2 . Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oktmann in Cießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und GCeſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lescpreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. ————— 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 6* 7 7/*.„ 7 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 6 i Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S — 2 Bibliothek deutſcher Briginalromane der beliebteſten Schriftſteller. Heruusgegeben von J. h. Koher. Zwölfter Jahrgang. Sechſter Band. Heimath und Ferne. 1857. Prag& Leipzig, Verlag von J. L. Raoher. Heimath und Jerne. Hiſtoriſcher Roman in zwei Bänden. Von Bernd von S Erſter Band. 1857. Prag£ Leipzig, Verlag von J. L. Rober. Erſtes Rapitel. Abendruhe. Wem es vom Schickſal beſchieden iſt, nach lan⸗ 8e, ſtürmiſcher Erdenlaufbahn einen heitern und ſtillen Lebensabend im Kreiſe liebender Herzen zu genießen, der mag ſich wohl für geſegnet erachten, umſo mehr, wenn ihm der gütige Gott dazu noch im hohen Alter körperliche Rüſtigkeit und geiſtige Friſche wunderbar erhalten hat. Das fühlte der Greis im Sil⸗ berhaar, der unter der Linde ſaß, dem Wahrzeichen ſeines Geſchlechtes, das es vor jedes Haus gepflanzt, in welchem es bei ſeiner weiten Verbreitung eine bleibende Stätte gefunden. Neben ihm auf der Bank hatte, wie immer, ſeine Lieblingsenkelin mit ihrem Spinnrade ihren Platz genommen, darum ſein Lieb⸗ ling, weil ſie allein von all ſeinen Enkeln eine Waiſe wat; um beide her ſaß die Familie des Hauſes: der Herr desſelben, des Greiſes jüngſter, jetzt ſein einziger Sohn, ein Mann auch ſchon von ſechszig Jahren, ſeine Gattin, wohl fünfzehn Jahre jünger als er, wie es in guter alter Zeit noch kein Miß⸗ verhältniß war, ihre älteſte, allein noch unvermählte Tochter und ein Sohn, der eben zum Jünglinge er— wachſen ſchien. Die Abendſonne eines freundlichen Frühlingstages warf ihre milden Lichter über die R trauliche Gruppe und verklärte die ehrwürdige Geſtalt 3† des Großvaters, wie ihn ſelbſt der eigene Sohn 3 nannte, mit einer faſt überirdiſchen Schönheit. Sein Auge ſtrahlte, ungeblendet von der Glut, die n Riedergange flammte, in dem aus dem Innern 6 einer hohen Seele ſtrömenden Glanze, während er 31 mit ſeiner Enkelin doch nur von kleinen Dingen der nächſten Gegenwart ſprach: von ihren Blumen, die 3 ſie ſorglich pflegte und die auch er beſonders liebte, 3 oder von dem Vogel, den ihr der Vetter gefangen und geſchenkt und dem ſie heimlich glühte die Frei— heit zu geben, wenn es ihn nur nicht kränken möchte. Es war ein anziehendes Bild, dieß blühende, liebliche Kind neben dem ſchönen Greiſe zu ſehen. Wie ſchlank, doch nicht hager etwa, und wie königlich aufrechtge⸗ tragen war noch ſeine Geſtalt, man hätte ihm, wer ſein Alter nicht wußte, kaum ſoviel Jahre gegeben, als dem Manne, der ihm gegenüberſaß und ſein Sohn war, und doch waren faſt neunzig Sommer verronnen, ſeit ſeine Wiege droben in dem Exkerzim⸗ mer des alterthümlichen Schloſſes geſtanden hatte, das ſein graues Gemäuer unmittelbar hinter der Linde erhob. Schneeweiß waren die Locken zwar, die weit aus der hohen Stirn geſcheitelt ſeine Schläfe faſt freiließen, aber ſie fielen noch in unvermin⸗ derter Fülle über den Nacken herab, den der Alte nur vor Einem Herrn, dem Herrn des Himmels, beugen gelernt. Seine Hand, mit welcher er eben ſcherzend den Faden prüfte, welchen die Enkelin ge⸗ ſponnen hatte, war ſtark, aber auffallend wohlge⸗ formt, und weiß, wie eine Frauenhand: freilich hatte er ſie nun ſchon lange Zeit nicht mehr zu ernſten Thaten, wie ſonſt, gebraucht. Wie ſauber war auch ſeine Kleidung, obſchon nicht neu, vielmehr ſtark ge⸗ tragen und dem Schnitte nach aus längſtvergange⸗ ner Zeit! Die Jungfrau neben ihm, kaum ſechszehn Jahre alt, glich ihm Zug für Zug mit einer wun⸗ derbaren Aehnlichkeit— ſeltſam zu ſchauen bei der großen Verſchiedenheit ihres Alters. Ihr Auge hatte dasſelbe leuchtende Tiefblau, ihre Stirn war hoch und rein wie die ſeinige, und das Profil ihres Ant⸗ litzes zeigte, gleich dem des Greiſes, die edelſte grie⸗ chiſche Linie. Es that der Aehnlichkeit beider keinen Eintrag, daß der Enkelin Haar ſchimmerndem Golde glich, während er ſchon Silber trug, ebenſo wenig, daß ihr Wuchs nicht Mittelgröße überſtieg und er zu den hochgewachſenſten Männern zählte. Sehr verſchieden von dieſem waren die andern beiden Paare, welche mit im Kreiſe um den Tiſch ſaßen, der unter der Linde zur Abendruh für die Fa⸗ milie ſtand. Der Schloßherr war breiter und mäch⸗ tiger gebaut als ſein Vater, aber er trug ſich ſchon ziemlich gebückt, ſein Geſicht hatte nur eine entfernte Aehnlichkeit mit ihm, es war voll und braun und hatte einen ſehr gutmüthigen Ausdruck, aber ihm fehlte der vornehme Geiſt, der aus jedem Zuge des Greiſenantlitzes ſprach, ſein Haar war blond, ſtark mit Grau gemiſcht und ſchon ſpärlich auf dem Scheitel; ein ins röthliche ſpielender, rund geſchnit⸗ tener Bart zog ſich um Kinn und Mund. Glich er alſo nur wenig ſeinem Vater, ſo waren ihm ſeine beiden Kinder, die getrennt auf den beiden kurzen Seiten des Tiſches ſaßen, vollkommen unähnlich, und in ihrer Art wieder Ebenbilder der Mutter, welche ſich neben ihm mit einer feinen Goldſtickerei beſchäf⸗ tigte. Das war keine deutſche Frau, man ſah es auf den erſten Blick. Nicht das rabenſchwarze, noch immer glänzende Haar allein hatte das verrathen, wohl aber das große, lebhafte Auge und der ganze Schnitt des Geſichtes mit ſeinen intereſſanten, auch in ruhiger Seelenſtimmung niemals unbewegten Zügen. Das war eine Polin— wer irgend einmal eine echte und edle Tochter dieſes Volkes geſehen hatte, mußte Frau von Linden dafür erkennen, auch wenn er nicht gewußt hätte, daß ſie den altſarmatiſchen Namen Wanda trug und eine Tarnowska war. Sie mußte einſt bildſchön geweſen ſein; dasſelbe konnte man von ihrer Tochter, die neben dem Vater und Großvater ſaß, nicht ſagen. Hatte ſie auch, wie die Mutter, reiches ſchwarzes Haar und dunkle Augen voll innern Feuers, ſo war ihr ziemlich breitentwik⸗ keltes Geſicht mit ſeinen ſchweren Wangen und dem ſtarken Doppelkinn keineswegs anziehend, mochte es auch nie geweſen ſein, dagegen erinnerte wieder die Art, wie ſie den Kopf trug, der ſchöne Wuchs, die ganze Haltung des Körpers, ja man konnte behaup⸗ ten, jede Bewegung lebhaft an die Mutter. Danach hätte man beide unter Masken verwechſeln können. Dem Sohne dagegen hatte die Natur die volle Geſichtsähnlichkeit der Mutter verliehen, nur mit dem dunkelblauen, ſtrahlenden Auge ſeines eigenen Fami⸗ lienſtammes, das ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht ver⸗ erbt und nur bei ſeinem Vater eine Ausnahme ge⸗ macht hatte. Es gab dem Antlitze des Jünglings einen ganz eigenthümlichen, wunderbar feſſelnden Ausdruck: dieß blaue ſeelenvolle Auge, über welchem ſich die feinen, tiefſchwarzen Brauen wölbten, und dazu das ſchwarze Haar, wie ein Spiegel leuchtend und glatt, das ſich nur, wo es endete, zu einer ſchweren Welle umbog. Er ſaß, während die an— dern traulich und abwechſelnd mit einander ſpra— chen, meiſt in ſich gekehrt, nur von Zeit zu Zeit, wenn ſeine junge Verwandte ihre liebliche Stimme hören ließ, hob ſich unwillkürlich ſein tiefgeſenktes Auge: dieſen Blick ließ er aber nicht gern belauſchen. Es war nun Zeit, das Abendeſſen zu beſchik⸗ ken: die Sonne verglühte eben im Weſten, vom Dorfe her klang das Abendgeläut und alles Geräuſch auf dem Schloßhofe verſtummte— wie draußen die Arbeiter auf dem Felde ihr Geſchäft einſtellten, um das Haupt zu entblößen und ein ſtilles Gebet zum Himmel zu ſchicken, neigte ſich auch das Geſinde auf dem Hofe, neigte ſich die Herrſchaft unter der Linde. Als die kurze Andacht vorüberwar, ſtand die Tochter des Hauſes auf und ging, den Tiſch decken zu laſſen, 11 denn es war beſchloſſen worden, heute zum erſtenmale in dieſem Frühlinge, da der Abend ſo mild war, im Freien zu ſpeiſen. Der Großvater ſah dem Mädchen freundlich nach. „Schade um die gute Wirthin, Heinrich,“ ſagte er zu ſeinem Sohne,„daß ſie nicht geheirathet hatte, ſie würde einem haben.“ Manne Segen ins Haus gebracht „Es hat an ihr ſelbſt gelegen,“ erwiederte der Vater. „Verdenkſt Du ihr das?“ fragte die Mutter, mit einem lebhaften Aufblick. „Nicht im geringſten, Mutter,“ antwortete der Schloßherr, der zu ſehr die Ruhe liebte, um ſich, auch bei abweichender Meinung in eine Erörterung — mit ſeiner Gattin einzulaſſen, welcher er doch nicht gewachſen war. „Wie lange iſt es her, Frau Tochter?“ fragte der Großvater ſeinerſeits. „Dreizehn Jahre, Großvater—“ erwiederte ſie. „Lange genug, um vergeſſen zu werden, nicht wahr? Nach Männerurtheil gewiß!“ während ſie ſprach, an der Thüre hinter der Linde, um achtſam auf die Rückkehr ihrer Tochter zu ſein, — Ihr Auge hing, und zu verhüten, daß ſie nicht die für ſie ſchmer⸗ zende Erinnerung an eine traurige Zeit ihrer Jugend vernehme. Damals war ſie genau in demſelben Alter geweſen, wie das harmloſe, blonde Kind, das der Mutter in dieſem Momente gegenüberſaß.„Gott ſchütze Dein unſchuldiges Haupt vor einem gleichen Looſe!“ dachte ſie, mit treuer Geſinnung auch für dieß fremde Weſen, dem ſie wahrhaft eine Mutter war. Des Sohnes Auge haftete, ohne daß ſie es bemerkte, an dem ihrigen— ob er den Gedanken zu errathen ſuchte, der ihre Seele bewegte und, wie ihr Antlitz ſtets ein treuer Spiegel ihrer Seele war, ſich vielleicht in Blick und Mienen leſen ließ? „Du ſiehſt mich ſo fragend an, Bärbel,“ wandte ſich der Großvater an ſeine blonde Enkelin.„Weißt Du wirklich gar nichts davon? Warum, Frau Toch⸗ ter, erzählt Ihr es der Bärbel nicht? Ich meine, was Verwandte betrifft, das brauchen ſie unter ein— ander nicht zu verſchweigen, weder Frend noch Leid.“ Frau Wanda wollte antworten, aber ſie ſah durch die offene Hausthüre ihre Tochter im Flur er— ſcheinen, und ſagte nur kurz:„Wir wollen ſchon einmal darüber ſprechen.“ Damit war die Sache abgethan, aber in Barbara's Seele blieb das ſehn⸗ liche Verlangen zurück, von dem Schickſal ihrer Kou⸗ ſine dasjenige zu erfahren, worauf eben angeſpielt 13 worden war— zum erſtenmale in ihrer Gegen⸗ wart. Freilich war ſie erſt ſeit kaum einem Jahre im Hauſe. „Komm, Chriſtine!“ rief die Mutter, ſich zum Scherze zwingend, der ihr in dieſem Augenblicke ſo fern lag.„Du läßt uns verſchmachten— der Groß⸗ vater wollte Dir ſchon ſeinen Haiducken mit Krumm⸗ ſäbel und Türkenflinte nachſchicken, um Dich todt oder lebendig zu bringen.“ Ein Lächeln erhellte Chriſtina's ruhige Züge, ſie erwiederte den Scherz, an welchen der Großvater gar nicht gedacht hatte und breitete nun flink ein ſchneeweißes Tuch über den Tiſch, worauf die Magd, die ihr folgte, Teller aufſetzte und bald vor dem Großvater die Schüſſel mit geronnener Milch ſtand, welche als beſonderes Labſal allgemein beliebt war. Barbara, als die jüngſte, ſprach ein kurzes Tiſch⸗ gebet, dann theilte die Mutter den köſtlichen Rahm der Milch aus und war noch damit be ſchäftigt, als ihr Sohn, zufällig über den Hof blickend, ſahte „Wir bekommen noch einen Gaſt.“ Alle ſahen auf. Wirklich kam über den Hof ein Reiter gezottelt— anders konnte man die Gang⸗ art ſeines Pferdes nicht nennen, denn es war weder Schritt, noch Trab, ſondern nur ein ſchwacher Ver⸗ ſuch, raſcher anzukommen.„Kennſt Du ihn, Bern— hard?“ fragte der Vater. Es war nicht mehr hell genug, um ihn von weitem zu erkennen, Bernhard hätte aber auch bei hellem Mittage keine Rechenſchaft über ihn geben können, denn er hatte den Mann in ſeinem Leben noch nicht geſehen. Herr von Linden ſtand auf und ging ihm langſam entgegen, um als Hausherr den Pflichten der Gaſtfreiheit nachzukommen; der Reiter hielt an, ſaß gewandt ab und blickte vorerſt mißvergnügt ſei⸗ nem ſchlechten Renner in das tückiſche Auge:„Beſtia!“ murmelte er und das Pferd legte böſe die Ohren an, als verſtehe es ihn. Dann wandte er ſich nach Herrn von Linden um, der unterdeſſen näher gekommen war. „Guten Abend, Heinerle! Kennſt mich wohl gar nicht mehr?“ „Der Erdmann!“ rief Herr von Linden über⸗ raſcht.„Kommſt Du endlich einmal wieder nach unſe⸗ rer lieben Schleſing?“ „Ja, Heinrich!“ ſagte der Angekommene, ihm herzlich die dargebotene Hand ſchüttelnd,„ein guter Schleſier hält es in der Fremde wohl eine Reihe von Jahren aus, aber ganz und gar nimmer, dann kriegt er das Heimweh und muß nach Haus. Sind das Deine Frau und Kinder?“ 15 Linden bejahte es, der Gaſt gab dem Knechte, der herbeigerufen worden war, um das Pferd in den Stall zu führen, noch einige Warnungen vor der Bosheit des Thieres auf den Weg und ließ ſich dann zu der Geſellſchaft führen, die mit dem Eſſen auf ihn wartete.—„Erdmann Haugwitz, ſo wahr ich lebe!“ rief der Großvater, der ihn jetzt erkannte.„Wie ſieht man Euch denn einmal wieder?“ Der Fremde machte erſt der Frau vom Hauſe und den beiden Fräulein ſeine Reverenz, ehe er die Frage des alten Herrn beantwortete:„Ja, Herr Landeshauptmann, der Erdmann Haugwitz kann es draußen nicht mehr aushalten: es iſt ſchön in der Ferne, aber daheim iſt es beſſer.“ „Das iſt ein gut ſchleſiſcher Spruch,“ ſagte der Hausherr.„Setze Dich— nimm vorlieb, wie Du es findeſt.“ Frau von Linden lud den Gaſt freundlich ein, an ihrer Seite Platz zu nehmen; ſie hatte ſchon viel von ihm gehört, wenn ſie ihn auch heute zum erſtenmale ſah. Chriſtine ſorgte ſchnell für die Be⸗ wirthung und im letzten verglimmenden Tagesſchein wurde noch das ländliche Mahl genoſſen, bei welchem Haugwitz alle Fragen nach ſeinen Reiſen und Erleb⸗ niſſen im Auslande nur kurz beantwortete. Nachdem 16 aber die Tafel aufgehoben war, Barbara wiederum ein Dankgebet geſprochen, und Frau von Linden alle in das Familienzimmer geführt hatte, wo unterdeſſen Licht angezündet worden war, rief er lebhaft:„Nun wollen wir plaudern! Per Dio, ich war hungrig, wie ein Wolf aus Polen— was ſchneideſt Du für ein Geſicht, Heinrich? Hab' ich'was geſagt? Frau Ge⸗ vatterin— Ihr geſtattet mir doch, daß ich Euch ſo nenne, da Ihr mir die Ehre erzeigt habt, mich bei Eurem erſten Kindlein als abweſenden Taufpathen ins Kirchenbuch eintragen zu laſſen, ſind freilich an dreißig Jahr her, denk' ich, und mein Pathchen muß ſchon einen hübſchen Bart haben—“ hier wurde er durch ein neues Zucken im Geſicht ſeines Freundes ſtutzig gemacht und ſah, gleichſam Hilfe ſuchend, zu dem Großvater, der von dem Anſtoß, welchen die Reden des armen Erdmann überall erregten, beln⸗ ſtigt ſchien. „Laßt Euch nicht irre machen,“ ſagte der alte Herr lächelnd.„Meine Frau Tochter wird Euch für die Wölfe ihrer Heimath, wenn ſie auch eine Polin iſt, nicht den Handſchuh hinwerfen, und da Ihr nicht bei der heiligen Taufhandlung ihres erſten Kindes zugegen waret, ſo iſt es menſchlich, wenn Ihr nicht genau wißt, ob es ein Männlein oder ein 17 Fräulein geweſen. Seht nun ſelbſt, wen Ihr vor Euch ſhabt: Euer Pathchen iſt hier, ſucht es Euch aus.“ Der Gaſt war etwas außer Faſſung gekommen, er warf nur einen flüchtigen Blick auf das jüngere Kleeblatt, das ſich ſeit ſeiner Ankunft ziemlich ſchweig⸗ ſam verhalten hatte, und ſprach unbedenklich mit ei⸗ ner ſchnellen Handbewegung gegen Barbara:„Wenn es denn kein Junker geweſen iſt, dann dieß Fräulein!“ Barbara's ſchalkhaftes Lächeln hätte ihm gefal⸗ len, wenn nicht ſeinem Worte ein allgemeiner Aus⸗ bruch der Heiterkeit gefolgt wäre, der ihm nun das Blut ins Antlitz trieb und ſeine ſchwarzen Brauen unwillig zuſammenzog.„Verzeiht, Herr von Haug⸗ wit!“ nahm Frau von Linden ſchnell das Wort. „Ihr müßt von unſerer Sitte eine ſchlechte Mei⸗ nung bekommen, da Ihr aus fremden feinern Krei⸗ ſen heimkehrt, aber es war uns allen zu überraſchend, daß Ihr dieß Kind für Eure Pathe hieltet, deren Alter Ihr vorher ziemlich hoch geſchätzt habt.“ „Kind!“ wiederholte Haugwitz und nahm Bar⸗ bara dabei ſo ſcharf ins Auge, daß ſie erröthend das ihrige ſenkte.„Für ein Kind kann ich das Fräulein nicht anſehen, und für das Alter der Damen habe ich, wie ich leider geſtehen muß, keinen rechten Blick 1857, VI. Heimath und Ferne. I. 2 Beſſer Beſcheid wüßt' ich, wenn's kein Mädchen, dern ein Pf—“ hier unterbrach er ſich, ſelbſt ſchreckend vor der Ungehörigkeit, die ihm auf Zunge treten wollte.„Alſo nehmt es mir nicht ül Fräulein, wenn ich Euch für dreißig Jahre alt h — und Ihr—“ damit wendete er ſich verbind an Chriſtinen,„Ihr erlaubt mir dagegen, Eue meine Pathe zu begrüßen.“ „Ja, Herr von Haugwitz,“ ſagte Chriſtine „ich bin es und habe Euch zu Ehren auch ne meinem gewöhnlichen den Namen Erdmuthe ert ten. Das iſt meine Muhme Barbara, auch eines Linden.“ „So iſt denn alles in Ordnung,“ rief witz vergnügt und ſchlug in ſeine ſtarken Här es knallte.„Ihr ſeid meine Pathe Erdmuth⸗ das iſt Fräulein Barbara.“ Er ſprach beide Lar mit ſtarker Betonung der Konſonanten aus.* bin unſere deutſchen Namen gar nicht mehr gewr — in Wälſchland ſreilich klingt alles weicher, ſtä⸗ artiger: Angela, Bianca, Lauretta— was ich über meinen unglücklichen Namen dort* müſſen! Sie wollten ihn verwälſchen, und es Ermanno d'raus, das hab' ich mir müſſen gefale 2 ——. uEt ert e 19 ſſen. Wie heißt Ihr denn, Herr Landeshauptmann, mit Verlaub?“ „Konrad,“ gab ihm der Großvater Beſcheid. e„Konrad, das klingt eher— den Namen ſind pie Italiener gewohnt aus der Hohenſtaufenzeit. Ronrad, Konradin. Aber nun gar die Geſchlechts⸗ nen. Da kam ich mit einem Sachſen zuſammen, en ſtärkern und ſchönern Mann könnt Ihr Euch ht denken: er diente als Freiwilliger unter dem othbärtigen Hans von Brandeck, der eine Fahne deutſcher Knechte im Solde Frankreichs führt. Ja swar den Tag vor der Schlacht von Agnadello— aber davon habt Ihr hier wohl nichts gehört? Nun zt, die großen Herren: der Kaiſer, und der alte nig von Spanien, den ſie Ferdinand den Katholi⸗ on nennen und ſein Blutsfreund, der König Ludwig ur der Wievielte weiß ich juſt nicht— von Frank⸗ h, der ihm ſeine lahme, häßliche Nichte zur dritten Fnu gegeben hat, und dann ſogar unſer heiligſter Bater, der Papſt, die wollten alle über die reiche Republik Venedig her, und weil die reich iſt, konnte mie ſich zur Wehre ſetzen. Himmel! War das ein echeer! Cospetto! Ich ſah es ein Paar Tage, ehe ½s bei Agnadello ſo ganz geſchlagen wurde, das hätte kein Menſch geglaubt. Dann reiſte ich weiter zu — 6 dem Heere, das die Franzoſen ſchnell zuſammen⸗ gebracht hatten, um ihren Antheil von der venetiani⸗ ſchen Beute vorwegzunehmen. Und da lernte ich eben den ſtarken ſchönen Sachſen kennen, deſſen Namen weder Franzoſen noch Italiener ausſprechen konn⸗ ten: er hieß Schlabrendorff.— Kennſt Du ihn viel⸗ leicht, Heinrich? Du fuhrſt ſo auf—“ unterbrach ſich der Erzähler ſelbſt. „Ihr irrt Euch, Herr von Haugwitz,“ antwortete ſtatt des ſich offenbar beſinnenden Gatten Fran von Linden.„Wir haben in Sachſen gar keine Ver⸗ bindungen.“ „Es hätte mich auch gewundert,“ fuhr Haugwitz fort.„Denn, ſoviel ich von ihm gehört habe, iſt er ſchon zehn, zwölf Jahre oder noch länger, aus Deutſch⸗ land ausgewandert und denkt nicht eben freundlich über ſein Vaterland.— Wundert Euch das, Path⸗ chen? Ihr ſeht mich ſo ganz abſonderlich an— ja!“ lachte et.„Dem mag wohl zu Hauſe in Sachſen, wo die ſchönen Mädchen wachſen, Eine ein arges Herzeleid angethan haben, daß er Deutſchland den Rücken gekehrt hat und nichts mehr davon wiſſen will. Die ſchwarzäugigen Lombardinnen werden ihn aber ſchon tröſten, denk' ich—“ der ſtrenge Blick der Hausfran ſcheuchte ihn ſchnell von dem Abwege 24 zurück, auf den er ſich verirren wollte, und er ſetzte haſtig hinzu:„Freilich hat er einen Fluch d'raufgeſetzt, als ich ihn nachmals, da wir bekannter geworden waren, neckte, einen ſchauderhaften Fluch, Frau Gevat⸗ terin, der ſeiner Falſchen daheim das Herz brechen müßte, wenn ſie ihn hören konnte— Herrgott! Was fehlt meiner Pathe? Sie wird ja kreideweiß!“ Die Mutter eilte ſchnell ihrem Kinde zu Hilfe, das tödlich erblaſſend, wie von einem jähen Schwin⸗ del erfaßt, auf ihrem Seſſel ſchwankte. Barbara und Bernhard ſprangen auf, ſie zu unterſtützen; in dem Geſichte des Vaters malte ſich die peinlichſte Unruhe, während ſein Auge angſthaft auf der Toch⸗ ter ruhte. „Kommt, Haugwitz,“ ſagte der Großvater auf⸗ ſtehend,„dabei ſind wir Männer im Wege. Laßt uns noch eine Weile ins Freie gehen, der Mond ſcheint hell, unterdeſſen bringen ſie das Mädchen zur Ruhe,— es iſt weiter nichts, ſie ſtrengt ſich zu ſehr an mit Schaffen und Thätigſein im Hauſe. Kommt, alter Freund!“ Zweites Rapitel. Aus der Ferne. Chriſtine war kräftig in jeder Beziehung, ſie hatte die momentane Schwäche ſchon überwunden, als kaum die beiden Männer das Zimmer verlaſſen hatten. Die bleiche Farbe, welche ihr Antlitz über⸗ zogen, wich, nachdem ſie ſich gefaßt hatte, einem eben⸗ ſo raſch aufwallenden Roth, das ihr einen ganz fremdartigen Ausdruck lieh: den einer tiefen Scham. Einen forſchenden Blick warf ſie auf Barbara, als wolle ſie deren Gedanken durchdringen, dann ſagte ſie mit einem unwilligen Kopfſchütteln zur Mutter: „Nicht wahr, ich bin recht kindiſch? Aber es iſt ſchon vorüber— rufe doch den Großvater herein, es iſt draußen noch keine Freude in der Nachtluft.“ „Laß ſie nur!“ wandte ſich Frau von Linden an ihren Mann, welcher ſchon dem Wunſche Chriſti⸗ nen's Folge leiſten wollte.„Es iſt überhaupt ſpät und Ihr Mädchen könnt zu Bett gehen. Ich werde für den Gaſt ſchon ſorgen.“ „Ich möchte nicht gern von ihm für ein ver⸗ zärteltes, ſchwaches Weſen gehalten werden,“ ſagte Chriſtine.„Wenn er mich nicht mehr findet, ſo . —— —— * macht er am Ende mehr aus dem kleinen Unwohl⸗ ſein als es verdient. Laß uns noch bleiben, Mutter, und Bernhard mag den Großvater hereinrufen mit meinem Herrn Pathen.“ „Thue das ſelbſt, Chriſtine,“ entſchied die Mutter, „und wünſche ihm dabei zugleich gute Nacht, dann ſieht er, daß Dir nichts mehr fehlt und alles iſt abgemacht.“ Chriſtine gehorchte, und Frau von Lin⸗ den wechſelte mit ihrem Sohne einen Blick, welchen Barbara bemerkte. Sie war noch ſehr jung und unerfahren, aber daß hier etwas beſonderes obwalte, errieth ſie doch. Die Rede des Großvaters und deſſen Aufforderung, ihr alles zu erzählen, was Chri⸗ ſtinen vor dreizehn Jahren betroffen, und ihre Ver⸗ heirathung verhindert hatte, waren ohnehin ſchon geeignet geweſen, ihren Antheil im hohen Grade zu erregen. Seit einem Jahre war ſie erſt im Hauſe und bisher hatte ſich keine Gelegenheit gefunden, ſie ein Geheimniß, das man ihr vorenthielt, ahnen zu laſſen. Nun ſie die Andeutung eines ſolchen gehört, hätte ſie kein Mädchen ſein müſſen, um ſich nicht nach Mitwiſſenſchaft zu ſehnen, und ſie kannte den Born ſchon, an dem ſie ihren Durſt ſtillen konz Der Großvater, der ſich gegen alle Verheimlicht zwiſchen Verwandten erklärt hatte, gab ihr 24 ſobald ſie ihn darum bat, jede Aufklärung, die ſie nur wünſchte: ſie hatte ihn ja bis jetzt ngch nie ver⸗ gebens um etwas gebeten. Heute jedoch' ſollte ihr Wunſch noch nicht erfüllt werden. Chriſtine kehrte mit den beiden Herren zurück, und Haugwitz, der ganz glücklich war, daß ſeine Pathe nur eine ſchnell vorübergegangene Unpäßlichkeit gehabt hatte, hielt außer ihr auch den Großvater, der ſeinen Erzählungen das meiſte Intereſſe zu ſchenken ſchien, für den kurzen Reſt des Zuſammenſeins, ehe man ſich trennte, feſt, ſo daß Barbara keinen Moment fand, heimlich, wie ſie gehofft, eine kleine Vorfrage thun zu können. Der Großvater brach, wie immer, zueeſt auf: er nahm ſein Licht aus der Reihe über dem Kamin, wo für jedes Schlafzimmer eins aufgeſtellt was, und ſagte, für alle geltend, eine kräftige⸗Gute Nacht! aber ſeinem Lieblinge entging es nicht, daß ſein Auge dabei beſonders auf Chriſtinen ruhte. Ob dieſe es auch bemerkt und wie ſie es aufgenommen, konnte die Kleine, deren Scharfſinn, einmal geweckt⸗ ſich frühzeitig zu entwickeln ſchien, nicht zugleich beob⸗ achten— wahrſcheinlich hätte es ihr auch keine Frucht Lagen, denn Chriſtinen's ruhiges Geſicht verrieth, egenſatze zu den beweglichen Zügen ihrer Mutter, die Regungen ihres Innern. 8 te ch b⸗ ht 25 „Du begleiteſt wohl Herrn von Haugwitz, Bern⸗ hard,“ ſprach Frau von Linden zu ihrem Sohne. „Sieh nach, ob auch für einen friſchen Trunk Wein zur Nacht geſorgt iſt: in meinem Vaterlande“— ſie betonte das Fürwort ein wenig—„iſt das Sitte, und unſere Gäſte hier haben ſich immer gern damit befreundet.“ Per Bocco, Frau Gevatterin, ich laſſe mir dieſe Sitte auch gefallen,“ erwiederte er.„Im heißen Süden freilich wäre ſie nicht angebracht, da würden Einem die Adern wie brennendes Pech ſieden, über⸗ dem die feurigen Weine, der Cyprier, der Vino ſanto, corpo di Satanasso! Aber wo es ſo kalt iſt, wie in — in unſerer lieben Schleſing wollt' ich ſagen—“ „In Polen, wolltet Ihr ſagen!“ lachte Frau Wanda.„Sprecht es nur aus, ich nehme es nicht übel, denn es heißt doch nun einmal ſo, obgleich meines weiten Vaterlandes Grenzen auch das ſchwarze Meer beſpült, ſüdlich und heiß genug für die edelſten Reben, Herr von Haugwitz. Schlaft recht wohl und ſteht friſch und munter auf: bei uns wird es früh Tag, wie es auf dem Lande Sitte iſt.“ „Vortrefflich!“ verſetzte Haugwitz, empfahl ſich ziemlich ungeſchickt, wobei er, ſich raſch umwendend, an den Schenktiſch ſtieß, daß Gläſer und Kannen ———— 26 klirrten, und verließ, von Bernhard begleitet, das Zimmer. „Eine gute Seele!“ ſprach der Hausherr, wel⸗ chem vor der unausbleiblichen Erörterung mit ſeiner Frau über den alten Freund nicht ganz behaglich zu Muth war und der ſie gern vor den beiden Mäd⸗ chen abgemacht hätte. Frau von Linden ſchien aber nicht geneigt dazu, bis ſie mit ihm allein war. Bernhard führte den Fremden nach dem Gaſt⸗ zimmer, deſſen Wohnlichkeit ihm einen lauten Aus⸗ ruf des Behagens entlockte„Ja, das verſtehen frei⸗ lich nur unſere deutſchen Hausfrauen!“ ſagte er.„Denn Eure Frau Mutter, mein lieber junger Freund, iſt doch jetzt auch eine Deutſche, wenn ſie auch polniſcher Abkunft iſt. Wir Schleſier ſind ja alle aus polniſchem Geblüte entſproſſen.“ „Nicht alle, Herr von Haugwitz,“ entgegnete Bernhard lächelnd,„mein Geſchlecht, wie mein Name ſind echt deutſch.“ „Linden, freilich— auch meinte ich eigentlich nur die Ureinwohner, nicht die Eingewanderten. Aber laſſen wir das. Setzt Euch noch ein Bißchen her, wie? Schläfrig könnt Ihr doch noch nicht ſein, es iſt, glaub' ich, kaum neun Uhr— im Süden fängt das Leben jetzt erſt an. Das iſt freilich auch ein anderes, das ſolltet 2½ Ihr kennen! Ich ſag' Euch, für ein junges Blut iſt es wie ein Zauber. Die Luft ſo weich und mild, der Himmel am Tage ſchon wie von dunkelblauem Kryſtall, Nachts ganz ſchwarz, aber beſäet mit Ster⸗ nen, ſo groß und funkelnd, daß man glaubt, es ſeien gar nicht dieſelben, die man hier ſo klein und matt blinkend ſchaut wie Stecknadelknöpfchen— und dann der Wohlgeruch, der in der Luft ſchwimmt, von Orangenblüthen, aber was red' ich von todten Dingen: Luſt und Leben der Menſchen ſolltet Ihr ſchauen! Auf dem Balkon ſitzen ſchöne Frauen, von goldenen Lampen, die über ihnen an den Säulenknäufen ſchwe⸗ ben, dämmernd beleuchtet, unten auf der Straße, auf allen Plätzen ſchwärmt es von munterm Volk, das tanzt und neckt ſich und ſingt— ſingen müßt Ihr ein italieniſches Mädchen hören, das vergeßt Ihr Euer Lebtag nicht und wenn Ihr kein Haar mehr auf Eurem Kopfe habt wie ich!“ „Ein deutſches Lied würde mir doch immerdar beſſer gefallen,“ ſagte Bernhard, durch dieſe letzte Wendung aus allem Reiz der Poeſie, der unbewußt dem Erzähler in deſſen Stoff lag, wieder ernüchtert. „Man ſieht, daß Ihr noch keine Italienerin geſehen und gehört habt!“ verſetzte Haugwitz.„Wenn ſie blos ſpricht, klingt es ſchon wie Muſik— und —————————— ſingt ſie gar, dann iſt es, als ſolltet Ihr gleich vor Seligkeit in die Wolken fahren, wie eine gut gewor⸗ fene Bombe. Werdet Ihr Euer Glück in der Fremde nicht auch einmal verſuchen? Ich ſag' Euch, man begegnet auf allen Straßen jetzt junge Edelleute, die ſich in des Kaiſers neuem Fußvolk Ehre erwerben wollen. Ja, Fußvolk! Lacht nicht— vor fünfzig Jahren noch galt es für eine Schande, wenn ſich Einer von Adel hätte die Sporen abſchnallen und mit dem hellen Haufen zu Fuß ziehen wollen: heut iſt es eine Ehre, ſeit der Kaiſer und ſoviel Grafen und Herren den Spieß auf die Schulter genommen haben. Ich könnte Euch die edelſten Namen nennen.“ „Schlabrendorff der Sachſe, von dem Ihr ſpracht“ — nahm Bernhard ſchnell die Gelegenheit wahr. „Ganz recht,“ erwiederte Haugwitz.„Der ſchöne Sachſe, wie ihn die Frauensleute in Italien nennen — ſeht, Junker Bernhard, ſo heißt Ihr ja, ich ver⸗ geſſe keinen Namen, den ich einmal in meinem Leben gehört habe! ſeht, wollte ich ſagen, dieſer Schla⸗ brendorff iſt doch auch vom beſten Adel und hat da⸗ heim Geld und Gut, wie er mir geſagt, gleichwohl trägt er den Landsknechtſpieß wie ein gemeiner Ge⸗ ſell, eben weil es jetzt die beſte Gelegenheit iſt, ſich — NM—* N M — 29 Ruhm und Ehr' in der Welt zu verdienen. In Eurer Stelle macht' ich's ebenſo.“ „Aber, ſoviel ich Euch verſtanden habe,“ wandte Bernhard ein,„gab's für den Schlabrendorff noch einen beſondern Grund, der ihn bewogen hat, ſein Vaterland zu verlaſſen und die Heimkehr zu ver⸗ ſchwören.“ „Ja freilich— einen erſten Antrieb will der Menſch immer haben,“ verſetzte Haugwitz lachend, „denn von Natur iſt er träge. Bei mir war's auch ſo. Wie Ihr mich da ſeht, bin ich in der halben Welt herumgekommen, und das Reiſen geht mir über alles, aber als junger Geſell mußt' ich auch erſt vom Schickſal beim Genick gefaßt und aus dem warmen Neſte geworfen werden, eh' ich einſah, was mir wohlthat. Das will ich Euch einmal erzählen.“ „Ich werde Euch morgen beim Wort halten,“ warf Bernhard, eine lange Abſchweifung fürchtend, ſchnell ein.„Heute will ich Euch auf den weiten Ritt, den Ihr wohl gemacht habt, nicht mehr von Eurer Ruhe abhalten. Aber da Ihr mir den ſchönen Sachſen zum Muſter aufſtellt, ſo könntet Ihr mir noch wohl ſagen, was ihn eigentlich aus der Hei⸗ math getrieben und wie er ſich darüber geäußert hat. Ihr ſpracht von einem fürchterlichen Fluche.“ 30 Haugwitz ſprach eben dem Schlaftrunke zu, der ihm nach alter Sitte aufgetragen war, er ſetzte den ſilbernen Becher mit ſichtlichem Behagen ab und ſagte:„Wenn unſere ſchleſiſchen Weinberge doch ſolches Gewächs trügen, ich glaube, das könnte mich noch einmal jung machen. Ungariſche Rebe— nul- lum vinum, nisi hungaricum, ſagen ſie, ich möchte ihnen beinahe Recht geben. Aber Ihr wollt noch etwas vom ſchönen oder wie ihn die Kriegsleute nennen, vom ſtarken Sachſen wiſſen. Ja, mein Jun⸗ ter, daran nehmt Euch kein Exempel. Der hat ſich's um ein Frauenzimmer zu Herzen gehen laſſen und ſich ſelbſt darob verflucht, daß mir graute. Was ihm eigentlich geſchehen iſt, damit iſt er nicht heraus⸗ gekommen, ſo ſehr ich ihm auch einmal, wo er mir gerade bei Laune ſchien, zuſetzte. Aber ihren Namen weiß ich doch—“ Bernhard ſah ihn ſchweigend, aber mit einiger Unruhe, an.—„Wenn auch nicht ihren Geſchlechts⸗ namen,“ fuhr Haugwitz fort.„Als ich ihn, da er gerade in fröhlicher Laune mit mir beim Becher ſaß, nach allem fragte, ſeht, Junker Bernhard, da war's doch, als ſchlage der Blitz in ein Pulverfaß. Den Pokal, den er eben zum Munde führen wollte, warf er zu Boden, daß der edle Wein hoch auf⸗ 60 — ſpris te und über den Grund lief, und dann rief er: Verflucht der Tropfen, den ich noch genieße, verflucht die Stunde, da ich kennen lernte, die vom Chriſt nur den Namen hat, verflucht ich ſelbſt, wenn ich jemals— ja, nun ſeht Ihr mich an, Junker Bern⸗ hard, und wartet, was weiter herauskommen wird! Gerade ſo ſaß ich auch im Zelt bei Brescia und ſah den Schlabrendorff an, was er ſagen werde. Aber auf einmal brach er ab, ſtieß ſeinen Feldſtuhl zurück, und ging hinaus Da hatte ich es mit ihm verdor⸗ ben und konnte ihn nicht wieder gut machen, mußte auch am andern Tage weiter reiſen, wenn ich nicht mit in die Patſche der neuen Händel kommen wollte, die mich, wie überhaupt die ganze Kriegswirthſchaft, nichts angingen.“ „So habt Ihr ja doch den Namen, von dem Ihr ſpracht, nicht e“ bemerkte B gernhard ohne ihn anzublicken. „O junger Menſch, wie merkt man es Euch an, daß Ihr nicht viel weiter in der Welt gekommen ſeid als bis Glogau oder Freiſtadt! Macht Euch auf ſag' ich, und verſucht Euch etwas, da wird man gewitzigt, da lernt man ſich durchſchlagen und anderer Leute Gedanken aus dem kleinſten Fingerzeig er⸗ rathen. Den Namen hätt' ich nicht erfahren? Sagte 6 3 6 er nicht, daß ſie vom Chriſt den Namen hätte? Nun, wie kann ſie dann in aller Welt heißen als Chri⸗ ſtiane, oder wie ſie in Sachſen und auch bei uns ſagen: Chriſtel? Gibt's etwa einen andern Namen?“ „Ihr könnt recht haben,“ brachte Bernhard kurz hervor. Die Verſpottung des Gaſtes ſchien ihn zu verdrießen, wenn ſein Stirnrunzeln nicht einen andern Grund hatte.„Aber, was habt Ihr damit gewonnen? Dieſer Name iſt ſo verbreitet, daß Ihr doch ſo gut wie gar nichts wißt.— Schlaft wohl, Herr von Haugwitz,“ beendigte er das Geſpräch, in⸗ dem er ſchnell aufſtehend dem Fremden die Hand reichte. „Seht da! Habt Ihr mir's ein Bißchen übel⸗ genommen?“ rief Haugwitz gutmüthig.„Ich will ja nur Euer beſtes, kann halt nicht ſehen, daß Ihr daheim in Euren grünen Jahren verſauert, während Ihr draußen, wie Ihr vom lieben Gotte preislich geſchaffen ſeid, ein berühmter Held werden könntet! Nun, ſeid nicht böſe.“ Bernhard verſicherte ihm, von dieſer herzlichen Weiſe ganz gewonnen, daß er fern davon ſei, die gute Meinung ſeiner Worte zu verkennen, und daß ähnliche Gedanken, wenn auch nicht, ein berühmter Held zu werden, doch die Welt kennen zu lernen, ch en ie ter en, zuweilen ſchon in ihm erwacht ſeien, worüber ſich morgen noch mehr ſprechen laſſe. Damit ſchieden veide als gute Freunde, und Bernhard eilte nach dem Tafelzimmer zurück, wo er ſeine Mutter ganz allein, in tiefen Gedanken am Kamin ſitzend, noch fand. Sie blickte ſinnend zu ihm hinüber, als er eintrat, und gleichſam zum Bewußtſein kommend, erhob ſie ſich raſch. „Es iſt, wie Du Dir gedacht haſt,“ ſagte Bern⸗ hard mit weicher Stimme. Sie machte eine unwillkürliche Bewegung mit der Hand, als wolle dieſe zum Herzen zucken— ſchweigend ſah ſie dem Sohn in das Auge, um nach deſſen Ausdrucke zu forſchen. Was ſie bemerkte, ſchien ſie aber zu beruhigen, denn ſie athmete freier, als ſie Worte fand.„Alſo wirklich! Meine arme Chri⸗ ſtine! Welch' ein unglücklicher Zufall, daß er dieſe Erinnerung wecken mußte, ohne zu ahnen, was er damit that! Er ahnt es doch nicht, Bernhard? Ver⸗ ſchweige mir nichts, was Du von ihm erfahren haſt!“ „Nein, liebe Mutter, er hat keine Ahnung, daß uns ſeine Erzählung berührt, und wird auch wohl nicht wieder darauf zurückkommen, da ich nun alles, was er darüber weiß, erfahren habe und er, wie es ſcheint im Erzählen unerſchöpflich an neuem Stoff iſt. 1857. VI. Heimath und Ferne. J. 3 34 Erwähnt er aber auch den Namen noch einmal, ſo kann er nicht mehr den Eindruck machen als heute, wo er ganz unerwartet, unvorbereitet traf.“ Die Mutter gab ihm recht und ließ ſich nun ausführlich berichten, was er von Haugwitz vernom⸗ men hatte. Sie gerieth in tiefe Bewegung, als er ihr die Worte wiederholte, welche der Mann, der in ſo naher Beziehung zu ihr geſtanden, in der Ferne über ſeine Vergangenheit geäußert haben ſollte— zu bezweifeln waren ſie nicht, im Gegentheil hätte Frau Wanda vielleicht ergänzen können, was er nicht ausgeſprochen hatte. „Es iſt gut ſo, mein Sohn,“ ſprach ſie, nach⸗ dem ſie alles wußte.„Deine Schweſter hat die ſchwere Prüfung, die ihr in jüngeren Jahren auf⸗ erlegt war, längſt überwunden, ſie wird auch dieſe unglückliche Erinnerung überwinden und morgen ſo ruhig und ſo verſtändig ſein wie immer. Du haſt Dich klug und geſchickt benommen, mein Sohn. Schlaf wohl, ſchlaf ſüß, mein Bernhard“ ſetzte ſie zärtlich hinzu.„Bewahre Dich der Himmel vor Ver⸗ ſuchung und erhalte Dein Herz noch lange frei. Es iſt doch noch frei, Bernhard?“ Ein leichtes Erröthen ſtieg in dem Antlitze des Sohnes auf und ehe er antworten konnte, brach die 35 Mutter ſchnell ab.„Ich hoffe es ganz gewiß— gute Nacht!“ Bernhard küßte ihr die Hand und ent⸗ fernte ſich.— Frau von Linden fand ihren Gatten noch wach und auf die Meinungsäußerungen ſeiner Frau gefaßt, die er erſt in aller Geduld, wie gewöhn⸗ lich, hinnehmen wollte, ehe er ſeinen Abendſegen ſprach und ſich zu unerweckbarem Schlaf auf das Ohr legte. Er ſaß alſo noch im Bette aufrecht und hatte die Nachtmütze vor ſich liegen.—„Du bleibſt ja heute recht lange auf, Mutter,“ empfing er die Gattin. „Hältſt Du mich wirklich für ſo phlegmatiſch, daß ich ſchlafen könnte, ehe ich wüßte, was unſer Kind ſo nahe betroffen hat?“ entgegnete Wanda. „Ach Gott, der Erdmann hat ſich nichts dabei gedacht— den mußt Du erſt kennen lernen! Einen beſſern Freund habe ich nicht auf der Erde, der gäbe ſein letztes für mich hin. Du weißt ja auch, was ich Dir alles von ihm erzählt habe.