Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 2 Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 12* 3 1 cLeih- und eſebedingungen. 6 1 Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 4 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 2 6„„ ²„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jun Erſatz des Ganzen verpflichtet. . Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — 6 —————— —,——————— Album. Bibliothek deutſcher Griginalromant. Herausgegeben von J. L. Kober. Fünfzehnter Jahrgang. Dritter Band. Im Strom der Zeit. N. Prag, 1860. Kober& Markgraf. Grüher: J. L. Kober.) —.—.—— Im Btrom der Zeit. Roman nns der Beit Kuiſer Leopold des Erſten von Bernd von Guſeck. Zweiter Band.— Prag, 1860. Kober& Markgraf. (Früher: J. L. Kober.) ——————— Prag, Druck von Jarosl. Poſpiötl. Erſtes Cnpitel. Zweites Capitel. Prittes Capitel. Piertes Capitel. Fünftes Cnpitel. Sechstes Cnpitel. Siebentes Cupitel. Achtes Capitel. Neuntes Capitel. Zehntes Capitel. Inhult. Heimkehr Ein junger Pormund Aus dem Kloſter Eine Merenda. Die Pfeilnarbe Abſchied von Wien Im Cvoncert. Eine ſtille Zeit. Die Schlittenfahrt des Kuiſerhofes Fehlſchlag 104 128 1149 170 4192 224 5 1 ½ — 8 — — — — 8 ———————— Erztes Capitel. Heimkehr. Der Herbſt, welcher eine lange Reihe von ſchönen Tagen gebracht hatte, war plötzlich andern Sinnes ge⸗ worden. Statt des klaren, blauen Himmels, deſſen reine Luft die fernſten Gegenſtände im Sonnenlicht deutlich und ſchimmernd hervortreten ließ, ſah man eine bleichgraue Decke gleichförmig über den ganzen Horizont ausgeſpannt, welche auch auf die Stimmung der Menſchen wirkte, und in der dicken ſchweren Atmoſphäre jedes fröhliche Lied er⸗ ſtickte; ſtatt des milden Thaues, der ſonſt mit den ſinken⸗ den Schatten herniener kam und Gräſer und Laub friſch erhielt, rauſchten zuweilen heftige, von kalten Stürmen begleitete Regenſchauer über das Land, von denen die Wege zerriſſen, die Bäche mit mißgefärbten Fluten an⸗ geſchwellt wurden. Die Natur hatte ihr unfreundliches Antlitz angenommen. 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 1 — 6³ . 3 — 5—— 2 — „ —— 10 Da zogen denn die Städter, vorzüglich die Reichen und Vornehmen, welche in der heißen Jahreszeit aus den engen Mauern hinaus auf das Land, in die Sommer⸗ friſche oder auch nur für die goldnen Tage der Weinleſe in die freie Natur geflüchtet waren, wieder heim, um in ihren ſichern, behaglichen Häuſern, beim lodernden Ka⸗ minfeuer die Ungunſt der Witterung zu vergeſſen und ſich bei den Freuden ſtädtiſcher Geſelligkeit für die Freuden des Landlebens, welche ihnen ſo kurz abgeſchnitten worden waren, ſchadlos zu halten. Nur leidenſchaftliche Jagdlieb⸗ haber ließen ſich ihre Luſt, welche grade in dieſer Jahres⸗ zeit ihr unbeſchränktes Genügen findet, nicht verkümmern. Sonſt aber ſah man auf den Fluren nur die fleißigen Landleute mit der Beſtellung ihrer Aecker beſchäftigt und hier und da einen einſamen Handwerksburſchen, der auf ſeiner Wanderung nicht ſtill liegen konnte, wo er keine Arbeit mehr fand. Ein trüber Novembertag neigte ſich zu Ende. Die unſichtbare Sonne konnte zwar noch nicht untergegangen ſein, aber die Wolken, welche ſich immer dichter geballt hatten, verbreiteten ſchon eine halbe Dämmerung. Auf der Straße von Baden her, da, wo der Lieſingbach ſie ſchneidet, bewegte ſich langſam und ſchwerfüllig eine vier⸗ ſpännige Kutſche gegen die Höhen hinauf, welche zuerſt einen Blick auf das Donauthal und die hochgethürmte Kaiſerſtadt eröffnen. Der Kutſcher trieb die Pferde nach Kräften an, aber er that ſeiner ungeduldigen Herrſchaft darin noch immer nicht genng. „Schauen Sie doch einmal hinaus,“ ſagte inner⸗ halb des ſorgfältig gegen die kalte und feuchte Luft ge⸗ ſchützten Wagens eine weibliche Stimme.„Die Spinne⸗ rin am Kreuz muß doch ſchon zu ſehen ſein.“ Aus dem Schlage der Kutſche bog ſich auf dieſe Mahnung ein Frauenkopf und ſah in der Richtung hin⸗ aus, wohin ſich der Wagen langſam bewegte.„Noch nicht!“ war die Antwort, und der Diener, welcher hinten ſeinen etwas unbequemen Stand hatte, beſtätigte die Mel⸗ dung. Es war übrigens ſo neblich, daß man nicht zwei⸗ hundert Schritt deutlich Etwas erkennen konnte. „Aber dieſe Langſamkeit iſt unerträglich!“ rief die ungeduldige Dame im Wagen, als ihre Begleiterin, wel⸗ che nach der Spitzſäule auf der Höhe vergeblich aus⸗ geſchaut hatte, ſich wieder zu ihr zurückzog.„Da kämen wir ja eher zu Fuß an. Fragen Sie doch den Kutſcher, ob er Schnecken vorgeſpannt hätte?“ „Der Weg iſt zu ſchlecht, gnädige Gräfin,“ ent⸗ gegnete die zweite Dame. „Will das Fräulein ſo gütig ſein, zu thun, was ich gebeten habe?“ verſetzte die Gräfin in übler Laune, nicht ohne einen ſcharfen Ton, an welchen jedoch die Begleiterin 1* —— —————— gewöhnt ſein mußte, denn ſie übereilte ſich nicht, ihm zu gehorchen. Mit einer Unbehülflichkeit, welche ganz dazu angethan war, die Ungeduld noch mehr zu reizen, machte ſie ſich aus der bequemen Ecke, die ſie wieder eingenom⸗ men hatte, in mehrern Anſätzen los, öffnete das vorgezo⸗ gene Leder des Kutſchenſchlages und rief hinaus, was ihr befohlen war. Ein ſauſender Doppelkreuzhieb auf alle vier Pferde war die wortloſe Antwort des Kutſchers— die Pferde ruckten heftig an, es ſchien aber, als wollten ſie ſich mehr zurück⸗ als vorwärts werfen. Vor der unangenehmen Bewegung, welche der Wagen dadurch erhielt, erſchracken die Damen und ſchrien auf— es war, als ſolle derſelbe umſtürzen. Die Pferde hatten ſich aber vor einem daher⸗ jagenden Reiter geſcheut, und waren ſchon wieder im Ge⸗ horſam, als dieſer heranſprengte. „Iſt das die Karoſſe der Frau Gräfin von Kö⸗ nigsegg?“ fragte er ſchon von Weitem. „Das iſt Max!“ rief die Gräfin erfreut.„Sehen Sie doch nach, liebe Anna! Ihren Bruder werden Sie vielleicht beſſer kennen, als die Spinnerin am Kreuz.“ Noch ſäumiger, da ſie in dieſem Falle keinen weiter gehenden Vorwurf zu fürchten hatte, leiſtete Anna Folge. Aber der Kutſcher hatte ſchon auf die Frage des Reiters bejahend geantwortet, und als der Schlag geöffnet wurde, ——— ſah Fräulein Riedau in der That ihren Bruder, der vor der Gräfin, welche ſich im Wagen vorgeneigt hatte, ſeinen Hut zog und dem Kutſcher winkte, weiter zu fahren. Er ritt nun neben dem Schlage. „Ich erfuhr den Tag und die Zeit Ihrer Ankunft, gnädige Gräfin, und konnte mir nicht verſagen, Ihnen entgegen zu reiten. Sie kehren doch recht geſund zurück?“ „Leider noch nicht ganz, lieber Max. Aber Sie ſind ein aufmerkſamer Freund, ich danke Ihnen. Was gibt es Neues in der Stadt? Wer ein paar Monate abweſend war, findet oft eine neue Welt.“ „Sie haben ſehr viel verſäumt. Den Einzug der römiſchen Königin und die Vermählungsfeierlichkeiten— das war prachtvoll. Die Frau Marſchallin von Rabutin verſchaffte mir die Gelegenheit, Alles ſehen zu können.“ „Das ſollen Sie mir gelegentlich erzählen. Beſchrei⸗ ben Sie mir die Königin. Iſt ſie ſchön?“ „Nicht eben regelmäßig ſchön von Geſicht, aber majeſtätiſch gewachſen, von prächtiger Haltung und einem leichten ſtattlichen Gange.“ „Sie iſt acht Jahre älter, als der König!“ ſagte die Gräfin. „Das weiß ich nicht,“ erwiederte Max.„Sie hat aber, wie ich gehört habe, den ganzen Hof ſeit ihrer Ankunft durch ihre Liebenswürdigkeit bezaubert, und noch jetzt nach ——————— 14 dreiviertel Jahren habe ich keine einzige tadelnde Bemer⸗ kung über ſie gehört, ſelbſt im engſten Kreiſe der Frau Marſchallin von Rabutin.“ „Und das will viel ſagen,“ ſetzte die Gräfin lächelnd hinzu.„Bin ich aber ſo lange fort geweſen? In der Hei⸗ math vergeht die Zeit ſo ſchnell. Ich komme wirklich in eine neue Welt. Wie lange iſt es her, Anna, daß wir über dieſe Berge nach Süden fuhren, in ſchönerm Wetter, als heut'?“ „Ueber ein Jahr, gnädige Gräfin. Wir ſind am 29. September des vorigen Jahres abgereist.“ Ein eiſiger Windſtoß auf der Höhe, welche ſie endlich erreicht hatten, traf in den offenen Schlag und warf den Regen hinein, der ſich eben zu ergießen anfing. „Auf Wiederſehen!“ ſagte die Gräfin, und das Schirm⸗ leder rollte auf ihren Wink nieder.„Sie haben mit Ihrem Bruder kein Wort gewechſelt, Anna,“ bemerkte die Dame gegen ihre Begleiterin, die ſich während des Geſprächs ganz zurückgeſetzt hatte. „Er nicht mit mir, gnädigſte Gräfin!“ entgegnete die Riedau. „Sie halten auf ſtrenges deutſches Ceremoniell. Gewiß haben Sie in meiner ſchönen Heimath vielen An⸗ ſtoß genommen, wenn Damen ſich kein Gewiſſen daraus machten, die erſte Anrede gegen Herren zu thun, mit denen ———— ſie ſich zu unterhalten wünſchten. An mir, als einer alten Frau, wird es Sie hoffentlich nicht befremdet haben.“ Die Gräfin ſprach von ſich zuweilen in dieſer Weiſe, obgleich Niemand mehr, als ſie ſelbſt, von der Unwahrheit eines ſolchen Beiworts überzeugt war. „Ich habe nicht nach meinen Kindern gefragt!“ ſagte ſie ſcherzhaft nach einer Weile, als die Riedau nur wenig auf ihre vorige Bemerkung erwiedert, ſie alſo ge⸗ wiſſermaßen zugegeben hatte.„Ich bin eine recht un⸗ natürliche Mutter! Der Malteſer wird nicht in Wien ſein, da er ein zu geſtrenger Obriſter iſt und ſein Regi⸗ ment ſelten verläßt, aber der Domherr, denk' ich, iſt da und auch unſern Fidelis hoffe ich zu finden. Dem laſſen Sie doch unter der geſammten Männerwelt Gerechtigkeit widerfahren, Anna?“ „Der Herr Graf iſt ein vollkommener Cavalier,“ erwiederte die Riedau. „Ja gewiß, und ich hoffe, Ihr Bruder wird nach ſei⸗ nem Vorbilde ein ſolcher werden. Ich möchte ihm noch eine Frage thun— wollten Sie ſo gut ſein, noch einmal zu öffnen?“ „Der Regen gießt in Strömen, wie die gnädige Gräfin wohl über unſern Köpfen hört. Mein Bruder iſt voraus geritten. Ich habe ihn davonſprengen gehört, als Sie ihn auf Wiederſehen entließen.“ „Wirklich? Ueberzeugen wir uns davon. Es wäre ein ſchlechter Anfang für meine Hoffnungen auf ſein Rit⸗ terthum.“ Mit großem Widerwillen gegen das unruhige ita⸗ lieniſche Blut ihrer Herrin gehorchte die Riedau zum Drittenmale, und es wäre ihr eine wahre Genugthuung geweſen, wenn ihr Bruder, wie ſie behauptet hatte, die langſame Karoſſe bei dem ſtrömenden Regen verlaſſend wirklich vorausgeſprengt wäre. Aber ſie fand ihn getreu⸗ lich neben dem Wagen, er war nur als gewandter Soldat von der Wetterſeite auf die andere geritten. „Sie ſind noch hier?“ rief die Gräfin.„Sie hal⸗ ten bei uns aus in dieſem Orkan und Kataract? Ich bitte und befehle, daß Sie augenblicklich vorausreiten, da Sie uns gar nichts helfen können. Melden Sie mich in meiner Wohnung an und ſein Sie heut' Abend mein Gaſt: ich habe noch viel von Ihnen zu hören. Iſt mein Sohn Karl in Wien?“ Riedau bejahte es, mit dem Zuſetzen, daß der Graf im Regimente Hohenzollern⸗Küraſſiere eine Escadron erhalten habe.„Und Sie?“ fragte die Gräfin raſch. Mar zuckte die Achſeln. „Noch immer nicht!“ rief ſie.„Trotz Allem, was für Sie geſchehen iſt?“ Ich bin auf einen neuen Krieg vertröſtet worden. 17 Mein Inhaber, Graf Herbeville, iſt nicht hier; auch ha⸗ ben die Herrſchaften in dieſen Zeiten wohl an Andere zu denken, als an mich.“ „Steht denn ein Krieg in Ausſicht?“ rief ſie.„Das muß anders werden! Auf Wiederſehen noch einmal! Ich befehle Ihnen, Herr Fähnrich, daß Sie mich jetzt ver⸗ laſſen, damit ich bei meiner Ankunft ein hellflackern⸗ des Kaminfeuer finde, an welchem wir traulich mehr ſpre⸗ chen wollen.“ Er zog den Hut und empfahl ſich, wobei er auch ſeiner Scheſter, die ihm förmlich ihren Anblick entzog, ein Paar freundliche Worte ſagte. Sie ſchnitt ihm dieſelben jedoch durch das niederrollende Schirmleder ab. Auf beſſer gehaltenem Wege thalwärts, nachdem die Höhe mit der gothiſchen Spitzſäule, bekannt unter dem Namen Spinnerin am Kreuz, gewonnen war, rollte nun der Wagen raſcher der Hauptſtadt zu, aber es wurde doch ganz finſter, ehe die Reiſenden das wirthliche Ob⸗ dach des ſchönen Gartenpalais erreichten, wo ſie auch ohne die Beſtellung des Herrn von Riedau ein helles, wärmen⸗ des Kaminfeuer gefunden hätten. Die Gräfin überließ alle Anordnungen, welche ihre Ankunft nöthig machten, der Dienerſchaft und zog ſich in ihr Zimmer zurück, um ſich erſt eine Stunde von den Anſtrengungen der Reiſe 18 zu erholen, damit ſie bei der Abendtafel, zu welcher Max eingeladen war, nicht allzu angegriffen erſcheine. Riedau ſtellte ſich pünktlich zu ſchicklicher Stunde ein; er hatte bei dem abſcheulichen Wetter, das ſich immer mehr verſchlimmerte, unterwegs einen wahren Kampf mit den Elementen beſtanden und ſich in Gumpendorf erſt wieder in anſtändigen Zuſtand ſetzen müſſen, ehe er das ihm bekannte, höchſt geſchmackvoll eingerichtete Zimmer betrat, in welches ihn der Diener führte. Dort blieb er noch lange allein, denn auch ſeine Schweſter, von der Gräfin entlaſſen, hatte ſich in ihr Gemach eingeſchloſſen und wäre auch, wenn ihr ſeine Anweſenheit gemeldet worden wäre, ſeinetwegen nicht zum Vorſchein gekommen. Er ſetzte ſich an den Kamin, beſchäftigte ſich damit, das praſſelnde Feuer zu unterhalten, was er im Feldlager, bis zu einer großen Geſchicklichkeit ſparſam, gelernt hatte, und gab ſich dabei ſeinen Gedanken hin. Es hat überhaupt einen eige⸗ nen Reiz, in das Spiel der züngelnden Flämmchen und ſprühenden Funken der rothen Kaminglut zu ſchauen; es iſt, als ob die entfeſſelten Feuergeiſter, welche dort auf⸗ lodernd und tanzend ihr Weſen treiben, das Auge un⸗ widerſtehlich feſt hielten und dabei in der Seele magiſch wirkend auch die innere Welt zu phantaſtiſchem Leben er⸗ weckten, das ſich von der Wirklichkeit völlig frei macht. Wan es die letzte Frage der Gräfin, welche Max heute in ——— 19 glänzende Träume verlockte? Er ſah eine ſchimmernde Ferne des Ruhmes vor ſich eröffnet; manchen Moment, der ihm die Stirn mit dem Lorbeerkranze der Ehre um⸗ wand, durchlebte er im Geiſte ſo lebendig, daß ihm alle Pulſe höher ſchlugen— miſchte ſich in dieſe Bilder nicht auch ein anderes, das ihm mit dem ſtolzen Lorbeer auch die ſüße Roſe verhieß? In blühender Jugend konnte Max nur Sinn für die wilden Scenen des Krieges ha⸗ ben, die er ſchon kannte und von deren Erneuerung er das Glück ſeiner Zukunft hoffte? Dies Lächeln, das ſeine Lippen halb erſchließt, während ſein Auge feſtgebannt an den ſpielenden Flammen hängt, gilt es einzig den kriege⸗ riſchen Ehren, die ihn erwarten? Auch der ſchärfſte Blick hätte das nicht zu enträthſeln vermocht, ſo innig ver⸗ ſchmolzen ſind in der feurigen Seele des Jünglings die Ideale, die ihm einſt die Krone des Lebens reichen ſollen. „Woran denken Sie, Mar?“ fragte eine ſanfte Stimme. Er blickte auf und erröthete, wie ein junges Mäd⸗ chen, das ſich von fremden Augen beobachtet ſieht. Die Gräfin ſtand vor ihm. Sie war durch eine Seitenthüre unbemerkt eingetreten. Man ſah ihr die Ermüdung der Reiſe nicht mehr an, ihr Auge hatte das volle Feuer wie⸗ der gewonnen; ein einfaches Hauskleid, das ſie angelegt hatte, hob die Reize ihrer zierlichen Geſtalt. Max ſprang auf und verneigte ſich vor ſeiner Beſchützerin, welche ſich in den Armſeſſel niederließ, welcher für ſie am Kamin ſtand. „Wahrheit, junger Herr!“ fuhr ſie fort, auf ihrer Frage, welche unbeantwortet geblieben war, beſtehend. „Es ging mir viel tolles Zeug durch den Kopf, gnädige Gräfin, das bei Ihrem Eintritt verſchwunden und vergeſſen iſt, wie ein Traum vor der aufgehenden Sonne.“ „Nicht übel ausgeredet mit einer Schmeichelei,“ er⸗ wiederte ſie,„wenn auch das Vergeſſen nicht wahr iſt. Sie haben Ihren ſchönen Traum nicht vergeſſen, und ich ſehe das. Aber ich will nicht weiter in Sie dringen, ſon⸗ dern vielmehr Ihnen helfen zu des Traumes Erfüllung, welcher doch wohl in einem der ſchönen Feſtabende wur⸗ zelt, welche Sie Ihrer fürſtlichen Gönnerin, der Frau Marſchallin, verdanken, oder wie ſie es lieber hört, Ihrer Durchlaucht, der Prinzeſſin von Holſtein.“ Die Gräfin irrte. Sie nahm an, daß eine von den ſtrahlenden Schönheiten aus den vornehmſten Geſchlech⸗ tern Oeſterreichs, welche zu allen Zeiten den Kaiſerhof und die erſte Geſellſchaft der Kaiſerſtadt geſchmückt ha⸗ ben, dem unbewachten Herzen des jungen Offiziers ge⸗ fährlich worden ſei, und er ſich nun in lieblichen Träumen 21 gewiegt habe, wie er, dem nur eine hohe Gönnerin jene Kreiſe erſchloſſen, ſein Glück mit gerechtem Anſpruch ge⸗ winnen könne. Darin irrte ſie vollkommen, aber ſie ge⸗ ſtattete ihm keine Aufklärung ihres Irrthums.„Erzählen Si mir lieber von den öffentlichen Angelegenheiten. Der König liebt alſo wohl ſeine Gemahlin ſehr? Wann ſ der Einzug geweſen? Ich habe ſo ganz zurückgezogen in meinen Alpen, auf der reizenden Villa meines Bruders Emilio gelebt, abſichtlich von allen Nachrichten aus der Welt abgeſchloſſen, daß ich mir vorkomme, als ſei ich aus einem hundertjährigen Zauberſchlafe erwacht. Was ich auf meiner Reiſe unterwegs hier und da durch Zufall gehört, iſt ohne allen Zuſammenhang geblieben.“ Riedau berichtete in ſoldatiſcher Kürze von dem Ein⸗ zuge, der bereits am 14. Februar ſtattgefunden hatte, wie der Kaiſer der ſchon in Modena durch Procuration vermählten Königin einen Hoſſtaat von 600 Perſonen mit dem Fürſten Lobkowitz als Obriſthofmeiſter bis Ro⸗ veredo entgegengeſendet, der römiſche König in Tuln und der Kaiſer in Perſon mit der ganzen kaiſerlichen Familie ſie in Ebersdorf empfangen habe; er ſchilderte die Pracht der drei Ehrenpforten, durch welche der Zug bis zu der Auguſtinerkirche gegangen, wo der päpſtliche Nuntius die Ehe nochmals eingeſegnet hatte, und gab dann zutn Beſten, was er über die nach der Ceremonie, aber nur 22 für ſechszehn Perſonen ſervirte kaiſerliche Tafel vernom⸗ men hatte. Zum großen Ergötzen der Gräfin war, was er dann von den folgenden Feſtlichkeiten in ſeiner natür⸗ lichen und ungezwungenen Manier auf ihre vielen ſich kreuzenden, oft ſehr verfänglichen Fragen erzählte; be⸗ ſonders lachte ſie über ſeine naiven Schilderungen der Damentviletten, die ſie intereſſirten. Er war bei alledem ein guter Beobachter geweſen, deſſen Berichte ſie ſcharf⸗ ſinnig zu ergänzen wußte, ſo daß ſie, nachdem er ihr noch die Familienereigniſſe in der großen Welt, von denen nirgend genauer, als bei der Gräfin Rabutin Kenntniß genommen wurde, die Trauerfälle, die Verlobungen und Vermählungen berichtet hatte, ziemlich gut über die all⸗ gemeine Lage der Verhältniſſe, wie ſie dieſelben wieder finden würde, orientirt war.„Vortrefflich!“ ſagte ſie am Schluſſe.„Sie ſollten die kriegeriſche Laufbahn mit der geſandtſchaftlichen vertauſchen, keiner unſerer vielgerühm⸗ ten venetianiſchen Ambaſſatori dürfte ſich Ihres Vor⸗ trags ſchämen. Einen der Herren vom Hofe haben Sie mir aber doch nicht genannt, und es iſt kein geringerer, als der Obriſtkämmerer des römiſchen Königs.“ „Graf Trautſon hat allen Feſtlichkeiten beigewohnt, ſonſt weiß ich nichts von ihm.“ „Sie haben Recht; der ernſte, gewiſſenhafte Herr thut keinen Schritt rechts oder links aus der ſtrengen ——— Bahn ſeiner Pflichten und bietet folglich keinen Stoff zu Bemerkungen. Iſt ſeine kleine Frau in der Geſellſchaft erſchienen? Hat ſie gefallen?“ „Ich glanbe, ſehr,“ erwiederte Riedau.„Ich habe wenigſtens nur rühmend von ihr reden hören.“ „Von wem?“ fragte die Gräfin raſch. Riedau beſann ſich, konnte ſich aber nur des all⸗ gemeinen Eindrucks errinnern. „Finden Sie die Gräfin Trautſon ſchön?“ fragte ſie, ihn ſcharf in's Auge faſſend, denn ſie hatte wohl be⸗ merkt, daß er bei ihrer vorigen Frage flüchtig erröthet war, und mußte hier auf den Grund kommen. „Ja,“ erwiederte er unbefangen. „Und das ſagen Sie einer andern Dame ohne alle Entſchuldigung?“ rief die Gräfin lachend.„O Ihnen fehlt doch noch ſehr viel zu einer vollendeten Hofbildung. Ich nehme mein Wort über Ihre ambaſſatoriſche Ge⸗ ſchicklichkeit zurück. Sie haben noch viel zu lernen! Dies kurze Ja iſt unvergleichlich naiv. Was finden Sie an der Trautſon beſonders ſchön?“ „Ihr liebliches, frauenhaftes Weſen,“ antwortete Max, ohne ſich einen Moment zu bedenken. „Sicuro!“ verſetzte die Gräfin mit dieſem vieldeu⸗ tigen, dem deutſchen:„So!“ nur halb entſprechenden Ausruf ihrer italieniſchen Mutterſprache. Ihre Miene ————— 24 wurde etwas ernſter; fühlte ſie die Wahrheit, welche in Riedau's Erklärung lag, oder glaubte ſie darin für ihr ei⸗ genes Weſen, das mit dem der Trautſon wenig überein⸗ ſtimmte, eine unwillkührliche Anklage zu finden? Aber ſie war älter, ſie war Witwe, ſie hatte, wie ihr Stiefſohn einmal ganz richtig gegen Trautſon geäußert hatte, das wahre Glück der Liebe in der Ehe nie gekannt, wie es Maria Thereſia Weißenwolff in ihrer Verbindung mit dem edlen Manne gefunden, und es war darum wohl ſehr natürlich, daß ihr Weſen eine andere, ſelbſtändige Richtung angenommen hatte. „Wiſſen Sie mir nichts Intereſſantes von meinem Sohne Karl zu erzählen? Hat das glückliche Verhältniß ſeines Freundes noch nicht den Wunſch in ihm erweckt, ſeinem Beiſpiele zu folgen?“ „Der Herr Graf hat mich darin nicht zu ſeinem Vertrauten gemacht,“ antwortete Max.„Ich habe nicht geſehen, daß er eine Dame vorzugsweiſe ausgezeichnet hätte, aber die Damen haben ihn ausgezeichnet, wenn mir die gnädige Gräfin dieſe Bemerkung erlaubt.“ „O mir dürfen Sie das ſchon ſagen, Sie ſchmeicheln meiner mütterlichen Eitelkeit und ich kenne mein Ge⸗ ſchlecht. Ihre Schweſter würde darüber freilich mit Ihnen eine Lanze brechen.— Sagen Sie mir, Max, was haben Sie mit Ihrer Schweſter gehabt? Ich bin durch ihr 25 ganzes Benehmen, ſo oft von Ihnen die Rede war, zu der Ueberzeugung gekommen, daß zwiſchen Ihnen Beiden etwas vorgefallen iſt, was das gute Verhältniß getrübt hat, und kann die Urſache nicht erfahren.“ „Von meiner Seite, gnädige Gräfin, iſt Alles beim Alten geblieben,“ erwiederte Max ehrlich.„Ich liebe meine Schweſter noch, wie ſonſt, und— ſie thut mir leid, daß ſie ſich dieſer Verſtimmung hingegeben hat.“ „Aber die Urſache? Es muß doch ein beſtimmter Anlaß geweſen ſein.“ „Sie wünſchte, daß ich in einer alten traurigen An⸗ gelegenheit unſerer Familie Schritte thun ſollte, die ich nicht mit einem gegebenen Verſprechen in Einklang zu bringen wußte, und da ich feſt geblieben bin, iſt ſie leider noch nach einem Jahre böſe auf mich. Wir werden uns aber ſchon wieder verſtändigen.“ Die Gräfin kannte Anna beſſer, ſie konnte dieſe gut⸗ müthige Hoffnung des Bruders nicht theilen: eine Ver⸗ ſtändigung mit ihr war überhaupt ſchwer möglich, am wenigſten, wo ſie gekränkt zu ſein glaubte. Anna war un⸗ verſöhnlich.—„Dieſe alte traurige Angelegenheit betrifft wohl die Cronbergs?“ fragte die Gräfin. Max bejahte es, da er ſeine Gönnerin durch die Schweſter von der Thatſache, wenn auch nicht von dem 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 2 26 Zuſammenhang unterrichtet wußte, und fügte hinzu, daß Herr von Cronberg todt ſei. „Das weiß ich,“ entgegnete ſie;„er hat nur eine Tochter hinterlaſſen, der ſich ein entfernter Verwandter angenommen hat. Iſt es nicht ſo?“ „Verzeihung, gnädige Gräfin! Der Verwandte hat ſich ganz von der Verpflichtung losgeſagt, wie mir Graf Karl erzählt hat, weil ich— um meiner Schweſter wil⸗ len!— doch ein gewiſſes Intereſſe an den Cronberg'ſchen Verhältniſſen habe. Der Reichsgraf hat nicht einmal die Verwandtſchaft anerkannt.“ „Ich bin darüber abgereiſt,“ ſagte die Gräfin.„Ich war der feſten Ueberzeugung, daß für das arme Mädchen, deſſen Schickſal mich nach den Erzählungen meines Soh⸗ nes intereſſirte, geſorgt ſei. Iſt ſie denn nun bei der Bürgerfamilie geblieben, bei welcher ſie, wie mein Karl ſagte, ſo liebevoll aufgenommen und auch ſo zufrieden war?“ „Nein,“ antwortete Max.„Da müſſen ganz eigene Dinge vorgefallen ſein, über welche Ihnen Graf Karl beſſere Auskunft wird geben können, als ich.“ „Kennen Sie das Mädchen?“ fragte ſie, und als Mar dies verneinte, ſetzte ſie hinzu:„Sie ſoll ſehr ſchön ſein.“ „So ſagt Graf Karl,“ erwiederte Riedau ruhig. 27 „Mein Herr Sohn hat wohl den Tag meiner An⸗ kunft nicht erfahren?“ ſagte ſie, von dem Thema plötzlich abweichend. „Doch, gnädige Gräfin, aber er wurde heut' zu einer großen Jagd im Prater eingeladen, an welcher der ganze Hof Theil nimmt, und eine ſolche Einladung iſt Befehl. Sollten Eure Gnaden davon nicht Kenntniß er⸗ halten haben? Er ſagte mir noch geſtern, daß er es dem Kaſtellan aufgetragen habe, Ihnen gleich bei Ihrer An⸗ kunft zu melden.“ Die Gräfin ließ es zweifelhaft, ob der Kaſtellan dieſe Meldung unterlaſſen oder ſie dieſelbe nicht beachtet habe.„Alſo trotz der liebenswürdigen, jungen Gemahlin noch immer die unverwüſtliche Jagdpaſſion bei dem hohen Herrn?“ ſprach ſie.„Sind auch Damen heut' eingela⸗ den? Wird ein fröhliches Mahl im Luſthauſe das Feſt krönen? Aber was ſage ich? Hier am warmen Kamin, im traulichen Geplauder mit einem jungen Freunde ver⸗ geſſe ich ganz, daß draußen ein abſcheuliches Regenwetter iſt und gewiß die ganze Jagd aufgehoben hat—ja, ich ver⸗ geſſe ſogar unſer eigenes Mahl, das vielleicht längſt un⸗ ſerer wartet. Wollen Sie die Schelle ziehen?“ Mar gehorchte und der eintretende Diener erhielt Befehl, daß aufgetragen werden ſolle.„Iſt Fräulein von 2* Riedau benachrichtigt?“ Das Fräulein, hieß es, warte ſchon ſeit einer halben Stunde im Tafelzimmer. „Gehen Sie voraus, Max,“ ſagte die Gräfin. „Sprechen Sie ſich mit Ihrer Schweſter aus. Ich liebe dieſe geſpannten Verhältniſſe nicht.“— Max ſuchte die Schweſter auf, welche er im Tafelzimmer auf und nieder⸗ gehend fand. Er bot ihr die Hand mit einer herzlichen Frage nach ihrem Ergehen, ſie reichte ihm kalt die Fin⸗ gerſpitzen und antwortete, daß ſie über nichts zu kla⸗ gen habe. „Biſt Du noch böſe auf mich, Anna?“ fragte er hierauf, indem er ihr liebevoll in die Augen ſah. „Ich bin nie böſe auf Dich geweſen,“ erwiederte ſie mit gleichmüthigem Tone. „Aber Du haſt mir einſt verdacht, daß ich mich nicht entſchließen konnte, einen Wunſch zu erfüllen, der—“ „Warum alte Dinge wieder an's Tageslicht zie⸗ hen?“ unterbrach ſie ihn.„Das iſt abgemacht.“ „So laß uns wieder freundlich und herzlich ſein, wie einſt!“ bat er.„Sieh, es wäre auch, wenn ich nach Deinem Willen gethan hätte, Alles umſonſt geweſen, denn es hat ſich gar kein Vermögen, ja im buchſtäblichen Sinne nicht ein Kreuzer gefunden, und das arme Mädchen iſt auch verlaſſen und allein in der Welt.“ ———————— 29 „Iſt ſie das?“ entgegnete Anna. Während dies kurze Geſpräch halblaut zwiſchen den Geſchwiſtern geführt wurde, war die Tafel von der Die⸗ nerſchaft ſchnell beſetzt worden, und nun öffnete ſich die Thüre vor der Gräfin. Ihr Auge forſchte auf Anna's Geſicht, das ſie aber hart und unbewegt fand, wie im⸗ mer, während in den Zügen ihres Bruders eine wohl⸗ thuende Freundlichkeit zu ſehen war: er lebte der Mei⸗ nung, den Schatten, der ihr Verhältniß getrübt, durch ſein offenes Wort verſcheucht zu haben. Die Gräfin wußte auf den erſten Blick, daß er ſich täuſchte. Kaum hatten ſie nun an der Tafel Platz genommen, als man vor dem Palais einen Wagen vorfahren hörte und gleich darauf Graf Karl Fidelis gemeldet wurde. Zwrites Cnpitrl. Ein junger Vormund. Königsegg begrüßte ſeine Stiefmutter mit der Ach⸗ tung und Zuvorkommenheit, die er ihr ſtets bezeigte, und hatte auch für Fräulein Riedau eine freundliche Frage nach ihrem Ergehen. Er nahm dann an der Seite der 30 Gräfin Platz und das Geſpräch wurde ſehr lebhaft. Es berührte Alles, was während der langen Abweſenheit der Dame vom Hauſe ſich in der großen Welt zugetragen hatte, und kam auch auf die Staatsangelegenheiten, für welche ſich die Gräfin Francesca nicht minder intereſſirte. Der Friede mit der Pforte, welcher endlich nach den lan⸗ gen Präliminarien ſeit dem im vorigen ZJahre geſchloſſe⸗ nen Waffenſtillſtande beſtätigt worden war, erlitt von Königsegg eine ſcharfe Kritik; er war, wie damals Viele, der Meinung, jetzt ſei der Moment geweſen, die Osma⸗ nen wieder über den Bosporus zu werfen und das Pa⸗ nier mit dem kaiſerlichen Doppelaar auf den Wällen von Konſtantinopel, das heilige Kreuz wieder auf der ent⸗ weihten Sophienkirche aufzurichten. Dann wäre das Kai⸗ ſerreich unter Habsburgs Scepter zu einer unantaſtbaren Macht in Europa gelangt. Daß man mitten im Sieges⸗ fluge angehalten, daß man ſich mit Ungarn begnügt hatte, ſtatt die ganze griechiſche Halbinſel dem Halbmond zu entreißen, lag nicht an dem ſieggekrönten Feldherrn Heſterreichs, ſondern an der mangelhaften Sorge der obern Kriegsbehörden für das Heer, das eine mehr als ſchlechte Verwaltung darben und zuſammenſchmelzen ließ, es lag aber vor Allem an der Beſorgniß vor der Ent⸗ wickelung der Dinge im Weſten. Auch Frankreich hatte ja nur deshalb mit ſeinen Feinden Frieden geſchloſſen, 31 weil es einer Zeit der Erholung bedurfte, um ſich für alle Fälle zu rüſten. Darum aber, meinte Karl Fidelis, hätte man grade kaiſerlichen Seits, weil man nicht mehr auf zwei Fronten zu kämpfen hätte, den Frieden von Ryswik, der mit dem Siege Eugen's bei Zenta faſt zu⸗ ſammenfiel, benutzen ſollen, um den Erbfeind der Chri⸗ ſtenheit, nachdem man den gefährlichern Gegner, den Allerchriſtlichſten König, los geworden, vollſtändig nieder⸗ zuwerfen.„Wäre König Joſeph unſer Kaiſer geweſen,“ ſchloß er,„ſo hätte er das Reich Konſtantin's des Gro⸗ ßen wieder hergeſtellt, um dann des Reiches Karl des Fünften, das ihm einſt mit unzweifelhaftem Rechte ge⸗ bührt, deſto ſicherer zu ſein! Welche Macht dann für Habsburg!“ Von den ſpaniſchen Verhältniſſen, welche damit ge⸗ meint waren, hatte die Gräfin in Italien, wo die Lom⸗ bardie eine ſpaniſche Beſitzung war, wie Sardinien, Nea⸗ pel und Sicilien, genauere Einſicht erhalten. Sie mochte vielleicht doch nicht ſo ganz zurückgezogen, wie ſie behaup⸗ tete, auf der Villa ihres Bruders, des Marcheſe die Pa⸗ rella gelebt haben. Mit Scharfſinn ſetzte ſie auseinan⸗ der, daß die Intriguen Frankreichs, um von dem ſchwa⸗ chen Könige Karl die Krone Spaniens zu erſchleichen, nur durch ein kräftiges Vorgehen vereitelt werden könnten, und geſtand, daß ſie wenig Hoffnung für einen glücklichen Ausgang habe. „Noch iſt nichts verloren!“ entgegnete Karl Fide⸗ lis feurig.„Karl der Zweite lebt noch. Haben wir ein⸗ mal aus Beſorgniß vor Frankreichs Macht, welche dem Erzhauſe die griechiſche Kaiſerkrone zur römiſch deutſchen nicht gegönnt haben würde, oder ich will es unſerm from⸗ men kaiſerlichen Herrn mit Ehrfurcht zugeſtehen, aus Friedensliebe ein Glück verſäumt, das uns die Gunſt der Zeiten nie wieder bieten wird, ſo müſſen wir wenigſtens das Recht auf die ſpaniſche Krone mit allen ihren Ländern durch Aufbietung der ganzen Kraft unſres Reiches wah⸗ ren. Soll ein Anderer, als ein Habsburger, Habsburg beerben? Nimmermehr! Wenn unſer Heer flugs Mailand beſetzte, von dort Neapel in Beſchlag nehme, in den Hä⸗ fen von Neapel eine Flotte bemannt würde, um bereit zu ſein, Truppen nach Spanien zu führen— das Alles ohne Zeitverluſt und unter Zuſicherung an den König von Spanien, daß dadurch keinerlei Feindſchaft gegen ihn oder ſeine Länder beabſichtigt würde— Sie lachen, Frau Mutter?“ „Dieſe Pläne ſind eines jungen Rittmeiſters vom Regimente Hohenzollern⸗Küraſſiere vollkommen würdig!“ ſagte ſie heiter.„Schade nmur, daß ſie nicht ausgeführt werden können.“ „Weil es an Thatkraft fehlt!“ rief er.„Möchte die Welt doch über Friedensbruch ſchreien, dem Starken, 3 3 22 50 dem Kühnen iſt das Glück hold, und nähme der Kaiſer denn fremdes Gut, wäre es nicht das unveräußerliche Erbe ſeines Hauſes, das er auf dieſe Weiſe nur vor fremder Habgier ſicherte? Wie ich, denken gar Viele, aber freilich ſind es nicht die alten Perücken, die im Hof⸗ kriegsrath ſitzen, überſchattet von den Lorbeeren ihres Präſidenten, vor deſſen Ruhm ich mich beuge, deſſen Be⸗ denklichkeit jedoch mit dem Alter wächſt.“ „Der Kaiſer ſollte aus ſeinen jungen Offizieren ein Kriegsconſeil zuſammenrufen und Sie zum Präſidenten machen.“ „Spotten Sie nur!“ erwiederte Karl Fidelis.„Ich will einzig und allein ſagen, daß dem Generalliſſimus der kaiſerlichen Heere, Ihrem hohen Landsmann, Frau Mut⸗ ter, dem edlen Prinzen Eugen, die Machtvollkommenheit zu freiem Handeln im Kriege niemals beſchränkt werden möge, und daß ihm mit voller kaiſerlicher Freigebigkeit auch die Mittel zuflößen, welche er bedarf, um die Ehre und das Recht des Kaiſers zu wahren!“ Max Riedau, welcher ein ſtummer und beſcheidener Zuhörer geweſen war, konnte bei dieſer Erwähnung ſei⸗ nes Feldherrn, den er mit Begeiſterung liebte, ſeine Theil⸗ nahme nicht verbergen. Die Gräfin bemerkte ſeine er⸗ höhte Farbe, ſeine muthig blitzenden Augen und ſagte: „Ich gebe mich gefangen. Es wäre gefährlich, zwiſchen 34 zwei jungen, kriegsluſtigen Cavalieren von einer feinern Macht zur Löſung verwickelter Fragen zu ſprechen, als von der Macht des Schwertes. Wenigſtens müßte ich mir erſt Bundesgenoſſen werben.“ „An denen wird es Ihnen nicht fehlen,“ erwiederte der Sohn.„Selbſt Männer von hohem und edlen Geiſte, wie Leopold Trautſon, ſind für eine ſubtile Behandlung der Frage.“ Die Gräfin wandte ſich nun auch an Max und wußte die Unterhaltug mit leichtem Uebergange wieder auf die geſelligen Verhältniſſe zu führen, von denen ſie noch mancher Aufklärung nachforſchte. Als ſie die Tafel aufhob, ſagte ſie zu ihrem Sohne, indem ſie deſſen dar⸗ gebotenen Arm zur Rückkehr in das Geſellſchaftszimmer annahm:„Wir haben noch viel mit einander zu ſprechen. Ich werde Ihnen einen ſchweren Vorwurf machen.“ „Wodurch ſollte ich einen ſolchen verdient haben?“ fragte er. Die Gräfin ſah ſich nach Max um, der mit ſeiner Schweſter etwas zurückgeblieben war, und erwiederte mit leiſerer Stimme:„Ich hätte erwartet, den armen Mar nicht ſo wieder zu finden, wie ich ihn verlaſſen habe.“ „Sehen Sie, Frau Mutter, da haben Sie den Be⸗ weis von dem agllzu gewiſſenhaften Auftreten. Hunderte von verdienſtloſen Menſchen werden reich und groß, in⸗ dem ſie ſich vom Profit ihrer Aemter zu nähren wiſſen, hunderte von erbärmlichen Subjecten im Heere werden von ihren Gönnern ſchamlos, möchte man ſagen, zu den beſten Stellen befördert— und dieſer brave Zunge, deſſen Tapferkeit in ſeinem Regimente ſprüchwörtlich geworden iſt, kann es nicht zum Lieutenant bringen. Trautſon glaubt ſchon viel gethan zu haben, wenn er ihn dem rö⸗ miſchen Könige nur einmal genannt hat: wie ſoll aber die Majeſtät, von tauſend wichtigern Dingen, ja ſelbſt von ſeinen eigenen Paſſionen beſchäftigt, noch an einen armen Fähnrich ohne Connexionen denken, wenn er nicht an ihn erinnert wird? Selbſt die ſonſt ſo mächtige Da⸗ menprotection ſcheint hier zu ſcheitern. Ich hoffe auf nichts mehr, als Krieg. Da gilt der Mann!“ „Morgen mehr davon!“ ſagte die Gräfin.„Ich ſehe Sie doch?“ Es war ſchon ſpät geworden und Königsegg lud Mar ein, mit ihm nach der Stadt zurückzufahren. Sie verabſchiedeten ſich bald; die Gräfin fühlte nun erſt, wie müde ſie doch von der Reiſe ſei, und entließ Fräulein Riedau ziemlich einſilbig. Anna biß ſich in die ſchmalen Lippen und zog ſich zurück. Ihre Stellung im Hauſe hatte ſich ſeit Jahr und Tag offenbar verſchlimmert, doch war ſie fern davon, ſich ſelbſt die Schuld zu geben. Löſen konnte ſie das ihr verhaßte Dienſtverhältniß nicht— ein ſolches war es doch, wenn ſie auch nicht den Namen einer Dienerin trug— ſie mußte ihre Ketten, wie es ſchien, bis zum Grabe ſchleppen, denn wo ſollte ſie eine Zu⸗ flucht finden? Aber wenn es dem nicht anders war, wollte ſie wenigſtens an denen, die ſie verletzten, Ver⸗ geltung üben: Gelegenheit dazu, tröſtete ſie ſich, werde ſchon kommen. 5 Die Gräfin in ihrem Schlafkabinet, das llem Luxus eines verfeinerten Geſchmacks ausgeſtattet war, konnte doch den Schlummer nicht ſogleich finden. War es Uebermüdung oder das lebhafte Geſpräch des heutigen Abends, daß ſie noch lange beim Schein der verhüllten Lampe, in hrin weichen Kiſſen mit halbgeſchloſſenen Au⸗ gen ruhte und Bilder an ihn vorübergaukelten, auf welche ſie längſt ſchon das Recht verloren hatte? „Warum mochte Max wohl erröthet ſein, als ich fragte, wer die Trautſon ſo ſehr gerühmt habe?“ Das war ihr letzter klarer Gedanke geweſen, an den ſich dann in phantaſtiſcher Folge Bild auf Bild reihte, bis ſie ſpät in der Nacht entſchlummerte und damit ganz dem Reiche der feſſelloſen Träume verfiel. Am andern Morgen gefiel ſie ſich nicht, als ſie den erſten Blick in ihren Spiegel warf, und ſie machte dieſem Eindrucke entſprechend heute eine ganz matronenhafte Toilette, in welcher ſie ihren Stiefſohn empfing, als der⸗ 37 ſelbe, dem gegebenen Winke gehorſam, ſich zur gewohnten Stunde einſtellte. Wahrhaft mütterlich nahm ſie ſeinen Morgengruß auf und dankte ihm mit recht in Falten gelegtem Geſicht für ſeine Theilnahme an ihrem Befin⸗ den, das ſie nicht befriedigend ſchilderte. Auch an ihm be⸗ merkte ſie aber, daß ſeine Züge nicht mehr die alte Heiter⸗ keit im vollen Maße trugen; es hatte ſich namentlich zwiſchen den Brauen ein gewiſſer Ernſt gelagert, den ſie bisher nicht an ihm gekannt hatte und der ſelbſt den Blick ſeiner muthig in das Leben blickenden Augen ein wenig verändert zu haben ſchien. Nahmen ihn die großen Fra⸗ gen der Politik des Kaiſerhauſes, über welche er ſich ge⸗ ſtern mit ſo glühendem Eifer geäußert hatte, ernſtlich in Anſpruch und entblätterten ihm die Roſen der Freude, an denen er ſonſt Gefallen fand? Oder hatte er ſonſt traurige Erfahrungen gemacht? Sie konnte es nicht unterlaſſen, ihn danach zu fragen. „Schwere Sorgen!“ erwiederte er, mit einer Rück⸗ kehr zum alten Weſen.„Sie ſehen in mir einen Mann, mit einer Würde bekleidet, welche Sie an mir wohl nie⸗ mals errathen würden. Ich bin Vormund geworden.“ „Vormund?“ wiederholte ſie ganz erſtaunt.„Wie iſt das möglich? Können Sie denn Vormund ſein? Und weſſen denn?“ „Ich habe zuweilen ſelbſt meine Zweifel daran. 38 Indeſſen bin ich es doch geworden, da ich mich dazu er⸗ boten habe, wo ſonſt Niemand ſich fand; es gibt übri⸗ gens gar keine Geſchäfte dabei, denn mein Mündel iſt ganz ohne Vermögen: Fräulein von Cronberg. Sie wiſ⸗ ſen von ihr.“ „Aber, Karl, ich bitte Sie, wie haben Sie eine ſolche Verantwortung übernehmen können! Was iſt denn nun geſchehen mit dem Mädchen? Hat ſich der Alte doch noch erweichen laſſen?“ „Dazu habe ich keinen Schritt mehr gethan,“ er⸗ wiederte Karl,„es wäre auch vergeblich geweſen. Ich hatte die Abſicht, wie Sie ſich vielleicht noch entſinnen werden, Ihr Intereſſe für das arme Mäudchen zu ge⸗ winnen?“ „Ja wohl, ich ſollte die Cronberg dem Alten vor⸗ ſtellen— und würde es mit Freuden gethan haben, auch wenn ich meine Abreiſe hätte verſchieben müſſen. Aber der edle Graf entfloh vor dieſer Gefahr bei Nacht und Nebel; war es nicht ſo—2“ „Gewiß, und Sie reiſten dann ſo plötzlich ab, daß ich von dem Billet, das Sie mir zur Benachrichtigung ſchickten, ganz verſteinert war, indem ich noch eine Hoff⸗ nung auf Sie geſetzt hatte.“ „Ich liebe es nicht, weitläufige Veranſtaltungen und Abſchiedſcenen wurchhen⸗ Meine Abreiſe war . 39 längſt auf dieſen Tag beſchloſſen, und ich ſah nun keinen Grund mehr, dieſelbe zu verſchieben. Welche Hoffnung habe ich Ihnen vereitelt?“ „Ich glaubte, von Ihnen für das Schickſal des armen Mädchens, an dem ich nun einmal durch die Ver⸗ hältniſſe mitzuwirken beſtimmt war, einen Rath, viel⸗ leicht eine Hülfe zu finden.“ „Karl!“ ſagte die Gräfin und hob drohend den Finger.„Iſt dies Intereſſe für das ſchöne Mädchen nicht ein tieferes geworden, als Sie Anfangs ahnten? Geſtehen Sie Ihrer Mutter die Wahrheit.“ Er ſchüttelte lächelnd den Kopf, aber dies Lächeln hatte einen ganz eigenthümlichen Charakter, welchen ſelbſt das erfahrene Auge der Gräfin Francesca nicht zu ent⸗ räthſeln verſtand.„Sie können darüber ganz ruhig ſein, ſo ruhig, wie ich bin,“ erwiederte er.