmerhaufen aus der Türkenbelage⸗ rung zum Verſtecken oder Entkommen günſtig boten. Es war mehrmals Nachfrage gehalten worden, auch zur Nachtzeit hatte man die Hütte noch einmal überfallen, um des Mädchens habhaft zu werden, von welchem das Gericht Aufſchlüſſe und Geſtändniſſe erwartete, die ihr Vater nicht geben konnte. Daß man die Witwe nicht als 200 Mitſchuldige und Hehlerin einzog, verdankte ſie nur der Hoffnung, daß es gelingen werde, bei ihr, wenn ſie auf freiem Fuße blieb, die Entflohene doch noch einzufangem. Sie lachte aber im Stillen dazu. An dem Abende, als die Gräfin Trautſon ihrem Gemahl den Rath gab, deſſen Ausführung auf morgen verſchoben wurde, wäre die beſte, vielleicht nie wiederkeh⸗ rende Gelegenheit geweſen, Kathi am Thurme zu treffen. Die Dämmerung war bereits eingebrochen, der Himmel von Wolken bedeckt, ſo daß auch das Licht der Sterne in der mondloſen Nacht nicht verrätheriſch werden konnte. Auf der Seite, wo der düſtere Thurm ein einziges, in ſeine dicken Mauern gebrochenes Fenſter hatte, das von Innen und Außen mit ſtarken Eiſengittern doppelt ver⸗ wahrt war, ſtand Kathi ſchon lange im Schutze eines mächtigen Strebepfeilers, deſſen Schatten ihre dunkle Ge⸗ ſtalt mit dem ſchwärzlichen Gemäuer in Eins zerfließen ließ. Sie harrte mit Geduld, bis die Dämmerung völlig zur Nacht geworden war und eine Todtenſtille rings umher herrſchte. Dann erſt wagte ſie ſich hervor. Nach allen Richtungen ſpähte ihr nachtgewohntes Auge, aber ſie durfte nichts fürchten, in dieſe Gegend verirrte ſich wohl keines Menſchen Fuß. Sie ſtand eine Weile, dann näherte ſie ſich dem Thurme und hob den Kopf, um nach dem einzigen Fenſter empor zu lauſchen. Von einem fer⸗ nen Thurme ſchlug es acht Uhr. Es war im Februar, daher ſchon völlig dunkel. Noch zagte ſie, das leiſe verabredete Zeichen zu ge⸗ ben, das ihre Nähe verkündete. Der, dem es ein Troſt geweſen wäre, ſie nur wenige Schritte entfernt zu wiſſen, konnte ſie nicht vernehmen, ſein Geiſt war mehr umnach⸗ tet, als ſein Auge. Aber der mitleidige Gefährte, den er in der Zelle gefunden hatte, ſein Wächter und Wärter zu⸗ gleich, ſollte an das Gitter gerufen werden, um ihr Kunde zu geben, wie es mit dem Kranken ſtehe, und ob die Gnade, auf welche ſie nun ſtündlich hoffte, noch nicht eingetrof⸗ fen ſei. Sie ließ endlich den leiſen, klagenden Ruf der Thurmeule hören, der, wenn er auch von einem fremden Ohr vernommen werden ſollte, eher ein unheimliches Grauen, als Verdacht erregen konnte. Alles ſtill! Ein Gegenzeichen war nicht verabredet worden, das wäre gefährlich geweſen. Nach einer Weile flüſterte ſie hinauf:„Seid Ihr da?“ Die Antwort zögerte etwas, doch hörte Kathi, welche ſchon beſorgt wurde, endlich vom Fenſter herab:„Ich bin hier, Jungfer.“ „Wie geht es heut'?“ fragte ſie nun dringend. Wiederum ließ die Antwort, wenn auch nur einen 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 13 Moment, auf ſich warten.„Nicht zum Beſten!“ klang es mitleidig. Da mußte Kathi die Hand auf die Bruſt preſſen, um den verrätheriſchen Laut, der ſich ihr entringen wollte, zu unterdrücken.„Verſchweigt mir nichts!“ bat ſie ängſt⸗ lich.„Ihr wißt, ich bin auf Alles gefaßt.“ „Das iſt gut, Jungfer,“ flüſterte es von Oben. „Sie weiß ja, es iſt ein Glück für ihn.“ „Er iſt todt?!“ rief Kathi, alle Vorſicht vergeſſend. Erſchrocken bat ſie der Mann im Kerker, leiſe zu ſprechen, da ſie doch Jemand hören könne und ihm dann die empfindlichſte Züchtigung zu Theil würde— dann erſt verſicherte er, daß ihr Vater noch am Leben ſei. „Aber Ihr glaubt, daß es ſchlecht mit ihm ſteht?“ „Ja— es wird heut' Nacht wohl mit ihm zu Ende gehen. Es iſt nicht der Erſte, den ich ſterben ſehe, und ich habe ſo meine Zeichen, die mich noch nimmer im Stiche gelaſſen haben.“ Kathi hörte die letzten Worte ſchon gar nicht mehr. Sobald ihr der Anfang ſeiner Rede die längſt befürchtete Kunde gegeben hatte, war ſie verſchwunden, und der Mann am Gitterfenſter, als er gar keine Antwort erhielt, ſtrengte vergebens ſeine Augen an, um ſie in der Finſterniß zu er⸗ kennen, rief auch leiſe nach ihr, aber Alles blieb ſtill. Wenn der Schreck ihr nur nicht die Beſinnung geraubt hat! dachte er. Das arme Mädel liegt vielleicht hülflos an der Erde und Niemand nimmt ſich ihrer an! Sie war jedoch auf flüchtigen Füßen, von der Angſt gejagt, daß ſie zu ſpät kommen könne, durch die ſchmalen Winkelpfade, die ihr bekannt waren, nach der andern Seite des finſtern Gebäudes enteilt, wo ſie zu der großen Pforte gelangte; dort dankte ſie Gott, als ſie durch das kleine Fenſter im Erdgeſchoß, wo der Schlie⸗ ßer wohnen mußte, noch Licht ſchimmern ſah. Ohne ſich zu beſinnen, klopfte ſie an. Der Schließer war gewöhnt, zu jeder Stunde des Tages herausgeklopft zu werden, theils um neue Bewoh⸗ ner in ſeinen Gewahrſam aufzunehmen, theils auch, um der Scharwache, wenn ſie dikſes Weges kam, Rede zu ſtehen, auch wohl dem Führer derſelben bei ſtrenger Wit⸗ terung einen Schluck zur Stärkung zu verabreichen. Er öffnete alſo gleich ſein Fenſter und ſragte, wer da ſei. „Ich bitte Euch ſehr,“ ließ ſich eine zitternde Mäd⸗ chenſtimme vernehmen,„laßt mich ein— mein Vater iſt hier gefangen und liegt im Sterben! Laßt mich ein, wenn Ihr barmherzig ſeid!“ „Wer iſt denn Dein Vater?“ fragte der Schlie⸗ ßer verwundert.„Ich weiß von Keinem, der im Sterben liegt.“ 13* 204 „Ja, ja!“ rief Kathi.„Mein Vater iſt der Mann, den ſie draußen bei der Frau Merſe fortgeholt haben, ein alter, ſchwacher Mann, der ſeiner Sinne nicht mächtig iſt— er liegt nun allein drüben mit einem Andern, da, wo das Fenſter hinaus geht zur Mauer, zum Wallgang! Laßt mich zu ihm!“ „Ei, Du weißt ja ſo gut Beſcheid, als wärſt Du hier bei uns geboren! Wer hat Dir denn das Alles geſagt?“ „O fragt nicht— wenn Ihr vor Gott einſt Barm⸗ herzigkeit zu finden hofft, ſo ſeid barmherzig zu mir.“ Hart, wie der Mann war, dieſer Ton unausſprech⸗ lichen Wehs traf doch ſein Herz. Er trat, ohne ein Wort zu erwiedern, vom Fenſter zurück, und Kathi, vor Angſt faſt vergehend, hörte gleich darauf die ſchweren Riegel der Pforte zurückſchieben und den Schlüſſel im Schloß kreiſchen. Die Thüre öffnete ſich und der Schließer ſtand mit hochgehobener Leuchte vor ihr.