Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur vor Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ Fieutahni und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Ri ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe 2 Bücher: beträgt: 1 1 Mt.— Pf. muß voraus bezahlt werden und für wöchentlich auf 1 Monat: 6 Bücher: —— 2 Mk.— Pf. *. Auswärt ige Iponnenten' pape für Hin⸗ und Zurückſendung der che auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Im Sonnenlichte eines klaren Herbſttages lag eine heitre, liebliche Landſchaft, wie das geſegnete Oeſterreich deren ſo viele beſitzt. Von dem Hügel, wo eine kleine Kapelle im Schirm uralter Linden ſtand, konnte man ſie recht überſchauen. Die vornehm gekleidete Frau jedoch, welche die ſanftanſteigende Höhe eben erreicht hatte, ließ ihren Blick nicht über die reizenden Gefilde ſchweifen, die ſich zu ihren Füßen ausbreiteten, ſondern richtete ihn zuerſt auf das Muttergottesbild, das unter dem Dach der Ka⸗ pelle ihr gnädig zu winken ſchien. Es war nicht von Künſtlerhand gefertigt, aber was dem einfachen Bildwerk an Schönheit fehlte, das lieh ihm der Geiſt der Andacht in den Augen der Frommen, welche ihm nahten. Auch die Frau, die jetzt ihre Kniee auf die ſteinernen, bemooſten Stufen niederließ, dachte nicht an die äußere Form des Gnadenbildes, ſondern nur an die Himmelskönigin, der 6 die Stätte geweiht war und neigte ihr Haupt in Demuth: eine Mutter, für ihr Kind inbrünſtig zu beten. Es war eine ſchon ältere Frau, aber ihr ſtilles und anziehendes Geſicht beſaß jene unvergängliche Schönheit, die ſelbſt mit Runzeln und Silberhaar wohl beſtehen kann; dieſe Zeichen höherer Jahre waren jedoch der Beterin noch fern. Sie hatte ihre Andacht nun beendigt und erhob ſich, mit dem Frieden im Herzen, welchen die Kraft des Gebetes verleiht. Langſam ging ſie an den Rand des Hügels, dem Aufgange zur Höhe, welchen ſie genommen hatte, grade entgegen⸗ geſetzt. Hier bot ſich dem Blicke eine entzückende Fernſicht. Ueber das blühende Land, mit Dörfern und Weilern beſäet, weit hinaus irrte das Auge, bis wo eines mächtigen Fluſſes Lauf durch Silberblitze im Sonnenſchein ſich kund gab— das war die Donau— und eine Stadt mit vielen und prächtigen Thürmen ſich erkennen ließ: das ſchöne Linz, weiter hin aber gegen Mittag, in klaren Umriſſen heut, die Kette der Alpen im Salzburger Land und wie ein Hüter der Schwelle jener erhabenen Welt, der Traunſtein, ſo hell und nah dem Auge, als ſei er noch im Laufe des Tages zu erreichen. Dorthin ſtrebte die Sehnſucht der edlen Frau auf dem Hügel jedoch nicht; ihr Blick folgte vielmehr dem fernen Laufe des Stromes nach Morgen hin und eine gewundene Straße, deren gelbes Band ſich zwiſchen den Feldern wohl unterſchied, war es vorzüglich, welche ihre Aufmerkſamkeit 7 an ſich zog. Von dorther erwartete ſie ja ihr Kind, für welches ſie eben ſo inbrünſtig gebetet hatte. Die Felder waren bereits leer; hätten ſie noch in voller Pracht ihres Fruchtſegens geſtanden, ſo würde man ſchwerlich die ge⸗ wundene Straße haben beobachten können, denn in jenem üppigen Boden treiben die Halme ſo hoch, daß ihre Aehren wohl einem Reiter zu Kopf ragen. Aber ſo weit man den Weg, der von der großen Straße längs der Donau ſchon eher, als ihn hier der Geſichtskreis erreichte, ſich getrennt hatte und ſchräg durch das Land ſchneidend nach den Bergen führte, zu überſchauen vermochte, war er eben ſo leer, als die Felder, auf denen ſich weit und breit kein Menſch ſehen ließ, denn es war damals eine gar böſe Zeit in Oeſterreich. Wie konnte nur die Frau auf dem Marienberge wagen, ſich allein droben ſehen zu laſſen, wo vielleicht in dem nächſten Gebüſch, das ſich um den Fuß des Hügels zog, eine ruchloſe Rotte lauerte, ſie zu überfallen und gefangen hinweg zu führen, um von ihr ein ſchweres Löſegeld zu erpreſſen? Dort die graue, kleine Feſte, auf einem Berg⸗ vorſprunge, kaum eine halbe Stunde entfernt, hätte man nur den tiefen Grund zwiſchen ihr und der Kapelle graden Weges durchſchreiten können, die Feſte mit dem grauen, verwitterten Gemäuer ſah ganz danach aus, als ſei ſie der Horſt irgend eines Raubadlers, der von dort auf die fried⸗ lichen Wanderer ſtieß und ſeine Beute hinauf trug, damit 8 ſie ſich mit Gold oder Goldeswerth löſe. So hinterliſtig lag ſie halb verſteckt unter den mächtigen Bäumen, welche den ganzen Berghang bedeckten und ſchien gar keinen rechten Zugang zu haben. In dem Gebüſche aber, das ſich rings um den Fuß und Abfall des Marienberges zog, regte ſich wirklich ein verdächtiges Leben; ein feines Ohr hätte wohl den Klang hören können, welcher bei der leich⸗ teſten Bewegung von Bewaffneten entſteht— jetzt wieherte ſogar ein Pferd in dem Verſtecke frech und laut. Die Dame hörte es wohl. Es war jedoch keine feind⸗ liche Schaar, ſondern ihr eigenes Geleit, das ſie unten zurückgelaſſen hatte, als ſie von dem Wäglein, auf welchem ſie gekommen, abgeſtiegen war, um zu der Kapelle empor zu wandern. Sie blickte nur immer ſehnſüchtig in die Ferne, ob nicht ein gleicher Zug, als der ſie ſelbſt begleitet hatte, den Weg von der Donau daher kommen werde, und da die Sonne ſich bereits zum Niedergange neigte, ſank das Mutterherz mit ihr. Bange Sorgen wollten ihr nahen, ihr tauſend Möglichkeiten von ſchrecklichen Dingen vor⸗ ſpiegeln, welche die Reiſe ihres Kindes vethindert hätten, aber ein Blick auf das Gnadenbild der Kapelle ſtärkte die Seele der einſamen Frau wieder zu feſtem Vertrauen und ſie ſetzte ſich auf den Stein, der hier zur Raſt müder Pilger ſeit undenklicher Zeit ſchon glatt behauen lag. Noch eine Stunde wollte ſie geduldig harren, ehe ſie den Heimweg X — —— 9 antrat. Die Stunde verging und die Schatten legten ſich immer länger über die Thalbreiten; auf der Höhe nur ſchimmerte noch der volle Glanz der Sonne, ehe ſie im Weſten in das wallende Meer von Purpurglut verſinken würde. Da ſtand die Frau endlich mit einem tiefen Seufzer auf, um ſich von ihrem Lug in's Land zu trennen; eben kam auch ein alter Diener die Höhe heraufgeſtiegen, um ſeine Herrin zum Aufbruch zu mahnen. „Geſtrenge Frau, es wird finſter, ehe wir heim kom⸗ men,“ ſagte er ehrerbietig, den grauen Kopf entblößend. Sie folgte ihm, ohne ein Wort zu ſprechen; noch einmal ſegnete ſie ſich vor der Mutter Gottes mit dem Zeichen des Heils und befahl ihrem Schutze das geliebte Kind, das ſie hier zu empfangen gehofft hatte, dann ſtieg ſie ſtill mit dem alten getreuen Diener den Abhang her⸗ nieder, wo im ſchützenden Gebüſch ihr Wäglein ſtand, mit ſechs bewaffneten Knechten, die ihr das Geleit gaben. Ein trauriges Zeichen, wie ſchlimm die Zeit war, daß auf dem eigenen Grund und Boden ein Ausflug über die Tragweite der Büchſen von der Thorzinne nicht mit Sicherheit ohne Waffenſchutz unternommen werden konnte! Der Diener half ſeiner Herrin, als ſie den Wagen beſtieg, dann nahm er ſelbſt die Zügel aus den Händen des Reiſigen, dem er ſie, während er auf dem Berge war, zu halten gegeben hatte und ſchwang ſich auf den Strohſack 10 zu Füßen der Frau. Die Knechte ſaßen raſſelnd auf, der kleine Zug ſetzte ſich langſam in Bewegung. Es war ein ſchlechter, ſteiniger Weg durch den Thalgrund, der einge⸗ ſchlagen werden mußte, und der Wagen ging oftmals ſo ſchief, daß er umzuſtürzen drohte und die Dame ängſtlich nach der Seitenlehne griff. Aber der Diener fuhr ſehr geſchickt und beruhigte bei jeder Gefahr ſeine Herrin mit gutmüthigen Worten, obgleich es ihn eigentlich Wunder nahm, daß ſie, eine ſonſt beherzte Frau, heute ſo wenig Muth zeigte. Die Sorge um ihre Tochter mochte es ſein, welche ſie zaghaft machte; der Alte wußte es, daß ſie die⸗ ſelbe heute erwartete und ihr darum entgegen gefahren war, doch wagte er nicht, davon zu ſprechen. Der Thalgrund krümmte ſich um den Fuß des Hü⸗ gels, auf welchem die Kapelle ſtand; ſie war nicht mehr zu erkennen, aber die breiten Kronen der Bäume, welche ſich über ihr wölbten, leuchteten noch im goldnen Feuer des Niedergangs, während unten, wo der Wagen und die Reiter über den unebenen Boden mühſelig dahin zogen, bereits Dämmerung einbrach. Der alte Diener hatte ganz Recht gehabt, es mußte finſter werden, ehe ſie heim kamen. Zum Glück war noch bei hinlänglichem Zwielicht die ebene Fläche erreicht, wo nun der Weg eine Strecke im friſchen Trabe fortgeſetzt werden konnte. Er wandte ſich dann wieder den Bergen zu, deren Geſtaltung, bei — 11 hellem Tage in ihren ſchönen und wechſelnden Formen dem Auge ſo wohlthuend, allmälig zu einer zuſammenhän⸗ genden finſtern Wand erſtarrte, aus welcher nach einiger Zeit auf halber Höhe ein trübes Licht ſichtbar wurde. Der rothe Schein kam aus einem Thurmfenſter jener grauen, kleinen Feſte, die vom Marienberge wahrgenom⸗ men werden konnte, es war wie der Blick eines böſen Auges. Aber denen, welche ſich jetzt nach dieſem Lichte wandten, das ihnen den bekannten Aufweg zeigte, kam es durchaus nicht vor, wie ein unheimliches Wahrzeichen, denn ſie gehörten ſämmtlich zu der Burg und die Dame auf dem Wagen war die Hausfrau des Schloßherrn, der ihrer Rückkehr bereits mit ſteigender Ungeduld harrte. Der Wächter hatte das Zeichen gegeben, das äußere Thor wurde geöffnet, eine Fackel leuchtete den Ankommen⸗ den entgegen und blendete ſie, daß ſie nicht gleich ſehen konnten, wer vor ihnen ſtand. „Bringſt Du ſie?“ tönte der Frau die volle, tiefe Stimme ihres Herrn und ſie erſchral auf ihrem Sitze. Er, der ſeit Monden ſchon von der Gicht hart geplagt, an ſeinen Seſſel gefeſſelt war, hatte die Kraft gefunden, bis an das äußere Thor im Ringwall entgegen zu kommen, nicht ihr, der Frau, wie theuer ſie auch ſeinem Herzen war, ſondern ſeinem Kinde, ſeinem Liebling! Ihr that es ſo weh, daß ſie ihm keine freudige Bot⸗ 12 ſchaft bringen konnte, daß nicht die ſüße Stimme ihres Kindes für ſie die Antwort übernahm!—„Noch war nichts zu ſehen— aber ſie kommt vielleicht noch.“ Der Vater erwiederte, nicht gleich, ſondern nach einem kurzen Schweigen, während deſſen er wahrſcheinlich auch ſeinen körperlichen Schmerz zu überwinden hatte:„Sie kommt gewiß, Mutter. Morgen oder übermorgen. Mein Herr hat es mir zu beſtimmt verſprochen— ſteig' ab, gieb mir den Arm, Elſi.“ Sein Ton klang ſo herzig und wollte auch ruhig klingen, aber die Gattin hörte doch die Bewegung ſeiner Seele heraus. Sie hatte ſchon bemerkt, wie er auf die Schulter des Knechts, der ihn hieher geführt haben mochte, geſtützt ſtand, nun übernahm ſie die Sorge, ihn zu führen und that es ſchonend und kräftig, wie ſie gewohnt war, daß ſie ihm möglichſt viel Schmerzen beim Gehen erſpare, aber ſie machte ihm doch liebevolle Vor⸗ würfe, daß er ſich heraus gewagt und dadurch auf längere Zeit wieder ſchaden werde. Er nahm es lächelnd auf. „Ich meinte, wenn die Hedwig käm', wär'ich geſund,“ erwiederte er.„Laß gut ſein. Mir iſt nicht ſchlimmer worden.“ Der alte Diener, welcher die Frau begleitet hatte, leuchtete Beiden voraus und ſie traten aus dem innern Hofe in das Burghaus und die kleine Stube, welche das Ehe⸗ paar, ſeit es einſam um ſie geworden war, ſtatt der geräumigen Halle, die faſt den ganzen untern Raum des Gebäudes einnahm, bewohnte. Hier loderte im Kamin ein gaſtliches Feuer, der Tiſch war mit einem ſchneeweißen Tuche ſchon gedeckt, für Drei! Und in der Halle erſt, da waren Anſtalten zu größerer Bewirthung getroffen, denn das Fräulein kam unter vornehmer Begleitung, wie es verabredet worden war. Deshalb hatte auch die Mutter ein ſtattlicheres Gewand angelegt, als ſie gewöhnlich im Hauſe zu tragen pflegte, ſo daß ſie vornehm gekleidet auf dem Marienberge erſchien, auch ihr Gemahl trug ein Ehren⸗ kleid von feinem Tuch, von etwas veraltetem Schnitt, wie es zur Zeit der fröhlichen Heimführung der jungen Kaiſerin Eleonora zu Neuſtadt, welcher er in rüſtigen Jahren bei⸗ gewohnt hatte, Mode geweſen; deutſche, ehrenfeſte Tracht, ſtatt der bunten, aufgeſchlitzten hiſpaniſchen Narrethei von heute. Als er am Arme ſeiner Frau in das kleine Gemach trat und ſein Auge auf die für Drei beſchickte Tafel fiel, zuckte es ihm unter dem greiſen vollen Barte, der ſeine Lippen beſchattete, doch ſagte er nichts, ſondern trat feſter auf, indem er nach ſeinem Seſſel ging. Dort nahm er Platz, ſtreckte das kranke Bein dem wohlthuenden Feuer entgegen und hörte ſchweigend an, was ihm die Gattin über die möglichen Urſachen der Verzögerung Tröſtliches ſagte. Sie hatte, als gute Hauswirthin, noch Mancherlei zu ſchaffen und verließ das Gemach, ſobald ſie ihrem Herrn ——————————ᷣ, Ar 14 Alles zurecht geſetzt hatte, damit er während ihrer Ab⸗ weſenheit nicht aufzuſtehen brauche. Er ſaß nun allein und ſah gedankenvoll in das Feuer, deſſen lodernde Glut die mächtige Geſtalt und das ausdrucksvolle Geſicht des Greiſes erhellte. Wohin konnten ſeine Gedanken ſich richten, als in die Vergangenheit, da ſeine Gegenwart wenig bot, das des Nachdenkens bedurfte, und für die Zu⸗ kunft ihm wohl nur noch eine kurze Spanne Zeit zuge⸗ meſſen war? Das Bild ſeiner Tochter, des letzten ſpäten Sprößlings aus ſeiner glücklichen Ehe, führte ihn in die Erinnerungen alter Tage zurück. An demſelben Hofe, den ſie jetzt zierte als Kammerfräulein der ſchönen kaiſerlichen Prinzeſſin, hatte auch ihre Mutter dereinſt gelebt, dort hatte er, der Jugendgenoſſe Kaiſer Friedrich's, ſie kennen gelernt und heimgeführt. Wer ſollte ſein Kind, ſeinen Lieb⸗ ling einſt heimführen? Die Söhne, mit denen ſeine Ehe geſegnet geweſen war, hatten alle den Tod auf den Schlacht⸗ feldern ſeines Herrn, des Kaiſers, gefunden, nur die Tochter war ihm übrig geblieben, und verarmt, wie er war, durch die Kriegszüge und die Noth der Zeiten, konnte er ihr nicht eine reiche Mitgift ſchenken, welche viel Freier angezogen hätte. Aber ſie beſaß viel köſtlichere Gaben, als er ihr hätte weihen können, und dieſe hatte ſie von ihrer Mutter geerbt: Liebreiz, Herzensgüte, heitern Sinn! Dem Greiſe ging die alte Zeit ſo lebendig auf, daß er, wie aus einem 15 Traume erwachend, ſeine Gattin anblickte, als dieſe jetzt zurückkam mit der dampfenden Schüſſel ihrer Abendmahl⸗ zeit. Sie bemerkte ſeinen Blick und ſagte lächelnd:„Nun, Hager, ſiehſt Du einen Geiſt?“ „Ich ſehe Dich vor mir zu Neuſtadt, als wir— ich meine den Kaiſer, meinen Herrn, und ſein ganzes Geleit— aus Ztalien kamen. Dort im großen Saale ſeh' ich Dich noch, wie Du der jungen, zierlichen Kaiſerin vorgeſtellt wurdeſt und ſo ſchön ſie war, mit ihren dunkeln, ſtrahlen⸗ den Augen und dem feinen Geſicht, warſt Du doch ſchöner, Elſi.“ „Das ſind thörichte Reden, Hager, glaubt Dir kein Menſch!“ erwiederte ſie.„Und dreißig Jahr her!“ „Schau, mir iſt es wie heut. Ich hab' den Kaiſer beobachtet, als ihm vor dem Thor zu Siena die Braut von Portugal zugeführt wurde, das war vom König La⸗ diſlav, ſeinem Vetter, dem armen jungen Herrn, der dann ſo früh ſterben mußte und von Herzog Albrecht— Gott ſei ihm gnädig!— Die hatten die königliche Prinzeſſin mit großem Staat empfangen und führten ſie meinem Herrn zu, der hielt zu Roß vor dem Thor und wir Alle, ſein öſterreichiſch Gefolg, bei ihm. Als er von Weitem die ſo gar kleine Geſtalt ſeiner Braut erblickte, da wurde er blaß, Elſi, ich hab' es deutlich geſehen. Aber wie er ſie, näher gekommen, angeſchaut hat und ſie wohl klein, wie 16 der Südländerinnen Art, aber wunderſchön von Geſtalt und blühend wie eine Roſe war—“ „Ei, Hager,“ unterbrach ihn die Frau lächelnd,„er⸗ zählſt Du mirs wieder? Hab' ich doch immer geſagt, daß Dir die ſchöne Kaiſerin das Herz geſtohlen hat und Du ſie nimmer vergeſſen kannſt.“ „Nun, Elſi, ich hab' ſie verehrt, weil ſie meines Herrn guter Engel hätte werden können. Mein Herz haſt Du mir auch nicht geſtohlen, aber ich hab' Dir's geſchenkt und ich denke, Du wirſt Dir's halt gut aufgehoben haben. Das wollt' ich Dir erzählen! Denn wie der Kaiſer blaß geworden, als er am Thore von Siena die Prinzeſſin Eleonora erblickt, ſo bin ich auch blaß geworden zu Neu⸗ ſtadt, da ich Dich unter den Fräulein ſtehen ſah, ſo lieb und ſchön, daß ich gar keine Augen für eine Andere hatte. Der Kaiſer aber wurde blaß, weil er erſchrack— mir aber lief alles Blut zum Herzen, weil—“ „Jetzt ſchäm' Dich gleich, Hager!“ unterbrach ſie ihn wiederum.„Da, gieb mir die Hand, wir ſind alt ge⸗ worden mitſammen und lieb haben werden wir uns, bis der gnädige Gott ruft, damit iſt's gut.“ Wie täuſchte doch der Anblick der grauen Feſte, welche auf den Wanderer, der ſie weiter nicht kannte, ſtets einen unheimlichen Eindruck machte! Auf ihrem Vorſprunge, von wo ſie das tiefere Land beherrſchte, unter den Bäumen 17 halb verſteckt, hielt ſie wohl Jeder für ein Raubneſt, wie deren ſo viele auf den ſchönen Bergen unſers Vaterlandes lagen, den friedlichen Einwohnern, beſonders den Kauf⸗ leuten, die ihren Handel doch mit Waaren und Gütern fernhin betreiben mußten, zum Verderben. Wer hätte gemeint, daß in jenem ſtarken, trotzigen Gemäuer ein ſo herzerquickendes Bild ſich darſtellen könne, wie jetzt das traulich vereinte Paar, das in unvergänglicher Liebe und Treue zuſammen alt geworden war und ſeine Tage ſtill und zufrieden verlebte? Aber es war nicht das einzige wohlthuende Bild, das ſich einem Beſucher des Altenſteigs hinter den ſchützenden Mauern bot, denn der Geiſt, der im Herrenhauſe waltete, hatte ſich auch allmälig den Burgleuten mitgetheilt, ſo daß eine ſeltene Eintracht und Freundlichkeit unter ihnen herrſchte, die ſich bei jeder Ge⸗ legenheit kund gab. Der Abend war nun ſchon weit vorgerückt und wie es in alter Zeit Sitte war, frühzeitig die Nachtruhe zu ſuchen, um des Morgens recht früh aufzuſtehen, gingen die Eltern, die noch viel von ihrem Kinde geſprochen hatten, bald nach der Abendmahlzeit zu Bett, ſich auf Nachrichten von Hedwig vertröſtend, wenn ein unvorhergeſehenes Er⸗ eigniß die Reiſe des Erzherzogs Siegmund, welchem ſich ihre Tochter anſchließen ſollte, etwa verzögert hätte. Freilich war es damals mit den Nachrichten, die heut mit 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 18 der Schnelle des Gedankens durch den elektriſchen Draht in die weiteſten Fernen getragen werden, ſehr übel beſtellt. Poſten in deutſchen Landen gab es auch noch nicht, Briefe und Botſchaften, wenn ſie nicht gelegentlich durch allerlei „fahrendes Volk,“ das jedoch nicht immer zuverläſſig war, wie brodloſe Söldner, herumziehende Sänger oder Schüler und andere, keineswegs gut berufene Leute, befördert wur⸗ den, mußten von eigenen Boten beſtellt werden und deren Fortkommen war nirgends recht geſichert. Es mußte daher mit geduldigem Hoffen ertragen werden, wenn die Kunde auch von den Liebſten in der Ferne oft dem ſehnenden Herzen zu lange ausblieb. So ging auch Frau Eliſabeth in ſtiller Geduld zu Bett und hatte Kraft genug, ihren Gemahl ſelbſt auf den Fall vorzubereiten, daß in den nächſten Tagen noch gar nichts von Hedwig verlaute. Davon wollte er aber nichts wiſſen.—„Was die Hetti verſpricht, das hält ſie auch,“ ſagte er.„Sie hat uns ganz beſtimmt durch den Pilger, der vor drei Tagen hier einſprach, ihre Ankunft auf heut beſtätigt— kann ſie nicht kommen, ſo ſchickt ſie Botſchaft; es wäre doch ſchlimm, wenn von allen jungen Geſellen am Hofe ſich Keiner fände, der unſerm Kinde zu Dank, oder meinethalb auch der Prinzeſſin zu Dank, die unſere Hetti lieb hat, einen Ritt nach dem Altenſteig unternehmen wollte. Ich wäre für Dich bis Rom geritten, Elſi.“ *—— ht t. efe lei Ar ler ur⸗ en her nde en eth ren den te. etti ins ier icht um, ide, der Ritt für 19 Sie deutete noch Manches an, das auch einen ſolchen Frauendienſt, der übrigens nicht mehr ſo freudig, wie in alten Zeiten zu finden war, verhindern könne und wünſchte dem Gatten dann eine gute Nacht. Im Herrenhauſe erloſch bald darauf das letzte Licht und auch des Wächters Lampe in dem runden Fenſter über dem Thore, die man vom ebenen Lande aus weit ſehen konnte, verſchwand. Es war eine ſtille Herbſtnacht. Der Wind, der am Tage friſch über die Stoppeln gegangen war, hatte ſich gelegt, aber es war dennoch ziemlich kalt geworden. Am Fuße des Höhenzuges, welcher die Feſte Altenſteig trug, von welcher ſeit jener Zeit auch die letzte Trümmer verſchwunden iſt— abgetragen, verbaut, ver⸗ kauft vielleicht!— langten zwei Reiter an, denen ein Mann zu Fuß, wie es ſchien, als Bote diente. Der Mond war aufgegangen und warf ſein mildes Licht über die Ge⸗ gend, aber es war nur ein zweifelhafter Schein und die Umriſſe zerrannen überall in phantaſtiſche Gebilde. „Das ſoll eine Burg ſein?“ rief der Vorderſte der beiden Reiter, als der Bote, der neben ſeinem Steigbügel ging, ihm die Stelle mit ausgeſtrecktem Arm bezeichnete, wo auf der Höhe Schloß Altenſteig lag.„Ich ſehe gar nichts, als Klippen, die aus den ſchwarzen Bäumen her⸗ vorgucken, wenn es nicht etwas Schlimmeres iſt.“ Der Bote betheuerte die Wahrheit ſeiner Behauptung. 20 „Und da hinauf willſt Du mich verlocken, daß ich oder mein Pferd oder wir Alle den Hals brechen?“ „Ich weiß den Burgweg,“ verſicherte der Mann. „Er geht krumm herauf— ein kleines Kind kann ihn ſteigen.“ „Du lügſt! Du willſt uns in's Verderben führen und uns beerben, was?“ Das Lachen, das den Scherz begleitete, konnte aber den ehrlichen Landmann nicht über den Verdacht tröſten, der ihn ſolcher Heimtücke beſchuldigte. „Jedenfalls iſt der Ritt unbequem und ich bin müde. Die Leut' oben ſchlafen feſt— wir müßten ſie erſt heraus⸗ klopfen, und ſtörten das ganze Haus. Morgen iſt auch ein Tag. Bring' uns nach dem Kloſter, das ich geſehen habe— dort finden wir eine beſſere Herberge.“ „Aber die geiſtlichen Herren ſchlafen auch ſchon— und wenn Ihr noch eine Stunde bis zum Kloſter reiten wollt, ſo ſeid Ihr unterdeſſen längſt auf dem Altenſteig,“ wandte der Bauer ein. „Schweig, hartnäckiger Schelm. Ich hab' mir das Kloſter von fern angeſehen und will dort übernachten. Vielleicht, wenn mir die Welt nicht mehr gefällt, kehr' ich künftig einmal dort auf immer ein und werde ſelbſt ein geiſtlicher Herr. Es iſt immer gut, wenn man für ſein Alter ſorgt. Alſo vorwärts!“ In dieſer leichtfertigen Weiſe ſetzte der Reiter ſeinen Willen durch und kehrte dem en rz er te de. 18⸗ en ein ein gen em 21 Altenſteig, den er in einer halben Stunde erreicht haben würde, den Rücken, um ſich eigenſinnig das Nachtlager bei den Benedictinern zu ſuchen, deren ſtattliches Kloſter in reizender Umgebung er von fern bei den letzten Strahlen der untergehenden Sonne bewundert hatte. War das ein Bote von Hedwig an ihre Eltern ge⸗ weſen, der ſie über ihr Ausbleiben beruhigen ſollte? Bweites Capitel. Die Gäſte. Nach der ſtillen, mondhellen Nacht brach ein un⸗ freundlicher Tag an. Gegen Morgen hatte ſich der Wind aus ſeiner geheimnißvollen Ruheſtatt wieder aufgemacht, die Nebel geſammelt, die von der Donau aufſtiegen, und den Wölkchen zugetrieben, welche leicht und duftig an der Spitze der Berge ſchwebten; nach und nach war eine graue, farbloſe Decke über den ganzen Himmel geſpannt worden, noch ehe der letzte Stern von dem Erwachen des Tages erblich. Die Sonne ging auf, aber die Wolkendecke war ſchon zu dicht und feſt geworden, um von ihren Strahlen noch durchbrochen zu werden. 22 Frau Eliſabeth ſtand am Fenſter des Thurmes, der in der vordern Ringmauer lag. Von dem Wohnhauſe hatte man keine Ausſicht in das Freie, denn es war zurück⸗ gezogen erbaut, um bei feindlichem Angriff, wenn die erſte Umfaſſung genommen war und der Feind durch die zweite Mauer in den Schloßhof brach, als Kern der Vertheidigung zu dienen— damals mußten ja alle Häuſer des Adels, ſelbſt innerhalb der Städte, auf den Kampf gegen Feinde, nicht auf Behaglichkeit des Wohnens berechnet ſein. Im Thurme war im mittlern Stock aber auch Raum zum Hauſen eingerichtet und mancher frühere Burgherr, dem es darauf ankam, ſelbſt mit ſcharfen Augen zu beobachten, was ſich in unmittelbarer Nähe der Feſte am Fuß der Berge zutrug, mochte hier gewohnt haben. Jetzt dienten die kleinen Gemächer, die hier nach zwei Seiten des Vor⸗ ſprungs ſchauten, nur zur Aufnahme von Gäſten, welche aber felten genug auf dem Altenſteig einſprachen, weil ihnen dort von den beiden alten Leuten wenig Freuden der Geſelligkeit geboten werden konnten, auch wohl deren ganze Sinnesart unbequem war. Denn ſeit den jungen Jahren Erwein Hager's von Altenſteig war ein neues Geſchlecht aufgewachſen, das er nicht mehr recht verſtand. Aus dem Fenſter des Thurmgemachs, an welchem zu früher Morgen⸗ ſtunde Frau Eliſabeth weilte, konnte man den Weg, nach dem ſie geſtern vom Marienberge geſpäht hatte, nicht ſehen; die ganze Reihe der Vorhügel, deren einer die Kapelle der heiligen Jungfrau und davon ſeinen Namen trug, verdeckte die Richtung Stromauf. Aber zwiſchen den Hügeln, wo eine flache Senkung in das ebene Land auslief, bot ſich eine ſchöne und ziemlich breite Durchſicht, deren Hinter⸗ grund die Thürme von Linz bildeten. Frau Eliſabeth hatte ſich gedakht, daß eine Aenderung in dem urſprüng⸗ lichen Reiſeplane, nach welchem Hedwig ſich von dem fürſt⸗ lichen Reiſezuge ſchon weit vor Linz trennen ſollte, doch wohl möglich ſei, das vielleicht der Erzherzog in Linz über⸗ nachtet habe und Hedwig von dort aus zu ihren Eltern geleitet werde. Und wie ſie in ihrer gläubigen Hoffnung feſt geblieben war, ſollte ſie dieſe nun mit Erfüllung ge⸗ krönt ſehen. Nachdem ſie eine lange Weile hinausgeſchaut und nichts erblickt hatte, war ſie wieder an ihre wirthlichen Geſchäfte gegangen, die ſie immer für mehrere Stunden des Morgens in Anſpruch nahmen. Aber bald wurde ſie durch die Meldung abgerufen, daß ſich durch den Grund nach dem Burgwege eine kleine Geſellſchaft nahe, unter welcher der Wächter Fräulein Hedwig zu erkennen glaube. Das Herz der Mutter hüpfte hoch auf bei dieſer, im Augenblick nicht erwarteten, Nachricht; ſie eilte, ſich ſelbſt von der Wahrheit derſelben zu überzeugen, und hatte ſich kaum am Fenſter, das ſie vor Kurzem verlaſſen, gezeigt, 24 als ihr ſchon von Unten mit einem weißen Tuche fröhlich gewinkt wurde. Sie war es, das herzige Kind! Die Mutter hätte ſie unter Hunderten flugs erkannt, obgleich ſie das Antlitz, wie es die Sitte der Zeit war, auf der Reiſe nicht fremden Blicken Preis gab, ſondern ver⸗ ſchleiert trug. Zu Pferd kam ſie, in Begleitung eines ſtattlichen Herrn, und von mehrern Reitern gefolgt. Das Thor wurde auf Befehl der Frau von Altenſteig weit geöffnet, obgleich der Zug noch eine Viertelſtunde auf dem gewundenen Burgwege zu reiten hatte, ehe er daſſelbe erreichte; dann ging die Dame, ihrem Gemahl die fröh⸗ liche Kunde, die ihm bereits hinterbracht worden war, zu beſtätigen, wobei ſie es nicht unterlaſſen konnte, ihm lieb⸗ reich ſeine geſtrigen Zweifel vorzuhalten. Nicht lange dar⸗ auf konnte ſie auf dem Burgplan vor dem Thore ihre Tochter, die ſich bei ihrer Erſcheinung, ohne fremde Hülfe abzuwarten, raſch vom Pferde ſchwang, an das Herz drücken. Das war ein inniger Herzdruck von beiden Seiten: zwei Jahre lang hatten ſie ſich nicht geſehen! Dann wandte ſich die Mutter an den fremden Herrn, welcher ebenfalls vom Pferde geſtiegen war, um ihn als Hausfrau willkom⸗ men zu heißen und ihren Gemahl zu entſchuldigen, daß er nicht ſelbſt komme, den Gaſt zu begrüßen und ihm für das ehrenvolle Geleit ſeiner Tochter zu danken. Hedwig's blaues Auge ſchien etwas zu ſuchen und ein ſeelenkundiger 25 Blick würde in ihren lieblichen Zügen eine gewiſſe Befrem⸗ dung wahrgenommen haben, aber die Mutter achtete in dieſem Momente nicht auf ſie, ſondern führte den alten Herrn in das Schloß, nachdem ſie auch die übrigen Be⸗ gleiter, welche abgeſeſſen waren und ihre Pferde den nach⸗ folgenden reiſigen Knechten übergeben hatten, freundlich bewillkommt. Hedwig ging an der andern Seite des alten Herrn und es fiel ihm gar nicht ein, daß ihre Mutter ihn nicht kennen ſollte. Als aber an der Pforte des Wohnhauſes der Vater, von ſeinem Diener unterſtützt, erſchien, ſtutzte er, ſeiner Tochter ſchon mit der Hand winkend, beim Anblick ihres Begleiters und rief:„Mein gnädiger Herr! Welche Ehre erzeigt Ihr mir!“ und wollte ihm, ſein Leiden nicht achtend, entgegen eilen. Der Fremde kam ihm jedoch ſchnell zuvor und während er dem Herrn von Altenſteig mit freund⸗ lichen Worten die Hand reichte, erfuhr die Mutter auf leiſes Befragen von ihrer Tochter: das ſei ja der Erzherzog Siegmund ſelbſt, welcher es ſich nicht habe nehmen laſſen, während ſeiner Raſt in Linz ſie nach dem Altenſteig zu bringen, um ſeinen alten Genoſſen auf mancher Gemsjagd, wie er ſich ausgedrückt, noch einmal wieder zu ſehen. Frau von Altenſteig beeilte ſich nun, ihre Freude und Dankbar⸗ keit dem hohen Gaſte ſelbſt auszuſprechen, aber ſie war weit entfernt, ſich zu entſchuldigen, wenn ſie etwa aus Un⸗ bekanntſchaft gegen die Ehrfurcht verſtoßen haben ſollte, denn ihrem Weſen war höfiſche Schmeichelrede eben ſo fremd, als Ueberhebung. Den Schloßherrn ſchien aber das Vaterglück, als er nun ſein lang entbehrtes Kind in die Arme ſchloß und ſie zur lieblichſten Jungfrau erblüht fand, von ſeinen Leiden befreit zu haben; er wies den alten Seppi zurück, der ihn wieder führen wollte, lud den Erz⸗ herzog ein, ſein Haus, ſchlecht und recht, wie es ſei, als das ſeinige zu betrachten, und begrüßte auch die Herren des Gefolges mit kräftiger Stimme. „Sagt mir, Mutter—“ begann Hedwig unterdeſſen leiſe—„habt Ihr geſtern keine Botſchaft von mir be⸗ kommen?“ Die Mutter verneinte es, Hedwig blickte ſie verwun⸗ dert an, und ein Zucken um ihre Lippen wurde bemerkbar. „Ich habe Euch Botſchaft geſchickt!“ ſagte ſie lebhaft. „Ich wollte Dich und den Vater nicht in Sorgen laſſen, da ich mich ſo feſt angemeldet hatte, und der Erzherzog nun mit dem Schiff herauf fuhr bis Linz, ſtatt den Weg zu Lande zu nehmen. Es iſt mir ganz unbegreiflich, daß— Du nichts erfahren haſt.“— Die Mutter konnte in ihrem Tone ein unwilliges Beben hören, aber es war jetzt nicht Zeit zu Beſprechungen, da die Pflichten der Hausfrau ſie von der Seite der Toch⸗ ter hinwegriefen. Sie bat Hedwig daher nur, ſich nicht zu 27 beunruhigen, ſie habe feſt geglaubt, heut früh wenigſtens Nachricht zu erhalten und der Bote, der vielleicht des Weges nicht kundig geweſen ſei, könne ſich verirrt haben, wenn ihm nicht ſonſt ein Unglück widerfahren ſei. Dieſer Gedanke ſchien aber Hedwig zu erſchrecken, der Unwille, der ihre Lippen gekräuſelt hatte, verſchwand plötzlich und machte dem Ausdruck banger Beſorgniß Platz. Die Mutter ſtreichelte ihr die Wange:„Es iſt ja nun Alles gut,“ ſagte ſie liebreich,„und Dein Bote wird ſchon noch kommen.“ Er war allerdings ſchon ganz in der Nähe, obgleich ihn die gute Aufnahme, die er bei den Benedictinern ge⸗ funden, etwas länger am Morgen feſtgehalten hatte, als eigentlich ſeine Abſicht geweſen war. Hedwig begab ſich in das Gemach ihrer Mutter, das, wie es in jener Zeit überall Sitte war, mit allen übrigen, für die weiblichen Bewohner des Schloſſes beſtimmten Räumen, in einem abgeſonderten Theile des Gebäudes lag. Freier geſelliger Verkehr der Männer und Frauen fand ſelten Statt, nur an den Fürſtenhöfen, wo der Feſt⸗ lichkeiten viele waren, erſchienen die Frauen mehr öffentlich. Wir ſehen daher auch an der Tafel in der großen Halle, die mit einem ſtattlichen Frühmahl für die Gäſte beſchickt war, nicht Frau von Altenſteig, ſondern ihren Gemahl die Ehren des Hauſes machen. Er ſchien völlig verjüngt zu ſein bei der Erinnerung an die ſchöne Zeit, da er mit dem — 28 Erzherzoge, dem Herrn der vordern Lande und Tirols, als Beide noch jung waren, manch' keckes Abenteuer in den herrlichen Bergen ſeines Erbes erlebt hatte, wenn er mit dem Kaiſer, ſeinem Herrn, aus Steiermark, welches dieſem bei der Theilung der Habsburgiſchen Länder zugefallen, nach Innsbruck, wo der Erzherzog Siegmund luſtigen Hof hielt, zum Beſuch gekommen war. Mancher Becher wurde auf das Gedächtniß der alten Zeiten geleert und es war vielleicht recht gut, daß Frau Eliſabeth nicht an der Tafel Theil nahm, ſie würde aus den jungen Jahren ihres Ge⸗ mahls, ehe er zu Neuſtadt bei ihrem erſten Anblick vor Bewunderung erblaßt war, vielleicht manche Andeutung vernommen haben, die ihr nicht gefallen hätte, wiewohl immer noch zweifelhaft blieb, ob ſie Wahrheit enthielten, denn der Erzherzog liebte einen derben Spaß und da er ſelbſt ein großer Verehrer des ſchönen Geſchlechts geweſen war— in Tirol wußte man davon zu erzählen— ſo glaubte er nicht recht, daß irgend Jemand darin ſtrenger denken könnte. Während die Geſellſchaft noch beim Becher ſaß und Frau von Altenſteig, die nun Alles wohl angeordnet wußte, mit ihrer Tochter im traulichen Geſpräch verkehrte, kam noch ein fremder Gaſt, von einem Knecht gefolgt, vor das Thor des Schloſſes geritten und forderte Einlaß, da er eine Botſchaft an den Herrn bringe. Der Wächter ſah 29 keine Gefahr, dem Begehren des jungen Fremden zu will⸗ fahren, aber er mußte dazu erſt Erlaubniß einholen, und fragte daher nach ſeinem Namen. Der junge Herr nannte ihn etwas ungeduldig, denn er war eben noch ſehr jung: kaum, daß ſich der erſte dunkle Flaum um ſeine Lippen zog. „Denkſt Du, ich will die Burg überrumpeln?“ rief er dem Wächter nach, als dieſer von ſeinem runden Fen⸗ ſter noch einen prüfenden Blick auf den bewaffneten Knecht warf.— Zu überrumpeln war aber die Burg nicht, da ihre Zugänge überall auf gute Schußweite einer Haken⸗ büchſe frei gelegt waren, kein Feind konnte ſich ungeſehen und gegen Bolzen und Kugeln gedeckt dem Thore nahen. Dem Herrn, welcher mit ſeinem erlauchten Gaſt und deſſen Gefolge noch bei Tafel ſaß, war mit der Meldung nicht anzukommen, der Wächter ließ ſie alſo durch eine von den Mägden an die Frau beſtellen; natürlich vergaß dieſe den Namen des Fremden, der Einlaß begehrte, aber Hed⸗ wig wußte ſogleich, wer es war. „Laß mich ihm zuerſt entgegen treten, Mutter,“ rief ſie mit erglühenden Wangen und einem Aufblitzen des Auges, das der Mutter nicht entging, wiewohl es ihr mehr ſtolz, als freundlich ſchien. Das Verlangen, welches den freiern Sitten des Hofes, an welchem Hedwig lebte, vielleicht entſprach, war der Mutter nicht zuläſſig, ſie erlaubte der Tochter jedoch, Sceebee aene ſie zu begleiten, als ſie ſich in das Wohnzimmer zu ebner Erde begab, um den neuen Gaſt, welchen der Wächter ein⸗ laſſen mußte, zu empfangen. „Siehſt Du, Mutter!“ ſagte Hedwig, als ſie vom Fenſter aus den jungen Fremden über den Hof daher kom⸗ men ſahen.„Wie ich Dir ſagte: Lienhard Wolfenegg.“ Eine auffallend angenehme Erſcheinung! Schlank gewachſen, ſorgfältig, faſt zu reich für eine Reiſe gekleidet, von regelmäßigen, noch etwas weichen Zügen und einer mädchenhaft roſigen Geſichtsfarbe, die noch mehr durch die langen, dunkelbraunen Locken gehoben wurde, welche unter dem leichten, mit einer hängenden weißen Feder geſchmück⸗ ten Barett hervor bis auf die Schultern wallten— ſo ſchritt der Ankommende über den innern Schloßhof der Pforte zu. Nur ſeine Haltung hatte keine rechte Feſtigkeit, ſelbſt für ſeine Jahre noch nicht genug, und auch ſein Gang war etwas nachläſſig. Man öffnete ihm die Pforte des Hauſes, man wies ihn in das Zimmer, wo er die Herrſchaft finden werde. Da ſtand er vor den beiden Frauen, und als er ſich vor der Aeltern, die ihm entgegentrat, verneigte, fiel ſein Blick auch auf Hedwig und eine plötzliche Glut ſchoß bei dieſer unerwarteten Begegnung über ſeine Wangen, daß er für einen Moment ſeine ganze Faſſung verlor. „Ihr ſeht, ich bin früher angekommen, als Ihr, —————— 31 Junker Lienhard,“ konnte ſich Hedwig nicht verſagen aus⸗ zuſprechen. Er fand ſeine verlorne Geiſtesgegenwart wieder. „Das hab' ich freilich nicht geahnt,“ erwiederte er, mit einer leichten, aber keineswegs verlegenen Neigung des Hauptes.„Edle Frau, verzeiht mir demnach,“ wandte er ſich an Frau von Altenſteig.„Das Fräulein trug mir auf, die Verzögerung, welche ihre Ankunft erleiden mußte, hieher zu melden— ich war heut Nacht ſchon vor dem Thore, aber da ich es für unmöglich hielt, daß das Fräu⸗ lein heut hier eintreffen könne, ſo wollte ich die Ruhe des ganzen Schloſſes nicht ſtören und ſuchte mir ein anderes Nachtlager. Hätte ich gewußt, daß ich dennoch das Fräu⸗ lein ſchon hier treffen würde, ſo hätte ich es für überflüſſig gehalten, Euch, edle Frau, hinterher noch läſtig zu fallen und— lächerlich zu werden.“ Frau von Altenſteig dankte ihm freundlich, daß er die Botſchaft überhaupt habe ausrichten wollen und bat ihn, es ſich im Hauſe gefallen zu laſſen, ihr Herr werde ſich freuen, ihn kennen zu lernen, da er glaube, mit ſeinem Vater, wenn es Herr Veit von Wolffenegg ſei, vor Zeiten in Verbindung geſtanden zu haben. Viele Worte machte die Dame nicht, weil ihr die Gaſtfreundſchaft etwas Selbſt⸗ verſtändliches war, aber ihre Worte klangen herzlich und der Blick ihrer freundlichen Augen hatte ſo viel Aehnlich⸗ 32 keit mit dem Blick ihrer Tochter, wenn dieſe Jemand freundlich anſah, daß der junge Mann, der in ſeiner Be⸗ ſchämung ſchon im Sinne gehabt, ſich augenblicklich wieder zu verabſchieden, auf das Pferd zu werfen und das Schloß zu verlaſſen, die Einladung annahm. Er wurde zwar noch einmal unangenehm berührt, als er hörte, was ihm der ſchweigſame Wächter ebenſowenig, als die Anweſenheit des Fräuleins, berichtet hatte, daß er nämlich den Erz⸗ herzog Siegmund mit einigen Edelleuten ſeines Gefolges hier treffen werde. Ihm ſtand von den luſtigen Tiroler Herren eine arge Neckerei bevor, da ſie, wie er annehmen konnte, von ſeinem übernommenen Auftrage wußten, und gegen Neckereien war er ſehr empfindlich, beſonders, wenn ſie nicht der Art waren, daß er ſie ernſtlich verbitten konnte. Indeſſen ließ es ſich vor der Hand nicht ändern und er folgte dem alten Diener, welcher ihn auf Befehl der Frau von Altenſteig zu den tafelnden Herren bringen ſollte. Als er ſich entfernt hatte, ſagte die Mutter etwas zu ſeinem Lobe, beſonders war ihr ſein Geſicht wie ſein ganzes Betragen ſehr gutmüthig erſchienen und das galt in ihren Augen viel. „Es kann ſein,“ erwiederte Hedwig.