—————————— . Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Okkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih- und Feſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——————————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. „ „,„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Foſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— c ———. —— ————— .— Ausgewühlte . Erzählungen i von Churles de Bernard. Aus dem Franzöſiſchen von Dr. Chr. Fr. Grieb. Zweiter Band. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1859. Ein magiſtratliches Abenteuer. B In Frankreich iſt wohl kaum eine Stadt, die nicht ihr Boulogner Wäldchen hätte, wo an den ſchönen Abenden die Faſhion ſich Rendez⸗vous gibt, um zu ſehen, wie man gähnt. Indeſſen wird doch zuweilen durch irgend einen dramatiſchen Zwiſchen⸗ fall die ſchläfrige Miene des Corſo belebt.(So heißt faſt immer die Promenade in Unterpräfectur⸗ ſtädten). Mehr als ein Abenteuer von der Art desjenigen, das ich dem geneigten Leſer jetzt aufzu⸗ tiſchen im Begriffe bin, hat unter einem Laub ſich entſponnen, das in der Regel zu ſchlafen ſcheint, gleich denen, welche darunter Schutz ſuchen, zu Stein erſtarrt durch den betäubenden erſchlaffenden Dampf, der dem Boden der Provinz entſteigt. Der Sommerſalon der Bewohner der guten Stadt Dijon liegt eine Viertelſtunde entfernt von dieſer, an dem Oucheflüßchen, welches ihn vom Schloſſe de la Colombidre trennt, deſſen Park er einſt bildete. Noch jetzt trägt er dieſen Namen. Der fragliche Corſo iſt ein ziemlich weitgedehntes Parallelogramm in allen Richtungen durchſchnitten von Wegen, wo⸗ von die vornehmſten, ähnlich den Strahlen eines Sterns, regelmäßig vom Centrum nach der Circum⸗ 6 ferenz hin laufen. Eine ſchöne, mit einer doppelten Baumreihe beſetzte Allee verbindet die Promenade mit der St. Peters⸗Vorſtadt, etwa in derſelben Weiſe, wie die Avenüe von Neuilly das Maillot⸗ Thor mit dem Triumphbogen verbindet. An ſchö⸗ nen Sommerabenden, hauptſächlich aber Sonntags iſt dieſe Allee mit Spaziergängern und Spaziergän⸗ gerinnen jeder Claſſe, mit Philiſtern und Kaufleu⸗ ten, Griſetten und Modedamen, Studenten der ju⸗ riſtiſchen Facultät und Militärs der Garniſon an⸗ gefüllt, welche durch den kühlen Schatten aus der Stadt hinausgelockt werden, gleichwie ein ſchönes, blühen⸗ des Feld das fleißige Volk der Bienen ſummend verſammelt. Das gemeine Volk geht zu Fuß; die Ariſtokratie rollt zu Wagen dahin, aber es iſt das ihr einziges Privilegium. Der Park gehört Allen, den kleinen Leuten wie den großen, und das aus einem peremtoriſchen Grunde. Dijon— und es iſt das demüthigend genug für eine Stadt mit ſol⸗ chen Anſprüchen— hat in ſeinem Innern keine Promenaden; denn als ſolche zähle ich die magern Baumpflanzungen auf ſeinen Wällen nicht. Sein Boulogner Wäldchen iſt ihm alſo zu gleicher Zeit ein Tuileriengarten, nur mit dem Unterſchiede, daß derſelbe hier keine Gitterthore und keine Schild⸗ wachen hat, welche den Wamms⸗ und Kappen⸗Trä⸗ gern den Eintritt wehren; denn die burgunder Sonne iſt heiß, eben ſo hitzig iſt der burgunder Wein, und es wäre wahrhaftig eine unpolitiſche Grauſamkeit, dem Volke die Luft und den Schatten zu verſagen, die es nur hier findet, während die ſich gern abſondernden Reichen Beides in ihren Gär⸗ 7 ten ſuchen und finden können. Die Nothwendigkeit alſo, welche dieſen Park aller Welt öffnet und zu gewiſſen herkömmlichen Stunden einen Theil der Bevölkerung dort concentrirt, hat einen Sammelort daraus gemacht, wo Abends jeder ſo ziemlich gewiß iſt zu finden, was er ſucht, zuweilen auch was er nicht ½ wie dem Helden dieſer Geſchichte paſ⸗ ſirt iſt. Im Jahre 182..., zu Ende eines ſchönen Juliabends, verließen zwei Damen in Geſellſchaft eines von Kopf bis zu Fuß ſchwarzgekleideten jun⸗ gen Mannes den Park, wobei ſie die dichten Reihen der Spaziergänger durchſchnitten. Eine große Aehn⸗ lichkeit in Geſicht und Haltung verrieth bei den bei⸗ den Damen eine Verwandtſchaft, deren Grad zu⸗ gleich den Unterſchied ihres Alters erklärte. Offen⸗ bar war es eine von ihrer Tochter begleitete Mut⸗ ter, das heißt eine und dieſelbe Frau, nur in zwei verſchiedenen Ausgaben, deren Druck dreißig Jahre auseinander lag. Der provinziale Geſchmack, der aus ihren Toiletten herausſah, indem er die der Mutter der äußerſten Uebertreibung des hohen Klei⸗ des überliefert und aus dem Anzuge der Jungfrau die friſche blumenreiche Eleganz, jene erſte Kokette⸗ rie junger Mädchen, verbannt hatte, benahm gleich⸗ wohl der etwas magiſtralen Würde ihres Ganges nichts. Die vielen eifrigen und ehrerbietigen Be⸗ grüßungen, deren Gegenſtand ſie waren, zeigten außerdem an, daß ſie bedeutende Perſonen waren — Perſonen von jenem Gewicht, das in kleinen Städten ſich ausſchließlich an notoriſche, territoriale Beſitzthümer oder an unbeſtrittenen und unbeſtreit⸗ 8 baren Familienglanz heftet. Was den Cavaliere servente betrifft, ſo hätte die Art, in der er der älteſten der beiden Damen den Arm gab, einem ge⸗ übten Beobachter genügt, um ihn die Natur der Beziehungen, welche zwiſchen ihnen exiſtiren mußten, errathen zu laſſen. Offenbar gehörte der mit der Grazie eines etruskiſchen Gefäßhenkels gerundete Arm weder der ehemänniſchen Guichgultigkeit noch der filialen Vertraulichkeit; ebenſo wenig erkannte das Auge darin die anziehende Verſchlingung der Liebe oder die uneigennützige Höflichkeit eines Frem⸗ den, der eine bloße geſellſchaftliche Pflicht erfüllt; es hatte ſein Aeußeres etwas Eigenthümliches, etwas Aufmerkſames, etwas übertrieben Gefälliges, etwas Höflingartiges, was, wenn man es in der Art und Weiſe, in der der junge Mann beim Gehen ſich neigte, um ſeine Begleiterinnen beſſer zu hören, ſowie mit der ängſtlichen Sorgfalt zuſammenhielt, womit er ihnen immer den beſten Weg ſuchte, ihn unfehlbar in die Claſſe der künftigen Schwieger⸗ ſöhne, jener Individuen des Thierreichs, welche ſich auf das Armgeben am Meiſterlichſten verſtehen, reihen mußte. Als das Trio aus dem Parke trat, ging es auf einen Wagen von gothiſcher Form, der an ſeinen beiden Schlägen mit einem Wappenſchilde geziert war, zu. Von zwei Donmeſtiken gereiften Alters bewacht, ſtand derſelbe am Eingang des Corſo. Sobald die beiden Damen, immer in Begleitung ihres Cavaliers, ſich geſetzt und die Lakaien auf den ihnen angewieſenen Sitzen ſich gravitätiſch in⸗ ſtallirt hatten, rollte die Kutſche der Stadt zu mit 9 einer Langſamkeit, die ohne Zweifel vom Gefühl der Würde dictirt war. Man fuhr durch die St. Peter's⸗Vorſtadt bis zu dem Platz am Ende der St. Stephansſtraße, und endlich hielt der Wagen, faſt der St. Michaelskirche gegenüber, vor einem ziem⸗ lich ſchönen Hauſe, deſſen Vorderſeite mit ihrem ernſten kalten Styl zu dem veralteten Ausſehen des Gefährts trefflich paßte. Nachdem die beiden Damen ausgeſtiegen waren, nahm der junge Mann von ihnen Abſchied unter Verbeugungen, die einer Königin hätten genügen können; ſobald aber die Hausthüre ſich hinter ihnen geſchloſſen hatte, trat in ſeinen Mienen ein plötz⸗ licher Wechſel ein; denn waren ſie bisher ernſt und, ſo zu ſagen, feierlich geweſen, ſo nahmen ſie nun etwas Bewegtes, Unruhiges, Ungeſtümes an. Er ging alsbald wieder nach dem Park, und er lief mehr, als daß er ging. Kaum an der Promenade angekommen, fing er an, ſie nach allen Richtungen zu durcheilen: wurde die Menge ihm zu dicht, ſo bahnte er ſich mit Ellenbogenſtößen einen Weg; da⸗ bei verfing er ſich mit den Füßen in den Kleidern der Frauenzimmer, deren Gigotärmel er unbarm⸗ herzig zuſammendrückte; es war ihm völlig gleich⸗ gültig, ob er auf den Alleenſand oder auf die Füße der Spaziergänger trat; die Stühle, die ihm im Wege ſtanden, warf er um, und es war auch nicht eine Menſchengruppe, in die er die Naſe nicht hin⸗ einſteckte. In einer kleinen Stadt iſt jede Bagatelle ein wichtiges Ereigniß, und ſo konnte es denn nicht fehlen, daß dieſes antiſociale Gebaren bald allge⸗ 10 mein bemerkt wurde. Das Staunen darüber war um ſo größer, je weniger es mit dem wohlbekann⸗ ten Charakter des rückſichtsloſen Spaziergängers im Einklang zu ſtehen ſchien. Wäre er nicht ſo ganz und gar von einem einzigen Gegenſtand erfüllt ge⸗ weſen, der ihn für Alles, was um ihn her geſpro⸗ chen wurde, taub machte, ſo hätte er gar leicht die Bemerkungen und die Gloſſen hören können, womit jede in einem Halbkreis die Alleen entlang ſitzende kleine Coterie ihn bedachte. „Welche Weſpe hat denn den königlichen Pro⸗ curator geſtochen?“—„Sollte aus ſeiner Heirath nichts werden?“—„Herr de la Rochette hat, auf Ehre! den Verſtand verloren.“—„Hätte man je eine ſolche Queckſilberader unter dieſem Eisberge vermuthet?“ fragte ein Schöngeiſt, der ſich ſelbſt gern ſprechen hörte.—„Sollte unſere Venta ent⸗ deckt ſein?“ ſprach in myſteriöſem Tone zu ſeinen Nachbarn einer jener guten Jünglinge mit Lammes⸗ herzen und Löwenbärten, die dazumal auf allen franzöſiſchen Univerſitäten mit dem kleinen Carbo⸗ narismus ſpielten. Nachdem Herr de la Rochette über zwei Stun⸗ den vergeblich geſucht; nachdem er den Park in allen Richtungen und in ſeinen verborgenſten Win⸗ keln durchſtöbert, kehrte er mit allen Symptomen der Entmuthigung nach der Stadt zurück. Auf dem halbkreisförmigen Platze angelangt, der dem Stände⸗ palaſte gegenüber ſich befindet, blieb er vor einem Caffehauſe ſtehen und ließ ſich mit ſchweißgebadeter Stirn auf einen Stuhl niederfallen. Mit einer Stimme, ſo düſter und unheimlich wie etwa die Ro⸗ 11 meo's, als dieſer von dem alten Mantuaner Apo⸗ theker Gift verlangte, beſtellte er beim Kellner Har⸗ lekins⸗Gefrorenes und begann das Beſtellte melan⸗ choliſch hinunterzuſchlingen, wobei er es zu einem vierſeitigen Obelisken machte— eine Operation, die Sommers die Träumerei ebenſo begünſtigt wie Winters das Schüren des Feuers. Mit einem Male verlieh eine nervöſe Bewegung der Hand dem Löffel einen horizontalen Impuls, der das Monu⸗ ment an ſeiner Baſis untergrub und es auf die Untertaſſe ſtürzen machte. Der königliche Procura⸗ tor fuhr auf ſeinem Stuhle auf; dann ließ er einen Augenblick den Arm niederhangen und ſperrte Mund und Augen weit auf. Es hatte ſich eben ein kleines junges Männchen an einem nahen Tiſche niedergelaſſen, ohne daß je⸗ doch auf den erſten Blick irgend etwas an ihm das Staunen und die Aufregung gerechtfertigt hätte, wozu es Anlaß gab. Er ſchien in allen Einzeln⸗ heiten ſeiner Perſon graziös, ſchlank, ſchmalſchulte⸗ rig und breitrückig wie ein feiner Andaluſier. So⸗ viel man aus dem geſchwächten Lichte der Kron⸗ leuchter des Caffehauſes ſehen konnte, ſchien ſein Geſicht ausnehmend hübſch zu ſein; dichte ſchwarze Haarlocken bedeckten ſeine Wangen, ſowie den Kra⸗ gen eines kurzen Ueberrocks, worin es wie in einem Corſett zu ſtecken ſchien; in ſeinem ganzen Anzuge gab ſich der vollendetſte Dandyismus kund. Noch nie hatten heller klingende Sporen niedlichere Stiefel bewaffnet, und noch nie hatten die Frontlogen der großen Oper friſchere und untadelhaftere gelbe Hand⸗ ſchuhe gezeigt. 12 Der eben Angekommene führte mit ſeinem klei⸗ nen ſpaniſchen Rohr, woran ein goldener Knopf zu erkennen war, einen leiſen Schlag auf einen Tiſch und ſetzte ſich. Schon hatten mit einer merkwürdi⸗ gen Schärfe des Blicks ſeine Augen das Staunen wahrgenommen, worein ſein Nachbar vertieft war; ein unbemerkbares Lächeln flog über ſeine Lippen hin, und mit einer Körperbewegung, die etwas In⸗ ſtinctmäßiges hatte, warf er von rechts nach links einen jener Blicke, die unſere Väter mörderiſch zu nennen und mit Cupido's Pfeilen zu vergleichen pflegten. Mit einem Male aber ſchienen andere Gedanken über ihn gekommen zu ſein; denn er run⸗ zelte ſtreng beide Brauen und ſtellte ſich dabei, als ſtreichle er über ſeine Lippe einen Schnurrbart, der, mit dem Mikroſkop betrachtet unſichtbar ge⸗ weſen wäre. So blieben die beiden jungen Männer eine Zeit⸗ lang: jeder ließ ſich ſeinen Sorbet ſchmecken und beobachtete den andern ebenſo aufmerkſam als ver⸗ ſtohlen. Und während die Augen des königlichen Procurators denen eines von der Sonne geblende⸗ ten Käuzchens ähnelten, ſchienen die Blicke des Fremden unruhig, unzufrieden, ſpöttiſch oder ſtechend; inzwiſchen hätte ſeine Haltung dem übermüthigſten Gecken und der geſchickteſten Kokette zugleich Ehre gemacht. Zuerſt zog er ſeine Handſchuhe aus, um eine ſchneeweiße Hand ſehen zu laſſen; dann ſtellte er mit vieler Selbſtgefälligkeit ſeine Stiefelchen zur Schau, als er geſehen hatte, wie ſie die Aufmerk⸗ ſamkeit ſeines Nachbars auf ſich zogen, und endlich zog er ſie unter ſich zuſammen, wobei das Charak⸗ ——— it⸗ r⸗ en e⸗ es d; en e m te ur k⸗ ich k⸗ 13 teriſtiſche das war, daß die Bewegung als eine durchaus weibliche erſchien, und wie wenn der kurze Ueberrock ein zu ihrer Bedeckung genügend langer Unterrock geweſen wäre. Doch bald entleidete ihm dieſe verſchämte Venusſtellung, und in der unge⸗ zwungenſten Weiſe von der Welt wurden jetzt die beiden Beine gekreuzt. Endlich, nachdem er vom Kellner Feuer verlangt mit einer Stimme, die für einen flötenden Tenor oder einen kräftigen Contre⸗ alt gelten konnte, zündete er ein Papelito an und hob an, mit einer durchaus ſpaniſchen Grazie zu rauchen, bis er in Folge einer jener plötzlichen Lau⸗ nen, welche bei ihm gewöhnlich zu ſein ſchienen, aufſtand, dem Magiſtrat einen einem Partherpfeil zu vergleichenden Blick zuwarf und ſich entfernte. Faſt alsbald ſtand auch Herr de la Rochette auf den Beinen: es war in der That, als ob eine Stahlfeder ihn emporgeſchleudert hätte. An dem Tiſche vorübergehend, welchen der Fremde eben ver⸗ laſſen, ſah er ein Brieftäſchchen auf dem Boden liegen, das er eifrigſt aufhob. Es war dieß ein Mittel, mit dem Unbekannten ein Geſpräch anzu⸗ knüpfen, wenn, was wahrſcheinlich war, derſelbe Luſt dazu hatte; doch ſteckte er nach kurzer Ueber⸗ legung das Brieftäſchchen ein und begnügte ſich damit, dem Eigenthümer zu folgen. Obgleich es kaum zehn Uhr war, ſo ſtanden die Straßen doch ſchon verödet, und was die Kaufläden betrifft, ſo waren ſie geſchloſſen; denn in der Provinz geht man gern früh zu Bette. Raſch verfolgte der Fremde ſeinen Weg, wobei er mit ſeiner Reit⸗ peitſche Streiche in die leere Luft führte und mit 14 einer Art Affectation ſeine Sporen klingen machte; trotz dieſes cavalieren Gangs aber, kehrte er ſich doch oft um und ſchien, ſo oft er gewahrte, mit welcher Beharrlichkeit er verfolgt wurde, von einem Ge⸗ fühle der Ungeduld oder der Unruhe überkommen zu werden. Was den Magiſtrat betrifft, ſo ſtiegen in ihm, während er ſo ſeinerſeits fortging, eine Menge eigenthümlicher Gedanken über die ſeltſame Perſönlichkeit auf, die er, trotzddem daß die Dunkel⸗ heit nur da und dort durch ſpärlich brennende La⸗ ternen einigermaßen zerſtreut wurde, nicht aus dem Geſichte verlor. Aus jeder neuen Wahrnehmung zog er als ein ächter königlicher Procurator, der er war, einen Schluß, und zwar zuweilen mit einem Scharfſinn, der eines Zadig würdig geweſen wäre. Aus der Art und Weiſe, wie der Fremde über das Pflaſter hinglitt, ohne die Kniekehlen zu biegen, glaubte der Procurator auf antivirile Gewohnhei⸗ ten ſchließen zu dürfen; daß die Sporen ſo häufig zuſammenſchlugen, bewies ihm wiederum ſo viel, daß der Unbekannte an ein Tragen ſolcher nur we⸗ nig gewohnt ſein müſſe; und endlich erkannte er, daß der kleine junge Mann regelmäßig immer drei Schritte machte, bis er ſelbſt zwei, obgleich er bei dieſen nie weit ausholte, ſowie daß ſie beiße ſo im Takte gingen, wenn auch nach verſchiedenen Rhyth⸗ men, d. h. der eine im Zweiviertel⸗, der andere im Dreiviertel⸗Takt, wie die zwei Orcheſter in dem berühmten Ballet von Mozarts Don Juan. „Das iſt ein für allemal ein Frauenzimmer, und noch dazu das bezauberndſte, das ich je ge⸗ ſehen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, krönte dieſes End⸗ ch er 65 en en e e ⸗ m 9 r m c S N ——— — — 15 reſultat ſeiner magiſtratlichen Wahrnehmungen und Schlüſſe mit einem Seufzer und ging nun geſchwin⸗ der als bisher. Mochte der Fremde nun ein Mann oder ein Frauenzimmer ſein, ſo viel können wir gewiß ſagen, daß er die Ecke der Chapelotteſtraße bald erreicht hatte. Einen furchtſamen Blick hinter ſich werfend, bog er rechts um und verſchwand in der Richtung jener Kirchengruppe, welche den Gläubigen ſo wohl bekannt, dem h. Benignus, dem h. Johannes und dem h. Philibert geweiht iſt und Einen unwillkür⸗ lich an einen Meſſe leſenden Prieſter gemahnt, ne⸗ ben dem ſein Kaplan und ſein Vikar ſteht. Dar⸗ aus aber, daß die Sporen jetzt raſcher klirrten, er⸗ ſah der leicht entzündbare Magiſtrat, daß die von ihm verfolgte Corvette all' ihr Tuch ausgeſpannt hatte. Nun hob auch er zu laufen an; an der Straßenecke aber angekommen, erlitt er plötzlich einen ſo heftigen Stoß, daß er mitten in die Gaſſe hineinpiruettirte. „Dummer Menſch!“ ſprach eine grobe Stimme. „Bitte tauſend Mal um Vergebung!“ gab der Magiſtrat zurück, indem er ſeinen Hut aufhob. „Bei meiner Seele, es iſt la Rochette!“ hob die Stimme wieder an; und mit einem Male zeigte ſich im Schein der Laterne ein zweiter junger Mann, der aus dem Boden heraüsgeſtiegen zu ſein ſchien. Der königliche Procurator blickte ihn einen Augenblick unentſchloſſen an. „Mein Herr,“ ſprach er endlich,„mit wem habe ich die Ehre?... „Puyſeul.. Du kennſt mich nicht? Schon ſeit 16 zwei Stunden ſuche ich dich in allen Gäßchen deiner berühmten Provinzialſtadt.“ „Julius von Puyſeul!... Freut mich unendlich .. Haſt du nicht eben einen kleinen jungen Bur⸗ ſchen laufen ſehen?“ „Ja, wie ein Baske lief er; ich will dir aber nur gleich ſagen, daß wenn ihr mit einander Fang⸗ . ſpielet, du ihn nie einholen wirſt. Gib mir den rm.“ Herr de la Rochette blickte nach allen Seiten hin, konnte aber von ſeinem Unbekannten keine Spur mehr ſehen. Ebenſo wenig ließ ſich auch ein Geräuſch von Tritten hören, und da es obendrein finſter war, ſo ſah er ein, daß jede weitere Ver⸗ folgung vergeblich ſein würde. „Wo logirſt du?“ fragte er endlich, im Grunde ſehr wenig erfreut über eine Begegnung, welche ſeinem Verführungsplan in ſo hoffnungsloſer Weiſe ein Ende gemacht hatten. „Mordelement! bei wem anders als bei dir?“ antwortete Puyſeul;, glaubſt du denn, daß ich dir die Schmach angethan hätte, in einem Gaſthauſe abzuſteigen? Aber mach' doch, daß wir in deine Wohnung kommen; denn ſieh, ich ſterbe faſt vor Hunger und kann mich vor Müdigkeit kaum mehr auf den Beinen halten.“ M. Eine Viertelſtunde nach dieſem Zuſammentreffen ſaßen die beiden Freunde im Studirzimmer des r e ſe . ir ſe or r en es 17 königlichen Procurators, das ihm zu gleicher Zeit als Salon diente. Lange nußbäumene Bücher⸗ regale nahmen faſt das ganze Täfelwerk ein. In der That eine ſchöne Bibliothek, deren Füße in Foliobänden, deren Magen in Quartbänden und deren Kopf in Octavbähden beſtand. Einige ver⸗ ſchämte Duodezbände zeigten ſich da und dort unter den Kränzen, nicht unähnlich den ſeltenen Haaren eines Kahlen. Was das Octodezformat betrifft, ſo hatte die Bibliothek es, als viel zu gering, gänz⸗ lich verſchmäht; es war, wie Grippe⸗ Soleil ſich ausdrückt, die ganze vermaledeite Prozeßbude, von den Inſtitutionen des Gaius bis zum Merlin'ſchen Repertorium. Sonſt nur wenige wiſſenſchaftliche Bücher; ſchöngeiſtige Werke gar keine. Dieſer Höhle entſtieg aus allen Poren ein Staub⸗, Leder⸗ und Kleiſtergeruch, der für einen Bücherliebhaber recht angenehm ſein konnte, einem Profanen aber die Kehle chiunei mußte. Ein mit Prozeßacten und andern Papieren bedeckter und von dem unvermeid⸗ lichen, grünſaffianenen Lehnſeſſel begleiteter Schreib⸗ tiſch; eine Pendeluhr, auf einem Marmorſtücke ruhend, das eine Themis darſtellte; zwei Candela⸗ ber von ziemlich ſchlechtem Geſchmack, ein Canapee und Lehnſeſſel von gelbem Utrechter Sammt ver⸗ vollſtändigten ein altes, abgeſchoſſenes Mobiliar, wozu das etwas pedantiſche Aeußere des jungen Magiſtrats einen recht paſſenden Rahmen bildete, worin aber der elegante Puyſeul ſo fremd ſchien wie ein e der ſich zufällig in einen Gänſeſtall verirrt at Nachdem der Reiſende ſich ſeinen Schlafrock und Bernard, Ausgew. Erzählungen. A. 2 18 ſeine Pantoffeln hatte bringen laſſen, ſtreckte er ſich nachläſſig auf dem Canapee aus, während der Diener auf einem Tiſchchen ein improviſirtes Nachteſſen vor ihn hinſtellte. „Du erlaubſt, daß ich mir es bequem mache,“ ſprach er zu ſeinem Freunde;„dieſe verdammte Mallepoſt könnte einem Elephanten die Knochen ausrenken.“ „Du biſt daheim,“ antwortete der Magiſtrat; „während du aber dein Nachteſſen verzehrſt, könn⸗ teſt du mir zugleich ſagen, welchem glücklichen Zu⸗ fall ich es verdanke, daß ich nach vierjähriger Tren⸗ nung dich heute zum Gaſte habe.“ „Das will ich dir mit ein paar Worten ſagen. Ich komme von Paris, bin jetzt zu Dijon und gehe, ich weiß nicht wohin; bei all' dem glaube ich, daß ich heirathe.“ „Schau! es iſt das ein Zug der Sympathie ſiſchen uns, denn ich gedenke ein Gleiches zu thun.“ „Bravo, mein Lieber! Nur geheirathet! Geht wahrlich nichts übers Heirathen. Siehſt du, die Ehe iſt die Grundlage der Geſellſchaft, die Ehe iſt der Eckſtein des ganzen ſtaatlichen Gebäudes, die Ehe iſt der Hafen des Schiffbrüchigen und die Zu⸗ fluchtsſtätte des Weiſen. Ich bin für den Augen⸗ blick der conjugalſte junge Mann im ganzen König⸗ reich. Und dann kann das leichtſinnige Leben nicht ewig fortdauern.“ „Schon recht,“ antwortete der königliche Procu⸗ rator kopfſchüttelnd,„ſchon recht für ſolche, die einen luſtigen Anfang gemacht.“ —— S———+„———„—— ener vor che, umte chen rat; önn⸗ Zu⸗ ren⸗ gen. ehe, daß thie zu eht die iſt die Zu⸗ gen⸗ nig⸗ nicht ocu⸗ die 19 Puyſeul wollte eben den zweiten Flügel eines Huhns vom Teller wegnehmen; als er aber die eben geſprochenen Worte hörte, ließ er ihn liegen und ſtarrte ſeinen Freund an. „Ich werde dir Stoff geben, dich auf meine Koſten luſtig zu machen,“ hob der letztere wieder an,„wenn ich dir geſtehe, daß ich nun zweiund⸗ dreißig Jahre alt bin, ohne daß mein Herz von der Liebe viel berührt worden.“ „O du Raphaeliſcher Magiſtrat! komm her, ſtoß an! Mögeſt du lange leben, oder beſſer, mö⸗ geſt du recht bald aufthauen!“ Mit dem verlegenen Lächeln eines Menſchen, der etwas zu ſagen wünſcht, um deſſen willen er ausgelacht zu werden fürchtet, fuhr Herr de la Ro⸗ chette alſo fort: „Du erinnerſt dich noch, wie wir als Studenten lebten? Du liefſt dem Vergnügen nach, während ich fleißig war. Wie es ſcheint, ſo ſind wir beide die Alten geblieben. Was mich betrifft, ſo mußte ich mir meinen Lebensweg bahnen, und in der Magi⸗ ſtratur ſteht man ein wenig unter der Oberaufſicht der Congregation, die da verlangt, daß wir mit dem Beiſpiel guter Sitten vorangehen ſollen. Kurz, ſei es nun aus Vernunftgründen, ſei es aus Ehrgeiz, oder weil die Leidenſchaften bei mir erſt ſpät er⸗ wacht, ich habe bis jetzt das muſterhafteſte Leben geführt. Auf dem Schreibtiſch dort fiehſt du Acten⸗ ſtöße, auf dieſen Regalen aber Bücher: in dieſen zwei Dingen ſind, du magſt es mir glauben oder nicht, alle meine Erfolge, alle meine Abenteuer ent⸗ halten.“ 20 „Ich verſtehe: aus Ehrgeiz haſt du die Liebe hinweggemäht, gleichwie man von den Blüthen einen Theil ausreißt, um die Frucht zu verbeſſern; du haſt ein Löſchhorn über den Vulkan gelegt, um den Krater fruchtbar zu machen. Du Cromwell!“ „Ja, aber es tobt der Vulkan in ſeinem Innern.“ „Am Vorabend deiner Hochzeit! Geh', du ſchwatzeſt dummes Zeug. Einſt pflegteſt du mir zu predigen: nun iſt die Reihe an mir. Wie! wenn ich dir Glauben ſchenken darf, ſo iſt dir das Un⸗ geheure gelungen, daß du ſo weiß wie Hermelin aus den pontiniſchen Sümpfen der Jugend hervor⸗ gegangen, worin ſo viele Andere Vermögen, Ge⸗ ſundheit, Illuſionen, bisweilen ſogar ihre Ehre ver⸗ loren, und gerade in dem Augenblicke, wo du die Frucht dieſes Heldenthums in einer ohne Zweifel vortheilhaften Verbindung ernten ſollſt... „Allerdings iſt die Verbindung eine ſehr vor⸗ theilhafte.. „Wankſt du?“ 3 „Ja. Seit einiger Zeit verfolgt mich eine teuf⸗ liſche Verſuchung; ich ſage mir ſelbſt, daß ich mein Leben verfehlt, daß ich meine ſchönſten Jahre ver⸗ loren, daß ich, indem ich der Zukunft die Gegen⸗ wart geopfert, einen wirklich tollen Handel geſchloſ⸗ ſen; denn iſt derjenige, welcher eine ſchöne Ernte auf dem Halme verdorren läßt, minder wahnwitzig als derjenige, welcher ſie ſchon im halbreifen Zu⸗ ſtande verzehrt? Tauſenderlei geile und revolutio⸗ näre Gedanken wachſen vom Morgen bis zum Abend in meinem Kopfe, hauptſächlich ſeit meine Heirath eine ausgemachte Sache iſt. Und bin ich, im Grunde„ Liebe üthen ſern; „um el!“ ern.“ „du ir zu wenn Un⸗ melin rvor⸗ Ge⸗ ver⸗ udie veifel vor⸗ teuf⸗ mein ver⸗ egen⸗ chloſ⸗ Ernte witzig Zu⸗ lutio⸗ Ubend irath runde 3 3 21 genommen, nicht ein rechter Narr? Aber ſo iſt es nun ein Mal: an einem fort zwickt und zerrt es an mir, und fühle ich mich verſucht, einen Vicinal⸗ weg einzuſchlagen, meinen Grundſätzen den Hals umzudrehen, irgend etwas zu thun, was ungeſetzlich iſt, was einem Magiſtrat nicht anſteht. Geſtehe, daß ſo etwas von Seiten eines königlichen Procu⸗ rators recht monſtrös iſt.“ „S iſt eben die verbotene Frucht, wornach dich gelüſtet! O du drei Mal Glücklicher, der du noch im Stadium der Verſuchung dich befindeſt, wie magſt du noch klagen! Ich, der ich am Baum ſo lange geſchüttelt, bis die Aeſte gebrochen, ich ſchwöre dir, daß ich dich beneide. Geh', ſchick' alle dieſe Liebesgedanken zum Kuckuck! Du haſt Vermö⸗ gen und eine feſte Stellung, die dich zu Weiterem führen muß; heirathe, um ſie dauernd zu begrün⸗ den. Der Ehrgeiz! mein Lieber, der Ehrgeiz! Siehſt du, iſt man einmal über dreißig hinaus, ſo iſt nur noch dafür Raum. Auf das Wohl deiner Braut!“ „Ich muß dir aber doch erzählen, wie ich einen Anfang von einem Abenteuer gehabt,“ unterbrach ihn Herr de la Rochette und lächelte dabei mit einer gewiſſen Wichtigkeit. „So laß ein Mal dein Abenteuer hören!“ „Ich hatte heute Abend meine Braut und ihre Mutter, Frau von Genancourt, nach dem Park be⸗ gleitet.“. „Genancourt!... deine Braut iſt Fräulein von Genancourt?“ rief Puyſeul und ſtellte dabei ſein Glas auf den Tiſch. „Du kennſt ſie?“ 22 „Tochter eines Präſidenten eures Gerichtshofs!“ „Und was noch mehr iſt und ſicherlich nicht ſchadet, einzige Tochter.“ „Und deine Heirath iſt abgemacht!“ ſprach Ju⸗ lius und ſchaute dabei ſeinen Freund mit einer Neu⸗ gierde an, worein ſich eine Art geheimer Angſt miſchte. „So gut wie abgemacht, obgleich es mir an Rivalen nicht gefehlt hat.“ „Die Partie iſt gut.“ „So gut als ich immer eine hoffen durfte: zwei⸗ mal hundert tauſend Franken baar, und ſpäter be⸗ komme ich noch mehr als doppelt ſo viel; eine ehr⸗ bare Familie, die mit den angeſehenſten unſerer Provinz verwandt iſt. Herr von Genancourt wird unfehlbar erſter Präſident, und ich ſelbſt rücke durch meine Heirath zum Appellationsrath vor. Hat man ein Mal die rothe Robe, ſo iſt man geborgen; ver⸗ giß dabei nicht, daß mein Schwiegervater viel Ein⸗ fluß und keinen perſönlichen Ehrgeiz hat; Deputir⸗ ter kann ich werden, ſo bald ich nur will und bin ich einmal Deputirter, ſo kann mir eine Direc⸗ 3 oder eine Generalprocuratorsſtelle nicht ent⸗ ghen „Und dein Abenteuer?“ unterbrach ihn Puyſeul und warf mit dieſer plötzlichen Frage den Milch⸗ topf Perrettens um, woran der königliche Procu⸗ rator wie an einer Jakobsleiter aufzuſteigen begon⸗ nen hatte. La Rochette lächelte, und es wich der Ehrgeizige dem Manne, der nur noch an Liebes⸗ glück denkt. „Nun, mein Abenteuer iſt ein Weibchen in — “ nicht deu⸗ ngſt an vei⸗ be⸗ hr⸗ rer ir uch tan er⸗ in⸗ tir⸗ ind rec⸗ nt⸗ eul ch⸗ cu⸗ on⸗ der es⸗ in — 23 Mannskleidung, das ich heute Abend geſehen und deſſen Blick, indem er ſich mit dem meinigen ge⸗ kreuzt, den ungeheuerſten Eindruck auf mich gemacht — mir, wenn ich ſo ſagen darf, den Staar geſto⸗ chen hat.“ „Und dieſes Frauenzimmer?.. „Iſt vermuthlich eine Fremde; denn hier kennt ſich alle Welt, und ich ſelbſt habe ſie früher nie ge⸗ ſehen. Du biſt ſchuldig, daß ich ihre Spur ver⸗ loren.“ „Ah! die verfolgteſt du? Wahrlich, ſie hat gute Beine. Und haſt du ſonſt gar keine Fährte? Eine Frau in Mannskleidung— das wäre ziemlich pikant.“ „Doch! doch!“ antwortete Herr de la Rochette, dem plötzlich etwas einfiel. Zugleich zog er aus ſeiner Taſche das kleine Portefeuille heraus, das er vor dem Caffeehauſe vom Boden aufgehoben hatte. Das Erſte, was er daraus hervorzog, war ein Paß. „Joſeph Alexander Lancival, juris studiosus, neunzehn Jahre alt,“ las er mit lauter Stimme. „Alexander Lancival... Lancival, ei, der Name iſt mir bekannt!“ ſprach Puyſeul, in ſeinen Erinne⸗ rungen ſuchend.„Ah! jetzt habe ich's; es iſt der kleine Couſin meiner Löwin Paola; wenn ich klein ſage, ſo meine ich damit eine Regimentstambouts⸗ größe.“ „Größe: 1 Meter, 65 Centimeter.“ „Der iſt es nicht.“ „Zum Henker?“ rief der königliche Procurator, der den Paß lebhaft an die Naſe führte;„man hat eine Ziffer verändert; offenbar ſtand hier 85 Centimeter; der 8 iſt radirt und zu einem 6 ge⸗ 0 24 macht; die rabirte Stelle aber hat noch jetzt einen Sandarachgeruch.“ „Und die übrige Geſtaltsbezeichnung?“ fragte Julius in einem Tone, der bekundete, daß die Neu⸗ gierde bei ihm erwacht war. „Naſe: mittlere; Mund: mittlerer; Geſichts⸗ farbe: gewöhnlich; immer die nämliche Geſchichte: ich weiß fürwahr nichts ſo Dummes als die eigen⸗ thümliche Sprache der Paßbureaus.“ „Leer' die Brieftaſche aus: es fängt die Sache an, ſich intereſſant zu machen.“ „Ein gefälſchter Paß, weiter nichts„Ah! da könnte ich Arbeit bekommen doch was iſt das?“ fuhr Herr de la Rochette fort, indem er ein Medaillon aus dem Brieftäſchchen hervorzog:„ein Porträt!“ Und in der That war es ein auf Elfenbein ge⸗ maltes Mannsporträt, welches— eine bei ſolchen Liebespfändern ſonſt nur wenig vorkommende Bei⸗ gabe— das Eigenthumliche hatte, daß die beiden Augen mit großer Geſchicklichkeit vermittelſt eines Pfriems ausgeſtochen waren, ohne daß jedoch das übrige Geſicht dadurch beſchädigt worden. „Dein Porträt! Gott verzeih mir!“ ſprach der königliche Procurator nach einer kurzen Prüfung. Puyſeul nahm das Miniaturbild, ſchaute es eine Weile verblüfft an und ſchlug endlich eine ſchallende Lache auf. „Das ſind deine Züge, das iſt dein Schnurr⸗ bart, das iſt deine Naſe. Erkläre mir doch, was das bedeuten ſoll?“ fragte Herr de la Rochette, der ſich einigermaßen enttäuſcht fühlte. 25 „Es iſt das Porträt eines ſchnurrbarttragenden jungen Mannes, ſonſt nichts. Zu Paris gibt es wohl an die fünfhundert Verführer unſerer Art, und wir alle gleichen einander. Und wie kann man zudem ein Porträt erkennen, das keine Augen hat? Was mich zum Lachen gebracht hat, iſt der grauſame Gedanke, ſie auszuſtechen. Es iſt das wahrlich für das Original höchſt beruhigend. Er⸗ innert dich dieſer hübſche Einfall nicht an die klei⸗ nen Wachsfiguren, auf welche die Männer der Ligue mit ihren Dolchen hineinzuſtechen pflegten?“ „Ich ſchwöre, es iſt das deine Stirn und deine Naſe.“ „Bei Gott! ich wollte, daß das wahr wäre,“ unterbrach Julius ſeinen Freund lebhaft und ſchielte ihn dabei verſtohlen an;„ſchon der Inhalt des Brieftäſchchens genügt, um mich in die ſchöne Un⸗ bekannte verliebt zu machen. Es muß eine bezau⸗ bernde Tigerin ſein. Sehen wir ein Mal: ver⸗ ſuchſt du das Abenteuer, oder verzichteſt du darauf?“ „Ja ja, aber...„ antwortete der könig⸗ liche Procurator, den die Paßfälſchung, ſowie die Ausſtechung der Augen des Porträts etwas unſchlüſ⸗ ſig zu machen ſchienen.- „So komm' doch zu einem Entſchluſſe!“ hob Puyſeul in eindringlichem Tone und mit ſchlauem Lächeln wieder an.„Gibſt du die Partie auf, ſo bin ich froh daran.“ „Nie! davon kann keine Rede ſein. Ich würde mich eines Verraths ſchuldig machen, ich bin der Erſte,“ antwortete Herr de la Rochette, deſſen Lie⸗ 26 besfeuer durch dieſe drohende Concurrenz plötzlich wieder angefacht wurde. „Du willſt alſo nicht theilen! Warte, du Don Juan! du Lovelace!“ Mit dieſen Worten ſtreckte Puyſeul ſich auf dem Canapee aus und lachte eine Weile, ohne ſeinem Gegenredner die Gedanken mitzutheilen, welche dieſe Heiterkeit hervorriefen. „Laß ein Mal deinen Angriffsplan hören!“ ſprach er plötzlich, ſich wieder aufrichtend. Der königliche Procurator aber durchmaß das Cabinet mit großen Schritten. „Paßfälſchung! Artikel 153 des Strafgeſetz⸗ buchs, ein bis fünf Jahre Gefängnißſtrafe. Es ha⸗ ben doch dieſe Weiber teufliſche Einfälle... Aber welch' ſchöne Augen!.. Zum Henker! Wenn ſie die Gewohnheit hat, den Andern die ihrigen aus⸗ zuſtechen!... WMeinen Angriffsplan?“ antwortete er Puyſeul,„gewiß, ich bin dazu entſchloſſen, doch wie ich die Sache angreifen kann, davon habe ich wahrlich jetzt auch nicht die entfernteſte Ahnung.“ „Da, ſetz' dich her und höre: ich will dir dein Thema ex professo dictiren. Du ſiehſt, ich bin dir ein wahrer Freund. Was die ſchöne Unbekannte herift⸗ ſo iſt ſie jetzt ſchon ſo gut wie in deinem .. „Wie ſo das?“ „Ein Frauenzimmer, das als Mann verkleidet und mit einem falſchen Paſſe in der Welt herum⸗ zieht, iſt unfehlbar nervös. Die lymphatiſchen Tem⸗ peramente haben im Allgemeinen einen gründlichen Abſcheu vor allen Abenteuern und bekennen ſich 27 lich zur Religion des häuslichen Herdes. Nun aber kann über eine nervöſe Frau jeder unbedingt ge⸗ Don bieten, der es verſteht, die Nervenpaare, woraus ihr Organismus beſteht, gehörig ſpielen zu laſſen. dem Deine amtliche Stellung macht es dir möglich, für nem alle deine Launen die Polizei aufzubieten; ſchon ieſe morgen früh alſo wirſt du wiſſen, in welchem Gaſt⸗ hauſe der angebliche Alexander Lancival abgeſtiegen n“ iſt. Du ſuchſt ihn auf und läſſeſt, in deiner Eigen⸗ ſchaft als königlicher Procurator, ihn ein Verhör das beſtehen. Schon bei der dritten Frage verliert er oder vielmehr ſie den Kopf. Dann fällt die Maske ſetz⸗ und es bleibt das Weib übrig. Biſt du ein Mal ha⸗ ſo weit, ſo nimmſt du den feierlichen Amtston an, ſprichſt von deinen Pflichten, von den ihrigen, vom ſie falſchen Paſſe, von ihrem Ehemann Alle dieſe ze Engel, welche ſo in der Welt herumfahren, haben tete einen Mann.. Nun machſt du ihr recht Furcht...“ doch„Aber ich möchte ihr im Gegentheil gefallen.“ ich„Ganz richtig, und nichts macht ein Weib ge⸗ „ ſchmeidiger, ſanftmüthiger, ſchmeichleriſcher als die Furcht. Nun wird es an ihr ſein, dir den Hof zu hir machen. Siehſt du ſie gehörig eingeſchüchtert und te gehörig mürbe, ſo wird deine Rolle eine andere: iei der königliche Procurator verſchwindet und macht Herrn Joſeph Giraud de la Rochette Platz, einem jungen Manne von zweiunddreißig Jahren, der nicht det übel gewachſen, wenn er auch ein bischen zu dick um⸗ iſt, und der neben vielem Mutterwitz ein noch jung⸗ em⸗ fräuliches und vulkaniſches Herz beſitzt. Aus einem hen geſtrengen Richter wirſt du ihr Beſchützer, ihr Freund, ſich kurz Alles, was ſie dich immer werden läßt; und 28 biſt du kein Dummkopf, ſo läßt ſie dich viel wer⸗ den. Vor Allem, kein zu plötzlicher Uebergang! Sie darf nicht ahnen, daß es ein angelegter Plan iſt, ſonſt biſt du verloren. Laß dich verführen: wei⸗ ter ſage ich nicht; auf Weiteres laß dich nicht ein. Es iſt das gewiß eine leicht zu ſpielende Rolle. Hier in ein Paar Worten dein Thema. Du fängſt an mit: Madame, ich bedaure unendlich, daß meine amtlichen Pflichten.. dieß im Baßton... und hörſt auf mit: Mädchen du, du mit den ſchwar⸗ zen Augen... Letzteres flüſterſt du natürlich mit der einſchmeichelndſten Tenorſtimme, die du in dei⸗ ner Kehle finden kannſt. Du haſt doch irgendwo eine Villa, wohin du ſie führen kannſt, wenn ſie einwilligt, einen Honigmonat dort zu verleben?“ „Ei natürlich! Ich führe ſie auf mein Land⸗ haus Arc⸗ſür⸗Tille,“ antwortete der Magiſtrat und rieb ſich dabei die Hände.„Wie glücklich ſich das trifft! Ich habe gerade einen Urlaub, der über⸗ morgen anfängt. Du glaubſt alſo, ich habe einige Ausſicht?“ „Du haſt alle Trümpfe in der Hand. Und jetzt nur noch ein kleiner guter Rath: zieh morgen Stiefel an und laß das weiße Halstuch weg; Paola häßt „Paola!„ „Ich meine das Weibervolk im Allgemeinen, ſowie insbeſondere eine gewiſſe Paola, die ich ge⸗ kannt, können es nicht ausſtehen, wenn man Mor⸗ gens in Schuhen und weißem Halstuch erſcheint: in ſolchem Coſtüm erſcheint ein Liebeſchmachtender als ein Kammerdiener; nun aber iſt es von der er⸗ ng! lan vei⸗ ein. Me. ngſt eine örſt ar⸗ mit dei⸗ wo ſie A nd⸗ und das ber⸗ nige jetzt gen ola nen, ge⸗ or⸗ int: nder 29 allergrößten Wichtigkeit, daß der erſte Eindruck ein günſtiger iſt.“ ra la, la, g la, g a la, g, la rum bum bum!“ ſang nach der Melodie largo al factotum der Mogiſtrat in einem Anflug von Entzücken.„Das Schwert iſt nun gezogen und die Scheide weggeworfen. Morgen nach der Sitzung Und ohne ſeine Phraſe zu beendigen, piruettirte der Procurator auf ſeinem Abſatze, wie es etwa ein Richelieu gethan hätte. „Morgen erzählſt du mir deine Heldenthaten, und jetzt gute Nacht!“ Einige Augenblicke darauf trennten ſich die bei⸗ den Freunde. Und während der königliche Procu⸗ rator, von ſeinem Siege im Voraus berauſcht, ſtolz und mit ſtraffer Kniekehle das Zimmer verließ, in das er ſeinen Gaſt geführt, lächelte dieſer ſo ſchelmiſch wie einſt Panurgos, als er den ſprichwört⸗ lich gewordenen Hammel in's Meer warf. IMII. Julius von Puyſeul erwachte am andern Tage erſt ſehr ſpät, da er von der Reiſe ermüdet war. Eines der erſten Dinge, die er, als er die Augen öffnete, wahrnahm, war ein auf der Marmorplatte des Nachttiſchchens liegendes dreieckiges Billet. Mit der Gleichgültigkeit eines Mannes, der an ſo früh einlaufende Briefe gewöhnt iſt, erbrach er das Bil⸗ ———— ———— —— 30 let, und die ihm wohlbekannte Handſchrift machte der halben Betäubung, die auf den Schlaf zu fol⸗ gen pflegt, alsbald ein Ende. Der junge Mann richtete ſich auf und las raſch die nachſtehenden Zeilen: „Gaſthaus zum Rothen Hut,— Numer 11,— die Treppe links hinten im Hof,— im erſten Stock. — Klbpf' drei Mal an.— Komm auf der Stelle; — ich will es.— Liebe oder Rache!!!“ Die übermäßig ſtarken Schattenſtriche in den Buchſtaben, ſowie die kleinen Tintenkleckſe, womit das Papier mückenkothartig überſäet war, zeugten von der Energie der Gefühle, welche das Billet dictirt hatten. Die Hand des oder der Schreiben⸗ den hatte die Feder mit jedem Worte breitgedrückt. Ein P, gefolgt von einem deſpotiſch horizontalen Federzug, diente als Unterſchrift. „Ein Frauenzimmer, das paraphirt, iſt eine Katze, die ihre Krallen probirt,“ ſprach Puyſeul bei ſich ſelbſt, als er die drohenden Schlußworte: Liebe oder Rache! las.„Danke ſchön: die eine hat lange genug gedauert, und der andern mich auszuſetzen— darnach gelüſtet mich gar nicht. Es genügt, daß ſie mir in elligie die Augen ausgeſtochen.“ Er knitterte das Billet zuſammen, machte dar⸗ aus eine Kugel, die er zwiſchen den Daumen und den Zeigefinger nahm, und warf ſie nach Art eines Schülers in die entgegenliegende Zimmerecke; ſo⸗ dann zerrte er an der Klingelſchnur, daß dieſe in tauſend Stücke zu zerreißen drohte. „Wer hat Ihnen den Brief gegeben?“ rief er dem kaum eingetretenen Diener zu. te ⸗ nn en Ein Lohnbedienter vom Rothen Hut,“ gab der Mann zurück. „Wo iſt la Rochette?“ „Der Herr iſt aus der Sitzung zurückgekommen, hat ſich umgekleidet und iſt eben ausgegangen. Ich denke, der Herr iſt aufs Land gegangen, denn er hat einen Ueberrock und Stiefeln angezogen, was ihm ſonſt nie paſſirt.“ „Schon drei Uhr!“ unterbrach Julius, während er auf ſeine Uhr blickte!„ſerviren Sie mein Früh⸗ ſtück, während ich mich ankleide.“ Nachdem der Reiſende einige Taſſen Thee ge⸗ trunken und die ängſtlichſte Sorgfalt auf ſeinen Anzug verwendet hatte, ging er aus; anſtatt aber dem an ihn ergangenen Befehle Folge zu leiſten und in das Gaſthaus zum Rothen Hut zu gehen, fragte er nach der St. Stephansſtraße, und in dem Augenblicke, wo er dort ankam, fühlte er ſich von t Hand aufgehalten, welche die ſeinige erfaßt hatte. Er wandte ſich um und ſah Herrn de la Ro⸗ chette vor ſich. Der königliche Procurator hatte, wie ſein Die⸗ ner ausgeſagt, die gewohnte Würde ſeines Anzugs ſeltſamlich quittirt. Ein blauer Ueberrock und eine Nankinghoſe bildeten einen galanten Gegenſatz zu ſeinem ſchwarzen Frack und ſeinen ditto Hoſen; an ſeinen Füßen krachten mit Sporen verſehene Stie⸗ fel, welche durch den langen Nichtgebrauch vollſtän⸗ dig ausgetrocknet waren, während ein hoher, ſteifer, farbiger Hemdkragen ihm die Ohren halb abſchnitt. Indem der zjunge Magiſtrat ſo in vollſtändiger 32 Kriegsrüſtung daſtand, ſchien es ihm ebenſo unbe⸗ haglich zu ſein, wie einem Rekruten, der zum erſten Mal mit mehrfarbigem Tuch ſich bekleiden muß. Man ſah deutlich, wie das fortwährende Geklirr ſeiner Sporen ihm zu ſchaffen machte; auch warf er von Zeit zu Zeit auf ſeine Beine den gedemüthig⸗ ten Blick des Fuchſes, der ſeinen Schwanz verloren, da ſie der gewohnten feierlichen Hülle nun baar waren. Dicke Schweißtropfen netzten ſein Geſicht, das mehr noch durch die ungewohnte Aufregung als durch die Hitze geröthet war. „Nun?“ fragte ihn Puyſeul. „Meine Spürhunde haben die Spur bereits ge⸗ funden,“ gab der königliche Prokurator zurück:„man logirt im Gaſthaus zum Rothen Hut Numer 11, und eben wollte ich hingehen.“ „Wie mir ſcheint, auf dem Wege der Schüler.“ Hier nahm Herr de la Rochette den Hut ab und fuhr mit dem Taſchentuche über die Stirn: „Ich mag dir nicht verbergen,“ ſprach er,„daß es mir etwas wunderbar zu Muthe iſt, und was ich auch thun mag, ich kann dieſes Gefühl nicht niederkämpfen. Der Gedanke, daß ich nun bald vor der kleinen Amazone mit den ſchönen ſchwarzen Augen ſtehen werde, ſchnürt mir den Hals zu, als läge ein Stria um denſelben. Lieber Puyſeul, ich glaube, ich habe Furcht. Sieh, lieber würde ich vor dem Poirshof eine Anklage auf Hochverrath vorbringen und mich gezwungen ſehen, mein Plai⸗ doyer zu improviſiren, als.. Der königliche Procurator beendigte die ange⸗ — z8—c e—— e„—n— S cS Sc fangene Phraſe nicht, ſondern trat plötzlich in ein Nebengäßchen. „Was haſt du denn*. fragte ihn Julius, den dieſe Bewegung höchlich überraſchte. „Herr von Genancourt, mein zukünftiger Schwie⸗ gervater,“ antwortete der Magiſtrat, hinter ſeinem Freunde ſich verſteckend, und deutete zu gleicher Zeit auf einen großen Greis an der Ecke der Straße, der gepuderte Haare hatte und einen ſchwarzen Frack à la frangaise, eine Kniehoſe von gleicher Farbe, ſowie große glänzende Schuhſchnallen trug. Der Repräſentant der ehemaligen parlamentariſchen Ma⸗ giſtratur ſchritt in überaus edler Weiſe einher, wo⸗ bei er unabänderlich auf dem erhabenen Theil des Pflaſters blieb und auf ſeinen mit einem goldenen Knopf verſehenen Stock ſich ſtützte mit derſelben Majeſtät, womit ein Biſchof ſeinen Stab führt. „Ah! das iſt Herr von Genancourt?“ ſprach Puyſeul, der den Greis bei ſeinem Vorübergehen gemuſtert hatte..„Und warum verſteckſt du dich denn vor ihm, wie ein Schüler, der hinter die Schule geht und unverſehens von ſeinem Lehrer begegnet wird?“ Statt aller Antwort drehte Herr de la Rochette ſein Bein um und ſtreckte es aus, um ſeinen Sporn und ſeine Nankinghoſe beſſer zu zeigen. Erſt nach einer Weile ließ er ſich alſo vernehmen: „Ich ſehe ſchon, du kennſt unſere alten Gerichts⸗ herren nicht: ſähe Herr von Genancourt mich alſo herausgeputzt, ſo wäre er der Mann, ſein gegebe⸗ nes Wort zurückzunehmen. Betreffs der äußern Bernabd, Ausgew. Erzählungen. II. 3 34 Erſcheinung eines Magiſtrats huldigt er Grund⸗ ſätzen von unbeugſamer Strenge. Es gelüſtet mich gar nicht, ſo behandelt zu werden, wie Malardoz, einer der Generaladvokaten, voriges Jahr behan⸗ delt worden: der war eine treffliche Partie und ſollte auch Fräulein Alphonſine heirathen.“ „Ja, und was hat er denn gethan, der Mann des Rechts?“ fragte Julius neugierig. „Etwas ziemlich Lächerliches. Während der Ferien hatte er ſich einen Schnurrbart wachſen laſſen; ſo entſtellt erſchien er am St. Hubertustage zu Genancourt, wo gejagt werden ſollte, und ſoll ich dir die Wahrheit geſtehen, ſo ſah er eher einem verlaufenen Trabanten gleich als einer Magiſtrats⸗ perſon, die ſich reſpectirt. Dieſer antiparlamenta⸗ riſche Schnurrbart gab Herrn von Genancourt An⸗ laß, auf ſeinen großen Gaul zu ſteigen; es heißt ſogar, es ſei ihm das Wort Gaukler entfahren. Kurz und gut, aus der Heirath wurde eben nichts.“ „Ah! der Papa liebt die Schnurrbärte nicht?“ machte Puyſeul, den ſeinigen nachdenkſam glatt ſtrei⸗ chend..„Nun,“ hob er nach einer kleinen Pauſe plötzlich wieder an,„die Paſſage iſt jetzt frei und die Zeit verſtreicht wann wird der Rothe Hut ge⸗ ſtürmt?“ „Du haſt Recht; es iſt Zeit, Breſche zu ſchießen „ ſprach der königliche Procurator ſich ſtolz auf⸗ richtend.„Am Ende iſt die Sache doch etwas lu⸗ ſtiger, als Todesſtrafe zu beantragen.“ Und mit der Miene eines Mannes, der ent⸗ ſchloſſen iſt, zu ſiegen oder zu ſterben, preßte er krampfhaft die Hand ſeines Freundes und ſchlug 35 den Weg nach dem Gaſthauſe ein, wo er die Hel⸗ din ſeines Abenteuers zu finden hoffte. Sobald der verliebte Procurator den Rücken ge⸗ wandt hatte, ging Puyſeul nach ſeiner Wohnung zurück. Seinen Schnurrbart wegraſiren, den er, ich weiß nicht in welcher Abſicht, ſorgfältigſt in ein Papier wickelte, ſich in einen ſchwarzen Frack wer⸗ fen und ein anderes Halstuch anziehen, war das Werk einer Viertelſtunde, und ehe noch eine zweite verfloſſen war, meldete einer der Domeſtiken, die Tags zuvor mit der Berline des Herrn von Ge⸗ nancourt im Park geweſen waren, im Salon des Gerichtshofspräſidenten einen Fremden an, der ſich Vicomte von Puyſeul nannte. Solche, welche den Beweggrund dieſes Beſuchs, und was dabei vorgefallen, wiſſen möchten, werden ihre Neugierde befriedigt finden durch nachſtehenden Brief, den der junge Mann, ſobald er wieder in der Wohnung ſeines Wirths angelangt war, ſchrieb. Dieſer Brief, der auf ſatinirtes und mit einem Wappen geſchmücktes Papier geſchrieben war, ging an die Marquiſe von Chateauferry ab, eine ſehr geiſt⸗ und einflußreiche Dame des Faubourg St. Germain, eine jener allerliebſten Frauen, die das Talent haben, anſtatt vierzig erſt dreißig Jahre alt zu ſein, und zuweilen die vertraulichen Mittheilun⸗ gen eines faſhionablen Cavaliers wie Puyſeul nicht mit allzu grauſamer Sprödigkeit zurückweiſen. „Lieber Engel! Hier das erſte Bülletin meiner Campagne: ich beeile mich, es Ihnen zu ſchicken, nicht weil ich glaube, es ſei daſſelbe von großer ſon⸗ 36 dern weil mir dadurch das Glück wird, mich bälder mit Ihnen zu unterhalten. Sieben Tage der Tren⸗ nung! Sieben Tage! ſage ſieben Tage! Gerade ſo viel Zeit, als nöthig war, um eine Welt ins Da⸗ ſein zu rufen! Schon verfalle ich wieder in jene Sünde zärtlicher Sehnſucht, die Sie mir ſo ſtreng verboten; aber wie ſüß iſt ſie nicht, während ſie mich mit Traurigkeit erfüllt! Verzeihen Sie mir, ich will dem Geſetze gehorchen, das Sie meiner Liebe auferlegt, und will Ihnen über den Stand meiner Angelegenheiten berichten, anſtatt Sie mit meinen Gefühlen zu behelligen. Ich weiß, es ver⸗ langt Sie mehr, Neues zu hören, als von Gefüh⸗ len zu leſen, die Ihnen nicht zweifelhaft ſind. Ich fahre alſo im diplomatiſchen Depeſchenſtyl fort. Geſtern Abend zu Dijon angekommen, habe ich eben die Genancourts, Vater, Mutter und Tochter, geſehen. Ihr Brief iſt ein wunderthätiger Ferman geweſen, der mir alle Thüren geöffnet, Aller Lächeln und die Ehren eines Lehnſeſſels mir zugewandt hat, welcher, ſo wahr Gott lebt, größer iſt als der Ihrer Tante von Miremont. Durch Ihre liebenswürdige Em⸗ pfehlung bin ich alſo in die Familie der Braut in ebenſo paſſender als regelmäßiger Weiſe eingeführt worden. Herr von Genancourt iſt ein ſchöner, gerader, ernſter, trockener, gepuderter Greis, von Kopf bis zu Fuß Präſident und ganz gewiß aus dem Holze geſchnitten, woraus hundertjährige Leute gemacht werden: ſo viel über das Phyſiſche. Was ſeine geiſtige Seite betrifft, ſo iſt er höchſtens um fünfzig Jahre zurück; er iſt weder Royaliſt, noch Liberaler, — Nv w* — —* NM—— 8— — NM***—— — — e t e 8 37 noch Doctrinär, ſondern, wenn Sie wollen, Par⸗ lamentsmann. Das iſt ſein Lieblingsgaul, und den habe ich, wie Sie ſich leicht denken können, auf der Stelle beſchritten, als ich die Ohren hervorgucken ſah, und ſo haben wir denn mit einander über Meaupou losgezogen und Ludwig XV. getadelt, wäh⸗ rend wir dabei zugaben, daß unter den jungen, mit den Unterſuchungen betrauten Parlamentsräthen auch etliche Hitzköpfe geweſen ſeien. Was die königlichen Appellhöfe betrifft, ſo haben wir ſie unwiſſend und plebejiſch gefunden; jene engliſche Erfindung aber, welche Geſchwornengericht genannt wird, hat es ſich gefallen laſſen müſſen, von Herrn von Genancourt für eine ächt polniſche Wirthſchaft erklärt zu werden. Der Präſident öffnete dabei majeſtätiſch ſeine Ta⸗ baksdoſe, und ich wiederholte, indem ich auf die Gefahr hin, nieſen zu müſſen, eine Priſe nahm, wo möglich in noch verächtlicherem Tone: Ganz richtig, eine ächt polniſche Wirthſchaft. Ferner müſſen Sie wiſſen, daß ich vor dieſem erſten Beſuche, nach⸗ dem ich hier an Ort und Stelle die genaueſten Erkundigungen eingezogen, meinen Schnurrbart un⸗ barmherzig geopfert, mich wie zu einer Beerdigung ſchwarz gekleidet, die Vorzüge meiner Geſtalt durch ein weißes Halstuch noch mehr hervorgehoben, mit einem Worte, eine Procuratorstoilette gemacht habe, worin ich in dieſem Augenblicke noch ſtecke, und welche die Prüfung einer noch ſo ſtreng über Cere⸗ monien und Anſtand haltenden Wittwe auszuhalten vermöchte. Urtheilen Sie ſelbſt, ob ich etwas un⸗ terlaſſen, um die Eroberung des würdigen Präſi⸗ denten zu machen. 38 Was Ihre Couſine betrifft, ſo habe ich in ihr keine ſolche Gräfin von Escarbagnas gefunden, wie ich nach Ihren ſpöttiſchen Mittheilungen erwartet. Es iſt eine recht ehrenwerthe Schwiegermutterfigur; etwas Mageres und Langes, was in einem blätter⸗ gelben Peignoir ſteckt, von einem planſchettartigen und mit einer gewiſſen Anzahl von Blätterchen ver⸗ ſehenen Geſicht und einer falſchen Haartour über⸗ ragt wird: kurz, eine Schwiegermutter, die den andern gleich ſieht! Nach Verfluß von einer halben Stunde, und aus Anlaß der Verwandtſchaft zwiſchen ihr und Ihnen, hot dieſe reſpectable Couſine mir mitgetheilt, wie ſie ſelbſt, trotzdem daß Herr von Genancourt einer adeligen Familie vom Richterſtande angehöre, von jenem Adel ſei, der dem Lande ſtets mit dem Degen gedient, und daß dieſer viel edler ſei als der Gerichtsrock, ſei zu keiner Zeit beſtritten worden; ihre Familie, ich will ſagen ihr Haus, führe in geviertem Schilde Wappen und Farben derer von Charny, und verſenkt das Wappen derer von Granſon! die kleine Glocke derer von Granſon verſenkt!!! Ich natürlich habe mich hier verbeugt, wie vor dem Glöckchen der Hoſtienerhebung; ja ich hätte ein Kreuz geſchlagen; in Anbetracht aber, daß ich ſelbſt das Glück habe, dem Kriegsadel anzuge⸗ hören, und, ich weiß nicht in welchem Felde meines Wappenſchilds, ein ganzes halbes Dutzend kleiner fliegender Beſtien, Krametsvögel oder Spatzen, zu beſitzen, die wir unter uns für die ſtumpfſchnäbeligen Adler derer von Montmorency ausgeben, habe ich mit der Miene eines erſten chriſtlichen Barons den Kopf gar bald wieder in die Höhe gehoben und 39 von Wappen, und was daran und darum hängt, in einer Weiſe geſprochen, daß ein Cherin oder d'Hozier, wenn er mich gehört hätte, eine Gänſe⸗ haut bekommen haben würde. So konnte es denn nicht fehlen, daß die Frau Präſidentin mich, den nicht dem Gerichts⸗, ſondern dem Kriegsadel An⸗ gehörigen, ebenſo gelehrt als liebenswürdig fand, und daß ich ihr als ein in allen Stücken wohler⸗ zogener, feingebildeter und untadelhafter Edelmann erſchien. Was nun endlich Fräulein Alphonſine betrifft, ſo hat ſie meine Erwartungen weit übertroffen. Da ſie von Ihnen gewählt war, ſo durfte ich mich auf eine Häßlichkeit gefaßt machen, welche die Eiferſucht zu entwaffnen geeignet war, die Sie ſo liebens⸗ würdig ſind, mir zu bezeigen. Die Häßlichkeit iſt nun zwar da; allein iſt ſie von jener Art, die einem Verliebten nicht gefallen kann, ſo hat ſie doch für einen Gatten nichts allzu Demüthigendes; es iſt, damit ich's kurz mache, eine anſtändige Häßlichkeit, der man es anſieht, daß ſie in der Race liegt, und die eine Phyſiognomie bildet, welche einer Hausfrau, wenn man ihr bei Tiſche oder in einem Wagen gegenüber ſitzt, nicht allzu übel anſteht. Fräulein von Genancourt hat in ihrem Aeußern viel von ihrer Mutter; es ſind zwei Wellingtons⸗Geſichter, halb Adler, halb Schaaf. In dem jedes Jahr ſpitziger werdenden Profil der Präſidentin fängt der Raub⸗ vogel an vorzuherrſchen, aus Fräulein Alphonſinens Zügen aber ſchaut noch das Lamm heraus. Daß ich zu Ende komme, will ich alſo ſagen, daß das, was ich hier geſehen, mir zwar nicht gefällt, aber 40 doch convenirt; mein Verſtand hat bereits das Ja⸗ wort geſprochen; was mein Herz betrifft, ſo ſagt es immer und wird es immer Nein ſagen zu Allem, was nicht Ihre Perſon iſt. Indem ich Ihrem von der uneigennützigſten Theilnahme dictirten Rathe folge; indem ich mich einer Sclaverei füge, welche meine Lage verbeſſert und meine Zukunft feſtſtellt, bringe ich das peinlichſte aller Opfer. Was mich allein ein wenig zu tröſten vermag, iſt das, daß Sie mir das Recht zuerkennen, ſtets Ihnen, Ihnen allein zu gehören, vielgeliebter Engel. Ich habe Ihnen den Eindruck geſchildert, welchen die Familie Genancourt auf mich gemacht; was den betrifft, den ich ſelbſt hervorbringen wollte, ſo glaube ich ohne alle Geckerei, nicht allzu ſehr mißfallen zu haben. Sie hatten mir die Mittel gegeben, womit ich reüſſiren konnte, und ich habe mich beſtrebt, mich Ihrer Güte würdig zu zeigen. Ich bin Diplomat, einſchmeichelnd, zuweilen ſogar ein bischen Gaukler geweſen; lachen Sie nicht, dem Präſidenten zulieb habe ich die rothe Robe angelegt, und um der Präſidentin zu gefallen, den rothen Abſatz gezeigt; ſicherlich könnte ich bei ihnen nicht beſſer angeſchrieben ſein, als ich es bereits bin. Nun aber iſt erſt noch die wichtigſte Eroberung zu machen— jene Eroberung, ohne welche die andern nichts ſind, ich meine die Fräulein Alphonſinens. Zweifeln, daß ich ihr nicht werde zu gefallen wiſſen, hieße Sie beleidigen, theuerſte Clementine; ich ver⸗ danke Ihnen ein zu glorreiches Glück, als daß Be⸗ ſcheidenheit oder Furcht mir geſtattet wäre. Welche Eroberung könnte auch den mit Beſorgniß erfüllen, 41 zu dem Sie geſagt: Ich möchte Königin von Frank⸗ reich ſein, um Sie zu meinem Gatten zu wählen! „Kurz, mein erſter Tag befriedigt mich durch⸗ aus; auf morgen bin ich zum Eſſen eingeladen, und nach demſelben ſoll ich dieſe Damen auf ich weiß nicht welche Promenade begleiten. Nun aber auch die Kehrſeite der Medaille und das Kapitel der Schwierigkeiten! Als reiche Erbin hat Fräulein von Genancourt, wie Sie ſich leicht denken können, kei⸗ nen Mangel an Männern, die ſchmachtend zu ihr aufblicken; der gefährlichſte aber, von dem man Ihnen nichts geſagt, iſt zufällig ein guter Freund von mir, ſeines Gewerbes Magiſtrat. Er iſt außer⸗ dem ein durchaus ehrlicher Burſche. Gerade bei dieſem nun habe ich mich drolliger Weiſe einquartirt, ganz ſo wie eine kopfloſe Mücke ſich in die Voluta des Ameiſenlöwen wirft. Glücklicher Weiſe ſehe ich alle ſeine Karten, während er nicht entfernt ahnt, welches Spiel ich ſpiele; aber er hat ſchon ge⸗ waltig viele Points voraus, und ihn zu verdrängen, ſcheint mir eine überaus riskirte Geſchichte. Und da ferner nie ein Unglück allein zu kommen pflegt, ſo ſchwebt in dieſem Augenblicke ein anderes Da⸗ moklesſchwert über meinem Haupte; vielleicht ſollte ich Nadel ſagen, da es ſich um eine weibliche Ka⸗ taſtrophe handelt. Sie beklagen mich darum wohl nicht, denn ich weiß, daß Frauenzimmer für ſol⸗ cherlei Unglücksfälle kein Mitleid kennen; und doch iſt meine Lage kritiſch und mein Schrecken nicht ge⸗ ring. Urtheilen Sie ſelbſt, ob meine Beſorgniſſe aus der Luft gegriffen ſind. „Erinnern Sie ſich noch, theuerſte Clementine, ————— 42 einer jungen corſiſchen Heldin, der ich einſt das Unglück hatte, eine jener fabelhaften Paſſionen ein⸗ zuflößen, wie man ſie faſt nur in Romanen findet? Ich meine die hübſche Juwelenhändlerin vom Bou⸗ levard Montmartre, Paola, oder, wenn Sie lieber wollen, Frau Limouroux und Compagnie, wie Sie in Ihrer ariſtokratiſchen Boshaftigkeit ſie zu nennen beliebten. Dieſe ſchöne Inſulanerin hat Ihnen ſelbſt der Aufregung genug verurſacht, um bei Ihnen ein bleibendes Andenken zurück zu laſſen, und ich ſehe von hier das verächtliche und zugleich furchterfüllte hübſche Mäulchen, zu dem Ihre Lippen ſich geſtal⸗ ten, indem Sie dieſen Namen leſen. Sie können unmöglich vergeſſen haben, wie ſie uns beide ver⸗ folgte, als ſie erfuhr, daß ich in Ihren Ketten liege; es müſſen Ihnen die Flammenaugen noch gegenwärtig ſein, welche durch das Ochſenauge Ihrer Opernloge blickten, ſowie die Scheiben Ihres Coupé, welche im Boulogner Wäldchen durch einen gut ge⸗ führten Schlag ihrer Reitpeitſche in Trümmer fielen. Wohlan! dieſe wüthende Amazone, dieſe Tigerin, dieſer kleine Dämon iſt dermalen hier! Ohne Zweifel hat ſie durch ihre Spionen, von denen ich auf allen meinen Tritten und Schritten bewacht bin, meine Heirathsprojecte erfahren, und nun verfolgt ſie mich, in recht tragiſcher Weiſe als Mann ver⸗ kleidet, und während ſie in einer Taſche mein zu einem Beliſar umgewandeltes Porträt trägt, hat ſie ohne Zweifel in der andern einen hübſchen klei⸗ nen Dolch, womit ſie mich in aller Gemüthlichkeit am Fuße des Altars und in den Armen Fräulein von Genancourt's aus dieſer Welt zu ſpediren ge⸗ 43 denkt. Und Sie glauben, ich habe keine Urſache, vor Furcht zu verkommen, und ich ſei nicht hin⸗ reichend geſtraft für die Sünde, daß ich mich mit einer Perſon von ſolcher Geburt eingelaſſen— eine Sünde, die Sie mir in ſo höhniſch ſtolzer Weiſe vorgeworfen? Es iſt wahrlich nicht zu verkennen, daß die Weiber zwei kleine Fehler haben, die man, oder wenigſtens ich, ihnen nicht verzeihen kann: ſie wollen nie anfangen und nie aufhören; nachdem ſte uns zuerſt ihre Tugend auferlegt, quälen ſie uns mit ihrer Liebe. Ein zweifacher Egoismus! Nur iſt der letztere der fatalere; denn beſſer iſt am Ende eine Grauſamkeit, die Einem die Thüre weist, als eine Anhänglichkeit, die Einen in Feſſeln hält. Verzeihen Sie mir dieſe Expectoration, lieber Engel; Sie werden davon nicht betroffen, da Sie eben jetzt eine ſo großmüthige Ausnahme machen von dem allzu ſtarken Egoismus, den ich Ihrem Geſchlechte vorwerfe; Sie, die vor mir die Noth⸗ wendigkeit begriffen, welche das Intereſſe meiner Zukunft mir auferlegt. Aber Frau Limouroux!