Leihbibiothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur on Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256 cLeih- und cLeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 St den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem the deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: von un⸗ für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 CBücher⸗ auf 4 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 6 2 F Auswärtige Konnenten! pten für Hin⸗ und Zurückſendung der B ücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Im ſchönen Lande Tirol wohnte der Friede, während die Erbbeſitzungen des Kaiſers nun ſchon drei Jahre lang von den Schrecken des Krieges heimgeſucht wurden. Drei Jahre waren verfloſſen, ſeit Kaiſer Friedrich im guten Glauben den Ungarn den vorgeblichen Durchzug geſtattet hatte und alle Folgen, welche der redliche Hager von Alten⸗ ſteig vorausgeſehen, waren im vollſten Maße eingetroffen. Daß es dem Könige von Ungarn nur um einen Vorwand zu thun geweſen, den alten Haß, den er perſönlicher Urſache willen gegen den Kaiſer hegte und mit ihm zugleich ſein Er⸗ oberungsgelüſt nach den alten Grenzen ſeines Reiches Pan⸗ nonien zu befriedigen, hatte ſchon das erſte Jahr der ausge⸗ brochenen Fehde bewieſen. Der Erzbiſchof von Salzburg, welchen er zu ſchützen vorgegeben hatte, als ſeine Truppen ſich in Steiermark feſtſetzten, war in chriſtlichem Erbarmen mit der Noth des Landes von ſeinem Stuhle zurückgetreten und 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 1 6 hatte Inful und Mithra ſeinem Nachfolger übergeben. ber der Krieg war darum nicht erloſchen. König Mat⸗ thias hatte ſich vielmehr in Perſon erhoben und mit der gewaltigen Heeresmacht, welche ihm die neue Kriegsord⸗ nung, die er im Lande eingeführt, mit Leichtigkeit zuſam⸗ men zu bringen erlaubte, dem Kampfe, der ſich bis jetzt nur auf Streifzüge und kleinere Gefechte beſchränkt hatte, einen Nachdruck gegeben, welchem die Streitkräfte, über die der Kai⸗ ſer, bei der mangelhaften Wehrverfaſſung ſeiner Erblande ſowohl, als des ganzen deutſchen Reiches, zu verfügen hatte, nicht mehr gewachſen waren. Wo es in dem Belieben je⸗ des Reichsſtandes, ja des einzelnen Edelmannes ſtand, wie weit er ſeinen Verpflichtungen nachkommen wollte, weil die Zerſplitterung aller Kraft und die Schwächung der kaiſer⸗ lichen Machtvollkommenheit nicht erlaubte, die Säumigen oder Treuloſen zu ſtrafen, da konnte Deutſchland vor jedem fremden Einbruch nur zu Schanden werden. So hatte der König von Ungarn Haimburg genom⸗ men, Bruck an der Leitha, Korneuburg. Seine Huſaren, die neue Reiterei, die er geſchaffen, indem er den zwanzig⸗ ſten Mann(husz 20) um Sold(är) auf drei Monat im Jahr zum Reiterdienſte des Königs ausheben ließ, ſchwärm⸗ ten bereits bis vor Wien— und in Tirol waltete der tiefſte Friede. So ſchlimm hatte die hundertjährige Theilung der habsburgiſchen Lande bereits gewirkt, welche der milde 7 Erzherzog Albrecht, der von dem geflochtenen Haar, in zwei Zöpfen auf die Bruſt fallend, den Beinamen führt, v0b bens in ſeinem Teſtamente abmahnend zu hindern geſucht hatte. Es gab kein gemeinſames Streben, kein Zuſam⸗ menhalten im Glück und Unglück mehr. Der Kaiſer erwar⸗ tete auch nicht einmal Hülfe von ſeinem Vetter Siegmund, er gönnte ihm den Frieden, welcher in ſeinen Bergen wohnte und hatte ihm ſein liebſtes Kleinod anvertraut, als er ſich endlich genöthigt geſehen, ſeine Erblande, wo der feſte Grund unter ſeinen Füßen zu wanken begann, zu ver⸗ laſſen, um bei den Reichsfürſten, die ihm treu geblieben waren, Beiſtand gegen den Reichsfeind zu ſuchen, welcher ſchon ſo viel deutſches Land an ſich geriſſen hatte und nim⸗ mer geſonnen war, es jemals wieder zu räumen. Wiederum hatte eine reiche Ernte im fruchtbaren Inn⸗ thale, wie es ſich bei der Hauptſtadt des Landes breitet, ihren Segen geſpendet und der goldene Herbſt auch hier ſchon die Traube gereift. Ein heller, warmer Tag lockte die Städter, die auch keine Feldarbeit zu verrichten hat⸗ ten, in's Freie, zu Spaziergängen. Manche wanderten die Sill hinauf nach Schönberg, wo die alte Handelsſtraße über den Brenner nach Italien ging und damals noch alle Waarenzüge aus dem Morgenland von Venedig herüber kamen, eh' der Seeweg um das Cap nach Oſtindien gefun⸗ den war. Die Straße ging im vielgebrochenen Zickzack, 8 aber ein grader Fußpfadführte ſchneller hinauf und droben ſaß ſich's herrlich beim Becher Wein, mit der Ausſicht auf die Ferner im lieben Stubaier Thal. Andere wanderten be⸗ quemer am Ufer des Fluſſes dahin, und ſchauten ſich die ſchneebedeckten Berge, die das Innthal einſchließen, nur von unten an. Die Wallfahrt dort, mit der Kirchenfahne voran, wohl hundert Menſchen in allen Trachten des nörd⸗ lichen Tirol, mochte wohl ſchon weit her kommen und war noch auf längere Zeit mit Vorrath eingerichtet, ſie zog der Waldraſter Spitze zu, welche ihre ſcharfe Pyramide in den reinen Himmel erhob. Gſegne Gott Euren Bittgang! Dort kam von der Abtei Wiltau her, welche dicht an der Stadt liegt, eine Jagdgeſellſchaft gezogen, Alles zu Pferd, auf koſtbar geſchirrten Roſſen, auch Frauen dabei,— voran „Vater“ Siegmund, wie der Erzherzog allgemein genannt wurde, wobei der ſchelmiſche Tiroler dem Wort aber noch eine ganz andere Bedeutung, als die herkömmlich ehrbare, gab. Seine Frau Gemahlin, Katharina von Sachſen, war nicht bei ihm, ſie liebte die Jagd nicht und war daheim geblieben; ſtatt ihrer ritt ein wunderſchönes junges Fräu⸗ lein an ſeiner Seite, hier aber fand keine leichtfertige Zunge Anlaß zu Bemerkungen, denn ganz Innsbruck wußte, daß es die Tochter des Kaiſers ſei, welche dieſer nach Tirol ge⸗ ſchickt hatte, um hier vor den Stürmen des Krieges ge⸗ ſichert zu ſein. Auch ritt zu ihrer Linken ein junger fremder 9 Herr, welchen Niemand kannte, der aber, nach ſeinem ſtatt⸗ lichen Roß und der prächtigen Kleidung, auch ein Fürſt ſein mußte, und dieſer unterhielt ſich gar angelegentlich mit der Erzherzogin, ſo daß ihn die ehrlichen Tiroler wohl für einen Freier halten konnten, der ihr nachgefolgt ſei, um hier ungeſtört zu werben. Wären ſie nur, als ſie am Waſ⸗ ſerfall vorüber waren, hinter der Sillbrücke nicht ſo raſch geritten, damit man's hätte dem kaiſerlichen Fräulein ein wenig mehr abmerken können, wie ſie die Werbung auf⸗ nahm. Sie hatte immer auf ihren Falken geſchaut, den ſie mit der Haube verkappt auf ihrer Hand trug, nicht ein einzig Mal auf den edeln Herrn in Hellblau und Weiß an ihrer Seite. Aber die Tirolerin am Wege, welcher ihr Begleiter das bemerklich machte, lächelte dazu und ſteckte ſich ſchweigend die Blume, die ſie gepflückt hatte, hinter das Ohr. Sie wußte, daß man Einen nicht anzuſchauen braucht, um doch Alles zu hören und gut aufzunehmen, was er ſagt. Stromabwärts, eine Stunde von Innsbruck, auf einer gebietenden Höhe liegt das Schloß Ambras, vor Zei⸗ ten der Sitz eines eigenen Grafengeſchlechts, welches das ganze Unter⸗Innthal als Grafſchaft Ambras(richtiger Am⸗ ras geſchrieben) beherrſchte. Es gab einmal dreißig Graf⸗ ſchaften im heutigen Tirol, welche ganz unabhängig neben einander das Land, das noch keinen gemeinſchaftlichen Na⸗ 10 men trug, getheilt hatten. Ein Bild deutſcher Zerſplitte⸗ rung, wie es im Großen das ganze Reich deutſcher Nation zeigte! Im dreizehnten Jahrhundert hatte dann einer dieſer Dynaſten, welcher von ſeinem Erbſchloſſe bei Meran der Graf von Tirol hieß, ſich zum Oberherrn über die an⸗ dern aufgeſchwungen und ſo war denn mit der Zeit das ganze Land, ſonſt nur das„Land an der Etſch, am Inn und im Gebirge,“ mit dem Namen Tirol benannt worden. Von den alten, vorher reichsunmittelbaren Grafen⸗Ge⸗ ſchlechtern waren noch einige vorhanden, ſie bekleideten aber nun bei den Landesfürſten aus habsburgiſchem Hanſe die Erb⸗Landämter und ſo ritt im Gefolge des Erzherzogs heut Einer, deſſen Ahnen einſt das Ober⸗Innthal beherrſcht hatten, als Erb⸗Land-Falkenmeiſter, um die Jagd zu leiten, ein Anderer, von den Grafen von Wolkenſtein abſtammend, als Erb⸗Land⸗Küchel⸗ und„Stäbelmeiſter. Die Gra⸗ fen von Amras aber, deren alte Burg heut nach beſchloſſe⸗ ner Jagd die Hofgeſellſchaft aufnehmen ſollte, waren längſt ausgeſtorben. „Ich befehle Eurer Liebden mein Pflegkind,“ ſprach der Erzherzog, als es noch auf ziemlich günſtigem Boden längs der Berge hin ging, zu dem reichgekleideten fremden Herrn, welcher neben der Erzherzogin Kunigunde dahin ſprengte.„Habt ſorgſam Acht, daß ihr kein Unfall begeg⸗ net: ich zähle auf Euch, werther Fürſt.“ 8 11 „Mein Auge ſoll wach ſein, als gelt' es, mein Heilig⸗ ſtes zu behüten,“ erwiederte der fremde Gaſt. „Nach der Trauerkunde, die uns aus Niederland zu⸗ gegangen iſt, hab' ich wohl Urſache, vor einem Unglück mit dem Roß für meine theure Nichte zu zagen,“— ſagte der Erzherzog. Die junge ſchöne Maria von Burgund, des ritterlichen Max Gemahlin, war kürzlich auf der Falkenjagd mit dem Pferde geſtürzt und in Folge deſſen geſtorben. Nur fünf Jahre hatte dieſe glückliche Ehe eines jugendlichen Fürſten⸗ paares gewährt, das mit den herrlichſten Gaben des Geiſtes und der Schönheit ausgeſtattet, in ſeltener Weiſe zu einan⸗ der paßte. Zwei zarte Kinder, welche ihren Verluſt noch nicht ermeſſen konnten, waren den trauernden Gatten ver⸗ blieben. Der Kaiſer hatte die Nachricht mitten in ſeiner eigenen Bedrängniß erhalten und ſie alsbald der Tochter, wie Alles, was ſein Herz bedrückte, durch einen Boten mit⸗ getheilt. Das war aber ſchon mehrere Monden her und konnte den Erzherzog Siegmund, welcher ſich überhaupt von betrübenden Dingen ſo bald als möglich losmachte, nicht abhalten, ſeinem fürſtlichen Nachbar, der ihn mit einem überraſchenden Beſuch von ſeinem Oberlande her erfreut hatte, durch Luſtbarkeiten aller Art, ſo heut durch eine Fal⸗ kenjagd, zu ehren. Nur, als er ſeine Verwandte, deren Wohl ihm von dem liebenden Vater auf die Seele gebun⸗ 12 den war, ſo kühn und gewandt neben ſich den Zelter tum⸗ meln ſah, war ihm plötzlich das Unglück der Erbin von Burgund eingefallen und hatte ihn momentan mit einer Sorge erfüllt, welche nur durch das feierliche Verſprechen ſeines Gaſtes ſchnell zerſtreut war. Bald nahm ihn auch, als der erſte Falke ſtieg, die Jagd, die er leidenſchaftlich liebte, ſo mit Auge und Seele in Anſpruch, daß er kaum bemerkte, wie Kunigunde ihm, da er, keine Bodenſchwierig⸗ keit mehr achtend, im vollen Lauf anſetzte, mit ihrem ſchwä⸗ chern Pferde nicht folgte, vielleicht auch von ihrem Beglei⸗ ter, deſſen Obhut ſie empfohlen war, aus Beſorgniß zurück gehalten oder auf ebeneren Grund gelenkt wurde. Statt des Erzherzogs ritt nun ein anderer Herr vom Gefolge an die frei gewordene Seite, um die Kaiſertochter auch hier vor Gefahren oder einem Sturze zu ſchirmen, aber bald genug ſchien dieſer gleichfalls von der Jagdluſt, als ſich eine neue Beute zeigte, fortgeriſſen zu ſein und nahm, ganz gegen die Etikette, einen Vorſprung, der immer größer wurde, weil der Fürſt ſein feuriges Roß nicht gewähren ließ, ſondern mehr und mehr verhielt, wodurch auch der Zelter der Erz⸗ herzogin, ohnehin ſanftmüthiger Natur, ſeine Sprünge mäßigte. Der Erb⸗Land⸗Falkenmeiſter war nicht mehr hier, ſonſt würde der Cavalier, der es gewagt hatte, der Fürſtin vorauf zu jagen, ſtreng in ſeine Schranken gewie⸗ ſen worden ſein, dann hätte aber auch wohl der Begleiter der Erzherzogin Jenem, der aus ſeinem eigenen bairiſchen Gefolge war, nicht den verſtohlenen Wink gegeben haben, der ihn, gleichſam aus unbedachter Jagdhitze, entfernte. Die Andern, auch wenn ſie letztere nicht theilten, waren, wie es bei ſolchen Jagdritten immer geſchieht, allmälig ganz aus einander gekommen und über die Gegend ver⸗ ſtreut, nur die beiden Fräulein, welche außer der Erzher⸗ zogin noch Theil an der Waidmannsluſt nahmen, und zu⸗ ſammen geblieben waren, hatten ihre ritterlichen Begleiter, dieſe waren aber noch weit zurück. Der Fürſt im hell⸗ blauen Kleide mit Hermelin, blickte ſich nach allen Rich⸗ tungen um und ſprach mit dem wärmſten Tone ſeiner männlichen Stimme:„Endlich iſt mir das Glück hold! Ich kann zu Euch reden, ohne daß ein läſtiger Zeuge mir jedes Wort, jeden Blick belauſcht!“ „Ich halte Euch für zu ritterlich, Herzog Albrecht,“ entgegnete die Erzherzogin und ein leiſes Beben machte ſich in ihren Worten hörbar,„als daß ich glauben könnte, Ihr würdet anders zu mir reden, als es ſelbſt mein Vater, wenn er zugegen wäre, vernehmen dürfte.“ „Der Kaiſer, der ſeine Tochter ſo zärtlich liebt, wie es die ganze Welt weiß, würde mir vielleicht zürnen, aber—“ „Wenn Ihr das ſelbſt glaubt,“ unterbrach ihn die Erzherzogin, ihr Pferd antreibend,„ſo könnt Ihr den Zu⸗ 14 fall, der mich von meines Oheims Seite getrennt hat, nicht mißbrauchen. Laßt uns dieſen Pfad nehmen, ſo ſchneiden wir den Bogen ab und kommen wieder an die Spitze.“ „Um keinen Preis!“ rief der Herzog lebhaft.„Die⸗ ſer Pfad geht ſteil bergab,— ich bin für Eure Sicherheit verantwortlich!— Fürchtet nicht,“ ſetzte er mit innigem Tone hinzu,„daß ich das Glück, das mich mit Euch von den Andern getrennt hat, mißbrauchen werde. Nur eine einzige Frage will ich thun.“ Sie trieb ihr Pferd ſchärfer an, daß es die Feder⸗ büſche, welche ſeinen Kopf ſchmückten, aufſpringend ſchüttelte. „Ich bin Eurer Ritterehre anvertraut, Herzog Al⸗ brecht,“ ſagte ſie. „Und wahrlich, Ihr ſollt Euch nicht in mir täu⸗ ſchen!“ rief er.„Meine Frage iſt nur, wie kann ich des Kaiſers Abneigung gegen mich beſiegen, mir ſeine Gnade wieder gewinnen?“ „Habt Ihr keine Schuld, daß ſie Euch verloren ge⸗ gangen iſt?“ fragte Kunigunde, von ihrer Herzensbangig⸗ keit durch dieſe Wendung ein wenig befreit. „Wenn ich mich nicht ganz frei von Schuld fühle,“ erwiederte er,„ſo theile ich ſie mit andern Fürſten des Reichs, aber davon will ich nicht reden, das iſt nicht für die Tochter des Kaiſers. Ich wünſche aber von ganzem 15 Herzen, daß ich die verlorne oder, wie Ihr glaubt, ver⸗ wirkte Gnade wieder erlange—“ „Iſt das Euer aufrichtiger Wunſch,“ entgegnete die Erzherzogin,„warum finde ich Euch hier in friedlichem Spiel auf der Reigerbeize, warum zieht Ihr nicht an der Spitze Eurer Vaſallen mit tauſend Speeren aus Baierland dem Kaiſer zu, wie Ihr als Fürſt des Reiches verpflichtet ſeid, wenn der Feind ſchon an die Thore von Wien pocht?“ „Ahnt Ihr nicht,“ ſprach der Herzog, ſich tief neigend, „warum Ihr mich hier findet?“ „Ich weiß, daß nicht hier Euer Platz iſt, ſondern an der Seite Eures Kaiſers im Felde!“ verſetzte Kunigunde, diesmal ſeinen Blick nicht meidend, ſondern ihr ſchönes geiſtvolles Auge mit ſeinem leuchtenden Strahl auf ihn gerichtet. „Gewiß habt Ihr Recht,— aber wenn ich Eurem Gebot folge, wenn ich des Kaiſers Gnade mir gewinne und mit einem Zeichen derſelben zurückkehre, darf ich dann hoffen, daß Ihr—“ „O, nehmt doch Eurem edeln Thun nicht ſeinen Werth!“ unterbrach ihn die Erzherzogin.„Was mein Vater beſchließen wird, das erwarte ich in Demuth und Gehorſam.“ Sie bemerkte mit erleichtertem Herzen, daß ein paar Reiter, welcheeinen andern Weg genommen hatten, ihnen 16 näher kamen und ſo dem Geſpräch, das ihre ganze Geiſtes⸗ kraft in Anſpruch nahm, ein Ende machten. „Habt Dank,“ ſagte der Herzog noch in freudiger Aufregung,„daß Ihr mir das verſprochen habt!“ „Was hätt' ich Euch verſprochen?“ fragte Kunigunde betroffen. Aber ſeine Antwort blieb aus, denn die beiden Her⸗ ren ſpornten ihre Pferde bereits über den Graben in un⸗ mittelbarer Nähe und einer von ihnen, es war der Kanzler Hans Purch, den die Erzherzogin nicht beſonders achtete, weil er ſeinen Fürſten noch kürzlich zu verderblichen Schrit⸗ ten bewogen hatte, fragte ſchon von Weitem, wo ſein Herr zu finden ſei: gute Nachricht habe er ihm zu verkünden, welche gleich nach dem Auszuge eingetroffen ſei, darum habe er flugs ſatteln laſſen, um den Erzherzog wenigſtens auf Amras zu treffen. Die Jagd hatte ſich aber mehr in die Thalebene hin⸗ ein gezogen und Kunigunden's ſcharfes Auge glaubte ihren Oheim unter den einzeln zerſtreuten Jagdgenoſſen zu er⸗ kennen; ſie zeigte dorthin und der Kanzler geſellte ſich zu ihnen. Auch die beiden Hoffräulein der Erzherzogin Ka⸗ tharina, welche dieſe, zur eignen Freude der jungen Mäd⸗ chen, ihrer Nichte zum Geleit auf die Jagd mitgegeben hatte, waren mit ihren Begleitern jetzt näher gekommen und an den Kern ſchloſſen ſich bald noch Mehrere, deren ————————— 17 Pferde müde geworden waren, an, ſo daß der größte Theil der Jagdgeſellſchaft ſich hier wieder zuſammen fand, dafür aber der Ehren des letzten Preiſes verluſtig ging, mit wel⸗ chen der Erzherzog und ſeine unverdroſſenen Freunde ſich den Hut ſchmückten. Der Kanzler hatte unterdeſſen dem Herzoge von Baiern ſeine guten Nachrichten nicht vorenthalten. Zeit gewonnen, Alles gewonnen! Der König von Ungarn hatte in unbegreiflicher Handlungsweiſe den Bürgern von Wien einen Waffenſtillſtand von ſieben Wochen— zur Wein⸗ leſe!— bewilligt. War ſo etwas jemals im Kriege erhört worden? Zur Weinleſe ſieben Wochen, in welcher Zeit ſie ſich mit aller Kraft zum nachdrücklichſten Widerſtande rüſten konnten! Herzog Albrecht verbarg ſeine Verwun⸗ derung nicht, er ſchrieb jedoch dieſe ſcheinbare Unklugheit nur der Verachtung zu, welche der übermüthige Feind vor den Deutſchen hege, und der Ueberzeugung, daß er von ih⸗ nen, trotz aller Anſtalten, keine ſtarke Gegenwehr zu be⸗ fürchten habe. „Warum ſollte es aber nicht Großmuth ſein?“ ent⸗ gegnete die Erzherzogin. Die Herren geſtanden das nicht zu und beſtritten es leb⸗ haft, nur Herzog Albrecht ſchwieg und es ſchien, als verſtehe Kunigunde ſeinen prüfenden Blick, denn ſie erröthete leicht, wie vor einem überraſchenden Gedanken. Ihr war nicht 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 2 18 eingefallen, daß die vortheilhafte Meinung, welche ſie von der Großmuth des Königs von Ungarn hegte, einer ver⸗ ſteckten Vorliebe für ihn, der einſt um ihre Hand geworben, zugeſchrieben werden könnte. Sie dachte noch darüber nach, als ſie ſpäter beim heitern Mahle, welches die Jagd krönte, an der Seite ihres Oheims ſaß und war ungewöhnlich ſchweigſam, ſo daß ſie ihr anderer Nachbar, natürlich der Herzog von Baiern, leiſe fragte, ob er ſie beleidigt habe. Das laute Geſpräch, das mit Tiroler Lebhaftigkeit um die Tafel ſchwirrte, begünſtigte eine unbelauſchte Unterhaltung; Kunigunde war aber von dem Gedanken, den ſie wäh⸗ rend des Jagdritts vernommen hatte, daß Albrecht ihres Vaters erneute Huld ſuchen wolle, noch zu befangen, durch ſeine Worte, denen ſie kaum Einhalt zu thun vermocht, ſo gewarnt, daß ſie auf ſeine bedeutungsvolle Frage nicht ein⸗ ging, ſondern nach einer flüchtigen und verwunderten Ab⸗ lehnung der Annahme, die ſie enthielt, möglichſt bald ihren Oheim in ein Geſpräch zog, welches ſie nun geſchickt leitete. Zeit gewonnen, Alles gewonnen! Dieſe Löſung, welche der Kanzler ausgeſprochen hatte, war ganz im Sinne ſeines Herrn, der nur der Gegenwart lebte, ſo heiter und ſorglos, als gebe es gar keine kommende Zeit, welche An⸗ ſpruch an ihn machen könne. Darum verſchob er auch mißliche Fragen, deren Entſcheidung ihm oblag, ſchwierige — S— 19 Geſchäfte ſo lange, als möglich. In den Krieg ſeines Vetters mit den Ungarn ſich zu miſchen, war ihm nicht eingefallen, er glaubte ſich im Recht, daß er ſeinen Unter⸗ thanen die Laſten eines Aufgebots erſpare, auch wenn er wohl ziemlich ſicher ſein konnte, daß die Ungarn deshalb nicht in Tirol eindringen würden. Erſt ſeine Nichte hatte ihn unruhig gemacht, als ſie ihn mahnte, daß die Fürſten des Hauſes Habsburg zuſammen ſtehen müßten und er dem Kaiſer wohl einen großen Dienſt leiſten könne, wenn er ſein treues und tapferes Bergvolk zu den Waffen riefe. Er hatte ſich ſogar mit ſeinen Rathgebern, dem Karzler und dem Grafen von Matſch, darüber beſprochen, welche jedoch kein rechtes Herz für die Sache gehabt. Um ſo lie⸗ ber war ihm daher die heut eingelaufene Nachricht von dem abgeſchloſſenen Waffenſtillſtande, der nach ſeiner Mei⸗ nung nicht allein der Stadt Wien, ſondern dem ganzen Lande und dem Kaiſer galt, und daher jedenfalls zum Frie⸗ den führen müſſe. Noch auf dem Heimritt zur Stadt, welcher langſam bei goldklarem Abende auf dem Wege längs der Berge bis dort, wo die reißende Sill ihren jähen, wenn auch niedri⸗ gen Waſſerſturz macht, unternommen wurde, ſprach er fröh⸗ lich davon und äußerte ſogar, daß er Gott danke, wenn der Max, der keine Ruh' halten könne, nicht eher aus Flandern herkomme, als bis der Frieden beſiegelt ſei, denn wär's 2* 20 auch noch eine Stunde vorher, ſo ſchlüge er noch mit dem Schwerte d'rein. Die Erzherzogin hatte ganz andere Ge⸗ danken darüber; ſie glaubte an keinen Frieden und wünſchte ihn auch nicht unter den Bedingungen, wie ihn der König von Ungarn, der bis jetzt ſieghaft geweſen war, vorſchrei⸗ ben konnte, ſie wollte die Ehre und den Ruhm ihres Hau⸗ ſes gewahrt wiſſen, und ſehnte ſich nach der Rückkehr ihres ritterlichen Bruders— aber ſie ſprach nicht aus, was ſie dachte und hoffte nur, daß ihr Wort bei Herzog Albrecht gezündet habe. Welche Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft knüpften ſich an die Erfüllung dieſer einen! Doch 3 hütete ſie ſtreng ihr Antlitz, daß ſie nicht verrieth, was ihr Herz in ſeliger Freude bewegte; ſelbſt dem ſo vertrauten Weſen, das ihr mehr als eine Dienerin war, das ſie wahr⸗ haft liebte, verſchwieg ſie ihr Geheimniß. Hätte dieſe heut an der Jagd Theil genommen, würde es ihr aller⸗ dings ſchwer geworden ſein, vor ihrem Blick ſich undurch⸗ dringlich zu verhüllen, nun aber hatte Kunigunde Zeit ge⸗ wonnen, und unterhielt ſich zuletzt ſo unbefangen mit Her⸗ 2 zog Albrecht, daß ihm alle Zuverſicht, der er ſich ſchon hin⸗ gegeben hatte, wieder zu ſchwinden begann. So wurde er zuletzt verſtimmt und Kunigunde hätte ihm die Frage, die er ihr beim Mahle auf Amras gethan, zurückgeben können. Die herzogliche Reſidenz war damals noch nicht die heutige Hofburg, ſondern das Gebäude, in welchem jetzt 21 die landesherrliche Kanzlei iſt, bekannt durch das„goldne Dachl.“ Auf einem ſeiner„Chöre“— wie dort die Er⸗ ker genannt werden— iſt wirklich das Dach vergoldet: heut ſchimmert das Kupfer ſchon überall durch und das edle Metall iſt vom Zahne der Zeit bedeutend abgenagt, damals aber leuchtete es noch in vollem Glanze, denn es war der Vater des Erzherzogs Siegmund geweſen, welcher aus dem Gewinn der neuaufgedeckten Bergwerke in Tirol ſein Dach in abenteuerlicher Laune hatte vergolden laſſen, um der Welt zu zeigen, daß er nicht mehr„Friedrich mit der leeren Taſche“ ſei, wie ſie ihn ſpottweiſe genannt hatte, als er einſt wegen ſeiner That auf dem Concil zu Conſtanz mit Acht und Kirchenbann belegt und ſeiner Güter verlu⸗ ſtig erklärt geweſen war. Das goldne Dachl war ein Weltwunder, von dem man weit und breit ſprach, aber dem Sohne des Urhebers ging jedesmal, wenn er es anſah, der ſtille Wunſch durch das Herz, daß ſein Herr Vater ihm das Gold, welches darauf verwendet und nutzlos dem Wind und Wetter Preis gegeben war, lieber in ſchönen Goldgul⸗ den hinterlaſſen haben möchte: denn die Bergwerke im Inn⸗ thal waren zwar immer noch im beſten Betrieb und brach⸗ ten immer reichern Erlös, aber es reichte für die Lebens⸗ luſt des Fürſten, der mit vollen Händen ſpendete, doch nir⸗ gend aus und er hätte den Beinamen ſeines Vaters viel⸗ leicht eher verdient, als dieſer. Auch heut, als ſein Gaſt, 22 der Herzog von Baiern, beim Aufblick zu dem ſtrahlenden Dach eine bewundernde Bemerkung machte, antwortete er halb ſcherzend:„Im Schatz wäre es mir lieber.“ Die Jagdgeſellſchaft wurde nun entlaſſen und auch die Erzherzogin kehrte, bevor ſie ihrer Tante noch zur Abendſtunde aufwartete, in ihre eigenen Zimmer zurück, wo ſie gleich nach ihrem Fräulein fragte. Die trat ihr aber ſchon entgegen. „Nun, Hetti, Du haſt mich ſchon lang' erwartet, nicht wahr?“ fragte die Fürſtin, nachdem ſie die Kammerfrau, wie die andern Dienerinnen, entlaſſen hatte.„Biſt Du noch krank?“ „Mir iſt viel wohler. Euer Gnaden hat mich wohl in Gedanken ſehr geſcholten, daß ich daheim geblieben bin?“ „Wie werd' ich Dich ſchelten, Hetti, wenn Du krank biſt? Haſt auch für Dich geſorgt, den Trank zu allen Stunden genommen, den Dir der Meiſter gegeben hat? Dein Auge gefällt mir viel beſſer, Du ſiehſt, wie der Kühl⸗ trank geholfen hat.“ „Ich habe mir ſelbſt geholfen, wie ich es daheim ge⸗ lernt habe,“ erwiederte Hedwig lächelnd.„Freie Bergluft, friſches Waſſer aus dem Quell.— Euer Gnaden wolle mir verzeihen, wie es auch die Frau Hofmeiſterin ge⸗ than hat.“ 23 „Wie, Hedwig? rief die Erzherzogin.„Du biſt hinaus in die Berge gegangen?“ „Nur ein ganz kleines Stück— und nicht allein! Ich bin es ſo gewöhnt, recht viel draußen in freier Luft zu weilen.“— „Du kannſt den Altenſteig nicht vergeſſen, armes Kind,“ ſagte die Erzherzogin.„Du ſehnſt Dich zurück. Es war unrecht von mir, daß ich Dich wieder aus Deiner Heimath entführte, aber ich habe Dich lieb, Hetti, halte mir's zu gut. Wenn Alles wieder friedlich iſt, will ich Dich ſelbſt nach dem Altenſteig bringen und Du ſollſt ihn nicht mehr verlaſſen. Bis dahin halte nur bei mir aus, Hetti, Du ſollſt alle Freiheit haben, täglich in die Berge ſchweifen, ſo weit Du willſt— ich begleite Dich ſelbſt viel⸗ leicht zuweilen oder ich gebe Dir von meinen Dienern ein ſicheres Geleit. Wenn ich es geſtatte, wird die Frau Hof⸗ meiſterin wohl nichts dawider haben,“ ſetzte ſie ſcherzend hinzu und Hedwig küßte ihr die Hand. „Ich danke Euch für ſoviel Güte und Liebe,“ erwie⸗ derte ſie bewegt.„Glaubt nicht, daß ich mich nur einen Augenblick von Eurer Seite hinwegſehne: ich bin ja hier ſo glücklich! Daß ich gern an meine Heimath denke, das vergebt Ihr mir, und vergeſſen möcht' ich ſie wohl nimmer, aber ich weiß, daß meine Eltern dort in Frieden und Ge⸗ ſundheit leben und meiner nicht bedürfen. In die Berge 24 zu ſchweifen, begehre ich nicht anders, als wenn ich Euch dahin folgen kann, und ich wäre heut nicht daheim geblie⸗ ben, wenn ich mich zu Pferd hätte halten können.“— „Jetzt glühſt Du wieder und warſt vorher bleich, Hetti,“ ſprach die Fürſtin beſorgt.„Schone Dich recht und ſage mir immer, was Dir fehlt!“ Der innige Blick, welcher dieſe Worte begleitete, ſchien auf Hedwig einen tie⸗ fen Eindruck zu machen, denn die Röthe, welche das lebhafte Sprechen auf ihre in letzter Zeit bleicher gewordenen Wan⸗ gen gerufen hatte, wurde noch erhöht, und ſie küßte ihrer Herrin, diesmal ſtumm, von Neuem die Hand. Beide ſchwiegen eine Weile und Jede fühlte vielleicht, daß ein Vertrauen gegenſeitig ſein müſſe. Dann fragte die Erz⸗ herzogin, ob ſie ſchon von der Nachricht aus Oeſterreich ge⸗ hört habe. Hedwig verneinte es, denn ſie war, die Wahr⸗ heit zu geſtehen, erſt vor einer Viertelſtunde von ihrem Ausfluge, auf welchem ſie die Kammerfrau begleitet hatte, zurückgekehrt und noch mit Niemand vom Hofe zuſammen getroffen. Sie hörte nun die befremdende Kunde, daß der König von Ungarn in ſeinen raſchen Fortſchritten den Wie⸗ nern einen längern Waffenſtillſtand gewährt habe, den ſie benutzen konnten, um ſich zur kräftigſten Vertheidigung mit Allem zu verſehen. Ihr war es unbegreiflich, wer hier den Antrag gemacht habe, da eine ſolche Forderung von Sei⸗ ten der Bürger doch eine zu abenteuerliche und nie erhörte 25 geweſen wäre. Doch zeigte ſie eine freudige Theilnahme, obgleich man früher bei ihr keine beſondere Vorliebe für die Wiener bemerkt hatte, weil der Bürgerſtolz und das Selbſtgefühl oft zu ſtark hervortrat, auch wohl die Erin⸗ nerung an ihre Auflehnung gegen den Kaiſer bei Hedwig durch den Vater wach erhalten worden war. Der Erzher⸗ zogin fiel ihre aufgeregte Freude bei der Nachricht, welche ſie ihr mittheilte, auf, aber ſie fragte nicht nach dem Grunde dieſer Sinnesänderung. Er konnte wohl darin liegen, daß Hager's Tochter die Wichtigkeit kannte, welche Wiens Er⸗ haltung für den Kaiſer haben mußte. Aber es gab auch noch eine andere Deutung, warum das Schickſal der ſtreit⸗ baren Bürger der Hauptſtadt jetzt für Hedwig ein tieferes, als das allgemeine menſchliche, Intereſſe hatte. Wenn ſie auch Alles über ſich gewonnen— vergeſſen lernt das weib⸗ liche Herz nicht ſo leicht. BZweites Capitel. Der Bote. Herzog Albrecht von Baiern konnte nicht lange am Hofe zu Innsbruck verweilen, wie ſchwer es ihm auch wurde, ſich loszureißen. Hatte er doch endlich hier die Ge⸗ 26 liebte wieder geſehen, der er ſeine Krone zu bieten ſich ſehnte, die er gewinnen mußte um jeden Preis! Des Kaiſers Un⸗ gnade, die er ſich durch ſein kühnes Vorgehen im Reiche zu Gunſten ſeines Hauſes zugezogen hatte, noch mehr des Va⸗ ters Abneigung, ſich von ſeiner Tochter zu trennen, auf deren Liebe er wahrhaft eiferſüchtig war, ſtanden ihm frei⸗ lich als ſtarke Hinderniſſe im Wege, aber der Liebe iſt kein Hinderniß unbezwinglich und Herzog Albrecht hatte ſich ge⸗ lobt, die Kaiſertochter heimzuführen, mochte ſich auch die ganze Welt gegen ihn verſchwören. Zwar wich ſie ihm jetzt aus; ſeine Worte, in denen ſich immer ſein heißes Ge⸗ fühl verrieth, fanden nicht mehr die frühere Aufnahme, wo ſie dieſelben auch mit feinem und ſicherem Takte in den Schranken der Convenienz zu halten wußte, aber doch nicht ſo entſchieden hinderte, als jetzt. Indeſſen hoffte er, daß nicht ihr Herz, ſondern nur ihr kindliches Gefühl bei dieſer Zurückhaltung im Spiel ſei. Sie ſchien ihm den Weg angedeutet zu haben, auf welchem er ihre Hand gewinnen könne und er war nur darüber außer ſich, daß er abreiſen mußte, ohne ſie noch einmal, wenn auch auf einen flüchti⸗ gen Moment, ohne unmittelbare Zeugen, geſprochen und eine Beſtätigung ſeiner Hoffnung aus ihrem Munde ver⸗ nommen zu haben. Ihre letzten Worte auf der Jagd, ehe ihr ſüßes Alleinſein durch die Andern unterbrochen worden war, hatten ſo verheißungsvoll geklungen!„Was mein 27 Vater über mich beſchließen wird, das erwarte ich in De⸗ muth und Gehorſam!“ Wenn er ihr alſo des Vaters Einwilligung bringen konnte, ſo hatte er von ihrer Seite Alles zu hoffen. In dieſem Sinne war es immerhin ein Verſprechen geweſen, das ſie ihm in verhüllten Worten ge⸗ geben, wenn ſie es auch nachher geläugnet hatte. Er machte ſich nun auf ſeinem weiten Ritte des erſten Tages über die Paßhöhen, während er ſeinem Gefolge einſam vorauszog, Vorwürfe, daß er ſeine Zeit nicht benutzt habe, da ihm doch ſo koſtbare Minuten an der Seite der Gelieb⸗ ten geſchenkt geweſen waren und es erfüllte ihn mit Un⸗ muth, daß die neuen Wirren daheim, welche ſein tollköpfiger Bruder wiederum angeregt hatte, vor der Hand ſeine Kraft hemmten. Erſt mußte er im eignen Lande einen fe⸗ ſten Zuſtand der Dinge begründen, ehe er dem Kaiſer Hülfsvölker zuführen konnte. Mit großen Eutwürfen be⸗ ſchäftigt, wie er das Erbe des Hauſes Wittelsbach, das auch zerſplittert war durch unſelige Theilung, wieder ganz vereinigen und vor künftigem Unſegen bewahren wolle, ritt er durch die wildromantiſchen Scenen ſeines Oberlandes, nachdem er zu Mittewald, dem erſten Ort, der ſeiner Hoheit unterworfen war, übernachtet hatte. Wohlbekannt, wie er in ſeinem Lande war, ſchlug er den nächſten Gebirgsweg ein, welcher ſich von der großen Heerſtraße über Parten⸗ kirchen, die in frühern Jahrhunderten oft die Römerzüge 28. deutſcher Kaiſer geſehen hatte, trennt. Im Thale der Loiſach ritt er hinab, wo ſein Ahnherr, Kaiſer Ludwig, vor hundert fünfzig Jahren in düſtrer Einſamkeit die Abtei Ettal geſtiftet, in welcher nicht blos Mönche, ſondern auch Laien, welche der Welt und ihrer Drangſale müde waren, ihre Tage beſchließen konnten: für dreizehn Edle mit ihren Frauen, lautete die Urkunde. Dem thatkräftigen Fürſten, welcher noch das Leben in ſeiner Fülle vor ſich hatte und Großes vollbringen wollte, war ein ſolches Abtreten vom Kampfplatz nicht verſtändlich. Er raſtete unterwegs ſo wenig, als es bei der Anſtrengung der unwegſamen Ge⸗ gend thunlich war; die vielen und reichen Klöſter, welche in dieſen Alpen in reizendſter Lage ſich drängten, hätten dem Landesherrn überall, wo er ihnen die Ehre ſeines Beſuchs erzeigte, die beſte Aufnahme bereitet, aber er hatte nicht Ruhe, bis er die Verhältniſſe, wie ſie ſich während ſeiner kurzen Abweſenheit geſtaltet hatten, klar überſchauen konnte. Ze weniger das aus den Nachrichten, die ihm zu Inns⸗ bruck zugegangen waren und ſeine Abreiſe beſchleunigt hat⸗ ten, ſich thun ließ, deſto mehr ſtieg ſein Unwille gegen den Bruder, der ihm ſchon ſo viel Böſes bereitet, fortwährend die Ritterſchaft, deren Abgott er wegen ſeiner Perſönlichkeit war, zur Untreue verleitet hatte. Umſonſt, daß er ſich mit ihm, wie mit ſeinen andern beiden Brüdern, durch feierlichen Vertrag geeinigt, daß er ihm, nachdem er den 29 Aufruhr des Ritterbundes vom Einhorn zerſprengt, ver⸗ ziehen und ſpäter einen neuen Vergleich unter günſtigen Bedingungen geſchloſſen hatte: er rüſtete ſich jetzt, um die Theilnahme an der Herrſchaft, der er auf zehn Jahre ent⸗ ſagt, ſich zu ertrotzen, und dem Herzoge brannte das Ge⸗ ſtein unter den Hufen ſeines Roſſes, um nur zu rechter Zeit zu kommen, ehe die Flamme, die er noch im Funken erſticken konnte, empor ſchlage. Darum hatte er auch die Heerſtraße, die über Weilheim führt, vermieden, weil dieſe Stadt ſeinem Bruder überwieſen war, und ihr Pfleger ſich vielleicht ſchon dem Landesherrn feindſelig gezeigt hätte. Er war nun aus dem Loiſachthale, von Wolfahrts⸗ hauſen eines Morgens früh aufgebrochen, zum öſtlichen Ufer des Wurmſees gelangt und ritt, wiederum mit ſeinen Gedanken beſchäftigt, eine ziemliche Strecke vor ſeinem Gefolge, als ihn ein lauter Ruf, gut Acht zu haben, auf einen Reiter aufmerkſam machte, der ihm entgegen kam. In jenen unruhigen Zeiten mußte man bei jeder Begegnung auf einſamer Straße wohl auf ſeiner Hut ſein, da man nicht wußte, ob der Fremde nicht auch ein Feind ſei und im nächſten Buſch nicht ein Hinterhalt laure. Der Fremde, welchen der Herzog daher traben ſah, ſchien freilich kein Kriegsmann zu ſein, denn er trug weder Sturmhut noch Panzerſtücke; ſein dunkles, langes Kleid ſchien eher auf ei⸗ nen fahrenden Baccalaureus oder Doctor einer Univerſität 30 zu deuten, doch widerſprach dem der aufgeſchlagene Hut und der ſtarke Reiterdegen, deſſen Griff man jetzt, da er näher gekommen war, an ſeiner Seite funkeln ſah. Er ſchien ſich auch nicht, wie Männer des Friedens und der Feder pflegen, vor dem reiſigen Zuge, der ihm entgegen ritt, zu fürchten, ſondern lenkte ſein Roß nur zur Seite, um ohne anzuhalten, an ihnen vorüber zu traben. Ehe er jedoch den höflichen Gruß, welchen er dem vornehmen Herrn an der Spitze des nun dicht aufgerittenen Häufleins zugedachte, ausſprechen ſollte, rief dieſer ihn an und for⸗ derte ihn auf, Kundſchaft zu geben, wer er ſei und wohin er ziehe. Der Reiter ſah wohl, daß dieſer Frage, mochte ſie berechtigt ſein oder nicht, Nachdruck gegeben werden konnte es wäre alſo Thorheit geweſen, ſich ihr zu widerſetzen. Er verhielt ſein Pferd und kam im Schritt an den Herzog heran geritten, den er nicht kannte, aber nach ſeiner reichen Tracht doch wohl für einen der vielen Grafen des Gebir⸗ ges halten mußte. Vielleicht war es der Graf von Stah⸗ remberg, deſſen Stammſitz drüben am See lag, welcher auch wohl nach ihm genannt wird. Wenigſtens hatte ſein Ton ganz ſo geklungen, als ob er allein auf dieſem Grund und Boden zu gebieten habe. „Ich komme von München und will nach Tirol,“ gab der Reiter zur Antwort, während er ſein braunes Auge 31 furchtlos auf den ſtrengen Frager richtete. Dieſer war mit dem Beſcheide noch nicht zufrieden. „Ihr ſeid nicht aus München— wer ſeid Ihr?“ forſchte er weiter und es lag eine Zurechtweiſung in ſeiner Miene, daß der Fremde ihn zweimal nach ſeiner Perſon fragen laſſe. Aber er mußte hoch aufblicken, als dieſer ſich der Gegenfrage erdreiſtete, wem er ſeinen Beſcheid hier geben möge? „Ich bin der Herzog von Baiern,“ ſagte der Fürſt ungeduldig. Der Fremde entblößte augenblicklich ſein Haupt. „Herzog Chriſtoph?“ fragte er jedoch, und unter dem Gefolge wurde ein unwilliges Murren laut: ohne den ver⸗ bietenden Wink des Herrn wäre der vorlante Menſch ſo⸗ gleich vom Pferde geworfen worden. „Verzeiht, gnädiger Herr,“ ſprach der Fremde nun ehrerbietig,„wenn Ihr Herzog Chriſtoph ſeid, ſo hätte ich wohl die Bitte, mir auf eine kurze Weile Gehör zu geben. Meine Sendung führt mich zwar eigentlich nach Inns⸗ bruck zu des Herrn Erzherzogs Gnaden, ich komme aus Flandern und bin ein Diener des Erzherzogs Marimilian, aber ich hatte ſchon im Sinn, hinüber nach Landsberg zu reiten, wo Euer Gnaden, wie mir zu München geſagt wurde, Ihren Sitz hat; da es ſich nun fügt, daß mir das Glück Eurer Begegnung geworden iſt, ſo könnte ich, dafern 32 es Euer Gnaden genehm iſt, mich anzuhören, auch hier meinen Vortrag machen. Zu Roß, wie es oftmalen in alter Zeit ſogar mit feierlicher Geſandtſchaft geſchehen iſt,“ ſetzte er hinzu,„oder auch wo Ihr ſonſt befehlt, ich kehre dann mit Euch um.“ „Vom Erzherzog Max ſeid Ihr geſendet?“ rief Al⸗ brecht, von einem mißtrauiſchen Gedanken erfaßt, der ſein ganzes Blut in Wallung ſetzte.„Und was kann der mäch⸗ tige Herr von Burgund dem Herzog Chriſtoph zu Baiern zu entbieten haben?“ „Euer Gnaden wolle verzeihen, wenn ich mein An⸗ liegen nur ganz für Euch allein vortragen kann. Den Herrn von Burgund mögt Ihr wohl meinen gnädigen Fürſten nicht nennen, da Ihr wohl wiſſet, daß alles Land ſeiner Gemahlin, welche er kürzlich zu verlieren das Unglück ge⸗ habt, auf das Söhnlein, den jungen Erzherzog Philipp, zu Recht und Erbe übergegangen iſt. Auch habe ich nicht an den Herzog mich zu wenden, ſondern an den Ritter, deſſen Muth und Kraft in allen deutſchen Landen wohl⸗ bekannt iſt.“ Herzog Albrecht hörte dies Lob ſeines Bruders nicht mit liebreichen Gefühlen. Das war es ja eben, was die⸗ ſen zum Abgott der bairiſchen Ritterſchaft gemacht hatte, daß er ſelbſt an Kraft und Waffenfertigkeit, kühnem Wa⸗ gen und Trotz der vollendetſte Ritter war. Nur in Einem 33 war er es nicht: in makelloſer Treue! Hatte er auch den Erzherzog Max durch den äußern Glanz ſeiner Tollkühn⸗ heit verblendet und für ſich gewonnen, daß er ihm wohl gar eine mächtige Stütze verhieß in ſeinem neuen Streben nach Mitherrſchaft, aus welcher leicht Alleinherrſchaft wer⸗ den konnte zum Unglück für ganz Baiern? Der Sohn des Kaiſers, der künftige römiſche König, der Erbe aller habs⸗ burgiſchen Lande, ſchickte an Herzog Chriſtoph, als dieſer im Begriff ſtand, das Schwert gegen ſeinen Bruder zu ziehen, eine geheime Botſchaft: wollte er ihm ſeine Zu⸗ ſtimmung geben, wohl gar ſeinen Beiſtand verſprechen und die Beſtätigung des Kaiſers in Ausſicht ſtellen? Und Herzog Albrecht wollte eben ſeine Maßregeln treffen, um dem Kaiſer mit aller Macht gegen den König von Ungarn zu Hülfe zu ziehen! Die Verſuchung lag nahe, den Boten, des Erzherzogs in dem Glauben, daß er hier zu Herzog Chriſtoph ſpreche, zu laſſen, um von ihm zu vernehmen, was er an den„Ritter“ zu beſtellen habe. Albrecht brauchte ja nicht einmal dieſen Glauben, den er nicht ver⸗ anlaßt hatte, durch eine Unwahrheit zu beſtärken, er durfte ihn nur einfach auffordern zu ſprechen, wozu er doch ein Recht beſaß, da es ihn jedenfalls anging, was zwiſchen den beiden Fürſten verhandelt wurde. Aber blitzſchnell, wie dieſe Gedanken durch die Rede des Fremden geweckt wur⸗ den, verſchwanden ſie auch. 