„Was ich ſonſt von ihm weiß, gefällt mir nicht.“ „Dann wundere ich mich aber, Hetti, wie Du Einen, der Dir gar nicht gefült. um einen Dienſt bitten kannſt.“ 33 „Ich hab' ihn nicht gebeten, Mutter!“ verſetzte Hed⸗ wig eifrig.„Der Kaiſer hat es veranlaßt. Er hat mich gebeten, ihn nach dem Altenſteig reiten zu laſſen, damit Ihr Euch nicht ängſtigen ſolltet, als wir das langſame Schiff beſtiegen. Wahrhaftig, Mutter! Du ſiehſt mich an— wie er um das Alles gewußt hat, nicht wahr? Ich ſprach mit meiner Erzherzogin davon und glaubte nicht, daß Einer es hören könnte. Er aber lauſcht überall und hatte es doch gehört und erbot ſich mir, aber ich wollt' es nicht annehmen, bis ich dachte, daß ich Euch wirklich eine Sorge erſparen möchte. Und ſo gab ich ihm meine Bot⸗ ſchaft, die er nicht geſtern erſt, ſondern ſchon ehegeſtern Euch hier beſtellen wollte. Das hatte er mir verſprochen.“ Die Erklärung ſchloß wieder mit einem Vorwurfe; Frau von Altenſteig ſuchte den jungen Mann zu entſchul⸗ digen und äußerte, daß auch ihm unterwegs ein unvorher⸗ geſehener Aufenthalt geſchehen ſein könne. „Dann würde er ihn wohl vorgebracht haben!“ ſagte Hedwig.„Er denkt nur an ſich ſelbſt. Daß Ihr Euch Sorgen machen könntet, hatte er längſt vergeſſen, er hat auch darüber kein Wort geſagt! Und dann— wenn er ſich wirklich hier überflüſſig findet, nachdem ſeine Botſchaft verſäumt iſt— warum bleibt er? Das iſt nicht männlich.“ Die Mutter ſah ſie verwundert an.„Du biſt ſcharf geworden, Hetti!“ 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 3 34 Hedwig erwiederte:„Wenn nur die Menſchen alle recht ſcharf gegen ihn wären, das würde ſein Glück ſein. Aber ſie verhätſcheln ihn und er iſt ſo ungezogen, manch⸗ mal ganz unausſtehlich. Denn der Kaiſer hält ihn wie ſein Schvoßkind und da glauben ſie nun Alle, ſie müßten ihn ſtreicheln und er könnte ihnen große Gnaden aus⸗ wirken.“ Hätte die eifrige Sprecherin, die ſich auf ſolche Weiſe über Lienhard Wolffenegg ausſprach, einen Blick in die große Halle thun können, ſo würde ſie von ihrer Meinung, daß er von Allen geſtreichelt werde, zurück ge⸗ kommen ſein. Mochte es am Hoflager des Kaiſers ge⸗ ſchehen, die Tiroler Herren, welche mit Erzherzog Sieg⸗ mund dort zum Beſuch geweſen waren und jetzt in ihre Berge heimkehrten, thaten es nicht. Die waren überhaupt nicht gewohnt zu ſtreicheln. Mit dem Schwert in der Hand hatten ſie einſt ſogar dem Kaiſer getrotzt, der als Vormund ihres noch jungen Herrn dieſem die Regierung noch länger vorenthielt, als in dem Vertrage über die Großjährigkeit feſtgeſetzt war, und der Kaiſer hatte nach⸗ geben, den Erzherzog Siegmund, ſeinen Vetter, der Vor⸗ mundſchaft entlaſſen müſſen. Wie ſehr ſie auch im Recht zu ſein glaubten, immer ein böſes Beiſpiel! Denn wenn die Tiroler auch aus Treue gegen ihren Herrn den Auf⸗ ruhr gegen den Kaiſer erhoben, ſo fanden ſich doch bald, 35 als man deſſen Nachgiebigkeit ſah, welche doch nur Aner⸗ kenntniß guter Rechte war, unter ſeinen eignen Unterthanen in den ihm ſelbſt zugefallenen Theilen der habsburgiſchen Erzlande Viele, die ſich dieſe Nachgiebigkeit auch zu Nutz machen wollten. Von den Tiroler Herren, welche im Jahr 1446 für den Erzherzog Siegmund die Waffen er⸗ griffen hatten, ſaß nun freilich jetzt vierzig Jahre ſpäter keiner mehr mit ihm an der Tafel Hager's von Altenſteig, obgleich Mancher noch daheim auf ſeinem Erbe im ſchönen Inn⸗ oder Etſchthal lebte, aber das jüngere Geſchlecht, mit welchem der lebensluſtige Herr auch in den Fünfzigern noch gern verkehrte, hatte den Sinn ſeiner Altvordern und wenn ſie freimüthig waren gegen ihren Fürſten, um wie⸗ viel weniger ſchonten ſie einen jungen Fant, der ſie ſchon während ihres Aufenthalts in der Hofburg durch ſein übermüthiges Weſen mehrfach beluſtigt hatte. Lienhard war zum Glück darauf gefaßt geweſen, von ihnen heut viel beſchämende Neckereien zu erdulden, ſo erwehrte er ſich ihrer noch ganz leidlich mit jener unbekümmerten Miene, als gelte ihm Alles, was Fremde über ſein Thun und Laſſen urtheilten, blutwenig. Er hatte beim Eintritt dem Erzherzoge, der ihn lachend anrief, ob er rücklings geritten ſei, daß ihm ein Schiff ſtromauf den Vorſprung abgewonnen habe, eine leichte Erklärung gegeben, daß er nämlich am erſten Tage ſeines Rittes mit einer ſtreifenden 36 Schaar in Berührung gekommen ſei, die ihm den Weg verlegt habe, daß er, ſpät in der verwichenen Nacht am Thore des Schloſſes angekommen und weil er nicht habe die Ruhe ſtören wollen, wieder abgeritten ſei. Dann hatte er ſich dem Hausherrn vorgeſtellt, in der That als den Sohn ſeines alten Bekannten Veits von Wolffenegg, der noch hochbetagt auf ſeiner Bergfeſte an der Mur in Steier⸗ mark lebte. Der Herr von Altenſteig hatte ihn freundlich willkommen geheißen und Platz für ihn an der Tafel ge⸗ ſchafft, allerdings unter den gefürchteten Tirolern, die nun ſogleich mit ihrem geſunden Witz über ihn herfielen. Dort ging es ſo laut zu, daß man nicht auf die Auskunft achtete, welche der Wirth auf die Fragen ſeines erlauchten Gaſtes mit gedämpfter Stimme gab. „Ja, gnädiger Herr— ich kenne den Wolffenegger, wiewohl wir nur in unſern ſehr jungen Tagen gute Geßer geweſen ſind. Er ſchlug ſich nachher mit zu den Rebellen unter dem Cilly und Eyzinger, und wir beſtanden uns ſogar beim Sturm auf Neuſtadt im Zweikampf, der aber im Getümmel nicht zu Ende kam, weil ſich Andere zwi⸗ ſchen uns drängten. Dann trat er auch auf die Seite Erzherzog Albrecht's, als der unglückliche Bruderkrieg aus⸗ brach— Ihr ſeht, Widerpart hielten wir immer. Und ſo ging es fort. Er hielt zum Georg von Stein gegen den Kaiſer, zu den ſteiriſchen Rittern, Anno Ein und Sieben⸗ S—— S S ü e N — V 37 zig, denn er war in Steiermark, ſeit ihm ſein feſtes Haus in Oeſterreich gebrochen war. Seitdem hab' ich nichts mehr von ihm gehört, bis mir heut die Hetti, meine Toch⸗ ter, erzählt hat, von dem Junker dort, daß ſie einen Wolffenegger an mich abgeſchickt, mir zu melden, warum ſie ausbliebe.“ „Mein Oheim ſcheint alſo den Alten wieder zu Gnaden angenommen zu haben,“ bemerkte der Erzherzog. „Das weiß ich nicht. Ich muß den Junker d'rum fragen, wie er an den Hof gekommen iſt. Ein ſchlimmer Geſell war der Alte, aber nicht ſchlimmer, als all' die Andern. Sie hauſten ja im Lande, als hätten ſie ganz vergeſſen, daß ſie in Chriſtenlanden und noch mehr, im eignen lieben Oeſterreich waren! Wär's noch ehrlicher Krieg geweſen, deſſen Noth auch ſchwer genug iſt, aber diebiſches Rauben und Morden, wo der Feind vor den Söldnern viel ſicherer war, als die armen Leut', wo ſie ihnen nicht blos das Vieh von der Trift hinwegführten, ſondern ſogar die unſchuldigen Kinder! Und das waren Chriſten und Deutſche!“ „Erwein!“ ſagte der Erzherzog unmuthig, denn er fühlte, daß auch er zu der böſen Zerwürfniß, welche da⸗ mals herrſchte, Einiges beigetragen hatte.„Du ſchiltſt wohl zu viel: es mögen die huſſitiſchen Böhmen, die ihre grauſame Weiſe noch nicht laſſen können, oder wilde 38 Ungarn und Kumanen geweſen ſein, öſterreichiſche Män⸗ ner gewiß nicht.“ „Soll ich's Euch ſagen, gnädiger Herr?“ verſetzte Herr von Altenſteig eifrig, aber leiſe.„Deſſen Vater dort hat einmal zehn Kinder, Knaben und Mägdlein, von Wiener Bürgern aufgegriffen und ſich ein ſchweres Löſe⸗ geld zahlen laſſen.“ Der Erzherzog blickte finſter auf den jungen Mann, als wolle er ihn für die Thaten ſeines Vaters verantwort⸗ lich machen.„Es war eine böſe Zeit,“ ſprach er dann mit einem Seufzer.„Möchten wir dergleichen nicht mehr er⸗ leben.“ „Ja und zuſammenhalten!“ rief Hager von Alten⸗ ſteig.„Es iſt ſchon nicht gut, gnädiger Herr, wenn das Land getheilt iſt— verzeiht einem alten treuen Diener, der ſich wohl getrauen kann, das gegen Euch auszuſprechen, weil Ihr ſelbſt für Eure Lande keine Erben habt und ſo Gott will dereinſt alles Habsburgiſche wieder in Eine Hand kommen wird.“ „So! Wünſcheſt mir bald eine ſanfte Ruh und eine fröhliche Urſtänd!“ ſagte der Erzherzog lachend. „Gott erhalte Euch, gnädiger Herr! Ihr könnt noch zwanzig Jahre leben. Aber wenn uns Allen doch einmal beſchieden iſt—“ „Laß gut ſein, Alter. Ich weiß, Du haſt ein treues 39 öſterreichiſches Herz und wenn mein tapferer Vetter, der Max, zu mir kommt, werde ich ihm ſagen, daß er Dich auch zu ſeinen Rath nehmen ſoll, dabei wird er wohl fahren.“ „Ihr meint, ich paſſe mit zu ſeinem luſtigen Rath, zu Kunz von der Roſen!“ erwiederte Hager.„Ich weiß wohl, es wird heut zu Tag für Narrethei und Schellen⸗ geklingel gehalten, wenn Einer vom Vaterland ſpricht, wo jedwedes Menſchenkind nur auf ſeinen eigenen Vor⸗ theil und des Nächſten Schaden ſieht. Aber ich kann mir nicht helfen, mir blutet das Herz, wenn ich ſehe, wie es zugeht und wie es beſſer ſein könnte, wenn nur—“ hier ſchwieg er. Der Erzherzog mochte ihn verſtehen, denn er forderte ihn nicht auf, ſeine Meinung auszuſprechen, ſondern erhob den Pokal und neigte ihn gegen ſeinen Wirth, um ihm zuzu⸗ trinken.„Ergo bibamüs!“ ſagte er. In dieſem Spruch, als Antwort auf eine inhaltſchwere Rede gab er ſeine ganze Sinnesart zu erkennen, die das Leben immer leicht nahm. Erwein Hager that ihm wohl Beſcheid, konnte aber von dem, was ihm das Herz voll machte, nicht ſo ſchnell abkommen. „Iſt es denn wahr,“ fragte er,„daß die Ungarn freien Durchzug durch Steiermark und Kärnthen erlangt haben?“ 40 „Sollte es der Kaiſer dem Matthias abſchlagen, einen neuen Krieg entzünden, nachdem der vorige ſo viel Elend über Oeſterreich gebracht hat? Ich dächte, die Sach' wäre noch im friſchen Andenken, kaum drei Jahre her. Kann mein Oheim vielleicht auf all' ſeine getreuen Stände rech⸗ nen? Du weißt beſſer, als ich, wieviel Oeſterreicher zum Könige Matthias abgefallen ſind, als die Ungarn vor Wien lagerten. Gezwungen, ſagſt Du! Ich will's nicht unter⸗ ſuchen, vielleicht hätten ſich aber die Wiener auch zwingen laſſen, dem fremden Könige den Eid der Treue zu keiſten!“ „Niemals! Wien iſt feſt, ſeine Bürger ſind ſtreitbar, das hätte der Matthias nimmer genommen.“ „Streitbar ſind ſie, das ſei Gott geklagt. Meine beiden Oheime, der Kaiſer und der Albrecht, haben's er⸗ fahren. Es weiß nur eben Keiner mit Sicherheit, für wen ſie ſtreiten wollen, wenn es nicht ihre eigene Gerechtſame betrifft. Nein, Alter, gieb es zu, daß ein Fürſt ſich heut zu Tage nur auf ſeine eigenen Waffen verlaſſen kann—“ Herr von Altenſteig unterdrückte eine Antwort. „Und dann, wie ſollen die Ungarn denn mit den Venetianern anbinden,“ fuhr der Erzherzog fort,„wenn ſie nicht durch Steiermark und Kärnthen ziehen dürfen? Zur See kommt kein Feind der Stadt an, dafür ſorgt ſchon die Frau Eheliebſte des Herrn Dogen, ich meine das adriatiſche Meer, das von Venedigs Flotten beherrſcht ————+———,——„„—— — +,——+—e——— 41 wird. Alſo muß man ſie auf der Terra firma angreifen und ihnen Alles wieder abnehmen, was ſie ſich dort zu⸗ geeignet haben. Mir, als Nachbar, wird es ganz lieb ſein, wenn der Rabe dem geflügelten Löwen etwas die Pranken ſtutzt.“ „Aber der Rabe—“ nahm Hager die Anſpielung auf den Beinamen(Corvinus) des Königs von Ungarn auf—„der Rabe iſt ein ſchlauer und diebiſcher Vogel, nehmt Euch in Acht, daß er nicht beim Durchflug durch das Haus ein Paar ſchöne Kleinodien davon trägt. Ich fürchte, gnädiger Herr— aber darf ich auch meine Mei⸗ nung ehrlich ſagen?“ „Sprich!“ erwiederte der Erzherzog.„Mir ſagen ſo viele Grünſchnäbel ihre Meinung unaufgefordert, daß ich gern die eines erfahrenen Mannes höre.“ „Mein Herr, der Kaiſer,“ ſagte Hager,„hat dem Ungarnkönig die Hand ſeiner Tochter, des kaiſerlichen Fräuleins, abgeſchlagen, das kann der eben ſo wenig ver⸗ geſſen, als daß ihm die Hoffnung auf Böhmen, nach des Podiebrad Tode, vereitelt worden iſt. Nun hat ſich zwar der Ungar anderweit verheirathet, und es iſt von dem heiligen Vater mit Hülfe der neuen Königin ein Friede vermittelt worden— haltet zu Gnaden, hat da mein Herr, der Kaiſer, nicht mehr verſprochen, als er leiſten kann?“ „Sage mir, Erwein,“ rief der Erzherzog,„wie haſt 42 Du in Deinem einſamen Neſte hier all' dieſe Welthändel erfahren? Ich zerbreche mir nicht viel den Kopf darüber; in meiner Felſenburg, dem Tiroler Land, ſollen ſie mich wohl unangefochten laſſen. Aber ſprich weiter, was meinſt Du?“ „Es geziemt mir nicht zu ſagen, was mein Herr, der Kaiſer, hätte thun ſollen. Aber halten kann er die Be⸗ dingungen des Friedens nicht; hat er den neuen König, den ſich die Böhmen aus Polen geholt haben, mit der Krone belehnt, ſo gelten die Lehnsbriefe nicht, die er ſpäter dem Matthias auf Böhmen und die Kurwürde ausgeſtellt hat und ebenſo, wie kann er den Sforza's, die nun ſchon ſeit dreißig Jahren im Beſitze ſind, das Herzogthum Mailand wieder abnehmen, um es an den Bruder der jungen Kö⸗ nigin zu geben, den Prinzen Friedrich von Neapel? Seht, gnädiger Herr, das iſt eben die Liſt des Raben. Er weiß eben ſo gut, daß der Kaiſer dieſe Bedingungen nicht halten kann und es giebt deshalb neuen Krieg, heut oder morgen, der bleibt nicht aus; warum alſo dem Feinde freiwillig die Thore des Landes öffnen? Durchzug wird es nicht ſein, ſondern Einzug.“ Das Geſpräch war zwar nicht laut geführt worden und die übrigen Gäſte hatten in ungezwungener Luſtigkeit, die der Erzherzog ſtets in ſeiner Umgebung nicht allein duldete, ſondern liebte, bisher gar nicht darauf geachtet, ——„—„ —— ——— ie in, en it, ein et, 43 was den Fürſten gegen ſeine Gewohnheit ſo ernſt machte, aber auf die Dauer konnte es ihnen doch nicht entgehen und es wurde etwas ſtiller am andern Ende der Tafel. Siegmund war jedoch nun ſeinerſeits von den unerfreu⸗ lichen Betrachtungen ſeines Wirthes ſo in Anſpruch ge⸗ nommen, daß er gar nicht bemerkte, wie er von ſeinen Begleitern beobachtet wurde. „Aber wie ſoll da geholfen werden? Weißt Du ein Mittel, Alter?“ rief er unmuthig. „O ja, gnädiger Herr,“ erwiederte Hager von Alten⸗ ſteig.„Einigkeit.“ „Die ſchaffe!“ verſetzte der Fürſt bitter. „Ich nicht, mein gnädiger Herr, aber ein feſter Wille und eine ſtarke Hand mit dem Scepter und Schwert von Gottes Gnaden vermag's.“ Der Erzherzog ſchwieg und es war, als ſeien dieſe bedeutungsvollen Worte an der ganzen Tafel vernommen worden, denn es trat eine tiefe Stille ein. Da hielt es der Fürſt an der Zeit, ſich zu erheben, ſein ſonſt gar heitres Antlitz war verdüſtert, aber er drückte ſeinem Wirthe herzlich die Hand. ———— 44 Prittes Capitel. Vergangene Tage. Seit einem Jahre ſchon hatten ſich die Eltern geſehnt, ihr Kind, das am Hofe im Dienſt der Erzherzogin Kuni⸗ gunde ſtand, einmal wieder zu ſehen und einige Zeit bei ſich auf dem Altenſteig zu behalten, aber immer hatte ſich in den unruhigen Zuſtänden die Gelegenheit dazu nicht geboten. Die Kaiſertochter liebte auch Hedwig zu zärtlich, um ſich gern von ihr zu trennen. Endlich hatte die Heim⸗ reiſe des Erzherzogs Siegmund, welcher auf ausdrückliche Einladung des Kaiſers von Tirol nach Wien gekommen war, um Vorſchläge und Anliegen ſeines Oheims für mögliche Fälle zu hören, die Möglichkeit gewährt, Hedwig ſicher nach Hauſe gelangen zu laſſen und ſie konnte nun mehrere Wochen hier bleiben. Unterdeſſen ſollte das kaiſer⸗ liche Hoflager, wie es wenigſtens beabſichtigt war, wieder nach Neuſtadt gehen und die Prinzeſſin Kunigunde, des Vaters Liebling, der er ſo leicht nichts abſchlug, hatte ſchon ihre Pläne, wie ſie Hedwig eben ſo ſicher zurück füh⸗ ren wolle. Der Erzherzog blieb nicht über Nacht auf dem Altenſteig, aber er brachte noch ein Paar Stunden in Ge⸗ ſellſchaft der Damen zu und dieſe waren ihm genußreicher, als die eben verfloſſenen; obgleich er auch ein Freund der i⸗ ei ich ht n he ür ig un ere der es tte ih⸗ em e⸗ er, der 45 Tafel war und der Oeſterreicher vom edelſten Gewächs, den ihm ſein Wirth aufgeſetzt, trefflich gemundet hatte, war ihm doch die geſellige Freude durch die ernſte Wendung, welche das Geſpräch genommen, verleidet worden. Bei den Frauen kehrte ſein natürlicher Frohſinn zurück und die liebenswürdige Galanterie, die ihm eigen war, machte auch auf Frau von Altenſteig einen vortheilhaften Eindruck; Hedwig hatte ihn ſchon mehr kennen gelernt und wußte ſeinen Scherz, wenn er ſich neckend gegen ſie richtete, fein und harmlos zu erwiedern. Die übrigen Gäſte nahmen ungezwungen Theil an der Unterhaltung, nur Lienhard Wolffenegg hielt ſich etwas zurück, ſaß in vornehm nach⸗ läſſiger Haltung auf dem Seſſel und tändelte gedankenlos mit ſeinem zierlich geſtickten Wehrgehäng. Nur einmal durchzuckte es ihn, als er Hedwig's Auge begegnete, das mitten im Geſpräch mit dem Erzherzoge auf ihn gerichtet war. Er fühlte, daß ihm die Wangen heiß wurden, doch lehnte er ſich grade deshalb nur noch gleichgültiger zurück, und ſah das Fräulein nicht mehr an. Vor dem Abſchiede wurden Aepfel und eingemachte Früchte, nebſt erfriſchenden Getränken herumgereicht, dann erfolgte der Aufbruch. Lienhard hatte ſich, während der Erzherzog noch mit Frau von Altenſteig ſprach, entfernt, was die Tiroler Herren als Anmaßung mißfällig bemerk⸗ ten. Er traß im Flur des Thorweges mit der alten 46 Kammerfrau zuſammen, welche die Erzherzogin dem Fräu⸗ lein von Altenſteig zur Bedienung und als Ehrengeleit auf die Reiſe unter lauter Herren, wenn gleich unter dem Schutze ihres fürſtlichen Vetters, mitgegeben hatte. „Nun, ſchöne Frau,“ redete er ſie an,„wir Zwei machen wohl die Rückreiſe nach Wien zuſammen, da wir doch nicht mit nach Tirol gehen. Ich empfehle mich Eurer Gunſt.“ Die Kammerfrau ſah ihn ſträflich an.„Ich bleibe hier, Junker Wolffenegg,“ ſagte ſie. Unterdeſſen kamen auch die Herren, der Erzherzog voran, aus der Halle; die Kammerfrau verſchwand in der nächſten Thüre und Lienhard trat beiſeit, die Geſellſchaft, welche Herr von Altenſteig begleitete, vorüber zu laſſen. Von dem Erzherzoge hatte er ſich bereits nach der Tafel beurlaubt und ſeine letzten Befehle für die Rückkehr an das kaiſerliche Hoflager entgegen genommen. Da faßte ihn der Hausherr bei der Hand und ſagte:„Euch laſſe ich noch nicht fort. Ihr ſollt mir noch Manches erzählen. Seid mein Gaſt, bis es Euch nicht mehr bei uns gefällt.“ Lienhard war vorher hinausgegangen, um auch ſein Pferd ſatteln zu laſſen; bei dieſer herzlichen Einladung ſtand er aber von ſeinem Entſchluß ab und nahm ſie dank⸗ bar an. Davon wußte nun Hedwig nichts, und als die übrige Geſellſchaft abgeritten war und die Frauen ihn — —— 47 allein mit dem Vater, der ſie zu ihrem Erſtaunen, ohne ſich führen zu laſſen, bis an das äußere Thor begleitet hatte, zurückkommen ſahen, ſagte ſie zu der Mutter: „Siehſt Du! Er macht keine Umſtände. Deine höfliche Rede gilt ihm für eine Einladung, ſich ſo bequem als möglich einzuhauſen.“ Die Mutter verwies ihr wiederum die unfreundliche Aeußerung, machte ſich aber doch ihre eigenen Gedanken über die offenbar gereizte Stimmung, welche ſich in jeder Aeußerung ihrer Tochter über den jungen Mann ausſprach und glaubte, darin eher ein Zeichen zu finden, daß er ihr nicht gleichgültig ſei. Sie hütete ſich jedoch, ihren Ge⸗ danken zu verrathen und beſchloß, das Verhältniß zwiſchen Beiden zu beobachten, bis Hedwig, die ihr zuweilen ſehr verändert in ihrem Weſen erſchien, ſich in ihrem Herzen bewogen finden werde, ſich mit dem alten kindlichen Ver⸗ trauen gegen ſie auszuſprechen. Der Vater führte Lienhard zu ihnen in das Wohn⸗ zimmer.„Seht, Kinder,“ ſprach er heiter,„ſo wird man wieder jung, wenn man an ſeine jungen Tage denkt. Ich gehe ohne den Seppi und brauche nicht einmal einen Stock. Setzt Euch, Lienhard— ſo heißt Ihr doch? Wie ſeid Ihr zu dem Namen gekommen, der in Eurer Sippſchaft nie⸗ mals gehört worden iſt, ſo weit ich denken kann? Ihr wißt's nicht, freilich— ſeid zwar dabei geweſen, als Ihr 48 getauft worden ſeid, haha! aber von der Zeit wollt Ihr nichts ausplaudern!“ Der junge Mann wurde ein wenig roth, aber nur Hedwig bemerkte den trotzigen Zug um ſeinen Mund, weil ſie ihn ſchon kannte; dem Vater kam ſein Erröthen ſehr jüngferlich vor, weil er es einer falſchen Urſache zuſchrieb. „Nun, nun!“ lachte er.„Ich will Euch nicht in Verlegen⸗ heit ſetzen. Aber den Namen Eurer Mutter müßt Ihr mir ſagen, ich hab' mir gar nicht gedacht, daß der Veit— ich meine Euren Vater— im Leben noch freien würde, und es muß erſt in ſpäten Jahren geſchehen ſein, nach Eurem Alter zu ſchließen.“ „Ja wohl, Herr,“ erwiederte Lienhard,„denn ich bin achtzehn Jahre alt und mein Vater achtundſiebenzig. Aber meine Mutter lebt nicht mehr und ich habe ſie nie gekannt. Sie war eine italieniſche Fürſtentochter aus dem Geſchlechte der Maricalandi.“ „So!“ verſetzte Hager verwundert.„Maricalandi— den Namen habe ich in Welſchland nie gehört, aber es giebt dort faſt ſo viele Fürſtengeſchlechter, als kleine Städte, denn wo ſich ein Condottier feſtſetzen konnte, warf er ſich zum Herrn auf. Es wäre faſt bei uns auch ſo gekommen — der Gerhard Fronauer ſaß ſchon zu Orth, der Georg von Stein ſchrieb ſich Regierer und Herr der Herrlichkeit zu Steier, und ich könnte Euch noch ein Dutzend nennen, i — 1 —— —————— 1 49 die es verſucht haben.“ Mit einem Blicke auf den Jüng⸗ ling brach er ab, nur ſeine Frau verſtand ihn, denn ſie wußte, daß Veit von Wolffenegg auch zu den Landbeſchä⸗ digern gehört hatte, und es nahm ſie nur Wunder, wie ihr Gatte demungeachtet noch immer ſo vielen Antheil für ihn hegte; die erſte Zugendfreundſchaft muß doch bei Män⸗ nern ganz unverwüſtlich ſein, dachte ſie. „Hat Euch Euer Vater erzählt,“ begann Hager gleich wieder,„wo er Eure Mutter kennen gelernt hat? Mit ſechzig Jahren, es iſt ganz erſtaunlich. Denke nur, Mutter, wenn ich vor fünf Jahren erſt um Dich gefreit hätte— wie würdeſt Du mich heimgeſchickt haben! Aber der Veit war freilich ein anderer Mann als ich und ich kann mir wohl denken, daß er als ein Siebenziger noch feſt auf ſeinen Füßen geſtanden hat.“ „Noch jetzt, Herr von Altenſteig,“ ſagte Lienhard. „Wie er aber meine Mutter kennen gelernt hat, weiß ich nicht, ich weiß nur,“ fügte er mit einer leichten Erhöhung der Stimme hinzu, und ein muthwilliges Lächeln ſpielte um ſeine Lippen,„daß ſie eine unbezwingliche Leidenſchaft zu meinem Vater gefaßt hatte, an der ſie zu Grunde ge⸗ gangen wäre, wenn ſie ihn nicht geheirathet hätte.“ „Schau, ſchau!“ veſetzte Hager lachend.„Das will denen dort nicht gefallen und die Hetti iſt ganz roth dar⸗ über geworden. Hüte Dich, Kleine, daß Du nicht auch 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 4 50 eine unbezwingliche Leidenſchaft, aber zu einem Unbarm⸗ herzigen, faſſeſt und dann elend zu Grund gehen mußt. Ich bin ſchon ſtill, Elſi, mach' mir kein bös Geſicht.“ „Ihr ſcheint meiner Rede keinen Glauben zuſ chenken,“ ſagte Lienhard empfindlich.„Ich kann Euch aber noch mehr ſagen und mein Vater würde es beſtätigen. Die junge, ſchöne, reiche Fürſtin verließ gegen den Willen ihrer Eltern die Freiſtatt, in welcher ſie erzogen worden war, und folgte meinem Vater. Sie ſtarb, als ich geboren wurde.“ Die Zuhörer hätten darauf wohl Manches erwiedern können, aber ſie unterdrückten das und der Vater fragte weiter nach dem jetzigen Leben ſeines Jugendfreundes, für welchen er, nun für Beide wohl die Zeit der Parteiung, die ſie einſt getrennt hatte, auf immer vorüber war, eine erneute Theilnahme fühlte. „Jetzt lebt mein Vater ganz ſtill auf ſeinem Erbe, das ihm noch übrig geblieben iſt,“ berichtete Lienhard. „Er kümmert ſich um die Welthändel gar nicht mehr, ſon⸗ dern hat ſeine Freude am Weinbau und an ſeinen Feldern, die ihm reichlich lohnen. Nur, wenn ich nach Hauſe komme, erzählt er mir manchmal von alten Zeiten, vom Kaiſer Albrecht, meines jetzigen Herrn Vorgänger, der in einem Jahre drei Kronen erlangt hat, und von den vielen e, d. ⸗ uſe om in len 51 Fehden in Oeſterreich, die meinen Vater ſelbſt um Alles, was er daſelbſt beſeſſen, gebracht haben.“ „Ja, es hat Mancher dabei das Seinige verloren!“ bemerkte Hager von Altenſteig trocken und ſah ſeine Frau an, welche ihn wiederum nur zu gut verſtand.„O, wie hätte all' das Elend dem Lande erſpart werden können, wenn es nimmer getheilt worden wäre!“ „Davon ſprichſt Du immer, Hager,“ erwiederte Frau Eliſabeth.„Es hat aber doch Gott einmal gefallen.“ „Sage das nicht, daß es Gott gefallen hat,“ ent⸗ gegnete er bedächtig.„Gott hat es nur zugelaſſen, um den Menſchen, die es in ihrer Kurzſichtigkeit aus allzu ängſtlicher Fürſorge gethan, zu überführen, wie es um ihre Weisheit ſteht, die Seinem Walten nicht Alles über⸗ laſſen will. Was der Herr in Eines Fürſten Hand gegeben hat und wäre es der halbe Erdkreis, das ſoll er nicht wieder ſpalten. Ich habe, ſeit ich nicht mehr ein Pferd beſteigen und das Schwert im Dienſt meines Herrn, des Kaiſers, führen kann, viel in alten Geſchichtsbüchern ge⸗ leſen, die mir die frommen Benedictiner, bei denen Ihr die Nachtherberg genommen habt, Junker Wolffenegg, gern heraufſchicken. Darum kann ich wohl mitreden, wenn von Oeſterreichs Vorzeit geſprochen wird— jetzt giebt es leider viel Herren im Lande, die wiſſen kaum, was zehn Jahre vor ihrer Geburt geſchehen iſt, und dann ſollen ſie 4. 52 auf dem Landtag ſchaffen, was uns nach unſerm ganzen Heimweſen, wie es von Alters her einmal geworden iſt, weiter hilft und Noth thut!“ „Da habt Ihr Recht!“ rief Lienhard, lebhaft die Worte des Greiſes auffaſſend.„Wir, vom Adel, ſollten dem gemeinen Volk, das nun in den Klöſtern und als Studenten ſich breit mit der Gelehrſamkeit macht, auch darin keinen Vorſprung laſſen.“ „Davon rede ich nicht, lieber Junker,“ erwiederte der alte Herr, indem er den Kopf ſchüttelte.„Ich meine uur, daß wir Alle unſer Vaterland kennen ſollten, ſeine Herr⸗ lichkeit, ſeine Vorzeit, ſein treues und biederes Volk, das wir ſelbſt— ich ſpreche mich auch nicht frei— in dieſen grauſamen Bruderkriegen mit Füßen getreten haben, ja, Kinder, dann würde es beſſer ſtehen! Es gab vor Alters einmal eine Zeit, da hatte Oeſterreich einen Fürſten, der war an Händen und Füßen gelähmt von Gift, das ihm in jungen Jahren von unbekannter Hand beigebracht worden war, darum hießen ihn auch Manche den Lahmen, aber ſeine Zeitgenoſſen haben ihn Albrecht den Weiſen genannt. Da war in Oeſterreich Frieden und Freude unter allen Ständen, Keiner durfte dem Andern ungeſtraft Gewalt anthun und es geſchah auch nicht! Jedermann hatte freien Zutritt bei ihm und er ſaß oftmalen ſelbſt zu Gericht. Sie liebten ihn auch wie ihr Augenlicht im Lande, Hoch —— 6— S 8 6o lt n t. 53 und Gering. Da hat er einſtmalen einen ſchlichten Bauers⸗ mann im Saal, wo Alle ihm vorbrachten, was ſie drückte, bemerkt, der ihn immerfort unverwandt angeſchaut, als könne er ſich kein Herz faſſen, ihm zu nahen. Der Erz⸗ herzog hat ihn da gerufen:„Komm her, ſag', was Du willſt!“ Aber der Bauer hat geſagt:„Ich will nichts, Herr! Ich wollt' Euch nur ſehen und wiſſen, wie es Euch geht!“ So ſtand es mit ihm. Der hatte alles habsburgi⸗ ſche Land ganz allein, denn er war der Einzige, der übrig geblieben von Kaiſer Albrecht's Söhnen und iſt der Stamm⸗ vater geworden von dem ganzen nachmaligen Erzhauſe. Wollt' auch nimmer, daß die Lande wieder getheilt werden ſollten, denn er hat eine Hausordnung aufgerichtet, daß der Aelteſte im Namen Aller allein, aber bei ſehr wichtigen Fällen mit gemeinſchaftlichem Rathe der Uebrigen, die Lande regieren ſollte. Merkt's wohl, nur mit dem Rathe. Die vorherige Nutztheilung ſollte nimmer Statt finden. Und wie ſchön ſprach er zum Frieden der kommenden Ge⸗ ſchlechter! Reich' mir das Buch dort, Hetti, ich hab's geſtern erſt geleſen.“ Hedwig reichte ihm ein mächtiges Buch, das auf dem breiten Sims über dem Kamine lag, der Vater ſchlug die Stelle auf und las, wie es vor hundertundfunfzig Jahren niedergeſchrieben war:„Der eltiſt und jüngiſt von unſern Sünen ſollen kein Aufwerffen, unmyn Zweyung, Stoſſe 54 und Unfreundſchaft han.“ Stumm gab er dann das Buch ſeiner Tochter zurück, die es wieder an den vorigen Ort legte. Was war aus dieſer väterlichen Verordnung des edlen Fürſten geworden? Noch in jüngſter Zeit hatte der verderblichſte Bruderkrieg zwiſchen Kaiſer Friedrich und Erzherzog Albrecht gewüthet und das Land war nicht blos durch die fremden Söldner beider Parteien verheert worden; Wien ſogar, von innerm Hader bald auf dieſe, bald auf jene Seite geriſſen, hatte die Waffen gegen ſeine Fürſten erhoben, und— ſchrecklich zu ſagen!— der jähe Tod des einen war ein Glück geweſen für das ganze Land. Von dieſen nah liegenden Erinnerungen, die in vielen einzelnen Bildern durch die Gegenwart des jungen Man⸗ nes, deſſen Vater ein eifriger Theilnehmer daran geweſen, immer von Neuem wach gerufen wurden, riß ſich aber der Herr von Altenſteig wieder los und kehrte ſeinen Blick in die Zukunft, welche ihm für Oeſterreich in einem glückver⸗ heißenden Lichte erſchien. Das Bild des ritterlichen Erz⸗ herzogs Maximilian trat vor ſeine Seele. „So kann es wieder werden, Kinder!“ ſprach er, als er vernahm, daß Frau und Tochter noch über jene ſegens⸗ reiche Zeit mit dem aufmerkſam zuhörenden Lienhard ſpra⸗ chen.„Wie unter Albrecht dem Weiſen iſt nun alles habs⸗ burgiſche Land wieder in Einer Hand vereinigt, bis auf Tirol, was damals auch noch erſt in Ausſicht ſtand, weil — 80 S—— ——— M— 55 die Gräfin Margareth', die von ihrem Schloß Maultaſch bei Botzen benannt ward, noch lebte, die letzte vom alten Geſchlecht, die aber ihr Land ſchon den Habsburgern zu⸗ geſichert hatte. Heut gehört es noch dem guten Herrn Siegmund und ich meine, es würde nicht viel Worte koſten, ſo träte er Tirol noch bei Lebzeiten an den jungen Erz⸗ herzog Max ab.— Nun ſeht, wenn einſt der Erzherzog, welcher jetzt das Erbe ſeiner Gemahlin mit den Waffen gegen den König von Frankreich vertheidigt, die Krone tragen wird, der iſt der Mann dazu, die alten herrlichen Zeiten für Oeſterreich wieder herauf zu führen! Ich erlebe das vielleicht nicht mehr— und ich mag auch meinen Herrn, den Kaiſer, nicht überleben, mit dem ich durch gute und böſe Tage gegangen bin!— aber Ihr Alle und vor⸗ züglich Du, mein Sohn, Du wirſt dieſe Zeiten ſchauen und ſo Gott will, unter dem jungen Kaiſer, denn auch die Kaiſerkrone hoff' ich für Ihn, Dir die goldenen Sporen verdienen!“ „Das will ich!“ rief Lienhard mit leuchtendem Auge und richtete ſich ſtolz auf. Wie ſah er vortheilhaft ver⸗ wandelt aus gegen ſeine gewohnte, nachläſſig verweichlichte Weiſe! Der Greis legte ihm, gleichſam ſegnend, die Hand auf die dunkelbraunen Locken; in den Augen der Mutter ſchimmerte eine Thräne, Hedwigs Augen aber ſtrahlten. 56 Nach einer Weile, während er forſchend dem Jüngling in das Geſicht geſchaut hatte, ſagte der Vater:„Ihr ſeht meinem Veit doch ſo gar nicht ähnlich, der mir noch vor Augen ſteht, wie er in Eurem Alter war. Mögt wohl nach Eurer Mutter geſchlagen ſein. Das bringt Glück!“ Er richtete dabei einen liebreichen Blick auf ſeine Tochter, welche auch ihrer Mutter ähnlich ſah. „Das walte Gott!“ ſprach Frau von Altenſteig und der Gedanke an die Zukunft ihrer Tochter, der ſie ſchon oft beſchäftigt hatte, der Wunſch, ſie noch in einer glück⸗ lichen Ehe wohlgeſchirmt zu ſehen, erwachte von Neuem in ihrer Seele. Auch ihr Gatte mochte ſich heut ähnliche Gedanken gemacht haben, denn er kam Abends, als im Schloſſe Alles, wie gewöhnlich, früh zur Ruhe gegangen und das Ehepaar allein war, von ſelbſt darauf zu ſprechen, während er ſonſt, wenn Frau Eliſabeth von einer paſſenden Heirath für Hedwig geſprochen hatte, niemals recht darauf eingegangen war. Das werde ſich finden! hatte er immer gemeint. Heut aber nahm er das Wort darüber. „Hat Dir Hedwig auch ſchon eine richtige Beichte abgelegt, Mutter?“ fragte er lächelnd. Die Mutter, welche vom langen und innigen Zu⸗ ſammenleben ſtets die geheimſten Gedanken ſeiner Seele errieth, ja zuweilen zur ſelben Minute, noch ehe er ſie aus⸗ 57 geſprochen oder angedeutet hatte, wunderbarer Weiſe ganz daſſelbe in ihrem Geiſte erwog, wußte diesmal, wo es nicht ſchwer zu errathen war, gleich, was er meinte und gab ihm zur Antwort, daß Hedwig vor ihr nichts auf dem Herzen behalte und auch nichts von der Art, wie er es im Sinne trage, zu beichten habe. Der Vater hatte von ſeinem erlauchten Gaſte viel zum Lobe ſeines Kindes gehört, die junge Erzherzogin Kunigunde könne gar nicht ohne ſie leben, was nicht allein für ihre Liebenswürdigkeit, ſondern auch für ihren Geiſt ſpreche, da die Fürſtin in dieſer Be⸗ ziehung ganz das Ebenbild ihrer hochſinnigen verſtorbenen Mutter, Eleonora's von Portugal, ſei, auch hatte der Erz⸗ herzog verſichert, daß Hedwig von allen jungen Edelleuten des Hofes bewundert werde und es ſchien dem Vater darum räthſelhaft, daß ſich ihr Herz nicht Einem von ihnen zugewendet haben ſollte.„Weißt Du, Mutter,“ ſprach er von Neuem lächelnd,„daß mir heut, als ich mit Euch zuſammen am Kamin ſaß und den Jungen anſchaute, der mir ſo ritterlich gelobte, ſich die goldenen Sporen zu verdienen, ein Gedanke kam: die Beiden könnten wohl zuſammen paſſen?“ „Nein, Hager,“ erwiederte Frau Eliſabeth ſanft, „die Beiden paſſen nicht zuſammen. Hedwig hat mir den Lienhard ganz anders gemalt, als Du ihn Dir vorſtellſt. Er iſt ein verzogenes, eitles Kind und wird vielleicht im 58 Leben kein Mann werden. Denke doch, Hager, er iſt auch kaum ein Jahr älter, als Hetti.“ „Das iſt ſchon recht,“ verſetzte der Vater,„und beſſer iſt's wohl, wenn der Mann ſeine zehn Jahre mehr hat, als die Frau, aber wenn ſonſt Alles paßt, und ſich Zwei recht lieb haben, mag's auch gehen, wenn's nur ein Jahr iſt. Ich will aber nichts ſagen, denn wenn der Lienhard ein verzogener Bub' iſt, ſo wird bei meinem Herrn wohl nichts Rechtes aus ihm werden. Der verſteht's halt nicht, Einen, dem er gut iſt, kurz zu halten. Ich hab' alſo nur geſpaßt, wir wollen nicht weiter davon reden. Wer weiß auch: der Apfel fällt nicht weit vom Stamme und wenn's der Vater lachend mit anſehen konnte, wie ſeine Reiſigen den armen Winzern in den Rebhügeln die Weinſtöcke aus der Erde riſſen— ich hab's mit meinen Augen geſchaut, Elſi, ſchüttle den Kopf nicht! wir hielten über'm Fluß und konnten's nicht wehren, bis ich mein Pferd in's Waſſer trieb und die Unſrigen mir nun im hellen Haufen nach⸗ ſchwammen, da ſchickten ſie uns noch einen Bolzenhagel über die Köpfe und ritten davon, wie der Erſte von uns gelandet war! Ja, Elſi, wer das dulden konnte und wer ſelbſt die armen unſchuldigen Kinder um Löſegelds willen aufgegriffen hat, der kann ſeinem Sohn nur ein hartes Herz vererben! Von dem italieniſchen Blut der Mutter will ich nun erſt gar nicht reden,— wie hieß ſie doch? 59 Maricalandi! Eine ſaub're junge Fürſtin, die einem ſechzigjährigen Manne nachläuft! Wenn der Alte nur nicht gelogen hat— denn lügen konnte er, Elſi, Du glaubſt nicht, was er den Leuten vorgelogen hat!“ „Und er war doch Dein Herzensfreund!“ erinnerte Frau Eliſabeth, mit dem oft gethanen milden Vorwurf. „Ja, Elſi, in meinen ganz jungen Jahren— da war er auch ganz anders! Und ſchau, Elſi, er war wohl ein Dutzend Jahr älter und wenn man ſo'n Schuß iſt, der eben in die Welt kommt, und ein älterer Geſell erweiſt Einem Liebes und nimmt Einen unter ſeinen Schild, wenn die andern loſen Vögel auf Einen ſtoßen, das gewinnt's Herz und mir hat der Veit viel Liebes erwieſen, ehe wir auseinander kamen. Das vergißt man ſo leicht nicht.“ „Du haſt ein anhängliches Herz, Hager,“ ſagte Eliſabeth.„Da kann Viel geſchehen und Du weißt Alles zu entſchuldigen, wenn Du Einem mit ganzer Seele er⸗ geben biſt.“ „Ich weiß ſchon, worauf Du zielſt, Elſi,“ verſetzte er.„Aber wenn wir Beide auch allein ſind und was wir zuſammen ſprechen, kein Menſch erführt, ſo iſt's doch beſſer, wir reden davon nicht. Mein Herr iſt von Grund ſeiner Seele ein edler Fürſt und wenn er nicht immer ſich gleich entſchließen kann, wo es Noth thäte, flugs zu handeln oder drein zu ſchlagen, ſchau, ſo iſt das, weil er den Frieden 60 liebt— wenn ihm den die böſen Nachbarn und leider auch die böſen Menſchen im Lande nur ließen, es wär' Alles gut!“ „Ja, Hager— aber es würde kein böſer Nachbar an Oeſterreichs Thüre klopfen und kein böſer Menſch im Lande den Kopf aufzurecken wagen, wenn—“ „Schweig' ſtill, Elſi, ich bitt' Dich!“ ſagte Hager unmuthig, aber ſein Gefühl galt nicht der treuen Gattin und ſie wußte das. „Ich ſchweige ſchon,“ ſagte ſie.„Du biſt, wie andere Herren, denen es auch gut geweſen wäre, wenn ſie öfter auf ihre Frauen gehört hätten.“— Dieſe Anſpielung auf die Kaiſerin Eleonora verſtand Hager nur zu gut, weil er ſelbſt ſeiner Gattin oft genug von der ſchönen und klugen Frau erzählt hatte, die bei aller Milde und Weiblichkeit ihres Weſens, doch einen kühnen und fürſtlich hohen Sinn beſaß. Durch ihn wußte ja Eliſabeth ſelbſt die Worte, welche die Kaiſerin, von ihrem Gefühl hingeriſſen, zu ihrem noch zarten Söhnlein auf dem Arm geſprochen hatte, als die Wiener ihrem Herrn— der ihnen doch zugeſagt:„es habe Niemand etwas von ihm zu fürchten, der Friede und die Gnade ſeien ſeine Begleiter“— den Einzug in die Stadt und ſeine Hofburg zu ſeiner Gemahlin nicht ge⸗ ſtattet, bevor er ſein Kriegsvolk entlaſſen hatte.„Portu⸗ gals Königsblut,“ hatte ſie mit Thränen im Auge zu dem 61 jungen Erzherzog geſagt,„neigt ſich zwar gnädig dem Demüthigen, dem Ueberwundenen; aber dem Stolzen und Hartnäckigen ſchmeichelt es nicht. So ziemt es Königen und mehr noch einem römiſchen Kaiſer gegen ſeine Unter⸗ thanen. Wüßte ich, mein Sohn, Du würdeſt thun, wie Dein Vater gethan hat, ſo müßte ich bedauern, Dich für einen Thron geboren zu haben.