— denn fortan werde ich ſie nur noch Frau Limouroux nennen,— kann es etwas Corſiſcheres geben als ihr Benehmen? Schon zur Zeit meiner Irrthümer hat ſie durch ihre Unbeſonnenheiten mich wohl zehn Mal um ein Haar in die Lage gebracht, mit ihrem ehrenwerthen Gemahl mich ſchlagen zu müſſen, der gewiß der vom Teufel der Eiferſucht geplagteſte Induſtrielle iſt, den ich kenne. Ueber ein holbes Jahr hat der Alp eines drohenden Duells mit Herrn Limouroux auf mir gelaſtet.—„Ein Duell hat im Boulogner Wäldchen ſtattgefunden, zwiſchen 1 1 — 44 dem Herrn Vicomte von Puyſeul und Herrn Li⸗ mouroux, einem Juwelenhändler.“— Jede Nacht ſtanden dieſe gräßlichen Zeilen in feurigen Buch⸗ ſtaben vor mir. Ein Duell mit einem feiſten Männ⸗ chen, das auf den Namen Limouroux geht und deſſen Zeugen ohne Zweifel Patouillard und Rigo⸗ neau hießen! Können Sie ſich, liebwertheſte Mar⸗ quiſe, all' das Gräßliche einer ſolchen Kataſtrophe vorſtellen? Sieger oder beſiegt, wäre ich, ich ſchwöre es Ihnen, ein Mann des Todes geweſen, und eben die Furcht, mich in ſo widerwärtiger Weiſe lächer⸗ lich zu machen, iſt es, die mich von meiner corſiſchen Paſſion geheilt hat; aber mache man das einer Frau begreiflich! Ich kenne das jähzornige Weſen und die nervöſen Wuthausbrüche der Juwelenhändlerin; da ſie zu Dijon iſt, ſo hat ſie ohne Zweifel etwas vor, und um ihr Vorhaben auszuführen, wird ihr kein Streich verrückt genug ſein. Sehen Sie, wie ſie am Tage, wo der Heirathscontract unterzeichnet wird, zu Herrn von Genancourt hereinſtürzt, und ſehen Sie, wie ich, Pourceaugnac's Rolle erneuernd, zwiſchen einem Weib von Saint⸗Quentin und einem von Pezenas ſtehe? Ich ſage Ihnen, Clementine, wenn ich nur an ſo etwas denke, ſtehen mir die Haare zu Berge. Ja, lieber möchte ich mich einem libyſchen Löwen gegenüberſehen....“ 45 Iv. Dieſe ſeine klägliche piſtel ſchrieb Puyſeul im Cabinet des königlichen Procurators. In dem Augen⸗ blicke, wo die Worte:„mich einem libyſchen Löwen gegenüberſehen,“ ſich auf dem Papiere bildeten, ging die Thüre auf, und da bemerkte er in dem üͤber dem Schreibtiſche angebrachten Spiegel einen dicken, unterſetzten Mann, der beim Hereintreten den Rücken des Schreibenden ſehr ehrerbietig grüßte. Beſtaubt, erhitzt, und keuchend wie ein Cabinets⸗ courier, der, ohne auszuruhen, eben hundert Stun⸗ den zurückgelegt, kam die eingetretene Perſon von Bückling zu Bückling bis in die Mitte des Zimmers, wo ſie ſtehen blieb. Hier richtete ſie ſich in ihrer ganzen Höhe auf und ließ ein Geſicht ſehen, das ebenſo rund, jedoch feuriger war als der Mond, und worauf ſich alsbald die außerordentlichſte Un⸗ ruhe malte. „Meine Frau!“ brüllte er, auf Puyſeul zu⸗ ſtürzend, mit dem Organ eines Muſico. „Herr Limouroux!“ rief der junge Mann in einem Tone, der bei Weitem nicht ſo tragiſch war. „Meine Paola. elender. Verführer.. gib mir meine Paola zurück!“ hob mit halb erſtick⸗ ter Stimme der Gatte wieder an, deſſen Wangen bei jedem Worte mehr und mehr purpurroth wur⸗ den, während die Augen ihm aus den Höhlen treten zu wollen ſchienen. „Ruhe, beſter Herr Limouroux, ſonſt könnte es einen Schlag geben.“ ——— 46 Bei dieſen mit unvergleichlicher Kaltblütigkeit geſprochenen Worten blieb der eben eingetretene Mann, wie an den Boden feſtgenagelt, ſtehen. Still ſchloß ſein Mund ſich wieder, und es ſuchten ſeine Augen einen Stuhl. Puyſeul ſchob ihm einen Lehnſeſſel hin, und ohne daß der Mann Schwierig⸗ keiten machte, ließ derſelbe ſich darauf nieder. „Marangeot,“ ſprach der Vicomte, nachdem er geklingelt,„bringen Sie dem Herrn ein Glas Zucker⸗ waſſer und Pomeranzenblütheſſenz. Oder wollen Sie lieber etwas Anderes, beſter Herr Limouroux? Geniren Sie ſich gar nicht: Sie ſind hier zu Hauſe.“ „Wenn es möglich wäre, ein Glas Bier,“ mur⸗ melte der Juwelenhändler, ſein Halstuch auszu⸗ ziehen ſuchend und mit der ergebungsvollen Sanft⸗ muth eines Schafes, das in den Händen des Schläch⸗ ters iſt. Das furchtbare Wort„Schlag“ hatte ihn wie ein Blitzſtrahl getroffen. Nun aber war der Vicomte ein durchaus wohl⸗ erzogener junger Mann, der da wußte, welche Rückſichten man Ehemännern ſchuldet. Er löste alſo mit ſelbſteigener Hand den Knoten des um den Hals des Gatten gewundenen Foulards, füllte dann ein Glas, präſentirte es ihm und hob, während der ehrſame Juwelenhändler trank, in graziöſem Tone wieder an: „Es iſt Straßburger Bier, das vor dem des Café des Panoramas weit den Vorzug verdient. Ich ſehe mit Vergnügen, daß es Ihnen mundet, und da Sie nun ruhiger geworden, ſo wollen wir ein vernünftiges Wort mit einander reden. Aus 47 Ihren Worten, ſowie aus Ihrem Zuſtande muß ich ſchließen, daß Ihnen etwas Unangenehmes be⸗ gegnet iſt. Ohne Zweifel hat es Frau Limouroux gefallen, das eheliche Domicil mit Dijon zu ver⸗ tauſchen, und da Sie zufällig mich hier ſehen, ſo ſind Sie wieder von dem ungerechten Argwohn er⸗ füllt, welchen boshafte Leute voriges Jahr Ihnen einzuflößen gewußt. Vor Allem muß ich ſchon in ihrem Keim Zweifel zerſtören, die für eine achtungs⸗ werthe Frau ſo beleidigend ſind. Ich gebe Ihnen alſo mein Ehrenwort, daß ich ſeit meiner Abreiſe von Paris Frau Limouroux mit keinem Auge ge⸗ ſehen, ſowie daß ich um den neueſten Schritt, den ſie gethan, auch nicht entfernt gewußt.“ „Ihr Ehrenwort, ſagen Sie?“ wiederholte der Gatte, nach Art eines Meerſchweines blaſend und ſein Glas auf ein Tiſchchen ſtellend. „Hoffentlich genügt Ihnen dieſe loyale Erklä⸗ rung,“ hob Puyſeul wieder an;„nicht nur trage ich nicht die entfernteſte Schuld an dem Unglück, das in dieſem Augenblicke über Sie gekommen zu ſein ſcheint, ſondern ich ſchwöre Ihnen auch, daß wenn ich ir⸗ gend ein Mittel wüßte, Ihnen zu beweiſen, welchen Antheil ich an Ihrem Mißgeſchicke nehme, und Ihnen von einigem Nutzen zu ſein, ich es mit größter Bereitwilligkeit ergreifen würde.“ „Ach, Sie ſind allzu gütig!“ gab Herr Limou⸗ roux zurück, von der Aufrichtigkeit ſeines Gegen⸗ redners beinahe überzeugt. „Sie dürfen nicht vergeſſen, daß ich mich in Bälde in den heiligen Stand der Ehe begebe,“ fing Julius in ſympathetiſchem Tone wieder an;„und 48 muß man ſich nicht gegenſeitig unterſtützen, wenn man zu einer Zunft gehört?“ „Wie, der Herr Vicomte heirathet!“ ſprach der Juwelenhändler, deſſen induſtrielle Ohren ſich plötz⸗ lich ſpitzten;„und ohne Zweifel braucht da der Herr Vicomte auch einen Schmuck als Brautgeſchenk für die künftige Frau Vicomteſſe; ich will mich Ihnen dafür beſtens empfohlen haben, Herr Vicomte; ich wage zu behaupten, daß Franchet nichts Beſſeres fabrizirt, als was mein Haus zu bieten vermag; Perlen vom ſchönſten Waſſer...., Diamanten erſter Auswahl. Ich habe aus Böhmen eigens einen Künſtler verſchrieben, das Schleifen verſteht man nur in Böhmen, Herr Vicomte.. Eine Frau, die ich anbete, mich ſo behandeln! O! Poola! Paola!“ rief plötzlich der ſchwerbedrängte Juwelen⸗ mann und ſank auf ſeinem Stuhle zuſammen. Puyſeul ging mit einer Miene tiefen Nachden⸗ kens mehrere Male im Cabinete auf und ab. „Nun, ermannen Sie ſich!“ ſprach er endlich, vor dem Lehnſeſſel ſtehen bleibend, wo der un⸗ glückliche Gatte jammerte.„Ich will Ihnen dienen, jedoch unter einer Bedingung: Sie müſſen mir vor Allem verſprechen, ein für alle Mal jener abge⸗ ſchmackten Eiferſucht den Abſchied zu geben, die Sie irre führt und Ihren häuslichen Frieden ſchon mehrmals geſtört hat. Ich möchte wetten, die. wie ſoll ich nur gleich ſagen?.... die kleine Un⸗ beſonnenheit der Frau Limouroux hat irgend eine lumpige Discuſſion, keineswegs aber eine That⸗ ſache, worunter Ihre Ehre leiden könnte, zum Grunde. Ganz gewiß iſt dem alſo und thun Sie „ 49 Ihrer Gattin Unrecht. Sagen Sie mir einmal aufrichtig, ob Sie mit Ihrer Gattin vor deren Ab⸗ reiſe nicht dieſen oder jenen kleinen Streit gehabt. Sie wiſſen ja, eine Bagatelle reicht oft hin, um eine Frau außer ſich zu bringen. Das Weibervolk iſt ſo gar kurios, ſo gar empfindlich.“ „Aber, Herr Vicomte, ich thue ja Alles, was ſie will, was ich ihr an den Augen abſehe... und ſo weit geht dieß, daß ich oft über meine Charakter⸗ loſigkeit erröthe.... es müßte denn die Luſtpartie nach Montmorency ſein, die ſie mit ihrem Vetter Lancival unternommen und der ich mich widerſetzt habe.“ „Ah! nun haben wir es ſchon: mehr braucht es nicht. Es wird Frau Limouroux eben bei ſich geſagt haben: Ah! mein Mann will mich nicht nach Montmorency gehen laſſen, nun, ſo gehe ich nach Dijon; ein weiblicher Staatsſtreich, beſter Herr Limouroux, weiter nichts.“ „Und dann hat ſie auch eine Tante in Lyon.“ „Ja, ja, ja ja, nichts Einfacheres als dieſe Reiſe; denn will man von Paris nach Lyon gehen, ſo führt der angenehmſte Weg durch Burgund. Wie Sie ſehen, ſo erklärt ſich Alles auf die natürlichſte und befriedigendſte Weiſe von der Welt. Ja, ja, ich bin vollkommen überzeugt, daß Frau Limouroux zu ihrer Tante ging.“ „Die Sache beim Licht beſehen, malte ich viel⸗ leicht ohne allen Grund den Teufel an die Wand; und dann werde ich wohl zu ſtreng, zu lächerlich geweſen ſein: ſie iſt ſo empfindlich! Zum Henker mit meiner Pedanterie!“ Bernard, Ausgew. Erzählungen. IP. 4 50 Hier hob Herr Limourbux ſeine Karpfenäugchen zur Decke des Zimmers empor und ſchenkte ſich ein drittes Glas Bier ein, um den Alp vollends ab⸗ zuſchütteln, den die Worte ſeines Gegenredners all⸗ mählig beſeitigten. Puyſeul durchmaß noch ein Mal das Zimmer, um ein Lächeln beſſer zu verbergen, deſſen er nicht mehr Herr zu werden vermochte. „Und wenn man Ihnen nun,“ hob er, auf's Neue ſtehen bleibend, wieder an,„ein Mittel an die Hand gäbe, wie Sie Frau Limouroux wieder finden könnten, wie würden Sie ſich gegen ſie be⸗ nehmen?“ „Ei! Herr Vicomte, ich liebe ſie!“ antwortete der Juwelier mit einer Zerknirſchung, welche alle weitere Verſicherung ehelicher Milde überflüſſig machte. „Was wollten Sie denn aber beim königlichen Procurator von Dijon ſchaffen?“ hob Julius wie⸗ der an, ſo politiſch wie ein Diplomat, der bei einer Unterhandlung auch nicht einen Punkt im Dunkeln laſſen will. „Von Lancival weiß ich, daß ſeine Couſine ſich ſeinen Paß auf pfiffige Weiſe zu verſchaffen ge⸗ wußt, und dieß hat mich auf die Spur gebracht. Ich habe alle Urſache zu glauben, daß ſie jetzt zu Dijon iſt, nur weiß ich nicht, wo ſie logirt. Wohl oder übel muß ich mich an die Juſtiz wenden, um Näheres zu erfahren und einen Befehl auszuwirken, der meine Gattin in's eheliche Domizil zurückführt.“ „Ein ſchlechtes Mittel das, lieber Herr; glau⸗ ben Sie mir, die Juſtiz iſt hier nicht competent; Alles das geht ſie von Haut und Haaren nichts 51 an. Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie gegen Frau Limourour nicht roh verfahren, daß Sie mit ihr ſich ausſöhnen, daß Sie ſie nach Paris mitnehmen wollen, ſo ſage ich Ihnen, wo ſie iſt.“ Mit der Raſchheit jener Stehaufchen, die aus einer Tabaksdoſe dem verblüfften Schnupfer an die Naſe fahren, ſprang der Juwelier von ſeinem Lehn⸗ ſeſſel auf. „Wie! wiſſen Sie wo ſie iſt?“ rief er mit hei⸗ ſerer Stimme. Die Erwürgung fing wieder an, Puyſeul aber leerte die Flaſche in das Glas hinein, das er dem leidenſchaftlichen Gatten hinbot. „Schon wieder wollen Sie den Othello ſpielen?“ ſagte er lachend;„glauben Sie denn, ich würde Ihnen das Mittel an die Hand geben, Frau Li⸗ mourour wieder zu bekommen, wenn ich, wie Sie argwohnen, in ſie verliebt wäre?“ „Ja, Sie haben Recht,“ antwortete der Ju⸗ welier, dem dieſes Räſonnement des Vicomte ein⸗ leuchtete;„wo iſt ſie? Sagen Sie mir es. Ich ſchwöre Ihnen bei Allem, was heilig ſein kann, daß ich ihr kein unſchönes Wörtchen geben will: ſie kehre mit mir nach Paris zurück, vann ſoll Alles ver⸗ geſſen ſein und bleiben.“ Puyſeul nahm den Hut ſeines Gegenredners und ſprach, denſelben ihm hinbietend:„Gaſthaus zum Rothen Hut,— Numer 11, die Treppe links, hinten im Hof, erſter Stock;— klopfen Sie drei Mal an.“ Zu gleicher Zeit riß Herr Limouroux Augen und Mund auf, und zwar in ihrer z 52 dehnung; einen Laut aber zu articuliren, vermochte er ſchlechterdings nicht: es war, als ob er die Gabe der Rede verloren hätte. „Sie dürfen nicht ſo ſtaunen, daß ich Alles weiß,“ hob der junge Mann, um jede Bemerkung im Voraus abzuſchneiden, wieder an;„wir ſind hier im Heiligthum der Juſtiz, und der iſt nichts verborgen. Glückliche Reiſe, mein beſter Herr! Vor Allem aber ſeien Sie ja recht ſanftmüthig gegen Ihre Frau, ich will es Ihnen nochmals auf's Herz gebunden haben.— Und damit ich's nicht vergeſſe, ſollten Sie einen hübſchen Perlenſchmuck haben, der für Frau von Puyſeul paßt, ſo behalten Sie ihn für mich.“ „Unendlich verbunden„ Herr Vicomte,— nie werde ich vergeſſen...— Die arme Paola, wird die eine Aufregung bekommen!— Perlen erſter Auswahl!“ ſtammelte der Juwelier, indem er die ihm von Puyſeul gereichte Hand krampfhaft ſchüttelte. Als der Ehemann hinaus war, ſtellte ſich der Vicomte an's Fenſter. „Der ächte Schlag eines Ehemannes!“ ſprach er bei ſich ſelbſt, indem er mit dem Auge Herrn Limouroux folgte, der mit aller Geſchwindigkeit, deſſen ſo kurze Beine fähig waren, auf das Gaſt⸗ haus zum Rothen Hut losſchritt. Dann fuhr Julius plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, und laut lachend ließ er ſich in einen Lehnſeſſel fallen. „Und der naive Kerl von einem La Rochette, der eben jetzt ſeine erſte Liebesſache plaidirt! Nun kann er, der ſo ſehr auf Abenteuer ausgeht, ſich . 53 gewiß nicht beklagen: er bekommt eines, wie er es ſich nicht beſſer wünſchen könnte! Nichts fehlt dazu, da nun auch der Herr Ehegemahl dazu kommt.“ F. Als Herr de la Rochette ſeinen unehrlichen Freund verließ, hatte er trotz der mit ſo großer Zuverſichtlichkeit ausgeſprochenen Abſicht ſich nicht auf dem kürzeſten Wege nach dem Gaſthauſe zum Rothen⸗Hut begeben. Solche, denen noch einige Erinnerungen geblieben ſind an die mit Furcht ge⸗ miſchte Aufregung eines erſten Stelldicheins— eine Aufregung, worüber man erröthet, ſo lange man ſie verſpürt, nach der man ſich aber zurückſehnt, ſobald man dagegen abgehärtet iſt: ſolche werden den Kleinmuth des Magiſtrats,— ſolche werden ſeine ſchülerhafte Verwirrung begreifen, als er zu wiederholten Malen vor dem Hauſe auf und ab ging, das die ſeine Gedanken erfüllende Frau be⸗ wohnte; ſolche werden endlich die unwillkürliche Strangulation, jene Neulingscravate ſich vergegen⸗ wärtigen können, die wir alle wenigſtens ein Mal getragen, und die im entſcheidenden, gefahrvollen Augenblicke ſeiner Beredſamkeit den Ausgang zu verſperren drohte. Nachdem der königliche Procura⸗ tor ſeine verliebte Feigheit vom Ständehauſe bis zum St. Wilhelmsthor getragen; nachdem er die alten Weiber ſcandaliſirt, welche vor dem Miſſions⸗ kreuz an dieſem Thore knieten; nachdem er einige 54 profane Paare unter den einſamen Schatten der Arquebüſe geſtört und die in der St. Benignuskirche ſich befindenden Grabmäler maſchinenmäßig ange⸗ ſchaut und wieder angeſchaut, zog er zum zwanzig⸗ ſten Mal ſeine Uhr heraus. „Drei Viertel auf ſieben Uhr,“ ſprach er bei ſich ſelbſt:„ich habe noch nicht geſpeist und ohne Zweifel wartet Puyſeul auf mich. Mag er immer⸗ hin warten! Leichter zu ertragen iſt der Hunger als die alberne Aufregung, die ſeit vier Stunden mich im Kreiſe herumtreibt, als wäre ich ein Eich⸗ hörnchen in einem Käfig. An der Table d'Hote muß das Diner nun vorüber ſein; es iſt jetzt der Abend da: der Augenblick iſt günſtig, das kommende Dun⸗ kel macht die Seele zärtlichen Eindrücken zugänglich, und ich habe jetzt nicht mehr zu fürchten, daß ein unzeitiger Appetit dieſe Schöne an Dinge gemahnt, die meiner Liebe nachtheilig ſein könnten. Was mich betrifft, ſo bin ich glücklicher Weiſe nüchtern; denn in dieſem Augenblicke, ich fühle es, würde ein weich geſottenes Ei mich erſticken. Noch zehn Mi⸗ nuten bis ſieben; um ſieben im Rothen Hut, ſonſt bin ich in meinen eigenen Augen entehrt.“ Dieſer ſchöne Entſchluß blieb nicht ohne Wirkung. Genau in dem Augenblicke, wo es auf der Uhr der Kathedrale ſieben Uhr ſchlug, drang Herx de la Rochette in das Gaſthaus ein, nicht zwar in der achtunggebietenden und feierlichen Weiſe eines Ma⸗ giſtrats, deſſen Erſcheinung Ehrfurcht und zuweilen Angſt einflößt, ſondern in der verſtohlenen, ſcheuen Weiſe eines Fuchſes, der in einen Hühnerſtall ſich einſchleicht. Durch die Berichte der Polizei mit dem V 8* 5 2* 8 N —— — S S„— — S 8 N ———— 5 S Neſte bekannt, wo die hübſche Wandertaube ſich verbarg, ſchritt er, ohne mit jemand ein Wort zu ſprechen, über den Hof hin, ſtieg die zur Linken befindliche Treppe hinan und ſtand bald vor einer kleinen mit Numero 11 bezeichneten Thüre. Hier blieb er einen Augenblick ſtehen, um wieder Athem zu holen und ſich neuen Muth einzuſprechen; er nahm den Hut ab, trocknete ſeine ſchweißtriefende Stirn und machte aus ſeinen Fingern einen Kamm, um ſeine durch die Mühen des Amts grlichteten Locken in ihrer ganzen Ueppigkeit durch einander zu werfen; ſodann wichste er ſich die Stiefeln mit ſei⸗ nem Foulard und ſchnürte ſeine Weſte enger, damit ſie eine für einen Don Juan etwas zu volle Taille in graziöſerer Schweifung umſchließen möchte. Nach⸗ dem auch dieß gethan war, ſuchte. er den Feind zu recognosciren, indem er das Auge in das Schlüſſel⸗ loch drückte; aber ach! es ſtak drinnen der Schlüſſel, ſo daß er nichts ſehen konnte. Nun horchte er, ohne aber glücklicher zu ſein, denn Alles, was er hören konnte, beſchränkte ſich auf das ſchnellere Pochen ſeines Herzens. „Der Würfel iſt gefallen,“ ſprach er enblich bei ſich ſelbſt,„der Rubicon iſt überſchritten!“ Mit der plötzlichen Keckheit eines Jünglings, der augenblicklich Muth in ſich verſpürt und dieſen Moment nützen will, klopfte er ſo heftig an, als ob ſein Finger der Klopfer eines Hausthors ge⸗ weſen wäre. Sei es Zufall, ſei es Gewohnheit, es fielen drei Schläge, von dem magiſtratlichen Finger geführt gegen die Thüre, und wer dieſes Klopfen gehört hätte, wäre eher an die Drohung 56 eines Gläubigers gemahnt worden, der gekommen, um ſeinen Schuldner niederzuſchlagen, als an das Zeichen eines Liebhabers, der da weiß, daß man nicht ſo mit der Thüre ins Haus fallen muß. Plötzlich ließ ſich ein kleines Geräuſch hören, nicht unähnlich den leichten Sprüngen eines Rehes, das aus einem Dickicht hervorbricht. Es drehte ſich der Schlüſſel im Schloſſe, es öffnete ſich die Thüre, und es zeichnete ſich auf der Schwelle lebhaft und flink eine der hübſcheſten Viſionen, die ein Aben⸗ teuer⸗Suchender nur immer wünſchen kann. Ma⸗ homeds Paradies kann zu Pförtnerinnen unmöglich anmuthigere und bezauberndere Huris haben, als in dieſem Augenblick die romaneske Juweliersfrau war in einem Negligé, das für jeden andern er⸗ warteten Beſuch gemacht war, als für den einer Gerichtsperſon. Es trug Paola das Coſtüm, das ſie Tags zuvor getragen, wenn man den Ueberrock ausnahm, den ſie durch einen Weiberſchlafrock erſetzt hatte. Nichts vermag die herausfordernde Koketterie dieſes ſanft roſarothen Peignoirs auszudrücken, das, ohne daß irgend ein Band oder irgend eine Schnur es zuſammenhielt, bei jedem Schritte frei wallte und da die weißeſte Hoſe, die niedlichſt geſchnürte, kleingeblümte Weſte, die feinſte und beſtgefältelte Chemiſette ſehen ließ, womit je ein Frauenzimmer für einen Maskenball ſich bekleidet. Ein im Kelch einer Roſe gefangen gehaltenes Lilienblatt vermöchte allein einen annähernden Begriff zu geben von der friſchen Farbenmiſchung, welche ein Reſultat eines Coſtüms war, deſſen pikante Hermaphrodiſie einen Maler an die Statue Polyklet's gemahnt hätte, —— — 57 während ein Dichter an einen Cherubin erinnert worden wäre, der ſeiner Taufpathin eine Robe anſtatt eines Bandes genommen. Und gleichſam um den Contraſt zu vervollſtändigen, hatte die junge Frau, indem ſie auf die Thüre zueilte, ein ge⸗ ſticktes Taſchentuch in der Hand behalten, an dem eine Nadel hing, die eben in dem Augenblicke, wo der junge Magiſtrat angeklopft hatte, in Thätigkeit geweſen war, während das in das Zimmer tauchende Auge auf einem Stuhle einen Mannshut, auf einem Tiſche ein Spazierſtöckchen und endlich, als höchſtes Abzeichen der Mannheit, auf dem Kaminſimſe einen kleinen Dolch gewahrte, der in ſeiner vergoldeten Scheide und mit ſeinem Perlmuttergriffe allerliebſt anzuſehen wgr. Als Frau Limouroux anſtatt des ſehnſüchtig er⸗ warteten Puyſeul das breite Geſicht des ehrbaren Gerichtsmannes gewahrte, von dem ſie Tags zuvor ſich hatte verfolgen laſſen müſſen, ſtampfte ſie mit ihrem netten Füßchen auf den Boden; dann warf ſie ſich zurück und ſuchte die Thüre wieder zu ſchließen; allein mit dem kecken Verſtand, den die Gefahr zuweilen ſelbſt dem Furchtſamſten und Bor⸗ nirteſten einflößt, machte der königliche Procurator dieſes Manöver unnütz, indem er mit einem Satze in das Zimmer eindrang, und er war es, der die Thüre wieder ſchloß und deren Schlüſſel mit viel⸗ leicht mechaniſcher Unverſchämtheit umdrehte. „Madame,“ hob er jetzt mit einer Stimme an, die etwas zitterte, trotzdem daß er ſeine ganze Kraft aufbot, um ihr Feſtigkeit zu verleihen,„ich bedaure, daß meine amtlichen Pflichten....“ 58 Hier ging ihm mit der Inſpiration auch der Athem aus: auch nicht ein Wort wollte ihm ein⸗ fallen, um die Einleitung zu vervollſtändigen, welche ſein Freund ihm ſoufflirt hatte; ein naiv leidenſchaft⸗ licher Blick, der einer knienden Stellung gleich⸗ kam, diente der Periode zum Schluß. Durch den plötzlichen Einfall dieſes unerwarte⸗ ten Angreifers zurückgetrieben und den Wallungen ihres corſiſchen Blutes ſich überlaſſend, hatte Paola mit einem einzigen Sprunge das andere Ende des Zimmers erreicht, um dort mit einer Hand ihr Spazierſtöckchen, mit der andern aber ihren kleinen Dolch zu erfaſſen. Alſo bewaffnet, wandte ſie ſich um, um, grimmiger als Diana, dieſen neuen Actäon zu ſtrafen; als ſie aber ſah, wie Hers de la Ro⸗ chette unbeweglich an der Thüre ſtehen blieb, ver⸗ blüfft über ſeinen erſten Erfolg, ſeinen Hut mar⸗ ternd, um nicht allzu blöde auszuſehen, und die dümmſt ertatiſchen Augen rollend, welche von der ſtummen Schüchternheit eines Anfängers je zu Hülfe gerufen worden: da begriff ſie, daß gegen einen ſolchen Gegner ſogar die unſchuldigſte dieſer zwei Waffen überflüſſig, ſowie daß es völlig unnütz ſei, als Rebecca aufzutreten, indem der verliebte Ma⸗ giſtrat keineswegs als einen Verwandten des Tem⸗ pelherrn Brian de Bois Guilbert ſich erwies. Die ſtolze Juweliersfrau entwaffnete ſich alſo mit einer Geberde, aus der eine etwas verächtliche Ironie hervorſchaute, und nahm, die Bänder ihres Peig⸗ noirs knüpfend, eine jener bürgerlich königlichen Haltungen an, woran ſie ſich durch ihr langes Thronen hinter ihrem Comptoirtiſch gewöhnt hatte. W W* M W 5 — NM V* MN 59 „Was wollen Sie von mir, Herr?“ fragte ſie kurz angebunden.„Was ſoll dieſe unerhörte Weiſe, zu Jemand zu dringen, bedeuten? Für wen halten Sie mich? Ich kenne Sie nicht, noch mag ich Sie kennen; und vor Allem, wer ſind Sie?“ „Der königliche Procurator dieſer Stadt,“ ſprach Herr de la Fochette, ſeine tiefſten Baßtöne und ſeine ſtrengſte Amtsmiene ſuchend; doch es war zu ſpät: das Ohr des unerfahrenen Verliebten hatte aus der Haut des drohenden Magiſtrats ſchon her⸗ ausgeſchaut. „Aber was habe ich mit der Juſtiz zu ſchaffen?“ verſetzte Frau Limouroux mit einem Lächeln, das nicht höhnender hätte ſein können.„Habe ich doch mit Niemand einen Proceß; bin ich etwa wegen eines Verbrechens angeklagt?“ „Puyſeul war ein rechter Dummkopf mit ſeinem Einſchüchterungsſyſtem,“ ſprach der junge Magiſtrat bei ſich ſelbſt;„Furcht hat ſie gar keine, und wenn eines von uns beiden auf dem Armeſünderſtühlchen zu ſitzen ſcheint, ſo bin gewiß ich es. Schlagen wir alſo einen anderen Ton an.“— Und, trotz der Verhaltungsbefehle, womit ſein Freund und Rath⸗ geber ihn verſehen, plötzlich die geſtrenge Manier mit der ſanften vertauſchend, hob er laut wieder an:„Madame, laſſen Sie ſich, ich beſchwöre Sie, durch dieſen meinen Beſuch nicht beunruhigen, vor Allem aber ſchreiben Sie denſelben nicht unverſchäm⸗ ter Zudringlichkeit zu; trotzdem daß einem Magi⸗ ſtrat ſo ſtrenge Pflichten vorgeſchrieben ſind, ſo iſt und bleibt er eben doch ein Menſch, und muß nicht ſelbſt der ſtrengſte und ernſteſte ſich entwaffnet füh⸗ len, wenn er Sie ſieht?“ Paola machte einen Schritt nach der Thüre hin. „Zum Henker!“ dachte der königliche Procura⸗ tor, der aus dieſer Geberde erſah, daß man ihn abweiſen wollte;„welch' ſpröde Tugend! Schrecken, Galanterie, Alles iſt da umſonſt. Verſuchen wir es mit einem letzten Mittel!“ Und er zog das Tags zuvor gefundene Brief⸗ täſchchen aus ſeiner Taſche hervor. „Mein Portefeuille!“ rief die junge Frau und riß es dem verliebten Magiſtrat, ohne ihm Zeit zum Ründen des Arms zu laſſen, aus der Hand mit der Behendigkeit einer Katze, die auf eine Maus losſpringt; dann ſteckte ſie es in die Taſche ihres Peignoirs, ohne auch nur ein Wort des Dankes zu ſagen, und machte endlich einen zweiten Schritt nach der Thüre hin. Als Herr de la Rochette ſah, wie ihm ein Ge⸗ genſtand entriſſen wurde, wovon er eine entſchei⸗ dende Wirkung hoffte und den er nicht anders als unter gewiſſen Bedingungen und gegen ein Löſe⸗ geld hatte zurückerſtatten wollen, war er eine Weile völlig unbeweglich und verwirrt; doch plötzlich gab ihm die drohende Gefahr eine unerwartete Keckheit und Beredſamkeit. „Sie kennen ohne Zweifel meine Gefühle, Ma⸗ dame,“ rief er in höchſt pathetiſchem Tone;„ſchon geſtern Abend haben Sie in meinen Augen mein Geheimniß geleſen— ein Geheimniß, das meine jetzige Aufregung Ihnen vollends verräth. Und wie iſt es möglich, ſo vielen Reizen zu widerſtehen? 61 Wie könnte ich blind ſein für einen ſolchen Verein idealer Grazie, der... der, indem er bis in die Tiefen meines Herzens dringt... bei mir ein Ge⸗ fühl weckt, das.. dem.. deſſen und dieſe bezaubernden Augen, deren Feuer... und dieſer allerliebſte Wuchs wie was ich bin ſo verwirrt.. Ich ſchwöre Ihnen, Madame, daß...“ Hier fühlte der Magiſtrat, daß er ſtecken blieb; und ſchon ſtand er auf dem Punkt, ſeine Schnupf⸗ tabaksdoſe herauszuziehen und eine Priſe daraus zu ſchöpfen, wie er in den Gerichtsſitzungen zu thun pflegte, wenn ein ſolches Unglück ihm paſſirte. Doch es war der Inſtinkt ſtärker als die Gewohnheit, und ſo ließ er ſich ziemlich glücklich auf die Knie nieder. Es machte das eine poetiſchere Parentheſe, während das gleiche Reſultat erzielt wurde, denn ein Mann, der ſich auf die Kunſt verſteht, zur rech⸗ ten Zeit auf die Knie niederzuſinken, hat wenigſtens eine Minute Zeit, um den Faden ſeiner Gedanken wieder aufzunehmen; die Grazie ſeiner Pantomime aber kann inzwiſchen das Lächerliche, das ſein Schweigen hat, verwiſchen. Paola ließ ihren Anbeter auf den Knien lie⸗ gen, ohne ihm weder durch zärtliches Nachgeben noch durch ihren Zorn zu Hülfe zu kommen. Ihre Aufmerkſamkeit ſchien von dem flehenden Geſicht des verliebten königlichen Procurators gefeſſelt, und eine Weile konnte dieſer glauben, daß die junge Frau durch ſeine Blicke verzaubert ſei; plötzlich aber töd⸗ tete ſie dieſe Illuſion durch das ärgſte Hohngeläch⸗ ter, das je die Ohren und das Herz eines Verlieb⸗ ten zerriſſen. „O, du mein Gott!“ ſprach ſie,„was für eine drollige Cravate Sie da haben!“ Wie von einem Peitſchenhieb berührt, ſtand Herr de la Rochette plötzlich aufrecht da; in einem Spiegel aber, der ſich ihm gegenüber befand, ſah er ſein rothes Geſicht, das über ſeinem unglückſeli⸗ gen mehrfarbigen Hemdkragen wie eine Pfingſtroſe in einer chineſiſchen Porzellanvaſe ſich erhob. In dieſem Augenblicke däuchte ihm ſeine Phy⸗ ſiognomie ſo grotesk und zugleich ſeine Haltung in dem hellblauen Ueberrocke ſo verlegen und ſo lächer⸗ lich, daß er vollends den kleinen Reſt von Faſſung verlor und auf die Thüre zuſtürzte, ohne dieß Mal u warten, bis die grauſame Schöne, die ihm ins Geſicht lachte, ſie ihm wies; und ſchon wollte er die Hand auf den Schlüſſel legen, als drei ſanfte Schläge, welche draußen auf die Thüre fielen, ihm plötzlich Einhalt thaten. „Endlich kommt er!“ rief die junge Frau, auf die Thüre zuſtürzend, um ſie zu öffnen. „Er?“ wiederholte der Magiſtrat, den dieſe un⸗ erwartete weitere Verwicklung mehr und mehr ver⸗ wirrte. „Mach mir doch auf, Paola!“ flötete eine helle Stimme. Mit wahrhaft außerordentlicher Energie ergriff Frau Limourour den Arm des jungen Mannes, der in naiver Weiſe den Schlüſſel umzudrehen ſich an⸗ ſchickte; mit einer Geberde legte ſie ihm Stillſchwei⸗ gen auf und flüſterte mit jener ſo leiſen und doch ſo deutlichen Stimme, die Weibern in ſolchem Falle eigen iſt, ihm die diaboliſchen Worte ins Ohr: Sv— X X tiff er in⸗ ei⸗ och lle 63 „Mein Mann, mein Mann!“ Zum erſten Male hörte Herr von la Rochette an ſeinem Ohre jene Kugel vorüber pfeifen, woran Leute von nervöſem Temperament ſich niemals ge⸗ wöhnen. Das Fleiſch an ſeinem Körper ſchauerte wie bei Hiob, da der nächtliche Geiſt vor ihm über⸗ ging, und von einer Art elektriſchen Stroms ge⸗ trieben, entfernte er ſich rückwärts und auf den Fußzehen von dieſer Thüre, wo er lieber den leib⸗ haftigen Gottſeibeiuns geſehen hätte als den recht⸗ mäßigen Gatten der ſchönen Verſucherin, die im Augenblicke vor ihm ſtand. „Paola, ich höre dich ja, warum machſt du mir nicht auf,“ wiederholte der Gatte, der, die Geberde mit dem Worte verbindend, heftig an der Thüre ſchüttelte. Während der königliche Procurator, in dieſer Noth vergebens einen Ausgang ſuchend, möglichſt leiſe von der Thüre nach dem Fenſter und vom Bett nach dem Kamin hinhüpfte, ähnlich einer Gaſſen⸗Taglioni, welche den Eiertanz ausführt, warf Frau Limouroux den raſchen und entſchloſſe⸗ nen Blick eines auf ſolche Fährlichkeiten gefaßten Weibes umher. Das Zimmer war klein, das Ka⸗ min zu eng, das Bett zu nieder, und endlich ging das Fenſter auf einen Hof hinaus, wo eben jetzt ein halbes Dutzend Reiſende ſich befanden; überall alſo keine Möglichkeit zu entkommen. Auch war kein Cabinet da, kein Alkoven: nur in der Tiefe der Wand war ein kleiner Schrank angebracht, wo⸗ durch man im Nothfall mit dem anſtoßenden Zim⸗ mer communiciren konnte. Dieſen Schrank riß 64 Paola auf, und indem ſie Herrn de la Rochette hin⸗ einſtieß: „Da hinein!“ „Da hinein!“ antwortete der königliche Procu⸗ rator, der billig über die Schachtel erſchrak, in die man ihn hineinſtieß. „Paola! Ich befehle dir, die Thüre aufzuma⸗ chen!“ ſchrie jetzt der Ehemann außer ſich, und ein Fußtritt drohte der Thüre mit einem demnächſtigen Zuſammenſturz. Nun zögerte der königliche Procurator nicht länger und ſprang in den Schrank hinein, der ſich ſofort hinter ihm zuſchloß, Als er ſich ſo urplötz⸗ lich aller Luft und alles Lichts beraubt ſah, wäh⸗ rend eine Thüre, ſo ſchwer und unheimlich wie ein Sargdeckel, ſeine Bruſt beengte, kam über ihn das gräßlichſte Gefühl, das ſein bisher ſo ruhiges und friedliches Leben jemals gequält. Der Gang ſeiner Uhr, das Klopfen ſeines Herzens, die Schläge ſei⸗ ner Arterien, ja ſogar ſein Athem nahmen in der Schachtel, in der er ſich eingeſchloſſen fand, ihm die Geſtalt von eben ſo vielen Feinden an, die bereit wären, ihn zu verrathen; um ſeinen Schrecken noch größer zu machen, fielen ihm zwei Paragraphen des Strafgeſetzbuchs ein, die er auswendig wußte— die Paragraphen:„der Mord, wenn von dem Ehemann an der Ehefrau, ſowie am Mitſchuldigen verübt in dem Augenblicke, wo der erſtere die beiden letzteren in flagranti im ehelichen Domicil überraſcht, iſt ent⸗ ſchuldbar;“ und:„der Mitſchuldige der Ehebreche⸗ rin wird mit einer Gefängnißſtrafe von drei Mo⸗ naten bis zu zwei Jahren belegt.“— 165 „Findet mich dieſer Mann, ſo darf er mich um⸗ bringen,“ ſprach der königliche Procurator bei ſich ſelbſt, indem er die eigenſinnige Beweisführung wi⸗ der ſich ſelbſt kehrte, an die er ſich in der Aus⸗ übung ſeiner amtlichen Pflichten gewöhnt hatte. „Zwar ſind wir hier nicht im ehelichen Domicil, jedoch iſt das nur eine Nebenfrage: die Hauptſache iſt ein flagrantes Vergehen, und dieſes liegt unbe⸗ ſtreitbar vor. Wenn ich auch ſo unſchuldig wie ein neugeborenes Kind bin, ſo iſt doch der Schein gegen mich. Bei der Ankunft des Ehemanns von der Ehefrau in einem Schranke verſteckt! Hier haben wir offenbar das flagrante Vergehen; wohl hundert Mal habe ich in dieſem Sinne geſprochen. Am Beſten komme ich noch weg, wenn ich zu einer Ge⸗ fängnißſtrafe von zwei Jahren verurtheilt werde; denn ſicherlich wird auf mich als Magiſtrat das Maximum der Strafe angewendet werden.... ich ſelbſt würde in einem ähnlichen Falle dieſes Straf⸗ maß beantragen. in welch' abſcheuliche Falle bin ich doch gerathen. Es klopft nicht mehr... ſollte er fortgegangen ſein?. Ich höre nichts mehr im Zimmer. Sollte dieſe kleine Tigerin mich ſo verlaſſen?.. Wird man mich in dieſer Schächtel Hungers ſterben oder erſticken laſſen? Ich fühle wie die Luft dicker und dicker wird.. das iſt unerträglich, ich erſticke Tod um Tod Seine peinliche Lage nicht länger ertragend und durch die im Zimmer herrſchende abſolute Stille wieder ein wenig beruhigt, ſtützte der abenteuer⸗ luſtige königliche Procurator den Rücken gegen das r Bernard, Ausgew. Erzählungen. II⸗ 2 66 Hintertheil des Schranks, die Hände und Knie aber“ gegen die Thüre. Mit all der ihm von der Natur verliehenen Kraft drückte er nun gegen die letztere; aber es gab dieſelbe nicht nach. Ganz anders ver⸗ hielt es ſich mit dem Hintertheil des Schranks; denn es platzte dieſes, und in Folge dieſes Platzens fiel er rücklings in das Zimmer des Nachbars, ohne recht zu wiſſen, wie ihm geſchehen war. Dieſer pittoreske Einfall in fremdes Gebiet ward durch einen kleinen Schrei des Schreckens begrüßt, und als Herr de la Rochette aufſtand, gewahrte er die junge Juweliersfrau in ſchottiſchem Mantel und grauem Filz an einer Thüre, an der ſie rüttelte, um ſie ſich zu öffnen. „Was wollen Sie ſchon wieder?“ ſprach die junge Frau, die in der entſtehenden Dunkelheit das Geſicht ihres unglückſeligen Anbeters erkannte. „Konnten Sie nicht an dem Orte bleiben, wo ich Sie verſteckt hatte?“ Auf dieſe höhniſche Bemerkung unterließ der Magiſtrat es, eine Antwort zu geben. „Wo ſind wir?“ ſprach er ſeinerſeits;„wie ſind Sie hereingekommen? und iſt er fort?“ „Ich habe noch eine Thüre gefunden, und was ihn betrifft, ſo glaube ich, daß er jetzt einen Schloſ⸗ ſer holt„Indeſſen iſt keine Zeit zu verlieren. Sehen Sie, Sie ſind ſtärker als ich, ſprengen Sie dieſes Schloß auf.. Meine Nägel würden drauf⸗ gehen, ohne daß es mir gelänge, die Thüre zu öff⸗ nen Nun geſchwind!... „Ein Einbruch,“ rief der königliche Procurator, große Augen machend;„zwei Einbrüche!“ fuhr er 3 * „ 67 leiſer fort, indem er auf den eingedrückten Schrank blickte. „So beeilen Sie ſich doch, nehmen Sie einen dieſer Feuerböcke!... „Aber, Madame, man bricht nicht nur ſo Thü⸗ ren auf!... Und vor Allem, bei wem ſind wir?“ „Bei dem kleinen Engländer,“ antwortete Paola mit äußerſtem Ungeſtüm;„es geht die Thüre auf einen Gang hinaus und dieſer wiederum auf einen zweiten Hof. Hier iſt nur ein ganz kleiner Stock; nichts leichter als hinunterzuſpringen...“ „Und die Kleider, die Sie da haben, gehören ſie Ihnen?“ fiel der Magiſtrat wieder ein, der trotz ſeiner Aufregung eine gewiſſe Klarheit des Geiſtes bewahrt hatte und bemerkte, daß der Heldin der Hut in die Augen hereinfiel, während der Tartan⸗ mantel den Boden ſtreifte. „Allmächtiger Gott! ſind Sie doch unausſteh⸗ lich und können Sie Einen ungeduldig machen! Es iſt der Mantel des kleinen Mylords, den ich mir vor der Hand zueigne, um nicht erkannt zu werden.“ „Jetzt auch noch ein Diebſtahl!!“ machte Herr de la Rochette, indem er zwei Schritte zurückwich, „ein Diebſtahl! In einem Gaſthauſe, wo Sie lo⸗ giren;— Artikel 386, Paragraph 4... „O, über den langweiligen Schwätzer!“ rief die junge Corſin, vor Ungeduld ſtrampelnd.„Der Eng- lish wird ſich nur allzu glücklich ſchätzen, daß ich ſeinen Mantel geborgt. Halten Sie! ein Feuerbock würde zu viel Geräuſch machen, nehmen Sie mei⸗ nen Dolch und ſchrauben Sie das Schloß ab.“ Beim Anblick der Klinge, welche die uner⸗ „ 6 5 3 68 ſchrockene Juweliersfrau ihm hinbot, ließ ſich der königliche Procurator auf einen Stuhl niederfallen. „Heimliche Waffe bewaffnete Hand; Artikel 381, Paragraph 3, und Artikel 385, Paragraph idem... nun mache ich mich auf Alles gefaßt Haben Sie niemand umgebracht?“ Dieſe Häufung unvorhergeſehener Vergehen, worein er, der Unſchuldige, ſich verwickelt ſah, und die lawinenartig auf ihn einſtürzten, vernichtete den Magiſtrat, der bei jedem neuen Zwiſchenfall mit dem Kopf an einen ſtrengeren Artikel des Strafge⸗ ſetzbuchs ſtieß. Unbeweglich blieb er auf ſeinem Stuhle, unthätig ließ er die Arme hangen, und für alle Worte ſeiner hübſchen Mitgefangenen blieb ſein Ohr taub. Jetzt handelte es ſich bei ihm nicht mehr um Galanterie, und gründlich, recht gründlich war er von ſeiner Abenteuerſucht geheilt. Seine Betäubung erreichte erſt durch einen Lärm, der ſich plötzlich vor dem anſtoßenden Zimmer hören ließ, ihr Ende. „Da iſt mein Mann,“ ſprach Frau Limouroux mit etwas zitternder Stimme;„wollen Sie, daß er mich umbringe?“ Der Magiſtrat ſtand auf und rang die Hände. „Dort Ehebruch! hier Diebſtahl! und ich bin unſchuldig; Sie ſind mein Zeuge, Madame, daß ich unſchuldig bin!“ „O, ganz und gar unſchuldig!“ antwortete Paola, trotz der Gefahr, in der ſie ſchwebte, höh⸗ niſch lächelnd;„findet aber mein Mann Sie hier, ſo bringt er Sie um.“ Ein vom andern met herdringendes Ge⸗ er . kel ph n, nd en it e⸗ m ür in hr ar n 4 er 69 räuſch von Stimmen und Tritten verkündete, daß der Eingang zu demſelben forcirt war, ſowie daß die Belagerung der zweiten Linie nun beginnen ſollte. „Ich mag anfangen was ich will, ich bin ein verlorener Mann,“ rief Herr de la Rochette und ſprengte, einen Feuerbock erfaſſend, das Schloß auf zwei Schläge auf. „Ums Himmels willen! Madame,“ fuhr er fort, „laſſen Sie dieſen Hut und dieſen Mantel zurück; Sie können eingeſperrt werden, ich aber kann auf die Galeeren kommen!“ Die junge Frau jedoch hörte auf dieſen pedan⸗ tiſchen Rath nicht, ſondern ſtürzte aus dem Zimmer hinaus, riß das Fenſter im Gang auf und ſprang in den Hof hinab. Im gleichen Augenblick ward die Thüre zu dem Schrank mit einem Dietrich aufgemacht, und nach Art eines ausgehungerten Löwen ſtürzte ſich Herr Limouroux durch die erſchloſſene Oeffnung! „Ein Mann!“ rief er im ſchrillſten Diapaſon ſeiner Contrealtinoſtimme. Herr de la Rochette aber hörte ebenſo wenig darauf und ſchlug eilig den Weg ein, den die Ju⸗ weliersfrau ihm gezeigt, in ihrer Flucht von dem Ehemanne verfolgt. Der Hof, in welchen Paola geſprungen und deſſen Boden ungefähr ſechs Fuß unter dem Fenſter gelegen war, hatte Remiſen zu ſeiner Einfaſſung; an dieſem ſonſt ziemlich verlaſſe⸗ nen Platze hielt ſich heute zufällig ein Gendarm auf, welcher, indem er auf die Diligence wartete und auf einer Chaiſendeichſel ſaß, ſich mit einem 70 Spitzer freundſchaftlich unterhielt. Als nun eine Perſon aus dem Fenſter herausſprang, glaubte der Mann der öffentlichen Gewalt ſich einem zweideu⸗ tigen Factum gegenüber zu ſehen und eilte auf Paola zu, die in dem großen Tartan des Englän⸗ ders ſich verwickelt hatte. „Halt!“ ſprach er, ſie an ihrem Kragen er⸗ faſſend. Statt aller Antwort machte die junge Frau den Spangenhaken an dem Mantel auf, glitt aalartig zwiſchen den Händen hindurch, welche ſie zurückhal⸗ ten wollten, ging um einen Wagen herum und öffnete eine Thüre, hinter der ſich eine wenig frequente Straße befand, in die ſie ſofort hinausſtürzte. Den leeren Mantel in der Hand und nicht minder ver⸗ wirrt, als in einem ähnlichen Falle die buhlſüchtige Potiphar geweſen war, überließ ſich der Gendarm einer Reihe von Invectiven gegen die Diebe, welche ſich nicht feſtnehmen laſſen wollen, als aus dem⸗ ſelben Fenſter heraus eine zweite Perſon, welcher zu ſeinem ſteigenden Staunen faſt alsbald eine Dritte folgte, gerade vor ihm hinfiel. „Das iſt ja aber eine wahre Räuberhöhle,“ rief der vor Staunen halb erſtarrte Militär; doch hatte er noch Geiſtesgegenwart genug, um einem der eben Heruntergeſprungenen den Mantel um die Füße zu werfen, während er auf den andern zu⸗ ſprang und mit aller Kraft, deren ſeine Lungen fähig waren, ſchrie:„Wache heraus!“ Der Jarnacſtreich wurde Herrn Limouroux zu Theil, der, die Füße in den Falten des Tartans verfangend, ſeiner ganzen Länge nach den Boden ine er U⸗ uf in⸗ er⸗ en tig al⸗ te ite en r⸗ ge m he n⸗ er ne ch mn ie 1⸗ n F 8 n 71 maß. Was den königlichen Procurator betrifft, ſo wurde er durch eine plötzliche Eingebung erleuchtet, als er den dreieckigen Hut und die Neſtelſchnüre des Staffiers gewahrte, der ihn gepackt hatte. „Jeanniſſon!“ ſprach er in ſtrengem Tone. „Herr Procurator!“ rief der Soldat, mehr und erſtaunt, als er einen ſeiner Vorgeſetzten er⸗ blickte. „Laſſen Sie ihn ja nicht los!“ ſchrie ſeinerſeits Herr Limouroux, welcher dem Träger der öffent⸗ lichen Gewalt zu Hülfe kam. Majeſtätiſch richtete ſich der Magiſtrat auf. „Packen Sie dieſen Mann da! ich befehle es Ihnen im Namen des Königs,“ ſprach er in feier⸗ lichem Tone und deutete dabei auf den Ehemann. Mit der Inpaſſibilität eines Automaten legte der Gen⸗ darm die Hand, die bisher auf der Achſel des Herrn de la Rochette geruht, an die Kehle des ehrſamen Juweliers, und man kann ſich leicht denken, wie unerhört dem letzteren dieſer Act der öffentlichen Gewalt dünken mußte. Es verſagte ihm die Stimme, als er Einſprache erheben wollte, und er glich eher einem Klotz, als einem belebten Weſen. „Sie ſtehen mir für ihn, Jeanniſſon,“ hob der königliche Procurator wieder an,„ich eile ſeinem Mitſchuldigen nach!“ Und den Ehemann in den Händen des Gen⸗ darmen laſſend, verſchwand der Staatsanwalt durch die kleine Thüre, welche von Paola geöffnet worden war. 72 VI. Während dieſer Sturm im Rothen Hut raste, hatte Puyſeul ſeinen Brief an die Marquiſe von Chateauferry in aller Ruhe vollends geſchrieben; dann ſpeiste er, und zwar ohne daß die Abweſen⸗ heit ſeines Wirths ſeinen Appetit in irgend einer Weiſe beeinträchtigt hätte, und pflanzte ſich endlich an einem auf die Straße hinausgehenden Fenſter auf. Hier zündete er eine Cigarre an und ſprach während des Rauchens bei ſich ſelbſt, wie folgt: 1„Dank dem Anbeter und dem Ehemanne, den ich hinter ihm hergeſchickt, wird Frau Limouroux und Compagnie nun hoffentlich genug zu thun haben „und ſo geſällig ſein, mich in Zukunft ungeſchoren zu laſſen. Doch möchte ich wohl wiſſen, welchem den beiden Kämpen am Ende die ſchöne Helene zu⸗ 1 fällt, und ob der induſtrielle Menelaus oder der 1 ſchwarzrockige Paris Sieger bleibt.... Bei meiner 1 Ehre und Seligkeit, Paris gewinnt es!“ fuhr plötz⸗ lich der Vicomte fort, als er auf der Straße Herrn de la Rochette gewahrte, der, geſchwind laufend und an den Häuſern vorbeiſtreifend, einem kleinen jungen Manne, deſſen hübſches Geſicht einen nur wenig angenehmen Eindruck auf den Rauchenden hervorzubringen ſchien, den Arm gab. „Haben Sie doch den Teufel im Leib, dieſe Gerichts⸗ vöcke!“ ſprach Julius, das Fenſter raſch ſchließend, bei ſich ſelbſt;„wie die einem Ehemanne die Frau vor der Naſe wegzuführen wiſſen! Meiner Treu, ich bekenne mich beſiegt! Zu meiner Zeit, da ging man dem Gatten aus dem Weg, wenn er kam, und te, on ; n⸗ er ch er ch n 73 überließ ihm das Feld. da zog man immer zuerſt den Hut ab. Bald aber machte ein höchſt belebtes Geſpräch im anſtoßenden Zimmer dieſem Selbſtgeſpräch ein Ende. Einen Augenblick darauf flog die Thür auf, und es ſtürzte der Inhaber der Wohnung mit be⸗ ſtürzter Miene in's Zimmer. „Es ſcheint, es iſt heiß hergegangen,“ ſprach Puyſeul, die Röthe ſeines Wirths und die deſſen Stirn befeuchtenden Schweißtropfen gewahrend. „Heiß hergegangen!“ wiederholte Herr de la Ro⸗ chette mit unveränderter Stimme;„ſiehſt du, gälte es noch einmal anzufangen, ſo ließe ich mich lieber le⸗ bendigen Leibes in einen Dampfkeſſel ſtecken.“ „Was iſt denn aber geſchehen?“ „Es iſt der leibhaftige Teufel in der Geſtalt des Mannes gekommen! Und zwar gerade in dem Augenblicke, wo ich auf den Knien lag und Boden gewann„dann hat ſie mich in einen Schrank eingeſchloſſ en. dann p man die Thüren einge⸗ ſtoßen Dann ſind wir alle zum Fenſter hinaus⸗ geſprungen, und ſo ſiehſt du uns nun hier... „Welches Ammenmärchen erzählſt du mir da?“ „Ich ſage dir, ſie iſt dort, in meinem Zim⸗ mer; ich will nur hoffen, daß uns niemand ge⸗ folgt iſt. Ich will des Todes ſein, wenn ich weiß, was ich mit ihr anfangen ſoll und wo mir der Kopf ſteht. Eine Frau, die ihrem Manne ent⸗ führt wird, und zwar entführt durch mich, den Staatsprocurator! Guter Puyſeul, dir ſind ſolche Sachen nicht neu, retteſt du mich nicht aus dieſer Noth, ſo bin ich ein verlorener Mann.“ 74 „Mit Entführungen befaſſe ich mich nicht,“ er⸗ widerte der Vicomte;„aber ſo ſprich dich doch deutlich aus, denn ich verſtehe fürwahr von deiner Erzählung lediglich nichts.“ Mit großen Schritten durchmaß der königliche Procurator das Zimmer, bis er endlich vor ſeinem Gaſte ſtehen blieb und, indem er am Ende jeder Periode einen Finger aufhob, die Worte hervor⸗ ſprudelte: „Siehſt du, in dieſem Augenblick kann ich an⸗ geklagt werden, erſtens, des Chebruchs, da ich vom Ehemann in flagranti ertappt worden; denn ein Menſch, der ſich in einem Schrank verſteckt, verſetzt ſich, mag er nun ſchuldig oder unſchuldig ſein, eben damit in den Zuſtand eines auf friſcher That Er⸗ tappten; alſo zwei Jahre Gefängnißſtrafe, Artikel 338; zweitens, des Diebſtahls eines Mantels, be⸗ gangen bei Racht, in einem Gaſthauſe, von meh⸗ reren Perſonen, mit bewaffneter Hand, mit Ein⸗ bruch und Erſteigung.. ſo wahr zwei Mal zwei vier iſt, es fehlt kein Tüpfelchen dazu, alſo zum Wenigſten Zuchthausſtrafe; drittens, ungeſetzlicher Verhaftung, Artikel 341 und 343.— Rechne ich alles das zu⸗ ſammen, ſo langt es zu wenigſtens zehn Jahren Galeerenſtrafe, und müßte ich eine ſolche Sache ver⸗ folgen, ſo würde ich noch mehr herausſchlagen; viel⸗ leicht daß ich auf ewige Galeerenſtrafe antragen würde.“ Hier ging die Thüre auf, und zwiſchen derſelben erſchien halb verſtohlen das Geſicht des Domeſtiken. „Nun, was gibts ſchon wieder?“ fragte der Magiſtrat. „Draußen, im Vorzimmer, iſt der Gendarm 75 Jeanniſſon mit dem Diebe, den der Herr Staats⸗ anwalt hat verhaften laſſen; er läßt bei dem Herrn Staatsanwalt fragen, was er mit ſeinem Gefange⸗ nen thun ſoll.“ „Er drehe ihm den Hals um!“ ſchrie Herr de la Rochette, durch dieſen neuen Zwiſchenfall noch mehr außer ſich kommend. „Marangeot,“ ſprach der Vicomte,„laſſen Sie die Beiden einen Augenblick draußen warten.“ „Nun, was willſt du mit ihm machen?“ hob er wieder an, als der Domeſtike verſchwunden war. „Das Geſcheideſte wäre wohl, daß ich mich in die Ouche würfe. Was ſoll ich thun? Ja, was ſoll ich thun? Jeder weitere Schritt zieht mich nur um ſo tiefer in den Abgrund hinab. Morgen früh bin ich das Geſpräch aller meiner Collegen, und es i das noch das kleinſte Unglück, das mir paſſiren ann.“ Während der königliche Procurator alſo jam⸗ merte, ohne zu einem Entſchluſſe kommen zu kön⸗ nen, dachte der in einem Lehnſeſſel begrabene Puy⸗ ſeul alſo:—„Jetzt gilt es, die Kaſtanien zu ver⸗ zehren, welche dieſer ehrliche Raton aus dem Feuer herausgeholt hat. Thue ich beſſer, wenn ich Frau Limouroux ihrem Manne zurückgebe, oder wenn ich ſie dem tugendhaften Magiſtrat auflade? Im erſten Fall bin ich ihrer ledig, im zweiten ſchaffe ich mir einen Nebenbuhler vom Halſe; offenbar iſt Letzte⸗ res das Klügere und Sicherere.“— Dann zu ſei⸗ nem Freunde gewandt:—„Du läßt dich auch durch jede Bagatelle erſchrecken, beſter la Rochette; zum 76 Glück bin ich da, um deine Albernheiten wieder gut zu machen. Gibſt du mir unbedingte Vollmacht?“ „Ach! lieber, guter, trefflicher Freund, wenn du mich aus dieſem Weſpenneſt herausziehſt, ſo retteſt du mir das Leben.“ „Ich nehme Alles auf mich. Nicht nur ſoll dieſes Abenteuer lediglich keine unangenehmen Folgen für dich haben, ſondern ich will auch, daß du Früchte davon ernteſt. Fangen wir mit dem Ehemanne an! Da, ſetz' dich an dieſen Tiſch und ſchreib' mir einen Befehl für deinen Gendarmen, daß er ſeinen Ge⸗ fangenen frei zu laſſen habe.“ Der königliche Procurator gehorchte, ohne eine Einwendung zu wagen. Mit dieſem Papier ver⸗ ſehen, ging Puyſeul hinaus, und je näher er dem Vorzimmer kam, um ſo deutlicher hörte er das Gluckſen des Juweliers, der ſeine letzten Fiſteltöne zu Hülfe rief, um mit ſeinem Gendarmen ſich aus⸗ einanderzuſetzen. „Ja,“ ſchrie Herr Limouroux,„ich habe Jeſuit geſagt und läugne es nicht.. Jeſuit, hören Sie? Ihr alle ſeid die Satelliten des Deſpotismus... Aber ich werde an den Conſtitutionnel ſchrei⸗ ben Stecket mich in eure Kerker. Ich bin Franzoſe, ich... Es lebe die Charte.“ „Sie ſind frei, lieber Herr Limouroux; das Ganze beruht auf einem Mißverſtändniſſe,“ ſprach der hereintretende Julius und gab dem Gendarmen das Billet. Dieſer, nachdem er es geleſen, legte die Hand an den Hut, wandte ſich zum Juwelier und erfreute ihn mit folgender Apoſtrophe: „Sie können ſich auf Ihr Brüllen etwas zu gut P m 77 thun, und wäre ich nicht im Dienſt geweſen, ſo hätte Ihnen Ihr Jeſuit etwas Anderes eingetragen.“ Sprach's und ſchritt, auf ſein Degengefäß ſtoßend majeſtätiſch hinaus. „Ach, Herr von Puyſeul,“ rief der befreite Ehe⸗ niann,„Sie ſehen den unglücklichſten aller Verehe⸗ lichten... Noch ein Mal entflohen!... und es war ein Mann im Zimmer!“ „Legen Sie ſich in Gottes Namen ſchlafen!“ er⸗ widerte der Vicomte,„der Schlaf bringt für alle Leiden Vergeſſenheit; verlaſſen Sie aber Dijon nicht; vielleicht daß ich Ihnen morgen etwas Er⸗ freuliches mitzutheilen habe.“ „Der Himmel lohne es Ihnen!“ rief Herr Li⸗ mouroux, indem er ſich zurückzog,„nie kann ich mir es verzeihen, daß ich einen ſolchen Ehrenmann, wie Sie ſind, beargwohnt.“ „Nun wären wir vom Manne glücklich befreit!“ ſprach Puyſeul, als er wieder bei ſeinem Wirthe war.„Du aber, willſt du immer noch mit deiner ſchönen Heldin die ſentimentale Reiſe nach Arc⸗ſür⸗ Tille machen?“ Als der königliche Procurator erfuhr, daß der Ehemann, den er willkürlich hatte verhaften laſſen, fort ſei, war ihm ein Centnerſtein von der Bruſt genommen, und allmählig brachte die Idee, daß die Gefahr nun vorüber, die gewohnte Wirkung auch bei ihm hervor— jene Wirkung, welche das wohlbekannte italieniſche Sprüchwort: Passato il periglio, gabbato il santo, in treffender Weiſe ausdrückt. „Läugnen läßt ſich nicht, daß ſie wunderhübſch ſchen, anſtatt ſich von ihnen beherrſchen zu laſſen, 78 iſt, antwortete er,„auch haben alle dieſe Kataſtro⸗ phen mir wunderbar Vorſchub geleiſtet; denn iſt ſie nicht dort in meinem Zimmer?.„Glaubſt du, ſie käme?“ „Bei Leibe! bei Leibe! du verderbſt die Sache nur, wenn du den Unterhändler machſt; du biſt viel zu aufgeregt, um ſo etwas mit Erfolg unternehmen zu können; ich aber, der ich kalten Bluts und bei der ganzen Geſchichte gänzlich unbetheiligt bin, gehe eine Wette ein, daß ich ſie beſtimme, morgen mit dir abzureiſen.“ „Ich wette zehn Louisd'or, daß es dir nicht ge⸗ lingt, und wünſche zu verlieren,“ ſprach der Magi⸗ ſtrat, von ſeinem Schrecken faſt geheilt und aufs Neue geködert von der verführeriſchen Frucht, welche ſein Freund ihm vorhielt. „Nun, es gilt zehn Louisd'or, wie du geſagt, und du haſt verloren,“ antwortete Puyſeul;„warte hier und bald ſollſt du ſehen, ob ich diplomatiſches Talent beſitze oder nicht.