“ „Das haſt Du gethan, Linden, und es gehört keine große Menſchenkenntniß dazu, um Deinen Erd⸗ mann bald zu durchſchauen. Der Schlabrendorff, von dem er erzählte, iſt wirklich Fabian.“ „Alſo richtig!“ ſagte Linden.„Wie doch Men⸗ ſchen zuſammenkommen können!“ Sie hätte vor dieſer gleichmüthigen Bemerkung 3* über einen Zufall, von dem ihr Kind empfindlich be⸗ rüͤhrt worden war, böſe werden können, wenn ſie ihren Gatten nicht beſſer verſtanden, nicht gewußt hätte, daß es nicht Gleichgiltigkeit des Herzens ge⸗ gen das Glück ſeiner Kinder war, die ihn ſo ſpre— chen ließ, daß er im Gegentheil der zärtlichſte Va⸗ ter war, der gern alles that, um ſeine Kinder glücklich zu wiſſen. Er gehörte nur zu den Naturen, die ſich nicht leicht in Schwung der Gefühle und des Aus⸗ druckes bringen laſſen: für das praktiſche Leben viel⸗ leicht die beſten. Aber Wanda konnte darum nicht immer mit ihm harmoniren, da ſie ſelbſt ein zu reges und reizbares Gemüth beſaß, darum vermochte ſie auch nicht die Gegenrede auf ſeine Aeußerung zu unterdrücken. „Alles, was nicht ein Kornfeld oder eine Heerde iſt, läßt Dich kalt!— Es iſt nun einmal ſo, ver⸗ antworte Dich nicht, Du kannſt nicht dafür, ich bin fern davon, Dich anzuklagen. Wir können auch ganz ruhig ſein: Haugwitz weiß nicht, daß der Schlabren⸗ dorff, den er in Italien kennen gelernt hat, mit unſe⸗ rer Chriſtine verlobt geweſen iſt, ebenſo wenig kennt er die nähern Verhältniſſe, an denen er es errathen könnte, und daß er nicht durch uns etwas erfährt, 37 darauf darf ich mich wohl verlaſſen, ſo groß Deine Freundſchaft für ihn auch ſein mag.“ „Das kannſt Du, Mutter— wer wird in ſein eigenes Fleiſch ſchneiden?“ erwiederte er. Wanda ſchwieg, und er glaubte ſchon, einen langen zufriedenen Athemzug ſchöpfend, alles vorüber, als er von neuem beunruhigt wurde.„Was denkſt Du über Bernhard und die Bärbel?“ fragte ſie. „Kinderei!“ gab er zur Antwort.„Sie iſt ja noch ein pures Kind und er ſchilt ſie alle Tage mehr als er ſchön mit ihr thut. Du machſt Dir un⸗ nützige Gedanken.“ „Für uns beide mache ich mir Gedanken— unnütz ſind ſie nicht. Beſſer vorbeugen als zu ſpät handeln. Du müßteſt denn nichts gegen eine ſolche Verbindung haben.“ „Ei freilich habe ich etwas dagegen!“ verſetzte er wärmer als ſonſt ſeine Art war.„Der Bernhard muß eine Frau haben, die ihm Geld in die Wirth⸗ ſchaft bringt, oder er geht zu Grunde Ich bin zu gut gegen die andern geweſen, habe den beiden Jungen ihre Güter zu einem wahren Spottpreiſe überlaſſen, und die Mädchen, wie ſie heiratheten, aus⸗ geſtattet, als ob das ganze Fürſtenthum Glogau mir gehörte— darüber iſt der Jüngſte zu kurz gekom⸗ men. Was Du noch haſt, kriegt die Chriſtel— und Läßnitz hier, wenn es der Bernhard einmal nach meinem Tode übernimmt, iſt ſo verſchuldet, daß er lieber gleich die Bude zumachen kann. Was ſoll ihm da eine Frau, wie die Bärbel, die gar nichts hat? Denn was ſie vom Großvater noch erbt, das iſt nicht der Rede werth. Der hat ſeinen Söhnen eben das Beiſpiel gegeben, wozu es führt, wenn man bei Lebzeiten noch alle warm ſetzen will und nichts für ſich ſelber behält; ich war auf dem beſten Wege, es ebenſo zu machen, fehlte nichts weiter als daß ich Läßnitz dem Bernhard auch gleich gäbe und wir Alten uns bei einem von den Jungen zur Koſt ſetzten!“ „Halt ein, Linden,“ unterbrach Frau Wanda den Strom ſeiner Rede, der, in ſein wahres Bett geleitet, rauſchend dahinfloß.„Mir iſt es genug, Deine Meinung zu wiſſen, in welcher ich vollkommen mit Dir überein⸗ ſtimme. Hätte ich vorher geſehen, daß es ſo kommen würde, ſo wäre die Bärbel wahrſcheinlich bei einem andern Verwandten untergebracht worden. Aber ſie verſprach ſo wenig hübſch oder intereſſant. zu werden, war auch ſo linkiſch und kindiſch, daß ich eine ſo ſchnelle und reizende Entwickelung nicht für möglich hielt, und nun ich ſie wahrhaft liebgewonnen habe, ja ich 39 kann ſagen, wie mein eigenes Kind, kann ich nicht zuſehen, wie ſie ſich von einem Gefühle mehr und mehr verſtricken läßt, das doch nimmermehr, wie lei⸗ der die Verhältniſſe ſind, zu ihrem Glücke führen kann. Beſſer wäre es freilich geweſen, ich hätte früher eine Ahnung davon gehabt, es iſt mir ſelbſt unbegreiflich, daß ich ſo gar nicht an dieſe Möglichkeit gedacht habe— vielleicht darum nicht, weil mir die Bärbel immer wie mein Kind vorkam und ich beide als Ge⸗ ſchwiſter anſah, bis plötzlich, wie eine Blume im frühſten Lenz, ohne daß man ſie keimen und wach⸗ ſen ſieht, eines Morgens in voller Knoſpe prangt und nur auf den Sonnenſtrahl wartet, um ihren Kelch zu entfalten, die Entdeckung ihrer jungen Liebe mich überraſchte. Noch iſt ſie in der Knoſpe, aber es iſt meine Pflicht, ehe der Sonnenſtrahl ſie völlig erweckt, wie eine Mutter für beide zu handeln.— Du ſchläfſt wohl, Heinrich?“ Da ſie keine Antwort bekam, verſtummte ſie, und tiefes Schweigen, wie es rings um das Schloß und über der Gegend herrſchte, waltete nun auch in den inneren Räumen des alten Baues. Ob deß⸗ halb aber alle Bewohner den friedlichen Schlummer gefunden hatten, ob nicht manches Herz vom aufge⸗ regten Blute noch unruhig pulſirte, war ſehr zweifelhaft. Drittes Rapitel. Innere Welt. Der Morgen ging in aller Frühlingspracht auf. Der Himmel war wolkenleer, die Sonne entſtieg einem wallenden Meere von Purpur und Gold und ver⸗ klärte die freundliche Gegend mit ſchimmernden Lichtern. Hoch im Blau, faſt unerkennbar dem ſchärfſten Auge, ſchwebte die Lerche und ſang dem Schöpfer ihr Mor⸗ genlied, Finken ſchlugen in den Bäumen des Wald⸗ kopfes, der ſich mitten in den fruchtbaren Feldern voll ſtrotzender Winterſaaten auf einer niedern Boden⸗ welle erhob; eine geſchwätzige Grasmücke, in den anmuthigſten Variationen ihrer tonreichen Kehle plau⸗ dernd, ſaß im blühenden Hollunder, welcher ſeine lichtblauen Dolden über die Mauer nicken ließ, die den Schloßbezirk einfaßte. Alles war voll freudigen Lebens. Aber der liebliche Charakter der Landſchaft ver⸗ ſchwand, wenn ſich der Blick gen Oſten kehrte Dort hörte das ſaftige Grün auf, das dem Auge ſo wohl⸗ that, man ſah einzelne gelbliche Sandſtreifen auf der bräunlichen Haide; hier und da ragten große Kiefern mit ihren knorrigen, weit ausgeſtreckten Aeſten auf und durch einen Wall von niederm Weidengeſträuch, der jedoch weite Lücken bot, blitzte das Waſſer eines anſehnlichen Fluſſes, das war die Oder. Auf den Feldern regte ſich ſchon der ländliche Fleiß, mehrere Geſpanne waren in der Ferne zu ſe⸗ hen, wo Brachen umgeſtürzt wurden; ein Säemann mit dem blauen Säetuch um die Hüften wanderte, näher am Dorfe, den gezogenen Furchen nach und warf mit gleichförmigem Schwunge ſeine Körner hinein; den breiten Rain entlang trabte ein Reiter, der ſein kleines Pferd nach dem Schloſſe wandte, deſſen graues Dach mit ſcharfer Firſte über die Obſt⸗ bäume des Gartens ſah. Als er die Mauer erreicht hatte, wo der Hollunder herüberſah, ließ er das Pferd Schritt gehen und hob ſich in den Steigbügeln, um ſich einen Blüthenzweig zu pflücken. In demſelben Augenblicke flog ihm aber ein ſolcher, ſchon gepflückt, von oben zu, den er trotz ſeiner Ueberraſchung auf⸗ fing; ein lächelndes Mädchengeſicht, mit einem Morgen⸗ tuch um das blonde Haar, wurde im Laube über der Mauer ſichtbar, wo ein kleines Thürmchen mit einer Plateform zur Ausſchau in das Feld gebaut war. „Guten Morgen, Bernhard!“ hörte der Reiter ſich grüßen. Er erwiederte den Gruß herzlich, dankte für den Strauß und fragte, was Bärbel ſo früh ſchon im Garten zu ſchaffen habe.—„Ich ſuche dem Groß⸗ vater friſche Blumen,“ erwiederte ſie,„und ſah mich auch nach Dir um. Du bleibſt heute ſo lange— die Mutter wartet auf Dich mit dem Frühſtück. Aber, Bernhard, reite nicht fort,“ ſetzte ſie hinzu, obgleich er gar keine Anſtalt dazu machte, ſie neigte ſich ein wenig über die verwitterte Mauerbrüſtung, welche die Plateform mit krenelirten Zinnen umgab, und ſprach in gedämpftem Tone:„Du mußt mir etwas ſagen, Bernhard!“ „Wenn ich es weiß, ganz gewiß!“ verſicherte er lachend über ihre Wichtigkeit. „Verſprichſt Du mir das?“ fragte ſie lebhaft. „Hab' ich Dir ſchon etwas abgeſchlagen?“ ent⸗ gegnete er. „Gut, Du verſprichſt es mir, und ſein Wort muß man halten. Was war das geſtern mit der Chriſtel, das der Großvater meinte? Er ſchalt, daß Ihr es mir verſchwiegen habt.“ Bernhard wurde ernſter, doch ſein Auge hing mit dem Ausdruck großer Innigkeit an Bärbchen's Antlitz, das bei ihrem ſo offenerklärten Wunſche mit verſchämtem Lächeln erröthete.—„Willſt Du es wirk⸗ lich wiſſen?“ fragte er.„Verſchwiegen mit Abſicht hat es Dir niemand— aber was beſſer vergeſſen wird, 3 4 wenn es vergeſſen werden kann, das bleibt lieber unbeſprochen. Hätte es der Anlaß gegeben, ſo würde Dir kein Geheimniß daraus gemacht worden ſein, denn Chriſtine hat keine Urſache, was ſie gethan, zu verbergen.“ „Nun aber iſt der Anlaß da, Bernhard,“ erwie⸗ derte ſie.„Glaube nicht, daß ich aus häßlicher Neu⸗ gier frage. Ich habe Chriſtinen ſo lieb, ſoll ich nicht wiſſen, was ſie trauriges erlebt hat?“ „Wäre es nicht am beſten, Bärbel,“ entgegnete er,„ſie erzählte Dir alles ſelbſt?“ „Gewiß! Aber wird ſie das thun und kann ich ſie fragen? Du haſt es mir verſprochen, Bernhard.“ „Sieh, wie ſchlau Du mir auf Treu und Glau⸗ ben ein Verſprechen abgenommen haſt!“ rief er lä⸗ chelnd— in demſelben Moment ſah er, wie Bärb⸗ chen ſich raſch von ihm abwandte, und gleich darauf ihr liebliches Köpfchen über der Mauerkrone verſchwand. Er glaubte die Stimme ſeiner Mutter zu hören, und war unſchlüſſig, ob er ſich nicht auch bemerkbar ma⸗ chen ſollte, um den Zufall, der ſein Geſpräch mit Bärbchen veranlaßte, nicht in ein verfängliches Licht zu ſtellen, da er ſich der geſtrigen Frage ſeiner Mutter erinnerte. Aber es iſt ſchon übel, daß er überhaupt ein ſo ganz natürliches Verhältniß nicht mehr harm⸗ los betrachten konnte, daß er eine Begegnung, ein Geſpräch ohne Zeugen mit ſeiner Kouſine erklären und rechtfertigen wollte, und ſo zog er denn lieber den Zügel ſeines kleinen Schimmels an und lenkte ihn auf den Dorfweg zurück, den er nun im raſchen Trabe verfolgte. Auf der Plateform erſchienen kurz darauf mit dem wiederkehrenden Mädchen zwei Andern.„Dort reitet er ſchon,“ ſagte Bärbchen.„Ich habe ihm geſagt, daß er ſich heute verſpätet hat und daß Du mit dem Frühſtück auf ihn warteſt.“— Die Mutter, zu welcher ſie dieß ſprach, blickte ihrem Sohne nach, welcher eben um die Hecken bog und dann nicht mehr zu ſehen war, ihr Begleiter aber ſagte neckend „Seht doch! Das iſt ja ein ganz italieniſches Stücklein geweſen: die Dame auf dem Balkon, huld⸗ reich herniederſchauend und unten der Kavalier, wel⸗ cher ihr ein Morgenſtändchen auf der Mandoline ge⸗ bracht hat und damit ihr holdſelig Antlitz an die Friſche gelockt zu einem angenehmen Discorſo.“ „Der Bernhard möchte ein ſchlechter Zitherſpie⸗ ler ſein, Herr von Haugwitz,“ erwiederte Frau Wanda ohne ihre Nichte anzublicken, welche bei dem Scherze erglüht war.„Auch gibt dieß verfallene Gemäuer einen ſonderbaren Balkon ab und italieniſch dürfte 45 Euch unſere Landſchaft ſo wenig vorkommen, als wir ehrliche Schleſier italieniſche Stücklein aufführen können.“ „O der Schalk Amor treibt ſein Spiel im Norden ſo gut wie im Süden! Aber nichts für un⸗ gut, Fräulein Barbarina, erlaubt mir dieſe unſchul⸗ dige Verliebkoſung Eures Namens, ich bin ſo ſehr an die weichklingenden jenſeit der Alpen gewöhnt. Das iſt die Oder, nicht wahr? Wie es dort hinaus gleich unwirthlich ausſieht! Ich habe ein theures Gelübde gethan, die Oder niemals zu überſchreiten, man müßte mich denn gewaltſam hinüberſchleppen, wie vor Zeiten die Mongolen und die— andern, wollt' ich ſagen—“ „Sprecht es doch aus, Ihr meint die Polen, meine tapfern Landsleute!“ verſetzte Frau Wanda, von ſeinem plötzlichen Stocken beluſtigt.„O ja, ich glaube es wohl, daß die Polen zuweilen ihre abge⸗ fallenen Stammgenoſſen, die Schleſier, mit dem Schwerte heimgeſucht haben und irre ich nicht, hat nir mein Oheim, der Staroſt von Belsk, von ſolchen Kriegszügen unter dem König Wladislaw Lo⸗ etek, oder wie die Deutſchen ihn nennen, König enlang, viel herrliche Thaten erzählt. Seht lieber 46 Herr von Haugwitz, die„Böſen— Ihr wißt doch, daß Euer Volk von sle, böſe, ſeinen Namen hat?“ „Ach Du lieber Gott! ſagte Haugwitz.„Wir Schleſier und böſe! Kein gutmüthigeres Volk unter der Sonne!“ „Bis zur Schwäche— das geb' ich Euch zu. Ich wollte nur ſagen, die Schleſier haben wenig Segen davon gehabt, daß ſie von Polen abtrünnig geworden ſind, und ſoviel Deutſche in ihr Land ge⸗ zogen haben, bis ihnen ſelbſt die alte Sprache ver⸗ loren gegangen iſt und nur dort oben“— ſie zeigte ſtromauf nach dem Fluſſe—„noch ein Kauderwelſch, das nur polniſch heißt, geſprochen wird. So ſtehen ſie nun in der Mitte, gehören weder zum deutſchen Reiche, noch zu einem andern, haben ihre vielen kleinen Fürſten und dieſe müſſen ſich's gefallen laſſen, dem Könige von Ungarn und Böhmen als ihrem Lehns⸗ herrn zu dienen. Wie anders, wenn ſie bei dem mächtigen Reiche verblieben wären, das von der Oſt⸗ ſee bis an die türkiſche Grenze reicht und nun mit Lithauen vereinigt, bis zu den fernen Reuſſen!“ „Ihr ſeid erſtaunlich bewandert in der Hiſtorie!“ verſetzte Haugwitz.„Indeſſen will mir immer bei ſo mächtigen Reichen bange werden, daß die Hand des Herrſchers nicht allezeit ſtark genug iſt, und es 47 am Ende in ſich ſelbſt zerfällt, wie es dem Reiche der Römer ergangen, auf deſſen Boden ich kürzlich ge⸗ wandelt und traurige Spuren gefunden habe.— Kehren wir jedoch zu den beiden Herren zurück, die uns ver⸗ miſſen werden: ich bemerke, daß auch die ſchelmiſche Biondina uns verlaſſen hat, erlaubt Ihr mir Euren Arm?“ „Ich halte es für uns beide ſicherer, über das lockere Geſtein den Weg allein abwärts zu ſuchen,“ erwiederte Frau Wanda lächelnd, indem ſie mit leich⸗ tem, gewandtem Tritt voranging. Ihre Rede be⸗ währte ſich— bald genug polterten Steine, welche unter dem gewichtigen Fuße des Gaſtes gewichen waren, hinter ihr drein, und ohne einen ſtarken Baum⸗ ſtamm, den er, um wieder Halt zu gewinnen, um⸗ faßte, hätte er wahrſcheinlich einen ſchweren Fall ge⸗ than. Lachend verſicherte er, daß ihm dergleichen auf ſeinen Reiſen ſchon oft begegnet ſei, er aber in allen Fährlichkeiten ſich zu helfen wiſſe— nur nicht mit Damen, da laufe ſein Schifflein, wie ſie wohl ſchon bemerkt haben werde, faſt mit jedem Worte auf ver⸗ borgene Klippen. „Nicht wahr, Ihr nehmt mir's aber nicht übel?“ ſagte er, als er ebenen Boden erreicht hatte und ſich nun ohne alle Umſtände ihres Armes bemeiſterte. 48 „Mir ſitzt nicht blos das Herz, ſondern die ganze Seele auf der Zunge, aber ich meine es gut mit allen Menſchen. Seht, da kommt ſchon der Heinrich. Was er mir für einen Blick zuwirft! Ich glaube, er iſt ſchon eiferſüchtig. O da ſollte er erſt eine Ita⸗ lienerin zur Frau haben!“ Herrn von Linden war dieſe Regung Zeit ſei⸗ nes Lebens ferngeblieben, er hatte auch wohl keine Urſache dazu gehabt. Er kam, ſeinen alten Freund aufzuſuchen, da er verſprochen hatte, ihm heute früh auf einer Rundfahrt ſeine ganze Wirthſchaft zu zeigen, auf welche er ſich nicht wenig einbildete. Schade nur, daß Haugwitz deren Vorzüge nicht recht zu würdigen verſtand, auch ſchien er nicht einmal große Luſt zu haben, ſich in die Geheimniſſe der Oeko⸗ nomie einweihen zu laſſen, vor denen er ſeit frü⸗ her Jugend eine gewiſſe Scheu getragen hatte; in⸗ deſſen mochte er ſeinen alten Heinrich, dem es ſo⸗ viel Vergnügen machte, nicht kränken und ergab ſich denn in ſein Schickſal. Bärbchen, welche vom Fen⸗ ſter aus ihn auf das Wäglein ſteigen ſah, das ihn unter des Oheims Obhut auf den Feldern umher⸗ führen ſollte, fand, daß er die Miene eines Lammes gehabt, welches zur Schlachtbank geliefert wird. Unterdeſſen hatte die Mutter ihren Sohn, der 49 heute wirklich ſehr ſpät zurückkam, mit einem leich⸗ ten, ſcherzenden Vorwurf empfangen, der auch des Aufenthaltes am Luginsland, wie das verfallene Thürmchen genannt wurde, ſo unbefangen erwähnte, daß Bernhard unmöglich ihre Gedanken dabei durch⸗ ſchauen konnte. Er war aber nicht in gleichmüthi— ger Stimmung, ſeine Farbe wechſelte mehrmals, wo gar kein Anlaß war, einmal ſogar, während er ſtill ſein Frühſtück verzehrte und die Mutter ſchweigend am Fenſter ſtand, überlief ſein Geſicht eine plötzliche Glut, als habe ihn ein jäher beunruhigender Ge⸗ danke überfallen. Frau Wanda entgingen dieſe ver⸗ rätheriſchen Zeichen nicht, aber ſie gab das nicht kund, ſie ſah kaum nach ihm hin und fing wieder ein harmloſes Geſpräch an, das ihm glücklich über die gefährliche Minute hinweghalf. Ihn aber ver⸗ ſetzte das Bewußtſein ſeiner Unſicherheit in eine ge⸗ reizte Stimmung, und dieſe gab ihm einen Geiſt des Widerſpruches über gleichgiltige Dinge ein, den die Mutter nie an ihm gekannt hatte. Ihr Auge richtete ſich nun mit einem Blicke auf ihn, vor deſſen verwunderter Frage das ſeinige ſich zu Boden ſenken mußte, doch diente das Zucken ſeiner Lippe nicht da⸗ zu, die Mutter über ſeinen Gemüthszuſtand zu be⸗ ruhigen. Gern hätte ſie ihn an ihr treues Herz ₰ 1857. VI. Heimath und Ferne. I. geſchloſſen und beftagt, was ihn quäle, da ſie dieſe böſen Zeichen nicht allein aus der verborgenen Nei⸗ gung, welcher ja bis jetzt noch gar kein Hinderniß in den Weg getreten war, erklären konnte, aber ſie wollte ſein Vertrauen erwarten, und nicht erzwingen, fürchtete auch vielleicht durch unvorſichtige Worte Geiſter zu entfeſſeln, die nicht wieder zu bannen waren, und ſo glaubte ſie am beſten zu thun, wenn ſie Bernhard ſich ſelbſt überließe. Ebenſo unbefan⸗ gen, wie ſie bis jetzt mit ihm geſprochen, ging ſie aus dem Zimmer, als habe das gar keine beſondern urſachen.„Das muß ein Ende nehmen,“ ſagte ſie für ſich. Seltſam! Auch Bernhard hatte denſelben Ge⸗ danken. Als er allein war und ſich keinen Zwang mehr anzuthun brauchte, trat ihm der Ausdruck ſei⸗ nes leidenſchaftlichen Gemüthes in jede Miene und er ging, das Auge zu Boden geſenkt, die Arme über der ſtürmenden Bruſt in das Kreuz geſchlagen, hef⸗ tig auf und ab. Zwei entgegengeſetzte Gewalten rangen in ihm, wie zwei Gewitterwolken, jede von ihrem eigenen Sturmwind getragen, am Himmel zu ſchwüler Sommerszeit ſich treffen und im furchtbaren Kampfe ſich entladen. Wer hätte in dieſem ſtillen äußerlich oft ſo kalten Jünglinge eine Glut der Lei⸗ 51 denſchaft geſucht, wie ſie ſich in ſeinem gährenden Antlitze ausſprach! Was war ihm geſchehen, nun die⸗ ſen Ausbruch, der keinen Gegenſtand hatte als ſich ſelbſt, zu rechtfertigen? Sich ſelbſt, ſo war es! Er ſchalt ſich einen Schwächling, einen weibiſchen Kna⸗ ben, der ſich von den männlichſten Vorſätzen durch kindiſche Gefühle abwendigmachen, zu einem Leben der Erbärmlichkeit verdammen laſſe, ja ſo erniedrigt ſchon, daß er ſich unglücklich fühle nur in dem Ge⸗ danken an die Laufbahn der Ehren und des Ruh⸗ mes, die er einſt in ſeinen Träumen ſo ſchimmernd geſehen, ſo glühend erſtrebt hatte!„Ein Ende muß das nehmen!“ rief er.„Immer feſter ſchlingt ſich die Kette um mich, die mich in unwürdige Thatenloſig⸗ keit bannt— faſſe ich jetzt nicht die Kraft zuſam⸗ men, um ſie zu ſprengen, mag auch brechen, was da will, ſo bin ich verloren! Schon habe ich das Ge⸗ fühl brennender Scham kennen gelernt, ich habe er⸗ röthen müſſen vor dieſem alten Manne, der nicht einmal kriegeriſchem Ruhme nachgeſtrebt hat— das ſoll aber anders werden, und gerade der kann mir helfen!“ Ein feines, fröhliches Gelächter unterbrach ſeine raſtlos ſich jagenden Gedanken und wie er betroffen aufſah, ſtand er vor der Thür und dicht vor ihm 4* — 2 * Barbara, welche von ihm unbemerkt eingetreten war Wie ein goldener Sonnenſtrahl in düſteres Regenge⸗ wölk traf ihn der heitere Blick ihres Auges, alles, was. ihn beſtürmt und gequält hatte, war in dieſem Mo⸗. mente vergeſſen, die wunderbare Macht des Liebreizes, der ſie umkleidete wie ein verklärender Lichtglanz, 6 1 übte den alten Zauber auf ihn, und von dem Kam⸗ 2 3 pfe, den er eben beſtanden hatte, vielleicht der eige⸗ v nen Kraft beraubt, verlor er den letzten Halt, wel⸗ n cher ihm bisher noch geblieben war.—„Lachſt Du über mein einſames Ringen?“ rief er.„Weißt Du e nicht, daß Dir jeder Athemzug, jeder Pulsſchlag b meines Lebens gilt? Kannſt Du mein ſpotten? Nein, d nein! Du weißt es längſt, was ich Dir nicht ſagen 3 durfte— Du haſt mich lieb, Du ſtößeſt mich nicht 9 1 von Dir— ſage mir das!“ d Er hatte die Hand des erbleichenden Mädchens n 1 ergriffen, er ſchlang ſeinen Arm um die Beſtürzte, und 2 zog ſie an ſein Herz— aber dieß wilde Beginnen, t ſo ganz fremd an ihm, ſtreng beherrſcht wie ſein d 1 Gefühl bis jetzt verborgen geblieben war, erſchreckte t ſie; mit Kraft entwand ſie ſich ihm und entfloh. d Kein Wort hatte er von ihr vernommen, keinen Blick d hatte ſie ihm geſchenkt, aber die Thränen, welche 5 aus ihren Augen perlten, waren ihm nicht ent⸗ 5 Si — gangen und fielen ihm wie brennende Tropfen auf die Seele. Er wollte ihr nacheilen, ſie auf den Knieen um Verzeihung bitten, aber es war zu ſpät, und bitterer zerfallen mit ſich ſelbſt als zuvor, wäre er am liebſten hinausgeſtürzt in die dunkelſte Tiefe des Waldes, um ſein Antlitz vor allen Menſchen zu verbergen, denn er wußte daß er nicht mehr fähig war, dasſelbe zu verſtellen. Aber das wäre feige Flucht geweſen, und nun inmal die Schranken zerſchlagen waren, die er ſich isher ſelbſt geſetzt, nun er gegen ſeine Geliebte enAusrch de angere Gefühls nicht mehr zu hindern vermocht hatte, wollte er auch allen Fol⸗ gen ſtehen wie ein Mann. Das war jedoch nicht die klare Feſtigkeit eines gewonnenen Entſchluſſes, das war noch immer Leidenſchaft und zwar böſer Trotz. Wohl ihm, daß in dieſem Momente nicht die Mut⸗ ter zurücktehrte, ſein kindliches Gefühl würde vielleicht dem Sturme, der ihn wie ein ſteuerloſes Schiff dahin⸗ trieb, nicht Widerſtand geleiſtet haben, und wenn er dann in Blick oder Wort die Ehr furcht verletzt hätte, da er Mutter allein als die Gegnerin ſeiner heißen Wünſche anſah, welch' ein Anl aß zu tiefer Reue für ihn! Die Mutter kreuzte aber ſeinen Weg 3 por der Rückkehr des Vaters nicht mehr, ſondern 6„ — 3 1 „ ¹ 54 entzog ſich ihm vielmehr, als er ſie zuletzt aufſuchte, um, da er endlich ruhiger geworden war, ſich mit ihr auszuſprechen. Sie allein konnte ihn ja verſtehen, ſonſt niemand. Er hatte auch, ungleich andern jungen Männern, keinen Freund, an den er ſich mit offenem Vertrauen angeſchloſſen hätte; ſeine beiden Brüder, die nun ſchon ihren eigenen Herd gegründet hatten, waren an Sinnesart zu verſchieden von ihm, Chriſtine, die ältere Schweſter, ging verſtändig aber kalt, ihren eigenen Weg, und von den Söhnen der benachbarten Familien, mit denen das Linden'ſche Haus Umgang pflog, war auch nicht Einer, welcher Bernhard angezo⸗ gen hätte. So war er auf ſich ſelbſt gewieſen, ſolange er denken konnte, und je nüchterner, alltäglicher ſich ſein äußeres Leben im Kreislauf der Landwirthſchaft und des Verkehrs mit gleichgiltigen fremden Menſchen geſtaltete, umſo reicher entwickelte ſich in ſeinem Innern eine phantaſtiſche Welt, die er mit ihren zauberiſchen Bildern ſorglich vor allen Blicken hütete wie einen verborgenen Schatz. Nur der Mutter war es bei ihrem Scharfſinn und weil ſich in ihr wohl anklingende Saiten regten, nicht ganz verborgen ge⸗ blieben, daß er einen Hort von wunderbarer Fülle in ſich trage, ſie überließ es aber der Zeit, zu guter Stunde ihn zu heben. Hätte ſie freilich geahnt, daß S*— N — S S— 3 8 8 55 ſich allmälig der Vorſatz in ihm gebildet und befe⸗ ſtigt hatte, dem Vaterhauſe, in das ihn der Wille ſeiner Eltern gebannt, weil es ſein künftiges Eigen⸗ thum werden ſollte, zu entrinnen, ſo würde ſie nicht ſo theilnehmend und freundlich auf ihn geblickt haben, wenn ſie in ſeinen Augen las, daß ihn ſtrahlende Bilder ſeiner Phantaſie heimlich entzückten. Dieſer Vorſatz war faſt zur Reife der Ausführung gediehen, und es handelte ſich nur noch darum, ihn zu ver⸗ kündigen und ſich die Einwilligung der Eltern zu er⸗ bitten oder nöthigenfalls zu ertrotzen, als Barbara's Eintritt in das Haus deſſen Einförmigkeit iit einem neuen, feſſelnden Reize ſchmückte. Sie war nicht auffallend ſchön damals, die Mutter hatte ganz recht, als ſie gegen ihren Gatten ausſprach, daß niemand hätte ahnen können, wie anmuthig ſie ſich, einer Frühlingsblume gleich, in wunderbarer Schnelligkeit entwickeln würde. Aber ſie brachte ein herrliches Geſchenk des Himmels mit, Frohſinn und Heiterkeit des Gemüthes, welche alles in ihrer Nähe erquickten, es war wie ein friſcher Hauch, welcher mit ihrer Ankunft durch das Haus ging, und wenige Tage, ſo hatte ſie ſich alle Herzen gewonnen. Konnte Bern⸗ hard allein eine Ausnahme machen? Er fand nun den Anlaß nicht, ſeinen längſtgefaßten Vorſatz aus⸗ zuſprechen; anfangs täuſchte er ſich darüber, daß ihm eine Vertagung desſelben ganz natürlich erſchien, aber bald wurde er aufmerkſam auf ſich, und nun entſtand aus erſter Regung immer peinlicher jener Zwieſpalt der Gefühle, der nur in einem verſchloſſenen, von ritterlichem Ehrgeiz und Thatendurſt erft liten Ge⸗ müthe eine ſo furchtbare Gewalt erreichen konnte. Er war ſich bewußt, daß er gefeſſelt war, aber die Liebe hatte bereits ihre Nervenfäden zu dicht in ſein Daſein geflochten, und machte ihn ſogar in Momenten ſüßer Vergeſſenheit gleichgiltig gegen alles, das ihm einſt als Ideal und Zweck ſeines Lebens vorgeſchwebt. hatte— umſo ſtürmiſcher der innere Kampf, wenn er dann wieder zur Beſinnung kam. Umſonſt, daß er ſich ſagte: Lorbeer und Roſe ſeien gar wohl zum Kranze zu vereinigen, um eines Man⸗ nes Erdenglück zu krönen— er hatte eine ganz an⸗ dere Heldenlaufbahn im Sinne gehabt, als die eines bloßen Söldlings, der für fremde Fürſten und deren ihm noch fremdere Sache ſein Schwert zieht und mit den glänzendſten Waffenthaten wohl Krieger⸗ ruhm, aber kein erhabeneres Ziel erringen kann. Darum wollte er Lorbeern pflücken in heiligen Dienſte des Kreuzes als Streiter Chriſtt in dem Ritter⸗ orden, der ſich ausſchließlich dem Kampfe gegen denz 1 — — 07 Erbfeind geweiht, der auf Rhodus noch in den grie⸗ chiſchen Gewäſſern das Meer behauptete, und den Halbmond, welcher ſeit fünfzig Jahren die Kaiſerſtadt Konſtantins am Bosporus bezwungen, wenigſtens dort verhinderte, weiter um ſich zu greifen: wie lange, das hing freilich von dem Eifer und Willen des Abendlandes ab, den wackern Glaubensſtreitern Hilfe zu bringen. Bernhard hatte den Vorſatz gefaßt, in den Orden des heiligen Johannes von Jeruſalem zu treten, in welchem ihm das höchſte, der Stuhl des Großmeiſters, erreichbar war: damit aber mußte er den Roſen der Frauenliebe entſagen! Begreifen wir nun, wie er mit ſich ſelbſt zerfiel, als er ſich, ohne es zu ahnen, in ſüße Ketten verſtrickt ſah, als er dieſe zu ſprengen nicht mehr den Trieb in ſich fühlte, und der Ausweg ſich ihm darbot, den Pfad des Ruhmes im profanen Kriege um irdiſcher Zwecke willen zu ſuchen, wobei er auch der Geliebten dienen und ſich nach genoſſenen Ehren, wie ſeine Väter ge⸗ than, auf dem Stammſitze das eigene Herdfeuer anzünden durfte, mit Weib und Kindern! Dieſer Ausweg eben war es, den er ſich ſelbſt als eine Unwürdigkeit vorwarf, um den er ſich als einen Abtrünnigen betrachtete. Jetzt hatte er aber— ſo glaubte er!— die Schwäche überwunden. Gerade 58 der Ausbruch des verborgenen Vulkans hatte deſſen ſiedenden Feuerſtrom nun in kalte feſte Lava ver⸗ wandelt: mochte er auch blühende Reben der Ver⸗ heißung in Aſche verwandelt haben, das war vor⸗ über! Die Geliebte hatte ſich tiefverletzt von ihm abgewendet; was ſie über ſeine wahnſinnige Begeg⸗ nung dachte, mußte er tragen. Zur Mutter zog es ihn jetzt hin: er durfte zwar nicht hoffen, daß ſie ohne Widerſpruch ſeinen Entſchluß billigen und ge⸗ nehmigen werde, aber er glaubte dieſen Widerſpruch beſiegen zu können, und rechnete dabei auf einen Bundesgenoſſen, den Großvater. War er es nicht geweſen, der zuerſt durch ſeine Erzählungen aus einem bewegten Leben, das er am Kaiſerhofe, auf weiten Reiſen und in den Kriegen ſeiner königlichen Oberlehnsherren zugebracht hatte, ehe er in ſeiner Heimath mit dem Amte eines Landeshauptmanns ſich zur Ruhe ſetzte, in der Seele des Knaben den Funken entzündet, welcher ſtill und verborgen fortge⸗ glimmt, bis die ganze Seele von der Glut des Verlangens nach einem gleichen oder noch höhern Ziele erfaßt war? Hatte er ihm nicht mit Vorliebe das Bild zweier Helden gezeichnet, welche von Ge⸗ burt nur Edelleute wie er, ſich durch den Glanz ihrer Thaten und eigene Kraft auf den Thron ge⸗ 59 ſchwungen hatten? Der Jugend ſcheint nichts uner⸗ reichbar: was Georg von Podiebrad, was Matthias Corvinus geglückt, konnte auch einem andern zu er⸗ ringen möglich ſein, und war es kein Königsthron, ſo bot ſich der erregten Phantaſie des Jünglings noch mancher Sitz der Ehren, eines kühnen Strebens werth Die Einſamkeit, in welcher er mitten in der Familie geiſtig lebte, hatte dieſe Richtung ſeiner ver⸗ ſchloſſenen Gedanken noch mehr begünſtigt; ein ein⸗ zigesmal war er, begeiſtert durch eine beſonders zündende Schilderung des Großvaters, gegen dieſen mit einer blitzartig aufleuchtenden Idee aus ſeiner innern Traumwelt hervorgetreten, aber der alte Herr hatte ihn tüchtig ausgelacht, daher er ſich deſſen noch jetzt ſchämte. Von ſo hochfliegenden Hoffnungen durfte er nichts mehr verlauten laſſen, aber er rechnete auf des Großvaters Beiſtand zu dem einfachen, praktiſchen An⸗ liegen, das er ſeinen Eltern vortragen wollte. Ob nicht auch der Freund des Vaters, der ihm ja ſelbſt ſchon zugeredet hatte, ohne zu wiſſen, daß er ihm aus der Seele ſprach, ob dieſer ihm vielleicht nicht auch von Nutzen ſein würde? Vor allem aber mußte er die Mutter ſprechen, ſie hatte ein heiliges Recht auf ſein erſtes Wort. 60 Piertes Rapitel. Entſcheidung. „Was haſt Du, Kind? Was iſt Dir? Wie kannſt Du mir abläugnen, daß Dir etwas begegnet iſt? Du haſt geweint und ſieh, Bärbel, die Thränen ſtürzen Dir noch jetzt aus den Augen— darf ich nicht wiſſen, was Dir geſchehen iſt?“ „Chriſtine!“ mehr vermochte das Mädchen nicht zu ſagen, dann ſank ſie an Chriſtinen's Bruſt und weinte ſo heftig, daß ſie allem Zuſpruch unzugäng⸗ lich ſchien. Chriſtine ließ ſie gewähren, ſie hatte ſelbſt zu viel Leid erfahren, um nicht zu wiſſen, daß es durch Fragen und unzeitige Troſtreden nur ge⸗ ſteigert wird. Aber ſie beſaß ein theilnehmendes Herz, und wo irgend in ihrer Rähe Gram und Kum⸗ mer waren, da nahte ſie gewiß, um zu helfen nach ihrer Kraft oder doch zu lindern. Was Bärbchen betroffen hatte, ſchien ihr eine dunkle Ahnung zu ſagen, nur verkehrte dieſe das Verhältniß: es iſt dem Herzen ſo eigen, in fremdem unbekannten Leid immer eine Aehnlichkeit mit dem eigenen Schickſal zu ſuchen. Hier aber täuſchte ſie ſich— noch! müſſen wir hinzuſetzen. Und wie erſtaunte ſie, wie rann es ihr plötzlich erkältend durch ihr warmes Mitleid, als Bärbchen von ihrer Bruſt, an der ſie ſich ausweinen ſollte, ihr Antlitz erhob und Chriſtine durch Thränen ihr Auge beſeligt ſtrahlen, in ihren Zügen voll lieb⸗ licher Scham ein verklärtes Lächeln aufgehen ſah? „Ich kann es Dir nicht ſagen, Chriſtine! Heute nicht— morgen vielleicht!“ Und ſie ſchlang die Arme um Chriſtinen's Nacken, küßte ſie innig und eilte flüchtig von dannen Da verſchwand der milde Aus⸗ druck, welcher das unſchöne Geſicht der frühgealterten Jungfrau ſo freundlich machte, und ein herber Zug ſchnitt ſich vom Munde zum Kinn eine ſcharfe Furche. Ruhig im Aeußern, als ſei gar nichts geſchehen, das ſie berühren konnte, ging ſie ihren Geſchäften nach. Doch wollte die Schloßmagd, welche ſie genau kannte, bemerken, daß ſie nicht recht achtgab auf manches, und daß ſie eine oder die andere Frage, die an ſie gethan wurde, gar nicht hörte, ſondern ſich erſt be⸗ ſinnen mußte. Dafür aber war ſie gütiger gegen das Geſind als gewöhnlich, da ſie ſonſt nicht das kleinſte Verſehen ungerügt hingehen ließ. Der Gryßvater, der ſeiner Gewohnheit gemäß bald nach dem Frühſtück in das Freie hinausgegangen war, wo er zuweilen weite Gänge, am liebſten längs des Fluſſes, unternahm, kehrte heute etwas früher zurück. Er fand in ſeinem Zimmer, das zu ebener Erde lag, weil ihm das Treppenſteigen nicht mehr zuſagte, wie gewöhnlich friſch eingeſetzte Blumen, aber ſeinen Liebling, der ihn ſonſt zu empfangen pflegte, ſah er nirgend. Barbara hatte wahrſcheinlich in der Wirthſchaft helfen müſſen, womit er ganz einverſtanden war, daher fragte er nicht weiter nach ihr, ſondern ſetzte ſich, da die Sonne heiß zu glühen vegann, wieder in den Schatten der Linde. Das Alter hat das Recht, zu ruhen. Er ſtreckte behaglich die Glieder aus und gab ſich einer wohlthuenden Beſchaulichkeit hin, welche eben in ſanften Schlum⸗ mer übergehen wollte, als das Wägelchen ſeines Sohnes, der dem Freunde die Glanzpunkte ſeiner Feldwirthſchaft gezeigt, wieder in den Hof rollte. Beide kehrten ſehr zufrieden zurück, der Grundherr, daß er ſo treffliches aufzuweiſen habe, der Gäſt, daß die Feldſchau vorüberwar. Dieſer ſiel denn auch gleich den Großvater an, mit welchem ſich doch wieder vernünftige Dinge, die nicht zwiſchen Oder und Bober eingeſpannt lagen, beſprechen ließen; eben trat auch Bernhard, welcher den alten Herrn heute noch gar nicht geſehen hatte, hinzu, um ihm einen guten Morgen zu bieten, und die vier Männer ſaßen nun längere Zeit im Geſpräch unter der Linde, zu welchem freilich der Herr vom Hauſe das wenigſte beitrug, nicht einmal ein aufmerkſamer Zuhörer war, da es von Welthändeln geführt wurde, die ihn niemals beſchäftigt hatten. Er dankte Gott, wenn er davon nichts hörte: die Zeit des wilden Hans von Sagan, deſſen Fehden ganz Niederſchleſien beunruhigt hatten, war ja glücklich überwunden. So dachte er denn, während ſein Haugwitz wieder vom gelobten Lande Italien und den Gelüſten der Ligue von Cambrai auf Venedigs Reichthümer ſchwatzte, an ſeine heut eingeeggte Erbſenſaat, vielleicht auch an gar nichts, bis ihn plötzlich ſein Name aufſchreckte, den der Freund mit erhobener Stimme rief: „Ich glaube, der Kerl ſchläft uns ein!“ lachte Haugwitz, als er den ſonderbaren Blick bemerkte, mit dem er ganz verwildert angeſtiert wurde.—„Du ſollſt Deine Meinung auch ſagen, denn Dich geht es ganz beſonders an.“ „Mich? Gar nichts!“ verſetzte Linden.„Und wenn ſie Venedig in Stücke reißen, ich bekomme davon keins ab.“ „Er hat wahrhaftig geſchlafen!“ rief Haugwitz. „Davon reden wir ſeit einer Stunde nicht mehr. Gerade Dich geht es an, was wir überlegten, wir wollen kein Komplott hinter Deinem Rücken ſchmieden.“ „—— 64 „Komplott?“ fragte Linden ganz verwundert. „Per Dio santo! Er weiß nicht, was ein Kom⸗ plott iſt!— Nun, wir wollen Dir Deinen Jun⸗ ker entführen! Ja, ja, Heinrich, ſieh mich nur an. Ich bin's und mache mir eine Ehre d'raus, Erd⸗ mann von Haugwitz zu heißen. Dein Junge muß hinaus, er iſt alt genug, braucht Dir nicht mehr am Rockzipfel und der Mutter an der Schürze zu hängen, muß ſich'was verſuchen, ſich durchſchlagen in der Welt, hier wird nichts Vernünftiges aus ihm, wenn er wie'n Ryßkäfer nicht über die nächſte Hufe fliegt. Sieh Deinen Herrn Vater und mich an! Dein Herr Vater kann es mit dem ſtolzeſten Granden von Hiſpanien an Ehr' und Anſehen aufnkhmen, und ich habe mir doch wenigſtens auch einen andern Wind um die Naſe wehen laſſen als den aus der pol⸗ niſchen Ecke.“ Linden war von dieſer Anſprache, die über ihn herſtürzte wie eine ſtäubende Lawine über das Haupt eines Bergwanderers, ganz betäubt, ſeine Faſſungs⸗ kraft gleichſam verſchüttet. Sie mußten ihm zu Hilfe kommen, ehe er einfach begriff, was man eigentlich von ihm wollte: nämlich ſeine ausdrückliche Zuſtim⸗ mung, daß Bernhard das Haus verlaſſen und in die weite Welt gehen könne, wohin? das wußte 65 ihm Haugwitz nicht einmal zu ſagen: wahrſcheinlich auf gut Glück, wie der fahrende Schüler, der zu⸗ weilen von Breslau kommend, hier einſprach und um ein Nachtlager bat. Wie man ſeine Genehmi⸗ gung dazu vernünftigerweiſe verlangen könne, ſah er freilich nicht ein, daher verſagte er ſie auch ohne ſich lange zu beſinnen, und richtete ſein Wort gleich an Bernhard, von welchem der dumme Gedanke doch wohl ausgegangen ſein mußte. Das war aber nicht der Fall, ſondern Haugwitz, der ihn ſchon geſtern gegen den jungen Mann ausgeſprochen, hatte ihn heute wieder aufgenommen und eifrig verfolgt, als er auch den Landeshauptmann gar nicht abgeneigt fand, ihm beizuſtimmen. Bernhard nahm demungeachtet, da die Sache einmal dieſe Wendung gewonnen, den Mo⸗ ment wahr und ſagte auf das kurze:„Daraus wird nichts!“ welches ihn abfertigen ſollte:„Ich kann nicht läugnen, lieber Vater, daß ich den heißen Wunſch hege, die Welt zu ſehen und etwas zu leiſten, das unſerem Namen Ehre macht.