„Das Intereſſe, welches ich für Cajetana hege, iſt rein von allen, meine eigene Perſon betreffenden Nebengedanken, es gilt nur ihrer Verlaſſenheit.“ „So erzählen Sie!“ bat die Mutter. „Ich hatte dem Kaufmann, bei welchen ſie, wie ich glaubte, in liebevollſter Obhut und Pflege war, in dem Schreiben, das ihn von der fehlgeſchlagenen Unterhand⸗ lung mit dem alten Cronberg benachrichtigte, noch eine unbeſtimmte Hoffnung angedeutet— ich geſtehe, daß ich 40 es mit dem Gedanken an Sie that, Frau Mutter. Als Sie nun abgereiſt waren und dieſe Hoffnung damit in ſich zerfiel, hielt ich es für meine Schuldigkeit, den Mann darauf nicht länger warten zu laſſen, ſondern voll⸗ ſtändig aufzuklären, daß für ſeine Pflegbefohlene nichts mehr zu hoffen ſei. Ich hatte allerdings dabei ſchon die böſe Ahnung, daß dieſe Nachricht im Hauſe ſchlimm auf⸗ genommen werden möchte, da ich im Geſpräche mit der Frau eine ungemeine Begier, nach den Vermögensum⸗ ſtänden Cronberg's zu forſchen, wahrgenommen, was mich in dem Moment, wo ich ihr die Todesnachricht brachte, die wohl alles Uebrige hätte verdrängen ſollen, wahrhaft verletzt hatte. Aus dieſem Grunde ſchrieb ich nicht, als ich ihr die letzte Hoffnung rauben mußte, ſon⸗ dern begab mich nochmals in Perſon dahin, um mich ſelbſt zu überzeugen, wie es aufgenommen würde, vielleicht auch, weil ich hoffte, durch mein Intereſſe an dem Fräu⸗ lein noch etwas Gutes bei ihren Pflegeeltern zu bewirken. Ich fand aber Alles noch ſchlimmer, als ich befürchtet hatte. Der Mann war nicht daheim, er hatte mit dem Mädchen eine Fahrt nach Meidling unternommen, wo ein alter geweſener Diener Cronberg's leben ſollte, von welchem man über deſſen frühere Verhältniſſe noch etwas zu erfahren hoffte. Die Frau, welche mich mit einer un⸗ erträglichen Unterwürfigkeit empfing, äußerte jedoch, es ₰ 41 ſei nur ein unſinniges Verlangen des Fräuleins geweſen, die Tochter des alten Dieners, eine Dirne von gefähr⸗ lichem Charakter, mit der ſie als Kind geſpielt, wieder zu ſehen, welchem Verlangen ihr Mann unter dem Vor⸗ wand, wegen der Ausforſchung des Alten nachgegeben habe: ſie ſelbſt hege nicht die mindeſte Hoffnung, daß er dort etwas erfahren werde. Ich theilte ihr denn meine Kunde mit, welche ſie gar nicht anders erwartet hatte; mit einem ſauren Lächeln erklärte ſie mir, daß ſie die ſchönen Worte von einer nicht aufzugebenden Hoffnung ganz richtig verſtanden und danach ſchon ihre Einrichtun⸗ gen getroffen habe. In ihrem Hauſe könne das Fräulein nicht bleiben, das würde ſich in keiner Hinſicht ſchicken, beſonders, weil ſie ins Gerede mit ihrem Sohne kommen könnte, der jetzt auf Reiſen ſei; auch habe ſie, die Frau, bereits über ein halbes Jahr Koſtgeld und viele Vor⸗ ſchüſſe zu fordern, welche ſie als verloren anſehen müſſe, aber doch nicht durch fortgehende Verluſte vermehren dürfe, da ſich bei den Umſtänden des Fräuleins wohl kein reicher Freier finden werde, welcher dereinſt die aufge⸗ ſummten Schulden bezahle. So bleibe denn für Cajetana nichts übrig, als die adelige Geburt zu vergeſſen und ſich, wie andere brave und arme Mädchen, in einen Dienſt zu verthun, wonach ſie, die Frau, ſich bereits für ſie umge⸗ ſehen habe. Ich geſtehe Ihnen Frau Mutter, daß ich bei 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 3 42 dieſer Rede, die wie ein Mühlrad unaufhaltſam fortging, in wahren Zorn gerieth und das alte Weib— verzeihen Sie es dem rohen Soldaten!— am liebſten mit einem Donnerwort zermalmt hätte. Indeſſen bezwang ich mich, wie ich es mir ſelbſt ſchuldig war, und erbot mich, einſt⸗ weilen, bis ſich ein ſtandesmäßiges Unterkommen für Fräulein von Cronberg gefunden haben würde, die bis⸗ her von ihrem Vater gezahlten Koſtgelder zu berichtigen.“ Er hielt inne, um zu erwarten, was die Gräfin zu ſei⸗ nem Thun ſagen werde. Sie zuckte ein wenig die Achſeln.„Das iſt unge⸗ mein großmüthig, lieber Karl,“ äußerte ſie.„Aber ich fürchte, daß Sie ſich eine drückende Verpflichtung auf⸗ erlegt haben und dadurch auch in gewiſſe Beziehungen zu den Leuten dort gekommen ſind, die Ihnen unmöglich angenehm ſein können. Das iſt alſo Ihre Vormund⸗ ſchaft? Ich hatte Sie wörtlich verſtanden.“ „Es iſt auch wörtlich zu verſtehen,“ fuhr Karl fort. „Hören Sie nur weiter. Mein Anerbieten wirkte natür⸗ lich wie ein ſtillendes Mittel auf die eifrige Rechnerin, ſie wurde geſchmeidig und dankbar, daß es mich anwi⸗ derte. Ich verſprach, ihr die Summe, die keineswegs hoch war, ſogleich zugehen zu laſſen, aber unter der ausdrücklichen Bedingung, daß Niemand, vorzüglich das Fräulein nicht, von unſerm Abkommen etwas erfahre. 43 Während wir noch ſprachen, fuhr ein elendes Wäglein vor, welches den Mann und das Fräulein zurückbrachte. Mir war der Rückzug abgeſchnitten, ich mußte Beiden begegnen, aber ich ſchärfte der Frau nochmals ein, daß ſie meine Bedingung halten möge, überließ es ihr, meine Anweſenheit zu erklären, und entfernte mich, um Beide nur im Vorübergehen auf dem Hausflur zu treffen. Ca⸗ jetana— Sie wiſſen, daß das Fräulein dieſen Namen führt— erkannte mich auf den Blick wieder, obgleich ſie mich nur ein einziges Mal geſehen hatte, aber die Erin⸗ nerung an dieſen Moment, wo ſie noch nichts ahnend mich für einen freudig willkommenen Boten ihres Vaters gehalten hatte, überkam ſie mit ſolcher Gewalt, daß ſie nicht fähig war, meinen Anblick mit Faſſung zu ertragen. Sie erwiederte meinen Gruß ſtumm und eilte hinweg. Der Kaufmann, den meine Erſcheinung offenbar mit neuer Hoffnung gefüllt hatte, ſtellte mich mit Entſchuldigungen, daß ich ihn nicht getroffen, und lud mich höflichſt ein, wie⸗ der mit ihm einzutreten. Ich ſagte ihm jedoch, daß er von ſeiner Frau Alles erfahren werde, was mich, leider mit ungünſtiger Mittheilung nochmals in ſein Haus ge⸗ führt habe, und nahm meinen Rückzug, entſchloſſen, das⸗ ſelbe nicht wieder zu betreten, um ſo mehr, als ich an dem unausſtehlichen Benehmen ſeiner Frau bei meinem Anerbieten deutlich geſehen hatte, daß ſie demſelben 3* 44 Gründe unterlegte, die meiner Seele fremd waren und noch ſind, wie ſchön und liebenswerth ich Cajetana auch finde. Ich kann Ihnen ruhig in die Augen blicken, Frau Mutter.“ „Hege ich etwa Mißtrauen gegen Sie, Karl?“ er⸗ wiederte Gräfin Francesca, indem ſie ihm die Hand reichte. „Schon am nächſten Tage,“ fuhr er fort,„erſchien Riedl bei mir, er hatte ſich die Stunde wohl gemerkt, in der er mich zu Hauſe treffen konnte. Er kam in großer Verlegenheit und earacolirte in Wendungen und Volten, wie ein türkiſcher Spahi, um das Ziel herum, ehe er losſchoß. Cajetana hatte doch erfahren, daß ich mich zu ihrem Zahlmeiſter aufgeworfen hatte; auf welche Weiſe ſie davon unterrichtet worden, blieb mir fremd; die Frau beſchwor, daß es nicht durch ſie geſchehen ſei, und ich will ſie keines falſchen Schwures beſchuldigen— vielleicht hat Cajetana es aus meinem Dortſein errathen, oder eine Magd hat mein Geſpräch mit der Frau belauſcht und ſie daran in Kenntniß geſetzt. Sie war aber außer ſich über die Demüthigung, wie ſie es nannte, und wollte ſich ihr durchaus nicht fügen, lieber das Aergſte über ſich ergehen laſſen. Der Mann theilte mir zugleich mit, daß ſie ohne⸗ hin viel trauriger und verſtimmter, als ſie geſtern ausge⸗ fahren, von Meidling mit ihm zurückgekehrt ſei, weil ſie vN den alten Diener ihres Vaters gar nicht mehr dort ge⸗ troffen habe; er vertraute mir dabei, daß derſelbe ohne Zweifel ein Raubſchütz ſei und von der allgemeinen Stimme im Dorfe als derjenige bezeichnet werde, der den Wildmeiſter in Schönbrunn erſchoſſen habe. Dieſer war nämlich kurz zuvor, einen oder zwei Tage glaube ich, in dem Gehege, das ſich vom Schönbrunner Walde her⸗ über nach Meidling erſtreckt, todt gefunden worden. Dra⸗ goner hatten darauf die Gegend durchſtreifen müſſen, da⸗ von kann Ihnen Max Riedau erzählen, der hat die Par⸗ tei geführt. Als ſie nach Meidling gekommen ſind, iſt eben die alte Hütte, in welcher der abgedankte Soldat mit ſeiner Tochter gewohnt hat, in Flammen aufgegan⸗ gen, und die Bauern haben nun laut geſchrieen, das und kein Anderer ſei der Mörder geweſen, auf welchen ge⸗ fahndet werde; er habe jetzt noch ſchändlicherweiſe ſein Neſt angezündet und ſei längſt über alle Berge. Ich urtheile anders über dieſe That; es iſt eine alte Solda⸗ tengewohnheit, der wir Offiziere ſogar nicht ſteuern kön⸗ nen, ſie brennen das Lager ab, wenn ſie es auf Niewieder⸗ kehr verlaſſen. Der Mord brauchte damit nicht zuſammen zu hängen, aber freilich blieb der Umſtand verdächtig, daß Riedl ſchon früher Wildpret bei den Leuten geſehen hatte, ſie mochten daher wohl Entdeckung gefürchtet und deshalb Meidling ganz verlaſſen haben. So war die Fahrt für 46 Cajetana eine vergebliche geweſen und ihre ſeltſame Hoff⸗ nung, die ſie mir ſpäter geſtanden hat, völlig geſcheitert. Sie hatte nämlich der Schmach, welche ihre bisherige Pflegemutter über ſie zu verhängen ſuchte, dadurch ent⸗ gehen wollen, daß ſie ſich ganz von ihr losſagte und ſich unter den Schutz ihres alten ehemaligen Dieners begab, um lieber mit ihm die bitterſte Armuth zu tragen, zu arbei⸗ ten, und wenn es nöthig, zu betteln, als ſich zu Magds⸗ dienſten zwingen zu laſſen. Denken Sie ſich, Frau Mut⸗ ter, das unglückliche, unerfahrene Kind! Unter den Schutz eines Strolches und Wilddiebes, vielleicht eines Mör⸗ ders! Damit war es nun zum Glück vorbei, aber meine Dazwiſchenkunft, von der die Frau überzeugt geweſen, daß ſie Cajetana, als ſie nun doch davon erfuhr, mit Entzücken füllen werde, hatte ſie bis zur Verzweiflung betrübt, ja ſie war ſo weit gegangen, ſich den Tod zu wünſchen. Ich beichte Ihnen nun einmal, und ſo muß ich Ihnen denn auch geſtehen, daß ich im erſten Moment, als ich dieſe Aufnahme meiner guten Abſicht erfuhr, eini⸗ gen Unwillen mit dem überſpannten Kinde fühlte, aber ich unterdrückte die Regung der Empfindlichkeit bald und ſuchte einen Ausweg zu finden, Cajetana mein Anerbie⸗ ten weniger läſtig zu machen. Eine Lüge— vielleicht, daß ich noch eine alte Schuld an ihren Vater abzutragen hätte— wollte mir nicht recht zu Sinn. Da kam mir 47 der ehrliche Riedl, der wirklich ein braver Mann, nur von ſeiner habſichtigen Frau zu ſehr geknechtet iſt, zu Hülfe; er ſprach von der Vormundſchaft, welche von Amtswegen doch wohl bald eingeſetzt werden dürfte, und daß ich mich dann mit dem Vormund in Vernehmen ſez⸗ zen könnte. Ich fragte ihn, wer dieſer Vormund ſein werde, und als er verlegen erklärte, daß Niemand dazu vorgeſchlagen ſei und daß er ſelbſt zwar die Vormundſchaft, welche doch nur im Namen beſtehe, ſehr gern übernom⸗ men haben würde, wenn nicht ſeine häuslichen Verhält⸗ niſſe dem entgegen ſtänden, ſo blitzte mir auf einmal der Gedanke auf, daß ich mich ja dazu ernennen laſſen könne und dadurch ein Recht erwerbe, für Cajetana zu ſorgen. Sie ſchütteln wieder den Kopf, Frau Mutter? Ich habe im Kriege gelernt, das der erſte Gedanke immer der beſte iſt, ein Soldat beſinnt ſich nicht lange, ſonſt macht er Fehler. Daher erklärte ich dem Kaufmanne ſofort mei⸗ nen Entſchluß, der ihn mit freudigem Staunen erfüllte, und bat ihn, das Fräulein nur einſtweilen von übereilten Schritten abzuhalten, bis Alles entſchieden ſei. Dieſe Entſcheidung bei der Amtsſtelle herbeizuführen gelang mir in ſoviel Stunden, als er vielleicht Monate hätte warten müſſen. Ich war als Vormund in Pflicht genom⸗ men und waffnete mich nun, als ſollte ich in einer ge⸗ fährlichen Schlacht gegen feindliches Geſchütz anſetzen, zu dem Gange, mich Cajetana als ihr rechtmäßiger Schutz und Schirm vorzuſtellen. Sie war unterdeſſen— Dank den Bemühungen der Frau Riedl, welche zu unlau⸗ tern Mitteln gegriffen haben mag, um ihr meine Perſon im glänzendſten Lichte darzuſtellen— gegen mich mit ſol⸗ chem Widerwillen erfüllt, daß ſie mich, als ich in wohl überlegter, als herzlich ſchlecht vorgebrachter Rede mein neues Verhältniß zu ihr als Camarad ihres Vaters an⸗ kündigte, kaum eines Blickes würdigte und mir dann mit tonloſer Stimme den Wunſch ausſprach, in ein Kloſter gehen zu dürfen. Man war alſo dahin gelangt, ihr allen Lebensmuth zu brechen. Es bedurfte von meiner Seite großer Selbſtüberwindung, um nicht meine Meinung ge⸗ gen diejenige, der ich hier wohl mit Recht die Schuld gab, in vollem Soldatenmuth auszuſprechen, doch gelang es mir zu meiner eigenen Ueberraſchung, mich zu beherr⸗ ſchen. Ich habe in dieſer Kunſt große Fortſchritte ge⸗ macht, ſeit ich in Wien bin.“ Der Ton, in welchem er dieſe letzte Aeußerung ſprach, verrieth, daß ſie ihm unwillkürlich vom Herzen gefloſſen war, und gab der aufmerkſamen Zuhörerin viel zu denken. „Was iſt darauf geſchehen?“ fragte ſie mit lebhaf⸗ tem Antheil. „Ich erklärte, daß, wenn es durchaus ihr Wunſch ſei, demſelben keine Hinderniſſe in den Weg gelegt wer⸗ 49 den ſollten, daß ſie mir aber Zeit gönnen möge, die nö⸗ thigen Einleitungen zu treffen. Sie neigte nur ein wenig den Kopf und ließ Frau Riedl für ſich ſprechen, wodurch ich meine Faſſung leidlich wieder gewann und die Scene, welche für Cajetana und mich gleich angreifend war, bal⸗ digſt beendigte. Da fehlten Sie mir ſchmerzlich, Frau Mutter, und ich wußte mir in meiner Rathloſigkeit nicht anders zu helfen, als daß ich mit einem Freunde Rück⸗ ſprache nahm.“ „Mit Trautſon—“ ergänzte die Gräfin, als Karl einen Moment inne hielt. „Ja. Und Leopold, bei ſeinem ernſten, frommen Sinne, konnte mir auch keinen andern Rath geben, als Cajetana gewähren zu laſſen; es werde zu ihrem wahren Frieden führen, denn es ſei der Weg zum Himmel, den ſie einſchlagen wolle. Mir, dem Soldaten, wollte es aber nicht zu Sinn, daß ſoviel Schönheit und Herzens⸗ innigkeit, welche einen Mann einſt beglücken und als Hausfrau und Mutter Segen ſtiften könne, der Welt auf ewig entrückt werden ſollte, und ich ſuchte auch noch den Rath einer Frau.— Die Gräfin Trautſon,“ fuhr er ra⸗ ſcher fort,„wußte ſchon von Allem, Leopold hatte ihr die traurige Geſchichte mitgetheilt— und ſie war anderer Meinung, als ihr Gemahl.“ „Die Gräfin iſt ſelbſt ſo glücklich als Frau und — 6 S— —————— —— Mutter, nicht wahr?“ verſetzte Francesca.„Und wie ich allgemein höre, auch ein wahres Muſter von Frauen⸗ lieblichkeit und Tugend. Denken Sie auch ſo über die Gräfin Trautſon?“ „Wie ſollte ich der allgemeinen Stimme widerſpre⸗ chen?“ erwiederte Karl Fidelis, und ſein Auge, das bis dahin feſt auf der Zuhörerin geruht hatte, wurde unſtät, während auch ſeine Wange ein gar verrätheriſches Zei⸗ chen durch das flüchtige Roth kund gab, das einen Mo⸗ ment zwar nur, doch unverkennbar aufwallte. Entgehen konnte es der Gräfin Francesca nicht, doch ſie ſelbſt ver⸗ rieth durch keinen Blick, wie ſehr ſie dieſe Löſung eines Räthſels, dem ſie auf ganz andern Wegen nachgeforſcht, überraſcht habe. „Was war nun das Ergebniß Ihrer Conferenzen?“ fragte ſie. „Es wurde vorläufig ein Mittelweg gefunden,“ ant⸗ wortete Karl, welcher die vollkommenſte Selbſtbeherr⸗ ſchung wieder gewonnen hatte.„Im Hauſe der Riedl, nach Allem, wie man ſich dort gezeigt hatte, durfte das arme Kind nicht bleiben; gern würde ſie die Gräfin Traut⸗ ſon in ihr eigenes aufgenommen haben, wenn nicht ihre Mutter dagegen geweſen wäre—“ „Ei!“ warf die Gräfin dazwiſchen.„Mißtraut ſie dem Hausfrieden?“ „Das wohl nicht,“ erwiederte Karl;„ſie fand aber, daß ihre Tochter eher eine arme Couſine, welcher es be⸗ reits verſprochen war, bei ſich aufnehmen müſſe, als eine Fremde. Da dachte ich wiederum lebhaft an Sie, wie ſchnell Sie andern Rath geſchafft haben würden, und um den bitte ich Sie jetzt für meine Mündel. Sie wurde als Koſtgängerin bei den Urſulinerinnen untergebracht, nach⸗ dem ein Verſuch in einem andern Kloſter, wo früher eine Tante von ihr Priorin geweſen war, zu keinem günſti⸗ gen Erfolge geführt hatte. Den Schleier genommen hat ſie auf meine dringende Vorſtellung nicht, ich glaube auch, daß ſie jetzt dieſem Gedanken entſagt hat und überhaupt ruhiger geworgen iſt, obgleich ſie ſich gegen mich, der ſie zuweilen im Sprachzimmer ſehen darf, eine große Zurück⸗ haltung bewahrt. Sie glauben nicht, welche Schwierig⸗ keiten es gekoſtet hat, mir dieſe Erlaubniß für mich aus⸗ zuwirken, es mußte dazu eine höchſte Verwendung ein⸗ treten.“ „Das iſt wohl ganz gerechtfertigt, lieber Karl,“ verſetzte die Gräfin, welche ſich während der letzten Er⸗ zählung in ihrem eigenen Innern berathen hatte.„Was ſoll aber nun weiter geſchehen?“ „Ich hoffte auf Ihre Heimkehr,“ antwortete er. „Wenn ich auch in Ermangelung eines beſſern Un⸗ terkommens, Cajetana— ſo heißt ſie doch?— einſtweilen in mein eigenes Haus nehmen wollte, ſo würde meine Riedau, bei ihrem unglücklichen Gedächtniß für erlittene Dinge, ihr keine Roſen auf den Pfad ſtreuen. Sie ha⸗ ben doch daran gedacht, daß Cronberg ſich gegen die Fa⸗ milie Riedau viel hat zu Schulden kommen laſſen?“ „Ja wohl. Fräulein Riedau hat ſogar einen Ver⸗ ſuch gemacht, bis zu Cajetana zu dringen, wahrſcheinlich nicht in der freundlichſten Abſicht. Zum Glück iſt es ihr nicht gelungen. Ihre Abreiſe verhinderte die Wieder⸗ holung. An ein Zuſammenleben der Beiden habe ich nie⸗ mals gedacht, aber bei Ihren Verbindungen kann es Ihnen nicht ſchwer fallen, für Cajetana ein Haus zu finden, in welchem ſie freundlich und ſchonend aufgenommen würde; daß ſie ſich in Kurzem auch die Liebe ihrer Wohlthäterin erwerben werde, bin ich, wie von meinem Daſein, über⸗ zeugt.“ Die Gräfin beſann ſich eine Weile und lächelte. „Hat Ihre Cajetana Geiſt, Muth?“ fragte ſie. „Das glaube ich wohl,“ erwiederte Karl.„Schon ihre Abſicht, die Freiheit im Elende zu wählen, be⸗ weist das.“ „Ich möchte doch den Verſuch machen, ſie in mein Haus zu nehmen. Mir fällt nicht grade ein anderes ein, wo ich ſie recht wohl geborgen wüßte bei ihrem Mangel an guter Erziehung und, wie es ſcheint, auch an Schwieg⸗ 53 ſamkeit. Da Sie einmal die Verantwortung übernommen haben, ſo iſt es meine Pflicht als Mutter, Sie zu unter⸗ ſtützen, damit Sie ſich leidlich aus der Affaire ziehen kön⸗ nen. Wir wollen ihr, um des Friedens willen, vorſchla⸗ gen, unter einem andern Namen zu erſcheinen.“ „Ich glaube nicht, daß ſie darauf eingeht,“ ent⸗ gegnete der Graf.„Am wenigſten, wenn ſie den wahren Grund erfährt.“ „Den braucht ſie nicht zu erfahren. Es iſt nicht an⸗ zunehmen, daß ſie um die Handlungsweiſe ihres Vaters gegen Riedau's etwas weiß. Ueberlaſſen Sie mir, die ganze Angelegenheit zu arrangiren, ich verſtehe das ein wenig mehr als Sie. Kommen wir nicht über eine kleine Maski⸗ rung der ſtrengſten Wahrheit hinweg, nun, ſo geht es einmal in der Welt nicht anders und Sie ſind ja nicht Ihr Leopold Trautſon, der in Allem rigoros denkt. Ich werde ſelbſt mit Cajetana reden, und wenn ſie mir ge⸗ füllt, ſie gleich mit mir nehmen. Meine Riedau will ich noch heut' auf eine Gefährtin vorbereiten; jede Andere würde ſich freuen, weil es zuweilen bei mir doch langweilig ſein mag, aber Anna denkt anders.“ „Wäre es nicht möglich, dieſe unangenehme Perſon ganz aus Ihrer Nähe zu entfernen?— Ich meine nicht,“ ſetzte er ſchnell hinzu, als ihn die Gräfin verwundert an⸗ ſah,„daß Sie Fräulein Riedau entlaſſen ſollen, da ich ihre Verhältniſſe kenne, aber es fände ſich vielleicht für ſie eine andere Stellung, in welcher ſie Ihnen nützlich ſein könnte.“ „Sie iſt ſehr nützlich, mehr als Sie ahnen,“ be⸗ merkte Gräfin Francesca mit feinem Lächeln.„Laſſen Sie das einſtweilen. Wiſſen ſoll ſie auf keinen Fall, daß die Neuankommende eine Cronberg iſt, und wenn dieſelbe auch ohnedem unter ihrer üblen Laune leiden ſollte, ſo werde ich ſie ſchon zu ſchützen wiſſen. Ueberlaſſen Sie nur Alles mir, wobei ich jedoch feierlichſt verſichere, Ihren vor⸗ mundſchaftlichen Rechten nicht zu nahe treten zu wollen. Weiß Max um dieſe?“ Königsegg bejahte es. „Aber er kennt das Mädchen nicht? Wenigſtens hat er meine Frage danach verneint.“ „Das iſt nur in ſoweit richtig, als er nicht weiß, daß er ſie kennt. An dieſe Gefahr habe ich noch gar nicht gedacht. Mar hat mir erzählt, daß er in einem Hauſe der Sanct Annengaſſe, an welchem er zuweilen vorübergerit⸗ ten, ein reizendes Mädchengeſicht erblickt habe: das iſt Cajetana geweſen. Er weiß nur nicht, daß Riedl dort wohnt, und hat ſich, da er natürlich keine Abſichten hegen kann, nicht weiter erkundigt, wem jenes Haus gehöre. Auch iſt er mit dem Regimente faſt ein ganzes Jahr in Standquartieren bei Oedenburg geweſen und erſt jetzt 55 wieder eingerückt. Wenn er aber Cajetana ſieht, möchte er ſich ihrer nur zu leicht erinnern und ein näheres Befragen den Schleier zerreißen, den Sie gegen ſeine Schweſter um Cajetana ziehen wollen. Ich glaube, wenn Sie mir die Bemerkung erlauben, daß unſer Spiel in mehr als einer Beziehung gefährlich werden kann.“ „Darin liegt der größte Reiz jedes Spiels!“ rief die Gräfin lächelnd. Es war der Blick einer echten Ita⸗ lienerin, welcher dieſe Worte begleitete; in ihm leuchtete die Luſt, Fäden mit feiner Hand zu ſchlingen und zu lö⸗ ſen: Graf Trautſon mochte wohl Recht haben in dem Bilde, das er dem Könige Joſeph einſt bei dem Jagdritt von der Witwe des Grafen Leopold Wilhelm entworfen hatte. Prittes Cnpitel. Aus dem Kloſter. Wunden im Alter, körperliche und Seelenwunden, wie ſchwer heilen ſie! In der Jugendzeit dagegen hilft uns die Jugendkraft geiſtig und leiblich bald überwinden, und es iſt ein Unrecht, junge Herzen darum leichtſinnig zu ſchelten, weil ſie auch einen ſchweren Verluſt, der ihnen beſchieden wurde, in kurzer Zeit gefaßt tragen, ja ſchnell genug wieder froh werden können. Das liegt in Gottes Ordnung der menſchlichen Natur begründet. Die Prüfun⸗ gen in der Iugend ſollen uns ſtählen für den Lebensweg und ſeine Kämpfe, die trüben Schickſale im Alter dagegen mögen uns allmälig vom Irdiſchen ablöſen und den troſt⸗ ſuchenden Blick auf das Jenſeits lenken. Schelten wir die Jugend darum nicht, nennen wir ſie glücklich, daß ſie noch Heilkraſt beſitzt. Auch Cajetana war wieder getroſt in ihrem jungen Leben. Sie konnte ihre Gegenwart, ſonderbar, wie dieſe ſich geſtaltet hatte, mit einer Faſſung tragen, welche ſich nur dadurch zu erklären ließ, daß ſie feſt überzeugt war, es müſſe bald anders werden. Die wohlthuende Stille im Kloſter, die Freundlichkeit und Theilnahme, mit wel⸗ cher ſie hier behandelt wurde, hatte nicht wenig dazu beigetragen, ihr eine innere Ruhe wieder zu geben. Aus dem Riedl'ſchen Hauſe war ſie nach den letzten Erleb⸗ niſſen leicht geſchieden, doch dachte ſie nun mit mildern Gefühlen an daſſelbe zurück; ſie erinnerte ſich all' des Wohlwollens, das ſie von ihrem Pflegevater genoſſen hatte; ſie dachte an den guten Franz, der immer ſo auf⸗ merkſam gegen ihre Wünſche geweſen war, ja ſie ent⸗ ſchuldigte ſelbſt Frau Riedl's Liebloſigkeit mit ihrem ſtreng wirthlichen Sinne. An eine Rückkehr dorthin, auch 57 wenn ſie darum gebeten worden wäre, dachte ſie freilich nicht. Aber im Kloſter konnte ſie eben ſo wenig bleiben, das fühlte ſie bei rückkehrendem Lebensmuthe täglich mehr. Ihr Herr Vormund— ſie mußte lächeln, wenn ſie ſich den jungen vornehmen Herrn in dieſer Beziehung vor⸗ ſtellte— hatte ihr geſagt, daß er nur die Rückkehr ſeiner Mutter abwarte, um ihr ein anderes Aſyl, wo ſie ſich glücklich fühlen werde, ihrem Stande gemäß zu ſchaffen. Graf Königsegg hatte ſich durch ſein gemeſſenes und rit⸗ terliches Weſen ihre Achtung erworben; ſie würdigte es vollkommen, daß er, als Waffengefährte ihres Vaters, ihr ein großes Opfer gebracht hatte, ſich ihrer anzuneh⸗ men, da ſie ganz verlaſſen der Herzloſigkeit Preis ge⸗ geben war, und das Vertrauen, das ſie zu ihm gefaßt hatte, erſtarkte mit jedem ſeiner ſeltenen Beſuche immer mehr. Von der bevorſtehenden Ankunft der Gräfin war ſie nicht unterrichtet worden: er hatte es mit Abſicht vermieden, um ſie nicht in eine Spannung zu verſetzen, welche doch vielleicht noch nicht durch irgend eine Aende⸗ rung in ihrer Lage gelöst werden könnte. Dieſe Löſung überraſchte ſie daher ganz unvorbereitet. An einem Nachmittage, als ſchon die hohen Mauern ihre Schatten in Cajetana's Zelle warfen, die ſie mit ei⸗ ner andern jungen Koſtgängerin theilte, wurde ſie plötzlich nach dem Sprachzimmer gerufen, wo eine Dame ſie zu 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 4 58 ſehen wünſche. Ihr erſter Gedanke traf gleich das Rich⸗ tige, ſie hatte ſich in jüngſter Zeit viel mit der Gräfin Königsegg beſchäftigt— wer konnte es auch anders ſein, der nach ihr fragte? Im hellen Sprachzimmer fand ſie mit der Priorin eine Dame in ſchwarzer, einfacher Kleidung, deren feines Geſicht ihr mit lebhaften dunkeln Augen entgegen blickte. Die Priorin nannte der Dame Cajetana's Namen und entfernte ſich ſtill, ganz gegen den Brauch, da ſie oder eine andere der ältern Kloſterfrauen ſonſt jedem Beſuch, den ihre Koſtgängerinnen erhielten, ſelbſt von Damen, bis zu Ende beiwohnte. „Ich bin Ihnen vielleicht nicht ganz fremd,“ ſagte die anmuthige Frau, vor welcher ſich Cajetana demüthig verneigte.„Ich bin die Gräfin Königsegg, liebes Fräu⸗ lein.“ Sie reichte ihr die zarte, weiße Hand, welche Ca⸗ jetana küßte. Die tiefe Bewegung, welche ſich ſtets ihrer bemäch⸗ tigte, ſobald ſie ihrer ganzen Lage voll bewußt wurde, hinderte ſie, der gütigen Dame ein Wort zu ſagen, wie es dieſe vielleicht erwarten mochte. „Mein Sohn Karl hat mich von Allem unterrich⸗ tet, was Sie betrifft,“ fuhr die Gräfin fort;„ſeien Sie meines innigſten Antheils verſichert. Würden Sie Ver⸗ trauen zu mir faſſen können?“ „Die Frau Gräfin ſind gegen mich ſo gütig“— ſagte Cajetana leiſe, indem ſie ihr geſenktes Auge erhob, gleichſam, als wolle ſie in den Zügen der Dame eine Bürgſchaft für ihr Vertrauen ſuchen. „Wir werden uns kennen lernen, hoffe ich. Sie ha⸗ ben doch nicht die Abſicht, auf ewig in dieſen Mauern zu bleiben?“ Cajetana zögerte mit der Antwort. „Wenn Sie nicht den ſehnſüchtigſten Drang in ſich fühlen, der Welt ein ewiges Lebewohl zu ſagen, wenn Sie nicht den wahrhaften Beruf zum Kloſterleben in ſich fühlen, ſo hüten Sie ſich, einen unwiderruflichen Schritt zu thun. Ich biete Ihnen mein Haus an, wenn Sie zu mir Vertrauen zu faſſen vermögen. Hoffentlich hat Ihnen Graf Karl Fidelis von ſeiner Stiefmutter keine ungün⸗ ſtige Meinung eingeflößt.“ In Cajetana's Antlitz ging eine lichte Roſenfarbe auf, ihr Auge blickte mit unausſprechlichem Dank auf die Frau, welche ihr auf ſo herzliche und offene Weiſe ent⸗ gegen kam.„Ich bin in dieſem Hauſe ſo liebevoll auf⸗ genommen worden, daß ich wohl auf ewig hier bleiben ſollte,“ ſprach ſie bewegt.„Aber—“ „Sie dürfen mir weiter nichts ſagen, ich verſtehe Sie vollkommen. Auch habe ich, Ihre Einwilligung vor⸗ ausſetzend, mit der hochwürdigen Frau, die uns eben ver⸗ 4 ½ ließ, ſchon Rückſprache genommen; ſie iſt mit mir ein⸗ verſtanden und wird Ihnen dieſe Pforten, wenn es Ihnen bei mir oder in der Welt nicht gefallen ſollte, ſtets müt⸗ terlich offen halten. Eins nur hätte ich mit Ihnen noch zu beſprechen.“ Sie ſah ihr dabei ſo freundlich in die Augen, daß Cajetana ſich immer mehr zu ihr hingezogen fühlte.„Ich halte es für gut, daß Sie vor der Hand als meine Couſine zu mir kommen, und es ſich ſchon ein Weilchen gefallen laſſen, meinen Namen zu tragen.“— Sie lachte über die Betroffenheit, welche ſich bei dieſem Vorſchlage in Cajetana's Zügen malte, aber dies feine, halblaute Lachen hatte durchaus nichts Verletzendes, ſon⸗ dern kleidete ſie höchſt liebenswürdig. Sie faßte die Hand des jungen Mädchens und ſagte:„Nicht auf immer, ob⸗ gleich ich mir es nicht beſſer wünſchen könnte, als daß Sie Ihren Namen bleibend mit dem unfrigen vertauſch⸗ ten— werden Sie nicht roth, Kleine, ich ſcherze damit nur und bin ja von Allem unterrichtet— eine kleine Neckerei darf Sie nicht erſchrecken. Aber mit dem Na⸗ men iſt es mein Ernſt und ich muß auch gleich ernſthaft darüber mit Ihnen reden, meine arme Cajetana. Sie wiſſen, was gegen den alten Diener Ihres Vaters, der in Meidling wohnte, als ein unglücklicher, aber leider ſehr dringender Verdacht ausgeſprochen iſt. Ich will Sie damit nicht betrüben, liebes Kind, aber wir müſſen alle 61 Verhältniſſe in's Auge faſſen. Der Verdacht läßt ſich nicht abweiſen. Es braucht dabei kein feiges, heimtückiſches Verbrechen geweſen zu ſein, das der alte Soldat be⸗ gangen hat, ſondern nur eine That der Nothwehr, im offenen Kampfe, Kugel gegen Kugel. Ich begreife das vollkommen und bin weit entfernt, ihm deshalb einen Vorwurf zu machen. Wer mir an das Leben will, mag das ſeinige hüten.“— Cajetana war beſtürzt, ein ſolches Wort über die blühenden Lippen dieſer zarten Frau ge⸗ hen zu hören; ihr frommes, deutſches Gemüth ahnte nicht, welcher Thaten das italieniſche Blut, wenn es gereizt wird, ſelbſt bei Frauen fähig iſt. Aber Gräfin Francesca ließ ſie nicht zu rechter Beſinnung kommen und fuhr in gütigem Tone fort:„Mein Sohn Karl hat Ihnen viel⸗ leicht nicht erzählt, daß Alles aufgeboten worden iſt, des alten Mannes habhaft zu werden, weil auf ihn der Ver⸗ dacht einmal gefallen war und ſein plötzliches Verſchwin⸗ den aus der Gegend, unmittelbar, nachdem der Wildmei⸗ ſter todt im Walde gefunden worden, dieſen Verdacht nur zu ſehr beſtätigt hat. Es iſt in den höchſten Kreiſen davon geſprochen worden. Man hat die nähern Lebensverhält⸗ niſſe des muthmaßlichen Thäters zu erforſchen geſucht; man hat ermittelt, daß er früher in Dienſten Ihres Va⸗ ters geſtanden hat: Ihr Name, liebe Cajetana, iſt dabei genannt worden. Sie haben den alten Mann in ſeiner 62 Wohnung beſucht, als er, wie man jetzt glaubt, durch ei⸗ nen Streifſchuß des Wildmeiſters verwundet darnieder lag; man weiß, daß die Tochter des Alten Ihnen ganz beſonders zugethan iſt, daß ſie verſucht hat, zu Ihnen in die Wohnung zu dringen, daß ſie Ihnen an der Kirch⸗ thüre eines Sonntags aufgelauert und in die Arme ge⸗ worfen hat. Ich darf Ihnen, ſo lächerlich mir dieſer deutſche Aberglaube erſcheint, nicht verhehlen, daß man dieſem Mädchen böſe Zauberkünſte Schuld gibt, womit ſie ihren Vater wunderbar ſchnell von der erhaltenen Wunde geheilt und andererſeits der Frau, welche ihr den Zutritt zu Ihnen gewehrt, ein Siechthum bereitet habe, an welchem ſie ſeit der Zeit leiden ſoll.— Urtheilen Sie nun ſelbſt, mein kluges Kind, ob es nicht wohlgethan iſt, wenn Sie Ihren Namen, der einmal mit all dieſen trau⸗ rigen Dingen in Verbindung gebracht worden iſt, hier im Kloſter zurücklaſſen und mir als meine Couſine, un⸗ ter meinem Namen, über den Niemand als ich zu ver⸗ fügen hat, in die Welt folgen.“ Cajetana war von Allem, was ſie gehört hatte, neu und ſchrecklich, wie ihr das Meiſte war, ganz aus der Faſſung gebracht und wieder in dem Zuſtande, mit ſich ſchalten zu laſſen nach fremdem Belieben.„Sie wiſſen, was für mich am Beſten iſt“— ſagte ſie mit bebender Stimme, ohne das Auge zu der Gräfin zu erheben. Ihr 63 war, als müſſe die ſchwere Schuld, welche man ihren ein⸗ zigen Getreuen aufgebürdet hatte, auch auf ihre Stirn ei⸗ nen Mackel geworfen haben, und ſie könne dieſelbe nicht mehr frei und offen den Menſchen zeigen. „Ich werde für Sie ſorgen, wie eine Mutter,“ ſprach die Gräfin, indem ſie Cajetana näher an ſich zog und einen Kuß auf ihre Stirn hauchte.„Doch wäre es Unrecht, wenn ich ſchon heut' einen Entſchluß von Ihnen fordern wollte; ich laſſe Ihnen Zeit zur Ueberlegung. Morgen um dieſe Stunde werde ich mir Antwort holen laſſen. Wenn Sie meinen Vorſchlag annehmen, ſo brin⸗ gen Sie mir dieſe Antwort gleich ſelbſt; wo nicht, ſo mögen Sie überzeugt ſein, daß ich Ihnen deshalb nicht grollen werde. Dann ſchenke Ihnen der Himmel ſeinen Frieden im ſelbſtgewählten Kloſterleben.“ Sie ſtand auf, um Abſchied zu nehmen.„Wie ſoll ich Ihnen danken, gnädige Gräfin?“ rief Cajetana be⸗ wegt. „Durch ein wenig Liebe, mein theures Kind!“ er⸗ wiederte Francesca, von einer ihr ſonſt fremden Rührung ergriffen.„Leben Sie wohl und laſſen Sie mich hoffen: auf Wiederſehen!“ Cajetana küßte ihr die Hand.„Ich wollte Sie noch um Etwas fragen,“ ſagte ſie ſchüchtern.„Sie ſprachen von einem Siechthum, das Frau Riedl befallen haben — 64 ſoll. Darf ich mich deshalb erkundigen laſſen? Frau Riedl iſt doch gegen mich früher ſo gut geweſen, ich bin ihr ſoviel Dank ſchuldig, und es wäre ſchrecklich, wenn ſie um meinetwillen leiden ſollte!“ „Sind Sie auch vom Aberglauben angeſteckt?“ verſetzte die Gräfin wieder lächelnd.„Wenn die Frau wirklich leidend iſt, ſo tragen weder Sie, noch Andere die Schuld, es iſt auch vielleicht nur eine eingebildete Krank⸗ heit. Ich würde Ihnen nicht rathen, von hier aus noch einen Schritt zu thun. Es ehrt Ihr Herz, daß Sie ver⸗ geſſen und vergeben können und mun früherer Freundlich⸗ keit gedenken— andere Herzen vermögen das nicht im⸗ mer.—— Doch laſſen Sie ſich dadurch nicht über die Schranken der Klugheit hinausreißen. Für jene Frau und ihrer Sippſchaft müſſen Sie verloren ſein. Ich werde Ih⸗ nen genauere Nachricht verſchaffen, wenn es Sie inter⸗ eſſirt. Leben Sie wohl— ich rechne auf Wiederſehen!“ Sie rechnete ſo beſtimmt darauf, daß ſie beim Nachteſſen, als ſie mit Anna Riedau allein im Tafel⸗ zimmer ihres Palais ſaß, dieſer den bevorſtehenden Be⸗ ſuch einer nahen Verwandten ankündigte, welche auf län⸗ gere Zeit, vielleicht auf immer bei ihr bleiben werde. Anna war nicht gewohnt, von der Gräfin in ein näheres Vertrauen gezogen zu werden; ſie erfuhr von ihren Plä⸗ nen und Entſchlüſſen in der Regel nicht eher etwas, als 65 bis ſie zur Ausführung reif waren, und ſelbſt wenn ſie die Herrin auf einem Ausfluge oder einer Reiſe begleiten ſollte, wurde ſie kaum eine Stunde vorher davon in Kenntniß geſetzt. Es war nicht eben ein angenehmes Ver⸗ hältniß, das ſich hier geſtaltet hatte, gleichwohl ſchien es nicht ſo leicht zu trennen und zwar aus mehr Gründen, als Francesca gegen ihren Sohn jemals kund geben mochte. Anna ſchien daher auch heute von der unerwar⸗ teten Mittheilung wenig überraſcht; ſie fragte nur, wel⸗ che Einrichtungen im Hauſe ſie etwa deshalb zu treffen habe? Die Gräfin behielt ſich die Anordnung noch vor. „Ich bin auch bei der Gräfin Thun heut' geweſen,“ äußerte ſie dann.„Der Prinz Eugen iſt mit dieſer vor⸗ trefflichen Dame durch die Bande einer edlen Freund⸗ ſchaft verbunden. Ich habe ſie für Ihren Bruder zu in⸗ tereſſiren geſucht, und wie ich hoffe, iſt meine Bemühung nicht fruchtlos geblieben.“ Anna verneigte ſich ſchweigend. „Das freundliche Entgegenkommen Ihres Bruders ſcheint Ihre Verſtimmung gegen ihn noch nicht überwun⸗ den zu haben. Dieſe Unverſöhnlichkeit begreife ich nicht.“ „Wenn meine gnädigſte Gräfin mit ihrem ſo leicht verſöhnlichen Herzen nicht begreifen kann, wie man ein Gedächtniß für Erlittenes haben mag, ſo bitte ich um Nachſicht für meine Schwäche.“ In dieſen Worten lag eine bittere Ironie, welche die Gräfin wohl fühlte. Niemand kannte ſie wohl beſſer, als dies ſcharfſinnige Geſchöpf, das ſich auch nicht viel Mühe gab, ihren ſeelenkundigen Blick zu verläugnen. „Sie haben von Ihrem Bruder wohl nichts erlit⸗ ten, wie Sie ſagen,“ entgegnete ſie.„Ich weiß, daß er Sie herzlich liebt. Worüber haben Sie ſich zu beklagen? Darf ich es gar nicht erfahren?“ „Es würde in Ihren Augen kindiſch erſcheinen. Ich glaube, daß nur das eigene Gefühl, wie das eines An⸗ dern, beurtheilen kann, was ſchmerzt und in welchem Grade. Mein Bruder wird ſeinen Weg durch die Welt durch die vielfache Protection, die ihm bewieſen wird, ſchon finden, er bedarf meiner beſondern Liebe nicht. Preiſen Sie mich glücklich, Frau Gräfin, wenn ich für zärtliche Gefühle nicht ſo zugänglich bin, wie Viele mei⸗ nes Geſchlechts, es werden mir dadurch viel Täuſchungen erſpart.“ Jetzt ſchwieg die Gräfin. Sie erhob ſich nach einer kleinen Weile von ihrem Sitze. Anna wurde wie gewöhn⸗ lich bald nach dem Nachteſſen entlaſſen und zog ſich in ihr Zimmer zurück, wo das Licht dann noch bis ſpät in die Nacht brannte, während es in dem Schlafgemach ihrer Herrin längſt erloſchen war. Heute beſchäftigte ſie ſich mit der fremden Couſine, deren Beſuch ihr die Grä⸗ 67 fin mit der gewohnten vornehmen Nachläſſigkeit angekün⸗ digt hatte. Sie wußte bis jetzt nicht einmal, von wo ſie komme, noch ihren Namen. Vielleicht ſollte es ihre Nach⸗ folgerin werden, ſie überflüſſig machen, aus dem Hauſe verdrängen! Sie lächelte bitter bei dieſem Gedanken: als ob das ſo leicht ſei!„Wird es verſucht, nun ſo möchte man finden, daß ich eine Weſpe bin, die man wohl abreißen kann, wenn ihr Stich ſchmerzt, die aber in der Wunde ihren Stachel zurückläßt!“ Andern Tages zu derſelben Stunde, wie am vorher⸗ gehenden, verließ die Karoſſe der Gräfin wiederum das Palais, aber, wie Anna aus dem Fenſter bemerkte, ſie war leer. Von dem Kaſtellan, gegen den ſie ſich verſtellte, ließ ſie ſich erſt belehren, daß die Gräfin nicht ausgefah⸗ ren, ſondern in ihrem Zimmer ſei, um in natürlicher Folge zu erfahren, nach wem der Wagen ausgeſendet worden. Zum Palais in der Stadt! hatte der Befehl ge⸗ lautet. Graf Karl Fidelis ſollte alſo abgeholt werden. Das war auch der Fall. Die Gräſin hatte ihren Stiefſohn bereits im Laufe des Vormittags durch ein Billet benachrichtigt, welchen Erfolg geſtern ihre Unter⸗ redung gehabt, und ihn zugleich aufgefordet, Cajetana heut' vom Kloſter abzuholen und ihr zuzuführen. Sie zweifelte nicht im Mindeſten, daß Cajetana's Entſchluß anders als zuſagend ausfallen könne. Königsegg erhielt 68 im Kloſter ſofort Audienz bei der Oberin, mit welcher ſeine Mutter geſtern alle Fragen bereits auf das Beſte geordnet hatte; ſie eröffnete ihm, daß Fräulein Cronberg allerdings das Kloſter zu verlaſſen gedenke, und begab ſich ſelbſt zu ihr, um ſie dem Vormunde feierlichſt mit ihrem Segen zu übergeben. Es war ein rührender Abſchied, den Cajetana von der ehrwürdigen Frau nahm: ſie hatte ihr mehr zu dan⸗ ken, als ſie ganz zu faſſen im Stande war, den wie⸗ dergewonnenen Frieden des Herzens, den die Welt ihr nicht mehr rauben konnte, weil er in dem unvergäng⸗ lichen Felſen des Glaubens wurzelte. Auch die alte Dame war bewegt, da ſie Cajetana in der längern Zeit, welche ſie im Kloſter zugebracht, ſehr lieb gewonnen hatte, aber ſie war bei ihrer Menſchenkenntniß längſt ſchon der Meinung geweſen, daß es nicht wohlgethan ſei, wenn ſie der Welt ganz entſage, und ſo hatte ſie die Er⸗ öffnung der Gräfin Königsegg mit Befriedigung aufge⸗ nommen und entließ Cajetana für ihre Zukunft unbeſorgt. Während der Fahrt richtete der Graf nur wenige aufmunternde Worte an ſeine Begleiterin, welche in ſich gekehrt, mit herabgezogenem Schleier neben ihm ſaß. Es war ſo natürlich, daß ſie dem neuen Abſchnitte ihres Le⸗ bens mit Beklommenheit entgegen ging; ſie trat in eine ihr gänzlich fremde Welt, von deren Weſen und Geſtal⸗ 69 tung ſie auch nicht die fernſte Ahnung hatte— was ſollte ſie ihr bringen? Auch Königsegg, welcher die zarte, reine Blume in die ihm wohlbekannten Kreiſe übertrug, konnte ſich einer ſeltſamen Bangigkeit nicht erwehren, da er ſich gewiſſermaßen für Alles verantwortlich fühlte, was ihr dort begegnen ſollte. Der Wagen hielt vor dem Portal des Gartenpalais, Diener öffneten den Schlag: der Graf ſprang heraus und half Cajetana abſteigen; er fühlte, wie ihre Hand in der ſeinigen zitterte. Er reichte ihr den Arm und führte ſie in das Haus. Die Thüren wurden vor dem Paare ge⸗ öffnet, ſie durchſchritten mehrere Zimmer, bis in dem Vorgemach zu dem ihrigen ſie die Gräfin empfing. We⸗ nig fehlte, ſo wäre Cajetana, von der Gewalt ihrer Ge⸗ fühle in dieſem Augenblicke übermannt, ihr zu Füßen ge⸗ ſunken, um ſie um ihre Liebe, um ihren Schutz anzufle⸗ hen: ſie fühlte ſich beider ſo bedürftig! Die Gräfin um⸗ armte ſie und hieß ſie freundlich willkommen. Hinter ihr erſchien jetzt, von Cajetana bis dahin nicht bemerkt, ein kleines weibliches Weſen, das ſich ihr nahte, um ſie eben⸗ falls zu begrüßen. „Dies, liebe Nichte,“ ſprach die Gräfin zu Caje⸗ tana,„iſt Fräulein Anna von Riedau. Ich empfehle ſie Deiner Freundſchaft. Du wirſt mir viel zu erzählen ha⸗ ben, begleite mich in mein Kabinet.