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 3 34 Statt ihm das erbetene Gehör zu gewähren, erwie⸗ derte der Herzog:„Ich bin nicht Chriſtoph, ſondern Al⸗ brecht von Baiern. Wenn Ihr an meinen Bruder eine Botſchaft habt, ſo will ich Euch den Weg zu ihm nicht verwehren. Sagt ihm, daß Ihr mich hier getroffen habt.“ Er ſprach das mit Abſicht; gewiß hatte ihn der unruhige Bruder noch nicht erwartet und ließ ſich vielleicht durch die Nachricht von ſeiner ſchnellen Heimkehr von weitern unbe⸗ ſonnenen Schritten abhalten. „Gnädigſter Herr,“ ſagte der Fremde, ſich oftmals tief verneigend,„meine Sendung geht an ſich nur nach Innsbruck. Verzeiht, wenn ich Euch nach dem Bilde, das ich mir von Eurem ritterlichen und tapfern Bruder gemacht hatte, bei dieſer unvermutheten Begegnung hier im einſamen Berglande einen Augenblick für Herzog Chri⸗ ſtoph gehalten habe und mich erdreiſten wollte, zu äußern, was mir auf dem Herzen lag.“ Wie heißt Ihr?“ fragte der Herzog. „Lienhard Helfer,“ antwortete der Fremde,„ich bin im Dienſt des Erzherzogs Maximilian.“ „Das habt Ihr ſchon geſagt!“ erwiederte Herzog Albrecht mit ſtolzem Gleichmuth, da es ihm vorkam, der junge Mann wolle durch dieſe wiederholte Betonung ſei⸗ nes Dienſtes bei dem Erzherzoge ſich ein beſonderes Ge⸗ wicht beilegen.„Ihr wollt alſo nicht nach Landsberg rei⸗ 35 ten?“ warf er noch hin, indem er mit einem kurzen Wink der Hand ihn entließ und ſelbſt anritt. „Nein, gnädiger Herr,“ ſagte der Fremde, auch mit einem Anflug von Stolz, den der Fürſt nicht beachtete, der ihm aber von deſſen Gefolge, als es an ihm vorüber ritt, manchen vornehm verächtlichen Blick zuzog. Er ſetzte nun, ſobald die Straße ganz frei war, ſei⸗ nen Weg fort und das Mißverſtändniß, als habe ihm der Erzherzog, ſein Herr, einen beſtimmten Auftrag an den heißblütigen Bruder Herzog Albrecht's gegeben, blieb un⸗ aufgeklärt. Der Herzog fühlte ſich durch die Annahme, daß hinter ſeinem Rücken ein falſches Spiel getrieben werde, nur noch mehr gereizt. Als er einſt, um einem neuen Bürgerkriege vorzubengen, den Ungetreuen, der ſchon wieder die kaum niedergeworfenen Bundesritter in Har⸗ niſch gebracht, hatte verhaften laſſen, und der jüngſte Bru⸗ der, Wolfgang, ihn deshalb bei der Fürſtenverſammlung zu Regensburg angeklagt hatte, da waren Abgeordnete der⸗ ſelben in Baiern erſchienen, da war der Kaiſer in Perſon gekommen, um die Sache zu unterſuchen, und Alle hatten ihm Recht gegeben und ihn belobt, daß er den Landfrieden, der im ganzen deutſchen Reiche noch nicht einzuführen war, wenigſtens in ſeinem Baiern ſo kräftig aufrecht hielt. Was hatte ſich denn nun in der Sache geändert? Er gelobte ſich aber, mit einem raſchen Schlage den drohenden Auf⸗ 3* 36 ruhr zu zerſchmettern und das hielt er auch. Denn ſobald er nach ſeiner Hauptſtadt gelangt war, raffte er in Eile an Streitern zuſammen, was ihm zu Gebote ſtand, 350 Reiſige und 600 Fußknechte, mit 5 wohlbeſpannten Geſchützen, für die er gute Büchſenmeiſter gewonnen hatte, und führte ſie raſch gegen Landsberg, wo er ſeinen Bruder zu überraſchen hoffte. Das war auch der Fall, denn Chri⸗ ſtoph hatte ſeine Rüſtungen noch bei Weitem nicht beendigt, planlos, wie er in ſeinem ganzen Leben handelte, aber er war zeitig gewarnt und hatte ſich nicht auf den ungewiſſen Ausgang einer Belagerung einlaſſen wollen, ſondern die Feſte dem Pfleger von Landsberg zur Vertheidigung über⸗ geben und ſich ſelbſt nach der freien Reichsſtadt Augsburg geflüchtet, deren Mauern ihm Schutz gewährten. Wir folgen weder ihm, noch ſeinen mit Recht erzürnten Bruder, der ſich vor Landsberg nur zu zeigen brauchte, um der Unterwerfung des Pflegers gewiß zu ſein. Lieber kehren wir mit dem Boten aus Flandern, welchen der Erzherzog Max an ſeinen Oheim Siegmund geſendet, in das liebe Tirol zurück. Thut es doch ein Jeder gern, der einmal dort geweſen iſt, und das wundervolle Land, wo das Er⸗ habene mit dem Lieblichſten wechſelt, wo ein ſo liebens⸗ würdiges Volk, kerngeſund an Seel' und Leib, wohnt, kennen gelernt hat. Wie Vielen gefällt es dort unvergleichlich beſſer, als in dem helvetiſchen Alpengebiet, in der Schweiz, 37 vorzüglich des Volkes wegen. Damals freilich war auch der Schweizer noch, was der Tiroler ſeitdem geblieben iſt. Lienhard Helfer hatte ſich der Bote genannt, welchen Herzog Albrecht unterwegs getroffen hatte, und ſo ließ er ſich auch zu Innsbruck anmelden, als er dorthin gelangt war und ſich in ſchicklicher Weiſe zur fürſtlichen Reſidenz verfügt hatte. Der Erzherzog Siegmund war zugänglich für Jedermann, aber wenn Einer in Staatsgeſchäften kam, wurde er meiſt an den Kanzler verwieſen, da der lebens⸗ frohe Herr ſich ſein heiteres Daſein nicht gern mit Sorgen trüben ließ. Auch der Bote aus Flandern erhielt daher den Beſcheid, ſich vorerſt bei dem Kanzler Purch zu melden und demſelben ſeinen Vortrag zu machen. Er hatte dem Kämmerer, durch welchen er ſich den Zutritt beim Erzher⸗ zoge hatte verſchaffen wollen, nämlich gleich geſagt, daß ſeine Botſchaft von ernſten und für die Wohlfahrt des Reiches hochwichtigen Dingen handle, und dieſe ließ der Fürſt in der Regel erſt durch ſeinen Kanzler erwägen, ehe ſie ihm zur Beſchlußnahme vorgelegt wurden. Der Erz⸗ herzog verkehrte auch nicht gern mit den Herren von der Feder, welche ſtets mit ihrer Gelehrſamkeit, mit bündigen Beweiſen und Urkunden zu Felde rücken. Wenn ihm ſein Neffe einen der flandriſchen Edelleute, welche auch fröhlich und wacker zu leben verſtehen, ſtatt des ſchwarzgekleideten, bürgerlichen Schreibers geſchickt hätte, ſo würde er ihn jeden⸗ 38 falls gleich angenommen haben. Aber er glaubte ſchon zu wiſſen, was er ihm bringe: es war das ewige Lied, das ihm ſchon Hager von Altenſteig, als er ihn vor drei Jah⸗ ren auf ſeiner Burg beſuchte, geſungen hatte, er lebte den Vettern aus dem Stamme Ernſt des Eiſernen zu lange und ſie waren lüſtern, ihm ſeine Lande noch bei Lebzeiten abzuhandeln. Gemehrt hatte er ſie freilich nicht, im Ge⸗ gentheil hatte er, und folglich das Haus Habsburg auch nach ihm, alle Beſitzungen in den vordern Landen an die Schweizer verloren, theils durch einen Krieg, welchen der Papſt vergebens zu ſchlichten verſucht hatte, theils durch Verkauf. Aber Tirol, dieſe unſchätzbare Perle, beſaß er doch noch, und wenn er ſie einmal doch noch bei ſeinem Le⸗ ben verſchenken ſollte, ſo wußte er ſchon, wem er ſie zuge⸗ dacht hatte, nicht dem ſtreitluſtigen Max, deſſen Thaten ihn ſelbſt beſchämten, ſondern deſſen holder Schweſter, die auch ſein Herz, wie Aller Herzen, gewonnen hatte. In fröhlicher Laune war er auch ſchon mit ſeinem Gedanken gegen Kunigunden vorgerückt: ſie ſolle nur endlich ihre Sprödigkeit beſiegen, dann werde er ihr ſein ganzes Land Tirol zur Brautgabe verſchreiben und ſich nur ein paar Häuſer, wo er als ihr Gaſt bis an ſein Lebensende woh⸗ nen könne, zurück behalten. Er war denn heut durch die neue Mahnung an Max beunruhigt worden und ſah dem Boten, den er ſich hatte beſchreiben laſſen, von ſeinem Fen⸗ 39 ſter nach, als dieſer das Schloß verließ, um wieder nach ſeiner Herberge in der Stadt zurückzukehren, da ihm geſagt worden war, daß der Kanzler grade nicht zu Innsbruck anweſend ſei, ſondern erſt in zwei oder drei Tagen heim⸗ kommen werde. Für einen ſtudirten und graduirten Mann hatte der Schwarzrock, dem der Erzherzog nachſchaute, einen gar freiſamen Schritt und ſeine Haltung war auch ſo ſtatt⸗ lich, daß es ausſah, als habe er mehr aufrecht im Sattel, als gebückt über den Büchern geſeſſen. Indeſſen zu jener Zeit war man es ſelbſt an hohen Kirchenfürſten gewöhnt, daß ſie in Zeiten der Gefahr den Harniſch anlegten und ſich an die Spitze ihrer Schaaren ſtellten, darum ver⸗ wunderte ſich der Fürſt auch nicht über den jungen Ge⸗ lehrten. Den Ritterſchlag konnte er ja eben auch erhalten, denn der war damals weder abhängig von adeliger Geburt, noch ausſchließlich von Thaten des Schwertes, ſondern konnte auch durch Thaten auf geiſtigem Gebiete errungen werden. Wenn Erzherzog Siegmund aber den jungen Mann, welcher, den ſchwarzen Mantel um den linken Arm geſchla⸗ gen, die Hand auf dem Schwertgriff ruhend, das Haupt ruhig empor gerichtet, über den Platz ſchritt, für einen ſtn⸗ dirten und graduirten Gelehrten hielt, ſo that er ihm zu viel Ehre an und der beſcheidene Mönch, welchem er all ſein Wiſſen verdankte, würde darüber beſchämt geweſen 40 ſein. Beſſer erkannte ihn eine Matrone, die in der Stadt geweſen war und ihm auf dem Platze begegnete. Sie blieb ſtehen, wie von einer ſpukhaften Erſcheinung erſchreckt, und ſah ihn ſtarr an. Auch er erkannte ſie auf den erſten Blick und war ſehr überraſcht, ſie hier zu ſehen. Mit einem freundlichen Gruße, wie ihn die alte Frau in frühern Zeiten nicht eben von ihm gewohnt war, eilte er auf ſie zu und rief:„Ei, Frau Mittwurzer, wie find' ich Euch hier zu Innsbruck? Grüß' Euch Gott!“ Sie dankte ihm und ſagte:„Wo meiner Erzherzogin Gnaden iſt, werd' ich doch auch ſein— aber ich könnte eher fragen, was Euch hierher führt,—?“ Hier ver⸗ ſchluckte ſie offenbar den Nachſatz, ſie wollte ihn, wie ſie früher gethan, Junker Lienhard nennen, aber ihr fiel plötz⸗ lich ein, daß er ja kein Junker mehr ſei, und es machte ſie, wie herb ſie ſich auch ſonſt gegen ihn, der ſie oft geneckt und gereizt, bei jeder Gelegenheit benommen hatte, ſelt⸗ ſamer Weiſe verlegen, beſonders weil ſie ihn lebhaft er⸗ röthen ſah. Das war aber nicht aus dem Bewußtſein entſprungen, daß er, welcher einſt ſo übermüthig gegen die alte Hofdie⸗ nerin verfahren war, jetzt für ſeinen Hochmuth beſtraft vor ihr ſtehe, ſondern aus der Ueberraſchung, welche ihm ihre Antwort bereitete. Die Erzherzogin war hier! Er hatte das nicht gewußt. Daran knüpfte ſich in untrennbarer 5 41 Folge der zweite Gedanke, der ihn eben ſo freudig erglühen ließ. Mit der Erzherzogin war gewiß auch ihr Liebling wieder vereinigt und er konnte ſie wieder ſehen! Doch nur einen Moment gab er ſich dem freudigen Eindruck hin, welcher ihn momentan Alles vergeſſen machte, was ſeitdem geſchehen war. Wie ein blendender Strahl aus Wolken, der gleich wieder erliſcht, verſchwand auch das Lächeln, das ſein Antlitz verklärt hatte und er ſagte auf die Frage der Kammerfrau mit einem Tone, welchem nur eine ſchärfere Beobachtungsgabe die innere Bewegung angehört hätte: „Ich komme aus Niederland, gute Frau Mittwurzer, und bringe eine Botſchaft an den Erzherzog.“ Sie hatte ihn unterdeſſen wenigſtens äußerlich ge⸗ muſtert: Die ſchönen, braunen Locken, die er ſonſt mit ſolcher Kunſt gepflegt hatte, die ihn ſo prächtig kleideten, waren verſchwunden, es that der alten Frau ordentlich leid darum; er trug ein ganz einfaches Kleid, nirgend eine Zier⸗ rath oder eine Stickerei daran, das Schwert, das an einem Ledergurt hing, nicht wie ſonſt in einer koſtbaren, von feiner Damenhand geſtickten Schärpe, hatte einen ganz gewöhnlichen Eiſengriff. So kommt Hochmuth vor dem Fall! mußte ſich Mittwurzer ſagen, aber nun er gedemüthigt war, kam auch das Mitleid mit dem armen, jungen Menſchen und geſellte ſich zu der Neu⸗ gier, von ſeinen Schickſalen etwas mehr zu erfahren, als 42 was ihr das Geſchwätz unter der Hofdienerſchaft verkündet hatte. „Ihr ſeid alſo nicht zu Wien geblieben?“ fragte ſie mit einer Theilnahme, die ſich auch in ihren Zügen aus⸗ ſprach.„Aus Niederland kommt Ihr, ſo weit! Wie iſt es Euch denn ſonſt ergangen?“ „Ich habe keine Urſache zu klagen, Frau Mittwur⸗ zer,“ erwiederte er, und mit einer Selbſtüberwindung, welche die Kammerfrau völlig beſtürzt machte, da ſie dieſelbe nicht zu begreifen vermochte, ſetzte er hinzu:„Ihr wißt, daß ich meine Herkunft erſt erfahren habe, und ein Bürgersſohn bin, nicht wahr?“ „Das weiß ich—“ ſtotterte die alte Frau—„wer hätte das geglaubt— aber Ihr werdet Euch auch ſo durch die Welt helfen. Ein junges Blut, ein friſcher Muth—“ fügte ſie gefaßter mit den Worten eines alten Liedes hinzu: „Kann ich vielleicht meiner gnädigen Erzherzogin ein Wort ſagen, daß ich Euch geſehen habe? Oder beſucht Ihr mich oben?“— ſie zeigte nach der Burg—„wir ſtehen hier auf der Gaſſe und die Leute ſchauen uns ſchon an; zu einer alten Frau, wie ich bin, könnt Ihr ſchon kommen, wir plaudern uns dann aus, Ihr erzählt mir Eure Ge⸗ ſchichte, ich meine es gut mit Euch und wäre doch vielleicht im Stande, Euch beizuſtehen, ſo oder ſo.“ Lienhard dankte ihr, obgleich er nicht recht begriff, 43 wie er zu der Theilnahme, die er nimmer verdient hatte, ge⸗ kommen ſei, er lehnte aber ihre Einladung ab.„Ich habe mir vorgenommen,“ ſagte er ſo freundlich, daß ſie ihm un⸗ möglich etwas übelnehmen konnte,„mich ganz allein durch die Welt zu bringen. Herr Veit hat es auch gut mit mir gemeint und doch nur Uebles angerichtet. Mir iſt es auch ſchon gut geglückt, denn ich bin nicht mehr wie der Vogel auf dem Dach, ſondern hab' mein Theil. Seid mir alſo nicht bös, Frau Mittwurzer, wenn ich nicht komme. Was kann's Euch nützen oder Freude machen, meine Geſchichte zu hören? Ich hab' ohnedem bei Euch mancherlei auf dem Kerbholz— weswegen ich Euch jetzt Abbitte thue. Ver⸗ meldet Eurer Herrſchaft nicht erſt, daß Ihr mich getroffen habt, es könnt' ihr nicht lieb ſein, wenn ſie denkt, wie es ſonſt mit mir geweſen iſt. Behüt' Euch Gott.“ „Aber— wenn Ihr doch eine Botſchaft an den Er⸗ herzog habt—“ wandte ſie ein. „Dieſe lautet kurz und wenn ich entlaſſen bin, werde ich vielleicht ſchon in Schwaz ſein, ehe Eure Herrſchaft er⸗ fährt, wer die Botſchaft an ihren Herrn Oheim gebracht hat.“ Sie konnte es nun doch nicht laſſen, was ſie bis jetzt als unpaſſend unterdrückt hatte.„Fräulein Hetti wird ſich auch wundern, wenn ſie davon hört!“ Als ſie das geſagt hatte, wurde ſie ſelbſt roth. 44 „Dem Fräulein von Altenſteig,“ erwiederte Lienhard, nun aber mit einer Bewegung, welche ſeine künſtlich er⸗ zwungene äußere Ruhe nicht verdecken konnte,„dem Fräu⸗ lein von Altenſteig ſagt, daß ich meinen Weg, den ich gehen muß, in Ehren gehe, ſagt ihr, daß ich von Allem, was mir nicht gehörte, nur den Namen Lienhard behalten habe, von dem konnt' ich mich nicht trennen.“ Er wollte noch mehr ſagen, aber er fürchtete, ſeine Faſſung ganz zu verlieren und brach kurz ab. Die Kammerfrau ſah ihm mit naſſen Augen nach und ſeufzte in der Erinnerung des letzten Wiederſehens zwiſchen Lienhard und Hedwig, deſſen Zeugin ſie geweſen war. Damals hatte ſie nicht verſtanden, was Beide tren⸗ nen ſollte, und auch das Fräulein hatte den Scheidenden, der ſich von ihr auf ewig trennte, nicht verſtanden. Seit⸗ dem war Alles nur zu klar geworden! Sie ging nach dem Schloſſe zurück, zweifelhaft, ob ſie ſchweigen ſolle. Lange währte es jedoch nicht, ſo waren dieſe Zweifel überwunden. Sie mußte ſich allerdings ſagen, daß ſie dem armen Fräulein, mochte ſie nun über Lienhard denken, wie ſie wollte, durch die Nachricht, daß er zu Innsbruck ſei, nur Unruhe bereiten würde, aber ihre Fürſtin konnte ſie davon benachrichtigen; dieſe mochte dann thun, was ihr gut ſchien. Es war ſchon der guten Frau Mittwurzer hoch anzuſchlagen, daß ſie ſich die Genugthuung verſagte, dem 45 Fräulein ſelbſt die Kunde zu bringen und zu ſehen, wie ſie dieſelbe aufnehmen werde. Die Erzherzogin hörte mit großer Ueberraſchung, daß der junge Mann, für welchen ſie um ihrer Hedwig willen ſchon in den Tagen ſeines Glückes ein durch ihn ſelbſt nur zu oft getrübtes Intereſſe gefühlt hatte, zu Innsbruck ſei und zwar mit einer Botſchaft aus Niederland an ihren Oheim. Von wem konnte dieſe Botſchaft kommen als von ihrem Bruder Max? Hätte dieſer gewußt, daß ſeine Schweſter in Tirol weile, ſo würde er gewiß auch ihr einen Brief mitgeſchickt haben, um ihr Nachrichten zu geben, nach denen ſie ſich ſchon ſo lange ſehnte. Aber wie kam Lien⸗ hard dazu, der Ueberbringer dieſer Botſchaft zu ſein? Sie wußte nicht anders, als daß er zu Wien bei ſeinen Groß⸗ eltern, die er noch am Leben gefunden, eine neue Lebens⸗ bahn eingeſchlagen habe. Er war von Dietrich Wolffenegg geſehen worden, der es ſelbſt dem Kaiſer berichtet hatte; dieſer war Willens geweſen, ſich ſeines Lienhard, den auch er hatte verziehen helfen, weiter anzunehmen, aber das hatte ſie dem Vater ausgeredet. Ihrem Zartgefühl ſchien es nicht rathſam, dem ZJünglinge noch das frühere Verhält⸗ niß, mit welchem er doch unwiderruflich gebrochen haben mußte, ſtets von Neuem, und wär' es auch durch Wohltha⸗ ten, ſchmerzlich in Erinnerung zu bringen. Sie war ein⸗ gedenk ihrer eigenen Worte, die ſie einſt an ihn gerichtet 5 46 und von denen ſie nicht geahnt hatte, daß die Prüfung ihnen ſo bald folgen werde. Das Unglück, von welchem ſie unbewußt geſprochen, war nun über ihn gekommen— mochte es denn auch ſeine Läuterung, ihrem prophetiſchen Worte gemäß an ihm bewähren! Nach ihrem Rathe ſollte der Kaiſer ihn nur, ohne daß er es wiſſe, von fern beob⸗ achten laſſen, was er treibe, wie er ſich in ſeiner neuen Lage eingerichtet habe und ob er es wohl zu etwas Tüchtigem bringen werde. Das hatte der Vater ihr auch, ehe er Wien mit ihr verließ, verſprochen, hatte auch Einen, dem er ver⸗ trauen konnte, den Auftrag gegeben, Lienhard im Auge zu behalten und war durch eine gelegentliche Nachricht, die ihm ſpäter nach Neuſtadt, wo er wiederum ſein Hoflager genommen hatte, zuging, über den armen Schelm, wie er ihn oft nannte, beruhigt worden. Später, als die Ereig⸗ niſſe immer drängender alle ſeine Sorgen für das bedrohte Erbland in Anſpruch nahmen, hatte er wohl kaum noch an Lienhard gedacht, ohne ſich weiter um ihn bekümmern zu können, und die Erzherzogin war auch nicht bemüht gewe⸗ ſen, die Erinnerung aufzufriſchen. Sie hatte ihre Hedwig wieder vom Altenſteig abholen laſſen, und ſie bereits von Allem unterrichtet gefunden, was ſie ihr erſt mit zarter Schonung hatte mittheilen wollen. Ein Andrer hatte das, wenn auch nicht eben ſchonend, übernommen, und die Erz⸗ herzogin blieb nicht lange zweifelhaft, daß es der rothe 47 Diez geweſen war. Der hatte ſich nun, als Erbherr von Wolffenegg, ſo ſicher gefühlt, daß er nicht geſäumt hatte, mit dem rückſichtsloſen Bericht über das Schickſal ſeines vermeintlichen Vetters auf dem Altenſteig vor Hedwig zu treten und zugleich offen um ihre Hand zu werben. In welcher Weiſe Hedwig Beides aufgenommen hatte, konnte die Erzherzogin nur errathen, aber ſie war beruhigt dar⸗ über, daß Hedwig ſich nichts vergeben habe, da ſie ihre Seelenkraft und Selbſtbeherrſchung kannte. Dietrich war doch ſo ehrlich geweſen, dem Verfahren Lienhard's volle Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen; er hätte es vielleicht nicht gethan, wenn er geahnt hätte, daß er dadurch ſeinen eigenen Hoffnungen, wenn er irgend dazu berechtigt war, bedeutend ſchade. Der alte Hager hatte ihm dann frei⸗ müthig eröffnet, daß er ſeiner Tochter nicht einen Gemahl ohne ihre eigene Neigung beſtimmen werde und daher, weil das Herz ſeiner Tochter ſich ihm nicht zugewendet habe, ſeinen Antrag, der ihm ehrenvoll ſei, ablehnen müſſe. Hed⸗ wig hatte das der Erzherzogin ſelbſt erzählt, und mit ihr viel über Lienhard's Geſchick geſprochen. Es wäre unna⸗ türlich geweſen, wenn ſie es nicht gethan hätte. Aber was ſie dabei fühlte, das hatte die fürſtliche Freundin nur ahnen können. Manches Zeichen in unbewachtem Augenblick, wenn ſie durch ein Gedenken überraſcht wurde, hatte ſeit⸗ dem der Erzherzogin die Ueberzeugung gegeben, daß Hed⸗ 48 wig ihn nicht vergeſſen hatte, der einſt zu ihr in einem ſo ſeltſam gefügten Verhältniß geſtanden, ja, daß vielleicht erſt durch ſein Unglück ein tieferes Gefühl für ihn, das ſonſt vielleicht nicht zu wahrer Entfaltung gekommen wäre, in Hedwig's Herzen erwacht ſei. In dieſer Ueberzeugung hielt es Kunigunde für gefährlich, wenn Hedwig von Lien⸗ hard's Nähe unterrichtet werde, ſie verbot daher der Kam⸗ merfrau, deren Gehorſam ſie vertrauen konnte, ausdrücklich, gegen irgend Wen zu äußern, daß ſie den Boten aus den Niederlanden geſehen habe oder kenne,— als Grund ihres Verbots gab ſie, um die treue Dienerin auch willig zu ſtimmen, an, daß ſie Lienhard, welcher bei dem Kaiſer in hohen Gnaden geſtanden habe und deſſen Wohlwollen noch genieße, nicht dem Hohne ausgeſetzt wünſche; ſie werde ihn aber ſelbſt ſprechen. Dazu traf ſie denn bei ihrem Oheim ſogleich Anſtalt. Sie mußte es darauf ankommen laſſen, ob er Lienhard, der ſich vielleicht unter der Zeit verändert hatte, in der fremden Geſtalt wieder erkennen werde. Er hatte wohl gar nicht mehr an den Junker, den er nur einige Male geſehen hatte, gedacht; von ſeinem wunderbaren Schickſal war, ſoviel ſich die Erzherzogin erinnern konnte, wenigſtens ſeit ihrer An⸗ weſenheit am Hofe zu Innsbruck nicht geſprochen worden. Sie äußerte daher gegen ihren Oheim nur, daß ſie erfahren habe, ein Bote aus den Niederlanden ſei angekommen und 49 daß ſie den lebhaften Wunſch hege, ihn zu ſprechen, weil ſie durch ihn die beſten Nachrichten über ihren Bruder er⸗ halten könne. Der Erzherzog Siegmund ſchämte ſich ein wenig vor ihr, daß er den Boten nicht angenommen und ſchon varüber befragt hatte.„Du ſollſt ihn haben, Kuni,“ ſagte er lächelnd.„Todt oder lebendig, ich ſchaff' ihn Dir!“ Beide waren allein, darum ſtreifte er die Feſſeln der Förmlichkeit ab, in welche auch der Umgang zwiſchen den nächſten Ver⸗ wandten der Fürſtengeſchlechter gebunden war. Den hei⸗ tern Siegmund drückten ſie nur zu oft. Prittes Capitel. Wiederſehen. Es war nicht ſchwer, in der Stadt den fremden Boten ausfindig zu machen, welchen dann der herr⸗ ſchaftliche Diener, der nach ihm ausgeſandt worden war, auf die Burg beſchied. Lienhard ſtand eben im Begriff, die lange Zeit, welche er noch auf die Heimkehr des Kanzlers zu warten hatte, durch eine Wanderung in die nächſten ſchönen Umgebungen Innsbrucks zu verkürzen, 1853. XIII. Aus eig'ner Kraft. 1I. 4 50 als er die Aufforderung erhielt. Er leiſtete ihr ungeſäumt Folge, da er nach ſeinem Zuſammentreffen mit der Kam⸗ merfrau ſehnlich wünſchte, die Stadt baldmöglichſt verlaſſen zu können. Die Ruhe, die er gewonnen zu haben glaubte, war durch die Nachricht, daß er Hedwig ſo nahe ſei, wie durch ein Erdbeben erſchüttert worden und der feſte Grund ſchwankte unter ſeinen Füßen. Mit aller Kraft faßte er ſich jedoch, indem er ſich Alles, was die Verhältniſſe mit ſich gebracht hatten, vor die Seele rief und wenn es ihn auch, als er das Portal der Burg durchſchritt, bei dem Gedan⸗ ken, daß Hedwig unter dieſem goldenen Dache wohne und er ihr vielleicht durch einen unſeligen Zufall begegnen könne, von Neuem durchzuckte, ſo überwand er auch das und folgte dem vorausſchreitenden Diener durch die Gänge und Zimmer des Schloſſes mit ſtets wachſender Zuverſicht. Er war ja ſchon, als er die Aufträge ſeines Herrn in Brügge übernahm, darauf gefaßt geweſen, daß ihn der Erzherzog Siegmund oder einer der Tiroler Herren, welche mit die⸗ ſem am kaiſerlichen Hofe verweilt hatten, erkennen werde. Zu ſchämen hatte er ſich ja nicht. Die Erzherzogin war für die beabſichtigte Zuſammen⸗ kunft ſehr vorſichtig zu Werke gegangen. Sie wollte un⸗ bedingt verhindern, daß Hedwig von Lienhard's Anweſen⸗ heit etwas erfahre oder mit ihm zuſammentreffe, darum hatte ſie klug, wie ſie Alles einzuleiten verſtand, die Nei⸗ 51 gung Hedwig's, in das Freie zu ſchweifen, benutzt, ſie auf den wunderſchönen Herbſttag aufmerkſam gemacht, deſſen goldene Lichter die Berge, welche überall auf Innsbruck niederſchauen, zauberiſch verklärten und ihr geradezu die Erlaubniß zu einem weiten Spaziergange, wieder in Be⸗ gleitung der Kammerfrau, angeboten, welche Hedwig freu⸗ dig angenommen hatte. Dem Oheim war es ganz lieb geweſen, als Kunigunde ihm dann vorgeſchlagen hatte, den Boten, welcher gewiß ein feiner und gewandter Niederlän⸗ der, ſchwer zu ergründen, ſei, ihr ganz zu überlaſſen, ſie werde ſchon mehr von ihm erfahren, als er ſonſt wohl als Beigabe zu dem Schreiben des Erzherzogs Max freiwillig ſpenden möchte: die Verhältniſſe in Flandern, wo man wohl über das neue Regiment für den jungen Erben nicht günſtig denke, ſeien ſo wichtig für das Haus Habsburg, beſonders in den jetzigen unheilsvollen Zeiten, daß man keine Gelegenheit verſäumen dürfe, ſie kennen zu lernen. Da hatte der Oheim vor Bewunderung ihres hohen Geiſtes ſich gar nicht faſſen können.„Wahrhaftig!“ hatte er ge⸗ rufen.„So ich unſere Hausordnung und überhaupt das deutſche Fürſtenrecht, daß keine Frau über Land und Leute regieren darf, ändern könnte, ich thät' es freudiglich, da ich an Dir ſehe, wie viel beſſer es dann manchmal beſtellt ſein würde. Es wird aber noch einmal kommen und wär's auch erſt nach hundert und aber hundert Jahren!“ Dies 4*½ 52 Wort iſt in Erfüllung gegangen durch die Tochter Kaiſer Karls des Sechſten: Maria Thereſia. Als der Diener, welcher Lienhard führte, die letzte Thüre vor ihm öffnete und ihn in das Kabinet treten ließ, wo er den Erzherzog zu finden erwartete, ſtand er plötzlich vor der Kaiſertochter. Sie war ganz allein. Nur einen Moment überwältigte ihn die Macht dieſer Ueberraſchung, dann war er gleich wieder gefaßt und brachte der Erzher⸗ zogin ſeinen ehrfurchtsvollen Gruß, indem er das Knie vor ihr beugte. Sie hieß ihn aufſtehen und ſagte gütig:„Ich erfuhr ſchon geſtern, daß Ihr hier ſeid, Lienhard, und wollte Euch ſprechen.“ Er verneigte ſich tief und erwartete ſtumm ihre Be⸗ fehle. Sein Antlitz hatte ſich zwar etwas tiefer gefärbt, doch verrieth der Blick ſeines Auges durchaus keine falſche Scham. Ueberhaupt hatte ſich der Ausdruck in ſeinem Blicke ſehr verändert, ſeit ihn die Fürſtin zum letzten Mal geſehen hatte. „Ihr kommt aus den Niederlanden,“ ſprach ſie,„und habt eine Botſchaft an den Erzherzog, meinen Herrn Oheim.“ „Ich habe ein Schreiben von meinem gnädigen Herrn, dem Erzherzoge Maximilian, und glaubte, es heut über⸗ reichen zu dürfen.“ „Wollt Ihr es mir geben?“ fragte die Fürſtin. 53 Er zog es aus der Bruſt ſeines Kleides und über⸗ reichte es ihr, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen. Es war in ein koſtbares ſeidenes Tuch gewickelt, ein Erzeugniß niederländiſchen Gewerbfleißes, das der Erzherzog zugleich ſeinem Verwandten damit verehrte. Die Kaiſertochter nahm es aus ſeiner Hand und legte es auf den kleinen, künſtlich gearbeiteten Tiſch, neben welchem ſie ſaß.„Ich werde es meinem Herrn Oheim geben,“ ſagte ſie.„Habt Ihr eine Antwort darauf zu erwarten oder kehrt Ihr un⸗ geſäumt nach den Niederlanden zurück?“ „Meine Sendung geht noch weiter, Eure Gnaden ha⸗ ben mir vielleicht ſelbſt Befehle anzuvertrauen, ich gehe von hier nach Wien.“ „Nach Wien?“ fragte die Erzherzogin.„Auch in Aufträgen meines Herrn Bruders? Glaubt Ihr den Kai⸗ ſer noch dort zu finden?“ „Seine Kaiſerliche Majeſtät hat Wien verlaſſen,“ er⸗ wiederte Lienhard ernſt.„Das weiß mein gnädiger Herr. Ich habe mich umzuthun, wie die Vertheidigungsanſtalten beſchaffen ſind, wie die Stimmung der Bürgerſchaft iſt und ob mein Herr darauf rechnen kann, daß ſich die Stadt halten wird, bis es ihm möglich iſt, zu kommen.“ „Es wäre möglich!“ rief die Erzherzogin.„Der König hat den Wienern einen Waffenſtillſtand bis zur Be⸗ endigung der Weinleſe bewilligt. Sind aber die Dinge in 54 den Niederlanden ſo ſchlimm, daß ſie meinen Bruder noch immer feſt halten?“ Lienhard berichtete den Ausbruch des unglücklichen Bürgerkrieges, welcher dadurch veranlaßt war, daß nicht alle Landſchaften des ſo verſchieden gegliederten Reiches, welches die letzten burgundiſchen Herzoge zuſammengebracht, den Erzherzog Maximilian als Vormund ſeines vierjähri⸗ gen Söhnleins anerkannt hatten, daß namentlich Flandern ſich ihm hartnäckig widerſetze und auch Gent, die reichſte und unruhigſte Stadt, welche doch ſelbſt die Vermählung Maximilian's mit der Erbin von Burgund bewirkt und ihm zuerſt die Anerkennung von Holland und Zeeland ver⸗ ſchafft hatte, in maßloſer Ueberhebung ganz eigenmächtig verfahre, indem ſie ohne des Regenten Einwilligung ſein noch jüngeres Töchterlein dem Dauphin von Frankreich verloben wolle, worüber noch Unterhandlungen geflogen würden. Im ganzen Niederlande ſei wieder die alte Par⸗ teiung der Kabbeljaus und Hoeks, da ſie einen nenen An⸗ laß gefunden, im wüthendſten Kampfe, wie einſt in Italien die Ghibellinen und Guelfen, nachdem längſt der Grund ihrer erſten Zwietracht erloſchen. Es habe genügt, daß einige Häupter, welche zu der erſtern Partei gehört, ſich für den Erzherzog erklärt hatten, um die ganzen Hoeks ge⸗ gen ihn in den Harniſch zu jagen. Der ritterliche Fürſt brenne vor Ungeduld, in dieſem wirren Treiben nur eine 55 kurze Friſt der Waffenruhe zu erlangen, um nach Oeſter⸗ reich zu eilen und die Feinde des Kaiſers aus dem Lande zu ſchlagen, er ſei deshalb auch in Verhandlungen getreten und hoffe das Beſte, aber bis dahin müſſe die Wehrkraft der kaiſerlichen Erblande ſich ſelbſt helfen und er habe eben darum ſie durch ſeine Botſchaft im treuen Ausharren beſtärken wollen. Die Erzherzogin hörte mit geſpannter Aufmerkſamkeit zu und wie wenig Tröſtliches ihr der Bericht verkündigte, war er doch ſo verſtändig und klar, daß es ſie Wunder nahm, wenn ſie an Lienhard's früheres Gebahren dachte. Bei dieſem Gedanken länger zu verweilen, war jevoch nicht Zeit. Sie hatte noch mehr zu fragen, was ihr von dem geliebten Bruder zu wiſſen am Herzen lag. Lienhard gab ihr Beſcheid, ſo weit er es vermochte. Nur über den un⸗ glücklichen Zufall, welcher Maria von Burgund in ihrer Jugend und ihrem Liebreiz, die glücklichſte Gattin und Mutter, ihrem Gemahl entriſſen hatte, konnte er nicht ſo ausführlich erzählen, als das weibliche Mitgefühl der Erz⸗ herzogin es gewünſcht hätte. Er war kein Augenzeuge ge⸗ weſen— an der Falkenjagd, die er ſonſt am kaiſerlichen Hofe nie verſäumt hatte, war er jetzt nicht mehr berechtigt Theil zu nehmen. Als er von dem traurigen Ereigniß wiederholt hatte, was ihm geſchildert worden war, ſchwieg die Erzherzogin tief bewegt eine lange Weile und als 56 ſie ihr ſchönes Auge, das ſie zu Boden geſenkt hatte, wieder auf Lienhard richtete, war es von Thränen ſchimmernd.— „Wie iſt es Euch ergangen, Lienhard?“ fragte ſie weich. Da übermannte es ihn ſo, daß er faſt wiederum auf die Kniee geſunken wäre, ihr für dieſe Frage und dieſen Ton zu danken. Er konnte nur mit bewegter Stimme ant⸗ worten:„Ich habe viel Unglück gehabt, aber Gott iſt mir gnädig geweſen.“ „Mein Vater hat Euch nicht vergeſſen,“ ſagte die Erzherzogin. „Das weiß ich! Seine Majeſtät haben nach mir fra⸗ gen laſſen im Hauſe meiner Großeltern und ich bin wohl undankbar in den Augen des Kaiſers, daß ich mich nicht mehr gezeigt habe, aber ich glaubte, daß es ſo beſſer ſei. Nun ich im Dienſt meines gnädigen Erzherzogs ſtehe, hoffe ich auch einmal wieder vor meinen frühern, ſo huldreichen Gebieter treten zu können, um mich zu rechtfertigen.“ „Weiß mein Bruder um Eure Schickſale?“ fragte die Fürſtin. „Nein,“ erwiederte Lienhard.„Ich bin nach den Nie⸗ derlanden gegangen in der Abſicht, dem Erzherzoge meine Dienſte in irgend einer Weiſe anzubieten, wie es ſich mit meiner Herkunft verträgt und das Glück hat es gefügt, daß ich bald meinen Wunſch erreichte.“ Er ſprach von ſeiner Herkunft nicht mit Bitterkeit, er hatte alſo überwunden, 57 was ihm nach der Meinung, welche die Erzherzogin von ihm hatte, wohl am empfindlichſten ſein mußte. Sie fühlte das Verlangen, mehr von ihm zu erfahren und ſprach es aus. „Ihr könnt auch von mir überzeugt ſein, daß ich An⸗ theil an Eurem Ergehen nehme,“ ſagte ſie.„Da ich Euch nun bei meinem Bruder und für ihn thätig weiß, glaube ich Euch wohl geborgen. Aber es wäre mir lieb, zu hören, was Euch ſeit der Prüfung, die Ihr ſo gut beſtanden habt, begegnet iſt,— ſeid verſichert, daß ich nicht aus Neu⸗ gier frage.“ Da konnte ſich Lienhard ihrem Wunſch nicht entziehen, und die Erzherzogin erfuhr in kurzen Umriſſen die äußern Erlebniſſe, welche ihn betroffen hatten, ſeit er vom Kaiſer⸗ hofe geſchieden war. Zu Wien im Hauſe ſeines Großva⸗ ters hatte er nicht bleiben, ſich nicht entſchließen können, wie es der alte Mann ziemlich gebieteriſch beſtimmt hatte, noch in ſeinem Alter Harniſche und Waffenſtücke ſchmieden zu lernen. Der Abſchied ſchien hart, vielleicht auf Nie⸗ wiederkehr, geweſen zu ſein. Doch ſprach ſich Lienhard darüber nicht aus, wie denn ſeiner Erzählung durchaus die Farbe fehlte; die Erzherzogin fühlte ſehr wohl, daß er nur einem Befehle gehorchte. Von Wien war er zuerſt nach Sachſen gegangen, wo die fürſtlichen Brüder Ernſt und Albrecht in Eintracht die noch ungetheilten Lande regierten, 58 er hatte gehofft, dort bei einem meißniſchen Edelmanne, den er zu Wien kennen gelernt hatte und der ihm beſonders freundlich geweſen war, einen Dienſt zu bekommen, der hatte ihn aber ſchnöde abgefertigt, als er nicht mehr als Junker von Wolffenegg vor ihn getreten war. Dann hatte er nach einander in Sagan, wohin er von einem kurfürſt⸗ lichen Statthalter mitgenommen worden, der dies ſchleſiſche, kürzlich erkaufte Herzogthum verwalten ſollte, in Schnee⸗ berg bei einem Berghauptmann, und ſpäter in Franken bei einigen geiſtlichen Fürſten, zum Theil unter drückenden Verhältniſſen, wie er jedoch nur ahnen ließ, gedient, bald in dieſer, bald in jener, oft niedrigen Stellung, nirgend jedoch hatte er eine bleibende Stätte gefunden— und er geſtand es offen, daß es wohl ſeine eigene Schuld geweſen ſei. Es habe ihn nirgend gelitten,— weil er zu ſchwer ſich fügen gelernt und ſeinen, wie oft! gefaßten Entſchluß, in Geduld ſich zu faſſen, nimmer auszuführen vermocht habe. Da ſei es ihm zuweilen traurig gegangen, aber am ſchlimmſten zuletzt bei einem rheiniſchen Grafen. Hier endlich, er geſtand es mit einem ruhigen Lächeln, wie der Pilger zurück ſchaut auf überwundene Gefahren, war ihm der harte Sinn gebrochen worden, nicht durch Gewalt, ſon⸗ dern durch eine Reihe von Unfällen, in welche er ſich ſelbſt geſtürzt hatte. Er ſchloß dann kurz, daß ihn der Zufall mit einem Kaufherrn aus Gent zuſammengeführt, der ihn 59 als Schreiber mit nach Hauſe genommen, daß dieſer ihn dort dem Karzler des Erzherzogs empfohlen habe und er ſo wieder in den Dienſt des erlauchten Hauſes gekommen ſei, in welchem er nun ſeine bleibende Stelle gefunden. Daß der Erzherzog ihn perſönlich kennen gelernt und ſein Ver⸗ trauen für manchen Auftrag, dem er nicht durch eine wich⸗ tigere Perſon Oeffentlichkeit geben wollte, geſchenkt habe, be⸗ rührte er gar nicht, aber ſein Hierſein bewies das und die Erzherzogin war mit dem, was ſie gehört hatte, zufrieden. Schwere Kämpfe hatten dies junge, ſtolze Blut in den drei Jahren, ſeit es ſo tief gedemüthigt worden war, beſtanden, aber es ſchien davon geläutert worden zu ſein. Ob die Erzherzogin wohl ihres eigenen Wortes gedachte, das ſie einſt an den ſelbſtſüchtigen Knaben, der ſich frech einer Lüge über ſein Verhältniß zu Hedwig vermeſſen, bei ſeiner letz⸗ ten Anweſenheit in ihrem fürſtlichen Gemach zu Wien ge⸗ richtet hatte? Sie dankte ihm für ſeine Mittheilungen und wünſchte ihm alles Gedeihen für ſeine fernere Laufbahn. „Eure Gnaden wolle mir keine Laufbahn mehr wün⸗ ſchen,“ erwiederte er,„ſondern ein Verbleiben in dem, was mir nun geworden iſt. So kann ich mit Ehren beſtehen und ſelbſt vor das Antlitz meines Kaiſers treten.“ „Ihr ſeid für unſer Haus thätig,— es wird Eure Dienſte anerkennen!“ 60 „Noch habe ich nichts gethan,“ ſagte Lienhard mit ungeſuchter Beſcheidenheit.„Ich hatte viel Großes im Sinn, als ich zu Brügge mein Pferd beſtieg, ich wollte mich erdreiſten, bis in die Nähe deutſcher Fürſten zu drin⸗ gen und zu ihnen zu ſprechen, wie es in meiner Bruſt für meinen Herrn und für mein öſterreichiſches Vaterland lebt. Aber da es zur That kommen ſollte, blieb ich dahinten. Ich konnte nicht zu Herzog Albrecht von Sachſen dringen, wel⸗ cher nicht umſonſt der Beherzte heißt; dann ſetzte ich meine Hoffnung auf Herzog Chriſtoph von Baiern, von deſſen Ritterthaten ich wenigſtens in Turnieren ein Zeuge ge⸗ weſen bin zu Landshut, und glaubte ihn ſchon durch ein un⸗ verhofftes Glück im Alpengebirge vor wenigen Tagen auf der tiroler Straße nach München zu begegnen, aber er war es nicht, ſondern ſein Bruder, von welchem nichts für das Erzhaus zu hoffen iſt.“ Die Fürſtin konnte, von dieſer überraſchenden Wen⸗ dung betroffen, wohl fühlen, daß ihr das Blut in die Wangen ſtieg, aber ſie war ſich auch bewußt, daß die Urſache ihres Erröthens nicht errathen werden könne. Es mochte in Lienhard's Augen der Ausdruck einer Be⸗ ſorgniß ſein und darin beſtärkte ihn ihre Frage, was er meine. „Herzog Albrecht ſteht eher feindlich gegen die Ma⸗ jeſtät des Kaiſers, wie ich oft habe ſagen hören—“ 61 „Von wem?“ fragte die Erzherzogin raſch. „Eure Gnaden verzeihen, wenn ich Euch daran er⸗ innere, daß Seine Majeſtät ſelbſt einmal in Eurer Ge⸗ genwart ſich darüber ausſprach.“ „Das war vormals, das hat ſich geändert!“ entgeg⸗ nete Kunigunde, ohne ihn anzuſehen, und ihre Miene nahm die fürſtliche Hoheit an, welche in der Theilnahme an Lien⸗ hard's Aeußerungen bisher völlig aufgegangen war.„Es wäre gewiß beſſer geweſen, Ihr hättet Euch an den Lan⸗ desherrn von Baiern gewendet, als daß Ihr gedachtet, meinem Vater ſeinen fehdeſüchtigen Bruder zu gewinnen, der ihm nur ſein Schwert und vielleicht zehn ſeiner Reit⸗ geſellen zugebracht hätte, während Herzog Albrecht mit Heer⸗ haufen und Geſchütz zuziehen kann. Er würde es auch thun, wenn ihm nicht ſein Bruder daheim wieder vollauf zu thun gäbe.— Erzählt mir Euer Zuſammentreffen“ lenkte ſie kurz ein, als ſie bemerkte, daß ſie im Eifer ſich zu lebhafterm Tone hinreißen ließ. Lienhard erfüllte auch dieſen Befehl und die Audienz wurde damit beſchloſſen. Sie endigte nicht ſo wohlthuend für Lienhard, als ſie begonnen hatte; die Fürſtin entließ ihn zwar mit freundlichen Worten, aber ein gewiſſer Froſt⸗ hauch aus der Eisregion unnahbarer Erdengröße machte ſich ihm, gegen ihren Willen, fühlbar und er wurde da⸗ durch verſtimmt.„Wie kann es denn anders ſein!“ ſagte 62 er zu ſich ſelbſt auf dem Wege durch die vordern Zimmer, welche leer waren.„Wer bin ich, daß ich Anſprüche ma⸗ chen könnte?