„Laß Dich einmal beſchauen, wer Du biſt!“ ſagte er. Da fiel ſie vor ihm nieder, umfaßte ſeine Kniee und bat ihn noch einmal, ſie ſchnell zu ihrem Vater zu führen. „Ich ſollt's nicht thun,“ ſagte er.„Ich darf's eigent⸗ lich nicht— aber komm nur.“ Sie folgte ihm mit freu⸗ digem Danke. „Wie heißt denn Dein Vater?“ fragte er.„Was hat er verbrochen?“ Schüchtern nannte ſie den Namen Martin, auf die zweite Frage gab ſie keine Antwort. Der Schließer mur⸗ melte etwas vor ſich hin, als ob er ſich nun auf Alles beſänne. „Hier iſt es! Wir werden ja ſehen, ob es ſo ſchlimm mit ihm ausſieht. Der Doctor war geſtern erſt hier und hat nichts geſagt.“ Er ſchloß die kleine niedrige Thüre auf, welche in die Zelle führte, und trat mit der Leuchte zuerſt ein. Der Gefangene, der ſich nach dem Geſpräche mit Kathi wieder auf ſein Lager geworfen hatte und ſich mit dem Gedanken beſchäftigte, was aus dem Mädchen geworden ſei, erſchrack, als er den Schlüſſel klirren hörte; er fürchtete, daß ſein Thun endlich verrathen worden ſei und die Strafe jetzt nahe. Das Licht blendete ihn, da in der Zelle keins brannte. Er ſah nicht eher, wer mit dem Schließer eingetreten war, bis er den Schmerzensruf hörte, mit welchem ſich Kathi über ihren Vater nieder⸗ ſtürzte. Furchtſam verhielt ſich der Mitgefangene ſtill, wäh⸗ rend der Schließer den Schein ſeiner Leuchte auf ihn fallen ließ und dann dem Mädchen in die Ecke folgte, wo der alte Mann regungslos lag. Kathi lauſchte auf ſeine Athemzüge— ſie waren noch 206 nicht in's Stocken gerathen, eben ſo wenig verriethen ſie den innern Kampf, welcher ein Vorbote des Todes iſt. „Der ſchläft!“ ſagte der Schließer halblaut.„Du haſt Dir eine unnütze Angſt gemacht. Laß ihn in Ruhe— hier kannſt Du doch nicht bleiben.“ „O laßt mich hier!“ bat Kathi flehentlich.„Längſt ſchon wäre ich gekommen, wenn ich nicht gedacht hätte, meinem Vater Gnade zu ſchaffen. Ich gehöre zu meinem Vater, hier iſt mein Platz—“ „Schon recht!“ ſagte der Schließer.„Aber ich darf's nur ohne Befehl nicht zulaſſen. Komm morgen wieder.“ „Hier iſt mein Platz!“ wiederholte Kathi.„Ich ſollte auch mit eingebracht werden, da bin ich entſprun⸗ gen— nun ſtelle ich mich freiwillig— ſoll ich meinem Va⸗ ter nicht in ſeiner letzten Stunde beiſtehen?“ Der Schließer bückte ſich nun ſelbſt zu dem kranken Manne hernieder, um zu erforſchen, ob wirklich Grund zu der Beſorgniß der Tochter vorhanden ſei, dann ging er zu dem andern Gefangenen, der ſich noch immer ſtill verhielt, und ſtieß ihn mit dem Fuße an.—„Guter Freund, Er ſcheint einen Schlaf wie ein Dachs zu ha⸗ ben— ſteh' Er auf und komme Er mit, ich werde Ihm eine andere Kammer anweiſen.“ Kathi bebte vor freudiger Hoffnung auf, ſie ſah in dieſem Befehl die Erfüllung ihrer Bitte. Der Gefangene erhob ſich.„Soll aber der kranke Mann allein bleiben?“ fragte er. „Das iſt Seine Sache nicht!“ verſetzte der Schlie⸗ ßer, und ſich zu Kathi wendend, ſagte er:„Wirſt Dich nicht fürchten, einen Augenblick im Finſtern zu bleiben? Ich komme gleich wieder.“ Kathi warf einen ſchnellen Blick auf den Gefan⸗ genen, während ſie den Schließer verſicherte, daß ſie bei ihrem Vater keine Furcht kenne. Ohne etwas zu erwie⸗ dern, führte nun der Mann den andern Gefangenen hin⸗ weg, welchem Kathi gern ein Wort geſagt hätte, aber ſie wagte es nicht, aus Furcht, ihm eine üble Behandlung zu bereiten. Sie war nun in der finſtern Zelle mit ihrem Vater allein. Ihr erſtes Gefühl ließ ſie auf die Kniee ſinken und ein heißes Gebet zu Gott ſchicken, dann tappte ſie ſich nach der Ecke hin, wo ſie das Lager ihres Vaters be⸗ merkt hatte. Hier beugte ſie ſich nieder, und da ſie ſeine Athemzüge lebhafter und unregelmäßiger hörte, hoffte ſie auf ſein Erwachen aus dem dumpfen Zuſtande, der ſeinen Wärter zu der Beſorgniß ſeines nahen Endes ge⸗ führt hatte. Sie konnte ſich nicht enthalten, leiſe und ſchmerzlich:„Vater!“ zu rufen. Und dieſer Laut, wie ſchwach er auch war, brach den wüſten Schlummer, in welchem der kranke Mann lag, und gab ihm auf einmal zugleich einen Schimmer von Geiſtesklarheit zurück. „Kathi!“ ſagte er und regte ſich.„Biſt Du bei mir, Kathi?“ „Ich bin hier, Vater!“ rief ſie mit heller Freude. „Ich gehe nicht mehr von Euch.“ „Das iſt gut,“ ſagte er und holte tief und beru⸗ higt Athem. Ihr war das Herz ſo voll, ſie hätte ihm ſo viel zu ſagen, ſich zu entſchuldigen gehabt, daß ſie ihn verlaſſen und nur für ihre eigene Rettung geſorgt habe. Aber ver⸗ ſtändig, wie ſie war, bezwang ſie ſich und blieb ſtill; ſie wußte wohl, daß ihm Ruhe vor Allem noth that. Nach einer kleinen Weile kam der Gefünznißwärter zurück; er hutt die Thüre, als er den andern Mann hin⸗ weg führte, nicht offen gelaſſen, und ſchloß ſie jetzt leiſe und ſchonend wieder auf. Wie dankbar war ihm Kathi dafür: ſie hatte denn auch hier in einem harten Amt einen guten Menſchen gefunden. Er trat mit ſeine Leuchte wieder ein, hatte aber auch eine kleine Lampe mitgebracht, die er ſchweigend an⸗ zündete und auf den niedrigen Tiſch ſetzte, der ſich in die⸗ ſer verhältnißmäßig beſſer ausgeſtatteten Zelle vorfand. „Ich ſollt' es eigentlich nicht thun, Jungfer,“ ſagte er dann mit gedämpfter Stimme;„ich kann deswegen in Strafe kommen, denn aufnehmen darf ich ohne Befehl keinen Menſchen und Licht brennen ſoll gar nicht gedul⸗ det werden. Aber ich will es einmal mit Dir auf meine Kappe nehmen.“ „Gott wird es Euch lohnen!“ rief Kathi mit dank⸗ barem Herzen. „Morgen muß ich denn Anzeige machen,“ fuhr er fort,„wenn Du nicht vor Tage wieder hinaus willſt. Es hat Dich Niemand geſehen, als der andere Menſch hier, und der wird nichts verrathen.“ „Nein, lieber Meiſter, laßt mich ganz hier! Ich kann meinen Vater nicht mehr verlaſſen!“ „Nun gut— wenn's nicht anders ſein ſoll, ſo will ich mich drein finden. Ich habe eine Lampe hergeſetzt, daß Du Dich zurecht finden kannſt. Wie ſteht es denn mit ihm?