——— —— — — —— —— N k — 75 ee Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih- und eſebedingungen. 1. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnsment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„ S 3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupſern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer juu Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ansleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— — — Im Strom der Zeit. Roman aus der Peit Kniſer Leopold des Erſten von Bernd von Guſeck. Erſter Band. „ Prag, 1860. Kober& Markgraf. Früher: J. L. Kober.) * — — — — S — 0 — ² — — 8 — 8 & — — 8 — S Inhalt. Erſtes Capitel. Waldgeheimniß Zweites Capitel. Des Königs Auftrag. Prittes Cnpitel. Eine Bürgerfamilie Piertes Capitel. Verdächtiges Volk. Fünftes Cupitel. Graf Karl Fidelis Sechstes Cnpitel. Die Trauerkunde Siebentes Copitel. Cajetana. Achtes Capitel. Eine Schweſter. Nruntes Capitel. Der Nachlaß Zehntes Capitel. Bittere Stunden Seite 28 59 81 102 129 151 77 196 2 1 —— —— ——— ———— 2 —————————— — n—„———— ———,——————— 66 5 Snti .—— Erſtes Buch Vns Bürgerhaus. — 11 lich vor ihnen ein breiter, tiefer Erdriß und ihre beiden Pferde ſtutzten. Der eine Reiter zwang das ſeinige mit Sporen und Zügeln zu einem mächtigen Satze, welcher die gefahrvolle Kluft glücklich überwand, und, wenn Zeugen dabei geweſen wären, allgemeine Bewunderung erregt haben würde— das Pferd des Andern aber verſagte den Sprung.„Auch Du, mein Leopold?“ rief lachend der erſte Reiter, welcher ſich am jenſeitigen Rande noch einmal umſah, als er bemerkte, daß ſein Geführte ſich vergebens mühte, das ſcheuende Pferd an die Vertiefung heran zu bringen. Und ohne ſich weiter um ihn zu kümmern, da der Hornruf ſchon ſich entfernte, ſprengte er in den jenſeitigen Wald hinein. Es war ein Eichenwald von mächtigen Stäm⸗ men, aber dieſe traten hier, wo ſie alles niedere Ge⸗ ſträuch unterdrückt hatten, weiter auseinander und er⸗ laubten dem Reiter, der nun ganz allein war, wenigſtens eine Strecke mit verhängtem Zügel dahin zu jagen. Wer ihn geſehen hätte, der würde ſich über den jugendlichen und ſtattlichen Waidmann, der gewiß von hohem Range war, gefreut haben. Aber es war in der Wildniß kein menſchliches Auge nah. Eine halbe Stunde mochte er, nachdem die Gegend etwas gangbarer geworden, galop⸗ pirt ſein, als ſich die Bodenſchwierigkeiten wieder mehrten, der Wald wieder dichter wurde und oft dieſem kühnen Rei⸗ ter ſogar Zweifel aufſtiegen, ob es auch möglich ſei, den 1* ———— ———— 1 12 Lauf noch lange fortzuſetzen. Doch hatte Gefahr von je⸗ her für ihn einen eigenthümlichen Reiz, der ihn lockte, ſie aufzuſuchen, ſtatt zu fliehen, und hier war ja Niemand mehr bei ihm, der ihn mit dienſtbefliſſenen Warnungen be⸗ helligt hätte. Sein helles, feuriges Auge blitzte muthig in das Waldesdunkel hinein, aus welchem jetzt viel näher und dringender die Hornklänge, welche die Hunde ermun⸗ tern ſollten, ſich hören ließen, von Zeit zu Zeit das Sig⸗ nal, das den Cavalieren galt— wie weit waren ſie doch zurück! Da miſchte ſich nach einer Weile vernehmlich das Brauſen eines Waldſtromes in das Getön, und vor dem Reiter that ſich ein Grund auf, in welchen er durch eine ſteile Schlucht hernieder kam; der Grund war von einem reißenden Gewäſſer gefüllt, das von den Regengüßen der letzten Tage zu einer ihm ſonſt fremden Mächtigkeit an⸗ geſchwollen war. Quer über den Grund, durch den tiefen Waldſtrom mußte der Reiter ſetzen, wenn er ſeiner Richtung treu bleiben wollte, und er trieb das ſchaumbedeckte Roß nach einer Stelle, wo das Waſſer glatt an den Rand ſpülte und leicht zugänglich ſchien. Horch! Von jenſeit das langerſehnte Halali! Der Hirſch hatte ſich endlich den Hunden geſtellt, es galt ihm den Fang zu geben! Ohne Zaudern in die Flut! . von ſeinem untrüglichen Zuſüntt gelei⸗ zum Erſtenmale! Es wäre aber gegen die vollendet ſichere Reitkunſt ſeines Herrn ver⸗ gebens geweſen, wenn nicht fremde Hülfe dazwiſchen ge⸗ kommen wäre. Das edle Thier hob ſich ſchon, zum Ge⸗ horſam gebracht, um in das trübgefärbte Gewäſſer, das hier ſo glatt floß, während es in der Mitte brauſende Strudel trieb, mit einem verzweifelten Sprunge hinein zu ſetzen, als ein lauter Schrei und mit ihm zugleich von einer zweiten Stimme ein Zuruf in unmittelbarer Nähe erſcholl. Wie aus der Erde gewachſen ſprang ein Mann, den der Reiter vorhin nicht bemerkt hatte, empor, eine Hand— nicht die ſeine, ſondern eines Mädchens Hand!— hatte ſchon den Zügel des Pferdes, das ſich eben hob, ergriffen und es mit einer Kraft, die man im Frauenarme nimmer geſucht hätte, zur Seite geriſſen.—„Hier iſt's haustief!“ ſchrie der Mann— und das Mädchen, von dem Roſſe hinweggeſchleudert, ſank zur Erde. Mit zornigem Blick hatte der Reiter ſich auf dieſe Weiſe gehemmt geſehen, aber er hörte auch, ehe er ſei⸗ nem Unwillen Worte geben konnte, des Mannes eifrige Erklärung, daß hier ein ſenkrechter Abſturz ſei, eine Keſſelgrube, welche das Hochwaſſer heute nur gefüllt habe, und daß es ja gar nicht nöthig wäre, hier quer durch zu reiten, da der Grund gleich eine Krümmung mache und er ihn auf zweihundert Schritt nur zu umreiten brau⸗ che, wenn er zum Halali wolle— ſonſt, wolle er durchaus hier herüber, ſo müſſe er hinter dem jenſeitigen Rand, wo der Grund ſich nur links geworfen, das Waſſer zum Zweitenmale paſſiren. Es war ein alter Mann, der ſo ſprach, in geringer Tracht, mit einem ſcharf gezeichneten, vom Wetter gebräunten Geſicht, das ein grauer, ſchlecht geſchorener Bart umſtarrte; des Reiters Blick hatte ſich aber mehr nach dem Mädchen gewendet, das ſich unter⸗ deſſen vom Boden wieder erhoben hatte und glühend roth vor Scham im Geſicht daſtand, ohne daß es wagte, zu ihm aufzuſchauen. Zeit war nicht, länger zu verweilen; der Reiter hatte ſich ſchnell überzeugt, daß das Mädchen, das ihm ſo entſchloſſen in den Zügel gefallen war, nicht Schaden genommen habe.—„Dort hinauf?“ fragte er den Alten, und als dieſer bejahte, ſah er ihn noch ein⸗ mal ſcharf an.„Kennſt Du mich?“ forſchte er, während er den Handſchuh auszog. „Nein, gnädiger Herr!“ war die Antwort. Der Reiter machte eine dankende Handbewegung, und im An⸗ ſprengen ſeines Pferdes warf er dem Mädchen einen Ring zu, den er vom Finger gezogen hatte. Den Alten aber traf ſein Auge noch einmal ſcharf; es war ihm nicht entgangen, daß er auf dem Hut friſchgepflückten Bruch trug, als ſei er auch ein Waidmann, was doch ſeine Tracht widerlegte. Auch hatte er ſo waidgerecht vom Ha⸗ lali geredet! Es war jedoch keine Zeit zu verlieren und 15 der Reiter verſchwand in der ihm bezeichneten Richtung, ſobald er die Höhe gewonnen hatte. „Zeig' her!“ ſagte der Alte, nachdem die glänzende Erſcheinung verſchwunden war, der das Mädchen, ſo lange ſie konnte, mit weit offenen Augen nachſchaute. Sie hatte den Ring, den ihr der Fremde zugeworfen hatte, nicht aufgefangen und ſuchte ihn erſt jetzt am Boden, wo er lag. Es war ein einfacher Goldreif mit einem blauen, funkelnden Steine; für eine Männerhand ſchien des Rin⸗ ges Umfang auffallend klein. „Leichter hab' ich mein Lebtag nichts verdient,“ ſprach der Alte und beſah mit freudelachenden Blicken das Kleinod, das ihm das Mädchen gereicht hatte.„Schwer iſt's nicht“— er wog es in der Hand—„aber der Stein iſt ein Saphir— der hat beſondere Kräfte. Wer mag der junge Herr geweſen ſein?“ Er ſteckte bei dieſen Worten den Ring ruhig in ſeine Taſche. Das Mädchen war aber nicht geſonnen, ihm das Geſchenk zu überlaſſen.„Der Herr hat mir den Ring ge⸗ geben—“ ſagte ſie zögernd. „Ja, ja! Das iſt ſchon recht!“ lachte der Alte.„Er ſoll Dein bleiben, ſo lange wir ihn behalten— aber eben, Kind! lange wird das nicht ſein.— Nun, ſchau mich nicht ſo groß an. Hol' die Büchſ' aus dem Strauch— wir wollen weiter darüber reden. Hörſt Du? Sie blaſen 3 3 1 1 3 1 3 1 3 1 1* 1 3 † 18 9 2———— immer noch— der junge Herr hat doch wohl die Schlupf nicht getroffen. Hoho! da oben kommen ihrer mehr— ich mag Keinem mehr begegnen.“ Man hörte in einiger Entfernung auf der Höhe mehrere laute Stimmen, welche bald wieder verhallten; es waren jedenfalls die Jagdgenoſſen, die ſich nach und nach wieder zuſammen fanden. Das Mädchen tief unten im Grunde lauſchte nur einen Moment auf das, was droben vorüber brauſte, man hörte auch ein Roß wiehern und lautes Rufen— dann bückte ſie ſich und hob einen kurzen, ſchweren Stutzen auf, der unter dem Strauche verſteckt gelegen hatte. „Gebt mir meinen Ring, Vater,“ ſagte ſie wieder⸗ um, als der Alte das Gewehr über die Schulter hing. Er lachte.„Schau Einer das Mädl an!“ rief er. „Und was willſt Du mit dem Ring? Willſt ihn an den Finger ſtecken, an Deine braune Hand, daß Dich der Büttel gleich anfaßt, wenn er Dich nur einmal trifft, und ſteckt Dich in's finſtere Loch als eine Diebin? Wer hat Dir den Ring gegeben? Wie kannſt Du's beweiſen, daß Du ihn nicht geſtohlen haſt? Weißt Du etwa, wer der Herr geweſen iſt, und kannſt Du Dich auf ihn berufen, daß er Dir das Ringel geſchenkt hat?“ „O ja, Vater!“ ſagte das Mädchen muthig.„Das kann ich!“ Mädchen. 17 „Nun ſag'!“ rief er geſpannt.„Kennſt ihn? Wer war's?“ Sie wollte mit einer gewiſſen Freudigkeit reden, aber gleich beſann ſie ſich anders und erwiederte:„Das ſag' ich nicht.“ „Kathi!“ rief der Alte, von dieſem ſonderbaren Trotze ergrimmt. „Ich ſag's nicht, Vater,“ wiederholte ſie.„Gebt mir den Ring, der Ring iſt mein.“ „Mach' mich nicht bös!“ entgegnete er drohend. „Du lügſt mir vor, daß Du den jungen Herrn gekannt haſt— willſt nicht ſagen, wo— und verlangſt gar den Ring, von dem wir ein ganzes Jahr leben können! Willſt ihn wohl gar zum Putz für Dich behalten? Dumm ge⸗ nug wärſt Du! Mach', daß wir fortkommen!“ „Ihr wollt den Ring doch nicht verkaufen?“ rief Kathi erſchrocken. Die Frage ſtimmte ihn wieder heiter.„Was ſollten wir ſonſt damit?“ ſagte er lachend.„Der Herr hätte uns freilich die Müh' erſparen können, wenn er uns lieber einen Seckel mit Dukaten geſchenkt hätte, daß wir ihm das kalte Bad erſpart haben, aber es iſt halt doch nicht anders.“ „Das leid' ich nimmermehr, Vater!“ rief das „Hoho! Und wie willſt Du mir's wehren?“ ent⸗ gegnete er, über ihren ohnmächtigen Widerſtand immer luſtiger werdend. „Das weiß ich ſchon!“ verſetzte ſie mit einem ſo trotzigen Blicke, daß er ernſthaft wurde. „Weißt Du das? Ei! Ich möcht's aber auch gern wiſſen!“ ſagte er.„Du wirſt hingehen und mich angeben, nicht wahr? Den ſchönen jungen Herrn mit dem geſtick⸗ ten Rock wirſt Du aufſuchen— Du kennſt ihn ja!— und wirſt ſagen: Mein Vater, dem Ihr ſo verdächtig auf den friſchen Bruch am Hut geſehen habt, das iſt der Wilder Martin aus Meidling, und wenn Ihr einen Zeugen braucht beim Herrn Oberſt⸗Jägermeiſter, Fürſten von Lam⸗ berg, nehmt mich, die Martin Kathi, ſeine Tochter, die weiß es am beſten, denn ſie hat ihm oft ſelber den Stutzen wieder geladen, wenn er das erlegte Wild aufbrach.“ Des Mädchens Augen hatten ſich mit Thränen ge⸗ füllt— ſonſt gab ſie keine Antwort auf die Reden des Vaters. Er ſchien ſich ihrer jetzt ſelbſt zu ſchämen, denn er ſagte auf einmal mit ganz verändertem Tone:„Komm, ſei geſcheit! Da haſt Du den Ring, wenn Du Deine Freude daran haſt. Geht eß ſchlecht mit uns, wirſt Du ihn ſchon ſelbſt hinein tragen und verkaufen.“ Er gab ihr den Ring, den ſie, ohne ein Wort zu ſagen, in ihr Bruſttuch ſteckte. Beide gingen dann, dem — 49 Laufe des angeſchwollenen Waſſers entgegen, in dem Grunde weiter hinauf, bis dahin, wo er den Bogen ge⸗ macht, welchen der Alte dem fremden Jäger beſchrieben hatte. Dort befand ſich eine enge, dichtbewachſene Schlucht, die zur Höhe hinaufführte. „Wir können's heute nicht wagen,“ ſagte der Alte, als ſie die Stelle erreicht hatten.„Wenn ich von der Hirſchjagd heute gewußt hätte, ſo wären wir gar nicht hinausgegangen. Meinen Schuß wird Keiner gehört ha⸗ ben, da waren ſie noch ſtundenweit entfernt— wer konnte auch denken, daß der Hirſch hieher den Lauf nehmen würde? Sollte ich das feiſte Reh ſtehen laſſen, da es mir ſo wunderſchußrecht ſtand?“ „Aber ein Reh, Vater!“ wiederholte Kathi den Vorwurf, den ſie früher ſchon gemacht hatte. „Thut mir leid, kann aber nicht helfen!“ verſetzte Martin.„Ein Bock wär' mir auch lieber geweſen, aber der Wildſtand geht mich nichts an, ich ſchieße auch ein Reh, wenn mir kein Bock vor die Büchſe kommt. Die Bauern werden mir's nicht verdenken, Wild iſt Wild, ein Reh äſet nicht viel weniger von der grünen Saat, wenns überwintert, als ein Bock. Und mit dem Herrn Oberſt⸗ Jägermeiſter hab' ich nichts zu ſchaffen.“— Sie hatten unterdeſſen im Dickicht die Stelle wiedergefunden, wo das erlegte Reh verſteckt lag. Der Alte ſetzte ſich auf die Erde, —— nahm den Hut ab und betrachtete den grünen Bruch, den er ſich nach Waidmannsſitte nach dem glücklichen Schuß aufgeſteckt hatte. „Hier im Walde, warum ſollt' ich nicht auch meine Freude haben?“ ſagte er, mit der Hand auf den Zweig deutend.„Dein junger Herr ſah mir zweimal auf den Hut und dann immer wieder in's Geſicht, als ob er ſich das recht merken wollte. Ich wette, er kennt mich auf den erſten Blick wieder, wenn wir uns einmal wieder begeg⸗ nen. Zum Dank für die Warnung läßt er mich vielleicht auf das Streckbett bringen, damit ich geſtehen ſoll, was der friſche Bruch bedeutet hat. Kennſt Du ihn wirklich, Kathi? Sag' mir die Wahrheit.“ „Ich kenne ihn wirklich. Aber laßt mich, Vater. Ich möcht's gern für mich behalten— ich hab' meinen guten Grund.“ „Es iſt doch ein ehrbarer Grund, Kathi?“ fragte der Alte, indem er ſie in das Auge faßte. Sie blickte ihn faſt erſchrocken an, als ſpreche er Etwas aus, das ganz außer dem Bereich des nur Denk⸗ baren liege. „Was redet Ihr, um Gotteswillen!“ rief ſie.— „Aber Ihr wißt ja nichts!“ beruhigte ſie ſich.„Sonſt könntet Ihr ſo nicht reden.“ „Sag' mir nur, wie Du den jungen Herrn kennen 21 willſt!“ begann der Vater wieder, nachdem er ſich lang in das üppige Riedgras geſtreckt hatte.„Wir ſind erſt vier Wochen hier und ich, dem's doch wichtig iſt, habe nur ſo die Cavaliere, vor denen ich mich beſonders zu hü⸗ ten hab', ausgeforſcht und mir zeigen laſſen, den Oberſt⸗ Jägermeiſter und die Andern vom Hofjagdamt, und Man⸗ chen kannte ich auch ſonſt noch, den alten Helmhard, ich meine den Graf Ungnad von Weiſſenwolf, und den Oberſt⸗Falkenmeiſter, meinen Herrn Grafen von Sintzen⸗ dorff— es iſt möglich, daß ich unter den vielen auch die⸗ ſen jungen Cavalier geſehen habe, aber ich weiß es nicht. Wo haſt Du ihn denn bemerkt, die wohl nicht dreimal, ſo lange wir hier ſind, den Fuß in die Stadt geſetzt hat?“ „Das will ich Euch ſagen, Vater,“ antwortete Kathi.„Ich war in der Stadt gleich am erſten Samſtag, nachdem wir eingezogen waren. Ich konnte nicht warten, bis Fräulein Cajetana mit ihren Pflegern herauskäme, ich mußte ſie gleich ſehen und ſprechen, und hatte mir das Haus in der Sanct⸗Annengaſſe ſchon erfragt, wo der Herr Riedl wohnt. Ihr wißt's ja. Dann mußt' ich die Nacht, weil's nach der Thorſperre zu ſpät wurde, bei ih⸗ nen bleiben, und am Sonntag ging ich mit zur Meſſe. Dort habe ich den Herrn geſehen.“ „Mußt ihn Dir ſehr genau angeſchaut haben, Kathi, was mir in der heiligen Meſſe nicht gefallen will.“ — Sie ſchwieg. „Und wer hat Dir ſeinen Namen geſagt?“ forſchte der Alte wieder.„Du mußt doch nach ihm gefragt ha⸗ ben! Iſt das ehrbar für eine Jungfer in der Meſſe?“ „Ich habe nicht nach dem Herrn gefragt,“ erwie⸗ derte Kathi eifrig, aber ſie ſchien jetzt zu bereuen, daß ſie ſich zu ihrer Erzählung habe bewegen laſſen, denn ſie wollte kurz abbrechen, indem ſie ſagte:„Fräulein Caje⸗ tana kannte ihn.“ „Und nannte Dir ihn gleich?“ rief der Alte la⸗ chend, indem er den Kopf ein wenig aus dem Graſe er⸗ hob.„Ei, was würde mein gnädiger Herr von Cronberg ſagen, wenn er wüßte, daß während er ſich draußen mit den Türken herumſchlägt, ſein Töchterlein hinter ſeinem Rücken nach jungen Herren ausſchaut!“ „Vater, ich bitte ſehr ſchön, laßt Fräulein Caje⸗ tana aus,“ ſagte Kathi in äußerſter Unruhe über die Wendung, welche das Geſpräch nahm. „Freilich, das iſt Dein Herzblatt, Dein Engel! Nun verſteh' ich Alles. Darum warſt Du ſo reſolut, griffſt gleich in den Zügel und riſſeſt das Rößl herum— Fräulein Cajetana wird Dir's danken, daß Du dem Lieb⸗ ſten einen Dienſt geleiſtet haſt. Sei aber ganz ruhig— zu Schaden gekommen wäre er nicht. Ein kaltes Bad, weiter nichts! Das Pferd wär' mit ihm durchgeſchwom⸗ 23 men, wenn er ſitzen geblieben wär'. Den Ring willſt Du wohl Deinem Fräulein hintragen?“ „Nein, Vater!“ rief Kathi.„Hört doch nur auf. Der Herr kennt mein Fräulein Cajetana gar nicht—“ „Aber ſie ihn? Und ſie zeigt ihn Dir in der Kir⸗ che und nennt ihn! Die Geſchichte wird ja immer ſau⸗ berer! Schäm' Dich.“ „O es braucht ſich hier Niemand zu ſchämen! Alle kennen ihn und Ihr werdet ihn bald auch kennen. Nun ſag' ich aber kein Wort mehr. Ich bitt' Euch, ſchlaft— Ihr wolltet ja ſchlafen, ich bewache Euch.“ „Mädel, es iſt wohl gar der römiſche König?!“ rief der Alte, nun völlig um ſeine Ruhe gebracht und richtete ſich auf. Sie wiederholte nur ihren Vorſatz, kein Wort mehr zu ſagen. Er warf ſich wieder zurück und lag eine Weile ganz ſtill. Da ſie ihm nicht gradezu wider⸗ ſprochen hatte, konnte der Gedanke, der ihm plötzlich durch den Kopf geſchoſſen war, wohl das Richtige getroffen ha⸗ ben. König Joſeph, wie er überall gehört hatte, war ein leidenſchaftlicher Jäger, er ritt oft ganz allein oder ging auch zu Fuß bei ſtrengſtem Wetter hinaus, um dem edlen Waidwerk obzuliegen; auf großen Hetzjagden konnte ihm ſelten einer von den Cavalieren folgen, ſo kühn ſetzte er über Stock und Block. Auch das Alter, ſo viel man ihm geſagt, konnte paſſen. Der junge Herr, den er heute ge⸗ troffen hatte, mochte auch nicht viel über zwanzig Jahre alt ſein, und wie vornehm blickte er von ſeinem ſchönen Hengſt hernieder! Welche Folgen konnte dieſe Begegnung für den Mann haben, der, dem Geſetz verfallen, ſich hier in der unmittelbaren Nähe der Kaiſerſtadt keck eine neue Freiſtatt geſucht hatte? Langſam richtete er ſich, nachdem er darüber einige Zeit ſchweigend gebrütet hatte, wieder halb empor und ſtützte ſich auf den Elbogen. „Kathi, Du brauchſt mir nichts weiter zu ſagen,“ begann er von Neuem.„Wie es kommen ſoll, kommt es doch. Es wär' beſſer geweſen, ich hätte Dich auch, wie mein Herr Rittmeiſter mit ſeinem Töchterlein gethan hat, guten Leuten geben und mit ihm nach Ungarn ziehen ſol⸗ len. Das Kiegshandwerk iſt doch ein beſſer Handwerk als mein's.“ „Ihr könnt's ja aufgeben, Vater,“ entgegnete die Tochter. „Schon recht, ich könnt's aufgeben, aber ſchau— ich mag's nicht. Es iſt halt einmal angefangen. Wenn es ein ſchlimmes Ende nehmen ſollte, haſt Du ja immer noch Deinen Ring. Den heb' Dir nur auf, ich will nichts weiter davon hören.“ Er legte ſich nun, gleichſam beruhigt über ſeine Zukunft, zum Schlafen zurecht, und es währte nicht lange, ſo verriethen ſeine Athemzüge, daß er wirklich feſt ein⸗ geſchlafen war. Die Tochter ſaß neben ihm unter der Buche, welche ihre weit ausgeſtreckten Aeſte zum Schirm⸗ dach über Beide breitete. Ringsum walltete jetzt die Stille des Hochmittags. Die Klänge der Jagd, welche aus der Ferne vorher zu ihnen herüber geklungen, waren längſt verſtummt; der Edelhirſch mochte ſchon unter dem Fän⸗ ger des fürſtlichen Herrn verendet, die ganze Jagdgeſell⸗ ſchaft bereits auf der fröhlichen Heimkehr ſein. Dieſe Ein⸗ ſamkeit herrſchte wiederum in der grünen Waldnacht. Das Wild, das zahlreich aufgeſcheucht in entlegene Re⸗ viere geflohen war, hatte ſich, von der Todesangſt be⸗ freit, in ſichere Lagerſtätten gedrückt, die ganze Welt der Inſekten, die ſonſt in zahlloſen Schwärmen in Halm und Geſträuch, auf den wilden Blumen am Berghang und über den Wellen ſich des kurzen Daſeins freut, ſchien ausgeſtorben; jedes Weſen hatte ſich einen friedlichen Ver⸗ ſteck geſucht; keines Vogels Lied ließ ſich hören, ſelbſt die Flut im Grunde ſchien leiſer an den Rändern zu rau⸗ ſchen, die der weitern Ausbreitung der Gewäſſer einen Daum geſetzt hatten. Das Auge des jungen Mädchens blickte träumeriſch in die Tiefe As Waldes, zuweilen verſchwand es unter den Lidern, welche ſich ſchwer ſenkten, als wolle der Schlummer auch zu ihnen einkehren, aber es war immer nur für einen Moment, und die Traum⸗ bilder, welche ſich nahten, mochten keine erfreulichen ſein, 1860. II. Im Strom der Zeit. I. 2 denn Kathi blickte ſchreckhaft jedesmal auf und ſetzte ſich wieder in feſte Haltung, um der Müdigkeit, welche ſie zu überwältigen drohte, zu wehren. Dann ſah ſie zum Vater hernieder, der ſo ruhig ſchlief, als ob keine Sorge jemals ſein Herz bedrückt hätte. Er ſchien ihr jünger, kräftiger, die braune Farbe ſeiner Wangen von einem geſunden Roth, das ihnen ſonſt fremd war, durchleuchtet zu ſein; nur das ſtarre, weiße Haar, der ſchlecht raſirte Bart gaben ihm ein häßliches Anſehen. Und trotz dieſer Häß⸗ lichkeit würde ein Dritter zwiſchen ihm und dem jungen Mädchen, das ihn bewachte, unläugbar eine große Aehn⸗ lichkeit gefunden haben, welche ihre nahe Verwandtſchaft bekundete. Schön war Katharina freilich auch nicht, dazu fehlte ihren Zügen die Regelmäßigkeit, dem Geſichte die feinere Färbung, aber ſie hatte ein dunkles, treues Auge und einen Ausdruck der Mienen, der wohl Vertrauen ein⸗ flößen konnte. Als der Vater gar ſo feſt ſchlief, zog ſie den Ring aus ihrem Bruſttuche hervor und betrachtete ihn eine lange Weile mit Wohlgefallen. Was mochten wohl die Kräfte ſein, welche der ſchöne blaue Stein nach des Va⸗ ters Worten beſitzen ſollte? Konnte er böſe Geiſter ban⸗ nen? O dann hätte ſie ihn mit Freuden ihrem Vater wieder gegeben, hätte ihn wie ein geweihtes Amulet auf ſeiner Bruſt befeſtigt! Aber wenn er auch das nicht ver⸗ 27 mochte, ſo knüpfte ſie doch anderweitige Hoffnungen an ſeinen Beſitz, und der Vater hatte mit ſeiner Rede vom ſchlimmen Ende, das zuletzt wohl kommen mußte, nahe an ihre eigenen Gedanken geſtreift. Sie hatte den hohen Herrn, welcher ihr zuerſt in Sanct Stephan beim Hochamte gezeigt und genannt wor⸗ den war, auf den erſten Blick wieder erkannt, als der kühne Reiter hart an dem Verſteck, in welchen ſie mit ihrem Vater geflüchtet war, in die heimtückiſche Flut ſetzen wollte. Ihre raſche That, zu welcher ſie den Muth ge⸗ habt hatte, erſchreckte ſie jetzt ſelbſt, wenn ſie bedachte, wer ſie war, die es gewagt hatte, ihre Hand zu ihm zu er⸗ heben. Es hatte ſie auch gleich zur Beſinnung gebracht, als ſie vom Bug ſeines Roſſes zu Boden geworfen wor⸗ den; er hatte ihr kein gnädiges Wort oder nur ein be⸗ dauerndes geſagt, ſondern ihr die Belohnung, wie es ihm wohl anſtand, in dieſem reichen Geſchenk zugeworfen. Das hatte ſie nun in Händen, wie ein theures Pfand. Wenn einſt— aber hier überfiel ſie eine heiße Angſt und es war ihr, als müſſe ſie den Vater wecken, daß er ſich rette von dem Unheil, welches ſie in Gedanken über ihn herein⸗ brechen ſah. Zurites Capitrl. Des Königs Auftrag. Die Jagdgeſellſchaft, welche ſich nach und nach wie⸗ der zuſammengefunden hatte, war auf dem Heimwege in viele Gruppen zerſtreut und ritt nach Belieben ſchnell oder langſam, denn ſie war, nachdem bei dem erlegten Hirſch Curee gemacht und Jedem ſein Jagdrecht geſche⸗ hen war, entlaſſen worden. In raſcher Gangart hatte der fürſtliche Herr, welcher allein zum Halali gekommen, mit dem letzten ſeiner Begleiter, der an dem breiten Erd⸗ riß zurückgeblieben war, wiederum die Spitze genommen; mehrere Cavaliere, Jagdpagen und Diener folgten ihm, jedoch in einiger Entfernung, da ſie ſchon wußten, daß der Gebieter, wenn er mit dem Grafen Trautſon ritt, es nicht liebte, ſie dichtauf zu ſehen. Die Uebrigen hatten ſich völlig getrennt und der Zug, der nun den gebahnten Weg genommen hatte, war vielleicht auf eine halbe Stunde einzeln auseinander gekommen. Sie ritten nun, in Freie gelangt, dem Gatterhölzl zu, wie das Wäldchen bei dem Jagdſchloß genannt wurde, das erſt viel ſpäter unter Maria Thereſia und Joſeph zu dem Prachtbau 3 Schönbrunn gedieh. Damals ſtand es zwar ſchon hun⸗ 29 dert und vierzig Jahre, denn Kaiſer Max II. hatte es er⸗ baut, aber es hatte nach ihm dem Kriegszahlmeiſter Gattermeyer gehört, welchem es Kaiſer Rudolph ge⸗ ſchenkt hatte, davon eben das ſchöne Gehege das Gatter⸗ hölzl genannt worden war; ſeitdem war es wieder lan⸗ desfürſtliches Eigenthum und bereits etwas vergrößert worden, aber noch immer ſehr beſchränkt, da es nicht zu einer Reſidenz, ſondern nur für flüchtigen Jagdaufenthalt beſtimmt war. Heute ſchien ihm gar kein Beſuch mehr zugedacht. Die vorderſten Reiter ließen das kleine Jagd⸗ ſchloß, wie freundlich und einladend es auch aus ſeiner grünen Umgebung herüber ſah, zur Sejte liegen und wandten ſich rechts zur Brücke über die Wien, um durch das Gumpendorf zu reiten, zu jener Zeit noch eine der wenigſt angebauten„Ludten“, wie die Vorſtädte der fe⸗ ſten Kaiſerſtadt hießen. „Eure Majeſtät will alſo durchaus nicht, daß nach⸗ geforſcht werde?“ fragte der Cavalier zur Linken des jungen fürſtlichen Herrn, als Beide eben die Brücke paſſir⸗ ten, an deren Pfeilern das hochangeſchwollene Waſſer der ſonſt ſo kargen Wien rauſchte. „Nein, Leopold,“ antwortete der König.„Er hat mir, wenn auch unverlangt und wie ich glaube ziemlich unnöthig, einen Dienſt erwieſen, und mag daher, bis er ſich weiter vergeht, unbeläſtigt bleiben. Sprechen Sie alſo mit Niemand über das Abenteuer, das ich Ihnen erzählt habe. Hören Sie, Trautſon?“ Der Graf ver⸗ neigte ſich. „Es könnte aber doch auch ſein,“ ſprach er dann, „daß der alte Mann kein Raubſchütz wäre, wie mein gnädigſter Herr annimmt. Warum ſollte er ſich nicht aus bloßer Luſt grünen Bruch auf den Hut geſteckt haben?“ „Glauben Sie mir,“ erwiederte der König lächelnd, „das Handwerk verläugnet ſich nicht. Ich habe einen gu⸗ ten Blick, den Jägersmann zu erkennen— der Alte war ein echter Waidmann, wenn auch kein berechtigter. Ihre milde Seele, Leopold, will Alles zum Beſten kehren, ver⸗ ſöhnen, vermitteln; ich erkenne das vollkommen an! Sie werden noch viel Gelegenheit dazu finden, wenn Gott uns Beiden ein langes Leben ſchenkt.“ Er war ernſt geworden und Beide ritten eine Weile ſchweigend neben einander. Sie waren ziemlich von glei⸗ chem Alter, im Aeußern aber ſehr verſchieden. König Jo⸗ ſeph war nicht groß, aber ſtark und kräftig gebaut; blon⸗ des Haar, wenn er es, der Mode der Zeit entgegen, frei trug, überſchattete eine hohe edle Stirn; unter dichten, ſchön gebogenen Brauen ſtrahlte ein geiſtvolles, blaues Augenpaar. Das regelmäßige Antlitz von blühenden Far⸗ ben, ſehr weiß trotz der unausgeſetzten Bewegung in freier Luft, mit Wangen vom friſcheſten Roth, war von herz⸗ gewinnenden Zügen; um den Mund, welcher nicht die ſtarke Unterlippe ſeines Geſchlechts zeigte, ſpielte meiſt, wenn er ſprach, ein freundliches Lächeln, das von ſeiner unendlichen Herzensgüte wohlthuende Kunde gab. Er war lebhaften, feurigen Temperaments, Meiſter in allen ritter⸗ lichen Künſten, der Wiſſenſchaft hold, aber vor Allem dem Kriegsweſen. Wie hatte er ſich geſehnt, unter dem ruhm⸗ gekrönten Feldherrn ſeines Vaters, dem Prinzen Eugen von Savoyen, ſich die Sporen zu verdienen! Wie gab er ſich den ſtolzeſten Hoffnungen für ſeine Zukunft hin, wenn Er einſt ſeine Heere in Eurvpas Kriegen zum Siege führen werde!. Graf Leopold Trautſon war weniger einnehmend auf den erſten Blick, als der König, mit welchem er durch die Bande der innigſten Jugendfreundſchaft verbunden war. Aber wer ihn näher kennen lernte, der mußte ihn achten und lieben. Er war gewöhnlich ernſt und ſeine tiefe Frömmigkeit gab ihm zuweilen ein ſtrenges Anſehen, aber ſeine Seele kannte nur Milde und Verſöhnung, wie es König Joſeph auch ausgeſprochen hatte. Die Sonne, welche eine Zeitlang von vorüberzie⸗ henden Wolken verdunkelt geweſen war, trat jetzt wieder hervor und verklärte mit ihren Strahlen die hochgethürmte Stadt und die herrliche Gegend ringsumher, von der 1 — 2 Spinnerin am Kreuz zur Rechten, deren gothiſche Spitz⸗ ſäule auf der Höhe ſteht, welche die Straße nach Steier⸗ mark erſteigt, bis herüber zum Weingebirge mit ſeinen fruchtſchweren Reben und im weitern Bogen gen Norden, wo die Berge zur blauen ſchimmernden Donau abfallen. Dies köſtliche Landſchaftbild, das ſich den geprieſenſten deutſcher Erde würdig anreiht, verfehlt ſeinen Eindruck auch auf Diejenigen nicht, welche des Anblicks vom täg⸗ lichen Schauen wohl gewohnt ſein könnten, ja, es ſchwellt grade die Bruſt, welche dort heimiſch iſt, mit freudigeren Gefühlen, ſtolz auf das Vaterland. Kaum fünfzehn Jahre waren vergangen, ſeit hier der Huf türkiſcher Spahi's, unter welchem das Grün von der blutigen Erde verſchwindet, die Fluren zertreten, die Fauſt des Janitſcharen den Brand in hundert friedliche Dörfer geworfen und ruchlos die Kirchen und Kapellen zerſtört hatte. Vor fünfzehn Jahren hatte das Geſchütz raſtlos gegen die bedrängte Stadt gedonnert, der Sturm ihre Wälle und Thore bedroht, und nur die Habgier Kara Muſtapha's, der Wiens Schätze für ſich allein retten und darum die Stadt durch Uebergabe, nicht durch Erſtürmung gewinnen wollte, wo ſonſt jene Reichthümer der Plünde⸗ rung anheim gefallen wären, hatte es möglich gemacht, durch die zum Entſatz herbeieilenden Heerſchaaren Wien zu retten. Noch ſah man wohl viele Wahrzeichen der ———— 22 0 Verwüſtung, aber im Ganzen hatte ſich die fruchtbare, reiche Landſchaft wunderſchnell erholt. Es iſt, als ob des Menſchen Geiſt und Kraft nach großen Drangſalen um ſo ſtärker und thatenfriſcher ſich erhöbe, das Leid ſo ſchnell als möglich vergeſſen zu machen. Ueberall hatten ſich die Dörfer mit neuen Hütten wieder aus Schutt und Aſche erhoben, lachten die Fluren im üppigſten Fruchtſegen. Der ſtolze Feind, der zum Zweitenmale ſich vermeſſen, an die Thore der Kaiſerſtadt zu klopfen, war nach einem langen, furchtbaren Kriege bezwungen und dem Erzhauſe ſein gutes Recht auf das ganze ungariſche Land endlich geſichert worden. Frieden überall in der Welt und ſeine Segnungen erfreuten in unmittelbarſter Nähe das Auge des Fürſten, der nach Gottes Rathſchluß vielleicht ſehr bald berufen ſein ſollte, über Habsburgs Lande zu herrſchen. „Sieh, das iſt ſchön, Leopold!“ ſagte der König, und ſein blaues Auge ſtrahlte von einem höhern Glanze. „Gott ſegne mein Oeſterreich! Nun hat es Frieden im Oſten wie in Weſten, und wenn es dem ehrſüchtigen Lud⸗ wig Ernſt iſt, die Ruhe in Europa zu erhalten, wie er feierlich verſichert hat, ſo wird unſer Vaterland herrlicher aufblühen, als je zuvor!“ „Trauen Sie den Worten des franzöſiſchen Königs ſo unbedingt?“ entgegnete Trautſon. 34 „Ich traue ihm nicht,“ erwiederte der König.„Wenn es ſein Vortheil mit ſich bringt, den Frieden, den er dies⸗ mal ohne Gewinn geſchloſſen hat, wieder zu brechen, wird er es ohne Bedenken thun. Aber die Macht der Verhält⸗ niſſe iſt doch ſtärker, als er. Die Fürſten haben ihn ken⸗ nen gelernt, ihn und ſeine hochfahrenden Pläne, Frank⸗ reich an die Spitze Europas zu ſtellen, ſtatt der alten deutſchen Kaiſermacht, und Alles zu Boden zu treten, was noch am guten Rechte haltend ſeinen Plänen im Wege ſteht. Regt er neuen Kampf an, ſo werden alle Fürſten einmüthig wider ihn ſtehen. Das weiß auch er und dar⸗ um wird er Frieden halten.“ „Und die Umtriebe in Spanien?“ wandte Traut⸗ ſon ein. „Sie müſſen ſcheitern!“ rief der König.„Ich habe freilich unſerm Bonaventura Harrach nicht getraut, ſo gu⸗ tes Glück auch ſein Vorname verheißt, er iſt ein vortreff⸗ licher, liebenswürdiger Mann— wie hätte ihm auch ſonſt mein Vater ſeine Freundſchaft zugewendet? Aber er war eben zu liebenswürdig für die dortige Miſſion. Sein Sohn wird vielleicht nicht geſchickter ſein. Kaunitz wäre ein anderer Mann geweſen, ſo viel ich urtheilen kann. Mein Vertrauen ſteht aber nicht in die Geſandten, ſon⸗ dern in habsburgiſche Geſinnung! Niemals kann ein Habsburger vergeſſen, aus welchem Stamme er ent⸗ ſproſſen iſt. König Karl von Spanien iſt der Nachkomme des Kaiſers Max, wie mein Vater und ſeine Söhne!“ Der Graf erwiederte nichts, aber ihm ſchien es, der König ſei wohl ſelbſt nicht der feſten Ueberzeugung, die er ausſprach. Sie ritten unterdeſſen im Gumpendorf ein und be⸗ merkten in dem hochgelegenen Theile viel Arbeiter in den Gartenanlagen beſchäftigt.„Der Königsegg hat ſich einen ſchönen Platz für ſein neues Haus ausgewählt!“ ſagte Trautſon.„Und er baut doch nur für Andere, da er wohl keine Kinder haben wird.“ „Seine Geſchwiſter werden es ihm danken,“ ver⸗ ſetzte der König.„Es ſind wohl noch zehn, nicht wahr? Unſer Carolus Fidelis gehört auch dazu— Prinz Eugen lobte ihn ſehr, als einen der tapferſten und verſtändigſten Offiziere; er iſt zum Hoherzollernſchen Regiment verſetzt und wird nächſtens ankommen.“ Graf Trautſon freute ſich über dieſe Nachricht, da er mit dem jungen Königsegg befreundet war. „Die Stiefmutter wohnt ja wohl in dem neuen Hauſe dort?“ fragte der König.„Sie ſoll eine intereſſante Frau ſein.“ „Eine echte Italienerin!“ verſicherte Trautſon. „Wenigſtens,“ ſetzte er hinzu,„der ſüdlichen Lebhaftigkeit und dem regen Geiſt nach— ihren Character kenne ich — nicht, kann daher nicht beurtheilen, ob ſie auch in dieſer Hinſicht dem Bilde gleicht, das man ſich gewöhnlich von den Italienerinnen macht. Sie muß aber doch wohl in Liebe und Achtung bei der Familie ſtehen, daß ihr der Stiefſohn als Erbe dieſe ſchöne Wohnnng, die prachtvoll ausgeſtattet ſein ſoll, eingeräumt hat. Ich habe ſie geſtern im Hauſe der Gräfin Rabutin geſehen, wo Alles erſtaunt war, ſie einmal zu treffen, da ſie ſonſt ganz zurückgezo⸗ gen lebt. Darum hat ſie aber doch dem Intereſſe an der großen Welt nicht entſagt; ſie weiß Alles, was vorgeht, und ſoll hie und da auch noch an dem glänzenden Ge⸗ webe der vielfach ſich kreuzenden Fäden ſpinnen helfen. Ihrem Auge entgeht ſo leicht nichts, was ſich in der Ge⸗ ſellſchaft zuträgt; auch mich erkannte ſie wieder, obgleich ſie mich in vielen Jahren nicht geſehen hat. Ihr Gemahl iſt über ſechs Jahre todt, und ich bin in ſeinen letzten Leb⸗ zeiten, obgleich er mein Herr Pathe war, nicht oft im Königsegg'ſchen Hauſe geweſen, da ich ſtudirte. So glaubte ich, ſie werde ſich des jungen Menſchen, um den ſie ſich damals ſehr wenig kümmerte, nicht mehr erinnern, und hielt mich etwas zurück. Sie ließ mich aber durch einen Bekannten zu ſich rufen und ſagte mir viele freundliche Worte. Von der Heimkehr ihres Sohnes aus Ungarn ſchien ſie aber nichts zu wiſſen, denn ſie ſprach von ihm und bedauerte, daß er wohl noch den nächſten Winter draußen zubringen werde. Auch die Brüder, von denen Zwei in der Geſellſchaft anweſend waren, wußten nichts davon.“ „Es iſt kürzlich erſt ongeordnet worden,“ erklärte der König.„Sprach man bei der Rabutin viel über Spa⸗ nien?“ Offenbar lag ihm dieſe Angelegenheit, welche das Recht und die Ehre ſeines Hauſes berührte, ſehr am Herzen, und es war keine Frage, daß in dem Hauſe der ſtolzen und geiſtreichen Prinzeſſin von Holſtein, welche in zweiter Ehe mit dem Feldmarſchall Grafen Rabutin ver⸗ mählt war und in ihrem Palais auf der Wollzeile ſeit Jahren ſchon die ausgewählteſte Geſellſchaft um ſich ver⸗ ſammelte, die ſchwebende Löſung des Verhältniſſes, wel⸗ ches an der Schwelle des neuen Jahrhundertes die Ge⸗ müther beſchäftigte, wohl beſprochen worden ſei. Die Antwort des Grafen Trautſon beſtätigte den König in ſeiner Annahme. Die Meinungen über den Ausgang ſeien ſehr getheilt geweſen, wenn auch natürlich nur eine Anſicht über das Recht die Geſellſchaft beſeelt habe; allgemein habe man die größere Geſchicklichkeit Frankreichs im Intrignenſpiel gefürchtet. „Wagt Frankreich hier einen Knoten zu ſchür⸗ zen,“ erwiederte König Joſeph,„einen Knoten, der fried⸗ licher Löſung ſpottet, ſo mag es zuſehen, wohin das führt.“ Er ſprach es nicht aus, daß er an eine Löſung durch das 1 Schwert dachte, aber Trautſon konnte es in ſeinen kühn in die Ferne blitzenden Augen leſen. Der Theil der Vorſtadt, in welchem einiger Anbau in letzter Zeit geſchehen war, lag nun hinter ihnen; ſie kamen durch vereinzelte, ärmliche Hütten des ehemaligen Judendorfes zum öden Glacis, das noch ſeiner urſprüng⸗ lichen Beſtimmung als Abdachung des äußern Graben⸗ randes der wohlbefeſtigten Stadt nicht entzogen war und darum das unerquicklichſte Anſehen hatte. Am Kärnthner⸗ thurm, welcher finſter und drohend den Eingang von Wien hütete, kam ihnen eine Abtheilung kaiſerlicher Dra⸗ goner entgegen; ihre rothen Röcke leuchteten weither, ſie ſangen ein luſtiges Soldatenlied. Der Führer, ein ſchlan⸗ ker Offizier auf einem ſtarken Schimmelhengſt, erkannte den römiſchen König ſogleich, hieß ſeine Leute ſtill ſein und ſprengte heran, ſeine Meldung zu machen. Als er die Hand zum ſilberbordirten Hut führte, um ihn abzu⸗ nehmen, wie damalige Sitte auch dem Kriegsmann in Uniform gebot, fiel dem Könige die ſchöne und edle Ge⸗ ſichtsbildung des jungen Offiziers auf und er fragte ihn freundlich nach ſeinem Namen. Der Offizier warf einen raſchen Blick, der faſt wie ein Vorwurf ausſah, auf den Grafen Trautſon und er⸗ wiederte dann:„Fähnrich von Riedau!“ Vom Könige entlaſſen, ſprengte er wieder zu ſeiner Mannſchaft, an 39 deren Spitze er weiterzog. Trautſon berichtete ſeinem Herrn, daß er mit Riedau bekannt und dieſer ein be⸗ ſonderer Liebling der Gräfin Rabutin ſei, in deren Hauſe er ihn noch geſtern geſprochen habe; er ſetzte hinzu, daß eben durch dieſen Riedau die verwitwete Königsegg ihn habe zu ſich entbieten laſſen, um ihm zu zeigen, daß ſie Niemand vergeſſe, mit dem ſie einmal in Beziehung ge⸗ kommen ſei. Riedau, erzählte er ferner, ſei ihm vor etwa einem Jahre durch Karl Fidelis, ſeinen Freund, empfohlen worden, und er habe ihn wegen ſeines heitern und liebenswürdigen Weſens ſchätzen gelernt. „Wie doch mein Leopold ſeine Worte abzuwägen weiß!