“ Das Blut rollte ihm aber doch in raſcherm Laufe durch die Adern und er hätte wahrnehmen mögen, daß es noch immer für ihn gefährlich ſei, durch ein gütige⸗ res Benehmen an ſeine frühere Stellung erinnert zu wer⸗ den. Der Erzherzog kannte dieſe nicht, für ihn war er nur Lienhard Helfer, wie er ſich überall genannt hatte, und er behandelte ihn freundlich, wie alle ſeine Diener, ſchenkte ihm auch wohl ſein Vertrauen, ließ ihn aber doch nie ver⸗ geſſen, daß er zu den untergeordneten Dienern gehörte, während Kunz von der Roſen, ſein Narr, viele Staffeln höher ſtand. Als Lienhard in der gefährlichen Stimmung, welche die Audienz bei der Erzherzogin in ihm erzeugt hatte, in das Portal der Burg trat, um es zu durchſchreiten, begeg⸗ nete er einer verſchleierten Dame, welche von ſeinem Anblick augenſcheinlich betroffen wurde. Sie ſtutzte, ſah hoch auf, — es war faſt, als wolle ſie ſtehen bleiben und ihn anreden, aber ſie ging an ihm vorüber und als er, beinahe faſſungs⸗ los, denn er hatte ſie auch im Schleier wohl erkannt, den Hut vor ihr zog, erwiederte ſie ſeinen Gruß nur mit einer kaum bemerklichen Neigung des Hauptes. Jetzt ſtürmte ſein Blut, das ſchon aufgeregt war, in wilder Brandung zu ſeinem Hirn und wieder zurück zum Herzen, das vor unausſprechlichem 63 Weh zu zerſpringen drohte, er ſah nicht, daß noch eine Be⸗ gleiterin dem Fräulein folgte, die er ſo gut kannte, als ſie ihn, er bemerkte ihren mitleidigen Blick ſo wenig, als den Gruß und den Wink, der ihn tröſten ſollte, er drückte ſeinen Hut tief auf die Brauen, zog ſtraffer den Mantel über die Bruſt und ſchritt ſeines Weges. Die Wachen am Ein⸗ gange ſahen, wie blaß er war, wie ſeine Lippen krampfhaft zitterten und ſeine Augen in das Leere ſtierten. Faſt hät⸗ ten die böſen Zeichen ſie vermocht, ihn anzuhalten, da er leicht in der Burg etwas Schlimmes begangen haben konnte, aber ehe ſie zum Entſchluß gekommen, war er ſchon, vom freien Platze abbiegend, in der nächſten engen Gaſſe ver⸗ ſchwunden. Was hatte ihn ſo vernichtend getroffen? Die Begegnung, auf die er gefaßt ſein konnte, das Wiederſehen, das ihm doch, wenn auch in heißen Schmerzen, einen ſüßen Augenblick bereiten mußte? Er dachte nur Eins: geſchehen war jetzt, was er ihr in der letzten Stunde auf dem Alten⸗ ſteig, wo er ihr in Gegenwart der fremden Zeugin ſein Schickſal nicht enthüllen konnte, vorhergeſagt:„Wenn Ihr mich einmal wieder ſeht, ſo werdet Ihr Euch von mir ab⸗ wenden!“ Sein Wort war heut in Erfüllung gegangen; auch darauf hätte er vorbereitet ſein können, er hatte ſich auch in der langen Zeit oft genug ausgemalt, wie er einſt Hedwig wieder ſehen werde und wie er Kraft ge⸗ nng zu haben hoffte, unbefangen zu bleiben in würdiger 64 Haltung, daß ſie ihm, wenn er ihr auch nicht mehr nahen dürfe, doch ihre Achtung nicht verſage. Nun hatte er die Prüfung ſo ſchlecht beſtanden! Scheu und zitternd, wie Einer, der ein ſchlechtes Gewiſſen hat, war er im engen Portale, wo faſt ihr rauſchendes Gewand ſeinen Mantel berührt hatte, an die Wand gedrückt an ihr vorüber ge⸗ ſchlichen: gleichviel, ob ſie das bemerkt hatte, in ſeinem eig⸗ nen Bewußtſein lebte es doch! Und ſie, keines Wortes hatte ſie ihn gewürdigt, wo der gemeinſte Knecht doch, wel⸗ cher ihr ſonſt begegnete, der Hund, welcher ſpielend vorüber ſprang, von ihr ein freundliches Wort hörte. Stand er denn nun ſo tief in ihren Augen, daß ſie ihn verachtete? War ſie allein ungerecht gegen ihn, daß ſie ihm zur Laſt legte, was ſeine Schuld nicht war? Nicht ſie war ungerecht, er war es ſelbſt! Wie wenig kannte er doch dies jungfräuliche Herz, daß er ihr Vorwürfe machte über ein Zagen, für welches er hätte ſein Haupt in den Staub neigen und den Saum ihres Gewandes küſſen ſollen! Wie wenig verſtand er ſich überhaupt auf der Frauen zarten Sinn, daß er auch der Erzherzogin bitter gedachte, welche in wohlwollendſter Abſicht für ihn dieſe Haltung, die ihn beim Scheiden ſo durchkältete, angenommen hatte! O, wenn er geahnt hätte, wie die edle Kaiſertochter im Geiſte ſchon für ſeine Zu⸗ kunft, für ſein Glück Fäden ſpann, zu einem goldenen Kranze, dann würde er flugs in das offene Kirchlein, an 65 welchem er vorüber ging, getreten ſein, um ſein Unrecht an ihr in reuigem Gebet für ſie zu ſühnen. Er aber dachte nur daran, Innsbruck ſo bald als möglich zu verlaſſen! Seine Sendung war hier erfüllt, er brauchte nicht erſt auf den Kanzler zu warten. Das Schreiben ſeines Herrn, welches die eindringlichſte Mah⸗ nung an den Oheim enthielt, der gemeinſamen Sache des Hauſes Oeſterreich nicht die Kraft von Tirol zu entziehen, war in die beſten Hände gelegt, er hatte der Erzherzogin den getreuſten Bericht über die Lage der Dinge in den Nie⸗ derlanden, welcher ihm eigentlich für den Erzherzog Sieg⸗ mund aufgetragen war, mit aller Ausführlichkeit abge⸗ ſtattet und konnte überzeugt ſein, daß ſie ihn bei Ueberrei⸗ reichung des Schreibens an den Oheim wiederholen und nicht abſchwächen werde. Noch eine Audienz bei dem Lan⸗ desherrn hatte keinen Zweck mehr, eine zweite Begegnung mit Hedwig, nach dieſer erſten, wäre ihm unerträglich ge⸗ weſen. Daher brach er, nachdem er in ſeine Herberge auf planloſen Umwegen gelangt war, ohne weitere Säumniß auf und war längſt auf dem Wege nach Schwaz, wie er Frau Mittwurzer ſchon geſtern geſagt hatte, als der Erz⸗ herzog, der inzwiſchen die Botſchaft Maximilian's durch ſeine Nichte erhalten hatte, endlich zu dem Entſchluſſe kam, den Boten ſelbſt zu ſprechen. Er war ſehr ungehalten, als der nach ihm ausgeſandte Diener mit der Nachricht ſeiner 1858. XIII. Aus eig'ner Kraſt. II. 5 66 Abreiſe zurück kam, da er es höchſt eigenmächtig fand, daß der Niederländer ſich ohne ſeine Erlaubniß entfernt habe, im Grunde war es ihm aber doch nicht unlieb, denn er war dadurch einer läſtigen Stunde überhoben und konnte um nach reiflicher Erwägung mit ſeinen Räthen beſchließen, was Allen am beſten ſchien. Damit war ja noch keine Nöthi⸗ gung zum raſchen Handeln verbunden, das für ſein liebes Land immer die gefährlichſten Folgen nach ſich ziehen konnte.. Die Erzherzogin hatte ihrem Oheim noch immer nicht geſagt, wen ſie in dieſem Boten erkannt hatte; gegen Hed⸗ wig ganz über ihn zu ſchweigen, ſchien ihr, nachdem ſie durch die Kammerfrau von der Begegnung mit ihm unter⸗ richtet war, nicht rathſam. Dieſe Begegnung würde viel⸗ leicht nicht Statt gefunden haben, wenn Hedwig nicht von ihr zu dem Spaziergange veranlaßt worden wäre, aber die Erzherzogin konnte freilich nicht vorausſehen, daß Hedwig, die ſonſt immer Stunden lang ausblieb, heut durch ein ſte⸗ chendes Kopfweh zu früher Heimkehr gezwungen werden ſollte. So war es denn geſchehen und der wohlwollenden Fürſtin blieb nichts übrig, als Alles nach Kräften zum Beſten zu kehren. Sie ſprach daher, ſobald ſie Hedwig wieder ſah, mit der größten Unbefangenheit von der Ueber⸗ raſchung, die ihr geworden ſei, als ſie in dem fremden Bo⸗ ten einen Bekannten gefunden habe, welchen Hedwig wohl M — 67 nicht errathen werde und nannte, ohne Hedwig's Bewegung zu beachten, ſeinen Namen. Es war natürlich, daß ſie eine gewiſſe ſchonende Manier in Rückſicht auf das zwi⸗ ſchen Beiden früher durch den Kaiſer veranlaßte Verhält⸗ niß dabei ſichtbar werden ließ, aber ſie ſprach doch unbe⸗ denklich von Lienhard, da ſie ſich gegen Hedwig ſtets den Anſchein gab, als halte ſie Alles auch in ihrem Herzen für ganz überwunden. Sie erzählte auch, daß ſie ihn ſelbſt geſprochen habe, da ſie Nachricht von ihrem Bruder zu hören gewünſcht und auch, wie es ihm ergangen ſei, bis er nach den Niederlanden in den Dienſt des Erzherzogs ge⸗ kommen. Was ihr zumeiſt am Herzen liegen mußte, be⸗ rührte ſie dann zuerſt, hierauf aber auch, was ſie von Lien⸗ hard's Leben in der Fremde behalten hatte. Es mochte zu Hedwig's Beruhigung dienen, ihn nun doch in einer ſichern und ehrenvollen Stelle bei dem Sohne des Kaiſers zu wiſ⸗ ſen, der ihn einſt ſo bevorzugt hatte und auch für ihn gut geſorgt haben würde, wenn er ſelbſt die neuen Wohlthaten nur hätte annehmen wollen. Hedwig hatte während der Erzählung der Erzherzogin allmälig ihre ganze Faſſung wieder gewonnen und konnte jetzt ſogar einige Fragen thun, welche Lienhard betrafen. So ſpielten Beide, die ſich doch ſo lieb hatten, ein Spiel mit einander und es war kein Falſch, das ſie dazu vermochte. Bald darauf erfuhr die Erzherzogin von ihrem Oheim, daß der Bote, der es ſehr . 5* 68 eilig haben müſſe, abgereiſt ſei, ohne ſeine weitern Befehle abzuwarten und ihr fiel dadurch ein Stein vom Herzen, denn von einem neuen Wiederſehen, nachdem ſie Hedwig beobachtet hatte, konnte ſie nur traurige Folgen für deren noch wenig geſicherte Herzensruhe verſprechen. Die Kam⸗ merfrau aber, nun er fort war, geſtand dem Fräulein, daß ſie ihn ſchon Tags zuvor, ehe er im Portal mit ihnen zu⸗ ſammen goffer in der Stadt geſehen habe, und richtete nun auch aus, was er ihr geboten, dem Fräulein von Aen ſteig zu ſagen: daß er den Weg, den er gehen müſſe, mit Ehren gehe, und daß er von Allem, das ihm einſt gehört, nur den Namen Lienhard behalten, von dem habe er ſich nicht trennen können. Wie er ſich ſonſt genannt, mit welchem Zunamen, das hatte Frau Mittwurzer auch erfahren und ihre Gloſ⸗ ſen dazu gemacht, die ſie aber dem Fräulein verſchwieg. Warum nannte er ſich nicht Mais⸗Helfer, wie ſein Vater, der ehrliche Plattner, doch geheißen hatte? Klang ihm das gar zu gemein, daß er ſich kurzweg Helfer nannte? In der Kammerfrau, ſo eifrig ſie auch als Hofdienerin auf den Adel hielt und was damit zuſammen hing, regte ſich doch der bürgerliche Stolz ihrer eigenen Abkunft, und ſie ſchalt den jungen Menſchen, daß ihm der ehrliche Name ſeines Vaters zu ſchlecht ſei, wofür er verdiene, lieber gar der Sohn eines leibeigenen„Schekels“ zu ſein. S nannte 69 man in Oeſterreich die Raubgeſellen der Herren vom Stegreif. Hatte ſie wirklich Recht, die eifernde Frau? Wenn Lienhard jetzt, nach allen Kämpfen des Lebens, die ihm endlich nach ſeiner eigenen Aeußerung den Sinn gebrochen hatten, zu der Frage eine wahrhaftige Antwort hätte geben ſollen, ſo würde er ſie bejaht haben. Daß er den Namen Lienhard behielt, dafür hatte er ſchon dem Großvater einen Grund und eine Entſchuldigung gegeben; daß er ſich aber bei der Auswanderung von Wien nicht entſchließen konnte, den ganzen Namen ſeines Vaters mitzunehmen, war nicht der Wunſch, daß Niemand wiſſen ſolle, wo er her ſei, wie er ſich ſelbſt einzureden verſuchte, ſondern es war der Klang dieſes Namens; welcher ihn zu einer Abkürzung deſſelben beſtimmte. Jetzt war er ſelbſt ſchon an dieſelbe gewöhnt, und dachte kaum noch an den erſten Beweggrund dazu. Erſt auf dem weitern Wege nach Wien, wo er doch die Seinigen wieder ſehen ſollte, fiel ihm ein, daß er ſich dort wieder mit ſeinem richtigen Namen nennen müſſe und er ſchämte ſich, nicht ſowohl dieſes Namens, ſondern ſeiner damaligen Schwäche. Auch die Wogen der Leidenſchaft, die ihn zu Innsbruck, wie aus trügeriſch glatter Flut plötz⸗ lich aufbäumend, gleichſam hinausgetragen hatten, waren wieder geebnet und er konnte ruhiger an das Zuſammen⸗ treffen mit Hedwig denken. Nur eine tiefe Wehmuth über⸗ 70 fiel ihn zuweilen, daß er ihr ſo nah geweſen war und nicht einmal den Ton ihrer ſüßen Stimme gehört, nicht ihr hol⸗ des Antlitz geſehen hatte. Dann aber ermannte er ſich immer bald und fragte ſich: Iſt es denn nicht viel beſ⸗ ſer ſo? Biertes Capitel. Ein Handſtreich. Der Waffenſtillſtand, für welchen die Wiener 3000 Goldgulden gezahlt hatten, war noch in voller Kraft, aber er half den Bürgern nicht in dem Maße, wie ſie gehofft. Zwar die Weinleſe, welche als Grund von beiden Seiten angenommen worden war, konnten ſie vollbringen und in den Rebhügeln war Alles in voller Thätigkeit, aber was für die Erhaltung der Stadt viel wichtiger war, die Ver⸗ ſorgung mit Lebensmitteln von Außen her wurde ihnen auf alle Weiſe durch die weithin ſtreifenden ungariſchen Reiter erſchwert. Wo dieſe irgend einen Wagenzug auf der freien Landſtraße erſpähten, fielen ſie darüber her, zer⸗ ſtreuten die Bedeckung, erſchlugen die Knechte, wenn dieſe ſich weigerten, ihnen zu folgen und führten die Beute, welche für Wien von unſchätzbarem Werthe war, von dan⸗ 71 nen. Es ging ein ſolcher Schrecken vor dieſen wilden gelb⸗ braunen Geſichtern, mit den glühenden ſchwarzen Augen und den ſpitzgedrehten Bartzöpfen her, daß bei ihren wüthen⸗ den Anlauf auch ein viel ſtärkeres Geleit von Bewaffneten nur ſchwachen Widerſtand leiſtete, wenn es nicht vorzog, lieber gleich, wenn die Magyaren am Horizonte auftauch⸗ ten, vorſichtig das Heil in der Flucht zu ſuchen und die Wagen mit ihren Knechten und Geſpannen und aller theuer aufgekauften Ladung ihrem Schickſal zu überlaſſen. Keine Richtung war mehr frei, von Kornneuburg aus ſchnitten ſie alle Zufuhr von jenſeit der Donau ab, die Linzer⸗, die Kärnthnerſtraße war nicht mehr ſicher, einzelne verwegene Parteien ſtreiften ſchon bis in die unmittelbare Nähe von Wien und verübten Gewalthaten dem Waffenſtillſtande zum Trotz. Wo ſollte man klagen, bei wem Recht erlan⸗ gen! Hier galt denn der alte Spruch: Hilf Dir ſelbſt, dann wird Gott auch helfen! und wo ſich ein beherztes Häuflein zuſammen that und ernſtlich zur Wehre ſetzte, da prallten oft genug die leichten Reiter vor den Spießen in der Hand entſchloſſener Männer ab. Es kam ſo weit, daß alle Arbeit, die noch außerhalb der Mauern zu verrichten war, in Waffen gethan werden mußte. Das reizte wie⸗ derum die Maghyaren zu Neckereien, bei denen es nur dar⸗ auf abgeſehen war, die Bürger in ihren Verrichtungen zu erſchrecken und zu ſtören, es war eine Art von Luſtjagd, an 72 denen oft auch vornehmere Herren, als einfache Rotten⸗ führer, ihr Ergötzen fanden. Man betrachtete die Stadt ſchon als gewonnen und trieb im Uebermuthe mit den Be⸗ wohnern ein Spiel, wie die Katze mit der Maus, die ihr nicht mehr entrinnen kann, auch wenn ihr vorläufig die Krallen noch nicht fühlbar werden. Aber die Bürger wurden immer erbitterter über die Verhöhnung der zugeſtandenen Waffenruhe. Es fanden ſich Männer genug, welche riethen, lieber gleich ſelbſt den Stillſtand aufzukündigen, ſtatt dies unwürdige Treiben länger zu dulden, das eine ſchnöde Verachtung voraus⸗ ſetze. Dieſer Bruch vor der Zeit ſchien aber zu bedenklich, weil doch immer noch zu hoffen ſtand, daß mittlerweile die Reichshülfe, welche der Kaiſer gefordert, zu Wiens Rettung erſcheinen werde. Eitle Hoffnung! Eine deutſche Reichs⸗ hülfe, zu der erſt hundert und aber hundert Reichsſtände ihre Stimmen abgeben mußten! So blieb denn, wer ſich nicht zahm hetzen und ſcheuchen laſſen wollte, auf ſeine eigene Mannhaftigkeit und den Beiſtand gleich denkender Freunde gewieſen, und es fand ſich an einem frühen Mor⸗ gen in aller Stille ein wohlgerüſteter Haufe, deſſen Ge⸗ noſſen einzeln zu verſchiedenen Thoren hinausgezogen wa⸗ ren, im Walde vor Hütteldorf zuſammen, wo der Weg nach dem Auguſtinerkloſter Mariabrunn geht. Sie hat⸗ ten ſich ſelbſt einen Führer gewählt, der muſterte ſie und 73 als ſie vollzählig waren, theilte er ihnen den Anſchlag mit, den er zur Ausführung ihres Vorhabens erſonnen hatte. Es galt einer feindlichen Streifſchaar, die ſich ſchon meh⸗ rere Tage in der Nähe von Wien gezeigt, einen Hinter⸗ halt zu legen. Geſtern war ſie am Kahlenberge geſehen worden, von da war ſie wieder in den Bergen verſchwun⸗ den, aber ein Winzer aus Heiligenſtadt, den ſie eine Weile gefangen mitgeſchleppt hatten, war nach Wien gekommen und hatte guten Freunden erzählt, daß die Ungarn für den andern Tag den Karthäuſern in Mauerbach, deſſen wun⸗ derſchöne Lage man ihnen gerühmt, einen Beſuch zugedacht hatten. Der Winzer war viel in Ungarn geweſen und verſtand ihre Sprache, was ſie nicht gewußt. Er hatte ſo viel von der Pracht ihres Aufzuges erzählt, von ſchönen vornehmen Frauenzimmern, die dabei geweſen, und andern Dingen, aus denen hervorging, daß es nicht ſowohl eine von den wilden Raubſchaaren war, ſondern vielmehr eine hohe Geſellſchaft, welche ſich nur im Voraus bei der Kai⸗ ſerſtadt, wo ſie bald ihren Einzug zu halten gedachte, um⸗ ſchauen wollte. Der Winzer gab ſogar zu verſtehen, daß leicht der König Matthias in Perſon dabei ſein könnte und das ſchöne Weibsbild vielleicht ſeine junge Gemahlin. Das glaubten ihm die Freunde zwar nicht, aber ein guter Fang war hier jedenfalls zu machen und die vornehmen Herren, deren man habhaft wurde, konnten dann als 74 Geißeln für die gewiſſenhafte Beobachtung des Vertrages dienen. So zog der Haufe ſtill in das ſchöne Thal, das ſich zu den Zellen der Karthäuſer hinauf durch Berg und Wald in wechſelnder Richtung ſtreckt und legte ſich an einer paſ⸗ ſenden Stelle in Hinterhalt, während der krausköpfige Füh⸗ rer, der einen blanken Harniſch angethan hatte, Späher ausſchickte, um die Annäherung der ungariſchen Schaar frühzeitig zu entdecken und zu melden. Er ſelbſt blieb bei dem Haufen, wie es dem Führer ziemt, und wer ihn ſah, wie er ſeine Anſtalten mit Sicherheit und Umſicht traf und ſo ſtattlich gerüſtet war, der konnte ihn wohl eher für einen kriegsgewohnten Hauptmann, als für einen Bürger und Meiſter halten. Sie ſagten es ihm auch, und er lachte. „Mein Handwerk hat mit Rüſtzeug und Wehr zu ſchaffen,“ antwortete er,„und ich dank's meinem Lehrherrn, dem alten Ringhamer, daß ich Panzer ſchmieden, aber ſie auch zerſchlagen kann, wenn's gilt. Aber nun ſeid ſtill und lärmt nicht. Hier im Wald, wo die geiſtlichen Herrn im ewigen Schweigen wohnen, ſchallt's weit, wenn ein Men⸗ ſchenkind ſpricht und die Feinde könnten Wind kriegen.“ Es ward auf dies Gebot ruhig und die im tiefen Dickicht gelagerte Schaar wechſelte nur leiſe Worte, zehrte luſtig an den mitgenommenen Vorräthen, überließ ſich auch theilweiſe dem Schlafe, auf die Wachſamkeit der ausge⸗ 75 ſchickten Späher vertrauend. Viele Stunden vergingen, ohne daß irgend eine Spur von den ab und zu wieder an die Haltſtatt kommenden Spähern gemeldet wurde. Sie waren einzeln ziemlich weit in allen Richtungen geſtreift, woher die Ungarn erwartet werden konnten, hatten aber weder etwas gehört noch geſehen. Die Spannung ließ nach, man fing an verdrießlich zu werden. Die Feinde waren gewiß abgezogen und ſtatt des guten Fanges, mit welchem man in die ſichern Mauern von Wien wie im Triumphe zurückzukehren verhofft, kam man mit leeren Händen und wurde nur ausgelacht. Mehrere fingen jetzt an, gegen den Führer zu murren. „Die Plattner haben's immer toll im Kopf— wir hätten uns einen Andern nehmen ſollen,“ raunte Einer dem Andern zu, aber ſie fürchteten ſich, es laut zu ſagen und im ſelben Angenblick richtete er den Kopf auf, denn er hatte ſich lang auf den feſten Raſen geſtreckt.„Still!“ ſagte er mit leiſer Stimme und legte ſich wieder auf den Grund. Sie ſahen, daß er horchte, das Ohr dicht auf den Boden geheftet. Neue Hoffnung! Keiner wagte zu athmen. Der Führer hob die Hand ein wenig und deutete nach der Richtung hinaus, wo das Heimbacher Thal ſich rechts von dem Grunde, in welchem ſie verſteckt lagen, ab⸗ zweigt. Alle lauſchten jetzt mit Anſtrengung, ſie konnten 76 aber den Hufſchlag nicht hören, den er vernommen haben wollte. Es war ſo ſtill im Walde, daß man ein Blatt hätte fallen gehört; Hochmittag. Auf einmal fuhren die Horcher zuſammen: Alle hatten den fernen Klang, wie ein feines ſilberhelles Lachen, gehört, das konnte aber nur unerfahrene Leute täuſchen, die niemals auf einer Haltſtatt gelauert hatten. Der Plattner wußte beſſer Beſcheid; es war das entfernte Wiehern eines Roſſes geweſen, und er gab nun ſchnell die letzte Anweiſung was geſchehen ſollte. Die bewaffneten Geſtalten, welche offen zuſammengetreten waren, verſchwanden wieder im Gebüſch und die wildro⸗ mantiſche Stätte lag ſo einſam, als hätte ſie nie eines Menſchen Fuß berührt. Näher und näher klang der Hufſchlag, der nun ver⸗ nehmbar wurde; bald ließ ſich auch das Klingeln von Glöck⸗ chen hören, die führten Vornehme, wie die Bürger wußten, wohl am Pferdezeug, da ſie vor Zeiten, deren ſich Manche noch erinnern konnten, auch an den Kleidern und Schnabel⸗ ſchuhen der ritterlichen Herren und Frauen getragen wor⸗ den waren. BViele konnten es nicht ſein, welche ſich hier im Geſchwader nahten, und das war den Verſteckten auch ganz lieb, denn auf Kampf und Blutvergießen kam es ihnen nicht an; die Streitluſt, welche ſie hinausgeführt, hatte ſich vom langen Warten etwas gemäßigt und ſie waren nur froh, daß ſie doch nicht umſonſt ausgezogen. 77 Jetzt waren ſchon deutliche Stimmen im Walde zu vernehmen und wo der Grund eine Biegung machte, er⸗ ſchien plötzlich ein Reiterpaar, ſo glänzend von Pracht der Kleidung und Ausrüſtung, daß es war, als ging ein helles Leuchten durch das ganze Thal. Eine ſchöne Frau war es wirklich, welche neben dem ſtattlichen Herrn ritt, dem Anführer des Zuges, welcher hinter Beiden wohl noch folgte— ſehen konnte man davon nur wenig, denn das Paar, das an der Spitze ritt, machte jetzt Halt, zum großen Verdruſſe der Männer im Verſteck, welche ſie erſt vorüber laſſen und dann von allen Seiten hervorbrechend ihnen den Rückzug abſchneiden wollten. Sie mußten nun noch warten und hatten dadurch Muße, die ſchöne Frau — oder es war doch wohl ein Mädchen?— näher zu be⸗ trachten. Der Plattner aber, um nichts zu verſäumen, ließ ein Paar der Seinigen ſeitwärts ſchleichen, damit auf alle Fälle den Ungarn der Weg verlegt werde. Sie ſaßen ab! Deſto beſſer, ſo konnten ſie ihnen um ſo weniger entrinnen. Die Stätte war auch ſo ſüß und traulich, daß ſie zur Ruhe einlud— der ältliche Herr, wel⸗ cher gewiß der Vater des jungen ſchwarzlockigen Mädchens in dem leuchtenden blauen Gewande war, ſuchte ihr ein Plätzchen aus unter den tiefhängenden Zweigen, wo ſie auf ſchwellendem Mooſe eine Weile ruhig ſchlummern konnte; einige Reiter kamen noch zum Vorſchein, welche 78 die Pferde in Empfang nahmen und ein wenig ſeitab führ⸗ ten, wo der Thalrand weiter zurück trat. Wie viel ihrer noch dahinten waren, das mußte der Führer des Haufens im Hinterhalte erſt wiſſen, damit ihm ſpäter keine Vor⸗ würfe gemacht würden, mit einem viel zu mächtigen Feinde angebunden zu haben. Für die Andern wurde nun die Sache noch angenehmer; wenn man die Schlafenden überfiel, ſo war an keine Gegenwehr zu denken und daher auch kein Blutvergießen nöthig, das ihnen nun gar wie ein ſünd⸗ liches Thun gegen Wehrloſe erſchien. Noch war der aus⸗ geſchickte Späher nicht zurück, der die Stärke des ganzen ungariſchen Geleits ermitteln ſollte, als plötzlich ein lauter Ruf erklang, welcher augenblicklich die Ruhenden, welche ſich ſchon behaglich niedergelaſſen hatten, aufſchreckte, daß ſie zu ihren Pferden eilten. Aber auch der Führer im Hinterhalt war von blitzſchnellem Entſchluß. Er ſah, daß irgend ein Lärmruf gegeben, daß vielleicht ſeine ausgeſchickte Mannſchaft entdeckt worden war,— und keinen Moment ſich beſinnend, gab er das Zeichen zum Angriff. Von bei⸗ den Seiten her ſprangen die Wiener aus ihrem Verſteck vor und ſtürzten auf ihre Beute. Der vornehme Ungar hatte ſchon das ſchöne Mädchen in den Sattel gehoben und wollte ſich auch auf ſein Roß werfen, da waren die Feinde ſchnell zur Hand, faßten ihn, riſſen am Zügel ſeines auf⸗ bäumenden Pferdes, das aber ſchlug wild mit den Vorder⸗ . „ 79 füßen, ſprengte den Zügel, daß er dem Mann, der ihn ge⸗ faßt hatte in der Hand blieb,— zurück taumelten auch die beiden Andern, welche den vornehmen Magyaren gefangen nehmen wollten, er hatte den krummen Säbel gezückt und ſich mit einem ſcharfen Kreuzhiebe Luft gemacht, in demſel⸗ ben Moment, als ſein Hengſt, frei geworden, davon brau⸗ ſen wollte: ein Griff an die Goldſtarrende Decke, ein Schwung und an der Seite des Roſſes hängend, wurde der Ungar hinweg geführt, ohne daß es Einer hindern, ohne daß er ſelbſt das raſende Thier lenken konnte. An der obern Biegung des Thales wüthete ein heftiges Ge⸗ fecht mit den fremden Reitern,— was war aus der Jung⸗ frau geworden? Sie hatte im Augenblicke der höchſten Gefahr das Bewußtſein nicht verloren, ſondern war, als ſie im Sattel ſaß, und die vorbrechenden Feinde gewahrte, im ſchnellen Lauf thalab gejagt, wo der Paß noch frei ſchien. Er war es aber in der That längſt nicht mehr, denn der Führer der Bürger hatte ſeine Maßregeln klug getroffen. Wo der Bach hinab fließt nach Hadersdorf, war auch ein halbes Dutzend handfeſter Geſellen in den Wald gelegt, um die Verſprengten in Empfang zu nehmen. Sie ſprangen wild jauchzend hervor, als die Jungfrau, bildſchön in Zorn und Angſt, die langen ſchwarzen Locken und das ungariſche Mäntelchen über ihren Schultern hinter ihr wehend, auf 80 dem weißen edlen Roſſe daher flog,— ſie verlor auch jetzt den Muth nicht, trieb ihr Pferd zu ſchnellerm Laufe und hoffte es werde durchbrechen! Umſonſt,— ſie ſtreckten ihm die Waffen entgegen, trafen es tödtlich und als es ſich zum letzten Sprunge, im Schmerz der Wunde, noch einmal bäumte, wurde die Ungarin von ſtarken Armen jubelnd umfaßt und herabgehoben ſie war gefangen. Todtenbleich, aber mit ſprühenden ſchwarzen Augen, blickte ſie um ſich her,— ein Ruf nach Rettung in magha⸗ riſchen Lauten klang faſt gebieteriſch von ihren jetzt entfärb⸗ ten Lippen: wo war der Gewaltige, unter deſſen Schirm ſie ſich geborgen gewähnt hatte, ſo ſicher, wie im Schooß ihrer Mutter? Verließ er ſie in der Noth und kam ihr nicht mit der Macht ſeines Armes zu Hülfe? „Haltet ein, Ihr frechen Buben!“ rief auf einmal eine ſtarke Stimme.„Thut Ihr einer edeln Jungfrau räuberiſche Gewalt an?“ Und mit dem Bug ſeines Pfer⸗ des den Kreis ſprengend, der ſich mit lautem, freudigem Geſchrei um die Gefangene drängte, hielt ein fremder Mann, den Niemand hatte kommen ſehen, mitten unter den Bürgern, ein hoher, ſchwarz gekleideter Mann auf einem dunklen Roſſe, der mit Unwillen und Verachtung auf ſie herabſchaute, dann aber zu dem Mädchen ſich wen⸗ dend, dem er erſchien, wie ein Engel von Gott geſandt, ſprach:„Fürchtet Euch nicht, Euch ſoll kein Leid geſchehen!“ 6 3 81 Die Wiener hatten ſich jedoch von ihrer Ueberraſchung ermannt und es bedurfte nur eines Erſten, der anfing, um ſie zu lautem Aufruhr gegen den Fremden, der ſich unbe⸗ rufen in ihre Sachen miſchte, zu entflammen. „Wer ſeid Ihr? Was habt Ihr hier zu ſchaffen? Es iſt unſere Gefangene,— eine Feindin,— eine Un⸗ garin!“ „Führt Ihr mit Frauen Krieg?“ klang des Fremden Stimme ſo mächtig, daß ſie auf einen Moment verſtumm⸗ ten, ſtaunend, wie ein ſo junger Menſch das könnte.„Re⸗ det, Fräulein, wo ſind die Eurigen? Wo ſoll ich Euch hin geleiten?“ „Nach Kornneuburg,“— ſie hatte ſeine deutſche Rede verſtanden, ſie konnte ihm antworten, ein Blick des feurig⸗ ſten Dankes und flehender Bitte zugleich traf ihn aus ihren ſchönen ſchwarzen Augen, ſie hatte mit der kleinen Hand im geſtickten Handſchuh ſeinen Steigbügel erfaßt und fühlte ſich wieder ſtolz und frei. Aber die Bürger ſchrieen trotzig, wer ihm das Recht gebe, ihnen ihre Gefangene zu entreißen und nur das geiſtige Uebergewicht, das ein entſchloſſener Mann immer hat, hielt ſie noch ab, daß ſie nicht Hand an ihn legten.— „Ich könnte Euch ſagen, Wer mich geſendet hat, in Weſſen Namen ich gen Wien komme,“ entgegnete der Fremde mit furchtloſer Ruhe,„aber ich will mich nicht durch fremde Auto⸗ 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 6 82 rität decken! Seid Ihr, wie mir Euer Anſehen zeigt, ehrenfeſte Bürger, ſo werdet Ihr ſelbſt mir das Recht ge⸗ ben, dieſer Jungfrau, welche das Unglück in Eure Hände geführt hat, unter Verſprechung eines Löſegeldes die Frei⸗ heit zu erwirken.“ „Schau! das klingt vernünftig,“— ſagte Einer, aber Andere wollten davon nichts wiſſen und nun erſchien auch der ganze Haufe, unter des Plattner's Anführung, welcher ein paar Gefangene, einige erbeutete Pferde, allerdings auch zwei oder drei Verwundete, mitbrachte. Sie gewahr⸗ ten die Gruppe um die Gefangene, und ein neuer Jubel erſchütterte die kaum gefaßte Hoffnung der Jungfrau. Er⸗ bebend blickte ſie zu dem unbekannten Manne auf, der ſich ihrer angenommen hatte, ihre Hand umfaßte ſeinen Steig⸗ bügel krampfhaft, mit der ander zuckte ſie nach dem Griffe eines leichten Dolches, den ſie mehr zur Zier als zur Wehr an ihrem Gürtel trug, das war nun ihr letzter Hort, durch welchen ſie ſich mit dem Opfer des eigenen Lebens von je⸗ der drohenden Schmach befreien konnte. „Was giebt's hier?“ rief der Plattner, welcher den Seinigen vorauseilte.„Nichts für ungut, edles Fräulein! Es ſoll Euch nichts geſchehen, aber gefangen ſeid Ihr halt einmal, macht daher keine Umſtände. Dort iſt ein Roß für Euch,— Ihr müßt uns ſchon nach Wien folgen. Dort wird ſich Alles finden.— Nun, Herr, was iſt mit Euch?“ 83 „Soll ich im Ernſt glauben, lieber Meiſter,“ ſprach der Fremde, welcher ſich auf dieſe Weiſe angeredet ſah, „daß Wiener Bürger auf Wegelagerung ausziehen könnten, die von ihnen ſelbſt doch immer hart genug beſtraft worden iſt?“ Ein heftiges Murren unterbrach ihn, aber der Mei⸗ ſter gebot Ruhe und erwiederte dann:„Thun wir auch noch! Das iſt keine Wegelagerei, ſondern ehrliche Noth⸗ wehr. Die Ungarn brechen den Waffenſtillſtand überall—“ „Das iſt nicht wahr!“ rief das junge Mädchen heftig. Der Plattner zuckte die Achſeln und ohne ihr zu antworten, fuhr er gegen den Reiter fort:„Wir müſſen uns alſo Geißeln ſuchen, die haben wir nun, alſo haltet uns nicht weiter auf, gelahrter Herr, was Ihr doch wohl ſeid,“— er ſah dabei noch einmal ſcharf und forſchend zu ihm in die Höhe, da ſtutzte er, doch ehe er ſeinem Staunen Worte geben konnte, ſagte der Fremde ruhig:„Ihr erkennt mich, Meiſter. Ich bin's, der bei Euch in die Lehre kom⸗ men ſollte. Laßt das aber beiſeit und ſagt mir kurz Eure Meinung, welches Löſegeld Ihr für die Freiheit dieſer Dame begehrt.“ „Ei!“ rief der Meiſter, nun in einem ſehr veränder⸗ ten Tone.„Das geht nicht ſo ſchnell. Wollen uns doch erſt anſehen, was wir eingefangen haben. Vorwärts, Kinder! daß ſie uns nicht Alles wieder abjagen. Es müſ⸗ ſen noch viel mehr in der Gegend ſein, wenn der Winzer . 6* uns nicht belogen hat. Ihr da, macht die Nachhut, bleibt zweihundert Schritt ab, horcht fleißig, vb uns Niemand nachſetzt.— Nun, Fräulein, was ſchaffen's noch? Stei⸗ gen's dort auf's Röß'l, es geſchieht Euch nichts zu Leide. Mit Euch, wenn Ihr doch der Martin Maislhelfer ſeid, der verlorne Sohn, hab' ich weiter nichts zu reden. Ihr werdet das Löſegeld doch nicht für ſie bezahlen, alſo reitet Eurer Wege.“ „Verlaßt mich nicht!“ bat die Gefangene leiſe, da ſie ſich nicht länger ſträuben konnte, dem wiederholten Be⸗ fehle zu gehorchen. „Mein Weg geht auch nach Wien,“ ſprach Lienhard, denn er war es, den wir hier wieder finden.„Laßt mich in Eurer Geſellſchaft ziehen, Meiſter, wenn Ihr mich auch den verlornen Sohn nennt, was ich nicht verdiene.“ Er war abgeſprungen und hatte dem Fräulein beim Aufſteigen auf das ihr vorgeführte Pferd Dienſte geleiſtet, welche ſie von dem andern Manne, der ſie ihr anbot, heftig zurückgewieſen hatte. Sie nahm den Zügel, aber der Bürger faßte ihn auch und leitete das Pferd, welches eins von den erbeuteten, ungariſch geſattelt und gezäumt, war. Lienhard ging an der linken Seite, wo die Gefangene nach Frauenart zur Quere ſaß; ſein eigenes Pferd ließ er am langen Zügel folgen. Der Haufe zog nun, ohne viel Ordnung zu halten, unter — ——— 85 ½ luſtigem Geplauder auf den Rückweg nach Wien, ein kleiner Trupp diente, ſo weit noch etwas zu befürchten ſtand, als Vorhut; der Führer aber, welcher nur vom Rücken her einen feindlichen Angriff zur Befreinng der Gefangenen erwartete, hielt ſich an die hinterſten Reihen, wo er überdem ein Paar gute Freunde und Gevattern hatte, mit denen er nun das zweite Abenteuer, das Alle, gleich ihm, in Erſtaunen geſetzt hatte, beſprechen mußte. Es war nur keine Zeit zu län⸗ germ Aufenthalt geweſen, denn jede Verzögerung konnte verderblich werden, ſonſt hätte der„verlorne Sohn,“ wie ihn der Plattner zu allgemeinem Wohlgefallen genannt hatte, gleich Allen Rede ſtehen müſſen, die ſich ſchon neu⸗ gierig um ihn drängten. Nun aber ging er bei der Ge⸗ fangenen, welche doch, näher betrachtet, zu vornehm aus⸗ ſah, als daß man juſt mit ihr umſpringen konnte, wie mit einem Dirndl in der Spinnſtube. Auch hatte der fremde Menſch ſelber in ſeinem ausländiſch zugeſchnittenen ſchwar⸗ zen Rock, mit dem aufgeſchlagenen Hut und dem ernſten Geſicht ein Weſen, das ſie ein wenig, ſie wußten nicht wa⸗ rum, in Reſpect hielt. Alſo beſprachen ſie nur unter ſich ihre Vermuthungen und kümmerten ſich nicht darum, daß auch das Paar, welches den Gegenſtand derſelben bil⸗ dete, ein leiſes Geſpräch anfing. War doch der Riemer dabei, der das ungariſche Pferd der Gefangenen am Zügel führte, das war ein durchtriebener Geſell, dem konnte ſo 86 leicht kein Sterbenswörtchen entgehen, das ſie mit einander wechſelten. Ganz gewiß! Er ſpitzte die Ohren, als das ſchöne Mädchen, deſſen ſchlanker Geſtalt er zuweilen einen Seitenblick ſchenkte, ſich ein wenig zu dem ſchwarzgekleide⸗ ten Fremden, der neben ihr ging, neigte. Jede Silbe konnte er verſtehen, ſo klar und wohlklingend ſprach ſie. „Agnosco tuam ergo me amorem!“ begann ſie. War das Ungariſch und verſtand es der Andere? Erſchien überraſcht und gab dann nur eineziemlichkurze Antwort. Sie aber, zufrieden, daß er die Sprache, welche ſie zum Auskunftsmittel gewählt hatte, nur überhaupt ver⸗ ſtand, fing nun an, in fließender Rede zu ſprechen und es kam dem lauſchenden Riemer jetzt vor, als ſei es gar La⸗ teiniſch. Das war auch der Fall, wie es in Ungarn ja gebräuchlich, der lateiniſchen Sprache ſich zu bedienen, weil ſo gar viele Stämme mit verſchiedenen Sprachen dort zu⸗ ſammen wohnten, die ſich ſonſt gar nicht verſtehen würden. Daß vornehmer Frauen Bildung ſich oft auch auf das La⸗ tein erſtreckt, wußte Lienhard ſogar von andern Län⸗ dern und er bedauerte nur, ſich darin nicht gut ausdrücken zu können, wenn er auch die Worte der Ungarin im Allge⸗ meinen verſtand, da er in ſeinem letzten Dienſte viel amtli⸗ chen Verkehr in lateiniſchen Schriftſtücken hatte pflegen helfen. „Wenn Du mir helfen willſt, daß ich meine Freiheit wieder erlange,“ ſagte ſie,„kannſt Du des reichſten Lohnes 87 gewiß ſein. Der König wird Dir ſeine Huld ſchenken, denn ich bin mit ihm verwandt— von Mutterſeite her. Mein Vater iſt der Graf Serenyi,— er hat mich mit ſich in das Feld genommen,— doch das kann ich Dir nicht Alles jetzt erzählen. Wo hinaus geht der Weg nach Korn⸗ neuburg?“ „Das iſt weit,“— war ſeine Antwort.„Unmöglich zu finden.“ „Wenn ich nur frei bin!“ ſagte ſie aus voller Bruſt. „Haben ſie Reiter bei ſich?“ Das Wort equites in ſeinem Sinn bezog er anders. Sie fragte wohl, ob ein Ritter unter ihren Feinden ſei, bei dem ſie ſich eine ihres hohen Standes würdige Behand⸗ lung ſichern könne. Dieſe Frage mußte er verneinen, er wollte noch hinzuſetzen, daß er auf jeden Fall ſie bis zur Stadt begleiten und dort Alles aufbieten werde, um ihr Unglück wieder gut zu machen, aber die Worte fehlten ihm. Sie bemerkte das und lächelte ſchalkhaft zu ihm nieder. In ihrer Lage konnte ſie lächeln! Es ſetzte einen ſtarken Geiſt oder viel Leichtſinn voraus,— ſie ließ ihm aber nicht Zeit, darüber nachzudenken, ſondern ſagte:„Dir fällt das Latein ſchwer, doch kann ich nicht anders zu Dir ſprechen, da ſie uns hören. Nicht wahr, wenn ich hier links am Walde immer an den Bergen hin reite, dann komme ich zur Donau?“ 88 „Gewiß! Aber—“ „Hilf mir!“ flüſterte ſie mit einer innigen Bitte. „Willſt Du?“ „Wie kann ich das?“ entgegnete er, von ihrem flehen⸗ den Blicke, der ſein Auge ſuchte, verwirrt. „Löſe die Hand, die meines Pferdes Zügel hält.— Du kannſt es! Ein Ruf, ein leichter Schlag und er giebt mich frei,— ich bitte Dich, mein einziger Freund, ich will Dir's ewig danken, Du ſollſt mich wieder ſehen, von mir hören! Nimm meinen Dolch!“ Er begriff wohl, was ſie meinte, aber er konnte den Sinn ihrer Bitte nicht verſtehen. Was half es ihr, wenn auch der Mann, welcher auf der andern Seite den Zügel ihres Pferdes führte, dieſen fallen ließ, konnte ſie im Ernſt daran denken, zu entfliehen? In unbekannter Gegend, unter einer Bevölkerung, welche durch die Gewaltthaten der Ungarn auf's Aeußerſte erbittert war, konnte ſie hoffen, zu entrinnen, wieder zu den Ihrigen zu kommen? Sie hatte ſelbſt Kornneuburg genannt, das aber lag vier Mei⸗ len entfernt und jenſeit des breiten Stromes, über welchen dort keine Brücke führte! Sein Zögern mit der Antwort, die Bewegung, die ſich in dem Blicke malte, mit welchem er dem ihrigen begegnete, ſchrieb ſie einer anderen Urſache zu: er hatte ſie nicht verſtanden und fand die Worte nicht, die er ſuchte. Sie fragte noch einmal: ob er ihr helfen 89 wolle? und in demſelben Moment ſtieß der Führer ihres Roſſes einen dumpfen Fluch aus, das Pferd ſprang, es war frei! Ein letzter Blick traf Lienhard, voll Glut und Inmnigkeit des Dankes, dann jagte ſie, des Zügels Meiſte⸗ rin, den ſie nicht eine Secunde aus ihrer Hand gelaſſen hatte, am Rande des Waldes in pfeilſchneller Flucht dahin. Ein wildjauchzendes Eljen! der ungariſchen Gefangenen, die ſich nicht gleich ihr befreien konnten, begleitete ſie— „ſchießt! ſchießt!