“ Er ſchien dem Kranken in das Geſicht leuchten zu wollen, Kathi verhinderte ihn aber daran und bat ihn, ſie nur mit dem Vater allein zu laſſen— daß dieſer ge⸗ redet habe, wagte ſie nicht zu ſagen, da er ſich jetzt in Gegenwart des Schließers wieder ganz ſtill verhielt. „Nun ſo wünſch' ich Dir eine gute Nacht!“ ſagte der Mann.„Dort iſt das Lager des Andern, nimm Dir 210 wenigſtens die warme Decke, es iſt kalt. Und geh' vor⸗ ſichtig mit dem Licht um, hörſt Du?“ Sie verſprach ihm Alles und dankte ihm für ſeine Barmherzigkeit, worauf er ſie verließ und einſchloß. Nun verging wohl eine Stunde ängſtlichen Harrens für ſie, denn der Vater ſchien wieder in ſeine ſchlummer⸗ artige Betäubung zurückgeſunken, die ihm aber keine Ruhe gewährte, denn er zuckte viel, und ſeine Bruſt athmete nicht mehr ſo frei, als zuvor; Kathi hatte es zweimal ge⸗ wagt, ihn, wie das Erſtemal, zu rufen, aber ihre Stim⸗ me hatte jetzt keine Macht über ihn. Endlich! Er ſtieß einen tiefen Seufzer aus und regte ſich dann mit Zeichen ſichtbarer Unruhe.„Herr Rittmeiſter, es iſt zu Ihrem Glücke!“ ſtieß er mit dum⸗ pfer Stimme, aber vernehmlich hervor. Er träumte! Kathi wagte nicht, ihn zu wecken. „Sie hätten auf mich hören ſollen,“ murmelte er weiter.„Der Martin iſt zwar nur ein gemeiner Mann, aber er hat dem gnädigen Herrn doch ſchon manch' liebes Mal einen guten Rath gegeben— wenn Sie nur d'rauf gehört hätten!“ Immer wieder beſchäftigten ſich ſeine Gedanken mit dem verſtorbenen Herrn, dem er ſo treu angehangen hatte. „Bleiben Euer Gnaden nur heut' weg!“ fing er nach einer Weile dringender wieder an.„Denken Sie doch auch an das Kind— und wenn's umſchlägt, denken Sie doch, wenn's umſchlägt! Wollen Euer Gnaden denn nicht als ehrlicher Mann leben und ſterben? Warten Sie doch nur ein Paar Tage ab, dann kommt ja wieder von dem Eigenen ein— ja doch!“ ſchrie er auf.„Davon freilich iſt Alles wieder zu erſetzen, und es erfährt ja kein Menſch! Schon recht, Euer Gnaden, aber Einer weiß es doch, das iſt unſer Herrgott im Himmel. Und wenn's nun mehr wird— wer kann's vorher wiſſen! wenn's mehr wird? Daß ich ſchlechter Kerl zu Euer Gnaden ſo ſprechen muß, aber ich leid's nicht, Euer Gnaden können mit mir machen, was Sie wollen, ich geb's nicht zu. Ehr' und Reputation meines Herrn geht mir über Alles.“ Kathi hatte ſchon oft in ſeinen wirren Phantaſien ähnliche dunkle Reden gehört, aber noch nie hatten ſie ſich ſo beſtimmt auf einen Punkt gerichtet, daß er nämlich ſeinen Herrn von irgend einem Thun abhalten wollte, welches dieſem zu Schaden und Unehre gereichte. Nun folgte ein langes, unverſtändliches Murren und Flüſtern, wobei ſie nur einzelne Worte ohne allen Zuſammenhang unterſcheiden konnte; der Kranke war dabei viel unruhiger, als je zuvor, und wurde unverkenn⸗ bar ganz heiſer in ſeinem Ton. Kathi rang mit dem Ver⸗ langen, ihn aus dieſem Zuſtande durch ihre Hand und Stimme zu befreien, aber ſie hatte bei einer frühern ähn⸗ lichen Gelegenheit einen furchtbaren Ausbruch tobenden Zornes hervorgerufen, den ſie erſt ſpät hatte beſchwich⸗ tigen können: ſie ſcheute ſich daher, dieſe Gefahr von Neuem zu beſtehen. Auch beruhigte ſich der Vater ſichtlich mit der Zeit und holte endlich tief Athem, wie von einer großen Laſt befreit. Dann lachte er auf einmal ſtill in ſich hinein, daß es der armen Tochter, wie ein greller Hohn auf ſeine Lage, durch die Seele ſchnitt. „Nun verſuchen's Euer Gnaden— mein Schäfchen iſt in's Trock'ne gebracht!“ fing er darauf wieder an. „In's Trock'ne!“ Hier lachte er nochmals und lauter als zuvor.„In's Naſſe kann man doch nicht ſagen! Ja, ja, der Martin hat einen klugen Kopf, der heckt Anſchläge aus wie'n Zigeuner!— Und wenn Sie mich fortjagen, gnädiger Herr, es wird doch nicht anders. Es iſt ein⸗ mal weg, es iſt geſtohlen! Sie ſind reich genug, es iſt ja heut' Geld eingekommen— wenn Sie nur erſt hinge⸗ hen und Alles in Richtigkeit bringen, und dann erſt, wenn's ſein muß— Euer Gnaden wiſſen ſchon, was ich meine. Dann können die lieben Herren und Brüder ru⸗ pfen— ſie rupfen Ihnen doch nicht die Ehre aus.—— Ja, ja! Ich gehe ſchon, ich ſchnüre mein Bündel und gehe. Geſtohlen iſt es, ich hab's aber nicht geſtohlen, 213 und es kommt doch immer darauf an, wem's geſtohlen iſt. Den lieben Herren und Brüdern— die hätten's ge⸗ kriegt! Dem's gehört, dem wär's nicht geblieben, und Sie ſind reich genug jetzt, wo alles Geld eingegangen iſt, Sie können's ihm heut' gleich bezahlen! Thun Sie's nur, ich bitt Euer Gnaden um Alles in der Welt, thun Sie's nur in dieſer Stunde noch, und gehen Sie dann erſt zu den lieben Herren in den drei Kronen.— Nun, ich kom⸗ me ſchon einmal wieder, gnädiger Herr, wenn's Krieg gibt— dem lieben Fräulein Tani bring' ich dann ein Eingebinde mit,“ ſetzte er ganz leiſe hinzu, ſo daß es ſeine Tochter nur, weil ſie der Name ihres Fräuleins zu ſchärfſtem Lauſchen reizte, verſtehen konnte. Dann ſchlief er ein, ſanft und ruhig, und Kathi, nachdem ſie noch eine lange Weile ſeine Athemzüge be⸗ wacht hatte, ließ endlich, übermüdet, wie ſie war, in ihrer niedergekauerten Stellung den Kopf auf die Bruſt ſin⸗ ken und verfiel in einen Halbſchlummer, aus dem ſie vielleicht erſt nach einer Stunde ſchreckhaft erwachte. Sie ſtand raſch auf, der Vater ſchien noch ruhig zu ſchlafen; ſie ſchlich zu dem Tiſche, wo die Lampe dunkel brannte, um dieſe zu putzen, dann ſetzte ſie ſich ſtill auf das La⸗ ger, das dem Mitgefangenen gehört hatte, und überdachte ihre ganze verlaſſene und troſtloſe Lage. Aber ſie ließ ſich dadurch nicht weich ſtimmen, ihre ſtarke Seele hatte Muth, Allem, was über ſie kommen könne, zu ſtehen. Sie hatte ja in ihrem jungen Leben ſchon ſo viel er⸗ duldet. Da hörte ſie wieder des Vaters Stimme. So ſchwach der Laut von ſeinen Lippen klang, er ging ihr nicht ver⸗ loren: es war ihr Name. War ihm ihre Nähe endlich wieder bewußt? Sie eilte zu ihm, ſie fragte ihn danach. „Kathi, es iſt aus mit mir— ich werde jetzt ſter⸗ „ ſagte er ſchwach. Sie ergriff ſeine Hand, der jähe Schreck ſchnürte ihr die Bruſt zu— und ſie hätte doch längſt darauf vorbe⸗ reitet ſein können! „Biſt ein Soldatenmädel, eines Wilderers Kind, rede mir nicht viel!