“ ſagte der König lächelnd.„Nie zu viel, nie zu wenig! Er weiß von dem jungen Manne nicht mehr zu ſagen, als daß er ein heiterer und liebenswürdiger Ge⸗ ſellſchafter und wahrſcheinlich darum der Liebling der Prinzeſſin von Holſtein iſt; er kann ihn deßhalb nicht grade zu beſonderer Beachtung empfehlen, aber er möchte doch auch gern, daß der Freund eines gemeinſamen Freundes nicht überſehen werde, darum ſchätzt er ihn. Seien Sie ruhig, Trautſon, dieſer junge Mann wird ſei⸗ nen Weg durch die Welt ſchon machen, er empfiehlt ſich ſelbſt durch ſein Geſicht. Haben Sie ſchon ein ſo klaſſiſch edles Profil geſehen? Dieſe Stirn, dieſe ſchöne griechi⸗ ſche Naſe! Wie hieß er? Riedegg?“ „Riedau, Majeſtät. Aus einer alten Soldaten⸗ familie, die nichts ihr Eigen genannt, als den Degen. Er iſt der Letzte ſeines Geſchlechts.“ „Nun, dann ſoll er ſich bald nach einer Frau um⸗ ſchauen,“ ſcherzte der König.„Es wäre Schade um ein ſo ſchönes und tapferes Geſchlecht.“ „Die Holſteinerin wird ſchon für ihn ſorgen,“ er⸗ wiederte Trautſon in gleichem Tone.„Und auch meine Frau macht ſich Gedanken darüber. Wär' er ein Cavalier von hohem Adel, ſo würde es ihm nicht fehlen, denn ich kann Euer Majeſtät verſichern, daß er unter den jungen Damen unſerer vornehmſten Häuſer Aufſehen macht.“ „Dem Soldaten iſt der höchſte Adel, ja eine Krone erreichbar!“ ſagte der König lächelnd.„Hat er noch Eltern?“ „Sein Vater iſt in Ungarn gefallen,“ war die Antwort. Sie ritten während dieſes Geſprächs in die Stadt ein und Graf Trautſon wurde, noch ehe ſie die Hofſtatt erreicht hatten, entlaſſen.—„Wenn Sie, ohne irgend Aufſehen zu erregen, erfahren können, wer mir heute im Thiergarten ſeine Dienſte aufgedrungen hat, ſo wäre es mir doch lieb,“ ſprach der König dabei.„Ich habe dem Mädchen einen Ring hingeworfen, den ich lieber mit Geld auslöſen möchte.“ 41 Er blickte dabei den Freund ſo klar und offen an, daß, wäre auch Leopold Trautſon deſſen fähig geweſen, jeder unlautere Gedanke ſofort unterdrückt worden wäre. Aber der Graf war ſelbſt zu rechtſchaffen, um nur den Schatten eines leichtfertigen Verdachts zu hegen. Er ver⸗ ſprach, dem Befehle in geeigneter Weiſe Folge zu leiſten, und der König erinnerte ihn nochmals daran, daß er alles Aufſehen vermeiden und vorzüglich weder den Lamberg noch den Sintzendorff mit ihrem Hofjagdamt auf die Spur ſetzen ſolle. Dann grüßte er den Jugendfreund zum Abſchiede und ritt mit ſeinem Gefolge hinweg. Es war für Trautſon ein ſchwieriger Auftrag, den er bekommen hatte. Wenn der Mann, welcher ſeinem Herrn im Thiergarten begegnet war, wirklich das gefähr⸗ liche Handwerk eines Raubſchützen trieb, ſo war es ſehr unwahrſcheinlich, daß er ſich ſeiner Begegnung rühmen werde. Für die Annahme des Königs ſprach allerdings ſehr viel. Was hatte der Mann in dem umhegten Thier⸗ garten, zu welchem Niemand, als den kaiſerlichen Jagd⸗ bedienten der Zugang frei ſtand, zu ſchaffen? Trautſon hatte eigentlich gegen ſeine Ueberzeugung geſprochen, als er das Aufſtecken eines grünen Bruchs auf den Hut anders. erklärte— auch ihm galt es für den Schmuck, den der Waidmann ſich gibt, wenn er ein Wild erlegt hat. Ungewöhnlich war es nur, daß der Alte ein junges 1860. 1I. Im Strom der Zeit. I. 3 — Mädchen bei ſich gehabt— doch nach ihrem entſchloſſe⸗ nen Thun zu urtheilen, war ſie ihm vielleicht grade eine geſchickte Helferin auf ſeinen böſen Wegen. Wie ſollte nun die Spur von Beiden gefunden werden? Und durch wen? Am nächſten Tage ritt Trautſon, nur von einem einzigen Diener gefolgt, wieder hinaus nach Schönbrunn. Seine junge Gemahlin neckte ihn wegen dieſer Jagd⸗ paſſion, welche bei ihm offenbar zu ihrem größten Be⸗ dauern im Zunehmen ſei und ihr mehr und mehr ſeine Geſellſchaft zu entziehen drohe— es war ihm peinlich, daß er ihr nicht den wahren Grund entdecken konnte, aber der König hatte ihm ausdrücklich geboten, auch gegen ſeine Gemahlin über den Vorfall zu ſchweigen. In Schönbrunn ſtieg er eine Weile ab und ſprach mit dem Wildmeiſter, der ihn kannte, ſcheinbar ganz abſichtslos wie zu bloßer Unterhaltung von den neuen Verſchönerungen des Jagd⸗ ſchloſſes, welche auf Befehl des römiſchen Königs, der Schönbrunn beſonders liebte, angeordnet waren, von der geſtrigen Jagd und ihrer ungewöhnlich langen Dauer, kam dann auf den Wildſtand und fragte, ob ſich derſelbe nicht in letzter Zeit, beſonders ſeit dem Beſuche des ruſſi⸗ ſchen Caren, bedeutend vermehrt habe, da ſoviel Wild von weit und breit, um den Thiergarten ſtärker zu be⸗ völkern, zuſammengetrieben worden ſei. 43 Der Wildmeiſter wollte davon nichts wiſſen, äußerte, daß dafür auch mehr gejagt würde und Seine römiſche Majeſtät, der ein vortrefflicher Schütz ſei und das edle Waidwerk hoch in Ehren halte, manchen Tag zweimal heraus kämen, wodurch der Wildſtand verringert werden müſſe. „Es wird auch gewildert, gnädiger Herr Graf,“ ſetzte er hinzu,„das iſt eben mein Aerger. Wenn ein Hirſch oder ein Eber von der Hand Seiner Majeſtät oder eines ſeiner Cavaliere erlegt wird, ſo iſt das in der Ordnung, dazu iſt das Gethier auf der Welt und wir kaiſerlichen Jagdbedienten haben dafür zu ſorgen. Aber wenn ſich gemeine Buben unterſtehen, auf ihre eigene un⸗ gewaſchene Fauſt zu jagen, ſo iſt das ein Frevel wider die Autorität und kann nicht hart genug beſtraft werden.“ „Geſchieht es denn hier?“ fragte der Graf, hoch⸗ erfreut über die Ausſicht, die ſich ihm unerwartet er⸗ öffnete. „Freilich geſchieht's, Euer Gnaden! Manch ſchö⸗ nes Stück iſt uns ſchon auf dieſe Manier ſchändlich ge⸗ raubt worden.“ „Und keine Strafe ſchreckt davon ab?“ „O das würde ſchon abſchrecken!“ ſagte der Wild⸗ meiſter grimmig.„Aber, wie die Nürnberger ſagen, man hängt Keinen, ehe man ihn hat. Es iſt noch nicht gelun⸗ 3⁸ gen, auch nur eines Einzigen von der Bande habhaft zu werden.“ „Eine ganze Bande, ſagt Ihr, treibt ihr Weſen 2e fragte der Graf verwundert. „Wie könnte es anders ſein, daß ſoviel Wild ge⸗ ſchoſſen wird?“ erwiederte der Forſtbediente.„Es muß eine Bande ſein, mit Spionen und Schildwachen, denn es iſt verwunderlich, daß noch kein Einziger einmal be⸗ troffen worden iſt. Wenn mir aber erſt Einer vor die Büchſe kommt, entlaufen ſoll er mir nicht mehr!“ Der ergrimmte Blick des alten Forſtmanns gab dieſen Worten eine unheilsvolle Deutung. „Wird denn auch eifrig auf die Raubgeſellen ge⸗ fahndet?“ fragte der Graf. „Ei, ich glaub's, Euer Gnaden! Das können Sie ſich wohl denken. Aber wenn unſere Grünröcke hinaus kommen, mag's bei Tag oder im Zwielicht ſein, iſt Alles todtenſtill; es hat noch Keiner einen Schuß fallen hören, den er hätte verfolgen können, und manchmal ſitzt man daheim oder liegt im Bett, hört man's knallen oft ſo nah, daß man raſend werden möchte und nur ſchell die Büchſe von der Wand reißt, um auch ſeine Freud' zu ha⸗ ben. Aber es iſt Alles umſonſt.“ „Den kaiſerlichen Thiergarten verſchonen ſie wohl?“ warf Trautſon hin. „Warum?“ entgegnete der Wildmeiſter.„Dort ha⸗ ben ſie ja die wenigſte Mühe. Ich weiß übrigens nicht, daß von dort ſchon Etwas gemeldet worden wäre.— Euer Gnaden könnten dem Herrn Oberſt⸗Jägermeiſter zureden, daß er ſtrengere Maßregeln ergreift!“ „Aber, guter Freund, was ſoll geſchehen, wenn Keiner ertappt oder nur in Verdacht iſt?“ erwiederte der Graf lächelnd.„Sagtet Ihr nicht ſelbſt, was Nürn⸗ berger und wohl Allerwelts Brauch iſt?“ „Was geſchehen ſoll, Euer Gnaden!“ rief der Wildmeiſter hitzig.„O ich wollt's ſchon machen, wenn ich nur dürfte! Eine Hausſuchung ließe ich halten in ganz Wien, und in welcher Kuchel oder Speiskammer nur ein Fetzen Wildpret, eine Decke vom Hirſch, ja nur eine Blume davon gefunden würde, der müßte vor's Malefiz.“ „Nun laßt nur gut ſein!“ ſagte Trautſon lachend. „Es wird auch ohne einen ſolchen Kreuzzug gegen die Wiener Küchen an den Tag kommen.— Vielleicht treffe ich ſelbſt heute Einen von der ſchlimmen Compagnie: ich will einen Ritt in den Thiergarten machen; gebt mir Jemand mit, der mir aufſchließt.“ „Gnädiger Herr,“ erwiederte der Wildmeiſter et⸗ was verlegen,„es wird nicht wohl angehen— wir haben die ſtrengſte Ordre. Nur den Herren von Seiner Kaiſer⸗ lichen Majeſtät Conferenz dürfen wir ohne weitern Aus⸗ weis—“ „Ganz recht!“ unterbrach ihn der Graf.„Wie konnte ich das vergeſſen? Ich will Euch nicht zu einer Pflichtverletzung verleiten, und bin vielleicht grade in ei⸗ ner andern Richtung glücklicher. Laßt mir mein Pferd vorführen.“ „Eure Gnaden wollten wirklich eine Streife auf die Ruchloſen unternehmen?“ fragte der Forſtmann ſehr erfreut.„Sie ſind doch auch gut bewaffnet?“ Der Graf beruhigte ihn darüber und ritt dann in der Richtung auf den Wiener Berg landeinwärts, wo er freilich nicht hof⸗ fen durfte, daß ihm der Zufall zu der Entdeckung verhel⸗ fen werde, zu welcher ihm außer einer ziemlich genauen Beſchreibung der Perſönlichkeit, die ihm der König ge⸗ macht hatte, aller Anhalt fehlte. Der König ſchien von dem Daſein einer vollſtändig organiſirten Raubſchützen⸗ bande, wie ſie der Wildmeiſter als unzweifelhaft annahm, nicht unterrichtet zu ſein, ſonſt würde er zu Trautſon wohl davon geſprochen haben. Vielleicht hatte ihm Graf Lamberg keine Meldung davon gemacht, um ihn bei ſei⸗ ner Leidenſchaft für die Jagd nicht zu erzürnen und mit unbeſtimmten Gerüchten zu beunruhigen; er wollte ab⸗ warten, bis er mit Thatſachen hervortreten könne. Mochte dem ſein, wie ihm wolle, ſo ſtand doch feſt, daß der Kö⸗ 47 nig nicht wünſchte, den Mann mit ſeiner Tochter, den er im Thiergarten getroffen hatte, in eine Unterſuchung ver⸗ wickelt und beſtraft zu ſehen, und daß er nur deshalb ihn ausfindig gemacht haben wollte. Gewiß hatte er dann im Sinne, ihn großmüthig in den Stand zu ſetzen, ſein ſchlechtes Gewerbe aufzugeben und ſich ehrlich durch die Welt zu helfen. Wo hatte aber der Mann ſeinen Schlupf⸗ winkel? Es war kaum anzunehmen, daß er in einem der umliegenden Dörfer ganz öffentlich wohne, um von dort aus ſein geheimes Weſen zu treiben, ſei es allein mit dem jungen Mädchen, das ihm wohl zum Spion und zur Schildwache diente, oder in Verbindung mit anderm Gelichter. Viel eher war zu vermuthen, daß er in einer der vielen zerſtreuten Hütten, welche hier und da lagen, ſein Lager aufgeſchlagen habe, und Graf Trautſon, der ſich nun ſelbſt für die Entdeckung lebhaft zu intereſſiren begann, ließ ſich die Mühe nicht verdrießen, ſeinen Streif⸗ zug weiter auszudehnen, als er Anfangs im Sinne ge⸗ habt hatte. Es iſt eine oft wiederkehrende Erſcheinung, daß das Aufſpüren von Verbrechen einen eigenthümlichen Reiz ſelbſt für edlere Naturen hat. Iſt es Gerechtig⸗ keitsgefühl oder jener dunkle Trieb in dem räthſelvollen Menſchenweſen, der fort und fort ſeit Kain's That ſich vererbt hat? Dem Diener, der ein ſo planloſes Umher⸗ ſtreifen an ſeinem Herrn nicht gewohnt war, mußte es ————— —— — ——— auffallen, daß er zuweilen, wenn er einzelne Wanderer im Felde bemerkte, von ſeinem Wege abwich, um ſich ihnen zu nähern; es war unverkennbar, daß er irgend einen Zweck dabei hatte, aber zu hoffen ſtand nicht, daß er ihn ſelbſt einem ſo alten treuen Diener ſeines Hauſes, als der war, der ihm folgte, entdecken werde, denn wie gütig er auch gegen ihn, wie gegen ſein ganzes Haus⸗ geſind war, ließ er ſich doch nie zu Vertraulichkeiten herab. Wie vorherzuſehen war, hatte der Ausflug kein anderes Ergebniß, als was in Schönbrunn von dem Wildmeiſter in Erfahrung gebracht worden war: daß allerdings in der Gegend des Thiergartens ſeit einiger Zeit Raubſchützen ſich bemerklich gemacht hätten und ſo⸗ mit der geſuchte Mann zu ihnen gehören könne. Dieſen zu finden, war nur möglich, wenn dazu mehr Kräfte in Bewegung geſetzt wurden, und das ſchien mit der aus⸗ drücklichen Verwarnung, kein Aufſehen zu erregen, nicht vereinbar zu ſein. Der Graf kehrte nach Hauſe zurück, zweifelhaft, ob er hier auf eigene Verantwortung handeln oder dem Könige nochmals anheimſtellen ſolle, die ganze Sache, welche doch nicht von Wichtigkeit ſei, fallen zu laſſen. Als Trautſon zu ſeiner Gemahlin eintrat, empfing ſie ihn mit der Nachricht, daß die verwitwete Gräfin 49 Königsegg hergeſchickt habe, um ihn bitten zu laſſen, ihr bald einmal ſeinen Beſuch zu ſchenken, ſie wünſche ihn in einer gewiſſen Angelegenheit zu ſprechen. Was dieſe An⸗ gelegenheit betreffe, konnte ſich der Graf nicht denken; vielleicht betraf es ihren Stiefſohn, von deſſen bevorſte⸗ hender Heimkehr ſie ſeit geſtern gehört haben mochte. „Nimm Dich in Acht!“ ſcherzte ſeine Gemahlin. „Die Gräfin iſt noch immer eine ſchöne Frau, und mei⸗ ne Mutter pa mir erzählt, daß ſie als Marcheſina di San Martino e Parella in Turin den ganzen piemon⸗ teſiſchen Adel unglücklich gemacht hat, als ſie dem Gra⸗ fen Peſſann ihre Hand gab. Sie war ſchon einmal ver⸗ heirathet, wie Du weißt. Ich habe ſie genau beobachtet, 3 ſie mit Dir ſprach— nimm Dich vor ihr in Acht, Leopold, ſie iſt eine gefährliche Frau.“ „Ich werde auf meiner Hut ſein,“ erwiederte der Graf, indem er auf ihren Scherz einging. Doch kehrte gleich ſein gewohnter Ernſt zurück, der auch die junge, leb⸗ hafte Frau nicht auf längere Zeit zerſtreuen konnte, und er erklärte, daß er dem Wunſche der Gräfin noch heute Folge leiſten werde, da er ja doch nicht wiſſe, ob die Angele⸗ genheit einen Aufſchub dulde. Er fuhr auch wirklich ge⸗ gen Abend nach Gumpendorf hinaus, wo das ſchöne Königsegg'ſche Gartenpalaſt erbaut war, welcher vor Jahresfriſt als erlauchten Gaſt den Caren Peter von † — 6 6 d 6 3 50 Rußland, den die Nachwelt den Großen genannt, in ſei⸗ nen geſchmackvollen Räumen beherbergt hatte. Der jez⸗ zige Reichsgraf Sigismud Wilhelm, der ſeinem Vater vor ſechs Jahren im Titel und Beſitz gefolgt war, be⸗ fand ſich gegenwärtig als kaiſerlicher Geſandter in Kop⸗ penhagen und hatte, wie Trautſon ſchon auf der Heim⸗ kehr von der Jagd mit dem König Joſeph beſprochen hatte, der Stiefmutter, welche ihren Gemahl überleht, das Gartenpalais in Gumpendorf zum Wohnſitze über⸗ laſſen. Er ſelbſt, ſchon ſeit eilf Jahren mit Joſephine Gräfin Solms Lich vermählt, war kinderlos, und ſeine Brüder und Schweſtern, wenn auch nicht zehn, wie König Joſeph vermeinte, hatten theils im geiſtlichen Stande, theils im Heere oder in guten Heirathen ihrem vorneh— men Range gemäß eine geſicherte Zukunft. Nur eine einzige Comteſſe war noch unvermählt, Maria Eliſabeth, dieſe befand ſich aber bei ihrer ältern Schweſter Anna Sophia, der Gemahlin des Grafen Proſper Ferdinand von Fürſtenberg⸗Stülingen. So lebte denn die Witwe des Reichs⸗Vicekanzlers ganz allein zu Wien. Graf Trautſon wurde gemeldet und angenommen. In dem Zimmer, in welches man ihn führte, empfing ihn eine kleine, etwas verwachſene Dame, deren ſtark von Kupfer geröthetes Geſicht über ihr Alter in Zweifel ließ. Sie beſchied den Grafen, welcher ſie mit unge⸗ 51 zwungener Gewandtheit bei ſeinem Namen begrüßte, daß die Frau Gräfin noch bei der Toilette beſchäftigt ſei, aber ſehr bald erſcheinen werde, und lud ihn ein, Platz zu nehmen. „Sie ſind mir kein Fremder, Herr Oberkämme⸗ rer,“ ſagte ſie, als Beide ſich gegenüber ſaßen.„Wenn auch meine Perſon Ihnen unbekannt iſt, ſo ſchmeichle ich mir doch, daß mein Name Riedau Ihnen nicht fremd ſein wird.“ „Riedau?“ wiederholte der Graf überraſcht.„Sie ſind mit Max Riedau verwandt, gnädige Frau?“ „Ich bin ſeine Schweſter,“ beſtätigte ſie, und der Graf hätte bemerken können, daß ihre Röthe ſich noch etwas verdunkelte und um ihren Mund ein beleidigter Zug in zwei ſcharfen Linien ſich einſchnitt. Ehe er jedoch Zeit hatte, dieſe Bemerkungen anzu⸗ ſtellen, wurde die Thüre, welcher er den Rücken zuge⸗ kehrt hatte, geräuſchvoll geöffnet und die Gräfin trat ein. Er erhob ſich raſch, ſie zu begrüßen. Seine Frau hatte Recht: die Witwe, obgleich ſie wohl ſchon nah an den Vierzigern ſein mochte, war noch immer eine ſchöne Er⸗ ſcheinung. Klein von Geſtalt, nichts weniger als impo⸗ nirend, beſaß ſie in der Anmuth ihrer Formen und der ſchwebenden Leichtigkeit ihrer Bewegungen doch ein Recht auf vorzugsweiſe Beachtung, ſelbſt in Geſellſchaft jünge⸗ 52 rer und blendender Frauen; ihr Geſicht, wie ihr Hals und Nacken war von einem warmen ſüdlichen Teint; die Lippen des auffallend kleinen Mundes hatten noch die volle Friſche der Jugend, und wenn ſie lächelte— was ſie gar verführeriſch kleidete— zeigte ſich eine Doppelreihe der ſchönſten Zähne. Vor Allem aber war es das unge⸗ ſchwächte Feuer ihrer ſchwarzen italieniſchen Augen, wel⸗ ches, niemals brennend oder verletzend, ſondern in mun⸗ tern ſchalkhaften Blitzen, wie in tieferm Gefühle immer bezaubernd dieſe Frau noch gefährlich machen konnte. Sie redete den Grafen italieniſch an. Am Kaiſer⸗ Hofe zu Wien war die Umgangsſprache der vornehmen Welt noch immer die italieniſche oder die ſpaniſche.„Ha⸗ ben Sie Dank, Graf Leopold,“ ſagte ſie mit freundlichem Lächeln, indem ſie ihm ihre kleine Hand zum Kuße bot, „daß Sie meine Bitte ſobald erfüllt haben. Fräulein Anna, der Graf kommt von der Jagd, er wird der Er⸗ quickung bedürfen.“— Das Fräulein ſtand ſchweigend auf und entfernte ſich. Trautſon war etwas betreten, daß er ſie gnädige Frau genannt, in einem flüchtigen Momente ſie ſogar für die Mutter des Fähnrichs von Riedau gehalten hatte. „Ich will Ihnen mein Anliegen nicht lange vorent⸗ halten,“ ſprach die Gräfin, ſobald ſich die Thüre hinter dem Fräulein geſchloſſen hatte.„Es betrifft den Bruder dieſes armen Mädchens. Sie kennen ihn, Sie haben ihn vorgeſtern im Hauſe der Marſchallin geſehen. Ich brauchte ihn als meinen Ambaſſadeur bei dem ſtolzen Oberſt⸗Kämmerer Seiner römiſch⸗königlichen Majeſtät, der eine demüthige Witwe gar nicht mehr wieder kennen wollte.“ „Wie kann Madonna mich ſo beſchämen, weil ich nicht ahnte, daß Sie ſich des unbedeutenden Studioſus noch erinnern würden, der zuweilen das Glück gehabt, durch ſeinen Freund Karl Fidelis bei Ihnen eingeführt zu ſein.“ „Eine gegenſeitige Beſcheidenheit alſo! Gebeichtet und abſolvirt, nicht wahr? Wohlan, wir wollen hinfort nicht mehr in gleicher Weiſe ſündigen. Ich nehme an, daß Sie mich, die ſich ganz von der Welt zurückgezogen hat, nicht verläugnen, wenn ich einmal wieder, wie ein Nachtfalter am hellen Kerzenlicht flattern muß, und Sie glauben mir, daß ich ein Gedächtniß für diejenigen be⸗ wahre, die ich einſt liebgewonnen habe. O das können Sie ſchon von einer Frau meines Alters hören, es klingt recht mütterlich, eh?“ Dieſen unnahmlichen Laut der Italiener, den ſie in hundert Wandlungen des Tons und Ausdrucks den verſchiedenen Situationen anzupaſſen wiſ⸗ ſen, hatte die Gräfin Königsegg mit ſeltener Virtuoſität in ihrer Gewalt, und Trautſon, den ihre Rede zu einem 54 weltmänniſchen Widerſpruch gegen ihr Alter herauszufor⸗ dern ſchien, gerieth dadurch in einige Verlegenheit. Ehe er jedoch eine, vielleicht linkiſche Antwort geben konnte, fuhr die Dame harmlos fort:„Ich wollte zu Ihnen aber nicht von meinen Jahren ſprechen, mit denen ich mich, ſo gut es geht, abfinden muß, ſondern von dem tapfern Maximilian Riedau. Er iſt Ihnen bekannt, wie er mir geſagt hat. Irre ich mich nicht, durch meinen Sohn!“ Sie betonte das Wort in pathetiſcher Weiſe. „Er iſt mir durch Karl Fidelis, meinen Freund, bekannt geworden, von dem er mir einen Brief aus Un⸗ garn brachte.“ „Alſo ſchon eine Ambaſſade an Sie! Darin ſcheint der ſchöne Reitersmann mehr Glück zu haben, als im Soldatenleben, denn er hat es noch immer nicht weiter gebracht, als zum Fähnrich. Nehmen Sie ſich ſeiner an, Graf Leopold— das iſt eben meine Bitte an Sie. Ich will ihn Euer Exellenz in beſter Form feierlichſt empfoh⸗ len haben.“ „Sie geben mir einen Titel, der mir nicht zukommt,“ erwiederte Trautſon lächelnd.„Ich nehme aber die Eece- lenza im freigebigen Sinne Ihrer heſperiſchen Heimath, welche damit nicht karg iſt. Was kann ich aber thun für den jungen Offizier?“ „Sie, der erſte Kämmerer des römiſchen Königs, 1 — — des ritterlichen Joſeph, der ſich auf das Lebhafteſte für das Militair intereſſirt? Sie fragen, was Sie für einen mit Unrecht zurückgeſetzten jungen Offizier thun können? Ein Wort von Ihnen genügt, um ſein Glück zu machen. Der König wird aufmerkſam auf den Armen, er ſagt bei nächſter Gelegenheit zum Regiments⸗Inhaber:„Lieber Feldmarſchall, Graf Herbville, in Ihrem Dragoner⸗ Regiment ſteht ein Fähnrich Riedau, der wohl eine Be⸗ förderung verdient,“ und damit iſt für ihn geſorgt. Wol⸗ len Sie aber Ihrer Güte die Krone aufſetzen, ſo veran⸗ laſſen Sie zugleich, daß er zum Regiment Savoyen⸗ Dragoner verſetzt wird; es iſt ſein heißeſter Wunſch, in dem eigenen Regimente ſeines heißgeliebten Feldherrn— unſers Prinzen Eugenio!— zu dienen. Sie ſehen, ich bin noch eine glühende Savoyardin!“ Der Graf verneigte ſich.„Gewiß nehme ich den größten Antheil an dem Schickſale des Herrn Riedau— nur kann ich ſelbſt gar nicht beurtheilen, wie weit ihm Unrecht geſchehen iſt und ob er in ſo hohem Maße, als ich gern wünſche, eine Bevorzugung verdient.“— Dieſe Gewiſſenhaftigkeit mochte der Gräfin etwas pedantiſch vorkommen, ſie lächelte fein und erwiederte: „Freilich! Wir können das nicht wiſſen. Doch gebe ich etwas auf das Urtheil meines Sohnes Karl, der den jungen Mann ja auch, wenn ich recht gehört habe, Ihnen empfohlen hat; er muß alſo doch deſſen nicht unwürdig ſein. Auch trägt er ein Zeichen, daß er die Gefahr nicht geſcheut hat, auf der Stirn— Sie haben die feine Linie doch bemerkt? Seltſam genug iſt ſie nicht roth, ſon⸗ dern von einem tiefen Blau, das nimmer vergeht, weil die Wunde von einem vergifteten Pfeil herrühren ſoll. Sie ſteht ihm gut, nicht wahr? Mein Intereſſe an ihm bedarf aber auch noch der Erklärung, Graf Leopold, da⸗ mit Sie mich nicht verkennen. Sie haben das kleine, unglückliche Weſen geſehen, das Sie auf meine Ver⸗ anlaſſung empfangen hat? Können Sie es für mög⸗ lich halten, daß ſie die Schweſter des ſchönen Max iſt? Nicht etwa eine Stiefſchweſter, ſondern die echte, wahre Schweſter von denſelben Eltern, die obenein gar nicht viel älter iſt, als er. Ich habe das verlaſſene Mädchen zu mir genommen und bin dadurch mit ihren Verhältniſſen, auch mit ihrem Bruder, bekannt geworden. Sie ſcheint übri⸗ gens meinen Wink nicht verſtanden zu haben, denn ſie läßt Sie unbillig lange nach einer Erfriſchung ſchmachten.“ Mit einiger Ungeduld, welche plötzlich in ihrem Geſichte aufging, ſchellte ſie, und ſogleich erſchien ein Diener, wel⸗ cher auf ſilbernem Teller Wein, Backwerk und Früchte auftrug. Er ſchien im Vorzimmer nur auf die Glocke gewartet zu haben. Das Fräulein ſelbſt kam nicht wieder zum Vorſchein. 57 Die Gräfin lud ihren Gaſt mit Anmuth ein, ſich zu bedienen, nippte auch ſelbſt von einem Glaſe Wein, das ſie ſtark mit Waſſer gemiſcht hatte, und kam, nachdem der Diener wieder entfernt war, auf ihren Gegenſtand zurück. „Der Vater der beiden Geſchwiſter iſt, wie Sie vielleicht wiſſen, ein tapferer Offizier geweſen, der auch verhältnißmäßig für ſeine Kinder hätte ſorgen können. Hat Ihnen Max erzählt, auf welche Weiſe er um ſein geringes Vermögen, das er durch Kriegsbeute und Erſpar⸗ niß gewonnen hat, gebracht worden iſt?“ Der Graf verneinte es.—„Mir auch nicht!“ fuhr die Gräfin fort.„Ich weiß es aber durch ſeine Schweſter, welche ihrem Herzen darüber mehr als einmal Luft ge⸗ macht hat. Ein gewiſſer Cronberg ſoll die Schuld tragen, der mit dem alten Riedau in demſelben Regimente gedient hat und ſehr befreundet geweſen iſt. Wie das geſchehen iſt, habe ich, ehrlich geſtanden, nicht recht begriffen oder wieder vergeſſen— wozu konnte es auch helfen, da die Thatſache genügt und das Vermögen dahin iſt. So war denn, als Riedau im Kriege gefallen war, für den Max wohl geſorgt, der ſich mit ſeinem Degen und ſeiner Per⸗ ſönlichkeit ſchon durchhelfen wird— auch wenn gewiſſe all⸗ zuſtreng auf eigenes Urtheil haltende Granden des Reichs ſich ſeiner nicht annehmen wollen!“ ſetzte ſie mit ſchalk⸗ hafter und gutmüthiger Neckerei hinzu.„Aber ſeiner 1860. II. Im Strom der Zeit. I. 4 0 † —— —„ —· Schweſter blieb nur das Kloſter als letzte Zuflucht— da war es grade, daß ich ein junges Mädchen für meine häuslichen Angelegenheiten ſuchte und die Fürſtin Thurn mir die arme Riedau vorſchlug. Im erſten Augenblick, als ſie ſich mir vorſtellte, geſtehe ich offen, daß ich ein unangenehmes Gefühl bei ihrer Häßlichkeit nicht recht be⸗ zwingen konnte und kindiſch genug war, es für eine war⸗ nende Stimme zu halten, indeſſen ſchämte ich mich bald der Schwachheit, das Mitleid trug in mir den Sieg da⸗ von, und ich habe noch keinen Anlaß gehabt, meine Wahl zu bereuen. Anna iſt fügſam und klug und— wird mir ſobald nicht durch einen Freier entführt werden, ſo daß ich bis an mein Lebensende nicht mehr zu wechſeln brauche. Da haben Sie meine ganze Geſchichte, und nun ſeien Sie menſchlich und ſprechen ein Wort an geeigneter Statt für den Bruder des armen Mädchens.“ „Das habe ich ſchon gethan,“ erwiederte der Graf, und erzählte die Begegnung des römiſchen Königs mit dem jungen Offizier, und daß der Letztere auf ihn einen ſehr vortheilhaften Eindruck gemacht habe. „Bravo!“ rief die Gräfin und ſchlug in die Hände. „Der erſte Schritt iſt geſchehen. Sorgen Sie für den zweiten.“ Das Geſpräch kam nun auf allgemeinere Verhält⸗ niſſe, die Aſſemblee bei der Gräfin Rabutin, wo Beide — 59 kürzlich zuſammen getroffen waren, gab dazu den Stoff her. Die Gräfin ſprach mit beſonderer Freundlichkeit von Trautſon's Gemahlin, der ſie ſich, als er jetzt Abſchied nahm, angelegentlich empfehlen ließ, und ganz zuletzt legte ſie ihm noch einmal ihren Schützling an das Herz. Er verſprach, für ihn zu thun, was in ſeinen Kräften ſtehe. — Yrittes Capitel. Eine Bürgerfamilie. Ein heiterer Morgen war über der Kaiſerſtadt auf⸗ gegangen. Die Sonne ſtand ſchon ziemlich hoch, und noch immer blieb es ſtill auf den Straßen und Plätzen, ſelbſt in den engen und ſtarkbevölkerten Gaſſen der alten Stadt⸗ theile gegen die Donau hin, wo das Handwerk ſein rü⸗ ſtiges Weſen treibt und faſt mit dem erſten Hahnenſchrei Leben und Arbeit erwacht. Um ſo weniger konnte ſich in den andern Vierteln⸗um⸗die Burg und wo die Vornehmen des Landes ſich Paläſte erbaut hatten, oder auch nur da, wo begüterte Kaufherren wohnten, ſchon das laute Trei⸗ ben regen. Eine feierliche Stille waltete überall, denn es war Sonntag, der Tag des Herrn. 60 Der Sanct Annen⸗Kirche gegenüber, in der Gaſſe, welche von ihr den Namen hat, ſtand ein ſchmales Haus, dem trotz ſeiner beſchränkten Front die hellen Fenſter, die reinlich getünchte Mauer und die künſtlich ausgeſchnitzte Thüre ein wohlhäbiges und wohnliches Anſehen gaben. Aus dieſem Hauſe trat zu früher Morgenſtunde ein junger Mann im bürgerlichen Kleide und ſah zum Kreuz der Kirche empor, dann über den ganzen Himmelsſtreifen ent⸗ lang, der klar über der Straße lag— offenbar ſchaute er nach dem Wetter aus. Im Erdgeſchoß öffnete ſich, als er eben in das Haus zurückkehren wollte, ein Fenſter. „Wird ſich's gut halten?“ fragte eine Stimme, de⸗ ven tiefer geſättigter Klang verrieth, daß ſie einem wohl⸗ genährten Manne angehörte. Auch erſchien im Fenſter ein dickes, freundliches Geſicht, das den ganzen Rahmen ausfüllte. Der junge Mann gab eine zuverſichtlich bejahende Antwort. „Schauſt mir wieder recht blaß aus, Franzl,“ ſagte der Dicke im Fenſter.„Sitzeſt mir zu viel— das geht nicht.“ „Sitzen! Warum nicht gar!“ ließ ſich hinter ihm eine weibliche Stimme vernehmen, und ein Frauenkopf mit der Haube wurde über der Schulter des Alten ſicht⸗ bar.„Sitzeſt Du nicht mehr wie der Franz? Und Dir 61 bekommt es doch leidlich. Wenn man Dich anſieht, wie ſoll man glauben, daß Einer vom Sitzen blaß werden kann!— Komm nur herein, Franz, komm herein. Das Frühſtück iſt fertig— hernach kannſt Du nach der Flie⸗ genſchützen gehen.“ „Hat die Frau Mutter das Fräulein ſchon ge⸗ weckt?“ fragte Franz. „Werd' ich ſie wecken? Dumme Frage! Das liebe Kind ſoll ſeine Ruhe haben, kann ſchlafen, ſo lange es will,“ verſetzte die Mutter und kam jetzt, nachdem ihr der Vater am Fenſter Platz gemacht hatte, mit ihrer run⸗ den, etwas auffallend herausgeputzten Geſtalt zum Vor⸗ ſchein, die dem Gatten an Fülle nichts nachgab. Der Sohn ging langſam in das Haus und trat in die Wohn⸗ ſtube, wo die Eltern ſich eben zu der dampfenden Schüſſel mit der Morgenſuppe ſetzten; er nahm ſtill bei ihnen Platz. „Wecken!“ griff die Mutter ihre abgebrochene Rede wieder auf.„Ich ſoll das Fräulein wecken! Du ſprichſt auch, wie Du es verſteheſt!“ Ein Seitenblick auf ihren gemächlich löffelnden Mann ſollte dieſen belehren, wer hier nebenbei gemeint ſei, dieſer gab aber darauf nicht Acht.— „Wir müſſen das Fräulein halten wie unſer Augapfel,“ fuhr die Mutter fort.„Das iſt unſere Schuldigkeit. Was würde der Herr Vater ſagen, wenn er aus dem Kriege zurücktäme und hörte, daß wir ſein Töchterlein nicht ge⸗ halten hätten, wie es ihrem Stande zukommt? Würde er nicht ſagen: Frau Riedl, ich hätte ein beſſeres Zu⸗ trauen gehabt, nachdem ich drei Jahre in Ihrem Hauſe gewohnt habe. Ich hab' gemeint, mein Kind, das keinen Menſchen mehr hat, zu dem ich es austhun könnte, in keine beſſern Hände zu geben, als in die Ihrigen, wenn ich's laſſe, wo's einmal eingewohnt iſt, und nun finde ich es ſo wieder.“ „Es iſt ihr ja nichts abgegangen,“ wandte der Gatte gutmüthig ein, als ſie eine Pauſe zum Athemholen machte. „Willſt wieder mitſprechen?“ verſetzte ſie.„Ab⸗ gegangen! Wenn's nach Dir gegangen wäre, ſo hätte ſie ſich abgehetzt, wie eine Stallmagd Ich hab's aber nicht gelitten, daß ſie mit anfaßte und überall helfen wollte im Haus und Keller, wo es Etwas zu ſchaffen gab. Dir wär's grad' recht geweſen. Brumme nicht! Ich weiß ſchon, Du willſt immer klüger ſein. Bei Deinen Geſchäf⸗ ten und Rechnungen, bei Deinen Contobüchern und Wech⸗ ſeln magſt Du Deine Sache verſtehen, wenn auch Andere im Handel mehr vor ſich bringen, Du biſt nicht rührig genug, liebſt Deine Bequemlichkeit. Aber in meine Ge⸗ ſchäfte ſollſt Du mir nicht einſprechen. Und wenn das Fräulein ſchlafen will, bis die Sonne im Mittag ſteht—“ 63 „Das geſchieht nicht!“ klang es lachend hinter ihr, und ein junges, friſches Mädchengeſicht ſchaute in die Thüre.„Frau Riedl weiß, daß ich alle Tage frühzeitig aufſtehe, wenn ich auch nicht gleich herunter komme. Gu⸗ ten Morgen Alle!“ Der Vater machte eine Bewegung zum Aufſtehen und rückte an ſeinem Käppchen, die Mutter beeilte ſich, dem Fräulein ſchnell einen Seſſel zu bringen und ſie zum Frühſtück, das gemeinſam genommen wurde, einzuladen. „Wo iſt denn der Franz?“ fragte das Fräulein, und ſah ſich nach ihm um. Er hatte ſich bei ihrem Ein⸗ tritt erhoben und war ganz vom Tiſche zurückgetreten. „Setzt Euch doch zu mir, Franz; ich werde Euch ja nicht verdrängen?“ Mit einer halblauten Antwort, die ein Scherz ſein ſollte, gehorchte Franz ihrer Auffor⸗ derung, und die Mutter, welche mit ihren überall umher⸗ blitzenden Augen bemerkte, daß er die Farbe wechſelte, zog die Lippen ein, als unterdrücke ſie gewaltſam, was ſie jetzt doch nicht ſagen konnte. Waren ihre Blicke auf den Sohn nicht eben liebreich, ſo betrachtete der Vater das junge Paar, als es ſo neben einander Löffel um Löffel zum Munde führte, mit deſto größerem Wohlgefal⸗ len. Kamen ihm Gedanken, daß Beide wohl für einander paſſen könnten, und vergaß er, was trennend zwiſchen ihnen ſtand? Aeußerlich ſchien freilich aller Vortheil auf Seiten des jungen Mädchens zu ſein: ſie war hoch und ſchlank gewachſen, und trug ihr braunes Lockenköpfchen mit dem wunderlieblichen Geſicht ſo ſtolz, wie nur eine der vornehmſten Damen am Hofe thun konnte; es war jedoch nicht Stolz, der es aufrecht hielt, ſondern die freie Heiterkeit ihrer Seele, welche aus den braunen, muntren Augen blickte, denn ſie konnte auch ſo demüthig ſein, ſo fromm! Das war nun der Franz auch und war es im⸗ mer, aber er war nicht ſchön; wenn er auch in die Höhe geſchoſſen war, wie eine Tanne, und gar liebe Augen hatte, wie der Vater meinte, ſo mußte er doch geſtehen, daß er in letzter Zeit ſich ſehr verändert hatte. Sein Ge⸗ ſicht war länger geworden und blaß, und er ging nicht mehr ſo grad' und ſtraff, wie ſonſt. Da wollte die Mutter noch läugnen, daß er zuviel über den Büchern ſitze! Indeſſen, wenn ſich die Herzen fanden, was hatte das Ausſehen damit zu ſchaffen? War er, Herr Johann Anton Riedl, in jungen Jahren doch ein ſehr ſtattlicher Mann geweſen, und ſeine damalige Braut, Jungfrau Sa⸗ bine Klannerin, keineswegs ſchön, wie ſie es auch ſpäter im vergnüglichen Eheſtande nicht geworden— und Beide waren doch zuſammen gekommen, er wenigſtens wußte nicht wie!— „Nun, Franz, geh' nach dem Wägerl,“ ſagte die Mutter, welche ungeduldig zu werden ſchien.„Und bringe 65 uns ein recht bequemes; ſieh' auch zu, daß wir Schutz haben, wenn's etwa wieder regnen ſollte! Fräulein Caje⸗ tana wird wohl ſchon warten, daß wir fahren. Der Morgen iſt gar ſo ſchön.“ „O nein, Frau Riedl, ich habe gar keine Eil— bin auch, ſeht Ihr, noch nicht zum Fahren fertig. Der Franz hat ja kaum angefangen, etwas zu genießen; gönnt ihm doch Zeit.“ Aber Franz war, dem zweiten und jetzt gebieteri⸗ ſchen Winke der Mutter folgend, ſchon aufgeſtanden und ging, den Wagen zu beſtellen, welcher die Familie nach ihrer ländlichen Beſitzung außerhalb der Stadt bringen ſollte. Gleich darauf verſchwand auch Fräulein Cajetana wieder, um ſich auf ihrem Stübchen zur Fahrt fertig zu machen, und das Ehepaar blieb allein. Herr Riedl hatte ſchon an den hurtig zu ihm herüberſtreifenden Blicken ſeiner Gattin geſehen, daß Etwas für ihn im Anzuge ſei, und als das Fräulein kaum die Schwelle überſchritten hatte, brach es auch ſchon los. Er ſetzte ſich geduldig zurecht, um dem Unwetter, dem er doch nicht ausweichen konnte, Stand zu halten. „Wenn Du denkſt, daß ich blind bin, ſo irrſt Du Dich,“ begann ſie,„und wenn Du meinſt, ich könne Deine Gedanken niemals errathen, ſo hältſt Du mich für ſo einfältig, wie von uns Beiden ich nicht bin. Haſt Du denn gar keinen Verſtand mehr? Beantworte mir die eine einzigſte Frage!“ „Aber, liebtrautes Binerl—“ „Nenne mich nicht immer ſo— oder ich werde noch böſer! Bienen ſtechen. Der Franz wird alle Tag' elen⸗ der— Du meinſt, es iſt vom Sitzen und weil er ſich mit Deinen Ziffern und Poſten den Kopf zerbricht— ich weiß es beſſer, was ihm fehlt. Und Du ſchauſt drein, wenn Beide zuſammen ſitzen, als hätten wir nur nöthig, hinüber in die Kirche zu gehen und den hochwürdigen Herrn zu bitten, daß er ſie zuſammen gibt!“ Der Gatte machte große Augen.„Was ſagſt Du, Binerl? Mutter, wollt' ich ſagen— Du glaubſt, Mutter, daß der Franzl—“ „Sich abhärmt, weil er das Fräulein zu viel an⸗ geſch aut hat, das glaub' ich nicht blos, das weiß ich. Er iſt wenigſtens ſo klug, daß er einſieht, es iſt nicht glſcheit von ihm, ſich dumme Gedanken zu aber, Mann, Du denkſt, es könnte ſich doch am Ende ſchicken. Sag' mir, wie kannſt Du das glauben? Sag' mir, ich bitt' Dich, wie biſt darauf gekommen?“ „Wie ich darauf gekommen bin, Mutter—“ „Willſt ſchen wieder ſtreiten! Ich kann kein Wort mehr ſagen, ſo fällſt Du mir in die Rede! Die Sache muß ein End' nehmen. Der Junge geht uns zu Grunde 67 oder er macht eine Dummheit und läßt es dem Fräulein merken. Sie macht ſich nichts aus ihm— ſie wird ihn auslachen, und wir haben die Schande, daß ſie glaubt, wir wären auch dabei und wollten ihr unſern Franz aufdringen, den Franz Chriſtoph Riedl, Comptorſchreiber, dem gnädigen Fräulein Cajetana von Cronberg. Es wäre eine ſchöne Vergeltung für das Vertrauen, das ihr Herr Vater in uns geſetzt hat.“ „Und wenn ſie auch möchte und ihr Vater gäbe es zu— ſo wäre ſie Dir doch nicht recht!“ wagte der Gatte zu erwiedern. „Warum?“ rief die Frau.„Weil ſie arm iſt? O Du biſt der kluge Mann, der Kaufherr, der rechnen kann und den Wind blaſen hört, von wo er auch kommen mag! Hier weißt Du aber nichts. Ich könnte Dir andere Dinge erzählen, als daß ſie arm iſt. Aber das iſt meine Sache und Du haſt Dich nicht weiter darum zu kümmern. Der Franz muß aus dem Hauſe. Du haſt Geſchäfte ab⸗ zumachen draußen im Reich bis Straßburg und Frank⸗ furt hin, das kann der Franz beſorgen; eine Reiſe wird ihm ſehr nützlich ſein, er bekommt andere Menſchen zu ſehen und ſchlägt ſich die dummen Gedanken aus dem Kopf. Du kannſt es ihm heut' in Meidling ſagen, wenn ich mit dem Fräulein den alten Diener ihres Vaters auf⸗ — ſuche. Hörſt Du alſo? Der Franz macht die Reiſe, und lieber morgen, als übermorgen!