“ ſchrieen die Bürger, als ſie von der erſten Ueberraſchung ſich ſchnell genug wieder gefaßt hat⸗ ten, aber ehe die Bolzen auf die Armbrüſte gelegt waren, befand ſich das ſchöne Wild außer Tragweite der Geſchoſſe; ein Feuergewehr hatte keiner, dieſe waren ſelbſt unter dem Kriegsvolke noch kaum zum zehnten Theile verbreitet, und wenn auch einer der Bürger eine ſo koſtbare Waffe beſaß, ſo hatte er ſie nicht mit auf dieſen gefährlichen Streifzug ge⸗ nommen. Reiter, welche der Fliehenden hätten nachſetzen kön⸗ nen, befanden ſich eben ſo wenig bei dem Haufen, es würde ſie aber auch wohl keiner eingeholt haben, am wenigſten auf einem Landpferde, da ſie auf ihrem ungariſchen Ren⸗ ner gleich einen bedeutenden Vorſprung hatte, ehe man zur Beſinnung kam; der Plattner, der Entſchloſſenſte von Allen wiederum, gab daher ſeinen Vorſatz, ſich auf ein anderes der Beutepferde zu werfen, auf und ſtillte nur den wüthend ausgebrochenen Hader gegen den armen Riemer, auf welchen 90 Alles einſchrie, ſo daß er gar nicht zu Worte kommen konnte. Die gewaltige Stimme des Führers ſchaffte end⸗ lich Ruhe und der hart geſcholtene Mann vermochte ſich zu vertheidigen. Das Pferd der Gefangenen, das er kurz am Zügel geführt hatte, während auch die Reiterin den Zaum in der Hand behalten, war ein bösartiges Thier geweſen, das ſchon mehrmals nach ihm geſchnappt oder mit dem Vorderfuß tückiſch in die Luft geſchlagen hatte; er war alſo, den Zügel noch kürzer faſſend, näher an deſſen Bruſt gegangen, daß es ihn nicht treffen konnte und dabei mußte er es verſehen haben, daß es ihn im Ausſchreiten auf den Fuß trat. Wie es dann gekommen, daß er den Zügel los⸗ gelaſſen hatte, vb aus Schmerz oder Schreck, oder weil er ihm aus der Hand geriſſen worden, das wußte er nicht. Geſchehen war es einmal: wer's beſſer gemacht hätte, wa⸗ rum war der nicht gleich bei der Hand geweſen? Vergnü⸗ gen hätte es ihm nicht gemacht, die heimtückiſche Mähre zu führen und das Gerede mit anzuhören, von dem er nicht ein Wort verſtanden, ſtatt daß er hätte mit den Andern ruhig ſchlendern und plaudern können. Nun ſollten ſie ihn in Ruhe laſſen. Von dieſem heftigen Auftritt, bei welchem natürlich der ganze Marſch in's Stocken kam, war Lienhard ein ſtummer Zeuge geweſen. Er hätte ſich wohl entfernen können, denn er hatte jetzt nichts mehr hier zu ſchaffen, aber — 91 er wollte den Schein nicht auf ſich laden, als ſtehe er mit der Gefangenen in einem beſondern Einverſtändniß. So lange ſein Auge ſie verfolgen konnte, wie ſie längs der Berge in ihrem ungezügelten Lauf bald verſchwand, bald wieder ſichtbar war, blickte er ihr unverwandt nach, dann wandte er ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf das, was un⸗ mittelbar neben ihm vorging und auf die ſchreiende Ent⸗ ſchuldigung des Riemers, aus welcher er erſt entnahm, wie der heiße Wunſch der Gefangenen, zu deſſen Erfüllung er die Hand bieten ſollte, durch einen Zufall verwirklicht wor⸗ den war. Er ſtieg, während der Riemer noch, ohne ſich unterbrechen zu laſſen, immer lauter ſeine Vertheidigung führte, wieder zu Pferde, und als er nur einen Moment fand, in welchem er ſich vernehmlich machen konnte, rief er:„Ihr Leute, wollt Ihr Euch denn aber mit Gewalt in's Verderben ſtürzen?“ Sie ſahen Alle betroffen zu ihm auf.—„Glaubt Ihr denn,“ fuhr er fort,„daß, wenn auch nur ein einziges Geſchwader von feindlichen Reitern in der Nähe iſt, es Euch nicht verfolgen wird? Ich bin nicht dabei geweſen, als Ihr das Fräulein gefangen habt, und weiß alſo auch nicht, wie es dabei zugegangen iſt, aber ich kann nicht glauben, daß eine junge Dame von ſo vornehmen Geſchlecht in ge⸗ ringer Begleitung faſt bis in die Nähe von Wien gekom⸗ men ſein wird. Wenn Ihr alſo auch ihre Begleiter zer⸗ ſtreut oder erſchlagen habt, ſo müſſen noch größere Haufen in der Nähe ſein und dieſe werden von den Verſprengten aufgeſucht werden. Wollt Ihr Euch einer furchtbaren Rache Preis geben?“ „Er hat Recht!“ ſchrieen Viele— und der Plattner, deſſen Meinung ganz dieſelbe war und nur die Sorgloſig⸗ keit ſeiner Genoſſen nicht zu größerer Eile hatte bewegen können, rief ihm zu:„Ganz recht, Martin Maislhelfer! Vorwärts!“ Alles drängte nun zu größerer Eile und wenn im weitern Vorſchreiten eins der Beutepferde einmal ſchnaubte, erſchracken viele und glaubten die ſchonungsloſen Huſaren ſchon auf ihren Ferſen. Es zeigte ſich aber, daß die Warnung eine wohlbegründete geweſen war, denn als der Haufe, welchem jetzt in der Ebene ſeine Nachhut ziem⸗ lich dicht aufgerückt folgte, kaum die Brücke über den Bach, der hinter Baumgarten in die Wien fällt, paſſirt hatte, wurden am Waldrande, in der Entfernung einer Vier⸗ telmeile dahinter, einige Reiter durch Waffenblitze be⸗ merklich. Der Marſch beſchleunigte ſich dadurch ſo, daß der Plattner alle Mühe hatte, ſeine Leute zuſam⸗ menzuhalten und ihnen begreiflich zu machen, wie eine übergroße Eile, die ein Zeichen von Furcht ſei, den Feind eher zu einem Angriff reizen könne, dagegen eine feſte Zugordnung in aller Ruhe ihn von der Verfolgung abhalten werde. Obgleich nun weder die Ruhe, noch eine 93 feſte Ordnung herzuſtellen war, ſchien dem Feinde doch die Verfolgung in die ſtark bevölkerte Gegend, die ſich nun vor ihm ausbreitete, nicht rathſam zu ſein: es konnten leicht die Sturmglocken in allen Dörfern gezogen und ihm ſo der Rückzug in die ſchützenden Berge abgeſchnitten wer⸗ den, wenn er ſich zu weit in die Ebene vorwagte. Man ſah nichts mehr von ihm und Lienhard glaubte daraus ab⸗ nehmen zu können, daß die kühne Reiterin, welche ihre Gelegenheit zur Flucht mit ſo viel Geiſtesgegenwart wahr⸗ genommen hatte, glücklich wieder zu den Ihrigen gelangt ſei. Er wünſchte ihr das von Herzen und fragte ſich nur, wie ein ſo ſchönes und zartes Weſen mit in den Krieg ziehen könne. Aber der Vater, wie ſie ſelbſt geſagt, hatte ſie mitgenommen und ſie hatte wohl keine Vorſtellung ge⸗ habt, welche furchtbaren Bilder der Krieg in ſeinem Gefolge hat, ſie war wohl nur mit Scenen voll ritterlicher, glän⸗ zender Thaten erfüllt geweſen, hatte den Krieg wie ein Turnier im Großen betrachtet. Wußte er doch aus Er⸗ zählungen, daß vor zehn Jahren, als Kömg Matthias mit dem Könige von Böhmen, Georg Podiebrad, Krieg ge⸗ führt, vor Breslau, wo beide Heere ſich gegenüber geſtan⸗ den, Bühnen aufgerichtet worden waren, von denen die Frauen und Mädchen den täglich vorfallenden Ritter⸗ kämpfen und Scharmützeln zuſahen; oft hatten dieſe unter den rauſchenden Klängen der Muſik, welche droben aufge⸗ 94 ſtellt war, Statt gefunden, dann war dem blutigen Ernſt ein heiterer Tanz gefolgt, an welchem auch die polniſchen und böhmiſchen Herren, alſo die Feinde, Theil genommen, bis der Morgen ſie wieder gegenſeitig zu den Waffen rief. Lienhard hatte in Flandern, wo man ihm viel Rühmens von der Courtviſie im engliſch⸗franzöſiſchen Kriege, deſſen Gedächtniß noch nicht erloſchen war, machte, immer dieſe Kunde jüngſter Zeit aus dem Slavenlande entgegenge⸗ ſetzt, und ſie fiel ihm heut von Neuem ein zur Entſchuldi⸗ gung der ſchönen Tochter des Grafen Serenyi. Fünftes Capitel. Heimkehr. Der Einzug des Hüufleins von bewaffneten Bürgern, mit einigen Gefangenen und Beutepferden, erregte in Wien nicht geringes Aufſehen. In den Gaſſen, durch welche der Zug bis nach dem Rathhaus ging, lief Alles herzu und leicht entzündlich, wie die Menge iſt, begrüßte überall Zu⸗ ruf und Jubel die Heimkehrenden. Es war die Rede da⸗ von geweſen, zu verſchiedenen Thoren, wie man ausge⸗ zogen war, auch wiederum einzuziehen, aber der Führer hatte davon nichts hören wollen. . 95 „Unſere hochedlen Herren vom Rath ſollen ein wenig aus ihrer Ruhe aufgeſtört werden,“ ſagte er.„Sie ſchla⸗ fen, ſtatt zu handeln. Nun müſſen ſie d'ran.“ Natürlich war zu der Stunde des Tages von den Vätern der Stadt keiner mehr auf dem Rathhauſe, und es währte lange, ehe der ausgeſchickte Bote den Bürgermeiſter Ibermann finden konnte, welchem der Plattner die Gefan⸗ genen zuſtellen und von dem Grunde ſeines eigenmächtigen Auszuges, für welchen er zur Strafe zu ziehen war, Rechen⸗ ſchaft geben wollte. Das wartete Lienhard nicht ab, er gehörte nicht zu dem Haufen; was noch verhandelt werden ſollte, ging ihn nichts an. Er hatte noch unterwegs mit dem Meiſter, welcher einſt ſein Lehrmeiſter hatte werden ſollen, vielfache Rückſprache genommen, und deſſen vorge⸗ faßte Meinung einigermaßen zu ſeinen Gunſten gewendet; er hatte von ihm gehört, daß ſeine Großeltern noch rüſtig und geſund ſeien und ſeine Schweſter Magdalena wie eine Roſe blühe— wobei der Meiſter ſein beſonderes Wohlge⸗ fallen an ihr gar nicht verhehlt,— dann aber war Lien⸗ hard auch durch ihn, der ein ſehr geſundes Urtheil hatte, von den Zuſtänden in der Stadt, ſeit der Kaiſer ſeine Re⸗ ſidenz anderwärts aufgeſchlagen, unterrichtet worden, und Beide trennten ſich dann, als Lienhard ſeinen eignen Weg nahm, mit kräftigem Händedrucke. Lächeln mußte dieſer nachher, weil er ſich dachte, wie er ſonſt dabei ausgeſehen 96 haben würde, wenn ſich ein ehrbarer Handwerksmann unver⸗ blümt als ſein künftiger Schwager vorgeſtellthätte. Was ihn einſt zu unerträglichem Zorn gereizt haben möchte, das er⸗ regte jetzt nur ſein Lächeln, aber es lag doch immer in die⸗ ſem Lächeln eine gewiſſe Wehmuth, nicht um den verlor⸗ nen Glanz, ſondern um ein anderes verlorenes Glück! Männlich entſchlug er ſich bald der Gedanken, die nur ſeine Geiſteskraft lähmen konnten; er hatte dieſe Geiſteskraft noch ſo nöthig, um ſich weiter ſeinen Weg durch die Welt zu bahnen. Sein Weg führte ihn heut wieder nach dem Schottenkloſter, wo er vormals eine liebreiche Aufnahme gefunden hatte, hier wollte er um ein Nachtlager bitten und erſt am andern Morgen zu ſeinen Großeltern gehen. Es war ihm ganz lieb, daß der alte ſtrenge Großvater ſchon vorher durch ſeinen frühern Geſellen Nachricht von ihm erhielt und dabei gleich erfuhr, daß er nicht als der „verlorne Sohn“, wie er genannt worden war, heimkehre. Der Plattner hatte ihm unterwegs gar nicht verhehlt, daß der Großvater gar nicht anders von ihm ſpreche und oft⸗ mals geäußert habe: kommt er mir wieder, ein Kalb werde ich ſeinetwegen nicht, wie der Vater im Evangelio, ſchlach⸗ ten laſſen. Hat er Trebern in der Fremde geſpeiſt, ſo hat er's nicht beſſer haben wollen, meine Schuld iſt es nicht. Dann ſei immer ein Streit mit der Großmutter entſtanden, die ſich des Entfernten angenommen habe, auch . 97 die Leni ſei tapfer dabei geweſen, bis der Alte mit einem Schlage auf den Tiſch ſie zur Ruhe gebracht habe und brummend fortgegangen ſei. Die Leni habe ihm, dem Plattner, aber geſagt, dann ſei er gar nicht bös und er fange auch ſelbſt immer wieder an, von ihrem Bruder zu reden; daher könne er ihm wohl am andern Morgen— wenn der Großvater ſich erſt die Nachricht gehörig beſchla⸗ fen habe, die er ihm gleich bringen wolle, ſobald er vom Rathhaus abgefertigt ſei,— getroſt unter die Augen tre⸗ ten.— Lienhard fand auch bei den frommen Vätern im Schottenkloſter viel andern Stoff zum Nachdenken, als daß er ſich viel mit ſeinen eigenen Angelegenheiten hätte beſchäftigen können. Die Geiſtlichkeit von Oeſter⸗ reich, den ehrwürdigen Erzbiſchof von Wien an der Spitze, war dem Kaiſer in unverbrüchlicher Treue zugethan und beſchämte dadurch den Adel, von welchem ſich Viele, wie ſchon bei dem vorigen Kriege, hatten bewegen laſſen, dem fremden Könige, der ſeine Herrſchaft immer weiter aus⸗ dehnte, die geforderte Unterwerfung zu leiſten. Entſchul⸗ digung mochten ſie darin haben, daß ſie ſich zu ohnmächtig fühlten, der Gewalt Widerſtand entgegen zu ſetzen, und nicht aus ihren Beſitzungen vertrieben in's Elend wandern wollten. Aber es gab auch Manchen, der gar bereitwillig, ohne erſt eine Nöthigung abzuwarten, zu dem Ungarkönig übergetreten war, um ſeiner Gnaden, die er mit unerſchöpf⸗ 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 7 98 lichem Füllhorn ſpendete, vor den Andern theilhaftig zu werden und der kluge Abt des Schottenkloſters hätte ſeinem Gaſte, mit welchem er bis ſpät in die Nacht hinein dieſe Angelegenheiten beſprach, mehr als einen Namen nennen können, der ihn in Verwunderung geſetzt haben würde. Aber er wußte wohl, daß er ihn dadurch verletzt hätte und ließ ſich nicht auf Namen ein. Die Ueberzeugung gewann Lienhard, daß der Einfluß der Geiſtlichkeit für die Sache des angeſtammten Herrſcherhauſes mit aller Kraft geltend gemacht werde, daß in Wien der beſte Geiſt herrſche und die Bürgerſchaft zu hartnäckiger Vertheidigung entſchloſſen ſei. Zu dem heutigen Abenteuer, das er dem Abte er⸗ zählte, ſchüttelte dieſer mißbilligend den Kopf: er nannte es ein ungerechtes Spiel mit beſtehenden Verträgen, das nur zu vermehrter Erbitterung und Grauſamkeit führen könne. Der Name Serenyi war ihm fremd; er äußerte ſich ſtreng über die Amazone, welche das ſtille Kämmer⸗ lein, wohin ein ehrbares und züchtiges Mädchen gehöre, mit dem wilden Feldlager und dem blutigen Kampfe ver⸗ tauſcht habe. Als Lienhard ſich der geſcholtenen Ungarin annahm und ihr Weſen ganz anders, als das einer Amazone ſchilderte, warnte ihn der Abt, ſich nicht durch äußern Lieb⸗ reiz beſtricken zu laſſen. Lienhard erröthete und ſagte ernſt⸗ haft:„Hochwürdiger Herr, ich glaube gegen dergleichen gefeit zu ſein.“ Der Abt wünſchte ihm das. 3 99 Am andern Morgen ziemlich früh ging Lienhard nach dem Hauſe ſeiner Großeltern. Es lag ein tiefer Herbſtnebel in den Straßen, daß man kaum drei Schritt weit vor ſich ſehen konnte. So bemerkte auch der alte Meiſter Ringhamer, der unter ſeine Hausthüre getreten war, um ebenfalls einen Gang zu unternehmen, den Nahen⸗ den nicht eher, als bis er dicht vor ihm ſtand und dann auch erkannte er ihn noch nicht. „Großvater!“ ſagte Lienhard mit liebevollem Tone. „Was?!“ ſchrie der Alte auf.„Du biſt's? Kommt der verlorne Sohn endlich heim? Nichts da! Für den Landläufer iſt mein ehrlich Haus verſchloſſen, ich habe kein Purpurkleid und keinen Ring für ihn; iſt's ihm ſchlecht ge⸗ gangen, mag er ſelber zuſehen, wie's thut. Ich kann ihm nicht aus dem Elend helfen!“ „Aber Großvater, hat Euch denn Meiſter Brand nicht geſagt—“ „Mir? Meiſter Brand? Was iſt mit Meiſter Brand?“ fuhr der Großvater auf. „Iſt er denn nicht bei Euch geweſen, hat Euch erzählt, daß wir geſtern zuſammen getroffen ſind, hat Euch meine Grüße gebracht und geſagt, wie es mit mir ſteht?“ „Biſt nicht richtig im Kopf! Sie haben ihn einge⸗ ſperrt,— ich will eben zum Viertelsmeiſter gehen—“ Ein lauter Freudenruf von weiblicher Stimme unter⸗ 7* 100 brach die weitere Erklärung: die Großmutter hatte das Ge⸗ ſpräch gehört und war herbeigekommen, zu ſehen, mit wem der Meiſter rede und erkannte ſofort den Enkel, den ſie willkommen hieß.„Kommt doch herein!“ rief ſie.„Was werdet Ihr denn vor der Thüre ſtehen? Der Viertels⸗ meiſter kann warten und der arme Hans kommt darum doch nicht los, wenn Du auch gleich hinläufſt. Nun, Junge, wie ſchauſt Du aus? Haſt ja ein Kleid an, wie'n Seckel⸗ meiſter!“— „Wollt Ihr mir auf ein Paar Tage geſtatten, bei Euch zu wohnen?“ fragte Lienhard den Großvater be⸗ ſcheiden. „Ein Paar Tage! Wieder ausziehen und garten? Komm herein, Martin,— wenn Du aber einmal da biſt, ſo geht das nicht ſo, wie Du denkſt. Ich bin mit Ehren alt geworden und will Deinetwegen keine üble Nachrede haben.“ Er kehrte mit dieſen Worten um und winkte dem Enkel, ihm in das Haus zu folgen. Hier mußte er, von der Großmutter genöthigt, Hut und Schwert ablegen und ſich zu dem Großvater ſetzen; un⸗ terdeſſen kam auch Leni herbei, noch hübſcher geworden, ſeit Lienhard ſie nicht geſehen, und wahrhaft zu einer Roſe auf⸗ geblüht, wie der Plattner geſtern von ihr geſagt hatte. Sie begrüßte den Bruder mit ungeheuchelter Freude, aber ihre Augen waren verweint. Lienhard bemerkte es wohl, ver⸗ 101 mied aber aus Schonung, ſie nach der Urſache zu fragen, da er ſie errathen konnte. Denn als er, noch ehe er den Großeltern ſeine eigenen Schickſale erzählt hatte, nach der Aeußerung forſchte, die ihm aufgefallen war: daß nämlich Meiſter Brand eingeſperrt worden ſei, traten gleich wieder die hellen Thränen in Leni's braune Augen und Lienhard ſah wohl, daß die Zuneigung, welche er geſtern ſchon be⸗ merkt hatte, eine gegenſeitige war. Der Großvater gab ſogleich Beſcheid. Bürgermeiſter und Rath waren über den eigenmächtigen Auszug eines Haufens von Bürgern ſehr ungehalten geweſen und hatten den Anſtifter und Anführer deſſelben, Meiſter Hans Brand, ſofort in Haft verſtrickt. Dort ſaß er noch und hatte da⸗ rum den Auftrag, welchen ihm Lienhard gegeben hatte, nicht beſtellen können. Ueber die That ſelbſt war Meiſter Ring⸗ hamer derſelben Anſicht, welche Lienhard ſchon geſtern von dem hochwürdigen Abte vernommen hatte und alle ältern und ruhiger denkenden Bürger theilen mochten, aber der Alte hatte doch für ſeinen künftigen Eidam ein gutes Wort einlegen wollen, daß man ihn wenigſtens auf Bürgſchaft frei ließ, bis über ſein Vornehmen ein Spruch gefällt würde. Das erklärte er ſeinem Enkel, meinte aber nun auch, daß es damit keine Eile habe und es dem hitzigen Blute ganz gut ſei, wenn es ſich in einem feſten Gewahrſam etwas ab⸗ kühle. Er fragte nun, da er ſich den„Martin“ etwas 102 näher angeſchaut und ſein ehrbares Ausſehen ihn zufrieden geſtellt hatte, von wannen er komme und wie es ihm zeit⸗ hero in der Fremde ergangen ſei. Lienhard gab zuerſt ſeine jetzige Stellung an, daß er das Glück gehabt, in den Dienſt des Erzherzogs Maximi⸗ lian zu kommen und konnte, obgleich der Großvater der lauten Freude und Verwunderung ſeiner Frau und Enkelin wehrte, doch wahrnehmen, daß auch dem Greiſe dies Glück nicht gleichgültig ſei. Aber der Sonnenſchein auf ſeinen harten Zügen verſchwand gleich wieder und er ſagte:„Ver⸗ dient haſt Du es nicht, daß es Dir in der Fremde ſo gut ergangen iſt! Du hätteſt erſt ſollen Gott den Herrn er⸗ kennen lernen!“ Da begann Lienhard von Anfang an und ausführ⸗ licher zu erzählen, als er es zu Innsbruck ſeiner erlauchten Zuhörerin gethan hatte. Hier war er überzeugt, daß auch das Kleinſte mit Antheil vernommen werde und ſo gab er denn in genaueſter Schilderung, was er dort nur in das kurze Wort zuſammengefaßt hatte, daß es ihm zuweilen recht ſchlecht ergangen ſei. Die Frauen unterbrachen ſeine Erzählung oft mit den Ausrufungen des herzlichſten Mitleids; der ſtrenge Ausdruck in dem Geſichte des Großvaters milderte ſich, aber es war doch eine gewiſſe Genugthuung darin zu leſen. „Wärſt Du daheim geblieben im Lande, wie ich es 103 * gewollt habe!“ ſagte er denn auch einmal dazwiſchen und ſchien ganz vergeſſen zu haben, daß all dies Ungemach end⸗ lich aufgewogen worden war. Als Lienhard dann zu beſ⸗ ſern Tagen kam und ſchließlich ſeine jetzige Lage ſchilderte, warfen die Frauen helle Blicke auf den Großvater, der war ganz ſtill und nachdenklich geworden. „Das iſt halt recht ſchön!“ ſagte er dann.„Aber wird es Beſtand haben? Wenn der Fürſt Deiner nicht mehr braucht oder Einer verſchwärzt Dich oder Du gefällſt ihm nicht mehr,— dann iſt Alles mit einem Mal aus.“ „Ihr kennt wohl meinen edlen Fürſten nicht, Groß⸗ vater,“ erwiederte Lienhard. „Gut! Oder er ſtirbt? Kann er nicht auch einmal plötzlich abgerufen werden, wie ſeine junge Gemahlin? Herrendienſt iſt immer ein unſicheres Brod, das Handwerk aber hat einen goldenen Boden.“ Er ließ ſich durch Alles, was ihm dagegen in gezie⸗ mender Weiſe geſagt wurde, nicht von ſeiner Meinung ab⸗ bringen und fragte nun weiter, was Lienhard, wenn er doch als Schreiber bei dem Erzherzog angeſtellt ſei, hier zu ſchaffen habe. Lienhard konnte ſich darüber nun im All⸗ gemeinen auslaſſen, wußte aber doch, was er zurück hielt, ſo geſchickt zu umgehen, daß er den Großvater nicht von Neuem reizte. Dieſer ſprach ſich nun über die allgemeinen Zuſtände in der Stadt, Angeſichts der unabwendbaren Be⸗ 104 lagerung, aus und Lienhard vernahm hier ungeſucht man⸗ chen wichtigen Aufſchluß, der aus dem geſundeſten Urtheil hervor ging und ihm von Nutzen ſein konnte. Er bat dann, wenn der Gang zu dem Rathsherrn für den verhaf⸗ teten Meiſter Brand noch ausgeführt werde, ihn begleiten zu dürfen, da er als Augenzeuge, wenigſtens der letzten Auftritte bei dem Streifzuge, zu welchem ihn der Zufall geführt habe, vielleicht etwas zu Gunſten der Sache aus⸗ ſagen könne. Alle waren von dieſer neuen Mittheilung ganz über⸗ raſcht und ſelbſt der Alte drängte ihn eifrig, die ganze Dummheit, wie er das Unternehmen Brand's nannte, zu erzählen. Hans Brand hatte es ſeinem ehemaligen Mei⸗ ſter vorher ſorgfältig verſchwiegen, weil er von ihm den heftigſten Widerſpruch, wo nicht gar einen Bruch mit ihm befürchtet hatte. Lienhard konnte von den Vorgängen, ehe er ſelbſt dazu gekommen war, nur berichten, was er auf dem Heimwege gehört hatte, es war aber der Wahrheit ganz treu geblieben. Ihn hatte der Zufall, da er von Burkersdorf kommend, ein wenig von der Straße abgewi⸗ chen war, um Erkundigungen über die Streifparteien der Ungarn einzuziehen, gerade in dem Moment, wo das junge Mädchen gefangen worden war, hinzugeführt und von da an konnte er genauer erzählen, was bei ſeinen Zuhörern das höchſte Intereſſe erregte. 105 Als er geendigt und auch den Namen des Fräuleins genannt hatte, ſagte der Großvater:„Die iſt geſcheiter ge⸗ weſen, als Alle mit einander. Wir können Gott danken, daß ſie nicht eingebracht worden iſt. Was hätten ſie in Wien mit ihr anfangen wollen? Die Gräfin Serenyi auch einſperren bis auf Löſegeld? Was hat doch der liebe Gott für Dummheit in der Welt gut zu machen!“ „Ja, und er thut's auch, Vater,“ verſetzte die Frau, „und hat immer Geduld mit ſeinen Menſchenkindern— und auf der Welt hat doch manch' Einer kein biſſel Ge⸗ duld, wenn's nicht immer nach ſeinem Kopf geht!“ Der Meiſter verſtand die Nutzanwendung wohl, ließ ſich aber nicht darauf ein, ſondern machte ſich nun auf, ſei⸗ nen Vorſatz auszuführen und Lienhard begleitete ihn. Er fand aber kein rechtes Gehör, denn von Außen waren heut wieder neue unheilsvolle Nachrichten eingelaufen. Schiffe, welche Nahrungsmittel nach Wien führen ſollten, waren von den Ungarn angehalten worden; man konnte das freilich nicht als einen Bruch des Waffenſtillſtandes anſehen, denn es waren keine Wiener Schiffe geweſen, aber es regte doch die Gemüther heftig auf, denn man ſah daraus, daß der König ihnen alle Hoffnung abſchneiden wollte, ſich nach Ablauf der Friſt ſeiner Herrſchaft noch länger zu entziehen. Hatte er ſich einmal der Donau bemächtigt, ſo, daß er ſie ſperren konnte, ſo ſtand es übel mit der weitern Zufuhr, 106 die man während der Waffenruhe unabläſſig betrieben hatte, denn zu Lande war ſie durch die Reiterei der Magya⸗ ren, welche alle Straßen beunruhigte, faſt abgeſchnitten. In dieſer Aufregung wurde es Meiſter Ringhamer nicht möglich, ſeiner Fürſprache und Bürgſchaft, wie ſchwer ſie auch ſonſt wiegen mochte, ein rechtes Gehör zu verſchaffen, ſelbſt der Bürgermeiſter, Johannes Ibermann, an den er ſich wandte, ſchien eher dadurch erzürnt zu werden. „Wenn Jeder auf eigene Hand thun will, was ihm gut dünkt und Friedensbruch nicht mehr geſtraft wird, muß es übel um gemeiner Stadt Beſtes ſtehen!“ rief er unge⸗ duldig.„Laßt mich deshalb in Ruh', Meiſter, ich habe jetzt den Kopf voll und weiß nicht, wo zuerſt anfangen. Meiſter Ringhamer, zu ſtarrſinnig, um zu bitten, wollte ſich darauf trotzig entfernen. Lienhard aber ſagte mit ruhiger, von aller Anmaßung entfernter Haltung zu dem Stadtoberhaupte, das nicht weiter Rede ſtehen wollte: „In Zeiten der Noth, geſtrenger Herr Bürgermeiſter, ſind Männer, die auf eigene Hand ein kühnes Unternehmen wagen, nicht immer zu verachten!“ „Wer iſt der junge Mann?“ fragte der Bürgermeiſter, von dieſer Bemerkung gegen ſeine Autorität überraſcht.“ „Mein Enkel, Herr! Kommt aus den Niederlanden von Seiner Durchlauchtigkeit, unſerm gnädigen Erzher⸗ zog Max.“ —— 107 „Als Abgeſandter?“— fragte Herr Ibermann und ſein Ton war merklich verändert. „Ausgeſandt wenigſtens, um mich, neben andern Auf⸗ trägen, mit eigenen Augen von den Wehranſtalten Wiens zu überzengen. Legt aber meiner Sendung keine beſondere Wichtigkeit bei, Herr Bürgermeiſter. Ich bin nichts als ein Bote, dem der Fürſt gelegentlich auch eingeſchärft hat, ſich umzuſehen. Was ich mir zu bemerken erlaubte, geſchah nur im Eifer für die gute Sache.“ „Das nehme ich auch immer gern an, lieber Herr,“ erwiederte Ibermann.„Niemand weiß entſchloſſene und kühne Männer beſſer zu ſchätzen, als ich und wir werden ſie brauchen. Den Meiſter Brand kenne ich ja und weiß, daß er ein wackerer und ehrenfeſter Bürger iſt. Aber es darf ihm nicht ungeſtraft hingehen, daß er dieſen Gewalt⸗ ſtreich unternommen hat. Ich weiß wohl, die Feinde haben es auch gethan— und bei jedwedem Contract hebt einſei⸗ tige Verletzung denſelben auf und entbindet auch den an⸗ dern Theil ſeiner Verpflichtung. Aber uns iſt doch nicht etwa daran gelegen, den Waffenſtillſtand aufgehoben zu ſehen, uns iſt es ja werth und wichtig, daß er bis zur letz⸗ ten Stunde aufrecht erhalten werde. Trieben einzelne feindliche Rotten ein frevelhaftes Spiel damit, ſo war es unſere Sache, durch Abgeordnete darüber Beſchwerde zu führen beim Könige, oder einem der obern Feldhauptleute, 108 die es weder gut heißen, noch gar etwas davon wiſſen mö⸗ gen. Das war auch ſchon längſt meine Abſicht und wenn es noch nicht ausgeführt worden iſt, ſo wißt Ihr, lieber Herr, der mit Negotien umzugehen verſteht, daß dergleichen wohl vorher überlegt und angeſtellt ſein will. Nun ver⸗ dirbt mir dieſer unvorhergeſehene Fall plötzlich mein gan⸗ zes Concept, und wir ſehen ſchon die Folgen. Ohne die Gewalt, welche ſelbſt an einem edlen Fräulein aus vorneh⸗ men ungariſchem Geſchlecht verübt worden, hätte wahr⸗ ſcheinlich die Wegnahme der Schiffe, die uns das liebe tägliche Brot nach Wien für die Dauer der Belagerung bringen ſollten, nicht ſtattgefunden.“ Lienhard hatte die lange Auseinanderſetzung, die er nur ſeiner halbeingeſtandenen Miſſion verdankte, ſchwei⸗ gend, wie es ſich dem ältern und angeſehenen Manne ge⸗ genüber geziemte, angehört, jetzt nahm er das Wort:„Es kann Euer Geſtrengen Niemand hindern, noch jetzt die Ab⸗ geordneten, von denen Ihr ſpracht, in das feindliche Haupt⸗ lager zu ſenden. Grade jetzt, wo Ihr die Erklärung geben könnt, daß der Handſtreich, zu welchem die unaufhörlichen Neckereien und Vertragsverletzungen einzelner ungariſcher Streiftrupps ein Häuflein Bürger gereizt, ohne Euer Vor⸗ wiſſen geſchehen ſei und von Euch ernſtlich gemißbilligt und beſtraft werde. Letzteres kann auch geſchehen— und mein Großvater iſt keineswegs der Meinung, daß Meiſter 109 Hans die Strafe, ſo Ihr über ihn zu verhängen gedenkt, erlaſſen werde, nur wünſcht er, daß Ihr für ihn ſeine Bürg⸗ ſchaft annehmet und darauf hin den Meiſter bis zu Aus⸗ trag der Sache ſeiner Haft erledigt.— Ferner,“ ſetzte er ſchnell hinzu, als der Großvater ſich zum Reden anſchickte und dadurch vielleicht Alles wieder verderben konnte,„fer⸗ ner haben Euer Geſtrengen wohl auch bedacht, daß die Wegnahme der Schiffe nicht eine Folge der geſtrigen un⸗ bedachten Unternehmung ſein kann, da ſie ſchon—“ „Freilich, freilich!“ unterbrach ihn der Bürgermeiſter. „Die Sache iſt ſchon vor drei Tagen geſchehen, ich meinte das auch nicht buchſtäblich, ſondern implicite, verſteht mich. Auf die Bürgſchaft eines ſo achtbaren Bürgers und Mei⸗ ſters, als Meiſter Ringhamer iſt“— er reichte dem Alten die Hand—„könnte wohl auch ein Miſſethäter ſeiner Haft entlaſſen werden, geſchweige denn unſer nur etwas heiß⸗ köpfiger Meiſter Brand. Er wird leider bald Gelegenheit genug haben, ſeinem Muthe Genüge zu leiſten,— leider ſage ich, in Bezug auf gemeiner Stadt Beſtes, für das wohl zu wünſchen wäre, es ſei immer und ewiglich Friede zwiſchen dem Kaiſer und ſeinem unſerer Stadt Wien ſo nahe ſitzenden Nachbar. Was die Geſandtſchaft betrifft in das feindliche Hauptlager, lieber Herr, ſo habt Ihr damit nur unſere Meinung ausgeſprochen. Wir werden ſie ſo⸗ bald als möglich in's Werk richten.“ 110 „Sobald als möglich, das iſt ſehr nöthig, geſtrenger Herr Bürgermeiſter,“ ſprach Lienhard.„Ihr habt mit dieſem Wort Alles geſagt. Jede Stunde Aufſchub könnte gefährlich ſein.— Die gefangenen Ungarn und die Beute⸗ pferde, welche eingebracht worden ſind, werdet Ihr na⸗ türlich ohne Löſegeld zurückſtellen.“ „Natürlich!“ wiederholte Herr Ibermann mit einem tiefen Seufzer. „Erlaubt Ihr,“ ſetzte Lienhard unbefangen hinzu,„ſo ſchließe ich mich Euren Abgeordneten an.“ „Ihr?! Ihr wolltet das?“ rief der Bürgermeiſter er⸗ ſtaunt, da er ſich im Geiſt ſchon mit dem Gedanken beun⸗ ruhigt hatte, daß er unter den Rathsherren, die er etwa zu der Geſandtſchaft erwählen könne, viel Abneigung ge⸗ gen eine ſo gefährliche Wanderung in die Höhle des Löwen finden werde. „Ja,“ erwiederte Lienhard.„Ich bin durch Zufall ein Augenzeuge der Gefangennehmung der Gräfin Serenyi geweſen, habe ihr dabei meine Theilnahme bewieſen, die ſie freundlich aufgenommen hat,— vielleicht kann ich durch meine Ausſagen und wie ſich ſonſt Gelegenheit bietet, für den Zweck Eurer Geſandtſchaft einige Dienſte leiſten, da⸗ fern Ihr mir erlaubt, daran Theil zu nehmen.“ „O mit Freuden, lieber Herr, mit Freuden!“ rief Ibermann.„Warum ſollten wir nicht die guten Dienſte 111 annehmen, welche Ihr Eurer Vaterſtadt leiſten wollt! Ihr ſeid doch ein geborner Wiener?“ Lienhard bejahte das und nannte auch ſeinen Namen. Darauf umarmte ihn der Bürgermeiſter und entließ ihn mit dem Verſprechen, noch heut, ſo bald die Abgeordneten aus⸗ gewählt und reiſefertig ſein würden, ihm Beſcheid zugehen zu laſſen, Meiſter Brand aber ſofort unter Handgelöbniß, daß er ſich nicht entfernen und dem über ihn zu verhängen⸗ den Spruche entziehen werde, aus dem Thurm zu befreien. Schweigend ging der alte Meiſter neben ſeinem Enkel her, als Beide nach Hauſe zurückkehrten. Lienhard unter⸗ brach dies Schweigen nicht, obgleich es ihm ein Zeichen ſchien, daß der Großvater nicht ganz mit ihm zufrieden war. Darin täuſchte er ſich auch nicht und er konnte es aus dem Tone heraus hören, mit welchem der Alte endlich, da er ſchon die Hand an die Thürklinke ſeines Hauſes ge⸗ legt, ſagte:„Du haſt wie ein Buch geſprochen, Martin.“ „Hab' ich etwas Unrechtes geſagt, Großvater?“ ent⸗ gegnete der Enkel. „Etwas Unrechtes ſchon nicht. Aber wälſche Kunſt! Krumm herum, auf die ſchwache Seite.“ „Iſt das ein Unrecht, Großvater, die Schwächen An⸗ derer zu ſchonen?“ „Schonen!“ rief Meiſter Ringhamer und ſtieß heftig mit dem Stocke auf die Erde.„Komm' mir nicht mit dem 112 weibiſchen Wort! Schonen! Am Ende ſchont man auch ſich ſelber, ſeine Knochen, ſeine Kräfte, und es kommt nichts Rechts in der Welt mehr zu Stande! Thue Jeder ſeine Sach', wie's ſein muß, dann braucht's keine Schonung. Es bleibt noch genug übrig, das uns der liebe Gott zu ver⸗ zeihen hat.“ Sechſtes Capitel. Die Magyaren. Im Lager der Ungarn, das bei Kornneuburg aufge⸗ ſchlagen war, konnte die Hauptmacht nicht mehr gefunden werden. Dieſe hatte ſich Wien von der andern Seite ge⸗ nähert, offenbar in der Abſicht, auch hier die Donau zu ſperren, die Stadt rings einzuſchließen, von aller Verbin⸗ dung abzuſchneiden und ſo zur Ergebung zu nöthigen. Kornneuburg hatte ſich vertheidigt, bis im eigentlichſten Sinne alles Eßbare aufgezehrt war, bis auf die Pferde und Katzen. Von Wien war bei dem ſtreitbaren Geiſte ſeiner Bürgerſchaft ein Gleiches zu erwarten, König Mat⸗ thias wollte aber die Stadt, die er auf immer mit ſeinem Reiche zu verbinden trachtete, möglichſt geſchont in ſeine 113 Hände bringen, es kam alſo darauf an, den Ueberfluß, der noch in ihr herrſchte, möglichſt bald in Mangel zu verwan⸗ deln. Er hatte ſich daher in Perſon zu dem ſüdlichen grö⸗ ßern Heerhaufen begeben und die Abgeordneten von Wien fanden ihn nicht mehr, als ſie im Lager erſchienen. Von dem Heerhaufen, welcher Ebersdorf belagerte, hatte man Kenntniß gehabt und war auch im Zweifel ge⸗ weſen, ob man ſich mit der Geſandtſchaft dorthin oder nach Kornneuburg wenden ſolle; Lienhard's beſtimmte, auf die Reden der Gräfin Serenyi begründete Meinung war aber für das Letztere geweſen, daher wandte ſich der Unwille, als man ſchon bei den äußerſten Wachen erfuhr, daß der König bereits am Morgen mit vielen Truppen aufgebrochen ſei, gegen den Urheber dieſes nun verunglückten Verſuchs. Einer von den drei rathsherrlichen Abgeordneten ſchlug vor, ſofort wieder unzukehren und es bedurfte Lienhard's ganzer Kraft der Rede, um ſie zu überzeugen, daß der Zweck ihrer Sendung auch in Abweſenheit des Königs zu erreichen ſei. Er bat ſogleich den Befehlshaber der Wachen, welcher vorgekommen war, die Ankunft einer Deputation an den Feldoberſten, dem der König das Lager anvertraut habe, melden zu laſſen und zugleich die Gefangenen, welche. durch ein Mißverſtändniß von einigen Bürgern ihrer Frei⸗ heit beraubt worden ſeien, in Empfang zu nehmen. Daß der fremde Menſch, von dem ſie nur obenhin etwas wuß⸗ 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 8 114 ten, ſich ohne Weiteres die Leitung der ganzen Geſandt⸗ ſchaft ſich anmaßte, erſchien den Rathsherren zwar höchſt ungebührlich, aber es war ihnen im Augenblicke ſehr bequem und ſie ließen ihn gewähren, vorbehaltlich ſpäterer Schritte gegen ihn, wie ſie der Ausfall etwa bedingen würde. Der größte Theil der Verantwortlichkeit fiel wenigſtens auf ſeine Schultern. Nicht lange währte es, ſo erſchien mit dem rückkehren⸗ den Wachthabenden der Oberbefehlshaber ſelbſt zu Pferde, von einem zahlreichen Gefolge umgeben. Er ritt über die Linie die Poſten hinaus und forderte, nach dem er die Begrüßung der Wiener kalt und überlegen erwiedert hatte, den Führer der Abgeordneten auf, ſeinen Vortrag, für welchen ihm freies Geleit zugeſichert worden war, zu halten. Das ſollte hier auf freiem Felde zu Pferde abgemacht, alles Ceremo⸗ niell, wie es doch ſonſt gebräuchlich war, beiſeit geſetzt werden! Gern hätte der älteſte der drei Herren, obgleich er ſich rühmte, ein ciceroniſches Latein zu ſprechen, auch den Vortrag, wie die Einleitung dazu, dem jungen Menſchen, der ihnen aufgedrängt worden war, überlaſſen, aber das ging doch nicht wohl an und ſo hielt er denn in wohlge⸗ ſetzter Rede eine Oration, welche wegen ihrer übermäßigen Länge Menſchen und Pferde un duldig machte. Der un⸗ gariſche Feldoberſt drehte i iger ſeine langen Bart⸗ ſpitzen, Klrrte mit den Stei k * — en und brachte ncn Zet — M 115 zu Zeit ſein Roß, das heftig ſcharrte und nicht mehr ſtehen wollte, durch einen Spornſtoß zur Ruhe. Endlich konnte er es nicht mehr aushalten. „Ich entnehme aus Euren Worten, daß der heim⸗ tückiſche Anfall, welcher vor zwei Tagen in der Nähe von Wien auf ein friedliches Ehrengeleit von Magyaren Statt gefunden hat, nicht mit Bewilligung des Rathes geſchehen iſt und von ihm beſtraft werden wird. Ich ſehe auch meine Brüder in Eurem Gefolge, die Ihr ohne Löſegeld, wie ſich von ſelbſt verſteht, frei gebt. Wo iſt die Gräfin Helena Serenhi?“ Die Abgeordneten erſchraken, auch Lienhard beun⸗ ruhigte ſich bei dieſer Frage. So war ſie nicht zu den Ihrigen zurückgekehrt? Was war das Schickſal des muthi⸗ gen Mädchens geweſen? Er gab ſich aber nicht dem Ein⸗ druck dieſes Gedankens hin, ſondern trat vor und berichtete kurz und einfach, was er wußte, in deutſcher Sprache. Die Magyaren im Gefolge des Feldoberſten riefen und ſprachen heftig durch einander, was Lienhard, der ihrer Sprache nicht mächtig war, nicht verſtand. Der Anführer hatte ſeinen Bericht mit funkelnden Augen angehört und ſagte nun ebenfalls deutſch:„Das macht Eure Sache frei⸗ lich viel ſchlimmer! Da Ihr die Gräfin Helena Serenyi, für deren Leben und Sicherheit ich verantwortlich mit mei⸗ nem Kopf bin, entweder noch hinterliſtig gefangen haltet, 8— 116 oder ſie, ohne Vorwiſſen der Herren von Wien, jedenfalls anderswo gefangen gehalten wird,— wenn ſie nicht, was Gott verhüten möge! auf ihrem Ritt im fremden Lande verunglückt iſt, ſo kann ich Euch nicht entlaſſen, bis wir über das Schickſal der edlen Gräfin Gewißheit haben.“ „Ihr habt den Abgeordneten freies Geleit zugeſichert,“ erinnerte Lienhard mit einer Ruhe, welche ſeltſam gegen die Beſorgniß ſeiner Begleiter abſtach, wie ſich dieſe in ihrer ganzen Haltung ausdrückte. „Auch werde ich mein Wort nicht brechen!“ erwiederte der Feldoberſt ſtolz.„Treubruch ſollt Ihr keinem Ma⸗ gyharen nachweiſen können. Was die freien Kumanen und andere Haufen, die ſich zu unſerm Kriegszuge geſellt, nach Eurer Angabe gegen den Vertrag gefehlt haben, iſt nicht der Magyaren Schuld und hättet Ihr deshalb beim erſten Vorfall Klage geführt, ſo wäre kein zweiter geſchehen, denn des Königs Arm iſt ſtark genug, ſeinen Befehlen Gehorſam zu ſchaffen. Eure Bürger haben ſich aber ſelbſt Recht ver⸗ ſchaffen wollen,— ſo iſt das aufgehoben. Wenn ich Euch demungeachtet freies Geleit zugeſagt habe, ſo werde ich das halten! Nur kann ich Euch nicht entlaſſen, auf meine eigene Gefahr, ſondern ich werde Euch zum Könige gelei⸗ ten laſſen,— mag der über Euer Schickſal entſcheiden! Was murrt Ihr?“ fuhr er auf, als er das Stöhnen ver⸗ nahm, das die Rathsherren bei dieſer Erklärung hören lie⸗ 117 ßen.„Ihr ſeid an den König geſandt, Ihr habt nach dem Könige gefragt, Euch ſoll gewillfahrt werden, beruhigt Euch.“ Er gab an einen der Vornehmen, welche ihm zu⸗ nächſt hielten, Befehle, diesmal auch in lateiniſcher Sprache, damit es die Deutſchen verſtehen ſollten; er gebot, ſie in das Lager zu führen und mit Speiſ' und Trank reichlich zu erquicken. „Wollt Ihr mir, der nicht zu den Abgeordneten der Stadt Wien gehört, noch ein Wort erlauben?“ fragte Lienhard. „Wer ſeid Ihr denn und was führt Euch her?“ ent⸗ gegnete der Magyar unfreundlich. „Ich bin in Geſchäften meines Herrn, deſſen Name hier nichts zur Sache thut, in Deutſchland. Da ich zu⸗ fällig ein Zeugniß in der unſeligen Angelegenheit, welche dieſe Herren zu Euch führt, abgeben konnte, habe ich mich ihnen freiwillig angeſchloſſen. Haltet Ihr es für nöthig, uns Alle zum König zu ſchicken, der, ſo viel ich weiß, auf dem andern Donauufer, mehrere Tagreiſen von hier, erſt an der Schwächat zu finden ſein wird, ſo muß es geſchehen. Aber bedenkt ſelbſt, wozu ſoll es dienen? Wie Ihr ſelbſt geſagt habt, iſt kein Maghar eines Bruches gegebener Zu⸗ ſagen fähig. Der König wird alſo dieſe Herren, nachdem er ſie geſprochen und ihre Entſchuldigung des Geſchehenen vernommen hat, ohne Weiteres entlaſſen,— auch wenn 118 die Gräfin Serenyi bei jenem Heerestheil nicht angelangt ſein ſollte, was überhaupt ſehr unwahrſcheinlich iſt. Wozu wollt Ihr alſo die Herren erſt auf viele Tage herumführen laſſen? Ich dagegen, der ich nicht zu ihnen gehöre, und mich freiwillig zu ihnen geſellt habe, bin gern bereit, Euren Anordnungen zu gehorchen, da ich, wie geſagt, über den Hergang Einiges berichten kann, beſonders was die Gräfin Serenyi betrifft. Laßt mich alſo zum König, Eurem Herrn, geleiten und die Andern, wie Ihr ihnen zugeſagt habt, nach Wien zurückziehen.