— Weine nicht, höre zu— es wird mir ſchwer, zu reden. Biſt Du in Markſtein geweſen?“ „Vater, ich bin bei Euch geblieben, in der Nähe draußen— beſinnt Euch doch, wir ſind ja in Wien!“ „Schon recht. Wenn ich todt bin, geh' nach Mark⸗ ſtein— Du weißt die Quelle, der graue Block, der über⸗ hängt, das Schwefelmoos— bis an die Achſel wird's Dir gehen, wenn Du in den tiefen Born hinein greifſt— laß nicht nach, finden mußt Du's— dann gehſt Du zum Herrn Pfarrer—“ „O Vater,“ bath Kathi, als er vor Erſchöpfung änne halten mußte,„ſtört Euch doch die Ruhe nicht mit dieſen Dingen— Ihr habt ja nur geträumt— ich bin bei Euch, Vater, wir wollen beten.“ „Ja, Kathi, bete für mich!“ flüſterte er darauf und rang, ſeine Hände zu falten. Sie kam ihm, unter heiß aufquellenden Thränen, die ihr faſt die Sehkraft verdun⸗ kelten, zu Hülfe, und als ſie ihm die Hände über der Bruſt gefaltet, warf ſie ſich neben ihm auf ihre Kniee und ſprach ihm laut und inbrünſtig ein Gebet vor, das ſie auswendig wußte und dem ſie Worte aus ihrem ei⸗ genen Herzen hinzuſetzte. Als ſie geendigt hatte, ver⸗ nahm ſie die letzten Athemzüge ihres Vaters. Er lag im Sterben. Zehntes Capitrl. Der Römer. Im Königsegg'ſchen Palais wurde gewöhnlich ſpät Tag. Die Gräfin Francesca hatte ihre ſüdländiſche Na⸗ tur auch darin im Norden bewahrt, ſelbſt im Sommer verſchmähte ſie die Morgenfriſche ihres ſchönen Gartens, wie viel mehr ließ ſie im Winter die Sonne hoch ſteigen, ehe ſie ſich vom Schlummer, den ſie übrigens auch ſpät 216 in der Nacht erſt ſuchte, entriß. Die Dienerſchaft, wie es zu geſchehen pflegt, machte es ſich nun auch bequem, nur Cajetana, welche in dem bürgerlichen Hausweſen, wo ſie zur Jungfrau erwachſen war, das Frühaufſtehen gelernt hatte, wachte in der Regel ſchon Stundenlang, ehe ſich Leben im Hauſe regte. Auch heute hatte ſie ſchon lange am Fenſter geſeſ⸗ ſen und in den winterlich hellen Morgen hinausgeſchaut, als ſich unten die erſten Zeichen erwachenden Lebens ver⸗ nehmen ließen. Da wurde ihre Aufmerkſamkeit durch einen Diener in herrſchaftlicher Livree gefeſſelt, welcher die Allee hervorgeritten kam. Sie blieb nicht lange zwei⸗ felhaft, wem er diene, denn er ritt eins jener wohlge⸗ nährten Tigerpferde, welche dem Auge der Soldaten⸗ tochter zu auffallend geweſen waren, um ſie ſo leicht wie⸗ der zu vergeſſen. Cajetana gab ſich dem erſten Eindrucke dieſer Erſcheinung hin, indem ſie für ſich fröhlich auf⸗ lachte. Das war wieder der alte herzige Klang des hei⸗ tern ungezwungenen Lachens, das ſie nicht erſt hier in der vornehmen Umgebung, ſondern ſchon in der langen Zeit ihrer Trauer und Kloſtereinſamkeit verlernt hatte. Heute erwachte die alte Laune wieder. Es kam ihr gar zu wunderlich vor, daß der Herr Vetter Reichsgraf— er hatte ſie ja nun feierlich anerkannt!— ſeinen Diener auf eins der dicken Kutſchpferde geſetzt, um nach Gumpendorf hinaus zu ſtolziren. Was mochte er für eine Botſchaft ſenden? Der alte Lakai ſah ſo ernſt und gravitätiſch aus, als er am vordern Gitter von ſeinem Thiere ſtieg, als bringe er eine hochwichtige Kunde. Er band ſein Pferd an und ſchritt nun zum Portal, wo ihn Cajetana klingeln hörte, aber nicht weiter beobachten konnte. Daß es lange währte, ehe er wieder zum Vorſchein kam, fiel ihr nicht auf, denn wenn er eine Beſtellung an die Gräfin hatte und auf Antwort harren mußte, ſo lonnte wohl noch eine geraume Zeit vergehen, ehe er ſie erhielt, da es verboten war, die Gebieterin anders, als bei dringender Gefahr bringender Angelengenheit zu wecken. Deſto ungeduldi⸗ ger gebehrdete ſich der Tiger am Gitter, der als wohl⸗ erzogenes Wagenpferd der Einſamkeit nicht gewohnt war; er ſcharrte und ſprang am Zügel, mit dem er angebun⸗ den war, umher, bis es ihm gelang, denſelben zu ſpren⸗ gen und nun in ausgelaſſener Freiheit mit höchſt unan⸗ ſtändigem Benehmen gegen das Haus hin ausſchlagend davon zu laufen. ZJetzt lachte Cajetana, deren Solda⸗ tenblut immer rebelliſcher gegen die Convenienz auf⸗ hüpfte, zum zweiten Male und klatſchte, wie einſt als fröhliches Kind, in die Hände. Wie gern hätte ſie den Blick des alten Dieners beobachtet, mit welchem dieſer, bald darauf aus dem Hauſe tretend, die ſchändliche Flucht ſeines Streitroſſes bemerkte! Aber ſie konnte nur ſehen, 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 14 wie er dem Knoten des Zügels, der noch am Gitter hing, kurz den Kopf zuwandte und dann trutziglich von dan⸗ nen ſchritt. So den Zügel ſprengen, friſch in die Welt hinaus, das wäre auch nach Cajetana's Sinne geweſen! Alte Kindesträume erwachten in ihr. Sie hatte ſich immer gern gedacht, wenn ſie älter ſein würde, den Vater in den Krieg zu begleiten, wie ja ſo viele brave Soldaten⸗ frauen thaten— der Vater hatte ihr oft davon erzählt— dann auf dem Marſch für ſeine Erquickung ſorgen, im Quartier oder im Feldlager für ſeine Bequemlichkeit und Pflege, alle Noth und Gefahr mit ihm theilen, in der Schlacht ſogar nah genug der Wahlſtatt, um muthigen Blicks den Kampf zu ſchauen, und würde der Vater ver⸗ wundet, ihm wiederum treulich die Hand liebevollen Bei⸗ ſtandes zu reichen— das wäre ſo ihr Leben geweſen. ZJetzt aber— der Vater war längſt in fremder Erde be⸗ ſtattet! Plötzlich wandte ſie ſich ab, als ſchäme ſie ſich eines Gedankens, der ihr unbewachtes Herz überfiel und ihre Wange mit lichter Roſenglut färbte. Wohin ver⸗ irrte ſich ihre Phantaſie!