Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cduard Olkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. GLeih- und Heſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 57 Pf. 2 Mi.— Pf. „ ò„ S„ ö—„ 2„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S. —S 7 ſ 415n Bibliotheß deutſcher Briginalromane der beliebteſten Fchriftſteller. Herausgegeben von J. h. Kober. Zwölfter Jahrgang. Siebenter Band. Heimath und Ferne. II. 15 Prag Leipzig⸗ Verlag von J. L. Rober. Heimath und Ferne. Hiſtoriſcher Roman Berund von Guſec. iter Band 1857. Prag& Leipzig, Verlag von Z. L. Rober. Erſtes Kapitel. Rückflut. Das Jahr 1512 war mit einer winterlichen Strenge eingetreten, wie ſie Ralien ſelten kennt. Schneeſtürme brauſten daher und überſchütteten die Fluren, wenn auch nur für kurze Zeit, mit einer weißen, ungewohnten Decke; die Weinreben waren dem Erfrieren nahe, alle grundlos verdorben, daher verödet, und ſelbſt in den Wohnungen der Menſ chen, die nicht auf Winterkälte, wie unſere ntichen ein⸗ gerichtet ſind, fand ſich kein rechtes Behagen in dieſer grauſamen Jahreszeit. Es war an einem Januarmorgen, noch ſehr früh, als eine Galeere mit ſtarker Bemannung in den Hafen von Venedig einlief. Bald, nachdem ſie —— — 6 Anker geworfen hatte, wurde die Ausſchiffung rüſtig betrieben; die Boote, von ſtarken Ruderern geführt, ſetzten zuerſt die vornehmern Herren mit ihrem Ge⸗ folge, welche auf der Galeere gekommen waren, an den Treppen der Piazetta ab, wo ſchon ihre eigenen, ſchwarzverhüllten Gondeln ſie erwarteten, um ſie nach ihren Paläſten am Canal grande zu fahren. Damals prangten dieſe noch in aller Herrlichkeit von außen und innen und das üppigſte Leben pulſirte in ihnen, das nun längſt erſtorben iſt. Mit jenen Nobili war auch ein Fremder gekommen, der nicht ihren ſchwar⸗ zen, ſeidenen Mantel trug, von ihnen aber mit Achtung und Aufmerkſamkeit behandelt wurde, ſo jung er auch noch war. Sie hatten ihm, ehe der Letzte ſich von ihm trennte, noch freund ch Beſcheid gegeben, wohin er ſich wenden ſolle— das war aber nicht nöthig, denn er kannte Venedig bereits und hatte nur einen kurzen Weg zurückzulegen, um ſein Ziel zu erreichen. Auf der Piazetta, welche ſonſt zu ſo früher Tageszeit faſt menſchenleer iſt, herrſchte jetzt durch die Ausſchiffung, die nun auch Krieger aus den griechiſchen Beſitzungen der Republik die Steinplat⸗ ten des Platzes füllen ließ, ein ſehr bewegtes Leben. Der Fremde ſtand noch eine Weile neben den beiden — ſchlanken Säulen, deren eine den geflügelten Löwen Venedigs trägt, die andere das Standbild des heili⸗ gen Theodor, und ſah gedankenvoll hinaus, über die nächſte lärmende Umgebung hinweg, auf die Flut und die vorliegenden Inſeln, ſein Blick weilte aber nicht auf der Pracht ihrer Kirchen, ſondern irrte darüber hin zum fernen Lido, wo die Rieſenmauern Trotz bieten den Wellenroſſen— wie der Venetia⸗ ner die hochgehenden Wogen nennt— und weiter über das blaue adriatiſche Meer, das von hier nur mit dem geiſtigen Auge zu ſchauen war. Von dort kam der Fremde, weit vom Süden herauf, an Erfahrun⸗ gen reicher, an Idealen bettelarm. Er wandte ſich nun ab und wollte eben zwi⸗ ſchen beiden Säulen hindurchſchreiten, als er ſich von einer kräftigen Hand gefaßt und zurückgehalten fühlte. Unwillig ſah er ſich um: zwei alte Männer ſtanden vor ihm. „Hier iſt kein Weg, als für Verbrecher zur Hin⸗ richtung,“ ſagte der eine höflich—„Ihr ſeid ein Fremder und wißt das nicht— verzeiht, wenn wir Euch ein übles Omen erſparen.“ „Signor Bernardo!“ rief plötzlich der zweite, den Fremden erkennend.„Seid Ihr's? Wie habt Ihr 8 Euch verändert in der Sonne der Levante! Ich grüße Euch.“ „Wahrhaftig, Signor Bernardo!“ ſagte jetzt auch der erſte, der, als Einheimiſcher, ihn von dem verhängnißvollen Durchſchreiten des Raumes zwiſchen den beiden Säulen, der ſeit alter Zeit verfehmt iſt, abgehalten hatte.„Willkommen in Venedig, Herr Ritter, darf man doch wohl ſagen?“ „Das bin ich nicht, hoffe es aber zu werden, wenn auch nicht ein Ritter des heiligen Johannes von Jeruſalem,“ antwortete der Fremde.„Damit iſt es vorbei, Meiſter Andrea.“ „Hab' ich's Euch nicht geſagt?“ rief der Ve⸗ netianer lebhaft.„Und hat es Euch mein Bruder Filippo nicht geſagt? Aber kommt, Signor Bernardo, Ihr ſeid mein Gaſt— Ihr wolltet doch wieder zu mir kommen.“ „Euch meine Schuld abtragen—“ „O redet mir davon nicht! Schuld, Schuld! Bin ich ein Jude?“ „Es freut mich, daß Ihr kein Jude ſeid,“ er⸗ wiederte der Fremde lachend,„denn ich wollte Euch ſagen, aber Ihr ließt mich nicht ausſprechen. Euch meine Schuld abtragen, kann ich zwar noch immer nicht, doch wollt' ich Euch wenigſtens begrüßen und 9 Euch ehrlich das eingeſtehen, damit Ihr mir weitere Friſt gebt.“ „Sollt ſie haben, ſolange Ihr wollt, da Ihr in Eurem Stolze als deutſcher Edelmann verſchmäht, die Paar Zecchinen von einem venetianiſchen Gold⸗ ſchmied anzunehmen. Kommt denn.“ Sie gingen am Dogenpalaſte vorüber, deſſen Wunderbau in ſeiner rothen Marmorpracht die Blicke des Fremden von neuem auf ſich zog, zum Campa⸗ nile, dem freiſtehenden merkwürdigen Glockenthurm, von welchem er bei erſter Anweſenheit im vorigen Spätſommer das entzückende Abendbild zu ſeinen Füßen betrachtet hatte, und von dort, wo der Mar⸗ kusplatz ſich eröffnet, rechts biegend ſtanden ſie vor dem damals ſchon uralten Dome, vor deſſen Portal die drei rothen Maſten zu jener Zeit noch mit vollem Recht die Standarten jener ſchönen Beſitzungen der Republik trugen, auf denen nur zu bald darauf der Halbmond das Kreuz verdrängen ſollte: Cypern, Candia, Morea. Wie immer ſtanden die Pforten des Heiligthums, über denen das eherne Viergeſpann, jenes Meiſterwerk aus Korinth, prangt, den Gläubi⸗ gen zum Gebet offen, und es zog den Fremden hin⸗ ein, da er den Fuß heute zuerſt auf europäiſchen 5 Boden geſetzt, ſich den Segen des Herrn ſt ſeine 5 4* 10 neue Laufbahn, nachdem die erſte verfehlt war, zu erflehen. „Hier könnt Ihr treten!“ ſagte der Venetianer ſtolz, auf das dunkle Porphyrtäfelchen zeigend, das in den Marmorboden gefügt iſt, wo einſt der große Hohenſtaufe vor dem Papſte gekniet, ſich unter Ve⸗ nedigs Vermittelung die Losſprechung vom Banne zu erwirken. Der Deutſche, von andern Gedanken beſchäftigt, achtete nicht auf ihn, ſondern ſchritt über die Moſaik des Fußbodens, die nun Wellen gewor⸗ fen vor Alter, ohne doch Stift von Stift zu laſſen, zum Altar, um zu beten. Still folgten ihm die beiden alten Brüder, Andrea, der Goldſchmied und Filippo Diodati aus Brescia, und knieten neben ihn, ihre Andacht zu verrichten. Da konnte es nicht fehlen, daß die Erinnerung in dem jungen Fremden wach wurde, wie er bei ſeiner erſten Anweſenheit in Italien zu Padua in der Kirche der heiligen Juſtina Weih⸗ waſſer von der Tochter des alten Mannes empfan⸗ gen hatte, der zu ſeiner Verwunderung noch immer im Erxile verweilte; wie dieſer jetzt neben ihm, hatte damals Fivrina an ſeiner Seite gekniet— aus dem unklaren Dämmerſcheine der Vergangenheit trat wunderſchönes Bild in blendendes Licht und rerſchrack faſt, wie er damals vor ihrer Schön — 11 heit erſchrocken war. Kann es Wunder nehmen, daß er bei ſeinen zerſtreuten Gedanken den Segen des Gebetes nicht fand? Unbefriedigt erhob er ſich, und als er mit den beiden Greiſen den Weg nach dem Uhrgebäude nahm, auf deſſen Dache die eher⸗ nen Rieſen, die das Volk i mori nennt, auf frei⸗ ſtehender Glocke die Stunden des Tages anſchlagen, wo der Durchgang zu der Merceria iſt, war ſeine erſte Frage, wie es denn komme, daß Herr Filippo noch immer in Venedig und nicht daheim bei den Seinigen ſei? Das ernſte Geſicht des Brescianers wurde noch ſtrenger, als es gewöhnlich war.„Die Stunde meiner Heimkehr hat noch nicht geſchlagen,“ erwiederte er. „Vielleicht, daß Ihr ſie mir dießmal beſſer bringt, als da Ihr zuerſt kamet.“ „Dießmal, ich? Wie ſo?“ fragte Bernhard von Linden. „Weil Ihr dießmal Krieger mitbringt und im vorigen Sommer nur Papiere, die kein Vertrauen zur That erweckten,“ verſetzte Diodati.„Mein Vetter Marani hatte es gut im Sinn, aber ſeine Nachricht, die er von Euch erhalten, daß eine bedeutende Ver⸗ ſtärkung aus Deutſchland komme, war eher geeignet, die Signoria dieſer Stadt einzuſchüchtern und von 12 dem allzugewagten Unternehmen nur doppelt ſo ſtark als der Gegner abzuhalten.“ „Filippo!“ rief der Bruder mit halber Stimme, indem er ſich, erſchrocken über die gefährliche Spott⸗ rede, überall umſah.„Vergißt Du, wo Du biſt?“ „Sei ruhig, Andrea, wir find allein auf hun⸗ dert Schritt,“ erwiederte Filippo mit einem bittern Lächeln.„Die Löwenrachen am Dogenpalaſt, die Hüter Eures Staatswohls, werden keinen Zettel mit meinem Namen von unbekannter Hand erhalten, und was jenſeit der Seufzerbrücke liegt, bleibt für mich ein unbekanntes Land. Ich hoffe nun aber in Wahrheit auf baldige Erlöſung.“ Sie waren unterdeſſen zu dem Hauſe des Gold⸗ ſchmieds gelangt und die Frau und Kinder des Al⸗ ten nahmen den Gaſt, den er mitbrachte, mit der⸗ ſelben Freundlichkeit auf, wie das erſtemal, da er in ſeiner Noth hier eingeſprochen und auf die Empfeh⸗ lung ſowohl, als die Nachricht, deren Ueberbringer er war, Aushilfe gefunden hatte. Im ſichern Zim⸗ mer, das durch Kohlen nothdürftig erwärmt war, ſaßen die drei Männer dann bald bei einem Becher feurigen Cyperweins zuſammen, und der Hauswirth, der ganz das lebhafte venetianiſche Naturell ange⸗ nommen hatte, ſetzte ſeinem jungen Gaſte weidlich 13 mit Trinken zu, während ſein Bruder jedes Glas, das ihm eingeſchenkt werden ſollte, halb mit Waſſer füllte. Bernhard ſollte zuerſt berichten, wie es ihm ergangen ſei, warum er zurückkehre und ſein Vorſatz, in den Orden der Rhodiſe, wie er nach ſeinem Sitze vorherrſchend genannt wurde, aufgegeben habe. Er hatte aber ſchon Eins gelernt, die alte Offenheit nicht überall walten zu laſſen. Wozu hätte es ge⸗ führt, all' die bittern Erfahrungen, die er gemacht, die Enttäuſchung über die Heiligkeit und Reinheit der Geſellſchaft, der er ſich hatte weihen wollen, die Zurückſetzung, die er erduldet hatte, die ſchnöde Be⸗ handlung, die ihm zuletzt widerfahren war, fremden Menſchen zu erzählen? Er begnügte ſich daher, nur im allgemeinen zu erklären, daß er auf Rhodus nicht gefunden, was ihn dorthin gezogen habe, daß er keine Ausſicht gehabt, in den Orden als Ritter anders als vielleicht nach langem, wenig Gelegen⸗ heit zu Thaten der Ehre verſprechendem Dienſt auf⸗ genommen zu werden und daß ihm ſeine Mittel, obgleich er rch die hilfreichen Brüder Diodati wohl h worden, doch kein längeres Blei⸗ ben erlaubt, Wn er nicht habe ganz in— Skla⸗ verei fallen wollen. „Sklaverei, ſeht Wn rief Andrea.„Da — 14 habt Ihr das Wort. Eine bloße Sklaverei— Ihr verkauft Leib und Seele, und wär's dem Dienſte des Herrn und Heilandes noch, wie in alter Zeit, wohlgethan! wollt' ich dazu ſagen, und Amen! Aber wem verkauft Ihr Euch jetzt, wem? Wärt Ihr ein Franzoſe, gut, ſo ſtände Euch wenigſtens mit dem weißen Kreuze eine reiche und weite Ausſicht offen, aber Ihr, ein Deutſcher? Wißt Ihr nicht die alte Sage, daß wenn einmal ein Deutſcher Groß⸗ meiſter wird, der Orden untergehen ſoll 2*) Du ſchüttelſt mißbilligend den Kopf, Filippo— mir hat es ein Vetter des jetzigen Großmeiſters Aymar von Ambviſe, heißt er nicht ſo, Signor? ſelbſt geſagt, als er ſich hier einen Schmuck für ſeine Mye, wie die Franzoſen ihre Liebchen nennen, beſtellte. Nun habt Ihr auch darin Erfahrungen gemacht, Signor Bernardo? Wie ſteht es mit dieſem Ordensge⸗ lübde? O lieber Herr, Ihr habt wohlgethan, Euer freier Herr zu bleiben, Ehre gewinnen könnt Ihr aller Orten, und wo es Euch dann gefällt, da baut Ihr Euch das eigene Haus, nehmt 5 ein ſchönes *) Dieſe wirklich verbreitete Sage iſt in Erfüllung ge⸗ gangen. Der letzte war ein Deutſcher: von Hompeſch. Bonap entriß ihm Malta. Weib, nicht als Liebchen blos, deſſen Kuß Euch Sünde iſt, ſondern zur treuen Gattin. Trinkt aus, ſag' ich, ſeid Ihr ein Deutſcher und fürchtet Euch vor einem Becher Wein?“ Bernhard that Beſcheid und fragte erregter, als er bis jetzt geweſen war, Filippo Diodati, ob er Nachrichten aus Brescia habe, und ob ſeine Frau von ihrer Krankheit damals bald geneſen ſei. „Sie iſt wieder geſund,“ antwortete Filippo kurz. „Dank der Pflege Eurer Tochter, nicht wahr?“ fragte Bernhard, immer freier werdend von der Schüchternheit, die ihn bisher abgehalten hatte, Fra⸗ gen zu thun, welche ihm ſehr am Herzen lagen. „Meine Tochter hat ihre Pflicht gethan,“ er⸗ wiederte Diodati. Gern hätte Bernhard weiter geforſcht, aber ſo geläufig er nun italieniſch ſprach, fand erkeinen rech⸗ ten Grund zu gerader Frage:„Ihr hofft alſo, daß nun die Stunde Eurer Heimkehr bald ſchlagen wird?“ lenkte er in andere Richtung ein„Die Franzoſen ha Brescia noch immer beſetzt?“ J Herr,“ antwortete ſtatt des Bru⸗ ders der Goldſthmied.„Doch hat ſich nun die Lage der Dinge gebeſſert, denke, da Eure Galeere noch eine erwüͤnſchte Vezſtärkung an Epirbten, die 16 ſonſt unſere Flotte bemannten, gebracht hat, wird der Gritti endlich den Streich ausführen.“ „Eure Vaterſtadt, Eure Verwandten haben wohl unter der Zeit viel gelitten?“ „Das könnt Ihr Euch denken, wenn Ihr den franzöſiſchen Uebermuth kennt, der wohl der franzö⸗ ſiſchen Kriegsfuria, welche dieß Volk im Streite un⸗ widerſtehlich macht, gleichkommen wird. Verwandte, die mir noch am Herzen liegen, habe ich in Brescia keine mehr, als meines Bruders Familie und die iſt geborgen.“ „Nicht mehr in Brescia?“ fragte Bernhard lebhaft. „Doch, Herr. Aber das Haus meines Bruders hat eine Sauvegarde erhalten.— Ihr wißt doch, was das iſt? Für unverletzlich iſt es erklärt worden und kein noch ſo gewaltthätiger Franzoſe würde es wagen, die Sauvegarde, welche der königliche Prinz verliehen hat, zu verletzen.“ Bernhard dachte an alles, was ihm der alte Ma⸗ rani im Garten zu Monſeliee erzählt hatte, und wünſchte glühend, mehr zu erfahren, beſonders, dieſer Schutz erlangt worden ſei, ob Gaſton de Folt Fiorina wie⸗ der geſehen habe und was überhaupt ihre Zukunft ſein werde, da er bei ſeinem erſten Hierſein aus ————— e—„—— — —— 17 manchen unvorſichtigen Aeußerungen des geſprächigen Goldſchmieds entnommen hatte, daß allerdings über Fiorina etwas beſchloſſen geweſen, welches nur auf Hinderniſſe geſtoßen ſei, ſonſt aber allen Parteien großen Vortheil gebracht hätte. Damals hatte er den Muth nicht gehabt, zu erzählen, was er unab⸗ ſichtlich vor Padua belauſcht Geſpräch zwiſchen Fabian von Schlabrendor dem andern, der ihm ein Unterhändler geſchienen jetzt würde er vielleicht jenen Muth gefunden haben, wenn er nicht durch den immer ſtrengern Blick Filippo's in ſeine Schranken gebannt worden wäre. Er bat daher den Goldſchmied nur, ihm über die jetzige Lage der Ver⸗ hältniſſe in Italien, die ihm noch durchaus unbe⸗ kannt ſei, einen klaren Aufſchluß zu geben, damit er ſeinen Entſchluß faſſen könne „O da werdet Ihr nicht lange zweifelhaft ſein,“ rief Meiſter Andrea.„Auf der einen Seite der Kö⸗ nig von Frankreich und einige abtrünnige Fürſten Italiens, auf der andern Seite die heilige Liga, welche das Oberhaupt der Chriſtenheit mit unſerer Republik Venedig und Spanien geſchloſſen hat, der auch der Kaiſer und der König von England beitritt—“ „Der Kaiſer?“ entgegnete Bernhard überraſcht. „Ganz gewiß!“ beſtätigte der Goldſchmied„Wenn 1857. VII. Heimath und Ferne I. 2 18 es noch nicht geſchehen iſt, ſo ſteht es binnen kur⸗ zem bevor. Schon, daß er ſein Kriegsvolk ganz un⸗ thätig in Verona liegen läßt, wo jede Minute koſt⸗ bar wäre, kann es Euch beweiſen Wie ſollte auch der Kaiſer Max, der ein frommer Sohn der Kirche iſt, gegen den heiligen Vater ſich erklären!— Hört nun. Ihr kennt den Papſt nicht von Perſon, aber Ihr habt gehört von ſeinem Ernſt und ſeiner Strenge, von ſeiner makelloſen Reinheit inmitten einer ver⸗ derbten Zeit. Was ſagt Ihr dazu, daß ſein Feind ein Konzil zu Piſa ausgeſchrieben, um ihn abſetzen zu laſſen? Franzöſiſche Biſchöfe fanden ſich wohl ein und die Verſammlung nannte ſich das Salz der Erde und das Licht der Welt, aber zum Glück hielten ſich die erleuchteten Kirchenobern Italiens und Deutſchlands fern, und als Jene ſich in Piſa nicht ſicher glaubten, daß ſie vom zürnenden Volke dem Papſt überliefert würden, und darum nach Mai⸗ land zogen, kam es dort gar zum Aufſtand, den der Gaſton nur mit Blut dämpfen konnte Seht, das iſt die Stimme des Volkes gegen Frankreich!“ „So hat ſie hier auch vor Zeiten gegen ihren rechtmäßigen weltlichen Oberlehnsherrn, den Kaiſer, „Wenn geſprochen,“ warf Bernhard ein. „Sagt das nicht,“ verſetzte Andrea. n kur⸗ z un⸗ e koſt⸗ e auch Kirche Hört „ aber trenge, er ver⸗ Feind bſetzen ohl ein z der Glück taliens Volke Piſa 19 die Kaiſer immer verſtanden hätten, die Städte für ſich zu gewinnen, das Landoolk war immer gut kai⸗ ſerlich geſinnt und iſt es noch. Werft heute das kai⸗ ſerliche Banner in der Lombardei auf, ſo ſollt Ihr ſehen, ſelbſt auf venetianiſchem Gebiete, in der Um⸗ gegend von Bergamo und Brescia läuft alles dem Adler zu und verläßt den Löwen. Die Stadt Bres⸗ eia freilich war immer guelfiſch und würde ſich ſchwer von Venedig losſagen.— Hört weiter. Auf das verbrecheriſche Dekret der Schismatiker zu Mailand wurde denn die heilige Liga feierlich verkündet, erſt zu Rom, dann hier zu Venedig. O da hättet Ihr die meergeborne Stadt in allem Glanze ihrer Macht und ihres Reichthums ſehen ſollen! In San Marco wurde ein feierliches Hochamt gehalten, dem wohnte der Doge Lionardo Loredano mit den Zehnern, dem Rathe und der geſammten Signoria bei; das Läu⸗ ten der Glocken, der Donner der Kanonen verkün⸗ deten das große Ereigniß.— Von allen Dächern und Fenſtern wehten Banner und Teppiche, alle Plätze, vorzüglich San Marco waren feſtlich verziert, durch⸗ wogt vom ganzen Volke— Nobili und Popolari ge⸗ miſcht— alle im reichſten Schmuck, den ſie nur be⸗ ſaßen, der ärmſte Gondolier hatte ſein Fahrzeug we⸗ nigſtens mit einem grünen Laub geſchmückt, das er 2 20 ſich in die Stadt, wo kein Grün und keine Blume wächſt, von den Inſeln oder vom Lido geholt. Bald kam auch zur Freude die That. Zuerſt ſagten die Schweizer durch einen Herold den Franzoſen ab und zogen an ſechs⸗ zehn Tauſend Mann ſtark von den Bergen in die Lom⸗ bardei— hätten ſie nur den Muth gehabt, Mailand anzugreifen. Aber ſie gehen ja immer nach Geld blos. Für einen Monatsſold, den ihnen die Fran⸗ zoſen zahlen ſollten, verſprachen ſie— denkt Euch! — wieder abzuziehen, und zogen auch ohne dem, als ſie keinen Vortheil ſahen, wieder ab. Das Heer der Liga war unterdeſſen zuſammengekommen. König Ferdinand hatte ſeine Spanier geſchickt, die von Neapel unter dem Vizekönig Don Raymon de Cat⸗ dona heraufzogen. Da fielen ſie zuerſt auf den Alphons von Eſte, Herzog von Ferrara. Der aben müßt Ihr wiſſen, iſt der beſte Kriegsmann Italiens, hat eine Artilleria, wie ſie die Welt noch nicht ge⸗ ſchen, gießt ſelbſt Bombarden und ſchießt mit ſeinen Feldſtücken, wie kein Geſchützmeiſter— um ſo ſchmach⸗ voller für ihn, daß er ſich zu den Feinden ſeines Oberlehnsherrn, des heiligen Vaters, geſchlagen hat Er war gut an den Anfall gerüſtet, wozu er all Edelſteine und Perlen, welche ihm Lucrezia Borgia zuge⸗ bracht, verſetzt hat. Kennt Ihr die Dame? Nicht? Wohl ziel Br es alle dieſ tes wo den gen Blume d kam weizer ſechs⸗ Lom⸗ ailand Geld Fran⸗ Euch! em, als eer der König ie von e Cat⸗ if den r aber taliens, cht ge⸗ ſeinen chmach⸗ ſeines en hat er alle a zuge⸗ Wohl 24 Euch! Ferrara hatte der Herzog ſtark befeſtigt, aber ſeine Stadt Baſtia am Po wurde am letzten Tage des alten Jahres von den Spaniern geſtürmt. Dann ſtieß die Macht des Papſtes zu ihnen, welche der Kardinal von Medici führt, unter ihm Mare Anto⸗ nio Colonna, der ſchönſte Römer, und jetzt haben ſich unſere Verbündeten vor Bologna gelagert, um dieſe Stadt, welche dem heiligen Vater ſchändlich verlo⸗ ren gegangen, wieder zu erobern. Unſere eigene venetianiſche Streitkraft aber, unter dem Gritti, ſteht im Begriff—“ „Willſt Du wirklich alles treuherzig berichten, Andrea?“ unterbrach Filippo Diodati ſeinen Bru⸗ der.„Unſer Gaſt hat, wie er ſelbſt ſagt, ſeinen Entſchluß noch nicht gefaßt. Wenn er es nun vor⸗ zieht, ſeinen Arm, wie ſo manche ſeiner deutſchen Brüder, dem Könige von Frankreich zu leihen, wird es uns nicht eben von Vortheil ſein, daß Du ihm alle Anſchläge erzählſt.“ Vor einem halben Jahre würde Bernhard auf dieſe Rede, die ihn verdächtigte, als könne er geſchenk⸗ tes Vertrauen mißbrauchen, vielleicht heftig geant⸗ wortet und dabei vergeſſen haben, was er den bei⸗ den Brüdern verdankte: jetzt hatte er ſich ſchon mäßi⸗ gen gelernt, auch Einſicht in fremde Anſchauungen 22 gewonnen, die mit den ſeinigen weſentlich kontraſtir⸗ ten. Er erwiederte daher, daß er allerdings, wenn er Kriegsdienſte nehme, da ſtehen würde, wo Deut⸗ ſche ſtänden, daß aber der Kaiſer ja, wie Meiſter Andrea behauptet, in kürzeſter Friſt ſich der heiligen Liga anſchließen werde und er dann nicht länger zweifelhaft über ſeinen Entſchluß ſein könne. So⸗ nach habe es gar keine Gefahr, ihm die Pläne des Feldherrn, von denen Meiſter Andrea in der Merce⸗ ria zu Venedig ſo genau unterrichtet ſcheine, zu ver⸗ trauen. „Da hab' ich meinen Stich weg und quittire darüber,“ ſagte der Goldſchmied lachend.„Glaubt mir oder nicht, ſo bin ich doch vielleicht beſſer über manche Dinge unterrichtet, als ſäß' ich im großen Rathe, obgleich ich meine Werkſtatt in der Merce⸗ ria nur ſelten verlaſſe. Der Kaiſer tritt zu uns, verlaßt Euch darauf, wenn es auch noch eine kleine Weile dauern ſollte.“ „Bis der Kaiſer ſich erklärt hat, werde ich denn warten,“ ſprach Bernhard.„Iſt es mir nicht ver⸗ gönnt geweſen, gegen den Erbfeind der Chriſtenheit in der Weiſe zu kämpfen, wie ich es mir gedacht und für würdig befunden, ſo will ich denn wenig⸗ ſten ang ſchüt barn alle e Wie Fra welc gewi durck ſen. gen heiße die S Unte die der „ich „im Vene wenn davor aſtir⸗ wenn Deut⸗ eiſter ligen inger So⸗ des erce⸗ ver⸗ ittire laubt über roßen erce⸗ uns, leine denn ſtens für die Ehre deutſcher Ration ſtreiten, der ich angehöre, wenn auch nicht dem deutſchen Reiche.“ „Seltſames Volk!“ äußerte Filippo, den Kopf ſchüttelnd.„Doch mag es gut ſein für Eure Nach⸗ barn, daß Ihr ſo und nicht anders ſeid. Ständen alle Deutſche einmüthig zu ihrem Kaiſer, ſo würde er bald Herr des Schickſals aller Länder ſein!— Wie nun aber, wenn Euer Kaiſer dem Könige von Frankreich abſagt, was werden die Hauptleute thun, welche dieſem dienen?“ „Was Ehre und Pflicht von ihnen fordert, ganz gewiß!“ verſetzte Bernhard mit Zuverſicht, ohne ſich durch das ungläubige Lächeln Andrea's irren zu laſ⸗ ſen.„Ich weiß, Euer Feldherr hat bereits im vori⸗ gen Jahre verſucht—“ hier fiel ihm plötzlich mit heißem Schreck ein, daß, was er ſagen wollte, auf die Anerbietungen bezogen werden könnte, welche der Unterhändler bei Padua dem ſtarken Sachſen gemacht, die Worte von der Roſe von Brescia fielen ihm wie⸗ der ein und trieben ſein Blut in die Wangen— „ich meine,“ ſetzte er ſchnell und verwirrt hinzu, „im vorigen Jahre ſchon ſind Deutſche im Dienſte Venedigs gegen den Kaiſer geweſen— mir erzählte, wenn ich nicht irre, Herr Marani, Euer Vetter, davon.“ 24 Der Kaufherr aus Brescia ſah finſter und ſtolz auf.„Was Euch mein Vetter Marco erzählt hat, weiß ich nicht; das aber nehmt mit meinem Worte für gewiß an, daß ich denjenigen verachte, der ſei⸗ nen Entſchluß erkaufen läßt, daß ich, wenn es in meinen Willen gegeben wäre, nie die Hand dazu bieten würde, einen ſolchen Handel zu betreiben, nie, niemals und ſtände mein eigenes Leben auf dem Spiele!“ Zweites Rapitel. Todt für die Welt. Der Ueberfall von Brescia war geglückt. Der venetianiſche Feldherr hatte dazu im ſtillen die be⸗ ſten Vorbereitungen getroffen, wobei ihm der Wider⸗ wille, mit welchem die Bürger die ihnen aufgezwun⸗ gene franzöſiſche Herrſchaft trugen, gut zu Statten gekommen war. Dem Landvolk aber, das immer noch trotz der langen Eutfremdung gut kaiſerlich geſinnt war, hatte man die Nachricht glaublich gemacht, daß der Kaiſer von dem Bündniſſe mit Frankreich zurück⸗ getreten ſei, und darauf hin waren die Bauern rings d ſtolz t hat, Worte er ſei⸗ es in dazu n, nie, f dem Der i be⸗ Wider⸗ zwun⸗ tatten immer eſinnt t, daß zurück⸗ rings — 25 umher bereit, die Waffen gegen die verhaßten Fran⸗ zoſen zu ergreifen. So hatte ſich denn Andrea Gritti mit drei Tauſend Schwergeharniſchten, drei⸗ zehn Hundert albaneſiſchen Reitern und drei Tau⸗ ſend Mann Fußvolk aufgemacht und war bei nächt⸗ licher Weile, im guten Einverſtändniß mit den Bürgern, an die Stadt gelangt. Die Thore waren freilich von franzöſiſchen Wachen beſetzt, aber ſonſt ſchlief die Mannſchaft, ſich nichts übles verſe⸗ hend. Da hatten die Bürger an Stricken und Spießen ſoviel venetianiſche Krieger, als ſich thun ließ, über die Mauern gezogen, während der Feldherr die Reiterei in das ſeichte Bett des Garza, welcher durch die Stadt fließt, rücken laſſen und auf dieſem unverſperrten Wege hineingeführt. Nun plötzlicher Allarm, Schüſſe von allen Seiten, Sturm auf die Thore! Die Beſatzung, aufgeſchreckt, hatte ſich nicht recht ſammeln können und war meiſt erlegen, nur ein Theil, unter Henry Gonnet, hatte ſich tapfer käm⸗ pfend in das Schloß geworfen, wo er ſich noch hielt. So war es denn Venedig gelungen, die wich⸗ tige Stadt dem Feinde wieder zu entreißen, und für den alten Diodati hatte die Stunde der Vereinigung mit Weib und Kind, nach welcher ſein Herz ſich im freiwilligen Exile lange geſehnt, endlich geſchlagen. 26 Die Waffen hatte er dabei nicht geführt, das war ſeinem Sinne fremd; auch der junge Freund, der ihn begleitete, hatte ſich dem Kampfe, welcher für ihn keine Theilnahme bedingte, fern gehalten. Bern⸗ hard war es, der ſich entſchloſſen hatte, die Einla⸗ dung Diodati's anzunehmen. Erröthend über ſich ſelbſe war er zu dieſem Entſchluſſe gekommen.„Dem Manne gehört die That!“ Dieſer Spruch, den ihm einſt der Stradiotenhäuptling, der ihn beraubte, mit auf den Weg gegeben hatte, war ihm unvergeßlich geblieben und hallte bei jeder neuen Gelegenheit, wo er ſich treiben ließ“ von Menſchen oder Ereigniſſen, in ſeinem Geiſte wieder, wie eine Sturmglocke. Schon oft hatte er ihn zu friſcher Thatkraft geweckt, wo ihn die alte träumeriſche Neigung ſeiner frühern Jahre, die Folge einſamer Jugend, übermannen wollte; den ſtarken Entſchluß, der an ſich eine That genannt werden konnte, ſich männlich der unwürdigen Ver⸗ knechtung, in welche er, weil er dem Orden nichts zu bieten und bringen vermocht als ſein Herz und ſeinen Arm, gerathen war, mit einemmale zu ent⸗ reißen und damit die ganze Richtung ſeiner Lebens⸗ bahn zu verändern, dieſen kräftigen Entſchluß ver⸗ dankte er nur dem Spruche des Albaneſen. Nach ſeiner Rückkehr auf das feſte Land Italiens, als er mit die Die nur die dieſ gen abe dert Nat leuc non Rey wol hatt Ber alte lan edle läh tägl kon dati kiſch den ⸗ r⸗ mit Filippo Diodati Venedig verlaſſen hatte, war die Mahnung abermals in ihm erklungen:„zur That!“ Die That des Mannes iſt Kampf. Ganz recht— nur nicht immer mit den Waffen, welche das Eiſen, die Kugel, geben. Bernhard dachte noch einzig an dieſe, nur durch ſie war der Ruhm und die Ehre zu gewinnen, mit denen er ſeine Stirn ſchmücken wollte, aber ſich ſelbſt getreu, nicht um ſchnöden Sold, ſon⸗ dern nur um eine Idee zu dienen, hatte er„deutſcher Nation Herrlichkeit im Sinne, und was er von dem leuchtenden Bilde des ritterlichen Kaiſers Marx ver⸗ nommen, hatte ihn zu ſeinem Ideal, dem echten Repräſentanten ſeines deutſchen Volkes, erhoben. Ihm wollte er dienen. Der Kaiſer aber war fern. Noch hatte er das Wort nicht ausgeſprochen, das ihm, Bernhard zweifelte nicht daran, alle Herzen in dem alten Reichslehen Lombardien gewinnen mußte. So lange wollte Bernhard warten. Aber die gemeinſte, edlern Naturen widerwärtigſte, allen Aufſchwung lähmende Sorge bedrängte ihn: die Sorge um das tägliche Brod. Er hatte nicht mehr, wovon er leben konnte Der Vorſchuß, welchen ihm die Brüder Dio⸗ dati freigebig gemacht hatten, als er, von dem ſchur⸗ kiſchen Wirth in Padua um ſein Geld betrogen, von den chriſtlichen Stradioten auch des übrigen beraubt, 28 das ihm die ungläubigen Türken unangetaſtet ge⸗ laſſen, nach Venedig gekommen war, dieſer Vorſchuß war nun, wie ſparſam er ihn auch, durch die Noth belehrt, zu Rath gehalten hatte, gänzlich zerronnen: er beſaß im eigentlichen Sinne des Wortes nichts mehr, und hatte das dem Diodati geſtehen müſſen, als dieſer mit aller Ruhe des Geſchäftsmannes, der in dieſem Punkte keine überzarte Schonung kennt, danach gefragt hatte. Da war er denn dringend eingeladen worden, bei ihm zu bleiben, bis auch ſeine Stunde— wie ja Filippo's nun gekommen— ſchlagen werde, und ihm alle Sorgen für die Nö⸗ thigkeiten des Lebens zu überlaſſen, nicht um Ge⸗ ſchenke anzunehmen, denn es werde genau Buch zu einſtiger Wiedererſtattung gehalten werden, auch nicht, um durch irgend eine Verbindlichkeit ſeinen Entſchluß erkaufen zu laſſen, worüber ſich ja Filippo deutlich ausgeſprochen, ſondern eben nur, um den Entſchluß, welchen er ſchon für des Kaiſers Dienſt gefaßt hatte, nicht übereilt ausführen zu müſſen. Konnte er dieſe auftichtig gemeinte Einladung ausſchlagen? Was hätte er anfangen ſollen im fremden Lande? Hand⸗ geld nehmen, ſo ſchnell als möglich— weiter wäre ihm nichts übrig geblieben, und das wollte er frei thun, erſt, wenn er nicht mehr zu ſtreiten haben e—c c 4Sc — — 29 werde gegen diejenigen, denen er ſoviel verdankte. So hatte er denn Filippo's Anerbieten, das ihm dieſe Freiheit des Handelns gewährte, angenommen, war mit ihm von Venedig zur Terra ferma übergefahren, nachdem er von dem wackern Goldſchmied wohl für ewig Abſchied genommen hatte, und, dem Heerhaufen folgend, war er nun auch in Brescia, der Stadt, von welcher er ſchon in der Heimath durch Haugwitz ſoviel gehört hatte. Gleich, nachdem das Thor er⸗ brochen worden, war Filippo mit ihm durch Seiten⸗ gaſſen, während der Kampf in den Hauptſtraßen tobte, nach ſeinem Hauſe geeilt, wo die Seinigen, bereits unterrichtet von ſeiner Ankunft auf den ge⸗ heimen Wegen des obwaltenden Einverſtändniſſes mit den Bewohnern, ihn mit Zittern und Freude empfangen hatten. Welcher Blick aus Fiorina's Au⸗ gen dabei den unerwarteten Gaſt, der mit dem Vater kam, getroffen, das fühlte dieſer noch im hei⸗ ßen Blute, als er gegen Morgen erſt in das Gemach, das er bewohnen ſollte, ſich zurückgezogen hatte— er fühlte dieſen Blick noch, obgleich kein zweiter ihm gefolgt war, der dieſen erſten beſtätigt hätte. Sein Auge ſchloß ſich nicht; wie hätte auch überhaupt ein Auge in Brescia ſich ſchließen können, wo nach ge⸗ ſchehener Befreiung die Freude in jauchzender Aus⸗ 30 gelaſſenheit und leider auch in blinder Rache an denen ſchwelgte, die nach ihrer Parteiung zur andern Seite noch immer, obwohl ohne allen Sinn mehr, die ghibelliniſche genannt, ſich hielten? Gegen Morgen war es in dem Stadttheil, in welchem Filippo's Haus lag, ſtiller geworden. Bern⸗ hard, welcher vergebens Ruhe geſucht, öffnete weit ſeine Fenſter und ließ den Strom kalter Luft ſeine brennende Stirn kühlen. Es war noch zu dunkel, um die Gegenſtände zu erkennen, aber das Plätſchern des Springbrunnens und die Mauern, welche in ge⸗ ringer Entfernung vor ihm und zu beiden Seiten finſter aufragten, ließen ihn vermuthen, daß es der Pofraum ſei, nach welchem ſein Zimmer ſchaute. Im Seitenflügel ſchimmerte ein Licht durch Gitterwerk eines verſchloſſenen Fenſters— es konnte Fiorina's ſein.„Wie kommt doch alles anders, als man glaubt!“ dachte er, als die Wellen ſeines Blutes ſich wieder in raſchern Pulſen bewegten.„Ich hatte Abſchied ge⸗ nommen von dieſem ſchönen Bilde, das in mein Leben geleuchtet, Abſchied auf immerdar. Und nun — kannſt Du Dir ehrlich ſagen, Bernhard, daß ſie nicht auf Deinen Entſchluß, mit hieherzugehen, eingewirkt hat? Und war es allein der Wunſch, zu hören, was aus ihr geworden ſei, wie ſie ſelbſt mich dazu aufgefordert, war es dieſer Wunſch Dich oft mit ihr beſchäftigte— wollteſt auch wiſſen, ob ſie wirklich den Mann g ſie für die Sache ihrer Partei gewinne ſie vielleicht deßhalb die Deutſchen haſſ. verſchmäht? Oder bewegte Dich nick Gedanke?“ Er legte die Hand über die A lange ſo, in das offene Fenſter ſchien, als ſei er endlich müde v Sinnen entſchlummert. Draußen f ſcherte der Springbrunnen und r⸗ Cypreſſe, welche ihr ſpitzes Haupt überliegende Gebäude erhob; imm winterliche Luft, je mehr es tagt Froſtſchauder überrieſelt, blickte das Licht drüben war erloſchen, ab Dämmerſcheine des Morgens gle ſter, das geöffnet ſchien, welche gleich verſchwand. War e traten alle Gegenſtände aus d Bernhard ſchaute wirklich in eiz raum, der ihn aber, je mehr ſeine wunderbare Schönheit feſſ tektur rings umher! Säuleng eitenflügeln; gegenüber dem Hauptge⸗ welchem Bernhard's Fenſter lag, ein drei⸗ or mit gothiſchen Spitzbogen, deſſen Arka⸗ ffene Durchſicht in einen Garten geſtatteten, ieſe Wunder der Baukunſt berankt mit und dichtem Epheu— in der Mitte rmorquadern belegten Fußbodens das rlich durchbrochenem Rande, aus deſſen aſſerſtrahl in wechſelnder Höhe auf⸗ rlen zerſtäubt wieder ſant— es war als ſei einer der ärchenträume is Leben getreten und es müſſe ſich Zaubergeſtalten, die ihn erfüllt, dem lieb leer und ſtill, und wie weit heraufkam, die Sonne dann ihre die obern Fenſter blicken ließ, kein regte ſich im Hofe und im Hauſe. pweigen dem Harrenden unheim⸗ rwachte in ihm und litt ihn nicht ſamen Zimmer. Der alterthüm⸗ ernſten Grün kam ihm jetzt vor e Gruft— er riß ſich auf und um das Leben zu ſuchen. Eine ſetzen häßlich, wie Italienerinnen tge⸗ rei⸗ rka⸗ ten, mit titte das ſſen uf⸗ war ume ſich dem weit ihre kein uſe. im⸗ icht im⸗ vor und ine nen 23 33 wohl werden können, begegnete ihm auf der Treppe; ihr ſcharfes, ſchwarzes Auge traf ihn feindlich, ſie beantwortete ſeine Fragen nach dem Hausherrn nicht, ſondern wies nur mit dem dürren Arme nach einer Thüre von dunklem, gebeizten Holz, die er von oben ſehen konnte. Er folgte dieſer Anweiſung, und trat mitten in einen Familienrath hinein, denn es waren wohl zehn Perſonen, Männer und Frauen, um einen großen Tiſch verſammelt, und alle blickten mit unwilligen Geſichtern nach dem Störer ſich um, der unangemeldet und offenbar unberufen ſich ein⸗ drängte. Aber die italieniſche Höflichkeit iſt unver⸗ wüſtlich, und nicht allein Filippo, der Hausherrt, ſtand auf, dem Gaſte entgegenzugehen, ſondern noch meh⸗ rere der Verſammelten, unter denen er Marco Ma⸗ rani, ſeinen alten Bekannten, bemerkte, erhoben ſich, ſeinen Gruß erwiedernd. „Verzeiht, Ihr Herren und Damen,“ ſagte er mit einer ihn wohl kleidenden Verlegenheit,„ich wußte nicht, daß ich hier in eine Geſellſchaft treten würde, die ich ſtöre— erlaubt mir, augenblicklich mich wieder zu entfernen.“ „Nicht doch!“ verſetzte Filippo Diodati, nahm ihn bei der Hand und ſtellte ihn vor.„Seht, liebe Verwandte, das iſt ein Freund des guten Signor 1857 VII Heimath und Ferne H. 3 Ermannv aus Deutſchland, der oft bei uns geweſen iſt und mit uns allen gelebt hat, als ſei er von lombardiſchen Eltern geboren. Setzt Euch zu uns, Signor Bernardo, ich hätte Euch rufen laſſen, wenn ich nicht geglaubt hätte, daß Ihr nach der unruhigen Nacht noch ſchliefet. Frau, unſer Gaſt iſt, glaub' ich, noch nüchtern— was ſoll er denken von Deinem Hausweſen, Margherita?“ Frau Margherita entſchuldigte ſich mit dem⸗ ſelben Glauben, daß er noch geſchlummert habe, und ließ ſich von ihm nicht abhalten, ſelbſt für ihn zu ſorgen; ein gemeinſames Frühmahl war hier einge⸗ nommen worden und eben, wie es nach den Tellern und Geſchirren auf der Tafel ſchien, beendigt. Hatte man ihn ganz vergeſſen? Er konnte es nicht dulden, daß er nun hier vor allen allein ſpeiſen ſollte, er ging der Frau vom Hauſe nach und bat ſie mit deutſcher Umſtändlichkeit, ihm das zu erſparen— wolle ſie ihm einen Teller mit Suppe reichen, ſo möge ſie ihm erlauben, draußen zu bleiben, da er überhaupt wohl Familienangelegenheiten, die beſpro⸗ chen würden, ſtöre. Erſt hatte ſie gelacht über ihn, bei den letzten Worten aber verdüſterte ſich ihr Ge⸗ ſicht: er hatte die Wahrheit getroffen.„Euer Wunſch ſoll geſchehen,“ ſagte ſie, öffnete ihm eſen von uns, enn igen aub' nem em⸗ und u ige⸗ und atte den, er mit „ſo er ro⸗ ihn, Ge⸗ uer hm 35 ein kleines Zimmer, vordeſſen Thüre ſie eben ſtanden, und bat ihn, ſich hier niederzulaſſen, ſie werde ihm gleich die Polenta ſenden. Er blieb nur kurze Zeit allein, dann brachte ihm die alte häßliche Magd die Speiſe, und ſetzte ſie mit einem Blicke vor ihn hin, als wolle ſie ihm dieſelbe vergiften. Es überkam ihn ein Gefühl, als könne hier ſeines Bleibens nicht ſein; er hatte ſich alles anders gedacht im Kreiſe einer Familie, nach den wilden Szenen, die ſeinen Eintritt bezeichnet, hatte er gehofft, ein friedlich wohlthuendes Leben, auf kurze Zeit wenigſtens, zu führen; der Anfang entſprach dieſer Hoffnung nicht, aber es war wohl ſeine Schuld, daß er ſich getäuſcht fuͤhlte, und wie konnte er nach dem Eindrucke eines Momentes urtheilen? Fiorina hatte er in der Ver⸗ ſammlung nicht geſehen— was mochte der Grund ſein? Wenig genoß er von der ihm vorgeſetzten Speiſe, den Becher, den ihm die Magd gefüllt hatte, ließ er ganz unberührt; er gab ſeinen Gedanken Raum, die ihn aus dieſer unbehaglichen Häuslichkeit— und hatte er in der Fremde ſchon eine andere kennen ge⸗ lernt?