“ Hier war ein offenbarer Eingriff in die Geſchäfts⸗ führung des Hauſes Riedl, welchen ſich die Frau bis jetzt noch nicht erlaubt hatte. Der Chef der Firma glaubte ihr etwas zu vergeben, wenn er ihn, als den erſten, duldete, weil er feſt überzeugt ſein konnte, daß ihm dann bald mehrere folgen würden. Er wies ihn daher mit Sanft⸗ muth zurück, indem er behauptete, daß Franz dem Ge⸗ ſchäft, das einen erfahrenen Handlungsbefliſſenen ver⸗ lange, nicht gewachſen ſei, und ließ den Sturm, welcher bei ſeinem noch nie erhörten Widerſpruch gegen den klar ausgedrückten Willen der Frau ausbrach, über ſich er⸗ gehen. Frau Riedel hatte dabei das Eigenthümliche, daß ſie dabei nie laut oder heftig war, ſo daß der Sturm ihres Unmuths keinem brauſenden Orkan, ſondern eher einem feinen, empfindlich treffenden Schneegeſtöber bei ſcharfem Froſt und Nordwinde glich, wo die kleinen Pfeil⸗ ſpitzen der kryſtalliſirten Flöckchen ſchmerzhaft Auge und Antlitz verletzen. Sie lächelte ſogar zuweilen dabei, man konnte nicht recht unterſcheiden, aus welchem Borne dies Lächeln entſprang. So hörte denn das Fräulein von Cronberg, als ſie ſich der Thüre näherte, kein Wort von der ehelichen Meinungsverſchiedenheit, welche ſich im In⸗ nern des Zimmers äußerte, noch minder hatte ſie eine 69 Ahnung, daß ſich ihretwegen eine ſolche entſpinnen könne. Sie trat ſo harmlos und heiter ein, daß es dem geduldi⸗ gen Manne war, als gehe mit ihr ein heller, freudiger Glanz auf, vor dem aller Unfriede verſtummen müſſe. Frau Riedel ſchnitt auch gleich ihre Rede kurz ab, und wandte ſich zu ihrer Pflegbefohlenen, welche ſie in der That hielt, wie ein Weſen höherer Art. „Ei, wie allerliebſt Ihnen das Kopfzeng ſteht!“ ſagte ſie, in die Hände ſchlagend.„Das habe ich ja noch gar nicht geſehen! Wohl franzöſiſche Mode? Die ſind doch viel ſchöner, als die ſteifen ſpaniſchen Hütlein oder die ſchweren Hauben, wie man ſie in der Meſſe in den Betſtühlen der vornehmen Herrſchaften ſieht! Wo haben Sie das gekauft, Fräulein Cajetana? Auf dem Graben gewiß!“ „Nein, gute Frau Riedl, das habe ich mir ſelbſt gemacht,“ erwiederte Cajetana mit unſchuldigem Ge⸗ fallen an ihrem Werk.„Ob's franzöſiſche Mode iſt, weiß ich nicht— es geſiel mir aber bei der Prater⸗ fahrt an den jungen Gräfinnen Trautmannsdorff, die Ihr mir nanntet, und ſo hab' ich's nachgeahmt, wie ich's eben im Gedächtniß behalten habe. Zu kaufen hab' ich kein Geld mehr!“ ſetzte ſie lächelnd hinzu.„Ich muß ſparen, bis mein Herr Vater wieder etwas ſchicken kann.“ ————————— 70 „O reden Sie mir doch nicht ſo!“ rief Frau Riedl. „Das muß ich ja übel nehmen! Wenn der Herr Vater auch nichts ſchickt, ſo dürfen Sie ja nur ſagen, was Sie wünſchen, und wenn's Tauſend Gulden ſind, zwei, drei Tauſend, wir ſchaffen's. Nicht wahr, Vater? Aber da kommt der Franz mit dem Wagen, und Du ſitzeſt noch ganz in Deiner Ruh'! Wir kommen auch gleich, Fräu⸗ lein Cajetana. Steigen's nur immer auf und nehmen einen bequemen Platz. Der Franz wird Ihnen ſchon helfen.“ Die Wagen, welche vor hundert und ſechszig Jah⸗ ren zu Wien von den Mittelklaſſen zu Landpartieen ge⸗ miethet wurden, waren allerdings von ſehr beſcheidenem Anſehen. Ein einfaches Geſtell mit einigen Sitzbänken, welche nur als beſonderer Luxus in Riemen hingen, ge⸗ wöhnlich aber feſtgenietet waren, hatte zum Schirm gegen die Sonne oder leichte Regenſchauer ein Dach von Rohr⸗ geflecht, von welchem zuweilen auch noch Seitenſchirme niedergelaſſen werden konnten. Ob ſie vorzugsweiſe gegen die Fliegen ſchützten, wie ihr Name verhieß, blieb zweifel⸗ haft, aber nach ihnen wurden dieſe erſten Miethswagen, welche ihren Stand am Rothen⸗Thurme hatten, Fliegen⸗ ſchützen genannt. Mit einem ſolchen war Franz Riedl vorgefahren und half Cajetana aufſteigen. Sie ſcherzte ſo unbefangen mit ihm— und ſeine Hand zitterte, als er die ihrige berührte. 71 Bald kam auch das Ehepaar im Sonntagsſtaat nach, und der Wagen rollte links um die Ecke biegend zum Kärnthner Thore hinaus, um durch die Hundsthurm⸗ „Lucke“, ſo genannt von dem Bau, den Kaiſer Mathias vor damals achtzig Jahren für ſeine Rüden und Hatz⸗ hunde errichtet hatte, in das Freie zu gelangen. Unter heiterem Geſpräch, das Cajetana belebte, kam die Familie in dem Dorfe an, wo ſich auch Herr Riedl, wie viele begüterte Wiener zu thun anfingen, ein kleines Grundſtück gekauft und darauf ein niedliches Häuschen als Sommer⸗ luſt erbaut hatte. Seine Frau war nicht wenig ſtolz, auch ein ländliches Beſitzthum, wie die Großen und Vorneh⸗ men in allen Vorſtädten Wiens ſich erwarben, in Meid⸗ ling zu haben, wenn es auch von beſcheidenerem Anſehen war und im Grunde wegen der Geſchäfte des Kaufherrn wenig benutzt wurde. Meidling war in jener Zeit noch nicht das weit aus⸗ gedehnte, mit geſchmackvollen und freundlichen Landhäu⸗ ſern reicher Wiener bis zu den Gärten des kaiſerlichen Luſtſchloſſes Schönbrunn ſich erſtreckende Dorf; es fing jedoch ſchon an nach der Verwüſtung durch die Türken aufzublühen und ſich mit einzelnen hübſchen Gebäuden zu ſchmücken, welche unter den ärmlichen und ängſtlich an einander gedrängten Hütten um ſo ſtattlicher hervortra⸗ ten. Vor einem derſelben hielt das Fuhrwerk und Franz, 72 der unterwegs in der glücklichſten Stimmung mitgeplau⸗ dert und geſcherzt hatte, ſprang herab, um Cajetana und den Eltern bei dem ſehr beſchwerlichen Ausſteigen zu hel⸗ fen. Der Hausmann, wie Frau Riedl den Bauer, der ihr kleines Grundſtück bewirthſchaftete, vornehm genannt hatte(bis zum Hausmeiſter wagte ſie ſich doch nicht ver⸗ ſteigen!), war durch die Ankunft ſeiner„Herrſchaft“ über⸗ raſcht; es gab einiges Schreien und Laufen, bald aber war doch das Stübchen gelüftet und in Ordnung, wo nun vorerſt auf die ermüdende Fahrt im unbequemen Wagen Ruhe und Erquickung geſucht wurde. Nur Cajetana mußte ſehen, was ſich ſeit der letzten Anweſenheit im Garten verändert hatte, ob das Obſt gewachſen war und die Nelken blühten. Sie lehnte die Begleitung der Frau Riedl ab und Franz hatte den Muth nicht, ihr die ſeinige anzubieten. So blieb die Familie allein zurück. Caje⸗ tana benutzte aber die Gelegenheit nur, um ungeſtört eine andere Freude, auf welche ſie längſt gehofft hatte, zu ge⸗ nießen. „Wo wohnt der fremde Mann, der mit ſeiner Toch⸗ ter vor etwa vier Wochen im Dorf eingezogen iſt?“ fragte ſie die Magd, welche ſie im Hofe traf. Die Magd ſtarrte ſie an und verſtand wohl ihre Frage nicht. Der Bauer wurde gerufen; auch der ſah das Fräulein, das nach ſolchem Volk fragen konnte, mit Verwunderung an, 73 doch gab er ihr Beſcheid und ſchickte ſeinen kleinen Buben mit, ihr den Weg zu zeigen. „Sagt der Frau, daß ich einen Spaziergang ge⸗ macht habe,“ trug Cajetana dem Bauer auf, der aber berichtete treulich, wohin ſie gewandert ſei, und ſetzte hin⸗ zu:„Wenn dem gnädigen Fräulein nur dort nichts Schlimmes geſchieht, es ſind gefährliche Leute.“ Franz ſtand ſogleich unruhig auf, als wolle er ihr nacheilen, aber die Mutter warf ihm einen ſtreng verweiſenden Blick zu und ſagte zu ihrem Hausmann:„Es iſt ſchon gut. Das Fräulein hat nichts zu befürchten.— Wovon leben denn die Leut' hier? Haben ſie ſich auf Arbeit verdungen? Warum nennſt Du ſie gefährliche Leute? Ihr gutes Bauernvolk nennt Jeden ſo, den Ihr nicht kennt, und uns Wiener am Ende auch, weil wir uns hier anſiedeln.“ Der Bauer machte ein verlegenes Geſicht und mußte über die letzte vornehm hingeworfene Rede lachen. „Arbeiten?“ ſagte er dann.„O Gott bewahre! Der wollte arbeiten! Er iſt hergezogen, kein Menſch weiß, von wo; er hat die Erlaubniß gekriegt, ſich das letzte Häuſel draußen am Hag wieder herzurichten, das wüſt lag und Keinem gehörte, weil der Feldhüter vordem drin gewohnt hat, ehe der Türke kam— jetzt haben wir keinen mehr. Er hat ſich erboten, unſer Feldhüter zu ſein, aber wir werden doch keinen hergelaufenen Kerl dazu nehmen 1860. II. Im Strom der Zeit. I. 5 und brauchen auch keinen mehr, denn das Wild iſt ein⸗ gehegt im Thiergarten. Da ſitzt er nun mit ſeiner braunen Dirne und wir haben uns wohl Zigeunervolk auf den Hals geladen. Er ſagt freilich, daß er ein alter, ab⸗ gedankter Soldat iſt, aber wer glaubt's.“ Offenbar hatte der Mann noch mehr zu erzählen, aber er ging nicht mit der Sprache heraus, wie ſehr ihn auch Frau Riedl dazu aufforderte.„Ein alter, abge⸗ dankter Soldat iſt der Mann!“ ſagte ſie endlich.„Wenn Deine Herrſchaft Dir das ſagt, ſo kannſt Du's glauben, ſo iſt gar keine weitere Red'! Würde ich das Fräulein hingehen laſſen, wenn ich es nicht ſicher wüßte? Was ſie dort will, geht Dich nichts an. Aber weil ihr Bauern⸗ volk gern ungeſchlachte, unnütze Reden führt, ſo will ich Dir's ſagen. Der alte Soldat iſt Reiter geweſen bei ihres Herrn Vaters Compagnie und hat auch in deſſelben eigenen Dienſten geſtanden. Merkſt nun, warum das Fräulein hingegangen iſt? Sie will nachſehen, wie's ihm geht, und ihm eine Frende machen. Gefährliche Leute ſind die Soldaten freilich für Euch Bauern—“ hier lachte ſie über ihren Witz, daß ihr die Augen ver⸗ ſchwanden. Der Hausmann ſchwieg; er hatte deshalb ſeine Meinung doch nicht geändert und mochte auch vielleicht ſeine guten Gründe dazu haben.„Nachgehen muß ich übrigens,“ wandte ſich Frau Riedl zu ihrem Manne. „Du kannſt unterdeſſen mit dem Franz wegen der Reiſe Alles beſprechen. Franz, Du wirſt nach dem Reich ge⸗ hen— es iſt beſſer, Du übernimmſt das Geſchäft. Der Vater hat's Dir ſchon ſagen wollen— ich will Euch jetzt beiſammen laſſen, daß Ihr's in aller Ruhe beſprechen könnt.“ Sie hatte alſo ihren Willen doch durchgeſetzt. Franz war bleich geworden; die Beſtürzung malte ſich in allen ſeinen Zügen. Dem Vater that er ſo leid, als er dieſe Zeichen bemerkte; die Mutter aber verhärtete ſich dagegen, weil ſie nur die Beſtätigung ihrer frühern Wahrnehmungen ſah. Ohne ſeine Antwort abzuwarten, aber mit einem determinirt auffordernden Blicke auf ihren Mann verließ ſie die Stube, um Cajetana, welche eigentlich gegen die Verabredung gehandelt hatte, nach⸗ zugehen. Cajetana war unterdeſſen, von dem Knaben auf dem nächſten Richtſteige zwiſchen den unregelmäßigen Gartenſtücken geführt, zu der verfallenen Hütte gekom⸗ men, welche eine Strecke von dem letzten Gehöft des Dorfes entfernt am Rande eines Gehölzes lag, recht wie geſchaffen für das Treiben, bei welchem Martin jüngſt von der Hirſchjagd des römiſchen Königs überraſcht wor⸗ den war. Von der Hütte hatten kaum noch die durchlö⸗ cherten Wände geſtanden, als der abgedankte Soldat, für den er ſich durch ein gültig Zeugniß ausgewieſen, die Er⸗ laubniß erhalten hatte, ſich darin mit ſeiner Tochter nie⸗ derzulaſſen; er hatte ſie nothdürftig auf Soldatenmanier ausgeflicket und ſich nach und nach ein wenig Hausgeräth angeſchafft, nachdem die Leute aus dem Dorfe ihn zuerſt mitleidig mit dem Nöthigen verſehen hatten. Daß er allmälig mit einigem Gelde zum Vorſchein kam, wunderte die Bauern nicht, er war ja Soldat geweſen und hatte gegen die Türken gedient, wo es oft Gelegenheit gab, eine gute Beute zu machen, weil die vornehmen Türken viel Geld und Koſtbarkeiten mit in das Feld führen und ihre Waffen immer mit Gold und Edelſteinen reich be⸗ ſetzt haben. Noch weniger fiel es ihnen auf, daß er An⸗ fangs, wie er hergekommen war, ſo ganz bettelarm ge⸗ than hatte, und nun doch Geld zeigte— das war ganz nach ihrem eigenen Sinne, ſie verſteckten und vergruben ihre Gulden auch, wenn ſie ſich ein Sümmchen geſpart hatten. Wer braucht davon zu wiſſen? Cajetana entließ den Knaben, welcher ihr den Weg gezeigt hatte, ſobald ſie das kleine Haus bemerkte, und eilte nun durch das wuchernde Unkraut, das die Schutt⸗ haufen, welche rings umher lagen, bedeckte, zu der nie⸗ drigen Thüre der Hütte, die nur mit einem einfachen hölzernen Riegel verſperrt war. Sie horchte einen Mo⸗ ment, Alles war ſtill. Schon fürchtete ſie, Niemand da⸗ 77 heim zu treffen; als ſie aber leiſe anklopfte, entſtand drinnen ein Geräuſch, und bald darauf erſchien in der halbgeöffneten Thüre ein beſorgt blickendes braunes Mäd⸗ chengeſicht, das aber bei Cajetana's Anblick ſogleich von der freudigſten Röthe überwallt wurde. „Sind Sie's!“ rief die Ueberraſchte entzückt und wandte ſich nach der Stube um, aus welcher ſie kam. „Vater! Fräulein Cajetana iſt hier!“ Ein lauter Aus⸗ ruf wurde drinnen hörbar. „Bleiben Sie aber da, gnädiges Fräulein,“ bat das Mädchen.„Ich bring' Ihnen eine Bank heraus, daß Sie ſich ſetzen können— da hinein dürfen Sie nicht ſchauen, da ſieht es zu ſchlecht für Sie aus. O daß ich Sie end⸗ lich ſehe!“ „Immer laß mich hinein, Kathi,“ ſagte Cajetana. „Ich muß doch Deinen Vater ſehen!“ „Der Vater iſt krank“— erwiederte Kathi, und zö⸗ gernd, als wolle es ihr gar nicht vom Munde, ſetzte ſie hinzu:„Es iſt eine alte Wunde— wie er ſagt— die ihm aufgebrochen iſt—“ „O mein Gott!“ rief Cajetana mitleidig.„Dann muß ich ihn grade ſehen, das thut mir ſo leid.“ Und ohne Kathi ſchwaches Bemühen, ihr abzureden, zu beachten, trat ſie in das Innere der Hütte, wo ihr Auge ſich erſt an das Halbdunkel, welches darin herrſchte, gewöhnen 78 mußte, ehe ſie den kranken Mann erkannte, der mit einer Decke über den Füßen, auf einem Strohlager im Winkel ruhte. „Grüß Euch Gott, gnädiges Fräulein!“ rief er ihr entgegen, und ſeine Stimme klang durchaus nicht matt. „Ja, ſo geht's einem alten Soldaten! Wenn er auch noch ſo friſch zu ſein denkt, ſchlägt ihn die alte Zeit doch ein⸗ mal hinter die Ohren, daß er ſie nicht vergeſſen ſoll. Es iſt weiter nichts, Fräulein. Ein alter Streifſchuß am Fuß, der ſchlecht geheilt iſt— wenn's Wetter wechſeln ſoll, er ſic zuweilen. Aber kommen's doch her— laſſen's ſich anſchauen. Stern Kreuz! Was iſt aus'm klei⸗ nen Tani geworden! Verzeihen's, daß ich Euch noch ſo nenne, wie ich Euch auf dem Arm getragen habe, da Ihr noch ein ganz kleines Kind waret und die Frau Mutter ſelige noch lebte! Wie ſind's nun groß und ſchön!“ „Armer Martin, daß Dich ſo finden muß und in dieſer ſchrecklichen Höhle! D Du ſagteſt mir doch, Ka⸗ iekei, ich ſchelte Dich!— Du ſagteſt mir, Ihr hättet ein kleines Häuschen in Meidling und es ginge Euch gut!“ „Es geht uns auch gut, gnädiges Fräulein,“ ſagte Kathi. geht uns ganz gut!“ beſtätigte der Alte la⸗ chend.„Donner und Hagel, was würde man ſich im 79 Felde vft gefreut haben, ſo'n ſchmuckes Dach über'm Kopf zu ſehen und warm zu liegen, wenn draußen der Sturm⸗ wind über die Haide fegt! Euer Herr Vater wird's manchmal nicht ſo gut gehabt haben, als ich heute, wenn er auch ein Herr Offizier und Rittmeiſter vom Regiment Monteeuccoli iſt.“ „Nein, das wird mein Vater nicht dulden, daß ſein treuer Diener hier liegt, und ich dulde es auch nicht!“ rief Cajetana, ſich mit Schaudern in dem engen Raum m ſehend, wo nur durch ein Paar ſchmale Fenſter, die è in letzter Zeit wieder gegen das freie Einſtrömen der Luft geblendet waren, ein karges Licht ſich verbreitete.„Mein Vater kommt nun bald zurück, denn es iſt Friede, wie Du wohl weißt. Aber eh' er kommt, weiß ich ſchon, was ich thue—“ „Laßt nur gut ſein!“ unterbrach ſie der Alte.„Ich ſage Euch, mir geht nichts ab— ich bin's nicht beſſer ge⸗ wöhnt; was braucht ein alter Soldat mehr, als daß er ein eigen Haus hat. Wenn mein Fuß wieder geſund iſt— und das wird nicht lange dauern, ſo ſind wir nicht viel zu Haus. Ich bin unter Gottes freiem Himmel geboren beim Aldringerſchen Regiment, grad' in dem Jahre, als der Friedländer erſtochen ward, das ſind nun fünf und ſechzig Jahre her, aber viel unter Dach und Fach bin ich in meinem Leben nicht gekommen. Mir geht hier nichts ab— da ſteht mein Kathi, die ſoll's ſagen. Seht da⸗ hier, ich hab' ein Wein, ich hab' mein gut Eſſen— was ſoll's mehr!“ „Aber eine andere Wohnung mußt Du haben!“ ſagte Cajetana mit großer Entſchiedenheit.„Ich werde ſchon dafür ſorgen. Wenn mein Vater kommt, wird er mir's danken. Die Kathi hat mir ſchon erzählt, wie es Euch ergangen iſt, ſeit Du Deine eigene Wirthſchaft ein⸗ gerichtet haſt; das iſt ſehr traurig, aber es ſoll nun ſchon beſſer werden, guter Martin, und Deine Kathi, wenn Du ſie nicht mehr brauchſt, die nehme ich zu mir!“ Kathi ergriff ihre Hand und küßte ſie. Cajetana fühlte, daß ſie mit Thränen benetzt wurde. „Mag ſein!“ rief der Alte und ſaß nun ganz auf⸗ recht auf ſeinem Lager.„Wenn mein Herr Rittmeiſter kommt, wird's wieder beſſer mit mir werden, daß ich's ehrlich treibe in der Welt und dies Haus in Meidling nicht mehr brauche. Aber ſo lange laßt mich nur hier, es geht nicht anders.“ „Fräulein Cajetana!“ ſchallte draußen ein heller Ruf. Es war die Stimme der Frau Riedl. Biertes Cupitel. Verdächtiges Volk. Cajetana eilte vor die Hütte. Was ihr aufgeregtes Gefühl mit der Pflegerin zu ſprechen hatte, ſollten die armen Menſchen, deren Schickſal ſie wahrhaft beklagte, nicht hören; ein freudiges Gefühl, daß ſie ihnen helfen könne, ließ ihr liebliches Geſicht in einer ſchönen Verklä⸗ rung leuchten. „Ei, was iſt Ihnen denn Angenehmes begegnet?“ rief Frau Riedl, welche ſie dicht an der Thüre traf. „Sie ſehen ja ſo glücklich aus, als hätten Sie hier einen Schatz gefunden?“ Lag darin für ſie der höchſte Inbegriff des Glücks, ſo hatte Cajetana hingegen keinen Sinn dafür.„Nehmt mir's nicht übel, daß ich Euch fortgelaufen bin!“ ſagte ſie raſch.„Ich konnte es nicht erwarten, meine Geſpielin, die mich bei Euch aufgeſucht hat, nun in ihrem eigenen Hauſe zu ſehen, und auch den guten Martin, der meinem Vater ein ſo treuer Diener geweſen iſt. Ich wollte Euch aber nicht in Eurer Ruhe ſtören, darum ließ ich mir den Weg hieher von dem Buben des Hausmanns zeigen.“ „Und ich von der Magd!“ lachte Frau Riedl.„Ich 82 konnte meinen Augapfel doch nicht verlieren. Da drinnen alſo wohnen die Leut'? Das ſieht ja wüſt aus.“ „Ich habe eine Bitte an die gute Frau Riedl,“ ſagte Cajetana. „Was mein Goldkind wünſcht, da braucht's bei mir erſt gar keine Bitte,“ erwiederte Frau Riedl freundlich. „Leihet mir hundert Gulden!“ Die Pflegerin blickte ſie betroffen an.—„Fehlt Ihnen irgend etwas Nöthiges?“ fragte ſie zögernd. „Sagen Sie mir's lieber, da ſchaff' ich es gleich an; ich bekomm's beſſer und auch wohlfeiler, als das Fräulein, das noch keine Erfahrung hat und nicht zu handeln ver⸗ ſteht, und wir machen dem Herrn Vater keine unnützen Koſten.“ „Für mich iſt es nicht,“ erwiederte Cajetana und ließ die Stimme ſinken, damit ihre Worte nicht etwa im Innern der Hütte verſtanden würden.„Ich will für den Martin und die Kathi ſorgen.“ Frau Riedl lachte, es klang jedoch einigermaßen ge⸗ zwungen.„Ach, allerſchönſtes Fräulein, wie ſieht man doch, daß Sie noch nicht viel von der böſen Welt ge⸗ ſehen haben! Hundert Gulden! Sie kennen das Geld nicht und was man dafür haben kann. Wollen Sie den Leuten hundert Gulden geben, ſo wär's eine Sünde, ja ich ſag Ihnen, eine Sünde! Was ſollt' ihnen der Reich⸗ thum? Nein, und Ihr Herr Vater, was würde er ſagen, wenn ich ſo unvernünftig geweſen wäre, Ihnen gleich hundert Gulden zu geben, um ſie fortzuwerfen— neh⸗ men's nicht unlieb— es iſt nicht anders.“ In dieſem Tone hatte Frau Riedl noch niemals zu Cajetana geſprochen, ſie ſchien an ihrem empfindlich⸗ ſten Nerven getroffen zu ſein. Aber ihre Miene blieb freundlich und ihre kleinen Augen blitzten zwiſchen den halb zugedrückten Lidern beinah ſchalkhaft hervor. Caje⸗ tana fühlte ſich jedoch verletzt. „Ich weiß, daß mein Vater mir Recht geben wird,“ ſprach ſie ungeduldig.„Fortgeworfen wird das Geld nicht ſein, wenn es dem armen Martin in ſeiner Noth hilft! Mein Vater wird mich loben und Euch die hun⸗ dert Gulden gleich zurückgeben, ſobald er ankommt. Meint Ihr aber, es iſt zu viel und ich kann mit we⸗ niger helfen, ſo ſagt mir's— ich verſtehe freilich nicht, was ſie brauchen, und dachte, mit hundert Gulden müßte es gehen.“ Frau Riedl lachte nochmals über das herzallerliebſte Kind.„Laſſen's mich nur machen,“ ſagte ſie.„Ich werde für die armen Leute ſorgen, daß ſie nicht Noth leiden. Die Kathi hat mir auch gefallen, iſt ein reſolutes Dirnd'l und ſah ja gar nicht ſo aus, beſinnen Sie ſich doch, als ob es ihr ſchlecht ginge. Warum kommt ſie denn nicht „ 84 heraus? Da drinnen ſchickt ſich's doch nicht für ein vor⸗ nehmes Fräulein. Ich werde ſie rufen.“ Cajetana hielt ſie davon ab. Sie hatte Kathi be⸗ deutet, bei ihrem Vater zu bleiben, da ſie mit Frau Riedl allein abmachen wollte, was ihr wohlwollendes Herz bewegte.—„Laßt ſie noch!“ bat ſie die Pflegerin.„Sie ſitzt bei ihrem kranken Vater, dem eine alte Wunde auf⸗ gebrochen iſt, dem armen Manne.“ „O!“ ſagte Frau Riedel mitleidig.„Nun dann wollen wir ſie freilich nicht ſtören. Kommen Sie, Fräu⸗ lein Cajetana. Wir wollen ihnen etwas Stärkendes ſchicken und ich werde dem Hausmann ſagen, daß er alle Tage nachfragen läßt, was ſie brauchen— das ſoll er ihnen verabreichen auf unſere Koſten. So iſt die rechte Art, wie man armen Leuten hilft. Wenn man ihnen Geld gibt, ſo iſt es fortgeworfen, ich ſag's noch einmal, ſie wiſſen es nicht zu Rath zu halten, verpraſſen es in kurzer Zeit und ſind dann noch elender als zuvor.“ Cajetana wußte darauf nichts zu erwiedern; ſie mußte ſich vor der Meinung ihrer Pflegerin, die ihr einleuchtete, beugen. Nur blieb immer noch die Haupt⸗ ſache übrig, welche ſie eben mit der runden Geldſumme, die ſie gefordert, zu erreichen gehofft hatte, und ſie fand nun einen andern Ausweg. „Wartet noch einen Augenblick!“ bat ſie.„Ich habe 85 noch eine Bitte. Hier können die Armen doch nicht blei⸗ ben. Ihr ſagt ja ſelbſt, daß es hier wüſt ausſieht. Nun ſolltet Ihr erſt eintreten und ſehen, wie es drinnen be⸗ ſchaffen iſt. So dunkel, daß man ſich kaum zurechtfinden kann, die Fenſterlücken mit Papier verklebt, Löcher im Dach, das kalte Erdreich als Fußboden!“ „Aber, liebſtes Fräulein, wenn die Armuth immer eine ſolche Unterkunft hätte! Wie viele müſſen hinter Hecken und Zäunen an der Landſtraße ihr Nachtlager ſu⸗ chen! Und denken Sie doch an die armen Soldaten im Kriege!“ „Ja, das hat mir wohl der Martin auch geſagt, daß mein Vater ſich oft viel ſchlechter befunden hat. Aber—“ „Hat er Ihnen das geſagt?“ unterbrach ſie Frau Riedl.„Nun das iſt geſcheit und brav von ihm. Sie ſehen alſo, daß er's nicht beſſer gewöhnt iſt, und es taugt nicht, einen Menſchen darin anders zu betten.“ „Liebe herzige Frau Riedl, Ihr könntet dem Mar⸗ tin und der Kathi in Eurem Hauſe ein Kämmerlein ge⸗ ben. Es iſt ja ſo viel Platz dort.“ Ueber dieſen Vorſchlag erſchrack Frau Riedl der⸗ maßen, daß ſie faſt, dem Fräulein gegenüber, die an⸗ genommene Haltung verloren hätte. Aber ſie faßte ſich noch zum Glück und ſagte mit kurzem Athem: 86 „Das— iſt unmöglich, Fräulein. Sie haben ein zu gutes Herz— das führt nicht immer zum Beſten. Wenn ich ſchon alle Ihre Wünſche erfüllen möchte, hier geht's doch gar nicht an. Fremdes Volk in mein Haus neh⸗ men— hier draußen in Meidling, wo ich nicht zum Rech⸗ ten ſehen kann, das iſt unmöglich, das kann ich nicht.“ „Fremdes Volk iſt der Martin und die Kathi nicht!“ verſetzte Cajetana eifrig, und eine lebhafte Röthe ſtieg in ihr Geſicht, ſo daß es bald ganz wie mit Blut über⸗ goſſen war. Frau Riedl bemerkte das wohl, aber ſie konnte ſich nicht helfen, die Gefahr war zu groß.„Ich glaub's ja, daß Sie die Leute kennen!“ fuhr ſie fort.„Der Martin iſt ein alter Soldat, wiſſen Sie denn in Ihrer Unſchuld, was das ſagen will? Alte Soldaten, mögen's auch die beſten ſein, bleiben immer die ſchlimmſten Gäſte, denn ſie können's nicht vergeſſen, wie ſie früher gehaust haben im freien Kriegsleben, und Sie werden's mir wohl glauben, daß ehrbare Bürgersleute vor dem Soldatenvolke gern ihre Thüren zuſchließen.“ „Dann wundert's mich, daß Frau Riedl ein Sol⸗ datenkind bei ſich aufgenommen hat!“ ſagte Cajetana mit einem ſtolzen Leuchten ihrer braunen, ſonſt ſo milden Augen. „O— was reden Sie da! Was hat denn das hier 87 zu ſagen? Fräulein von Cronberg iſt die Tochter eines vornehmen und vermögenden Cavaliers, der ſeinem Kai⸗ ſer aus gutem Willen dient und Soldaten wohl comman⸗ dirt, aber doch nichts gemein hat mit dem wilden Volke, von dem ich ſprach! Wie können Sie mich ſo betrüben? Ich möchte weinen, daß Sie mir das geſagt haben!“ Wirklich traten Thränen in ihre Augen, und Cajetana war dadurch beſchämt und gerührt. „Ihr müßt Nachſicht mit mir haben,“ bat ſie.„Ich bin freilich mit dem Weltlauf unbekannt und muthe Euch wohl mehr zu, als ſich ſchickt— Ihr ſeid ja ſchon zu liebreich gegen mich! Verzeiht mir. Es mag denn ſo bleiben, wie Ihr geſagt habt. So lang es Sommer iſt, geht es gewiß, und vor dem Winter kommt ja mein Vater zurück— mein lieber Vater!“ ſetzte ſie mit einem Aus⸗ drucke der innigſten Sehnſucht hinzu. „Ja wohl, Fräulein Cajetana!“ beſtätigte die Pfle⸗ gerin lebhaft.„Es iſt ja nun, Dank unſerm ſieghaften Prinzen Eugen, der den Erbfeind zu Paaren getrieben hat, Friede und keine Gefahr mehr! Der Herr Vater kommt vielleicht noch zur Weinleſe, das wird eine Freude ſein! Und Ihrer alten Pflegemutter werden Sie wohl das Zeugniß geben, daß ſie das liebe gnädige Fräulein gehalten hat, wie es ihr zukommt, und daß ſie auch den letzten Wunſch, ich meine wegen der hundert Gulden und der Kammer in meinem Hauſe, mit Freuden erfüllt hätte, wenn— hihi! die Alte nicht klüger und vorſichtiger ſein müßte, als die Jugend. Darum ſoll dem alten, braven Soldaten, der da drinne an ſeiner aufgebrochenen Wunde darniederliegt, nichts abgehen— ich werde ſchon dafür ſorgen und mein Fräulein ſoll gleich hören, wie ich dem Hausmann Aufträge geben werde.“ „Ich muß von ihnen Abſchied nehmen,“ ſagte Ca⸗ jetana.„Ich hatte mir's ſo ſchön gedacht, heute mit der Kathi luſtig zu plaudern und an alk die Tage zu denken, wo wir zuſammen geſpielt haben. Aber ſie muß doch bei dem kranken Vater bleiben— und ich ſag' ihr nur Lebe⸗ wohl, gleich bin ich wieder da. Wenn der alte Mann wieder geſund iſt, darf ſie doch wieder einmal zu mir nach der Stadt kommen, Frau Riedl?“ „Warum denn nicht? Mit tauſend Freuden, wenn ſie wieder ſo ſauber und ehrbar kommt, wie das Erſte⸗ mal. Wenn der Herr Vater für den Martin eine Ver⸗ ſorgung ausgefunden hat, ſo muß das Fräulein die Kathi zu ihrer Kammerjungfer nehmen.“ Sie ſprach damit in Cajetana's Sinne, wenn dieſe auch nicht an eine ſolche vornehme Dienerin für ſich gedacht hatte und darüber kopfſchüttelnd lächelte. Mit einer ſchnellen Wendung eilte ſie nun wieder in die Hütte, wo ſie Kathi ſtehend fand, als warte ſie 89 auf ihre weitern Befehle.„Frau Riedl war hier,“ ſagte das Fräulein,„ſie wird dafür ſorgen, daß Dir nichts ab⸗ geht, guter Martin. Die Wunde iſt doch nicht ſchlimm? Es wird wohl lange dauern, ehe Du wieder hinaus ge⸗ hen kannſt?“ „O, ich denke mir bald wieder Pfeifen im Rohr zu ſchneiden,“ erwiederte der Alte munter.„Sorgen's nicht um mich. Der Frau meinen Reſpect: ich hätte Alles, was ich brauchte, die Kathi verſorgt mich ſchon.“ „Nun Gott behüt' Euch Beide! Sobald Du kannſt, Kathi, komm wieder herein nach der Sanct⸗Annengaſſe— wirſt Du?“ Kathi verſprach es und küßte dem Fräulein die Hand, worauf Cajetana ſich mit bewegtem Herzen entfernte, um ihre Pflegerin draußen nicht zu lange warten zu laſſen. Nachdem ſie verſchwunden war, herrſchte in der Hütte zwiſchen Vater und Tochter eine geraume Weile tiefes Schweigen.—„Hundert Gulden wollte ſie für mich borgen!“ begann der Alte endlich.„Gott lohne es ihr!“ „Vater, es iſt doch ſchlecht, daß ich ſie habe behor⸗ chen müſſen,“ ſagte Kathi. „Dummes Madl! Wenn Du nichts Schlechteres thuſt!“ brummte er. 1860. II. Im Strom der Zeit. I. 6 90 „Und lügen muß ich auch!“ ſagte ſie mit unver⸗ hehltem Vorwurfe. „Lügen und ſtehlen, wenigſtens ſtehlen helfen!“ verſetzte er wieder in ſeinem gewohnten Tone.„Warum hältſt Du bei mir aus! Wärſt Du längſt in die weite Welt gelaufen, ſo hätteſt Du's beſſer.— Was ſagte die Alte? Vor dem Soldatenvolk ſchließen ehrbare Bürgers⸗ leute die Thüren zu? Ja, es hilft ihnen nur nichts!“ Er lachte und ſagte dann:„Nun, Kathi, was wir ſtehlen, iſt wenigſtens nicht Geld und Gut, wir treiben's luſtiger und haben unſere Freude, daß ſie uns den grünen Wald nicht ſperren können, wenn ſie auch hohe Zäune d'rum legen.“ „Ich wollte, der Herr von Cronberg wäre erſt wie⸗ der hier,“ ſeufzte die Tochter. „Ich auch, Kathi,“ ſagte der Vater aufrichtig. Er ſchwieg eine Zeitlang, dann fing er wieder an.„Es iſt doch eine Hundswirthſchaft, daß ich hier liegen muß, grad in der ſchönſten Zeit. Was werden ſie ſich freuen! Aber wart' nur, es dauert nicht lang, dann komm' ich wieder, und ſie ſollen ſich nur vorſehen, daß wir nicht ein⸗ mal Abrechnung halten!“ „Vater, das iſt nicht recht,“ verſetzte Kathi. „Wenn das nicht recht iſt, ſo thu' ich auch eine Sünd' im Kriege!“ entgegnete er. 91 „O da geht's auf Kaiſers Befehl, mit Euren Herren Offizieren unter der Standarte mit Trompetenſchall und allen Ehren im freien Feld!“ rief das muthige Mädchen. „Schau' mir Einer das Kind!“ ſagte der Alte la⸗ chend und wohlgefällig.„Spricht's nicht, als wär's mit bei Montecuccoli in Reih' und Glied geritten, wenn's friſch auf den Feind ging! Ja, Kathi, ich geb' Dir recht, ein beſſeres Handwerk war's immer, aber wer mir nach dem Leben ſteht, mit dem leb' ich im Kriege, und was ich dem Erbfeind der Chriſtenheit anthu', das thu' ich auch mei⸗ nem eignen Feind an. Jeder wehrt ſich ſeiner Haut.“ „Aber, Vater, hier ladet Ihr Euch eine Sünde auf die Seele, von der Euch keine Abſolution befreit!“— Es war der alte Streit, welchen das Mädchen mit wahrer Herzensangſt, ſeit ihr Vater krank lag, gegen ſein rache⸗ dürſtendes Herz führte, ein hoffnungsloſer Streit, ſie fühlte es wohl, aber ſie konnte ihn nicht aufgeben.— „Und wenn Ihr's gethan habt, was hilft es Euch? Kommt dann nicht ein Anderer, und was wird das Ende ſein?“ „Daß ſie einmal beſſer treffen! Dann hat's ja ein End' und es iſt Alles aus! Ringe die Hände nicht ſo, Madl, Du machſt mich böſe. Für Dich iſt keine Noth. Du find'ſt in der ganzen Welt Deinen Dienſt, und das Fräulein wird ſchon für Dich ſorgen.— Ich will nun eine 6 ½ Weil ſchlafen, Kathi. Du kannſt hinausgehen, bleib', ſo lang Du magſt, ich brauch' jetzt nichts— vielleicht gehſt Du noch einmal zu Deinem Fräulein.“ Kathi verließ ſchweigend die Hütte, aber es war nicht, um ihr geliebtes Fräulein nochmals zu ſehen, ſon⸗ dern um einen ſtillen Platz im Gebüſch zu ſuchen, wo ſie ſich ungeſtört ausweinen konnte. Frau Riedl war unterdeſſen mit Cajetana nach ihrem kleinen ſchmucken Hauſe zurückgekehrt, und das Erſte, was ihre ſpähenden Augen beim Eintritt in das Zim⸗ mer bemerkte, war, daß ihr Mann geröthete Augen hatte. Der gute alte Mann hatte offenbar Thränen vergoſſen. Franz war nicht zu ſehen. Sie errieth ſogleich den ganzen Zuſammenhang. Der Beſchluß, daß Franz die weite Reiſe in das Reich, die ihn zu ſeinem eigenen Beſten auf längere Zeit aus dem Hauſe entfernte, unternehmen ſollte, hatte zu einem Ausſprechen zwiſchen ihm und dem Vater geführt, und das Herzeleid des Sohnes war dem weich⸗ herzigen Manne allzu nahe gegangen. Es war doch ein Elend mit ihm— zum Glück hatte er in Geſchäften dieſe Weichherzigkeit nicht, ſonſt würde er nichts vor ſich ge⸗ bracht haben! Die Mutter fühlte hier kein Mitleid. „Wo iſt der Franz?“ fragte ſie herb, und ihr Gatte kannte dieſen Ton nur zu wohl. 93 „Er wollte Euch entgegen gehen— er muß Euch ver⸗ fehlt haben,“ antwortete er kleinlaut. „Setzen ſich das Fräulein, es war ein ſchlimmer Gang, wo gar kein Pfad iſt,“ ſagte Frau Riedl, wieder ganz freundlich geworden, zu Cajetana.„Die kleinen Füßchen, die nichts gewohnt ſind, müſſen ja ſchmerzen. Ich geh', nach unſerer Mahlzeit zu ſehen— wie's eben auf dem Dorfe geht, wir müſſen vorlieb nehmen. Dann machen wir einen ſchönen Spaziergang zum Abend. Der Franz hat uns gewiß verfehlt, das iſt gar kein Wunder. Ich hätte ohne die Magd das abgelegene Häuschen auch nicht gefunden, es iſt ja ſo verſteckt, wie eine Räuberhöhle. Dem guten alten Diener des Herrn Vaters will ich damit aber nichts Böſes nachgeſagt haben— wenn unſer Eſſen fertig iſt, gnädiges Fräulein, ſchicken wir für ihn und für die Kathi etwas hinaus.— Du, Vater, kannſt dem Fräu⸗ lein erzählen, wie ſich's mit der Reiſe unſeres Franz ge⸗ macht hat. Er wird nach dem Reich in Geſchäften eine Reiſe machen, Fräulein Cajetana— kann ſein, recht lange wegbleiben.“ Ihre Augen ſchärften ſich, um den Eindruck zu be⸗ obachten, welchen dieſe unerwartete Nachricht auf Caje⸗ tana machen würde. Aber wie freute ſie ſich, als ſie kein Zeichen zur Beſorgniß wahrnehmen konnte! Cajetana veränderte die Farbe nicht einmal, was doch die bloße — S— Ueberraſchung, auch ohne ein tieferes Gefühl, gerechtfer⸗ tigt haben würde. Sie blickte nur mit hellen Augen und der Miene großen Antheils auf, man hätte es ſogar freu⸗ dig nennen können. In Franz's Seele freute ſie ſich auch; ihm mußte es doch lieb ſein, ferne Gegenden und neue Verhältniſſe kennen zu lernen. Sie ſprach ſich in dieſem Sinne heiter und unbefangen aus, und die Mutter ging völlig beruhigt, und darum gegen Cajetana liebevoller ge⸗ ſtimmt, als je, an ihre häuslichen Geſchäfte, die ihr in dieſer Stimmung beſonders gut von der Hand gingen, ſo daß ſie heute ein über alle Erwartung leckeres Mahl auf⸗ zuſetzen hoffte. Wie anders würde Franz gefühlt haben, wenn er Cajetana in dem Moment, als ſie die Nachricht ſeiner baldigen Trennung von ihr empfing, hätte ſehen können! Der Gleichmuth, den ſie dabei bewahrte, der aufleuchtende Blick, der für ihn Freuden ſah, wo er nur Verödung fin⸗ den ſollte, würde ihm das Herz gebrochen haben. So trug er ſich auf dem einſamen Gange, der ihn vor das Dorf geführt hatte, immer noch mit der Hoffnung, daß es ihr doch auch ein wenig Leid thun werde, ihn auf ſo lange Zeit ſcheiden zu ſehen. Er hatte wirklich ihr und der Mutter entgegen gehen wollen, nachdem er mit dem Vater ein kluges, inhaltreiches Geſpräch geführt. Die Mutter hatte ſich nicht getäuſcht. Franz war durch die Nachricht, 95 welche ihn ganz unvorbereitet getroffen, ſo beſtürzt wor⸗ den, daß er ſich gegen den Vater, ſobald er mit ihm allein geweſen, verrathen hatte, und dieſer, bis zu Thränen ge⸗ rührt, war dadurch unfähig geworden, ihm alles das vor⸗ zuhalten, was die Mutter über das Verhältniß dachte. Er hatte ihn vielmehr getröſtet und wenn auch in unbe⸗ ſtimmten Worten doch einige Hoffnung auf die Zukunft gegeben, an die er eigentlich ſelbſt nicht glaubte. So war Franz hinaus gegangen, um Cajetana mit ſeiner Mutter einzuholen, und hatte ſie, da er auf die Weiſung des Hausmanns in der Zerſtreutheit ſeiner Gedanken nicht recht gehört hatte, unterwegs verfehlt. Er war bis über die letzten Höfe ſchon weit hinaus gekommen, vergebens ſah er ſich nach der verfallenen Hütte um, ſie lag ſeinen Augen verdeckt durch das Gebüſch, an deſſen Saum er ſtand. Da ſah er durch das lichte Gezweig ein junges Mädchen kommen, ſie ſchritt langſam daher und hatte die Augen auf den Boden geheftet; er wollte ſie um Aus⸗ kunft fragen und blieb ſtehen, ſie zu erwarten. Als ſie näher gekommen wax und ihn gar nicht zu bemerken ſchien, der im Schatten einer ſtarken Eiche ſtand, richtete er ſeinen Blick, verwundert, daß ſie dermaßen in ſich ge⸗ kehrt ging, auf ihr Geſicht und glaubte in demſelben Spuren einer tiefen Traurigkeit wahrzunehmen. Es machte auf ihn, weil auch ſein Herz in dieſem Momente ſo ſchwer war, einen mitleidigen Eindruck, und er wollte ſie eben anreden und fragen, was ihr fehle, als ſie plötzlich ihr großes Auge aufſchlug und der Zug einer bangen Trauer, der in ihm verwandte Saiten anklingen gemacht, beim Anblicke eines Fremden ſogleich verſchwand. Doch war ſie nicht verlegen oder beſtürzt— ſie ging ja nicht auf un⸗ rechten Wegen. „Grüß Euch Gott, Herr!“ ſagte ſie, als ſie das ſtädtiſche Kleid des jungen Mannes bemerkte, und noch ei⸗ nen ſchnellen Blick warf ſie auf ihn, da ihr auf einmal ein Gedanke kam, wer er wohl ſein könne. Franz dankte auf ihren Gruß und fragte ſie nach dem Hauſe, wo ſich vor Kurzem ein alter Soldat mit ſei⸗ ner Tochter niedergelaſſen habe. „Ich bin die Tochter,“ antwortete das Mädchen, zuverſichtlich zu ihm aufſchauend, denn ſie glaubte nun beſtimmt zu wiſſen, daß ſie ſich nicht geirrt habe. Das mußte der Sohn der Frau Riedl ſein, welchen ſie bei ihrem Beſuch nicht daheim getroffen batte, weil er für ſeinen Vater in Stockerau grade ein Geſchäft abſchließen mußte. „Du biſt die Kathi!“ rief er und blickte ihr ſo freundlich in das Auge, daß ihre gebräunte Wange er⸗ röthete. Hatte ſie doch als Geſpielin Cajetana's, welche dem Fräulein noch immer ſo lieb war, für ihn ein großes 97 Intereſſe.—„Iſt denn das Fräulein von Cronberg nicht bei Dir geweſen?“ „Ja, Herr. Sie iſt aber abgeholt worden von Eurer Frau Mutter.“ „Weißt Du denn, wer ich bin?“ fragte er über⸗ raſcht. „Ihr ſeid doch der junge Herr Riedl?“ er⸗ wiederte ſie. „Der bin ich— woran erräthſt Du das? Du haſt mich nicht geſehen, als Du Fräulein von Cronberg in meiner Eltern Hauſe beſuchteſt?“ „Nein, Euer Gnaden war nicht daheim—“ „O nenne mich doch nicht ſo! Das kommt mir nicht zu,“ ſagte er entſchieden.„Ich bin der Sohn eines ein⸗ fachen Kaufmanns.— Gehſt Du nach Hauſe? Ich möchte wohl Deinen Vater ſehen, von dem Fräulein Cajetana ſo viel Gutes erzählt.“ Kathi's Geſicht färbte ſich noch dunkler.„Mein Vater iſt krank,“ ſagte ſie— aber die Worte ſtockten ihr. „Doch nicht gefährlich?“ fragte er voll Theilnahme, und da ſie das beſtätigte und nur wieder von einer auf⸗ gebrochenen Wunde ſprach, wie ſie gegen Jedermann thun mußte, erwiederte er:„Ich konnte es mir denken, daß er nicht gefährlich krank ſei, da Du ſonſt wohl nicht von ſei⸗ ner Seite weichen würdeſt. Du haſt ihm wohl im Walde heilſame Kräuter geſucht?“ Kathi wußte ſich in der Verwirrung, welche ſie nun auf einmal überfallen hatte, nicht anders zu helfen, als daß ſie auch das bejahte. Der junge Mann reichte ihr ſeine weiße, wohlgeſchonte Hand, welche ſie zögernd und verlegen mit der ihrigen, die von Arbeit und Sonnenbrand gebräunt und gehärtet war, nur eben berührte. „Ich wünſche, daß Du keine lange Sorge um Dei⸗ nen Vater haſt,“ ſagte er freundlich, und es that ihrem Herzen ſo wohl, dies Wort der Theilnahme zu hören.— „Fräulein Cajetana wird Dich wohl auch getröſtet haben. Du haſt ſie wohl ſehr lieb, Kathi?