— Die Gräfin hatte ein Schreiben erhalten, wie noch nie ein ähnliches in ihrem Leben. Schon das überra⸗ ſchend große Format war ihr aufgefallen, dann hatte ſie das wunderſchön geſchnittene Wappen, das im feinſten ——————— —— Lack abgedrückt war, bewundert, aber der Inhalt des Briefes war ihr ſo unerwartet, daß ſie ihren Augen nicht traute. Er war deutſch abgefaßt, was der Gräfin immer etwas ſchwer fiel, aber die vollendet ſchöne und deutliche Handſchrift, deren ſich der Reichsgraf von Cronberg rühmte, und die mit möglichſt vielen Fremdworten ge⸗ ſpickte Ausdrucksweiſe erleichterten ihr das Verſtändniß. Vier volle Seiten enthielt der Brief. Er holte weit aus, erging ſich im Geſchmacke der Zeit in allerlei Allegorien und abſonderlichen Wendungen, citirte viel Götter und Göttinnen aus dem Olymp und kam dann endlich auf ſein Ziel. Der alte Herr hielt in aller Form um Cajeta⸗ na's Hand an! Als Francesca die reich verſchnörkelte Stelle, welche den Kern ſeines Anliegens ausdrückte, ge⸗ leſen und verſtanden hatte, ließ ſie das Blatt ſinken und konnte ſich zuerſt gar nicht faſſen— vor Heiterkeit! Sie ſelbſt hatte auf dieſe Weiſe weit über das Ziel, das ſie ſich geſteckt hatte, hinausgeſchoſſen und dadurch ein an⸗ deres getroffen, das ihr nicht im Traume eingefallen war. Als ſie es geſchickt zu lenken gewußt, daß der Reichsgraf mit der ſpröde verſchmähten Cajetana in Berührung kam, hatte ſie wohl gehofft, daß er an dem liebenswürdigen Mädchen Gefallen finden, ſich mit dem Gedanken, daß ſie eine Verwandte ſeines Hauſes ſei, ausſöhnen und ihr in dieſem Gefühl vielleicht künftig Beweiſe ſeines Wohl⸗ 14* 220 wollens geben werde, welche das Schickſal des armen Mädchens wenigſtens vor den ſchwerſten und gemeinſten Sorgen ſicher ſtellen konnten. Sie hatte ſich gefreut, bei ſeinem Beſuche nach dem Feſte die Beweiſe wahrzuneh⸗ men, daß ſie ſich in ihren Hoffnungen nicht getäuſcht habe, und manche Wunderlichkeit in ſeinem Benehmen dabei hatte ſie ihm, als einem alten Hageſtolz, zu gut gehalten, ohne zu ahnen, daß darin ein tieferer Sinn verborgen lag. Jetzt hatte ſie auf einmal den Schlüſſel dazu. Der Paſcha hatte ſich auf ſeine alten Tage alles Ernſtes in die ſchöne Sultanin, welche ihm ein gefährliches Spiel zur Begleiterin gegeben hatte, verliebt, und weil er nicht viel Zeit mehr zu verlieren hatte, wenn er ſeines Glückes noch im irdiſchen Leben froh werden wollte, ſo entſchlug er ſich alles langen Hofmachens und zärtlichen Werbens, und ging gleich echt türkiſch an die Autorität, welche über Cajetana zu verfügen hatte, forderte ſie zur Frau und ſtellte ihr zugleich die glänzendſten Bedingungen für Hausſtand, Nadelgeld und Witwengut ſogar! Die Sache hatte alſo doch auch ihre ernſte Seite, und Francesca konnte ſich nicht entbrechen, dieſelbe in das Auge zu faſſen. Sie hatte zwar mit Cajetana ganz andere Pläne gehabt, nämlich ſie in eine einflußreiche Stellung an den Hof zu bringen und durch ſie, welche ihr die Ergebenheit bewahren würde, die wichtigſten Aufſchlüſſe zu erhalten ſelbſt einzuwirken auf die Ereigniſſe, wie ſie es liebte; denn wenn ſie ſich auch oft eine alte Frau nannte, ſo fühlte ſie doch, daß ſie es nicht war und daß ſie dem Leben noch nicht entſagen konnte. Ihren Abſichten mit Ca⸗ jetana hatten ſich aber bis jetzt überall Hinderniſſe ent⸗ gegengeſetzt, und ſie mußte fürchten, daß ſie dieſelben nicht zu überwinden vermöge. In dieſer Hinſicht konnte ſie es daher nur für ein Glück halten, wenn Cajetana in der heute gebotenen Weiſe ein ſicheres und äußerlich glänzen⸗ des Loos bereitet werde. Das Herz freilich! Sie wußte wohl, daß das Herz ſeine Rechte fordert, und wenn ſie ihm verſagt werden, oft ſo ſtürmiſch laut wird, daß es aller Seelenkraft bedarf, um dieſe Regung nicht zu ver⸗ rathen. Aber das Leben geſtaltet ſich zuweilen, ohne daß dabei das Herz befragt wird; die Gräfin dachte außerdem daran, daß ſie der übernommenen Verpflichtung, die ihr für die ungewiſſe Zukunft ſchon Sorgen zu machen an⸗ fing, auf dieſem Wege am ehrenvollſten überhoben werde, und las, ſchon halb für den Reichsgrafen gewonnen, ſeinen Brief zu Ende. Es kam nun darauf an, auch Cajetana für ihn zu gewinnen. Wenn ſie auf gradem Wege mit ſeinem An⸗ trage vorrückte, mußte ſie auf Widerſtand ſtoßen— ſie kannte Cajetana, daß dieſe allem unnatürlichen Weſen ab⸗ hold war, und eine Verbindung zwiſchen ihr und dem 222 Greiſe mußte unnatürlich genannt werden. Sie hatte daher die Löſung geſchickt vorzubereiten. Als Cajetana zu gewohnter Stunde bei ihr er⸗ ſchien, empfing ſie dieſelbe in heiterſter Laune.„Du haſt den Abgeſandten Deines Herrn Oheims geſehen?“ fragte ſie.„Stolz zu Roß ritt er auf, demüthig zu Fuß mußte er abziehen! Du haſt ihn gewiß ausgelacht, heilloſes Mädchen.“ Cajetana konnte es nicht läugnen und lachte noch über den komiſchen Vorfall, wobei die Gräfin einſtimmte. „Es iſt von Dir um ſo undankbarer, Tani,“ ſagte ſie dann neckend,„als die ganze Sendung nur Dich be⸗ traf. Rathe, was er Dir zugedacht hat, aber rathe nicht allzu beſcheiden!“ „Ich kann mir nicht denken—“ „Nun ſo höre und ſtaune: er will Dich aus⸗ ſtatten!“ Cajetana wurde blutroth, ihre Augen, welche der Gräfin einen großen ſtaunenden Blick zugeworfen hatten, ſanken zu Boden. „Wie eine Fürſtin will er Dich ausſtatten— im vollen Ernſt, liebes Kind. Es kommt nur eben darauf an, daß Du heiratheſt. Du glühſt ja, wie eine Purpurroſe! Haſt Du ſchon einen Bräutigam im Sinne?“ „Ich bitte Sie—“ „Nein, ſchäme Dich nicht! Warum ſollteſt Du Dich ſchämen? Zum Beiſpiel, wenn es der ſchöne Graf Pio wäre?“ Cajetana machte eine ſtumme, heftig abwehrende Bewegung. „Nicht? Ich gebe Dir Recht. Ein ſo junger, un⸗ beſtändiger Mann, welcher keine Erfahrung hat, iſt ein ſchlechter Schirm und Halt für eine jugendliche Frau, welche die Welt ſelbſt nicht kennt. Da iſt ein reiferes Alter viel zuverläſſiger, denn es verſpricht dauerndes Glück.“ Welche Gedanken auch Cajetana über dieſen Punkt haben mochte, ſie ſprach dieſelben nicht aus. Das ganze Geſpräch war ihr im höchſten Grade peinlich, aber ſie ſah kein Mittel, daſſelbe abzubrechen. „Es freut mich, daß Dein Herz noch frei iſt,“ fuhr die Gräfin fort, ſehr im Widerſpruch mit ihren eigenen, geheimen Gedanken.„Wenn Dir ein würdi⸗ ger Mann die Hand böte, würdeſt Du in Deinem Entſchluſſe nicht durch vorgefaßte Ideen beirrt wer⸗ den. Du biſt aber doch keine Männerfeindin überhaupt, Tani? Haſt es nicht etwa verredet, überhaupt zu heirathen—?“ „O liebe, gute Frau Gräfin,“ bat Cajetana. 