“ Dieſen und manchen andern Zug der hochherzigen Fürſtin hatte Hager von Altenſteig ſeiner Gattin erzählt und wußte daher, wenn ſie ihn daran erinnerte, nichts anders entgegen zu ſetzen, als daß er ſie bat, lieber nicht von Dingen zu reden, die ihm weh thaten, weil er ſie nicht ändern konnte und weil er den Grund doch nur immer wieder in dem friedſamen und gütigen Herzen ſeines Kaiſers ſuchte, der dem Spruche des Apoſtels huldigte:„So viel an euch iſt, haltet Frieden mit allen Menſchen!“ und der einſt denen, welche ihn zur Rache gegen die Bürger von Wien ſtachelten, die ſchönen Worte erwiedert hatte:„Ich bin auch ein Sünder und bitte Gott täglich um Gnade und nicht um Recht, darum muß ich meinen Unterthanen auch verzeihen.“ 62 hiertes Capitel. Ein Silberblick. Lienhard hatte eine Nacht voll unruhiger Träume verlebt. Sonſt, wenn er ſorglos auf ſein Lager ſank, war ihm der Schlummer leicht genaht und hatte ihm roſige, freundliche Bilder einer Zauberwelt enthüllt, zu denen die Mährchen, die er von fahrenden Sängern am Hofe ver⸗ nommen, in ſeiner Seele weiter ausgeſponnen worden waren. Heut war er aus dieſem Wunderlande voll Roſen und goldnen Glanzes in rauhe Gefilde verſetzt, wo er mit den Schrecken der Wildniß kämpfte, auf weite, öde Haiden, wo er mühſam nach einem unbekannten Ziele ſtrebte, kein wirthlich Dach, kein Stern am Himmel ſich zeigte und der Sturmwind ſein flatterndes Haar zerriß. Wie ein fernes Brauſen war es ihm dann erklungen, und er hatte das Gewirr einer Feldſchlacht von Weitem geſchaut, Trompeten waren dort laut geworden und näher und näher, wie eine mächtige Woge, die Alles zu begraben droht, hatte ſich das Gewühl der Kämpfenden zu ihm heran gewälzt. Ihn aber hatte Furcht erfaßt und er war geflohen! Das riß ihn, wie ein jäher Schreck, aus dem Schlafe empor. Sein Herz pochte ſo wild aufgeregt, als wolle es ihm die Bruſt ſprengen,— noch glaubte er das Bild der 63 tobenden Schlacht zu ſehen und ſich ſelbſt, wie im Spiegel, auf feiger Flucht! Ein unbeſchreibliches Gefühl der Scham und des Zornes überkam ihn; er ſprang vom Lager auf, die Sonne blickte ſchon hell in ſein Thurmgemach, vor ihrem Strahl erblichen die Bilder der Traumwelt und verſanken unerfaßbar in das Meer der Vergeſſenheit, bis auf eins: das Bild ſeiner Flucht. Daß er vor einer Ge⸗ fahr geflohen war, wußte er noch, aber vergebens ſuchte er ſich zu entſinnen, welcher Art ſie geweſen war. Das em⸗ pörte Gefühl beſchwichtigte ſich denn auch bald in dem Be⸗ wußtſein, daß ja Alles nur ein Traum geweſen ſei und er lachte, als ihm ſein geſtriger feſter Vorſatz, die goldenen Sporen bald möglichſt zu verdienen, einfiel. Das war gewiß ein Spottbild darauf geweſen, was ihm der Traum neckend vorgeſpiegelt hatte. Heiter geſtimmt kleidete er ſich raſch an, kämmte ſein langes, lockiges Haar, das ihm be⸗ ſondere Freude machte und ſalbte es, wie er gewohnt war, mit duftendem Oel. Dann ſetzte er kecken Schwunges ſein Federbarett ſchief auf den Scheitel und dachte, ſich ſelbſt beſpottend, daran, daß er allerdings, um die goldenen Sporen zu gewinnen, einen ſchweren Helm werde tragen müſſen, der ihm die Locken arg zerdrücken möchte. So verließ er ſein Gemach und eilte hinunter, wo er im Mittel⸗ gebäude ſich nicht gleich zurecht fand und endlich auf gut Glück die erſte Thüre öffnete, die ſich ihm bot. 64 Ein Laut der Ueberraſchung und des Unwillens be⸗ grüßte ihn; er ſtand vor der Tochter des Hauſes. „Ihr habt Euch verirrt, Junker Lienhard,“ ſagte ſie ſchneller gefaßt, als er, welcher doch in einige Verlegenheit gerathen war, als er bemerkte, daß er Hedwig in ihrem oder der Mutter Gemach— denn auch Frau von Alten⸗ ſteig erſchien ihm jetzt— überfallen hatte. Er bat um Verzeihung, aber beſchämt, wie er war, wollte er das fremden Blicken nicht zeigen, und ſeine Ent⸗ ſchuldigung klang daher ziemlich leicht. Nur gegen die Hausfrau verneigte er ſich etwas tiefer und entfernte ſich ſchnell mit dem alten Diener, welcher ſch on hinter ihm her geeilt kam, ih einzufangen und geziemenden Orts zu ſeinem Herrn zu führen, wo bereits das Frühſtück, eine kräftige warme Suppe, auf ihn wartete. Er warf den hübſchen Kopf zurück, daß ihm die Locken um die Schläfe flogen; ſo pflegte er zu thun, wenn ihm etwas Unangenehmes begegnet war und es glückte ihm meiſt, damit auch alle Kümmerniß darum leichtfertig e Nur Hedwig's Bild konnte er nicht bannen, das ihm noch nie ſo reizend erſchienen war, als in dieſer Aufwallung des Zornes und allerdings auch in dem einfachen, häuslichen Morgengewande; er at ſie ja bis jetzt nur immer im vollen Hofkleide ge⸗ — 65 ſehen, da er natürlich keinen Zutritt gehabt zu dem engern Kreiſe der Erzherzogin Kunigunde. „Haſt Du Dich nun überzeugt, Mutter?“ rief Hed⸗ wig, als er ſich mit dem alten Joſeph aus dem Gemach der Frau von Altenſteig entfernt hatte.„Nichts kann ihn aus ſeiner übermüthigen Keckheit bringen! O, Du kennſt ihn noch nicht! Wie lange wird er nur noch hier bleiben?“ Die Mutter faßte die Hand ihrer Tochter und fragte, ob ſie wirklich keinen beſondern Grund habe, dem jungen Wolffenegg, der doch nur eitel und ſelbſtgefällig ſei, wie Viele ſeines Alters, ſo feindſelig zu grollen?“ Da erglühte Hedwig zum unverkennbaren Einge⸗ ſtändniß und Frau von Altenſteig ſah, daß ihr Kind, von dem ſie geſtern gegen den Gatten geäußert hatte, daß ſie vor ihr nichts auf dem Herzen behalten, doch wohl noch etwas und grade von der Art, wie er es gemeint, zu beichten habe. „Ja, Mutter, und Du mußt es wiſſen, ſo tief es mich auch beſchämt, davon zu reden,“ ſprach Hedwig mit einer gewiſſen Heftigkeit.„Sieh mich nicht ſo bekümmert an— ich bin nicht Schuld und kann Dir und Jedem, auch dem eingebildeten Narren, dreiſt in's Auge blicken. Der Kaiſer, weißt Du, liebt ihn, weil er dem einſamen Herrn, der nicht gern viel Menſchen um ſich ſieht, Alles zu Dank macht, ſo daß er zu ſeiner Bedienung oft keinen 18658. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 5 66 Andern braucht— und, das ſagt wenigſtens meine Fürſtin, weil er vielleicht mit Lienhard's Vater ſtreng verfahren iſt, was ihm ſtets leid thut, auch wenn es noch ſo ſehr verdient iſt. Wie der Lienhard an den Hof gekommen iſt, ſoll auch ganz eigen geweſen ſein. Er hat eine geheime Botſchaft von ſeinem Vater gebracht, es heißt, über den Biſchof von Seckau, welcher dem Kaiſer nicht freundlich geſinnt iſt—“ „Der Trautmannsdorff?“ warf die Mutter ein. „Unmöglich! Den kenne ich ſeit langen Jahren!“ „Ich weiß das nicht. Es kann auch wegen anderer Dinge geweſen ſein. Der Kaiſer behielt den Lienhard von da bei ſich und fand Gefallen an ihm, meine Fürſtin ſagte immer, wie an einem bunten, ſchönen Vogel. Er gab ihm ſelbſt Leckerbiſſen von ſeiner Tafel, ſchenkte ihm Geld und kleidete ihn ſo reich, wie keinen Andern— da hat er wohl eitel werden müſſen. Ich hab's nicht geſehen, wie er es geworden iſt, ich fand ihn ſchon ſo. Nun, Mutter, Du weißt, wie ich traurig war, mich von Dir zu trennen, aber die Gnade des Kaiſers, der mich um meines Vaters willen in den Dienſt meiner theuren Fürſtin zu haben wünſchte, war ſo groß und ich hab' es auch dort ſo gut, daß ich wohl glücklich darüber ſein kaun.—— Aber, da fand es der Kaiſer paſſend, weil die Väter doch in frühern Zeiten gute Freunde geweſen und nur um ſeinetwillen einander Feind geworden waren, daß—“ hier wurde es ihr ſchwer, 67 fortzufahren und die Mutter, ſie errathend, kam ihr zu Hülfe. „Eine Verbindung zwiſchen Dir und Lienhard?“ fragte ſie, ihre Ueberraſchung verbergend.„Das meinſt Du doch? Der Kaiſer hat dieſen Gedanken gefaßt— vielleicht gegen die Erzherzogin ausgeſprochen?“ „Gegen ihn, Mutter, gegen ihn!“ ſagte Hedwig mit blitzenden Augen.„O, wenn es gegen die Erzherzogin geweſen wäre, nie würde es verlautet haben, denn ich be⸗ ſitze ihre Liebe, ihr Vertrauen und was ich ſie bitte, deſſen bin ich gewiß! Aber der Kaiſer ſagte ihm zuerſt davon— und mir erſt, als Junker Lienhard von Wolffenegg ſich gegen ihn gerühmt hatte“— hier verbarg ſie ihr glühendes Antlitz an der Bruſt der Mutter und ergänzte ihre Rede mit bitterer, ſchneidender Schärfe. Lienhard hatte ſich gegen den Kaiſer gerühmt, ſchon ihr Herz zu beſitzen! Die Mutter wollte antworten und ſie beruhigen, aber ſie richtete ſich auf und ſagte mit einem freien und ſtolzen Blick:„Ich brauche Dir wohl nicht erſt zu ſagen, was ich dem Kaiſer, als er mit mir ſprach und mich neckte in Gegenwart der Erzherzogin, geantwortet habe. Und das auch glaubſt Du von mir, daß, wenn ich dann wieder mit dem Lienhard zuſammen kam, ich gegen ihn nicht geweſen bin, wie ein ſchmollendes Kind, ſondern daß ich ihm ruhig und freundlich— wenn es auch anders in mir ausſah— 5* 68 gezeigt habe, wie falſch er in ſeiner Eitelkeit bethört ge⸗ weſen iſt. Aber meinſt Du, daß er ſeinen Glauben auf⸗ gegeben hat? Ich meine es nicht Ausgeſprochen oder zu verſtehen gegeben hat er es freilich nimmer, aber ich weiß es doch, daß er es ſich nicht ausreden läßt,— o Mutter, das iſt es, was mich gegen ihn erbittert, daß ich ihn haſſen könnte und mir's am Herzen nagt, weil ich es ihm nicht ſagen darf, wie mir ſeine Dienſte, die er nun auf des Kaiſers Geheiß mir widmet, wo er kann, zuwider ſind. Hätte ich nur eine Stunde früher darum gewußt, daß er nach dem Altenſteig reiten wollte, meine Botſchaft zu be⸗ ſtellen, die ich einem Diener der Erzherzogin übergeben hatte, ich hätte es ja nimmermehr zugelaſſen. Und wie hat er ſie beſtellt? Der Kaiſer mag ſich freuen, wenn er einſt in den Fall kommt, von ſeinem Schooßkind ein Opfer, das ihm Unbehagen oder Anſtrengung koſtet, zu fordern. Dann wird er ſehen, was er an ihm hat!“ Die Mutter begriff jetzt vollkommen die gereizte Stimmung ihres Kindes gegen Lienhard, der ſie mit ſeiner unbeſonnenen und eingebildeten Aeußerung gegen den Kaiſer, in ihrem jungfräulichen Zartgefühl auf das Em⸗ pfindlichſte verletzt hatte, aber ſie that das Ihrige, dieſe Stimmung zu mildern. Ihrem mütterlichen Auge konute es nicht entgehen, daß, wenn auch Hedwig's Herz keine tiefere, ihr vielleicht ſelbſt verborgene Neigung für Lienhard — 69 hegte, ſo doch in mancher Aeußerung, welche ſie über ihn gethan hatte, ein gewiſſer Antheil unverkennbar blieb. Hätte ſie danach gefragt, Hedwig würde ihn auch gar nicht gelängnet haben, denn er war ihr wohl bewußt. Sie fühlte Mitleid mit ihm, daß er, von Natur reich begabt, durch äußere Einflüſſe ſo ganz überwältigt, ſich nicht zu einem kraftvollen und männlichen Weſen zu erheben ver⸗ mochte! Geſtern, als er bei den Erzählungen des Vaters, ergriffen von der Ahnung eines höhern Strebens, einen Funken ritterlichen Geiſtes verrieth, wie hatte er ihr da gefallen, wie ſo ganz vergeſſen hatte ſie ihm die Kränkung, welche er ihr zugefügt hatte! Wenn doch dieſer Funke nicht wieder erlöſchen wollte! Dazu war aber, wie ſie ihn kannte, wenig Ausſicht, denn am Hofe ſchienen ſich auch die Frauen verbunden zu haben, ihm auf alle Weiſe den Kopf zu verdrehen. Hedwig hatte oft gezürnt, wie ihm allgemein gezeigt wurde, daß er gefalle; ſie hatte die Erz herzogin, welche dieſer anſteckenden Herzenskrankheit oft mit ſcharfem Witze entgegen wirkte, ihren vollen Beiſtand geliehen, bis ſie inne geworden war, daß man ihren Be⸗ weggrund unwürdig deute. Dann hatte ſie ſich ganz zurückgehalten und den verzärtelten und eitlen Jüngling, der unter den Männern deshalb nichts weniger als beliebt war, verloren gegeben. Er ſaß, während Hedwig ihrer Mutter das Alles erzählte, mit dem Schloßherrn zuſammen und— lang⸗ weilte ſich bereits herzlich. Der Funke, welcher geſtern in ihm aufgeblitzt war, ſchien bereits wieder erloſchen. Auch hatte ihm— für die Hausfrau nicht eben ſchmeichel⸗ haft— das Frühſtück, das kein anderes, als ihr Gatte es immer genoß, ſehr ſchlecht geſchmeckt, ſein leckerer Gaumen war feinere und ſüßere Koſt gewöhnt, und er hatte Mangel an Appetit vorgeſchützt, um nur dieſe ſcharfe, unſchmack— hafte Suppe nicht eſſen zu dürfen. Im Geiſte war er ſchon feſt entſchloſſen, noch heute den Rückweg anzutreten und ſich bei den guten Benedictinern, deren gute Küche er geſtern gewürdigt, für die Entbehrungen des Tages ſchad⸗ los zu halten. Wenn er noch wenigſtens Hedwig's Geſell⸗ ſchaft hätte genießen können. Aber er ſah ſie vor der Mittagstafel nicht wieder. Unter dem Vorwand, nach ſeinen Pferden zu ſehen, entfernte er ſich endlich aus dem Wohnzimmer, um den Erzählungen und den Fragen des alten Herrn zu entrinnen, letztere vermochte er ohnehin nicht recht zu befriedigen, da er von ſeines Vaters Ver⸗ gangenheit im Ganzen wenig wußte. Dieſer war im Gegenſatze des Herrn von Altenſteig darüber ziemlich ver⸗ ſchloſſen, er mochte auch wohl ſeine Gründe haben, von ſeinen früheren Jahren wenig zu erzählen, während Herr Hager mit wohlthuender Erinnerung von den ſeinigen ſprach. Lienhard ſelbſt konnte aus eignen Erlebniſſen nicht 71 viel darüber berichten, er hatte als Kind auf der ſteiriſchen Burg gelebt, ſo weit er denken konnte, war dann mit dem Vater, der ihn ſehr wechſelnd, bald granſam, bald mit verſchwenderiſcher Zärtlichkeit behandelte, zuweilen auf irgend einen Zug mitgenommen worden, als Knabe viel öfter, als im herangewachſenen Alter, bis der Vater ſich auf ſeinem Erbe zur Ruhe geſetzt hatte. Von dort war er ſpäter, wie wir wiſſen, mit einer geheimen Botſchaft an den Kaiſer geſchickt worden, von welchem Veit von Wolf⸗ fenegg durch irgend einen Dienſt Gnade gefunden haben mochte, und der Kaiſer hatte an dem bildſchönen Knaben ein ſolches Wohlgefallen gefunden, daß er ihn nicht mehr von ſich gelaſſen hatte. Mit dieſen ſpärlichen Angaben und einiger Wiederholung von den Geſchichten ſeines Vaters, nicht von ſeinen eigenen Thaten, ſondern von den Fehden der Zeit, Geſchichten, welche Hager von Altenſteig beſſer kannte, hatte ſich Lienhard aus den vielen Fragen ſeines Wirths gezogen und war nun froh, endlich auch deſſen geharniſchten Erzählungen entgangen zu ſein. In der großen Halle, in welcher er geſtern getafelt hatte, blieb er ſtehen, die Ausſtattung derſelben gefiel ihm. An den Wänden, die mit einem dunkeln Holze bekleidet und durch mancherlei Schnitzwerk am Fries und an den Fenſterniſchen geſchmückt war, hingen Waffen von alterthümlicher Form, Rüſtungen mit Helm, Schild und Parzerhandſchuhen, zwei 72 verblichene und zerfetzte Paniere, die vielleicht ein Ahnherr des Hauſes in uralter Zeit erbeutet hatte. Ein mächtiger Schenktiſch ſtand in der Ecke, doch war er ziemlich leer von Geſchirr und Lienhard hatte ſchon geſtern die ſilbernen Pokale und anderes Tafelgeräth vermißt, welche nach ſeiner Meinung in dem Schloſſe eines Grundherrn nicht fehlen durften. Sie hatten auch hier nicht gefehlt und Hager von Altenſteig, wenn er es Niemand erzählte, was aus ihnen geworden war, durfte ſich deſſen nicht ſchämen. Er hatte ſie einſt ſeinem Herrn, als dieſer, wie oftmals, in harter Bedrängniß war, geopfert und ſie wanderten jetzt, zu Münzen geſchlagen, durch alle Welt.— Vor einer Rüſtung weilte Lienhard mit beſonderm Wohlgefallen, vielleicht nur deshalb, weil ſie von geübter Hand ſo blank geputzt war, daß er ſich darin ſpiegeln konnte. Das that er auch und bemerkte gar nicht, daß er dabei beobachtet wurde, bis ihn die Macht des fremden Auges, das auf ihm ruhte, aufblicken ließ. Hedwig war in die Thüre getreten, hatte deren Schwelle aber nicht überſchritten und wollte ſich, als er aufblickte, mit einem flüchtigen Neigen und einem ganz eigenthümlichen Lächeln wieder entfernen. Aber er rief bittend:„Ich habe mich gegen Euch noch zu rechtfertigen, Fräulein— eilt nicht ſo unfreundlich hinweg!“ und da ſie ihm antwortete, daß er keiner Rechtfertigung bedürfe, folgte er ihr ſchnell, ſo daß 73 ſie ihm das Wort, um welches er bat, nicht verſagen konnte. Beide ſtanden im Flur des Erdgeſchoſſes, wo Leute gingen und kamen, ihr kurzes Geſpräch war alſo kein abgeſondertes, das unziemlich erſchienen wäre. Lienhard's Rechtfertigung, daß er die Botſchaft, welche er eigentlich gewaltſam an ſich geriſſen, nicht zu rechter Zeit beſtellt hatte, war diesmal vollkommen begründet. Er hatte unterwegs ein Werk chriſtlicher Liebe gethan, einen armen Bürgersmann, der in Geſchäften gereiſt und dabei von Wegelagerern überfallen worden war, durch un⸗ erwartetes Erſcheinen von dieſen befreit und ihn dann, um ihn vor erneuter Gewalt und völliger Beraubung zu ſchützen, eine weite Strecke, bis zu den ſichern Mauern ſeiner Stadt geleitet. Das erzählte Lienhard ohne alle Anmaßung oder Ruhmredigkeit, ja er verſchwieg ſogar, daß er perſönlich einen Kampf dabei beſtanden hatte— es ſchien ihm nur darum zu thun, ſich über die Vernachläſſi⸗ gung des übernommenen Dienſtes zu entſchuldigen. Dann hätte er freilich der Wahrheit gemäß bekennen müſſen, daß er die Anſtrengung, durch welche die Verſäumniß des Umweges allein wieder eingeholt worden wäre, aus ge⸗ wohnter Bequemlichkeit geſcheut hatte. Donach forſchte aber Hedwig auch in Gedanken nicht einmal, ſondern ſie dankte ihm, daß er ſich nicht aus Rückſicht für ſie von einer ritterlichen That habe abhalten laſſen und trennte ſich 74 leicht und unbefangen von ihm. Der Mutter vergaß ſie nicht, dieſen Zug Venhard's zu erzählen, um ihr den Be⸗ weis zu geben, daß ſie ihm auch Gerechtigkeit wiederfahren laſſe. O, er war gewiß des Edelſten fähig, wie er gar oft ſeine Herzensgüte, beſonders gegen Arme und Nothleidende, ſein lauteres Gefühl für Recht und Unrecht, wenn er von Unterdrückung der Schwachen hörte, bekundet hatte. Was konnte ihn aber retten aus ſeinem willen- und thatenloſen Dahintreiben auf den Wellen eines weichlichen Lebens, wenn es nicht ein Blitzſtrahl war, der ihn aufſchreckte und ihm die Klippen zeigte, denen er nur durch Kraft und An⸗ ſtrengung entrinnen konnte? Hedwig hatte ſchon oft daran gedacht. Aus ſeiner Abreiſe wurde für heute noch nichts. Er verſöhnte ſich wieder mit dem Aufenthalte, als er während des Mittagsmahls mit den Frauen zuſammen kam und Ausſicht hatte, auch die Abendſtunden in ihrer Geſellſchaft zuzubringen. Ein fremder Geiſt kam hier über ihn, der Geiſt der Beſcheidenheit. Frau von Altenſteig konnte die Schilderung, welche ihre Tochter von ihm entworfen hatte, nicht beſtätigt finden, ſo aufmerkſam ſie Lienhard, der doch nun einmal durch die Beziehung zu Hedwig für ſie ein Intereſſe gewonnen hatte, beobachtete. Dagegen glaubte ſie etwas Anderes wahrzunehmen, das Hedwig weder an⸗ gedeutet hatte, noch überhaupt anzunehmen ſchien, nämlich 75 daß er trotz der, wenn auch nicht wörtlichen, doch thatſäch⸗ lichen Zurückſetzung, die er von ihr erfuhr, eine Neigung für ſie hege. Dieſe ſprach ſich nur in ſeinem Auge aus, wenn er ſich unbewacht glaubte, aber dem Scharfblicke der Mutter entging der Ausdruck nicht, mit welchem dies Auge zuweilen auf Hedwig ruhte. Sie war in ihrem ſchmuck⸗ loſen Hauskleide, das ſagte er ſich mit Bewunderung, ſo lieblich, wie ihm noch kein Mädchen erſchienen war und auch über ſie ſchien in dieſer verzauberten Burg, wie er ſie nannte, ein fremder Geiſt, wenigſtens gegen ihn, gekommen zu ſein, der Geiſt der Milde. Am Hofe zu Wien oder Neuſtadt war ſie für ihn, wenn er anmaßlich die Schranken überſchritt, die ſie ihm ſeit der Neckerei des Kaiſers geſetzt hatte, eine Roſe mit ſcharfen Dornen geweſen. Heut ver⸗ nahm er von ihr ſeit langer Zeit wieder einmal ein unbe⸗ fangenes Wort des Scherzes. Er freute ſich deſſen und vergaß nur, daß er ſelbſt den unbefangenen Umgang, der einſt zwiſchen ihnen beſtanden, zerſtört hatte. Der Vater hatte ſich zurückgezogen, um einen Brief an den Kaiſer zu ſchreiben, er mußte ſeinem Herrn danken für die Gnade, die er ſeinem Kinde wiederfahren ließ, er fühlte ſich aber zu gleicher Zeit gedrungen, ihm die Befürchtungen auszu⸗ ſprechen, welche die Nachrichten, die er durch den Erzherzog Siegismund erfahren, in ihm erweckt hatten. Der Kaiſer hatte ihn früher zuweilen den getreueſten ſeiner Diener 76 genannt und um ſeine Meinung über dieſe und jene An⸗ gelegenheit gefragt und hinterher, wenn er ſie nicht beachtet hatte, geäußert, es ſei wohl beſſer geweſen, er wäre ihm gefolgt, ſtatt dem Schlick, ſeinem Kanzler. Darauf fußte nun der wackere Hager, und ſchrieb ſeinem Herrn mit der Freimüthigkeit, welche ein hochgeſinnter Fürſt an ſeinen Dienern liebt. Kaiſer Friedrich hatte ja oft genug ſeine Räthe ermahnt, ſie ſollten allemal vor ſeinem Zimmer die „Simulation und Diſſimulation“ ablegen, er hatte wieder⸗ holt geäußert, diejenigen Räthe wären ihm die liebſten, welche Gott mehr fürchteten, als ihn— ſo mußte er ja dem alten Hager verzeihen, wenn dieſer unaufgefordert ſeine Beſorgniß ausſprach über den neuen Vertrag mit Matthias Corvinus von Ungarn, wegen des freien Durch⸗ marſches, von welchem er das größte Unglück für Oeſter⸗ reich vorausſah. Leider mußte er fürchten, damit ſchon zu ſpät zu kommen, aber es war doch vielleicht noch Zeit, einigermaßen den weiteren Folgen vorzubeugen. Während der Vater in ſeinem Zimmer ſchrieb, was ihm, der in jungen Jahren mehr des Schwertes als der Feder gewohnt geweſen war, nicht allzuleicht abging, genoß Lienhard wahrhaft herzerquickende Stunden in Hedwig's Nähe; es war, als falle hier all' das Geckenhafte und Uebermüthige, das ein echt weibliches Gemüth abſtoßen mußte, von ihm ab, als entfalte ſich aus der Hülle in 77 ſchöner Läuterung erſt ſein wahres Selbſt, und die Mutter, welche die beiden Kinder— denn Kinder ſchienen ihr Beide noch— in dieſem harmloſen und muntern Geplauder beobachtete, mußte jetzt ihrem Gatten insgeheim Recht geben, auch ihr kamen ſie nun wohl für einander paſſend vor. Was Lienhard in ſeiner ſelbſtgefälligen Eitelkeit gegen den Kaiſer ausgeſprochen und dieſer nicht eben zart in ſeiner Neckerei Hedwig wiedergeſagt hatte, konnte ſie wohl vergeben und vergeſſen und die Mutter freute ſich, ihr Kind auf gutem Wege dahin zu ſehen. Beide waren übrigens noch zu jung, um jetzt ſchon, auch wenn Alles ſich fügte, an eine Verbindung zu denken; Lienhard ging in der ernſten Zeit wohl manchem Kampfe, im Geiſte, wie mit den Waffen, entgegen, in denen er erſt zum Manne erſtarken und ſich bewähren mußte, ehe er daran denken durfte, ſich ſeinen eignen Herd zu bauen. Aber das Herz der Mutter war nicht an die Gegenwart gebannt, es hoffte darüber hinaus für ihr geliebtes Kind und ſtellte deſſen Glück, wie ſie mit Allem that, der Fügung des Allwal⸗ tenden anheim. Lienhard hatte nun beſchloſſen, am andern Morgen endlich vom Altenſteig zu ſcheiden; als er aber am Abend, nachdem auch der Vater wieder zu den Seinigen gekommen war, mit am traulichen Kaminfeuer ſaß, wurde er von Neuem in ſeinem Entſchluſſe ſchwankend. Er lehnte zwar 78 die Einladung zu längerm Bleiben, welche ihm Herr von Altenſteig mit aufrichtiger Gaſtfreiheit that, ab, doch fühlte er, daß, wenn auch Hedwig irgend eine Aufmunterung hinzufüge, er nicht werde widerſtehen können. Dieſe Auf⸗ munterung blieb indeſſen aus. Hedwig blickte ſtill vor ſich nieder; auch, als die Mutter freundlich ſagte, daß es ihm wohl auf einen Tag nicht ankommen werde und dieſer ſich durch einen ſchnellern Ritt mit ausgeruhten Pferden wieder einholen laſſe, gab ſie kein Zeichen, daß ſie dem beiſtimme, noch minder, daß ſie wünſche, er möge der Einladung nach⸗ geben. Zögernd entſchuldigte ſich Lienhard auch gegen die Mutter, aber er lauſchte faſt athemlos, ob denn Hedwig nicht ein Wörtchen dazu ſagen werde. Sie traut ſich wohl nicht, flüſterte ihm wieder erwachend ſeine Eitelkeit zu, ſie traut ſich nicht, ihre Stimme oder gar den Blick zu erheben, ſie fürchtet, ſich zu verrathen— denn es iſt doch wahr, ſie hat mir ihr Herz geſchenkt, ohne daß ich ſie darum gebeten habe. So regte ſich in ihm, als Hedwig ſo gar ſtumm blieb, mit der getäuſchten Hoffnung auch ſchon der alte böſe Trotz auf ſeine perſönlichen Vorzüge, die Niemand höher ſchätzte, als er ſelbſt. Da hob zu ſeiner Freude Hedwig das ſchneeweiße Augenlid, das ihre ſchönen, leuchtenden Sterne verhüllt hatte, ihr Blick traf ihn, daß er es fühlte bis in das Herz und er bebte vor ſüßer Erwartung, daß auch ſie, nachdem 79 die Eltern geſprochen, eine ſanfte Bitte äußern werde, für welche das Ja! ſchon ſehnſüchtig auf ſeinen zitternden Lippen der Erlöſung harrte! Aber eiskalt fiel es in den glühenden, wallenden Strom, der in ihm lebendig war und ließ ihn erſtarren, als Hedwig ſprach:„Es iſt gewiß beſſer, Ihr habt ganz Recht, ſo bald als möglich zu Eurem Herrn zurück zu kehren, der Euch gewiß ſchon erwartet.“ Sie ſprach das ſo ruhig, keine Wimper zuckte ihr, als ſie Lienhard dabei in's Geſicht ſah, das die Enttäuſchung doch wohl nicht verbergen konnte! Ein wilder Umſchlag der Gefühle drohte ihn, wie es nur zu oft geſchah, über alle Rückſichten hinweg zu reißen, aber die Mutter führte den gefährlichen Moment leicht vorüber, indem ſie mit gewin⸗ nender Herzlichkeit zu ihm redete und ihn bat, wenn es nun doch einmal ſein feſter und gewiß auch wohlbegründeter Entſchluß ſei, morgen den Altenſteig zu verlaſſen, daß es wenigſtens nicht für immer ſein möge; er werde ſtets ein willkommener Gaſt ſein. Herr Hager beſtätigte das; konnte Hedwig, jungfräulicher Sittſamkeit Hohn ſprechend, auch ihr Wort dazu geben? Gleichwohl verlangte es Lien⸗ hard in ſeinem Geiſte und weil ſie es nicht that, reizte ſie ihn noch mehr, ſo daß er, während ſein Herz nicht unem⸗ pfänglich für die liebevolle Begegnung der Mutter ge⸗ blieben war, der Tochter Fehde gelobte, bis ſie bezwungen zu ſeinen Füßen liegen und ihm ihre Liebe, die ſie unter 80 dieſem gleichgültigen Benehmen vergebens zu bergen ſuche, mit Thränen bekennen werde. Es lag etwas von dem Nachhall dieſer Stimmung ſeines Innern in dem Tone, mit welchem er Hedwig, als die Familie ſich trennte, eine gute Nacht wünſchte und zugleich um ihre Aufträge an die Erzherzogin Kunigunde bat. Sie ſchien aber nicht darauf zu achten, ſondern fragte ihn ruhig, ob er denn ſo früh aufzubrechen gedenke, daß ſie ihn gar nicht mehr ſehen werde. „Sehr früh!“ war ſeine kurze Antwort. Da gab ihm Hedwig auch einen Brief, welchen ſie bereits geſchrieben hatte, zur Beſtellung— ſo ſicher hatte ſie alſo auf ſeine Abreiſe gerechnet! Sie wünſchte ihm viel Glück zur Reiſe, ſo gleichmüthig, als ſcheide von ihr ein armſeliger Leibeigener, der ſeinen geſchornen Kopf vor ihr bis in den Staub bücken müſſe und kein Auge zu ihr zu erheben wagen dürfe! Aber ſie ſollte einſt— ſo gelobte er ſich unter heißen Schmerzen— dieſes Augenblickes gedenken! „Ihr habt mir aber keinen Troſt an Euren eifrigen Verehrer mitgegeben?“ fragte er. Sie blickte ihn verletzt und befremdet an.„Wen meint Ihr damit?“ fragte ſie mit verweiſendem Tone. „Wie, edles Fräulein? Verläugnet Ihr meinen armen Vetter, den rothen Diez? Er trägt Eure Farben 81 und will nach Worms zum Turnier, wenn wieder eins unter den vier Nationen ausgeſchrieben wird, um für Euch Lanzen zu brechen und ſich als Sieger für ſeine Dame zu Blatt tragen zu laſſen.“ „Euer Vetter Dietrich von Wolffenegg hat wohl ernſtere Dinge im Kopf, als ſolche Kindereien.“ „Wißt Ihr, Fräulein, was er mir in ſeinem Schmerz über Eure Kälte kürzlich geſagt hat?“ fragte Lienhard mit einem herausfordernden, ſpottenden Blicke. „O, macht mir das Mädchen doch nicht verwirrt!“ rief der Hausherr, lachend über dieſe nach ſeiner Meinung ſcherzende Kurzweil.„Euer Vetter Diez wird ſich ſchon tröſten! Und nun zu Bett, Kinder, denn unſer Gaſt will ſchon mit dem erſten Hahnenſchrei im Sattel ſein. Nehmt Abſchied, kurz und recht, und, wenn Ihr den Herrn Vater ſeht, Junker Lienhard, grüßt ihn vom alter Hager: mir ging' es, wie ihm, ich ſäße nun auch daheim im warmen Neſt, aber ein unlieber Geſell ſei mit mir eingezogen, das Zipperlein, den ich nur manchmal los werden könnte, wie heut. Grüßt mir aber zu tauſend Malen in Ehrfurcht meinen Herrn, den Kaiſer, und ich ließe ihn gar ſchön bitten, auch fein recht zu leſen, was ich ihm geſchrieben habe.“ Lienhard legte ſeine weiße, wohlgeſchonte Hand in die braune Rechte des Greiſes und zuckte unter kräf⸗ 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 82 tigem Druck, ſo daß es der Alte bemerkte und darüber lachte.„Hab' ich Euch weh gethan?“ fragte er.„Ja, ich faſſe feſt an, auch was ich lieb habe. Weißt Du, Elſi, wie ich Dir zuerſt die Hand gab und in meiner Herzensfreude ſo ſtark zudrückte, daß ich Dir faſt das arme, zarte Händ⸗ chen zerbrochen hätte? Ich erſchrak, als ich es merkte, und glaubte ſchon, es ſei halt Alles mit uns aus— aber Du haſt es mir nicht übel genommen.— Schlaft geſund unter meinem Dach. Behüt' Euch Gott auf der Reiſe!“ Fünftes Capitel. Böſe Geſellen. Der Hahn hatte wohl dreimal gekräht, aber im Schloſſe regte ſich noch Niemand, als der Wächter, weil der gewohnt war, am Tage zu ſchlafen. Er ging heraus auf die Mauer und ſtellte ſich hinter die Zinnen, um nach dem Wetter zu ſehen, das war grau, und verſprach einen unfreundlichen Tag, es fing ſchon an fein zu regnen. Der fremde Junker, der ſo früh ausziehen ſollte, ließ noch nichts von ſich hören: früh geſattelt und ſpät geritten! Dem Wächter konnte es gleich ſein, er wollte nur den Gaſt 83 bald los werden, weil er ſich dann ein Paar Stunden auf das Ohr legen konnte, um ſeinen Schlaf einzuholen. Dazu kam er aber noch lange nicht. Es wurde ganz hell, die Sonne ging unſichtbar hinter den Wolken auf; in der Burg wurde es nach und nach lebendig. Der Knecht des Junkers von Wolffenegg wartete ſchon zwei Stunden lang mit den gerüſteten Pferden, der alte Seppi mit der Suppe, die er dem Junker, ſobald er hören würde, daß er wach ſei, hineintragen ſollte. Aber Lienhard, der nun einmal auf dem Altenſteig keine ruhige Nacht verſchlummern ſollte, hatte in ſeiner ſtürmiſchen Aufregung erſt noch Stunden⸗ lang gewacht und ſich mit tauſend Entwürfen gequält, wie er das ſtolze Mädchen, das ihm einen Fehdehandſchuh hin⸗ geworfen zu haben ſchien, recht empfindlich demüthigen könne und war erſt, nachdem der Wächter längſt Mitter⸗ nacht abgerufen hatte, in einen todtenfeſten Schlaf gefallen, der ihn nun feſſelte, bis die Sonne bereits hoch ſtehen mußte. Da war er endlich ſchreckhaft, wie geſtern, erwacht, hatte ſich auf ſeine Abreiſe beſonnen und den alten Diener gerufen, der, wie er wußte, zu ſeiner Verfügung ſtand. Zu ſeiner großen Beſchämung hatte er gehört, wie ſpät es ſei, und daß auch die Herrſchaft bereits vor zwei Stun⸗ den gefrühſtückt habe. Unwillig ließ er die ihm auf⸗ getragene Suppe, dieſelbe, die ihn ſchon geſtern angewidert hatte, unberührt ſtehen, kleidete ſich mit Hülfe des Dieners, 6* 84 ohne den er nicht recht fertig werden konnte, eilfertig an und ging, ohne einen Verſuch zu machen, den gaſtfreien Wirth oder die Hausfrau nochmals zu ſehen, nach dem Stalle, wo er ſeinen Knecht in der Thür lehnend erblickte. Dieſer führte auf ſeinen ſtummen Wink die Pferde heraus, Lienhard ſchwang ſich auf, drückte die Reiſekappe, die er ſtatt des Federbaretts trug, tief in das Geſicht, zog den Reitermantel vor dem unfreundlichen Wetter dicht um die Bruſt und ritt durch das geöffnete Thor der Burg langſam in den immer eindringlicher werdenden Regen hinaus. Ihm war ſehr weh um das Herz, aber er wollte es ſich nicht geſtehen. Frau von Altenſteig hatte beſtimmt erwartet, nach⸗ dem er einmal die Zeit verſchlafen hatte, daß er ſie oder wenigſtens ihren Gemahl noch aufſuchen werde, und des⸗ halb dem Joſeph, der ihn bediente, ausdriücklich befohlen, ihm zu ſagen, daß Alle längſt aufgeſtanden ſeien— um ſo mehr wunderte es ſie, daß er ohne ein Zeichen, nur der gewöhnlichſten Sitte, davon ritt und wie auch die beſten Frauen durch ſolche Verſtöße leicht verletzt werden, ſprach ſie ſich darüber, ohne es recht zu bedenken, gegen ihre Tochter aus. Dieſe zuckte ein wenig die Achſeln und antwortete erſt nach einer Weile:„Es iſt ihm nicht möglich, auch das Kleinſte, das er verſehen hat, einzugeſtehen. Er hat ſich geſchämt— und iſt nun davon gegangen, wie ein trotziges Kind.“ 85 Die Mutter ſah den Ernſt in Hedwig's Augen, die nicht ſo klar blickten, als ſonſt, und ſie lenkte zum Scherz ein.„Dafür ſoll er auch hungern!“ ſagte ſie.„Er hat im Trotz unſere einfache Koſt verſchmäht und die Zeit ſoll ihm wohl lang werden, ehe er im Refectorium bei den Benedictinern geſottene Nüſſe und ſüßen Wein, die er ge⸗ rühmt hat, genießen kann.— Nun, Hetti, wir wollen ihn reiten laſſen, tüchtig naß werden muß er auch, er hat's aber nicht beſſer haben wollen. Warum iſt er nicht noch unter unſerm feſten Dach geblieben!“ „Nein, Mutter,“ erwiederte Hedwig,„es gefällt mir, daß er bei dem blieb, was er ſich einmal vorgeſetzt hat und ſollte er ſich gar vor dem Regen fürchten? Ihm wär's recht gut, wenn ihm nicht immer warmer Sonnenſchein beſcheert würde.— Wir gehen doch zur Kirche, Mutter?“ brach ſie von dem Geſpräch ab. Es war ein Feſttag und das Wetter konnte Frau von Altenſteig nimmer abhalten, dem Gottesdienſt in der Pfarrkirche, welche eine halbe Stunde vom Schloß im Thaldorfe gelegen war, beizuwohnen. Auch der Vater, welcher von ſeinem unlieben Geſellen, wie er ſein Uebel nannte, wieder für eine Zeitlang befreit war, ſchloß ſich an. Er hatte gar viel Sorgen auf dem Herzen, die er, nach dem Worte der Schrift, auf den Herrn werfen wollte, denn auch für Hedwig's Zukunft war ihm bange geworden. 86 Erſt, nachdem Lienhard Wolffenegg das Haus verlaſſen hatte, war es Frau Eliſabeth rathſam erſchienen, ihm Alles mitzutheilen, was ſie durch Hedwig erfahren hatte, und wie die beiden alten Leute vor einander nichts ver⸗ heimlichten, ſondern gegenſeitig tragen halfen, was ihr Herz beſchwerte, hatte die Mutter auch ihre Befürchtung ausgeſprochen, daß Hedwig ſchweren, innern Kämpfen ent⸗ gegen gehe. Sie hatte wohl in ihrem heitern, argloſen Weſen den offenen Huldigungen, die ihr der ſchöne, von dem Kaiſer ausgezeichnete, von allen Frauen verzogene Lienhard geweiht, ihr unbewachtes Herz nicht ganz ver⸗ ſchließen können, und ſelbſt, nachdem ſie ihn näher kennen gelernt hatte und durch ſeine verletzende Aeußerung in ihrem heiligſten Gefühl verwundet worden war, ſelbſt jetzt, wo ſie überzeugt ſchien, daß Lienhard nur ſeiner Eitelkeit gefröhnt, als er ihr gehuldigt hatte, glaubte die Mutter wahrzunehmen, daß jene erſte, ihr noch unbewußte und darum ſtolz verläugnete Neigung noch nicht erloſchen ſei. Lienhard aber, das verbarg ſich die Mutter gar nicht, war ihres Kindes nicht würdig. Wenn alſo auch, wie Frau Eliſabeth feſt glaubte, ſein Werben um Hedwig's Herz kein frevelhaftes Spiel der Eitelkeit geweſen war, und eine wirkliche Zuneigung auch in ihm lebte, ſo konnte doch daraus kein Glück für Hedwig entſprießen! Weh' ihr, wenn ſie zum Bewußtſein kam, daß ihr Herz ſich verirrt 87 hatte, und ſie ſich ihrer Liebe ſchämen müſſe! Vergebens die Hoffnung, daß Hedwig ſich je aus den Kämpfen, welche dies Bewußtſein in ihrer Bruſt wecken würde, zu dem ſüßen Frieden und der kindlichen Heiterkeit, die ihre Mutter einſt ſo glücklich gemacht, wieder erheben könne! Das Alles hatte Frau Eliſabeth ihrem Gemahl vertraut und wie ſehr er auch bemüht geweſen war, ihre Befürchtungen zu zerſtreuen, hatten ſie doch auch ihm das Herz ſchwer ge⸗ macht, ſo daß er ein wahres Bedürfniß fühlte, ſein Kind an geweihter Stelle dem Vater aller Mühſeligen und Be⸗ ladenen zu befehlen. Auf dem Altenſteig nahm jetzt das gewohnte Leben, das nur durch die Anweſenheit der ſeltenen Gäſte unter⸗ brochen worden war, wieder ſeinen geregelten Gang. Hedwig war glücklich und zufrieden bei ihren Eltern und genoß die Tage, welche ihr in der Heimath vergönnt, mit wahrhaft kindlicher Luſt. Faſt ſchien es, als hege ſie den Wunſch, gar nicht mehr an den Hof zurück zu kehren. Anders Lienhard Wolffenegg! Je näher er der alten Stadt Wien kam, wo der Kaiſer noch immer ſein Hoflager in der Burg hielt, deſto lebhafter wachten in ihm alle die ſchönen Erinnerungen an das leichte und luſtige Leben wieder auf, das er hier geführt hatte und wiederum ver⸗ hoffen durfte. Das Gefühl, das er beim Ausritt aus der kleinen Feſte am Waldgebirge, vielleicht zum erſten Male in ſeinem Leben, empfunden hatte, war völlig verſchwunden und wenn er daran dachte, daß ihm ſo weh um das Herz geweſen war, mußte er lächeln. Hedwig's Bild war darum nicht erblaßt in ihm, aber ſie war ihm ja nicht verloren, vielmehr redete er ſich, trotz aller Erfahrungen, mehr und mehr ein, daß ſie ihm gewiß ſei— ſie konnte ja doch nimmer von ihm laſſen, wie er meinte. An dem Morgen, wo er ſeine letzte Tagereiſe antrat, war er beſonders froh geſtimmt und ſang ein heitres Lied⸗ chen vor ſich hin, während er durch die ſchöne Landſchaft dahintrabte. Das Wetter war ſeit geſtern ſchon wieder beſſer geworden, die Sonne ſchien hell, kein Wölkchen ließ ſich am ganzen Himmel ſehen; er ſchien dem jungen Blut ein Bild ſeiner Zukunft. Unterwegs begegnete er, in der volkreichen Gegend, Menſchen genug, ſah auch hier und da einen Trupp Kriegs⸗ volk ziehen, das ſeine Aufmerkſamkeit flüchtig auf ſich lenkte, aber ſein Auge ſuchte nur immer in der Ferne, ob ſich ihm nicht St. Stephan bald zeigen werde, nicht bedenkend, daß noch eine geraume Strecke zwiſchen ihm und dem Thal⸗ rande lag, von wo ſich zuerſt der Blick auf die gethürmte Hauptſtadt unten am Strome eröffnet. Da machte ihn ſein Knecht auf einige Reiter aufmerkſam, welche ihnen auf einem Seitenwege von einem der vielen Schlöſſer her, welche überall die Stirnen der Hügel krönten, offenbar 89 den Pfad abzuſchneiden trachteten. Lienhard blickte nach⸗ läſſig hinüber, er war nicht gerüſtet und trug nur ein leichtes Schwert, mehr zur Zier, als zur Wehr, aber er hatte unter ſeinem Reitermantel des Kaiſers Farben, die wohl in Ober- und Niederöſterreich Jeder achten mußte, am Wehrgehenk und, was er ſich, ohne Widerſpruch zu finden, angemaßt, auch die Deviſe der fünf Vocale, welche der Kaiſer mit vieldeutigem Sinne führte. Darum lächelte er für ſich, als die Reiter ſich in vollem Jagen anſtrengten, ihm den Paß an einem Brücklein, daß er überſchreiten mußte, zu verlegen und freute ſich auf ihre langen Geſichter, wenn er ihnen die kaiſerlichen Zeichen unter die Naſe halten werde. Der Knecht rieth ihm ängſtlich, doch ſchärfer zu reiten, damit ſie die Brücke eher paſſiren möchten, als die böſen Geſellen, und als ihn Lienhard ſchweigen hieß, machte er wenigſtens zu ſeiner eigenen Vertheidigung die Armbruſt vom Sattelknopf los und legte einen guten Bolzen auf. Da hatten die Reiter den Paß ſchon erreicht und plötzlich ſtieß Lienhard, wie von einem böſen Geiſt beſeſſen, ſeinem Roſſe die Sporen in die Flanken und jagte, als wolle er ſich in den gewiſſen Tod ſtürzen, auf ſie los.