“ Sie blickte ihn, da er von dem theuerſten Gefühl ihres Herzens ſprach, vertrauensvoll an und lächelte, daß ihr braunes Geſicht, welches ihm bisher wenig ſchön er⸗ ſchienen war, eine wunderbare Verklärung zeigte. In die⸗ ſem Lächeln war ihre ganze Antwort enthalten. Sie äu⸗ ßerte ſonſt keine Silbe. Er hielt ſie dann nicht weiter auf, da ſie nicht nach dem Dorfe ging, ſondern auf ſein Befragen nach der Richtung zeigte, wo hinter dem Ge⸗ hölz in unmittelbarer Nähe ihre Wohnung lag. Ihn ſelbſt trieb es zur Umkehr, da ihn der Gedanke, den er momentan vergeſſen hatte, der Gedanke an ſeine bevor⸗ ſtehende Trennung wieder mit all ſeinen Folgerungen 99 überfiel. Er grüßte das Mädchen, das mit ihm in einem Gefühle verbunden war, noch einmal und ſchritt dann, ohne ſich weiter umzuſchauen, raſch nach dem Dorfe zurück. Kathi aber ſtand noch eine Weile am Rande des Ge⸗ büſches und ſah ihm nach. Dann wandte ſie ſich ab und ging langſam, in ihr früheres Sinnen verfallend, am Waldſaume dahin, bis ſie die wüſte Stelle erreichte, wo ihre jetzige Wohnſtätte lag. Franz wurde zuerſt von ſeiner Mutter, welche vor die Hausthüre getreten war, erblickt und empfangen.„Du haſt den rechten Weg verfehlt!“ rief ſie ihm entgegen. „Siehſt Du, mein Sohn, ſo geht's, wenn man nicht auf verſtändigen Rath hört. Ich ſage Dir das auch für an⸗ dere Wege, als die man mit den Füßen wandelt. Wärſt Du doch mit am letzten Sonntag beim hochwürdigen Pa⸗ ter Abraham in der Predigt geweſen, was hätteſt Du dar⸗ über hören können!— Der Vater hat Dir Alles geſagt wegen der Reiſe?“ „Die Frau Mutter hält es für gut, daß ich, ſtatt des Niedhaber, die Geſchäfte übernehme—“ „Ich? Hat er ſo geſagt? Nun ja, ich halte es für gut und ſo wird es denn auch dabei bleiben.“ „Wann werde ich reiſen, Mutter?“ fragte der Sohn. „Das iſt dem Vater ſeine Sache— die Geſchäfte haben Eile, es wird kein Tag zu verlieren ſein, wenn man nicht mehr verlieren will, als Zeit!— Das kann aber zu Haus beſprochen werden. Komm herein— wir warten ſchon mit der Mahlzeit auf Dich.“ Sie führte ihn in das Zimmer, wo der Vater ihn mit unverhehltem Mitleid kommen ſah— wenigſtens glaubte Frau Riedl dies Ge⸗ fühl in ſeinen Augen zu leſen. Cajetana dagegen begrüßte ihn gleich mit einem Glückwunſch zu ſeiner Reichsfahrt, und ſo war ihm der bittere Moment, dem er vorher unbewußt ausgewichen war, doch nicht erlaſſen. Sie ſprach ſo ruhig, ſo heiter von ſeinem Glücke— zu ſcheiden! Er antwortete wenig und zwang ſich zu lächeln, aber die Mutter war doch im höchſten Grade unzufrieden mit ihm und ſchalt ihn wenigſtens in Gedanken tüchtig aus, da ſie es in Wirklichkeit nicht thun dürfte. Bei der Mahlzeit brachte ſie ſelbſt das Geſpräch auf den alten Diener des Herrn Rittmeiſters von Cron⸗ berg, welchen ſie nach Allem, was ſie noch über ihn von dem Hausmann erfahren hatte, durchaus nicht mehr für arm hielt.„Sie ſagen ja auch, Fräulein Cajetana, daß er alle Unterſtützung abgelehnt hat! Es fehlt ihm nichts, hat er geſagt, er hat ſogar einen Schluck Wein zur Stär⸗ kung. Ich denke, er beſitzt wohl noch mehr, und zeigt es nur nicht vor den Leuten, was ich ganz klug von ihm finde. Als ein Bettelmann iſt er hier angekommen und 101 hat ſich doch nach und nach Etwas angeſchafft, geht auch nicht mehr zerlumpt, und die Tochter, das haben wir ja in Wien geſehen, iſt ſo ſauber, daß man ſie für eine Bürgerstochter halten könnte. Alſo wollen wir ruhig über den alten Mann ſein, Fräulein Cajetana, und nur wegen der Wunde thut er mir leid— deshalb ſoll er auch, wie ich verſprochen habe, gut verſorgt werden.“ Cajetana dachte wieder an die elende Wohnſtätte, die ſie mit der Höhle eines wilden Thieres verglich, und konnte es nicht begreifen, warum Frau Riedl, da ſie doch dies Haus in Meidling nicht bewohnte und ſelten genug beſuchte, ihre Bitte, dem Kranken hier eine kleine Kammer einzuräumen, ſo entſchieden abgeſchlagen hatte, aber ſie äußerte darüber nichts mehr. Es war ihr lieb, von Franz, der ſeine Begegnung mit der Tochter des Alten erzählte, zu hören, daß Kathi ihm durch ihr be⸗ ſcheidenes und freundliches Weſen ſehr gefallen habe.— „Sie iſt auch hübſch, nicht wahr?“ fragte Cajetana eifrig. Das konnte Franz nicht beurtheilen. Der Tag verging in der Weiſe, wie Frau Riedl das ländliche Vergnügen angeordnet hatte. Ein abend⸗ licher Spaziergang in der Richtung auf Schönbrunn hin⸗ aus machte den Beſchluß, dann folgte die Heimfahrt, auf welcher der Vater in tiefen Schlaf verfiel und Franz völlig verſtummt war, ſo daß nur die Mutter und Ca⸗ jetana ein Geſpräch unterhielten. Es ſchien, als wolle Frau Riedl durch doppelte Aufmerkſamkeit und Liebe wieder gut machen, daß ſie dem Pflegetöchterlein heute zum Erſtenmal einen Wunſch nicht erfüllt hatte. Sie nannte ſie mit den zärtlichſten Namen und fragte ſie wiederholt, ob ſie ihr auch nicht verdenke, ſo gehandelt zu haben, wie es ihr die Lebenserfahrung ihres Alters gebiete. Caje⸗ tana war ganz gerührt von dieſen Beweiſen ihrer Liebe und bat ſie, doch nicht mehr vor ihrem unverſtändigen Verlangen zu reden, ihr Vater werde ja nun bald heim⸗ kehren und dann für Martin und Kathi ſorgen, vorzüg⸗ lich aber ihr, der lieben herzigen Frau Riedl, für all die Güte danken, mit welcher ſie ſein Kind gehegt und ge⸗ pflegt habe. Da faßte Frau Riedl die Hand Cajetana's und küßte ſie, ehe dieſe es wehren konnte. Fünftes Caitel. Graf Karl Fidelis. Zu früher Morgenſtunde— früh wenigſtens für die Großen des Landes— meldete ſich im Hauſe des Obriſt⸗ kämmerers, Grafen Trautſon, der Wildmeiſter von 103 Schönbrunn und bat, daß dem Herrn Grafen ſeine Bitte um ein Paar Augenblicke Audienz vorgetragen werde. Der Graf war mit Arbeiten beſchäftigt, ließ aber den Wildmeiſter ſogleich eintreten. „Ihr bringt mir die Nachricht über die Raub⸗ ſchützen, welche Euch ſo viel Verdruß gemacht haben,“ redete er ihn an, als der Forſtmann mit tiefer Reverenz vor ihm erſchien. „Ja, gnädigſter Herr Graf,“ ſagte der Wildmeiſter mit ſichtbarer Befriedigung.„Wir ſind ſie los.“ „Das iſt mir lieb. Wie iſt es aber zugegangen? Iſt die Rotte weiter gezogen?“ „Ganz gewiß. Wie eine Kette Rebhühner ausein⸗ ander geſprengt durch einen einzigen Schuß. Seit acht Tagen iſt es ſo ſtill, wie in der Kirche, bei uns. Nichts mehr von den böſen Buben zu hören oder zu ſehen. Sie haben gemerkt, daß Ernſt gemacht wird, mögen wohl ihren Geſellen in aller Stille im Walde verſcharrt haben und dann in andere Reviere gezogen ſein, wo ihnen we⸗ niger aufgepaßt wird.“ „Wie ſoll ich das verſtehen? Iſt Einer erſchoſſen worden?“ „Ja, Euer Gnaden, mit des Herrn Obriſtkämme⸗ rers Erlaubniß, mir iſt es beglückt, Einen von der Bande zu erlegen, wenn mich's auch meinen beſten Hund gekoſtet hat. Ich war draußen auf dem Anſtand, ganz allein, mit meinem Turco— ich weiß nicht, vb Euer Gnaden ihn geſehen haben, als Dieſelben das letzte Mal bei uns in Schönbrunn waren. Da fiel ein Schuß ſo nah bei mir, daß ich dachte, es wäre auf mich abgeſehen geweſen— ich ſpring' in's Dickicht hinein, es war grad' ſo viel Zwie⸗ licht, daß ich ſehen konnte, wie auf der andern Seite Ei⸗ ner ſich raſch durchwand. Steh' oder ich ſchieße! ſchrei' ich.— Schieß zu! ruft der freche Kerl und lacht mich aus. Ich brenne ab, da flucht's und Aeſte knacken, er iſt hingeſtürzt— mein Hund los, ich nach! Vor mir fällt noch ein Schuß— mein Hund ſtürzt im Feuer zu⸗ ſammen, ich falle drüber hin und ſehe nur noch, wie dort die Aeſte ſich bewegen und wieder zuſammenſchlagen. Ehe ich mich wieder aufraffen und nachſetzen konnte, war Alles verſchwunden, kein Laut mehr zu hören. Mein Hund, den ich hätte auf die Fährte ſetzen können, lag todt vor mir— wie ſollte ich den Mordgeſellen finden? Gewiß hatte er ſich in irgend ein Verſteck gedrückt. Ich ſtreifte noch, mit der Wuth im Herzen um meinen armen Turco und daß mir der Fang doch entgangen war, weit und breit umher, aber es war Nacht und ich konnte die Spur nicht entdecken. Solche ſchlechte Nacht hab' ich noch nicht erlebt. Ich blieb draußen und konnte es kaum erwarten, bis es Tag wurde. Da fand ich denn freilich eine Spur, 105 als ich wieder auf den Fleck zurück kam. Es waren ihrer Zwei geweſen, Einer davon ein kaum erwachſener Jun⸗ ge— es iſt eine Schande, wie das ſeine Kinder ſchon zur Gottloſigkeit anführt. Ich hatte gut getroffen, der Ge⸗ fallene mußte reichlich geſchweißt haben, dann hatte wohl der Junge meinen Hund erſchoſſen und den Kumpan auf⸗ geladen und fortgeſchleppt, denn ich fand nur noch die kleinere Spur— die ging bis zum Bach und hörte dann auf. Sehen Euer Gnaden, wie die Brut ſchon von klein auf mit allen Hunden gehetzt iſt. Der Bube war mit dem Geſchoſſenen in das Waſſer gegangen, wo er keine Spur hinterließ, und hatte ſich dann eine Strecke weiter hinauf, wo die Bäume mit ihren Aeſten überhingen, ſtill niedergelegt; dort fand ich am Morgen wieder reichli⸗ ches Blut und ein paar Fetzen von einem rothen Tuch, wie es die Zigenner tragen— damit mochte er ihm die Wunde verbunden haben. Ich hoffe, es wird eine un⸗ nütze Mühe geweſen ſein. Nun fing wieder die Fährte an, aber nur eine kleine Strecke, dann kam feſter, kurzer Raſen und Geſtein, wo ſich nichts mehr erkennen ließ. Und ſo haben wir abgeſpürt wer weiß wie weit und nichts mehr gefunden. Seitdem iſt es ruhig und ich denke, es wird ruhig bleiben. Schade nur, daß wir den Jungen nicht erwiſcht haben, dem hätt' es eingetränkt werden müſſen.“ 1860. II. Im Strom der Zeit. I.* 7 Der Graf hatte den Bericht, welchen der Wildmei⸗ ſter mit großer Lebhaftigkeit vorgetragen, aufmerkſam und wie es ſchien mit einer wahren Spannung angehört. „Habt Ihr weitere Meldung über den Vorfall gemacht?“ fragte er. „Wie ſich's von ſelber verſteht!— Meine Schul⸗ digkeit, Euer Gnaden.“ „Iſt von Seite des Hofjagdamts weiter Etwas an⸗ geordnet worden, was zur Entdeckung der Thäter führen könnte?“ „Ich hab' nichts gehört. Aber die ſind fort— dar⸗ auf kann ſich Euer Gnaden verlaſſen. Ich kenne die Art. Mir wär' ſchon längſt eine Kugel durch den Hut gepfif⸗ fen, wenn nur noch Einer von ihnen, ja ſelbſt nur der Junge noch hier wäre. Es iſt wenigſtens gut, daß wir doch geſehen haben, wer uns den Schaden gethan hat— meine Jägerburſchen fingen ſchon an zu glauben, daß es nicht mit rechten Dingen zugehe und ein Waldgeſpenſt oder gar noch ein Schlimmerer—“ hier bekreuzte ſich der Waidmann—„Macht über uns bekommen habe.“ „Ich danke Euch für Eure Mittheilung, Herr Wildmeiſter,“ ſagte der Graf.„Die Zeit bringt ja Alles an die Sonne, es wird ſchon über kurz oder lang be⸗ kannt werden, wen Eure Kugel getroffen hat und ob es zum Tode geweſen iſt.— Nur,“ ſetzte er hinzu,„wenn 107 der Begleiter des Wilddiebes, wie Ihr ſagt, ein Knabe geweſen iſt—“ „Ein Bube, nicht über ſechszehn Jahre alt,“ ver⸗ ſicherte der Forſtmann.„Euer Gnaden hätten die Spur ſehen ſollen.“ „Dann begreife ich nicht, wie es möglich geweſen,“ fuhr der Graf fort,„daß der Bube den Verwundeten hat forttragen können.“ „O die Angſt gibt Kräfte, übermenſchliche Kräfte!“ rief der Wildmeiſter.„Euer Gnaden glauben's nicht, wie es da über Einen kommt, grad' als geſchehe ein Mi⸗ rakel! Da kann ich Euer Gnaden von mir ſelber eine Ge⸗ ſchichte erzählen, wenn Sie mir zuhören wollen.“ Der Graf war wenig dazu geneigt, aber er wurde der Ablehnung, welche den alten Waidmann vielleicht ge⸗ kränkt haben würde, überhoben, indem ſich die Thüre öffnete und ein wohlbekannter, lieber Freund eintrat, deſſen noch nicht erwartete Erſcheinung ihn freudig überraſchte. „Fidelis!“ rief er und Beide umarmten ſich herzlich. Der Wildmeiſter trat ehrerbietig zurück, wartete aber an der Thüre, bis er entlaſſen wurde. „Ich danke Euch nochmals,“ ſagte der Graf freund⸗ lich zu ihm.„Eure Geſchichte werde ich mir einmal zu Schönbrunn ausbitten und dabei zugleich hören, ob Alles, wie ich auch von Herzen hoffe, ruhig geblieben iſt.“ 7* 108 Der Wildmeiſter verabſchiedete ſich und die Freunde blieben allein. „Nun grüß Dich Gott, Fidelis!“ rief Trautſon, ſich des Namens bedienend, mit welchem Graf Königsegg, der allerdigs Karl Fidelis getauft war, unter ſeinen nä⸗ hern Bekannten genannt wurde.„Dir iſt das Kriegs⸗ leben wohl bekommen, ich freue mich, Dich ſo ſtattlich wieder zu ſehen!“ Fidelis war in der That ein ſtattlicher Mann von hohem Wuchs und vornehmer Haltung, deſſen Geſichts⸗ züge durch wohlgebildete Adlernaſe und ein helles, mu⸗ thiges Augenpaar einen Ausdruck von Kraft und Ent⸗ ſchloſſenheit erhielten. Er trug Cavalierkleidung, nicht die Uniform des Reiter⸗Regiments, dem er angehörte; damals war es unter den Offizieren noch nicht allgemeine Sitte, die Uniform, welche überhaupt erſt ſeit Kurzem eingeführt war, auch außer dem Dienſte zu tragen— bei Hofe war es durchaus unſtatthaft, darin zu erſcheinen, nur die Offiziere der Huſaren, weil ihre Uniform zugleich Nationaltracht war, hatten dies Recht. „Und Du biſt, ſeit wir uns nicht geſehen haben, Obriſtkämmerer des römiſchen Königs geworden,“ ſprach Königsegg, als Beide ſich zu ruhigem Geſpräch geſetzt hatten.„Dabei wirſt Du wohl nicht ſtehen bleiben, wie? wenn die römiſch königliche Majeſtät ſich in eine kaiſer⸗ liche verwandelt!“ 109 „Gott erhalte unſern frommen Kaiſer Leopold noch lange!“ ſagte Trautſon. „Amen!“ erwiederte Königsegg.„Aber es iſt doch bei ſeinem hohen Alter bald zu erwarten, daß er die Krone nicht mehr lange trägt.— Das Wichtigſte für Dich vergeſſe ich— Du haſt Dir während meiner Abweſen⸗ heit unter den Töchtern des Landes eine Geſponſin er⸗ kieſet. Gratulor!“ „Gratias ago!“ antwortete Trautſon lächelnd. „Sprichſt Du Latein, ſeit Du im Lande Ungarn ſo viele Jahre Dich getummelt haſt? Die ſchönen Magnatentöch⸗ ter der Magyaren, bei denen Latein ja die Umgangsſprache iſt, ſind wohl Deine Lehrmeiſterinnen geweſen?“ Königsegg ſchüttelte den Kopf.„Die Magnaten⸗ töchter ſind uns nicht eben hold. Es iſt den Ungarn ſchon recht, daß die kaiſerlichen Waffen ſie von den Türken be⸗ freit haben, aber ſie möchten ſich eben wieder einen Kö⸗ nig wählen nach eigenem Gefallen und unſers Kaiſers Rechte vergeſſen. Laſſen wir das. Ungarn gehört dem Kaiſer, und die Grenzen werden nicht ſtehen bleiben, wo ſie heut' ſind.— Du haſt alſo die ſchöne Maria Thereſia Ungnadin von Weißenwolff heimgeführt? Du Glücklicher, man könnte Dich beneiden.“ „Was hindert Dich, Fidelis, Gleiches zu thun?“ entgegnete Trautſon.„Deine Frau Mutter hofft ſehr darauf.“ 110 „O meine Frau Mutter— rispetto!“ ſcherzte Kö⸗ nigsegg.„Sie ſelbſt hat eigentlich das wahre Glück der Ehe, wie es Dir lächelt, Leopold, niemals gekannt, denn ihr erſter Gemahl, weißt Du, der alte Graf von Deſſana, ſoll wohl vierzig Jahre mehr gezählt haben, als ſie, da ſie ihm die Hand reichte, und mein Herr Vater, ihr zwei⸗ ter Gemahl, war auch ein Witwer von faſt ſechzig Jah⸗ ren, als er ſie uns neun Geſchwiſtern zur Stiefmutter gab. Aber dieſe Erfahrungen, wobei ihr Herz verſchont geblieben iſt, haben ſie um ſo beſorgter gemacht, ihren Kindern, ſo weit ſie noch ledig ſind, die wahre Süßig⸗ keit der Ehe zu ſichern, und Du haſt ganz recht, ſie hofft ſehr, daß ich ihrem Rath folge.“ „Der Ernſt des Krieges hat auf Dich keinen Ein⸗ fluß gehabt, Fidelis,“ ſagte Trautſon. „Doch, Leopold! Du wirſt noch erſchrecken, wie ernſthaft ich geworden bin,“ erwiederte Königsegg.„Mei⸗ ne Stiefmutter fand mich ganz verwandelt. Aber wenn ich Dein altes, liebes, ehrbares Geſicht ſchaue, da bin ich wieder der Alte, und Du kannſt mich nur gleich aus⸗ ſchelten, daß ich ſo von meiner Frau Mutter geſpro⸗ chen habe.“ „Du verdienſt freilich nicht, daß ſie Dir ſo zugethan iſt,“ verſetzte Trautſon.„Ich habe es deutlich bemerkt, daß ſie Dich als ihren Liebling allen Deinen Geſchwiſtern 117 vorzieht. Hat ſie Dir geſagt, daß ich kürzlich bei ihr im Gumpendorf geweſen bin?“ „Wie kannſt Du glauben, daß ſie mir das ver⸗ ſchwiegen hätte!“ rief Fidelis.„Deine Frau Gemahlin mag Dich nur hüten— mehr ſag' ich nicht. O blicke nicht ſo ſträflich, wie ein Kapuziner! Dabei fällt mir unſer kleiner Kapuziner ein— Du weißt, daß die Soldaten un⸗ ſern Prinzen Eugenius ſo nennen, weil er immer im braunen Röcklein daher reitet— der will ſich wohl nun im Frieden auch eine Gemahlin ſuchen, denn er baut ja gewaltig in der Stadt und draußen ober der Heugaſſe. Gewiß hat er bei der großen Hof⸗Wirthſchaft zu Ehren des ruſſiſchen Caren, von der ſo viel erzählt wird, Heer⸗ ſchau unter den ſchönen und hochgeborenen Fräulein ab⸗ gehalten. Du warſt dabei? Natürlich!“ „Ich war unter den Dienern ohne Damen— eben ſo der Prinz.“ „Und Deine Frau, weſſen Dame?“ „Meine Frau konnte dem Feſte nicht beiwohnen.“ „Ich verſtehe und gratulire nochmals. Daß ich dem Feſte und den andern Luſtbarkeiten, zu welchen der Be⸗ ſuch aus Moskau Anlaß gab, nicht beiwohnen konnte, hat mich draußen an der Theiß ſehr unglücklich gemacht. Es geht zu Wien ſo ſtill und einfach zu, von Jahr zu Jahr immer ſtiller— und bei der einzigen Gelegenheit, — . — wo ſich der Kaiſerhof einmal in ſeiner vollen Pracht und Herrlichkeit zeigt, der ganze Adel der Erb⸗ und Kron⸗ lande in Wien zuſammenſtrömt, um Alles, was Schön⸗ heit und Glanz iſt, vor den Augen des Caren und noch mehr zum eigenen Ergötzen zu entfalten, muß ich draußen im öden Ungarn liegen! Mein Bruder, der auch einen Diener vorgeſtellt hat, aber nicht ohne Dame, wie Du, ſondern mit der Gräfin Waldſtein engagirt, hat mir ſoviel davon erzählt, daß ich ganz heidniſch oder viel⸗ mehr magyariſch geflucht habe. Johanna Thurn, des Ca⸗ ren Dame, ſoll ja wunderſchön als frieſiſche Bäuerin ausgeſehen haben. Ich hätte gemeint, ihre Schweſter Iſabella in venetianiſchem Coſtüm müßte noch reizender geweſen ſein. Doch was rede ich mit Dir davon? Du haſt wohl für keine ſchöne Dame Augen gehabt, mein ehr⸗ barer Leopoldus! Ich tröſte mich damit, daß es luſtiger in Wien zugehen wird, wenn erſt der römiſche König ſich vermählt hat, was ja der Ajo ſtark betreiben ſoll. Gewiß kann mir der Herr Obriſtkämmerer des Königs darüber Auskunft geben, wann die Vermählung ſtattfinden wird, und ob mit gebührendem Glanze.“ „Fürſt Salm wünſcht allerdings, daß die Vermäh⸗ lung des Königs mit der paſſenden Würde gefeiert wer⸗ den ſoll; er hat freilich keine entſcheidende Stimme beim Kaiſer, doch zweifle ich nicht daran und Fidelis wird 113 dann wohl im Stande ſein, die von ihm verſäumte Heer⸗ ſchau nachzuholen.“ „Haſt Du den Max Riedau geſehen?“ fragte Kö⸗ nigsegg, zu einem andern Gegenſtande übergehend. Trautſon bejahte es und äußerte, daß ihm der junge Mann in ſeinem ritterlichen Weſen ſehr wohl ge⸗ fallen habe. „Meine Mutter hat ihn Dir noch ganz beſonders empfohlen,“ ſagte Fidelis.„Er verdient es auch ſowohl als Soldat, als ſeines Charakters wegen. Ich verſichere Dir, daß ſeine Tapferkeit an das Uebermenſchliche ſtreift; ſelbſt der Prinz von Commerey, der ſo leicht Niemand bewundert, da er ſeine eigenen Heldenthaten für ganz ge⸗ wöhnlich hält, iſt ſchon auf ihn aufmerkſam geworden. Haſt Du Gelegenheit gefunden, mit dem König Jvoſeph einmal von ihm zu ſprechen?“ „Noch nicht. Der König kennt ihn ſchon, und ich freue mich, auch das Zeugniß des Prinzen von Commerch für den tapfern jungen Offizier in Anſpruch nehmen zu können. Deine Mutter hat ſich ſeiner Schweſter an⸗ genommen.“ „Ja, das iſt ein unglückliches Weſen,“ ſagte Kö⸗ nigsegg.„Sie macht auf mich immer einen unangeneh⸗ men Eindruck und ich vermeide es, mit ihr in Berührung zu kommen. Sie iſt eine wahre Brenneſſel.“ 114 „Traurig genug, daß ihre Lage ſie auf dieſe Weiſe verbittert hat,“ entgegnete Trautſon.„Sie ſoll einſt beſſere Tage gekannt haben, wie mir Deine Frau Mutter erzählte.“ „Schön iſt ſie darum doch nicht geweſen und ver⸗ bittert wohl deshalb mehr, als durch ihre Armuth.“ „Schäme Dich, wie herzlos Du ſprichſt! Zum Glück kenne ich Dich beſſer und weiß, daß Dein Herz für je⸗ des Unglück ein ſtarkes Mitgefühl hat und auch hilft, wo es kann.“ „Laß mir die Luſtigkeit, Leopold— ſie wird mir nur zu bald getrübt werden. Ich habe einen ſchweren Gang vor: ich ſoll einem Soldatenkinde den letzten Gruß ihres Vaters bringen. Und ſo will ich denn lieber gleich gehen, da ich doch gehen muß. Es iſt eine lange Ge⸗ ſchichte, die dazu gehört und die auch meinen armen Max Ridean betrifft— ich werde ſie Dir erzählen, wenn Alles geſchehen iſt. Zum Glück tritt hier wenigſtens keine Noth ein, wie es bei Rideau's war. Soldaten ſollten eigentlich nicht heirathen, denn wenn ihr Herz bricht, brechen an⸗ dere Herzen mit.“ „Iſt denn das nicht bei andern Herzen auch der Fall, die ſich lieb haben?“ fragte Trautſon von dem un⸗ gewohnten Ernſte des Freundes ergriffen. „Gewiß, aber der Tod mäht nur unter ihnen nicht 115 mit ſo weitgeſchwungener Senſe, wie unter Soldaten⸗ herzen!“ erwiederte Königsegg.„Auf Wiederſehen— bald!— Vergiß nicht, für den Max beim Könige ein Wort einzulegen. Er verdient es vor vielen Andern.“ Als der Freund ſich entfernt hatte, begab ſich Traut⸗ ſon in das Zimmer ſeiner Gemahlin, die er mit ihrem einjährigen Töchterlein auf dem Schooße traf. War es dieſer Anblick, der ſein Herz immer von Neuem bewegte, oder wirkte noch die letzte ernſte Wendung, die ſein Ge⸗ ſpräch mit Königsegg genommen hatte, nach, die junge Frau konnte bemerken, daß ſein Auge mit einem Blick, der etwas Trauriges bedeutete, auf ſie gerichtet war. Sie fragte ihn danach. Da wurde ſein Auge von einem hö⸗ hern Glanze belebt und ſeine Züge drückten die innigſte Liebe aus. „Ich bin ſo glücklich, daß ich Dich und unſere Eli⸗ ſabeth habe!“ ſagte er, küßte ſie und das Kind und ſetzte ſich an ihre Seite.„Gott erhalte uns unſer Glück!“ „Das hoffen wir von Seiner Gnade!“ antwortete ſie, von ſeinen Worten bewegt. Sie hatte noch keine Ant⸗ wort, warum er bei ihrem Anblick eher traurig als er⸗ freut zu ihr hingeſchaut hatte, aber ſie ahnte es wohl, dies unwillkürliche Zagen der Seele im höchſten Glücke, daß es ihr entriſſen werden könne, und ſie ſcheute ſich, daſſelbe zum klaren Bewußtſein zu bringen. 116 „Fidelis iſt angekommen,“ erzählte er ihr. „Iſt er wieder da?“ rief die Gräfin.„Ei, ſo wird er mir wohl meinen Mann recht oft entführen! Ich weiß, daß er eiferſüchtig auf mich iſt, weil ich ihm Dein Herz geraubt habe— ſchrieb er nicht ſo? Wie lange wird er in Wien bleiben?“ „Wünſcheſt Du, daß er, kaum angekommen, ſchon wieder an ſeine Abreiſe denke?“ entgegnete Trautſon hei⸗ ter.„Ich glaube, Reſi, daß Du eiferſüchtiger auf ihn biſt, als er auf Dich. Freundſchaft und Liebe können ſich aber wohl neben einander vertragen, ohne daß die eine durch die andere leidet. Jedenfalls bleibt Fidelis nun längere Zeit hier, da der Frieden geſchloſſen iſt und wir hoffentlich einer ſegensreichen Zeit der Ruhe in ganz Europa entgegen gehen. Den Vermählungsfeierlichkeiten wird er wenigſtens beiwohnen, er hat ſchon davon ge⸗ ſprochen und ſehr beklagt, die vorjährige Feſte verſäumt zu haben.“ Sie fragte, was er ſonſt erzählt habe, und forſchte nach Frauenart auch, ob er nicht bald an ſeine eigene Vermählung denke; ſie that es ſo ernſt, daß ihr Gemahl über ihre wichtige Miene lächeln mußte. Beide plauder⸗ ten nun eine längere Zeit über nah' liegende Dinge, und es war ein erquickendes Bild, dies junge Paar in herz⸗ licher Liebe ſo traulich vereint zu ſehen: den ernſten 117 Mann, wie er durch das heitere, fröhliche Weſen ſeines geliebten Weibes erheitert wurde; die zarte, liebliche Frau, wie ſie unſchuldig und vertrauensvoll zu ihm auf⸗ ſah, der ihres Lebens ſtarker Halt war, und wie ſie mit dem ſchönen Kinde auf ihrem Schooße tändelte, das in Friſche und Geſundheit ſtrahlend mit den kleinen Händ⸗ chen eifrig nach den Schleifen ihres Corſets haſchte und vor Luſt zuweilen hell aufjauchzte. Gott erhalte ihnen ihr Glück! Eine Sendung von König Joſeph unterbrach dieſe Stunde der reinſten Freuden. Es war ein Befehl, den König auf einer Spazierfahrt zu begleiten, und Trautſon verabſchiedete ſich von ſeiner Gemahlin. „Dein königlicher Freund iſt raſtlos!“ ſagte ſie. „Ueberhaupt, ſoll ich mit Deinen vielen Freunden zufrie⸗ den ſein, da Einer Dich kaum verlaſſen hat, wenn der Andere Dein begehrt?“ „Würdeſt Du wünſchen, daß ich gar keine Freunde hätte?“ entgegnete er. „O nein!“ erwiederte ſie.„Aber ſolche, die mehr Achtung vor meinen nähern Rechten beſäßen! Nun geh' nur, Leopold, und ſage der Majeſtät, daß Sie wenig⸗ ſtens keine halsbrechenden Stücklein mit Dir unternimmt, wie Sie es nur allzuſehr liebt. Ich werde mit Eliſabeth auch eine Spazierfahrt machen. Vielleicht begegnen wir 118 uns. Wenn es die Majeſtät wiſſen will: wir ſind im Prater.“ Wie eine Königin mit angenommener Hoheit ent⸗ ließ ſie den Gemahl, rief ihn aber noch einmal zurück und küßte ihn.„Denk' an uns, Leopold, auch wenn Du von Staats⸗ und Kriegsſachen ſprichſt.“ Der Graf begab ſich nach der Burg, welche damals erſt durch den neuen Tract, den Kaiſer Leopold hatte er⸗ bauen laſſen, erweitert war und in ihren übrigen Stein⸗ maſſen durchaus dem Sinne der Altvordern entſprach, denen es weniger auf Behaglichkeit des Wohnens, als auf eine feſte Schutzwehr gegen fremde Gewalt ankam. Weib und Kind, Mann und Roß, und alle Habe ſollten darin wohl geborgen, davon der Name Burg! Die Kaiſerburg in ihren ältern Gebäuden machte davon keine Ausnahme, Licht und Luft hatten wenig Zugang in das Innere dieſer ſtarken Mauern mit ihren Gängen und dunklen, engen Stiegen. Die dürftigen Blumen in dem ſogenannten„Paradiesgärtlein“, das unter den Fenſtern der Kaiſerin Eleonora angelegt war, wenige Schritt im Geviert, ſchoſſen krankhaft immer höher auf, um dem Sonnenſtrahl, der ſie flüchtig begrüßte, entgegen zu kom⸗ men. Nur in den neuen Räumen, welche der jetzige Kai⸗ ſer geſchaffen hatte, zeigte ſich wahrhaft fürſtliche Pracht und Großartigkeit; hier wurden auch die Feſte gefeiert, 249 welche freilich, wie Graf Königsegg ganz richtig bemerkt hatte, bei dem einfachen Sinne des kaiſerlichen Paares und der Sparſamkeit, welche durch die unermeßlichen Kriegskoſten der letzten Jahrzehende auch dem kaiſerlichen Haushalt auferlegt worden, nicht in ununterbrochener Folge, wie am Hofe zu Verſailles oder dem faſt noch üppigern Friedrich Auguſt's zu Dresden, dahin rauſchten. Die Einfachheit, welche trotz des ſtrengſten ſpani⸗ ſchen Ceremoniells in den Vorzimmern und Gemächern Kaiſer Leopold's herrſchte, war in denen ſeines Sohnes, des römiſchen Königs, nicht in gleichem Maße zu finden: Joſeph, bei ſeinem feurigen, nach dem Ideal ſtrebenden Naturell, liebte den Glanz, und ſein Erzieher, Fürſt Dietrich von Salm, welcher darin eine fürſtlich hohe Sinnesart erblickte, hatte ihn nach dieſe beſchränkt. Wenn er einſt zur Regierun r Richtung nicht gkam, ſo mußte ſich auch im Aeußern Manches am Hofe ändern. Graf Trautſon fand ſchon die königliche Karoſſe mit Viergeſpann und Vorreitern im Burghofe wartend, und eilte, ſeinen jungen Herrn nicht ungeduldig zu machen. Er fand ihn jedoch, nachdem er Einlaß erlangt hatte, noch an ſei⸗ nem Schreibtiſch beſchäftigt, und ein Miniaturbild, das neben ihm lag, belehrte Trautſon, an wen der Brief ge⸗ richtet war, welchen der König eben ſchrieb. „Noch einen Augenblick!“ ſagte der junge Fürſt, in⸗ 120 dem er den Eintretenden freundlich begrüßte. Er fuhr dann in raſchen Zügen zu ſchreiben fort, und als er den Brief geſchloſſen hatte, weidete er ſich noch einmal an den Zügen ſeiner verlobten Braut, welche noch in Italien weilte, wo auch die Vermählung durch Procuration in kurzer Friſt vollzogen werden ſollte. Fürſt Salm hatte die Prinzeſſin Wilhelmine Amalie von Hannover zwar aus eigenſüchtigen Abſichten zur Gemahlin ſeines Zög⸗ lings erkoren, denn er war mit ihr verwandt; Jahre lang ſchon hatte er in ſtiller, unbemerkbarer Weiſe ſeinen Plan verfolgt, die Aufmerkſamkeit Joſeph's auf ſeine Nichte, die mit ihrer verwitweten Mutter zu Paris lebte, zu lenken, eine Neigung zu ihr in dem Herzen des Kai- ſerſohnes anzufachen und dieſe Neigung zu einer heißen Liebe zu entflammen. Die Beſtrebungen einer zahlreichen Hoſpartei, welche ihm, dem Fremden, ohnehin feindſelig war, hatten die Verbindung, die mit eben ſoviel Feinheit als Conſequenz eingeleitet worden, nicht zu hindern ver⸗ mocht. Aber die Wahl, welche Salm getroffen hatte, war auch eine ſehr glückliche geweſen, und das Wohlgefallen, mit welchem König Joſeph das wohlgetroffene Bild ſeiner Braut vor den Augen ſeines liebſten Freundes betrach⸗ tete, gab Zeugniß davon. Er ſchloß es hierauf wieder ein, übergab den Brief, den er eigenhändig verſiegelt hatte, dem Secretair, welcher im Nebenzimmer harrte, 121 zur Beförderung, und beſtieg dann mit Trautſon, der ihn allein begleiten ſollte, in den bereit gehaltenen Wagen. In den Prater! Die Weiſung war ſchon früher er⸗ theilt; Trautſon, als er die Richtung nach dem Rothen⸗ thurm einſchlagen ſah, dachte mit lebhaftem Wunſch an ſeine Gemahlin, die er nun wirklich dort zu ſehen hoffte. Der Prater war als Jagdgrund damals noch den Ein⸗ wohnern von Wien verſchloſſen und nur dem Hofe vor⸗ behalten, doch hatten die obern Hofchargen die Erlaubniß erhalten, denſelben zu befahren, und dieſe Erlaubniß hatte ſich allmälig der ganze Hochadel, mit ſtillſchweigender Duldung von Oben, zu Nutz gemacht. Nur mußten da⸗ bei alle Rückſichten, welche die ſtrengſte Etikette vorſchrieb, beobachtet werden. In der königlichen Karoſſe, wenn ſie ſonſt mit Läu⸗ fern vorauf und Pagen im Schlage daher fuhr, herrſchte die Etikette ſonſt auch, ſelbſt der junge König war durch ſie gebannt; ſobald er aber mit Trautſon allein war, ſtreifte er ſie ab, und der Scherz, den er bei der Durch⸗ fahrt durch den Rothenthurm über das bekannte Wahr⸗ zeichen machte, verrieth ſeine ungezwungene Laune. Dort hing nämlich— und iſt erſt um die Mitte des vorigen Jahrhunderts verſchwunden— eine rieſige Speckſeite, vor Alters vielleicht in Natura, ſeit geraumer Zeit aber von Holz nachgebildet, mit einem altdeutſchen Reimſpruch, 1860. II. Im Strom der Zeit. I. 8 122 welcher denjenigen, der ſich nicht vor ſeiner Frau fürchte, aufforderte, den„Pachen⸗ herabzunehmen. Es hatte ſich der That, weil ein Unberufener mit Strafe von Gei⸗ ſterhand bedroht war, noch Niemand unterfangen, und König Joſeph neckte ſeinen Freund damit, daß er, der ein ſo ernſter, geſtrenger Herr ſei, doch gewiß das Hausregi⸗ ment führe und den Zauber alſo löſen könne, welcher zur Schmach aller Wiener Ehemänner nun ſchon ſeit ſo vie⸗ len Jahrhunderten hier hänge; wenn er ſich des Helden⸗ ſtückes getraue, wolle er augenblicklich Befehl zum Anhal⸗ ten geben. Trautſon erwiederte, daß er Seiner Majeſtät, welche ja binnen Kurzem auch zu Hymen's Fahne ſchwö⸗ ren werde, nicht vorgreifen dürfe, und Beide fuhren in heiterſter Laune über die Brücke nach der neuen Leopold⸗ ſtadt durch die„Wildwerker⸗Zeile“, wie eine ſchnurgrade gebaute Reihe von Häuſern für die Jagdbedienten ge⸗ nannt worden war, und weiter über den Donau⸗Arm, welcher damals noch den Prater von der Levpoldſtadt trennte und erſt unter Joſeph HI., der überhaupt den gan⸗ zen Prater auch Fußgängern öffnete, trocken gelegt wor⸗ den iſt. Als ſie nun unter den Rieſeneichen des prächtigen Waldes auf dem breiten, ausgehauenen Wege, der nach dem Luſthauſe führt, langſamer fuhren, begann der Kö⸗ nig:„Haſt Du Etwas in Erfahrung gebracht über mein Abenteuer im Thiergarten?“ 123 „Ich glaube, eine ſchwache Spur gefunden zu ha⸗ ben, aber ſie ſcheint nicht ohne Aufſehen, wie mir Eure Majeſtät doch befohlen, verfolgt werden zu können. Iſt Ihnen keine Meldung über eine Bande von Wilddieben % zugegangen? „Lamberg hat mir davon geſagt— der Wildmeiſter ich auf den Gedanken gekommen, daß es wohl der Mann geweſen ſein könnte, den Eure Majeſtät meinen. Der ſ * Wildmeiſter hat doppelte Fußtritte geſehen, woron er die r die eines kaum erwachſenen Knaben gehalten. „Aber ein alter Jäger wird doch die Spuren un⸗ terſcheiden können!“ erwiederte der König. „Vom Wilde, ja— aber von Mädchen und jungen Burſchen? Ich weiß aber nichts weiter, es kann auch ebenſo gut geweſen ſein, wie der Wildmeiſter glaubt. Ohnehin ſcheint es mir über die Kräfte eines Mädchens zu gehen, daß ſie den Verwundeten, wie doch geſchehen iſt, aufgehoben und fortgetragen, und vorher gar einen Hund, der ihre Spur verfolgte, erſchoſſen haben ſoll.“ „O was das Letztere betrifft, ſo wär' es wohl mög⸗ lich,“ entgegnete der König.„Hätteſt Du die Entſchloſſen⸗ heit geſehen, mit welcher das Mädchen meinem Pferde in 8* 124 die Zügel fiel und es zur Seite riß, ſo würdeſt Du gar nicht daran zweifeln, daß ſie, wenn es gilt, auch einen Jagdhund niederſchießen und ihren verwundeten Vater forttragen könne. Wie iſt denn der Vorfall geweſen? Ich habe das Nähere nicht gehört, nur daß Einer er⸗ ſchoſſen worden und ſeitdem die Bande aus der Gegend verſchwunden ſei.“ Trautſon wiederholte die Erzählung des Wild⸗ meiſters. „Ich glaube ganz beſtimmt, daß es mein Paar ge⸗ weſen iſt,“ ſagte der König.„Der Alte hat wohl ſeinen Lohn dahin, wenn er wirklich gefallen ſein ſollte; ihn kann ich nicht bedauern, da ich ihm ſelbſt nichts verdanke. Um das Mädchen ſollte es mir aber leid thun. Was wird nun ihr Schickſal ſein? Sie muß im Elend verkommen.“ „Eure Majeſtät wolle bedenken, daß die Tochter ei⸗ nes Wilddiebes ohnehin im Elend lebt, ſittlich wenigſtens.“ „Mein ſtrenger Richter hat Recht. Aber es wäre vielleicht ſeiner würdig, ſie zu retten und unter beſſere Menſchen zu bringen.“ Dem Grafen war es neu, ſeinen königlichen Freund ſo conſeguent in dieſem Gedanken zu finden, und er konnte ſich nicht entbrechen, an einen ganz beſonderen Grund zu glauben, welcher den allgemein menſchlichen noch in ihm unterſtützte. 125 „Gern will ich Alles dazu aufbieten, das Mädchen zu finden, wie ich auch ſchon Forſchungen unter der Hand angeſtellt habe,“ ſagte er.„Wenn aber doch die Bande, zu der ihr Vater gehörte, die Gegend verlaſſen hat, wird ſie nicht mitgegangen ſein?“ „Glaubſt Du an eine ganze Bande?“ entgegnete der König. „Der Wildmeiſter iſt entſchieden der Meinung,“ ſagte Trautſon,„daß nur Zwei nicht dieſe Verheerung unter dem Wildſtande angerichtet haben könnten.“ „Das iſt offenbar Uebertreibung! Man muß die Jäger kennen!“ erwiederte Joſeph.„Mir iſt eine andere Frage unbegreiflicher, was ſie mit dem vielen erlegten Wilde anfangen? Aus reiner Mordluſt können ſie es doch nicht ſchießen?“ „Aus Jagdluſt, allergnädigſter Herr!“ verſetzte Trautſon lächelnd.„Das ſollte Euer Majeſtät wohl be⸗ greiflich ſein im Angeſichte des Luſthauſes, wo oftmals nach vollendetem Waidwerk Berge von erlegtem Wild auf⸗ gethürmt werden.“ Der König lachte.„Wir haben doch ein wenig mehr Recht dazu,“ verſetzte er.—„Mag aber dem ſein, wie ihm wolle, ſo muß ich, um Dir es offen zu geſtehen, mei⸗ nen Ring wieder haben. Er hat zwar keinen Werth für mich und es war nur eine Gewohnheit, gewiſſer⸗ 126 maßen eine Rückſicht, eine Gefühlsſache, daß ich ihn noch trug— hätte ich ihn abgeſtreift, ſo würde ich Jemand, der ihn mir, wenn auch nur in einer Tändelei, geſchenkt hat, bitter gekränkt haben; das wollte ich doch nicht, ver⸗ ſtehſt Du mich? Und ſſ Gelegenheit, ihn zurückzuſtellen, an meinem Finger. ſo duldete ich ihn bis auf paſſende Mein Leopold blickt überaus ſtreng vor ſich hin.“ „Die paſſendſte Gelegenheit— wenn ich überhaupt recht verſtanden habe— wäre wohl Eurer Majeſtät ſchon r t ein fi * — ir Dero Liebesglück hochwichtiges Ereigniß geweſen, und es könnte Niemand verletzt oder gekränkt haben, wenn der Ring dann von Dero Hand verſchwunden wäre, mochte er Ihnen verehrt worden ſein, von wem es auch wolle.“ „Du haſt vollkommen Recht, Leopold; nenne es Schwäche, daß es nicht geſchehen iſt. Im Walde neulich, als ich dem Mädchen Etwas für ihre Heldenthat ſchenken wollte, da ſie noch dazu hart zu Boden geſchleudert wor⸗ den war, wandelte es mich an, daß ich den Ring, der mich auf der Seele drückte, nicht beſſer anwenden könnte, und ohne mich lange zu beſinnen, warf ich ihn hin. Aber ich möchte nicht, daß er zu Tage käme— wer kann wiſſen, wie der Zufall oft wunderlich ſpielt. Behalten wird das Mädchen den Ring nicht, ſie wird ihn verkaufen— viel⸗ leicht iſt es ſchon geſchehen! Wenn es irgend möglich 127 wäre, möchte ich ihn wieder haben, ſie ſollte mit dem Handel zufrieden ſein. Freilich, wie ſie zu finden, weiß ich ſelbſt nicht. Wenn ihr Vater nicht todt und begraben wäre, wie der Wildmeiſter glaubt, ſo ließe ſich annehmen, daß er in irgend einem Verſteck ſeiner Wunde pflegte. Die Jäger werden danach wohl ſchon geſpürt haben, und wenn es ihnen nicht gelungen iſt, ſo wird es Dir auch nicht gelingen. Wir werden alſo die Sache wohl auf ſich be⸗ ruhen laſſen.“ „Man macht ſich von fremden Menſchen vft, ohne ſie geſehen zu haben, nach ihrem Thun ein Bild,“ ſagte Trautſon.„Wie mir Eure Majeſtät das Mödchen und ihr Benehmen geſchildert, glaube ich nicht, daß ſie den Ring ſo leicht verkaufen wird.“ „Was hab ich Dir viel ſchildern können!“ rief der König.„Es gehört Deine rege Phantaſie dazu, um ſich aus dem Wenigen, das ich von ihr erlebt und geſehen, ein Bild zu machen! Ich ſelbſt weiß kaum noch, wie ſie ausgeſehen hat, und würde ſie nicht wieder erkennen, wenn ſie mir heut begegnete. Gleicht ſie indeſſen Deiner Vor⸗ ausſetzung, ſo mag ſie in Gottes Namen den Ring be⸗ halten. Wir wollen es alſo ruhen laſſen.— Du blickſt auf einmal ſo freudig auf! Was ſiehſt Du in dem Wagen dort? Ah, ich errathe es.