— in den Kreis ſeiner Lieben daheim ver⸗ ſetzten, aber plötzlich ſtand er auf, eine fieberhafte Glut färbte ſein Antlitz, das die vorientaliſche Sonne ſchon männlich gebräunt hatte: die wunde Stelle 3* 36 in ihm war getroffen, daran durfte er nicht denken, ohne Vorwurf nicht! Denn hatte er einſt gefehlt, ſich hinreißen laſſen, wo er doch ganz andere Pläne hegte, ſo war es jetzt, wo dieſe Pläne zerronnen waren und nichts ihn gehindert hätte, ſich ganz den alten Gefühlen hinzugeben, ein neuer, viel ſchlim⸗ merer Zwieſpalt, der in ſeiner Bruſt gefährliche Stürme weckte. Die lauten Stimmen, welche in lebhaftem Wortwechſel von drüben, wo die Ver⸗ wandten des Hauſes verſammelt waren, zu ihm her⸗ überdrangen, blieben vor den lautern Stimmen ſeines Innern, die ſich unter einander anklagten und entſchuldigten, unvernommen; er war auch ſchon zu ſehr an das italieniſche Weſen gewöhnt, um in jedem heftigen Stimmengewirr einen Streit zu hören. Hier war es freilich nicht weit davon. Nach einiger Zeit kam ſein Wirth, von Ma⸗ rani begleitet, zu ihm, erſterer entſchuldigte die ſchlechte Aufnahme, die er gefunden, mit dem Drange der Umſtände, in welchem die Frauen leicht den Kopf verlören; letzterer freute ſich, den jungen Kavalier, der ihm einſt Reiſegeſellſchaft und mit der Ueber⸗ nahme ſeiner Briefe nach Venedig einen wichtigen Dienſt geleiſtet, wiederzuſehen und hoffte, bald in engſter Verbindung mit ihm zu ſtehen, da er von ken, ehlt, läne en den im⸗ iche c& — ſeinem Entſchluſſe gehört habe, und an der Bedingung, an welche er ihn geknüpft, gar kein Zweifel mehr ſei. Diodati warf ſeinem Vetter einen mißbilligenden „So werth mir Euer Arm für unſere Sache iſt,“ ſprach er,„mag ich ihn doch nicht durch falſche Wege gewinnen. Was Ihr abzuwarten gedenkt, ſcheint nach der neueſten Botſchaft, welche dem Proveditore zugegangen iſt, wieder in einige Ferne gerückt. Gleichwohl werdet Ihr in kurzer Zeit kaum die Wahl haben, ein müßiger Zuſchauer zu bleiben. Wir können den Feind bald vor unſern Mauern erwarten.“ „O! O!“ rief Marani.„Er wird ſich beſinnen, denk' ich, und Bologna, wohin er gezogen iſt mit ſeiner ganzen Macht, iſt ihm doch wohl wichtiger zu behaupten, da es von dem ſpaniſchen Heere be⸗ lagert wird und des klugen Navarrv Minen ſchon die Mauern in Trümmer werfen! Läßt er von dort ab und marſchirt über den Po gegen uns, ei, ſo fällt ihm der Vizekönig in den Rücken Das iſt ſo ſonnenklar, Filippo, daß ich nicht begreife, wie Du Deine ſchwarzſehende Meinung ſo hartnäckig be⸗ haupten kannſt.“ „Erneuern wir den Streit nicht!“ verſetzte Dio⸗ dati mit finſterer Feſtigkeit.„Die Zeit wird es lehren. 38 Euch aber, meinem Gaſte, der im Vertrauen, in dem wiedergewonnenen Brescia bei mir eine Freiſtatt zu finden, mitgekommen iſt, bin ich es ſchuldig zu ſagen, daß ich mich in meiner Annahme geirrt habe Don Raymon de Cardona wird den Gaſton nicht feſthalten— ich habe von ihm ſchon genug gehört, um das zu wiſſen Wenn nun der Feind an unſere Thore klopft, was werdet Ihr thun?— Still, junger Mann, ich verlange keine Antwort. Nur ſagen wollt' ich Euch, daß wir jetzt nicht darauf rechnen können, er werde uns Zeit laſſen, wie ich feſt gehofft, bis Brescia ſelbſt den Geſchützen des Ferrareſen trotzen möge. Er iſt ſchnell wie der Blitz— über Schnee und Eis, lange Winternächte hindurch marſchirend, er ſelbſt zu Fuß voran, wo kein Mann die Schlacht⸗ ordnung verlaſſen durfte, iſt er gegen Bologna ge⸗ zogen, aber ebenſo ſchnell wenn er hört, daß Bres⸗ ia ihm verloren iſt, wird er zurückkehren. Ich habe Euch nicht hieher locken wollen, um Euch aus Rit⸗ terlichkeit, oder vielleicht aus eingebildeter Verpflich⸗ tung, gegen Eure Abſicht in den Kampf zu ver⸗ wickeln. Noch iſt es Zeit. Drei Wochen und mehr Berathet Euch mit Euch ſelbſt— nun aber kommt in die Mitte meiner Freunde, die mich ſchon einen tee t⸗ e⸗ 39 ſchlechten Brescianer geſcholten haben, daß ich meine Pflicht der Gaſtlichkeit ſo übel wahrnehme.“ Bernhard folgte ihm, er wurde von allen, die unterdeſſen mehr von ihm gehört haben, ſehr zuvor⸗ kommend empfangen, beſonders die Frauen fanden an ſeiner männlichen Schönheit, dem ſchwarzen ſüd⸗ lichen Haar und den blauen nordiſchen Augen, großes Gefallen und zogen ihn, wo ſich Gelegenheit fand, in ihr Geſpräch. Fiorina jedoch war noch immer nicht unter ihnen, und ſo natürlich es ſchien, daß Bernhard die Tochter des Hauſes vermiſſen und nach ihr fragen mußte, fand er erſt ſpät gegen die Mutter, neben welcher ihm der Platz angewieſen war, den Muth dazu. „Fivrina iſt krank,“ wurde ihm zum Beſcheide. Auf ſeine weitern theilnehmenden Erkundigungen konnte er nur ganz allgemeine Auskunft erlangen. Frau Margherita war überhaupt nicht ſehr zugäng⸗ lich für ihn, und er konnte den Gedanken nicht ab⸗ wehren, daß er ihr kein angenehmer Gaſt im Hauſe ſei, obgleich ſie es weder an Aufmerkſamkeit, noch ſelbſt an Freundlichkeit fehlen ließ. Wenn das aber der Fall war, ſo durfte er nicht bleiben! Wer gab ihm jedoch Gewißheit darüber? Ohne weiteres auf dieſen Verdacht hin das Haus zu verlaſſen, ſchien 40 ihm allzubeleidigend für Diodati— dieſen konnte er nicht fragen, auch würde er keine Wahrheit er⸗ langt haben. Fiorina hätte ihn gewiß, wie er ſie zu kennen glaubte, rückſichtslos aufgeklärt. Er glaubte wirklich Fiorina zu kennen! Und ihre eigene Mutter hatte vor kaum einer Stunde gegen ihren Bruder, Marco Marani, geäußert, daß ihr das Herz ihrer Tochter ſei wie ein Buch mit ſieben Siegeln. Die Verſammlung trennte ſich, und Filippo ging bald darauf aus, um ſich von dem Zuſtande in der Stadt zu überzeugen. Bernhard blieb ſich wieder ſelbſt überlaſſen: das ganze Haus war zwar, wie ſein Wirth ſich ausgedrückt, zu ſeiner Verfügung ge⸗ ſtellt, aber er hielt es für unbeſcheidene Nengier, ſich darin umzuſehen, ſondern zog ſich wieder auf ſein Zimmer zurück, wo ihm nur die Ausſicht auf den mit Epheu umſponnenen Hof blieb, deſſen Spring⸗ brunnen ihm jetzt das einzig lebendige im Hauſe ſchien. Die rauhe Jahreszeit machte den Aufenthalt im Freien unerquicklich, ſonſt wäre er durch das Spitzbogenthor in den Garten gegangen, aber was hätte ihm der Anblick entblätterter oder traurig voll Schnee hängender Gewächſe gefrommt? Am liebſten würde er Filippo begleitet haben, dieſer hatte jedoch ausdrücklich abgemahnt, eher die Straßen zu betreten, ———— c 2 ——— i f —„— als ſich die Aufregung in der Stadt gelegt und ein geordneter Zuſtand wiedergefunden habe: er glaube zwar, da er perſönlich allen Einwohnern bekannt ſei, für die Sicherheit eines jeden, der ihn begleite, ein⸗ ſtehen zu können, ſich aber unter den Schutz eines ſchlichten Bürgers zu begeben, könne er einem Kava⸗ lier, der ſchon in den ägeiſchen Gewäſſern gegen den Halbmond gekämpft, nicht zumuthen. Damit hatte er den beſten Beweggrund getroffen, ſeinen Gaſt zurückzuhalten, deſſen Begleitung ihm bei der jetzigen Lage der Dinge, welche ihn vielleicht abge⸗ ſtoßen hätte, nicht lieb war Bernhard ſtand am Fenſter und ſah nach dem Flügel hinüber, wo er geſtern das Licht und bei der Morgendämmerung die ſchnell verſchwindende Geſtalt vemerkt hatte, die er für Fiorina gehalten. Das Gitter war geöffnet, und faſt in demſelben Moment, als Bernhard's Blick hinüberflog, füllte ſich der Rahmen mit dem Bilde, das ihm vor der Seele geſchwebt: Fiorina in aller Pracht ihres königlichen Wuchſes, deſſen reizende und edle Formen das häus⸗ liche Morgenkleid nach Landesſitte wenig verhüllte, bleich zwar ihr Antlitz, aber nicht krankhaft! Der Blitz ihres Auges, der das ſeinige traf, verrieth kein Leiden oder Schmachten, er war feurig und kühn, 42 faſt herausfordernd zu nennen. Seinen geweilt, nicht mehr für eine abweiſende Bewegung halten konnte. Der Raum, der ſie trennte, war ſo gering; flüſternd hätten ſich beide verſtanden, aber Bernhard ſah keinen Grund und hielt es für belei⸗ digend, ſeine Stimme zu dämpfen: ſie war ohnehin nicht feſt, als er ſie anſprach. „Ihr ſeid krank, Signora?“ fragte er. In ihren Mienen konnte er ein Zucken bemerken, ihre feinen ſchwarzen Brauen zogen ſich ein wenig zuſam⸗ men und um ihre Lippen ſpielte ein unwilliger, faſt ſpöttiſcher Zug, während ihr Auge raſch über die andern Fenſter blitzte. Dann richtete ſie den vollen Strahl desſelben auf ihn und ſagte:„Ich bin geſund, wie Ihr. Warum ſoll ich krank ſein“ „Eure Mutter—“ „Sagte ſie das?“ rief Fivrina lebhaft.„Dann wird ſie recht haben, krank, todt, begraben!— Ihr wißt das ja ſchon von Padua her, Bernardo.“ „Mein Gott!“ ſagte Bernhard betroffen.„Das — glaubt' ich— ſei nur für— jene Zeit, das ſei nun längſt vorüber!“ „Vorüber!“ wiederholte ſie mit einem ſo tief ſtummen Gruß erwiederte ſie mit jenem anmuthigen Wink der Hand, den er jetzt, nachdem er länger im Süden Er for ſas nen der den ing ſr ber lei⸗ hin 43 ſchmerzlichen Ausdrucke, daß es Bernhard zum Herzen drang. Aber noch ehe er ſich den Gedanken klar machen konnte, der allein ihm den Ausbruch des Schmerzens zu rechtfertigen ſchien: daß ſie doch ge⸗ liebt und noch liebe— hatte ſie ihren ſilberhellen Ton der Heiterkeit wiedergefunden, der ihn einſt entzückte.„Ihr ſeid im Orient geweſen, in Aegypten wohl auch? Habt Ihr ſchon eine Mumie geſehen?“ „Signora,“ erwiederte er ganz betroffen über dieſen plötzlichen Uebergang und die ſeltſame Frage: „Aegypten konnte ich nicht beſuchen— der Sultan von Aegypten iſt der bitterſte Feind des Ordens, dem ich diente, ich habe gegen ihn gefochten, aber ſein Land nicht betreten und von deſſen Wundern nur gehört.“ „Nun dann ſeht mich an, ich bin eine Mumie Nennt mich aber nicht mehr förmlich und feierlich Signora, oder gar Madonna, Bernardo— nennt mich Fiorina, ich denke, Ihr ſeid mein Freund!“ Vor dem ſüßen Klange ihrer letzten Worte konnte er nur betheuernd die Hand auf ſein Herz legen, jedes Wort wäre gefährlich geweſen.—„Ich danke Euch, Bernardo!“ ſagte ſie mit demſelben weichen Tone fortfahrend.„Dem Freunde kann ich ſchon mehr ſagen, als dem fremden Kavalier. Todt iſt Fiorina für 44 die Welt, und außer den Eltern und unſern Dienern im Hauſe, welche treu ſind wie Gold, wiſſen nur unſere nächſten Verwandten um mein Daſein, von Fremden aber nur ein Einziger, dem ich mich ſelbſt vertraut habe, und das ſeid Ihr!“ „Fiorina! Wie bin ich deſſen würdig?!“ rief er. „Nun fordere ich aber gleiche Aufrichtigkeit. Man hat viel mit Euch von mir geſprochen, nicht wahr? Mein Oheim Marco ſchalt mich in Mon⸗ ſelice, daß ich Euch mein Geheimniß entdeckt und begriff nicht warum— was hat er Euch von mir erzählt? Sagt mir die Wahrheit, Bernardo.“ Die Frage ſetzte ihn in Verlegenheit, er wußte nicht, wie er für weibliches Zartgefühl ſchonend genug antworten ſollte.—„Von Gaſton de Fvir hat er geſpro⸗ chen und dem berühmten Ritter Bayard, den ſie den Ritter ohne Furcht und Tadel nennen— daß der Prinz— ohne Harniſch in jede Schlacht reitet—“ er wurde nun völlig verwirrt und fing an zu ſtottern. Sie lachte. In dieſer Erinnerung konnte ſie lachen„Hat er Euch die Heldenthaten franzöſiſcher Chevalerie erzählt?“ rief ſie.„Nein, Bernardo, zwi⸗ ſchen Freunden nicht dieß Ausweichen! Ich kann alies hören, alles tragen, was man Euch über mich erzählt hat. Sprecht!“ tern nur von bſt e eit. icht on⸗ ind mir ßte ug ro⸗ en er rn. ſie er 45 Er berichtete denn die Wahrheit.„Deßhalb bin ich alſo aus Brescia gegangen, deßhalb für todt erklärt worden!“ ſagte ſie.„Glaubt Ihr das? Würdet Ihr es glauben, auch wenn ich es beſtätigte?“ „Was Ihr ſagt, glaube ich unbedingt!“ erwie⸗ derte er, und vor dem unbewußten Blicke, der dieß Wort begleitete, ſenkten ſich ihre Augenlider mit den langen dunkeln Wimpern, daß der der leuch⸗ tenden Sterne unter ihnen verhüllt wurde.„Euch glaube ich alles!“ ſetzte er hinzu „O thut das nicht, Bernardo,“ ſagte ſie leiſer Doch blickte ſie gleich wieder frei auf.„Dann ſeid Ihr auch in Venedig geweſen bei meinem Oheim Andrea— was hat dieſer Euch von mir geſagt? Oder, daß ich's Euch leicht mache: wißt Ihr ſonſt etwas von mir, als dieß Kindermärchen mit dem Prinzen Gaſton?“— Ehe er jedoch in peinlichſter Verwirrung einen Ausweg oder eine Antwort finden konnte, ſagte ſie raſch und heimlich:„Morgen er⸗ warte ich Euch dort im Garten zur ſelben Stunde, wie in Monſelice, wenn Sieſta!“ Laut aber rief ſie nach dem Erdgeſchoß unter ſeinem Fenſter hinab „La Ragna! Du heißeſt, wie Du biſt— lauerſt Du wieder im Winkel Deines Retzes, Spinne? Komm nur hervor, gute Ragna, plaudere mit uns Siehſt 46 Du, das iſt der Kavalier, der mich in Padua vor dem wilden Schwarm der jungen Gelehrten beſchirmt, der mich mit dem Oheim Marev noch eine Strecke geleitet hat und darüber beraubt worden iſt; den mein Vater mit hergebracht hat, und den Du ehren ſollſt, Ragna, denn er verdient es um mich.“ Aber die alte Magd, welcher der Anruf galt, erſchien nicht ſelbſt, ſondern ließ nur ihre ſchrille Stimme hören, welche Fiorina zu ihrer Mutter be⸗ ſchied. Ein Wink hinab, daß ſie kommen werde, eine zeremonielle Verbeugung gegen Bernhard— dann war ſie verſchwunden. Drittes Rapitel. Des Herzens Tiefen. Zur Mittagstafel erſt kehrte Diodati zurück und ließ ſeinen Gaſt gleich dazu einladen. Beide ſpeiſten allein. Frau Margherita ſei bei der Tochter, hieß es ohne weitere Erklärung, und Bernhard, da er wußte, daß ihm eine Unwahrheit über Fiorina's Be⸗ finden geſagt worden, hielt es für unwürdig, darauf ſcheinbar einzugehen und fragte gar nicht nach ihr. ———— 47 Das Geſpräch hatte alſo nur die allgemeinen An⸗ gelegenheiten zum Stoffe, und Diodati äußerte ſich voll der beſten Hoffnungen. Er hatte zwar ſeine Meinung, daß der Prinz, ſobald er die Nachricht von dem Verluſte Brescias erhalten, ſchnell von i umkehren und binnen längſtens vier Wochen t Heeresmacht hier erſcheinen werde, aber er hoffte, unterdeſſen mächtige Verſtärkungen von venetia⸗ ſchen Truppen heranziehen und die Stadt mit Hilfe der Bürger und des Landvolks noch mehr be⸗ feſtigen würden, daß ſie wenigſtens Widerſtand leiſten könne, bis der Vizekönig mit den Spaniern und Päpſtlichen heranrücke. Dann werde es zu einer Schlacht unter den Mauern von Brescia kommen, bei welcher, von zwei Seiten angefallen, die Ver⸗ nichtung des übermüthigen Feindes gewiß ſei. „Ich lege Euch jetzt offen dar, wie es nach neiner Anſicht kommen wird,“ ſchloß er.„Ob vor dieſem Ereigniß ſchon der Kaiſer, Euer Leitſtern, ich ausgeſprochen haben wird, iſt zu bezweifeln. König Ludwig bietet alles auf, ſeinen mächtigen Beiſtand ſich zu erhalten, mächtig, ſag' ich, weil er ihm vor der WVelt das Anſehen der Majeſtät einer gerechten Sache leiht, ſonſt fällt er freilich mit wirk⸗ licher Hilfe leicht in die Wagſchale.“ 48 „Redet nicht ſo!“ verſetzte Bernhard warm „Wenn die Stände des Reiches zum Bewußtſein kommen, daß Deutſchlands, wie ihr eigenes Heil und ihre Ehre fordern, den ritterlichen Kaiſer in ſeinem hochherzigen Streben mit Gut und Blut, mit ihrer ganzen Kraft, dem letzten Gulden und Reiſigen, den ſie aufbringen können, zu unterſtützen—“ „Weh uns dann, weh allen Nationen Euro⸗ pa's!“ ſagte der Italiener ironiſch. Bernhard ſchwieg verletzt.—„Seid mir nicht böſe,“ ſprach Diodati,„Euch, dem jungen hochſinni⸗ gen Manne, erſcheinen die Dinge, wie ſie ſein könn⸗ ten, mir, dem Alten, wie ſie ſind.— Eure Nation iſt ſo geweſen, als ihre erſten blauäugigen Rieſen bei Noreja die Römer ſchreckten, um ſpäter drüben auf der Wahlſtatt bei Verona zu verbluten— ſie wird ſo bleiben bis in alle Ewigkeit. Der Kaiſer kann nicht darauf warten, bis ſie ſich ändert, aber doch wird noch Zeit vergehen, ehe er dem Bunde mit Frankreich entſagt—“ „Weil er Treue zu halten gewohnt iſt, weil er nicht, wie Ferdinand von Spanien, um jedes kleinen Vortheils willen ſeine Verheißungen bricht!“ rief Bern⸗ hard unwillig. „Ihr ſprecht zu einem Kaufmanne,“ erwiederte in ud em 49 Diodati achſelzuckend.„Der Vortheil bedingt unſere Eriſtenz— viel anders darf es mit der Politik auch nicht ſein.— Doch erhitzen wir uns nicht. Ihr wißt nun, daß der Kampf Euch nahetreten wird und mögt Euch entſcheiden Das aber, mein lieber rr und Gaſt,“ ſetzte er mit Wärme und ic i hinzu,„das nehmt als wahrhaftig an, daß mir ſowoht, als meiner Frau ein willkommener Hausgenoß auf alle Zeit ſeid, von meiner Frau ſoll ich Euch das gu iz ausd drücht ch ſagen, da ſie es heute nicht ſelbſt thun kann. Bleibt bei uns, wie Ihr Euch vorgenommen habt, und kommt die Zeit, werdet Ihr ſchon den rechten Weg finden.“ Dieſem Tone er ſchloß! gängliches Herz und er haben treu zu bleiber Bernhard's leicht zu⸗ te denn, ſeinem Vor 1. eutſchen Fahnen, vie abwartend überall einge⸗ rollt waren, wieder frei fliegen ließ. Da nun Welthändel, wie es ſchien, abgeſprochen waren, kam er zutraulich und ohne Arg auf die heutige Verſammlung der Verwandten im Hauſe, in welche er als Fremdling hineingebrochen war, und äußerte ſcherzhaft, in einem Gaue von Deutſchland habe vor Alters und theilweiſe noch vor gar nicht langer Zeit ein heimliches Gericht gegeben, wo Solche, denen 1857. VII. Heimath und Ferne 1I. 4 50 der Arm der weltlichen Gerechtigkeit nichts habe an⸗ thun können, verklagt und verurtheilt worden ſeien; er beſchrieb, da ihn Diodati aufmerkſam anhörte, die Förnlichteien die ſchauerliche Vorladung durch die drei Dolche, in die Thüre des Verklagten geſtoßen, das Gericht der Vehme ſelbſt und ſchloß: ganz den Eindruck habe die Verſammlung der ſchwarzgekleide⸗ ten Herren und Frauen gemacht, welche er hente früh um die große Tafel ſitzend gefunden. „Ihr könnt recht haben: vielleicht war es ein Gericht,“ erwiederte Diodati, und Bernhard, von ſeinem Rückfalle in die Pl antaſien ſeiner Knaben⸗ jahre befangen, wo er auf jedem Kreuzwege eine Stätte der heiligen Vehme geſehen, bemerkte nicht, daß in dem Blicke ſeines Wirthes bei der Antwort, die er gab, ein unheimliches Feuer aufleuchtete. Sie ſprachen noch längere Zeit und trennten ſich dann fuͤr den Reſt des Tages, wo Bernhard nun, von Divdati ſelbſt aufgemuntert, eine Wanderung durch Brescia unternahm, um die Stadt kennen zu lernen. * Er kam verſtimmt nach Hauſe: das Treiben, das er hier geſehen, die Aeußerungen, die er vernommen hatte, beſonders über die Deutſchen und dgs gehei⸗ ligte Obtrhatpt des Reiches, das ihm als das Ideal deutſcher Rittertugend galt, waren geeignet geweſen, 2 51 ihm den Gang zu verleiden, und er konnte den Ge⸗ danken nicht unterdrücken, dieſen frechen, prahlenden Bürgern, welche immer wieder um der geſcheiterten Belagerung von Padua willen die Deutſchen ver⸗ höhnten, eine derbe Lektion zu gönnen. Hätte er geahnt, wie furchtbar ſie ausfallen ſollte, ſo würde er den Gedanken ſchaudernd unterdrückt haben. Von der Familie Diodati ſah er an dieſem Tage niemand mehr; die alte Ragna brachte ihm ſein Abendeſſen, ſie war ihm nach ihrem Weſen zu widerwärtig, um mehr mit ihr zu reden, als daß er ihr dankte. Unruhige Träume ſtörten ſeine Nacht, ſie mußten ſehr ängſtlich geweſen ſein, denn er er⸗ wachte mit ſtürmiſch klopfendem Herzen und einer Freude, daß alles nicht wahr ſei— ehe er ſich aber beſinnen konnte, was ihn ſo unglücklich gemacht, waren die Bilder zerronnen. Es war früher Morgen, doch ſpäter als geſtern. Sein erſter Blick, als er aufgeſtanden und an ſein Fenſter getreten war, ſuchte, wie ſein erſter Gedanke, nachdem er ſich den Träu⸗ men entrungen hatte, Fiorina. Doch ihr Gitter war noch verſchloſſen und blieb es. Der Tag mußte weit vorrücken, ehe ſich im Hauſe ein Zeichen kund⸗ gab, daß die Bewohner erwachten. Wie war dieß Leben doch ſo verſchieden von dem in Bernhard's 4* 52 Heimath! Dort, ſelbſt im Winter wie jetzt verſam⸗ melte ſich die Familie zu früher Stunde in dem großen Zimmer, wo ein helles Kaminfeuer praſſelte; das Frühſtück, von der Mutter ausgetheilt, wurde vereint genoſſen, dann ſetzten ſich alle, bis der Tag an die Geſchäfte rief, an den Kamin, wo jeder ſeinen beſtimmten Platz hatte, und der Großvater ſich ausſchließlich der Unterhaltung des Feuers mit den kleingeſpaltenen Kienſpänen annahm; trauliche Geſpräche und Erzählungen kürzten die Zeit, dann erſchien der Vogt, die Befehle des Gutsherrn zu vernehmen, und nun trat der Tag in ſein Recht. Hier war dem Gaſte von einem Familienleben noch keine Spur aufgegangen, doch that er wohl Unrecht, nach ſo kurzem Aufenthalte ſchon zu urtheilen! Die Ragna brachte ihm wiederum ſeine gefüllte Schüſſel auf das Zimmer. Es mochte dieſe Abſon⸗ derung hier Sitte ſein, er fragte nicht weiter. Drüben blieb das Fenſter verſchloſſen; es war unmöglich, daß Fiorina noch ſchlafen konnte— ſolltt ſie ein anderes Zimmer bezogen haben— unfreiwillig viel⸗ leicht— ſeinetwegen? Ihm ſchwoll das Herz, er trat zurück und verließ raſch ſein Gemach, in wel⸗ chem er ſich ſchon wie ein Gefangener vorgekommen war. Er wollte ſeine Freiheit behaupten. Im „———— 53 Hausflur begegnete ihm Diodati, mit Hut und Man⸗ tel, zum Ausgehen gerüſtet. Er bot höflich ſeinem Gaſte einen guten Morgen, fragte, ob er mit allem verſorgt worden ſei und beſondere Wünſche habe, und ſtellte ihm ſein ganzes Haus wiederholt zur Verfü⸗ gung.„Ich wünſche, daß es Euch bei mir wohl⸗ gefallen möge!“ ſetzte er hinzu. Bernhard dankte ihm ebenſo höflich und bat nur um Erlaubniß, ſich etwas in ſeinem Garten umſchauen zu dürfen, den er von ſeinem Fenſter aus bemerkt.—„Euch wird die Zeit lang bei uns,“ erwiederte Filippo lächelnd.„Ihr ſeid gewohnt in Genoſſenſchaft und Thätigkeit zu leben. Die Ruhe wird Euch läſtig, aber, mein junger Freund, ſie ſtärkt auch zu neuen Thaten— werft ſie nicht voreilig von Euch. Mein Garten, wie mein Haus, ſtehen Euch ganz zur Ver⸗ fügung. Ich würde mich erbieten, Euch durch die Stadt zu führen und vieles zu zeigen, das Ihr geſtern gewiß nicht geſehen habt, wennich nicht zum Podeſtä beſchieden worden wäre, wo allgemeine Maß⸗ regeln beſprochen werden ſollen. Entſchuldigt mich daher, wenn ich auch zum Mittagsmahl nicht wieder komme und Ihr abermals allein ſpeiſen müßt. Von Morgen an wird es beſſer werden.“ Bernhard bat ihn, ſich in keiner Weiſe ſeinet⸗ 54 wegen zu beunruhigen, da er ſeit früher Jugend der Einſamkeit gewohnt ſei und ſie liebe. Er blieb, nachdem Diodati ſeinen Gang angetreten hatte, ſich ſelbſt überlaſſen und ſuchte nun die Pforte in den Hof, die er in dem dunkeln Korridor erſt nach eini⸗ ger Mühe fand. Ohne ſeine Abſicht vor Angen, die h vielleicht beobachteten, verbergen zu wollen, ſchritt rmit ungedämpften Tritten über die hallenden Steinplatten dem ſchönen Portale zu, das mit einem Mittel⸗ und zwei kleinen Seitenbogen, einen drei⸗ fachen, innerhalb verbundenen Durchgang nach dem Garten bildete. Vor ihm öffnete ſich dieſer, als er hinaustrat, in einer Ausdehnung, welche ihn über⸗ raſchte: breite Gänge, nicht in jener Regelmäßigkeit ſchnurgerader Linien, die er gewohnt war, ſondern wie Landſtraßen durch fruchtbare Gefilde ſich ſchlängelnd, zogen ſich zwiſchen anmuthigen Gehegen von immer⸗ grünen Bäumen und Sträuchern hin; dichte Bosketts von letztern wechſelten mit freien Flächen und Beeten mannigfacher Forin ab, denen nur in ihrer winter⸗ lichen Verödung die Blumen fehlten, um dem Bilde, das gegenwärtig einen ernſten Charakter trug, den heitern Farbenſchmuck zu geben, der ſonſt mit dem Dunkel der Cypreſſen und den weißleuchtenden Mar⸗ morſtatuen, welche hie und da aufgeſtellt waren, ſo 55 wirkſam kontraſtirte Nirgend zeigte ſich eine Begren⸗ zung: die Mauer, welche den Garten weithin um⸗ zog, war überall durch Geſträuch, das im Winter nicht kahl wird, verdeckt. Bernhard wandelte mit Wohl⸗ gefallen durch den Raum, der eher einem fürſtlichen Luſtgehege glich, als dem Hausgarten eines einfachen Bürgers. Aber das waren die Nachkommen jeper trotzigen Städter des alten lombardiſchen Bhes denen ihr Reichthum allein die Macht verliehen, einſt dem Kaiſer, ihrem Herrn, zu widerſetzen, den Barbaroſſa ſelbſt, den gewaltigen Hohenſtaufen, mit überlegener Heereskraft in offener Feldſchlacht zu be ſiegen— Lombardien, dieſe edle Perle des Reichs, allmälig ganz demſelben zu entziehen! In die Ge⸗ ſchichten alter Zeit, ſoweit er davon wußte, verſenkt, blieb Bernhard in einem jener Bosketts von Tarus und Thuya ſtehen, in welches er, einem ſchmalen, halbverlorenen Fußpfade folgend, gerathen war. Es umſchloß einen beſchränkten Raum, der nur wenige Schritte maß; in ſeiner Mitte ſtand ein Marmor⸗ bild: die Geſtalt einer unbekannten Gottheit, ernſten Antlitzes, den Finger auf den Mund gelegt. Zur Seite, überwölbt von Zweigen, die nun ohne Laub, im Lenz aber wohl ein Blüthendach bilden mochten, zeigte ſich eine weiße Ruhebant von Stein, die 56 niedern Lehnen mit Skulpturen geſchmückt— Bern⸗ hard ließ ſich hier nieder, aber kaum hatte er ſich geſetzt, als er den Kies des Fußpfades unter leichten Tritten knirſchen hörte und eine verſchleierte Dame zu ihm in das Boskett trat. Er ſprang auf: es konnte nur Fiorina ſein und ſie war es wirklich, ſie ſchlug den Schleier zurück. Ihr holdes Antlitz war ſehr bleich— als ſie jedoch den Blick auf ihn hob, er⸗ glühte es plötzlich mit den lieblichſten Roſen. „Nicht wahr,“ ſagte ſie,„ein deutſches Mädchen wäre deſſen nicht fähig? Schweigt, Bernardo, keine Lüge zwiſchen uns Ich weiß von deutſchen Frauen— habe oft genug von ihnen gehört—— Setzt Euch, ich will an Eurer Seite ſitzen, hab' Euch in den Garten gehen ſehen, bin Euch gefolgt. Der Ort iſt gut gewählt für uns— kennt Ihr den Gott, welcher dort ſo bedeutſam den Finger auf den Mund legt? Das iſt der Gott des Schweigens! Gelobt ihm Treue, Bernardo.“ „Unverbrüchliche eue— ihm und Euch!“ rief Bernhard, hingeriſſen von dem geheimnißvollen Zau⸗ ber dieſes Momentes, der ihn allein mit dem ſchönen Weſen zuſammengeführt hatte. „Mir, ſagt Ihr?“ entgegnete Fiorina.„Wie? Und wenn ich Euer Wort annähme?“ — 57 „Fiorina! rief er entzückt und wollte ihre Hand ergreifen. Aber ſie entzog ihm dieſelbe. „Still!“ ſagte ſie.„In meinem Sinne nehme ich Eure Treue an. Ihr ſollt mein Freund ſein.“ Alles vergeſſend in der Gewalt des Augenblickes, alles, was ihn einſt unnennbar beſeligt hatte, rief er mit dem Ausdrucke glühender Leidenſchaft:„Nur Euer Freund, Fiorina? Dieß kalte Wort!“ „Könnt Ihr mir mehr ſein wollen?“ entgegnete ſie raſch.„Habt Ihr wirklich, jung und ritterlich wie Ihr ſeid, in Eurer Heimath kein Herz verlaſſen, das um Euch weint? Brecht Ihr keine Treue, wenn Ihr mir ſie in Eurem Sinne, nicht in meinem, ge⸗ lobt? Ihr könnt mir nicht ins Auge ſehen, Bernardo.“ Ihm war, als treffe ein kalter Stahl ſeine heiße Bruſt, ſchmerzhaft und froſtig zugleich— er bebte bei Fiorina's feierlich mahnendem Wort, er wollte ſprechen, aber ſie ließ es nicht zu. „O verſtrickt Euch nicht tiefer!“ ſagte ſie.„Deut⸗ ſche Treue ſoll ja feſt, wie ein e in der Bran⸗ dung ſein! Laßt es mich nicht anders finden— als ich es ſchon erprobt habe.— Und wäret Ihr frei, könntet Ihr mir wirklich ohne Vorwurf Euer Herz bieten—“ hier erröthete ſie noch einmal und dunkler als zuvor—„ſo wiſſet, ich kann es Euch nicht ver⸗ 58 gelten. Meine Freundſchaft, mein Vertrauen— hat das Werth für Euch, nehmt es an.“ Sie ſchwieg; er ſuchte in tiefer Beſchämung, von mächtigen Gefühlen erſchüttert, nach Worten, aber er fand ſie nicht und nahm nur ihre Hand, die ſie ihm jetzt ließ, und führte ſie an ſeine Lippen, einen leiſen Kuß darauf hauchend. Nach einer klei⸗ nen Weile tiefen Schweigens hatte ſie zuerſt wieder Faſſung gewonnen. „Ihr habt ein Recht zu fragen,“ begann ſie, „was ich von Euch begehre, da ich Euch hier im Garten, zur Zeit der Sieſta, zu ſprechen gewünſcht und warum ich Euch jetzt ſchon, ſobald ich Euren Gang bemerkt habe, gefolgt bin. Ich habe niemand —“ ſprach ſie mit einem unbeſchreiblich innigen Tone weiter—„niemand, als Euch, dem ich vertrauen könnte! Nicht meiner Mutter, wie doch der ärmſten Bettlerin Kind, nicht meinem Vater, noch irgend einer Freundin, auch der Amme nicht, deren Sorge mich auferzogen hat! Einem Fremden, einem Feinde meines Landes, muß ich mich vertrauen— iſt das nicht traurig?“ „Nennt mich nicht ſo!“ bat Bernhard.„Ich bin Euch kein Fremder, bin noch minder ein Feind Eures ſchönen Landes.“ —— 59 „Ihr ſeid doch gleichviel!“ unterbrach ſie ſelbſt ihre Entgegnung.—„Sagt mir jetzt Wahrheit. Was Euch mein Vetter Marco Marani und mein Oheim Andrea in Venedig von mir erzählt haben, das weiß ich, aber Ihr habt noch mehr über mich gehört, ich ſah es Euch an— vergebens ſtrebt Ihr auch in dieſem Moment, es mir zu verhehlen. Sagt es ungeſcheut, ich muß alles wiſſen.“ Konnte Bernhard ihr ſagen, was er vor Padua als unfreiwilliger Zeuge des Geſprächs zweier an⸗ dern vernommen hatte? In ſeiner Verlegenheit kam ihm plötzlich der Gedanke an Haugwitz, der ihm zuerſt Fiorina's Namen genannt, zu Hilfe, und er ſchlug mit Freuden den Ausweg ein. „Darf ich es denn ausſprechen,“ erwiederte er mit einem Lächeln, dem ein ſcharfes Ange wohl noch die Befangenheit anſah,„ſo wiſſet, daß ich ſchon in meiner Heimath, noch eh' ich Italiens Boden auch nur im Geiſte betreten, bon Euch gehört habe. Ein alter Freund unſeres Hauſes, der Euch als Kind von ſechs Jahren gekannt, erzählte mir von Euch— vielleicht entſinnt Ihr Euch ſeines Namens Ermanno, wie er hier genannt wurde.“ Sie ſchüttelte den Kopf.„Was hat er Euch von mir erzählt?“ 60 „Daß Ihr— bildſchön geweſen ſchon damals und daß ihm ſpäter, vor zwei Jahren glaub'ich, als Ihr noch im Kloſter erzogen wurdet, die Leute hier geſagt, Ihr wäret— doch es ſchickt ſich wohl nicht, daß ich es Euch in das Angeſicht wiederhole—“ „Sprecht es aus!“ rief ſie.„Ich muß es wiſſen — es iſt mein Wille! Was hat man von mir geſagt?“ Er wurde ſelbſt roth bei der Schmeichelei, die er ihr wiederholen ſollte, und brachte ſie ziemlich un⸗ geſchickt vor.„Daß Ihr ein Wunder von Schönheit geworden, wie noch kein Menſch erblickt, daß Euer Auge im Stande ſei, grünes Holz in Brand zu ſetzen!“ Stotternd nur konnte er ſeine Rede voll⸗ enden. Offenbar hatte ſie etwas ganz anderes von ihm zu hören erwartet, denn ſie ſah ihn ſtarr an und lachte dann.„Wahrlich, das hat Euch viel An⸗ ſtrengung gekoſtet, und war allerdings ſehr gefährlich, wenn meine Augen wirklich Brandpfeile ſchießen können! Iſt das aber alles, Bernardo?“ Schnell wieder ernſthaft, wandte ſie ſich ganz nach ihm um und richtete forſchend ihren Blick auf ihn, als wolle ſie deſſen gerühmte Kraft erproben.„Nicht, was Ihr daheim in Eurer nordiſchen Heimath ſeltſamerweiſe 61 ſchon gehört, ſondern was Ihr hier von Fiorina er⸗ fahren habt, will ich wiſſen. Ihr ſeid falſch gegen mich.“ Da wurde er ganz beſtürzt und ſprach ohne rechten Zuſammenhang von einem Zuſammentreffen in Padna, das er mit einem Landsmanne gehabt, und wie dann, nachdem ſie ſich getrennt, hinter den Weingehängen ſich ein anderer zu jenem geſellt der mit ihm eine kurze Unterredung gehabt, in wel⸗ cher der Name Fiorina vorgekommen, den der Bote des Proveditors, denn ein ſolcher ſei es offenbar geweſ ſen, gemißbraucht. Mit ſtockendem Athem, ein geſpannter Erwartung, hörte Fiorina zu, und hätte Bernhard den Muth gehabt, ſein Auge zu dem ihrigen zu erheben, ſo würde er vor den Flammen, welche in deſſen dunkler Nacht aufglühten, erſchrocken ſein. Ihre Lippen bebten, ihre Züge ſpannten ſich vor Zorn— das hatte man gewagt mit ihr! Nur halb errieth ſie den Sinn, der in Bernhard's ver⸗ wirrten Worten lag, Iber ſie ſebie das fehlende zuſammen, und als er geendigt hatte, war ſie tief erblaßt und ſchwieg. Schüchtern blickte er zu ihr auf, ſie hatte ihr Auge zu Boden geſenkt, ihre Hand auf die wogende Bruſt gepreßt. „Ich habe Euch beleidigt, Fiorina,“ ſagte er leiſe— und dankte Gott, daß er ſich bewußt war, das verletzendſte für ſie— die Aeußerung des Ab⸗ geſandten, daß ſie ihr Herz dem Sachſen geſchenkt— nicht ausgeſprochen hatte. In ſeinem Geiſte aber hell erwacht, quälte ſie ihn mit brennender Marter, und er hätte viel darum gegeben, Antwort auf die Frage nach Wahrheit zu erhalten. „Ihr habt nur meine Bitte erfüllt,“ erwiederte Fivrina, ohne ihr Auge zu erheben.„Wohlan, Ihr ſollt auch von mir Wahrheit hören. Ja, ich kenne den Mann, der Euch in Padua den Dienſt geleiſtet hat, er iſt hier in unſerm Hauſe geweſen, ich— achte ihn!“— Hier hielt ſie eine Weile inne und Bernhard, deſſen Herz zum Zerſpringen voll war, wagte nicht mit einem Hauch ſie zu ſtören.—„Das Märchen, das man Euch von dem Prinzen Gaſton erzählt hat, iſt nur halb wahr, iſt ausgeſchmückt und übertrieben worden— kann ſein, daß er mir in franzö⸗ ſiſcher Galanterie die Aufmerkſamkeit eines Momentes, als er beim Marſchall de la Palice in unſerm Hauſe war und mich zufällig erblickte, gewidmet hat, viel⸗ leicht hat er auch, als er mich im Vorüberreiten das zweitemal ſah, die Lanze geſenkt, aber mehr hat er nicht an mich gedacht, denn er iſt einer hohen und ſchönen Dame zugethan, deren Farben er trägt. Jene Geſellen aber, die unſer Haus ehrlos überfielen, als — 63 niemand daheim war als ich, haben mit dem Prinzen nichts gemein gehabt, und ich bin auch nicht ihm, noch dem berühmten Ritter Bayard für meine Ret⸗ tung verpflichtet, ſondern— dem Manne, der auch Euch einen ähnlichen Dienſt erwieſen hat.— Darum,“ fuhr ſie lebhafter fort,„kam er in harten Streit, darum gab er den franzöſiſchen Dienſt auf! Ich habe ihn nicht wiedergeſehen ſeitdem— aber— man hat mir ein Verbrechen daraus gemacht, daß ich ihm dankbar bin, daß ich ſeine That nicht vergeſſen kann bis an das Ende meines Lebens Und während ich deßhalb geſcholten, verbannt wurde, hat man von einer andern Seite her, Gott gebe, daß ſie mir nicht näher ſteht, als ich bis jetzt weiß, ein Spiel getrieben mit meiner Ehre, hat mich zu einem Köder für Staats⸗ zwecke gemacht, um ihn, da er frei iſt, zu fangen fütr Venedig. In ſeinen Augen bin ich vielleicht verächt⸗ lich geworden—— Bernardo, ich wollte Euch ruhig alles erzählen, aber ich kann nicht. Geſtern haben ſie förmlich über mich zu Gericht geſeſſen und mein eigener Vater dabei, meine Mutter und alle Ver⸗ wandten. Todt mußte ich vor der Welt ſein, als ich Brescia verließ, damals meinten ſie es gut mit mir, und es galt, mich zu ſchützen, daß ich es nicht mit dem eigenen Dolch und Leben zu thun brauchte, 64 aber ſeit ich heimlich zurückgekehrt bin zu der kran⸗ ken Mutter, ſeit an ihrem Bette man mir meine geheimſten Gedanken abgelauſcht und geſtohlen hat, iſt alles anders geworden! Ich ſollte mit der Be⸗ freiung Brescias auch meine Befreiung aus der Verborgenheit zum neuen Leben feiern, jetzt iſt es anders beſchloſſen! Ich ſoll todt bleiben der Welt, in der Nacht eines Kloſters ein elendes Daſein fortführen bis zum Grabe— weil— Wollt Ihr mir helfen, Bernardo?“ fragte ſie kurz und ſchnell. „Mit meinem Herzblute!“ rief er.„Sprecht! Was fann ich für Euch thun?“ „Ich muß fort, ich kann mich dem ungerechten Spruche nicht unterwerfen. Die heiligen Mauern, welche kranken und gebrochenen Herzen eine Zuflucht, gottgeweihtem Sinne eine Stätte des Segens ſind, ſollen mir nur zum Gefängniß dienen, ich würde ſchwerere Sünden auf mich laden, wollt' ich dort mit frevelnden, widerſtrebenden Gedanken mich aufnehmen laſſen, als wenn ich mich durch die Flucht der Voll⸗ ſtreckung des Urtheils, das ſie geſtern gefällt haben, entziehe— auch aus dem Kloſter, ich weiß es, würde ich zu entfliehen ſuchen— vor dieſer Sünde be⸗ wahret mich, Bernardo. Helft mir zur Flucht, noch heute!“ ——.———,—— — 6 „Ihr wollt Euer Vaterhaus verlaſſen?“— ver⸗ ſetzte Bernhard, betroffen und aus der Faſſung ge⸗ bracht durch ihr Verlangen, das ihn rathlos machte. „Habt Ihr mich nicht gehört? Das Vaterhaus ſoll ich verlaſſen, es ſtößt mich aus! Meine Wahl kann es nicht mehr ſein, zu bleiben oder zu ſcheiden: verlaſſen muß ich dieß Haus in jedem Fall, da ſie mich für das Kloſter beſtimmt haben. Ich willaber meinen eigenen Weg gehen, der in die Freiheit führt, und den könnt Ihr mir öffnen. Oder ſolltet Ihr voreilig mit Verſprechen ſein? Ener Herzblut, mit dem Ihr mir helfen wolltet, begehre ich nicht, nur Euren Hut und Mantel für den ſchlimmſten Fall und Eure Begleitung bis auf die freie Landſtraße: dann wird mein guter Stern mir weiter helfen!“ Er ſollte zu einem Schritt ſeine Hand bieten, den ſein lauteres Gefühl verwarf, der Jungfrau, die ſich dem Willen der Eltern widerſetzen, weibliche Sitte verletzend in die weite Welt ſtürzen wollte, zur heim⸗ lichen Flucht verhelfen, die Gaſtfreundſchaft des Hau⸗ ſes durch Verrath lohnen! „Fiorina“— bat er—„bedenkt, was Ihr thun wollt!“ „Und glaubt Ihr, ich handelte blind, wie ein thörichtes Kind?“ entgegnete ſie.„Thue ich Unrecht, 1857. VII. Heimath und Ferne. II. S 66 ſo erſpare ich mir dadurch vielleicht eine Tod⸗ ſünde. Nicht ich habe die heiligen Bande zerriſſen, welche mich an Vater und Mutter knüpfen, ſie ſind zerſprengt, ich kann es nicht ändern! Was ich thue, geſchieht mit Vorbedacht— auch gehe ich nicht hin⸗ aus, ohne zu wiſſen, wohin. Ich habe mein Ziel im Auge, und fühle Kraft in mir, es zu erreichen! Das iſt geſchworen, Bernardo, frei muß ich werden — und wär' es im Tode!“ Sie barg wiederum, wie damals im Garten zu Monſelice, die Hand in ihrem Bruſttuche, dießmal aber gab ſie ihm volle Gewiß⸗ heit, denn vor ſeinen Augen blinkte jetzt der Griff eines halbgezückten Dolches.—„Ich hänge nicht am Leben!“ fuhr ſie mit einer Leidenſchaft fort, die ihn erſchreckte, weil er ſie in ſolchem Grade noch nie an einer Frau geſehen hatte.„Was kann mir das Leben noch bieten? Die Roſe iſt zerriſſen, im Winde zerflattert, nur der Dorn iſt mir zurückgeblieben, und von dieſem Dorn muß ich befreit werden, er heißt: Verachtung! Das iſt mein Lebensziel noch, dann kann ich rein ſterben!— Seht mich nicht fragend an mit dieſen Blicken— Ihr verſteht mich nicht, Ihr könnt mich nicht verſtehen, denn Ihr ſeid ja auch ein Deutſcher! Ich hätte das bedenken ſollen, ehe ich Eure Hilfe anrief! Geht, ſagt meinem Vater, — —— 3 67 was ich im Sinne habe, das wird tugendhaft deutſch ſein. Und wenn Ihr einſt über die Alpen heimkehrt, dann könnt Ihr Eurer blonden Dame erzählen, weſſen ein italieniſches Mädchen fähig iſt, und ſie wird ſchaudern!