“ Der Befehlshaber hatte ihn aufmerkſam angehört und richtete dann einige Worte an ſeine Umgebung, welche ziem⸗ lich ſtürmiſche Erwiederung fanden. Offenbar waltete hier eine Verſchiedenheit der Meinungen vor. Vielleicht reizte grade dieſe den Oberanführer, der keinen Wider⸗ ſpruch vertragen konnte, zu einem Beſcheide, welcher dem Vorſchlage Lienhard's günſtig war. Die Rathsherren von Wien wurden zwar in das Lager geführt, aber nur, um noch einige Fragen, welche nicht öffentlich beſprochen werden ſollten, Antwort zu geben: es waren auf günſtige An⸗ erbietungen, welche der Feldherr berechtigt war, der Stadt Wien für ihre Unterwerfung zu ſtellen. Sie waren darauf nicht vorbereitet, hatten auch keine Ermächtigung, es wäre ihnen lieb geweſen, den wohlberedten jungen Mann, deſſen Werth ſie vorher nicht erkannt hatten, in ihrer Mitte zu 119 haben, der war aber bereits von ihnen getrennt worden. So nahmen ſie die Eröffnungen, welche ihnen gemacht wur⸗ den, nur an, um ſie bei ihrer Rückkehr dem Bürgermeiſter und Rath, wie den Aelteſten der Bürgerſchaft, Viertels⸗ und Gildenmeiſtern, zur Beſchlußnahme vorzulegen. Sie wurden darauf, nach gaſtfreier Bewirthung, entlaſſen und mit einem Geleit von Huſaren bis auf den halben Weg nach Wien geführt. Waren ſie nun auch froh dieſer Heim⸗ kehr, welche ſie der eindringlichen Vorſtellung Lienhard's verdankten, ſo machte ihnen doch Alles, was ſie im Lager geſehen hatten, das Herz ſchwer. Vielleicht hatten die Un⸗ garn ſie mit Abſicht durch das ganze Lager geführt, um ihnen ihre gewaltigen Geſchütze, ihre Macht an Roſſen und Har⸗ niſchen zu zeigen, und dabei bemerklich zu machen: das ſei nur der kleinſte Theil ihrer Heereskraft! Der feurige Wein, der ihnen darauf kredenzt wurde, hatte ihnen Anfangs nicht recht munden wollen, aber nur Anfangs. Es war ja ein echter„Sorgenbrecher,“ warum ſollten ſie ihn nicht ge⸗ nießen? Bald nach ihrem Aufbruch verließ auch Lienhard, welcher ihnen ſchon vorher ſeine Beſtellungen nach Wien mitgegeben hatte, das Lager und zog mit einer ſtarken Ab⸗ theilung von Truppen, die wiederum von hier zum Könige ſtoßen ſollte, nachdem ſie die Donau überſetzt hatten, auf weiterm Umwege, deſſen Urſach Lienhard fremd blieb, nach 120 Süden. Am Morgen, als ſie endlich der Gegend nahten, wo jetzt der Krieg ſeinen Schauplatz aufgeſchlagen hatte, denn der Krieg währte fort, wenn auch der Stadt Wien für ſich allein Waffenſtillſtand gewährt worden war, hörte man fernher in längern Pauſen ſich folgend, einzelne Schüſſe vom groben Geſchütze. Lienhard war zu genau von der Lage der Verhältniſſe unterrichtet, um es für den Donner einer Feldſchlacht zu halten: im Felde ſtand eben nichts von kaiſerlichen Streitkräften, was nur irgend den ungari⸗ ſchen, welche König Matthias mit der ihm eigenen Energie aufgebracht, die Spitze hätte bieten können; nur die Städte, auf die Feſtigkeit ihrer Mauern vertrauend, leiſteten Wider⸗ ſtand und wurden darin von der treugebliebenen Ritterſchaft, die ſich mit ihrem Aufgebot einzeln hineinzog, unterſtützt. Es war das immer ſchon von Wichtigkeit, denn zu einer Zeit, wo das Geſchützweſen noch wenig ausgebildet war, konnten oft kleine Städte größere Heeresabtheilungen, vor⸗ ausgeſetzt, daß die Bürgerſchaft ſich einem Sturme mann⸗ haft entgegen ſtellte, länger aufhalten, als es heut eine ſtärkere Feſtung vermag. Die Schüſſe, welche Lienhard in der Ferne langſam ſich folgend krachen hörte, rührten von einer Belagerung her, bald ſollte er auch Gewißheit haben, welchem feſten Platz es galt: es war Ebersdorf. Von der Vorhut des Heerhaufens, mit welchem er zog, kamen Meldungen, die Richtung wurde geändert: der Edelmann, ₰* 121 welchem Lienhard beſonders übergeben war und welcher deutſch ſprach, benachrichtigte ihn, daß der König ſein Quar⸗ tier in einem Dorfe aufgeſchlagen habe, ziemlich nahe an dem belagerten Orte, um die Wirkung ſeines Geſchützes beobachten und die Vorbereitungen zum Sturm zu rechter Zeit treffen zu können. Auf die Bemerkung Lienhard's, daß er aber dort von dem Geſchütz aus der Stadt Gefahr leide, lachte der Magyar und ſagte:„Da könnte ich Euch von ihm noch andere Stücklein erzählen, wie ſie der wag⸗ halſigſte fahrende Ritter nicht unternommen hat. Er will eben Alles immer mit eigenen Augen ſehen, darum könnt Ihr ihn heut in voller Königspracht an der Spitze einer Streifſchaar, morgen im einfachen Kittel eines Landmanns ganz allein mnitten in einer vom Feind beſetzten Stadt fin⸗ den, wo ſie den Werth unſerer heiligen Krone in Gold zahlen würden, um zu wiſſen, daß er's ſei, damit ſie ihn fingen.“ Wär's denn möglich,“ entgegnete Lienhard,„daß der vornehme Herr, unter deſſen Geleit damals die junge Grä⸗ fin Serenhi ſich bis in die Nähe von Wien wagte, der König ſelbſ geweſen ſei?“ „Möglich wär's immer,“ erwiederte der Edelmann, „aber Gewißheit werdet Ihr darüber nicht erlangen. Denn Er ſelbſt ſpricht nicht von ſeinen Wagniſſen und hat auch nicht gern, wenn Andere davon reden. Zu wagen, mit 122 Eurem Verlaub, ſchien übrigens damals nicht viel, denn ein ſolches Stück, wie dann geſchehen, konnte man wohl von Euren Wienern nicht erwarten. Helena Serenyi kennt überhaupt kein Hinderniß, wenn ſie ſich einmal etwas in ihr hübſches Köpfchen geſetzt hat. Wir haben eine alte Sage von einer wunderſchönen Herzogin, Sarolta, die nachmals die Mutter König Stephan's des Heiligen ge⸗ worden iſt, die ſoll die kühnſte Reiterin, die beſte Bogen⸗ ſchützin geweſen ſein, und auch beim rauſchenden Feſte den goldenen Becher nicht verſchmäht haben. Bis auf das Letzte denk' ich mir ſie wie Helena Serenyi. Eure Sorge, daß ſie auf ihrer Flucht verunglückt ſein könne, theile ich nicht. Sie iſt ſo klug als kühn und wir werden gewiß von ihr hören, ehe wir viele Stunden älter ſind—— Dort iſt das Dorf, wo wir den König finden ſollen.“ Einige Hütten wurden ſichtbar, ziemlich hoch gelegen, recht geeignet, um von dort her kriegeriſche Beobachtungen anzuſtellen. Denn ſeitwärts dehnten ſich die Zeltreihen eines wohl verſchanzten Lagers, und drüben ragten die grauen Mauern, welche nun ſchon ſeit längerer Zeit be⸗ rannt worden waren und noch immer, weil die Vertheidiger über einige Feuerſchlünde zu verfügen hatten, Widerſtand leiſteten. Dieſe waren heut ſeit frühem Morgen in Thätig⸗ keit und die Geſchütze der Belagerer antworteten ihnen. Die erleſene Schaar, welche ſich von dem Heerhaufen ge⸗ 123 trennt, der grade in das Lager rückte, ritt nun die Höhe hinauf, auf deren vorderm Rande, nach der Stadt zu, die Hütten des Dorfes lagen, in welcher der König insgeheim ſeinen Aufenthalt genommen hatte. Da ging plötzlich von dieſer Seite der Stadtmauer, wo bisher nicht geſchoſſen worden war, ein Rauchballen auf, dem nach kurzem Zwi⸗ ſchenraum der dumpfe Knall folgte. Aus den nahen, frei⸗ ſtehenden Hütten hörte man faſt zugleich ein Gepraſſel, wie von zerſchmettertem Gebälk, und bald darauf ein wildes Geſchrei. Der Reitertrupp, mit welchem Lienhard zog, ſetzte ſich augenblicklich ohne Befehl in ſchnellen Lauf, um zu erfahren was hier geſchehen ſei, wo das Leben des Kö⸗ nigs in Gefahr ſchwebte. Hätten die Belagerten von ihren Wällen hieher ein genährtes Feuer unterhalten kön⸗ nen, ſo würde vielleicht auch Ungarn ſeines Königs beraubt worden ſein, aber der zweite Schuß fiel ſchon allzuſpät, und ehe der dritte folgte, waren die elenden Hütten, die keinen Schutz gewähren konnten, ſobald ihr Geheimniß ver⸗ rathen war, ſchon geräumt. Lienhard erreichte ſeinen Wunſch, den berühmten Hel⸗ den nicht in einem Thronſaal zuerſt zu ſehen, ſondern als Krieger auf freiem Felde.„Der König!“ rief Lienhard's Begleiter und von Mund zu Mund ging das Wort unter den Reitern und ein jauchzender Zuruf für Mattyas Ki- räly bekundete die Freude, ihn mit den Seinigen, von den 124 feindlichen Kugeln verſchont, aus dem Dorfe hervorreiten zu ſehen. Langſam, als wolle er denen in der Stadt ſeine Verachtung ihres Feuers zeigen, ritt er nach dem Rande der Höhe, beobachtete aufmerkſam, was drüben und in ſei⸗ nem Lager vorging, wandte dann ſein Pferd und ſprengte dem Reitertrupp entgegen, welchen er jetzt erſt wahrzuneh⸗ men ſchien. Ein zweites donnerndes Eljen begrüßte ihn, und Lienhard nahm das Heldenbild, das ihm dieſer Augen⸗ blick bot, unauslöſchlich in ſeine Seele auf, da er es mit einem andern, von ſehr verſchiedenem Charakter, das ihm für das Urbild aller Ritterlichkeit galt, vergleichen konnte, mit dem ſeines geliebten und bewunderten Herrn. Matthias Corvinus, der Sohn des großen Hunyadi, kam dahergeſprengt, angethan in königlicher Pracht, den Pelz über der Schulter, nach ungariſcher Sitte durch eine goldene, von Edelſteinen funkelnde Kette um den Hals feſt⸗ gehalten, den Kalpak mit wehendem Reiherbuſch auf dem krauſen, röthlichen Haar. Es war, als habe er den Kö⸗ nigsſchmuck nur in aller Eile angelegt, um die Kugeln aus der Stadt auf ſich zu lenken, denn es folgten noch mehrere Schüſſe nach dieſer Gegend, welche aber, ſchlecht gerichtet, fehl gingen. Der Edelmann, welcher den von Kornneu⸗ burg kommenden Reiterhaufen führte, ließ Halt machen und jagte ganz allein dem Könige entgegen, ihm ſeine Meldungen abzuſtatten. Lienhard konnte während derſel⸗ 125 ben den König noch näher betrachten. Er ſah das mit kräftigem Roth geſchmückte Antlitz, welches weder eben⸗ mäßig, noch ſchön war, aber mit ſeiner graden Naſe und dem etwas breiten Munde wohl zu der markigen kriege⸗ riſchen Geſtalt mit der breiten Bruſt und den mächtigen Schultern paßte. Die Schönheit des Helden lag in ſei⸗ nem großen, ſchwarzen, feurigen Auge, deſſen Blick die Zeit⸗ genoſſen den eines Löwen genannt haben. Im Zorn pflegte es mit Blut zu unterlaufen und wehe dem, welcher dieſem Zorne verfiel; auch jetzt waren Spuren davon zu erblicken, obgleich der König dem Edelmanne grade in das Auge ſah, was ſonſt bei ihm ſtets für ein günſtiges Zeichen galt. Er wandte jetzt mit einer raſchen Bewegung den Kopf nach den Reitern, unter deren bunter Tracht Lien⸗ hard's ſchwarze einfache Kleidung auffiel; von dieſem hatte der Edelmann berichtet, und ein Wink des Königs beſchied ihn in ſeine unmittelbare Nähe. Das Herz klopfte ihm doch, er konnte ſich das nicht abläugnen, auch traf er den König in einer gefährlichen Laune, welche einen tiefern Grund haben mußte, als daß der Löwe durch feindliche Kugeln aus ſeinem Lager aufgeſcheucht war. Der Blick des Königs traf den Deutſchen unter zuſammen gezogenen Brauen von der Seite, als dieſer ehrfurchtsvoll ſein Haupt entblößte und die Erlaubniß zum Sprechen erwartete. „Ihr ſeid alſo einer von den Frauenräubern!“ klang 126 die erſte Anrede des Königs, wohl geeignet, einen ſchwachen Muth noch mehr einzuſchüchtern. Aber Lienhard hatte aus den glänzenden Tagen ſei⸗ ner Vergangenheit für das Leben wenigſtens Eins gerettet, daß er vor den Großen der Erde, in deren Nähe er ſich ſonſt frei bewegt hatte, nicht mehr die Faſſung verlor. Der Sinn der Anrede, der ihn nicht traf, diente überhaupt dazu, ihm ſein Selbſtgefühl wieder zu geben. „Ich bin Keiner von denen, welche Eure königliche Gnaden ſo nennt,“ erwiederte er mit ehrerbietigem Tone, der keine Unruhe verrieth.„Auch war es bei dem unbe⸗ ſonnenen, von den Vorſtehern der Bürgerſchaft durchaus gemißbilligten Auszuge keineswegs darauf abgeſehen, eine Frau gefangen zu nehmen.“ „Ein Mann wäre den Herren Wienern freilich lieber geweſen—“ rief der König, ſeltſam erheitert.„Aber das möchte doch ein ſchweres Stück Arbeit für Tuchmacher und Schneider geworden ſein! Wenn Ihr denn nicht zu ihnen gehört, weß Zeichens ſeid Ihr?“ „Ich bin ein Schreiber,“ erwiederte Lienhard und mit dieſem Wort ſchien auf einmal der gute Eindruck, den ſeine unerſchrockene Freimüthigkeit ſchon auf den König gemacht hatte, wieder vernichtet zu ſein— warum? das verſtanden in dieſem Augenblicke ſelbſt ſeine Vertrautſten nicht. 127 „Ein Schreiber! Elendes Handwerk! Füälſchung, Verrath Eure Kunſt!“ So konnte Matthias Corvinus ſprechen, der Freund und Beſchützer der Wiſſenſchaften, der die Akademie zu Preßburg geſtiftet, Gelehrte aus fer⸗ nen Ländern an ſeinen Hof gezogen hatte, der mit den Für⸗ ſten von Ferrara und den Medicäern wetteiferte, ſelbſt eine ausgezeichnete Bildung beſaß und fünf fremder Sprachen mächtig war? Aber nur einen Moment gab er ſich dieſer Anwandlung hin, dann ſagte er ruhig:„Was wollt Ihr bei mir?“ „Mich Eurer Gnaden zur Verfügung ſtellen, wenn Rechenſchaft über den Hergang bei jenem Ueberfall—“ Der König unterbrach ihn, wiederum mit erheiterter Stirn:„Den Hergang kenne ich beſſer, als Ihr— das heißt, er iſt mir genau berichtet worden. Ihr habt auch noch einen andern Grund, hieher zu kommen.“ Den hatte Lienhard wohl, aber er hätte ihn nur auf Gefahr ſeines Kopfes ausſprechen dürfen, denn allerdings wollte er die Gelegenheit wahrnehmen, ſich auch über die Streitkräfte des Königs ſo viel Kenntniß zu verſchaffen, daß er darüber ſeinem Herrn, dem Erzherzoge, bei der Rückkehr, an welche er ſchon dachte, möglichſt genauen Be⸗ richt abſtatten Er fürchtete, daß der König ihn trotz ſeines Schreiberthums als Späher beargwohnen 128 7 könnte und antwortete daher:„Eure Gnaden urtheilt recht: ich habe dazu noch einen Grund.“ „Den werde ich hören!“ ſagte der König, gab dem Edelmanne, Lienhard's Begleiter, einen kurzen Befehl in ungariſcher Sprache und ritt dann, mit einem leichten Kopfneigen gegen Lienhard, den Abhang nach dem Lager hinab. Der Edelmann ließ ſein kleines Geſchwader dem Könige folgen und behielt nur zwei Reiter zurück, mit denen er nun den Deutſchen, welcher keine Frage an ihn that, ebenfalls ohne Erklärung in einer ganz andern Richtung geleitete. Ein Thurm, der ſich in einiger Entfernung ſüd⸗ wärts aus einem niedrigen Gebüſch erhob, ſchien das Ziel zu ſein, nach welchem der Ritt querfeldein, ohne Weg und Steg, viele Gräben überſpringend, fortgeſetzt wurde, bis auch ein ſtattliches Schloß, deſſen Warte jener Thurm war, ſichtbar wurde, und an einem Bache langhin geſtreckt ein großes Dorf. Hier ſchien der verheerende Hufſchlag der Magyaren noch nicht über die Fluren gezogen zu ſein, der Krieg noch nicht ſein trauriges Werk der Zerſtörung fried⸗ licher Stätten begonnen zu haben. Auf dem Thurme hing ein Banner träg am Fahnenſtock— als aber die Reiter ſich nahten, ſetzte ſich der Herbſtwind, der ſich ſtärker erhob, in die Falten und ließ es ſtolz empor flattern, gleichſam zur Begrüßung. Da gewahrte Lienhard das doppelte Kreuz und die in Roth und Weiß geſtreifte Hälfte des 129 1* Banners: Ungarns Zeichen auf einem öſterreichiſchen Schloſſe! Ein ſchmerzliches Gefühl bewegte ſein Herz, obgleich er ſich ſagen konnte, daß jenes Feldzeichen wohl zum Schirm des Ortes aufgezogen ſei, damit ihm keine gewaltthätigen Schaaren nahen ſollten. Der Edelmann, der ihn führte, belehrte ihn, daß der König dort zuerſt ſein Quartier aufgeſchlagen habe, als er hierher gekommen ſei und daß auch jetzt noch, wie ihm der eben zurückgekehrte Reiter, den er vorausgeſchickt, melde, vornehme Herren auf den Schloſſe weilten. Die Zugbrücke war ſchon niederge⸗ laſſen, als ſie dem Rande des Grabens nahten; Wacht⸗ poſten mit Helm und Spieß wurden über dem Thore ſicht⸗ bar. Da kam den Einreitenden auch ein Mann in deut⸗ ſcher Kleidung entgegen, der nachläſſig über den Hof ſchlen⸗ derte, die Hände auf den Rücken gelegt. Lienhard's Auge erkannte ihn, ſobald er ſeiner anſichtig wurde: es war Dietrich von Wolffenegg! Wie kam der rothe Diez hier⸗ her? War er gefangen? Er trug einen bequemen Haus⸗ rock und kein Schwert. Als er den Fremden, der hier mit den Ungarn ein⸗ zog, recht ſcharf anblickte, erkannte er ihn auch und es lief etwas, wie Freude, über ſein Geſicht und die ſtarken, rothen Brauen zwinkerten vergnügt. „Biſt Du's, Lienhard?“ rief er und eilte ihm mit vorgeſtreckter Hand entgegen.„Haſt endlich den rechten o 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 130 Weg gefunden? Traun, ich gab Dir einen guten Rath, als wir uns das letzte Mal ſahen?“ „Ich verſteh' Euch nicht, Herr von Wolffenegg,“ antwortete Lienhard mit einer dunkeln, unerfreulichen Ahnung. „So, ſo! Undank iſt der Welt Lohn! Du willſt allein ſo geſcheut geweſen ſein! Nun, mir Alles Eins! Steig' ab, mach' Dir's bequem, Du biſt mein Gaſt, bis Dir's auch ſo gut gehen wird. Edle Häuſer genug offen, der König braucht blos zu ſchenken. Komm herein, beim friſchen Trunk zum Willkomm will ich Dir noch mehr er⸗ zählen.“ „Ihr ſeid der Herr dieſes Schloſſes?“ fragte Lien⸗ hard.„Auf dem das Panier von Ungarn weht?“ „Ja, Lienhard, die Pfauenfeder von Habsburg hab' ich vom Hut genommen,“ erwiederte Diez gelaſſen.„Ich denke, Du kommſt auch deswegen her? Steig' ab, ſag' ich!“ Die Ungarn waren ſchon abgeſeſſen und der Edel⸗ mann blickte ungeduldig herüber. „Ihr ſeid abgefallen vom Kaiſer?!“ rief Lienhard erſchrocken. „Wollt Ihr nicht dies Geſpräch im Zimmer fort⸗ ſetzen?“ erwiederte der ungariſche Edelmann mit finſtern und drohenden Blicken. Lienhard ſah ein, daß es unklug ſei, ſich hier dem Gefühle der Entrüſtung hinzugeben, daß ihn trieb, dem Abtrünnigen die bitterſten Vorwürfe zu machen. Er ſtieg ſchweigend ab, während Dietrich mit erzwungenem Lachen ſeine nichtsſagende Antwort beglei⸗ tete, dann folgte er ihm eben ſo ſtumm, als er voraus⸗ ſchritt, den beiden neu hinzugekommenen Gäſten noch ein Unterkommen anweiſen zu laſſen, an welchem es bei der ſtarken Einquartierung im Schloſſe ſchon fehlte. Der Edel⸗ mann erklärte ihm, daß er nur zwei Stunden, bis ſeine Pferde gefüttert, bleiben werde, und Lienhard hätte am liebſten gleich wieder das Haus verlaſſen, das, wie er nun zu verſtehen glaubte, einſt das Eigenthum eines treuen, gut öſterreichiſch geſinnten Unterthanen geweſen und jetzt einem Verräther zum Lohne ſeines Abfalls verliehen war. Daß dieſer glauben konnte, er ſelbſt ſei eines gleichen Ver⸗ rathes fähig und deswegen hier, kränkte ihn ſchwer und er ſehnte ſich nach einem ungeſtörten Geſpräch mit Wolffenegg, um ihm dieſen Glauben auf eigene Gefahr ſeiner Sicher⸗ heit zu benehmen. Hatte vielleicht auch der König dieſe Meinung von ihm? Er erſchrak, als er ſich dachte, daß Matthias Corvinus das Eingeſtändniß eines beſondern Grundes für ſein Herkommen aufdieſen Grund gedeutet und ihn deshalb zu geheimer Audienz hierher habe führen laſſen. Glühend erſehnte er jetzt die Löſung dieſes Mißverſtänd⸗ niſſes, auf welche er jedoch noch einige Zeit harren mußte. Eine kleine Kammer war den Beiden angewieſen worden, 9*. — 132 dann hatte ihnen eine alte häßliche Magd einen großen Krug Wein und etwas Speiſe aufgetragen: der Schloß⸗ herr kehrte nicht zurück. So angenehm ſich Lienhard auf dem ganzen Zuge mit ſeinem ungariſchen Begleiter, der ein gebildeter Mann war, unterhalten hatte, weil Beide Alles vermieden, worüber zwiſchen ihnen Spaltung der Anſichten entſtehen mußte, ſo einſilbig waren jetzt, nachdem der Oeſterreicher ſeinem vaterländiſchen Gefühl einen ſtar⸗ ken Ausdruck verliehen hatte, Beide gegen einander. End⸗ lich, nachdem die Zeit verronnen war, welche der Ungar ſeinen Pferden zur Raſt vergönnt hatte, brach er auf und ſagte, mit einer Wiederkehr der frühern Herzlichkeit zu Lenhard:„Gehabt Euch wohl! Treffen wir uns wieder, möcht's wohl mit dem Schwert in der Hand ſein! Aber deshalb wollen wir uns doch als Feinde achten und ehrlich bekämpfen. Eins will ich Euch noch rathen. Wenn Ihr mit dem Könige ſprecht, ſeid vorſichtig und reizt ihn nicht. Denkt immer daran, daß Ihr mit einem Löwen zu thun habt. Er iſt wohl hochherzig und großmüthig, auch iſt er ſo gerecht, daß ſeiner Unterthanen Geringſter für ihn ſeinen letzten Blutstropfen mit Freuden verſpritzt— aber— Ihr ſeid kein Magyar! Und wenn er zum Zorn gereizt wird, wäret Ihr verloren.“ Lienhard dankte dem Ungar für ſeinen wohlgemeinten Rath und verſprach, ihn zu befolgen. Er fragte noch, ob 133 er ſich für einen Gefangenen auf dieſem Schloſſe anzu⸗ ſehen habe, was aber der Edelmann entſchieden verneinte; der König habe nur befohlen, ihm hier ein Unterkommen zu verſchaffen und ihn zu bedeuten, daß er hier zu erwar⸗ ten habe, bis der König ihm das erbetene Gehör geſtatten könne. Nach dem Aufbruch ſeines bisherigen Begleiters wollte Lienhard der Ruhe pflegen und ſich ungeſtört ſeinen Gedanken und Entwürfen hingeben, aber er ſollte dazu noch keine Zeit finden, denn die Thür öffnete ſich bald genug wieder und— der rothe Diez trat ein. Er bat Lienhard liegen zu bleiben und rückte, als dieſer ſich auf⸗ richtete und auf das Lager ſetzte, einen Schemel dicht zu ihm, auf welchem er Platz nahm.„Nun ſag' mir auf⸗ richtig und ehrlich, Lienhard,“ begann er,„kommſt Du nicht auch her, wie Jeder, der klug iſt, um Deinen Kahn bei Zeiten aus dem Schiffbruch zu retten?“ „Herr von Wolffenegg,“ erwiederte Lienhard,„ich habe kein Recht, Euch Fragen zu ſtellen und bitte Euch da⸗ her, mich meinem Schickſale ruhig zu überlaſſen. Nur Eins nehmt an: daß ich nimmermehr dem Rathe, den Ihr mir einſt gegeben habt, folgen werde, daß ich nur in Ge⸗ ſchäften hier bin und mich, ſobald ſie beendigt ſind, wieder entfernen werde, der Sache des Hauſes Oeſterreich treu bis in den Tod.“ 134 „Das klingt ſehr ernſthaft und ſehr erbaulich,“ ver⸗ ſetzte Dietrich.„Wie ſteht es aber mit dieſer Sache?“ „Sehr gut,“ verſicherte Lienhard. Der rothe Diez lachte höhniſch.„Es könnte ſehr gut ſtehen, wenn der Kaiſer uns richtig behandelt hätte!“ Darin war Lienhard innerlich mit ihm einverſtanden, es kam nur darauf an, wie? Lienhard hatte die Art und Weiſe im Sinn, wie Kaiſer Friedrich's Vater, Ernſt der Eiſerne, ſeine widerſpenſtigen Vaſallen einſt behandelt hatte. Die Unterredung, welche von Dietrich's Seite noch weiter ausgeſponnen wurde, konnte zu keinem befriedigen⸗ den Ergebniß führen, da Lienhard, der ſich überhaupt ſehr zurückhaltend in keine Erörterungen einließ, nicht zu über⸗ zeugen war, daß die Treue ſich vor andern Rückſichten beugen müſſe. Für diejenigen, welche nicht Seelenkraft genug beſaßen, der Gewalt wenigſtens moraliſch zu wider⸗ ſtehen, hatte er doch eine Entſchuldigung, daß ſie ſich dem fremden Sieger unterworfen hatten; diejenigen aber, welche demſelben freiwillig, um der Gnaden und Vortheile theil⸗ haftig zu werden, ihre Huldigung entgegen getragen hatten, mußte er verachten. Dietrich ſchied endlich im Unmuth von ihm und war nicht weit davon, dem„Raben,“ wie er ihn jetzt nannte, für ſein Unheilkrächzen beim Könige einen böſen Dienſt zu bereiten. Das frühere Wohlwollen gegen ihn war ganz aus ſeiner Seele gewichen. 135 Lienhard ſtreckte ſich nun auf ſein Strohlager und fand wirklich, trotz des regen Lebens im Schloſſe, ein Paar Stunden geſunden Schlafes. Die Kammer, welche man ihm angewieſen hatte, lag in einem Seitenflügel und das einzige, ſtark vergitterte Fenſter gewährte durch ſeine trü⸗ ben Scheiben eine Ausſicht auf Wieſengrün und Bäume. Es gelang Lienhard, als er erwachte, das Fenſter mit eini⸗ ger Kraftanſtrengung zu öffnen, ſo daß ein Strom von friſcher Luft, nach welcher er ſich ſehnte, in die dumpfige Zelle dringen konnte. Aus der Thüre in den Schloßhof oder durch die Gänge des Gebändes zu ſtreifen, widerſtrebte ihm: er hatte nichts dort zu ſuchen und wünſchte nur, daß der König ihn nicht im Drange der Begebenheiten vergeſ⸗ ſen, ſondern bald über ihn beſtimmen möge. Mit halbem Leibe lehnte er ſich aus dem offenen Fenſter in die freie Luft hinaus: er ſah, es war ein Garten, welcher ſich hier ausdehnte und nur in letzter Zeit durch die fremden Gäſte etwas verſtört worden war, denn überall ſtanden die Frucht⸗ bäume, obgleich es noch nicht ganz an der Zeit war, ge⸗ plündert da und daß es gewaltſam geſchehen war, bekunde⸗ ten ganze abgeriſſene Zweige, welche in großer Zahl den Boden bedeckten. Als Lienhard ſeine Augen bis in den grünen Hintergrund ſchweifen ließ, der von einer dichten Hecke geſchloſſen war, trafen auf einmal ganz in der Nähe Klänge eines Lied⸗ 136 chens, leicht und fröhlich geſungen, ſein Ohr. Er blickte ſich um und bemerkte ein junges Mädchen von ſchlanker Geſtalt, in ein weites, faltiges Gewand von dunkelrother Seide gekleidet, über welchem ſich ein Jäckchen von ſchwar⸗ zem, goldgeſticktem Sammet, mit einem Beſatz von koſt⸗ barem Pelzwerk eng an den Leib ſchloß. Sie kehrte das Antlitz, da ſie aus einer Thür unweit ſeines Fenſters ge⸗ treten war, nach einer andern Richtung, ſo daß er es nicht ſehen konnte; von ihrem Hinterhaupte floß ein duftiger und durchſichtiger Schleier herab, welcher auf dem ſtarken Knoten ihres Haares, das in tiefer Schwärze durch den zarten Stoff ſchimmerte, von einem kleinen, goldnen Krön⸗ chen gehalten wurde. So ſtand ſie eine Weile, nach der entgegengeſetzten Richtung hinausſchauend, wobei ſie un⸗ ſchuldig und unbefangen ihr Liedchen ſang. Lienhard's Blick belebte ſich von einer Ahnung, er glitt zu ihren klei⸗ nen Füßen hernieder, welche das kurze Gewand ſehen ließ, ſie waren mit kleinen Stiefelchen von goldgelbem Saffian bekleidet. Auf einmal wandte ſie ſich raſch um und ein Ausruf des Erſchreckens entfloh ihren Lippen, verwandelte ſich aber gleich in laute Freude. „Biſt Du gekommen!“ rief ſie, mit dem unveränder⸗ lichen Du der lateiniſchen Rede.„Wie haſt Du mich ge⸗ funden?“ Es war Helena Serenyi. Dies unerwartete Wieder⸗ 137 ſehen hatte auch ihn überraſcht und ihm das Antlitz mit lichterm Roth gefärbt, deſſen Urſache ſie nur zu leicht falſch deuten konnte. Er durfte ſie nicht einen Moment im Zweifel laſſen. Er raffte all' ſeine Sprachfertigkeit zuſammen, um ihr zu erklären, daß er auf Befehl des Königs hier ſei— aber ſie unterbrach ihn ſchnell mit einem Winke ihrer feinen, weißen Hand, wobei ſie ihm ſchalkhaft lächelnd in das Auge ſah. „Ihr ſprecht ein klaſſiſches Latein,“ ſagte ſie ironiſch in deutſcher Sprache, nur mit einem fremdartigen Accent. „Aber lieber will ich doch mit Euch deutſch reden, was ich damals nicht durfte, wenn nicht all' Eure groben Geſellen mich verſtehen ſollten.“ „Wie ſeid Ihr gerettet worden, edles Fräulein?“ fragte er, durch dieſe neue Wendung abermals überraſcht. Er hatte ſich aus ſeiner nachläſſigen Lage im Fenſter ehr⸗ erbietig aufgerichtet, wohl bewußt, daß ihr ganzes Ge⸗ ſpräch nicht ſchicklich ſei, aber wie konnte er es ändern? Durfte er ſich entfernen? „Ich bin nicht gerettet worden, ich habe mich ſelbſt gerettet,“ ſagte ſie mit einer Art von ſchelmiſchem Vor⸗ wurf.„Zum Glück fand ich bei guten Menſchen zur Nacht eine Aufnahme und am andern Tage einen Boten, der mich führte, wo ich des Königs Heerſchaar zu finden „ 138 wußte. Man hatte nach mir viel Pferde müd' gejagt!“ ſchloß ſie lachend. „Euer Herr Vater iſt hier im Schloſſe?“ fragte Lien⸗ hard, um nur zu reden, in großer Verlegenheit. „Woher wißt Ihr das?“ entgegnete ſie.„Kennt Ihr meinen Vater?“ „Ich kenne den Grafen Serenyi nicht, aber man hat mir geſagt, daß Ihr die Tochter des Grafen ſeid.“ „Und Ihr? Wie heißt Ihr?“ fragte ſie raſch. Da nannte Lienhard mit Abſicht, obwohl er ſelbſt vor derſelben erröthete, ſeinen vollen wahren Namen und Stand. Sie war aller Verſtellung zu fremd, als daß ſie hätte verbergen können, wie ſie davon betroffen wurde. Nach Lienhard's ganzer Erſcheinung und ſeinem ritterlichen We⸗ ſen hatte ſie einen Namen von ganz anderm Klang erwar⸗ tet, aber ſie wußte ſich ſchnell zu bemeiſtern und ſagte mit einer Freundlichkeit, welche vielleicht um ſo erhöhter war, als ſie gut machen ſollte, was er doch möglicherweiſe in ihrer offenen Miene geleſen:„Ich bin Euch ſo viel Dank ſchuldig und freue mich wahrhaft, Euch wieder geſehen zu haben. Mein Vater liegt krank und verwundet darnieder,“ — hier ſank ihre Stimme und wurde traurig,—„darum kann er Euch nicht perſönlich danken, aber der König ſoll erfahren, was Ihr an mir gethan habt. Lebt wohl, ich 139 muß zurück zu meinem Vater,— ich habe nur ein Weil⸗ chen friſche Luft ſchöpfen wollen,— auf Wiederſehen!“ Ohne ſeine Antwort abzuwarten, wandte ſie ſich mit einem ſeelenvollen letzten Blicke raſch ab und war ver⸗ ſchwunden. In Lienhard's Gemüth ließ ſie einen ſeltſa⸗ men Eindruck zurück: es waren hier zu viel nie zu verſöh⸗ nende Widerſprüche, die ſich ihm aufdrängten. Ihr fröh⸗ liches Liedchen, das ſie, wie es ſchien, ſorglos ſang, wäh⸗ rend ſie doch ſo eben von dem Lager ihres ſchwer erkrank⸗ ten Vaters gekommen war,— es hatte ihm zuerſt ſo lieblich geklungen, jetzt dachte er daran mit Unwillen. War es denn möglich, daß ſie auch nur für einen Moment vergeſſen konnte, daß ihr Vater verwundet lag? Welchen Leichtſinn ſetzte das voraus! Und wie ſie den kleinen Beweis der Theilnahme, die er ihr bei ihrer Gefangennehmung bewie⸗ ſen hatte, in wahrer Uebertreibung als einen wirklichen Ritterdienſt anſah, der des höchſten Dankes werth ſei! Er dachte mit verletztem Gefühl an ihre Zumuthung, mit wel⸗ cher ſie ihn damals von ſich abgeſtoßen hatte, und mußte beklagen, daß ein ſo unweibliches Gemüth in einem mit allem Liebreiz ausgeſtatteten Weſen wohnen konnte. Siebentes Capitel. König Matthias. Die Nacht verging und der halbe folgende Tag, ehe Lienhard aus ſeiner Spannung erlöſt wurde. Schon hatte er, da er ſich nicht als einen Gefangenen betrachten durfte, die Weiſung, hier weitere Befehle des Königs abzuwarten, brechen und ſich aus dem Schloſſe entfernen wollen, um ſich einen Weg zu dem Herrſcher zu ſuchen, aber bei ruhi⸗ ger Ueberlegung ſtand er davon ab. Hatte er einmal den Entſchluß gefaßt, zum Beſten der guten Sache ein gefähr⸗ liches Wagniß zu unternehmen, ſo mußte er auch mit Ge⸗ duld Zeit und Stunde erwarten, in welcher er ſeine Zwecke erreichen konnte. Den Herrn von Wolffenegg ſah er nicht wieder. Nach dem verwundeten Grafen Serenhi fragte er wohl bei der alten Magd, die ihn mit Speiſ' und Trank verſah, aber ſie wußte nichts von ihm: es ſeien viel Ver⸗ wundete im Schloß, hieß es. Lienhard wollte ſie redſeli⸗ ger machen, um von ihr vielleicht etwas von der Tochter des Grafen, deren Erſcheinen mit den Kriegern doch allge⸗ meines Aufſehen erregt haben mußte, aber ſie fertigte jede allgemeine Frage kurz und mürriſch ab und ſprach aus eige⸗ nem Antriebe kein Wort, hatte ſogar zuweilen einen bitter⸗ 141 böſen Blick für ihn, der ihn in Verwunderung ſetzte. Sie war eine alte Dienerin des vorigen Beſitzers, der um ſei⸗ ner Kaiſertreue willen verjagt worden war und haßte jeden Deutſchen, der in Verkehr mit den Feinden trat: ſo auch Lienhard, der ihr ſonſt wohl gefallen hätte. Endlich entſtand um Mittag ein Laufen und Lärm in der Burg, Lienhard blieb nicht lange zweifelhaft: der König ritt ein. Bald erſchien auch ein bekanntes Geſicht bei dem Harrenden, der die Thür ſeiner Kammer geöffnet hatte: es war ſein geweſener Begleiter von Kornneuburg her, er kam, ihn zum Könige zu führen. „Ihr habt eine mächtige Fürſprecherin gefunden,“ ſagte er lächelnd,„ſonſt würde es übel ausgeſehen haben. Der König ſcheint plötzlich im Feldlager den Gelehrten, die er immer begünſtigte, abhold geworden zu ſein, Ihr hattet ſein Mißfallen erregt, daß Ihr Euch einen Schreiber ge⸗ nannt. Er ſprach ſich in ſo ungnädigen Worten über den ganzen Stand aus, daß ich erſtaunt den Hieroſlaw, ſeinen eigenen Schreiber, den ich zufällig traf, danach fragte, weil ich weiß, daß der ſein Vertrauen genießt. Mit dem muß aber etwas vorgefallen ſein, denn er wurde bei meiner Frage blaß und ſah mir ganz wunderbar in's Auge, wie Einer, der ſich fürchtet, aber doch ein gutes Gewiſſen hat. Auskunft gab er mir nicht. Der König hätte Euch viel⸗ leicht gar nicht mehr vorgelaſſen, ſondern ohne Audienz 142 verabſchiedet, weil ja die Gräfin, wie ich erſt im Lager hörte, glücklich gerettet war. Da kam ſie heut früh in das Lager geritten, mit Eurem Landsmann, dem der König dies Schloß geſchenkt hat und als ſie unſern Herrn, ihren Verwandten von mütterlicher Seite, geſprochen hatte, ließ dieſer mich rufen und begab ſich mit mir und Helena Se⸗ renyi hierher. Er will Euch ſprechen, alſo kommt ſchnell.“ Der König ſaß in dem Ahnenſaale des vorigen Ge⸗ ſchlechts, welches die Burg vor Dietrich Wolffenegg beſeſ⸗ ſen hatte. Ihm zur Rechten ſeine junge Verwandte, welche Lienhard mit freudeſtrahlendem Blick entgegen ſah. Dieſe Freude galt der Erfüllung ihres Wunſches, ihm ihre Dank⸗ barkeit für einen eingebildeten Dienſt bethätigt zu haben. Der König ſchien dem Eintretenden weniger günſtig ge⸗ ſtimmt zu ſein: er nahm ſeine ehrfurchtsvolle Verneigung ohne eine Miene zu verändern hin und gab ihm nur ein Zeichen, näher zu treten. „Meine Nichte, die Gräfin Serenyi, hat mir erzählt, daß ſie Euch ihre Freiheit verdankt,“ ſprach Matthias Corvinus.„Iſt dem ſo?“ „Die edle Gräfin rechnet mir an, was ich nicht ver⸗ diene,“ erwiederte Lienhard. „Ihr habt den Mann, der ihr Pferd am Zügel ge⸗ führt, niedergeſtochen, daß er das Roß loslaſſen mußte.“— „Königliche Gnaden!“ rief Lienhard mit allen Zeichen des Erſtaunens und der Entrüſtung. „Helena!“ ſagte der König. „Wie? Ihr läugnet Eure That, durch welche Ihr meine Freiheit, mein Leben gerettet habt, denn ich hätte die Schmach der Gefangenſchaft nicht überlebt!“ „So wahr mir Gott helfe,“ entgegnete Lienhard auf dieſe glühende Rede Helena's,„ſo wahr ich hier vor Eurem Antlitz ſtehe, ich bin an dem Zufall, welcher Eurem Roß den Zügel frei gab, nicht Urſach'! Habt Ihr gemeint, ich könne einen Mord und obenein an einem Landsmann be⸗ gehen, ſo vergeb' Euch Gott!“— In ſeinem Ton lag ſo viel ernſter Unwille, durch keine Menſchenfurcht vor des Königs Gegenwart zurück gehalten, daß Helena erbleichte. Des Königs Blick aber wurpe viel freundlicher. „Nun, Kind,“ ſprach er zu ſeiner Nichte,„Du ſiehſt, er hat Deinetwegen kein deutſches Blut vergießen wollen. So bleibt doch der Antheil, den er Dir bewieſen hat, im⸗ mer verdienſtlich und ich habe Deinem Vater verſprochen, ſtatt ſeiner ihm das zu vergelten. Was ich noch mit ihm zu beſprechen habe, iſt nicht für Dich.“ Sie erhob ſich auf dieſes Wort, das wie ein Befehl klang und wollte ſich mit einer ſtummen Verneigung entfernen. „Ich glaube, Du zürnſt, daß er nicht für Dich ſeine Seele mit Bruderblut beladen hat!“ rief der König. 144 „Iſt es anders, als ich glaubte,“— ſagte Helena mit zitternder Stimme zu Lienhard,—„ſo nehmt dennoch meinen Dank.“ „Gieb ihm die Hand!“— Sie gehorchte widerſtre⸗ bend, und Lienhard berührte ihre feine Rechte kaum mit der ſeinigen. „Verzeiht mir,“ bat er mit beſcheidenem Tone. Sie antwortete nicht, ſondern verließ, nur den König grüßend, den Saal. „Nun, Herr Schreiber,“ begann der König, indem er auf das Wort einen ſtärkern Ausdruck legte,„Ihr hattet einen beſondern Grund, zu mir zu kommen,— nicht blos den, die Herren Wiener für den Frauenraub zu entſchul⸗ digen.“ „Mir lag für meine Landsleute viel daran, zu erfah⸗ ren, ob die Dame, welche ein böſer Zufall mit in die Ge⸗ fahr verwickelt hatte, glücklich wieder zu den Ihrigen ge⸗ langt ſei,— das weiß ich nun und wenn Eure Königliche Gnaden mir den freien Rückweg nach Wien geſtatten wollen, ſo kann ich ihn noch heut antreten.“ „Für Eure Landsleute lag Euch daran? Nicht auch für Euch ſelbſt?“ fragte der König, indem er ihn ſcharf anſah.„Doch ich will Euch keine Beichte abhören.— Hattet Ihr ſonſt keine Abſicht?“ Der Blick des Herrſchers 145 wurde hier ſo durchdringend, daß Lienhard ſein Auge vor ihm ſenken mußte. Matthias' Stirn bewölkte ſich wieder und ehe Lien⸗ hard, der ſeine Beweggründe zu dieſer Reiſe doch nicht ge⸗ ſtehen durfte, ein Wort fand, ſagte der König in faſt rau⸗ hem Tone:„Sprecht es nur aus. Es ſind Beſſere zu mir gekommen, als Ihr, Herr Schreiber. Ich kann aber Eure Dienſte in dieſem Augenblicke nicht brauchen,— kann ſein, daß eine Stelle in kurzer Fit bei mir frei wird,— bis dahin müßt Ihr Euch gedulden.“ Lienhard bemerkte den eigenthümlichen und furchtba⸗ ren Ton wohl, in welchem der König dieſe Worte ſprach, die einen ſchweren Sinn haben mochten. Er konnte nicht ahnen, daß der König ſeinen eigenen Schreiber, Hieroſlaw, von welchem vorher der ungariſche Edelmann geſprochen, im Verdacht hatte, den Belagerten in der Stadt den Aufent⸗ halt des Gefürchteten in dem kleinen verfallenen Hauſe verrathen zu haben, wohin ſie dann auch ihre Kugeln auf⸗ fallender Weiſe gerichtet. Noch minder konnte er verſtehen, daß der König ſchon beſchloſſen hatte, den Verräther zum Geſtändniß zu zwingen und dann zu vernichten, was ſpäter zu Wien geſchah, obgleich der Unglückliche ſein erſtes Ge⸗ ſtändniß widerrief. Lienhard dachte nur daran, ſich ſelbſt von dem Verdachte ehrloſen Abfalls zu reinigen, den der König, wie er gefürchtet, wirklich auf ihn geworfen hatte 1558. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 10 ₰ 146 und es kümmerte ihn nicht, daß er durch ſeine Worte die gut gemeinte Warnung ſeines frühern Begleiters in den Wind ſchlug. Aber ſeltſamer Weiſe hatten ſie, wie energiſch ſie auch klangen, die entgegen geſetzte Wirkung, als Jeder, der ſie angehört hätte, mit Zittern für ſeinen Kopf gefürchtet haben würde. Des Königs Auge erheiterte ſich und als Lienhard geendigt hatte, ſtand Matthias Corvinus auf, ſah ihm mit einem leuchtenden Blicke grad' in das Antlitz und ſprach:„Geh' hin, mein Sohn, und bleibe dabei, das wird Dir Segen bringen. Nach Wien aber laß ich Dich nicht. Du bringſt mir alle Zünfte in Waffen und ich kann Jahre lang vor Wien liegen.— Biſt Du jetzt dienſtlos?“ Lienhard erwiederte, daß er bei einem guten Herrn ehrenvoll angeſtellt ſei. „Wenn Du einmal brodlos biſt,“ ſagte der König, „dann komm' frei zu mir, ich will für Dich ſorgen, ohne daß Du gegen Dein Vaterland und den Kaiſer zu dienen brauchſt. Bis dahin wird Friede ſein.“ Damit wurde er entlaſſen, und als er hinaus ging, hörte er auch den König raſchen Schrittes hinter ſich her⸗ kommen. Im Feldlager war der Prunk und das Ceremo⸗ niell, mit welchem Matthias Corvinus ſeit ſeiner Vermäh⸗ lung mit Beatrir von Neapel ſeine früher ſo einfache Hof⸗ ſtatt umgeben hatte, noch verbannt. Kein Thürſteher wehrte 147 den Eintritt zu ihm, keine Kämmerlinge und Pagen füllten das Vorzimmer, in welchem nur einige bewaffnete Edel⸗ leute zu finden waren, um ſeine Befehle zu vollſtrecken. Hier im Schloſſe wartete mit dieſen nur der Schloßherr auf die Befehle des Königs, dem er den reichen Beſitz ver⸗ dankte. Lienhard ſah den Wolffenegger ſtehen, der ſich bei ſeinem Anblick nach dem Fenſter kehrte und hinausſ chaute, um nicht mit dem Durchſchreitenden reden zu müſſen. Der König folgte ihm aber, wie ſchon geſagt, auf dem Fuße und rief ihn noch einmal. „Ich habe mich anders beſonnen,“ ſprach er gütig. „Ihr ſollt in Eurer Freiheit nicht beſchränkt werden. Zieht in Gottes Namen nach Wien und thut Euch keinen Zwang an. Wenn der Kaiſer in ſeinen Erblanden lauter treue Unterthanen gehabt hätte, wie Ihr einer ſeid, ſo ſtände ich vielleicht nicht hier.“ Er warf dabei einen Blick voll Ver⸗ achtung auf den Schloßherrn, welcher in tiefer Unterwür⸗ figkeit nur wenige Schritte von ihm ſtand und Lienhard hätte bemerken können, daß Herr Dietrich ſo roth im Ge⸗ ſicht wurde, wie ſein Bart.„Ich ehre die Treue!“ ſetzte der König mit ſtarker Betonung hinzu und reichte Lienhard ſeine Hand, welche dieſer nun ſich nicht enthalten konnte zu küſſen. Nur das Knie vor dem Feinde ſeines Herrn zu beugen vermochte er nicht.* Seiner Abreiſe ſtand jetzt nichts weiter im Wege. 10* 148 Der König gab Befehl, daß ihm ein Paßport, den er ſelbſt unterſchrieb, ausgeſtellt würde, wodurch er vor aller Be⸗ läſtigung auf ſeiner Reiſe geſichert war; er forderte ihn ſo⸗ gar auf, ſich im Lager genau unzuſehen, damit er den Wienern erzählen könne, daß ſie bei längerm Widerſtreben auf ernſtliche Dinge gefaßt ſein müßten. Das iſt das Vor⸗ recht des Starken, daß er ſich nicht zu verſtecken braucht. Lienhard benutzte die Erlaubniß, wenn er auch weit davon entfernt war, ſie in dem Sinne des Königs zu gebrauchen. Er hatte von der tapfern Bürgerſchaft Wiens eine zu vor⸗ theilhafte Meinung, als daß er hätte glauben können, ſie werde ſich ſchrecken laſſen: im Gegentheil hoffte er, ſie durch ſeine Berichte zur höchſten Kraftanſtrengung zu entflam⸗ men.