224 „Das wäre ſchlimm. Sage mir ehrlich, würdeſt Du Dich entſchließen, einem würdigen Manne, wenn er mit rechtſchaffener Werbung vor Dich träte, Deine Hand zu reichen? Weiche mir nicht aus, ich verlange ein grades Ja oder Nein!“ „Warum ſollte ich gar nicht heirathen wollen?“ erwiederte Cajetana endlich in ihrer äußerſten Ver⸗ wirrung. „Es iſt dabei freilich Viel zu bedenken,“ ſprach die Gräfin weiter.„Nicht das Aeußere, welches gar bald verblüht, nicht die Jugend, welche unzuverläſſig iſt— ſondern der Character, die Stellung in der Welt.“ Cajetana's Schweigen nahm ſie für Zuſtimmung.„Du mußt ganz beſonders bedenken,“ fuhr ſie fort,„wie die Verhältniſſe ſind. So lange ich lebe, werde ich Dich nicht verlaſſen, aber, mein armes Kind, wir Alle ſind ſterblich, und wenn mich der Tod plötzlich Dir entriſſe, ſage ſelbſt, was würde Dein Loos ſein?— Höre mich ruhig an, ich meine es gut mit Dir. Wir müſſen Alles beſprechen, laß mich daher ausreden.“ Cajetana hatte die Gräfin unterbrechen wollen; ſie ſchwieg nun, aber ihre Augen richteten ſich mit ei⸗ ner ängſtlichen Frage auf die Sprecherin, welche fühlen mochte, daß ſie dennoch ihrem Ziele nicht näher kam, und daher mit einer gewiſſen Haſt demſelben kürzer zuſtrebte:„Wenn ich Dir nun ſagte, daß wirklich ein Mann von Rang und Anſehen, von Reichthum und einem makelloſen Character bei mir um Dich gewor⸗ ben hat?“ Jetzt erblaßte Cajetana.—„Sie ſcherzen, Frau Gräfin!“ erwiederte ſie mit bebenden Lippen. „Ich ſpreche in vollem Ernſte, Tani. Würdeſt Du nicht einwilligen?“ „Wer kann es ſein?“ ließ Cajetana faſſungslos hören. „Ahnſt Du es nicht? Hat Dir ſein gütiges, liebe⸗ volles Benehmen nicht ſchon geſagt, daß er eine tiefe Neigung zu Dir gefaßt hat und daß er auf die glän⸗ zendſte Weiſe durch ſeine Hand wieder gut machen will, was er einſt, ohne Dich zu kennen, an Dir und Deinem Vater verſchuldet haben mag?“ „Wen können Sie meinen?“ rief Cajetana außer ſich vor dem plötzlichen Gedanken, der wie ein die Schleier ihrer Zweifel zerriß. „Du weißt es, ich ſehe das!“ antwortete die Grä⸗ fin.„Die Nachricht i Dich überraſcht haben, ich gönne Dir Zeit, Dich zu faſſen, mit Dir ſelbſt zu Rath ——. 226 zu gehen und Deine Antwort vorzubereiten, die nach mei⸗ nem Ermeſſen nur eine Zuſage ſein kann. Daß ich das ſo beſtimmt ausſpreche, mag Dir verbürgen, daß ich Alles reiflich erwogen habe, denn Du weißt, ich liebe Dich und will nur Dein Wohl. Hier, mein gutes Kind, iſt der Brief Deines Oheims, in welchem er Dir ſeine Hand anträgt und mich um meine Zuſtimmung bittet. Er hebt ausdrücklich hervor, daß die Verwandtſchaft aus ſo fer⸗ ner Zeit, wo ſich Eure beiden Linien getrennt, kein Hin⸗ derniß vor der Kirche ſein kann. Nimm den Brief mit auf Dein Zimmer, lies ihn aufmerkſam, und wenn Du zu dem Entſchluſſe gekommen biſt, ſo überlaß mir die Antwort, welche Deiner mädchenhaften Zurückhaltung na⸗ türlich eingedenk ſein wird.“ „Nein, Frau Gräfin!“ rief Cajetana, welche wäh⸗ rend der langen Rede Muth und Geiſteskraft wieder ge⸗ wonnen hatte.„Hier kann ich keinen Augenblick im Zwei⸗ fel ſein, keinen Augenblick den edlen Mann, der mir auf ſolche Weiſe ein Vertrauen ſchenkt, in Ungewißheit laſſen. Ich würde mich ſelbſt verachten, könnte ich ihn nur einen Moment täuſchen. Wenn Sie mich lieb haben, Frau Gräfin, ſo antworten Sie ihm noch in dieſer Stunde, danken ihm innig aus meiner Seele für die Güte, die er mir bewieſen hat, ſagen ihm aber, daß es mir un⸗ möglich iſt, die Ehre, die er mir zugedacht hat, anzu⸗ nehmen.“ Die Gräfin ſah hoch auf— obgleich ſie im Grunde ihrer Seele S erſtaunt war, als ſie ſich das Anſe⸗ hen gab.„Du willſt ihn kruhn⸗ fragte ſie.„Aus welchem Grunde?“ „Weil ich ihn nicht täuſchen, ſein Vertrauen icht durch Falſchheit mag!“ „Bedenkſt Du nicht,“ entgegnete die Gräfin, über dieſen Einwand leicht hinweg gehend,„welch' ein Loos der Graf Dir bietet? Hohen R ang, Unabhängigkeit, ein Leben in jeder Beziehung nach Deinen Wünſchen!“ „Ich würde es für eine Schmach halten, um äußern Glanzes willen einen Verrath zu begehen!“ rief Ca⸗ jetana. „Verrath?“ wiederholte die Gräfin.„Wie ſtellſt Du Alles auf die Spitze! Wo iſt hier ein Verrath— wenn Du nicht,“ ſetzte ſie mit einem ter⸗ forſchenden Blicke hinzu,„ſchon einem Andern Deine Treue gelobt haſt, ſo kann doch in einer Verbindung mit dem Grafen von keinem Verrathe die Rede ſein!“ „Von mehr als Verrath, von einem Meineide!“ rief das aufgeregte Mädchen.„Soll ich vor den Altar 228 treten mit ihm, von dem mein Herz nichts weiß, ihm Liebe und Treue geloben— wo ich ihn nimmer lieben kann? Ich halte die heilige Ehe für ein Sakrament!“ „Du biſt überſpannt, Mädchen!“ entgegnete die Gräfin unwillig.„In der Welt wird das Herz nicht im⸗ mer gefragt, wenn höhere Rückſichten eine Verbindung empfehlen. Wie manches junge Mädchen hat einen ältern Mann, ja einen Greis geheirathet, ohne jene Sünde zu fürchten!“ „Ohne ſie zu fürchten, ja— aber nicht, ohne ſie zu begehen! Ich halte Jede für gewiſſenlos, die ihre Hand ohne ihr Herz vergibt, am verächtlichſten, die einen Greis um Ehre und Geld heirathet!“ Da wurde die Gräfin blaß und biß ſich in die Lippe, ihr füdliches Blut wallte zornig auf und ein Blick, wie ein Feuerſtrahl, traf die kühne Sprecherin, welche nicht bedacht hatte, daß ihre Worte die Gräfin tödtlich ver⸗ letzten; denn war es nicht Francesca's Schickſal zweimal geweſen, einem Greiſe die Hand reichen zu müſſen, das Erſtemal als kaum erwachſenes Kind in allem Liebreize der Jugend, das Zweitemal in voll entwickelter Frauen⸗ ſchönheit? Doch ſprach ſie nicht aus, was ſie in dieſem Augenblicke fühlen mochte, und wandte ſich nur ſchnell ab, um die verlorene Selbſtherrſchaft wieder zu ge⸗ winnen. Cajetana ſah wohl, daß ſie ihre Wohlthäterin er⸗ zürnt hatte, aber ſie war fern davon, den eigentlichen Grund in dieſem Momente der Aufregung zu erkennen, ſie ſah ihn nur in ihrer entſchiedenen Weigerung, das⸗ jenige anzunehmen, was die Gräfin als ein Glück für ſie anſah. Als dieſe ſich abgewendet hatte, nahte ſie ihr, be⸗ mächtigte ſich ihrer widerſtrebenden Hand und küßte ſie mit der leiſen Bitte, ihr nicht böſe zu ſein, ſie könne nicht anders handeln. „Du bedarfſt der Zeit, um Dich ſelbſt wieder zu finden,“ ſagte die Gräfin, indem ſie ihr die Hand ent⸗ zog.