“ Sie lud auch ihren 4 3 ½ 6 3 4 3 — ——— 70 Sohn durch eine ſtumme Handbewegung dazu ein, und alle Drei verſchwanden über der Schwelle, welche Anna Riedau nur ausdrücklich gerufen überſchreiten durfte. Mit dem halben Lächeln, das bei dem flüchtigen Gegengruße der ſchönen Fremden auf ihren Lippen eingefroren war, blieb ſie zurück und entfernte ſich, um ihren Geſchäften, die ſie Magdsdienſte nannte, nachzugehen, während man ſie, wie immer, von den Familienintereſſen ausgeſchloſſen hatten. Nicht einmal den Namen der Nichte hatte man für gut befunden, ihr zu nennen, es genügte für ſie, daß ſie eine Verwandte des Hauſes war, um ihr Stellung zu bezeichnen, welche ſie zu ihr einzunehmen hatte; ſie war derſelben, wie einer Fürſtin, vorgeſtellt worden! Ihre Schönheit, welche in der Trauerkleidung, die Cajetana noch immer trug, um ſo reiner hervortrat, hatte auf Anna eher einen ungünſtigen, als einen gewinnenden Eindruck gemacht; ſie wußte, daß die Schönheit auch eine Macht iſt, vor welcher ſich in den Kreiſen, die ihr verſchloſſen waren, viel ſtolze Häupter beugen, und jeder Vorzug, den ſie, durch Geburt gleich berechtigt, einer Andern einräumen mußte, erfüllte ſie mit Bitterkeit. Wohl hatte ſie auch in dem kurzen Momente Demuth in der beneideten Fremden wahrgenommen, aber dieſe galt ihr wie der Schnee im Frühling, der vor dem erſten Strahl der Sonne ſchmilzt; ſie glaubte nicht an eine 71 wahre Demuth des Herzens, welche auch auf der Höhe des Glanzes und der Vergötterung unverlierbar ſich er⸗ hält. Nur Eins hatte ihr dieſe Demuth verrathen: daß die Nichte eine deutſche, keine italieniſche Verwandte der Gräfin war. Sie ſchien noch ſehr jung und unerfahren; Anna glaubte ſich durch ſie nicht gefährdet, im Gegentheil konnte ſie vielleicht auf ſie einen Einfluß gewinnen, der ihr einen weiten Kampfplatz eröffnete. Im Kabinete der Gräfin ſaß Cajetana an der Seite der anmuthigen Frau, welche ihr mit der liebenswürdig⸗ ſten Freundlichkeit, aber darum nicht minder beſtimmt die Richtſchnur für ihr Verhalten vorſchrieb. Königsegg war ein ſtummer Zuhörer und wechſelte nur zuweilen einen fragenden oder beiſtimmenden Blick mit ſeiner Mutter. „Ich habe Ihnen die Nothwendigkeit geſchildert, Ihren alten und edlen Namen einſtweilen gleichſam wie ein werthvolles Pfand im Kloſter zurückzulaſſen, bis die Verhältniſſe es uns erlauben werden, ihn wieder einzu⸗ fordern. Wir wollen Sie Cajetana von Feldberg nen⸗ nen, da ich mir habe erzählen laſſen— mein Sohn hat es von Ihrem Vetter, dem Reichsgrafen genau vernom⸗ men— daß die Cronenburg oder Burg Cronberg, der Stammſitz Ihres Geſchlechts, auf dem Feldberge im Franken liegt. Wir begehen damit alſo keine Unwahrheit. Ferner ſagen wir gegen Jeden, den etwa Neugier oder —— ————————— 72 Antheil zu Nachforſchungen treibt, daß Sie Ihren Vater im Kriege verloren und bisher im Kloſter gelebt haben. Damit geben wir überall der Wahrheit die Ehre und weiter braucht Niemand etwas zu wiſſen. Mein Sohn iſt vollkommen mit mir einverſtanden.“ Königsegg hatte wohl noch mancherlei Bedenken, aber er konnte ſie in Cajetana's Gegenwart nicht ausſprechen. Das Zuſammenleben des argloſen Kindes mit der Riedau war ihm unheimlich. Er glaubte nicht, daß dieſe die Zu⸗ rückhaltung, welche ihr außer den erwähnten Mittheilun⸗ gen die nähern Schickſale verſagte, ehren werde; es mußte ihr nach ſeiner Meinung bald gelingen den durchſichtigen Schleier, welcher Cajetana's Herkunft umwob, zu zer⸗ reißen, und dann ſah er für dieſe die widerwärtigſten Scenen kommen, gegen welche ſie alle Macht ſeiner Stief⸗ mutter nicht zu ſchützen vermöchte. Nach ſeinem offenen Sinne wäre es beſſer geweſen, wenn die Gräfin der Riedau vor Cajetana's Ankunft gradezu erklärt hätte, daß Fräulein von Cronberg in das Haus kommen werde, daß ſie von den Verhältniſſen ihres Vaters zu der Familie von Riedau weder etwas wiſſe, noch dafür verantwort⸗ lich, vor Allem aber außer Stande ſei, in irgend einer Art dieſelben wieder gut zu machen, daß alſo ſie, die Gräfin, ihren ausdrücklichen Willen erkläre, daß niemals über dieſe Verhältniſſe gegen Cajetana eine Andeutung 73 gemacht werde, und daß bei einer Verletzung ihres Gebots oder bei der geringſten Kränkung, welche Cajetana wi⸗ derfahre, augenblicklich eine Trennung ſtattfinden wür⸗ de, welche Fräulein Riedau wohl veranlaßt ſei, zu ver⸗ meiden. So würde Karl Fidelis gehandelt haben— aber der Männer Wege ſind nicht Frauenwege, und es blieb immer noch die Frage, ob das erwünſchte Ziel hier auf gradem Pfade zu erreichen ſei. Cajetana konnte gegen die Anordnungen der Gräfin nichts einwenden, obſchon ihrem lautern Gefühl dies un⸗ klare Spiel mit der Wahrheit immer widerſprechend blieb. Doch glaubte ſie, es werde hier Niemand weiter nach ihr fragen und ſie in ſtiller Zurückgezogenheit unter dem Schutz der gütigen Dame leben können, bis Alles vergeſſen ſei, was nun Verläugnen ihres Namens nach dem Urtheil der Gräfin nöthig gemacht habe. Dabei aber mußte Caje⸗ tana ſelbſt in dieſem Moment an das Schickſal des armen Martin und ſeiner Kathi denken, über das ſie in trauri⸗ ger Ungewißheit lebte. Wo mochten ſie jetzt umherirren, und wenn der Alte wirklich ein Mörder war, was mußte die treue Kathi um ihn leiden? Es wurde ihr aber nicht Zeit gelaſſen, an fremde Schickſale zu denken. „Ich habe Sie als meine Nichte im Hauſe einge⸗ führt,“ fuhr die Gräfin freundlich fort,„um Ihnen in den Augen meiner Leute, vorzüglich der kleinen Perſon, 1860. III. Im Strom ber Zeit. II. 5 74 welche ich Ihnen vorgeſtellt habe, gleich eine ſichere Stel⸗ lung anzuweiſen. Sie ſind jung und ſchüchtern, Sie wür⸗ den ſich der unverſchämten Neugier und anderer Beläſti⸗ gungen ſonſt nicht verwehren können. Auf dieſe Weiſe wird Niemand wagen, Ihnen damit zu nahe zu treten. Die Riedau, Anna mit Namen, iſt ein bemitleidenswer⸗ thes Geſchöpf; ſie iſt ſehr klug, aber ſie erſetzt den Man⸗ gel körperlicher Vorzüge leider nicht durch Liebenswürdig⸗ keit im Umgange. Nehmen Sie ſich ein wenig in Acht vor ihr. Ich hoffe zwar, daß ſie Ihnen, als meiner Nichte, mit gebührender Achtung begegnen wird, aber ich rathe Ihnen, ſich nicht zu ſehr an ſie anzuſchließen— ſie hat etwas von der Katzennatur, aus den Sammetpföt⸗ chen wachſen zuweilen empfindliche Krallen hervor. Am wenigſten laſſen Sie ſich bewegen, ihr Mittheilungen irgend welcher Art zu machen.“ Mußte die Gräfin ſchon Mißtrauen in dies junge Herz ſäen? Cajetana blickte ſie beſorgt an, und das fremde weibliche Weſen, das ohnehin keinen wohlthuenden Ein⸗ druck auf ſie gemacht hatte, erſchien ihr bereits in dämoni⸗ ſcher Geſtalt, vor welcher ſie ſich fürchtete. „Sie werden mir nun auch geſtatten,“ ſprach die Gräfin weiter, ohne den zagenden Blick Cajetana's zu be⸗ achten,„daß ich gegen Sie das trauliche Du gebrauche, wie es der verabredeten Verwandtſchaft zukommt. Welche 75 Abkürzung aber wählen wir für Ihren zwar ſchönen und gewählten, aber doch ſehr langen Namen?“ Cajetana wagte nicht zu erwähnen, daß ihr Vater ein Feind jeder Abkürzung ihres Namens geweſen ſei und eine ſolche in ſeiner Gegenwart nie geduldet, auch bei ſei⸗ ner Abreiſe dem Riedl'ſchen Ehepaare in ihrem Beiſein eingeſchärft habe, ſie nicht anders zu nennen, als bei ihrem vollen Chriſtennamen. Die Dienſtleute im Hauſe, wie ſchon früher ihre eigenen, als ſie noch in Steiermark gewohnt, hatten ſich freilich nicht abhalten laſſen, ſie, wo es der geſtrenge Herr Vater nicht hörte, in der natürlich⸗ ſten Abkürzung Tanizu nennen, und noch der alte Martin, als ſie ihn in ſeiner Hütte zu Meidling beſucht, hatte ſie damit begrüßt. Sie äußerte daher erröthend, was für ſie immer gebräuchlich geweſen ſei. „Du biſt alſo meine Nichte Tani,“ ſagte die Grä⸗ fin,„und ich werde von Dir Tante genannt, wie es ſich von ſelbſt verſteht; präge Dir das nur recht ein, damit Du Dich nicht verſprichſt. Sollte es zuweilen geſchehen, ſo erklärt es ſich dadurch, daß ich Dir früher nicht bekannt geweſen bin und Du vor der Tante Francesca immer einen gewaltigen Reſpect gehabt haſt. Nun gib mir einen Kuß, Tani, und Alles iſt abgemacht. Deinen Herrn Vormund wirſt Du nun freilich auch Vetter Karl nennen müſſen.“ 5* 76 Das Erröthen auf Cajetana's Wangen wurde jetzt zur dunkelſten Purpurglut, ſie war in der tödtlichſten Ver⸗ legenheit und wagte ihr Auge nicht mehr von ihrem Schooße zu erheben. Königsegg kam ihr zur Hülfe. „Zwiſchen uns braucht ja nur das alte freundliche Verhältniß fort zu beſtehen,“ ſagte er.„Eine förmliche Anrede wird ſelten nöthig ſein; wird ſie es für mich, ſo geſtatten Sie mir nur, Sie ohne weitern Zuſatz einfach Cajetana zu nennen. Vor Fremden werden wir uns ohne⸗ hin nicht oft ſehen, da ich Wien bald verlaſſe.“ Dieſe Nachricht erſchreckte ſie; es war, als werde ihr dadurch eine feſte Stütze geraubt, auf welche ſie bisher ihr einziges Vertrauen geſetzt hatte. Doch ſollte ſie ja nun in beſſerer Hut geborgen ſein. „Eins aber füllt mir noch ein,“ begann die Gräfin wieder.„Wir müſſen Alles beſprechen, damit wir für je⸗ den Fall einig ſind und keine Begegnung uns Verlegen⸗ heiten ſchaffen kann. Anna Riedau hat einen Bruder, der zuweilen mein Haus beſucht; er iſt ſo liebenswürdig, als ſeine Schweſter es nicht iſt, und wird überall gern auf⸗ genommen. Dieſer hat Sie früher ſchon geſehen, jedoch ohne zu wiſſen, wer Sie ſind.“ Cajetana blickte die Gräfin offen und unſchuldig an, ſie wußte davon durchaus nichts, und Königsegg gerieth für ſie in Verlegenheit, als er ſeine Stiefmutter im Be⸗ griff ſah, eine ſo zarte Frage mit echt italieniſcher Rück⸗ ſichtsloſigkeit zu erörtern. Er nahm daher ſchnell das Wort.„Darüber, wenn die Frau Mutter erlaubt, kann ich allein Auskunft geben,“ ſagte er.„Herr von Riedau iſt Dragoneroffizier und hat die Sanct⸗Annengaſſe, wo das Riedl'ſche Haus ſteht, zuweilen mit ſeinen Reitern paſſirt.“ Cajetana lächelte unbefangen und nickte ein wenig; ſie erinnerte ſich der Rothröcke ſehr wohl, an denen ſie als Soldatenkind ihr Wohlgefallen gefunden hatte. „Dabei hat er einmal an einem offenen Fenſter ein junges Mädchen geſehen, das grade einen Kranz von Roſen ge⸗ wunden hat, was ſich“— ſetzte er lächelnd mit einer ſcherzhaften Verbeugung hinzu—, außerordentlich hübſch ausgenommen haben ſoll. Erinnern Sie ſich vielleicht deſſen?“ Cajetana lachte und nahm ſich auch in dieſem Au⸗ genblicke, wo ſie die Gräfin zum Erſtenmale heiter er⸗ blickte, wunderhübſch aus.„O ja!“ ſagte ſie.„Ich weiß— es war am Marientage. Ich hörte die Roſſe und trat an das Fenſter.“ „Zufällig traf ich bald darauf mit Riedan zuſam⸗ men,“ fuhr der Graf fort, indem er einen Blick mit ſeiner Mutter wechſelte, welche gleich ihm über Cajetana denken mochte.„Wir plauderten, er erzählte mir Mancherlei und auch von dem freundlichen Anblick, den ihm das Mädchen — ———————— 78 im offenen Fenſter mit ihrem halbfertigen Kranze gemacht habe. Nach der Beſchreibung des Hauſes konnte es nur das Riedlſſche geweſen ſein, wie ich mir ſpäter ſagte, als ich es kennen gelernt hatte. Mir fiel es jetzt wieder ein und ich glaubte die Frau Mutter auf die Möglichkeit auf⸗ merkſam machen zu müſſen, daß Riedau Sie vielleicht wieder erkennen möchte.“ „Das glaube ich ſchon nicht,“ erwiederte Cajetana, welche bei der Erinnerung an Königsegg's erſten Beſuch wieder ernſt geworden war.„Wie ſollte das möglich ſein, nach ſo langer Zeit?“ „Würden Sie den Offizier wieder erkennen, der an der Spitze des Zuges ritt?“ ließ ſich nun die Gräfin nicht länger abhalten, den ihr entwundenen Faden des Geſprächs wieder in die Hand zu nehmen. Cajetana wußte ſich gar keines Offiziers zu errin⸗ nern; ſie hatte nur immer auf das Geſammtbild der krie⸗ geriſchen Schaar hinabgeſchaut, ohne die einzelnen Reiter einer beſondern Aufmerkſamkeit zu würdigen. Sie ver⸗ neinte daher die Frage mit voller Unbefangenheit. „Nun ſo wollen wir abwarten, ob der Ritter ein beſſeres Gedächtniß für die Roſenjungfrau hat, als dieſe für ihn,“ verſetzte die Gräfin.„Sollte er bei Ihrem Anblick ſtutzig werden, ſo bleiben Sie nur ganz ruhig, und wenn er ſich erdreiſten ſollte, Sie gar zu fragen, ob 79 er Sie einſt in jener anmuthigen Beſchäftigung geſehen habe, ſo antworten Sie ihm, daß Sie ſich deſſen durch⸗ aus nicht zu erinnern wüßten. Sie ſchneiden ihm dadurch das Recht zu weitern Fragen ab und bleiben wiederum der Wahrheit getreu.— Ich pemerke aber zu meiner ei⸗ genen Beſchämung, daß ich ſelbſt unſern Verabredungen nicht treu geblieben, ſondern wieder in den fremden Ton zurückgefallen bin!“ Sie lachte, indem ſie ihren Stiefſohn muthwillig anſah.—„Das kann allerdings ſehr gefähr⸗ lich werden! Wie ſoll ich es in den Augen der Welt rechtfertigen, daß ich meine Nichte, Tani Feldberg, Sie nenne, wie eine ganz fremde Standesperſon! Ich werde ſehr auf mich achten müſſen— wir Alle, nicht wahr, Karl Fidelis? Nun, liebe Tani, Du wirſt Dich nach Ruhe ſehnen, um Dich in Deiner neuen Häuslichkeit einrichten zu können. Anna ſoll ſie Dir anweiſen. Beſtehe das erſte Rencontre mit ihr brav. Morgen kannſt Du die Trauer⸗ kleidung ablegen, die ſchickliche Zeit dafür iſt ja ſchon längſt vorüber. Ich werde für alles Nöthige ſorgen, denn Du gehörſt ja nun mir, Deiner Tante.“ Biertrs Caitel. Eine Merenda. Nachdem Cajetana ſich mit Fräulein Riedau, welche ihr bei der Einrichtung helfen ſollte, aus dem Kabinet der Gräfin entfernt hatte, brach auch der Graf bald auf. Er lehnte die Einladung, zur Abendtafel zu bleiben, ab, weil er zur Nacht zu einer Merenda bei der Gräfin Rabutin verſagt war. „Das iſt etwas Anderes!“ erwiederte die Stiefmut⸗ ter.„Für die Fre den, welche Sie dort erwarten, könnte Ihnen unſer ju Sie können übrigens dort unſerm reiz einige Dienſte leiſten und die Talente, d großen Erſtaunen an Ihnen wahrgenor ter ausbilden.“ „Welche Talente meinen Sie?“ enden Schützling ie ich zu meinem nmen habe, wei⸗ fragte er lä⸗ elnd „Wie gewandt gaben Sie die Erklärung über Max, ohne ſeinen Enthuſiasmus für die ſchöne Roſenjungfrau zu verrathen. Es hörte ſich Alles ſo natürlich an, daß der Kleinen auch der geringſte Triumph, durch ihren Liebreiz einen bleibenden Eindruck gemacht zu haben, es Familienmahl keinen Erſatz bieten. ¹0 ¹0 81 nicht vergönnt wurde. Ich glaubte eher den ſtrengen Sit⸗ tenrichter Trautſon vor mir zu ſehen, der wahrſcheinlich jedes harmloſe Spiel der Herzen verdammt.“ „Sie wollten mir ſagen, welche Dienſte ich Caje⸗ tana in der Geſellſchaft leiſten kann,“ erinnerte Karl. „Die beſten, Herr Sohn! Sie erzählen einfach, daß ich eine Nichte, die Tochter eines entfernten Ver⸗ wandten, zu mir genommen habe. Der Name Feldberg wird zwar einiges Kopfbrechen verurſachen, da er wohl hier noch nicht vernommen worden iſt, man wird die Art der Verwandtſchaft erforſchen wollen, welche nur von der Seite Ihres verſtorbenen Vaters herrühren kann. Fragt man Sie danach— was der gute ocht wahrſcheinlich macht— ſo verläugnen Sie Cajetana, ich nehme ſie ganz auf mich: ſagen Sie, es habe ſich eine meiner Couſinen aus Piemont, gleich mir, nach Deutſchland verheirathet, deren Tochter ſei Cajetana. Der Vorname, den Sie nicht zu verſchweigen brauchen, wird die fremde Abſtammung unterſtützen. Wollen Sie noch einiges Intereſſe für mei⸗ nen Schützling wecken, ſo können Sie gegen irgend wen, nur nicht gegen eine Dame, ein Wort über ihre Schön⸗ heit fallen laſſen— ich geſtehe Ihnen ſogar, daß mir das lieb ſein würde.“ „Darf ich mir aber die Frage erlauben, Frau Mut⸗ ter, wozu das Alles?“ „Weil ich nichts Geringeres im Sinne habe, Herr Sohn, als Cajetana in die große Welt einzuführen. Ja, lieber Karl, Sie machen große Augen und ſehen mich ganz erſtaunt an— es iſt mein vollkommener Ernſt.“ „Thun Sie das nicht, theure Mutter!“ entgegnete er.„Warum wollen Sie das arme, einfache Kind in eine fremde Region verſetzen, wohin es nicht paßt und wo es ſich nicht glücklich fühlen kann?“ „Sie verſtehen das nicht!“ erwiederte ſie.„Caje⸗ tana hat alle Eigenſchaften, um in der großen Welt eine beneidenswerthe Rolle zu ſpielen— Sie werden ſich einſt davon überzeugen.“ Königsegg konnte ſich auf keine Widerlegung ein⸗ laſſen, da er auf Gebiete fremd war; er äußerte zwar noch einige Einwendungen gegen die Abſicht ſeiner Mutter, die ihn wahrhaft überraſcht hatte, aber die Gründe, mit denen er ſie unterſtützen wollte, wurden von ihr glänzend beſiegt, ſo daß er ſchwieg. Seine Ueberzen⸗ gung war jedoch nicht geändert. Mitternacht war es, als er das glänzend erleuchtete Haus in der Wollzeile*) betrat, in welchem Dorothea Eliſabeth, die Tochter Herzog Ludwigs von Hollſtein⸗ Sonderburg, in zweiter Ehe mit dem Feldmarſchall Gra⸗ *) Das jetzt abgebrochene Schwarzenberg'ſche Palais. 83 fen Ludwig von Buſſy⸗Rabutin vermählt, die vornehmſte und ausgeſuchteſte Geſellſchaft Wiens und des Kaiſer⸗ ſtaates mit fürſtlicher Gaſtfreiheit um ſich verſammelte. Nicht allein, daß Perſonen durch Geburt oder Geiſt aus⸗ gezeichnet, auch ungeladen bei ihr Zutritt hatten, nachdem ſie einmal eingeführt waren, ſo gab ſie auch von Zeit zu Zeit geſchmackvolle Feſte und erwarb ſich dadurch be⸗ ſonders den Dank der jungen Ariſtokratie, welche das Leben am Hofe bei dem zunehmenden Alter des Monar⸗ chen immer ſtiller und einförmiger fanden. Seit der viel⸗ beſprochenen Anweſenheit des ruſſiſchen Caren, bei wel⸗ cher eine wahre Hochflut von Feſtlichkeit und Freude ge⸗ wallt und gewogt hatte, war Ebbe gefolgt, bei Hofe nur unterbrochen durch die gewöhnlichen Gala⸗ und Toiſon⸗ tage, durch die öffentliche Tafel, welche viermal im Jahre an den hohen Feſttagen und dem Andreastage vom Kai⸗ ſer im Ritterſaale der Burg gehalten wurde, und durch den Carneval, welcher jedoch im vergangenen Winter nach dem allgemeinen Urtheile ſehr dürftig ausgefallen war. Eine oder höchſtens zwei Redonten, wenn man die letzte dafür gelten laſſen wollte, wo nur die Hälfte der Geſellſchaft maskirt erſchienen war, eine langweilige Oper mit ge⸗ ſchmackloſen Decorationen, zwei Schlittenfahrten, von de⸗ nen nur eine durch einen Ball gefolgt geweſen, und ein Paar, kaum bis vier Uhr dauernde Bälle— das war Alles, was die vergnügungsluſtige Jugend dem Carneval nach⸗ rechnen konnte; keine Hofwirthſchaft, auf welche man ſich doch beſonders gefreut hatte, weil die Coſtüme von der Cariſchen noch alle vorhanden waren und eine Wie⸗ derholung ſo reizend geweſen wäre. Die junge Welt, ſe⸗ hen wir, war durch die glänzende Epiſode ſehr verwöhnt und kritiſch geworden. Uim ſo höher ſchlug ſie das Ver⸗ dienſt der Rabutin an, welche ſchon den Beginn des Winters durch ein Ballfeſt bezeichnete und dadurch hoffentlich bei den andern Familien des Hochadels, welche demſelben nen eine rege Nacheiferung erwecken würde. Eine Merenda, italieniſch Veſperbrod, nannte man ſolche Geſellſchaften, und es war doch längſt Mitternacht vorüber, als Graf Königsegg, noch lange nicht der letzte unter den Gäſten, die Treppe des gräflichen Hauſes hin⸗ aufſtieg. Das Souper wurde erſt um zwei Uhr aufgetra⸗ gen, der Ball begann nach drei Uhr und währte bis zum hellen Morgen— eine beſcheidene Merenda fürwahr! Im Vorzimmer fand der Graf mehrere Bekannte, die noch— wie heut'!— die letzte Hand an ihre auf der Herfahrt vielleicht etwas geknitterte oder verſchobene Toilette leg⸗ ten. Alles aber machte auf einmal Platz. Hinter Kö⸗ nigsegg war, von ihm nicht bemerkt, ein kleiner Herr von ſchwächlicher Geſtalt eingetreten, deſſen ſchmales Geſicht 85 von ſüdlich dunklem Teint, mit der feinen, ein wenig auf⸗ geſtutzten Naſe und der kurzen Oberlippe, welche ſtets die Zähne durchblicken ließ, auf den erſten flüchtigen Schein wenig Anſprechendes hatte, bei näherer Betrach⸗ tung aber durch das ſchöne und geiſtreiche Auge, von wel⸗ chem es belebt war, einen feſſelnden Ausdruck gewann. Es war der Held des Jahrhunderts, der Türkenbezwin⸗ ger, Prinz Eugen von Savohen. Freundlich grüßend ſchritt er durch die Gäſte, wel⸗ che noch im Vorzimmer verweilten, ders hüre des Feſt⸗ ſaales zu, wo die harrenden Diener anden, ſie im rechten Augenblicke vor ihm zu öffnen. Da bemerkte er den Grafen Königsegg, der ihm aus dem letzten Feldzuge wohl bekannt war. Hatte doch der Prinz, welcher ſeine erſten Sporen bei der Reiterei gewonnen, dieſer Waffe, damals noch immer trotz alles Feuergewehrs die nicht verdrängte im Hauptkampfe der Schlachtentaktik, ſeine beſondere Vorliebe zugewendet und ſich zu manchem Au⸗ griff in Perſon an die Spitze eines Reiter⸗Regiments geſetzt, das er durch ſeine voranleuchtende Tapferkeit zu den höchſten Thaten begeiſterte. Bei Zenta war es das Dragoner⸗Regiment Styrum geweſen, das er mit kühner Todesverachtung in das dichteſte Feuer geführt hatte. Hier, wo das Terrain bald dem weitern Vordringen der Pferde Hinderniſſe entgegen geſetzt, war die Reiterei ge⸗ nöthigt geweſen, dem Fußvolke den weitern Vorkampf zu gönnen; um aber Theil zu nehmen, ſaßen die Schwadro⸗ nen ab, ſelbſt von der ſchweren Reiterei, was der Prinz zuvor nie geſehen hatte, und eilten mit dem Schwert in der Fauſt zu Fuß herbei, um der Infanterie die doppelte Linie der Verſchanzungen und die Wagenburg ſtürmen zu helfen. Bei dieſem unvergeßlichen Momente war es geweſen, wo Prinz Eugen den jungen Grafen Königs⸗ egg bemerkt hatte, wie er ſich, ſeine abgeſeſſenen Reiter führend, Allen voran in den Graben geſtürzt und trotz des verheerendſten Feuers der Janitſcharen, das Manchen der Seinigen niederſtreckte, die jenſeitige Bruſtwehr er⸗ ſtiegen hatte. Dies Bild lebte wieder in ihm auf, als er den jungen Helden im feinſten ſpaniſchen Hofkleide, mit der duftenden Wolkenperücke, in rothen Strümpfen und Schuhen an der Schwelle eines Ballſaales wieder erblickte, und er grüßte ihn lächelnd. „Wollen Sie ſtürmen, wie bei Zenta, Graf Kö⸗ nigsegg?“ „Unter Eurer Durchlaucht Anführung, wie dort,“ erwiederte der Graf, ſich verneigend. Der Prinz lud ihn mit einer graziöſen Handbewe⸗ gung ein, ihn zu begleiten, und es gereichte Königsegg in den Augen der Verſammlung zu keiner geringen Em⸗ 87 pfehlung, daß er die weit aufgeriſſenen Thüren unmittel⸗ bar mit dem Prinzen von Savoyen durchſchritt. Die fürſtliche Frau vom Hauſe und ihr Gemahl, der Feldmarſchall, ſtanden hier, ihre vornehmen Gäſte, von denen noch gar Viele fehlten, zu empfangen. Die Dame, obſchon bereits in den Fünfzigen, war noch immer eine ſtattliche Erſcheinung und hatte durch eine ausge⸗ zeichnete Toilette die Spuren der Zeit zu mildern gewußt; ſie verſtand, wie vielleicht keine Andere in Wien, die Ehren ihres Hauſes zu machen, und ſelbſt die boshafteſten Zungen gaben zu, daß man ſich bei ihr ſtets gut amüſirte. Während der Complimente und höflichen Redensarten, welche beim Eintritt gewechſelt wurden, flog Königsegg's Auge über die Gruppen vornehmer und ſchöner Frauen im Saale, deren Blicke jetzt ſämmtlich auf den erlauchten Feldherrn gerichtet waren, der noch mit der Gräfin Ra⸗ butin ſprach. Dann wurde von der Wirthin auch dem jungen Grafen, welchen der Prinz mit ſich herein geführt, ein verbindliches Wort, eine Frage nach ſeiner Mutter zu Theil; neue Gäſte, welche erſchienen, nahmen ſie in An⸗ ſpruch, noch ehe Karl Fidelis recht geantwortet hatte, und er konnte ſich nun bei der Zwangloſigkeit, welche in dieſen Räumen herrſchte, ſeine Bahn durch die Geſellſchaft in voller Freiheit wählen. Da begrüßte ihn zuerſt Mar Riedau, der als ein armer Offizier von niederm Adel in 88 dieſen hohen Kreiſen nur ſeiner Perſönlichkeit eine ge⸗ wiſſe Geltung verdankte. Beide hatten ſich ſeit dem Abende in Gumpendorf nicht geſehen, und es war natürlich, daß Königsegg dem Schützlinge ſeiner Mutter, den auch er beſonders lieb hatte, ſogleich über das, was ſich in deren Hauſe ſeitdem zugetragen, eine Mittheilung machte. Mar Riedau war ſomit der Erſte, welcher die Nachricht erfuhr, die von Königsegg nach dem Wunſche ſeiner Mutter auf unbefangene Weiſe in der Geſellſchaft verbreitet werden ſollte, und Karl Fidelis lächelte, als er wirklich ein Wort über Cajetana's Schönheit fallen ließ: die Gräfin hatte ihn gewarnt, es nicht gegen eine Dame zu thun! Mar war ein wenig verwundert, daß er an jenem Abende gar keine Andeutung über die erwartete Nichte gehört habe, und äußerte den Wunſch, daß ſeine Schweſter ſich mit ihr befreunden möge, welche ſich doch zuweilen ſehr einſam fühle, wie gütig auch die Gräfin ſtets gegen ſie ſei. Darauf trennten ſich Beide und Königsegg nahte den Damen, unter denen ihn manches ſchöne Auge ſchon beobachtet hatte. Noch immer ſtrömten Gäſte durch die ſich unaufhör⸗ lich öffnenden Thüren, aber die Vornehmſten, welche er⸗ wartet wurden, mochten wohl nun vollzählig ſein, denn die fürſtliche Dame vom Hauſe verließ ihren Platz an der Pforte und übergab ihrem Gemahl den Reſt der Ver⸗ 89 pflichtung gegen die Späterkommenden zu erfüllen. Sie machte nun in ungezwungener Weiſe die Runde durch die verſchiedenen Gruppen, welche ſich gebildet hatten, und trug nicht wenig zu der Lebhaftigkeit der Converſation bei. Nur den Kreis von ältern Herren vermied ſie, wel⸗ cher ſich nicht ohne beſtimmten Anlaß um den Prinzen Eugen zuſammengezogen hatte. Wohl waren es meiſt Kriegsgefährten von ihm; man ſah das ſtrenge, markige Geſicht des General⸗Feldzeugmeiſters Grafen Siegbert Heiſter, der unter Eugen in der letzten Entſcheidungs⸗ ſchlacht den rechten Flügel des kaiſerlichen Heeres befeh⸗ ligt hatte; man bemerkte die hohe, edle Stirn des Grafen Guido Stahremberg, der den gleichen Rang bekleidete und in ſeiner ganzen Geſtalt jene eiſerne Kraft verrieth, welche ſpäter noch ſo manchen Stürmen trotzen ſollte; auch der lebhafte Prinz von Commerch war unter ihnen zu ſehen, an perſönlicher Kühnheit der Roland des Hee⸗ res, und neben ihm der ehrliche Börner, welcher das Ge⸗ ſchützweſen des Kaiſers auf eine ſo hohe Stufe der Voll⸗ kommenheit gehoben hatte. Aber es hatten ſich auch an⸗ dere Perſönlichkeiten hinzu geſellt, die nicht im Felde, ſondern im Rathe glänzten, ſelbſt der junge, corpulente Graf Wenzel Wratislaw, welchem ſich die ſtaatsmänni⸗ ſche Laufbahn zu eröffnen begann— nur Fürſt Salm hielt ſich fern, doch ſah man ſein ſtolzes, geiſtvolles Auge 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 6 5 ————— 90 von Zeit zu Zeit nach der Gruppe um den Prinzen von Savoyen hinüber blitzen, als könne er errathen, was dort beſprochen wurde. Lange blieben die zuſammen ge⸗ tretenen Cavaliere indeſſen nicht vereint: ſo wichtig auch die Angelegenheiten waren, welche ſie beſchäftigt hatten, und ganz Wien beſchäftigten, weil ſie die neuen, immer ungünſtiger lautenden Nachrichten aus Spanien betrafen, ſo litt es doch der gute Ton nicht, in großer Geſellſchaft, wo die Damen Anſprüche auf Unterhaltung hatten, län⸗ gere Zeit Politik zu treiben. In jeder Bruſt lebte aber die Ueberzeugung, daß das Schlachtſchwert, das man daheim in der Waffentrophäe aufgehangen hatte, bald wieder den feinen Galanteriedegen von der Hüfte, wo er jetzt zierlich balancirte, verdrängen werde. Der Prinz von Savoyen näherte ſich zuerſt der Frau vom Hauſe wieder, welche ihm einen jungen Mann vorſtellte, der in dem klei⸗ nen Kreiſe um ſie her durch ſein vortheilhaftes Aeußere auffiel. Eugen wußte ſchon von ihm, die Vorſtellung war keine gelegenheitliche, er hatte ſie gewünſcht. Freund⸗ lich, wie er gegen Jedermann war, ſprach er ein Paar Worte mit dem jungen Offizier; es gefiel ihm, daß er vor ihm nicht in Unterwürfigkeit verging, ſondern mit ſeinem feurigen Auge dem ſeinigen frei begegnete; er be⸗ merkte die fein gezogene blaue Narbe an der Stirn und fragte ihn darnach; die beſcheidene Antwort ſtellte ihn 91 noch mehr zufrieden. Als Eugen weiter ging, ſagte die Gräfin Rabutin lächelnd und leiſe zu Mar:„Ich gra⸗ tulire!“ Ihn durchſtrömte ein beſeligendes Gefühl neuer Hoffnungen. Der älteſte Sohn der Dame vom Hauſe aus ihrer erſten Ehe, Graf Philipp Ludwig Sintzendorff, welchem ſpäter auch eine große politiſche Rolle beſchieden war, nahte jetzt ſeiner Mutter. Er hatte die üblichen Looſe zu den Plätzen beim Souper bereits ziehen laſſen, eine Mo⸗ de, welche faſt bei allen geſellſchaftlichen Partien galt und die Anſprüche der Etikette umgehen, andererſeits auch denen des Herzens den Schein der Verabredung nehmen ſollte, welcher, wie die Geſellſchaft nun einmal war, Anſtoß gegeben hätte. In Wien war noch der voll⸗ kommene Gegenſatz zu der Frivolität des franzöſiſchen Hofes und der ſie faſt übertreffenden an dem üppigen Hofe des jungen Kurfürſten von Sachſen, der nun König von Polen war.— Dort kümmerte man ſich nicht einmal, den äußern Schein feſt zu halten, ſondern nur um die Grazie, mit welcher Alles, was angenehm und verführe⸗ riſch war, geſchah. Von franzöſiſchen Sitten hatte man ſich zu Wien in dieſer Beziehung noch frei gehalten, wie auch von franzöſiſchen Moden bisher nur die Perücke hier Eingang gefunden hatte. Dieſe wallte denn heute in den mannigfaltigſten Größen über der linken, der männ⸗ 6* * —— 92 chen Seite des Zuges, als ſich derſelbe, durch das Lvos gepaart, unter dem Vortritte der Gräfin Rabutin mit dem Prinzen Eugen, nach der Tafel in Bewegung ſetzte. Das Loos hatte über die Plätze entſchieden, darum ſoll aber nicht geſagt ſein, daß gar kein Unterſchleif zur Befriedigung ſ ehnſüchtiger Herzen ſtattgefunden hätte. Selbſt bei den geſtrengen Herrnhutern, wo ehemals das Lvos über eine viel dauerndere Verbindung, als die für einen flüchtig vorübergehenden Geſellſchaftsabend, näm⸗ lich über die Ehe, entſchied, wußte man geheimen Wün⸗ ſchen Rechnung zu tragen, wie viel mehr verſtanden das die feinen Hände der vornehmen Welt! Wir verwahren uns aber feierlichſt, daß dergleichen von den ſchönen Da⸗ men geſchehen ſei: dieſe warteten geduldig ab, wie Alles ſich fügen werde, da ſie gewiß ſein konnten, ſich nicht ge⸗ täuſcht zu ſehen. Nachdem dann Alles Platz genommen hatte und die Augen muſternd über die Tafel kreuzten, bemerkte man lächelnd, wie das Loos faſt überall zuſam⸗ men geführt hatte, was ſich dadurch glücklich fühlte, und wo kein Intereſſe bekannt war, wenigſtens was gut zu⸗ ſammen paßte. Bald ſchwirrte dann auch die lebendigſte Unterhaltung um die Tafel und machte es möglich, daß ſich einzelne Paare, die einander viel zu ſagen hatten, mitten in dem allgemeinen Stimmengewirr iſolirten. Da hätte manches ſüße Geheimniß belauſcht werden können, aber wer wollte ſo indiscret ſein, davon zu erzählen? 93 „Wiſſen Sie ſchon, Graf Trautſon,“ fragte deſſen Nachbarin, die Gräfin Daun,„daß Ihr Freund Königs⸗ egg nächſtens ſeine Verlobung proclamiren wird?“ „Das iſt mir neu,“ erwiederte Trautſon überraſcht und ſah nach dem Freunde hinüber, der neben der jungen reizenden Antonie Liechtenſtein ſaß und ſich mit ihr lebhaft unterhielt. „Dort dürfen Sie nicht ſuchen,“ verſetzte die Grä⸗ fin Daun, welche die Richtung ſeines Blickes bemerkte. „Graf Karl Fidelis würde vielleicht in unſerm heutigen Kreiſe mancher jungen Schönheit ein angenehmer Bewer⸗ ber ſein— mir als ältern Frau, die ſelbſt keine Tochter hat, erlauben Sie wohl dieſe Bemerkung!— aber wir ſollen durch eine ganz Fremde überraſcht werden. Die Stiefmutter hat eine Nichte in das Haus genommen, eine blendende Schönheit, wahrſcheinlich auch ſehr reich, wel⸗ che ſie ihrem Sohne beſtimmt hat.“ „Davon habe ich aber noch nicht das Geringſte ver⸗ nommen,“ ſagte Trautſon. „Sie intereſſiren ſich wenig für Herzensangelegen⸗ heiten,“ erwiederte die Gräfin.„Ich glaube übrigens, daß es ſehr gegen den Wunſch der Königsegg heut' ſo be⸗ kannt goworden iſt, und wenn ſie wüßte, daß es ihr Schooßkind ausgeplaudert hat, ſo würde ſie recht böſe auf ihn ſein.“ 94 „Wen meinen Sie?“ fragte Trautſon. „Wen anders, als den Apollokopf, welcher dort un⸗ ten zwiſchen der Fünfkirchen und Schlik ſitzt? Sehen Sie, welch' ein wunderſchönes Kleeblatt, dieſe Drei! Schade, daß der junge Mann keine Anſprüche zu machen hat und daß in unſern Regionen das Herz allein nicht ſprechen darf. Ja, Graf Leopold, der iſt es, welcher das Geheimniß verrathen hat: ich weiß es von der Gräfin Ferdinani Harrach. Ihr, glaube ich, hat es die Rabutin ſelbſt geſagt, die es durch ihren Liebling erfahren. Wie nennen es doch die Herrn Ritter im Kriege, wenn eine Lunte angezündet wird und daraus eine Feuerſchlange im⸗ mer weiter läuft?“ Graf Leopold konnte dieſer etwas verworrenen Frage nicht genügen; er ſetzte ihr eine grade entgegen. „Wiſſen Sie den Namen der Braut meines Freundes?“ „Sie gehen zu raſch! Eine Braut iſt ſie noch nicht, und es kann leicht nur Vermuthung ſein, daß ſie über⸗ haupt die Braut Ihres Karl Fidelis werden ſoll. Ich bin ſo unvorſichtig geweſen, im guten Glauben nachzureden, was mir geſagt worden iſt; Andere haben es wahrſchein⸗ lich auch gethan, und ſo wird unſer junger Freund verlobt, ohne ſelbſt etwas davon zu wiſſen. Sehen Sie aber, wie tiefſinnig er jetzt geworden iſt.“ 95 Die ſchöne Liechtenſtein war mit ihrem andern Nachbar im Geſpräch, und Königsegg, der nicht ahnte, daß er beobachtet wurde, blickte weit über die Länge der Tafel mit bewölkten Brauen hin, man hätte es einen Blick in das Leere nennen können, wenn dem nicht eine düſtere Stetigkeit deſſelben widerſprochen hätte. Ob er jedoch an der Tafel eine beſtimmte Perſon in das Auge faßte, wer mochte das entſcheiden? Nach der Tafel folgte der Tanz. Es war nicht der lebhafte, leidenſchaftliche Tanz von heut', den wir aus der Fremde entlehnt, ein ſolcher würde ſich ſchlecht zu der ſpaniſchen, gravitätiſchen Kleidung mit den ſpitzenbeſetzten Mänteln und den großen, wenn auch noch ſo fein gelock⸗ ten Perücken gepaßt haben, es galten zu Wien noch im⸗ mer die ceremoniöſen Tänze der alten Schule, wie ſie bereits in der Jugendzeit des Kaiſers, ja man behauptete zur Zeit Ferdinand's des Dritten Mode geweſen waren. Obſchon Viele die leichtern Gaillarden und Gavotten kannten, ſo wagte doch Niemand, eine ſo gefährliche Neue⸗ rung öffentlich einzuführen, und nur in ſehr vertrauten und engen Eirkeln wurden franzöſiſche Tänze getanzt. Ueber den Caren Peter, welcher ſeiner fröhlichen Laune bei dem großen Hofballe der ſogenannten Wirthſchaft keinen Zwang gngethan, ſondern Damen von Rang ſogar himmelhoch geſchwenkt hatte, was man„ aufwerfen“ 3 nannte, waren beſonders die ältern Frauen in Verlegen⸗ eit gerathen; die Gefahr war groß, daß nach ſo er⸗ lauchtem Beiſpiele die ſtürmiſche Jugend eine Breſche in die bisherige Modeſtie ſchießen würde, wozu vielleicht, ſchrechlich zu denken! das lebhafte Naturell des römiſchen Königs ſeinen Beifall gegeben hätte. Aber noch war Alles gnädig vorüber gegangen und auf der Merenda der Grä⸗ fin Rabutin tanzte man wieder in decenteſter Weiſe ſeine altfränkiſchen Touren. Trautſon, durch die Mittheilung ſeiner Tiſchnach⸗ barin angeregt, hatte ſeinen Freund nicht aus den Au⸗ gen verloren. Er ſelbſt tanzte nicht, weil er keinen Ge⸗ fallen daran fand; zu ihm geſellte ſich Graf Wratislaw, den ſeine Corpulenz daran hinderte, obſchon er noch nicht dreißig Jahre alt war. Mit dem ihm eigenen Geiſt und Witz verfolgte er die Paare, welche in der Mitte des Sa⸗ lons in künſtlichen Verſchlingungen dahin ſchwebten, und ſelbſt die ihm perſönlich nahe verbunden waren, ſchonte er nicht. Sein Auge mit dem kritiſchen Blick, in welchem eine nicht immer harmloſe Fronie lachte, wurde aber auch von den Damen ſehr gefürchtet, und es war ergötzlich zu ſehen, wie Jede, die ſich von ihm beobachtet wußte, ihre Unbefangenheit verlor. Daß er ſich zu Trautſon geſellt hatte, deſſen Geiſtesrichtung doch eine ganz a konnte nur diejenigen wundern, welche die 97 hungen Beider zu dem römiſchen Könige und Wratislaw's gediegenen Character nicht kannten. Königsegg ſtand nicht allzu weit von ihnen, und Trautſon hatte ſchon längſt ſeine eigenen Gedanken darüber gehabt, daß der ſonſt ſo leidenſchaftliche Tänzer ſich von der allgemeinen Luſt fern hielt, als Wratislaw ihn darauf aufmerkſam machte. „Der junge Mann iſt ſeit einiger Zeit melancho⸗ liſch— welches Herzeleid mag ihn drücken? Oder hat er ſich einen Angelhaken ausgeriſſen und ſcheut ſich der ſüßen Lockſpeiſe wiederum zu nahen?“ Trautſon war geneigt, den Grund in den Andeutun⸗ gen zu ſuchen, die ihm bei der Tafel gemacht worden waren, doch hütete er ſich, dieſelben zu wiederholen, und begnügte ſich mit einer ſehr allgemeinen Erwiederung. „Demungeachtet,“ fuhr Wratislaw fort,„ ſcheint er wenigſtens das Intereſſe für die edle Tanzkunſt nicht ver⸗ loren zu haben, denn er verfolgt die Touren mit einem Ernſte, als wolle er ſie in Theatrum europäum ausführ⸗ lich beſchreiben.— Ihre Gemahlin tanzt, wie ich ſehe, mit dem Gundaccar Stahremberg; werden Sie denn gar nicht eiferfüchtig, beneidenswerther Mann?“— Das Ende des erſten Tanzes unterbrach ihn, und Trautſon ging, ſeine Frau, welche Graf Stahremberg zu einem Sitze führte, zu fragen, ob auch ſie von dem angeblichen Plane der Gräfin Königsegg etwas vernommen habe. Sie ſetzte 98 ihn durch ihre Antwort in Erſtaunen; das Flöckchen Schnee, welches Karl Fidelis durch ſeine leicht hin⸗ geworfene Mittheilung an Riedau von ſeinem Gipfel ge⸗ löst hatte, war ſchon zu einer mächtigen Lawine an⸗ gewachſen; die Gräfin Trautſon wußte bereits alle nähern Umſtände, unter denen die Partie zu Stande gekommen ſei; man hatte ihr ſogar die Perſönlichkeit der Braut geſchildert— ſie ſollte leidlich hübſch ſein, aber ſtottern! Nur der Name fehlte noch immer, er that jedoch nichts zur Sache. Da mußte doch Trautſon ſich Gewißheit verſchaffen. Auch an dem zweiten Tanze nahm Königsegg nicht Theil, und es war dem Freunde auffällig, daß er dennoch ihn, den er doch zuweilen allein ſtehen ſah, nicht aufſuchte, ſondern gefliſſentlich zu vermeiden ſchien. Was ſollte er vavon denken? Durfte er ihm noch nicht offen vertrauen, was voch bereits in Aller Munde war? Das ahnte er aber wohl nicht, und darum hielt er ſich fern von ihm, weil er es wahrſcheinlich nicht über ſich gewinnen konnte, im vertraulichen Selbander gegen ihn falſch zu ſein. Trautſon ging alſo zu ihm. Graf Wratislaw an ſeiner Stelle würde vielleicht in Königeggs Zügen jetzt eine Wahrnehmung gemacht haben, aber Trautſon war zum Erſpähen fremder Gedanken wenig geſchickt, kaum daß er zuweilen die ſeiner Gemahlin errieth, weil ſich zwiſchen 99 ihnen die innigſte geiſtige Wahlverwandtſchaft geſtaltet hatte. „Nun, Karl,“ ſprach er den Freund an,„bei un⸗ ſerm erſten Wiederſehen nach der Heimkehr im vorigen Jahre haſt Du Dich beklagt, daß Du an den Feſtlich⸗ keiten, welche während Deiner Abweſenheit vorgefallen ſind, keinen Theil nehmen konnteſt, und heut' verſchmähſt Du ſogar den Tanz, den Du ſonſt geliebt haſt?“ „Ich bin älter geworden,“ erwiederte Karl Fidelis mit einem Tone, welcher ſcherzhaft ſein ſollte; es lag aber in den Worten der Klang einer Wahrheit, mochte ſie ſich auch nicht auf ſeine Jahre beziehen. „Um viele Monden, allerdings!“ verſetzte Trautſon lächelnd.„Du betrachteſt dies eitle Vergnügen mit den Augen eines Philoſophen.“ „Mit Deinen Augen, Leopold!“ entgegnete Königs⸗ egg.„Kannſt Du Dich wundern, Mann von einigen zwanzig Jahren, welcher längſt nicht mehr getanzt hat, daß auch ein Anderer nicht mehr Gefallen daran findet?“ „Ich bin ein verheiratheter Mann! Du gedenkſt meinen Fußſtapfen auch darin zu folgen, nicht wahr?