“ Ein Wagen mit Dienern in Livree und einem adeli⸗ 128 gen Wappen am Schlage fuhr langſam, wie es ſich ge⸗ bührte, vom Jagdhauſe kommend, an der königlichen Ka⸗ roſſe vorüber. Tief verneigte ſich die Dame, welche darin ſaß, vor König Joſeph; auf ihrem Schooße ſaß ein lieb⸗ liches Kind, ihr gegenüber die Dienerin. Der König ließ augenblicklich halten.„Sie ſind entlaſſen, Herr Obriſtkämmerer,“ ſagte er.„Vermelden Sie der Frau Gräfin Trautſon meinen Gruß und begleiten dieſelbe als Cavalier nach der Stadt.“ Das war nun freilich ganz gegen alle Hofetikette, daß der Kämmerer auf öffentlichem Fahrwege im Prater aus der königlichen Karoſſe ſteigen und ſich in einen andern Wagen zu der Dame ſetzen ſollte, indeſſen der König beſtand in ſeiner muthwilligen Laune darauf und Trautſon mußte ſich fügen. Ein ſeelenvoller Blick der er⸗ röthenden Frau dankte dem jungen Fürſten. Hechstes Capitel. Die Trauerkunde. Vor dem Hauſe des Herrn Johann Anton Riedl in der Sanct⸗Annengaſſe hielt der Hausknecht ein geſatteltes, mit einem Mantelſacke bepacktes Pferd. Er ſtand ſchon eine Viertelſtunde damit vor der Thür, und noch immer wollte der Reiter nicht kommen. Wurde dem Mutterſöhn⸗ chen denn der Abſchied gar ſo ſchwer? Was aber der Hausknecht auch denken mochte, ein Mutterſöhnchen war Franz Riedl nicht: die Mutter hatte ihn nimmer mit all⸗ zugroßer Liebe verzärtelt, eher mochte es der Vater ge⸗ weſen ſein. Der Vater begleitete ihn auch nur, als er endlich aus der Thüre trat. Franz war ſehr bleich, ſein Auge verdunkelt. Der Vater ſtreichelte ihm ſtumm noch einmal die Backen— dann ſaß Franz auf und ritt hinweg. An der Ecke der Kärnthnerſtraße wandte er ſich nochmals im Sattel um, aber aus den Fenſtern ſah Niemand, wie er vielleicht gehofft hatte, nur der alte Vater ſtand noch vor der Hausthüre und ſchaute ihm nach. Als der Sohn ver⸗ ſchwunden war, hob er den Blick zur Kirche gegenüber, als wolle er den Segen des Herrn auf die weitere gefahr⸗ 130 volle Reiſe für den Scheidenden erflehen, dann kehrte er langſam in das Haus zurück, wo er bereits die vernehm⸗ liche Stimme ſeines Weibes mit der Magd ſprechen hörte, als ſei gar nichts Beſonderes vorgefallen. Ihm war das Herz ſchwer, er ſchloß ſich bei ſeinen Rechenbüchern ein. Der Hausknecht kam von einem Gange zurück, den er gleich nach der Abreiſe des jungen Riedl gethan hatte, da bemerkte er einen fremden Herrn, welcher zweifelhaft an allen Häuſern der Annengaſſe emporblickte, als könne er das rechte, das er ſuche, nicht finden. Er fragte ihn dienſtfertig danach und frente ſich, als er ihm Beſcheid ſagen konnte: der Fremde ſuchte das Haus des Kauf⸗ herrn Riedl. „Weißt D bei ihm wohnt? „O ja, E —+ vielleicht, wer außer ſeinen Leuten noch . . ner Gnaden, ich bin da auch in Dienſten. Bei ihm wohnt kein Menſch, als ſeine Leute.“ „Nicht eine junge Dame?“ fragte der Fremde un⸗ angenehm überraſcht.„Ein adeliges Fräulein, das bei der Frau Riedl in Pfleg' und Koſt gegeben iſt?“ „O das iſt die Tani!“ rief der Hausknecht.„Ver⸗ zeihen's, Euer Gnaden, das gnädige Fräulein ſollt' ich ſagen, denn die Frau leid't's nicht, daß man anders ſpricht; aber weil das gnädige Fräulein gar ſo herzig gut iſt, und wir ſie Alle lieb haben, nennen wir's halt im⸗ p * „ — 131 mer unter uns die Tani. Sie heißt aber Cajetana, Euer Gnaden.“ „So heißt ſie, ganz recht!“ ſagte der Fremde.„Sie iſt alſo freundlich und gut gegen Euch!“ „Ach, und ſo luſtig, wie ein kleines Vogerl! Singt auch ſo ſchön, daß Einem's Herz lacht!“ Der Fremde ſah bei dieſer Schilderung ſehr eruſt⸗ haft aus, ein ſchwerer Seufzer hob ſeine Bruſt.„Laß mich in das Haus,“ befahl er,„und melde Deiner Frau, es wolle ſie Jemand ſprechen. Ich laſſe ſie darum bit⸗ ten,“ ſetzte er hinzu. Der Hausknecht, von der vornehmen Kleidung des fremden Herrn und ſeinem abſonderlichen Weſen aller Bedenklichkeiten überhoben, ließ ihn in das Haus und öffnete ihm hier die Stube zu ebener Erde, wo gewöhn⸗ lich Leute, welche zu dem Herrn in Geſchäften kamen oder der Frau einen Beſuch machen wollten, eingeführt wurden. „Ich werde die Frau gleich rufen,“ ſagte er und ließ ihn allein. Frau Riedl mochte aber in ihrem Hausweſen, wo ſie vom Boden bis zum Keller den Tag über unausgeſetzt als gute Wirthin thätig war, nicht gleich zu finden ſein, denn der Fremde mußte eine geraume Zeit warten. Er 132 ging auf und ab, hatte die Arme über der Bruſt gekreuzt und blieb endlich ſtehen. „Es iſt beſſer ſo!“ ſprach er vor ſich hin.„Ich will ſie nicht ſehen, ich habe nicht den Muth dazu.“ Aber ſein Entſchluß ſollte vereitelt werden, denn als er ihn eben gefaßt hatte, öffnete ſich die entgegen⸗ geſetzte Thüre, welche nach den übrigen Räumen des Erd⸗ geſchoſſes führte, und ein junges Mädchen von auffallend anmuthiger Erſcheinung trat ein, das bei ſeinem Anblick betroffen ſtutzte und ſich mit einer leichten Verneigung wieder entfernen wollte. Der Würfel war gefallen, er hielt es für Schickung und redete ſie an. „Habe ich die Ehre, das Fräulein Cajetana von Cronberg zu ſehen?“ Ihr leuchtendes Auge richtete ſich fragend auf ihn, und ſie trat nun ganz ein, freundlich und hold, wie dem Fremden ihr Bild beſchrieben worden war.„Ich bin Ca⸗ jetana Cronberg,“ ſagte ſie, und die mädchenhafte Befan⸗ genheit, dem Unbekannten gegenüber, der ihren Namen genannt hatte, kämpfte in ihrem reizenden Geſicht mit der geſpannten Erwartung, was er ihr eigentlich zu ſagen haben werde. Ein viel ſchwererer Kampf bewegte die Bruſt des Fremden, doch gab kein äußeres Zeichen davon Kunde, 133 nur daß ſein Ange mit einem räthſelhaften Ausdrucke auf dem harmloſen und unſchuldigen Kinde ruhte. „Ich komme aus Ungarn, gnädiges Fräulein—“ begann er. „Von meinem Vater?“ rief ſie, und eine ſelige Freude verklärte ihr Antlitz, ſo daß es dem Fremden wie ein ſchmerzhafter Dolchſtich durch das Herz ging und er all' ſeiner Manneskraft bedurfte, um nicht die Faſſung zu verlieren. „Ich habe die Ehre gehabt, mit Ihrem Herrn Va⸗ ter in demſelben Regimente zu dienen,“ ſagte er und ſenkte ſein Auge vor ihren ſtrahlenden Blicken, die ihm weh thaten.„Ich bin Graf Karl Königsegg.“ „Graf Karl Fidelis?“ rief ſie, aber eine leichte Schamröthe über ihr ſchnelles Wort färbte ſogleich Wan⸗ gen und Stirn bis in die braunen Locken hinauf.„Mein Vater hat oft von Ihnen geſprochen“— ſetzte ſie zur Erklärung in höchſter Verlegenheit hinzu. Doch faßte ſie ſich raſch; die Freude, von ihrem Vater zu hören, die Beſorgniß, daß ihr vielleicht eine Verzögerung ſeiner Heimkehr drohe, da ſtatt ſeiner ein Anderer zu ihr ge⸗ kommen war, gaben ihr die Haltung zurück.—„Wann werd' ich meinen Vater ſehen?“ „Das— weiß ich nicht!“ antwortete er, und jedes Wort, das ſie ſprach, ſchien einen neuen, erſchütternden 134 Gedanken in ihm zu wecken. Wie ſollte er ſagen, für dies junge, blühende Mädchen die Stunde des Vi ie⸗ derſehe ens!—„Ich konnte mir bei meiner Anweſen Wien nicht verſagen, der Tochter meines pſen zengen, Aſyl gefu nden hat, ſich heit in Wi Waffen ge eführten mich vorzuſtel ob ſie in der Familie, wo ſie e glüclich fühlt— zufrieden iſt zufrieden! Alle ſind gegen mich ſe llen, mich zu über ein 2 „Ach, ſo z liebevoll!“ ſagte ann gte ſie raſch, um nur das abzuthun und die Nachrichten zu erhalten nach denen ihr Herz, ſchi erzlich 3 z, ſchmers berührt von der 1 mbeſtir Antwort auf ihre Frage, ſich ſehnte. „Mein Vater kommt alſo noch nicht? Was h hält ihn abd Iſt er krank oder verwundet? Verſchweigen Sie mir nichts!“ „Er iſt weder krank, noch verwundet“— antwortete rigseg in peinlichſter Unſ ſicherheit, wie er es möglich machen ſolle, den ver nichtenden Schlag auf dies junge, unſchuldige Kindeshaupt zu führen. Da kam zu ſeiner Erlöſung Frau NRiedl eilig und geräuſchvoll in das Zimmer; der Hausknecht hie ihr gemeldet, daß ein fremder Cavalier ſie zu ſprechen wün⸗ ſche, und ſie war nur noch in ihre Kammer geeilt, um eine beſſere Haube aufzuſetzen. Tief knixend ſtellte ſie ſich nun dem Fremden vor, wel ſcher bei ihrem Anblick leichter auf⸗ 135 athmete.—„Der Herr Graf uon Königsegg bringt uns Nachrichten von meinem Vater,“ ſagte Cajetanain ungeſtill⸗ ter Aufregu ng.„Er kann noch nicht kommen— ich hatte mich ſchon ſo ſehr ge efreut an jedem Morgen!“ Ihre Stim⸗ me kämpfte mit dem Weinen, ihr thränenſchweres Auge ſuchte immer wieder troſtbedürftig das Antlitz des Boten, deſſen Name ihr kein fremder war. Königsegg aber hatte ſich ganz zu Fr Riedl ge⸗ wandt und ſie ge beten, i ihm ein paar Augenblicke zu ſchen⸗ ken, da er mit ihr im Auftrage des Herrn von Ert onberg zu ſprechen habe. „Euer Gnaden gehorſame Dienerin!“ ſagte Frau Riedl mit einem neuen, noch tiefern Knix.„Der liebe gnädige Herr wird alſo noch ausbleiben— wie Jammer⸗ ſchade! Ich hatte ihm ſchon das hübſche Zimmer, das er bewohnt hat, wieder einrichten und ſ uber putzen laſſen; nun, ſo Gott will, dauert's ja doch nicht mehr lange! Haben mir Euer Gnaden feh vom lieben gnädigen Herrn zu bringen, ſo können Dieſelben überzeugt ſein, daß ich Alles thun werde, Dero Zuft ee zu erlangen.— Ach, ich ſehe ſchon, Euer Gnaden! Es ſ Geſchäfte— wollen Euer Gnaden mir die Ehre erweiſen— 2“ Sie machte eine Bewegung nach der andern Thüre, um pihn einzuladen, in das Nebenzimmer zu treten. Aber Cajetana kam ihr zuvor.„Ich will in Ge 136 ſchäften meines Vaters nicht ſtören,“ ſagte ſie ſchnell. „Wenn das geordnet iſt, kehre ich zurück— ich habe ja noch ſoviel zu fragen! Seien Sie mir nicht böſe, Herr Graf.“ Er hatte keine Antwort, als eine tiefe, förmliche Verneigung, welche kalt und fremd ſchien und ſie vielleicht verletzte, aber das Wort verſagte ihm und erſt, als ſie ſich entfernt hatte, konnte er wieder frei athmen. „Euer Gnaden haben ganz über mich zu befehlen,“ ſagte Frau Riedl mit dem angenehmſten Lächeln, indem ſie dem Gaſte einen Seſſel bot. Er verſchmähte ihn je⸗ doch und ging nun um ſo ſchneller zur Sache. „Madame, ich komme mit einer ſehr traurigen Bothſchaft,“ begann er.„Mir iſt es unmöglich, ſie dem Fräulein mitzutheilen; ich muß es Ihnen überlaſſen, ſie darauf vorzubereiten und ihr dann ſo ſchonend, als es Ihnen möglich iſt—“ 8„Mein Gott!“ ſiel die erſchrockene Frau ihm, da er zögerte, in die Rede.„Der gnädige Herr iſt doch nicht—“ „Er iſt wie ein braver Soldat den Heldentod ge⸗ ſtorben,“ ſagte Königsegg mit gedämpfter Stimme. Sie ſchlug die Hände zuſammen und ſtarrte ihn, aller Faſſung beraubt, an. Wie ſehr auch eine ſolche Möglichkeit in dem Kriege, der gar viele Opfer gefordert, 137 ſeit Jahren ſchon hätte bedacht werden ſollen, ihrer Seele hatte ſie ſo fern gelegen, daß ſie davon im erſten Augen⸗ blicke völlig betäubt war. „Lange Zeit waren wir in Ungewißheit über ſein Schickſal,“ fuhr der Graf fort.„Er war bei Zenta im Handgemenge, wo es am erbittertſten wüthete, von ſeinen Reitern, die er zum Angriffe geführt, noch geſehen wor⸗ den, dann aber, als zum Sammeln geblaſen wurde, nicht mehr. Wir nahmen an, daß er in Gefangenſchaft gera⸗ then ſei, und hofften auf ſeine Befreiung, wenn nicht eher, doch beim Frieden. Nun aber, als Alle, die in Feindes Hände gefallen und noch am Leben waren, zurückkehrten, iſt uns durch Reiter ſeiner Compagnie, welche drunter ge⸗ weſen, die traurige Gewißheit gekommen, daß er von einer Kugel getroffen vom Pferde geſtürzt und im Steig⸗ bügel hängen geblieben iſt, von dem Roſſe dann im wil⸗ den Lauf davon geſchleift worden; die Reiter, von denen ich es erfahren habe, als Gefangene von den fliehenden Türken mit fortgeſchleppt, haben wohl eine Stunde vom Schlachtfelde ſeine entſeelte Leiche am Boden gefunden. Sie haben ihn fromm begraben wollen— aber die Tür⸗ ken aus Furcht, von der Verfolgung eingeholt zu werden, haben es nicht geſtattet. Doch ſoll ihm, wie ſie nachher gehört haben, von den nachſetzenden Huſaren, die den kaiſerlichen Offizier todt im Wege gefunden, ihn aber 1860. II. Im Strom der Zeit. I. 8 138 freilich nicht gekannt, die letzte Ehre erwieſen, auch ein hölzernes Kreuz geſetzt worden ſein.— Ich erzähle Ihnen das Alles, damit Sie davon dem Fräulein, ſo viel Sie für gut halten, mittheilen können; ſie wird, wenn ſie erſt die ſchrecklichſten Augenblicke überſtanden hat, alle Um⸗ ſtände genau wiſſen wollen. Und nun, Madame, laſſen Sie mich Abſchied nehmen. Ich konnte mich der ſchweren Pflicht nicht entziehen, die Nachricht vom Tode meines alten Kamaraden zu überbringen, da er mich ſtets ſeines beſondern Vertrauens gewürdigt hat, aber ich habe den Muth nicht, der armen Tochter noch einmal vor die Au⸗ gen zu treten, bis ſie ruhiger geworden ſein wird. Ihre Klugheit wird ſchon den rechten Weg finden, wie Sie ihr das Unglück, ohne ſie ganz zu Boden zu ſchmettern, mit⸗ theilen können.“ „Ach Du mein Gott, mein Gott!“ jammerte Frau Riedl.„Das ſoll ich thun! Gnädiger Herr, gehen Sie noch nicht. Sie haben gewiß noch viel zu ſagen—“ „Alles, was ich weiß und was für die Tochter von Intereſſe iſt, verſpare ich mir auf ruhigere Stimmung.“ „Aber mir, mir haben Euer Gnaden gewiß noch etwas zu vertrauen. Der gnädige Herr wird doch— ich meine, dem lieben herzigen Fräulein muß doch die Erb⸗ ſchaft nun zukommen— wie ſteht es damit?“ Königsegg fand dieſe Frage, wenn auch vielleicht 139 von der Fürſorge für das anvertraute Kind eingegeben, widerwärtig. Er fertigte ſie kurz ab.„Was Herrn von Cronberg eigen iſt, ſeine Papiere und was ſonſt, hat der Regimentsſchultheiß unter Siegel genommen und mir ausgehändigt, als ich nach Deutſchland ging,“ ſagte er. „Ich werde es Ihnen noch heut' zur Ueberlieferung an das Fräulein ſenden.— Seine noch übrigen Roſſe, ſo wie ſeine Kriegsrüſtung gehören dem Aerar, das heißt, dem Kaiſer.“ „Euer Gnaden verzeihen, es iſt pure Sorge um das liebe gnädige Fräulein!— Hat der ſelige Herr das Seinige zu Rath gehalten? Wird ſeine Tochter ihre gute Ausſtattung und ihr anſtändiges Fortkommen in der Welt haben?“ „Ich kenne die Verhältniſſe des Herrn von Cron⸗ berg durchaus nicht,“ erwiederte der Graf. „Aber was der Herr Regimentsſchultheiß Denenſel⸗ ben übergeben hat—“ verſetzte Frau Riedl beunruhigt. „Iſt verſiegelt, Madame!“ entgegnete er.„Jeden⸗ falls wird es nähere Aufſchlüſſe erhalten. Ich ſende es Ihnen noch heute zu. Die Verwandten des Fräuleins werden die Sorge für Alles, was nöthig wird, die Vor⸗ mundſchaft und auch ihren fernern Aufenthalt, nun doch übernehmen.“ „Du lieber Gott! Verwandte hat ſie nicht mehr, 9* wie mir der ſelige Herr, ſo lange er noch bei mir wohnte, zu vielen Malen geſagt hat. Es ſoll zwar noch ein Graf von Cronberg, der Allerletzte ſeines Stammes, in Fran⸗ ten und auch in Böhmen Herrſchaften haben, aber der ſelige Herr hat mit ihm keinerlei Verkehr gehabt und iſt auch, wie er glaubt, gar keine Verwandtſchaft zwiſchen ihnen geweſen.— Das arme Kind! Was wird nun aus ihr werden! Ich hab' ſie gehalten wie meinen Augapfel, ich werde auch weiters für ſie ſorgen— mein Mann iſt in Geſchäften und Erbangelegenheiten ganz zu Hauſe, der wird ſchon Rath ſchaffen. Aber Euer Gnaden, in unſer geringes Haus kommen doch nicht vornehme Herren, wenn's nicht eben in Geſchäften iſt, wie heute; ſo kann das Fräulein ja gar keine Gelegenheit finden, ſich ihrem Stande gemäß zu verheirathen.“ Sie dachte an nichts, als dieſe Dinge, von dem Unglück und der Betrübniß, welche das nun verwaiste Kind bedrohten, ſprach ſie kein Wort.„Stellen Sie das Alles Gott anheim!“ erwiederte Königsegg ernſt.„Ich bitte Sie nochmals, die Trauerkunde dem armen Mädchen ſo ſchonend als möglich zu überbringen, doch dafür bürgt ja Ihr weibliches Gefühl und Ihre Liebe. Wenn ich Ihnen in irgend einer Weiſe helfen oder Auskunft ge⸗ ben ſoll, ſo laſſen Sie es mich nur wiſſen.“ Er nahm Abſchied und entfernte ſich mit klopfendem Herzen, wie 141 ein Verbrecher, aus dem Hauſe, weil er fürchtete, Ca⸗ jetana noch einmal zu begegnen. Frau Riedl eilte nun, der großen Nachricht voll, ſogleich in die Schreibſtube ihres Mannes, den ſie wie gewöhnlich mit Rechnungen und Handelsbriefen beſchäf⸗ tigt fand. Es konnte nur ein außerordentliches Ereigniß ſein, das ſie zu ihm führte, da ſie ſonſt vor ſeiner Ge⸗ ſchäftführung doch einen gewiſſen Reſpect hatte. „Denke Dir,“ rief ſie, als ſie ſich überzeugt hatte, daß er allein ſei,„der Cronberg iſt todt.“ Er ließ vor Schreck die Feder fallen und ent⸗ färbte ſich. „Todtgeſchoſſen oder zu Tode geſchleift!“ fuhr ſie fort.„Ein Graf von Königsegg war eben bei uns, es zu melden. Was ſoll nun mit dem Mädel werden! Wir haben unſer Koſtgeld vom letzten halben Jahr zu fordern, und wer weiß, was ſie uns damit für Umſtände machen! Wenn man nur wenigſtens wüßte, was er hinterlaſſen hat! Das iſt nun Deine Sach', Anton! Der Graf wird uns heut' noch Alles ſchicken, was die Regimentsgerichte verſiegelt haben; Roß und Rüſtung, ſagt er, gehört dem Kaiſer— iſt das richtig? Du weißt's nicht! Der Mann ſitzt doch in ſeiner Schreibſtube, wie mit Brettern verna⸗ gelt. Ob Geld ſich gefunden hat, wollte der Graf nicht 142 verſtehen oder nicht ſagen. Wenn ſich nun keins gefun⸗ den hat, Anton?“ „Laß doch nur gut ſein, Sabinerl, wart's ab!“ rief er.„Das iſt ja ein ſchreckliches Unglück! Was wird ſich das arme, liebe Kind grämen! Was macht ſie? Haſt ſie allein gelaſſen?“ „Sie weiß es noch gar nicht,“ antwortete ſie. „Aber ich muß es ihr ſagen. Was kanns helfen? Sie muß ſich darein finden— wer in den Krieg geht, der ſetzt ſein Leben auf's Spiel. Das iſt nun einmal nicht anders.“ „Sag's ihr vorſichtig, Mutter!“ bat er.„Sie iſt nicht hart und roh, ſie hat ein weiches Herz und war immer ſo fröhlich. Ach, das wird nun ganz anders wer⸗ den. Nun wird ſie nicht mehr ſo herzig ſingen.“ „Wir können nicht unſer Lebelang luſtig ſein— die Sonne kann nicht alle Tage ſcheinen!“ „Wenn das der Franzl wüßte! Er ritt ſo traurig fort, es wurd' ihm ſo ſchwer, grad' als ob's ihm ahnte, daß ihr ein Unglück begegnen müßte, wenn er nicht da⸗ heim bliebe. Ich wollt', er wäre hier.“ „Red' mir nicht ſo dumm! Was ſoll er hier? Wird er ſie tröſten, daß ſie ihren Vater verloren hat? Denk' lieber drran, was nun werden ſoll. Sie muß einen Vor⸗ mund haben, der ihr Bischen verwaltet. Wenn es iſt, 143 wie ich wohl glaube— denn der Herr von Cronberg war ſicherlich ein reicher Mann!— könnteſt Du nicht Vor⸗ mund werden? Ich weiß nicht, ob es angeht, da ſie doch von altem, vornehmen Adel iſt. Sie hat aber keine Ver⸗ wandte, wenn nicht der Graf, von dem der Herr von Cronberg manchmal ſprach, ſich dazu bekennt. Dem müßte es doch wohl gemeldet werden?“ „Wir wollen uns das Alles überlegen, Mutter. Erſt aber müſſen wir doch dem armen Fräulein die Sache vor⸗ ſichtig beibringen, damit ſie es nicht von Andern erfährt und ſich ſelber zum Tode erſchrickt! Wir wollen zu ihr gehen.“ „Du bleib'! Das werd' ich ſchon allein thun! Du biſt viel zu weichmüthig— wenn ſie Dich ſieht, wie Du ſchon da ſitzeſt, ſo weiß ſie gleich, daß Du ihr einen Jammer bringſt. Ich werde gleich mit ihr reden.“ Der Alte wiederholte ſeine Bitte, daß ſie recht vor⸗ ſichtig verfahren möge, und ſie bedeutete ihn, daß ſie ſei⸗ ner Ermahnung nicht bedürfe. Cajetana ſuchte ſie unter⸗ deſſen im ganzen Hauſe; ſie hatte die Entfernung des Grafen Königsegg erfahren und begriff nicht, daß er ge⸗ gangen war, ohne ſie noch einmal zu ſprechen, da er ihr doch eigentlich gar nichts von Allem, was ſie wiſſen wollte, geſagt hatte. Bange Befürchtungen waren über ſie gekommen, ſie rief ſich ſeine kargen Antworten, ſein ganzes Betragen zurück. Da fand ſie endlich ihre Pflege⸗ 144 mutter, welche aus der im Hintergrunde gelegenen Schreibſtube ihres Mannes kam. „Was hat Graf Königsegg geſagt?“ rief ſie.„Er hat gewiß ſchlimme Nachrichten gebracht.“ „Ich werde Ihnen Alles erzählen,“ ſagte Frau Riedl,„kommen Sie nur herein— hier auf dem Gange können wir nicht ſtehen bleiben. Sie haben mich geſucht? Kommen Sie nur, kommen Sie.“ „O ſagen Sie es doch gleich, was Sie wiſſen!“ rief Cajetana beängſtigt; aber ſie wurde nicht erhört, ſondern mußte in das Zimmer folgen, wo Frau Riedl zu ihrer Beſtürzung gleich den Riegel verſchob. „Was thun Sie?“ fragte ſie beklommen. „Es iſt nur, damit uns Niemand ſtört,“ erklärte Frau Riedl.„Ich bitte Sie, Fräulein Cajetana, ängſti⸗ gen Sie ſich doch nur nicht. Wie es der liebe Gott ein⸗ mal beſtimmt hat, kommt es doch, da können wir ſchwa⸗ chen Menſchenkinder nichts dagegen thun. Wenn wir uns bei einem Unglück, das uns trifft, gleich zu Tode grä⸗ men wollen, ſo haben wir nur den Schaden davon und es wird doch nicht anders. Alſo ergeben Sie ſich nur darein.“ „Um Gotteswillen, was ſoll das heißen?“ rief Cajetana in höchſter Angſt.„Was wollen Sie damit ſa⸗ 145 gen? Hat Ihnen Graf Königsegg von meinem Vater etwas Schlimmes erzählt?“ „Ja, liebes Kind, es iſt nun einmal nicht anders. Sie ſind vernünftig, das weiß ich. Sie ſind ein Sol⸗ datenkind— das muß immer daran denken, daß es drau⸗ ßen um Tod und Leben geht!“ Cajetana erbebte, ſie war tödtlich erblaßt, ihre zit⸗ ternde Hand ſuchte nach einem Halt an dem Seſſel, neben welchen ſie ſtand— keiner weitern Frage mächtig ſtarrte ſie nur mit verdunkeltem Auge auf die Sprecherin, welche den Eindruck ihrer Worte wohl ſah, aber nicht zu mildern ſuchte, da Alles nach ihrer Meinung überſtanden werden mußte, mochte es auch noch ſo ſchlimm ſein. „Nun, ich wußte es ja, Sie ſind vernünftig, Kind,“ fuhr ſie fort.„Sterben müſſen wir Alle einmal und der Soldat am eheſten.“— Hier erſchrack ſie aber doch ſelbſt, denn Cajetana ſchwankte und ſank, ehe ſie ihr zu Hülfe kommen konnte, in ſich zuſammen, ſo daß ſie ihre Stirn hart auf die Lehne des Seſſels ſchlug. Laut aufſchreiend ſtand ihr Frau Riedl bei und wollte ſie aufheben, aber Cajetana war bewußtlos, tod⸗ tenbleich ihr liebliches Antlitz, die ſchönen Augen wie ge⸗ brochen. Zu unvorbereitet hatte der furchtbare Schlag des Schickſals ihr kindlich frohes und vertrauendes Herz getroffen. — —— —— 146 Frau Riedel rief nach Hülfe; zufällig war auch der Vater in der Nähe, den es nach der traurigen Nachricht nicht mehr bei ſeinen Rechnungen geduldet hatte; er eilte herbei, fand aber die Thüre verſchloſſen und konnte erſt nach mehrmaligem Rufen Einlaß erhalten, da ſeine Frau völlig die Faſſung verloren hatte. Ihn ſelbſt drohte ſie ebenfalls zu verlaſſen, als er beim Eintritt Cajetana am Boden liegen ſah. „Rufe nur Leute! Hole Waſſer! Sie ſtirbt mir unter den Händen!“ klagte die Frau. Leute kamen, der Schreiber, die Magd— Cajetana wurde nach ihrem kleinen Zimmer getragen, man be⸗ ſpritzte ſie mit Waſſer, der Schreiber wurde nach einem Arzt geſchickt; ehe dieſer jedoch eintraf, hatte ſich die Ohnmächtige bereits erholt, und Frau Riedl entfernte Alle, um mit ihr allein zu bleiben. Sie fühlte, trotz ihres herben Sinnes, das tiefſte Mitleid mit dem armen Kinde, das allem Troſt unzu⸗ gänglich, kein anderes Wort hatte, als daß es den Vater mit herzzerreißendem Tone rief; dabei war ihr Auge trocken und ſtarr, keine Thräne wollte es lindernd be⸗ netzen. Was auch Frau Riedl ihr ſagen mochte, jede Liebkoſung, jede Verheißung blieb fruchtlos; ſie wußte ſich keinen Rath mehr und dankte Gott, als endlich vor 147 der Thüre die Stimme ihres Mannes halblaut die An⸗ weſenheit des Arztes verkündigte. Der Arzt trat ein— Cajetana ſah ihn mit einem ſtarren Blick an; ſie ließ es geſchehen, daß er ihre Hand nahm, ihren Puls unterſuchte, und ſchloß die Augen, als er in ihren Zügen forſchte. Er war bereits unterrichtet, was vorgefallen war, und wußte, daß ſeine Kunſt hier nichts thun konnte; er rieth leiſe, die Arme in Ruhe zu laſſen und nicht durch Bemühungen zu quälen, welche doch vergeblich ſein müßten— die Zeit müſſe das Beſte thun, ſobald ſie nur erſt weinen könne. Symptome einer Krankheit habe er nicht bemerkt, bei der Jugend des Mädchens ſei auch nicht zu befürchten, daß ſie in eine ſolche fallen werde. Vielleicht könne ihr geiſtlicher Zu⸗ ſpruch von Nutzen ſein, dazu müſſe er am erſten rathen. Frau Riedl fand ſich nun wieder geſtärkt; ſie ſchickte nach dem Beichtvater, und bis er kam, blieb ſie allein bei Cajetana, jedoch ohne ſie weiter mit ihrem Troſte, der doch nicht verfing, zu beläſtigen. Sie ſetzte ſich ſo, daß ſie das bleiche Geſicht mit den gramvoll geſpannten Zü⸗ gen nicht ſehen konnte, ſie hätte auch den Kampf der ge⸗ quälten Bruſt, der nur zu vernehmbar an ihr Ohr ſchlug, nicht hören mögen— denn wozu half das! Indeſſen mußte doch, wie ſie ſich ſelbſt wiederholte, Alles über⸗ ſtanden werden. Der geiſtliche Herr ließ nicht lange auſ — 148 ſich warten, und als er eintrat, überließ ihm Frau Riedl erleichterten Herzens die Sorge und ging, ſich mit ihrem Gatten über die nächſten Schritte für Cajetana zu be⸗ rathen. Zu thun war freilich nicht eher etwas, als bis ſich die Verhältniſſe überſchauen ließen, was doch wohl durch die Papiere des Herrn von Cronberg zu hoffen ſtand. Indeſſen hatte Frau Riedl als eine praktiſche Frau be⸗ reits einige Möglichkeiten in's Auge gefaßt; es war ein Mittel geweſen, ſie am Bette Cajetana's von dem Lau⸗ ſchen auf jeden Seufzer, das ſie ſelbſt krank zu machen drohte, zu zerſtreuen. „Setze den Fall, Anton,“ ſagte ſie zu ihrem Gat⸗ ten, als ſie bei ihm wieder frei Athem holen konnte,„der Verſtorbene habe ein bedeutendes Vermögen hinterlaſſen, ſo iſt es Deine Sache, Dir die Verwaltung dieſes Ver⸗ mögens, die immer viel abwirft, nicht entgehen zu laſſen— mag ihr auch von den Standesgerichten ein noch ſo vor⸗ nehmer Vormund geſetzt werden. Ich denke, ſie werden uns auch das Fräulein nicht wegnehmen, da ſie der Vater uns doch einmal anvertraut hat und Cajetana ſich wohl befindet; man wird ſie doch wenigſtens fragen, und ich denke nicht, daß ſie ſich von uns hinweg ſehnt. Was meinſt Du?“ „Es wird doch wohl ein Teſtament vorhanden ſein,“ äußerte der Gatte. 149 „Das ſag' ich ja! Wenn Du nichts weiter vorzu⸗ bringen weißt, als meine Worte zu wiederholen, ſo thuſt Du klüger, zu ſchweigen.“ Er ſah ſie fragend an, denn er konnte ſich durchaus nicht erinnern, daß ſie ſchon von ei⸗ nem Teſtamente geſprochen habe.„Freilich macht ein ge⸗ wiſſenhafter Hausvater ſein Teſtament, und der Herr von Cronberg, dem alle Tage im Kriege ſein Stündlein ſchla⸗ gen konnte, hat gewiß auch ein Teſtament hinterlaſſen. Nun, das werden wir ja heut' leſen, wenn uns der Herr Graf die Papiere ſchickt.“ „Leſen?“ fragte Herr Riedl erſtaunt.„Heute leſen?“ „Ja, leſen! Was verwundert ſich der Mann, als ob ich böhmiſch geſprochen hätte?“ „Aber das Fräulein wird doch wohl heute nicht im Stande ſein—2“ „Eben darum und weil ſie noch ein Kind iſt, das ſich nicht zu rathen weiß, müſſen wir für ſie ſorgen.“ „Das Teſtament aber wird gar nicht dabei, wird bei den Gerichten deponirt ſein!“ „Das wäre ſehr gewiſſenlos von dem Herrn von Cronberg, das kann ich ihm nicht zutrauen, ſein Kind ſo lange in Ungewißheit zu halten, wie es eigentlich ſteht.— Und der Herr Graf wäre auch kein Freund, wenn er es nicht den Gerichten abgefordert und mitgebracht hätte! 150 Iſt es aber nicht dabei, ſo wird doch wenigſtens in den andern Papieren zu leſen ſein, wie es ausſieht. Denn wir müſſen auch den Fall ſetzen, daß er nichts hinterlaſſen hat— denke Dir den Fall einmal, Anton.“ „Ach, trautes Sabinerl, wollen's doch abwarten,“ bat er.„Was ängſtigſt Du Dich?“ „Abwarten! Daß uns dann die Sache über den Hals kommt und wir in der Verlegenheit nicht aus, noch ein wiſſen, dumme Streiche machen! Ich kenne Dich ſchon. Beſſer iſt es immer, wir bedenken es uns vor⸗ her. Nun ſage mir, was ſoll mit ihr geſchehen, wenn der Vater kein Vermögen hinterlaſſen hat?“ Auf dieſe gefährliche Frage zögerte der Gatte, Ant⸗ wort zu geben, wie ſein gutes Herz ſie bereit hatte. Er wurde deſſen überhoben durch den Eintritt des Geiſtlichen, welcher von Cajetana kam und berichtete, daß ſie nach Frau Riedl verlange, nachdem ſie dem Troſte der Re⸗ ligion demüthig ihr Herz erſchloſſen habe. Hiebentes Capitel. Cajetana. Graf Königsegg hatte die Papiere, welche ihm als dem zuverläſſigſten Ueberbringer bei ſeiner Rückreiſe in die Heimath von dem Regimentsgericht anvertraut wor⸗ den waren, nicht bei ſich gehabt, als er den ſchweren Gang unternahm, Cronberg's Tochter von ihrem Un⸗ glücke zu benachrichtigen. Es war ein ziemlich ſtarkes Packet, das er, in ſeine Wohnung zurückgekehrt, ſeinem Diener zur Beſtellung übergab, mit dem ausdrücklichen Befehl, daſſelbe nur Herrn Riedl zu eignen Händen zu überliefern, den er überdies in einem kurzen Billet um ei⸗ nen Empfangſchein bat. Zweifel, ob er auch Recht ge⸗ than, das ihm anvertraute Pfand einem Dritten auszu⸗ händigen, und es nicht lieber aufzubewahren, bis die Tochter im Stande ſein würde, daſſelbe von ihm in Empfang zu nehmen, bewegten ſeine Seele; er war noch nicht darüber beruhigt, als er einen Beſuch erhielt, der ihn freute.„Nur gleich herein!“ ſagte er dem Diener, der ihn anmeldete. „Grüß' Gott, Max!“ rief er dem Eintretenden entgegen. 152 „Willkommen in Wien, Graf Karl!“ erwiederte vieſer herzlich, indem er die dargebotene Hand drückte. „Ich war eben von einer Streife zurückgekehrt, als ich erfuhr, daß Sie angekommen ſeien.“ „Eine Streife mitten im Frieden?“ fragte Königs⸗ egg lachend. „Ja, auf Friedensſtörer,“ erwiederte Max.„Es war von dem Hofjagdamt eine Bande von Schnapphäh⸗ nen und Wilddieben gemeldet worden, die mit unglaubli⸗ cher Frechheit ihr Weſen in der Nähe der Hauptſtadt, ja im kaiſerlichen Thiergarten treiben ſolle, und der Obriſt⸗ jägermeiſter erbat ſich vom Stadtcommandanten ein Piket Dragoner, das zur Unterſtützung der Jagdbedienten in der Nachbarſchaft auf die Dörfer eingelegt werden ſollte. Das habe ich commandirt.“ „Und ein Paar eingefangen hoffentlich? Oder gar ein Gefecht beſtanden, Blut vergoſſen, wie bei Szlanka⸗ ment?“ „Nichts von Allem. So weit auch meine Drago⸗ ner umhergeſtreift ſind durch Feld und Wald am Ge⸗ birge, haben ſie nichts Verdächtiges angetroffen oder höchſtens ein Paar arme Schelme von Weinbauern auf⸗ gegriffen, die man gleich wieder laufen ließ. Jetzt iſt nun Alles ſtill geworden und ich habe Befehl erhalten, wie⸗ der einzurücken. Der Hauptmann der Bande ſoll er⸗ 153 ſchoſſen ſein, wie ich höre, worauf der Reſt abgezo⸗ gen iſt.“ Königsegg hieß den jungen Offizier ſich zu ihm niederſitzen und ſchenkte Wein ein, welchen der Diener aufgetragen hatte. Er ſagte ihm, daß für ſeine Wünſche Alles geſchehen ſei, indem Graf Trautſon bereits den rö⸗ miſchen König für ihn intereſſirt habe und ſomit einer Verſetzung mit Vortheil zu dem Dragoner⸗Regimente des Prinzen von Savoyen wohl nichts im Wege ſtehen werde. Riedau dankte dem Grafen mit ſoldatiſcher Grad⸗ heit, die ſich nichts vergibt.„Es iſt nur für uns, die wir auf Sattel und Degen angewieſen ſind, ſchlechte Zeit jetzt,“ äußerte er,„da nun wohl auf den langen Krieg ein ewiger Friede folgen wird. Darum wünſche ich eben, zu Savohen⸗Dragoner verſetzt zu werden, weil dies Re⸗ giment, dem Sieger von Zenta gehörig, doch gewiß vor einer Reduction ſicher iſt?“ „Sie können ganz außer Sorge ſein, lieber Rie⸗ dau,“ entgegnete Königsegg.„Weder eine Reduction des Regiments Savoyen⸗Dragoner iſt zu befürchten, noch ein ewiger Friede.“ Riedau blickte geſpannt auf.„Auch Dero Frau Mutter ſagt das.“ „Wenn die Gräfin Francesca das ſagt, ſo können 1860. II. Im Strom ber Zeit. I. 10 — 3 154 Sie ſich darauf verlaſſen!“ erwiederte Königsegg.„Meine Mutter hat einen ſeltenen Scharfblick für kommende Be⸗ gebenheiten.— Für Sie habe ich noch eine Neuigkeit, welche Ihnen vielleicht weniger ſchmerzlich ſein wird, als einem armen Mädchen, dem ich ſie heute bringen ſollte: Cronberg iſt todt.“ „Cronberg?“ rief Marx überraſcht, und ſein Ton ließ zweifelhaft, welchen Eindruck dieſe Nachricht auf ihn machte. Königsegg erzählte, auf welche Weiſe die Gewiß⸗ heit ſeines Todes erſt ſo ſpät zum Regiment gelangt war, und fügte hinzu, daß ihm die traurige Pflicht auf⸗ erlegt worden ſei, dieſe Nachricht ſeiner Tochter zu bringen. „Hat er eine Tochter?“ fragte Riedau.„Sieht ſie ihm ähnlich?“ „Nein,“ antwortete Königsegg.„Sie iſt ein ſchönes Mädchen.“ Er berichtete, wo er ſie aufgeſucht und gefun⸗ den habe, und daß es ihm nicht möglich geweſen ſei, ihr die Botſchaft ihres Unglückes ſelbſt zu ſagen. Riedau's Züge verriethen jetzt einigen Antheil.„Sie iſt bei Bürgersleuten?“ fragte er verwundert. „Herr Riedl ſoll ein angeſehener Kaufmann ſein,“ erwiederte der Graf.„Cronberg hat mir einmal, als wir auf einem Zuge lange Zeit neben einander ritten, davon erzählt, wie er die Tochter bei ſeinen Wirthsleuten ge⸗ 155 laſſen habe, wo ſie gut aufgehoben ſei; er habe keine Verwandten Fhr als einen alten Namensvetter von dem iheſit Zweige, der nun der letzte Graf Cronberg ſei, wie er der letzte von er jüngern Linie. Der Graf wolle aber nichts von der Verwandſchaft wiſſen.“ „Der Tochter wird er ſich ſchon annehmen,“ ſagte Max. „Man ſollte es denken,“ erwiederte der Graf.„Sie ſcheint zwar, wie ze Vater auch meinte, wirklich gut aufgehoben, denn die Frau Riedl ſprach von ihr mit großer Zärtlichkeit und aller Siebciſicht⸗ nur forſchte ſie mir etwas zu eifrig nach dem Vermögen, das Cron⸗ berg hinterlaſſen habe— „Hat er Etwas fragte Riedau, wie⸗ der die Stirn runzelnd.„Ich dachte immer, wie gewon⸗ nen, ſo zerronnen.“ „Ich weiß darüber nichts. Seine Habe, ſo weit ſie nicht nach dem alten Kriegsgeſetz dem Aerar verfiel, und ſeine Papiere hatte das Regimentsgericht, ſobald er aus der Schlacht nicht zurückgekommen war, verſiegelt und jetzt mir bei meiner Heimreiſe zur Aushändigung an die Tochter übergeben, was zwar, wie mir geſagt wurde, nicht ganz in der geſetzlichen Form ſein ſoll, aber der Kürze wegen, da man es draußen im Felde nicht ſo ge⸗ nau nimmt, geſchah. Ich habe Alles ſo eben hingeſendet.“ 10* 156 Damit endigte dies Geſpräch. Riedan lenkte wieder auf die allgemeinen Angelegenheiten an, von deren Ent⸗ wickelung er das Heil ſeiner Zukunft, eine ruhmvolle Kriegerlaufbahn, hoffte. Nur beim Abſchiede, als grade der Diener, welchen Graf Königsegg im Wagen nach dem Riedl'ſchen Hauſe geſandt hatte, zurückkam und einen in aller Form unterſchriebenen und unterſiegelten Empfang⸗ ſchein in die Hand ſeines Herrn legte, äußerte Riedau, noch einmal auf das abgebrochene Geſpräch kommend: „Seine Tochter muß nun auch bei Fremden ſein, wie meine Schweſter Anna. Ich wünſche, daß es ihr eben ſo gut gehen möge.“ Der Graf dankte für dies ſeiner Stiefmutter ge⸗ ſpendete Lob, war aber etwas zweifelhaft, ob ſie es in Bezug auf Fräulein von Riedau in ſo vollem Maße verdiene.— Es hatte in der kleinen Sanct⸗Annengaſſe nicht ge⸗ ringes Aufſehen gemacht, als ein Wagen mit adeligem Wappen bei dem Hauſe des Herrn Riedl vorfuhr und ein Diener in Livree ein großes umſchnürtes und verſiegeltes Stück Gepäck hineintrug. Der Hausherr, welcher ent⸗ gegen kam, ließ daſſelbe in der untern Stube abſetzen, wo ſeine Frau mit neugierigen Blicken die Entfernung des Dieners kaum erwarten konnte; dieſer überreichte Herrn Riedl noch ein dickes, ebenfalls ſtark verſiegeltes M S—*— 157 Päckchen, das er aus der Taſche zog— das waren die Pa⸗ piere. Herr Riedl ſteckte ſie ein, hieß den Diener, den er mit ruhiger Würde behandelte, einen Augenblick warten, und begab ſich in ſeine Schreibſtube, um den Empfang⸗ ſchein für den Grafen auszuſtellen. Seine Frau benutzte den Moment, um den Diener auszufragen; dieſer war jedoch nicht mit ſeinem Herrn zu Felde geweſen und konnte daher auf keine ihrer Fragen Auskunft geben. Als endlich ihr Gatte zurückgekehrt war und der Bote des Grafen Königsegg ſich draußen wieder in den Wa⸗ gen, der auf ihn wartete, geſetzt hatte, rief ſie, ganz roth vor Aufregung:„Nun werden wir ja ſehen. Wo haſt Du die Papiere?“ „Ich habe ſie einſtweilen verſchloſſen. Das arme Kind wird noch nicht fähig ſein—“ „Wir aber, wir!“ unterbrach ſie ihn ungeduldig. „Darauf wollen wir doch nicht warten. Uns geht es mehr an, als ſie. Wir ſind ihre Pfleger, ihre natürlichen Vor⸗ münder— ſie wird uns danken, daß wir ihr die Qual er⸗ ſparen. Am Ende findet ſich Mauches darin, was für ſie gar nicht taugt— wer kann das bei einem Soldaten wiſſen? Steh' nicht da, wie ein Oelgötz, ſondern geh' und hole es.“ „Aber, Binerl!“ rief er und konnte ſich von ſeinem Erſtaunen gar nicht erholen.„Du willſt doch nicht das 158 Siegel erbrechen, fremde Papiere leſen, die Geheimniſſe eines Verſtorbenen—“ „Freilich will ich das, und ich habe das Recht da⸗ zu! Vor dem Mädchen werde ich es ſchon verantworten, vor Dir brauch' ich es nicht. Alſo geh' ohne weitere Um⸗ ſtände und mach' mich nicht böſe.“ „Nein, Bienerl,“ ſagte er ſanft.„Das kann Dein Ernſt nicht ſein.“ „Ich ſag' Dir, ja! Willſt Du etwa gar Deinen eignen Kopf haben? Gleich geh'!“ „Nein, Binerl!“ wiederholte er ſanft, aber feſt. „Das thu' ich nicht und kann ich nicht. Es wäre gegen mein Gewiſſen.