“ Raſch aufgeſtanden war Fiorina und wollte ſich entfernen, aber er hielt ſie feſt und ſeinem ſtummen, bittenden Blicke konnte ſie nicht widerſtehen. Im plötzlichen Uebergange von kühnſter, an Wildheit grenzender Entſchloſſenheit zum Klein⸗ muth eines hilfloſen Kindes lehnte ſie ſich auf ſeinen Arm, gab der ſanften Gewalt nach, da er ſie um⸗ ſchlang und brach in bittere Thränen aus. Als beide nach kurzer Friſt ihre Faſſung wieder⸗ gewonnen hatten, waren ſie nicht mehr allein. Die alte Magd ſtand am Eingange des Bosketts und ſtarrte Fiorina mit ihren brennenden ſchwarzen Augen an, denen ſie ſelbſt nicht trauen wollte. Dieſer Blick aber gab Fiorina ihre ganze Kraft, ihren vollen Stolz zurück. Sie reichte, ohne ſich um die Gegen⸗ wart der Alten zu kümmern, Bernhard die Hand und ſagte:„Freundſchaft bis zum Tode!“ Dann erſt wandte ſie ſich an die Magd:„Deine Netze zerreiße ich, La Ragna, wie feſt Du ſie auch ſpinnſt!“ und ging, ihr Kleid zuſammenfaſſend, als fürchte ſie ſich vor der Berührung auch nur ihres Gewandes, an * der Dienerin vorüber, welche Bernhard einen Blick des bitterſten Grolles zuwarf, ehe ſie der jungen Herrin folgte.„Sie hat ihn vergeſſen“ murmelte ſie dann vor ſich hin.„Sie hat ſchnell genug einen andern gewählt. Arme Kleine!“ viertes Rapitel. Der Spruch des Albaneſen. Sie liebt ihn! Das war der eine Gedanke, welcher ſtürmiſch immer wieder in Bernhard's Seele eindrang und ſich endlich nicht mehr vertreiben ließ. Er rief ſich alles zurück, was er von einzelnen An⸗ deutungen und Streiflichtern erfaſſen Konnte und ſuchte es in Zuſammenhang zu bringen. Sie ſelbſt hatte ſich ihm verrathen! Der Sachſe, der ſo ver⸗ hängnißvoll in Bernhard's Heimath für das Glück geliebter Weſen geworden, gewann hier in der Fremde nun auch für ihn ſelbſt eine räthſelhafte Bedeutung. Denn er kämpfte vergebens mit ſich, vergebens ſuchte er es ſich abzuläugnen, daß Fiorina mit unwiderſteh⸗ lichem Zauber all' ſeine Sinne gefangen hielt. Fern von ihr ſchien dieſer Zauber, wie er ihn bei erſter 69 Begegnung gefühlt, ſeine Macht verloren zu haben. Während ſeiner Abweſenheit von Italien, in der Le⸗ vante, wo anfangs auch ſein noch nicht aufgegebener Entſchluß in den Orden zu treten, der keine Gedan⸗ ken an Frauenliebe duldete, zum guten half, war Fiorina's Bild allmälig in ihm ganz erblaßt und ein anderes auf reinem Goldgrunde wieder aufgeleuchtet, wie eine Madonna von der Hand eines alten deut⸗ ſchen Meiſters wohl eine Zeitlang vor der Pracht und Glut, mit welcher ſüdliche Maler ihre heiligen Geſchichten auszuſtatten vermögen, überſehen werden kann, dann aber doch in ihrer keuſchen und frommen Innigkeit erkannt und verehrt wird. Als er dann nach mancher Enttäuſchung ſeinem urſprünglichen Plane, Johanniter zu werden und ſich dadurch die glorreiche Bahn zu eröffnen, die ihm ſeine heimath⸗ lichen Verhältniſſe nicht geſtatteten, ganz entſagt hatte, war es ihm als ein Ziel ſeines Strebens erſchienen, ſich im Dienſte des Kaiſers eine Stellung zu erringen, die ihm erlaube, in voller Unabhängig⸗ keit von elenden Sorgen bei der Heimkehr alles gut⸗ zu machen, was er ſich gegen Bärbchen vorzuwerfen hatte. Wie ſchlug ſein Herz damals wieder bei dem Gedanken an ſie, wie erfaßte ihn oft eine heiße Sehnſucht nach der Heimath! Jetzt neue Zerwürfniß, 70 neuer Kampf in ſeinem Innern! Es war, als habe ſich mit dem erſten Schritte, den er aus dem Boote auf die Marmorſtufen der Treppe zur Piazzetta in Venedig gethan, die Glut wiederentzündet, die er erloſchen wähnte; bei Fiorina's Wiederſehen war ſie mächtiger aufgeflammt und wogte zehrend in ihm um ſo quälender, weil ſie hoffnungslos ſchien. In einer frühern Stunde der Verſuchung war ihm die Frage genaht, ob des Mannes Herz nicht fähig ſei, zwei weibliche Weſen mit gleicher Liebe zu umfaſſen, ob es eine Sünde ſei, wo beide ihn mit gleichen Gefühlen erfüllten, daß er keine Wahl zwiſchen ihnen zu treffen fähig, wenn er die Doppelliebe, die ihn beſeligen werde, nicht ausrotte— im Orient unter den Bekennern eines andern Glaubens ſah er dieß Verhältniß als geheiligte Sitte walten, er dachte an die Geſchichte der Patriarchen, eine alte deutſche Sage ſiel ihm ein, die Sage von dem thüringiſchen Grafen von Gleichen, dem der heilige Vater zu Rom ſelbſt ge⸗ ſtattet, die ſchöne Sarazenin, die ihn gerettet, bei der Heimkehr neben ſeiner erſten Frau als chriſtliches Ehegemahl zu hegen! Sein beſſeres Gefühl war aber bald vor dem Abgrunde erſchrocken, den er vergebens mit dieſen Blumen der Phantaſie zu ver⸗ hüllen ſtrebte, und gleichzeitig war ihm auch bei nüchternem Erwachen der Aberwitz, die Lächerlichkeit, nur einen ſolchen Gedanken zu hegen, klar geworden, ſo daß er ſich deſſen ſchämte. Iſt doch die Lächer⸗ lichkeit eine furchtbare Waffe ſelbſt gegen vorwurfs⸗ freie Regungen und es gehört Muth dazu, ihr zu trotzen. Das war nun vorüber, aber die heiße Lei⸗ denſchaft, welche ihn, ſeitdem er Fiorina wiedergeſehen, mit neuer Machterfaßt hatte, ſchien nun ganz die Herr⸗ ſchaft über das milde tiefinnige Gefühl, das ihn an die erſte Geliebte daheim gebunden, zu erringen, und ſelbſt die Gewißheit, die ſich ihm aufgedrängt, die Gewißheit, daß Fiorina's Herz für ihn verloren ſei, diente nur dazu, ſeine innern Kämpfe zu vermehren, nicht die hoffnungsloſe Leidenſchaft zu erſticken. Er war nach dem unterbrochenen Geſpräche im Garten in ſein Zimmer zurückgekehrt und blieb dort bis zur Mittagszeit allein. Vom nächſten Thurme hörte er die langhallenden Glockenſchläge der italie⸗ niſchen Uhr, welche vierundzwanzig Stunden vom Ave Maria beginnend angibt. Er wurde müde, ſie zu zählen— noch niemals, in keiner Lage des Lebens war ihm bei ſeiner in ſich gekehrten kontemplativen Sinnesart die Zeit lang geworden, heute zum erſten⸗ male. Es drängte ihn zu Thaten. Er war aufge⸗ rufen worden, zu helfen— noch wußte er nicht, wie. 72 Fiorina hatte es ihm nicht mehr ſagen können Was ſollte er thun, was konnte er für ſie thun? Sollte er unthätig verharren, bis ſie einen Weg fand, ihm neue Kunde zu geben, oder war es ſeine, des Mannes, Sache, für ſie zu handeln? Ihn beunruhigte auch die Natur, das Motiv des Schrittes, zu welchem er ſeine Hilfe leihen ſollte. Ob es nicht ſeiner würdi⸗ ger war, als Vermittler zwiſchen ihr und den Eltern aufzutreten? Ganz gewiß, aber durfte er ſich von dieſem Auswege, den Fiorina in bitterm Spotte echt deutſch genannt haben würde, irgend einen Er⸗ folg verſprechen? In dieſen Zweifeln, die ihn nicht zur Klarheit kommen ließen, wurde ihm endlich der Aufenthalt in ſeinem engen Gemach ſo unerträglich, daß er zu Hut und Schwert griff, um in freier Luft wieder Freiheit des Geiſtes zu gewinnen. Da klopfte es an die Thüre, nach welcher er eben ſchritt, und ſein Wirth, Filippo Diodati, trat herein. Beide maßen ſich mit einem überraſchten Blick, Bernhard, weil er dieſen Beſuch nicht erwartet hatte, Diodati, weil er ſeinen Gaſt zum Ausgehen gerüſtet fand. „Ich wollte Euch aufſuchen—“ ſagte dieſer und ihm war, als müſſe er den Moment benutzen. „Das freut mich,“ erwiederte Diodati.„Unſere ——————— 73 Wünſche begegnen ſich“ Er lud mit einer verbind⸗ lichen Bewegung Bernhard ein, den Vortritt zu nehmen, indem er bemerkte, daß ſich ſeine Gattin heute eine Ehre daraus machen werde, ihn bei Tafel an ihrer Seite zu ſehen. Fiorina's erwähnte er wiederum nicht, und Bernhard fragte ſich während des Ganges, ob es möglich ſei, daß die Magd ihrer Herrſchaft nichts von ihrer Entdeckung im Garten geſagt habe. Auch die Begegnung mit Frau Mar⸗ gherita klärte ihn darüber nicht auf; ſie empfing ihn mit feiner Aufmerkſamkeit, hatte für ihn manches artige Wort, das ihn bei ſeinem ehrlichen Sinne wohl täuſchen konnte, wenn ſie anders über ihn dachte, als ſie ſich den Anſchein gab, aber die Anweſenheit mehrerer andern Gäſte, deren Geſichter er ſchon bei der Verſammlung der Familienglieder geſehen zu haben glaubte, hinderte ihn, ſich die Gewißheit zu verſchaffen, die er ſuchte. Bei Tafel erhielt er den Ehrenplatz neben der Frau vom Hauſe, die ihn in das allgemeine Geſpräch, welches die kleine Geſell⸗ ſchaft bald verband, geſchickt zu verwickeln wußte, ſo daß er nicht Gelegenheit fand, mit ihr ſelbſt eine geſonderte Unterhaltung anzuknüpfen. Während alles in ſüdlicher Lebendigkeit ſprach— und worüber konnte es ſein, als über die nächſte Zukunft für die Stadt 74 und wie man ihr am beſten begegnen ſolle?— ſtand Diodati, welchem ein Diener leiſe etwas zu⸗ geflüſtert hatte, geräuſchlos auf und verließ das Zimmer, ohne daß jemand bei ſeiner Entfernung aufblickte: Bernhard, welcher eben von Frau Mar⸗ gherita lebhaft über die ſchönen Inſeln des griechiſchen Meeres befragt wurde, bemerkte erſt nach einer langen Weile, daß ſein Wirth, welcher auf derſelben Seite der Tafel ſaß, hinausgegangen ſei, er hielt es aber für unſchicklich, nach ihm zu fragen. Das Mahl währte noch lange, gewürzt durch geiſtreiche Unter⸗ haltung, zu welcher auch die Frauen das ihrige beitrugen, beſonders Bernhard's andere Nachbarin, eine ältere Dame von klugen, nur etwas ſtrengen Zügen,— aber Diodati's Stuhl blieb leer, bis die Tafel aufgehoben wurde und, was den Deutſchen zumeiſt verwunderte, die Frau vom Hauſe gab dar⸗ über weder eine Entſchuldigung noch eine Erklärung ab. In Deutſchland würde man das ſehr übel ge⸗ nommen haben. Hier aber mochten darüber andere und freiere Sitten walten. Es war ſchon dunkel, als ſich die Geſellſchaft trennte. Bernhard hatte ſich zuletzt etwas zurückge⸗ zogen; in eine Fenſterniſche geſtellt, ſchien er über⸗ ſehen und vergeſſen zu ſein, auch er vergaß, was um ihn vorging, und wie er ſich in ſeine Gedanken verſenkte, ſchwirrte das Stimmengewirr der fremden Sprache immer unverſtandener zu ſeinem Ohr, als ſei es nur das Toſen eines entfernten Waldſtromes. Auf einmal durchzuckte es ihn, als werde er gerufen. Er blickte auf: kein Auge war auf ihn gerichtet, kein Menſch bekümmerte ſich um ihn; er ſah ſich nach dem Fenſter um, an deſſen Brüſtung er gelehnt ſtand: es ging nach dem Hofe, wie er wußte, draußen lag tiefe Dunkelheit, und ſo angeſtrengt er horchte, war alles doch lautloſe Stille dort. Eine Unruhe bemächtigte ſich ſeiner, die er nicht begreifen konnte, da es offenbar nur eine Täuſchung ſeiner innern Welt geweſen war: er ſuchte ſich zu beſinnen, woran er zuletzt gedacht, womit er ſich beſchäftigt hatte, um daraus vielleicht den eingebildeten Ruf zu erklären. Umſonſt! Er konnte ſich durchaus nicht erinnern, welches Gedankenſpiel ihn nur eben noch der Außen⸗ welt entführt hatte, und in dieſem Streben wuchs ſeine Unruhe bis zu einer quälenden Angſt, die ſein Herz räthſelhaft zuſammenpreßte, daß er kaum Athem fand. So war es ihm eine Erleichterung, als der Aufbruch der Geſellſchaft ihn dieſer ſeltſamen Regung entriß, die mit dem erſten Schritt aus ſeiner Niſche ſofort verſchwand: ſeine Bruſt war wieder 76 frei, ſein verdüſtertes Auge glänzte wieder, und ſo mächtig war die Rückflut des zum Herzen geſtrömten Blutes in die Wangen, daß dieſe höhere Farbe, ver⸗ bunden mit dem ganzen Weſen, in welchem ſich dieſe Reaktion der Stimmung ausſprach, den Anweſenden auffallen mußte. Was war dem Fremden begegnet, daß er ſo ſieghaft blickend auftrat? Es war aber keine Zeit zu weitern Beobachtungen. Frau Mar⸗ gherita nahm die Scheideworte ihrer Verwandten freundlich an und wünſchte auch Bernhard, der zu⸗ letzt ihr nahte und vielleicht erwartete, daß ſich jetzt noch ein Anlaß zu freierem Ausſprechen finden werde, ſo entſchieden eine glückliche Nacht, daß er nicht einen Moment länger, mit ihr allein, verweilen durfte. Das Unrecht gegen ſie, deſſen er ſich bewußt war, nahm er denn mit ſich und hoffte auf Morgen. Draußen wartete ſein nicht der Diener, der ihm abends bisher die letzten Dienſte geleiſtet hatte, ſondern die Ragna. Sie ſtand, den ſilbernen Leuchter mit der Kerze in der Hand, an der Treppe im Winkel— klein und ge⸗ bückt wie ſie war, ſchoß ſie bei ſeinem Anblick her⸗ vor, und er mußte an Fiorina's treffendes Wort denken, welche die Alte ihrem Namen getren eine echte Spinne genannt. Dem Widerwillen, der ihn gegen die Lau⸗ ſcherin, die offenbar in feindſeliger Abſicht heute früh N— F— 77 gehandelt hatte, erfüllte, gab er jedoch nicht Raum, ſondern nahm den Dienſt, den ſie ihm leiſtete, ſchwei⸗ gend an. Sie leuchtete ihm vor, und als ſie die Kerze in ſeinem Zimmer auf den Tiſch geſtellt hatte, ſagte ſie mit ihrer ſchrillen Stimme, indem ſie ihn ſcharf anſah:„Ich bringe Euch ein Lebewohl von der Signorina.“ „Von Fivrina ein Lebewohl?“ rief er beſtürzt. „Ja. Sie iſt fort.“ „Sie iſt frei?“ rief Bernhard.„Mit Eurer Hilfe gewiß!“ Die Alte ſchüttelte den Kopf, ein Lächeln, welches Bernhard gar häßlich erſchien, entſtellte ihre Züge. „Frei wird ſie werden von mancher Thorheit,“ war ihre Antwort,„wenn ſie erſt Ruhe gefunden hat. Ich habe meine Pflicht gethan.“ „Wann hat ſie das Haus verlaſſen?“ fragte er, noch immer von ſeinem Gedanken befangen. „Mein Herr iſt mit ihr gegangen, als alles noch bei Tiſch ſaß.“ „Euer Herr?!“ verſetzte Bernhard, auf einmal begreifend, was geſchehen war. „Ja, Signore,“ erwiederte die Alte. „Und wohin hat er ſein Kind gebracht?“ fragte Bernhard heftig. 78 „Das weiß ich nicht,“ antwortete die Ragna gelaſſen. Er ſagte nichts mehr, aber die ſtärkſte Bewe⸗ gung gab ſich in allen ſeinen Zügen kund. Die Alte wandte ſich zum Gehen, ihr: glücklichſte Nacht!“ klang wie der ſchneidendſte Hohn. Er vertrat ihr den Weg. „Was befehlt Ihr noch?“ fragte ſie und ihre Stimme nahm auf einmal einen milden Ton an. Mitleid iſt ein ſchöner und allgemein verbreiteter Zug des italieniſchen Charakters, der freilich oft genng durch Leidenſchaft und Rachſucht verdunkelt wird. „Du haſt ſie verrathen!“ rief Bernhard.„Wo⸗ durch hat dieß himmliſche Weſen Deinen Haß ver⸗ dient?“ „Ich habe meine Pflicht gethan,“ erwiederte ſie,„mein Herr die ſeinige. Sagtet Ihr, daß ich meine Signorina haſſe? Ich bin ihre Pflegerin ge⸗ weſen von früherer Kindheit an, meine Tochter ihre Amme, ich liebe ſie wie mein eigenes Kind Sollte ich ſie verderben laſſen?“ „Wer ſagt Dir, Elende—2“ brauſte er auf, doch bezwang er ſich und in bittendem Tone fuhr er fort:„Du weißt, wohin ſie der harte Vater ge⸗ bracht hat! Wenn Du ſie liebſt, ſo ſag' es mir.“ „Ich weiß es nicht,“ entgegnete ſie.„Wüßte ich's auch, ſo würde ich eher mein Leben laſſen, als es Euch oder— Einem von Euch verrathen. Das wäre Verrath, Signor.— Nehmt es Euch nicht ſo zu Herzen, Ihr ſeid jung, Ihr werdet Euch bald tröſten. Kehrt zurück in Eure Heimath, was ſucht Ihr hier in der Ferne? Hieher bringen die Eurigen nur Unglück!—— Geht, Signor, ich kann Euch nichts weiter ſagen.“ „Nur Eins noch Als ſie der Vater hinwegriß, um ſie zu verſtoßen, hat ſie nach mir, hat ſie meinen Namen gerufen?“ „Vergogna!“ rief die Alte mit dem ſchärfſten Zornlaut dieſes Vorwurfs.„Scham über Euch!“ wiederholte ſie„Haltet Ihr meine junge und edle Herrin für eine verworfene Dirne?“ „Aber ich— ich glaubte deutlich meinen Namen zu hören,“ ſagte er beſchämt. „Böſe Geiſter mögen ihn gerufen haben!“ er⸗ wiederte ſie.„Meine Herrin nicht!“ „Aber— das Lebewohl—“ „Hat ſie mir für Euch gegeben, als ſie am Morgen kaum von Euch gegangen war. Glaubt Ihr, ſie würde ſich ihrem Herrn und Vater wider⸗ ſetzt, nach einem Fremden um Hilfe gegen ſein ge⸗ 80 heiligtes Haupt gerufen haben? Thun das Eure Jungfrauen, Schmach über ſie! Als mein Herr ihr ſeinen Willen ankündigte, daß ſie mit ihm das Haus zu verlaſſen habe, gehorchte ſie ihm ſchweigend, wie es ſich geziemt, und ich habe ſie begleitet bis an die Sänfte, in welcher ſie mein Herr zu Pferde dann weiter geleitete. Für Euch und Euresgleichen iſt ſie verloren, aber wiedergefunden für ihr ewiges Heil. Sucht Ihr das Eure.“ Mit dieſen in ſchnellſter Rede geſprochenen Worten verließ ſie, ohne ihm noch einmal eine gute Nacht zu wünſchen, das Gemach. Schlaflos verbrachte er viele Stunden auf ſeinem Lager und erſt, als ſich der Kampf in ſeiner Bruſt bis zu einem beſtimmten Entſchluſſe durchgerungen hatte, ſank er, mehr betäubt als beruhigt, in einen dumpfen Schlaf. Aus dieſem weckte ihn gegen Morgen das Sturmgeläut von allen Thürmen der Stadt. Er ſprang auf, warf ſich haſtig in ſeine Kleider und eilte hinab, zu fragen, was der Aufruhr, der ſchon mit wildem Geſchrei durch alle Straßen tobte, bedeute. Niemand im Hauſe begegnete ihm, er wollte hinaus, aber die Thüre nach außen war ver⸗ ſchloſſen. So ſuchte er denn im Korridor die erſte, die er öffnen konnte, um irgend einen der Bewohner, wo möglich Herrn Diodati ſelbſt zu finden. Ueberall 81 Schloß und Riegel verſperrt und kein Laut vernehm⸗ bar! Endlich wich eine Thüre ſeiner Hand, und wie er eintrat, mußte er, über ſein Thun beſchämt, auf der Schwelle ſtehen bleiben. Es war das Gemach der Frau vom Hauſe, in welches er eben eindringen wollte, und ihm gegenüber an der andern Wand, wo ein Betaltar ſtand, erblickte er Frau Margherita vor dem Bilde des Erlöſers auf ihren Knieen, im Gebete hingeſunken— ſo ſtürmiſch hatte er aber die Thüre aufgeriſſen, daß ſein Geräuſch die Inbrunſt ihrer Andacht geſtört hatte! Sie kehrte ſich um und wie ſie den Fremden erblickte, deſſen Geſtalt noch vom Zwielicht halbverhüllt war, ſprang ſie mit einem Schrei des Entſetzens auf. „Aadrunah„Verzeiht mir!“— „Ihr ſeid es lang es mit dem Tone des Vorwurfs.„Eure Landsleute ſtürmen die Stadt, eilt ihnen die Thore zu öffnen! Das iſt Eurer wür⸗ dig!“ Der Augenblick hatte ſie überwältigt, daß ſie den innerſten Gedanken ihres Herzens ausgeſprochen hätte, wäre nur Zeit dazu geweſen. Bernhard wollte ſprechen, ſich entſchuldigen und rechtfertigen, aber in demſelben Angenblicke verſtummte draußen das Sturmgeläut und mit ihm zugleich in der nächſten Umgebung des Hauſes das Geſchrei 1857. VII. Heimath und Ferne. II. 6 82 auf der Straße— das letztere freilich nur für einen Moment, um deſto wilder und tumultuariſcher wie⸗ der auszubrechen, ſo daß nicht zu hören war, ob die Glocken auch wieder ihre ehernen Stimmen durch die Luft dröhnen und heulen ließen. Die Feinde ſtürmten die Stadt! Bernhard nahte der Dame, welche von neuem Grauſen erfaßt, ohne auf die Ge⸗ genwart des Fremden zu achten, wieder zu dem Hei⸗ ligthume geflüchtet war; er wagte es, ehrerbietig zu ihr zu reden, ihr zu verſichern, daß er, ſoviel in ſeinen Kräften ſtehe, thun werde, um die Gaftfreundſchaft, die er genoſſen, zu vergelten, aber ſie hörte nicht auf ihn. Den Blick zu dem Bilde des Heilandes er⸗ hoben, rang ſie die Hände ſtumm zu ihm empor. Da ſchlug es hart en an die Thüre des Hauſes.„Filippdief argherita freu⸗ dig, raffte ſich auf und eilte an Bernhard vorüber, der ihr raſch folgte. Die Pforte war ſchon geöffnet von der Ragna, die mit andern Hausbewohnern jetzt zum Vorſchein gekommen war und ihren Herrn einließ. Die Tageshelle von außen beleuchtete deſ⸗ ſen Antlitz, als er eintrat, und ließ einen Ausdruck von Unwillen und Spott deutlich erkennen. „Falſcher Lärm!“ war ſein erſtes Wort.„An den Galgen mit dem, der ihn verurſacht hat.“ u 83 Erleichtert athmete Frau Margherita auf und die Diener ſchrieen vor Freude, wie auch auf der Straße ſchon manches wilde Gelächter zu hören war. —„Ihr lacht und freut Euch wie unverſtändige Kinder!“ ſagte Diodati, die Stirn runzelnd.„Noch ein paarmal ſo und der Feind gewinnt die Stadt leichten Kaufs!— Seid Ihr auch da, Signor Ber⸗ nardo?“ Was mit dieſer ſonderbaren Frage gemeint ſei, blieb zweifelhaft, Bernhard konnte nicht überhören, daß ihr Ton keineswegs wohlwollend klang, aber zu einer Gegenfrage oder Erörterung kam es nicht, da der Hausherr, ohne auf eine Antwort zu rechnen, ſeine Frau bei der Hand nahm und in das Zimmer führte, woh meingeladen ihm nicht nach⸗ folgen konnte S ahewohner erhoben nun ein lebhaftes Durcheinanderreden, ünd theilten ſich ihre Befürchtungen und Vermuthungen mit über den blinden Lärm, der die ganze Stadt in Schrecken geſetzt hatte. Bernhard kümmerte ſich nicht um ſie, ſondern ſchritt nach der Hausthüre, welche die Ragna eben wieder verſchließen wollte. „Laßt mich hinaus,“ bat er. „So wollt Ihr ſcheiden?“ fragte ſie leiſe.„Aber zu Fuß? Was ſoll mit Eurem Roß werden?“ 6* 84 Ihre Annahme, daß er das Haus ganz verlaſ⸗ ſen wolle, überraſchte ihn: er hatte nur den Zuſtand in der Stadt und wo möglich den Anlaß des unbe⸗ gründeten Sturmläutens erkunden wollen, doch konnte er ſich nicht abläugnen, daß nach der Stellung zu ſeinen Gaſtfreunden, in welche er gerathen war, es am beſten für ihn ſei, ſich baldigſt zu verabſchieden. Nur wollte er es nicht heimlich thun, ſondern ſich offen, wie er eben in der Nacht zum Entſchluß gekommen, mit Fivrina's Eltern vorher ausſprechen. Dabei ſchmei⸗ chelte er ſich mit der Hoffnung, für ſie vielleicht eine günſtige Wendung ihres Schickſals zu bewirken, nach dem alten heimiſchen Spruch: ein gutes Wort fin⸗ det eine gute Statt. Er ſagte alſo der Ragna, daß er allerdings noch heuteg eiden werde, doch nicht heimlich, ier, der ein ſchlechtes Ge⸗ wiſſen hat, ſondern nach einem ehrlichen und ſchick⸗ lichen Abſchiede von Herrn Filippo und ſeiner Ge⸗ mahlin, denen er ſoviel Dank ſchuldig ſei— für den Augenblick gedenke er nur, ſich etwas in der Stadt umzuſehen und in kurzer Zeit wiederzukehren. Sie ließ ihn ſchweigend hinaus und ſchloß hinter ihm zu. Auf den Straßen war die Bewegung noch ungeſtillt. Ueberall ſtanden Gruppen oder wogten Haufen von Menſchen: anfangs waren es nur bewaffnete Bürger N ⸗ ß n t ie er 85 oder Krieger geweſen, die zu den Sammelplätzen eilten oder ſich ſchaarten, Reiſige, welche über die Plätze ſprengten, und Neugierige, die ſich aus den Häuſern gewagt; jetzt hatten ſich Frauen und Kin⸗ der, nun die Gefahr vorüberwar, in die Maſſen ge⸗ drängt und vermehrten den Lärm in betäubender Weiſe. Bernhard hatte Mühe, ſich ſelbſtändig einen Weg zu bahnen; mehrmals mußte er mit dem Strome der Menſchen gehen, wenn dieſer in enger Straße eine beſtimmte Richtung genommen, und als er end⸗ lich in eine Seitengaſſe abgebogen hatte, kam er in unbekannte Gegenden der Stadt, welche ſo ſtill und menſchenleer waren, daß er ſich auch nicht einmal durch Fragen zurechtfinden konnte. Er hatte im Sinne gehabt, irgend einen höhern Anführer der venetianiſchen Truppen, mit denen er auf dem Her⸗ marſche bekannt worden war, zu ſuchen und über den wahren Grund des Aufruhrs zu befragen. Mar⸗ gherita's Annahme, daß ſeine Landsleute die Stadt angegriffen, war nicht die ihrige allein geweſen, er hatte unterwegs mehrfach ähnliches, von wilden Verwünſchungen der Deutſchen begleitet, vernommen, und er konnte bei dieſer aufgeregten Stimmung zu⸗ frieden ſein, daß er nicht das Flachshaar ſeines Vaters, ſondern den glänzend ſchwarzen Scheitel ſeiner 86 polniſchen Mutter geerbt hatte, ſo daß niemand in ihm einen der verhaßten Deutſchen erkennen mochte, ſonſt würde er der Volkswuth vielleicht zum Opfer gefallen ſein. Immer weiter vertiefte er ſich in das Labyrinth der unbekannten Gaſſen— endlich ſtand er vor einem dunklen Gemäuer ſtill, das nur wenige und ſtarkvergitterte Fenſter nach der Straße zeigte; er blickte empor und ſah ein goldblinkendes Kreuz über der Pforte: es war ein Kloſter! Sein erſter Gedanke war an Fiorina: gewiß hatte ihn ein glück⸗ licher Zufall oder eine geheimnißvolle Macht an die Stätte geführt, wo ſie weilte! Unbedenklich klopfte er an das Thor, daß der laute Hall weit durch die einſame Gegend drang. Nach einer kurzen Weile konnte er hinter dem engen Gitter eines Lugfenſter⸗ leins den weißen Schleier der Pförtnerin erblicken, und da er allein war, öffnete ſich auch das Fenſter ein wenig und eine tiefe weibliche Stimme fragte nach ſeinem Begehr. „Herr Filippo Diodati hat Euch geſtern ſeine Tochter gebracht— iſt es nicht ſo?“ Die Nonne öffnete das Fenſter ein wenig wei⸗ ter:„Ihr irrt, junger Mann,“ ſagte ſie verwundert. „O dann ſagt mir, wo kann es ſein?“ rief er bittend. W NN W—— * 87 „Brescia hat ſo viele, viele Klöſter,“ erwiederte die Nonne— und mißtrauiſch ſetzte ſie hinzu:„Euch ſendet der Vater doch nicht? Geht mit Gott und laßt Euch nicht in Verſuchung führen.“ Sie ſchloß mit dieſen Worten das Fenſter und verſchwand. Er aber ging ſtill vorüber. Brescia mochte allerdings viele Klöſter haben; wie konnte er ſo thöricht ſein, an einen glücklichen Zufall zu glauben, und wär' es auch geweſen, wie er einen Augenblick gehofft, was hätte es ihm gefruchtet? Geſehen oder geſprochen hätte er Fiorina doch nimmer! Eifrig ſuchte er nun ſeinen Rückweg; er war an eine lange Mauer ge⸗ langt, welche ſeinem weitern Vordringen in dieſer Richtung wehrte: offenbar war es die Umfaſſungs⸗ mauer der Stadt, denn ein Wallgang lief, an ihr aufgeſchüttet, hinter einer mit Schießſcharten verſehenen Brüſtung mit und hie und da, der Tragweite frü⸗ herer Geſchoſſe noch entſprechend, hob ſich ein run⸗ der Thurm zur Seitenvertheidigung aus der Linie. Dieſe Seite mußte aber derjenigen, von wo man einen feindlichen Angriff erwarten konnte, entgegen⸗ geſetzt ſein, denn alles war hier ſtill und nur von fern hörte man noch das Toſen in den andern Stadt⸗ theilen. Um ſich nicht wieder in den krummen Gaſ⸗ ſen und Winkeln zu verirren, beſchloß Bernhard, 88 längs der Mauer zu gehen, die ihn, wenn auch auf einem weitern Umwege, doch wieder zu der Gegend, wo er Beſcheid fand, führen mußte. Als er ſo mit ſtarken Schritten dahineilte, hörte er plötzlich Huf⸗ ſchlag von mehrern Roſſen hinter ſich und ſah ſich von einer Schaar leichter Reiter eingeholt, die er ſogleich für Stradioten erkannte, von denen, wie ſchon bemerkt, dreizehnhundert Pferde den Zug nach Brescia begleitet hatten. Bernhard war auf dem Hermarſch nicht mit ihnen in Berührung gekommen, da ſie die Rennfahne gebildet, welche vorauszog, die Gegend zu durchſpähen und den großen Haufen zu ſichern. Er kannte aber ihre Art ſchon von ſeinem Aufenthalte in Griechenland und blieb daher ruhig ſtehen, ſie zu erwarten. Der Anführer, welcher an ihrer Spitze ritt, jagte voraus und verhielt erſt dicht vor dem Fuß⸗ gänger ſein Roß, daß ihm der Sand, den die Hufe aufgewühlt, ins Angeſicht ſpritzte. Doch war er kaum einen Schritt zurückgetreten, und dieſer Muth gefiel dem Albaneſen; als er aber den ſchwarzgekleideten Mann, der vor ihm ſtand, ſchärfer angeſchaut hatte, rief er:„Ihr ſeid's? Kennt Ihr mich nicht? Kennt auch dieß Pferd nicht?“ Bernhard erkannte weder das dunkle Geſicht mit den langen, ſpitzigen Bartzöpfen unter dem nied⸗ 89 rigen Helm, noch das Roß unter dem reichen, mit vie⸗ len bunten Quaſten gezierten Zeug, aber er konnte ſchon errathen, wer es war, der hier ſeine Bekannt⸗ ſchaft anſprach.—„Ihr ſeid der Capitano,“ ſagte er,„der mich einſt dieſes Pferdes und meines Schwer⸗ tes entledigt hat.“ Der Stradiot lachte.„Das Pferd war Euch unnütz, denn Ihr konntet es nicht reiten— Euer Schwert gehörte mir ebenſo nach dem Rechte des Siegers. Brauchen kann ich es nicht, aber es hängt in meinem Hauſe zu Volv.“ „Zwanzig über Einen, ein glorreicher Sieg verſetzte Bernhard furchtlos. Ohne gereizt zu werden, lachte der Albaneſe noch ſtärker.—„Eure Thorheiten, die ihr Ritter⸗ thum nennt, ahmen wir freilich nicht nach. Ihr hättet auch beſſer gethan, meinen Rath zu beherzigen, wie es ſcheint. Wißt Ihr noch, welchen Rath ich Euch auf den Weg gab?“ Wohl wußte es Bernhard noch und hatte ſeit⸗ dem oft daran gedacht, aber er war jetzt zu ſtolz, ſich darauf einzulaſſen«„Ich gehe meinen eigenen Weg, und bedarf keines Rathes, als den meiner Ehre!“ „Ehre!“ lachte der Stradiot auf.„Soviel habe ich von der Ehre der Lateiner auch begriffen, daß 1 90 ich ſie nicht an abgelegenen Orten ſuche, wenn drü⸗ ben der Feind an die Thore geklopft hat.“ Er ließ ſein Pferd ſteigen, rief den Seinigen, die ſich rings um Bernhard geſammelt hatten, ein Wort zu und ſprengte mit ihnen davon. Fünftes Rapitel. Der Vater. Der Feind hatte wirklich an die Thore von Brescia geklopft, wenn es auch nur ein verſprengter Haufe geweſen, der vielleicht von der ſchweizer Grenze herkam, von der Einnahme der Stadt durch die Venetianer nichts wußte und unmöglich Gefahr brin⸗ gen konnte. Es war alſo doch nicht ganz ein blin⸗ der Lärm geweſen, und der Stradiot, welcher auf ſeinem Rundritt innerhalb der Mauer Bernhard be⸗ gegnete, hatte Recht gehabt, wie ſehr dieſer auch den auf unwahre Vorausſetzung begründeten Hohn ver⸗ achtet hatte. Schon ehe er Diodati's Haus erreicht, war ihm auf Befragen erzählt worden, daß aller⸗ dings im erſten Morgengrauen eine Schaar von Rei⸗ tern erſchienen, die auf den Anruf vom Mauerthurme ü⸗ eß g8 nd on ter ze ie n⸗ n⸗ uf e⸗ en er⸗ ht, er⸗ ei⸗ me 9¹ mit franzöſiſchem Feldgeſchrei geantwortet habe, und als ſie darauf beſchoſſen worden, mit verhängtem Zügel davongejagt ſei. Der Hauptmann der Wache habe ſie für Vorläufer des heranziehenden franzöſi⸗ ſchen Heeres gehalten und ſofort Lärm ſchlagen laſſen, worauf die Sturmglocke auf allen Thürmen gezo⸗ gen worden ſei— vor der Hand noch unnöthig. Aber die Leute meinten doch, es ſei gut, wenn man die Wachſamkeit auf dieſe Weiſe geprüft, da man ſonſt leicht ganz ſicher werde: zu erwarten ſei der Gaſton auf jeden Fall, früh oder ſpät. Sie wichen darin alſo von der Anſicht Diodati's ab, welcher derglei⸗ chen falſche Beunruhigungen mit Recht für höchſt gefährlich hielt. Als Bernhard endlich von ſeiner weiten Wan⸗ derung heimkehrte, wurde er mit Verwunderung em⸗ pfangen: man ſchien allgemein geglaubt zu haben, daß er nicht wiederkommen werde. Er fragte den Diener, ob Herr Filippo zu ſprechen ſei, und ließ ſich bei ihm anmelden, wurde auch ſogleich von Diodati ſelbſt, der ihm entgegenkam, begrüßt. Der Kaufherr hatte ſeine vollkommene Selbſtbeherrſchung wieder⸗ gewonnen. „Befehlt über mich,“ ſagte er, als Bernhard ihn bat, ihm einige Minuten Gehör zu ſchenken. 92 Beide ſetzten ſich in dem kleinen Zimmer, das der Hausherr bewohnte, einander gegenüber, und Bern⸗ hard, nicht ohne Befangenheit, die ſich im Lauf ſei⸗ ner Rede noch mehrte, begann von dem Zuſammen⸗ treffen von Umſtänden zu ſprechen, die ihn auf eigen⸗ thümliche Weiſe, ohne daß er ſich eingedrängt, in manche Verhältniſſe der Familie eingeweiht, daß er es aber für ſeine Schuldigkeit halte, ſich offen aus⸗ zuſprechen und hoffe, nicht verkannt zu werden. Dio⸗ dati hörte dieſen Eingang ruhig an, und es ſteigerte Bernhard's Verlegenheit, daß er ihm, obgleich er doch verſtehen mußte, worauf die Rede zielte, durch⸗ aus nicht zu Hilfe kam. „Ich meine das Schickſal Eurer Tochter Fio⸗ rina,“ ging er endlich klar heraus. „Was wißt Ihr davon?“ fragte Diodati ſehr höflich. „Ich weiß, daß ſie einem dentſchen Edelmanne, den ich kenne, und der mit meiner eigenen Familie in Beziehungen ſteht, durch Gefühle der Dankbarkeit verbunden iſt, daß ſie vielleicht dadurch die Unzufrie⸗ denheit ihrer nächſten Verwandten erregt hat und wider ihren Willen und ihre Seelenſtimmung dem Kloſter geweiht worden iſt. Wie ich zu dieſer Kennt⸗ niß gekommen bin— Ihr wißt es, Signor Filippo, — W — X 8 N X 93 es iſt Euch auch hinterbracht worden, daß ich geſtern durch Zufall— darauf mein Ehrenwort!— mit Fiorina zuſammengetroffen bin— und da ich Euch zu großer Dankbarkeit mich verpflichtet fühle—“ hier ſtockte er ganz, denn das unverkennbare ironiſche Lächeln, das unter dem dichten ſchwarzen Barte ſei⸗ nes ſchweigenden Zuhörers dämmerte, brachte ihn nun völlig außer Faſſung: er konnte ſich die Berech⸗ tigung dieſes Lächelns über ſeine„Dankbarkeit“ nicht abläugnen. Da ergriff Diodati ſeine Hand und ſprach mit nachdrücklichem Ernſte:„Ihr wünſcht Offenheit und ſollt ſie haben, denn ich habe Euch genugſam kennen gelernt und achte Euch, ſo daß ich die Verhältniſſe meiner Familie, da Ihr einmal einen Blick hineinge⸗ than habt, mit Euch beſprechen kann, um halbwah⸗ ren Urtheilen vorzubeugen. Fiorina iſt unwiderruflich dem Kloſter beſtimmt. Dort nur kann ſie die Ruhe ihrer Seele wiederfinden, die ihr das Leben in der Welt nicht mehr zu geben vermag.“— Sein Ton, der immer ernſter geworden war, ſank bei dieſen Worten, das Vaterherz, das um ſein Kind trauert, machte ſein Recht geltend.—„Man hat ſie ſchon als Kind, da ich ihr den Namen des Blümleins gegeben, in freoler Uebertreibung eine Himmelsblume 94 genannt— möge ſie nun dem Himmel geweiht ſein. Mir ſelbſt und meiner Strenge mißtrauend, habe ich ihre Mutter und von den Verwandten diejenigen, welche ſie am zärtlichſten lieben, zuſammengerufen und ihre Meinung gehört, auf welche Weiſe ſie zu retten, und alle, alle haben nur dieſen einen Aus⸗ weg gefunden. Der Mann, der ihr Herz bethört, der ſie abwendig gemacht hat von den ihrigen, von den Banden des Blutes und der Heimath, daß ſie einen edlen Freier verſchmähte, der nun den Tod im Kriege geſucht und gefunden hat— dieſer Mann würde trotz aller Gründe, die gegen eine ſolche Ver⸗ bindung ſprächen, dennoch um der Neigung und des Glückes unſerer Tochter willen, mir und meiner Frau ein willkommener Eidam geweſen ſein. Unſeliger⸗ weiſe vertraute ich dieſen Gedanken in meiner Ver⸗ bannung einem Freunde, und dieſer nahm ihn begie⸗ rig auf, denn er ſah darin zugleich ein Mittel zu höhern Zwecken. Durch eine Verbindung mit meiner Tochter hoffte man dem Feinde Venedigs einen ſtar⸗ ken und berühmten Streiter, ja nach ſeinem Beiſpiele und durch goldene Lockungen vielleicht mehr noch zu entziehen. So kam es ohne mein Wiſſen zu Unter⸗ handlungen, welche meinen reinen Namen, mein armes Kind tödlich verletzten. Der Mann, den wir meinen, — —— c—„—— — — M 95 hatte ſich plötzlich, als ſein ruchloſer Zauber Fiorina unauflöslich an ſich gekettet hatte, aus all' ſeinen Verhältniſſen, ſelbſt zu ſeinen Kriegsgefährten, aus welchem Grunde, weiß niemand, losgeriſſen und war verſchwunden, gerade in der Zeit, da Fiorina aus Brescia entfernt worden war. Anfangs erſchrak meine Frau und alle, die uns lieb hatten, denn ſie glaubten, er verfolge Fivrina's Spur, aber das war nicht der Fall, ſie kam glücklich in Venedig an und ihre Außenſeite täuſchte mich, denn ſie hat ein ſtarkes muthiges Herz, das ſelbſt unter Qualen ſcherzen und lächeln kann. Damals hatte ſie aber noch freu⸗ dige Hoffnung. Von den Plänen, die mein Freund mit ihr hegte und die ſogleich von der mächtigen Partei, zu der er gehörte, ins Werk geſetzt wurden, ahnte ſie ſo wenig als ich. Sie hoffte auf die Macht der Liebe, die ſie zu beſitzen wähnte, und auf die Macht der Zeit, welche, ſowie der Frieden über unſere Lande wieder hergeſtellt ſei, alle Hinderniſſe ebnen werde. Die heimlichen Späher hatten unter⸗ deſſen den Geſuchten längſt aufgefunden, waren mit ihren Anträgen hervorgetreten, und er hatte— mein Kind verſchmäht. Auf welche Weiſe wir das erfahren haben, zu ſpät freilich! kann Euch nicht intereſſiren. Das ſchon wäre genügender Grund ge⸗ 8 96 weſen, Fiorina Diodati, die einem Fremden, einem Feinde ihres Landes angetragen und von ihm ver⸗ ſchmäht worden war, vor der Welt in ewige Nacht zu vergraben. Aber ſie gab noch mehr Grund dazu. Sie entſagte, trotz der Schmach, die ihr widerfah⸗ ren war, ihrer unwürdigen Leidenſchaft nicht, ſie er⸗ klärte, in Ewigkeit, auch wenn kein heiliges Band ſie verbinden könne, auch wenn ſie ungeliebt von ihm ſei, ihm anzugehören— ohne Zweifel hat ſie auch Euch, den ſie zu ihrem Vertrauten erwählt, dasſelbe erklärt, und darum, weil Ihr doch in unſere trauri⸗ gen Verhältniſſe eingeweiht ſeid, ſpreche ich mich eben, wie Ihr gewünſcht, offen gegen Euch aus! Sagt ſelbſt, Ihr als ein rechtgläubiger Chriſt, kann hier etwas anderes walten, als ein böſer Zauber ver⸗ ruchter Teufelskünſte und gibt es dagegen ein an⸗ deres Mittel, als die Zuflucht in heiligen Mauern?“ „Seid Ihr aber gewiß, aus welchem Grunde jene Unterhandlungen abgelehnt worden ſind?“ wagte Bernhard, welcher von dieſen Mittheilungen tief er⸗ griffen war, zu entgegnen„Habt Ihr nicht ſelbſt einmal, wie ich mich genan entſinne, erklärt, daß Ihr denjenigen verachtet, der ſeinen Entſchluß erkaufen läßt? Mein Landsmann konnte wohl ſeiner Ehre gemäß nicht anders handeln. Welches Hinderniß— ————.—— 1—————,—— N N nach Eurer eigenen Erklärung— ſollte nach ge⸗ ſchloſſenem Frieden dem Glücke Eures Kindes ent⸗ gegenſtehen, wenn er dann in freier, uneigennütziger Werbung Euch nahte? Ich weiß, daß er niemals in ſein Vaterland zurückzukehren gedenkt, daß alle Verbindungen, welche er früher dort hatte, zerriſſen ſind. Kann er nicht ein neues Vaterland hier fin⸗ den und wenn Ihr ſeiner Bitte um die Hand Fiv⸗ rina's nachgebt—“ „Niemals!“ unterbrach ihn Diodati, welcher ſchon ungeduldig geworden war.„Ich weiß, daß er niemals um Fiorina werben wird, daß er mein armes Kind bethört hat, ohne ſie ſelbſt zu lieben— Fluch ihm dafür! Möge er den Lohn an unſern Mauern finden, gegen welche er jetzt, mit den an⸗ dern deutſchen Genoſſen neu verbunden, anrückt! Seht, das weiß ich auch! Sollte ich zahm warten, bis meine Tochter im Wahnſinn ihrer Leidenſchaft un⸗ tergeht? Laßt uns abbrechen, Signor Bernardv. Nehmt es als einen Beweis meiner Achtung, daß ich Euch die Beweggründe meines Handelns erklärt habe und ſucht ſie nur immer in der wahren Liebe des Vaters. Laßt uns auch nie wieder auf dieſen Gegenſtand zurückkommen, ſolange Ihr mir noch die Freude macht, unter meinem Dache zu weilen.“ 1857. VII. Heimath und Ferne. II. 7 98 Bernhard fühlte, daß es an der Zeit ſei, dar⸗ auf ſogleich zu antworten.„Ich darf Eure Güte nicht länger mißbrauchen,“ ſagte er.