„Vetter Diez!“ rief er laut lachend. Der Vorderſte der Reiter, welcher ſich ſchon hoch in den Bügeln gehoben hatte, ihn zu empfangen, ließ einen Ruf nicht eben freudiger Ueberraſchung hören und kam dem Heranſprengenden nur im kurzen Trabe entgegen geritten. „Biſt Du's, Lienhard?“ ſagte er barſch.„Dich hatten wir freilich nicht erwartet.“ „Ihr dachtet, einen andern Vogel zu fangen!“ rief Lienhard luſtig. „Wenigſtens keinen Pfauhahn, den man nicht einmal braten kann!“ erwiederte Dietrich trocken und blitzte ihn mit ſeinen kleinen grauen Augen unter den rothen buſchi⸗ gen Brauen an.„Nun, ihr Freunde, das iſt mein lieber Vetter Lienhard, des alten Veit Sohn“— rief er ſeine Genoſſen an, welche unterdeſſen auch herangekommen waren.„Nicht wahr, er ſieht ihm ähnlich, wie nur ein Spatz dem andern.“ „Ei, das find' ich gar nicht,“ verſetzte Einer, der ſchon älter war.„Das iſt das Geſicht vom alten Veit doch nimmermehr!“ „Findeſt Du's nicht?“ erwiederte Diez mit derſelben trockenen Stimme, die ihm eigen war.„Nun, ich finde es auch nicht.— Kommt, Kinder— wir reiten dem Zelter des jungen Herrn wohl zu ſchnell.“ Er wollte ſchon an⸗ ſetzen, aber er verhielt ſein mageres Pferd noch einmal und fragte Lienhard, der ihn mit ſeinem vornehmen Lächeln reizte:„Haſt wohl gleich Hochzeit gemacht?“„ „Das nicht, aber es kann werden, Vetter Diez. Grüße wollt' ich für Dich haben, aber es hieß, Du hätteſt 91 wohl andere Dinge im Kopf, als ſolche Kindereien. Ernſtere Dinge, ſagte ſie, ich beſinne mich. Nun, Du hatteſt es hier am Platz ernſt genug im Sinne, hätteſt einen Andern wohl niedergeworfen und geſchätzt!“ Dietrich hatte ſich dunkel verfärbt bei dieſer Rede und ſein krauſer rother Bart, welcher ihm Lippen und Kinn dicht umſtarrte, fing an zu zittern. Doch ſprach er kalt und trocken, wie vorher:„Vielleicht! Wir kamen von einem guten Freunde dort, wo wir zwei Tage gejagt— und wollten uns noch einen Spaß machen. Was ich im Kopfe habe, mein Junge, das weißt Du nicht und— Niemand.“ Er warf nun ſein Pferd ohne weitern Gruß herum, die Andern folgten ihm mit lautem Schreien und Lachen und Lienhard blieb, ſein wohlgerittenes Roß zügelnd, mit ſeiuem Knechte zurück, welcher ſeinem Heiligen dankte, daß die Gefahr ſo glücklich vorüber gegangen war. „Iſt das wirklich ein Sohn vom alten Veit?“ fragte der ergraute Reiter, welcher vorher an der Aehnlichkeit zwiſchen Vater und Sohn gezweifelt hatte, den Wolffenegg. Dieſer lachte kurz und heftig auf und ſprach erſt nach einer Weile:„Ich gebe nicht zehn Schinderlinge dafür!“ Die Geſellen lachten. Das Gebot erſchien ihnen freilich nicht hoch, denn die verrufene Münze, welcher das betrogene Volk den unanſtändigen Namen gegeben 92 hatte, war ſo ſchlecht, daß zwölf Gulden von ihr etwa einen Gulden guter Währung betrugen. „Meinſt Du, das hätt' ſich der Alte gefallen laſſen?“ fragte der Erſte wieder. „O nein, nein, ſo meint' ich's nicht!“ erwiederte Dietrich unwillig.„Aber der alte Kinderdieb hat wohl gar keine Frau gehabt— wer hat ſie geſehen? Er iſt in Wälſchland geweſen, erzählt Teufelsgeſchichten, wie ihm eine bildſchöne Fürſtentochter nachgelaufen iſt und er ſie nur aus Erbarmen geheirathet hat. Glaubt Ihr's.“ Die Andern lachten wieder.„Dann iſt er nach Steier⸗ mark heimgekehrt und hat den Buben mitgebracht. Der hatte ſchon im Wälſchland ſo gut deutſch plauſchen ge⸗ lernt! Ob die Frau Mutter ihm auch ihre Sprache ver— erbt hat, weiß ich nicht— der Veit ſagt, ſie wär' in den Wochen geſtorben. Nun hat er den Buben aufziehen laſſen, von wem ſagt er nicht oder er ſagt heute ſo, morgen ſo! Es iſt mein Ohm, aber verlogen bleibt er darum doch. Wenn nun der Pfauhahn, der jetzt in der Kaiſerlichen Gunſt ſein ſtolzes Rad ſchlägt, gar ein untergeſchobener Wechſelbalg wäre!“ „Ein Wehrwolf, nicht wahr, der Dir das Erbtheil wegfrißt!“ ſchrien die Geſellen ausgelaſſen und tobend. Dietrich hielt plötzlich ſein Pferd an und der tolle Haufe ſammelte ſich dicht um ihn, begierig, was er ſagen 93 werde.„Ich habe heut bei dem Schönberger, unſerm Wirth, einen Becher Wein mehr getrunken, als ich wollte,“ ſprach er wieder ganz ruhig und trocken,„und darum habe ich auch jetzt ein Wort mehr geſagt, als ich wollte. Ein Schelm, der's ausplaudert. Wer's aber thäte, der könnte ſich vor mir in Acht nehmen.“— Sie verſicherten ihn laut und eifrig ihrer Treue und Verſchwiegenheit. Was er darauf geben konnte, mußte er ſelbſt am beſten wiſſen. Bald darauf trennten ſie ſich auf verſchiedenen Wegen und Jeder ritt nach ſeiner Behauſung, von wo ſie ſich zu einem gemeinſamen Schmauſe bei einem guten Freunde einge⸗ funden hatten. Nur der Aelteſte von ihnen blieb mit Dietrich Wolffenegg zuſammen und Beide verfolgten im ſcharfen Trabe den Weg nach Wien. „Ich will Dir Alles ſagen, Kunz,“ erwiederte Wolf⸗ fenegg auf die Fragen ſeines Gefährten, der ihm auch in Jahren am nächſten ſtand, denn Diez war kein junger Geſell, wie ſein Vetter Lienhard, ſondern ein angehender Vierziger.—„Wenn der Alte keinen Sohn hätte, ſo erbte ich allein, was er noch hat: wenigſtens mit den andern Ganerben wollt' ich mich ſchon abfinden. Nun hat er aber den Buben und ich geh' leer aus— wenn Alles ſeine Richtigkeit hat. Die hat's aber nicht, nimm mich beim Schopf und wirf mich dort in den Graben zu den Frö⸗ ſchen, wenn es anders iſt. Der Alte hat's mir ſchon ſelbſt 94 einmal, als ich ihm zuſetzte, halb und halb geſtanden, aber er war betrunken, und nachher hat er nichts mehr davon wiſſen wollen und hat mir darüber ſein Haus verboten. Was ſoll man da machen!“ „Recht ſuchen— Eideshelfer— ein Kampfgericht,“ äußerte der Andere.„Mit dem Milchbart wirſt Du doch fertig werden?“ „Wenn ich es nur mit dem zu thun hätte,“ erwie⸗ derte Dietrich,„ſo würde ich wenig Umſtände machen. Aber hinter ihm ſteht der Kaiſer und da möcht' es mir doch übel bekommen. Du weißt, wie ſich der Veit des Kaiſers Gnade erworben hat.“— Der Andere ſchnitt ein verächtliches Geſicht und winkte mit der Hand.„Ja, Kunz, es iſt mein Ohm, aber ich muß Dir Recht geben. Wenn der nicht das Zeichen gegeben hätte, von der ge⸗ meinſamen Ritterſache abzufallen, und ſich des zornigen Kaiſers Verzeihung für ſich allein zu erbetteln, wahrlich, der Hans von Stubenberg und der Niclas Lichtenſtein, die Mächtigſten, hätten den Baumkircher, den ſie nun doch einmal zu ihrem Haupte für des Adels Gemeinſchaft wider den Herrn gemacht, auch nicht verlaſſen und dann hätte wohl Keiner gewagt, den Andreas Baumkircher, auch wenn er die Stunde des freien Geleits noch dreimal län⸗ ger überſchritten hätte, unter'm Murthor zu Graz enthaup⸗ ten zu laſſen.“ 95 Kunz nickte.„Wir ſind hier unter uns,“ ſagte er; „da unten“— er zeigte auf die Hauptſtadt, deren Thürme und Häuſermaſſen eben von der Höhe, welche ſie erreicht hatten, ſichtbar wurden—„da unten darf man nicht laut daran zweifeln, aber hat denn der Baumkircher wirklich das freie Geleit überſchritten? Viele wollen es nicht glau⸗ ben. Es müſſe nur ſo heißen, weil der Andreas doch groß Verdienſt um den Kaiſer gehabt, in Neuſtadt— Du weißt — als Anno zwei und fünfzig der Graf von Cilly und der Eyzinger ſtürmten.“ „Mir brauchſt Du's nicht zu erzählen,“ verſetzte Diez. „Mein Vater war auch unter den Verſchwornen und ich weiß die ganze Geſchichte. Viel anfangen und nichts zu End' bringen. Die öſterreichiſchen Stände unter dem Cilly hatten vier und zwanzig tauſend Mann aufgebracht, um ihre Forderungen mit Gewalt durchzuſetzen und wenn der Sturm auf Neuſtadt geglückt wäre, ſo hätten ſie wohl den Kaiſer, der ſich d'rinnen befand, gefangen genommen. Aber der Baumkircher, ſtark und rieſig, wie er war, ſperrte damals, wo er noch dem Kaiſer treu war, allein mit ſeinem Leib das Thor, bis es geſchloſſen werden konnte und dann kam es zum Vertrage. Du willſt wiſſen, ob's wahr iſt, daß man ihm das Geleit nicht gehalten hat, da er in ſpätern Jahren ſelber zu den Waffen gegen den Kaiſer griff und ſich in Graz zur Unterhandlung ſtellte? Nein, Kunz, der 96 Wahrheit die Ehre, die Sache iſt ganz richtig zugegangen. Er hatte die Stunde verſäumt— kann ſein, vaß ihn die Räthe argliſtig hingehalten haben, bis er nicht mehr wußte, wie ſpät es war— aber zu ſpät war es! Er ſprengte, als er erſt den Hengſt unter'm Leib hatte, wie ra⸗ ſend nach dem Thore, aber das Fallgatter fiel vor ihm nieder und da war auch gleich der Prieſter und der Scharf⸗ richter bei der Hand. Die Herren mögen's dem Kaiſer hinterher auch nicht erzählt haben, daß er 60000 Goldgül⸗ den und all ſeine Schlöſſer für ſeine Freiheit geboten hat — er war ihnen auch ohne Geld und Burgen zu gefähr⸗ lich, hinweg mit ihm! Ja, Kunz, auch der Greiſſenegger, ſein beſter Freund, mußte dem Schwerte des Nachrichters ſeinen Hals recken— Ritter finden keine Gnade, aber Die da—“ er ſtreckte grimmig die Hand gegen Wien us—„die Bürger, die ihn in ſeiner eignen Burg bela⸗ gert und mit Karthaunen beſchoſſen haben, daß er mit der Kaiſerin und dem jungen Erzherzoge faſt Hungers ſterben mußte und dem Herrlein nichts mehr vorgeſetzt werden konnte, als angefeuchtete Gerſte, die werden zu Gnaden aufgenommen und ſind nun ſeine lieben Kinder. Laßt ſehen, ob ſie bei ihm treu aushalten werden, wenn's ein⸗ mal wieder gilt. Uns aber, Kunz, blüht kein Weizen mehr unter Ihm und ſeinem Geſchlechte, darum— wir ſind hier unter uns, alſo kann ich es wohl ſagen— darum ſollten 97 wir es einmal mit einem Andern verſuchen!— Fährt der alte Geſell zuſammen, wie'n ſcheues Pferd!“ ſetzte er la⸗ chend hinzu, als er den Eindruck ſeiner Worte auf ſeinen Gefährten bemerkte. „Was meinſt Du damit?“ fragte dieſer behutſam. Diez drängte ſein Pferd dicht an den Steigbügel des An⸗ dern, bog ſich nach ihm hinüber und raunte ihm etwas in das Ohr. „Biſt Du toll?“ fragte Kunz erſtaunt.„Du haſt eben vom Baumkircher und Greiſſenegger erzählt, juckt Dir etwa auch der Hals?“ „Nicht alſo, Herr Konrad vom Wachberge!“ entgeg⸗ nete Diez und lachte noch ärger.„Ich denke, er ſoll eine goldene Kette von gutem ungariſchen Golde bekommen. Aber laß gut ſein, die Sach' iſt noch lange nicht reif und ſo wollen wir nicht weiter davon reden. Das ſag' ich Dir nur: dieſe Zeit werden wir wohl überſtehen, und Niemand wird uns viel anhaben; wenn aber der Marx an's Regi⸗ ment kommt, dann, ihr Herren, kommt eine neue Zeit und wir haben im Land ausgeſpielt. Dann wird Er Ruhe gebieten und Frieden im Lande und wir können dann Roß und Harniſch abſchaffen!“ „Ei, Diez,“ verſetzte Konrad,„er iſt ein ritterlicher Herr und wird uns, den Adel Oeſterreichs, nicht zum fau⸗ len Dachsleben verdammen! Führt er uns in gute Kriege 7 1858. Xi1. Aus eig'ner Kraft. I. 6 98 wider den Erbfeind oder ſeine Feinde, wo Ruhm und Beute zu gewinnen ſteht, iſt es doch beſſer, als wenn wir im Lande vom Stegreif leben und alle Tag' dem Blut⸗ bann eines elenden Städtleins verfallen können.“ „Meinſt Du?“ erwiederte Dietrich.„Nun, ich denke anders. Ich will mein eigner, freier Herr ſein, will thun und laſſen, was mir gefällt, abſagen, wem ich Luſt hab', und das Schwert ziehen, wenn ich raufen mag. Siehſt Du, ſo denkt der rothe Diez. Aber Du biſt alt geworden und ſollteſt Dich nun auch zur Ruh'ſetzen, wie mein Ohm, der Kinderdieb, wie ihn die Wiener vormals geheißen haben.“ „Schäm' Dich, Diez, das nachzureden,“ ſchalt ihn Konrad. Dietrich blickte ihn von der Seite an und der Andere verſtand dieſen Blick wohl. Auch er hatte ſich in den böſen Kämpfen, welche das getheilte Land zerriſſen, die Hand nicht rein gehalten. So ritten die Beiden, an Denkart und Anſchauung ihrer vermeintlichen Freiheit ein Paar echte Söhne des fünfzehnten Jahrhunderts, in das reiche Donauthal hernieder und zogen ſich die kapuzenförmigen Gugelhüte, welche ſie, alter Sitte treu, noch nicht mit den neumodiſchen wälſchen Baretts vertauſcht hatten, tiefer in das Geſicht, als ſie über die herbſtlichen Fluren eine Jagd daher brauſen ſahen. Es wäre ihnen nicht lieb geweſen, — ——— ——— 99 von Manchem, den ſie dort in dem Zuge wußten, erkannt zu werden, denn ſie hatten abſichtlich zu ihrem Luſtritt, mit welchem ſie noch bei Gelegenheit ein Nebengeſchäft ver⸗ binden wollten, kein ritterliches Kleid angelegt. Sie entgingen auch wirklich der Aufmerkſamkeit der Jagdge⸗ noſſen und gelangten an das Thor, noch ehe es ver⸗ ſchloſſen war. Sechstes Capitel. Am Kaiſerhofe. In der kaiſerlichen Burg ging esam andern Mor⸗ gen unruhig zu. Es waren noch ſpät in der Nacht Boten in Wien angekommen, welche den Kanzler aus dem Schlafe geſtört hatten; über die Nachrichten, welche ſie gebracht, liefen verſchiedene Gerüchte in der Stadt, welche um ſo ge⸗ fährlicher lauteten, je weniger man von ihnen wußte. Der Kaiſer war unpäßlich; demungeachtet hatte er, nach einer langen Rückſprache mit ſeinem Andreas Schlick, dem Kanz⸗ ler, mehrere Räthe am Morgen um ſich verſammelt und auch der Hofmeiſter der Erzherzogin war dazu entboten 7 F worden. Die Herren vom Hofe, die Dienerſchaft, wo ſie unbeachtet war, ſteckten die Köpfe zuſammen: es hatte ſchon ſeit mehrern Tagen etwas in der Luft geſchwebt und unheimliche Wetterwolken drohten die kaum gewonnene Freude an einem friedlichen und fröhlichen Leben wieder zu zerſtören. In dieſe ſchwüle Stimmung kam Lienhard Wolffenegg, als er ſeine Rückkehr melden wollte. Man fragte ihn aus, was er unterwegs gehört und geſehen habe, ob er nichts aus Steiermark oder aus den Niederlanden auf ſeiner Reiſe vernommen, denn um dieſe beiden Punkte drehten ſich alle Vermuthungen. In Steier⸗ mark war der Biſchof von Seckau, der ſich mit dem Erz⸗ biſchof von Salzburg in der unangenehmen Verwickelung wegen des Erzſtifts verbunden hatte, noch nicht zu fried⸗ lichem Abkommen geneigt, und in den Niederlanden gährte es gegen den rittglichen Maximilian, der nicht geſonnen war, den Rechten ſeiner jungen Gemahlin gegen den Uebermuth der reich gewordenen Städte etwas zu ver⸗ geben. Lienhard hatte weder von dem einen, noch von dem andern Schauplatze der Beſorgniß Kunde vernommen, dachte überhaupt zu wenig an die Welthändel, um viel danach zu fragen: ſeine Welt war eine ganz andere, eine lichte Au voll bunter Blumen, auf denen er ſich, ein ſorg⸗ loſer Schmetterling, wiegte und ſonnte, unbekümmert, was um ihn her vorging. 101 Als er noch mit den Junkern im Vorzimmer ſtand, erſchien der Kämmerer und machte große Augen, als er Lienhard erblickte. Der Kaiſer hatte ſchon geſtern nach ihm gefragt. Zetzt eben war die Sitzung der Räthe aufge⸗ hoben worden, einer von ihnen kam ſchon eiligſt aus den innern Zimmern und ging vorüber, ohne ſich nach den Kammerjunkern und Edelknaben umzuſehen, welche in ſei⸗ nen Mienen vergebens zu leſen trachteten; bald folgten mehrere und der Kämmerer ging leiſen Schrittes hinein, um der Befehle ſeines Herrn gewärtig zu ſein. Nicht lange dauerte es, ſo wurde Lienhard zum Kaiſer be⸗ ſchieden. In ſeinem hohen, dunkelfarbig ausgeſchlagenen Ge⸗ mache ſaß Friedrich der Dritte, von dem Uebel, das ihn in letzter Zeit wieder einmal heimgeſucht hatte, an ſeinen Lehnſtuhl gefeſſelt. Doch zeigte ſein ruhiges und ernſtes Antlitz keine Spur des Leidens, das zuweilen recht ſchmerz⸗ haft war, jetzt aber vor andern Sorgen zurückgetreten ſchien. Er hieß Venhard, der ſich vor ihm auf ein Knie niederließ, freundlich aufſtehen und fragte ihn, ob er die gute Gele⸗ genheit, die er ihm geboten, auch fein benutzt habe? War es der Geiſt ſeines Vaters, welcher, von Freund und Neffen der Unwahrheit beſcholten, ſich in dieſem Mo⸗ mente auch in Lienhard bekundete, gleichſam, um zu bewei⸗ ſen, daß Dietrich's Verdacht falſch, und er doch der echte 102 Sohn des alten Veit ſei? Lienhard erwiederte, daß er ſei⸗ nes Glückes nun gewiß ſein könne, und überreichte dann dem Kaiſer, der ihm einen leichten liebkoſenden Backen⸗ ſtreich gab, das Schreiben, welches ihm Hager von Alten⸗ ſteig anvertraut hatte. Friedrich ließ ſich ein Meſſer reichen und trennte da⸗ mit den ſeidenen Faden, welcher den Brief umſchloſſen hielt, von dem Siegel. Er ſchickte dann, ehe er das Schrei⸗ ben entfaltete, den Junker nach den Zimmern der Erzher⸗ zogin, um dieſe bitten zu laſſen, ſich zu ihm zu verfügen. Erſt, als Lienhard ſich entfernt hatte, las er, was ſein treuer Hager an ihn geſchrieben. Seine ohnehin ernſte Miene verdüſterte ſich noch mehr, ein Seufzer, da Nie⸗ mand den einſamen Kaiſer belauſchen konnte, entrang ſich ſeiner Bruſt: was ihm der Alte geſchrieben, was er für ihn gefürchtet hatte, war bereits geſchehen, ſeine dringende Abmahnung kam zu ſpät! Und er beneidete den treuen Mann um ſeinen Frieden auf ſeiner abgeſchloſſenen Feſte, auch wenn er, gleich ihm, von körperlichen Leiden heimge⸗ ſucht war; Ihm, dem Kaiſer, war kein Frieden beſcheert, wie ſehr er ihn auch liebte und ihm in ſeinem langen Le⸗ ben nur zu viele Opfer gebracht hatte— mehr vielleicht, als ſich mit der Krone und dem Scepter, die ihm von Gottes Gnaden verliehen waren, vertrug! Noch einmal hob er das Blatt, welches er mit der Hand hatte ſinken 103 laſſen, vor ſein Auge und las zum zweiten Male, was ihm die Bruſt ſchwer machte. Lienhard hatte den Weg nach dem Theile der Hof⸗ burg, welcher die Frauengemächer und mit ihnen auch die Wohnung der Erzherzogin Kunigunde enthielt, ſchnell zurückgelegt und fand zum Glück den Hofmeiſter der Für⸗ ſtin, an welchen er den Befehl des Kaiſers beſtellen konnte. Denn wenn ſchon in den Häuſern des Adels der Zutritt zu den Frauen und Töchtern ſchwer war und nur zu ge⸗ wiſſen Stunden, in Anweſenheit des Hausherrn, frei ſtand, ſo war es noch viel mehr der Fall an den Fürſtenhöfen. Die ſpaniſche Etikette, welche erſt in dem folgenden Jahr⸗ hunderte ihren Weg über die Pyrenäen und Alpen fand, herrſchte zwar an der kaiſerlichen Hofſtatt noch nicht, aber es war altdeutſche ehrbare Sitte, die auch hier, dem Her⸗ kommen nach, geachtet wurde. Der Hofmeiſter ſtand der geſammten za hlreichen Dienerſchaft zwar vor, aber zu un⸗ gewohnter Stunde durfte er ſelbſt ſich der Fürſtin nicht nahen, ſondern, was ihr zu melden war, mußte durch die Hofmeiſterin geſchehen, welche nicht etwa ſeine eigne Ge⸗ mahlin, ſondern, unter gleichem Rang und Titel, meiſt eine Wittwe aus einem vornehmen Geſchlechte des Landes war. So auch die Hofmeiſterin der Erzherzogin Kunigunde. Dieſer übergab alſo der Hofmeiſter Lienhard's Beſtellung bald konnte letzterer mit der Antwort, daß die Erzher⸗ 104 zogin ſogleich erſcheinen werde, zu ſeinem Herrn zurück kehren. Der Kaiſer hatte ſeine volle ruhige Faſſung be⸗ reits wieder gewonnen, er ließ ſich mit Lienhard, dem er, wie wir wiſſen, beſonders lieb hatte, vom Attenſteig, von Frau Eliſabeth, die er in ihren jüngern Jahren wohl gekannt hatte, und auch von dem kleinen ſtechenden Rös⸗ lein, wie er Hedwig nannte, erzählen und freute ſich, daß es dem„jungen Wolf“ endlich gelungen ſei, ihr Herz da⸗ von zu tragen. „Die Väter ſind um mich bittere Feinde geworden,“ wiederholte er,„ſo will ich die Kinder als ſüße Freunde zuſammen bringen.“ Er blickte dabei gütig auf den Jüngling und lächelte, ſeine ſchweren Regierungsſorgen für einen Augenblick ver⸗ geſſend, als er ihn, wie ein unſchuldiges Mädchen, errö⸗ then ſah. Freilich ſchrieb er es einer reinern Urſache zu, nicht der Verlegenheit aus Scham, daß er ſich gegen ſeinen Herrn eines Glückes gerühmt habe, von welchem er ſelbſt, trotz ſeiner eitlen Anmaßung, nimmermehr feſt über⸗ zeugt war. Da wurde durch einen der Edelknaben, welche die Thüre hüteten, die Erzherzogin gemeldet und des Kaiſers Augen leuchteten in väterlicher Liebe auf, als ſeine Toch⸗ ter, die ſchöne und geiſtvolle Kunigunde, eintrat. Wie Maximilian, ihr älterer Bruder, die deutſche Heldenſchön⸗ 3 i ——— 105 heit, den geiſtigen Adel ſeiner Vorfahren geerbt hatte, ſo Kunigunde allen Liebreiz, alle Seelenkraft ihrer unvergeß⸗ lichen Mutter. Sie war darum auch der Liebling, der einzige Troſt des Vaters und wie viele Fürſten auch um ihre Hand geworben hatten, ja obgleich er ihre Hand be⸗ reits zweimal zugeſagt, hatte er doch immer wieder das Band, ehe es unwiderruflich geknüpft war, zu löſen ge⸗ wußt, weil er ſich nicht von ihr zu trennen vermbchte. Für eine Zeitlang mußte es aber vielleicht in nächſter Zukunft geſchehen und das wollte er eben mit ihr beſprechen. Die Erzherzogin begrüßte ihren Vater zärtlich. Zwi⸗ ſchen ihnen war die Förmlichkeit verbannt, welche ſonſt die Herzen unter dem Purpur, auch wenn ſie ſich in menſchlich ſchöner Regung noch ſo warm entgegen ſchlugen, in jener Zeit von äußern Liebesbezeigungen zurückhielt. Der Kaiſer machte ſeine Tochter lächelnd auf Lienhard aufmerkſam, den ſein Befehl, als er ſich bei der Meldung der Erzher⸗ zogin entfernen gewollt, zurückgehalten hatte. „Da iſt der Wolf! Und hat Dein Lämmchen doch erbeutet! Hab' ich Recht gehabt, Kuni?“ Die Fürſtin richtete ihr klares, dunkles Auge auf Lienhard, welcher das ſeinige vor dieſem Blicke ſenken mußte. Sie wünſchte ihm freundlich Glück und ſetzte hinzu, daß er erſt in ſpäterer Zeit dies Glück würde ver⸗ ſtehen lernen; dann fragte ſie mit Antheil nach Hedwig 106 und ihren Eltern und ließ dabei ihre Liebe zu Hedwig ſon innig hervortreten, daß der Kaiſer im Scherz rief:„Jetzt hör' auf und mach' mich nicht eiferſüchtig!— Du, Lien⸗ hard, geh'— und vertrag' Dich, das ſag' ich Dir, mit Deinem Vetter Diez. Er iſt älter, als Du, ſo alt, daß er Dein Vater ſein könnte— das merk' Dir.“ Lienhard wurde damit entlaſſen und fragte ſich drau⸗ ßen, was dieſe Mahnung zu bedeuten habe und wie der Kaiſer dahinter gekommen ſei, daß ſich Dietrich über ſein Verhältniß zu Hedwig beunruhigen könne. Als Friedrich der Dritte mit ſeiner Tochter allein war, kehrten die Sorgen, denen er ſich nur für eine kurze Weile entſchlagen hatte, um ſo ſchwerer zurück und ſein Auge, vorher ſo heiter, verdunkelte ſich. „Schlimme Botſchaft, die mir der Landeshauptmann ſendet!“ ſprach er.„Die Ungarn haben ſich in Steier⸗ mark feſtgeſetzt— ein neuer Krieg iſt unvermeidlich!“ „Mein gnädiger Vater!“ rief die Erzherzogin be⸗ ſtürzt,„das wolle Gott verhüten!“ „Und Niemand,“ fuhr der Kaiſer bitter fort,„kein Einziger von meinen Räthen hat mich gewarnt, dem arg⸗ liſtigen Feinde zu trauen! Nur Einer, der's redlich meint, und der nicht einmal hier iſt, ſondern daheim ſitzt, ein kranker Mann, wie ich, der hat's durchſchaut und ſchreibt mir!“ Er hob den Brief empor, welchen ihm Lienhard 107 Wolffenegg mitgebracht hatte.„Weißt Du, wer's iſt? Der Hager, mein alter Hager, der Vater Deiner Hetti! Nun, ich ſollt' meinen, wenn Der's auf ſeinem abgelege⸗ nen Berghorſte durchſchauen kann, ſo hätte ſich wohl auch einer von meinen weiſen Räthen finden müſſen, die mitten im Strome fahren. Jetzt ſind ſie alle klug, jetzt zucken ſie die Achſeln bis an die Ohren und ſprechen, ſie hätten's wohl vorher gefürchtet, hätten aber nicht den Muth ge⸗ habt, vor Kaiſerlicher Majeſtät auszuſprechen, allmaßen Dieſelbe ſo feſtiglich entſchloſſen geweſen, dem Begehren des Königs von Ungarn nachzugeben! Sag' Du mir ehrlich, mein kluges und theures Kind, haſt Du Böſes geahnt?“ „Nein!“ verſicherte die Erzherzogin mit einem edlen Unwillen.„In meine Seele iſt kein Verdacht gekommen, daß eines Königs Wort nicht lauter ſein könne, wie Got⸗ tes— wenn es ſündhaft iſt, ſo zu reden, möge mein Herr im Himmel mir verzeihen!— Aber wie iſt es denn ge⸗ kommen?“ Des Kaiſers Stirn umwölkte ſich noch mehr; es koſtete ihn Ueberwindung, von dem tiefern Zuſammen⸗ hange zu ſprechen, da er ſich nicht frei von aller Verant⸗ wortung für die neue unheilsvolle Zerwürfniß fühlte. Freilich war nur ſein leicht gewonnenes Herz, ſein Mit⸗ leid mit einem hart verfolgten Manne, einem Diener der 108 Kirche, Schuld geweſen. Er hatte dem Erzbiſchofe von Gran, welcher vor Matthias Corvinus aus Ungarn um vieler Urſachen willen entwichen war, ſchon früher Schutz gewährt, und ihm vor Kurzem, als Bernhard von Rohr, der Erzbiſchof von Salzburg, ſeine Würde niedergelegt und zu Graz in des Kaiſers Hand die Nachfolge gelegt hatte, das Erzſtift Salzburg verliehen. Nun war aber das Dom⸗Capitel, auf ſeine Rechte fußend, dagegen aufgetre⸗ ten und hatte dem Erzbiſchofe ſeinen Schritt als ein Un⸗ recht vorgeſtellt, das er widerrufen müſſe, um bis an das Ende ſeiner Tage das ihm anvertraute Hirtenamt wahr⸗ zunehmen. Darin hatte beſonders der Biſchof von Seckau, Chriſtoph von Trautmannsdorff, im frommen Eifer ihn beſtärkt. Der Kaiſer, von ſeiner Seite, war nicht Willens geweſen, den Mann, dem Er die Würde übertragen, fallen zu laſſen, um ſo weniger, als Johannes Pekenſchlager, ſo hieß der geweſene Erzbiſchof von Gran, große Verdienſte um ihn hatte. Schon vor fünfzehn Jahren, als er, ein Bürgersſohn aus Breslau, noch Biſchof von Erlau war, hatte er als Geſandter ſeines Königs den Frieden zwiſchen ihm und dem Kaiſer durch die glücklichſte Vermittlung her⸗ geſtellt, hatte ſpäter, nachdem er aus Bitterkeit über viele Zurückſetzungen, die ihm geworden waren, ſein Erzbisthum in Ungarn verlaſſen, dem Kaiſer mit ſeinem Reichthum, beſonders bei der Vermählung des Erzherzogs Marimilian 109 mit der Erbtochter von Burgund, vielfach zu Dienſten ge⸗ ſtanden und daher wohl gerechte Anſprüche auf des Kai⸗ ſers Dankbarkeit. Seinetwegen war alſo eine Fehde ent⸗ brannt, da der Kaiſer ſeinem Landeshauptmann in Steier⸗ mark Befehl gegeben hatte, den neuen Erzbiſchof nöthigen⸗ falls mit Waffengewalt einzuſetzen. In dieſe Wirren war nun das Anſuchen des Königs von Ungarn, im geheimen Einverſtändniſſe mit den beiden bedrohten Kirchenfürſten, gekommen, ſeiner Heerſchaar freien Durchzug zu gewähren, um einen Krieg mit Steiermark zu beginnen und der Kai⸗ ſer hatte daſſelbe, nichts Böſes ahnend, gewährt. Gleich⸗ wohl fiel es ihm ſchwer, ſeiner Tochter, welche dieſe allge⸗ meinen Verhältniſſe wohl kannte, zu geſtehen, daß er ſich, in Betreff des Erzſtifts Salzburg, gegen ſein Wiſſen und Wollen in einen Streit verwickelt habe, welcher in ſeiner eignen, erſt allmälig aufgeklärten Anſchauung, keine feſte Ueberzeugung von gutem Recht mehr aufrecht halte. Er berührte dieſen Punkt aber doch, wie er gewohnt war, in Sorgen bei ſeiner Tochter Troſt zu ſuchen, den er auch immer fand. Dann erzählte er ihr, daß die ungariſchen Truppen, ſtatt ohne Aufenthalt ihren Durchmarſch fortzu⸗ ſetzen, ſich gleich Anfangs hier und dort unnöthig ver⸗ weilt, immer mehr Verſtärkungen an ſich gezogen und jetzt, wie ihm der Landeshauptmann gemeldet, ſich in die feſten Burgen und Plätze der beiden Biſchöfe geworfen, von wo 110 ſie im Gebiete des Kaiſers Gewaltthätigkeiten aller Art verübten. Jener Vorwand war alſo offenbar nur eine Argliſt geweſen, um den Kaiſer, welcher auf einen Krieg mit Ungarn nicht vorbereitet war, zu überraſchen und gleich auf deutſchem Grund und Boden feſten Fuß zu faſſen, wozu der Streit um Salzburg die erwünſchte Ge⸗ legenheit bot. Der Kaiſer konnte ſich hier nur eines zu argloſen Vertrauens anklagen, aber er ſprach ſich mit er⸗ neutem Unwillen gegen ſeine Räthe aus, welche Alles vor⸗ ausgeſehen haben wollten und doch geſchwiegen hatten.— „Aus allen denen,“ ſprach er unmuthig,„die ich zu Ehren und Wohlſtand erhoben, iſt mir der wenigſte Theil dankbar geweſen, und ich habe mit meinen Wohlthaten nichts an⸗ ders erlangt, als daß ich aus treuen Leuten untrene ge⸗ macht habe. Selbſt an meinem Caspar Schlick muß ich zweifeln.“ „Thut das nicht!“ bat Kuigunde„Er iſt Euch treu und was er thut, geſchieht gewiß nur zu Eurem Beſten.“ „Dem Hager,“ fuhr der Kaiſer fort, von ſi Ge⸗ danken befangen, daß er kaum hörte, was ſeine Tochter ſprach,„dem alten Hager hab' ich wenig Gunſt erwieſen, er hat mir oft herb und ehrlich geſagt, was ihm nicht ge⸗ fiel und ich hätte ihn darum werth halten ſollen. An ſei⸗ nem Kinde möcht' ich's gut machen, Kuni, und ich denke, 111 ſie wird's auch gut haben.“— Er konnte aber bei Neben⸗ gedanken nicht verweilen, wie lieb ſie ihm auch waren, ſon⸗ dern lenkte wieder zu den ernſten Thatſachen.„Was der König an mir ſucht,“ ſprach er,„das iſt nicht wegen des Erzbiſchofs, das iſt ganz etwas Andres, das kann er nim⸗ mer vergeſſen und Du weißt es, Kuni.“ Vor dem unendlich liebevollen Blicke, mit welchem er dieſe Worte begleitete, ging der jungen Fürſtin das gepreßte Herz auf und ſie küßte die Hand ihres Vaters. „O hättet Ihr doch gethan, was Euch viel ſchwere Heim⸗ ſuchung und meinem armen Vaterlande unendliches Elend erſpart hätte!“ ſagte ſie ſchmerzlich. „Dir aber Gram und Kummer gebracht!“ rief der Kaiſer.„Und denkſt Du, ich hätte noch eine Freude in meinem Leben gehabt, wenn ich Dich dahin gegeben hätte, wo Du unglücklich geworden wäreſt? Sprich mir davon nicht! Es wär' auch dann nicht anders gekommen, denn er kann nicht Ruh' und Frieden halten und ſich freuen an dem, was er hat. Wenn er auch den Erbfeind wieder nach Aſien gejagt und ihm Konſtantinopel, noch eh' er drrin warm geworden, abgewonnen hätte, daß Er nun griechi⸗ ſcher Kaiſer wäre— glaubſt Du, er wäre zufrieden? Er würde dann auch die Hand nach Meiner, des heiligen römiſchen Reiches, Krone ſtrecken, um ſie Beide wieder zu vereinigen, ein zweiter Konſtantinus. Nein, mein herzig 112 Kind, da ſei Gott für, daß ich Dich je geopfert hätte! Wenn Du einmal Einen ſo recht von Herzensgrund lieb haſt, und wär's mein Feind, Kuni, dann ſag' es mir— dann will ich Dir meinen Segen geben!“ Bebend neigte ſich die Erzherzogin von Neuem auf die Hand ihres gütigen Vaters und küßte ſie, keines Wor⸗ tes mächtig, mit zitternden Lippen— er bemerkte wohl, daß ſie bei ſeiner letzten Rede erblaßt war, doch ahnte er nicht, was in der Tiefe ihres Herzens vorging. Er küßte ſie auf die bleiche Stirn und Beide ſchwiegen. „Was gedenkt mein Herr Vater nun zu thun?“ fragte Kunigunde nach einer Weile leiſe. „Ich werde den Handſchuh aufheben, den Er mir ſo trotzig hingeſchleudert hat,“ ſagte der Kaiſer, auflodernd von dem wieder erwachenden Gefühl des erlittenen Un⸗ rechts.„Schmach den Fürſten des Reiches, wenn ſie nicht einmüthig zu Mir ſtehen, wo es gilt, dieſen Einbruch in Deutſches Land zu ſtrafen! Selbſt die mir übel wollen, müſſen jetzt ihre Feindſchaft vergeſſen— ſelbſt Albrecht von Baiern!“ Er hätte das Zucken wohl bemerken können, das bei dieſem unerwarteten Namen um die Lippen ſeiner erſchütterten Tochter bebte und mit aller Seelenkraft nicht gleich zu bemeiſtern war; aber ihn nahm das Bild, das vielleicht in glorreicher Herrlichkeit zum erſten Male vor ſeiner Seele aufging, das Bild einer Erhebung deutſcher 113 Nation, einmüthig geſchaart unter dem Kaiſerlichen Pa⸗ nier, niederwerfend alle Feinde, ganz und gar gefangen und wehrte ſeinem Auge alle äußern Eindrücke ab. „Einen wüßte ich wohl, meinen treuſten Freund von den Fürſten Deutſchlands,“ fuhr er fort,„Einen, der immerdar zum Kaiſerhauſe gehalten hat, den untadeligſten Ritter in allen deutſchen Gauen, wie ſich Dein Bruder Max, ſo Gott will, in gleicher Weiſe bewähren wird, und wär' er nicht alt, daß er nicht mehr im Stande iſt, den Streithengſt zu beſteigen, dem legt' ich mit Siegeshoff⸗ nung das Reichsſchwert in die Hand. Albrecht iſt er auch geheißen, aber Albrecht Achill!“ Die Erzherzogin hatte ſich während dieſer Rede gefaßt und verſtand nun wohl, daß er den alten Kurfürſten von Brandenburg meine, wel⸗ cher dem Erzhauſe Oeſterreich immerdar ein treuer Freund geweſen war, aber auch wenn er noch jung geweſen wäre und der Kaiſer ihm, wie deſſen wohl Keiner würdiger war, das Reichsſchwert in die Hand gelegt hätte— wären denn Deutſchlands Fürſten und Stämme einmüthig, wie der Kaiſer jetzt in ſeltenem Vertrauen wähnte, auf den Ruf des Reichsoberhauptes gekommen? Die Tochter des Kaiſers war noch ſehr jung, aber ihr klarer Geiſt hatte die unſeligen Verhältniſſe ſchon zu ſehr erkennen ge⸗ lernt, um ſich in ſchöne, aber vergebliche Hoffnungen zu wiegen. Dennoch widerſprach ſie ihnen nicht: ſie wußte 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 8 114 ja, daß ſich ihr Vater auch nur für einen Moment ihnen hingab. „Für's Erſte müſſen Wir freilich auf Uns ſelbſt ſtehen,“ nahm der Kaiſer nach einem kurzen Sinnen ſeine Rede wieder auf.„Ich laſſe dem Gotthard Starhemberg Befehl zugehen, als Landeshauptmann ob der Enns die Ritterſchaft aufzubieten— in Steiermark wird ſie die eigene Noth dazu treiben. So Gott will, eilt Dein Bru⸗ der Max, dem ich Botſchaft ſende, aus Brabant herbei, ſeine Erblande vertheidigen zu helfen.— Ich denke, den Lienhard an ihn zu ſenden, der wird, hoffe ich, ſchnell ſein.“ „Sendet einen Andern,“ rieth die Erzherzogin.„Er iſt leicht fahrläſſig, wenn es Anſtrengung koſtet.“ „Du urtheilſt immer hart über den armen Buben!“ ſagte der Kaiſer.„Ich denke mir, weil er Dir die Hetti, Deinen Liebling, rauben will. Aber wenn Du meinſt, ſend' ich einen Andern.— Es giebt einen böſen Krieg,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu.„Ich möcht' ihn gern vermeiden— aber kann ich es? Soll ich den Nothſchrei meiner Unterthanen nicht hören, den Feind durch Aner⸗ bietungen und neue Opfer beruhigen, die ihn nur noch unerſättlicher machen? Ich kann es nicht. Es wäre wider Gott und meine Ehre.“ 3 „Ihr könnt es nicht!“ rief Kunigunde.„Wenn denn —————— 115 aber Krieg ſein muß, ſo fangt ihn mit Gott ſogleich mit voller Gewalt an. Bietet die geſammte lehnspflichtige Ritterſchaft auf, das Hofgeſind von Vorder⸗Oeſterreich, der Adel von Tirol wird Euch zuziehen, wenn Ihr meinen Herrn Oheim Siegmund darum erſucht; Ihr habt wackere Hauptleute, die Euch anderes Volk werben, den alten Stahremberg, Rüdiger, die Gebrüder Walſee, den Bern⸗ hard von Scharffenberg, Geſchütz geben die Städte. So ſchlagt Ihr mit einem erſten gewaltigen Streich den Feind zu Boden und nehmt ihm das Gelüſt, den ungerechten Krieg weiter zu führen!“ „Wahrlich, Du biſt ein geborner Feldhauptmann, Kuni!“ rief der Kaiſer lächelnd über ihren Eifer.„Wenn Du, das fürſtliche Fräulein von Habsburg, mein Panier aufwürfeſt, ſo würde wohl Keiner, der Sporen trägt, dahinten bleiben. Aber ich muß Dich in Sicherheit wiſſen — und das wollte ich Dir auch ſagen, mein Lieb,— wenn der Krieg ſchlimm wird und Gott uns Unglücksfälle ſendet, ſo hab' ich mir ſchon eine Freiſtatt für Dich ausgedacht.“ „Meine Freiſtatt iſt bei meinem Herrn Vater!“ ſagte die Erzherzogin, über dieſe Aeußerung betroffen. „Wo könnte ich ſicherer ſein? Schickt mich nicht von Eurer Seite hinweg!“ „Du herzig Kind!“ erwiederte der Kaiſer gerührt. „Aber es kann doch kommen, daß Gott unſern Feinden 8* 116 Macht giebt, in das Feldlager kannſt Du mich nicht be⸗ gleiten, zu Neuſtadt möcht' ich Dich nicht laſſen, was einem Anfall ausgeſetzt iſt— in Wien noch minder, denn ich traue nicht feſt auf die Standhaftigkeit der Bürger, wenn der Feind an die Thore klopfen und harte Noth ihnen zu⸗ ſetzen ſollte.“ „Da thut Ihr den Wienern gewiß Unrecht,“ ſagte Kunigunde. „Kann ſein und ich will dann gern Unrecht haben,“ entgegnete der Kaiſer.„Aber die reichen Leute ſind wun⸗ derlich und ſetzen Hab' und Gut nicht freudig in Gefahr. Hier biſt Du nicht ſicher. Ich weiß ſchon eine beſſere Burg für Dich, als dieſe hier— das iſt ein ganzes Land, von Felſen beſchützt und noch mehr von ſeinem tapfern Volke und der Burgherr im Lande iſt unſer treuer und lieber Vetter!“ „Tirol!“ rief die Erzherzogin und ſetzte gleich drin⸗ gend hinzu:„Laßt mich bei Euch bleiben.“ „So lange es nicht ſein muß, werde ich mich ja doch von Dir nicht trennen!“ erwiederte der Vater.„Aber wenn es nicht mehr möglich iſt, Dich bei mir zu behalten, dann biſt Du in Tirol bei meinem Vetter Siegmund am ſicherſten aufgehoben. Du kennſt ja das ſchöne Innsbruck ſchon und liebſt das ganze Land, haſt mir ſelbſt geſagt, daß Du dort ſo glücklich geweſen biſt—“ 47 Eine liebliche Röthe verklärte für einen Moment das ſchöne Antlitz der Erzherzogin und ſetzte ſie ſelbſt in eine gewiſſe Verlegenheit.—„Das Land hat mir ſehr gefallen“ — ſagte ſie—„und mein Herr Oheim, wie die Frau Katharina, haben mich ſo gütig aufgenommen, aber— ich möchte doch lieber an meines Vaters Seite ſelbſt die Ge⸗ fahren des Feldlagers theilen. Darum bitte ich Eure Majeſtät.“ „Du biſt eine hartnäckige Bittſtellerin, Kuni,“ ſprach der Kaiſer gütig.