“ Der königliche Procurator überreichte dem Vi⸗ comte den Schlüſſel zu dem Zimmer, in dem er Frau Limouroux eingeſchloſſen hatte, dehnte ſich in einem Lehnſeſſel aus und erwartete ungeduldig das Reſultat der Schritte ſeines Rathgebers. Sobald die junge Corſin den Mann hereintreten ſah, den ſie ſeit einer Woche verfolgte, ſtürzte ſie auf ihn zu mit einem Eifer, der ebenſo gut für eine Wirkung der Liebe als für die des Rachedurſtes gelten konnte; Puyſeul aber, als ein Mann, der gewohnt iſt, die ſchwierigſten Ereigniſſe zu beherr⸗ D⸗ ſie ſie he iel en bei he nit 3e⸗ gi⸗ fs che gt, rte es S — —. — v in ten ſie ine tes der rr⸗ en, 79 ließ ihr nicht ſo viel Zeit, daß ſie auch nur ein Lort hätte artikuliren können. „Theuerſte Paola,“ hob er an, indem er wider ihren Willen ihre Hand erfaßte,„ich weiß zwar nicht, wie wir in dieſem Augenblicke zu einander ſtehen— ob wir Freunde oder Feinde ſind, aber Sie müſſen mich ein anderes Mal lieben oder.. umbringen. Für den Augenblick handelt es ſich von Folgendem: es iſt Ihr Mann da, und wenn der königliche Procurator, in deſſen Wohnung Sie dermalen ſind, Sie ihm nicht ausliefern ſoll, ſo gibt es nur ein Mittel, um dieſen Zweck zu er⸗ reichen. In dieſem cavalieren Coſtüm, worin Sie übrigens wo möglich noch reizender ſind, haben Sie das Herz des ſtrengen Magiſtrats tödtlich verwun⸗ det. Sie ſind eine Frau von Kopf und werden mich verſtehen, ohne daß ich viele Worte mache. Die Hauptſache iſt und bleibt, daß Sie ein paar Tage gewinnen, um die erſte Wuth des Herrn Li⸗ mouroux vorübergehen zu laſſen. Ein wenig Ko⸗ ketterie; die Juſtiz liegt zu Ihren Füßen, ohne daß das Sie zu etwas verpflichtet, und Sie ſind ge⸗ rettet. Sind Sie domit einverſtanden?“ „Aber Sie, Unwürdiger.. Undankbarer!“... „Was Ihre Beſchwerdepunkte betrifft, ſo fehlt es mir jetzt an Zeit, ſie zu erörtern; wollen Sie meine Rechtfertigung hören, und ich ſelbſt wünſche nichts ſehnlicher, als mich in Ihren Augen weiß zu waſchen, ſo kann ich Ihnen ſpäter die Beweiſe lie⸗ fern, wie ungerecht Ihre Vorwürfe ſind. Die Thüre da,“ fuhr er, die Stimme dämpfend, fort,„führt in das Zimmer, das ich bewohne, und es iſt nur 80⁰ auf Ihrer Seite ein Riegel; vor Allem aber muß ein Entſchluß gefaßt werden: entweder müſſen Sie die Protektion Ihrer neuen Eroberung— eine, ich ſchwöre es Ihnen, durchaus ungefährliche Protek⸗ tion— annehmen, oder aber müſſen Sie ſich auf ein eheliches téte-à-téte gefaßt machen, das in An⸗ betracht der Umſtände vielleicht nicht ohne ſeine Wi⸗ derwärtigkeiten wäre.“ So beredt ſprach Puyſeul, daß die junge Ju⸗ welenhändlerin auf Alles einging, und vielleicht konnte ſie auch nichts Geſcheideres thun in der kri⸗ tiſchen Lage, worin ſie ſich befand. „Du kannſt auf morgen eine Poſtchaiſe beſtellen,“ ſprach der Vicomte zu Herrn de la Rochette,„vor Allem aber zahl' mir meine zehn Louisd'or hin; auch würde ich an deiner Stelle in die Schweiz gehen. Arc⸗ſür⸗Tille iſt doch faſt zu nahe bei Dijon.“ „Wie du das Weibervolk kennſt! Du machſt ja mit ihnen, was du willſt!“ antwortete der Magi⸗ ſtrat, deſſen Staunen über alle Grenzen ging;„bis ich ein Kerl wie du werde, muß ich noch unzählige Schränke zuſammendrücken. Wie! du ſagſt, ſie hat eingewilligt?... Fetit Alles gewilligt.. Schlaf wohl, Glück⸗ . Nachdem Puyſeul ſeinen Wirth verabſchiedet, pflanzte er ſich am Fenſter auf, und da gewahrte er beim Schein einer Straßenlaterne ein Indivi⸗ duum, das mit großer Unruhe vor dem Hauſe auf⸗ und abging. Dieſes Individuum aber war nie⸗ mand anders, als der Pariſer Juwelenhändler. uß Sie ich ek⸗ uf ln⸗ Li⸗ ⸗ cht ri⸗ 1 7 or nz eiz bei gi⸗ bis ige at 1 rte vi⸗ ie⸗ 81 Einen Augenblick darauf ſchloß der Vicomte das Fenſter wieder und hörte die nicht minder eiligen Schritte des Herrn de la Rochette, der, nachdem er ſein Schlafzimmer an die Heldin des Abenteuers abgetreten, in ſeinem Arbeitszimmer ein Bett hatte aufſchlagen laſſen, das leer bleiben zu ſollen ſchien. Die gleiche Schlafloſigkeit ſpornte den Ehemann in ſeiner Verzweiflung und den Verliebten in ſeinen Hoffnungen; gleich zwei Schulpferden gingen ſie der Länge und Quere nach auf ihrem Poſten hin und her, und zwar mit einem Eifer, worüber der Vicomte ſich nicht enthalten konnte zu lachen: „Zum Henker!“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„dieſes Bürgersweibchen kann ſich einmal rühmen, nach Art einer Königin bewacht zu werden: Schildwache drau⸗ ßen vor dem Hauſe, Schildwache im Vorzimmer. Nur brav geſchildert, meine Herren, der Leibgardiſt gibt die Honneurs ab!“ Mit dieſen Worten drückte der junge Mann auf den Griff der Thüre, von der er Paola geſagt;— im andern Zimmer aber war der Riegel zurückge⸗ ſchoben worden. VI. An dem darauf folgenden Tage, Nachmittags ge⸗ gen drei Uhr, begegneten ſich zwei Wagen, eine Wegſtunde von der Stadt Dijon, auf der Auxon⸗ ner Straße. In dem erſten, der nach Dijon zurück⸗ fuhr, ſaß Puyſeul der Frau und dem Fräulein von Bernard, Ausgew. Erzählungen. II. 6 82 Genancourt gegenüber und ließ alle Batterien ſei⸗ ner Liebenswürdigkeit ſpielen, um ſeinen Begleite⸗ rinnen zu gefallen, welche den einſchmeichelnden Re⸗ den des gewandten jungen Mannes mit ganz be⸗ ſonderer Gunſt zu lauſchen ſchienen. Der andere Wagen fuhr ſehr geſchwind, und dabei verliehen ihm die herabgelaſſenen Rollvorhänge etwas Aben⸗ teuerliches. In dem Augenblicke, wo er mit der langſamen und feudalen Berline ſich kreuzte, ging einer dieſer Rollvorhänge in die Höhe, und es ſtreckte Frau Li⸗ mouroux ihr hübſches Köpfchen zum Wagenfenſter heraus trotz der gegentheiligen Bemühungen des königlichen Procurators, der, ſobald er die Genan⸗ court'ſche Livree erkannte, ſich im Hintergrund der Poſtchaiſe zuſammengekauert hatte. Mit einem graziöſen Lächeln beantwortete Puy⸗ ſeul den niederſchmetternden Blick, welchen die ſchöne Corſin im Vorbeifahren ihm zuwarf. „Wen grüßen Sie denn?“ fragte Frau von Ge⸗ nancourt. „Einen meiner Freunde, der mit dieſer jungen Dame fährt, Herrn de la Rochette,“ antwortete Ju⸗ lius mit gleichgültiger Miene, „Herrn de la Rochette!“ riefen zu gleicher Zeit die beiden Frauen. „Und wer iſt dieſe Dame?“ hob die Präſiden⸗ tin wieder an, die Braue unmerklich runzelnd. „O! es iſt das ein recht romaneskes Abenteuer, eine Art Pilgerfahrt nach Gretna⸗Green,“ antwor⸗ tete der junge Mann, der nach Alphonſinen hin die Augen zwinkernd, der Mutter begreiflich machen 83 wollte, daß es unmöglich ſei, vor einem Mäbchen mehr über die Sache zu ſagen. Durch dieſen einzigen Blick wurde der königliche Procurator der Früchte eines tugendhaften Lebens von zweiunddreißig Jahren beraubt. Und als ob der Himmel es beſchloſſen hätte, das Verderben des Magiſtrats auf ein Mal zu vollenden und zu be⸗ ſiegeln, warf ſich in demſelben Augenblicke ein von Dijon kommender und einen Poſtgaul wie beſeſſen ſpornender Reiter auf die Berline, auf die Gefahr hin, ſeinem mageren Klepper durch den Stoß gegen die kräftigen Pferde des Wagens den Untergang zu bereiten. „Haben Sie meine Frau geſehen?“ fragte mit erſtickter Stimme der beſeſſene Reiter;„es iſt ein grüner Wagen! Sie geht mit dem Manne von geſtern durch.. mein lieber Herr von Puyſeul, bin ich nicht recht unglücklich!“ „Es iſt der Mann der Frau,“ ſagte Julius der Präſidentin in's Ohr. „Wie! eine verheirathete Frau!“ rief die ge⸗ ſtrenge Frau von Genancourt und deutete, zum Fenſter des Kutſchenſchlags ſich hinausbeugend auf die in der Ferne dahinfliegende Kutſche, welche an⸗ geblich ein Verbrechen barg, in Wahrheit aber ſo unſchuldig war. Mit prüfendem Auge blickte Puyſeul Fräulein von Genancourt an. Nur ein Staunen, dem alle Aufregung und aller Aerger fremd war, hatte das ruhige und ausdrucksloſe Geſicht des Mädchens einen Augenblick belebt. „Armer la Rochette!“ dachte der Vicomte,„daß 6 84 es dir nicht einmal gelungen, die Liebe dieſer klei⸗ nen Provinzialin zu erwerben!“ Kaum hatte Herr Limouroux die BVerline ver⸗ laſſen, als er mit neuer Furie ſein Pferd antrieb. Mehr und mehr kam er der Poſtchaiſe nahe, deren Reiſende ſich nicht ſo heftig verfolgt glaubten. End⸗ lich gelang es ihm ſie einzuholen, und jetzt ſprengte er in geſtrecktem Galopp auf den Poſtillon ein und drückte dieſem den Lauf einer coloſſalen Piſtole auf die Naſe. Bei dieſer drohenden Geberde warf ſich der Po⸗ ſtillon auf das Kreuz des Sattelpferds zurück und hielt augenblicklich an. „Sobald du dich rührſt, biſt du ein Mann des Todes!“ ſprach der Juwelier mit tragiſcher Stimme zu ihm. Eine Sekunde darauf hatte er einen der Rollvorhänge abgeriſſen und den Lauf ſeiner Piſtole auf den Kutſchenſchlag gerichtet. Beim Anblick des Geſichts und der Waffe ihres Mannes, warf ſich Paola in die Tiefe des Wagens zurück und ließ ihren angeblichen Mitſchuldigen der ganzen Wirkung des Feuers ſich ausſetzen; der kö⸗ nigliche Procurator aber, wenn er auch über dieſen unvermutheten Angriff ſehr verblüfft war, hatte doch noch Geiſtesgegenwart genug, dem Juwelen⸗ händler die Piſtole zu entreißen zu ſuchen. „Wollen Sie mich meuchleriſch morden?“ fragte er, ſeine ganze Kraft aufbietend, um den wüthen⸗ den Ehemann zu entwaffnen. Während er am Laufe der Waffe zog, hielt Herr Limourour den Griff feſt, und während ſo die bei⸗ den hin und herzogen, ging die Piſtole los und b. n 0 te d f — M w d vw 85 zwar ſo, daß die Kugel die Wange des Magiſtrats vom Mund bis zum Ohr ſtreifte und aus dieſer ein Riemchen herausriß, ähnlich denjenigen, die ein geſchickter Tranſchirer aus einer gebratenen Gans oder Ente herauszuſchneiden weiß. Halb erſtickt von dem Rauch, der die Poſcchaiſe plötzlich erfüllte, blutbedeckt und überzeugt, daß er wenigſtens ein paar Kugeln im Kopfe ſtecken habe, ließ ſich der königliche Procurator, wie ein Todter, wiſchen die Kiſſen gleiten, wo er in eine Ohnmacht ſank. Paola ihrerſeits, als ſie den Schuß hörte, riß den Kutſchenſchlag auf, ſprang zum Wagen hinaus und ſuchte auf der Straße zu fliehen; Herr Limou⸗ roux aber, der in dieſem Augenblicke ihr ſo furcht⸗ bar vorkam, wie die Erſcheinung auf dem fahlen Pferd, wovon die Offenbarung des Apoſtels Johan⸗ nes ſpricht, verlegte ihr den Weg. Ein einziger Gedanke erfüllte jetzt die junge Frau, der Gedanke nämlich, daß ihr furchtbarer Gatte wohl noch eine geladene Piſtole habe, ſowie daß dieſelbe für ſie beſtimmt ſein könne. Mit der Gewandtheit eines Eichhörnchens, das einen Baum hinaufklettert, er⸗ faßte ſie alſo die Kleider ihres Mannes, hißte ſich auf deſſen Stiefel und ſaß nach Verfluß von einer Sekunde auf dem Kreuz des Poſtgauls, den Reiter mit ihren Armen feſt umſchließend. „Ach liebes, ach allerliebſtes Männchen!“ ſprach ſie und drückte ihn dabei dermaßen, daß ſie jede blutdürſtige Geberde ihm unmöglich machte,„endlich kommſt du mir zu Hülfe; Lieber, Guter, Angebete⸗ 86 ter, endlich befreiſt du deine Paola, die man dir entführen wollte!“ „Wie! man entführte dich!“ erwiderte der ehr⸗ ſame Juwelier und drehte dabei den Kopf um. Ein leidenſchaftlicher Kuß ſchloß ihm den Mund, und eine Umarmung, die ihn einen Augenblick des Athems beraubte, zeugte von der unveränderlichen Liebe, deren Gegenſtand er war. Und während die Poſtchaiſe, worin Herr de la Rochette lag, nach Auxonne hin langſam weiter fuhr, kehrte Herr Limouroux nach Dijon zurück, als Trium⸗ phator ſeine Ehehälfte hinter ſich mitführend und von der Tugend der hübſchen Corſin nicht minder überzeugt als von ſeinem eigenen Heldenmuthe. Einen Monat ſpäter frühſtückte der königliche Procurator mit ſeiner Schmarre zu Auxonne in einem kleinen Zimmerchen, wo er von der ganzen Welt zurückgezogen lebte. Ihm gegenüber ſaß Puy⸗ ſeul, der, ſobald er die ſeinem Freunde zugeſtoßene Kataſtrophe erfuhr, von Dijon herbeigeeilt war, ihn in dieſer Wohnung inſtallirt und auf's Sorg⸗ ſamſte gepflegt hatte während einer Krankheit, die mehr in einer ungewohnten Reihenfolge heftiger Empſindungen als in einer nicht ſehr ſchweren Wunde ihre Urſache hatte. Alle zwei Tage hatte der Vicomte den königlichen Procurator beſucht, in⸗ deſſen war er, das Fieber zum Vorwand nehmend, das durch die geringſte Aufregung geſteigert worden wäre, ſtets den Fragen des Verwundeten betreffs der Folgen ſeines Abenteuers ausgewichen, und ferner hatte er durch ein unbeugſames Verbot alle Beſuche und Briefe fern zu halten gewußt, die, wie 87 er ſagte, die Wiedergeneſung ſeines Freundes beein⸗ trächtigen und verzögern konnten. An dem eben⸗ genannten Tage nun empörte ſich der gänzlich wie⸗ derhergeſtellte königliche Procurator wider den Deſpo⸗ tismus ſeines allzu beſorgten Wärters. „Jetzt halte ich es nicht länger aus,“ ſprach er, „ich will, ich muß wiſſen, was man von mir ſpricht, was meine Collegen von mir denken, wie die Leute dieſes fatale Abenteuer anſehen, und endlich wie die Familie Genancourt die Sache aufgenommen hat. Es wird mir ſchwer genug werden, ſie wieder aus⸗ zuſöhnen. Es iſt der Präſident ein ſo ſittenſtrenger Mann, und es ſind die beiden Damen ſo ſteif... Und dann müſſen auch die Beförderungen und Er⸗ nennungen am königlichen Gerichtshof nun erfolgt ſein, und ich ſelbſt ſollte bereits meine Beförderung erfahren haben... Nun habe ich mich gewiß lange genug verſteckt; ich will, ich muß nach Dijon gehen.“ Puyſeul erfaßte die Hand des Magiſtrats und drückte dieſelbe ſchweigend. „Beſter Freund,“ ſprach er darauf,„bis jetzt habe ich es vermieden, auf deine Frage zu antwor⸗ ten, da ich fürchtete, daß dein Uebel dadurch ver⸗ ſchlimmert werden könnte; da du nun aber curirt biſt, wird es wohl das Beſte ſein, daß ich dich von dem, was unterdeſſen vorgefallen, unterrichte: die Beförderungen und Ernennungen beim Gerichtshof ſind in der That erfolgt...“ „Ah!“ ſprach der königliche Procurator, den die von ſeinem Freunde affectirte traurige Miene plötz⸗ lich mit Beſorgniß erfüllt hatte,. und i bin nicht zum Rath ernannt?“ 88 „Du biſt nicht zum Rath ernannt,“ antwortete Puyſeul mitleidsvoll. „Ah! und wer iſt an meiner Statt ernannt worden?“ hob Herr de la Rochette, ein Lächeln ver⸗ ſuchend, wieder an. „Einer deiner Freunde, der, indem er ein Amt angenommen, welches du unter den dermaligen Um⸗ ſtänden nicht bekommen hätteſt, die Pflichten der Freundſchaft nicht zu verrathen geglaubt hat... Ernannt iſt. dein Freund..„der in dieſem Augenblicke mit dir ſpricht,“ fuhr Julius fort, der ſich nicht enthalten konnte, mit ſeiner Antwort einen Augenblick zu zögern. Der königliche Procurator zog ſeine Hand zurück. „Ah!. Du biſt Rath am Gerichtshofe von Dijon, empfange meine Glückwünſche, der An⸗ fang iſt hübſch.. Und mich, der ich ſchon ſeit zehn Jahren auf der Breſche ſtehe, läßt man bei einem Gerichte erſter Inſtanz verkommen und vermodern. Du wirſt die Urtheilsſprüche, die ich erwirke, caſſi⸗ ren, was recht drollig. höchſt drollig ſein wird,“ wiederholte er mit einem erzwungenen Lachen. Der Vicomte blickte ihn einen Augenblick bewegt an. „Ach nein, lieber Freund,“ ſprach er,„ich werde die Urtheilsſprüche, die du erwirkſt, nicht caſſiren. Das Aufſehen, welches dein Abenteuer unglückſeli⸗ ger Weiſe gemacht, hat den erſten Präſidenten und den Generalprocurator zu einer Maßregel veran⸗ laßt, die für uns alle peinlich genug iſt, deren Wir⸗ kung aber hoffentlich nur zeitwierig ſein wird. Man hat auf deine Verſetzung angetragen.“ ete nt T⸗ mt n⸗ er m er n n R⸗ n m 1= 7. t — — NM MWW M„ 89 „Auf meine Verſetzung!“ ſprach der Maßgiſtrat aufſtehend. „Du biſt nun königlicher Procurator in Corſica.“ „In Corſica! in Corſica! in Corſica!“ rief Herr de la Rochette in drei verſchiedenen Tönen, die vom Baſſe bis zum höchſten Tenor reichten... „Das iſt ja aber unerhört, das iſt ja aber ſchänd⸗ lich! Und Herr von Genancourt, mein Schwieger⸗ vater, läßt ſo mit mir umgehen?“ „Herr von Genancourt wird nicht dein Schwie⸗ gervater,“ hob Julius wieder an. Der königliche Procurator ſank auf einen Stuhl und fand erſt nach einer Weile die Kraft, die Worte zu ſtottern: „Ich verſtehe nicht.“ „Du begreifſt wohl,“ ſagte ſein treuer Freund Puyſeul mit ſanfter Stimme,„daß nach dem Scan⸗ dal deines beklagenswerthen Abenteuers Herr von Genancourt dir die Hand ſeiner Tochter nicht mehr geben konnte. Und da es ſo mit deiner Heirath nun einmal nichts mehr war, ſo kannſt du es auch nicht übel nehmen, daß einer deiner Freunde, der, wenn er dein Mitbewerber geweſen wäre, ſich ehr⸗ licher Weiſe zurückgezogen hätte, nach der Ehre ge⸗ ſtrebt hat, Fräulein Alpſonſinens Gatte zu werden.“ „Du!“ ſchrie der Magiſtrat;„du nimmſt mir meine Frau und meine Stelle!“ „O Gott! ich nehme gar nichts: Frau von Chateauferry iſt es, die alles das ſo geordnet. Als ich ſah, daß ich dir in keiner Weiſe ſchadete, habe ich mich bloß ernennen und zum Ehekrüppel machen laſſen. Siehſt du, lieber la Rochette, das iſt Alles, 90 und darum werden wir hoffentlich nicht aufhören, einander gut und Freunde zu ſein.“ „Freunde!“ rief der königliche Procurator mit jener markdurchdringenden Ironie, womit ein Ham⸗ let das Wort Friends ſpricht!...„Das Einzige, was ich bedaure, ſiehſt du, iſt, daß du nicht irgend jemand ermordet, damit ich das Vergnügen hätte, deinen Prozeß zu inſtruiren. Wie! weil ich einen einfa⸗ chen, aber nicht zur Ausführung gekommenen Ver⸗ ſuch gemacht, die Gunſt eines Weibes zu erlangen, verhöhnt man mich, als ob ich ein neuer Sardana⸗ pal wäre; man verbannt mich nach Corſica; es wird aus meiner Beförderung nichts und vielleicht iſt meine ganze Laufbahn dadurch gefährdet; es entgeht mir eine herrliche Partie, von meinem ſchrecklich zerfetzten Geſichte zu ſchweigen, wodurch ich zeitlebens entſtellt bin; an allem dem biſt im Grunde du Schuld— ich durchſchaue nun die ganze Geſchichte; und dennoch haſt du die Stirn, mich dei⸗ nen Freund zu nennen!“ „Ich will dir geſtehen, daß die Strafe groß, übergroß iſt für deinen erſten Verſuch, den Gerichts⸗ mann abzulegen. Indeſſen bleibt dir ein Troſt, und der genügt großen Seelen.“ „Welcher Troſt?“ fragte Herr de la Rochette mit der Bitterkeit eines Menſchen, der für dieſe Welt auf nichts mehr hofft. „Daß du unſchuldig biſt!“ ſprach Puyſeul lä⸗ chelnd. Der thönerne Fuß. I. Ein ächtes Pariſer Kind geht nur ſpazieren, um zu ſehen und um geſehen zu werden; es finden ſich alſo die Orte, wo man gehen kann, ohne ſich mit dem Elbogen zu berühren, faſt gänzlich ver⸗ nachläſſigt, denn die Menge folgt eben ſchafartig der Menge, und ihr gegenüber ſpielt die Mode die Rolle des Schäferhunds, der die Heerde fortwäh⸗ rend umkreist und beunruhigt, damit ſie beiſammen bleibt. Unter den Promenaden, welche minder ſchönen Nebenbuhlerinnen zulieb verlaſſen werden, müſſen wir billig in erſter Linie den botaniſchen Garten aufführen. Melancholiſch auf dem linken Seineufer zwiſchen der Weinhalle, dem Pitié⸗Spital und dem Gefängniß der Nationalgarde ſich entfaltend, öffnet er vergebens jeden Morgen ſein Gitterthor den wenigen Perſonen, welche über die Auſterlitzer Brücke gehen; vergebens zeigt er, ſtrengwiſſenſchaftlich ge⸗ ordnet, die Wunder ſeiner Horticultur, und verge⸗ bens legt er in der Toilette ſeiner Löwen und Pan⸗ ther die raffinirteſte Koketterie an den Tag. Die Provinzialen, welche die Giraffe ſehen wollen, ſo⸗ wie die britiſchen Familien abgerechnet, für die 94 eine Ercurſion auf dem Continent in einer mehr minutiöſen als verſtändigen Verification der in ihren Reiſehandbüchern aufgeführten Gegenſtände beſteht, ſind die eigentlichen, ſtändigen Beſucher dieſer herr⸗ lichen Anſtalt nicht minder dünn geſäet, als einſt die Schiffbrüchigen, von denen Virgil ſpricht, auf dem Abgrund der Meere. Greiſe oder Reconvales⸗ centen, welche der Sonne nachgehen und ihre Bank verlaſſen, ſobald der Schatten ſie erreicht; Blind⸗ geborene oder Taubſtumme— traurige Haufen, für welche das Leben keine Blüthen hat—; Kinds⸗ mädchen, die, mit einem Stück Kuchen in der Hand, vom Affenpalaſt nach dem Bärenzwinger wandern; einige arbeitsloſe oder arbeitsſcheue Arbeiter, welche die Menagerie wie ein unentgeltliches Schauſpiel beſuchen und im Nothfall ſich in dieſen Käfigen ein⸗ ſperren ließen, wenn ſie dort, ohne zu arbeiten, ge⸗ nährt würden: das ſind die Stammgäſte dieſes ſchönen Orts, neben welchem die Place Royale als geräuſchvoll und der Luxemburg⸗Garten als belebt erſcheint. Wenn nun auch der botaniſche Garten vom gro⸗ ßen Haufen der Spaziergänger verſchmäht und verlaſſen iſt, ſo begegnet man doch dort einer Menſchenklaſſe, auf welche die Vorſtellungen der Menge ohne allen Einfluß bleiben; denn für ſie hat die Einſamkeit nicht nur nichts Abſtoßendes, ſondern im Gegentheil eine große Anziehungskraft, ſo daß ihre liebſten Wege die ſind, welche der große Haufe nicht betritt. Dieſer höchſt intereſſanten Menſchenclaſſe, die wir hier nicht näher ſchildern wollen, gehörte ohne Zweifel ein junger Mann von 95 etwa fünfundzwanzig und eine noch jüngere Frau an, die an einem friſchen Aprilmorgen des Jahres 184.. durch die geſchlängelten Pfade des Schwei⸗ zerthals auf den Belvedere zuſchritten. Vielleicht daß die Damhirſche und die Gazellen, welche in ihren Gehägen das erſte Frühlingsgras abweideten, noch nie ein beſſer zuſammenpaſſendes Paar hatten an ſich vorübergehen ſehen. Die Art und Weiſe, wie der Cavalier den Arm ſeiner Begleiterin mit dem ſeinigen drückte und wie dieſem ſtummen Drucke von der andern Seite nachgegeben wurde, verrieth unzweideutig die Harmonie gegenſeitiger Liebe. Die geſchmeidige Uebereinſtimmung ihrer Tritte, ihre flüchtigſten Geberden athmeten die Wohlgerüche der Liebe, jener im Herzen blühenden Roſe; man hätte glauben können, es ſeien zwei Neuvermählte, welche fern vom Gedränge und Ge⸗ wimmel der Menſchen die ſüßeſten Stunden des Honigmonats koſten wollten, hätte nicht eine Be⸗ merkung, die ſich jedem Zuſchauer aufdrängen mußte, dieſe Muthmaßung alsbald wieder Lügen geſtraft. Es war nämlich die junge Frau in Trauer geklei⸗ det, während im Anzuge des ſie begleitenden Man⸗ nes nichts die Gleichförmigkeit anzeigte, die in einem ſolchen Fall das eheliche Geſetz dem Coſtüm aufer⸗ legt. Schien alſo die Vertraulichkeit, welche dieſe beiden Weſen mit einander verband, einerſeits un⸗ beſtreitbar, ſo mußte andererſeits die Rechtmäßig⸗ keit derſelben als zweifelhaft erſcheinenz indeſſen leuchtete in den Zügen der unbekannten Frau ſo große Sittſamkeit und lag in der Haltung ihres Freundes des Ehrerbietigen ſo viel, daß ſelbſt die 96 äußerſte Sittenſtrenge und die perſonifizirte Sprö⸗ digkeit Anſtand genommen hätten, ohne Weiteres ein ungünſtiges Urtheil über die Beiden zu fällen. Die beiden Liebenden gingen nur langſam und ſchlugen zuweilen, und zwar vielleicht abſichtlich, die unrechten Wege ein; denn nicht die Schuljugend allein zieht den längſten Weg vor. Ein Sonnen⸗ ſchirmchen belaſtete den Arm des jungen Mannes, und da es gegen den mangelnden Sonnenſchein kei⸗ nen Schutz zu gewähren brauchte, ſo bediente er ſich deſſelben, um damit die Rennthiere oder die Schafe zu necken, welche ſich neugierig hinter dem Gitterzaune aufgeſtellt hatten; ſie aber hing an dem ſie ſtützenden Arme und verbarg hinter einer geheuchelten Mattigkeit die Leichtigkeit des Vögel⸗ chens, deſſen Flügel ſich eben geſchloſſen. Trotzdem daß jenes Gefühl, welches Frau von Stael ſo rich⸗ tig einen doppelten Egoismus genannt hat, die Beiden ausſchließlich beſchäftigte, malte ſich doch auf dem Geſichte der Dame eine Art Unruhe, ſo vft gewiſſe Alleenkrümmungen ſie einige Spaziergänger wahrnehmen ließen. Insbeſondere flößten ihr die Frauenzimmer, die vermöge ihrer Toiletten den höheren Claſſen der Geſellſchaft anzugehören ſchie⸗ nen, ſichtbare Beſorgniß ein; um ihnen auszuwei⸗ chen, hätte ſie alle Augenblicke einen andern Weg eingeſchlagen oder ſich ganz zurückgezogen, wenn ihr Begleiter ſie nicht auf das Kindiſche eines ſol⸗ chen Benehmens hingewieſen hätte. „Hören Sie, Adriane,“ ſprach er, nach einem Anflug von Furcht, welcher ſtärker als alle bisheri⸗ gen geweſen war,„bald weiß ich nicht mehr, wo 97 mir der Kopf ſteht, wenn Sie fortfahren, ſolchen chimäriſchen Beſorgniſſen Raum zu geben! Fort, fort mit ſolchen Schrecken! Wie mögen Sie doch glauben, daß Bekannte von der Taranneſtraße Sie bis in den botaniſchen Garten verfolgen, um Sie zu belauern? Bedenken Sie doch, daß wir hier von Paris ſo weit entfernt ſind, als wenn wir uns in den Hinterwäldern Amerika's befänden. Was haben Sie zudem zu fürchten? Sind Sie nicht Ihre eigene Herrin? Lebt auf dieſer Welt auch nur eine einzige Perſon, welche ein Recht hätte, Ihre Hand⸗ lungen zu controliren?“ „Nein, wohl aber hat dieſes Recht die ganze Welt,“ antwortete die junge Frau.„Wiſſen Sie denn nicht, daß eine Wittwe von dreiundzwanzig Jahren wieder minorenn und aller Welt Mündel wird, die Mündel der Freunde ſowohl, als der Feinde? Nur in der Geſellſchaft der Frau von Chantevilliers allein habe ich das Glück, ein halbes Dutzend offiziöſer Vormünderinnen zu beſitzen, die unter dem Vorwande, an meinem Schickſal Antheil zu nehmen und meinem Mangel an Erfahrung zu Hülfe zu kommen, mich durch ihre ewigen Rath⸗ ſchläge und Lehren noch umbringen werden. Würde in dieſem Augenblicke eine dieſer guten Seelen mich allein in Ihrer Geſellſchaft erblicken, was würde ſie da denken, du mein Gott! Und vor Allem, was würde ſie da ſagen?“ „Was können Ihnen die Reden einiger Schein⸗ ſpröden verſchlagen?“ „Sie können ihnen trotzen, Adolph, ich aber muß mich ihnen unterwerfen; denn dieſe Reden Bernarbd, Ausgew. Erzählungen. II. 7 — — 98 . gelten in den Salons als Geſetz. Geſtehen Sie es nur, indem Sie mich heute Morgen bewogen, mit Ihnen auszugehen, haben Sie mich zu einer Thor⸗ heit, zu einem Schülerſtreiche verleitet, den ich ſchon bereue in Erwartung der Strafe, die gewiß nicht ausbleiben wird.“ „Was verſchlägt es denn aber?“ ſprach Adolph; „iſt es nicht bereits beſtimmt, daß ich Sie heirathe, pobald Ihre Trauerzeit vorüber iſt?“ „Sind wir einmal geheirathet, ſo wird Alles in Ordnung ſein,“ verſetzte ſie,„und dann werde ich auch, ſo oft Sie immer wollen, allein mit Ihnen ausgehen; nur Schade, daß Sie dann vielleicht die Einſamkeit nicht mehr ſo wie jetzt ſuchen.“ Dieſe Inſinuation, welche eine holde Koketterie durchblicken ließ, beantwortete der junge Mann damit, daß er eine Hand gegen ſein Herz drückte, welche ſich ihm ohne allen Widerſtand überließ. „Oh! wie ſüß müßte es nicht ſein, Traute, eine Einöde mit Ihnen zu theilen!“ rief er mit der bei Verliebten gewöhnlichen Emphaſe. † Jetzt gingen die Beiden langſamer und ganz in ihr Glück vertieft, ſo daß ein bedeutſamer Druck ihrer verſchlungenen Arme die einzige Sprache war, deren ſie ſich bedienten. Wäre in dieſem Augen⸗ blicke ein Brunnen vor ihnen geweſen, ſo wären ſie, wie der bekannte Aſtrolog, wahrſcheinlich hin⸗ eingeſtürzt. Glücklicher Weiſe ſtieß ihre Zerſtreut⸗ heit auf kein ſolches Hinderniß, wohl aber führte ſie ſie auf einen alten Herrn, der ſeinerſeits ſehr zerſtreut war und unbeweglich vor einem Haufen Perlhühner und Enten ſtand, denen ſeine Hand in 99 väterlicher Weiſe einen Nanterrekuchen hinbröckelte. Dieſer Naturfreund, der in ſeinem Anzug ſogar etwas Geſuchtes hatte, trug über ſchwarzen Kleidern einen langen, ſchokoladebraunen Oberrock, der an einem ſeiner Knopflöcher das Band der Ehrenlegion ſehen ließ. Als er ſich nun von dem träumeriſchen Paare geſtoßen fühlte, wandte er ſich lebhaft um, und zeigte ein ebenſo trockenes als gelbes Geſicht, das durch ſein ſpitzwinkeliges Weſen an die Schnauze eines Schakals oder an den charakteriſtiſchen Zug der Phyſiognomie eines Robespierre erinnerte. Seine unter graulichen Brauen liegenden Augen entſand⸗ ten einen prüfenden Strahl, der, nachdem er kühn unter den Hut der jungen Frau gedrungen, mit einem ironiſchen Ausdruck der Ueberraſchung auf dem Geſichte des Liebhabers haften blieb. Als nun Adolph die Züge des Mannes er⸗ kannte, den er aus Verſehen geſtoßen hatte, fühlte er, wie er unwillkürlich erröthete; er fuhr mit der Hand nach dem Hut und ſprach einige Worte der Entſchuldigung. Der Greis gab ihm ſeinen Gruß zurück, ſchien jedoch auf die Worte nicht zu hören, worauf er Adrianen abermals mehr aufmerkſam als ehrerbietig anſchaute und ſich endlich langſam ent⸗ fernte; zuvor jedoch hatte er auf das betroffene Paar einen letzten Blick geworfen, deſſen Spott durch eine nachſichtige Gutmüthigkeit gemäßigt zu werden ſchien. „Wer iſt dieſer Herr, und warum erröthen Sie ſo?“ fragte Adriane, die Augen ihres Liebhabers befragend. „Will ſchon wieder Unruhe über Sie ℳ 100 antwortete dieſer mit einem gewiſſen Aerger.„Recht lächerlich iſt es von mir geweſen, daß ich erröthet bin, und ich weiß fürwahr nicht, warum es geſche⸗ hen; Sie ſind es, deren ewige Furcht nun auch mich aus der Faſſung bringt.“ „Dieſer Mann aber...“ „Iſt unter allen, denen wir begegnen konnten, derjenige, welchen wir am Wenigſten zu fürchten brauchen. Ohne Zweifel hat er meine alberne Auf⸗ regung bemerkt, und gewiß macht er ſich in ſeinem Innern darüber luſtig; denn trotz des harmloſen Zeitvertreibs, bei dem wir ihn überraſcht, iſt er weit abgeſchlagener und boshafter als alle Affen zuſammen, die wir eben betrachteten. Er iſt ein alter Freund meiner Familie, und erſt jüngſt noch hat er mir, bei mehreren Gelegenheiten, Beweiſe wahrer Theilnahme gegeben; mit einem Wort, es iſt jener Diviſionschef vom Miniſterium des Innern, Herr Sabathier, von dem ich Ihnen mehr denn ein Mal geſprochen.“ „Derſelbe, der Ihnen Ihre Stelle verſchafft?“ „Derſelbe, und es iſt das um ſo ſchöner von ihm, als ihm nicht unbekannt iſt, daß meine Anſichten durchaus nicht von der Farbe der ſeinigen ſind, wenn er überhaupt eine Meinung hat; denn ein Mann, der nun ſchon dreißig Jahre im Amte und die rechte Hand des Herrn von Martignac iſt, nach⸗ er ein Günſtling des Herrn von Villdle gewe⸗ „Muß wenigſtens ein halbes Dutzend Meinun⸗ gen haben,“ unterbrach ihn Adriane lachend;„le⸗ gen Sie alſo die üble Gewohnheit ab, Jedermann NM w———*——* N — N 101 zu verläſtern. Zudem iſt Herr Sabathier Ihr Be⸗ ſchützer, und als ſolchem ſind Sie ihm Ehrerbietung ſchuldig. Was mich ſelbſt betrifft, ſo fühle ich, daß er mir recht lieb iſt trotz ſeines alten Geſichts und ſeines ſpöttiſchen Blicks; denn Sie verdanken ihm ein jährliches Einkommen von mehr als dreitauſend Franken, und eine ſolche Summe iſt für unſer klri⸗ nes Budget recht ſchön. Bedenken Sie, Adolph, daß wir ſonſt recht nahe daran waren, arm zu ſein. Unſer Vermögen verſchaffte uns faſt nur das unumgänglich Nothwendige, dieſe dreitauſend Fran⸗ ken werden unſer Luxus ſein.“ „Iſt man arm, wenn man ſich liebt?“ fragte der ſentimentale Adolph. „Die Liebe und eine Hütte: nicht wahr?“ ver⸗ ſetzte die junge Wittwe mit einem zärtlich⸗ſpöttiſchen Lächeln;„es ſteht Ihnen wohl an, alſo zu ſpre⸗ chen, Sie Verſchwender! denn ich weiß Ihre Extra⸗ vaganzen: Sie ruiniren ſich mit dem kleinen Ap⸗ partement in der Gaillon⸗Straße, das wir in einem Vierteljahr bewohnen werden. Ueberall die reich⸗ ſten Tapeten, incruſtirte Möbel für mein Schlaf⸗ zimmer, Bronzen für Ihr Cabinet, japaniſche Por⸗ zellanfiguren, Gemälde, und was nicht noch Alles! Das belieben Sie eine Hütte zu nennen! Es iſt, wie ich glaube, hohe Zeit, daß ich die Zügel in die Hand nehme, und ich habe ſogar große Luſt, nicht bis zum Tage unſerer Hochzeit zu warten, um die⸗ ſen Plan auszuführen.“ „Sind Sie nicht ſchon jetzt meine Königin? Befehlen Sie?“ „Vor Allem verlange ich eine Finanzmaßregel, ————— *— 102 wozu Sie vielleicht nicht gut ſehen werden; aber es iſt mir das gleichgültig. Sie dürfen alſo fortan keine Rechnung mehr zahlen, die Sie mir nicht vor⸗ her gezeigt: ich kenne Sie, Sie ließen ſich den letz⸗ ten Blutstropfen abzapfen, ohne auch nur ein Wort zu ſagen; aber ich werde dagegen Vorkehrung treffen.“ „Sie wollen mir alſo das Vergnügen rauben, Ihnen eine Ueberraſchung zu bereiten?“ „Bereiten Sie mir dieſe Ueberraſchung lieber gleich jetzt dadurch, daß Sie ſich vernünftiger zei⸗ gen. Und da ich nun ſchon einmal im Zuge bin, Sie auszuzanken, ſo muß ich noch etwas ſagen: man hat Sie in der Vivienne⸗Straße und im Pa⸗ lais⸗Royal von einem Juweliersladen in den an⸗ dern gehen ſehen. Mit Ausnahme des Hochzeit⸗ rings nehme ich nichts an, keine Armſpange, keinen Ohrring; ich habe einige Diamanten; ſind wir ein⸗ mal Millionäre, ſo dürfen Sie mir andere geben; bis dahin aber nichts. Vergeſſen Sie nicht, daß Sie meine ernſte Unzufriedenheit erregen würden, wenn Sie in dieſem Stücke mir nicht zu Willen ſein wollten. Bin ich doch noch jung genug, um nur einiger Blumen zu bedürfen!“ „Adriane, bevor ich Sie kennen gelernt, war niemals in mir der Wunſch aufgeſtiegen, ein rei⸗ cher Mann zu ſein,“ ſprach der junge Mann me⸗ lancholiſch. „Schön,“ erwiderte ſie;„eben träumten Sie noch von einer Hütte, und nun gelüſtet es Sie ſchon nach einem Palaſte.“ „ — N ð NM v* 103 „Iſt es aber nicht grauſam, ſo gar nichts zu beſitzen, was Ihrer würdig wäre?“ „Ich glaubte, Sie hätten ein Herz,“ antwortete ſie, ihn liebevoll anblickend. Indem die Beiden ſo von tauſend Dingen ſpra⸗ chen, die an und für ſich die gleichgültigſten ſind, für die Herzen zweier Verliebter aber das größte Intereſſe haben, waren ſie endlich auf dem Belve⸗ dere angelangt. Hier blies der Nordwind mit jener Schärfe, welche die Tage des Aequinoctiums kenn⸗ zeichnet und in dieſem Augenblicke den Pavillon unbewohnbar machte. Adriane ſchauerte unter ihrem Shawl und, faſt alsbald den Arm ihres künftigen Gatten wieder nehmend, zog ſie dieſen mit einer Lebhaftigkeit fort, welche an die Spiele des Kin⸗ desalters krinnerte. „Es friert mich,“ ſprach ſie,„laufen wir.“ ünd es eilten die beiden Liebenden auf dem von Syringenbäumen begränzten Wege fort, der, der Treppe von Chambord ähnlich, vom Pavillon her⸗ unterführt und dabei eine doppelte Schneckenlinie bildet. Durch einen Impuls allmählig fortgeriſſen, welchen der geneigte Boden jeden Augenblick unwi⸗ derſtehlicher machte, wirbelten ſie dieſe Spirallinie hinab, begleiteten dabei ihren ungeſtümen Lauf mit einem lauten, faſt ausgelaſſenen Lachen und fielen, ohne anhalten zu können, mit einem Mal in eine höchſt ernſte Geſellſchaft hinein, die ſich eben an⸗ ſchickte, den Hügel hinanzuſteigen. Dieſe Gruppe beſtand aus mehreren Frauenzim⸗ mern, deren Anzug und Haltung etwas Provinzia⸗ les hatten; zwei junge Burſche von dreizehn bis 104 vierzehn Jahren, die, ſo groß wie Männer, noch Spencer trugen, bildeten die männliche Begleitung; als ihre Leiterin aber ſchienen dieſe Damen und dieſe jungen Burſche eine Perſon anzuerkennen, welche mit ihrer Begleitung in allen Stücken ſtark contraſtirte. Die Perſon, von der es ſich hier han⸗ delt, war eine Frau von höchſtens achtunddreißig, deren Schönheit zwar regelmäßig, aber kalt war; von Statur groß, ſchien ſie es noch mehr zu ſein durch die Art und Weiſe, wie ſie den Kopf trug; ihr mit Chinchilla garnirtes, ſchwarzes Atlaßkleid hob ein Weſen hervor, das in ſeinem Adel von Steifheit nicht frei war; ihr Hut von geſtreiftem Sammt endlich, deſſen Federn im Winde hin⸗ und herwallten, ſaß auf ihrem Kopfe ebenſo ſtolz, als der Helm der Minerva auf der Stirn der Göttin geruht haben mag. Dieſe Frau, deren feſtes und hochmüthiges Auge mehr Selbſtſchätzung als Sympathie für Andere verrieth, ſchien zum Tragen der Reifröcke und der Schleppkleider einer früheren Zeit geboren zu ſein. Sah man ſo, wie ſehr ſie auf die Würde ihrer Haltung hielt, wie ſteif und gezwungen ſie in ihren dem Anſchein nach gleich⸗ gültigſten Geberden war, ſo glaubte man anfäng⸗ lich eine Trauerſpielkönigin oder eine Oberprieſterin der Oper zu ſehen, welche das feierliche Weſen des Theaters in's alltägliche Leben mit hinübergenom⸗ men; indeſſen machte der Eindruck der Strenge, welche in der Regel auf ihren Zügen lag, alsbald einer Muthmaßung wieder ein Ende, deren Freiheit mehr und mehr als eine Beleidigung erſchien, wenn man dieſes ſtrenge Geſicht ſtudirte. 105 Als die junge Wittwe ſich dieſer Ehrfurcht ge⸗ bietenden Erſcheinung plötzlich gegenüber, ja faſt in deren Armen ſah, blieb ſie mit der nervöſen Plötzlichkeit ſtehen, die ein ercluſives Attribut des arabiſchen Pferdes zu ſein ſcheint; ſie erröthete bis an die Augen, ließ Adolph's Arm los, machte eine heftige Anſtrengung, um ein Lächeln hervorzubrin⸗ gen, und ſprach mit einer Stimme, die nur wenig ſicher war: „Welcher Zufall, Madame!“ Um dem Stoße auszuweichen, von dem ſie be⸗ droht war, war die Fremde zwei Schritte zurückge⸗ wichen und hatte dabei zugleich die Arme vorge⸗ ſtreckt. Statt aller Antwort heftete ſie auf Adrianen einen eiſigen Blick, der dann, ohne einen andern Ausdruck anzunehmen, ſich auf den jungen Mann richtete, deſſen Züge ihr unbekannt waren. Jetzt runzelte ſie, wie beim Anblick eines ekelhaften Ge⸗ genſtands Lippen und Brauen und ſetzte, den Kopf affectirt abwendend, ihren Weg fort— eine Pan⸗ tomime und eine Bewegung, die von der Gruppe, welche ihren Hof zu bilden ſchien, pünktlich nachge⸗ macht wurde. Als Adolph dieſe Weiberbrigade ſich entfernen ſah, ſetzte er ſeinen Hut wieder auf. „Sie glaubten eine jener naſeweiſen Provinzia⸗ linnen zu erkennen?“ fragte er, ſich zu ſeiner Be⸗ gleiterin beugend.„Was iſt Ihnen denn aber? Wie bewegt Sie ſind, und wie Sie zittern!“ „Kommen Sie, Adolph, kommen Sie, da dre⸗ hen ſie ſich um,“ antwortete die junge Wittwe, die ihre Schritte zu beflügeln anfing, als wollte ſie ſich 4 5 3 106 den Augen der Gruppe entziehen, deren ironiſches Geflüſter bis zu ihr drang.„Oh! welchen Blick ſie mir zugeworfen! Haben Sie ihn geſehen, Adolph? Was für ein Blick das war!“ „Dieſe Frau kennt Sie alſo?“ rief der Liebha⸗ ber ungeſtüm.„Und Sie erlaubt ſich nicht zu ant⸗ worten, wenn Sie mit ihr ſprechen! Sie erwidert ihren Gruß nicht! Mordelement! und es iſt kein Mann bei ihr, den ich über dieſe Unverſchämtheit zur Rede ſtellen könnte!“ Und er kehrte ſich um und ſchwang das Son⸗ nenſchirmchen, das er in der Hand hielt, als ob es ein Stock oder Degen geweſen wäre; als er aber unter dieſem halben Dutzend Federhüten nur die zwei großen ſpencertragenden Knaben erblickte, auf die ſein Zorn hätte fallen können, zuckte er die Achſeln. „Wie heißt die Creatur?“ ſprach er mit ver⸗ ächtlicher Miene;„ich habe ſie ſchon geſehen, wenn ich nicht irre, unter den Choriſtinnen der großen Oper oder unter den Figurantinnen des Franconi⸗ Theaters.“ Dieſe Spötterei heilte Adrianen's Wunde nicht, denn ſie hängte immer noch den Kopf und ging ſtumm und träumeriſch fort. „Aber was iſt Ihnen denn, lieber Engel?“ hob ihr Liebhaber, einen andern Ton anſchlagend, wie⸗ der an.„Sie ſprechen ja gar nicht. Was habe ich Ihnen gethan? Trage denn ich die Schuld der Albernheit dieſes odiöſen Weibes? Sprechen Sie doch, ich bitte Sie inſtändig.“ „Nein, ich bin Ihnen nicht böſe,“ gab ſie mit 107 einem Handdrucke zurück;„gleichwohl haben Sie mich recht unglücklich gemacht.“ „Unglücklich„ich?“ „Ja, Sie. Wie ſehr hatte ich doch heute Mor⸗ gen Recht, als ich mich weigerte, mit Ihnen auszu⸗ gehen! Aber wie ſoll man widerſtehen, wenn Sie ſich einmal irgend eine Narrheit in den Kopf ge⸗ ſetzt! Ein dunkles Vorgefühl ſagte mir, daß dieſer Spaziergang unheilbringend für mich werden würde, und nun iſt Alles, was ich gefürchtet, eingetroffen. Dank dieſer Begegnung, werde ich das Stichblatt einer ſpöttiſchen, unduldſamen, unbarmherzigen Ge⸗ ſellſchaft. Etwas an und für ſich ſo höchſt Unſchul⸗ diges wird ſich in ein Verbrechen verwandeln. Ich ſehe ſchon das boshafte Lächeln und die ſchadenfro⸗ hen Blicke aller dieſer Damen; eben haben Sie ein Pröbchen davon gehabt; was ſagen Sie dazu?“ „Wie! weil es einem alten und häßlichen Weibe einfällt, auch noch unverſchämt zu ſein, ſehen Sie ſchon, wie die ganze Welt gegen Sie unter die Waffen tritt?“ „Hierauf erwidere ich erſtens, daß ſie, da ſie noch nicht vierzig, nicht alt, ſowie daß ihre Schön⸗ heit unbeſtreitbar iſt. Sie wollen meinem Verdruſſe ſchmeicheln, haben aber Unrecht, denn ſelbſt mein Verdruß kann mich nicht blind machen; und zum Zweiten wäre ſie in der Welt dennoch eine Auto⸗ rität, wenn ſie auch noch ſo häßlich und Urgroß⸗ mutter wäre.“ „Wer iſt ſie denn? Sie könnten ja wahrlich von der Frau Dauphine nicht anders reden.“ 108 „Es iſt die Gräfin von Chantevilliers,“ antwor⸗ tete Adriane. „Jetzt bin ich ſo klug wie zuvor. Sagen Sie mir alſo, was die Gräfin von Chantevilliers iſt.“ „Das iſt eine Frage, die wieder einmal ganz nach dem Faubourg St. Jacques und nach der Rechtsſchule riecht,“ verſetzte die hübſche Wittwe; „ließen Sie ſich häufiger in unſerer Welt ſehen, ſo brauchte ich Ihnen den Werth eines Namens, den Sie ſo leichtfertig ausſprechen, nicht zu erklären. Die Gräfin von Chantevilliers, armer Adolph, iſt die Frau ohne Furcht und Tadel. Sie iſt der Engel, der niemals gefehlt und majeſtätiſch über allen Schwächen der Menſchen ſchwebt; ſie iſt die Königin der Salons, die es ihr gefällt mit ihrer Gegenwart zu beehren; ſie iſt die höchſte Richterin in Dingen des Geſchmacks; ſie ſitzt über den guten Ruf und das Talent ihrer Nebenmenſchen zu Ge⸗ richt, ſie iſt es, die Lob und Tadel ſpendet. Sie iſt reich, iſt ſchön, iſt für ihr. Alter jung, iſt voll⸗ kommen, iſt unfehlbar, iſt ſouverän; mit einem Wort, ſie iſt die Modetugend.“ „Vielleicht weil die Tugend gerade in der Mode iſt,“ ſprach Adolph lächelnd. „Allerdings finden ſie ihre Feinde— denn wer hat ſolche nicht?— etwas läſterfüchtig, etwas hoch⸗ müthig, etwas ſelbſtſüchtig; man wirft ihr eine Strenge gegen Andere vor, der einzig und allein ihre Selbſtgefälligkeit gleichkomme. Könnte ſie vor ſich ſelbſt auf die Knie niederfallen, ſo würde ſie es thun: ſo ſehr iſt ſie von ihrem eigenen Werthe durchdrungen. So ſagt wenigſtens die Welt. Dieſe 109 kleinen Unvollkommenheiten indeſſen ſind gewiſſer⸗ maßen gerechtfertigt; ſie iſt über die Anderen ſo ſehr erhaben, daß ſie wohl ein Recht hat, ſie ihre Ueberlegenheit fühlen zu laſſen; auch iſt man ihr die Gerechtigkeit ſchuldig, daß ſie keine Gefahr läuft, dieſes Rechts verluſtig zu gehen dadurch, daß ſie daſſelbe nicht geltend macht. Von ſelbſt verſteht es ſich, daß ſie alle Männer verachtet; indeſſen hat unſer Geſchlecht kaum Urſache, ihre Nachſicht mehr zu rühmen. Sie haben doch wohl ſchon die Veſta⸗ lin geſehen? Wohlan! ſobald eine Frau eine Un⸗ beſonnenheit, einen Fehltritt ſich zu Schulden kom⸗ men läßt, übernimmt Frau von Chantevilliers ihr gegenüber die Rolle des Oberprieſters und wirft ihr den ſchwarzen Schleier über. Dazu bedarf ſie bloß einer Phraſe, eines Worts; die Arme, die ſich viel⸗ leicht bloß einer kleinen Unbeſonnenheit ſchuldig ge⸗ macht, ſieht ſich dann wie Julia lebendig begra⸗ ben; Alles iſt dann aus. Ich bin gewiß, daß ſie in dieſem Augenblicke über mein Leichenbegängniß nachdenkt,“ fuhr die junge Wittwe mit erzwungenem Lächeln fort;„unſer Töte-A-Töte hat in ihrem Geiſte ſicherlich die abgeſchmackteſten Gedanken ge⸗ weckt, allein ich werde den Todesſtreich nicht ruhig abwarten: morgen ſchon gehe ich zu ihr, und wenn ich ihr auseinandergeſetzt habe, daß es ſich um mei⸗ nen Mann handelt— denn ich ſehe Sie bereits als denſelben an...“ „Wie! Sie wollen zu dieſem Weibe gehen nach dem unverſchämten Betragen, das ſie ſich er⸗ laubt!“ rief der junge Mann mit einem Zorn, der durchaus unwillkürlich war.„Das dürfen Sie mir 8 n„ ——————— — 110 nicht thun, Adriane; da ich in Ihren Augen ſchon den Charakter eines Gatten habe, ſo müſſen Sie mir auch erlauben, die Autorität eines ſolchen gel⸗ tend zu machen. Und was kann Ihnen an der Achtung oder richtiger an der Gunſt einer Gräfin von Chantevilliers liegen? Werden Sie nicht in einem Vierteljahre Frau Dauriac heißen? Und was können Ihnen dann die Reden eines Weibes ſchaden, dem es beliebt, die Spröde, die Tugend⸗ hafte zu ſpielen? Sicherlich iſt Ihr fleckenloſer En⸗ gel nicht anders, als ich eben geſagt Sie ver⸗ ſprechen mir, zu dieſer Frau nicht gehen zu wollen: nicht wahr?“ „Nein, nein, ſolches verſpreche ich Ihnen nicht,“ antwortete Adriane haſtig;„Sie werden mir erlau⸗ ben, daß ich auf meinen guten Ruf halte, und daß ich mich nicht Unannehmlichkeiten ausſetze, denen eine ganz einfache Erklärung ſo leicht vorbeugen kann. Ich ſage Ihnen, dieſe Frau iſt zu fürchten: was könnte es mir nützen, ſie mir zur Feindin zu machen?“ „Sie hat Sie aber gröblich beleidigt!“ „Weil ſie vom Schein ſich hat betrügen laſſen: ein weiterer Grund alſo, ihr ihren Irrthum zu nehmen. Predigt man uns ferner nicht, daß wir Beleidigungen verzeihen ſollen? Und dann hat ſie mir auch jüngſt eine Einladung zu ihrem Ball zu⸗ kommen laſſen, und trotzdem daß meine Trauer mich verhindert, davon Gebrauch zu machen, ſo bin ich ihr doch einen Beſuch ſchuldig.“ Dieſer kleine Streit ſpann ſich ſo fort, ohne daß einer der beiden ſtreitenden Theile auf ſeine 111 Anſicht verzichten wollte; und noch ſtritten ſie ſich, als ſie ſchon wieder in der Wohnung angelangt waren, welche Frau von Verſan— ſo hieß die junge Frau— in der Taranne⸗Straße jetzt noch inne hatte. Seiner Gewohnheit gemäß brachte Adolph Dauriac einen Theil des Nachmittags dort zu, und eben wollte er endlich gehen, als ein frem⸗ der Domeſtik von dem Kammermädchen in den Sa⸗ lon eingeführt wurde. „Was ſoll das?“ ſprach Adriane, die ſich un⸗ willkürlich bewegt fühlte, als ſie die Livree der Frau von Chantevilliers erkannte. „Madame. vor einigen Tagen,“ ſtotterte der Lakei, der nicht recht wußte, wie er ſeine Rolle ſpielen ſollte,„.. vor einigen Tagen habe ich einen Brief gebracht... eine Einladung zu einem Ball... Wie es ſcheint, ſo hat ein Irrthum Statt gefunden; denn die Frau Gräfin.. verlangt den Brief zurück... Und wenn Madame mir ihn wie⸗ der geben wollte...“ Adriane ſtand auf, nahm unter den auf ihrem Pulte liegenden Papieren einen Brief und gab ihn, ohne auch nur ein Wort zu ſagen, dem Mann mit der Livree. „Nun, wollen Sie immer noch zu ihr gehen?“ rief Dauriac, ſobald ſie allein waren. Wie ein wuthſchnaubender Tiger ſprang er auf, durchmaß den Salon mehrere Male ungeſtüm und fragte, vor Adrianen, die unbeweglich geblieben, plötzlich ſtehen bleibend, mit heiſerer Stimme: „Hat dieſes Weib einen Mann?“ 112 „Ohne Zweifel,“ antwortete Frau von Verſan zerſtreut. „Wie alt iſt er?“ „Sechzig, glaube ich.“ „Dachte ich mir es doch. Ein Greis! Heute Morgen Kinder, und eben ein Lakei! Sicherlich aber hat dieſes Weib noch andere Männer zu ihrer Umgebung! Einen Bruder, einen Geliebten, einen Freund, kurz irgend jemand, der für ihre Frech⸗ heit haftbar iſt, und dem ich das Geſicht zerhauen kann, da ſie ſelbſt, das odiöſe Geſchöpf, durch ihre Haube und ihre Unterröcke geſchützt iſt!“ Von ſeinem Zorn fortgeriſſen, hob Adolph die Hand in die Höhe und peitſchte die Luft, als wollte er jemand eine Ohrfeige geben, die indeſſen die auf dem Kaminſims ſtehende Stockuhr traf, und zwar ſo heftig, daß ſie in Stücke zu gehen drohte. Die Hitze, womit ihr Bräutigam die ihr wider⸗ fahrene Beleidigung ahndete, gefiel Frau von Ver⸗ ſan und dämpfte ihren Verdruß mehr, als alle Troſt⸗ und Vernunftgründe es zu thun vermocht hätten. „Bleiben Sie doch ruhig,“ ſprach ſie, indem ſie ihn zum Sitzen zwang.„Das Unheil iſt nun ein⸗ mal geſchehen und gehört nicht zu jenen Dingen, die man mit dem Degen in der Fauſt wieder gut macht. Unſere Heirath wird die beſte Antwort auf die Verleumdungen ſein, die ohne Zweifel auf mich einſtürmen werden; denn darüber darf ich mich nicht täuſchen, daß ſie es bei dieſem Anfang nicht be⸗ wenden laſſen wird. Was habe ich ihr aber zu — —„————————— — 113 Leid gethan? Vergebens ſuche ich, welches Unrecht ich mir gegen ſie hätte zu Schulden kommen laſſen.“ „Was die Natur Ihres Unrechts betrifft, Ad⸗ riane, ſo können Sie ſich alsbald davon überzeu⸗ gen, wenn Sie in dieſen Spiegel ſchauen wollen.“ „Ein Compliment iſt kein Grund. Zudem iſt ſie gewiß hübſcher als ich, und daß ſie das iſt, weiß ſie wohl. Nein, ihr Betragen in dieſem Falle rührt von keiner beſonderen Beſchwerde her; es iſt bloß eine Anwendung ihrer Grundſätze. Frauen, die ſo ihre Tugend zur Schau ſtellen, kennen keine Großmuth, kennen kein Mitleid. Auf einen bloßen Verdacht hin alſo handeln! Lieber einem trügeriſchen Schein glauben, als dem Zeugniß meines ganzen Lebens! Mich ſo verdammen, ohne mich erſt zu hören! Mich mit ſolcher Rohheit behandeln, und zwar noch dazu ſo nutzlos, da ſie wohl weiß, daß ich in Trauer bin und nicht auf ihrea Ball gegan⸗ gen wäre! So mich beleidigen, um des bloßen Ver⸗ gnügens willen, eine Beleidigung zufügen zu kön⸗ nen! Mich aus ihrem Hauſe hinausjagen, Adolph.. mich hinausjagen!“ Frau von Verſan, die ſich anfänglich zu ihrem Bräutigam hinübergeneigt hatte, wandte plötzlich den Kopf ab, um ihm die Thränen zu verbergen, womit der Unwille ihre Wimpern benetzt hatte; Adolph aber nahm ſie trotz dieſer Bewegung wahr, und bei dieſem Anblicke kannte ſeine Wuth keine Grenzen mehr. „Sie iſt Schuld, daß Sie weinen, Adriane,“ rief er aus;„ich ſchwöre Ihnen, daß auch ſie Thrä⸗ nen vergießen wird. Meine Aufgabe iſt es, zu Bernard, Ausgew. Erzählungen. II. 1 4 1 6 ₰ 1 1 8 5 3 3 3 * 5 3 15 16 114 rächen, und Sie ſollen gerächt werden. Sie haben mir eben geſagt, daß ſie verheirathet, ſowie daß ihr Mann ein Greis ſei. Was thut dieſer aber? Welches iſt ſeine Stellung in der Welt?“ „Was liegt an ſeiner Stellung?“ „Antworten Sie mir, ich bitte Sie dringend. Bewohnen ſie Paris? Chantevilliers! Der Name iſt mir nicht unbekannt, doch kann ich nicht ſagen, wo ich ihn ſchon geſehen?“ „In den Zeitungen wahrſcheinlich; Herr von Chantevilliers iſt Deputirter.“ „So, Deputirter, dann iſt er nicht von der Linken; denn die kenne ich alle.“ „Er iſt vom Centrum,“ ſprach die junge Frau, ein Lächeln verſuchend;„vom innerſten Centrum, und zwar, wie ich glaube, ſchon ſeit acht Jahren. Er hat Decazes und v. Villèle ihre Rolle ſpielen ſehen; vielleicht überlebt er auch Herrn v. Martig⸗ nacz daran liegt ihm nichts. Er hängt am Mini⸗ ſterium, und nicht an den Miniſtern. Kurz, er iſt ein Muſter von einem Deputirten, da er, ſeitdem er in der Kammer ſitzt, nie eine ſchwarze Kugel angerührt hat.“ „Von welchem Departement iſt er?“ „Von Bordeaux, wo er königlicher Gerichtshofs⸗ präſident iſt. Indeſſen bewohnt er faſt immer Pa⸗ ris, und da er ſehr reich iſt, ſo macht er ein großes Haus.“ „Von Bordeaur?“ wiederholte Dauriac;„jetzt weiß ich genug. Das Uebrige iſt meine Sache. Ich kenne jemand, von dem ich Alles erfahren kann, was ich zu wiſſen brauche. Schon morgen, 115 ja ſchon heute Abend werde ich wiſſen, ob dieſes Weib ohne Furcht und Tadel ſo un⸗ verwundbar iſt, wie Sie zu glauben ſcheinen. Ich glaube an keinen andern Engel als an Sie, Ad⸗ riane. Vielleicht daß ich an dieſem vorgeblichen Diamanten, wenn ich ihn genau betrachte, einen Flecken entdecke, und dann ja dann ſoll ſie den Preis Ihrer Thränen kennen lernen.“ „Und wer iſt der Zauberer, an den Sie ſich zu wenden gedenken?“ fragte Frau von Verſan. „Einer meiner Freunde; ein Mann von Talent, Charakter und Herz, den Sie ohne Zweifel dem Namen nach kennen: Groscaſſand(von der Gi⸗ ronde).“ „Groscaſſand(von der Gironde)! Was iſt das für ein Patron?“ ſprach Adriane lachend. Etwas pikirt über die Wirkung, die der Name ſeines Freundes hervorgebracht, nahm! Adolph ein ernſtes Weſen an. „Ich werde Ihnen nicht in der Weiſe, wie Sie heute Morgen, ſagen: Die Frage riecht nach der Rechtsſchule,“ antwortete er;„vielleicht aber dürfte ich ſagen: Da haben wir eine Frage, welche zeigt, wie frivol das Frauenvolk iſt. Groscaſſand, De⸗ putirter des Girondedepartements, iſt eines der neuen Kammermitglieder, welche am Meiſten ver⸗ ſprechen. Vielleicht daß er berufen iſt, die Erb⸗ ſchaft eines Foy und Manuel anzutreten; denn der iſt nicht vom Centrum! Rein, er iſt von der Lin⸗ ken, von der reinen Linken; er iſt.. „Sie wiſſen, daß ich Ihnen verboten habe, mir 8 — 116 mit der Politik zu kommen,“ ſprach die junge Wittwe;„und dann iſt es auch fünf Uhr.“ Bei dieſen einem Abſchied gleichkommenden Wor⸗ ten ſtand Dauriac auf, und endlich entfernte er ſich, nachdem er, wie Verliebte zu thun pflegen, wenn ſie— die grauſame Trennung— erſt Tags dar⸗ auf ſich wiederſehen ſollen, hundert Mal ſich verab⸗ ſchiedet hatte und hundert Mal wieder geblieben war. I. Ohne auch nur einen Augenblick den Racheplan aus dem Auge zu verlieren, den er ſo flüchtig ent⸗ worfen, ſpeiste der Bräutigam der Frau von Ver⸗ ſan in aller Eile im Café Desmares und ging dann nach der Courty⸗Straße. Es iſt dieſer Ort, deſſen Namen die Augen unſerer meiſten Leſer wohl zum erſten Mal ſehen, in Wahrheit nur ein elend ausſehendes Gäßchen, wo viele Studenten es verſchmähen würden ſich einzulogiren, das aber von zahlreichen Provinz⸗Deputirten bewohnt wird, ohne daß dieſe dadurch ihrer Würde etwas zu vergeben glauben. Die Nähe des Bourbonpalaſtes, viel⸗ leicht auch die mäßigen Miethpreiſe ſeiner meublir⸗ ten Hotels wenden ihm dieſe parlamentariſche Aus⸗ zeichnung zu. Hier hatte auch Herr Groscaſſand (von der Gironde) für Dauer der ſeit mehr denn zwei Monaten eroffeten Seſſion ſein Domizil genommen. Neben einem unheizbaren Cabinet, das ein Schlafzimmer vorſtellen ſollte, hatte der ehren⸗ „ 33 — 117 werthe Deputirte noch ein größeres Zimmer, wel⸗ ches als Empfangs⸗, Arbeits⸗ und Speiſezimmer zugleich dienen mußte. Ein fadenſcheiniger Teppich bedeckte den ſteinernen Fußboden bis zu den Füßen der Lehnſeſſel und des Kanapees aus altem Utrech⸗ ter Sammt, welche es faſt in ſeinem ganzen Um⸗ kreiſe möhlirten; ein runder Tiſch in der Mitte des Zimmers; auf dem Kaminſimſe eine Stockuhr, welche eine kauernde Venus darſtellte— ein etwas ana⸗ kreontiſches Süjet für einen Bevollmächtigten der Nation; die Gypsbüſten Voltaire's und Rouſſeau's, die, von zwei ſich gegenüberſtehenden Geſtellen her⸗ ab, einander verſteckt anlächelten: ſolcher Art wa⸗ ren die Dinge, welche hauptſächlich das Mobiliar des Deputirten bildeten. In dem Augenblicke, wo Adolph in dieſen zu allem Möglichen dienenden Salon trat, befanden ſich dort mehrere Perſonen, des Deputirten har⸗ rend, den eine ungewöhnlich lange Sitzung noch in der Kammer zurückhielt. An die Sitten des Hauſes gewöhnt, ging der junge Mann auf das Kamin zu, ohne Nachbarn, deren Geſichter ihm un⸗ bekannt waren, viel zu beachten; dann zündete er das dem Erlöſchen nahe Feuer wieder an, ſetzte ſich an den beſten Platz, neben die Lampe, bemäch⸗ tigte ſich des auf dem Tiſche liegenden Conſtitu⸗ tionnel und las ihn, ohne auch nur ein Wort zu verſtehen; denn zwiſchen ihn und die Zeitung ſtellte ſich hartnäckig das höhniſch⸗ſtolze Geſicht der Gräfin von Chantevilliers. Lange dauerte ſeine Träume⸗ rei, begünſtigt von dem gewiſſenhaften Schweigen, das ein jeder beobachten zu müſſen ſchien; endlich 118 aber machte ein von außen kommendes Geräuſch von Stimmen und Tritten ſowohl dem Schweigen als dem allgemeinen Warten ein Ende. Adolph ausgenommen, ſtand jedermann ehrerbietig auf, noch ehe die Thüre ſich in Bewegung geſetzt hatte; endlich ging dieſe auf, und herein trat der Depu⸗ tirte, gefolgt von zwei jungen Juriſten, welche, noch Studenten, ihm als Schildknappen zu dienen pflegten. Herr Groscaſſand(von der Gironde) war ein großer, dickleibiger Mann von fünf und vierzig, der auf den erſten Blick für die Kämpfe der Arena, nicht aber für die der Rednerbühne gemacht zu ſein ſchien. Die Breite ſeiner Schultern, die gewaltige Entwicklung aller ſeiner Glieder deutete auf herku⸗ liſche Stärke und lenkten die Aufmerkſamkeit mehr auf ſich, als dieß anfänglich ſein Geſicht thun konnte, deſſen gemeiner Typus indeſſen bei näherer Pruͤfung Intelligenz und wirkliches Talent ahnen ließ. Seine kleinen Augen waren voller Feuer und loderten unter kurzen, breiten, höchſt beweg⸗ lichen Brauen. Sein knochiges und ein warmes Roth zeigendes Geſicht war von braunen, krauſen Haaren überragt, denen die Reife des Alters auf der Spitze des Kopfes eine Krone genommen hatte, die nicht minder ſcharf ausgeſchnitten war als die Tonſur eines Mönchs. Endlich, damit⸗ wir die Perſonalbeſchreibung durch die des Anzugs vervoll⸗ ſtändigen, trug ſich das Mitglied der puritaniſchen Linken durchaus ſchwarz— eine Gewohnheit, die mit ſeinem Stande zuſammen hing; denn Herr 119 Groscaſſand(von der Gironde) war, wie wir nicht vergeſſen dürfen zu ſagen, plaidirender Advokat. Der Deputirte von Bordeaur durchſchritt mit herriſcher Miene ſeinen Salon, indem er, ohne den Hut abzunehmen, mit der Hand die Perſonen grüßte, welche ſich bei ihm eingefunden hatten; ohne ſtehen zu bleiben, trat er in das Schlafzimmer, aus dem er faſt alsbald baarhäuptig wieder herauskam, nachdem er ſeinen Rock mit einem nach ſchottiſcher Art carrirten Schlafrocke vertauſcht hatte. So der ganzen Ungezwungenheit des Privatlebens zurück⸗ gegeben, pflanzte er ſich vor dem Kamin auf, an das er, die Hände auf dem Rücken kreuzend, ſich anlehnte. Jetzt wandte er ſich an ſeine Beſucher, die ſich in einem Halbkreis vor ihm aufgeſtellt hatten: „Wohlan! meine Herren,“ ſprach er mit einer überaus klangvollen Stimme, welche den Volks⸗ tribun verkündigte,„es iſt in der Sitzung hitzig zu⸗ gegangen. Ich ſah ſchon den Augenblick, wo der Verbeſſerungsantrag von Jaras durchging. Hun⸗ dert zwei und achtzig Stimmen für, und hundert zwei und neunzig Stimmen wider: eine Majorität von zehn Stimmen, und nicht mehr. Könnten wir von dieſen nur fünf gewinnen, ſo wäre es mit dem Portalis'ſchen Project aus. Ein klägliches Pro⸗ ject! Uum mich des Wortes zu bedienen, das wir in die Adreſſe aufgenommen und in die Mode ge⸗ bracht. Was mich betrifft, ſo mache ich kein Hehl daraus, daß mir das Peyronnet'ſche Geſetz, das Gerechtigkeits⸗ und Liebesgeſetz, lieber war; es hatte wenigſtens den Vorzug, daß es klar 120 ſagte, was es wollte.