„Je länger ich darüber nachgedacht habe, deſto klarer iſt es mir geworden, daß ich hier nicht abwarten darf, bis die Entſcheidung, auf die ich harre, mich ruft. Ich bin ohnehin ſchon zu Euch, mein großmüthiger Wirth, in eine Lage gekommen, die mich im Lichte eines Un⸗ dankbaren erſcheinen läßt, und könnte durch die Ge⸗ walt der nächſten Ereigniſſe, die ſich vorbereiten, in einen Strudel geriſſen werden, aus dem ich keine Rettung wüßte. Sagt ſelbſt, wenn der Feind, der ſich ſchon angemeldet hat, vor Brescia erſcheint, welche Rolle ſollte ich ſpielen? Mit Euch, der mich mit Freundlichkeit, ja mit Wohlthaten überhäuft hat, zu kämpfen gegen die Franzoſen, wäre meine Pflicht, aber drüben ſtehen meine deutſchen Brüder noch in Waffen, ſoll ich gegen ſie das Schwert zücken? Oder unthätig bleiben, ein verachteter Zuſchauer des Kampfes?“ „Sorgt nicht,“ erwiederte Diodati.„Der Feind wird ſich beſinnen, ehe er unſere ſtarken Mauern ſtürmt und thut er es, ſo genügen die Waffen der Bürger Brescias— kein Menſch wird erwarten, daß Ihr, als Gaſt, Euch an dem Kampfe betheiligt, — 99 der nur kurz ſein kann und mit dem ſchimpflichen Abzuge der Angreifer endigen muß. Von den gerin⸗ gen Dienſten, die ich Euch geleiſtet habe, ſprecht mir nicht— ich bin Eurem Freunde Ermanno ſo ſehr verpflichtet, daß es nur ein kleiner Theil meiner Schuld iſt, die ich hier abtragen kann. In ſeiner Beſcheidenheit hat er Euch nicht erzählt, welche großen Vortheile ich ihm verdanke, da er durch ſeine weiten Bekanntſchaften mir Verbindungen öffnete, Wege bahnte, die ich ohne ihn nimmer gewonnen hätte. Wenn er kommt, will ich es in ſeiner Gegenwart ſagen und er ſoll es beſtätigen. Bleibt alſo ruhig bei uns, ich hoffe, daß ich ihn vielleicht bald hier ſehe.“ „Wie? Mein alter Haugwitz?“— rief Bern⸗ hard lebhaft. „Er iſt wieder in Italien, wie ich heute ſicher erfahren habe. Sobald der Krieg ſich in andere Gegenden geſpielt oder, was ich hoffe, mit Vernich⸗ tung des Feindes geendigt hat, wird Ermanno bei mir ſein. Könnte ich ihm eine Botſchaft ſenden, ſo würde ich ihm zu wiſſen thun, wen er bei mir treffen wird.“ „Es kann doch nicht ſein!“ verſetzte Bernhard, wenn auch ſein Herz bei der Ausſicht, Kunde von der Heimath und allen Lieben zu erhalten, höher 100 ſchlug.„Ich darf nicht länger weilen, ich habe das Recht dazu verwirkt— wenn auch nicht mit Wiſſen und Willen— und dann: der Kampf, dem Ihr entgegenſeht, wird nicht ſo leicht ſein, wie Ihr glaubt; in ſchimpflicher Unthätigkeit dürfte ich nicht bleiben und fände auf beiden Seiten keine Seelen⸗ ruhe, recht zu handeln. Ich hatte es mir anders gedacht; nach allem, was ich gehört, mußte der Kaiſer noch vor dem Vernichtungskampfe ſein Wort der Entſcheidung ſprechen, dann zogen alle Deut⸗ ſchen aus franzöſiſchem Solde ab und mit Herzens⸗ freudigkeit hatte ich unter der Reichsfahne auf Eurer Seite geſtritten. Der Kaiſer ſchweigt aber noch im⸗ mer, und ſo will ich nicht zwiſchen beiden Parteien ſtehen bleiben, ſondern meinen Weg gehen, der mir bis dahin noch eine andere Pflicht zu erfüllen möglich macht. Wüßt' ich Haugwitz zu finden! Doch auch ohne ihn weiß ich, was ich zu thun habe.“ Der Italiener konnte wieder das Mißtrauen nicht unterdrücken.„Ihr müßt das freilich am be⸗ ſten wiſſen,“ ſagte er.„Wenn dieſe Pflicht, die Ihr andeutet, in Einklang mit allem zu bringen iſt, das Eure Ehre und Gewiſſenhaftigkeit fordert, ſo folgt ihrem Rufe.“ „Das kann ich!“ verſicherte Bernhard treuherzig. 101 „So erlaubt mir wenigſtens,“ ſprach Divdati mit erheitertem Blicke,„Euch wie ein ſorglicher Freund auszuſtatten. Wir haben dieß Abkommen ja getroffen, ich führe gewiſſenhaft Buch über alles, was ich vorgeſtreckt, Ihr ſollt mir einſt Kapital und Zinſen wiederbezahlen, ich ſchenke Euch keinen Seudv.“ Der Scherz des Kaufmanns fand bei dem ſchleſiſchen Edelmanne keinen rechten Eingang, er machte ihn erröthen, beſonders, weil es ihm peinlich bewußt war, daß er in dieſer Beziehung allerdings von ihm abhing. O wäre doch der gute Haugwitz zur Stelle geweſen! Wie es mit ihm ſtand, konnte er aber nichts anderes thun, als das Erbieten Dio⸗ dati's anzunehmen, da er ohnehin ſchon in ſeiner Schuld war. Dem Italiener blieb ſein Benehmen dabei unbegreiflich: venetianiſche Nobili, deren Na⸗ men ſeit Jahrhunderten im goldenen Vuche prang⸗ ten, trieben Handelsgeſchäfte und waren ſtolz darauf, wie hätte Filippo Diodati auf den Gedanken kom⸗ men ſollen, daß Bernhard von Linden ſich ſchämte und in Verwirrung gerieth um ein einfaches Dar⸗ lehn und deſſen Verbriefung? Er zog vielmehr nach⸗ theilige Schlüſſe: gewiß hatte der junge Mann da⸗ bei Hintergedanken und es fiel ihm drückend, neue Verpflichtungen anzunehmen, die er im Begrif ſtand, „ 102 durch ſein Vorhaben, über welches er ſich nicht aus⸗ geſprochen hatte, mit Undank zu vergelten. Was er aber auch denken mochte, Diodati gab es nicht zu erkennen. In kürzeſter Zeit hatte er alles beſorgt und Bernhard konnte ſeine Abreiſe auf den folgen⸗ den Tag feſtſetzen; ſogar einen Paßport vom vene⸗ tianiſchen Befehlshaber hatte ihm der vorſichtige Kaufherr verſchafft, daß er frei aus der Stadt ge⸗ laſſen und wenigſtens von befreundeten Schaaren unterwegs nicht angehalten werde— traf er mit franzöſiſchen oder deutſchen Truppen zuſammen, ſo mußte er ſich freilich ſelbſt durchhelfen. Er bat um Erlaubniß, ſich von Frau Margherita verabſchieden zu dürfen, Diodati ſagte ihm aber, ſie ſei durch die Aufregung des Tages, und was vorangegangen, ſehr angegriffen und außer Stande, ihn zu empfangen, wünſche ihm alles Heil auf die Reiſe und laſſe ihn ausdrücklich bitten, wenn er wieder einmal nach Brescia komme, ihr Haus als das ſeinige anzuſehen. Bernhard hätte ſo gern noch mit ihr geſpro⸗ chen, da er ſein Benehmen von heute Morgen ent⸗ ſchuldigen wollte und eine paſſende Gelegenheit zu finden hoffte, über Fiorina's Geſchick ſich an das Mutterherz zu wenden. Aber auf die beſtimmte Ab⸗ lehnung, die ihm wurde, mußte er ſich beſcheiden. „ 103 Die letzte Nacht, welche er im Hauſe Diodati's und überhaupt in Brescia zubrachte, verging ihm beſſer als er erwartete. Der gefaßte Entſchluß, der ihm eine beſtimmte Richtung vorgeſchrieben hatte, mochte ſeine Geiſter beruhigen, daß er bald, nachdem er ſich auf ſein Lager geſtreckt, in den erquickendſten Schlum⸗ mer ſank und erſt gegen Morgen erwachte. Er hatte ohne alle Störung, als nur eines Dieners, der ihm das Haus öffnete, abreiſen wollen, und darum ſchon geſtern Abend von ſeinem Wirth Ab⸗ ſchied genommen und ihm ſeinen Dank für alles ausgeſprochen Jetzt eilte er, nachdem er ſich reiſe⸗ fertig gemacht, mit ſeinem Gepäck, das er dem Pferde aufzulegen hatte, in den Stall, ſchüttete dem Thiere ſein Futter und verrichtete allen Reiterdienſt, den er ſchon daheim und beſſer noch auf ſeinen Zügen in der Fremde gelernt hatte. Er hatte ſich dazu geſtern ſogar die Laterne beſorgt, welche ihm leuchtete, und fühlte ſich in dieſer Geſchäftigkeit ſo friſch, wie ihm lange nicht zu Muth geweſen war. Der Diener, obgleich er geziemenden Einſpruch gethan und ver— ſichert hatte, er werde eine Stunde früher wach ſein als der illuſtriſſimo Cavaliere, ſchlief noch feſt— Bernhard wußte ſein Kammerfenſter im Hofe zu finden, und wollte ihn nicht eher wecken, als bis er 104 ſein Pferd geſattelt und gezäumt habe und zum Aufbruch völlig bereit ſei. Ueber den Dächern wurde es licht, die Hähne fingen an zu krähen, aber im Hauſe regte ſich noch nichts und des Springbrun⸗ nens Geplätſcher war das einzige Geräuſch, das ſich hören ließ. Bernhard hatte nun ſein Pferd gerüſtet, und führte dasſelbe, nachdem er die Laterne ausge⸗ löſcht, vorſichtig aus dem Stalle. Sein Blick ſuchte noch einmal unwillkürlich das Fenſter, an welchem er vor kurzem noch Fiorina's herrliche Geſtalt ge⸗ ſehen hatte.— Dieſe Erinnerung täuſchte ihn wohl, daß er auch jetzt im dunklen Rahmen— denn es ſtand offen wie damals— eine Erſcheinung wahr⸗ zunehmen glaubte, ſie war ihm freilich, als er ſchär⸗ fer hinſah, gleich einem Luftbilde zerronnen, aber es machte doch einen ſolchen Eindruck auf ihn, daß ſeine Pulſe mächtig pochten. Gleich darauf öffnete ſich ein anderes Fenſter und der Diener, erſchrocken, daß er die Zeit verſchlafen hatte, rief tauſend Ent⸗ ſchuldigungen heraus, als er im Halbdunkel den fremden Herrn mit dem Pferd am Zügel erblickte. Schnell kam er nun, ihm das Hausthor aufzuſchließen, und erſchrak noch einmal im Portale vor ſeinem eigenen Herrn, der mit einem Lichte in der Hand aus ſeinem Zimmer kam, um dem Gaſte noch ein —— 105 letztes Lebewohl zu ſagen. Bernhard war beſchämt durch dieſe Aufmerkſamkeit, er drückte Diodati herz⸗ lich die Hand und äußerte in der Aufwallung ſeines Gefühls: er hoffe ihn bald wiederzuſehen und viel⸗ leicht zum Danke für alle Freundlichkeit, die er ihm erwieſen, die ſchönſte Vergeltung zu üben. Seine Worte klangen ſo bedeutungsvoll, ſein Auge ſtrahlte dabei ſo leuchtend, daß Filippo Dio⸗ dati einen tiefern Sinn, als den einer gewöhnlichen Rede der Höflichkeit, in ihnen nicht verkennen konnte. Doch war keine Möglichkeit mehr, ſich darauf einzu⸗ laſſen, er erwiederte nur, was ihm paſſend ſchien, und erſt, als Bernhard vor der Pforte des Hauſes ſchon aufgeſeſſen war, warf er noch wie verloren die Frage hin:„Ihr zieht doch wohl nicht über die Alpen, ſondern zu Euren Landsleuten am Pv.“ „Wohin ich auch ziehe, mein edler Freund,“ antwortete Bernhard,„es geſchieht nicht für mich. Sagt Frau Margherita meinen letzten Gruß— viel⸗ leicht ſieht ſie mich einſt mit andern Gefühlen kom⸗ men, als heute ſcheiden.“ Damit ritt er, ſich tief verneigend, langſam die Straße zur Porta vrientale hinab, wo keine Sperrung war, weil hier der Zuzug von Venedig, der binnen kurzem erwartet wurde, Sicherung genug gab. Der 106 Läufer war aber ſchon unterwegs, der die Schreckens⸗ kunde brachte, daß dieſer Zuzug, welcher ſorglos im vollen Bewußtſein der eigenen Sicherheit ſeine Straße marſchirte, vom Feinde unerwartet überfallen und zerſprengt worden ſei und Gaſton de Foix mit ver⸗ ſtärkter Macht gegen Brescia heranrücke. Unerhörtes hatte ſich begeben. Bologna war durch den Gewaltmarſch, deſſen Diodati ſchon gegen Bernhard im Beiſein Marani's gedacht hatte, ent⸗ ſetzt worden; der Vizekönig von Neapel, Don Ray⸗ mon de Cardona hatte auf die Nachricht, daß Gaſton mit ſeinem Heere in Bologna, welches nicht von allen Seiten eingeſchloſſen werden konnte, eingerückt ſei, den Ausfall und Angriff nicht abgewartet, ſondern in der Stille die Belagerung aufgehoben und ſich nach Imola zurückgezogen. An demſelben Tage war dem Prinzen von Foir die Nachricht von dem Falle Brescias zugegangen und er hatte ſofort ſeinen Entſchluß gefaßt. Um aber nicht Bologna, in deſſen Nähe er das überlegene Heer der Liga zurückließ, zu verlieren, hatte er dem Vizekönig von Neapel einen Waffenſtillſtand auf vierzehn Tage angetragen und ſich erboten, ihm dafür täglich tauſend Seudi zu zahlen. Und der ſpaniſche Feldherr, was in den Annalen der Kriegsgeſchichte in dieſer Art wohl ohne Beiſpiel iſt, war dem entehrenden Anſinnen, ſeine Unthätigkeit erkaufen zu laſſen, nachgekommen! So hatte ſich Gaſton mit Zurücklaſſung von fünfhundert Hommes d'armes und viertauſend Knechten von Bo⸗ logna in Marſch geſetzt, war durch das Gebiet des Markgrafen von Mantua, der ihm den Durchzug nicht zu verweigern wagte, gegen Verona gegangen und hatte bei Mugnano, einem kleinen Dorfe, wenige Stunden von dieſer Stadt entfernt, den obenerwähnten vene⸗ tianiſchen Heerhaufen, der zur Verſtärkung nach Brescia zog, überraſchend angegriffen. Es war von Wichtigkeit für ihn geweſen, ehe er zum Sturm auf Brescia ſchritt, denſelben zu vernichten; denn Givvanni Paolo Baglione, der ihn führte, hatte dreihundert Lanzen Schwergeharniſchter, vierhundert Stradioten, dreitanſend Fußknechte und ſechs Geſchütze mit ſich. Dieſer war nun bei dem unerwarteten Angriff der franzöſiſchen Hommes d'armes, welchen die Deut⸗ ſchen, in ſtarker Geviertordnung anſtürmend, unter⸗ ſtützten, bald zerſprengt und ſeine vereinzelten Haufen auf der Flucht zur Etſch durch einen Ausfall der Beſatzung von Verona, welchen Philipp von Freiberg mit dreizehnhundert Landsknechten unternahm, großen⸗ theils erſchlagen worden. Freiberg hatte ſich darauf dem Prinzen von Fvir angeſchloſſen, welcher nun am 108 17. Februar 1512 vor Brescia erſchien und ſein Lager hart unter den Mauern der Stadt aufſchlug. Bechſtes Rapitel. Der Fall von Bresecia. Nun war es an der Zeit, die Sturmglocken auf allen Thürmen in Bewegung zu ſetzen, dieß⸗ mal galt es den furchtbarſten Ernſt. Doch herrſchte in der Stadt die freudigſte Zuverſicht, ihre Mauern waren ſtark, ihre Bürger von glühender Kampfluſt beſeelt. Auf jene Meldung ſchon von der Niederlage Baglione's hatte man Vorkehrungen getroffen, daß ſich der Feind nicht mit der Beſatzung der Burg Falcone d'Italia, wo ſich Henry Gonnet bis jetzt gehalten, in Verbindung ſetzen konnte. Eine Abtei, welche mit dem Schloß auf demſelben Bergrücken lag, von welchem die Gegend beherrſcht wurde, war an ſich ſchon feſt, durch Verſchanzungen verſtärtt und mit tauſend bewaffneten Landleuten, auch mit Geſchütz beſetzt worden; ſie konnte bei guter Vertheidigung jeden Verſuch zu Schanden machen. Man erwartete an dieſem Tage zwar keinen Angriff mehr, denn ein 109 heftiger Regen ſtrömte vom Himmel; gleichwohl eil⸗ ten die Bürger zu den längſtbezeichneten Waffen⸗ plätzen, um die Anordnungen der Befehlshaber für den bevorſtehenden Kampf zu vernehmen. Auch Filippo Diodati nahm Abſchied von ſeiner zagenden Gattin und bat ſie, guten Muthes zu ſein: er hoffe mit Sicherheit, daß der Feind mit großem Verluſt zurückgeſchlagen werde. Sein heiteres Antlitz, ſein ruhiger Blick bewieſen, daß er nicht blos ſprach, um die bange Frau zu tröſten. „Wär' ich jetzt nicht allein!“ ſeufzte ſie.„Hät⸗ teſt Du nur dieſe wenigen Tage noch gewartet!“ „Sollte ich warten, bis ihr Verderben nicht mehr abzuwenden geweſen wäre?“ entgegnete er mit ſanftem Tone.„Weil ich Fiorina liebe wie mein Leben, konnte ich nicht anders handeln! Du biſt nicht allein, Margherita,“ ſetzte er hinzu, indem er auf das Bild des Erlöſers zum Betaltar zeigte. Vor der Thüre des Zimmers ließ ſich unter⸗ deſſen eine fragende Stimme hören, es war die eines Freundes: Marco Marani trat ein, bewaffnet, wie auch Diodati ſchon war.„Ich komme Dich abzu⸗ holen, mein Vetter Filippo!“ rief er haſtig.„Jede Minute iſt koſtbar. Wie hatteſt Du Recht, wie war ich, wie waren wir alle mit Blindheit geſchlagen! 110 Nie hätte ich für möglich gehalten, daß er ſchon hier ſein, daß er uns überhaupt angreifen könne! O ich ſehe kein gutes Ende— er iſt zu furchtbar in ſeiner Schnelligkeit, er iſt die furia francese in Perſon und dazu die Deutſchen, die mit dem Kopf wie Sturmböcke gegen die Mauern rennen— was kann die beſte Kriegskunſt, das ſchärfſte Kolubrinen⸗ und Arkabuſenfeuer dagegen? Alle kann man ja doch nicht treffen und todtſchießen. Sie nehmen die Mauern mit Sturm und dann iſt alles verloren!“ „Schäme Dich, Marco!“ unterbrach ihn Dio⸗ dati mit Unwillen.„Dieſer Kleinmuth jetzt auf die frühere blinde Zuverſicht— haben wir die Rollen ſeitdem vertauſcht? Wüßte ich nicht, daß Du ein tapferes Herz in der Bruſt trägſt und Dich im Kampfe ſchlagen wirſt wie ein Löwe, ſo müßte ich Dich um Deiner Worte willen verachten. Komm und mache mir die Frau nicht ängſtlich. Auf baldi⸗ ges Wiederſehen, Margherita.“ „Wenn aber Marco doch Recht hat,“ rief dieſe, „wenn ſie ſtürmen, wenn ſie einbrechen?“ „Dann finden ſie ihr Grab in Brescia,“ erwie⸗ derte Diodati. „Gottes Rathſchlüſſe ſind wunderbar— wenn Er dem Feinde nun den Sieg ſchenkt?“ 141 „Dann ſterben wir wie Männer!“ „Und wir?!“ rief Margherita.„Was wird aus uns in den Händen erbarmenloſer Feinde?“ „Gott iſt über uns!“ ſagte Divdati feierlich. „Auch Frauen wiſſen, wenn alles verloren iſt, zu ſterben!“ Vor dieſem Fanatismus ſchauderte Marani, aber er wagte kein Wort zu ſagen. „Aengſtige Dich heute nicht um das Morgen,“ bat Diodati mit ſanftem Tone ſein Weib, das ihm bleich und zitternd die Hand gereicht hatte, gleichſam zu einem ſtummen Verſprechen.„Für heute iſt noch nichts zu befürchten, wir gehen nur, um für Morgen alles vorzubereiten, darum ſäume ich auch noch, weil keine Gefahr im Verzuge iſt. Bald komme ich wie⸗ der und will zu Deiner Beruhigung auch für den ſchlimmſten Fall, von dem ich bis jetzt nichts hören wollte, alles mit Dir berathen.“ „Du glaubſt alſo wirklich,“ fragte Marani,„daß uns der Gaſton Ruhe bis morgen gönnen wird?“ Ein dumpfer Schall, durch die ſchwere Regen⸗ luft halberdrückt, dröhnte in dieſem Moment über die Stadt hin und gab wohl vielen auf dieſelbe, wenn auch nur gedachte Frage die Antwort. Es 112 war ein Kanonenſchuß. Aufſchreckend rief Marghe⸗ rita zum Gatten:„Hörſt Du?“ „Und wenn auch— wir ſehen uns wieder! ſagte dieſer feſt, küßte ſie und eilte Marani nach, welcher bereits hinausgeſtürzt war, um zu hören, was der einzelne Schuß, dem keine mehr folgten, bedeute. Gerade jener ſtrömende Regen, welcher den Ver⸗ theidigern ſo günſtig erſchienen war, hatte zu ihrem Nachtheil gewirkt. Gaſton de Foir, der, ſo jung er noch war, doch den richtigen Feldherrnblick beſaß, welcher oft angeboren iſt, hatte die Wichtigkeit des Vertheidigungspunktes erkannt, welchen die Brescia⸗ ner in der hochgelegenen Abtei vor dem Thore be⸗ ſaßen und daher unverzüglich eine Abtheilung von tauſend deutſchen Landsknechten unter dem ſchwäbi⸗ ſchen Hauptmann Leonhard Ruch entſendet, um das Kloſter zu nehmen. Der Regen begünſtigte ihren Anmarſch und hinderte die Geſchützwirkung der Ver⸗ theidiger. In jener Zeit, wo die Feuerwaffen noch in ihrer Kindheit waren, verſtand man wenig, ſie von dem Einfluß der Witterung zu ſchützen, der jetzt bei veränderter Zündung nicht einmal die Handfeuer⸗ waffen mehr trifft. Damals führte man das Pulver für die Geſchütze nicht in Cartouchen, ſondern loſe . 113 * in Fäſſern mit, nicht immer auf Wagen, ſondern oft auch auf Laſtthieren, man lud mit einer Schaufel und zündete mit der Lunte: auch die Handgewehre wurden mit der Lunte gezündet. Kein Wunder, daß im Regen ſelbſt die Kanonen verſtummten. Der Schuß, welcher bis in Diodati's Wohnung gehört worden, war daher auch der einzige, der bei dem Angriffe der Deutſchen auf die Schanzen vor dem Kloſter abgefeuert werden konnte. Im raſchen Lauf ſtürmten ſie; die Bauern waren den verſuchten Krie⸗ gern nicht gewachſen, flohen aus den Verſchanzungen in den innern Kloſterhof und wurden hier von den Feinden, die mit ihnen zugleich eindrangen, bis auf den letzten Mann niedergemacht. Das Heer, welches in angemeſſener Entfernung gefolgt war, rückte nun ſchnell auf die Höhen, deren Schlüſſel, die Abtei, Lewonnen war; jubelnd öffnete die Beſatzung des Schloſſes das Thor und ließ die Zugbrücke nieder, um alles Fußvolk aufzunehmen, während die Reiterei außerhalb ihr Lager aufſchlug. Eine Schaar von fünf⸗ hundert Rittern, unter dem greiſen Yves d' Alegre, wurde ſeitwärts gegen die Porta vrientale aufgeſtellt, welche allein, wie ſchon erzählt, offengeblieben war, da man die andern Thore entweder ganz vermauert oder durch Erdwerke und Schanzpfähle geſperrt hatte Jenes 1857. VII. Heimath und Ferne. II. 8 114 ſollte im äußerſten Nothfalle den Bewohnern die Flucht möglich machen, dieſe aber zu hindern, war die Beſtimmung des alten tapfern Ritters aus der Auvergne. Der Verluſt der Abtei erregte in der Stadt mehr Erbitterung als Beſtürzung. Andrea Gritti, der venetianiſche Feldherr, welcher den Oberbefehl übernommen, hatte zu ſeiner Verfügung vierhundert Lanzen Schwergepanzerter, tauſend Armbruſtſchützen zu Pferd, achthundert Stradivten, ſechstauſend Mann Fußvolk und außerdem die ſtreitbare Bürgerſchaft, nebſt den Bauern, welche in Waffen zur Stadt geſtrömt waren: nach der geringſten Angabe auch noch ſechstauſend Streiter. Der Feind konnte ſtürmen, er konnte ſogar in die Stadt einbrechen, aber, geſchwächt durch den großen Verluſt, mußte er hier, wo auch ſeine Kernſchaaren, die gefürchteten Hommes d'armes, die Blüthe des franzöſiſchen Hochadels, nur zu Fuß fechten konnten, im Straßenkampfe, an welchem die ganze Bevölkerung theilnahm, den ſichern Untergang finden, und der trefflichen Reiterei der Venetianer lag es dann ob, ihn vollſtändig zu vernichten. Das hatte der Feldherr ſeinen Truppen, hatte Graf Luigi Avogaro, welcher die Seele des Widerſtandes bei den Bürgern war, den Streitern der Stadt verkündigt. In dem Kriegs⸗ 115 3. welcher bei dem Oberbefehlshaber gehalten worden, hatte ſogar Einer der übermüthigſten Volkshelden die Frage zu ernſtlicher Erörterung ge⸗ bracht, ob man die gefallenen Franzoſen nach dem Siege in geweihter Erde beſtatten ſolle oder nicht, da ſie doch ſämmtlich im Banne befindlich! Hiſtoriſch wahr! Filippp Diodati, wenn auch als angeſehener Kaufherr mit der Führung eines Banners beauftragt, war nicht zu dem Kriegsrathe berufen, ſondern wartete bei ſeiner Mannſchaft das Ende desſelben ab und kehrte, nachdem infolge der Beſchlüſſe für Morgen die nöthigen Anordnungen getroffen und ſtarke Wa⸗ chen an den Thoren und auf den Mauerthürmen ausgeſtellt waren, in ſein Haus zurück. Marani hatte mit andern am Burgthore, dem bedrohteſten Punkte, für die Nacht die Wache beziehen müſſen, welche aus Soldtruppen der Republik und Bürgern gemiſcht war. Durch Boten, welche Filippo, ehe er ſelbſt kom⸗ men durfte, an ſeine Frau geſandt hatte, war dieſe ſchon von dem Stande der Dinge unterrichtet worden, und die Zuverſicht, welche die Männer gegen ſie ausgeſprochen, hatte ſich ihr mitgetheilt. Diodati hü⸗ tete ſich, ſie zu erſchüttern, obgleich er ſie nicht ganz theilte. Er hielt einen unglücklichen Ausgang des 8* — ₰ 116 Kampfes doch nicht für ſo ganz unmöglich als die andern, und beſchloß als vorſichtiger Mann auch für dieſen Fall zu ſorgen. Seiner Frau ſagte er nur, daß er noch einen nothwendigen Gang habe, und nachdem er mit ihr zu Nacht geſpeiſt und, wie es natürlich war, über die bevorſtehenden furchtbaren Freigniſſe zu ihr tröſtend geſprochen, ihr ſeine Wei⸗ ſungen mitgetheilt hatte, wohin ſie ſich, wenn es wider Erwarten einer feindlichen Schaar gelingen ſollte, bis in dieſe Gegend der Stadt vorzudringen, begeben ſolle, um die Flut, die ſich wieder verlaufen müſſe, vorüberrauſchen zu laſſen,— verließ er im Abenddunkel das Haus, ein ſchweres Käſtchen, das ſeine beſten Koſtbarkeiten und viele werthvolle Papiere enthielt, unter dem Mantel. Hätte Frau Marghe⸗ rita geahnt, wohin er ſeine Schritte richte, ſo würde ſelbſt ſein ſtrenges Verbot ſie nicht verhindert haben, ihm zu folgen— hatte ſie doch ſchon über Tafel den Gedanken geäußert, die Schreckenstage in dem⸗ ſelben Aſyl, wo ihr theuerſtes vor den Gefahren des Lebens geborgen war, vorübergehen zu laſſen. Aber ſie ahnte nichts, und da ſie gewohnt war, daß er von ſeinen Geſchäften nie mit ihr ſprach, ſo fragte ſie auch heute nicht weiter. Spät erſt kehrte er zu⸗ rück und nun auf ein Paar Stunden, denn ehe noch 147. 4. Morgenroth erwachte, verſammelten ſich ſchon die Vertheidiger einzeln wieder auf allen Plätzen und nahmen die Aufſtellungen an den Mauern der An⸗ griffsſeite ein, die ihnen bezeichnet waren. Filippo Diodati ſchied denn von ſeiner Gattin, welche heute Standhaftigkeit genug beſaß, um ihm den Abſchied nicht zu erſchweren; erſt als er fort war, brach ihr Muth und ſie gab ſich den ſchrecklichſten Vorſtellun⸗ gen hin, welche die alte Dienerin, die nicht von ihrer Seite wich, vergebens zu beſchwichtigen ſuchte. Wiederholt rief ſie den Namen ihres Kindes, aber Fivrina war fern, auf ewig von ihr getrennt. Als der Tag zu dämmern begann, ſchmetterten die Trompeten im feindlichen Reiterlager und riefen die Reiſigen aus dem Schlafe zu ihren Pferden. Anch in der Stadt ertönten Signale; Trommeln wirbelten durch die Straßen, Hörner klangen in allen Richtungen, auf den Thürmen begann wieder das entſetzliche Sturmgeläut. Von der Burg Falcone d' Italia führte nur ein ſchmaler Weg zur Stadt, dieſen wirkſam zu beſtreichen war Geſchütz im Thore aufgefahren; venetia⸗ niſche Söldner und ein erleſener Haufe von Bürgern, bei welchem ſich Marco Marani befand, hielten das Thor und deſſen innere Zugänge beſetzt; ſechshundert Mann waren in das Kloſter Sankt Florian geworfen, 118 das hart vor der Stadtmauer lag und den Weg von der Burg von der Seite her beherrſchte. Die Hänſer und Dächer in den nächſten Straßen waren zur Vertheidigung eingerichtet, und die Frauen legten geſchäftig Hand dabei an. Geſchloſſene Haufen hiel⸗ ten in den Quergaſſen, an den Straßenecken; auf den Plätzen war die Reiterei aufgeſtellt, die Haupt⸗ macht des Fußvolks in feſter Maſſe ſtand auf dem großen Marktplatze, neben ihr das Geſchwader der Stradioten, über welche ein junger Sproß des uralten Hauſes Contarini, welcher die wilden Söhne von Epirus wohlzuführen verſtand, den Oberbefehl hatte. Auf dem Höhenzuge, wo das Schloß und die geſtern erſtürmte Abtei lagen, ſchaarte ſich nun auch das Heer des Königs von Frankreich. Die Ordonnanz⸗ Compagnien der Hommes d'armes, die freien Krieger der Aventure, welche ſich einem berühmten Ritter angeſchloſſen, wie hier dem tadelloſen Bayard, ritten auf, in hellen Haufen zog das Fußvolk aus dem Schloſſe, wo es genächtigt hatte und ſtellte ſich unter ſeine Fahnen. Ein lautes Freudengeſchrei begrüßte den jugendlichen Helden, welcher nun, von einem ſtattli⸗ chen Gefolge begleitet, im prächtigen Waffenſchmuck vor die Fronte geſprengt kam— von den erſten Pur⸗ purlichtern der aufgehenden Sonne begrüßt, klar zu * 119 erkennen von den Zinnen der Stadt. Unter Trom⸗ melſchall ſah man jetzt einen Herold von Schlacht⸗ haufen zu Schlachthaufen ziehen. Was er den Krie⸗ gern entbot, war nicht ſchwer zu errathen; denn als⸗ bald traten aus der mittelſten Schaar viele zugleich vor, denen ſich immer mehr anſchloſſen: Freiwillige zum Sturm wurden aufgerufen, und die Deutſchen waren die erſten, welche frendig den Vorkampf, als ihr Ehrenrecht begehrten. So viele verließen die Glieder, daß der Prinz dem Andrange wehren mußte. Sein glänzendes Auge muſterte mit Stolz und Wohl⸗ gefallen die kräftigen Männer, die voll Streitluſt zu ihm aufblickten: viele der Hauptleute kannte er ſchon bei Namen, da fiel ſein Blick auf Einen, den er lange nicht unter ſeinen Kriegern geſehen hatte: unter allen ragte er durch ſeine Rieſengröße hervor, aus ſeinem offenen Helme blickte ein Antlitz von männlicher Schön⸗ heit. Der Prinz grüßte ihn ganz beſonders und ſeine Farbe erhöhte ſich ein wenig, als ſein Ange dem Auge des ſtarken Kriegers begegnete. Doch hielt er das Roß im Vorüberreiten nicht an, ſondern ſprengte nun zu ſeinen Gascognern, von denen ſich auch ſchon dreihundert, wie er die Dentſchen ſich ſtellen laſſen, als enfants perdus gemeldet, unter Molard, ihrem Hauptmann, und dem Ritter Gonnet, 120 welcher das Schloß bis jetzt behauptet hatte. goh dieſen waren fünfhundert Hommes d'armes, ſehr vornehme Herren, von ihren Streithengſten abgeſeſſen, um zu Fuß am Sturme theilzunehmen. Da ſprang auch Gaſton de Fvir in ritterlichem Muthe von ſeinem Roſſe, mit ihm noch viele andere. Den Gewalthaufen bildete das geſammte Fußvolk, unter welchem dreitau⸗ ſend achthundert dentſche Landsknechte unter Jakob von Embs Die Bürger von Bologna hatten damals dringend gebeten, ihnen dieſen berühmten Kriegsober⸗ ſten als Befehlshaber zurückzulaſſen, dem Prinzen war er aber bei ſeiner kühnen Unternehmung auch unentbehrlich geweſen. Nachdem die Schlachtordnung vollſtändig ge⸗ bildet war, ſahen die Vertheidiger auf den Mauern, wie der Herold im leuchtenden Wappenrocke, von einem Trompeter begleitet, langſam gegen die Stadt herabgeritten kam.„Er bringt die übliche Heraus⸗ forderung— mag er nur kommen!“ ſagte Andrea Gritti, welcher mit vielen Hauptleuten und angeſe⸗ henen Einwohnern auf dem Thorthurme ſtand, die Bewegungen des Feindes zu beobachten. „Weiſet ihn ab! Hört ihn nicht an!“ rief Graf Luigi Avogaro, welchem alles an der Durch⸗ führung ſeines Werkes gelegen ſein mußte, da er 3 3 121 * ſonſt wohl verloren war.„Was wollt Ihr ſchnöde Reden anhören? Schickt ihn mit Kugeln zurück!“ Das war aber gegen edle Kriegsſitte, welche damals die Stelle des ſpäter ausgebildeten Völker⸗ rechtes vertrat und auch gegen Feinde die Formen einer oft übertriebenen Cvurtviſie angenommen hatte, umſo mehr mußte der Vorſchlag des Grafen, welcher das Haupt eines Geſandten nicht⸗ einmal achtete, Mißbilligung erregen, welche ſich auch in ſeiner Nähe unverholen ausſprach. „Wer iſt der Mann?“ fragte der Führer der Stradioten, Contarini, heimlich, auf Einen deutend, der ſich am lauteſten geäußert hatte. „Ein verſteckter Franzoſenfreund,“ erwiederte Avogarv.„Er heißt Diodati, und iſt ſehr reich. Gebt Euren wackern Bergſöhnen, die keine Rückſicht zu nehmen haben, Befehl, ihn im Auge zu behalten. Von Seinesgleichen, deren es mehr in Brescia gibt als Ihr glaubt, hat die Signoria alles zu befürchten.“ Dieſe hinterliſtige Aeußerung, gegen einen ve⸗ netianiſchen Gewalthaber gethan, hätte dieſelbe Wir⸗ kung gehabt, als wenn ſie ſchriftlich bei Nacht in einen der verrufenen Löwenrachen am Dogenpalaſt gelegt worden wäre— an dem edlen Stahl eines Contarini glitt ſie aber machtlos ab, wie ein ſchwach 122 122„ geſchnellter Pfeil. Er warf nur einen verächtlichen Blick auf den Angeſchuldigten, der ſich wohl nicht träumen ließ, daß er, Filippo Diodati, jemals einer ſolchen Verdächtigung ausgeſetzt werden könne. Der Herold brachte im Namen des Prinzen Gaſton de Fvir, Herzogs von Nemours, Lieutenant Seiner allerchriſtlichſten Majeſtät, des Königs Ludwig XII. von Frankreich eine Aufforderung, nicht an den venetianiſchen Feldherrn, ſondern an die Bürgerſchaft von Brescia gerichtet. Er verlangte Uebergabe der Stadt und dreimalhunderttauſend Gulden Entſchädi⸗ gung, und ſicherte dagegen den Einwohnern Leben, Frei⸗ heit der Perſon und des Eigenthums. Da war nicht eine Stimme zweifelhaft, was zu thun ſei; aber ſo kräftig ſich auch die Verſammelten ausſprachen, wollte der Podeſta doch, daß die Botſchaft des Prinzen vor den Rath und die Vorſteher der Bürgerſchaft gebracht werde, und der venetianiſche Feldherr fürchtete ſchon, die Drohungen, welche der Herold auf die gebotene Gnade folgen ließ, könnten die Mehrzahl einſchüchtern. Er begab ſich alſo ebenfalls in das Rathhaus, während der Herold draußen auf Antwort harren mußte; er fand ſeine Befürchtung nicht ganz unbegründet, denn es hatte ſich ſchon eine Zaghaftigkeit wie ein anſtecken⸗ des Fieber verbreitet, welche gefährlich für den — —— 123 Widerſtand werden konnte. Seinen Worten gelang es aber, die Stimmung wieder zu ermuthigen, beſonders, da er ihnen als Soldat verſicherte, daß die Stadt ſo feſt ſei, daß kein Sturm ſie überwältigen könne. Der Kleinmuth ging denn, wie es im italieniſchen Charakter liegt, zum andern Ertrem, zum ausgelaſſen⸗ ſten Trotze über, und der Proveditor verlieh nur dieſem allgemeinen Geiſte den ſymboliſchen Ausdruck, als er durch ſeine Stradioten zwanzig Hähne in der Stadt ergreifen, abkehlen und zur frechſten Verhöhnung als Antwort auf die Aufforderung des Prinzen über die Mauer dem Herold zu Füßen werfen ließ. Die Verhöhnung lag in dem italieniſchen gallo, der Hahn, was zugleich oder eigentlich Gallier heißt und damit die Franzoſen bezeichnete. Empört, aber ohne ſeiner Würde durch ein unziemendes Wort etwas zu vergeben, ritt der Herold zu dem Heere zurück, das nun ſchon vier Stunden ſeit Sonnenaufgang in Schlachtordnung ungeduldig gehalten hatte. Gaſton hörte die rohe Abfertigung ſeines Parlamentairs mit aufflammender Entrüſtung und rief, das blitzende Auge zur Stadt gekehrt:„Wohlan! So mögen Ne es haben!“ Dann befahl er, die Oberſten der eiden deutſchen Regimenter zu ihm zu rufen. Es war Jakob von Embs, der mit ihm von Bologna „ 124 gekommen, und Philipp von Freiburg, welcher aus Verona mit den kaiſerlichen Landsknechten zu ihm geſtoßen war, den Oberbefehl führte aber jetzt der erſtere. Der Prinz erklärte ihnen, daß der Sturm ohne weitere Säumniß geſchehen müſſe und daß er ſich dabei ganz beſonders auf die Deutſchen verlaſſe. Philipp von Freiburg übernahm es, die Freiwilligen, welche ſeit dem Aufrufe ſchon voran ſtanden, zu führen; dabei waren faſt alle Hauptleute, die nach alter Sitte bei gefahrvollem Kampfe immer im erſten Gliede des Schlachthaufens kämpften, mochte ihre eigene Mannſchaft in der Maſſe ſtehen, wo ſie wollte. Auch heute hatten ſie dieß Recht verlangt, und wie ſparſam ſich auch ſonſt in den fremden Schriftſtellern die Nachrichten über deutſche Helden⸗ thaten im ausländiſchen Solde finden, wie abſichtlich ſie dieſelben verſchweigen oder verdunkeln, ſo ſind uns doch einige der Namen aufbewahrt, welche hier den Vorkampf ſich nicht rauben ließen, und wir wollen ſie nennen. Johann Spät von Pflumern, Hans Harder, Wolfgang von Ehingen, Georg von Uffenloch, Sigismund von Freiburg, Burchard von Embs, lauter Schwaben, und mit ihnen zwei Sachſen: Gotthard von Ende und— den wir ſchon mit Prinz Gaſton erkannt haben: Fabian von Schlabrendorff. — S—— * — — S S N — — e 125 Im verlornen Haufen wurde nun der Ring gebildet, und als nach der üblichen Anſprache die Mahnung erging, wer an den Sturm auf die Stadt ehrlich ſein Leben einſetzen wolle, der möge die Hand auf⸗ heben, da ſtreckten alle freudig die Hände zum Him⸗ mel mit lautem Zuruf und ſchnitten ſich Kerben in die glatten Stangen ihrer Spieße, um ſie feſter faſſen zu können. Darauf wurde im ganzen Heere bei Todesſtrafe unterſagt, zu plündern, ehe der Sieg vollſtändig errungen ſei und jeder ermächtigt, ſeinen Nebenmann, welcher dieſem Verbote zuwiderhandle, niederzuſtoßen, dann aber, wenn die Stadt gewonnen, möge man thun nach Belieben. Nur beſtimmte Häuſer, welche ſcharf bezeichnet wurden als Woh⸗ nungen Franzöſiſchgeſinnter, und auch die Frauen⸗ klöſter ſollten geſchont werden. Brescia war nächſt Mailand die reichſte Stadt der Lombardei: welche Ausſicht auf unermeßliche Beute! Mit Gott denn, hieß es, zum Sturm! Der Weg von der Höhe herab zum Burgthor war ſchmal und konnte mörderiſch beſchoſſen werden: die Frei⸗ willigen, Deutſche und Franzoſen, gingen daher nicht, wie es ſonſt geſchah, in gedrängter Sturmſäule vor, ſondern zerſtreuten ſich und ſuchten im vollen Lauf, jeder wie er konnte, oder in kleinern Trupps unter 226 den Schuß zu kommen, wozu ihnen hie und da einzelne Häuſer, welche den Abhang bedeckten, einigen Schutz gewährten. Hart an der Stadtmauer erſt ſammelten ſie ſich wieder und gingen dann ſofort zum Sturm gegen das Kloſter Sankt Florian, das erſt genommen werden mußte, ehe das Thor der Stadt angegriffen werden konnte. Tapfer wehrten ſich die Dalmatier, welche das Kloſter beſetzt hielten, und hier war es, wo der Ritter Bayard von einem Speerſtoß hartoerwundet niederſank. Sein Fall aber reizte die Seinigen zur höchſten Wuth, das Kloſter wurde erſtürmt, unaufhaltſam wälztẽ ſich der Strom der Flüchtigen mit den Siegern vermiſcht, ſo eng zuſammengekeilt, daß ſelbſt die Waffen nicht gebraucht werden konnten, gegen das Thor— unter Freund und Feind zu ſchießen, zagten die Büchſen⸗ meiſter— eh' ein Entſchluß gefaßt war, brach alles ſchon ein; die Geſchütze wurden verlaſſen, aber ver⸗ loren glaubte kein Menſch die Stadt, ſondern nun erſt ſchien der Untergang der tollkühnen Feinde ge⸗ wiß, denn in den engen krummen Straßen erwartete ſie die Vernichtung durch die Waffen der Vertheidi⸗ ger, welche hier im unberechenbaren Vortheil waren, durch Steine, geſchmolzenes Blei, ſiedendes Waſſer und alle Mittel der Volkswuth von den Dächern! ————— Wir folgen ihnen nicht in den grauſen Vernichtungs⸗ kampf— wer ſeine entſetzlichen Szenen leſen will, der mag die Blätter der Geſchichte aufſchlagen. Auf ein freies und friſches Schlachtfeld mögen wir unſere Leſer wohl führen, wo ſchöne und ritterliche Thaten, edles und anziehendes zu erzählen und die trauri⸗ gen Bilder, welche unabwendbar ſie begleiten, ſchv⸗ nend zu verhüllen ſind: in die Brandung des Falles von Brescia wollen wir nicht tauchen. Fiebentes Rapitel. Zur Perle. Am Ufer des Lago d'Iſeo, eines der reizend⸗ ſten oberitalieniſchen Seen, welcher wohl um den Preis der Schönheit mit ſeinen größern und beſuch⸗ tern Nachbarn ringen kann, lag im üppigen Gebüſch halbverſteckt ein kleines Wirthshaus. Es war nur von den Fiſchern, welche hier in der bequemen Lan⸗ dungsbucht anzulegen pflegten, beſucht, denn keine Landſtraße führte in der Nähe vorüber und von dem Hauſe liefen nur zwei Fußpfade aus; der eine nach dem Kirchlein, das ſein Kreuz auf dem Berge erhob, 128 der andere nach dem geringen Dorfe, deſſen Häuſer ſich in einiger Entfernung am Ufer des Sees hinzogen. Auf reichen Gewinn von ihren Gäſten konnte alſo die Oſteria nicht zählen, und doch hatte ſie ein über⸗ aus wohlhabendes Anſehen, ein Geiſt der Ordnung und Reinlichkeit waltete hier, den der Fremde ſonſt jenſeit der Alpen nicht immer findet, und das Haus machte ſeinem Namen: alla perla volle Ehre. Es war ein ſonniger Nachmittag. In den Uferthälern dieſer lombardiſchen Seen, welche dem Schutze der Alpen ihr herrliches Klima verdan⸗ ken, herrſcht in Wahrheit ewiger Frühling, wie der Barkarol, welcher den Fremden über die grüne Flut fährt, mit Stolz verſichert. Nur ſelten wird der Froſt bei ſtrengem Winter hier eindringen und die Blüthen und Knoſpen tödten, auch die entnervende Hitze, welche oft in der Entfernung weniger Miglien zur Sommerszeit die Fluren verſengt, findet an den Bergen, in deren Schvooß die langgeſtreckten Ge⸗ e ruhen, an den friſchen Lüften, die vom ewigen Schnee des Hochgebirges herabwehen, ihre Milderung. So war an dem Februartage, der uns zur Perle⸗ des Lago d'Iſeo führt, obſchon jenſeit der Berge viel ſüdlicher noch alles winterlich ausſah, am See die reiche Vegetation, wie man ſie dann erſt hinter 129 der römiſchen Campagna wiederfindet, in voller Kraft. Vor dem weinumrankten Hauſe befand ſich eine Terraſſe, gegen den See hinab feſt aufgemauert, oben mit unter denen ein Mann an einem kleinen Tiſche ſaß und es ſich bei einer Flaſche dunkelrothen Weines bequem gemacht hatte. Er ruhte in halbliegender Stellung auf der glattgezimmerten Bank, hatte den Hut neben ſich auf die Erde geworfen, daß ſein kahler Scheitel und ſein gutmüthiges, ſtark verbranntes Geſicht in vol⸗ les Licht trat, und ſchlürfte zuweilen einen Schluck aus dem Becher, wobei er jedesmal behaglich mit der Zunge ſchmatzte. Aber ſein Auge ſchweifte im⸗ mer wieder auf die ſpiegelglatte Flut, welche heute von keinem Winde gefurcht war, und wenn er ein weißes Segel erblickte, hob er ſich auf den Ellenbogen und blickte ſcharf hinüber, bis er ſich überzeugte, daß es noch immer nicht war, wonach er ſuchte. Jetzt kam die Wirthin zu ihm, ein Bild der Sauberkeit in ihrem kleidſamen, bunt bebänderten Anzuge. Sie, nahm den Pfropfen von Weinlaub aus der weithal⸗ ſigen Flaſche und ſchenkte dem Gaſte ſchweigend das leergewordene Glas voll. „Corpo di Satanasso, Padrona,“ ſagte 33 1557. VII. Heimath und Ferne. II. 9 130 Euer Sohn wird den Franzoſen in die Hände ge⸗ fallen ſein.