„Geduldet Euch, wie die Zeit Alles bringen wird. Das ſei Eurer Liebden Beſcheid,“ ſchloß er mit einer ſcherzhaften Antwort. Wer Kaiſer Friedrich den Dritten in dieſem innigen Verkehr mit ſeiner Tochter geſehen hätte, der würde ihn nach dem Bilde, das er ſich von ihm aus dem öffentlichen Auftreten gemacht, nicht wieder erkannt haben. Es waren auch nur allzu raſch vorübergehende Momente, in welchen er ſeinem Herzen Genüge thun konnte. Bald genug nahmen ihn die Sorgen ſeiner Krone wieder in Anſpruch und er be⸗ neidete, durch den erhaltenen Brief wieder an Einen ſeiner getreueſten Anhänger erinnert, deſſen Werth er nicht immer ganz erkannt hatte, den glücklichen Hager von Altenſteig, welcher in Frieden, mit den Seinigen vereint, leben konnte. Die unruhige Bewegung, die ſich am frühen Morgen in der kaiſerlichen Burg kund gegeben hatte, war um die 118 Mittagszeit einigermaßen wieder beſchwichtigt, man wußte, woran man war, die Nachrichten, welche die kaiſerlichen Räthe zu ungewohnter Stunde um die Perſon des Mo⸗ narchen vereinigt hatte, waren nicht verſchwiegen geblieben, man legte ihnen aber, nun man ihren Inhalt kannte, die Wichtigkeit nicht mehr bei, die man Anfangs in unbe⸗ ſtimmten und abenteuerlichen Gerüchten über ſie geſucht hatte. An Fehden war man gewöhnt, Friede herrſchte im Lande doch nicht, wenn auch kein Feind von Außen her drohte. Es war vielleicht recht gut, wenn die Störenfriede, vor deren Gewaltthaten kein Stand, ſelbſt nicht der kaiſer⸗ liche Hofdienſt und das geiſtliche Ordenskleid ſchützte, durch einen wirklichen Krieg von ihren Raubneſtern an die Grerze gerufen wurden; freilich war es immer die Frage, ob ſie auch dem Rufe gehorchten, denn wenn ſie nicht Luſt hatten, wer wollte ſie zwingen? Traurige Zu⸗ ſtände! Sie hatten ſich aber im Laufe böſer Zeiten derge⸗ ſtalt eingelebt, daß es Niemand mehr anders kannte und wohl nur Wenige hofften, es könne einſt beſſer werden. Darum hielt man eben einen Krieg mit einem auswärtigen Feinde noch nicht für das Schlimmſte. Im Laufe des Tages beruhigte ſich denn auch Alles und kehrte in das gewohnte Geleiſe des Lebens zurück. Selbſt die Erzherzogin geſtattete Abends wieder die Aufwartung in ihren Gemächern. In den Mittagsſtunden 119 von zwölf bis zwei Uhr, wo es ſonſt auch nach der herr⸗ ſchenden Sitte erlaubt war, im Zimmer der Damen Be⸗ ſuche zu machen, hatte ſie heut Niemand vorgelaſſen. Nun aber, zur angenommenen Zeit, zwiſchen ſechs und acht Uhr, ſtanden die Pforten wieder den Cavalieren offen. Dieſe Stunden des Tages waren an den Fürſtenhöfen für die Fräulein, welche dort, feine Sitten und Handarbeiten zu er⸗ lernen, immer zahlreich waren, die Lichtpunkte eines ſonſt freudenarmen Daſeins. Sie lebten in faſt klöſterlicher Einſamkeit unter der ſtrengſten Zucht der Hofmeiſterin, ohne deren Erlaubniß ſie keinen Brief annehmen, ſelbſt Verwandte nur im Beiſein der Oberin ſprechen durften; von Ausgehen war gar keine Rede, nur Auserwählte be⸗ gleiteten zuweilen die Fürſtin, wenn dieſe einer Jagd zu Pferde beiwohnte; der Neid ihrer Genoſſinnen verfolgte ſie dann. Muſik trieben ſie ſelten, Lectüre kannte man nicht, dafür gab es Zwerge und Poſſenreißerinnen, welche die Hoffräulein zuweilen, wenn ſie im Kreiſe mit ihren Handarbeiten ſaßen, beluſtigten. Denn, wie Zwerge zu einer vollkommenen Dienerſchaft gehörten, und die Fürſten jener Zeit ſich Hofnarren hielten, deren Einfülle ihnen die Unterhaltung würzten, ſo fand ſich auch in der Umgebung mancher fürſtlichen Frau eines jener unglücklichen weib⸗ lichen Geſchöpfe, deren körperliche Mißgeſtalt ſie zu geiſtiger Schärfe und Bitterkeit geführt hat, die ſich des Spottes 120 und ſchneidender Satire zur Waffe bedient. Kunigunde von Oeſterreich hätte jedoch kein ſolches Weſen um ſich ge⸗ duldet. Sie hatte einen zahlreichen Hofſtaat, wie es der Würde einer kaiſerlichen Prinzeſſin geziemte; der Kaiſer, wie viele Rückſichten er auch ſonſt auf Sparſamkeit nehmen mußte, da die Quellen der fürſtlichen Einkünfte überhaupt damals nicht reichlich floſſen, kannte doch in Bezug auf ſeine geliebte Tochter keine Grenzen der Freigebigkeit, als welche ſie ihm ſelbſt ſetzte, wenn ſie nur irgend eine gütige Abſicht von ihm erfuhr, wo ſie dieſelbe noch hintertreiben konnte. Ein Kranz von jungen, blühenden Mädchen aus Oeſterreichs und Steiermarks edelſten Geſchlechtern, die zum großen Theil noch heut ihres Landes Stolz ſind, war um die Erzherzogin verſammelt, welche, nicht viel älter als die meiſten unter ihnen, nach Kräften die Strenge der Frau Hofmeiſterin gegen ſie zu mildern ſuchte, wenn ſie auch die allgemeinen Geſetze, welche die Sitte der Zeit vor⸗ ſchrieb, nicht ändern konnte. Auch heut, als die erſehnte Stunde heranrückte, in welcher der Beſuch adliger Herren frei ſtand, ſaßen ſie in einem weiten Kreiſe im Saale, und die Erzherzogin unter ihnen auf einem etwas erhöhten und mit kunſtreichem Schnitzwerk verzierten Seſſel. Ihre Gegenwart war nöthig, wenn der Beſuch überhaupt geſtattet ſein ſollte, auch der Hofmeiſter und die Hofmeiſterin mußten zugegen 121 ſein. Die Mädchen arbeiteten fleißig und plauderten, wenn gleich nur mit halber Stimme, noch fleißiger. Man konnte nicht leicht ein bunteres Gemiſch von Beſchäftigung ſehen. Während Einige die reichſten Stickereien in Gold und Silber, nach Modelltüchern, im italieniſchen Geſchmack, welcher damals tonangebend war, Andere Perlenarbeiten oder Kränze fertigten— Kränze ſelbſt für Männer, wie ſie bei feierlichen Gelegenheiten getragen wurden, wieder Andere ſich mit weißer feiner Nähterei von Bruſthemdchen und Tüchern beſchäftigten oder die reizenden Häubchen von Silber⸗ und Goldſtoff, welche damals auch unter den höhern Ständen des Donaulandes getragen wurden, wie ſie jetzt leider ſelbſt unter den Bürgerfrauen verſchwinden, mit Schlingen und geſtickten Bändern zierten, waren Manche eifrig dabei, ganz gewöhnliche Leibwäſche von derber Lein⸗ wand zuzuſchneiden und zu nähen. Allmälig fanden ſich jetzt die erwarteten Gäſte, alt und jung, ein, bezeigten der Kaiſertochter ihre Ehrfurcht und ſtanden dann einzeln oder in Gruppen, um ſich mit den Damen zu unterhalten. Dieſe mußten ſitzen, ſtehend mit einem Herrn zu ſprechen oder gar längere Unterhal⸗ tung zu pflegen, galt für unanſtändig. Ziemlich ſpät er⸗ ſchien auch Lienhard Wolffenegg. Er ſah, wie es ſchien, vom weiten Ritte, den er geſtern zurückgelegt hatte, noch etwas ſchmachtend aus, hatte ſich aber höchſt geſchmackvoll 122 gekleidet und zog dadurch ſelbſt die Aufmerkſamkeit der Erzherzogin auf ſich. „Da iſt Euer Vetter, Herr Dietrich,“ ſprach ſie zu dem ſtarken, ebenfalls reich gekleideten Manne, welcher neben ihr ſtand und ſie ſchon eine geraume Weile unter⸗ halten hatte. Dietrich blickte hin, griff mit der Hand in ſeinen krauſen, rothen Bart und ſagte:„Wahrlich, da iſt er! Euer Gnaden denken wohl ſchon an eine hübſche Morgen⸗ gabe?“ Die Erzherzogin überhörte den Ton nicht, in welchem dieſe Worte geſprochen wurden, ſie fand die Erklärung und auch wohl eine Art Rechtfertigung dafür, denn ſie wußte, daß auch Dietrich Wolffenegg ſeine Huldigung ihrer Hed⸗ wig gewidmet hatte und nun wohl gereizt war, gegen ſeinen Vetter zurückgeſetzt zu ſein. Sie gab daher auf ſeine Aeußerung nur eine leichte, zum Scherz einlenkende Ant⸗ wort und nahm Lienhard's Aufwartung an, welche dieſer ihr mit ſo vollendeter Feinheit in Haltung und Worten machte, daß die Damen, die ihn ſchon längſt für den erſten und ſchönſten jungen Mann des Hofes erklärt und, wie wir wiſſen, nicht wenig eitel gemacht hatten, kein Auge von ihm verwandten, während die Erzherzogin mit ihm ſprach. Dietrich, ſein Vetter, war unterdeſſen zurückgetreten und bewies der Frau Hofmeiſterin ſeine Aufmerkſamkeit, 123 welche es daher um ſo mißfälliger aufnahm, daß Lienhard in ſeiner gewohnten Rückſichtsloſigkeit ſich um ſie, welche doch nach der Tochter des Kaiſers die Hauptperſon in dieſem Kreiſe war, gar nicht kümmerte, ſondern, nach⸗ dem er ſich, von der Erzherzogin entlaſſen, tief ver⸗ neigt, die braunen, glänzenden Locken, welche ihm über die Schläfe gefallen waren, mit leichtem Schwunge der Hand zurückwarf, daß ein Strom ſanften Wohlgeruchs ihnen enthauchte und ſich dann, ohne irgend ein Rangverhältniß zu beachten, zu irgend einem der jüngſten und unbedeutend⸗ ſten Hoffräulein begab, um mit ihr ziemlich laut ſeinen nicht eben ſchonenden Bemerkungen, über Verhältniſſe und Dinge, die hoch über ihm lagen, Luft zu machen. Er blickte dabei zuweilen nach ſeinem Vetter Diez, den er, ſoviel er ſich erinnern konnte, nur ſelten im Damenzimmer und noch niemals in ſolcher Pracht geſehen hatte. Wenn er daran dachte, wie er geſtern, gleich einem Stoßvogel, auf ihn dahergeſchoſſen war, im groben, weiten Reiterrock, einen tief gehenden Gugelhut bis auf die Naſe gezogen, den er nur in die Höhe ſchob, als er zu ſeinem Verdruſſe erkannte, daß er Nichts gefangen habe, als ſeinen eigenen Vetter, ſo mußte Lienhard heimlich lachen und der rothe Diez, deſſen kleine graue Augen ihn ſelten verließen, mochte es wohl bemerken. Er kam auch ſehr bald zu ihm her und ſagte mit ſeiner trockenen Stimme:„Dir lacht 124 das Herz im Leibe, wie ich ſeh'. Laß Dir's gut bekommen. — Ich hab' einen Brief für Dich.“ „Von wem?“ fragte Lienhard, ohne viel Neugier zu verrathen.„Warum iſt er an Dich gekommen?“ „Weil der Bote aus Steiermark von Dir nichts weiß und nur mich als den echten Wolffenegger kennt!“ erwie⸗ derte Diez.„Ein Brief von Deinem Vater— ich meine Herrn Veit. Hol' ihn Dir morgen ab.“ Lienhard nickte.—„Die Erzherzogin will Dich noch ſprechen, ehe Du fortgehſt,“ ſagte Dietrich und verließ ihn. Ohne zu ſäumen, ging Lienhard über den Saal hin⸗ über, grade auf den erhöhten Seſſel der Erzherzogin zu, was die Hofmeiſterin wiederum höchſt mißfällig bemerkte. Sie wandte ſich deshalb an den Hofmeiſter, welchem Lien⸗ hard, wie alle übrigen jungen Herrn aus der Umgebung des Kaiſers, zu gehorchen hatte, und forderte ihn auf, den übermüthigen Knaben in ſeine Schranken zurückzuweiſen, was ihr auch feierlich gelobt wurde. Die Erzherzogin hatte Lienhard nicht ſogleich im Beiſein Aller, ſondern gelegentlich, ehe er ſich mit den Andern empfahl, ſprechen wollen, weil ſie eine Frage, nicht grade vor vielen Zeugen, an ihn zu richten hatte. Da er ſich indeſſen mit einer Sicherheit, die auch ihr allzudreiſt erſchien, ohne Säumen ihr nahte und die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft in vielen Gruppen, während Erfriſchungen 125 herumgereicht wurden, zerſtreut war, ſo beſchloß ſie, die Frage, die ihr auf dem Herzen lag, ſogleich zu thun. „Ihr habt meinem Vater geſagt, Junker Wolffenegg,“ begann ſie,„daß Ihr Euch mit dem Fräulein von Alten⸗ ſteig verlobt habt?“ Dieſe grade Frage, welche kein Ausweichen zuließ, ſetzte Lienhard in große Verlegenheit. Sollte er zurück⸗ ziehen, der Fürſtin geſtehen, daß er nur eine Hoffnung hege, die er durch ſeine abſichtlichen Andeutungen aller Welt ſchon als eine Gewißheit verkündet habe? Sollte er ein ſolches demüthigendes Geſtändniß ablegen? Dazu ge⸗ hörte mehr Selbſtüberwindung, als der im Sonnenſchein des Glückes erwachſene Jüngling beſaß! Auf der andern Seite beſaß er aber doch zu viel Ehrgefühl, um gradezu eine Lüge zu ſagen. Er verſuchte es alſo noch einmal, die Wahrheit, ohne ſie über den Haufen zu werfen, gewandt zu umgehen. „Eure Gnaden haben, als Herrin des Fräuleins von Altenſteig, noch keine Zuſtimmung zu dem Schritt ertheilt,“ ſagte er, ſich tief verneigend.„Es wäre daher wohl un⸗ möglich, von einer Verlobung zu ſprechen und des Kaiſers Majeſtät hat auch gewiß nicht das unter meinen Worten verſtanden.“ Vor dem klaren Auge der Erzherzogin, zu welcher Lienhard feſt aufzublicken verſuchte, konnte aber ſeine dreiſte 126 Stirn nicht beſtehen.—„Nun, ſo will ich meine Frage anders ſtellen,“ ſprach ſie, noch immer mit ihrer ruhigen Freundlichkeit.„Ihr beſitzt die Neigung meiner Hedwig?“ Er fühlte, daß ihm die Glut in die Wangen ſtieg. „Ich hoffe es,“ ſagte er. Kein Zeuge lauſchte in dieſem Moment in unmittel⸗ barer Nähe auf das Geſpräch, die Damen waren ſelbſt in der Unterhaltung begriffen, nur die Hofmeiſterin, welche, wenig entfernt, neben der Erzherzogin ſaß, hätte ein Wort vernehmen können. Aber die junge Fürſtin mußte Ge⸗ wißheit haben und ſchonte Lienhard nicht mehr. „Ihr hofft es?“ fragte ſie nun mit ernſterm Tone. Seid Ihr es nicht feſt überzeugt? Ihr müßt das ſein, denn wär't Ihr es nicht und rühmtet Euch der Zuneigung einer Jungfrau—— Wie, Junker Wolffenegg?“ Er erblaßte jetzt, biß ſich in die Lippe und das Lä⸗ cheln, mit welchem er ſein Auge zwang, dem Blicke der Erzherzogin zu begegnen, diente eher dazu, die Meinung, die ſie bereits gefaßt hatte, zu beſtätigen. „Ihr ſeid unverbeſſerlich!“ ſagte ſie mit einer Strenge, welche man in dieſem holden Antlitz nimmer geſucht hätte. „Nur ein großes Unglück könnte Euch adeln!“ Sie machte ihm eine entlaſſende Handbewegung und in demſelben Momente erhob ſich auch die Hofmeiſterin mit einer tiefen Verneigung gegen die Erzherzogin. Die Zeit war ver⸗ 127 ronnen, welche für den Beſuch im Damengemach geſtattet war, die Fürſin gab das gewährende Zeichen und gleich darauf, nachdem der Hofmeiſter einen der aufwartenden Edelknaben ſiunm geſchickt hatte, erklangen draußen die drei Schläge, durch welche der Kämmerer den Herren im Zimmer verkündigte, daß ſie ſich zurückzuziehen hätten. Siebentes Capitel. Der Wetterſtrahl. Dem Wanderer, welcher lange Zeit in blühenden Thälern geſchweift, wo nur liebliche Bilder ſein Auge ent⸗ zückten, Sommerlüfte ſchmeichleriſch ſeine Schläfe fächelten und ſeine Seele in ſüßes Behagen gewiegt wurde, iſt es ein widerwärtiges Gefühl, wenn er plötzlich bei einer Wen⸗ dung ſeines Pfades von einem kalten, ſchneidenden Zug⸗ winde erfaßt wird und ſich aus dem freundlichen Gefilde in eine ſtarre Klippenwelt verſetzt ſieht, wo er nicht mehr in träumeriſcher Stimmung achtloſen Fußes wandeln kann, ſondern ſich wahren muß vor Abgründen und rüſten zum Kampfe gegen unbekannte Gefahren, mit welchen ihn die Wildniß, die ihm ganz fremd iſt, bedroht. 128 Lienhard, der in ſeinem Leben bisher auch nur Freund⸗ liches erfahren, vielleicht noch nie ein rauhes Wort gehört hatte, war in eine Aufregung durch die ihm widerfahrene Behandlung der Erzherzogin verſetzt worden, die ihn eine Zeitlang ganz unfähig machte, einen klaren Gedanken zu faſſen. Nicht ſeine Eitelkeit allein war verletzt worden, ſie hatte ihn auch beleidigt, ja, ſeine Ehre gekränkt! In leidenſchaftlicher Verblendung warf er auf die junge Für⸗ ſtin, welche ihm bisher ein ideales Götterbild, würdig der Anbetung, geweſen war, ſeinen bittern Haß; tauſend wahn⸗ ſinnige Pläne, wie er ſich für die erlittene Schmach an ihr rächen ſolle, jagten ſich in ſeinem Hirne und wie ſcheues Nachtgeflügel konnte er doch keinen von ihnen faſſen und feſthalten— er hätte perſönlich ihr ſeinen heißen Groll in's Angeſicht ſchleudern, ſie in's Unglück ſtürzen, ihren Feinden verrathen können! Er erhitzte ſeine Phantaſie mit Anſchlägen, ſie dem Manne, den ſie durch Verwerfung ſeiner Hand unverſöhnlich beleidigt, zu überantworten— ja, wie ein grimmiger Hohn, fiel ihm das alberne Gerede ein, daß ein Müſſiggänger am Hofe einſt, wie einen guten Witz, in Umlauf geſetzt hatte: die ſchöne Erzherzogin, der kein Freier genehm ſei, werde für den Großſultan auf⸗ gehoben, den man mit ſammt ſeinem türkiſchen Volke durch ſie zum Chriſtenthum zu bekehren hoffe.— Dies Gerede iſt in der That bei Kaiſer Friedrich's Lebzeiten nach dem 129 Zeugniß alter Schriften geführt worden, denn es giebt nichts ſo Albernes, das nicht in der Welt hier und da Glauben fände.— Erſt am andern Morgen, als die Herbſtſonne mit ihren hellen Strahlen in Lienhard's Ge⸗ mach blickte, kam er aus den wüſten Fieberbildern ſeines aufgereizten Zuſtandes ein wenig zur Beſinnung und rief ſich zurück, wie er ſich bei dem ganzen Verhör der Erz⸗ herzogin und beſonders nach ihrer letzten Aeußerung be⸗ nommen hatte. Es überlief ihn heiß dabei, denn er mußte ſich ſagen, daß er nicht viel anders vor ihr geſtanden habe, als wie ein geſcholtener Knabe. Gut zu machen war das kaum mehr, aber er durfte es doch nicht ſo zahm hin⸗ nehmen und— großartig, wie der Gedanke war,— er ge⸗ dachte, einen geiſtigen Kampf mit dieſer, wegen ihres Scharfſinns und ihrer Bildung hochgeprieſenen Kaiſer⸗ tochter aufzunehmen! War ſie des zärtlichen Vaters Lieb⸗ ling— um ſo höher die Ehre! Spät erſt riß ſich Lienhard aus dem Gewirr form⸗ loſer Gedanken, das von Neuem in ihm zu kreuzen begann, noch ſpäter fiel ihm ein, daß ſein Vetter Dietrich einen Brief aus Steiermark für ihn habe, den er abholen ſolle. Dabei gedachte er auch, wie ſein Gedächtniß heut zu einer ihm ſonſt ungewöhnlichen Schärfe gereizt ſchien, der ſchnö⸗ den Rede, mit welcher Diez ſeine Eröffnung begleitet hatte: „Der Bote aus Steiermark kenne nur ihn als den echten 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I.. 130 Wolffenegger.“ Wohlan, er wollte dem rothen Diez, wenn er auch ſo alt war, daß er ſein Vater ſein konnte, beweiſen, daß er nicht länger die Begegnung, als ſei er noch ein Knabe, dulde, und daß er ein eben ſo echter Wolffenegger ſei, als er. Mit dieſem Vorſatz warf er ſein ſchönes Wehrgehenk, von Damenhand geſtickt, über, ſteckte das leichte Schwert hinein, mit welchem er, von einem geſchickten Fechtmeiſter unterrichtet, vortrefflich um⸗ zugehen verſtand und ſuchte die Wohnung ſeines Vetters auf, welche in der Nähe des Hohenmarkts, in einer der kleinen Gaſſen, lag, die von dort nach der uralten Kirche Maria Stiegen führen. Dietrich war ſelten zu Hauſe, wenn er in Wien war; heut aber ſchien er auf ſeinen jungen Verwandten gewartet zu haben, denn er empfing ihn mit einer Bemerkung, welche zugleich das ohnehin gereizte Blut Lienhard's in noch ungeſtümere Wallung ſetzte. Er lag lang ausgeſtreckt auf einem Cavalett, das mit einer Decke verſehen, ihm zugleich als Bett und Sitz, manchmal auch als Tiſch diente; bei Lienhard's Eintritt ſprang er auf und rief:„Nun kommſt Du endlich? Ein wahrer Sohn, der von ſeinem Vater nichts wiſſen will.“ „Du haſt mich nicht zur Rede zu ſtellen!“ erwiederte Lienhard.„Ich thue, was ich will, und duld' es nicht von Dir, daß Du mich ſchulmeiſterſt!“— Er blickte dabei 131 den Vetter ſo flammenden Blickes an, daß dieſer in Er⸗ ſtaunen gerieth. „Schau, ſchau!“ ſagte er kalt.„Und wenn ich's für nöthig finde, wie will mir's der Junker wehren?“ Lienhard legte, ohne ein Wort zu erwiedern, die Hand an den zierlichen Griff ſeines Degens. Da lachte Diez, was den Jüngling zur ungezügelten Leidenſchaft hinriß: er zückte die Klinge, aber Dietrich hielt ihm den Arm feſt. „Laß ſtecken!“ ſagte er in ganz verändertem Tone. „Sprichſt Du ſo, dann werd' ich mich nicht lumpen laſſen. Hier, ſei vernünftig! Nimm erſt den Brief— Dein Vater will ſterben.“ Von dieſer unerwarteten Mittheilung erſchreckt, ſtieß Lienhard das halbgezückte Schwert in die Scheide zurück und griff, ganz blaß geworden, nach dem Schreiben, das Dietrich neben ſich liegen gehabt und ihm hinreichte. Er fragte nicht, woher ſein Vetter die Nachricht hatte, er las nur mit Anſtrengung die krauſe Mönchsſchrift, welche ihm verkündigte, daß Herr Veit von Wolffenegg ſchwer krank darnieder liege und ſein Stündlein täglich erwarte, aber nicht eher ſterben könne, bis er ſeinen Sohn noch geſehen, daher ſein Beichtiger, Pater Medard, demſelben hiermit die traurige Botſchaft melde und ihn inſtändig bitte, ſich flugs aufzumachen und ſonder Verzug heimzukommen, wenn er Herrn Veit, der ihm noch viel zu ſagen habe und 9* 132 unter inbrünſtigen Seufzen ſeinen Namen wohl hundert Mal täglich rufe, noch am Leben treffen wolle. Hier war keine Minute zu verſäumen! Lienhard dachte in dieſem Augenblicke nicht daran, daß das große Unglück, welches die Erzherzogin für ſein Heil angeſehen, ſchon vor der Thüre ſei, er dachte nur an ſeinen ſterbenden Vater, der ihm von zarteſter Jugend viel Liebes erwieſen, und nicht vom Leben ſcheiden konnte, ohne ihn nochmals geſehen zu haben und ſein Entſchluß war gefaßt, ſofort die Reiſe nach Steiermark anzutreten. Alles Uebrige war ihm aus den Gedanken verſchwunden. Er reichte Diez die Hand, bat ihn haſtig, dem Kaiſer zu melden, warum er Wien verlaſſe, ohne ſich Urlaub zu erbitten und eilte nach der Burg zurück, um ſeine Pferde, welche kaum ausgeruht hatten, von Neuem rüſten zu laſſen. Der Knecht hatte unterdeſſen den Boten aus der Heimath, den er kannte, getroffen und von ihm Alles erfahren; er hatte, als ein kluger Diener, ſchon einige Vorkehr getroffen, da er ſich wohl dachte, daß ſein Herr ſchleunigſt reiten werde; das Nöthigſte, was auf ſo weite Reiſe mitgenommen werden mußte, war ſchon wieder gepackt und brauchte, mit dem Sattel, den Pferden, die bereits ihr Wegfutter fraßen, nur aufgelegt zu werden. So bedurfte es nach Lienhard's An⸗ kunft nur kurzer Zeit, ehe er aufbrechen konnte. Dietrich, welcher, ſeitdem ihm der„Bube“ die Zähne gezeigt, mehr 133 Antheil für ihn gewonnen zu haben ſchien, kam auch noch und ging gleich nach dem Stall, wo er aber nur den Knecht fand, einen alten Heergeſellen, mit dem er von früher auf ziemlich vertrautem Fuße ſtand. „Du haſt mir verſprochen, Claus!“ ſagte er zu ihm, indem er ihn auf die Schulter ſchlug. „Sorgt nicht, Herr Diez, ich habe meine Augen und Ohren!“ erwiederte der Knecht. „Glaubſt Du, daß er dem Pater Medard gebeichtet hat?“ „Nein, geſtrenger Herr, das glaub' ich nicht. Wenn er Einem beichtet, ſo iſt es—“ er zeigte mit dem ver⸗ kehrten Daumen nach der offenen Stallthüre, nach welcher Dietrich während des Geſprächs unverwandt blickte. „Schon recht! Nun, mach' Deine Sach' gut, Claus.“ Ohne ein erneutes Verſprechen abzuwarten, ging Dietrich ſeinem Vetter entgegen, welcher, zur Reiſe vollkommen ge⸗ rüſtet, in der Stallthüre erſchien und dem Knechte, welcher unterdeſſen aufgezäumt hatte, den Befehl zurief, die Pferde herauszuführen. Er war erkenntlich, daß Dietrich noch einmal gekommen ſei, nahm Abſchied von ihm und dankte ihm für die guten Wünſche, welche er ihm auf den Weg gab. Dann ritt er langſam aus, bis er die langen Straßen hinter ſich hatte und er nun, aus dem Thore gelaſſen, ſeinem Drange zu ſchnellerm Fortkommen nachgeben konnte. 134 Der Kaiſer hörte mit Verwunderung, als er Junker Wolffenegg im Laufe des Tages vermißte, daß derſelbe, ohne vom Hofmeiſter die nöthige Erlaubniß nachzuſuchen, mit gepackten Pferden, wie zu einer neuen Reiſe, ausgerit⸗ ten ſei. Die Erklärung, welche ihm Lienhard's Vetter hätte geben können, blieb aus, aber der Kaiſer wußte ſelbſt eine ſolche zu finden und äußerte gegen ſeine Tochter, daß der arme Knabe, von Liebesſehnſucht gequält, es nicht länger als einen Tag fern von ſeiner Braut habe aushalten kön⸗ nen, ſondern wie ein Gefangener ausgebrochen ſei, um wieder zu ihr zu eilen. Es werde daher wohl das Beſte ſein, auch das Bräutchen baldigſt wieder zu holen und der Sache ſchnell ein fröhliches Ende zu machen. Die Erzherzogin hatte ihre Gründe anderer Meinung zu ſein, doch wollte ſie hinter Lienhard's Rücken das gute Vertrauen, welches ihr Vater zu ihm hegte, nicht ſtören. Sie ſelbſt kaunte ihn übrigens, wie auch Hedwig ihn kannte und was ſie geſtern zu ihm geſagt hatte, war ihre aufrich⸗ tige Herzensmeinung. Es war ihm bis jetzt zu wohl er⸗ gangen, er mußte durch den Ernſt des Lebens aus dem un⸗ männlichen Weſen, in welchem ſein beſſeres Selbſt endlich unterzugehen drohte, aufgeſchreckt und zu Thaten der Ehre gezwungen werden. Hätte ſie gewußt, was ihm bereits geſchehen war, ſie würde milder über ihn gedacht haben; aber ſie erfuhr nichts davon, denn Lienhard's Vetter hielt 135 es nicht für nöthig, die Entſchuldigung, welche ihm aufge⸗ tragen war, auch nur an den Kämmerer oder einen der andern Herten vom Hofe zu beſtellen, ſo daß der Kaiſer ganz in Ungewißheit blieb, was dieſen eigenmächtigen Ver⸗ ſtoß gegen alle Zucht und Sitte wirklich verurſacht habe. Der gütige Monarch war gewiß der Einzige, der ihn dafür nicht verurtheilte. r hatte übrigens keine Zeit, ſich länger als einen Augenblick mit ſeinem landflüchtigen Junker zu beſchäftigen, da ihn wichtigere Dinge ganz in Anſpruch nah⸗ men. Lienhard war dann nach zwei Tagen vergeſſen. Der Ritt, welchen er unternommen hatte, wurde von ihm mit einer fieberhaften Haſt ausgeführt, ſo daß ihn ſein Knecht mit großer Verwunderung beobachtete. Wie gemächlich war er jüngſt geritten, als er vom Kaiſer die Erlaubniß erhalten hatte, die Botſchaft des Fräuleins von Altenſtein nach ihrer Heimath zu bringen— ſeine Liebe zum alten Vater mußte alſo doch heißer ſein, als die zu dem ſchönen Fräulein, daß er jetzt ſo hart auftreten ließ und ſtarke Tagereiſen, faſt über die Kräfte der Roſſe, zurücklegte! Freilich handelte es ſich jetzt um Leben und Tod— indeſ⸗ ſen hatte der alte Claus zuweilen Urſach' gehabt, an der kindlichen Zuneigung ſeines Herrn zu ſeinem Vater zu zweifeln, was ihm um ſo tadelnswerther erſchienen war, als Herr Veit den Junker mit einer faſt abgöttiſchen Zärt⸗ lichkeit liebte. Nun ſchien es endlich auch bei dieſem durch⸗ 136 geſchlagen zu ſein. Claus glaubte wenigſtens geſehen zu haben, daß er, ſobald ſie das Kärnthner Thor im Rücken gehabt und kein Menſch ihnen mehr auf der Landſtraße be⸗ gegnet ſei, für ſich ſtill geweint habe. Das war dem Knecht, der es hinter dem Rücken ſeines Herrn mit deſſen nicht eben freundlich geſinnten Vetter hielt, doch etwas zu Herzen ge⸗ gangen. Im Lande, das Beide auf ihrer eiligen Wegfahrt durchzogen, ſah es unruhig aus. Die Gerüchte von einem neuen Kriege mit den Ungarn, an deren Verherun⸗ gen noch Alles mit Schrecken dachte, hatten ſich ſchon über⸗ all verbreitet; in den Städten, auf den Schlöſſern, wo Lienhard Herberge nahm, bereitete ſich Alles darauf vor, man wollte von ihm, der die kaiſerlichen Farben trug, Neues hören und hielt ſein Schweigen für das ſchlimmſte Zeichen. Er achtete nur wenig auf das, was um ihn her geſchah, die Reize des herrlichen Landes, welche ihn ſonſt bei jedem Wiederſehen von Neuem entzückt und aus ſeiner höfiſch geſättigten Stimmung geriſſen hatten, ließen ihn heut kalt und machten ihn eher ungeduldig, von all' dieſen Bergmaſſen, dieſen viel gewundenen Thälern mit ihren rau⸗ ſchenden Bächen, in ſeinem raſchen Fortkommen gehindert zu ſein. War denn wirklich die kindliche Liebe, die er bei ernſter Selbſtprüfung kaum in ſeinem Innern gefunden 137 hätte, jetzt von der mahnenden Hand des Todes zu einem angſthaften Bewußtſein erweckt. Endlich, nachdem er bei Bruſt auf das andere Ufer der Mur gelangt war, ſtieg vor ihm der graue Fels auf, den die wohlbekannten Mauern krönten. Er athmete ſchwer und bang, als er die Höhe gewonnen hatte und der finſtere Eingang zur Feſte ſich vor ihm öffnete. Sein Vater lebte noch! Er ſprang vom Roſſe, er hätte den Thorwart in der Freude ſeines Herzens, wie einen Verkünder des Heils, ſegnen mögen— da kam ihm ein Ordensgeiſtlicher ent⸗ gegen, er kannte ihn wohl, es war Pater Medardus, welcher ihn ſelbſt in ſeiner Knabenzeit unterrichtet hatte, wenn er aus ſeinem Kloſter herauf kam, oder Lienhard ihn dort mit demſelben Knecht beſuchte, der ihn jetzt begleitete und ſchon als Kind unter ſeiner Aufſicht gehabt hatte. Pater Me⸗ dard war auch in der Heilkunde wohl erfahren und hatte Lienhard, der in jüngeren Jahren gar zart und kränklich geweſen, vielleicht von einem frühen Hinſiechen gerettet, was ihm bei dem Vater großes Anſehen verſchafft hatte. Er kam eben von deſſen Lager und wußte dem ängſtlich fragenden Sohne nur eine ſehr unſichere Vertröſtung zu geben. „Vielleicht, daß Euer Anblick eine wohlthätige Wen⸗ dung ſchafft!“ ſagte der würdige Prieſter, aber er hatte wohl eine andere Wendung im Sinne, welche er wohlthätig 138 nannte: die Erlöſung von irdiſchen Leiden! Denn es war traurig geweſen, mit anzuſehen, wie der Kranke ſich in unausſprechlicher Sehnſucht nach ſeinem Sohne verzehrte und ihm offenbar etwas ſchwer auf der Seele lag, das er erſt abwälzen mußte, ehe er in Frieden ſterben konnte. Der Claus hatte ſeinen alten Herrn wohl gekannt, als er be⸗ hauptete, daß er dem frommen Diener des Herrn nicht beichten werde: Veit von Wolffenegg war immer ein Kir⸗ chenverächter geweſen und es hieß, er habe auf ſeinen weiten Heerfahrten, die er in jungen wie in alten Tagen oft ganz allein unternommen hatte, ſogar mit den Taboriten Ge⸗ meinſchaft geflogen. Deshalb war er auch vom Glauben an ſchwarze und verbotene Kunſt durchdrungen und hatte noch heut, in ſeinem Aengſtigen und Ringen, den Pater gefragt: ob es möglich ſei, durch Zauberei das Herz aus der Bruſt zu ſtehlen, daß man nicht laſſen könnt' von dem, der es gewonnen? über welche ſündhafte Frage noch auf dem Sterbebette der fromme Geiſtliche erſchrocken war und nach Kräften wider den böſen Geiſt, der ſich des Kranken ganz bemächtigt, gekämpft hatte. Er ſchritt jetzt Lienhard voraus, um den Vater auf ſeine Ankunft vorzubereiten; dieſer ſchien aber Zeit und Raum ſchon mit dem geiſtigen Auge zu überfliegen, denn er wußte, ohne daß es ihm Jemand gemeldet hatte, der Sohn ſei gekommen.—„Laßt ihn zu mir!“ rief er mit 139 einer Stimme ſo klar, wie ſie Wochen lang nicht von ihm gehört worden war. Und Lienhard trat mit bebendem Herzen, leiſen unſichern Schrittes an ſein Lager.—„Schafft Licht! Und Luft!“ gebot der Kranke, nach dem verhangenen Fenſter zeigend.— Der Pater gab einen zuſtimmenden Wink, die Decke wurde hinweg genommen, helles Licht ſtrömte in das Ge⸗ mach, ein friſcher, geſunder Hauch drang ein, als auch das Fenſter geöffnet wurde. Mit glänzenden Augen ſah der Alte auf den Jüng⸗ ling, welcher vor ſeinem Lager niedergekniet war und ſeine Hand mit Thränen, die er nicht mehr bemeiſtern konnte, benetzte.—„Geht Alle hinaus!“ ſagte er dann.„Auch Ihr, Pater Medard. Wenn ich mit Lienhard geſprochen habe, dann will ich beichten und wollt Ihr mir das letzte Sacra⸗ ment morgen geben, wenn Ihr wieder herauf kommt, ſo wird Gott mir gnädig ſein!“ Er ſeufzte bei dieſen Worten in großer Herzensbedrängniß, der Pater wagte nicht, ihm zu widerſprechen und entfernte ſich, wie auch die beiden alten Leute vom Schloßgeſinde, Mann und Frau, welche den Kranken pflegten, ſchon das Gemach verlaſſen hatten. Lienhard war mit ſeinem Vater allein, der ihm winkte, ſich ſo zu ihm zu ſetzen, daß er ihm in das Angeſicht ſchauen könne. Er lag nun eine Weile ganz ſtill, nur ſein ſchwerer und unruhiger Athemzug war hörbar. 140 „Lienhard,“ begann er endlich mit ſchwacher Stimme, „ich hab' nicht mehr viel Zeit zu reden—“ „Das glaubt doch nicht, Vater!“ erwiederte Lienhard, ſich zu einem zuverſichtlichen Tone zwingend, wo ihm die Bruſt ſo bang und bedrückt war.„Ihr werdet bald wie⸗ der geſund ſein.“ Eine ſchwache Handbewegung war des Alten bedeu⸗ tungsvolle Antwort. Nach kurzer Pauſe fing er wieder an. „Ich hab's recht gut mit Dir gemeint, und thät' wohl am beſten für Dich, ich ſagte gar nichts mehr, legte den Kopf auf die andere Seite und ſtürbe. Aber ich muß, ich muß! Es läßt mir keine Ruhe—“ „Vater, gönnt Euch Ruhe!“ bat Lienhard.„Wartet ab, bis Ihr kräftiger ſeid, mag es ſein, was will, das Ihr mir zu ſagen habt. Es hat ja damit gar keine Eile; in we⸗ nigen Tagen vielleicht iſt Euch beſſer.“ „Ganz wohl wird mir ſein, morgen ſchon!“ ſagte der Kranke und der Sinn dieſer Worte war nicht falſch zu deuten.„Laß mich reden und ſtöre mich weiter nicht, mein armer Sohn. Ich ſag' Dir Alles gleich— ſei nur ein Weilchen ſtill. Wie Du noch ein kleiner Bube warſt — fremder Leute Kind! Ja, Lienhard, es muß ſein— ich hab' Dich geraubt— ich bin Dein Vater nicht, aber lieb hab' ich Dich gehabt, wie Deine Eltern Dich nicht lieb ge⸗ habt haben, ſonſt hätten ſie nimmer geruht, bis ſie Dich 141 gefunden hätten— und— wenn Du mein Kind auch nicht biſt, gehalten hab' ich Dich doch wie meinen Sohn— denn Du haſt mir's Herz geſtohlen, wie ich Dich zuerſt recht ange⸗ ſchaut— und, Lienhard, ſollſt auch mein Sohn bleiben, wenn ich unten bei den frommen Mönchen begraben liege, ſollſt Alles haben, was mir übrig geblieben iſt—— kein Menſch braucht's zu wiſſen—“ Er hatte mit ſichtlicher Anſtrengung geſprochen, die müden Angenlider waren ihm herabgeſunken; hätte er einen Blick in Lienhard's Geſicht thun können, ſo würde er vor dem Eindrucke erſchrocken ſein, welchen ſeine nie geträumte Enthüllung auf den Jüngling gemacht hatte. Bei den Wor⸗ ten:„fremder Leute Kind,“ war er wie von einem Blitz⸗ ſtrahl geblendet zurückgebebt, er hatte ſeinen Sinnen nicht getraut, als ihm dann die oft unterbrochene Rede, eintönig, wie ſchwerer Tropfen Fall, die ganze furchtbare Wahrheit verkündete. Einen Moment hielt er es für einen Fieber⸗ wahn des Kranken, aber der lag bleich, in völliger Abſpan⸗ nung, vor ſeinen Augen und der Ton, in welchem er ſprach, ließ keinen Zweifel an ſeinem Bewußtſein aufkommen. Lei⸗ chenblaß wie der Greis, welcher zu ihm redete, ſaß Lien⸗ hard vor ihm, war es der Schmerz, daß ihn auf einmal der Vater, den er bisher geliebt hatte, geraubt werde, die Erſchütterung vor dem Geſtändniß eines ſchweren Frevels, deſſen Opfer er ſelbſt geworden war oder die Furcht vor 142 den unbekannten Geheimniſſen ſeiner Abkunft, welche ihm noch entdeckt werden ſollten? Er wußte wohl ſelbſt nicht die Regungen in ſeinem Innern zu enträthſeln und lauſchte mit krampfhafter Spannung, ohne auch nur eine Silbe zu äußern, was der Kranke weiter ſagen werde. „Du ſchweigſt, Lienhard—“ begann dieſer von Neuem —„gieb mir die Hand— vor meinen Augen iſt's dunkel.“ Lienhard reichte ihm die Hand, welche bei der kalten Berührung zuckte.—„Kein Menſch braucht's zu wiſſen,“ knüpfte der Alte den abgeriſſenen Faden wieder an.—„Sie haben mich in Wien vor Alters mit einem böſen Namen genannt— aber Keiner weiß, daß Du eins von den Kin⸗ dern biſt. Ich konnte Dich nicht mehr von mir geben— Du warſt mir lieb geworden, wie die Sonne— ich nahm Dich mit hinaus, als ich das Land meiden mußte und gab den Leuten, die Deine Mutter um Dich geſchickt hatte, die Antwort, Du ſeiſt lang' ſchon geſtorben—“ Hier konnte Lienhard den ſchmerzlichen Laut, welcher ſich bei der Erwähnung ſeiner Mutter aus ſeiner gequälten Bruſt rang, nicht mehr unterdrücken. Er traf das Ohr des Kranken und Veit Wolffenegg ſchlug das matte Auge einen Moment auf. Es war aber zu unflort, als daß er den Zuſtand ſeines Pflegeſohns recht hätte wahrnehmen können.—„Grämſt Dich um ſie?“ ſeufzte er. 143 „Wer iſt ſie? O ſagt es mir!“ bat Lienhard, nun keiner Zurückhaltung mehr fähig, mit ſtürmiſchen Tone. „Sei ſtill— was kann's Dich noch kümmern? Sie iſt nun auch wohl todt und hin, viel Jahre ſind drüber vergangen, Du biſt vergeſſen von Deiner ganzen Sipp⸗ ſchaft— willſt Du den adeligen Namen, den ich Dir gegeben habe, wieder vertauſchen? Wolffeneggund ein Plattnerſohn!“ Jedes Wort drang wie ein glühender Dolch in Lien⸗ hard's Seele und verletzte ſeine empfindlichſten Nerven. „Nennt mir den Namen, wenn Ihr ihn wißt!“ bat er gleichwohl mit heißer Inbrunſt.„Ich beſchwöre Euch bei Eurem Seelenheil! Wollt Ihr mir, den Ihr wie einen Sohn gehalten habt, den Ihr nun als einen Namenloſen verſtoßet, nicht ſagen, wer ich bin?“ Von ſteigender Beängſtigung überfallen, regte ſich der Kranke auf ſeinem Lager.„Ich verſtoße Dich ja nicht, mein Kind, mein Sohn! O hätt' ich lieber geſchwiegen, aber ich muß ja, ich muß! Ich könnt' ſonſt nicht ſterben— Willſt Du's wiſſen? Dein Vater war lang' todt, als ich die Buben und Mädchen um ein gut Löſegeld in der Brühl fing, wo ſich die Wiener ein Feſt gemacht hatten und nicht dachten, daß Einer, dem ſie auch Böſes genug gethan, drei Knechte gehängt, und einen ganzen Wagenzug, den er ſchon ſein genannt, wieder abgejagt hatten, in der Nähe ſei. Ich wollt' Dich gleich laufen laſſen, als ich hörte, daß Du ein 144 Wittwenkind warſt, aber Deine Mutter war reich und ich behielt Dich doch und wie ich Dich geben ſollte, da hatt' ich Dich ſchon ſo lieb und hatte Dich heimlich fortgeſchafft, daß Niemand wußte, wohin und wer Du warſt—“ „Wie heißt meine Mutter?“ bat Lienhard immer dringender.„Wo hat ſie in Wien gewohnt?“ „Sie haben's mir geſagt— in der Landskrongaſſe— Frau Mais Helfer, eines reichen Plattners Wittwe— Laß gut ſein. Du bleibſt der Lienhard von Wolffenegg, gieb mir Deine Hand darauf, verſprich mir's!