“ „Kannſt Du hier auch!“ verſetzte der Vater. „Mache ich ihm keine Ehre?“ „Ihr habt des ſchleſiſchen Adels höchſte Achtung, habt Eure Beſitzung, die Ihr verwaltet, Eure Unter⸗ thanen, habt vor allem Eure Familie—“ 1857. VI. Heimath und Ferne. I. 5 66 „Kannſt Du alles auch haben!“ wiederholte der Vater.„Es liegt nur an Dir, heirathe Dir ein braves Weib, das eine ſtandesmäßige Mitgift hat, baue Dein eigenes Neſt, ſo wird Dir nichts von alle dem fehlen, was ich beſitze.“— Darin hatte er recht und der Sohn konnte ihm nicht widerſprechen, aber er ſehnte ſich eben nach mehr als der Vater beſaß, und zu würdigen wußte. „Dazu iſt es noch zu früh, Heinrich,“ kam ihm der Großvater zu Hilfe.„Oder wenn nicht zu früh, denn ich habe auch jung geheirathet, ſo doch noch immer Zeit, wenn er ſich etwas verſucht hat und heimkehrt nach zehn Jahren. Die ſchleſiſchen Fräu⸗ leins ſterben nicht aus. Herr von Haugwitz ſieht ſich jetzt erſt unter den Töchtern des Landes um, nach⸗ dem er gefunden hat, daß er ſich daheim bleibend niederlaſſen kann.“ „Ob bleibend— das fragt ſich erklärte Haugwitz im Widerſpruche mit ſeinen geſtrigen Aeu⸗ ßerungen.„Es iſt zwar ſehr hübſch daheim, aber draußen, wenn man einmal beſſere und prachtvolle Gegenden kennen gelernt hat, ſo zieht es Einen mächtig wieder hinaus. Bei den Töchtern des Lan⸗ des möchte ich alter Geſell wenig Glück machen, ich 67 glaube, daß ich am beſten thue, den Junker, wenn Du ihn freigibſt, wieder zu begleiten.“ „Ich gebe ihn aber nicht frei, kann mir nicht helfen,“ ſagte Herr von Linden hartnäckig.„Nicht wahr, damit er auch unſere liebe Schleſing verachten lernt, wie Du ſveben gethan haſt, Erdmann. Wir, die wir nichts beſſeres und prachtvolleres kennen gelernt haben, uns gefällt es ganz gut. Und dabei ſoll mein Junge auch bleiben. Ich möchte wohl wiſſen, was er draußen will.“ Das konnte ihm Bernhard nicht erklären, auch kannte er ſeinen Vater genugſam, um ſich zu ſagen, daß, wenn er eine Willensmeinung entſchieden aus⸗ geſprochen hatte, es faſt unmöglich war, ihn zu einem Nachgeben zu bewegen: nur die Mutter wußte das zu guter Stunde durchzuſetzen. Bernhard ſchwieg alſo und ſtellte ſeine Hoffnung eben auf die Mutter, mit welcher er noch nicht geſprochen hatte: ſchlug dieſe Hoffnung fehl, dann blieb ihm als letztes Mittel nur noch ein Schritt übrig, vor welchem ſein kindli⸗ cher Sinn ſich ſträubte. Er wies ihn auch in Ge⸗ danken zurück. Aber der Großvater nahm noch ein⸗ mal für ihn das Wort und ſetzte dem Sohne in ruhiger, einfacher Rede auseinander, wie es zu Bern⸗ hard's beſtem ſei, Erfahrungen zu ſammeln, die er 5 68 daheim nimmer gewinnen könne, die ihm jedoch für alle Lagen des Lebens, in die er bei den immer un⸗ gewiſſen Zeiten kommen möchte, vom größten Nutzen ſein würden. Gegen ſeinen Wunſch werde Bernhard natürlich nicht handeln, ſondern ſich gehorſam in alles fügen, was über ihn beſtimmt ſei, doch möge alles erſt reiflich zu überlegen ſein, ehe ein Entſchluß aus⸗ geſprochen werde. Linden hörte ſeinen Vater, wie immer, achtungsvoll an, aber erſchüttern konnten ſeine eindringlichſten Worte die einmal vorgefaßte Mei⸗ nung nicht, die von ſeinem Standpunkte aus wohl⸗ begründet war. Langes Ueberlegen kannte er nicht: von Natur mit einem praktiſchen Blicke begabt, fand er ſchnell immer das rechte, wenigſtens nach ſeiner Ueberzeugung. Bei der erſten Klarheit, um was es ſich hier handle, waren ihm ſofort, wie zu einer Heerſchau, alle Gegengründe, die für ihn Geltung hatten, in geordneter Reihe vor die Seele gerückt, worunter auch ein ſehr trivialer, aber leider im ge⸗ wöhnlichen Leben nur zu ſchwer in die Wagſchaale fallender, ſich faſt obenan ſtellte: die Koſten der Ausrüſtung zur Reiſe, an Waffen, Pferden, mit einem Diener, und dann der Unterhalt in der Fremde. Daß die Vermögensumſtände des Herrn von Linden durch die vorzeitige Uebergabe des Erbtheils an ſeine ——— 69 Kinder nicht die glänzendſten waren, wußte ſein Vater doch auch, er begriff daher nicht, wie dieſer ihm zu⸗ reden konnte und er glaubte ihn am ſicherſten aus dem Felde zu ſchlagen, wenn er ihn gerade bei dem ſchwierigſten Punkte angriff. „Lieber wäre es mir,“ antwortete er, als der Großvater ſeine Rede geendigt hatte,„wenn der Bernhard ſich gar nicht erſt ſolche Dinge in den Kopf geſetzt hätte. Ich könnte ihm ſchon beim beſten Willen nicht helfen, denn es ſind jetzt ſchlechte Zeiten und noch mehr in Schulden ſtecken mag ich mich nicht, mein ganzes Hausweſen ginge dabei zu Grunde. Wenn er ſich ſelbſt die ganzen Koſten der Ausrüſtung ſchaffen kann oder ſich der Herr Vater oder mein Freund Erdmann dazu entſchließt, ſo möcht' es ſchon ſein.“ „Ich nehme Dich beim Worte, Heinrich,“ ſagte der Großvater.„Die Ausrüſtung werde ich ſchaffen!“ „Ihr, Großvater?“ rief Linden, halb ungläubig, halb erſchrocken, daß es doch Ernſt werden könne. „Ich, mein Sohn!“ beſtätigte der Landeshaupt⸗ mann ruhig und winkte Bernhard, der überraſcht und freudig aufgeſprungen war, ſich ſtill wieder zu ſetzen. „Haſt Du mich für einen ſo ſchlechten Wirth gehalten, daß ich mir keinen Sparpfennig zurückgelegt hätte? 70 Den will ich nun auf gute Zinſen legen, denk' ich. Bedanke Dich jetzt bei Deinem Vater, Bernhard. Du haſt die Erlaubniß, die Du Dir gewünſcht haſt und ich hoffe, Deine Mutter, wenn ſie auch ihr Söhnchen nicht gern ſcheiden ſieht, wird ſich doch darein finden.“ Aber, Großvater,“ rief Herr von Linden,„hab' 7/ 8 7 ich denn mein Wort ohne Umſtände gegeben? Das hab' ich nimmer gemeint. Laßt es uns doch erſt über⸗ legen, wie Ihr ſelber geſagt habt. Ich muß doch auch erſt mit meiner Frau ſprechen— wollt Ihr, daß ich hinter ihrem Rücken, wie ein Seelenverkäufer, den Sohn hingebe?“ „Nun ſchäme Dich, Heinrich!“ verſetzte Haug⸗ witz.„Hat Deine Frau alſo das Regiment? Fürch⸗ teſt Dich vor ihr? Ueberlaß mir das, ich werde ſchon mit der klugen und berſtändigen Dame die Sache in Ordnung bringen, ſie verliert ja den Junker nicht auf ewig, er kommt zum Ritter geſchlagen mit Glücks⸗ gütern aller Art, die er ſich erobert hat, zurück, und die Frau Mutter bleibt ja doch nicht allein und ver⸗ laſſen daheim, ſie hat meine Pathe Erdmuthe und die kleine Biondina— ſeht, da kommt ſie gerade aus dem Hofe, ſoll ich flugs mit ihr reden?“ „Erlaubt Ihr, Vater, daß ich der Mutter vor⸗ ——— 71 trage, was wir beſprochen haben?“ fragte Bernhard raſch. „Meinetwegen thue es, aber ich bitte mir aus, daß Du nicht denkſt, mein Wort ſchon in der Taſche zu haben,“ erwiederte der Vater, und während Bern⸗ hard der Mutter entgegenging, um ſie zu einem Geſpräche unter vier Angen ſeitab in den Garten zu führen, wandte ſich Linden mit verdrießlichem Ge⸗ ſicht zu ſeinem Jugendfreunde:„Du haſt mir dieſe Suppe eingerührt mit Deinen Erzählungen und Anpreiſungen der Fremde, alsob gar kein Menſch mehr zufrieden daheim leben könnte. Hätteſt mir keinen größern Gefallen thun können, ich danke Dir's!“ Haugwitz ſuchte ihn zu beruhigen und ſich zu entſchuldigen, der Großvater erhob ſich langſam und ging, ohne ſich weiter um ihre widerſtreitenden Mei⸗ nungen zu kümmern, nach dem Garten, offenbar in der Abſicht, ſeinem Enkel, im Fall er ſein bedürfe, auch gegen die Mutter zu Hilfe zu kommen. Er bedurfte aber des Beiſtandes nicht. Denn noch ehe der Großvater beide erreichte, die im Geſpräch den Hauptgang zwiſchen den Obſtbäumen dahinwan⸗ delten, waren ſie ſchon einig. Zu ſeiner größten Ueberraſchung hatte Bernhard die Mutter, als er ihr im Drange des Augenblickes ziemlich ungeſchickt ſeine Eröffnung gemacht, gar nicht ſo entſchiedene Gegne⸗ rin des Planes gefunden, als er befürchtete; ſie war wohl im erſten Momente, weil er ſo gar keinen rechten Eingang gefunden, durch ſeine Mittheilung betroffen geweſen und hatte ihn mit einem großen, ſchmerzlichen Blicke, der ihm in der Seele wehthat, gemeſſen, aber dann war ſie gleich zu voller Faſſung gekommen und hatte geſagt:„Du magſt recht haben, mein Sohn. Es iſt gewiß gut, wenn Du eine Zeit⸗ lang in andere Verhältniſſe kommſt. Ich werde mit dem Vater darüber ſprechen.“ Sie hatte ſich dann von ihm berichten laſſen, daß es nicht ein Einfall von heute, die plötzliche Anwandlung des Augenblickes hervorgerufen, wie der Vater auch gemeint, durch die Erzählungen des Herrn von Haugwitz, ſondern ein längſtgehegter, nur verſchwiegen gehaltener Wunſch ſei; fein, wie ſie zu fragen verſtand, wurde ſie auch darüber klar, daß zwiſchen dieſem Wunſche und an⸗ deren Befürchtungen, die ſie hegte, kein Zuſammen⸗ hang obzuwalten ſchien, denn Bernhard verſicherte offen, daß er ſich ſchon jahrelang damit getragen, aber freilich blieb ihr noch immer der Gedanke, daß vielleicht irgend ein beſtimmter Anlaß die jetzige Ent⸗ hüllung ſeiner Wünſche beſtimmt habe; war das der Fall und Barbara die Urſache, dann konnte ſie viel⸗ — c2 leicht ganz ruhig ſein, dann wäre der Grund, der ſeine Entfernung ſelbſt für die Mutter wünſchens⸗ werth machte, vielleicht beſeitigt geweſen und er hätte ebenſogut hier bleiben können, ſicherer indeſſen war ſeine Entfernung gewiß, denn wenn er auch gegen⸗ wärtig, wie es ſchien, ſeine Neigung nicht erwiedert ſah, ſo bürgte das nicht für künftige Tage. Frauen⸗ ſinn iſt wandelhaft, geſtand ſich die Mutter ſelbſt. Sie nahm ſich daher vor, wie ſchmerzlich ihr auch die Trennung von dem letzten Sohne war, der über⸗ dieß nicht im Lande wie ſeine Brüder bei friedlichem Leben blieb, ſondern hinaus in Gefahren zog, ſeinem Wunſche förderlich zu ſein und war ſich bewußt, ihren Gatten dazu bewegen zu können. So fand der Großvater, als er ſich bei der Umkehr zu ihnen ge⸗ ſellte, ſchon alles in Richtigkeit und fügte nur noch die Erklärung hinzu, daß e ſelbſt alles beſorgen werde, was zur Ausrüſtung nöthig ſei. Frau von Linden ahnte jetzt, auf welche Weiſe der Vater ſich habe fangen laſſen und ging mit ihm die Rückſprache zu nehmen, welche er ſich, wie der Großvater der Wahrheit gemäß berichtete, ausdrücklich bedungen hatte, ehe er ein bindendes Wort geben könne. Der alte Herr begleitete ſie. Bernhard hatte bis jetzt den eigentlichen Kern 74 ſeiner Vorſätze, daß er in den Johanniter⸗Orden treten wolle, nicht enthüllt, es dünkte ihm aber un⸗ redlich, denſelben zu verſchweigen. In der ſchwärme⸗ riſchen Glut ſeiner Phantaſie ſah er ſich längſt als ein Mitglied der heiligen Brüderſchaft an, er hatte das Gelübde derſelben in ſeinem Herzen ſchon ge⸗ leiſtet, als ihn einſt in einſamer Stunde die Begei⸗ ſterung für ſeine Idee der armſeligen Wirklichkeit entrückt hatte: das war geſchehen, noch ehe Bar⸗ bara in das Haus gekommen war. Deßhalb ſah er es für eine ſündhafte Bethörung an, daß er ſich habe ſeinem hehren Berufe ſo lange entfremden laſſen, und was er heute in der Leidenſchaft gegen ſie aus⸗ geſprochen, das galt ihm gar für baaren Eidbruch. Den konnte er nur ſühnen durch offenes Bekenntniß, und er wählte zu ſeinem Beichtiger den Großvater, durch welchen er amsbeſten bei Barbara vertreten werden konnte. Ehe er jedoch dazu kam, mit ihm zu reden, da er ſich, wie geſagt, mit der Mutter zur gemeinſchaftlichen Berathung begeben hatte, wurde Bernhard feſtgehalten durch Herrn von Haugwitz, deſſen gutmüthiges, braunes Geſicht vor Vergnügen ſtrotzte. „Seht Ihr, Junker Bernhard, das habt Ihr mir zu danken!“ rief er, ſobald er ſeiner habhaft 75 wurde.„Ohne mich wäret Ihr hier verbauert, wie — ich wollte ſagen, wie man viele Erempel hat, nehmt mir's nicht übel. Nun wollen wir aber dabei nicht ſtehen bleiben, ich will Euch weiter mit gutem Rath unterſtützen, denn ich glaube wohl, daß ich auch mitreden kann, wenn von Gottes ſchöner Welt ge⸗ ſprochen wird, beſſer als Einer hier, den Herrn Lan— deshauptmann ausgenommen. Von der Ausrüſtung zuerſt. Laßt Euch um Gotteswillen nicht viel Zeug aufſchwatzen— je weniger man bei ſich hat, deſto mehr iſt man ein freier Menſch. Geld, ja! Soviel Ihr davon mitbekommen könnt, aber ſonſt nur die Nothdurft. Wie Ihr mich hier ſeht, bin ich mit zwei Stück von jeglichem, was der Menſch auf dem Leibe zu tragen hat, ſieben Jahre lang durch die Welt geritten, habe alles auf meinem eigenen Pferde ge⸗ führt— nicht dieſer ſchändlichen Kreatur, mit der mich ein Stradiot in Vincenza betrogen, davon er⸗ zähle ich Euch noch, ſondern auf einem prächtigen Rappen, den ich leider eingebüßt habe— ſeht! und keinen Diener bei mir, das iſt die Hauptſache! Da iſt man erſt der wahre freie Herr, man verläßt ſich auf keinen andern, der gerade immer fehlt, wo man ihn braucht, oder der vergißt, was man befohlen hat, man kann thun und treiben, was man will, wird * 76 nicht belauſcht und mit ſchändlicher Nachrede beſchimpft, hat nicht ewig zu ſchelten und zu ſchlagen, kurz, man iſt unabhängiger, wie ein König. Verſteht man nicht ein Pferd, wie es ſich gehört, zu verſehen, zu ſtriegeln und zu warten, zu ſatteln und zu packen, nun, ſo geht man zu Fuß— hab's auch verſucht, Junker Bernhard, gefiel mir gar nicht übel, wo ich keine Eile hatte. Da kommt man überall durch und hat nicht für zwei Magen zu ſorgen. Ich dächte überhaupt, junger Freund, Ihr finget klein an, rüſtetet Euch aus mit allem, was zum Kriegsdienſt bei dem neuen Fußvolk des Kaiſers gehört und verſuchtet es erſt einmal damit. Ihr werdet doch das Schwert führen können, Fechten, wie? Nun, zum Spieß braucht Ihr nur Kraft, die ſeh' ich Euch an. Der Doppelſold, den Ihr als junger Geſell von Adel, wenn Ihr mit Helm und Bruſtſtück zur Muſterung durch die Pforte von Spießen geht, auf alle Fälle bekommt, iſt doch auch nicht zu verachten: das gibt acht Gulden mo⸗ natlich, haltet Ihr Euch wacker, und vertraut man Euch das Fähnlein zu tragen an, bekommt Ihr vierundzwanzig. Wenn Ihr auf Euren eigenen Zaum durch die Welt reitet, wie ich gethan, müßt Ihr von Eurem eigenen Gelde zehren, und wenn Ihr damit fertig ſeid, wer gibt Euch etwas? Abſonderlich unter fremdem Volke, wo man nicht ſo leicht einen Landsmann und guten Geſellen trifft, der von ſeiner Habe mit Euch theilt. Sollte Euch das aber einmal begegnen und Ihr ſeid nicht weit von Brescia— was lacht Ihr, junger Freund?“ „Weil Brescia Euer drittes Wort iſt, Herr von Haugwitz, wenn Ihr von Euren Reiſen erzählt,“ antwortete Bernhard.„Brescia muß Euch in beſon⸗ ders gutem Andenken ſein oder Ihr habt dort Eure größten Heldenthaten verrichtet?“ „Wollt Ihr mich foppen, junges Blut? Cospetto! Ich habe zwar keinen Kriegsdienſt gethan, weil ich mich nicht binden wollte durch einen Eidſchwur, der mir vielleicht drei Tage d'rauf leid würde, aber mit der Klinge bin ich nicht faul geweſen, wo mir Einer zu nahe kam“ Raufen und Balgen iſt aber nach meinem Dafürhalten keine Ehre, darum erzähle ich nicht davon, ſonſt könnt' ich manches Geſchichtchen auftiſchen, habe auch, wie Ihr ſeht, ein Wahrzeichen davon getragen—“ er zeigte auf einen ſchmalen blutrothen Streifen, der ſchräg über ſeine Stirn lief —„und noch vier könnt' ich Euch an meinem Leibe aufweiſen, wenn ſich's lohnte. In Brescia habe ich keine Urſache zum Raufen gehabt, obgleich man den Brescianern darin viel böſes nachredet. Ich habe im 78 Gegentheil dort Liebe und Freundſchaft genoſſen und darum ſagt' ich eben, wenn Ihr einmal in Noth ge⸗ rathet und ſeid in der Nähe von Brescia, ſo wendet Euch dort an den Kaufherrn Filippo Diodati, nennt meinen Namen, aber Ihr müßt Ermanno ſagen, Signor Ermanno, und fordert ein Darlehn auf meine Bürgſchaft, ſo hoch Ihr wollt: es wird Euch nicht abgeſchlagen werden. Aber hütet Euch vor den Feueraugen ſeiner Tochter, die muß nun herange⸗ wachſen ſein; ſie war als Kind ſchon von ſechs Jahren, wo ich ſie zuletzt geſehen, bildſchön, und die Leute ſagten mir, als ich im vorigen Jahre dort war, daß ſie im Kloſter, wo ſie erzogen worden, ein ſolches Wunder von Schönheit geworden ſei, wie noch kein Auge erblickt. Ich hätt's Euch nicht ſagen ſollen, denn Ihr ſeht mir nicht aus, als würdet Ihr einem ſchönen Mädchen aus dem Wege gehen.“ „Doch vielleicht, Herr von Haugwitz,“ erwiederte Bernhard mit verdüſtertem Blick. Haugwitz lachte laut.„Nun, ich warne Euch auf alle Fälle vor der kleinen Fiorina Diodati, damit ich mein Gewiſſen ſalvire. Schreibt Euch den Na⸗ men hinter's Ohr, und wenn Ihr ihn zu Brescia hört, ſo ſchlagt die Augen nieder, damit Ihr nicht verzaubert werdet, denn ich ſag' Euch, ein italie⸗ niſches Auge kann naſſes Holz in Brand ſetzen.“ In ſo eigenthümlich proſaiſchen Ausdrücken ſorgte er iminer, wenn auch unbewußt, dafür, daß ſeine Vor⸗ liebe für den Süden nicht allzu begeiſternd wirke, und Bernhard mußte darüber trotz ſeiner ernſten Stim⸗ mung lächeln. Er lenkte nun das Geſpräch wieder auf die praktiſche Seite und ließ ſich von dem er⸗ fahrenen Manne, ohne ihm ſeinen eigentlichen Plan zu entdecken, über manches belehren, was ihm für die nächſte Zukunft nützlich ſein konnte. Mitten in ihrer Unterhaltung erſcholl die Glocke, welche zur Mittagsmahlzeit rief, und bei ihrem Klange fiel es mit einemmale dem Jünglinge ſchwer auf das Herz, daß er jetzt mit Bärbchen zuſammentreffen müſſe, noch ehe er wieder gutgemacht, wozu er ſich hatte hinreißen laſſen. Wiederum lohte die verrätheriſche Glut, die ihn bei jedem beunruhigenden Gedanken gleich überfiel, in ſeinem Geſichte auf und ſetzte ſelbſt den argloſen Erdmann in Verwunderung; wiederum zürnte Bernhard mit ſich ſelbſt, daß er, vom Wellen⸗ ſpiel ſeiner inneren Strömungen getrieben, die Zeit ohne Entſchluß und That habe verſtreichen laſſen— welch' eine Mitgift auf den Pfad durch eine fremde, ſchonungsloſe Welt, dieſe Hingebung an den Moment, dieß Gehenlaſſen der Dinge ohne mit feſter Hand 80 das Steuerruder zu faſſen und dem Schifflein die Richtung zu geben! Fünftes Rapitel. Ein fernes Ziel. Barbara kam nicht zur Tafel, ihr Platz blieb leer. Niemand fragte nach ihr! Es brannte in Bernhard's Seele das Verlangen dazu, aber er hatte den Muth nicht— und gerade das mußte in aller Augen auffällig ſein, er fühlte es wohl, und den⸗ noch! Daß vor ſeinem Erſcheinen, welches er ver⸗ zögert hatte, die Urſache von Bärbchen's Ausbleiben erklärt worden war, ſah er ein; daß niemand ſie — ihm mittheilte, erſchien ihm aber ſo unnatürlich, wie ſein eigenes Benehmen, daß er ſie gar nicht zu ver⸗ miſſen ſchien. Oder ſollte ſie noch kommen? Auch dieſe Erwartung erfüllte ſich nicht, denn die Magd, welche die Speiſen auftrug, ſtellte den leeren Stuhl vor Bärbchen's gewohntem Platze neben dem Groß⸗ vater ſtill beiſeite. Nun blieb ihm nichts übrig, als nach ihr zü fragen, und ſein Ton nahm in der Un⸗ ſicherheit ſeines Bewußtſeins einen haſtigen, herriſchen 1 0 Klang an, über den er ſelbſt erſchrocken ſein würde, hätte er ihn nur vor dem innern Aufruhr klar hö⸗ ren können. Denn was konnte Bärbchen fern halten als Krankheit? Und war das der Fall, warum ſagte man ihm nichts davon? Gab es einen Grund dazu, welcher andere konnte es ſein, als daß eine Anklage wider ihn erhoben worden war, wenn nicht durch Barbara, doch durch diejenige Perſon, welcher ſie ihr Herz ausgeſchüttet hatte? Soweit war er grübelnd gekommen, ſehr weit von aller natürlichen Auffaſſung, wie gewöhnlich, und als er auf ſeine faſt gereizte Frage von der Mutter die Antwort erhielt: „Weißt Du es nicht? Die Bärbel hat der kranken Pfarrerin Eſſen hingetragen und wird heute wieder bei ihr bleiben, wie neulich auch ſchon“— konnte er darin nur eine Abſichtlichkeit erkennen, obwohl er ſich erinnern mußte, daß bereits geſtern davon die Rede geweſen ſei. Er beobachtete nun, während die ältern, Herren ſich unterhielten, und auch die Mutter, wenn irgend ein Gegenſtand des Geſpräches das Intereſſe ihres lebhaften Geiſtes in Anſpruch nahm, Fragen oder Bemerkungen that, die Geſichter, ob er ſeine Vermuthungen darin beſtätigt finden könne, und bei der vorgefaßten Meinung gelang ihm das bald. Riemand ſchien ihn zu beachten; es war als ob er 857. VI. Heimath und Ferne. l. 6 ——— 82 gar nicht mit an der Tafel ſäße, als ob ſelbſt der Großvater abſichtlich vermeide, ihm einen Blick ſeines großen, hellen Auges zu ſchenken. Daß er bei die⸗ ſem unruhigen Forſchen ſeinerſeits von der neben ihm ſitzenden Schweſter ſcharf beobachtet wurde, bemerkte er gar nicht. Da faßte er einen großen, trotzigen Entſchluß. Durch ein einziges Wort konnte er ja die Anklage, daß er heimlich, gegen den Wunſch und die Anſichten ſeiner Eltern, die er wohl kannte, Bärbchen's Herz zu gewinnen verſucht, und heute geradezu um ſie geworben habe, niederſchmettern— welches Licht er aber dadurch auf ſein heutiges Be⸗ nehmen warf, das fiel ihm wieder gar nicht ein! Und ſo erhob er denn, als eine zufällige Pauſe ihm die willkommene Gelegenheit bot, ſeine Stimme, die anfangs bebte, bald aber einen feſten, zuletzt gar einen emphatiſchen Klang gewann. „Wir ſind nun eben alle zuſammen,“ ſprach er, „die Leute haben uns allein gelaſſen und ich kann meine Pflicht thun. Euch, Herr Vater und meiner Frau Mutter danke ich wie ein treuer Sohn, daß Ihr meinem Wunſche nicht hinderlich geweſen ſeid, ſondern ihn durch Eure Einwilligung erfüllt habt— ich bitte Euch ferner um Euren Segen. Ihr, mein theurer und verehrter Großvater, ſeid mir durch 83 Eure Großmuth behilflich geweſen, daß alles ins Werk geſetzt werden kann, ich danke von ganzem Herzen dafür, wie auch dem Herrn von Haugwitz, daß er mit ſeinem Rathe mir beiſtehen will. Es wäre aber wohl ein thörichtes Beginnen, ohne vor⸗ bedachten Zweck in die Fremde zu gehen, nur Aben⸗ tener ſuchend, wie man in alten Sagen lieſt.“ „Gewiß wäre das Thorheit,“ unterbrach ihn der Großvater, welchem die lange Rede des jungen Menſchen nicht recht ziemlich erſchien.„Das ſoll für Dich wohl überlegt werden. Ich habe ſchon meine Gedanken für Dich.“ „Auch ich habe Euch meine Meinung nicht vor⸗ enthalten,“ ſagte Haugwitz.„Mir iſt noch eingefal⸗ len, daß ich eine gute Empfehlung mitgeben kann an den Herrn Grafen Eitel Friedrich von Hohen⸗ zollern, des Kaiſers Rath, welcher ihm ganz beſon⸗ ders bei der Aufrichtung des neuen Fußvolkes die wichtigſten Dienſte geleiſtet hat.“ „Vielleicht, wenn Ihr Herren es erlaubt,“ nahm die Mutter das Wort,„möchte wohl das nächſte und einfachſte ſein, Bernhard ginge zuerſt an den Hof nach Prag. Der gute König Wladislaw kennt meine Familie genau, ſein vertrauteſter Freund, noch ehe er die Krone von Böhmen trug, war mei Vetter 6 84 Kaſimierz Tarnowski, er hat auch mich in frühern Jahren gekannt, als ich zu Krakow eine Zeitlang dei meiner Tante Zalewska wohnte, gewiß wird er meinen Sohn freundlich aufnehmen und in Ungarn, wohin der König ſich bald wieder begibt, kann er ſich die goldenen Sporen verdienen, welche ja doch das Ziel ſeiner Sehnſucht ſind.“ „Wollt Ihr mir erlauben, meine eigene Abſicht auszuſprechen?“ fragte Bernhard ehrerbietig. „Dich geht es freilich am nächſten an“— erwiederte der Vater.„Alſo rede.“ „Ich kann wenig Glück, noch weniger Ruhm darin finden, wenn ich an dem Hofe eines Fürſten, ja ſelbſt im Kriegsheere eines Fürſten für eine fremde Sache dienen ſollte. Mein Wunſch iſt, mich auf immer zu einem Streiter des Glaubens zu weihen. Von den drei Ritterorden der Kreuzzüge ſind zwei noch übrig, einer iſt dieſem heiligen Berufe fremd⸗ geworden, und hat ſich einem weltlichen Herrn, dem Könige von Polen, zu Lehn geben müſſen, auch iſt ſeine Sendung erfüllt, ſeit die Lithauer zum Chriſten⸗ thume bekehrt ſind, aber der andere hält noch das Kreuz hoch im Morgenlande, das iſt der Orden Sanct Johannis von Jeruſalem, und ich kenne nichts —— 85 höheres, als mich in ſeinen Bund aufnehmen zu laſſen.“ Er ſprach es mit begeiſterter Stimme aus und blickte ſtrahlenden Auges umher; der Eindruck aber, welchen dieſe überraſchende Erklärung machte, war ein ſehr verſchiedener. Beifall konnte er in keinem Antlitze leſen, der Großvater ſah ihn ernſt und for⸗ ſchend an, der Vater mit ſtarrem Erſtaunen— in den Zügen der Mutter malte ſich ſchmerzliche Be⸗ ſtürzung, ihr Auge blitzte durch Thränen, Chriſtine wußte das ihrige dem Blicke des Bruders zu ent⸗ ziehen, ſonſt hätte er vielleicht darin gefunden, was ihm das räthſelhafte, bitter verächtliche Zucken um ihren Mund erklären konnte. Nur Haugwitz hatte im erſten Moment ein Wort der Entgeguung. „Johanniter wollt Ihr werden?!“ rief er.„Was fällt Euch ein? Vor Alters, ja, da wäre vielleicht in einem ſolchen Orden etwas zu holen geweſen, aber heutzutage iſt es eine Tollheit, nehmt mir's nicht übel! Die Templer ſind verfolgt und verbrannt worden, die deutſchen Herren, wie Ihr ſelbſt geſagt, haben ſich den Polen unterworfen, und mit den Rhodiſern oder Johannitern werden die Türken bald ein Ende machen. Wer zu Schiff gehen will, ſucht ſich doch nicht ein wurmſtichiges Fahrzeug aus. Einen ————————— ₰ 86 Kreuzzug bringt kein Papſt mehr zu Stande und wenn Peter, der Einſiedler, noch einmal vom Himmel täme, das Kreuz zu predigen. Ich wollte mich erbieten, das rothe Tuch dazu umſonſt zu liefern, nicht zehn Ellen würde ich zerſchneiden. Nein, Junker Bernhard, das iſt eine Luftblaſe, die Euch im Ge⸗ hirne aufgequirlt iſt, laßt ſie zerplatzen. Wollt Ihr durchaus den armen Türken zu Leibe, ſo geht mit König Bene, wie ſie unſern guten Herrn nennen, nach Ungarn, da könnt Ihr Euch nach Herzensluſt mit ihnen herumſäbeln. Wenn Ihr aber klug ſeid, ſo folgt Ihr meinem Rathe und zieht nach dem gol⸗ denen Lande Italien: da findet Ihr alles, was ein junger Geſell ſich nur wünſchen kann.“ „Beantworte mir eine Frage,“ begann der Großvater ſehr ernſt, und die Mutter, welche ſchon lebhaft das Wort nehmen wollte, verſtummte augen⸗ blicklich.„Was hat Dich auf dieſen Gedanken ge⸗ bracht?“ „Iſt denn wirklich die Ritterſchaft unſerer Zeit ſo erbärmlich in Euren Augen geworden,“ erwiederte Bernhard,„daß es Euch Wunder nimmt, Einen vom heutigen Adel wieder vom alten Geiſte durch⸗ drungen zu ſehen? Was mich auf dieſen Gedan⸗ ten gebracht hat, das iſt die Scham über den ruhm⸗ 87 loſen Verfall, in welchen ich uns mehr und mehr gerathen ſehe, der innere Drang, etwas großes im kurzen Leben zu leiſten, mich auszuzeichnen unter dem gemeinen Haufen, und Nachruhm zu erringen, der über meine Spanne Daſein hinaus lebt. Im Fürſtendienſte kann ich das nicht erringen, was ich ſuche: dort aber, wo Stufe auf Stufe jedem Ritter, der das weiße Kreuz trägt, erreichbar iſt, dort kann ich, ſo Gott mir Seinen Segen zum Werke gibt, meinen Namen den edelſten Helden der Chriſtenheit zugeſellen! Das iſt mein Gedanke, mein Ziel!“ Der Mutter Thränen waren verſiegt, in ihren dunklen Augen leuchtete der Strahl eines ſtolzen Ge⸗ fühls, aber ſie ſprach mit bewegter Stimme:„Haſt Du auch alles bedacht, mein Sohn? Haſt Du dem reinſten Erdenglücke, dem Du mit dem Ordensge⸗ lübde entſagen mußt, der Trennung von den Dei⸗ nigen, auf Niewiederſehen vielleicht, keinen Raum in Deiner Erwägung vergönnt?“ „Meine Mutter, ich habe das alles erwogen,“ verſetzte Bernhard ſanft.„Jede Trennung, ſelbſt die kürzeſte, kann auf Niewiederkehr ſein, ich aber hoffe, wenn auch mit dem Ordenskreuze geſchmückt, noch oft in Zeiten der Waffenruhe in mein Vaterhaus einzu⸗ kehren, um mich durch das Wiederſehen meiner e Lieben zum neuen Kampfe zu ſtärken. Und was jenes Erbenglück betrifft, das Ihr meint, ſo kann es mich dem Berufe, den ich in meiner Seele als den wah⸗ ren für mich erkannt, nicht abwendigmachen. Denn wiſſet, ich habe das Gelübde, wenn auch nicht öffentlich und bindend, dennoch in meinem Herzen ſchon ab⸗ gelegt.“ „So?!“ ſprach jetzt endlich der Vater.„Aus all' dem dummen Zeuge verſteh' ich nur, daß Du Johanniter⸗Ritter werden willſt, wo Du nicht hei⸗ rathen darfſt. Ich bin überrumpelt worden— ja, Großvater, ich kann nicht helfen! Ueberrumpelt bin ich worden, aber ein ſchleſiſcher Edelmann hält ſein Wort. Wenn Du einmal fortgehſt und mir die ganze Wirthſchaft auf dem Halſe läſſeſt, magſt Du auch Johanniter werden, da biſt Du wohlverſorgt, wie ich weiß, denn Armuth haben die Ordensherren nicht beſchworen. Läßnitz kriegſt Du dann aber nicht. Hier ſoll ein Linden hauſen mit Weib und Kind, wie es geweſen iſt, ſolange der Baum draußen gepflanzt worden, und das mögen ein Paar hundert Jahre her ſein. Wär's nicht Mannlehn, ſollt' es das Mäd⸗ chen da haben, wenn ſie etwa noch einen Vetter heirathete—“ Chriſtine machte eine unwillige Be⸗ wegung, als ſich auch der Blick des fremden Gaſtes 89 auf ſie richtete.—„Ein Linden müßte es freilich ſein,“ fuhr der Vater fort, der ſich nicht ſtören ließ, „denn aus der Familie darf Läßnitz nicht gehen. Du weißt, wie es ſteht: das Gut bekommſt Du nicht, ich ſage Dir's hiermit, Du wirſt es aber auch nicht brauchen.“ „Dem Herrn Vater ſteht es zu, darüber zu beſtimmen,“ erwiederte Bernhard lebhaft,„ich habe tein Recht darauf und würde auch keinen Anſpruch erheben. Obdach und freundliche Aufnahme werde ich ja doch immer auf Läßnitz finden, ſplange es eins von meinen Geſchwiſtern befitzt.“ Der Großvater hob ſeinen Becher, der wie immer mit Landwein gefüllt war: andern trank er nicht mehr, ſelbſt wenn einem Gaſte, wie heute, zu Ehren feuriger Ungar aufgeſetzt wurde.„Laßt uns denn auf einen glücklichen Aus⸗ und Eingang anſtoßen. Nun es einmal ſo weit iſt und der Bernhard einen Ent⸗ ſchluß gefaßt hat, wollen wir nicht lange mehr zögern.“ Er trank Bernhard zu, und alle, nur Chriſtine nicht, die niemals vom Wein auch nur nippte, thaten dem Spruche Beſcheid. Dann wurde die Tafel auf⸗ gehoben. „Du haſt kein Wort geſagt—“ wandte ſich Bernhard leiſe zur Schweſter, nachdem das Dank⸗ ————— . 90 gebet geſprochen war und die Geſchwiſter beim Aus⸗ einandergehen den Eltern den Vortritt ließen. Chriſtine richtete jetzt auf ihn die volle Kraft ihres ſchwarzen Auges, was ſie nur ſehr ſelten gegen irgend einen Menſchen that. In dieſem Blicke lag innige Liebe und doch zugleich ein ſtrenger Vorwurf. —„Du haſt nicht lauter gehandelt, Bernhard,“ ſagte ſie ebenſo leiſe als er, aber der kaum ver⸗ nehmbare Laut traf ihn wie ein erſchreckender Zuruf. „Was meinſt Du, Chriſtine?“ fragte er ſtockend. „Du weißt es— was fragſt Du mich?“ ent⸗ gegnete ſie.„Gut zu machen iſt das nimmer. So laß mich ſchweigen.“ Wohl wußte er, was ſie meinte und er fürch⸗ tete ſelbſt nur zu ſehr, daß ſie recht habe und es nimmer gut zu machen ſei, das Blut ſchwoll ihm heiß zum Herzen, er wollte der Schweſter jetzt alles ſagen, aber der Moment war vorüber. Sie ſtand ihm nicht weiter Rede und die Mutter, welche ſich von den Männern getrennt hatte, rief ihn zu ſich. Chriſtine ging mit geſenkten Augen an beiden vorüber. „Komm mit mir, mein Bernhard,“ ſagte Frau Wanda liebevoll zu ihrem Sohne;„die Herren be⸗ 91 ſprechen jetzt alles, was für Dich zu thun und zu beſor⸗ gen iſt. Wir wollen uns in den Garten ſetzen, wo uns niemand ſtört. Ich habe ſoviel mit Dir zu reden — jetzt, wo es bald nicht mehr möglich ſein wird, iſt mir, als ob ich dazu viel koſtbare Momente ver⸗ ſäumt hätte. Aber Du biſt auch gegen Deine Mutter verſchloſſen geweſen.“ Er küßte mit ſtummer Abbitte ihre Hand; ſie gingen eine Weile ſchweigend neben einander. „Sage mir, Bernhard,“ begann die Mutter, als ſie im Garten den Ruheplatz erreicht hatten, wo der ganze umhegte Raum mit ſeinen geradlinigen Beeten und der breiten Allee von Obſtbäumen, welche die Mitte durchſchnitt, zu überſehen war;„ſage mir, hat dieſer Wunſch wirklich ſchon ſo lange in Dir gelebt?“ „So lange, meine Mutter, daß ich ſeines erſten urſprungs mich gar nicht mehr erinnern kann. Er verliert ſich in meine Knabenzeit. Ich habe ein Unrecht begangen, daß ich ihn Euch nicht vor allen entdeckt habe verzeiht mir! Aber es war mir im⸗ mer, wenn ich davon ſprechen wollte, als wehre mir's eine innere Stimme, ich kann es Euch nicht ſchildern, mir kam ein Gefühl heißer Scham, als 92 tönnte ich einen Frevel begehen, wie an einem Hei⸗ ligthume.“ „Sei ſtill, ich zürne Dir nicht. Wohl kann ich begreifen, daß der ritterliche Sinn Deiner Ahnen— auch von meiner Seite, Bernhard!— in Dir ſo lebendig wirkt, daß Du Dich hinausſehnſt auf den Pfad der Ehre. Aber Eins ſollſt Du mir ſagen, mein Sohn, wahr und aufrichtig: hat Dich ein be⸗ ſonderer Anlaß gerade jetzt beſtimmt, mit Deinem Wunſche endlich hervorzutreten? Sieh mir ins Auge, Bernhard!“ „Ja, Mutter!“ erwiederte er und bei dem Blick in ihr Auge wechſelte wiederum ſeine Farbe.„Ich kam zum Bewußtſein, daß ich auf einem Irrwege befangen ſei, der mich weitab führte von dem Pfade, den Du mir Recht den Pfad der Ehren genannt haſt. Mag dieſer Weg auch zu ſchönen Gefilden führen,“ ſetzte er mit einer tiefen Innigkeit hinzu,„für mich ſind die Roſen, welche dort blühen, nicht beſtimmt! Keine Roſe!“ „Und warum nicht, Bernhard?“ fragte die Mut⸗ ter ſanft.„Warum willſt Du, wenn eine Roſe Dir nicht blühen darf, allen Roſen entſagen? Ich hatte andere Hoffnungen auf Dich geſetzt, mein Sohn. Mir Stolz und Freude würde ich Dich hinausziehen 93 ſehen, um Dir den Kranz der Ehren zu gewinnen, wenn Du nicht düſtere Cypreſſen hineingeſchlungen hätteſt— läugne mir's nicht, dieſer Entſchluß, das Ordenskreuz der Johanniter zu nehmen und dadurch auf ewig dem Glück an der Seite einer liebenden Frau zu entſagen, die Du gefunden hätteſt, mein Sohn, wenn Dein Herz von den friſchen Wellen des Lebens erſt wieder geſundet und erſtarkt wäre, dieſer Entſchluß iſt nicht mit dem Wunſche nach Thaten in Dir entſtanden, ſondern erſt heute“ „Nein, das glaubt mir Nicht heute erſt, ſondern längſt ſchon!“ rief Bernhard.„Daß er in mir ver⸗ dunkelt wurde, daß ich anfing, zweifelhaft zu werden, ob es ſich nicht vereinigen laſſe, dem höchſten Lorbeer nachzuſtreben und zugleich— doch, liebe Mutter, es genügt wohl, wenn ich Euch ſage, daß ich ſchon ſeit zwei Jahren mich ſelbſt dem Orden geweiht habe. Es iſt alſo kein Entſchluß von geſtern und heute.“ Die Mutter ließ den Gegenſtand fallen und ging auf einen andern über, der eine gewiſſe Beziehung zu dieſem hatte. Sie fragte ihn, ob er ſich ſchon einen beſtimmten Plan entworfen, wie er zur Ausführung ſeines Vorſatzes gelangen wolle, be⸗ ſonders, welchen Weg er einzuſchlagen gedenke und als er, wie ſie auch erwartet, Venedig nannte, warf 94 ſie hin, daß er in Italien, wo jetzt nach Haugwitz's Erzählungen eine unabſehbare Kette von Fehden entbrannt ſei, vielleicht Gelegenheit finden werde, ſich noch vor ſeinem Eintritte in den Orden Ruhm zu erwerben, was für ſeine Aufnahme gewiß von gro⸗ ßem Vortheil ſein müſſe, denn, wie ſie gehört, ſei dieſe nicht ſo leicht als er ſich wohl denke. Es war ein Funke in Bernhard's leicht entzündliche Seele, der ſeinen Zweck nicht verfehlte. Er hatte eigentlich noch nicht daran gedacht, daß er in dieſer Hinſicht auf Schwierigkeiten ſtoßen könne, ihm war es gar nicht fraglich erſchienen, in den Orden auf⸗ genommen zu werden; jetzt flammte ein Blitz der Erkenntniß in ihm auf und beleuchtete die Klippen, an denen er ſcheitern konnte. Wie hatte er glau⸗ ben mögen, daß für Jeden, der es nur wünſche, ohne perſönliche Geltung oder Bürgſchaft der Orden zu⸗ gänglich ſei? Er ſchämte ſich, der Mutter ſeine ge⸗ dankenloſe Zuverſicht zu geſtehen und ging gleich auf ihre Andeutung ein. „Mir hat freilich der Herr von Haugwitz von den Kämpfen in Italien, an welchen die Blüthe der Ritterſchaft aller Länder Theil nimmt, ſoviel erzählt, daß ich keine beſſere Gelegenheit finden könnte, mir die nöthige Empfehlung für den Großmeiſter zu 95 Rhodus zu gewinnen. Doch iſt es wohl rathſam, darüber erſt nach Bewandtniß der Umſtände ſich zu entſcheiden. Ich denke, in Venedig werde ich da⸗ von hören.“ „Wenn Du aber dort länger verweilſt, Bernhard, ſo wirſt Du vielleicht noch eine andere Gelegenheit finden, Deiner Ehre genugzuthun. Erräthſt Du nicht, was ich meine?“ Bernhard war zu ſehr von dem einen Gedan⸗ ken erfüllt, als daß er einen andern hätte errathen können. Sie mußte daher offener ſprechen.„Iſt denn die Ehre immer nur das Kleinod des Kriegers? Gibt es nicht auch eine perſönliche Ehre, eine Na⸗ mensehre, ja—“ ſetzte ſie mit heißern Aithemzügen hinzu—„eine Sthre Dieſe zu wahren, iſt zwar der Frau möglich, aber wenn ſie angegriffen wird, ſich zu helfen, vermag ſie nicht, wenn ſie nicht die Schranken ihres Geſchlechtes überſchreiten oder gar ſündlichem Verbrechen anheimfallen will, wovor uns Gott gnädig bewahren möge! Daher muß es einem ritterlichen treuen Freunde überlaſſen bleiben und welchen treuern Freund könnte ein weibliches Weſen haben als ihren Bruder?“ Dieſe raſche Wendung auf das Ziel machte — 96 Bernhard betroffen—„Ihr meint Chriſtine?“ fragte er. „Du weißt,“ fuhr die Mutter fort,„daß ſie den Mann, welchem ſie ihr Glück anvertrauen wollte, ſpäker ſeines Wortes entbunden und das ihrige zu⸗ rückgezogen hat. Du warſt nicht zugegen in dieſer Zeit, Du warſt mit dem Vater auf den andern Gü⸗ tern, aber Du weißt den Grund, welcher Deine Schweſter zu dieſem ſchmerzlichen Entſchluſſe bewo⸗ gen und iht Leben auf immer getrübt hat.