“ „Flucht nicht ſo unchriſtlich, Signor,“ verſetzte ſie.„Mein Sohn läßt ſich nicht fangen. Wer weiß aber, ob der, den Ihr ſuchen laßt, ſchon ange⸗ kommen iſt. Franzoſen wagen ſich nicht hieher— wozu auch?“ „Fragt ein Soldat, der auf der Streife iſt, wozu? Per Dio, Padrona, ich wünſche nicht, daß Eure Perle einmal von ſolchen Gäſten heimgeſucht würde.“ Sie ließ die vielen Korallenſchnüre, welche ihren dunkelbraunen Hals ſchmückten, gelaſſen durch die Finger laufen und ſagte:„Wenn ich mit Deutſchen fertig werde, hoffe ich auch mit Franzoſen zurechtzu⸗ kommen.“ „Ich danke Euch!“ erwiederte der Fremde lachend. „Da kommt Cecco!“ ſagte ſie, und deutete auf ein fernes Segel, das den Angen des Gaſtes kaum wie ein weißer Fleck erſchien, ſo ſehr er ſich auch anſtrengte, ſich von der Wahrheit ihrer Behauptung zu überzeugen. „Cospetlo!“ rief er.„Ihr müßt Augen haben, ſo ſcharfe wie ein Luchs, oder ſoviele wie eine Fliege! Wenn Ihr denn Euren Schwarzkopf erkennt, ſo ſeht Ihr auch, ob noch Einer in der Barke iſt.“ 131 „Das ſeh' ich nicht, aber ich weiß es, denn ohne ihn würde Ceeco jetzt noch nicht zurückkommen.“ So war es auch. Als das Boot näher kam, erkannte man, daß es außer dem Ruderer noch einen Menſchen trug, der ſaß aber ſo, daß man ihn, weil das Segel ausgeſpannt war, von der hochgelegenen Ter⸗ raſſe nicht recht ſehen konnte. Der Gaſt mußte je⸗ doch ſeiner Sache gewiß ſein, denn er ſtand auf, hob ſeinen Hut vom Boden und ſchwenkte ihn gegen das nahende Fahrzeug. Der Gruß wurde zu ſeiner Ver⸗ wunderung nicht erwiedert— jetzt wendete die Barke, um in die Bucht einzulaufen, und der dicke Herr am Lande ſtieß einen ſo langen Fluch aus, daß ſich die Wirthin unwillig bekreuzte. „Das iſt er ja nicht!“ ſchrie er.„Wie kann Euer Lümmel von Sohn einen Falſchen bringen?“ Die Barke ſtieß auf den Strand, der Boots⸗ mann reichte dem, den er über den See gefahren, die Hand, und dieſer ſchwang ſich mit einem leichten Sprunge an das Ufer.„Dort hinauf, Signorino!“ ſagte der Barkarol, indem er nach dem Pfade zum Wirthshauſe zeigte und dann ſein Boot feſtmachte, ehe er dem Voraneilenden folgte. Die Wirthin ging ihm bis an den Rand der Terraſſe entgegen, und auch ihr Gaſt trat heran, um ſich den Ankommenden zu 9* 132 beſchauen, der für ihn nicht der Rechte war. Er ſah einen ſehr jungen Menſchen zur Terraſſe her⸗ aufſteigen, der in einen dunkelgrünen faltigen Rock von fremdem Schnitt gekleidet war, und einen ſchwarzen Mantel über die Schulter geworfen hatte, daß er ihm die ganze linke Seite bedeckte und ihn offenbar im Gehen hinderte. Vortheilhaft nahm ſich die Er⸗ ſcheinung nicht aus, ſie hatte etwas unbeholfenes und linkiſches; als aber der junge Menſch die letzte Stufe erſtiegen hatte und den grauen Hut mit der herabfallenden Feder zurechtſetzend vor die beiden trat, welche ihn etwas geringſchätzig empfingen, än⸗ derte ſich deren Urtheil über ihn. Sein Geſicht war ſehr blaß, und unter dem Hute zeigte ſich an der Schläfe ein dunkler Fleck, wie eine Brandwunde, aber die Züge dieſes Antlitzes überraſchten durch ihre regelmäßige Schönheit und vor dem Feuer der ſchwar⸗ zen Augen konnte der Gaſt, welcher vor ihm in der Perle geſeſſen, ſeine Prüfung nicht beendigen, denn es verwirrte ihn. Auch der Wuchs des Jünglings, der, bartlos wie er war, kaum das Knabenalter überſchritten haben mochte, trat jetzt trotz des weiten Gewandes, das ihm offenbar nicht paßte, ſchlank hervor, und der Dolchgriff, der in ſeinem Gürtel fun⸗ kelte, war ſo reich verziert, daß die Wirthin ſchon ie it n ik t⸗ n 133 dadurch bewogen wurde, ihre Meinung über ihn fallen zu laſſen. „Ihr ſeid die Padrona?“ redete er ſie mit einer jugendlichen, aber ungemein wohlklingenden Stimme an. Sie bejahte es und fragte nach ſeinen Befehlen. „Ein Nachtlager für heute und vielleicht eine Wohnung für einige Tage.“ „Ihr habt zu befehlen,“ erwiederte ſie.„Laßt Euch dort nieder— ich gehe, Euch eine Kammer zu bereiten.“ Den Sohn, welcher nun auch ankam, winkte ſie zu ſich, aber der ältere Herr, der ihm ein Paar Stufen herab entgegenging, hielt ihn feſt.„Du bringſt mir einen Unrechten!“ rief er ihn an. „Euer Mann kommt erſt morgen!“ entgegnete der Barkarol, ein ſchwarzlockiger Burſche von kaum ſechszehn Jahren.„Ich bringe Euch einen Brief von ihm.“ „War er drüben?“ rief der Alte eifrig.„Haſt Du ihn geſehen? Gib her!“ Er nahm den Brief haſtig in Empfang und hörte kaum, daß der Schiffer die Fragen verneinte und von dem Boten ſprach, der von Gardone gekommen, und den Brief mitge⸗ bracht ſtatt des Mannes. 134 Während der Herr eifrig las, beobachtete ihn der Jüngling, der mit der Barke gekommen war, von dem Tiſche, wo er auf der Bank platzgenommen hatte. Es konnte ihm nicht entgehen, daß dieſer Fremde kein Italiener war, und als er ſeinen Brief durchgeleſen hatte und ſich nach dem Schiffer umſah, der unterdeſſen zu ſeiner Mutter in das Haus ge⸗ gangen war, entfuhr ihm gar ein Wort in fremder Sprache, das ſeine Vermuthung nur allzuſehr beſtä⸗ tigte. Mit verdüſtertem Blick, aber geſteigerter Auf⸗ merkſamkeit, ſetzte er ſeine Beobachtung fort und muſterte ihn von Kopf zu Fuß. Da näherte er ſich, bemerkend, daß der junge Menſch ſich auf ſeinen Platz geſetzt hatte, dem Tiſche, um wenigſtens den letzten Becher Wein ihm nicht zu überlaſſen. Er nickte dem Sitzenden jedoch gutmüthig zu, als er den Becher ergriff, welchen er dann auf einen Zug leerte. „Iht ſeid nicht aus dieſem Lande?“ fragte der Jüngling. „Nein,“ antwortete der Alte und konnte ſeinen Blick nicht von der feinen weißen Hand des jungen Menſchen abwenden, welche nachläſſig mit den Wein⸗ blättern der Flaſche ſpielte. „Ihr ſeid ein Deutſcher, Signor?“ fragte der Jüngling weiter mit einer gewiſſen Dringlichkeit. —— — W XM — * „Errathen, junger Herr. Ein Deutſcher bin ich. Seid mir darum nicht böſe!“ Vor dem Lachen, mit welchem er ſelbſt ſeinen Scherz begleitete, ſtieg eine dunkle Röthe in des Jünglings Geſicht, und ſeine Augen ſenkten ſich zu Boden, um ihren Ausdruck nicht zu verrathen. Doch ſchwieg er, und ſeine Lippen preßten ſich.—„Ver⸗ ſteht doch Spaß, junger Herr,“ ſagte der Fremde, welcher das bemerkte.„Ich bin keiner von den Eiſenfreſſern meiner Ration, ſondern ein friedlicher Reiſender, dem es in Eurem ſchönen Lande ſo wohl⸗ gefällt, daß er immer wiederkommen muß, ſelbſt auf Gefahr bei dem allgemeinen Halsabſchneiden ſeinen eigenen Kopf zu verlieren. Jetzt hab' ich aber noch ein beſonderes Geſchäft.“ Der junge Menſch hörte wohl gar nicht, was der gutmüthige Herr zu ihm ſagte, er hatte viel⸗ mehr ganz unhöflich die Hand über ſeine Augen ge⸗ legt und ſtand plötzlich auf, um ſich zu entfernen. Da ſah der Alte zu ſeinem größten Erſtaunen, daß des Jünglings Augen feucht waren und der Ausdruck des tiefſten Grames um ſeinen Mund ſchwebte. Es war aber nur ein flüchtiger Moment, wo er das be⸗ merken konnte, denn jener ging, ohne ihm ein Wort der Entſchuldigung zu ſagen, in das Haus. „ 136 „Seltſam!“ murmelte der Alte vor ſich hin, indem er ſich wieder auf die Bank ſetzte.„Hat wohl auch im Kriege Verwandte verloren, vielleicht durch unſere Deutſchen ſonſt Leid erfahren. Armes Kind!“ Die Wirthin kam nach einer Weile wieder heraus. „Wer iſt der Knabe?“ fragte er ſie. „Ich weiß es nicht, er ſitzt in der Kammer, die ich ihm eingeräumt habe, und weint, weint ſo, als müſſe ihm das Herz brechen!“ Die gute Frau konnte ſelbſt ihre Thränen nicht zurückhalten und auch der Gaſt war davon ergriffen. Nach einer Weile ſagte er ihr, daß er von ſeinem Freunde eben einen Brief erhal⸗ ten habe, wonach er ihn erſt morgen erwarten könne: er werde alſo hier übernachten. Das ſetzte die Padrona in einige Verlegenheit — ihr Haus war, wie geſagt, klein und auf Beher⸗ bergen nicht recht eingerichtet, da keine Reiſenden, ſondern nur Fiſcher und Landleute der nächſten Um⸗ gegend hier einkehrten. Doch wußte ſie ſich als re⸗ ſolute Frau immer leicht zu helfen: der alte Herr konnte mit dem jungen die einzige Kammer, die ſie zur Verfügung hatte, theilen. Sie ſchlug ihm das vor, womit er ganz einverſtanden war, da er an dem Knaben, wie er ihn nannte, großen Ancheil nahm und ihn zu bewegen hoffte, ſeinen Kummer auszuſprechen. Die Wirthin ging denn, auch dieſem ihre Einrichtung mitzutheilen, und warf noch im Abgehen die Bemerkung hin:„wenn ich nur nicht mehr Gäſte bekomme— ſeht doch!“ Quer über den See ſteuerten mehrere Barken, deren Segel von der Sonne, welche eben hinter den weſtlichen Berghang ſinken wollte, röthlich angeglüht waren. Der alte Herr beobachtete den Lauf der Fahrzeuge, aber nur eins nahm ſeine Richtung gerade nach der Perle, die andern hielten mehr nordwärts. „Signorino!“ ſagte die Wirthin mit ſanftem mitleidigen Tone, als ſie in die Kammer getreten war und der Jüngling, in ſeinen Gram verſenkt, das Haupt auf die Bruſt geneigt, ihre Anweſenheit gar nicht zu bemerken ſchien. Er erſchrak, ſah mit einem furchtbaren Blicke empor und ſchanderte. „Was fehlt Euch?“ fragte die Wirthin theil⸗ nehmend.„Ich bin nur eine arme Witwe und kann Euch wohl nicht helfen, aber Ihr thut mir leid — ſagt mir, was Euch fehlt.“ Von neuem durchzuckte ein Schauder, wie von der entſetzlichſten Erinnerung eingeflößt, die ſchlanke Geſtalt des ſchönen Knaben und er machte eine heftig abwehrende Bewegung mit der Hand. „Ich will Euch nicht quälen,“ ſagte die Wirthin. 138 „Ihr werdet alſo hier über Nacht bleiben? Dieß Kämmerlein iſt freilich das einzige, was ich habe, und es iſt für Euch beſtimmt, aber der alte gute Herr, der draußen ſitzt, hat nun auch beſchloſſen, hier zu bleiben, und er iſt doch früher da geweſen als Ihr—“ „Ich weiche ihm—“ erwiederte der Jüngling bitter—„ich gehe weiter— es iſt mein Loos, meine Wahl!“ „Nicht doch, Signorino! Die Kammer gehört Euch, aber Ihr werdet ſie gewiß gern mit dem alten Herrn theilen.“ Ein Blitz aus den Augen, ein flüchtiges Roth auf den Wangen des Knaben:„Nimmermehr!“ rief er. Die Wirthin ſchüttelte verwundert und mißbil⸗ ligend den Kopf.„Ihr wollt alſo den alten Mann unter freiem Himmel laſſen?“ fragte ſie.„Meinen Sohn nehme ich ſchon in meine Kammer, in den Stall zu der Kuh kann ich doch den alten Herrn, der ein ſremder Kavalier iſt, nicht betten?“ „O nein! Gebt ihm dieſe Kammer, laßt mich draußen weilen, mein Haupt iſt ohnehin obdachlos.“ „Faßt Euch, ich bitte Euch, junger Herr, Ihr ſeid krank! Ihr redet in großer Aufregung! Heilige Mutter Gottes! Was iſt Euch denn widerfahren?“ in hr ge % 139 „O es wird bald widerhallen vom Po bis zu den Alpen! Und dennoch, dennoch!“ Er ſchlug beide Hände vor das Geſicht.—„Wohlan!“ ſagte er, die Troſtesworte, mit welchen ihm die Wirthin leiſe zuſprach, unterbrechend.„Es kann nicht anders ſein. Ich werde auch das thun, ſagt dem Deutſchen, daß ich ihm dieſe Kammer gern abtrete, er iſt alt, und kein Kriegsmann. Hier bleiben kann ich nicht. — Padrona, ich habe noch ein Wort mit Euch zu reden.“ „Sprecht, armer junger Herr,“ erwiederte die Witwe. „Ihr kennt mich nicht, aber ich kenne Euch! Ihr heißt Tonietta, und habt eine Schweſter, die um ihres Fleißes willen ſchon als Kind la Ragna geheißen, an Fleiß eine Spinne, nicht an Bosheit.“ „Gott, ja! Wer ſeid Ihr? Kennt Ihr meine Schweſter? Was macht ſie?“ „Sie lebt und iſt wohl geborgen.“ „O das weiß ich, ſie dient ſchon dreißig Jahre treu der Frau Margherita Diodati.“ Hier ſchwankte der bleiche Knabe plötzlich, der Kampf, den er in ſeinem Innern gerungen, um äu⸗ ßerlich die Standhaftigkeit zu bewahren, ging über ſeine Kräfte, er ſank ohne einen Laut auf dem Lager, 140 wo er ſaß, zuſammen. Aufſchreiend vor Schreck eilte ihm die Wirthin zu Hilfe, that, was in ihren Kräften ſtand, um ihn wieder zu ſich zu bringen—— und es gelang ihr. Nach einer Viertelſtunde trat ſie wieder auf die Terraſſe, wo der alte Herr noch unter den Zitronenbäu⸗ men ſtand und mit großer Erwartung der Barke ent⸗ gegenſah, die mit Menſchen gefüllt, daß ſie zu ſinken drohte, ſchwerfällig über das Waſſer kam, und noch immer nicht das Ufer erreichen konnte. „Schaut doch, ſchaut!“ rief er der Wirthin zu. „Was ſoll das bedeuten?“ Sie blickte auch verwundert hin und konnte ſich nicht recht erklären, woher die vielen Menſchen kämen, beſonders als ihr der Gaſt ſagte, daß auch die andern Boote, welche in ſchräger Richtung mehr nordwärts geſteuert, ſtarkbeſetzt geſchienen.—„Nun, wir werden's ja gleich hören,“ äußerte die Wirthin darauf.—„Mit der Kammer hab' ich's geändert. Ihr ſollt ſie allein haben, ſeid ja früher hier ge⸗ weſen als das junge Blut— das nehm' ich zu mir in meine Kammer, der Cecco mag im Stall oder draußen ſchlafen.“ „Ei ſeht doch, Padrona!“ rief der alte Herr blinzelnd und lachte. 141 Sie war aber nicht zum Scherz aufgelegt.„Ich bin in Ehren ſechsundfünfzig Jahre alt geworden, Signor Cavaliere,“ ſagte ſie,„was ich thue, kann die ganze Welt wiſſen. Das junge Blut liegt mir ſehr nah am Herzen und ich werde ſorgen wie eine Mutter für ihn, da er keine mehr hat.“ „Darum alſo! Er hat ſie wohl kürzlich verloren — armes Kind!“— Die Stimmen der Menſchen in der Barke, welche eben landete, unterbrachen das Geſpräch— bald genug hörte man von ihnen, wer ſie waren: Flüchtlinge aus Brescia! Wie acht⸗ ſam auch der Ritter aus Auvergne mit ſeinen fünf⸗ hundert Reitern die einzig freie Straße beſetzt hatte, um niemand aus der Stadt entrinnen zu laſſen, war die Schaar doch nicht zahlreich genug geweſen, den Strom der Verzweiflung, der endlich, als alles verloren war, herausbrach, ſo völlig zu dämmen, daß nicht einzelne freie Bahn gefunden hätten. Und von dieſen war es eine Handvoll, die ſich auf Um⸗ wegen hieher geflüchtet und nun die Kunde von dem furchtbaren Schickſale Brescias brachte. Es war für den alten Herrn ein Glück, daß ihm ſein langer Aufenthalt in Italien die Sprache des Landes ſo geläufig gemacht hatte und er bei der Dämmerung, die nun ſchon eingebrochen war, nicht für einen 142 Fremden erkannt wurde: Kriegsmann oder nicht, er wäre der Volksrache zum unſchuldigen Opfer gefallen. Aber die Flüchtlinge hielten ſich nur eine kurze Zeit auf, dann nahmen ſie ihren Weg unter dem Schutze der Dunkelheit weiter hinauf in die Berge. Herz⸗ zerreißend war ihr Jammer geweſen, entſetzlich, welche Verwünſchungen ſie gegen ihre Feinde ausgeſtoßen hatten— auf den wilden Tumult, der noch ihren Pfad bezeichnete und allmälig in der Ferne verhallte, folgte nun tiefe Stille. Die Wirthin hatte ſich zu⸗ rückgezogen, ihr Sohn die Flüchtlinge begleitet, um ihnen von der Kirche, wohin ſie ſtiegen, den nächſten Pfad in die Val camonica zu zeigen. Mit ſchwerem Herzen blieb der alte Herr allein zurück und ſaß bis in die ſpäte Nacht, da er nicht hoffen konnte, ein Auge zu ſchließen, ehe er nicht von den ſchreck⸗ lichen Erzählungen, die er bruchſtückweiſe vernom⸗ men, ſeine Seele einigermaßen geſtillt hatte. Am andern Morgen erwachte er ſpät. Der Schlaf, der endlich doch über ihn gekommen war, hatte ihn umſo feſter gehalten. Draußen ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel; durch das offenge⸗ bliebene Fenſter hörte er das Rauſchen des Sees, welcher heute vom Oſtwinde aufgeregt große Wellen an das Ufer trieb. Der Alte ſtand auf und ſuchte „ — — 143 das Freie. Draußen empfing ihn die Wirthin mit freundlichem Morgengruß; auf ſeine Fragen erfuhr er, daß der junge Menſch bereits ſeit einer Stunde aufgebrochen und fort ſei, Cecco, ihr Sohn, aber, der ſpät in der Nacht wiedergekommen, ſeine Barke bereits über den See geführt habe, um den Herrn, welcher geſtern ausgeblieben war, abzuholen Das war dem Gaſte ſehr lieb, denn nach allem, was er erfahren hatte, ſehnte er ſich nach dem Freunde noch mehr und zitterte vor dem Gedanken, daß er, ſo nahe gekommen, abermals durch widrige Ereig⸗ niſſe von ihm getrennt werden könne. Wovon ihm ſeit geſtern das Herz voll war, das beſchäftigte auch die Wirthin, und ſie wußte noch viel mehr als er von dem, was ſich in Brescia begeben hatte; unr durfte ſie es nicht ſagen, denn ſie hatte feierlich Ver⸗ ſchwiegenheit gelobt, und dankte nur Gott, daß ſie ihre Schweſter, die gute treue Ragna, geborgen wußte. Sie ließ ſich daher von dem Fremden er⸗ zählen und hörte ſeine Bemerkungen über die ſchlimme Zeit, die noch immer für das ſchöne Land kein Ende nehmen wollte, ſchweigend an. Später ging ſie an ihre Geſchäfte und er blieb wieder auf der Terraſſe bei ſeinem Kruge Wein, den er zum Zeitvertreib allmälig leerte, bis er endlich das Boot, auf welches ſeine Hoffnung 144 gerichtet war, auf den ſchäumenden Kämmen der Wogen tanzen ſah. Es kam näher, denn der Wind beflügelte ſeinen Lauf, er erkannte zwei, hinter dem Schiffer richtete ſich der andere auf, ließ ein Tuch wehen— er war es, Bernhard! Da fehlte wenig, der Alte wäre mit ſeinen Reiterſtiefeln eine Strecke im Waſſer entgegengelaufen. Als die Barke an das Ufer ſtieß, ſprang er hinein, und ſchloß den Wieder⸗ gefundenen in ſeine Arme. „Hab ich Euch endlich!“ rief er.„Nun kommt Ihr nicht mehr los! Nun nehme ich Euch mit!“ „Was macht die Mutter— was alle, alle?“ fragte Bernhard ſtürmiſch. „Geſund habe ich ſie verlaſſen, das iſt die Hauptſache!— Ich ſoll Euch bringen, todt oder lebendig. Steigt aus, kommt herauf! Wir wollen uns nur ein wenig erfriſchen— Vino ſanto, ſagt' ich's Euch nicht zu Hauſe ſchon? Vortrefflich! Dann fort— im Dorfe ſtehen meine Pferde, ich habe hier wie ein Wachtpoſten auf Euch gelauert.“ Sie waren unterdeſſen aus dem Boot und zur Terraſſe hinauf⸗ geſtiegen und jetzt erſt kam Bernhard zu Wort. „Seid mir gegrüßt, mein lieber und gütiger Hert von Haugwitz!“ ſagte er.„Wir ſehen uns 145 endlich wieder— ich hatte gehofft unter ganz andern Verhältniſſen! Ihr wißt doch— 2“ Der tiefe Ernſt, die ſchwere Betrübniß, die auf Bernhard's Antlitz ſtand, ließ außer Zweifel, was er meine. „Ich weiß es ſeit geſtern Abend erſt,“ erwie⸗ derte Haugwitz. „Ich ſeit geſtern Mittag— Flüchtlinge kamen von Brescia, darum konnte ich nicht gleich Eurem Rufe folgen— fragen mußte ich, zu erfahren ſuchen, was mich ſo nahe angeht.“ „Und habt Ihr von Diodati's etwas gehört?“ fragte Haugwitz dringend. „Filippo Diodati ſoll bei der Vertheidigung des Burgthors gefallen ſein,“ erwiederte Bernhard mit ſchwerem Seufzer. „Armer Freund Und die Seinigen? Seine edle, treffliche Frau? Sein Kind?“ „Von ihnen— weiß niemand“— ſagte Bernhard, mit ſeiner Bewegung kämpfend. „O das iſt gräßlich! Komm, mein Sohn, ſetze Dich her. Du biſt außer Dir— komm, faſſe Dich — alles geſchieht ja nicht von ungefähr— es lebt ein Gott im Himmel, der die Seinigen ſchützt. Die 1857. VII. Heimath und Ferne. II. 10 146 Frauen werden ſich in die Kirchen geflüchtet haben, welche kein chriſtlicher Krieger verletzt.“ Bernhard wußte es anders und auch der theil⸗ nehmende Greis ſprach nach dem, was er ſchon ge⸗ ſtern gehöri, gegen ſeine Ueberzeugung.—„Ich muß erſt nach Brescia ziehen,“ ſagte jener.„Wär' es nicht um Euren Rath geweſen, ſo würde ich gleich von drüben dahingeeilt ſein.“ „Das wäre eine Tollheit geweſen!“ rief Haug⸗ witz.„Was? Denkt Ihr, mit heiler Haut in dieſe Hölle einfahren, Euch darin zurechtfinden, den Freun⸗ den, die Ihr ſucht, begegnen, ihnen helfen zu können? Wollt Ihr meinen Rath hören, ſo nehmt ihn auch an. Verſprecht mir das.“ „Ich kann mir zur That die Hände nicht binden laſſen!“ verſetzte Bernhard. „Das will ich auch nicht. Ihr ſollt nur nicht blindlings in Euer Verderben rennen. Die Sache ſteht ſp. Entweder ſie ſind nicht mehr zu retten, was Gott verhüten möge! dann wäre es nur um Ge⸗ wißheit darüber zu thun. Oder ſie leben noch, haben eine Freiſtatt gefunden oder ſich ſonſt gerettet, dann muß man ſie zu finden trachten, um ſie ferner zu ſchützen und in Sicherheit zu bringen. Beides wird aber nicht erreicht, wenn Ihr ſpornſtreichs nach . 147 Brescia hineinſtürmt. Wir müſſen uns geradezu an diejenigen wenden, welche dermalen das Regiment in Brescia führen, und dazu verhilft uns, daß ich mit den deutſchen Hauptleuten, auch mit mehrern der franzöſiſchen Herren bekannt bin— ſo mit Jakob von Embs.“ „Auch ich!“ rief Bernhard.„Ich habe den Embſer auf meinem Herwege bei Briren kennen ge⸗ lernt.“ „Seht Ihr? Auch iſt wohl der Freiburg dabei und der Schlabrendorff— Ihr entſinnt Euch?“ „Er?!“ rief Bernhard.„Ihn ſuchte ich auf andern Wegen, ich wurde durch Nachrichten getäuſcht, die mich irreführten, wollte beſſeren, die ihn beim Heere wußten, nicht glauben, verſäumte darüber die Zeit, da ich das Heer noch hätte treffen können, und ſo war ich weit verſchlagen nach Verona vo der Sachſe ſein ſollte—“ „Was habt Ihr mit dem?“ fragte Haugwitz. „Damals ſchon ließt Ihr nicht ab, mich auszu⸗ ftagen.“ „Wenn alles ſich entſchieden hat, ſollt Ihr es etfahren,“ verſetzte Bernhard.„Ihr meint alſu, wir gehen ins franzöſiſche Lager, was hofft Ihr davon?“ „Dort erhalten wir fürs erſte freies Geleit, 107 — hin, 148 Sicherheit für unſere Nachforſchungen und vielleicht auch ſchon einige Auskunft, wenn wir den Schlab⸗ rendorff treffen, denn der iſt, wie ich beſtimmt weiß, in alter Zeit ſchon mit dem Diodati, wenigſtens mit dem ältern Bruder, der jetzt in Venedig wohnt, be⸗ kannt geweſen, und es läßt ſich kaum denken, daß er nicht etwas gethan haben ſollte—“ „O Ihr wißt nicht!— Doch ich ſehe keinen beſſern Rath! Brechen wir auf denn! Ich bin nur herübergekommen, um Euch zu ſehen, Euch alles zu ſagen— der Bootsman ſoll mich gleich wieder zurückfahren auf die gerade und nächſte Straße, mein Pferd ſteht drüben in guter Obhut und Ihr könntet die eurigen um die Spitze des Sees ſchicken und mit mir fahren, Ihr habt mir ohnehin noch nichts von meinen Eltern und all' meinen Lieben aus Läßnitz erzählt!“ „Läßnitz— ja freilich—“ ſagte der alte Herr, und nur, weil Bernhard von ſeinen Gedanken be⸗ fangen war, bemerkte er nicht, daß dem Freunde ſeines Vaters etwas auf dem Herzen lag.„Wir können unterwegs davon reden. Ihr habt Recht, ich ſchicke meine Pferde um den See auf die große Straße, wir kommen früher dahin und erwarten ſie dort. Das will ich gleich beſorgen.“ Er ging bei der Wirthin ſeine Zeche zu bezahlen, die Magd wurde nach dem nahen Dorfe geſchickt, wo der Diener, welchen dießmal Herr von Haugwitz, der verſchlimmer⸗ ten Verhältniſſe wegen, bei ſich hatte, mit den Pfer⸗ den ſtand, und nachdem ſie abgefertigt war, nahm er von der alten Frau Abſchied. Sie erſchrak, als er ihr das Ziel ſeiner Reiſe nannte und rieth drin⸗ gend ab: dort ſei alles vorbei und es werde wohl keine lebende Seele, kein Stück, auch nur eine Steck⸗ nadel werth, in Brescia übrigbleiben; er wolle doch nicht plündern helfen? Was zu retten geweſen ſei, das habe ſchon ſeinen ſichern Ort gefunden, davon könne ſie erzählen, wenn ſie wolle, aber ſie wiſſe an⸗ vertraute Dinge wohlzubewahren und warne ihn nur vor dem ſchlimmſten. „Ha!“ rief er.„Der blaſſe Knabe iſt wohl auch aus Brescia entflohen? Ja, ja— der Brand⸗ fleck an der Stirn. Er hat es Euch vertraut— nicht wahr? Ihr könnt mir's immer ſagen— von mir hat niemand etwas zu befürchten.“ „Ihr könnt auch nichts dabei helfen,“ erwiederte ſie.„Das iſt eine traurige Geſchichte. Ich rathe Euch, bleibt davon.“ „Das geht nicht, Padrona. Lebt wohl. Viel⸗ leicht komme ich künftig einmal wieder. Wahrlich, hier wäre ein Ort, um ſich endlich einmal zur Ruhe zu ſetzen, wenn ſich's nicht in der Heimath doch beſſer ſtürbe als in der Ferne!“ Er ſchüttelte der Witwe die Hand und eilte zu ſeinem ungeduldigen Gefähr⸗ ten, der bereits in der Barke ſaß; Ceceo ſtieß ab und nach den erſten Ruderſchlägen ſchon bat Bernhard um die verſprochene Kunde von den Seinigen. Da faßte ſich der alte Freund ein Herz gleich mit dem ſchlimmſten vorzurücken: Läßnitz, das alte Stamm⸗ gut, war von Grund aus abgebrannt, und die Fa⸗ milie, da vorerſt keine Mittel vorhanden waren, an den Aufbau zu denken, hatte ſich trennen müſſen, da keiner der Söhne ſie ganz aufnehmen konnte. Die Eltern wohnten bei dem älteſten, der das Stamm⸗ gut wahrſcheinlich nun auch übernehmen werde, und Erdmuthe— wie der alte Haugwitz ſeine Pathe be⸗ harrlich nannte— war bei der Aebtiſſin zu Ma⸗ rienſtern in der Ober⸗Lauſitz, welche eine Verwandte der Linden'ſchen Familie war. „Und der Großvater?— Und— Barbara?“ rief Bernhard, von dieſen Nachrichten tiefgebeugt. „Das weiß ich nicht genau,“ erwiederte Haug⸗ witz„Sie ſind fortgezogen— wohin? das hab' ich nicht erfahren. Ich war nur ein Paar Stunden bei meinem alten guten Heinrich, Eurem Vater, und viel — B fragen mocht' ich nicht, es that mir zu weh! Nach⸗ her ſagte mir jemand, der Landeshauptmann ſei nach Prag gegangen zum Könige Wladislaw, der ihn gut aufgenommen habe, weil er doch große Verdienſte um die Krone Böhmen und Ungarn hat, wenngleich von dem vorigen Herrn her. Es hieß auch, die Kleine mit den goldenen Locken und dem Engels⸗ köpfchen habe einen vornehmen böhmiſchen Grafen geheirathet— warum nicht? Sie wäre für einen Fürſten gut. Bernhard, Ihr hättet daheim bleiben ſollen!“ Fühlte das Bernhard auch? Und verſtand er den Gedankengang des alten Freundes, der ſeine Rede, als habe er zuviel geſagt, plötzlich unterbrach und verſtummte? Bernhard ſah ſtill über die bewegte Flut hinaus, deren Wogen den Kiel, der ſie durch⸗ ſchnitt, zornig umrauſchten: ein ſchmerzlicher Ausdruck breitete ſich mit wachſender Gewalt über ſeine Züge. Achtes Rapitel. Einmal und ewig. Der Lenz, welcher in den Seethälern ſchon die Blüthen geweckt hatte, kündigte ſich in den Ebenen 152 der Lombardei durch ein langanhaltendes Regen⸗ wetter an, daß es war, als wolle der Himmel die Erde ertränken. Auf den Feldern, welche ohnehin da, wo der Krieg ſein Weſen getrieben, nur dürftig be⸗ ſtellt waren, zeigte ſich ſelten ein Menſch; die Straſ⸗ ſen waren ſo tief aufgeweicht, daß das Fortkommen ſelbſt dem Fußgänger äußerſt beſchwerlich war, die Pferde aber ſich kaum durch den ſchweren Boden arbeiten konnten. Verſtimmt und ſchweigend ritten die beiden Freunde nebeneinander: es war aber nicht das üble Wetter, welches ſie in ſolche Stimmung verſetzt hatte— dem hätten beide wohl widerſtanden — ſondern das gänzliche Mißlingen ihres Unterneh⸗ mens. Ohne Hinderniß waren ſie vom Lago d'Iſeo nach Brescia gelangt, obgleich ihnen viel Kriegsvolk, in kleinen Haufen ſelbſt einzeln ziehend, begegnet war; niemand hatte ſie angehalten oder beläſtigt, auf ihre Fragen nach dem Zuſtande in der Stadt hatte man ihnen ſehr widerſprechenden Beſcheid ge⸗ geben, nur darin ſtimmten alle überein:„daß es vorbei ſei!“ Wo war der Oberbefehlshaber? Wo das Heer? Darauf hatten ſie meiſt die Achſeln ge⸗ zuckt, Einer aber einmal geantwortet:„Ja wo? Hier und überall!“ So war es auch geweſen. Nach der ſiebentägigen Plünderung mit ihrem fürchterlichen 153 Geleit hatten die Sieger eine ſo unermeßliche Beute gewonnen, daß kein Machtgebot des Prinzen, kein Band der Disziplin die Schaaren mehr zuſammen⸗ hielt! Selbſt die vornehmſten der franzöſiſchen Her⸗ ren, auf einmal ſo reich geworden, daß, nach dem Ausdruck eines Zeitgenoſſen, Kind und Kindeskind daran genug hatten, verſchmähten es nicht, vor allen Dingen ihre mit der Eiſenfauſt gewonnenen Schätze in Sicherheit zu bringen. Auf drei Millionen Reichs⸗ thaler iſt die Beute von Brescia geſchätzt worden, über dreitauſend Wagen wurden beladen, den Raub aus der Stadt zu ſchaffen, und zahlloſe Krieger, die ihren Antheil dabei hatten, geleiteten ſie in allen Richtungen. Nur die deutſchen Knechte, welche ver⸗ hältnißmäßig am wenigſten erbeutet hatten, waren meiſt bei ihren Fahnen geblieben und dem Prinzen von Foir auf ſeinem weitern Marſche gefolgt, wohin? das wußte niemand. Die Straße nach Mantua, auf welcher er hergekommen war, hatte er nicht wie⸗ der eingeſchlagen, ſondern war faſt in entgegengeſetz⸗ ter Richtung abgezogen; einige meinten gar nach Genua. So hatten denn die Freunde um freies Geleit nicht zu ſorgen und waren auch ohne viel Schwierigkeit, da ſich Haugwitz auf bekannte Haupt⸗ leute berief, in die unglückliche Stadt eingelaſſen 154 worden. Vorüber war alles hier! Die Kriegsleute hatten Recht gehabt. Die tiefſte Ruhe herrſchte in Brescia, die Ruhe des Grabes. In ihre Häuſer verſchloſſen, zitterten die Bewohner, welche das Schwert und die Mordart verſchont hatte, daß nicht von neuem die Wuth der Sieger losbrechen werde, ſelbſt die Franzöſiſchgeſinnten, deren Wohnungen ausdrücklich vorherbezeichnet worden und nichts gelitten hatten, hielten ſich verborgen und trauerten über das ent⸗ ſetzliche Unglück, deſſen Größe ſich noch gar nicht überſchauen ließ. Die Freunde eilten ſogleich nach dem Hauſe Diodati's. Sie fanden es verwüſtet,— ausgeraubt— keine menſchliche Seele, welche ihnen hätte Nachricht geben können! Nur der Springbrun⸗ nen im Hofe rauſchte wie ſonſt, in unaufhörlichem Geplätſcher— hätte er nur zu erzählen vermocht, was er alles geſehen hatte! Schweren Herzens durch⸗ irrten die beiden das öde Haus, ob ſie nicht in einem der vielen Zimmer, deren Thüren weit offen⸗ ſtanden, deren Geräth zertrümmert oder hinwegge⸗ ſchleppt war, irgend ein Wahrzeichen finden könnten. Umſonſt! Nur der Betaltar im Gemach der Haus⸗ frau war unentweiht geblieben, das Heiligthum an⸗ zutaſten, hatten ſie doch nicht gewagt. Die Freunde ſtanden hier eine Weile in ernſtem Schweigen, die —,— v— —— 155 Häupter geſenkt— dann ſchieden ſie ſtumm aus dem Hauſe, wo Haugwitz, gaſtlich aufgenommen, einſt manche frohe Stunde verlebt hatte, wo Bern⸗ hard in das Geſchick der ſchönen unglücklichen Fio⸗ rina eingeweiht worden war. Lebte ſie noch? Hatte man wirklich die Frauenklöſter geſchont, oder waren ſie erbrochen worden— großer Gott! Bernhard wußte ja nicht einmal, in welchem ſie geweilt hatte— und als er Nachforſchungen anſtellen wollte, ſah er bald die Unmöglichkeit ein Was auch geſchehen ſein mochte, die Pforten der Klöſter hatten ſich wieder geſchloſſen und öffneten ſich keiner Bitte, keiner Frage mehr. Haugwitz hatte in Diodati's Nachbarſchaft ebenſo wenig etwas erfahren können. In ſo allgemeinem Verderben, wer kümmert ſich um andere? Endlich führte ihn der Zufall in ein Haus, wo ein vorneh⸗ mer franzöſiſcher Ritter verwundet lag: er hörte ſei⸗ nen Namen— Bayard! Da faßte er ſich ein Herz, auf den weitberühmten Charakter des Helden ver⸗ trauend, von welchem die Dame, in deren Hauſe er lag, unter Thränen ihm einen neuen herrlichen Be⸗ weis erzählte— die Geſchichte hat ihn der Nachwelt aufbewahrt: wie er, ſelbſt arm, das reiche Löſegeld ihren Töchtern zur Mitgift geſchenkt. Haugwitz ließ ſich dem Ritter, der ſchon halbgeneſen im Begriffe 156 ſtand zum Heere abzugehen, vorſtellen. Bayard empfing ihn mit der Leutſeligkeit, die ihm alle Her⸗ zen gewann, hörte theilnehmend an, was er ihm vortrug und lieh ihm den Beiſtand ſeines Namens, um die Nachforſchungen nach den Diodati zu fördern. Aber ſie blieben erfolglos, wie bisher. Daß Filippo ge⸗ fallen ſei, hatte Bernhard ſchon zu Gardone von einem der Flüchtlinge, der an ſeiner Seite geſtritten hatte, erfahren— näheres oder nur Beſtimmtheit war nicht mehr zu erlangen. Von ſeiner Gemahlin, von ſeiner Tochter wußte kein Menſch etwas— die Nach⸗ frage nach Fiorina ſetzte ſogar diejenigen, welche mit der Familie oberflächlich bekannt geweſen, in Ver⸗ wunderung und die gewöhnliche Antwort war immer: Arme Fivrina! Sie iſt ſchon längſt geſtorben!— Bernhard erinnerte ſich, daß ſie vor der Welt todt ſein ſollte! Er fragte gelegentlich auch nach Marco Marani. Der werde ſich ſchon gerettet haben, hieß es, denn er ſei klug und wiſſe ſeinen Vortheil wahr⸗ zunehmen. Zuletzt fand ſich Einer, der ihn ſogar geſehen haben wollte am dritten Tage nach der Einnahme, aber nur von fern, mit einem Weibe in einem zertrümmerten Heidentempel verſteckt, wo manche Zuflucht gefunden. Bernhard's Herz bebte: konnte das Fiorina nicht geweſen ſein, die er gerettet? „ — — 157 Gewißheit war aber auf keine Weiſe zu erlangen und die eine Frage drängte ſich fort und fort auf: wie konnte Fabian von Schlabrendorff, wenn er bei dem Sturme zugegen geweſen, das Haus, in welchem er einſt ein Herz zu Dank ſich verpflichtet und ge⸗ wonnen hatte, nicht vor Verheerung ſchützen, auch wenn er auf dieß Herz keinen Werth legte? Und Fabian von Schlabrendorff war zugegen geweſen: deutſche Knechte von der zurückgelaſſenen Beſatzung hatten es Bernhard auf ſeine Fragen beſtimmt verſi⸗ chert; er war dann mit dem zuſammengebliebenen Heerhaufen des Prinzen abmarſchirt. 3* letzten Tagen hieß es, der neue Sammelplatz der franzöſi⸗ ſchen Streitmacht ſei an die Seeküſte, an einen Ort der Riviera di Ponente verlegt, wo man die aus der Provence kommenden Vegſtärkungen am bequem⸗ ſten an ſich ziehen könne, um dann mit blitzſchnellen Operationen und einem entſcheidenden Schlage dem Kriege ein Ende zu machen. Die Freunde hatten nun in Brescia alles er⸗ ſchöpft, was zu einer Ermittelung hätte führen kön⸗ nen, und endlich die traurige Stätte verlaſſen. Das böſe Regenwetter, welches unterdeſſen eingetreten, war nicht fähig geweſen, ſie länger zu feſſeln. So finden wir ſie aus der Porta vorientale gezogen auf „ 1* 8 der Straße nach Ponte San Marco. Schweigend ritten ſie, von Haugwitz's Diener gefolgt, durch den ſtrömenden Regen, und es mochte wohl eine Stunde vergangen ſein, ehe das erſte Wort zwiſchen ihnen geſprochen wurde. In Ponte San Marco trennten ſich ihre Wege. Haugwitz hatte vergebens geſucht, Bernhard für ungeſäumte Heimkehr nach Schleſien zu ſtimmen, alle ſeine Vorſtellungen waren fruchtlos geweſen, ja er hatte beſchämt verſtummen müſſen, als ihm Bernhard erwiederte, daß er ihn ja zum Ver⸗ laſſen der Heimath ermuntert, ihm die Wege berei⸗ tet habe. Ich habe freilich nichts errungen!“ hatte Bernhard hinzugefügt.„All' meine hochfahrenden Träume ſind zerronnen— ärmer an Huffuungen reicher an bittern Erfahrungen ſtehe ich da, aber ich gebe keinem die Schuld als mir ſelbſt. Ohne ein feſtes Ziel bin ich Irrlichtern gefolgt, habe mich von meinen Gefühlen, nie vom Verſtande leiten laſſen, und meiner Kraft nicht vertrant. Ich weiß, daß ich in dieſem Abwarten eines Antriebs von außen zu nichts gekommen bin als zu beſſerer Erkenntniß. Aber ich habe mir in letzter Zeit doch Eins vorgenommen, und das muß ich durchführen. In der Heimath finde ich keinen Platz mehr. Soll ich meinen Geſchwiſtern zur Laſt fallen? Läßnitz, wie 159 Ihr mir geſagt, hat mein Bruder übernommen. Ich beſitze nichts, um mir nur eine eigene Hufe Landes zu kaufen— Euch bin ich noch verſchuldet und an⸗ dern, ich meine dem unglücklichen Diodati, dem ich es vielleicht nicht mehr abtragen kann, auch wenn ich einſt die Mittel finde. So will ich dem Kaiſer dienen, wie ich Euch ſchon geſagt habe. Erſt aber muß ich noch eine andere Pflicht erfüllen. Ihr wollt noch vor dem Winter heimkehren— dießmal auf immer. Verzeiht mir, wenn ich nicht recht daran glaube. Ich weiß noch ſehr genau, was Ihr zu meinem Groß⸗⸗ vater geſagt, als Ihr zu uns in Läßnitz unter die Linde tratet: der Erdmann Haugwitz kann es drau⸗ ßen nicht mehr aushalten, es iſt ſchön in der Ferne, aber daheim iſt es beſſer. Und dennoch hat es Euch kaum nach Jahresfriſt wieder fortgetrieben, und wenn Ihr auch jetzt wieder heimkehrt, Eures Bleibens iſt doch nicht dort, Ihr ſeid ein Wandervogel. Ich kehre dereinſt ganz gewiß auch heim, auf fremder Erde, ſo Gott nicht über mich anders verfügt, mag ich nicht ſterben, aber erſt, wenn ich alles erfüllt habe, was mir noch obliegt, und wenn ich den meinigen wahrhaft ein Helfer erſcheinen kann— meiner Mut⸗ ter vor allen!