“ Königsegg ſchüttelte mit einem überraſchten Blick den Kopf; es war, als ſei er unangenehm berührt worden. „Wie kommſt Du auf dieſen Gedanken?“ fragte er. 100 „Iſt er unnatürlich?“ entgegnete Trautſon. „Wenigſtens unwahr!“ erwiederte Königsegg.„In meine Seele iſt er noch nicht gekommen!“ Er ſprach das mit einer gewiſſen Ungeduld aus, aber zugleich mit einem ſolchen Ernſte, daß der Freund nicht daran zweifeln konnte und ſomit von der Grund⸗ loſigkeit des ganzen Gerüchts, welches über eine bevor⸗ ſtehende Verlobung Königsegg's umlief, überzeugt war, wenigſtens ſo weit es dieſen ſelbſt betraf. In ſeinem Be⸗ nehmen, wie er den angeregten Gedanken zurückwies, lag jedoch immer die Möglichkeit angedeutet, daß man Ab⸗ ſichten ſolcher Art mit ihm gehabt habe, und die Ungeduld, welche er eben gezeigt, ließ ſich dadurch erklären. Traut⸗ ſon fand es indiscret, ihn darüber auszuforſchen, wenn ihm das Vertrauen, das er ſonſt von Karl Fidelis ge⸗ noſſen hatte, nicht wie bisher offen entgegen getragen würde, und lenkte mit der Bemerkung ab, daß er ihn nicht für einen ſolchen Feind der Ehe gehalten habe, daß es aber vielleicht recht gut ſei, wenn er bei den drohenden Zeiten, welche einen neuen Kriegsbrand verhießen, vor der Hand noch unvermählt bleibe. „Glaubſt Du an Krieg?“ rief Königsegg plötzlich mit einem glühenden Blicke. „Ich halte ihn für ſehr wahrſcheinlich,“ erwiederte Trautſon;„denn wird Frankreich von ſeinen ungerech⸗ 101 ten Anſprüchen auf die Krone von Spanien für einen Bourbon abſtehen, und kann Oeſterreich das gute Recht des Hauſes Habsburg aufgeben? Die einzige Hoffnung iſt noch, daß der König wieder geſund wird und die letzt⸗ willigen Verfügungen, von welchen unſer Herr ſchon Kenntniß hat, in beſſerer Einſicht zurücknimmt— wo nicht, ſo ſcheint mir ein allgemeiner Krieg, furchtbarer, als der nun beendigte, unvermeidlich.“ „Er ſoll willkommen ſein!“ rief Karl Fidelis mit einem heißen Athemzuge. „Aus Dir ſpricht der Soldat— ich will darüber nicht mit Dir rechten. Auch Deinem Riedau wird der Krieg willkommen ſein, wie fröhlich er ſich auch den Freu⸗ den der friedlichen Gegenwart hingibt.“ Er lenkte Karl's Auge in die Reihe der Tanzenden, in welchen ſich die ſchöne Geſtalt des jungen Offiziers, obgleich er ſich in ſeiner Kleidung nicht dem hohen Adel gleich geſtellt hatte, in der vortheilhafteſten Weiſe bemerkbar machte, wie er denn auch mit einem der reizendſten Mädchen des Balles tanzte. Dann fuhr Trautſon fort:„Hunderte aber, wel⸗ che Familien zurücklaſſen, mögen nicht ſo leicht in das Feld rücken, wie ihr Beide, wenn ſie bedenken, was die Zukunft für die Ihrigen bringen kann. Denke doch ſelbſt an Dein armes Mündel! Haſt Du ſie kürzlich geſehen? Meine Frau hegt das tiefſte Mitleiden mit ihr und be⸗ 1 102 müht ſich noch immer, ihr eine andere Freiſtatt zu ver⸗ ſchaffen. Hat ſie heut' nicht mit Dir davon geſprochen?“ „Ich habe noch nicht Gelegenheit gefunden, Deine Gemahlin anders, als von fern zu begrüßen.“ „Sie würde Dir geſagt haben,“ fuhr Trautſon, ohne die Haſtigkeit in Karl's Entſchuldigung zu beachten, arglos fort,„daß ihre Bemühungen bis jetzt fruchtlos geweſen ſind, weil es ihr nicht darum ankam, der Armen blos eine Lage in Wohlleben zu verſchaffen, ſondern auch eine ſolche, wo ſie ein theilnehmendes, mütterliches Herz gefunden hätte— und wie ſchwer iſt das!“ „Ja wohl!“ beſtätigte Königsegg, und ihm mochte wohl die Frage aufſteigen, ob das in Cajetana's jetziger Lage der Fall ſein werde. Seine Stiefmutter war wohl gütig und freundlich, aber— „Ich bin daher immer noch der Anſicht,“ ſagte Trautſon,„daß ſie im Kloſter am beſten aufgehoben bleibt. Gott verläßt diejenigen nicht, die ihn ſuchen, am wenigſten, wo es in einer ihm geweihten Stätte ge⸗ ſchieht.“ Dagegen hatte Königsegg nichts zu erinnen. Der Tanz war beendigt, und Mar Riedau, welcher ſeine Da⸗ me zu ihrem Platz geführt hatte, kam zu den Freunden, ihnen die Hoffnungen zu verkündigen, die ſich für ihn an den heutigen Abend knüpften. Der Prinz von Savoyen 103 hatte, noch ehe er nach aufgehobener Tafel ſich an ſeinen Spieltiſch mit den Damen begab, abermals mit ihm ge⸗ ſprochen und ihn gefragt, ob er mit einem Tauſch, der ihn mit Vortheil in ein anderes Regiment führe, zufrie⸗ den ſein werde. Max war darauf in ſeiner Offenheit kühn mit der Bitte hervorgegangen, in das Regiment, deſſen Inhaber der erlauchte Feldherr ſei, verſetzt zu wer⸗ den, dafern dieſer ihn nach näherer Erkundigung bei ſei⸗ nen bisherigen Vorgeſetzten würdig halte. Prinz Eugen hatte ihm darauf mit feinem Lächeln erwiedert, daß er ſchon empfohlen ſei, ſich aber in Geduld faſſen möge— eine unreife Fu t dirfe man nicht gewaltſam vom Ba me ſchütteln. Die Anſichten ſeiner Gönner über dieſe Unterredung waren getheilt. Königsegg fand die dreiſte Bitte Riedau's ganz nach ſeinem Soldatengeſchmack, während ſie Traut⸗ ſon, in das Hofleben eingewöhnt, für unpaſſend hielt, wenn er das auch nicht ausſprach. Mit der„unreifen Frucht“ konnte Mar ſelbſt gemeint ſein, wenig ſchmei⸗ chelhaft für ihn! Indeſſen ließ es auch eine andere, gün⸗ ſtigere Deutung zu. Jedenfalls war der Abend nicht für Max verloren und er freute ſich des Vollgenuſſes der Ge⸗ genwart, indem er nach der kurzen Pauſe wieder zu dem neubeginnenden Tanz eilte. Jetzt ſchien auf einmal auch Königsegg ſeinen Sinn geändert zu haben. 104 „Hinweg mit Allem, was ſchwerfällig macht!“ rief er dem Freunde zu und verließ ihn, ohne ſeine Antwort abzuwarten. Trautſon ſah ihm nach, wie er einer Dame nahte, deren üppige Schönheit mit ihrer Coquetterie die Wage hielt und ſie eben ſo gefeiert, als getadelt machte; er ſah, wie Königsegg ſie um den nächſten Tanz bat und ſich der Luſt nun mit einer Leidenſchaft hingab, als gelte es, ſich gegen Alles zu betäuben, was kurz vorher ihn von der allgemeinen Frende fern gehalten hatte. Fünftes Capitel. Die Pfeilnarbe. e war wieder helles Wetter ge⸗ folgt, und der November, den man den häßlichſten Monat des ganzen Jahres geſcholten hat, zeigte ſich diesmal in einem ganz andern Schte. Die Sonne, wie ſpät ſie auch aufging, ſtrahlte doch aus einem wolkenloſen Purpurmeer hervor und weckte in dem reichlich an jedem Zweige und Halme zitternden Thautropfen ein prächtiges Farbenſpiel, als ſeien es lauter Diamanten. Der Himmel war klar und die durchſichtige reine Luft des Spätherbſtes ließ die Auf die Regentag 4 105 fernſten Gegenſtände in deutlichen Umriſſen hervortreten. An den Bäumen und Sträuchern war noch viel Laub ge⸗ blieben, das nur ſeine Färbung verändert hatte und zu dem Lichterſpiel der Thaubrillanten auch den milden Goldglanz und die dunkle Granatglut geſellte. Nur die ſchwermüthig klingenden Rufe der Wandervögel, die ſich hier und dort hören ließen, erinnerten daran, daß dieſe Pracht bald vorübergehen werde. „Man nuß daran nicht denken!“ ſagte Anna Rie⸗ dau zu Cajetana, welche dieſe Bemerkung gemacht hatte, als ſie mit ihr durch die lichten Gänge des Gartens luſt⸗ wandelte.„Beſonders in Ihrem glücklichen Verhältniß kann auch der nahende Winter keine Schreckniſſe haben.“ „Ich habe mich immer vor dem Winter gefürchtet,“ erwiederte Cajetana. „Das läßt ſich erklären in Ihrem Kloſterleben, wo der Winter wohl ſehr traurig ſein mag, da er auch den einzigen Raum der Freiheit, den Kloſtergarten, verſchließt. Hier aber werden Sie den Winter in einer ganz andern Geſtalt kennen lernen. Die Frau Gräfin, Ihre Tante, beſucht zwar keine großen Geſellſchaften, ſie hat ſich, wie ich gehört habe, ſchon ſeit dem Tode ihres Gemahls ganz von der großen Welt zurückgezogen, aber dafür ſucht die Welt ſie in dieſer freiwilligen Zurückgezogenheit auf, und Sie werpen Gelegenheit haben, hier die inter⸗ 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 106 eſſanteſten Bekanntſchaften zu machen. Freilich junge Cavaliere haben keinen Anlaß, hier zu erſcheinen— ich ſollte wohl eigentlich ſagen, ſie hatten dazu keinen An⸗ laß, denn wer weiß, ob es jetzt nicht bald anders wird.“ Dieſe Wendung fand offenbar bei Cajetana keinen Anklang, ſie ſchien ſogar bemitleidenswerth unſchuldig ge⸗ nug, um gar nicht zu verſtehen, was Anna damit meinte. Daher wählte dieſe gleich einen Uebergang zu andern Be⸗ ziehungen.„Der Winter vereinigt,“ ſagte ſie,„die ſchöne Jahreszeit trennt. Wenn die Ratur mit ihren tauſend Reizen in die Weite lockt, zerſtreut ſich Alles, während bei Froſt und Schneeſturm das trauliche Kaminfeuer den Mittelpunkt bildet, an dem ſich liebe Bekannte und Freunde gern zuſammen finden. Wer dieſe hat!“ ſetzte ſie auf einmal kalt hinzu. Cajetana mußte daran denken, daß die Gräfin dies einſame Weſen bemitleidenswerth genannt hatte, und bei ihren letzten Worten fühlte ſie wirklich ein tiefes Mitleid mit ihr, denn dieſe Worte gingen ihr zu Herzen, da in ihnen auch zugleich ihr eigenes Schickſal wieder klang. Aber ſie gab ihrem Gefühl keinen Ausdruck, denn der Samen des Mißtrauens, welchen die Gräfin zugleich ge⸗ gen Anna in ihre Seele geſtreut hatte, war doch nicht ganz verloren gegangen: ſie fürchtete ſich wenigſtens vor den ſcharfen, nur zuweilen freundlichen Augen der Ge⸗ 107 ſellſchafterin. Dieſe erwartete keine Antwort auf ihre Be⸗ merkung. „Freunde und Bekannte,“ fuhr ſie fort,„hat aber Ihre Frau Tante genug, und ſo werden Sie bald viel vornehme Damen und Herren hier kennen lernen. Sie ſind noch fremd in den hieſigen Kreiſen, nicht wahr?“ Cajetana bejahte es, voll Beſorgniß, daß weitere Nachforſchungen folgen würden, und zugleich im Zwieſpalt mit ſich ſelbſt, daß ſie die Wahrheit umgehen mußte und die Gräfin ihr ſo genau vorgeſchrieben hatte, was ſie auf eine grade Frage nach ihrem letzten Aufenthalt ſagen ſollte. Vor der Hand kam ſie aber noch nicht in dieſe Verlegenheit.—„Natürlich. Sie haben bisher Ihr ſtilles Kloſter in Franken nicht verlaſſen, und finden ja hier keine Verwandte aus der Familie Ihrer Frau Tante, ſondern nur die des Königsegg'ſchen Hauſes. Von dieſem Hauſe ken⸗ nen Sie nur den Grafen Karl Fidelis, der Sie eingeholt hat. Ein ſchöner und vollkommener Cavalier, nicht wahr? O Sie können das immer eingeſtehen, die Wienerinnen ſind darüber nur einer Meinung. Wir ſind ein ganzes Jahr entfernt geweſen, ich kann alſo nicht urtheilen, ob er ſeine Freiheit ſo behauptet hat, wie er ſie behaupten zu wollen ſchien.“ Anna war zufrieden mit dem Ergeb⸗ niß ihrer Beobachtung: es war in Cajetana's Benehmen, als vom Grafen Karl gſprochen wurde, durchaus nicht 7* — e— 108 jene ſüße Verwirrung zu bemerken geweſen, welche auf ein erwachendes Gefühl für ihn ſchließen ließ, eher ſchien es eine Art von peinlicher Verlegenheit zu ſein, die noch enträthſelt werden mußte. Auch Anna Riedau hatte ſich des nahe liegenden Gedankens nicht entſchlagen können, der vor Kurzem die ganze Merenda der Gräfin Rabutin beſchäftigt hatte, das nämlich dies ſchöne, durch ihre Un⸗ ſchuld und mloſigkeit für einen Mann gewiß bezau⸗ bernde Kind dem Grafen Karl von ſeiner Stiefmutter be⸗ ſtimmt ſei. Nun glaubte ſie wenigſtens über ein Entgegen⸗ kommen in Cajetana's Herzen beruhigt ſein zu können, und der Groll, der ſchon in dem ihrigen gährte, fing an ſich einigermaßen zu beſchwichtigen. Sie ſchilderte nun der ſchweigenden Zuhörerin die übrigen Söhne und Töch⸗ ter des verſtorbenen Grafen, und rühmte den Majorats⸗ herrn, daß er der Stiefmutter dieſen herrlichen Witwen⸗ ſitz eingeräumt habe; dann ging ſie auf andere, in der vornehmen Welt ausgezeichnete Perſönlichkeiten über, welche oft bei der Gräfin erſchienen waren, und gab Caje⸗ tana manchen Wink, wie ſie ſich gegen dieſe zu beneh⸗ men habe. In dieſem Geſpräch, das etwas einſeitig ge⸗ führt wurde, waren ſie wieder in die Nähe des Palais gekommen, als ihnen aus einem der Seitengänge, die mit hohen Buchenwänden eingeſchloſſen waren, überraſchend ein junger Mann entgegen Aa in ihrer Schreck⸗ 109 haftigkeit, die mit ihrem meiſt gereizten Weſen ſich aus⸗ gebildet hatte, ſtieß einen leichten Schrei aus, und ſah dann bitterböſe aus, als ſie den Mann erkannte, der ſie durch ſein plötzliches Hervortreten erſchreckt hatte. Doch bezwang ſie ſich ſchnell. „Mein Bruder, gnädiges Fräulein,“ ſagte ſie, ihn vorſtellend, und jetzt erſt bemerkte ſie, welchen Eindruck Cajetana's Erſcheinung, auf welche er nicht vorbereitet geweſen war, auf ihn gemacht hatte. Er ſchien davon ganz überwältigt zu ſein. Eine dunkle Glut war in ſein Antlitz geſtiegen, ſein Auge ſtrahlte wie vor Entzücken. So groß war die Macht der Schönheit— und welche Bitterkeit lag in dem Gedanken des Gegenſatzes, der Anna's Gehirn durchzuckte! Wie anders und widerwär⸗ tig mußte ihre Erſcheinung auf Jeden, der ſie zuerſt ſah, wirken! Er faßte ſich aber ſchnell und verneigte ſich vor Ca⸗ jetana, welche ſich zwar nicht erſchrocken hatte, aber uc ſeine auffallende Bewunderung in große Verlegenheit ge⸗ rathen war. In ihr, die niemals mit Männern in ihrem Kloſterleben näher zuſammen gekommen, war das ganz natürlich. „Fräulein von Feldberg, die Nichte meiner gnädi⸗ gen Frau Gräfin!“ hielt ſie für nöthig, im Tone der Unterwürfigkeit zu erklären, den ſie zuweilen und grade 110 abſichtlich im Beiſein ihres Bruders annahm. In ihrer eigenen Perſon wollte ſie ihn, der ſeinen Helmkamm ſo hoch und frei trug, dadurch demüthigen. Es gelang ihr aber niemals. „Sollte ich noch nicht das Glück gehabt haben, das gnädige Fräulein zu ſehen?“ fragte Max mit einem ſo unſichern Ton der Stimme, daß Anna ihn hoch über⸗ raſcht anblickte. Cajetana, wie befangen ſie auch war, richtete ihr ſchönes dunkles Auge auf ihn und ſagte erröthend, aber durchaus wahr:„Ich erinnere mich nicht.“ „Das wäre auch gar nicht möglich!“ nahm Anna ſchneidend, mit einem Blicke ſtrengen Vorwurfs, das Wort.„Das gnädige Fräulein iſt erſt vor wenig Tagen in Wien aus Franken angekommen und hat das Haus noch nicht verlaſſen. Ich begreife nicht, wie Du darauf mnſt. Verzeihen Sie nur meines Bruders Dreiſtig⸗ eeit, gnädiges Fräulein, er kommt aus dem Feldlager.“ „So muß mich eine wunderbare Aehnlichkeit ge⸗ täuſcht haben!“ rief er, ungebeugt durch ihren ſcharfen Tadel, indem ſein Auge noch immer an Cajetana's Zügen hing, während dieſe das ihrige wieder geſenkt hatte.„Ich bitte deshalb um Verzeihung, gnädiges Fräulein.“ Sie machte, ohne aufzublicken, eine leichte Hand⸗ bewegung, die ihn zu entſchuldigen ſchien, und ſetzte mit ————— 111 Anna, welche ſie dazu aufforderte, ihren Gang fort, wel⸗ chem Riedau an der Seite ſeiner Schweſter ſich anſchloß, indem er erklärte, daß er der Frau Gräfin ſeine Auf⸗ wartung habe machen wollen, und da er ſie nicht zu Hauſe getroffen, ſeine Schweſter aufgeſucht habe, von der man ihm geſagt, daß ſie mit dem Fräulein von Feldberg im Garten zu finden ſei. Er bat letztere nochmals um Ver⸗ zeihung, ſie für eine andere junge Dame gehalten zu ha⸗ ben, mit welcher ſie in der That eine große Aehnlichkeit beſitze, er hätte ſich aber nach der Mittheilung, welche ihm Graf Königsegg bereits gemacht, ſelbſt ſagen können, daß er in einen großen Irrthum verfallen ſei, der ſich nur mit der Ueberraſchung des erſten Moments entſchuldigen laſſe. Cajetana erwiederte darauf nur wenig und zog ſich, im Hauſe angekommen, mit einer flüchtigen Verneigung gegen den Fremden zurück, die Geſchwiſter ſich ſelbſt überlaſſend. „Die junge Dame ſcheint ſehr ſtolz zu ſein,“ be⸗ merkte Max, welcher von den Frauen allerdings durch eine größere Beachtung verwöhnt worden war, als ſie ihm von Cajetana zu Theil wurde. „Du haſt Dich ſo ungeſchickt benommen, daß ich Dich nur mit dem Feldlager, Deiner hohen Schule, ent⸗ ſchuldigen konnte. Man ſah Dir nicht an, daß Du bereits 4 112 über Jahresfriſt in den Prunkſälen der Wiener Paläſte luſtwandelſt.“ „Ich geſtehe Dir, daß ich im erſten Augenblicke, als ich dieſes wunderbar ſchönen Mädchens anſichtig wurde, ganz geblendet und verwirrt war. Für einen Soldaten allerdings ungeſchickt genug, den ſoll nichts aus der Faſ⸗ ſung bringen. Zetzt weiß ich vollkommen, daß mich nur eine äußere Aehnlichkeit getäuſcht hat. Das Mädchen, das ich meine, war ein liebliches, mit unverſtellter Freundlich⸗ keit blickendes Kind, den Roſen gleich, mit denen ich ſie ſpielen ſah— dieſe wäre keiner ſo hochmüthigen Zurück⸗ weiſung fähig geweſen, ſelbſt wenn ihr ein gemeiner Dra⸗ goner vom Sattel zugenickt hätte.“ „Der Herr Bruder ſind beleidigt,“ bemerkte Anna ſpöttiſch. Der Vorwurf traf und beſchämte ihn.„Ich bin allerdings ein Narr!“ ſagte er lachend.„Komm, Anna, das Fräulein von Feldberg hat ganz Recht, wir wollen nicht weiter davon ſprechen.“ „Wer war denn die Schöne, welche auf Dich einen ſo tiefen Eindruck gemacht hat, daß Du ſie überall wieder zu ſehen glaubſt?“ Er erzählte, wie er in einem Fenſter einſt beim Vor⸗ beireiten ein Mädchen bemerkt, welches zuerſt mehr durch den prächtigen Roſenkranz, den ſie in Händen gehabt, ———— 113 ſein Auge angezogen habe, dann aber von ihm ſo bildſchön gefunden worden ſei, daß er ihre Züge nimmer vergeſſen, obgleich er ſie bei ſpäterm Durchzug nur noch einmal erblickt habe, aber es dann nicht für ehrbar gehalten, Nachfrage anzuſtellen. So ſei ihm das ſchöne Mädchen nur wie ein Traum geblieben, an den er ſich oft mit innerem Wohlgefallen in einſamer Stunde erinnert habe, bis heut', wo er ihm ſo lebhaft wieder in das Ge⸗ dächtniß gerufen ſei. Die Schweſter hörte dieſe Mittheilung, die ihr mit ſo ungefärbtem Vertrauen gemacht wurde, in derſelben ironiſchen Laune an; ſie fragte darauf:„Und wenn Du Dir das Haus gemerkt oder durch eine Nachfrage er⸗ fahren hätteſt, was wären Deine weitern Gedanken ge⸗ weſen?“ „Du trauſt mir doch nichts Schlimmes zu, Anna?“ entgegnete er lebhaft und unwillig. „Ich kenne Dich zu wenig und weiß nicht, was aus Dir im Kriege geworden iſt,“ erwiederte ſie kalt. „Das ſehe ich, daß Du mich nicht kennſt— jeden⸗ falls ſei überzeugt, daß ich meine Ehre nirgend beflecken werde.“ „Soldatenehre!“ warf ſie ſpottend ein. „Ja, Soldatenehre!“ rief er aufglühend.„Dieſe ſteht ſo hoch, daß Dein Spott ſie nicht erreichen kann—“ 114 „Da kommt die Gräfin,“ bemerkte Anna, ihn unter⸗ brechend. Ein Wagen rollte die Auffahrt hinan, wie man hören konnte; das Zimmer, welches Fräulein Riedau be⸗ wohnte, bot keine Ausſicht nach der vordern Fronte des Palais. Max verließ ſeine Schweſter, um die Gräfin zu empfangen. Sie war es wirklich und hieß ihn freundlich willkommen.„Ich habe einige Beſuche gemacht,“ ſagte ſie. „Ihre Sache ſteht gut, Sie können auf jeden Fall zufrie⸗ den ſein. Bei Tiſche erzähle ich Ihnen mehr, ich hoffe, Sie werden dazu bleiben, denn ich will Sie meiner Nichte Tani vorſtellen.“ „Ich habe ſchon die Ehre gehabt, der Fräulein von Feldberg vorgeſtellt zu werden,“ erwiederte Max.„Ich traf ſie im Garten mit meiner Schweſter.“ „Ei!“ verſetzte die Gräfin mit einem forſchenden Blicke, welcher jedoch keine Befriedigung fand.„Sie neh⸗ men aber dennoch meine Einladung an, hoffe ich? Wir werden noch einige gute Freunde hier ſehen.“ Max verneigte ſich und wurde von der Gräfin, als er einen beſorgten Blick auf ſeinen Anzug warf, lächelnd getröſtet, daß er zu keinem Galadiner geladen ſei. Sie be⸗ gab ſich darauf in ihre Zimmer und überließ es ihm, ſich die Zeit bis zur Tafel zu vertreiben, wie er es für paſſend erachtete: das Empfangszimmer und der weite Garten ſtanden ihm offen. Er wählte den letztern, und ſobald er 115 wieder allein war und im Garten einen freien Sitz ge⸗ funden hatte, kehrten ſeine Gedanken zu der wunderbaren Aehnlichkeit zurück, welche ihm heut' begegnet war: er ſagte ſich aber, daß es doch wohl auch ein Spiel ſeiner Einbildungskraft ſein könne, welches das Fräulein wegen des anmuthig überraſchenden Eindrucks, den ſie, wie jenes Mädchen mit den Roſen, auf ihn gemacht, flugs mit deren Bilde in Einklang gebracht hatte— wenigſtens war das Letztere, wenn er ſich deſſen klar zu erinnern ſtrebte, völlig in dem der heutigen lieblichen Erſcheinung auf⸗ gegangen. Die Gräfin wäre gern bei dem erſten Zuſammen⸗ reffen Cajetana's mit Mar zugegen geweſen, um die Ceſahr, daß er, ihren Plänen ſehr zuwider, in ihr die Bwohnerin des Riedl'ſchen Hauſes wieder erkenne, im erſen Keime zu erſticken. Sie wurde aber, als ſie nach der kurzen Unterredung mit Riedau auch Cajetana ſprach, dariber beruhigt: Cajetana erzählte ziemlich gleichmüthig von der Begegnung im Garten und erwähnte gar nicht, daß je Mar ſchon einmal geſehen zu haben vermeint. Ihr leichtes Erröthen beachtete die Gräfin gar nicht mehr, ſie erröthete ja bei jeder Gelegenheit! In der großen Welt, wo ſie eingeführt werden ſollte, wäre das nun frei⸗ lich ſehr unſchicklich geweſen, aber dafür war ja die Schminke erfunden, welche jede Wallung des verrätheri⸗ ſchen Blutes unter einer ſchönen, immer ebenmäßigen Decke verhüllte. Als dann die Riedau zu ihrer Herrin beſchieden wurde, erfuhr dieſe erſt, daß ſich Max wirklich geäußert, wie ſie befürchtet hatte, indeſſen ſie vernahm zu⸗ gleich, daß er in der Weiſe, wie ſie es angeordnet, von Cajetana zurückgewieſen worden ſei, und war nun ganz zufrieden. Kurz vor der Tafelzeit führten ein Paar Sänften— welche auch in Wien trotz des antifranzöſiſchen Hofes be⸗ reits Portchaiſen genannt wurden— bald nach einander mehrere Damen zum Königsegg'ſchen Palais, ein junger Cavalier zu Pferde folgte ihnen: es waren die guten Freunde, welche die Gräfin zur Tafel erwartete. Caje⸗ tana, als ſie ihnen vorgeſtellt wurde, ahnte wohl nicht daß ſie es war, der zu Ehren die Gäſte heute eingelader worden; es ſollte der erſte Schritt ſein, den ſie noch an Gängelbande ihrer Meiſterin, auf dem glatten Bohen unternahm, auf welchem ſie, räthſelhaften Plänen zu dienen, bald aufzutreten beſtimmt war. Die Danen, ſämmtlich den vornehmſten Familien angehörig, begrüß⸗ ten das reitzende Kind mit jenem freundlichen Wohlwol⸗ len, das im Süden unſers deutſchen Vaterlandes eine erſte Begegnung ſo angenehm erleichtert und auch dem Hochadel, im erfreulichen Gegenſatze zu andern Regiv⸗ nen Germainens, angeboren iſt. Sie fanden Cajetana's 117 Befangenheit ganz natürlich, weil ſie wußten, daß ſie in klöſterlicher Stille erzogen war; ſie hielten ihre Einfach⸗ heit für einen Reitz mehr. Der junge Cavalier war aus einem erlauchten italieniſchen Hauſe, und hatte ſo eben eine Anſtellung im Heere gefunden, wie es ſeit längern Zeiten ſchon auf alle Weiſe befördert und gern geſehen wurde, wenn Sproſſen angeſehener Geſchlechter aus Ita⸗ lien in Oeſterreich Staats⸗ oder Kriegsdienſte ſuchten. So waren die Caraffa, Piccolomini, Gonzaga, Caprara, Montecuccoli und viele Andere in kaiſerlichen Landen heimiſch geworden, ohne die Verbindungen zu zerreißen, welche ſie mit der ſchönen Halbinſel jenſeits der Alpen verknüpften; ihre Intereſſen wurden vielmehr ſorgfältig gepflegt, weil ſie höhern Zwecken hülfreich werden konn⸗ tn. Auch hatten jene italieniſchen Principi und Nobili dem Erzhauſe wirklich große Dienſte geleiſtet und ſich ſeloſt Ruhm und Ehre erworben, ſo daß ihr Beiſpiel wohl zur Nacheiferung in Italien anſpornen mochte. Der junge Cavalier, welcher jetzt an der Tafel der Königsegg erſchien, war ein Colonna und verſprach wenigſtens ſei⸗ ner äußern Haltung nach dieſem altberühmten römiſchen Geſchlechte keine Schande zu machen. Der Gräfin als einer gebornen Italienerin, welche die Intereſſen ihres Heimathlandes noch immer hoch hielt, war er empfohlen worden, und ſie hatte ihm ihr Haus durch die heutige Ein⸗ 118 ladung gröffnet. Mit der feinſten Galanterie wußte er ihr dafür dankbar zu ſein, aber ſein feuriges Auge flog, ſelbſt während er mit ihr ſprach, zu ihrer lieblichen Nichte hinüber, von der er ſich magnetiſch angezogen fühlte. Zetzt trat auch Mar Riedau ein, der ſich im Gar⸗ ten ein wenig verſpätigt hatte. Er war, wie er ſchon der Gräfin bemerklich gemacht, nicht eben feſtlich geklei⸗ det, und ſtach in dieſer Beziehung ſehr gegen den jungen Römer ab, der ſich für ſein erſtes Auftreten im Hauſe der Gräfin ſo vortheilhaft als möglich geſchmückt hatte und in der ſpaniſchen Tracht, nach dem Geſchmack ſeiner eigenen Vaterſtadt, nur in den Farben etwas erheitert, den ſchön drapirten kurzen Sammetmantel über der Schulter, eine auffallend bedeutſame Erſcheinung war⸗ Dennoch konnte ein Vergleich mit ihm nicht unbedingt zum Nachtheil für Mar ausfallen. Riedau's hohe Ge⸗ ſtalt, welche zugleich edel gebildet war, überragte die des Südländers beinah um eine Kopflänge, und wenn deſſen Antlitz von Naſſiſcher Form und intereſſanten Zügen, belebt durch ſchwarze Augen voll blendenden Feuers, einen gebieteriſch feſſelnden Eindruck machte, ſo war doch Rie⸗ dau's friſches Geſicht mit den offenen Mienen und dem freundlichen Blick herzgewinnender, wenigſtens für Ge⸗ müther, die ſich nicht durch das Fremdländiſche immer beſtechen laſſen. 119 „Graf Pio Colonna, ich ſtelle Ihnen einen Waffen⸗ gefährten vor, der ſeine Sporen bereits gegen den Erb⸗ feind der Chriſtenheit verdient hat,“ ſagte die Gräfin und nannte Riedau's Namen. Die beiden jungen Männer wechſelten einige Worte der Höflichkeit und bald darauf ſetzte man ſich zur Tafel. Hier herrſchte eine völlige Zwangloſigkeit; die Gräfin hielt die kleinen Cirkel, welche ſie zuweilen um ſich verſammelte, frei von der Etikette, welche am Hofe und in all' dem Hofe nahe ſtehenden Häuſern herrſchte— nicht einmal die Plätze wurden nach dem Range oder paſſender Berechnung einge⸗ nommen, ſondern wie es die eigene Wahl oder der Zufall fügte. Heute hatte ſie nur den Grafen Pio an ihre Seite gezogen, den Andern aber überlaſſen, ſich nach Belieben zu ſetzen. So kam Max ihr grade gegenüber in das volle Licht der Fenſter zu ſitzen, das ſie gern vermied, nicht weil es blendet, ſondern aus Gründen weiblicher Eitel⸗ keit. Cajetana, welche abgewartet hatte, bis für ſie der letzte Platz übrig bliebe, ſaß am obern Ende der Tafel, zwiſchen den beiden vornehmſten Damen, welche ſie in ihre Mitte genöthigt hatten. Sie hörte ſchweigend der Unterhaltung zu, beantwortete einfach die Fragen, welche von ihren Nachbarinnen wohlwollend an ſie gerichtet wurden, und hob nur ſelten ihr demüthig geſenktes Auge, ohne dabei viel zur Rechten oder zur Linken zu ſchauen. Hätte ſie es gethan, ſo würde ſie bemerkt haben, daß ein brennendes ſchwarzes Auge faſt unabläſſig auf ihr ruhte, und es war gut, daß ſie es nicht bemerkte, denn ein ſolcher Blick, dem ſie in ihrem Leben noch nie begegnet war, würde ihre anmuthigen Züge mit glühendem Pur⸗ pur gefärbt, ihr alle Unbefangenheit geraubt haben. Nach der andern Seite hätte ſie mit ungeſtörtem Frieden ſchauen können, dort hätte ſie keinen verletzenden Eindruck empfan⸗ gen. Aber ſie hüttete ſich auch davor. Die Gräfin Francesca war eine zu feine Beobach⸗ terin, als daß es ihr hätte entgehen können, welche Be⸗ wunderung ihr Nachbar der jugendlichen Schönheit Ca⸗ jetana weihte; ſie war ihr eine Bürgſchaft, daß ſie ſich über deren künftige Wirkung in der großen Welt nicht getäuſcht habe, und in ſo fern konnte ſie damit zufrieden ſein. Aber ſie bemerkte zugleich, daß dieſe Bewunderung auch von andern Angen, als den ihrigen, beobachtet wurde, und ein unwilliger Blitz, der mehr als einmal ihr gegenüber aufleuchtete, flößte ihr Beſorgniſſe ein, daß ſich Verwickelungen entſpinnen möchten, deren Fäden ſie nicht mehr in ihrer Hand haben würde. Sie ſah, wie die feine blaue Schlange der Pfeilnarbe an Riedau's Stirn immer dunkler hervortrat, und als die Dame an ihrer rechten Seite dieſelbe auch bemerkte und ſie danach fragte, nahm ſie die Gelegenheit wahr, um die Wellen wie⸗ der zu glätten, welche ſchon unruhig zu werden begannen. „Steht ſie ihm nicht ſchön?“ erwiederte ſie auf die Frage ihrer Nachbarin.„Aber es iſt die Schönheit einer Giftblume und mich ſchaudert, wenn ich ſie anſchaue.“ „Wie das?“ entgegnete die Dame.„Sie iſt ja doch geheilt, wie man ſieht, und alle Gefahr vorüber.“ „Laſſen Sie ſich nur erzählen, was es damit für eine Bewandtniß hat,“ ſagte die Königsegg.„Lieber Max, die Gräfin Auerſperg wünſcht zu wiſſen, bei welcher Affaire Sie die Wunde an der Stirn erhalten haben und was es damit für eine Bewandtniß hat.“ „Es iſt ein Pfeilſchuß,“ erwiederte Riedau, ſich leicht und unbefangen verneigend, da er ſchon oft die⸗ ſelbe Frage beantwortet haben mochte.„Ich erhielt ihn auf einem Streifzuge von einem feindlichen leichten Rei⸗ ter, der im Fliehen, wie es ihre Art iſt, rückwärts ge⸗ wendet ſchoß und mich traf.“ „Schießt man dort noch mit Bogen und Pfeilen, wie zur Zeit der Kreuzzüge?“ lachte Graf Pio Colonna. „Danken Sie Ihrem Glücksſtern, daß es kein gefährliche⸗ res Geſchoß, keine heiße Kugel geweſen iſt.“ „Der Pfeil war vergiftet!“ ſagte die Gräfin Fran⸗ cesca ernſt, und Aller Augen richteten ſich überraſcht und voll Theilnahme auf Riedau. Die Narbe leuchtete in dieſem Moment tiefblau auf ſeiner weißen Stirn, es 1860. III. Im Strom ber Zeit. II. 8 122 ſchien, als ſei ſie viel breiter geworden, als ſie ſich bis⸗ her gezeigt hatte. „Die Türken führen viel unregelmäßige Reiterei aus den wilden Stämmen ihrer fernſten Provinzen in das Feld,“ erklärte Mar.„Dieſe kommen mit der aben⸗ teuerlichſten Bewaffnung, manche allerdings noch mit Bo⸗ gen und Pfeilen. Unſere Dragoner lachten zuerſt, als ſie einen Pfeilhagel erhielten, und ſpotteten über das Kinder⸗ ſpielzeug. Bald aber, da Einige davon doch verwundet wurden und kleine Wunden, deren ſie nicht geachtet, ſich ſo ſchnell verſchlimmerten, daß ein entzündliches Fieber hinzutrat und die Kranken ſtarben, verbreitete ſich der Glaube an böſe Zauberkünſte, bis ein Zigeunerweib uns davon unterrichtete, daß die Tataren zuweilen im Kampfe gegen Chriſten ihre Pfeile vergiften. Doch ich erzähle den Damen Kriegsgeſchichten, welche für ſie nur abſto⸗ ßend ſein können.“ Dagegen erhob ſich aber ein allgemeiner Wider⸗ ſpruch, man bat ihn um weitern Aufſchluß über dieſe furchtbare Sitte und wollte wiſſen, auf welche Weiſe er der Gefahr entgangen ſei, welche in der Verwundung mit einem vergifteten Pfeile liege. Er zögerte ein wenig— auch Cajetana's Auge hatte ſich erwartungsvoll auf ihn gerichtet; nur des jungen Römers Blick hatte einen ſpot⸗ tenden und übermüthigen Ausdruck, welchen Max zum Glück nicht bemerkte. Die Stimme der Gräfin Francesca, welche ihm rieth, ſich nicht allzu lange bitten zu laſſen, beſtimmte ihn, ohne Rückhalt fortzufahren. „Das Zigeunerweib, deſſen ich erwähnte, fand ſich mit andern Leuten ihres Gelichters kurz nach einem hei⸗ ßen Gefecht, das wir einmal in einem Walde hatten, bei uns ein. Sie kauften und ſtahlen von der Beute, mach⸗ ten Muſik und beluſtigten unſere Soldaten durch allerlei Kunſtſtücke und Wahrſagen, gaben ſich auch mit Ver⸗ ſprechen der Wunden ab. Da wurde das Weib eines Reiteroffiziers anſichtig, der von einem Pfeil an der Backe geſchlitzt war— eine kleine Hautwunde, auf welche er nicht einmal ein Pflaſter gelegt hatte. Sie ſchrie ihn an und ſagte, das ſei von einem Tatarenpfeil, und wenn 1 er ſich nicht die Wunde auf der Stelle ausſaugen laſſe, ſo müſſe er in drei Tagen ohne Rettung ſterben, denn der Pfeil ſei in Gift getaucht geweſen. Für drei Ducaten wolle ſie es thun—“ Ein Ausbruch des Abſcheus und Schauders wurde von den Damen gehört. „War die Zigeunerin jung und hübſch?“ fragte der Römer. „Nichts weniger als das!“ erwiederte Max.„Sie war alt und zum Fürchten häßlich. Der arme Meinhart, ſo hieß der junge Offizier, lachte ſie aus, aber ſchon nach wenigen Stunden ſchwoll ihm das Geſicht— der Feld⸗ 6 124 ſcherer verſuchte noch ſeine Kunſt an ihm, umſonſt, er konnte ihn nicht retten, nach drei Tagen war er todt.“ „Entſetzlich! Grauenvoll!“ riefen die Damen. „Und die Zigeunerin?“ fragte Colonna. „Sie war nicht ſo lange im Lager geblieben, ſon⸗ dern mit ihrer Horde weiter gezogen. Vielleicht hätte ſie ſonſt für ihre Prophezeihung gebüßt, denn die Soldaten waren ganz erbittert auf ſie. Es fand ſich auch, daß Viele, die von Pfeilen getroffen waren und ſich eben nicht um die leichten Wunden, die es dabei immer nur gab, viel gekümmert hatten, vollkommen und ſchnell geheilt wurden, und das Gerede, das Anfangs ſehr gefährlich zu werden drohte, ließ ſchon wieder nach. Da kam es aber wieder vor, daß doch ein Paar, die in einem Gefecht mit den tatariſchen Reitern getroffen worden waren, an ihren unbedeutenden Wunden, welche ſich entzündet hatten, ſtar⸗ ben, und es wäre um die ganze Kampfluſt, dieſen Veräch⸗ tern alles Völkerrechts gegenüber, geſchehen geweſen, wenn wir Offiziere uns nicht das Wort gegeben hätten, der Mannſchaft, wenn Einer von uns verwundet würde, zu zeigen, daß Alles nur Aberglaube ſei. Es traf ſich, daß mein Lieutenant einen Pfeilſchuß erhielt; er that nichts dazu und ihm geſchah auch nichts. Zwei Tage darauf wurde ich hier an der Stirne getroffen— ein Kumane, der ſich hatte bei uns anwerben laſſen und mir beſonders Dienſt erweiſen zu dürfen, den die Zigeunerin dem Mein⸗ hart hatte erweiſen wollen; er ſagte mir, daß er mit der tatariſchen Weiſe ganz vertraut ſei und jede Wunde, die ein vergifteter Pfeil gemacht, von einer andern zu unter⸗ ſcheiden wiſſe, die meinige ſei ganz gewiß vergiftet; wenn ich ſie mir nicht von ihm ausſangen ließe, würde ich zwar vielleicht nicht gleich ſterben, aber das Gift im Blute behalten und die Narbe unauslöſchlich tragen, bis— doch was ſoll ich Ihnen all' den Aberwitz wieder⸗ holen, mit dem mich der ehrliche Kumane beſtürmte? Sie ſehen, ich bin geheilt, und aus der kleinen Narbe mache ich mir nichts.“ Die Augen der Damen ſprachen das lebhafteſte In⸗ tereſſe für ihn aus. Er war zwar geheilt und die Narbe, welche nur eine feine geſchlängelte Linie bildete, ſtand ihm ganz ſchön, aber konnte der Kumane nicht Recht haben, daß im Blute das Gift behalten ſei und einſt ihm doch einen unglücklichen Tod bringen werde? Es war nicht unbemerkt geblieben, daß die Narbe vor wenig Minuten in einer höhern Farbe wahrhaft geleuchtet hatte— ein Zei⸗ chen, daß ſie mit dem Blute noch immer in der gefährli⸗ chen Verbindung ſtand. Auch hatte der Kumane noch mehr geſagt, was Riedau für gut befunden hatte, zu ver⸗ ſchweigen. Das mußte er noch beichten. Die Gräfin Kö⸗ anhänglich war, beſchwor mich auf Knieen, mir jenen nigsegg ſelbſt hatte heute mehr erfahren, als ſie bisher davon gewußt hatte, da ihr Mar weder die Geſchichte mit der Zigeunerin, noch die Beſchwörung ſeines Kuma⸗ nen erzählt, ſondern nur kurz geſagt hatte, daß die Ta⸗ taren zuweilen ihre Pfeile in ſchädlichen Pflanzenſaft tauchten, wovon er eben das Zeichen an der Stirn trage. „Sie haben vielleicht ein Amulet gehabt, das Sie gerettet hat,“ ſagte Pio Colonna mit jenem überlegenen Lächeln, das ihm, dem jüngern Menſchen, wenig zuſtand und wohl geeignet war, Riedau zu reizen. „Wir bitten noch um den Schluß des Kumanen,“ nahm die Gräfin Auerſperg das Wort.„Sie ſollen uns nicht verſchweigen, welche Gefahr er Ihnen noch an⸗ gedroht hat, und dann, wenn Sie es noch nicht gethan haben, hier einen erfahrenen Arzt zu Rath ziehen, ob wohl eine Wahrheit darin liegen kann und was ſich da⸗ gegen thun läßt. Erlaubt das Ihr Leichtſinn oder, wenn Sie wollen, Ihre ſoldatiſche Geſinnung nicht, ſo werde ich es für Sie thun, verlaſſen Sie ſich darauf. Erſpart wird Ihnen das nicht, ſo wenig als der Schluß Ihrer Erzählung— nicht wahr, Gräfin Francesca? Alſo re⸗ den Sie.“ „Meine Erzählung iſt geſchloſſen,“ erwiederte Max. „Ich wies den Menſchen, obgleich ich ſeine gute Mei⸗ nung erkannte, mit ſeinem Begehren ab, und die That⸗ ——— 127 ſache, daß weder ich, noch Einer von denen, welche ſpäter noch in ähnlicher Weiſe verwundet wurden, nachtheilige Folgen erlitten haben, entkräftete dann bei unſern Leuten alle Furcht.“ „Sie ſagten aber,“ verſetzte die Gräfin Auerſperg, „daß Sie die Wunde unauslöſchlich tragen würden, bis— fahren Sie fort!“ „Bis ſie einmal wieder aufbricht,“ gab Max ge⸗ zwungen Beſcheid, da ihn auch ſeine Gönnerin dazu er⸗ mahnte. „Dann müſſen Sie ohne Rettung ſterben?“ fragte der Römer.„Armer Mann!“ „O nein, Herr Graf,“ erwiederte Riedau ſtolz. „Dann wird ein neues Leben für mich angehen.— Er⸗ laſſen Sie mir, gnädigſte Gräfin, für heut' die Geſell⸗ ſchaft noch weiter mit Soldatengeſchichten zu langweilen. Den richtigen Arzt habe ich ſchon ſelbſt befragt.“ Er ſagte das mit einer Beſtimmtheit, welche zu ſeiner Stel⸗ lung in dem vornehmen Kreiſe nicht recht paßte, und es trat eine merkliche Pauſe ein. Anna am untern Ende der Tafel blickte mit einem Lächeln voll innern Behagens auf ihren Teller. Die Gräfin Königsegg lächelte auch und wußte bald genug die Unterhaltung wieder in Fluß zu bringen, aber ſie war nicht zufrieden mit ihrem Schütz⸗ linge, der ſich zum Erſtenmale unlenkſam gezeigt hatte. Sechstes Capitel. Abſchied von Wien. Einige Tage waren vergangen, als ſich Graf Karl Fidelis bei ſeiner Stiefmutter einſtellte, um ſich zu be⸗ urlauben, da er zum General⸗Adjutanten beim Feldzeug⸗ meiſter Grafen Guido Stahremberg ernannt worden war und ſich auf ſeinen Poſten nach Süd⸗Tirol begeben mußte, wo die aus Ungarn gezogenen Truppen, welche der mit der Pforte geſchloſſene Friede dort entbehrlich ge⸗ macht hatte, für die kommenden Ereigniſſe allmälig ver⸗ ſammelt wurden. „Müſſen Sie wirklich ſchon morgen abreiſen?“ fragte die Gräfin.„Läßt es ſich nicht um ein paar Tage verſchieben?“ Karl verſicherte, daß es ganz unmöglich ſei. Sie blickte ihn forſchend an, doch ohne es ihn be⸗ merken zu laſſen. Er war bleicher geworden, als ſie ihn je geſehen hatte, ſein Auge hatte einen unſteten Blick, welcher ihm ſonſt niemals eigen geweſen war, und wenn es feſt blieb, zeigte es eine tiefere, innere Glut. Was hatte den Frieden dieſes lebensfriſchen Gemüths getrübt? Ihr Auge glaubte es längſt errathen zu haben. „Schade, daß Sie nicht hier bleiben können,“ ſagte ſie.„Es würde auch unſerer Kleinen die erſten Schritte in die Welt erleichtert haben. Sie wird am Donnerſtag bei der Gräfin Auerſperg zuerſt auftreten. Es genügte, daß ich gegen dieſe vor Kurzem, als ſie bei mir ſpeiſte, den Wunſch ausſprach, meiner Nichte zu Liebe in dieſem Winter aus meiner Zurückgezogenheit wieder hervorzutreten; heut' Morgen erhielt ich ſchon für mich und für ſie eine Einladung zu Donnerſtag. Alles fand meine reizende Tani allerliebſt und die Wege ſind ihr auf eine Weiſe bereitet, daß ich das Beſte für ſie hoffen darf.“ „Geht Cajetana gern?“ fragte Karl. „O ganz gewiß! Wie könnte es anders ſein? Sie wäre kein junges Mädchen, wenn ſie ſich nicht auf die fremde, glänzende Zauberwelt freute! Spreche Sie mir nicht von Gefahren. Ich glaube im Gegentheil, ſie da⸗ durch vor Gefahren zu behiten Die Einſamkeit, lieber Karl, iſt unſer gefährlichſter Feind!“ Sie blickte ihm da⸗ bei ſo feſt in die Augen, daß er flüchtig die Farbe wech⸗ ſelte.„In meiner Einſamkeit,“ fuhr ſie unbefangen fort, „habe ich der armen Tani eine Doppelgefahr nahen laſſen, auf der einen Seite ihr argloſes Herz an Ihren ritterlichen Max Riedau zu verlieren, der wohl eines ſol⸗ chen Herzens werth wäre, auf der andern Seite durch ein feuriges italieniſches Werben mit Sturm genommen zu werden, was ich kaum verhüten könnte. Beides würde mir aber ſehr unlieb ſein, darum will ich ſie in der großen Geſellſchaft Gegenmittel— nennen Sie es Gegen⸗ gift!— nehmen laſſen.“ „Wenn Sie aber doch Max Riedan eines ſolchen Herzens werth erachten,“ entgegnete Karl Fidelis, dieſen Gedanken mit einer großen Wärme auffaſſend,„warum wollten Sie grauſam ſcheidend dazu treten?