“ „Er war ihrer unwürdig, ich weiß es— er hat ihr heiligſtes Vertrauen betrogen,“ ſagte Bernhard. „Ihr heiligſtes wiederholte Fran Wanda mit aufgeregter Betonung.„Du ſprichſt wahr!— Hat Dir Chriſtine alles geſagt? Vielleicht in letzter „Nur das! Ich habe noch mehr gefragt, wie es natürlich war, als ich bei Eurer Heimkehr von Prag das Verlöbniß aufgelöst fand und ihren tiefen Kummer ſah, den ſie vergebens vor uns zu verbergen ſuchte, ich habe ſie innig gebeten, mir zu ſagen, wie alles gekommen und was eigentlich geſchehen ſei — aber ſie hat mir niemals ihr Vertrauen geſchenkt. Ihr weißt es, Mutter, auch Euch hab' ich umſonſt gebeten.“ „Mag es ſo bleiben, Bernhard,“ verſetzte ſie. „Aber Eins will ich Dir doch ſagen, denn eben jetzt oder nie kann wenigſtens die Ehre Deiner Schwe⸗ ſter, die auf eine grauſame Weiſe, wenn auch nicht öffentlich, angegriffen worden iſt, gerechtfertigt wer⸗ den. Wiſſe, mein Sohn, daß er ihr, nachdem ſie aus guter Urſache mit ihm gebrochen hatte, gleich⸗ viel ob ihr eigenes Herz darüber mit brach, daß er ihr eine ſchwere Beſchuldigung, die ihren makelloſen Leumund traf, in das Antlitz geſagt—“ „Schlabrendorff?“ rief Bernhard zornig auf⸗ fahrend, und alle ſeine Züge geriethen in Gährung. „Ja, Mutter, das betrifft auch meine Ehre, die Ehre unſeres ganzen Hauſes! Ich werde ihn aufſuchen, er ſoll mir Rede mit dem Schwert, der verläumderiſche Bube!“ „Halt ein, mein Sohn,“ unterbrach ihn Frau Wanda.„So war es nicht gemeint! Aufſuchen ſollſt Du ihn, und ich bitte Dich ausdrücklich darum, ſeine Spur, die uns ganz verloren war, zu verfolgen, aber das Schwert ſoll nicht richten zwiſchen ihm und mir— uns!“ verbeſſerte ſie lebhaft.„Das Schwert iſt ein parteiiſcher Richter, meiſt dem Stärkern, nicht immer dem Rechte geneigt, und ſein letzter Spruch wird niemand überzeugen. Was hilft es mir, wenn 1857. VI. Heimath und Ferne. I. 7 98 Du auch über die Rieſenſtärke Deines Gegners und ſeine Waffenkunſt ſiegeſt, wenn Du ihn niederwirfſt und die Erde ſein Blut trinkt, wird er ſich dadurch* die Ueberzeugung nehmen laſſen, daß er die Wahr⸗ heit geſprochen? Dieſe Ueberzeugung hat er und wenn er ſelbſt durch Deine Klinge fällt, wird er ſterben im guten Glauben daran. Das aber will ich nicht! Ich will, daß er die Wahrheit erfahre, daß er ſie erkenne und glaube Dazu ſollſt Du mir ver⸗ helfen, mein Sohn. Du mußt mir Dein Wort geben, nicht einen Kampf der Rache mit ihm zu ſuchen, ſondern ihm die Ueberzengung zu geben, daß er ſich geirrt und darum Deiner armen Schweſter das tiefſte Unrecht gethan hat, daß ſie aber die vollkommenſte Urſache gehabt, ſich von ihm loszu⸗ ſagen.“ „Und wie ſoll ich das, Mutter, wenn Ihr mir die Gründe nicht ſagt? Ihr bannt mein Schwert in die Scheide und verweigert mir die andern Waf⸗ fen, durch welche allein der Sieg der Wahrheit zu erringen iſt.“ „Wie kannſt Du das glauben?“ rief die Mut⸗ ter.—„Nur,“ ſetzte ſie zögernd hinzu,„nicht dieſen Augenblick, nicht hier! Alles iſt mir zu überraſchend gekommen, zuviel iſt wieder geweckt worden ſeit Haugwitz das Wort geſprochen, das wie ein böſer Zauber die längſtbegrabene Vergangenheit aus der Gruft heraufbeſchworen hat. Dein Schei⸗ den ſodann— und jetzt dieſer Plan für Deine Zukunft, an den ſich mein Herz noch nicht gewöh⸗ nen kann— zuviel, zuviel auf einmal! O könnt' ich Dich glücklich ſehen, mein Sohn, Dir ſo recht ein inniges Lebensglück bereiten, das höchſte Opfer wollt' ich bringen! Daß Ihr, meine beiden Kinder, ſo das ſüßeſte Glück der Erde— ich denke es mir als dieß!— entbehren ſollt!“ Sie ſenkte das Haupt, und ihre Stimme hatte, während ſie dieſe Worte ſprach, einen ſo weichen, ſchmerzlichen Klang, daß der Sohn ſich tief davon ergriffen fühlte. Er nahm ihre Hand, küßte ſie zärtlich, und zu bewegt zu lau⸗ ten Worten flüſterte er ihr die Betheurung zu, daß ihre Liebe ſein höchſtes Glück ſei und er das andere ja aus freier Wahl aufgegeben habe. In ſeiner Seele bebte aber noch ein anderes Gefühl, das durch die letzten, halb unbewußt geſprochenen Worte der Mut⸗ ter beunruhigend angeregt war. Welch' ein Sinn leuchtete, wie ein unheimlicher Dämmerſchein, aus denſelben hervor! Sie dachte ſich das ſüßeſte Glück der Erde, ſie hatte es alſo nicht gefunden in dem Bande der Ehe, das ſie für ihre beiden Kinder als 7* 100 verloren beklagte! Was bisher zuweilen wie eine ahnungsvolle Frage durch den ſtill beobachtenden Geiſt des Jünglings gezittert, ob zwei ſo ganz ver⸗ ſchiedene Naturen, wie ſeine Eltern, dennoch in ihrer Verbindung glücklich und liebevoll vertraut ihr vollkommenes Glück finden könnten, eine Frage, die ihm der tägliche Augenſchein zur wahren Zufrieden⸗ heit gelöst hatte, ſchien jetzt auf einmal eine ganz andere Bedeutung zu gewinnen. Ihn faßte ein glü⸗ hendes Verlangen, in dieſem, vielleicht nie wieder⸗ kehrenden Momente das Dämmerlicht ſeiner Zweifel zur vollen Klarheit aufzuhellen, und wie er ſich oft genug hinreißen ließ, brach er auch jetzt mit einer Frage vor, welche ihm auch den ſchwachen Schein, den er gewonnen hatte, wieder rauben mußte.„Ihr ſeid nicht glücklich, meine Mutter?“ Groß und ſtrafend ſah ihn mit einem Aufblick die Mutter an, daß er vor dem Strahl ihres Auges, in welchem ein heiliger Unwille zu flam⸗ men ſchien, erbebte.—„Mein Glück kann nur ge⸗ trübt werden durch die Sorge um meine Kinder,“ ſprach ſie und ihre Stimme klang trotz jener Zei⸗ chen ſo rein und ruhig, als habe ſie gar keine Ahnung, was Bernhard gemeint, als liege ihr ſelbſt die Möglichkeit ſeiner Annahme ganz fern.—„Als raſchen 101 Chriſtine ſich grämte, konnte ich mich nicht glücklich fühlen und ſoll ich es jetzt ſein, wo Du Dich von uns trennen willſt?“ Er küßte ihr von neuem und beſchämt die Hand. Sie ſtreichelte ihm die glühende Wange mit ſtummer Liebkoſung und beide ſaßen eine Weile ſchweigend neben einander. Dann ſprach die Mutter:„Höre mir jetzt ſtill zu, und merke Dir wohl, was ich Dir ſagen werde. Haugwitz kann Dir gewiß nähern Beſcheid geben, wo Du in Italien, wenn er dort noch weilt, den Mann finden kannſt, der beſſer die Schwelle unſeres Hauſes nie geſehen hätte. Iſt es ihm möglich ge— weſen— dieſe Stunde zu verwünſchen“— hier bebte die Stimme der Sprecherin und ſie mußte einen Moment innehalten—„auch wir haben keine Urſache— ſie zu ſegnen!—— Wenn Du ihn nun gefunden haſt,“ fuhr ſie gefaßt fort,„dann nehne Deinen Namen und ſage ihm herzhaft, Du ſeieſt der Sohn Wanda's von Linden; wundere Dich nicht, wenn es ihn vielleicht beſtürzt macht, ſondern gib ihm dieſen Ring hier,“— ſie zog ihn vom Finger, —„und ſage ihm: Den Ring ſchickt Euch Frau Wanda, meine Mutter, und ſchwört Euch, ſo wahr ſie vor dem allerbarmenden Gott einſt Gnade zu finden hoffe, daß nie eine andere Hand, weſſen ſie — ———————— 102 auch habe ſein können, als die ihrige dieſen Reif getragen, daß ſie ihn niemals, ſelbſt nicht zur Zeit des Schlummers bei Nacht, abgelegt habe. Was er 5 alſo je darüber gedacht, das ſei nicht wahr geweſen — und was er nun, da er die Wahrheit erfahren, darüber denken möge, das könne ich ihm nicht weh⸗ ren. Rechenſchaft ſei ich nur Gott und meinem Gatten ſchuldig und beiden habe ich ſie getrenlich abgelegt und hoffe auch in Ehren vor ihnen beſtanden zu haben. Das ſage ihm alles, mein Sohn, wenn Du es behalten kannſt und ſieh dann zu, was er dazu ſagen wird. Will er Dir die gauze Wahrheit erzählen, mag er's thun auf Gefahr ſeiner eigenen 6 Ehre— denn für ehrlos halte ich den Mann, der ſelbſt unlautern Sinnes das Vertrauen eines arg⸗ loſen Herzens mißbraucht, wie er gethan hat!“ Sie war wieder in mächtige Bewegung gerathen und ſtand nun ſchnell auf.—„Leb' wohl, mein Bern⸗ hard, mein geliebtes Kind! Es kann ſein, daß wir uns nicht mehr allein ſprechen, ehe Du ſcheideſt, ſo nimm meinen Segen auf den Weg.“ Bernhard ſenkte ſich tieferſchüttert auf ſeine Kniee, ſie legte die Hand ſegnend auf ſein dunkles Haar. „Bleibe fromm und gut, bete alle Tage, ſo wird 103 Gott immerdar mit Dir ſein!— Doch bitte ich noch um ein Verſprechen, ehe ich Dich ſcheiden ſehe. Steh' auf, mein Sohn. Nein, nein, ich will keine Zuſage, ehe Du weißt, was ich ſagen will, Du ſollſt Dich nicht binden. Ich wünſche, daß Du noch einmal, bevor Du den entſcheidenden Schritt thuſt, welcher Dich unauflöslich dem Orden weiht, an mich Botſchaft ſendeſt und dann abwarteſt, bis ich Dir antworte. Glaube nicht, daß ich Dir ein Hinderniß damit bereiten will, ich werde Dich nicht von neuem abmahnen und beunruhigen— nur wiſſen will ich es, wann der ernſte Augenblick kommen wird, damit ich ihn, weit von Dir entfernt, mit Gebet für Dich feiern kann. Sollte Deine Botſchaft mich nicht mehr finden, dann wird Chriſtine ſtatt meiner Dir Antwort geben.— Und nun komm, laß uns die andern aufſuchen, ſie werden uns längſt ſchon vermißt haben.“ Fechſtes Rapitel. Trennung. Das Gefühl begangenen Unrechtes ließ Bernhard nicht zur Ruhe kommen: ihm bangte vor dem erſten 104 Wiederſehen und ſonſt hatte ihm Bärbchen's Erſchei⸗ nen jedesmal die Bruſt mit lichter Freude erfüllt Als er ſie gegen Abend mit dem Großvater, der ſie aus dem Pfarrhauſe abgeholt hatte, zurückkommen ſah, wich er ihr aus, machte ſich noch Geſchäfte, wo er ſie fand und ſtellte ſich erſt wieder ein, nachdem die Familie bereits unter der Linde ſaß. Aber auf den erſten Blick, ſobald er der Gruppe von weitem anſichtig wurde, bemerkte er, daß Bärbchen nicht dort war und daß auch Chriſtine fehlte: der Großvater ſtand auf und kam ihm langſam entgegen. Wie einen Verbrecher ſchlug dem Jünglinge das Herz und e hatte ſeinen guten Grund dazu, denn er ſah das Auge des alten Herrn mit einer nie geahnten Strenge auf ſich gerichtet. „Haſt ein ſchlechtes Gewiſſen, Burſch!“ redete er ihn an.„Sei ſtill, vertheidige Dich nicht, es hilft Dir nichts! Mir konnte die Bärbel nicht verbergen, was geſchehen war und ich mußte dem armen Kinde gleich reinen Wein ſchenken. Du biſt ein Bube!“ „Großvater! rief Bernhard außer ſich vor dieſer Beſchimpfung, die ihn wie ein Blitz traf. „Schweig! Haſt im Sinne, ein Ordensherr zu werden und erfrechſt Dich, meiner Bärbel von Liebe vorzuſchwatzen: was willſt Du damit? Sie unglücklick 105 machen, ſie wohl gar verderben?— Rede mir nichts: Du kannſt keine Entſchuldigung haben! Aber ſagen wollt' ich Dir's, daß ich Deine Schlechtigkeit kenne und nun hüte Dich, ſie nicht weiter zu verfolgen. Ich habe niemand etwas geſagt, die Bärbel iſt krank, weiter wiſſen ſie nichts, ſehen mag ſie Dich nicht mehr und die Chriſtel ſitzt bei ihr, bei der ſich ihre Geſchichte wiederholt. Such' Dir den Spießgeſellen nur in der Fremde auf, Ihr ſeid ein Paar gute Kumpane. Was ich übrigens geſagt und verſprochen hab', das nehme ich nicht zurück, es iſt Zeit, daß Du aus dem Hauſe kommſt!“ „Ja, Großvater!“ erwiederte Bernhard, durch die unerbittliche Rede des Greiſes, die ihn empfind⸗ lich in jedem Nerven ſeines Gefühls verletzte, endlich zum Trotze gereizt.„Es iſt hohe Zeit, daß ich gehe, um dieſer unwürdigen Behandlung zu entrinnen. Legt Ihr mir ſchändliche Abſichten unter, ich kann es nicht ändern und bin zu ſtolz, mich darauf zu vertheidigen“ Er wandte ſich von ihm und ging mit feſten Schritten nach der Linde, von welcher dieß Geſpräch doch weit genug ſtattgefunden hatte, um nicht verſtanden zu werden. Der alte Herr folgte ihm nicht, ſondern ging weiter. Es war ſo ganz gegen ſeine Gewohnheit, ſich des Abends, wenn die Familie 106 unter der Linde ſaß, von ihr zu trennen, daß der Sohn, der ihm nachſah, den ankommenden Bern⸗ hard fragte: was dem Großoater fehle? „Ei, ſeht Ihr das nicht?“ nahm Haugwitz zur großen Erleichterung des Befragten das Wort.„Seht Ihr nicht, daß ihm ſchon den ganzen Abend ſein Blondchen fehlt? Er hat keine Ruhe, er geberdet ſich wie ein junger verliebter Menſch! Hab' ich recht, Frau Gevatterin? Meine Pathe Erdmuthe iſt nun auch für uns verloren— es wird aber nicht gefährlich ſein, die Kleine hat ſich bei der Kranken⸗ pflege ein Bißchen geſchadet, über Nacht gibt es ſich, und morgen haben wir wieder den blauen Himmel ihrer Augen.“ Bernhard hatte, während der Gaſt ſprach, ſchweigend Platz genommen und kämpfte nur, den Ausdruck ſeiner Züge zu beherrſchen, daß ſie den prüfenden Blicken ſeiner Mutter nicht den Aufruhr in ſeinem Innern verriethen. Von den beiden Män⸗ nern hatte er nichts zu befürchten. Die Mutter ſchien aber weniger als ſonſt, auf ihn zu achten; war auch ſie beſorgt um Bärbchen welche ſie wie ihr eigenes Kind liebte, oder nahm ein anderes Gefühl ihre Seele ganz in Anſpruch? Sie ſtand bald auf und entfernte ſich, welchem Beiſpiel kurz nachher auch der Hausherr folgte, gelangweilt von den Erzählungen ſeines alten Freundes, welcher dieſelben ausſchließlich an Bernhard richtete, der ihm ein geduldiges Ohr lieh, vielleicht, weil er gar nicht darauf hörte. Als beide aber nun allein gelaſſen waren, unterbrach ihn Bernhard plötzlich auf eine ſo haſtige Weiſe, daß er förmlich erſchrak.„Herr von Haugwitz, wollt Ihr mir und dem ganzen Hauſe einen Liebesdienſt er⸗ weiſen?“ „Ihr fahrt ja los wie ein Fanghund, junger Freund. Wie ſollt' ich Euch und den werthen Eu⸗ rigen nicht von Herzen gern einen Gefallen thun? Sagt an, ich werde immer bereit ſein.“ „Ihr müßt mir heut Nacht forthelfen.“ ſprach Bernhard mit unſtetem Blick. „Forthelfen? Ihr meint— auf den Weg, auf die Reiſe?“ rief Haugwitz erſtaunt.„In der Racht — heimlich wohl?“ „Heimlich ja— wie ein Dieb Ich muß heut Nacht fort und zähle auf Euren Beiſtand, Herr von Haugwitz, den Ihr mir zugeſagt habt. Seht, wozu ſoll das lange Zögern dienen? Die Trennung wird dadurch nur noch ſchwerer. Wenn das Wort geſpro⸗ chen iſt, muß die That folgen. Die Tage, die zwiſchen beiden liegen, ſind nur eine lange Qual. Ich brauche 108 nichts als ein Pferd— und Ihr ſollt mir das eurige überlaſſen, ſtellt den Preis wie Ihr wollt, ich weiß, daß die Meinigen ihn zahlen werden, denn ich ſelbſt bin es freilich jetzt nicht im Stande. Wolltet Ihr mich aber zu Eurem Schuldner nehmen auf mein ehrliches Wort als Edelmann, wär' es mir allerdings am liebſten!“ „Junger Freund, was redet Ihr da für wildes Zeug! Wollt Ihr förmlich bei Nacht und Nebel davonreiten, daß Eure Eltern und der gute Herr Landeshauptmann, der Euch ausſtaffiren will, wie es ſich für einen jungen Herrn von ſchleſiſchem Adel paßt, am Morgen zum Tode erſchrecken? Wenn ich Euch auch mein Pferd geben wollte— und mit Freuden würd' ich Euer Gläubiger!— ſo würdet Ihr dieß heimtückiſche Thier, das ſeinen eigenen Kopf hat, nicht reiten können! Ich ſag' Euch, ich bin ſchändlich damit betrogen— ein Stradiot hat es mir verkauft, das ſind illyriſche Reiter, müßt Ihr wiſſen, welche die Republik Venedig herübergebracht hat, wahre Chriſten mögen ſie wohl nicht ſein, we⸗ nigſtens an mir hat der Mann, der mir das Pferd verkauft, nicht chriſtlich gehandelt: ich war in Ver⸗ legenheit, brauchte ein Pferd, wollte fort, da war ich mit einem ihrer Hauptleute bekannt geworden, 109 der ließ mir eins vorreiten, ach, das ging ſo präch⸗ tig, jetzt wie ein Lamm ſo fromm, dann wie ein Falte ſo ſchnell, grad' wie ich es wünſchte und ich probirte es auch, das Herz im Leibe lachte mir. Der Menſch aber weinte, als er mir das Pferd geben ſollte, es ſei ihm lieber als Vater und Mut⸗ ter, ſagte mir der ſündhafte Geſell, doch das rothe Gold, das ich ihm zeigte, tröſtete ihn und ſo wurden wir Handels einig. Drrauf ritt ich meiner Wege, nun denkt Euch die Bosheit, das Pferd wurde alle Tage eigenſinniger, hörte auf keinen Zügel mehr, ſchlug mir die Sporen ab und that gerade nur ſo⸗ viel Dienſte wie es wollte. Es iſt gar keine Frage, der Stradiot hat es verhert und ich würde es mir zur Sünde rechnen, Euch ein ſolches Pferd zu geben, dem Sohne meines beſten Freundes, dem Bruder meiner guten Pathe Erdmuthe.“ „Gebt es mir nur, ich will es ſchon reiten!“ rief Bernhard ungeduldig.„Sollt' ich mich in Euch getäuſcht haben, als ich auf Euren Rath und Bei⸗ ſtand rechnete?“ „Aber, mein Junker, was ſollen Eure Eltern von mir denken, wenn ich Euch zu heimlicher Flucht verhelfe?“ „Flucht?“ wiederholte Bernhard.„Doch Ihr 110 mögt recht haben, es iſt eine Flucht. Meine Eltern, wenn ich erſt fort bin, werden Euch loben, daß Ihr ein Ende mit mir gemacht habt, und— auch die andern werden frei aufathmen. Seht, lieber Herr, Ihr habt mich einem Diebe verglichen,— wenn ich nun zur Nacht, wenn alles im Schlafe liegt, in den Stall gegangen wäre, hätte mir Euer Pferd geſattelt, wäre damit unter Euer Fenſter geritten, hätte Euch geweckt und Euch zugerufen, daß Ihr den Preis nur ſtellen ſolltet, wie hoch es Euch beliebt, ich müſſe das Pferd haben und wolltet Ihr nicht, ſo raubte ich es?“ Ueber dieſe Idee, abenteuerlich wie nur eine aus Bernhard's Haupte entſprungen war, gerieth Haugwitz in Verwunderung und ſagte:„Ihr ſeid ein verzwei⸗ felter Waghals— was ſoll ich mit Euch anfangen?“ Da ließ Bernhard in drängender Weiſe nicht nach, bis er ihn für ſein Vorhaben gewonnen hatte; nach⸗ dem Haugwitz aber einmal zugeſagt, nahm er ſich der Sache auch ernſtlich und praktiſch an. Er ſchloß mit ihm zuerſt einen förmlichen Handel über das Pferd mit Sattel und Zeug ab, ſtellte die Summe feſt, und den Termin der Zahlung erſt, ſobald Bernhard ſie aus eigenen Mitteln werde leiſten können. Dann drang er ihm noch ein baares Darlehn auf, das er 111 ihm vor Nacht übergeben wollte„Ihr geht, nehmt mir's nicht übel, auf die Reiſe, als wär's ein Ritt in den nächſten Kretſcham,“ ſagte er,„kommt mir vor wie ein junger Zeiſig, der aus dem Neſte fliegt und den Sperbern grad' in die Schnäbel. Geld gehört zum Reiſen— von mir könnt Ihr's ſchon neh⸗ men. Ich ſchenk's Euch ja nicht“ Endlich gab er ihm genaue Anweiſung, welche Straßen er wählen, wo er in der nächſten Richtung auf ſein Ziel Quartier und längere Stationen nehmen ſollte und verſprach ihm noch viel angeſehene Männer, die er im deut⸗ ſchen Reiche und beſonders in den großen Städten Italiens kennen gelernt, aufzuſchreiben. Seine Be⸗ lehrungen wurden aber bald durch Chriſtinen unter⸗ brochen, welche zu gewohnter Zeit den Tiſch unter der Linde decken ließ und ſich wunderte, beide allein zu finden. „Ja, mein Pathchen,“ antwortete Haugwitz, „wir ſitzen hier wie ein Brautpaar. Haben ſoeben einen Liebesbund geſchloſſen!“ Er belachte ſeinen Witz, und da er beim Lachen ſtets die Augen ſchloß, bemerkte er nicht, wie Chriſtinen's ernſter Blick ſich noch mehr verdüſterte.—„Aber ſagt, wie geht es unſerer lieben kleinen Barbarina? Hat ſich bei der kranken Frau zu ſehr angegriffen, nicht wahr?“ 112 „Sie wird bald überwunden haben, was ſie traf,“ erwiederte Chriſtine, nicht ohne Beziehung. „Ja, das denk' ich auch, ſie iſt ja ſo friſch und geſund an Leib und Seele, da kann ſo etwas nicht haften. Meint Ihr nicht auch, liebe Erdmuthe?“ Er nannte ſie nie anders und die Eltern ließen ihn dabei, aus Gründen, welche Frau Wanda ihrem Gatten vorgeſtellt hatte. Wenn auch nicht zu fürchten war, daß Chriſtine ſich bei ihrer Selbſtbeherrſchung abermals verrieth, wenn zufällig ihr früherer Ver⸗ lobter einmal wieder von Haugwitz genannt wurde, ſo konnte er doch bei ihrem Namen an denjenigen denken, den er von Schlabrendorff vernommen oder vielmehr ausgefunden zu haben glaubte, und eine Erörterung, welche dann von ſeiner Seite gewiß folgte, war zu vermeiden. Chriſtine ſelbſt ließ es ſich gefallen, daß er ſie ſtets bei ihrem zweiten Namen anredete, auf ſeine letzte Frage wußte ſie aber nichts zu erwiedern, als ein kurzes:„Gott gibt Kraft!“ Gleich darauf kamen, einzeln nach einander, die übrigen Mitglieder der Familie hinzu, und wiederum fehlte nur Bärbchen. Niemand ſprach, wie Mittag, von ihr: es ſchnürte Bernhard die Bruſt zuſammen, daß es um ſeinetwillen geſchah. Sie ſchien ausge⸗ ſtrichen und vergeſſen: nicht anders konnte es ſein, wenn 113 ſie ſelbſt ein Verbrechen begangen hätte, das ſie um alle Herzen gebracht. Die Abendmahlzeit wäre leicht die traurigſte, einſilbigſte geworden, welche die Gegenwärtigen je zuſammen genoſſen hatten, wenn nicht Haugwitz geweſen wäre. Er bemerkte die all— gemeine Schweigſamkeit nicht, ſie gab ihm vielmehr den erwünſchteſten Spielraum, ſeiner Erzählungswuth freien Lauf zu laſſen, und wohl nie ſind ihm ſeine Zuhörer, wenn ſie auch nicht ſonderlich Theil an dem Inhalte ſeines Redeſchwalls nahmen, doch für dieſen ſelbſt dankbarer geweſen. Ein kalter Abend⸗ wind, der immer ſtärker in der uralten Krone der Linde zu brauſen begann, gab endlich den willkom⸗ menen Anlaß, früher als gewöhnlich auseinander zu gehen. Dieſen Moment hatte niemand heißer er— ſehnt als Bernhard.„Um ein Uhr!“ flüſterte er Haugwitz zu.„Ich wecke Euch!“ Dann bot er dem Großvater, ſeinen Eltern und Chriſtinen gute Nacht, und nur die Mutter bemerkte, daß es mit einer beſondern, beinahe ſchmerzlichen Innigkeit ge⸗ ſchah. Sie glaubte aber den Grund zu kennen und legte nochmals ſtumm ſegnend die Hand auf ſein Haupt. So trennten ſich alle; die Lichter, hier und da in den Fenſtern des Schloſſes erſcheinend, bekun⸗ deten noch eine Weile, daß die Bewohner der ein⸗ 1857. VI. Heimath und Ferne. J. 8 zelnen Gemächer noch wachten, dann erloſchen ſie allmälig, und ehe der Wächter noch die zehnte Stunde mit ſeiner Knarre verkündigr hatte, ließ ſich, wie ge⸗ wöhnlich, in dem ganzen Herrenhofe kein Zeichen des Lebens mehr wahrnehmen. Mitternacht war vorüber. Am Himmel brannten die Sterne in heller Klarheit, aber es waltete kein Frieden in der Natur: noch immer brauſte der Wind und riß Blätter und Ruthen aus den Bäumen, ängſt⸗ liche Laute, vom Wilde vielleicht, das aus dem Walde getreten war, oder vom Nachtgevögel, das auf⸗ geſcheucht ſeine Kreiſe mit unhörbarem Flügelſchlage zog, ließen ſich auf der Flur außerhalb des Schloßbezir⸗ kes vernehmen; auf dem Thurme kreiſchte fort und fort die Wetterfahne. Dem Wächter, der in ſeinen Schafpelz gehüllt, endlich zum Vorſchein kam, war es nicht zu verdenken, daß er ſeinen Rundgang bei dieſem unheimlichen Walten und Weben der Nacht abkürzte; folgte ihm doch ſein Hund ſelbſt mit ein⸗ gezogenem Schweife, hatte das eine Ohr geſpitzt und knurrte zuweilen leiſe und furchtſam. Da ſchlug der Mann mit dem roſtigen Spieß auf der Schulter ſein Kreuz und beeilte ſich wieder in ſeine warme Kam⸗ mer zu kommen, wo er den Pelz über die Ohren zog und die nächſte Stunde zu verſchlafen hoffte, was ihm auch, trotzdem ſein Hund mehrmals verdächtig laut wurde, vollkommen gelang. Wenn er aber auch wach geweſen wäre, als Bernhard das Pferd aus dem dunkeln Stalle in das Dämmerlicht des Hofes zog, um es zu ſatteln, er würde dem jungen Herrn, der am beſten wiſſen mußte, was er that, kein Hinderniß in den Weg gelegt Mit Bernhard kam noch ein Zweiter zum Vorſchein, der hilfreich und geſchickt zur Hand war, beim Satteln und Aufzäumen zu helfen und dabei manche leiſe Warnung hören ließ, ſich vor dem bö⸗ ſen Gaule, der ihn ſchon oft beim Anziehen des Gur⸗ tes gebiſſen hatte, in Acht zu nehmen. Wunderba⸗ rer Weiſe ſchien das Thier heute ganz fromm. Als es vollſtändig gerüſtet war, gab Bernhard dem Helfer die Hand und dankte ihm herzlich für ſeine Güte. „O redet mir doch nicht davon!“ entgegnete „Nehmt Euch nur alles fein zu Herzen, was ich Euch geſagt habe; hütet Euch vor ſchlechten jungen Heergeſellen und ſucht lieber die Alten, die Ich habe Euch alle Namen aufge⸗ ſchrieben von Hauptleuten und Kriegsobriſten, die ich draußen in langen Jahren kennen gelernt— Einem oder dem Andern begegnet Ihr doch, denn die Feh— den wird der ſchöne Garten Italiens nicht los, ſo— Zuverläſſigen. 115 8* lange noch ſeine ſüßen Trauben und Früchte wachſen, und das Leben dort der Himmel auf Erden iſt. Ich ſtehe Euch nicht dafür, daß Ihr eines Tages mein altes Geſicht plötzlich vor Euch ſeht, denn wenn ich an Italien denke, dann will's mich gar nicht mehr daheim leiden, und ich habe wirklich am Ende zu früh Feierabend gemacht, um mich zur Ruhe zu ſetzen. Wollt Ihr mich haben, ſo geh' ich am lieb⸗ ſten gleich mit.“ „Herr von Haugwitz!“ rief Bernhard, von dieſer Aeußerung betroffen. „Nun erſchreckt nur nicht, ich habe ja nicht einmal ein Pferd,“ erwiederte Haugwitz lachend. „Reitet denn mit Gott, Eure Botſchaft an alle werde ich getreulich ausrichten: ſie ſollen mir herzliche Ver⸗ gebung für Euch in meine Hand geloben und ich bringe ſie Euch mit, wenn ich nachkomme.“ „Schreibt mir vorher!“ bat Bernhard, den Ge⸗ danken, daß er tröſtliche Nachricht von ſeinen Lieben, und vor allen von der ſchwer gekränkten Barbara erhalten könne, freudig ergreifend. „Gut. Wohin, nicht wahr?“ ſagte Haugwitz. „Ich will Euch nach Venedig ſchreiben. Dort wohnt in der Merceria ein reicher Goldſchmied, der Bruder des Herrn Filippo Diodati in Brescia, er heißt 117 Andrea, jeder Facchino, jeder Gondolier kennt ihn, dort ſollt Ihr einen Brief haben, wenn Ihr etwa zur Herbſtzeit nachfragt: bis dahin findet ſich ſchon eine Gelegenheit mit den Spezereiwagen, die über die Berge kommen und Fracht zurücknehmen. Ihr könnt aber auch vorher, wenn Ihr auf der Terra ferma ſeid, bei Herrn Filippo ſelbſt nachfragen— da bekäme ich gleich Nachricht, wie es ihm geht und ob ſeine ſchwarzlockige Fiorina wirklich ſo wunderſchön geworden iſt, wie die Leute erzählen. Denn ſobald Ihr meinen Brief habt, müßt Ihr flugs Antwort geben, die Kaufherren draußen wiſſen immer die ſchnellſte Gelegenheit zur Beſtellung und wenn es bis England wäre oder gar hinauf bis zu den deut⸗ ſchen Herren in Preußen, von denen Ihr geſtern ſpracht. Nun Gott ſei mit Euch!“ brach er ab, als er ſah, daß Bernhard ſich mittlerweile in den Sattel geſchwun⸗ gen hatte und das Pferd ungeduldig in den Zügel knirſchte. „Lebt wohl! Grüßt alle! alle!“ ſagte Bern⸗ hard mit überwallendem Gefühl. Dann ließ er dem ſchlanken Roſſe, das aufgebäumt war, Freiheit zu einem Sprunge vorwärts, bändigte es aber ſogleich wieder und ritt langſam, daß ſein Hufſchlag nicht ſchallen ſollte, durch das Gitter, deſſen Schlüſſel er 118 beſaß, weil er zuweilen in aller Frühe, ehe noch ge⸗ öffnet war, auf ſeinem kleinen Klepper zu dem ent⸗ fernten Fiſcherdorfe ritt, das ſeinem Vater auch ge⸗ hörte. Haugwitz ſollte hinter ihm wieder zuſchließen und den Schlüſſel am Morgen dem Vater, ſeinem Freunde, zugleich mit des Sohnes Abſchiedsgruß und der Bitte um Verzeihung überbringen. Er ſtand aber lange und ſah mit Verwunderung, wie gehorſam ſich heute ſein widerſpenſtiges Roß dem fremden Rei⸗ ter fügte. Sonſt koſtete es meiſt einigen Kampf, ehe es ſich von einem Nachtquartier, wo es gute Streu und reichliches Futter genoſſen, trennte, manch⸗ mal kehrte es auch um, ſtets aber ging es nur die⸗ jenige Gangart, die ihm ſelbſt beliebte, rannte wie beſeſſen, wenn ſein Herr gemächlichen Schritt reiten wollte, war nicht aus einem Schaukelpaß zu bringen, wenn dieſer Eile hatte, und biß auf jeden Sporn⸗ ſtoß nach ſeinen Beinen. Heute dagegen galoppirte es draußen ſo anſtändig von dannen, daß den Nach⸗ ſchauenden eine heftige Reue überfiel, den Handel, obenein ohne Geld abgeſchloſſen zu haben. Zu än⸗ dern war das aber nicht mehr. Herr von Haugwitz ſchloß das Gitter wieder zu und kehrte in ſein Gemach zurück, wo er bald wieder die Ruhe ſuchte und fand. Er ſchlief ſo feſt ein, daß es bereits heller Tag und 119 ziemlich ſpät war, als er erwachte. Der Stand der Sonne erſchreckte ihn, da er ſich vorgenommen hatte, recht früh aufzuſtehen, um der Erſte zu ſein, welcher Bernhard's Abreiſe berichtete und entſchuldigte. Er beeilte ſich daher mit ſeinem Anzuge, hatte ihn aber noch nicht vollendet, als an ſeine Thüre geklopft wurde.„Schläfſt Du noch, Erdmann?“ fragte Lin⸗ den's Stimme. „Nicht doch— komm nur herein, Heinerle!“ erwiederte Haugwitz, beunruhigt durch den Beſuch, welcher gewiß durch die ſchon verbreitete Kunde ver⸗ anlaßt worden war. Aber ſein Freund trat lachenden Angeſichtes ein. „Hat Dich die liebe Sonne endlich aus dem Bette gejagt?“ fragte er.„Du weißt wohl noch gar nicht, daß Du beſtohlen biſt? Einer hat ſich bei Nacht über die Mauer geſchlichen und Dein Pferd geſtohlen; wie er es fortgebracht hat, weiß ich nicht, der Rappe muß fliegen können, denn das Gitterthor iſt zugeſchloſſen.— Nun, nun, Erdmann, ſieh mich nicht ſo verdächtig an, als rappele mir's im Kopfe. Ich will Dich nicht foppen, die Sache iſt richtig, aber ſie hängt ganz natürlich zuſammen. Mein Bern⸗ hard hat ſich den Spaß gemacht. Der reitet manch⸗ mal früh Morgens aus, ehe die Knechte geweckt 120 werden, dann ſattelt er ſich den Klepper, der im Gaſt⸗ ſtalle ſteht, ſelber und ſchließt ſich das Thor auf. Hente hat er den Klepper ſtehen laſſen und ſich Dei⸗ nen türkiſchen Hengſt genommen, wird wohl gedacht haben, Du nimmſt ihm das nicht übel. Komm aber, meine Frau wartet auf uns.“ „Noch einen Augenblick,“ bat Haugwitz und er⸗ griff ſeines Freundes Hand.„Wirſt Du mir böſe ſein, wenn ich Dir ſage, daß Dein Sohn, um Euch allen und ſich auch die Qual eines langen Abſchie⸗ des zu erſparen, heute Nacht abgereiſt iſt?“ Linden erſchrak über dieſe unerwartete Nachricht. „Abgereiſt? Nackt und blos, wie er iſt?“ rief er. „Ohne ein Wort zu ſagen?“ „Höre mich doch nur ruhig an!“ entgegnete Haugwitz.„Du wirſt ſelbſt einſehen, daß es ſo beſſer iſt für alle Theile, und Deine Frau wird damit zu⸗ frieden ſein und die— andern auch!“—— Er er⸗ ging ſich nun in einer langen Darſtellung der Gründe, welche Bernhard's Entſchluß rechtfertigten, und gab ſich ſelbſt als denjenigen an, der ihn darin beſtärkt und unterſtützt habe.„Was wir über das Pferd und Zeug und ſonſt mit einander abgemacht,“ ſchloß er,„das iſt eine Sache für ſich, darüber kann der Herr Landeshauptmann, welcher Deinem Junker die 121 Ausſtattung verſprochen hatte, ganz ruhig ſein. Es iſt alles in Ordnung.— Laß uns nun hinunter gehen. Ich werde es meiner Frau Gevatterin ſchon vorſtellen, daß ſie kein böſes Geſicht dazu macht.— Sind alle ſchon zuſammen? Ich meine— alle? Wie geht es der Kleinen?“ „Sie iſt wieder geſund,“ erklärte Linden.„Ge⸗ ſehen hab' ich ſie noch nicht. Es iſt aber doch von dem Bernhard ein arger Streich, heimlich davonzu⸗ gehen, ohne Abſchied, ohne alles. Was wird die Mutter ſagen?“ Frau Wanda wurde allerdings von der Kunde, ſo vorſichtig Haugwitz ſie ihr auch beigebracht zu haben glaubte, tödlich erſchreckt, jetzt konnte ſie ſich die ſchmerzliche Innigkeit erklären, mit welcher Bern⸗ hard ihr geſtern zum letzten Male gute Nacht ge⸗ boten hatte! Doch beſaß ſie einen elaſtiſchen Geiſt, welcher der Gewalt des Momentes wohl zuerſt wei⸗ chen, aber nie bis zur Vernichtung ſeiner Kraft er⸗ liegen konnte. Bald gewann ſie die Ueberzeugung, daß es wirklich ſo für alle Theile beſſer ſei und war ſtark genug, dem Freunde für den Beiſtand, den er ihrem Sohne geleiſtet habe, zu danken. Der Groß⸗ vater ſagte wenig: er ſaß mit gerunzelter Stirn und blickte ſo ſtreng, daß ſich Haugwitz einer Scheu, die 122 er ſonſt nicht leicht vor irgendeinem Menſchen fühlte, nicht erwehren konnte. Mitten in den Wechſelreden zwiſchen dieſem und Wanda erhob er ſich und ging hinaus; Chriſtine, welche eine ſchweigende Zuhörerin geweſen war, folgte ihm, von niemand vermißt, und holte ihn am Fuße der Treppe ein. „Wollt Ihr die Bärbel ſuchen, Großvater? Sie iſt noch in ihrer Kammer, ich will ſie rufen.“ „Laß nur, mein Kind,“ erwiederte er.„Ich muß ſelbſt mit ihr reden.“ Er fand ſie einſam in ihrer Kammer am Fen⸗ ſter ſtehend, wo der geflochtene Weidenkäfig mit dem kleinen Vogel hing, den ihr Bernhard gefangen hatte. Beim Eintritt des Großvaters wandte ſie ihm ein erröthendes Antlitz entgegen und ſchien einer Ent⸗ ſchuldigung ihres längern Ausbleibens zu bedürfen. „Der Vogel hat zum erſten Male geſungen, Großvater— ſo ſchön!“ Es that dem alten Manne wohl, daß ſie ge⸗ faßter war, als er ſie nach den geſtrigen Erlebniſſen zu finden gefürchtet hatte, und darum, ohne zu prü⸗ fen, ob er ſich vielleicht vom flüchtigen Scheine habe tänſchen laſſen, ſagte er ihr mit einem kurzen Ein⸗ gange, der ſie vorbereiten ſollte, was geſchehen war. Da zeigte ſich denn, daß er ſich über ihre Faſſung 123 verrechnet hatte: ſie wurde bleich, ein unendliches Weh zitterte deutlich erkennbar um ihren lieblichen Mund, ihr Auge trübte ſich von aufquellenden Thrä⸗ nen, die ſie vergebens zurückzuhalten kämpfte und die nun einzeln in ſchweren heißen Perlen den ſchnell⸗ geſenkten Augenlidern enttropften. Der Greis nahm ſeinen Liebling, ſelbſt aller Troſtworte für ſie baar, an ſein Herz und gönnte dem Schmerze ſein Recht. Erſt nach einer längern Weile konnte er zu ihr ſpre⸗ chen und ſie lauſchte ihm wie ein hilfloſes Kind, gläubig, vertrauensvoll. Noch waren beide vereinigt, als ſich leiſe und ſchüchtern ein neuer Beſuch an⸗ meldete und nach erhaltener Erlaubniß eintrat: Herr von Haugwitz. Die Gruppe, die ſich ihm bot, machte auf ihn einen ſo ergreifenden Eindruck, daß er einen Moment ſprachlos auf der Schwelle ſtehen blieb. Sie hatten nicht ihn, ſondern eher Chriſtinen erwar⸗ tet: die Mutter würde nicht erſt angeklopft haben, was Chriſtine ſtets that, weil ſie ſelbſt nicht liebte, in einſamen Stunden unvorbereitet von fremden Augen überraſcht zu werden. So war Bärbchen, an des Großoaters Bruſt gelehnt, ſitzen geblieben, und hatte nur den Kopf erhoben, nach der Thüre zu ſchauen: der wehmüthige Ausdruck ihrer Züge, die wunderbare Aehnlichkeit der beiden, welche doch faſt 124 um zwei Menſchenalter getrennt waren, die rührende Liebe zu einander, die ſich in ihrer ganzen Haltung ausſprach, griffen dem treuherzigen Haugwitz wahr⸗ haft in die Seele und machten ihn, da er wohl wußte, was ſie zuſammengeführt hatte, um eine An⸗ rede peinlich verlegen. Der Großvater kam ihm aber, während Barbara aufſtand, zu Hilfe.—„Ihr bringt noch eine Botſchaft, nicht wahr?“ „Die bringe ich, Herr Landeshauptmann, und wenn mir das Fräulein, geſtattet, ſie in Eurem Bei⸗ ſein vorzutragen, ſo werde ich mich ihrer wörtlich, wie mir beſtellt worden, entledigen.“ Barbara hatte ihre Farbe wieder gefunden, aber in ihrer tiefen Verwirrung wußte ſie nicht, was ſie antworten ſollte; der ſchwache Verſuch dazu blieb un⸗ verſtändlich—„Sprecht!“ ſagte der Großvater.„Mein Kind hat vor mir kein Geheimniß. Hab' ich recht, Bärbel?“ Sie beſtätigte es lebhaft. Haugwitz verbeugte ſich vor dem jungen Mäd⸗ chen und ſagte:„Verzeihung ſollt Ihr gewähren, Glauben ſchenken, daß keine Falſchheit im Herzen ge⸗ lebt und in Eurem Gebete deſſen gedenken, der Euch Lebewohl ſagen muß, vielleicht auf ewig!“— Als er dieſe Worte mit theilnehmender und zugleich bittender Stimme ausgeſprochen hatte, brach der Reſt von — — Bärbchen's Standhaftigkeit, ſie war noch zu jung, bisher zu glücklich geweſen, um ſchon die Kraft zu beſitzen, ihr Aeußeres zu hüten und zu beherrſchen, daß es nicht die Bewegungen des Herzens verrathe. Noch aber Ke ſie ſich leidlich und konnte eine Ant⸗ wort geben, deren Sinn Haugwitz verſtand, wenn ihm auch die nur geflüſterten Worte nicht recht deut⸗ lich wurden. So nahm denn der Großvater zu rechter Zeit den Arm des Gaſtes, deſſen Eindringen in die Kammer ſeiner Enkelin ihm überhaupt ebenſo rückſichtslos als unſchicklich erſchien, und ging mit ihm, als wolle er ſeine Stütze haben, hinweg, wobei er ihm kaum Zeit ließ, noch eine gutgemeinte, aber un⸗ beholfene Entſchuldigung an Bärbchen zu richten. „Ich mußte, Herr Landeshauptmann!“ betheu⸗ erte Haugwitz draußen, da er wohl an dem Beneh⸗ men des alten Herrn, welcher ſeinen Arm gleich hin⸗ ter der Thüre losli bemerkte, wie er über ſeine Dreiſtigkeit dachte.„Zunker Bernhard hat mir mein Wort abgenommen, ſobald als möglich dem Fräulein ſeine Bitten zu beſtellen und wenn ich ſie ſonſt nicht träfe, ſie aufzuſuchen. Da ich nun gehört, daß Ihr hinaufgeſtiegen, ſo dacht' ich, ohne Ceremonie als ein alter Freund des Hauſes—“ 126 „Gewiß!“ unterbrach ihn der Großvater.„Es iſt nun auch gut ſo.“ „Weiß aber nicht, wie's kommt— in fremden Landen, abſonderlich in Italien, geht es mir leichter, Damen Corteſia zu beweiſen, hier ſeh ich ſelbſt, daß ich ſo ſteif und unmanierlich bin wie ein Ziegenbock. Sagt, Herr Landeshauptmann, ich habe wohl das arme liebe Kind beleidigt?