“ Hier war er denn von dem Gedan⸗ ken überwältigt worden, wie ſchwer es gerade ſeiner 160 Mutter bei ihrer Selbſtändigkeit und ihrem feurigen, thätigen Sinne fallen mußte, ihr jetziges Loos zu tra⸗ gen. Haugwitz hatte ſeine Verſuche, ihn umzuſtim⸗ men, nicht erneuert, und als ſie die Mella paſſirt und in Ponte San Marco eine Stunde geraſtet hatten, trennten ſie ſich auf einige Zeit mit der Verabredung, in Verona, nachdem beide ihre Vor⸗ ſätze ausgeführt, wieder zuſammenzutreffen. Wer zuerſt dort ankam, ſollte auf den andern warten, mochte es auch noch ſolange dauern; Verona war von den Kaiſerlichen beſetzt, alſo vollſtändig geſichert. Haugwitz hatte Venedig zum nächſten Reiſeziele: dort konnte er vielleicht bei Andrea Diodati, dem Goldſchmied, wenn irgend ein Glied der Familie oder nur der Verwandtſchaft ſich gerettet hatte, Nachricht über das Schickſal Filippo's und der Seinigen er⸗ halten. Wohin Bernhard zog, das ſprach er nicht aus: der alte Freund glaubte aber zu errathen, daß er das franzöſiſche Heer aufſuchen wolle, um Fabian von Schlabrendorff zu ſprechen. Aus welchem Grunde? Es gab ihm unterwegs viel zu denken. Leicht war es nicht, dem flammenden Meteore zu folgen, das bald genug wieder aufblitzte und über Italiens Fluren dahinſchoß, um nur zu früh in Todesnacht zu erlöſchen. Bei Finale— das Gerücht 161 hatte nicht gelogen— ſammelte Gaſtun de Foir gegen Ende des März wieder ſein Heer, von dem ſich ein großer Theil nicht in der edelſten Abſicht zerſtreut hatte. Von allen Seiten zogen ihm neue Streitkräfte zu. Ueber die Alpen kamen Freiwillige des franzöſiſchen Adels— Aventuriers nannten ſie ſich, damals im ehrenhaften Sinne— tauſend walloniſche Reiter, ebenſoviel Gascogner. Das Fuß⸗ volk wuchs durch franzöſiſche Fahnen, durch italieniſche und dentſche Söldner. Alphons von Eſte, der Herzog von Ferrara, führte ihm hundert Lanzen, zweihundert leichte Reiter und was vom höchſten Werthe war, ſeine leicht beweglichen, trefflich beſpannten Geſchütze zu, die unter ſeiner eigenen Leitung, viele von ihm ſelbſt, gegoſſen waren, wie er denn einer der kriegs⸗ verſtändigſten Fürſten ſeiner Zeit hieß. So wuchs die Macht des Prinzen von Fvir auf zweiundzwan⸗ zigtauſend Mann und er konnte hoffen, den Krieg mit einer einzigen Entſcheidungsſchlacht zu beendigen. Dieſer wich aber der Vizekönig von Neapel aus; aus einer unangreifbaren Stellung zur andern zog er vor dem in Eilmärſchen anrückenden Heere der Franzoſen — Zeit gewonnen, war alles gewonnen, denn die Verhandlungen mit dem Kaiſer entwickelten ſich immer erfreulicher und König Ludwig gab dem ritterlichen 1857. VII. Heimath und Ferne. II. 11 162 Marimilian ſelbſt die gerechteſte Urſache, mit ihm zu brechen. Es kam nur darauf an, bis das geſchehen ſein würde, das Gebiet des heiligen Stuhles und beſon⸗ ders Rom, die ewige Stadt, vor den feindlichen Waffen zu ſchirmen. Dahin gingen alle Befehle, welche König Ferdinand von Spanien ſeinem Statthalter gab, und Don Raymon de Cardona wußte die Ungeduld ſeines tapfern Heeres, das ebenſo dringend als nur der Feind, nach der Schlacht verlangte, zu zügeln. Es war ein ſeltſames Spiel, das mit Hin⸗ und Herzü⸗ gen getrieben wurde; die Spanier hüteten ſich, in freiem Felde mit den Franzoſen zuſammenzutreffen, ſie nahmen feſte Stellung, wenn dieſe marſchirten und brachen ihrerſeits auf, wenn jene lagerten. Jetzt kam die wichtige Nachricht, daß zu Rom am 6. April zwiſchen dem Kaiſer und Venedig ein Waffenſtillſtand auf zehn Monate abgeſchloſſen ſei und Gaſton mußte die Schlacht, die er vergebens ſuchte, erzwingen, wenn nicht alles, was er bisher gewonnen, wieder gefähr⸗ det werden ſolle. In dieſer Ueberzeugung faßte er einen raſchen Entſchluß und brach plötzlich mit ſeinem Heere, ohne den ihm gegenüberſtehenden Vizekönig, der die Straße nach Rom deckte, weiter zu beachten, in öſtlicher Richtung nach dem Geſtade des adria⸗ tiſchen Meeres auf. ——— M— 163 Bernhard von Linden hatte zweimal ſein allzu⸗ bewegliches Ziel verfehlt, endlich war er auf die rechte Spur gekommen, und die Wahrzeichen, die jedes marſchi⸗ rende Heer hinter ſich läßt, führten ihn ſicher. Es war am Gründonnerſtage, als er in Lugo,einem Städtchen wenige Meilen von Ravenna ſpät abends Quartier genom⸗ men hatte. Noch geſtern waren Reiter des franzö⸗ ſiſchen Nachtrabs hier geweſen und hatten alle Zurück⸗ bleibenden und Säumigen ſtreng nachgetrieben, heute fanden ſich nur noch einige Kranke im Ort, wie man ihm ſagte. Im Dunkel des Abends kam auch noch ein verſpäteter Reiſiger an, der ſein müdes Pferd in dieſelbe Herberge zog, wo Bernhard raſtete; er kam in die Gaſtſtube und fluchte in fremder Sprache, fremd den Wirthsleuten, aber für Bernhard nicht. Das war ein Deutſcher! Er redete ihn gleich an und fragte ihn, ob er auch zum Heere des franzöſiſchen Statthalters wolle. Der Reiter dankte ſeinem Gruß, entledigte ſich aber erſt einer ledernen Taſche, die er auf der Bruſt trug, ſchnallte ſein Schwert ab und legte es auf die Taſche, ehe er eine Antwort auf die Frage gab. „Nun wird es doch Stand halten!“ ſagte er. „Ich reite wie ein Narr in die Kreuz und Quer.“ 164 „Auch ich habe es bis jetzt vergebens geſucht,“ verſetzte Bernhard.„Ihr bringt wohl Botſchaften?“ Mit einem Blick auf die Taſche, die er näher an ſich zog, nickte der Reiter nur mit dem Kopfe und ſprach dann dem Weine mächtig zu, welchen der Wirth ihm aufgeſetzt hatte.—„Füttert mein Pferd gut, und weckt mich in vier Stunden,“ befahl er.„Ich muß bald weiter.“ Es waren alſo wichtige Botſchaften, die er brachte— da er aber wortkarg war und ſich in kein Geſpräch einzulaſſen ſchien, hielt es Bernhard unter ſeiner Würde, ihn durch Fragen zu beläſtigen. Er nahm auch gleich darauf ſeine Taſche zum Kopfkiſſen, während er ſich auf die Erde ſtreckte, und mit der Hand am Schwertgriffe ſchlief er feſt ein. Bernhard hätte ihm, wäre er freundlicher geweſen, vielleicht den Antrag gemacht, mit ihm zu reiten, da er auf ſolche Weiſe leichtern Eingang in das Lager gefunden haben würde; dieſen Gedanken gab er auf, ſuchte nun auch, ſogut er konnte, den Schlaf und hörte, noch vor Tagesanbruch, den Reiſigen, welchen der Wirth zu rechter Zeit geweckt, aufſtehen und abreiten. Als es hell geworden, folgte er ſeinem Beiſpiele. Kanonendonner! Wie? Auch am heiligen Char⸗ freitage, wo der Heiland ſein Blut am Kreuz fuͤr die Verſöhnung der Menſchen vergoſſen hatte, an dem Gedächtnißtage der Verklärung der höchſten Liebe ruhten die Waffen nicht? Bernhard fühlte, das könne nimmermehr Segen bringen, er beſchleunigte ſeinen Ritt, aber er kam doch zu ſpät. Ein Sturm, welchen Gaſton de Fvir hatte unternehmen laſſen, war abge⸗ ſchlagen. Ravenna, die wichtigſte Stadt, gegen welche er ſein Heer geführt, um dadurch den vorſichtigen Spanier in das ebene Land zu ziehen und endlich zur Schlacht zu nöthigen, hatte nur eine ſchwache Beſatzung, welche der Vizekönig, als er Gaſton's Abſicht erkannt, ſchnell hineingeworfen hatte, aber Mark Antonio Colonna, der ſie befehligte, hatte den voreiligen Angriff, durch welchen Gaſton am Charfreitage die Stadt zu nehmen gehofft, kräftig abgewehrt, obgleich dreißig der verſuchteſten Ritter, wie bei Brescia, in vollem Harniſch den Stürmenden als leuchtendes Bei⸗ ſpiel vorangeſchritten waren. Im Lager herrſchte in⸗ folge deſſen große Aufregung, welche durch Meldun⸗ gen vom Anmarſch des feindlichen Heeres auf der Straße von Imola noch vermehrt wurde. Es gelang Bernhard, ſich der Lagerwache, ohne daß er durch einen Streiftrupp angehalten worden wäre, zu nähern: zu ſeiner Freude waren es Deutſche, und als er nach Fabian von Schlabrendorff fragte, erbot ſich der Wacht⸗ 166 habende, ihn durch einen Knecht nach dem Zelte des Hauptmanns, zu deſſen Fähnlein er ſelbſt gehörte, führen zu laſſen. So war denn erreicht, wonach Bern⸗ hard ſeit langer Zeit ſchon geſtrebt hatte— in die⸗ ſem Augenblicke aber befiel ihn wieder ein unbeſtimm⸗ tes Bangen, als ſtrecke er die Hand nach einem Schleier aus, welcher ihm wohlthätig verhülle, was er beſſer nicht ſchauen möchte. Doch unterdrückte er dieſe Anwandlung und folgte dem Landsknechte, der, ſeinen Spieß auf der Schulter, vor ihm herſchritt, quer durch das Revier der deutſchen Fahnen. Das Treiben im Lager zog ſeinen Blick dießmal nicht an, er ließ ſein Auge nur ſchweifen, ob er unter den vielen Kriegern, die er in wechſelnder Gruppirung ſah, nicht die mächtige und edle Geſtalt des Sachſen be⸗ merken könne. Da begegnete ihm der Reiſige, mit welchem er in Lugo übernachtet hatte, er kam zu Fuß von einem Zelte, vor welchem die große Fahne mit dem Reichsadler flatterte, unter welchem die deutſchen Knechte auch im fremden Solde, wenn es mit Be⸗ willigung von Kaiſer und Reich geſchah, dienten. Dort mußte der Feldoberſt lagern, Bernhard wußte, daß es Herr Jakob von Embs war, und er freute ſich, ihn wiederzuſehen: jetzt aber wollte er ſich auf ſeinem Gange nicht aufhalten laſſen. Der Reiſige, 167 welcher augenſcheinlich ſeine Botſchaft an den Ober⸗ ſten der deutſchen Landsknechte gebracht hatte, erkannte Bernhard ebenfalls wieder und grüßte ihn mit der Hand; beide gingen ſchweigend aneinander vorüber. Welche Wichtigkeit hatte aber die Botſchaft, welche er befördert, auch für Bernhard, da ſie ihn von langer Ungewißheit befreite! „Dort ſeht Ihr ihn!“ ſagte der Landsknecht, als ſie in eine neue Lagergaſſe traten. Vor ſeinem Zelte ſaß Fabian von Schlabren⸗ dorff— wie hätte er verkannt werden mögen? Er ſaß auf einem Strohbunde und ſah gedankenvoll in die Ferne, wo ſich die Thürme und Bollwerke von Ravenna erhoben, an denen heute der Muth der Stürmenden geſcheitert war. So tief ſchien er in die Betrachtung verſunken, daß er auf Bernhard's An⸗ näherung nicht achtete, bis dieſer neben ihn trat und ſeinen Namen nannte. Da blickte er ſich nach der fremden Stimme um und als er die Züge er⸗ blickte, die ſchon bei erſter Begegnung in Padua wegen ihrer Aehnlichkeit mit andern unvergeßlichen auf ihn einen großen Eindruck gemacht hatten, rief er, von Ueberraſchung hingeriſſen:„Wanda's Sohn! Am Vorabend der Schlacht!“ Er ſtand ſchnell auf und reichte Bernhard die Hand„Willkommen!“ 168 „Erkennt Ihr mich wieder?“ ſagte Bernhard erfreut.„Ich ſuchte Euch lange.“ „Gut, daß Ihr mich noch findet! Eine Frie⸗ densbotſchaft zur letzten Stunde!“ Bernhard verſtand ihn nicht. Wie hätte er auch ſolchen Gedanken in dem ſtarken Krieger vermuthen können? Seltſam, daß es ſich oft begibt!—„Ich habe mit Euch zu reden,“ ſagte er. „Theilt mein Zelt mit mir— tauſendmal will⸗ kommen! Was bringt Ihr mir? Wie haben ſie auf⸗ genommen, was ich Euch damals geſagt? Und— ſagt mir alles, was Ihr wißt. Ihr kommt doch aus Schleſien?“ „Ich bin nicht wieder daheim geweſen und habe die meinigen ſeitdem nicht geſehen Was Ihr mir damals geſagt habt, das hab' ich Wort für Wort behalten und meiner Mutter getreulich von Venedig geſchrieben. Antwort iſt mir darauf nicht geworden, wie hätte ſie mich auch finden ſollen, da ich bald darauf übers Meer ging? Ich habe erſt kürzlich durch Einen, den Ihr kennt: Erdmann von Haug⸗ witz, aus Schleſien Nachricht erhalten, aber keinen Brief und auch keine mündliche Botſchaft in Bezug auf Euch.“ „Und Ihr ſucht mich auf?“ 169 „Ich habe mit Euch zu reden—“ „Was hat Euch Haugwitz erzählt? Iſt er auch im Lager?“ fragte Schlabrendorff.„Ihr habt keine guten Nachrichten erhalten, Euer Blick ſagt es mir.“ Bernhard fand keinen Grund, zu verſchweigen, was er betrübendes erfahren hatte.„O daß ich ver⸗ möchte—“ rief Schlabrendorff, doch vollendete er nicht, was er ſagen wollte: vielleicht hielt er es für verletzend.„Ihr ſeid auf dem Heimwege begriffen, nicht wahr? Eurer Frau Mutter zum Troſt, zur Hilfe!“ Es ſiel Bernhard ſchwer, zu geſtehen, was ihn davon abhielt. Der Sachſe warf einen bedeutungs⸗ vollen Blick in ſeinem leeren Zelte umher, das nichts enthielt als ſeine Rüſtung und wenige Habe. „Hätte ich, wie viele andere gethan,“ ſprach er,„ſo ſolltet Ihr mein Erbe ſein, da ich auf der weiten Welt niemand habe, der mir naheſteht! Aber ich bin nicht hinausgegangen des Raubes wegen!— Kehrt dennoch heim, Bernhard von Lin⸗ den. Iſt nicht ein lieber Freund ſchon im Unglück ein Troſt, auch wenn er mit leeren Händen kommt, vielmehr ein theurer Sohn? Hat Euch Frau Wanda nicht darum bitten laſſen?“ 170 „Das hat ſie nicht gethan,“ antwortete Bern⸗ hard.„Sie hat ein ſtarkes Herz.“ „Das hat ſie!“ beſtätigte Schlabrendorff und ſeine Bruſt hob ſich mächtig. In ſeinen Augen ſtrahlte ein düſteres Feuer.—„Ihr kommt, mit mir zu reden,“ fing er nach einer Weile wieder an,„ich weiß, warum. Es iſt auch gut, daß zwiſchen uns alles klar werde, denn es könnte ſpäter nicht mehr Zeit dazu ſein.“. „Wenn Ihr es ahnt, was mich zu Euch führt,“ erwiederte Bernhard,„ſo ſagt: was iſt aus Fiorina Diodati geworden?“ Betroffen ſtarrte ihn der Sachſe an, er hatte etwas ganz anderes im Sinne gehabt, dieſe Wen⸗ dung nicht erwartet.„Wie kommt Ihr auf das un⸗ glückliche Mädchen?“ fragte er mit finſterer Stirn. „Mich hat mein Weg mit den Diodati zuſam⸗ mengeführt, ich habe Freundſchaft von ihnen ge⸗ noſſen, Vertrauen— ſchon vor dem furchtbaren Schickſale von Brescia war ich bemüht, Euch aufzu⸗ finden, um Mißverſtändniſſe, welche einen Schatten auf das edle und hochherzige Mädchen werfen konn⸗ ten, aufzuklären und— vielleicht alles zum Glücke zu wenden, für ſie und für Euch!“ Bernhard war ſich des ſchönen Sieges bewußt, den er einſt in dem ——— — ——— — ——— 171 gefährlichſten Kampfe, den wir zu beſtehen haben, errungen hatte— dennoch wurde es ſchwer, das Wort auszuſprechen.—„Der Friede hätte alles ausgeglichen— Ihr hättet ein Glück gefunden, das Euch traurige Verwickelungen, die ich nicht kenne, in der Heimath verſagt haben.“ „Glaubt Ihr, das ſei je möglich geweſen?“ rief Schlabrendorff, der mit ſteigendem Affekt Bern⸗ hard's Mittheilungen angehört hatte.„Einmal und ewig!“ Bernhard verſtand ihn jetzt und ein neues Licht, ein Strahl in die Ferne, blendete ihn, daß er ſich vergaß.„So wäre, was einſt Euer Glück geweſen, noch immer—“ „Forſcht nicht! unterbrach ihn Schlabrendorff heftig, indem er die Hand auf ſeine Bruſt preßte. „Das laßt hier begraben— bis es mit begraben wird!— Ihr fragtet nach Fiorina Diodati. Sie iſt gerettet. Ich wußte ihren Aufenthalt— ich konnte ſie ſchützen, zu rechter Zeit, mitten im brennenden Hauſe.“ „Gott ſei Dank!“ rief Bernhard.„Aber das Haus?“— Er entſann ſich wohl der Verwüſtung, aber nicht, daß er Spuren von Brand getroffen habe. ——r——————— 172 „Ein Kloſter war's— Diodati's Haus konnte ich nicht retten.“ „Der Vater ſoll gefallen ſein“— Schlabren⸗ dorff beſtätigte es ſtumm—„wißt Ihr von der Mutter etwas?“ „Ich habe nichts erfahren können,“ erwiederte der Sachſe.„Im Kampfe bis drei Uhr Nachmit⸗ tags, wie wäre es möglich geweſen? Als es endlich nach andern Stadtvierteln ging und ich bis zu Dio⸗ dati's Hauſe vordringen konnte, fand ich noch alle Thüren und Fenſter geſchloſſen, denn es war bei Lebensſtrafe verboten, vor gewonnenem Siege in die Häuſer zu brechen. Ich ſchlug nur ein Kreuz über das Haus, daß Gott es ſchützen möge, der Kampf riß mich weiter fort. Als dann das Werk der Waf⸗ fen gethan war und das andere begann, daran ich nicht theilhaben wollte, eilte ich vorerſt zu dem Kloſter, wo ich das Mädchen wußte—“ „Fiorina? Wie konntet Ihr das wiſſen?“ rief Bernhard. „Ein Bote, der mit Briefen nach Venedig un⸗ terwegs war, und von unſern Läufern aufgefangen wurde, hatte mit vielen andern auch ein Schreiben Filippo Diodati's an ſeinen Bruder, der in Venedig wohnt, bei ſich, und— da mein Name in dem c —BÜz—.—— 173 te Briefe vorkam, ſo übergab ihn mir der Prinz, wel⸗ chem ſie alle vorgelegt worden.“ Eine leichte Röthe n⸗ färbte Schlabrendorff's männliches Geſicht und er er ſchien nach Worten zu ſuchen.„Gleichviel, was ſonſt in dem Briefe ſtand— das nur ſage ich: das te Kloſter war darin genannt, in welches Fiorina ge⸗ it⸗ bracht worden war, und ſo erfuhr ich es und ſo ich konnte ich ſie retten, als ſchon Feuer eingeworfen war und die Franzoſen grauſam d'rin hauſten.“ lle„Wo iſt ſie jetzt?“ fragte Bernhard erſchüttert. bei„Ich weiß es nicht, ſo wahr mir Gott helfe!“ ie antwortete Schlabrendorff.„Sollt' ich ſie bei mir er behalten? Ich trug ſie aus der Gefahr in die Klo⸗ pf ſterkirche, wohin ſich viele gerettet und wo ſie ſicher ſ⸗ war, ich ſtellte ein Paar meiner ehrenfeſteſten Knechte ch zur Wache davor und eilte dann, ihrer Mutter m wegen, hinweg. Die fand ich nicht mehr und das S Haus ſchon ausgeplündert— und als ich zurück⸗ ef kam, war auch Fiorina und alle, die in der Kirche geweſen, nicht mehr da. Welchen Ausweg ſie ge⸗ n⸗ funden, weiß Gott allein. Doch hab' ich ſeitdem en und geſtern erſt von ihr eine Kunde erhalten. Ein en Streiftrupp, der über den Montone, den Fluß dort 3 zur linken, weit hinausgeſchickt worden, war zwei m Reiſenden begegnet, und hatte ſie, wie es Brauch, 174 nach allem ausgefragt, worauf Einer von ihnen, der Sohn, wie die Reiter glaubten, des Aeltern, ſeiner⸗ ſeits kecke Gegenfragen gethan, wo ſie herkämen, welchem Herrn ſie dienten— was unſere Reiter ſehr beluſtigt, bis er ſie nach mehrern Hauptleuten, deren Namen er wußte, gefragt, zuletzt auch nach mir. Da ſie ihm geſagt, ich ſei dabei, hat er ihnen für mich aufgetragen:„die Italienerin, die ich in Santa Chiara gerettet, bete noch immer für mich.“ Er ſchwieg, von Bewegung ſelbſt ergriffen, und Bernhard wagte nicht, mehr zu fragen. Da hörten ſie draußen eine tiefe Stimme: „Iſt Dein Hauptmann im Zelt?“ und gleich darauf trat Jakob von Embs ein, welchen auch Bernhard ſogleich wieder erkannte. Der Oberſt ſah den Frem⸗ den groß und unmuthig an und auch, als dieſer ihn bei Namen achtungsvoll grüßte, ihn an das Lager vor Briren erinnernd, wurde ſein Geſicht nicht freund⸗ licher, er dankte Bernhard zwar, aber ſeine zerſtreute Miene wie ſein ganzes Weſen zeigten, daß ihm etwas ſchwer auf der Seele lag. Auch ließ er darüber keinen Zweifel:„Kommſt Du mit mir, Fabian? Ich habe Dir etwas zu ſagen,“ ſprach er. Bernhard wollte augenblicklich das Zelt ver⸗ laſſen, aber Schlabrendorff hielt ihn zurück.„Ihr ————— 105 er ſeid mein Gaſt, mein Zeltgenoß! Ich bitte Euch, r⸗ bleibt. Heute und morgen laſſe ich Euch nicht fort n,— wir haben noch viel miteinander zu reden. Nun, hr Jakob, ich komme.“ n Auch der Oberſt gab Bernhard's Entfernung ir. nicht zu:„Bleibt! Ich muß ihn mit mir nehmen ür ſo oder ſo,“ ſagte er, dem Schleſier jetzt die Hand ta reichend.„Ihr kommt doch nicht etwa, um in unſere Fr Reihen einzutreten?“ d Die Frage, ſo geſtellt, überraſchte Schlabrendorff, und er fragte:„Warum ſollt' er's nicht? Mir e: wär's die größte Freude, wenn er mein Waffenbru⸗ uf der werden wollte!“ rd„Vielleicht bald! entgegnete Bernhard.„Ihr S wißt ja, daß ich dem Kaiſer dienen will.“ n Da blickte Jakob von Embs wieder unruhig er und finſter und Schlabrendorff verließ mit ihm das ⸗ Zelt, nachdem er ſeinen Gaſt gebeten hatte, ſich zu te längerm Bleiben einzurichten, für ſein Pferd, das 8 noch draußen gehalten wurde, ſolle ſchon Sorge ge⸗ er tragen werden. Kaum waren die beiden Feldhaupt⸗ 2 leute draußen, als Jakob von Embs mit unterdrückter Stimme, ſo daß es keiner der in der Nähe befind⸗ . lichen Krieger hören konnte, ſprach:„Denke Dir! Eben r ein Reichsbote: Der Kaiſer beruft uns ab!“ 176 Schlabrendorff fuhr zurück. „Bei Strafe der Acht und Aberacht ſollen alle deutſchen Fahnen mit ihren Hauptleuten, Weibeln und Knechten ſofort vom Heere des franzöſiſchen Königs abziehen! Was thun wir?! Treue und Ge⸗ horſam dem Kaiſer, wie es deutſchem Blute ziemt! Aber unſere Waffenehre! Abfall von den Kriegsge⸗ noſſen, an deren Seite wir ſeit Jahren ſo manchen harten Strauß beſtanden haben— am Tage vor der Schlacht vielleicht, denn morgen oder übermor⸗ gen haben wir ſie! Heißt es edel, ritterlich handeln, wenn wir den jungen Helden, der uns Deutſche ſo hoch hält, höher faſt als ſeine Wälſchen, wenn wir die tapfern Gefährten, den Bayard, den la Palice, den Alegre, Lautrec, und ſo viele verlaſſen, die auf unſere Treue, wie auf einen Felſen gebaut? Wenn ſie ohne uns beſiegt werden, wen trifft die Schmach? Uns! Was thun wir, mein Bruder?“— Ueuntes Rapitel. Die Schlacht von Ravenna. Der heilige Oſterſonntag brach an, es war der 11. April 1512. Im franzöſiſchen Lager wurde Lärm —, — ————— 177 geſchlagen, die Heertrompeten ſchmetterten zum Aus⸗ rücken. Vor dem höchſten und ſtattlichſten Zelte, wo das Hauptbanner mit den goldenen Lilien flatterte, hielt eine Schaar von dreißig der edelſten Ritter, welche der Prinz von Foir erleſen hatte, ſein Ge⸗ folge zu bilden— ſein Streithengſt, mit Feder⸗ büſchen und einer koſtbaren Wappendecke in den Far⸗ ben von Foir und Navarra geſchmückt, welche faſt die Erde ſtreifte, wurde von zwei Knappen gehalten, die ſein Feuer kaum zu zügeln vermochten. Jetzt trat Gaſton aus dem Zelte, der offene gekrönte Helm, von leuchtendem Stahl mit goldenen Zierrathen, ließ ſein blühendes Antlitz ſchauen, um deſſen Lippen und Kinn der erſte Flaum des noch nie geſchornen Bartes ſproßte; auch heute zur Schlacht trug er ſeiner Dame zu Lieb“ keinen Harniſch über dem rei⸗ chen, fürſtlichen Waffenrocke. Er grüßte freudig die verſammelten Edeln, dann blickte ſein leuchtendes Auge zur Sonne, die heute ſtrahlenlos, ein blutrother Ball, im Oſten aufgegangen war und fragte den Baſtard von Chimay, der ihm zunächſt hielt, was das Zeichen wohl bedeute? „Ein hohes Haupt wird heute fallen,“ erwiederte der Baſtard,„Ihr oder Don Raymon.“ Der Prinz lächelte, ſaß auf und ritt, von 12 1857. VII. Heimath und Ferne. II. 178 ſeinem Gefolge begleitet, zum Fluſſe, wo er eine Brücke für Fußvolk und Geſchütz hatte ſchlagen laſſen. Das war der Ronev, der ſich mit dem Montone, beide vis Ravenna paralell ſtrömend, unterhalb der Stadt, deren Mauern ſie— jener ſüdlich, dieſer nördlich — umſpülen, in der angeſchwemmten Uferſtrecke vereinigt, die in alten Zeiten der berühmte Kriegs⸗ hafen der Römer war. Zwiſchen beiden Flüſſen hatte der Prinz ſein Lager gehabt, während das Entſatzheer ſeit zwei Tagen bis auf drei italieniſche Meilen herangerückt war und ſich, mit dem linken Flügel an die Dämme des Ronco gelehnt, verſchanzt hatte, ſtatt ſich mit der Beſatzung der Stadt durch den Urwald von Pinien, welcher damals noch ſüdlich jener Verſandung ſich hinzog, in Verbindung zu ſetzen und friſch zum Angriff zu gehen. Dieſer wurde, auf Graben und Wall vertrauend, den Fran⸗ zoſen überlaſſen. Der Vizekönig hatte durch einen Trompeter den Prinzen von Foir zu einer Unterre⸗ dung geladen, beide unter höflicher Wechſelrede die Schlacht ſich entboten und zum Zeichen die weißen Stäbchen zerbrochen, welche ſie als friedliche Sym⸗ bole mit ſich geführt. Während das Heer der Liga ſchon ſeine Schlacht⸗ ordnung hinter den beiden, durch einen breiten ——.— 179 e Zwiſchenraum getrennten Gräben angenommen hatte, 8 ritt Gaſton langſam am Ronco hinauf, den Ueber⸗ e gang der Seinigen auf das freie Feld zu beobach⸗ t, ten. Jenſeit des Fluſſes ſprengte ein kleines Ge⸗ h ſchwader von ſpaniſchen Helmen an. Eine wunder⸗ ke liche Reitergeſtalt führte ſie, wie ein Kobold, zwerg⸗ ⸗ haft und verwachſen hinter dem Schwanenhalſe des . andaluſiſchen Hengſtes kaum zu bemerken— aber 8 weit bekannt, geachtet und auch gefürchtet von Freund und e Feind; es war Don Pedro de Paz, welcher ſich vor zwan⸗ n zig Jahren bei der Eroberung von Granada, der Mau⸗ zt renſtadt, die Gunſt Gonſalvo's de Cordova, den die ch Geſchichte den gran capitan genannt, erworben hatte. ch Auch den Franzoſen war der Zwergritter, bei dem zu Ruhme ſeiner Tapferkeit und Klugheit, wohlbekannt er und Bayard ritt hart an das Ufer, mit ihm höfliche n⸗ Worte nach der Courtviſie jener Tage auszutauſchen, en nachdem gegenſeitig verſprochen worden, nicht die e⸗ Armbruſt, welche die Reiter am Sattel führten, zu ie gebrauchen. Don Pedro fragte, wer der Ritter in dem prachtvollen Aufzuge ohne Harniſch ſei, und als ihm Bayard erwiedert:„Gaſton iſt es, vom Hauſe Foir, Eurer Königin Geomaine Bruder,“ . beugten alle Spanier vor dem jungen Fürſten die n Kniee, nannten ſich, vorbehaltlich ihren König, ſeine 12* 180 getreuen Diener und beklagten, daß nicht Friede zwiſchen ihren Königen ſei, um ihm ihre Achtung durch die That zu beweiſen. So harmlos war das Vorſpiel! Ernſter nahm es ſchon der erſte Streithaufe, aus den deutſchen Landsknechten gebildet, welche, ſechstauſend Spieße ſtark, in dichtgeſchloſſener Maſſe über die Brücke drängten. Sie waren alſo doch ge⸗ blieben, der Abmahnung ihres Kaiſers zum Trotz? Deutſches Herzblut, das im ſechszehnten Jahrhun⸗ derte in allen Kriegen Europa's floß, weil die Wehr⸗ haftigkeit und Wanderluſt im Volke immer neue Schaaren aus der Heimath zur Ferne trieb, das goldene Glück zu erjagen, deutſches Herzblut ſollte auch hier wieder für eine fremde Sache vergoſſen werden? In dem furchtbaren Zwieſpalte, wo des Kaiſers Spruch, wie der Pakt mit dem jetzigen Kriegsherrn, deutſche Treue anrief, hatte Jakob von Embs, auf deſſen Haupt die ganze Verantwor⸗ tung lag, ſich nicht allein ſeinem Freunde und Waf⸗ fenbruder, ſondern auch den edelſten, in makelloſer Rittertugend ſtrahlenden Helden Frankreichs entdeckt. Ihren Bitten, ſie nicht zu verlaſſen, ihren Vorſtel⸗ lungen, wie ſchimpflich das am Abende einer Feld⸗ ſchlacht ſei, hatte er nachgegeben— er wollte dem — — 181 Kaiſer gehorchen, aber erſt am Tage nach der Schlacht! Den Hauptleuten blieb daher die Abberu⸗ fung verborgen und die armen Knechte gingen mit gewohnter Freudigkeit in den Kampf, gelobten im Ringe auf die Anſprache der beiden Oberſten zur Ehre Gottes und der heiligen Jungfrau für den Sieg am nächſten Samſtag zu faſten, verrichteten dann knieend ihr Schlachtgebet und warfen aufſte⸗ hend nach uralter Sitte mit den Händen Staub hinter ſich, wie der Pilger, der von allem theuren ſcheidet, den Staub von ſeinen Schuhen ſchüttelt. Mit den Deutſchen zugleich waren, den Strom in ihrer Ungeduld durchwatend, auch zweitauſend Gascogner übergegangen und theilten ſich, rechts und links an jene ſich anhängend. Dann raſſelte das Geſchütz über die Brücke: ein reichgepanzerter Herr jagte voraus an die Spitze der Vorhut, die er be⸗ fehligte Das war Alphons von Ferrara, ſein dun⸗ kelgefärbtes Antlitz verrieth Geiſt und Kraft, die ſo⸗ gar einer Lucrezia Borgia, ſeiner zweiten Gemahlin, grauenhaften Andenkens, gewachſen waren. Sieben⸗ hundert Hommes d'armes folgten. Hinter der Vor⸗ hut ordnete ſich das Haupttreffen, Fußvolk und Reiterei, dann kam die Nachhut, bei welcher ſämmtliche leichten Reiter waren. 182 Ein Schlachtbild vergangener Zeiten! Rollen wir es auf? Noch ſtrahlte das Ritterthum in ſeinem vollen Glanze, noch galt die perſönliche That, der Lorbeer mußte, Bruſt an Bruſt mit dem Feinde, er⸗ rungen werden, aber ſchon brach die neue Zeit auch in der Kriegskunſt an und der Donner der Feuer⸗ waffen, welcher ſeit zweihundert Jahren ſchon in Europa gehört worden war, machte zum erſtenmale bei Ravenna ſein volles Recht geltend. Man hat darum auch die Schlacht von Ravenna die erſte moderne Schlacht genannt. Es ſei ferne von uns, ihr durch alle Schrecken, welche ſie entfaltete, zu folgen, wie Bernhard von Linden, welcher es ſich zur Schande gerechnet hätte, ſie zu fliehen, wenn er auch nicht mit den Waffen in der Hand theilnahm. Der Sachſe, als er von ſeinem Geſpräch mit Jakob von Embs in großer Aufregung zurückkam, hatte ihm ſelbſt abgerathen— dem Kaiſer diene er hier nicht! Er hatte aber erwirkt, daß Bernhard ſich dem Gefolge des Prinzen von Fvir anſchließen durfte, um der Schlacht wenigſtens als Zeuge beizuwohnen. Auch von den Thürmen und Zinnen der Stadt ſahen zahlreiche Menſchen hinaus, wo ſich zugleich Ravenna's Schickſal entſcheiden mußte. Nicht allzu fern von dem äußerſten linken Flügel der Franzoſen, w w8 8 8 — 183 wo die reitenden Armbruſtſchützen das Horn der halbmondförmigen Schlachtordnung bildeten, ſtand eine dichte Gruppe von Pinien, gleichſam wie ein verlor⸗ ner Poſten des erwähnten Urwaldes, der, einige hundert Schritt weiter, ſeine dunklen Schranken zog. Hier, wohlverſteckt und nicht beachtet, weilte auch ein Reiterpaar, nicht wie Krieger gerüſtet, nur für die Reiſe nothdürftig bewehrt. Zu ihnen mögen ſich unſere Leſer geſellen, um das furchtbar ſchöne Schauſpiel, das ſich nun eröffnete, in mildernder Entfernung zu ſchauen. Das klarſte Sonnenlicht machte die Schlacht⸗ haufen, die ſich noch unthätig gegenüberſtanden, in ſüdlich ſcharfen Umriſſen erkennbar. Man ſah am Fluſſe die Geſchwader der Gepanzerten in beiden Heeren, die der Spanier hinter den Gräben dichter gedrängt, dann die Schaaren des Fußvolks in großen viereckigen Haufen, jeder von vielen Fahnen über⸗ wallt. Am hintern Graben konnten die beiden im Walde die Geſchütze der Spanier deutlich ſehen und neben denſelben eine Reihe von Karren, auf denen es von Waffen blinkte. Das war die Erfindung Pedro Navarra's, des Generaloberſten der ſpaniſchen Infanterie, durch welche er die Streitwagen der Alten wieder in das Leben zu tufen hoffte: Wagen, 184 von Speeren ſtarrend, mit Sicheln und Senſen an den Naben der Räder, mit kleinen Feuerröhren belegt Horch Der erſte Kanonenſchuß! „Laß uns fliehen!“ bat der ältere der bei⸗ den Reiter. Der jüngere hörte ihn nicht, ſein Auge hing ſtarr an der Rauchwolke, die den zweiten Schuß be⸗ gleitete— und nun erdröhnte Luft und Erde von dem Donner der Geſchütze. Ein friſcher Wind wehte aber den Pulverdampf ſtetig ſo daß er nicht verhüllte, was ſich weiter begab. Der vorderſte Schlachthaufe drüben ſetzte ſich langſam gegen die Schanzen der Spanier in Bewegung. Auf einmal machte er wieder Halt, die Entfernung war zu weit, um zu erkennen, was er im wirkſamſten Geſchützfeuer litt. Man ſah nur die dunkle Maſſe unerſchütterlich halten. Das waren die Deutſchen, welche im Sturme die Schanzen zu nehmen gehofft und nun durch Gaſton's Befehl feſtgebannt ſtanden. Warum? Der feurige Feldherr hatte ſich gegen ſeine Ueberzeugung ſelbſt durch den Herzog von Ferrara, den Meiſter in der Kriegskunſt, bannen laſſen. Die⸗ ſer wollte aber zeigen, was ſeine Artillerie vermochte. Geſchützkampf denn von beiden Seiten zwei Stun⸗ den lang! nach den Flüſſen hin, —„———— — —.——— Auch die beiden Zuſchauer in den Pinien blie⸗ ben wie feſtgebannt— der Vater hatte noch ein⸗ mal leiſe den jungen Sohn, das war er ihm wohl! gemahnt, die Stätte des Schreckens zu verlaſſen, und ſich, da es vergebens war, in Geduld ergeben. Mußte er doch froh ſein, daß der Knabe nicht ſein Roß in die Schlacht hineintrieb. Begegnen konnte ihnen übrigens hier nichts— keine Kugel erreichte dieſe Stätte, und ſollte ſich Gefahr durch Verſprengte nahen, ſo ſah man ſie kommen und der nahe Pi⸗ nienwald bot die ſicherſte Zuflucht. Ein neues Ereigniß endlich! Hinter dem vor⸗ gebogenen Halbmonde der Franzoſen kam ein Gewirr von Reitern und Fahrzeugen in raſchem Laufe da⸗ her— es war Alphons von Eſte, der einen Theil ſeiner Geſchütze in Perſon hinter dem Fußvolke fort nach dem äußerſten linken Flügel führte, dort in der Flanke der feindlichen Stellung auffahren und dieſe nun von der Seite beſchießen ließ. Die Wir⸗ kung machte ſich flugs bemerkbar, man ſah, wie das ſpaniſche Fußvolk ſich auf die Erde warf, um die Kugeln über ſich hinwegfliegen zu laſſen und wie nun unter den dichten Reitergeſchwadern, in welche ſie verheerend einſchlugen, eine wachſende Bewegung entſtand. Freilich trafen ſie aus dieſer Seitenrichtung 186 auch verloren in die franzöſiſchen Haufen— man hat den Herzog beſchuldigt, daß er verrätheriſch ſeinen Büchſenmeiſtern zugerufen habe: Zielet nicht lange! Friſch drauf! Feinde unſers Landes trefft Ihr überall! Jetzt brach auf einmal das vorderſte Reiterge⸗ ſchwader der Liga, dem Feuer zu entgehen, in das freie Feld hinaus, gegen den Befehl des Vizekönigs. „Sollen wir alle zugrundgehen durch einen Ma⸗ ranen?“ hatte Fabrizio Colonna, der es führte, ge⸗ rufen, als auf Pedro Naoarra's Betrieb alles in⸗ nerhalb der Gräben feſtgehalten wurde. Er ſpornte ſein Roß über den Durchgang, den man frei ge⸗ laſſen, und ſeinem Geſchwader folgte das nächſte, ſo daß Don Raymon nichts übrigblieb, als ſeine geſammte Reiterei aus den Verſchanzungen vorbre⸗ chen zu laſſen. Von drüben ſtürmten ſofort die fran⸗ zöſiſchen Geharniſchten entgegen— das Geſchütz verſtummte. Start und bleich hatte der Knabe, der bei dem ältern Manne im Schatten der Bäume hielt, bisher hinübergeblickt, wo er doch in der Ferne nur die dunklen Haufen durch Zwiſchenräume getrennt bemer⸗ ken, aber nicht wahrnehmen konnte, was ſich bei ihnen begab— jetzt röthete ſich ſeine Wange, fun⸗ kelte ſein Auge, als die gepanzerten Schaaren im 187 vollen Lauf ihrer Pferde den freien Raum, der zwi⸗ ſchen ihnen lag, durchrannten, um ſich im furcht⸗ baren Zuſammenſtoß zu treffen, zu miſchen— viel tauſend Roſſe! Zu unterſcheiden war nichts in die⸗ ſer Entfernung als ein Lichterſpiel zahlloſer Waffen⸗ blitze, ein wildes Wirren und Wogen der weit über das Feld ſich verbreitenden Reiterſchlacht: nur ein dumpfes Getöſe klang wüſt herüber. Wer nahe ge⸗ weſen wäre, das Getümmel mit ſeinen Einzelkäm⸗ pfen zu ſchauen, wie Helme und Panzer dröhnten unter den Hieben, Stahl an Stahl Funken ſchlug, Roſſe ſich bäumten, Reiter ſtürzten— darüber hin das brauſende Gemiſch von Freund und Feind und auf allen Geſichtern flammend die Kampfesfreude, die Begeiſterung, die jedes friſche Reitergefecht weckt! Da war noch einmal die volle Glorie des Ritter⸗ thums aufgegangen, wie alte Heldenlieder ſie beſun⸗ gen haben, der Adel Frankreichs, Spaniens und Italiens rang um die Palme des Sieges und ſie neigte ſich dem jugendlichſten Ritter zu, der ſelbſt im Schlachtgewühl Thaten der Bewunderung werth verrichtet: Gaſton de Foir. Wie es geſchah, konnten die athemloſen Zeugen von fern nicht ſchauen, aber allmälig löſte ſich das Reitergewirr, erſt Einzelne, dann ganze Schaaren, zuletzt ein allgemeiner Schwarm, 188 ſtäubte die wilde Flucht der Spanier an den Schan⸗ zen vorüber— Verfolgung hinterd'rein! In wenig Augenblicken war das Feld geräumt und das Auge, das bange der freigewordenen Ausſicht folgte, ſah wieder die dunklen tiefen Maſſen des deutſchen Fuß⸗ volkes, das während der Reiterſchlacht unerſchütterlich ſeine Stellung bewahrt hatte. Es ſetzte ſich jetzt langſam von neuem gegen die Schanzen in Bewe⸗ gung. Innerhalb derſelben konnte man wahrnehmen, wie ein ſtarkes Viereck, weiß leuchtend, da alle Knechte dieſes Soldhaufens weiße Waffenröcke trugen, dem Graben näher rückte, die vordere ſtärkere Maſſe der ſpaniſchen Infanterie zu unterſtützen. „O nun laßt mich!“ rief der Knabe bebend. „Du haſt mir geſchworen“— entgegnete der ältere Mann und ergriff den Zügel des Zelters, auf dem der ſchlanke, todbleiche Knabe ſaß, damit er ihm, ſein Gelöbniß vergeſſend, nicht entfliehe. Ach, hätte er ſehen können, was ſich begab, als die Deutſchen— wer anders konnte es ſein?— allen voranſtürmend, den erſten Graben überſchrit⸗ ten hatten! Wie würde er, ſich und ſein Leid, Va⸗ terland, alles vergeſſend, im begeiſterten Gefühl auf⸗ gezuckt ſein! Nicht die Ritterſchlacht allein bot edle Bilder aus alter Zeit.— X— S X——— v 189 Der Schlachthaufe der Deutſchen hatte beide Gräben trotz des Kugelregens überſchritten. Aus dem vorderſten Gliede, wo mit Jakob von Embs wiederum alle Hauptleute ſtanden, trat Einer her⸗ aus, der ſchönſte, der ſtärkſte Mann des ganzen Hee⸗ res, einen grünen Kranz auf dem Haupte: Fabian von Schlabrendorff.*) Er forderte mit lauter Stimme irgend einen ſpaniſchen Hidalgos zum Zweikampfe. Gleich nach ihm trat noch ein zweiter hervor, von ſchwäbiſchem Blut, geſchmückt wie er mit dem Kranze: Johann Spät von Pflümern. Zwei Spanier ſpran⸗ gen aus der feindlichen Schlachtreihe, und alle Waf⸗ fen ruhten, aller Augen richteten ſich auf den Dop⸗ pelzweikampf, der an die Heldenzeit von Troja erin⸗ nerte. Lange blieb er zweifelhaft, dann ſank Johann Spät unter dem Jubelgeſchrei der Spanier, das aber ſchnell verſtummte, als ihr beſter Hauptmann, der ſich den Sachſen zum Gegner erwählt, von Schlabrendorff niedergeſtreckt wurde. Gleich darauf donnerten wieder die Feuerſchlünde und Hakenſchützen der Spanier; Jakob von Embs reichte dem in das Glied zurücktretenden Waffenbruder die Hand und *) Geſchichtlich. 190 führte nun ſeine Deutſchen zum Nahkampf: die alte Freudigkeit lebte aber nicht in ihm, ſeit er des Kai⸗ ſers Gebot verachtet, er war ſich des Unrechtes be⸗ wußt, das lähmte das Vertrauen auf Gottes Schutz und ſeine eigene Kraft und er wußte nichts beſſeres zu thun, als allen voran ſich in die Feinde ſtürzen, wo er im Zweikampf mit einem ſpaniſchen Haupt⸗ mann Zamudiv den Tod fand. Seinen Fall ſah Fabian von Schlabrendorff: mit beiden Händen faßte er den Schaft ſeiner Hellebarde, nahm ſie quer vor und warf, ſeine volle Rieſenkraft gebrauchend, mit der Länge der Stange ſechs Mann zu Boden, um eine Gaſſe für die Seinigen in den feindlichen Schlacht⸗ haufen zu ſprengen— wie einſt Arnold von Win⸗ kelried gethan bei Sempach. Dann Bruſt an Bruſt! Die zitternden Hände faltend, aber keinen Blick zum Himmel gehoben, leinen Gedanken zum Gebet, hatte der ſchöne Knabe in ſtarrer Verzweiflung den Ausgang des Kampfes abgewartet; endlich ſchien er zu Ende zu ſein! Auch der Platz hinter den Gräben wurde lichter, Reiterhaufen ſprengten, wie es ſchien, mitten unter das Fußvolk, und nach einer Weile zog ſich nur noch ein ſchmaler dunkler Streif von Krie⸗ gern längs des Ronco ſtromauf, offenbar im Rück⸗ zuge. Die Franzoſen hatten geſiegt— ein tiefer 191 Seufzer, von einer Verwünſchung begleitet, entrang ſich der Bruſt des ältern Mannes, dann bat er: „Nun komm, mein Kind! Es iſt alles vorüber!“ Alles vorüber! Dieß Wort ſchien den Knaben aus ſeinem Starrkrampfe zu wecken:„Ich muß!“ rief er plötzlich, griff in die Zügel und jagte, ehe es der Begleiter hindern konnte, aus den Pinien hervor, querfeldein! Das war zu der Zeit, als die Schlacht allerdings gewonnen war und Gaſton de Foir, in Siegesfreude ſtrahlend, den ſchweren Helm vom Haupte genommen, dem Baſtard von Chimay, der ihm wieder begegnete, lachend zurief:„Nun, Meiſter Schwätzer, leb' ich noch?“—„Ah doch,“ verſetzte der Baſtard ernſt, „es iſt noch nicht abgemacht.“ In dieſem Moment, der an Julius Cäſar und die Idus des März er⸗ innert, wo er auf dem Gange zum Kapitol den Seher, der ihn gewarnt, in gleicher Weiſe verſpottete, wurde dem Prinzen gemeldet, daß zweitauſend Spa⸗ nier in geſchloſſener Ordnung unbezwinglich vom Schlachtfelde den Rückzug anträten.„Meinen Helm!“ und ohne viel Reiter zu ſammeln, ſtürmte Gaſton mit kaum zwanzig, die ihm folgten, den Abziehenden nach. Zwiſchen Wall und Damm längs des Ronco war nur ein ſchmaler Weg, in welchem die lange, 192 tiefe Kolonne mit vier Mann Front marſchirte; Kern⸗ truppen waren es noch, alte verſuchte Banden, welche ſofort dem nachſetzenden Häuflein die Stirn boten und mit gefälltem Speer die Ritter, welche nur einzeln anſprengen konnten, erwarteten. Mehrere ſtürzten am ſteilen Damme, den ſie hinaufreiten wollten— ein Hieb mit dem Beil der Hellebarde ſchlug dem Roſſe des Prinzen in die Kniekehle und brachte es zu Fall. „Um Gott!