“ Er konnte die letzten Worte kaum vollenden, die An⸗ ſtrengung, mit welcher er bis dahin ſeine Rede möglich ge⸗ macht, hatte nun ſeine Kräfte gänzlich erſchöpft, er ſchien ohnmächtig zu ſein, der Athemzug bereits zu erlöſchen. Lienhard ſprang auf, die Wärter zu rufen— ſie reichten ihm, alle Hülfsleiſtungen, welche Pater Medard verordnet hatte, aber der Kranke erholte ſich nicht zu vollem Bewußt⸗ ſein, wenn er auch wieder zu athmen begann. In der Stille, welche einen Moment herrſchte, ließ ſich dicht neben dem Lager des Leidenden ein Geräuſch vernehmen, es klang, als werde möglichſt leiſe die Thür geſperrt, welche ſich zu Häupten deſſelben befand. War ſie nur angelehnt geweſen und wer hatte dort zu ſchaffen? Der Wärter ſah ſeine Frau verwundert an, welche den Kopf ſchüttelte. Lienhard achtete auf nichts, er hatte vielleicht das Geräuſch vor dem 145 Aufruhr, welcher ſein Inneres durchtobte, gar nicht ver⸗ nommen. Mit ſtarrem Auge vor ſich niederblickend, wäh⸗ rend doch alle Fibern ſeines bleichen Antlitzes in Gährung waren, ſaß er am Bett des Greiſes, den er nicht mehr Vater nennen durfte; ihm war, wie einem Schiffbrüchigen, der auf einer Planke von der Brandung hinausgeworfen wird in eine ſtürmende See— zu unbekannten Geſtaden vielleicht oder in das Grab unter den Wogen! Nacht über⸗ all, von keinem freundlichen Stern erhellt! Noch konnte er ſich nicht faſſen und beſinnen, was eigentlich ſeine Lage jetzt war— er glaubte zuweilen, daß der Wahnſinn ſeiner ſich bemächtigt habe, daß Alles, was er geſchaut und ge⸗ hört habe, dies Sterbelager mit dem alten Manne, der ihn verſtoßen, die Kunde, daß er von ſeiner glänzenden Höhe an den Stufen des Thrones in Niedrigkeit herabge⸗ ſtürzt, nur ein wüſter Traum ſei, von welchem er erwachen und ſich wieder in der Burg ſeines Kaiſers, im Vollbeſitz ſeiner Ehren und Freuden finden müſſe. Aber die Wirk⸗ lichkeit drängte ſich immer unabweisbarer in ihr Recht, denn als der Zuſtand des Kranken immer hoffnungsloſer wurde, mahnte ihn die Wärterin, doch vor Nacht zu dem geiſtlichen Herrn hinaus zu ſchicken, damit der noch einmal herauf komme, um ihm die Sterbeſacramente, wenn er ſie noch empfangen könne, zu reichen. Da raffte ſich Lienhard aus dem dumpfen Hinbrüten, in welches er verſunken war 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 10 146 und gab die nöthigen Befehle. Es war ihm auffallend, daß er ſeinen Knecht, der mit ihm gekommen war, gar nicht mehr ſah, er fragte nach ihm und erfuhr, daß er gleich, nachdem er ſeinem Herrn das Pferd abgenommen, dies und auch das ſeinige einem vom Stallgeſind übergeben habe und auch in das Haus gegangen ſei. Er mochte müde ſein vom Ge⸗ waltritte, daß er nicht einmal ſelbſt für die Pferde geſorgt hatte; Lienhard kümmerte ſich jetzt nicht weiter um ihn, ſondern ging hinaus in den Garten, wo friſche Lüfte ihm die brennende Stirn kühlten. Zurückzukehren an das Bett des Greiſes, vor deſſen ſtarren Zügen ihm jetzt graute, war ihm in dieſem Momente, wo die Beſinnung mit voller Klar⸗ heit erwachte, nicht möglich. Er trat in die freie Gottesnatur, die Bruſt wurde ihm weit, er hob das Haupt empor und ſchüttelte die Locken zurück, daß ihm die ſcharf wehende Luft um die pochende Schläfe ſtrich. Hier war er ſchon als Kind, noch ehe er denken konnte, ſtrauchelnden Fußes gewandelt, hier hatte er in ſeinen fröhlichen Knabenjahren manchen Baum waghal⸗ ſig erklettert, oder im Graſe liegend manchem ſchönen Mähr⸗ chen gelauſcht, das ihm der alte Falkner, der nun längſt todt war, erzählte; damals war noch Alles grüne Wildniß ge⸗ weſen, von keiner ordnenden Hand gepflegt, jetzt ſah er in jedem Winkel des ſonnigen Gartens, der von den Bergen geſchützt war, die Frucht der Mühen, welche Herr Veit in — U —— 147 ſeinen alten Tagen darauf verwendet hatte. Aber Lien⸗ hard konnte heut keine Freude daran finden, er ſchritt grad' hindurch, bis er am andern Rande der Hochfläche ſtand, wo ſie ſchroff zur Mur abfiel, deren grüne Wellen tief unten vorüber floſſen. Ein glatter Stein lag hier zum Sitzen und Lienhard ließ ſich auf ihm nieder, um in unge⸗ ſtörter Einſamkeit ſein Schickſal zu bedenken. Er war nicht mehr der Adeliggeborne, dem im Ueber⸗ muthe kein Ziel zu hoch geweſen war, ſelbſt nicht ein Für⸗ ſtenſitz, ſeit in den Kreuzzügen glückliche Krieger, ſeit in jüngſter Zeit der huſſitiſche Edelmann Georg Podiebrad in Böhmen, der Magyar Matthias Hunyadi: Kronen gewon⸗ nen hatten. Seine Wiege hatte in keiner Ritterburg, ſon⸗ den im dunkeln Kämmerlein eines Wiener Bürgers geſtan⸗ den. Der Platz, den er im Gefolge des Kaiſers einge⸗ nommen hatte, die Auszeichnung, die er am Hofe erfahren, die Schmeichelei ſchöner Frauen, die ihm zu Theil gewor⸗ den war, die Liebe eines edlen Mädchens, die er zu beſitzen vorgegeben, Alles das gebührte ihm nicht. Was half es ihm, daß Niemand darum wußte? Seine eigene Bruſt war ja davon erfüllt und dies geheime Bewußtſein, das er alle Ehren, des Kaiſers Gnade und die Farben des Erzhauſes Oeſterreich, ja das vornehme Kleid, das er trug, nur einer Lüge verdanke, lähmte ihm jede ſtolze Regung der Seele und drückte ihn nieder in den Staub, in dem er geboren 10* 148 war. Er mußte in ſteter Furcht leben, daß irgend ein un⸗ erwartetes Ereigniß, ja er ſelbſt im Traume redend, ſein Geheimniß verrathen, daß auf ſeiner Stirn unter dem ge⸗ krönten Helm, den er ſich fälſchlich angemaßt, das Brand⸗ maal des Betrugs hervortreten werde! Wie konnte er ſich eine Zukunft in Glück und Ehre noch denken? Irren Auges blickte er nicht mehr hinauf zu den Höhen des Lichts, wo um ihn her die Berge im Gold- und Purpurſchmuck ihrer herbſtlichen Laubfärbung prangten, ſondern er ſchaute hinab in die Tiefe. Ein raſcher Sprung hätte dem ganzen Jammer und Elend ſeiner geiſtigen Vernichtung ein Ende gemacht. Mehrere Stunden waren an ſeinem Haupte vorüber⸗ gerollt, er hatte ihren Lauf nicht beachtet. Endlich mahnte ihn der ſchärfere Abendwind, der mit den ſinkenden Schatten über den Berggarten ſtrich, daß es Zeit ſei, ſich hier los⸗ zureißen. Eine plötzlich erwachende Haſt trieb ihn an das Krankenlager zurück: es war nicht die Liebe, welche er doch ſonſt zu ſeinem Vater gehegt, noch ein Gefühl der Dank⸗ barkeit, denn er konnte ihm nicht danken, daß er ihn ſeiner Mutter geraubt und dann, wenn auch um einer ſeltſamen Zuneigung willen, gegen das ſchwerſte Löſegeld, das er vielleicht hoffen konnte, nicht wieder zurückgegeben, ſondern dem Kreiſe, dem er von Geburt angehörte, entriſſen hatte, um ihn in einen andern zu verſetzen, aus welchem er ſich 149 nun ſchimpflich verſtoßen ſah. Wie ſollte er ihm danken, daß er durch ihn Höheres kennen und erſtreben gelernt hatte, welches jetzt nimmer ſein werden konnte, auch wenn er nur im eigenen Bewußtſein die Hemmniß fand, daß er durch ihn ein Heimathloſer war, ein Recht- und Habloſer, der ſich allein durch ein Verbrechen auf dem Platze, den er noch einnahm, behaupten konnte? Das war es alſo nicht, welches ihn an Wolffenegg's Schmerzenslager zurück rief, vielmehr die peinliche Frage, ob dieſer dem Beichtiger, der unterdeſſen wieder herauf gekommen ſein mußte, Alles ge⸗ ſtanden habe, wie ihm und was er ſelbſt in dieſem Falle thun ſolle. Die Bedrängniß, in welche er dadurch gerathen wäre, die Ungewißheit, wie weit der Sterbende in ſeinen Bekennt⸗ niſſen gegangen ſei, wurde ihm jedoch erſpart. Der gute Pater Medard hatte die Mühſal nicht geſcheut, den ſteilen Weg an demſelben Tage zweimal zurückzulegen, er hatte die heiligen Gefäße mitgebracht, um dem Sterbenden die letzten Wohlthaten der Kirche zu verabreichen, aber noch wartete er vergeblich darauf, daß dieſer ſoweit zum Be⸗ wußtſein komme, um derſelben theilhaftig zu werden. Lienhard fand ihn am Lager ſitzend, wo er für den Kranken nichts thun konnte, als beten. Er theilte ſich mit ihm in das Wächteramt, bis die Nacht einbrach, dann aber ſetzte er es mit Entſchiedenheit durch, daß ſich der ehrwürdige 150 Prieſter in dem für ihn ſtets bereit ſtehenden Gemach zur Ruhe legte und blieb bei dem Schlummernden, deſſen Athem⸗ züge noch immer ein ringendes Leben verriethen, allein zurück.„Betet auch Ihr, mein Sohn!“ ſagte der Scheidende. Da demüthigte ſich Lienhard vor dem Herrn, deſſen Hand ſchwer auf ihm lag und ſenkte ſein ſtolzes Haupt in den Staub. Lautloſe Stille herrſchte im Gemach und die Kerze, welche es ſchwach erhellte, flackerte, wie vor dem Wehen unſichtbarer Gewalten. Achtes Capitel. Alles verloren. Um Mitternacht wurde Pater Medardus geweckt. Der Kranke war aufgewacht und hatte nach ihm verlangt. Er eilte zu ihm, fand ihn aber zu ſchwach, als daß er ihm noch hätte beichten können; nur ſo viel Klarheit hatte er gewonnen, um durch einige leiſe Worte ſeine Reue über Alles, was er im Leben begangen hatte, zu bekunden und mit dem frommen Prieſter zu beten. Dann genoß er das Sacrament und neigte ſich wieder zum Schlummer, von ————————. 151 dem er nicht wieder erwachte. Lienhard war bei ihm bis zu ſeinem letzten Athemzuge. Alles vorüber nun! Der Mund, welcher das böſe Geheimniß hätte weiter ausſprechen können, war auf ewig verſtummt und hatte es ohne Beichte mit ſich hinüber ge⸗ nonlnen, kein Menſch, wie der Sterbende feierlich ver⸗ ſichert hatte, wußte davon und in Lienhard regte ſich wie⸗ der eine gewiſſe Zuverſicht: Er traf die Anſtalten zur Bei⸗ ſetzung mit einer Faſſung und Sicherheit, welche von einem ſo jungen Menſchen Wunder nahm und ihn bei den Schloß⸗ geſind nicht eben empfahl. Denn wie ſchlimm auch Veit von Wolffenegg in frühern Jahren gegen ſeine Dienſtleute geweſen, ſo daß nur Wenige, die ihm zum Grund und Boden hörig waren, ſonſt länger bei ihm aushielten, hatte ſich doch ſeine Sinnesart ganz geändert, ſeit er auf ſeinem einzig überbliebenen Erbe ſtill ſaß und das Schaffen und Arbeiten in der Natur wohlthätig auf ihn gewirkt hatte. Die Leute, die ihn früher nur ſelten und ſtets als einen harten, unfreundlichen Herrn geſehen hatten, dachten bald anders über ihn und beklagten aufrichtig ſeinen Tod, es gefiel ihnen nicht, daß er dem Sohne ſo wenig nahe zu gehen ſchien und manche Stimme wurde unter ihnen laut, wie der Junker in der Fremde ſo gar hochfahrend und kaltherzig geworden ſei. Selbſt der ehrwürdige Geiſtliche wunderte ſich über des jungen Mannes unnatürliche Stim⸗ 152 mung, die ſo gar keines Troſtes über einen Verluſt, wel⸗ cher hienieden nicht mehr zu erſetzen iſt, zu bedürfen ſchien; er mußte ihn undankbar nennen, da er oft genug die große Liebe, welche der Verſtorbene zu ihm getragen, wahrgenom⸗ men hatte und dieſelbe jetzt in ſeinem Angedenken ſo ſchlecht vergolten ſah. Doch getröſtete ſich der menſchenfreundliche Prieſter, daß es wohl in dem Herzen des Jünglings an⸗ ders beſtellt ſein möge, als er äußerlich aus falſch verſtan⸗ dener Männlichkeit fremden Augen zeige. Lienhard's Bleiben war jetzt nicht mehr lange. Er gab dem Vogt, der ihn um Verhaltungsbefehle über Dies und Zenes fragte, nur im Allgemeinen die Weiſung, Alles beim Alten zu laſſen, und weiterer Anordnungen gewärtig zu ſein und verließ die Burg ſchon am Tage nach dem Be⸗ gräbniß. „Da hinaus geht's nicht!“ ſagte ihm der Knecht, als er in Bruck eine falſche Straße einzuſchlagen ſchien. Lienhard beachtete den Zuruf nicht; der Knecht, wel⸗ cher hinter ihm ritt, glaubte ihn alſo verſtärken zu müſſen. „Da hinaus geht's nach Leoben und Hieflau an der Enns, wir müſſen rechts, wenn wir nach Mürzhofen wollen.“ Es lag in dem Tone des Menſchen eine gewiſſe Zurechtwei⸗ ſung, welche ihren Grund in der Verwunderung haben mochte, daß ſein Herr, der oft genug die Straße nach Mürzzuſchlag und Neuſtadt, die nach Wien führt, geritten 153 war, ſie ſchon in der erſten Stadt nicht von der entgegen⸗ geſetzten Richtung, wo es in's Ober⸗-Oeſterreich nach Steier, Enns und Linz geht, unterſcheiden konnte. Er hatte zugleich ſeinem Pferde die Sporen gegeben und war an die Seite ſeines Herrn geſprengt, um ihm ſeinen Irr⸗ thum begreiflich zu machen. Dieſer winkte ihm aber ge⸗ bieteriſch zurück zu bleiben. „Ich weiß es!“ war die ganze Antwort, welche Claus erhielt. Der Knecht verzog den Mund und gab ſich nicht ein⸗ mal Mühe, den höhniſchen Ausdruck, welcher wohl dem fal⸗ ſchen Wege gegolten hatte, vor Lienhard zu verbergen. Er ließ aber ſein Pferd wieder kurz gehen, bis er dem Herrn den gebührenden Vorſprung gegönnt hatte und ritt dann, heimlich für ſich lachend, als kitzle ihn irgend eine Scha— denfreude, hinter ihm her, bis ſie das Thor erreichten und nun gerade gen Abend, den Weg nach Leoben einſchlugen. Wenn ſich Claus darauf gefreut hatte, daß Lienhard in der unbekannten Gegend ſich doch bald verſehen und ſeines Rathes bedürfen werde, ſo irrte er ſich. Denn als ſie hin⸗ ter Leoben kamen, wo die Straßen nach Klagenfurt und Salzburg ſich trennen, ritt er nur eine Strecke auf letzterer und wandte dann, ohne eine Minnte zweifelhaft zu ſein, in den rechts ablenkenden Weg nach Vordernberg, der weiter hinüber in das Ennsthal führt. 154 Kein Wort auf dem ganzen Ritt hatte er geſprochen! „Er iſt recht hochmüthig geworden!“ dachte der Knecht und wiederum verzog ſich ſein Geſicht zu dem heimlichen, ſcha⸗ denfrohen Lachen. Sonſt, wenn er mit dem Junker ganz allein geritten, noch kürzlich auf der Reiſe von Wien nach dem Schloſſe des Herrn von Altenſteig, hatte Lienhard immer vertraulich mit ihm geplaudert, gegen Vornehme war er ſtolz und übermüthig geweſen, gegen ſeinen Diener ſtets freundlich. Jetzt war das Alles anders geworden. Konnte ſich Claus aber nicht denken, daß der Tod des Vaters ihn nicht aufgelegt mache, einen Discours mit ihm zu führen? Warum ließ er ihn nicht in Ruhe? „Geſtrenger Herr!“ rief er ihn wieder an, als ſie auf der beſchwerlichen Gebirgsſtraße langſam hinauf zogen. Lienhard wandte ſich halb um, von dieſer Anrede, welche Claus bis jetzt noch nicht gebraucht hatte, aus ſei⸗ nen Gedanken erweckt. „Habt Ihr denn keinen Boten nach Wien geſchickt⸗ da Ihrs nicht ſelber abmachen wollt?“ „Was meinſt Du?“ fragte Lienhard. „An den Junker Diez mein' ich, der's doch wiſſen muß— er iſt der nächſte Vetter am Erbe—“ „Der wird's erfahren!“ verſetzte Lienhard mit einer 155 kurz abweiſenden Handbewegung, welche den Knecht be⸗ deutete, daß er ſich um dieſe Angelegenheiten nicht zu küm⸗ mern habe. „Ja wohl wird er' erfahren!“ antwortete demun⸗ geachtet der Knecht und der Ton, in welchem er das ſagte, fiel Lienhard auf, ſo daß er ſich raſch im Sattel nach ihm umkehrte. Vor dem Blick, welcher Claus dabei traf, er⸗ ſchrack aber jetzt deſſen Knechtſeele und er ſetzte, ſchnell wieder unterwürfig werdend, zur Erklärung ſeiner Rede hinzu„Ich meine, der Herr Landeshauptmann, dem es ſchon gemeldet worden iſt, als die Aufmahnung wegen der gerüſteten Pferde kam, wird es ſchon weiter gemeldet haben.“ Lienhard erwiederte nichts und verſäumte dadurch die einzige Gelegenheit, das alte Band, welches Claus an ihn knüpfte, wieder feſter zu ziehen, da es ſich jetzt ſehr ge⸗ lockert hatte. Es war aber ſeine Abſicht gar nicht. Er faßte auf einmal den Entſchluß, ſich ganz von ihm zu tren⸗ nen, und bereute, daß er es nicht ſchon früher gethan hatte. In ſeiner Verſunkenheit war es ihm nicht eingefallen, daß er an ihm nur einen läſtigen Begleiter habe, deſſen er auch nicht bedürfe. Er eröffnete ihm alſo, noch ehe ſie Vordern⸗ berg erreicht hatten, daß er ſich anders beſonnen habe und ihn nicht weiter mitnehmen wolle, er könne in Vordern⸗ berg Herberg nehmen und dann umkehren. Claus ſtarrte ihn ganz verwirrt an. Was ſollte er davon denken? 156 „Kommt Ihr wieder zurück? Oder reit' ich nach Wien?“ fragte er. „Du warteſt zu Hauſe, bis Du weitere Befehle er⸗ hältſt,“ beſchied ihn Lienhard in ähnlicher Weiſe, wie er es mit dem Vogte gehalten hatte. „Aber—“ wandte Claus mit einer Wiederkehr der alten Anhänglichkeit ein—„wer ſoll Euch unterwegs zur Hand ſein, Euch das Roß verſorgen? Es kann Euch etwas zuſtoßen— im Land giebt's ſchlimme Geſellen— kein Menſch weiß dann, wo Ihr geblieben ſeid und kann Euch helfen!“ „Sorge nicht um mich, guter Claus,“ erwiederte Lienhard freundlich wie ſonſt. Aber er verdarb es wieder, als er ſich kurz umwandte und den weitern Fragen, mit denen ihn nun der Knecht beläſtigte, zuletzt durch eine un⸗ geduldige und ziemlich herbe Abfertigung ein Ende ſetzte. Da nickte Claus in ſeine vorige Schadenfreude zurückfal⸗ lend vor ſich hin, als wolle er ſagen:„Schon gut! Du willſt es nicht beſſer haben.“ In der Herberge des Städtchens fütterte er ihm zum letzten Male das Pferd und hielt ihm, als Lienhard ſpäter aufſaß, um weiter zu reiten, den Steigbügel. Lienhard reichte ihm die Hand, ſagte aber nicht ein Wort. So trenn⸗ ten ſich Beide und noch ehe Claus am andern Tage wieder das Murthal erreichte, war der Eindruck, welchen dieſer 157 Abſchied doch auf ihn gemacht hatte, ſchon überwunden. Er gehörte ihm mit Leib und Seele ja längſt nicht mehr. Lienhard war nun ganz auf ſich ſelbſt gewieſen. Wohl fand er unterwegs, wo er auf ſeinem weiten Wege einkehrte oder um ein Nachtlager bat, bei dem biedern und gaſtfreien Volke in Ober-Oeſterreich eine freundliche Auf⸗ nahme, aber Dienſte um ſeine Perſon oder für ſein Roß, das er bisher nicht gewohnt war, ſelbſt zu verſehen, be⸗ gehrte er nicht und wo ſie ihm geboten wurden, nahm er ſie nicht an. Er hatte daheim, ehe er an den Hof geſendet wurde, Alles mit Eifer gelernt, was zu einem tüchtigen Kriegsmann gehört, er verſtand die Waffen zu führen, ſo⸗ wohl den Speer, als das Schwert, mit welchem letztern er ſogar ſehr geſchickt fechten konnte, er ſchoß gut mit der Armbruſt, wie mit dem Feuerrohr, hatte ſchon als Knabe wilde Pferde geritten und war ſtets mit ihnen fertig ge⸗ worden, auch wußte er Beſcheid mit Allem, was Pferde betrifft, hatte die Striegel ſelbſt geführt, hatte ſeinen Stolz darein geſetzt, ſich immer das Roß, das ihm der Vater ge⸗ ſchenkt, ohne alle Hülfe zu ſatteln und zu zäumen. Das war am Hofe freilich anders geworden, wo er verweichlicht und vornehm ſich ſchämte, nur eine Hand zu rühren, wenn es der Diener für ihn thun konnte, nun aber kam es ihm wieder zu gut, daß er einſt Alles gelernt hatte, was ihm allein forthalf. Auch die alte Freude daran, vom fremden 158 Beiſtand unabhängig zu ſein, ſchien ſich von Tag zu Tage, während er im ſchönen Ennsthal ſeinen Ritt fortſetzte, wieder mehr einzufinden. Was war aber das Ziel, das er genommen hatte? Wollte er die Heimath ganz verlaſſen, daß wirklich, wie Claus geſagt, kein Menſch wiſſe, wo er geblieben ſei, hatte er im Sinn, der Schmach der Entdeckung, die ihm drohte, durch die Flucht zu entrinnen und den Knecht deshalb zurückgeſchickt, damit hinter ihm ſeine Spur verloren ſei? Welchen ſchweren Kampf er auf ſeinem einſamen Wege in tiefer Bruſt zu beſtehen hatte, zeigte ſich wohl auf ſeinem Antlitz: wer ihn gekannt und nach dem Zwiſchenraum von kaum einer Woche hier im Gebirgslande wieder getroffen hätte, würde über die Verwandlung erſtaunt ſein, welche mit ihm vorgegangen war. Die weichen, zuweilen faſt noch knabenhaften Züge ſeines Geſichts waren kräftiger gewor⸗ den, der übermüthige Spott, der nur zu oft ſeine blühen⸗ den Lippen aufwarf, hatte einem ſtrengen Ernſte Platz ge⸗ macht, der leichtfertige Blick ſeines Auges war verſchwun⸗ den und die zarten Farben, welche einſt das Entzücken der Frauen erregt hatten, denen der Knabe ein ſchönes Spiel⸗ zeug geweſen, ließen ſich auf dieſen blaſſen Wangen kaum noch ahnen. Der Kampf war auch noch nicht beendigt, er erwachte vielmehr an jedem Morgen neu, denn der Ver⸗ ſucher trat immer wieder zu ihm und wollte ihn mit ver⸗ 159 lockenden Bildern bethören, ja er ſchien an Stärke zu wach⸗ ſen, je näher Lienhard dem nächſten Ziele ſeiner Reiſe kam: dem Schloſſe Altenſteig. Noch immer hielt das ſonnenhelle, beſtändige Wetter an, das der Herbſt oft Wochenlang ſpendet. In dem reich⸗ angebauten, ſchon damals dicht bevölkerten Gau unter dem Manharts⸗Berge, in welchem der Altenſteig noch, wie eine äußerſte Warte gelegen war, fand Lienhard, als er die Stadt Linz und die Donau hinter ſich hatte, das volle Leben der Weinleſe, überall fröhliche Menſchen, heitern Geſang. Zuweilen wollte auch ihm die Luſt und Freudig⸗ keit, die er verloren hatte, beim Anblick dieſes frohen Trei⸗ bens zurückkehren, aber es war nur ein vorübergehender Augenblick der Vergeſſenheit und ſeine Stimmung gleich darauf, wenn ihm das Bewußtſein wieder erwachte, um ſo düſterer. Die Berge, denen er ſich endlich nahte, zogen ſein Auge auf ſich, dort hinter der Reihe der Vorhügel, grade hinter jenem Kreuz einer Kapelle, das er im Sonnenſchein blinken ſah, mußte der Altenſteig liegen: es trieb ihn, die Krümmen des Weges zu verlaſſen, welche ſich zwiſchen den Ackerſtücken dahin ſchlängelten; die Felder waren leer, er nahm ungeſcheut die gerade Richtung und ließ ſein von der langen, letzten Tagereiſe ermüdetes Pferd noch einmal die Kräfte anſtrengen, um das Ziel ſchneller zu erreichen. Dadurch verfehlte er einen Wagen, welcher von den Ber⸗ 160 gen her die Straße nach Linz fuhr, wäre er ihm begegnet, ſo hätte er vielleicht das ganze Ziel, das er ſich geſteckt hatte, verfehlt. Noch bei hellem Tageslicht erreichte er den Grund, in welchen von der Höhe die graue Feſte niederſah, und ehe es oben dämmerte, hielt er vor dem Thore und meldete ſich an. Es wurde ihm aber zu ſeinem Schrecken bedeutet, der Herr ſei nicht daheim und es dürfe Niemand eingelaſſen werden. Er forderte, daß man ihn der Frau melde und hörte mit geſteigertem Unmuth, daß auch dieſe nicht daheim ſei, ſondern ihren Herrn begleitet habe. Da überkam ihn der alte Trotz und er war, ſeine jüngſten Er⸗ lebniſſe vergeſſend, wieder Lienhard Wolffenegg, der Lieb⸗ ling des Kaiſers, der nicht gewohnt war, ſich irgend einen Wunſch verſagt zu ſehen. „Kennſt Du mich?“ herrſchte er, ſich in den Steig⸗ bügeln hebend, dem Wächter zu, der ihm beharrlich den Eingang weigerte. Der lag unbekümmert mit ſeinem dicken Kopf im runden Lugfenſter und antwortete:„Nein.“ „Es iſt kaum ein Paar Wochen her,“ rief Lienhard, von der kurzen Verläugnung beleidigt,„daß ich mit Seiner hochfürſtlichen Gnaden, dem Erzherzoge Siegmund, hier war. Haſt ein ſchlechtes Gedächtniß! Iſt denn kein Menſch bei Euch zu Hauſe— nicht das Fräulein?“ 161 „Das Fräulein iſt ſchon zu Hauſe,“ erwiederte der Wächter aber ich darf Niemand einlaſſen.“ „Melde mich!“ befahl Lienhard.„Ich bin von der Kaiſerlichen Hofſtatt, ſage das dem Fräulein!“ Er nannte ſeinen Namen nicht, Hedwig konnte darüber keinen Augen⸗ blick zweifelhaft ſein. Der Wächter entfernte ſich. Wie durfte Lienhard aber hoffen, in Abweſenheit der Eltern aufgenommen zu werden? Nach einer kurzen Weile ſah er jedoch mit klopfendem Herzen wirklich am Thorfenſter eine weibliche Geſtalt erſcheinen; das wachſende Zwielicht er⸗ laubte ihm nicht mehr, ihre Geſichtszüge zu erkennen, aber wer konnte es anders ſein, als Hedwig? Da vernahm er eine bekannte Stimme, aber es war ein Ton, der ihm wie das Gekrächz eines Raben erſchien, verglichen mit Hedwig's ſüß klingenden Lauten. „Wer ſeid Ihr, der von der Kaiſerlichen Hoſſtatt kommt?“ Die alte Kammerfrau der Erzherzogin war es, welche dieſe ihrer Hedwig zum Ehrengeleit unterwegs mit⸗ gegeben hatte— auf ſie hatte Lienhard nicht gerechnet und wurde durch ihre Erſcheinung bis zur Erbitterung gereizt. „Ei, ſchöne Frau,“ rief er hinauf,„bin ich durch die kurze Trennung ganz aus Eurem Herzen und Sinn ver⸗ tilgt?“ 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 11 162 „Der Junker von Wolffenegg“ ſagte ſie in tiefmur⸗ rendem Tone der Verwunderung. „Daß Euch die Freude nur nicht ſchadet! Geht denn und meldet mich bei Eurem Fräulein!“ „Was bringt Ihr uns? Wer ſendet Euch? Meiner Erzherzogin Gnaden?“ „Ihr rathet unvergleichlich! Eilt denn und laßt mich nicht zu lange warten!“ Auf dieſe Weiſe umging Lienhard die Wahrheit, ohne doch eine Lüge zu ſagen und ſträubte ſich mit Gewalt gegen das Gefühl des Unrechts— auf einmal aber fiel die Erinnerung, wie ein gewappneter Rieſe, über ihn her und zermalmte den böſen Trotz, wel⸗ cher in ihm für einen Moment der Vergeſſenheit wieder aufgeſtiegen war. Hedwig war durch die erſte Meldung, die ſie aller⸗ dings gleich die Perſon des Angekommenen errathen ließ, in Unruhe geſetzt, noch mehr wurde ſie es, als die Kam⸗ merfrau, welche ſie abgeſendet hatte, mit der Beſtätigung zurück kam, daß wirklich der Junker von Wolffenegg, von der Erzherzogin Gnaden mit einer Botſchaft geſendet, vor dem Thore halte und das Fräulein zu ſprechen begehre. Durfte ſie ihn abweiſen? Sie beſann ſich dennoch, ob es nicht einen Ausweg gebe und verſuchte noch einmal, ihn durch die Kammerfrau zu bewegen, dieſer den Auftrag der Erzherzogin mitzutheilen, weil ſie, auch gegen den beſten ——*— S— 1 163 Freund ihres Hauſes, nicht den Befehl ihres Vaters wider⸗ rufen könne. Die Kammerfrau, ſelbſt neugierig Nachrich⸗ ten vom Hofe, wohin ſich ihr ganzes Herz ſehnte, zu erfah⸗ ren, nahm den Wunſch des Fräuleins eifrig auf und waff⸗ nete ſich gegen die boshaften Witzreden des Junkers, denen ſie auch früher oftmals ausgeſetzt geweſen war, mit einem undurchdringlichen Gleichmuthe. Sie fand ihn jedoch völlig verändert. Er hörte ihre Beſtellung ehrerbietig ſchweigend an und erwiederte darauf, ihr ſelbſt mit gebüh⸗ render Achtung begegnend, daß er dem Fräulein Etwas zu ſagen habe, das ſie durchaus von ſeinem eigenen Munde hören müſſe— Gaſtfreundſchaft könne er freilich in Ab⸗ weſenheit des Herrn nicht fordern und werde augenblick⸗ lich, nachdem er das Fräulein geſprochen habe, ſeinen Weg fortſetzen. Als die Kammerfrau mit dieſer geheimnißvollen Antwort zu Hedwig zurückkehrte, und das Fräulein in augenſcheinlicher Bewegung und Unſchlüſſigkeit ſah, kam ſie ihr zu Hülfe. Sie äußerte, daß ſelbſt die geſtrenge Frau Hofmeiſterin kein Bedenken haben würde, in einem ſo wichtigen Falle eine Unterredung mit dem Junker zu geſtatten, er komme ja offenbar mit einem Auftrage von Wien und jede Minute Aufſchub könne ſchädlich ſein. Vielleicht bringe er den Befehl, zurück zu kommen, da ſich die Zeit immer böſer geſtalte und auch hier in Unter⸗ 11 164 Oeſterreich ſchon Alles rüſte, wozu ja ſogar der Herr Vater, um ſeinen guten Rath zu geben, heut auf den Ständetag nach Linz gefahren ſei. Das Fräulein möge alſo in Gottesnamen den Junker anhören, welcher darauf wieder bis zu den Benedictinern zurück reiten könne, wo er das vorige Mal auch übernachtet habe. Hedwig faßte denn ihren Entſchluß, Lienhard die er⸗ betene Unterredung zu geſtatten, jedoch nur in Beiſein der Kammerfrau, welche Bedingung dieſe mit großer Befrie⸗ digung vernahm, aber dem Junker vor der Hand nicht mittheilte, als ſie ihm das Thor öffnen ließ und ihn nach dem großen Saale führte. Hier, wo es ſchon dunkel war, mußte erſt Erleuchtung geſchafft werden, er wartete dann nur eine kurze Weile, ehe Hedwig erſchien. Sein Auge flog ihr entgegen und weilte mit einem Gefühl, das mehr des bittern Schmerzes, als ſüßer Wonne hatte, auf ihrer zurten Geſtalt, auf ihrem lieblichen, leicht erglühenden Geſicht, als ſie ihm nahte. Er ſah es zuerſt gar nicht, daß ſie nicht allein kam, er hatte nur Blicke für ſie. Hedwig ſuchte die Verwirrung, die ſie noch immer befangen hielt, zu bemeiſtern, ſie erwiederte freundlich ſeinen Gruß; die geſtammelte Bitte um Verzeihung ſetzte ſie aber von Neuem in Verlegenheit und wie ſie ihr Auge zwang, zu ihm auf⸗ zublicken, war ihr erſter Gedanke, daß er wohl krank ge⸗ weſen ſei— ſo auffallend hatte er ſich verändert. Jetzt W 165 bemerkte er auf einmal die Gegenwart der Kammerfrau und wie ein Blitz zuckte es über ſeine Züge. Sie waren alſo nicht allein und er konnte ihr nicht ſagen, was er auf dem Herzen trug! Aber wie ihn das auch kränkte, begriff er doch, ſelbſt in dieſem Augenblicke, daß Hedwig nicht anders handeln konnte, er hatte zu lange die ſtrenge Sitte am Hofe kennen gelernt, um das nicht einzuſehen. „Ihr kommt von Wien—“ begann Hedwig, da er noch Worte zu ſuchen ſchien.„Was befiehlt meine Fürſtin?“ „Ich komme nicht von Wien, Fräulein Hedwig, ſon⸗ dern von Steiermark— und habe die Erzherzogin lange nicht geſehen.— Wenn meine Rede vor dem Thore anders verſtanden worden iſt, ſo habe ich keine Schuld daran. Ich kam hieher— um Eurem Herrn Vater zu melden, was mich betroffen hat— er iſt vor alten Zeiten mit Herrn Veit von Wolffenegg befreundet geweſen— Herr Veit iſt geſtorben.“ Das Mitgefühl, welches ſich bei Anhörung dieſer Worte in Hedwig's Mienen kund gab, war für Lenhard ein lindernder Balſam; er blickte ihr in das feucht gewor⸗ dene Auge, das ſich dieſem Blicke nicht entzog, ſondern ihn traurig anſah.„Das iſt für Euch ein großes Leid,“ ſprach ſie mit bewegter Stimme.„Wann iſt es geſchehen?“ Und mit inniger Theilnahme hörte ſie an, was er ihr in kurzen Worten darüber ſagte. Auch das Geſicht der Kammerfrau, 166 das gegen ihn ſonſt immer in ſträfliche Falten gelegt war, hatte einen mildern Ausdruck angenommen, nur fragte ſie ſich, warum er dieſe, wenn auch für ihn ſelbſt traurige, aber doch im Lauf der Dinge begründete Nachricht nicht durch ſie an das Fräulein gelangen laſſen, ſondern darauf beſtanden habe, daß ſie dieſelbe aus ſeinem eigenen Munde höre? Dazu konnte ſie ſich keinen vernünftigen Grund denken. Lienhard übernahm es, ihre Zweifel zu ſchlichten. „Ich bin Euch eine Erklärung ſchuldig, weshalb ich mich mit meiner Kunde, die nur mich berührt, durchaus in Eure Gegenwart gedrängt habe“— begann er und es koſtete ihm ſichtlich Ueberwindung, fortzufahren. Er warf einen Blick auf die Kammerfrau und Hedwig fürchtete ſchon, er werde in ſeinem frühern, alle Rückſicht verachtenden Sinne ein Verlangen ſtellen, das ſie nicht gewähren konnte. Doch er fühlte wohl ſelbſt, daß es unſtatthaft ſei und er ſprach weiter:„Ich komme— von Euch Abſchied zu nehmen— wir haben einige Zeit zuſammen gelebt—— und— wenn ich vielleicht in Manchem Euch beleidigt oder erzürnt haben ſollte, ſo bitte ich Euch herzlich um Verzeihung—“ „Sprecht nicht ſo!“ unterbrach ihn Hedwig, tief ergriffen.„Ich habe keinen Grund— aber hätte ich ihn, ſo würde ich Niemand zürnen, der mich gewiß nie in böſer Abſicht gekränkt hat.“— Sie wollte wohl noch mehr ſagen, 167 aber die Bewegung, welche ihr Herz mächtig ſchlagen ließ, hinderte ſie ſelbſt, zu fragen, ob er den Hof, an welchen ſie doch bald zurückkehren werde, ganz zu verlaſſen gedenke. Auch Lienhard hatte im Sinn gehabt, der Geliebten — er fühlte es jetzt mit tauſend Schmerzen, daß er ſie mehr liebte, als ſein Leben!— noch viel zu ſagen; er hatte ihr kein Geheimniß aus Allem, was ihn betroffen hatte, machen wollen, ihm war ſogar bei ſeinem einſamen Ritte über Berg und Thal der Gedanke gekommen, ihrer Ent⸗ ſcheidung zu übergeben, was ihm zu thun oder zu laſſen am Beſten ſei, aber nun fand er keine Kraft dazu und hätte ſie vielleicht noch weniger gehabt, wenn er mit Hedwig ganz allein geweſen wäre. Er ſprach daher, nachdem ſie ſchwieg, ſeine Faſſung mühſam behauptend:„Ich danke Euch, Fräulein Hedwig. Wir werden uns wohl nimmer ſehen, in unſerm Leben— und wenn Ihr mich auch ein⸗ mal wieder ſeht, ſo werdet Ihr Euch von mir abwenden“ —— Sie hob die Hand, als wolle ſie dieſer Behauptung, die ſie nicht begriff, widerſprechen, er aber ergriff ihre Hand und berührte ſie leicht mit bebender Lippe.„So lebt wohl!“ flüſterte er, daß ſie es kaum verſtehen konnte und wandte ſich von ihr hinweg, ohne von ihr ein letztes Wort zu erwarten. Hedwig war auch von der Gewalt des Augenblicks, von der Wandlung, die mit ihm und, ſie fühlte es vielleicht, auch mit ihr ſelbſt vorgegangen war, —————— 168 zu tief bewegt, als daß ſie ein Abſchiedswort in geſtatteter Weiſe hätte geben können— es bedurfte deſſen aber gar nicht, der Scheideblick ihres Auges, der mehr ausſprach, als ſie deſſen bewußt war, das Zittern ihrer kleinen Hand in der ſeinigen, waren ihm genug, und füllten ſeine Seele mit dem Gefühl eines verlornen Paradieſes. Die Kammerfrau war eine ſtumme, aber theil⸗ nehmende Zeugin dieſer Scene geweſen. Sie begriff nun Alles, nur das Eine nicht, warum die jungen Leute, wenn ſie ſich doch einmal von Herzen lieb hatten, einen Abſchied auf ewig nahmen. Daß der alte Wolffenegger geſtorben und Lienhard nun im Beſitz ſeines ganzen Erbes war, hätte doch eher ihren Bund befeſtigen ſollen! Hielt er's am Ende mit des Kaiſers Widerpart in Steiermark und mußte ſo den Hof meiden? Sie dachte an Manches, was ſie unter der Hand in Wien aus dem Lande gehört hatte, und konnte ſich nur auf dieſe Weiſe das gegenſeitige Benehmen erklären. Von Hedwig war übrigens keine Aufklärung zu erwarten, denn wie liebreich und fern von Stolz ſie mit aller Dienerſchaft am Hofe verkehrte, war doch etwas in ihrem Weſen, das ſie vor aller Annäherung unziemlicher Vertraulichkeit ſchirmte. Hedwig zog ſich gleich darauf, nachdem Lienhard den Altenſteig wieder verlaſſen hatte, in ihr Gemach zurück und ſtand dort lange am Fenſter, wo ſie in die dunkle, 169 nur vom ſchwachen Sternlicht einigermaßen erhellte Nacht hinaus ſchaute. Auch ihr waren Lienhard's Abſchiedsworte unbegreiflich. Wenn er durch den Tod ſeines Vaters ver⸗ anlaßt wurde, ſich vom Hofe auf die ihm zugefallene Be⸗ ſitzung zurückzuziehen, warum ſollten ſie ſich niemals wieder ſehen? Der Kaiſer liebte ſein eigenes Erbland, das er von ſeinem Vater beſeſſen, ehe er die andern Lande nach dem Tode ſeines Mündels Ladiſlaw und des Bruders, welcher ſie ihm ſtreitig gemacht, erworben hatte, er war oft in dem ſchönen Graz und die Erzherzogin Kunigunde, von welcher er ſich nicht trennen konnte, begleitete ihn überall, nur in den Krieg nicht. Wenn alſo auch jetzt, wie Hedwig von ihrem Vater vernommen hatte, ein böſer Krieg vor der Thüre ſtand und zum Ausbruche kam, ewig konnte er doch nicht währen, und wenn einſt wiederum der goldne Friede über Oeſterreich aufging, warum ſollten ſich Hedwig und Lienhard nicht wiederſehen oder, noch unbegreiflicher, warum ſollte ſich Hedwig, wenn ſie einmal wieder mit ihm zuſammentraf, von ihm abwenden?— Glaubte er alſo, daß der Unwille, den ſein unzartes Benehmen mit Recht in der Seele der beleidigten Jungfrau erregt hatte, nicht durch ſeine Abbitte, nicht durch die Macht der Zeit gemildert werden, daß ſie ihm nicht von Herzen verzeihen könne? 170 Neuntes Capitel. Der Erbe. In der Burg zu Wien, welche damals nur den älteſten Bau, den jetzigen ſogenannten Schweizerhof, umfaßte und mit Thürmen und Gräben wohlbefeſtigt war, herrſchte, wie im ganzen Lande, in Folge des neuen Krieges, der bereits mit kleinen Raufereien ausgeſandter Streifparteien begonnen hatte, eine große Unruhe. Boten kamen und gingen, es wurden Anſtalten getroffen, die kaiſerliche Hof⸗ ſtatt zu verlegen, wenn es die Umſtände erforderten, ent⸗ weder in das Feldlager ſelbſt, oder in eine andere, dem Verlaufe des Krieges beſſer entſprechende Stadt. Doch wußte Niemand etwas Gewiſſes, denn der Kaiſer war über ſeine Abſichten verſchloſſen, wie immer und hörte ſeine Räthe, die ihn zuweilen auch unaufgefordert mit Vor⸗ ſchlägen erfreuten, wohl an, aber er handelte dann doch nach ſeinem eigenen Ermeſſen. Wäre dies nur allemal für das Heil der Krone und des Landes das richtigſte geweſen! Die Wiener ſahen mit einiger Sorge in die Zukunft, wenigſtens die ältern und ernſtern Bürger, welche nicht, wie der große leichtſinnige Haufe, in den Tag hinein lebten. Sie wußten wohl, daß der Ungarnkönig Gelüſte nach dem 171 Erzherzogthum trug, welche bereits früher hervor getreten waren. Freilich hatte ihn der Kaiſer gleich Anfangs, als Matthias nach dem Tode Ladiſlaw's, Kaiſer Albrecht's nachgebornen Sohnes, von den Ungarn zum Könige ge⸗ wählt worden war, ſchwer gereizt, indem er ihm die Krone von Ungarn, als einem Habsburger gebührend, wieder zu entreißen geſucht, und es iſt immer ſchlimm, wenn etwas angefangen und nicht durchgeſetzt wird. Die Wiener hatten nicht vergeſſen, daß damals der Kaiſer vor den Ungarn das Feld nicht hatte behaupten können, daß er ge⸗ wichen war bis zum Traunſee, nach Gmunden und Mat⸗ thias ihre Mauern belagert hatte. War viel Hoffnung, daß es jetzt anders kommen werde? Eine neue Belagerung ſchien ihnen faſt gewiß zu ſein und es war an der Zeit, ſich mit aller Kraft darauf zu rüſten. Indeſſen, wie es zu geſchehen pflegt, die Einſichtigern drangen nicht überall mit ihren Warnungen durch und die gedankenloſe Menge, die beim Sonnenſchein fröhlicher Gegenwart immerdar vergißt, daß auch Sturm und Gewitter kommen können, ließ ſich nicht bewegen, für die Zukunft zu ſorgen. Wer aber in ſchlimmen Zeiten nicht für ſich ſelbſt ſorgt, ſondern ſich auf Andere verläßt, der iſt verloren. Auf die vielen Herren, welche jetzt in Wien mehr als ſonſt ein⸗ und aus⸗ ritten, war aber gewiß kein Verlaß für die Bürger, denn ſie haßten den Bürgerſtand, der im Laufe der Zeit durch 172 kluges Benutzen der Umſtände, durch Handel und Wandel reich geworden war, während der kleine Adel, mehr und mehr verarmt, ſich durch Wegelagerei, das er trotzig ſein Waffenrecht nannte, dafür ſchadlos zu halten ſuchte, und der Starrſinn, mit welchem die Städte ihre errungenen Gerechtſame, auch gegen den Adel wahrten und theilweiſe noch den Blutbann, der ihnen von Alters her verliehen war, nicht aufzugeben gedachten, zog ihnen noch mehr Widerwillen zu. So betrachtete man die Herren, die zu⸗ weilen mit gerüſteten Pferden nach Wien kamen und einige Zeit dort verweilten, um dem Kaiſer gewärtig zu ſein, mit mißtrauiſchen Augen. Ihre Gelage, welche ſie in Sipp⸗ und Freundſchaften oft genug hielten, wurden beſonders argwöhniſch bewacht, weil man ſich im Rauſch mancher Gewaltthat zu verſehen hatte und auch wohl, weil dort manches unbedachte Wort fiel, aus dem man wohl ihre Geſinnung für kommende Fälle errathen konnte. Denn es waren Viele unter ihnen, welche bei dem vorigen Kriege dem Ungarnkönige den Eid der Treue, zu welchem ſeine wilden Schaaren die Oeſterreicher zu nöthigen ſuchten, nicht eben gezwungen, ſondern freiwillig geleiſtet hatten und es ſchien mindeſtens zweifelhaft, ob der Kaiſer auf Alle rechnen konnte, welche ihm nach dem alten Landrecht mit wer weiß wie viel„Hauben“— von Stahl!— zum Kriegsdienſt verpflichtet waren. Beim Ungarnkönig, der, 173 wie alle Emporkömmlinge, freigebig mit verſchwenderiſchen Händen ſein mußte, war mehr Vortheil zu gewinnen, der mußte freiwillige Dienſte belohnen! „Ich wollte, ich könnte mit dem Kaiſer einmal friſch von der Leber weg reden!“ ſagte ein krausköpfiger Hand⸗ werksmann zu andern Bürgern, die mit ihm plaudernd zur Feierabendſtunde vor der Thüre ſtanden, als grade gegen⸗ über, wo ein adliger Herr ſeine Herberge genommen hatte, der Lärm ziemlich laut wurde und auch Waffengeklirr zu vernehmen war. Es währte aber nicht lange, ſo erſchienen die Gäſte, es war der Aufbruch geweſen, welcher den verſtärkten Lärm verurſacht hatte. Auch der Gaſtgeber kam ganz zuletzt, Arm in Arm mit einem andern Herrn, welcher von der allgemeinen Fröhlichkeit, die ſich auf den bärtigen, braunen Geſichtern der ſich Entfernenden gezeigt hatte, nicht berührt ſchien. Die Bürger kannten die beiden Letzten nur allzu wohl— der mit dem krauſen rothen Bart, der heut den Wirth gemacht hatte, war Herr Dietrich von Wolffenegg, welcher beim Kaiſer ganz wohl angeſchrieben ſtand; ihm hatte die Rede des Meiſters vorhin beſonders gegolten; der Andere, der ſo grämlich ausſah, hieß der Kunz vom Wachberge, wer ihm draußen auf freier Straße begegnete, ging ihm gern weit aus dem Wege. Doch grüßten ſie die beiden Herren, welche ihnen mit gnädigem Kopfnicken 174 dankten und dann Arm in Arm ihre Wanderung fort⸗ ſetzten. „Nun will ich Dir ſagen, Kunz, warum ich Euch heut ſo toll bewirthet habe, als hätte ich den Großtürken beraubt und wäre Herr ſeiner ganzen Schätze!