— Ach! guten Abend, Dau⸗ riac; ſind Sie auch in der Kammer geweſen? Ich hatte Ihnen geſtern geſagt, daß ich heute ſprechen würde, aber ich habe Caſimir Perier ſprechen laſ⸗ ſen. Morgen alſo.— Was wollen Sie, mein Herr,“ fuhr der Deputirte fort, indem er ſich zu einem durchaus ſchwarzgekleideten jungen Manne wandte, der mit vorgeſtrecktem Halſe und mit auf⸗ ſtehendem Munde zu ſeiner Rechten ſtand. „Mein Herr,“ antwortete dieſer, nachdem er einen Brief aus der Taſche gezogen, der faſt die Größe einer miniſteriellen Depeſche hatte,„dieſer Brief iſt von meinem Vater, Herrn Chaumenü, Gutsbeſitzer zu Bordeaux; er iſt der Wähler einer, welche die Ehre gehabt haben, Sie zum Deputirten zu wählen.“ „Hm!“ machte Herr Groscaſſand, ſeine breiten Brauen runzelnd und den Brief mit einer Lang⸗ ſamkeit entſiegelnd, welche die vollkommenſte Gleich⸗ gültigkeit gegen den Inhalt an den Tag legte. „Hm!“ wiederholte er, nachdem er das ellenlange Schreiben mit einem einzigen Blicke von oben bis unten durchlaufen,—„eine Stelle! Ihr Herr Va⸗ ter ſchickt Sie mir zu, damit ich Ihnen eine Stelle verſchaffe, und erinnert mich bei dieſer Gelegenheit daran, daß ich bei den letzten Wahlen ſeine Stimme bekommen habe. Er hat mir dadurch ein Zeichen ſeiner Achtung gegeben, er hat mir damit eine aus⸗ gezeichnete Ehre angethan, und ich bitte Sie, ihm zu ſchreiben, daß ich es keineswegs vergeſſe; was aber eine Stelle betrifft, ſo kann ich Ihnen keine verſchaffen, und es iſt das dieſen Herren gar wohl 121 bekannt. Nicht auf den Bänken der Linken darf man die Männer ſuchen, von denen Gnaden⸗ und Gunſtbezeigungen ausgehen. Gelingt es uns, das Miniſterium zu ſtürzen, ſo habe ich vielleicht größe⸗ ren Credit; und ſeien Sie überzeugt, daß dann der Sohn meines ehrenwerthen Mitbürgers, des Herrn Boismenü...“ „Chaumenü,“ verbeſſerte der junge Gascogner. „Der Sohn des ehrenwerthen Herrn Chaumenü alſo darf gewiß ſein, daß er der Erſte iſt, für den ich mich verwenden werde.“ Eine von einer ausdrucksvollen Geberde beglei⸗ tete Kopfbeugung ſagte Herrn Chaumenü Sohn, daß ſeine Audienz nun zu Ende ſei; der Bordeleſe verneigte ſich alſo tief vor dem Vertreter ſeiner Vaterſtadt und zog ſich höchſt traurig zurück. „Und Sie, meine Herren, wollen auch Stellen?“ ſprach jetzt Groscaſſand(von der Gironde), indem er mit einem ziemlich ſpöttiſchen Blicke den um ihn her gebildeten Kreis durchlief. „Was mich betrifft, ſo will ich Ihnen nicht lange zur Laſt fallen,“ antwortete ein kleines Männchen mit einer Perücke.„Ich bin von Blaye und habe eine Bittſchrift von den Aerzten der ebengenannten Stadt, worin ſie ſich darüber beſchweren, daß die barmherzigen Schweſtern auch Medicamente und ſonſtige Mittel verkaufen.“ „Schön! Schön! Die Bittſchrift will ich nehmen,“ ſprach der Deputirte, das ihm überreichte Papier auf ſeinen Schreibtiſch werfend;„aber ſagen Sie, könnten Sie uns nicht auch einige Bittſchriften gegen die Jeſuiten verſchaffen? Man ſpricht ſchon davon, 122 daß den ehrwürdigen Vätern tüchtig zu Leibe ge⸗ gangen werden ſoll, und da würde denn eine Maſſe kräftiger Bittſchriften die allerbeſte Wirkung un.“ „Das iſt auch meine Anſicht, mein Herr, und nichts iſt leichter,“ gab das Männchen zurück.„Ich werde mich ſogleich damit befaſſen.“ „Mein Herr,“ ſprach eine dritte Perſon und entfaltete ein rieſiges Heft;„ich ſammle Subſcrip⸗ tionen auf die politiſchen, religiöſen und hiſtoriſchen Briefe des Herrn Cauchois⸗Lemaire: zwei Bände in Oktav, Preis fünfzehn Franken! Wunderſchönes Papier. Alle die Herren von der Kammer haben bereits ſubſcribirt, die unſern natürlich— Herr Lafayette, Herr Benjamin Conſtant, Herr Caſimir Perier, Herr „Wollen Sie die ganze Linke vor mir auf⸗ marſchiren laſſen?“ unterbrach Herr Groscaſſand ungeduldig und riß dem Commis die Subſcriptions⸗ liſte aus den Händen, um ſeinen Namen einzutragen; —„es vergeht wahrlich kein Tag, wo man mir nicht ſo die Piſtole an die Kehle ſetzt.“ „Zwei ſtarke Bände, mein Herr,“ ſagte der Subſcribentenſammler;„eine ſchöne Ausgabe, Cau⸗ chois⸗Lemaire.“ „Schon gut! Schon gut!.... Es ſind fünf⸗ zehn Franken damit zum Fenſter hinausgeworfen; indeſſen werden ſie meinen Committenten von Bor⸗ deaux ſchon zu gut kommen.“ In dieſem Augenblicke machte einer der dienſt⸗ baren Geiſter des Hotels die Thüre auf und ſtellte ein Tiſchchen, worauf ein Diner ſervirt war, vor 123 das Kamin hin, ganz in der Weiſe, wie im Thea⸗ ter in Stücken, in denen gegeſſen wird; nur waren hier die Gerichte wirklich von Fleiſch und Knochen und nicht bloß von Pappendeckel. Beim Anblick ſeines Eſſens empfand der bordeleſiſche Abgeordnete eine doppelte Befriedigung; denn für's Erſte hatte er Hunger, und für's Zweite langweilten ihn ſeine Beſucher. „Meine Herren, ich bitte Sie tauſend Mal um Verzeihung, daß ich Sie ſo ohne alle Umſtände empfange,“ ſprach er und ſetzte ſich dabei an das Tiſchchen;„aber ein Deputirter von der Oppoſition braucht auf die Etikette nicht ſo viel zu halten; zudem gehöre ich zu dem gemeinen Volk, zum Lumpenvolk, wie Beranger ſich ausdrückt: war doch mein Großvater ein ſchlichter Bauer! Ich rühme mich deſſen aber, meine Herren, ja ich rühme mich deſſen! Ich ſpeiſe nicht bei den Miniſtern, und es iſt mein Mahl zu beſcheiden, als daß ich Sie bitten möchte, es mit mir zu theilen. Entſchuldigen Sie, wenn ich Sie nicht länger zurückhalte, aber ich muß gleich nach dem Eſſen mich an die Arbeit machen, denn ich werde morgen ſprechen, und es iſt der Gegenſtand ernſt genug: es handelt ſich darum, ob wir die Preßfreiheit bekommen oder nicht. Sie begreifen, daß das allgemeine Intereſſe meine Zeit heute ganz und gar in Anſpruch nimmt: auf Wiederſehen alſo, meine Herren! Sie, Dauriac, bleiben: Sie wiſſen, daß wir zuſammen arbeiten müſſen.“ Nachdem die Ueberläſtigen hinaus waren, ſtieß Herr Groscaſſand(von der Gironde) einen Seufzer 124 der Erleichterung aus und ſchlang raſch die Suppe hinunter. „Nun! quid novi?“ fragte er und ſchenkte ſich dabei ein,„ich hatte Ihnen etwas zu ſagen. Ah! ich habe es. Sie erinnern ſich wohl noch, wie ver⸗ gangenes Jahr, nachdem das Preßgeſetz zurückge⸗ zogen war, die ſtudirende Jugend in Maſſe zu mehreren Deputirten, wie Sebaſtiani, Royer⸗Collard Benjamin Conſtant u. ſ. w. zog. Nun bin ich zwar kein Freund ſolcher proceſſionellen Kundgebun⸗ gen; es iſt das von England abgeſpickt, und Sie wiſſen, ich bin Girondiſt; indeſſen wäre es viel⸗ leicht doch nicht ſo übel, wenn man mich auch mit einem ſolchen Beſuche bedächte, für den Fall, daß es uns gelingt, das Portalis'ſche Geſetz über den Haufen zu werfen, und daß ſolche Proceſſionen wieder veranſtaltet werden. Sie begreifen leicht, daß ich nicht aus eigener Eitelkeit an ſolche Dinge denke, doch darf auch nicht vergeſſen werden, daß ich ſeit dem Beginn der Seſſion ſtets auf der Breſche ſtehe; morgen wieder gedenke ich einen tüchtigen Zug zu thun: man hat mich zu unterſtützen ver⸗ ſprochen, Foy und Manuel ſind nun todt und... noch nicht erſetzt; und ſchaue ich mich um, ſo ſehe ich keine ſehr gefährlichen Mitbewerber. Dieß bleibt natürlich unter uns. Da Sie nun unter der ſtudi⸗ renden Jugend viele Freunde haben, ſo könnten Sie die Sache ſo einfädeln, daß beim erſten An⸗ laß Alles, ſo zu ſagen, von ſelbſt geht.“ „Zählen Sie auf mich,“ entgegnete Adolph; „heute Abend aber wollen wir den politiſchen Gaul ein bischen ausruhen laſſen; ich möchte bei Ihnen 125 Erkundigungen einziehen über etwas, was mich ſehr, ſehr interreſſirt.“ „Sprechen Sie: ich höre.“ „Wie verhält es ſich ganz genau mit der Familie Chantevilliers?“ „Chantevilliers?“ ſprach der Deputirte;„hier in ein paar Worten die Perſonalbeſchreibung: ge⸗ weſener, gegenwärtiger und zukünftiger Dickbauch. Er iſt, wie Sie ohne Zweifel wiſſen, ein Lands⸗ mann von mir, und ſchon lange kenne ich ihn; möge Gott ihm die Prozeſſe verzeihen, die ich durch ihn verloren! Er iſt zu Bordeaur Präſident einer Kammer des Gerichtshofs; indeſſen verläßt er Paris nie, und wer hiemit am Meiſten zufrieden, iſt ſicherlich unſere Advocatenzunft, denn er iſt ein Erzeſel; im Uebrigen eine gute Haut.“ „Und ſeine Frau?“ fragte Adolph weiter. „Seine Frau?“ wiederholte Herr Groscaſſand, der Gabel und Meſſer über ſeinem Teller ſchwebend erhielt....„Oh! Seine Frau... die iſt mir die Rechte!“ „Die iſt mir die Rechte!“ rief Dauriac.„Man hat ſie mir im Gegentheil als eine Frau von über⸗ legenem Verſtand, als eine vierundzwanzigkarätige Tugend geſchildert.“ „Das wollte ich auch ſo ziemlich ſagen, obgleich ich geſtehen muß, daß der Ausdruck, deſſen ich mich bedient, nichts Parlamentariſches hat. Warum er⸗ kundigen Sie ſich denn aber bei mir über Frau von Chantevilliers? Sollten Sie in ſie verliebt ſein?“ „Nehmen Sie einmal an, ich ſei es,“ ſprach Adolph, hinter dem Berge haltend. 126 „Wenn das iſt, ſo ſage ich Ihnen, wie man in der Weißen Frau ſingt: Nehmt Euch in Acht! Leute, ebenſo gewandt und ebenſo ſtark wie Sie, haben ſich an dieſem Lichte die Flügel verbrannt.“ „Sie vielleicht?“ ſprach der junge Mann, dem das myſteriöſe Lächeln ſeines Gegenredners nicht entgangen war. „Vielleicht,“ erwiderte Groscaſſand in ernſtem Tone. „Nun, ſo möchte ich, auf die Gefahr hin, mich einer Indiscretion ſchuldig zu machen, Sie bitten, daß Sie ſich näher erklären.“ „Mein lieber Freund, Sie laſſen mich gar zu viel in Ihre Karten ſehen,“ entgegnete der Volks⸗ abgeordnete;„Sie ſind in Frau von Chantevilliers verliebt. Man wird Ihnen geſagt haben, daß ich ich ſie ehedem geliebt, und dann möchten Sie meine Erfahrungen zu Ihren Gunſten ausbeuten: die Sache iſt gut gedacht, aber ſchlecht ausgeführt.“ „Sie haben ſie alſo geliebt!“ ſprach Adolph. „Warum ſollte ich bei Ihnen ein Geheimniß machen aus etwas, was ganz Bordeaux gewußt? Es iſt nun zwölf Jahre her, da die Sache im Jahr 1816 ſpielte: damals war ſie höchſtens fünf⸗ undzwanzig und wirklich ſchön! So durchaus ſchön, wie ſie damals war, gibt es am Tuilerienhofe keine Frau. Schon damals hatte ſie den Anſtand einer Königin, nur mit mehr Gelenkheit und Leichtigkeit; ſeitdem iſt ſie etwas beleibt geworden! Uebrigens darf ich mich darüber nicht aufhalten, denn meiner⸗ ſeits bin ich nicht allzu mager geworden, obgleich 127 man behauptet, es ſei eine unglückliche Liebe ein ſouveränes trocknendes Mittel.“ „Ihre Liebe iſt alſo eine unglückliche geweſen?“ fragte Dauriac, der mit geſpannteſtem Intereſſe horchte. „So unglücklich, wie eine Liebe immer ſein kann. Sie begreifen, daß nach einem Zeitraum von zwölf Jahren die Wunde endlich vernarbt iſt; dazumal aber war ich fünf Vierteljahr lang in ſolcher Ver⸗ zweiflung, daß ich jeden Tag wohl zehn Mal ver⸗ ſucht war, mich in die Gironde zu werfen. Ich habe es aber bleiben laſſen, und wünſche mir jetzt Glück dazu.“ „Sie zog alſo einen Andern vor?“ „Einen Andern?“ ſprach Herr Groscaſſand mit einer Stimme, aus welcher ſein Stolz hervorſchaute „„keine Seele auf der Welt, mein Lieber. Vor mir hatten Mehrere es verſucht, ihr zu gefallen, und ebenſo haben es Mehrere nach mir probirt; allein es iſt unter ihnen nicht einer, der ſich rüh⸗ men könnte, daß er von ihr nur ſo viel erlangt.“ Bei den letzten Worten ließ der Bordeleſe ſeinen Daumennagel gegen das Untertheil ſeines großen Vorderzahns ſchlagen. „Sie wäre alſo wirklich eine tugendhafte, nicht zu erobernde Frau?“ fragte Adolph ziemlich ver⸗ drießlich, als er ſah, wie mager die Reſultate ſei⸗ ner Unterſuchung ausfielen. „Tugendhaft, ja; und daß ſie nicht zu erobern iſt, das werden Sie mir zu glauben geſtatten, da ich ſelbſt geſcheitert bin.“ „Alſo nicht einen Liebhaber, nicht eine Intri⸗ 128 gue? Sie hätte in ihrem ganzen Leben ſich nicht ein Mal vergeſſen?“ „Ein Herz ohne Schwäche, ein Ruf ohne Flecken,“ ſprach der Deputirte, der mit ſardoniſcher Miene noch hinzuſetzte:„wie Sie ſehen, mein Lieber, ſo iſt die Partie Ihrer würdig.“ „So geht es mir eben immer,“ ſprach Adrianen's Rächer verdrießlich bei ſich ſelbſt;„in der Glorie ihrer Vollkommenheit und ihrer Tugend iſt dieſes Weib kein Weib, fondern ein Gebilde der Phantaſie; und wo und wie ſoll man ſie dann treffen?“ Daß Herr Groscaſſand an eine ſeiner ehemali⸗ gen Liebſchaften erinnert worden, hatte ſeinem Appetit keinen Eintrag gethan; jetzt hatte er ſein Mahl beendigt und ſtand auf. „Nun! wozu haben Sie ſich entſchloſſen?“ fragte er, plötzlich ein anderes Thema anſchlagend, den jungen Mann;—„beſuchen Sie die Gerichtsſitzungen immer noch als zuhörender Advocat, oder werden Sie bald plaidiren? oder wollen Sie endlich Ihr Heil im Handel verſuchen? ſoll ich mit Laffitte oder mit Perier ſprechen?“ „Ich bin Ihnen ſehr zu Dank verbunden, aber ich habe eine Stelle,“ antwortete Adolph zerſtreut. „Eine Stelle! und welche denn?“ fragte der liberale Deputirte. „Eine Stelle im Miniſterium des Innern.“ „Sie haben eine Stelle, welche die Regierung Ihnen gegeben!“ rief Herr Groscaſſand(von der Gironde) und ließ dabei ſeinen tiefſten Baß erdröh⸗ nen,—„Sie haben ſich von der Regierung an⸗ ſtellen laſſen! Sie, Dauriac! Sie, den ich achte — 129 und Freund nenne! Die Sache iſt unmöglich: Sie haben mich zum Beſten.“ „Mit nichten, mit nichten,“ antwortete Adolph, den dieſer unerwartete Ausfall ziemlich überraſchte; „Sie wiſſen wohl, mein Vermögen iſt nicht groß.“ „So arbeiten Sie!“ ſprach der College Ben⸗ jamin Conſtant's. „Eben weil ich arbeiten will, habe ich mich um einen Dienſt beworben.“ „Ein Regierungsdienſt! Sie ſpaſſen! wenn ich ſage, Sie ſollen arbeiten, ſo meine ich damit eine edle und keine ſervile Arbeit. Sie ſind Advocat: warum plaidiren Sie nicht? Der Stand eines Ad⸗ vocaten iſt ein durchaus ehrenwerther und unab— hängiger, und hat man Glück, ſo iſt man eines ſehr poſitiven Reſultats gewiß. Mir zum Beiſpiel bringt mein Cabinet zu Bordeaux fünfundzwanzig bis dreißigtauſend Franken ein— was wäre es erſt, wenn ich zu Paris wäre?“ „Bedenken Sie aber gefälligſt, daß Sie ein ge⸗ machter Mann ſind, daß Sie eine feſt begründete Stellung haben, während ich bloß Anfänger bin. Sie haben Talent, werde ich auch einiges haben? Endlich ſind Sie zu Bordeaux, ich aber zu Paris. Haben Sie ſchon berechnet, wie groß die Concurrenz hier iſt und über wie viele hundert Collegen ich hinwegſchreiten müßte, um an's Ziel zu gelangen?“ „Nun, ſo gehen Sie zum Handel über! Ich habe Ihnen ſchon meine Dienſte bei dem Fürſten unſerer Geldwelt angeboten.“ „Soll ich einmal abhängig ſein, ſo mag ich Vernard, Ausgew. Erzählungen. II. 9 130 lieber meinem Vaterland als einem Bankier dienen,“ ſprach Adolph kalt. Ihrem Vaterland! da habe ich Sie,“ rief Herr Groscaſſand ſo feurig, als ob er auf der Redner⸗ bühne geſtanden oder vor einem Gerichte plaidirt hätte;—„und was iſt Ihnen das Land? Iſt es Ihnen die Regierung oder die Nation? das Miniſterium oder dreiunddreißig Millionen Fran⸗ zoſen, welche nicht am Büdget mitzehren? Wohl iſt mir bekannt, daß es viele ſogenannte liberale Leute gibt, die ſich kein Gewiſſen daraus machen, ein Staatsamt anzunehmen; dieſe ſind ſogar die ſtellenſüchtigſten, und als Beweis dafür will ich bloß dieſen Boismenü oder Chaumenü anführen, der früher die Jakobinermütze getragen und mir nun ſeinen tölpelhaften Sohn zuſchickt, damit ich einen Lakeien Karls X. daraus mache. Solche Leute aber, mein junger Freund, dürfen Sie ſich nicht zu Vor⸗ bildern nehmen, ſonſt würden Sie gar bald jenes Ding verlieren, das koſtbarer iſt als alles Geld der Welt, ich meine die Achtung Anderer, ſowie die Selbſtachtung. Man muß nun einmal zwiſchen Rom und Carthago zu wählen wiſſen. Nehmen Sie ein Staatsamt an, ſo werden Sie der Vaſall, der Lehenspflichtige, der Leibeigene der Regierung; mit Leib und Seele müſſen Sie dieſer gehören, da ſie es iſt, welche Sie bezahlt; welche Figur aber werden Sie dann in unſern Parteiverſammlungen, in unſeren Clubs machen, wo ein Läuterungsprozeß gar ſehr Noth thut, da jeden Tag falſche Brüder ſich dort eindrängen! Wiſſen Sie, was Ihre ver⸗ trauteſten Freunde denken, was Ihre Feinde laut ** r 131 ſagen werden? Sie werden denken, ſie werden ſagen: Das iſt Dauriac, Dauriac, der ſich an die Regierung verkauft hat.“ Indem Herr Groscaſſand(von der Gironde) die beiden letzteren Worte ſprach, hob er die rechte Hand bis zur Höhe des linken Auges empor, führte von oben nach unten einen furchtbaren Hieb, der in ſeiner Diagonale glücklicher Weiſe nur den leeren Raum traf, und blieb, im Grunde mit ſeiner Beredſamkeit ziemlich zufrieden, in dieſer Stellung. „Verkauft? nie! nie!“ rief Dauriac, mit einer nicht minder pathetiſchen Geberde die beiden Arme emporhebend. „Man wird es aber ſagen, man wird es aber glauben, und man wird Recht haben, es zu ſagen und zu glauben, da der Schein Sie verdammen wird; alle Welt wird Sie dann meiden und nie⸗ mand wird dann mehr etwas von Ihnen wiſſen wollen. Und noch dazu werden Sie von Glück ſagen können, wenn Sie nicht, mörderiſchen Kugeln ähnlich, die Worte Spion und Aufreizer an Ihren Ohren vorbeipfeifen hören.“ „Mein Herr,“ ſprach Adolph erblaſſend,„der, welcher ein ſolches Wort ausſpräche, würde es mit ſeinem Leben bezahlen, wenn er ſelbſt mich nicht tödtete.“ „Junger Mann,“ antwortete der Deputirte von Bordeaux in ſeinem feierlichſten Tone:„ich bin gewohnt, jedermann, Freund wie Feind, die Wahr⸗ heit zu ſagen; ich ſehe Sie am Rande eines Ab⸗ grundes und halte es für meine Pflicht, Sie auf denſelben hinzuweiſen, da Sie ihn nicht ſehen.“ 9 „Ich bin nicht ſo intereſſirt, wie Sie zu glauben ſcheinen,“ verſetzte der junge Mann mit einem bitteren Lachen;„ich bin arm geweſen und kann es wieder ſein, obgleich ich jetzt rechtmäßige Gründe habe, um, wenn auch nicht gerade reich, ſo doch nicht allzu arm zu ſein zu wünſchen. Ein ausrei⸗ chendes Einkommen iſt Alles, wornach ich trachte, wüßte ich aber, daß dieſes Amt in irgend einer Weiſe Urſache ſein könnte zur Verdächtigung meiner politiſchen Anſichten und meiner Ehrenhaftigkeit, ſo würde ich morgen ſchon um meine Entlaſſung ein⸗ kommen.“ „Ich rathe Ihnen, dieß ſchon heute Abend zu thun: man muß einen guten Entſchluß nie auf den morgenden Tag verſchieben. 4 „Sprechen Sie in vollem Ernſte ſo,— iſt das Ihre ehrliche Meinung? Bedenken Sie, daß es nicht um mich allein ſich handelt: ich bin im Begriffe, mich zu verehelichen.“ „Meinem leiblichen Bruder könnte und würde ich keinen andern Rath geben,“ antwortete das Mitglied der Linken. „Leben Sie wohl!“ ſagte Adolph,„ich gehe nun, da es ſchon ſpät iſt; bald aber werde ich Ihnen beweiſen, daß in meiner Seele ein Echo iſt, wenn man die Worte Ehre und Rechtſchaffenheit in mei⸗ ner Gegenwart ausſpricht.“ Die beiden Männer gaben ſich die Hand, wobei Herr Groscaſſand die ſeines Freundes auf eine Art drückte, die eine pathetiſche Ermuthigung oder eine vorläufige Beglückwünſchung in ſich ſchloß. Adolph verließ ſofort die Wohnung des Deputirten und 133 kehrte zu Fuß in die ſeinige zurück, auf dem Wege ſich einem Nachſinnen überlaſſend, das nicht ſehr heiterer Natur war. „Das war einmal ein trauriger Tag,“ ſagte er zu ſich ſelbſt, als er in ſeiner Wohnung ange⸗ kommen war;„tauſend Thaler Renten verloren, ohne davon auch nur einen Obol bekommen zu haben! Denn mein Entſchluß iſt gefaßt, zwiſchen Ehre und Intereſſe gibt es keine Wahl; dieſer Großcaſſand iſt ein antiker Mann; er hätte Sparta Ehre ge⸗ macht. Seine Freimüthigkeit iſt zwar etwas rauh⸗ haarig; aber wenn man, wie er, von Stahl iſt, hat man ein Recht, gegen Andere ſtreng zu ſein. Es ſcheint, daß die Tugend von Strenge, ja ſogar von Intoleranz unzertrennlich iſt; denn am Ende war bei dieſer Gräfin von Chantevilliers, die ich ver⸗ abſcheue, das nur eine bis zum Fanatismus ge⸗ triebene Tugend, was heute Morgen Adriane auf eine ſo grauſame Weiſe verletzte. Warum iſt jedoch der Verkehr mit ſolchen höheren Weſen bisweilen ſo ſchwer und ſo unangenehm? und durch welche Caprice des Schickſals muß gerade einer der trau⸗ rigſten Tage meines Lebens der ſein, an welchem ich mich zweien dieſer Phönixe gegenüber befunden habe? einer tadelloſen Frau und einem unbeſtech⸗ baren Manne!“ III. Eine ſchlafloſe Nacht beſtärkte Dauriac in dem doppelten Entſchluſſe, die Achtung ſeines ehrenwer⸗ 134 then Freundes, des Volksmandatars, ſich um den Preis ſeines Amtes zu erhalten und die Unver⸗ ſchämtheit der Frau von Chantevilliers zu züchtigen, ſollte er ſelbſt, um dieſes Muſter übermenſchlicher. Vollkommenheit zu erreichen, es bis in den Himmel verfolgen müſſen, wie einſt Diomedes die Gottheiten des Olymps ohne Scheu angriff. Da das erſte dieſer zwei Projecte bei Weitem am Leichteſten auszufüh⸗ ren war, ſo beſchloß der Bräutigam der Frau von Verſan, mit der Ausführung keinen Augenblick zu zögern; ja er wollte nicht einmal die Frau vorher wieder ſehen, die er liebte, und deren Vorſtellun⸗ gen er fürchtete. Sobald er alſo gefrühſtückt hatte, ging er auf's Miniſterium des Innern, wo er ohne Schwierigkeit eingelaſſen wurde, da ſein dem Pfört⸗ ner wohlhekanntes Geſicht ihm bereits die Vorrechte eines im Hauſe Aus⸗ und Eingehenden verlieh. Er drang ohne alles Zureden in das Labyrinth der Corridore ein und ſtand bald vor dem Cabinet des Herrn Sabathier, deſſen Thüre ihm ſofort von einem die miniſterielle Livree tragenden Diener ge⸗ öffnet wurde. Das Allerheiligſte des Diviſionschefs bot den kalten und ſteifen Anblick dar, der die obligate Uniform der Büreaukratie zu ſein ſcheint; wie ge⸗ wöhnlich waren die Wände durch Büchergeſtelle voll grüner Cartons verdeckt. In der Mitte des Zim⸗ mers ſtand ein großer, mit einem Teppich verſehener Tiſch, und denken wir uns noch einige Mahagoni⸗ ſtühle hinzu, ſo haben wir das vollſtändige Mo⸗ biliar, wobei wir indeſſen eine Büſte Karl's X. nicht vergeſſen dürfen, die, als das Hauptſtück, auf 135 einem unbeweglichen Geſtell ruhte— einem Geſtell, das einſt den Kopf eines Napoleon getragen und jetzt auf den eines Louis Philipp wartete. An der Kaminecke, vor einem mit Papieren überladenen kleinen Schreibtiſche, ſaß Herr Sa⸗ bathier in einem jener Lehnſeſſel, deren ſehr niedere Rücklehne Einen weder ſchlafen noch träumen läßt, und welche von Arbeitsluſtigen gerade wegen dieſer Unbequemlichkeit vorgezogen werden. Um den Tiſch her, unter welchem ein Wolfsfell ausgebreitet war, ſtand eine kleine ſpaniſche Wand, und von dieſer geſchützt, ſah der höhere Beamte ſo ziemlich Alles, wie ein Heiliger in ſeiner Niſche; das Wolfsfell aber verrieth allein jenen Drang nach Wohlſein, dem wir es zu verdanken haben, daß wir unſern gewöhnlichen Aufenthaltsort zu verſchönern ſuchen. Kahm man dieſes Pröbchen von Comfort— denn das Wort Luxus wäre hier offenbar zu ſtark— aus, ſo konnte ein Waldbruder das Mobiliar dieſer Art Regierungszelle für das ſeinige erklären. Sobald Herr Sabathier die Thüre gehen hörte, fuhr er mit dem Kopf in die Höhe; doch ſenkte ſich dieſer, als ſein Beſitzer Adolph erkannte, alsbald wieder, um ſich wieder in den Inhalt eines amt⸗ lichen Schriftſtücks zu vertiefen, das er mit büreau⸗ kratiſcher Geſchwindigkeit durchblätterte, indem er immer fünf bis ſechs Zeilen auf einmal las. An einen ſolchen Empfang längſt gewöhnt, trat Dauriac an's Kamin hin' und wartete, bis es ſeinem Be⸗ ſchützer gefiel, ihn anzureden. Nachdem dieſer mit dem Leſen fertig geworden, ſchrieb er einige Be⸗ merkungen auf den Rand des Schriftſtücks, legte 136 dieſes dann wieder mit großer Sorgfalt in eines der Fächer ſeines Schreibtiſches und heftete, ſeine Brille auf die kahle Stirn hinaufſ ſchiebend, einen ſpöttiſchen Blick auf den jungen Mann. „Wiſſen Sie auch, Dauriac,“ hob er an,„daß, wenn wir noch unter der Vormundſchaft der Prieſter⸗ partei ſtänden, Ihre Ernennung gar wohl wieder zurückgenommen werden könnte? Spaziergänge zu zweien ſind ohne Zweifel recht angenehm; um aber ſolche ſich zu geſtatten, ſollten Sie erſt warten, bis der botaniſche Garten Laub hat: in dieſem Augen⸗ blicke iſt es allzu ſchwer, dort verdrießliche Begeg⸗ nungen zu vermeiden.“ „Ich war gewiß, daß ich von Ihnen gezankt werden würde,“ antwortete Adolph lächelnd. Sagen Sie lieber beneidet,“ verſetzte der Greis heiter;„wenn es Ihnen an Verſtand fehlt, ſo haben Sie doch wenigſtens keinen ſchlechten Ge⸗ ſchmack— was noch fataler wäre. Das kleine Weibchen iſt, meiner Treu! gar nicht übel.“ „In einem Vierteljahr iſt ſie die Meinige,“ ſprach Dauriac ernſt. „In dieſem Falle lade ich mich zur Hochzeit ein, wo ich mit 5 Neuvermählten ein Tänzchen machen will. Wenn ich anfänglich einem üblen Gedanken Raum gegeben, ſo dürfen Sie mir nicht böſe ſein, mein Freund; geſtehen Sie mir aber nur, der Schein berechtigte mich ein wenig dazu. Es iſt, unter uns geſagt, nicht allzu üblich, ſo, ohne Cha⸗ peron, mit der Perſon ſpazieren zu gehen, die man heirathen will.“ 137 „Ich weiß es und habe dieſe Unbeſonnenheit bereits bereut.“ „Sie thun wohl daran, daß Sie heirathen,“ hob Herr Sabathier wieder an.„Sie wiſſen, ich habe mehr denn ein Mal Ihnen dazu gerathen. Ein Mann mit einer Frau und einer Stelle irrt nur ſchwer vom guten Wege ab, da er durch dieſe beiden Bande darauf erhalten wird. Was Ihre Stelle betrifft, ſo iſt die Sache im Reinen: Sie brauchen ſich nur zu inſtalliren. Ihr Büreauchef wird heute Morgen hieher kommen; bleiben Sie alſo da, ich werde Sie ihm vorſtellen. Er iſt ein verdienſtvoller Mann, bei dem Sie es recht gut haben werden.“ „Ich weiß in der That nicht,“ erwiderte der junge Mann verlegen,„wie ich Ihnen meine Dank⸗ barkeit bezeigen ſoll für das Intereſſe, welches Sie bei dieſer Gelegenheit für mich bekundet haben... es wäre mir unendlich lieb, meine Stellung nur Ihnen, dem langjährigen Freunde meines Vaters, verdanken zu können.... Hoffentlich werden Sie es nie einem Gefühl der Undankbarkeit zuſchreiben, wenn ich es unmöglich finde, von Ihrer Güte Ge⸗ brauch zu machen.“ „Was ſagen Sie da?“ fragte Herr Sabathier, mit einer ungemein lebhaften Geberde ſeine Brille abnehmend;„Sie wollen die Stelle nicht mehr?“ „Ich muß ſie ausſchlagen,“ ſprach Adolph. „Und warum wollen Sie ſie nicht annehmen? Haben Sie eine beſſere?“ „Nein.“ „Haben Sie geerbt?“ 138 „Ebenſo wenig.“ „Die Frau, die Sie heirathen, iſt dann eine Millionärin?“ „Sie iſt nicht reicher als ich ſelbſt.“ „Nun ſo haben Sie eine Quaterne in der Lot⸗ terie gewonnen?“ „Nichts von alle dem: meine Stellung iſt noch die alte.“ „Wenn das iſt, ſo werden Sie vielleicht ſo gut ſein, mir zu ſagen, was Sie zu dieſer plötzlichen Sinnesänderung vermocht hat,“ ſprach der Divi⸗ ſionschef, dem jungen Manne ſcharf in's Geſicht ſchauend. „Ich habe bei Ihnen nie ein Hehl aus meinen politiſchen Anſichten gemacht,“ antwortete der letz⸗ tere, der unwillkürlich immer noch Anſtand nahm, mit der Wahrheit herauszurücken;„dieſe meine An⸗ ſichten ſind es, welche mir es verbieten, eine Gunſt⸗ bezeigung von einer Regierung anzunehmen, zu der ich mich lediglich nicht hingezogen fühle.“ „Ihre politiſchen Anſichten!“ rief der Greis achſel⸗ zuckend;„vorgeſtern erlaubten ſie Ihnen noch, von der Regierung ein Amt anzunehmen, der Regierung Ihres Vaterlandes zu dienen, und heute verbieten ſie Ihnen das! Was iſt Ihnen denn in den letz⸗ ten vierundzwanzig Stunden paſſirt? Ein ſolcher Entſchluß kommt ſicherlich nicht von Ihnen allein: irgend ein fremder Einfluß hat ſie Sie dazu veran⸗ laßt. Hören Sie, Dauriac, Sie ſind ein über⸗ ſpannter Kopf, wie Ihr ſeliger Vater es geweſen, dem ich oft genug die Meinung geſagt, und ein Gleiches werde ich auch bei Ihnen thun. Was ſoll 139 dieſer närriſche Streich? Ihr ganzes Vermögen be⸗ ſteht in viertauſend Franken Renten, ſo viel mir bekannt iſt, und Sie ſchlagen ein Amt aus, das ſchon jetzt Ihr Einkommen verdoppeln würde— und zwar gerade in dem Augenblicke, wo Sie zu heirathen beabſichtigen! Gehen Sie, das iſt der helle Unverſtand. Sagen Sie mir unumwunden, wen haben Sie ſeit vorgeſtern geſehen?“ „Um eine Pflicht zu erfüllen, brauche ich nicht erſt von Andern dazu aufgefordert zu werden,“ ant⸗ wortete Adolph in ſententiöſem Tone. „Eine Phraſe, des alten Sparta durchaus wür⸗ dig,“ hob der Diviſionschef wieder an,„vergeſſen Sie aber gefälligſt nicht, daß wir in Paris ſind. Ich frage Sie noch ein Mal, wer hat Ihnen dieſen ſchönen Rath gegeben? Ihre Braut gewiß nicht;— denn Frauen ſind nicht ſo unverſtändig.“ „In ſolchen Dingen zieht man ſeine politiſchen Freunde vor ſeiner Frau zu Rath.“ „Und in zehn Fällen macht man neun Mal einen dummen Streich. Aber laſſen wir dieſe Allgemein⸗ heiten: können und wollen Sie mir die politiſchen Freunde nennen, welche Sie nicht im Staatsdienſt Ihr Brod verdienen laſſen wollen?“ „Warum ſollte ich das nicht thun?“ ſprach Adolph lebhaft. „So nennen Sie ſie doch!“ hob der Diviſions⸗ chef, immer noch gleich ruhig, wieder an. „Es wird Ihnen genügen, wenn ich einen nenne,“ antwortete der junge Mann, der in nicht geringe Verlegenheit gekommen wäre, wenn er hätte zwei nennen müſſen.„Sie kennen den Mann, deſſen Namen ich ausſprechen werde, ſchon, und hoffentlich geſtehen Sie ſelbſt, daß der, welcher den Namen trägt, ein Recht hat, gehört zu werden, wenn er einen guten Rath gibt.“ „Nun, wie heißt denn dieſer Halbgott? Epiktet oder Sokrates?“ „Groscaſſand(von der Gironde)!“ gab Dau⸗ riac mit feſtem und ernſtem Ton zurück. „Sie meinen den Abgeordneten der Linken?“ fragte Herr Sabathier, am Rande ſeiner dünnen und farbloſen Lippen ein ſtilles Lächeln zurückhal⸗ tend, woraus Cooper eine charakteriſtiſche Grazie des Lederſtrumpfs zu machen gewußt hat. „Es ſind zu Paris keine zwei Männer dieſes Namens,“ ſprach Adolph, ohne ſich zu entrunzeln. Jetzt ſtand der Diviſionschef auf und trat in ein an ſein Cabinet ſtoßendes Zimmer. Hier ſchloß er einen Schrank auf, wo er aus vielen Papieren ein Heft herausnahm. In dieſem las er etwa eine halbe Seite, worauf er es wieder an ſeine frühere Stelle legte; dann ſchloß er den Schrank ſorgfältig wieder, ſteckte den Schlüſſel ein und ſetzte ſich auf's Neue in ſeinen Lehnſeſſel. „Oh! Sie können Ihre Zauberbücher befragen, ſo lange Sie wollen,“ ſagte der junge Mann mit einem affectirten Lachen zu dem geriebenen Büreau⸗ kraten;—„Groscaſſand iſt ein unbeſtechlicher, wahr⸗ haft antiker Mann, auf den eine Partei ihre Feinde ſowohl, als ihre Freunde mit Stolz hinweiſen kann. Er iſt vom allerreinſten und feinſten Gold, und wenn Sie an ihm auch nur einen Gran Le⸗ girung finden, ſo ſind Sie wahrlich ein recht ge⸗ 141 ſchickter Mann. Der iſt erprobt, ſehen Sie; denn ſeitdem er mit Politik ſich befaßt, hat man ihm die Verſuchungen nicht erſpart, aber ſtets hat er mit der ſtolzen Verachtung darauf geantwortet, welche ſie verdienen. Es iſt notoriſch, daß er das Ehrenkreuz, ſowie eine Rathsſtelle am königlichen Gerichtshof zu Bordeaux ausgeſchlagen hat.“ Der greiſe Büreaukrat hörte dieſe Worte mit einer Art mitleidiger Nachſicht an und zog dabei langſam eine Priſe Tabak ein. „Mein lieber Freund,“ fragte er jetzt,„wie alt ſind Sie? Vierundzwanzig, glaube ich?“ „Fünfundzwanzig vorüber,“ antwortete Adolph. „Dann ſind Sie für Ihr Alter etwas jung. Sicherlich iſt das kein Unglück; entfliehen doch die Illuſionen immer geſchwind genug! Aber dennoch würden Sie wohl thun, wenn Sie jener unbeſon⸗ nenen und übertriebenen Vorliebe mißtrauten, welche Sie oft verrathen, wenn Sie über Menſchen und Dinge urtheilen. Ein Mann, der, wie Sie, für's Geſchäft ſich beſtimmt, muß gegen den Optimismus auf der Hut ſein. Es liegt immer etwas Alber⸗ nes darin, Dinge und Menſchen in roſenfarbenem Lichte zu ſehen; ſo hat zum Beiſpiel die Bewun⸗ derung, die Sie Herrn Groscaſſand zollen, Ihnen eben Worte in den Mund gegeben, die man kaum einem Kinde verzeihen würde. Für's Erſte muß ich Ihnen ſagen, daß niemand das Ehrenkreuz aus⸗ ſchlägt, aus dem einfachen Grunde, weil man es nur ſolchen gibt, die darum gebeten haben; Ihr ehrenwerther Freund hat ſich alſo ganz einfach einer lächerlichen Großſprecherei ſchuldig gemacht, wenn er behauptet, er habe den ihm angebotenen Orden ausgeſchlagen.“ „Nicht er iſt es, der mir es geſagt.“ „Was die Rathsſtelle am königlichen Gerichts⸗ hofe zu Bordeaux betrifft, ſo hätte er ſie erhalten können, wenn er gewollt hätte; die Sache verhält ſich ſo, aber was beweist das? Herr Groscaſſand zieht ſeine Praxis, die ihm in guten wie in ſchlech⸗ ten Zeiten jährlich etliche dreißigtauſend Franken einträgt, einer ohne Zweifel ehrenvollen, aber nur mit einem Gehalt von tauſend Thalern verbundenen Stelle vor. Heißen Sie dieſen arithmetiſchen Cal⸗ cul Heroismus? Aus der Art und Weiſe, wie unſer Mann in der Kammer ſich gebart und bei der geringſten Gelegenheit ſich vordrängt, geht deut⸗ lich genug hervor, daß er weit ehrgeizigere Pläne hegt als jene invalidenartige Zurückgezogenheit. Der Erbe Foy's und Manuel's— iſt das nicht der Titel, den man ihm gibt?— will entweder Generalprokurator oder erſter Präſident werden, und zwar ſchon mit der erſten Seſſion; ſtehen die Sachen der Linken nächſtes Jahr gut, ſo genügt ihm bloß die Simarre des Großſiegelbewahrers.“ „Erlauben Sie mir, daß ich Sie unterbreche,“ rief Dauriac mit vieler Wärme,„Sie haben gegen Großcaſſand die allerungerechteſten Vorurtheile; er iſt nicht der Mann, der ſich verkauft, und mit mei⸗ nn Kopfe möchte ich für ſeine Ehrenhaftigkeit ein⸗ tehen.“ „Ihr Kopf ſitzt recht gut auf Ihren Schultern,“ antwortete der Diviſionschef kalt;„ſpielen Sie nicht ſo leichtſinnig damit.“ 143 „Zudem iſt Großcaſſand reich, ganz abgeſehen von dem, was ihm ſeine Praxis jährlich einbringt; die Unabhängigkeit ſeines Vermögens kommt der Unabhängigkeit ſeines Charakters gleich, und er hat alſo auch nichts mehr zu wünſchen. Vorſtand der Advokatenzunft in ſeiner Heimath, ausgezeichneter Kammerredner— was braucht er da noch Stellen oder Ehren?“ Er iſt, ich wiederhole es Ihnen, eine durchaus edle, trefflich geſtählte Seele, welche we⸗ der dem Ehrgeiz noch dem Gelde zugänglich iſt.“ „Nun ſo iſt er eben eitel, und von allen Blößen des Küraſſes iſt die Eitelkeit nicht die kleinſte.“ „O! Sie glauben eben an nichts,“ ſprach Dau⸗ riac mit tugendhafter Jronie. Herr Sabathier ergriff die Feuerzange und kehrte in methodiſcher Bewegung eines der Holz⸗ ſtücke um, welche im Kamine brannten. „Was würden Sie ſagen,“ hob er dann, ſeinen Gegenredner ſcharf anſchauend, wieder an,„wenn noch vor Ablauf der Seſſion Ihr ehrenwerther Freund von links nach rechts umgewandt wäre, wie es eben mit dieſem Holzſtücke geſchehen?“ „Das iſt unmöglich, rein unmöglich!“ rief der junge Mann. „Hören Sie mich!“ hob der Diviſionschef wie⸗ der an.„Sie können ſich leicht denken, daß wir gar nicht in Verlegenheit ſind in Betreff der Stelle, die Sie jetzt zu verſchmähen ſich die Miene geben; ich habe da in meinen Papieren die Namen von mehr als ſechzig Candidaten, die alle ſich überglück⸗ lich ſchätzen würden, ſie zu bekommen; aus Rück⸗ ſicht aber für das Andenken Ihres Vaters, ſowie 144 auch aus Freundſchaft für Sie ſelbſt will ich in dieſem Augenblicke auf Ihr Entlaſſungsgeſuch nicht eingehen. Ich gebe Ihnen vierzehn Tage Bedenk⸗ zeit, bis dahin kann gar Vieles geſchehen; und wer weiß, ob Ihr Advocat von antikem Gepräge dann nicht mit dem Miniſterium ſtimmt!“ „In dieſem Falle,“ antwortete Adolph,„können Sie mich zu Ihrém Kanzleidiener ernennen; ich ſchwöre Ihnen, daß ich die Stelle annehme. „Damit wäre Jacquart gewiß nicht gedient,“ gab Herr Sabathier zurück, indem er den Kopf nach der Perſon hinwandte, deren Namen er aus⸗ geſprochen und die eben ins Cabinet getreten war: „was haben Sie mir zu ſagen, Jacquart?“ Der Kanzleidiener ſchritt auf ſeinen Vorgeſetzten zu und ſagte einige Worte mit leiſer Stimme, die darum auch Adolph nicht hören konnte. „Ah! ah!“ ſprach der Diviſionschef,„ich hätte eine Wette eingegangen, daß ſie heute kommen würde. Laſſen Sie dieſe Dame nur heraufkommen.“ Der Kanzleidiener entfernte ſich, und ſchon wollte Dauriac deſſen Beiſpiel nachahmen, da hielt ihn ſein Beſchützer durch ein von einem myſteriöſen Lächeln begleitetes Zeichen zurück. „Gewiß,“ ſprach der Greis,„rächen Sie ſich jetzt im Geiſte und glauben Sie von mir ſo übel denken zu können, wie ich geſtern von Ihnen ſelbſt gedacht; unglücklicher Weiſe haben Sie vollkommen Unrecht. In meinem Alter kann man ohne alle Gefahr ſelbſt die bezauberndſten Bittſtellerinnen empfangen. Können Sie ſchweigen?“ 145 „Wie das Grab,“ antwortete der Bewunderer des Herrn Groscaſſand. „Wenn das iſt, ſo gehen Sie dort hinein,“ hob Herr Sabathier wieder an und deutete mit dem Finger auf das Cabinet, wo er ſelbſt einen Augen⸗ blick vorher geweſen war;„vor Allem verhalten Sie ſich ruhig.“ Dauriac hatte kaum ſo viel Zeit, zu thun, wie ihm geſagt worden, denn es ging jetzt die Thüre zum zweiten Male auf; von dem Orte aus aber, wohin er ſich in der Eile geflüchtet hatte, ſah er, wenn auch nur unvollkommen, eine Frau von dem edelſten Aeußern— eine Frau, deren Toilette ſo geſucht einfach war, als es nur immer ein Morgen⸗ Negligé ſein kann. In eine mit einiger Aufregung vermiſchte Ueberraſchung aber ging die Neugierde des Verſteckten über, als er in dieſer ſchönen Per⸗ ſon ſeine Todfeindin, Frau von Chantevilliers, er⸗ kannte. „Was mag doch dieſer Tugend⸗Drache im Loche dieſes alten, ſchlauen, aller Treu' und alles Glau⸗ bens baren Fuchſes zu ſchaffen haben?“ Solcher Art war die Frage, die der Beamte an ſich ſtellte, welcher eben um ſeine Entlaſſung einge⸗ kommen war, und hatte er ſich der Verſchwiegen⸗ heit des Grabes gerühmt, ſo ließ er nichts deſto weniger ſein Ohr an der Thürſpalte haften. Bernard, Ausgew. Erzählungen. II. 146 IV. In galanter Weiſe ging Herr Sabathier der Gräfin entgegen, die mit einer ihren ſonſtigen Ge⸗ wohnheiten gar fern liegenden Vertraulichkeit auf den Stuhl, den Adolph eben verlaſſen, ſich niederließ, ohne einen Lehnſeſſel annehmen zu wollen. „Nein, nein,“ ſprach ſie, indem ſie den Divi⸗ ſionschef zwang, ſich wieder an ſeinen Schreibtiſch zu ſetzen;„keine Umſtände, ſonſt komme ich nicht mehr zu Ihnen. Sie wiſſen, ich thue es nicht anders. Ich habe an dem Miniſterium nicht vor⸗ übergehen mögen, ohne Sie zu zanken!“ „Was habe ich denn verbrochen, Madame?“ fragte der Greis mit der Miene eines Hofmanns; „ich ſchwöre es Ihnen, mein Gewiſſen wirft mir nichts vor.“ „Iſt das denn nichts, daß man ſeine Freunde ſo grauſam vernachläſſigt? Wie, Sie wiſſen, daß ich jeden Mittwoch zu Hauſe bleibe, und ſeit einem Monate haben Sie ſich nicht ein Mal in meinem Salon blicken laſſen! Geſtehen Sie es nur, es iſt das gar nicht ſchön.“ „Ich gehe ſo wenig in Geſellſchaft...“ „Sind wir Ihnen denn Fremde? Nie, ich ſage es Ihnen voraus, wird es Ihnen gelingen, ſich zu entſchuldigen, und nur dadurch können Sie Ihre Begnadigung erlangen, daß Sie mir verſprechen, über⸗ morgen erſcheinen zu wollen. Ich habe einen Ball, und obgleich Sie ein Einladungsſchreiben bereits erhal⸗ ten, ſo habe ich doch mit eigenem Munde dieſe — 147 Einladung erneuern wollen, um Ihnen jeden Vor⸗ wand zum Nichterſcheinen zu nehmen.“ „Eine ſolche Gunſtbezeigung iſt für mich äußerſt ehrenvoll und höchſt ſchmeichelhaft,“ antwortete der Greis;„allein ſchon ſeit dreißig Jahren tanze ich nicht mehr.“ „Wer ſpricht denn vom Tanzen! Sie werden ſehen, die Soiree wird Ihrer würdig ſein. Ich werde einen Theil der Pairie und faſt alle Ge⸗ ſandtſchaften bei mir haben. Es liegt mir ſehr viel daran, daß meine Soiree eine untadelhafte iſt; erſt geſtern noch habe ich gewiſſe Leute ausge⸗ merzt.“ „Ausgemerzt!“ wiederholte Dauriac bei ſich ſelbſt;„ſie nennt ihre Unverſchämtheit gegen Ad⸗ rianen eine Ausmerzung! Ah! felſenfeſte Tugend, gibſt du dir je ein Mal eine Blöße, ſo...!“ „Man findet mich zwar ſtreng, execluſiv,“ fuhr Frau von Chantevilliers fort,„aber ich laſſe die Leute reden. Nie kann eine Frau in der Wahl der Perſonen, welche ſie empfängt, allzu ſcrupulös ſein; und nie habe ich die Toleranz gewiſſer Frauen begriffen, welche den erſten Beſten empfangen und ihre Salons in Herbergen verwandeln. Was mich betrifft, ſo ſind mir, ich geſtehe es Ihnen gern, neue Geſichter zuwider.. Natürlich werden, wenn Sie mir aus Ihrem⸗Miniſterium einige junge Leute zuführen, welche zugleich gute Tänzer ſind, dieſelben auf's Beſte empfangen werden, liebſter Chevalier.“ Mit gleichgültiger Miene zerknitterte ber Divi⸗ ſionschef das Band, das ihm eben ſ itibaln 1 148 Titel eingetragen, und einen höflich ironiſchen Blick auf ſeine Nachbarin heftend, ſprach er: „Frau Gräfin, für mein Alter ſchickt ſich die Geckerei nicht mehr, und wie groß immer der Zau⸗ ber Ihrer Rede ſein mag, ſo iſt es mir doch ſchlech⸗ terdings unmöglich, mich einer Täuſchung hinzuge⸗ ben. Nein, ich werde niemals glauben, daß Sie ſich die Mühe gegeben, in meine Zelle heraufzu⸗ ſteigen, einzig und allein in der Abſicht, einen Tän⸗ zer meines Schlags für Ihren Ball zu recrutiren; man ſagt, der eigentliche Gedanke einer Frau, wenn 3 finde ſich ſtets in der Nachſchrift ihres eis „Und Sie wollen das Poſtſcriptum meines Be⸗ ſuchs wiſſen!“ unterbrach Frau von Chantevilliers mit unverwüſtlicher Liebenswürdigkeit,„damit ſagen Sie in höflicher Weiſe, daß Sie ihn ſchon lang finden und daß ich Sie ſtöre. Mit Ihnen aber kann ich nicht böſe ſein; zudem weiß ich, daß Ihre Zeit koſtbar iſt. Nun“, ſo will ich es nur geſtehen, beſter Herr Sabathier, daß Sie mit Ihrer gewohnten Boshaftigkeit errathen haben, daß ich noch etwas will. Ja, mein Beſuch iſt kein ganz uneigennütziger; ich komme abermals, um Sie we⸗ gen unſerer großen Angelegenheit zu drängen, zu plagen, zu verfolgen.“ 6„Immer noch die alte Geſchichte?“ fragte der reis. „Leider, ja; doch ſcherzen Sie nicht, denn die Sache iſt für mich eine gar ernſte. Späteſtens zu Ende der Seſſion wird eine Pairscreirung Statt fin⸗ den; in euren miniſteriellen Regionen wird das —— 149 zwar nicht zugegeben, die Sache iſt aber nichts deſto weniger unbeſtreitbar: ich weiß es aus beſter Quelle. Es iſt Ihnen bekannt, daß ich nach der Ordonnanz vom fünften November krank geworden bin, da der Name des Herrn von Chantevilliers nicht im Mo⸗ niteur ſtand, trotz aller Verſprechungen, die man mir gemacht; werden wir nun jetzt abermals über⸗ gangen, ſo werde ich nicht bloß krank, ſondern muß gewiß ſterben. Wollen Sie meinen Tod?“ Die Gräfin ohne Sünde, deren achtunddreißigſter Frühling geblüht hatte, ſprach die letzten Worte lorbſend aus und ſchloß dabei die Augen halb, ganz ſo wie die entſchiedenſte fünfundzwanzigjäh⸗ rige Kokette es hätte machen können. „Wie es ſcheint, ſo können im Nothfall die tu⸗ gendhaften Frauen gleich den andern ihre Augen ſpielen laſſen,“ ſprach Dauriac bei ſich ſelbſt und öffnete zugleich die Thüre des Cabinets ein wenig, um beſſer zu ſehen, was im andern Zimmer vor⸗ ging. „Der König kennt Herrn von Chantevilliers,“ hob die vornehme Bittſtellerin wieder an,„und ich bin verſichert, daß er ihn gern ernennen würde; ſeinerſeits zeigt Herr von Martignac die beſte Dis⸗ poſition, und ich kann mit ihm nur zufrieden ſein. Aber Sie wiſſen, beſter Herr Sabathier, wie wenig man ſich auf das Gedächtniß eines Königs und auf die Verſprechungen eines Miniſters verlaſſen kann. Lieber Chevalier, ich zähle einzig und allein auf Sie; denn ohne Zweifel iſt die Liſte der Ernen⸗ nungen bereits in Ihren Händen, und Sie allein 150 können bewirken, daß der Name meines Mannes darauf bleibt.“ „Um darauf bleiben zu können, müßte er erſt darauf ſein,“ wandte der Diviſionschef kopfſchüt⸗ telnd ein. „Er ſteht alſo nicht darauf!“ rief die Gräfin; „wußte ich es doch! Es ſcheint mir indeſſen,“ fuhr ſie in würdigerem Tone fort,„daß wenn Einer Anſprüche auf ſolche Ehre hat, Herr von Chante⸗ villiers es iſt. Seine Familie iſt eine der erſten unſerer Guienne: von der meinigen ſpreche ich gar nicht; ſein Vermögen iſt ein bedeutendes; die Stelle, die er am königlichen Gerichtshofe von Bordeaux, im Generalrathe, in der Kammer einnimmt; ſeine ſich ſtets gleichbleibenden Grundſätze; ſeine wohl⸗ bekannte Ergebenheit; ſeine langen Dienſte: alles das macht ſeine Stellung zu einer ſo exceptionellen, daß, wenn er nach der Pairswürde ſtrebt, er bloß einen Act der Gerechtigkeit, nicht aber eine Gunſt verlangt.“ Während die Gräfin die Verdienſte des Candida⸗ ten alſo herzählte, hatte Herr Sabathier den Kopf nachdenkſam oder zerſtreut geſenkt; als er ihn wie⸗ der emporrichtete, ſchwebte ein unbeſchreibliches Lä⸗ cheln um ſeine Lippen her. „Frau Gräfin,“ antwortete er,„eben haben Sie mich der Verſtellung geziehen; um mich nun zu rä⸗ chen, werde ich mit einer Offenheit ſprechen, welche nichts zu wünſchen übrig laſſen wird. Es hat alſo ſeine vollkommene Richtigkeit, daß ein neuer Pairs⸗ ſchub vorbereitet wird; doch wird derſelbe nicht ſo ſtark ſein wie der vom fünften November; man will 151 die Kammer nicht zur Unzufriedenheit reizen. Die Zahl der Auserwählten iſt ſehr klein, und ich ver⸗ hehle Ihnen nicht, daß man in der Wahl ſich ſehr ſchwierig zeigt. Sie ſelbſt, Madame, wiſſen, daß alle ſentimentale Politik vor dem, was nützlich ſein kann, die Flagge ſtreicht: vor Allem muß das Mi⸗ niſterium ſeine eigene Exiſtenz ſichern, und da es ihm ſchlechterdings unmöglich iſt, alle Dienſte und Erge⸗ benheiten zu belohnen, ſo muß es ganz natürlich unter ihnen wählen; bei dieſer Wahl aber werden, allem Anſchein nach, die gegenwärtigen Dienſte ſchwerer wiegen als ſchon längſt geleiſtete. Ich gebe alſo vollkommen zu, daß Herr von Chante⸗ villiers alles nur erdenkliche Recht auf die Pairs⸗ würde hat, und ferner— was abermals ein Rechts⸗ titel iſt— bittet er ſchon ſeit zehn Jahren darum, aber dennoch muß ich Ihnen zu meinem großen Leidweſen ſagen, daß Herr von Chantevilliers nicht unter den Ernannten figuriren wird.“ „Was Sie mir da prophezeien, wäre gar zu odiös,“ verſetzte die Bittſtellerin mit einem erzwun⸗ genen Lächeln;„daß die Undankbarkeit an der Ta⸗ gesordnung iſt, daß man frühere Dienſte vergißt— das begreife ich noch zur Noth; aber ich frage, iſt denn die Laufbahn des Herrn von Chantevilliers beſchloſſen, daß man ihn ſo auf die Seite ſchiebt? Dient er der Regierung jetzt nicht, wie er ſeit 1815 keinen Augenblick aufgehört hat zu thun? Iſt er nicht eben jetzt, wo ich mit Ihnen rede, in der Kammer, um mit dem Miniſterium zu ſtimmen? Iſt man ſeiner Unterſtützung und ſeiner Ergeben⸗ heit nicht gewiß?“ 152 „Vielleicht zu gewiß,“ antwortete Herr Saba⸗ thier in beißendem Tone. Frau von Chantevilliers bebte zuſammen, und es nahmen ihre weitgeöffneten Augen den Aus⸗ druck an, den die unerwartete Entdeckung eines neuen Horizontes gibt. „Da hätten wir alſo den Schlüſſel zum Räth⸗ ſel!“ ſprach ſie mit concentrirter Aufregung;„ſoll damit geſagt ſein, es müſſe mein Mann, um die ihm ſchon ſo lange vorenthaltene Belohnung zu bekommen, zur Oppoſition übergehen?“ „Wollte er das auch, ſo wäre es ihm doch un⸗ möglich,“ ſprach der Diviſionschef kalt. „Unmöglich!“ wiederholte die Gräfin, auf deren Geſicht ſich plötzlich ein racheerfüllter Stolz malte; „ſicherlich hat man Recht, wenn man an die Be⸗ ſtändigkeit der politiſchen Anſichten des Herrn von Chantevilliers glaubt, doch könnte die Art und Weiſe, wie man gegen ihn verfährt, die Treue ſelbſt erſchüttern. Am Ende füllt die Ungerechtig⸗ keit den Zwiſchenraum aus, der die Ergebenheit von der Empörung ſcheidet. Die Herren Miniſter würden wohl thun, das Beiſpiel eines Coriolan nicht zu vergeſſen.“ „Ei! Madame, was in aller Welt hat Herr von Chantevilliers Ihnen gethan, daß Sie ihn mit ei⸗ nem ſo ſchlechten Subjekt, wie weiland Coriolan geweſen, vergleichen?“ entgegnete der Greis mit einem an's Poſſenhafte ſtreifende Lächeln:„eine ſolche Demüthigung verdient er nicht, denn nie, ich wage es zu prophezeien, werden Sie in die Lage kommen, ſich ihm zu Füßen werfen zu müſſen, — 153 um das Vaterland zu retten. Glauben Sie denn, es wäre dem Herrn Grafen mößlich, ſitzen zu blei⸗ ben, wenn er die Miniſter zum Stimmen aufſtehen ſieht? Die Elektrizität, deren Mittelpunkt die Mi⸗ niſterbank iſt, würde ihn wider ſeinen Willen zum Aufſtehen bringen. Eine ſchwarze Kugel würde ihm die Hand verbrennen, und nie könnte er es über ſich bringen, ſie in die Urne fallen zu laſſen. Herr von Chantevilliers iſt und bleibt unter allen Umſtänden ein Miniſterieller; alle Welt weiß das, und niemand würde kleine Oppoſitionsgelüſte ernſt nehmen, welche ſeine ſchöne Egeria ihm einflößen könnte. Vielleicht daß er klüger gehandelt hätte, eine ſo ſchätzenswerthe Ergebenheit etwas kunſtvol⸗ ler und zurückhaltender zu gewähren. Die ſtand⸗ hafteſte, unwandelbarſte Treue ſchließt eine gewiſſe Koketterie, wodurch die Staatsregierung etwas wach erhalten wird, keineswegs aus. Nachdem Herr von Chantevilliers ſolches verkannt, befindet er ſich jetzt in der Lage eines Weibes, die ihre Gewalt über ihren Geliebten verliert, nachdem ſie ihm verrathen, daß ſie ihn allzu ſehr liebt. Mit einem Wort— und hier muß ich Ihnen eine gar ſchwarze Seite des politiſchen Handwerks zeigen,— es iſt immer klug, den Preis eines Dienſtes zu bedingen, bevor man ihn leiſtet. Nun hat Herr von Chantevilliers keine Bedingungen gemacht, und ihrerſeits hat die Regierung ihn ſo, wie er ſich ihr gegeben, ange⸗ nommen. Von den Miniſtern verlangen, ſie ſollen jetzt dieſen Vertrag ändern, heißt nichts Anderes, als den Preis eines Dings verlangen, das man längſt nicht mehr beſitzt. Herr von Chantevilliers 254 iſt in der Deputirtenkammer ganz an ſeinem Platze, da man dort ſeiner Stimme ſtets gewiß iſt, und kann er keine anderen Rechtstitel als die von ihm geleiſteten Dienſte geltend machen, Madame, ſo muß er eben, Sie können mir es glauben, ſitzen bleiben, wo er iſt.“ Die Gräfin ſtand ſtumm auf und blieb, die Augen mit düſterer Miene geſenkt haltend, unbeweglich ſtehen. „Wenn er keine anderen Rechtstitel als die von ihm geleiſteten Dienſte geltend machen kann: was meinen Sie damit?“ ſprach ſa endlich, einen tiefen Blick auf Herrn Sabathier eftend. „Ich meine damit,“ antwortete der Greis fein, „daß zwar Herr von Chantevilliers für ſeine Per⸗ ſon die Schlacht verloren, es aber gleichwohl noch möglich iſt, für ihn zu ſiegen.“ Hier ſetzte ſich die Gräfin wieder, und es erleuchtete ſich ihr Geſicht mit einem Mal. „Und wer könnte für ihn ſiegen?“ fragte ſie auf⸗ geregt. „Sie, Madame!“ antwortete Herr Söbihiee, eine Priſe Tabak nehmend. Die Frau des Deputirten richtete ſich auf, nuym mit beiden Händen ihren Stuhl und ſetzte ſich dicht an den Lehnſeſſel des Greiſes. „So ſprechen Sie doch, Sie böſer Mann!“ ſprach ſie zu ihm mit einer Art kindiſcher Ungeduld; „ich! ſagen Sie? Ei du Gott! Was kann, was ſoll ich dazu thun? Welchen Dienſt kann ich leiſten? 155 Mit dem weſten Willen von der Welt iſt es mir unmöglich, in der Kammer zu ſtimmen.“ „Eine Frau wie Sie, Madame, braucht nicht in der Kammer zu ſein, um dort zu ſtimmen. Eben haben Sie Coriolan genannt, indem Sie von Herrn von Chantevilliers ſprachen; erlauben Sie mir nun, Sie Ihrerſeits an eine Herzogin von Longueville zu erinnern. Dünkt Ihnen dieſe Zuſammenſtellung nicht etwas minder gezwungen?“ „Dieſe Herzogin von Longueville führte aber einen höchſt leichtfertigen Lebenswandel!“ ſprach die Gräfin, die Brauen runzelnd und ſich in die Lippen beißend. „Laſſen Sie gefälligſt nicht außer Acht, daß die Sitten unſerer Zeit nicht mehr die der Zeit der Fronde ſind, ſo wie daß eine Frau heut zu Tage, obne gerade alles das zu thun, wozu die Schweſter des großen Condé vielleicht gezwungen war, eine wahre politiſche Bedeutung erlangen kann.“ „Ich gebe das zu,“ erwiderte Frau von Chante⸗ villiers:„im Nothfall würde es an eclatanten Bei⸗ ſpielen nicht fehlen; doch ſprechen wir von dem, was uns perſönlich angeht. Wo zielen Sie hinaus?“ „Ganz gerade auf die Pairie, und der Weg, der dazu führt, der einzige Weg iſt dieſer: in der Kammer iſt das Miniſterium der Majorität nicht gewiß, factiſch iſt es die Coterie Agier, welche die Majorität bildet, indem ſie ihre Stimmen bald der Rechten, bald der Linken zuwendet. Dieß gibt nun zu ewigen Schwankungen Anlaß, und dieſe hin⸗ wiederum ſind Schuld, daß ſeit der Discuſſion des Portalis'ſchen Geſetzesentwurfs alle Berechnungen 56 zu Schanden gemacht werden. Dieſer precären Lage iſt man müde, und es ſteht der Entſchluß feſt, aus derſelben hinauszukommen. Damit dieß aber ge⸗ ſchehen kann, müßte der Oppoſition ein halbes Dutzend Deputirter entzogen werden; denn gingen dieſe zur Regierung über, ſo gäbe das einen Unter⸗ ſchied von zwölf Stimmen zu unſeren Gunſten. Nun aber iſt in der Kammer gerade ein Mann, der gleich bei ſeinem Eintritt in dieſelbe ſich mit einer kleinen Plejade gleichfalls neuer Deputirten zu umgeben gewußt hat und durch ſeinen Einfluß auf ſie genau über die ſechs Stimmen verfügt, die wir brauchen. Iſt einmal dieſer Mann gewonnen, ſo folgen ſeine Trabanten ihm nach; die Majorität wird dann eine beſtändige, die Coterie muß ihrem Schaukelſyſtem entſagen, da es völlig erfolglos wird, und ſo wird Alles geordnet. Die Bekehrung dieſes Mannes iſt, wie Sie ſehen, von der höchſten Wich⸗ tigkeit, vielleicht daß die Zukunft der Seſſion davon abhängt. Nun kenne ich bloß eine einzige Perſon, welche dieſe Bekehrung zu bewerkſtelligen vermag, und dieſe Perſon iſt— Sie haben es bereits er⸗ rathen— niemand anders als Sie, Madame. Ihr Unternehmen wird gelingen, ſobald Sie nur wollen, und zum Lohn dafür wird Herr von Chantevilliers Pair von Frankreich. Man macht ſich dann förm⸗ lich verbindlich, ihn zu dieſer Würde zu erheben.