“ „Wie, lieber Karl? Sie vergeſſen wohl alle Ver⸗ hältniſſe! Wollen Sie Max, der im Begriffe ſteht, den Anfang zu einer Laufbahn zu machen, durch eine ſchwere Verpflichtung aufhalten— und Cajetana, welcher ihr Liebreiz vielleicht ein recht glänzendes Loos verſchaffen kann, dauernd an Elend und Entbehrungen feſſeln?“ „Das größte Elend liegt nicht in der Entbehrung des Glanzes!“ ſagte Karl mit einem ganz beſondern Ausdrucke. „Was wiſſen Sie davon!“ entgegnete die Gräfin, welche den Sinn ſeiner Worte wohl verſtand. Auch ihr Auge verdüſterte ſich für einen Moment, doch fuhr ſie bald wieder gefaßt fort:„Ich habe das Mädchen lieb und will ihr ein beſſeres Glück bereiten, als ſie mit ei⸗ nem armen Offizier finden würde, deſſen Leben jeden Au⸗ genblick in Gefahr ſchwebt. Was reden wir überhaupt 131 von einer bloßen Möglichkeit! Beide haben ſich kaum ge⸗ ſehen, und wenn er unſerm Kinde intereſſant erſcheint, ſo trage ich die Schuld, welche ihn bei ihrem erſten Zuſam⸗ menſein an meiner Tafel zum Helden des Tages machte, was ihm allerdings etwas zuviel Selbſtgefühl gab. Ich hoffe, daß er nicht mehr lange in Wien bleiben wird, die glänzende Geſellſchaft aber, in welche ich Tani führe, bleibt! Es wäre mir ſehr lieb geweſen, wenn Sie mir dabei zur Seite geſtanden hätten— doch, wenn Sie ſchei⸗ den müſſen, ſo kann ich nichts dawider thun.“ „Seien Sie dem armen Kinde immer eine Mut⸗ ter!“ bat Karl.„Ich wollte ſagen, ſeien Sie niemals hart gegen ſie, aber das iſt unnöthig, denn Sie ſind ge⸗ gen keinen Menſchen hart.“ „Ob das ein Lob iſt?“ entgegnete die Gräfin. „Hart ſein zu rechter Zeit kann oft zu einer Wohlthat werden, ſelbſt für den, welchen es trifft. Sie haben aber ganz recht, mir fehlt dazu die Characterſtärke.“ Er verwahrte ſich gegen dieſe Auslegung und nahm dann Abſchied auch von Cajetana, welche die Gräfin ru⸗ fen ließ. Ihre Erſcheinung überraſchte ihn; ſie hatte in der kurzen Zeit ihres Aufenthaltes im Hauſe ſeiner Stief⸗ mutter an Schönheit, wie an gefälliger Haltung gewon⸗ nen, wozu allerdings der vortheilhafte Anzug, für wel⸗ chen die Gräfin geſorgt hatte, viel beitragen mochte. Er — ſagte ſich, daß ſie unzweifelhaft in der großen Welt, in welcher ſie nun bald auftreten ſollte, Bewunderung finden würde, und wünſchte ihr aufrichtig in ſeinem Herzen, daß es zu ihrem Glück gereichen möge. Das ſeltſame Verhält⸗ niß, in welchem er zu ihr ſtand, hatte ihm in ſeinem Be⸗ nehmen gegen ſie eine würdige, man hätte ſagen können, väterliche Haltung gegeben, und wenn dieſe ſonſt zu ſeinem jugendlichen Aeußern einen merkwürdigen Contraſt bil⸗ dete, ſo war das heute nicht mehr der Fall, heute paßte es vollkommen zu ſeinem ernſten Blick, wie zu ſeinem ganzen Ausſehen. Denn er war viel älter geworden, und man konnte nicht ſagen, daß es ihn beſſer kleidete. We⸗ nigſtens in den Augen ſeiner Stiefmutter gereichte ihm die Veränderung, welche mit ihm vorgegangen war, kei⸗ neswegs zum Vortheil— vorzüglich aber kränkte es ſie, daß ſie bei all ihrer Forſchungsgabe nicht im Stande war, die geheime Urſache dieſer Veränderung, welche ſie nur ahnte, klar zu enträthſeln. Der Abſchied, welchen er von ſeinem Mündel nahm, belehrte ſie, daß Karl Fide⸗ lis hier wenigſtens unbefangen war; ſie konnte auch über Cajetana ruhig ſein, wie nahe dieſer das Scheiden des edlen Mannes auch ging, den ſie ihren Wohlthäter nen⸗ nen mußte. Hätte Francisca aber jedem Abſchiede bei⸗ wohnen können, den ihr Stiefſohn nahm, ſo würde ſie vielleicht ihren heißen Wunſch befriedigt geſehen haben— wenigſtens waren das ihre Gedanken. Von Gumpendorf fuhr Königsegg gerührt über Cajetana's Dankbarkeit, die ſie ihm unverholen aus⸗ geſprochen hatte, nach der Stadt zurück, um ſeinen letzten Beſuch zu machen. Er hatte ſich das Abſchiedswort zu dem Freunde bis zuletzt aufgeſpart. Die Stunde war keine gewöhnliche Zeit zu Viſiten, er durfte hoffen, Traut⸗ ſon daheim und keinen ſtörenden Beſuch bei ihm zu fin⸗ den. Zu ſeiner Befriedigung war das auch der Fall. Er wurde gemeldet und angenommen; als er aber in Traut⸗ ſon's Zimmer trat, fand er ihn doch nicht allein, ſondern ſeine Frau mit dem kleinen Töchterlein auf dem Schooße ſaß bei ihm, und es ſchien faſt, als ſei ihm dies Bild des reinſten Familienglücks widerwärtig, wie es einem einge⸗ fleiſchten alten Hageſtolz vielleicht geweſen wäre, denn er ſtutzte ſichtlich auf der Schwelle und ſeine Augenbrauen zogen ſich zuſammen. Zum Glück bemerkte es jedoch we⸗ der der Freund, welcher ihm herzlich entgegen kam, noch die junge, anmuthige Frau, welche ihn von ihrem Sitze aus lächelnd willkommen hieß, und er bezwang die Anwandlung ſchnell, wenn es überhaupt etwas Anderes geweſen war, als eine Ueberraſchung, da er Niemand hier zu ſehen vermuthet hatte. Trautſon wußte ſchon um die baldige Abreiſe Kö⸗ nigsegg's und ſprach in dieſem Gedanken zu ihm, während er ihn zu ſeiner Frau führte, an deren Seite er ſich nie⸗ derlaſſen mußte. Sie fragte ihn mit der freundlichſten Theilnahme nach Allem, was ſeine Reiſe und ſeine nächſte Beſtimmung betraf; es war nicht der Ton der bloßen Höflichkeit oder gar der Neugier, welcher in ihren Wor⸗ ten klang, ſondern des wahren Antheils, den ſie an ihm um ſeiner Freundſchaft zu ihrem Leopold willen nahm, denn ſie gehörte nicht zu den Frauen, welche eiferſüchtig auf die frühern Freunde ihrer Männer ſind und dieſen zuweilen, beſonders wenn es Junggeſellen ſind, eine herz⸗ hafte Abneigung widmen; auch hatte ſie von Karl Fidelis durch ihren Gatten und auch ſonſt in der Geſellſchaft genug gehört, um ihn von der beſten Seite anzuſchauen. Er hätte ſich ſo wohl fühlen können bei den lieben Her⸗ zen, die es Beide gut mit ihm meinten; der Geiſt der innigen Liebe und des Glückes, der hier waltete, hätte ihn entzücken ſollen, wenn er ſah, wie Trautſon zuweilen mit einem Blicke der reinſten Freude auf ſein geliebtes Weib und das roſige, blondlockige Kind ſchaute, das auf ihrem Schvoße ſpielte und oft vor Luſt aufjauchzte, und wie das ſeelenvolle Auge der zarten Frau dann ſo liebreich zu dem Manne aufſah, der, nächſt Gott, ihr ſtarker Schutz und Schirm im Leben war. Aber es war ihm eher, als verwandle ſich der warme, wohlthuende Hauch der Se⸗ ligkeit, der hier wehte, wenn er ſeine Bruſt berührte, in Eisluft und verkrampfe ihm das Herz. War es der 135 Gedanke, daß er ſelbſt eines ſolchen Glückes nie theil⸗ haftig werden könne, welcher dieſe unheimliche Verwand⸗ lung hervorbrachte? Er blieb nicht lange. Als er ſchon von der Gräfin Abſchied nahm, fragte er ſie von einem plötzlichen Ge⸗ danken ergriffen, ob ſie in den nächſten Tagen bei einem Feſte im Auerſperg'ſchen Hauſe ſein werde, und als ſie das bejahte, ſagte er, daß ſie dort ſeine Stiefmutter treffen werde, welche um des jungen Mädchens willen, das ſie jetzt bei ſich habe, in dieſem Winter wieder Geſell⸗ ſchaften beſuchen wolle.„Ich empfehle das unerfahrene Kind, das in der Welt ganz fremd iſt, Ihrem Schutze,“ fügte er hinzu. Die Gräfin erwiederte lächelnd, daß ſie ſchon von Fräulein von Feldberg ſo viel Schönes gehört, daß ſie wohl keines Schutzes bedürfen werde, und wünſchte ihm, als er ſich nun mit einiger Förmlichkeit empfahl, für ſeine Reiſe und die kommenden Zeiten alles Glück und Heil. Trautſon begleitete den Freund bis in das Vorzim⸗ mer, wo dieſer ihn nochmals ſtark an das Herz drückte und dann raſch hinweg ging. .„Ich glaube,“ ſagte die Gräfin zu ihrem Manne, als er zu ihr zurückkehrte,„daß Dein Karl Fidelis mich nicht gern mag.“ „Wie kommſt Du auf dieſen Gedanken, Reſi?“ fragte Trautſon überraſcht. „Das kann ich Dir nicht ſagen, aber ich fühle es. Er iſt ſehr zuvorkommend, ſehr aufmerkſam gegen mich, wenn er einmal in meiner Nähe iſt, aber— ich hab's ſchon geſehen! wenn er es vermeiden kann, bleibt er lieber von mir weg. Gönnt er mir Dein Herz nicht und will es lieber ganz für ſich haben? Ich bin ihm gut, weil er gar ſo brav und Dein Freund iſt, er aber mag mich gar nicht einmal anſchauen, und das thut mir leid.“ Trautſon mühte ſich, ihr das auszureden. Wäre noch Gelegenheit geweſen, ſo würde er den Freund dar⸗ über zur Rede geſtellt und ein Mißverſtändniß ſeiner Frau, das er nicht begriff, aufgeklärt haben, aber das war nicht mehr möglich, und ſo ſtellte er ihr wenigſtens die Unmöglichkeit ihrer Annahme vor, bei welcher ſie jedoch, auf die Thatſache ſeiner kalten Höflichkeit geſtützt, verblieb. Als Königsegg in ſeine Wohnung zurück kam, fand er Max Riedau, der auf ihn gewartet hatte, um ihm ein letztes Lebewohl zu ſagen. Er hatte ihn in den jüngſt⸗ vergangenen Tagen nicht geſehen und ließ ſich von ihm erzählen, daß er in der Nichte ſeiner Stiefmutter, welche er kennen gelernt, eine große Aehnlichkeit mit einem jungen Mädchen gefunden, von welchem er damals dem Grafen, wenn er nicht irre, ſchon geſagt habe. 137 „O ja!“ erwiederte Königsegg lächelnd,„Sie ha⸗ ben ſehr oft davon geſprochen. Und dies Bild hat ſich nun verwirklicht, glauben Sie?“ „Ich weiß, daß es ein Spiel meiner Einbildung geweſen iſt,“ ſagte Mar.„Fräulein von Feldberg iſt erſt ſeit kurzer Zeit in Wien und— eine junge, vornehme Dame, während meine Kranzwinderin ein einfaches Kind geweſen, gewiß das Kind achtbarer Bürgersleute, denn wer anders wohnt dort. Doch iſt es ſeltſam, daß ich ſeit dem Tage, wo ich Fräulein von Feldberg bei Ihrer Frau Mutter geſehen habe, mich nicht mehr recht auf die Züge des jungen Mädchens beſinnen kann, um einen Vergleich ihrer Verſchiedenheit anzuſtellen.“ Er ſprach hier offen aus, was er bereits im Garten zu Gumpen⸗ dorf gedacht hatte. Karl Fidelis fühlte einen Moment den Drang, vor dem jungen Freunde, auf deſſen Ritterlichkeit er ſich verlaſſen konnte, den Schleier der Unwahrheit, welchen ſeine Stiefmutter gewoben hatte, zu zerreißen, aber er nahm doch Anſtand, weil er über die Folgen eines ſolchen Schrittes nicht ſicher war und es ihm vorſchwebte, was die Gräfin über das Verhältniß zu Riedau's Schweſter geſagt hatte, welcher die Wahrheit, im Falle ſie Max wußte, nicht lange verborgen bleiben konnte. Er erwie⸗ derte daher, ohne ſich weiter auf die Aehulichkeit welche 1860. III. Im Strom der Zeit. II. Max gefunden, und die ſeltſame Verſchmelzung der bei⸗ den Bilder in ſeiner Seele einzulaſſen, wieviel Stoff zur Neckerei ihm das in ſeiner frühern Laune auch geboten haben würde:„Sie irren, wenn Sie Cajetana für eine vornehme Dame in dem Sinne halten, wie Sie es an⸗ gedeutet haben. Sie iſt auch nur ein einfaches, noch ſehr ſchüchternes Kind, das erſt in die große Welt eingeführt werden ſoll. Vielleicht begegnen Sie ihr nächſtens bei der Gräfin Auerſperg— Sie kennen die Dame doch?“ „Ich bin ihr vorgeſtellt worden durch Dero Frau Mutter,“ antwortete Riedau,„aber ich habe nicht die Ehre in ihrem Hauſe eingeführt zu ſein. Fräulein von Feldberg wird dort zum Erſtenmale in die Wiener Ge⸗ ſellſchaft kommen?“ Er fragte mit ſo unverkennbarem Intereſſe, daß Königsegg's vorgefaßte Idee nur beſtätigt wurde. „Es iſt ein wichtiger Schritt, nicht wahr?“ erwie⸗ derte er, nachdem er die Frage bejaht hatte.„Ich be⸗ dauere, ſie dabei nicht beobachten zu können. Ich hoffe aber, ſie wird unter dem Schutz meiner Mutter wohl be⸗ rathen ſein— und auch ſonſt!“ ſetzte er kurz abbrechend hinzu, indem er gedachte, wem er ſie empfohlen hatte. „Wie haben ſich Ihre eigenen Ausſichten geſtaltet? Iſt es noch immer bei ſchönen Worten geblieben?“ Max zog die Augenbrauen zuſammen, um ſeinen 139 Mund ſpielte ein ſtolzes Lächeln.„Ich habe mich beſchie⸗ den,“ ſagte er.„Seit wiederum ein Fremder, der kaum den Fuß in die kaiſerlichen Erblande geſetzt, noch keinen Pulverblitz geſehen hat, mir vorgezogen worden iſt, bin ich überzeugt, daß es trotz aller Verwendung meiner gnä⸗ digen Gönner nur bei ſchönen Worten bleiben wird, und finde mich in mein Schickſal.“ „Wen meinen Sie?“ fragte Königsegg, über die un⸗ angenehme Nachricht betroffen. „Ein römiſcher Graf Colonna, den ich bei Ihrer Frau Mutter geſehen habe, iſt als Lieutenant im Regi⸗ ment Savoyen⸗Dragoner angeſtellt worden, während ich mir die vergebliche Hoffnung machte, in die vacante Stelle verſetzt zu werden. Nach Allem, was mir geſagt worden iſt, mußte ich mir dieſe Hoffnung machen. Aber ich habe nun Alle gebeten und bitte auch Sie, Herr Graf, ſich meinetwegen nicht mehr zu bemühen— ich werde dadurch nur in den Augen aller meiner Cameraden lächerlich ge⸗ macht.“ „Ich kenne dieſen Colonna nicht,“ erwiederte Kö⸗ nigsegg, indem er unwillig die Achſeln zuckte.„Welche Einflüſſe hier mächtig geweſen ſind, kann ich nicht wiſſen. Jedenfalls dürfen Sie meiner Mutter keine Schuld bei⸗ meſſen, auch wenn Sie den Grafen Colonna bei ihr ge⸗ ſehen haben. Sie intereſſirt ſich zu lebhaft für Sie, um 9* ſich zu Ihrem Nachtheil für den A ndern zu verwenden, was ohnehin nur auf Umwegen möglich ſein würde.“ „Ich gebe Niemand die Schuld,“ ſagte Max mit einem freien Blick.„Ihrer Frau Mutter, welche ſtets ſo gütig gegen mich und meine Schweſter iſt, am wenigſten⸗ Als ich mit dem Grafen Colonna bei ihr ſpeiſte, ahnte ich freilich nicht, daß er in dem Regimente angeſtellt ſei, auf welches meine heißen Wünſche gerichtet ſind, aber ich möchte glauben, daß ich eine gewiſſe Ahnung gehabt, mir werde durch ihn einmal etwas Unangenehmes geſchehen, da ich vom Anfang an gegen ihn eine Abneigung fühlte, ich wußte ſelbſt nicht warum. Er iſt ein ſchöner Mann und macht ſeiner vornehmen Geburt alle Ehre, aber die dreiſte Art, mit welcher er ſeine Bemerkungen in das Geſpräch warf und ſeine Augen wie ein Paar Pech⸗ fackeln auf Fräulein von Feldberg richtete, mißfiel mir ganz und gar, und wär' ich ein Raufbold, ſo hätte ich für mein Leben gern Händel an ihm geſucht.“ „Sie ſind aber kein Raufbold, lieber Max, und das iſt auch recht gut. Cajetana wird ſeine Augen nicht bemerkt haben, denn ſie ſchlägt die ihrigen ſelten auf, und wenn Sie, wie ich nach den Aeußerungen des Prinzen Eugen nicht zweifle, doch noch in das Regiment Savoyen⸗Dra⸗ goner kommen, ſo werden Sie ſich ſchon Achtung vor allen jungen Eindringlingen, die erſt noch ihre Kriegs⸗ 141 erfahrungen machen ſollen, verſchaffen. Haben Sie den Kunheim, da Sie von ihm ſprachen, etwa kürzlich geſehen? Er wollte ja in ſeinen märkiſchen Sand heimkehren.“ „Das hat er auch gethan. Mir fiel er nur ein, als ich den übermüthigen Italiener vor mir ſah— das war aber Einer von denen, die er ſeine Lieblingsbiſſen nannte, denen er mit wahrer Wonne in die glatten Geſichter ſei⸗ nen Namen ſchrieb, wie er es nannte. Ich konnte an der Tafel Ihrer Frau Mutter ſein Gelüſt begreifen.“ Königsegg lachte, aber er erkannte doch, daß die im ſcherzhaften Ton geſprochene Aeußerung ihren Ernſt in ſich barg. Beide kamen nun auf die allgemeinen Angele⸗ genheiten und die Ausſichten zu einem neuen Kriege zu ſprechen, und trennten ſich mit der Ueberzeugung, daß nur ein Krieg ihr Glück machen könne, wenn ſchon in ſehr verſchiedenem Sinne. Riedau's feurige Seele ſehnte ſich nach neuen Thaten, durch welche es ihm doch gelingen werde, ſich den Preis der Ehren zu gewinnen— Karl Fidelis ſuchte im künftigen Wetterſturme den Frieden, den er im ſonnigen und ſachten Leben der Gegenwart verlo⸗ ren hatte.— Es nahte der Tag, an welchem das Feſt der Gräfin Auerſperg angeſagt war. Max hatte ihn erforſcht und es ließ ihm keine Ruhe, daß er davon ausgeſchloſſen ſein ſollte; vielleicht hätte es nur eines Wortes an ſeine hohe Gönnerin, die Gräfin von Buſſy⸗Rabutin bedurft, um durch ſie eine Einladung zu erhalten, oder auch ohne eine ſolche eingeführt zu werden, aber er ſcheute ſich, einen ſolchen Wunſch gegen ſie auszuſprechen. Offen, wie er ſonſt war und niemals in Verlegenheit, ſeine Gedanken zu offenbaren, weil er ſich ihrer nicht zu ſchämen brauchte, fühlte er doch jetzt eine unüberwindliche Abneigung, von ſeinem geheimen Verlangen zu ſprechen, und wunderte ſich ſelbſt darüber— war es denn etwas Unrechtes? Nur gegen ſeine Schweſter, als er ſie am Tage vorher einmal wieder beſuchte, ließ er eine Aeußerung fallen, aus der ſie den richtigen Schluß ziehen konnte. „Der Herr Bruder wollen unſere Damen gern be⸗ gleiten,“ ſagte ſie gleich.„Und ich, welche doch zu Hauſe bleiben muß, weil die Frau Gräfin ſie niemals mit nimmt, ich ſoll die Sache fein einfädeln.“ „Wer ſagt Dir das?“ fuhr Mar etwas auf. „Dein Auge, das mich nicht anſchauen kann!“ er⸗ wiederte ſie.„Wenn es iſt, weil Du Dich ſchämſt, als Galant' uomo, wie meine Gebieterin ſagt, in den vor⸗ nehmen Geſellſchaften zu glänzen, während Deine Schwe⸗ ſter, weil ſie häßlich iſt und in ihrer Bettelarmuth keine ſchönen Kleider hat, daheim ſitzen muß, ſo haſt Du ſchon ganz Recht. Aber Du haſt noch einen andern Grund, Dn haſt ein ſchlechtes Gewiſſen.“ — 143 „Anna! Das hat mir kein Menſch zu ſagen ge⸗ wagt!“ „Ich glaub's! Aber Deine Schweſter ſagt Dir's! Du willſt nicht der vornehmen Geſellſchaſt wegen unſere Damen morgen begleiten, Du haſt noch Deine ganz be⸗ ſondere Abſicht. Aber ſchlag' Dir das aus dem Sinne. Meinſt Du, weil ſie mit Dir ſpielt, wie mit einer hübſchen Puppe, daß ſie Dir im Ernſt Alles ſchenken könne, wonach Du Deine kecke Soldatenfauſt ausſtreckſt?“ „Sprich deutlich, wenn ich Dich verſtehen ſoll! Oder ſchweig' lieber ganz, wenn Du mir die kurze Zeit, wo ich bei Dir bin, immer mit Stachelreden verderben mußt.“ Er griff nach ſeinem Hute. „Du ſollteſt wohl auf Dich Acht haben, Max,“ ſagte ſie etwas ſanfter,„daß Du Deinem leidenſchaftlichen Ungeſtüm nicht zu ſehr den Zügel ſchießen läſſeſt. Welches Schickſal könnteſt Du Dir dadurch bereiten! Du weißt, wovon Dich der alte Kumane, von dem Du neulich er⸗ zählteſt, gewarnt hat.“ Er warf ungeduldig den Kopf zurück.„Aberwitz!“ rief er. „Und was Deine Schweſter Dir ſagt, ſollteſt Du Dir eher zu Herzen nehmen, als deshalb in den Harniſch fahren. Dein Platz iſt nicht bei Denen, welche im Glanz und Reichthum ihrer hohen Geburt ſchwelgen— wenn ſie Dich dulden, ſo geſchieht es nur, weil Deine Mannes⸗ ſchönheit ihren Augen wohlgefällt und Du gewiß eine ſtattliche Figur in ihren Sälen ſpielſt. Aber dieſe Zeit wird vorübergehen, und wenn ſie Dich fallen laſſen, wird es für Dich um ſo grauſamer ſein, je mehr Du Dich als Ihresgleichen angeſehen haſt.“ „Ich weiß das Alles und vergebe mir nichts,“ er⸗ wiederte er.„Auch werde ich nicht mehr lange in Wien ſein, denn wenn nicht alle Zeichen trügen, ſo werden bald wieder die Standarten fliegen und die Trompeten ſchmet⸗ tern, und dann, liebe Schweſter, werde ich gewiß an mei⸗ nem Platze ſein.“ Als er bald darauf das Haus verließ, begegnete er im Freien Cajetana. Beide grüßten ſich, und obwohl er ihr gern ein Wort geſagt hätte, hielt er ſich dennoch nicht für berechtigt, ſie anzureden, und ſo gingen ſie ſtumm an einander vorüber. Cajetana, wie wenig ſie auch nach Kö⸗ nigsegg's Meinung ihre Augen aufſchlug, hatte gleichwohl eine Bemerkung gemacht, welche ſie ſeiner Schweſter, mit der ſie noch eine Weile im Laufe des Abends allein war, nicht vorenthielt. „Ich bin Ihrem Bruder begegnet,“ ſagte ſie.„Die Narbe, von der er neulich auf Veranlaſſung der Tante erzählen mußte, war heut' ſo ſtark ſichtbar— iſt denn wirklich keine Gefahr mehr dabei? Ihr Bruder blieb den 145 Schluß ſeiner Erzählung ſchuldig und hat gewiß noch et⸗ was darüber verſchwiegen.“ „Ja wohl, ich kann es Ihnen aber ſagen, gnädi⸗ ges Fräulein. Der alte Kumane, der ihn vergebens be⸗ ſchworen hatte, ſich von ihm das Gift aus der friſchen Wunde ſaugen zu laſſen, hat ihn gewarnt, ſich vor allen heftigen Aufregungen des Blutes zu hüten; denn wenn die Wunde, welche nur äußerlich verharſcht ſei, davon einmal wieder aufbräche, ſo ſei er verloren, es wäre denn, daß ſich Jemand fände, der ihm jenen ſchauerlichen Dienſt noch leiſte, aber nicht um Geld, oder aus bloßem Mitleid, ſondern aus wahrhaftiger Liebe—“ „Das könnte Niemand, als Sie, Anna!“ rief Ca⸗ jetana ergriffen. „Ich?!“ entgegnete Anna, der ein ſolcher Gedanke gewiß noch nicht in den Sinn gekommen war. „Wer könnte ihn mehr lieben, als ſeine Schweſter!“ ſagte Cajetana weich.„Gott behüte ihn und Sie, daß es niemals ſo weit kommt, aber wie ich die Narbe jüngſt, als ihm Graf Pio immer ſo ſpottend dreinſprach, flammen ſah, ſo möchte mir Angſt werden, daß ſie doch einmal wie⸗ der aufbrechen könnte!“ „Mein Bruder ahnt wohl nicht, daß ſich das gnä⸗ dige Fräulein um ihn ängſtigt!“ verſetzte Anna.„Wie dankbar würde er dafür ſein!“ 146 „O Sie dürfen darüber nicht ſcherzen, Sie als ſeine Schweſter! Wenn es nun geſchieht und Niemand iſt bei ihm, der es recht gut mit ihm meint und der ſich dazu entſchließen kann—— Lebt der alte Mann noch, welcher ihn ſo gewarnt hatte?“ „Nein!“ ſagte die Riedau kalt.„Mein Bruder hat mir erzählt, daß er in dem letzten Gefecht vor Abſchluß des Waffenſtillſtandes erſchoſſen worden iſt. Aber das thut nichts. Mein glücklicher Bruder weiß ſich alle Her⸗ zen ſo zu gewinnen, daß, wenn ſich wirklich das Unglück ereignen ſollte, wohl ein Dutzend Lippen um die Ehre ſtreiten wird, ihn durch eigene Aufopferung zu retten. Mir thun Sie eine ſehr unverdiente Ehre an, gnädiges Fräulein, wenn Sie mich eines ſolchen Heldenmuthes fä⸗ hig halten.“ „Sie könnten ihn ſterben ſehen, ohne den Muth zu haben, ihm das Leben zu retten?“ rief Cajetana. „Ich glaube, ja!“ ſagte die Riedau gelaſſen. Cajetana wandte ſich von ihr ab und war in einer ſo aufgeregten Stimmung, daß ſie nichts auf dieſe em⸗ pörende Herzloſigkeit zu erwiedern wußte. Da lachte die Riedau und ſagte:„Das gnädige Fräulein nehmen die Sache ſo ernſthaft, daß ich einen Scherz daraus machen mußte. Ich halte die ganze Geſchichte für einen Aberwitz, wie auch mein Bruder ſchon ſagte. Die Soldaten ſind ein 147 abergläubiſches Volk. Ich könnte Ihnen davon die luſtig⸗ ſten Beiſpiele erzählen. Auch mein guter Max iſt nicht frei davon. Ein wenig glaubt er an die Prophezeihung des Kumanen, und einmal, da er ſo recht übermüthig war, beim Tanz glaub' ich oder bei der Unterhaltung mit einer ſchönen Frau, will er ſchon ein heftiges Klopfen in der vernarbten Wunde gefühlt haben, als poche das Blut an der Pforte, um hervorbrechen zu dürfen. Ich hab' ihn ausgelacht, als er es mir erzählte, und ihm geſagt, daß ein kleiner Aderlaß ihm ganz gut wäre, denn er iſt zu heißblütig.“ Sie plauderte in ſolcher Weiſe fort, ſcheinbar ganz abſichtslos, und doch ruhte dabei ihr Auge auf Cajetana, deren unbewachte Züge in ſchuldloſer Offenheit jede Re⸗ gung ihrer Seele abſpiegelten. Wenn es ihr darum zu thun war, die Beſorgniß um ihren Bruder zu zerſtreuen, ſo erreichte ſie grade das Gegentheil. „Wenn er an die Prophezeihung glaubt,“ ſagte Ca⸗ jetana,„ſollte er, wie auch die Gräfin Auerſperg gerathen hat, einen Arzt fragen— das müßten Sie bei ihm durch⸗ ſetzen, Anna!“ „Ich habe keine Macht über ihn,“ erwiederte Anna mit ihrer gewöhnlichen Kilte Cajetana wollte dem Gefühl, das ſie jetzt überwallte, Worte geben, aber ſie unterdrückte dieſelben noch zu 148 rechter Zeit, wurde jedoch ganz roth. Die Riedau ar⸗ beitete ruhig weiter und erinnerte ſie nach einer Weile, als das Geſpräch gänzlich ſtockte, daß es wohl Zeit ſein werde, an die Toilette zu denken, da die Gräfin mit ihr ausfahren wolle, und es nicht liebe, wenn ſie auch nur eine Minute warten müſſe. Cajetana hatte dieſe unglücklichen Beſuche ganz vergeſſen und ſtand jetzt erſchrocken auf, um ſich in die Hände des Kammermädchens zu begeben, welche ſie bei ihrer völligen Unerfahrenheit in den Geheimniſſen der Mode und des herrſchenden Geſchmacks unbeſchränkt an ſich ſchalten laſſen mußte. Wie oft hatte ſie dabei ſchon an die treue Kathi gedacht, die ſich einſt gewünſcht hatte, in ihren Dienſt zu treten! Wo mochte das arme Kind jetzt ſein? Vielleicht im tiefſten Elende mit ihrem Vater ſchmachten!—„Das gnädige Fräulein ſchauen ſo traurig aus!“ bemerkte die Kammerjungfer theilnehmend. Caje⸗ tana faßte ſich ſchnell und verſuchte zu lächeln. Sie war erſtaunt und böſe auf ſich ſelbſt, daß man ihr ſtets an⸗ ſehen konnte, was ſie dachte, und nahm ſich ernſtlich vor, über ſich zu wachen. Für die neue Welt, die ſich ihr er⸗ ſchließen ſollte, konnte ſie keinen beſſern Entſchluß faſſen— wenn er ſich nur eben ſo leicht ausführen ließe! Die Gräfin Königsegg hielt es für wohlgethan, noch vor dem erſten Auftreten Cajetana's ſie einigen Da⸗ men der vornehmſten Kreiſe, vor Allen der Oberhofmei⸗ 149 ſterin Ihrer kaiſerlichen Majeſtät, der verwitweten Gräfin Fels, gebornen Gräfin Schärfenberg, vorzuſtellen; von dort wollte ſie zu der Dame fahren, welche daſſelbe hohe Amt bei der römiſchen Königin bekleidete: es war eine Landsmännin von ihr, wenn ſchon aus dem Süden Ita⸗ liens und viel älter als ſie, die Witwe des Feldmarſchalls Caraffa, welcher in Ungarn die furchtbaren Strafgerichte über die Rebellen verhängt hatte. Auf dieſen letzten Be⸗ ſuch hatte ſie ganz beſondere Hoffnungen geſetzt— Caje⸗ tana mußte überall gefallen. Was aber waren denn ihre Pläne mit ihr? Hirbentes Capitel. Im Concert. Im Hauſe der Gräfin Auerſperg war eine glän⸗ zende Geſellſchaft verſammelt, nicht ſo zahlreich, als wir ſie in dem Zirkel der gebornen Prinzeſſin von Holſtein gefunden haben, aber eben deshalb ausgewählter. Wenn die Fürſtentochter die Ehren ihres Hauſes vielleicht in größerm Stil zu machen wußte, um ſo größer, je mehr ihr daran lag, in ihrer zweiten Ehe die Schmach ver⸗ 150 geſſen zu laſſen, welche die Veruntreuungen ihres erſten Gemahls, des Grafen Sintzendorff, nach ſich gezogen hatten, ſo verſtand es die feine und gewandte Gräfin Auerſperg dagegen, ihren Gäſten die Stunden ihrer An⸗ weſenheit ſo lieb und behaglich, als möglich, zu ſchaffen. Darum fand man ſich ſtels gern bei ihr ein, und eine Einladung von ihr wurde eben ſo wohl als eine Freude, wie als eine Auszeichnung aufgenommen. Man ſah hier nur heitere Geſichter. Die Unterhaltung, welche die Pau⸗ ſen zwiſchen der Muſik oder dem Tanze füllte, floß in zwangsloſer, anſprechender Weiſe, und auch die junge Welt, ſo leidenſchaftlich ſie ſonſt dem Tanze ergeben war, fühlte ſich hier, wenn nur Muſik gemacht wurde, voll⸗ kommen entſchädigt. Das war heute der Fall. Zur Gräfin Trautſon, als eben das erſte Muſikſtück von einem ausgezeichneten Orcheſter vorgetragen werden ſollte, ſetzte ſich Graf Wratislaw, nicht ohne einige Mühe, ſeiner übermäßigen Leibesfülle den nöthigen Platz zu verſchaffen. Er unterhielt ſich gern mit der jungen Frau, und verglich den Genuß, den ihm ihre Unterhal⸗ tung gewährte, mit dem friſchen Trunk eines verſchmach⸗ tenden Wanderers aus einer klaren und reinen Felſen⸗ quelle. Das war nicht eben ſchmeichelhaft für andere Damen, welche ſich kurz vorher bemüht hatten, ihr Licht von dem geiſtreichen Manne beſtens leuchten zu laſſen. 151 „Der Freund ihres Gemahls iſt abgereiſt?“ fragte er.„Ich meine den Grafen Karl Fidelis.“ Die Gräfin bejahte es, und ſetzte hinzu, daß er beim Abſchiede ihr eine junge Verwandte empfohlen habe, welche heute durch ſeine Stiefmutter in die Geſellſchaft eingeführt werden ſollte. „Ich weiß es,“ ſagte Wratislaw,„und bin ge⸗ ſpannt auf dies Wunderkind. Man erzählt ſich ſchon ſo viel von ihren Reizen, daß die Gräfin Königsegg ihrer Siege ſehr gewiß ſein muß— ſonſt würde ſie ſich ein ſehr gefährliches Spiel bereitet haben. Die Erwartungen ſind hoch geſpannt: bemerken Sie nur, wie Aller Augen ſich jedesmal auf die Thüre richten, wenn neue Perſonen er⸗ ſcheinen.“ „Graf Karl Fidelis nannte ſeine Couſine ein jun⸗ ges unerfahrenes Kind, das in der Welt eines beſondern Schutzes bedürfe.“ „Den wird ſie bald finden, wenn ſie nur zur Hälfte dem Bilde entſpricht, das man ſich von ihr macht.— Eine Italienerin verläugnet ſich nicht, ſie läßt mit Abſicht auf ſich warten, glauben Sie mir, unſere liebenswürdige Frau Wirthin kann aber den Anfang des Concertes nicht länger verzögern.“ Die Muſik begann in dieſem Augenblicke und die Unterhaltung verſtummte. Man wußte wohl, daß die Gräfin Auerſperg ihren Güäſten nichts Gewöhnliches vor⸗ führte, darum lauſchte Alles mit großer Aufmerkſamkeit, und auch Wratislaw, der im Reich der Töne ein Kenner war, ließ ſich während des Muſikſtückes durch Nichts zerſtreuen. Erſt als daſſelbe geendigt hatte und ein leb⸗ hafter Beifall ſich kund gab, ließ er ſeine klugen, blitzen⸗ den Augen wieder über die Verſammlung ſtreifen. „Wahrhaftig!“ rief er auf einmal und wandte ſich zu ſeiner Nachbarin,„das nenne ich feine Berechnung. Dort iſt die Gräfin Königsegg und hat in aller Stille während der Muſik Platz genommen⸗ Sie hat dadurch das erſte, für ihre Nichte immer Verlegenheit bereitende Aufſehen vermieden. Jetzt begrüßte ſie erſt die Wirthin. Erlauben Sie mir das Wunderkind etwas in der Nähe zu beſehen!“ Die Gräfin Trautſon hatte Cajetana ſchon in das Auge gefaßt und fand Alles beſtätigt, was ihr über ihren Liebreiz geſagt worden war. Cajetana war in der That bezaubernd ſchön. Die Erregung des Moments, welche ihre Wangen mit lieblicher Roſenglut überwallt hatte, ihr edles Antlitz, das ſtrahlende braune Ange, das ſie eben ſchüchtern zu der Dame vom Hauſe erhob, vor wel⸗ cher ſie ſtand, vorzüglich aber ihre vollendet ſchöne Ge⸗ ſtalt, deren Pracht erſt der Geſchmack ihrer Beſchützerin durch den einfachſten und doch gewählteſten Anzug vor den 153 bewundernden Blicken Aller entfaltet hatte, wie es bis⸗ her noch niemals geſchehen war, machten ſie ſelbſt ſchwer zu befriedigenden Kennern der Frauenſchönheit, ja den jüngern Frauen ſogar, im höchſten Grade anziehend. Das gefährliche Spiel, das ſich die Gräfin Königsegg bereitet hatte, war gewonnen. In der Pauſe, welche nach dem erſten Tonſtück ein⸗ trat, wogte die Geſellſchaft durch einander und wurden Erfriſchungen herumgereicht. Gräfin Francesca ſtellte während derſelben ihre Nichte— wir müſſen ihr nun ſchon dieſen angenommenen Titel laſſen— ihren Bekann⸗ ten vor, von denen Cajetana ohne Ausnahme freundlich empfangen wurde, ſo daß ihr Herz ſich dem wohlthuen⸗ den Eindruck, den dieſe zuvorkommend gütige Weiſe auf ſie machte, bald zu erſchließen begann. Auch der Gräfin Trautſon wurde ſie zugeführt, und dieſe erwähnte gegen ſie ihres Vetters Karl Fidelis. Ein ſchnelles Erröthen, eine unverkennbare Befangenheit Cajetana's mußte die Gräfin auf einen falſchen Schluß führen; ſie konnte freilich nicht ahnen, daß Cajetana durch den Namen an ihre traurige Vergangenheit, an die Lüge ihrer gegenwärtigen Exi⸗ ſtenz, der ſie ſich ſchweigend gefügt, erinnert wurde. Da⸗ her äußerte Marie Thereſe gegen ihren Gemahl, wel⸗ cher ſich ihr bald nachher nahte, was ſie bemerkt zu haben glaubte, und ſetzte hinzu, daß ſie, wenn der 1860. III. Im Strom ber Zeit. II. 10 Grad der Verwandſchaft kein Hinderniß ſei, Beide für ein ſehr paſſendes Paar halte. Trautſon dachte an die Geſpräch, das er mit ſei⸗ nem Freunde gehabt hatte, und erwiederte:„Ich wünſche, daß Du geirrt haben mögeſt, Reſi. Wenn er ihr nicht gleichgültig iſt, wie Du errathen zu haben glaubſt, ſo iſt ſie nur zu beklagen.“ Er theilte ihr mit, was er von Karl Fidelis gehört hatte. Inzwiſchen trat Wratislaw wieder zu ihnen, da die Geſellſchaft, durch das leiſe Stimmen der Inſtrumente gemacht, ſich neu zu gruppiren und Platz zu nehmen begann. „Sie haben Recht, Frau Gräfin,“ ſagte er,„Fräu⸗ lein Feldberg iſt durchaus fremd und unerfahren in der Welt. Ich hätte ihr wohl gewünſcht, unter Ihrem Schutz die glatte Bahn zu wandeln— wenn ich recht ſehe, führt ſie die Marcheſina nicht mit der zuverläſſigſten Hand.“ Die Königsegg war vor Cajetana hinweggetre⸗ ten und im angelegentlichen Geſpräch mit dem Fürſten Salm, dem Oberſthofmeiſter des römiſchen Königs, wel⸗ cher ſie in langer Zeit nicht mehr in der Geſellſchaft ge⸗ ſehen und darum heute zuvorkommend begrüßt hatte. Ca⸗ jetana dagegen ſtand in einer Gruppe von jungen Damen und Herren, welche ſie in ihre Unterhaltung gezogen. 155 „Kennen Sie den Cavalier, welcher Fräulein Feld⸗ berg ſo eben anſpricht?“ fragte die Trautſon. Wratislaw verneinte die Frage; er ſah den jungen Mann heute zum Erſtenmale, hielt ihn aber nach ſeinem ſüdlich gefärbten, klaſſiſch geformten Geſicht für einen Ausläder.„Vielleicht ein Landsmann der Gräfin Kö⸗ nigsegg,“ ſetzte er hinzu.„Ich habe ihn wenigſtens mit ihr in vertraulich italieniſcher Weiſe vorher ſprechen ſe⸗ hen. Was ſagen Sie aber zu der ewigen Jugend dieſer Frau! Sie hat ſich mehrere Jahre ganz aus der Welt zurückgezogen und erwartet, ob die Welt ſie aufſuchen wird; das iſt auch, wie ich gehört habe, im reichen Maße geſchehen, und jetzt ihrer Nichte zu Liebe erſcheint ſie wieder und ſetzt Alles in Erſtaunen. Man erwartete, eine gealterte Frau zu ſehen, und ſie hat ſich wahrhaft verjüngt.“ „Sie iſt eine reizende Frau,“ erwiederte die Traut⸗ ſon harmlos.„Und, wie Sie ſehen, thut ſie auch ihre Pflicht.“ Als Alles nun Platz nahm, hatte die Königsegg allerdings Cajetana wieder an ihre Seite gewinkt und dadurch ihr die Unbefangenheit zurückgegeben, welche in dem leichten und tändelnden Spiel der Unterhaltung, das von witzigen Ausfällen und Neckereien getragen war, ſchon gelitten hatte. Aber aus dem jungen Kreiſe, der ſich wäh⸗ 10* 156 rend der neu beginnenden Muſik nicht trennte, war doch Einer Cajetana gefolgt und hatte ſich mit ziemlichen Rück⸗ ſichtsloſigkeit eines zufällig noch leeren Platzes hinter ihr bemächtigt, welchen ein älterer Herr nur momentan ver⸗ laſſen hatte. Dieſer fand ſich nun, als er ſich ſetzen wollte, ſeines Seſſels beraubt, ſuchte dem Fremden durch ſein Benehmen, wenn auch ohne Worte, bemerklich zu machen, was er ſich geſtattet, und ließ ihn lächelnd ge⸗ währen, als derſelbe ihn ſogar nicht verſtehen wollte. Er konnte es ihm nicht verdenken, der Platz war für einen jungen Mann in dieſem Momente zu beneidenswerth. Wenn aber der alte Herr beſcheidentlich meinte, daß auch das reizende Mädchen, aus deſſen Nähe ihn der fremde junge Mann verdrängt hatte, mit dem Tauſche wohl zu⸗ frieden ſein werde, ſo that er ihr und ſich Unrecht. Caje⸗ tana ſah ſich bald nach ihm um, und wenn er nicht ſchon an der Augenſchwäche ſeines Alters gelitten hätte, ſo würde ihm der Ausdruck ihres Blickes ſehr ſchmeichelhaft geweſen ſein: in ihm lag der Wunſch, daß er ſein gutes Recht auf den Platz hinter ihr wahren möge. Er bemerkte dieſen Wunſch aber nicht, und Cajetana mußte fort und fort den leiſe geflüſterten Worten, mit denen ihre Freude an der herrlichen Muſik geſtört wurde, ihr Ohr leihen— ſie konnte es ihnen ja nicht verſchließen, da ſie ihr ſo nah, ſo unmittelbar nur auf ſie berechnet, zugeflüſtert wurden. 157 Wie gern hätte ſie den alten Herrn, der nur zuweilen durch ein kaum hörbares Bravo! oder eine lebhafte Be⸗ wegung des Beifalls ihre Theilnahme an dem edlen Ge⸗ nuß eher kräftigte, als ſtörte, wieder in ihrer Nähe ge⸗ ſehen! Was ſie jetzt hören mußte, war gewiß ſehr witzig und treffend; es berührte nicht blos Aeußerlichkeiten der noch ſitzenden Perſonen, oder das Benehmen der Muſiker in der Handhabung und dem Blaſen ihrer Inſtrumente, wobei freilich groteske Figuren zum Vorſchein kamen, ſondern es kritifirte auch die Muſik ſelbſt, aber es war voll des beißendſten Spottes, und Cajetana, welche ſich mit offenen und warmen jugendlichen Sinnen der Zauber⸗ macht der Töne hingegeben hatte, fühlte ſich von den witzigen Bemerkungen, denen ſie wehrlos preisgegeben war, wie von eiſigen auf ſie niederfallenden Tropfen bis in den Grund ihres Herzens durchkältet. Eine Antwort hatte ſie auf keine derſelben, ſie wurde auch nicht dazu auf⸗ gefordert, dem Sprecher ſchien es zu genügen, daß ſie ihn nur anhörte. Zerſtreut, wie ſie nun war, und in ihrer Achtſamkeit auf die Muſik ganz unterbrochen, wanderte ihr Geiſt und mit ihm fing auch ihr Auge an zu wandern. Sie hätte dabei manchen Blick auffangen können, der verſtohlen auf ſie gerichtet war. Aber ihr Auge wanderte, ohne einen Gegenſtand feſt zu halten. Sie fühlte mehr und mehr 158 eine Leere in ihrem Innern; der Nimbus, welcher noch vor Kurzem Alles um ſie her umſtrahlt hatte, ſchien all⸗ mälig zu erbleichen— ihr war, als habe ſie etwas zu ver⸗ miſſen, was ſie hier geſucht, was ſie ſtählen würde, ſelbſt gegen den Alles zerſetzenden Einfluß der ſchonungsloſen Bemerkungen, die ſie hören mußte. Die Muſik ſchloß endlich mit einem hinſterbenden Pianiſſimo, das von der Geſellſchaft im tiefſten Schweigen angehört wurde und auch den Störer von Cajetana's Ruhe für den Augenblick verſtummen ließ. Aber ſobald der letzte kaum vernehm⸗ bare Schlußaccord verhallt war, klang es wiederum, wie ein Mißton, in ihr Ohr:„Das ſchwindſüchtige Aus⸗ athmen, wo kein Geiſt gelebt hat, ſcheint die Damen ganz melancholiſch geſtimmt zu haben. Sehen Sie nur! Selbſt Ihre Tante ſenkt ihre ſiegreichen Augenſterne zu Boden. Man könnte darüber den Verſtand verlieren. Ihnen kann dieſe Muſik doch nicht gefallen haben? Sagen Sie?“ „Ich habe ſie ſchön gefunden,“ erwiederte ſie auf dieſe grade Frage. „Glücklicher Maeſtro! Wie mag ſein Name ſein? Weilen Sie noch, Fräulein Cajetana— Ihre ſchöne Tante verſchmäht ja auch die Unterhaltung ihres Cavaliers noch nicht, obgleich ſie ihn von ſeiner Chloe abhält, die gewiß ſchon ganz eiferſüchtig wird— gleicht ſie aber nicht einem 159 beſcheidenen Wieſenblümchen, wenn man die prächtige Roſe neben Ihnen ſieht?“ „Meint Graf Pio die Gräfin Trautſon?“ fragte Cajetana in einem Tone, der ihm wohl hätte ſagen kön⸗ nen, wie ſie ſeine Reden aufnahm. Er ließ ſich aber ſo leicht nicht imponiren. „Ich weiß wohl,“ ſagte er, indem er ſeine Stimme noch vertraulicher dämpfte, damit die Königsegg, welche neben Cajetana, mit ihr zugleich, aufgeſtanden und wirk⸗ lich noch mit dem Grafen Trautſon in einer lebhaften Unterhaltung begriffen war, ſeine Worte nicht hören könne—„ich weiß wohl, daß ich im Widerſpruch mit der ganzen Männerwelt bin, welche jenes einfache, wilde Haideröschen die ſchöne Trautſon nennt. Ihre Art von Schönheit könnte mich niemals rühren, das iſt die kalte, unerfreuliche Schönheit Ihrer deutſchen Maler— nicht einmal die plaſtiſche Marmorſchönheit der Antiken in meiner ewigen Roma, geſchweige denn die lebenswarme blühende Schönheit unſerer Tiziane, Giorgione, Guido Reni, an welche ich doch hier und in dieſem Augenblick ſo hinreißend erinnert werde.“ Sie verſtand wohl nicht, was ſein Feuerauge, wel⸗ ches das ihrige ſuchte, für eine Bedeutung in dieſe Worte legen wollte, aber ein Gefühl, von dem ſie ſich keine Re⸗ chenſchaft gab, trieb ihr das Blut in die Wangen. Ihr habe, ſondern richtete an ihre Nichte ein unbefangenes 160 Auge mied es, dem ſeinigen zu begegnen; als ſie es zur Seite nach der Gräfin Königsegg richtete, traf es ge⸗ rade in ein anderes Auge, das nur wenige Schritte ent⸗ fernt ſchon ſeit einigen Minuten feſt auf ſie gerichtet war, und das Erröthen, welches eben nur leicht ihre Wangen überwallt hatte, wurde auf einmal zur dunklen Purpur⸗ glut. Es konnte nicht fehlen, daß Graf Pio Colonna dieſe verrätheriſche Glut bemerkte und ſofort zu ſeinen Gunſten deutete. „Sie zürnen mir nicht, daß ich huldige, wo ich mein höchſtes Ideal verwirklicht ſehe!