“ begann Dietrich, als ſie an die nächſte Ecke der Gaſſe gelangten und den Hohen Markt überſchritten.„Geſtern iſt der Claus, Du weißt, meines Pfauhahns Knecht, aus Steier⸗ mark hergekommen, auf ſeinen eigenen Kopf, und hat mir gemeldet, daß der Alte richtig geſtorben iſt.“ „Was hilft's Dir?“ entgegnete Kunz wegwerfend. „O— meinſt Du? Sollſt gleich hören. Ich fragte den Claus, wie ſie damals von hier ausritten, ob der Alte wohl dem Pater, der ſein Hauspfaff iſt, beichten würde, der Claus ſagte nein, aber wenn er beichten wollte, ſo würde er's eher dem Jungen— ſiehſt Du, das hat er nun auch gethan und weil der Claus ſich's gedacht hat, ſo iſt er gleich, wie ſie heimgekommen ſind, pfiffig geweſen, hat die Pferde einem Andern übergeben und ſ einen Horchwinkel neben der Schlafkammer des Alten aufgeſucht, wo er ſchon Manches erlauſcht, was mir von Nutzen geweſen iſt. Auch die Geſchichte, wo er vom Baumkircher abfiel und ihn ver⸗ rieth, was eine gute Warnung für andere Leute war, gelt, Kunz? Nun paſſ auf, was ich Dir ſagen werde! Keine italieniſche Fürſtin zur Mutter, keinen ſteiriſchen Edel⸗ ————————————— 175 mann zum Vater— ſchau dort hinein“— er zeigte nach der Gaſſe, welche ſich jetzt von der Tuchlauben, über welche ſie grade gingen, zur linken Hand öffnete—„da iſt er geboren und da werd' ich ihn von meinem Erb' wieder hinein jagen.“ Er ſah den Genoſſen an und lachte über deſſen völlig verdutztes Geſicht.. „Hab'ich's Dir nicht geſagt? Die Wiener nannten meinen Herrn Ohm den Kinderdieb, nun eins von den hinweggetriebenen Rangen iſt mein Pfauhahn, den hat er für ſich behalten, weil er ihm's Herz geſtohlen, hat der alte Narr geſagt. Den hat er nun gleich mitgenommen, weil er doch das Land meiden mußte, und draußen iſt er ein biſſel herangewachſen, dann, wie er wieder gekommen iſt, hat er allen Menſchen weiß gemacht, er habe ſich draußen noch auf ſeine alten Tage ein junges Weib gefreit, eine Fürſtentochter, hoho! die habe ihm das Kind geſchenkt und ſei in den Wochen geſtorben. So hat er mich, den er nicht leiden mochte, weil ich viel von ihm erzählen konnte, um mein Erbe bringen wollen! Ich aber werd' ihm nun den Spaß verderben.“ „So!“ verſetzte Kunz, der nun Alles begriff.„Und das hat der Alte auf dem Todtenbette geſtanden?“ „Ja, es hat ihm doch keine Ruh' gelaſſen und er hat es dem Söhnlein, das er ſich geraubt, erzählen müſſen. Mein Claus aber, der ſchlaue Fuchs, hat dicht am Pfühl 176 des Alten im Bau gelegen, die Thüre, die er ſchon immer gut eingeſchmiert hat, unmerklich offen, und das Ohr in der Spalte, daß ihm kein Wort entgangen iſt. Der Lien⸗ hard hat's dann verſprechen müſſen, keinem Menſchen was zu ſagen, und zu bleiben, wozu ihn der Alte gelogen hat. Haha! Was er für ein Geſicht machen wird, wenn er ſich ſpreizt und ſchön thut, mit ſeiner feinen Buhle, die er nun wird heimführen wollen als ſein Weiblein und ich tret' jetzt vor ihn hin und ſpreche:„Wie kannſt Du die Hand nach einer Edelmanns Tochter ausſtrecken, Du Plattners⸗ ſohn aus der Landskrongaſſe?“ „Ein Plattnersſohn!“ ſagte Kunz.„Das iſt Alles recht ſchön und ich glaub's auch! Aber wenn er nun die ganze Geſchichte läugnet und ſagt, das iſt eine nieder⸗ trächtige Lüge?“ „Das kann er nicht, der freche Bube!“ rief Dietrich, von dem Einwurfe betroffen.„Ich ſchlag' ihn zu Boden, wenn er's thut.“ „Wohl, Du ſchlägſt ihn zu Boden und er iſt todt— kommſt Du dadurch zum Erbe, wenn Du's nicht beweiſen kannſt, und denkſt Du, der Kaiſer, dem er auch das Herz geſtohlen hat, wie Deinem Oheim, wird Dir eine ſolche That hingehen laſſen? Schau mich nicht ſo grimmig an, Diez. Der Kaiſer iſt doch immer Dein Lehnsherr und Du wirſt Dich wohl noch beſinnen, ehe Du Ernſt machſt 177 mit Deinen Anſchlägen, Dir einen beſſern Herrn im Dol⸗ many zu ſuchen.“ „Schweig, Kunz!“ rief Wolffenegg aufgebracht.„Du willſt mich nur ärgern!“ „Ich will Dich im Zügel halten, daß Du nicht durch⸗ geheſt, wie ein hitziger Gaul. Ueberleg' Dir's doch ſelbſt, was für Zeugniß haſt Du? Der Alte iſt geſtorben, ohne zu beichten, er hat nur dem Jungen die Geſchichte anver⸗ traut und kein Anderer hat's gehört, als der Claus. Hat eines halseigenen Knechtes Zeugniß gegen ſeinen Herrn Geltung? Wer wird es annehmen und wollt' es der Richter ſelbſt durch die Feuerprobe erhärten laſſen, wie in alten Zeiten üblich, ſo wird ſich der Claus nicht dazu hergeben! Ich ſag' Dir aber, kein Richter nimmt ſein Zeugniß an— der Kaiſer aber wird Dich als falſchen Ankläger, der den elenden Knecht nur gedungen, vor Gericht ſtellen und wer hilft Dir? Dann bleibt der Plattnersſohn in Deiner Sippſchaft und Du kannſt warten, was Dir geſchieht.“ Wolffenegg knirſchte.„Ich will doch ſehen, ob der Kaiſer mich abweiſen wird!“ rief er. Sie nahten dem Platz, welchen das Volk von der Kirche, die auf demſelben ſteht, kurzweg den Peter nennt. Damals war dieſe Kirche, welche jetzt ein herrliches Bau⸗ werk iſt, noch in ihrer alten und unanſehnlichen Geſtalt, wie ſie bereits zur Zeit der Karolinger, nachdem Karl der 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 12 178 Große die Avaren vertilgt und die Oſtmark— Oſter⸗ richi's Anfang— gegründet hatte, in der Vindobona erbaut worden war. Von hier wollten die beiden Männer eben durch das Jungferngäßchen zur Brücke gehen, über den Graben— heut die Glorie von Wien an Schauſtellungen von Pracht und Luxus, damals wirklich der Graben der innern Stadt— als der rothe Diez einen Reiter bemerkte, deſſen Pferd er auf den erſten Blick erkannte, wenn ihm auch der Reiter fremd war. Ohne dem Gefährten eine Erklärung zu geben, trat er den Reiter an und fragte ihn, wo er das Pferd her habe. Dieſer antwortete, über die barſche Frage verwundert, ziemlich kurz:„Gekauft!“ und wollte vorüber reiten, aber Diez vertrat ihm noch einmal den Weg und ſagte höflicher:„Ich weiß, wem dies Roß gehört hat und wundere mich, es in andern Händen zu ſehen. Verzeiht daher, lieber Herr, wenn ich Euch frage, wo Ihr das Pferd gekauft habt und ob es ein junger Geſell in den Farben des Kaiſers geweſen iſt, der es Euch abgelaſſen hat?“ Der Fremde gab auf dieſen angemeſſenern Ton Be⸗ ſcheid, daß er das Pferd zu Sanct Pölten gekauft habe, allerdings von einem jungen Manne, der aber nicht in des Kaiſers Farben gekleidet geweſen ſei, wenigſtens habe er nichts davon bemerkt. Dann ritt er, ohne ſich weiter auf⸗ halten zu laſſen, nach dem Stock am Eiſen weiter und 179 Diez blickte ihm lange nach.„Das kann ich nicht be⸗ greifen!“ ſagte er.„Mein falſcher Vetter war auf dieſen Gaul ſo ſtolz, wie auf ſeine italieniſche Mutter. Am Ende hat mir Einer den Gefallen gethan, ihn unterwegs zu er⸗ ſchlagen und da wär' mir freilich viel Verdruß erſpart, beim Kaiſer und vielleicht gar vor dem Lehnsgericht. Wär' er todt, ſo wollt' ich ihm meinen ritterlichen Namen im Grabe laſſen, dann könnte mir Niemand mein Erbe mehr ſtreitig machen und kann ſein, daß ich dann ein frommer Menſch würde, der nichts Böſes mehr zu thun braucht. Möglich iſt's immer. Der Claus ſagt mir, daß er ihn unterwegs fortgeſchickt habe und ganz allein auf der Straße nach Steier und Linz weiter geritten ſei— merkſt Du? um Feinsliebchen gleich zu melden, daß er nun, ein Mann von Land und Leuten, wohl bei dem alten Hager ihrethalb anklopfen könne! Allein zu reiten, in den wilden Bergen, wo das ungeſchlachte Volk der Meſſerſchmiede wohnt, iſt nicht geheuer— das geht zu viel mit der Schärfe um, als daß es ſie nicht bei Gelegenheit gut brauchen ſollte! Das ſtattliche Roß, das ihm einmal der Kaiſer ge⸗ ſchenkt hat, mag ihnen auch gefallen haben— Kunz, ich kann mir's wirklich nicht anders denken, verkauft hat der Fant dies Roß nimmermehr. Wer weiß, wo er ein Ende genommen hat! Die ſchöne Hetti wird wohl ein Paar Thränchen um ihn weinen, wenn's wahr iſt, was der eitle 180 Geck überall ausgeſprengt hat, aber laß gut ſein, ihre blauen Aeuglein werden bald wieder hell werden und ich denke, daß ſie mit einem Manne doch beſſer fährt, wie mit einem bartloſen Knaben!“ „Du haſt ſchon Alles im Sack!“ verſetzte Kunz vom Wachberge im nüchternſten Tone, Beide ſchienen voll⸗ ſtändig ihre Rollen vertauſcht zu haben; von Dietrich's trockner Rede, durch welche er ſonſt beſonders ſeinen ver⸗ meintlichen jungen Vetter zuweilen bis auf's Blut gereizt hatte, war keine Spur mehr vorhanden, er ſelbſt wurde im Gegentheil jetzt von dem überlegenen Spotte ſeines Freundes gereizt und vermaß ſich, ihn noch vor Weihnacht, wenn er nicht unterdeſſen im Kriege umkomme, zur Hoch⸗ zeit zu laden. So gelangten ſie zur kaiſerlichen Burg, wo Dietrich ſich vorgenommen hatte, wenn es ihm irgend möglich ſei, Zutritt bei dem Kaiſer zu erlangen, noch heut ſeine ſchwere Beſchuldigung wider den verſtorbenen Oheim anzubringen und ſein gutes Recht, das ihm durch Betrug vorenthalten werde, zu fordern. Er war im ſchlimmſten Falle gefaßt, daſſelbe durch eine Zahl von Eideshelfern, deren Schwur er auf ſeine Seele nahm, nach altem, deutſchem Brauch erhärten zu laſſen, oder, was ihm das Liebſte geweſen wäre, in einem Zweikampf vor Zeugen mit dem Knaben, den er für ein leichtes Spiel hielt, ſchneller zu Ende zu ——***— — — 181 bringen. Und es ſchien ſich heut Alles nach ſeinen Wün⸗ ſchen zu ebnen, denn als er dem Kämmerer, der ihm nicht einmal beſonders wohl wollte, ſein Anliegen um eine Audienz vorgetragen und dieſer mit zweifelhaftem Achſel⸗ zucken, weil der Kaiſer Vielen zu dieſem Abend ſchon Gehör zugeſagt, ſich zum Hofmeiſter begeben hatte, um das Ge⸗ ſuch, das er ſelbſt nicht abſchlagen konnte, an höherer Stelle verweigert zu ſehen, brachte der Höfling ihm mit veränderter Miene gar verbindlich den Beſcheid zurück, daß des Kaiſers Majeſtät befohlen habe, ihn augenblicklich vorzulaſſen. Da griff Dietrich von Wolffenegg nach ſeiner Angewohnheit ſiegſtolz in den rothen Bart und ſchritt mit einem verächtlichen Lächeln an dem Hofſchranzen vorüber. Aus dem Zimmer des Kaiſers traten mehrere Per⸗ ſonen, welche augenſcheinlich unzufrieden waren, ſo ſchleunig entlaſſen worden zu ſein, denn ſie warfen dem Bevorzugten, der die Urſache war, nicht eben liebreiche Blicke zu. Er aber kehrte ſich nicht daran, ſondern trat über die Schwelle, wo ihn der Kaiſer, in ſeinem Lehnſtuhle ſitzend, mit freund⸗ licher Miene erwartete. Der dienſtthuende Edelknabe ver⸗ ließ augenblicklich das Gemach und Wolffenegg, von ſeinem Lehnsherrn aufgefordert, nahte ſich ihm mit feſtem Schritt und beugte ſein Knie. Der Kaiſer hieß ihn aufſtehen und ſprechen. „Es wird Eurer Majeſtät gewiß nicht unbekannt 182 ſein,“ begann Dietrich,„daß mein Oheim, Veit von Wolffenegg, am verwichenen Kornelitag verſtorben iſt.“ „Ich weiß es,“ antwortete der Kaiſer.„Der Lien⸗ hard hat es mir gemeldet.“ „Will Eure Majeſtät mir gnädig geſtatten, daß ich meine Rede freimüthig vorbringe?“ fragte Wolffenegg, welchem vor der Entſcheidung, der er nun entgegen ging, das Herz, trotz der äußern ruhigen Haltung, dennoch ge⸗ waltig ſtürmte.„Will Eure kaiſerlichen Gnaden mich anhören?“ „Das thue ich dem Geringſten meiner Unterthanen,“ erwiederte Friedrich der Dritte.„Sprich.“ „Mein Oheim iſt nun todt und ſein Erbe ſoll dem Lienhard zufallen, den er ſeinen Sohn genannt hat, von einer Fürſtin aus dem Hauſe Maricalandi. Ich aber ſtehe hier vor Eurer kaiſerlichen Majeſtät und behaupte, daß Lienhard nicht meines Oheims Sohn iſt, ſondern eines Bürgers Sohn, den mein Oheim als Knabe zu ſich ge⸗ nommen und erzogen hat, um ihn für ſein eigenes Kind, zum Schaden und Nachtheil der ganzen Ganerbſchaft, ab⸗ ſonderlich meiner, auszugeben. Ich behaupte das und will es beweiſen durch Einen, der es aus dem eigenen Munde meines Oheims Veit gehört hat, und ſo dies Zeugniß nicht für gültig erachtet werden ſollte, will ich es durch Eid 183 und Eideshelfer, auch, wenn Eure Majeſtät es genehmigt, mit dem Schwerte gegen Jedermann beweiſen.“ Er hatte im Eifer, ſeine ganze Sache mit einem Male vorzutragen, nicht beachtet, daß der Kaiſer ſchon beim Eingange ſeiner Rede ihn hatte unterbrechen wollen und nur, weil er ihn ſo gar eifrig ſah, hatte gewähren laſſen. Jetzt bemerkte er aber, daß des Kaiſers Blick miß⸗ billigend auf ihm ruhte und er ſetzte, ſich ſchnell mäßigend, ehrerbietig hinzu:„Eure Gnaden glaubt mir nicht!“ „Doch, Diez!“ erwiederte der Kaiſer mild.„Ich weiß das Alles ſchon!“ „Wer hat Eure Majeſtät davon in Kenntniß geſetzt?“ rief Wolffenegg erfreut und ſtaunend. „Der Lienhard ſelbſt,“ antwortete der Kaiſer und ſchien ſich an Dietrich's maßloſer Verwunderung, die ihm alle Geiſtesgegenwart raubte, zu weiden. Dann ſprach er lächelnd:„Glaubſt Du, daß ich mich ſo in Einem, dem ich mein Wohlwollen zugewendet, getäuſcht haben könne? Daß er fähig ſei, irdiſche Güter, die ihm durch ein un⸗ rechtes Thun zugefallen, wider beſſeres Wiſſen als ſein ihm gebührendes Eigenthum behalten und Dir, dem ſie von Rechtswegen gehören, vorenthalten könne? Merke wohl, Dietrich Wolffenegg! Wie es auch mit Deinem Zeugniß beſchaffen geweſen ſein möge, es wäre Dir ſchwer geworden, es wider einen unbeſcholtenen Leumund aufrecht 184 zu halten. Doch iſt das nun vom Uebel. Geh' hin, ſuch' Dir den Lienhard auf, und danke ihm, daß er in Ehren vor Gott und mir beſtanden iſt. Ihr werdet, hoff' ich, nun beſſere Freunde ſein, als vorher. Alles Land und Gut, was Dein Oheim Veit hinterlaſſen hat, iſt Dein. Morgen oder wenn Zeit iſt, werde ich weiter von Dir hö⸗ ren.“ Er entließ mit dieſen Worten den beſtürzten Mann, der ſich kaum ſo weit faſſen konnte, in geziemender Weiſe ſich von ſeinem Herrn zu verabſchieden. Das erſte Gefühl, das ihn wohlthuend durchſtrömte, als er das Zimmer des Kaiſers verlaſſen hatte, war das eines aufrichtigen und freudigen Wohlwollens für Lienhard, die Anerkennung ſeiner edlen Selbſtverläugnung und er ſchämte ſich nun aller Gehäſſigkeit, welche er gegen ihn im Sinn getragen hatte. Sobald er des Kämmerers in den Vorgemächern anſichtig wurde, fragte er nach ihm. Wenn der Kaiſer Lienhard geſprochen hatte, mußte dieſer ihn doch geſehen und angemeldet haben. Aber der Kämmerer wußte gar nichts von ihm und begriff nicht, wie Lienhard ohne ihn zum Kaiſer gedrungen ſein könne. Endlich fiel ihm ein, daß der Kaiſer geſtern längere Zeit die Burg verlaſſen habe und es war nun kein Zweifel für Dietrich mehr, wie der junge Menſch ihm genaht ſei. Leichten Herzens eilte er, den grämlichen Kunz aufzuſuchen, der ihm wohl das Glück nicht gönnte und ihm nur aus Neid ſo viel Schwierigkeiten 185 vorgeſtellt hatte. Er fand ihn aber nicht und hatte denn Muße, ſich in aller Ruhe zu überlegen, ob er ohne Säumen nach Steiermark aufbrechen ſolle, um durch ein Herdfeuer, das er als Herr des Hauſes anzünde, von ſei⸗ nem Erbe rechtlich Beſitz zu nehmen oder ob er zuerſt den armen Teufel, der aus dem weichen Neſte geworfen worden ſei, aufzuſuchen, und mit ihm eine Rückſprache zu nehmen habe. Es war ihm faſt, als müſſe das ſein. Auch fühlte er keine Spur von dem alten Groll mehr, mit welchem er den jungen Vetter, deſſen Berechtigung er ja ſchon immer bezweifelte, verfolgt und oft bitter gereizt hatte. Im Ge⸗ gentheil that ihm das junge Blut in dieſer erſten Aufwal⸗ lung menſchlichen Gefühls, das die Sonne des Glücks wie eine ſchöne Blume aus hartem Geſtein in ihm erweckt hatte, von Herzen leid: der Knabe konnte doch nichts dafür und hatte es nicht gewußt, daß er vom Alten betrüg⸗ lich in das Erbe geſetzt worden war und wenn er in der Huld des Kaiſers und der ſchönen Frauen am Hofe ein Geck geworden, ſo waren diejenigen Schuld, welche ihn ſo verzogen hatten! Dieſe Anſchauung mußte doch wohl die rechte ſein, da nun der rothe Diez eben ſo darüber dachte, als die Jungfrau, welche von Lienhard in ſeiner maßloſen Eitelkeit empfindlich gekränkt worden war. Leid that der arme Burſch nun dem bisherigen Vetter, denn was ſollte er anfangen? Verweichlicht, an keine harte Arbeit ge⸗ 186 wöhnt, nicht ſtark genug, Müh' und Anſtrengung zu ertra⸗ gen, was ſollte aus ihm werden? Ein Plattner, wie ſein Vater geweſen war oder ein anderer Handwerksmann? Ver⸗ ſtand er etwas von irgend einem Handwerk und ſollte er, auch wenn er vergaß, wie vornehm er geweſen war, erſt mit achtzehn Jahren in die Lehre gehen, ſich Arbeit und Strafen vom Meiſter gefallen laſſen? Dazu war er nicht! Ein Kriegsmann werden? Dazu gehörte eine ganz andere Natur. Welcher Hauptmann hätte dieſem ſchwächlichen Buben Handgeld gegeben? Höchſtens als Schreiber bei einem Fähnlein wär' er zu gebrauchen geweſen, denn er tonnte, wie Diez mit verächtlicher Miene geſehen hatte, gar ſchöne krauſe Buchſtaben malen. Zetzt fiel's ihm ein! Er mußte ſich irgendwo als Schreiber bei einem der Herren verdingen, die ſelbſt ſich nicht mit Schreiben abgaben, viel⸗ leicht bei einem Biſchof oder Prälaten, oder am beſten wär' er vielleicht gar in einem Kloſter aufgehoben geweſen? Das war das Rechte! Da gab's keine Müh' und ſchwere Arbeit, wenigſtens nicht mehr, wenn er erſt Profeß gethan hatte, vielmehr gab's fette Biſſen, wenn er nicht grade eine ſtrenge Ordensregel erwählte und wer weiß, ob er's nicht einmal ſpäter zum Pater Guardian oder gar zum hochwürdigen Abt bringen konnte! Dabei ſah man nur auf ehrliche und nicht auf adelige Geburt und ein ehrlicher Mann war doch gewiß Meiſter— wie hieß er doch?— der Plattner in 187 der Landskrongaſſe geweſen! Ob Diez nicht dort nach dem Lienhard forſchen ſollte? Aber er lachte über dieſen Ge⸗ danken. Konnte er glauben, daß Lienhard, nachdem er ſo hoch geſtanden hatte, ſich erniedrigen und wie ein ver⸗ lorner Sohn in das Bürgerhaus ſeiner Eltern zurückkehren werde, um dort vielleicht auch mißtrauiſch, ob ſein Vor⸗ geben wahr ſei, aufgenommen zu werden? Eher ſchien es Diez möglich, daß Lienhard ihn aufſuchen und da er doch bis dahin als ſein Vetter gegolten, um Rath und Beiſtand bitten werde, den er, in ſeiner jetzigen Stimmung, ihm auch nicht verweigert hätte. Er gab daher den Gedanken auf, in der Landskrongaſſe nach einer Plattnerwittwe, deren Namen er nicht einmal wußte, zu forſchen und ſchritt wohl⸗ gemuth nach ſeiner Herberge, nicht weit von Maria Stiegen in der Salvatorgaſſe, zurück, wo er ſich mit dem behagli⸗ chen Gefühl eines ſorgenfreien Mannes auf ſein Lager ſtreckte. Morgen werde ſich Alles finden, dachte er; und wenn Lienhard wider Erwarten nichts von ſich hören laſſe, wollte er denn doch nach ſeiner neuen Beſitzung aufbrechen, um dort, wo ſchon bedeutende Streifparteien ganz in der Nähe ſein mußten, nach dem Rechten zu ſehen. Lienhard weilte allerdings noch zu Wien, aber es wäre wohl Jedermann ſchwer gefallen, ſeinen Aufenthalt zu ermitteln, da er nicht geſonnen war, ſich öffentlich zu zeigen, bis er zu einem feſten Entſchluß gekommen ſein 188 würde. Der Erlös ſeines Pferdes, das er wirklich ver⸗ kauft hatte, weil er es nicht mehr erhalten konnte, ſicherte ihn für die erſte Zeit vor Mangel. Das Pferd war ihm vom Kaiſer geſchenkt, alſo ſein Eigenthum, über das er frei verfügen konnte. Er bedurfte deſſen aber auch nicht mehr, wenigſtens wie ihm ſeine formloſe Zukunft vorſchwebte. Die Farben des Kaiſers hatte er noch einmal, zum letzten Male, angelegt, um vor ſeinem Herrn zu erſcheinen, dem er die traurige Wendung, welche ſein Geſchick genommen hatte, entdecken und ſich von Ihm auf immer verabſchieden wollte, da ſeine zu Tage gekonmene Geburt kein Recht mehr gab, ſich unter die Edeln und Vornehmen ſeines Ho⸗ fes zu miſchen. Sein Platz wäre unter dem niedern Geſind geweſen und dorthin ſich zu ſtellen, beſaß er die Seelenkraft noch nicht. Ihm graute überhaupt, die Prachtgemächer der Kaiſerburg, in welchen er einſt ſo ſtolz gewandelt war, noch einmal zu betreten, all' den Geſichtern wieder zu be⸗ gegnen, die ihn in ſeinen glücklichen Tagen geſehen hatten. Durch die Reihen der Höflinge jetzt in ſeiner Demüthi⸗ gung zu ſchreiten, wäre ihm geweſen, als würde er, wie ein verurtheilter Kriegsknecht, durch die Spieße in den Tod gejagt. Zum Glück war ihm dieſe Qual vor der Hand noch erſpart worden. Er begegnete dem Kaiſer, welcher von wenigen Herren begleitet, in Perſon auf dem Rathhauſe geweſen war, um mit dem Bürgermeiſter, den Viertels⸗ 189 meiſtern und Rathsherren der Stadt in Bezug auf die Ge⸗ ſtellung zum Kriege zu verhandeln. Der Kaiſer war un⸗ gern dorthin gegangen, weil er dergleichen Verhandlungen nicht liebte. Er hatte Urſache dazu, ſeit dem Landtage, der im Jahr 1462 abgehalten worden war, damals im Auguſtinerkloſter. Der„Ehrenſpiegel des Erzhauſes Oe⸗ ſterreich,“ eine der lauterſten Quellen der Geſchichte, ſagt über dieſe Verſammlung ſo treffende Worte, daß wir ſie auch für andere Zeit gültig wiedergeben wollen.„Als der Bür⸗ germeiſter ſammt den Rathsherren ſich dahin verfügte, folg⸗ ten ihnen viele Burger, auch vom Poebel etliche Handwerks⸗ purſche; dieſer ihr unvernünftiges Geſchrey, Gemürmel und Gewäſche(wie denn der ungehirnte Pöbel, wo er ſich regen darf, gar laut zu reden pfleget) machte ſich ſo breit im Saal, daß die andern nichts vortragen oder abreden konnten. Erzherzog Albrecht erregte wider Kaiſer Fridri⸗ chen das Thier mit den vielen Köpfen.“— Dieſes Thier, wie es nicht blos der ehrliche Fugger genannt hat, war aber diesmal nicht zugelaſſen worden und es hatte eine ziemlich gute Vereinbarung Statt gefunden, ſo daß der Kaiſer in beſſerer Stimmung zurückkam, als er hingegan⸗ gen war. Im Begriff, wieder aufzuſitzen, war er ſeines Lienhard anſichtig geworden, der mit klopfendem Herzen, daß ihm eine ſo günſtige Gelegenheit vorüber gehen ſollte, unter den Bürgern ſtand, welche ſich allmählig verſammel⸗ 190 ten, um die gefaßten Beſchlüſſe zu vernehmen. Der Kaiſer hatte Lienhard ſogleich zu ſich gewinkt und als dieſer ihm auf Befragen den Tod ſeines Vaters, wie der Monarch Herrn Veit noch nannte, gemeldet und ſich ein Herz ge⸗ faßt hatte, um ein kurzes Gehör zu bitten, war der Fürſt ſo gnädig geweſen, ihm daſſelbe ſogleich in einem der näch⸗ ſten Zimmer des Rathhauſes zu bewilligen, ſehr zum Er⸗ ſtaunen ſeines Gefolges. Da hatte Lienhard Alles berichtet und den Kaiſer dann gebeten, ihn ſeines Dienſtes zu entlaſſen. Dieſer war über die ſeltſame Erzählung ſehr erſtaunt geweſen und hatte ernſthaft gefragt, ob ſie Lienhard auch für wahr und nicht etwa für eine bloße Phantaſie des Fiebers halte; als ihm aber Lienhard ſeine Ueberzeugung und die Gründe da⸗ für ausgeſprochen hatte, war er erſt eine Weile ſtill gewe⸗ ſen und dann mit der Frage hervorgetreten, ob Lienhard es darauf ankommen laſſen wolle, bis die wahren Erben ihr Recht fordern würden. Wie nun Lienhard ſogleich mit edlem Unwillen geſagt, daß er nur darum hier ſei, um das Erbe, das ihm nicht zukomme, für den Nächſten, welches Dietrich ſei, in die Hand des oberſten Lehnsherrn zu legen, hatte ihm der Kaiſer die Hand auf die braunen Locken ge⸗ legt und ſeinen Entſchluß gelobt, mit den Worten:„Das wird Dir Segen bringen, mein Sohn. Warum willſt Du aber meines Dienſtes entlaſſen ſein? Steht es mir 191 nicht frei, Dir den Adel, welcher Dir genommen worden iſt, nun ſelbſt zu verleihen?“ In dieſem Momente waren dem Jünglinge die Worte wieder eingefallen, welche emſt die Erzherzogin Kuni⸗ gunde zu ihm geſprochen hatte, als er eines grundloſen Rühmens überführt, beſchämt vor ihr geſtanden, die Worte, welche ihn damals empfindlich gekränkt hatten:„Nur ein großes Unglück kann Euch adeln.“ Damals hatten ſie ihn gekränkt, jetzt wirkten ſie erhebend auf ihn und er erwie⸗ derte auf die gnädige Aeußerung des Kaiſers: „Wohl hat Eure Majeſtät das Recht und die Macht, Adel und Ritterſchlag nach Belieben zu ertheilen. Wenn mir aber dies Glück zugewandt würde und Einer fragte mich, wodurch ich deſſelbigen würdig geworden ſei, müßte ich die Antwort ſchuldig bleiben. Dieſe Demüthigung wolle mir mein gnädiger Kaiſer huldreichſt erſparen.“ Da hatte ihn der Kaiſer umarmt und ihm verſprochen, weiter für ihn zu ſorgen. Er möge einſtweilen, wenn er es wünſche, ſeinen Dienſt verlaſſen, bis ſich die loſen Zun⸗ gen über ſeine Geſchichte müde geredet hätten, aber er ſolle wieder kommen, das möge er ihm verſprechen. Lienhard war mit Thränen niedergekniet vor ſeinem gütigen Herrn, welchem ſelbſt die Augen beim Abſchiede von dem Jünglinge, dem er nun einmal ſeine beſondere Huld geweiht hatte, feucht geworden waren.„Ich werde kommen, wenn ich 192 durch Thaten würdig bin, Eurer Majeſtät Antlitz wieder zu ſchauen,“ mehr hatte der Tiefbewegte nicht zu ſagen ver⸗ mocht und auf des Kaiſers letzte Frage, wohin er ſich vor⸗ erſt wenden und was er beginnen wolle, hatte er nur de⸗ müthig das Haupt geſchüttelt, denn er wußte es in dieſem Momente allerdings ſelbſt noch nicht. Dann war er mit dem wiederholten Verſprechen des Kaiſers, daß er für ihn ſorgen werde, ſobald er zu ihm zurückkomme oder im Kriege, der ſchon begonnen habe, ein Amt begehre, entlaſſen wor⸗ den. Der Kaiſer war, von dieſer wunderbaren Schick⸗ ſalswendung ganz erfüllt, in die Burg zurückgeritten, wo er ſeiner Tochter Gemach alsbald aufgeſucht und ihr Alles erzählt hatte, was die Erzherzogin um ihrer Hedwig willen mit dem tiefſten Antheil vernahm. Lienhard aber hatte ſich nun dem Gedränge der Menſchen, welches die Straßen auf dem Wege des Kaiſers füllte, entzogen und die Freiſtatt aufgeſucht, welche er gleich bei ſeiner Ankuuft gewählt hatte und der kein ungeweihter Fuß nahen durfte. Der rothe Diez hatte nicht ganz Unrecht, als er für ihn das Kloſter für eine paſſende Zuflucht gehalten; es kam nur darauf an, ob zum ewigen Verweilen oder nur zur Faſſung und Kräf⸗ tigung für die bevorſtehenden Kämpfe in der Welt. Lienhard hatte nun die Farben des Erzhauſes mit den bedeutungsvollen Initialen abgelegt, welche ſchon Kai⸗ ſer Albrecht der Zweite und nicht erſt der Jetztregirende, 193 wie es in vielen Schriften verbreitet iſt, zu ſeinem Sym⸗ bolum gewählt hatte. Er warf noch einen langen Blick auf die fünf in kunſtreichen Schnörkeln geſtickten Vocale, deren Deutung im Laufe der Zeit ſo vielfach und verhei⸗ ßungsvoll für Oeſterreich ausgeführt worden iſt: in dieſer Scheideſtunde ſchien ſich in ihnen, auch für des Jünglings Zukunft ein geheimnißreicher Sinn zu verhüllen. Doch war jetzt nicht Zeit, ſich in phantaſtiſche Träumereien, wie er einſt in ſeinem müßigen Leben nur zu oft gethan, zu wiegen, die Wirklichkeit mahnte gebieteriſch, ſich von Allem, was an die nächſte Vergangenheit erinnerte, loszureißen. Er rollte dann die Zeichen frühern Glanzes und Glückes zuſammen und übergab ſie einem der frommen Väter, welche ihn bei ſich aufgenommen hatten, zur Verwahrung. Ein dunkles, ſchmuckloſes Wamms, das einfachſte, das er be⸗ ſeſſen hatte, umfing jetzt ſeine ſchlanke Geſtalt, kein kurzer Mantel, wie er von den Vornehmen, nach burgundiſcher Sitte, getragen wurde und er ſelbſt ihn einſt mit voll⸗ endeter Kunſt um ſeinen linken Arm zu ſchlagen verſtanden hatte, hing mehr auf ſeiner Schulter; das zierliche Barett mit der Feder, das zu ſeinen braunen Locken ſo vortrefflich geſtanden, war der ganz gewöhnlichen in Kapuzenform abgerundeten Gugel gewichen und er hätte ſich ſelbſt nicht wieder erkannt, wenn in ſeiner Zelle einer der neu einge⸗ führten Rundſpiegel aus Venedig ihm ſein Sit zurück ge⸗ 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. — 194 worfen hätte, oder er, wie auf denAltenſteig, ſich in einem blanken Schilde hätte ſpiegeln können; bei ſeiner erſten An⸗ weſenheit war das geweſen, ihm aber ſchwebte jetzt nur ſeine letzte vor, wo er einen Abſchied auf immerdar ge⸗ nommen hatte. Alles hatte er nun verloren, woran ſein Herz bisher in jugendlichen Gefühlen gehangen hatte. Der Mann, der ihm ein Vater geweſen war, ſein Herr und Kaiſer, die Geliebte, ſeine glückliche Stellung im Leben, Alles war ihm verloren. Welchen Erſatz ſollte er dafür finden? Dieſe Gedanken beſchäftigten ihn, als er ſich endlich aufmachte, nach ſeinen wahren Verwandten zu forſchen. Er hatte bis jetzt zu keinem Menſchen davon geſprochen und es war in ihm ein ſeltſamer Zwieſpalt des natürlichen Gefühls, das ihn mit einer wahren Sehnſucht trieb, zu erfahren, ob ihm noch eine Mutter lebe und ob ſie ihn wieder kennen, wieder aufnehmen werde, mit dem widerſtrebenden Gefühl entſtanden, das ihm das Blut in ſtärkere Wallung ſetzte, wenn er ſich die Genoſſenſchaft dachte, auf die er bisher mit allem Hochmuth eines Ritterbürtigen herabgeſehen hatte, und die er nun aufſuchen wollte, um ſich in ihrer Mitte als ein Sproß, derſelben aufnehmen zu laſſen. Heut, als er den Vorſatz, mit dem er ſchon lange gerungen, endlich ausführte, nahm ihm der innere, ſtärker auflodernde Streit ſo ſehr die äußeren Sinne gefangen, daß er, einem Träu⸗ 195 menden gleich, durch die Straßen der Stadt ſchritt und gar nicht bemerkte, daß ſeine Erſcheinung Aufſehen erregte. Denn er nahm nicht allein den mittelſten Streig der Gaſſen ein und wich in ſeiner Zerſtreuung keinem Begegnenden aus, ſondern ſein Gang, ſeine ganze Haltung, wie ſein edles Ge⸗ ſicht, das lange Lockenhaar, welches nicht recht zu dem bürger⸗ lichen Kleide paßte, machte ihn zum Gegenſtande der all⸗ gemeinen Beachtung. Hatte er in der Kaiſerburg, oder wo er die Zimmer der Damen nach der Sitte betreten durfte, die Blicke vornehmer Frauen auf ſich gezogen, hier, in den engen Gaſſen, welche er zur Stunde des Feierabends durchſchritt, hätte er ſich auch nicht über Geringſchätzung zu beklagen gehabt. Aus manchem der kleinen Fenſter, an denen er, ohne rechts oder links zu ſehen, vorüber wan⸗ delte, blickten Mädchenaugen dem ſchmucken Geſellen, der ſo ſtolz und aufrecht ſeines Weges ging, verwundert nach. Er aber dachte jetzt an ganz andere Dinge, als ſeiner Eitel⸗ keit zu fröhnen, und die innere Unruhe wurde immer ſtärker, je mehr ſich ihm die Nothwendigkeit darſtellte, in der Stadt⸗ gegend, die er nun erreicht hatte, endlich eine Frage zu thun. Es war ein Moment, von welchem vielleicht die ganze Geſtaltung ſeines künftigen Schickſals abhing. An einer Hausthür lehnte ein alter Mann, der ſchien ihm endlich der Rechte zu ſein. Er hatte ſich bereits, ſeit⸗ dem er die Gaſſe betreten hatte, welche ihm als ſeine Heimath 133 196 genannt worden war, mehrfach umgeſchaut, wen er wohl fragen könne, hatte auch Leute genug bemerkt, aber zu keinem Geſicht ein rechtes Zutrauen faſſen können, oder war es die Scheu vor Entſcheidung, welche manche Menſchen zum Aufſchub verleitet, ſo lange es noch irgend möglich iſt? Der alte Mann, der vor einem der letzten Häuſer am andern Ende der Landskrongaſſe, wo ſie ſchon an die Münzerſtraße, den jetzigen Bauernmarkt, ſtößt, in der Thür lehnte, vom Tagwerk, vielleicht auch vom langen Leben müde, flößte aber nun dem Jünglinge durch ſein ehr⸗ bares Geſicht Vertrauen ein und er trat ihn an. „Seid Ihr hier zu Hauſe?“ fragte er ihn mit ſtok⸗ kendem Athem. Die kurze Frage, deren Ton ihm ſo wenig gefiel und die ſtolze Haltung des jungen Menſchen, welche dieſem aber ſchon zur zweiten Natur geworden und jetzt nicht An⸗ maßung war, zogen! Lienhard einen ſtarren Blick des Alten zu, der ſeine Stellung nicht veränderte, ſondern nur eine eben ſo kurze Antwort gab:„Mein Haus!“ „So werdet Ihr mir ſagen können, ob in dieſer Gaſſe ein Plattner gewohnt hat—“ das Eis war gebrochen und Lienhard fand nun in ſeinem Geiſte die Fragen wieder, welche er ſich bereits überlegt und zu thun vorgenommen hatte. „Ich bin ſelbſt ein Plattner,“ antwortete der Alte und maß den jungen Menſchen mit einem etwas verän⸗ 197 derten Blicke, da er nach dem Handwerk fragte und viel⸗ leicht irgend eine Beſtellung brachte. „Ich meine— ob hier ein Plattner, der längſt ver⸗ ſtorben iſt— gewohnt hat— ſein Name—“ hier ſtockte Lienhard von Neuem der Athem in der Bruſt, als er den Namen ausſprechen ſollte, der ſo ganz und gar mit dem ſtolzen, den er bis jetzt geführt hatte, im Gegenſatz ſtand. „Längſt verſtorben?“ fragte der Alte.„Hier haben, ſeit langer Zeit, nur zwei Plattner gewohnt, ich und mein Schwiegerſohn— der iſt todt— meint Ihr den? Der hieß Maislhelfer.“ Es durchzuckte den Jüngling wie ein kalter Stahl bei dem Wort. Hier ſtand er vor ſeinem Großvater! Und ſo hatte die Unnatur des Verhältniſſes, in welches ihn ein fremder, ſelbſtſüchtiger Wille gezwungen hatte, ihn losgeriſ⸗ ſen von allen Banden, die ihn durch ſeine Geburt mit den Seinigen verknüpft hatten, daß ihm war, als müſſe er, ohne mehr zu fragen und zu hören, augenblicklich ſich abwenden und hinwegeilen, um ſich auf ewig aus der Heimath zu verbannen, zu fernen Geſtaden, wo kein Menſch ihn kenne. Aber er fand doch die Kraft ſchon, dieſer feigen Anwandlung zu widerſtehen— mit dem erſten Siege über ſich ſelbſt wächſt ja die Kraft und dies war nicht der erſte Sieg für ihn, den hatte er bereits errungen, als er dem Verſucher widerſtanden hatte, der ihn rieth, das Geſtändniß des 198 Sterbenden, wie dieſer von ihm verlangt hatte, zu ver⸗ ſchweigen. „Maislhelfer,“ wiederholte er.„Den meine ich.— Er war Euer Schwiegerſohn— lebt Eure Tochter noch?“ Der ſonderbar bebende Ton, mit welchem der Fremde dieſe Frage ausſprach, mußte dem alten Plattner auffallen, er machte ihn aber, wie es bei Leuten ſeines Schlages oft der Fall iſt, eher mißtrauiſch, als neugierig. Was hatte dieſer junge Menſch für einen Grund, nach ſeiner Tochter zu fragen? Einen Grund gewiß, aber es mußte ein ſchlech⸗ ter ſein, daß er nicht von ſelbſt damit herausrückte, man ſah ihm ja auch das böſe Gewiſſen an, denn er konnte keinen Menſchen grade in die Augen ſchauen, ſondern ſtand vor ihm, als wollt' er die Kieſel zählen. „Habt Ihr mit meiner Tochter etwas zu ſchaffen?“ fragte der Alte mürriſch. In dieſen Worten lag wohl die Gewißheit, daß ſie noch lebe und von dieſem Gedanken hingeriſſen, rief Lienhard, indem er raſch aufblickte:„O führt mich zu ihr! Ich habe ihr eine gute Nachricht zu verkünden.“ „Ei ſeht doch!“ entgegnete der alte Mann.„Und wenn's eine gute Nachricht iſt, warum haltet Ihr damit hinter'm Berge?“ „Ich kann es— nur ihr ſagen!“ rief Lienhard. 199 „So! Nun dann behaltet ſie für Euch,“ erwiederte der Alte.„Ich kann Euch weiter nicht helfen.“ „Hat ſie noch mehr Kinder? O ſagt mir das!“ bat Lienhard, der den hartnäckigen Meiſter nicht begriff, aber gleich noch mehr wiſſen wollte, Alles auf einmal, was ihn der Entſcheidung ſo nah, in ſtürmiſche Aufregung ſetzte. Er achtete darauf kaum auf die verdächtige Miene, mit welcher ihn der Alte anblickte. „Mehr Kinder?“ entgegnete dieſer.„Was meint Ihr damit? Mehr, als wie viel, denkt Ihr?“ „Sie hat vor längern Jahren ein Kind auf eine grau⸗ ſame Weiſe verloren—“ „Eins?“ wiederholte der Meiſter, mit einer unge⸗ duldigen Bewegung der Achſel. „Guter Meiſter—“ ſprach Lienhard, indem er ſich umſah, und ohnehin ſchon erglüht vor innerer Bewegung, jetzt noch tiefer erröthete, als er ſah, daß von den Nachbars⸗ häuſern, wo auch Menſchen vor den Thüren ſtanden, und aus den Fenſtern gegenüber neugierige Augen nach ihm ſchauten—„guter Meiſter, wir ſprechen hier auf offener Gaſſe— wollt Ihr mich nur ein Weilchen in Euer Haus treten laſſen—?7“ Dies Verlangen erſchien dem mißtrauiſchen Alten nur noch verdächtiger. Der fremde Geſell, der in ſeinem Weſen, wie in ſeiner Sprache etwas hatte, das gar nicht 200 zu ſeinem Rocke paßte, kam ihm jetzt ganz wie ein Ver⸗ kappter vor, der irgend einen böſen Anſchlag im Schilde führte und ſich nur eines Vorwandes bediente, um in ſein Haus zu dringen, wo er vielleicht ſchon gute Gelegenheit wußte. „Mein Haus iſt keine Herberge,“ erwiederte er un⸗ freundlich.„Wird auch gleich geſperrt.“ Vor dieſer Begegnung krampfte ſich des Jünglings Herz zuſammen, noch war das verhängnißvolle Wort nicht über ſeine Lippe gekommen, das Wort, das ihn unauflös⸗ bar an dieſen alten Mann gefeſſelt, vielleicht— empören⸗ der Gedanke!— unter ſeine Botmäßigkeit gebracht hätte. Der alte Stolz, den er auf dem Bergſchloß in Steiermark und am Kaiſerhofe empfangen und genährt hatte, erhob ſich mit neuer Gewalt aus dem Staube der Selbſternie⸗ drigung, in welchen er jüngſt niedergebeugt war— mit einem Schlage war dieſer Feind nicht zu vernichten ge⸗ weſen und er kehrte noch oft zurück, ehe er ſich zu edler Geſtalt läuterte. „Ich habe keine Herberge von Euch verlangt!“ ſagte Lienhard, das Auge mit dem funkelnden Blick, der ihm in gereizter Stimmung eigen war, auf den Meiſter richtend. „Was ich Euch zu ſagen hatte, wollte ich nur der ganzen Gaſſe nicht zu hören geben. Beliebt's Euch nicht, ſo geh' ich meines Weges.