“ Die Gräfin, die ihrem Gegenredner mit geſpann⸗ teſter Aufmerkſamkeit zugehört, konnte erſt nach ei⸗ ner Weile eine Antwort finden. „Alle Deputirten, die ich kenne, ſtimmen mit der Regierung,“ ſprach ſie endlich,„wie könnte ich ————„——— c— 3— 157 nun einigen Einfluß auf einen Mann erlangen, den ich nicht ſehe? „Sie müſſen ihn eben ſehen!“ erwiderte der Diviſionschef mit gutmüthiger Miene. „Aber Sie haben mir ja nicht einmal den Na⸗ men dieſes wichtigen Mannes genannt!“ ſprach Frau von Chantevilliers mit einer Art Gleichgültig⸗ keit wieder. Hier ſchielte Herr Sabathier nach der Thüre hin, hinter welcher Dauriac verſteckt war, wobei er vom Rock des letzteren etwas ſah; dann aber heftete er die Augen wieder auf die pairieſüchtige Gräfin. „Ei! es iſt einer Ihrer Landsleute,“ ſprach er im natürlichſten Tone von der Welt zu ihr;„er heißt Groscaſſand(von der Gironde).“ In demſelben Augenblicke bewegte ſich unter Adolph's Hand die Thüre des Cabinets ein wenig, und zugleich machte die Gräfin eine Bewegung nach hinten. „Herr Groscaſſand!“ ſprach ſie laut auflachend, während eine faſt unmerkliche Röthe über ihre Wangen ſich verbreitete;„es nimmt mich nur Wunder, daß Sie mir nicht den Vorſchlag machen, den General Lafayette zu bekehren.“ „Dieß Unternehmen möchte etwas ſchwieriger ſein,“ antwortete der Greis, ſeinerſeits lachend.„Wollten Sie indeſſen Armida ſein, ſo würde vielleicht ſelbſt der Held der beiden Welten Mühe haben, ſich fühl⸗ loſer als Rinaldo zu zeigen.“ Frau von Chantevilliers ſtand auf und zog durch eine für eine ſo tugendhafte Frau ziemlich weltliche Bewegung ihren Kaſchemirſhawl um ihre Taille her, 158 ſo daß die majeſtätiſche Anmuth ihrer wahrhaft kö⸗ niglichen Haltung volle Geltung erhielt. „Heute Morgen iſt es ſchlechterdings unmöglich, mit Ihnen ein vernünftiges Wort zu ſprechen,“ ſprach ſie halb ſchmollend, halb liebkoſend;„Sie ſind heute von einer Jugendlichkeit, welche mich meinen Beſuch am Ende bereuen laſſen könnte. Sie haben, wie ich ſehe, geſchworen, mich mit Ihren Armida's und Ihren Herzoginnen von Longueville zu ſcandaliſiren; zum Glück aber für Sie bin ich heute nachſichtig geſtimmt. Leben Sie wohl, Sie Böſer, der Sie nicht wollen, daß ich Pairin werde!“ „Im Gegentheil, ich wünſche das von ganzer Seele,“ gab der Diviſionschef zurück;„Sie wiſſen nun aber, daß dieß lediglich von Ihnen und nicht von mir abhängt.“ „Welche Extravaganz! Glauben Sie ja nicht, daß ich mich alſo abſpeiſen laſſe; nach meinem Balle ich wieder, und willfahren Sie mir dann niht Mit dieſen Worten, welche ſie wie das quos ego Neptuns über dem Haupte des Greiſes ſchweben ließ, hob Frau von Chantevilliers, zugleich eine leicht drohende Miene annehmend, eine Hand in die Höhe, deren feinfleiſchige Form der Handſchuh anzeigte, und die der Diviſionschef mit cavalierer Kühnheit an ſeine Lippen preßte. „Vor Allem vergeſſen Sie uns Mittwoch nicht,“ ſprach die Gräfin, ohne über dieſe Freiheit aufge⸗ bracht zu ſein. Nachdem Herr Sabathier die ſchöne Bittſtellerin, die ihre gewöhnliche Sprödigkeit zu ſeinen Gunſten 159 zu vergeſſen ſchien, bis an die Gränzen ſeines Reiches zurückbegleitet hatte, trat er wieder in das Cabinet, wo er Dauriac vor dem Kamin aufge⸗ pflanzt fand. „Discreter junger Mann, der Sie an den Thüren horchen,“ ſagte der Greis lachend zu ihm,„haben Sie Luſt, bei der Gräfin von Chantevilliers in einem Contretanz Ihrem Freunde Groscaſſand gegenüber zu figuriren?“ „Sie glauben, ſie werde ihn einladen?“ fragte Adolph. „Heute noch.“ „Aber er geht gewiß nicht hin.“ „Und ich ſage, er geht hin.“ „Und würden Sie, wenn ich Sie darum bäte, mich auf dieſen Ball führen?“ hob der junge Mann nach einem Augenblick des Schweigens wieder an. „Warum nicht?“ antwortete Herr Sabathier; „Sie wiſſen ja, ich habe, trotz der excluſiven Grund⸗ ſätze der Gräfin, Carte blanche.“ „Wenn das iſt,“ ſprach Adolph,„ſo bitte ich Sie um dieſen kleinen Freundſchaftsdienſt; für mich handelt es ſich um etwas mehr als um eine Luſt⸗ partie.“ „Ah! Sie möchten gern die Linke vor dem Fau⸗ bourg St. Germain, wie David vor der Bundes⸗ lade tanzen ſehen! Nun, meinethalben! Holen Sie mich Mittwoch Abend um halb zehn Uhr vor Allem vergeſſen Sie Ihr Wort nicht: verſchwiegen wie das Grab in Betreff deſſen, was Sie eben gehört!“ Mit dieſen Worten verabſchiedete Herr Sabathier 160 ſeinen Schützling, der, während er zum Miniſterium hinausging, ein ziemlich macchiavelliſches Project ausheckte, wozu der erſte Gedanke in ſeinem Geiſte aufgedämmert war, während er von ſeinem Ver⸗ ſteck aus die Phyſiognomie, ſowie die geringſten Geberden des Weibes ohne Furcht und Ta⸗ deltſtudirte. W Wenn es, wie man ſchon geſagt hat, wahr iſt, daß die Rache das Vergnügen der Götter iſt, ſo bekommt dieſe Leidenſchaft, auf die Vertheidigung eines Weibes angewandt, etwas noch Berauſchen⸗ deres; denn dann wirkt ſie auf's Herz gerade ſo, wie das Feuerwaſſer auf das Hirn der armen wil— den Indianer. Unter den Männern, deren Idol den Läſterungen der guten Geſellſchaft ſich ausgeſetzt findet— Läſterungen, die um ſo giftiger ſind, je honigſüßer der Pfeil iſt, der ſie trägt— iſt keiner, der nicht zuweilen ein ganz wüthendes Verlangen hegt, die ganze menſchliche Geſellſchaft unter ſeinen Füßen zu zermalmen, und der nicht wegen eines höh⸗ niſchen Lächelns, wegen eines ironiſchen Blickes, we⸗ gen eines perfiden Scherzes Caligula's blutdürſtigen Wunſch in ſeinem Innern wiederholt. Wahrer Liebe liegt immer eine gewiſſe Wildheit zu Grunde, die ſchläft, aber beim geringſten Anlaſſe erwacht, und welche von der Welt geduldet wird, da dieſe ihre Freude daran hat. Den Häuſern fremd, welche v— v—— M——— 161 Frau von Verſan gewöhnlich beſuchte, hatte Dau⸗ riac bis daher von jenen Stichen nichts erfahren, welche in einem Salon die Stellung eines feinfüh⸗ lenden Mannes der des in der Arena ſtehenden Stieres ſo ziemlich gleich macht. Zum erſten Mal in ſeiner Liebe verwundet, empfand er die Beleidi⸗ gung mit der reizbaren Energie friſcher Eindrücke; die Lebhaftigkeit ſeines Aergers machte ihm alles Aufſchieben der Züchtigung, die er ausſann, uner⸗ träglich, und der kürzeſte Weg, der ihn zum Ziele führte, erſchien ihm als der beſte, wie ſchwierig oder ſonderbar derſelbe immer ſein mochte. Von dem Cabinet aus, wo er ſich verſteckt, war Adolph kein Wort, keine Geberde, keine Biegung der Stimme der Gräfin von Chantevilliers entgan⸗ gen. Aus dieſer kleinlich unbarmherzigen Prüfung zog er auf der Stelle einen Schluß, dem ein un⸗ intereſſirter Beobachter wohl nicht ſo plötzlich zu⸗ geſtimmt hätte. „Jetzt weiß ich es gewiß,“ ſprach er, während er zum Miniſterium hinausging, bei ſich ſelbſt: „dieſer Diamant iſt bloßer Straß; die Flügel dieſes Engels ſind, wie die des Ikarus, mit Wachs an⸗ geklebt; mit einem Worte, dieſe heroiſche Tugend iſt pure Heuchelei. Auch unter den Weibern gibt es Tartüffe, und ſie iſt einer, ich möchte darauf ſchwören. Die Sittenſtrenge, die Sprödigkeit, die Frömmigkeit, die Unduldſamkeit, welche ſie vor der Welt zur Schau ſtellt, ſind bloß eine Maske, welche wohl Dummköpfen imponiren kann, wodurch aber ich mich nicht täuſchen laſſen werde. Im Grunde iſt ſie eben auch ein Weib wie alle andern, und Bernard, Ausgew. Erzählungen. 1I. 11 162 vielleicht iſt ſie das noch in höherem Grade; ſchon ihr ausdrucksvoller Blick, ihre ſchleppende Ausſprache verrathen dieß; ja es läßt ſich dieß ſchon aus der Art und Weiſe, wie ſie ihren Shawl trägt, mit Sicherheit ſchließen. Hat ſie mit dem alten Sa⸗ bathier einmal kokettirt! Man denke ſich nun an die Stelle des guten Alten einen Protector von vierzig Jahren!.... Sie iſt ehrgeizig, damit läßt ſich ein Weib weit bringen, beſonders wenn ihr Mann ein Greis iſt. So viel iſt für mich ſchon jett bewieſen, daß ſie, wenn— was ich bezweifle ſie mit niemand einen Unterſchied macht, ſich dagegen in derjenigen Verfaſſung befindet, die ein unternehmender Anbeter wünſchen muß. Es be⸗ ſchränkt ſich alſo die ganze Frage darauf, daß dieſer erpectirende oder Titular⸗Anbeter ausfindig gemacht wird. Iſt er vorhanden, ſo iſt meine Rache ſchon jetzt geſichert; iſt die Stelle vacant, ſo müſſen wir ſu bedacht ſein, jemand zu finden, der ſie aus⸗ üllt.“ Dauriac mäßigte ſeinen Schritt und blieb dann, die Arme über die Bruſt kreuzend, plötzlich ſtehen: „Und warum ſollte ich ſelbſt dieſe Stelle nicht ausfüllen?“ ſprach er bei ſich ſelbſt, während ſeine Augen, jedoch ohne ſie zu ſehen, die Vendomeſäule anblickten, an deren Fuß er angekommen war. „Ah! ſtolz ſchaut der die Säule an, Der ſich Franzoſe nennen kann:“ ſang eine Baßſtimme ihm plötzlich in's Ohr. Adolph wandte den Kopf um und ſah ſich Herrn on he er tit mn n ßt r n le n e⸗ r — 163 Groscaſſand(von der Gironde) gegenüber, der lachend fortfuhr: „Hätten Sie mir auch nicht geſtanden, daß Sie verliebt ſind, ſo würde ich es doch ſchon aus Ihrer Zerſtreutheit ahnen; wetten wir, ich ſage Ihnen, woran Sie denken!“ „Ich wette, Sie errathen es nicht,“ gab Adolph zurück. „Sie würden verlieren. Vor zwölf Jahren hätte ich wohl noch mit Ihnen einen Streit anfangen können wegen Ihrer Extaſe, jetzt aber haben die Verbeſſerungsanträge zum Portalis'ſchen Geſetz mehr Reiz und mehr Intereſſe für mich als die ſchönſten Augen von der Welt. Um Ihnen zu beweiſen, wie ſehr ich von allen dieſen ſentimentalen Narrheiten geheilt bin, will ich Ihnen einen freundſchaftlichen Rath geben. Gehen Sie auf die Boulevards, nach der großen Oper zu.“ „Warum das?“ fragte der junge Mann. „Dort werden Sie wahrſcheinlich die Dame Ihres Herzens ſehen; eben habe ich ſie in ihrem Wagen erblickt: wie mir ſchien, ſo war ſie damit beſchäftigt, die Magazine zu durchſtöbern. Ich grüßte ſie nicht, denn in der Regel würdigt ſie mich nicht einmal eines Blickes; dieß Mal aber— o Staunen!— iſt ſie mir ſelbſt zuvorgekommen, indem ſie ſich in überaus liebenswürdiger Weiſe zum Fenſter ihres Kutſchen⸗ ſchlags herausbeugte. Ja, mein Lieber, die hoch⸗ adelige Gräfin von Chantevilliers hat ſich ſo weit herabgegeben, daß ſie einen Bürgerlichen meines Schlags zuerſt grüßt. Ich bin gewiß, daß kein Herzog, daß kein Pair ein reizenderes und bezaubern⸗ 11 164 deres Lächeln bekommen kann, als mir eben eines zu Theil geworden. Noch vor zwölf Jahren hätte ein ſolches Lächeln eine gar ſeltſame Bewegung in meinem Herzen hervorgebracht, jetzt aber— jetzt gehe ich in die Kammer, wo ich den Geſetzesent⸗ wurf zu Fetzen zuſammenzuhauen gedenke. Ich ſtehe Ihnen dafür, auf der Miniſterbank werden ſie nicht lachen. Gehen Sie mit? Ich verſchaffe Ihnen Eintritt.“ „Unendlich verbunden,“ verſetzte Dauriac,„heute möchte ich wohl Ihre Rede nicht mit all' der Auf⸗ merkſamkeit anhören können, die ſie ohne Zweifel verdienen wird.“ „Ich begreife das,“ ſprach der Deputirte gut⸗ müthig;„ich überlaſſe Sie alſo Ihren verliebten Träumereien, nehmen Sie ſich aber auf Ihren Wolken vor den Wagen in Acht, denn eben bin ich an der Ecke der Friedensſtraße, während ich über meinen Eingang nachſann, um ein Haar von einem Cabriolet überfahren worden.“ Jetzt trennten ſich die beiden Freunde, der junge Mann aber nahm alsbald den Faden ſeiner durch dieſen Dialog kaum unterbrochenen Reflexionen wieder auf. „Warum,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„ſollte ich nicht das Inſtrument des Werkes der Gerechtigkeit ſein, das ich vollbringen will? Wer könnte mir ſo gut dienen, als ich ſelbſt es kann? Wäre es nicht ein Meiſterſtreich, wenn es mir gelänge, dieſer Frau zu gefallen, um ſie ſo um ſo gründlicher zu ſtrafen? Ihr gefallen! Iſt das möglich? Iſt das ehrlich?“ 165 Ganz mechaniſch warf Adolph einen Blick auf einen Spiegel, der im Fenſterwerk eines Porzellan⸗ ladens, an welchem er vorüberging, angebracht war. Er beſchaute ſich einen Augenblick darin und konnte, trotz ſeiner Beſcheidenheit, ſich nicht ent⸗ halten, die erſte der zwei Fragen, die er eben an ſich ſelbſt geſtellt, mit Ja zu beantworten. „Ob es aber ehrlich iſt?“ hob er, über den Punkt der Möglichkeit ſich nicht länger einem Zwei⸗ fel hingebend, wieder an.„Warum nicht? Zwiſchen dieſem Weibe und mir iſt Krieg, und da ich der beleidigte Theil bin, ſo ſteht mir auch die Wahl der Waffe frei. Die Sache von dieſer Seite be⸗ trachtet, wäre jeder Scrupel kindiſch: andererſeits bin ich bloß Adrianen Rechenſchaft von meinem Thun und Laſſen ſchuldig. Könnte ſie nun mich darüber tadeln, daß es mich treibt, die Beleidigung zu rächen, die man ihr angethan? Nein. Geſtern haben ihre Augen mir geſagt, daß mein Zorn ihr nicht mißfällt. Zudem ſoll ſie nicht eher etwas erfahren, als bis der Knoten ſich entwirrt. Dann werde ich ihr Alles ſagen; denn was werde ich ihr zu ver⸗ heimlichen brauchen! Um ihret⸗, nicht um meinet⸗ willen ſuche ich ja zu gefallen. Welche Wonne, dem unverſchämten Geſchöpf die Worte in's Geſicht ſchleudern zu können: Sie lieben mich, nicht wahr? Wohlan! auch ich liebe; ich bete die Frau an, die Sie ſo gröblich beleidigt haben und vor der Sie fortan die Augen niederſchlagen müſſen, denn ich heirathe ſie und brauche Ihre Liebe nicht.“ In der Exaltation, welche die Ausſicht auf einen 166 baldigen Triumph bei ihm hervorrief, fiel Dauriac plötzlich etwas ein. „Herr Sabathier wird mich bei ihr einführen; ganz gut. Aber ſie hat mich geſtern im botaniſchen Garten angeſchaut: was wird ſie denken, wenn ſie mich erkennt?“ Und ſchon nach einem Augenblicke beantwortete derziunge Mann auch dieſen neuen Einwand ſieg⸗ reich. „Die Weiber, die es möglich finden, die Vor⸗ rechte der Tugend mit den Freuden und Genüſſen der Schwäche zu verbinden, ſind in Liebesſachen alle raffinirt. Dieſe nun wird es gewiß allerliebſt finden, ihre Unverſchämtheit damit zu krönen, daß ſie Frau von Verſan einen Anbeter raubt. Weit entfernt, mir zu ſchaden, wird die geſtrige Begeg⸗ nung mir im Gegentheil von Nutzen ſein; ein Mann, den man geliebt glaubt, erlangt einen doppelt hohen Werth, und um meinen Angriff zu beginnen, habe ich eine Stellung, wie ich ſie nicht beſſer wünſchen könnte. Jetzt gilt es, an's Werk zu gehen und den Lovelace zu ſpielen, was eine odiöſe und gewagte Rolle iſt, doch wird meine Liebe zu Adrianen ſie reinigen, indem ſie ſie recht⸗ fertigt.“ Wäre Frau von Chantevilliers häßlich und alt, anſtatt ſo ſchön und noch ſo ziemlich jung ge⸗ weſen, ſo hätten Adolph's Scrupel vielleicht lauter geſprochen. Gleichwie ehedem bei Duellen ein Edel⸗ mann von ſeinem Gegner Beweiſe ſeines Adels verlangte, ebenſo liebt es ein Weltmann, das Weib ſchön zu finden, das er haſſen muß; es befriedigt 167 und beruhigt das die Eitelkeit und macht zugleich den Kampf zu einem intereſſanteren, denn ein Menſch, der Welt hat, muß, wie ſeine Liebe, ſo auch ſeinen Haß recht anzubringen wiſſen. Verſichert, daß er dieſes doppelte Geſetz ſcru⸗ pulös erfüllt, empfand Dauriac eine geheime Be⸗ friedigung, die ſich bei Frau von Verſan dadurch verrieth, daß er ihr ein doppeltes Maß von Zärt⸗ lichkeit und Liebenswürdigkeit zuwandte. „Was haben Sie denn?“ ſprach zu ihm die junge Frau, bei der er einen Theil der zwei Tage zu⸗ brachte, welche dem Ball der Gräfin vorangingen; „Sie verheimlichen mir etwas, allein es iſt das ſicher⸗ lich kein Unglück, denn noch nie habe ich Sie ſo heiter geſehen. Gewiß bereiten Sie mir eine jener Ueberraſchungen, die ich Ihnen verboten habe.“ „Dieſe wenigſtens haben Sie mir nicht verboten, ich ſchwöre es Ihnen,“ ſprach Adolph. „Würde ich es aber thun, wenn ich darum wüßte?“ „Vielleicht,“ antwortete der junge Mann lachend; „darum ſollen Sie auch nicht eher darum wiſſen, als bis Sie nicht mehr hindernd eingreifen können.“ An dem darauf folgenden Mittwoch, etwa um die zehnte Abendſtunde, trat Herr Sabathier mit ſeinem Schützling in die Salons der Gräfin von Chante⸗ villiers, wo eine Verſammlung, die noch glänzender als zahlreich war, ſich beengt zu finden anfing. Mit einem graziöſen Lächeln empfing die Hauswirthin den alten Diviſionschef, und obgleich ſie ſonſt ſehr beſchäftigt war, ſo hielt ſie ihn doch einen Augen⸗ blick zurück, um eine jener Schmeicheleien, wie Wei⸗ 168 ber ſie haben, und woran in Macht und Anſehen ſtehende Männer gewöhnt ſind, an ihn zu richten. Was Dauriac betrifft, ſo bekam er für eine Ver⸗ beugung, bei welcher er ſeine ganze Eleganz ent⸗ wickelt hatte, nur ein leichtes, von einem zerſtreuten Blicke begleitetes Kopfnicken. „Wie es ſcheint, ſo erkennt ſie mich nicht,“ ſprach er bei ſich ſelbſt und biß ſich dabei unwillkürlich in die Lippe; denn gleich allen hübſchen jungen Män⸗ nern konnte Adolph ſich es nicht als möglich denken, daß man ſein Geſicht ſo geſchwind wieder vergeſſe. „Nun muß ich Sie auch dem Hauswirthe vor⸗ ſtellen,“ ſprach Herr Sabathier zu ſeinem Schützling. „Dort an der Thüre, zu welcher wir hereingekom⸗ men, bemerke ich ihn; ſuchen wir, daß wir zu ihm hinkommen.“ Der Graf von Chantevilliers war ein geſund ausſehender Greis, deſſen diſtinguirtes Geſicht den kalten und ernſten Ausdruck hatte, welchen man bei Juſtizbeamten gewöhnlich findet. Seine Nullität geſchickt durch eine Zurückhaltung zu maskiren wiſ⸗ ſend, die in den Augen vieler als Würde erſchien, ſprach er nur wenig, um ſich das Anſehen zu geben, als denke er um ſo mehr. In der Kammer galt er für einen Juriſten; am königlichen Gerichtshof zu Bordeaur ſahen ſeine Collegen ihn als eine po⸗ litiſche Capacität an. Wie alle Leute, welche das Bedürfniß fühlen zu dienen und ſich dienen zu laſſen, mußte er einen Herrn und Lakeien haben; die letzteren hatte ihm das Schickſal gegeben, den andern hatte er in der Perſon ſeiner Frau gefun⸗ den. Vor der großen Revolution hätte Herr von 169 Chantevilliers ſein Schloß gegen ein Manſarden⸗ zimmer unter dem Dache des Verſailler Schloſſes vertauſcht; im Jahr 1828 ſpielte er, mehr noch durch ſeinen Charakter als ſeinen Ehrgeiz getrieben, den parlamentariſchen Höfling. In einem Salon war er immer der erſte, der um einen Miniſter oder ſonſt eine wichtige Perſon den Kreis zu bilden an⸗ fing; bei ſeinen Untergebenen, bisweilen ſogar bei Leuten ſeines gleichen, hielt er ſich dann ſchadlos. Ging er zum Beiſpiel mit einem der letzteren ſpa⸗ zieren, ſo pflegte er alle zwanzig Schritte Halt zu machen, wodurch er ſeine Gegenredner zwang, ein Gleiches zu thun, und dann pflegte er ſich immer zuerſt wieder in Bewegung zu ſetzen. Es war dieß eine indirecte Art, ſeine Superiorität kundzugeben, und dieſes kleine Manöver der Eitelkeit war nicht das einzige, welches er in gleicher Abſicht anwandte. In dem Augenblicke, wo der miniſterielle Depu⸗ tirte den Herren Sabathier und Dauriac ihre Ver⸗ beugungen zurückgab, warf der Lakei, der die Ge⸗ ladenen anzumelden hatte, den ariſtokratiſchen Echos des Salons den pompös bürgerlichen Namen des Herrn Groscaſſand(von der Gironde) hin. „Maſtre Groscaſſand,“ ſprach der Gerichtshofs⸗ kammerpräſident, indem er mit unangenehm über⸗ raſchter Miene den Kopf umwandte,„was hat der hier zu ſchaffen? Frau von Chantevilliers hätte ihm alſo ein Einladungsſchreiben zugehen laſſen? Daran erkenne ich ſie nicht.“ „Ich aber erkenne ſie,“ ſprach Herr Sabathier halblaut und wechſelte mit ſeinem Begleiter ein Lä⸗ cheln des Einverſtändniſſes. 170 Einen Augenblick blieb der bordeleſiſche Redner an der Thüre des Salons ſtehen, ähnlich einem be⸗ deutenden Schauſpieler, der nur langſam und würde⸗ voll die Bühne betritt. Ohne Zweifel ſollten alle Anweſenden ſo Zeit bekommen, ihre Augen an dem berühmten Manne zu weiden, der unter der Thüre ſtand. Allein es waren ſeit einer Stunde ſchon ſo viele Berühmtheiten aller Art, Geſandte, Miniſter, Pairs von Frankreich, Schriftſteller, Edelleute aus hiſtoriſchen Geſchlechtern, durch Schönheit, Geiſt und Eleganz berühmte Frauen auf dem Ball erſchienen, daß mit Ausnahme der Gruppe, in welcher der Haus⸗ wirth ſich befand, keine Seele auf Herrn Groscaſ⸗ ſand(von der Gironde) aufmerkſam wurde, trotz der departementalen Herrſchaft, die er, nach eigenem Gutdünken, ſeinem patronymiſchen Namen zu Lehen gegeben hatte, was übrigens ſchon mehr als einem patriotiſchen Deputirten paſſirt war. Als der Repräſentant der Nation ſah, daß die Wirkung, die er hatte hervorbringen wollen, ver⸗ fehlt war, knipp er ſich verächtlich in die Lippen und ſteckte die rechte Hand unter den Aufſchlag ſei⸗ nes bis an's Kinn zugeknöpften Frackes. In dieſer Tribunshaltung ſchritt er auf den miniſteriellen Amphytrion zu, der gravitätiſch ihn herankommen ſah und auch nicht einen Schritt that, um ihm ent⸗ gegen zu gehen. Wie groß auch die Wichtigkeit ſein mochte, welche ſein neuer College jeden Tag er⸗ langte, ſo konnte der Präſident doch nicht umhin, in ihm den Advokaten zu erblicken, den er zu Bor⸗ deaux von der Höhe ſeiner Amtswürde herab, aus der Entfernung, welche den Advokatenſtand von der 171 Gerichtsbank trennt, anzuſehen gewohnt war. Mit gegenſeitiger Kälte begrüßten ſich die beiden Män⸗ ner; denn war Herr von Chantevilliers von dem ganzen ſtolzen Ernſt der ehemaligen Parlaments⸗ räthe erfüllt, ſo beſaß andererſeits Herr von Gros⸗ caſſand im höchſten Grade die krittelige Empfind⸗ lichkeit ſeines Standes. Nachdem der Advocat und Deputirte gegen den Hausherrn die vorgeſchriebenen Pflichten der Höflichkeit erfüllt, ging er in der freie⸗ ſten Weiſe von der Welt weiter und erblickte plötz⸗ lich Dauriac. „Was zum Henker haben Sie auf dieſer Ga⸗ leere zu ſchaffen?“ ſprach er, in vertraulicher Weiſe ſeinen Arm nehmend. „Was Sie wahrſcheinlich ſelbſt auch darauf ſchaf⸗ fen,“ antwortete der junge Mann mit einem Lächeln. „Eben komme ich aus unſerem Verſammlungs⸗ local in der Grange⸗Bateliere⸗Straße, und ehe ich meinen Abend bei Laffitte beſchließe, will ich hier ein Stündchen verweilen. Was ich hier ſehe, iſt nicht ſo übel; es ermangelt einer gewiſſen Ele⸗ ganz nicht, bei Laffitte aber, mein Lieber, da geht es anders her. Im Luxus, in der Pracht, da thut es eben niemand der Bank zuvor! Vor ihr muß die Junkerei die Flagge ſtreichen!“ „Und um von der Grange⸗Batelidre⸗Straße nach der Artois⸗Straße zu kommen, gehen Sie durch's Faubourg St. Germain?“ ſprach Adolph.„Wie es ſcheint, ſo verſchlägt es Ihnen nichts, wenn Ihre Pferde müde werden.“ „Elende Roſſe— Fiakerpferde! Was gehen die mich an? Aber ſagen Sie mir doch, wie Sie es 6 172 angegriffen, um bis in's Heiligthum der ſchönen Grauſamen zu dringen!“ „Wie kommt es aber, daß ich auch Sie hier ſehe? Sie hatten mir doch jüngſt nicht geſagt, daß Sie eingeladen wären.“ „Damals war ich es noch nicht,“ gab Herr Groscaſſand zurück.„Erſt beim Nachhauſekommen von der Kammer habe ich den offiziellen Brief in meiner Wohnung gefunden. Zuerſt däuchte mir ein ſolches Verfahren allzu unceremoniös. Mich den Tag vor dem Ball einladen, mich! Schon wollte ich eine abſchlägige Antwort geben, da es mir, deſſen Großvater einfacher Bauer geweſen,— und deſſen rühme ich mich— da es mir, ſage ich, nicht ziemt, von einem kleinen Junker wie Chantevilliers mich ſo von oben herab behandeln zu laſſen; als ich mich aber des Lächelns der Gräfin auf dem Boulevard erinnerte, da fühlte ich, wie mein Stolz von ſeinen Höhen herabſtieg. Ganz gewiß kommt die Einladung von ihr, denn nie hätte der Herr Präſident ſich ſo weit herabgelaſſen, daß er ein höfliches Wort an einen Advocaten gerichtet haben würde. Es wäre alſo vollkommen lächerlich, wenn ich im Punkt der Etikette mich allzu ſchwierig zeigte. Wer Weib ſagt, ſagt Königin; ſehen Sie, ſo bin ich hieber gekommen. Wo iſt ſie, die ſchöne Tige⸗ rin?“ „Im zweiten Salon,“ antwortete Dauriac, der ſich nicht enthalten konnte, über die trotzige Wind⸗ beutelsmiene zu lächeln, womit der dicke Deputirte die letzten Worte geſprochen hatte. ————— ⸗ 173 VI. Schlangenartig wand ſich Herr Groscaſſand zwi⸗ ſchen zwei in der Bildung begriffenen Contretänzen durch, wobei er ſeinem Gegenredner, der ſeinen Abend nützen wollte, den Weg bahnte. Endlich ge⸗ lang es ihnen— ein Unternehmen, das eine Zeit lang etwas gewagt ſchien— ſich durch die Gruppe hindurch zu bugſiren, welche Frau von Chantevilliers umringte. Sobald die Gräfin ihres früheren Anbeters an⸗ ſichtig wurde, der ſich jetzt ſo tief verbeugte, daß man die Spitze ſeiner Tonſur ſehen konnte, unter⸗ brach ſie eine Phraſe, die ſie eben an den Geſand⸗ ten einer kleinen nordiſchen Macht richtete, und ſprach, dem Neuangekommenen zulächelnd: „Herr von Chantevilliers wird Ihnen zu Dank verbunden ſein für die Ehre, die Sie ihm erweiſen, da er Ihre Anweſenheit ſehr gewünſcht hat. Was mich betrifft, mein Herr, ſo erwartete ich Sie kaum. Scheinen Sie doch auf die Geſellſchaft Ihrer Lands⸗ leute ſo wenig Werth zu legen! Wie! ſchon über zwei Monate ſind Sie in Paris, und noch iſt es Ihnen auch nicht ein einziges Mal eingefallen, daß wir aus einer und derſelben Stadt ſind?“ „Madame, nie hätte ich es gewagt zu glauben, daß Sie ſelbſt ſich dieſes Umſtands erinnerten,“ antwortete Herr Groscaſſand(von der Gironde), der, da er während ihres gemeinſchaftlichen Aufent⸗ halts in der Provinz nie in den Salon der Gräfin gekommen, über die unerwartete Artigkeit dieſes Empfangs völlig verdutzt war. 174 „Geſtern habe ich Briefe aus Bordeaux bekom⸗ men,“ hob Frau von Chantevilliers wieder an,„und daraus habe ich erſehen, daß Ihre Frau Schweſter glücklich von einem Knaben entbunden worden; wie ich glaube, ſo hatte ſie bis jetzt nur Mädchen ge⸗ habt; es iſt dieß ein großes Ereigniß für Ihre Fa⸗ milie, und ſeien Sie verſichert, ich nehme aufrichti⸗ gen Antheil daran. Frau Lheéritier iſt ſo liebens⸗ würdig, ſo diſtinguirt.“ „Meine Schweſter... mein Neffe meine Familie„ ſprach der Deputirte, der ſtatt aller Antwort ſich bloß verneigte, bei ſich ſelbſt.„Will ſie mich verhöhnen, ſie, die auf dem Präfecturball zu Bordeaux gegen meine Schweſter ſich einer Un⸗ verſchämtheit ſchuldig gemacht, indem ſie ſich anders⸗ wohin ſetzte, um nicht neben einer Bürgerlichen ſein zu müſſen?“ Die Ankunft eines alten Herzogs und Pairs, der gepuderte Haare und an ſeinem Fracke den heil. Geiſtorden trug, zwang die Gräfin, ein Geſpräch zu unterbrechen, das ſie nicht ungern zu führen ſchien. „Jeden Mittwoch bleibe ich zu Hauſe,“ ſprach ſie zum liberalen Deputirten, der ſich ſeitwärts wandte, um dem beſternten Greiſe Platz zu machen; „auch an den andern Tagen trifft man mich oft; wenn alſo Ihre ernſten Geſchäfte es erlauben und Sie Luſt haben, über Bordeaux zu plaudern. Die Gräfin beendigte ihre Phraſe nicht mit Worten, wohl aber mit einem Blicke, der mehr ſagte als Alles, was ſie hätte fprechen können. Trotz ſeiner fünfundvierzig Jahre, trotzdem daß er dem Advocatenſtand angehörte, und trotzddem daß er mit 175 dem Charakter eines Deputirten begleitet war— trotz dieſer dreifachen ehernen Schutzmauer, an der die Pfeile der Liebe ſonſt abzuprallen pflegen, em⸗ pfand Herr Groscaſſand(von der Gironde) etwas, was ihn plötzlich um zwölf Jahre jünger machte; er wand ſich aus einem Gedränge von franzöſiſchen Pairs, von Kammerjunkern, von miniſteriellen De⸗ putirten, von königlichen Gardeoffizieren, von St. Louis⸗ und heil. Geiſt⸗Rittern, von alten Emigra⸗ tionshelden und von eleganten jungen Männern heraus, unter denen er ſich wildfremd ſah, trat in ein Zimmer, wo die Spieltiſche ſtanden, und ſetzte ſich gedankenvoll beiſeit. „Sie will mit mir über Bordeaux plaudern,“ ſprach er bei ſich ſelbſt und ließ ſich dabei ſein Ge⸗ frorenes ſchmecken, denn in einem Alter von fünf⸗ undvierzig faſtet die Paſſion nicht mehr;„was mag ſie damit meinen? Sicherlich haben ihre Worte einen Sinn; ſie iſt nicht die Frau, die ſpricht, um nichts zu ſagen. Aber welcher Empfang! welches Lächeln! welcher Blick! welche koſende Stimme! von meiner Schweſter ſprechen, an die ſie aus lauter Vornehmheit nie auch nur eine Sylbe gerichtet! Schon ſah ich den Augenblick kommen, wo ſie mich nach meinem kleinen Hunde fragte, wie weiland Don Juan den Herrn Dimanche. Was ſoll all' das? Sollte ſie ſich eines Andern beſinnen? Nach einer Zeit von zwölf Jahren wäre das ein bischen ſpät. Aber doch— ich fühle es— ja trotz dieſer zwölf Jahre würde ich, ich weiß nicht was, thun, um die Gunſt dieſes Weibes zu gewinnen. Sie iſt im⸗ mer noch ſchön! Und dann hat ſie etwas ſo Vor⸗ 176 nehmes, ſo Imponirendes, ſo Stolzes, ſo Verächt⸗ liches, wozu noch kommt, daß ſie durchaus tugendhaft iſt.... Das wäre einmal eine Erobe⸗ rung, deren ſich ein diſtinguirter Mann rühmen dürfte. Die Gräfin von Chantevilliers. das klingt gut. In einer Opernloge hinter der Gräfin Cöleſte von Chantevilliers ſitzen! Es iſt wohl mehr denn Einer hier, der über ſolches Liebesglück neidiſch würde, und zwar der kleine Dauriac zuerſt.“ Während der demokratiſche Deputirte in ſolchen ariſtokratiſchen Liebesgedanken ſich wiegte und in wachem Zuſtande von nichts als ſeiner Gräfin träumte, zerbrach ſich in einem andern Salon Adolph den Kopf, um ein Mittel zur Ausführung ſeines Racheplans zu finden. Da es ihn drängte zu han⸗ deln, ſo däuchte ihm jede Minute Aufſchub verloren. „Wenn ich nicht ſchon heute Abend mit ihr ſpreche,“ fprach er bei ſich ſelbſt,„ſo dürfte ſich nicht ſo bald wieder eine Gelegenheit zeigen. Aber was ſoll ich ihr ſagen? Wie ſoll ich es angreifen, um ihre Aufmerkſamkeit zu feſſeln und mehr als ein Wort von ihr zu verlangen inmitten dieſer Menge, von welcher ſie belagert iſt? Es müßte etwas Neues, etwas Unerwartetes, etwas Originel⸗ les gefunden werden, das ihr Intereſſe alsbald feſſelte und ihre Neugierde erregte. Sicherlich wäre ſelbſt Don Juan an meiner Stelle in Verlegenheit geweſen. Ich kann doch unmöglich damit beginnen, daß ich ſie auf einen Tanz engagire.“ Adolph blieb eine Zeit lang in tiefes Nachden⸗ ken verſunken. 177 „Wenn ich ſie aber doch auf einen Tanz enga⸗ girte?“ hob er bei ſich ſelbſt wieder an, nachdem er eingeſehen, daß alle anderen Mittel unpaſſend wären und nicht zum Ziele führten.„Ohne Zwei⸗ fel gibt ſie mir einen Korb, was aber nichts thut, da ich ſo Gelegenheit finde, ein Geſpräch anzuknü⸗ pfen. Zudem findet ſich eine Frau ihres Alters nie beleidigt durch ein Verlangen, das ſie als jünger erſcheinen läßt. Ja, aber ein Contretanz möchte vielleicht als etwas zu jugendlich erſcheinen... Paſſender wird es ſein, wenn ich ſie auf einen Walzer engagire.“ Und ohne weitere Zeit zu verlieren, durchſchritt Dauriac die Menge, näherte ſich Frau von Chan⸗ tevilliers, die eben einem Domeſtiken Befehle gab, und ſprach, ſeiner Phyſiognomie einen möglichſt angenehmen Ausdruck zu geben ſüchend: „Wird die Frau Gräfin mir die Ehre anthun, mit mir zu walzen?“ Die ſittenſtrenge Frau ließ auf den fragenden jungen Mann einen eiskalten Blick fallen. „Bei mir wird nicht gewalzt, mein Herr,“ ant⸗ wortete ſie trocken. „Darf ich alsdann hoffen, Madame, daß Sie geruhen werden, einen Contretanz mit mir zu tan⸗ zen?“ hob Adolph, über dieſe erſte Niederlage et⸗ was verblüfft, wieder an. „Ich tanze nie,“ verſetzte die Gräfin mit einer Miene, die auch den unerſchrockenſten Improviſator verſtummen machen mußte. Vergebens ſuchte Dauriac in ſeinem Kopfe die Bernard, Ausgew. Erzählungen. II. 2 178 unerwartete, unwiderſtehliche, feſſelnde Phraſe, welche ihm mit einem Mal die Aufmerkſamkeit ſei⸗ ner Feindin zuwenden mußte; anſtatt dieſer Zau⸗ berworte aber fand er bloß einen Gemeinplatz, der noch dazu die Hälfte ſeines Werths durch den ver⸗ legenen Vortrag verlor. „Sie ſind alſo die Einzige, Madame,“ ſprach der unwiderſtehliche junge Mann,„die für die Ge⸗ nüſſe Ihrer herrlichen Soireen keinen Sinn hat.“ Jetzt ſah ſich Frau von Chantevilliers den un⸗ geleckten Tänzer aufmerkſamer an, der ohne vor⸗ herige Ermächtigung es ſich herausnahm, ein Ge⸗ ſpräch mit ihr anzuknüpfen, und da runzelte ſie mit einem Male die Brauen und warf zugleich mit ei⸗ ner überaus ſtolzen Bewegung den Kopf zurück: ſie hatte in dem Ueberläſtigen den Liebhaber der Frau von Verſan erkannt! „Mein Herr,“ ſprach ſie jetzt und articulinte dabei in majeſtätiſcher Weiſe jede Sylbe,„Sie ſuchen hier offenbar eine Perſon, die Sie nicht fin⸗ den werden. Darf ich Sie aber fragen, wem ich die gänzlich unerwartete Ehre, Sie in meinem Hauſe zu ſehen, verdanke?“ „Herrn Sabathier, Madame,“ antwortete Adolph barſch, denn war die Frage der Gräfin höflich aus⸗ gedrückt, ſo kam der Ton, womit ſie ſie begleitete, einer förmlichen Austreibung gleich. Mit verdrießlicher Miene knipp ſich Frau von Chantevilliers in die Lippen. Da der Zaubername des Herrn Sabathier ihr nicht geſtattete, die Aus⸗ merzung vorzunehmen, welche ſie ohne Zweifel im Sinne hatte, ſo entfernte ſie ſich von Dauriac, nach⸗ — — 179 dem ſie ihm einen letzten Blick zugeworfen, der ſich mit den Worten überſetzen ließ: „Bleiben Sie da, da Sie nun einmal hier ſind, laſſen Sie ſich aber ja nicht beigehen, den Fuß ein ander Mal hieher zu ſetzen.“ „Dreifache Spröde, erztugendhafte, verunglückte Pairin,“ ſprach Adolph nun bei ſich ſelbſt, indem er ſeinen Aerger mit einer recht grauſamen Beleidigung zu tröſten ſuchte. Ueberzeugt, daß Jedermann ſeinen ſo eclatanten Durchfall wahrgenommen, wollte er ſich in der Menge verlieren; als er ſich aber um⸗ wandte, ſah er ſich Herrn Großcaſſand gegenüber, der ihm den Weg verſperrte, während auf ſeiner Stirn Eitelkeit leuchtete und Hohn ſeine Lippen umſchwebte. „Aha! Dauriac, wie ſteht's mit der Liebſchaft?“ hohnlächelte der Deputirte;„Sie haben ja mit Ihrer Grauſamen eben ein recht langes Geſpräch gehabt! Gewiß ſind Sie brillant, ſind Sie un⸗ widerſtehlich geweſen; denn noch ſehe ich Sie auf⸗ geregt, und in Herzensſachen iſt man ja immer beredt.“ „Auch die Rache kommt aus dem Herzen,“ ant⸗ wortete Adolph mit concentrirter Stimme. „Und an wem wollen Sie denn Rache nehmen?“ erwiderte der Bordeleſe, ſelbſtgefällig ſich das Kinn ſtreichend. „An dieſem Weibe!“ ſprach Adrianens Lieb⸗ haber energiſch;„und zwar wird das ein frommes Werk ſein, woran alle ſolche ihren Gefallen haben werden, gegen die ſie ſich unverſchämt gezeigt: Sie zuerſt!“ 12* 1 3 3 ———.————— 180 „Danke, danke, denken Sie nicht an mich; ich bin gewohnt, meine Angelegenheiten ſelbſt zu be⸗ ſorgen,“ erwiderte Herr Groscaſſand(von der Gironde), deſſen ſtechende Aeugchen eben denen der Gräfin begegnet waren, die ſich von dem früheren Märtyrer ihrer Schönheit ohne allen Zorn bewun⸗ dern zu laſſen ſchien. Die Bildung eines Contretanzes trennte die beiden Freunde, und einen Augenblick darauf be⸗ gegnete Dauriac Herrn Sabathier, der in der Bouillotte eben ſeinen Ausſatz verloren. „Sie ſind vernünftiger als ich,“ ſprach der Greis zu ihm,„denn Sie tanzen nicht und verlieren nicht, wie ich, Ihr Geld. Nun, was haben Sie mit Maſtre Groscaſſand angefangen? Eben noch habe ich ihn geſehen, den bewährten Spartiaten, wie er Sorbets hinunterſchlang und ſchöne Weiber lorg⸗ nirte, ganz ſo wie ich ſelbſt es thun könnte, ich, der alte verthierte Sclave des Abſolutismus.“ „Groscaſſand iſt in der Kammer mehr an ſei⸗ nem Platz als in einem Salon,“ antwortete der junge Mann, dem das ironiſche Lächeln ſeines ehren⸗ werthen Freundes wurmte. „Ah! ſchauen Sie, da plaudert er mit Frau von Chantevilliers,“ hob der alte Schlaukopf wieder an; „er wirft ſich in die Bruſt, er ſtreicht ſich die Haare, er gibt ſich Stellungen à la Mirabeau. Gut, gut, ich ſehe, es vibrirt die ſenſible Saite. Und die Gräfin welche Leutſeligkeit, welche Anmuth, welch' fortwährendes Lächeln! Jetzt ſchlägt ſie die Augen nieder; ſie wird wieder zum jungen Mädchen Geht das ſo fort, ſo werde ich, meiner Treu! M*— 181 eiferſüchtig; am Ende iſt ſie gegen ihn galanter als gegen mich.Sehe ſchon, ſehe ſchon, noch ehe die Seſſion zu Ende iſt, können wir eine wei⸗ tere weiße Kugel bekommen.“ „Sie glauben alſo, es werde Herr von Chan⸗ tevilliers noch Pair von Frankreich?“ ſprach Adolph mit einer Jronie, die mit einigem Aerger unter⸗ miſcht war, da die Erfolge des Herrn Groscaſſand (von der Gironde) ihm ſeine eigene Niederlage als noch demüthigender erſcheinen ließen; denn es liebt der Menſch den Sieg immer, ſelbſt dann, wenn er darauf verzichtet, ihn auszubeuten. „Pair von Frankreich?“ wiederholte Herr Sa⸗ bathier poſſenhaft,„das iſt etwas Anderes, mein lieber Dauriac.“ Unzufrieden und entmuthigt verließ der Lieb⸗ haber der Frau von Verſan den Ball ihrer über⸗ müthigen Feindin. Indem er über ſeine Nieder⸗ lage ſo nachdachte, däuchte es ihm immer unange⸗ nehmer, ſie mit Hülfe des ironiſchen Commentars des alten Diviſionschefs zu deuten: die Bewunde⸗ rung, welche Adolph Herrn Groscaſſand(von der Gironde) zollte, war durchaus politiſcher Art. In Fragen des öffentlichen Lebens dem Einfluſſe des liberalen Deputirten ſich unterwerfend, ſah ſich der junge Mann in einem Salon als ihm vollkommen ebenbürtig und, wir müſſen es ſagen, als ſeinen Meiſter in der Kunſt zu gefallen an. Daß alſo der Advocat von der Gironde da, wo er ſelbſt ſo glänzend geſcheitert, ſolle Glück machen können, däuchte ihm gar zu närriſch; unmöglich konnte eine Frau von ſo ſchlechtem Geſchmack oder von den 182 Berechnungen des Intereſſes und des Ehrgeizes ſo beherrſcht ſein, daß ſie ſich von einem Volkstribun aus der Provinz die Galanterien gefallen ließ, die ſie, wenn aus dem Munde eines eleganten jungen Pariſers kommend, geächtet hätte. „Das iſt der helle Unverſtand!“ ſprach Dauriac bei ſich ſelbſt, nachdem er die Vorfallenheiten des Abends lange hatte an ſeinem Geiſte vorübergehen laſſen.„Beide täuſchen ſich; Herr Sabathier, in⸗ dem er von jenem Skepticismus ſich nicht loszu⸗ machen weiß, der nicht annehmen mag, daß eine Frau aus Tugend, tugendhaft ſein könne; Gros⸗ caſſand aber läßt ſich durch ſeine gascogniſche Geckerei verblenden, die ihn glauben macht, ein Mann ſeines Alters, ſeines Schlags, ſeines Körper⸗ baus könne die Rolle eines Lindor ſpielen. Selbſt die feſteſten Charaktere haben ſolche Schwächen, und die Bazoſche⸗Grazie*), die er heute Abend entfaltet hat, benimmt ſeinem Rednertalent und ſeiner poli⸗ tiſchen Bedeutung nichts. Aber er täuſcht ſich ſchwer, wenn er die Aufnahme, die ihm von Seite dieſes Weibes geworden, für baare Münze nimmt. Mag ſein, daß ſie ehrgeizig iſt; gebe auch zu, daß ſie gern Pairin wäre; ſie würde ſich kein Gewiſſen daraus machen, Groscaſſand's Einfluß in ihrem Intereſſe zu nützen, wenn er ſo naiv wäre, in die Falle zu gehen. Alles das iſt recht wohl möglich; wenn er aber glaubt, er werde für ſeine Mühe etwas bekommen, ſo wird er bald ſehen, daß man ²²) Bazoſche-Parlamentsſchreibergericht, welches, aus den Schrei⸗ bern ſelbſt gebildet, über die Streitigkeiten der letzteren zu ent⸗ ſcheiden hatte. ——— 183 ihn mit langer Naſe abziehen läßt! Sie hat in ihrem Auge eine eiſige Strenge, die ſich unmöglich verkennen läßt. Dieſes Weib iſt ein Marmorblock, ein Eisblock. Nichts Steileres als ihre Tugend. Ebenſo gut könnte man es verſuchen, den Chimbo⸗ raco zu erglimmen, und, meiner Treu! der arme Groscaſſand iſt nicht eben leichtfüßig.“ Schwierigkeiten, welche für unüberwindlich gelten, können wohl feigherzige Menſchen entmuthigen, ſpor⸗ nen aber unternehmende um ſo mehr. Nachdem Dau⸗ riac die Gräfin von Chantevilliers mit dem Chimboraco verglichen, fiel ihm zuerſt der den Montblanc er⸗ ſteigende Herr von Sauſſüre ein. Aus dieſer un⸗ willkürlichen Zuſammenſtellung zog er, mit ich weiß nicht welchem General, den Schluß, daß das Wort unmöglich kein franzöſiſches ſei. Er beſchloß alſo, daß er um des unglücklichen Ausgangs eines Scharmützels willen auf den Kampf nicht verzichten wolle, und ſchon am dritten Tage nach dem Ball fand er ſich im Hauſe der Gräfin ein, entſchloſſen zu kühnem Vorgehen— eine Münze, die bei Sprö⸗ den nicht immer als eine geringhaltige gilt. Aus ſeinem Cabriolet ſteigend, warf er auf die Fronte der Wohnung, wo er einige Tage zuvor als Ein⸗ dringling erſchienen war, einen Blick: da ſah er hinter einem der Fenſter des zweiten Salons, wenn auch nur unvollkommen, die Gräfin, die bei dem Geräuſch, welches das Gefährt machte, den Muſ⸗ ſelinevorhang bei Seite ſchob, um in den Hof des Hotels hinunter zu blicken. Dieſer Umſtand machte Adolph noch mehr Muth, und er ſtürmte die Treppe 184 hinan gleich einem alten Soldaten, der auf die Breſche losſtürzt. „Die Frau Gräfin iſt ausgegangen,“ ſprach der Domeſtike, dem er ſeinen Namen ſagte, zu ihm. „Ich habe ſie ja aber eben vom Hofe aus be⸗ bemerkt!“ wandte Dauriac ein, feſter denn je ent⸗ ſchloſſen, den gegebenen Befehl nicht zu reſpectiren und wider ihren Willen zu der Gräfin zu dringen. „Möglich, mein Herr,“ antwortete der Lakei mit einer Sicherheit, die auf ein gutes Haus deutete. „So melden Sie mich!“ „Ich habe dem Herrn bereits geſagt, daß Ma⸗ dame ausgegangen,“ antwortete der Belivreete mit einer Schalksmiene und ohne Anſtalt zu machen, ſich ihm zu fügen. Es fühlte ſich Adolph gewaltig verſucht, dem un⸗ verſchämten Kerl, welcher zufällig der nämliche war, den er bei Frau von Verſan geſehen, ſeinen Stock auf die Schnauze zu appliciren; indeſſen unter⸗ drückte er, als er über die Lächerlichkeit einer Boxerei mit einem Lakeien nachdachte, ſeinen Zorn und ging wieder. Gerade in dem Au⸗ genblicke, wo er wieder in ſein Remiſecabriolet ſtieg, gewahrte er vor dem Hausthor Herrn Groscaſſand (von der Gironde), wie er aus einem numerirten Wagen ſprang, den der Pförtner nicht hatte in den Hof hineinfahren laſſen. Beim Anblick des jungen Mannes, deſſen Ge⸗ ſicht durch den Aerger um eine volle Elle verlän⸗ gert ſchien, trat der liberale Deputirte nach Art in⸗ einen Wilddieb entdeckenden Forſtſchützen auf ihn zu: 185 „Ei! ei! mein Lieber, Sie ſind einmal früh daran,“ ſprach er mit ſeiner Kupferſtimme,„erſt zwei Uhr und ſchon haben Sie Ihre Audienz gehabt!“ „Keine Audienz heute; Frau von Chantevilliers iſt ausgegangen,“ antwortete Adolph, der, ohne recht zu wiſſen warum, die Lüge des Donmeſtiken wiederholte. „Ausgegangen?“ wiederholte Herr Groscaſſand mit verdrießlicher Miene.„thut nichts; da ich einmal hier bin, ſo will ich wenigſtens meine Karte abgeben. Ich habe meinen Wagen weggeſchickt; wollen Sie einen Augenblick auf mich warten und mich, im Vorbeigehen, bei der Deputirtenkammer ausſteigen laſſen? Es iſt bloß ein paar Schritte von hier.“ „Ich werde das um ſo gerner thun, als die Sitzung wohl ſchon ſeit einer ganzen Stunde eröff⸗ net iſt und Ihre Abweſenheit unſerer Partei Scha⸗ den bringt.“ Ohne auf den in dieſen Worten enthaltenen Sarkasmus zu antworten, ſtieg der Deputirte der Linken die Treppe hinan. Drunten hörte Adolph das Geräuſch, welches die in Bewegung geſetzte Glocke und die wieder zugehende Thüre machten. Vergebens wartete er ein paar Minuten, jedoch. umſonſt; es erſchien Niemand mehr. „Wie! ſie empfängt ihn, und mir ſchließt ſie die Thüre zu!“ ſprach er bei ſich ſelbſt und warf ſich ungeſtüm in die Tiefe des Cabriolets.„Mei⸗ ner Treu! die Sache wird allgemach luſtig. Nun, um ſo beſſer; er arbeitet, ohne es zu ahnen, nur für mich, und ich werde an ihm einen Agenten ha⸗ 186 ben, der mich keinen Heller koſtet. Laſſen wir ihn, ſo lange er will, um dieſes Tugendlicht herflattern; ich wünſche von ganzem Herzen, daß er ſich ſdieß Mal die Flügel nicht daran verbrenne. Ja, es iſt mir das lieber: vielleicht, daß mein allzuperſönliches Vorhaben Adrianen nicht ſehr lieb geweſen wäre. So wird ſie lediglich nichts ſagen können. Offen⸗ bar glaubt Groscaſſand ſeit vergangenen Mittwoch ſich um zwölf Jahre verjüngt und eröffnet einen zweiten Feldzug. Warten wir die Ereigniſſe ab: ſiegt er, ſo wird es noch immer Zeit ſein, ſich in dieſe Sache zu miſchen.“ Auf das Verführungsproject, nicht aber auf die Sache alſo verzichtend, eilte Adolph zu Frau von Verſan, wo der Zauber eines zärtlichen und geiſt⸗ reichen Geſprächs ihn bald vergeſſen ließ, daß ein ſo unverſchämt untadelhaftes Weib auch nur exiſtirte. V. Dauriac hatte ſich nicht getäuſcht: es hatte Herr Groscaſſand nach dem Ball der Gräfin von Chan⸗ tevilliers in ſeinem Herzen oder richtiger in ſeinem Kopfe eine Stimme murmeln hören, welche ſeit langer Zeit geſchwiegen hatte. Der Eindruck, den die tugendhafte Präſidentin auf ihn gemacht, er⸗ wachte wieder, ſobald er ſich von ihr ausgezeichnet ah. Daß der Advocat⸗Deputirte auf den Salon⸗ Erfolg, den er errungen zu haben wähnte, ſo au⸗ „ 187 ßerordentlich viel Werth legte, darf uns nicht über⸗ raſchen. Ein ungewöhnlich gelehrter Juriſt und ein ziemlich großes Rednertalent, ſtellte Herr Groscaſ⸗ ſand bei dem Urtheil, das er über ſich ſelbſt fällte, dieſe beiden Vorzüge, nur in die zweite Linie. Vor Allem wollte er ein Elegant ſein, der Frauen ge⸗ fiel und in der beſten Geſellſchaft glänzte, und dieſe ſeine Schwäche war durch mehr denn eine un⸗ glückliche Erfahrung nicht nur nicht geheilt worden, ſondern hatte im Gegentheil dadurch an Krankhaf⸗ tigkeit noch zugenommen. Als ein Advocat, der ſchon lange plaidirt, war er in Beziehung auf fo⸗ renſiſche Triumphe vollkommen blaſirt; ſeine Er⸗ folge als Kammerredner waren zwar noch zu neu und noch zu wenig zahlreich, als daß er ſich dage⸗ gen gleichgültig verhalten hätte, doch kitzelten ſie ſeinen Stolz bloß, ohne ihn zu befriedigen. Die me⸗ ridionale und ſinnliche Phantaſie des Bordeleſen fand ſich nach dem parlamentariſchen Ruhmesbankett nie vollſtändig geſättigt; zum Deſſert— wenn dieſe Metapher zuläſſig iſt— träumte ſie eine andere Reihe von Triumphen. Wenn Herr Groscaſſand bis fünf Uhr Abends ſo ſeinen Tag dem Vaterland gewidmet, hätte er es als einen überaus ſüßen und rechtmäßigen Lohn für ſeine Arbeiten angeſehen, irgend einer hochſtehenden Weltdame ſeine Lorbee⸗ ren als Bouquet darbieten zu können. Vor Allem ſah dabei der demokratiſche Deputirte, der, wie wir wiſſen, bei jedem Anlaß an ſeinen plebejiſchen Ur⸗ ſprung erinnerte, auf hohe Geburt und hohe Stel⸗ lung; er verachtete zwar alle Pergamente, behan⸗ delte den Adel als eine Chimäre, Titel als Spiel⸗ 188 zeuge, Diſtinction der Geſchlechter als ein dummes Vorurtheil, aber die Frauen des Faubourg St. Germain fanden Gnade vor ſeinen Augen: bei der Baroneſſe fing ſeine Achtung an, bei der Herzogin verwandelte dieſelbe ſich in ehrerbietige Hochach⸗ tung! „Damen bekriegt man nicht,“ pflegte er in ga⸗ lanter Weiſe zu ſagen, um ſeine ariſtokratiſchen Liebhabereien im Punkte des ſchönen Geſchlechts in den Augen ſeiner politiſchen Freunde zu recht⸗ fertigen. Die Art und Weiſe, wie Frau von Chantevil⸗ liers ihn jetzt behandeite, ſchlug alſo in der Seele des früheren Anbeters plötzlich eine Saite an, die bisher keinen Ton von ſich gegeben, da ſie nur von einer Schönen mit ſechzehn Ahnen berührt ſein wollte. Alsbald ſtellten ſich auch die Erinnerungen einer wenn ſchon fernen und wenig ſchmeichelhaften Vergangenheit ein, um die neuen Gefühle zu er⸗ wärmen. Die Liebe wird nicht gleich dem Phönir neu geboren, wohl aber läßt ſie beim Erlöſchen ſtets eine Aſche voller Funken zurück, und im Herzen des Herrn Groscaſſand kniſterten dieſe Funken plötzlich unter dem Einfluſſe des ſchmeichelnden Hau⸗ ches befriedigter Eitelkeit. Von König Ludwig XVIII. aus der Einleitung zur Charte eine Phraſe entleh⸗ nend, beſchloß alſo der Deputirte von der Linken, an die hiſtoriſche Kette wieder anzuknüpfen, und in dieſer Abſicht nahm er ſich vor, keine Anſtrengun⸗ gen zu ſparen und zu Paris endlich die Traube zu ſchneiden, die er, zwölf Jahre vorher, zu Bordeaux hatte allzugrün finden müſſen., 189 Bevor Herr Groscaſſand(von der Gironde) der Gräfin von Chantevilliers ſich vorſtellte, war er in intereſſirter Weiſe auf einige Augenblicke in der Kammer erſchienen. Hier ſah er ſeine Collegen vom Centrum an dem gewohnten Platze ſitzen und mit ſchläfriger Miene dem das Protokoll verleſenden Secretär zuhören; er machte ſich ſofort aus dem Staube, tratz den Mahnungen Lafayettes, der ihn, da die Sitzung eine wichtige zu werden verſprach, zurückhalten wollte. Draußen, am Thore des Bour⸗ bonpalaſtes, nahm er einen Wagen und flog im kleinen Trab zweier Fiakergäule nach der Tournon⸗ Straße, wo die Gräfin wohnte. Für den liberalen Deputirten exiſtirte der Be⸗ fehl nicht, welchem Dauriac hatte weichen müſſen: Mit wahrem Wonnegefühl machte er dieſe Bemer⸗ kung, indem er dem Lakeien folgte, der, ſobald er den vom Beſitzer majeſtätiſch articulirten Namen Groscaſſand(von der Gironde) hörte, nach dem innern Theil der Wohnung hingegangen war. Kaum hatte Frau von Chantevilliers den Mann erblickt, den ſie vielleicht erwartete, als ſie auch aufſtand; das Erobererscompliment aber, das der Deputirte machte, und die ungezwungene Art, in der er einen Lehnſeſſel nahm, noch ehe ſie ihn dazu aufgefordert, weckten bei ihr einen Unwillen, der dem Ehrgeiz für den Augenblick Schweigen gebot. Es fand die hochmüthige Präſidentin, daß der Man⸗ tel, den ſie einſt als Päirin zu tragen bekäme, wenn von der ſchweren und vertraulichen Hand dieſes dünkelhaften Plebejers um ihre Schultern gelegt, ——— 190 dort unter dem Hermelin einen ſichtbaren Flecken zurücklaſſen würde. „Um ſolchen Preis möchte ich keinen Thron an⸗ nehmen,“ dachte ſie bei ſich ſelbſt und ſetzte ſich ſo feierlich, als ob ihr Stuhl wirklich ein Thron ge⸗ weſen wäre. Trotzdem daß Herr Groscaſſand zum Gecken alle Anlage hatte, ſo nahm er doch wahr, daß er gar zu raſch vorging; denn fehlte es ihm auch an Lebensart, ſo mangelte es ihm doch keineswegs an Verſtand. Alsbald ſich anders gebarend, nahm er einen Ton an, der den Beziehungen, welche bis dahin zwiſchen der Gräfin und ihm beſtanden, beſſer entſprach: er war es, der zuerſt das Geſpräch auf Bordeaux lenkte, ohne dabei an die Vergangenheit zu erinnern, und da blieb er mit anſcheinender Zu⸗ ruͤckhaltung und Unterwürfigkeit durchaus auf dem Boden der Gemeinplätze. Bald genug ſollte er die Früchte ernten. Die ſtolze Gräfin, die er durch ſein vermeſſenes Auftreten anfänglich erbost hatte, wurde immer zahmer, je mehr ſie ſah, wie er ſelbſt ſich in den Schranken der Ehrerbietung zu halten wußte. Sie nahm am Geſpräche Theil, zuerſt mit einer lakoniſchen Kälte, dann in minder ſtolzer Weiſe, und endlich ließ ſie ſich in ſo bezaubernder Weiſe gehen, daß ſich nichts Schöneres und künſt⸗ licher Gewundenes denken ließ als die Roſenguir⸗ lande, womit ſie die Kette umſpann, die, den Rath⸗ ſchlägen des Herrn Sabathier gemäß und in der uns bereits bekannten Abſicht, ihren ehemaligen Anbeter feſſeln ſollte. „Sie liebten mich alſo wirklich?“ fragte ſie mit 191 ſüßlicher Stimme den Deputirten, der, nach einſtün⸗ diger, ziemlich geſchickt geführter Unterhaltung, etappenweiſe an den Grenzen des Landes, welches den Liebesgott zum Herrſcher hat, endlich angekommen war, nachdem er es gewagt hatte, auf ſeine frühere Paſſion direct anzuſpielen. „Ach! ja, ich liebe Sie, Madame,“ antwortete Herr Groscaſſand feurig;„und ſo friſch ſind meine Erinnerungen noch, daß es mir däucht, es ſei erſt geſtern geweſen. Noch ſehe ich im Geiſte das Haus, das Sie damals bewohnten und unter deſſen Fen⸗ ſtern ich ſo vielmal vorübergegangen bin, ſtets hof⸗ fend, daß mir das Glück würde, Sie zu ſchauen, da ich Sie nur dort oder auf der Promenade fin⸗ den konnte.“ „Oder in der Kirche, und es war das gar nicht recht von Ihnen,“ ſprach die Gräfin mit ziemlichem Geziere. „In der Kirche! Sie haben es alſo nicht ver⸗ geſſen? Und ich Armer glaubte, daß Sie mich nicht einmal bemerkten, denn Sie waren ſo ſtreng, ſo grauſam! Ich glaube nicht, daß Sie auch nur ein einziges Mal den Kopf umgewandt haben, um zu ſehen, ob ich da ſtand, dort neben der Säule, wo ich jeden Sonntag mich mit einer Frömmigkeit ein⸗ ſtellte, die mir einſt, ich fürchte es ſehr, in der Ewigkeit nur wenig zu gut kommen wird.“ Dem bordeleſiſchen Advocaten fiel jetzt ein, daß die Präſidentin Anſprüche auf Frömmigkeit machte; er fürchtete alſo, ſie durch dieſe allzuweltliche Aus⸗ laſſung ſcandaliſirt zu haben; aber zu ſeiner großen Verwunderung gab die Frau ohne Furcht und 192 Tadel ſich die Miene, als hefte ſie durchaus keinen tadelnswerthen Sinn daran: anſtatt ihrem Gegen⸗ redner einen kleinen Verweis zu geben, ſchüttelte ſie mit einer Art träumeriſchen Melancholie den Kopf zwei Mol. „Streng! grauſam!“ ſprach ſie;„ſo nennt man uns arme Frauen, wenn wir vernünftig ſind.“ „Madame, wohl iſt es etwas Schönes um vie Vernunft,“ hob Herr Groscaſſand mit einſchmei⸗ chelnder Stimme wieder an;„iſt es Ihnen aber nie begegnet, daß Sie einen Blick gethan in die Leere, in die Künſtlichkeit, in die Tyrannei dieſes Begriffs, denſelben ſo genommen, wie man ihn im tagtägli⸗ chen Leben nimmt? Wo führt uns dieſer kalte Verſtand meiſtens hin? Etwa zum Glück?“ „Nicht immer, aber doch zum inneren Frieden,“ erwiderte die Gräfin, welche dieſe Worte in einer Weiſe ſprach, daß ein Mann, der beſcheidener ge⸗ weſen wäre als ihr Gegenredner, hätte glauben können, ſie ſehne ſich innerlich nach Krieg. „Zum inneren Frieden!“ rief Herr Groscaſſand mit neuer Wärme.„Sie meinen zur Betäubung, zur Erſtarrung, zum Gefrieren der Seele! Oh! fürchtete ich nicht, mir abermals jene Strenge zuzu⸗ ziehen, von der ich einſt ſo viel zu leiden gehabt, wie eifrig würde ich mich dann beſtreben, Ihnen den Irrthum klar zu machen, worein das übertrie⸗ bene Gefühl geſellſchaftlicher Pflichten Sie verſetzt.“ „Geſtehen Sie wenigſtens, daß es beſſer iſt, in der Pflicht zu weit zu gehen, als dagegen zu ſün⸗ digen,“ verſetzte Frau von Chantevilliers, deren c——„—— P 8— W — 193 Beweisführung der kühnen Controverſe ihres An⸗ beters gegenüber ſchwächer zu werden ſchien. „Ich weiß aber, was noch beſſer wäre,“ ant⸗ wortete der letztere, den Zauber des Blicks mit dem der Worte verbindend. „Und das wäre?“ „Daß Pflicht und Glück mit einander in Har⸗ monie gebracht würden.“ „Iſt das auch möglich?“ wandte die Gräfin ein. „Oh! mein halbes Leben gäbe ich dafür, wenn Sie mir erlauben wollten, es Ihnen ſonnenklar zu beweiſen,“ antwortete der Advocat, der als ſolcher gewohnt war, noch paradoxere Theſen aufzuſtellen und zu verfechten, als dieſes dem Tartüffe abge⸗ ſpickte Harmoniſirungsſyſtem war. „Und was wird daraus zu ſchließen ſein, wenn Sie mir es beweiſen?“ antwortete Frau von Chan⸗ tevilliers fein.