“ hörte Cajetana ſo leiſe, daß es nur ihr vernehmbar blieb, und ihre Hand fühlte ſich von der Hand des Fremden berührt. Wie von einem Natterſtich getroffen, wandte ſie ſich raſch ab und ſuchte Schutz, wo ſie ihn hier allein finden konnte. Die Gräfin Königsegg hatte auch ihr Geſpräch eben beendigt und ſah ſich nach Cajetana um. Ihr erfahrenes Auge er⸗ kannte ſogleich, daß hier Etwas geſchehen war, wodurch Cajetana ihrer Faſſung beraubt worden, und wenn ſie den jungen Römer in ihrer Nähe ſah, konnte ſie über das Geſchehene nicht zweifelhaft ſein: dieſer hatte durch ein allzu kühnes Wort der Schmeichelei oder Huldigung ihr jungfräuliches Gefühl verletzt. Die Dame ließ jedoch nicht ahnen, daß ſie eine Bemerkung ſolcher Art gemacht 161 Wort und wandte ſich mit ihr, die ſie dadurch an ihrer Seite hielt, zu andern Gruppen der ſich wiederum zwang⸗ los miſchenden Geſellſchaft. Cajetana war jetzt ſehr bleich geworden, ein Gefühl tiefer Demüthigung ſenkte ſich la⸗ ſtend auf ihre Bruſt; ſie hatte den Muth nicht, ihr Auge noch einmal in jener Richtung zu erheben, wo ſie vor wenigen Secunden dem Auge eines Dritten begegnet war, das mit einem fragenden und finſtern Ausdrucke auf ihr geruht hatte, und doch hätte ſie um ihr Leben gern ge⸗ wußt, ob ſie noch von ihm beobachtet werde. Sie fühlte ſich traurig und niedergeſchlagen, und wie ſie, fremd in der Welt, wo ſich Verſtellung erſt lernt, noch nicht fähig war, ihre Züge zu beherrſchen und zu lächeln, wo ſie hätte weinen mögen, ſo konnte ihre Stimmung nicht un⸗ bemerkt bleiben. Die Gräfin wußte jedoch die Klippe, an welcher das Schifflein ihrer Pläne, aus dem Port kaum entlaſſen, zu ſcheitern drohte, mit feiner und ſicherer Hand am Steuer zu vermeiden.„Armes Kind!“ ſagte ſie halb⸗ laut, doch ſo, daß es im dichten Gemiſch um ſie her ver⸗ ſtanden werden mußte,„dies Kopfweh ſtört Dir die ganze Freude an der ſchönen Muſik!“ und als Cajetana fragend und beſchämt zu ihr aufſah, lächelte ſie ihr gütig zu. Die nächſte Dame, welche das Wort gehört hatte, war auch gleich mitleidig mit einem Büchslein wohlrie⸗ chenden Waſſers bei der Hand, das ſie bei ſich führte, und Cajetana, welche ſich zum Gegenſtande allgemeiner Theil⸗ nahme bei den Umſtehenden gemacht ſah, fühlte dadurch auf einmal ihre Seelenkraft neu geſtählt. Sie dankte der Dame für ihre Güte, ſie verſicherte der Gräfin, daß ſie ganz wohl ſei, und der Blick ihres Auges, in welchem ein gewiſſer Stolz aufleuchtete, gab dieſer die Beruhigung, daß ſie den richtigen Nerv getroffen habe. Ihre Haltung, als ſie die Tante weiter durch die Geſellſchaft begleitete, entſprach dem Geiſte, welchen die Gräfin Francesca zu ihrer eigenen Verwunderung plötzlich in ihr bemerkt zu haben glaubte, und die Männer, welche in Cajetana bis⸗ her nur den jungfräulichen Liebreiz und ihre ſchüchterne Demuth bewundert hatten, die„Eierſchale des Kloſter⸗ lebens“, wie Pio Colonna geſagt, fingen an, von ihrer königlichen Geſtalt und dem ſtolzen Nackenwurf zu reden, in welchem ſich die ſieghafte Gewalt einer hohen Seele ausſprach. Ihr ſelbſt blieb das Alles unbewußt. Sie dachte nur daran, daß ſie ſich wohl kindiſch benommen habe, um ſo die Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen; das Ge⸗ fühl der Demüthigung war von ihr gewichen und hatte dem Stolze Platz gemacht— Recht oder Unrecht, ſie glaubte den Handſchuh, den ihr der Fremde in ſeiner Nichtachtung hingeworfen hatte, aufnehmen, ihn beſchä⸗ mend in ſeine Schranken zurückweiſen zu können, ja ſie 163 wünſchte von Neuem mit ihm zuſammen zu treffen, um in ſeiner Meinung, die wohl ſehr geringſchätzig ſein mußte, ſich Achtung zu verſchaffen. Hier war das Sol⸗ datenkind zu erkennen, das von früher Zeit an aus den Geſprächen des Vaters mit Freunden und Waffengenoſſen Begriffe ſich angeeignet, die ſonſt der Mädchenſeele fremd⸗ artig ſind: eine erlittene Kränkung nicht zu dulden, ſon⸗ dern zu ahnden, Vergeltung zu üben, ſtatt zu vergeben! Aber ſie blickte jetzt nicht nach dem Römer aus, welcher ſich der von ihm ſo herzlos beſpotteten Gräfin Trautſon genähert hatte und dem einfachen deutſchen Haideröschen dennoch Geſchmack abzugewinnen ſchien, ſondern ihr Auge ſuchte einen Andern, durch welchen ſie ſich auch gekränkt fühlte: in der ſtaunenden finſtern Frage ſeines Blicks. Was hatte ſie gethan, dieſe Frage zu erwecken— welches Recht hatte er, ſie zu thun? Auch die Gräfin Francesca blickte auf einmal über⸗ raſcht dort hinüber.„Per Dio!“ rief ſie in dem Ausruf ihrer Mutterſprache, den ihre ſtreng bewachte Lippe nur ſelten hören ließ, weil ſie Ueberraſchungen nicht gern ge⸗ ſtand.„ „Was befremdet Euer Gnaden?“ fragte auch gleich Graf Wratislaw, der ſich in ihrer Nähe befand. „Ich ſehe dort einen jungen Offizier, für den ich ein beſonderes Intereſſe habe, weil ſeine Schweſter bei mir lebt,“ erwiederte die Gräfin im ruhigſten Tone.„Ich habe ihn bis jetzt nicht bemerkt und gar nicht hier er⸗ wartet.“ „Sie meinen den tapfern Ritter mit dem Pfeil, von welchem ſein Regimentsinhaber Herbeville, auch der Prinz Commercy, ja ſelbſt der Generaliſſimus alles Lobes voll iſt?“ „Iſt das der Fall?“ entgegnete die Gräfin lebhaft. „Nun, dann muß man ſtaunen, daß es beim Lobe bleibt und der Lohn auf ſich warten läßt!“ Wratislaw blickte mit einem ſchlauen Lächeln in die Geſellſchaft hinein, als ſuche er Jemand, dann trat er vorſichtig nach der Seite, wo Niemand als Cajetana ne⸗ ben der Gräfin ſtand, und ſagte heimlich:„Wiſſen Sie den Grund nicht, der ihm wider alles Vermuthen eine mächtige Protection geraubt hat? Er hat eine Liebe, ja eine Hand verſchmäht, welche ihm ziemlich zuvorkommend geboten wurde.“ „Wahrhaftig?“ rief die Gräfin überraſcht.„Er⸗ rathe ich die richtige Perſon?“ „Sie können nicht fehlen. Jetzt ſtaunen Sie wohl nicht mehr, daß der Lohn für den tapfern Ritter mit dem Pfeil ausbleibt, denn wenn unſere Kriegsgewaltigen nicht ſtets von Neuem erinnert werden, ſo vergeſſen ſie den Einzelnen unter der Menge von Empfohlenen.“ — 165 „Aber der Prinz Eugen—“ wandte die Gräfin ein. „Auch die Edelſten ſind doch immer Menſchen. Bedenken Sie, welche Anſprüche von allen Seiten an den Prinzen gemacht werden.“ „Mein armer Max! Ich begreife nun Alles—“ „Auch, warum er die Hand einer ſo ſchönen und reichen Dame verſchmähen konnte?“ „Vielleicht auch das!“ erwiederte die Gräfin leicht und wandte ſich einem andern Herrn zu, der ſich näherte, ihr ſeine Aufmerkſamkeit zu beweiſen. Cajetana hatte kein Wort verloren. Sie wußte, daß von Max Riedau die Rede war, deſſen Erſcheinung auch ſie überraſcht, deſſen Blick, in welchem mehr noch als eine Frage gelegen, ſie in Verwirrung geſetzt hatte, weil ſie auch eine ſtrenge Mißbilligung darin zu finden geglaubt. Wohl galt dieſe, ſie konnte nicht zweifeln, dem allzu vertrauten Geſpräch mit dem fremden Manne, aber hatte ſie dabei etwas verſchuldet, wie mochte ſie ſich ge⸗ gen Colonna's Dreiſtigkeit ſchützen? Und nun hielt er ſich fern, er nahte nicht einmal der Gräfin Königsegg! Was ſie jetzt von ihm gehört, ging es ſie denn etwas an, daß ihr Blut ſo bewegt pulſirte und ihr Herz vor Ver⸗ langen zitterte, mehr zu erfahren, den Namen der Dame zu wiſſen, deren Liebe und Hand Max Riedau, arm und zurückgeſetzt, wie er war, verſchmäht hatte— gewiß war 1 . 1½ 166 ſie auch heute in der Geſellſchaft, wie gern hätte Caje⸗ tana ſie geſehen! Das ſollte ihr aber nicht werden. Graf Wratislaw hatte ſich entfernt, die Geſellſchaft ſchickte ſich an, das dritte und letzte Tonſtück zu hören, und Cajetana, welche ihr Auge ſchüchtern ſpähen ließ, wo der Mann, welcher ſie heute, vielleicht unbewußt gekränkt hatte, ſeinen Platz nehmen werde, ſah ihn hart am Orcheſter ſtehen. Es war nur ein flüchtiger Blick, den ſie zu ihm hinüber ſandte, ſie wagte nicht, ihr Auge bis zu ſeinem Antlitze zu erheben, ſie wußte daher auch nicht, ob er ſie beachte. Ihr Blut wallte aber auf, als ſie bemerkte, daß Pio Colonna ſich wiederum den Platz hinter ihr erobert hatte. Sie ſah kein Mittel, ihm zu entgehen oder ihn zu entfernen, und in dieſem unmuthigen Gefühl war ſie ſchon gereizt gegen ihn, noch ehe er ein Wort geſprochen hatte. Seltſamer Weiſe blieb dies Wort, auf welches ſie nur harrte, um es gebührend zurückzuweiſen, jedoch aus. Co⸗ lonna ſaß ſchweigend hinter ihr und ſchien der Muſik mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu lauſchen, er ſtörte Cajetana durch keine ſeiner vorigen Bemerkungen. Gleich⸗ wohl war ihr grade das Schweigen, das ſie nicht er⸗ wartet hatte, unheimlich; ihr war, als müſſe darauf irgend ein um ſo ſtärkerer Ausbruch folgen, als brüte Colonna über irgend einem Anſchlage, ſie in neue Ver⸗ 167 legenheit zu ſetzen. Vielleicht war er beleidigt, daß ſie ihm die Hand, die er heimlich zu ergreifen gewagt, mit kräftiger Abwehr entzogen hatte, und er ſann wohl gar auf Rache. Ihr Vater, welcher den Welſchen ſehr abhold geweſen war, hatte auch von ihrer Rachſucht zuweilen Ge⸗ ſchichten erzählt. Ein Gefühl der Unſicherheit, das ſie allmälig beſchlich, ließ ſie in dem tiefen Schweigen Co⸗ lonna's eine größere Störung finden, als wenn er in ſei⸗ nem witzelnden Uebermuthe wie vorher geſchwatzt hätte, und ſie würde ſich gern einmal nach ihm umgeſchaut ha⸗ ben. Es war aber zu ihrem Glück, daß ihr der Anſtand das wehrte, denn ſie würde dann ſeinem glühenden Auge begegnet ſein, das unverwandt auf den feinen Contouren, die er von ihrem abgewendeten Kopf und Antlitz etwa ſehen konnte, auf den edlen Formen ihres Halſes und Nackens ruhte. In dem Blicke, dem ſie begegnet wäre, würde ſich ihr eine unbekannte Welt voll Stürme und tobender Leidenſchaften erſchloſſen haben, vor der ſie ſich erſchrocken hätte. Als mit dem Muſikſtück das Concert beendigt war, und gleichzeitig die Thüren nach dem Speiſeſaal eröffnet wurden, bot Pio Colonna noch immer ſchweigend Caje⸗ tana den Arm, um ſie zur Tafel zu führen. Unwillkür⸗ lich zuckte ſie zurück und er ließ ſogleich ſeinen Arm wie⸗ der ſinken— es war ein Moment, wie er vielleicht in einem Zimmer der vornehmen Geſellſchaft in dieſer Weiſe ſich noch niemals ereignet hatte. Cajetana fühlte, daß ſie ſchwer die gewöhnlichſte Form des Umgangs verletzt, daß ſie ihn jetzt erſt tödtlich beleidigt habe; ſie ſah, wie er er⸗ blaſſend ſich die Lippe biß, und ſie mußte es gut machen; zitternd reichte ſie ihm die Hand, die er nun mit einer ſtürmiſchen Bewegung ergriff, als wolle er ſie an ſein Herz führen. So folgten Beide der Gräfin Francesca, welche am Arme ihres Cavaliers ſich freundlich nach der Nichte umſah. Der Concertſaal leerte ſich allmälig, auch die Muſiker verſchwanden vom Orcheſter, um ihren neuen Sitz in einer Niſche des Speiſeſaales aufzuſuchen, wo ſie bei der Tafel fernerhin aufſpielen ſollten. Nur ein Einziger von allen Gäſten blieb zurück, als ſich ſchon die letzten Paare dem Eingang näherten, durch welchen die reichbeſetzte Tafel mit ihrem Silbergeſchirr und ihren Kandelabern einladend zu ſehen war. „Hat Ihr verzogenes Kind heut' keine Dame ge⸗ funden?“ fragte Graf Wratislaw mit der unſchuldigſten Miene von der Welt die Marſchallin von Buſſy⸗Rabutin, welche er führte.„Oder iſt er in ſeiner Wahl zu ſchwierig?“ „Der junge Mann begreift wohl endlich, daß er hier und überhaupt nur geduldet iſt,“ erwiederte die fürſtliche Dame kühler, als ſie je von ihrem Lieblinge geſprochen 169 hatte.„Wenn ich ihn wirklich verzogen habe, ſo iſt es ſehr Unrecht von mir geweſen. Denken Sie ſich— aber ganz unter uns, lieber Graf!— daß er ſein Auge ſogar zu meiner Couſine Wallroden erhoben hatte, wahrſchein⸗ lich um durch eine ſolche Verbindung ſeiner Fortuna ei⸗ nen feſten Ankergrund zu geben.“ „Empörend!“ rief Wratislaw.„Sie hat ihn na⸗ türlich verſchmäht?“ „Natürlich! Wie können Sie fragen!“ „Ob alle jungen Witwen Wiens ihn verſchmäht haben würden?“ fragte er ſchalkhaft. „Auf alle Fälle wird es gut ſein,“ erwiederte die Prinzeſſin, ohne ſeine Frage zu beachten,„wenn er bald wieder von Wien in die Region zurückkehrt, aus welcher er niemals hätte emporgezogen werden ſollen. Ich trage die Schuld zwar nicht allein, aber wohl die Folgen. Wer ihn heut' hier eingeführt hat, begreife ich nicht— die Königsegg verläugnet ihn auch.“ „Er hat ſich auch ſchon verbannt, Durchlaucht. Se⸗ hen Sie, er iſt uns nicht gefolgt.“ Max Riedau hatte den Concertſaal verlaſſen, als ſich Graf Wratislaw nochmals nach ihm umſah. 1860. III. Im Strom der Zeit. II. Achtes Cnitel. Eine ſtille Zeit. Die Nacht war kalt und ſtürmiſch, aber der Mond ſchien hell und machte die Fackeln der Läufer überflüſſig, als die Wägen und Sänften vom Auerſperg ſchen Hauſe in allen Richtungen die Gäſte heimführten. Cajetana ſaß an der Seite der Frau, welche beſtimmend über ihre Ge⸗ genwart ſchaltete, und blickte durch die Scheiben gedan⸗ kenvoll in die Straßen hinaus, da die Gräfin Francesca ein tiefes Schweigen beobachtete. Die Bilder des heuti⸗ gen Abends zogen an der Seele des jungen Mädchens vorüber; ſie hatten ihre Sinne nicht berauſcht, wie es ſonſt wohl zu geſchehen pflegt bei dem erſten Eintritt in die fremde glänzende Welt, wenn dieſe wie hier der neuen Erſcheinung ſchmeichelnd huldigt— Cajetana fühlte ſich im Gegentheil ernſt und wehmüthig geſtimmt, als habe ſie ſich Vorwürfe zu machen. Sie blickte ſtill hinaus, wo in den engen Gaſſen zwiſchen den hohen Häuſern Licht und Schatten wechſelten. Der Mond ſtand hoch am Him⸗ mel und warf ſeine Silberſtrahlen grad auf die Seite der Mauern und Fenſterreihen, nach welcher Cajetana's Auge gerichtet war. 171 Da ſetzten die Pferde vor dem Wagen auf einmal heftig an und ſprangen ungleich in das Zeug; man hörte den Kutſcher ſcheltend rufen, aber er hatte ſein treff⸗ lich eingefahrenes Geſpann ſchon wieder in der Gewalt und fuhr im kürzern Trabe weiter. Cajetana hatte ſich raſch zum Fenſter geneigt, um zu ſehen, was draußen ſich begebe: ſie ſah am Portal der Kirche, an welcher ſie eben vorüber fuhren, von Mondlicht taghell beleuchtet, eine Geſtalt, die ſich von den Stufen, wo ſie gelegen, bei der Annäherung des Wagens erhoben und die Pferde ſcheu gemacht hatte— es war eine Frau. Zetzt konnte ſie ihr in das Geſicht blicken, und ihren Sinnen nicht trau⸗ end, überwältigt von dem, was ſie ſah, ließ auch ſie jetzt einen Schrei hören, der von tiefer ſchreckhafter Bewe⸗ gung, aber eher der Freude als der Furcht zeigte. „Was haſt Du, Tani?“ fragte die Gräfin unwil⸗ lig, und der tiefe Ton, welcher den Italienerinnen eigen iſt, gab ihrer Frage etwas Unfreundliches, wie es Ca⸗ jetana von ihr bisher noch nicht erfahren hatte. Sie ahnte nicht, daß es zugleich der Widerhall einer innern Unzu⸗ friedenheit war, welche die Gräfin ſeit einigen Stunden gegen ſie hegte. „Ich habe— mich wohl getäuſcht— es kann ja nicht ſein!“ erwiederte Cajetana in großer Aufregung. „Erkläre Dich— was willſt Du geſehen haben?“ 11* 172 fragte die Gräfin gebieteriſch; ſie glaubte an eine ganz andere Begegnung, aber dazu gehörte wohl das heiße Blut eines entſchloſſenen Südländers, nicht die kalte, überlegende Natur des Deutſchen. Pio Colonna, wenn er von Feſt ausgeſchloſſen worden wäre, hätte vielleicht der Nacht getrotzt, um noch einen Blick aus dem Auge, in deſſen Strahl er ſich nicht hatte ſonnen können, im Vor⸗ überfahren zu erhaſchen— dem nordiſchen Character war das nicht zuzutrauen! Sie wurde aber ſchnell enttäuſcht. „Ich ſah auf der Kirchentreppe ein Mädchen ſte⸗ hen— ich ſah ihr grade in das Geſicht, jeden Zug konnte ich erkennen, und es war Kathi— meine Kathi!“ Sie ſprach den Namen mit einer ſchmerzlichen Sehnſucht aus, mit ihm lebte ihre glückliche Vergangenheit auf, als ſie noch kein Leid und keine Sorge gekannt hatte, ein harmloſes Kind, auf Händen getragen von ihren Pfle⸗ gern, in freudiger Hoffnung auf baldiges Wiederſehen ihres lieben, lieben Vaters! Sie hätte ſich mögen aus dem Wagen ſtürzen, der Lüge ihrer ſchimmernden Ge⸗ genwart entfliehen, an die Bruſt ſich werfen der obdach⸗ loſen Tochter eines Geächteten und Verfolgten, die aber zu ihr das treueſte Herz trug! Und ſie wurde wie eine Gefeſſelte von ihr hinweg geriſſen, jeder Schritt machte es immer unmöglicher, ſie jemals wieder zu finden— und ſie konnte doch nichts dawider thun! 173 Die Gräfin wiederholte verwundert den Namen, den Cajetana gerufen hatte, er wollte von ihren Lippen nicht recht fließen. Sie verſtand nicht, wer damit gemeint ſei, und hatte die Geſchichte, welche ſie von ihrem Sohne Karl Fidelis gehört und ſogar ſelbſt mit Cajetana be⸗ ſprochen hatte, in ihrem Zuſammenhange wieder ver⸗ geſſen. Der Name der„gefährlichen Dirne“ war ihr ohnehin vielleicht nicht einmal genannt worden. Als daher Cajetana die geforderte Erklärung gab, gerieth ſie in großen Unwillen. „Ich mag nicht glauben, daß Du noch an dieſes Geſindel denkſt!“ ſagte ſie ſtreng.„Du darfſt niemals vergeſſen, was Du dem Hauſe, in welchem Du jetzt lebſt, ich will nicht ſagen, was Du mir ſchuldig biſt.“ Cajetana verſtummte, ihr Herz krampfte ſich eiſig zuſammen. „Ich glaube auch,“ fuhr die Gräfin milder fort, „daß Du Dich getäuſcht haſt. Wie ſollte die Dirne, wel⸗ che mit ihrem Vater wegen ſo ſchweren Verbrechen ver⸗ folgt wird, ſich in die Stadt wagen? Sie kann nicht ein⸗ mal mehr in der Nähe von Wien ſein und wird längſt in weiter Ferne eine Zuflucht geſucht haben, wenn ſie nicht der Arm der Gerechtigkeit ſchon ereilt hat. Eine flüchtige Aehnlichkeit hat Dich erſchreckt— ich hoffe zu Deiner Ehre, Du wirſt Dich aller Gedanken an vergangene 174 Dinge entſchlagen. Vor Dir liegt eine ganz andere Be⸗ ſtimmung, und wenn Du die Vorzüge zu benutzen ver⸗ ſtehſt, welche Dir eine gütige Fee in die Wiege gelegt hat, vorzüglich wenn Du Dich ganz meiner Leitung über⸗ läſſeſt, mir folgſam biſt—— ſo kann ich Dir eine glän⸗ zende Zukunft verbürgen.“ Cajetana erwiederte nichts, ihr Wort würde auch unvernommen geblieben ſein, denn der Wagen donnerte eben durch die hallende Wölbung des Thores, das vor dem bekannten Namen und dem üblichen Sperrgelde erſt aufgeſchloſſen worden war. Die Gräfin ſchien keine Luſt zu haben, das Geſpräch draußen fortzuſetzen, Beide leg⸗ ten den Reſt der Fahrt ſchweigend, wie ſie dieſelbe be⸗ gonnen hatten, zurück, und zu Hauſe angekommen, wurde Cajetana gleich entlaſſen. Sie war nun allein in ihrem kleinen, reizend aus⸗ geſtatteten Zimmer. Die Dienerin, welche ihr beim Ent⸗ kleiden behülflich ſein wollte, hatte ſie noch auf der Treppe verabſchiedet, ihr das Licht abgenommen und ſich ſelbſt hinaufgeleuchtet. Sobald ſie die Schwelle ihres Gemachs überſchritten und die Thüre hinter ſich geſperrt hatte, eilte ſie, das Licht hoch haltend, zu dem kleinen Betaltar, den man ihr eingerichtet, und ſank, nachdem ſie das Licht vor das Bild des Erlöſers geſtellt, auf ihre Kniee. Sie neigte ihr Haupt ſo tief, daß kein Strahl ihr Antlitz traf, ſie 175 faltete ihre Hände inbrünſtig über der bebenden Bruſt— und ihre Seele ſuchte in lautloſem, kindlichem Gebete den Hermm, der ja verheißen hat, ſeine Kinder, die alle ihre Sorgen auf ihn werfen, nimmer zu verlaſſen. Beim Frühſtück am folgenden Morgen erſchien ſie blaſſer, als gewöhnlich, aber ſie gefiel darum der Gräfin um ſo mehr. Dieſe betrachtete ſie ein paarmal ſinnend und lange, als geſchehe es nur halb bewußt— erwog ſie vielleicht, ob die glänzende Zukunft, welche ſie geſtern ver⸗ heißen hatte, dem lieblichen Kinde auch das wahre Glück bringen werde, oder für einen vorübergehenden Rauſch des Herzens trotz alles Glanzes und beneideten Vorzugs nur eine baldige innere Verödung? Die Gräfin war heute wieder liebevoll und gütig gegen Cajetana, ſie ſchien den Anflug von Unfreundlichkeit, den ſie auf der Heimkehr vom Feſte gezeigt hatte, gut machen zu wollen. Bei der Unterhaltung, welche den geſtrigen Abend zum Gegen⸗ ſtande hatte, gab die Riedau eine ſchweigende Zuhörerin ab, doch beobachtete ſie Cajetana ſcharf, und es verwun⸗ derte ſie, in ihr nicht die entzückte Rückerinnerung wahr⸗ zunehmen, welche ſie erwartet hatte. Sie ſelbſt war zwar von jeher aus den Kreiſen des Hochadels, in welche ſie ihre Herrin niemals begleiten durfke, ausgeſchloſſen ge⸗ weſen, aber was ſie darüber von ihrem Bruder gehört hatte, ließ ſie jetzt ſtaunen, daß der Eindruck, welchen ——————— 3 4 7 von einem Schilde von gutem Stahl, machtlos ab, ja ſie 176 die bunte Zauberwelt auf Cajetana gemacht, ein ganz an⸗ derer zu ſein ſchien. Als ſich ſpäter Gelegenheit fand, mit ihr allein darüber zu plaudern, ſuchte ſie ſich Aufklärung zu verſchaffen, aber es gelang ihr nicht. Cajetana, welche ohnehin immer auf ihrer Hut ſein mußte, um ihre wah⸗ ren Verhältniſſe, eingedenk der Warnungen und Beſehle der Gräfin, nicht zu verrathen, war heute gegen ſie ganz verſchloſſen. Sie beantwortete nur ihre Fragen und auch das in abgebrochener, ungenügender Weiſe, aber ſie ließ ſich nie zu jenem harmlos vertraulichen Plaudern bewe⸗ gen, mit welchem junge Mädchen ſo gern die Erlebniſſe ihrer Feſtabende erzählen. Das war unnatürlich, das mußte ſeinen beſonbern Grund haben. Anna verſuchte mit andern Waffen ihr Heil. Sie ließ Cajetana in ihren An⸗ deutungen ſcharfe Spitzen fühlen, wie ſie es bisher noch nicht gethan hatte; ſie ſpielte auf ihre eigene Stellung im Hauſe an, die ſie freilich nicht berechtige, einer mittheilen⸗ den Converſation gewürdigt zu werden; ſie ließ ihrer Bosheit in Bemerkungen über dieſe oder jene Perſön⸗ lichkeit, welche ſie hier kennen gelernt und jedenfalls auch auf dem geſtrigen Feſt vermuthet hatte, freien Lauf; ſie ſuchte Cajetana zu reizen, indem ſie durchblicken ließ, daß ſie die Rolle, welche das blöde Kind geſpielt, ihres Bedauerns werth hatte. Aber alle dieſe Pfeile glitten, wie 177 prallten theilweiſe auf ſie ſelbſt zurück und erbitterten ſie immer mehr gegen Cajetana, deren Bevorzugung in äuße⸗ rer wie in geſellſchaftlicher Beziehung ohnehin ihren grol⸗ lenden Neid erregt hatte. Cajetana war bisher in ihrem Leide zwar vielfach, aber niemals aus Haß verletzt worden, ſeit dieſem Tage hatte ſie aber, ohne es zu wiſſen, eine Feindin bekommen. In der Mittagſtunde erſchien Graf Pio Colonna, um ſich nach dem Befinden der Damen zu erkundigen. Der ſchöne Römer hatte Alles aufgeboten, um ſeine inter⸗ eſſante Geſtalt durch die Eleganz ſeines Anzuges in das vortheilhafteſte Licht zu ſetzen, und er konnte wohl mit ſich zufrieden ſein. Aber er hatte nicht der Gräfin Fran⸗ cesca wegen dieſe Sorgfalt auf ſein Aeußeres verwendet, und doch bekam er mur ſie zu ſehen. Sie empfing ihn mit ihrer gewohnten Anmuth und wußte eine Unterhal⸗ tung zu führen, die auch für einen jüngern Mann feſſelnd ſein könnte; heute aber ſchien ihr dies nicht zu gelingen: Colonna wurde bald zerſtreut und blickte bei jedem Ge⸗ räuſch, das ſich draußen auf dem Corridor hören ließ, nach der Thüre, ob Cajetana, um welche er doch einzig gekommen war, nicht eintreten werde. Sie blieb jedoch aus. Endlich fragte er nach ihr. Die Gräfin dankte ihm und verſicherte unbefangen, daß ſie ganz wohl ſei. Auf die raſch folgende Aeußerung, daß er ſich wohl ſelbſt da⸗ 178 von überzeugen möchte, hatte ſie nur ein verbindliches Lächeln, aber keine Erfüllung ſeines Wunſches. Als Ita⸗ lienerin hätte ſie wohl wiſſen können, daß ſie durch Ver⸗ ſagung das ſüdliche Blut nur zur höchſten Glut entflammte. Das Geſpräch verlor ſichtlich an Spannkraft; es war Zeit für den Grafen, ſich zu entfernen, und er nahm Abſchied mit dem heißen, unbefriedigten Gefühl in der Bruſt, das alle Hinderniſſe zu zerſchmettern fähig war. In einem der Vorzimmer ſah er ein weibliches Ge⸗ wand eben durch die entgegen geſetzte Thüre verſchwinden. Sein Blut wallte auf, voll glühender Hoffnung eilte er nach, aber ſtatt des edlen Bildes ſeiner Sehnſucht erblickte er eine kleine, verwachſene Figur, die aus kupferig gers⸗ thetem Geſicht mit ſchadenfrohen Augen zu ihm aufſchaute, als er ſeine Enttäuſchung, ja ſeinen Widerwillen gegen ſie in dem Ausdrucke ſeiner Mienen ſogar nicht verbarg. Kaum grüßte er das Fräulein von Riedau, das er doch kannte, und ging mit haſtigen Schritten an ihr vorüber. Die Schadenfreude in ihren Zügen ging nun in Bitter⸗ keit unter, und ihre böſen Augen blitzten hinter ihm her, als wollten ſie ihm tödtliche Pfeile nachſenden. Wie dankte es Cajetana der Gräfin, als ſie von dem Beſuche Colonna's erfuhr, daß ſie nicht gerufen worden war, was ſonſt in der Regel geſchah, natürlich ohne daß die Gäſte davon etwas ahnten. Es ſchien der 179 Gräfin vortheilhaft, das ſchüchterne Mädchen ſoviel wie möglich an den Umgang mit fremden Menſchen zu ge⸗ wöhnen, damit ſie ſich jene unbefangene Leichtigkeit des Benehmens aneigne, welche für eine ſichere Stellung in der Geſellſchaft ſo nothwendig iſt. Sie durfte dabei ja nicht fürchten, ihr den bezaubernden Sammetſtaub jung⸗ fräulicher Beſcheidenheit abzuſtreifen. Heute aber hatte ſie es für beſſer gehalten, Cajetana der allzu freien Huldi⸗ gung nicht auszuſetzen, welche ſie an der geſtrigen Abend⸗ tafel zu einer Höhe hatte anwachſen ſehen, vor der ihr, die mit der Gefahr doch gern ihr kühnes Spiel trieb, ei⸗ nige Beſorgniß erwacht war. Nach ihren Begriffen hätte Cajetana ſich anders benehmen, die ausſchließlich ihr ge⸗ widmete Aufmerkſamkeit ihres Nachbars, welche allgemein auffallen mußte, klug ablenken ſollen— aber ſie fühlte heute wohl ſelbſt, daß ſolches von dem unerfahrenen Kinde zuviel verlangt war, und ſie wollte nur wiſſen, ob ſie von der Bewunderung, die ſie erregt hatte, berauſcht und ihr Herz wohl gar ſchon gefangen ſei. Cajetana's Aeußerungen beruhigten ſie vollkommen— ihr Gefühl war durch Colonna's Weſen eher verletzt, als gewonnen worden, und die Gräfin glaubte von dieſer Seite nun ſicher zu ſein. Freilich mußte ſie ſich darauf gefaßt machen, in je⸗ der Geſellſchaft, zu welcher ſie ihre angenommene Nichte — —— ——— 180 führen werde, Colonna wieder zu begegnen. Bei ſeiner Rückſichtsloſigkeit, die ſie nun ſchon erkannt hatte, konnte ſie auch erwarten, daß er dann Alles daran ſetzen werde, immer Cajetana's Cavalier zu ſein, auch wo das Loos darüber beſtimmte. Aber ſie hoffte, daß es ihr ſehr bald gelingen würde, Cajetana die Richtung zu geben, welche ſie ſich längſt vorgezeichnet hatte, und daß ſich dann die Gefahr einer Herzensverirrung, wie ſie die Neigung zu einem ſo armen Cavalier nannte, auf immer von ihr entfernen müſſe. Es folgte jetzt eine ſtille Zeit, welche für Cajetana ungemein wohlthuend war. Die Gräfin hatte ihr die Ausſicht auf eine Reihe von Feſten eröffnet, an denen ſie Theil nehmen ſollte, dieſe ſchienen jedoch auszubleiben, und auch wenn Beſuche in das Königsegg'ſche Haus ka⸗ men, was allerdings öfter als je geſchah, wurde Cajetana nicht mehr in das Empfangszimmer gerufen und ſah Fremde nur dann, wenn dieſe einmal zur Abendtafel blieben. Ihr war dieſe Zurückgezogenheit lieb. Sie konnte ungeſtört ihrer innern Welt leben, die ſich in Bildern und Träumen immer reicher und darum, wir müſſen es zu⸗ geben, immer unbeherrſchter entwickelte. Wie ſehr hatte ſie Anna verkannt, wie falſch beurtheilt, als ſie den Ein⸗ druck ihres erſten Schrittes in die große Welt zu erfor⸗ ſchen geſucht! Jene Nacht war für Cajetana der Wende⸗ 181 punkt ihres ganzen Schickſals geworden— ſie wußte es nur ſelbſt noch nicht, wie ſehr ſie ſich in immer neuen Bildern mit ihr beſchäftigte! Auch der räthſelhaften Er⸗ ſcheinung auf der Kirchentreppe gedachte ſie immer wie⸗ der; ſie war noch heute ſo feſt als damals überzeugt, daß ſie wirklich ihre treue Kathi geſehen habe. Seit dem ſchrecklichen Verdacht, der auf ihren Vater gefallen, war ſie mit ihm aus der Gegend verſchwunden; aber konnte ſie nicht zurückgekehrt ſein, da man die böſe Geſchichte nun wohl längſt vergeſſen hatte? Alles, was die Gräfin da⸗ gegen geſprochen, vermochte Cajetana's Ueberzeugung nicht zu erſchüttern. Es war ja auch möglich, daß den alten Martin ein ſchlimmes Schickſal ereilt habe, daß er geſtorben ſei— Kathi, nun ganz verlaſſen in der Welt, ſuchte ſie vielleicht auf und hatte ſie nicht gefunden; ſie hatte nicht, wo ſie ihr Haupt in der weiten Stadt hin⸗ legen ſollte, und war gezwungen, ſich vor Gottes Hauſe auf den harten Stein zu betten! Eine jähe Angſt, eine brennende Sehnſucht, ihr zu helfen, überfiel Cajetana bei dieſem Gedanken, und ſie hatte ſchon mehr als einmal zu der Gräfin davon geſprochen und ſie gebeten, Nachfor⸗ ſchungen anſtellen zu laſſen, war aber jedesmal, wenn auch mild und freundlich, damit zurückgewieſen worden. „Und wenn es wirklich Deine Kathi geweſen iſt,“ ſchloß die Gräfin faſt immer,„ſo mußt Du ſie vergeſſen, . 3 11 4 6 2 wie Deine ganze Vergangenheit. Alle Nachforſchungen würden übrigens vergebens ſein.“ Es ließ aber Cajetana keine Ruh. Wäre nur ihr Vormund hier geweſen, der gütige Graf Karl Fidelis, der immer raſch und entſchloſſen zu Werke ging, wie auch mit ihr, der würde ſchon Rath geſchafft haben. Vor ei⸗ niger Zeit hätte ſie vielleicht noch einen Andern gewußt, zu dem ſie wohl hätte das Vertrauen faſſen können, ihn um einen Ritterdienſt zu bitten. Nun aber war das vor⸗ über, und der Gedanke, als er zuerſt in ihr aufſtieg, ließ zugleich die Wellen der Scham in ihre Wangen aufſtei⸗ gen. Anna's Bruder hatte von ihr wohl auch eine Mei⸗ nung, daß er ſich gewundert haben würde, warum ſie ihn und nicht lieber denjenigen, der ihr doch viel näher ſtehe, um einen Ritterdienſt bitte. Er war überdem ſeit jenem Abende gar nicht mehr im Königsegg'ſchen Hauſe erſchie⸗ nen— ſie hatte zwar nicht nach ihm gefragt, aber ſie würde es, wie immer, erfahren haben, wenn er ſeine Schweſter beſucht hätte. Auffallend war ihr nur, daß auch die Gräſin, welche ihm doch ſo gnädig geſinnt war, gar nicht nach ihm fragte, oder wenn das vielleicht bei ſeiner Schweſter, ohne daß Cajetana dabei geweſen, ge⸗ ſchehen war, daß ſie auch ein einziges Mal ſeitdem von ihm geſprochen hätte? War er denn wirklich, weil er den Muth gehabt, die Liebe und die Hand einer vornehmen 183 Dame zu verſchmähen, aller Gunſt und Gnade in der vornehmen Welt verluſtig gegangen und nur darauf an⸗ gewieſen, ſich mit ſeinem Degen als ehrlicher Reiter durchzuſchlagen? Sie konnte ihn aber deshalb nicht be⸗ mitleiden. Es war ja des Mannes, des Soldaten viel würdiger ſo, und ihr Vater hatte es ja auch gethan. Ein Hochgefühl mußte es ſein, nur ſich ſelbſt Alles zu ver⸗ danken, und dies Hochgefühl ließ ſie in ihren Träumen ſein Haupt mit dem Lorbeer der Ehre geſchmückt erblicken, wie ſie es ihm von Herzen wünſchte! Sie hätte, gleich ihm, ein Mann ſein mögen, um ſich loszureißen aus dem erborgten Prunke, der ſie umgab, auf den ſie kein Recht hatte, und dann wie er, mit ihm vielleicht! ſich im glorreichen Kriege ein ehrenvolles Loos zu er⸗ kämpfen! Seltſame Spiele der Phantaſie!— Dann kam ſie wieder auf ihre arme Kathi zurück und ſann, wie ſie ſich nun ſelbſt helfen könne, eine Nachricht von ihr zu erlangen. Gewiß hatte Kathi, wenn ſie doch nach Wien zurückgekehrt war, im Hauſe des Herrn Riedl nach ihr gefragt, und wenn auch Frau Riedl, die ihr Böſes zutraute, ſie hart abgewieſen hätte, ſo war doch der gute Herr Vater da und der Franz gewiß ſchon längſt von ſeiner Reiſe heimgekommen, Einer von Beiden hatte die Kathi gewiß nach dem Kloſter gewieſen, wo ihr Fräu⸗ lein eine Zuflucht gefunden hatte. Dort freilich war dann 184 für ſie jede Spnr verloren geweſen, da außer der Priorin Niemand wußte, wohin ſie, nachdem ſie das Kloſter ver⸗ laſſen, von ihrem Vormunde gebracht worden war. Graf Karl Fidelis befand ſich nicht mehr in Wien, ſonſt würde Kathi unfehlbar auch bis zu ihm gedrungen ſein, um nach ihrem Fräulein zu fragen— ſo aber hatte ſie jedenfalls nach dem geſcheiterten Verſuch bei den Urſulinerinnen ihre weitern Bemühungen aufgeben müſſen und ſtreifte viel⸗ leicht, dem Glücke vertrauend, noch in Wien umher, ob ſie, im Falle Cajetana ſich hier irgendwo aufhalte, ihr ein⸗ mal zufällig begegnen möge. Das war nun geſchehen, Beide waren ſich ſo nahe geweſen! Cajetana war zuweilen außer ſich, daß ſie nicht Geiſtesgegenwart genug gehabt, das Fenſter ſogleich niederzulaſſen und Kathi's Namen zu rufen— dann würde das raſche Mädchen all' ihre Kraft angeſtrengt haben, um ihr zu folgen, die Gräfin hätte ſich ihrer erbarmt, ſie in ihr Haus aufgenommen und ihren heißeſten Wunſch gekrönt, indem ſie Beide als Herrin und Dienerin, wie Kathi ſchon früher für kom⸗ mende Tage erſehnt, vereinigt hätte. War das aber nicht immer noch möglich? Bei der Pförtnerin des Kloſters ließ ſich wohl erfahren, ob Jemand nach dem Fräulein von Cronberg gefragt habe— dort fanden ſich gewiß weitere Spuren, die ſich verfolgen ließen, bis die Arme gefunden war! 185 Cajetana faßte ſich ein Herz und bat die Gräfin um Erlaubniß dazu. Die Gräfin zog ihre ſchöngewölbten, ſchwarzen Au⸗ genbrauen in die Höhe und ſah Cajetana mit einem Blicke ſtolzen Erſtaunens an.„Kommſt Du nochmals dar⸗ auf zurück?“ entgegnete ſie.„Ich habe Dir meinen Willen bereits erklärt und ändere ihn nie! Habe ich die Pflicht übernommen, bei Dir Mutterſtelle zu vertreten, ſo will ich ſie auch erfüllen. Beruhige Dich alſo, ſieh nicht mehr zurück, ſondern vorwärts.“ Jedes Wort wäre hier verloren geweſen, Cajetana fühlte es wohl. Aber wie feſt und entſchieden die Gräfin war, ſo begegneten ihr in dem jungen Mädchen, das vor ihr ſtand, gleiche Elemente; ſie ahnte etwas davon, als Cajetana's muthiges Auge ſich vor dem ihrigen nicht ſenkte, und der entſchloſſene Zug um den feinen Mund konnte ihrem Scharfblick nicht entgehen. Ueber den Ge⸗ genſtand wurde zwiſchen Beiden nicht mehr geſprochen, aber die Gräfin wurde nachdenklich und fragte ſich, ob ſie ſich auch nicht arg getäuſcht habe, wenn ſie in dieſem Kinde ein willenloſes, demüthiges Weſen zu finden ge⸗ hofft, deſſen weiche Seele ſie bilden könne nach Ge⸗ fallen?— In dieſer Seele erzeugte ſich eben ſchon der Keim zur Widerſetzlichkeit gegen ihren Willen. Cajetana war 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 12 186 der Gräfin für ihre Güte und Freundlichkeit dankbar, aber eine Mutter hatte ſie nie in ihr erkannt; ſie hatte über ſich ſchalten laſſen, wie man es für gut befunden hatte, ſie war in Alles, was man ihr vorgeſchrieben hatte, füg⸗ ſam eingegangen, aber mehr und mehr ſtählten ſich die niedergehaltenen Kräfte ihrer Selbſtſtändigkeit und übten ſchon einen gefährlichen Gegendruck aus, der einſt die Schranken ſprengen konnte, welche um ſie her gezogen waren. Wenn ſie auf die abſchlägige Antwort der Gräfin ſchwieg, ohne ihre Bitte noch einmal zu erneuern, ſo ge⸗ ſchah es nur, weil ſie ſich der Bitte bereits ſchämte und lieber auf Mittel ſann, ihre eigene Freiheit nicht in Feſ⸗ ſeln ſchlagen zu laſſen. War es denn ſo ganz unmöglich, daß ſie auch ohne Erlaubniß das Haus einmal auf ei⸗ nige Stunden verließ? Die Gräfin würde ſich darüber erzürnen, ſie würde ſie vielleicht dadurch ſtrafen, daß ſie ihr im Haufe ihre bevorzugte Stellung nahm und ſie mit der Riedau auf gleichen Fuß ſetzte— ſchlimmſten Falles konnte ſie ihre Hand ganz von ihr abziehen, ſie wieder von ſich entfernen, in das Kloſter zurück oder gar hinaus, wohin es ſei, denn ſie hatte ja gar keine Verpflichtung, obgleich ſie heute noch davon geſprochen hatte, und Karl Fiedelis, welcher ſich edel, wie immer, ſeiner Mündel an⸗ genommen, für ſie anderweit geſorgt haben würde, war fern. Sit ſagte ſich das Alles, aber es ſchreckte ſie in 187 dem Moment nicht, wo ihre Seele nach Unabhängigkeit dürſtete. Nur über die Ausführung ihres Entſchlußes war ſie noch zweifelhaft. In Anweſenheit der Gräfin ſchien es ihr unmöglich das Haus zu verlaſſen, und auch wenn dieſe, wie es jetzt öfter geſchah, nach der Stadt fuhr oder ſich in ihrer Sänfte tragen ließ, ſo konnte Cajetana nicht ausgehen, ohne daß es die Riedau bemerkt hätte: ſie wollte es nicht einmal heimlich thun. Würde aber die Riedau dies Beginnen, welches ſie jedenfalls für unſchick⸗ lich hielt, dulden? Wenn ſie ihr auch nicht grade ein ge⸗ waltſames Hinderniß in den Weg legte, ſo würde ſie ſchon aus Furcht vor Verantwortung alle Mittel aufbie⸗ ten, um ihren Entſchluß zu vereiteln! O wenn noch Alles ſo geweſen wäre, wie vor Kurzem— obgleich ſie nur we⸗ nige Worte im Ganzen mit Anna's Bruder gewechſelt hatte, zu ihm würde ſie Vertrauen gefaßt, ſich ihm ganz und ohne Rückhalt, mit ihrem vollen Namen und ihren wahren Verhältniſſen entdeckt haben, und er wäre dann ihr Schutz und ihr Helfer geworden! So kehrten ihre Ge⸗ danken immer wieder zu ihm zurück. Es war aber ver⸗ gebens, ſie mußte für ſich allein ſorgen, und wenn ſie doch den weiten Gang wagen wollte auf ein ungewiſſes Ergeb⸗ niß hin, ſo mußte ſie einen Diener des Hauſes zu ihrer Begleitung auffordern, denn ganz allein zu gehen, war unmöglich: ſie begriff wohl, daß ſie der Gräfin wenig⸗ 12* 188 ſtens das ſchuldig war, obgleich ſie nur dunkle Vorſtellun⸗ gen von der Strenge der Etikette hatte, welche Damen vom Range Manches wehrt, ja zur Schande anrechnet, was für Mädchen von niederer Geburt ganz unverfänglich iſt und dem Ruf ihrer Sittlichkeit keinen Eintrag bringt. Daß ſich ein Diener des Hauſes dazu verſtehen würde, ſie zu begleiten, daran zweifelte ſie gar nicht, denn ſie hatte ſchon manches Zeichen erfahren, daß ihre Wünſche gern erfüllt wurden. Es beunruhigte ſie nur der Gedanke, ob die Bereitwilligkeit nicht für denjenigen, der ihr jenen Dienſt leiſtete, nicht böſe Folgen haben werde. Kaum konnte ſie daran zweifeln, und hatte ſie dann die Macht, ihn gegen dieſe Folgen zu ſchützen? Aus ihren Zweifeln wurde ſie, vor der Hand wenig⸗ ſtens, erlöſt, indem die Gräfin durch ein leichtes Unwohl⸗ ſein und die plötzlich eintretende empfindliche Winter⸗ kälte an das Haus gefeſſelt wurde, ſo das Cajetana nicht an die Ausführung ihres Planes denken konnte. Sie gab ihn darum nicht auf, wie ſehr auch jede Verzögerung ihm alle Wahrſcheinlichkeit des Erfolges raubte. Ein ſtarker Schneefall trat ein und machte die Ausführung, wenn ſie zu Fuß wandern wollte, faſt unmöglich. Sie ſtand an ihrem Fenſter, die Stirn gegen die Scheiben ge⸗ drückt, und ſah dem wirbelnden Spiel der Flocken zu, welche gleichſam alle ihre Hoffnungen begruben. Da kam 189 die Allee herauf, welche zu dem Portale des Garten⸗ Palais führte, ein Reiter geſprengt, welchem ein Diener in einiger Entfernung folgte. Er verhielt ſein Pferd nicht, als der Weg anſtieg, er trieb es zu ſtärkern Sprüngen, daß hinter ihm der Schnee von den Hufen umher⸗ geſpritzt wurde. Cajetana blickte ihm erwartungsvoll ent⸗ gegen; dieſer friſche, kühne Ritt weckte in ihrer Seele, die jedem muthigen und freien Thun hold war, eine gewiſſe Theilnahme— auf einmal bebte ſie an ihrem Fenſter, der Reiter ſah zu ihr empor, als er eben ſein Pferd vor dem Hauſe anhielt und den Knecht herbeijagte, ihm den Steig⸗ bügel zu halten. Sie erkannte den Reiter, und auch er zog vor ihr den Hut, ſein Haar dem Schneeſturme preis⸗ gebend. Dann ſchwang er ſich raſch aus dem Sattel und ging in das Haus, während der Knecht mit den Pferden im Unwetter halten blieb. Es war Max Riedau. Was führte ihn heute im Ungeſtüm des Schneetreibens hieher, wo er ſich ſo lange nicht gezeigt, wo man gar nicht mehr nach ihm gefragt hatte? Mit klopfendem Herzen blieb Cajetana am Fenſter ſtehen, um zu erwarten, ob er bei der Gräfin, welche ſich heute etwas wohler befand, angenommen oder wie lange er überhaupt im Hauſe bei ſeiner Schweſter verweilen werde. Dachte ſie vielleicht daran, daß ſie die Gräfin vielleicht beauftragen könne, ihn in ihrem Namen zu 190 empfangen, weil er doch gewiß einen ganz beſondern An⸗ laß hatte, heute in dieſem Wetter zu kommen? Zu Pferde war er noch niemals hier geweſen, dazu mochte ihn eben das Wetter veranlaßt haben. Eine geraume Zeit ver⸗ ging, er erſchien nicht wieder; jedenfalls, wenn ihn die Gräfin nicht angenommen hatte, weilte er bei ſeiner Schweſter. Was er wohl mit Anna zu beſprechen hatte, was dieſe ihm in ihrer gehäſſigen Weiſe erzählen mochte? Sie war in letzter Zeit auch gegen ſie immer bitterer ge⸗ worden; obgleich ſie es nie an der ſchuldigen, faſt unter⸗ würfigen Höflichkeit gegen die vermeintliche Nichte ihrer Herrin hatte fehlen laſſen, ſo war doch dieſe Höflichkeit, gleichſam zu ihrer