“ ſchrie Lautrec den hinzuſtürzenden Spaniern zu.„Es iſt Gaſton de Foir! Der Bruder Eurer Königin!“— Sie hörten ihn nicht. Ein Speer durchbohrte die Bruſt des jungen Helden, welche kein Harniſch deckte: ſeine kurze ſtrahlende Laufbahn war beſchloſſen. Behntes Rapitel. Ein ſchöner Tod. Ein trüber Morgen folgte der ſternhellen Nacht, welche ſich über Ravenna und die Flur, wo das ſiegreiche Heer um ſeinen Feldherrn trauerte, wohl⸗ — 193 thätig gelagert hatte. Die Sonne war ſchon auf⸗ gegangen, aber ihr Strahl vermochte die Nebel im Oſten, die von der Niederung am Meere aufſtiegen, nicht durchzubrechen. In der Stadt hatte man ſchon geſtern Rath gepflogen und ſich in die unver⸗ meidliche Uebergabe gefügt, auch im franzöſiſchen Lager vereinigten ſich heute die Führer, um einſtweilen, bis der Königs Wille bekannt würde, einen Ober⸗ feldherrn zu wählen und zu beſchließen, wie der Sieg zu benutzen ſei. Die Krieger waren unterdeſſen auf dem Felde bei dem ernſten und traurigen Geſchäft, welches dem Tage nach der Schlacht zuſteht. Am Ronco unweit der Brücke, auf welcher das Heer Gaſton's den Fluß überſchritten hatte, lag eine Mühle, von blühenden Bäumen umgeben. Das Getriebe ſtand ſtill, halb zerbrochen blickte das Rad über das Waſſer— Müller und Knappen waren längſt entflohen. Aber vor dem Hauſe war es nicht einſam— eine Gruppe von drei Perſonen ſtand unter den Bäumen und ſchien in tiefem Schwei⸗ gen nach der niedern Thüre, welche in das Haus führte, hinüberzulauſchen; in einiger Entfernung ſah man einen gedrängten Trupp von Kriegern, ſie hatten ihre Spieße in die Erde geſtoßen, und waren 1857. VII. Heimath und Ferne. II. 13 194 ebenfalls ſtill, nur ſelten wechſelten ſie ein leiſes Wort oder eine Frage. „Daß auch die beſten das Loos trifft!“ hörte man. „Was haben wir nun!“ ſagte ein anderer. Alles ſchwieg. In dieſem Augenblicke mochten die armen deutſchen Knechte wohl fühlen, daß ſie beſſer in der Heimath geblieben wären, ihre Kraft und ihr Blut nicht Fremden zu opfern. Aber ſolche An⸗ wandlungen gingen immer ſchnell vorüber. Die kleine Pforte öffnete ſich: ein Greis im geiſtlichen Gewande trat heraus. Ihm entgegen eilte der jüngſte und ſchlankſte von den dreien, welche vor dem Hauſe weilten.—„Wie fandet Ihr ihn, hochwürdiger Herr?“ fragte er mit banger Stimme. „Wie es einem Chriſten geziemt,“ antwortete der Kaplan ernſt. „Ihr habt nicht blos Balſam für die Seele— man hat mir geſagt, daß Ihr auch ein Arzt ſeid. Vermag Eure Kunſt nichts?— O rettet, rettet ihn! Ich bin nicht arm, wie ich ſcheine, ich beſitze noch viel Schätze, ſicher geborgen in treuer Hut. Nehmt ſie, nehmt alles, was ich habe, nur rettet ihn!“ „Habt Ihr ihn ſo lieb?“ fragte der Kaplan mitleidig. „Ich liebe ihn mehr als mein Leben! Ich ver⸗ 195 lange nichts mehr auf Erden, nur daß er gerettet werde— nicht für mich! Ich habe keinen Anſpruch auf ihn— ich will mein Antlitz verhüllen und gehen, wenn er gerettet iſt! Hochwürdiger Herr, wollt Ihr Euch nicht erbarmen?“— Der Geiſtliche war erſtaunt und beſtürzt über die Glut und Leidenſchaft, welche ſich ihm hier offen⸗ barte— der irre, flehende Blick, der auf ihn gerichtet war, machte ihn zweifeln, ſanft ſuchte er ſeine Hand, welche der Knabe ergriffen hatte, zu befreien, und ſein Ange richtete ſich fragend auf die beiden andern, deren Gegenwart der Verzweifelnde gar nicht zu beachten ſchien.—„Laßt mich zu ihm!“ rief dieſer plötzlich. „Ich bitte Dich bei allem, was Dir heilig iſt, faſſe Dich!“ bat der ältere, ein Mann mit einem klugen, ſcharfgezeichneten Geſichte.„Willſt Du die letzten Augenblicke eines Sterbenden trüben 2“ „Der Verwundete wünſcht Euch zu ſprechen, Herr!“ wandte ſich der Kaplan zu dem dritten, welcher ſchweigend, aber umſo tiefer erſchüttert, zu⸗ gehört hatte.„Euch, Herr Bernhard von Linden.“ Bernhard gehorchte, indem er einen ſtummen, bittenden Blick auf den Zurückbleibenden warf, der 13½ 196 nun die tonloſe Frage an den Geiſtlichen richtete: „Wie lange kann er noch leben?“ „Gott allein hat die Sandkörner für jeden gezählt,“ erwiederte der Kaplan.„Doch hoffe ich, bis zum Abend.“ Da gab der Knabe den leiſen Bitten des ältern Mannes, mit welchem wir ihn ſchon unter den Pinien am Schlachttage geſehen haben, Gehör und ließ ſich ſeitab führen, wo er ſich mit ihm auf den Raſen ſetzte. Der Geiſtliche ging zu den Knechten, die ihn voll Ungeduld erwarteten, um über den Zu⸗ ſtand ihres geliebten Hauptmanns zu hören: der Kaplan gehörte zu ihnen, er war zu dem Regimente Jakobs von Embs als Seelſorger berufen worden, als dieſer ſeine Fahnen in Tirol geworben hatte, Bernhard trat in die Hütte Er hatte, als der Kampf des Fußvolks mit der Niederlage der Spanier geen⸗ digt hatte, das Gefolge des Prinzen, das er auch in das Gedränge geführt, verlaſſen, um nach denen zu fragen, die ihn angingen, hatte den Tod der beiden Oberſten, Embs und Freiburg, und vieler Hauptleute erfahren und auf einer Bahre von Spießen, zum Tode verwundet, auch denjenigen getroffen, den er vor allen ſuchte und den ſeine Knechte nun, da er noch lebte, vom Schlachtfelde zurück nach der Mühle — 197 trugen, die ſie beim Uebergange über den Ronco be⸗ merkt hatten. Hieher war er ihm gefolgt, hatte ihm ein Lager bereiten und den Verband anlegen helfen, den der herbeigerufene Kaplan, welcher zu⸗ gleich die Heilkunſt übte, verordnete. Hieher hatten wenig ſpäter auch die Knechte vom Schlachtfelde einen andern gewieſen, welcher überall wie in To⸗ desangſt nach dem Hauptmanne, den jeder im Heere kannte, gefragt, und mit ihm war der ältere Mann gekommen, welcher ihn durch ſtets erneuten Zuſpruch zu beruhigen ſuchte. Welch' ein Wiederſehen, als beide mit Bernhard von Linden vor der Mühle zu⸗ ſammentrafen! Sie hatten ſich verſtändigt, hatten dann die Nacht unter den Bäumen durchwacht, aber nur Bernhard war zu dem Verwundeten, der bei vollem Bewußtſein war, in die Hütte gegangen, wo der Kaplan nicht von ſeiner Seite wich. Am Mor⸗ gen hatte der Kranke dann zu beichten und die hei⸗ ligen Sakramente verlangt, und, ehe ihm die letzte Wohlthat der Kirche geſpendet werde, Bernhard zu ſich entbieten laſſen, dem er viel zu ſagen habe. Fabian von Schlabrendorff— in Fülle der Kraft haben wir ihn zuletzt geſehen, ſeinen Tapfern den Weg zum Siege bahnend, wir finden ihn auf den Tod verwundet in der verlaſſenen Mühle wieder. 198 Doch bewährte ſich ſeine Heldenkraft auch noch hier; kein Zeichen, als nur die Bläſſe auf ſeinem ſchönen Antlitze verrieth, daß es mit ihm zu Ende und auch ſeine Stimme hatte noch guten Klang, als er den Eintretenden willkommenhieß.—„Setze Dich zu mir,“ ſagte er, wenn auch langſam, doch klar und zuſammen⸗ hängend.„Ich habe gebeichtet, werde das letzte Sakrament empfangen und bin bereit. Mein Herz iſt leichter— doch will ich es ganz vſchiti— zu Dir, Wanda's Sohne.“ Bernhard hatte dicht bei ihm und bat ihn, ſich nicht durch Sprechen aufzuregen. „Es regt mich nicht auf, es thut mir wohl. Du gehſt von hier nach Hauſe zurück, zu— Deiner Mutter, zu allen! Gehſt Du nicht?— O verſprich mir das In der Ferne kein Glück— ſuch' es Dir auf Erde. Sag' es auch meinen treuen Knechten— ſie finden in der Fremde nur Elend und Wunden und ein namenloſes Grab, wie ich.— Hörſt Du, Bernhard? Und nun— ich will Dir alles ſagen; wohl dachte ich, daß es mit mir be⸗ graben werden ſollte, aber ich ſterbe leichter, wenn ich es Dir ſage, Du biſt Wanda's Sohn.“ Von der Ahnung ergriffen, die ihn ſchon be⸗ wegt hatte, ſeit er mit Schlabrendorff wieder zuſam⸗ . 199 mengekommen war, bat ihn Bernhard, die Vergan⸗ genheit ruhen zu laſſen, wie auch ſeine Mutter oft gegen ihn ausgeſprochen habe. „Ruhe kann ich nicht finden, wenn ich Dir nicht alles ſage. Sei ſtill, höre mich an, unterbrich mich nicht. Hab' ich eine große Sünde begangen, ſo bitte ich ſie um ihre Verzeihung durch Dich: mag ſie mir vergeben, daß ich ſie ſo heiß, ſo unaus ſprechlich ge⸗ liebt habe— und noch im Tode lieben muß, wie reuig ich auch meine Schuld gebeichtet habe. Ich kannte ſie nicht, als ich mit Chriſtine das Verlöbniß ſchloß — o Deine Schweſter war ſo reinen Gemüthes, ſo trefflich, herzgewinnend für alle, die ihr nahten, ich hatte ſie wahrhaft lieb, und meine Verwandten wünſchten den Bund, Dein Vater war mir auch freundlich und alles ſchickte ſich, da ſprach ich, raſch wie ich war, das Wort und erhielt die Zuſage— wie war ich zufrieden in meinem Herzen! Wanda— Eure Mutter ſag' ich, war zu der Zeit abweſend zu einer Feier bei ihren Eltern, zur Jubel⸗ feier ihrer Hochzeit, wie ich glaube, ſie blieb ſehr lange in Polen— und als ſie zurückkam, fand ſie mich als Bräutigam ihrer Tochter und ich lernte ſie erſt kennen.“—— Hier ſchwieg der Verwundete und an den unruhigern Athemzügen konnte Bern⸗ 200 hard wahrnehmen, wie ihn doch die Erinnerung mächtig angriff. Er ſuchte alſo, wie ſehr ihn ſelbſt auch die Enthüllung, die er mit klopfendem Herzen erwartete, betraf, die weitere Aufregung zu verhüten. „Ihr dürft nicht mehr ſagen, ich weiß nun alles,“ ſprach er beſchwichtigend. „Ahnt Ihr es auch, o dann könnt Ihr doch nicht ermeſſen, was ich gelitten habe, wie ich oft nahe daran war, wahnſinnig zu werden oder meinem Leben ein Ende zu machen! Ich ſuchte mich zu be⸗ täuben, ich ſtürzte mich in das tolle Treiben des jungen Adels am Hofe des Königs und auf den Landſitzen— mein Wort wollte ich um jeden Preis halten, aber ich vergaß, wie ich durch mein Thun Chriſtinen's reines und lauteres Gemüth, das kein Falſch und keine böſen Gedanken kannte, be⸗ trüben mußte. Sie machte mir Vorſtellungen— denn wir verlebten den Winter zuſammen in der Königsſtadt, wie es Eurer Mutter Wunſch geweſen war. Ich ſuchte mit Chriſtine darüber zu ſcherzen und verletzte ſie dadurch nur noch mehr— ſtreng und klöſterlich erſchien mir nun ihr Weſen, ach! und wenn ich Vergleiche anſtellte mit jener lebens⸗ vollen Friſche, der Heiterkeit und edlen Freiheit im Umgange—— welchen alle Männer bezaubert 201 ihre Huldigung brachten und welche ſie alle doch mit einem Blick, oft lachenden Mundes, in ehrer⸗ bietigen Schranken hielt— Bernhard! und dennoch wollt' ich mein Wort halten. Da kam die dunkle Stunde, in welche erſt Licht durch Eure Botſchaft mit dem Ringe—“ er machte eine Bewegung mit der Hand nach der Bruſt, wo er den Ring ſeitdem trug, aber der Schmerz der Wunden erwachte da— durch und ließ ihn einen Moment innehalten. Kräftiger, als bezwinge er ſich, fuhr er dann fort. „Es war ein Feſt im Schloß— Tanz und Spiel und wildes Gelage, das die Frauen dann ver⸗ mieden. Ich ſprang endlich auf, das Treiben war mir plötzlich zuwider— ich wollte die andern Ge⸗ mächer ſuchen, wohin die Frauen ſich mit wenigen ältern Herren zurückgezogen hatten; mir brannte das Hirn, in dieſer Stunde trat auf einmal mein ganzes Unglück vor mich hin und wie ich im einſamen Gange aufſchaue, ſteht, die Maske vor dem Geſicht, wie zum Heimgange in kalter Nachtluft ſchon ge⸗ rüſtet, eine Frau vor mir.„Euch ſuche ich!“ klang die Stimme, die ich zu kennen glaubte, und eine weiße Hand ohne Handſchuh, ſtreckt ſich mir ent⸗ gegen. Chriſtine! ihre Stimme und Geſtalt, dieß Wort— ſie wollte mich aufſuchen, ehe ſie ging, 202 mich warnen, abmahnen— ich bedachte nicht, wie ſolcher Schritt ihrem Sinne widerſprach, ich fühlte in dieſem Augenblicke nur mein ganzes Unrecht gegen ſie, faßte die ſchöne, weiße Hand, drückte ſie an meine Lippen:„Geliebt!“ rief ich— und ſchlang meinen Arm um ſie, wollte ſie an meine Bruſt ziehen und ihr von neuem geloben— weh mir! was ich nicht halten konnte Sie aber trat heftig zurück— wollte ſprechen— da hört' ich Tritte, fremde Stimmen— ſie eilte hinweg, mir blieb nur der Ring, den ich gewaltſam von ihrem Finger zog— zum Gedächt⸗ niß der Stunde! wie ich ihr zurief. O ich weiß nun, daß es nicht Chriſtine geweſen! Am andern Tage lag es mir ſchwerer denn je, auf der Bruſt, und ein finſterer Trotz bemächtigte ſich meiner Seele— ich kam in das Haus, wo Eure Eltern wohnten, ich begegnete zuerſt Eurer Mutter, ſie hatte nur einen Blick der Verachtung für mich, den ich nicht ver⸗ ſtand, und verließ das Zimmer, ehe ich Muth zur Frage gewann— gereizt, aber doch im wildeſten Rauſche einer Leidenſchaft, die jede Begegnung wieder ſteigerte, ſah ich gleich darauf Chriſtine eintreten: ruhig, ſtreng— ich wähnte kalt. Was ſie mir ge⸗ ſagt, war es eine Bitte, ein Vorwurf, ich weiß es nicht— daß ich ſie beleidigt haben muß, iſt 203 gewiß, eine Anſpielung auf geſtern vielleicht, wo ſie mich im einſamen Korridor aufgeſucht, der Ring, den ich ihr vorhielt— ich weiß nichts mehr. Sie hatte mich verlaſſen, der Ring war nicht mehr in meiner Hand, ich mußte hinaus in freie Luft, jagte mein Pferd halbtodt am Ufer der Moldau und als ich abends wieder in meine Wohnung kam, da fand ich Chriſtinen's Brief, der mit mir brach. Ob es ihr ſchwer geworden, ich glaube es nicht— das rechte hatte ſie gefunden, mit mir kein Glück! Seit der Zeit habe ich die Heimath wieder nicht geſehen!“— Bernhard legte ſeine Hand auf die des Ver⸗ wundeten und drückte ſie leiſe— zu ſprechen war ihm nicht möglich, und beide hatten ſich nun auch wohl wenig mehr zu ſagen. „Kein Glück mit mir!“ begann der Leidende wieder, aber nun mit ſchwächerer Stimme.„Nimmer hätte es eine andere an meiner Seite gefunden, auch wenn ſich alle Hinderniſſe geebnet hätten— meine Liebe konnte ich ihr doch nimmer ſchenken, die iſt ewig. Seht Ihr das arme Kind wieder— ſo ſegnet ſie von mir—“ „Wollt Ihr es ſelbſt?“— fragte Bernhard leiſe.—„Sie iſt hier— vielleicht findet ſie Frieden, wenn ſie noch einmal Euch ſieht—“ 204 „Fiorina?— Sie iſt hier!“ rief der Kranke tiefbewegt.„Verdiene ich ſoviel Treue! O laß ſie kommen!“ Bernhard ging und mit ihm kehrte der bleiche, ſchöne Knabe zurück: Fiorina Diodati war es, wir haben ſie längſt in dem fremden Gewande erkannt. Unſichern Schrittes ſchwebte ſie zu dem Lager des Todkranken, kein Gedanke irdiſcher Scham trübte in dieſem Moment ihre reine Seele, ſie kniete zu Füßen des Lagers nieder und küßte die Hand, welche ſich ſchwach erhob, ſie zu grüßen. „Fabio!“ hauchte es von ihren Lippen und ihr Auge ſuchte in unausſprechlicher Angſt das ſeinige. Noch war es nicht gebrochen, ja es leuchtete wie in höherer Verklärung, und ein mildes Lächeln, das im Leben dieſem kühnen Antlitz in ſeiner Hel⸗ denſchönheit ſelten genaht war, zog wie ein Sonnen⸗ ſchein über ſeine Züge. Sprechen konnte er nicht viel mehr— er war erſchöpft, aber er legte die Hand auf Fiorina's dunkles Haar und flüſterte: „Gott ſegne Dich!“ Da erſchien auch des Geiſtlichen ehrwürdige Geſtalt in der Thüre und hinter ihm wurden noch viel an⸗ dere, dem Sterbenden bekannte und vertraute Ge⸗ ſtalten ſichtbar Sein Ange leuchtete auf—„Laßt 205 ſie alle, alle kommen!“ ſagte er noch einmal mit klarer Stimme, und ſie kamen herein, die wenigen Hauptleute der Deutſchen, welche den Tag von Ra⸗ venna überlebt hatten, mit ihnen mehrere der fran⸗ zöſiſchen Edelleute, welche ſn ſtarken, ſchönen Sach⸗ ſen immer bewundert hatten, zuletzt in der Beſcheidenheit, die ſein ſchönſter Schmuck war, der edle Bayard, der Ritter ohne Furcht und Biberund hinter den Führern, ſoviel der Raum faſſen konnte, viel deutſche Knechte. Sie nahmen Abſchied von dem Waffen⸗ bruder und verließen ihn dann, damit er in Frieden von der Hand des greiſen Kaplans das letzte Sa⸗ krament empfangen konnte. Nur Bernhard und Fio⸗ rina und der Oheim, welcher ſie hergeleitet hatte: Marco Marani, blieben bei der heiligen Handlung zugegen und beteten für das Heil ſeiner Seele. Eilftes Kapitel. Letzte Kunde. Mehrere Wochen waren ſeit dem Oſterfeſte vergangen, viele Verhältniſſe hatten ſich abgeklärt: alles war anders gekommen, als man erwartet hatte. 206 Wer hätte das geglaubt, nach dem furchtbaren Schlage, deſſen Kunde wie ein Erdbeben ganz Italien er⸗ ſchütterte, ſo daß die Signoria zu Venedig im erſten Schrecken ſchon um jedei reis den Sieger befriedigen wollte, daß die Kardinäle zu Rom den Pabſt in ſeiner ehernen Unbeugſamkeit beſtürmten, Frieden mit Frankreich zu ſchließen, daß in Neapel die Em⸗ pörung der Barone für das Haus Anjon frech ihr Haupt erhob? Der Sieg, welcher ganz Italien den Franzoſen zu unterwerfen drohte, war ohne bedeu⸗ tende Folgen geblieben. Dieſe Verhältniſſe und warum ſie ſich ſo ge⸗ ſtaltet hatten, beſchäftigten die Gedanken eines Mannes, der zu heißer Mittagsſtunde, die Gluten nicht achtend, welche der Sonnenball vom wolkenleeren Himmel ausſtrömte, auf der höchſten Rundſtufe des uralten Baues ſtand, welcher noch heute Veronas Stolz iſt: der Arena. Vierzehn Jahrhunderte waren damals ſchon vorübergegangen, ſeit Antoninus Pius, wie man annimmt, dieß Rieſentheater, das zwanzigtauſend Men⸗ ſchen faſſen kann, erbaute und das dunkle Granitgemäuer ſtand unverwüſtet, wie es noch heute, dreihundert Jahre ſpäter, auf ſeinen mächtigen Arkaden ſteht.— Auf dem höchſten der fünfundvierzig Steinfreiſe des Amphitheaters weilte der Fremdling an dieſem Tage nicht zum erſtenmale; man hatte ihn ſchon ſeit längerer Zeit faſt täglich oben geſehen, wie er ſich auch viel an andern Punkten der Stadt, vorzüglich auf dem engen hrenple d de prächtigen Denkmäler der Signori della Seala ſtehen, blicken laſſen. Manche ſchlanke Veron e dem ſchönen Fremden durch ihren weißen, ſamen Schleier einen Blick ihrer Feueraugen geſchenkt, den der Blöd⸗ ſinnige, wie ſie ihn dann ſchalt, nur nicht bemerkt hatte. In der That achtete er aber auf wenig, was außer ihm vorging, und wenn er faſt täglich die Stufen in der Arena erſtieg, ſo war es nicht, um ſich der herrlichen Ausſicht auf die blühende Ebene, das goldene Band der Etſch und die Stadt mit ihren Prachtgebäuden aus allen Jahrhunderten ihrer Exiſtenz zu erfreuen, nicht des Fernblicks in die grüne Niederung, wo Mantnas ſchwimmende Reis⸗ felder liegen und nördlich zu den ſchimmernden Al⸗ penhöhen, mit ewigem Schnee bedeckt, ſondern es war, um hier ungeſtört, wie ein Aar auf ſeinem Felſenhorſte, ſich ſelbſt überlaſſen zu ſein, bis endlich die Stunde der Erlöſung aus dem Banne ſeines Verſprechens, das ihn zu Verona feſthielt, ſchlagen würde. Sie ſchlug ſpät, aber ſie überraſchte ihn doch. 208 Er hatte an dieſem Tage— es war Himmelfahrtstag — länger als gewöhnlich verweilt und ſprang end⸗ lich von Stufe zu Stufe hinunter, als ihm aus einer der Arkaden vom her ein freudiger Ruf entgegenſcholl. „Muß ich Dich ſcen von einem Ende zum andern in Wälſch⸗Bern? Und finde Dich hier, wie einen Achleten oder Gladiator in der Arena? Sieh mich nur nicht für einen Löwen oder ein anderes reißendes Thier an und falle mir auf den Hals— lieber um den Hals, Junge!“ Das waren deutſche, herzliche Klänge. Beide umarmten ſich, froh des Wiederſehens, das ſich nur allzulange für den Wartenden verzögert hatte.— „Ja, mein Bernhard,“ erwiederte der Alte und das herzliche Lachen, das noch ſoeben ſein ſtarkes, gut⸗ müthiges Geſicht verzogen hatte, verlor ſich gleich —„das war nicht zu ändern. Komm, ich erzähle Dir das im Gehen.— Ich war denn, Du weißt, beim Andrea Diodati in Venedig. Dort wollt' ich hören, was wir in Brescia nicht hatten erfahren können. Du ſuchteſt das Heer des Prinzen Gaſtun auf, der nun gefallen iſt, der junge königliche Held! wie auch unſer armer Fabian Schlabrenburff— Gott ſchenke ihm eine ſelige Auferſtehung! Du ſiehſt, ich weiß alles. Denn die Fiorina kam, als ich eben abreiſen wollte, und die Tochter meines alten Freundes mußte ich erſt geborgen ſehen, das iſt es, warum ich ſo ſpät nach Verona komme.“ „Und iſt Fiorina denn geborgen?“ fragte Bern⸗ hard.„Sie war verſchwunden, während wir den Entſchlafenen die letzte Ehre erzeigten; geheimniß⸗ voll, wie ſie plötzlich mit ihrem Oheim erſchienen war, iſt ſie auch wieder hinweggegangen, und da ich ſie in beſter Obhut wußte, hatte ich keinen Grund und kein Recht, weiter nach ihr zu forſchen. Gott tröſte ſie! Wie habt Ihr ſie verlaſſen? Sie iſt doch in Venedig.“ „Nicht mehr,“ erwiederte Haugwitz mit einem Seufzer.„Ihr ſollt alles mit einemmal erfahren. Sie iſt in einem Kloſter oben in den Bergen.“ „Freiwillig?“ fuhr Bernhard auf. „Aus eigenem freiem Willen, eigentlich jetzt gegen den Wunſch ihrer Verwandten in Venedig, die ſie gern bei ſich behalten hätten. Sie hat mir an Euch noch einen wahrhaftigen Gruß aufgetragen: Ihr ſolltet daran denken, was ſie Euch in ihres Vaters Garten zu Brescia geſagt, als ſie Euch das letztemal geſehen habe. Die heiligen Mauern ge⸗ währen kranken und gebrochenen Herzen eine Zu⸗ 1857. VII. Heimath und Ferne. I. 14 210 flucht— damals habe ſie noch Kraft und Muth gefühlt, zu kämpfen mit der Welt, ſich eine eigene Bahn, wenn ihr auch das Glück des Lebens verſagt ſei, wenigſtens in Freiheit zu brechen, nun ſei das alles vorbei und ſie ſehne ſich nur nach Stille und Frie⸗ den.— Das hat ſie mir für Euch geſagt, und was ich ſonſt über die Geſchichten in Brescia erfahren habe, das weiß ich nicht von ihr, ſondern von dem alten Marani und von einer Magd, die beim Dio⸗ dati gedient und die ich auch noch von frühern Zei⸗ ten her kenne— ſie hat mir manchen Labetrunk edlen Weines gebracht.“ „Die Ragna? Sie iſt gerettet und ihre Her⸗ rin, Frau Margherita?“ Haugwitz ſchüttelte traurig den Kopf.„Die konnte wohl ſo etwas nicht überleben.“ „Wie?“ rief Bernhard erſchreckend.„Gott wolle nicht, daß ich Euch recht verſtehe!“ „Nicht doch!“ entgegnete Haugwitz.„Kein Menſch hat Hand an ſie gelegt, noch weniger konnte eine ſolche Sünde, wie Ihr denkt, in ihren Sinn kom⸗ men, denn ſie war eine fromme Frau. Aber ſie hatte nicht Kraft, dem Unglück, wenn es über ſie kam, zu widerſtehen; ſchon, als Fivrina vorher vom Prinzen Gaſton ausgezeichnet wurde, dann die Geſchichten W— N — W— M 211 mit den leichtfertigen franzöſiſchen Herren und Fa⸗ bian Schlabrendorff's Dazwiſchentreten mit allem, was daraus entſtand, hatten ſie die Unruhe und Sorge auf das Krankenlager geworfen— und als ſie bei Fiorina's Rückkehr nun gar erfuhr, wie es mit dem Herzen ihres Kindes ſtand, da hat ſie keine recht geſunde Stunde mehr gehabt, nun der Feind in der Stadt, ihr Herr unterm Thore gefallen, wie unver⸗ ſtändige Menſchen ihr gleich ins Haus geſchrieen— wie ſollte ihr da das Herz nicht brechen? Die alte Ragna hat ſie mit dem Marani, der ſich noch während des Kampfes eingefunden, nach der Ruine getragen, die kennt Ihr nicht, ein alter Cerestem⸗ pel, dort haben ſie ſich verſteckt, und kein Feind iſt hineingekommen— was hätten ſie unter zerbroche⸗ nen Säulen und Bergen von Schutt, wo nur Stech⸗ apfel und Brenneſſeln wachſen, geſucht? In der Nacht hat ſich dann die treue Alte hervorgewagt und ihre todte Herrin auf den Gottesacker der nächſten Kirche gebracht, daß ſie die geiſtlichen Herren, wenn es an der Zeit, in geweihter Erde begraben möchten — und mit dem Marani hat ſie dann auf geheimen Schlupfwegen, wie viele, die Stadt verlaſſen.“ „Wo aber hat Marani ſeine Nichte wiederge⸗ funden?“ fragte Bernhard.„Es war nicht Zeit, 14 212 mit ihm von vergangenen Dingen zu reden— ich weiß von unſerm gefallenen Freunde, auf welche Weiſe er Fiorina vor dem allgemeinen Schickſal be⸗ hütet hat, wenn ich auch nur vermuthen kann, wie ſie dann aus der Stadt ſich gerettet, was gleichgil⸗ tig iſt. Aber wie hat ſie den einzigen ihrer Ver⸗ wandten und die Ragna dann gefunden?“ „Das hat mir die Ragna auch erzählt. Die Menſchen, die aus der Stadt entflohen ſind, haben ſich in allen Richtungen, wo ſie den lauernden Rei⸗ tern nicht in die Hände zu fallen glaubten, zerſtreut, ſehr viele ſind nach den Bergen und zu den Seen hinaufgeflohen, und auch Marani, weil die Ragna dort eine Schweſter hat, Ihr kennt ja die gute Wir⸗ thin aus der Perle am See von Iſev, wohin ich Euch beſchieden hatte, das iſt ſie. Mit der Villa, die ich mir kaufen wollte, um meine alten Tage nicht unſtät zu beſchließen, iſt nun nichts geworden, doch was red' ich von mir! Die Ragna hatte alſo dem Marani vorgeſchlagen, dorthin zu gehen, wo ſie in aller Sicherheit beſſere Zeit abwarten könnten. Aber auch Fiorina war in dieſe Richtung verſprengt worden, hatte ſie auch wohl, da ihr die Ragna voft von ihrer Schweſter und von der hübſchen Wirthſchaft am See erzählt hatte, abſichtlich gewählt. Genug, ————.—.— ————.—.— 213 Fiorina war früher in der Perle geweſen als jene, und hatte der guten Padrona— doch das geht Euch nichts an, ich kann Euch davon nichts ſagen, wenigſtens jetzt nicht, vielleicht in Zukunft, ſo Gott will! Daheim, daheim!“ Bernhard ſah ihn trotz des Antheils, der ihn nur auf die Thatſachen achten ließ, etwas verwun⸗ dert an, da Haugwitz offenbar verlegen war und ſich, wie es ſchien, feſtgeredet hatte. Er kam ihm aber unwillkürlich durch ſeine Bitte, ihm nur Fiorina's weitere Schickſale zu berichten, zu Hilfe. „Ja, wenn ich ſie gekannt hätte! Wenn Ihr nicht durch die Nachrichten in Gardone aufgehalten worden wäret! Ihr hättet mit ihr in eine Barke gerathen können, da der Cecco, der Sohn der Per⸗ lenwirthin, nur auf Euch wartete. Denn er brachte ſie ja, da Ihr ausbliebt, herüber. In Knabentracht, die ihr eine mitleidige Frau unterwegs in einer Caſina geſchenkt, wie ſie nachher der Ragna geſagt hat. O hätte ich gewußt, wer der bildſchöne Knabe war, der ſo bitterlich weinte, als die Padrona zu ihm kam! Aber ich hatte ſie ja nur als Kind vor vielen Jahren geſehen, und wie konnte ich das den⸗ ken! Der Wirthin hatte ſie ſich entdeckt und ihr dann ein Pfand anvertraut— doch davon red' ich nicht, 214 hatte für den äußerſten Fall noch am Abende vor dem Sturm ſeiner Tochter ſelbſt das beſte hinge⸗ bracht. Aber davon hoffentlich einmal ſpäter!“ Er ſah den jungen Freund mit liebevollen Augen an, wie einer, dem das Herz überfließen will.„Denkſt Du denn gar nicht mehr an unſere alte Schleſing?“ rief er. f der Filippo war aber ein vorſichtiger Mann und Die ſeltſame Frage, welche ſo gar nicht in die Erzählung paßte, traf dennoch, eben weil ſie uner⸗ wartet war, Bernhard, wie des Alphorns Klang den ausgewanderten Schweizer. Er ſah die traute Hei⸗ math vor ſich, all' die lieben Stätten, wo er einſt ein glücklicher Knabe umhergeſchwärmt oder als Jüngling ſich ſeiner ſtillen phantaſtiſchen Welt hinge⸗ geben hatte, er ſah die theuren Menſchen alle und in ihres Kreiſes Mittelpunkt das holde Bild, dem nur ein Zauber der Selbſttäuſchung, von den Sin⸗ nen geboren, durch den Reiz des fremdartigen und räthſelhaften genährt, ihn eine Zeitlang abtrünnig gemacht hatte, das aber immer wieder— wir wiſ⸗ ſen es!— in ſeines Herzens Heiligthum aus den zer⸗ rinnenden Nebeln des Truggewebes leuchtend her⸗ vorgetreten war. So licht und lebendig in dieſem Momente, daß er die Hand des alten Freundes er⸗ —— —————————— — 215 griff und bewegt ſagte:„O doch! Doch iſt ſie mir unvergeßlich, die alte Heimath, und ich denke an ſie früh und ſpät.“ „So laß die Ferne fahren!“ rief Haugwitz freu⸗ dig.„Kehre mit mir um!“ „Das kann ich nicht!“ verſetzte Bernhard.„Wenn ich den meinigen helfen könnte, wenn ich den El⸗— tern das verbrannte Haus ſchöner aufbauen, ſie in ſorgenfreie, glückliche Lage verſetzen, dem theuren Großvater auf dem alten Stammſitze wieder die Stätte bereiten könnte, und—— Dann, ja dann käme ich mit Euch Aber—“ „Das kannſt Du, wenn Du nur willſt!“ rief Haugwitz mit leuchtendem Angeſicht.„Höre mich!“ „Nein, Herr von Haugwitz! Was Ihr mir auch ſagen wollt, meine Ehre gebietet mir feſtzu⸗ bleiben. Ich ahne Eure großmüthige Abſicht, aber ich darf ſie nicht annehmen, es würde mich vor mir ſelbſt erniedrigen, würde mir das Gefühl nicht geben, das ich durch eigene Kraft zu erringen hoffe. Einſt komme ich zur Heimath zurück, ganz gewiß! Was ich in der Ferne erlebt, an Erfahrungen bitterer und trauriger Art gewonnen habe, das iſt für mein gan⸗ zes Leben von Wichtigkeit— davon ſollt Ihr Euch 216 überzeugen. Bis dahin verzeiht, wenn ich Euer edles Erbieten nicht annehmen darf.“ „Ach Du lieber Gott, von mir, denkt Ihr?“ ſagte Haugwitz, und ſich beſinnend fuhr er fort: „Wenn Ihr denn durchaus nicht wollt, Trotzkopf, Rath und Hilfe daheim nicht von mir anneh⸗ men wollt, ſondern lieber als ein großer und rei⸗ cher Herr aus eigener Mache Eure Auffahrt in Läß⸗ nitz zu halten gedenkt, corpo di Bacco! ſo verſucht Euer Heil. Ich gehe nach Hauſe. Was Ihr mir aufzutragen habt, will ich beſtellen. In Prag ſehe ich wohl zuerſt den Landeshauptmann, Euren Herrn Großvater. Dem werde ich ſagen: Ihr ſeid zwar ſchon hoch in die achtzig, aber geduldet Euch nur noch ein dutzend Jahre, dann ſollt Ihr Euren Ehrenplatz wieder unter der alten Linde in Läßnitz haben.“ „Das verdiene ich nicht!“ verſetzte Bernhard von dieſer Wendung verletzt. „Nein, wahrhaftig nicht! Das war dumm von mir— kränken wollt' ich Euch nicht!“ rief Haug⸗ witz.„Weiß der Himmel, ich bin ein ſchlechter Ambaſſador, verſtehe nicht zu unterhandeln und ver⸗ geſſe alle Augenblicke, was ich ſagen darf und was nicht! Es wird denn ſchon ſo am beſten ſein, Ihr geht —, — 217 zum Kaiſer und ſucht Euren Weg zu Ehren und Glück, ich aber gehe nach Hauſe und beſorge das andere.— Mein alter Heinrich wird ſich freuen, wenn ich ihm von Euch erzähle, und die Frau Mut⸗ ter auch; wenn ich kann, will ich auch meine Pathe Erdmuthe in Marienſtern beſuchen. Die Kleine, wenn ſie verheirathet iſt, wird ſich um mich nicht kümmern, die ſuch' ich nicht auf. Nun, Bernhard, Du ſiehſt ja immer finſtrer d'rein— biſt Du denn rachſüchtig geworden, wie ein eingeborner Italiener?“ Bernhard gab ihm die Verſicherung, daß er ihn nicht verkenne und ihm ſtets dankbar für ſeine Freund⸗ ſchaft bleibe. Dann bat er ihn, wenn es irgend möglich ſei, ihm bald Nachrichten zukommen zu laſſen, wie er alles in der Heimath gefunden habe, bei ſeinem ungewiſſen Aufenthalt ſei es bisher ſchwierig geweſen, nun aber werde er vor der Hand dem Kai⸗ ſer folgen, an deſſen Hoflager ja fortwährend Bot⸗ ſchaften aus allen Theilen des Reiches kämen, ſo könne es vielleicht über Prag, wo der Großvater ſie vermitteln werde, geſchehen. Es koſtete Bernhard Ueber⸗ windung hinzuzuſetzen:„Wenn Ihr einmal in Prag ſeid, bitt' ich Euch, doch nach meiner Verwandten Barbara von Linden zu fragen— denn— ich 218 möchte wiſſen, an wen ſie verheirathet iſt— und ob ſie glücklich iſt.“ „Möchtet Ihr das!“ rief Haugwitz.„Per Dio santo!“ „Was ſoll das heißen?“ fragte Bernhard, und ſein Antlitz erglühte. „O Ihr verdient gar nicht— doch was hilft alles Reden! Ich hab' Euch ja ſelbſt in den Sat⸗ tel geholfen, und Euch das heimtückiſche Thier ge⸗ geben, das Ihr nachher kennen gelernt habt, Ihr ſeid in alle Welt geflogen, wie das Vöglein, das Ihr der Bärbel geſchenkt, unterdeſſen iſt Läßnitz ab⸗ gebrannt, was eine ſcharfe Aufſicht vielleicht verhütet hätte, die Eltern ſitzen auf dem Auszugtheil, der Großvater muß wieder zu Hofe fahren und die Bärbel hat vielleicht Einen genommen, den ihr jun⸗ ges Herzel halt nicht mag. 4 „Wer konnte ſie zwingen?“ rief Bernhard. „Und wenn ſie's nun gethan hätte, um dem Großvater wieder einen ruhigen Platz für ſein wei⸗ ßes Haupt zu ſchaffen? Was ſagt Ihr nun, junger Menſch?“ „Ihr wißt das?“ rief Bernhard außer Faſſung. „Ich weiß nichts, auf mein Wort! Aber es könnte doch möglich ſein.— Das hilft nun alles X2 S 6— 219 nichts mehr, ich will aber nachſehen und Ihr ſollt Antwort haben, verlaßt Euch d'rauf“ Er beobach⸗ tete den Freund, welcher verſtummt neben ihm ging, eine Weile blinzelnd unter ſeinen buſchigen Augen⸗ brauen von der Seite, und ein Lächeln, das er zu verhehlen ſuchte, nahm mehr und mehr überhand.— „Wenn ſie nun aber nicht verheirathet iſt,“ ſagte er dann,„wenn ſie noch bei dem alten Herrn iſt und ihn treulich pflegt, meint Ihr nicht, ſie kann eher warten, wie ich vorher ſagte, auf einen großen und reichen Vetter aus der Ferne, denn ſie iſt erſt ſieb⸗ zehn Jahre alt, ſoviel ich weiß?“ „Wollt Ihr mein ſpotten?“ entgegnete Bern⸗ hard, aber man ſah ihm an, wie er durch dieſen Gedanken in Aufregung geſetzt wurde.. „Sollte ſie älter ſein?“ verſetzte Haugwitz, ohne ſich ſtören zu laſſen.„Ich habe ſie einmal gar für meine Pathe Erdmuthe oder wie Ihr ſie nennt Chri⸗ ſtine gehalten, worüber ich mich noch ſchäme.— Schämt Ihr Euch, Bernhard!“ fiel er plötzlich aus. „Gegen einen alten Freund hinterliſtig, wie ein Stra⸗ diot! Warum ſagt mir nicht offen, wie es ſteht? Bin ich der Mann, Euch zu verrathen? Oder helf' ich etwa nicht, wo ich kann?“— Sie hatten wäh⸗ rend ihres Geſpräches ſchon längſt das Haus erreicht, 220 wo Haugwitz ſeine Wohnung genommen hatte und ſtanden noch immer, allen Vorübergehenden auffällig, welche ihnen finſtere Blicke ſchenkten, da ſie die fremde Rede nicht verſtanden⸗ „Kommt herein!“ ſagte der Alte jetzt.„Ihr ſollt mir nun Euer Verſprechen halten. Wenn alles hier ſich entſchieden, ſollte ich erfahren, was Euch mit Schlabrendorff begegnet iſt. Ich habe Euch er⸗ zählt, was ich zu erzählen hatte— nun iſt an Euch die Reihe.“— Bernhard folgte ihm in das Haus, und als ſie im Zimmer allein waren, erinnerte er ihn daran, daß er ſeine Erzählung über Fiorina's Geſchick noch nicht vollendet habe. „Die iſt bald zu Ende. Das arme Kind! In der Perle blieb ſie zu Nacht bei der Wirthin, wel⸗ cher ſie zum Aufheben— ihr gerettetes gab; dann wollte ſie auf gut Glück weiter, wohin? das hat ſie nicht gewußt, meinte die Ragna, ich glaube es aber doch— ſie war viel zu feſt, nicht abzubringen nachher— Du lieber Gott! im Kloſter iſt ſie am beſten aufgehoben, nach allem, was ſie erlebt hat. Aber da kam ſie zu ihrem Oheim Marani, der am See ein Landhaus hat, ſie wußte ſchon, daß er ent⸗ kommen und die alte Magd ihm gefolgt ſei— die Frau, bei der ſie die Kleider gewechſelt, kannte die 221 ganze Familie und der Marani mit der Magd war auf ſeiner Flucht kurz zuvor bei ihr geweſen. So kam Fiorina wieder zu ihnen. Dann, als das Heer der Franzoſen ſich nach der Einnahme von Brescia zerſtreut hatte, wollte Marani ſeine Nichte wieder nach Venedig bringen, wo ſie in der Familie An⸗ drea's beſſer aufgehoben ſei als bei ihm, und ſie hatte das auch angenommen, aber nur, um unter⸗ wegs ihren Willen durchzuſetzen, nämlich den Mann, dem ſie nun einmal ihr Herz geſchenkt hatte, noch einmal zu ſehen, ihn zu ſegnen— wie ſie es durch⸗ geſetzt und wieder in Knabentracht mit ihm den Reiſezug verlaſſen, mit welchem viele Menſchen den Weg nach dem ſichern Venedig genommen hatten, dasf weiß ich nicht, ebenſowenig, wie ſie die Spur des Heeres gefunden haben, denn die Ragna hatte bei dem Reiſezuge mit allen Habſeligkeiten bleiben müſſen. Daß ſie aber vor Ravenna gerade zur Schlacht gekommen ſind und was ſich dann weiter begeben hat, das wißt Ihr beſſer als ich. In Ve⸗ nedig fanden ſie mich dann, wie ich Euch geſagt habe, und ich— ich mußte mich noch zu beſondern Dingen verpflichten, die— die einmal künftig zu beſprechen ſind. Marani geleitete ſie von der Perle — ich meine, von Venedig aus, nach dem Kloſter in —————————— 222 den Bergen, das ſie ſich erkoren hatte, und ging dann auf ſein Landhaus zurück, wo er den Frieden abwarten will. Die Ragna, die einmal zu den Dio⸗ dati gehört, iſt in Venedig beim Andrea geblieben. So iſt denn alles beſchloſſen und entſchieden und nun gebt Ihr mir, was Ihr verſprochen habt!“ Konnte ſich Bernhard dem Wunſche verſagen? Und war es ihm nicht eine Herzenserleichterung, ſich gegen den treuen Freund ſeiner Familie auszuſprechen? Vieles zwar, deſſen Zuſammenhang ihm ſelbſt dunkel war, blieb nur der Vermuthung überlaſſen, aber wie vieles bleibt uns ein dunkles Räthſel im Leben, weil es ſeinen Urſprung nimmt in der unergründeten Tiefe des Menſchenherzens! Spät erſt wandte ſich ihre Unterhaltung auf die öffentlichen Angelegenheiten, welche nun für Bern⸗ hard von höchſter Wichtigkeit waren, da ſeine Zu⸗ kunft ſich nach ihnen geſtalten mußte. Der Fall Gaſton's hatte die Benutzung des Sieges von Ra⸗ venna gelähmt; la Palice, welchen das Heer einſt⸗ weilen zum Oberfeldherrn gewählt und der Kardinal San Severino, der vonſeiten des papſtfeindlichen Konzils zu Piſa dabei war und ſogar in ſeiner rie⸗ ſigen Geſtalt von Kopf zu Fuß in Stahl gepanzert an der Schlacht theilgenommen hatte, waren un⸗ einig über die nächſten Operativnen: beide wollten befehlen, keiner ſich fügen. Nach Süden hin wollte dieſer raſch auf Rom marſchiren, nach Norden hin jener vorerſt das Land gegen den drohenden Ein⸗ fall der Schweizer decken. Mittlerweile zogen auch die deutſchen Landsknechte auf Befehl des Kaiſers ab, nachdem ſie in ihrer Ehrlichkeit noch ſechs Tage ausgehalten, weil ſie doch auf ſolange noch Sold bekommen hatten— echt deutſch! Nur ein kleines Häuflein, der Reichsacht trotzend, unter dem Grafen Emicho von Leiningen und dem rothbärtigen Hans von Brandeck, blieb zurück, um dreizehn Jahre ſpä⸗ ter, nachdem es wieder zu einer ſtarken Schaar an⸗ geſchwollen war, auf dem Schlachtfelde von Pavia von den kaiſertreuen deutſchen Brüdern vernichtet zu werden. Die Feinde Ludwig's XII. hatten Zeit gewon⸗ nen und damit alles. Kein Beiſpiel beweiſt ſo klar, wie von der Benutzung des Sieges erſt deſſen Er⸗ folg abhängt. Schon war Neapel durch den Vize⸗ könig von Sizilien, Don Ugo de Moncada, wieder geſichert, in Florenz bereitete ſich der Sieg der Me⸗ dici über die demokratiſche Partei, die zu Frankreich hielt, vor; die Franzoſen waren bereits in eine defenſive Lage, auf die Behauptung der feſten Plätze, 224 gewieſen, und an demſelben Tage, wo die beiden deutſchen Freunde zu Verona über dieſen ſchnellen Umſchwung der Dinge ihre Anſichten austauſchten, am Himmelfahrtstage, wurde zu Trient ein ſchwei⸗ zeriſches Heer von zwanzigtauſend Mann gemuſtert, das dem Papſte zu Hilfe zog und ſich die Rächer des heiligen Kreuzes nannte. Der Kaiſer hatte den Eidgenoſſen, die ſich zu Chur geſammelt, den Weg durch das Engadin in das Reichsgebiet geöffnet. Da war denn Frankreichs Sache in Italien verloren. Am andern Tage traten Bernhard und Haug⸗ witz ihre Rückreiſe an. Dem Schweizerheere, von deſſen Anmarſch ſie unterwegs, noch ehe ſie Ala er⸗ reicht hatten, Kunde bekamen, wichen ſie ſeitwärts nach dem Monte Malarv aus und ließen die drei Haufen, in welchen es durch die Päſſe aus Tirol herabzog, erſt vorüber, ehe ſie ihren Weg fortſetzten. Beide trennten ſich bald, nachdem ſie die Alpen über⸗ ſtiegen hatten: Bernhard nahm, ſeinem Vorſatze ge⸗ treu, die Straße nach Augsburg, wo zur Zeit das Hoflager des Kaiſers ſein ſollte, Haugwitz, nach herz⸗ lichem Abſchiede, reiſte gen Salzburg und weiter nach Linz. Welchem ſollen wir folgen? Bernhard in die hochgehenden Wogen der Welthändel, an den Rhein, NM— — nach den Niederlanden, in die„Sporenſchlacht“*) von Guinegate, wo der Kaiſer Marimilian im Silberhaar auf derſelben Stelle ſiegte, auf der er einſt als Jüng⸗ ling glorreich gekämpft hatte? Manch' ſchimmerndes Bild könnten wir unſern Leſern bieten, von Ehren zu Ehren Bernhard von Linden begleiten, der Gnade des Kaiſers ihn theilhaftig werden, ſie mehr und mehr verdienen ſehen. Aber aus der Ferne zur trau⸗ ten Heimath folgen wir lieber dem redlichen Freunde, der ſich viel Sorgen macht, wie er alles finden und ob es ihm gelingen werde, das Vertrauen, Fiorina's letztes Vermächtniß, als ſie der Welt und ihrem Glanz entſagt, zu rechtfertigen. Zwölftes Rapitel. Die Heimath. Der Sommer neigte ſich zu Ende. Die Fel⸗ der wurden ſchon leer, der Wind ging über die *) Spottweiſe ſo genannt, weil die franzöſiſchen Ritter, von Kaiſer Max und dem Könige von England über⸗ raſcht angegriffen, mehr die Sporen zur Flucht als die Schwerter zum Kampf brauchten. 