„Geh auf Dein Zimmer— nimm dieſen Brief mit Dir, es iſt mein Wille. Ihn zu leſen, kann ich Dich frei⸗ lich nicht zwingen. Ueberhaupt will ich Dich zu nichts zwingen, aber gib Acht, was Du thuſt und was Du Dir verſcherzen kannſt!“ Cajetana entfernte ſich ſtill; ſie hatte wohl gefühlt, daß in den letzten Worten nach dem Tone, in welchem ſie geſprochen wurden, eine Drohung verhüllt lag, aber ſie war fern davon, ſich durch dieſelbe einſchüchtern zu laſſen. Verſcherzen konnte ſie ſich freilich die Liebe der Gräfin, ja ſie konnte ſich noch mehr verſcherzen, aber das Hand zu geben; ſie fühlte Muth und Kraft in ſich, ſtand⸗ 230 durfte ſie nicht beſtimmen, einen Schritt zu thun, vor welchem ſie ſchauderte. Als ſie einſam auf ihrem Zimmer war, legte ſie den Brief des Grafen weit von ſich, ohne ihn zu leſen. Es war ihr wie ein abenteuerlicher, ver⸗ worrener Traum, was ſie eben gehört hatte; ſie konnte nicht faſſen, wie nur ein Funken Wahrheit darin ent⸗ halten ſein ſollte, und doch durfte ſie nicht daran zweifeln, denn die Gräfin hatte zu ernſt und eindringlich mit ihr geſprochen, und dort lag ja der Beweis: ſie brauchte ſich nur mit eigenen Augen davon zu überzengen! Ein Grauen überfiel ſie, vor welchem ſie ſich hätte flüchten mögen, hätte ſie nur gewußt, wohin? Das Gefühl ſüßen Friedens, das ſie eine Zeitlang in dieſem Hauſe, wo ſie einen ſichern Port vor Stürmen gefunden zu haben wähnte, im Herzen getragen, war ſchon längſt von ihr gewichen— und doch knüpften ſich ſo viel theure Erinnerungen an dieſe Räume und die ſchöne Umgebung, in welcher Cajetana ſeither gelebt hatte. Sie wurde ſehr traurig. Welchen neuen Stürmen ging ſie entgegen! Konnte ſie glauben, daß die Gräfin ſie ſchützen, ihr beiſtehen werde, wenn ſie ihrem Entſchluſſe, wie ſie ja nicht anders konnte, treu blieb? Zwingen freilich konnte ſie keine Macht auf Erden— ſelbſt die des Kaiſers nicht!— dem alten Manne, der ſie in thörichter Verblendung zur Frau begehrte, ihre haft bis zum Aeußerſten zu ſein. Aber durfte ſie dann unter dem Vorwurfe der Undankbarkeit gegen ihre Wohl⸗ thäterin, der ſie ſchwer treffen würde, noch länger die Gnaden der Gräfin, auf welche ſie gar keine Anſprüche hatte, gleichmüthig hinnehmen, oder war es nicht viel⸗ mehr an ihr, dies Haus zu verlaſſen? Wohin aber, wo⸗ hin? Wer gab ihr Rath, wer nahm ſich ihrer an?— Stunden gingen vorüber. Sie ſah den Wagen der Gräfin das Palais verlaſſen, es war die Zeit, um welche ſie Beſuche zu machen pflegte— Cajetana glaubte auch von einer Einladung gehört zu haben, wenn ſie nicht irrte, zur Oberſthofmeiſterin Gräfin Caraffa. Das war in der That der Fall, und es konnte Wunder nehmen, daß die alte ſtrenge Dame, nachdem ihr durch die In⸗ triguen der Gräfin Königsegg ein ſolcher Streich bei der Majeſtät geſpielt worden war, ſie noch obenein zu einem Diner im kleinen vertrauten Kreiſe einlud. Die Gräfin hatte ſich ſelbſt darüber gewundert, aber eben deshalb die Einladung gern angenommen, um über die Urſache die⸗ er Annäherung in's Klare zu kommen; ſie war an Geiſt. 8 5„ und Gewandtheit allen denen überlegen, welche ſie bei der Caraffa treffen konnte, und hieß heute, nach der Verſtim⸗ mung, welche ſie durch Cajetana's ſcharf treffende Worte überkommen hatte, das ſie erwartende Intermezzo wie eine auffriſchende Zerſtreuung willkommen. Noch ahnte 232 ſie nicht, daß es galt, ihr den Schild, den ſie ſchützend über ihr reizendes Pflegekind gehalten hatte, durch treu⸗ loſe Liſt zu entwinden und ſie ſelbſt feindſelig gegen die Arme zu ſtimmen, die nur gehaßt wurde, weil ſie ſchön und gut war und eine Verſchuldung, von der ſie nichts wußte, zu ſühnen die Kraft nicht beſaß. Cajetana war allein wach im Hauſe. Man hatte ihr das Eſſen in gewohnter Weiſe im Tafelzimmer auf⸗ getragen, dann war ſie in dem anſtoßenden Gemach ge⸗ blieben, um die Gräfin bei ihrer Heimkehr zu empfangen: es war ihr zu ſchmerzlich, die gütige Frau in ihrer Auf⸗ regung durch unbedachte Aeußerungen, deren Beziehungen ihr ſeitdem erſt klar geworden, betrübt zu haben; ſie mußte ſie ſo bald als möglich um Verzeihung bitten und konnte den Augenblick dazu kaum erwarten. Die ganze Dienerſchaft aber hatte ſich, nachdem die wenigen Ge⸗ ſchäfte abgethan waren, zurückgezogen und nach der Sitte des Hauſes ſich dem Mittagsſchlummer überlaſſen, der heute recht lang und ungeſtört ſein konnte, denn der heimkehrende Kutſcher hatte ja genau angegeben, zu wel⸗ cher Stunde die Wagen bei der Frau Oberſthof⸗ meiſterin Excellenz zum Abholen ihrer Gäſte wieder be⸗ ſtellt waren. Im Hauſe herrſchte eine tiefe Stille. Cajetana ſaß, ihren Gedanken hingegeben, den Kopf in die Hand ge⸗ ——— 233 ſtützt, am Fenſter und ſchaute träumeriſch hinaus. Da wurde ſie plötzlich ſchreckhaft durch ein leiſes Geräuſch hinter ihr geſtört— und als ſie ſich überraſcht umſchaute, erblickte ſie auf der Schwelle der kleinen Thüre, welche zu dem Nebencorridor führte und von Niemand aus der Dienerſchaft betreten werden durfte, eine Erſcheinung, die ſie erſtarren machte. Graf Pio Colonna! Raſch nahte er ihr und warf ſich, die Hände über der Bruſt kreuzend, ſtumm zu ihren Füßen. Das gab ihr Kraft und Beſinnung zurück— hoch erglühend, Scham und Zorn im Blicke, ſprang ſie auf und wich weit von ihm hinweg; aber ehe ſie ein Wort ſprechen oder vor ſei⸗ nem wahnſinnigen Beginnen durch ſchnelle Entfernung ſich retten konnte, feſſelte ſie ſeine aufſprühende Rede von Neuem an ihre Stelle. „Du haſt mich gerufen, Cajetana! Dein Sclave er⸗ wartet ſein Schickſal!“ „Herr Graf!“ war das einzige Wort, das bei die⸗ ſer empörenden Sprache ihren bebenden Lippen ſich ent⸗ rang. Er ſprang auf.; Kein fremder Ton mehr zwiſchen uns!“ rief er leidenſchaftlich, das höchſte Entzücken aus ſeinen lebhaft bewegten Zügen ſtrahlend.