eigenen Genugthuung, immer mit Stachelreden und boshaften Anſpielungen reichlich aufge⸗ wogen worden. Cajetana durfte nicht hoffen, daß ſie ihrer gegen den Bruder freundlich gedenken werde. Er blieb ſehr lange. Um den Knecht, welcher vor dem Portale vom Schnee faſt verſchüttet wurde, küm⸗ merte ſich Niemand. Der rauhe Geſelle ſchien ſich aber wenig aus dem Wetter zu machen, er hatte die Sattel⸗ decken vorſorglich zurückgeſchlagen und liebkoſte zuweilen die Pferde, welche ungeduldig ſcharrten und die Köpfe ſchüttelten; auch hörte ihn Cajetana von Zeit zu Zeit die Töne eines Reiterliedchens zu pfeifen. Sie horchte, ſie kannte dies Lied! Ihr Vater hatte es einſt, wie oft! für ſich geſungen oder auch gepfiffen; längſt vergeſſen hatte 191 es Cajetana, jetzt erwachte die muntere Weiſe hell in ihrem Gedächtniſſe und regte ſie wunderbar auf! O daß ſie ein Mann geweſen wäre, ſich, wie der Reiter unter ihr, in die Freiheit, in den Kampf zu ſtürzen! Solda⸗ tenblut rollte auch in ihren Adern, ſie würde ihrem Vater keine Schande gemacht haben. Da wurde der Knecht auf einmal aufmerkſam und auch die Pferde ſpitzten die Ohren. Raſch legte der Mann dem einen den Zügel wieder über den Hals, die Satteldecke zurecht und ſchickte ſich an, den Steigbiegel zu halten. Sein Herr trat aus dem Hauſe, er warf ſich ha⸗ ſtig auf das Pferd und wandte es, ohne das Aufſitzen des Knechts abzuwarten, hinweg. Hatte er nicht einen einzi⸗ gen Blick mehr nach dem Fenſter, wo er doch vorher Ca⸗ jetana wahrgenommen hatte? Ein bitteres Weh ging unverſtanden durch ihr Herz— Doch! Da blickte er noch empor, und wie er Cajetana erkannte, hob er die Hand wie zum Scheidengruße und neigte ſich gegen ſie— Caje⸗ tana, hingeriſſen von unbekannter Macht in ihrem In⸗ nern, wußte nicht, was ſie that, aber ſie antwortete dem Gruße in gleicher Weiſe, und er gab nun ſeinem Roſſe die Sporen, daß es wild mit ihm anſprang und davon brauſte. Der Knecht jagte hinterdrein. Cajetana hatte noch keine Ahnung, daß er Abſchied genommen hatte, vielleicht auf immer. Neuntes Capitel. Die Schlittenfahrt des Kaiſerhofes. Als das Wetter ſich nach zwei Tagen wieder geklärt hatte und ein ziemlich ſtarker Froſt eingetreten war, ge⸗ nügte wenig Zeit, um die herrlichſte Schlittenbahn herzu⸗ ſtellen. Dieſe wurde denn auch von den Wienern fleißig benutzt. Der Hof und nach ſeinem Beiſpiel der Hochadel pflegte ſonſt ſeine Schlittenpartien in die Zeit des Carne⸗ vals zu verlegen, aber die Gelegenheit war diesmal zu günſtig; man erinnerte ſich nicht, jemals vor Weihnacht eine ſo prächtige Bahn geſehen zu haben, Wetterprophe⸗ ten fanden es deshalb höchſt ungewiß, ob eine ſolche noch zur Faſchingszeit ſein werde, und ſeit der Vermählung des römiſchen Königs ſchien überhaupt das immer einför⸗ miger gewordene Hofleben einen neuen Aufſchwung erhal⸗ ten zu haben. Die Zukunft war drohend genug, genieße man die Gegenwart! So wurde denn vom Hofe eine große Schlittenpartie beſchloſſen, welche, um der unver⸗ brüchlichen Etikette Genüge zu thun, diesmal nicht von der kaiſerlichen Burg, wo der Hof wie gewöhnlich ſeit Octo⸗ ber reſidirte, ſondern von der Favorita auf der Wieden, dem Sommerluſtſchloß*), ihren Ausgang nehmen und ſich bis Laxenburg, der Frühlingsreſidenz, erſtrecken ſollte; hier war das Souper beſtimmt, nach welchem die Rück⸗ fahrt bei Fackelſchein geſchehen würde. Der Plan war— ſo verſicherte man wenigſtens— vom römiſchen Könige ſelbſt ausgegangen und mit höchſten Enthuſiasmus auf⸗ genommen worden. Sattler und Stellmacher bekamen vollauf zu thun, um die Schlitten in ihren phantaſtiſchen Formen neu aufzuputzen, mit Pelzwerk und Teppichen zu verſehen, das Schellengeläut harmoniſch einzurichten, das Pferdegeſchirr mit bunten Federbüſchen und Schneedecken nach den Farben der herrſchaftlichen Wappen auszuſtaffi⸗ ren. Auch in den verlaſſenen und verſchloſſenen Räumen der Laxenburg und Favorita wurde gelüftet, geheizt und frottirt; die Oberhofämter hatten alle Hände voll zu thun, dafür verſprach man ſich aber auch etwas Herrli⸗ ches, noch nie Geſehenes. Der Gräfin Königsegg trug jetzt die Vorſtellung ihrer Nichte bei den Oberſthofmeiſterinnen, ſowohl der Kaiſerin, als der römiſchen Königin, ihre erſte Frucht. Sie er⸗ hielt eine Einladung zu der großen Schlittenfahrt für ſich *) Das jetzige Thereſianum, ſo genannt von der Erziehungs⸗ anſtalt für den jungen Adel, welche Maria Thereſia geſtiſtet und in das bisherige kaiſerliche Luſtſchloß verlegt hat. „* 194 und Fräulein Cajetana von Feldberg. Der greiſe Hof⸗ fourier, welcher dieſelbe brachte, hatte den Weg nach dem Königsegg'ſchen Palais in Gumpendorf ſeit dem Tode des verewigten Grafen Leopold Wilhelm nicht ge⸗ macht. Er hatte es heute nicht zu bereuen und fuhr höchſt zufrieden mit der Freigebigkeit der Gräfin Witwe wieder ab, um ſeine Runde der Liſte nach weiter zu verfolgen. Die Gräfin ließ ſogleich Cajetana rufen, um ihr die Ehre, welcher ſie theilhaftig werden ſollte, zu verkündi⸗ gen. Wenn ſie darauf gerechnet hatte, daß Cajetana da⸗ durch entzückt und aufgeregt würde, ſo hatte ſie ſich ge⸗ irrt; ſie wäre verſucht geweſen, ſie pflegmatiſch, keines lebhaften Eindrucks fähig zu halten, wenn ſie nicht ſchon in ihr Weſen einen tiefern Einblick genommen hätte. Ihr kam es aber nur darauf an, Cajetana von dem bevorſte⸗ henden zweiten und wichtigſten Schritte auf der großen und glatten Bahn zu benachrichtigen und dabei ſo vor⸗ theilhaft, als irgend möglich, erſcheinen zu laſſen. Dazu wurden denn auch gleich die nöthigen Anſtalten getroffen. Die Gräfin fuhr ſelbſt mit Cajetana nach der Stadt, um für ſie Stoffe auszuſuchen. Sie ſollte diesmal nicht ſo einfach erſcheinen, als ſie bei ihrem erſten Auftreten im Auerſperg'ſchen Hauſe geweſen war, ſie ſollte nicht allein dem Geſchmack, ſondern auch dem Reichthum ihrer Tante Ehre machen. Cajetana verſuchte dagegen Ein⸗ 195 ſpruch zu erheben; ſie wagte es die Gräfin, als ſie mit ihr allein war, daran zu erinnern, daß ihr das Alles nicht gebühre und daß ſie doch bald genug wieder aus der vornehmen Welt verſchwinden werde, aber die Gräfin bat ſie lächelnd, ohne Sorgen zu ſein und ihr wie bisher zu vertrauen. So trat denn der Zeitpunkt ein, auf den alle bisherigen Schritte berechnet waren. Ein klarer Dezembertag begünſtigte die Luſtbarkeit. Zur beſtimmten Stunde pünktlich verließen die Allerhöch⸗ ſten Herrſchaften die Burg, um ſich nach der Favorita zu begeben. Die kaiſerlichen Livreen, ſchwarz mit gelben Borten, der Leibkutſcher des Kaiſers im gelben Sammet⸗ pelz, das gelbe Sammetbaret mit weißer Feder auf dem Kopfe, die alterthümlich, aber prächtig ausgeſtatteten Schlitten zogen die Zuſchauer in zahlloſer Menge an den Weg, welchen dieſer Zug nehmen mußten, aber vor der Favorita, wo ſich die übrigen, zur Theilnahme eingela⸗ denen Herrſchaften zuſammen fanden, drängten ſich Tau⸗ ſende. In den ſchönen Räumen des Luſtſchloſſes fand eine kurze Vorſtellung Statt, wurde eine leichte Colla⸗ tion eingenommen und die Reihefolge der Schlitten nach denen des kaiſerlichen Hauſes, wie die Paare in jedem, abermals durch das Loos beſtimmt. Für den letztern Zweck waren die Namen der Damen auf Zettel geſchrie⸗ ben, die aus einem Hut von den Cavalieren einzeln ge⸗ 196 zogen wurden. Die Geſellſchaft war keineswegs ſo zahl⸗ reich, als man hätte erwarten ſolleu; es war eine ge⸗ wiſſe Auswahl getroffen worden und mancher Anſpruch unbefriedigt geblieben. Um ſo geſchmeichelter konnten ſich die Anweſenden fühlen. Die Gräfin Königsegg verhehlte ſich nicht, daß ſie ein kühnes Spiel ſpielte, Cajetana ſelbſt am Hofe unter einem erborgten Namen und Verhältniß einzuführen, aber ſie glaubte ſich hinlänglich gedeckt durch die ſchonende Ab⸗ ſicht, in welcher ſie den Namen Cronberg durch den ſeines Stammſitzes verhüllt hatte, durch eine wirklich beſtehende weitläufige Verwandtſchaft des Reichsgrafen von Cron⸗ berg mit ihrem verſtorbenen Gemahl, die ihr erſt kürzlich bekannt worden war, endlich durch die wohlwollende Mei⸗ nung, dem armen Mädchen eine glänzende und geſicherte Zukunft zu bereiten. Welche Pläne ſie dabei für ſich ſelbſt hatte, war nur ihr bewußt und konnte Niemand jemals errathen. Sie hatte aber auch in der äußern Ausſtattung, welche ſie Cajetana gegeben, ein kühnes Spiel gewagt. Wo Alles in ſpaniſcher Tracht erſchien und bei dem vor⸗ herrſchenden Schwarz eine gewiſſe Einförmigkeit in der ganzen Geſellſchaft waltete, war Cajetana ganz allein nach einer abweichenden Mode gekleidet. Hätte ſie davon eine Ahnung gehabt, ſo würde ſie ſich entſkhieden, ja bis zum Ungehorſam widerſetzt haben. Aber ſie wußte da⸗ 197 von nichts und bemerkte es auch in der Favorita erſt ſpät. Nach franzöſiſchem Geſchmack ſie zu kleiden, wie es die Gräfin am liebſten gethan hätte, wäre bei der Ab⸗ neigung des Hofes gegen denſelben, welche in neueſter Zeit noch durch politiſche Gründe zu einer Abneigung gegen alles Franzöſiſche überhaupt, den Geſandten Vil⸗ lars nicht ausgenommen, geſteigert worden war, eine un⸗ verzeihliche Thorheit geweſen. Sie hatte alſo deutſche Tracht nach idealiſirten ältern Vorbildern in hellern, aber durchaus nicht in bunten Farben gewählt, das Kleid von koſtbarſtem, jedoch nicht ſchwerfälligem Stoff, wie es Ca⸗ jetana's Jugend angemeſſen war, und einen Schmuck von echten vrientaliſchen Perlen in den reichen, braunen Haa⸗ ren, welches Fräulein Riedau, die darin ſehr geſchickt war, nach den eigenen Angaben der Gräfin hatte flechten müſſen. Erregte nun auch die fremdartige, von der vorgeſchriebe⸗ nen Hofetikette ſo ganz abweichende Erſcheinung Aufſehen, und glaubte die Oberſthofmeiſterin, Gräfin Fels, vor Entſetzen über dieſe Anmaßung, welche ſie Burgfriedens⸗ bruch, ja Majeſtätsbeleidigung nannte, in die Erde ſin⸗ ken zu müſſen, ſo verſöhnte doch die blendende Schönheit Cajetana's und vorzüglich die jungfräuliche Demuth, welche über ihrem ganzen Weſen ausgegoſſen war, ſchnell alle Gemüther, und die römiſche Königin machte ſelbſt ihren Gemahl auf Cajetana aufmerkſam. Als ſich aber 198 die Kaiſerin, welche im erſten Moment auch befremdet auf die Eintretende geſchaut hatte, ſich ebenfalls wohlgefüllig äußerte, da konnte von Maßregeln, wie ſie die ſtrenge Oberſthofmeiſterin ſchon in ihrem Geiſte erwog, nicht mehr die Rede ſein. Die Gräfin Francesca fand es gleichwohl angemeſſen, ſich gegen die Letztere zu entſchuldi⸗ gen, damit dieſe es in paſſender Weiſe Allerhöchſten Orts berichte. Sie erklärte die Sache mit einer gänzlich verdorbe⸗ nen neuen Toilette, ſo daß ihre Nichte, welche nie ſpani⸗ ſche Kleidung beſeſſen, in den heitern Farben und der Tracht ihrer fränkiſchen Heimath habe erſcheinen müſſen, wodurch ſie, daß die Tracht deutſch und zwar aus dem eigentlichen Krönungslande der kaiſerlichen Majeſtät ſei, keine Verletzung der ſchuldigen Pflicht zu begehen gefürch⸗ tet. Die Oberſthofmeiſterin nahm dieſe Erklärung mit der Förmlichkeit, die ſie ihrem Amte, aber doch auch mit der Rückſicht, welche ſie dem Range der Gräfin Königs⸗ egg ſchuldig war, auf und verfehlte nicht, die Majeſtäten bald thunlichſt davon in Kenntniß zu ſetzen. Die Folge war, daß Cajetana der Kaiſerin, wie der römiſchen Kö⸗ nigin und den jungen Erzherzoginnen vorgeſtellt wurde und jede ihr ein Paar freundliche Worte ſagte. Sie war in höchſter Verwirrung und Befangenheit. Wie ſehr ſie ſich auch auf die Möglichkeit, in die Nähe der kaiſerlichen Herrſchaften zu kommen, vorbereitet hatte, wie oft ſie ſich in ihrem einſamen Gemache geſagt hatte, daß dieſelben, wenn auch auf Erden am höchſten geſtellt, immer nur Menſchen ſeien, und überdem ihre Herablaſſung und Freundlichkeit gegen Jedermann alle Zaghaftigkeit zer⸗ ſtreuen müſſe, ſo wirkte doch der Zauber der Majeſtät auf Cajetana mit der imponirenden Gewalt, die er zu allen Zeiten bekundet hat, ſelbſt an trotzigen und unver⸗ ſchämten Geſellen, die ſich vermaßen, den Herrſchern frech unter die Augen zu treten, und dann vor ihnen ſtanden wie Schulbuben, welche geſündigt haben, und ſich weit hin⸗ weg wünſchten. Cajetana ſchämte ſich ihrer Faſſungsloſig⸗ keit und gerieth dadurch nur um ſo tiefer hinein. Sie wußte aber nicht, daß ſie zugleich in dieſer verſchämten Befangenheit nur um ſo lieblicher war. Die jungen Erz⸗ herzoginnen, beſonders die jüngſte, Maria Magdalena, damals eilf Jahre alt, waren ganz entzückt von ihr, und die römiſche Königin äußerte gegen die Gräfin Caraffa, ihre Oberſthofmeiſterin, daß ſie noch kein weibliches We⸗ ſen geſehen, welches auf den erſten Blick ſo für ſich ein⸗ nehme. Die alte ſtrenge Matrone, welche von ihres ver⸗ ſtorbenen Gemahls harter Sinnesart wenigſtens die äu⸗ ßere Steinkruſte angenommen hatte, hörte dieſe Aeußerung mit unveränderten ſtarren Geſichtszügen an. Ihr lag die Befürchtung nahe, daß die Königin daran denken könne, die eben erledigte Stelle unter ihren Kammerfräulein von dieſer Schönheit antragen zu laſſen, und ſie hatte doch aus 220 gewiß ungerechtfertigten Urſachen dafür geſorgt, unter ihren Damen nicht über ein ſehr beſcheidenes Maß körperlicher Vorzüge hinaus zu gehen. Das Loos brachte Cajetana eine unerwartet hohe Ehre, ſie erhielt den Grafen Trautſon zum Cavalier. Wie das möglich geweſen ſei, erregte in der ganzen Geſellſchaft Aufſehen, ja einzelne Damen fanden es geradezu anſtößig. Man war ſo ſehr gewöhnt, beim Ziehen der Looſe je⸗ dem Cavalier denjenigen Zettel, der für ihn paßte oder den er wünſchte, in die Hand geſpielt zu wiſſen, daß man nicht begriff, wie der Obriſtkämmerer des römiſchen Kö⸗ nigs, von dem man überdem keine Schwäche, welche die Welt ſo gern verzeiht, kannte, zu dem jüngſten und un⸗ bedeutendſten Fräulein kam, das noch gar nicht den Na⸗ men einer Dame verdiente. Hier mußte ein Verſehen Statt gefunden haben, und es wäre Pflicht des Hofmar⸗ ſchalls, Fürſten Ferdinand Schwarzenberg, geweſen, daſſelbe wieder gut zu machen. Eine ſpöttiſche Zunge be⸗ hauptete ſogar, der gewiſſenhafte Graf Leopold werde den ihm zugeſpielten Zettel als betrüglich verſchmäht und auf gut Glück einen andern genommen haben, nur um kein Unrecht auf ſeine Seele zu laden. Selbſt die Gräfin Königsegg war erſtaunt, als ſie den Grafen Trautſon ſich Cajetana als ihren Cavalier vorſtellen ſah, und überhörte beinah, daß Graf Wratislaw ſich als den ihrigen ankün⸗ digte— eine Zerſtreutheit, welche ein leichtes Erröthen auf 201 ihre Wange rief und dem Grafen Wenzel, deſſen ſcharfes Auge ſie überhaupt fürchtete, Gelegenheit zu einer la⸗ chenden Bemerkung bot.— Cojetana ſelbſt war es ganz gleichgültig, wen ihr das Loos zuführte. Sie hatte ſich Keinen beſonders gewünſcht, denn ſie kannte Keinen, ſie hatte aber Einen gefürchtet, und dieſer Eine war nicht hier: Graf Pio Colonna. Wie ſehr ihr Lvos Erſtaunen und Mißbilligung erregte, ahnte ſie nicht; ſie folgte ſchweigend und beſcheiden ihrem Begleiter, als die Reihe ſie traf und ſich nach dem Vortritt der kaiſerlichen Herrſchaften Alles anſchickte, die Schlitten zu beſteigen. Da gab es denn ein glänzendes Schauſpiel für die Wiener an der Favorita und an den Straßen, welche der Zug bei ſeiner Umfahrt, ehe er den graden Weg nach Laxenburg ein⸗ ſchlug, nehmen ſollte. Kaiſerliche Vorreiter mit knallenden Peitſchen, die prächtig aufgeſchirrten ſchönen Pferde, wel⸗ che mit den leichten Schlitten auf der ſpiegelglatten Bahn mit geſchärften Hufeiſen ſicher und ſchnell dahin brausten, die wunderlichen Formen der Schlitten ſelbſt als Mu⸗ ſcheln, oder als Schwäne, andere als Meerungeheuer oder Raubthiere phantaſtiſch ausgeſchnitzt— ſchon dies äußere, bunt bewegte Bild erregte die leicht entzündliche Menge, wie viel mehr der Anblick der Majeſtäten, welcher die treuen Wiener immerdar begeiſterte, und alle Sproſſen des Erzhauſes folgend! Jedem von ihnen wurde ein ju⸗ 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 13 3 ½* 6 5 ſ belnder Zuruf und nach dem Kaiſer vielleicht am ſtärkſten ſeinem jüngſten Sohne, dem ſechzehnjährigen Erzherzoge Karl, weil das ganze Volk Theil nahm an der ihm be⸗ vorſtehenden Erbſchaft der Krone von Spanien, die er wohl nicht ohne Kampf erlangen ſollte. So ging es nach der Umfahrt hinaus auf die weite Fläche, welche der Weg nach Laxenburg durchſchneidet. Sie hatte jetzt, vom tiefen Schnee bedeckt, ein ſehr ein⸗ förmiges Anſehen, dem auch die verſchneiten Dörfer mit ihren kahlen Bäumen wenig Abwechslung verliehen. In vielen Schlitten, wo die Unterhaltung lebhaft geführt wurde, vermißte man die nun erſtorbenen Reize der Ge⸗ gend nicht, aber wo es ſchweigſam zuging, war die Mo⸗ notonie der Landſchaft recht geeignet, den Geiſt in ſich ſelbſt zu verſenken. So bei Graf Trautſon und Cajetana. Der Graf, wir wiſſen es, war ernſt und zurückhaltend, beinahe unfähig, ein flaches Geſchwätz nur um des Spre⸗ chens willen zu führen, was hätte er aber Tieferes mit dem jungen Mädchen reden können, wie ſehr auch ihr Weſen das günſtige Urtheil ſeiner Frau überall beſtä⸗ tigte? Die wenigen Anknüpfungspunkte, die er hatte, wa⸗ ren bald erſchöpft, er beſaß zuviel guten Ton, um die ſchlechteſte Form der Unterhaltung, bloßes Fragen, zu wäh⸗ len, und ließ, wenn es ihm an Stoff fehlte, ſtatt ſich mit Gemeinplätzen zu behelfen, lieber viertelſtundenlange 203 Pauſen eintreten. Cajetana war ihm dankbar dafür. Sie war an Einſamkeit gewöhnt, ſie hatte im Königsegg'ſchen Hauſe zuweilen ſtiller, in ſich zurückgezogener gelebt, als im Kloſter. So vermißte ſie nichts, wenn ſie ſich ſelbſt mit ihren Gedanken überlaſſen blieb, und eine län⸗ gere Pauſe in der Unterhaltung, welche Andern höchſt peinlich wird und oft in der Angſt, ſie zu beenden, zu den albernſten Aeußerungen führt, war für ſie eher eine Wohlthat. Ihre Gedanken hatten in letzter Zeit eine ſehr beſtimmte Richtung genommen, obſchon ihre Seele fort⸗ geſetzt dagegen ankämpfte. An manchen Stellen des Weges waren auch drau⸗ ßen viel Menſchen zuſammen gelaufen, weil die Nachricht von der bevorſtehenden Schlittenfahrt des Hofes ſich durch die Voranſtalten dazu in der Gegend verbreitet hatte. Aus den nächſten Dörfern, wie Roth⸗Neuſiedel und In⸗ zersdorf, warteten die Leute ſchon ſtundenlang an der Brücke über den Lieſing⸗Bach, ehe der Zug erſchien, und auch weiter von der Stadt ſah man längs der Straße hier und da Gruppen, welche die kaiſerlichen Herrſchaf⸗ ten mit jauchzendem Zuruf empfingen und nicht aufhörten zu jubeln, bis der letzte Schlitten vorüber war. Vor Hennersdorf, wo der Weg abermals eins jener kleinen, zur Donau eilenden Gewäſſer überſchreitet, ſtand wieder die halbe Bevölkerung aus dem genannten Orte und dem 13* 5 204 gegenüberliegenden Vöſendorf; abgeſondert von dieſem bewegten, Hüte und Tücher ſchwingenden Menſchen⸗ knäuel bemerkte Cajetana unter einem wilden Birnbaume, der ſeine blätterloſen Aeſte über ein weites Stück Feld ausſtreckte, ein einzelnes Mädchen, das ihr Auge auf ſich zog. Auch Graf Trautſon wurde auf ſie aufmerkſam. Die Schlitten hatten mit der Zeit größere Abſtände ge⸗ wonnen, ſo daß ſie von den am Wege verſammelten Menſchen im Vorüberfahren mit größter Bequemlichkeit betrachtet werden konnten. Das Mädchen unter dem Birnbaume nahm ſich aber dieſe Mühe nicht— mit Un⸗ geduld ſchaute ſie, nachdem ſie dem eben ankommenden Schlitten kaum einen flüchtigen Blick geſchenkt hatte, ſchon nach dem nächſten, und dies Benehmen, das ſich deutlich kund gab, hatte beſonders Cajetand's Aufmerkſamkeit, als ihr das einzeln ſtehende Mädchen zuerſt auffiel, er⸗ regt. Ihre Seele war ſeit langer Zeit mit dem Gedanken vertraut, daß ſie Kathi auf irgend eine Weiſe bald wie⸗ der begegnen müſſe, und ſie hatte bereits unter jeder Gruppe von Landbewohnern, die ſich am Wege zeigte, nach ihr geſpäht; ihr ſelbſt war es unmöglich geweſen, den mit Vorliebe gehegten Plan einer Nachforſchung aus⸗ zuführen, aber ſie war überzengt, daß Kathi nicht ab⸗ laſſen würde, bis ſie die Geſuchte gefunden habe, und ſo überraſchte es ſie gar nicht, ſondern erfüllte ſie nur mit 205 freudiger Ungeduld, als ſie wirklich in dem Mädchen un⸗ ter dem wilden Birnbaume Kathi zu erkennen glaubte. Sie war es in der That. Nicht der Zufall hatte ſie her⸗ geführt, ſie wartete mit Abſicht hier, um Cajetana zu ſehen. Ihr braunes Geſicht, vom bunten Kopftuch nur wenig verdeckt, ſtrahlte jetzt vor Freude— endlich hatte ſie den rechten Schlitten gefunden— ſie wäre freilich am liebſten vorgeſprungen und hätte ſich an die Kufen ge⸗ hängt, um bei dem geliebten Fräulein zu bleiben, aber das ging doch nicht an, und ſie grüßte ſie nur mit leiden⸗ ſchaftlicher Geberde durch die Bewegung ihrer Hand, welche ſie dann ſchnell auf die Bruſt legte. Cajetana winkte ihr freudig zu, unbekümmert, ob es ihr Begleiter bemerke und ſich darüber verwundere. Graf Trautſon war aber nicht minder in Unruhe gebracht, als ſie: er hatte ein zu gutes Gedächtniß und war dieſem Mädchen unter zu eigenthümlichen Umſtänden begegnet, als daß er ſie, die ſich ſo frei aller Beobachtung ausgeſetzt hatte, nicht hätte wieder erkennen ſollen. Hier traf er ſie endlich, und der Wunſch ſeines Herrn, auf welchen dieſer noch kürzlich wieder einmal zurückgekommen war, fiel ihm ſogleich auf das Herz. Sie konnte ihm hier nicht ent⸗ gehen, wenn er ſich über das Aufſehen, das er erregen mußte, hinwegſetzte. Aber das war in ſeiner Stellung und bei den Rückſichten, welche in der Geſellſchaft zu 206 beobachten waren, rein unmöglich. Auch hatte der Schlit⸗ ten, obgleich er jetzt nur im mäßigen Trabe fuhr, die Stelle ſchon paſſirt, und Trautſon nur noch bemerkt, wie das Mädchen, das bisher nur Augen für ſeine Dame gehabt, auf einmal auch ihm einen Blick geſchenkt habe und ſichtlich erſchrocken war. Einen Moment dachte er daran, ſeinen Vorreiter zurück zu rufen, ihm aufzugeben, das Mädchen zu ſtellen, ihr volle Sicherheit, ja eine reiche Belohnung zu verſprechen, wenn ſie ihm folge, nicht nach Laxenburg, ſondern nach Wien, wo ſie in ſeinem Hauſe die Heimkehr ſeines Herrn erwarten ſolle, der ihr eine wichtige und gute Botſchaft zu geben habe— aber es war für den beſonnenen Trautſon eben nur die An⸗ wandlung eines Moments. Was würde man in allen den nächſten Schlitten geſagt haben, wenn man den Vorreiter des Obriſtkämmerers plötzlich aus der Bahn hätte biegen, Jagd auf ein Mädchen machen ſehen, das vor ihm ge⸗ wiß erſchrocken die Flucht ergriffen und ſich nur mit Ge⸗ walt zum Stehen hätte bewegen laſſen! Der Graf konnte ſie, da der Weg bald eine Krümmung machte, noch ein⸗ mal ſehen, ſie ſtand noch immer unbeweglich unter dem Baume und blickte dem einzigen Schlitten nach, der für ſie des Nachſchauens werth war. „Herr Graf,“ begann Cajetana mit bebender Stim⸗ me,„das Mädchen dort— das mich grüßte— Sie wer⸗ ——— ——— 207 den vielleicht verwundert ſein, daß ich den Gruß ſo leb⸗ haft erwiederte— mir wäre viel daran gelegen, ſie zu ſprechen; ich weiß nicht, auf welche Weiſe das möglich ſein könnte, aber Sie würden vielleicht—“ Hier ſtockte ſie und wagte nicht, den kühnen Gedanken, den ſie nun ſelbſt für ganz unſtatthaft hielt, auszuſprechen. „Sie kennen das Mädchen?“ fragte der Graf über⸗ raſcht, denn er hatte wohl geſehen, daß jene mit beſon⸗ derer Freude ſeine Dame gegrüßt, aber nicht, daß dieſe den Gruß erwiedert hatte, da ſein Auge nur auf die fremde Dirne, in der er die Tochter des Raubſchützen er⸗ kannt, gerichtet war. „Sie iſt aus meiner Heimath,“ antwortete Caje⸗ tana.„In meiner Kindheit habe ich mit ihr geſpielt— ihr Vater war in Dienſten meines Vaters.“ „Ihres Herrn Vaters!“ wiederholte Trautſon be⸗ fremdet. „Ja!“ beſtätigte ſie.„Die Arme iſt jetzt ganz ver⸗ laſſen! Wenn ich ſie nur einmal, ein einzig Mal ſprechen könnte! Aber“— ſetzte ſie ſeufzend hinzu—„wie ſollte ſie mich finden? Ich bin kindiſch, davon mit Ihnen zu reden.“ „Vielleicht läßt ſich Ihr Wunſch erfüllen,“ verſetzte der Graf, gegen ſeine Weiſe etwas unſicher.„Wir ſind, wie Sie ſehen, bald an unſerm Ziele, von dort aus werde 208 ich thun, was ich kann.“ Er ſchwieg und Cajetana ver⸗ ſtummte, wie er. Sie hatte keine Ahnung, welche Zweifel ſie durch ihre Erklärung in dem Geiſte ihres Begleiters geweckt hatte. Laxenburg war erreicht. Eine ſchmetternde Fanfare empfing die kaiſerlichen Herrſchaften, welche ihre Schlit⸗ ten verließen und ſich unter dem Vortritt der Hofchargen und zahlreicher Pagen, die ſich im Voraus hier verſam⸗ melt hatten, nach den wohl durchwärmten, zum Feſtmahl prächtig decorirten Räumen begaben. Schlitten auf Schlit⸗ ten fuhr vor, die Cavaliere geleiteten ihre Damen zur Geſellſchaft, die ſich Paarweiſe vermehrte und ſich im Nachgefühl angenehmer, ganz ungeſtörter Unterhaltung, wohlthuend angeſprochen durch die behagliche und ſchöne Umgebung in einer lebhaft angeregten Stimmung befand. Der Kaiſer in ſeiner Leutſeligkeit und Milde trug dazu bei, ſie zu erhöhen. Es iſt— wir ſprechen es mit den Worten eines neuern, geachteten Schriftſtellers aus— ſeit einer Reihe von Jahren Mode geworden, das Andenken Leopold des Erſten in der Geſchichte herabzuſetzen und zu verkleinern. Diejenigen ſeiner Zeitgenoſſen aber, die ihn perſönlich kannten, urtheilten anders über ihn. Ge⸗ rechtigkeit, Herzensgüte und Frömmigkeit, ſagen einſtim⸗ mig ſelbſt Geſandtſchaftsberichte, waren die einzigen Trieb⸗ federn ſeines Handelns. Leidenſchaftlicher Ausbrüche war 209 er ganz unfähig, und nichts mußte mehr bewundert wer⸗ den, als der wahrhaft großherzige Gleichmuth, mit wel⸗ chem er in Gottesergebung die Schläge des Schickſals er⸗ trug, die ihn oft in empfindlicher Weiſe trafen. Seine perſönliche Liebenswürdigkeit, die Leichtigkeit, Zutritt zu ihm zu erhalten, die Freigebigkeit, mit welcher er es liebte, mit eigener Hand Wohlthaten zu ſpenden, be⸗ wirkten, daß er von Bittenden und Klagenden wahrhaft beſtürmt wurde. Wenn bei dieſen ausgezeichneten Eigen⸗ ſchaften die unparteiiſchen Zeitgenoſſen auch Schwächen gefunden und ſie der Geſchichte überliefert haben, ſo ſind ihre Schatten, wie es zu geſchehen pflegt, ſpäter viel nachgedunkelt und haben Gelegenheit gegeben, das Bild des Kaiſers im Lichte einer feindſeligen Anſchauung zu entſtellen. Seine tiefe Frömmigkeit wurde dann entweder verſpottet oder als Fanatismus gezeichnet; die Gerech⸗ tigkeit, welche vom Staatsoberhaupte auch Strenge ver⸗ langt, wo ſie nöthig iſt, iſt als Graumſamkeit, die Her⸗ zensgüte umgekehrt als Mangel an Energie dargeſtellt worden. Dieſer mag in der Politik, welche durch ſo viele Einflüſſe bedingt wird, hervorgetreten ſein, die großen Ereigniſſe, namentlich in den letzten Regierungsjahren des Kaiſers, forderten unſtreitig eine höhere Thatkraft und Entſchloſſenheit, als ſie der greiſe Monarch beſaß, aber ſeine Perſönlichkeit blieb für Alle, welche ihm nahen 210 durften, immer eine freundlich gewinnende. Ganz beſon⸗ ders war dies der Fall, wenn er die Etikette, die ſeit den Zeiten Karl's V. wie ein unverbrüchliches Erbgeſetz am Kaiſerhofe herrſchte, im Familienkreiſe oder in engern Geſellſchaften ablegen konnte, wie es heute in Laxenburg der Fall war. Die Stunden, welche hier an jenem Dezemberabende verlebt wurden, rauſchten in fröhlicher Geſelligkeit raſch vorüber. Cajetana war vielleicht die Einzige, welche ſich davon wenig berührt fühlte; ſie kam ſich inmitten der⸗ ſelben ſo fremd und vereinſamt vor, daß ſie traurig ge⸗ ſtimmt wurde, wo Alles lachte und ſcherzte. An ihrer Seite ſaß Graf Trautſon, der mehr, als ihm lieb war, von ſeiner andern Nachbarin in Anſpruch genommen wurde, während der Cajetana zur Rechten ſitzende Cavalier ſeine Dame auf das Eifrigſte unterhielt. Boshaften Beobach⸗ terinnen hätte daher Cajetana's Verſtimmung Grund zu allerlei ſpöttiſchen Bemerkungen geben können, als ſei der Grund dazu, daß ſie ſich vernachläſſigt fühlte. Wir fürchten, daß ſolche Bemerkungen gemacht wurden, denn Cajetana war zu ſchön, um der Beobachtung und auch dem Neide zu entgehen. Die Gräfin Königsegg hatte ihre Nichte wohl im Auge und achtete darauf, wer ihr ſonſt an der Tafel ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte; man hütete ſich allerdings vor ihr, aber ſie mußte doch Grund ha⸗ — 211 ben, als ſie nach aufgehobener Tafel zu Cajetana, die ihr wieder zugeführt wurde, eine leiſe, tadelnde Bemer⸗ kung ſagte, welche dieſe betroffen erröthen ließ. Gleich darauf wurde das Zeichen zum allgemeinen Aufbruch ge⸗ geben und es war keine Zeit mehr, ſich zu rechtfertigen. Die Rückfahrt fand, wie ſchon bemerkt, bei Fackelſchein Statt, und gab ein Schauſpiel, das trotz der Kälte und der ſpäten Nachtſtunde wiederum die ganze Bevölkerung der nah gelegenen Dörfer herbeigelockt hatte. Trautſon war ſeinem Verſprechen treu geweſen, weil deſſen Er⸗ füllung auch für ihn ſelbſt von Intereſſe war. Er hatte ſeinem Gebieter, obgleich er mehrmals im Schloſſe dazu Gelegenheit gehabt hätte, nichts davon geſagt, daß er das Mädchen, dem er damals den Ring geſchenkt, heute am Wege geſehen habe, wohl aber hatte er, darauf rech⸗ nend, daß ſie ſich auch bei der Heimkehr werde blicken laſſen und nicht unwahrſcheinlich auf derſelben Stelle, ſeinem Diener, welcher zu Pferd den Schlitten begleitete, ſchon die nöthigen Befehle gegeben. Er konnte ſich ganz auf deſſen Treue und Verſchwiegenheit verlaſſen. Wenn er ihm ein Zeichen mit der Hand geben würde, ſollte er, der ſich bis dahin dicht an ſeine Seite zu halten, aus der Bahn ruhig abbiegen, und als ſei ihm etwas am Sattelzeug in Unordnung gerathen, abſitzen, was kein Aufſehen erregen und die Dirne auch nicht erſchrecken 212 konnte; dieſer ſollte er ſich dann nähern und ihr ſo freundlich als möglich ſeinen Auftrag beſtellen. Dieſe Veranſtaltung theilte Trautſon unterwegs ſeiner jungen Gefährtin mit, welche ihm dafür um ſo dankbarer war, als er keine weitern Fragen daran knüpfte. Er wußte je⸗ doch ſchon mehr, als ſie ahnte. Sie nahten der Stelle, wo ſich das Mädchen auf der Herfahrt hatte blicken laſſen. Die Fackeln warfen ihr rothes Licht auf den entblätterten Baum und ließen ihn hell angeglüht aus dem Dunkel hervortreten. Diesmal war die Stätte mehr beſetzt, man hörte ſchon die erſten Schlitten von dort mit einem vielſtimmigen Zuruf begrü⸗ ßen, und näher gekommen, ſah man eine gedrängte Schaar von Menſchen, welche auf zwanzig Schritte am Wege Spalier gemacht hatte: ihre freudigen Geſichter glänzten im Fackelſchein, aber die Geſuchte war unter ihnen nicht zu erkennen. Sie hatte ſich vielleicht wieder eine einſamere Stelle ausgeſucht. So hoffte wenigſtens Cajetana. Indeſſen wurde dieſe Hoffnung, welche ſie faſt bis zum Thore von Wien feſthielt, getäuſcht: Kathi war nirgends zu erblicken, und die Wahrſcheinlichkeit, ſie je⸗ mals wieder zu finden, ſchien verloren zu ſein. Cajetana äußerte ſich darüber nicht und nahm die wenigen Worte des Bedauerns, welche Trautſon in ſeiner Discretion gegen ſie ausſprach, mit einer halblauten Anerkennung ſeiner Freundlichkeit auf. 213 Die Geſellſchaft war von den Majeſtäten bereits in Laxenburg entlaſſen worden und nur noch auf der Rück⸗ fahrt, dem vorgeſchriebenen Ceremoniell gemäß, vereinigt geblieben; in der Stadt, von der Burg aus trennten ſich dann die Schlitten mit ihren Vorreitern und Fackelträgern in allen Richtungen und führten zuerſt die Damen nach Hauſe. Im Königsegg'ſchen Palais wartete die Diener⸗ ſchaft zum Empfange, und ſo ſpät es in der Nacht war, auch Fräulein Riedau noch. Die beiden Schlitten fuhren nach einander vor, die Herren halfen der Gräfin und Ca⸗ jetana beim Ausſteigen und geleiteten ſie noch bis in das Portal, wo ſie ſich beurlaubten. Anna Riedau's mißgün⸗ ſtiges Auge beſänftigte ſich ein wenig, als es den Grafen Trautſon und nicht einen unverheiratheten Cavalier an Cajetana's Seite erblickte, ja es nahm, über ihre Herrin und deren Begleiter ſtreifend, einen gewiſſen ſchadenfrohen Ausdruck an, der jedoch nur momentan aufleuchtete. Im Zimmer angekommen, glaubte ſie in den Zügen der Grä⸗ fin, die vor ihr zu wenig auf ihrer Hut war, einen Mißmuth zu bemerken, der ihr um ſo mehr auffiel, als Graf Wratislaw bekanntlich einer der geiſtreichſten und witzigſten Geſellſchafter war. Hatte ſie ſich dennoch einen Andern gewünſcht oder war ihr ſonſt nicht Alles heute nach Wunſch gegangen? Zeit zu Beobachtungen war aber heute nicht mehr, denn die Gräfin entließ ſie ſogleich, 214 ſchneller als gewöhnlich und ohne ihr, wie ſie doch ſonſt zu thun pflegte, ein freundliches Wort über ihre Aufmerk⸗ ſamkeit des ſpäten Wartens zu ſagen. Am andern Morgen zeigte Francesca's Stirn wie⸗ der klaren Himmel. Was ihn auch geſtern getrübt haben mochte, heute war jede Wolke verſchwunden, und ſelbſt das Wetter, welches draußen umgekehrt ſich in trübes, ſtür⸗ miſches verwandelt hatte, übte auf ſie nicht ſeinen ge⸗ wohnten Einfluß. Sie beſchloß gegen Mittag ſogar dem⸗ ſelben zu trotzen, obgleich ein Umſchlag der Temperatur das Schneegeſtöber ſchon zum Regen werden ließ, den der Sturm gegen die Fenſter peitſchte. Der Wagen wurde befohlen und die Gräfin fuhr aus, einige Beſuche zu machen. Cajetana hatte erwartet, ſie begleiten zu müſſen, und war ſehr zufrieden, als ſie davon entbunden wurde. Sie ſollte jedoch nicht lange einſam auf ihrem Zimmer bleiben; die Riedau erſchien bald, ihr Geſellſchaft zu lei⸗ ſten und ſich von ihr die Erlebniſſe des geſtrigen Tages erzählen zu laſſen, beſonders den Glanz, nach dem ihre Seele dürſtete und der ihr doch auf ewig verſagt war. Es konnte ſie wenig zufrieden ſtellen, was ſie darüber von Cajetana hörte; welche klöſterliche Beſchränktheit gehörte dazu, das Alles ohne die mindeſte Aufregung ſo trocken und farblos zu ſchildern, als es Cajetana that! War das 215 Mangel an Geiſt oder gab es eine beſtimmte Urſache, warum ihr der geſtrige Hochgenuß alles Reizes beraubt worden war? Faſt ſchien das Erſtere der Fall, denn ſie verſtand nicht einmal die neckenden Anſpielungen, welche ſich die Riedau erlaubte. Wenn dieſe auf Verhältniſſe kam, die ihr ſelbſt, gleich denen des äußern Glanzes, wohl von jeher verſagt geblieben waren, auf die zartern Fragen des Herzens, dann wurde ihr ohnehin wenig anziehendes Geſicht erſt recht häßlich. Es nahm dabei entweder den Ausdruck einer ſchnöden Leichtfertigkeit an, mit jenem Lä⸗ cheln, welches reine Gemüther tief verletzt, oder es verzog ſich zu boshaftem Spotte. Cajetana blickte ihr, als ſie wiederholt gefragt wur⸗ de, ob ſie nicht Jemand vermißt habe, offen und unſchul⸗ dig in das Geſicht, und als ſie das Lächeln bemerkte, das ihr in ſeiner Lüſternheit fremd und unerträglich war, fühlte ſie ſich von Anna abgeſtoßen, wie noch nie zuvor. Dieſe ſenkte jedoch ihr Auge, denn ſie hatte den Widerwillen, der plötzlich in Cajetana's Augen ſich malte, deutlich wahrgenommen und war klug genug, ihn ſogleich zu ent⸗ kräften. „Ich meine den Grafen Colonna,“ ſagte ſie.„Er war geſtern hier, nachdem Sie abgefahren waren, und wollte durchaus wiſſen, wem die Ehre zugefallen ſei, die Frau Gräfin und das gnädige Fräulein im Schlitten 216 zu begleiten. Ich konnte ihm darin nicht dienen, da die Looſe erſt in der Favorita ausgetheilt wurden. Er war ſehr verſtimmt, daß ihm keine Einladung zugekommen war, da er doch nichts verſäumt habe, um eine ſolche er⸗ warten zu können und der Adel ſeines uralten Geſchlechts wohl dem der vornehmſten deutſchen Familien voranſtehe, da er bereits im alten klaſſiſchen Rom Geltung beſeſſen habe, während die Vorfahren der Deutſchen noch in ihren Wäldern Eicheln geſpeiſt. Ich fand es nicht artig, einem deutſchen Mädchen ſolche Dinge zu ſagen, doch hielt ich es ſeinem Aerger zu gut, nicht zu der Hofpartie geladen zu ſein. Er wollte ſie dann wenigſtens unterwegs von fern ſehen: ob er es ausgeführt haben mag?“ „Ich weiß es nicht, ich habe ihn nicht bemerkt,“ er⸗ wiederte Cajetana, und mußte bei dieſer Wendung des Geſprächs wieder an ihre Kathi denken, was ſie von der Achtſamkeit auf Anna's Worte entzog, denen ſie nur zer⸗ ſtreut zuhörte, als dieſe zu plaudern fortfuhr und dabei ſich ſelbſt zu einem Gegenſtande hinleiten ließ, welchen ſie gegen Cajetana noch nicht berührt hatte, obgleich es ſie längſt gelüſtete, dem bevorzugten Kinde zu ſagen, daß ſie durch Geburt und äußere Verhältniſſe einſt vollberechtigt zu derſelben Stellung in der Welt geweſen ſei, welche Ca⸗ jetana, der von Glück Begünſtigten, wie eine goldene Frucht in den Schvoß gefallen, während ihr ſelbſt eine 217 räuberiſche Hand dieſelbe vor der Zeit abgebrochen und ſie dadurch zum Elend ihrer Lage verdammt habe. „Wie doch die Wünſche ſo verſchieden ſind!“ ſprach ſie, nachdem Cajetana ihre Frage nach dem Römer ver⸗ neint hatte.„Graf Colonna war unglücklich, daß er nicht an den rauſchenden und glanzvollen Hoffeſten Theil neh⸗ men kann, und ich— fühlte mich ſo zufrieden, ſo glücklich, daheim bleiben zu dürfen!“—— Der Athemzug ihrer Bruſt, die feindſelig eingezogene Lippe hätte als ein Pro⸗ teſt gegen dieſe Lüge angeſehen werden können, aber die zerſtreute Hörerin beachtete dieſe Zeichen nicht, ſondern neigte nur leiſe, wie zuſtimmend, ihr Haupt. „Und, wenn noch Alles wäre, wie ſonſt, ſo würde ich das Recht, in jenen Kreiſen erſcheinen zu dürfen, eher beſitzen, als der ſtolze Abkömmling der alten Weltherr⸗ ſcher, wie er ſeine Ahnen nannte. Ja, gnädiges Fräulein, mir iſt es nicht an der Wiege geſungen worden, daß ich einſt dienen müßte— denn ich bin im Hauſe Ih⸗ rer Frau Tante doch nur immer ein Dienſtbote, wie die andern!“ „Liebe Anna!“ rief Cajetana ergriffen.„Wie kön⸗ nen Sie ſo reden!“ „Es iſt nicht anders!“ fuhr dieſe fort.„Ich diene, wenn auch nicht um einen beſtimmten Taglohn, doch um des erbärmlichen Lebensunterhalts und der Kleidung 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 14 218 willen. Ich bin aber mit meinem Looſe zufrieden— wenn wir Eſſen und Kleider haben, ſollen wir uns genügen laſ⸗ ſen, ſagt die Schrift. Glauben Sie nicht, daß ich murre, gnädiges Fräulein.“ Cajetana hatte ſchon oft ihr eigenes Schickſal mit Anna's verglichen. Die Laune der Gräfin hatte ihr, be⸗ wogen durch ihren edlen Sohn, eine Stellung an ihrer Seite eingeräumt und ſie mit Wohlthaten überhäuft, auf welche ſie ebenſo wenig Anſpruch hatte, als ſie zu jener berechtigt war. Es lag in der Hand der Gräfin, ſie nach ihrem Willen zu halten oder ſinken zu laſſen, und Cajetana fühlte ſich von ihr, wenn auch in anderer Weiſe, ebenſo abhängig, als es Anna war; ſie konnte ihres augenblick⸗ lich glänzenden Looſes daher nicht froh werden und ſehnte ſich, wie Anna, nach Freiheit und Selbſtſtändigkeit, wenn ſchon ſie ihre Wünſche nicht nach Glanz und Reichthum ſchweifen ließ. Anna's Aeußerungen gingen ihr heute tief zu Herzen und ſie gab ihr das zu erkennen. „Sie ſind ſehr gütig,“ verſetzte die Riedau.„Aber freilich kennen Sie das Gefühl nicht, aus der Sicherheit und dem höchſten Ueberfluß plötzlich in Mangel und Un⸗ glück zu ſtürzen—“ „O doch!“ entgegnete Cajetana, von ihren Sie dungen hingeriſſen. „Ihre Theilnahme täuſcht Sie— wenn Sie meine 219 Geſchichte kennten, ſo würden Sie erſt begreifen, was ich zu dulden habe.“ „Erzählen Sie!“ bat Cajetana.„Schenken Sie mir Ihr Vertrauen!“ Sie nahm an dem unholden Weſen, das auch gegen ſie den bittern Character nicht verläugnet hatte, mehr Antheil, als ſie deſſen ſelbſt bewußt war, da ſie ſich den Grund dieſes Antheils, den ſie in der Ferne zu ſuchen hatte, nicht geſtand. „Wollen Sie die erbärmliche Geſchichte wirklich an⸗ hören?“ fragte die Riedau mit dem böſen Lächeln, das ihr eigen war.