“— Der Greis beruhigte ihn darüber, wäre aber ſelbſt gern umgekehrt, um zu ſehen, ob ſie ihrer Betrübniß nicht erliege. Sie ſaß in ſtiller Trauer, hatte die Hände ge⸗ faltet und weinte. Gewiß betete ſie für Bernhard, wie er von ihr ſcheidend gewünſcht hatte. In ihrem Herzen war kein bitteres Gefühl gegen ihn, ſie hatte ihm ſchon verziehen, noch ehe er ſie darum bitten laſſen. Begriff ſie auch nicht, wie er ſo hatte han⸗ deln können, ſo war ſie in ihrer Engelsmilde weit entfernt, ihm Falſchheit und grauſames Spiel vor— zuwerfen, wie ſie aus des Großvaters Reden nur zu ſchmerzlich herausgehört. Die Stille im Gemache, die um die Einſame waltete, wurde jetzt durch das leiſe wieder beginnende, allmälig immer lauter an— ſchwellende Lied des gefangenen Vogels unterbrochen, das in wechſelnden Modulationen einem traulichen Geplauder glich, ſo ſüß klingend, als wolle es die 127 Trauernde tröſten und auf andere Gedanken bringen. Das ſchien auch zu glücken, denn Bärbchen ſtand plötzlich auf. Ein wehmüthiges Lächeln ſchwebte um ihre noch vom Harme bebenden Lippen, ein ſchwärme⸗ riſches Leuchten verklärte ihr tiefblaues Auge— hätte Bernhard ſie jetzt geſehen, viel ſchöner im Schmerze, als ſie je in ausgelaſſener Mädchenfröhlichkeit gewe⸗ ſen, er hätte den falſchen Trugbildern ſeiner ſelbſt⸗ geſchaffenen Pönitenz abgeſchworen, hätte ſelbſt dem Willen der Eltern getrotzt und mit der ganzen Welt gebrochen, um die Geliebte ſein zu nennen. Was aber ſann ſie jetzt, daß ſie das Lächeln wieder fand und ihr Blick ſich erhellte? Sie trat an den Käfig, wo das Vöglein bei ihrem Nahen verſtummte und das ſchwarzgefleckte Köpfchen von einer Seite zur anderen drehte, um zu erſpähen, was ſie ihm bringe. Ihre kleine Hand war leer, aber ſie brachte dem gefange⸗ nen Sänger ein anderes, viel köſtlicheres Geſchenk als Futter— mit ihren ſchlanken, roſigen Fingern öffnete ſie das geflochtene Thürchen des Käfigs und trat zurück. Der Vogel ſah alsbald, daß ihm der Weg in die Freiheit offenſtand, aber er traute ſich noch nicht ihn zu benutzen, ſprang flatternd von einem Stänglein zum andern und verwandte doch kein Auge von der lockenden Thüre— endlich faßte er Muth, flog auf ſeine 128 Schwelle, ſah ſich noch einmal um und ſpannte dann mit einem jubelnden Schrei die kleinen Schwingen auf, die ihn durch das offene Fenſter in die blaue Luft des ungemeſſenen Raumes hinaustrugen. „Zu tauſend, tauſend Malen!“ hauchte es voll inni⸗ ger Sehnſucht von des Mädchens Lippen. Waren es Grüße, die ſie dem gefiederten Boten mitgab und hatte ſie ihn befreit, daß er ſie hintragen ſollte, wo ihr Herz es wünſchte: ihre volle Verzeihung, ihre fromme Für⸗ bitte und aller Erdenſchranken nicht achtend, ihre ewige, über Trennung und Grab hinausreichende Liebe? Siebentes Kapitel. Die Schleier der Vergangenheit. Friſch denn hinaus! Mit jedem Tage, der ſeine zurückgelegte Strecke Weges mehr zu dem Raume fügte, welcher ſchon zwiſchen Bernhard und der ver⸗ laſſenen Heimath lag, ſtärkte ſich ſein Selbſtoertrauen, das Bewußtſein der eigenen Kraft, ſich die Bahn, die er ſich vorgezeichnet hatte, zu brechen. Die Gedanken an ſeine Lieben daheim, an das Unrecht, deſſen er 129 ſich zeihen mußte, waren anfangs wohl geeignet ge⸗ weſen, ihn unſicher zu machen; vor all' dem neuen aber, das ihn bald zerſtreute und ſeine Aufmerkſamkeit anzog, verloren ſie nach und nach ihre Gewalt über ihn, bis ſich allmälig in ſeinem Innern gleichſam ein verhüllter Tempel, ein Allerheiligſtes geſtaltete, das nicht täglich und ſtündlich, ſondern nur in ge— weihten Momenten ſtiller Einkehr betreten werden durfte. Solche Momente kamen ihm wohl, wenn er einſam in tiefer Waldung ritt, wie ſie damals noch manche Strecke des geſegneten Niederſchleſiens und der obern Lauſitz bedeckte, welche heut in ſtrotzendem Fruchtſegen mit Weizen prangt, oder wenn die Ruhe der Nacht, ehe er den Schlummer fand, ſeinen Blick zu den Sternen lenkte, aber ſie wurden ſeltener und wirkten ſchwächer auf ihn, je mehr die Fülle neuge— wonnener Anſchauungen wuchs, die ihn auch in einſa⸗ mer Stunde beſchäftigte. Viel merkwürdiges und ſchönes hatte er nun ſchon unterwegs geſehen, wohl geeignet, ihn längere Zeit feſtzuhalten; die alten wendiſchen Sechsſtädte, der Elbſtrom mit ſeinen rei— zenden Ufern, das freundliche, gaſtfreie Sachſenvolk, wo er oft von Fremden, die ihm unterwegs begeg⸗ neten, gar herzlich in ihr Heimweſen eingeladen wurde, und wenn er es annahm, wie er, ohne zu 1857. VI. Heimath und Ferne. I. 9 130 kränken, nicht anders konnte, ſich ſo wohl befand, daß es ihm ſchwer fiel, ſich wieder von ſo lieben Men⸗ ſchen zu trennen. Aber er hatte ſich feſt vorgeſetzt, auf ſeiner Reiſe nicht ohne Noth zu verweilen, und ſo hielt er ſich nirgend länger auf als er und ſein Pferd, dem er zuweilen doch Tage der Raſt gönnen mußte, es bedurften, genoß all' das neue und ſe⸗ henswerthe gleichſam im Fluge und hütete ſich mit einer wahrhaft ängſtlichen Scheu, viel nähere Bekanntſchaften zu machen, die ihn feſſeln konnten zu längerem Aufenthalt. Ein werthvolles Geſchenk des Himmels iſt es, wenn auf die Lebensreiſe ein ſchönes oder auch nur ein angenehmes Aeußere verliehen worden iſt; weit leichter wird es ihm, ſich alle Wege zu bahnen und die Freundlichkeit der Menſchen kommt ihm entgegen, während ſie von minder begünſtigten Perſönlichkeiten, oft bei mehr innerem Werthe, erſt durch Kampf mit 1 der natürlichen Abneigung von dem Häßlichen errun⸗ 3 gen werden muß. Bernhard von Linden, wir wiſſen es, war von der Natur in dieſer Hinſicht reich be⸗ gabt, und ſeine jugendliche Schönheit, die ſchon über ſeine Jahre etwas männlich edles hatte, gewann ¹ ihm alle Herzen. Um ſo höher im Werthe ſtand 1 die Beachtung, die er überall fand, als er ſie nicht 131 einem vornehmen, von Pracht und Reichthum umge⸗ benen Auftreten verdankte, ſondern nur ſeiner eigenen Perſon. Denn er war keineswegs ausgeſtattet, daß er Aufſehen erregen konnte. Ein dunkles Wamms, ohne alle Verzierungen, von feſtem, keineswegs fei⸗ nem Tuch umgab ſeinen ſchlanken Leib; zu einer Zeit, wo Lurus und Kleiderpracht vom Auslande her auch unter den deutſchen Adel ſchon Eingang gefunden hatten, reiche Goldſtickereien, Perlen und Edelſteine zur Sitte geworden waren, ließ eine ſo ſchmuckloſe Tracht keinen Edelgebornen vermuthen. Das glänzende Wel⸗ lenhaar deckte ein ebenſo einfaches Barett, eiſerne Sporen, nicht allzu blank, klirrten an den umgeſchla⸗ genen Reiterſtiefeln; kein Wehrgehenk mit Bändern und Deviſen, ſondern eine ſtarke Lederkoppel, trug das breite Schwert, das mit ſeiner mäßigen Länge und dem kunſtloſen Griff nicht eben einer Ritterwaffe glich, ſondern eher der kurzen Wehr eines Lands⸗ knechts. Aber wenn auch dieſer Aufzug nicht geeig⸗ net war, die Blicke anzuziehen, deſto mehr Beifall fand der Mann, der ihn trug. Etwas beſonderes mußte doch mit ihm ſein, das verrieth ſchon ſein Pferd, welches in Bau und Gangart ſo ganz ver⸗ ſchieden von allen war, die man hier zu Lande zu Geſicht bekam. Eher klein als groß, ſclqx geſtreckt, 9* 132 mit einem gebogenen, etwas ſtarken Schwanenhalſe, der Kopf ſehr gefällig, nur durch ſeine ſcharfen Nü⸗ ſtern und einen böſen Blick des Auges Wildheit ver⸗ rathend, kohlſchwarz das ganze Thier, ohne ein einzig weißes Haar, der hochgetragene Schweif wie eine Fahne aus wallenden Seidenfäden und dann die Beine, wie von Stahl, und ihr elaſtiſches Schweben, wenn es trabte Freilich einen Mann, von Kopf zu Fuß geharniſcht, wie es des heiligen römiſchen Rei⸗ ches Reiterordnung vorſchrieb, hätte es nimmer ge⸗ tragen; aber zum Reiſen, wie dieſer fremde junge Geſell that, war es wie geſchaffen, eine Luſt mußte das ſein, man konnte ja nimmer müde werden. Das war auch der Fall: Bernhard zog mit dem frühen Tage aus, machte nur zweimal Raſt, um zu füttern, und kehrte oft erſt ſpät in der Nacht ein, wenn er auf den unbekannten Straßen früher keine Herberge fand, und fühlte ſich niemals ermattet. Oder war es die Luſt am Reiſen, die ihn ſtärkte, wie es die Bergluft im Steigen ſelbſt einem ſchwachen Wanderer thut? Er hatte den Weg durch Meißen gewählt, ob⸗ gleich er über Prag durch das Böhmerland zum Donauſtrom vielleicht kürzer und beſſer gefahren wäre. Aber er beſorgte, zu Prag Bekannten aus ſeiner Nach⸗ 133 barſchaft zu begegnen, die in gemeinſamer Angelegen⸗ heit der Ritterſchaft des Fürſtenthums die wahr⸗ ſcheinlich nur kurze Anweſenheit des Königs benutzen wollten, um einige Gerechtſame, die ihnen von ſei⸗ nem Bruder, ihrem Herrn, Sigismund Jagiello, an⸗ gefochten wurden, neu beſtätigen zu laſſen. Auch hatte er noch einen andern Grund, der ihn gerade nach Sachſen zog. Dem Auftrage ſeiner Mutter ge⸗ treu, der auch mit ſeinen eigenen Abſichten überein⸗ ſtimmte, hatte er ſich bei Haugwitz genauer nach Schlabrendorff erkundigt: der Vorwand, daß dieſer ihm vielleicht mit ſeiner Erfahrung und auch ſonſt, wenn er ſich an ihn wende, nützlich werden könne, hatte bei Haugwitz vollen Glauben gefunden und alles, was er über den ſchönen und ſtarken Sachſen wußte, von ihm entlockt. Da war denn auch ſeine Heimath genannt worden, ein Schloß an der Elbe, nicht weit von der Bergveſte Königſtein, und Bern⸗ hard hatte den Entſchluß gefaßt, dort einmal Nach⸗ frage zu halten, ob man etwas von ihm und ſeinem Aufenthalte wiſſe, da es nach allem, was Haugwitz über das Kriegsleben erzählt hatte, doch zweifelhaft war, ob er ihn auch noch bei den deutſchen Fahnen im franzöſiſchen Solde finden werde. Es hieß auch, wie er unterwegs von Kaufleuten vernommen, die 5 134 Augsburg kamen, Kaiſer Mar habe Frieden gemacht oder werde ſich gar gegen die Franzoſen mit dem Papſte verbinden, welcher, als ein gar gewaltiger und kriegeri⸗ ſcher Herr, große Zwecke verfolge, über denen aber noch ein tiefes Dunkel ſchwebe. War dieſer Fall eines Bruches mit Frankreich ſchon eingetreten, dann konnten doch unmöglich Deutſche noch unter franzöſi⸗ ſchen Fahnen gegen ihren Herrn und Kaiſer käm⸗ pfen und Schlabrendorff mußte wo anders zu ſuchen ſein. Bernhard wurde aber in ſeinen Hoffnungen, über ihn in deſſen Heimath etwas näheres zu erfah⸗ ren, getäuſcht. Wohl fand er das Schloß, von dem er ſtammte, es lag noch immer auf ſeiner felſigen Höhe an der Elbe, aber den Schlabrendorffs gehörte es längſt nicht mehr, ſondern war Kammergut gewor⸗ den, vom Herzoge Georg zu Sachſen, albertiniſcher Linie, welche damals noch nicht die Kur trug, vor längern Jahren ſchon gekauft. Das erzählte dem jungen Reiſenden der Fährmann, welcher ihn und ſein Roß über die Elbe ſetzte, auf deren linkem Ufer das Schloß lag; er gab zugleich an, daß er den letzten hieſigen Schlabrendorff, ehe er fortgezogen, ſehr gut gekannt habe und reizte dadurch Bernhard zu weitern Fragen, denen vielleicht durch den alten Schiffer, der keinerlei Rückſicht zu nehmen brauche, 135 beſſerer Beſcheid werden konnte, als durch einen Verwandten des Hauſes. Dieſer letzte Beſitzer, von dem der Mann ſprach, war jedoch nicht der Geſuchte, die erſten Auslaſſungen über ihn ließen das erkennen, Bernhard mußte viel über ihn und ſeine Schickſale hören, die ihn nicht intereſſirten, der Fährmann war dem Ritter zu vielem Danke verpflichtet, wie er über⸗ haupt ein ſehr braver, großmüthiger Herr gegen die Armen geweſen,„nur—“ ſetzte der Alte hinzn— „hätte er ſeinen Sohn kürzer halten ſollen. Der ging denn auch zu Grunde.“ Aufhorchend in neuer Hoffnung wurde Bern⸗ hard abermals getäuſcht, auch dieſer Sohn des letz⸗ ten Schloßherrn aus dem edlen Geſchlecht war nicht Fabian von Schlabrendorff, ſondern ein ganz ande⸗ rer, der nach einer ſtürmiſch verlebten Jugend, die ſeinen Vater viel Geld gekoſtet, am Hofe zu Lands⸗ hut von einem bairiſchen Edelmanne im Zweikampfe erſchlagen worden. Als es endlich gelang, dieß neue Thema des geſprächigen Schiffers zu unterbrechen, — die Fähre war ſchon dem andern Ufer nahe— fragte Bernhard geradezu.—„Fabian? Den Schönen meint Ihr, junges Herrchen?“ erwiederte der Schif⸗ fer.„Ei Herr Je, woher kennt Ihr denn den? Ihr ſeid ja ein ſo junges Blut!“ 136 Bernhard gab ihm, erfreut und geſpannt, ſchnell einen Grund ſeiner Frage an, den erſten beſten. „Ja, wo der jetzt iſt, das kann ich Euch alleine nicht ſagen. Todt iſt er nicht, denn es iſt geſtern erſt was neingeſchickt worden“— er zeigte mit dem Ruder nach dem kleinen Städtchen, das mit gedräng⸗ ten Häuſern am Ufer lag—„wo im Wirthshaus Einer geweſen, der's für ihn mitnehmen ſollte. Es lag für ihn ſchon zehn Jahr oben auf dem Schloſſe und der herzogliche Verwalter hatte es in Verwah— rung. Von weit her war einmal ein Bote gekom⸗ men, der hatte es für ihn abgegeben, wenn er et⸗ wan wieder heimkehren werde: das thut der aber nimmermehr nicht mehr! Der hatte eine grauſame Geſchichte gehabt— wo's geweſen iſt, weiß ich nicht, ſein Knecht war ein Stockſiſch, der nicht reden mochte, wir haben ihm nur ſo einzelne Brocken abgedrückt— mit einer verheiratheten Frau ſoll er's gehalten ha⸗ ben, und wieder eine andere gefreit, da hat es denn irgend ein Unglück gegeben: wenn ich recht berichtet bin, hat er eine von den beiden ums Leben ge⸗ bracht in der Eiferſucht, denn ich habe niemals einen jähzornigern Herrn geſehen. Aber ſchön war er, daß alle Weibsleute gleich für ihn brannten— ich fuhr ihn einmal bei dunklem Abend über die Elbe 137 und hab's mit meinen Augen geſehen, wie die Niren unter dem Waſſer herauflauſchten und ein Paar weiße nackte Arme immer nach dem Kahne griffen, um ihn umzureißen. Haha! An mir hatten die Waſſer⸗ jungfern nicht viel gehabt. Ich ſchlug aber mein Kreuz mit dem Ruder und ſchaffte uns damit den Spuk vom Halſe.“ „Du weißt über jenes traurige Verhältniß nichts näheres?“ fragte Bernhard, durch die verwirrte Dar⸗ ſtellung, die ihm jedoch einen ſchwachen Kern der Wahrheit zu enthalten ſchien, in Unruhe geſetzt.„Kei⸗ nen Namen.“ „Namen! Wenn ich auch welche gehört hätte, wie ſollt' ihn Unſereins behalten? Die Frau ſoll viel ſchöner geweſen ſein als die Braut— ſoviel weiß ich noch— und am Ende hat er auch noch den Mann umbringen wollen, um ſie zu kriegen. Denn, wenn der ſich was in den Kopf geſetzt hatte! Zwar, das muß ich ehrlich ſagen, hier war er, ſolange er auch manchmal oben bei ſeinem Oheim blieb, ein ehrbarer Junker— die Weibsleute brannten für ihn, ſag' ich Euch, er aber ſah Keine an, ich hatte vier Töch⸗ ter, mein gutes Herrchen, die alle ſauber und hübſch waren, und ohne Sorgen hätt' ich ihn mit jeder allein nach Rathen'nüberfahren laſſen.— Nehmt Euch in Acht— es wird gleich anſtoßen!“ Mit die⸗ ſer Warnung ſchloß er ſeine Erzählung und gleich darauf lief auch die Fähre an das Ufer; Bernhard hatte zu thun, um ſein ſchenendes Pferd zu beruhi⸗ gen und aus dem Fahrzeug zu führen, dann bezahlte er den Schiffer und warf noch die Frage hin, ob man ihm vielleicht im Schloſſe über den Aufenthalt Fabian's von Schlabrendorff Auskunft geben werde, da erſt geſtern an ihn eine Sendung abgegangen ſei. Der Fährmann wußte das nicht, rieth ihm aber hin— aufzureiten und lief, nachdem er ſein Fahrzeug ange⸗ bunden hatte, noch eine Strecke mit, um ihm einen bequemen Reitweg zu zeigen, welcher durch das Ge⸗ büſch, mit welchem der ganze Hügel bis zur Hälfte ſeiner Höhe, wo der Felskern zu Tage trat, bedeckt war, nach dem Schloſſe hinaufführte. Als er, oben angekommen, am Thore nach dem Kaſtellan fragte, erſchien ein freundlicher dicker Mann, der ihn einlud, vorerſt abzuſteigen und mit einem Gericht Fiſche vorliebzunehmen, dann könnten ſie ja von Geſchäften ſprechen. Bernhard, wenn er zu ſeinem Zweck gelangen wollte, der nicht durch ein Paar Fragen vom Sattel zu erreichen war, mußte die gaſtfreie Einladung annehmen und wurde ſo⸗ gleich in den Kreis einer zahlreichen Familie geführt, 139 die ihn ohne viel Neugier, weil fremder Beſuch hier nicht ſelten war, empfing; er erhielt den Ehrenplatz zwiſchen dem Kaſtellan und ſeiner Hausfrau und hatte, während dieſe die Speiſe vorlegte, Zeit, ſich zu überlegen, ob er gleich mit ſeinen Erkundigungen beginnen ſolle. Es erſchien ihm am natürlichſten, denn wenn er damit zauderte, bis er mit dem Ka⸗ ſtellan allein ſprechen könne, gab er ſeinem Anliegen eine geheimnißvolle Wichtigkeit, die zwar für ihn ſelbſt wirklich vorhanden war, die er aber doch Frem⸗ den nicht offenbaren wollte. Auch hoffte er vielleicht, da die Frauen immer mittheilſamer ſind, gerade bei der Tiſchgeſellſchaft mehr zu erfahren, wenn ſie ir⸗ gend etwas wußten. Er hielt es für gut, der Wahr⸗ heit treu zu bleiben, und ſo fragte er denn, nachdem die Kaſtellanin alle verſorgt und ſich wieder geſetzt hatte, ſeinen Nachbar, wo er Herrn Fabian von Schlabrendorff wohl antreffen könne, er habe an ihn eine Botſchaft auszurichten und etwas zu übergeben und man habe ihn berichtet, daß erſt geſtern von hier aus eine Sendung an Herrn Fabian abgegan⸗ gen ſei, daher er ſich die Freiheit genommen habe, anzufragen. Bei Nennung des Namens hatten ſich mehrere Augen verwundert auf ihn gerichtet; der Kaſtellan, an welchen die Frage ging, erwiederte, daß 140 er leider keine Auskunft darüber geben könne, viel⸗ leicht ſei aber der Mann, der von Herrn Fabian hereingekommen, um mancherlei zu Hauſe zu beſor⸗ gen, noch nicht fort: er wolle gleich hinunterſchicken nach der Stadt, und fragen laſſen. Dienſtſertig ſprang einer der Söhne des Kaſtellans auf, erhielt von ſeinem Vater den Auftrag, den„Gottlieb, wenn er unten ſei, feſtzuhalten, bis der fremde Herr mit ihm geredet haben werde oder, wenn er ſchon fort wäre, ſich zu erkundigen, wohin er gemacht, und eilte, mit einem Stück Brod auf den Weg, trotz der Bitten Bernhard's, doch erſt zu eſſen, hinaus. „Schade, daß Ihr nicht geſtern gekommen ſeid,“ ſagte die Kaſtellanin.„Der Gottlieb, ſeht Ihr, iſt der Knecht des Herrn Fabian, den hat er von haußen neingeſchickt, mit dem hättet Ihr die weite Fahrt zuſammen machen können. Ich glaube nicht, daß er noch unten iſt. Der hält ſich nicht auf— ich kenne ihn von Alters her.“ „Ihr kennt alſo auch Herrn von Schlabrendorff?“ fragte Bernhard. „Das will ich meinen, ich kenne ſie alle, denn ich bin hier geboren,“ erwiederte ſie.„Den Junker Fabian aber kenne ich noch beſſer, bei ſeiner Frau Mutter bin ich lange in Dienſt geweſen, und er 141 hat's immer gut mit mir gemeint, der arme Herr! Ich möchte immer weinen, wenn ich an ihn denke!“ „So wißt Ihr um ſein Schickſal?“ fragte Bernhard. „Ach, lieber Herr!“ ſagte ſie.„Wenn Einer ſchon ſeine Heimath meiden muß, iſt es traurig genug.“ Da ſie nicht weiter einging, ſo konnte auch der Gaſt nicht mehr forſchen. Er wandte ſich daher wieder an den Kaſtellan und fragte ihn, ob Herr Fabian gewußt, daß hier etwas für ihn ſeit ſo lan⸗ gen Jahren liege und vielleicht deßwegen aus Ita⸗ lien hereingeſchickt habe? Der Kaſtellan ſah den Frem⸗ den völlig eingeweiht und kam jetzt auf den natür⸗ lichen Gedanken, daß ſein Erſcheinen mit jener er⸗ ſten Sendung im Zuſammenhang ſtehe und er eine neue Botſchaft aus derſelben Quelle bringe. „Unſere Schuld war es nicht,“ antwortete er darauf,„daß Herr Fabian nichts davon erfahren hat. Als der Bote, Ihr wißt ja woher, ankam und nach ihm fragte, war er längſt über alle Berge. Nur zwei Tage hat er noch hier bei ſeinem Herrn Oheim zugebracht—“ „Drei!“ warf die Frau ein.„Er kam am dritten 142 noch einmal wieder: hatte gebeichtet und Abſolu⸗ tion genommen. „Haſt recht!“ gab der Kaſtellan zu.„Dann ritt er fort und unter dem Thorwege, wo ich ihn raf, gab er mir noch die Hand vom Pferde, und ſagte mir, daß er deutſchen Boden wohl nicht wie⸗ der betreten werde.“ „Und war ſo gewiß unſchuldig!“ rief die Frau. Der Kaſtellan ſah den Gaſt an, der nach ſei⸗ ner Meinung in alles eingeweiht war und ſagte: „Ich wenigſtens glaube, daß er ſchlecht behandelt worden iſt— Euer beſſeres Wiſſen in Ehren, lie⸗ ber Herr!“ „Ich—? Ihr irrt, wenn Ihr mich für einen Vertrauten des Herrn von Schlabrendorff haltet! Was hm auch zur Laſt gelegt wird, ich habe darüber kein freies Urtheil.“ Ein Wink der Kaſtellanin hatte ſchon beim Beginn des Geſprächs die übrigen Tiſchgenoſſen ent⸗ fernt, ſo daß ſie, nur in Gegenwart ihres Mannes, etwas freier ſprechen konnte. Auch ſie nahm an, daß der Fremde, wenn er auch viel jünger als Herr Fabian war, um deſſen Schickſal wußte, und da ihr ſelbſt die rechte Einſicht in die Urſachen ſeiner frei⸗ willigen Verbannung fehlte, ſo hoffte ſie beſtimmt, 143 jetzt von dem jungen Manne, der ihr ganz zutrau⸗ lich erſchien, etwas genaueres zu erfahren. „Viel Schlechtigkeit gibt's in der Welt und der Herr Pfarrer ſagt, es wird immer ſchlimmer,“ begann ſie.„Junker Fabian hat das erfahren. Sie reden ihm Dinge nach, die ich nicht wieder erzählen will, aber wenn er etwas böſes gethan hat, ſo mag es auf die Seele derjenigen fallen, die ihn dazu ge⸗ bracht hat. Das iſt meine Meinung, Ihr denkt vielleicht anders.“ „Auf wen wollt Ihr denn die Schuld werfen?“ fragte Bernhard mit unterdrückter Bewegung. „Auf wen anders, als auf die Frau, die ihre eigene Tochter unglücklich gemacht hat, wenn alles wahr iſt, was ſich die Leute darüber erzählt haben,“ erwiederte die Kaſtellanin, ohne das bedeutſam ab⸗ mahnende Kopfſchütteln ihres Mannes zu beachten. „Iſt es nicht wahr, ſo wär's beſſer, wenn die Sache lieber haarklein, wie ſie ſich zugetragen hat, erzählt würde, dann könnten wenigſtens keine böſen Gerüchte umlaufen, die keinem Menſchen Vortheil bringen.“ „Wollt Ihr mir ſagen, was dieſe Gerüchte er⸗ ählen?“ ſagte Bernhard, welcher in den Worten der Frau eine furchtbare Anklage zu erkennen glaubte, vor der die Farbe aus ſeinen Wangen entwich und der Athem in ſeiner Bruſt ſtockte. Ein ſchwarzer Abgrund ſchien ſich vor ſeiner allzu regen Phantaſie aufzuthun und glühende Flammenzungen leckten dar⸗ aus empor, ſein heiligſtes bedrohend. „Lieber Herr,“ lenkte der Kaſtellan entſchloſſen ein, um dem unvorſichtigen Reden ſeiner Frau ein Ende zu machen,„in der Welt wird viel geſprochen, und wer nicht dabei geweſen iſt, erzählt immer am meiſten. Was geſchehen iſt, läßt ſich nicht ändern, aber es wird viel ſchlimmer, wenn ſich Menſchen, die es nichts angeht, darum bekümmern, denn Jeder ſetzt etwas zu und am Ende kommt eine Geſchichte zu Stande, daß Einem die Haare zu Berge ſtehen. Ich dächte, wir ließen die alte Zeit ruhen und Ihr tränkt noch ein Glas Wein auf gute Verrichtung mit Herrn Fabian!“ Bernhard that nicht Beſcheid, ſondern wandte ſich von neuem an die Kaſtellanin, die mit ſichtlicher Ungeduld ſich des Wortes wieder bemächtigen wollte: „Cher bin ich Euer Meinung, Frau Wirthin. Beſſer alles klar beſprochen, dann bleibt keine giftige Lüge zurück. Sagt mir daher, welche Gerüchte über frü⸗ here Verhältniſſe des Herrn von Schlabrendorff um⸗ laufen.“ „Das will ich, dann könnt Ihr mir ſagen, ob 145 es Lügen ſind!“ rief ſie eifrig.„Er ſoll eine Braut gehabt haben, ein ſehr ſchönes und tugendhaftes Mäd⸗ chen, in Polen, glaub' ich, aber die Mutter von der Braut, die noch viel ſchöner geweſen iſt als ihre Tochter, und die einen ſteinalten Mann gehabt hat—“ „Frau!“ unterbrach ſie der Kaſtellan mit ſtarker Stimme.„Willſt Du Dir etwas an den Hals reden?“ Er war zornig geworden und in ſolcher Laune wagte ſie keinen Widerſpruch.—„Hört nicht auf das dumme Geſchwätz, lieber Herr,“ ſagte er dann zu Bernhard, in deſſen Auge ſich das natürliche Blau zum drohendſten Schwarz verdunkelt hatte.„Was ſie ſagen will, kann kein ehrlicher Menſch beſchwören, denn niemand weiß, was draußen Herrn Fabian geſchehen iſt, als ſein Knecht und der hätte ſich lieber ſollen die Zunge ausreißen laſſen, als nur ein Wort davon auszuklatſchen. Schweige, Frau, ich rathe Dir's! Geh' in Deine Wirthſchaft. Ihr, lieber Herr, wollt vielleicht ſehen, ob mein Junge ſchon wieder kommt.“ Bernhard ſtand raſch auf, ſein Geſicht glühte jetzt auch vor Zorn, wie das des Kaſtellans, aber bei ihm geſellte ſich noch das Gefühl einer brennen⸗ den Schmach dazu, und er fand kaum die ſchicklichen Worte beides zu verhehlen und dem Kaſtellan für 1857. VI. Heimath und Ferne. I. 10 146 die gute Aufnahme zu danken, da ſich die Frau, be⸗ ſchämt und gedrückt durch die Abfertigung ihres Mannes, zurückgezugen hatte. Die Männer gingen nun vor das Thor, wo der Fußpfad hinab in das Städtchen lief und bald erblickten ſie auch den leicht⸗ füßigen Burſchen, der von unten eilig emporſtieg, aber von weitem ſchon mit der Hand in der Luft ſchüttelte, zum Zeichen der Verneinung. „Er iſt nicht mehr da,“ ſagte der Kaſtellan. „Ich konnte es mir denken.“ So war es auch. Der Knecht des Herrn von Schlabrendorff hatte ſich nicht länger aufgehalten als nothwendig war und den Weg nach Dresden eingeſchlagen, wie es hieß. Dorthin wollte ihm aber Bernhard nicht folgen. Ihm graute überhaupt, nach⸗ dem ſich die hochgehenden Wogen in ſeiner Bruſt etwas geebnet hatten, vor dieſem allmäligen Lüften des Schleiers, der ihm erſt ſeit kurzem bemerklich geworden war und Geheimniſſe todbringenden An⸗ blicks zu bergen ſchien. Was er bisher über die Beziehungen des unſeligen Mannes, den er verfolgte, zu ſeiner Familie gewußt, hatte ein ſo klares, wenn auch trauriges Anſehen gehabt. Seine Schweſter, die ihn wahrhaft geliebt hatte, war von ihm hinter⸗ gangen worden, ſeine Unwürdigkeit, die Gewißheit, daß 147 er ſie nicht liebe, hatten ſie beſtimmt, ihre Verlobung mit ihm aufzulöſen; er hatte ſich dann aus Schleſien entfernt und auch ſeine ſächſiſche Heimath verlaſſen, um in der Fremde ſich ein anderes Glück zu ſuchen. Das war alles einfach und klar. Nie hatte er ſich bemüht, die näheren Umſtände zu erfahren: gleichviel, um wen er ſeiner Schweſter abhold geworden, oder ob er ſie nie geliebt, die Thatſache genügte. Jetzt aber!— Mit Gewalt riß er ſich von den Fieber⸗ bildern los, die ſein entzündetes Blut ihn beſtürmen ließ, und um ſich die Möglichkeit zu rauben, das halb ausgeſprochene Wort, deſſen Sinn er zu errathen vermeint, noch ergänzen zu laſſen, betrieb er ſeinen ſchleunigen Aufbruch, bei welchem er durch ſein Be⸗ nehmen den guten Kaſtellan für ſeine Freundlichkeit noch kränkte: er überſah ganz, daß er ihm die Hand zum Abſchiede bot und grüßte kaum, als er abritt. Hier widerſetzte ſich ihm der türkiſche Hengſt zum erſtenmale, durch einen heftigen Sporenſtich gereizt, aber Bernhard ſtachelte ihn zum Laufe bergab, daß die nachſchauende Kaſtellanin am Fenſter vor Schreck er⸗ blaßte. „Mit dem iſt es nicht richtig,“ brummte ihr Mann vor ſich hin.„Alte Geſchichten ſoll man ſchlafen laſſen.“ 10* Achtes Rapitel. Deutſche Krieger. Wo jetzt herrliche Kunſtſtraßen ſelbſt über die höchſten Päſſe des Alpengebirges in die geſegnete Gartenebene Italiens führen, war der Reiſende in früherer Zeit an die wenigen Wege gebunden, auf denen die Kaufgüter aus dem Süden, namentlich aus Venedig, zu den deutſchen Städten im Reiche gelangten, die noch den ganzen Handel mit dem Orient beſaßen, ehe der Seeweg nach Oſtindien, der zwar kürzlich gefunden war, aber noch keinen Ein⸗ fluß übte, dieſem Verkehr neue Bahnen anwies. Selbſt auf dieſen vielbefahrenen Handelsſtraßen hatte der Wanderer nicht blos mit dem Schrecken des Hochgebirges, ſondern auch mit der Unwegſam⸗ keit zu kämpfen, die jeder Gewitterſturm in den Trümmerfeldern, über welche an mancher Stelle der Pfad ging, erhöhte, und es war ihm dann eine Freude, wenn aus der öden Felſenwelt überraſchend dem Blicke ſich endlich ein freies, grünes Gefild er⸗ öffnete. So das weite, fruchtbare Thal, in welchem der alte Biſchofſitz Briren liegt, eine Stunde abwärts der Paßenge, welche neuerdings durch die beiden, 149 trefflich gebauten Forts der Franzensveſte beherrſcht iſt. Im Jahre 1809, dem glorreichen für Tirol, wurde hier von den Landesvertheidigern, die nur dem Erzhauſe Oeſterreich unterthan ſein wollten, das Re⸗ giment der Herzoge von Sachſen, das für fremde Intereſſen im Dienſte Napoleons kämpfen mußte, nachdem es von den Franzoſen zur Deckung ihres Rückzugs aufgeſtellt und verlaſſen worden, faſt ganz vernichtet. In zwei Tagen hatten dieſe Truppen kein Brod und während des ganzen Gefechtes von Früh bis Abend kein Waſſer gehabt, dennoch kämpften ſie tapfer gegen die Uebermacht der Tiroler und erſt, nachdem tauſend Mann, worunter ſechsunddreißig Offiziere gefallen waren, legte der ſchwache Reſt die Waffen nieder. Der derbe Volkswitz hat den Ort ſeitdem die Sachſenklemm genannt.— Durch dieſen Paß ritt an einem heißen Sommerabende über dreihundert Jahre früher ein einzelner Reiter und das Herz ging ihm auf, als er nun vor ſich das heitere, lichtgrüne Gelände erblickte, in welchem der Dom von Brixen den edlen Bau ſeiner Doppelthürme über die gedrängte, mit Mauerzinnen umhegte Stadt erhob. Aber zu⸗ gleich fiel ſein Blick von der Höhe auch auf eine zweite, luftiger und leichter gebaute Stadt: auf die Zeltreihen eines Feldlagers. Es war zum erſtenmale, 150 daß er ſich in der Nähe eines ſolchen befand und das lebendige Treiben, das ſich ſchon von weitem bemerklich machte, zog ihn wunderbar an. Da es von dem Wege wohl einen halben Karthaunenſchuß ſeitwärts lag, hätte er nicht nöthig gehabt, dasſelbe zu berühren, aber er wandte ſein Pferd, ſobald er das flachere Gelände erreicht hatte, nach den Zelten und der Hengſt gerieth offenbar in Aufregung, als ob er die ihm vertraute Soldatenwirthſchaft flugs wie⸗ dererkenne. Er hob den Kopf, witterte mit aufge⸗ riſſenen Nüſtern dorthin und ließ ein freudiges Wie⸗ hern hören, wie hellklingendes Trompetengeſchmetter. Unter einer mächtigen Platane, die am Wege ſtand, weit vor den Zelten lag ein Häuflein Krieger an die Erde geſtreckt; einzelne Poſten, je zwei und zwei Mann zuſammen, ſtanden, ſoviel ſich überſehen ließ, noch weiter vom Lager als jene Wache, in ab⸗ gemeſſenen Zwiſchenräumen. Auf einen dieſer Poſten ritt der von der Höhe von Oberau herabkommende Reiter zu. Sie hatten ihn längſt bemerkt und da es noch heller Tag und er nur allein war, machte ſich der eine von ihnen, der mit einer Hakenbüchſe bewaffnet war, zwar ſchußfertig, der andere kam ihm jedoch, den Spieß auf der Schulter langſam ent⸗ gegen und rief ihn an, zu halten und Auskunft zu 151 geben, wer er ſei und was er wolle. Statt der Antwort that der Reiter, ohne anzuhalten, die Ge⸗ genfrage, was für Kriegsvolk dieß ſei und wer es führe? Sein Benehmen war ſo zuverſichtlich, daß der Landsknecht annahm, er habe ein Recht zu dieſer Frage. „Deutſche Knechte ſind wir und ziehen unter Herrn Jakob von Embs,“ gab er Beſcheid.„Bringt Ihr eine Botſchaft, ſo mag ſie der Läufer“— er zeigte nach ſeinem Kumpan,„beſtellen.“ „Wohl möchte ich, ehe ich Herberg' in der Stadt nehme, Euren Hauptmann ſprechen,“ ſagte der Fremde. Der andere Knecht, der ſich unterdeſſen auch genähert hatte, erklärte, daß niemand ohne Erlaub⸗ niß des Wachthabenden in das Lager gelaſſen werde und fragte nach ſeinem Ramen, damit er ihn melden fönne. Bernhard von Linden nannte ſich der Reiter, welcher Mühe hatte, ſein Pferd zu bändigen, das durchaus vorwärts wollte. Der Läufer— ſo hießen zur Zeit die aus den Hakenſchützen gewählten oder auch freiwillig ſich meldenden Leute, welche zu Streif⸗ partien und Wachen gebraucht wurden— der Läufer ging darauf nach der ein Paar hundert Schritt ent⸗ fernten rieſigen Platane, unter welcher der Trupp lag. Ehe er wiederkam, wollte Bernhard ein Geſpräch mit dem andern Knecht anknüpfen; der aber ſtand ihm nicht Rede, fertigte jede Frage mit einem kurzen: „Weiß nit!“ ab und bedeutete ihn endlich ungedul⸗ dig, daß es nicht Kriegsgebrauch ſei, hier zu ſchwatzen, worauf Bernhard ſchwieg. Er ſah deutlich, daß der Knecht jede Bewegung, die er that, argwöhniſch be⸗ wachte, und die Zeit wurde ihm ſehr lang, bis der Läufer mit dem Wachthabenden, der ein ergrauter Krieger war, zurückkam, noch mehr aber verdroß es ihn, als der letztere weitläufig nach ſeinem Herkom⸗ men, ſeinem Vaterlande und ſeinen Abſichten, die ihn hieher geführt, fragte und gar nicht zu hören ſchien, daß er nicht länger aufgehalten ſein wolle. Endlich, da ſeine Ungeduld noch durch die kaum zu zügelnde des Pferdes geſteigert wurde, fragte er ſeinerſeits heftig: ob er nun fertig ſei? und als der Rottmeiſter mit einem ſträflichen Blicke erklärte, daß er zu warten habe, bis er ihn nach dem Lager füh⸗ ren laſſe, gab Bernhard ſeinem Hengſte nur Zügel⸗ freiheit und mit zwei Sätzen trug dieſer ihn an den drei Kriegsgeſellen vorüber, in geradem Laufe nach dem Lager. „Schieß!“ ſagte der Rottmeiſter zu dem Ha⸗ kenſchützen. Das war aber zu jener Zeit, wo die 153 neue Feuerwaffe noch in der Kindheit ſtand, nicht ſo leicht und ſchnell gethan, denn das Gewehr wurde mit einer Lunte abgebrannt, was, dem eigenen Backen ſo nah, mit großer Vorſicht geſchehen mußte. Der Schütz kam zwar mit dem Anſchlage zu Stande, ſchoß auch, ſelbſt erbost über die Frechheit des frem⸗ den Eindringlings, aber er fehlte und Bernhard er— reichte unaufgehalten die nächſte Zeltgaſſe, wo ihn ein lautes Halloh! der zuſammenlaufenden Knechte empfing, welche lachend und ſchreiend ſein Pferd ſchen zu machen ſuchten, denn ſie glaubten, es gehe mit ſeinem Reiter durch. Er verhielt es jedoch, ſo⸗ bald er die Gaſſe erreicht hatte, und fragte, etwas athemlos, nach Herrn Jakob von Embs. Da ſahen ſie verwundert zu ihm auf, er mußte hochwichtiges bringen, was große Eile hatte, daß er ſo wild in das Lager gejagt kam, und einer der Hauptleute, der zufällig in der Nähe ſtand, unternahm es mit ihm zu dem Feldoberſten zu gehen, deſſen Zelt hin⸗ ter der Brandgaſſe des Lagers aufgeſchlagen war. Ein leichtfüßiger Trabant vom„Staate“ des Ober⸗ ſten, der alles mit angehört hatte, lief aber voraus, Herrn Jakob von der Ankunft eines Eilboten zu be⸗ nachrichtigen, ſo daß Bernhard ſchon vor dem Zelte von ihm empfangen wurde. Eine ſtattliche, auf den erſten Blick gewinnende Erſcheinung, dieſer gereifte Kriegsheld mit ſeinem braunen, ehrlichen Geſicht und den treuen, deutſchen Augen, wie er in würdiger Hal⸗ tung dem Reiter, der ihm eine wichtige Botſchaft zu bringen ſchien, entgegentrat! Bernhard ſprang vom Pferde und jetzt erſt, da er ſich den Zutritt ertrotzt hatte, dachte er daran, was er denn eigent⸗ lich dem Befehlshaber dieſer ſtarken Kriegerſchaar zu ſagen habe. Ganz ſeinem Weſen entſprechend, das wohl noch mancher Prüfung bedurfte, ehe es in der baaren Wirklichkeit die gährenden Elemente unklaren Denkens und Handelns ausſtieß! Doch warf er ſich ohne viel Beſinnen in die nächſte Strömung, die ſich ihm bot und ſtellte ſich dem Oberſten unter ſeinem Namen vor als ein Aſpirant des Johanniter⸗Ordens, welcher, auf einer Reiſe nach dem Morgenlande be⸗ griffen, in Italien einige Kenntniß von den ſchwe⸗ benden Welthändeln, auch vom Kriegshandwerk, wie es eben getrieben werde, ſich verſchaffen wolle und daher die Gelegenheit nicht verſäumt habe, einem Kriegsmanne, von welchem er ſchon ſoviel gehört, ſeine Reverenz zu machen. Herr von Embs lachte über die Ehre, die man ihm angethan, ohne daß er ſie groß verdient, wie er ſich ausdrückte, wollte von der Reverenz gar nichts 155 wiſſen, nahm aber den jungen Mann, den auch hier ſeine Perſönlichkeit empfahl, freundlich auf, beſonders, da ihn der Ausdruck Aſpirant, den ſich Bernhard bei⸗ gelegt, glauben ließ, er habe es mit einem ſchon ein⸗ getretenen Jünger des Ordens zu thun, und lud ihn ein, als ſein Gaſt beim Zuge zu bleiben, ſo⸗ lange es ihm gefiele. Daß der Freinde ohne Be⸗ gleitung auch nur eines einzigen Dieners kam, wun⸗ derte ihn zwar, doch ging ihn das weiter nichts an, und er gab ſogleich Befehl, daß es ihm an Bedie⸗ nung nicht fehlen ſollte, ließ ihm auch in dem Zelte, welches für den morgen zu erwartenden Muſterherrn aufgeſchlagen war, einſtweilen eine Lagerſtätte berei⸗ ten. Während er wie ein Vater für ihn ſorgte, kam die Meldung von der äußern Lagerwache, die dem Eingedrungenen auf dem Fuße gefolgt war; der Oberſt nahm ſie mit dem gebührenden Ernſt auf und belobte den Wachthabenden ſowie den Poſten, welcher auf Bernhard geſchoſſen, daß ſie ihre Schul⸗ digkeit gethan, gegen den Letztern aber lachte er über den kecken Muth, mit dem er ſelbſt einer Kugel ge⸗ trotzt und warnte ihn nur vor ähnlichen Verletzun⸗ gen der Kriegsgeſetze, die ihm leicht Schaden brin⸗ gen könnten.„Ich denke,“ ſetzte er hinzu,„in Eurem Orden herrſcht darin ſtrenge Zucht? Laßt ſie nicht 156 locker werden um Gotteswillen, ſonſt geht ihr zu Grunde, wie es leider auch bei den deutſchen Her— ren in Preußen jetzt geſchehen ſoll. Meine Vettern, die draußen geweſen ſind, haben mir davon erzählt.