“ Sie ſtand wie verſteinert und maß ihn nur von Kopf zu Füßen mit einem Blicke, vor dem er ſich hätte fürchten können. Er aber fühlte in dieſem Momente vor ſich ſelbſt eine wahrhaft feierliche Hochachtung, daß er einen Muth gefunden, den er ſich noch vor einer Stunde niemals zugetraut hätte, und dies Gefühl ſtärkte ihn auch, den Sturm zu überſtehen, der nicht lange mehr ſäumte. Es iſt eine alte Wahrheit, nur der erſte Schritt koſtet etwas. Der erſte Schritt war gethan. Er hatte ſich ge⸗ weigert, den entſchieden ausgeſprochenen Willen ſeiner Frau zu thun, und ſetzte dem Ausbruch ihres Zornes nun einen heroiſch duldenden Widerſtand entgegen. Sie brach endlich in Thränen aus; er weinte mit ihr, aber ſie konnte ihn auch durch dieſe noch härtere Prüfung nicht bewegen, ihr die Papiere auszuliefern, ſelbſt nicht, als ſie —— ihm verſprach, die Siegel unverſehrt zu laſſen und ſie 1 ihren Willen durchzuſetzen, überfiel ſie plötzlich eine un⸗ 3 ſchnell, mitten in einer gerührten Stimmung, und ging, die Hand geſtützt, mit bleichen Wangen und reich von — — heit, in ihrem Zimmer. Alle ihre Kraft ſchien gebrochen, 1 der Blitz aus heiterm Himmel hatte ſie zu zermalmend t mit ſchmerzlichem Ausdrucke auf die Frau richteten, wel⸗ 159 nur Cajetana zu überbringen, welche ſie für vollkommen 1 ſtark genug hielt, alle weitern Nothwendigkeiten zu tragen. Als Frau Riedl endlich ſah, daß ſie keine Hoffnung hatte, beſtimmte Furcht, es könne um ihr Regiment im Hauſe gethan ſein, wenn ihr Mann Geſchmack daran finde, den 3 Standhaften gegen ſie zu ſpielen; ſie verließ ihn daher 1 ohne ihm ein Wort von ihrer Abſicht zu ſagen, zu ihrem 1 Pflegekinde hinauf. Cajetana ſaß, ein Bild der tiefſten Niedergeſchlagen⸗ getroffen. Sie ſaß in gebeugter Haltung, das Haupt in Thränen benetzten Augen, die ſich nur einen Moment che zu ihr eintrat, dann aber wieder troſtlos zu Boden ſanken. „Grämen Sie ſich nicht ſo ſehr, Fräulein,“ ſagte Frau Riedl, auf welche dieſer Anblick einen ruheſtörendeis — 160 Eindruck machte.„Das kann ja zu gar nichts helfen und macht ſie ſelber nur krank.“ Cajetana hatte keine Antwort, ſie fing bitter an zu weinen. „Ja, wenn Sie gar nicht auf mich hören wollen, ſo bin ich überflüſſig. Ich wollte Ihnen weitere Nachrich⸗ ten bringen—“ „O ſagen Sie nur! Was wiſſen Sie noch?“ bat Cajetana, von dieſer Ausſicht ergriffen, mit erſtickter Stimme. Frau Riedl hatte ihr ſchon erzählt, was ſie von dem Grafen Königsegg über die nähern Umſtände des Todesfalles erfahren hatte; ſie ſchien aber noch mehr zu wiſſen, und die Thränen der Tochter ſtockten bei dieſer Ausſicht. „Hier ſind die Sachen Ihres Herrn Vaters ange⸗ kommen— ſeine Papiere, vielleicht Briefe an Sie!“ „Wo ſind ſie?“ rief Cajetana und ſtreckte die Hand aus. „Mein Mann hat Alles in Verwahrung genom⸗ men; er glaubt, Sie würden noch nicht im Stande ſein, Alles das zu ſehen und Briefe von der Hand des Seligen zu leſen—“ „O ich bin ſtark genug für Alles!“ rief Caje⸗ tana mit bebender Stimme.„Was kann mir noch ge⸗ ſchehen?“ 161 „Das glaubt mir aber mein Mann nicht,“ ent⸗ gegnete Frau Riedl.„Ich wollte Ihnen die Briefe wenig⸗ ſtens bringen— aber er meint, Sie würden das noch nicht ertragen können, und hat ſie eingeſchloſſen.“ „Geht zu ihm, liebe gute Mutter,“ bat Cajetana flehentlich,„ſagt ihm, ich ſei ſtark, ich müßte meines Vaters letzte Worte haben!“ Sie ſaßte die Hand der al⸗ ten Frau und zitterte ſo heftig, daß dieſer vor einem Rück⸗ fall der Ohnmacht bange wurde.„Ich bitte Euch, geht!“ wiederholte ſie nochmals. „Kommen Sie mit herunter, Fräulein— ſchütteln Sie nicht den Kopf! Sie haben meinen Mann noch nicht geſehen, ſeit es geſchehen iſt, und er hat ſo ſehr Ihret⸗ wegen geweint. Einmal muß es doch ſein; kommen Sie, ſagen Sie es ihm ſelbſt, daß Sie die Briefe haben wollen; er gibt ſie Ihnen gleich, und dann wollen wir Alles ruhig berathen.“ „Ich kann nicht!“ erwiederte Cajetana, von Neuem in Schmerz ausbrechend.„Ich kann keine fremden Men⸗ ſchen ſehen— die Leute im Hauſe— Vater Riedl— Niemand!“ Eine Weile ließ ſie Frau Riedl gewähren, dann ſagte ſie:„Wenn Sie denn durchaus nicht wollen, ſo ſoll Ihnen mein Mann die Briefe heraufbringen. Anders geht das nicht. Er iſt ein gewiſſenhafter Mann. Die Sachen i 162 ſind ihm vom Herrn Grafen zugeſchickt worden, damit er ſie Ihnen ſelbſt übergeben ſoll, und er hat darüber quittirt. Ich werde es ihm alſo ſagen. Aber faſſen Sie ſich nun auch ein Bischen; wenn er Sie ſo findet, ſo machen Sie ihm ein zu großes Herzeleid— Sie wiſſen ja, wie gut er es mit Ihnen meint.“ Cajetana konnte darauf nichts erwiedern, und Frau Riedl, ihre Einwilligung vorausſetzend, eilte nun zu ihrem Gatten, um ihn zu benachrichtigen, daß das Fräu⸗ lein nach Allem gefragt habe, und als ſie gehört, daß die Papiere ihres Vaters bereits im Hauſe ſeien, dringend nach ihnen verlange; ſie laſſe ihn bitten, ihr dieſelben zu bringen. Sie wolle ihn ſprechen. Der Alte fürchtete ſich vor dieſem Wiederſehen, konnte ſich ihm aber nicht mehr entziehen, und bat nun ſeine Frau zu deren großem Triumphe, ihn nicht allein gehen zu laſſen, wie ſie ſich den Schein gegeben hatte, ſondern ihn hinauf zu begleiten. Er war jetzt nahe daran, ſie zu bitten, daß ſie nur ſelbſt die Papiere überbringen und ihn zurücklaſſen möge. Sie ſah ihm das vielleicht an, als er dieſelben aus ihrem Verſchluß geholt hatte und zö⸗ gernd in der Hand hielt. „Siehſt Du— wenn ihr klüger ſein wollt, als eure Frauen!“ ſagte ſie.„Du hätteſt Dir einen ſauren Gang und dem armen Fräulein viel Thränen erſparen können, 163 wenn Du mir gleich Alles gegeben hätteſt. Es war ja na⸗ türlich, daß ſie gleich danach verlangen würde. Nun mag ich's gar nicht mehr thun, da mein eigener Mann denkt, ich könne aus Neugier fremder Leute Siegel erbrechen und ihre Geheimniſſe ſtehlen.“ Er bat ſie kleinlaut, nicht böſe zu ſein, und ging dann bangen Herzens mit ihr hinauf in Cajetana's Zimmer, wo ſeiner ein herzerſchütternder Augenblick harrte. Nie hätte er geglaubt, daß ſich ein junges, fröhliches Mädchen, deſſen Gegenwart ihm immer eine wahre Erquickung ge⸗ weſen war, in wenigen Stunden ſo verwandeln könne. Sie empfing ihn zwar, wie Frau Riedl bemerkte, in einer Faſſung, die ſie nicht von ihr erwartet hatte, aber ſchon bei dem erſten Worte, das er ſprach, ging dieſe Faſſung wieder verloren und mit einer leidenſchaftlichen Haſt be⸗ mächtigte ſie ſich der Papiere, welche er ihr nun, faſt eben ſo faſſungslos als ſie, reichte. Sie ſetzte ſich damit auf ihr Bett, ſie ſtarrte mit verwildertem Blick auf die breite Aufſchriſt von der Hand des Auditors, welche den Namen ihres Vaters angab, und ſuchte dann mit zitternder Hand eins der Siegel zu erbrechen. „Ich werde Ihnen helfen, liebes Fräulein,“ ſagte Frau Riedl.—„Laß uns nur allein, Vater. Nicht wahr, Fräulein, er kann uns nichts mehr dabei thun? Geh' nur, Vater. Du ſiehſt ja, es iſt beſſer.“ — 164 „Ich danke Euch ſehr—“ ſagte Cajetana mit in⸗ nigem, leiſem Tone und reichte ihm die Hand. Er ent⸗ fernte ſich, tief bewegt. Wie ſehr hätte ſie gewünſcht, daß auch ihre Pflegemutter ihn begleitet und ſie ganz allein gelaſſen hätte, aber ſie hatte den Muth nicht, es auszu⸗ ſprechen. Frau Riedl konnte den auffordernden Blick ihres Mannes nicht überſehen haben, dennoch wich ſie nicht von der Stelle. Sie hatte ja ein Recht darauf, zu erfahren, wie Alles ſtehe. Da konnte Cajetana dem heißen Verlangen nicht mehr widerſtehen; ſie hatte zuerſt gezögert, theils in der unbewußten Scheu, die uns ahnungsvoll vor dem Schleier des Verhängniſſes die Hand, welche ihn lüften will, feſſelt, theils in der Hoffnung, daß man ihr gönnen werde, ohne Zeugen dies letzte, theure Vermächtniß zu eröffnen. Nun aber erbrach ſie die Siegel ſchnell und löste die Hülle. Viele Papiere, verſchieden zuſammengebrochen, ei⸗ nige alt und vergelbt, die meiſten neu von Anſchen, fielen auf ihren Schooß. Die Augen der Frau Riedl ſprangen förmlich in ihren Höhlen vor Erwartung, ihre Hände zuckten unwillkürlich vor Luſt, mit zuzugreifen. Aber Ca⸗ jetana hatte auf dem erſten Blatt ſchon die Handſchrift ihres Vaters erkannt, und das gab ihr Kraft, ſich vor dem fremden Blicke, der ihr in dieſem Moment unerträglich fiel, zu ſchützen. Ihr war es wie eine Entweihung, daß 165 ſich eine Dritte zwiſchen ſie und die letzten Worte ihres Vaters drängen wollte. Ueberdem hatte ſie, durch ihre Pflegemutter im höchſten Grade verwöhnt, im Hauſe bis⸗ her nur einen leiſen Wunſch zu äußern gebraucht, ſo war er mit Eifer erfüllt worden. ZJetzt wollte ſie Frau Riedl aber durchaus nicht verſtehen, als ſie einen ſolchen an⸗ deutete, bis ſie mit innigem Tone zwar, aber doch nicht mehr abzulehnen, bat, dieſe Schriften ganz einſam leſen zu dürfen. „Einſam!“ wiederholte Frau Riedl verletzt, indem ſie aufſtand.„Es iſt Ihnen nicht gut, daß Sie einſam ſind— und unter den Schriften werden Sie Manches fin⸗ den, was ich, die mehr Erfahrung in der Welt hat, Ihnen erklären könnte. Indeſſen aufdrängen will ich mich dem Fräulein nicht— des Menſchen Wille iſt ſein Himmel⸗ reich.“ „Liebe, gute Frau Riedl., ſeid mir nicht böſe—“ „Böſe bin ich keinem Menſchen! Sie werden mich ſchon ſelbſt wieder rufen. Ich wünſche, daß Sie recht viel Gutes finden mögen.“ So verließ ſie das Zimmer, von der brennenden, unbefriedigten Neugier gequält, in welche ſich hier noch ein anderes Gefühl miſchte: die Ungewiß⸗ heit über Cajetana's Lage, von der ſoviel auch für ſie, die Pflegerin, abhing. Cajetana entfaltete zittternd das erſte Blatt, das ſie —— ————— 166 noch in der Hand hielt; ſie hatte nur ihres Vaters ſtarke Schriftzüge erkannt, noch kein Wort geleſen. Es war aber nichts in dem Blatte enthalten, was ſie befriedigt hätte— was hier geſchrieben ſtand, ging ſie gar nichts an, und Frau Riedl mochte wohl Recht haben, daß ſie Mauches finden werde, aus dem ſie ohne Erklärung nichts heraus⸗ leſen könne. Was ſollte ſie unter dieſen„Obſervations⸗ Punkten vor die kaiſerlichen Völcker zu Roß“ verſtehen? Es war von Dingen aus dem Kriege darin die Rede Sie legte das Blatt weg und nahm ein zweites, das war aber von einer fremden Hand geſchrieben und enthielt nur Ziffern. Mehrere andere waren zwar von ihrem Vater, aber ähnlichen Inhalts, wie das erſte, auch eine lange Liſte von lauter Namen— es war die Muſterrolle ſeiner Reiter⸗Compagnie— und Cajetana zitterte ſchon, daß ſie gar nichts finden werde, was von dem Gedächtniß ihres Vaters für ſein Kind ſpreche. Da fiel ihr unter den äl⸗ tern, ſchon gelb gewordenen Blättern ein ſeltſames Papier ein die Hand, auf dem ſie las:„Du haſt mich um das Meinige gebracht— falle ich, ſo müſſen meine Kinder betteln gehen; ſorge wenigſtens für ſie, wenn Du kannſt, damit es Dir nicht an Deinem eigenen Kinde vergolten werde. Das iſt mein Teſtament.“ Die Unterſchrift war ſo unleſerlich verzogen, daß ſie durchaus nicht zu entziffern war. Cajetana fühlte ſich in ihrer Stimmung durch dieſe 167 räthſelhaften Worte von unbekannter Hand noch mehr er⸗ ſchüttert. An wen konnten ſie gerichtet ſein? An ihren Vater?! Unmöglich! Wie fand ſich das Blatt aber un⸗ ter ſeinen Papieren? Von wem war es geſchrieben? Sie legte es nicht wieder zu den andern, welche ſie ſchon durch⸗ forſcht hatte, ſondern ſteckte es in ihr Buſentuch, als wolle 17 ſie es theuer aufbewahren, wie ein gefährliches Docu⸗ menr. In wachſender Betrübniß ſuchte ſie weiter; oft mußte ſie inne halten, weil die ſtets reicher emporquellen⸗ den Thränen ihren Blick verdunkelten, daß ſie nicht leſen konnte; ſie fühlte ſich ſo verlaſſen und unglücklich, daß ſie zu ſterben wünſchte! Ihr Haupt neigte ſich, ſie ſank zu⸗ rück und ruhte eine lange Weile in dumpfer Hingebung an ihren Gram, bis ſie wieder Kraft gewann, ihre For⸗ ſchungen fortzuſetzen. Ein Wort, einen Gedanken an ſein fernes Kind in der Heimath mußte ſie doch finden! Es konnte ja nicht ſein, daß der Vater im wilden Kriege ſie ganz vergeſſen habe. Da fand ſie einen Brief von ihrer eigenen Hand. Sie hatte ihn vor ſechs Jahren geſchrie⸗ ben, da ſie noch ein Kind war; ein Freund ihres Vaters— ſie wußte nur ſeinen Namen nicht mehr oder hatte ihn auch gar nicht gehört— hatte ſie damals aufgeſucht und ſie aufgefordert, ihm einen Brief an den Vater mitzugeben, da er von Ungarn nur auf eine kurze Zeit herein beur⸗ laubt ſei und wieder zurückkehre; ſie erinnerte ſich deſſen ————— 168 noch ſehr genau, auch daß ſie den Brief, ſo gut es ſie da⸗ mals gekonnt, mit beſonderer Sorgfalt geſchrieben habe. Den fand ſie nun hier wieder, er war alſo ſicher an ihren Vater gelangt, und ſie weinte bitter über die eigenen kin⸗ diſchen Worte, die ihm ſo viel über ihre kleinen Erleb⸗ niſſe erzählten und ihn wohl zehnmal baten, nur recht, recht bald wieder zu kommen. Der Vater hatte den Brief ſo gut aufgehoben, und doch ſeiner Tochter kein anderes Zeugniß ſeines Gedenkens hinterlaſſen! Sie ſuchte ver⸗ gebens, ſie fand unter viel fremden Schriften, die ſie kaum eines Blickes würdigte, noch Manches von ſeiner eigenen Hand, aber es waren nur Blätter voll unverſtändlichen oder für ſie völlig gleichgültigen Inhalts, weil ſie nichts als Angelegenheiten ſeines Kriegsdienſtes betrafen. Drei⸗ mal fing ſie ihre Nochforſchungen wieder von vorn an, und als ſie ſich endlich der Gewißheit, daß ſie vergeblich geweſen, nicht mehr verſchließen konnte, war ihre Kraft, welche in dieſer Spannung nur überreizt, nicht geſtählt worden war, dahin. Frau Riedl, welche bald wieder nach ihr zu ſehen kam, fand ſie gebeugter, hülfloſer als zuvor. Sie hörte von ihr, daß ſie in all' dieſen Papieren, welche nach der letzten Durchſicht zerſtreut um ſie her lagen, kein einziges, das an ſie gerichtet ſei, gefunden habe, und auf die Frage, ob andere wichtige Auſſchlüſſe, welche doch zu erwarten 169 geſtanden, darin enthalten wären, zuckte Cajetana nur mit der Hand nach der Bruſt, wo ſie das räthſelhafte Blatt des Vorwufs verborgen hielt, und machte eine abwehrende, verneinende Bewegung. „Der Herr Vater muß doch gar nicht daran gedacht haben, daß ihm etwas Menſchliches begegnen könne,“ äußerte Frau Riedl.„Sonſt würde ſich doch eine An⸗ ordnung für ſein zeitliches Gut gefunden haben— ja, Du lieber Gott, Fräulein, das iſt nicht ſo abzuweiſen, das iſt gar wichtig in der Welt, davon hängt zu viel ab, Glück und Elend! Ich denke aber, es wird ſich noch ein Teſta⸗ ment vorfinden. Die Gerichte können ein ſo wichtiges Ding nicht aus den Händen geben, ich habe es mir gleich gedacht. Wir müſſen noch einmal mit dem Herrn Grafen von Königsegg davon ſprechen; mein Mann ſoll zu ihm gehen, in Geſchäften verſteht er ſeine Sache, Sie können ſich ganz auf ihn verlaſſen.“ Bei dem Worte Teſtament hatte Cajetana wiederum an das verhängnißvolle Blatt denken müſſen, das ſie verborgen auf dem Herzen trug: es war ja auch das Teſtament des unbekannten Schreibers genannt worden. „Hier ſehe ich doch viele Zahlen ſtehen!“ fuhr Frau Riedl fort, deren ſcharfen Augen mehrere mit Ziffern und Rechnungen beſchriebene Papiere nicht entgangen wa⸗ ren.„Habe ich es Ihnen nicht gleich geſagt, daß Hie ſich 11 1860. II. Im Strom der Zeit. I. —— 170 unter all' dem verwickelten Geſchreibe nicht würden zu⸗ recht finden können? Dazu gehören Augen, die mit Ge⸗ ſchäften Beſcheid wiſſen. Sie ſollten meinem Manne Alles übergeben, daß er genau nachſieht, was ſich vorgefunden hat.“ Cajetana bat ſie erſchöpft, die Papiere mitzunehmen, wenn ſie es für gut hielte. „Blos für gut? Nöthig iſt es, daß wir auf's Reine kommen!“ ſagte Frau Riedl, indem ſie zufrieden ſämmtliche Schriften in Beſchlag nahm.„In den Tag hinein leben darf man nicht, man muß wiſſen, was man vor ſich hat. Ich trage Alles meinem Manne hinunter und komme bald wieder zu Ihnen. Eſſen Sie unter der Zeit, ich habe Ihnen wieder etwas hergeſetzt. Sie ver⸗ ſchmähen Alles, das geht nicht, Sie müſſen ſich zwingen, etwas zu genießen. Du lieber Himmel, Sie ſind noch ſo jung, die traurige Zeit wird ſchon vorübergehen, dann kommen wieder frohe Tage.“ Cajetana ſah ihr nach, als könne ſie in ihrem Leben nicht wieder froh werden. Das iſt die Jugend, in welcher die Gefühle viel ſtärker ſind, aber ebenſo ſehr auch dem Wechſel unterworfen. „Hier, Anton!“ ſprach Frau Riedl, ihrem Gatten das ganze anſehnliche Pack von Schriften, das ſie trug, auf den Tiſch legend.„Du mußt Dich ſchon einmal auf ————— 171 eine Stunde von Deinen Arbeiten losmachen, das hier iſt wichtiger. Sie ſchickt Dir alle Papiere, Du ſollſt Ord⸗ nung hinein bringen. Ein Teſtament, wie ich gleich ſagte, hat ſich nicht vorgefunden, das werden die Gerichte noch haben; kann auch ſein, er hat gar keins gemacht, denn das Soldatenvolk lebt nur, wie die Fliegen, von einem Tage zum andern und kümmert ſich nicht um den näch⸗ ſten Morgen. Wenn kein Teſtament da iſt, ſchadet es auch nichts; der Mann hat nur das einzige Kind, da kann es keine Streitigkeiten um die Erbſchaft geben; er hätte vielleicht im Teſtamente noch allerlei Beſtimmungen gemacht, die uns nicht gefielen, und ſo haben wir ganz freies Spiel mit ihr. Nimm Dir alſo die Feder hinter dem Ohre vor, ſetze Dich d'ran— ich will Dir helfen, daß wir's erſt ordnen— ſo viel verſtehe ich auch.“ „Du biſt ſelbſt ein Advocat, Sabinerl, das weiß ich,“ erwiederte ihr Mann.„Aber laß mir nur Zeit, ich werde ſchneller allein fertig. Das Fräulein ſoll bald wiſſen, was hierin enthalten iſt.“ Er ging an das Werk, und die Frau, welche An⸗ fangs bleiben wollte, um das Reſultat abzuwarten, konnte die Gründlichkeit, mit welcher er verfuhr, nicht länger als zehn Minuten aushalten.„Rufe mich, wenn Du fertig biſt,“ ſagte ſie ungeduldig, indem ſie ſich anſchickte, das Zimmer zu verlaſſen. 11* 172 „Das werde ich thun, Binerl; komm aber auch nicht eher,“ bat er, und als ſie gegangen war, ſchob er phleg⸗ matiſch den Riegel der Thüre vor, um für alle Fälle ge⸗ ſichert zu ſein. Sie kam auch wirklich zweimal und war entrüſtet, die Thüre verſperrt zu finden, mußte ſich aber bei dem wiederholten:„Noch nicht!“ beruhigen. Endlich ließ er ſie ein und ſagte, ihrer haſtigen Frage entgegen kommend:„Es iſt nichts vom Vermögen zu finden, Sa⸗ bine. Kein Wort. Da liegen alle Papiere, nach dem Datum und nach der Materie geordnet; ich habe einen kurzen Index darüber aufgenommen und ſie, wie ſie zu⸗ ſammen gehören, mit einem Faden geheftet. Hier ſind er⸗ ſtens Kriegs⸗ und Dienſtſachen—“ „Das mag ich nicht wiſſen,“ unterbrach ihn ſeine Frau in großem Unmuthe.„Ich frage bloß nach der Erbſchaft!“ „Davon iſt hier gar nicht die Rede. Ich vermeinte immer, er habe ſein Geld irgendwo auf gute Zinſen aus⸗ geliehen, etwa auf Liegenſchaften, oder er habe es einem ſichern kaufmänniſchen Hauſe in Rechnung übergeben, darüber müßten Documente vorhanden ſein. Es ließe ſich auch denken, daß er ſein Baares, wie Soldaten oft zu thun pflegen, in die Kriegscaſſa zu ſicherer Aufbewahrung ad depositum gelegt habe, item ſo müßte eine Quittung des Kriegszahlmeiſters darüber ausgeſtellt ſein. Wo fin⸗ 173 det man die? Ein dritter denkbarer Caſus wäre, daß er nach einer ſchlechten Soldatenſitte, in Gold oder Pre⸗ tioſen ſeine fahrende Habe an ſeinem Körper in der Klei⸗ dung getragen; das wäre ſchlimm, denn ſomit wäre Alles in die Hände des türkiſchen Raubgeſindels gefallen, das den Verunglückten ausgeplündert hat. Ein vierter und der allerſchlimmſte Fall könnte ſein, wenn er gar nichts beſeſſen hätte. „Du bringſt mich mit Deiner Ruhe um den Ver⸗ ſtand!“ rief die Frau.„Zählt er das nicht ſo ſchläfrig her, als habe er einen Sack voll Klammern zu berech⸗ nen! Es iſt alſo nichts da, Lar nichts. Denn wenn er Geld ausgeliehen und keine S Quittung hat, oder wenn's ihm die Türken vom Leibe geſtohlen haben, ſo iſt es fort, ſo gut, als hätte er's niemals gehabt— das verſteht eine Kohlenfrau, dazu braucht man nicht in die Schule ge⸗ gangen zu ſein. Schaffe mir nur Gewißheit, dann werde ich ſchon wiſſen, was ich zu thun habe.“ „Gewißheit zu ſchaffen, wird ſehr ſchwer ſein,“ ſagte er bedächtig.„Doch habe ich mir Alles ſchon über⸗ legt. Wegen des Teſtaments iſt eine Anfrage an das Re⸗ gimentsgericht zu thun, und ich werde deshalb noch eine Rückſprache mit dem Herrn Grafen von Königsegg neh⸗ men, der vielleicht als ein Commilito des Verſtorbenen darüber etwas weiß. Etwa ausgeliehene Capitalien, po- 174 sito, daß ſie an rechtliche Leute gekommen ſind, könnten durch ein Proclama ermittelt werden. Eine kaiſerliche Kriegscaſſa würde Depoſitengelder nicht abläugnen. De⸗ nen Türken die etwa beim Plündern der Leiche gemachte Beute wieder abzufordern, dürfte freilich unmöglich ſein.“ Sie lachte bitter und verächtlich.—„Und wie lange wird das dauern?“ rief ſie.„Sollen wir warten, bis alle die Anfragen und Austrommelungen fertig ſind und bis dahin unſer Geld für das fremde Mädel, das uns nichts angeht, zuſetzen?“ „Sabine!“ entgegnete er über ihre Ausdrucksweiſe erſchrocken.„Wie ſprichſt Du denn auf einmal von dem gnädigen Fräulein, das Du bisher bei jeder Gelegenheit Deinen Augapfel genannt haſt?“ „Das habe ich auch gethan und werde es noch thun, wenn Alles ſich glücklich anſtellt. Freilich wär's auch un⸗ geſchickt, wenn wir jetzt raſch zu Werke gingen und hinter⸗ her fände ſich doch, daß ſie eine reiche Erbſchaft gemacht hätte. Das wäre ja, um ſich die Haare vor Aerger aus⸗ zuraufen! Sage mir nur, wie lange es dauern kann, bis man Alles erfährt?“ „Ja, wer kann das ſagen!“ erwiederte er.„Dann hab' ich auch gedacht, ob nicht der alte Soldat, deſſen hübſche Tochter einmal hier bei uns war, weißt Du? ob der nicht, da er doch beim Herrn Rittmeiſter von Cron⸗ —— 175 berg in Dienſten geſtanden hat, etwas von ſeinen Um⸗ ſtänden wiſſen ſollte.“ „Mann, das iſt geſcheit!“ rief Frau Sabine, auf einmal ganz freundlich.„Das iſt kurz von der Hand ab⸗ gemacht. Schade, daß der Franz nicht hier iſt, ſag' ich jetzt auch. Der könnte gleich nach Meidling hinausgehen und anfragen.“ „Ich werde es ſchon auch thun,“ entgegnete er.„Ich habe gemeint, erſt geh' ich zum Herrn Grafen und hole mir dort meinen Beſcheid, und dann frag' ich in Meidling an. Der Franz, freilich! Was wird der ſagen, wenn er heimkommt und hört, was dem armen Fräulein wider⸗ fahren iſt. Mutter, es wäre vielleicht ein Troſt für ſie geweſen, wenn er hier geblieben wäre.“ „Nun, er kommt ja wieder“— ſagte die Mutter, von einem auffallend mildern Geiſte bewegt.„Wer weiß, wie Alles noch ſich fügt. Siehſt Du, Anton— ſo lange der Vater noch lebte, mußten wir auf den Stand und die Geburt des Fräuleins halten und keine Kinderein zugeben oder gar begünſtigen, denn was wär' das Ende davon ge⸗ weſen? Der Herr von Cronberg hätte uns ſein Töchter⸗ chen mit Schimpf und Schanden abgenommen und in ſei⸗ nem Leben nicht zugegeben, daß die Cajetana einen Bür⸗ gersſohn heirathete, und wenn ſie gedroht hätte, um ihn in die Donau zu ſpringen. Darum mußte auch der Franz ——— 176 fort, das ging nicht anders. Nun aber— wenn ſich Kei⸗ ner um das Mädchen kümmert und kein Verwandter et⸗ was hinein zu ſprechen hat, ſo könnten die jungen Leute doch noch zuſammen kommen. Es hat manch' vornehmes Fräulein ſchon in eine ehrbare Bürgerfamilie geheirathet und iſt glücklich geworden.“ „Ach, wenn ſich das ſo fügen wollte,“ ſagte der Vater,„das wär' ja meine größte Freude auf der Welt. Ich hab' das Fräulein lieb, wie mein eignes Kind, und der Franz, glaub' ich, könnt' an gar keiner Andern mehr ein Gefallen finden.“ „Nun ſchaff' nur erſt Sicherheit, wie Alles mit ihr ſteht. Zieh' Dich fein ſauber an, wenn Du zum Herrn Grafen gehſt— ich werde Dir einen friſchen Halskragen herlegen und den neuen, braunen Rock ziehſt Du mir an, hörſt Du? Den Stock mit dem ſilbernen Knopf! Der Thürſteher weiſ't Dich ſonſt ab. Ich werde Dir unter⸗ deſſen das Wägerl nach Meidling beſtellen, damit Du nicht lange zu warten brauchſt.“ Ichtes Capitel. Eine Schweſter. Heiß brannte die Sonne auf dem Straßenpflaſter, als Herr Riedl in ſeinem beſten Sonntagsſtaat die Wan⸗ derung nach dem gräflich Königsegg'ſchen Hauſe antrat, in welchem er den Grafen Karl, obgleich er nicht der Senior des Geſchlechts war, ſondern nur ein jüngerer Sohn des verſtorbenen Reichsgrafen Leopold Wilhem, zu finden hoffte. Mit den Verhältniſſen wenig vertraut, wußte er nicht, daß der Aelteſte des Hauſes ſeiner Stief⸗ mutter das Gartenpalais in Gumpendorf allein überlaſſen hatte, weil er ſelbſt gar nicht zu Wien anweſend war, und für ſeine Brüder, inſofern ſie nicht bereits ihren eigenen Hausſtand gegründet hatten, das weitläufige Gebäude in der Stadt, welches die Familie beſaß, Raum genug bot, wenn ſie gelegentlich, wie Karl Fidelis, auf einige Zeit nach Wien kamen. Herr Riedl machte daher einen ver⸗ geblichen Gang. Als er im Schweiße ſeines Angeſichts die Pforte des Gartenpalais erreicht hatte, wurde ihm be⸗ deutet, daß der Herr Graf, nach dem er gefragt, vor ei⸗ ner Stunde zwar hier geweſen ſei, daß er aber in der Stadt wohne. 178 Der alte Mann trocknete ſich das Geſicht ab und ſetzte etwas niedergeſchlagen über den weiten Weg, der ihm bevorſtand, den Hut wieder auf, welchen er höflich vor dem gräflichen Diener gezogen hatte. Da trat eben, aus den Gartenanlagen kommend, ein junger Mann mit einer Dame hinzu und hörte, wie der Diener dem Frem⸗ den über das Königsegg'ſche Haus in der Stadt Beſcheid ſagte.„Ob Ihr den Herrn Grafen finden werdet,“ fügte er bei,„iſt freilich ungewiß. Dieſelben haben bei Dero Anweſenheit immer viel Geſchäfte und ſind erſt kürzlich aus Ungarn heimgekehrt.“ „Suchen Sie den Grafen Karl Königsegg?“ fragte der junge Mann, welcher mit ſeiner Begleiterin, einer kleinen, verwachſenen Dame, von dem fremden Manne faſt zu ehrerbietig gegrüßt wurde. „Ja, Euer Gnaden,“ antwortete Riedl.„Der Herr Graf beehrten mich in meinem Hauſe, um einen Todes⸗ fall, der Jemand bei mir anging, ſelbſt zu vermelden, und ich habe mit Denenſelben noch in Geſchäften des⸗ wegen zu reden.“ „Sie ſind der Kaufmann Riedl?“ fragte der junge Mann. „Euer Gnaden kennen mich?“ entgegnete der Alte verwundert, indem er eine tiefe Verbengung machte. „Der Graf hat mir erzählt, welche traurige Nach⸗ ———————————— 179 richt er in Ihr Haus zu bringen hatte“— ſagte der junge Mann, und ſeine kleine, verwachſene Begleiterin, deren Augen einen lebhaften, wenn auch nicht eben freundlichen Antheil verriethen, nahm das Wort:„Fräulein von Cronberg lebt bei Ihnen?“ „Ach, das arme, gnädige Fräulein!“ erwiederte Riedl.„Euer Gnaden können ſich wohl denken, wie ſie durch den plötzlichen Tod ihres Herrn Vaters getroffen worden iſt. Haben Euer Gnaden den Herrn Rittmeiſter von Cronberg gekannt?“ „O ja!“ antwortete die Dame mit einem eigen⸗ thümlich ſchneidenden Tone. „Dann werden Dieſelben auch den Gram der ar⸗ men Tochter gerecht finden! So ein lieber, freundlicher Herr! Gegen alle Menſchen gefällig, und ſo freigebig ge⸗ gen die Armuth! Euer Gnaden verzeihen, daß ich Denen⸗ ſelben läſtig falle.“ „Sie haben für Fräulein von Cronberg Geſchäfte abzumachen?“ entgegnete die Dame, ohne auf ſeine Lob⸗ ſprüche einzugehen. „Ich halte es für meine Schuldigkeit, da das arme Fräulein keinen Verwandten hat, der ſich ihrer annimmt und ihr annoch von Gerichtswegen kein Vormund ge⸗ ſetzt iſt.“ Offenbar wollte die Dame noch mehr fragen, aber 180 ihr Begleiter verhinderte ſie daran.„Wir halten Herrn Riedl auf, Anna,“ ſprach er.„Ich wünſche, daß Sie Ihre Geſchäfte bald in Ordnung bringen mögen.“ Er zog den Hut von ſeinen ſchwarzen Locken, die er kurz geſchnitten trug, und führte die Dame, welche Riedbs ehrfurchtsvollen Gruß nur leicht und vornehm erwiederte, mit ſich fort. Der alte Mann konnte nicht umhin, wäh⸗ rend er den ſanft abfallenden Weg vom Hauſe hernieder ſtieg, ſeine Betrachtungen über das ungleiche Paar an⸗ zuſtellen; der junge Herr ſo ſchön und freundlich, und die Frau dagegen mit der hohen Schulter und den böſen Augen in dem kupferrothen Geſicht! Verwandt konnte ſie doch nicht ſein, er hatte ſie aber bei Vornamen genannt! Vielleicht wußte Fräulein Cajetana von ihnen, da ſie ihren Vater gekannt hatten, er konnte nur jetzt nicht mit ihr von ſolchen Dingen ſprechen. „Warum ließeſt Du mich nicht mehr erforſchen?“ fragte die Dame, als ſie mit ihrem Begleiter in ihrem Zimmer angekommen war.„Ich dächte doch, es wäre für uns Beide von Wichtigkeit.“ Was ſoll es uns noch helfen, Anna?“ entgegnete der junge Mann freundlich. „Wenn eine Möglichkeit wäre, wieder zu dem uns geraubten Gelde zu kommen?“ ————— 181 „Wie ſollte das möglich ſein? Königsegg weiß nicht, ob der Verſtorbene überhaupt Etwas hinterlaſſen hat.“ „Was weiß Königsegg!“ rief ſie ungeduldig.„Und was kümmert ſich ein Königsegg, der im Ueberfluße lebt, um Andere! Du aber, Mar, Deine Schuldigkeit wäre es wohl, Dich um dieſe Angelegenheit etwas näher zu küm⸗ mern. Dir iſt aber das Schickſal Deiner Schweſter ſehr gleichgültig.“ „Welcher Vorwurf, Anna! Hab' ich Dir Urſache gegeben, an meiner Liebe zu zweifeln?“ „O ja!“ erwiederte ſie.„Du haſt ſie mir nie mit der That bewieſen. Schöne Worte helfen mir nichts.“ „Aber Anna! Was ſoll ich thun? Was habe ich bisher thun können?“ „Daß Du ſo fragſt, iſt eben der ſicherſte Beweis, daß Du nie an mich gedacht haſt. So lange Cronberg noch lebte, war Gelegenheit genug, ihn zur Rede zu ſtel⸗ len, das Unſere von ihm zu fordern—“ „Vergißt Du, daß ich unſerm Vater verſprochen habe, das niemals zu thun?“ „Ein unnatürliches Verſprechen, gar nicht zu for⸗ dern und nicht zu leiſten! Aber das nicht allein! Wo An⸗ dere heimgekeht ſind aus dem langen Kriege mit uner⸗ meßlichen Schätzen an Gold und Edelſteinen, von den Türken, die Alles mit in's Feld ſchleppen, ſo leicht zu 182 erbeuten, kommſt Du allein wieder, ſo arm und bloß, wie Du ausgezogen biſt, kaum daß Du Pferd und Sat⸗ tel Dein eigen nennſt.“ „Schweſter!“ rief Max unwillig erröthend.„Ha⸗ ben Andere ſich bereichert, ſo bin ich kein Freibeiter. Ich bedarf nichts.“ „Du bedarfſt nichts,“ erwiederte ſie bitter,„und Deine Schweſter kann das Gnadenbrod eſſen bis an ihr Ende.“ Er faßte ihre Hand, aber ſie zog ſie heftig zurück. „Denkſt Du, daß ich es lange ertragen werde, die Magd diefer hochmüthigen Italienerin zu ſein, von allen Leuten geringſchätzig behandelt und verſpottet, dies elende Da⸗ ſein zu führen? Es nagt an meinem Leben, es zehrt mich auf!“ „Geliebte Schweſter!“ rief Mar ergriffen.„Ich habe keine Ahnung gehabt, daß Du Dich hier unglücklich fühlſt!“ „Das glaube ich Dir! Du haſt wohl nie mein Glück oder Unglück bedacht!“ „Aber die Gräfin iſt doch ſo freundlich, ſo liebevoll gegen Dich— ich habe nur Worte der Achtung über Dich gehört—“ „O, wenn Du zugegen biſt oder wenn irgend ein Mann ſie beobachten kann, wie hold und lieb iſt ſie da! 183 Unfreundlichkeit macht ja häßlich— daß ſiehſt Du an mir! Soll ich zufrieden ſein, daß ſie nicht ſchilt und zankt? das ſie eine gewiſſe Schonung zur Schau trägt, die mich beleidigt? Za, ſie iſt freundlich gegen mich, ſogar wenn wir Beide allein ſind, ich gebe Dir auch das zu. Aber jeder Ton, jedes Wort läßt mich meine Ab⸗ hängigkeit fühlen, eben weil ſie mich ſchonen will. Und das iſt es, was ich nicht tragen kann, was mein Tod ſein wird. Ich will meine eigene Herrin ſein, will befeh⸗ len können, ein ſelbſtändiges Lvos haben, mag es auch noch ſo dürftig ſein. Das ſchaffe mir, Max, ich habe ein Recht, es von Dir zu fordern!“ „Welches Opfer wäre mir zu groß dazu!“ rief er, von ihren leidenſchaftlich aufgeregten Worten beſtürzt. „Aber ſage ſelbſt, wie ſoll ich das erringen? Ich beſitze nichts, Du haſt ganz Recht. Ich habe wenig Ausſichten, auch nur ſoviel zu erlangen, daß ich Dich bitten könnte, mit mir zu hauſen.“ Sie lachte bitter auf.„Ach nein, Max! So iſt es nicht gemeint. Mit Dir zu hauſen, Dir in Aermlichkeit die Wirthſchaft zu führen, habe ich nicht im Sinn. Und wäreſt Du Inhaber eines Reiter⸗Regiments, das Dich zum reichen Mann machte, hätteſt Du die Erbin eines Fugger oder Liechteinſtein geheirathet, niemals würde ich zu Dir ziehen. Du ſollſt mir ein Loos ganz für mich 184 allein ſchaffen. Ich halte es hier nicht länger aus. Schweig ſtill, ich weiß ſchon Alles. Du willſt nicht an das Werk gehen. „An welches Werk?“ fragte Max, dem vor ihren ſtechenden Blicken immer unheimlicher wurde. „Der Cronbergerin ihres Vaters Unrecht vor Au⸗ gen zu rücken! Sie iſt noch jung, im bürgerlichen Hauſe auferwachſen, ſie kennt die Welt und das Leben nicht. Sie muß ihres Vaters Verſchuldung wieder gut ma⸗ chen— daran wird ihr kein Zweifel in die Seele kommen. Das iſt der Weg, den ich Dir zeige, aber Du haſt den Muth nicht, ihn zu betreten.“ „Nein, Schweſter, dieſen Muth habe ich wirklich nicht! Es wäre der Muth eines Räubers! Ich habe un⸗ ſerm Vater verſprochen, die unglückliche Sache auf ewig ruhen zu laſſen— unterbrich mich nicht! So und nicht anders habe ich mein Wort verſtanden. Ich bin ein Edel⸗ mann und werde es halten.“ „Gut!“ ſagte Anna mit kurzem, ſcharfen Tone, in welchem ein Seelenkundiger wohl den unheilvollſten Ent⸗ ſchluß hätte vernehmen können. „Ueberdem,“ fuhr Max ruhig werdend fort,„iſt es mehr als ungewiß, ob ihr Vater auch ſoviel hinter⸗ laſſen hat, daß die Tochter, ohne ſelbſt in Elend zu gera⸗ then, der Forderung, welche Du ausſprachſt, gerecht wer⸗ den könnte. Königsegg war darüber ſehr zweifelhaft. Sie würde aber auch gar nicht dazu befugt ſein, da ſie nicht mündig iſt. Wahrſcheinlich wird ein Namensverwandter, ein Graf Cronberg, der auf ſeiner Herrſchaft in Böhmen lebt, die Vormundſchaft übernehmen müſſen— Königsegg ſprach von ihm, und es ſcheint mir auch wahrſcheinlich, beſonders da er unverheirathet ſein ſoll—“ „Er ſetzt ſie vielleicht gar noch zu ſeiner Erbin ein!“ bemerkte Anna beißend. „Ich will nur ſagen,“ erwiederte Max,„daß der Vormund, mag es nun Graf Cronberg oder ein Anderer werden, nimmer zugeben wird, daß Anſprüche, die wäh⸗ rend ihrer Verwaltung erhoben würden—“ „Du ſprichſt wie das Geſetzbuch,“ unterbrach ſie ihn von Neuem;„ich beuge vor Deiner Weisheit und werde für mich ſelbſt ſorgen.“ „Wie kränkſt Du mich, Anna, durch ſolche Re⸗ den!“ entgegnete er ſanft.„Ich muß Deine Vorwürfe tragen— verdient habe ich ſie nicht. Heut' zum Erſten⸗ male erfahre ich, daß Du Dich in der Freiſtatt, welche Du hier gefunden haſt, unglücklich fühlſt; hätte ich es früher geahnt, würde ich längſt auf Mittel und Wege geſonnen haben, Dir ein anderes Loos, ganz nach Deinen Wünſchen, zu bereiten. Daß ich jetzt, arm und ohne feſte Stellung, rathlos bin, nicht ſogleich einen Ausweg zu 1860. IHI. Im Strom der Zeit. I 42 1. 1 12 186 finden weiß, ſollteſt Du mir nicht zur Laſt legen. Gönne mir Zeit.“ „So viel Du willſt. Ich werde Dich nicht mehr beläſtigen.“ Er ſchwieg, aber ein tiefer Seufzer aus ſeiner Bruſt bewies, welche Gefühle dieſe Aeußerung ſeiner Schweſter in ihm weckte, und nicht lange währte es mehr, ſo griff er nach Hut und Degen, um ſich zu entfernen. Sie hielt ihn nicht auf, auch milderte ſie ihr Betragen durch kein freundliches Wort, ſondern entließ ihn eiskalt.— Herr Riedl kehrte ganz unverrichteter Sache und völlig erſchöpft nach Hauſe zurück, in nicht geringer Be⸗ ſorgniß, daß die Schuld, den Grafen nicht gefunden zu haben, ihm aufgebürdet werden könnte. Das war aber zu ſeiner angenehmen Ueberraſchung nicht der Fall; ſeine Frau bedauerte ihn ſogar, daß er die weiten Wege um⸗ ſonſt gemacht habe, und tröſtete ihn auf Meidling, wo er vielleicht beſſere Auskunft erhalten werde, als ihm der Graf habe geben können. Der Einſpänner ſtand ſchon bereit; Herr Riedl wurde nur in aller Eile durch einen kleinen Imbiß geſtärkt, dann mußte er auf ſeine zweite Entdeckungsreiſe hinaus. Er war aber ſelbſt begierig dar⸗ auf, nun durch ein recht ſchönes Ergebniß in der Achtung ſeiner Frau zu ſteigen. Cajetana wußte nichts von ſeinen Bemühungen, wie ihm verſichert wurde, doch ſollte ſie 187 etwas gefaßter als am Morgen ſein, wo ihre Betrübniß immer am tiefſten war. Sobald er den Wagen beſtiegen hatte, kehrte Frau Riedl, die ihm noch eine Menge Fra⸗ gen an den geweſenen Diener des Herrn Cronberg ein⸗ geſchärft, in das Haus zurück und begab ſich nun an ihr Geſchäft. Sie hatte ſich nämlich vorgenommen, ohne weiter um Erlaubniß zu fragen, den großen Ballen, wel⸗ cher die nachgelaſſenen Effekte und vielleicht noch man⸗ ches Andere enthielt, zu öffnen und dadurch einige Ein⸗ ſicht in den Stand der Dinge zu gewinnen. Cajetana war ja außer Stande, für ſich ſelbſt zu handeln und zu den⸗ ken, auch mußte es ſie namenlos angreifen, ſich mit die⸗ ſen Dingen, welche nur ihren Schmerz von Neuem auf⸗ regen würden, zu beſchäftigen: es war alſo Pflicht ihrer Pflegerin, ihr dieſe traurigen Geſchäfte abzunehmen. Mit ſcharfem Küchenmeſſer ſchnitt daher Frau Riedl die Schnüre durch, welche den Ballen, der in grobe Zeltlein⸗ wand gepackt war, zuſammen hielten, und machte ſich ohne Scheu vor dem amtlichen Siegel daran, dieſe zu beſeitigen. Der guten Wirthin kam das Geſchäft vor, wie ein echtes Einſchlachten. Als ſie den Ballen nun geöffnet hatte, fiel der Inhalt bunt durcheinander. Das war eine Unordnung, wie ſie eben nur von Männerhänden beim Zuſammenpacken verurſacht werden konnte! Hätte Frau Riedl, als ihr der Gatte den Inhalt der Papiere mit⸗ 12* 188 theilen wollte, welche er vermeintlich auf Cajetana's Wunſch geſchichtet, Geduld gehabt, ihn anzuhören, ſo würde ſie ſich jetzt eine große Mühe erſpart haben. In jenen Papieren war auch das vollſtändige, amtlich be⸗ glaubigte Inventarium der vorgefundenen und in dem Bal⸗ len verpackten Stücke enthalten geweſen. Indeſſen hat das Geſchäft des Durchſuchens und Beſichtigens unbekannter Beſitzthümer für Frauen immer einen gewiſſen Reiz, der die Mühe überwiegt, und Frau Riedl ging unterdeſſen an's Werk, wobei ſie manche halblaute Bemerkung, nicht eben beifälliger Art, machte. Sie fand hier eine„wü⸗ ſte, liederliche Soldatenwirthſchaft, wie ſie mehrmals vor ſich hin murmelte. Wenig Leibwäſche— die Stücke nicht zu einander paſſend, viele ſchauderhaft geflickt, manche zerriſſen; dafür ein Paar ſchlechte, türkiſche Tep⸗ piche, welche den meiſten Raum einnahmen; eine Men⸗ ge, nach ihrer Meinung unnützen Gerümpels, darunter zwei zuſammengeklappte Feldſtühle, dann ein Leuchter, ein kleiner Kreuz und einige Meſſer und Löffel— das ein⸗ zige von Werth: ein ſilberner Becher. Frau Riedl trat von dem Chaos, das ſie zu ihren Füßen ausgebreitet hatte, zurück und ſchüttelte mit großem Mißmuthe den Kopf. War das die ganze Verlaſſenſchaft, das die Ein⸗ richtung eines kaiſerlichen Rittmeiſters von vornehmer Geburt? Sie wußte, was Herr von Cronberg mitge⸗ nommen hatte; bei ſeinem Ausmarſch hatte ſie, da ſie 189 ſein Vertrauen beſaß, einpacken helfen, ihm manchen gu⸗ ten Rath gegeben und nebenbei genau beobachtet, was er in Kiſten und Felleiſen auf ſeinen Wagen unterbringen ließ: das war ſehr ſtattlich geweſen. Und von all dem als Reſt dieſer Bettel,? O, da mochten wohl viel ungewaſchene Fäuſte zugegriffen und ſich um ſein Eigenthum getheilt haben, ehe die Regimentsgerichte die Hand mit dem Sie⸗ gel darauf legen gekonnt! Es widerte Frau Riedl an, den wüſten Haufen von Zeug einigermaßen ordentlich wieder zuſammen zu packen; ſie hatte nur den ſilbernen Becher herausgenommen, über das Andere warf ſie die Zeltleinwand und ließ Alles am Boden liegen, bis ihr Mann zurück gekehrt ſein würde— der konnte dann das Weitere beſorgen. Unmuthig verließ ſie die Kammer, in welcher der Ballen zur Aufbewahrung niedergelegt wor⸗ den war, und ſchloß ſie zu. ZJetzt war es ihr nicht mög⸗ lich, zu Cajetana herauf zu gehen; ſie ſchickte die Magd, um nach ihr zu ſehen und zu fragen, ob ſie etwas wünſche. Das war nicht der Fall; Cajetana ließ ihr nur herzlich eine gute Nacht ſagen, da ſie wohl nicht mehr zu ihr kommen werde. Bis zur Nacht blieben freilich noch mehrere Stun⸗ den, den die Sonne neigte ſich erſt zum Untergange; Frau Riedl dünkte es eine Ewigkeit bis zur Rückkehr ihres Man⸗ nes, auf welche ſie faſt ihre letzte Hoffnung geſetzt hatte. Es dunkelte bereits, als ſie den Wagen um die ————— — 190 Ecke der Kärnthnerſtraße raſſeln hörte. Sie eilte vor die Hausthüre entgegen.