„Nun, ich will mich möglichſt kurz faſſen, ſo lange ſie mir ſelbſt zu durchleben wird, da ſie kein Ende hat— bis jetzt! Mein Vater war ein reicher Mann; ich bin erzogen worden, als ſei mir beſtimmt, nimmer eine Hand zu rühren, ſondern ſtets zwanzig Hände zu meiner Bedienung zu haben— häßlich war ich freilich als Kind ſchon, aber ich wußte es nicht, Niemand ſagte es mir, meine Eltern liebten mich deshalb nicht weniger, und Alles war gegen mich voll Güte und Freundlichkeit, denn ich war auch gut und freundlich damals— nicht ſo, wie ich jetzt bin. O ſagen Sie mir nichts, Fräulein! Ich weiß Alles, was Sie mir ſagen können, aber ich weiß auch, was ich rede.— Als meine Mutter geſtorben war, ſchloß ſich mein Vater mehr ſeinen Kriegsgefährten an— mein Vater war nämlich Soldat— und wir Kinder ſahen 14* 220 ihn auch während der Winterquartiere im Kriege nicht, wo er ſonſt immer zu uns nach Steiermark gekommen war.“ „Nach Steiermark?“ wiederholte Cajetana lebhaft, deren Antheil durch die Erwähnung, daß Anna's Vater gleich dem ihrigen Soldat geweſen, noch geſteigert wor⸗ den war. „Dort wohnten wir zuerſt auf einem ſchönen Gute,“ erklärte die Riedau.„Es wurde aber verkauft, als meine Mutter geſtorben war, und der Vater übergab uns einer alten Verwandten, bei der wir dann in der Stadt lebten. Ich war ſchon erwachſen, denn ich bin viel älter, als mein Bruder Max. Mit perſönlichen Dingen will ich Sie aber verſchonen. Es genügt, wenn ich Ihnen kurz ſage, daß mein Vater von einem Schurken um ſein Vermögen ge⸗ bracht worden iſt und bald nachher ſeinen Tod im Kriege gefunden hat. Was weiter mit uns geſchehen iſt, wiſſen Sie ja— mein Bruder kann es zu nichts bringen und ich bin eine Magd!“ „Anna! Sprechen Sie nicht ſo!“ rief Cajetana mit Thränen des Mitgefühls, von ihrem Tone erſchüttert. „Die Gräfin hat Sie ja lieb— Sie ſtehen ihr näher— haben mehr Recht an ſie, als ich! Aber ließ ſich denn gar nichts thun gegen den Mann, der Ihren Vater um ſein Vermögen gebracht hat?“ 221 „Was denken Sie?“ erwiederte Anna.„Der Mann war Edelmann und Offizier—“ „Unmöglich!“ rief Cajetana, und erblaßte. „Auf Treue und Glauben hatte ihm mein Vater be⸗ deutende Gelder anvertraut,“ fuhr Anna fort;„er ſollte ſie ihm aufbewahren, während mein Vater im Kriege war, und der Andere bei den Truppen im Lande blieb. Das Geld iſt verſchwunden, er hat es abgeleugnet empfangen zu haben, mein Vater forderte ihn zum Zweikampf— ſehen Sie mich nicht ſo geiſterhaft an, gnädiges Fräulein, Got⸗ tesgerichte gibt es nicht mehr— mein Vater wurde ſchwer verwundet und Cronberg blieb heil.“ Ein Schrei des Entſetzens unterbrach die Erzähle⸗ rin. Cajetana hatte dieſen Schrei ausgeſtoßen, als ſie ihres Vaters Namen hörte, ſie ſtand leichenblaß vor der Riedau und ſtarrte ſie, kaum ihrer Sinne bewußt, an. „Was iſt Ihnen?“ rief Anna.„Kennen Sie dieſen Namen oder gar den Schurken, der ihn trug? Kaspar von Cronberg, im Regimente Montecuccoli?“ Da funkelte plötzlich ein heiliger Zorn in Cajetana's Augen auf und gab ihr die volle Energie ihres Characters zurück.„Das iſt mein Vater geweſen!“ rief ſie mit Hef⸗ tigkeit.„Kein Menſch auf Erden hat ein Recht, an ſeiner Ehre zu zweifeln!“ „Ihr Vater—2“ wiederholte die Riedau betroffen, 222 und ihr Geſicht wurde dunkelroth, während ihre Augen wie die einer gereizten Schlange blitzten.„Heißen Sie denn Cronberg—7“ „So heiße ich, und was Sie von meinem Vater ge⸗ ſagt, welche Schmach Sie auf ſeinen Namen geworfen haben— es iſt eine ſchändliche Verläumdung— die Sie widerrufen werden!“ „Sie ſind das Fräulein von Cronberg—2“ wie⸗ derholte Anna, die ſich noch nicht von ihrem Staunen er⸗ holen konnte, aber ſchon im Geiſte viel Möglichkeiten vor⸗ überſtrömen ſah, die ſich an dieſe Entdeckung knüpfen lie⸗ ßen.„Ich bitte tauſendmal um Entſchuldigung! Voll⸗ kommen begreife ich, daß die Frau Gräfin Sie unter einem Incognito bei ſich einführte, da ich unglückliche Perſon nun einmal im Hauſe war. Es wäre freilich viel einfacher geweſen, mich zu entfernen, worüber die Frau Gräfin ja Niemand Rechenſchaft abzulegen hat. Indeſſen ſteht es mir nicht zu, ihre Handlungen zu beurtheilen. Ich habe überhaupt nicht geahnt, daß eine Verwandtſchaft Statt gefunden, da ſie die Erzählung meines Unglücks, wie oft mir auch davon das Herz übergefloſſen ſein mag, immer ſchweigend hingenommen hat. Iſt es nun aber ſo „Ich bin nicht mit der Gräfin verwandt!“ unter⸗ brach ſie Cajetana, welche auch die letzte Unwahrheit von ſich abſtreifte.„Ich frage danach nicht, ich will nur mei⸗ nes Vaters Gedächtniß gereinigt ſehen. Geſtehen Sie mir, daß hier ein Irrthum obwaltet! Es iſt unmöglich— auf meiner Seele Gefahr will ich beſchwören, daß mein edler Vater jeder ſchlechten Handlung unfähig geweſen iſt!“ Anna ſenkte ihre Augen und ſagte mit eingekniffenen Lippen:„Die Tochter muß das annehmen. Geſtatten Sie mir, daß auch ich als Tochter von meinem Vater dieſelbe gute Meinung habe. Jedes Wort, das wir noch in dieſer Angelegenheit wechſeln, iſt überflüſſig. Wären wir Män⸗ ner, ſo könnten wir es mit der Klinge ausmachen, wie unſere Väter und vielleicht mit demſelben Erfolge. So aber ſchweigen wir beſſer. Von dem, was ich geſagt habe, kann ich keine Silbe widerrufen. Gegen die Frau Gräfin kenne ich meine Stellung— gegen Sie, Fräulein von Cronberg, iſt meine Stellung heute etwas verändert wor⸗ den, denke ich. Doch werde ich die Frau Gräfin nicht ahnen laſſen, was vorgefallen iſt.“ Sie machte Cajetana eine kurze Verbeugung und verließ das Zimmer. In welchem Zuſtande, von welchem heißen Schmerze beſtürmt, blieb Cajetana zurück! Sie eilte zu ihrem Schrein und ſuchte mit fieberhafter Haſt, bis ſie unter ihren Sachen ein vergelbtes Blatt wieder fand: das Billet von unbekannter Hand, das ſie einſt unter den ihr zugeſtellten Papieren ihres Vaters gefunden 224 und mit banger Sorge aufgehoben hatte. Ihre Hand zit⸗ terte, ihr Auge verdunkelte ſich, als ſie noch einmal las: „Du haſt mich um das Meinige gebracht— falle ich, ſo müſſen meine Kinder betteln gehen— ſorge wenigſtens für ſie, wenn Du kannſt, damit es Dir nicht an Deinem eige⸗ nen Kinde vergolten werde. Das iſt mein Teſtament.“ Zehrtes Cnpitr. Fehlſchlag. Hier war kein ſtilles Dulden, keine willenloſe Hin⸗ gebung an fremde Beſtimmung mehr möglich— hier galt es, einen eigenen Entſchluß zu faſſen und zu handeln! Es koſtete freilich Cajetana namenlos viel, vor die Gräfin zu treten, ſobald dieſe heimgekehrt war, ihr zu erzählen, daß ſie gegen Anna, als dieſe das Gedächtniß ihres Va⸗ ters verunglimpft, ihren Namen nicht verläugnet habe, und daran die Bitte zu knüpfen, ſie aus ihrem Hauſe wieder zu entlaſſen, aber ſie fand den Muth dazu in dem Gefühle, daß es geſchehen müſſe. Die Gräfin loderte auf, ſie ließ einen halblauten italieniſchen Ausruf hören, den Cajetana zwar nicht verſtand, deſſen ſcharfer ziſchender Ton ſie aber ſchreckte— doch ſtockte ſie nur einen Moment und führte ihre Rede dann muthig zu Ende. Ihr Auge war von dem flammenden Blicke der Gräfin zu Boden geſunken, und ſie erwartete nun bleich, mit klopfendem Herzen die Antwort. Wie bebte ſie vor Ueberraſchung, als ſtatt derſelben Francesca ſie ſtumm auf die Stirne küßte. Dann ſchellte ſie, und ſogleich, als habe ſie im Ne⸗ benzimmer gewartet, trat Anna Riedau ein. Es bedurfte für ſie nur eines Blickes, um zu errathen, was hier vor⸗ gefallen war— wie ſie Cajetana bereits kennen gelernt, hatte ſie es nicht anders erwartet. Das ſtolze Auge der Gräfin Königsegg maß ſie mit einem eigenthümlichen Ausdrucke und ſtreifte dann, als wolle es einen Vergleich ſuchen, über das liebliche Weſen, das bei Anna's Er⸗ ſcheinung zur Seite getreten war und ſich mit ſichtlichem innern Kampfe für den Moment, der nun folgen mußte, zu waffnen ſuchte. „Sie wiſſen, Fräulein Riedau,“ begann die Gräfin mit ihrer klangreichen Altſtimme, welche ſo ruhig aus⸗ tönte, als könne ihr keine Macht ein leiſes Beben abge⸗ winnen—„Sie wiſſen, daß dieſe junge Dame die Toch⸗ ter des Rittmeiſters von Cronberg iſt? Nun wohl, ſo können Sie ſich auch denken, daß ich meine Gründe habe, Gründe, die nur mich betreffen, verſtehen Sie, Fräulein Riedau? daß Sie das erſt heut' erfahren. Ich wünſche, daß Sie meine Gründe ehren.“— Anna verneigte ſich ſtumm.—„Das nur beiläufig!“ fuhr die Gräfin fort. 226 „Ich berühre die Sache nur, weil ich ſo eben davon in Kenntniß geſetzt worden bin, und hoffe, daß ſie damit ab⸗ gemacht iſt. Weshalb ich Sie rufen laſſen wollte, hat einen andern Grnnd. Ich habe einen Auftrag für Sie, den Sie gewiß gern erfüllen werden— er betrifft mein kleines Gut bei Salzburg. Ich werde Sie bitten, eine Reiſe dorthin zu unternehmen und Einiges für mich ein⸗ zurichten, das ich Ihnen am Beſten anvertrauen kann. Die Jahreszeit hat für Sie, wie ich weiß, kein Bedenken, Sie ſollen mit aller Bequemlichteit, und wie ſich von ſelbſt verſteht, in Begleitung eines zuverläſſigen Dieners reiſen.“ Die Riedau war gewohnt, ſich zu bezwingen; bei dieſem unerwarteten Befehl konnte ſie aber das Zucken ihrer Lippen nicht bergen, obgleich ſie dieſelben faſt blutig biß.—„Die gnädige Frau Gräfin haben über mich zu beſtimmen,“ ſagte ſie.„Wann werde ich reiſen?“ Da konnte Cajetana, welche erſchrocken war, als ſie dieſe Wendung der unſeligen Angelegenheit hörte, nicht länger an ſich halten:„Nimmermehr!“ rief ſie, alle Rückſichten vergeſſend, ihr eigenes Verhältniß, die ganze Welt der Formen und Convenienzen.„Ich bin die Ur⸗ ſache— entfernen ſie mich; an mir iſt es, dies Haus zu verlaſſen, und ich bitte Sie noch einmal von Grund mei⸗ nes Herzens—“ „Thörichtes Kind!“ unterbrach ſie die Gräfin be⸗ fremdet, aber nicht unfreundlich.„Du biſt zu aufgeregt, ich begreife das ganz; laß uns allein, ich habe mit Anna noch zu reden—“ „Anna, Sie haben mir heut', ohne es zu wiſſen, namenloſen Schmerz bereitet!“ rief Cajetana außer ſich. „Aber bei allen Heiligen beſchwöre ich Sie, mir zu glau⸗ ben, daß ich unſchuldig bin an dem, was ihnen ſo eben geſchehen iſt! Könnte ich ungeſchehen machen, was einſt— vielleicht!— an Ihnen verſchuldet ſein mag, ich würde mein Blut, mein Leben mit tauſend Freuden opfern! Mein Anblick ſoll Ihnen aber nicht mehr die traurige Erinnerung wecken— Sie werden bald vergeſſen, daß ich Sie betrübt habe, wenn ich fort bin. Meine Anweſenheit ſoll kein Grund ſein, Sie zu entfernen—“ „Cajetana!“ ſagte jetzt die Gräfin mit einem ſo ſtrengen und gebieteriſchen Tone, daß er das Mädchen verſtummen ließ.„Ich habe von Dir Achtung und Ge⸗ horſam zu fordern. Vergiß nicht, daß Graf Karl Fidelis Dein Vormund iſt und ſeine Rechte mir übertragen hat.“— Cajetana ſenkte das Haupt und Thränen entſtürtzten ihren Augen, ſie war ganz faſſungslos.—„Es war meine Ab⸗ ſicht, fuhr die Gräfin gegen Anna Riedau gewendet fort, welche mit eistodtem Blick zu ihr aufſchaute,„eine Scene ſolcher Art zu vermeiden. Da es nun aber einmal ſo weit gekommen iſt, wünſche ich auch Alles aufgeklärt zu ſehen. Von dem Schickſal Ihrer Familie bin ich un⸗ terrichtet, wie Sie wiſſen. Ihr Bruder denkt darüber an⸗ 228 ders, als Sie— wäre Er an Ihrer Stelle geweſen, ſo würde ich heut' keine Urſache zu Erörterungen haben, die jedenfalls peinlich für alle Theile find. Ihr Bruder hat mir geſagt, daß er fern davon iſt, in jener unklaren Sache die Schuld auf einen allgemein geachteten Offizier und Edelmann zu werfen, den vielleicht gar kein Vorwurf trifft, als der einer Unvorſichtigkeit— für einen ritterlichen Cha⸗ racter ein ſehr gewöhnlicher Vorwurf, der nicht eben zur Schande gereicht, ſollte ich meinen! Ihr Bruder wird Ihnen ſeine Anſichten über die unſelige Verwickelung nicht verſchwiegen haben.“ Jedes Wort war ein Tropfen Balſam für Cajeta⸗ na's Herz, ſie lauſchte mit bebendem Herzen, das eine Rückflut freudig erregter Wellen hoch und höher ſchlagen ließ. Max Riedau war für die Ehre ihres Vaters eingetre⸗ ten!— Als Anna auf die Rede der Gräfin nur mit einem Zucken ihrer mißgeformten Achſel und einem vieldeutigen Lächeln antwortete, ſagte dieſe:„Gleichviel! Sie werden wenigſtens einſehen, daß die Vergangenheit, die nicht mehr zu ändern iſt, begraben bleiben muß. Ich wußte, daß ein Zuſammenleben, wie es hier ſtattfand, bald zu einer Er⸗ klärung führen mußte, und war gleich von Anfang ent⸗ ſchloſſen, dieſe zu bewirken. Doch hat man mir keine Zeit gelaſſen. Wie die Verhältniſſe nun ſtehen, können Sie nicht mehr zuſammen bleiben. Ich gebe Ihnen eine unabhängige Stellung, Anna, in welcher Sie ſich beſſer gefallen werden, ———— ————— ———— als bei mir— kein Wort mehr, Cajetana! Es iſt mein Wille und der Wille Deines Vormundes, daß Du bei mir bleibſt.— Sie fragten mich, wann Sie reiſen werden, Anna. Uebermorgen ſpätſtens. Ich glaube, daß Sie weder von Wien, noch von Gumpendorf mit ſchwerem Herzen ſcheiden. Treffen Sié Ihre Einrichtungen. Und nun bitte ich, bei Tafel, vor den Domeſtiken, um eine ruhige Miene, Tani.“ „Vergönnen Sie mir auf meinem Zimmer zu blei⸗ ben,“ bat Cajetana.„Ich bin undankbar, ich weiß es, aber ich kann mir nicht helfen! Jeder würde mir anſehen, wie unglücklich ich bin, daß ich Unfrieden und Störung in dies Haus gebracht habe.“ Die Gräfin gab, ohne auf die letzten Worte ein⸗ zugehen, ihre Zuſtimmung und ſagte zu der Riedau: „So ſpeiſen wir heut' wieder einmal allein— bleib noch, Tani, ich habe mehr mit Dir zu reden.“ Auf dieſe Er⸗ klärung entfernte ſich Anna mit einer unterwürfigen Ver⸗ neigung, welche im ſchneidendſten Contraſte mit dem ver⸗ rätheriſchen Mienenſpiel ſtand, das ſie in dieſem Momente ſchwerer Prüfung nicht zu unterdrücken vermochte. Gräfin Francesca ließ ſich nun in ihren Seſſel nieder und bedeckte ihre Augen mit der ſchönen Hand; ſo ſaß ſie eine lange Weile in tiefes Sinnen verloren und ſchien Cajetana's Anweſenheit ganz vergeſſen zu haben. Dieſe ſtand ihr gegenüber und gewann allmälig wieder 230 Faſſung. Endlich blickte Francesca auf und grade in das Auge des Mädchens, das gedankenvoll auf ſie gerichtet war. „Willſt Du mich wirklich verlaſſen?“ fragte die Gräfin mit ſanftem Vorwurfe, und dieſer Ton traf Caje⸗ tana's Herz.“ „Ich bin Ihrer Liebe nicht werth— ich habe kein Recht auf den Platz, zu dem Sie mich erhoben haben.“ „Du biſt jung und unerfahren,“ erwiederte die Gräfin,„es wäre vergebliche Mühe, Dir Alles er⸗ klären zu wollen, was mich beſtimmt hat, ſo und nicht anders zu handeln. Ich habe Dich herzlich lieb, Kind, und will nur Dein Beſtes. An eine Entfernung aus mei⸗ nem Hauſe iſt nicht zu denken. Wo ſollteſt Du hin? Im Kloſter findeſt Du keine Aufnahme mehr, es ſei denn, daß Du auf immer den Schleier nehmen wollteſt, wozu Dir, weil es nicht aus wahrem innern Glauben geſchähe, des Himmels Segen fehlen würde. Dein Vormund, ich wiederhole es Dir, hat Dich mir übergeben, und ohne ſeine Erlaubniß darfſt Du Dich nicht von mir trennen— außer, wenn Dein Glück dadurch begründet wird.“ Sie hielt einen Moment inne; ihrem ſeelenkundigen Auge ent⸗ ging auch die leiſeſte Regung nicht, die ſich in Cajetana's Zügen verrieth, und ſie hatte das Wort mit Abſicht ge⸗ ſprochen, das in dem Herzen des jungen Mädchens viel⸗ leicht eine Saite anklingen ließ, ihr unbewußt. Ihre Er⸗ wartung war nicht getäuſcht worden, doch gab ſie durch keine Miene kund, daß ſie die ſüße Verwirrung bemerkte, welche der plötzlich erweckte Gedanke an ein Glück ihrer Träume in dem wehrloſen Herzen erregt hatte.„Die rö⸗ miſche Königin hat Gefallen an Dir gefungen,“ fuhr ſie ruhig fort;„man hat die hohe Frau mit einer ſolchen Auswahl erleſenſter Häßlichkeit umgeben, daß ſie ſich wahrhaft ſehnt, ein junges, angenehmes Geſicht um ſich zu haben, und ich weiß es von beſter Hand, daß ſie den Wunſch geäußert hat, Dich unter ihre Kammerfräulein aufzunehmen. Was ſagſt Du dazu, Tani?“ Cajetana war vor Ueberraſchung lebhaft erröthet, aber zugleich überkam ſie auch ein Gefühl unbeſtimmter Bangigkeit vor dieſer neuen Wendung, welche ihr Schick⸗ ſal nehmen konnte. Wie ſollte ſie dort beſtehen, wohin ſie gar nicht gehörte! Ihr Herz ſchlug ſtärker, aber es war nicht vor Entzücken, und ſie erwiederte:„Ich kann es nicht glauben und es wäre für mich auch kein Glück!— Behalten Sie mich lieber bei ſich, wenn es Ihr Wunſch und der Wille meines Herrn Vormundes iſt, aber ich bitte Sie vom Herzen, laſſen Sie mich von allen den großen Feſten zu Hauſe: ich paſſe nicht unter die vorneh⸗ men Leute, ich bin ein armes Soldatenkind, gnädigſte Frau Gräfin— und gar, was mir heut' geſchehen iſt, läßt mir keine Freude mehr!“ Sie ſagte die letzten Worte mit bre⸗ chender Stimme und der Gedanke an ihren Vater um⸗ nachtete von Neuem ihre Seele. 232 Die Gräfin ſtreckte die Hand nach ihr aus und zog Cajetana, welche dieſelbe ergriff und weinend küßte, ſanft an ſich; ſie ſtreichelte ihr die Stirn, und dies ſtumme Zeichen des Mitgefühls gewann ihr das junge Herz mehr, als viel tönende Worte es gethan haben würden. Dann ſprach ſie:„Sei ſtill, mein Kind. Was Dir heut' geſche⸗ hen iſt, kann Dir wohl eine Weile ſchmerzlich ſein, aber die Freude darf es Dir nicht auf immer trüben. Vielleicht klärt die Zeit noch Alles auf; ich ſagte ja ſchon, daß An⸗ na's Bruder ganz anders denkt, als die verbitterte Seele ſeiner Schweſter. Ich hätte dem Rathe des Grafen Karl Fidelis, Deines Vormundes, längſt folgen und ſie, als ich Dich zu mir nahm, entfernen ſollen. Gräme Dich nicht, Tani. Wenn der junge Riedau zurück kommt— und wie ich höre, iſt Ausſicht dazu, daß es noch im Laufe des Winters geſchieht— ſo wollen wir offen mit ihm über die unglückliche Angelegenheit ſprechen und ihm aufgeben, Kachforſchungen anzuſtellen, was ſich etwa noch darüber ermitteln läßt, vb noch Menſchen leben, welche darüber etwas wiſſen; er hat mir oft geſagt, daß er ſeiner Schwe⸗ ſter widerſprechen müſſe, und darum auch nicht ihren Willen gethan, die Sache wieder aufzunehmen; nun aber ſoll er es thun, um Deinen Vater glänzend zu recht⸗ fertigen. Sei darum getroſt, mein Kind, und wenn Dir ein Glück winkt, wie es vielleicht bald der Fall ſein wird durch die Gnade der römiſchen Königin, ſo freue Dich deſſen. Es werden noch manche Ränke dagegen geſponnen, wie ich auch weiß, aber ich hoffe, ſie zu Schanden wer⸗ den zu ſehen. Der Vorzug, welcher Dir, einem jungen, fremden Mädchen zu Theil werden ſoll, iſt zu groß, als daß er nicht Neid erregen ſollte— manches andere Be⸗ denken, mit dem ich Dich verſchonen will, weil Du es nicht verſtehen würdeſt, läßt die ehrſame Aya der römi⸗ ſchen Majeſtät vor Dir zittern, mein unſchuldiges Kind. Aber Du wirſt wie eine Morgenſonne die Nebel durch⸗ brechen und all' die mattflimmernden Lichter am Hofe verdunkeln. Vertraue nur mir, ſei mir treu, und wie ſieg⸗ reich Du auch Deine Bahn wandeln magſt, höre immer auf meinen Rath— dann kannſt Du zu Großem in der Welt berufen werden!“ Das Auge der Gräfin ſtrahlte, in ihren ſprechenden Zügen war der hohe Flug ihrer Seele zu leſen, welche ein künftiges, in den Gang der Geſchicke eingreifendes Walten für ſich in Anſpruch nahm. Cajetana folgte ihr nicht; ſie wurde vielmehr durch ihre Worte, die ihr faſt wie Spott klangen, gedemüthigt und wußte nichts darauf zu erwiedern. Francesca küßte ſie auf die Stirn und ent⸗ ließ ſie, um, wie es ihr Wunſch war, auf ihrem Zimmer zu bleiben, während ſie ſelbſt mit Anna Riedau an der Tafel vor den Domeſtiken die unbefangenſte Unterhaltung führte. Sie ließ dabei hören, daß die Reiſe nach Salzburg 1860. III. Im Strom der Zeit. II. 15 übermorgen vor ſich gehen werde, und gab gelegentlich demjenigen Diener, welchen ſie zum Begleiter des Fräu⸗ leins erſehen hatte, ihre Befehle. Dieſer war davon nicht beſonders erbaut, denn Anna Riedau hatte es verſtan⸗ den, ſich auch bei der Dienerſchaft möglichſt unbeliebt zu machen. Nach der Tafel herrſchte, wie immer, tiefe Stille im Hauſe: die Gräfin hielt ihre Sieſta und hatte einen ſo leiſen Schlummer, daß ſie durch das geringſte Geräuſch geſtört werden konnte, daher war es um dieſe Stunde im Königsegg'ſchen Palais wie ausgeſtorben. Der kurze Wintertag hatte ſich längſt geneigt, unfreundliches Dunkel waltete draußen, und das Thauwetter, das ſich immer entſchiedener ausſprach, machte die Vorſtadt faſt ungang⸗ bar. Dennoch wanderte durch Regen und Schmutz, ge⸗ leitet von den Lichtern, welche durch die blätterloſen Bäu⸗ me von der Höhe hernieder blinkten, eine einſame Geſtalt mit rüſtigem Schritt und gelangte endlich an den Eingang des Hauſes, wo ſie eine Weile zauderte und nach den einzelnen, erhellten Fenſtern emporſah, ehe ſie ſich ent⸗ ſchloß, leiſe anzuklopfen. Bei der Stille, welche drinnen herrſchte, wurde der Ton, der ſo ſchwach ſonſt wohl ver⸗ hallt wärec, gleich vernommen, und es erſchien alsbald in der geöffneten Thüre ein unwilliger Diener, welcher in der Finſterniß draußen Niemand erkennend mit rauher Stimme fragte, wer da ſei? „Ich wünſchte mit dem Fräulein von Cronberg zu ſprechen,“ klang es ihm ſchüchtern entgegen. „Cronberg?“ wiederholte der Diener.„Hier wohnt kein Fräulein von Cronberg! Wer ſeid Ihr?“ „Fräulein Cajetana von Cronberg nicht?“ entgeg⸗ nete die Stimme draußen verwundert und lauter. „Fräulein von Cronberg nicht— wenn auch der andere Name richtig wäre,“ beſtätigte der Diener.„Was habt Ihr hier bei dunklem Abend zu ſuchen? Kommt bei Tage, wenn Ihr ein Anliegen habt. Geht Eurer Wege!“ Da rief es von einem der obern Fenſter, das ſich bei dem Gemurmel der Stimmen an der Hausthüre ge⸗ öffnet hatte, mit gedämpftem Laut herab:„Kathi?“ „Ich bin's, gnädiges Fräulein!“ jauchzte die Un⸗ tenſtehende hell auf und wollte an dem Diener in das Haus dringen. Der hielt ſie aber am Arme feſt und in Verlegenheit, was er zu thun habe, da offenbar das Fräulein die Eingangſuchende kannte und er gleichwohl als Thürſteher ſeine Pflicht wahrzunehmen hatte, fragte er erſt hinauf, ob er zu dieſer Stunde das fremde Frauen⸗ zimmer ohne Weiteres einlaſſen ſolle? Cajetana war aber ſchon vom Fenſter verſchwunden und eilte aus ihrem Zimmer über Corridor und Treppe der Geſpielin ihrer Kindheit, an deren Erſcheinung ſie unbeſtimmte Hoffnungen knüpfte, entgegen. Die Antwort 15* auf die Anfrage des Thürſtehers blieb daher für den Moment aus, und da er von dem Mädchen, das er zu⸗ rückhielt, mit Bitten beſtürmt wurde, ſie zu ihrem Fräu⸗ lein, das ja ihren Namen gerufen habe, zu laſſen, und eben auch die ſcharf angezogene, wohlbekannte Glocke der Gräfin erſcholl, ſo ſetzte er der Fremden keinen Wider⸗ ſtand mehr entgegen. Sie flog, wie ein Pfeil, an ihm vor⸗ über, der dämmernden Helle des Aufgangs zu, von wo ſie Cajetana's geliebte Stimme vernommen hatte. Der Thürſteher ſchloß hinter ihr ſorgfältig die Pforte wieder zu, ſchlimmſten Falles war die Fremde nun eingefangen und das Fräulein mochte die Verantwortung ihres Ein⸗ laſſes übernehmen. Als er eben damit fertig war, kam die italieniſche Cameriera der Gräfin und fragte in deren Namen, was für ein Lärm am Portal geweſen, wodurch die Herrin aus dem Schlummer geweckt worden ſei, und er gab ihr Beſcheid, ſo weit er es konnte. Unterdeſſen hatte Cajetana die Eingedrungene, wel⸗ che bei ihrem Anblicke außer ſich vor Freude wiederum wie damals an der Kirchenthüre zu ihren Füßen ſtürzen wollte, an ihr Herz gedrückt und mit ſich in ihr Zimmer geführt, wo dieſe unter Thränen ihre Hand mit Küſſen bedeckte und rief:„Hab' ich Sie endlich gefunden? Wie bin ich umhergeſtreift in ganz Wien, und habe ſo viel harte Worte geduldet, ehe ich erfahren konnte, wo Sie wären!“ „Kathi, meine liebe, treue Kathi!“ erwiederte Ca⸗ jetana in gleicher freudiger Aufregung.„Wenn Du wüß⸗ teſt, wie ich mich nach Dir geſehnt habe! Ich war bald draußen in Meidling— Ihr wart ſchon fort. Dann habe ich Dich geſehen in der Nacht auf der Kirchentreppe und geſtern am Wege nach Laxenburg. Wo iſt Dein Vater?“ Kathi ſchüttelte den Kopf und wurde ſtill.„Mein Vater— iſt auch wieder hier—“ ſagte ſie, als Cajetana die Frage beſorgt, daß der alte Martin geſtorben ſein könne, wiederholte.„Es geht ihm traurig—“ „Kann ich ihm helfen?“ fragte Cajetana raſch. „Ich bin jetzt durch die Güte der Gräfin, die ſich meiner angenommen hat, ſo reich bedacht—“ „Nein, gnädiges Fräulein— Sie können uns nicht helfen— das muß mun ſchon ſo bleiben.“ Ein ſchwerer Seufzer ſchloß die abgebrochene Rede, dann aber faßte ſie ſich und fragte mit wiederkehrender Freude an dem Glücke des Angenblicks nach Cajetana's Ergehen. Dieſe er⸗ zählte ihr in aller Kürze, wie ſich ihr Schickſal nach dem ſchmerzlichen Verluſte, der ſie getroffen, geſtaltet hatte, und verſchwieg ihr nicht, daß ſie in den Stunden bitterer Verlaſſenheit, als ſie im Riedl'ſchen Hauſe von der Frau, die ſich ſo plötzlich gegen ſie ganz umgewandelt, viel Kränkungen erfahren, ſich geſehnt habe, zu ihr zu entflie⸗ hen, um mit ihr und ihrem Vater, die es treu mit ihr ge⸗ 238 meint, jedes Schickſal zu theilen, da ſie lieber mit Tag⸗ lohn von ihrer Hände Arbeit ſich in der Freiheit ernährt hätte, ſtatt die Verſorgung in einem niedrigen Dienſte an⸗ zunehmen, die man ihr zugedacht hatte. Kathi erſchrack vor dieſer Rede.„Gott ſei Dank!“ ſagte ſie, und es war wohl zu verſtehen, wie ſie das meinte. Es war eben zum Glück für Cajetana nicht ſo gekommen, wie ſie es damals gewollt hatte. „Nun erzähle mir aber auch, wie es Euch gegangen iſt, bat Cajetana, doch fühlte ſie ſelbſt, daß ſie hier wohl mehr fordere, als Kathi gewähren konnte, und ihre Bitte klang unſicher. Kathi lehnte ſie auch gleich ab. „Was könnte Ihnen das helfen?“ entgegnete ſie. „Ich wollte Sie nur wieder ſehen und wiſſen, ob Sie nun recht glücklich ſind, und bitten, daß ich manchmal, wenn ich Zeit habe, wieder kommen darf—“ „Du willſt nicht bei mir bleiben?“ rief Cajetana. „Ich bitte die Gräfin um Erlaubniß dazu— gewiß, ſie wird es mir nicht abſchlagen. Sagteſt Du nicht ſelbſt ſchon einmal, daß Du einſt bei mir bleiben wollteſt—“ „Das geht nicht, das kann ich nicht,“ verſicherte Kathi betrübt.„Ich bin ja meinem Vater ſo nöthig.“ „Für Deinen Vater kann doch auch geſorgt werden! Vertraue mir ganz, Kathi— ſage mir Alles. Wir wollen dann zuſammen überlegen, was zu thun iſt. Die Gräfin hat mächtige Freunde.“ 239 Kathi ſchauderte in ſich zuſammen.„Gott behüte und bewahre mich!“ ſagte ſie leiſe.„Nein, mein gnädi⸗ ges Fräulein, da iſt gar nichts zu thun. Ich kann nichts ſagen, und muß bei meinem Vater bleiben. Auch der junge Herr Riedl, den ich zweimal geſehen hab', iſt freundlich zu mir geweſen und hat ſich erboten, zu helfen, wo er könnte, aber ich habe nichts angenommen, wie ich von keinem Menſchen etwas annehmen kann.“ „Haſt Du den guten Franz geſehen?“ fragte Ca⸗ jetana, welche ſich bei der Nennung ſeines Namens der vielen Freundlichkeit und Liebe erinnerte, welche ſie vor ihrem Unglücke im Riedl'ſchen Hauſe genoſſen hatte, und darüber gern die gehäſſigen letzten Eindrücke vergeſſen hätte, wären ſie nur minder unauslöſchlich in ihre Seele geprägt geweſen.„Iſt er von ſeiner Reiſe ſchon lange heimgekehrt und haſt Du ſonſt etwas von ſeinen Eltern erfahren?“ „Ich bin dort geweſen,“ antwortete Kathi.„Ich glaubte dort am ehſten etwas von Ihnen zu hören, und wagte mich hin, obgleich Frau Riedl mir viel Schlimmes angedroht hatte, wenn ich mich jemals wieder ſehen ließe. Es wäre mir vielleicht auch bös ergangen und ſie hätte mich dem Büttel überliefert, denn ſie glaubte, daß ich ihr Etwas angethan habe, weil ſie ſeit der Zeit, daß ſie Ihnen das Herzeleid verurſacht hat, von einem Siechthum be⸗ 240 fallen iſt— gewiß zur Strafe für ihr ſchlechtes Herz! Der alte Herr wollte ſich meiner annehmen und redete ihr gut zu, als ſie mich mit harten Worten und Drohun⸗ gen anfiel, wenn ich ihr nicht augenblicklich von ihrem Uebel, das ich ihr angezaubert, helfen werde, aber er konnte ſie nicht beſänftigen und ſetzte ſich ſeufzend in eine Ecke— da kam jedoch der junge Herr Franz herein! Wie der mich weinend ſtehen ſah, faßte er mich bei der Hand und tröſtete mich und ſprach in aller Ehrbarkeit, aber doch ſo ernſthaft zu ſeiner Mutter, daß ſie ſtill wur⸗ de. Dann führte er mich bei der Hand hinaus und gab mir Beſcheid, ſo viel er konnte, auf Alles, was ich wiſſen wollte, und begleitete mich ſelbſt zu den Urſulinerinnen, damit ich dort weiter nach Ihnen fragen konnte.“ Die Augen der Erzählerin leuchteten in einem hellen Glanze, ihr dunkles Antlitz hatte ſich mit einer ſchönen Röthe gefärbt, und dieſe Zeichen inniger Dankbarkeit für eine freundliche Behandlung, welche ihr in ihrem ausge⸗ ſtoßenen Leben zu Theil geworden war, entgingen Caje⸗ tana nicht und rührten ſie tief. „Ich mußte ihm verſprechen,“ fuhr Kathi fort,„ihm mitzutheilen, was ich im Kloſter über Ihr Ergehen er⸗ fahren werde, und ob es mir gelungen ſei, Sie ſelbſt zu ſehen und zu ſprechen. Er ſagte mir, daß ich ihn binnen einer Stunde am Sanet Peter treffen werde, wo er von ſeinen Geſchäften nach Hauſe gehend vorüber kommen ——————————— werde. Im Kloſter ſagten ſie mir nur, daß ſie nicht mehr dort wären, und meine bittenden Fragen, wohin Sie ge⸗ gangen, wurden nicht beantwortet. Ich ſetzte mich denn betrübt auf die Stufen von Sanct Peter und wartete wohl eine Stunde lang, bis der junge Herr Franz kam. Was ich ihm ſagen konnte, betrübte ihn auch, und er ſprach noch lange mit mir von Ihnen, daß mir das Herz davon ganz leicht wurde. Er ſagte mir noch, daß er für mich und meinen Vater gern etwas thun wolle, ich konnte es aber nicht annehmen. Dann trug er mir auf, wenn ich etwa Nachricht von Ihrem jetzigen Aufenthalt ausfin⸗ dig machen würde, es ihm ja mitzutheilen, da er und ſein Vater gern wiſſen möchten, wie Ihr Leben nun wei⸗ ter geworden ſei; ich ſolle dann nur um die Mittagszeit an denſelben Ort kommen, wo er von ſeinen Geſchäften immer vorbei komme. Das habe ich denn auch gethan, und ich befand mich auf den heiligen Stufen auch ſonſt immer am wohlſten— dort war ich ja in des lieben Got⸗ tes Schutz, wenn es die Menſchen auch noch ſo böſe mit mir meinten. Dem jungen Herrn, da ich ihm nichts ſa⸗ gen konnte, wich ich aber aus, wenn ich ihn kommen ſah, denn ich hatte Furcht, die Menſchen würden ihm Schlech⸗ tes nachreden, wenn er einem niedern Mädchen, wie mir, nur einen freundlichen Gruß ſagte— ſie nennen mich ja immer eine Zigeunerdirne! So hab' ich ihn wohl geſehen, er aber mich nicht— darum ſagte ich, daß es nur zweimal „ 42 geſchehen ſei. Es war aber ein Glück, daß er mich vorigen Samſtag doch bemerkte, weil ich nicht raſch genug aus⸗ wich, ſonſt hätte ich nimmer etwas von Ihnen gehört. Da rief er mich und ſagte mir, daß er nun wiſſe, wo Fräulein Cajetana ſei, und wenn ich ſie ſehen wollte, möchte ich nur, als geſtern, auf die Straße nach Laxen⸗ burg hinaus gehen, wo Sie mit der großen Schlitten⸗ fahrt des Kaiſers auch vorbei kommen würden; dabei nannte er mir auch die Frau Gräfin hier in Gumpendorf, wo Sie wie das Kind im Hauſe gehalten würden. Er war ſo herzig gut, als er meine große Freude ſah, und gab mir zum Abſchiede wieder die Hand.“ „Und keinen Gruß für mich?“ fragte Cajetana. „Ich weiß von keinem—“ erwiederte Kathi, ihre dunkeln Augen mit einem ſchnellen, forſchenden Blicke auf die Fragerin richtend.„Er hat wohl gemeint, das werde ſich nicht ſchicken.“ „Du haſt wohl Recht“ ſagte Cajetana, indem ſie daran dachte, wie ſie auch in ihrer jetzigen Lage nur zu oft dieſelbe Rede hören müſſe.„Wirſt Du ihn wieder ſehen?“ „Vielleicht!“ erwiederte Kathi mit einem ungewiſſen Tone.„Ich habe ihm verſprochen, von Ihnen zu er⸗ zählen. „So ſage ihm, daß es mir gut geht, und daß ich noch gern an die Tage zurückdenke, wo ich im Hauſe ſei⸗ ner Eltern ſo gütig behandelt wurde— doch nein, das ſage ihm nicht, das klingt wie ein Vorwurf für ſeine Mutter, und ich trage ihr wahrlich nichts nach. Erzähle ihm, wie Du mich gefunden haſt, denn wollte ich ihn grüßen laſſen, ſo würde ſich das wohl noch weniger ſchik⸗ ken!“ Sie lächelte dabei ſo unſchuldig und ſchalkhaft, daß der letzte Schatten einer Beſorgniß aus Kathi's Seele ſchwand und ſie in den Scherz einſtimmte. Bald aber wurde Cajetana ernſthaft— der erſte Gedanke, der ihr bei Kathi's Erſcheinung aufgeblitzt war und den ſie nur über dem Zunächſtliegenden momen⸗ tan vergeſſen hatte, kam mit erneuter Macht über ſie. „Kathi!“ begann ſie ſanft.„Ich muß Deinen Vater ſprechen.“ Das Mädchen erſchrack heftig.„Das geht nimmer⸗ mehr an!“ ſagte ſie.„Was könnte es Ihnen helfen?“ „Ich muß ihm eine Frage thun! Er weiß gewiß Alles, was meinen Vater in alter Zeit betroffen hat, er ſoll mir Wahrheit ſagen. Vielleicht hat er auch mit Dir von meinem Vater geſprochen?“ „Sehr oft!“ beſtätigte Kathi geſpannt.„Was meinen Sie?“ „Hat er gegen Dich jemals den Namen Riedau ge⸗ nannt?“ Kathi beſann ſich eine Weile, dann ſchüttelte ſie den Kopf.„Ich weiß davon nichts, und vergeſſe ſo leicht kei⸗ nen Namen.“ 244 „Dann muß ich Deinen Vater ſprechen— wende mir nichts ein! Die Gräfin wird mir erlauben, daß ich ihn ſpreche— ſie wird damit zufrieden ſein, ich weiß es ganz gewiß. Komm nur morgen wieder und bringe Deinen Vater mit, er ſoll ohne alle Beſorgniß kommen, es kann ihm zum Glücke gereichen.“ „Es iſt ganz unmöglich!“ rief Kathi in tiefer Nie⸗ dergeſchlagenheit.„Wenn ich wieder kommen darf, er⸗ zähle ich Ihnen vielleicht noch mehr— heut' kann ich es nicht. Ich muß fort, ich bin ſchon zu lange geblieben.“ Cajetana ſuchte vergebens, ſie zu längerm Weilen zu vermögen, ſie konnte von ihr nicht einmal das Ver⸗ ſprechen erlangen, morgen oder wenigſtens bald wieder zu kommen, und nahm denn von ihr einen liebevollen Ab⸗ ſchied, wobei ſie ihr ein reiches Geſchenk machte, was Kathi nicht ausſchlug. Der Thürhüter ſah dem ſchlanken Mädchen, das ſo zuverſichtlich die breite Stiege herab kam, mißtrauiſch entgegen; er hob die Leuchte, ſo daß er ihr in das braune Geſicht ſchauen konnte, und was er da⸗ bei geſehen, mußte mildernd auf ihn gewirkt haben, denn er öffnete ihr nicht ſo unfreundlich, wie vorher, die Pforte, ſondern ſagte ihr bedauernd ein Wort über das ſchlechte Wetter, in das ſie bei Nacht und Finſterniß ganz allein hinaus gehe.„Fürchteſt Du Dich gar nicht, mein Kind?“ fragte er. Sie verneinte es ruhig und verſchwand. Die Gräfin ließ Cajetana kurz darauf zu ſich rufen, 245 um von ihr den Schlüſſel des befremdenden Vorfalls zu erhalten. Bei ihrer Neigung zum Ungewöhnlichen konnte es nicht fehlen, daß die Mißſtimmung, welche ſie An⸗ fangs über Cajetana's Eigenmächtigkeit zeigte, bald in dem Intereſſe aufging, das ſie an deren räthſelhaften Er⸗ ſcheinen und Verſchwinden des Mädchens nahm, von welchem ſie ſchon durch Karl Fidelis und auch von Caje⸗ tana ſo viel gehört hatte. Das ihr Vater das Verbre⸗ chen, das man ihm Schuld gab, wirklich begangen habe, ſtand ihr außer allem Zweifel, und ſie begriff, daß er ſich verborgen halten müſſe; ebenſo glaubte ſie aber auch mit Beſtimmtheit, daß er als alter Diener des Herrn von Cron⸗ berg über deſſen Verhältniß zu Riedau die beſte Auskunft geben könne, und da ihr ſelbſt viel daran lag, dieſe Angele⸗ genheit aufzuklären, ſo gab ſie gern ihre Einwilligung, daß Kathi ihren Beſuch im Hauſe wiederholen könne. Je⸗ denfalls war zu erwarten, daß ſie unterdeſſen ihren Vater nach der Beziehung ſeines ehemaligen Herrn zu Riedau gefragt haben und ſeine Aeußerungen Cajetana mittheilen werde; dieſe hatte ſie dringend darum gebeten, worauf Kathi gar nichts erwiederte, aber es doch auch nicht ver⸗ weigert hatte. „Du ſiehſt, meine Tani,“ ſprach die Gräfin zuletzt mit der vollen Güte, welche Cajetana von ihr gewohnt war,„daß meine Vorherſagung ſchon heut' in Erfüllung gegangen iſt. Bald werden alle Wolken verſchwunden 246 fein, welche den Himmel Deiner Jugend getrübt haben, und die Sonne, die ich Dir verkündet, wird Dir in voller Wahrheit aufgehen. Müſſen wir uns dann auch äußer⸗ lich trennen, ſo bleiben wir uns doch ewig verbunden, denn ich hoffe, Du wirſt mir immer treu bleiben und Dich meiner Leitung in allen Dingen vertrauen.“ Cajetana bat ſie ergriffen, ſie nicht von ſich zu laſſen— aber die Gräfin ſchlug ſie ſcherzend auf die Wange und brach das Geſpräch ab. Gegen ihre Leute hielt ſie es nicht für nöthig, ſich zu einer Erklärung über den Namen Cronberg, unter welchem das fremde Mäd⸗ chen nach Cajetana gefragt hatte, herabzulaſſen. Ebenſo wenig erfuhr irgend Jemand, was es mit dieſem für eine Bewandtniß gehabt habe, und Anna Riedau, welche von dem ſeltſamen Beſuch durch die Kammerjungfer Kenntniß erhalten, brannte vor Begier, darüber Näheres zu erfah⸗ ren. Doch ſtand ſie nun mit Cajetana, wie ſie ihr ſelbſt geſagt, in einem völlig veränderten Verhältniß, und ſah voraus, daß ſie abreiſen werde, ohne das Geheimniß enträthſelt zu haben. Für dieſen Fall traf ſie jedoch ihre Anſtalten, um wenigſtens in der Form nicht ganz ohne Nachrichten zu bleiben. Der Nachtſturm hatte den Himmel rein gefegt, die Sonne ging in wolkenfreien Oſten auf und der ſchönſte Tag mit einer wahren Frühlingstemperatur ließ den Schnee, der noch immer dem geſtrigen Regen getrotzt hatte, mit —= — 247 Macht hinwegthauen. Aus den Fenſtern nahm ſich das ganz gut aus, aber die Gräfin konnte ſich des Gedankens doch nicht erwehren, daß die Wege bald grundlos ſein würden und es grauſam ſei, Anna Riedau zu jetziger Jahreszeit auf eine ſo weite Reiſe hinaus zu ſchicken. Der Moment, wie es bei ihr nur zu oft geſchah, hatte dieſen Entſchluß geboren, und ſie war zu ſtolz, ihn zu wi⸗ derrufen. Als ſie noch mit dieſen Erwägungen beſchäftigt war, kam die Allee herauf ein Diener geritten, der die Livree des Hofes trug; er überbrachte einen Brief von der Oberſthofmeiſterin, Gräfin Caraffa. Erwartungsvoll öffnete ihn die Gräfin; er war in italieniſcher Sprache und jenem umſtändlichen Ceremo⸗ nialſtil geſchrieben, für welchen ſich keine andere Sprache ſo gut eignet. Die Oberſthofmeiſterin holte weit aus, um der Gräfin Königsegg zu eröffnen, daß ſie durch viele mündliche Zeugniſſe von der Brauchbarkeit und Zuver⸗ läſſigkeit einer Perſon, welche ſie in ihrer Geſellſchaft habe, überzeugt worden ſei— „So ſchnell ſchon!“ rief die Gräfin angenehm über⸗ raſcht.„Sie ergibt ſich ſo ſchnell!“— Da nun der Hofſtaat Ihrer Römiſch⸗Königlichen Majeſtät, fuhr der Brief fort, grade ſolche Perſonen brauchen könne und ganz beſonders vorſichtig in der Aus⸗ wahl derſelben ſein müſſe, jetzt aber grade eine Stelle vacant geworden, in welcher man gern eine Perſon von 248 guter Herkunft wegen ihrer Umſicht und Brauchbarkeit ſo allgemein empfohlen— „Meine arme Cajetana!“ lächelte Gräfin auf. „Aber das wir ſich finden!“ Auf einmal ſpannten ſich ihre Züge, eine Glut flammte über ihre Wangen, ihr Auge blickte ſtarr auf die Schrift. Es war nicht von der Stelle einer Hofdame oder eines Kammerfräuleins die Rede, welche eben offen war, wie die Gräfin Francesca wohl wußte, ſondern die Oberſt⸗ hofmeiſterin ſchrieb von der einer Kammerdienerin— zu welcher allerdings auch junge Damen des niedern Adels genommen wurden. Und als ſie dann weiter las, wie die Gräfin Caraffa wohl zu wiſſen erklärte, daß die Perſon, welche anjetzo als Geſellſchafterin bei der Frau Gräfin von Königsegg diene, von unſchönem Exterieur, ja ein wenig difform und verwachſen ſei, darauf aber bei ihren ſonſtigen Tugenden und Meriten keinen Werth lege, ſo bedurfte es kaum der ausdrücklichen Nennung des Na⸗ mens, daß nicht Cajetana, ſondern Anna von Riedau gemeint ſei, welcher die Ehre zu Theil werden ſolle, am Hofe angeſtellt zu werden, wenn auch in einer untergeordneten Sphäre, wohin der Blick der Majeſtät wohl niemals drang. Mit einem zornigen Lachen warf die Gräfin Frances⸗ ea den Brief auf den Tiſch. Dieſe Bosheit hatte ſie nicht erwartet— ſie war für den Angenblick wehrlos dagegen. . Ende des zweiten Bandes. — „1 e