— Als er das Schloß verließ, dachte er wohl an Helena Serenhi, und es that ihm weh, daß er auf ſolche Weiſe von ihr, die ihm erſt ſo kindlich vertrauend und herz lich entgegen gekommen war, ſcheiden ſollte. Aber er be⸗ griff ſie nicht, er hatte keine Ahnung, was ſie bei ihrem letzten Geſpräch in Gegenwart des Königs verletzt und verſtimmt haben konnte, und er ſah auch keine Möglichkeit, ihr noch einmal zu nahen und ſich mit ihr zu verſtändigen. Welches Recht hatte er denn dazu? Er, der Bürgersſohn, was war er in den Augen der Magnatentochter! Man hatte ihm, als er nach dem kranken Grafen Serenyi gefragt, die Antwort gegeben, daß er nur leicht am Arme verwun⸗ 149 det ſei und ſeine Krankheit einzig in der Gicht beſtehe, von welcher Leute ſeines Alters, die viel zu Felde gelegen und manchen Krug Tokaier geleert, wohl heimgeſucht würden. So konnte er ſich wenigſtens die momentane fröhliche Ver⸗ geſſenheit der Tochter erklären. Was ihm ſonſt an ihr, mit deutſcher Frauenſitte verglichen, unbegreiflich war, hätte ihm ſein Freund, der Maghyar, wohl auch erklären können: durch ihre wilde Erziehung, eben durch dieſen Vater, dem das Ideal der wunderſchönen Gemahlin Herzog Geiſa's, jener kühnen Reiterin und Jägerin Sarolta, von welcher Lienhard gehört, vorgeſchwebt haben mochte. Aber Lien⸗ hard forſchte nicht weiter und entſchlug ſich auch des drücken⸗ den Gefühls, von Helena vielleicht verkannt worden zu ſein. Er ſchied von ihr und ſah ſie wohl nicht mehr wie⸗ der, und wenm er ſich dachte, wie viel Schwereres er über ſich hatte ergehen laſſen und ertragen müſſen, ſo konnte ihn jenes Gefühl nicht lange drücken. Im Lager hatte er dann Grund genug zu Betrach⸗ tungen, welche ihm nicht mehr Zeit ließen, an Anderes zu denken. Er konnte ſich, wie der Legat des Papſtes, welcher vor Kurzem den Frieden zu vermitteln geſtrebt, überzeu⸗ gen, daß der König verſtanden hatte, eine Kriegsmacht zu ſchaffen, welche ſeinen hochfliegendſten Plänen gewachſen war. Mit ſchwerem Herzen legte er ſeine Reiſe nach Wien zurück, wo ſein kluges Benehmen bei der Deputation bereits 150 von den dankbaren Rathsherren überall erzählt worden war und ſeinen Namen bekannt gemacht hatte. Der Groß⸗ vater empfing ihn viel herzlicher, als er ihn bis jetzt ge⸗ ſehen hatte und die Meiſterin nickte ihm hinter des Gatten Rücken lächelnd und bedeutſam zu: er hatte nun gewonne⸗ nes Spiel bei dem Alten. Auch Brand, ſein zukünftiger Schwager, wie nun gar kein Hehl daraus gemacht wurde, fand ſich bald ein, um ihn zu begrüßen, da er wohl wußte, daß er ihm ſeine Befreiung aus der Haft verdankte. Eine Pön für den Friedensbruch war noch nicht über ihn aus⸗ geſprochen, da feindlicher Seits keine Beſchwerde geführt worden war und man ſich vielleicht ſcheute, wovor auch Lienhard ſchon beſcheiden gewarnt, Männer von Thatkraft, deren man bald bedurfte, in dieſen ungewöhnlichen Zeiten nach dem Maßſtabe geſetzlicher Ruhe zu meſſen. Als er in dem Kreiſe der Familie, welcher in wohl⸗ thuender Gemüthlichkeit zuſammen ſaß, dieſe Meinung wie⸗ derholte und Brand ihm dafür die Hand reichte, fuhr aber der Meiſter heftig auf. „Und wenn der Ungar,— oder noch ſchlimmer! der Großtürk vor'm Stubenthor ſteht,“ rief er,„ſo muß im alten Wien Ordnung bleiben. Das wär' eine Zucht, wenn wir aus Furcht kein Recht mehr pflegten. Hat Einer den Hals oder die Hand verwirkt, muß er ſie recken und könnt' er damit Wunder was thun!“ 151 „Hartkeil!“ ſagte, da die Männer keine Gegenrede wagten, die unerſchrockene Hausfrau. Er lachte, durch das Wort, das er gar nicht ungern hörte, beſänftigt und wandte ſich zu ſeinem ehemaligen Ge⸗ ſellen, der ſich unmuthig mit der Hand in die krauſen Haare gefahren war.„Nun, Hans,“ ſprach er,„an den Hals geht Dir's noch nicht. Aber ein Wort für Dich red' ich nimmer.“ Dabei ſah er Frau und Tochter an, welche ihn wohl ſchon wiederholt deswegen gebeten haben mochten. Lienhard übernahm es ohne Auftrag, als er am fol⸗ genden Morgen dem Bürgermeiſter, bei welchem er meh⸗ rere angeſehene Bürger traf, über das, was er in beiden feindlichen Lagern und unterwegs geſehen hatte, ſeinen Be⸗ richt abſtattete. Er knüpfte daran die Mittheilung, daß er die junge Dame, deren Gefangennehmung leicht die ſchlimmſten Folgen für die Stadt herbeigezogen haben würde, wohlbehalten bei den Ihrigen geſehen und daß der ganze Fall drüben, vielleicht weil man ſich ähnlicher Ver⸗ tragswidrigkeiten bewußt ſei, gar nicht ſo böſe beurtheilt werde, daher es wohl gerathen ſcheine, auch hier in Anbe⸗ tracht der Verhältniſſe Schonung für Recht ergehen zu laſſen. Eine beſtimmte Antwort erhielt er zwar nicht, aber er glaubte wahrzunehmen, daß es den Herren lieb ſei, dieſe Anſicht, welche ſie ſelbſt theilen mochten, von einem Manne, welcher bereits eine Bedeutung gewonnen hatte, 1 152 ausſprechen zu hören. Ueber dieſe Bedeutung, welche ihm beigelegt wurde, ſchämte er ſich, da er ſich bewußt war, ſie durch ſeine Stellung gar nicht zu verdienen. Mochte es ſein, daß man noch etwas Geheimnißvolles in dieſer, wie in ſeiner ganzen Sendung ahnte und ihm dadurch eine Wichtigkeit über Gebühr beilegte, ſo war es doch auch ſeine Perfönlichkeit, welche für ihn einnahm und ſeinen Worten, die immer das rechte Maß hielten, Eingang verſchaffte. Er wurde eingeladen, morgen einer allgemeinen Verſamm⸗ lung des Rathes und der Aelteſten der Bürgerſchaft beizu⸗ wohnen, an welcher auch der kaiſerliche Hauptmann, wel⸗ cher kürzlich eingetroffen ſei, um die Vertheidigungsmaß⸗ regeln zu leiten, Theil nehmen werde. Sein Vorſchlag, dazu noch, außer den Vorſtehern der Zünfte und den Aelte⸗ ſten, auch eine Zahl von andern Bürgern, aus der Mitte der Einwohnerſchaft zu ziehen, fand Gehör und er mußte gleich die Einladung dazu an ſeinen Großvater mit nehmen. „Das hätten ſie ſollen fein bleiben laſſen!“ ſagte die⸗ ſer, als der Enkel ihm die Beſtellung brachte. Indeſſen rückte er ſeine Kappe aus der Stirn und man ſah, daß er entſchloſſen war. Die Sitzung dauerte von früh bis in den ſpäten Abend und war ſehr ſtürmiſch, wie ſich vorausſehen ließ. Lienhard mußte ſeinen Vortrag noch einmal halten und richtete ihn ſo ein, daß er, ohne die Wahrheit zu verhehlen . 153 oder die drohende Gefahr übermüthig zu verkleinern, doch weit entfernt war, die Gemüther zaghaft zu machen. Da⸗ rauf begannen die Berathungen und Vorſchläge und Mei⸗ ſter Ringhamer gab ſein kurzes, kräftiges Wort auch dazu. Nach ihm kam es nur darauf an, den Feind, wenn er ſich an die Mauern wagte, mit blutigem Kopf heim zu ſchicken, wozu nichts gehöre, als ein tapferes Herz und eine derbe Fauſt. Die Anderen aber hatten viel kluge Anſchläge von Thorſchanzen und Ausfällen, um immer friſche Lebens⸗ mittel in die Stadt zu ſchaffen, von regelmäßiger Einthei⸗ lung der Bürgerſchaft und der Söldner, welche der kaiſerliche Hauptmann mitgebracht hatte und einem fleißigen Runden⸗ gange auf den Baſteien bei Nachtzeit. Während ſie durch ein⸗ ander ſprachen, ſaß der Hauptmann und las bedächtig in dem „Rodel“ der Streitkräfte, das er ſich hatte aufſchreiben laſſen, er ſagte wenig und nur, wenn ſie ſehr laut wurden, zuckte es wie ein verächtliches Lächeln unter ſeinem Barte. Er ſah bald, daß ihm dieſe, auf die Gerechtſame ihrer Stadt ſo eiferſüchtigen Bürger nur einen geringen Antheil an der Befehligung laſſen würden und war im Grunde auch damit zufrieden, die ſchwere Verantwortung nicht tra⸗ gen zu müſſen. In dem Tumult winkte der Bürgermeiſter den jungen Lienhard noch einmal zu ſich, um ſeine Meinung zu hören, dieſer erklärte aber offen, daß er keine Kriegser⸗ fahrung und zu wenig Einſicht in das Weſen einer guten 154 Stadvertheidigung habe, um hier anmaßlich eine Meinung zu äußern. Nach ſeinem ſchlichten Verſtande ſcheine es ihm auf gute Wachſamkeit, unerſchütterliches Ausharren und muthige Gegenwehr bei feindlichen Stürmen anzukom⸗ men, wobei Jeder ſeinen Poſten wiſſen müſſe und die Bürger durch fleißige Ablöſung geſchont würden. Grade dieſe einfache und natürlche Antwort, welche alle genauern Fragen nach der Vertheilung und Ausführung unberührt ließ, gefiel Herrn Ibermann und er vertröſtete ſich, mit dem klugen jungen Manne, der den Krieg in den Niederlanden, trotz ſeiner beſcheidenen Aeußerung, doch kennen gelernt haben müſſe, noch insgeheim eine Berathung zu pflegen. Als endlich der Sprache ihr Recht geſchehen war und die Ge⸗ müther ſich einigermaßen beruhigt hatten, wußte der Bür⸗ germeiſter die gehörten Vorſchläge geſchickt zuſammen zu faſſen, ſo daß ſich aus vielen guten Gedanken doch ein Er⸗ gebniß zuſammenſchmelzen ließ, das für den Zweck benutzt werden konnte. „Ich habe nur noch Eins zu ſagen,“ nahm Meiſter Ringhamer das Wort, da die Verſammlung ſich ſchon tren⸗ nen wollte. Alles wurde wieder ſtill und ſah den Greis erwar⸗ tungsvoll an. „Dem Erſten,“ ſprach dieſer mit feſter Stimme„dem 155 Erſten, der von Uebergabe ſpricht, muß der Kopf vor die Füße gelegt werden.“ Es machte einen tiefen Eindruck und Lienhard nahm die Ueberzeugung mit, daß die Bürger von Wien dem Erz⸗ hauſe Gut und Blut für die Erhaltung ihrer Stadt mit Freuden opfern würden. Zwei Tage darauf nahm er Abſchied von den Seini⸗ gen, um mit den Nachrichten, welche er in Deutſchland geſammelt hatte, zu ſeinem Herrn nach den Niederlanden zurück zu kehren. Er fühlte zwar das heiße Verlangen, hier zu bleiben und an der Vertheidigung ſeiner Vaterſtadt Theil zu nehmen, auch hatte ihn der Bürgermeiſter Iber⸗ mann, der einmal ſein Vertrauen auf ihn geſetzt, dazu auf⸗ gefordert, und ſelbſt der Großvater war der Meinung ge⸗ weſen, daß er hierher gehöre, aber die Pflicht und der ausdrückliche Befehl ſeines Herrn riefen ihn zurück. Es koſtete ihn nicht geringe Selbſtüberwindung, die Worte, mit welchen ihn der harte Greis entließ, ruhig hin zu neh⸗ men.„Du kannſt ſehr ſchön reden, Martin,“ ſagte Mei⸗ ſter Ringhamer,„ich möchte wohl einmal ſehen, ob Du etwas anfaſſen und thun kannſt.“ Liegen denn die Thaten immer nur in der Fauſt? Und hatte der Enkel, ſeit er vor Jahren in die Fremde hinaus gegangen, nicht ſchon Manches gethan, ſogar in den Tagen ſeiner jetzigen Heim⸗ kehr, was Achtung verdiente undſeine Mannhaftigkeit bewies. — 156 Die Großmutter und Schweſter weinten, als er ſchied. Ihnen war, als würden ſie ihn nimmer wieder ſehen. Leni hatte ihm, ſeit er gekommen war, ihr ganzes unſchuldiges Herz in ſchweſterlicher Liebe zugewendet und ging noch, als er fortritt, ein weites Stück über die Gaſſen mit ihm neben ſeinem Pferde, um den Abſchied zu verzögern. Ihr war ſo bange vor den kommenden Tagen, deren drohende Schreckniſſe der Großvater durchaus nicht ſchonend den Seinigen verbarg, und Lienhard's ſanfte Tröſtung that ihr ſo wohl. Warum ging er denn von hinnen? Endlich hatte er ſich auch von der Schweſter getrennt und die Ringmauern von Wien verlaſſen. Es war für einen einzelnen Reiter kein leichtes Unternehmen, ſich auf die Landſtraße zu wagen, da die Heerhaufen der Ungarn, nach Bezwingung der kleinern feſten Plätze des Landes, den Kreis um die Hauptſtadt immer enger ſchloſſen und Lien⸗ hard würde mit aller Umſicht und Entſchloſſenheit ſeinen Weg nicht haben verfolgen können, wenn ihm der Freipaß mit des Königs eigenhändiger Unterſchrift, den der wildeſte Rottenführer nicht zu mißachten wagte, die Bahn nicht ge⸗ öffnet hätte. So gelangte er, oft angehalten und frei ge⸗ laſſen, endlich außer Bereich der feindlichen Schaaren und ſetzte ſeine Reiſe fort, ſo raſch er vermochte. Von Linz aus geſtattete er ſich einen kurzen Seitenweg. Er wollte den Altenſteig noch einmal beſuchen: wußte er doch, daß * 157 Hedwig nicht dort anweſend ſei und der alte Herr Hager, der ſich gegen ihn ſo väterlich gezeigt hatte, war damals, bei ſeiner traurigen Rückkehr vom Sterbebette des vermeint⸗ lichen Vaters, von ihm nicht daheim getroffen worden. Es drängte ihn, ſich dem würdigen Herrn, welcher der treueſte Freund ſeines Kaiſers war, vor ſeinem Scheiden aus dem Vaterlande noch einmal vorzuſtellen, um mit ihm alle Hoffnungen und Befürchtungen für die gute Sache zu be⸗ ſprechen. Das war der Grund wenigſtens dem er nachgab. Ob nicht auch der Wunſch, ſich die Achtung des Herrn von Altenſteig zu ſichern, welche vielleicht, wenn er überhaupt des unbedeutenden jungen Menſchen noch gedachte, ziemlich geſunken ſein mochte, auf ſeinen Entſchluß gewirkt,— ob nicht ein anderer geheimer Gedanke, den er ſich ſelbſt nicht eingeſtand, dabei von Einfluß geweſen, wer konnte das ent⸗ ſcheiden? Hoffnungen durfte er freilich nicht hegen, es wäre thöricht geweſen. Zwar dachte der Kaiſer in dieſer Beziehung nicht ſtreng, er hatte ſelbſt Verbindungen be⸗ günſtigt, welche der Unterſchied der Geburt ſonſt nicht ge⸗ ſtattete, aber— die Beweggründe ſolcher faſt erzwungenen Ehen waren immer ganz eigenthümlicher Art geweſen und hatten dem reichen Bürgerſtand, deſſen Töchter erkoren wurden, nicht eben gefallen. Eines umgekehrten Falles, daß ein Bürgerſohn als Eidam in eine vornehme Familie aufgenommen worden, konnte ſich wohl kein Menſch erin⸗ 158 nern. Lienhard, dem ſich dieſe Gedanken nur einmal in einer gefährlichen einſamen Stunde zu vollem Bewußtſein entwickelt hatten, war darüber voll brennender Scham über ſich ſelbſt erſchrocken und gab ſich ähnlicher Verſuchung nicht mehr hin. Hedwig's Bild, das er nimmer vergeſſen konnte, war ihm der Stern ſeines Lebens,— konnte er auch nimmer ihren Beſitz erlangen, ſo wollte er ſich doch ihrer würdig machen. Und daß er auch in den Augen ihrer Eltern, welche von ſeinem frühern Weſen her gewiß geringſchätzig über ihn dachten, in einem beſſern Lichte er⸗ ſcheinen wollte, war ihm wohl zu verzeihen. Er fand ſie daheim und den alten Herrn ſogar von ſeinem Uebel ſo glücklich befreit, daß er ihn, ohne Krücke oder fremden Beiſtand, kräftigen Schrittes an dem Thore empfangen konnte. Lienhard, der ſich unter dem Namen, welchen er jetzt führte, hatte anmelden laſſen, war verwun⸗ dert und beſchämt über die Ehre, welche ihm der Schloß⸗ herr anthat, aber er ſchrieb ſie dem Wunſche zu, aus Wien, von wo kommend er ſich angegeben hatte, baldmög⸗ lichſt Nachricht zu haben. Hager rief ihm jedoch entgegen: „Nun, Lienhard, willkommen! Ich hab' ſchon von Euch gehört und freue mich, daß Ihr ein wackerer und thätiger Mann geworden ſeid.“ Er reichte ihm die Hand und Lienhard, hoch erfreut, fragte ſich nur, woher eine Kunde 159 von ihm auf den Altenſteig gelangt ſei. Durfte er hoffen, daß ſie aus Innsbruck gekommen? Er blieb darüber nicht lange im Zweifel. Der alte Herr führte ihn ſeiner Gemahlin zu, welche ihn ebenfalls mit vieler Freundlichkeit empfing, wenn ſchon dieſe mehr weibliche Zurückhaltung trug. Sie ſagte ihm unbefangen, daß in einem Schreiben, das ſie kürzlich vom Hofe des Erz⸗ herzogs Siegmund erhalten, von ihm die Rede geweſen ſei und ſie mit Theilnahme erfahren, welche ehrenvolle Stel⸗ lung er ſich geſchafft habe und wie gut er den Vortheil ſei⸗ nes Herrn durch eifrige Bemühungen wahrzunehmen wiſſe. Ihrer Tochter erwähnte die Mutter gar nicht und Lienhard, obgleich er fühlte, daß eine Frage nach ihr für ihn ganz unpaſſend ſein würde, konnte ſich doch nicht enthalten, auf indirectem Wege Frau von Altenſteig zu einer Aeußerung über Hedwig zu veranlaſſen. Seit er die Mauern der klei⸗ nen Feſte betreten hatte, war es, als ſei der alte Zauber⸗ bann wiederum über ihn gekommen; der Hauch des Frie⸗ dens, der hier wehte, das ſchöne Verhältniß, in welchem die beiden Ehegatten lebten, machte auf Lienhard einen unend⸗ lich wohlthuenden Eindruck. Es wurde ihm ſo weich, ſo ſehnſüchtig zu Muth, als ſolle all'ſeine gewonnene Stand⸗ haftigkeit zu Schanden werden. In ſeinen Augen, wenn ſie mit treuem Blick auf der Mutter ruhten, die ſeinen Wendungen des Geſprächs zu der bewußten Abſicht ſo gar 160 nicht folgen wollte, mochte viel zu leſen ſein, denn auch das Auge der liebevollen Frau, das ſich bisher mit großer Vor⸗ ſicht gehütet hatte, nahm einen gütigern Ausdruck an und als ſie das leiſe Beben in ſeiner Stimme hörte, das er zu⸗ weilen nicht zu bemeiſtern vermochte, wurde ſie ſelbſt einen Moment befangen, ſo daß es ihr lieb war, als ihr Gatte, der eine Zeit lang dieſem wunderbar um das gerade Ziel ſich bewegenden Geſpräch ruhig zugehört hatte, kräftig das Wort nahm. „Ihr braucht Euch ja Eures Thuns nicht zu ſchämen, Mann!“ ſagte er.„Daß Ihr den Baiernherzog, der dem Kaiſer viel nachtrug, auf beſſere Gedanken gebracht, ihn zur Rüſtung für unſern Herrn bewogen,— das iſt ja eine Ehre für Euch. Und habt Ihr ihm dabei vertrauliche Er⸗ öffnungen im Namen unſers tapfern Herrn Max gemacht, welche gewiſſe angenehme Hoffnungen betreffen, nun ſo könnt Ihr nicht dafür, wenn er ſie nicht auf dem Herzen behalten, ſondern ſie der Trauten ausgeplaudert hat.“ „Ich verſtehe Euch nicht, Herr Hager,“ verſetzte Lien⸗ hard betroffen.„Meint Ihr den Herzog Albrecht von Baiern, ſo habe ich nichts dazu beigetragen, daß er ſich, wie ich zu meiner Freude höre, jetzt für den Kaiſer rüſtet. Noch viel weniger habe ich mich unterſtanden, ihm Eröff⸗ nungen irgend welcher Art zu machen da ich von meinemgnä⸗ digen Herrn Erzherzog keine Botſchaft an ihn erhalten habe.“ 161 „Nun, ereifert Euch nicht!“ lachte der Alte.„Ein guter Diener rühmt ſich ſeiner Werke nicht, ſondern läßt ſie für ſich ſelbſt ſprechen.“ „Ich gebe Euch mein Wort als ehrlicher Mann, daß es ſo iſt, wie ich Euch ſage,“ betheuerte Lienhard. Herr Hager ſah ſeine Frau an und ſchüttelte den Kopf.„Nun, dann begreife ich nicht, wie das zuſammen hängt,“— ſprach er.„Die Hetti ſchreibt doch von ihrer Erzherzogin—“ „Wenn es aber ſo iſt, wie er ſagt,“ unterbrach Frau von Altenſteig lächelnd ihren Gatten,„ſo darfſt Du auch nichts ausplaudern, Hager. Ich denk, es wird am Beſten ſein, wir laſſen der Sache ihren Lauf, die der Himmel ſchon zum Beſten führen wird. Erzählt uns lieber von Wien und was Ihr bei den Ungarn erlebt habt.“ Er hatte ſchon dem Hausherrn auf ihrem Gange im Allgemeinenkurzerzählt, wie Alles bei Wien ſtand und ſchickte ſich nun an, ausführ⸗ licher davon zu berichten. Das alte Paar hörte ihm auf⸗ merkſam zu und unterbrach ſeinen Vortrag durch manche Frage, beſonders nach dem Könige Matthias, von wel⸗ chem ſchon bei ſeinen Lebzeiten ſo viel erzählt wurde, daß vielleicht nur die Hälfte von den Charakterzügen, welche in ſeiner Geſchichte zu leſen ſind, wahr genannt werden kann. Auch der Gräfin Serenyi erwähnte Lienhard und Frau von 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 11 162 Altenſteig fühlte ſich durch das Bild, das er von ihr ent⸗ warf, eher angezogen, als abgeſtoßen. „Sie thut mir leid,“ ſagte ſie.„Denn ſie wird doch bald genug zum Bewußtſein kommen, daß ſie thut, was einer Jungfrau nimmer ziemt und dann wird ſie unglück⸗ lich ſein.“ Zur Nacht erhielt Lienhard daſſelbe Gemach, das er bei ſeiner erſten Anweſenheit auf dem Altenſteig bewohnt hatte. Wie drängte ſich ihm der Vergleich zwiſchen jetzt und damals auf! Was war aus dem eiteln, übermüthi⸗ gen Knaben, der einſt hier geweilt, im Laufe weniger Jahre geworden! Konnte er noch derſelbe genannt werden, da ſich auch ſein Aeußeres gewaltig verändert hatte. Das lockige braune Haar, ſein Stolz, das er ſelbſt hier gepflegt und mit duftendem Oel geſalbt hatte, war kurz verſchnitten, ſein Antlitz gebräunt und männlich, ſeine Haltung viel weniger zierlich und biegſam, ſie mochte den Frauen nicht mehr ſo gefallen, deſto mehr aber den Männern. Er er⸗ innerte ſich aller Einzelnheiten ſeines frühern Hierſeins, auch des Moments, wo ihn Hedwig überraſcht hatte, als er ſich im blanken Stahl eines Schildes im Saale geſpie⸗ gelt, zuletzt ſogar des böſen Traumes, der ihn gegen Mor⸗ gen geängſtigt hatte. In eine Felvſchlacht war e noch nicht gekommen, wenn er auch ſchon manchen Kunß auf ſeinem Lebenswege beſtanden hatte, aber daß er jemals zu 163 einer feigen Flucht ſich wenden könne, wie er ſich damals voll Todesangſt im Traume erblickt, glaubte er mit Zu⸗ verſicht verneinen zu dürfen und ſo lächelte er über ſeinen Traum. Ehe er heut, nachdem er fromm und inbrünſtig gebe⸗ tet hatte, den Schlummer fand, war noch ſein letztes, ſchon im ſeltſamen Zuſtand zwiſchen Wachen und Schlafen form⸗ los zerrinnendes Bild das einer frievlichen, geſegneten Zu⸗ kunft, ohne Wünſche, ohne Sorgen, im ſeligſten Glücke hier auf dem Altenſteig, bis zur letzten Stunde des Lebens. Darüber ſchlummerte er ein. Achtes Capitel. Stillleben. Ein längeres Bleiben war Lienhard nicht beſchieden, ſeine Pflicht rief ihn wieder aus der Heimath hinweg, aus ſeinem lieben Oeſterreich, das jetzt unter der ſchweren Hand des Feindes ſeufzte. Glücklich die abgelegenen Höhen und Thäly, welche der Hufſchlag ungariſcher Roſſe nicht betrat! So hier der Altenſteig, wo der treue Hager ſein greiſes Haupt eher dem Schwerte des Henkers Preis gegeben hätte, 1 als einem Fremden die verlangte Huldigung zu leiſten, wie ſo viele Andere ſchon gethan. Als Lienhard ſich am Mor⸗ gen verabſchiedete, fragte ihn der alte Herr zum erſten Male nach Dietrich von Wolffenegg; er hatte bis dahin vermieden, über Lienhard's perſönliche Vergangenheit, deren Berührung ihn ſchmerzen mußte, mit ihm zu reden, ſon⸗ dern dieſelbe für eine abgemachte Thatſache genommen; er konnte ihn aber doch nicht ſcheiden ſehen, ohne ihm, der ſich ſo ganz zu ſeinem Vortheil verändert hatte, noch ein Wort der Theilnahme zu ſagen, womit ihm ſonſt Frau Eliſabeth zuvor zu kommen drohte. Lienhard wußte eine gerade Ant⸗ wort zu umgehen: es widerſtrebte ihm, von dem Manne, der nun ſeine einſt angemaßte Stelle einnahm, Uebles zu reden. Frau von Altenſteig, welche nun mütterliche Worte an ihn richtete, enthob ihn der Verlegenheit, von ihrem Ge⸗ mahle vielleicht doch zum Reden über Dietrich gezwungen u werden. Er dankte ihr wie ein Sohn für ihre Güte und ſprach ſich nun gegen ſie aus, warum er in dem neuen Verhältniß, in das er einſt ſo plötzlich geſtürzt worden ſei, nicht habe bleiben können, dort würde er ſich in frucht⸗ loſen Mühen und innern Kämpfen verzehrt haben, würde untergegangen ſein, nun aber hoffe er, mit Gottes Hülfe, in Ehren durch die Welt zu kommen. Als er dann ſchied, begegnete er noch einmal dem Auge der gütigen Frau, das forſchend auf ihm ruhte und dieſer Blick traf ihn ſo, daß 165 er plötzlich erblaßte und eines ſchmerzlichen Zuckens, das um ſeine Lippen bebte, nicht ſogleich Herr werden konnte. Er ſprach keine Silbe mehr, um ſich nicht mehr zu verra⸗ then, neigte ſich vor dem ehrwürdigen Paare und „Schad' um ihn!“ ſagte der Greis.„Ich hét lieber geſehen, der rothe Diez wär' auf ſeinem Storchneſte bei Burkersdorf geblieben und mein alter Veit hätte keine Zeit mehr gehabt, dem wackern Buben—“ hier mußte er jedoch über ſich ſelbſt den Kopf ſchütteln, daß er im Begriff geweſen, eine ſündhafte Sprache zu führen und er fragte ſeine Elſi, was ſie zu der ganzen Sache meine. Das be⸗ zog ſich aber nicht allein auf das Verhältniß, das eben be⸗ ſprochen worden war, ſondern noch auf andere Dinge, welche durch den Brief ihrer Tochter aus Tirol den Eltern, wohl gegen den Willen der Schreiberin, Sorgen erregt hatten. Frau Eliſabeth konnte dem Gemahl nur antwor⸗ ten, daß ſie Alles in Gottes Hand lege, der ſchon die Macht der Zeit auch an ihrem Kinde werde zum Segen gedeihen laſſen. Die Zeit rollte nun Tag für Tag und Woche für Woche dahin und der Winter zog unmerklich heran, hüllte die Berge in Schnee und unterbrach die Verbindung zwiſchen den Wohnſtätten der Menſchen, ſo daß jedes Gemeinweſen jede abgeſonderte Behauſung, auf ſich allein beſ ſchränkt, ſ. gar lange ohne alle Nachrichten von dem, was ſich in un⸗ 166 mittelbarer Nähe begab, wie viel mehr von den großen Weltbegebenheiten blieb. Letztere kümmerten das greiſe Paar auf dem Altenſteig aber ſehr, denn es war ihnen nicht wzültig, wie die Dinge für Oeſterreich ſich wendeten; Heſterreichs Schickſal ſchien jetzt an Wien zu hängen, denn fiel Wien, ſo konnte auch Neuſtadt, das den Ehrennamen der„allzeit getreuen“ trug, ſich nicht mehr gegen die ver⸗ einigte Macht des Ungarkönigs halten,— wenn nicht un⸗ terdeſſen die träge Reichshülfe, welche der Kaiſer zu for⸗ dern hatte und doch noch immer nicht erhielt, endlich zum Entſatz herbei rückte. Herr Hager konnte in gewaltigen Zorn gerathen, wenn er ſeiner Gattin die ganze Erbärm⸗ lichteit der veutſchen Wehrverfaſſung ſchilderte, welche zwar Kaiſer Siegmund, der Luxemburger, vor zwei Menſchen⸗ altern, bei der Huſſitennoth, auf beſſern Fuß zu bringen getrachtet, durch eine Reichsmatrikel, welche Jevem vor⸗ ſchrieb, wie viel er zu ſtellen habe und den„gemeinen Pfen⸗ nig“ für das Geldbedürfniß, die aber dennoch in der alten Ohnmacht verblieben ſei, weil— die ſtarke Reichsoberge⸗ walt fehle, um Saunſelige oder Widerſpenſtige zur Er⸗ füllung ihrer Pflichten zu zwingen. Der treue Vaſall tonnte ſich im Eifer ſo weit vergeſſen, daß er gegen ſeine (Patin äußerte:„O, daß mein Herr, der Kaiſer, auch wie ein Vater den Namen der Eiſerne führte, daß von ſeiner ſtarken und ſchönen Mutter Limburgis von Maſovien die 167 Kraft auf ihn vererbt wäre!— Den Deutſchen thut ein eiſerner und ſtarker Herr Noth!“ Viel Nachrichten von den Welthändeln gelangten nicht auf den Altenſteig und die wenigen, welche aus d e gebracht wurden, waren immer ſehr verſpätet. v liches enthielten ſie nie. Man wußte, daß Wien hart ein⸗ geſchloſſen ſei, wenn auch der ſtrenge Winter alle ernſtlichen Unternehmungen hinderte. Was der Frühling bringen ſi werde, war nicht vorher zu ſagen, aber das Zaudern der deutſchen Reichsſtände auf der einen Seite und die That⸗ kraft des Königs von Ungarn auf der andern, ließ keine Hoffnungen aufkommen. Der Pfarrer, welcher in Linz zuweilen beim hochwürdigen Herrn Biſchofe zur Audienz kam, hatte dort, wie die Kirche ihre Verbindungen durch alle Länder unterhält, von den Gewaltmaßregeln in Ungarn Dinge vernommen, die er mit Entſetzen auf dem Altenſteig erzählte. Matthias Corvinus hatte ſelbſt den Erzbiſchof von Kolocza, welcher ihm über die hohen Steuern,— bis zu einem Ducaten auf den Kopf,— ernſtliche Vorſtellungen gemacht, verhaften laſſen. Seine Kriegsleute galten ihm Alles, ja er ſolle, gleich dem Perſerkönige Cyrus im blinden Heidenthume, jedweden Reiter oder Fußknecht ſeines Heeres bei Namen kennen! Darum liefen ſie auch Sturm für ihn, als ginge es zum Tanze. Wer ſollte da wiverſtehen? 168 Der Frühling kam endlich und brachte zum Si ſchon die Erfüllung der böſen Befürchtungen. Es verlau ti daß in Wien Hungersnoth ausgebrochen ſei, vinn uweilen, wenn es den Hauptleuten des Kaiſers gelinge, er bedrängten Stadt einmal etwas Zufuhr durchzuſchlagen, wieder ein wenig gemäßigt werde. Aus Deutſchland hörte man, daß die Rüſtungen allerdings betrieben würden und ein berühmter Held, Albrecht der Beherzte von Sachſen, das Reichsſchwert gegen den Feind führen werde; wie weit aber das Aufgebot gediehen, wußte Niemand zu fagen. Im nahen Baierlande war es ſtill, wenigſtens verlautete von dorther nichts. Endlich kam doch von dieſer Seite eine glickerheißente Nachricht, welche gar keinem Zweifel unter⸗ worfen war, da ſie, nachdem die Straßen wieder gangbar geworden, durch einen Boten aus Tirol gebracht wurde. Hedwig ſchrieb ihren Eltern unter dem erſten Eindrucke der Freude, welche das Ereigniß in ihr geweckt hatte, daß es Herzog Albrecht von Ober⸗-Baiern endlich gelungen ſei, die Einwilligung des Kaiſers zu einer Verbindung mit der Erzherzogin Kunigunde zu erlangen, daß der Herzog das kaiſerliche Schreiben, durch welches er den längſt insgeheim geſchloſſenen Bund der Herzen gekrönt, dem Erzherzoge Siegmund, unter deſſen Obhut die Fürſtin ſtehe, vorgelegt habe und nun dem Glücke der geliebten Herrin nichts mehr im Wege ſtehe. Sie ſelbſt, Hedwig, habe von der ſtillen 169 Neigung, welche dieſelbe mit edler Zurückhaltung, ſo gegen den Herzog, wie gegen ihre eigenen Verwandten, ſtets zu verſchleiern gewußt, nur eine Ahnung, niemals Gewißheit gehabt, nun aber ſei auch ihre Freude um ſo größer. Der Erzherzog Siegmund, deſſen Zärtlichkeit gegen ſeine Nichte gewiß der ihres eigenen Vaters nicht nachſtehe, habe in ſeinem Entzücken über ihr Glück nun gleich eine Urkunde ausge⸗ ſtellt, in welcher er ihr ſein ganzes Land Tirol als Hei⸗ rathsgut verſchrieben. Herr von Altenſteig erſchrak, als ihm ſeine Gemahlin dieſe Stelle des Schreibens vorlas.„Das Land Tirol an Baiern!“ rief er mit Heftigkeit.„Das iſt nicht mög⸗ lich, das kann mein Herr, der Kaiſer, nimmer genehmigen — ein ſo herrliches Erbgut, ein Volk, an Treue ſo feſt wie ſeine Berge, ſoll dem Hauſe Habsburg genommen wer⸗ den? Das dulden die braven Tiroler nimmer! Die Sturmglocken werden läuten vom Paß Strues bis an die wälſche Grenze und mein junger Aar, der Max, iſt ja auch noch da!“ ſchloß er, ſich beruhigend.„Lies weiter, Eiſi Die Tochter ſprach ſich über dieſe Angelegenheit ihres Vaters würdig aus. Sie glaubte, daß auch die Erzher⸗ zogin dieſe Schenkung, welche ihrem eigenen Hauſe zum großen Schaden gereiche, gar nicht annehmen werde.— Ganz verloren folgte noch die Bemerkung, daß es Lienhard, 6 170 der im Dienſte ſeines Herrn eine große Thätigkeit in Wien ſowohl, als bei dem Könige von Ungarn entwickelt habe, durch ſeine Bemühungen geglückt ſei, das kaiſerliche Schrei⸗ ben der Einwilligung auszuwirken, wobei ihm die große Gunſt, in welcher er einſt beim Kaiſer geſtanden, wohl zu Statten gekommen ſei.—„Wie ſtimmt das mit ſeiner Betheurung als ehrlicher Mann, weißt Du noch, Elſi, im verwichenen Herbſt?“ fragte Hager, die Stirn in Falten ziehend.„Ich weiß es noch genau. Er läugnete uns ab, was die Hetti geſchrieben hatte, daß er dem Herzoge hin⸗ terbracht habe, wie günſtig ihm der Kaiſer geſtimmt ſei und daß er ihm wohl noch die Zuſtimmung auswirken werde.“ „Zwiſchen damals und heut liegt aber viel Zeit,“ erwiederte Frau Eliſabeth,„da kann er's ſchon gethan haben.“ „Aber dann hat er mich doch belogen— venn es ſtimmt nun Alles, was er damals geläugnet und er hat mir doch ſein Wort als ehrlicher Mann gegeben!“ wiederholte Hager.„Das möcht' ich ſchon wiſſen!“ „Laß gut ſein, Hager!“ ſagte Frau Eliſabeth ſanft.„Zu uns kommt er wohl nimmer und es iſt ſchon recht ſo.“ Einige Zeit verging nun wieder in gewohnter ſtiller 17¹ Weiſe und es ſchien, als wär' es dem alten Herrn ganz lieb, wenn er nichts aus der Welt hörte, da es doch nicht viel Erfreuliches ſein konnte. Er hätte nur ein einziges Mal, wie er zuweilen äußerte, ſeinen Herrn, den Kaiſer, ſehen und ſprechen mögen, der wohl Keinen mehr hatte, gegen den er ſein verſchloſſenes Herz ausſchüttete, ſeit er zu dem Entſchluſſe gekommen war, ſich von ſeiner Tochter, der er ſonſt Alles vertraute, zu trennen und ſie nun gar ſeinem bisherigen Feinde zur Gemahlin zu geben. Hager war der Meinung, daß er es doch am Ende gethan, um ſich den Beiſtand des klugen und kräftigen Baiernherzogs zu ge⸗ winnen und lobte ſeinen Herrn, daß er nicht um größern Vortheils willen einſt dem Könige von Ungarn ſeine Toch⸗ ter gegeben habe: Albrecht war doch ein Deutſcher und ein geborner Fürſt.„Und,“ ſetzte Frau Eliſabeth hinzu,„die Erzherzogin hat ihm ihr Herz zugewandt, das iſt doch die Hauptſache.“ In den Waldbergen war es ſo ſchön, daß man wohl Alles vergeſſen konnte, was draußen in gegenſeitiger Ver⸗ ſchuldung das Leben, das der Herr ſeinen Menſchen zum Frie⸗ den und zum Segen gegeben hat, mit Elend und Noth verküm⸗ merte. Wenn das fromme Paar zuweilen zu der ſchön gelege⸗ nen Kapelle der Mutter Gottes ging, um dort ſeine Andacht zu verrichten, und von dort der Blick über das ſchöne, reiche Land ſchweifte, das ſich bis zu dem blitzenden Strome 172 und fernhin zu den noch im Silberſchnee ſchimmernden Rieſenhäuptern der Salzburger Alpen zog, dann ſeufzte Hager wohl in dem Gedanken der ſchweren Heimſuchung, welche über ſein geliebtes Oeſterreich gekommen war, aber ein Aufblick zu dem Gnadenbilde tröſtete ihn wieder und er kehrte, nachdem er die Kraft des Gebetes erfahren, mit ſtillem Vertrauen zu Gottes unerforſchlichem Rathſchluß in ſein Haus und ſeine Berge zurück. Seine Geſundheit war ſo weit geſtärkt, daß er wieder kleine Wanderungen unternehmen und im grünen Walde gelegentlich auch ſein Schießzeug, das lange unbenutzt an der Wand gehangen, gebrauchen konnte. Er that es aber nur gegen Raubvögel, die er mit großer Geſchicklichkeit zu erlegen wußte. Das Wild, deſſen Schonzeit außerdem ſchon eingetreten war, überließ er auch ſonſt Andern, denen die Jagd Freude machte. Er ging nun gleichfalls wieder hinaus auf die Aecker, welche auf den flachen Hängen oder im Thalgrunde urbar geworden, und beaufſichtigte den Feldbau ſeiner Bauern, was ſonſt kein Lieblingsgeſchäft der Grundherren war, die es meiſt ihren Vögten überließen, zu ihrem eige⸗ nen und noch mehr zu ihrer armen Unterthanen Schaden, die von den unbarmherzigen und eigennützigen Vögten auf das Empörendſte gedrückt und gemißhandelt wurden. Das war auf dem Altenſteig aber ſeit Menſchengedenken nicht mehr der Fall geweſen, weil die Hagers von Geſchlecht zu 173 Geſchlecht als gütig gegen ihre Leute bekannt, ſich ſelbſt um das Ihrige bekümmert hatten, und noch in letzter Zeit Frau von Altenſteig während der Leiden ihres Gemahls, die ihn an das Zimmer feſſelten, die thätigſte Wirthin geweſen war. Nun freute ſie ſich, auch ihren Gatten wie⸗ der ſo rührig zu ſehen. „Auf einen Streithengſt kann ich freilich nicht mehr ſteigen, Elſi,“ ſagte er heiter,„aber ich denke, wir werden wohl noch eine Mandel Jahre mit einander aushalten, nun ich wieder Herr meiner Gliedmaßen bin. Zum Herbſt kommt dann die Hetti nach Haus, eine Helferin. Was ſchauſt Du mich auf einmal ſo an?“ „Männer ſind auch neugierig, brauchen aber nicht Alles zu wiſſen,“ erwiederte Frau Eliſabeth ſcherzend, um zu verbergen, daß der Ausdruck„Helferin“ ſie durch eine ſie ſelbſt befremdende Gedankenverbindung überraſcht habe. Sie ſchämte ſich des Anklangs, wofür ſie doch nicht konnte, er lag in dem Worte! Schnell fuhr ſie fort, von der Heim⸗ kehr der Tochter zu ſprechen, bis zu welcher freilich noch manch' Tröpflein Waſſer aus der klaren Quelle, an wel⸗ cher dies Geſpräch Statt fand, zu Thal fließen mußte. Hedwig hatte der Erzherzogin die Bitte ausgeſprochen, ſie nach ihrer Vermählung aus ihrem Dienſte in die Hei⸗ math zu entlaſſen, da ſie die Eltern nicht länger meiden könne, die ihrer wohl auch im Hausweſen bedürften. Auf 174 dieſen Wunſch war die Erzherzogin gütig, wie immer, ein⸗ gegangen; Hedwig in ihrer Beſcheidenheit hatte aber nicht ausgeſprochen, wie ſchmerzlich der Herrin ſchon der Ge⸗ danke einer Trennung von ihr geweſen ſei. Herzog Albrecht hatte ſie damit zu verſöhnen gewußt und es war Hedwig vorgekommen— was ſie jedoch ihren Eltern eben ſo wenig geſchrieben hatte— daß es ihm nicht unlieb geweſen, die Vertraute ſeiner künftigen Gemahlin nicht mit in Baier⸗ land zu haben. Fühlte er vielleicht Eiferſucht auf die Liebe, welche die Erzherzogin ihrer Hedwig weihte? Oder hatte er einen andern geheimen Grund, das tiefblaue klare Auge des jungen Mädchens, das oft ſo forſchend auf ihm ruhte, zu ſcheuen? Im Herbſte ſollte die Vermählung zu Innsbruck ge⸗ feiert werden, welche Erzherzog Siegmund mit aller Pracht auszuſtatten gedachte; mochte der Kanzler die Mittel dazu ſchaffen! Es war ja doch nicht zu erwarten, daß bis dahin der Krieg, der immer unheimlicher tobte, ausgefochten ſein würde, ſo daß man den Kaiſer hier ſehen oder er gar zu Wien in ſeiner eigenen Hofburg das Feſt begehen konnte. Der Kaiſer hatte überhaupt ſeit den Schreiben, welche Herzog Albrecht überbracht hatte, kein Lebenszeichen von ſich gegeben; die ſchweren Sorgen der Zeit nahmen ihn wohl ganz in Anſpruch. So war denn der Erzherzog Siegmund Brautvater und wollte ſich mit der Vermählungs⸗ — 175 feier eine rechte Freude bereiten, ſo daß ganz Tirol zehn Jahre lang davon ſprechen ſollte. Es kam aber Alles anders, als Hedwig darüber an ihre Eltern berichtet hatte, und ehe noch der erſte Schnitt in das reife Korn gethan war, langte eines Abends vor Sonnenuntergang plötzlich die Tochter auf dem Altenſteig an. Das erſte Gefühl der Mutter, als ihr die Nachricht gemeldet wurde, war ein ſchreckhaftes: ſie mußte an ein Unglück denken, das dieſe Aenderung in den frühern Be⸗ ſchlüſſen veranlaßt habe. Hedwig's Ausſehen, als ſie der Mutter in die Arme ſank, ſchien dieſe Befürchtung zu be⸗ ſtätigen: ſie war viel bläſſer geworden, ſeit ſie zuletzt von den Eltern geſehen worden. Sollte ſie denn wirklich nicht vermocht haben, den Traum ihrer Jugend zu vergeſſen? Wie hatte ſie einſt ſelbſt darüber gedacht und geſprochen! Der Vater bemerkte nichts von Allem und ſeine Freude über die Heimkehr der Tochter war ungetrübt. „Was iſt da viel zu fragen!“ rief er, ſeine Gattin unterbrechend.„Ein langer Brautſtand taugt nimmer, die Zeiten ſind ſchlimm, der Bräutigam will ſeine Sache in Richtigkeit haben, ehe er den Harniſch anthut und ſein Panier für den Kaiſer, ſeinen Herrn Schwiegervater, flie⸗ gen läßt! Komm, Hetti. Nun bleibſt Du bei uns und mir ſoll Keiner mein Kind ſo leicht entführen, als dem Kaiſer.