“ Der Abend war wunderſchön. In dieſem ge⸗ ſegneten Thale, das durch die Bergmaſſen überall ge— ſchützt iſt, wehen ſchon die milden Lüfte des Südens, und Bernhard fühlte ſich, ſeit er den rauhen Paß des Brenner überſtiegen hatte, zum erſtenmale von der Wahrheit, mit welcher ihm Haugwitz den ſüd⸗ lichen Abend geſchildert hatte, überraſcht. Während unter freiem Himmel eine lange Tafel gerüſtet wurde, an welcher mit dem Oberſten die vornehmſten ſeines Kriegshaufens, welchen er die ſogenannten ,hohen Aemter“ übertragen hatte, ſpeiſen ſollten, bat der Gaſt um Erlaubniß, einen Gang durch das Lager zu unternehmen, wo es immer lauter und luſtiger wurde. Embs gewährte ſie ihm gern, und hätte ihn auch ſelbſt begleitet, wenn er nicht noch einige Anordnungen für die morgende Muſterung zu tref⸗ fen gehabt; er gab ihm aber einen jungen Menſchen aus ſeinem eigenen Geleit mit, der ſich freiwillig, ohne Handgeld zu nehmen, zu dem Zuge geſellt hatte und dem Gaſte jede Auskunft geben konnte. Eine wilde Romantik war es, welche Bernhard 157 aus den vielfach wechſelnden Szenen, die ſich ihm auf ſeinem Gange darſtellten, aufging, ganz geeignet, ſeine erregbare Phantaſie wieder zu neuen Flügen zu beſchwingen. Schon das bunte Gemiſch von Trachten, das ihm unter den Landsknechten zuerſt auffiel, ſchien einen Zuſammenfluß von Söhnen aller Länder Europa's zu bekunden und doch waren es, mit wenigen Ausnahmen nur Deutſche, welche ſich hier geſchaart hatten, um einem fremden Könige zu dienen, wie ſie zu jener Zeit in allen Kriegen Euro— pa's vom fernen Weſten, wo der Tejo ſeine Wellen in den atlantiſchen Ozean ſtrömt, bis in die ruſſi⸗ ſchen Ebenen zu finden waren. Nur Deutſche, aber ſie trugen die fremdartigſten, oft die abenteuerlichſten Trachten, nach eines Jeden Geſchmack oder Beſitz⸗ thum. Waffen und Kleidung mußte der Krieger zum Werbeplatze mitbringen, für die erſtern war wenig⸗ ſtens vorgeſchrieben, daß es ein Spieß und ein Schwert, gleichviel von welcher Form, ſein mußte, in der Kleidung herrſchte die vollkommenſte Willkür. Selbſt die vornehmſte Pracht, wie ſie ſonſt nur die Fürſten und der Adel entfalteten, war dem Lands⸗ knecht von niederem Herkommen unverwehrt, und der edle Kaiſer Mar, den man den letzten Ritter ge⸗ nannt hat, war damit einverſtanden.„Laßt doch 158 den armen Geſellen, die ein hartes, elendes Leben führen und nicht wiſſen, ob ſie morgen todt ſind, dieſe Freude!“ hatte er geſagt, als ihm einmal Vor⸗ ſtellungen gemacht wurden, den gemeinen Knechten adelige Tracht, welche ihnen nicht zukomme, zu ver⸗ bieten. Der junge Begleiter Bernhard's, der ſelbſt von gutem niederöſterreichiſchen Adel war, erzählte ihm dieß Geſchichtlein, da er ſich über den reichen Aufputz manches Kriegers verwunderte. Denn er ſah neben dem armſeligſten Geſellen, deſſen Leder⸗ wamms an vielen Stellen durchgerieben war und von Unſauberkeit und Fett ſtarrte, oft einen andern im Waffenrocke von feinem farbigen Tuche oder leuchtendem Sammet, kunſtreich geſtickt mit Seiden⸗ und Silberfäden, zuweilen gar mit Gold; während dic meiſten die zottige ſpitze Fellkappe mit großem Vorderſchirm trugen, hatten manche einen kleinen ſpaniſchen Hut oder ein zierlich gebauſchtes Barett mit wallenden Federn und um den ſonnenverbrann⸗ ten Hals die gefältelte Spitzenkrauſe, welche aber freilich kanm noch ahnen ließ, daß ſie einſt ſchnee⸗ weiß geweſen war. Und ſo verſchiedenartige Geſtal⸗ ten ſaßen und lagen hier um eine der ungeheuren Trommeln, deren dumpfer Klang fort und fort durch die klappernden Würfel geweckt wurde, mit denen ſich 159 die lärmenden Geſellen das Geld abnahmen; dort waren andere Gruppen mit ſchmutzigen Karten be⸗ ſchäftigt oder zechten vom rothen Tiroler Wein; nicht alle jedoch hatten ſo wüſten Zeitvertreib vor, viele auch putzten ehrbar ihre Waffen und ſan⸗ gen dabei im rohen Chor manches Soldatenlied, an denen die Zeit der Meiſterſänger ſo reich war. Bern⸗ hard's Begleiter ſtimmte hier und da mit ein, nickte auch wohl gelegentlich einem Bekannten zu und nannte im Weitergehen dem Fremden manchen Na— men von altadeligem Klang, was dieſen jedoch in der Erinnerung deſſen, was ihm Herr von Haugwitz daheim von der neuen Kriegsweiſe erzählt hatte, we⸗ nig verwunderte. Aber dennoch konnte er ſich in ſeiner romantiſchen Denkart, die mit den Bildern alter Zeit erfüllt war, eines wehmüthigen Gefühls nicht erwehren, daß auf ſolche Weiſe die Herrlichkeiten des Ritterthums in der Maſſe aller Heergeſellen auf— gehen und mancher Sproß eines erlauchten Hauſes, deſſen Ahnen Fürſtenkronen getragen oder das Grab des Erlöſers befreit hatten, hier ohne Unterſchied ne⸗ ben dem Abkömmling leibeigener Bauern ſtritt. Noch einmal wünſchte er nur, die Ritterſchaft in ihrem vollen Glanze zu ſehen, wie alte Sagen ſie ihm ge⸗ ſchildert— und dieſer Wunſch ſollte ihm erfüllt werden, ehe er Italiens Fluren wieder verließ, wenn auch nicht unter deutſchen Bannern. Hatte manches im Lager ſein Gefühl verletzt, das von der Heimath her an Zucht und Sitte hielt, ſo war dieß noch im höhern Grade der Fall, als er durch die Brandgaſſe hinter die letzte Zeltreihe gelangt war und hier das weite Feld überſchaute, auf welchem der Troß, der ſtets in wachſender Maſſe den Kriegerzügen folgte, ſich gelagert hatte. Dort war auch der Markt aufgeſchlagen, der überall, wo ein Heerhaufen Raſt machte, in der Umgegend ver⸗ kündet und aufgeſchlagen wurde, damit das Landvolk Lebensmittel zuführe, welche ihm bezahlt werden mußten: dafür ſorgte der Profoß, welcher zugleich Marktrichter war, vergleichbar den alten Ephoren der Spartaner in ihrer urſprünglichen Beſtimmung. Bern— hard ſah verwundert ſeinen jungen Begleiter an, welcher dieſen gelehrten Vergleich machte: dieſer er— klärte ihm darauf lachend, daß er erſt zum geiſtlichen Stande beſtimmt geweſen ſei und klaſſiſche Studien habe treiben müſſen, welche ihn noch zuweilen, ſeit er das beſſere Theil, den Spieß, erwählt, in Ge⸗ danken heimſuchten. Sie kehrten darauf um, weil es zu dämmern begann. Längſt waren ſchon mäch⸗ tige Feuer aufgelodert, nicht zur Erwärmung, deren 161 bedurfte die laue ſüdliche Nacht keineswegs, ſondern zum Braten und Kochen, denn der Herr Biſchof von Briren, Chriſtoph von Schroffenſtein, wie ihn der junge Krieger zu Bernhard nannte, hatte gewaltige Vorräthe und Schlachtvieh an die neugeworbenen Truppen liefern laſſen, welche hier dem Bundesge⸗ noſſen des Kaiſers, König Ludwig XII. von Frank⸗ reich, gegen die neue Liga, welche ſich feindlich ge⸗ bildet hatte, zugeführt werden ſollten. So war denn auch die Tafel reich beſchickt, wo der Oberſt, deſſen Name ihm in Oberdeutſchland leicht die erwünſchte Zahl von Landsknechten in freier Werbung verſchafft hatte, mit allen Hauptleuten, die er beſtellt, und den übrigen Beamteten zur Nacht ſpeiſen ſollten. Der junge Menſch nannte Bernhard in aller Eile noch ihre Namen, adelige und bürgerliche, denn es kam nicht auf die Geburt an, zur Führung eines Fähnleins von vierhundert Knechten oder auch eines Regiments von zehn bis ſechszehn Fähnlein berufen zu werden.„Einer fehlt Herrn Jakob noch,“ ſchloß der Redſelige,„den hätte er gern gehabt, denn er iſt der ſtärkſte und ſtattlichſte Mann im ganzen deutſchen Reiche, ja, mir hat ein vornehmer franzöſiſcher Herr geſagt, Seinesgleichen habe die Welt noch nicht geſehen.“ 1857. VI. Heimath und Ferue. I. 11 162 Eine Welle raſch aufhüpfenden Blutes ſchwoil Bernhard zum Herzen, er ſchalt ſich thöricht, der Ahnung zu glauben, die ſich ihm aufdrängte, und zur eigenen Beruhigung fragte er nach dem Namen dieſes neuen Simſon, wie er ihn mit einem gewiſ⸗ ſen Hohne, der ſeinem aufgeregten Zweifel entſprang, nannte. „Seht da, Herr!“ verſetzte der junge Mann lachend.„Ihr rückt bibliſch gegen meine klaſſiſchen Ephoren zu Felde. O ja, ein Simſon iſt er und die Delila hat ihm auch nicht gefehlt, wie ich Euch erzählen könnte, denn die Zeltwände ſind dünn und ich verſtopfte mir die Ohren nicht, als ich einmal an der andern Wand lag, während er Herrn Jakob von Embs, der ihn wie einen Sohn liebt, ſein Herz ausſchüttete. Aber Ihr werdet ungeduldig und wollt den Namen wiſſen— da kommt uns auch Herr Jakob ſchon entgegen— Fabian heißt er, Fabian von Schlabrendorff.“ Bernhard biß ſich in die Lippe, ſein Inneres verkrampfte ſich. Die Ahnung hatte ihn alſo doch nicht betrogen! Ueberall, auch ungeſucht, drängte ſich ihm dieſer Feind ſeines Seelenfriedens auf— er hatte ſchon geglaubt, auf immerdar mit der Ver⸗ gangenheit gebrochen zu haben: in den Abgrund, 163 der ſich ihm bei ſeiner frevelhaften Beſchwörung des Grabes alter Tage eröffnet, hatte er ſein heiligſtes verſinken ſehen, er hatte ihm nachgeſendet, was ihn noch an ſeine Heimath knüpfte und ſich vor jedem Gedanken, der ihn zurückführen könnte, gehütet. Auf nächſtem Wege war er darum, als er von der ein⸗ getretenen Waffenruhe zwiſchen den Kaiſerlichen und den Venetianern gehört, über die Berge gegangen, um Venedig zu erreichen und mit dem erſten Schiff, das nach der Levante die Anker lichte, unter Segel gen Rhodus zu gehen. Mußte er noch einmal den verhaßten Namen hören? Der Oberſt, von mehrern andern Kriegern be⸗ gleitet, kam heran und enthob ihn des weitern Geſprächs mit ſeinem Führer, welcher ſich nun beſcheiden zurückzog, da er noch nicht in dieſe Geſellſchaft gehörte. Freund⸗ lich lud Embs den Gaſt ein, ihm zur Tafel zu fol⸗ gen, die mit Lichtern beſetzt und mit Seſſeln, wie ſie ſich aus allerlei Material im Felde bilden laſſen, umſtellt war. Der Oberſt ehrte den Fremden, der ihn beſuchte, indem er ihm den Platz an ſeiner Seite gab und ihn vor allen bedienen ließ. Daß er ſo ſchweigſam war, erſchien ihm als löbliche Beſcheiden⸗ heit— er hatte keine Ahnung davon, welche ſtei⸗ gende Bewegung in der Bruſt ſeines Nachbars ſich P 164 auch gegen ihn richtete, weil dieſer erfahren hatte, daß er ſeinen Todfeind— anders nannte er ihn nicht mehr— wie einen Sohn liebe und im Beſitz ſeiner Geheimniſſe war. Bernhard konnte von die⸗ ſem Gedanken nicht loskommen und wurde dadurch für die herzliche Weiſe, mit welcher ihn der be⸗ rühmte Führer behandelte, faſt unempfänglich. Namen mußte der Mann, der ihm ſein Herz ausgeſchüttet, nicht genannt haben, ſonſt wäre ihm wohl aufgefal⸗ len, daß Bernhard aus demſelben Geſchlecht war; denn Bernhard hatte ſich ihm ja mit ſeinem vollen Namen vorgeſtellt, aber vielleicht dachte er auch nur in dieſem Augenblick nicht daran und kam ſpäter darauf. Es war alſo jedenfalls das beſte, mit dem frühſten Morgen das Lager, in welches er durch ein bloßes Ungefähr gekommen, wieder zu verlaſſen und ſeinen Weg nach Venedig fortzuſetzen. Als er dieſen Entſchluß gefaßt hatte, wurde er etwas ruhi⸗ ger und konnte ſeine Aufmerkſamkeit dem allgemei⸗ nen Geſpräch widmen, das in friſcher Abwechſelung von dem Ernſt der Weltbegebenheiten, die ſich im⸗ mer drohender verwickelten, zu dem heiterſten Sol⸗ datenſcherze um die Tafel kreiſte. Dem letztern war Bernhard in ſeiner Stimmung nicht zugänglich, aber den Bemerkungen über die Lage der Dinge in Ita⸗ 165 lien lauſchte er mit immer mehr Antheil und ſuchte ſich, da ihm alles undeutlich und neu, namentlich aber die Zerwürfniß zwiſchen den beiden Häuptern der Chriſtenheit befremdend war, durch Fragen Auf⸗ klärung zu verſchaffen. Jakob von Embs gab ſie ihm willfährig und wies die leiſe Warnung ſeines Nach⸗ bars, des Schultheißen, eines alten erfahrenen Kriegs⸗ mannes, dem es bedenklich ſchien, ſo offen mit einem Novizen der Rhodiſer zu ſprechen, ruhig ab. War auch zu beſorgen, daß der Orden den Venetianern, weil ſie jetzt Verbündete des Papſtes waren, Bei⸗ ſtand leiſten werde, wie denn bereits einer der be⸗ rühmten Ritter des heiligen Johannes von Jeruſa⸗ lem, Leonardo da Prato, die leichte Reiterei der Ve⸗ netianer geführt hatte, bis er kürzlich gefangen wor— den war, ſo kannte doch der tapfere Embs keine ängſt⸗ lichen Rückſichten und dachte im Sinne des alten deutſchen Wahlſpruchs: Je mehr Feinde, deſto mehr Ehre! Bernhard erfuhr denn ehrlich alles, was er zu wiſſen begehrte. Der Papſt hatte mit dem Könige von Frank⸗ reich gebrochen, dem er früher gegen Venedig ver⸗ bunden geweſen, auch Spanien war von dem allge⸗ meinen Bündniß gegen die reiche Meereskönigin zurückgetreten und ſtand nun mit ihr und dem 166 heiligen Vater in einer neuen Liga, deren eigentlichen Grundgedanken, welcher in der Feuerſeele Julius K entſprungen war, der ehrliche deutſche Kriegsmann, welcher davon im Lager vor Brixen erzählte, freilich nicht kannte, auch nicht zu würdigen verſtand. Ihm lag die Sache einfach ſo: Kaiſer Mar war mit Ludwig XII. verbündet und konnte ihn nicht im Stich laſſen, auch waren die Städte, welche ihm früher zu Cambray von dem venetianiſchen Beſitz⸗ thum zugeſprochen worden, altes deutſches Reichs⸗ lehn, das Venedig nur mit Liſt und Gewalt vor Jahren an ſich geriſſen hatte: dieß mußte wieder gewonnen werden; über Mailand, das auch ein Reichslehn, aber jetzt vom Könige von Frankreich eingenommen war, konnte man ſich ſpäter einigen, wo nicht, ſo blieb nach ausgetragenem Bundeskriege immer noch übrig, auch um Mailand einen ehrlichen Waffengang zu verſuchen. Dann freilich waren dem Franzoſen trotz des freigebigen Soldes in blanken Sonnenkronen, mit denen er zahlte, die deutſchen Lands⸗ knechte verloren.— Als das Jakob von Embs aus⸗ ſprach, ſahen ſich einige der Hauptleute lächelnd an und tranken einander ſchweigend zu. „Was lacht Ihr, Gotthard?“ fragte der Oberſt ernſthaft den nächſten von ihnen. 167 „Nun, ich denke an das gute Lied, das unſere Gemeinde geſtern als Trommelreim geſungen hat,“ erwiederte der Gefragte:„das klang nicht ſo, als wollten ſie gern den Dienſt des Königs von Frankreich verlaſſen.“ „Wenn uns aber der Kaiſer abruft?“ ſagte Jakob von Embs.„Welcher fromme Kriegsmann deutſcher Nation wird bleiben wollen oder gar gegen ſeine Brüder ſtreiten?“ „Freie Kriegsleute müſſen ſich ihre Fahne wäh⸗ len können,“ erwiederte der Hauptmann. „Sagt Ihr das, Gotthard von Ende, als Sachſe — wir Schwaben denken anders!“ verſetzte Embs etwas warm. Der Sachſe wollte auffahren, andere aber ſpra⸗ chen gütlich dazwiſchen und beſchwichtigten den Streit, der eben auszubrechen drohte.—„Bleibt bei Eurem Wort, Herr Jakob,“ ſagte der Schultheiß ernſthaft zu dem Oberſten, welcher nun dem Herrn von Ende über den Tiſch die Hand reichte. „Ich denke, wir ſtehen und fallen zuſammen, Gotthard!“ rief er. „So ſei es!“ erwiederte der Sachſe und es trat eine kurze, feierliche Pauſe ein. Dann aber nahm auf den Ernſt, der damit be⸗ 168 endigt ſchien, die Heiterkeit ihr ungeſchmälertes Recht in Anſpruch und ſteigerte ſich durch maßloſen Ge⸗ nuß des Weines in einem Grade, welcher Bernhard mehr und mehr abſtieß. Er war in ſeiner Heimath auch der Gelage gewohnt, an denen er wenigſtens als Augenzeuge Theil genommen hatte: der ſchle⸗ ſiſche Landadel gab dem polniſchen, ſeinem Nachbar, im Trinken nichts nach, aber was Bernhard hier ſah, das überſtieg alle ſeine bisherigen Vorſtellungen. Er ſollte fort und fort Beſcheid thun und konnte ſich zuletzt nur durch eine Lüge retten: ein Verſpre⸗ chen gab er vor, daß er nicht über ein gewiſſes Maß hinausgehen wolle. „Wem habt Ihr das gegeben?“ ſchrieen die Tafelgenoſſen.„Der Frau Mutter oder der Liebſten?“ Er wollte gereizt antworten, da nahm ſich Ja⸗ kob von Embs ſeiner an.„Gaſtrecht, lieben Brüder!“ rief er.„Schmeckt ihm, der vielleicht beſſern Wein von Cypern und Candia gewohnt iſt, der Tiroler aus der biſchöflichen Kellerei nicht, ſo dürfen wir ihn nicht zwingen, und wenn er gar ein Verſprechen ge⸗ geben hat, ſein Wort muß der Mann halten, mag's dem Kaiſer ſein oder einem feinen Mägdlein. Denkt doch an Euren Landsmann, Gotthard, der nicht einen Tropfen Wein mehr anrührt!“ 169 „Ja wohl!“ ſagten lachend ein Paar andere. „Und keine Frau, die ſchönſte! nicht mehr anſieht — was ihm doch freiſteht, dem Ritter von Rhodus hier aber verboten iſt.“ „Ihr habt recht!“ ſagte Gotthard von Ende. „Verzeiht, lieber Herr, daß wir Euch zugeſetzt haben. Wir aber, Brüder, wollen einen Becher auf das Wohl meines Landsmannes leeren, wo er auch ge⸗ genwärtig ſein mag.“ Sie riefen ihm Beifall zu und leerten die großen Humpen in haſtigen Zügen. Herr Jakob von Embs wurde darauf ſtill, und ſchien in Gedanken zu ſitzen, bis ihn ſein Nachbar, der Schul⸗ theiß, fragte:„Ihr wißt alſo gar nicht, wo er iſt?“ „Nein,“ antwortete Embs.„Ich habe ſchon zum Frundsberg geſchickt, ob er ſich dort vielleicht eingefunden hat, aber er iſt nirgend geſehen worden und ganz verſchwunden.“ „Der kann ſich nimmer vor den Menſchen ver⸗ bergen, der Rieſe!“ bemerkte Gotthard.„Wird ſchon kommen zu rechter Zeit, und zu keinem andern als zu Euch, Herr Jakob. Ihr habt ihm ja auch ein Fähnlein aufgehoben.“ „Das hab' ich,“ ſagte Jäkob von Embs. „Warum iſt er denn fortgegangen?“ fragte ein anderer.„Wo iſt das geweſen?“ ein dritter. 170 „Bei Brixen,“ erwiederte der Oberſt, und da meh⸗ rere fragend nach der Gegend zeigten, wo die Stadt unfern des Lagers in das Dunkel der Racht verhüllt ſtand, ſetzte er hinzu:„Nicht hier, ſondern bei Wälſch⸗ Brixen, das ſie Brescia nennen. Warum er fortge⸗ gangen iſt, Ihr lieben Herren, das kann ich Euch nicht erzählen. Er hat mir aber verſprochen, wieder zu kommen und dann fragt ihn ſelbſt.“ Von wem hier die Rede war? Sein Name, allen bekannt, wurde nicht ein einzigmal ausge⸗ ſprochen, aber Bernhard's ungeſtüm pochendes Herz ſagte ihm, wer dieſer rieſige Landsmann des Sachſen von Ende, der ſich zu keinem andern Truppenführer als zu Jakob von Embs geſellen wolle, dem dieſer noch die Hauptmannſchaft über ein Fähnlein Lands⸗ tnechte aufgehoben, nur ſein könne. Sein aufgereg⸗ tes Blut, durch den ungewohnt viel genoſſenen Wein noch mehr entzündet, ließ ihn mit Sicherheit erwar⸗ ten, der Mann, von welchem ſoviel geſprochen werde, müſſe plötzlich aus der Nacht an den erleuchteten Tiſch zu ſeinen alten treuen Genoſſen treten und ſagen:„Hier bin ich!“ und horch! dort nahte ein Hufſchlag, kam gerade durch die Gaſſe auf die Ver⸗ ſammlung zu, die ihn auch vernahm und erwartungs⸗ voll verſtummte. Es war aber nur ein Reiſiger, ge— ſendet vom Marſchall de la Palice, wie er meldete und Bernhard fühlte ſich faſt ſchmerzlich enttäuſcht. Seltſam! Er hatte gegen den Wunſch ſeiner Mut⸗ ter, gegen das Verſprechen, das er ihr gegeben hatte, jedes Zuſammentreffen mit ihm vermeiden wollen und jetzt, da es durch Zufall möglich geweſen wäre, hätte er es freudig begrüßt! So von ſtreitenden Wellen ohne den Kompaß, der allein die Lebens⸗ fahrt lenken kann, ſtets in andere Richtung verſchla⸗ gen, mühte er ſich, den Leuchtthurm, den ihm die hochſprühende Brandung verhüllte, wieder zu finden. Konnte er dabei die Klippen und Riffe vermeiden? „Keine Muſterung, Ihr Herren!“ ſagte Jakob von Embs, nachdem er das Schreiben, das ihm der Reiſige gebracht, beim Scheine einiger zuſammenge⸗ ſtellter Lichter mühſam bis zu Ende geleſen hatte. „Der Marſchall de la Palice gibt mir Befehl im Namen des königlichen Statthalters, Prinzen Ga⸗ ſton de Foir, ohne Verzug über Botzen und Trient zu ihm zu ſtoßen, da er mit ſeiner Macht dem Kai⸗ ſer zuziehen ſolle, um noch in dieſem Jahre etwas entſcheidendes gegen Padua oder im Thale der Brenta zu unternehmen. Vielleicht, daß es jetzt beſſer glücke, als vor zwei Jahren. Eine Muſterung über das neugeworbene Volt werde dießmal nicht abgehalten werden: er verlaſſe ſich auf deutſche Treue.“ Die Hauptleute riefen freudig ihre Zuſtimmung aus und beſprachen lärmend und ſtreitend die Unter⸗ nehmungen, welche etwa noch im Sommer gelingen könnten, als die Tafel ſchon aufgehoben war. Bern⸗ hard aber verabſchiedete ſich, und ſprach ſeinen Ent⸗ ſchluß aus, am nächſten Morgen wieder aufzubrechen. Jakob von Embs gab ihm, ohne nach dem nächſten Ziel ſeiner Reiſe zu fragen, noch einige gute Rath⸗ ſchläge, wo er etwa die weitere Einſicht in die Kriegs⸗ händel, die er zu erlangen gewünſcht, finden könne, wenn er es nicht für gerathen finde, ſich als Frei⸗ williger einem Heerhaufen anzuſchließen, was freilich das beſte ſei, nur müſſe er ſich einen ſolchen wäh— len, der zu großen Unternehmungen beſtimmt würde. Bernhard ließ ſich darauf weiter nicht ein, dankte dem Oberſten für ſeine herzliche Aufnahme, und zog ſich, nachdem er auch von den Hauptleuten Abſchied genommen hatte, in das ihm angewieſene Zelt zurück, wo er den zu ſeiner Bedienung beſtellten jungen Menſchen traf, aber ſo feſt ſchlafend, daß er ihn nicht wecken mochte, ſondern ſich alsbald auf die be⸗ reitete Lagerſtätte warf, um den Schlummer zu ſu⸗ chen. Er fand ihn erſt ſpät, als der Oſten nach der 173 kurzen Sommernacht ſich bereits wieder zu lichten Ueuntes Rapitel. Am Altare. Der Befehl zum Aufbruch für die Fahnen deut⸗ ſcher Landsknechte, welche Jakob von Embs zur Ver⸗ ſtärkung der franzöſiſchen Truppen in der Lombardei geworben hatte, war erſt am Morgen bekannt ge⸗ macht worden, da in der Nacht nichts vorbereitet werden konnte. Es war damals nicht ſo leicht als heutzutage, wo die innere Ordnung und Admi⸗ niſtration mehr geregelt iſt, eine Kriegsſchaar in Bewegung zu ſetzen. Vorzüglich machte das Heer⸗ geräth und Heergefolge aller Art große Anſtalten nöthig, denn die freien Kriegsleute, welche die Ge⸗ meinde bildeten, richteten ſich auch im Felde mög⸗ lichſt häuslich ein, ſchleppten Weiber, ehrlich angetraute wie zugelaufene, und Buben mit und vermehrten das Gepäck überall auch durch die Beuteſtücke, die nicht gleich in Geld zu verwerthen waren. So kam es, daß auch an dem Morgen, als die deutſchen Knechte aus dem Lager vor Briren aufbrechen ſollten, mehrere Stunden vergingen, ehe ſie den Marſch auf 174 Botzen antreten konnten, und es war kaum zu erwar⸗ ten, daß ihr ſchwerfälliger Zug, der ſich langſam im engen Thale des Eiſack hinabwälzte, viel über Schloß Grießbruck hinauskommen werde. Für Bern⸗ hard von Linden, welcher dieſelbe Straße nehmen mußte, wäre es eigentlich gerathen geweſen, mit dem Haufen zu ziehen, da er nun in den Bereich ſtrei⸗ fender Parteien gerieht, die einem einzelnen Reiſen⸗ den leicht gefährlich werden konnten. Es trieb ihn aber raſtlos vorwärts und ſobald er konnte, freilich erſt nach zwei Tagen, verließ er die große Straße und wandte ſich links in die Val Sugana; auch die⸗ ſer Weg genügte ihm noch nicht, ſondern er ſchlug, bald von Landlenten beſtimmt, denen er ſich dentlich zu machen verſtand, die Richtung über den Monte Malaro durch das Gebiet der„ſieben Gemeinden“ ein, jener deutſchen Niederlaſſung angeblich aus uralter Zeit, von verſprengten Eimbern nach der Schlacht bei Verona, alſo hundert Jahre vor Chriſto gegrün⸗ det. Hier wurde Bernhard, welcher von dem Daſein dieſer dentſchen Gemeinden im fremden Lande keine Ahnung hatte, durch die Sprache ſeiner Heimath angenehm überraſcht, fand auch deutſche Sitten wieder und fühlte ſich unter dem biedern Landvolk, das ihn gaſtlich aufnahm, ſo wohl, daß er einige 175 Tage in dieſer glücklichen Abgeſchiedenheit verweilte. Aber länger durfte er nicht bleiben, wenn er noch von dem neuausbrechenden Kampfe die Gegenden, in welche ſich derſelbe, wie er aus den Geſprächen der Hauptleute vernommen, wohl ſpielen werde, unauf⸗ gehalten hinter ſich bringen wollte. Ein Führer, welcher ſchon oft in den ſchönen Städten der Ebene, Vicenza, Padua, Treviſo geweſen war, brachte ihn auf anmuthigen Pfaden über die Berge und erzählte ihm viel von dem großen Heereszuge, der unter per⸗ ſönlicher Anführung des Kaiſers vor zwei Jahren an Padua's Mauern geſcheitert war: der Mann hatte ſich damals ſelbſt im Lager befunden als Dolmetſch, wozu er ſich auch Bernhard anbot, wenn er ihn mitnehmen wolle Aber dieſer lehnte das Anerbieten ab und ließ ſich nur noch die Warnungen geſallen, die ihm der Abkömmling der alten Germa⸗ nen auf den Weg gab. Vor wälſcher Hinterliſt und wälſchem Betruge ſoll er ſich hüten, den Frauen, die leicht ein Herz zu ſchmucken Fremden faßten, aus dem Wege gehen— Mädchen könne er ſchon eher trauen, die ſeien dort auch fromm und ſittig, aber die verheiratheten Weiber nicht,— unterwegs ſolle er aber Ang' und Ohr offenhalten, daß er nicht 176 den türkiſchen Reitern, welche die Signoria über das Meer gebracht, in die Hände falle. „Türkiſche Reiter?“ wiederholte Bernhard ver⸗ wundert.„Du meinſt die Illyrier, welche Stradi⸗ oten genannt werden“ Er mußte an Haugwitz den⸗ ten: war doch der Hengſt, den er ritt, auch von einem Stradioten erkauft. „Die Stradioten kenne ich wohl,“ erwiederte der Landmann.„Das ſind auch fremde Reiter von jenſeit des adriatiſchen Meeres, aber Chriſten doch immer, wenn ſie auch wie Heiden ausſehen und die Menſchen ſo behandeln. Ich meine aber wirkliche ungläubige Türken, welche unſere Signoria zu Ve⸗ nedig in Sold genommen hat. Sie haben im vori⸗ gen Herbſt bis an unſere Berge geſtreift und im Lande, davon ſie bezahlt werden, ſchlimmer gehauſt als die Franzoſen. Beſſer wäre es ſchon, der Kaiſer ſchlüge alle heraus, die nicht hergehören und wir kämen wieder, wie in alten Zeiten, zum Reiche. Das wäre beſſer für uns.“ Mit dieſem Wunſche, der vor der Hand noch nicht in Erfüllung gehen ſollte, trennte er ſich von dem jungen Landsmann, dem er alles Glück auf den Weg wünſchte. Da regte ſich auf einmal in Bernhard der Gedanke, daß es doch ſeltſam von ihm ſei, die Gelegenheit vorübergehen zu laſſen, dem 7 ritterlichen Kaiſer Mar, von deſſen Ruhm alle Lan⸗ den voll waren, ins Angeſicht zu ſchauen, da er doch noch im Felde ſtand, und wie es im Lager des Embs geheißen, wohl gegen Padua wieder vorrücken werde Zögernd ritt er daher ſeine Straße, die ihn nun mitten in das Herz des feindlichen Gebietes führte, und er wäre vielleicht ſeitwärts zur rechten Hand wieder abgebogen, wenn er nicht zugleich zum Bewußtſein dieſer ſtets erneuten Unſchlüſſigkeit gekom⸗ men wäre und ſich deren, zum erſtenmale! geſchämt hätte. So zog er denn die Zügel ſeines Pferdes ſtraff an, ſetzte ſich feſt in den Sattel und blickte hinaus in die Ferne, wo ſich ihm die fruchtbare Ebene mit ihren Waſſeradern, und den vielen Städten und Flecken wie ein Paradies— Haugwitz hatte ganz gecht!— eröffnete. Hinter ihm, wie er ſeine Reiſe unangefochten fortſetzte, traten allmälig die Vorhügel zuſammen, welche die Rieſenhäupter der Alpen ver⸗ deckten, dann kleideten ſich auch dieſe in den zau⸗ beriſchen Duft der Ferne, und er ſchaute nicht mehr zurück, wie er noch in den erſten Tagen oft genug gethan hatte Selbſt der Gedanke, der wie ein Wurm an ſeinem Herzen genagt hatte, der Gedanke, daß er nicht mehr zweifellos achten und verehren könne, die ihm als Urbild aller Frauentugend erſchienen war, 1857. VI. Heimath und Ferne. I. 42 178 ſchien wie durch einen wohlthätigen Spruch geſtillt zu ſein, und wenn er ihn zuweilen noch heimſuchte, weckte er nicht den brennenden Schmerz in ihm, ſondern nur eine Wehmuth, die ſeine Hände nicht im Grimm verkrampfte, ſondern ſich falten ließ zum Gebet. Dieß Verſprechen, das er auch ſeiner Mutter gegeben hatte, konnte er wenigſtens halten— noch hatte er keinen Anlaß gefunden, das Gebet zu ſcheuen. Die fremden Erſcheinungen des italieniſchen Lebens nahmen ſein lebhaftes Intereſſe in Anſpruch; er war mit einem günſtigen Vorurtheil, das die Erzäh⸗ lungen des Herrn von Haugwitz in ihm geweckt hatten, nach Italien gekommen, und was er bisher erfahren hatte, konnte dasſelbe nicht entkräften. Er fand die Warnungen vor wälſcher Hinterliſt nirgend beſtätigt— überall, obgleich er der Sprache nicht mächtig war und nur allmälig einige Worte erlernte, kam man ihm freundlich entgegen und auch die Hab⸗ gier, die ihm geſchildert worden, hatte er noch nir⸗ gend bemerkt, im Gegentheil war an manchem Orte, wo er einkehrte, die Bezahlung auf eine feine und anmuthige Weiſe, halb ſcherzend, abgelehnt worden. Allerdings trugen auch hier ſeine Schönheit, der Adel unentweihter Jünglingskraft, der ihn ſchmückte, viel dazu bei, ihm das Wohlgefallen des leicht zu Lieb' 179 und Haß zu entzündenden Volkes zu gewinnen. Auch ſah ihn bei ſeinem glänzenden ſchwarzen Haar und dem kühngezeichneten Profil ſeines ſchönen Geſichts, das, wie wir wiſſen, dem ſeiner Mutter glich, nie⸗ mand für einen Deutſchen an, und da man auch keinen Franzoſen in ihm erkannte, noch minder einen jener hagern, olivenfarbigen Spanier, welche von Neapel heraufgezogen waren, um das Gebiet der durchlauchtigen Republik Venedig zu verwüſten, ſo gab ſeine Erſcheinung viel zu denken, beſonders, weil er trotz ſeines vornehmen Weſens und ſeiner fürſtli⸗ chen Freigebigkeit ſo ganz allein, ohne alles Gefolge, reiſte. Was die Freigebigkeit betraf, müſſen wir frei⸗ lich, der Wahrheit zuliebe, ſagen, daß ſie weniger Vorſatz als Unkenntniß war. Er befand ſich aber wohl dabei. In Padua hielt er ſich wieder mehrere Tage auf, dießmal ſeines Pferdes wegen, das ſich eine leichte Verletzung am Hufe zugezogen hatte und deß⸗ halb geſchont werden mußte, bis die Entzündung vorüberwar. Die prächtige Stadt mit ihren Arka⸗ den, welche in allen Straßen das Erdgeſchoß der Häuſer bilden, machte auf ihn einen gewaltigen Eindruck; es dünkte ihn faſt lächerlich, daß er da⸗ bei an die Bauart mancher alten dentſhr Stadt 12 180 denken mußte, wo dieſe Bogengänge ſich im beſchei⸗ denen Maßſtabe auch finden und Lauben genannt werden. Damals war Padua noch ſtark bevölkert und das Selbſtgefühl der Bürger, die bei der Ver⸗ theidigung mitgeholfen, bedeutend geſteigert worden, daß ein Kaiſer mit ſtarker Heeresmacht, wobei die Blüthe auch des franzöſiſchen Adels, von ihren Mauern hatte abziehen müſſen. Bernhard's Hauswirth, der mehrmals in Deutſchland geweſen war, wo er Han⸗ delsverbindungen in Augsburg und Nürnberg hatte, ſprach ſoviel deutſch, daß er ihm die Geſchichte dieſer Belagerung erzählen konnte; er ſpottete darüber, daß der Sturm unterblieben ſei, weil die franzöſiſchen Ritter, denen der Kaiſer ihn angeſonnen, nicht mit gemeinen Landsknechten in einem Haufen, ſondern nur mit den deutſchen Rittern hätten ſtürmen wollen, dieſe aber vorgeſchützt, daß ſie nur zum Kriegsdienſt zu Roß verpflichtet ſeien Bernhard verdroß der Spott des Italieners, er gerieth darüber mit ihm in Streit und trennte ſich ganz erhitzt von ihm, um in der Abendfriſche ſein Blut abzukühlen, das in zornige Wallung gerathen war. Langſam ſchritt er über den grünen, vom Waſſer umſpülten Prato della valle, der von luſtwandelndem Volke belebt war, alle Stände, jedes Alter hatten ſich hier gemiſcht, und die lauteſte 181 ungezwungenſte Fröhlichkeit herrſchte; nur gegen die große, ſchöne Kirche mit acht Kuppeln hin, welche den Platz auf der einen Seite ſchließt, wurde es ſtiller. Auch in Bernhard war es ſtiller geworden und es zog ihn in das Heiligthum, deſſen Pforten, wie im⸗ mer, den Gläubigen offenſtanden, um hier zu jeder Stunde ihre Sorgen auf den Herrn werfen zu kön⸗ nen. Kerzen flimmerten in dem geweihten Raume, ein Prieſter hielt ſtille Meſſe an einem der Seiten⸗ altäre— galt es der Seele eines Abgeſchiedenen? Leiſe trat Bernhard an das heilige Gefäß am Ein⸗ gange, um Weihwaſſer zu nehmen— da bot es ihm eine ſchlanke, verſchleierte Geſtalt nach der ſchönen Sitte des Südens, ſeine Hand berührte die ihrige und zeichnete ſich, allen irdiſchen Nebengedanken ent⸗ fremdet, über Stirn und Bruſt mit dem heiligen Zeichen des Kreuzes. Sie ging voran über den mar⸗ mornen Fußboden und es war ihm, als müſſe er ihren ſchwebenden Schritten folgen, die ihn nur zu ſeinem Heile führen konnten. An einem Altare, wo eine Lampe in ſilberner Ampel brannte, wahrſcheinlich zum ewigen Gedächtniß von einem frommen Chriſten aus der Gemeinde der heiligen Juſtina geſtiftet, blieb die Verhüllte ſtehen und ließ ſich auf ihre Kniee nieder: Bernhard kniete, von ſeinem Andachtsgefühle hinge⸗ 182 riſſen, neben ihr, ſie bemerkte es, aber es verwuh⸗ derte ſie nicht, noch ſchien es ſie zu verletzen— mit leichter Hand ſchlug ſie den weißen Schleier von ihrem Antlitze zurück und Bernhard's Auge, unwider⸗ ſtehlich angezogen, erblickte eine ſo wunderbare Schön⸗ heit, daß es ihn durchzuckte wie ein elektriſcher Strahl, im erſten Momente ſchreckhaft zu nennen, ehe dem Eindruck, der bei ihm, wie alle Gefühle ſich ſeltſam geſtalteten, einer Anwandlung von Furcht glich, eine füße Wonne folgte. Da ſenkte er, wie die holde Erſcheinung neben ihm, ſein Haupt zum ſtillen Ge⸗ bete, und als ſie aufſtand, erhob er ſich auch, folgte ihr wieder, verneigte ſich gleich ihr, vom Eingange zurückgewendet, noch einmal gegen den Hochaltar, wo das Bild des Erlöſers, ein plaſtiſches Meiſter⸗ werk, prangte, und trat dann dicht hinter ihr in das Freie Hier ſtand ſie, gleichſam überraſcht, ſtill und ſah ſich mehrmals nach verſchiedenen Seiten um— gewiß ſuchte ſie jemand. Es waltete über dem wei⸗ ten Prato das Dämmerlicht des Spätabends; in den Baumgängen, welche ihn einſchließen, wirrte und wogte noch immer das Gewühl der Menge, welche die Friſche genoß; jenſeits ſchimmerten die Lichter aus den dunklen Häuſermaſſen und auch von dort ſchwirrte das Stimmengetöſe, durch welches ſich oft 183 ein gellender Laut oder ein ſchallendes Gelächter Bahn brach. Die Dame, welche noch unſchlüſſig auf der letzten Marmorſtufe ſtand, ſchien offenbar Anſtoß zu nehmen, ſich allein in die Menſchenwogen zu begeben; gewiß hatte ſie jemand erwartet, der ſie auf der Heimkehr begleite und ſah ſich nun durch deſſen Ausbleiben in Verlegenheit. Einen halben Blick warf ſie auf den Fremden, der wenige Schritt hinter ihr auch ſtehen geblieben war— ob ſie von ihm Beiſtand hoffte? Bernhard wagte es nur noch nicht, ihr ſeine Begleitung anzubieten: nach ſeinen deutſchen Begriffen einer ſtrenger als jetzt, über die Sitte denkenden Zeit wäre es eine Verletzung der⸗ ſelben geweſen, und als er endlich, da ſie noch zö⸗ gerte und ſich abermals nach ihm umſah, ſein weniges Italieniſch zuſammenraffte, um ein Wort, eine Frage an ſie zu richten, zog ſie plötzlich den Schleier, den ſie beim Heraustreten aus der Kirche wieder herab⸗ geſchlagen hatte, in dichtere Falten und ſchritt herzhaft von den Stufen mitten in den Strom der Vorüberwandelnden hinein. Da ſchnitt es Bernhard wie ein Vorwurf, daß er die Ritterpflicht verſäume, durch die Seele und er machte ſich auf, ihr in ge⸗ meſſener Entfernung, doch ſo zu folgen, daß er ihren weißen Schleier im Zwielicht nicht aus den 184 Augen verlieren und zu ihrem Schutze ſtets bereit ſein konnte. Sie nahm den Weg an der Kirche des heiligen Antonius vorüber, des Schutzpatrons der Stadt, in welcher auch viel Menſchen aus und ein⸗ gingen, dann bog ſie über den Platz zu dem rieſen⸗ haften Gebäude, das dem Fremden ſein Hauswirth erſt dieſen Morgen gezeigt, dem Salun', wie die Pa⸗ duaner kurzweg ihren Juſtizpalaſt nach dem ungeheu⸗ ren Saale nennen, der das ganze obere Stockwerk einnimmt: die Stätte, wo ein furchtbares, unerbittlich ſtrenges Recht geſprochen wurde Bernhard's Blicke richteten ſich aber nicht auf den Steinkoloß, ſondern hielten immer den weißen Schleier feſt, der gewandt durch die vielen wandelnden Gruppen ſchlüpfte nach dem Fruchtmarkt, wo noch jetzt ſaftige Pfirſiche, ſüße Trauben ausgeboten und in den von bunten Lampen erhellten Buden Melonen ſchreiend zerlegt wurden. An der Kirchenecke, wo der Trojaner begraben liegen ſoll, den die Sage den Stifter von Padua nennt, ſtand die Dame wieder ſtill, als werde ſie unſicher, dann aber trat ſie entſchloſſen unter die nächſte Arkade und ging nun raſcher, denn die Bogengänge waren ziemlich leer. Auf einmal ſtürzte aus einer Quer⸗ ſtraße eine eilende Schaar von mehr als zehn dunk⸗ len Geſtalten und füllte, wenige Schritte vor der 185 Dame, doch ohne ſie zu beachten, den ganzen Por⸗ tikus des nächſten Hauſes. Sogleich erſcholl von fern ein donnernder Ruf, welchen jeder Paduaner, der in der Nähe war, verſtand und als Mahnung zur ei⸗ ligſten Entfernung anſah: es war der gegenſeitige Anruf der Studenten, der in der Regel zu blutigen Raufereien führte. Die Muſenſöhne der ehrwürdi⸗ gen Univerſität del Bò zu Padua waren deßhalb in ganz Italien berüchtigt und von ihrem wilden Rufe: Chi va i? Wer da? mit welchem ſie im Abenddunkel rottenweiſe durch die Arkaden ſtürmten, hießen ſie allgemein Chivalisti. Davon hatte Bernhard natürlich keine Ahnung, aber auch die verſchleierte Dame, welcher er ohne ihr Vorwiſſen Ritterpflicht gelobt hatte, ſchien keine Paduanerin zu ſein, ſonſt wäre ſie wohl wie alle, welche in der Nähe waren, ei⸗ ligſt geflüchtet; ſie ſtand nur erſchrocken ſtill, als ſie den Ruf hörte, dem die Partei dicht vor ihr eben⸗ ſo wilde Antwort gab, und erſt das gegenſeitige An⸗ ſtürmen, das gleich darauf erfolgte, mochte ihr Auf— klärung geben, daß hier ein Kampf entbrennen werde. Aber nun erſt ſchien ſie an ihre Stelle gefeſſelt— ſie lauſchte, vorwärts geneigt, ſoviel Bernhard, der ihr näher getreten war, erkennen konnte, ein wenig fuhr ſie zuſammen, als wirklich Schwertgeklirr, neue 186 tobende Stimmen und ſprühende Stahlfunken den Ausbruch des Gefechtes verkündigten, aber ſie wich nicht vom Platze. Lag ihr Weg vielleicht in jener f Richtung, oder wußte ſie einen Bekannten, einen Ge⸗ liebten vielleicht in jenem raſenden Nachtgefechte? Da plötzlich verſtummte es wie abgeſchnitten: ein dunkler Knäul von Fliehenden wälzte ſich im ſchnell⸗ ſten Lauf von dort zurück— jetzt erſt erkannte die Dame ihre Gefahr, wollte fliechen, zu ſpät! Schon ſtürzte die Menſchenwoge über ſie und brach ſich an ihr, ſie begrabend, aber nicht fortgeriſſen wurde ſie von ihr, obgleich ſie, von weiblicher Furcht übermannt, die Geiſtesgegenwart, ſelbſt die Beſinnung verloren hatte. Als dieſe ihr zurückkehrte, fand ſie ſich an der Bruſt eines fremden Mannes, der ſie mit ſtarkem Arme ſchirmend umfangen hielt; ſie wußte nicht, daß ſie unwillkürlich bei ihm Rettung geſucht hatte, ſonſt würde ſie ſich noch raſcher aus ſeinem Arm ge⸗ rafft haben. „Dank, Signor!