„Daß ich, indem ich mein Leben ſtrengen Grundſätzen unterwerfe, auf Güter ver⸗ zichte, deren Genuß eine minder große Sittenſtrenge mir ermöglicht hätte? Glauben Sie, ich verſage mir das Glück, weil ich es nicht begreife? Wie wiſſen Sie, daß ich mein Opfer nicht kenne, ſowie daß ich nicht beſſer denn irgend jemand das Ver⸗ dienſt würdige, welches darin liegen kann? Es iſt das Loos der Frauen in der That ein trauriges. Hören ſie auf die Stimme ihres Herzens, ſo ver⸗ dammt man ſie, anſtatt ſie zu entſchuldigen; wi⸗ derſtehen ſie dem Zuge ihres Herzens, ſo klagt man ſie an, ſtatt ſie zu beklagen. Man macht ihnen ihre Härte, ihre Grauſamkeit, ihre Undankbarkeit zum Vorwurf.“ Bernard, Ausgew. Erzählungen. II. 13 194 Hier hob die Gräfin die Augen zur Decke empor, ließ ſie dann ganz allmählig auf Herrn Groscaſ⸗ ſand fallen und blickte ihn eine Zeit lang mit der ſchmerzlich⸗zärtlichen Miene einer Frau an, die an ihrer Ehrlichkeit zur Märtyrerin geworden. Jetzt urtheilte ſie, die Angel der Liebe müſſe in's Herz des dicken Advokaten eingedrungen ſein, und machte es wie ein Fiſcher, der ſeine Angelſchnur ſachte lüpft, bevor er ſie herauszieht. „Sie haben mir aus meiner Strenge ein Ver⸗ brechen gemacht,“ ſprach ſie;„konnte ich aber an⸗ ders handeln? Hätte nicht bei Ihrer ſo erxaltirten Phantaſie, bei Ihrem ſo vielfordernden Weſen die geringſte Schwäche Folgen gehabt, die nie mehr gut zu machen geweſen wären? Iſt es meine Schuld, wenn Ihre unduldſame Paſſion meine Stel⸗ lung nicht hat begreifen wollen? Ah! hätte ich nach meinem Gefallen Ihre Gefühle mäßigen und in Ihren Feuerkopf ein klein wenig von der Ver⸗ nunft gießen können, woraus Sie mir einen Vor⸗ wurf machen, ſo hätte ich vielleicht meinerſeits die wachſame Strenge, wozu Ihr Betragen mich zwang, minder nothwendig gefunden. Zuweilen... ich will Ihnen lieber Alles ſagen, es iſt nun zwölf Jahre her und alſo faſt eine Geſchichte aus dem andern Jahrhundert, mithin können Geſtändniſſe auch von keiner Gefahr mehr begleitet ſein... zu⸗ weilen, wenn ich ſo an Sie dachte, konnte ich nicht umhin, das Schickſal, das uns in zwei getrennte und faſt ſich feindſelig gegenüberſtehende Welten geſtellt, ungerecht zu finden; ich ſagte ſo bei mir ſelbſt, wie ſüß es für mich wäre, Sie, wie jetzt, in 195 meinem Salon zu empfangen,— wie jetzt, mit Ihnen zu plaudern,— wie jetzt, alles gezwungene Weſen abzuſtreifen, kurz, einen Freund aus Ihnen zu machen, da ich einen ſolchen nicht hatte. Ja, daran habe ich oft gedacht. Wenn ich von Ihren großen Erfolgen als Advocat hörte, empfand ich auch, ich weiß nicht welchen Stolz; es ſchien mir — verzeihen Sie mir dieſen Dünkel—, es ſchien mir, als ſei ich denſelben nicht ſo ganz fremd,— als habe ich einigermaßen dazu beigetragen,— als hätten Sie ſich, während Sie Ihre Triumphe vor⸗ bereiteten, geſagt: Sie wird es erfahren! Niemand nein, niemand iſt trotz einer anſcheinenden Kälte mit lebhafterem Intereſſe dem allmähligen Steigen Ihres jetzt ſo glänzenden Rufes gefolgt. Ja, wer⸗ den Sie mir es glauben? an dem Tage, wo Sie zu Bordeaux gewählt worden, habe ich mir Zwang anthun müſſen, um nicht zu illuminiren; ſo ſehr ich mir auch in politiſcher Hinſicht meine Freude vor⸗ warf, und ſo oft ich mir auch ſagte, daß Sie ein Liberaler ſeien, während ich der Fahne des König⸗ thums folge, ſo konnte ich doch nicht umhin, mich zu freuen; denn dieſer Tag führte Sie endlich da⸗ hin, wohin Sie ſchon längſt gehörten;— denn jetzt ſtand Ihnen die Rednerbühne offen, auf der ich Sie ſchon längſt gern geſehen hätte. Ja, ſchön, groß war dieſer Tag für mich, und doch hätte ich ihn verabſcheuen ſollen, da Sie in Ihrem Triumphe an mich ſo gar nicht dachten!“ Könnte die moraliſche Aufgeblaſenheit ſich phy⸗ ſiſch offenbaren, ſo hätte Herr Groscaſſand(von der Gironde), noch ehe dieſe Rede zu S 196 eine Rede, geſpickt mit ſo vielen Schmeicheleien, als ein Weihrauchfaß Wohlgerüche enthält— das Loos des Froſches in der Fabel getheilt. Mit ſolcher Wonne lauſchte er, daß er, anſtatt zu antworten, immer noch mit halbgeöffnetemMunde und freude⸗ ſtrahlendem Geſicht den Kopf vorſtreckte, um die füßen Worte, welche den Lippen der verführeriſchen Gräfin entfloſſen, um ſo bälder in ſich aufnehmen zu können. Seine Miene ſchien zu ſagen: Noch mehr, noch mehr! Durch eine Reihe geſchickter Uebergänge kam die bezaubernde Evatochter endlich bei dem eigent⸗ lichen Gegenſtande an, und unvermerkt ergriff ſie faſt die Offenſive. „Ich verdiente eine Strafe,“ hob ſie wieder an, „daß ich mich ſo über den Sieg eines meiner Feinde gefreut; und Sie ſind es, der es auf ſich genommen, ſie zu vollziehen!“ „Ich Madame!“ ſprach der Deputirte, durch dieſen unerwarteten Vorwurf ſeiner Extaſe entriſſen. „Ja, Sie. Sie ſtaunen, aber Sie werden mich bald genug verſtehen. Vordem ſah ich in Ihnen bloß den Mann von Talent, deſſen Platz Paris, der Mittelpunkt alles Lebens, war, und deſſen Ruhm unſerer Provinz zu gut kommen mußte; muß ich jetzt aber in ihm nicht den gefährlichen und furcht⸗ baren Mann erblicken,— den Gegner einer Re⸗ gierung, der ich ergeben bin,— den Vertheidiger von Grundſätzen, die ich nicht zu theilen vermag, mit einem Worte, den Soldaten einer Sache, welche der meinigen feindlich gegenüber ſteht? Auf dem Wege, auf dem ich Sie jetzt wandeln ſehe, entfernt ——— N 8 8 t⸗ E⸗ r e nt 197 jeder Schritt Sie von mir. Zwar ſollte ich Ihnen nicht geſtehen, wie widerwärtig dieß für mich ſein kann, aber es erlaubt mir die Reinheit meiner Ab⸗ ſichten eine ſolche Offenheit wohl. Ich bin eine Abonnentin des Conſtitutionnel geworden, um Wort für Wort, den Text Ihrer Reden zu beſitzen. Wohlan! ich kann Ihnen gar nicht ſagen, wie weh ſie mir ſchon gethan haben; ich finde ſo viel übel angewandten Geiſt darin, ich ſehe einen ſo hohen Verſtand zu ſo jämmerlichen Sophismen herabſtei⸗ gen, mit einem Wort(und verzeihen Sie mir das⸗ ſelbe), ich nehme einen ſo kläglichen Mißbrauch der ſeltenſten Fähigkeiten wahr, daß ich, ſo oft ich Ihre Kammerreden leſe, mich eines Eindrucks nicht zu erwehren vermag, der zuweilen bis zum Unwillen, bis zur Traurigkeit geht. Ein ſo bewundernswür⸗ diges Talent ſchlecht angewandt, es von der Sache, deren Verfechtung es ſich widmet, gekettet und be⸗ ſudelt zu ſehen: das iſt ein Schauſpiel, das mich wider meinen Willen aufbringt und betrübt. So oft ich Ihre Reden leſe, iſt es mir, als ſehe ich einen Adler, der, von einer Schlange umſchlungen, nur mit Mühe fliegt, anſtatt, den Donnerkeil der Götter tragend, ſeine Fittige zu entfalten. Oh! ſagen Sie, werden Sie nie die Schlange fallen laſ⸗ ſen, um dafür den Donnerkeil feſtzuhalten?“ Bei dieſer ambitiöſen Vergleichung hielt die Gräfin inne, um die Wirkung ihrer Beredſamkeit nicht abzuſchwächen. „Ihre Lobſprüche, Madame, erfüllen mich mit Stolz und berauſchen mich,“ antwortete der borde⸗ leſiſche Advocat, der hier die Wahrheit ſagte;„aber 198 erlauben Sie mir, die Gerechtigkeit Ihrer Vorwürfe in Frage zu ſtellen. Es kann die Farbe meiner Fahne Ihnen mißfallen, ohne daß ich gerade da⸗ rüber zu erröthen brauche. Eine gewiſſenhafte Meinung iſt ſtets ehrenwerth.“ „Ich weiß es, Ihr Streben iſt ein redliches, und eben das läßt mich hoffen, es werde das Uebel nicht unheilbar ſein. Bei Leuten von edlem Herzen und wirklich erhabener Geſinnung iſt immer etwas zu hoffen. Wenn das, was ich oft geträumt, keine Chimäre,— wenn es möglich wäre, Ihnen die Falſchheit, Perfidie, Verkehrtheit, Schlechtigkeit Ih⸗ rer jetzigen Grundſätze zu beweiſen und Sie mit den ewigen Grundlagen der Ordnung, des Rechts, der Eerechtigkeit unauflöslich zu verknüpfen, ſo möchte ich, glaube ich, keinem oder keiner Sterbli⸗ chen den Ruhm eines ſolchen Unternehmens laſſen. Ja, ſehen Sie, um Ihre Bekehrung zu bewerkſtel⸗ ligen, um dem Königthum die Stütze Ihres Ta⸗ lents zu ſichern, gäbe ich... doch ſprechen wir nicht weiter davon; ich werde hitzig und möchte eine ſolche Gewohnheit mir nicht aneignen. Wiſſen Sie ch. auch, daß Sie jetzt volle zwei Stunden hier ſind?“ Mit einem Auge, das die raſch verfließende Zeit anzuklagen ſchien, blickte ſie auf die Standuhr; es war ihr glücklich gelungen, das Gebiet, welches ſie betreten wollte, zu erreichen, und für jetzt däuchte es ihr unpolitiſch, weiter zu ſprechen. Im rechten Augenblicke inne zu halten, iſt eine Wiſſenſchaft, die faſt allen Weibern eigen iſt: der erſte Pfeil war abgeſchoſſen; anſtatt ihn plötzlich und ungeſtüm wei⸗ 199 ter hineinzuſtoßen, beſchloß die ſchlaue Gräfin, ihn ſich ſelbſt inſinuiren zu laſſen, wohl wiſſend, daß ge⸗ gen die Schmeichelei es keinen Küraß gibt, ſowie daß Herrn Groscaſſand's Eigenliebe eine ebenſo feine als empfindliche Epidermis hatte. Als der Deputirte von der Linken wieder in ſeiner Wohnung angelangt war, ging er lange in ſeinem Salon auf und ab, wobei er ſich hinter dem Rücken die Hände rieb— eine Geberde, welche auf die höchſte Befriedigung und einen Paroxismus von Eitelkeit deutete. Die Roſen des Teppichs, den ſeine Füße traten, lächelten ihm zu als ein Sinn⸗ bild derjenigen, die in ſeine parlamentariſche Kro⸗ nen ſich bald verweben ſollten. Nachdem er eine volle Stunde ſich in dieſer heftigen Weiſe Bewe⸗ gung gemacht und ſeine Phantaſie in den Räumen umhergeſchweift war, nicht mit dem Donnerkeil Ju⸗ piter's, von dem die Gräfin geſprochen, ſondern mit der Fackel des Liebesgotts, blieb er vor dem Ka⸗ minſpiegel ſtehen, um ſich eine Weile in die Be⸗ ſchauung ſeines Bildes zu vertiefen. „Was wahr iſt, muß man ſagen,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, ſeine krauſen Haare in der Art zu⸗ rückwerfend, daß ſeine Stirn entblößt wurde:„nie⸗ mand beſitzt einen ſo feinen Inſtinct wie dieſe Frauen von Stand; die verſtehen ſich auf die Män⸗ ner,— die wiſſen Talente zu ſchätzen. Nun kenne ich ſie durch und durch, dieſe verführeriſche Gräfin, — nun hat auch ihr früheres Betragen nichts Ueberraſchendes mehr für mich. Sie iſt ſchön, reich, adelig; was iſt nun einfacher, ſelbſtverſtändlicher, als daß ſie die Vorurtheile dieſer Vorzüge hat, und 200 daß ſie, da ſie viel geben kann, auch viel fordert? Was war aber ich vor zwölf Jahren, um eine ſolche Eroberung für möglich zu halten? Ein klei⸗ ner Advocat,“ fuhr Herr Groscaſſand fort, der, wie alle Menſchen, deren Gegenwart beſſer iſt als ihre Vergangenheit, ſeine Anfänge nicht gar hoch anſchlug,—„ein Anfänger ohne allen Boden, ohne allen Ruf, ohne irgend etwas, was Auszeichnung verleiht. Darf ich mich alſo noch wundern, daß eine Frau ſolchen Rangs ihren guten Ruf all' der Liebe vorgezogen, die ich ihr bieten konnte? Seien wir gerecht: damals war ſie völlig befugt, meine Bagage etwas gering zu finden. Jetzt verhält ſich die Sache ein bischen anders,“ fuhr der Deputirte mit ſelbſtgefälligem Lächeln fort;„jetzt ſind meine Flügel etwas größer: ich habe eine Stellung, einen Namen. Habe ich nicht erſt geſtern noch im Foyer der Oper die Worte: Das iſt Groscaſſand(von der Gironde), in meiner Nähe murmeln hören? Allerdings ſetze ich mich über dieſe kleinen Triumphe der Eitelkeit weit, weit weg, aber das Weibervolk legt ihnen nun einmal großen Werth bei. Offen⸗ bar bin ich in den Augen der Frau von Chante⸗ villiers unendlich größer geworden. Sie liest meine Kammerreden! Wer hätte das für möglich gehalten? Eine Gräfin der Adelsvorſtadt, die um meinetwillen auf den Conſtitutionnel abonnirt! Fürwahr, das iſt bezaubernd. Ja, und ich begreife es, der hervorragende Kammerredner hat für ſie einen Werth, den ſie dem ruhmloſen Advocaten nimmer⸗ mehr zugeſtanden hätte. Meine parlamentariſchen Erfolge beſchäftigen ihre Phantaſie, und der Weg, 201 der vom Geiſt zum Herzen führt, iſt nur kurz. Ah! ſie will mich bekehren! Der Gedanke iſt bewun⸗ dernswerth und deutet auf verteufelt viel Verſtand. Muß ſie nicht, wenn ſie ſich mir nähern will, eine Brücke zwiſchen uns aufbauen, da wir durch einen ſolchen Abgrund geſchieden ſind? Und dieſer Brücke muß ſie natürlich auch einen paſſenden Namen ge⸗ ben. Ich werde nicht ſo blöde ſein, über den Na⸗ men dieſer Brücke einen Streit anzufangen, wenn dieſelbe mich nur zum Ziele führt. Mag ſie alſo immerhin meine Bekehrung verſuchen! Wie wird nicht Lafayette lachen, wenn ich ihm erzähle, wie ich mich von der Frau eines Dickbauchs miniſteriell machen laſſe! Aber wahr iſt und bleibt es, daß es kaum ein bezaubernderes Geſchöpf gibt als ſie!“ VII. Die Intrigue, deren erſten Faden Herr Saba⸗ thier angeknüpft, war mit der Zuſtimmung ſämmt—⸗ licher Betheiligten bald im beſten Gange; denn es fand die Annäherung zwiſchen der königlich⸗geſinn⸗ ten Gräfin und dem patriotiſchen Deputirten unter Auſpicien Statt, welche den Schein zu ſehr für ſich hatten, als daß Herr von Chantevilliers hätte ſein Veto einlegen können. Von der künftigen Pairin, die ihn indeſſen nur eine Seite der Medaille ſehen ließ, in die Sache eingeweiht, gab der Gatte durch⸗ aus keinem Argwohn Raum: ſo achtunggebietend war der gute Ruf, deſſen ſeine Frau ſich erfreute. „ 202 Zwar litt der adelige Rechtsmann in ſeinem Stolz, als er ſein Haus durch die Anweſenheit des Men⸗ ſchen verunreinigt ſah, den er geringſchätzig Maitre Groscaſſand zu nennen pflegte. Der Deputirte vom Centrum aber konnte einem ſeinen Gönnern angenehmen Projekte, mit deſſen Gelingen ihm ſelbſt ſich die Thüren des Luxemburgpalaſtes öffneten, ſeine Zuſtimmung nicht verſagen. Zudem wählte der bordeleſiſche Advokat beharrlich die Zeit, wo die Kammer ſaß, zu ſeinen Beſuchen bei der Gräfin. Herr von Chantevilliers ſeinerſeits war ein muſter⸗ haft pünktlicher Deputirter, um der miniſteriellen Disciplin zu gehorchen. Was den unbeſtechlichen Deputirten und die Frau ohne Fehl betrifft, ſo ſuchte jedes das andere möglichſt wohlfeil zu kaufen; denn ein Kaufvertrag wollte in Wirklichkeit abgeſchloſſen werden, wenn derſelbe auch hinter einer ſchönen Außenſeite ſich verbarg. Daß die Sache kitzelig genug war, wird jeder unſerer Leſer leicht begreifen, und um ſo kitzeliger und ſchwieriger wurde ſie durch die tau⸗ ſend Zwiſchenfälle, die jeder Tag brachte. Es wa⸗ ren alſo die beiden Rollen gleich ſchwer zu ſpielen. Da die beiden Gegner— denn wir möchten das Wort Liebende hier nicht gebrauchen— zugleich angreifend und vertheidigend ſich verhalten mußten, ſo mußten ſie Schwert und Schild zugleich gebrau⸗ chen. Es konnte die Gräfin auf die Ehre des De⸗ putirten nicht einhauen, ohne ihre eigene Tugend etwas zu entblößen; und ſeinerſeits ſah der Depu⸗ tirte, um die Blöße dieſer ſo trefflich geharniſchten Tugend zu finden, ſich gezwungen, die gegen ſeine ———— 1————— 203 Ehre geführten Schläge minder aufmerkſam zu pa⸗ riren. Dieſes von beiden Seiten hitzig geführte Duell mußte vielleicht mit einem jener zuſammen⸗ treffenden gegenſeitigen Stöße endigen, die, wäh⸗ rend ſie jedermann zu Boden ſtrecken, den Sieg unentſchieden laſſen. Anfänglich hatte Frau von Chantevilliers eine entſchiedene Ueberlegenheit gezeigt, Dank der Eigen⸗ liebe des bordeleſiſchen Redners, der ſich eine Zeit lang mit eitlem Dunſt genügen ließ. Alle zärtli⸗ chen Erinnerungen geſchickt beſeitigend, ſprach ſie, wenn ſie ihn in ihrer Nähe hatte, einzig und allein von ihm und ſeinen redneriſchen Triumphen, las immer noch ihm zu Liebe den Conſtitutionnel und blieb hinter keiner Tagesfrage zurück, um im⸗ mer neuen Stoff zu haben und ſo ihren Einfluß zu befeſtigen. Herr Groscaſſand aber, der in der Kammer ſo viel Politik fand, als er nur immer wünſchen konnte, fand am Ende eine Controverſe, die ihn vom Ziel entfernte, anſtatt ihn, wie er an⸗ fänglich geglaubt, demſelben näher zu bringen, allzu lang und widerwärtig. „Wo zum Henker will ſie hinaus?“ ſprach er eines Tags bei ſich ſelbſt nach einer Discuſſion, wo man ihm wegen ſeines Liberalismus tüchtig zu Leibe gegangen war;—„ſollte ſie die Abſicht ha⸗ ben, mich auf die Bank zu führen, auf der ihr Mann ſitzt? Dann ſollte ſie aber auch zeigen, daß ſie weiß, wozu ſie ſich verbindlich macht; denn könnte ich auch ſo niederträchtig ſein, mit meinem Gewiſſen zu capituliren, ſo wäre ich doch ſicherlich nicht dumm genug, um ſolches umſonſt zu thun. 204 Ich habe große Luſt, beim erſten Angriffe eine unwichtige Conceſſion zu machen und den Preis derſelben alsbald zu beſtimmen; ſo wird ſie wiſſen, wie wir ſtehen, und dann werden wir ſehen, ob ſie auf meiner Bekehrung beharrt.“ Einige Tage darauf, als Herr Groscaſſand(von der Gironde) der Gräfin angekündigt hatte, daß er in einer demnächſt zur Verhandlung kommenden wichtigen Frage das Wort nehmen würde, wollte ſie von der Herrſchaft, die ſie bereits über ihn er⸗ langt zu haben glaubte, Gebrauch machen. Sie verlangte alſo von ihrem Anbeter, daß er auf das Wort verzichten ſolle, ohne jedoch dieſe Bitte an⸗ ders als mit einer Caprice motiviren zu wollen. Der Deputirte widerſtand, discutirte, berief ſich auf ſeine Pflichten und ließ ſich lange bitten; endlich aber gab er nach, dabei weit mehr von einem ſelbſtgefaßten Entſchluſſe als von den Gründen der in ihn dringenden ehrgeizigen Frau ſich beſtimmen laſſend. „Sie ſehen, ich kann Ihnen nichts abſchlagen!“ ſprach der dicke Mann, die Hand der ſchönen Gräfin erfaſſend;„wird meine Unterwürfigkeit nie die Strenge entwaffnen, welche mir ſo viele Leiden aufbürdet?“ Als Frau von Chantevilliers ihre Finger in der ziemlich ſchlecht behandſchuhten Pfote des dicken bordeleſiſchen Advocaten gefangen fühlte, empfand ſie einen unüberwindlichen Widerwillen, der ſich auch auf ihrem Geſichte malte; ſie warf ſich zurück, jedoch nicht geſchwind genug, um einen Kuß zu vermeiden, der, obwohl er kaum die Spitze ihrer — 205 Nägel getroffen, über ihre Wangen eine Röthe verbreitete, deren Verdienſt mehr noch der Stolz als die Tugend ſich zuſchreiben durfte. Jetzt be⸗ griff ſie, wie nicht bloß das Geld, ſondern auch die Liebe ihre Wucherer hat, und wie ſie, indem ſie den Credit eines längſt in ſie verliebten Mannes anrief, ſich der Gefahr ausſetzte, gegen ſchwere In⸗ tereſſen zu entlehnen. Dieſer ärgerliche Gedanke lieh ihrer Haltung und ihrer Phyſiognomie mit einem Mal einen eiſigen, hochmüthigen Ausdruck, der den frechen Advocaten an die Tage gemahnte, wo er ſich unbarmherzig verſchmäht geſehen hatte. Aber das Bild des blauen hermelin⸗gefütterten Mantels, das in demſelben Augenblicke den Augen der Präſidentin erſchien, hielt die Worte der Ver⸗ achtung zurück, welche der Unwille auf ihre Lippen rief; es gelang ihr ein Lächeln, welches glauben ließ, daß ſie die angemaßte Gunſt beſtätige, und weit von ihr lag der Gedanke, daß ein ſolcher Prä⸗ cedenzfall ernſtere Folgen nach ſich ziehen könne. Mit einem Worte, Frau von Chantevilliers, ſo klug ſie ſonſt ihr Betragen einrichten mochte, machte es hier wie jene Söhne reicher Eltern, die, wenn ihnen das Geld ausgeht, Wechſel ausſtellen, ohne an den Verfalltag zu denken. Eines Morgens begegnete der eben in die Kam⸗ mer gehende Groscaſſand in der Taranne⸗Straße ſeinem jungen Freunde Dauriac, den er ſchon ſeit einigen Tagen nicht mehr geſehen. Der Deputirte hatte einen Augenblick vorher die Gräfin verlaſſen, mit der er eine an Zwiſchenfällen reiche Unterhal⸗ tung gehabt, und ſeinerſeits kam Dauriac aus dem 206 Hauſe der Frau von Verſan. Seinen jungen Freund in der höhniſchen Weiſe anredend, weiche glücklich Liebende gegen ihre unglücklichen Neben⸗ buhler ſich gern erlauben, ſprach der liberale Ad⸗ vocat: „Nun, Dauriac, wie ſteht's mit Ihrer Liebes⸗ affaire? Sind ſie immer noch in dieſe grauſame Gräfin von Chantevilliers verliebt?“ „Ich bin es nie geweſen,“ antwortete Adolph. „Bah! Sie wollen es eben nicht ſagen! Ein Beweis, daß Ihre Soche gut ſteht; mit dem Glück beginnt auch die Discretion.“ „Sie ſelbſt wenden eben jetzt dieſe Maxime anz denn die Ironie, womit Sie mich überſchütten, iſt bloß eine geſchickte Art, mich irre zu führen. Zum Unglück für Sie bin ich vollſtändig auf dem Lau⸗ fenden; Ihr vieles Zuſammenſein mit Frau von Chantevilliers iſt bereits zum Stadtgeſpräch ge⸗ worden.“ „So?“ ſagte der Deputirte in einem Tone, der deutlich zeigte, daß die Worte des jungen Mannes ihm bis in die Zehenſpitzen hinaus wohl thaten. „Und was ſagt man denn?“ „Man ſagt, meiner Treu! Sie werden zu Paris daſſelbe Glück haben wie zu Bordeaux,“ verſetzte Dauriac, deſſen Worte ebenſo viele Fühler ſein ſollten. „Ah! das ſagt man?“ rief Herr Groscaſſand mit affectirtem Lachen;„nun, man hat Recht: die Gräfin von Chantevilliers iſt eine Frau, welche aller Eroberungsverſuche ſpottet; ich habe Ihnen 207 das immer geſagt, und Ihnen ſelbſt, mein Lieber, kann das nicht unbekannt ſein.“ „Was mich betrifft, ſo gebe ich Ihnen mein Ehrenwort, daß ich nie in ſie verliebt geweſen bin,“ antwortete Adolph, der, jetzt nach der Rolle eines Vertrauten ſtrebend, die eines Nebenbuhlers bis auf die letzte Spur vertilgen wollte. das Ihr Ernſt?“ fragte der Advocat über⸗ raſcht. „Ich ſchwöre es Ihnen; Sie haben ſich über meine Abſichten getäuſcht; wenn ich von Ihnen Näheres über ſie erfahren wollte, ſo that ich es im Intereſſe einer dritten Perſon.“ „Wenn das iſt, ſo kann ich Sie um einen Dienſt bitten,“ ſagte Herr Groscaſſand, durch dieſe Worte ſich überzeugen laſſend.„Seien Sie vorerſt ver⸗ ſichert, daß Frau von Chantevilliers um das, was ich Ihnen ſagen werde, in keiner Weiſe weiß. Ich ſage Ihnen alſo noch ein Mal, das Publikum hat Recht; denn ich bin der unglücklichſte, der verzwei⸗ feltſte Liebhaber, den es je gegeben und gewiß iſt nie einer mehr mißhandelt worden. Andererſeits aber muß ich Ihnen auch ſagen, in welch' delikater Stellung ich mich befinde. Es iſt Ihnen ohne Zweifel bekannt, daß es Umſtände gibt, wo ein Mann, deſſen Leben der Oeffentlichkeit verfallen iſt, ſich einigermaßen genirt fühlt, daß er bloß eine Wohnung hat.“ „Ich begreife das,“ verſetzte Adolph, der bei dieſer Eröffnung die Ohren ſpitzte;„Sie zum Bei⸗ ſpiel, der Sie jeden Tag wohl fünfzig Perſonen em⸗ pfangen, kämen vielleicht in einige Verlegenheit, 208 wenn Ueberläſtige Sie ſtörten, während Sie in ei⸗ nem intereſſanten Geſpräche begriffen ſind.“ „Bei Ihnen genügt eine Andeutung, ich ſehe es ſchon,“ lächelte der Deputirte.„Es müßte alſo ein hübſches, neu meublirtes, recht kokettes kleines Appartement gefunden werden, und zwar in einem anderen Stadtviertel. Letzteres iſt unerläßliche Be⸗ dingung. Sie, der Sie in alle Wyſterien des Pa⸗ riſer Lebens eingeweiht ſind, könnten Sie mir viel⸗ leicht nicht das Nöthige finden helfen? Solche Freundſchaftsdienſte können Männer einander wohl erweiſen.“ „Ich weiß etwas noch Beſſeres,“ ſprach Dauriac, von einer plötzlichen Inſpiration erfüllt;„ich ſelbſt habe ein Appartement gemiethet, das ich erſt in einigen Monaten brauche und das ſchon jetzt meu⸗ blirt iſt. Kann es Ihnen conveniren, ſo hindert mich nichts, es Ihnen zu leihen.“ „Ei der Tauſend! Das wäre mir gerade recht, und ich bin Ihnen dafür ſehr verbunden; aber es müßte eben Alles recht diſtinguirt, recht elegant ſein.. Sie begreifen.“ „Kurz, eine petite maison,“ lachte Adolph. „Seien Sie ruhig, das Appartement, von dem ich ſpreche, dürfte ſelbſt von einer Gräfin von Chante⸗ villiers nicht verachtet werden.“ „Pſt! auf welche Gedanken Sie da nicht kom⸗ men!“ unterbrach Herr Groscaſſand, deſſen affectirte Unzufriedenheit eine geheime Freude nur ſchlecht verbarg..„Aber wo iſt das allerliebſte Neſtchen, von dem Sie ſprechen?“ M N N N 209 der Gaillon⸗Straße, unweit der St. Rochus⸗ irche.“ „Das iſt ja allerliebſt, und wenn Sie ein Mann ſind, der gern Wort hält, ſo bin ich ganz bereit, Ihr Anerbieten mit Dank anzunehmen. Bei Ihrem erſten Proceß werde ich mir eine Pflicht daraus machen, dieſe kleine Schuld abzutragen.“ „Die Sache iſt in Richtigkeit,“ antwortete Adolph; „nehmen wir, wenn Sie Zeit haben, einen Wagen und gehen wir lieber gleich hin. Sie ſollen ſehen, ob ich Sie wie einen Freund behandle.“ Sofort ſtiegen die beiden Männer in einen Fia⸗ ker, und bald hatten ſie die Gaillon⸗Straße erreicht, wo Herr Groscaſſand ein Logis fand, welches ſeine Erwartung weit übertraf; denn es hatte Adolph in der Anordnung und Möblirung all' die Intelli⸗ genz und all' den guten Geſchmack entwickelt, welche der Wunſch, einer geliebten Frau zu gefallen, ein⸗ flößen kann. „Zum Kuckuck! welcher Luxus! welche Eleganz!“ ſprach der provinziale Advocat, etwas verblüfft; „ſagen Sie einmal, welche Prinzeſſin gedenken Sie hier zu inſtalliren?“ Es ſchlug den jungen Mann das Gewiſſen halb und halb, als er an die profane Beſtimmung dachte, der er ein für die eheliche Liebe bereitetes Heilig⸗ thum vielleicht zu übergeben im Begriff war; bald genug indeſſen ward der Rachedurſt, der ihn ver⸗ zehrte, über dieſen Scrupel Herr geworden. Er inſtallirte alſo den auf Liebesabenteuer ausgehen⸗ den Deputirten in dem Logis, wozu er ihm einen Bernard, Ausgew. Erzählungen. II. 14 „ 210 Schlüſſel gab. Dabei ſagte er, um ſein Gewiſſen vollends zu beruhigen, leiſe bei ſich ſelbſt: „Bah! die Rache iſt dem Feuer zu vergleichen: ſie reinigt Alles!“ HK. Etwa vierzehn Tage nach dieſer Uebereinkunft frühſtückte Dauriac, den Gewohnheiten des Jung⸗ geſellenlebens treu, in einem Kaffeehauſe des Palais⸗ Royal. Indem er den Courrier Frangais las, fielen ſeine Augen auf einen heftigen Artikel, wo⸗ rin der Abfall des Herrn Groscaſſand(von der Gironde) der ganzen liberalen Partei zur Ahndung kundgegeben war. Tags zuvor hatte der ehren⸗ werthe Deputirte bei einer wichtigen Discuſſion offen mit dem Miniſterium geſtimmt. Der Zeitungsſchrei⸗ ber ſprach alſo über Herrn Groscaſſand ſein Racha aus, und mehrere andere Oppoſitionsblätter wieder⸗ holten dieſes Anathema. Anfänglich glaubte Adolph zu träumen, allein aller Zweifel mußte bald auf⸗ hören. Er ließ ſeine Schokolade zur Hälfte ſtehen und ſchlenderte, nachdem er das Kaffeehaus ver⸗ laſſen, die St. Honoriusſtraße entlang mit der düſtern Miene eines Mannes, der eben eine bittere Erfahrung gemacht. Während er ſo ſeinen düſter⸗ ſten Gedanken über die Schwäche der menſchlichen Natur nachhing, erreichte er die St. Rochuskirche. Plötzlich ſah er ſich von Herrn Sabathier an⸗ — ft . r⸗ f⸗ b. r F* . 1 211 geſprochen, der mit einem gewaltigen Portefeuille die Straße kreuzte. „Schau! ſchau! Sie gehen auch zur Beichte?“ hob der Greis an, als er Dauriac's Miene bemerkte, worauf ſich ein Ausdruck der Beſtürzung gelagert hatte;„Sie ſehen ja ſo ernſt aus wie ein Buß⸗ pſalm!“ „Haben Sie den Courrier Frangais geleſen?“ antwortete der junge Mann traurig. „Ah! ah! errathe ſchon: Sie ſind in patrioti⸗ ſcher Trauer über Ihren Freund Groscaſſand. Nun! was hatte ich Ihnen geſagt?“ „Die Sache wäre alſo wahr?“ „So wahr, als nur etwas ſein kann. Geſtern iſt Ihr Freund mit dem Centrum aufgeſtanden, und dann weiß man auch, daß er die Deputirten ſeiner Coterie bearbeitet. Abermals ein Stern, der aus dem liberalen Himmel ausgetilgt wird. Bloße Bagatelle, das! Wollen Sie Ihre Stelle immer noch nicht?“ „In der tiefſten Tiefe eines Waldes möchte ich einen Platz,“ antwortete der aller ſeiner Illuſionen bare Liberale;„ein Umgang mit den Menſchen muß Einem das Herz vertrocknen.“ „Machen Sie es wie ich,“ verſetzte Herr Sa⸗ bathier mit dem ſardoniſchen Lächeln eines habi⸗ tuellen Miſanthropen:„ziehen Sie Enten und Hühner auf, dann werden Sie wenigſtens nicht ent⸗ täuſcht. Aber halt! auch hier paſſirt es Einem zu⸗ weilen, daß man mageres und zähes Zeug bekommt, wenn man einen feinen, fetten, zarten Biſſen er⸗ warten zu dürfen glaubte. So iſt ein⸗ 212 mal das Leben, armer Dauriac: barauf muß man ſich gefaßt halten, und darüber muß man ſich hin⸗ wegzuſetzen wiſſen. 4 In dieſem Augenblicke machten die Pferde einer wunderſchönen Kutſche, die vor der Kirche ange⸗ halten hatte, eine brüske Bewegung, welche einigen Vorübergehenden einen kleinen Schrecken einjagte. Dieſer Umſtand war es, der die Aufmerkſamkeit des Greiſes auf die glänzende Equipage lenkte, und verwundert muſterte er dieſe eine Weile. „Schau! ſchau! ſprach er endlich bei ſich ſelbſt, „das iſt doch ſeltſam! Der Wagen der Frau von Chantevilliers bleibt vor der Rochuskirche ſtehen, während ich doch eben der Gräfin begegnet bin, als ſie, durch die kleine Thüre an der andern Straße aus der Kirche tretend, nach dem Boulevard hin⸗ trippelte. Schau! ſchau!“ „Frau von Chantevilliers!“ ſprach Adolph leb⸗ haft, und ohne ſich zu fragen, ob er ſich nicht einer Indiscretion ſchuldig mache, indem er das Selbſtgeſpräch des Greiſes unterbreche. „Sie ſelbſt. Als ſie mich ſah, hat ſie ſich ge⸗ duckt, doch habe ich ſie ganz gut erkannt. Sollte Herr Groscaſſand zufällig hier herum logiren?“ „Nein, er wohnt in der Nähe der Deputirten⸗ kammer,“ antwortete der junge Mann, den es in ſeinem ganzen Leben noch nie ſo gewaltig gelüſtet hatte wie jetzt, einer Indiscretion ſich ſchuldig zu machen. „Thut nichts: eine Frau mit einer Equipage, die durch die große Thüre in eine Kirche tritt, um zur kleinen wieder hinauszugehen, während ihre 213 Domeſtiken draußen auf ſie warten: das ſieht ver⸗ dammt verdächtig aus.“ „Was ſehen Sie denn da Verdächtiges?“ fragte Dauriac, den Naiven ſpielend. „Oh! ſind Sie denn noch ein ſo unſchuldiges Kind, daß Sie nicht wiſſen, wie eine reiche Frau, die faſt nie ausgeht, ohne von zwei belivreeten Spionen umgeben zu ſein, in gewiſſen Fällen ſich etwas minder ſerupulös zeigen kann in der Art und Weiſe, der ſie bewachenden Schlingel ſich zu entledigen? Ich ſage Ihnen, Dauriac, dahinter ſteckt etwas. Aber was geht das mich an? An dem guten Tropfen von einem Chantevilliers iſt es, die Augen aufzuthun. Aber leben Sie wohl, ich eile in's Miniſterium; und haben Sie über den Abfall des Spartiaten Groscaſſand ſich ausgeweint, ſo beſuchen Sie mich, damit wir über Ihre Ange⸗ legenheiten plaudern.“ Indem Adolph den Greis verließ, lief er mehr nach der Gaillonſtraße, als daß er ging. Dort angekommen, führte ihn eine Geheimtreppe in ſein Logis, wozu er verrätheriſcher Weiſe einen Schlüſſel behalten, und ein Dieb hätte ſich nicht behutſamer in daſſelbe ſchleichen können. In einem in der Nähe des Salons befindlichen Zimmer hatte er Gelegen⸗ heit, durch das Schlüſſelloch hindurch Frau von Chantevilliers zu ſehen, wie ſie gerade der Thüre gegenüber, hinter der er ſelbſt ſtumm und kaum athmend ſich hielt, auf einem Divan ſaß. Dieſe Erſcheinung ward ihm faſt alsbald verdunkelt durch einen opaken Körper, der vor der Oeffnung, an wel⸗ cher das Auge des Beobachters lag, ſich hin und 214 her bewegte. In der Perſon, die in ſolcher Weiſe ſich umtrieb, erkannte Adolph ſeinen Freund Gros⸗ caſſand, deſſen laute Stimme in demſelben Augen⸗ blicke ſein Ohr traf. „Nein, Frau Gräfin, ſo ſoll es nicht ſein,“ ſprach der Deputirte im Tone des Unwillens;„in Allem und vor Allem Ehrlichkeit. Ich nun habe Wort gehalten; um welchen Preis wiſſen Sie ſelbſt: die Vorwürfe und die Beleidigungen, die heute über mich ausgeſchüttet werden, bilden, ſollte ich meinen, ein Concert, das ſelbſt dem taubſten Ohre wahrnehmbar iſt. Was meinen Sie damit, wenn Sie von einem entſcheidenden Schritte ſprechen? Kann es etwas Bedeutſameres geben als den Bruch mit meinen Freunden bei einer Abſtim⸗ mung, wo durch Aufſtehen und Sitzenbleiben votirt wurde? Sie haben ſolches verlangt, ohne Zweifel aus Mißtrauen gegen mich, da Sie dachten, ich könne eine andere Kugel geſchickt in die Urne fallen laſſen: ich habe den mir auferlegten Bedingungen mich gefügt, ich habe meine Schiffe verbrannt, und nun ſoll ich nichts gethan haben! Haben Sie mir das verſprochen?“ „Ich wüßte nicht, daß ich Ihnen etwas ver⸗ ſprochen hätte, und ich verſtehe Sie wahrlich nicht!“ antwortete die Gräfin hochmüthig. „Oh! ohne Zweifel, Madame,“ verſetzte der Advocat ironiſch;„bekämen wir um deſſentwillen einen Prozeß, ſo müßte ich ihn verlieren. Zwiſchen uns beſteht kein Vertrag, nicht einmal ein Vertrag mit Ihrer bloßen Privatunterſchrift; Frauen, wie Sie, ſchreiben nicht, ich weiß es. Zärtliche Blicke, *— 215 ſüße Worte,— ja das ſind keine Titel, die ſich mit Händen greifen laſſen; ich werde ohne allen Zweifel verurtheilt werden. Und dann iſt es auch einer Frau, die Ihre geiſtigen Mittel beſitzt, ein Leichtes, den offenſten Geſtändniſſen eine trügeriſche Deutung zu geben, wodurch ſie als nie geſchehen erſcheinen oder zurückgenommen werden. Nur das, daß Sie jetzt hier ſind, Madame, dürften Sie viel⸗ leicht etwas minder leicht zu rechtfertigen wiſſen, wenn meine Ehre Ihnen nicht dafür bürgte, daß ich das Geheimniß ſtreng bewahre.“ Bei dieſer brutalen Anrede fühlte Frau von Chantevilliers, wie die hundert Häupter des Drachen des Stolzes in ihrer Seele ſich empor richteten: zornig ſtand ſie auf, und mit zornig⸗bewegter Stimme formulirte ſie die Worte: „Mein Herr! die ſchmachvolle Deutung, die Sie einem von Ihnen erflehten Schritte geben— einem Schritte, wozu ich mich unkluger Weiſe her⸗ beigelaſſen, ſchreibt mir das Betragen vor, das ich künftig einzuhalten habe. Ich ziehe mich zurück. Vergeſſen Sie es nie, ein Weib kann der Liebe gegenüber ſchwach ſein, der Beleidigung gegenüber findet es all' ſeine Stärke wieder.“ Trotz des tiefen Unwillens der Gräfin lag in den letzteren Worten ein Verſuch zur Wiederaus⸗ ſöhnung— das Aeußerſte, wozu in dieſem Augen⸗ blicke ihr ehrgeiziger Geiſt ſich verſtehen konnte. Was den Advodeaten betrifft, ſo blieb er, wuther⸗ füllt von dem Gedanken, daß man ihn ſchlau hin⸗ tergangen, völlig fühllos gegen einen Vorwurf, deſſen Aeußerung ſchon die Wege und Mittel, wie 216 er wieder zu Gnaden aufgenommen werden könne, anzueignen ſchien. Weit entfernt, ſich zu bemüthi⸗ gen und das Ungeziemende ſeiner Sprache einzu⸗ ſehen, nahm er mit einer brüsken Geberde ſeinen Hut von einem Lehnſeſſel weg, ſtellte ſich vor die Gräfin hin und ſprach? „Sie gehen, Madame; wohlan! auch ich gehe, und zwar in die Kammer, um meine geſtrige Un⸗ beſonnenheit wieder gut zu machen!“ Langſam bewegte ſich Frau von Chantevilliers auf die Thüre zu. Auf dieſem kurzen Wege liefer⸗ ten ſich der Ehrgeiz und der Stolz, jene zwei Ty⸗ rannen ihrer Seele, einen jener erbitterten Kämpfe, wobei einer der Gegner nothwendig auf dem Platze bleiben muß. Ging ſie, ſo brach ſie, ſo verlor ſie die Frucht ſo vieler eifrigen Bemühungen, ſo vieler tiefen Berechnungen, ſo vieler demüthigenden Ein⸗ räumungen, ſo verzichtete ſie auf die Pairswürde; blieb ſie aber, ſo erkannte ſie die volle Berechtigung der Anſprüche an, worauf dieſer Menſch von gar keinem Stande und von gar keiner Lebensart ſchonungslos und ohne alle Delicateſſe ſich berief, — ſo hängte ſie ihrem Adel, ja vielleicht ihrer Tugend einen garſtigen Fleck an. Bei dieſem letz⸗ teren Gedanken fühlte das Weib, das bis daher tadellos gelebt, wie das Blut der Gräfin und der Betſchweſter in ihren Adern kochte,— und dennoch blieb ſie. „Sie laſſen mich alſo gehen?“ fragte ſie halb⸗ laut, die Hand auf dem Thürdrücker ruhen laſſend und den Kopf zu dem Advocaten gewandt, der ſie unbeweglich und grimmig anſchaute. 217 „Würden Sie nicht nur um ſo geſchwinder ent⸗ fliehen, wenn ich Sie bäte zu bleiben?“ antwortete er mürriſch;„ich mag mich Ihren Weigerungen nicht mehr ausſetzen. Gehen Sie, wenn Sie wollen, Madame.“ So empört war die Gräfin über dieſe bäueriſchen Reden, daß ſie ſich zwei Lakeien ihres Hauſes dachte, die dem Geſchäfte oblägen, Herrn Groscaſſand(von der Gironde) mit ein paar tüchtigen Knütteln zu bearbeiten. Nachdem dieſe eingebildete Rache voll⸗ zogen war, unterwarf ſie ſich noch ein Mal den Anforderungen ihrer Lage, ſetzte ſich in der Nähe der Thüre und zog die Wohlgerüche ihres Taſchen⸗ tuches ein, worauf eine Stimme, die völlige Muth⸗ loſigkeit verrieth, die Worte hören ließ: „Ich weiß in der That nicht, was ich Ihnen gethan habe, aber Sie behandeln mich gar unſchön. Liebten Sie mich, Raoul, wären Sie dann ſo hart gegen mich?“ Als der Deputirte das Wort Raoul hörte, legte er ſeinen Hut wieder auf einen Lehnſeſſel und näherte ſich der Frau, welche an ſeinen zärtlichen Gefühlen zu zweifeln ſchien. „Liebte ich Sie!“ rief er in pathetiſchem Tone; „iſt es nicht eben das Uebermaß meiner Paſſion, was meinen Worten die Heftigkeit verleiht, die Sie verwunden konnte? Wäre meine Liebe minder groß, ſo wäre ich minder aufbrauſend. Aber wie wollen Sie, daß ich über Ihre unbeugſame Strenge nicht zur Verzweiflung komme! Schwache Wünſche allein vermögen ſich zu bezwingen; nur eine kalte Liebe allein vermag ſich zu reſigniren; und ich bete Sie 218 an mit einem Feuer, bei dem mir weder Reſignation noch Zurückhaltung möglich iſt.“ „Aber Sie müßten mich um meinetwillen und nicht um Ihretwillen lieben!“ antwortete die Gräfin, das Feld Schritt für Schritt ſtreitig machend. „Viel um Ihretwillen, aber auch ein bischen um meinetwillen,“ verſetzte der verliebte Deputirte in einſchmeichelndem Tone, und ſeine Rednerbühnen⸗ ſtimme nicht ſchonend. „Nein, Sie verfahren gar zu unſchön: Sie haben mir wehe gethan; ich bin in meinem Herzen verwundet.“ „O! tauſend Mal weniger als ich,“ ſprach Herr Groscaſſand feierlich;„ich habe Sie beleidigt, bezaubernde, entzückende Gräfin; nun! ich bitte Sie hiemit um Verzeihung; ich will mich demüthigen, will mich Ihnen zu Füßen werfen.... Oh! laſſen Sie mir doch Ihre Hand: bitte! bitte!“ Und wirklich hatte er ſich auf die Knie nieder⸗ gelaſſen, ohne daß die ſittenſtrenge Frau es nöthig fand, ihre Hand zurückzuziehen. Als Adolph ſah, welche Wendung die Dinge zu nehmen im Begriffe waren, glaubte er ſich nicht länger auf die Rolle eines unſichtbaren Zeugen be⸗ ſchränken zu ſollen. „Bitte tauſend Mal um Verzeihung!“ ſprach er, die Thüre brüsk öffnend. Frau von Chantevilliers ſtieß einen erſtickten Schrei aus. Wer nicht minder verblüfft war, das war der dicke Advocat, der jetzt vom Boden auf⸗ ſprang und auf den verdrießlichen Menſchen, der 219 in einem ſo ungeſchickten Augenblicke ihn ſtörte, zu⸗ ſtürzte. „Das iſt ein abſcheulicher Verrath!“ herrſchte er ihm mit einer vor Zorn zitternden Stimme zu. „Nein, nur eine ganz kleine Rache,“ antwortete der Bräutigam Adrianens. „Das iſt abſcheulich, ſage ich Ihnen! das iſt eine Infamie! Aber es ſoll Ihnen das nicht ſo hin⸗ gehen!“ „Wie es Ihnen gefällt, mein Guter,“ antwor⸗ tete der junge Mann kalt;„darüber wollen wir ſpäter ein Wörtchen ſprechen. Für jetzt müſſen Sie mir erlauben, daß ich der gnädigen Frau mich höf⸗ lichſt empfehle..... Auf Ihrem Ball,“ fuhr er mit höflichſt⸗unbarmherziger Ironie, zur Gräfin ge⸗ wandt, fort,„haben Sie, Madame, wiſſen wollen, wer mich bei Ihnen eingeführt? Ich, für meinen Theil, brauche jetzt eine ſolche Frage nicht an Sie zu richten: wie ich ſehe, ſo verdanke ich Herrn Groscaſſand die unverhoffte Ehre, hier empfangen werden zu können.“ „Wo bin ich denn?“ fragte Frau von Chante⸗ villiers mit dumpfer Stimme, ihrem verdutzten An⸗ beter einen anklagenden Blick zuwerfend. „In meiner Wohnung, Madame, ſind Sie,“ antwortete Dauriac mit unverwüſtlicher Höflichkeit, „oder vielmehr in der Wohnung der Frau von Verſan, die ich die Ehre habe in einem Monat zu heirathen.“ Es ließ die Gräfin einen ſchreckenerfüllten Blick im Salon herumlaufen; denn mußte es ihr, der ſpröden, verächtlich⸗ſtolzen Frau eine grauſame Prü⸗ 220 fung ſein, vor einem Manne zu erröthen, ſo wurde die Marter nachgerade eine unerträgliche, in Gegen⸗ wart einer Frau ſich alſo gedemüthigt zu ſehen. In ihrer Verwirrung bildete ſie ſich ein, es ſei Frau von Verſan irgendwo verſteckt und weide ſich an den ihrer Feindin auferlegten Martern. Schon ſtand ſie, von dieſem Gedanken darniedergeſchmettert, als hätte der Donner ſie gerührt, auf dem Punkte, die Thüre zu öffnen und hinauszuſtürzen; doch be⸗ zwang ſie ſich in Folge einer heroiſchen Anſtren⸗ gung, und die ganze Energie ihres Charakters, die ganze Gewandtheit ihres Geiſtes zu Hülfe rufend, ſuchte ſie es zu machen wie Soldaten, die bei einer Niederlage nicht feig fliehen, ſondern kämpfend ſich zurückziehen. „Wohl mag es Sie überraſchen, mein Herr,“ ſprach ſie mit etwas veränderter Stimme,„daß ich hier bin, doch haben Sie deßhalb nicht das Recht, meine Anweſenheit in einer für mich injuriöſen Weiſe zu deuten.. Es war mir völlig unbe⸗ kannt, daß ich mich in Ihrer Wohnung befand, und hätte ich das auch ahnen können, ſo wäre es doch keineswegs ein Grund geweſen, der mich abhalten mußte, hier gerade ſo zu erſcheinen wie in vielen andern Häuſern, wo ich keine Seele kenne... Der Zweck meines Hierherkommens war die Erfüllung einer Pflicht.“ „Vielleicht wollten Sie eine kleine Schuld ab⸗ tragen?“ ergänzte Dauriac in höhniſchem Tone. „Ich bin Mitglied eines Wohlthätigkeitsvereins, mein Herr,“ ſprach Frau von Chantevilliers, den Kopf in die Höhe werfend„„Der Herr, den 221 ich hier in Folge eines unerklärlichen Zufalls ange⸗ troffen, iſt bereits ſo gut geweſen, mir ſeinen Bei⸗ trag einzuhändigen, und wenn Sie ſelbſt.... „Sapperloth! wohl durfte ich ſagen, die ſei die Rechte,“ dachte der gascogniſche Deputirte, der über die wunderbare Geiſtesgegenwart, von der die Gräfin ſchon wieder eine Probe abgelegt hatte, total verblüfft war. Adolph kämpfte das unbändige Gelächter nieder, welches dem Anſtand, den er ſich vorgenommen hatte zu beobachten, zu verletzen drohte. „Ich bin vollkommen überzeugt, Madame,“ ſprach er,„daß Sie wirklich in den menſchenfreund⸗ lichſten, mitleidigſten, liebevollſten Abſichten hierher gekommen ſind. Ich werde daher auch bei Ver⸗ öffentlichung des frommen Acts, von dem ich Zeuge bin, es mir angelegen ſein laſſen, die mißgünſtigen Menſchen zu beſchämen, die in der Welt das zärt⸗ liche Wohlwollen Ihres Charakters in Zweifel zu ziehen wagen.“ „Ich brauche mich nicht vertheidigen zu laſſen, mein Herr; denn ich bin über alle Angriffe er⸗ haben.“ Nach dieſer Antwort, aus welcher eine Art Her⸗ ausforderung hervorblickte, verließ die Gräfin den Salon, ohne Herrn Groscaſſand eines weiteren Blickes zu würdigen, und feſten Trittes und mit ruhiger Miene ſchritt ſie durch die übrigen Zimmer hin. Adolph begleitete ſie mit der vollendeten Höf⸗ lichkeit eines Hausherrn und der niedergekämpften Freude eines ſiegreichen Feindes. Im Vorzimmer angekommen, wandte ſich Frau — 2— 222 von Chantevilliers plötzlich um und ſprach, auf. Adrianens Bräutigam einen flehenden Blick heftend, der eine Welt von Bangigkeit barg: „Nur ein niederträchtiger Menſch kann gegen eine Frau einen Streich führen; und ich halte Sie für einen Ehrenmann.“ In demſelben Augenblicke drehte ſich im Thür⸗ ſchloſſe ein Schlüſſel. Es ging die Thüre auf und auf der Schwelle erſchien Frau von Verſan, gefolgt von einem Ladendiener, der mehrere kleine Pakete trug. Schon jetzt hatte die junge Frau, einem jüngſt aus⸗ gedrückten Wunſche Folge gebend, in Bezug auf die eheliche Wohnung ihr Beſitzrecht feſtgeſtellt, und wenn die Verſchönerung derſelben ſie ſo oft beſchäf⸗ tigte, ſo war ſie zuweilen auch Anlaß, daß ſie ſelbſt hinging. Als Adriane mitten im Vorzimmer die, wie beim Anblick eines Meduſenhauptes verſteinerte, Frau von Chantevilliers erblickte; als ſie weiter Dauriac ſah, deſſen gute Laune durch dieſen uner⸗ warteten Zwiſchenfall ſich verdoppelte, ſowie den im Hintergrunde erſcheinenden Herrn Groscaſſand mit ſeinen fliegenden, kometenartigen Haaren und ſeinem über und über gerötheten Geſichte, blieb ſie völlig verdutzt ſtehen und ſuchte ſich ſelbſt ein ſol⸗ ches Räthſel zu löſen, anſtatt dasſelbe ſich löſen zu laſſen. Es trat ein Augenblick feierlichen Schweigens ein. Adolph brach es zuerſt, indem er, zu Frau von gewandt, mit unvergleichlichem Ernſt ſprach: „Madame, die Frau Gräfin von Chantevilliers 223 collectirt für die Armen des Stadtbezirks; unglück⸗ licher Weiſe habe ich kein Geld bei mir. Hätten Sie wohl die Güte, mir zu Hülfe zu kommen und zugleich auch für mich etwas zu geben?“ Mit ſtaunenerfüllter Miene ſchaute Adriane ihren Bräutigam und die Gräfin an; dann knüpfte ſie, mechaniſch gehorchend, eine der Ecken ihres Taſchen⸗ tuchs auf und nahm daraus ihre Börſe. Kaum hatte Frau von Chantevilliers dieſe Ge⸗ berde gewahrt, welche ſie mit einem Almoſen be⸗ drohte, als ſie vollends den letzten Reſt von Muth und Kaltblütigkeit verlor. Ohne jemand anzuſchauen, ſtürzte ſie auf die Treppe zu, die ſie hinabeilte. Der unverſöhnliche Adolph aber heftete ſich auch hier an ihre Ferſen. „Es regnet, es regnet, Madame,“ rief er, über das Geländer gebeugt, der Gräfin nach;„ſoll ich nicht nach Ihrem Wagen ſchicken, der vor der St. Rochuskirche auf Sie wartet?“ Er bekam keine Antwort. „So kommen Sie doch wieder herauf, Adolph,“ rief eine Frauenſtimme die Treppe hinab. Er gehorchte und ließ jetzt ſeiner Lachluſt die Zügel ſchießen; dann nahm er, trotz der Anweſen⸗ heit des Ladendieners und des liberalen Deputirten, Adrianens beide Hände und führte dieſelben lebhaft an die Lippen. „Werden Sie mir endlich ſagen, was all' das bedeutet?“ fragte ſie und ſtieß ihn dabei ſanft zurück. „Es bedeutet das, daß die hochadelige, daß die ſehr hochſtehende, daß die ſehr unverſchämte Dame, . 224 die eben hinausgegangen, künftig ſich in ein Maus⸗ loch verkriechen wird, wo immer ſie Sie erblicken mag. Doch ich werde Ihnen alles das ſpäter er⸗ klären; erlauben Sie mir jetzt, daß ich Ihnen einen meiner Freunde, Herrn Groscaſſand(von der Gi⸗ ronde), von dem ich Ihnen ſchon öfters geſagt, vorſtelle.“ Frau von Verſan erwiderte das ziemlich linki⸗ ſche Compliment des Deputirten und trat in den Salon, wohin ihr die beiden Männer folgten. Nachdem Herr Groscaſſand große Luſt gehabt, ſeine phyſiſche Stärke zu nützen, um ſeinen perfiden Freund zum Fenſter hinauszuwerfen, hatte er ſo⸗ wohl das Gefährliche als das Abgeſchmackte eines ſo unparlamentariſchen Verfahrens eingeſehen. Der Heroismus der Gräfin erfüllte ihn mit Bewunde⸗ rung; er beſchloß alſo, hinter dieſem ruhigen, muth⸗ vollen Betragen nicht zurückzubleiben und ſeinerſeits mit allen Kriegsehren abzuziehen. „Nun,“ hob Adolph in ſpöttiſchem Tone an, als ſie im Salon ſich geſetzt hatten,„werden Sie mir immer noch rathen, um meine Entlaſſung ein⸗ zukommen, nachdem Sie ſelbſt miniſteriell geworden?“ „Miniſteriell!“ rief der Deputirte mit beleidig⸗ ter Miene,„wo ſteht das?“ „Oh! in allen Zeitungen.“ „So! Sie glauben noch an die Zeitungen! Welcher Unverſtand! Geſtern ſtimme ich für einen Artikel, den ich in meinem innerſten Gewiſſen nütz⸗ lich finde, und heute klagt man mich an, inſultirt man mich, heißt man mich einen Verräther, einen Renegaten! Die hirnverbrannten Köpfe meiner 225 Partei bewerfen mich mit Koth, weil ich bei einem einzigen Anlaſſe ſo frei geweſen bin, ihrem Partei⸗ rufe nicht zu folgen und bloß nach meiner perſön⸗ lichen Ueberzeugung zu ſtimmen. Und dieſe Leute unterſtehen ſich, von Unabhängigkeit zu ſchwatzen! Daß die, welche mich nicht kennen, an mir zweifeln, an mir irre werden, muß ich ihnen zu gut halten; ein ſolcher Argwohn von Ihnen aber, Dauriac, verletzt mich: Sie haben die Anklage geleſen und hätten alſo wohl auch auf die Antwort warten können.“ „Wie! Sie wollen antworten?“ ſprach Adolph mit ungläubiger Miene. „Morgen ſchon,“ erwiderte der liberale Depu⸗ tirte, ſein gravitätiſches Weſen verdoppelnd,„und hoffentlich werden meine Erklärungen Ihnen unwi⸗ derleglich beweiſen, daß man einen Menſchen erſt hören ſoll, bevor man den Stab über ihn bricht.“ „Wenn ich mir erlaubt habe, ein Urtheil über Sie zu fällen, ſo habe ich es gerade deßhalb ge⸗ than, weil ich Sie gehört,“ antwortete der junge Patriot in nicht minder ernſtem Tone.„Glauben Sie, Lafayette und Benjamin Conſtant wären ſehr erbaut, wenn ſie eben an meiner Stelle geweſen wären?“ Hier nahm Herr Groscaſſand(vdn der Gi⸗ ronde) ſeine Rednerbühnen⸗Stellung an, ſteckte in feierlicher Weiſe die eine Hand unter den Aufſchlag ſeines Frackes und ſprach mit ſtolzem Lächeln: „Was frage ich nach Benjamin Conſtant und nach Lafayetten? Das ſind alte Idole, die i über⸗ Bernard, Ausgew. Erzählungen. M. lebt haben. Ich bin kein Kind, um mich vor ihrer Ruthe zu fürchten. Ein wahrhaft unabhängiger Deputirter unterſtellt ſich bloß dem Urtheil ſeines Vaterlands, und meinen Committenten bin ich jeden Augenblick bereit Rechenſchaft von meinem Thun und Laſſen zu geben.“ „Auch die Worte, die Sie eben mit der tugend⸗ haften Gräfin gewechſelt, wollen Sie ihnen mitthei⸗ len?“ fragte Dauriac hohnlächelnd. „Bah! eitles Boudoirgeſchwätz, und ich wundere mich nur, daß Sie daſſelbe ſo wichtig zu nehmen ſcheinen. Du mein Gott! was würde aus der Ge⸗ ſellſchaft, wenn ein Mann der Politik in den Er⸗ holungsſtunden ſeines intimen Lebens die ganze Strenge der Sprache beibehalten müßte, welche ſeine Geſinnungen auf der Rednerbühne ihm auferlegen?“ „Die Apoſtaſie däucht Ihnen alſo zuläſſig, wenn ſie nur unter galanten Auſpicien Statt findet?“ Die Apoſtaſie!“ rief der Deputirte aufſpringend; „ein ſolches Wort müßte ich als eine Beleidigung anſehen, wenn es mir nicht Ihre naive Unerfahren⸗ heit bewieſe. Wenn Sie einmal mein Alter haben, Beſter, dann werden Sie wiſſen, daß man nicht gerade zum Apoſtaten wird dadurch, daß man einer liebens⸗ würdigen Frau ein bischen mehr verſpricht, als man zu halten geſonnen iſt.“ Sprachs und ſchritt, vor Adrianen ſich verbeu⸗ gend, majeſtätiſch zum Salon hinaus. „Die Belagerung von Troja hat zehn Jahre gedauert,“ ſprach der Mann der liberalen Politik bei ſich ſelbſt, als er ſich auf der Straße ſah;„und nun ſind es über zwölf, daß die von mir unter⸗ 227 nommene dauert. Die Sache beim Lichte betrachtet, iſt das zu viel. So kann ich mein Leben nicht ver⸗ geuden und obendrein noch meine Stellung gefähr⸗ den. Mit ihrer Bekehrungswuth würde dieſes Weib mich noch zu einem dummen Streiche treiben, der nicht wieder gut zu machen wäre. Wir wollen es bei dem, was bereits geſchehen, bewenden laſſen; auch haben wir ja auf unſerer Linken ebenfalls keinen Mangel an Gräfinnen und Marquiſen.“ Zwei Tage darauf brachten ſämmtliche Oppoſi⸗ tionsblätter ein Schreiben des Herrn Groscaſſand, worin die Beſchuldigungen, deren Gegenſtand er geweſen, entſchieden widerſprochen waren. Der eh⸗ renwerthe Deputirte erinnerte an ſeine Vergangen⸗ heit, rief die Manen von Foy und Manuel zu Zeugen auf, ſprach von ſeinem plebejiſchen Blut, be⸗ rühmte ſich ſeines Großvaters, der ein ſchlichter Land⸗ mann geweſen, und ſprach zum Schluſſe vor der ganzen Nation den Satz aus, daß ſie keinen treue⸗ ren, keinen unabhängigeren Mandatar beſitze als ihn. Um dieſes feierliche Glaubensbekenntniß zu bekräftigen und ein für alle Mal dem Argwohn ein Ende zu machen, den ein Augenblick der Schwäche wach gerufen, nahm Herr Groscaſſand(von der Gironde) während der ganzen übrigen Seſſion auch nicht ein Mal an einer geheimen Abſtimmung Theil, ohne ſeine ſchwarze Kugel, bevor ſie in die Urne fiel, in die Höhe zu heben und ſie der ganzen Ver⸗ ſammlung zu zeigen. Dauriac war ein Ehrenmann, wie die Gräfin vorausgeſetzt hatte. Mit ſeiner Rache zufrieden, ſuchte er ſie nicht weiter zu treiben; t konnte ferner ſeine Heirath mit Frau von Verſan würdiger gefeiert werden als durch eine Amneſtie? Das Glück ſtimmt zur Milde, und glücklich in der Nähe einer allerliebſten und guten Frau, vergaß Adolph den Haß, um nur noch an die Liebe zu denken. Der Ruf der Gräfin blieb, wie bisher, flecken⸗ los. Frau von Chantevilliers war auch fortan das ſittenſtrenge, verächtlich⸗ſtolze, dünkelhafte, den Schön⸗ geiſt ſpielende, Andere gern verdammende, ihrer eigenen Tugend gewiſſe, in gewiſſen Salons als ein Orakel geltende, mit einem Wort, das faſt allge⸗ waltige, furchtbare und geehrte Weib. Nur eine Glorie mangelt ihr, die Pairswürde, und darum iſt ſie ſo unendlich unglücklich,— darum iſt ſie von einem ſchwarzen Kummer umlagert,— darum wird ſie von einem Grame verzehrt, der ſie ihr Leben⸗ lang nicht verlaſſen wird. Was alſo Herrn Sabathier's ironiſche Prophe⸗ zeiungen betrifft, ſo ſind ſie nicht in Erfüllung ge⸗ gangen. Sowohl der Mann der eiſernen Ueber⸗ zeugungen als die Frau ohne Furcht und Tadel ſind auf ihrem Piedeſtal ſtehen geblieben; mehr denn ein Mal aber ſprach der greiſe Skeptiker, während alle Welt ſich ehrerbietig vor dieſen Koloſſen des Patriotismus und der Tugend beugte, zu dem im Miniſterium des Innern unter ihm dienenden Dauriac: „Haben dieſe Leute denn nie den Traum des Nebukadnezar geleſen? „Ach, laſſen Sie ſie machen!“ pflegte dann Adri⸗ anens Gatte mit der nachſichtigen Philoſophie, welche ———— — 229 von einer glücklichen Liebe eingeflößt wird, zur Ant⸗ wort zu geben.„Was nützt es Sie, daß Sie das Leben alſo ſeciren? Braucht man, wenn eine Statue einen goldenen Kopf hat, ihr die Ferſe aufzukratzen, um zu ſehen, ob ſie von Thon iſt?“ S 2 — — — — — — — — — — S a — — — 2 — — —= S — — —= — I. Im September des Jahres 1828, gegen zwei Uhr Morgens, fanden ſich die längs der Garonne, zwiſchen la Reole und Cadillac, liegenden Land⸗ häuſer in jene tiefe Ruhe eingewiegt, die der Schlaf der großen Städte nicht kennt, und während deren man, nach Delille's Ausdruck, nichts ſieht als die Nacht, und nichts hört als die Stille. Ein einziger Pavillon, der inmitten eines Parkes von mäßiger Ausdehnung ganz iſolirt ſtand, ſchien von der all⸗ gemeinen Ruhe eine Ausnahme zu machen. An der Ecke dieſes Gebäudes, nach Oſten zu, ließ ein Fen⸗ ſter des erſten Stockwerks einen ſo ſchwachen Licht⸗ ſchimmer durchdringen, daß der, welcher etwas ent⸗ fernt ſtand, ſcharf hinſehen mußte, um von deſſen Daſein ſich zu vergewiſſern. Ein abenteuerſuchender Menſch, dem es gelungen wäre, die Parkmauer zu erſteigen, ſodann auf den Balcon dieſes Fenſters ſich hinaufzuhiſſen und dort eine Weile angeklam⸗ mert zu bleiben, hätte ſich vielleicht für ſeine Mühe hinlänglich entſchädigt gefunden durch das myſteriöſe Gemälde, das ſeiner Neugierde ſich dargeboten hätte. Durch den Spalt zweier blauſeidenen Vorhänge hin⸗ — „ 234 durch konnte das Auge in das Innere eines Schlaf⸗ zimmers dringen, welches elegant möblirt und durch eine Nachtlampe matt erleuchtet war. In einem im Hintergrunde befindlichen Bette ſchlief ein weib⸗ liches Weſen, das in der Blüthe der Jahre und der Schönheit ſtand. Eine genauere Beobachtung aber hätte in dieſem Schlafe unſchwer etwas fieber⸗ haft Bewegtes wahrgenommen, was auf eine jener hartnäckigen Gemüthserregungen hindeutete, die nicht einmal die momentane Aufhebung des Fühlens und Denkens zu unterbrechen vermag. An ihrer Seite wachte, unbeweglich und ſtumm, ein Mann mit blaſſer und durchs Alter gerunzelter Stirn. Den Kopf über das Kopfkliſſen geneigt, mit zurückgehal⸗ tenem Athem, und mit einer Hand die Schläge ſei⸗ nes Herzens zu mäßigen ſuchend, horchte er voll unheimlicher Gier auf die unzuſammenhangenden Worte, die ein peinlicher Traum auf die Lippen der jungen Frau brachte. „Sein Name! ſie wird ihn nicht ausſprechen — ſeinen Namen!“ ſprach er, nachdem er vergeb⸗ lich gewartet, bei ſich ſelbſt und ließ zugleich einen Blick umherwandern, in dem eine unmächtige Rache glühte. „Arthur!“ murmelte ſie, wie wenn eine ver⸗ hängnißvolle Macht mit einem Mal das letzte Sie⸗ gel gebrochen hätte, das ein durch die Enthüllungen des Schlafes halb verrathenes Geheimniß noch deckte. „Arthur!“ wiederholte der Greis und richtete ſich dabei ſo plötzlich auf, als ob dieſes ausge⸗ ſprochene Wort ein Dolch geweſen wäre, von dem ſeine Bruſt jeden Augenblick ſich bedroht geſehen 3 235 hätte.—„Arthur von Aubian! und ich wollte es nicht glauben! Arthur! O wie jämmerlich blind war ich doch!