“ 176 Hedwig wurde bei dieſer Rede noch bleicher und erſt im Saale, als ſie nun zu traulichem Bleiben auf Nimmer⸗ trennung eingerichtet mit den geliebten Eltern vereint ſaß und ihr Herz an der Freude gelabt hatte, den Vater ſo wunderbar gekräftigt, die Mutter geſund, wie immer, zu erblicken, fand ſie Worte, das Unerhörte zu erzählen, das ſich begeben hatte. Die Vermählung des fürſtlichen Paares war auf dringende Bitten des Herzogs früher vollzogen worden, als es Anfangs beſchloſſen geweſen, und nicht mit rauſchen⸗ der Feſtlichkeit, ſondern in aller Stille. Dann hatten die Neuvermählten noch eine kurze Zeit auf Schloß Amras bleiben ſollen, das für ſie eingerichtet worden war: der Oheim hatte ſich, als er nachgab, das wenigſtens aus⸗ bedungen. Aber am Tage nach der Vermählung ſchon war der Herzog mit ſeiner jungen Gemahlin und ſeinem ganzen Gefolge von Amras aufgebrochen und hatte dem Erzherzoge nur in freundlichen Worten ſeine Abreiſe, welche ſchleunigſt nöthig geworden, melden laſſen. Hedwig war zu Innsbruck bei der Gemahlin des Landesherrn, die ſie einſtweilen ihren Jungfrauen zugeſellte, zurückgeblieben, da ihre Herrin ſie nach dem letzten Ehrendienſt bei der Vermählung auf ihren Wunſch bereits entlaſſen hatte; hier konnte ſie jetzt noch für die Abweſende, welcher der Oheim in ſeiner geſtörten Freude viel Unwillen nachtrug, 177 verſöhnliche Worte ſprechen. Aber noch ehe für ſie ſelbſt die Anſtalten zu dem verſprochenen ſichern Geleit nach der Heimath getroffen waren, kam eine beunruhigende Nach⸗ richt über die andere an, grad' als müßten ſie alle, wie die getrennten Sprudel eines Waſſerfalls in einen Abgrund zuſammen ſtürzen. Der Kaiſer ſandte ſeinem Vetter eine Botſchaft, in welcher kein Wort von der Vermählung, nicht einmal von dem Brautſtande ſeiner Tochter zu leſen war: bei einem ſo bedachten Herrn, der ſein Kind über Alles liebte, ganz unbegreiflich. Er grüßte im Gegentheil ſeinen Liebling mit trauten Worten und ſprach ſeine Hoffnung aus, daß er mit der Reichshülfe, die nun in's Feld zu rücken bereit ſei, Wien zu retten gedenke, wo dann Kuni⸗ gunde wieder an ſeine Seite kommen und ſich nimmer von ihm trennen ſolle. Der Erzherzog war ganz unglücklich über dies Räthſel, und was ihm ſeine Gemahlin voll ernſter Beſorgniß unter vier Augen darüber geſagt, das erfuhr zwar Hedwig nicht, aber ſie traf mit ihren eigenen Gedan⸗ ken wohl ziemlich daſſelbe. Dann lief auch bald auf außer⸗ gewöhnlichem Wege ein Schreiben aus den Niederlanden vom Erzherzoge Maximilian ein, welches ſeine baldige An⸗ kunft meldete, mit dem Zuſatze, daß er gar Viel mit ſeinem Herrn Oheim zu ordnen und zu beſprechen habe, daher er ihn bitte, ſich unterdeſſen in keine ernſte Unterhandlung mit Nachbarn oder Fremden einzulaſſenz es ſei eine Fälſchung 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 12 178 geſchehen, wie man noch keine erlebt habe, den Urheber habe er ſchon beſtraft, aber er fürchte, daß damit noch nicht aller Brand ausgetreten ſei und ſich leicht noch ein Feuer entzünden könne. Nach kaum drei Tagen war hierauf dem Ueberbringer dieſes Schreibens ein zweiter Bote auf dem Fuße gefolgt, nicht vom Erzherzoge Mar ſelbſt, ſondern von ſeinen Getreuen, welche nach Deutſchland meldeten, daß die Bürger der flandriſchen Städte noch immer in ihrer Weigerung beharrten, den Erzherzog als Vormund ſeines jungen Söhnleins, des Herrn der Niederlande, anzu⸗ erkennen und daß alle Unterhandlungen, den Knaben ſeinem Vater nur auszuliefern, ſich wieder zerſchlagen, ſo daß der Erzherzog jetzt nicht nach Deutſchland kommen könne, er laſſe aber ſeinen erlauchten Herrn Oheim dringend war⸗ nen, ſich nicht durch verfälſchte Schreiben, die etwa von ihm ſelbſt vder gar von ſeinem Herrn Vater, des Kaiſers Ma⸗ jeſtät, in gewiſſen, das Haus Habsburg irgend betreffenden, Angelegenheiten überbracht werden möchten, täuſchen zu laſ⸗ ſen; vorzüglich einem gewiſſen Lienhard Helfer, den er um ſol⸗ cher Treuloſigkeit willen geſtraft, nicht zu trauen, ſondern ihn, dafern er ſich in Tirol zeige, des Landes zu verweiſen. Hedwig hatte ſich mit aller Kraft des Willens, deren dies junge, ſtarke Herz fähig war, gewaffnet, um dieſen Punkt ihrer Erzählung feſt und ruhig vorzutragen, und es gelang ihr auch, nur ihre noch tiefer erblaſſende Wange verrieth 179 dem Auge der Mutter, was dabei in ihrem Innern vor⸗ gehen mochte. Der Vater fuhr heftig auf.„Und der Bube hat mir ſein Wort als ehrlicher Mann gegeben! Verſteh' ich Alles recht, ſo iſt das Schreiben des Kaiſers mit der Einwilligung zur Heirath der Erzherzogin gefälſcht und der Schreiber, deſſen Kunſt ſich dem Feinde verkauft hat, iſt Lienhard geweſen— den wir hier aufgenommen haben, wie einen „Sohn!“ „Glaubſt Du daran, Hedwig?“ fragte die Mutter. „Nein,“ erwiederte die Jungfrau ſanft, aber feſt. Sie hatte ihr Zeugniß abgelegt, an einen Verrath Lienhard's glaubte ſie nimmer und hielt ihr Wort auf⸗ recht; die Mutter wußte den Vater abzulenken, daß er nicht ſchärfer ſeine eigene Anſicht vertheidigte und Hedwig mußte ihre Erzählung beendigen. Es hatte ſich dann, als der Erzherzog Siegmund auf Betrieb ſeiner Gemahlin der Wahrheit eifrigſt nachgeforſcht, wirklich ergeben, daß der Kaiſer niemals daran gedacht, ſeine Zuſtimmung zu der Verbindung ſeiner Tochter zu ertheilen, daß jenes Schrei⸗ ben alſo ein untergeſchobenes geweſen ſei, durch wen, blieb zweifelhaft. Denn es war nicht anzunehmen, daß ein Fürſt von ſo hoher Geſinnung ſich dieſes Mittels bedient haben könne, er hatte gewiß im guten Glauben daran gehandelt. Auf weitere Erörterungen ließ ſich Hedwig nicht ein; ſie 12* 4 180 hatte überhaupt nur noch dieſe Ermittelung zu Innsbruck abgewartet, um dann ungeſäumt nach ihrer Heimath zurück⸗ zukehren, wo ſie am Herzen ihrer Mutter Troſt und Frie⸗ den zu finden wußte. Den Altenſteig wollte ſie nie mehr verlaſſen. Ueuntes Capitel. Die Belagerung von Wien. Wir aber müſſen die friedliche Stätte, ein Aſyl in wildbewegter Zeit, wieder verlaſſen und vom traulichen Heerde, wo Eltern und Kind in treuer Liebe verbunden ein ſtilles, einfach ſchönes Leben führen, hinaus in die hoch⸗ gehenden Wogen, um Lienhard's verlorenes Schifflein auf⸗ zuſuchen. Er hatte zu ſchnell die Gunſt und das Ver⸗ trauen ſeines Herrn gewonnen, darum beſaß er der Neider viel, die ſein lauterer Sinn gar nicht erkannte. Was in Deutſchland während ſeiner Beſtrebungen für das gute Recht des Erzhauſes, dem er ſein ganzes Leben geweiht hatte, geſchehen war, der kühnſte Handſtreich, durch welchen jemals ein Liebender das Herz der treuſten Tochter gegen den Sinn ihres Vaters, ihre Hand ohne deſſen Einwilli⸗ gung, wohl aber im feſten Glauben daran, gewonnen hatte, 181 war durch Zufälligkeiten mancherlei Art, welche Lienhard's Feinde ſchnell zu benutzen verſtanden, das Mittel gewor⸗ den, ihn als das Werkzeug zu verdächtigen, deſſen ſich die Anſtifter jenes unerhörten Beginnens bedient hatten. Wäre es möglich geweſen, dieſen Verdacht in dem edlen Gemüth des Erzherzogs zur Gewißheit zu ſteigern, ſo würden ſie Lienhard vernichtet haben. Das Verbrechen wäre zum Frevel in der geheiligten Majeſtät, zum Hochverrath ge⸗ ſtempelt worden. Aber es waren hier doch zu viel Rück⸗ ſichten zu nehmen, wer kannte den wahren Zuſammenhang des räthſelhaften Ereigniſſes? Perſonen konnten im Spiele ſein, an die ſich eine offene Verfolgung der Sache nicht wagen durfte. Alſo mußte ein geſchickt angelegter Trug Lienhard der Verletzung angelobter Verſchwiegenheit über Intereſſen ſeines Herrn, der eigenmächtigen Aende⸗ rung von Schriftſtücken, wozu er ſeine Kunſt gemißbraucht, endlich abſichtlicher Fälſchung aus Eigennutz beſchuldigen und da Lienhard im guten Bewußtſein verſchmähte, ſich zu rechtfertigen, hatte er es ſeinen Feinden ſelbſt leicht ge⸗ macht, den Erzherzog, welcher nichts mehr haßte, als hin⸗ terliſtiges Treiben, zu bewegen, daß er einen Menſchen, dem er nicht mehr unbedingt trauen konnte, von ſeiner Per⸗ ſon entfernte. Nachher hatte man ihm ungeſcheut die garze Fälſchung, welche den Herzog von Baiern zu ſeinem Ziele geführt, untergeſchoben. Wie aber bei jedem Gerücht 182 in der Regel ein Körnlein Wahrheit iſt, ſo wußte man allerdings, daß Lienhard auf ſeiner Rückreiſe den Herzog Albrecht aufgeſucht und eine kurze Zeit zu München ver⸗ weilt habe— in welcher Abſicht, hatte er nicht für nöthig erachtet, als er danach gefragt wurde, zu erzählen. Sein Herr, der Erzherzog, wußte es, das war genug. Ihm hatte er berichtet, wie er zuerſt den Gedanken gefaßt, Her⸗ zog Chriſtoph zu gewinnen, welchem die bairiſche Ritter⸗ ſchaft, die ihn vergötterte, wohl in einem allgemeinen Drange, wie zu einem Kreuzzuge gefolgt wäre, daß er ihn aber in neue Händel mit ſeinem Bruder verwickelt getrof⸗ fen, welche mit ſeiner gänzlichen Unterwerfung geendigt, daß er daher geſucht, nun Herzog Albrecht zur kräftigen Unterſtützung des Kaiſers zu bewegen, wobei dieſer nicht undeutlich zu verſtehen gegeben, welchen Preis er dafür erwarte. Gleichwie aber Lienhard auf dem Altenſteig ent⸗ ſchieden in Abrede geſtellt, daß er ſich unterfangen, über dieſe Verhältniſſe ſich unziemliche Urtheile oder Andeutun⸗ gen zu erlauben, ſo hatte er es auch gegen ſeinen Herrn gethan. Ein ſolches Gerede, wie es ihm ſpäter verderblich geworden, hatte ſich ſchon in Baiern und dann auch am Hofe zu Innsbruck verbreitet; bei der Ungewißheit über Lienhard's Perſon und Aufträge war es gar nicht unglaub⸗ lich geweſen, denen am wenigſten, welche, wie Hedwig, um ſeine frühern Beziehungen zum Kaiſer wußten. Zur Laſt — — 183 fiel ihm ja dabei nichts, das Werk eines Friedensvermitt⸗ lers konnte ihn nur ehren. Sie hatte in dieſem Sinne nach Hauſe geſchrieben. Als dann der ſchwarze Verdacht auf ihn fiel und die Fälſchung bekannt wurde, gewann freilich Alles eine andere Bedeutung und Hedwig war vielleicht die Einzige, welche noch an eine mögliche Rechtfertigung ſeiner Lauterkeit glaubte. Wo weilte er jetzt, nachdem der Verſuch, ſich bei ſei⸗ nem Herrn Gehör zu verſchaffen, geſcheitert war? Er hatte die Niederlande verlaſſen; mit dem Wenigen, das er ſich in ſeinem Dienſte hatte ſparen können, wollte er ſich den Weg zu neuer Thätigkeit bahnen. Nicht auf gut Glück, wie einſt, ging er wieder in die weite Welt, ſondern er hatte ein feſtes Ziel vor Augen. Bis jetzt hatte er den Gedanken, ſich dem Kaiſer zu nahen, der ihn doch dazu auf⸗ gefordert hatte, entſchieden von ſich fern gehalten; jetzt glaubte er es ſeiner Ehre ſchuldig zu ſein. Denn war er auch nicht hoch geboren, hatte er Alles hingeben müſſen, was er einſt ſein genannt, die Ehre hatte er doch mitge⸗ nommen, die nimmer an die Geburt geknüpft iſt. Der Kaiſer war gegen ihn immerdar gnädig geweſen, bei ihm fand er Glauben, wenn er ſeine Unſchuld betheuerte. Das nur wollte er, ſonſt keinen Gnadenbeweis, kein Geſchenk ſuchen, dann gedachte er nach Wien zurückzu⸗ kehren und nach ſeinen Kräften an der Vertheidigung 184 Theil zu nehmen: dadurch bewies er ja ſeine Treue durch die That. Es war aber ſchwer, den Kaiſer zu finden, der im Reiche, wo ſeine Gegenwart nöthig ſchien, bald hier bald dort reſidirte, die Fürſten zu ihrer bewilligten Reichshülfe gegen Matthias Corvinus antrieb und auch mit den Vor⸗ bereitungen zu einem Reichstage in Frankfurt beſchäftigt war, um den Erzherzog Maximilian zum römiſchen König wählen zu laſſen. Lienhard hörte unterwegs überall davon reden, daß ein kleiner Heerzug von 8000 und ein großer von 34,000 Mann ausrücken ſolle, letzterer alsbald; aber nirgend erblickte er rechte Anſtalten. Die Fürſten ſollten das Geld dazu erſt von ihren Unterthanen nach einem gewiſſen Anſchlag erheben, mit den Städten mußte der Kaiſer erſt durch Bevollmächtigte handeln, wie viel ſie zu übernehmen gedächten. Ulm und Nürnberg hatten ſich zu 2000 Gulden, Augsburg zu 1676, Frankfurt zu 1600 Gulden erboten! Das Alles ſollte auf einem nächſtens zu haltenden Reichstage geordnet werden. Lienhard ſprach ſich über dieſe Erbärmlichkeit und das Bedürfniß eines ſtarken Reichsregiments in einer kleinen fränkiſchen Reichs⸗ ſtadt im gerechten Unwillen ſo lebhaft aus, daß er von Seiten des Stadtregiments faſt als ein Friedensbrecher behandelt worden wäre. Endlich erreichte er das kaiſer⸗ liche Hoflager, auf der Reiſe nach Aachen begriffen, zu 185 Onolzbach, wo Kurfürſt Albrecht Achill von Branden⸗ burg, der treuſte Anhänger des Kaiſers, daſſelbe gaſtlich aufgenommen und Friedrich verſprochen hatte, alt und krank wie er war, ihn zum Reichstage zu begleiten, um ſeine Stimme, welche unter den Fürſten etwas galt, für Marimilian wirken zu laſſen. Aber der einfache Wan⸗ dersmann fand keine Audienz, ja es gelang ihm nicht ein⸗ mal, dem Kaiſer ſeine Anweſenheit kund zu geben, denn der Kanzler, an welchen er ſich wendete, behandelte ihn, obgleich er ihm ſonſt, als er beim Kaiſer in hohen Gnaden geſtanden hatte, gar freundlich geſinnt geweſen war, mit einer Haſt und Abneigung, die ihm auffiel. Er rieth ihm, keinen Verſuch zu machen, beim Kaiſer vorgelaſſen zu wer⸗ den, wenn er ſein Leben lieb habe, der Kaiſer halte es für ausgemacht, daß er wirklich in eine gewiſſe Angelegenheit — die er nicht näher bezeichnen wolle— ſeine Hand ge⸗ miſcht und ſei gegen ihn erzürnt, wie er noch gegen keinen Menſchen geweſen. Um ſo mehr wünſchte Lienhard, ſelbſt auf Gefahr ſeines Lebens, vor das Antlitz ſeines Gebie⸗ ters, das er nicht zu ſcheuen brauchte, zu treten. Der Kanzler mochte aber ſeine guten Gründe haben, das um jeden Preis zu verhindern, und noch an demſelben Abende wurde Lienhard in ſeiner Herberge durch einen Befehl überraſcht, die Stadt noch vor der Vesperglocke zu verlaſ⸗ ſen, zwei markgräfliche Reiter waren bereit, dieſem Befehle 186 Achtung zu verſchaffen. Er fügte ſich mit Bitterkeit im Herzen. Da fielen ihm plötzlich die Worte des Königs von Ungarn ein:„Wenn Du einmal brodlos biſt, ſo komm zu mir, ich werde für Dich ſorgen.“ Was hielt ihn denn ab, zu Matthias zu gehen, zu dem ſchon, wie er ſelbſt geſagt, Beſſere gekommen waren? Er hatte ihm obenein verſprochen, daß er nicht gegen den Kaiſer und ſein Vaterland ſtreiten ſolle! Die Bande, welche ihn an ſeinen Herrn und deſſen Haus geknüpft hatten, waren ja zerriſſen und nicht durch ſeine Schuld; er war ungehört gerichtet und verſtoßen worden, während der Mann, welcher viel⸗ leicht die That begangen hatte, für welche er büßte, ihn heut wie einen Strolch und Zigeuner durch reiſige Knechte auf die Landſtraße treiben ließ! Warum ging er nicht hin, wo ihm Ehren winkten? War es ſein gut öſter⸗ reichiſches Herz, das ihn nimmer von der Treue abzufallen erlaubte? Er hatte die bittere Stunde ſchon überwunden, noch ehe er auf dem Wege nach Gunzenhauſen die erſte Waldſtrecke, erreicht hatte und ſein Entſchluß ſtand noch im⸗ mer unerſchüttert. Er wollte nun ohne weitern Aufenthalt nach Wien ziehen und in die Stadt zu gelangen ſuchen, wozu ihm des Königs Paß, den er ſorglich aufbewahrt hatte, die beſten Dienſte leiſten mußte. Dieſer war aufkeine beſtimmte nn Straße ausgeſtellt, ſondern ſicherte ihm gegen ungariſche Kriegsvölker überall ungehindertes Fortkommen. 187 ZJe näher er hinter Ingolſtadt der öſterreichiſchen Grenze kam, deſto ſchlimmer wurden die Nachrichten, die er unterwegs und in den Nachtlagern hörte. Nach Eini⸗ gen ſollte Wien ſo hart eingeſchloſſen ſein, daß keine Maus hinein und heraus könne, und in der unglücklichen Stadt bereits die furchtbarſte Hungersnoth wüthen. Andere be⸗ haupteten gar, ſie habe ſich dem Matthias ſchon ergeben. Lienhard beſchleunigte ſeine Reiſe ſoviel er konnte. Die kurze Unterredung, welche er mit dem Kanzler gehabt, hatte ein ſeltſames Licht auf die Geſinnung gegen die Stadt in der Umgebung des Kaiſers geworfen: man ſchien es ihr nicht vergeſſen zu haben, daß der Kaiſer einſt in ſeiner Burg belagert worden war und ſeine Hofleute gehungert hatten und ein Paar Worte, die der Kanzler fallen ließ, ſprachen einen gewiſſen Hohn über ihre jetzigen Leiden aus. Lienhard wollte ſie theilen. Auch die Liebe zu ſeinen Ver⸗ wandten, welche die Zeit des Umgangs mit ihnen genährt und geſtärkt hatte, trieb ihn an. Dort war ja der einzige Platz, wohin er noch gehörte. Er fand wenigſtens für die nächſte Zeit dort ein Feldder Thätigkeit, darüberhinaus dachte er nicht, denn es war ihm vielleicht im Kampfe ein ehren⸗ voller Tod beſchieden. Was überhaupt, wenn die Haupt⸗ ſtadt etwa gar mit Sturm genommen, das Schickſal der Ueberlebenden ſein würde, das malte er ſich nicht aus oder tröſtete ſich, daß er dann vielleicht für die Seinigen etwas 188 werde thun können. Er dachte dabei an den König oder flüchtig auch an Helena Serenyi, des Königs Verwandte, die ſich ihm verpflichtet geglaubt. Wäre es ein Unrecht geweſen, dieſen Glauben für einen guten Zweck zu be⸗ nutzen? Aber er hatte ihn ja ſchon ſelbſt widerlegt und es war thöricht, wieder darauf zurück zu kommen. In der Nähe von Wien wurde er mehrmals von un⸗ gariſchen Streifparteien angehalten, aber der Paß des Königs verſchaffte ihm ſtets freien Weg. Nur mußte er jetzt von der Straße abweichen, um auf irgend eine Weiſe heimlich in die Stadt zu gelangen, denn er konnte ſich wohl ſagen, daß dazu der Paß nicht ausreichen, ſondern daß man ihn, auf dieſem Vorhaben betroffen, gewiß erſt in das Lager führen und einer ſtrengen Prüfung unterwerfen werde. Ueber den König hatte man ihm auf Befragen keinen rechten Beſcheid gegeben; es hieß, er werde erſt in einigen Wochen beim Heere eintreffen, da er ſich in wich⸗ tigen Angelegenheiten in ſein Reich nach Ofen begeben habe. Landleute, welche Lienhard ſprach, wollten aber wiſſen, daß er doch insgeheim hier ſei und in Laxenburg hauſe. Es war Lienhard ein Stich durch das Herz, den Feind in dem kaiſerlichen Luſtſchloſſe zu wiſſen, deſſen Herr⸗ lichkeit ihn ſtets, wenn er mit ſeinem Herrn dort geweſen war, entzückt hatte. Er kannte dort jede Stelle in den ſchönen Ziergärten und Wildgehegen, er wußte, daß Her⸗ 189 zog Albrecht III. es vor hundert Jahren, mit Hülfe des berühmten Palladius erbaut, daß die Marmorbilder, die er oft bewunderte, einſt in dem verfallenen Schloß am Kah⸗ lenberge geſtanden hatten. Und all' dieſe Schönheit war nun in den Händen der Feinde! Es reizte ihn, ſich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, denn er glaubte, wenn der König dort ſei, nichts zu wagen; aber er widerſtand dieſem Gelüſt, wie er allen Verlockungen ſeiner Phantaſie widerſtand, die ihn nur zu oft aus der ſtrengen Wirklichkeit, welcher ſein Leben unwiderruflich geweiht war, in ein Zau⸗ berland verheißungsvoller Träume führen wollten. In Laxenburg konnte er nichts helfen, ſein Ziel war Wien. Es gelang ihm, auf Schlupfwegen, die ihm ein Jä⸗ gersmann zeigte, bis hart an Währing zu kommen, wo er, wie rings um Wien, zwar auch die Wege beſetzt fand, aber doch nicht ſo ſtark, als auf der Süd- und Weſtſeite, in der Nähe des großen, verſchanzten feindlichen Lagers. In einem Verſteck wartete er die todte Mitternacht ab und ſchlich dann, von der Dunkelheit begünſtigt, mit ſeinem Führer unentdeckt durch die feindlichen Poſten; der Jäger hatte dies Wagſtück ſchon mehrmals ausgeführt und ſeinen Verwandten in der Stadt Lebensmittel gebracht. Er er⸗ zählte, daß es drinnen ſehr traurig ausſähe und die Stadt ſich ſchwerlich bis in den Winter halten werde, wenn der Kaiſer nicht bald mit ſeiner Hülfe erſchiene. Lienhard 190 nahm dem Manne dieſe Hoffnung nicht, aber er ſelbſt wußte nur zu gut, daß wenig Ausſicht dazu vorhanden ſei. Bald darauf klopften ſie an das Schottenthor und erhielten frendig Einlaß, da die Wächter an dergleichen Beſuch treuer Nachbarn bei nächtlicher Weile gewöhnt waren, welche ihnen, wenn auch nicht immer unſchätzbaren Mund⸗ vorrath, doch Nachrichten von außerhalb brachten. Lien⸗ hard trennte ſich nun von ſeinem Führer und ſuchte für den Reſt der Nacht wiederum im nahen Schottenkloſter ein Un⸗ terkommen, da er beim innern Thore den ſchwierigern Ein⸗ gang in der Nacht kaum erlangt haben würde. Der Pfört⸗ ner, dem er ſich nannte, erinnerte ſich ſeiner und nahm ihn in ſeine Zelle auf, wo an Schlaf nicht mehr zu denken war. Am frühſten Morgen ſchon mußte er zum Abte kommen, um die Zeitverhältniſſe, die ſich für Wien immer trauriger geſtalteten, zu beſprechen und erſt viel ſpäter, als er ge⸗ wollt hatte, konnte er nach der Landskrongaſſe zu ſeinen Großeltern gehen. Leni war die Erſte, die er im Hauſe traf. Sie freute ſich bei ſeinem Anblick, aber ihre treuen braunen Augen füllten ſich auch ſogleich mit Thränen tiefer Bekümmerniß. Die Großmutter war krank, die Sorgen und Entbehrun⸗ gen, welche ſie ſich auferlegt hatte, damit es nur den An⸗ dern im Hauſe an nichts fehlen möchte, hatten endlich auch ihren rüſtigen Körper erſchöpft. Leni war jetzt auf dem 54 Wege, bei guten Nachbarn nur um ein wenig Fleiſch zu bitten, da ſie auch mit Geld heut keins aufzutreiben gewußt hatte,— und Lienhard hatte ſich vielleicht in ſeinem Leben noch nicht ſo beglückt gefühlt, als jetzt, wo er ſein Ränzel öffnen konnte, das er vorſorglich unterwegs, wo es irgend möglich geweſen, mit Lebensmitteln gefüllt hatte, da er wußte, wie es an manchen Dingen in der Stadt gebrach. Die Schweſter fiel ihm um den Hals und küßte ihn, gegen den ſie ſonſt immer noch eine ſchüchterne Zurückhaltung ge⸗ zeigt, mit dankbarem Entzücken, dann eilte ſie, der kranken Großmutter des Bruders Ankunft zu melden und ihr ein Labſal zu bereiten. Der Großvater war nicht daheim, ſondern heut auf der Wacht am Stubenthore. Der alte Mann ließ es ſich nicht nehmen, wie der jüngſte Bürgers⸗ ſohn an der Bewachung der Stadt Theil zu haben und ging überall mit dem beſten Beiſpiel voran. Lienhard nahte ſich vorſichtig der kranken Frau, welche er ſchwächer fand, als er gefürchtet hatte. Sie ſah ihn nur liebevoll an und machte eine ſchwache Bewegung, ihm die Hand zu reichen, zu ſprechen vermochte ſie nicht. Er ſetzte ſich an ihr Bett und ſprach auch nur wenig, aber er ſuchte ihre Hoffnung zu beleben, welche ihm ganz geſunken ſchien. Als Leni mit der Suppe zurückkehrte, entfernte er ſich, um den Großvater am Stubenthor aufzuſuchen. Der Gang durch die Stadt hatte ihm ſchon am Morgen viel traurige Bilder 192 gezeigt, ſie vermehrten ſich mit jedem Schritte, welchen er jetzt durch das entgegengeſetzte Viertel that und machten auf ihn den niederſchlagendſten Eindruck. Hier war in der That kaum noch auf ein längeres Ausharren zu hoffen.— Plötzlich entſtand ein Laufen und Drängen in den Gaſſen, der Lärm kam von Sanct Stephan her. Alles fragte, Niemand wußte, was es gab. Ein Schrecken verbreitete ſich, der um ſo heilloſer wirkte, weil etwas Namenloſes, Ungeheures geſchehen ſein konnte, das kein Menſch noch begriff. Lienhard, von einer böſen Ahnung erfaßt, machte ſich durch das in allen Richtungen rennende Volk, das wild 3 einander ſchrie, kräftig Platz und hielt endlich einen Mann feſt, welcher ihm entgegen kam, heftig geſtikulirend, ohne daß er ſich in dem Tumult Gehör verſchafſen konnte. Froh, endlich Einen zu finden, der das Unglaubliche verneh⸗ men wollte, ſchrie er Lienhard in's Ohr:„Der König iſt in der Stabt! Verkleidet!“ Lienhard erſchrak, begriff aber ſogleich die ganze Wich⸗ tigkeit der Nachricht, wenn ſie mehr als ein falſches Gerücht ſei. Er ſprang ſofort auf den nächſten Brunnenrand und winkte mit dem Hut über die Straße, daß Alle, die noch durch einander ſchrieen, es bemerkten und eine augenblick⸗ liche Stille eintrat. ₰ „Schnell an alle Thore, verſtärkt die Wachen, laßt Keinen hinaus, wer es auch ſein möge! Es iſt ein wich⸗ B—— 193 tiger Fang zu machen, der ganz Wien auf einmal vom Feinde befreien kann. Schnell an die Thore!“ Ein wilder Jubel begrüßte ſeinen Zuruf und erſtickte die Stimme des Mannes, welchem Lienhard die Nachricht verdankte, er hatte noch den Fang mit klarem Wort be⸗ zeichnen wollen, was Lienhard abſichtlich vermieden hatte und lief nun erboſt von dannen. Lienhard eilte, ſeinem Vorſatz treu bleibend, nach dem Stubenthore, wo er ſeinen roßvater wirklich unter den jüngern Bürgern traf, welche hier Wache hielten. Der Alte begrüßte ſeinen Enkel mit einiger Verwunderung, aber nach ſeiner Art ſehr herzlich, er fand ſeine Erklärung, daß er hier bleiben und was da kommen möge, mit ihnen theilen wolle, ganz natürlich. Die Aufregung, welche durch die herbeiſtrömenden Menſchen entſtand, hinderte ein weiteres Ausſprechen, Lienhard theilte dem Großvater nur in aller Eile mit, welche Nach⸗ richt ſich wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet habe und forderte ihn auf, da ſie doch einige Wahrheit enthalten könne, die geeigneten Maßregeln zu treffen. Meiſter Ring⸗ hamer lachte ihn aus. Gleichwohl redete er mit dem Gilde⸗ meiſter, der hier befehligte, über die Sache und half ihm, in das wirre Volksgedränge, das ſich zur Hülfe anbot, einige Ordnung zu bringen. Es war aber hier, wie an an⸗ dern Thoren, fruchtlos. Wenn der König der Magyaren, in ſeiner Luſt am perſönlichen Wagniß, wirklich verkleidet 1658. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 13 194 in der Stadt geweſen war, um ſich von dem Zuſtande der Dinge mit eigenen Augen zu überzeugen, ſo war er längſt nicht mehr darin zu finden. Man hat nachher erzählt, er habe lange unter den Tuchlauben geſeſſen und ſei, als der Lärm ſeinetwegen in der Stadt entſtanden, ganz ruhig ein Rad, an welchem eine Speiche zerbrochen, vor ſich hertrei⸗ bend, wie ein Stellmachergeſell, die Gaſſe hinabgegangen und unangehalten aus dem Thor gekommen. Viel unwahr⸗ ſcheinlicher wär' es freilich, wie er erſt in die belagerte Stadt als ein unbekannter Menſch Einlaß gefunden habe. Indeſſen glaubte man die Geſchichte und noch jetzt iſt an der Ecke des Hauſes, wo Matthias Corvinus geſeſſen haben ſoll,— Nr. 552,— ein Wahrzeichen in Stein gemeißelt zu ſehen, das nach der Sage von den Magyaren aufgeſtellt worden ſein und das Bild des Königs vorſtellen ſolle. Lange währte es, ehe ſich der Aufruhr in der Stadt legte und man ſich überzeugte, daß alles Forſchen und Su⸗ chen vergeblich ſei. Dann aber kehrte ſich der Unwille gegen den Urheber des Gerüchts und Lienhard's Unglück wollte, daß unter den Menſchen, welche er von dem Brun⸗ nen am Biſchofhofe angeredet hatte, ein Rathsherr geweſen war, der ihn von ſeiner vorigen Anweſenheit und der Sitzung, welcher Lienhard Bericht abgeſtattet, gleich er⸗ kannte. Ihm wurde daher die ganze Laſt aufgebürdet und als er ſich am andern Tage, wie er ſich vorgenommen hatte, 195 bei dem Bürgermeiſter Zbermann meldete, empfing ihn dieſer in ſeinem Benehmen gegen ihn merklich verändert und machte ihm ſogar Vorwürfe, daß er das Volk durch blinden Lärm erhitzt, dem Rathe Verlegenheiten bereite und ſich in der Rolle eines Pöbelführers zu gefallen ſcheine. Lienhard wies dieſe Vorwürfe ernſt und beſcheiden zurück, indem er der Wahrheit getreu berichtete, wie er dazu gekom⸗ men ſei, das Volk, das in toller Aufregung getobt, in eine beſtimmte Richtung zu weiſen und gab dem Bürgermeiſter zu bedenken, welche Folgen ſich an einen Fang, wenn es auch nicht der König, ſondern einer ſeiner Magnaten ge⸗ weſen ſei, geknüpft haben würden. Der Bürgermeiſter ging aber nicht darauf ein, nahm auch Lienhard's Bitte, ihn bei der Vertheidigung der Stadt helfen zu laſſen, ziemlich kalt auf und wies ihn damit an den Viertelsmeiſter ſeines Stadtbezirks. Nur, daß man nicht recht wußte, ob nicht hinter dieſem ſo einfach ſcheinenden Aeußern des jungen Mannes doch irgend eine verborgene Autorität, von welcher er beauftragt ſei, ſtecke, ſonſt würde man mit ihm, als einem gefährlichen Menſchen, ganz anders umgeſprungen ſein. Es iſt doch eine ſchöne Sache um einen mannhaften Charakter, der keiner fremden Autorität bedarf, ſondern ſich ſelbſt eine ſolche ſchafft, und geſegnet die Schule, mag ſie auch eine bittere ſein, in welcher ein feſter Charakter ſich bildet! 13* 196 ſo würde er ſie ausgeſchlagen haben, denn verwandten Zünften ſtand, und auch durch Betrieb, welcher unter den jüngern Bürg Alles, worauf es hier ankam, betheilig ſen halbſchlächtigen Junker, wie ſie ihnen große Menge, unter der er bekannt war bewußt, daß ihm dazu alle Kriegserfahrung fehle. Er wollte eben nur nach ſeinen Kräften mitwirken, und das wurde ihm gewährt, Anfangs nur um ſeines Großvaters willen, der in großem Anſehen bei ſeinen Zunftgenoſſen und den einen bedeutenden Anhang hatte. Aber bald genug ſtand Lienhard auf ſeinen eigenen Füßen, er gewann Einſicht in noch als einen um ſo gefährlichern Menſchen, weil er die am Eiſen,“ für ſich hatte, aber ſie ließen ſich doch herab, zuweilen ſeine Meinung über dieſe oder jene Vertheidi⸗ Lienhard ließ ſich nicht entmuthigen durch die neuen Erfahrungen, die er machte. Hätte man ihm eine Befehls⸗ haberſtelle auch nur über eine geringe Schaar angeboten, — er war ſich wohl Meiſter Brand's ern und Geſellen „—— 5 te ſich an einigen kühnen Ausfällen und wußte hier die Gelegenheit ſo treff⸗ lich zu erkennen, daß ſich die Genoſſen, wie verabredet, ſei⸗ nem Rathe unterwarfen und er der Führer wurde, dem nun auch der Ruhm zufiel, dem Feinde Abbruch gethan und, was in ver Stadt noch frendiger aufgenommen wurde, eine willkommene Beute an Lebensmitteln eingebracht zu haben. Der Bürgermeiſter und die Rathsherren betrachteten die⸗ annten, zwar jetzt wie der„Stock 197 maß z hören. Herr Ibermann ſprach ſogar z im Vertrauen mit ihm, als der Winter ſchon war und die Noth in der Stadt, deren Abhülfe lt mit täglich wachſender Zudringlichkeit von ihm e, ihm alle Zuverſicht zu kähmen begann, ob es nicht an der Zeit ſei, zu erforſchen, unter welchen billigen Bedingungen der König der Stadt eine Capitulation ge⸗ währen möge. Im Stillen hatte er wohl ſchon ſeinen Mann zu dieſer Erforſchung im Auge. Aber Lienhard er⸗ wiederte ihm mit blitzenden Augen:„Dieſe Zeit kommt niemals! Wir ſtehen oder fallen mit dem Kaiſer!“ Da lenkte der Bürgermeiſter behutſam ein, äußerte ſeine Zuſtimmung zu ſo löblichem Ausharren und beauf⸗ tragte Lienhard gleich für die folgende ſternloſe Nacht mit einem neuen Ausfalle, welcher glänzender ablief, als alle frühern und den jungen Führer ſo populär machte, daß Herr Ibermann alles Ernſtes fürchtete, er könne ſich eines Tages, nach altrömiſchem Muſter, zum Volkstribunen oder Dictator ausrufen laſſen und ſich des ganzen Stadtregi⸗ ments bemächtigen. Hätte Lienhard ein ſo verwerfliches Beiſpiel der Auflehnung gegen die von Gott eingeſetzte Obrigkeit geben kölnen, ſo wäre wohl aller Segen von ihm gewichen, der jetzt anfing, ſich an ſeine Schritte zu heften. Er war aber fern von jeder Anmaßung, verwies den Freun⸗ den unter der Bürgerſchaft, die er ſich gewonnen hatte, 198 ſtreng alles Aufheben, das ſie von ſeinem Thun machen wollten und lebte, wenn er nicht auf die Mauern oder zu anderm Kriegsdienſt gerufen wurde, ſtill mit den Seinigen. Die Großmutter hatte ſich ſeit ſeiner Heimkehr wunderbar erholt und die dankbare Leni ſchrieb es nur der Stärkung zu, welche ſie der Kranken mit der kräftigen Suppe von dem Huhn, welches ihr Bruder mitgebracht, habe bereiten können, eine Behauptung, worüber der Großvater zwar in ſeiner Weiſe lachte, die aber von allen übrigen Mitglie⸗ dern des Hauſes, bis auf die Magd herab, getheilt wurde. Das heilige Weihnachtsfeſt wurde mit beſonderer Inbrunſt zu Wien gefeiert, die Kirche entfaltete ihre ganze Würde und Herrlichkeit und die Tage, welche für die ge⸗ ſammte Chriſtenheit geheiligt ſind, wurden auch von Sei⸗ ten der Belagerer nicht durch Waffengetöſe entweiht. Aber bald nachdem das neue Jahr eingetreten war und in der Stadt der Mangel an allen Lebensbedürfniſſen einen Zu⸗ ſtand erzeugt hatte, mit deſſen Schilderung wir unſere Leſer verſchonen wollen, da ſchritten die Ungarn endlich zu einem entſcheidenden Sturm, welcher ſich auf die Nicolai⸗ vorſtadt richtete. Er wurde mit ſolcher Wuth unternom⸗ men, ſo kräftig durch nachrückende Haufen unterſtützt, daß er nicht mehr abzuſchlagen war. Viele tapfere Bürger fanden hier ihren Tod, Meiſter Brand trug ſeinen alten Lehrherrn, welcher ſchwer verwundet war, mit eigener Le⸗ ———————————— ——————————— 199 bensgefahr aus dem Getümmel— Lienhard hatte er noch im Kampfe geſehen, aber von mehrern Seiten umringt, ſo daß für ihn kein Entrinnen zu hoffen war, auch wenn er die Flucht nicht verſchmäht hätte. So kam er, an der Rettung der Stadt verzweifelnd, nach Hauſe und ſuchte nur den Jammer der Frauen zu tröſten, deren einziger Beiſtand er nun war. Da fanden nun die Stimmen im Rathe zu Wien, welche für Unterhandlungen waren, keinen Wiverſpruch mehr. Der König verlangte nichts, als Unterwerfung; die Capitulation kam zu Stande. Am 22. Januar 1485 hielt Matthias Corvinus ſeinen feierlichen Einzug, er zeigte da⸗ bei die volle Pracht und den Reichthum der Schätze, über welche er gebieten konnte; es war, als wolle er die Wiener dadurch blenden, daß ſie vor dieſem äußern, ſinnverwirren⸗ den Glanze nicht mehr an die wahre Berechtigung des Er⸗ oberers denken ſollten. Eine Schaar von Geharniſchten eröffnete den Zug, dann folgte ein zahlreicher Hofſtaat, von der altmagyariſchen Einfachheit abweichend, Kämmerer und Pagen, je neun, in ſeine Farben gekleidet, trefflich beritten, prächtig geſchmückt. Jetzt kam der König, nicht in unga⸗ riſcher, ſondern in deutſcher Fürſtentracht, welche mit Gold⸗ ſtickerei, Perlen und Edelſteinen überſäet war, ebenſo das Reitzeug und die lange Decke ſeines milchweißen Roſſes. Hinter ihm, wie einſt bei ſeiner Vermählungsfeier, ritt ſein Leibpage mit dem goldenen Schilde, das Kopfſtück ſeines 200 Zaumzeuges mit einer goldenen Krone geſchmückt. Dann ſchloſſen ſich in breitem Geſchwader die Großen des Heeres an, die den König, ohne beſtimmte Truppenführung, be⸗ gleitet hatten und nach ihnen kamen die Schaaren, nach der neuen Kriegsordnung abgetheilt, Gepanzerte, Hußaren, leichte Reiter, Fußvolk und zahlreiches Geſchütz; den ge⸗ waltigſten Eindruck aber machte eine dicht geſchloſſene Maſſe von mehrern tauſend Speeren, dunkel gerüſtet, lauter ſtarke Geſellen mit wettergebräunten Geſichtern, denen man an⸗ ſah, daß der Krieg ihr Handwerk war und ſie daſſelbe auf manchem Boden betrieben hatten. Das war die ſogenannte ſchwarze Schaar, meiſt aus Gzechen zuſammen geſetzt, welche ſeit ihren huſſitiſchen Schreckenszügen als Söldner ſehr geſucht und gut bezahlt wurden, eine von jenen regel⸗ mäßigen Kriegsbanden des fünfzehnten Jahrhunderts, die als bleibende Genoſſenſchaften von Land zu Land ziehend, ihre Dienſte verkauften und ſich überall furchtbar machten, den friedlichen Einwohnern nicht minder als dem Feinde. Der zahllos zuſammen gelaufenen Bevölkerung von Wien wurde auf ſolche Weiſe ein Schauſpiel gegeben, das ihnen zugleich die Luſt an neuer Widerſetzlichkeit benehmen ſollte, und für den erſten Augenblick wurde der Zweck er⸗ reicht; es ſchien, als ob dieſe Macht, von Einem ſtarken Willen geleitet, fähig ſei, den ganzen Erdkreis nieder zu werfen. 201 Andere Gedanken hatte ein Gefangener gehabt, wel⸗ cher bei der Erſtürmung der Nicolaivorſtadt von Blut⸗ verluſt erſchöpft, in die Hand der Feinde gefallen und,— er ſelbſt wußte nicht, auf weſſen menſchliche Veranſtaltung, — in ein Haus gebracht worden war, wo er viele Tage lang im halben Bewußtſein, vom Wundfieber gequält, aber doch unter ſorgfältiger Pflege gelegen hatte. Es war ſeit Kurzem erſt, daß er wieder ſeine volle Beſinnung erhalten, als der Zug ſich ordnete, welcher den König in die gewon⸗ nene Stadt geleiten ſollte. Der Gefangene hatte ſich in einem Zimmer wieder gefunden, das er nicht kannte, unter der Pflege einer alten Frau, welche keine ſeiner Fragen be⸗ antwortete. Er wußte nicht einmal, ob er ſich noch zu Wien oder in welchem Theile ſeiner Umgebung befand. Einige Tage waren ſo vergangen, als ihn der kriegeriſche Lärm, welcher bis in ſein Gemach drang, in ſolche Aufre⸗ gung verſetzte, daß die Frau, welche für ſeine Ruhe verant⸗ wortlich gemacht war, ihm endlich ſagte, was es mit dieſen Klängen der Heertrompeten und Pauken, dem Wafſenlärm und all' dem Rufen für eine Bewandtniß habe. Aber zum Tode erſchrak ſie, als ſie den Eindruck ihres Beſcheides wahrnahm. Der Verwundete gerieth in einen Zuſtand, daß ſie für ſein Leben fürchtete. Und die Krankheit, welche ſich nun mit furchtbarer Steigerung daraus entwickelte, brachte ihn auch wirklich an den Rand des Grabes, ſo daß 202 Wochen vergingen und bereits wieder milde Frühlings⸗ lüfte wehten, ehe er ganz außer Gefahr war. Was hatte ſich unterdeſſen ereignet in der Welt! Er kannte ihr Antlitz nicht wieder, als es ihm endlich vergönnt war, das Haus, wo er ſo lange darnieder gelegen hatte, zu verlaſſen. Es war nicht in Wien, ſondern in der Nach⸗ barſchaft. Jetzt hatte man ihm, nachdem er bereits ſeit einiger Zeit vom Lager erlöſt und in freier Luft des Gar⸗ tens täglich ſich bewegend, erſtarkt war, einen Wagen ge⸗ ſendet, auf welchem er in die Stadt gebracht werden ſollte. Daß er gefangen worden, wußte er; der bewaffnete Ma⸗ gyar, welcher ſeinen Wagen geleitete, hätte ihn auch ſonſt daran erinnert. Wohin er gebracht werde war ihm gleich⸗ gültig: er hoffte ja nun auch befreit zu werden, da Alles ein Ende genommen hatte, wie er auf jedem Schritt ſeines Weges bemerken konnte. Der Wagen rollte durch die Kärnthner Straße und hielt vor einem Hauſe ſtill, in welchem das großartige Treiben von Aus⸗ und Eingehenden, von Wachen und Die⸗ nern, die Wohnung eines Vornehmen unter den Siegern verkündete. Es war das ſogenannte Haſenhaus, in welchem König Matthias ſein Hoflager genommen hatte. Hier wurde der Gefangene ihm vorgeführt. Der König ſah ihn verwundert an, wie ſehr ihn die lange Krankheit verändert hatte: Er hätte ihn faſt nicht 203 wieder erkannt, ſo gut ſein Gedächtniß ſonſt für Alle war, die ihm jemals nahe gekommen. „Tritt näher, mein Sohn,“ ſagte er gütig.„Du haſt ein tapferes Herz. Wahrhaftig, wenn ich der deutſche Kaiſer wäre, oder der römiſche König Max, den ſie jetzt zu Frankfurt gewählt haben, ich ſchlüge Dich hier auf der Stelle zum Ritter. Von mir würdeſt Du es nicht an⸗ nehmen.“ Er blickte den Gefangenen ſchärfer an.„Du haſt zwei Narben auf der Stirn, die machen ein burgundiſches Kreuz, wo ſie ſich ſchneiden: das Wappen Deines Herrn. Giebt er Dir für Deine Treue nicht ein eigenes Wappen, ſo verdient er keine Diener zu haben, wie Du. Es giebt Manche, die mit mir gegangen ſind von deutſchem Adel, denen ſollten billig ihre Wappen zerbrochen werden.“ Ein Kämmerling brachte dem Könige in dieſem Angenblicke eine Meldung, welche dieſer zurück wies:„Sol⸗ len warten,— ſind ganz am rechten Platze unter den Soldknechten, an meinem Thron werden ſie nimmer ſtehen!“ Doch ehe der Kämmerer den Angemeldeten die ungnädige Abfertigung hinaus trug, rief der König:„Laß ſie nur kommen. Ich will thun, was recht iſt.— Tritt zurück, mein Sohn. Mit Dir red' ich nachher.“ Der Gefangene trat wieder an die Thüre zurück, durch welche eben zwei Herren eingelaſſen wurden. Sie hatten nur den König im Auge und bemerkten den Mann nicht, der neben der Thüre ſtand, er aber erkannte ſie gleich: es war Dietrich von Wolffenegg und ſein Freund Konrad vom Wachberge, Beide als Diez und Kunz im ganzen Wie⸗ nerwaldviertel gefürchtet. „Was wollt Ihr?“ ließ ſie der König, als ſie das Knie vor ihm beugten, rauh an. Dietrich begann in demüthigen Worten über die har⸗ ten und unerſchwinglichen Steuern zu ſprechen, mit denen auch ſie, gegen die bisherigen Vorrechte des Grundadels, belaſtet worden und bat um Erlaß derſelben. Konrad, da er den König ſo gelaſſen ſah und das eichen nicht ver⸗ ſtand, vor welchem Lienhard's Begleiter dieſen einſt ge⸗ warnt hatte, glaubte recht klug zu handeln, wenn er einige Andeutungen über ihre Verdienſte um den Fortſchritt des Königs im Lande fallen ließ. Da fuhr Matthias plötzlich auf, wie der Löwe, mit welchem man ihn oft genug verglichen hatte; und vor dem Grimm ſeiner Stimme, die wirklich der des„Herrn der Wüſte“ glich, wähnten die Bittſteller zu vergehen. Er nannte ſie Verräther an ihrem Herrn und, wie er manchem der Wiener Bürger gethan, von dem er wußte, daß er die Uebergabe der Stadt aus Furcht und Eigennutz eifrig be⸗ trieben hatte, legte er ihnen noch eine weit größere Steuer auf, als diejenige, über welche ſie ſich beklagten und drohte 205 ihnen, ſie ganz von Land und Leuten zu jagen, wenn ſie auf Vorrechte pochen wollten, deren nur ein echter und treuer Mann theilhaftig werden könnte. Wie vernichtet entfernten ſich die Beiden, aber an der Thüre fiel ein Blick Dietrich's auf den mächtig ergriffenen Zeugen dieſer Scene und loderte ſogleich wie eine Flamme auf; ſagen durfte er jedoch nichts. Als der Page hinter ihnen die Unglücks⸗ pforte geſchloſſen hatte, fragte Diez mit einem Fluche: „Haſt Du ihn geſehen, Kunz?