1857. VII. Heimath und Ferne. II. 15 226 Stoppeln. Aber es war eine geſegnete Ernte ge⸗ weſen, die Scheunen vermochten den Reichthum nicht zu faſſen und überall ſtanden hochgethürmte Getreide⸗ haufen, Miethen, Fehme, oder wie ſie provinziell genannt werden, im Freien. Das ſchöne Wetter, das die Ernte begünſtigt hatte, währte fort in den September hinein; Tag für Tag blitzte jeden Mor⸗ gen reichlicher Thau aufallen Halmen und Blättern, die Sonne ging ſtrahlend auf und zog ihren flacher werdenden Bogen am kryſtallklaren Himmel, bis ſie im Niedergang die prachtvollſte Abendröthe hinterließ, deren farbige Lichter erſt ſpät erloſchen. An einem ſolchen Tage war es, als längs der Oder, wo ſie im weiten, hie und da verſandeten Bette zwiſchen Weiden ihren Lauf durch mehrere Arme bezeichnet, ein Wäglein, landesüblich mit einer Decke von Leinwand überſpannt, langſam dahinfuhr. Zwei Perſonen ſaßen darin, kein Knecht, der Herr fuhr ſelbſt, und hinter ihm ſchaute eine Frau mit auf⸗ merkſamen, aber nicht freudigen Blicken über die Fel⸗ der hinaus „Von hier konnte man den Schloßthurm ſonſt ſchon ſehen,“ ſagte ſie mit einem Seufzer. „Gib Dich d'rein, Wanda,“ erwiederte ihr Be⸗ gleiter—„Es iſt nicht zu ändern.“ * 2 „Doch wäre es zu ändern geweſen,“ verſetzte ſie,„mit etwas Entſchloſſenheit und Kraft zum Han⸗ deln. Aber ich will nicht mehr davon reden, Hein⸗ rich, Du haſt Recht.“ „Da iſt das Mauerthürmchen— ſiehſt Du's?“ Das kleine Thürmchen mit der Plateform, das zur Umſchau in der Mauer aufgerichtet war, wurde im üppigen Hollundergrün ſichtbar, zugleich aber be⸗ merkte das ſcharfe Auge der Frau von Linden, daß ein Mann oben ſtand. Es mochte der künftige Be⸗ ſitzer von Läßnitz ſein! Sie äußerte dieſen Gedan⸗ ten und wünſchte die unangenehme Begegnung zu vermeiden. Aber ihr Gatte hatte nun ſchon in den feſten Feldweg eingelenkt, welcher zu der Mauer und längs derſelben zu dem großen Eingange des Herrenhofes führte, und wollte, ſoweit gekom⸗ men, nicht wieder umkehren. Sie hatten doch ein⸗ mal den weiten Weg von ihrem jetzigen Wohnorte, dem Landgute ihres älteſten Sohnes gemacht, um von Läßnitz auf immer Abſchied zu nehmen: ſein Wunſch, ſagte Herr von Linden, ſei es nicht gewe⸗ ſen, ſondern Wanda's, und ſie habe ihn durchgeſetzt, obgleich ſie davon nur neue Bekümmerniß haben könne, nun müſſe es, wie er ſich echt ſchleſiſch ausdrückte, ausgetitſcht werden bis zum letzten 228 Tröpfel.. Er machte ſeinem Verdruß durch einen Kreuzhieb auf das magere, polniſche Pferd vor dem Wäglein Luft und im Trabe rollten ſie der Mauer zu, wo der Mann auf dem Thürmchen nicht vom Platze wich. „Wenn es der künftige Herr auf dem Stamm⸗ ſitze Deines Hauſes iſt, ſo wird er doch ſoviel Zart⸗ gefühl haben, uns aus dem Wege zu gehen, ſobald er erfährt, wer wir ſind.“ „Ei warum denn? Von wem könnte er beſſere Auskunft über Feld und Wirthſchaft bekommen, ehe er den Handel abſchließt? Ich bin neugierig, zu er⸗ fahren, wer es eigentlich iſt.“ Wanda ſeufzte ſchwerer als zuvor. Das war es eben, woran alles ſcheiterte! Wunderbar, wie oft der Frauen Seelenkraft und Seelenadel den der Männer überwiegt. Wir meinen damit nicht die heldenkühnen Frauen, deren Namen der Geſchichte angehören: eine Gräfin Francesca, welche zu jener Zeit Miran⸗ dola für ihre Kinder vertheidigte, ſo daß ſich der kriegeriſche Papſt in Perſon gegen ſie erhob; eine Katharina von Foir, des gefallenen Gaſton Kuſine, welche ihrem Gatten, als er ſchmählich ſein Reich verlor, ſagen konnte:„Wärſt Du als Katharina ge⸗ boren und ich als König Johann, ſo wären wir noch — N König von Navarra“— viel andere könnten wir dann noch nennen. Wir haben aber Frauen in beſchränktern Kreiſen im Sinn, deren Geiſt nur im Hauſe und in der Familie wirken kann. Wanda Tarnowska, die Schweſter des Kronfeldherrn von Polen, welche noch als halbes Kind an Heinrich von Linden, damals einen reichen und angeſehenen Edel⸗ mann, verheirathet worden war, hätte nun ihrem Gatten ein ähnliches Wort und mit gleichem Rechte ſagen können, als Katharina von Foir ihrem Ge⸗ mahl. Aber ſie ſchwieg und faßte nur den Fremden auf dem Gartenthurm, der ſich ſchon benahm, als ſei er Herr auf Läßnitz, ſchärfer ins Auge. „Wie?!“ rief ſie plötzlich.„Iſt das nicht Dein Erdmann Haugwitz?“ „So wahr ich lebe!“ ſagte Linden.— Sie fuhren heran, es war Haugwitz in der That, der ſie von oben lebhaft grüßte und ihnen zurief, er werde gleich bei ihnen ſein, worauf er verſchwand. An der Einfahrt kam er ihnen dann ganz außer Athem ent⸗ gegen, hatte auch ſchon einen Knecht bei der Hand, der ſich des Pferdes und Wagens annehmen ſollte. Das abgebrannte Schloß war zwar nicht wieder aufgebaut, aber Ställe und Scheunen, ſoviel die Wirthſchaft erforderte, hatte der Sohn, welcher das 230 Stammgut zu dem ſeinigen noch übernommen, noth⸗ dürftig aufrichten laſſen und ſo auch das nöthige Geſind im Lohn behalten. „Wo kommſt Du her, Erdmann? Wollteſt viele Jahre wegbleiben, mit den Schwalben biſt Du im vorigen Herbſt erſt weggegangen.“ „Und mit den Krammetsvögeln komme ich dieß Jahr ſchon wieder!— Gute Botſchaft, Frau Gevat⸗ terin! Der Bernhard iſt geſund— aber hier iſt kein Ort zum Erzählen, kommt, der Pfarrer hat mich aufgenommen und wird auch ſeine Herrſchaft gern ſehen, ich meine, ſeine alte Herrſchaft.“ Wanda konnte kaum erwarten, Nachrichten von ihrem Sohne zu erhalten, welchen Haugwitz nun ge⸗ ſehen hatte. Bei der weiten Entfernung war es da⸗ mals, trotz des regen Handelsverkehrs, in welchem namentlich die ſüddeutſchen Städte mit Italien ſtan⸗ den, bei dem Mangel regelmäßiger Verbindungen überaus ſchwierig, Nachrichten aus der Fremde zu bekommen und ein einziger Brief, kurz vor Bernhard's Abreiſe nach der Levante geſchrieben, war alles, das bis jetzt ihr Mutterherz von ihm erfreut hatte. In⸗ haltſchwer für ſie war jener Brief auch geweſen, da er ihr die Erfüllung ihres Auftrages für Schlab⸗ rendorff meldete, aber das Räthſel blieb noch immer 231 ungelöst und ſie hoffte vielleicht heute mit der frohen Kunde von Bernhard's Wohlergehen mehr zu er⸗ fahren. Beim Pfarrer, der ſie mit großer Freude em⸗ pfing, fand ſich aber auch vorerſt keine Zeit dazu, die Männer hatten ſoviel über andere Dinge zu reden! Wanda hörte in ihrer Ungeduld kaum, wovon die Rede war, bis ihr Gatte erklärte: es ſei ihm ganz recht, daß er nicht mehr die Sorge der Wirthſchaft habe, er ſei alt genug, um ſich Ruhe zu gönnen und wenn ſein Sohn, welcher Läßnitz ſehr niedrig angenommen, damit einen guten Handel mache, ver⸗ denke er es ihm gar nicht, daß er ſich nicht die Laſt und Gefahr zweier Beſitzungen aufladen wolle. Da erhob ſich Wanda und trat zu den Männern. „Dein Stammgut, das nie aus der Familie kommen ſollte“— ſagte ſie lebhaft—„in fremden, wer weiß, in welchen Händen!“ „O— ich denke doch— es wird in recht gute Hände kommen— nicht wahr, Ehrwürden?“ Haugwitz rieb ſich die Hände und war augenſcheinlich in Verlegenheit, ſo daß es Wanda auffiel. „Ihr wißt, Herr von Haugwitz?“ rief ſie raſch. „Wer iſt der Käufer?“ 232 „Nun— es muß doch einmal heraus— ich, Frau Gevatterin!“ Sie ſah ihn ſprachlos, mit einem ſtaunenden Blick des Unwillens an; ihr Gatte war wie ver⸗ ſteinert. „Ich, Frau Gevatterin! Ich, guter Heinerle! Sollt' ich's in fremde Hände kommen laſſen? Seid doch nicht böſe, liebwertheſte Frau! Was habt Ihr gegen mich?“ „Aber, Erdmann! Du rennſt in Dein Unglück! Haſt Dich zeitlebens in der Welt herumgetrieben, verſtehſt nichts von der Wirthſchaft! Und womit, womit willſt Du's denn bezahlen? Ich weiß doch, was Piaſ Schuldig bleiben willſt Du's doch nicht— das ginge nicht! Haſt Du einen Schatz gefunden?“ Der Stein war vom Herzen, Haugwitz lächelte ſchlau.„Kannſt Recht haben!“ verſetzte er. Dann faßte er Wanda's Hand mit einem Drucke, der ihr wehthat und ſah ihr treuherzig ins Geſicht.„Ver⸗ traut mir, wie mir auch der Bernhard vertraut und — andere. Ich denke, ſo ungeſchickt ich bin und überall anrenne, doch meine Sache gutzumachen.“ „Dem Freunde meines Mannes wäre es ge⸗ ziemender geweſen, offen und ehrlich, nicht durch —+——— einen Unterhändler zuwerke zu gehen,“ erwiederte ſie.„Doch habe ich kein Recht, Euch deßhalb Vor⸗ würfe zu machen und wünſche Euch alles Glück zur neuen S 4 „O, o, Frau Gevatterin, wie klingt das? Ehr⸗ lich gehe ich zuwerke— offen ſoll's auch werden, wenngleich nicht heute und morgen. Hier— ſeid nicht böſe! Ich habe einen Brief von Bernhard mit, Ihr ſollt ihn aber leſen, wenn Ihr allein ſeid—“ hier ſah er über ſich ſelbſt betroffen ſeinen Freund an, und ſagte:„Seht da, wie ich offen zuwerke gehe! Nimm's nicht übel, Heinerle, daß ich hinter Deinem Rücken mit Deiner Frau—— ich wollte ſagen, der Bernhard iſt nun beim Kaiſer und Ihr ſollt ſehen, er kommt als großer Herr, zum Ritter ge⸗ ſchlagen, mit Ehren überhäuft wieder und das ſoll ein Einzug in Läßnitz ſein. Nicht wahr, Ehr⸗ würden?“ „Ihr vergeßt, daß Läßnitz nicht mehr ſeiner Familie gehört,“ ſagte Wanda.„Doch— ich danke Euch für Eure Nachrichten von meinem Sohne und bitte, gebt mir den Brief.“ Er ging hinaus zu ſeinem Gepäck, ihn zu holen und Herr Linden fragte unterdeſſen den Pfarrer, ob er von dieſem Kauf etwas gewußt habe; dieſer 234 hatte ihn jedoch erſt durch Haugwitz ſelbſt erfahren und äußerte, es ſei doch beſſer, daß das Gut in befreundete Hände gekommen. „Lieber in ganz fremde,“ erwiederte Wanda, „daß wir nie wieder etwas davon hörten! Sehen werden wir es ohnehin heute zum letztenmale!“ „Ich begreife nur nicht, wo der Erdmann das Geld herhat!“ ſagte Linden. Wenn er nur nicht denkt, weil er doch ein alter Freund iſt, daß wir ihm—“ Erdmann's Eintritt unterbrach die Gedanken ſeines Freundes, er brachte Bernhard's Brief ſauber eingewickelt in ein buntes, lombardiſches Tuch, das nach dem feinſten Wohlgeruch duftete. Wanda nahm ihn mit einem freundlichern Blicke als bisher, in Empfang und zog ſich, ohne zu entſchuldigen, was ſich von ſelbſt erklärte, in die Laube des Pfarrgartens zurück, um zu leſen. Welche Gefühle ergriffen ſie bei den Mitthei⸗ lungen, die dem Papiere anvertraut waren, weil Bern⸗ hard, Aug' in Auge mit der Mutter, nicht den Muth gehabt hätte, ihr alles zu ſagen! Wanda las— ein Zucken, eine flüchtige Bläſſe bekundeten den erſten Ein⸗ druck, welchen Schlabrendorff's Tod auf ſie machte, dann ſtieg plötzlich eine lichte Glut in ihr Antlitz, * Weſen, als ſei die Zeit der Jugend zurückgekehrt, war es die Röthe der Scham oder des Zornes oder erwachte eine an⸗ dere Regung, welche ſie einſt ſiegreich bezwungen hatte, durch des Räthſels Löſung, die ſie nie geahnt, wie durch einen Zauberſpruch vom Tode erweckt2 Sie ließ die Hand mit dem Briefe auf ihren Schvoß ſinken, die andere verhüllte ihre Stirn, auf welcher die Sorgen der letzten Zeit ihre Linien eingegraben, das Rabenhaar mit den erſten einzelnen Silberfäden vorzeitig durch⸗ ſponnen hatten. Ihre ſchlanke Geſtalt, welche den⸗ noch immer die Anmuth der Zugend bewahrte, lehnte ſich, wie ſie nie gewohnt war, der Stütze bedürftig zurück— aber es war nur ein vorübergehender Mo⸗ ment der Schwäche. Unwillig über ſich ſelbſt richtete ſie ſich ſchnell auf und las, ihre Gefühle bezwingend, bis zu Ende. „War es das, ſo hätte es ihn heiligen, nicht in wüſtes Leben ſtürzen müſſen— er war ein Mann, er konnte kämpfen und ſiegen— glaubte er wirklich, daß mein Kind ihn ſuchen könne, aller Weiblichteit zum Hohn, wie konnte er ſie kränken, mit frecher Rede ihr reines Herz beſchimpfen! Im Wahnſinn!“ — So ſprachen ihre Gedanken. Was ſie ſelbſt da⸗ bei unbewußt verſchuldet, durch ihr heiteres, freies wie es der Polin angeboren, durch ihren 236 Liebreiz im Gegenſatz zu der Tochter, welche der Ernſt und die Bekümmerniß um ſein unbegreifliches Treiben nicht verſchönten, das trat auch in dieſem Augenblicke nicht zu ſeiner Entſchuldigung vor ihre Seele, denn eben: ſie wußte es nicht! Aber eine andere Sühne hatte er gefunden— und ſie faltete die Hände. Dann ging ſie zu den Männern zurück, welche unterdeſſen eine Wanderung durch die noch im Schutt liegenden Räume des Herrenhofes gemacht und die Pläne beſprochen hatten, welche Haugwitz für den ſchleunigſten Wiederaufbau gefaßt. Noch im Herbſt ſollte er ſoweit als möglich durch Werkleute, die ſchon aus allen Städten der Nachbarſchaft beſtellt waren, gefördert und im nächſten Frühlinge beendigt werden. Wanda fand das Geſpräch darüber noch im vollen Gange und Haugwitz, ſo gern er gewollt hätte, konnte es nicht dämpfen, denn Linden inter⸗ eſſirte ſich zu ſehr dafür. Er ſchnitt es endlich gewaltſam ab, indem er Wanda fragte, ob er nicht eine Beſtellung nach Kloſter Marienſtern mitnehmen ſolle, da er den Umweg nicht ſcheuen werde, um auch ſeine Pathe Erdmuthe wiederzuſehen. Daß die Frage, unthittelbar nach Bernhard's Briefe, Frau Wanda ſchmerzlich be⸗ rühren müſſe, fiel ihm erſt ein, als er in ihr Geſicht ſah, doch war er zu wenig Menſchenkenner, um etwas darin wahrzunehmen. Sie erwiederte, daß ſie ihre Tochter bald ſelbſt zu ſehen hoffe und bat ihren Gatten, anſpannen zu laſſen, da es die höchſte Zeit zur Rückfahrt ſei. „Aber Du haſt ja noch gar nichts geſehen? Du wollteſt den Garten, die Erbgruft—“ „Laß nur!“ unterbrach ſie ihn.„Ich habe Läßnitz im ganzen noch einmal geſehen und bin damit zufrieden.“ „Ihr werdet es öfter ſehen, immer ſehen!“ rief Haugwitz. Sie reichte ihm die Hand und ſchüttelte ſanft den Kopf— ihr ernſter Wink bedeutete Linden, die Abreiſe zu beſchleunigen, und es drückte dem ehrlichen Haugwitz faſt das Herz ab, daß er ſie ſcheiden laſſen mußte, ohne ihr ſein Geheimniß zu entdecken. Aber er hatte ſich ſelbſt ein zu theures Gelöbniß darauf geſetzt.—„Denke an mich, was ich Dir jetzt ſagen werde,“ äußerte Linden unterwegs.„Der Erdmann mag zu dem Gelde gekommen ſein, wie er will, ge⸗ nug, er hat Läßnitz— Kinder hat er nicht, er ver⸗ macht es unſerer Chriſtine, ſeiner Pathe.“ Wanda verwarf dieſen Gedanken, obgleich ihr ſelbſt an Haugwitz, der ſich wenig verſtellen konnte, 238 eine gewiſſe Befangenheit, eine Art verſteckter Freude aufgefallen war. „Oder, mir fällt noch etwas ein!“ rief Linden. „Er heirathet unſere Chriſtine“ „Du träumſt!“ entgegnete Wanda unwillig. „Chriſtine!“ Was ſie damit ſagen wollte— Chri⸗ ſtinen's Sinn, ihr Herz, ihre Lebensanſicht betreffend, die Unmöglichkeit, daß ſie ſich noch zu einer Ver⸗ bindung entſchließen, oder in einer ſolchen ihr Glück finden könne, ging dem Gatten verloren, der aus⸗ führlich ſeinen neuen Gedanken beſprach und— nicht ganz Unrecht hatte. Dem guten Haugwitz war es wirklich einmal eingekommen, wenn er noch auf ſeine alten Tage, wie doch mancher gethan, heirathen wolle, wäre kein Mädchen, das er lieber zur Frau nähme, als ſeine Pathe; aber ihm war doch bei der Idee gleich ſo heiß geworden, daß er ſie längſt aus ſeinem Kopfe wieder verbannt hatte. Sonſt würde er auch nicht ſo unbefangen von einer Reiſe nach Kloſter Marienſtern geſprochen haben. Er reiſte übrigens vor der Hand erſt nach Glogau, um bei der Kammer des Fürſtenthums ſeinen Kauf in Ordnung zu bringen und noch ein anderes Geſchäft zu einem glücklichen Ende zu führen, das ihm beſondere Freude zu machen ſchien, denn er lächelte ſtets, wenn er daran dachte, 4. — Sv— NX NM ſelig vergnügt vor ſich hin. Die Kaufurkunde wurde in aller Form Rechtens ausgeſtellt, aber nicht auf ſeinen Namen, ſondern auf den eines ganz andern, das blieb jedoch vor der Hand noch verſchwiegen, denn es war ein Dokument, das er nur in gericht⸗ liche Verwahrung niederlegte, während der zum Ab⸗ ſchluß des Kaufes erforderliche Kontrakt, in welchem zugleich über den Empfang der baargezahlten Kauf⸗ gelder vonſeiten des Empfängers quittirt wurde, allerdings ſeinen Namen trug. Jene zweite Urkunde war alſo vielleicht eine Zeſſion, ein Vermächtniß oder gar eine donatio inter vivos, wie Juriſten ſagen, ein Geſchenk bei Lebzeiten, das ſpäter erſt in Kraft treten ſollte. Haugwitz wußte, daß er darin nicht vor⸗ ſichtig genug zuwerke gehen konnte— ſtolz ausge⸗ ſchlagen wollte er es doch nicht ſehen. Geſchäfte mit der lieben Juſtiz laſſen ſich nicht ſo ſchnell abmachen, als der einfache Menſchenverſtand in ſeiner Mißachtung des mit Ornamenten überla⸗ denen Rechtsgebäudes wohl glaubt. Auch Herr von Haugwitz ſah das bald ein, und fand deßhalb gleich in den erſten Tagen Muße, an ſein zweites kühnes Unternehmen zu gehen. Der Landeshauptmann von Linden fuhr nicht, wie er Bernhard vorgehalten, auf dem Hradſchin zu Hofe, wohnte überhaupt nicht 240 in Prag, wo er nur eine kurze Zeit ſich aufgehalten hatte, um perſönlich beim Könige, welcher gerade in Böhmen war, das er nur allzuſehr um Ungarns willen vernachläſſigte, einen alten Anſpruch ſeiner Familie geltend zu machen. Dieſer war zweifelhaft und verjährt, ſo daß er kaum durchzuſetzen ſchien, der König aber, welcher gern jedermann zufrieden⸗ ſtellte, hatte dem Greiſe, deſſen Verdienſte um beide Kronen ihm die Erſten des Reiches: der Oberſtburg⸗ graf Leo Rozmital, die Sternberg, Schlick, Hrzan nicht genug rühmen konnten, ein Freigut im Fürſten⸗ thum Glogau geſchenkt, wo er jetzt mit ſeiner En⸗ kelin weilte Daß Bärbchen mit einem vornehmen böhmiſchen Herrn verlobt ſei, hatte zwar Haugwitz nochmals vernommen, als er aber in Prag der Sache auf den Grund ging, war ihm das unglaubliche berichtet und als Wahrheit betheuert worden: Bär⸗ bel, das arme Fräulein, das bei ebenſo armen Ver⸗ wandten lebte, hatte die Hand eines reichen Grafen ausgeſchlagen. Darum lächelte eben der gute Haug⸗ witz ſo vergnügt, wenn er an ſeine Negoziation dachte, die er, ohne bevollmächtigt zu ſein, auf eigene Hand unternahm. Wie aber kleidete er ſie ein? In ſpaßhaftes Gewand, erſchien ihm, da er ſich vor 241 ſeiner Ungeſchicklichkeit gegen Frauen fürchtete, am rathſamſten— armer Erdmann! Da ritt er vor auf dem Freigute, da ſtand, in ungebeugter Kraft wie ein Eichbaum, der greiſe Lan⸗ deshauptmann vor ihm, ſo daß Haugwitz ſich ſchä⸗ men mußte, wie gebückt er ſelbſt ſchon war— und noch dem erſten herzlichen Gruße erſchien in der Hausthüre die Enkelin, bei deren Anblick er ſeine ganze Faſſung verlor. Ein ſchmächtiges Kind mit blonden Locken und lieben blauen Augen ſchwebte ſeiner Erinnerung vor, ſchüchtern und demüthig, mit dem er ohne viel Gefahr reden könne— hier aber ſah er in vollendeter jungfräulicher Schöne, lieblich und majeſtätiſch zugleich, wie eine junge Königin, eine Geſtalt vor ſich, bei deren Erſcheinung ihm war, als fülle ſich der Raum um ſie her plötzlich mit goldenem Sonnenglanz. Sie hatte ihn erkannt, in heller Freude, erröthend eilte ſie herbei und er, faſ⸗ ſungslos, wie ein Verſinkender ſich an den elenden Halm ſeines ſpaßhaften Einfalls, mit dem er ſeine Diplomatie klug einzuleiten gedacht, klammernd, fing an, von dem Vogel zu ſprechen, der ihr vor Jahr und Tag entflohen ſei und den er ihr wieder bringe. Sie ſah ihn an und nahm es erſt für eine Rede ohne viel Sinn, aber ſeine wachſende Verlegenheit, 1857. VII. Heimath und Ferne. II. 16 242 welche ſchon Perlen auf ſeine Stirn treten ließ, gab einen tiefern Sinn zu erkennen— es durchzuckte ſie und die lichten Roſen auf ihren Wangen glühten auf zum dunkelſten Karmin. „Was fabelt Ihr da?“ ſprach der Landeshaupt⸗ mann.„Geh', Bärbel, ſorge für unſern Gaſt.— Nun, Erdmann, Ihr ſeid willkommen. Was bringt Ihr uns für Kunde aus dem Reich und Wälſch⸗ land? Habt Ihr meinen Enkel geſehen und wie geht es ihm? Ich habe ihm harte Worte geſagt, eh' er ging— das thut mir leid.“ So in das richtige Geleis zurückgeführt, erkannte Haugwitz, daß er ſich nicht in unbekanntes Fahr⸗ waſſer mit blinden Klippen wagen, ſondern am Lande auf vernünftigen Wegen ſich forthelfen müſſe und ſtaunend, wie er das nächſte und beſte über⸗ ſehen, beſchloß er, ſich dem Landeshauptmann zu ent⸗ decken und alles in ſeine Hand zu legen; dadurch war er ja aller Schwierigkeiten überhoben. Der Großvater hatte ſeine Mittheilungen ſchwei⸗ gend angehört, nur von Zeit zu Zeit das ſchöne blaue Ange auf ihn gerichtet, das in ungetrübter Klarheit ſtrahlte. Ein Zug ernſter Strenge, welcher anfangs hervorgetreten war, hatte ſich allmälig in Milde und zuletzt in freudige Rührung verwandelt.— 243 Er ſchwieg noch eine Weile, nachdem Haugwitz mit einer Frage geſchloſſen hatte, als bedenke er die Antwort. Dann ſagte er und ſchlug damit das ganze künſtliche Bauwerk, welches Haugwitz ausgeſonnen, zu Boden: „Ihr ſeid viel und lange in Wälſchland ge⸗ weſen, mein Erdmann, da lernt ſich's, krumme Wege für die beſten zu halten. Seid Ihr gewiß, daß Bern⸗ hard ein tüchtiger Mann geworden iſt, daß er mein Kind noch immer lieb hat und glücklich wäre, ſie zur Frau zu bekommen? Gut. Ich gebe Euch auf, ihm zu ſchreiben, daß die Bärbel noch frei iſt und freundlich an ihn denkt. Ihr wißt, wo Euer Brief ihn findet, beſtellt Euch die Antwort. Aber Ihr müßt ihm noch mehr ſchreiben: ich meine Euren gan⸗ zen Anſchlag. Mit dieſen Liſten und Ueberrumpe⸗ lungen iſt es nichts. Schreibt ihm offen und ehr⸗ lich, daß Euch die Italienerin ihr Vertrauen geſchenkt, daß ſie Euch, als ſie den Schleier genommen, ihren Reichthum übergeben hat— ſagt ihm genau, wie das alles zuſammenhängt. Er wird nicht, wie Ihr fürchtet, das Glück, das ihm aus ſo tiefgefühlten Gründen von fremder Hand bereitet werden ſoll, zu⸗ rückſtoßen. Bis ſeine Antwort zurück iſt, wollen wir alles verſchwiegen halten, dann aber ſpreche ich mit 244 der Bärbel und Ihr mit meinem Sohne und Bern⸗ hard's Mutter.“ „Ich wollte eigentlich meiner Pathe Erdmuthe im Kloſter Marienſtern einiges ſagen— ſie iſt ſo ruhig und vernünftig, ſie ſollte mir Rath geben; doch wenn Ihr es auf dieſe Weiſe einzurichten meint, ſo bin ich auch froh. Mir ſchlug dieſe geheime Wirthſchaft ſchon über den Kopfzuſammen.— Mag es denn geſchehen, wie Ihr wünſcht. Morgen ſchreibe ich gleich, aber den Bau kann ich unterdeſſen be⸗ treiben?“ Am liebſten wäre er nun wieder zu Pferd ge⸗ ſtiegen und fortgeritten, um dem jungen Mädchen nicht mehr vor Augen zu kommen. Es lief aber beſſer ab, als er gefürchtet hatte; ſie war oder ſchien wieder ganz unbefangen und ſprach ſeltſamerweiſe nicht ein Wort von ſeiner dummen Anrede, die doch eine Erklärung verlangt hätte. Ganz entzückt ritt er am andern Morgen wieder nach Glogau und pries ſeinen jungen Freund glücklich, für deſſen be⸗ ſtes er nun eifrig ſorgte. Die Reiſe nach Marien⸗ ſtern gab er vor der Hand auf. Der Herbſt verging und der Winter kam. Froſt und Schnee waren frühzeitig eingetreten und hatten alle Wege verdorben, ſo daß die Verbindung in die — — 245 Ferne ſehr erſchwert, faſt unmöglich geworden. Nur dadurch ließ ſich erklären, daß keine Nachricht ein⸗ ging und die Antwort auf das inhaltreiche Schreiben ausblieb, welches Haugwitz wie ein Beichtbekenntniß an ſeinen jungen Freund, der mit dem Kaiſer am Rhein oder im Niederland weilte, gerichtet und auf ſicherm Wege abgeſchickt hatte. Wie gut nun, daß er nicht vor der Zeit mit Bärbchen geſprochen! Was hätte das arme Kind jetzt denken, wie ſehr ſich här⸗ men müſſen! Sie war aber voll ſanfter Heiterkeit, vielleicht mochte der Großvater, als er ihr Herz zu ergründen ſuchte, ihr doch etwas verrathen haben, denn ſie war zuweilen, wenn ſie niemand beobach⸗ tete, in einer räthſelhaft wechſelnden Stimmung voll Weh und Wonne. Daß der Großvater nicht unge⸗ duldig über das Schweigen Bernhard's wurde, daß er es nicht ſchlimmen Urſachen zuſchrieb, bewies ſeine ungeſchwächte Geiſteskraft. Er hätte ſo gern auch mit ſeinem Sohne Heinrich und deſſen Frau geſpro⸗ chen, weil Wanda mit dem Entſchluſſe umging, die Gegend ganz zu verlaſſen, wo ihr die Abhängigkeit im Hauſe ihres Sohnes, mit deſſen Gattin ſie nicht recht ſtimmte, unerträglich wurde: nach Polen wollte ſie mit ihrem Gatten, den ſie dafür bereits gewon⸗ nen hatte, ziehen und dort in der Verborgenheit 246 dürftig, aber wenigſtens unabhängig leben. Im Friühlinge ſollte dieſer Umzug geſchehen— bis da⸗ hin mußte jedoch, wie zu hoffen ſtand, Kunde von Bernhard kommen. Sollte ſie ausbleiben, ſo war Haugwitz feſt entſchloſſen, auf ſeine eigene Hand vorzugehen. Das heilige Weihnachtsfeſt rückte näher. Wanda wünſchte noch einmal, ehe ſie aus der Gegend, die ihre zweite Heimath geworden war, ſchied, alle ihre Lieben um ſich zu verſammeln, und der Sohn, in deſſen Hauſe die Eltern jetzt weilten, hatte auf ihren Wunſch ſeine Geſchwiſter, die in der Nähe wohnten, und den Landeshauptmann mit Bärbchen eingeladen; auch Chriſtine hatte verſprochen, zu kommen, da ihr die Aebtiſſin einen Wagen mit ſicherm, bewaffnetem Geleit angeboten hatte. Bewaffnet mußte auch das Geleit ſein, das einem Kloſterwagen mitgegeben wurde, wenn er eine ſo weite Reiſe vor ſich hatte, als damals von Marienſtern am Schwarzwalde in der Oberlauſitz bis nach Schleſien war. Die Aeb⸗ tiſſin von Marienſtern konnte aber auch ein ſtatt⸗ liches Geleit aufſtellen, denn das Gebiet ihres Klo⸗ ſters umfaßte zwei Städte und ſechszig Dörfer. Der Tag, an welchem Chriſtine abreiſen ſollte, war ſchon feſtgeſetzt, als ſie an einem trüben Abende in ihrem ————————— 247 kleinen Gemache ſaß und in die wirbelnden Schnee⸗ flocken hinausſah, die ihr den Weg zu verſchütten drohten. Für ſchwache, zur Schwermuth geneigte Gemüther hat ein Winterabend, den kein Sonnen⸗ ſtrahl erhellt, wenn düſtere Wolken am Himmel la⸗ ſten und das weiße Bahrtuch ſich über die todte Natur breitet, etwas niederbeugendes: Chriſtine gehörte aber nicht zu dieſen, ſie beſaß ein ſtarkes Herz, das mit der Frendigkeit des Lebens zwar ab⸗ geſchloſſen hatte, doch in ſich ſelbſt ſeine Befriedigung fand. So blickte ſie ruhig in das ſtürmiſche Wetter, gefaßt in die Zukunft hinaus— auch dieſe letzte Trennung, welche ihr ſchmerzlich bevorſtand, mußte ja überwunden werden. Da wurde ſie zur Aebtiſſin beſchieden. Es war eine ungewöhnliche Stunde, denn wie nah auch ihre Verwandtſchaft, hielt doch die Oberin an dem Zeremoniell feſt, das ſie ſelbſt eingeführt hatte. Chri⸗ ſtine folgte der dienenden Schweſter, welche ihr ſagte, daß ein fremder Herr angekommen, bei der Aebtiſſin gemeldet und von ihr empfangen worden ſei, worauf dieſe eben nach dem Fräulein von Linden geſchickt habe. Der Beſuch galt ihr— wer konnte es ſein? Sie trat in das Zimmer der Aebtiſſin, von der die⸗ nenden Schweſter eingelaſſen. Ein Mann befand ſich allein darin, er eilte ihr offenen Armes ent⸗ gegen—„Chriſtine!“ rief er freudig. Sie erkannte ihn an der Stimme, eh' die ſchwache Beleuchtung ſeine Züge erhellte. Es war ihr Bruder Da ſchmolz das Eis ihrer äußern Ruhe, mit lautem Freuden⸗ ruf drückte ſie ihn an ihr Herz und gab ſich ganz ihren liebevollen Gefühlen hin, die ſie ſonſt zu ver⸗ bergen wußte, ſo daß ſie nur zu oft verkannt wurde. —„Ich weiß, Du reiſeſt nach Schleſien— ich begleite Dich,“ ſagte er. Sie tauſchten nun Fragen in raſcher Folge aus: er hörte mit Erſchrecken, daß die Eltern die Heimath ganz verlaſſen wollen; von allem, was ſich zuge⸗ tragen hatte, wußte er nichts, er hatte keine Nach⸗ richt erhalten, ſeit er ſich in Innsbruck von Haugwitz getrennt und blickte unwillig auf, als er hörte, daß er Läßnitz gekauft habe. Das Schreiben, von dem wir wiſſen, hatte ihn alſo verfehlt. Bärbchens Name war zwiſchen den Geſchwiſtern noch nicht genannt worden— Bernhard glaubte noch immer, was ihm einſt geſagt worden war; ſein Herz war traurig, wenn er an ſein verlornes Paradies dachte, aber wiſſen mußte er, ob Bärbchen glücklich ſei und er fand endlich den Muth zur Frage— wie hätte — —— die Schweſter den hellen Strahl ſeines Auges bei ihrer Antwort mißverſtehen können? Zeit zu ungeſtörtem Ausſprechen gab aber erſt die Reiſe, welche beider Herzen ſo nahe brachte, als ſie ſich in frühern Jahren noch niemals gekommen waren. Was hatte Chriſtine von ihm alles zu er⸗ fahren, wie erkannte ſie das Zartgefühl, das aus jedem ſeiner Worte ſprach! Sie durfte ſich denn auch vor ihm nicht, wie vor andern, in ſich zurück⸗ ziehen, ſie konnte ihre Vergangenheit betrauern! Er hatte geglaubt, ſie werde den Schleier nehmen, er ſprach es nicht aus, aber ſie errieth es.„Nein, Bernhard,“ ſagte ſie ruhig.„Wohl könnte ich auch als Kloſterfrau mich andern nützlich machen, aber es würde mich hindern, den meinigen mich zu wei⸗ hen, wenn ſie mein irgend bedürfen. Das iſt mein Beruf noch. Den Eltern kann ich nicht folgen, traurig genug, aber Du weißt, wie ich ihnen nicht zur Laſt in der beſchränkten Lage fallen darf, unſern Geſchwiſtern jedoch— und Dir vielleicht künftig— wenn Ihr mich braucht, bin ich immer bereit.“ „O es wird ſoweit nicht kommen, daß die Eltern uns verlaſſen!“ rief Bernhard.„Ich opfere alles gern, ſchon iſt mir gelungen, vom Kaiſer meine Dienſte anerkannt zu ſehen, ich bin, Du weißt es, 250 mit bei der Sendung, welche er an den König von Böhmen und Ungarn abgeſchickt, ich hoffe auf mehr und kann ich einſt meinen eigenen Herd gründen, da ſeid Ihr alle bei mir.“ Chriſtine freute ſich dieſer Hoffnung und knüpfte daran mehr, aber für ſich nicht. Sie konnte auch nicht glauben, daß die Mutter ſich in ſolcher Lage auch bei ihrem liebſten Kinde glücklich fühlen werde — doch ſchwieg ſie vor der Hand und überließ es der Zukunft, die Verhältniſſe neuzugeſtalten. Alle Mitglieder der Familie waren ſchon ver⸗ ſammelt; der Landeshauptmann hatte einen Gaſt mitgebracht, Herrn Erdmann von Haugwitz, welcher noch nie mit einer ſolchen Unbeholfenheit aufgetreten war als dießmal. Er wußte wohl, daß er viel⸗ leicht nur ſeinem alten Freunde Heinrich willkommen war und alle andern ihn mißtrauiſch anſahen, und hätte er nicht vorher einen verzweifelten Entſchluß gefaßt, den er bei dieſer Gelegenheit am beſten aus⸗ zuführen hoffte, ſo würde er ſeinen Bundesgenoſſen nicht begleitet haben. Dieſen Entſchluß wollte er am Tage nach ſeiner Ankunft in voller Familienver⸗ ſammlung zur That werden laſſen, er ſtärkte ſich dazu durch einen gewaltigen Morgentrunk Ungarwein und lief dann hinaus in die kalte Winterluft wohl eine 251 Stunde weit, um ſich zu ſtählen gegen alle Rückſich⸗ ten. Als er jedoch auf der Heimkehr war, ſank ihm der Muth wieder, er malte ſich das Bild, in wel⸗ chem er als Vortragender die Hauptfigur ſpielen ſollte, ſchrecklich aus und ſchlich endlich durch die Hin— terthüre in das Schloß, um kein Aufſehen zu erregen. An der Thüre des Saales, wo alle zuſammen waren, horchte er, wie fröhlich und laut klangen die Stim⸗ men! Leiſe öffnete er und das erſte, was er ſah, war ein Paar, Hand in Hand, im Mittelpunkte des Kreiſes, der ſich in lebhafter Aufregung um dasſelbe gruppirt hatte: Bernhard und Bärbchen! Da bemerkte ihn, wie er gleichſam verzaubert in der offenen Thüre ſtand, der Landeshauptmann.„Nur herein, Alter! Ihr kommt zu ſpät— hier iſt alles ſchon in Rich⸗ igkeit! Ich bin Euer Vormund geweſen!“ Bernhard eilte, den Freund zu umarmen, ihm zu ſagen, daß er erſt in dieſem Augenblick gehört, was er für ihn gethan habe, ihm zu danken und ſein Glück zu verkündigen. Haugwitz ſchlug ſeine großen Hände zuſammen und rief aus vollem Herzen⸗ „Gott ſei Dank!— Wo iſt das Fräulein Braut?“ Dieſe hatte ſich in ihrer reizenden Verwirrung zu Chriſtinen zurückgezogen und Erdmann ſtockte, als er ſeine Pathe jetzt auch bemerkte— ob ihm der heiß 252 machende Gedanke, welcher ihn einſt überfallen, wieder durch den Kopf flog? Raum gab er ihm jedoch nicht, ſondern brachte nun ſeine Rede in leidlicher Faſſung bei der Braut vor, die ſie annahm, er mußte ſich's wiederum ſagen, wie eine junge liebliche Königin. Das wurde denn ein ſeliges Weihnachtsfeſt. Die neuen Verhältniſſe bedurften jedoch Zeit ſich zu geſtalten. Bernhard konnte nicht bleiben, er war der Geſandtſchaft beigegeben, welche die beab⸗ ſichtigte doppelte Verbindung der Enkel des Kaiſers mit den Kindern König Wladislaw's unterhandeln ſollte: der Erzherzogin Maria mit Ludwig, dem Erben der beiden Kronen ſeines Vaters und des Erzher⸗ zogs Ferdinand mit Anna Jagiellona, wodurch ſpäter, als König Ludwig, den die Geſchichte den Frühzeitigen genannt, auf dem Schlachtfelde von Mohäes gefallen war, Böhmen und Ungarn an das Haus Habsburg kam. Auch nachdem dieſe Geſandtſchaft zurückkehrte, konnte Bernhard nicht in der Heimath bleiben: er hatte ſich dem Dienſte des Kaiſers geweiht und der Krieg gegen Frankreich war noch immer nicht zu Ende. Haugwitz hatte alſo vollkommen Zeit, ſeinen Bau zu vollenden, nachdem er Bernhard's Zweifel und Bedenklichkeiten beſiegt hatte. —— 253 „Fivrina!“ hatte dieſer oft geſagt.„Wie darf ich das geſchehen laſſen!“ „Wie kannſt Du's noch ändern? Darum hab' ich's ja eben betrieben, ohne Dich zu fragen! Per Dio santo! Du willſt doch Schloß und Häuſer nicht wieder einreißen laſſen? Ich habe der Armen ſchon die letzte gute Botſchaft aus der Welt, die ſie ſich erbeten hat, nach dem ſchönen Italien geſendet, und wenn Du erſt auf Läßnitz Dein Neſt gebaut, dann zieht der alte Erdmann auch einmal wieder hinaus — Du haſt ganz Recht, ich bin ein Wandervogel.“ Drei Jahre vergingen noch darüber. Als dann mit König Franz von Frankreich der Friede zu Noyon zuſtandekam, konnte Bernhard mit Ehren zur Heimath ziehen, wo ihn das ſchönſte Gluck und eine neue Thätigkeit, nicht minder ehrenvoll als die öffentliche erwartete. Am Tage ſeiner Heimkehr war dann zum erſtenmale wieder unter der Linde zu Läßnitz, welche friſch und grün nach dem Brande längſt wieder ausgeſchlagen war, der Kreis verſam⸗ melt, den wir einſt dort vereinigt gefunden haben. Der Vergangenheit wurde ernſt gedacht, wo die Ge⸗ genwart ſo freundlich war, aber dem Andenken ſelbſt böſer Stunden blieb eine milde Erinnerung geweiht. Wie die Zukunft ſich geſtalten ſollte, war ſchon feſt⸗ geſtellt Wanda konnte ſich nicht entſchließen, in Läßnitz wieder einzuziehen, wie vorſorglich Erdmann Haugwitz bei ſeinem Neubau des Schloſſes auch Bedacht darauf genommen hatte; ſie war mit ihrem Gatten jedoch ganz in der Nähe in einem der freund⸗ lichen ſchleſiſchen Städtchen geblieben, nachdem ihr von dem Sohne ihres Herzens eine ſorgenfreie Lage bereitet worden war, und Chriſtine hatte ihren Platz wieder bei den Eltern gefunden. Nur der Landes⸗ hauptmann wohnte in Läßnitz und ſchien, rüſtig wie er war, bei dem jungen Paare noch ſeinen hundert⸗ ſten Geburtstag feiern zu wollen. Dazu lud er wenigſtens ſcherzend den Freund des Hauſes ein, als dieſer ſeinen Entſchluß verkündigte, wieder nach Italien zu gehen, um ſeine alten Bekannten jetzt, wo endlich Friede dort walte, aufzuſuchen.„Ihr kommt doch?“ fragte der heitere Greis. „Ich komme ganz gewiß!“ ſagte Haugwitz.„Gott erhalte Euch noch länger!“ Alle ſchwiegen dann. In Bernhard's Seele trat die Erinnerung an Fiorina's Bild, aber Heimath und Ferne waren für ihn verſöhnt: er hatte ſein erſtes, ſein einziges Glück wiedergewonnen und ſegnete die Hand, die es ihm hatte bereiten hei fen. Friede mit ihr! Prag 1857. Ende. Druck von Kath. Gerzabek. Von Kober's„Album, Bibliothek d Origi- nalromane“ iſt der X. Jahrgang(1856) in wenigen Exemplaren noch vollſtändig vorräthig und um 8 Thlr. (für Oeſterreich 9 fl. 36 kr. C. M.) zu haben. Dieſe 24 Bände enthalten: — 1. Band.— Sch warziuulbau. Roman von Carl von Holtei. — 3. Band.. Eine reiche Erbin. Novelle von Elfried von Taura. — 4. bis 7. Band.— Anf dem Mndchn⸗ oder Kaiser Rudolph II. und seine Zeit. Hiſtoriſch⸗romantiſches Gemälde von Eduard Maria Dettinger. — 8. bis 10 Band.— „ Helge Ein Franenleben. man von Robert Prutz. — 11. Band.— Der Sohn eines herühmten Mannes. Hiſtoriſche Erzählung von Leyin Schücking. — 12. 13. Band.— Peter Ptit Hiſtoriſcher Roman von Ernſt Willkomm. — 14. bis 16. Band.— Neues heben. Novelle von Theodor Mügge. — 17. 18. Band— Ein deutſches Schneiderlein. Hiſtoriſcher Roman von Zſidor Proſcho. — 19. 20. Band.— Erinnerungen einer Großmutter. Roman von Julie Burow. — 21. bis 24. Band.— ecehiller. Kultur⸗hiſtoriſcher Roman von Johannes Scherr. g Einzelne Werke koſten pr. Band zwanzig Sereeen — £*