“ Mit einer krampfhaften Geberde wiſchte er den ſeine livide Stirn netzenden Schweiß ab, neigte ſich über das Bett, das für ihn furchtbarer als ein gähnendes Grab war, und näherte ſein Ohr aber⸗ mals dem jugendlich⸗friſchen und allerliebſten Munde, welchem vergiftete Worte entſtiegen. „Ich mag nicht mehr,“ ſtammelte die junge Frau und ſuchte zugleich ſich aufzurichten;„dein Leben ſtände auf dem Spiele... An dem meinigen wäre nichts gelegen, aber du... nein, ich mag nicht mehr.. Er hegt bereits Verdacht er würde dich umbringen!“ Hier ſtieß ſie einen erſtickten Schluchzer aus, ſchauerte vom Kopf bis zu den Füßen und nahm angſtvoll auffahrend, eine ſitzende Stellung an. Der Greis glaubte, ſie wache auf, und ſchlüpfte hinter die Bettvorhänge, um ſich ihrem Blicke zu entziehen; ſie aber blieb, ohne die Augen zu öff⸗ nen, in der eben angenommenen Stellung eine Zeit lang unbeweglich. Allmählig verkündete die Ver⸗ änderung ihrer Phyſiognomie die ihrer Gedanken; der auf ihren Zügen liegende Schrecken wich einem Ausdrucke der Gemüthsſammlung, der ſeinerſeits bald in eine ſorgenvolle und geſpannte Aufmerk⸗ ſamkeit überging. Die junge Frau, deren nervöſe Exaltation jenen Grad der Intenſität angenommen hatte, wo die Phänomene des Somnambulismus anfangen, ſenkte den Kopf, als wollte ſie einem beunruhigenden Geräuſche ihr Ohr leihen; denn näherte ſich dem Fenſter, wobei ſie behutſam auftrat. „Mitternacht!“ ſprach ſie ganz leiſe;„ich habe auch nicht einen Tropfen Blut in den Adern..„ Dieſe Mauer iſt ſo hoch! wenn er ſich verwundete wenn ihm etwas geſchähe! Ich höre ihn im Garten Wie ſtark er auftritt!.. Es iſt der Sand in den Gängen Oh! es iſt das letzte Mal Ich will es ihm ſagen. So in der Furcht ſchweben iſt ärger als der Tod!“ Mit einer Präciſion in den Bewegungen, welche jenes innere Hellſehen bezeugte, wofür die Wiſſen⸗ ſchaft bis jetzt noch keine befriedigende Erklärung gefunden, löſchte die Somnambüle, deren Augen⸗ lider immer noch geſchloſſen waren, die Nachtlampe aus und ſchob den Thürriegel vor. Sodann ließ ſie die Vorhangſchnüre ſpielen und machte das Fen⸗ ſter auf, ohne daß das geringſte Geräuſch zu den Ohren ihres Mannes gedrungen wäre, der, einige Schritte hinter ihr, dieſer Pantomime mit einem Blicke voll düſterer Wuth folgte. Nun nahm ſie aus ih⸗ rer Nähſchachtel ein langes Band, das ſie zum Fenſter hinausgleiten ließ, bis ſie glauben mochte, es habe dasſelbe den Boden erreicht; einen Augen⸗ blick darauf zog ſie es zurück und that, als wolle ſie den Haken einer Strickleiter am Geländer des Balcons befeſtigen. Darauf trat ſie, am ganzen Leibe zuckend und kaum noch athmend, wieder in das Zimmer. Plötzlich warf ſie die Arme aus einander und umſchlang damit heftig ein imaginäres Weſen, wobei ſie mit leidenſchaftlich bewegter Stimme die Worte murmelte: plötzlich ſtand ſie auf, warf einen Pudermantel um und 237 „O du, mein Leben!“ Sie umſchloß aber bloß den leeren Raum und war, mit über die Bruſt gekreuzten Armen, eine Zeit lang verdutzt. „Arthur!“ ſchrie ſie endlich in einem Anfall von Schrecken, den ſie nicht zu bezwingen vermochte, und ſtürzte auf den Balcon zu. Die kraftloſen Hände ihres Mannes fanden eine augenblickliche Energie, um ſie zurückzuhalten. „Oh! ich habe Furcht. Du mußt mir keine Furcht machen!“ ſprach ſie dumpf, während ſie in ſeinen Armen ſich ſträubte. Die Angſt der Liebenden hatte jenem Inſtinkte Platz gemacht, der Somnambülen eigen iſt, und kraft deſſen ſie in ihrem Zuſtande— unbegreiflich genug— nichts mehr fürchten, als plötzlich aufge⸗ weckt zu werden. Indeſſen war die Erſchütterung eine zu heftige geweſen, als daß der Anfall hätte einen friedlichen Ausgang haben können; die ge⸗ heimnißvollen Fäden, vermittelſt deren die Seele während des Schlafs der ihr als Werkzeuge die⸗ nenden Organe thätig iſt, zerriſſen im Gehirn, wie man unter einem allzu rohen Finger die Saiten einer Harfe platzen ſieht. Die junge Frau wachte auf und ſtieß erſtickte Schreie aus, als ſie ſich in tiefſter Finſterniß von unbekannten Armen feſt um⸗ ſchloſſen fühlte. „Ich bin es, Lucie,“ ſprach jetzt der Greis mit einer Anſtrengung, die etwas Peinliches hatte;„ich bin es, fürchte dich nicht.“ Sofort zündete er Kerzen an, ſchloß das Fenſter und trat, eine ruhigere Miene annehmend, zu ſei⸗ 238 ner Frau, die ſich eben auf das Bett geſetzt hatte und mit ſtummem Staunen umher ſchaute. „Was iſt denn vorgegangen?“ fragte ſie und preßte zugleich die Stirn mit beiden Händen;„mein Kopf iſt ein Chaos, iſt ein Vulcan! Wie kommt es, daß du hier biſt?“ „Ich habe dich gehen hören,“ antwortete der Ehemann mit einer Stimme, die ganz anders als ſanft klang;„ich habe befürchtet, daß du krank ſein möchteſt, und bin herauf gekommen.“ „In deinem Zimmer hört man es alſo, wenn man hier geht?“ fragte Lucie, von geheimem Schrecken erfüllt, abermals. „Es iſt das erſte Mal, daß das geſchieht. Noch nie iſt dein Schlaf ein ſo unruhiger geweſen.“ „Es iſt etwas Gräßliches um den Zuſtand einer Somnambüle,“ ſprach ſie, den Kopf ſinken laſſend, „und wie es heißt, ſo hilft nichts dagegen. Habe ich in meinem Schlafe geſprochen?“ Die letzteren Worte wurden mit ſchwacher Stimme geſprochen. „Nein,“ antwortete der Greis, deſſen Geſicht kalt blieb, während ſeine Nägel in ſeiner Bruſt wühlten. Er nahm ein Licht, wünſchte ſeiner Frau für den Reſt der Nacht eine angenehme Ruhe und ging in ſein Zimmer hinab. Hier angekommen, fühlte er ſich von ſeinen Kräften total verlaſſen, und ver⸗ nichtet ließ er ſich auf einen Lehnſeſſel fallen. In dieſem, ſo zu ſagen fühlloſen, Zuſtande verharrte eeeerziemlich lange. Endlich erwachte die moraliſche Energie, welche von der phyſiſchen Gebrechlichkeit 239 nicht immer zerſtört wird, raſend und unverſöhnlich im Herzen dieſes durch die Entdeckung ſeiner Schande ſcheinbar vernichteten Greiſes. „Wie ſoll ich ihn umbringen?“ rief er und rang dabei die Hände.„Sie! ſie... nein, dazu habe ich den Muth nicht. Aber er! er! Ihn fordern! Er wird ſich nicht ſchlagen wollen. Er wird mein Alter vorſchützen, und Jedermann wird ihm Recht geben, denn es iſt erlaubt,— denn es iſt ſogar ehrenhaft, einem Greiſe das Glück ſeiner letzten Lebenstage zu rauben, ſeinen Namen dem öffent⸗ lichen Gelächter preis zu geben, ihn mit Schande zu überhäufen, ihn zur Verzweiflung zu treiben, ihn wahnſinnig zu machen; aber den Degen mit ihm kreuzen— das hieße ſeinen weißen Haaren eine Schmach anthun! Und haben die Leute am Ende nicht Recht? Mein Auge iſt ſchwach, meine Hand zittert; in einem Duell würde ich unterliegen, ohne mich zu rächen. Er würde mir vielleicht das Leben laſſen? Nein, kein Duell, keine Ungewißheit, keinen Zufall! Er muß um jeden Preis ſterben,— und ſollte ich ihn ermorden müſſen!“ Den ganzen Reſt der Nacht brachte der an ſeiner Ehre verletzte Chemann damit zu, daß er tauſend Racheprojekte ausbrütete. Mit Tagesanbruch ver⸗ ließ er ſein Zimmer und ging lange in ſeinem Parke hin und her, noch ehe im Hauſe jemand auf war. Endlich begegnete ihm ein Gärtner, den er ſeit Kurzem zu Terraſſirungsarbeiten verwendete, bei der Wendung einer Allee. Als der Arbeiter den Greis erblickte, nahm er die Mütze ab, trat mit myſteriöſer Miene auf ihn zu und ſprach: 240 „Herr Gorſaz, es iſt eben recht, daß ich Sie ſchon ſo früh hier finde; ich habe Ihnen etwas zu melden, und es braucht niemand dabei zu ſein.“ „Was gibt es, Piquet?“ fragte der Greis in barſchem Tone. „Sehen Sie, Herr Gorſaz, man hat geſtern Nacht das Fenſter des kleinen Gewächshauſes auf⸗ geſprengt, wo wir gewöhnlich unſer Geräth aufbe⸗ wahren. Vorgeſtern Abend hatte ich mein Wamms dort liegen laſſen, worin meine Uhr— ein nagel⸗ neuer, ſilberner Zwiebel, um den ich, meiner Treu! achtzehn Franken gegeben— war. Auch befanden ſich in einer der Taſchen vier Fünffrankenthaler, und wenigſtens drei Franken in kleinem Gelde. Das Wamms habe ich nun zwar wieder gefunden, und zum Beweis habe ich es an; das Geld und die Uhr aber— davon iſt keine Spur mehr zu ſehen.“ „In dieſes Gewächshaus kommt niemand hinein als Ihre Arbeiter,“ erwiderte Herr Gorſaz. „Auch hat einer von ihnen das Stückchen aus⸗ geführt: ich möchte meinen Kopf zum Pfande ſetzen, daß er und kein Anderer es gethan!“ „Wen haben Sie im Verdacht?“ „Der Johann Peter und der Vacherot— die ſind hier zu Hauſe; ich kenne ſie nun an die zwan⸗ zig Jahre, und ich möchte mich für ſie wie für mich ſelbſt verbürgen. Es hat alſo, mit Ihrem Ver⸗ laub, nur dem duckmäuſeriſchen Bonnemain ſo et⸗ was in den Sinn kommen können.“ „Bonnemain?“ wiederholte der Greis, der tief nachzudenken ſchien. „Dem Patron habe ich nie ſo recht getraut,“ — B— v— — N — 241 hob Piquet wieder an;„und nicht allein das, ſon⸗ dern er verhunzt auch die Arbeit ſo, daß ich mich wahrhaftig für ihn ſchäme. Der Menſch will ein Gärtner ſein und kann doch nicht einmal mit dem Schildchen pfropfen!“ „Sie haben ihn bloß im Verdacht, aber Sie ſollten Beweiſe— Beweiſe haben!“ ſprach Herr Gorſaz, der für die Sache ſich mehr zu intereſſiren ſchien, als man hätte erwarten ſollen. „Beweiſe! Hier iſt einer, der mir klar genug zu ſein ſcheint,“ antwortete der Gärtner, aus ſeiner Taſche einen kleinen Nagel herausziehend, den er zwiſchen dem Daumen und dem Zeigefinger hielt: „dieſen noch ganz neuen Nagel habe ich auf dem Fenſter gefunden. Nur Bonnemain hat ſolche Nä⸗ gel an ſeinen Schuhen, die er zu la Reole gekauft — vor noch nicht zehn Tagen gekauft hat, und juſt fehlt ihm einer am rechten Fuß; ich hab's ge⸗ ſtern geſehen, als er ſeine Schuhe ausgezogen, um in den Weiher hineinzugehen.“ „Haben Sie ſchon mit jemand von der Sache geſprochen?“ fragte der Greis. „Nicht ſo dumm,“ gab der Gärtner mit ſchlauer Miene zurück;„ich habe zuerſt Ihre Meinung ein⸗ holen wollen, Herr Gorſaz.“ „Da haben Sie klug gehandelt. Sagen Sie bis auf Weiteres niemand etwas davon; und ſo⸗ bald Sie Bonnemain ſehen, ſo ſchicken Sie ihn ſu mir: ich nehme es auf mich, ihm die Zunge zu öſen.“ Piquet ſchüttelte den Kopf mit einer Miene des Zweifels. Bernard, Ausgew. Erzählungen. U. 16 242 „Oh, der iſt ein Duckmäuſer,“ ſprach der Gärt⸗ ner,„der iſt ein geriebener Burſche, wie es wenige gibt; ſehen Sie, Herr Gorſaz, mit dem werden Sie Ihre liebe Noth haben, wenn Sie etwas aus ihm herausbringen wollen. Ebenſo gern möchte ich dem Teufel ſelbſt die Beichte abzunehmen haben.“ Ein mit dem Kopfe gegebener Wink verabſchie⸗ dete den Gärtner, worauf der Greis langſamen Schrittes auf das Haus zuging. Er trat wieder in ſein Zimmer und wartete hier mit einer ſeltſamen Ungeduld auf den muthmaßlichen Urheber des Dieb⸗ ſtahls, der bald genug unter der Thüre erſchien, wo er, die Mütze ehrerbietig in der Hand haltend, ſtehen blieb. K. Bonnemain war ein Mann von etlichen vierzig Jahren, kräftig und ſchlank gebaut, womit er eine ſüßliche Phyſiognomie verband. Was ſeinen Anzug betrifft, ſo war er beſſer und zierlicher als ſonſt bei Leuten ſeines Standes. Machen Sie die Thüre zu und kommen Sie näher,“ ſprach Herr Gorſaz, der ſeinerſeits ein Schiebfenſter ſchloß, an dem er ſaß. 3 Nachdem der Arbeiter gethan, wie ihm befohlen worden, blieb er unbeweglich ſtehen: ſeine Haltung war feſt und ſeine Miene ruhig. „Bonnemain oder beſſer Baptiſt Leroux,“ hob der Greis an und heftete dabei einen durchbohren⸗ t⸗ e 8 E⸗ n in b⸗ n, ig ne ug nſt ie ein en ng 0 en⸗ 243 den Blick auf den Mann,„es iſt geſtern Nacht in meinem Hauſe ein Diebſtahl verübt worden. Schul⸗ dig oder unſchuldig, werden Sie desſelben beſchul⸗ digt werden, da Ihre Antecedentien den Verdacht nothwendig auf Sie fallen laſſen werden; übrigens ſind ſchon jetzt Beweiſe vorhanden, und die gericht⸗ liche Unterſuchung wird wohl noch weitere zu finden wiſſen. Sie haben bereits eine Strafe erſtanden, Sie ſind alſo rückfällig, und ohne Zweifel iſt Ihnen die Strafe bekannt, die auf Sie wartet. Sie kom⸗ men lebenslänglich auf die Galeeren!“ „Ich falle aus den Wolken,“ antwortete Bon⸗ nemain mit einer Miene des Staunens, die viel⸗ leicht einen Unterſuchungsrichter ſelbſt getäuſcht hätte; „ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, Herr Gorſaz, daß ich unſchuldig bin— ſo unſchuldig wie das Kind im Mutterleibe. Allerdings iſt es mir etwas hart gegangen, ich kann es nicht läugnen, da ich Ihnen, als ich hierher gekommen und um Arbeit gebeten, meinen Laufpaß habe vorzeigen müſſen; wenn man aber in der Jugend eine Dummheit be⸗ gangen, ſo iſt das noch gar kein Beweis, daß man ſein Lebenlang ein ſchlechter Menſch ſein und blei⸗ ben muß. So wahr ein Gott im Himmel iſt, der uns jetzt hört: ich weiß nicht, was Sie mir da ſagen wollen.“ „Wegen welches Verbrechens ſind Sie ſchon ein⸗ mal zur Galeerenſtrafe verurtheilt worden?“ fragte Herr von Corſaz. „Wegen einer Fälſchung, die ich das Unglück gehabt zu begehen, während ich in, 244 hauſe placirt war,“ antwortete der frühere Galee⸗ renſclave mit einer Miene der Zerknirſchung. „Wegen eines Mords,“ entgegnete der Greis, die Stimme mäßigend, aber energiſch,„— wegen eines Mords, den Sie zwiſchen Prades und Villefranche begangen und deſſen Opfer ein Steuereinnehmer geweſen, dem Sie die eingegangenen Gelder zu rauben hofften— Gelder, die er, zum Glück für Sie, nicht bei ſich hatte. Ich ſage, zum Glück für Sie; denn da der Raub nicht Statt fand und die Geſchwornen den auf Vorbedacht lautenden Anklage⸗ punkt beſeitigten, ſo wurden Sie bloß zu den Ga⸗ leeren verurtheilt. Zu Toulon hatte Ihre Auffüh⸗ rung zur Folge, daß eine Strafmilderung zu Ih⸗ ren Gunſten eintrat, und anſtatt Ihr Leben im Bagno zu beſchließen, ſind Sie nicht länger als zehn Jahre dort geweſen. Wie Sie ſehen, ſo bin ich gut unterrichtet.“ „Ah! alter Spitzbube,“ dachte Baptiſt Leroux, alias Durand, alias Lejeune, alias Bonnemain, „wären wir allein in einem Walde, wie würde ich dir da das Garaus machen— und das in der Zeit, die man braucht, um einen halben Schoppen dinabzuſtürzen! 1. Herr Gorſaz ſchien die blutdürſtigen Gedanken des Menſchen, mit dem er ein Verhör anſtellte, zu errathen, denn er warf mit einer gewiſſen Unruhe die Augen zum Fenſter hinaus; und da fand er ſich durch die Anweſenheit der Arbeiter, welche ei⸗ nige Schritte vom Hauſe im Garten arbeiteten, wieder beruhigt. Bei glockenhellem Tage, in ſei⸗ nem Hauſe und in der Nähe von Menſchen, die 8, es he er zu ür ie e⸗ 245 ihm jeden Augenblick zu Hülfe eilen konnten, glaubte er von der Wuth nichts zu fürchten zu haben, die ſich des früheren Galeerenſträflings bemächtigt zu haben ſchien, trotzdem daß derſelbe Alles that, um ruhig zu erſcheinen. Er fuhr alſo zu ſprechen fort, jedoch mehr in dem vertraulichen Tone eines nach⸗ ſichtigen Rathgebers als mit der Strenge eines Rich⸗ ters, der bereit iſt zu ſtrafen. „Bis jetzt haben Sie Unglück gehabt,“ ließ Herr Gorſaz ſich weiter vernehmen:„zehn Jahre ſind Sie im Bagno geweſen wegen eines Mordes, der Ihnen nichts genützt, und nun ſind Sie ſchon wie⸗ der auf dem Wege, auf Lebensdauer dahin zurück⸗ zukehren, weil Sie eine Uhr genommen, die viel⸗ leicht keine zwanzig Franken werth iſt.“ „Keine zehn iſt ſie werth!“ unterbrach Bonne⸗ main, der ſich alsbald die Lippen blutig biß. „Zehn oder zwanzig, daran liegt im Grunde nichts,“ hob der Greis ironiſch lächelnd wieder an; „worauf es ankommt, iſt, daß der Diebſtahl bewie⸗ ſen wird, und eben haben Sie ſelbſt ja ihn einge⸗ ſtanden. Es wird mir nichts übrig bleiben, als Sie eben arretiren zu laſſen.“ „Dann laſſen Sie einen Unſchuldigen arretiren,“ antwortete der Exbagnobewohner, der unwillkürlich von ſeiner Keckheit verlor. Herr Gorſaz ließ den Kopf ſinken und ſaß eine Weile mit auf den Boden gehefteten Augen da; endlich aber ſchlug er ſie wieder zu Bonnemain auf, den er mit ſeinen Blicken durchbohren und deſſen geheimſte Herzenstiefen er ergründen zu wol⸗ len ſchien. 246 „Nehmen wir einmal an,“ ſprach er zu dem vor ihm ſtehenden grundverdorbenen Menſchen,„ich verſchaffe Ihnen, anſtatt Sie der Juſtiz zu über⸗ liefern, die Mittel, daß Sie nach Bordeaux gehen und ſich nach einem ausländiſchen Hafen, etwa nach Sanct Sebaſtian oder Bilbao, einſchiffen können; nehmen wir ferner an, ich händige Ihnen, nicht zufrieden damit, Sie den Händen der Gerechtigkeit entriſſen zu haben, eine Summe Geldes ein, womit Sie im Ausland ſich etabliren und ohne Nahrungs⸗ ſorgen leben können— zum Beiſpiel, zehntauſend Franken: was würden Sie zu einem ſolchen Antrag ſagen?“ Der frühere Bagnobewohner offenbarte ſeine Aufregung nur durch eine faſt unbemerkbare Bewe⸗ gung der Lippen; mit dem Scharfblick, der den Leuten eigen iſt, welche von einem verpönten und zuweilen blutigen Gewerbe gelebt haben, ſah er auf der Stelle, daß ein Handel abgeſchloſſen, nicht aber eine Wohlthat erwieſen werden wollte. Dieſer Ge⸗ danke gab ihm ſeine ganze Zuverſicht zurück; denn wer mit einem Vorgeſetzten unterhandelt, wird eben damit für den Augenblick deſſen gleichberechtigter Genoſſe. „Was ich dazu ſagen würde, Herr Gorſaz?“ antwortete er, nachdem er anſcheinend eine Weile ſich die Sache überlegt.„Nun, ich würde bei mir ſelbſt ſagen: Bonnemain, man bietet dir nicht ſo umſonſt zehntauſend Franken an. Man muß dich alſo wohl zu etwas brauchen, was der Mühe werth iſt. Denn, ſehen Sie, zehntauſend Franken ſind ein nicht zu verachtendes Trinkgeld!“ 1e e⸗ n d f er e⸗ n 247 „Und würden Sie wohl die Sache überneh⸗ men?“ fragte der Greis mit concentrirter Stimme. „Je nachdem ſie iſt,“ ſprach Bonnemain;„ich habe nie eine Arbeit von der Hand gewieſen; nur Faulenzer mögen nicht arbeiten. Trotzdem aber müßte man erſt auch wiſſen, wovon es ſich handelt.“ „Nehmen Sie einmal an, die Sache ſei von der ernſteſten Art.“ „So etwa wie die Affaire des Steuereinneh⸗ mers: nicht wahr?“ fragte der Gegenredner mit ſüßlicher Miene. „Ja,“ verſetzte Herr Gorſaz im Tone der Ue⸗ berzeugung. „Nur würde es ſich vielleicht dieß Mal, anſtatt einen Anſchlag auf Regierungsgelder zu machen, darum handeln, einen hübſchen Burſchen aus der Welt zu ſchaffen, der Mauern und Fenſter erſteigt, wie wenn er ſonſt nichts triebe.“ „Du haſt ihn geſehen?“ rief der Greis, den dieſe unerwartete Enthüllung außer ſich brachte. „Hören Sie, Herr Gorſaz,“ ſprach Bonnemain mit vollkommenſter Ungezwungenheit:„in Geſchäfts⸗ ſachen muß man nicht lange zaudern. Ich will offen mit Ihnen ſprechen; und zudem fürchte ich jetzt nicht mehr, daß Sie mich angeben. Der Dummkopf von Piquet hatte alſo in dem kleinen Gewächshauſe ſein Wamms gelaſſen, worin ſeine Uhr und etwas Geld war, und da es mir gerade daran mangelte, ſo kam ich auf einen Gedanken. Man iſt und bleibt eben immer ein Menſch! Ich ſteige alſo in den Park hinein— und zwar über den Theil der Mauer weg, der hinter der Platanen⸗ 248 Allee ſich befindet. Mit einem Mal höre ich über mir ein Geräuſch; zuerſt glaube ich, es ſei eine Katze oder ein Dachmarder; doch nein, es iſt ein Indi⸗ viduum, das ſich an der Mauer herabgleiten läßt und dann auf das Haus zugeht. Gut, denke ich da, dieſer Camerad hat vielleicht einen beſſeren Einfall als ich, und dann theilen wir mit einander. Es war faſt Mitternacht und ſo finſter wie in einer Kuh. Thut nichts, ich ziehe meine Schuhe aus und folge ihm. Bald ſteht er gerade vor Ihrem Fen⸗ ſter, ich aber lege mich ins Gras, und zwar auf den Bauch, damit er, wenn er ſich umdreht, mich nicht ſehen kann. Was gewahre ich nun? Ein Fenſter, das da oben ſich öffnet, etwas Weißes, das ſich dort zeigt, und dann mein Individuum, das das Fenſter erklettert in der Zeit, die man braucht, um einen halben Schoppen zu vertilgen. So ſo, ſage ich da bei mir ſelbſt: wie es ſcheint, ſo weiß der Camerad geheime Verſtändniſſe zu unterhalten mit den Leuten des Hauſes, und unſere Induſtrie dürfte nicht ganz dieſelbe ſein. Und da ich ſo ſah, wie die Sache mich nichts anging, ſo bin ich meinen kleinen Geſchäften nachgegangen.“ „Haſt du dieſen Mann erkannt?“ fragte der Greis mit dumpfer Stimme. „Ich glaube,“ hohnlächelte der Exgaleerenſträf⸗ ling,„daß Sie beſſer daran thäten, wenn Sie dieſe Frage an Madame Gorſaz richten würden; denn ſie hat ihn ſicher mehr in der Nähe geſehen als ich.“ „Haſt du ihn erkannt?“ ſprach Luciens Gatte abermals wuthſchnaubend. „Ja,“ gab Bonnemain zurück,„es war Herr er tze i⸗ 249 Arthur v. Aubian, der, zwanzig Minuten von hier, am Fluſſe wohnt.“ „Wohlan! der muß kalt gemacht werden,“ hob der Greis wieder an und erhob ſich zugleich wie in einem Anfall von Raſerei. „Ich ſage weder Ja noch Rein,“ verſetzte der Exgaleerenſträfling im ungezwungenſten Tone von der Welt.„Sehen Sie, bei ſolchem Spiele riskire ich den Kopf: verliere ich, ſo weiß ich, was meiner wartet; gewinne ich...“ „So bekommſt du zehntauſend Franken,“ vollen⸗ dete Herr Gorſaz. „Das iſt ſicherlich mehr, als ich im Ganzen werth bin; der Preis, den Sie mir bieten, wäre mir alſo ſchon recht. Aber wer bürgt mir dafür, daß Sie mir auch geben, was mir gebührt, wenn der Coup einmal ausgeführt iſt? Sie können ſich leicht denken, daß ich dann zum Warten keine Zeit habe, und zehntauſend Franken findet man nicht nur ſo auf der Straße; vielleicht daß Sie nicht ein⸗ mal den vierten Theil dieſer Summe im Hauſe haben; iſt man auch reich, ſo folgt doch noch kei⸗ neswegs daraus, daß man an baarem Geld ſtets ſo viel im Hauſe hat.“ Anſtatt auf dieſen Einwand zu antworten, ſchritt der Greis auf einen neben dem Kamin ſtehenden Secretär zu; dieſen ſchloß er auf, um, nachdem er eine Schieblade herausgezogen, ein geheimes Fach zu Tage zu fördern, worin reihenweiſe etliche zwan⸗ zig Röllchen liegen mochten. Dann nahm er drei oder vier derſelben und ließ aus ihren zerriſſenen 250 Papierhüllen einen Regen von Goldſtücken auf das Büreau fallen. Der Exgaleerenſträfling verrieth die Aufregung, die über ihn kam, nur durch das plötzliche Funkeln ſeiner Augen, ſowie durch ein wildes, grimmiges Lächeln, das indeſſen auf ſeinen dünnen und farb⸗ loſen Lippen faſt in demſelben Augenblicke wieder erſtarb. „Du ſiehſt, dein Geld liegt parat,“ ſprach Gor⸗ ſaz und firirte ſeinen Mann;„ſind wir handels⸗ einig?“ „Wenn man nicht vorausbezahlt, ſo gibt man ein Draufgeld,“ erwiderte Bonnemain, der auf dem Rücken die Hände rang, um der mächtigen Verſu⸗ chung zu widerſtehen. „Da iſt es,“ ſagte der Greis, indem er an die zehn Zwanzigfrankenſtücke nahm und ſie ſeinem Ge⸗ genredner hinbot;„haſt du gethan, wie du geſagt, ſo bekommſt du noch fünfzig Mal ſo viel; du ſiehſt, es iſt Gold, du wirſt alſo auch nicht ſchwer daran zu tragen haben.“ „Oh! was das betrifft, ſo hätte ich auch Silber genommen: denn ſehen Sie, Geld iſt nie ſchwer,“ gab der Exgaleerenſträfling in ſententiöſem Tone zurück. Und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ſteckte er das erhaltene Draufgeld in die Taſche. Der Handel war nun abgeſchloſſen zwiſchen dem Manne des Bägno und dem Ereiſe, an dem bis daher kein Vorwurf gehaftet hatte. Sofort ſpra⸗ chen die beiden Mitſchuldigen über die Wege und Mittel, wie das Attentat, deſſen Opfer Arthur v. Aubian werden ſollte, ſicher zu vollführen wäre. 3 5 — * r — — N*— 251 Nur der Ungeduld ſeines Haſſes Gehör gebend, wollte der an ſeiner Ehre verletzte Ehemann eine ebenſo raſche als furchtbare Rache; bis zum Abend warten zu müſſen, däuchte ihm eine unerträgliche Qual. Der untergeordnete Mörder aber, auf den die Verantwortung und die Gefahr der Ausführung zurückfiel, bewies unſchwer, daß ein Mord, am hel⸗ len Tage ausgeführt, durchaus unthunlich ſei. „Da er gewöhnlich bei Nacht ausgeht, ſo wäre dieſer Augenblick zu wählen,“ ſprach der Exgalee⸗ renſträfling mit der Entſchiedenheit eines Mannes, der die Materie, wovon er ſpricht, gründlich kennt; „es iſt zwiſchen ſeinem Hauſe und dem Ihrigen ein kleiner, äußerſt bequemer Fußweg: dort kann man ſich hinter einem Hag verſtecken. Auf zehn Minu⸗ ten Wegs iſt kein Wohnhaus, und in der Entfer⸗ nung von einigen Schritten ſtrömt die Garonne. Der Mond geht erſt um zwei Uhr auf, und da er, wie es ſcheint, um Mitternacht ſich auf den Weg macht, ſo kann man ihn abtakeln, ohne ſich bloß zu ſtellen. Als ich den Steuereinnehmer geliefert, da hat dieſer vermaledeite Mond mich verrathen, indem ein Fuhrmann um den Weg war; und ſeitdem habe ich geſchworen, das Arbeiten beim Schein einer ſol⸗ chen Lampe außzuſtecken. Denn, ſchauen Sie, eine Lampe wie dieſe läßt ſich eben ſchlechterdings nicht auslöſchen.“ „Vor Allem muß Piquet ſeine Uhr und ſein Geld wieder haben,“ hob Herr Gorſaz wieder an. „Er hat Sie im Verdacht. Gäbe er Sie an, ſo würden Sie feſtgenommen...“ „Was Ihnen ſehr ungeſchickt käme, nicht wahr?“ 252 unterbrach in vertraulicher Weiſe der Dieb, der auf dem Punkte ſtand, wieder zum Mörder zu werden. „Begreife das; mich würde man hinter Glas und Rahmen bringen, und inzwiſchen könnte der ſchöne Herr v. Aubian die Parkmauern wieder wie früher erſteigen. Piquet ſoll alſo ſeine paar Franken ſammt ſeiner elenden Bettflaſche wieder bekommen, und das auf der Stelle: er wird darüber ſo ver⸗ dutzt ſein, daß er ſeinen eigenen Augen kaum trauen wird. Sehen Sie, es war eigentlich ein dummer Streich, daß ich etwas ſo Schofeles mir zugeeignet; denn Piquet's Bettflaſche iſt die Mühe nicht werth, die man ſich gibt, um ſie aufzuheben.“ Nachdem das Project definitiv feſtgeſtellt war, trennten ſich die beiden Männer; bevor jedoch Bon⸗ nemain das Zimmer verließ, durchforſchte er es mit jener intelligenten Aufmerkſamkeit, die ausgelernten Dieben in der Regel eigen iſt, in allen ſeinen Win⸗ keln. Er merkte ſich den geheimen Ort, wo der Greis das mit Goldröllchen gefüllte Fach wieder verbarg, ſowie die Art und Weiſe, wie derſelbe den Secretär ſchloß; endlich ſtudirte er noch den Bau des Fenſters und ſah, daß dasſelbe innen mit kei⸗ nen Läden verſehen war. Außen ſchützte eine ein⸗ fache Perſienne es gegen eine Erſteigung, welche die geringe Höhe des Stockwerks zu ebener Erde ausführbar machte. Zufrieden mit ſeiner Prüfung, grüßte der Mann des Bagno ehrerbietig denjenigen, dem er ſich verkauft hatte, und ging wieder mit der ruhigen und gutmüthigen Miene, die er gewöhnlich anzunehmen wußte, zu ſeinen Cameraden in den Garten hinaus. — 253 Im Laufe des Nachmittags wurde Herr Gor⸗ ſaz, während er längſam in einer Allee des Par⸗ kes auf⸗ und abging, von ſeinem Gärtner wieder angeredet. „Ich muß wahrlich verhert ſein,“ hob Piquet an, deſſen ſonngebräuntes Geſicht vor Freude und Verwunderung doppelt zu ſtrahlen ſchien.„Denken Sie nur, Herr Gorſaz, meine Uhr und mein Geld haben ſich in meiner Taſche wieder eingefunden, ohne daß ich mir einbilden könnte, wie ſie es ge⸗ macht, um wieder hinein zu kommen. Gäbe es noch Hereumeiſter, ſo wäre die Sache klar genug; heut zu Tage aber glaubt man an ſolche Dummheiten nicht inehr.“ „Es hat gewiß einer Ihrer Cameraden ſich auf Ihre Koſten einen kleinen Spaß machen wollen,“ gab der Greis, achſelzuckend und ſeines Weges ge⸗ hend, zurück. „Thut nichts,“ dachte Piquet,„das laſſe ich mir nicht nehmen, daß Bonnemain ein Duckmäuſer iſt, und wäre ich Herr Gorſaz, ſo würde ich ihn hübſch gehen heißen.“ III. Um die Mitte der folgenden Nacht fand auf der Kappe der Ringmauer, welche der Platanen⸗Allee gegenüber den Park des Herrn Gorſaz umſchloß, eine ſeltſame Begegnung Statt. Zwei Männer, welche die Mauer zu gleicher Zeit erſtiegen, der 254 eine von außen, der andere von innen, fanden ſich, als ſie die Spitze erreicht, unverſehens Naſe an Naſe einander gegenüber. Eine ſo unerwartete Erſcheinung hatte für beide etwas ſo Schreckenerregendes, daß die vier Hände in demſelben Augenblicke im Begriffe waren, ihre Beſitzer hinabfallen zu laſſen. Was die Ueberlegung nicht that, that der Inſtinct: die⸗ ſer machte, daß ſie ſich an die Kante der Steine anklammerten und auf dieſelbe mit einem kräftigen Ruck ſich hinaufſchwangen, um ein feſteres Terrain zu haben, als die Stützpunkte waren, deren ſie ſich bei ihrem Hinaufſteigen bedient hatten. Einen Augen⸗ blick blieben ſie unbeweglich einander gegenüber rittlings auf der Mauer ſißen, die ſie mit ihren Beinen preßten, um für den Kampf, der einem ſol⸗ chen Auftritt wahrſcheinlich folgte, die Hände frei zu haben. So nahe waren ſie einander, daß ſie trotz der Finſterniß einander zu ſehen und bald ein⸗ ander zu erkennen vermochten. Plötzliſch ſah der von außen Gekommene, wie der Arm ſeines Gegners ſich gehoben hatte; und an dem äußerſten Ende der Silhouette, die ſich raſch auf dem düſteren Azur des Himmels abzeichnete, unterſchied er die Klinge eines Meſſers oder eines Dolches. Ein Rückzug war unmöglich, längeres Warten aber mit der offenbarſten Lebensgefahr verbunden. Selbſt ohne jede Waffe warf er ſich auf den Mann, der auf ihn loszuſtoßen im Begriffe war, und packte ihn mit einer Hand am Arme, h er ihn mit der andern heftig an der Kehle aßte. „Bonnemain, wirf dein Meſſer weg,“ ſprach er — NW— M— 8—— M 255 halblaut zu ihm,„ſonſt werfe ich dich ohne Weite⸗ res über die Mauer hinab!“ Gezwungen zu gehorchen, wenn er am Leben bleiben wollte, ließ der Exgaleerenſträfling ſeine Waffe fahren, und es fiel dieſelbe in den Park hinab. „Herr v. Aubian, laſſen Sie mich hinabſteigen,“ ſprach er jetzt mit gebrochener Stimme;„ich hindere Sie ja nicht hineinzugehen, laſſen Sie mich alſo auch hinausgehen.“ „Du haſt eben einen Diebſtahl begangen,“ hob Arthur wieder an;„man erſteigt Mauern nicht, ohne irgend eine böſe Abſicht zu haben.“ „Sie thun ja ein Gleiches, Sie,“ verſetzte Bon⸗ nemain;„beweist das aber, daß Sie ein Dieb ſind?“ Durch dieſe Antwort ſtumm gemacht, ſagte Lu⸗ ciens Geliebter bei ſich ſelbſt, daß, wenn auch ein Diebſtahl begangen worden, es ihm doch unmöglich ſei, den Schuldigen feſtzunehmen, ohne die von ihm geliebte Frau zu compromittiren. „Ich will alſo den Kerl gehen laſſen,“ dachte er weiter;„ohne Zweifel gebietet ſein Intereſſe, daß ich nichts ſage; mithin wird auch er ſchweigen.“ Von dem doppelten Schraubſtock befreit, der ihm den Arm umgedreht und faſt das Athemholen un⸗ möglich gemacht hatte, neigte Bonnemain ſich, ohne ein Wort zu ſagen, und taſtete außen an der Mauer umher. Bald fand er die Strickleiter, deren Arthur ſich bedient hatte und welche oben auf der Mauer⸗ kappe ein mit kraftvoller und geübter Hand gewor⸗ fener Haken befeſtigte. Der Ergaleerenſträfling er⸗ faßte ſie kräftig und fing, ſich hinauswerfend, an, 256 mit der Flüchtigkeit eines Ei ſteigen. Als er die Hälfte ſ zurückgelegt haben mochte, hiel ſtieg faſt ebenſo geſchwind w hinabgeſtiegen war. „Nicht ſprach er zu dem jungen Man aber an, ſo ſage ich, nen Nacht ins Schlafz habe eindringen ſehen.“ Bonnemain auf kaum fühlte er dieſen unter querfeldein floh. Der Dunkel verdanken, daß er faſt alsbald eines luftigen We Ohne auf eine Antwort zu warten, den Boden hinabgleiten; und chhörnchens hinabzu⸗ 9 t er plötzlich an un ieder hinan, als er geſehen und nicht gekannt; hören Sie?“ ne;„geben Sie mich wie ich Sie in der vergange⸗ immer von Madame Gor ſaz ließ ſich den Füßen, als er heit hatte er es zu unſichtbar wurde. Eine Weile blieb Art hur unbeweglich an der Stelle, wo der geſchieden war. frühere Galeerenſträfling von ihm Der Gedanke, das Geheimniß ſei⸗ ner Liebe einem ſo elenden Menſchen preisgegeben zu ſehen, erfüllte ihn mit einem Kummer, worein Zorn ſich miſchte; bald aber ſuchte er ſich wieder zu beruhigen, indem er bei ſich ſelbſt ſagte, daß er wohl keine Indiscretion zu befürchten habe von Seiten eines Menſchen, dem ſelbſt ſein Intereſſe Schweigen gebiete. Doch empfand er, was er auch thun und ſich ſagen mochte, um den Eindruck zu verſcheuchen, den dieſer unangenehme Vorfall in ſeinem Geiſte zurückgelaſſen, eine unbeſtimmte Furcht, die ihm bei allen Gefahren ſeiner nächtlichen Ren⸗ dezvous bis daher unbekannt geblieben war. An⸗ ſtatt raſch in den Park hinabzuſteigen, wie er zu thun gewohnt war, beſann er ſich und ſtand ſchon ₰ , zu⸗ nd er 35 257 auf dem Punkte, wieder heim zu gehen; der Ge⸗ danke aber, daß Lucie ihn erwarte, ließ ihn ſeinen Entſchluß wieder ändern. Es ſiegte die Liebe über die Klugheit. Er warf alſo ſeine Strickleiter nach innen und ſah da, daß er ſie dieß Mal nicht brauchen würde; denn es hatte Bonnemain, um ſeine Flucht zu erleichtern, eine der großen Gartenleitern an die Mauer angelehnt. Bald hatte v. Aubian den Bo⸗ den erreicht, und trotzdem daß es ſtockfinſtere Nacht war, glitt er doch zwiſchen den Bäumen hindurch wie ein Menſch, der das dunkle Labyrinth genau kannte. Dem Pavillon nahe kommend, blieb er plötzlich ſtehen, da es ihm däuchte, es habe eben ein unerklärliches Geräuſch die Stille unterbrochen, welche durch den monotonen, im Laub der Bäume ſäuſelnden Wind bis jetzt kaum geſtört worden war. Als er nichts mehr hörte, fing er an weiter zu gehen; faſt in demſelben Augenblicke aber feſſelte ein vernehmlicheres Geräuſch, ähnlich der Stimme eines Menſchen, der Andere herbeiruft, ſeinen Fuß auf's Neue. Raſch folgten mehrere, von verſchie⸗ denen Punkten ausgehende Rufe, und zwar ſo, daß ſie ſich gegenſeitig zu antworten ſchienen. Offenbar waren die Hausbewohner auf den aller Wahrſcheinlichkeit nach von Bonnemain begangenen Diebſtahl aufmerkſam geworden und wurde nun der Park durchſtreift. Mit der Leichtfüßigkeit eines Damhirſches, der das erſte Bellen der Meute hört, floh Arthur wieder nach dem Orte zu, an dem er in den Park gedrungen war. In dem Augenblicke, wo er dort anlangte, ſah er ein einem Irrwiſche ähnliches Licht, das im Gehau vor ihm herlief. Bernard, Ausgew. Erzahlungen. II. 17 258 Bald konnte er einen Mann unterſcheiden, der, mit einer Laterne verſehen, die längs der Ringmauer hinlaufende enge Allee mit großen Schritten durch⸗ maß. Beim Anblick der Gartenleiter blieb der La⸗ ternenträger ſtehen nach Art eines Spürhundes, der eine Spur wittert, und hob an, Schreie hören zu laſſen, welche andere Stimmen wiederholten. Bald ſchienen zwei Lichter, dem erſten ähnlich, zwiſchen den Bäumen durch, und es ſah jetzt der Geliebte Luciens, daß der Rückweg ihm abgeſchnitten war. Einen Augenblick wußte er nicht, was er thun ſollte; dann aber ſah er ein, daß es unter den obwalten⸗ den Umſtänden das Vernünftigſte ſei, der Gefahr kühn entgegen zu gehen, anſtatt zu fliehen, da er ja doch keine Hoffnung habe, ſich ihr entziehen zu können. Er ſchritt alſo auf die Streifenden zu, die jetzt am Fuße der Leiter verſammelt ſtanden, wo ſich eine ſehr lebhafte Discuſſion entſponnen hatte. Beim Anblick des jungen Mannes, der mit einem Mal aus dem Gehau herauskam, ſchauten die Ver⸗ ſammelten gewaltig auf. Die Vorſichtigeren rühr⸗ ten ſich nicht, der Kühnſte aber warf ſich auf den Neuangekommenen, zu deſſen Erkennung er noch keine Zeit gefunden hatte. „Was gibt's denn, Piquet?“ fragte Arthur, den Anführer dieſes nächtlichen Auszugs, der ihn am Rockkragen gefaßt, zurückſtoßend. „Wie! Sie ſind es, Herr v. Aubian?“ erwi⸗ derte der Gärtner, über eine ſolche Bewegung ganz verdutzt. „Was iſt denn geſchehen, und was ſoll all' das?“ hob der junge Mann wieder an. — 259 „Ach! du Gott,“ verſetzte Piquet,„denken Sie nur, der arme Herr Gorſaz iſt eben ermordet worden.“ „Ermordet!“ rief v. Aubian erblaſſend. „Ja, es iſt ihm der letzte Blutstropfen abge⸗ zapft worden! Er hat Meſſerſtiche bekommen, daß Einem die Haut ſchaudert. Wir ſetzen dem Mör⸗ der nach, der ganz gewiß hier über die Parkmauer geflohen iſt, denn da iſt noch die Leiter, deren der Lumpenhund ſich ohne Zweifel bedient hat... Aber wie kommt es, daß Sie um dieſe Stunde im Parke ſind?“ fuhr er, den jungen Mann mit miß⸗ trauiſchen Blicken meſſend, fort. Arthur hatte inzwiſchen ſo viel Zeit gehabt, eine Geſchichte zu erfinden, welche ſeine zweideutige Stellung rechtfertigen konnte. „Dem zufolge, was Sie mir da ſagen, muß ich den Mörder geſehen haben,“ antwortete er. „Schau, ſchau! wer iſt es?... Haben Sie ihn erkannt?“ fragten zumal die drei Männer, indem ſie um ihn her eine Gruppe bildeten. „Ich kam eben von Cauderol zurück,“ ſprach v. Aubian,„und auf dem Heimwege hatte ich den Fußpfad neben dem Park eingeſchlagen. Da habe ich mit einem Mal einen Mann bemerkt, der ſich von der Parkmauer herabgleiten ließ. Dieß kam mir verdächtig vor. Ich trat alſo näher; ſobald der aber dieß ſah, nahm er die Flucht nach dem Felde hin, wo er bald meinen Augen entſchwand. Statt ſeiner habe ich nur noch eine an der Mauer vefeſtigte Strickleiter gefunden. Da ich befürchtete, daß bei Herrn Gorſaz ein Unglück geſchehen ſein 260 möchte, ſo bin ich mit Hülfe dieſer Strickleiter auf die Mauer geklettert, um bälder im Hauſe zu ſein und dort Lärm zu machen. Das wollte ich eben thun, als ich eure Laternen erblickt habe.“ „Und haben Sie ihn erkannt, den Raubmör⸗ der?“ fragte einer der Domeſtiken. „Nein,“ ſagte Arthur, der Drohung des Exga⸗ leerenſträflings ſich erinnernd. „Dieſen Coup hat nur Bonnemain ausführen können,“ meinte Piquet;„ich habe dem Duckmäuſer nie getraut.“ Plötzlich richtete einer der Arbeiter, der an der aufs Neue herumgeſtört hatte, ſich wieder auf. „Da habe ich das Meſſer,“ rief er;„es iſt noch Blut daran.“ Das Mordinſtrument wanderte von einer Hand in die andere. Es war einer jener Dolche ohne Scheide, welche von den Waffenſchmieden cataloniſche Meſſer genannt werden, und deren Klinge beim Aufſpringen durch eine Feder ſich feſtgehalten fin⸗ det. Der Stahl war ſorgfältig geputzt worden, in der Fuge des Griffes aber war noch das Blut zu ſehen, deſſen Spur man hatte vertilgen wollen. „Er kann noch nicht ſehr weit ſein,“ ſprach der Obergärtner;„wir müſſen ihm nachſetzen wie einem wüthenden Wolfe, der er in der That iſt. Auf! ihm nach, und holen wir ihn ein, ſo wie wir hier ſind! Sie aber, Herr v. Aubian, wollen Sie nicht die arme Dame Gorſaz ein bischen tröſten? Sie iſt faſt närriſch. Denken Sie doch, wie die liebe Frau ſich erſchüttert fühlen muß! Man hat nach id ne he m n⸗ ut ch ie t ie e 261 dem Doctor, dem Pfarrer, dem königlichen Procu⸗ rator, nach ich weiß nicht wem noch geſchickt! Ge⸗ wiß aber würde es ſie freuen, wenn Sie, ein Haus⸗ freund, ſie beſuchten.“ Argwöhniſch wie Alle, die kein ganz gutes Ge⸗ wiſſen haben, glaubte Arthur in dieſen Worten eine ironiſche Abſicht zu erblicken, die aber dem ſchlichten Sinn des ehrlichen Gärtners ganz und gar fremd war. Indeſſen fürchtete er, es möchte eine Weige⸗ rung von ſeiner Seite ihn in Verdacht bringen, wozu dann noch das ſchmerzliche Verlangen kam, die von einem ſo gräßlichen Unglück betroffene Lu⸗ cie zu ſehen und ſie ſeiner ewigen Liebe und Er⸗ gebenheit zu verſichern. Einen andern Troſt ließ die Kataſtrophe im Augenblick nicht zu.. Er beglei⸗ tete alſo, ohne ein Einwendung zu machen, den Obergärtner Piquet, der wieder den nach dem Wohn⸗ hauſe führenden Weg einſchlug und als Beweisſtücke das Dolchmeſſer und die Strickleiter mitnahm. „Wie vorſichtig doch der Böſewicht zu Werke gegangen!“ ſprach der Gärtner unterwegs;„er wird gedacht haben, ſeine Leiter ſei zu ſchwer, um ſie über die Parkmauer herüberbringen zu könnenz darum hat er dieſe Hakenſtrickleiter— ein wahres Diebsinſtrument— mitgenommen. Man muß wahr⸗ lich gute Fäuſte und feſte Lenden haben, um an einem ſolchen Dinge hinauf⸗ und hinabzuklettern.“ „Iſt Herr Gorſaz todt?“ fragte v. Aubian mit nachdenkſamer Miene. „Der arme liebe Mann iſt um kein Haar beſſer daran, wenn er es auch noch nicht iſt,“ gab der Gärtner, den Schritt beſchleunigend, zurück. 262 Der Ort, wo das Verbrechen verübt worden, war dasſelbe Schlafzimmer, das wenige Stunden vorher den Greis und den Ergaleerenſträfling zu dem bewußten Zwecke vereinigt geſehen hatte. Der Mörder war durch das Fenſter eingedrungen, indem er die inneren Haken der Rolljalouſie zwiſchen zwei Brettchen hindurch lüpfte und, ein Stück Pech zu Hülfe nehmend, die Scheibe herausnahm, hinter welcher der Drehriegel ſich befand. In ſeinem Bette und vielleicht im Schlafe überfallen, war Herr Gor⸗ ſaz, allem Anſchein nach, ſofort von Meſſerſtichen durchbohrt worden. Ohne Zweifel war auch ſein Widerſtand nur ein ſchwacher und kurzer geweſen, da man ihn wie ſonſt in ſeinem Bette liegend fand. Die Bettdecke war nur ganz wenig in Unordnung gebracht worden. Wären die Betttücher nicht ſo voll Blut geweſen, ſo hätte man den im Bette Lie⸗ genden für einen Schlafenden halten können. Nach der Verübung des Mords hatte der Thäter den Secretär aufzubrechen verſucht. Bei dieſem Ver⸗ ſuche war eine auf dem Kamin ſtehende Vaſe, welche der Mörder ohne Zweifel unſanft berührt hatte, mit ziemlichem Geräuſche auf den Boden ge⸗ fallen; und nun erſt war ein in einem anſtoßenden Cabinet ſchlafender Domeſtik aufgewacht und hatte Lärm gemacht. Das Schauſpiel, das beim Eintritt in dieſes Zimmer ſich Arthurs Augen darbot, verdoppelte die tiefe Bewegung, wovon ſein Gemüth beherrſcht war. Beim Schein mehrerer, da und dort ſtehender Lich⸗ ter zeichnete ſich eine ſtumme, beſtürzte, aber thä⸗ tige Gruppe. Das Bett, worin das Opfer lag, S5 v S. 2 3 — — w 8—„ — 263 war mitten in das Zimmer gezogen worden, um dem bereits angekommenen Arzte ſeine Arbeit zu erleichtern. Zu den Häupten des Bettes ſtand ein greiſer Prie⸗ ſter, auf irgend ein Lebenszeichen wartend, um ſei⸗ nerſeits die Pflichten ſeines Amtes zu erfüllen. Aus der Bewegung ſeiner Lippen aber ließ ſich abnehmen, daß er mit dem Beten nicht erſt gewar⸗ tet hatte, bis es ihm möglich ſein würde, die Ab⸗ ſolution zu ertheilen. Dieſe beiden, mit einem gleich ſchweren und faſt gleich heiligen Amte be⸗ trauten Männer hatten ſich im gleichen Augenblicke eingefunden. Gewohnt, einander am Todbette zu treffen, hatten ſie kaum ein Wort ausgetauſcht; ohne einen Augenblick zu verlieren, hatte der Arzt ſeine Arbeit begonnen; was den Prieſter betrifft, ſo hoffte er die ſeinige noch beginnen zu können. Zu den Füßen des Bettes ſtand die Frau des Greiſes unbeweglich; ihre Hände hatten ſich an den obern Rand des ebengenannten Möbels angeklammert, den ſie mit unbezwingbarer Energie erfaßte in dem Augenblicke, wo man ſie dieſem blutigen Schauſpiele hatte entreißen wollen. Auch nicht eine Thräne rann über ihre Wangen herab, auch nicht ein ächzender Laut entſtieg ihren Lippen; ſo blaß, wie wenn ſie ſelbſt dem Tode nahe geweſen wäre, mit ſtierem Auge und convulſiviſch geſchloſſenen Zähnen blickte ſie ihren Gatten in ſtummer Beſtürzung an; und als hätte ſie beſſer ſehen wollen, ordnete ſie von Zeit zu Zeit mit einer halb wahnſinnigen Geberde ſeine ſchwarzen, unordentlich über Stirn und Schultern herabfallenden Haare. Als Lucie ihres Geliebten anſichtig wurde, legte 264 ſie weder Verwirrung noch Ueberraſchung an den Tag; es ſchien, als habe das Uebermaß der Auf⸗ regung die Quelle der alltäglichen Gefühle in ihr gänzlich vertrocknet. Mit einem tiefen Blicke deu⸗ tete ſie auf den lebloſen Körper des Greiſes und nahm faſt gleichzeitig die düſtere Haltung wieder an, welche an die Opfer des antiken Fatums mahnte. Von der Leidenſchaft gewiegt und oft eingeſchläfert, wacht das Gewiſſen beim Schauſpiele des Todes ſtets wieder auf. Als Arthur den Mann, an deſ⸗ ſen Gaſtfreundſchaft er zum Verräther geworden, in ſeinem Blute gebadet ſah, fühlte er, wie ein Theil der Gewiſſensbiſſe, welche die Ehebrecherin ſtachelten, in ſein eigenes Herz einzog. In dieſem Augenblicke an die Frau, die er liebte, auch nur ein Wort zu richten, auch nur einen Blick auf ſie zu heften, auch nur einen Gedanken ihr zuzu⸗ wenden, erſchien ihm als einé gräßliche, odiöſe Pro⸗ fanation. Anſtatt ſich alſo ihr zu nähern, ſtellte er ſich neben den Prieſter und ſprach mit leiſer Stimme zu ihm: „Iſt noch Hoffnung da, daß er gerettet wird?“ „Das weiß nur Gott allein!“ antwortete der Greis, indem er die Augen zum Himmel emporhob. Mehrere Stunden verſtrichen, und immer noch ſchienen die Bemühungen der Kunſt vergeblich. Bei Herrn Gorſoz kehrte das Bewußtſein nicht wieder, und jeden Augenblick ſchien ſogar das Athmen auf⸗ hören zu wollen. Der Arzt, der bei ſeiner erſten Unterſuchung geglaubt hatte, die Verſicherung geben zu können, daß die Wunden keineswegs tödtlich wären, fing an, die Hoffnung zu verlieren. Die 265 abſolute Fühlloſigkeit, die er anfänglich dem ſtarken Blutverluſte und der Gebrechlichkeit des Alters zu⸗ geſchrieben hatte, ließ ihn, als ſie über alle Erwar⸗ tung lange dauerte, befürchten, daß der Dolch des Mörders ein edles Organ getroffen haben möchte. Von Zeit zu Zeit neigte er ſich zum Verwundeten und lauſchte unruhig den ſchwachen Athemzügen, welche deſſen Bruſt ſich entrangen. Endlich run⸗ zelten einige nervöſe Contractionen die grabartige Unbeweglichkeit, welche das Geſicht des Greiſes bis dahin bewahrt hatte; er athmete ſtärker; nach ei⸗ ner ſchmerzlichen Anſtrengung öffneten ſich ſeine Au⸗ genlider zur Hälfte; er ſuchte ſich aufzurichten, allein es gelang ihm nicht, und eine Zeitlang lag er mit geöffnetem Munde und geöffneten Augen da, obgleich er nicht ſehen und ſprechen konnte. „Herr Pfarrer, ich glaube, Sie können zu Bette gehen,“ ſprach der Arzt und wiſchte ſich die Stirne ab;„nun weiß ich gewiß, daß wir ihn davonbrin⸗ gen.“ Zum erſten Mal ſuchten jetzt von Aubian's Augen die Luciens, jedoch ohne ihnen zu begeg⸗ nen. Als die junge Frau die Worte des Arztes hörte, hatte ſie ſich auf die Knie niedergeworfen, und eben ſchien ſie in ein brünſtiges Gebet verſunken. Der Tag war ſchon eine Weile angebrochen. Vor dem Hauſe hatte ſich eine Gruppe von Bauern und Arbeitern gebildet, deren laute Geſpräche deut⸗ lich genug ſagten, welchen Eindruck die Nachricht von dem an der Perſon eines reichen und allge⸗ mein geachteten Mannes verübten Morde in der Nachbarſchaft hervorgebracht hatte. Plötzlich ver⸗ 266 doppelte ſich die Gährung in dieſer kleinen Volks⸗ verſammlung und nahm einen Charakter der Wuth an, als Bonnemain in Sicht kam, der, die Hände auf den Rücken gebunden, in einer Art Triumph⸗ aufzug von zwei Bauern unter Piquet's Anführung näher gebracht wurde. Die Verwünſchungen, die Drohungen, die den alsbaldigen Tod des Gefan⸗ genen verlangenden Schreie, womit in ſolchen Fäl⸗ len, und ganz beſonders im Süden, das Volk ſo freigebig zu ſein pflegt, bildeten ein ſchauerliches Concert. Schon wollte man auf den muthmaßli⸗ chen Urheber des Mordes mit Steinen, und viel⸗ leicht mit Meſſern einſtürmen, als der Volkshaufen ſich mit einem Mal durch eine in ſcharfem Trabe herankommende Kutſche getheilt ſah. Es ſprang daraus ein ſchwarz gekleideter Mann hervor, deſſen Phyſiognomie nicht minder ernſt und ſtreng war als ſeine ganze Haltung. „Im Namen des Geſetzes,“ rief er mit gebiete⸗ teriſcher Stimme,„enthalte ſich ein jeder von euch, dieſem Manne ein Leid zuzufügen!“ Als man den königlichen Procurator vom Tri⸗ bunal zu la Reole erkannte, verzichteten die Heftig⸗ ſten auf den von ihnen beabſichtigten Act ſumma⸗ riſcher Juſtiz, und zu ſchreien aufhörend, wichen ſie einige Schritte zurück. Was den Magiſtrat betrifft, ſo ließ er, nachdem er einige Fragen an Piquet geſtellt, die Bande des Gefangenen löſen. Daß letzterer erſt nach verzwei⸗ felter Gegenwehr unterlegen war, war nur allzu⸗ deutlich aus ſeinen kothbeſudelten Kleidern und ſei⸗ nem mit braunen und blauen Flecken bedeckten Ge⸗ ——— w v S WX cS1 V 55 S E N — 267 ſichte zu erſehen. Proviſoriſch ließ der königliche Procurator ihn von den Männern bewachen, die zu ſeiner Verhaftung freiwillig die Hand geboten; ſodann trat er ins Haus hinein, um die Unterſu⸗ chung zu beginnen, zu der ein eigener Bote ihn mitten in der Nacht herbeigeholt hatte. i6 Dank der verſtändigen Hülfe, welche ihm fort⸗ während zu Theil wurde, hatte Herr Gorſaz all⸗ mählig wieder ſein volles Bewußtſein, ſowie etwas Kraft erlangt, wenn er auch immer noch nicht im Stande war, ein Wort zu articuliren. Einſtweilen nahm der königliche Procurator genaue Einſicht von den Localitäten und ließ mit ſcrupulöſer Auf⸗ merkſamkeit alle Gegenſtände ſammeln, die ſpäter als materielle Beweiſe bei der öffentlichen Verhand⸗ lung des Prozeſſes vorgelegt werden ſollten. Unter den im Hauſe verſammelten Perſonen hatte nur eine einzige ſchon vorher erklärt, daß ſie den Mör⸗ der habe fliehen ſehen. Dieſe Perſon war Arthur von Aubian, welcher ſich gezwungen ſah, die halb lügenhafte Erzählung zu wiederholen, an deren ein⸗ zelnen Umſtänden Piquet bereits dieſes und jenes geändert hatte. „Der Gärtner irrt ſich alſo,“ ſprach der Magi⸗ ſtrat zu ihm,„wenn er behauptet, daß Sie glaub⸗ ten, Sie hätten in dem die Mauer erſteigenden Manne Bonnemain erkannt?“ ——= 268 „Ich habe ſein Geſicht nicht geſehen, mithin kann ich ihn auch nicht erkannt haben,“ antwortete Arthur, der ſeine Ausſage mit feſter Hand unter⸗ ſchrieb, entſchloſſen, wie er war, die Ehre der von ihm geliebten Frau zu retten, ſelbſt wenn es ihm einen falſchen Eid koſten ſollte. Nach Beendigung dieſer Präliminarien trat der königliche Procurator, den es drängte, endlich zum Hauptpunkt ſeiner Unterſuchung zu kommen und den Angeklagten dem Opfer gegenüberzuſtellen, wieder in das Zimmer des Herrn Gorſaz. Er näherte ſich dem Bette des Greiſes, der trotz ſeines Schwä⸗ chezuſtandes aufzuſitzen verſuchte und dem Manne des Geſetzes mit einem Blicke zu danken ſchien, woraus wieder Verſtand leuchtete. „Noch kann er nicht ſprechen,“ ſprach der Arzt zum Magiſtrat halb laut;„doch hört und verſteht er, was man zu ihm ſagt.“ „Herr Gorſaz,“ hob jetzt der königliche Procu⸗ rator, zum Bette ſich hinabbeugend, an,„bald wer⸗ den Sie hoffentlich uns mündlich diejenigen Mitthei⸗ lungen machen können, welche die Juſtiz erwartet, um das Verbrechen beſtrafen zu können, deſſen Opfer Sie geworden. Einſtweilen antworten Sie mir gefälligſt durch Zeichen... Ein Wachsſtock, den man auf dem Secretär gefunden, weckt die Vermu⸗ thung, daß der Mörder, wenigſtens da, als er den Diebſtahl zu verüben ſuchte, ſich eines Lichtes be⸗ dient hat. Vielleicht haben Sie ihn in dieſem Au⸗ genblicke ſehen können. Iſt dieſe Vermuthung be⸗ gründet? Haben Sie den Mörder geſehen?“ „0 ——, ————+ r X e 8 — ₰ 269 Mit einiger Anſtrengung konnte Herr Gorſaz ein bejahendes Zeichen machen. „Würden Sie ihn wieder erkennen, wenn er Ihnen vorgeführt würde?“ Mit noch größerer Energie wiederholte der Greis die gleiche Bewegung, während ein Ausdruck des Abſcheues in ſeinen Augen ſich malte. „Herr Procurator,“ ſprach hier der Arzt, nach⸗ dem er den Staatsanwalt beiſeit genommen,„ich muß Ihnen erklären, daß eine Gegenüberſtellung in dieſem Augenblicke eine gefährliche Sache iſt. Der Zuſtand des Verwundeten iſt gar precär, und es kann nicht fehlen, daß der Anblick des Mör⸗ ders bei ihm eine Aufregung hervorruft, die klu⸗ ger Weiſe vermieden werden ſollte.“ „Gerade weil ich mit Ihnen den Zuſtand des Verwundeten als ſehr precär betrachte,“ antwortete der Procurator,„ſcheint es mir unmöglich, mit einer Gegenüberſtellung zu zögern, die allein auf dieſe Sache ein entſcheidendes Licht werfen kann. Im Intereſſe der Geſellſchaft, ſowie in dem des Angeſchuldigten darf ich das einzige Mittel, die Wahrheit unwiderleglich zu conſtatiren, nicht ver⸗ nachläſſigen. Stürbe uns Herr Gorſaz, was bliebe dann noch? Materielle Indicien, mehr oder minder gravirende Vermuthungen, aber kein Augenzeugniß, da Herr von Aubian erklärt, er habe den Fliehen⸗ den nicht erkannt. Es gilt alſo, den luciden Zu⸗ ſtand des Verwundeten unverzüglich zu benützen; denn dieſer Zuſtand kann von einem Augenblick zum andern ſich verſchlimmern.“ „Er wird und muß ſich aber verſchlimmern, 270 dieſer Zuſtand, wenn Sie den Mörder in dieſes Zimmer eintreten laſſen,“ ſprach der Arzt lebhaft. „Können Sie mir bei Ihrer Ehre dafür bür⸗ gen,“ fragte der königliche Procurator,„daß Herr Gorſaz morgen früh noch am Leben iſt?“ „Eine ſolche Bürgſchaft möchte ich für keinen Menſchen auf der Welt übernehmen,“ gab der Arzt zurück, der eine directe Antwort verweigerte;„thun Sie, was Sie wollen. Indem ich gegen eine Maß⸗ regel Proteſtation einlege, die einem Patienten das Leben koſten kann, erfülle ich bloß meine Pflicht.“ „Wie ich die meinige erfüllen werde, wenn ich den Verbrecher um jeden Preis zu entdecken be⸗ ſtrebt bin.“ „Selbſt auf Koſten des Lebens eines Greiſes?“ fragte der Arzt mit edlem Ungeſtüm. „Herr Doctor,“ erwiderte der Magiſtrat mit ſtrenger Miene,„Sie ſprechen als Apoſtel der Menſchlichkeit; ich darf Ihnen alſo Ihre Worte nicht übel nehmen. Ich dagegen bin der Reprä⸗ ſentant der Geſellſchaft, und es muß Ihnen da⸗ her gleichfalls einleuchten, daß es mir unmöglich iſt, meinem Mandat untreu zu werden, wie groß auch deſſen Härte zuweilen ſein mag. Ich bedaure, daß ein ſolcher Streit zwiſchen uns entſtanden, ob⸗ gleich er in Wahrheit nur etwas Ehrenvolles hat, da er beweist, daß wir beide unſere Pflichten ken⸗ nen. Wäre ich an Ihrer Stelle, ſo würde ich viel⸗ leicht ebenſo handeln; erlauben Sie mir zu glau⸗ ben, daß Sie an meiner Stelle nicht anders han⸗ deln würden, als ich jetzt handle.“ Die beiden Männer trennten ſich gleich ernſt. — ,— — ———— e—— 271 Während der königliche Procurator das Zimmer verließ, um zur Vorführung des Angeſchuldigten Befehl zu geben, trat der Arzt auf Herrn v. Au⸗ bian und den Geiſtlichen zu, die, ſeit Herr Gor⸗ ſaz wieder zu ſich gekommen, in eine Ecke ſich ge⸗ ſtellt hatten, wo der Kranke ſie nicht ſehen konnte; — der Prieſter, um ihm nicht zu zeigen, daß ſein Zuſtand als ernſt genug angeſehen werde, um den Beiſtand der Religion zu erheiſchen;— Arthur, in Folge eines Schamgefühls, das im Herzen eines ehrlichen Menſchen durch das Bewußt⸗ ſein geweckt wird, daß man Jemand, den man achtet, auf eine nicht wieder gut zu machende Weiſe verletzt hat. „Herr Pfarrer,“ hob der Arzt mit unzufriede⸗ ner Miene an,„es iſt die menſchliche Gerechtigkeit nur wenig menſchlich. Sie ſollten über dieſen Text einmal predigen. Während Sie Ihre Soutane aus chriſtlicher Liebe verbergen, um den armen Mann nicht zu erſchrecken, tiſcht uns der königliche Procu⸗ rator ein Gericht nach ſeiner Fagon auf. Ihm liegt am Uebrigen wenig, wenn er nur ein vollſtändiges Protocoll bekommt. Er wird den Mörder in dieſes Zimmer einführen. Ich habe ihm bemerkt, daß ich für nichts ſtehe; gleichwohl beharrt er auf ſeinem Vorhaben. Ich kann es nicht hindern, und waſche meine Hände in Unſchuld.“ „Man muß Madame Gorſaz von hier wegbrin⸗ gen,“ ſagte Arthur, dem Lucie in dieſem Augen⸗ blicke ebenſo viel Mitleid als Liebe einflößte. „Das wollte ich eben auch ſagen,“ erwiderte der Arzt.„Nur Ihnen, Herr Pfarrer, wird das ge⸗ — 272 lingen. Bringen Sie ſie alſo weg und laſſen Sie ſie nicht mehr hieher kommen. Sollte man Ihrer benöthigt ſein, ſo werde ich Sie holen laſſen; ſie aber darf nicht mehr hieher kommen. Sie hat eine nervöſe, höchſt reizbare Organiſation, und ich befürchte, es könnte ihr das Blut in den Kopf ſtei⸗ gen. Es gibt Perſonen ihres Geſchlechts, die we⸗ niger Anlage zum Wahnſinn haben, als ſie zuweilen zeigt, wenn ſie ſtark aufgeregt iſt,— und die den⸗ noch überſchnappen. Man geſtatte ihr nicht, ihr Zimmer zu verlaſſen; ſobald ich abkommen kann, will ich ſie aufſuchen. Vielleicht daß eine Aderläſſe bei ihr nothwendig wird.“ „Erſcheint ihr Zuſtand Ihnen wirklich als be⸗ unruhigend?“ fragte v. Aubian, den dieſe ärztliche Erklärung unruhig machte. „Mein lieber Herr,“ ſagte der Arzt ihm ins Ohr,„der Zuſtand einer ungeheuer nervöſen und an einen Greis verheiratheten jungen Frau iſt ſtets beunruhigend.