“ Er fühlte den Zwieſpalt, der ſein — 201 Herz zerriß, in friſcher Kampfwuth ſich regen, ſollte er, dem Ziele ſo nah, es wiederum verloren geben? Die Mutter, von der er nun gehört, an deren Schwelle er ſtand, nicht ſehen, ſich ihr nicht entdecken, die ihn viel⸗ leicht doch erkannte, obwohl er vor fünfzehn Jahren viel⸗ leicht, er wußte ja die Zeit nicht einmal, ihr entriſſen worden war? Der Alte horchte jetzt auf und ſeine Miene verän⸗ derte ſich. Er würde aber doch, zäh wie er war, dem Jüng⸗ ling, der ihm ſchon den Rücken kehrte, nicht nachgerufen haben, wenn nicht eine kleine Frau neben ihm erſchienen wäre, die ihn ohne viele Umſtände zur Seite ſchob und Lienhard mit hurtigen Schritten einholte. „Er meint's nicht ſo bös,“ ſagte ſie, indem ſie mit ihren lebhaften, unter ſtarken Brauen hervorblitzenden Augen zu ihm empor ſah. Auf einmal erſchrack ſie. Ein Ausruf des Staunens, der Beſtürzung— in Lienhard's Seele, als er dieſen Eindruck bemerkte, ſchlug wie ein Blitz der Gedanke: das muß meine Mutter ſein! 202 Zehntes Capitel. Das Vaterhaus. Mit welchen Gefühlen folgte Lienhard der alten Frau, als ſie ihn bat, nur wieder umzukehren und mit ihr herein zu kommen, er meine es nimmer ſo bös, als er thue und was er ihm zu ſagen habe, brauche freilich die ganze Gaſſe nicht zu hören; wenn auch das Haus keine Herberg ſei, ſo finde ſich immer noch ein Plätzchen für einen Gaſt und wenn er fremd ſei in Wien, könne er wohl auch im Hauſe nächtigen. Lienhard hörte ihre gutmüthige Rede kaum, vor dem Sturme, der ihn jetzt faſt aller Faſſung beraubte. Er hatte ſich, ſeit er von ſeiner Her⸗ kunft gehört, wohl ein Bild von ſeiner Mutter, wenn ſie noch lebe, gemacht, aber die Umriſſe dazu und die Farben hatte ihm ſeine Welt geliefert, nicht die Wirklichkeit, in welche er nun trat. Eine demüthige Frau, einfach im Aeußern, anſpruchlos in aller Beziehung hatte er ſich wohl gedacht, aber doch immer ein Weſen, das er beim erſten Anblick lieben und verehren könne, jung noch, denn er war ja ſelbſt erſt achtzehn Jahre alt, von bürgerlichem Weſen wohl, aber nicht gemein! Wie fand er Alles nun anders — dieſe kleine bewegliche Frau, ſo alt, ſo häßlich! Und es war doch gewiß, er konnte nicht zweifeln, ſeine Mutter! 203 Das Herz wollte ihm brechen— er hätte weinen mögen, wie er als Kind, da ihn die fremden Reiter in der Brühl hinwegriſſen, geweint haben mochte. Aus welchem unna⸗ türlichen Grunde aber jetzt! Dies Gefühl, daß es Sünde ſei, was ihn jetzt bewege, war es eben, wovon ihm das Herz brechen wollte. Sie führte ihn in das Haus, deſſen Thüre der Mei⸗ ſter, ohne ſich weiter um ihr Thun zu kümmern, ſchon verlaſſen hatte. Ein ſchmaler dunkler Gang öffnete ſich vor Lienhard, die kleine Frau nahm ihn bei der Hand, damit er ſich nicht im Finſtern ſtoßen ſolle und rief laut: „Vater!“ Der hörte aber nicht, und ſie brummte darüber, daß er die Stubenthüre nicht aufmache, um ein wenig Helle in den dunkeln Gang zu laſſen, wo ſie freilich Be⸗ ſcheid wußte, der Gaſt aber nicht, der auch wirklich gegen die ſcharfe Ecke eines Schreins, vor welchem die Führerin ihn vergeblich gewarnt hatte, anſtieß, daß es ihn empfind⸗ lich ſchmerzte. „Hier hinein, junger Herr,“ rief ſie, indem ſie end⸗ lich eine Thüre aufriß.„Hat's Euch weh gethan, armes Herrlein? Schau, da ſitzt er leibhaftig! Nun, Vater, ſchämſt Dich nicht, wenn Dich Einer beſuchen will?“ Der Meiſter hatte auf dieſen Beſuch wohl nicht mehr gerechnet, noch weniger ſchien er ihm angenehm zu ſein, doch da er einmal im Hauſe war, ſtand er auf und reichte ihm 204 die harte Hand.„Schaff' Licht!“ ſagte er zu der Frau, welche ſich nun eilig entfernte, um die Lampe zu holen, denn in der Stube war es auch ſchon ziemlich dunkel, da das ſinkende Tageslicht nur ſpärlich durch die kleinen Fen⸗ ſter mit den vielen runden Scheiben eindrang. Lienhard's Herz war gepreßt, aber er mußte nun ſprechen. „Ihr haltet mich für ſehr zudringlich—“ begann er, da der Meiſter offenbar ſeine Anrede abwartete.„Aber Ihr ſollt gleich hören—— wenn— Eure Tochter kommt—“ „Was redet Ihr da für Dummheit!“ fuhr der Alte mit ſtarker Stimme auf.„Meine Tochter! Laßt ihr die Ruh'— was ſollen die gottesläſterlichen Reden!“ Lien⸗ hard konnte im Halbdunkel nicht ſehen, daß der alte Mann bei ſeinen Worten erſchrocken war und ſich bekreuzt hatte. In dieſem Augenblicke tam die Frau mit der Lampe zurück, ihr folgte ein junges Mädchen, das mit ſichtlicher Beſtürzung den fremden Gaſt, auf deſſen Geſicht, da er ſein Haupt entblößt, der volle Lichtſchein fiel, anſtarrte. Hatte ihr denn die Frau, mit welcher ſie kam, nicht ein Wort über ſeine Anweſenheit geſagt? Auf einmal fiel es auch dem Meiſter, als er das junge Mädchen an der Thüre und nicht weit von ihr den Fremden anblickte, wie Schuppen von den Augen. Das war es ja, was die Frau gleich, wie ſie auf der Gaſſe zu 205 Lienhard aufgeſchaut, ſo mächtig überraſcht hatte: dieſe wunderbare Aehnlichkeit! Sie trat noch mehr hervor, wenn man die Beiden neben einander ſtehen ſah. Lienhard ſelbſt war betroffen: er hatte zu oft ſein Antlitz in ſelbſtgefälligem Thun im Spiegel geſchaut, um nicht zu wiſſen, wie jeder Zug deſſelben ausſah und der letzte Reſt ſeiner Faſſung ging ihm nun verloren. Er hätte vorbereitet ſein können, auch noch Geſchwiſter zu finden und wenn er ſich einmal entſchloſſen hatte, die Schwelle ſeines Vaterhauſes, wo er im bürgerlichen Stande geboren war, zu überſchreiten, ſo mußte er doch nicht von Allem, was ihn dort erwartete, wieder in die alten Zweifel zurückgeworfen werden! „Mutter!“ rief der Greis.„Schau doch her!“ „Ihr ſeid— nicht wahr? Ihr ſeid die Wittwe,“ ſtammelte Lienhard,„welcher vor vielen Jahren fremde Reiter in der Brühl—“ hier übermannte ihn ſeine Be⸗ wegung, daß er inne halten mußte. Aber die Frau, welche die Lampe nun eilig auf den Tiſch geſtellt hatte, rief, die Hände zuſammen ſchlagend:„Was redet Ihr da! Meine Tochter war das, um aller Heiligen willen! wer ſeid Ihr? Wie kommt Ihr daher und ſchaut der Leni dort ſo ähn⸗ lich, wie ein Tropfen Waſſer dem andern! Sie haben ja geſagt, der Bub' ſei geſtorben draußen und haben's Geld nicht genommen! O redet doch— wie iſt's denn? Was wollt Ihr?“ ———— 206 Es war nicht ſeine Mutter— er ſah nun Alles klar vor ſich: kein Bedenken mehr, keine armſelige Rückſicht, wo die Stimme der Natur, welche einzig von fremden und falſchen Gewalten betäubt worden war, ſo mächtig in ihm erwachte. Bebend ergriff er die Hand ſeiner Großmutter, neigte ſich tief zu ihr herab, als wolle er an ihre Bruſt ſinken; die langen braunen Locken fielen ihm über das Antlitz und verhüllten es faſt ganz.„Der Knabe iſt nicht geſtorben— wo iſt ſeine Mutter?“ „Biſt Du's?“ rief die Frau, laut in Thränen aus⸗ brechend.„Du mußt es ſein— armes Kind!“ Und ſie ſchlang ihre Arme um ſeinen Hals, und der alte Mann, jetzt auch ganz beſtürzt, trat hinzu— nur ſeine Enkelin wagte es nicht, obwohl ſie von Allem, was hier vorging, eine dunkle Ahnung hatte. „Komm her!“ rief der Meiſter.„Ich kann's noch nicht glauben!“ Lienhard faßte ſeine Hand.„Ich bin's doch! Euer Enkel— wenn Ihr mich nicht auch verſtoßt! Aber meine Mutter— wo iſt meine Mutter?“ In ſeiner heißen Frage lag ſchon die ſchmerzliche Ahnung deſſen, was er nun hören mußte. Seine Mutter fand er nicht mehr— ſie ruhte ſchon ſeit Jahren auf dem Friedhofe neben ihrem voran⸗ gegangenen Gatten. Nur ihre Eltern hatte er noch gefun⸗ 207 den und eine Schweſter, die ihm jetzt von der Großmutter unter vielen Thränen auch zugeführt wurde.„Da iſt die Leni, das einzige Kind, das ihr geblieben war! Nun hab' ſie lieb, und ſorge für ſie, wenn wir Alten todt ſind—“ Zitternd und ſchüchtern ſtand das junge Mädchen vor ihm, und ſah nur einen Moment zu ihm auf, dann ſanken ihre Augen unter den ſchweren Perlen, die in ihren Lidern hin⸗ gen, wieder zu Boden. In Lienhard's Bruſt aber, wie gewaltig auch dieſe Stunde auf ihn gewirkt hatte, ging ein Gefühl auf, daß er nun Frieden finden werde. Dem Alten kam nach der Heftigkeit des erſten Ein⸗ drucks die Beſinnung um ſo ſchneller zurück. Er konnte zwar kaum zweifeln, daß Alles wahr ſei, aber wunderbar blieb's doch immer, daß ihm auf einmal, wie vom Himmel geſchneit, ein Enkel in's Haus kam, der ſchon lang' in der Gefangenſchaft geſtorben ſein ſollte, und er mußte nun genau wiſſen, wie Alles zuſammen hing: eh' hatte er keine Ruhe. Er ſtillte daher die Bewegung, der ſich die Weibs⸗ leute noch immer nicht entreißen konnten, mit einem ſtren⸗ gen Wort, hieß Lienhard, gegen welchen er nun auch ſchon den Ton einer gewiſſen Autorität annahm, niederſitzen und fragte ihn, wo er denn her käme und warum er, wenn er wirklich der Martin Maislhelfer wäre, nicht ſchon längſt gekommen ſei? 208 „Martin?“ fragte Lienhard betroffen.„So bin ich nicht geheißen.“ Der Meiſter warf einen bedeutenden Blick auf ſeine Frau. Dieſe wollte ſprechen, aber der Alte legte nur ſchwer ſeine Hand auf den Tiſch und ſie ſchwieg.„Alſo Martin heißt Du nicht? Wie denn?“ Lienhard nannte den Namen, bei welchem er immer gerufen worden war. „Lienhard! So! Das klingt freilich fürnehmer.— Hieß der Bube Deiner Kathi nicht Martin?“ wandte er ſich an die Frau, welche kaum ein:„Jo, aber“ geſpro⸗ chen hatte, als ſie ſich wieder unterbrochen ſah, diesmal ſchon durch einen derben Schlag auf den Tiſch.„Wenn des Maislhelfer geſtohlner Bub'Martin geheißen hat und Du Lienhard— wie willſt Du mir kommen und ſagen, daß Du das Kind meiner Tochter biſt?“ Es war ein bitterer Kelch für Lienhard, daß er, der an des Kaiſers Seite geſtanden, ſich den Platz in dieſem niedern Hauſe, der ihm zukam, erſt erkämpfen mußte— aber er hatte ſich das ja gedacht. „Mir hat es Herr Veit von Wolffenegg auf dem Todtenbette erſt entdeckt,“ beantwortete er die Frage des Meiſters, der ihn mit ſeinen großen, lichtblauen Augen ſtarr anblickte. „Iſt er alſo todt, der Kinderdieb!“ ſagte er.„Nun 209 Gott ſei ihm gnädig, wie er den armen Leuten gnädig ge⸗ weſen iſt.“ „Schäm' Dich, Vater!“ rief die Frau.„Wie kannſt Du ſo ſündhaft reden? wir brauchen Alle Gottes Erbar⸗ men! Hat er Dir's alſo endlich geſagt, der Wolffenegger? Und wie hat er Dich ſo lang' gehalten? Iſt Dir's ſchlimm ergangen, armes Kind? Nicht einmal Deinen Namen, wie Du chriſtlich getauft biſt, hat er Dir gelaſſen— ich weiß halt ſchon, ich weiß, er hat Dich behalten wollen in ſein'm Dienſt, Du warſt ein bildſaub'rer Bube, daß wer Dich ſah, wollt' Dich vor Liebe gleich herzen! Ach, daß meiner armen Kathi das geſchehen mußte!“ Hier überkam ſie die Betrübniß von Neuem und der Meiſter, der ſchon die Hand zu einem dritten und ſtärkeren Schlage auf den Tiſch gehoben hatte, um ihrer nicht zu hemmenden Rede ein Ende zu machen, ließ ſie ſtill wieder ſinken. „Nun rede— und erzähle fein ordentlich und wahr, was Dir der Wolffenegger geſagt hat und wie Dir's ergan⸗ gen iſt,“ ſprach er und rückte die Lampe zurecht, damit er dem ihm ſo plötzlich geſchenkten Enkel beſſer in das Geſicht ſchauen konnte. Ganz beſiegt war ſein Mißtrauen immer noch nicht, daß ſich ihm ein Fremder, einſchwärzen wollte und ſelbſt die Aehnlichkeit mit der Leni, die ihm zuerſt ſo ſtark aufgefallen war, wollte ihm jetzt gar nicht mehr ſo groß erſcheinen. 1858. XII. Aus eig'ner Kraft. I. 14 210 Lienhard erzählte nun, ohne daß ihn ein Auge ſeiner ſtaunenden Zuhörer verließ, was er von ſeinem eigenen Schickſal zu berichten hatte. Er wurde nur zuweilen durch einen Ausruf unterbrochen, als ſie von ihm hörten, daß ihn der Wolffenegger, als er ihn für todt ausgegeben, nicht zum Stallbuben, wie ſie erwartet, aufgezogen hatte, ſon⸗ dern als ſeinen eigenen Sohn. Der Meiſter murrte wie⸗ derholt, da er von der fürſtlichen Mutter vernahm, welche Veit dem Knaben angedichtet, und von der Sendung an den kaiſerlichen Hof. Dann aber wurde er ſtill und blickte vor ſich nieder; um ſo lebhafter drückte ſich der Antheil der Großmutter und Schweſter aus, die kleinen Augen der alten Frau blitzten unter ihren buſchigen Brauen, welche ihrem Geſicht einen Ausdruck von Strenge verliehen, die ihrer Seele doch fremd war— Leni's Wangen glüh⸗ ten, es war ihr wie ein Mährchen, daß ſie nun einen Bruder beſaß, der beim Herrn Kaiſer in hohen Gnaden geſtanden war und bei all' den vornehmen Herrn und der wunderſchönen Erzherzogin, die ſie einmal in Sanct Stephan geſehen hatte. Lienhard verweilte bei dieſen Erinnerungen länger, als er eigentlich wollte— es war der letzte Abſchied von ihnen. Eins nur berührte er nicht mit den leiſeſten Hauch: das war ihm zu lieb und zu heilig, das ſollte in ſeinem Herzen verſchloſſen bleiben und mit ihm einmal begraben 211 werden. Er war nun fertig. Er hatte damit geſchloſſen, daß er dem Kaiſer Alles geſagt und dann mit ſeiner wenigen Habe, die er mit gutem Recht noch ſein eigen nennen konnte, eine Freiſtatt im Schottenkloſter gefunden habe, von wo er heut hergekommen ſei, um die Seinigen aufzuſuchen. Die Großmutter ergriff nun gleich das Wort und ſprach die Empfindungen aus, welche dieſe wunderbaren Fügungen Gottes in ihr geweckt hatten; die Schweſter blickte nur immer mit inniger Freude zu Lienhard auf und fand noch den Muth nicht, mit ihm zu plaudern; der Groß⸗ vater aber blieb ſtumm und ſah bei der kargen Beleuchtung der Lampe, hinter welcher er ſaß, kalt und hart aus. End⸗ lich erinnerte er die Frau, mit ſtarker Stimme in die Rede fallend, daß ſie an das Eſſen für Alle denken und dem Jungen ein Lager bereiten ſolle: er werde ja doch heut bei ihnen bleiben. Lienhard hatte daran eigentlich noch nicht gedacht, über den Moment des ihm bevorſtehenden Wieder⸗ ſehens waren ſeine Gedanken nicht hinausgegangen, während er den Weg von den Schotten bis hierher zurückgelegt hatte. Jetzt, als der Großvater davon ſprach, fiel ihm das heut auf, was der Alte gewiß nicht hatte betonen wollen. Heut, ja! Er fand es natürlich, daß er nur heut unter dieſem Dache bleiben konnte. Die Großmutter ſtand auf und ging mit ihren kurzen, raſchen Schritten hinaus,—„Bleib da, Leni,“ ſagte de 1* 212 Meiſter, als ſeine Enkelin ihr folgen wollte. Das Mäd⸗ chen gehorchte und der Großvater verließ nun ſelbſt die Stube, ſie blieb bei Lienhard allein und wurde davon nun gleich ſo befangen, daß ſie kaum ſeine freundliche Anrede hörte. Er hatte ihr vorher nur ein Paar Worte geſagt, nur ihre Hand genommen und leiſe gedrückt. Jetzt ſprach er zu ihr: was er ſagte, klang ſo herzig, daß ſie ihn gleich lieb gewann. Aber antworten konnte ſie ihm nicht viel. Er fragte dann nach der Mutter, wie lange ſie todt ſei und wie viel Geſchwiſter ſie noch gehabt, da er aus einer der ſcharfen Entgegnungen des Großvaters, als er ihn zuerſt angeredet, entnommen hatte, daß ſeine Mutter mehr als ein Kind verloren. Leni ſagte ihm, daß noch zwei Brüder, außer ihm, geweſen, die aber Beide noch bei Lebzeiten der Mutter geſtorben und die Mutter vor zehn Jahren ſchon. Sie ſelbſt, die Schweſter, war zwei Jahre älter, als er, alſo zwanzig Jahre alt. Er betrachtete ſie genau und ſie erröthete vor ſeinem prüfenden Blick— ſein Weſen, ſeine Art zu reden, war ſo ganz anders, als ſie von jungen Bur⸗ ſchen, die ſie kannte, gewohnt war, und ſie hatte noch immer eine Scheu vor ihm, wie ſehr er auch durch ſeine Freund⸗ lichkeit ſchon ihr Herz gewonnen hatte. Er mußte ſie noch um den Namen ſeines Großvaters fragen, ſie begriff erſt nicht, daß er das nicht einmal wiſſe und ſah ihn mit ihren treuherzigen braunen Augen ganz verwundert an, doch fiel 213 es ihr ſchnell genug wieder ein, was ſie nur im Augenblick des Plauderns vergeſſen hatte. Ringhamer hieß der Groß⸗ vater und der Großmutter ihre Eltern waren die Krap⸗ penflieſer, Schuhmachersleute, am Katzenſteig, geweſen, wo noch das Häuſel dem lahmen Vetter gehöre, der aber ein Schneider ſei und gute Kundſchaft habe. Sie lachte dabei ein wenig und ſah ſchelmiſch aus, der lahme Vetter mochte vielleicht einmal vergeſſen haben, daß ſie im verbotenen Grad mit einander verwandt waren. Lienhard hörte ihr zu und auch ſeine Wange brannte, es war aber aus einem ganz andern Gefühl, und er machte ſich Vorwürfe darüber, daß er es nicht zu bezwingen vermochte. O, hätte ihn der ſelbſtſüchtige Edelmann nie ſeinem heimiſchen Kreiſe ent⸗ riſſen, dann würde er ſich ſeiner Verwandten, ehrbarer und wackerer Bürgersleute, nimmer geſchämt haben, wie jetzt! Die Großmutter ſchlug von Außen an die Thüre. „Mach' auf, Leni!“ klang ihre helle Stimme. Das Mäd⸗ chen öffnete ſchnell und die alte Frau trug eine dampfende Schüſſel herein. „Habt Euch nun ſchon ein biſſel angeſchaut, Kinder?“ fragte ſie.„Gelt, Leni, der Martin iſt ein ſchmucker Bube geworden?— Du haſt ſo geweint, als die Mutter heim kam und brachte Dir das kleine Brüderchen nicht mit, das die böſen Reiter mit vielen andern Kindern aus dem grü⸗ nen Thal unter Mödling hinweggeführt hatten. Deine 214 Mutter war krank vor Gram und Herzeleid— wie würde ſie heut glücklich ſein, wenn ſie das noch erlebt hätte! Aber es hat nicht ſein ſollen, unſer Vater im Himmel weiß Alles am Beſten.“ Eben trat auch der Großvater wieder ein, die Enkelin ſprach, wie alle Tage, das Tiſchgebet, und Alle ſetzten ſich zu dem einfachen Nachtmahle. Lienhard aber konnte nur wenig genießen; nicht, daß ihm die Suppe vielleicht eine ſchlechte Koſt geweſen wäre, das mochte der Fall ſein und wir haben es ſchon auf dem Altenſteig bemerkt, aber daran dachte er jetzt gar nicht: es war ſeine Gemüthsſtimmung, welche ihm nur wenige Löffel zu eſſen erlaubte. Die Groß⸗ mutter bemerkte es nur zu bald, hielt es für Blödigkeit und nöthigte ihn, da ſie ſich bewußt war, all' ihre Koch⸗ kunſt aufgeboten zu haben, um ihm etwas recht Leckeres zu bereiten. Als dies Nöthigen nicht half und er vorſchützte, gar keinen Hunger zu haben, fühlte ſie ſich gekränkt und ſagte, daß ſie es ihm freilich nicht bieten könne, wie er es in der Küche auf der Burg gewöhnt ſei. Der Großvater ſchnitt ihm die Antwort, die er geben wollte, ab, indem er kurz und derb ſagte:„Wer keinen Hunger hat, kann nicht eſſen— wem's bei uns nicht ſchmeckt, läßt's bleiben.“ Er hatte Lienhard dadurch den Beweis gegeben, daß er ihn für ſeinen Enkel nun wirklich anſah, denn gegen einen fremden Gaſt, meinte dieſer wenigſtens, würde er eine ſolche rauhe Aeußerung an ————— 215 ſeinem Tiſche nicht gethan haben. Darin kannte er aber Meiſter Ringhamer ſchlecht, der ſich niemals, ſelbſt gegen den Hubmeiſter im Amtsgeſchäft nicht, ein Blatt vor den Mund nahm und ſeine Meinung dem Kaiſer in das Ge⸗ ſicht geſagt hätte, wenn er je darum gefragt worden wäre. Lienhard fand keine rechte Erwiederung darauf, aber er zwang ſich noch ein Paar Löffel ein, die ihm wider⸗ ſtanden. „Es iſt heut Abend ſchon ſpät, Martin,“ ſprach der Großvater, als er ſatt war— denn während des Eſſens, das raſch abgemacht wurde, war faſt gar kein Wort geredet worden.„Leg' Dich auf's Ohr— verſchlaf' Dir unter meinem Dach die adligen Mucken. Morgen in der Früh wollen wir davon reden, was nun mit Dir werden ſoll.“ „Ich habe nur mein Vaterhaus wieder aufſuchen wollen und wenn ſie noch gelebt hätte, meine Mutter,“ erwiederte Lienhard.„Laßt mich noch heut wieder ſcheiden, ich werde meinen Weg durch die Welt ſchon finden.“ Die Großmutter wollte ſprechen, aber der Alte ließ ſie nicht dazu kommen.„Du redeſt, wie Du's verſtehſt, Martin,“ ſagte er herb.„Ein Vogel, der aus dem Neſte gefallen iſt, kann noch nicht fliegen. Ich bin Dein Groß⸗ vater und Du bleibſt hier. Morgen in der Früh wollen wir zuſammen reden.“ Er ſtand auf und winkte der 216 Enkelin, welche wiederum ein kurzes Gebet ſprach, dann hieß er die Frau, dem Martin, wie er ihn beharrlich nannte, ſeine Lagerſtelle anweiſen und Lienhard, um keinen üblen Ausbruch herbeizuführen, fügte ſich— er, der ſonſt keinen Zwang geduldet, ſelbſt den vornehmſten Herren, wenn er nicht Luſt zu gehorchen fühlte, getrotzt hatte! Was hielt ihn hier feſt, wo er doch wider ſeinen Willen blieb? Das fragte er ſich ſelbſt, als er dem Groß⸗ vater und der Schweſter gute Nacht gewünſcht und ſich von der alten Frau nach einem kleinen Verſchlage im Hinterhauſe führen ließ, wo ſie ihm, wie ſie ſagte, eine weiche Lagerſtatt aufgeſchüttet hatte. Er fragte ſich, warum er nicht ſeinem erſten Vorſatze treu geblieben war, Ab⸗ ſchied auf immerdar zu nehmen und noch heute zu den Schotten zurückzukehren, um morgen ſeinen Stab in die weite Welt zu ſetzen? War es denn möglich, daß ihm die beiden alten Leute, welche er zum erſten Male erblickt hatte, doch etwas waren? Der Großvater hatte ihn nicht einmal freundlich aufgenommen! In dem engen Kämmerlein, das ihm für die Nacht angewieſen wurde, ſollte er ſich endlich ſelbſt überlaſſen bleiben. 5 „Er meint's nicht bös!“ wiederholte die Großmutter, nachdem ſie ihn ermahnt hatte, die Lampe, welche ſie ihm 217 zurückließ, ja recht ſorgfältig auszulöſchen.„Du mußt ihm nur nicht drein reden, das kann er nicht leiden. Haſt Du was, ſo ſag's mir— ich werde ſchon Alles gerade machen. Gute Nacht, mein Sohn.“ Sꝛie nannte ihn wenigſtens nicht mit dem Namen, der ihm auch immer einen Stich durch das Herz gab. Er hatte ſchon im Sinne, ſie mit ihrem Anerbieten gleich beim Worte zu halten und zu bitten, daß ſie es beim Großvater durchſetzen möge, ihm den Namen Lienhard zu laſſen, der ihm nun einmal beigelegt war, da er auch den andern, ſeinen wahren Taufnamen, nicht gewöhnt ſei, zu hören, aber es kam ihm nicht männlich vor, ſich hinter ihre Schürze zu verkriechen, wie ein ſchüchternes Kind, da er es doch morgen ſelbſt dem Alten ſagen konnte und es überdem bei ſeinem Vorſatze, ſich in der Welt ſeinen eignen Weg zu ſuchen, nicht einmal wichtig war. Er erwiederte daher nur den Gutenacht⸗Wunſch der Großmutter und warf ſich ſogleich nach ihrer Entfernung auf das Lager, wo er, wie ſchon ſeit längerer Zeit, des glücklichen Vorrechts der Ju⸗ gend beraubt war. Auch heut drängten ſich die Bilder ſeiner neuen Erlebniſſe um ihn her und er fragte ſich nur immer wieder, warum er, nun er Alles wiſſe, ſich noch habe bewegen laſſen, die Nacht hier zuzubringen? Hätte er ſeine Mutter noch gefunden, dann, ja dann wäre es gerechtfertigt geweſen, denn er hatte es davon abhängig 218 gemacht, ob er überhaupt zu Wien bleiben ſollte. Sie war aber vor zehn Jahren ſchon geſtorben, die Schweſter, welche ihm von der Großmutter im Augenblicke der erſten Be⸗ wegung zum Schutz empfohlen worden war, hatte denſelben noch nicht nöthig und fand ihn gewiß beſſer bei jedem andern Verwandten, ſelbſt bei dem lahmen Vetter Schneider am Katzenſteig, als bei ihrem Bruder, und wenn er auch mit ihr in das großelterliche Erbe eingeſetzt, das Haus in der Landskrongaſſe getheilt hätte. Was ſollte er alſo hier? Nachdem er der Zuchtruthe des kaiſerlichen Hof— meiſters entwachſen war, ſollte er ſich unter die Zuchtruthe eines ehrſamen Plattners, auch wenn er ſein Großvater hieß, beugen? Wiederum der alte Feind! Frau Ringhamer hatte mit ihrem Gatten noch eine ähnliche Rückſprache nehmen wollen, nachdem auch die Leni in ihr Kämmerlein geſchickt worden war, aber der Alte hatte ſich heut nicht mehr darauf eingelaſſen, ſo daß ſie allerdings ihrem Herzen ungeſtört gegen ihn Luft machen, aber nicht hindern konnte, daß er feſt dabei einſchlief. Am Morgen erſt war er bei der Hand. Er weckte ſie früher, als ſonſt, er rief auch die Enkelin, daß ſie aufſtehe und ging ſelbſt nachzuſehen, ob der Martin ſchon wach ſei. Das war nicht der Fall, denn er hatte ſchon ſonſt die Ge⸗ wohnheit lange zu ſchlafen, heut aber war er erſt ſehr ſpät eingeſchlummert und ſchlief nun um ſo feſter. Der 219 Alte, der am Verſchlage horchend, nichts von ihm vernahm, weckte ihn daher ohne Weiteres durch ein Paar donnernde Schläge gegen die dünne Bretterwand, von denen Lienhard ſchreckhaft erwachte. Bald nachher, ſchnell genug angekleidet, erſchien der Jüngling in der Wohnſtube, in welcher wiederum die trübe Oellampe brannte, weil draußen das Tageslicht noch nicht hell genug war, um in die enge Gaſſe zu dringen. Lienhard hatte, mit glücklichem Ortsſinn begabt, ſich durch den fin⸗ ſtern Gang von ſeinem Hinterhauſe hierher getappt. Er fand noch keinen Menſchen in der Stube und konnte ſich mit Muße darin umſehen. An Hausgeräth war kein Ueberfluß hier; ein großer, mit Eiſen beſchlagener Schrank, eine hölzerne Bank, welche faſt rings um die Wände lief, ein ſtarker Tiſch, zwei Schemel und neben dem Ofen ein Paar Wandbretter für Küchengeſchirr, das war Alles. Da trat eben auch der Großvater ein und Beide wechſelten einen Morgengruß. Der Meiſter hatte den„Weibsleuten“ befohlen, draußen zu bleiben, bis er ſie rufen werde. Mochte ſeine Frau horchen, ſo konnte ſie ihm doch nicht d'reinreden, was er— ſie hatte es Lienhard ſchon geſagt — nicht leiden konnte. Er war, wie Leute ſeiner Art, langſam zum Sprechen und darum, als er ſich eben be⸗ dächtig dazu anſchickte, kam ihm Lienhard zuvor, indem er ihm ankündigte, daß er nur gleich Abſchied nehmen wolle. 220 „Das geht nicht ſo!“ fuhr ihn der Alte an.„Hätteſt nicht erſt einfliegen ſollen,— denkſt Du, Hans Ring⸗ hamer's Haus ſei ein Taubenſchlag? Biſt Du einmal da und meiner Tochter Sohn, wie Du Dich ausgewieſen haſt, mußt Du Dich ſchicken, wie's Recht und Brauch iſt. Ich bin Dein Großvater, Martin, und Du haſt zu thun, was ich Dir ſage.“ Wohl ſchwoll in Lienhard's Adern das ſtolze Blut, als er das hörte, aber es riß ihn doch nicht zu Ungebühr⸗ lichkeiten hin, nur, daß er erwiederte:„Ich hab' Euch geſagt, Großvater, warum ich gekommen bin. Ich hab' Euch geſehen, meine Mutter habe ich nicht mehr gefunden— ſo laßt mich ziehen, ich wär' Euch hier doch nur im Wege.“ „Das iſt meine Sache!“ verſetzte der Alte.„Was wollteſt Du anfangen?“ Lienhard hätte ihm faſt mit den eignen Worten Be⸗ ſcheid gegeben, aber er bewahrte ſich vor einem ſolchen Un⸗ recht gegen den alten Mann, der doch ſein Großvater war und ſagte:„Ich will Dienſt ſuchen im Ausland.“ „Im Ausland? So! Denkſt Du, dort iſt's beſſer? Was für'n Dienſt willſt Du ſuchen— Herrendienſt? Kriegsdienſt?“ „Darüber bin ich noch nicht entſchieden. Vorerſt habe ich keine Noth— hier bleiben im Hauſe darf ich 221 nicht, Großvater“— es koſtete ihm einige Ueberwindung, den Greis ſo zu nennen, zum erſten Male!—„ich wär' ein unnützer Geſell, denn was könnt' ich Euch helfen?“ Der Alte lachte.„Helfen freilich nicht, Martin. Du haſt nichts gelernt, was ich brauchen könnt'. Aber Du biſt noch nicht zu alt, um was Tüchtiges zu lernen. Kämſt freilich um ein halb Dutzend Jahre zu ſpät in die Lehre, aber dafür hätteſt Du's auch mehr am Leibe, ich meine die Kräfte— und ſo könnteſt Du auch eher losgeſprochen werden. Herrendienſt iſt wohl gut, aber doch immer keine Freiheit nicht, wie ſie ein Bürger und Meiſter hat, der Du doch einmal werden kannſt, wie Dein Vater— und Kriegsdienſt gar? Für eine fremde Sach' im Auslande Dich zu Schanden ſchlagen oder ſchießen laſſen und dann heim kommen mit einem Bein, wo Du nichts mehr an⸗ fangen kannſt? Damit laß mich aus! Handwerk hat einen goldnen Boden, Martin.“ Der Greis ſprach ſo väterlich, er dachte alſo vollen Ernſtes daran, daß ſein Enkel Alles vergeſſen könne, was er bis jetzt erlebt: ſeine Gedanken, ſeine Gefühle! Gleich⸗ wohl meinte er es ſo revlich, daß ſich Lienhard ſchämte, wie ſich vor dieſem Anſinnen ſein ganzes Innere empörte und er zwang ſich, dieſe Regung zu verhüllen. „Es könnte auch ſein, Großvater,“ erwiederte er mit 222 geſenkten Blicken,„daß ich mir auf eine andere Weiſe, als Ihr denkt, durch die Welt hälfe. Ich habe nicht blos reiten und die Waffen führen gelernt, ſondern auch von einem geiſtlichen Herrn, der mich lieb hatte, manches An⸗ dere, das mir ſehr nützlich werden kann.“ „Ein Schreiber willſt Du werden? Gott behüt' uns! Die Schreiber haben ſchon ſo viel Unglück in die Welt gebracht, daß ich nicht auch noch durch mein Fleiſch und Blut das mehren will. Hör' mir auf. Gefällt's Dir nicht lange in meinem Hauſe, ſo kannſt Du gehen— aber ich laſſ Dich nicht ſo, wie'n jungen Stier, in die Welt hinaus⸗ ſpringen, Du bleibſt vorerſt hier und ſchauſt Dir Alles an. Ich treib' mein ehrlich Handwerk nicht mehr, bin zu alt geworden, hab' keine Kräfte mehr den Hammer zu führen, einen Sohn hab' ich niemalen gehabt und Dein Vater, der brave Mann, dem ich meine Kathi gegeben habe und der einmal meine Werkſtatt auch haben ſollte, der hat's nicht erlebt, bis ich nicht mehr konnte— nun hab' ich ſie mei⸗ nem älteſten Geſellen ausgethan, der ſein eigen Haus hat und bei mir ſteht ſie leer. Es wär' ſchon gut, wenn Du ſie einmal wieder aufrichten könnteſt— iſt ein weidlich Handwerk, Martin, das Plattnerhandwerk und bringt Dich wieder mit Kriegsleuten, Hoch und Niedrig, zuſammen, die Dich in Ehren halten, denn ein guter Stahl iſt nicht mit Geld zu bezahlen, abſonderlich jetzt, wo die Mordbüchſen ——— — 223 immer mehr aufkommen und eine heiße Kugel durch ein ſchlechtes Rüſtſtück geht, wie durch einen Bogen Pergament. Verſcherz' Dir Dein Glück nicht durch Eigenſinn, Martin. Fort laſſ ich Dich nun einmal nicht, das ſag' ich Dir. Ich hab' mir's die Nacht überlegt; Du biſt ein junges Blut, denkſt, man braucht nur auf die Straße zu gehen, ſo fliegen Einem die gebratenen Tauben in's Maul— ich kann Dich nicht in's Unglück rennen laſſen.“ Vor einem ſo entſchieden ausgeſprochenen Willen, der zugleich in wohlmeinendſter Abſicht geäußert wurde, hätte nur ein trotziges Zerreißen des kaum angeknüpften Verhältniſſes, Lienhard's volle Freiheit bewahren können. Ein offener und unnatürlicher Bruch, von einem wider⸗ wärtigen Auftritt begleitet, wäre das Ende geweſen und hätte ihn vor ſich ſelbſt mit einem ſchweren Vorwurf be⸗ laſtet; in den Augen der guten Menſchen aber, welche ſeine bereits in das Mark ſeines Lebens verwachſenen Anſichten und Neigungen nicht begreifen, ihn alſo auch nicht damit entſchuldigen konnten, wäre er in dem abſcheulichſten Lichte erſchienen. Er fügte ſich daher zum zweiten Male wenig⸗ ſtens in ſo weit, daß er ſeinen Vorſatz, jetzt gleich Abſchied zu nehmen, wiederum aufgab und ſich entſchloß, eine beſſere BGelegenheit abzuwarten, die er bald, vielleicht noch im Laufe des Tages, zu finden hoffte. Das Anerbieten der Großmutter fiel ihm ein; an ſie beſchloß er ſich zu wenden. 224 Den ſtarren Bürgerſinn Meiſter Ringhamer's, der ſein Gefühl nimmer verſtanden hätte, zu beugen, durfte er nicht wähnen; aber die Großmutter war ihm wohl eher zugäng⸗ lich, wenn er ihr ſchilderte, daß es ihm unerträglich ſei, in Wien zu bleiben, wo er täglich Menſchen begegnen konnte, die ihn in ſeiner frühern glänzenden Lage geſehen hatten, daß er ihrer Verhöhnung und was ihm noch bei Weitem unerträglicher fallen würde, ihrem Mitleid ausgeſetzt ſei— es kam ihm, wie er nie ſeinen Gedankenflug zügelte, ſogar einen Moment ein, das mitfühlende Frauenherz ſeiner Großmutter durch eine Andeutung an das zarte Verhältniß, in welchem er zu einer der edelgebornen Fräulein am Hofe geſtanden habe, zu gewinnen, da es doch auch für dieſe verletzend ſein müſſe, ihn vielleicht durch Zufall und unter ſo ganz veränderten Verhältniſſen wieder zu ſehen. Aber kaum gefaßt, verwarf er dieſen Gedanken wieder, der ihm eine Entheiligung ſchien. Der Meiſter, nachdem er keinen Widerſpruch mehr hörte, hatte Frau und Enkelin endlich hereingerufen und die Familie genoß, wiederum ziemlich ſchweigſam, die Morgenſuppe. Als ſie damit fertig waren, erklärte Lien⸗ hard, daß er nach dem Schottenkloſter gehen müſſe, um ſeine Habſeligkeiten zu holen, welche er dort gelaſſen, weil er nicht geglaubt habe, hier längere Zeit zu bleiben.„Gut, hol' Deine Sachen, halt' Dich nicht lange auf,“ ſagte der 225 Großvater, ohne irgend ein Mißtrauen zu zeigen, daß es nur ein Vorwand ſein könne, um nimmer wieder zu kehren. „Du kannſt ihm den nächſten Weg zeigen, Leni, durch den Kammerhof, hörſt Du? Dann frag' Dich allein nach der Spanglergaſſe, am Peilerthor, geh' aber nicht hinaus, ſon⸗ dern durch die Bognergaſſe nach dem Hof, wo die alte Burg der Babenberger? ſteht, dann kommſt Du an's Thor und gehſt über den tiefen Graben auf's Steinfeld““, da liegt der Schottenhof vor Dir. Nun geh', Martin.“ „Wollt Ihr mir eine Bitte gewähren, Großvater?“ ffragte Lienhard raſch. Zu einer blinden Zuſage war der Alte nicht zu fangen. ſ„Was willſt Du?“ entgegnete er. „Laßt mir den Namen Lienhard, auf den ich nun einmal höre,“ bat der Jüngling. „Was?“ fuhr der Meiſter auf.„Willſt anders heißen, als Du chriſtlich getauft biſt? Oder hat ihm der 1 Pfarr etwa noch einen Namen gegeben, Mutter?“ wandte er ſich, zweifelhaft werdend, an die Frau. Dieſe ſchüttelte —— * Jetzt das Hofkriegsrathsgebäude, vor 1773 das Profeßhaus 1 der Jeſuiten, im Mittelalter die Burg der Herzoge, aus der älteſten . öſterreichiſchen Dynaſtie der Babenberger. ** Jetzt Freiung. 1858. XII. Aus eig'ner Kraſt. I. 226 den Kopf.„So2! Iſt Dir der Martin nicht vornehm genug? Lienhard klingt hübſcher? Damit komm' mir nicht. Du heißt Martin nach der heiligen Taufe und kannſt nicht wie ein Heide einen andern Namen führen.“ „Aber ich fordere ihn ja nur, weil ich daran gewöhnt bin und Alle, die mir lieb geweſen ſind, mich ſo gerufen haben. Nehmt ihn doch nicht als meinen Taufnamen— es werden ja Viele mit einem Beinamen oder einem Spitz⸗ namen genannt— dafür laßt ihn gelten— „Vater, Du haſt ja ſelber einen,“ wollte ihn die Frau begütigen.„Hartkeil! Hörſt Du nicht, wenn Deine alten Freunde Dich ſo rufen? Und iſt nicht einmal ein chriſt⸗ licher Nam', wie Lienhard— Lienhard und Leni, wie ſchön paßt das.“ „Eben weil's ein chriſtlicher Nam' iſt, auf den ihn nicht der Pfarr, ſondern der alte Kinderdieb getauft hat! Darum ſoll er nicht mehr ſo gerufen werden! Martin Maislhelfer und Magdalene Maislhelfer, paßt das nicht? Red' mir nicht dumm, Alte, geh' in Deine Kuchel— und Du, Martin, daß Du mit der Leni fortkommſt, ich hab' auch mein Geſchäft.“ Er winkte ſo gebieteriſch, wie ſein Enkel nur einſt den Kaiſer in ungeduldiger Weiſe hatte winken ſehen, wenn 227 er allein ſein wollte und faſt kam es ihm vor, daß es leichter geweſen ſei, dem Willen des Kaiſers, der doch immer ein gütiger Herr war, ſich zu widerſetzen, als dem Großvater, der wohl ſeinen Beinamen, welchen die Frau verrathen, mit Recht führen mochte. Lienhard— wir wollen ihm wenigſtens den Namen, an dem nun einmal ſein Herz hing, nicht rauben— Lienhard machte ſich mit der Schweſter auf den Weg. Unter der Hausthüre kam ihm die Großmutter noch einmal nach und ſagte freund⸗ lich:„Laß nur gut ſein— ich werd's ſchon machen. Ich nenn Dich, wie Du's gewöhnt biſt und am End' wird er Dich ſchon auch ſo nennen. Du kommſt aber doch wieder, Lienhard?“ Er gab ihr ſein Wort darauf.— Leni war auf der kurzen Strecke, welche ſie ihn zu begleiten hatte, nur ſeiner Fragen gewärtig, dieſe blieben jedoch in ſeiner jetzigen Stimmung aus. Der Großvater, nachdem die Geſchwiſter das Haus verlaſſen hatten, gürtete ſein kurzes Schwert um, das er zu tragennbefugt war, ſetzte ſeinen Hut auf und ging nach einer benachbarten Gaſſe, wo ſein ehemaliger Geſell, der nun auch Bürger und Meiſter war, die eigene Werkſtatt aufgeſchlagen hatte. Er wollte mit ihm Rück⸗ ſprache nehmen, ob es wohl möglich ſei, einen Burſchen von achtzehn Jahren noch in eine gute Lehre zu geben. Lienhard hatte ſich nun von der Schweſter getrennt, 15 welche ihm nochmals die Gaſſen genannt hatte, durch welche er am Nächſten zum Steinfelde vor'm Thore ge⸗ langen würde. Er ſchritt raſch ſeines Weges. Je weiter er ſich von dem Hauſe ſeiner Großeltern entfernte, deſto mehr ſchien der Bann ſich zu löſen, welchen der harte Meiſter auf ihn geübt hatte. Er wollte zwar, wie er ver⸗ ſprochen hatte, noch einmal zurück kehren, aber nur auf einen Tag, dann gedachte er Wien zu verlaſſen. Viel hatte er ſchon über ſich gewonnen, aber ſo viel Seelenſtärke beſaß er noch nicht, jede Begegnung, die ihm der Zufall täglich bereiten konnte, mit Gleichmuth zu ertragen. Er ſollte das erfahren, noch ehe er das Schottenkloſter erreichte. Denn hart am Thor ſtieß er auf einen Mann, dem er nicht aus⸗ weichen konnte: Dietrich von Wolffenegg. „Lienhard! Gott's Strahl! Da find' ich Dich end⸗ lich!“ rief er und faßte gleich ſeinen Arm, um ihn in den ſeinigen zu ſchlingen. Lienhard aber löſte ſich mit entſchie⸗ denem Widerſtande los. „Habt Ihr vom Kaiſer noch keine Vorladung er⸗ halten?“ fragte er, im Antlitz hoch erglüht, aber mit einem ſo ſtolzen Tone, als er ihn nur jemals angenommen hatte. „Freilich, freilich! Du biſt ein Held, Lienhard— verdienſt den Ritterſchlag für Deine That! Wär ich ſelbſt Ritter, wollt' ich Dir ihn gleich auf der Stelle geben! 229 Komm mit— ich laß Dich nimmer. Ich will Dir ſagen, was Du nun thun ſollſt— weiß etwas Beſſeres für Dich, als im Kloſter über den Büchern zu verderben! Ein luſtiges Leben bei feurigem Wein und feurigen ſchwarzäugigen Mädchen.— Nicht da hinaus“— er zeigte nach dem Thore vor ihnen—„da geht's freilich nach Linz, aber das ſchlag' Dir aus dem Sinn, die iſt nicht mehr für Dich; aber dort, dort!“ er ſtreckte den Arm in entgegengeſetzter Richtung über die Stadt und raunte nun dem Erzürnten, der ihn nicht los werden konnte, zu:„Ich meine es gut mit Dir! Geh' nach Ungarn! Zum König Matthias!“ Da trat Lienhard, ſich kräftig ſeiner erwehrend, zurück und ſprach:„Mein Weg iſt nicht der Eure! Ich bitt' Euch nur, wenn Ihr mich wieder trefft, ſo kennt mich nicht. Behüt' Euch Gott!“ Er eilte, ohne auf den Nachruf Dietrich's zu achten, dem Thore zu und mäßigte ſeinen Schritt erſt, als er über den Graben auf den freien Platz gelangte, wo ihm die ſtattlichen Gebäude der Abtei entgegenblickten, welche da⸗ mals ſchon vor dreihundert Jahren geſtiftet war. „Behüt' Gott auch mich!“ ſagte er mit einem Auf⸗ blicke zu dem Kreuze der Kloſterkirche. Denn die ganze Troſtloſigkeit ſeines verfehlten Daſeins war ihm wieder auf die Bruſt gefallen. Aber auch das Wort der Erzher⸗ 230 zogin fiel ihm ein:„Nur ein großes Unglück kann Euch adeln!“ und er gelobte ſich in dieſem Augenblick, den Adel, welchen keines Fürſten goldenes Siegel, noch der Ritterſchlag verleihen kann, im guten Kampfe zu erringen. 3 Endr drs ersten Cheils. Leipzig, Druck von Gieſecke& Devrient.