„Du haſt meine 1860. IV. Im Strom der Zeit. III. 15 234 Liebe erhört, Deine ſüßen Worte— ich habe ſie viel tau⸗ ſendmal geküßt! Sieh, nun bin ich hier auf Deine Ge⸗ währung— Zeit und Stunde habe ich wie ein Hei⸗ ligthum gehalten, laß ſie nicht entrinnen, ohne mir nun Aug' im Auge, Herz an Herz zu ſagen, daß Du mich liebſt, daß Du endlich, endlich mein Flehen er⸗ hört haſt!“ „Entfernen Sie ſich, Graf Colonna“— ſtammelte das entſetzte Mädchen, in Todesangſt vor ſeinen glühen⸗ den Blicken, aus denen ihr, wie aus ſeinen Worten, der Wahnſinn zu ſprechen ſchien.„Ich verſtehe nichts von Allem, was Sie ſagen— die Gräfin iſt nicht da⸗ heim—“ „Wie, Cajetana?“ entgegnete er.„Willſt Du noch ein Spiel mit mir treiben? Haſt Du der Macht des holden Gottes Dein ſtolzes Herz endlich gebeugt, warum bekennſt Du ihn nicht mit Deinen Lippen? Hab' ich Dein Wort nicht auf meinen Brief? Bin ich nicht hier, wie Du mir gewährt haſt? Hinweg die Verſtellung! Die⸗ ſer Moment iſt noch unſer— wer weiß, ob nicht der nächſte uns trennt! Laß uns den ſüßen Bund beſiegeln, daß keine Macht ihn mehr zerreißen kann!“ Er nahte ihr wiederum, ſie ſtreckte abwehrend die Hand gegen ihn aus, ſo heftig und gebieteriſch, daß er an ſeine Stelle gefeſſelt blieb.„Wenn ſie ein Mann von Ehre ſind, ſo verlaſſen Sie mich augenblicklich. Was Sie reden, iſt mir unverſtändlich— ich habe keine Antwort darauf!“ „Cajetana, verläugneſt Du, plötzlich umgewandelt, Deinen Brief an mich?“ rief er und zog ein kleines Blatt aus ſeinem Kleide.„Haſt Du dies nicht geſchrieben, mir nicht erlaubt, Dich hier zu ſehen?“ „Herr Graf!“ entgegnete Cajetana, bis in das Herz vor dieſer Beſchuldigung erſtarrend. Ihr Ton klang ſo treu und wahr, daß Pio Colonna nicht länger dagegen verſchließen konnte. „Wie?!“ rief er wild.„Sollte ich betrogen ſein?! Sie haben dies nicht geſchrieben? Meinen Brief nicht beantwortet?“ „Wäre es anders, würde ich Ihre Verachtung ver⸗ dienen! Gehen Sie, Herr Graf!“ Aber jetzt erwachte ſeine Leidenſchaft erſt zu jener furchtbaren Gewalt, die keine Rückſicht mehr kennt.„Und wen es ſo iſt,“ rief er glühend,„ſo biſt Du dennoch mein! Ich liebe Dich, Mädchen, ich laſſe Dich nicht! Von Deinen Lippen will ich mir den ſüßen Lohn der Gegen⸗ liebe erzwingen, müßt' ich auch mein Blut darüber ver⸗ 15* 236 gießen!“ Und ohne ihrer jungfräuliche Wehrloſigkeit zu achten, wollte er den Arm um ihren Leib ſchlingen— in dieſem Augenblick wurde die Glocke des Hauſes ſtark angezogen. Cajetana war ſeiner unheiligen Berührung ausgewichen und eilte zur Thüre. „Und ſollt' ich Dich verderben, Du wirſt mein!“ rief ihr Colonna nach, indem er ihr folgte. Im Corridor war ſie ihm entſchwunden; einen Mo⸗ ment drohte das ſtürmende Blut ihm alle Beſinnung zu rauben und es dunkelte ihm vor den Augen, aber er faßte ſich gewaltſam und ging nun trotzig und ſtolz dem vordern Ausgange zu: es war ihm unmöglich den Rück⸗ weg zu finden zu der Stelle, die ihm wohl bezeichnet ge⸗ weſen war, um durch das geheime Pförtlein unbemerkt in das Palais zu gelangen. Die Hausthüre wurde eben von dem Thürſteher geöffnet, der durch das ſtarke Klingeln aus ſeinem Mit⸗ tagsſchlafe geweckt worden war, und Pio Colonna's Augen loderten in Haß und Wuth auf, als er den Ein⸗ tretenden erblickte: es war Max von Riedau. Wer führte ihn hieher zu dieſer Stunde? Er warf ihm eine kurze Frage danach hin, Riedau hätte ſie ruhig beantworten können, denn er kam auf lautern Wegen, ſich von der Gräfin zu verabſchieden und ihre Botſchaft an den Sohn in Empfang zu nehmen, aber er geſtand dem Römer kein Recht zu einer ſolchen Frage zu, und fertigte ihn kalt, wenn auch höflich, ab. „Begleiten Sie mich, mein Herr, die Gräfin iſt nicht zu Hauſe!“ ſagte Colonna gereizt. „Wenn das iſt, werde ich warten!“ erwiederte Riedau. „Sie werden mich begleiten, Herr! ch habe mit Ihnen zu ſprechen!“ „Das kann geſchehen, Herr Graf— nur nicht hier und jetzt!“ „Fürchten Sie ſich?“ entgegnete der Römer mit bitterm Hohne. Das traf Riedau's ohnehin ſchon dem Streit, der an ihm geſucht wurde, willig entgegen ſchlagendes Blut. Er antwortete nur mit einem Blicke ſtolzer Verachtung und winkte dem Gegner voran zu gehen. Dann folgte er, und der Thürſteher, welcher ein athemloſer Zeuge der wunderlichen Scene geweſen war, ſtand zweifelhaft, was er thun ſolle, bis er endlich die Pforte des Hauſes, die er zu hüten hatte, wieder ſperrte. Mochte draußen vorgehen, was da wollte! Er hatte es nicht zu ver⸗ antworten. ——— 238 Mit ſtarken Schritten gingen die beiden Männer ſtumm neben einander her; ſie fühlten, daß es zwiſchen ihnen einen Kampf geben mußte um den höchſten Preis des Lebens, ſie fühlten das in ihrem ganzen Weſen, ohne daß ſie ſich weiter verſtändigt hätten. Pio Colonna wußte außerhalb der Mauer den Ort wieder zu finden, wo er den Eingang erlangt hatte— hier wartete ſein noch in unverwüſtlicher Geduld ſein Knabe, der, als er ihn in fremder Begleitung nahen ſah, vom Boden aufſprang. „Tritt zurück, Ruffo!“ herrſchte ihn der Graf an, und maß den Raum umher. Dann zu Riedau ſich wen⸗ dend, legte er die Hand an den Degen. Dieſer ſah ihn mit einem feſten Blicke an. „Zieh, wenn Du ein kaiſerlicher Offizier biſt!“ rief Colonna, und ſchnell die Klinge zückend, fiel er ihn ſchon wüthend an, ſo daß ſich Riedau kaum in Vertheidigungs⸗ ſtand ſetzen konnte. Aber die Scene wechſelte bald. Des Deutſchen überlegene Kraft machte alle Geſchicklichkeit des Römers zu Schanden, aus dem Angreifer ſah ſich dieſer bald auf eine bloße Abwehr zurückgeworfen, er gab ſich manche Blöße— ſchon blutete er aus zwei leichten Wunden, er war in höchſter Gefahr! Da zuckte Mar Riedau plötzlich, ſein Degen ſenkte ſich; er taumelte einen Moment und brach dann zuſam⸗ men. Ueber ſeiner Geſtalt, die zur Erde ſank, tauchte das wild freudige braune Geſicht des Traſteveriner Kna⸗ ben auf.„Hab' ich's brav gemacht, Herr?“ jauchzte er dem Grafen zu, der von dem Gefühl unauslöſchlicher 6 Schande, das ihn in dieſem Momente überkam, wie ver⸗ nichtet ſtand. Ende des dritten Bandes. ——