“ ſagte ſie, kaum hörbar, mit bebender Stimme. Er war in dieſem Momente keiner italieniſchen Silbe mächtig. Sie ſah ſich zweifelnd um, es war als müſſe ſie ſich erſt beſinnen, wo ſie ſei, aber mit einemmale ſich ſtolz aufrichtend, ſprach ſie nun mit 187 feſter Stimme:„Dank, Signor! Es iſt vorüber!“ und ſetzte ihren Weg raſch fort. Da überkam ihn ein Gefühl, als drohe ihm ein unerſetzlicher Verluſt und er fand doch ein Paar gebrochene italieniſche Worte, die ihr ſeine fernere Begleitung anboten. Ein Fremder war es alſo, der neben ihr in der Kirche Santa Giuſtina gebetet hatte! Sie reichte ihm ohne alle Ziererei den Arm.—„Ich bin keine Paduanerin,“ ſagte ſie, als ſie vertrauensvoll mit ihm durch die Arkaden weiter ging.„Mein Vater iſt mit mir in Venedig geweſen, wo wir Verwandte haben, wir ſind nur dieſe Nacht in Padua— mein Vater war mit mir auf dem Prato und wollte mich an der Kirche abholen, aber ich weiß, daß er noch Geſchäfte hatte, er iſt ein Kaufmann, Signor. So ging ich allein nach unſerm Hauſe zurück, denn ich fürchte mich nicht— aber ſagt mir, was bedeutete dieſer entſetzliche Kampf in einer friedlichen Stadt? Ich glaubte ſchon, die grimmen Deutſchen ſeien heim⸗ lich eingebrochen und mordeten, wie es ihre Art iſt.“ „Da ſprecht Ihr nicht gut, Signora!“ er⸗ wiederte Bernhard, ſeinen Sprachſchatz nach Kräften muſternd und ausgebend.„Haßt Ihr die Deutſchen?“ Sicuro!“ ſagte ſie gelaſſen mit dem allzeit 188 fertigen Schlagwort der Italiener.„Gewiß! Ich haſſe ſie, ja! Ihr ſeid kein Deutſcher, Signor.“ „Doch bin ich ein Deutſcher“— gab er zur Antwort; eine weitere Erklärung über ſeine Heimath, Schleſien, ein deutſches Land, obgleich es nicht zum deutſchen Reiche gehörte, konnte er in fremder Zunge nicht zu Stande bringen. Sie lachte.„Dann haſſe ich auch Euch!“ rief ſie heiter.„Eine Ausnahme kann ich nicht machen. Dem Ritter, der mich ſicher durch die Gefahren lei⸗ tet, meinen Dank von Herzen, dem Deutſchen mei⸗ nen Haß, auch von Herzen. Scheidet das.— Dort ſeh' ich ſchon die Thüre unſers Hauſes. Dank, ſo vielen! noch einmal, und wollt Ihr mir Euren Na⸗ men ſagen, damit ich ihn behalte, wenn er nicht zu barbariſch klingt?“ Bernhard hatte ihr mit Anſtrengung gelauſcht, und ſie bei dem klaren Organe und der ſichtlichen Bemühung, dem Fremden dentlich zu ſprechen, auch dem Sinne nach ziemlich verſtanden. Er nannte ſeinen vollen Namen: Bernhard von Linden. Sie ſchüttelte den Kopf:„Bernardo, das iſt mir genug,“ ſagte ſie.„Das andere kann ich' mir nicht merken.“ — Eine kleine Pauſe machte ſie, als erwarte ſie noch etwas von ihm— er brannte vor Begier, auch 189 ihren Namen zu hören, aber zu fragen wagte er ſie nach ſeinen deutſchen Anſichten nicht, und da er in ſeiner Unbeholfenheit der Sprache ſich vergebens mühte, noch irgend ein paſſendes Wort für ſie zu finden, brach ſie kurz und ſchnell auf, ihm nur noch ein froſtiges:„Addiv, Signore!“ hinwerfend. Erſtammelte etwas, das ſie nicht mehrverſtand, denn ſie war ſchon in dem gewölbten Thorwege, vor wel⸗ chem ſie ſtehen geblieben, verſchwunden und gleich darauf hörte er auch im Innern des Hauſes laute, fröhliche Stimmen, welche ſie wahrſcheinlich begrüß— ten und nach allem fragten. Vergebens horchte er, um noch einmal aus den übrigen den klaren, etwas tiefen, aber ſeltenen Wohlklang ihrer Stimme her⸗ auszuhören, ſie entfernten ſich und verhallten. Lang⸗ ſam entfernte auch er ſich, aber er nahm das Bild der ſchönen Beterin, das Gefühl, wie ſie ſich unbe⸗ wußt Hilfe ſuchend an ſeine Bruſt geworfen und ihr angſtbewegtes Herz ſtürmiſch an dem ſeinigen ge— pocht hatte, unvergeßlich mit Einige Mühe koſtete es ihn, ſich wieder zurechtzufinden; am Eingange ſeines Albergo ſtand der Padrone, der ihm trotz des gehabten Streites die Hand bot und nach ſeinen Befehlen fragte, im Fall er wirklich morgen ſchon, wie er geäußert, aufbrechen wolle. Bernhard war 190 aber andern Sinnes geworden: dem Impulſe des Augenblicks folgend, gab er die Abreiſe, die er ſchon beſchloſſen hatte, auf. Ihn trieb ja nichts, die Herr⸗ lichteiten der Dogenſtadt, die ihn erwarteten, blieben ihm unverloren, in Padua aber hatte er ſoviel ſchönes und merkwürdiges noch nicht geſehen! Das Leben auf den Straßen war allmälig ſtil⸗ ler geworden, während es ſich auf dem Prato und außerhalb der Mauern, wo jetzt wieder volle Sicher⸗ heit herrſchte, in vollſtem Schwunge noch bis zur Mitternacht regte Bernhard hatte noch eine geraume Weile mit dem Wirth und einigen andern im Gaſt⸗ zimmer geſeſſen und ſich das nächtliche Ereigniß, den kurzen Kampf unbekannter Gegner untet den Arkaden erflären laſſen. Wahrſcheinlich war Einer dabei ge⸗ fallen, dann pflegten die Raufbolde in der Regel das Gefecht ſchnell abzubrechen und ſich durch die Flucht dem ſtrafenden Arme der Gerechtigkeit zu entziehen, nur den nächſten Freunden des Gefallenen die Sorge um ihn überlaſſend. Der Padrone hatte ſeinen Gaſt dringend eingeladen, mit ihm morgen das Univerſitätsgebäude zu beſuchen, wo er die Herren Studenten ſehen und ſich überzeugen könne, daß ſie gar ſtreitbar ſeien, auch werde ihm die Menge der Wappen, mit denen im Treppenhauſe und in den 191 Vorhallen alle Mauern bedeckt ſeien, wohl ſagen, daß hier nicht allein der Adel Italiens vertreten ſei, vielleicht könne er auch manches bekannte deutſche Wappen finden.— Gern hätte ſich Bernhard mehr Auskunft über einen andern Gegenſtand verſchafft, aber er wußte nicht einmal das Haus zu bezeichnen, in welchem die Dame, deren Bild ihn nicht verließ, wohnte, und ſie war keine Paduanerin. Von Venedig gekommen, mit ihrem Vater nur auf eine Nacht in Padua eingekehrt, morgen weiter reiſend— wohin? — Er beſchäftigte ſich noch mit ihr, als er auf ſei⸗ nem Zimmer im offenen Fenſter lag und Mandoli⸗ nenklänge, mit dem Geſange einer volltönenden Mannesſtimme abwechſelnd, aus einer Seitenſtraße zu ihm herüberſchwebten. Gab es denn kein Mittel, ſich Gewißheit zu verſchaffen? Zehntes Rapitel. Eine Italienerin. Er hatte Rath gefunden. Den Zweifel, was er daͤmit bezwecke, ob es ein lauterer Antrieb ſei, welchem er folgte, beſchwichtigte er durch Schein⸗ 192 gründe für die Berechtigung ſeines Thuns. Sie haßte die Deutſchen, er wollte ihr wenigſtens eine günſtige Meinung von deutſcher Ritterlichkeit geben. Ihn leitete ja keine freche oder tadelnswerthe Abſicht; was konnte er dabei hoffen und wünſchen? Sie reiſte ab in entgegengeſetzter Richtung, als die er morgen oder übermorgen einzuſchlagen gedachte, er ging nach Venedig, woher ſie kam, und vielleicht in einer Woche ſchon trug ihn die bemannte Galeere hinaus in die blaue adriatiſche See, um Italien ſo wenig als ſeine deutſche Heimath, wiederzuſehen. Was tonnte ihn alſo dazu bewegen, ſich der Fremden, de⸗ ren Namen er nie erfuhr, noch einmal zu nahen, als jener Gedanke zu Ehren deutſcher Nation? Noch in der Nacht hatte er dem Padrone, ehe er ſich zu Bett legte, ſeinen Wunſch, am frühſten Morgen, bald nach Sonnenaufgang, einen Spazier⸗ ritt in die Umgebungen der alten Stadt zu machen, mitgetheilt, damit er dem Stalldiener befehle, ſeinen Hengſt bereitzuhalten. Mißtrauiſch hatte der Wirth ihn angeſehen und etwas von Bezahlung fallen laſ⸗ ſen, da es doch denkbar ſei, daß ihn irgend ein Um⸗ ſtand an der Rücktehr hindere, worauf der deutſche Edelmann aufbrauſend vor der Gemeinheit, die ihm zutrane, er könne ohne zu bezahlen das weite ſuchen, 193 den Italiener damit beſchämt zu haben glaubte, daß er ihm ungezählt die Geldkatze, die er um den Leib trug, mit all' den Nöthigkeiten, welche ſie außer baarer Münze noch enthielt, in Verwahrung gab. Der Hengſt ſtand demnach, ſobald die Sonne mit ihren erſten Strahlen die Firſten der Dächer vergol⸗ dete, wohlgefüttert und geputzt unter dem Sattel, und der Padrone hatte ſich den ſüßeſten Morgen⸗ ſchlaf abgebrochen, um den ſeltenen Gaſt ausreiten zu ſehen. Er hielt ihm ſelbſt den Steigbügel, als er aufſaß, bedauerte, daß er ſeine Begleitung abge⸗ lehnt habe, da er auf ſeinem trefflichen Maulthier gewiß kein ſchlechter Kumpan geweſen wäre und ihm die ſchönſten Punkte der Gegend hätte zeigen können, und wünſchte ihm laut viel Vergnügen, in Gedan⸗ ken aber, daß ihm ein Zufall— begegnen möge, mit welchem accidente dieſe Nationalverwünſchung immer einen Unfall meint. Dann wäre der Padrone zum goldenen Stern ſein natürlicher Erbe geweſen. „Weit wird er nicht reiten,“ äußerte der Stal⸗ liere, als er ihm nachſah.„Der Hengſt geht ein klein wenig lahm.“ Das bemerkte Bernhard auch, aber es verlor ſich nach einigen Schritten und bald trat das Roß wieder mit feſtem, klingendem Huf auf die Stein⸗ 1857. VI. Heimath und Ferne J. 13 194 platten des Pflaſters, welches damals nur in den reichſten Städten zu finden war. Eine wunderbar erhöhte Stimmung hatte ſich des Reiters bemächtigt: er war nun ſeiner Sache gewiß, entgehen konnte ihm der Augenblick nicht mehr, den er ſich erſehnt und ausgemalt hatte. Vor Tagesbruch reiſte in Italien, wo das Leben ſo ſpät erwacht, wohl nie⸗ mand ab, er mußte ſie alſo noch ſehen, wenn er in der Nähe ihres Hauſes hielt, das er ſich nach der Kirchenecke, an welcher das Grab Antenor's gezeigt wird, wohlgemerkt hatte. Zu ſo früher Stunde, wo noch alle Fenſterläden geſchloſſen waren, Auf⸗ ſehen zu erregen, durfte er nicht fürchten. War er in dieſer Beziehung ſicher, daß er die Unbekannte wie⸗ derſehen werde, ſo ſtärkte es ſeine Haltung, daß er ſich klar bewußt war, was er ihr eigentlich ſagen wolle, ihr und ihrem Vater, der natürlich ihr Be⸗ gleiter auf der Reiſe war. Dort ragte die Kirche, und mitten auf der Straße hielt ein Knecht mit drei Maulthieren— Bernhard hatte die richtige Stunde wahrgenommen, und wie er freudig ſein Auge zu den Fenſtern des Hauſes erhob, ſieh! da blickte er gerade in das Ant⸗ litz, deſſen Schönheit ihn geſtern vor dem Altare Gottes wunderbar erſchreckt und zugleich bezaubert hatte. Sie 195 hatte das Fenſter geöffnet, um nach dem Himmel und der Sonne zu ſchauen, und ihr Blick ſtreifte nun auch den Reiter, der an der Kirche halten geblieben war, als er die Dame im offenen Fenſter geſehen hatte. Da machte ſie eine überraſchte Bewegung und verſchwand augenblicklich. Schon fürchtete er, da ſie ihn erkannt zu haben ſchien, daß er ſie durch ſein abſichtliches Aufſuchen verletzt habe— bei einer deutſchen Jungfrau wäre das vielleicht auch der Fall geweſen, wenn es ſo offen geſchah, als hier: die Italienerin denkt aber nicht ſo ſtreng, und er wurde auch bald von ſeiner Befürchtung befreit. Unter dem Portikus, den er von ſeinem Haltplatz nicht recht einſehen konnte, erſchienen jetzt mehrere Per⸗ ſonen; er ſah, man umarmte ſich, er hörte lau⸗ tes Reden, offenbar gab es einen Abſchied. Dann trat, wie eine Königin mit ihrem Gefolge, ſeine Dame hervor, neben ihr ein alter Mann im dunk⸗ len Kleide, das mußte ihr Vater ſein, und mit bei⸗ den noch zwei oder drei Männer, welche ihnen das Ehrengeleit bis zum Abreiten gaben; in den Fen⸗ ſtern aber zeigten ſich noch ein Paar Frauen, die einen letzten Scheidegruß hinabriefen und mit ver⸗ kehrter Hand winkten. Das alles aber kümmerte Bernhard nicht, denn er hatte klar w daß die 13 196 Dame auf ſein Herankommen wartete, ja durch ihren Blick, der ungeſcheut auf ihn gerichtet war, ihn dazu aufforderte, und ſo ſprengte er denn in ſeinem Ent— zücken darüber ſo wild heran, daß die frommen Maul⸗ thiere ſcheu zurückfuhren und den Knecht, welcher eben ſeinem alten Herrn das ſeinige vorführen wollte, beinahe umgeriſſen hätten. Dicht vor ihnen hielt er nun und grüßte. „Vater,“ ſagte das Mädchen, indem ſie die Verneigung des Reiters mit Anmuth erwiederte,„dieß iſt Signor Bernardv, der Ritter, der mich geſtern Abend beſchützt hat.“ Lebhaft wandte ſich der alte Herr zu ihm, was er ihm aber ſagte, war zu raſch und etwas dumpf, wie der echtlombardiſche Dialekt klingt, geſprochen, ſo daß Bernhard nichts davon verſtand; daß es eine Art von Anerkennung ſeines zufälligen Ritterdienſtes war, konnte er ſich denken, und in dieſem Sinne brachte er auch eine Art ablehnender Antwort zu Stande. Dann wollte er, wie er ſich wohlüberlegt und in italieniſchen Worten memorirt hatte, ſeine cortesia— und das klang echt!— auch als Deut⸗ ſcher beweiſen, aber ſie unterbrach ihn beim Anfange gleich:„Ich dachte es mir. Wir reiſen zuſammen — ſeid uns gegrüßt, Signor“ Schon hatte ſie 197 ſich mit Leichtigkeit auf ihr Maulthier geſchwungen und ein ſtrahlender Blick ihres Auges, der ihn traf, blendete ihn wie der Glanz der Sonne. Den Zu⸗ rückbleibenden noch viele freundliche Grüße, dann ſetzte ſich der kleine Zug in Bewegung und der Vater nahm vorerſt wieder Bernhard in Anſpruch. Mehr geſammelt verſtand ihn dieſer auch beſſer und konnte gelegentlich ein Wort erwiedern. Von dem geſtrigen Vorfall war natürlich die Rede, der alte Herr er⸗ klärte in ähnlicher Weiſe, wie Bernhard bereits von dem Padrone ſeines Gaſthauſes vernommen, das tolle Treiben der Studenten, das jedoch an ihm einen ſtrengern Richter fand als an dem Wirth zum goldenen Stern, welcher von der Ausgelaſſenheit rei⸗ cher Signorini manchen Vortheil zog.„In Brescia wäre dergleichen nicht möglich,“ ſagte der Alte,„wir dulden keinerlei Uebermuth, am wenigſten von bart⸗ loſen Nobili.“ Er ſchob dabei die Unterlippe herriſch über die obere und hatte nun ganz das Anſehen eines der hartnäckigen Bürger des lombardiſchen Städtebundes, an welchem einſt ſelbſt die Kraft der hohenſtaufiſchen Kaiſer ſich erſchöpft hatte. Bernhard war er vom erſten Anblick an wie das Bild eines ſolchen erſchienen.—„Ihr ſeid ein Deutſcher, wie mir meine Tochter geſagt hat,“ fuhr er dann freund⸗ 198 licher fort.„In friedlichen Geſchäften müßt Ihr reiſen, ſonſt würdet Ihr wohl nicht über Verona hinausgegangen ſein, da der Kaiſer mit unſerer Signoria noch im Kriege ſteht. Seid Ihr ein Kauf⸗ mann?“ Bernhard verneinte das, den Zweck ſeiner Reiſe, das Vorhaben, in einen geiſtlichen Ritterorden zu treten, erklärte er jedoch nicht, er fühlte eine unver⸗ ſtandene Abneigung, ſich auszuſprechen— aus wel⸗ chem Grunde? Rechenſchaft konnte er ſich darüber nicht geben.— Als er nichts weiter ſagte, aber doch nach Worten zu ſuchen ſchien, lächelte das junge Mädchen, das an ſeiner rechten Seite ritt und bis⸗ her ſchweigend zugehört hatte, und ſagte ſchalkhaft: „Laßt mich Euren Beichtiger ſein. Ihr habt eine Sünde begangen und wollt in unſerm geſegneten Lande Abſolution finden, nicht wahr? Für Eure gute That von geſtern ſollt Ihr ſie haben. Nehmt an, mein Vater, daß ich um die Geheimniſſe Signor Bernardo's weiß und verſchont ihn mit weitern Fragen, bis er mehr Italieniſch gelernt hat. Wir wollen recht viel unterwegs plaudern, das wird Euch dazu verhelfen, Herr Ritter. Im Hauſe meiner Mutter ſollt Ihr dann auch den guten Padre Lorenzo kennen lernen, 199 von dem könnt Ihr echtes Toskaniſch hören und er ſpricht auch deutſch.“ Sie nahm alſo an, er werde ſie bis in ihre Heimath begleiten, welche nach des Vaters Aeuße⸗ rung Brescia war. Wiederum Brescia— mußte er nicht glauben, daß dieſe Stadt eine verhängniß⸗ volle Bedeutung für ihn habe, da er ſchon zu Hauſe, und wie oft unterwegs, immer wieder von ihr ge⸗ hört! Da ging es ihm wie eine Quelle, die plötzlich durch Geſtein bricht und in ſilberhellem Guße fröh⸗ lich dahinrauſcht, im Geiſte auf, nicht umſonſt habe der ehrliche Herr von Haugwitz ihn angewieſen, nach Brescia zu gehen, wenn er einmal in Noth ſei, nicht umſonſt habe er ihm einen Namen genannt— und das Schickſal, das ſeine Aufmerkſamkeit immer wieder nach jener Stadt gelenkt, ſogar des unbekannten bittern Feindes Gedächtniß dazu benutzt habe, ſei nun erfüllt und Frevel würde es ſein, ſich ihm zu widerſetzen. Als könne es gar nicht anders ſein, redete er ſeine ſchöne Gefährtin in dieſem Gedanken an, und die Sprache floß ihm beſſer. „Ihr wollt mir erlauben, Euch weiter als nur eine kurze Strecke, um Euch meinen Ritterdienſt zu beweiſen, das Geleit zu geben— aber ich bin ein 200 Deutſcher und Ihr haßt die Deutſchen, Signora Fiorina.“ Sie ſah ihn befremdet an„Warum nennt Ihr mich Fiorina?“ fragte ſie ihn, ernſt werdend, mit ihrer ſchönen Altſtimme. „Ich weiß es, Ihr ſeid Fiorina Diodati und dieß iſt Euer Herr Vater Filppo— Ihr ſeid in Venedig zum Beſuch geweſen, Herr, bei Eurem Bru⸗ der Andrea, der in der Merceria wohnt—“ Mit großem Erſtaunen hatten ſich beide, welche neben ihm ritten, nach ihm gewendet und ihn an⸗ gehört, dann wechſelten Vater und Tochter einen Blick, als wollten ſie gegenſeitig Erklärung ſuchen— „Wer hat Euch das geſagt?“ fragte der Bresctaner, und Bernhard lächelte beglückt bei dieſer Beſtätigung ſeiner Annahme. „Kennt Ihr einen deutſchen Edelmann, der viel in Brescia gelebt hat und dort Signor Ermanno genannt wurde?“ entgegnete er. „Denn kenne ich allerdings,“ ſagte der Bres⸗ cianer.„Ich habe ihn wenigſtens geſehen Was iſt mit ihm?“ Nun, von dem weiß ich, daß Ihr Herr Fi⸗ lippo Diodati ſeid und dieſe Signora, Eure Tochter 201 Fiorina, in einem Kloſter erzogen— Ihr ſeht, ich bin gut unterrichtet.“ Der alte Herr griff ſich, verwundert über dieſe Zuverſicht, in den grauen Bart; ſeine Tochter aber nahm noch ernſter als bisher, das Wort:„Signor Bernardo, Ihr irrt. Wenn der deutſche Cavaliere Euch geſagt, daß ich Fiorina, und mein Vater hier Filippo Diodati ſei, ſo kennt er beide nicht. Fiorina Dio⸗ dati iſt todt und ihr Vater hat Brescia verlaſſen— an meinem Namen ſchien Euch wenig gelegen zu ſein, wie ich Urſache habe zu glauben; da Ihr mir aber einen falſchen gegeben habt, wiſſet, ich heiße Francesca, und mein Vater Marco Marani. Nun aber ſagt mir, wo man Euch ſo falſch berichtet hat? Iſt Euer Freund hier geweſen, hat er uns geſehen, und wie kann er Euch dann dieſe traurigen Namen ge⸗ ſagt haben?“ Auf dieſe natürlichen Fragen wußte Bernhard in ſeiner Verlegenheit nicht zu antworten, er gab nur zu verſtehen, daß er ſich, weil ſie von Venedig gekommen, wo Herr Filippo Diodati auch Verwandte habe, gedacht, ſie müßten die Perſonen ſein, von welchen ſein Freund ſoviel geſprochen habe— dann faßte er das Wort:„tranrig“ auf, das ihm nicht verloren gegangen war, und fragte warum? 202 Ein Blick auf den Vater ließ Francesca die Antwort, die ſie ſchon bereit hatte, ändern:„Wenn ich Euch ſagte,“ erwiederte ſie,„daß Fiorina, meine Kuſine, geſtorben, iſt das nicht traurig?“ Bernhard verneigte»ſich theilnehmend.„Sie war ſehr ſchön, wie mein Freund mir erzählte!“ „Sehr ſchön?“ entgegnete Francesca.„Eine unbedeutende farbloſe Blume, ihren Namen trug ſie mit wenig Recht. Dennoch—“ hier unterbrach ſie ihre Rede, welche weiter gehen wollte, als ihr Vater guthieß. „Und Herr Diodati hat Brescia verlaſſen?“ wandte ſich Bernhard an den alten Herrn. „Nur für eine Zeitlang, hoffen alle guten Brescia⸗ ner,“ erwiederte Marahi, ohne ſich näher auszuſprechen. Das Geſpräch verſtummte eine Weile und Bernhard, da ſie nun in das Freie gekommen waren und einen Weg in ausweichender Richtung von der großen Straße eingeſchlagen hatten, fühlte peinlich, daß es wohl an der Zeit ſei, ſich loszureißen. Das ſchweigſame, eher finſtere als freundliche Benehmen des Vaters war auch keineswegs geeignet, ihn zu längerer Begleitung aufzumuntern. Er ſuchte noch nach ſchicklichen Worten, um Abſchied zu nehmen, als Marani mit einem ſcharfen Blicke zu ihm ſprach: 203 „Wann habt Ihr das Heerlager Eures Kaiſers verlaſſen?“ „Des Kaiſers?“ wiederholte Bernhard ver⸗ wundert.„Ich habe es nie geſehen, komme von Trient herüber, habe wohl bei Brixen in Tirol ein Lager neuer Soldaten getroffen, aber die waren für franzöſiſchen Sold.“ „Ha!“ rief Marani kurz und runzelte die Stirn. „Und wenn Ihr ein Deutſcher ſeid, verzeiht mir die Frage, was ſucht Ihr im Gebiete von Venedig? Glaubt Ihr nicht, daß man Euch für einen Späher halten könne?“ „Mich?!“ entgegnete Bernhard ſtolz und ver⸗ ächtlich; da erheiterte ſich Marani's Blick ein wenig, denn er ſah zu ſcharf und beſaß zuviel Menſchen⸗ kenntniß, um nicht den echten Goldklang der Wahr⸗ heit von falſchem Metall zu unterſcheiden. „Aber von Trient nach Padua und nun wieder nach Brescia, Signor?“ ſagte er.„Verzeiht meine läſtige Neugier, aber da Ihr meiner Tochter einen ſo großen Dienſt geleiſtet habt, möchte ich Euch gern meine Dankbarkeit beweiſen und es beunruhigt mich, Euch auf gefahrvollen Wegen zu wiſſen.“ „Ich will nicht nach Brescia,“ ſprach Bernhard, 204 dem der ängſtlich geſuchte Anlaß zur Erklärung auf einmal wurde.„Richt nach Brescia, ſondern nach Venedig.“ Francesca blickte überraſcht auf und ihr Auge, welchem Bernhard wie durch magnetiſchen Zauber angezogen, begegnete, ſprach eine vorwurfsvolle Frage mit einem ſo räthſelhaften Blicke aus, daß es ihn bis ins Herz traf und tief erbeben ließ in ſüßen Schauern. „Nach Venedig!“ wiederholte Marani mit be⸗ dächtigem Tone„Dorthin, wenn Ihr nicht mächtige Gönner habt, zu gehen, laßt Euch warnen. Es kann ſein, daß vielleicht in kurzem ſich wieder freundlichere Beziehungen geſtalten— ja, ich glaube beinahe, daß —— gleichviel! Vor der Hand rathe ich Euch, nicht nach Venedig zu gehen, doch müßt Ihr freilich am beſten wiſſen, ob Ihr eine ſcharfe Wachſamkeit zu fürchten habt.“ „Was ſoll ich zu fürchten haben?“ entgegnete Bernhard.„Ich will auch in Venedig nicht bleiben — mein Weg führt weiter, über's Meer—“ Auch jetzt konnte er das Ziel ſeiner Reiſe, Rhodus, nicht ausſprechen. „Ueber's Meer?“ fragte Francesca ſanft und weich.„So wollt Ihr das ſchöne Italien ſchnell / wieder verlaſſen? Gefällt es Euch gar nicht? Oder müßt Ihr, zieht Euch eine Pflicht ſo gewaltſam hinaus in die Ferne?“ „Ich möchte ewig weilen im ſchönen Italien!“ rief Bernhard. „Ihr ſeid alſo gar nicht in unſern jetzigen böſen Händeln betheiligt?“ unterbrach ihn vorſichtig der Alte.„Habt gar keine Partei ergriffen, ſeid kein Kriegsmann, ſondern nur ein friedlicher Reiſender?“ „Mich geht der Krieg nichts an,“ erwiederte der junge Deutſche ehrlich.„Auch iſt mein Vater⸗ land nicht Reichslehn und ich bin dem Kaiſer nicht zum Dienſt verpflichtet. Gar für fremdes Geld zu dienen, wäre mir keine Freude.“ „Edle, hochherzige Geſinnung!“ rief der Bres⸗ cianer.„Dächten doch alle ſo, wahrlich der König von Frankreich würde nicht lange mehr einen Fuß in unſerm Lande haben, denn wer ſchlägt ihm ſeine Schlachten, wer gewinnt ihm die herrlichſten Städte Italiens, als Eure Landsleute, die ſtarken Deutſchen und leider auch treuloſe Ghibellinen, welche ihr Vater⸗ land um der Partei willen verrathen?“ „Wenn Ihr nicht an des Kaiſers Dienſt ge⸗ bunden ſeid, bleibt bei uns!“ ſagte Francesca mit leuchtenden Augen.„Ihr wählt eine edle Sache 206 . Sagt, was Ihr wollt, ein Krieger ſeid Ihr doch, mich werdet Ihr nicht täuſchen, und hat Euer Arm mich ſchon einmal beſchirmt, Schwert einer Tochter Italiens, die Euch den Helm zur erſten Schlacht mit Roſen ſchmücken will, mit einem Kranze der ſchönſten Roſen „Francesca!“ ſprach der Vater verweiſend, und zu Bernhard gewendet, noch ehe dieſer, hoch erglüht, den rechten Ausdruck fand, für welchen ſeine mangel⸗ hafte Sprachkenntniß zu arm war, ſagte er: ſchuldigt meine Tochter, welche in ihrer leidenſchaft⸗ lichen Vaterlandsliebe überſieht, daß die Sache, für welche ſie Euch gewinnen will, Euch eine fremde iſt, und daß Ihr mit Recht verſchmäht, um Lohn zu dienen. Bleibt dabei und laßt Euch durch keine Ver— heißung irremachen, auch wenn ſie,“ ſetzte er mit feinem Lächeln hinzu,„glänzender wäre als ein Roſenkranz von Mädchenhand.— Reiſet Ihr denn nach Venedig und habt, wie ich nun wohl glanben mag, nichts von der Staatsinquiſitivn zu fürchten, ſo könnt Ihr Euch ſelbſt überzeugen, daß ich Filippo Diodati nicht bin, wenn Ihr ſeinen Bruder Andrea, den Gold⸗ ſchmied, der allerdings in der Merceria wohnt, be⸗ ſuchen wollt: dort könnt Ihr meinen Vetter Filippo ſelbſt finden. Er hat Brescia, ſeine Vaterſtadt, nach ſo weiht nun Euer S dem Tode ſeiner Tochter verlaſſen und ſich verbannt, weil er an dem Heile unſerer Sache ganz verzweifelt. Dächten alle ſo, möchte ſie freilich verloren ſein. Aber es gibt, dem Himmel ſei Dank, noch Männer, die mit friſcher That ſie zu retten hoffen.— Da Ihr un⸗ betheiligt ſeid, könnt Ihr kein Intereſſe haben, mehr darüber zu vernehmen.“ Durch ſeine längere Rede hatte er Bernhard von ſeiner Tochter abgezogen, welche von Zeit zu Zeit ungeduldig herüberſah, und dann wieder mit dem Zügel ihres Maulthieres ſpielte, dieſem ſo em⸗ pfindlich, daß es den Kopf mehrmals zurückwarf und die bunten Quaſten des Reitzeugs ſchüttelte. Bern⸗ hard, nachdem der erſte Impuls, der ihn vielleicht zu einem unbedachten Schritte hingeriſſen hätte, mit Hilfe des Vaters abgelenkt war, fühlte ſich in einem peinlichen Zwieſpalt mit ſich ſelbſt, antworten mußte eß aber beiden, und ſo ſprach er zuerſt zu Francesca:„Euch mein Schwert zu weihen, Ma⸗ donna, wenn Ihr je ſeiner bedürfet, wird mich ſtets glücklich machen.— In dieſem Kampfe, Signor,“ richtete er dann ſein Wort an den Vater,„welcher um Venedig geführt wird, wenn ich es recht verſtehe, bin ich allerdings unbetheiligt und werde Euren Rath 208 ſtets befolgen. Ich danke Euch und Signora Fran— cesca tauſendmal für Eure Güte.“ Ein verächtliches Lächeln ſpielte um Francesca's ſchönen Mund, ſie hatte keinen Blick mehr für ihn. Der Vater aber wurde um ſo freundlicher gegen den Jüngling, ließ ſich von ihm erzählen, wie er ſeine Reiſe gemacht, forſchte ihn ſcheinbar ganz abſichtslos über die Stärke und den Zuſtand der deutſchen Trup⸗ pen aus, die er vor Briren geſehen hatte, hörte mit ungläubiger Miene, was ihm von der Beſtimmung derſelben nach dem zur Racht eingegangenen Schrei⸗ ben des Marſchalls de la Palice ohne Arg mit— getheilt wurde, und lud dann, als er nichts mehr von ihm zu erſahren wußte, Bernhard freundlich ein, mit ihm und ſeiner Tochter bis Monſelice zu reiten, wo ſie Mittag und Sieſta halten wollten, um erſt zu Abend im„ereno“ ihren Weg fottzuſetzen. Er würde ihn dann noch um eine Gefälligkeit bitten. Bernhard ſagte im voraus letztere zu. „Ihr macht aber einen weiten unnützen Weg, Signor Tedescv,“ bemerkte Francesca, das letzte Wort merklich betonend.„Es thut mir leid, daß Ihr Euch um Fremde ſo ſehr bemüht.“ Er richtete einen Blick auf ſie, wie etwa ein wehrloſer Pilger zu einem Begleiter aufſchaut, der ihn 209 plötzlich mit ſcharfen Waffen, denen er nichts entge⸗ genzuſetzen hat, anfällt. Sie erröthete und ſchwieg, ließ auch während des ganzen Rittes, der noch manche Miglie zurückzulegen hatte, nur ſelten ein Wort von ſich hören. Deſto geſprächiger war ihr Vater. Er ſchien volles Vertrauen zu dem jungen Fremden gefaßt zu haben, machte kein Geheimniß daraus, daß er die gerade Straße über Vincenza und Verona ge⸗ mieden, weil die letztere Stadt von den Kaiſerlichen beſetzt ſei und ließ ſogar manche Aeußerung fallen, welche für Bernhard, wenn er nur beſſer die Feinhei⸗ ten der italieniſchen Sprache verſtanden hätte, hin⸗ reichend geweſen wären, um zu durchſchauen, daß er nicht in Handelsangelegenheiten, ſondern in wichtiger Sendung Venedig beſucht habe. Es leuchtete durch ſeine Worte zuweilen eine unverkennbare Freudigkeit, als habe er etwas großes vollbracht.„Ihr wundert Euch vielleicht, daß ich in dieſer gefahrvollen Zeit meine Tochter mit auf die Reiſe genommen,“ ſprach er, als ſie eben über die Brücke bei Battaglia ritten, und Francesca den Namen des Fleckens bedeutungs⸗ voll verkündigt hatte.„Aber Ihr könnt ſelbſt ur⸗ theilen, ob ſie einen kriegeriſchen Sinn hat oder nicht. Zurücklaſſen konnte ich ſie nicht, wo unſere Stadt unter franzöſiſchem Joche ſchmachtet und vor Ueber⸗ 1857. VI. Heimath und Ferne. I. 14 210 muth und Gewaltthat der Seigneurs kein Menſch ſicher iſt.“ Er ſprach das Wort Seigneurs mit echt franzöſiſchem Akzent aus.„Und in Venedig zu blei⸗ ben bei den Diodati, unter dem Schutz des geflü⸗ gelten Löwen, war ſie auf keine Weiſe zu bewegen.“ „Nein, Vater Ich will— aber der Vater winkte ihr ſtrafend mit den Augen und ſie verſtummte wieder. Monſelice war endlich erreicht. Die Sonne ſtand ſchon hoch und die Hitze auf dem ſtaubigen, ſchat⸗ tenloſen Wege, der ſich zwiſchen den mit Baum⸗ reihen und Weinreben von Stamm zu Stamm einge⸗ hegten Kulturen hinſchlängelte, war drückend. Kein Menſch ließ ſich mehr auf den Feldern ſehen, auch die Häuſer des Städtchens lagen wie ausgeſtorben, als ſich die Reiſenden näherten. Marani hielt ſein Maulthier an und ſah ſich nach dem Diener um, welcher flugs vorgeritten kam.„Man muß vorſichtig ſein, äußerte der Alte gegen Bernhard und gab dann ſeinem Knecht im Volksdialekte, welcher dem Fremden ganz unverſtändlich blieb, Befehle, worauf derſelbe abſaß, ſein Thier an die nächſte Ulme band und zu Fuß in die offene Gaſſe des Städtchens ging. „Traurig und ſchmachvoll!“ rief Francesca.„Im eigenen Vaterlande den Feind zu ſuchen!“ „War es anders in Italien, ſeit Guelfen und Ghibellinen ſich bekämpft baben?“ entgegnete der Vater.„Lauerte da der Verrath nicht in jedem Hauſe, brannte die Zwietracht der Parteien nicht in jeder Stadt? Heil Venedig, daß ſie dem Grauen ein Ende gemacht hat wenigſtens auf ihrer Terra ferma! Möge ſie auch die äußeren Feinde wieder über Var und Rhöne jagen! O Freund, wenn der Kaiſer wollte! Wenn er Frieden ſchlöſſe mit uns, dem unnatürlichen Bunde mit Frankreich entſagte, abriefe ſein Kriegsvolk, das um franzöſiſches Geld unter den goldenen Lilien dient! Schon ſind auch die Schweizer zu Feinden Frankreichs geworden, der Untergang des Königs wäre gewiß und wie in alter Zeit möchte dann jenſeit des Mincio der Adler des römiſchen Reiches wieder gebieten!“— Er hatte ſich auch hin⸗ reißen laſſen, der alte ſchlaue Bürger von Brescia, ritt aber nun ſeinem Diener entgegen, der mit der be⸗ ruhigenden Meldung zurrückkam, daß in Monſelice alles ſicher ſei und die Renner der Kaiſerlichen, welche ſonſt wohl von Vicenza und Verona bis hieher geſtreift, ſich nicht mehr ſo weit wagten, ſeit ſich die Stradioten dazwiſchengeworfen. Mit dieſen leichten Reitern konnten ſich keine andern meſſen. Die Reiſe⸗ geſellſchaft zog alſo in die kleine Stadt ein, um ihre Mittagsraſt zu halten. 14* 212 — Eilftes Kapitel. Fiorina Im ſteinernen, vor dem Licht wie vor der Wärme verdunkelten Hauſe litt es Bernhard nicht; er verließ das nach dem Flur offene ſtehende Gemach, wo er nach der Mahlzeit allein geblieben war und ſuchte freie Luft. Francesca hatte ſich in die Kammer der Wir⸗ thin zurückgezogen, um ſich vom langen Ritte auf dem Lager von Reisſtroh auszuruhen. Ihr Vater, der es ausdrücklich verlangt hatte, ſaß bei dem Wirthe in der Nebenſtube und ſchrieb. Draußen fand Bernhard eine Thüre, die auf eine Freitreppe führte: ein kleiner Garten lag unter ihm, kaum dreißig Schritt im Geviert und ziem⸗ lich verwildert. Aber es gab doch unter den beiden ſchwarzen Cypreſſen, welche ihre ſpitzen Pyramiden hoch über das Dach des Hauſes erhoben, üppiges Gras, und weiter hin wucherten rothe, prächtige Blu⸗ men, die der Fremde nicht kannte— ſo ſtieg er her⸗ nieder, legte ſich auf den Raſen, wo ihn die Cypreſſen beſchatteten und ſah träumeriſch zu den Wipfeln em⸗ por, die von einem leichten Winde bewegt, ſich neigten und wieder aufrichteten; kein Schlaf kam in ſein Auge, dazu war ſeine Seele zu voll, aber er ſchloß wohl die Lider für einen Moment und es war kein Wunder, daß er im tiefen Schlummer geglaubt wurde.* Ein lindes Wehen auf ſeinem Antlitz— er ſchlug die Augen raſch auf und blickte in zwei fremde Angenſterne, die ſich über ihn geneigt hatten, ihn zu betrachten. Einen Moment nur tief in einander ver⸗ ſenkt— dann ſchnell zum Bewußtſein gekommen, beide!„Ich ſetze mich zu Euch, Bernardo,“ ſprach die klangvolle Stimme, die ihn ſtets entzückte — er hatte ſich ſchnell aufgerichtet, aber er wähnte zu träumen. „Francesca!“ ſagte er innig.„Ihr haßt mich nicht?“ „Seid ſtill. Ich habe Euch nur ein Paar Worte zu ſagen. Mit einer Lüge mag ich nicht von Euch ſcheiden— ja, ich bin Fiorina Diodati, von welcher Euer Freund zu Euch geſprochen hat, ich weiß nicht, weßhalb. Mein Vater iſt in Vene⸗ dig bei ſeinem Bruder und hat mich meinem Oheim anvertraut, Marco Marani, den Ihr bei mir ſeht, das iſt Wahrheit. Zu Hauſe liegt meine Mutter rrank— da konnt' ich nicht fern bleiben.“ „Todt ſagtet Ihr Euch, Fiorina!“ rief Bernhard, 214 von ihrem Vertrauen ſelig und tief ergriffen. Warum dieß ſchreckliche Wort?“ „Todt mußt' ich ſein— o fragt mich nicht! Das kann ich Euch nicht ſagen— einmal bin ich gerettet worden, ſonſt wäre ich eher dem Tode ver⸗ fallen, als daß ich gelebt hätte, ein Fluch meines Volkes!“ Ihr ſchwarzes Auge blitzte, ihr Antlitz wurde ſtreng und bitter, aber gleich ebneten ſich wieder die zürnenden Wellen ihrer Stirn und mit einem Blicke ſtrahlender Milde ſah ſie Bernhard in das Auge, das nicht einen Moment von thr ließ. „Ich will aber nicht von mir ſprechen, ſondern von Euch. Mein Oheim hat uns zu trennen ge⸗ glaubt, damit ich nicht reden ſollte, was ihm gefähr⸗ lich ſcheint. Ihr aber könnt kein Verräther ſein, nicht wahr, Bernardo?“ Sie reichte ihm die Hand, deren Berührung ihn durchzuckte.—„Mein Oheim ſchreibt Briefe, die er Euch mitgeben wird, da Ihr nach Venedig geht, einen an meinen Vater und den andern an den Feldherrn Andrea Gritti, der uns mit einer ſchnellen Schaar heimlich, ehe es der Feind ahnt, zu Hilfe kommen ſoll, um Bresecia zu befreien. Das hat mein Oheim mit den Herren im Palazzo ducale verabredet, deßhalb iſt er nach Venedig ge⸗ kommen auf Gefahr ſeines Lebens, wenn ihn die —————— 245 Franzoſen aufſpürten— ſeht, ich vertraue Euch alles, Bernardo, Ihr werdet Fiorina nicht verrathen. Nun hört weiter. Ihr habt erzählt von deutſchen Kriegern, die aus Tirol kommen, von neuen Anſchlä⸗ gen— das ſchreibt mein Oheim dem Gritti, damit er Fleiß und Eile verwende, und Ihr ſollt den Brief überbringen. Ein gefährlicher Auftrag jetzt, wo Ihr leicht mit ſtreifenden Feinden zuſammentreffen könnt — darum, Bernardo, lehnt ihn ab. Wenn Ihr in Feindes Hand fallet, und ſie finden die Briefe bei Euch, ſeid Ihr verloren und auch unſer Geheimniß iſt verrathen; ich habe vergebens meinem Oheim Vorſtellungen gemacht, er ſpottet meiner Frauenfurcht und will nichts hören. So nehmt Ihr denn meine Warnung an, verweigert den Dienſt!“ „Ich habe ein Verſprechen gegeben, und breche das nie,“ erwiederte Bernhard.„Euer Geheimniß ſoll aber auch ſicher ſein, ich habe gute Augen, die Ge⸗ fahr von weitem zu erkennen, und mein Pferd iſt ſchnell wie ein Vogel. Würde ich aber auch gefan⸗ gen, ſo vernichte ich die Briefe, ehe ich ſie mir neh⸗ men laſſe.“ „Glaubt Ihr, daß ich nur das Geheimniß, nicht auch Euch bedenke?“ ſagte Fiorina wieder mit dem 216 Blicke, der all' ſeine Pulſe branden ließ.„Nehmt die Briefe nicht an!“ „Ich kann mein Wort nicht brechen,“ ver⸗ ſetzte er.„Ihr haßt die Deutſchen, aber ihre Treue ſollt Ihr ehren.“ „Treue, wahrhaftig!“ wiederholte ſie.„Das weiß ich.“ Sie ſchwieg und zerpflückte gedankenvoll die Blumen im Graſe. Nach einer Weile begann Bernhard:„Ich er⸗ ſcheine Euch roh und ohne alle Sitte, nicht wahr, daß ich Euch nicht geloben konnte, was gegen meine Ueberzeugung war.“ „O ſchweigt davon!“ unterbrach ſie ihn.„Das habe ich ſchon wieder vergeſſen. Es war thöricht von mir.“ Sie ſtand auf und Bernhard ſah mit einer Bitte, die nur ſein Auge auszudrücken wagte, zu ihr empor. Aber ſo wohl er auch verſtanden wurde, ſprach ſie doch:„Lebt wohl, Bernardo. Seid glück⸗ lich und zufrieden.“ „O bleibt noch!“ fand er den Muth zu ſagen und reichte ihr, ſich ebenfalls erhebend, die Hand. Sie legte unbedenklich die ihrige hinein.„Wir ſcheiden auf immer,“ ſagte ſie weich,„warum alſo noch länger verweilen? Kehrt Ihr aber doch einſt zurück und kommt nach Brescia, ſo erinnert Euch an 217 Fiorina und fragt, ob ſie noch lebt und was aus ihr geworden iſt.“ Raſch zog ſie jetzt ihre Hand zurück, ſah ſtolz auf und kam dem Ausbruch ſeiner Aufwallung zuvor:„Nicht um den höchſten Preis wünſchte ich, daß Ihr Eure Vorſätze ändern möch⸗ tet! Ich würde kein Wort, kein Verſprechen von Euch annehmen! Geht mit Gott, Signor Bernardo, und ſagt meinem Vater, daß er um Fiorina nicht ſorgen ſoll, ſie bewahre ſeine letzte Gabe treu auf ihrem Herzen!