„Nun?“ war ihre erſte Frage, als der Wagen anhielt. „Ich werde Dir Alles erzählen,“ klang es herab, und ſie hörte dem Tone ſchon an, daß es wenig Tröſtli⸗ liches ſein müſſe. Das war auch der Fall. Die Fahrt nach Miedling hatte ebenſo wenig, als der Gang nach dem Königsegg'⸗ ſchen Palais zu einer Ergebniß geführt. Wohl hatte Riedl den Alten, der ſchon ziemlich friſch wieder am Stock gehen konnte, vor ſeiner Hütte ſitzend gefunden, dieſer war, als er den Tod ſeines ehemaligen Herrn ver⸗ nommen, ſehr nachdenklich geworden, hatte auch auf alle Fragen, die ſich Herr Riedl wohl überlegt hatte, Antwort gegeben, aber von den Vermögensverhältniſſen des Herrn von Cronberg war ihm nichts bewußt.„Ich bin ſchon zehn Jahre und länger aus ſeinem Dienſt,“ hatte er wie⸗ derholt geſagt.„Was ſoll ich da wiſſen?“ Der Frau Riedl mußte das einleuchten. Sie hatte geglaubt, daß er erſt kürzlich, weil er zum Kriegshand⸗ werk untauglich geworden, aus dem Felde heimgekehrt ſei; wenn das aber ſchon vor zehn Jahren geſchehen, ſo mußte es lange vor der Zeit geweſen ſein, ehe Cronberg nach Wien gekommen und in der Zwiſchenzeit, ehe er wie⸗ der eine Anſtellung gefunden, bei ihr gewohnt hatte. Sie war mit ſeinen frühern Verhältniſſen ſo ziemlich bekannt, wenigſtens was die allgemeinen Schickſale betraf. Sie wußte, daß er früher ſchon in demſelben Regimente ge⸗ dient, das den Namen von dem berühmten Grafen Rai⸗ mund Montecuccoli trug und ſeit deſſen Tode ſeinen Sohn, den Fürſten, zum Inhaber hatte: ſie war darüber oft von dem geſprächigen Kriegsmanne, als er in ihrem Hauſe wohnte, belehrt worden. Vor etwa ſechszehn Jah⸗ ren hatte er, weil der Frieden mit Frankreich ſcheinbar dauerhaft blieb und an einen ſo langen Türkenkrieg noch kein Menſch dachte, den Kriegsdienſt quittirt und ſich mit ſeiner Frau und ſeinem Töchterlein, das kaum ein Jahr alt geweſen, nach Steiermark auf eine kleine Beſitzung zu⸗ rückgezogen, die ihm zugefallen war. Als ihm aber dann die Frau geſtorben und ſo Mancherlei, worüber er ſich nicht näher ausgeſprochen hatte, dazu gekommen war, hatte er ſein Gütchen verkauft und war nach Wien gekom⸗ men, um wieder eine Anſtellung im Heere zu ſuchen, das damals unter dem Markgrafen von Baden gegen die Türken im Felde lag. Er hatte ſein Töchterchen, das etwa acht Jahre alt war, mitgebracht und daſſelbe einer Ver⸗ wandten, die im Kloſter der Himmelpfortnerinnen Priorin war, übergeben wollen. Dieſe war aber mittlerweile ge⸗ ſtorben, und da man ihn mit der Anſtellung lange hinhielt, hatte er das Kind bei ſich behalten und mit ihr beinah' 192 zwei Jahre im Hauſe der Frau Riedl gewohnt, bis er endlich vom Hofkriegsrathspräſidenten, dem ruhmvollen Vertheidiger von Wien in der Schreckenszeit, den jedes Wiener Kind mit Thränen verehrte, von dem Herrn Grafen Rüdiger von Stahrenberg wieder eine Compagnie in ſeinem alten Reiter⸗Regimente durch Vermittelung bei dem Inhaber erhalten hatte. Da war er denn eben ab⸗ gegangen vor ſieben Jahren und ſeine Tochter bei der Frau Riedl, der er ſein ganzes Vertrauen geſchenkt, zu⸗ rückgeblieben. Wenn alſo der abgedankte Soldat in Meid⸗ ling ſchon ſeit zehn Jahren aus Cronberg's Dienſten ent⸗ laſſen war, ſo mußte es in der Zeit, wo dieſer auf dem kleinen Gute bei Steyregg gelebt hatte, geweſen ſein, und er konnte wohl über ſeine damaligen Umſtände Auskunft geben, über ſeine ſpätern und letzten jedoch natürlich nicht. Frau Riedl hatte dieſe immer für ſehr gut gehalten, da Cronberg beim Abſchiede ein reichlich berechnetes Koſtgeld auf drei Jahre in baarem Gelde zugeſtellt, daſſelbe auch ſpäter von Ungarn durch eine ſichere Gelegenheit noch⸗ mals erneuert hatte. Wo war nun Alles geblieben, da ſich doch nicht ein Kreuzer unter ſeinen Sachen gefunden? Dieſe Frage drängte ſich ihr immer wieder von Neuem auf, und ſie konnte die Hoffnung nicht aufgeben, daß ſich noch für die Tochter ein reiches Vermögen ermitteln wer⸗ de, wenn ſich nur der rechte Mann dafür verwende. Von —————— 193 dem alten Soldaten in Meidling, das ſah ſie nun wohl ein, war nichts zu erfahren. Höchſtens kannte er vielleicht den Werth des Gutes in Steyermark und was ſein Herr beim Verkauf dafür bekommen hatte. Sie nahm ſich vor, ihn nächſtens darüber zu befragen. Ihrem Manne, der an Leib und Gliedern wie zerſchlagen da ſaß und nicht einmal Appetit zu ſeiner Lieblingsſuppe hatte, die ſie ihm vorgeſetzt, machte ſie nur einen ſehr gelinden Vorwurf, daß er nicht ſelbſt ſo klug geweſen, ſich die Lebensweiſe und das ganze Hausweſen jener Zeit ſchildern zu laſſen, woraus man doch einen gewiſſen Schluß auf die Umſtände hätte thun können. „Das hab' ich wohl verſucht,“ erwiederte er matt. „Aber er ließ ſich auf nichts ein. Lange Zeit her! Alles vergeſſen! war immer ſeine mürriſche Antwort— und der alte grimmige Geſell mit ſeinem buſchigen weißen Haar und Bart ſah gar nicht aus, als könnte man ihn zwingen, mehr zu ſagen, als er Luſt hätte, und wenn man ihm auch Pein anthun wolle.“ „Du haſt Dich alſo gefn et vor ihm!“ ergänzte ſeine Frau. „Gefürchtet ſchon nicht, denn ich hatte ihm nichts gethan, was ſollte ey Böſes gegen mich im Schilde füh⸗ ren? Aber es nicht angenehm, Sabine, mit ihm ganz allein vor der Hütte zu ſitzen, wo auf eine Viertel⸗ 194 ſtunde weit kein Haus und kein Menſch in der Nähe iſt, wenn Einem doch Etwas paſſirte.“ „War denn ſeine Tochter nicht da, die Braune, welche Dir ſo gefallen hat?“ „Die war nicht zu ſehen— ich fragte nach ihr— o lache doch nicht, Sabinerl, was werde ich noch nach Jungfern ausſchauen?— mußte ich nicht fragen, da ich den alten lahmen Mann ganz allein fand?“ „Freilich, Anton! Wo war denn die Braune?“ „Im Wald Kräuter ſuchen, ſagte der Alte. Nun denk Dir— wie ich eben fortgehen will, iſt ſie auf ein⸗ mal da, wie'n Irrwiſch, der aufblitzt und den Niemand hat kommen ſehen. Sie wußte aber auch nicht, daß ich dort war, denn ſie trat plötzlich um die Ecke der Hütte, wo dichtes Geſtrüpp iſt, ſo recht, wie'm Hinterhalt ehr⸗ liche Leute zu überfallen, und wie ſie mich ſieht, erſchrickt ſie— und denke Dir, Binerl, ſie hat Etwas unter dem gro⸗ ßen Regentuch, das ſie bei einem Sonnenſchein, wie heut', übergeworfen— ſie verſteckt es vor mir— nun rathe, Bienerl, was es geweſen iſt?“ „Wie ſoll ich's rathen!“ rief Frau Sabine unge⸗ duldig.„Sag's!“ „Ein Haſe! Denke Dir— ein Haſe! Sie konnte 8 in der Eile doch nicht ſo geſchickt machen, daß nicht die langen Ohren— oder wie's die Forſtleut' anders nennen 195 mögen!— unten am Zipfel zum Vorſchein gekommen wä⸗ ren. Und dabei mußte ſie mich doch grüßen— denn ſie kannte mich ja— und mußte nach Fräulein Cajetana fragen. Der Alte aber merkte gleich, daß ich Etwas ge⸗ ſehen hatte, denn ich war auch erſchrocken, vielleicht noch mehr wie ſie, und mir brannten die Backen wie Feuer, deshalb ſcheuchte er ſie hinein und hieß ſie erſt die Kräu⸗ ter an ihren Ort legen, und wie ſie ſchnell in die Thüre geſchlüpft war, da ſprach er ſo viel, daß er mich nur auf andere Gedanken bringen wollte. Endlich ſchrie er wieder hinein: Wo bleibſt, Kathi? Und nun kam das Mädel heraus, hatte das Tuch und Alles drinnen ge⸗ laſſen und ſah ganz unglücklich aus— ich bemerkte deut⸗ lich, daß ihr Thränen in den Augen ſtanden. Wie ſtürzten die erſt, als ich ihr erzählte, was ihrem Fräulein Caje⸗ tana geſchehen war! Sie konnte ſich gar nicht beruhigen und wollte gleich mit herein, bis der Alte ſie ſtill fein hieß und nach ihr ſchlug. Da bin ich denn nicht mehr lange geblieben.“ „Das hätte uns noch gefehlt! Und ſolch' Geſindel ſollte ich in mein Haus in Meidling aufnehmen, ver⸗ langte ſie. Am Ende wären wir mit als Diebshehler an⸗ geſehen worden! Denn daß der Haſe geſtohlen iſt, kann doch Niemand läugnen. Da haſt Du Dein bildſauberes ſchwarzbraunes Mägdelein! Sie hat den Haſen auf jeden 196 Fall gefangen, dergleichen Zigeunervolk verſteht ſich auf allerhand geheime Künſte. In mein Haus ſoll ſie mir nicht kommen, ich erlebe es ſonſt, daß ſie Dich noch auf Deine alten Tage verhert.“ Auf ſolche Anſchuldigung wagte Riedl etwas zu er⸗ wiedern, wurde aber zur Ruhe verwieſen, und war auch durch die ungewohnten Anſtrengungen zu ſehr erſchöpft, um noch einige Energie zu entwickeln. Aeuntes Capitel. Der Nachlaß. Das Thor war eben geöffnet worden und die außen harrenden Landleute, welche den Markt bei den Auguſti⸗ nern mit ihren Wagen und Körben voll Lebensmittel zu beſchicken kamen, hatten ſich in einem langen, ununter⸗ brochenen Zuge links am Bürgerſpital vorüber gewendet, als ein ſchlankes Mädchen, das ohne Begleitung und ohne etwas zu tragen, für ſich allein hinter dem ganzen Strome der Menſchen daher ſchritt, die Aufmerkſamkeit eines Reiters auf ſich zog, der innerhalb des Thores ge⸗ duldig Halt gemacht hatte, um Alles erſt vorüber zu ———— 197 laſſen. Er war ſonſt fern davon, nach Landdirnen zu ſe⸗ hen oder gar Schönheiten, deren es in der Umgegend von Wien damals wie heute genug gab, aufzuſuchen, aber das Benehmen des Mädchens, die ſtolze Art, mit welcher ſie einen Helden der Stadtguardia, der ſeinen Scherz mit ihr treiben wollte, abfertigte, war dem Reiter aufgefallen, noch mehr der ſcheue Blick, den ſie zu ihm empor warf. Sollte ihn vielleicht der Zufall begünſtigt haben, daß er, wo alles Forſchen vergeblich geweſen, hier mühe⸗ los die Geſuchte fand? Er blickte ſie ſcharf an, als ſie an der Mauer entlang bei ihm vorbei eilte. „Du!“ rief er ſie an.„Ich habe mit Dir zu re⸗ den! Steh'!“ Sie erſchrack und wollte nicht gehorchen; er verritt ihr den Weg. Sie blickte mit einem trotzigen Blick, der ihrem dunkelgefärbten Antlitz einen charactervollen Aus⸗ druck lieh, zu ihm auf. „Sprich Wahrheit! Biſt Du vor Kurzem im kai⸗ ſerlichen Thiergarten geweſen?“ Da war ſie ihm aber ſchon entſchlüpft. Gewandt, wie ein Wieſel, hatte ſie ihre ſchlanke Geſtalt blitzſchnell zur Erde gebeugt und war unter dem Bauch ſeines hohen Roſſes, ehe er es hindern konnte, nach der andern Seite entkommen. Wie ein Pfeil ſchoß ſie davon; der Reiter wandte zwar ſchnell ſein Pferd und gab ihm die Sporen, 198 rufend:„Ich will Dir nichts Böſes thun— Du fliehſt Dein Glück!“ aber ſie war ſchon in das nächſte Gäßchen, das nach der Seilerſtadt führt, eingebogen, und als er die Ecke erreichte, war von ihr keine Spur mehr zu ſehen. Es ſchickte ſich weder für den Ort, noch für den hohen Rang des Reiters, eine Hetzjagd auf ein entſprungenes Frauenzimmer anzuſtellen, auch war keine Hoffnung mehr, ſie zu finden, da ſie wahrſcheinlich in irgend einem Durch⸗ hauſe einen Schlupfwinkel benutzt hatte. Ueber das Aben⸗ teuer halb verdießlich lächelnd ritt er wieder nach dem Thore, welches zu jener Zeit, wie alle Thore Wiens, noch ein Doppelthor war. Am innern Thurme erwartete ihn der Mann von der Stadtguardia, deſſen Huldigung die Spröde mit einem ſo hochfahrenden Benehmen, als wäre ſie eine Grafentochter, abgefertigt hatte. Er war ein Zeuge geweſen, wie der Reiter, den er nicht kannte, der Dirne mit dem Pferde den Paß verrannt, und ſchien dumm genug, dem vornehmen Herrn eine gleiche ſcherz⸗ hafte Abſicht auf das ſchwarzäugige Kind zuzutrauen, denn er hatte ſehr vergnügt gelacht, als es demſelben nicht beſſer ging, als ihm. Er wollte ihm nun ſeine Dienſte anbieten. „Wenn Euer Gnaden befehlen,“ ſagte er, den Hut abziehend,„ſo halten wir die Dirne feſt, wenn ſie re⸗ paſſiret.“ 199 Dem Reiter fiel es jetzt erſt ein, daß ſein Benehmen einer Mißdeutung unterliegen könnte: er war ſo lauter, daß er erſt jetzt daran dachte.„Kennt Er mich?“ fragte er. Der Mann verneinte es.„Ich bin der Graf Traut⸗ ſon, Obriſtkämmerer Seiner römiſch königlichen Majeſtät. Das Mädchen, wenn es wieder das Thor paſſiren ſollte, iſt von Ihm zu bedeuten, daß es ſich ohne Furcht vor irgend einer böſen Folge in meinem Hauſe einzufinden habe, wo ihm meine Frau— hört Er? meine Frau— etwas mitzutheilen hat, das zum Glück führen werde. Verſteht Er mich?“ Der Mann bückte ſich tief und verſicherte, daß er die Dirne ſchaffen werde, todt oder lebendig. Er wurde aber aller Verlegenheit, ihrer habhaft zu werden, über⸗ hoben, da ſie ſich ſchon vorgenommen hatte, das Kärnth⸗ nerthor zu vermeiden, und lieber den Umweg durch das Stubenthor nicht zu ſcheuen, wenn ſie die Stadt wieder verlaſſen würde. Sie hatte wirklich in einem Hauſe, das offen ſtand, eine Zuflucht gefunden, indem ſie der Frau, die ſie hinein flüchten ſah und ihr Anfangs wehren wollte, erklärte, daß ſie vor einem Reiter, der ſie verfolge, ge⸗ flohen ſei und dadurch ihr Mitleid erweckte. Dergleichen Nachſtellungen des verwilderten Kriegsvolkes waren ja nicht ſelten. Nachdem ſie eine Weile ſich verborgen ge⸗ halten hatte und ihres Weges nun ſicher zu ſein glaubte, 200 dankte ſie der Frau für ihren Schutz und begab ſich wie⸗ der auf die Straße. Sie hatte aber nicht mehr weit zu gehen. Wenige Schritte führten ſie in die Sanct⸗Annen⸗ gaſſe, wenn auch von der Seite der Baſtei her. Mit ihrem hurtigen, ſchwebenden Gange eilte ſie hart an den Häuſern dahin, bis ſie ihr Ziel fand und anklopfte. Zum Unglück war ſie aber aus den Fenſtern zu ebener Erde ſchon geſehen worden, und ein Frauenkopf mit einer ſteif⸗ geſtärkten Haube kam ſträflichen Angeſichts zum Vorſchein. „Was will Sie?“ klang die herbe, ſchon im Voraus ihr Begehr abweiſende Frage. „Ich muß das arme Fräulein ſprechen, ehrſame Frau— der Herr hat ja geſtern meinem Vater erzählt, welch' ein ſchreckliches Unglück ſie betroffen hat.“ „Das wird durch Dich auch nicht anders werden! Geh' nur wieder Deiner Wege— wir haben nichts für Dich.“ Katharine ſah mit einem beſtürzten Blick zu ihr auf; ſie hatte den Sinn der letzten kränkenden Worte zwar nicht verſtanden, aber daß man ihr den Zutritt zu ihrem geliebten Fräulein wehren wollte, erfüllte ſie mit ſchmerzlicher Unruhe.„ch glaube aber,“ ſagte ſie ſchüchtern,„daß es dem gnädigen Fräulein lieb ſein wird, wenn ich zu ihr komme—“ „Das iſt nicht wahr. Wenn das Fräulein wüßte, 20] was an Dir iſt, ſo hätte ſie Dich ſchon erſt nicht hier ge⸗ duldet. Geh', oder ich laſſe Dich zum Büttel bringen. Fange Du Haſen wegen meiner ſo viel Du willſt, aber in mein ehrliches Haus ſollſt Du mir nicht mehr kom⸗ men.“ Damit warf ſie das Fenſter zu und Katharine ſtand auf der Gaſſe wie vernichtet. Noch einen ſuchenden, ſehnſüchtigen Blick ließ ſie über die ganze Fenſterreihe ſchweifen, ob es ihr nicht gelingen möge, an einem der⸗ ſelben Cajetana's liebes Geſicht zu entdecken, aber alle blieben ſchwarz und leer, und ſo machte ſie ſich denn trau⸗ rig auf den Rückweg, den ſie aber, wie ſchon bemerkt, durch das Stubenthor nahm. In ihre Betrübniß miſchte ſich nun auch eine große Furcht. Sie waren verrathen— das Benehmen des Reiters am Kärnthnerthurme, der ſie fangen wollte, hatte ſie ſchon erſchreckt, nun aber war ihr durch die Reden der Frau Riedl gar kein Zweifel mehr geblieben. Der alte Herr, der geſtern in Meidling bei ihrem Vater geweſen war, hatte das Wild, das ſie vor ihm zu verbergen geſucht hatte, geſehen und ſeine Ent⸗ deckung angezeigt. Eine bittere Angſt überfiel ſie, daß ſie ihren Vater gar nicht mehr finden werde, daß er bereits von den Häſchern abgeholt ſei, um dem Richter über⸗ antwortet zu werden: er hatte ihr gar kein Hehl daraus gemacht, welche furchtbaren Strafen auf Jagdverbrechen 1860. II. Im Strom der Zeit. I. 13 — geſetzt ſeien, und ſie dadurch zur größten Vorſicht ermahnt. Durch ſie aber, die geſtern in ihrer Sorgloſigkeit einem fremden Auge ihr Thun blos gegeben hatte, war Alles verrathen worden, und wenn ihr Vater nun ſeine Schuld auf grauſame Weiſe büßen mußte, ſo war ſie die un⸗ glückliche Urſache. Gequält von dieſem Gedanken verfolgte ſie ihren Weg, ſo ſchnell ihre Füße ſie tragen konnten, und ſelbſt Cajetana's Bild erblich in ihrer geängſtigten Seele. „Sabine, Sabine, was haſt Du gethan!“ ſagte Herr Riedl, der in der Stube den ganzen Vorgang an⸗ gehört hatte, zu ſeiner Frau, als dieſe das Fenſter vor der braunen Dirne zuſchlug. „Was Recht iſt!“ erwiederte ſie.„Wer Haſen ſtiehlt, nimmt auch mehr. Ich mag das Zigeunervolk nicht in meinem Hauſe ſehen, und Cajetana ſoll erfahren, mit wem ſie es zu thun gehabt hat.“ „Aber wenn Du denkſt, daß ſie eine Zigeunerin iſt und mit allerlei verbotenen Künſten das Wild im Walde fangen kann, meinſt Du denn, daß ſie Dir, nun Du ſie böſe gemacht haſt, nichts anthun wird?“ „Was ſoll ſie mir anthun?“ rief Frau Riedl, aber ihr ſtrenger Ton verrieth doch, daß die unbeſtimmte An⸗ deutung ihres Mannes ſie einigermaßen beunruhigte. „Nun— wenn ſie wirklich verbotene Künſte ver⸗ 203 ſteht, da iſt doch Mancherlei, das ſie Dir Böſes anthun kann. Hat uns nicht neulich erſt Deine Muhme Klanne⸗ rin erzählt, daß ihrer Schwiegertochter, die eine Zigen⸗ nerin fortgejagt hat, gleich darauf die Hand verlahmt und ein böſer Ausſatz im Geſicht ausgebrochen iſt?“ Frau Riedl entfärbte ſich, aber ſie gab ihre Furcht nicht zu.„Das iſt Dummheit!“ ſagte ſie.„Wäre auch ohne das Zigeunerweib gekommen. Aber ſie kann uns andern Spuck machen, kann uns in Meidling einen Schwefelfaden in die Scheune legen oder die Hühner ver⸗ giften. Du mußt gleich die ganze Sache wegen des Ha⸗ ſen anzeigen, das iſt Deine Schuldigkeit, ſonſt kommſt Du mit in Strafe.“ „Aber, Binerl, ich werde doch nicht den Angeber machen, arme Leute in den Thurm und noch Schlimmeres bringen! Was geht mich der Has an? Sie kann ihn todt gefunden haben oder ein Jäger hat ihr ihn geſchenkt. Soll ſie geſtraft werden, daß ſie für ihren lahmen Vater ſorgt, der nicht arbeiten kann und ſonſt vielleicht verhun⸗ gern müßte?“ „Arbeiten!“ verlachte ſie ihn.„Haſt Du ſchon ei⸗ nen abgedankten Soldaten arbeiten ſehen? Wenn ſie nur noch betteln, muß man ſie ſchon für ſehr fromm halten. Sie ſtehlen Alle, und was ſie nicht mit Liſt nehmen kön⸗ nen, das rauben ſie mit Mord und Todſchlag! Willſt 13* 204 Du das Blut verantworten, das vielleicht noch durch den alten Mordgeſellen vergoſſen wird?“ Der Kaufmann, der ſeit einiger Zeit ganz aus ſei⸗ ner Ruhe und friedlicher Beſchäftigung geriſſen war, trocknete ſich den Angſtſchweiß von der Stirne. Zum Er⸗ ſtenmale kam ihm der Gedanke, daß er all' den Unfrieden im Hauſe, die Trennung von ſeinem Sohne, die ver⸗ lorene Seelenruhe des armen Franzl, und nun die Noth von geſtern, die gewaltſame Störung ſeiner ganzen Le⸗ bensweiſe, den heutigen Vorfall, der ihn, den Abergläu⸗ biſchen, ſelbſt beunruhigte, und endlich Alles, was noch kommen werde und müſſe, doch eigentlich nur der Anwe⸗ ſenheit Cajetana's verdanke. Aber gleich überwog wieder ſein gutes Herz und erſtickte den Gedanken, das arme verwaiste Kind für all' die Unannehmlichkeiten verant⸗ wortlich zu machen. „Sabinerl,“ ſagte er feierlich,„zum Schergen bin ich nicht geſchaffen. Wir ſtehen Alle in Gottes Hand. Er wird uns vor Unglück bewahren. Ich kann nicht hin⸗ gehen und arme Leute, weil ſie Hunger haben, in's Un⸗ glück ſtürzen. Das bringt keinen Segen. Mögen die Jä⸗ gerburſchen beſſer aufpaſſen— uns geht es nichts an.“ Frau Riedl mußte ſich damit zufrieden geben, aber ſeine Bitte, dem Fräulein die Sache, welche ſie nur noch mehr betrüben werde, zu verſchweigen, erfüllte ſie nicht. 205 Noch am Vormittage, als ſie während den Pauſen in ihren häuslichen Geſchäften Cajetana beſuchte und ſie von ihrem Grame abzuziehen ſtrebte, erzählte ſie ihr, was ihr Mann in Meivling erlebt hatte. Zu ihrer Verwun⸗ derung machte es aber auf Cajetana nicht den erwarteten Eindruck. Hatte ſie denn als Soldatenkind ſchon die Ver⸗ achtung aller Geſetze mit der Muttermilch eingeſogen? Sie ſchien gar keinen Anſtoß an dem Treiben ihres alten Dieners und ſeiner Tochter zu nehmen, ſie blickte ſogar bei der Erwähnung des Haſen mit einer gewiſſen Zuſtim⸗ mung auf und nickte, als wolle ſie ſagen: Recht ſo! Dann fragte ſie, ob Kathi nicht bald zu ihr kommen werde. Frau Riedl war in einer gereizten Stimmung, wel⸗ che ſie der gewohnten frühern Rückſicht auf die leiſeſten Wünſche Cajetana's ganz vergeſſen ließ. Sie antwortete ziemlich trocken, daß ſie einem verdächtigen Frauenzimmer keinen Zutritt in ihrem Hauſe geſtatten könne. Vor dem unwilligen Erſtaunen, welches dieſe Antwort in Cajetana hervorrief, lenkte ſie zwar ein wenig ein, indem ſie mit vielen Worten, ſo freundlich als möglich, ſich zu recht⸗ fertigen ſuchte und dem Fräulein vorſtellte, daß ſie ja das Mädchen und ihren Vater ſeit ſo langen Jahren nicht geſehen habe und alſo nicht wiſſen könne, was aus ihnen für Menſchen geworden ſeien, und daß eine junge 206 Dame von ihrem Stande ſehr vorſichtig ſein müſſe— aber das Einzige, was ſie durch ihre Vorſtellungen ge⸗ wann, war, daß Cajetana ſchwieg. Der erſte Schritt zur Entfremdung war geſchehen, nicht durch die Ablehnung ihres Wunſches ſelbſt, ſondern durch die Art und Weiſe, wie es geſchehen war. Cajetana konnte den häßlichen Aus⸗ druck im Geſichte ihrer Pflegerin, den ſie noch niemals wahrgenommen hatte, gar nicht vergeſſen. Unten am Fuß der Treppe erwartete Riedl ſeine Gattin, um ihr mitzutheilen, daß ein Diener des Herrn Grafen von Königsegg angekommen ſei, welcher ihm von ſeinem Herrn beſtellt habe, daß derſelbe von ſeinem ge⸗ ſtrigen Wunſche, ihn zu ſprechen, unterrichtet, ihn um zehn Uhr in ſeiner Wohnung erwarten werde. Dieſe Nachricht verſcheuchte die üble Laune, in welche Frau Riedl verſetzt worden war; ſie gewann wieder eine beſſere Anſchauung der Dinge und ſchärfte ihrem Gatten, ehe er zum Zweitenmale in der für ſie wichtigen Ange⸗ legenheit ausging, Alles ein, wonach er den Grafen fra⸗ gen ſollte. Königsegg empfing den Kaufmann mit jener wohl⸗ thuenden Freundlichkeit, welche der Hochadel gegen Män⸗ ner von geringerer Geburt meiſtens zeigt, weil er, ſeiner Stellung ſicher, keine Ueberhebung zu fürchten braucht, die etwa mit Stolz in ihre Schranken zurück zu weiſen 207 wäre. Er bedauerte, daß Herr Riedl geſtern umſonſt den weiten Weg nach Gumpendorf und dann wieder hieher gemacht habe, und fragte, worin er ihm dienen könne. Riedl, nun völlig in ſeinem Element, trug die Lage der Dinge, welche ihn veranlaßt, des Herrn Grafen Güte noch einmal in Anſpruch zu nehmen, mit kaufmänniſcher Klarheit vor. Der Graf hörte ihn aufmerkſam an, und als er geendigt hatte, bedachte er ſich noch eine kurze Weile, als ſuche er in ſeinem Gedächtniſſe nach vergeſſe⸗ nen Dingen.—„Ich kann Ihnen nur ſoviel ſagen,“ ſprach er dann,„daß Herr von Cronberg kein Teſtament ſchrift⸗ lich aufgeſetzt hat. Vom Regimentsgericht, bei welchem nichts dergleichen niedergelegt geweſen, iſt Umfrage ge⸗ halten worden, ob er nicht einem ſeiner Waffengefährten etwa eine ſolche Schrift anvertraut oder mündliche Ver⸗ anſtaltungen für den Fall ſeines Todes getroffen habe. Es iſt jedoch nichts ermittelt worden. Daß ſich kein baa⸗ res Geld oder Pretioſen unter ſeinem im Lager zurück⸗ gelaſſenen Zelt⸗ und Handgepäck vorgefunden, hat auch bei dem Auditor, welcher darüber ein Protokoll aufnahm, Verwunderung erregt; erklärt ſich aber daraus, daß viele Offiziere, welche nicht eine zahlreiche Dienerſchaft zur Be⸗ wachung ihres Eigenthums haben, auf Märſchen und in Actionen lieber ihre Baarſchaft und ihr werthvollſtes Ei⸗ genthum auf ihrem eigenen Pferde oder in den Kleidern 208 bei ſich tragen. Herr von Cronberg hat jedenfalls auch dieſe Gewohnheit gehabt, und dadurch iſt denn leider Alles für ſeine Tochter verloren gegangen, da man, wie Sie ſchon wiſſen, ſeine Briefe ſpäter ganz ausgeplün⸗ dert fand.“ Riedl ſeufzte.„Haben Eure hochgräfliche Gnaden vielleicht gehört, vb der Verſtorbene etwa Capitalien aus⸗ geliehen hat?“ fragte er.„Documente oder Obliga⸗ tionen ſind freilich auch nicht unter denen Papieren oder in dem Inventario vermerkt geweſen, das ein hochpreis⸗ liches Gericht aufgenommen hat.“ „Ich bedauere, darüber gar nichts zu wiſſen,“ ant⸗ wortete der Graf.„Wenn ich meine Meinung ausſpre⸗ chen ſoll, ſo glaube ich kaum, daß er überhaupt Capitalien beſeſſen hat. Seine ganze Feldausrüſtung war nicht glän⸗ zend, und das wenige Gepäck, das verſiegelt worden iſt und das ich Ihnen überſandt habe, ſoll auch keinen großen Werth haben, wie mir der Auditor geſagt hat.“ „Gar keinen!“ beſtätigte Riedl mit ſchwerem Herzen. „Ich fürchte, die arme Tochter wird ſich keine Hoff⸗ nungen zu machen haben,“ fuhr der Graf theilnehmend fort.„Ihre liebe Frau ſagte mir, daß ſie auch gar keine Verwandte habe—“ „Keinen einzigen. Denn der Herr Reichsgraf von 209 Cronberg, der annoch lebt, wird keinerlei Verwandtſchaft zwiſchen ſich und unſerm Fräulein, das doch nur von ſimplem Adel iſt, anerkennen—“ „Wer weiß!“ entgegnete Königsegg.„Den Verſuch müßte man doch wenigſtens machen. Sie kennen wohl den Grafen nicht?“ Riedl erwiederte mit Achſelzucken, daß er nicht die Gnade habe. „So will ich es thun!“ ſagte Königsegg nach kur⸗ zem Beſinnen.„Es trifft ſich gut, daß der Graf grade in Wien anweſend iſt. Ich will mit ihm ſprechen. Es wäre vielleicht gut, wenn ihm das Fräulein vorgeſtellt würde. Sie iſt erwachſen, nicht wahr? Ich habe das Fräulein nur flüchtig geſehen.“ „Siebenzehn Jahr,“ berichtete Riedl, von der neuen Hoffnung für Cajetana ganz verklärt. Gern hätte der Graf auch gefragt, ob ſie wohl er⸗ zogen ſei, aber da er wußte, daß ſie ſchon ſeit Jahren— er konnte es berechnen!— in dem bürgerlichen Hauſe des Kaufmanns gewohnt habe und hier eigentlich vom Kinde zur Jungfrau herangewachſen ſei, ſo hatte er für eine gute Erziehung im Sinne der vornehmen Welt keine Hoffnung. Deshalb konnte ſie aber doch mit allen weiblichen Tugen⸗ den geſchmückt ſein. „Freilich kann ich ſelbſt das Fräulein nicht vorſtel⸗ 210 über den Gedanken lächelnd, daß er, ein unverheiratheter junger Mann von vierundzwanzig Jah⸗ ren davon nur ſpreche.„Aber ich werde meiner Mutter davon Kenntniß geben, und wenn der alte Herr ſich be⸗ läßt, kann meine Mutter es veranſtalten. 4 „Der Herr Graf erwerben ſich ein Gotteslohn!“ len,“ ſagte er, rief Riedl, die Hände faltend.„Wird aber der Herr Reichsgraf, der ſo gar nichts von einer Verwandtſchaft wiſſen will, wie mir mein Herr Rittmeiſter von Cronberg zu vielen Malen erzählt hat, ſich beſtimmen laſſen, etwas für die arme Waiſe zu thun?“ „Es wäre ja unnatürlich, wenn er ſich weigerte!“ erwiederte Königsegg.„Schon des gleichen Namens we⸗ gen fordert es ſeine Ehre. Ich wenigſtens würde es mir zur Schande rechnen, nr zu handeln. Vielleicht finde ich noch heut' Gelegenheit, ihn zu ſprechen. Sobald ich Ihnen etwas Gewiſſes mittheilen kann, ſollen Sie von mir hören.“ Mit ſchönen Hoffnungen ging Riedl diesmal nach Hauſe: heute durfte er hoffen, mit dem Erfolge ſeiner Bemühung vor der ſtrengen Richterin ſeiner Handlun⸗ gen mit Ehren zu beſtehen. Wenn ein Cavalier, wie der Herr Graf von Königsegg erklärte, daß es die Ehre des Reichsgrafen fordere, ſich der Verla ſſenen, wenn ſie auch nur denſelben Namen ohne nachzuweiſende Verwandtſchaft 211 trage, anzunehmen, ſo konnte gar kein Zweifel darüber ſein. Faſt war es nach den geheimen Wünſchen des alten Herrn des Glückes zu viel, denn geſetzt den Fall, der Reichsgraf fände an Cajetana, wenn ſie ihm durch die Frau Gräfin von Königsegg vorgeſtellt würde, ſo viel Wohlgefallen, daß er nun auch ganz für ſie ſorgen, ſie, da er unvermählt ſei, an Kindesſtatt annehmen und zur Univerſalerbin ſeiner großen Herrſchaften einſetzen wolle, ſo war ſie ja für den armen Franz verloren. Da hätte ja der liebevolle Vater eher gewünſcht, daß Alles, was er jetzt an kühnen Hoffnungen ſchwindeld aufgebaut, wie ein Kartenhaus zuſammenſtürzen möchte, und Cajetana blut⸗ arm bliebe— wenn nur in dieſem Falle die Mutter—— das blieb freilich wieder ein Stein des Anſtoßes, über welchen nicht hinweg zu kommen war. Ohne Vermögen war ihre Einwilligung niemals zu erlangen, und wenn das Mädchen eine Fürſtentochter geweſen wäre. Alſo die goldene Mittelſtraße zwiſchen dem glänzenden Ziele und gänzlicher Abweiſung!— Riedl fand ſeine Frau leidend; ſie hatte den Kopf verbunden und äußerte auf ſeine erſchrockene Frage, ob ſie gefallen ſei, daß ſie einen dumpfen Schmerz in der lin⸗ ken Schläfe fühle und ſich deshalb Umſchläge von Eſſig und Waſſer gemacht habe.—„Wenn nur nicht Deine Prophezeiung ſchon eingetroffen iſt?“ ſagte ſie nieder⸗ 2¹2 geſchlagen.„Man muß den Leibhaftigen nicht an die Wand malen.“ „Was denn?“ rief er, über dieſen Vorwurf noch mehr erſchreckend.„Was ſoll ich den prophezeit haben?“ „Ich hab's wohl ſchon weg von der Schwarzbrau⸗ nen“— erwiederte ſie trübſelig.„Mir wollte ihr ſchwar⸗ zes Auge, wie ſie mich anblickte, gar nicht mehr aus den Gedanken.“ „Ach, liebſtes Binerl, das ſchlag' Dir aus dem Sinn!“ rief er in großer Angſt.„Geh' doch an heilige Stätte, bete recht inbrünſtig— vor dem Weihwaſſer kann ja kein teufliſches Werk beſtehen. Ich bitte Dich, werde mir nicht krank! Was ſollte ich denn anfangen, grade jetzt, wo Alles ſo ſchön anläßt?“ „Ja, Anton, da würdeſt Du erſt ſehen, was eine Frau werth iſt, und es bereuen, daß Du mich oft ſo ſchlecht behandelt haſt.“ „Sabinerl!“ rief er, von dieſer unerhörten Beſchul⸗ digung ganz verſteinert. „Was haſt Du denn heut' ausgerichtet?“ fragte ſie nun. Er berichtete ihr, was der Graf geſagt hatte, und ſie ſchien ihren Kopfſchmerz ganz darüber zu vergeſſen. „Ich halt's mit dem, was man faſſen und greifen kann,“ ſagte ſie, nachdem er ſeine Erzählung beendigt hatte. „Von den ſchönen Ausſichten wird man nicht fett. Daß 213 der Cronberg Alles durchgebracht oder im Felde verloren hat, ſcheint mir ziemlich gewiß. Wenn nun der Reichs⸗ graf nichts von dem Mädel wiſſen will, ſo haben wir ſie auf dem Halſe.“ „Wie kannſt Du nur von dem lieben gnädigen Fräu⸗ lein ſo reden!“ rief er, von ihrer herzloſen Aeußerung betrübt.„Und wenn ſie nun auch wirklich gar nichts hätte, liebſt Du ſie nicht— Du haſt es ja oftmal geſagt— wie Dein eignes Kind und hat uns der liebe Gott nicht genug beſcheert—“ „Damit komm' mir nicht! Ich weiß ſchon, wo Du wieder hinaus willſt. Daraus wird nichts, ehe ſie mich nicht hinaustragen. Vielleicht geſchieht's bald— die Zi⸗ geunerin wird ſchon für ihre Spielcameradin geſorgt haben.“ „Hör' auf!“ bat Riedl, dem die Thränen in die Augen getreten waren.„Du brichſt mir das Herz! Wir wollen uns Alles recht leicht vorſtellen, keine ſchwarzen Gedanken machen. Der Herr Reichsgraf wird ſchon für das Fräulein ſorgen— das fordert ſchon ſeine Ehre!“ „Was weißt Du davon!“ entgegnete ſie weg⸗ werfend. „Ich weiß nur, was mir der Herr Graf von Kö⸗ nigsegg geſagt hat. Denke doch, wenn die Fran Mutter 214 ſich des Kindes annimmt, ſie ſelber dem Herrn Reichs⸗ grafen vorſtellt und empfiehlt—“ Eine neue Gedankenwendung nahm jetzt Frau Riedl in Anſpruch und wirkte wunderbar beſänftigend auf ſie. Es war das Bild einer vor ihrem Hauſe vorfahrenden Karoſſe oder einer herrſchaftlichen Sänfte mit Lakaein, in welcher Cajetana zu der wichtigen Vorſtellung abgeholt werden ſollte, und ſie fragte ſich auf einmal, ob die Trauer⸗ kleidung, welche ſie ihr beſorgt hatte, auch für eine ſolche Gelegenheit, wo ſie der vornehmen Dame zugeführt und von dieſer dem Manne, von welchem ihr Schickſal ab⸗ hing, präſentirt würde, anſtändig genug ſei? In dieſer Ueberlegung mußte ſie erſt mit ſich zu Rathe gehen, und zum Erſtaunen ihres Mannes nahm ſie plötzlich das Tuch, das ſie um die Stirn und Schläfe gelegt hatte, ab und ihre Stimme war auf einmal wieder hell und klar. „Du führſt doch genau Rechnung, wie wir mit ihr ſtehen?“ fragte ſie. „Bis jetzt ganz genau,“ verſicherte er.„Schon der Ordnung wegen.“ „Du haſt auch außer dem Koſtgelde, das für das letzte halbe Jahr rückſtändig iſt, aufgeſchrieben, was ich ihr nach und nach vorgeſtreckt habe zu ihren kleinen Aus⸗ gaben. Ich hab' Dir wenigſtens jeden Krerzer geſagt.“ 215 „Iſt auch jedesmal gebucht worden. Wir werden nichts verlieren.“ „Wenn es mit Deinem Reichsgrafen Etwas wird, ſonſt ſteht es ſchlecht. Indeſſen, wenn es doch ſo weit kom⸗ men ſollte, daß ſie hin muß, ſo wird es ſchon nichts hel⸗ fen, ich werde noch Etwas hergeben müſſen. Sie iſt mit ihrem Anzuge gut genug beſtellt für unſer Haus und für die Meſſe, aber doch nicht, um damit in ein vornehmes Haus zu kommen. Da muß ich ſchon Etwas beſorgen.“ „Thue das, liebes Binerl. Es wird auf gute Zin⸗ ſen gelegt ſein.“ „Wenn's nur wahr iſt! Ich will mich aber vorſe⸗ hen und erſt abwarten, was uns der Graf für Be⸗ ſcheid gibt.“ Graf Königsegg hatte ſich wirklich Cajetana's Sa⸗ che ernſt zu Herzen genommen und war zu derſelben Stunde ſchon unterwegs, um dieſelbe bei dem Manne, den er für ihren natürlichen Beſchützer hielt, zu führen. Er wußte durch Zufall, wo er bei ſeiner Anweſenheit in Wien jedesmal wohnte, da er hier kein eigenes Haus be⸗ ſaß, wie ſonſt die meiſten der vornehmen Landesgeſchlech⸗ ter. Die Zahl der Paläſte, welche der Hochadel ſich in der Hauptſtadt des Reichs ſeit dem Ende des dreißigjäh⸗ rigen Krieges gebaut hatte, belief ſich ſchon 1670 auf vierzig und war ſeitdem bis zum Schluße des Jahrhun⸗ 216 derts noch geſtiegen. Das reichsgräflich Ctonberg'ſche Geſchlecht gehörte aber nicht zum öſterreichiſchen Adel, ſondern war aus der Wetterau und in den rheiniſchen Landen, auch um Schwarzwald zu Hohen⸗Geroldseck angeſeſſen geweſen; in habsburgiſchen Landen hatte es nur die böhmiſche Herrſchaft Poritſchen zu Lehen, wo der jetzige Graf, Johann Nicolaus, der Letzte ſeines Ge⸗ ſchlechts, abwechſelnd mit dem Stammſchloſſe auf dem Feldberge bei Frankfurt am Main, reſidirte. Er kam von dort zuweilen nach Wien, und Königsegg, der ſeine Be⸗ kanntſchaft ſchon früher einmal gemacht hatte, ſuchte ihn heute in ſeiner Wohnung auf, wo er ihn zu ſeiner Be⸗ friedigung auch anweſend fand. Seit er ihn zuletzt geſehen hatte, ſchien der Reichs⸗ graf von Cronberg, der ſich immer eines ſtattlichen Um⸗ fangs erfreute, noch zugenommen zu haben, doch kam er ihm rüſtigen Schrittes entgegen und umarmte ihn, wobei er ihn auf beide Backen ſchallend küßte. Er war eben beim Mittageſſen, das er ganz für ſich allein einnahm, beſchäftigt geweſen: ein ſaftiger Faſanenbraten, in wel⸗ chem Meſſer und Gabel ſteckte, verrieth, daß er noch nicht geſättigt ſei, obgleich auf einem Nebentiſche mehrere halb geleerte Schüſſeln mit andern Leckerbiſſen zu ſehen waren. Hinter dem mächtigen gepolſterten Lehnſtuhl, den er bei der Meldung des Grafen verlaſſen hatte, ſtand ein 217 alter, ernſthafter Diener, mit einer weißen Serviette über den Arm. „Ich bitte ſehr um Verzeihung!“ ſagte Königsegg. „Ich hatte keine Ahnung, daß ich zu dieſer Stunde ſtö⸗ ren würde— aber warum haben Sie mich nicht abweiſen laſſen?“ „Im Gegentheil, mein junger Freund, Sie ſollen mir fechten helfen! Ich kann allein dieſen Böhmen nicht bezwingen. Veit, Teller und Meſſer für den Herrn Gra⸗ fen. Setzen Sie ſich zu mir, amice. Keine Widerrede! Sehen Sie, ich habe es für beſſer gehalten, immer etwas früh zu Mittag zu ſteiſen, um dann etwas mehr Zeit zum Schläfchen zu gewinnen. Eine beſſere Sorte Rhein⸗ wein, Veit. Dieſer ſchickt ſich nicht zum Braten. Das Schläfchen, mein lieber Kriegsheld, iſt für die Verdauung von größter Wichtigkeit— wer den alten dummen Spruch erfunden hat: post coenam stabis et caetera, ver⸗ diente auch vor dem Eſſen oder ſtatt des Eſſens ſeine tauſend Schritte zu laufen. Nein, Herr Carolus Fidelis, beleidigen dürfen Sie mich nicht— dies Stück vom Faſan iſt das beſte nach aller Kenner Ausſpruch; ich lege es Ihnen eigenhändig vor, Sie ſollen es mir nicht abſchlagen. Veit, ſchenke dem Herrn Grafen ein!