“ „Es war der Lienhard, Dein Pfauhahn! Ob er den belohnen wird, daß er die Wiener wie ein Hatzhund gegen ihn alleweil aufgebellt?— Ich wollte, Diez, wir ſtänden drüben.“ Dietrich ſah ſich vorſichtig um, dann ſagte er heimlich und zähneknirſchend:„Wenn er uns mit Füßen tritt, ſo mag er ſich hüten!“ Er ſteckte ſeinen Arm in den des Freundes und riß ihn ſchweigend mit ſich fort. „Jetzt red' ich mit Dir, mein Sohn,“ ſagte der Kö⸗ nig unterdeſſen zu Lienhard mit völlig verwandelter Stim⸗ mung.„Du kennſt Stephan Marczay, der Dich einſt von Kornneuburg in mein Lager geleitete. Es war Dein Glück, daß er Dich wieder erkannte, als Du vor ſeinen Augen niedergehauen wurdeſt, nachdem Du Dich mit drei meiner Beſten herumgeſchlagen. Er ließ Dich aufheben und em⸗ pfahl Dich dem Grafen Serenyi,— meinem Vetter, wie 206 Du weißt. Da iſt denn alle Sorge für Dich getragen worden.“ Er beobachtete den jungen Mann wiederum mit geſchärften Blicken und der Farbenwechſel ſeiner Wan⸗ gen bei dem Namen Serenyi entging ihm nicht. „Du heißeſt Lienhard—“ fuhr der König fort— und es war in dem plötzlichen Uebergange zu neuen Ver⸗ lockungen keine rechte Gedankenverbindung bemerkbar. „Ich könnte Dich zum Edelmann meines Reiches machen, könnte Dir ein ſtattliches Burglehen geben, deſſen die Schurken, welche aus ſchnöder Habſucht freiwillig ihren Herrn und Kaiſer verlaſſen haben, nicht werth ſind— Du würdeſt Deinem neuen Adel Ehre machen, den Du aus eigner Kraft Dir gewonnen, und aus den ſtolzeſten Töch⸗ tern des Landes könnteſt Du Dir die Braut wählen, keine würde Dich verſchmähen! Auch ich, junger Menſch, bin kein geborner König, ſondern verdanke, nächſt Gott, was ich errungen habe, dem Ruhme meines Vaters und der eigenen Kraft. Willſt Du mir dienen?“ „Mein König und Herr,“ erwiederte Lienhard, von den Worten des Fürſten bewegt,„wär' ich Euer Unter⸗ than, Ihr ſolltet für ſoviel Huld keinen Undank ernten. Aber ich kann meinem angeſtammten Herrn nicht abtrünnig werden.“ „Abtrünnig!“ wiederholte der König.„Du ſollſt nicht gegen Deinen angeſtammten Herrn ſtreiten, ich will 207 Dich in meinen andern Landen ausſtatten, Du ſollſt den Erbfeind der Chriſtenheit bekämpfen!— Giebt es keinen Preis, bedenke Dich wohl, welcher Dich glücklich in Ungarn machen könnte—2“ Die Frage klang ſo beziehungsvoll, daß Lienhard ſein Auge in offener Verwunderung zu dem Könige erhob. In dieſem Momente trat ungemeldet durch die Thüre nach den innern Gemächern ein greiſer, fürſtlich gekleideter Mann ein, dem eine ſchöne, ſchlanke Jungfrau folgte. Lienhard erkannte Helena Serenyi, und der Greis mußte ihr Vater ſein. Aus ihren Feueraugen traf ihn ein Blitz, dann verſchwanden ſie, mädchenhaft geſenkt, hinter den weißen Lidern und nur der Graf begrüßte Lienhard mit einer Bewegung der Hand, ohne ſich durch die Gegenwart des Königs, ſeines Verwandten, ſtören zu laſſen. „Hier, mein Vetter,“ ſprach Matthias Corvinus, „iſt der Mann, dem Ihr die Schonung und Pflege habt angedeihen laſſen. Bedankt Euch, Lienhard, bei dem Gra⸗ fen Serenyi, und mehr noch bei meiner Nichte Helena, welche für Euch beſondere Sorge getragen hat.“ Lienhard, noch kaum geneſen, war durch dieſe raſch ſich folgenden Eindrücke mächtig aufgeregt, aber eben das gab ihm auch die Kraft, in der Haltung, die ſich nicht über⸗ hob und ſich doch nichts vergab, dem Grafen und ſeiner Tochter Worte des Dankes zu ſagen, warm aus dem Her⸗ 208 zen. Der Graf ſprach wieder von dem Dienſte, welchen er einſt Helena geleiſtet hatte, Lienhard konnte auch hier nur ablehnen, was ihm nicht gebührte; Helena äußerte kein Wort und der König ſagte plötzlich: „Wenn Du um keinen Preis mir dienen willſt— ſo geb' ich Dich frei; zieh' in Frieden.“ „Darf ich in Wien bleiben?“ fragte Lienhard.„Ich habe meine Großeltern hier und eine Schweſter— was aus ihnen geworden iſt, weiß ich nicht, aber ich kann ihnen wohl nützlich ſein.“ „Bleib' wo Du willſt— ich werde Befehl geben, daß Dir und den Deinigen kein Eintrag geſchieht, Dein Haus ſoll frei ſein von jeder Leiſtung, ich achte Dich, mein Sohn. Kann ich Dir kein glückliches Lvos bereiten, wie ich gern gewollt hätte, ſo wird Dein Herr vielleicht er⸗ fahren, wie Du, ohne Ausſicht auf Belohnung, für ihn in unwandelbarer Treue geſtanden haſt.“ Lienhard wurde entlaſſen, der Graf Serenhi grüßte ihn wiederum mit einer ſtummen Handbewegung und Helena hob ihr Auge nun auch zu ihm empor, als er ſich von fern gegen ſie verneigte. Ihr Blick funkelte räthſelhaft, aber er war freundlich und ein anmuthiges Neigen ihres Haup⸗ tes verabſchiedete ihn— auf ewig! Seine Erſcheinung war ihrem Herzen in der Erinnerung fortan, wie ein flüch⸗ tiges Lichterſpiel in grüner Waldnacht, wie eine Schaum- —————— —————— 209 perle, farbig ſchimmernd auf raſcher Welle, wie ein Traum⸗ bild in der Poeſie des Krieges: vorüber, vergangen wie dieſe! Behntes Capitel. Die Zeit des Segens. In Trauer fand Lienhard die Seinigen: der Groß⸗ vater hatte den Fall von Wien nicht überlebt, er war an ſeinen Wunden geſtorben, noch ehe der König ſeinen Ein⸗ zug gehalten hatte. Meiſter Brand hatte ſich mit treuer Sorge der Wittwe angenommen und ſie nach Kräften auf⸗ gerichtet. Mit dem Ausgange der Belagerung war nun auch die Noth in Wien bald gemildert worden und wie es zu geſchehen pflegt, regte ſich die Lebensluſt, nachdem man ſich einmal in das Unabwendbare gefunden hatte, wieder in erhöhtem Maße. Frau Ringhamer hörte von all' dem aber nichts, ſie lebte mit ihrer Tochter ſtill daheim und über⸗ trug die ganze Sorge, wie die Erbſchaft zu ordnen ſei, dem künftigen Eidam, der redlich den Fall aufrecht hielt, daß der Bruder ſeiner Braut noch wieder kommen könnte. So war denn große Freude, als dieſer endlich, nachdem er ſchon lange betrauert worden, wirklich erſchien. 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. II. 14 Nach dem erſten Austauſch der Erlebniſſe, als die Großmutter beſonders ihrem Herzen Genüge gethan und den Heimgang ihres Gatten mit allen Umſtänden geſchil⸗ dert hatte, ließ es ſich Meiſter Brand nicht nehmen, gleich die Erbfrage zur Sprache zu bringen. Davon wollte aber Lienhard nichts wiſſen. Er war in der Familie lange Jahre hindurch für todt gehalten worden, und ſollte jetzt an einer Erbſchaft, die ohne ſeine Wiederkunft ungeſchmä⸗ lert ſeiner Schweſter zugefallen wäre, Theil nehmen! Seine Weigerung brachte jedoch einen heftigen Sturm gegen ihn hervor, den er nur dadurch beſchwichtigen konnte, daß er einſtweilen Alles auf ſich beruhen ließ, da es in der friedloſen Zeit doch nicht zu ordnen war. Es ſtand jetzt nichts mehr im Wege, daß die Trau⸗ ung Leni's mit ihrem Verlobten, ſobald die ſchickliche Zeit nach dem Tode des Großvaters verfloſſen war, in aller Stille gefeiert wurde. Lienhard aber ging mit ſich zu Rathe, was er nun weiter unternehmen ſolle. Er hatte ein glänzendes und, ſo weit es ſich beurtheilen ließ, glück⸗ liches Loos ausgeſchlagen. Der König von Ungarn, wel⸗ chen ein fremder Einfluß günſtig für den ihm ſonſt unbe⸗ deutenden jungen Mann geſtimmt hatte, war durch ſich ſelbſt Alles, was er geworden war, er achtete daher die gleiche Thatkraft auch in Andern. Gewiß würde er ihm eine ſchöne Zukunft der Ehren bereitet haben. Aber Lien⸗ 211 hard konnte ſeiner Ueberzeugung nicht untreu werden, und bereute ſeine Selbſtverleugnung, ſo lockende Anerbietungen abzulehnen, nicht einen Augenblick. Er wollte auch jetzt noch für die Sache ſeines Herrn thätig ſein, auch wenn dieſer nie oder nur nach ſeinem Tode erführe, daß er doch der Gnade, die ihm durch heimliche Feinde geraubt wor⸗ den war, nicht unwürdig geweſen ſei. Darum beſchloß er in Wien zu bleiben und die treue Geſinnung der Bürger⸗ ſchaft, ſo viel an ihm war, dem Kaiſer erhalten zu helfen, wie einen Fugken unter der Aſche, der einſt wieder in helle Flammen atksbrechen kann. Die Hoffnung auf beſſere Zeiten lebte feſt in ihm und der lichte Stern für Oeſter⸗ reichs Zukunft, dem er vertraute, war der ritterliche Ma⸗ rimilian, welcher bereits zu Frankfurt am Main von den Kurfürſten einſtimmig zum römiſchen König gewählt und hierauf mit großer Pracht gekrönt worden war. Wenn die Verhältniſſe in den Niederlanden ihm nur gleich er⸗ laubt hätten, ſein Schwert zur Wiedereroberung ſeiner Erb⸗ lande zu ziehen, in welchen der Feind jetzt nach dem Falle von Wien reißende Fortſchritte machte! Aber er wurde durch neue Gährung nach Flandern zurückgerufen und der Kaiſer war genöthigt, abermals einen Reichstag zu Cöln zu halten, auf welchem er die Fürſten, die mit ihm wegen eines Kammergerichts unter bedeutenden Rechtsforderungen unterhandelten, eben ſo ſäumig fand, die Reichshülfe end⸗ 14* 212 lich zur That werden zu laſſen. Und noch ein volles Jahr verſtrich darüber; auf einem dritten Reichstage zu Nürn⸗ berg berieth man ſich zwölf Wochen, ohne ſich zu einigen, bis der Kaiſer im Unwillen zu verſtehen gab: wolle man nicht helfen, ſo möge man es lieber rund heraus ſagen. Da, als er einen von den Fürſten nach dem andern einzeln fragte, kam es zu Stande, was mit dem vielköpfigen Reichs⸗ tage wohl nimmer geſchehen wäre. Aber das treue Oeſter⸗ reich war unterdeſſen auf die eigene Kraft gewieſen und dem Sieger von Wien, der unterdeſſen auch in Steier⸗ mark reißende Fortſchritte machte, nicht gewachſen. Er, der König, verfügte mit unbeſchränkter Machtvollkommen⸗ heit über die Staatskräfte ſeines weiten Reiches, bei ihm die Einheit des Willens, die keinen Einſpruch duldete, bei ihm die ungetheilte, durch keinerlei innere Hemmniß be⸗ ſchränkte Gewalt. Und dennoch hielte ſich Wiener Neu⸗ ſtadt ſchon ein ganzes Jahr gegen ihn und ſchlug jeden Sturm ab, bis der Hunger endlich die„allzeit getreue“ auch zur Uebergabe zwang. Der König ehrte ſie wegen dieſer Treue und Tapferkeit ſo, daß er den Bürgern ſein Bildniß ſchenkte, welches dort noch aufbewahrt wird und das ähnlichſte von allen ſein ſoll, die man von Matthias Corvinus beſitzt. Krems dagegen, von ge⸗ ringerer Macht belagert, widerſtand noch und auch im Land ob der Ens wußte ſich der Landeshauptmann 213 Gotthard von Starhemberg zu behaupten, mit Hülfe des treuen Adels. In Wien machten dieſe Nachrichten von außerhalb wenig Eindruck. Man wagte nicht mehr auf einen Um⸗ ſchwung der Dinge zu hoffen, und ſelbſt in den Werkſtätten der Bürger, wo manch' freies Wort geſprochen wurde und die Anhänglichkeit zu dem angeſtammten Herrſcherhauſe treu fortlebte, fand Lienhard wenig Gehör, wenn er auf die rechte Stunde vertröſtete. König Matthias hatte ſein Hof⸗ lager förmlich zu Wien aufgeſchlagen und auch ſeine junge Gemahlin weilte hier; er war ſeiner Eroberung ganz ſicher. Den übelſten Eindruck machte es, daß Bürgermeiſter und Rath vor allen Kundgebungen mißvergnügter Geſinnung ängſtlich warnten, und man ſah es für das Aufgeben einer verlornen Sache an, als der Helfer aus der Landskrongaſſe, der ziemlich bekannt geworden war, eine Stelle beim Rath annahm, die er mehrmals Herrn Ibermann ſelbſt abge⸗ ſchlagen hatte. Der Bürgermeiſter gratulirte ſich, einen ſo gewandten Unterhändler gewonnen zu haben, der beim Könige, wie ſich Jedermann bei einer Begegnung auf öffent⸗ licher Straße überzeugen konnte, in hohen⸗Gnaden ſtand. Welche Stelle Lienhard eigentlich bekleidete, wußte Nie⸗ mand; er unterſtützte den Stadtſchreiber, hatte mit dem Seckel⸗ und Hubmeiſter zu thun und war auch in Aufträ⸗ gen des Rathes zuweilen im königlichen Vorzimmer zu ſehen. 214 Der König hatte ihn einmal auf der Gaſſe angeredet mit dem Titel Orator, wobei ſich die Leute aber nicht viel denken konn⸗ ten,— wichtiger war es ihnen geweſen, daß der König lächelnd zu ihm geſagt hatte:„Dich ſollte ich eigentlich nicht hier leiden! Du biſt ein Feuerbrand, der mir das Haus über dem Kopfe anſtecken kann.“ Der Helfer hatte darauf gar nichts erwiedert. Es war wohl auch nur ein Scherz ge⸗ weſen, denn eher trug der Helfer viel Waſſer in's Haus, um den einzigen winzigen Brand zu löſchen, als die Nach⸗ richt, daß endlich die Sachſen mit einigen andern Reichs⸗ völkern unter Albrecht dem Beherzten die Grenze von Oeſterreich überſchritten, Krems entſetzt, die Ungarn aus Yps geworfen, in Wien einige Unruhe erregte. Da war Keiner thätiger geweſen, als der Helfer, um die Gemüther zu beruhigen, damit ſie ſich nicht in einen kopf⸗ und hoff⸗ nungsloſen Aufruhr zu unrechter Stunde verwickelten. In ſeinem Hauſe aber, wo ſein Schwager Brand mit mehreren guten Freunden einſprach,— meiſt Theilnehmer an dem Streifzuge nach Maria⸗Brunn vor zwei Jahren, — ſchenkte er klaren Wein ein.„Jetzt könnt' es nur Un⸗ glück bringen,“ ſagte er,„aber wenn einmal der Marx nach Heſterreich kommt, dann wollen wir uns für Ihn erheben wie Ein Mann und mit Ihm ſiegen oder ſterben!“ Von dem Erzherzoge kam aber bald eine Schreckens⸗ kunde nach Deutſchland, welche alle Hoffnungen zu Schan⸗ 215 den zu machen ſchien. Der Reichszug hatte, wie Lienhard voraus Zeſehen, keinen Erfolg gehabt, ſondern nach ſchwan⸗ kendem Kriegsglück noch in demſelben Jahre zu einem Waffenſtillſtand geführt, welcher den König von Ungarn im Beſitz ſeiner Eroberungen ließ, bis ſeiner Forderungen und Ktiegskoſten Abtrag geſchehen wäre. Im Frühlinge kam chtr die Nachricht nach Oeſterreich, daß die Bürger von Brügge den römiſchen König, den ſie hinterliſtig zur Lichtmeßfeier eingeladen, in frecher Empörung gefangen hielten. Ein Schrei der Entrüſtung, den ſelbſt die An⸗ weſenheit des neuen Herrn nicht dämpfen konnte, ging durch ganz Wien. Da verließ Mancher heimlich die Stadt, um ſich zu dem Aufgebot zu geſellen, das der Kaiſer durch alle deutſchen Gauen hate ergehen laſſen. Die Schmach, welche Deutſchland in dem jungen Helden, auf den es ſtolz war. betroffen hatte, rüttelte es einmal aus ſeiner Erſchlaffung, Eilftauſend Mann zu Fuß und viertauſend Reiſige, in wunderbarer Schnelligkeit geſammelt, führte der drei und ſiebzigjährige Kaiſer in Perſon nach Flandern. Lienhard's Freunde ſahen zu ihm auf, von Tag zu Tag erwartend, daß er ſich auch aus Wien entfer⸗ nen werde und da er blieb, ſank er in ihren Augen. Er fühlte das wohl, aber er verſchmähte es, ſich zu rechtferti⸗ gen. Nur gegen den Abt des Schottenkloſters, den er noch oft beſuchte, ſprach er ſich aus.„Was wär' ich dort im 216 Heere? Ein Bewaffneter mehr,— darauf kommt es nicht an. Auch wird es genügen, daß Deutſchland jetzt Ernſt zeigt, um den Zweck der Rüſtung zu erreichen. Hier iſt mein Platz, denn ich hoffe, wenn dort Alles klar iſt, daß dieſer unſelige Waffenſtillſtand den Ungarn aufgekündigt wird und dann, mein Vater, dann wollen wir handeln.“ Wohl hatte er in der erſten Annahme Recht. Denn es war noch immer deutſcher Nation Herrlichkeit in allen Landen Europas anerkannt und ihre Kraft gefürchtet, wenn ſie ſich zum Streite erhob. Wenn ein Italiener, wie Aeneas Sylvius, als Pabſt Pius II., der vertraute Freund des Kaiſers, von der Kriegsfertigkeit der Deutſchen und ihrem Rittergeiſte ſpricht, ſtellt er ſie hoch über alle andern Völker. Sein Zeugniß iſt nicht das einzige. Die Rebellen in den Niederlanden gaben den römiſchen König frei, aber „klar“ wurde es darum doch nicht, denn der Geiſt des Auf⸗ ruhrs ließ ſich nicht ſo leicht bändigen und auch mit dem Könige von Frankreich währte der Krieg fort. Wenn alſo der edle Max nach Deutſchland kommen konnte, ſo war es nur, um einem Reichstage vorzuſitzen und in Tirol das Werk der Verſöhnung zu Stande zu bringen. Der Kaiſer verzieh ſeiner geliebten Tochter, welche nur der Vorwurf traf, der Stimme ihres Herzens, die an der väterlichen Einwilligung nicht zweifeln konnte, zu leicht Glauben ge⸗ ſchenkt zu haben. Wie dieſe Täuſchung bewirkt worden 217 war, das wußten jetzt Alle, welche ſie betroffen hatte, auch Herzog Albrecht von Baiern, der ihr das Glück ſeines Le⸗ bens verdankte. Ihn hieß der Kaiſer nun herzlich als ſei⸗ nen Eidam willkommen und der Fürſt entſagte der Mitgift ſeiner Gemahlin, dem Lande Tirol, welches ihm Erzherzog Siegmund etwas zu leichtſinnig verſchrieben hatte. Dieſer war unterdeſſen durch ſeine Räthe in böſe Händel und einen blutigen Krieg mit Venedig verwickelt worden und bei der Unzufriedenheit im Lande, die ſich offen äußerte, der Regie⸗ rungsſorgen von Herzen überdrüßig, ſo daß er leicht bewogen wurde, Tirol noch bei Lebzeiten an die kaiſerliche Linie von Habsburg abzutreten. Nur ſieben Schlöſſer behielt er für ſich, auf die er ſeinen Namen, als Siegmund's⸗Freud, Luſt, Ried,„Burg,„Eck, ⸗Ruh und„Kron, übertrug. Auf Siegmund'skron in herrlicher Lage bei Botzen hat er ſich beſonders gern aufgehalten und noch lange in ſorgen⸗ loſem Genuſſe der Gegenwart gelebt. So wurden die getheilten Lande wieder vereinigt und manche Krone ſollte den Nachkommen Maximilian's noch zufallen. Aber noch immer blieb Wien und ein großer Theil von Oeſterreich in fremder Gewalt und es ſchien faſt, als werde der Heimfall an das Erzhaus, wie er durch einen Artikel des Vertrages feſtgeſetzt worden war, nämlich der Tod des Königs Matthias abgewartet werden müſſen. Der aber war erſt im rüſtigſten Mannesalter und konnte noch man⸗ 218 ches Jahrzehend leben. Eine tiefe Trauer, daß die Gele⸗ genheit zur Befreiung abermals durch die Macht der Ver⸗ hältniſſe verloren gegangen war, bemächtigte ſich der Ge⸗ müther, die es mit dem Vaterlande redlich meinten und nur die wunderbare Erhaltung Maximilian's in der Todes⸗ gefahr auf der Martinswand, deren Kunde die Liebe und der fromme Glaube des Volkes ſchnell über ganz Oeſter⸗ reich verbreitete, gab wieder neuen Muth in der Zuverſicht, daß der Herr, der ihm ſeinen Engel geſandt, ihn zu retten, den Fürſten noch zu Größerm und Herrlicherm, als er be⸗ reits vollbracht, auserſehen habe. Das heilige Oſterfeſt nahte wiederum, Palmſonntag war angebrochen, die Glocken riefen die Gläubigen zur Kirche. Auch Lienhard führte ſeine Großmutter, die längſt nicht mehr ſo rüſtig war, zum Altar des Herrn, er hatte am vergangenen Tage viel Freudiges erfahren und wollte Gott inbrünſtig dafür danken. Ihm war die Kunde ge⸗ geben worden, daß der Kaiſer, wie auch der Erzherzog, ſein geweſener Herr, von Allem unterrichtet ſeien, was er in ſeiner Treue gethan,— an der Wahrheit konnte er nicht zweifeln, denn der König, dem er in einer Sänfte begegnet war, und der ſeine Träger, wie ſein ganzes Gefolge hatte halten laſſen, hatte ihn zu ſich gerufen und es ihm ſelbſt geſagt, wie er ſein Verſprechen erfüllt habe. Manch' fin⸗ ſterer Blick aus den harten gelben Geſichtern ſeiner unga⸗ 219 riſchen Umgebung war dabei auf den niedriggeborenen Deutſchen gefallen, um den der König alle Hoheit ſeiner Würde fallen ließ,— war er denn nur gegen fremde Für⸗ ſten und ſeine Magnaten König? Einer jedoch nickte Lien⸗ hard freundlich zu und als des Königs Sänfte wieder auf⸗ gehoben und fortgetragen wurde, nahte ſich der Ungar dem Deutſchen und gab ihm die Hand, es war Stephan Marczay. „Beſucht mich auf meinem Schloſſe Hatvär bei Ko⸗ morn,— auf Pfingſten feiere ich meine Hochzeit. Ahnt Ihr, mit wem?“ Lienhard ahnte es wohl, aber Marczay mußte Helena's Namen ausſprechen, und nahm den offenen und freudigen Glückwunſch eben ſo an.—„Iſt der König krank?“ fragte Lienhard. „Ein wenig Podagra!“ lachte Marczay.„Das geht vorüber.“ Gottes Wege ſind wunderbar. Am dritten Tage nach dieſer Begegnung verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle das Gerücht in der Stadt, daß der König vom Schlage getrof⸗ fen ſei, es war verheimlicht worden ſeit Palmſonntag, wo es ihn, nachdem auch er die Kirche beſucht, danieder gewor⸗ fen und der Sprache beraubt hatte, jetzt ließ es ſich nicht länger verhehlen und Wien erfuhr den Tod des Königs. Aber ſchon waren von Seiten der klugen und entſchloſſenen 220 Königin, wie von dem Stadthalter Zäpolya alle Maßre⸗ geln getroffen, um eine Erhebung des Volkes unmöglich zu machen und die unruhigen Zeichen, die ſich ſofort regten, ſogleich zu unterdrücken. „Jetzt iſt es an Euch, amice,“ ſprach der Bürger⸗ meiſter zu Lienhard, deſſen er nach längerer Bemühung endlich habhaft wurde.„Ihr habt mehr Anhang, als Ihr zugeſteht.“ „Und was erwarten Eure Geſtrengen von mir?“ fragte Lienhard. „Ruhe,— friedliches, ſtilles Verhalten der Bürger⸗ ſchaft! Bedenket, was Ihr ſelbſt dem Könige verdankt! Wir ſind in der Gewalt eines unbarmherzigen Feindes, — wenn jetzt der Pöbel ſich hinreißen ließe, welch' ein un⸗ ermeßliches Unglück würde über die Stadt kommen!“ „Für den Pöbel macht mich nicht verantwortlich,“ erwiederte Lienhard ruhig.„Ich glaube unter den Bür⸗ gern einige Freunde zu beſitzen, die auf meinen Rath hören, das iſt Alles. Ihr legt mir eine Wichtigkeit bei, die ich nicht verdiene. Der verſtorbene König hat es wohl mit mir gemeint, aber ich habe ihm nie verhehlt, daß ich nim⸗ mer“— hier hob ſich unwillkürlich des jungen Mannes Stimme,—„unſerm angeſtammten Herrn abtrünnig werden könnte. Und kommt die rechte Stunde, ſo muß ein Jeder, der's treulich meint, Alles daran ſetzen, mag 221 das Unglück des Augenblicks auch noch ſo groß ſein, es giebt ein tieferes Unglück, das iſt die Unterdrückung des Vaterlandes, und ich zweifle nicht eine Minute, daß Ihr der Erſte ſein werdet, wenn es gilt!“ Der Bürgermeiſter wurde ſelbſt hingeriſſen von der Begeiſterung, welche in Lienhard's Worten wehte, aber die ihm eigene Vorſicht, wie die große Verantwortung, die auf ihm lag, dämpfte doch dieſe Anwandlung bald wieder und er bat, keine voreilige Gährung in der Stadt zu nähren. Lienhard beruhigte ihn darüber, denn er wußte wohl, daß die rechte Stunde noch lange nicht gekommen ſei. Aber ſie nahte mit jedem Tage. Die Königin Beatrix und alle Großen des Ungarlandes, welche zu Wien mit dem König verweilt hatten, verließen alsbald die Stadt, um die neue Königswahl zu betreiben. Einzelne verlorne Nachrichten liefen ein, daß in den vorderöſterreichiſchen Landen gerüſtet werde, ſie kamen auf geheimen Wegen nach Wien, ſie ver⸗ breiteten ſich immer mehr, ſchon wollte man Gewißheit haben, daß Erzherzog Max mit Heeresmacht, welche täglich anſchwelle, die Donau hinabziehe, um das Reich ſeiner Väter wieder zu erobern. Endlich klang die Botſchaft wie eine Sturmglocke durch die Stadt: der Erzherzog ſtehe bei Mölk! Da brachen auch zu Wien ſchon, trotz der ſtarken ungariſchen Beſatzung, Unruhen aus; der Statthalter Zä⸗ polya ließ den Bürgermeiſter und einige Rathsherren ru⸗ 222 fen und machte ſie mit ihrem Kopfe verantwortlich, daß keine Verbindung mit dem Erzherzoge gepflogen werde. Wenig fehlte, ſo hätten ſie ihm die Rädelsführer, wie er ſie nannte, unter ihnen Lienhard Helfer, ausgeliefert. Aber er entließ ſie, als ſie ihm ihre Unſchuld betheuerten, und warf nur in aller Eile vierhundert Mann in die Burg, während ſchon der kaiſerliche Adler von kühner Hand auf dem hohen Markt erhoben wurde. Da ſank dem Statt⸗ halter der Muth, er wagte den Straßenkampf gegen die Kraft eines treuen Volkes nicht, das ſchon auf den Ruf der Glocken von allen Thürmen zu den Waffen eilte, ſondern rettete ſich mit ſeiner Frau und ſeinen Schätzen auf ein Schiff, das ihn nach Ofen trug, während der Reſt der Be⸗ ſatzung landwärts abzog. Mit unermeßlichem Jubel wurde des Kaiſers Name mit dem ſeines ritterlichen Soh⸗ nes durch alle Straßen gerufen und eine Geſandtſchaft eilte auf raſchen Pferden nach Kloſterneuburg, wo der ju⸗ gendliche Held ſchon ſtand. Wer möchte den Eindruck beſchreiben, als Maximi⸗ lian, der edle„Theuerdank,“ ſeinen Einzug in das befreite Wien hielt: das Volk empfing ihn wie einen Gottgeſand⸗ ten, Mütter hielten ihre Kinder empor, den König zu ſchauen, der einſt ihr Herr ſein werde, Segenſprüche von Tauſen⸗ den, gemiſcht mit donnerndem Zuruf, begleiteten ſeinen Weg zur Stephanskirche, wo er zuerſt dem Allerhöchſten ſeinen Dank bringen wollte. Er hatte das Viſir ſeines gekrönten Helmes aufgeſchlagen, die goldenen Locken fielen ihm zu beiden Seiten auf die Halsberge herab, in üppiger Fülle ſein weiß und roth gefärbtes Antlitz, mit den milden einnehmenden Zügen, umwallend, die braunen, lichten Augen blickten freundlich auf die Menge, auf den blühenden Lip⸗ pen, über welche nie ein Fluch oder eine Gottesläſterung gegangen, thronte das Lächeln der Gnade, deren ſelbſt Feinde theilhaftig wurden, die den großmüthigen Fürſten bitter gekränkt hatten. Das war Maximilian von Habs⸗ burg, der Stolz von Deutſchland, der zweite Begründer von Oeſterreichs Macht, der letzte Ritter, wie ihn eine ſpätere Zeit genannt hat. Er brachte die Zeit des Segens. An dem Rieſenportal der Stephanskirche empfing den römiſchen König die Geiſtlichkeit im höchſten Ornat, an ihrer Spitze der zurückgekehrte Erzbiſchof, welchen Mat⸗ thias Corvinus, weil er dem Kaiſer treu war, die Verwal⸗ tung des Kirchenſprengels entzogen hatte. Ein feierliches Tedeum wurde gehalten. Dann bezog der Held die Woh⸗ nung, die ihm bereitet war, und traf Anſtalten zur Bela⸗ gerung der Burg. Man hatte ihm wohl den Namen des Mannes genannt, der den kaiſerlichen Adler zuerſt auf dem hohen Markte erhoben hatte, und er kannte dieſen Namen nicht erſt von jetzt. Sein edles Herz drängte ihn, zu ver⸗ gelten mit überſchwenglichem Lohne, was er einſt, auf A 224 ſcheinbar ſchwerere Verſchuldung, die nun aufgeklärt war und Einen in des Kaiſers nächſter Umgebung traf, an dem unſchuldigen Haupte ſeines Lienhard gethan. Damals hatte er ihn durch einfache Entlaſſung noch zu ſchonen vermeint. Heut ſann er darauf, wie er im Lohn ſeiner Treue ſich ſelbſt überbieten könne und das heitere Lächeln, das bei dem Ge⸗ danken daran ſeinen Mund umſchwebte, ſchien zu verrathen, daß er dieſen Lohn gefunden habe. Aber Lienhard war nicht zu finden. Sollte er, in ſtillem Bewußtſein gerech⸗ ter That, ſich aus Wien entfernt haben, nun Alles voll⸗ bracht war, woran er ſo kräftig gewirkt? Am folgenden Tage begann das Geſchütz gegen die Burg zu ſpielen, bald war eine Breſche in die Mauer ge⸗ legt und die Bürger, ohne abzuwarten, bis dieſe Lücke gang⸗ bar gemacht worden war, liefen Sturm. Sie wollten den Schwaben, welche mit dem Könige gekommen waren, und den Unter⸗Oeſterreichern, die ſein Heer überall verſtärkt hatten, die Ehre nicht laſſen. Schon wehte der kaiſerliche Adler auf der Höhe der Sturmlücke:„Das iſt der Hel⸗ fer!“ jauchzten die Bürger dem kühnen Manne zu, der das Panier dort aufgepflanzt hatte und mit dem blutigen Schwert gegen die andringenden Feinde vertheidigte. Er war es, Venhard Helfer, und König Max erkannte ſeinen Getreuen wohl! Schon war er, den zweiten Gewalthaufen, gegen alle Vorſtellungen der Seinigen, zur Unterſtützung 225 des Sturmes führend, in ſeine Nähe gelangt, als er an der Schulter verwundet wurde und die erſten Stürmenden, abgeſchlagen von der Höhe der Breſche, ſeine Schaaren durchbrachen. „Laßt zum Abzug blaſen, gnädiger Herr! So gewin⸗ nen wir die Burg nicht!“ rief eine bittende Stimme. Er ſah Lienhard neben ſich, der ſeine Bruſt dem nachſtürzen⸗ den Feinde entgegen warf, das kaiſerliche Panier, das er nicht in ihrer Gewalt gelaſſen, hoch in der Fauſt ſchwin⸗ gend. Da riefen die Trompeten zum Ablaſſen vom Streit, damit erſt eine neue Sturmſäule geordnet werde. Es war aber keine zweite Anſtrengung nöthig. Die ungariſchen Hauptleute, die Unmöglichkeit des längern Widerſtandes einſehend und dem Zäpolya fluchend, der nur an ſein wun⸗ derſchönes Weib, des Herzogs von Teſchen Tochter, und an ſeine Schätze gedacht, warteten keinen neuen Sturm ab, ſondern übergaben die Burg dem Könige, der ihnen freien Abzug bewilligte. Jetzt durfte ſich Lienhard, der unter den Augen ſeines Herrn gekämpft hatte, ſich deſſen Antlitz nicht länger entziehen. Nach dem Einzuge in das Schloß ſeiner Väter, hielt Maximilian einen feierlichen Königstag, wo er auch Lienhard vor ſich treten ließ, ihm für ſeine Treue und ſeine Thaten dankte, und vor der zahl⸗ reichen Verſammlung zu ihm ſprach: „Du haſt aus eig'ner Kraft, wie einſt die Ahnherrn der Ritter, die um Uns verſammelt ſind, auch gethan, Dich 15 1858. XIII. Aus eig'ner Kraft. 1. aus niederm Stande empor gerungen. Den Namen, den Du einſt geführt, können Wir Dir nicht wieder geben, denn er iſt durch einen Verräther, der ſeinen Lohn dahin hat, geſchändet, aber Lehn und Land, das er einſt beſeſſen in Steiermark und unter dem Mannhartsberge, verleihen Wir Dir im Namen der Kaiſerlichen Majeſtät, Unſeres Herrn Vaters, und Dein eigener Name ſoll hinfort zu dem Adel Unſerer Erblande gehören. Kniee nieder, Helfer von Landskron, und empfange den Ritterſchlag.“ So war es denn erfüllt, was in unbewachter Stunde dem Jünglinge mitten unter den Kämpfen ſeines Lebens, doch, wie ein ſtrahlendes Ziel, erreichbar ſeiner Kraft, vor⸗ geſchwebt hatte, erfüllt das Wort der Erzherzogin, das ihm unvergeßlich geblieben war: Ein großes Unglück hatte ihn erhoben und geadelt!. Mit welchen Gefühlen betrat er das Haus in der Gaſſe wiever, von welcher er nun den Namen trug! Wie ſtaunten und freuten ſich die Großmutter und ſeine Schwe⸗ ſter Leni, und weinten nur, daß ſie ihn, der ihnen ſo lieb geworden war, nun doch wieder verlieren ſollten. Er aber verwies ihnen dieſen Gedanken und nahm nur Abſchied auf öfteres Wiederſehen; dem Meiſter Brand, der ihm zö⸗ gernd ſeine harte Hand reichte, vertraute er alle Sorge für ſie und wußte, daß er damit auf feſten Grund baute. Dann machte er ſich auf, um zu ſeinem Herrn, dem Kaiſer, zu eilen, der ihn nach Linz entboten hatte. Ahnte 227 ſein Herz ſchon, was ſeiner dort harrte, da es ſo überſelig pochte? Wenn er es ahnte, ſo wußten die Lieben auf dem Altenſteig nicht, weshalb ſie der Kaiſer auf einen beſtimm⸗ ten Tag und eine beſtimmte Stunde von ihrer ſtillen Feſte auf das Schloß zu Linz geladen hatte. Seit der Kaiſer ſeine Hofſtatt nach Linz verlegt und das war ſchon eine ge⸗ raume Zeit her, da nun eine ſchwer erkaufte Waffenruhe ihm das geſtattete und er auch die Reichsangelegenheiten von hier aus wieder ordnen konnte, war der treue Hager von Altenſteig gar oft zur Aufwartung bei ſeinem Herrn geweſen, der ihn über manche Dinge um Rath fragte. Auch Frau Eliſabeth, welche den Kaiſer an ſeine glückliche Jugend und den unerſetzlichen Verluſt ſeiner theuren Ge⸗ mahlin erinnerte, hatte den Hof, den ſie lange nicht mehr ge⸗ ſehen, zuweilen wieder beſuchen müſſen und Hedwig die Mut⸗ ter dann immer begleitet. Doch war ninmer die Rede von dem ehemaligen Liebling des Kaiſers geweſen, noch minder hatte Friedrich der Dritte ſeinen geſcheiterten Plan für das Kind ſeines alten Freundes berührt, er hatte kaum von Hedwig's Verhältniß zu ſeiner Tochter, der nunmehrigen Herzogin von Baiern geſprochen, und doch war er gegen Alle ſo freundlich und liebevoll. Rerum irreparabilium felix oblivio, dieſen ſeinen Wahlſpruch:„Glücklich das Vergeſſen unwiederbringlicher Dinge!“ hatte er auch dem treuen Hager geſagt, als dieſer einmal von alter Zeit mit ihm zu ſprechen angefangen hatte. In letzter Zeit war 15* keine Einladung mehr auf den Altenſteig gekommen und ohne Befehl nahte ſich auch Hager dem Fürſten nicht. Als nun ein ſolcher in ſo beſtimmter Faſſung erſchien, war es natürlich, daß Frau von Altenſteig bei dem Hofjunker, der ihn gebracht, forſchte, ob eine Feſtlichkeit die Urſache ſei und als dieſer von fremdem hohem Beſuche ſprach, den er nicht nennen dürfe, wurde es nothwendig, dazu auch würdig zu erſcheinen. Fürſtlicher Beſuch war eingetroffen zu Linz: Herzog Albrecht von Baiern mit ſeiner Gemahlin. Hedwig er⸗ röthete lebhaft vor Freude, als ſie in der großen Feſthalle unter den Anweſenden davon vernahm, nicht lange dauerte es, ſo erſchien unter dem Vortritt des ganzen Hofſtaates der Kaiſer, ſeine ſchöne Tochter führend, welcher der Her⸗ zog und die übrigen fürſtlichen Gäſte, die ſich eingefunden hatten, folgten. Die Feſtlichkeit galt der Befreiung Wiens, welche geſtern dem Kaiſer durch einen Eilboten des römiſchen Königs gemeldet worden war. Dieſer Bote befand ſich heut im Gefolge des Kaiſers und war ein Gegenſtand der allge⸗ meinen Aufmerkſamkeit, denn er war auch ein ſchöner, jun⸗ ger Mann, mit einem edlen, nur etwas zu ernſten Antlitze. A1Als die gewohnte Runde gemacht war, der Kaiſer mit Vielen geſprochen, die Herzogin ihre geliebte Hedwig, deren tiefe Bewegung und bebende Stimme ſie wohl verſtand, innig und mit verheißendem Blick begrüßt hatte, wandte ſich der Monarch plötzlich um und winkte den jungen Edel⸗ 229 mann, mit welchem Herzog Albrecht, etwas abgeſondert, in einem ſcheinbar ſehr angelegentlichen Geſpräche ſtand, zu ſich. „Helfer von Landskron, ich will Dich zu alten Be⸗ kannten führen,“ ſagte er gütig und Lienhard's Wange dunkelte nun auch in ihrer männlichen Farbe, denn der Kaiſer hatte ſich ſchon bei ſeiner Ankunft, nachdem er ihn gnädig, wie in alter Zeit empfangen, über die Zukunft, die er ihm nun ohne Widerſpruch von irgend einer Seite be⸗ reiten wolle, offen geäußert. Er führte ihn, auch den alten Hager mit ſich winkend, zu dem Kreiſe der Frauen, wo Frau von Altenſteig mit ihrer Tochter ſtand. „Ich bringe Euch einen Gaſt, Frau Eliſabeth,“ ſagte er.„Ihr werdet ihn um meinetwillen gut aufnehmen. Er heißt jetzt nicht mehr der Junker von Wolffenegg, ſondern Helfer von Landskron, Ritter. Ich denke, Ihr werdet ihn nicht mehr ſchelten, wie früher, kleine Hetti. Einen Tag will er aber nur verweilen, dann giebt es noch mehr Kriegs⸗ ehren zu gewinnen. Nutze Deine Zeit, Lienhard. Mit Dir, Hager, hab' ich noch ein Wort zu reden.“ Es gab mehr als Einen in der Geſellſchaft, welcher dies Wort errathen konnte. Es blieb auch nicht lange ein Geheimniß. Man erzählte ſich noch im Verlaufe des Feſtes in mancher Gruppe, daß dieſer bildſchöne junge Mann, welcher zuerſt den kaiſerlichen Adler in der Stadt und dann beim Sturm auf die Burg von Wien aufgepflanzt und dafür den Ritterſchlag mit dem Namen Helfer von 230 3 Landskron erhalten habe, vom Kaiſer mit dem lieblichen Fräulein von Altenſteig verlobt worden ſei. Schon einſt, als er noch der vermeintliche Sohn des Wolffenegger Veit geweſen ſei und am Hofe allen Frauen die Köpfe verdreht, habe der Herr denſelben Plan gehegt, es ſei aber nichts da⸗ mit geworden, weil der junge Mann in ſeltener Gewiſſens⸗ treue ſelbſt angegeben, daß er ein geſtohlenes Kind und von bürgerlicher Herkunft ſei. Höflinge wiſſen ſo viel, man vermuthet gar nicht, wie ſie es erfahren. Es wurde auch erzählt, daß der König von Ungarn Alles aufgeboten habe, um ihn, der wegen einer gewiſſen zarten Angelegenheit,— welche in der Nähe dieſer hohen Gäſte nicht zu beſprechen ſei,— die Gunſt des Erzherzogs Mar verloren, in ſeine Dienſte zu ziehen, daß er ſeinetwegen den rothen Wolffen⸗ egger und auch den Kunz vom Wachberge, welche faſt zu⸗ erſt vom Kaiſer abgefallen, des ihnen zugetheilten Lehnes wieder beraubt, ſo daß ſie nun in Verbannung und frem⸗ dem Solde kümmerlich lebten, daß er ſogar dem Lienhard eine reiche ungariſche Erbtochter zur Frau geben wollen. Dieſer habe jedoch Alles ausgeſchlagen, um in Wien eine Art Gracchus oder Cola Rienzi zu ſpielen,— auf die Rich⸗ tigkeit des Vergleichs kommt es Höflingen nicht an. Das Gerede nahm ſchon gegen Ende des Feſtes einen bittern Beigeſchmack an und wurde am andern Tage ganz gehäſſig. Darum kümmerte ſich aber Lienhard nicht. Denn der folgende Tag krönte ſein Glück. Der Kaiſer hatte — ——— 231 Hedwig's Vater ſeinen Wunſch eröffnet und dieſer bereits insgeheim mit ſeiner Gemahlin geſprochen, noch ehe ſie den Rückweg auf den Altenſteig antraten. Frau Eliſabeth glaubte das Herz ihres Kindes längſt erforſcht zu haben und als ſie, ehe Lienhard auf dem Altenſteig ankam, mit zarter Schonung in klare Frage kleiden wollte, was eine Entſcheidung für das ganze Leben in ſich trug, da ſank ihr Hedwig an die treue Mutterbruſt und geſtand ihr, daß Lienhard ihr ſchon auf dem Feſte, wo ihnen der Tanz, der den Abend krönte, eine Gelegenheit gegeben, Alles geſagt habe,— ſie habe ja immer an ihn geglaubt und lege ihr Glück in der Eltern Hand. Die Eltern wollten ja nur ihres Kindes Glück. Als Lienhard nun erſchien und in Aller Augen las, daß ſeine Bitte erhört ſei, da wurde der Bund der Herzen, der früh geknüpft, oft geſtört, aber nie ganz zerriſſen war, auf's Neue unauflöslich geſchloſſen. Nur einen Tag durfte Lien⸗ hard weilen, dann rief ihn die Ehre wieder an die Seite ſeines ritterlichen Herrn, um die Feinde aus den letzten Burgen Oeſterreichs zu vertreiben und den Sieg bis tief hinein nach Ungarn zu tragen. Als endlich der Friede nach Jahresfriſt mit dem neuen Könige Wladislaw geſchloſ⸗ ſen war, kehrte Lienhard mit dem Heere nach Deutſchland zurück. Es ſchmerzte ihn, daß er die Wolffeneggiſchen Beſitzungen, die er nimmer angenommen hätte, nicht dem rechtmäßigen Herrn zurückſtellen konnte: der rothe Diez 232 hatte eine Zuflucht bei der ſchwarzen Schaar geſucht, welche der Biſchof von Großwardein für den neuen König erkauft hatte und war in der Schlacht am Cſonthegy gegen den Kronprätendenten, Johann Corvin, den natürlichen Sohn des Matthias, gefallen. Kunz vom Wachberge, welcher die Gnade Maximilian's geſucht und erhalten, hatte die Nachricht von Dietrich's Tode mitgebracht, die nun Lien⸗ hard's Zweifel über die Annahme der Güter zerſtreute. In die Heimath zurückgekehrt, ging er aber nicht zuerſt in das ſchöne Murthal, um ſie in Beſitz zu nehmen, ſondern eilte einem ſchönern Ziele zu, das all' ſein Glück in ſich ſchloß. Das Wiederſehen war um ſo ſeliger, weil keine Trennung mehr hinter ihm ſtand. Der Segen der Kirche vereinte nun binnen kurzem das Paar und dann führte Lienhard ſeine junge Frau heim auf ſein eigenes Beſitz⸗ thum, von wo er den Altenſteig noch oft beſuchte, bis Herr Hager nach einem langen ehrenvollen Leben ſtarb und nun durch des Kaiſers Marimilian Gnade der Tochter das Lehn verblieb, ſo daß ſie, Lienhard's oft geäußertem Wunſch ent⸗ ſprechend, dorthin zurück kehren und mit der Mutter ver⸗ eint, ihr zum Troſt und zur Freude, ein Leben des Glückes und Friedens führen konnten. Endr des zueiten und letſten Chrils. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient. 1