“ Ihre Rechte zuckte dorthin und zwiſchen den Falten ihres weißen Buſentuchs traf ein Stahl⸗ blitz das Auge des Jünglings. Ehe er noch dem Lebewohl, das er ihr bebend ſagte, ein Wort hinzufügen konnte, war ſie die Frei⸗ treppe raſch hinaufgeſchwebt— ſie wandte ſich nicht mehr nach ihm zurück, ſondern verſchwand im dunk⸗ len Flur des Hauſes. Auch ſah er ſie nicht wieder. Marani erſchien gleich darauf mit ſeinen beiden Brie⸗ fen, kam zu ihm herab und übergab ſie ihm mit der Bitte, ſie freundlichſt in Venedig abzugeben: den kleinern, wie die Aufſchrift beſage, an ſeinen Vetter Filippo Diodati, deſſen Aufenthalt er ja wiſſe, den größern, ſorgfältiger mit Seidenfaden und Siegel verſchloſſenen, an den Feldherrn der Republik, Herrn Andrea Gritti, den er im Dogenpalaſt bei 218 der Wache der Arſenalotti erfragen könne: da werde man ihn bereitwillig führen. Er fügte noch viele mündliche Erörterungen hinzu und lud ihn dann ein, da die ſchrägern Sonnenſtrahlen den Aufenthalt im Garten ſchon zu ſtören begannen, mit ihm im kühlen Zimmer noch einen Becher Vino ſanto zu trinken, bis die Abendfriſche eingetreten, wo ſie, leider in entgegengeſetzter Richtung, noch eine Strecke Weges zurücklegen könnten. Wunderbar, wie die Saiten der Erinnerung oft vom geringfügigen Anlaß erklingen! Wem iſt es nicht begegnet, wenn er nach langer Zeit auf eine be⸗ ſtimmte Stelle zurückkehrt, die er früher beſucht, ſei es im einſamen Walde oder im lauten Geräuſch der Reſidenz, daß ihm Gedanken, die er damals an dem⸗ ſelben Orte gehegt, ein Lied, das er geſungen, Worte, die er zu Freunden geſagt, in hellſter Erin⸗ nerung plötzlich wieder einfallen, als hätten ſie, die er längſt vergeſſen, in ſeiner Seele nur geſchlum⸗ mert, bis ſie geweckt würden? So erging es Bern⸗ hard, als der Kaufmann aus Brescia das Wort Vino ſanto ausſprach. Es zauberte ihm, wie durch einen zündenden Blitz, das Bild ſeiner Lieben in der Hei⸗ math vor, wie ſie unter der Linde, dem uralten Wahr⸗ zeichen ſeines Hauſes, vereinigt, den Erzählungen 219 des weitgereiſten Mannes lauſchen, der ihnen die Wunder Italiens, ſeine Schönheiten und Genüſſe ſchildert. Er hörte den gemüthlichen Haugwitz den Vino ſanto preiſen, deſſen Namen er zuerſt aus ſei⸗ nem Munde vernommen, er ſah die theuren Eltern neben ihm, den ehrwürdigen Greis, der aus ſeinem reichen Leben wohl andere und wichtigere Dinge zu berichten hatte, er ſah das ſtille Antlitz ſeiner Schwe⸗ ſter und— an ihrer Seite ein Engelsangeſicht, vom goldenen Haar umwallt, wie von einem Heiligenſcheine, das tiefblaue Auge antheilsvoll auf den Erzähler gerichtet, der ihr eine unbekannte Welt erſchloß. „Ich danke Euch, Herr Marani,“ ſagte Bern⸗ hard mit ſeltſam bewegter Stimme.„Vergönnt mir, ohne längeres Säumen aufzubrechen. Eure Briefe werde ich treulich beſtellen.— Sagt Signora Fio⸗ rina mein Lebewohl, auch ihren Gruß an den Vater will ich ſorgſam ausrichten.“ Marani ſah ihn lächelnd an:„Ihr könnt Euren Irrthum noch immer nicht überwinden: meine Tochter heißt Francesca, lieber Herr, und Filippo's Tochter Fiorina iſt todt.“ „Laßt uns nicht unwahr von einander ſcheiden,“ bat Bernhard.„Fiorina hat mir ſelbſt alles ge⸗ ſagt, bei mir iſt das Geheimniß ganz ſicher.“ 220 „Hat ſie Euch alles geſagt!“ rief Marani mit blitzenden Augen.„Bei Gott, das Mädchen hat eine ſtarke Seele, und ich glaube, wenn ihr die Gefahr noch einmal nahen ſollte, würde ſie keine Rückſicht auf königliches Geblüt nehmen, ſondern ſterben vielleicht, aber nicht allein.“ „Königliches Geblüt?“ fragte Bernhard ver⸗ wundert. „Ja wohl. Er iſt ein leiblicher Neffe des Kö⸗ nigs, und manche hohe Dame aus den vornehmſten Geſchlechtern Italiens würde ſtolz geweſen ſein, das Auge Gaſton's de Foix, Herzogs von Nemours, Statthalters der Lombardei, auf ſich zu ziehen, auch wenn er nicht ein junger, bildſchöner Mann wäre! Nicht ſo die Bürgerstochter, meine Nichte, auf welche wir ſtolz ſein können, wir, die echten Männer von Brescia. Sie hat Euch gewiß nicht alles erzählt — dazu iſt ſie zu beſcheiden; aber da Ihr doch die Hauptſache wißt, ſollt Ihr auch erfahren, welch' eine Perle dieß Kind iſt: die heilige Jungfrau möge immerdar ihr Schutz bleiben! Seit dem Unglücks⸗ tage in der Ghiarra d'Adda, wo die Schlacht bei Agnadello verloren ging, hatten wir auch die Fran⸗ zoſen bei uns, und mit dem damaligen Statthalter, dem Chaumont, ritt eines Tages auch der junge — Prinz, der unter ihm diente, in Brescia ein. Da mußten die reichſten Bürger den franzöſiſchen Herren Quartier geben und auch zu meinem Schwager Fi⸗ lippo legte ſich ein alter Edelmann ein, bei welchem oft Verſammlung der Hauptleute war. Wie es zu⸗ gegangen, daß der Prinz, welcher immer dazu kam, die Fiorina erblickt, weiß ich nicht, aber natürlich wird es Euch ſein, da Ihr ſie kennt, daß er ihre Schönheit bewunderte und ſeit der Stunde alles daranſetzte, ſie wiederzuſehen. Nicht wahr, Si⸗ gnor, jede andere wäre einem ſolchen Liebhaber ent⸗ gegengekommen? Ihr ſchüttelt den Kopf vor Er⸗ ſtaunen, ganz recht. Fiorina widerſtand jeder Ver⸗ ſuchung, und als gar freche Geſellen, die ſich dem Prinzen beliebt machen wollten, eines Tages ſie mit Gewalt zu entführen verſuchten, was jedoch durch das Dazwiſchentreten— gleichviel, weſſen!— miß⸗ lang, da war ihres Bleibens nicht mehr in Brescia; der Prinz, welcher von dem Anfall gehört, ließ zwar durch einen angeſehenen Ritter, der weitberühmt in ganz Italien iſt, mit Namen Bayard, feierlich dem Vater Fiorina's verſichern, daß jene That ohne ſein Vorwiſſen geſchehen und von ihm höchlich miß⸗ billigt werde, daß er ſelbſt, nur hingeriſſen von der Schönheit der Jungfrau, ihr ſeine reine Huldigung 222 habe bringen wollen und ihre Ruhe fortan achten werde, aber wer mochte ihm trauen?“ „Dem Fürſten, dem Ritter?“ entgegnete Bern⸗ hard, welchen die letzte Wendung lebhaft für den Prinzen intereſſirt hatte. Marani machte eine jener ausdrucksvollen Ge⸗ berden, an denen der Italiener ſo reich iſt.„Ihr ſeid noch ſehr jung, Signor,“ erwiederte er;„habt wohl nicht viel mit Menſchen verkehrt und glaubt Euch ſelbſt ſicherer, als Ihr ſeid. Traue niemand! iſt ein weiſer Spruch. Sich ſelbſt am wenigſten kann man trauen. Ich glaube wenigſtens, daß meine Nichte deßhalb Brescia mit ihrem Vater verließ und ich ausſprengen mußte, ſie ſei in Venedig geſtorben. Der Prinz ſoll um ſie getrauert haben, erzählten ſich die Leute; aber ſeitdem iſt er getröſtet, hat ſeine Liebe einer vornehmen Dame zugewendet, mit der er ſich künftig zu vermählen gedenkt, wie ich höre, und reitet ihr zu Ehre mit einem ſchönen Wahlſpruch und— denkt Euch den Wahnſinn!— ohne Harniſch in jede Schlacht.“ „Das iſtritterlich, bewundernswerth!“ rief Bern⸗ hard.„Ich möchte den jungen Helden kennen lernen!“ Der Brescianer lächelte ſpöttiſch, hielt aber für gut, ſeinem Gedanken keine Worte zu geben.—„Ihr 223 wißt nun alles,“ ſag te er.„Der Prinz iſt in Mai⸗ land, aber wir haben noch immer franzöſiſche Gäſte und dieſe hauſen ſchlimmer, als da ſie noch einige Rückſicht zu nehmen hatten. So iſt es für meine Nichte allerdings gefährlich, nach Hauſe zu kommen, aber die Krankheit ihrer Mutter ließ ſie nicht zurück⸗ bleiben.“ „Dafür wird ſie auch der Engel des Herrn ſchützen!“ erwiederte Bernhard. Dann nahm er Ab⸗ ſchied von dem Alten, rüſtete ſelbſt ſein Pferd und ritt aus dem Thorweg, ohne Fiorina wiederzuſehen. Sie wußte wohl, daß er hinwegzog, ſie lauſchte auch hinter dem Gitter des Fenſters und war einen Moment in Verſuchung, ihm noch einen Scheidegruß zu ſagen und zum Andenken ein Pfand ihres Dankes zu geben, wär's auch das erſte beſte geweſen, einer ihrer duf⸗ tenden Handſchuhe oder die Spange aus werthvollen Muſcheln in Gold gefaßt, ein venetianiſches Kunſt⸗ werk ihres Oheims Andrea— doch beſann ſie ſich und zürnend über ſich ſelbſt, zog ſie ihre feinen hochgewölbten Brauen zuſammen:„Du biſt eine Schlange, Fiorina!“ ſprach ſie für ſich. Der Abend war von entzückender Schönheit. Auf den Zinnen des hochgelegenen Schloſſes brann⸗ ten die goldenen Lichter der untergehenden Sonne: 224 Bernhard's Blicke ruhten im Vorüberreiten mit leb⸗ haftem Antheil auf der Feſte, welche vorzwei Jahren, wie ihm Marani erzählt, von den Kaiſerlichen mit Sturm genommen worden war, obgleich man ſie bei der Steilheit der Höhe für unbezwinglich gehalten hatte, weil ſich droben eine Hochfläche des fruchtbar⸗ ſten Landes findet, ſo daß auch keine Aushungerung möglich iſt. Nur durch eine Liſt war der Sturm ge⸗ lungen; die Gräuel, welche dabei vorgefallen ſein ſollten, glaubte Bernhard nicht. Deutſche Ritter ſollten viel edle Frauen, die ihnen in die Hände gerathen waren, im Lager öffentlich feilgeboten und verkauft haben! Schändliche Beſchuldigung! Leider war ſie jedoch nicht ganz unbegründet, nur das hatte Marani vergeſſen zu berichten, daß der edle Kaiſer Mar im gerechten Zorne jedem, auch dem vornehmſten, mit dem Strange gedroht, der gefangene Frauen zurück⸗ halte und nicht ohne Löſegeld in Ehren ziehen laſſe, wodurch dem Unweſen der verwilderten Krieger ſogleich ein Ende gemacht worden war. Die Sonne ſank, friſchere Lüfte wehten über die Flur. Noch lag die Ferne in klarer Beleuchtung, die verſtreuten Dörfer und Flecken, die hohen Kirch⸗ thürme belebten das grüne ſchimmernde Landſchafts⸗ bild. Bernhard ritt im ſcharfen Trabe den Weg nach dem Bacchiglione zurück, ſein Auge ſchweifte wohl über die Gegend hin, doch was er ſah, kam ihm nicht recht zum Bewußtſein, da er mit den in⸗ nern Bildern, die in ihm rege geworden, beſchäftigt war. Ein Gefühl, wie Heimweh, überkam ihn zum erſtenmale, aber es rang in einem räthſelhaften Kampfe mit einem andern, das er nicht verſtand, es war eine Sehnſucht, die ſich nicht an das Bild ſeiner Heimath knüpfte! Plötzlich weckte ihn wiederum, wie damals im Alpenthale das freudige Wiehern ſeines Pferdes aus der weichen Stimmung— er blickte hinaus in die Richtung, nach welcher ſein Roß drängte. Dort kam, noch erkennbar im Abendſcheine, eine Rei⸗ terſchaar dahergeſprengt, nicht in Stahl gekleidet, wie die Reiſigen aller Heere, oder'in die gewohnte ſchmuckloſe Tracht der ſogenannten„ringen Pferde, ſondern in leuchtenden Farben prangend, vorherr⸗ ſchend Roth, daß es ausſah wie ein glühender Feuer⸗ ball, der durch das grüne Feld heranſchoß. Stradioten! Bernhard kannte ſie nicht, hatte ſie nie geſehen, aber nach der Beſchreibung konnten es nur die gefürchteten illyriſchen Reiter ſein! Er war vor ihnen gewarnt, er hätte volle Zeit gehabt, ihnen auszuweichen oder zu entkommen— ſeine erſte Re⸗ gung war auch, den Hengſt zu wenden und zu vollem 1857. VI. Heimath und Ferne J. 15 226 Laufe zu ſpornen, aber heiß überlief ihn die Scham fliehen, wo die erſte Gefahr auf ſeiner ganzen Reiſe, ſeit er die Heimath verlaſſen hatte, ſich ihm nahte? Was hatte er auch zu fürchten, da er auf dem Ge⸗ biete, im Bereiche der Waffen Venedigs friedlich zog, ja ſelbſt im Dienſte Venedigs, wenn er des Schrei⸗ bens gedachte, das er an den Gritti auf der Bruſt trug? Er gab alſo, der Regung folgend, die nur zu ſehr der kalten Vernunft widerſprach, dem Pferde, das ſeinen Stammgenoſſen— auch das fiel Bernhard ein!— entgegenſtrebte, volle Zügelfreiheit und nie hatte der ſchwarze Hengſt ein ſolches Feuer, eine ſolche Kraft ſeiner Sehnen gezeigt, als in dieſem kurzen Laufe. Den fremden Kriegern mochte dieß Entgegen⸗ jagen imponiren, da es von einer furchtloſen Zuver⸗ ſicht zeugte, ſie machten plötzlich Halt und nur zwei kamen im mäßigen Galopp auf Bernhard zu. Der eine war offenbar der Häuptling der Schaar, das be⸗ wies die Pracht ſeiner Kleidung, der ſtolze Reiher⸗ buſch, der auf ſeinem Turban prangte— wahrhaf⸗ tig, einen Turban trug er, wie Bernhard's Groß⸗ vater die Krieger des Halbmonds geſchildert, die er ſo oft unter dem gewaltigen Matthias Corvinus be kämpft hatte! Mit dem Häuptlinge ritt ein kleiner, ſchwärzlicher Mann in dunkler Kleidung vor, der, ſobald er ſich verſtändlich machen konnte, in italie⸗ niſcher Sprache einen Anruf hören ließ. Bernhard be⸗ antwortete ihn durch das gewöhnliche; gut Freund! Der Orientale verhielt ſein Pferd und ließ ihn heran⸗ kommen, dann grüßte er würdevoll und ſagte ein Paar Worte in fremder Mundart zu ſeinem kleinen Begleiter, der offenbar ſein Dolmetſch war.„Was Ihr bringt, will der Aga wiſſen,“ erklärte er, und als Bernhard kaum ein Paar Worte begonnen, unter⸗ brach er ihn höflich in deutſcher Sprache, ſo daß jener freudig aufſah:„Ihr werdet beſſer thun, deutſch zu reden,“ ſagte er.„Ich bin ein Armenier, aber ver⸗ ſtehe auch deutſch.“ Da gab denn Bernhard Beſcheid und der Dolmetſch überſetzte es dem Häuptling, der mit Ruhe den Vortrag anhörte, und ſeine Antwort wiederum dem Fremden ſagen ließ. „Die Straße nach Venedig iſt ſicher; wenn Ihr aber eine Botſchaft habt, will ſie der Aga durch einen ſeiner ſchnellſten Renner beſtellen laſſen.— Ihr könnt ihm ſicher trauen,“ ſetzte der Dolmetſch hinzu. „Dieſe Ungläubigen beſchämen leider unſere chriſt⸗ lichen Streiter an Gewiſſenhaftigkeit.“ „Sind das nicht Stradioten?“ fragte Bernhard verwundert. 152 228 „Dann würdet Ihr ſchon ausgeplündert und vorzüglich Eures guten Roſſes beraubt ſein!“ er⸗ wiederte der Dolmetſch lachend—„Dieſe guten Reiter ſind echte Türken, oder wie ſie ſich lieber nennen hören, Osmanli. Unſere Stradioten mögen ebenſo tapfer, ebenſo ſchnell ſein, aber Gott bewahre Euch vor ihnen!— Wollt Ihr dem Aga Eure Briefe an⸗ vertrauen?“— Bernhard lehnte das ab, worauf der Aga fragen ließ, was er eigentlich gewollt, daß er zu ihm herangeſprengt ſei— die Antwort, daß er ſo berühmte Krieger habe ſehen wollen, ſchien ihm zu gefallen; er nickte Bernhard freundlich zu und wandte ſein Pferd wieder zu den Seinigen zurück. Der Dolmetſch gab dem jungen Deutſchen noch den Rath, hinter Ponte di Brenta vorſichtig zu ſein, weil dort die Albaneſen oder Stradioten, wie ſie meiſt heißen, auf Streifzügen gegen Verona hin zu⸗ weilen erſchienen und ritt dann ſeinem Häuptlinge nach. Da koſtete es Bernhard einen heftigen Kampf mit ſeinem Hengſte, der durchaus dem Türken fol⸗ gen wollte, ſich wüthend bäumte und tolle Sprünge machte, aber der Reiter zwang ihn und erntete da⸗ für ein lautes Beifallsgeſchrei der Osmanen, welches hinter ihm her ſchallte, als er ſeinen Weg fortſetzen konnte. ——————— ——— N — Zwölftes Rapitel. Das Geheimniß ⸗ Eine herbe Prüfung des Schickſals harrte des Argloſen in Padua. Der Wirth zum goldenen Stern, der ihn hatte kommen ſehen, war fluchend in die Hausthüre getreten, glättete aber ſchnell ſein Ange⸗ ſicht, daß es glänzte wie der junge Morgen, der noch nicht lange angebrochen war. Er ging dem Deutſchen entgegen, freute ſich, daß er wieder ſein ſchlechtes Haus beehren wolle, bedauerte aber, daß er heut auch nicht den kleinſten Winkel frei habe, um ihn aufnehmen zu können: hätte er gewußt, daß Illuſtriſſimv zurückkehren werde, ſo würde er ihm die ſchönſten Zimmer aufbewahrt haben. „Wie, Herr Wirth?“ entgegnete Bernhard er⸗ ſtaunt.„Habe ich Euch nicht geſagt— „Kein Wort!“ betheuerte der Mann und ſchnitt die ehrbarſte Fratze. „Aber ich habe Euch doch ein Pfand gegeben? Wie ſollt' ich wieder dazu gelangen?“ „Ein Pfand, mir?“ entgegnete der Wirth, ſich aufſpreizend. ———— 230 „Habt Ihr's vergeſſen?“ lachte Bernhard. „Den Leibgurt mit meinem Geldes“ Sprachlos ſtarrte ihn der Wirth an— dann aber Mach er los mit einer Wuth und Zungenläu⸗ figkeit, von welcher ſich nur derjenige einen Begriff machen kann, der einen Italiener in ſolcher Aufre⸗ gung geſehen hat. Kein Wort verſtand Bernhard von der Flut von Zornreden und Drohungen, die auf ihn einſtürzte; auf das Geſchrei liefen die Men⸗ ſchen auf der Straße zuſammen, fragten und ſchrieen mit, allgemein Partei für den Wirth nehmend, den ein hergelaufener Landſtreicher zum Schelm und Diebe anvertrauten Geldes machen wollte.—„Zum Salun' mit ihm! Zum Richter! giustizia in palazzo!“ tönte der Wahlſpruch der venetianiſchen Herrſchaft, der wie ein Köder in Allerwelts Munde war. Schon faßten freche Fäuſte nach ſeinem Zügel, aber der Hengſt, der ſolches von Fremden nie duldete, ſtieg in die Höhe und hieb mit den Vorderfüßen, da prellten die Angreifer aus einander, doch nur, um von der Seite den Reiter bei den Schenkeln zu packen und vom Pferde reißen zu wollen. Er zog ſein Schwert: der erſte, der ihn zu berühren gewagt, taumelte ſcharfgetroffen zurück und in demſelben Moment theilte ein rieſenſtarker Mann die Menge, 231 warf die nächſten zur Seite und machte Bernhard freien Raum. „Reitet, Landsmann!“ rief er ihm auf deutſch zu.„Vor dem Thore erwartet mich.“ Bernhard befolgte den Rath, niemand hielt ihn auf, die allgemeine Entrüſtung hatte ſich gegen den unberufenen Einmiſcher gewendet, aber ſie be⸗ gnügte ſich mit Schimpfwörtern und Drohungen; die Rieſengröße des Mannes, der wie ein Thurm über alle Köpfe ragte, und ſeine Kraft, die ſie kann⸗ ten, denn er war nicht zum erſtenmale hier, hielten die Menge ab, etwas thätliches gegen ihn zu unter⸗ nehmen. Ja, ein Prokurator von San Marco, der in Staatsgeſchäften der Signoria hier war und aus dem Fenſter den ganzen Auftritt mit angeſehen hatte, erſchien in der Thüre und beſchwichtigte durch ſein Anſehen den Tumult, während der Mann, dem er galt, ſich langſam und unangefochten entfernte. Dem Wirthe, der ſich unterwürfig mit ſeiner Klage dem Nobile nahte, warf dieſer einen vernichtenden Blick zu und winkte einem ſeiner Begleiter, welchem er heimlich Befehle gab, worauf dieſer ungeſäumt die nächſte Seitengaſſe einſchlug. Bernhard hatte das Thor erreicht, aber er war zu empört über das unerhörte, das ihm begegnet 232 war, als daß er der Mahnung des Unbekannten, der ihm zu Hilfe gekommen war, für den Augen⸗ blick hätte gedenken können. Erſt, als er in die freie Natur, zwiſchen die grünen Laubwälle der Wein⸗ reben gelangt war, kam er wieder zur Beſinnung und hielt an, um den Fremden zu erwarten. Er ſprang vom Pferde und ſuchte ſein aufgeregtes Blut durch vernünftige Vorſtellungen zu beſchwichtigen. Es war doch nicht möglich, daß ihm der Mann, dem er auf Treu und Glauben ſein Eigenthum anvertraut, im Ernſt dasſelbe abläugnen konnte! Vielleicht hatte ihn nur das Erinnern auf öffentlicher Straße verdroſſen, wer weiß, ob er ſich nicht einen bloßen Spaß ma chen wollen, die Italiener lieben dergleichen; jeden⸗ falls war es ja leicht, vor dem Richter, wenn er es darauf ankommen ließ, ſein Recht zu erlangen, da der Wirth doch unmöglich den Empfang abſchwören konnte In ſolchen Gedanken allmälig Beruhigung findend, hatte ſich Bernhard neben ſeinem Pferde, das er am Zügel hielt, auf einen Stein am Wege geſetzt; er mußte jedoch eine geraume Zeit warten, ehe der Landsmann— als ſolcher hatte er ſich ihm ange⸗ kündigt— zwiſchen den Bäumen daherkam. Wahr⸗ lich, eine achtunggebietende Erſcheinung! Bernhard erinnerte ſich nicht, einen Mann von ſo hohem und herrlichem Wuchſe geſehen zu haben. Er kam gemeſ⸗ ſenen, ſtattlichen Schrittes gegangen; als er dem Sitzenden auf geringe Entfernung nahe gekommen, wo er ſein erſt unter dem Laubgehäng anſichtig werden konnte, blieb er plötzlich, gleichſam betroffen, ſtehen und näherte ſich dann raſcher. Bernhard ging ihm, das Pferd hinter ſich führend, entgegen. „Habt Dank, Landsmann!“ rief er ihm zu, ſich derſelben Anrede bedienend. Der andere ſah ihm mit einem langen, for⸗ ſchenden Blicke ins Antlitz und ehe er ein Wort ſagte, hatte Bernhard Zeit, auch ſeine Züge aufmerk⸗ ſam zu betrachten. Sie waren ſo ausdrucksvoll in ihrer gereiften männlichen Schönheit, daß, wer ſie einmal geſehen, ſie wohl nimmer vergeſſen konnte. Eine gewiſſe Bewegung machte ſich in ihnen bemerk⸗ lich und nur ein ſo unbefangenes Gemüth als Bernhard's, konnte nicht erkennen, daß dieſe Bewe⸗ gung ſich ſteigerte, je mehr er im Antlitze des Jüng⸗ lings die wunderbare Beſtätigung der erſten, flüch⸗ tig aufblitzenden Idee fand, die ſeinen Fuß einen Moment an die Stelle gebannt hatte. Endlich faßte er ſich, reichte Bernhard die Hand und ſagte lächelnd: „Was iſt Euch denn geſchehen? Ich ſah Euch halten wie einen Eber, von einer Meute kläffender Rüden 234 angefallen, hörte Euch ein deutſches: Herr Gott! ausrufen und machte Euch eine Gaſſe— Dank ver⸗ diene ich darum nicht. Aber ſagt mir, was wollten ſie von Euch?“ Bernhard erzählte mit neu auſſteigender Ent⸗ rüſtung, was ihm geſchehen war und daß er nicht geſonnen ſei, dem Schurken nachzugeben, wenn er auch für den Augenblick dem Pöbel, gegen den ein einzelner Mann nur Schimpf und Schande davon⸗ tragen könne, ausgewichen ſei. Der Fremde ſchien auf jedes Wort, ja auf den Klang ſeines Dialektes aufmerkſam zu lauſchen, er ſchwieg noch eine Minute, als Bernhard ſchon geendigt hatte und ihn fragend anſah, was er zu dieſer Schändlichkeit ſagen werde, dann ſchüttelte er den Kopf und ſprach:„Ihr kennt dieß Volk nicht. Habt Ihr einen Empfangſchein? Oder wenigſtens einen Zeugen, in deſſen Gegenwart Ihr dem Wirthe Euer Pfand übergeben habt?“ Bernhard mußte beides verneinen. „Dann ſteht Eure Sache ſchlecht,“ verſetzte der Fremde,„und ich kann Euch nur rathen, den Ver⸗ luſt zu verſchmerzen. Bedenkt ſelbſt, welcher Richter könnte Eure Klage annehmen, und den Wirth ver⸗ urtheilen, wenn Ihr gas keine Beweiſe vorzubringen habt als Eure bloße Behauptung?“ „Aber der Menſch wird doch nicht einen Mein— eid auf ſeine Seele laden?“ rief Bernhard. „Das weiß ich nicht,“ erwiederte der Fremde. „Ich kenne auch den Rechtsgang nicht, aber Ihr ſeid ein Fremder, und verſteht vielleicht nicht einmal die Sprache? Wenig? O dann gebt Euren Handel auf, der ſich in endloſe Länge ſchleppen und Euch vielleicht ſelbſt in Gefahr bringen könnte War es viel?“ „Mein alles!“ ſagte Bernhard unmuthig. „Das iſt ſchlimm!— Habt Ihr Bekannte hier zu Lande, an welche Ihr Euch in Eurer Verlegen⸗ heit wenden könntet? Ich ſelbſt,“ ſetzte er hinzu, gleichſam zur Entſchuldigung,„habe nicht genug, Euch, wie es ſcheint, zu einer weiten Reiſe fortzu⸗ helfen.“ „Ich danke Euch nochmals,“ erwiederte Bern⸗ hard.„Allerdings hat mir ein alter Freund mei— nes Vaters für den Fall der Noth einen Mann ge⸗ nannt, der mir helfen würde und der Zufall fügt es, daß er gerade in Venedig anweſend iſt, wo ich doch morgen bei guter Zeit hingelangen kann, nicht wahr?“ „Zehn Stunden Weges von hier. Wollt Ihr nach Venedig, ſo rathe ich Euch, mit Eurem Pferde, 236 wenn Ihr es nicht mit hinübernehmt, vorſichtiger zu ſein als mit Eurem Gelde. Verkauft es unter⸗ wegs und geht zu Fuß wie ich. Doch ich miſche mich in Eure Angelegenheiten. Warum ich Euch bat, hier auf mich zu warten iſt, daß ich wiſſen wollte, ob ich Euch vielleicht noch einen Dienſt leiſten könnte, denn ein Landsmann muß dem andern helfen; ich glaubte, daß wir vielleicht einen Weg hätten, und zwei ſchlagen ſich beſſer durch. Das iſt nun nicht der Fall.“ „Wohin gedenkt Ihr zu ziehen?“ fragte Bernhard „Zu deutſchen Fahnen,“ erwiederte der andere, indem er frei und ſtolz aufſah.„Dort hinaus!“ Er zeigte nach der Richtung, wo die Kette der Alpen, von hier freilich nicht ſichtbar, den Grenzwall Ita⸗ liens bildet.„Ihr wundert Euch, mich dann hier zu ſehen, mitten im Lande des Feindes, den unſere Brüder ſowohl im Heere des Kaiſers, als dem des Königs von Frankreich bekämpfen. Wiſſet, daß ich eine Weile frei von jeglicher Verpflichtung, wie Ihr, geweſen bin und mich losgeſagt hatte, aus Urſachen! Sie glaubten dann, mich hier gewinnen zu können— und noch heute,“ ſetzte er lachend hinzu,„iſt Einer, deſſen Name im goldenen Buche Venedigs unter den case elettorali prangt, dort drinnen, der ſich's in den Kopf geſetzt hat, mir tauſend Dalmatier zu übergeben, um ſie für den geflügelten Löwen gegen die goldenen Lilien in den Krieg zu führen. Aber ich will doch lieber, ein ehrlicher Mann, vom Schwerte fallen in der Schlacht, als durch den Strick des Henkers, wenn ich gefangen werde, den Tod des Ueberläufers. Venedigs Gold und— was ſie mir ſonſt ge⸗ boten haben— reizt mich nicht!— Aber ich er⸗ zähle Euch von mir, was Ihr nicht zu wiſſen be⸗ gehrt.“— Er ſah Bernhard wieder mit dem for⸗ — ſchenden Blicke an und fragte dann zögernd:„Ihr ſeid aus Schleſien?“ „Wohl, und mein Name iſt Bernhard von Linden.“ Im Antlitze des Fremden zuckte es mächtig, obwohl er nur die Beſtätigung deſſen hörte, was ihm die Aehnlichkeit Bernhard's mit einem unvergeßlichen Bilde längſt geſagt hatte.—„Ich wußte das,“ ſprach er, und ſeine Stimme verrieth die innere Be⸗ wegung.„Daß Ihr hier wart, hatte ich ſchon er⸗ fahren, und es iſt kein Zufall, daß ich Euch in Pa⸗ dua getroffen, ſondern ich habe Euch aufgeſucht. Kennt Ihr mich nicht?“ „Solltet Ihr—“ fragte Bernhard ſchnell und vagte nicht auszuſprechen, was er glaubte. 238 „Ich bin Fabian von Schlabrendorff,“ ſagte der Fremde. „Wahrlich, Ihr ſeid es!“ rief Bernhard und die Erinnerung an alles, was er von dieſem Manne und ſeinem Verhältniß im Hauſe zu Läßnitz gehört hatte, überſtürzte ſich wie Wogendrang in ſeinen: Geiſte. Aber mehr und mehr trat zurück, was in Sachſen, in Schlabrendorff's Heimath, ſeine heiligſten Gefühle vergiftet, und er dachte nur noch an die Botſchaft, welche ihm ſeine Mutter anvertraut hatte „Mein Andenken, nicht wahr, ſteht als ein Fluch in Eurem Hauſe?“ fragte Schlabrendorff bitter „Ihr ſeid doch der Sohn Herrn Heinrichs von Linden?“ „Ich bin ſein und der Frau Wanda Sohn,“ erwiederte Bernhard und ſuchte auf ſeiner Bruſt im Kleide ſorglich bewahrt den Ring, den ihm ſeine Mutter zum Wahrzeichen mitgegeben hatte.„Nie hab' ich vernommen, daß Euer Andenken geſchmäht worden ſei— habt Ihr, wie uns ein alter Freund, den Ihr wohl kennt, erzählte, die Stunde verwünſcht, wo Ihr meine Schweſter kennen gelernt, wahrlich, ſie hat auch keine Urſache, dieſe Stunde zu ſegnen!“ Der Fährmann bei Rathen an der Elbe, wel⸗ cher Fabian von Schlabrendorff als den jähzornigſten Herrn geſchildert, hatte wohl gelogen, ſonſt würde er die Herausforderung, welche in Bernhard's Worten lag, nicht ſo zahm hingenommen haben. Sein Auge blitzte wohl, ſeine mächtige Bruſt hob ſich, aber er ſah nur mit finſterm Blick dem Sprecher ſtumm in das Antlitz. „Dieſen Ring hier,“ fuhr Bernhard fort und überreichte das Kleinod dem Sachſen, der es mit ſichtlicher Betroffenheit in Empfang nahm und zwei⸗ felnd betrachtete—„dieſen Ring ſchickt Euch Frau Wanda, meine Mutter, und ſchwört Euch, ſo wahrſie vor dem Allbarmherzigen einſt Gnade zu finden hoffe, daß niemals eine andere Hand als die ihrige, dieſen Reif getragen, daß ſie ihn keine Minute abgelegt habe, nicht einmal zur Nacht, wenn ſie ſich zum Schlum⸗ mer niedergelegt Was Ihr auch darüber je gedacht, das ſei nicht wahr, ſondern falſch geweſen.“ Tiefer brannte die Glut auf Schlabrendorff's männlich ſchönem Antlitze und ſtieg jetzt hinauf bis unter ſeine vollen, dunkelblonden Locken, welche nur an den Schläfen die Spuren vom Druck des Hel⸗ mes trugen.„Das iſt der Ring— ich erkenne ihn wohl!“ ſprach er, kein Auge von ihm verwen⸗ dend, aber die Rede ſchien nicht an Bernhard ge⸗ richtet, denn ſie klang halblaut, wie in tiefen Ge⸗ 240 danken geſprochen, und die ſtarke Hand, welche den goldenen Reif emporhielt zur Betrachtung, zitterte. „Was Ihr ferner,“ fuhr Bernhard weiter fort, „nun Ihr die Wahrheit erfahren, darüber denken möchtet, das könne Euch meine Mutter nicht wehren. Rechenſchaft ſei ſie nur Gott und ihrem Gatten ſchuldig und beiden habe ſie dieſelbe gewiſſenhaft abgelegt und mit Ehren vor ihnen beſtanden.— Das, Herr von Schlabrendorff, iſt die Botſchaft meiner Mutter, und es iſt nun an Euch, mir Eure Ueberzeugung zu bekennen, daß Ihr meiner Schweſter das ſchwerſte Unrecht gethan und ſie volle Urſache gehabt, ſich von Euch loszuſagen. Sprecht Ihr dieſe Ueberzeugung aus, dann mag die böſe Vergangenheit begraben ſein.“ Auch dieſe neue Herausforderung, in herberm Tone als die erſte, ließ Schlabrendorff unbeachtet. Es ſchien, als könne er noch nicht faſſen, was ihm hier eröffnet worden war.—„Hat Frau von Linden Euch alles vertraut? Unmöglich!“ rief er.„Wißt Ihr, warum ich dieſen Ring für den— einer andern gehalten, warum ich verworfen wurde, mit Recht ge⸗ wiß, aber nicht im eigenen Bewußtſein des Frevels, der mir zur Laſt fiel, wenn alles ſo iſt, wie Ihr mir jetzt ſagt und wie ich noch immer nicht begreife, 241 wenn ich nicht mit ſchwindelnden Sinnen in den Abgrund blicken will, den mir ein Blitz erhellt? Sagt mir aufrichtig, hat Euch Frau Wanda alles vertraut?“ Bernhard gedachte an die Weigerung ſeiner Mutter: Nicht dieſen Augenblick! Nicht hier! und er antwortete der Wahrheit gemäß, daß er nichts mehr wiſſe, als was er ihm geſagt habe. Da legte Schlabrendorff die Hand über die Augen und ſchüttelte ſchweigend den Kopf. Nach einer klei⸗ nen Weile blickte er auf und ſprach:„Verhält es ſich ſo, dann habe ich Eurer Schweſter ein ſchweres Unrecht gethan— obgleich auch ſie gar hart mit mir verfahren iſt.“— Zögernd ſetzte er hinzu:„Iſt ſie vermählt?“ Bernhard verneinte es kurz.— Der Sachſe wollte noch mehr fragen, aber er unterdrückte die Regung gewaltſam, die ihn völlig zu entnerven drohte, faßte ſich und nahm raſch Abſchied.„Unſere Wege trennen ſich, lebt wohl. Was ich geſagt habe, be⸗ richtet. Beſſer, die Eurigen hätten mich nie geſehen, ſegnen können ſie mich nicht, aber ſie ſollen mir auch nicht fluchen— den Ring will ich tragen bis ich ſterbe, das ſagt ihr— Eurer Frau Mutter mein' ich, und nun lebt wohl.“ In ſeinen Worten lag manches, das Bernhard zum Herzen drang, und er 1857. VI. Heimath und Ferne. I. 16 242 hätte ihn gern zurückgehalten, um mehr von ihm zu hören, aber ſein Benehmen war ſo entſchieden, als er ſich abwandte und raſchen Schrittes entfernte, daß keine Hoffnung war, er werde noch Rede ſtehen. Noch hielt er unſchlüſſig mit ſeinem Pferde, als er eine fremde Stimme, vernahm welche offenbar den Fort⸗ ſchreitenden begrüßte, und er konnte nicht umhin, als abſichtloſer Lauſcher ein turzes Geſpräch zu hören, das hinter den nächſten Laubgehängen geführt wurde. „Finde ich Euch, Signor! Ihr habt Andrea Gritti geſprochen?“ „Das habe ich, er kennt meinen Entſchluß.“ „Und Ihr ſchlagt die Hand des ſchönſten und reichſten Mädchens in Brescia aus?“ „Ihr denkt ſehr gemein vom deutſchen Krieger, daß er mit Geld und Weibern zu kirren ſei!“ „Habt Ihr die reizende Fiorina geſehen?“ „Kann Euch gleich ſein! Ich bin kein Ueber⸗ läufer!“ „Ah, Ihr fürchtet Euch— vor etwaiger Ge⸗ fangenſchaft— vor der Strenge des Kaiſers— „Ich fürchte mich— ja! meine Ehre zu ver⸗ letzen!“ „Aber Ihr ſeid frei, könnt Euren ſtarken Arm weihen, welcher Partei Ihr wollt— und der ———— Kaiſer ſchließt Frieden mit uns, das iſt ſchon ſo gut wie gewiß! Bedenkt, Ehre iſt bei uns, die man unterdrücken wollte; Ihr ſtreitet für eine gerechte Sache— die Republik bietet Euch den Oberbefehl über ihr dalmatiſches Fußvolk, das unter Euch Wunder verrichten wird; ein edler Bürger, der bei uns in freiwilliger Verbannung eine Freiſtatt gefunden hat, will mit Freuden ſein Kind, die Roſe von Brescia, um welche Fürſten, wie der junge Gaſton, den ſie la foudre d' Italie, den Blitz von Italien, nennen, Lanzen gebrochen haben, er will ſein Kind Euch zur Gemahlin geben, dem ſie ſchon, von Euch vielleicht nicht gekannt, in zarter Liebe ihr Herz geſchenkt—“ „Das iſt eine Lüge!“ unterbrach ihn des Sachſen Stimme im rauhſten Ton.„Sagt dem, der Euch auf meine Ferſen hetzt wie einen überläſtigen Kläffer, daß Fabian Schlabrendorff nicht zu kaufen iſt— und geht mir aus dem Wege!“ Darauf verſtummte das Geſpräch und Bernhard konnte ſtarke Tritte hören, die ſich entfernten, und denen ein wenig ſpäter andere, gemäßigtere folgten. Von dem, was er gehört hatte, mächtig auf⸗ geregt, ſtieg er nun wieder zü Pferde und ritt auf die freie Straße hinaus, ohne viel auf das zu achten, was fern und nah ſeinen Blicken ſich 16 — ——————— 244 hätte, denn er war zu ſehr mit der letzten Begegnung beſchäftigt. Schlabrendorff's Bild, das er ſich in ſeiner Phantaſie ganz anders vorgeſtellt hatte, weil er es in Verbindung gebracht mit dem ſeiner Schweſter we⸗ nigſtens einem paſſenden Alter nach, erſchien ihm nun als das Ideal einer männlichen Kriegerſchönheit — die Art, wie er die Botſchaft aufgenommen, wie er ſich dann geäußert hatte, war geeignet geweſen, Bernhard's Haß und ſeine ſchlimmſten Gedanken zu entkräften; dieſe Weiche in dem ſtarken Manne, das tiefe, ſchmerzliche Gefühl, das in ſeinem Tone lag, der innige Klang, mit welchem er den Namen aus⸗ ſprach, der in ſeinem Munde den Sohn Wanda's erbeben machte, ließen hier ein Geheimniß ahnen, das traurig wohl, aber doch nicht ſo frevelhaft, wie es Bernhard ſchon namenlos unglücklich gemacht hatte, ſein konnte..— Dieſe neue Beziehung aber und Fiorina— In ſolchem Sinnen und Grübeln war es ein greller Mißton, als er ſich plötzlich in geringer Ent⸗ fernung angeſchrieen hörte; ſein Pferd ſprang faſt zugleich von der Seite, ſo daß er einen Augenblick den feſten Sitz verlor. Bewaffnete, die im Verſtecke gelegen, waren hervorgeſprungen, wollten über ihn herfallen, aber er wandte, ſchnell beſonnen, ſein Roß und gab ihm die Sporen, um den Wegelagerern, deren ſich einige auch auf ihre Pferde warfen, zu entkommen. Tobend ſchrieen ſie hinter ihm her, ein Paar Schüſſe fielen, eine Kugel pfiff dicht an ſeinem Kopfe vorüber. Und zu ſeinem Schrecken bemerkte er, daß der Hengſt, wie ſchon mehrmals auf ſeinem Ritte geſtern und heute, wieder lahm ging, ſchlimmer, als es bis jetzt der Fall geweſen war. Als das die Verfolger ſahen, ſchlugen ſie ein wildes Hohngelächter auf— nun konnte ihnen der Fang nicht mehr entgehen. Demungeachtet hielt ſie die Trefflichkeit des türkiſchen Roſſes noch einige Zeit in einer Entfernung, welche nur ſehr allmälig abnahm. Da kam noch ein zweiter Schwarm der wilden Geſellen hinzu, und kaum hatte ihr Führer den ſchwarzen Hengſt des Fliehenden erblickt, als er ihn auch erkannte. Er rief den Seinigen ein lachendes Wort zu und that einen ganz eigenthümlichen, gellenden Pfiff. Hoch auf ſprang der Hengſt bei dieſem wohlbekannten Zeichen, warf ſich plötzlich herum, daß ſein Reiter ganz aus dem Sattel kam und trug ihn, der ver⸗ gebens mit Zügel und Sporen dagegen kämpfte, willenlos in den Schwarm der Feinde, die ihn jetzt, wenn auch erſt nach tapferer Gegenwehr und aus zwei Wunden blutend, gefangen nahmen. Wem er 246 hier in die Hände gefallen war, darüber konnte kein Zweifel ſein. Dieſe Reiter in ihren weiten, orien⸗ taliſchen Gewändern, welche dabei den Stahlhelm des Abendlandes in niedriger Form, ohne Kanne trugen, mit funkelnden, reich ausgelegten Säbeln und Streitkolben bewaffnet, den ſtarken Spieß zu⸗ gleich als Springſtock vom Pferde benutzend— das waren endlich die Stradioten, vor welchen Bernhard oft genug gewarnt worden war. Gleichwohl, als er ſich erſt ergeben hatte, verfuhren ſie glimpf⸗ lich mit ihm: Pferd und Waffen freilich nahmen ſie ihm ab, aber was er ſonſt beſaß, ließen ſie ihm, verſpotteten ihn auch nicht, ſondern behandelten ihn mit einer gewiſſen Achtung, die er ſich durch ſeine mannhafte Gegenwehr gegen ihre Menge gewonnen hatte, und verbanden ihm auch die beiden Stirn⸗ wunden, nachdem ſie dieſelben gereinigt und mit einem Balſam beſtrichen hatten, den ſie nach Krie⸗ gerſitte für den eigenen Nothfall bei ſich trugen. Nun trat auch der Häuptling, wie es ſchien, der ſich bis jetzt mit dem Roſſe des Gefangenen beſchäftigt hatte, hinzu und ſprach in geläufigem Italieniſch: „Laßt Euch nicht niederſchlagen. Gebt uns Löſegeld, oder eine gute Anweiſung, die uns ausgezahlt wird, dann ſeid Ihr frei— aber ſagt mir, von wem habt Ihr dieß Pferd, das ich kenne und das mir einſt gehört hat?“ Das war alſo der Stradiot, über deſſen Betrug ſich der gute Herr von Haugwitz ſo bitter beklagt hatte. Bernhard gab ihm kurzen Beſcheid, daß er das Pferd gekauft habe, und fragte ihn, mit welchem Rechte er einen Reiſenden, der auf dem Gebiete der Republik Venedig ruhig ſeines Weges ziehe, nieder⸗ werfen laſſe und nur gegen Löſegeld freigeben wolle? — Er hätte freilich dieſelbe Frage auch däheim im lieben deutſchen Vaterlande thun können, wo es eben⸗ ſo herging und jeder friedliche Kaufmann, der von der Meſſe heimkehrte, gleicher Gefahr ausgeſetzt war. Dort wäre er für die Frage ausgelacht worden und hier nahm ſich der Stradiot auch dieſe Freiheit. Dann aber wurde er ernſthaft und ſagte mit einem wilden Blicke: „Vergeßt nicht, daß Euer Leben in meiner Ge⸗ walt iſt. Was könnt Ihr zahlen?“ „Ich habe nichts, bin ſchon früher beraubt wor⸗ den,“ erwiederte Bernhard, ohne ein Zeichen der Furcht. „Aber Ihr könnt eine Anweiſung bei Freunden ausſtellen—“ „Ich habe keine Freunde in Italien.“ Der Stradivt ſah ihn höhniſch an.„Ohne Freunde, ohne Geld, auf einem Pferde, das Ihr nicht reiten könnt! Hätte ich meine Kunſtſtücke, die nur dieß Pferd verſteht, mit verkauft, ſo würde Euch, wenn Ihr ſie gewußt hättet, kein Sturmwind ein⸗ eholtiha Was thue ich nun mit Euch?“ e beliebt. Ich bin in Eurer Gewalt.“ ſt ein tapferes Herz!“ ſagte der Illy⸗ Bück erhellte ſich.„Wohlan, ich will ieben, auch ohne Löſegeld. Mein Roß und Dein Schwert behalte ich aber. Sieh, wie Du fortkommſt. Einen Rath nimm von mir auf den Weg. Laß Dich nicht treiben und jagen, ſondern jage und treibe Du ſelbſt. Das Dulden geziemt der Frau, die That dem Manne.“ Ende des erſten Bandes. Druck von Kath. Gerzabek. ——— 3