“ Königsegg hatte dem dicken Herrn gegenüber Platz nehmen müſſen und konnte ſeine Bemerkungen anſtellen, 1860. II. Im Strom der Zeit. I. 14 218 mit welcher Geſchicklichkeit er den Faſan zerlegte, und nachdem er dem Gaſte das nach ſeiner Anſicht beſte Stück vorgelegt hatte, mit welchem Hochgenuß er ſich den Freuden der Tafel hingab. Er aß mit einer Meiſterſchaft, welche Bewunderung erregen konnte, weil ſie nicht, wie bei Schmeckern und Schlemmern gewöhnlich etwas Ab⸗ ſtoßendes hatte, ſondern trotz aller Wonne des Genußes immer fein und ſauber war. Dabei vergaß er auch des goldfunkelnden Rheinweines nicht, den er ſeinen theuren Landsmann nannte und dem Gaſte zur freundlichen Auf⸗ nahme dringend empfahl. Er ſchien gar nicht anzunehmen, daß dieſer einen beſondern Grund zu ſeinem Beſuche ha⸗ ben könne, vielmehr dankte er ihm wiederholt für feine Freundlichkeit, ſich ſeiner noch zu erinnern, und lud ihn wiederholt, da nun Frieden ſei, auf ſein Schloß Poritſchen ein, wo er, ſtatt der Türken, Faſanen und Edelwild ſchie⸗ ßen könne, ſo viel ihm gefalle. „Nur mich müſſen Sie auslaſſen!“ ſchloß er.„Ich bin niemals ein Waldjäger, ſondern nur ein Schüſſel⸗ jäger geweſen, was jedenfalls bequemer iſt. Trinken Sie aus, lieber Graf. Nehmen Sie ſich beim Wein an mir kein Beiſpiel, ich kann nichts vertragen und finde, daß man eine feine Mahlzeit, um ſie recht zu genießen, nicht zu ſehr mit Wein überſchwemmen darf. Sie ſind aber ein Soldat, der die Freuden eines Lurull und Apicius ver⸗ 219 achtet und darum auch mehr Libationen anſtellen muß, um ſich die Götter geneigt zu machen. Mein Rheinwein mun⸗ det Ihnen nicht? Sie ſind an die Feuerſtröme aus Un⸗ garn gewöhnt? Veit! Tokayer!“ „Ich bitte Sie, Herr Graf, mich auch darin zu ent⸗ ſchuldigen,“ wandte Königsegg ein.„Ich trinke immer nur mäßig, und ein Becher Ihres vortrefflichen Lands⸗ mannes hat mich durch ſeine ſtille Kraft ausreichend ge⸗ labt. Ich danke Ihnen aufrichtig.“ Er ſehnte ſich voll Un o em Ende des Mahles, da Whn die Gegen⸗ wart des Dieners jede Annäherung an den Zweck ſei⸗ nes Beſuchs un unöglich machte. Aber vor der Hand war noch nicht daran zu denken. „Fortfahren, Veit!“ befahl der Wirth. Veit hob die Schüſſel mit ihrem Beiwerk ab, ſetzte ſie auf den Nebentiſch und gab durch die halbgeöffnete Thür nur eine Anweiſung hinaus, worauf alsbald zu Königseggs unbeſchreiblichem Verdruſſe ein neuer Gang erſchien: Speiſen in einer Zubereitung, die er noch nie geſehen hatte, um die er ſich auch nicht kümmerte, denn er war in der That ein echter und einfacher Soldat. Mit Erſtaunen beklagte ihn der Wirth, daß er ſich ſchon außer Stande erklären müſſe, auch nur noch einen Biſſen zu genießen, und bat um Verzeihung, wenn er ſich dadurch nicht ab⸗ halten laſſe, den edlen Gottesgaben ihr Recht anzuthun. 14* 220 „Ich finde,“ ſagte er,„daß der Menſch ſich dadurch vom Thiere unterſcheidet, daß er nicht blos aus Hunger, ſon⸗ dern auch aus Appetit ißt. Man kann ſatt ſein, und doch Luſt zum Eſſen haben. Gute Geſellſchaft erhöht dieſelbe; ich danke Ihnen herzlich, daß Sie mir Ihren Beſuch geſchenkt!“ Königsegg lachte über dies freimüthige Geſtändniß, in welcher Beziehung auf ſeinen Beſuch Werth gelegt werde, und während der Wirth, nun ſein Hunger geſtillt war, mit um ſo größerem Bewußtſein den fetten und ſchmackhaften Speiſen des neuen Ganges zuſprach, warf Karl Fidelis die Bemerkung hin:„daß er ſich wundere, die beſte Geſellſchaft, die einer anmuthigen Gemahlin, bei dem Herrn Grafen zu vermiſſen.“ Cronberg ſchüttelte lächelnd den Kopf und ſeine klei⸗ nen, muntern Augen blitzten aus dem wohlgenährten, glänzenden Geſichte ſehr vergnüngt auf den Gaſt.„Das nennen Sie die beſte Geſellſchaft?“ rief er.„Ich bin anderer Meinung. Würde ich meine ungeſtörte Ruhe ha⸗ ben, thun und laſſen, eſſen und ſchlafen können, fahren, gehen, reiten, wie mir beliebt? Tauſend Unbequemlich⸗ keiten, tauſend Rückſichten! Und gar kleine Kinder im Hauſe! Nein, wertheſter Carolus Fidelis, wenn ich über Eins in meinem Leben zufrieden bin, ſo iſt es, daß ich mich nicht habe in das Joch der Ehe einſpannen laſſen. Ich 221 ſehe jeden beweibten Mann mit wahrem Mitleid an; er wird ſeines Lebens nicht mehr froh, denn ihm fehlt das Beſte: die Ruhe.“ „Sie thun aber den Frauen ein bitteres Unrecht an. Das höchſte Erdenglück findet der Mann doch wohl in dem Beſitze eines liebevollen, treuen Weibes, das Leid und Freud mit ihm theilt.“ „Ja, ja, ſo müſſen die Ehemänner ſchon ſprechen,“ ſagte Cronberg ſchlau, indem er ſich wiederum aus einer andern Schüſſel vorlegte,„ſie dürfen nicht anders. Mir geht nichts über meine Ruhe, meine Bequemlichkeit im Hauſe, und die wäre verloren, wenn ich geheirathet hätte. Leid gethan hat es mir nur ein einziges Mal, daß ich davon geblieben bin, das war, als mein Vetter vor ſie⸗ ben Jahren ſtarb, Crato Adolph Otto, der Letzte aus der ältern oder Hauptlinie, der Sohn Adam Philipp's, welcher Letztere unſerm Hauſe den Reichsgrafentitel er⸗ worben hat. Da dachte ich: nun ſteht das ganze Haus Cronberg auf Deinen zwei Angen und wird mit Dir er⸗ löſchen; es iſt doch ſehr Schade, daß Du nicht geheira⸗ thet und einen oder Paar Stammhalter erzeugt haſt. Ihr Herr Vater hat die Fortdauer ſeines Geſchlechts beſſer geſichert, Carolus Fidelis.“ „Gibt es denn gar keine Cronbergs mehr?“ fragte Königsegg raſch, ſeinem Zwecke freudig näher gerückt. 222 „Mein Vetter Crato, der Anno Zwei und Neunzig verſtorben, iſt zweimal verheirathet geweſen, erſtlich mit einer Gräfin von Hettingen, mit der er vier Kinder ge⸗ habt, darunter zwei Söhne, Johann Kraft und Adam, tüchtige Knaben, ſo aber alle vor ihm ſelber verſtorben; darauf hat er ſich nochmals vermählt mit einer Gräfin Witgenſtein, die hat ihm kein Kind mehr geboren und iſt ihm erſt im vergangenen Mai nachgefolgt. So kam ich nun, von der jüngern Linie, an die Reihe. Dieſe Linie hat ſich Anno 1559 abgezweigt durch Walther, einen Sohn Hartmud's des Zehnten, des Bundesgenoſſen Fran⸗ zens von Sickingen— von dieſem kann ich Ihnen, da Genealogie mein Steckenpferd, ja, ich kann ſagen, meine einzige Liebhaberin iſt, die ganze weitere Entfaltung unſers Stammbaumes erzählen.“ Königsegg, vor dieſer bedenklichen Ausſicht zurück⸗ ſchreckend, kam ihm die grade Frage zuvor: ob nicht noch eine dritte Linie des Cronbergs, welche der Er⸗ hebung in den Grafenſtand nicht theilhaftig geworden ſei, exiſtire? Aber er zog ſich da u nur eine ausführlichere Erörterung zu. Cronberg übereilte ihr zu Liebe ſogar den Schluß ſeiner Mahlzeit, ſchob plötzlich ſeinen Teller zu⸗ rück und winkte Veit, welcher nun ſchnell und geräuſchlos abzuräumen begann, während ſein Herr anhob, von dem Stammvater ſeines ganzen Hauſes, welcher ein Bruder 223 der Kaiſerin Judith, Ludwig's des Frommen zweiter Ge⸗ mahlin, geweſen und Anno 866 verblichen ſei, bis auf Hartmud den Erſten, der um 1266 florirt und mit Agnete von Hanau allerdings mehrere Söhne erzeugt habe, ſo daß ſchon damals eine zweite Linie entſtanden ſei. Dieſelbe habe jedoch ihre Endſchaft genommen mit Eliſabeth von Cronberg, welche ihrem Gemahl, einem Grafen Solms, Rödelheim zugebracht, davon die Solms⸗ Rödelheim, und mit Walther von Cronberg, welchen der treu gebliebene Theil des Deutſchen Ritterordens Anno 1527, nachdem Albrecht von Brandenburg das Ordens⸗ land Preußen zum weltlichen Herzogthum gemacht, in Deutſchland zum Hochmeiſter erwählt habe. Dieſer Wal⸗ ther ſei 1543 verſtorben und ſeines vor ihm heimgegan⸗ genen Bruders Philipp Tochter Anna mit vorerwähntem Hartmud X. von der älteſten Linie vermählt geweſen, wodurch alſo auch weiblicher Seits Alles wieder zuſam⸗ men gefloſſen ſei. Von den drei Linien, welche aber durch die Söhne Hartmud's X. Anno 1559 geſtiftet worden, habe ſich weiter keine mehr abgezweigt, und da zwei der⸗ ſelben gänzlich erloſchen, ſei Er nun, Johann Nicolaus, das letzte Reis des uralten Stammes, der alſo mit ihm eingehen werde. Mit großer Geduld hatte Königsegg die Erzählung, welche ihm keinen Namen erließ, angehört, und war 224 darin geſtärkt worden durch die Wahrnehmung, daß der Diener, nachdem er ſeine Geſchäfte beendigt, das Zimmer ganz verlaſſen hatte. Er unterbrach den eifrigen Genea⸗ logen nicht, und erſt nachdem er ſeinen Bericht geſchloſſen und nicht übel Luſt hatte, ſich noch in die Sippſchaft ſei⸗ ner Cvuſine Diana, verehelichten Freifrau von Sötern, welcher die Allodialerbſchaft des verſtorbenen Reichsgra⸗ fen Crato zugefallen war, zu verirren, ſchnitt ihm Kö⸗ nigsegg den ſonſt endloſen Faden ab.„In meinem Re⸗ gimente, Montecuccoli⸗Cüraſſiere, hat ein Rittmeiſter von Cronberg geſtanden,“ ſagte er.„Kaſpar von Cron⸗ berg. Sollte der in gar keiner Beziehung ſtehen zu Ihrem berühmten Hauſe?“ Auf der ſonſt ſpiegelglatten Stirn des alten Hage⸗ ſtolzes zeigte ſich eine leichte Wolke.—„Ich kenne dieſen Kaſpar von Cronberg nicht,“ erwiederte er,„doch habe ich von ihm gehört, ich habe ſogar einen Brief von ihm geſehen, den er an meinen verſtorbenen Vetter Crato ge⸗ ſchrieben hat, als ich grade bei ihm zum Beſuch in Böh⸗ men war. Er ſuchte mit ihm anzuknüpfen, aber mein Vetter hat ihn natürlich abgewieſen.“ „Alſo an Ihren Vetter hat er ſich gewendet? Ich war der Meinung, an Sie.“ „Nein,“ antwortete Graf Johann Nicolaus gelaſ⸗ ſen.„Ich würde aber nicht anders gehandelt haben, als 225 mein Vetter. Es war ein Glück für dieſen, daß ich mich grade bei ihm zum Beſuche befand und ihm mit meiner genauen Genealogie unſers Hauſes Beiſtand leiſten konn⸗ te; er hätte ſich ſonſt am Ende übertölpeln laſſen und ihm eine Anerkennung der Verwandtſchaft zugeſtanden, auf welche er nicht den mindeſten Anſpruch hat. Denn der Name beweist gar nichts. Mein Haus führt ihn von dem Schloſſe, das ſich der Stammvater erbaut hatte; in dieſem Schloſſe haben natürlich mehr Leute gewohnt, Dienſt⸗ mannen und Andere, denen es eingefallen iſt, ſich zum Unterſchiede von Andern davon nennen zu laſſen. Sie müßten nur aus Cronberg genannt worden ſein, Hans oder Kunz, meinethalben auch Kaſpar aus Cronberg, nicht von Cxonberg, das kommt ihnen nicht zu. We⸗ gen des Wappens, das ſie führen, hätte ich in meines Vetters Stelle bei dem kaiſerlichen Heroldsamt Klage geführt, ich konnte ihn nur nicht dazu bewegen. Gönne ihm doch die Eiſenhütlein, ſammt den Goldkronen im Wappen, da er im Seckel keine beſitzt! ſagte er ſpaßhaft. Er hatte nämlich ſeine ſchlechten Vermögensumſtände vorgebracht. Ich finde aber, mit ſeinem Wappen darf der Edelmann ſo wenig Spaß verſtehen, als der Soldat mit ſeiner Fahne. Der Kaſpar, der ſich von Cronberg nennt, hat unſer ganzes Geſchlechtswappen uſurpirt, den getheilten Schild, links oben zwei Reihen ſilberne und 226 blaue Eiſenhütlein verkehrt in einander greifend, und unten eine güldene Krone im rothen Felde, rechts über Kreuz dieſelben Sinnbilder, Eiſenhütlein unten, Krone oben. Den Schild von Geroldseck und im Mittelſchilde den zweiköpfigen Adler, der ein kaiſerliches Gnadenzeichen Ferdinandi des Zweiten iſt, hat er zwar nicht, aber den offen gekrönten Helm mit den rothen Adlerflügeln, auf welchen die ſilbernen und blauen Eiſenhütlein über Kreuz wieder zu ſehen, und ſtatt des kaiſerlichen Adlers hat er gar im Mittelſchilde unſer redendes Wappen, die Krone, nach welcher wir Cronberg heißen, verdreifacht! Als wollte er uns damit Trutz in den Bart werfen. Ich weiß ſehr wohl, daß etliche Genealogici der Meinung ſind, eine Verdoppelung des Familien⸗Abzeichens im Wappen be⸗ deute eine jüngere Linie, aber ich kann dieſe Meinung nicht für richtig halten. Vorzüglich iſt es denn doch immer unſer Stammbaum, nach Georg Helwichii Ge⸗ nealogie des uralten Adel⸗Ritterlichen Geſchlechts derer von Cronberg, von Anno 620 bis 1625, zu Mainz 1625 in Folio erſchienen, welcher aller Streitfrage ein Ende macht. Sollte mich, der ich nun der Senior oder vielmehr Unicus des ganzen Hauſes bin, beſagter Ritt⸗ meiſter noch einmal mit Sollicitationen moleſtiren, ſo werde ich nicht ſo glimpflich mit ihm verfahren, wie mein allzu weichmüthiger Vetter Crato, der nur höflich die an⸗ gedichtete Verwandtſchaft abgelehnt hat.“ 227 „Er wird weder Sie, noch irgend Jemand mehr moleſtiren,“ verſetzte Königsegg voll Unwillen.„Er iſt todt.“ „Nun dann iſt ja die Frage ohnehin erledigt, vor⸗ ausgeſetzt, daß er keinen Sohn hat.“ „Er hat nur eine Tochter hinterlaſſen, und zwar, wie Sie ja zu wiſſen ſcheinen, in den dürftigſten Um ſtänden.“ Cronberg zuckte ſchläfrig die Achſeln, das Bedürfniß der gewohnten Mittagsruhe ſchien ſich ihm auf einmal fühlbar zu machen. „Sie iſt hier, als ihr Vater in den Krieg ziehen mußte, in einem bürgerlichen Hauſe zurückgeblieben,“ fuhr Königsegg fort, ohne ſich durch die Zeichen, die ihm keine geneigte Aufnahme ſeiner Worte verhießen, irre machen zu laſſen.„Ich habe ſie geſehen, da ich zu mei— nem großen Bedauern ihr die Kunde vom Tode ihres Vaters bringen mußte— ſie iſt ein ſchönes und anſchei⸗ nend wohl erzogenes Mädchen.“ „Ei!“ ſagte der Reichsgraf, und ſeine kleinen Au⸗ gen blinzelten mit einem ſchlauen und leichtfertigen Aus⸗ druck auf den allzueifrigen Anwalt des ſchönen Mädchens. Dieſer verſtand ihn und gab den Blick ſtolz und frei zurück. Doch durfte er den Alten nicht böſe machen 228 und fragte ihn ſo unbefangen, als möglich:„Ob er ſich nicht des verlaſſenen Mädchens annehmen werde?“ „Wie käme iſt dazu?“ rief Cronberg ganz erſtaunt. „Bedenken Sie doch, daß ſie, mag es von Alters her gekommen ſein, wie es will, Ihren Namen trägt.“ „Den werde ich ihr abcomplimentiren!“ rief der Reichsgraf.„Sie ſoll ihr Recht darauf beweiſen.“ „Das möchte manchem vornehmen Geſchlechte ſchwer fallen, ja dem älteſten Adel, der nicht verbrieft, ſondern vor der Urkundenzeit errungen iſt, am ſchwerſten. Was kann übrigens das arme Mädchen dafür? Soll ſie nun von der Gnade einer bürgerlichen Familie leben, die durchaus keine Verpflichtung hat, ſie bei ſich zu behalten?“ „Ich kann ihr nicht helfen— ich kenne ſie ja gar nicht—“ „Wären Sie geneigt, ſie ſich vorſtellen zu laſſen?“ „Ach, um des Himmels willen nein! Sie kann doch hier nicht zu mir kommen!“ „Das nicht— aber wenn meine Stiefmutter Sie bäte, ihr einmal einen Beſuch zu ſchenken, und Ihnen dort das Fräulein von Cronberg zuführte—?“ „Nein, nein!“ rief der Reichsgraf und hob ſeine dik⸗ ken, weißen Hände beſchwörend auf.„Das iſt gar nicht möglich. Meine Ruhe, meine ganze Exiſtenz wäre dahin! Ich miſche mich nicht in fremde Angelegenheiten.“ 229 Königsegg wußte um der Sache willen, der er ſich angenommen hatte, auch die nicht undeutliche Abfertigung, welche in den letzten Worten des Grafen lag, zu verwin⸗ den und ſtellte ihm noch einmal die troſtloſe Lage der Verwaisten vor, für welche er bei ſeinen Verhältniſſen doch wenigſtens etwas thun könne, um ihr ein anſtändi⸗ ges Unterkommen zu bereiten, das ſich dann ſchon finden werde. In ſeinem Eifer miſchte er ſogar, wie er ſich auch gegen den alten Riedl ausgeſprochen hatte, die Trieb⸗ federn der Ehre ein. Dadurch aber verdarb er Alles, wenn bei der Selbſtſucht noch etwas zu verderben war. „Mein beſter Graf,“ erwiederte Cronberg, nachdem er Alles mit ſichtbarer Unbehaglichkeit angehört hatte, „Sie haben ganz Recht. Es tangirt die Ehre, einen ar⸗ men Verwandten darben zu laſſen, wenn man ſelbſt im Ueberfluß ſitzt. Ich habe noch gar viele arme Verwandte von weiblicher Descendenz der ausgeſtorbenen Linien und meiner eigenen— darum kann ich nicht über deren Cyclus hinausgehen. Die Tochter des Kaſpar geht mich gar nichts an und ich bin zu alt, um durch ihre Schönheit ge⸗ rührt zu werden.“ „Sie werden mir kein unedles Motiv zutrauen?“ rief Königsegg, der ſich nun nicht länger bezwingen konnte. „Das fällt mir nicht ein,“ verſicherte Cronberg, von dieſem Tone ſtark eingeſchüchtert.„Ich erkenne vollkommen Ihre edle Abſicht, für die Tochter Ihres verſtorbenen Ca⸗ maraden ſorgen zu wollen. Aber verübeln Sie mir's nicht, daß ich mich mit dieſer Sache, die eine unabſehbare Kette von Verlegenheiten, neuen Verpflichtungen und Unbequem⸗ lichkeiten nach ſich zöge, nicht befaſſen mag. Gott wird dem Mädchen ſchon helfen!“ „Ganz gewiß!“ ſagte Königsegg.„Ich empfehle mich Ihnen, Herr Graf.“ „Wenn übrigens eine kleine Spende baaren Geldes ein⸗ für allemal—“ „Ich danke Ihnen! Verzeihen Sie nur, daß ich Ihre Ruhe geſtört und Sie vielleicht um Ihren Mittagſchlaf gebracht habe.“ Königsegg pört kaum auf die Worte, mit denen ſich der Reichsgraf noch entſchuldigte, und nahm mit kalter Höflichkeit ſeinen Abſchied. Daß von dieſer Seite nicht das Geringſte zu hoffen war, ſah er ein. Es ſchmerzte ihn, das dem wackern Kaufmanne, der ihm ein Widerſpiel zu dem engherzigen Reichen zu ſein ſchien, mittheilen zu müſſen, um ſo mehr, ale er fürchtete, daß bei der Frau, die er damals geſprochen hatte, dieſe Rückſichten in's Ge⸗ wicht fallen würden. Zehutes Capitel. Bittere Stunden. „Das iſt ja ganz erſchrecklich!“ ſagte Riedl, das verhängnißvolle Blatt in der Hand, welches ihm den Fehlſchlag der auf den Reichsgrafen geſetzten Hoffnung meldete. „Ich hab's gar nicht anders erwartet,“ gab ſeine Frau zur Antwort, und die eingekniffenen Lippen verrie⸗ then, daß ſie mit den feindſeligſten Gedanken umging. „Sag' ihr lieber nichts davon,“ bat er.„Der Herr Graf ſchreibt ja hier, daß ſich vielleicht, wenn wir nur Geduld haben wollten—“ „Geduld!“ rief ſie.„Man müßte das geduldigſte Thier ſein, ich will's weiter nicht nennen, wenn man ſich immerfort nur Diſteln vorſetzen ließe und ſchluckte ſie ſtill hinunter. Auf die Vertröſtung gebe ich keinen Kreuzer. Man kennt die vornehmen Herren ſchon, recht ſchöne Worte und nichts dahinter; hat man ſich ein Jahr ge duldet und klopft wieder an, ſo haben ſie rein vergeſſen, daß man auf der Welt iſt. Nein, Anton! Wenn das Mädel dem Herrn Reichsgrafen nichts angeht, uns geht 232 ſie noch weniger an; wie kommen wir dazu, ſie zu füt⸗ tern. Im Hauſe kann ich ſie nun nicht länger behalten.“ „Aber, liebherzigſtes Binerl, willſt Du ſo erbar⸗ menlos handeln? Was muß ſie von uns denken? Erſt können wir ihr nicht Ehre und Liebe genug anthun, und jetzt auf einmal, blos weil ſie arm und unglücklich iſt, wollen wir ſie verſtoßen! Das kann uns keinen Segen bringen!“ „Mach' Dir deshalb keine Gedanken! Ich thue, was ich muß, und das ſo bald als möglich. Man ſoll keine Sache hinſchleppen. Wenn wir aus der Meſſe kom⸗ men, wird Alles auf's Reine gebracht.“ Es war das Erſtemal, daß Cajetana nach dem Schlage des Schickſals, der ſie getroffen hatte, die heilige Stätte betrat. Sie hatte bisher noch nicht vermocht, ſich fremden Augen zu zeigen. Mit welchen Gefühlen über⸗ ſchritt ſie die Stufen der Schwelle, wie zitterte ihre Hand, als ſie Weihwaſſer nahm und ſich mit dem Zeichen des Heils bekreuzte, wie zerknirſcht neigte ſie ſich gegen den Altar! Die Augen unter dem ſchwarzen Schleier zu Bo⸗ den geſenkt, folgte ſie mit unſicherem Schritt ihren Pfle⸗ gern nach ihrem Betſtuhle, wo ſie knieend das Haupt in ſtummem, inbrünſtigem Flehen vor dem Herrn demü⸗ thigte, der ihr ſo Schweres auferlegt hatte. Und Er verſagte ihr Seinen Troſt nicht. Mehr und 4 8 233 mehr, wie die heilige Meſſe ihre Wandlung nahm, zog ein ſanftes Wehen des Friedens in Cajetana's Bruſt, und als die Gemeinde die Kirche verließ, konnte auch ſie neu⸗ geſtärkt ſich erheben, um den fernern Prüfungen ihres Le⸗ bens entgegen zu gehen. Die ſchlanke, ſchöne Geſtalt im Trauerkleide hatte ſchon Vieler Augen auf ſich gezogen— mehr noch wurde die Aufmerkſamkeit erregt, als plötzlich vor der Kirchenthüre ſich ein Mädchen in geringer Tracht an ſie drängte, ihr zu Füßen fiel, ihre Hand ergriff und mit Heftigkeit küßte, und die Trauernde, dem Eindrucke des Augenblicks nachgebend, Alles um ſich vergaß, das laut ſchluchzende Mädchen in ihre Arme ſchloß und ihr Haupt an deſſen Buſen legte, als ſuche ſie dort das treue Herz, das ſie nirgend anders ſonſt finden konnte. Mit Schrecken und Verdruß bemerkte Frau Riedl das öffent⸗ liche Aufſehen, das hier gegeben wurde; ſie ſtand erſt ſelbſt ganz betroffen über das dreiſte Thun der Dirne, welche ſie ſchon in der Kirche mit unheimlichen Gefühlen bemerkt und ſich dadurch in ihrer Andacht geſtört gefühlt hatte; aber ſie faßte ſich ſchnell und machte dem Aerger⸗ niß ein Ende, indem ſie Cajetana etwas unſanft am Arme nahm und ſie, der zudringlichen Dirne einen ſtren⸗ gen Blick zuwerfend, mit ſich hinwegführte. Kathi hatte ſich wohl gedacht, daß die Kirche der einzige Ort ſei, wo ſie ihr geliebtes Fräulein ungehindert 1860. II. Im Strom der Zeit. I. 15 234 werde ſehen dürfen, und hatte getreulich Tag für Tag ſich in die Nähe des Hauſes geſchlichen, um zu belauſchen, ob Cajetana nicht zu einer andern Stunde, als der des ſonntäglichen Gottesdienſtes das Heiligthum, deſſen Pfor⸗ ten ja den Gläubigen zu jeder Friſt unverſchloſſen ſind, ſuchen werde, um dort vor der Mutter aller Gnaden ihr Herz auszuſchütten. Aber erſt heute bei der Meſſe hatte ſie die Trauernde zuerſt erblickt und ihr ohne Furcht vor der harten Frau, die ihr die Schwelle ihres Hauſes ver⸗ boten hatte, ein Zeichen ihrer Liebe gegeben. Zufrieden verließ ſie nun die Stadt, um zu ihrem Vater zurück⸗ zukehren, der ſchon wieder leidlich im Freien ſich ergehen konnte und ihrer unmittelbaren Hülfe nicht mehr be⸗ durfte. Sie hatte ihm verſchwiegen, was ihr bei jenem Gange in die Stadt am Kärnthnerthurme und vor dem Hauſe der Frau Riedl begegnet war, aber zwei Tage lang hatte ſie wie ein Spürhund auf jedes Zeichen ge⸗ achtet, das ihr die Annäherung einer Gefahr verkündigen konnte, um dann ſogleich den Vater zu warnen und mit ihm den ſichern Verſteck zu ſuchen, wo Niemand ſie ſo leicht finden mochte. Als nun Alles ruhig blieb, gab ſie ſich der Hoffnung hin, daß man ihrer um Cajetana's willen verſchont und von dem Wilde, das man bei ihr geſehen, keine Anzeige gemacht hatte; denn wäre das ge⸗ ſchehen, ſo würde der Wildmeiſter keinen Augenblick ver⸗ 235 ſäumt haben, um das nur unvollkommen gelungene Werk ſeines Schuſſes durch Gefangennehmung des entdeckten Schuldigen zu vervollſtändigen. Jede Nachfrage blieb aber aus; der Knecht aus dem Riedl'ſchen Hauſe in Meidling, dem noch kein Widerruf der letzten Anordnung zugekommen war, brachte noch gelegentlich etwas an Le⸗ bensmitteln nach der verfallenen Hütte, wenn er auch ſeinen Widerwillen durch die kurze, unfreundliche Art zeigte, mit welcher er dieſelben jedesmal übergab. So fühlte ſich Kathi wieder ſicher und dachte nur daran, ihr Fräulein zu ſehen, deſſen Unglück ſie ſelbſt mit tiefem Gram gefüllt hatte. Das war ihr endlich heute gelungen, und ſie wanderte, wenn auch ſehr traurig über den Zu⸗ ſtand, in welchem ſie Cajetana gefunden, aber doch inner⸗ lich beglückt durch die Liebe, die ihr das Fräulein vor allen Menſchen bezeugt hatte, ihren Weg durch die Vor⸗ ſtadt, wo ſie noch ſonntäglich geputzten Menſchen begeg⸗ nete, und dann durch die ſtillen, einſamen Felder. Da ſah ſie einen Reiter von fern im geſtreckten Galopp daher ſprengen. Ihr ſcharfes Auge erkannte ſchon auf eine weite Strecke, daß es ein Jäger war, denn Niemand durfte ſonſt grüne Röcke tragen, als die kaiſerlichen Forſtbedien⸗ ten, ſelbſt die vornehmen Herren auf ihren Jagdpartien nicht. Kathi wich daher dem Grünrock bei Zeiten aus, indem ſie einen Umweg machte. Der Reiter kümmerte 15* 236 ſich aber auch gar nicht um ſie, ſondern jagte wie raſend, daß der Staub hinter ihm hoch aufwirbelte, der Stadt zu. Am lieben Sonntag! dachte Kathi mißbilligend, und lenkte wieder in ihren vorigen, geraden Pfad ein, wo ſie den Reiter bald vergaß, um ſich ausſchließlich mit ihrem Fräulein zu beſchäftigen. Was ſollte nun mit ihr wer⸗ den? Sie hatte ſchon mit ihrem Vater viel davon ge⸗ ſprochen, der war aber viel zu ſehr auf ſeine eigenen An⸗ gelegenheiten verbiſſen geweſen und hatte ſich niemals recht ausgelaſſen. Nur geſtern war er etwas mehr darauf eingegangen, als Kathi klagte, daß ſie das Fräulein gar nicht zu ſehen bekomme, und daß es ihr doch unmöglich bei Frau Riedl, wenn ſie keinen Rückhalt mehr am Herrn Vater hatte, recht gut gehen könnte.„Laß nur, Kathi,“ hatte er geſagt,„wenn Alles mit mir in Ordnung iſt, werd' ich ſelber einmal hinein laufen und mit dem Fräu⸗ lein reden.“ Hätte das treue Mädchen in dieſem Augenblicke, wo ſie ſo zärtlich ihrer gedachte, Cajetana ſehen können, was würde ihr Herz empfunden haben!— Gleich nach der Rückkehr aus der Kirche hatte Frau Riedl nur eben die Goldhaube und das Staatskleid aus ſchwerem Stoffe abgelegt, ſo begab ſie ſich in Cajetana's Zimmer, wäh⸗ rend ihr Gatte ſich, nach einem letzten Verſuche, ſie auf beſſere Gedanken zu bringen, in ſeine Schreibſtube ein 237 ſchloß, nicht um zu arbeiten, was er am Sonntage nach alter, frommer Sitte für ſündlich gehalten haben würde, ſondern um nichts von Allem zu hören. Er fühlte ſich ſtrafbar, daß er nicht einen Machtſpruch wagte. „Mein Kind,“ hob Frau Riedl an, als Cajetana mit ihr allein war,„ich habe Ihnen Etwas zu ſagen.“ Ihre Stimme war etwas befangen, die kurzen Athemzüge verriethen, daß ihr die Sache doch nicht ſo gleichgültig ſei, als ſie ihrem Manne erklärt hatte.„Ich ſehe, daß Sie Einen wieder anſchauen können, und das iſt auch ganz vernünftig. Alſo bleiben Sie denn ſitzen, ich ſetz' mich zu Ihnen.— Sie wiſſen, daß der Herr Vater Sie uns hier gelaſſen hat, bis er wiederkommen und Sie abholen werde. Nun, weinen Sie nicht wieder ſo ſehr, das kann er nicht, weil's der liebe Gott anders gewollt hat. Wir haben Sie auch ganz gern behalten und haben Sie be⸗ hütet und bewahrt ſieben Jahre lang bis auf den heutigen Tag. Zehn Jahre waren Sie alt, als der Herr Vater ausmarſchirte, heut' ſind Sie ſiebzehn. Wir haben unſere Schuldigkeit alſo redlich erfüllt. Was denken Sie nun ſelber über die Sache, wie's nun weiter werden ſoll?“ Cajetana hatte in ihrem Schmerze darüber noch nicht nachgedacht, wohl überhaupt keine Ahnung gehabt, daß in ihren nächſten Beziehungen eine Aenderung ein⸗ 238 treten könnte, und war daher außer Stande, eine Antwort zu geben. „Schauen Sie, das habe ich mir wohl gedacht,“ fuhr Frau Riedl fort, und gewann immer mehr Feſtig⸗ keit.„Sie wiſſen's nicht und können's auch nicht wiſſen. Ich muß alſo ſchon für Sie ſorgen. Hier bei uns können Sie nicht mehr bleiben, das ſehen Sie wohl ſelber ein. Ja, mein Kind,“ beſtätigte ſie, als ſie Cajetana's tödt⸗ lich erſchrockenen Blick bemerkte,„es geht nicht anders, wenn Sie es ſich vernünftig überlegen. Wir haben ge⸗ than, was wir konnten. Der Herr Vater ſelig hat ſchon lange kein Koſtgeld mehr gezahlt, das wollen wir einſt⸗ weilen nicht rechnen, bis Sie vielleicht einmal im Stande ſind, es abzutragen. Aber wir können nun auch nicht wei⸗ ter das ſo fortgehen laſſen. Mein Mann hat die Anzeige vom Tode des Herrn Vaters gemacht und darauf an⸗ getragen, daß Ihnen ein Vormund geſetzt werde, wenn auch nichts zu verwalten iſt. Die Sachen habe ich ſchon taxiren laſſen, ſie reichen noch nicht hin, die ſiebzehn Gulden fünfzehn Kreuzer zu decken, die ich Ihnen, wie Sie wiſſen, nach und nach geborgt habe. Ja, das muß man Alles be⸗ ſprechen, liebe Tochter, da kann man nicht verzärtelt thun, wie die vornehmen Herren, die ſchon glauben, ſie be⸗ ſchmutzen ſich, wenn ſie das Wort Geld nur in den Mund nehmen. Eine ordentliche Frau rechnet ihr Bischen zu⸗ 239 ſammen. Ehe ein Vormund beſtellt wird, dauert es noch lange, ſo etwas geht nicht zwiſchen heut und Morgen, und eh' die Herren ſich entſchließen, läuft eine Schuld auf, vor welcher Sie ſelbſt erſchrecken würden. Ich habe alſo ſchon Rath gefunden. Aber Sie hören nicht auf mich.“ Cajetana hatte in der That keinen andern Gedanken, als daß ſie nun auch die letzten Menſchen, die ſich um ſie gekümmert und ſie bisher doch ſo lieb gehabt hatten, ver⸗ lieren, daß ſie hinausgeſtoßen werden ſollte in ein unbe⸗ kanntes Schickſal, deſſen Formloſigkeit ſie mit Grauen erfüllte. Auf die Mahnung, welche ſie aufmerken hieß, ſuchte ſie Kraft zu faſſen, und richtete ihr verdunkeltes Auge bittend auf die herzloſe Frau, welche das ihrige vor dieſem rührenden Blicke zur Erde ſenken mußte und einen Moment ſich tief bewegt fühlte. Aber ſie ſchämte ſich ſogleich dieſer Regung, welche ſie Schwäche ſchalt. „Der Herr Reichsgraf,“ begann ſie wieder,„von welchem uns der Vater oft erzählt hat, war juſt in Wien anweſend, und Graf Königsegg hat ihn auch beſucht und ihm Ihr Schickſal vorgeſtellt, weil er glaubte, er werde es ſeiner Ehre ſchuldig ſein, Ihr Vormund zu werden und weiter für Sie zu ſorgen, da er weder Kind noch Kegel hat und ein unermeßlich reicher Mann iſt. Aber er will nichts davon wifſen. So bleibt denn nichts weiter ——————— 240 übrig, als daß Sie Ihren Adel vergeſſen und denken, daß Sie nicht anders geboren ſind, wie unſer Eins, der doch auch ein Menſch iſt. Ja, ſehen Sie mich nicht ſo erſtaunt an, es iſt heraus, man muß nur Dinge, die verdrießlich ſind, nicht ſubtil angreifen, dadurch werden ſie noch ſchlim⸗ mer. Was bleibt Ihnen denn übrig, wenn Sie ſich ſelbſt durch die Welt helfen wollen, als daß Sie thun, was tauſend brave Mädchen thun müſſen? Arbeiten iſt keine Schande und dienen auch nicht.“ Vor dieſem Worte, das für Cajetana's verwöhntes Gefühl eine Schmach war, verſiegten die Thränen in ihrem Auge und ein ſprühendes Feuer loderte auf. Ihre Lippen zuckten, aber ſie fand keinen Ausdruck für das, was ihre Bruſt empörte. Nur die raſche Bewegung der Hand verrieth ihre Entrüſtung. Frau Riedl verwunderte ſich nicht, ſie war darauf gefaßt.„Ich weiß ſonſt keinen Rath,“ ſagte ſie aufſtehend. „Nehmen Sie ſich Zeit, bedenken Sie ſich's ganz ruhig. Ich ſorge dann ſchon für ein gutes Unterkommen, Nie⸗ mand braucht ja zu wiſſen, wer Sie eigentlich ſind; den Namen, über den ſich die Leut' wundern möchten, laſſen wir aus, Nanni klingt eben ſo gut. Das Schlimmſte iſt freilich, daß Sie nicht an Arbeit gewöhnt ſind und nichts recht machen können; daran bin ich Schuld, ich hätt' Sie 241 dazu anhalten ſollen. Aber ſo lange Sie noch in meinem Hauſe ſind, können Sie ja immer einen Anfang machen. Ich werd' ſchon nachhelfen—“ „Ihr verſtoßt mich!“ rief Cajetana.„Gebt mich nur ganz auf! Ich will Euch nicht länger zur Laſt fallen.“ „Nur nicht ſo ſtolz!“ entgegnete Frau Riedl, von dem Tone beleidigt.„Ich dächte, es würde ſich auch nun ſchicken, daß ich nicht mehr ſo hoffärtig mit Ihr angere⸗ det würde, wie es wohl noch Mode iſt von Oben herun⸗ ter, aber nicht mehr unter gleichen Perſonen. Wenn ich noch Sie ſage, können Sie es auch thun.“ Cajetana wandte ſich ab und that einen raſchen Schritt, als wolle ſie dieſe entſetzliche Behandlung fliehen. „Nun ſeien Sie nur vernünftig, liebes Fräulein,“ ſagte die Riedl einlenkend, weil es ihr ſelbſt leid that, zu weit gegangen zu ſein.„Ich meine es gut mit Ihnen: bittere Tränke ſind oft die heilſamſten. Wenn ich einen andern und beſſern Rath wüßte, würde ich ihn ja vor⸗ gebracht haben. Ich dachte erſt an die Himmelpfortnerin⸗ nen— wenn Ihre Muhme, die Frau Priorin, noch lebte, hätte es keine Noth, aber im Kloſter nehmen ſie auch nicht Koſtgängerinnen auf lange Zeit auf, wenn ſie nicht in den Orden treten wollen. Und Nonne wollen Sie doch 242 wohl nicht werden, das bleibt Ihnen ja immer noch, wenn's Ihnen in der Welt ſchlecht geht.“ Cajetana antwortete nichts, und dies Schweigen wurde der Frau Riedl peinlich. „Wenn Sie nicht auf mich hören wollen, ſo kann ich weiter nichts ſagen. Ich werde thun, was Recht iſt. Wollen Sie nachher nicht und wiſſen etwas Beſſeres, ſo habe ich auch nichts dagegen.“ Sie wartete noch eine kleine Weile, und als Cajetana immer noch regungslos, wie eine Bildſäule, von ihr abgewendet ſtand, ſagte ſie: „Wenn Sie eigenſinnig ſind, ſo gehe ich meiner Wege. Zum Abend haben Sie ſich vielleicht beſonnen.“ Sie verließ das Zimmer. Sobald ihr Tritt auf der Treppe niederſteigend zu hören war, ſtürzte Cajetana auf ihre Kniee und barg das Antlitz verzweifelnd in beide Hände. „Anton,“ ſagte Frau Riedl zu ihrem Manne, nachdem er ihr erſt auf zweimaliges Klopfen zaghaft ſeine Thüre geöffnet hatte,„wir müſſen bald ein Ende mit ihr machen, ſonſt kommt ſie uns noch im Hauſe um ihren Verſtand. Glaubſt Du, daß ſie mir auf meine ver⸗ nünftigen Vorſchläge nur ein Wort geſagt hat? Sie war wie ein Stein, kehrte mir den Rücken und be⸗ handelte mich wie eine Magd Das iſt nun der Dank 243 ür Alles, was ich an ihr gethan habe! Gib mir den Brief vom Grafen noch einmal, ich will ſehen, ob wirk⸗ lich noch ein Stückchen Hoffnung für ſie iſt.“ Sie las den Brief aufmerkſam durch und gab ihn dann ihrem Manne zurück.„Das iſt gar nichts geſagt. Das ſind ſchöne Worte, wie die großen Herren ſich unter einander machen, damit iſt man abgefertigt. Bei Unſereinem ver⸗ fangen ſie auch nicht mehr, man iſt ſchon klug geworden. Darauf warte ich auch nicht einen Tag länger. Ich werde zur Frau Viertelsmeiſterin gehen, die mich um ein ſau⸗ beres Mädel in ihre Stuben gefragt hat. Es wär' frei⸗ lich beſſer, wir brächten ſie aus der Stadt, wo ſie Nie⸗ mand kennt, denn es wird eine Weil üble Nachrede geben; aber ehe ich ein Unterkommen draußen finde, dauert es mir zu lang', und ich denke, wenn ſich die Leut' ſatt geredet haben, hören ſie ſchon von ſel⸗ ber auf.“ „Sollte man aber nicht zuvor doch noch mit dem Herrn Grafen eine Rückſprach' machen,“ wandte Riedl ein;„vielleicht hat er doch noch etwas Ernſtliches im Sinn.“ „Wir werden nur ausgelacht, Anton. Eher möcht' ich noch mit dem alten Kerl in Meidling reden, wenn nicht Alles durch Deine Geſchichte mit dem Haſen ver⸗ dorben wäre. Konnteſt ſie denn nicht für Dich behal⸗ ten? Wenn mir etwas Böſes geſchieht, ſo weiß ich, wer es mir zugezogen hat. Die braune Dirne heut' vor der Kirche zu ſehen, war zum Fürchten, ſie benahm ſich mit der Oben wie eine Unſinnige; alle Menſchen wurden auf⸗ ſtutzig. Das Volk muß mir aber aus Meidling fort, ich werd's ſchon durchſetzen.“ „Aber, Sabinerl, willſt Du ſie noch mehr reizen? Was können ſie uns nicht anthun!“ „Müſſen eingeſteckt, aus dem Land gejagt werden. Aergere mich nicht, Anton, Du thuſt eine Sünde. Ich will nun gleich gehen, wenn wir geſpeist haben. Heut' iſt Sonntdg, heut' finde ich die Leut' zu Hauſe.“ Vor dem Hauſe klang Hufſchlag, der ihre Rede ſtörte. Durch das Fenſter ſahen ſie einen Trupp Dra⸗ goner, der von der Seilerſtadt herkam und wahrſcheinlich nach dem Sammelplatz auf dem neuen Markte ritt. „Ja, ſchau Du nur hinauf!“ ſagte Frau Riedl, als der Vorderſte der Reitter ſeine Augen nach dem Fenſtethim obern Stock erhob.„Da wirſt Du heut' wohl nichts finden!“ Es war nichts Ungewohntes, Dragoner hier vorüber zichen zu ſehen, da ſie ihren Sammelplatz ganz in der Nähe hatten, und eben ſo wenig hatte ſich Frau Riedl verwundert, wenn ſie nach den Fenſtern blickten, ob nicht junge, neugierige Mädchenaugen den 245 blanken Reitern nachſchauten: das war nun einmal Sol⸗ datenmanier. Die jungen Mädchen freilich thaten es ver⸗ ſtohlen und ſchämten ſich, wenn ſie dabei ertappt wurden. Heut' bemerkte aber Frau Riedl, daß der vorderſte Rei— ter, da er ſchon faſt vorüber war, eine raſche, gleich⸗ ſam ſchreckhafte Bewegung machte, ſich nochmals im Sattel umdrehte und in die Steigbügel ſich erhebend, mit der Hand auf den Sattelkranz geſtützt, ſtarr nach den Fenſtern ſah. „Sie hat ſich gezeigt!“ rief Frau Riedl.„In ihrem Trauerkleide hat ſie ſich den Soldaten gezeigt! Siehſt Du, Anton, daß es die höchſte Zeit iſt, ſie aus dem Hauſe zu ſchaffen? Komm nur gleich zum Eſſen— mir wird heut' kein Biſſen ſchmecken, bis ich mir Rath geholt habe. Vor den Soldaten iſt ſie an's Fenſter ge⸗ gangen!“ Konnte die alte Frau das Gefühl wohl verſtehen, welches die Verlaſſene ergriff, als ſie Hufſchlag und Waffenklang, die vertrauten Töne ihrer Kindheit, ver⸗ nahm, die ſie jedesmal mit Stolz und Entzücken erfüllt hatten, wenn ſie ihren Vater mit Stahlhaube und Küraß, das lange funkelnde Schwert in der Hand, auf hohem Roß an der Spitze ſeiner Schaar erblickte? Ihr war es, als würde ſie inmitten der Waffengenoſſen ihres Vaters 246 nicht verlaſſen und verhöhnt ſein, wie hier, als würden dort ritterliche Herzen ſich ihrer ſchützend annehmen und ihr eine Freiſtatt bereiten, da ſie hier ausgeſtoßen wurde in Schmach und Niedrigkeit! Ein Moment war es frei⸗ lich nur, daß dieſer phantaſtiſche Gedanke ſie unwillkür⸗ lich hinriß, einen Blick gleichſam hülfeſuchend hinab zu werfen, und ſie bebte, über ſich ſelbſt erſchrocken, ſchnell wieder zurück. Aber es ſchien, als habe der kriegeriſche Anblick, der ſich geboten, der Stahlblitz, der ihr Auge ge⸗ troffen hatte, ihre Kraft geſtärkt und ſie zu dem Ent⸗ ſchluſſe geführt, ihr Haupt dem fremden Willen nicht zu beugen. Ein treues Herz lebte ihr ja doch noch in der Welt, ſie hatte es heut' an dem ihrigen ſchlagen ge⸗ fühlt! Lieber wollte ſie in der elenden Hütte zu Meidling Armuth und Entbehrungen mit den Menſchen, die ſie lieb hatten, theilen, lieber dort in der Freiheit mit ſchwer⸗ ſter Arbeit ſich erhalten, als ſich erniedrigen vor der Frau, die ſich urplötzlich in ihrem Unglück ſo grauſam gegen ſie gezeigt hatte! Cajetana war noch ſehr jung, daß ſie ſich ſolchen Gedanken hingeben konnte— wie wenig kannte ſie die unerbittliche Wirklichkeit des Lebens!— Auf der Straße entſtand unterdeſſen eine Unruhe, die Nachbarn traten vor den Thüren zuſammen, um ſich die Nachricht mitzutheilen, welche ein Dragoner 247 im Vorüberreiten einem bekannten Bürger zugerufen hatte. Sie ſollten einen abermaligen und ernſtlichen Streifzug in die Gegend nach dem Thiergarten und dem Gebirg hin unternehmen, obgleich es Sonntag war, denn ein reitender Bote hatte die Nachricht ge⸗ bracht, der Wildmeiſter von Schönbrunn ſei im Walde erſchoſſen worden. ——* — Ende des erſten Bandes.