“ Die doppelte Autorität ſeines Alters und ſeines Standes nützend, konnte der Geiſtliche Lucien aus dem Zimmer fortbringen. In dem Augenblicke, wo beide es verließen, kam der königliche Procurator zurück, gefolgt von Bonnemain, den auf jeder Seite ein Bauer feſthielt. Beim Anblick des Mörders wandte Madame Gorſaz den Kopf weg und fiel halb auf den Arm des Prieſters, der, raſcher gehend, bei ſich ſelbſt ſprach:* „Bei dieſem ſo großen Unglück— oh! wie danke ich dir, Gott, daß der Thäter kein Gemeindegenoſſe iſt!“ 273 Sie Am Eingang des Zimmers blieb der Angeſchul⸗ rer digte mit ſeinen Wächtern ſtehen, während der Ma⸗ ſie giſtrat allein zu dem Verwundeten hinging, um ihn at auf dieſe Scene vorzubereiten. ich„Jetzt iſt der Augenblick der Kriſe gekommen,“ ei⸗ ſprach der Arzt zu v. Aubian;„unterſtützen Sie e⸗ mich, denn es ſind dieſe Domeſtiken ſo ungeſchickt, len daß von ihnen keine Hülfe zu erwarten iſt. Stecken n⸗ Sie den Arm unter das Kopfliſſen und ſtützen Sie hr Herrn Gorſaz; in ſeiner jetzigen Lage kann er den in, Menſchen, den man hereinbringt, nicht ſehen, und ſſe man muß die Sache möglichſt abkürzen.“ Nachdem der königliche Procurator ſich überzeugt be⸗ hatte, daß der Verwundete, wenn auch noch der che Stimme beraubt, die Scene, welche jetzt Statt fin⸗ — den ſollte, begriff, ſowie daß derſelbe letztere aus⸗ ins halten dürfte, bedeutete er Bonnemain durch ein nd Zeichen, näher zu treten. ets Der Exgaleerenſträfling warf zuerſt einen wil⸗ den Blick im Zimmer umher und ſchien die Chan⸗ tes cen einer Flucht zu berechnen, deren Unmöglichkeit us er indeſſen alsbald einſah. Er ergab ſich alſo in wo ſein Schickſal, kam langſam näher und blieb, zwei tor Schritte von ſeinem Opfer weg, unbeweglich ſtehen ite mit geſenktem Haupt, mit lividem Geſicht, und— was alle Anweſenden wahrnehmen mußten— am me ganzen Leibe zitternd. rm„Hat doch der alte Gauner ein zähes Leben!“ bſt dachte er, als er gewahrte, wie Herr Gorſaz ein Paar Augen auf ihn heftete, welches er für immer — geſchloſſen geglaubt hatte. t Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 18 274 Die vom Arzt gefürchtete Kriſe gab ſich auf der Stelle kund. Beim Anblick des Mörders kam über den Greis, trotz der von ihm bewieſenen Energie, ein Schrecken, deſſen Heftigkeit die plötzliche Verän⸗ derung ſeiner Geſichtszüge bezeugte. Schon ſehr blaß, wurde er noch bläſſer; ſeine Augenlider ſchloſ⸗ ſen ſich, und es fiel ſein Kopf auf das Kopfkiſſen zurück, wie wenn der Anblick des Exgaleerenſträf⸗ lings das Werk des Dolches beendigt hätte. Während der Arzt ſich beeilte, ein ſtärkendes Mittel zu bereiten, neigte ſich Arthur, deſſen Arm den Verwundeten ſtützte, zu dieſem, um ihn an ei⸗ nem Fläſchchen riechen zu laſſen. In dieſem Augenblicke öffnete Herr Gorſaz die Augen wieder, und da gewahrte er denn dicht an ſeinem Geſichte das des Mannes, dem zu Liebe Lucie ihm untreu geworden war. Eine Weile ſchaute er ihn beſtürzt an, wie wenn er eine jener Erſcheinungen vor ſich gehabt hätte, woran uns die Vernunft nicht glauben läßt; mit einem Mal aber entzündete ſich wieder eine Flamme auf ſeinen Ge⸗ ſichtszügen, welche der Tod ſchon mit ſeiner eiskal⸗ ten Hand zu verzerren ſchien. Haß, Unwille, Wuth, Rache— alle jene blutgierigen Leidenſchaften, die ſeit dem vergangenen Tage ſein Herz zerriſſen, blitzten in einem einzigen Zuge aus ſeinen Augen. Ohne alle fremde Unterſtützung und in Folge einer unglaublich heftigen Bewegung richtete ſich der Greis auf; dann ſtreckte er die Hand nach Arthur aus, den dieſe Geberde mit einer Art abergläubi⸗ ſchen Entſetzens erfüllte, und machte, um einige Worte hervorzubringen, krampfhafte Anſtrengungen, 275 die endlich die Bande lösten, wodurch ſeine Zunge bis dahin ſich gefeſſelt gefühlt hatte. „Der Mörder! der Mörder!“ rief er mit einer Stimme, welche aus einem Grabe zu kommen ſchien. Hätte der Blitz im Zimmer eingeſchlagen, er hätte dort kaum einen Eindruck hervorgebracht, der dem von dieſem fürchterlichen und rachedurſtenden Ausrufe verurſachten vergleichbar geweſen wäre. v. Aubian blieb ſprachlos und war, wie ein ſich ſchuldig fühlender, zu Boden geſchmettert; über die Lippen des Exgaleerenſträflings aber irrte ein dum⸗ mes Lächeln hin. Was den königlichen Procurator und den Arzt betrifft, ſo wechſelten ſie einen viel⸗ ſagenden Blick; der letztere ging zum Kranken hin, erfaßte ſeinen Arm und fühlte ihm den Puls: „Aegri somnia,“ ſprach er, zum Magiſtrat ſich wendend. Herr Gorſaz ſtieß den Arzt zornig zurück. „Nein,“ ſprach er heiſer, aber vernehmlich,„es iſt nicht der Traum eines Kranken; das Blut, das ich verloren, hat mir den Verſtand nicht geraubt. Ich bin meiner vollkommen bewußt; ich ſehe euch alle... Sie ſind Herr Mallet... Sie— Sie ſind Herr Carigniez, königlicher Procurator zu la Reole; eben iſt der Pfarrer mit meiner Frau zur Thüre hinausgegangen... das ſind Arbeiter, welche bei mir beſchäftigt ſind, und dieſer Menſch...“ fuhr er, Arthur mit einer wutherfüllten Geberde bezeichnend, fort....„dieſer Menſch iſt mein Mör⸗ der.“ „Ihr noch ſchwaches Auge täuſcht Sie ohne 18 276 B Zweifel,“ ſagte der Magiſtrat, der, ganz wie Herr Mallet, immer noch nicht glauben wollte, daß der Verwundete ſein volles Bewußtſein wieder erlangt habe;„ſchauen Sie hieher: erkennen Sie nicht den hier zu meiner Rechten ſtehenden Menſchen als Ih⸗ ren Mörder?“ „Keine Dummheiten, Herr Magiſtrat, wenn ich bitten darf!“ rief Bonnemain;„Sie ſehen ja, daß er den Andern als ſeinen Mörder erkannt hat: ich rufe alle Anweſenden auf, mir das zu bezeugen.“ Der Greis überwand den Abſcheu, den der An⸗ blick des Erxgaleerenſträflings bei ihm hervorrief, und ſah den letzteren einen Augenblick mit affe⸗ tirter Ruhe an. „Dieſer Menſch,“ ſprach er,„heißt Bonnemain; mein Gärtner beſchäftigt ihn. Nicht er iſt es, der mich hat ermorden wollen, nein... ſondern der, den ich bezeichnet— Arthur v. Aubian... Thun Sie, was Ihres Amtes iſt, Herr Procurator; viel⸗ leicht daß ich nur noch einige Augenblicke zu leben habe; man ſchreibe meine Erklärung nieder. Sterbe ich, ſo beſchwöre ich euch alle, vor den Geſchwornen meine letzten Worte zu wiederholen... Schreiben Sie, ſage ich... doch nein, man gebe mir eine Fe⸗ der; ich werde wohl noch ſo viel Kraft haben, um ſelbſt zu ſchreiben.“ „Das läßt ſich einmal hören!“ ſprach Bonne⸗ main bei ſich ſelbſt und athmete freier, als er bis jetzt gethan;„hätte man es immer mit Leutchen ſol⸗ chen Schlags zu thun, ſo wäre es eine wahre Freude zu arbeiten. Wahrhaftig, ein Menſch, der Geſchäftsſachen ſo raſch und mit ſolcher Leichtigkeit 277 abmacht, iſt mir bis jetzt noch nicht vor Augen ge⸗ kommen. Wie es ſcheint, ſo hat der alte Duckmäu⸗ ſer die Strickleiter des großen Braunen noch nicht verdaut; das kommt mir ganz recht.“ v. Aubian hatte auch nicht ein Wort von ſich gegeben; das Opfer einer Rache, deren Schwert er nicht abwenden konnte, ohne eine von ihm geliebte Frau öffentlich zu entehren, hüllte er ſich in ein Schweigen der Reſignation und der Verachtnng. „Mein Herr,“ ſprach der königliche Procurator zu ihm in einem Tone der Verlegenheit, der bei Juſtizbeamten ſelten genug iſt,„ſo ſeltſam uns al⸗ len die Erklärung des Herrn Gorſaz auch däucht, ſo iſt es mir doch unmöglich, ſie nicht buchſtäblich in mein Protocoll aufzunehmen.“ „Thun Sie Ihre Pflicht, mein Herr,“ antwortete Arthur mit ernſter Miene. Der Aufforderung des Herrn Carigniez Folge leiſtend, erzählte der Greis die Einzelheiten des Mords, dem er zum Opfer gefallen; und zwar ſagte er in allen Stücken die Wahrheit, nur in ei⸗ nem nicht. Trotz aller Einwendungen, die der Verhörende an ihn richtete, unterſchob er unabän⸗ derlich den Namen von Luciens Liebhaber, anſtatt den des wahren Mörders anzugeben. In dem Au⸗ genblicke, wo er die Feder ergriff, um dieſe Erklä⸗ rung zu unterſchreiben, die einen Unſchuldigen auf's Schaffot bringen konnte, trat der Pfarrer ins Zim⸗ mer. Beim Anblick des Dieners einer Religion, welche da gebietet, daß wir unſern Schuldigern ver⸗ geben ſollen, hatte Herr Gorſaz einen Moment der Unſchlüſſigkeit. Doch trug die Rache nur allzu bald 278 den Sieg davon. Mit noch feſter Hand unter⸗ ſchrieb er das Protocoll, um ſofort auf das Kopf⸗ kiſſen zurückzuſinken, erſchöpft, wie er war, von den unerhörten Anſtrengungen, die er gemacht, um ſeine Rache einem authentiſchen Acte anzuvertrauen und ſie ſo zu ſichern. „Iſt es aus?“ fragte der Arzt den Magiſtrat; „ſchon iſt er halb todt; wie mir ſcheint, ſo ſollte Ihnen das genügen. Haben Sie nicht Alles erfahren, was Sie wiſſen wollten?“ „Oh! ich habe mehr erfahren, als ich wiſſen wollte,“ erwiderte Herr Carigniez mit ſorgenvoller Miene;„was halten Sie vom Zuſtande des Herrn Gorſaz? Glauben Sie immer noch, daß die Hal⸗ lucinationen des Fiebers zu dieſer ſeltſamen Erklä⸗ rung in irgend einer Weiſe beigetragen haben?“ „Ich kann, und ſollte mein Leben davon ab⸗ hangen, meinem Gewiſſen nicht lügen,“ erwiderte der Arzt.„Herr Gorſaz iſt in dieſem Augenblicke fieberles, und es weiß derſelbe gar wohl, was er ſagt. Spricht er die Wahrheit? Das iſt eine Frage, welche ich nicht zu beantworten vermag.“ „Und Sie, Herr Pfarrer, werden Sie mich mit Ihrer Einſicht unterſtüten?“ fragte der königliche Procurator den Geiſtlichen, der, nachdem er von der Erklärung des Greiſes Einſicht genommen, in ſtumme Beſtürzung verſenkt geblieben war. „Ein wahrer Chriſt hätte verziehen,“ antwortete der alte Prieſter, dem Lucie von neuen Fehltritten gefolgte Geſtändniſſe abgelegt hatte. „Was verziehen?“ fragte der Magiſtrat. 279 Der Geiſtliche ſah ein, daß, wenn er noch ein Wort ſagte, er das Beichtgeheimniß verrieth. „Gott liest in den Herzen,“ gab er bewegt zu⸗ rück;„er allein kann die Menſchen erleuchten, wel⸗ chen die Aufgabe geworden, Recht und Gerechtigkeit hienieden zu handhaben. Er muß die Unſchuld ans Licht ſtellen und den Verbrecher beſſern, indem er Reue in ihm erweckt.“ „Ich möchte Ihre Anſicht kennen,“ beharrte der königliche Procurator;„glauben Sie Herrn v. Au⸗ bian des Mordes ſchuldig, der ihm zur Laſt gelegt wird?“ „Ich halte ihn für unſchuldig, Herr Procura⸗ tor,“ gab der Prieſter mit vieler Wärme zurück. „Wie erklären Sie ſich dann das Benehmen des Herrn v. Gorſaz?“ Statt aller Antwort ſchlug der Greis die Augen nieder. Herr Carigniez aber, der ſich vor einen Schreibtiſch geſetzt hatte, um das Protocoll noch ein Mal zu leſen, ließ den Kopf auf beiden Hän⸗ den ruhen und behielt dieſe nachdenkende Stellung eine Zeitlang bei. „Nur der Diebſtahlsverſuch macht mir zu ſchaf⸗ fen,“ ſprach er endlich bei ſich ſelbſt;„der Mord gehört allen Claſſen der Geſellſchaft an, dieſer Diebſtahl aber!— nein, der iſt und bleibt mir unerklärlich. Wohl mag ein reicher Mann aus Eiferſucht, aus Rachſucht zum Mörder werden, nie aber wird er das aus Habſucht. Die Leidenſchaft erzeugt den Mord, der Mangel den Diebſtahl; hier iſt die Leidenſchaft vielleicht vorhanden, wo iſt aber der Mangel?— Herr v. Aubian iſt doch ein Mann 280 von Vermögen?“ fragte er endlich halblaut, zum Arzte ſich wendend. „Ja, wenn das leidige Spiel ihm noch etwas gelaſſen hat,“ gab dieſer in gleichem Tone zurück. „Ah! er iſt ein Spieler?“ fragte der Magiſtrat. „Ein etwas ruinirter Spieler, wie ich glaube,“ verſetzte Herr Mallet;„man hat ihn zu Bordeaur an einem einzigen Abende zwölftauſend Franken verlieren ſehen.“ „Das gibt der Sache ein ganz anderes Ausſe⸗ en,“ hob der königliche Procurator wieder an, uuf den die Worte des Arztes einen lebhaften Ein⸗ druck hervorzubringen ſchienen;—„eben ſagte ich ſo bei mir ſelbſt, daß man keine Wirkung ohne Urſache annehmen dürfe; das Spiel aber iſt eine ſolche Urſache. Sie kennen das Axiom: Zuerſt läßt man anführen ſich, Am End' betrügt man meiſterlich. Zuweilen treibt man es noch ſchlimmer. Hat man nicht geſehen, wie ein Graf Horn einen alten Wu⸗ cherer umbrachte, um ihm ſein Geld zu ſtehlen?“ „Sie geben unüberlegten Worten eine Deutung, welche meinem Sinn ganz und gar fern liegt,“ rief der Arzt in einem Tone des Vorwurfs. „Das Deuten iſt unſer Geſchäft,“ antwortete Herr Carigniez kalt.„Sie ſchließen von den Symp⸗ tomen auf das Uebel; ich dagegen laſſe mich von Indicien und Verdachtgründen leiten, um das Ver⸗ brechen und die Beweiſe feſtzuſtellen.“ Hier ſtand der königliche Procurator auf, trat zu Arthur, der während der ganzen Scene ſeine it —,—— ———— 281 feſte und ſtumme Haltung bewahrt hatte, und ſprach mit ernſtvoller Höflichkeit zu ihm: „Mein Herr, haben Sie über das Gehörte irgend eine Bemerkung zu machen?“ „Durchaus keine,“ antwortete der junge Mann mit einer Stimme, woraus eine vergeblich gedämpfte Aufregung ſprach;„es geziemt mir nicht, die An⸗ klage zu discutiren, deren Gegenſtand ich bin, und den Irrthum des Herrn Gorſaz zu zerſtreuen zu ſuchen. In meiner Erklärung habe ich die Wahr⸗ heit geſagt; es iſt alſo vollkommen unnütz, daß ich auch nur ein Wort hinzufüge. Ich würde mich zu erniedrigen glauben, wenn ich meine Unſchuld un⸗ ter Betheuerungen behaupten wollte, da ja wohl hier niemand daran zweifelt.“ Er warf einen ausdrucksvollen Blick auf das Bett des Greiſes, der auf dieſe Appellation des Angeklagten bloß mit einem Lächeln antwortete, woraus der Triumph eines unauslöſchlichen Haſſes und einer unverſöhnlichen Rachſucht leuchtete. „Er weiß Alles,“ ſprach Arthur bei ſich ſelbſt, „und es wird nur mein Tod ihm genügen. Wohl⸗ an! ſein Wunſch ſoll ihm gewährt werden, wenn ich, mich zu retten, Lucien ins Verderben ſtürzen muß.“ In dieſem Augenblicke gingen zwei ſo eben von la Reole angekommene Gendarmen an dem Fenſter vorüber, durch das ſie einen neugierigen Blick war⸗ fen. Kaum hatte Bonnemain ſie wahrgenommen, als er den inſtinctmäßigen Schrecken verſpürte, welchen Agenten der öffentlichen Gewalt Verbre⸗ 282 chern einflößen; v. Aubian aber runzelte die Brauen, und es zogen ſeine Lippen ſich leicht zuſammen. „Sind dieſe Leute da, um ſich meiner Perſon zu verſichern?“ fragte er den königlichen Procura⸗ tor mit erzwungener JIronie. „Ich kann Ihnen einen Platz in meinem Wagen anbieten,“ gab der Magiſtrat zurück, dem die ſtolze Haltung des jungen Angeklagten in dieſem Augen⸗ blicke eine Art unwillkürlicher Achtung abnöthigte. „Werden ſie uns begleiten?“ hob Arthur wie⸗ der an, den mehr die Schmach als die Gefahr ſei⸗ ner Lage drückte. „Nein, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie keinen Fluchtverſuch machen wollen.“ Arthur lächelte verächtlich dazu und antwortete: „Nur zweierlei Menſchen gibt es, die fliehen— die Feigen und die, welche ſich ſchuldig wiſſen. Ich gehöre zu keiner dieſer zwei Claſſen. Sie können ſich alſo auf mein Ehrenwort vollkommen verlaſſen. Und nun erlauben Sie mir, daß ich Sie noch um eine Gnade bitte.“ „Sprechen Sie, mein Herr!“ ſagte der Magiſtrat. „Gehen wir auf der Stelle von hier weg!“ verſetzte v. Aubian, dem der Boden unter den Füßen brannte, da er fürchtete, es möchte Lucie durch ein unerwartetes Wiedererſcheinen Zeuge einer für ſie beide ſo bedrohlichen Scene werden. „Ich ſtehe zu Ihren Dienſten,“ antwortete der königliche Procurator, der eben ſein Protocoll ge⸗ ſchloſſen hatte, und deſſen Anweſenheit im Gorſaz'⸗ ſchen Hauſe hinfort unnütz erſchien. Auf ein Zeichen des Magiſtrats verließ Alles — c 0 Sc ——„ 0 S S 8 — 283 n, das Zimmer. Die beiden Gendarmen warteten an der Thüre. Phyſionomiker durch Beruf, ſtellten ſie on ſich geſchickt auf die beiden Seiten Bonnemain's, a⸗ deſſen Geſicht ſie zu gleicher Zeit hatte den Gal⸗ genvogel wittern laſſen. en„Herr Magiſtrat,“ rief der Galeerenmenſch,„ſa⸗ ze gen Sie doch dieſen Herren, daß Sie ſich in mir n⸗ täuſchen. Da meine Unſchuld ſo klar iſt, wie daß zwei e. Mal zwei vier macht, ſo hoffe ich, daß Sie mich in e⸗ Freiheit ſetzen werden. Ich habe im Garten zu i⸗ arbeiten; ich bin kein Menſch, der gern auf die faule Haut liegt und einen Taglohn nur ſo ver⸗ n„ ſcherzt“ „Die öffentliche Stimme beſchuldigt Euch,“ ver⸗ — ſetzte Herr Carigniez,„und ich muß Euch vor der — Hand in gefängliche Haft bringen. Liegen keine ch Beweiſe gegen Euch vor, ſo werdet Ihr in wenigen en Tagen wieder auf freiem Fuße ſein.“ n.„Das nenne ich mir einmal eine Juſtiz!“ ſagte m der frühere Bagnobewohner, als er v. Aubian ne⸗ ben dem königlichen Procurator im Wagen Platz t. nehmen ſah;„der bekannte Mörder fährt in der * Kutſche, während der Unſchuldige zwiſchen zwei n Gendarmen zu Fuß gehen darf. So helfen die ie Reichen einander ſtets auf Koſten des armen, ge⸗ er duldigen Volkes, das ſich Alles gefallen laſſen muß. Ihr Leute, hättet ihr Blut in den Adern, ſo wür⸗ er det ihr keinen eurer Brüder ins Gefängniß ſchlep⸗ e⸗ pen laſſen.“ „Du haſt hier weder Brüder noch Vetter,— hörſt du, Burſche, der du Andern die Uhren ſo ge⸗ s ſchickt aus der Taſche heraus⸗ und dann wieder in 284 dieſelbe hineinzupracticiren verſtehſt?“ ſchrie Piquet mit höhniſcher Miene ihm zu. „Es lebe die Republik! Nieder mit den Jeſui⸗ ten!“ brüllte Bonnemain, der, um das Volk für ſich zu gewinnen, ihm nach einander die zwei un⸗ geheuerſten Provocationen hinwarf, die er ſich den⸗ ken konnte. Aber keiner Seele fiel es ein, ſich zu rühren; es ließen ſich ſogar einige Hohnſchreie vernehmen, und gezwungen, mit ſeinen neuen Wächtern ſich in Bewegung zu ſetzen, konnte der Exgaleerenmann die Ueberzeugung ſich verſchaffen, daß ſein Schickſal bei ſeinen früheren Genoſſen nur wenig Sympathie erregte. „Aber es wäre auch gar zu hübſch geweſen, wenn man mich alsbald wieder freigelaſſen hätte,“ ſagte er nun mit gezwungener Reſignatiom bei ſich ſelbſt;„wenn nur der Alte, der bis jetzt ein ſo guter Kerl geweſen, über Nacht nicht anderes Sin⸗ nes wird!“ Der Abgang der beiden Angeſchuldigten hatte unter den vor dem Hauſe verſammelten Bauern eine Bewegung hervorgerufen, deren Lärm bis zu Luciens Zimmer drang. Ueber die Schreie, die ſie hörte, faſt erſchreckend, trat die junge Frau ans Fenſter, und ſah da, wie Arthur eben in den Wagen des königlichen Procurators ſtieg. „Wohin geht denn Herr v. Aubian? fragte ſie unwillkürlich den Arzt, der ſeit einer Weile bei ihr war. „Wahrſcheinlich ins Gefängniß,“ antwortete Herr Mallet, ſie feſt anſchauend. der ha du un Kr all ſte de ſte di 285 „Ins Gefängniß!“ wiederholte Lucie. „Iſt Ihnen denn nicht bekannt, daß er es iſt, der Herrn Gorſaz hat ermorden wollen? Ihr Gatte hat ihn ganz beſtimmt erkannt.“ Anſtatt zu antworten, ſchaute die arme Frau dumm umher; plötzlich ſchloß ſie erblaſſend die Augen und ſank dem Arzte in die Arme, der auf dieſe Kriſe ſich gefaßt gemacht zu haben ſchien; denn ohne alle und jede Aufregung trug er ſie auf ein nahe⸗ ſtehendes Canapee und ließ ihr die Hülfe ange⸗ deihen, deren ſie benöthigt war. „Herr Pfarrer,“ ſprach er zu dem alten Prie⸗ ſter, der in dieſem Augenblicke hereintrat,„es hat dieſe Frau nun zwei Beichtiger.“ V. Länger als ſechs Wochen hatte Doctor Mallet im Gorſaz'ſchen Hauſe zwei Kranke, anſtatt eines einzigen, zu behandeln. Nach Verfluß von einigen Tagen war Luciens Zuſtand beunruhigender erſchie⸗ nen als derjenige des Greiſes, dem eine nicht be⸗ friedigte Leidenſchaft eine Energie lieh, welche ſo⸗ wohl über die Schwäche des Alters als über die Wunden, wie ſchwer dieſe auch ſein mochten, ſiegte. Während der an ſeiner Ehre verletzte Ehemann ſich mit aller Macht an das Leben anklammerte, aus dem er nicht ſcheiden wollte, ſo lange er ſich nur halb gerächt wußte, ſchien die von düſterer Ver⸗ zweiflung ergriffene junge Frau ſelbſt einem frühen, 286 unwillkommenen Tode entgegenzugehen. Als der Arzt ſie jeden Tag ſchwächer, aufgeregter und das Opfer eines Fiebers werden ſah, das, nachdem es den Körper erſchöpft, das Hirn anzugreifen und daſelbſt vielleicht das Geiſteslicht auszulöſchen drohte, bedauerte er mehr denn ein Mal die harte Probe, wozu er gegriffen in der Abſicht, ſeine Behandlung zu einer wirkſameren zu machen, und zu welchem Zwecke er ſich vorher die Ueberzeugung verſchaffte, auf welchen Punkt dieſelbe concentrirt werden mußte. Allmählig indeſſen ſiegten ſeine beharrlichen An⸗ ſtrengungen über ein Uebel, deſſen Wurzeln bei Luciens Alter der Wiſſenſchaft einen minder hart⸗ näckigen Widerſtand entgegenſetzten. Noch ehe das Fieber ſeine Verheerungen bis ins Heiligthum der Seele getragen, erloſch es, gleichwie eine Feuers⸗ brunſt, nachdem ſie eine Menge Häuſer verzehrt, an der Schwelle eines Tempels erliſcht. Die junge Frau erlangte nach und nach ihre Kräfte wieder und behielt ihren Verſtand— ein Triumph der Wiſſenſchaft, der in dieſem Falle traurig genug war; denn mit dem Verſtande hätte Lucie vielleicht auch das Gefühl ihres Unglücks verloren. Seit dem Tage des Attentats hatten Herr und Frau Gorſaz ſich nicht mehr geſehen. Von einander getrennt, nur durch einen gemeinſamen, für beide gleich grauſamen Gedanken verbunden, hatten ſie während ihrer langen und peinlichen Nachtwachen Alles erſchöpft, was der Kelch der Che an vergifteter Hefe enthält, wenn die beiden Gatten nicht für einander paſſen. Herr Gorſaz war zuerſt im Stande, das ſtrenge ärztliche Verbot, 287 er wornach er die Schwelle ſeines Zimmers nicht über⸗ as ſchreiten ſollte, zu mißachten. Eines Abends ging es er, eine augenblickliche Abweſenheit ſeines Wärters nd benützend, wenn auch nur mit vieler Mühe in Lu⸗ te, ciens Zimmer hinauf. Mit einer gebieteriſchen Ge⸗ e, berde ſchickte er das über eine ſo unerwartete Er⸗ ng ſcheinung erſchrockene Kammermädchen weg und blieb m eine Weile unbeweglich auf der Thürſchwelle ſtehen. te, Lucie ſaß oder lag vielmehr auf einer Chaiſe⸗Longue te. am Kamin. Beim Anblick ihres Mannes rührte n⸗ ſie ſich nicht, ſprach nicht und ließ die Augen auf ei ihm haften mit einem Ausdrucke des Abſcheues, nicht t⸗ aber des Schreckens. Eine Zeit lang blickten die beiden Eheleute ein⸗ er ander an, ohne das Schweigen zu brechen; mit 8⸗ einer unheimlichen Gier ſtudirten ſie die Verhee⸗ ₰ rungen, welche, ſeit ihrer Trennung, Krankheit und ge Kummer bei ihnen angerichtet hatten. Der Greis er fand die junge Frau, die er kaum noch ſo friſch er und kräftig geſehen, verwelkt und ohne alle Farbe. g Was Lucie betrifft, ſo entdeckte ſie auf der Stirn ht ihres Mannes gar viele neue Runzeln; bald aber ſah ſie von ihm nur noch die Augen, woraus eine r unverſöhnliche Leidenſchaft ihre Blitze ſchoß. n„Ich muß wohl zu dir heraufkommen, da du n, nicht hinunterkommſt,“ hob Herr Gorſaz, an der n, andern Ecke des Kamins Platz nehmend, an. en„Man hat dir doch aber gewiß geſagt, daß ich er ſelbſt krank ſei!“ verſetzte Lucie mit ſchwacher Stimme. en„Sonſt wäreſt du nicht von meiner Seite ge⸗ r wichen; oh! daran zweifle ich keinen Augenblick,“ t, ſprach der Greis mit einem bitteren Lächeln;„ja, ja, - 288 ich ſehe, daß du krank geweſen biſt. Du haſt dich ſt dergeſtalt verändert, daß ich beim Hereintreten 1 Mühe hatte, dich zu erkennen. Wie es ſcheint, ſo d haſt du viel ausgeſtanden?“ „Viel,“ antwortete die junge Frau, einen Seuf⸗ k zer unterdrückend. „Ausgeſtanden, in deinem Alter! Nicht wahr, n es kommt dir das höchſt ungerecht vor?“ hob Herr Gorſaz mit ironiſchem Mitleid wieder an;„das iſt gut genug für mich, der ich zu lange gelebt und nur noch für das Grab Werth habe. Du aber— in der Blüthe der Jugend— leider! Ja, ja, ich be⸗ greife, wie ein ſo ſeltſames Geſchick dich überraſcht und dich murren läßt. Alle Schmerzen waren für mich, alle Freuden und Genüſſe für dich. Was ſind auch einige Tropfen eines von nun an unnützen Blutes gegen die bitteren Perlen, wovon ich in deinen Augen Spuren gewahre? Ohne Zweifel bin ich ein rechter Egoiſt geweſen. Ich hätte deine Thränen mit den meinigen weinen ſollen; ſo hätte ſich der Glanz deiner Schönheit nicht getrübt, und was hätte mir ein Kummer mehr ausgemacht? Es ließ der Greis den Kopf auf die Bruſt herab⸗ ſinken, und eine Weile blieb er ſtumm. Endlich fortfahrend und ſeine Frau ſcharf anſchauend: „Du antworteſt nicht?“ ſagte er. „Du haſt mich ja nichts gefragt,“ entgegnete Lucie düſter. „Du haſt Recht. Mein Kopf iſt jetzt ſo ſchwach, daß ich ſchon nach einer Minute nicht mehr weiß, was ich geſagt, wenn ich nicht Dinge geſagt zu haben glaube, welche nur in meinem Kopfe exi⸗ —,——, , ß, u 289 ſtiren. Was wollte ich dich doch nur fragen? Ah! jetzt habe ich es,“ fuhr er fort, nachdem er ſich den Schein gegeben, als ſuche er in ſeinem Ge⸗ dächtniſſe;„glaubſt du ſtark genug zu ſein, um eine kurze Reiſe aushalten zu können?“ „Was für eine Reiſe?“ fragte die junge Frau mit einer geheimen Unruhe. „Die Reiſe nach Bordeaux. Du ſiehſt, es han⸗ delt ſich um nichts weiter als um eine Spazierfahrt.“ „Und was wollen wir zu Bordeaux thun?“ hob ſie mit veränderter Stimme wieder an. „Müſſen wir nicht bei Eröffnung der Aſſiſen dort ſein?“ antwortete Herr Gorſaz mit affectirter Kaltblütigkeit....„Vor einigen Tagen habe ich eine doppelte Vorladung erhalten, eine für dich und eine für mich. Man richtet dieſen Menſchen, und da müſſen wir ſagen, was wir wiſſen.“ Hier ſtand Lucie auf und fiel ihrem Manne, deſſen Hände ſie krampfhaft erfaßte, zu Füßen. „Ich bin ſchuldig,“ ſprach ſie in einem Tone, dem die Verzweiflung eine unausſprechliche Macht verlieh;„ich habe mein Gelübde verletzt; ich habe meine Pflichten vergeſſen; ich habe dich hintergangen und bin dir untreu geweſen; ich bin eine Unglück⸗ liche, die keine Verzeihung verdient. Ich erwarte von dir weder Gnade, noch Mitleid, noch Barm⸗ herzigkeit. Du kannſt mich mit Füßen treten, ich werde keine Klage hören laſſen; du kannſt mich umbringen, ich werde mich nicht vertheidigen; für mich ſelbſt verlange ich nichts, will ich nichts.“ „Für wen bitteſt du denn, und was willſt du?“ antwortete der Greis rauh. Bernard, Ausgew. Erzählungen. II. 19 290 „Was ich will,“ rief ſie mit verdoppelter Energie, „das iſt, daß du nicht einen Andern, der weit minder ſtrafbar iſt als ich, die Strafe meiner Schuld tragen laſſeſt. Ich will, daß du eine Er⸗ klärung, die weit grauſamer als ein Mord iſt, zu⸗ rücknehmeſt; denn der Dolch nimmt bloß das Le⸗ ben, während das Schaffot Leben und Ehre tödtet. Warum klagſt du mich nicht an, wenn du Blut brauchſt? Es gibt ja Frauen, die ihre Männer um⸗ bringen. Warum ſollte ich nicht eine dieſer Frauen geweſen ſein? Klag' mich an, ich werde Alles zu⸗ geben; du wirſt von einer Verbrecherin befreit wer⸗ den, welche dir Abſcheu einflößt, wogegen dann ein Unſchuldiger am Leben bleibt.“ „Das iſt recht heroiſch,“ erwiderte Herr Gor⸗ ſaz mit impaſſibler Ironie;„aber ich habe eine zu gute Meinung von ihm, als daß ich glauben möchte, er wolle ſein Leben auf Koſten des deinigen er⸗ halten. Als Angebeteter iſt es nun einmal ſeine Pflicht, ſich zum Tode verurtheilen zu laſſen, ohne zu muckſen, und daß er das thut, weiß ich gewiß.“ „Ja, das wird er thun,“ wiederholte Lucie, ih⸗ ren Gatten ſtolz anblickend;„du aber, der du ſelbſt dem Tode ſo nahe biſt, wirſt du es über dich ge⸗ winnen können, einen Mord zu begehen? Du glaubſt alſo an keinen Gott?“ „Hat Herr von Aubian dich an einen glauben gelehrt?“ lautete die Gegenfrage des Greiſes. „Ja, du haſt Recht. Wähle du nur die grau⸗ ſamſten Worte, durchbohre mir das Herz, und räche dich; nur laß deine Rache auf mich allein fallen.“ . ————„———.—— N wW— NNvW—— M —— v— v— NM*— v —— MN 291 „Wo bliebe da die Gerechtigkeit? Welches Pri⸗ vilegium will der ſchuldigſte Theil anſprechen, um ſtraffrei auszugehen? Nein, nein, für dich die Thrä⸗ nen, für ihn der Tod!“ „Der Tod!“ „Vielleicht die Galeeren. Oh! man muß nicht allzu ſchwarz ſehen.“ „Aber er iſt ja unſchuldig!“ „Unſchuldig!“ wiederholte Herr Gorſaz auf⸗ ſtehend, während er mit einem ungeſtümen Stoß ſeine Frau aus der flehenden Stellung aufriß, die ſie angenommen hatte.„Nach deiner Anſicht gäbe es keine Verbrecher als die Mörder, welche Einem den Dolch in die Bruſt ſtoßen. Glaubſt du denn, es habe die Seele nicht ebenſo gut Blut als der Leib? Den Preis dieſes meines Seelenbluts nun muß ich haben; denn es iſt dasſelbe bis auf den letzten Tropfen vergoſſen worden. Du begreiſſt alſo nicht, Lucie, daß ich dich liebte? Daß du meine letzte, meine einzige Wonne auf dieſer Erde warſt? Und nun ſoll ich noch verzeihen? Nimmermehr, nein, nimmermehr.“ Mit einer Geberde, die etwas Unerbittliches hatte, ſtieß er die junge Frau zurück, die nachdenk⸗ fam und mit düſterer Miene einige Schritte von ihm ſtehen blieb. In dieſem Augenblicke trat Doctor Mallet ins Zimmer. „Es iſt ein gutes Zeichen, wenn der Kranke anfängt, ſeinem Arzte nicht mehr zu gehorchen,“ ſprach er mit einer guten Laune, die durchaus er⸗ künſtelt war.„Gleichwohl, Herr We 292 Sie mir erlauben, Ihnen zu bemerken, daß es recht unvorſichtig von Ihnen iſt, Ihr Zimmer zu ver⸗ laſſen.“ „Ich muß doch einmal mich daran gewöhnen!“ antwortete der Greis.„In etwa vierzehn Tagen habe ich eine Reiſe zu machen, die ſich ſchlechter⸗ dings nicht aufſchieben läßt.“ „Ach! ja,“ erwiderte der Arzt, indem er Lucien verſtohlen anſchaute;„— wegen des Prozeſſes, der zu Bordeaux zur Verhandlung kommt. Wir ma⸗ chen die Reiſe zuſammen, denn auch ich bin vorge⸗ laden, obgleich ich nicht viel zu ſagen habe... Geht Madame Gorſaz auch mit?“ „Bei dem Zuſtande, in dem ſie ſich befindet,“ antwortete Herr Gorſaz ruhig,„möchte das un⸗ vorſichtig, vielleicht ſogar lebensgefährlich ſein. Sie ſind unſer Arzt; Sie werden mir alſo ohne Zweifel auch ein Zeugniß nicht verſagen, das ich dem Prä⸗ ſidenten des Schwurgerichtshofs vorlegen kann.“ „Wir wollen ſehen, was wir da thun können,“ ſprach Herr Mallet mit einem zweideutigen Lächeln. „Madame Gorſaz iſt, Gott ſei Dank, auf dem Wege der Beſſerung, und weit entfernt, daß ein kleiner Ausflug irgend welche Gefahr darböte, wird ein ſolcher ihr vielmehr heilſam ſein. Doch wir werden dieſen Punkt erſt entſcheiden, wenn der Au⸗ genblick gekommen iſt. Einſtweilen biete ich Ih⸗ nen meinen Arm an, lieber Patient, wenn es Ihnen gefällig iſt, in Ihr Zimmer wieder hinabzu⸗ gehen. Madame iſt heute ſchon zu lange auf; ſie iſt müde und bedarf der Ruhe.“ Ohne eine Bemerkung zu wagen, ſtützte ſich — 8 c9— S kt E c———— 1——— c——„— e 5— 1— t n n er ⸗ e⸗ ht 1⸗ ie el ——* S 293 Herr Gorſaz auf den Arm des Arztes und verab⸗ ſchiedete ſich mit geheuchelter Innigkeit von ſeiner Frau. Es verließen die beiden Männer ein Zim⸗ mer, in das nach einer halben Stunde Herr Mal⸗ let allein wieder trat. „Herr Doctor, ich gehe nach Bordeaux— ich kann nicht anders,“ ſprach Lucie, welche ſeine Rück⸗ kunft erwartet zu haben ſchien, kurz zu ihm. „Ich dachte mir es, doch wollte ich meiner Sache gewiß ſein,“ antwortete der Arzt und lächelte dabei traurig. „Sie ſtellen hoffentlich das Zeugniß, das man von Ihnen verlangt, nicht aus,“ hob ſie in zugleich gebieteriſchem und flehendem Tone wieder an. „Ich könnte es nicht ausſtellen, ohne meinem Gewiſſen zu lügen. Sie ſind wirklich ſo weit her⸗ geſtellt, daß Sie die Strapazen einer ſo kleinen Reiſe aushalten können. Aber nicht die Reiſe fürchte ich, ſondern den Aufenthalt.“ Lucie ging raſch auf den Arzt zu und ſchloß ihm mit einer Hand den Mund. „Ums Himmels willen, kein Wort mehr!“ ſprach ſie.„Was Sie immer geſehen, gehört oder geahnt — denn ohne Zweifel habe ich in meinen Fieber⸗ anfällen Vieles geſagt—, was Sie immer jetzt wiſſen mögen, ſagen Sie mir nichts davon. Bemit⸗ leiden Sie eine Unglückliche; dienen Sie mir, ohne mich zum Erröthen zu zwingen. Darf ich auf Sie zählen?“ „Wie auf einen Vater,“ antwortete Herr Mallet gerührt. Zugleich preßte er gegen ſeine Lippen die Hand, welche Lucie darauf gelegt hatte. VI. Im ganzen Gironde⸗Departement hatte das At⸗ tentat, deſſen Opfer Herr Gorſaz geworden, einen Eindruck hervorgebracht, dem die gräßlichſten, ſeit mehreren Jahren vorgekommenen Kataſtrophen nichts Aehnliches an die Seite zu ſtellen hatten. Das Alter und die Vermögensumſtände des Opfers; das Anſehen, deſſen es im Lande genoß; der ſelt⸗ ſame Contraſt der beiden Angeklagten, wovon der eine, ein feingebildeter Weltmann, mit den beſten Familien der Guienne verwandt und ſchon durch die Extravaganzen einer ausſchweifenden Jugend bekannt, der andere aber ein kaum aus dem Bagno gekommener Galeerenſclave war— wie ſchon im erſten Verhör conſtatirt wurde—; endlich die Krank⸗ heit der Frau Gorſaz, die man allgemein einer ehelichen Liebe zuſchrieb, welche um ſo verdienſtli⸗ cher erſchien, je älter ihr Gegenſtand war: alle dieſe Umſtände, über denen noch eine geheimniß⸗ volle Ungewißheit ſchwebte, hatten die allgemeine teugierde in höchſtem Grade erregt. Alle Welt verlangte es, den Schlüſſel zu dieſem blutigen Räthſel zu erhalten. Die Angeklagten hauptſäch⸗ lich waren der tagtägliche Gegenſtand zahlloſer Conjecturen, Erklärungen, Discuſſionen, ja ſogar Wetten geworden, bei denen auf beiden Seiten gleich hartnäckig beharrt wurde. Die Einen wollten an Arthur's Schuld gar nicht glauben. Zu dieſer Partei gehörten faſt alle Frauen, die nöthigen Falls begriffen hätten, daß ein ihrer Theilnahme —„——— ——„—+, ———— † t⸗ it 3 7 18 t⸗ 2 n ch id 10 m er le 1e R er ar en er en 295 würdiger Mann ein poetiſches Verbrechen verüben könne, die Wahrſcheinlichkeit einer gemeinen Fre⸗ velthat aber ſchlechterdings nicht zuzugeben ver⸗ mochten. „Das iſt wahrlich odiös,“ ſagten zu Bordeaur die Modedamen;„Herr v. Aubian, mit dem wir letzten Winter noch getanzt, ſoll an einem Greiſe zum Mörder geworden ſein! Ein junger Mann von guten Manieren, voll Welt und Geiſt, der nebenbei ein wirklich ſpaniſches Geſicht hat! Der — der ſoll es verſucht haben, einen Menſchen um⸗ zubringen, um ihm ſeine Börſe zu ſtehlen! Pfui! pfui!“ Hätte man Arthur beſchuldigt, daß er Herrn Gorſaz die Dolchſtiche in irgend einer heroiſchen Abſicht gegeben— wie zum Beiſpiel in der Abſicht, ſeine Frau zu kapern—, ſo wäre die Sache bei aller ihrer Gräßlichkeit als möglich erſchienen; ro⸗ maneske Seelen hätten ſogar einem Verbrechen, das durch die Leidenſchaft alſo geadelt geweſen wäre, einiges Mitleid nicht verſagt. Aber einem Menſchen ein Meſſer ins Herz ſtoßen, um dann in deſſen Taſchen herumzuſtören, das ſei die Sache eines Galeerenvogels, nicht aber eines Cavaliers. Alſo argumentirte der weibliche Verſtand, der, wie gewöhnlich, ſo ziemlich das Richtige traf. Andererſeits mangelte es Bonnemain nicht an offiziöſen Vertheidigern. Erſtlich hatte er für ſich die unterſten Volksclaſſen, die, der Ariſtokratie von Natur abgeneigt, gern für den mindeſt hoch ſtehen⸗ den unter zwei Angeklagten verſchiedenen Standes Partei zu ergreifen lieben. Sodann kamen die 296 Menſchenfreunde, die Philanthropen von Beruf, die Negeremancipationsfreunde, ſowie alle jene In⸗ dividuen, welche mit der Zukunft der Nationen und dem ſocialen Fortſchritt ſich beſchäftigen— ein Völklein, reich an fühlenden Seelen, denen ein Menſch, ſobald er aus dem Bagno kommt, ein un⸗ geheuer intereſſantes und ſchätzbares Weſen wird, während ſie ihn, ſo lange er einfach unſchuldig iſt, gründlich verachten. Die Leute dieſes Schlags ge⸗ nirten ſich gar nicht, die Anſicht, welche v. Aubian zu rechtfertigen ſuchte und an die beklagenswerthen Antecedentien ſeines Mitangeklagten erinnerte, als ein frivoles und ſogar barbariſches Vorurtheil zu behan⸗ deln; ſie erwarteten mit noch größerer Ungeduld als die Andern den Ausgang des Prozeſſes, und hofften, daß ſie durch die Freiſprechung Bonnemain's einen neuen, willkommenen Text zu ihren Predig⸗ ten gegen die Vorurtheile finden würden, welche in den Unglücklichen, deren ſittliche Erziehung das Bagno vollendet hat, einen Gegenſtand legitimen Verdachts zu erblicken wagen. Neben dieſen zwei Anſichten hatte ſich eine dritte gebildet— wir meinen die der Unparteiiſchen, welche, um es jedermann recht zu machen, die bei— den Angeklagten gleich ſchuldig hielten und, indem ſie die Mitſchuld für unzweifelhaft erklärten, dem Ausſpruche der Jury vorgriffen. Dieſe dritte Partei verwirrte ſo die Sache nur noch mehr, an⸗ ſtatt die Schwierigkeit zu löſen. Während das begangene Verbrechen und der erwartete Urtheilsſpruch in ſolcher Weiſe, auf zwan⸗ zig Stunden in der Runde, jedermann dies⸗ und NM N* — — v———— w*— v— v—— 297 jenſeits der Garonne beſchäftigten, ging die richter⸗ liche Unterſuchung mit jener Thätigkeit vor ſich, welche eine ſo wichtige Sache und die nahe Eröff⸗ nung der Aſſiſen erheiſchten. Die Einzelheiten die⸗ ſer Unterſuchung ſchienen geeignet, vor Gericht der⸗ jenigen Anſicht zum Siege zu verhelfen, welche den Exgaleerenſträfling auf Koſten des Liebhabers frei⸗ ſprach. In ihren vielfachen Verhören beharrten die Angeklagten gegenſeitig auf dem Syſtem abſo⸗ luter Abläugnung, hinter welches ſie ſich von An⸗ fang an verſchanzt hatten; ſo günſtig aber für den früheren Galeerenſträfling die im Lauf der Proce⸗ dur enthüllten neuen Thatſachen ſchienen, ſo ſchwer belaſteten ſie Arthur. Den Letzteren ausgenommen, der nichts ſagen wollte, hatte niemand Bonnemain im Augenblicke des Attentats geſehen. Bei Tagesanbruch auf dem nach Bordeaux führenden Wege feſtgenommen, war es ihm ein Leichtes geweſen, dieſe zu ſo früher Stunde unternommene Wanderung zu erklären. Da er— ſo hatte er geſagt— befürchtet, es möchten ſeine Cameraden ſeine wahre Lage entdeckt haben, ſo habe er der Juſtiz nicht ausgeliefert und wegen Ueberſchreitung des Eingrenzungsorts beſtraft wer⸗ den wollen. Einer Arretirung habe er aus dem Wege gehen wollen; darum habe er den Entſchluß gefaßt, die Gegend zu verlaſſen, und zwar mitten in der Nacht, damit ſein Weggehen nicht bemerkt werden möchte. Die bei ihm gefundenen Goldſtücke ſeien die Frucht ſeiner Erſparniſſe, und was dieſe letztere Behauptung nicht als unwahrſcheinlich er⸗ ſcheinen ließ, war der Umſtand, daß die Summe keine allzu große war. Zudem hatte man an ſei⸗ 298 nen Kleidern keine Blutſpuren wahrgenommen, ſei es nun, daß er in der zwiſchen dem Verbrechen und der Verhaftung liegenden Zeit ſich der Kleidungs⸗ ſtücke entledigt hatte, die ihn hätten compromittiren können, ſei es, daß er bei Verübung der ſchwarzen That die nöthige Kaltblütigkeit bewahrt hatte, um jede verrätheriſche Spur von ſich fern zu halten. End⸗ lich hatte man auch bei genauer Unterſuchung ſeine Hände durchaus ſauber gefunden, ohne daß dieſe friſch gewaſchen ſchienen. Der ſchlaue Exgaleeren⸗ ſträfling hatte durchaus keinen Grund zu einem Verdacht geben wollen, der unfehlbar erregt wor⸗ den wäre durch eine außergewöhnliche Reinlichkeit— eine Reinlichkeit, die mit der der andern ländlichen Arbeiter, von denen man ja weiß, wie ſehr ſie das Waſſer zum Behuf des Waſchens ſparen, einen Contraſt gebildet hätte. In Folge eines ſcharfſin⸗ nigen Raffinements, das ihn jeder unklugen Reini⸗ gung entheben mußte, hatte er bei ſeinem Mord⸗ werk Handſchuhe angehabt. Was das Meſſer be⸗ trifft, deſſen er ſich dabei bedient, ſo hatte es kein Zeuge früher in den Händen des Exbagnogefan⸗ genen geſehen, und ohne Zweifel wäre dieſer, ohne den Umſtand einer früheren Verurtheilung, ſofort wegen mangelnder Beweiſe wieder in Freiheit ge⸗ ſetzt worden. Während Bonnemain's Unſchuld bei jedem neuen Verhör unzweifelhafter ſchien, ſah Arthur die ihn gravirenden Anklagen ſich mehr und mehr häufen — Anklagen, die im Nothfall hingereicht hätten, um an ſeine Schuld glauben zu laſſen, ſelbſt wenn die furchtbare Ausſage des Herrn Gorſaz nicht vor⸗ — S e —— 299 ausgegangen wäre. Daß das Meſſer ihm gehöre, konnte allerdings nicht bewieſen werden; allein ſah man auch hievon ab, ſo blieben doch noch andere Indicien übrig, die für ihn gravirend genug waren. Die Strickleiter wurde von einem Seiler von la Reole als die erkannt, welche er einige Monate zuvor an Herrn v. Aubian verkauft hatte. Aus dieſer Thatſache ging hervor, daß Arthur's Ein⸗ dringen in den Park vorher überlegt und keines⸗ wegs zufällig war. Ferner wurde bewieſen, daß Herrn Gorſaz im Laufe des Sommers etliche zwan⸗ zig tauſend Franken zu Bordeaur heimgezahlt wor⸗ den waren— eine Summe, für die er ſich alsbald hatte Gold geben laſſen, ſowie daß Herr v. Aubian, welcher der Reiſegefährte des Greiſes geweſen, von dieſen beiden Thatſachen Kenntniß gehabt hatte. Indem man das frühere Leben des Angeklagten unterſuchte, conſtatirte man leicht, daß er ſeit meh⸗ reren Jahren bedeutende Summen im Spiele ver⸗ loren und Schulden gemacht, zu deren Bezahlung das Vermögen, welches er von ſeinen Eltern geerbt, unzureichend ſchien. Bei der richterlichen Hausſu⸗ chung hatte man bei ihm nur wenig Geld vorge⸗ funden. Aus allen dieſen geſchickt gruppirten und durch ihre Zuſammenſtellung gegenſeitig ins Licht geſtellten Umſtänden zogen die in den ſubtilen De⸗ ductionen der gerichtlichen Logik bewanderten Leute unſchwer einen peremtoriſchen Schluß. In ihren Augen hatte Arthur v. Aubian, da er ſich durch das Spiel zu Grunde gerichtet und kein Geld mehr geliehen bekommen konnte, ſich entſchloſſen, einen Diebſtahl auszuführen, den der Zufall zu einem 300 Morde umgeſtaltet hatte. Die Nachſichtigſten waren noch diejenigen, welche der letzteren Vermuthung öffentliche Miniſterium bildenden Männern betrifft, ſo ſchien ihnen der Vorbedacht ſowohl beim Morde als beim geringeren Verbrechen erwieſen. So ſtand die Sache, und ſo war die öffentliche Meinung, als am Hauptorte des Departements die Aſſiſen endlich eröffnet wurden. Einige Tage zu⸗ vor waren die Angeklagten aus dem Gefängniß von la Reole ins Centralgefängniß von Bordeaux ge⸗ bracht worden. Bald darauf kamen in der eben genannten Stadt auch die Zeugen an, und ünter dieſen in erſter Reihe Herr Gorſaz mit ſeiner Frau. Als die letzte Scene eines Drama's, das ſeit zwei Monaten alle Geiſter beſchäftigte, herannahte, ſtei⸗ gerte ſich die allgemeine Neugierde bis zur Angſt. Die Reihen von Arthur's Vertheidigern hatten ſich in Folge der Enthüllungen, welche die Vorunter⸗ ſuchung gebracht, gelichtet; nur die Frauen allein blieben ihm ſo ziemlich treu; je mehr er gravirt ſchien, mit um ſo größerer Beharrlichkeit nahmen ſie für ihn Partei. „Was ſollen alle dieſe Chicanen?“ pflegten die eifrigſten unter ſeinen Vertheidigerinnen zu ſagen; „man hat ihn im Ecarté und im Bouillotteſpiel Geld verlieren ſehen. Was beweist dieß? nur ſo viel, daß er im Spiel kein Glück hat. Er hat Schulden: wie ſollte dem anders ſein, wenn man in der feinen Welt lebt und kein Vermögen hat? Endlich ſcheint es auch, daß er zuweilen einer Strick— leiter ſich bediente: das große Verbrechen! Ach, wie 8 Raum gaben; was die Drakone unter den das ——„—.— —— 301 . iſt der junge Mann doch zu bemitleiden, und welch' ſchweres Unrecht thut man ihm!“ Die Strickleiter insbeſondere hatte mächtig dazu beigetragen, daß im Herzen von Arthur's Verthei⸗ digerinnen die Theilnahme, welche er gleich An⸗ fangs dort gefunden, ſich ungeſchwächt erhielt. Selbſt im Schooße des königlichen Gerichtshofes ſprach eine Partei ſich für ihn aus. „Wenn du gegen ihn auf eine Strafe anträgſt, ſo werde ich dir es in meinem Leben nicht mehr verzeihen,“ ſprach zu ihrem Gatten die Frau des General⸗Advokaten, der die Anklage aufrecht zu halten hatte. „Ganz gewiß werde ich gegen ihn auf eine Strafe antragen,“ antwortete der Magiſtrat;„denn ich bin ſo feſt von ſeiner Schuld überzeugt, als wenn ich ihn ſein Verbrechen hätte begehen ſehen.“ „Und ich könnte es nicht glauben, ſelbſt wenn ich es geſehen hätte.“ „Es iſt ein Glück für die geſellſchaftliche Ord⸗ nung, daß es dem Weibervolk unmöglich gemacht iſt, als Geſchworene zu ſitzen,“ hob der General⸗ Advokat achſelzuckend wieder an;„ſonſt wäre es wahrlich unmöglich, einen Verbrecher zur Strafe zu ziehen, der fünfundzwanzig wäre und dabei Locken, ſowie einen gut gemachten Rock trüge.“ In Uebereinſtimmung mit jenem Gradationsge⸗ ſetze, das ſo natürlich ſcheint, daß man es ſelbſt bei den ernſteſten Sachen beobachtet, war der Gor⸗ ſaz'ſche Prozeß für den Schluß der Seſſion aufge⸗ ſpart worden. Die qualificirten Diebſtähle, die Vergehen gegen die Sittlichkeit, die Fälſchungen, 302 die Todtſchläge ohne Vorbedacht, nebſt den anderen gemeinen Vergehen, worauf höchſtens Galeerenſtrafe ſtand, waren vorher abgeurtheilt worden, ohne daß außer den MWitgliedern des Aſſiſenhofs und den Perſonen, welche ſich ein Geſchäft daraus machen, die Gerichtsſäle zu beſuchen, auch nur eine Seele ſich dafür intereſſirt hatte; als aber der Tag er⸗ ſchien, wo die Angeklagten, deren Name in Aller Mund war, gerichtet werden ſollten, da war der Saal viel zu klein für die Menge, die ſchon am frühen Morgen ſich an den Thüren drängte. Die numerirten Sitze nahmen faſt ganz den Raum ein, der ſonſt für das gewöhnliche Publicum reſervirt ge⸗ blieben war. Sehr viele junge Männer, welche mit Arthur auf vertraulichem Fuß gelebt hatten, waren höchſt begierig, ihn auf dem Armenſünder⸗ ſtühlchen figuriren zu ſehen. Dieſe trefflichen Freunde, welche theils aus Gunſt, theils im Advokaten⸗Ge⸗ wand im ſogenannten privilegirten Kreiſe Zutritt erhalten, warfen ſich geräuſchvoll auf die Advoca⸗ tenbänke hinter dem Tribunal, ſowie auf alle Plätze, die noch unbeſetzt waren. In Folge einer galanten Aufmerkſamkeit des Präſidenten war der innere Theil des Prätoriums ausſchließlich für die der guten Geſellſchaft angehörenden Damen reſervirt worden, welche geſchäftig, und nach Art eines Bie⸗ nenſchwarmes ſummend, ſich dort anhäuften. Am Abend vorher hatten die meiſten von ihnen ihre Sträuße dramatiſch zu den Füßen von Fräulein Taglioni niedergeworfen, die eben zu Bordeaur Gaſtrollen gab; in dieſem Augenblicke bereiteten ſie ſich— das Geſicht halb durch ihren Hutſchleier 303 verdeckt(im Aſſiſenſaal iſt der Schleier von der Etikette nicht minder geboten als im Theater der Blumenſtrauß), die Taſchen mit Eſſigfläſchchen voll⸗ gepfropft und das Taſchentuch zum Empfang der Thränen in der Hand haltend— durch ein Schweigen, das gar viel zu wünſchen übrig ließ, auf Emotionen vor, welche pathetiſcher waren als die von der Sylphide gebotenen Genüſſe. Der gleichzeitige Eintritt des Hofes und der An⸗ geklagten erregte in dieſem glänzenden Auditorium eine jener Bewegungen, welche an die Phänomene der Elektrizität erinnern. Die geſammte Verſamm⸗ lung erhob ſich, wie wenn ſie nur eine Perſon geweſen wäre, und plötzlich ſtellte es ſich heraus, daß das Weibervolk größer geworden war als das Männervolk; denn alle, ſelbſt die ſchüchternſten Frauenzimmer waren auf ihre Stühle geſtiegen. Derjenige Theil des Publicums, welcher die hinter⸗ ſten Bank⸗Reihen inne hatte, reclamirte durch energiſche Schreie wider dieſe Wand von Hüten und Shawls, die ihm in einem ſo intereſſanten Augenblicke ein lange und ſehnſuchtsvoll erwartetes Schauſpiel entzog. Es verging erſt einige Zeit, bevor es den Gerichtsdienern gelang, Ordnung und Stille wiederherzuſtellen; endlich aber gefiel es dem weiblichen Theile des Auditoriums, ſich zu ſetzen, und es ſank die Hut und Federn tragende Gruppe in ſich zuſammen, gleichwie die Meereswogen ſich abplatten, nachdem der Sturm, der ſie aufgepeitſcht, ſich gelegt. Doch bleiben alle Augen gierig auf die Ange⸗ klagten geheftet, welche, um dem Grundſatze der 304 Gleichheit der Menſchen vor dem Geſetze Genüge zu leiſten, ſich neben einander hatten ſetzen müſſen — das heißt, der Edelmann neben den früheren Galeerenſträfling. Dieſelbe ignominiöſe Bank hatte die Beiden aufgenommen. Eine zwei Monate lange Haft, deren Schlußpunkt das Schaffot bilden konnte, hatte auf Arthur's Geſichtszügen ſichtbare und tiefe Spuren zurückgelaſſen. Der junge Elegant, der im verfloſſenen Winter in den glänzendſten Salons der Stadt Bordeaux ein Glück gemacht, das er ſeinem guten Ausſehen ebenſo ſehr als ſeinem Geiſte ver⸗ dankte, zeigte ſich den Genoſſen ſeiner beſſeren Tage blaß, abgemagert, entſtellt und mit dem Ge⸗ präge eines Verhängniſſes im Geſicht, deſſen Ent⸗ ſetzlichkeit er zu begreifen ſchien, während er ihm ſich unterwarf. Schien aber auch ſeine Stirn ent⸗ färbt und ſein Auge der Flamme bar, welche die Damenwelt darin zuweilen wahrgenommen, ſo hatte doch ſeine Haltung nichts von ihrer Feſtigkeit und ihrem Adel eingebüßt. Ohne auf den Menſchen, an den er ſich gekettet ſah, auch nur einen Blick zu werfen, und ohne das Mund und Augen auf⸗ ſperrende Auditorium, das er um ſich her lärmen und ziſchen hörte gleich einer Meute, welche ein Stück Wild umſteht, eines Blickes zu würdigen, wechſelte er mit ſeinem Vertheidiger, deſſen Freund⸗ ſchaft und Ergebenheit ihm ſeit langer Zeit geſichert waren, einige Worte; ſodann nahm er mit ruhiger Miene Platz und blieb, eine ernſte und impaſſible Haltung bewahrend, ſcheinbar gegen Alles, was vor ſich gehen ſollte, vollkommen gleichgültig. „Meiner Treu! Der ſchöne v. Aubian verdienk 305 ſeinen Beinamen jetzt kaum mehr,“ ſagte zu einem Nachbar ein junger Mann, der ſelbſt hohe Anſprüche auf Schönheit machte. „Dem armen Kerl muß es nicht recht wohl bei der Sache ſein,“ gab der Nachbar zurück, der ein Duzfreund v. Aubian's geweſen war;„mag er ſchuldig ſein oder nicht, ſeine Verurtheilung würde mich betrüben. Welcher Einfall aber auch, den gu⸗ ten Alten liefern zu wollen! Standen ihm doch tauſend andere Mittel zu Gebot, ſich Geld zu verſchaffen!“ „Welche Mittel denn?“ „Unter den Frauen, die wir hier ſehen, wäre ⸗ auch nicht eine ſo grauſam geweſen, einem Darlehens⸗ ⸗ geſuche eine abſchlägige Antwort entgegenzuſetzen.“ n„Bah! die Weiber ſchenken wohl, leihen aber t⸗ nicht,“ ſprach in ſentenziöſem Tone ein Dritter. ie„Kommt das nicht auf das Gleiche heraus?“ te„Was mich betrifft,“ meinte der erſte Gegen⸗ d redner mit prüder Miene,„ſo möchte ich— In⸗ n, famie um Infamie— ebenſo gern ſtehlen.“ ck„Iſt Frau von Chameſſon hier?“ fragte ihn ſ Arthur's alter Freund, der dem hübſchen Jüngling en den Namendieſer reichen, aber ſchon ziemlich alten Frau in unverſehens hinwarf und ihm ſo den Mund ſchloß. n, Bevor Bonnemain vor den Geſchworenen er⸗ d ſchien, hatte er, in Würdigung des Einfluſſes, den rt die Phyſiognomie eines Angeklagten oft auf ſie 1 er hervorbringt, alle Toilettenkünſte aufgeboten, welche le mit ſeinem Aeußern und ſeinem Stande ſich irgend in Einklang bringen ließen. Dank den zehn Louis⸗ d'or, die er von Gorſaz bekommen, neu gekleidet, nt friſch raſirt, mit beſcheidenem und gewöhnlich ge⸗ ſenktem Blick, die Hände auf den Knien, ſaß er Bernard, Ausgew. Erzählungen. II. 20 306 auf ſeiner Bank ſo gutmüthig und ſo ehrerbietig da, daß mehr denn ein Zuſchauer, wenn er ſich dieſen neuen Ambroſius von Lamela anſah, ſich nicht enthalten konnte, zu ſeinem Nachbar zu ſagen: „Kann das ein früherer Galeerenſträfling ſein? Wahrhaftig, auf ſein Geſicht hin gäbe man ihm das Nachtmahl, ohne daß er erſt zu beichten brauchte.“ Die Bildung der Jury auf dem Wege der Loos⸗ ziehung, die Verleſung des Verweiſungsbeſchluſſes und des Anklageacts, die Verhörung der Angeklag⸗ ten und die Ausſagen mehrerer Zeugen füllten die erſte Sitzung aus und ließen die Theilnahme des Auditoriums keinen Augenblick ermatten; in der vollen Energie ſeines Ausdruckes, myſteriös⸗tragiſch erſchien aber das Drama erſt in der Tags darauf folgenden Sitzung, als man aus dem Zeugenzim⸗ mer bleich und gebrechlich einen Greis treten ſah, deſſen weiße Haare, gepaart mit den imponirenden Geſichtszügen und der in ihrer Strenge ruhigen Phyſiognomie, in allen Zuſchauer⸗Reihen ein Mur⸗ meln der Achtung und des Mitleids hervorriefen. Es war Herr Gorſaz. VI. Seit zwei Monaten hatte die blutdürſtige Rach⸗ ſucht, in der die letzte Energie eines am Rand des Grabes ſtehenden Mannes ſich concentrirt hatte, keinerlei Schwächung, wohl aber allmählig jene Modificationen erlitten, welche Zeit und Nachdenken ſtets mit ſich führen. Auf den wüthenden Zorn, auf den durch nichts zu ſtillenden Durſt, auf die ( t 1 1 1 —— v— B ——— v N —— —— — — 307 Raſerei, die anfänglich jedes Hinausſchieben der Rache als Feigheit und Strafloſigkeit angeſehen hatten, war ein kalter, geduldiger, unverſöhnlicher Entſchluß gefolgt— ein Entſchluß, der um ſo furcht⸗ barer war, da er, anſtatt ſich freien Lauf zu laſſen, ſich bezähmte. Durch langes Kochen im Herzen, jenem fleiſchernen Tiegel, der nicht minder glüht als das auf dem Brennofen ruhende Erz, werfen die unordentlichſten Leidenſchaften endlich die Schlacken von ſich, welche ihrer Härtung hätten Eintrag thun können. Der Schlußpunkt dieſes Raffinirungspro⸗ zeſſes iſt die Heuchelei— eine wunderbare Macht, die an Tiefe gewinnt, was ſie an Oberfläche verbirgt, und die in ihrer endlichen Exploſion einer ungeheuren, in die Luft ſpringenden Mine gleicht. Herr Gorſaz hatte alſo die Nothwendigkeit einer Regelung ſeiner Rache eingeſehen, wenn er dieſe möglichſt wirkſam machen wollte. Als er in den Gerichtsſaal eintrat, waren ſeine Phyſiognömie und ſeine Haltung mit einer Kunſt geordnet, welche dem vollendetſten Schauſpieler Ehre gemacht hätte; weit entfernt, den Haß zu verrathen, von dem ſein Herz ganz zerfreſſen war, drückten ſeine Augen, als ſie auf Arthur ausruhten, nur ein ſchmerzliches Mit⸗ leid aus— ein Mitleid, welches auf das Publi⸗ cum einen überaus lebhaften Eindruck machte. Die⸗ ſer Blick, worin er Wuth, nicht aber ein heuch⸗ leriſches Mitleid zu finden gedacht hatte, ſagte v. Aubian, daß er unrettbar verloren ſei, und mit einem bitteren Lächeln beantwortete er die groß⸗ müthige Verzeihung, womit der Greis ihn darnie⸗ derzudrücken ſchien. Dann glitten die Augen des Herrn Gorſaz an dem früheren Galeerenſclaven hin; 20 — 308 trotz ihrer Raſchheit aber war dieſe Bewegung ſo ausdrucksvoll, daß Bonnemain, um den dadurch auf ihn hervorgebrachten Eindruck zu verbergen, den Kopf abwandte und denſelben eine Zeit lang geſenkt hielt. „Das iſt einmal ein braver Mann,“ ſprach der Erbagnomenſch bei ſich ſelbſt;„war ich doch gewiß, daß er nicht ſo bösartig ſein würde, mir Sorgen zu machen. Im Grund muß es ihm verdammt ge⸗ ſchickt kommen, daß er den großen Braunen ſo gut aufheben laſſen kann; wäre ich an ſeiner Stelle geweſen, ich hätte es wahrlich gerade ſo gemacht; ja, ja, ich wäre gar nicht gut auf den Braunen zu ſprechen geweſen. Wenn ich ſo bedenke, daß ich mit dieſem hochachtbaren Greiſe habe etwas unzart verfahren wollen, ſo ſchäme ich mich ordentlich; aber was für ein verteufelter Einfall war es auch, zu mir zu ſagen: Schaffſt du mir dieſen Menſchen vom Hals, ſo bekommſt du zehntauſend Franken,“ und zu gleicher Zeit mir zwanzig tauſend zu zeigen in dem vermaledeiten Secretär, der nicht hat auf⸗ gehen wollen. Wie kann Einem auch nur einen Augenblick zwiſchen zehntauſend und zwanzig tauſend Franken die Wahl wehe thun!“ Es war die tiefſte Stille eingetreten, während Herr Gorſaz auf die gewöhnlichen Fragen, welche der Schwurgerichtspräſident an ihn richtete, ant⸗ wortete. Nachdem dieſer Förmlichkeit genügt war, nahm der Greis auf einem Stuhle dicht an der Richterbank Platz und wandte ſich nach den Ge⸗ ſchworenen hin. In gravitätiſchem Tone und jene Gemüthserregung an den Tag legend, welche man bei edelmüthigen Menſchen gewahrt, wenn ſie An⸗ NM X— ₰ 309 dere anklagen ſollen, wiederholte er buchſtäblich die am Tage des Attentats abgegebene Erklärung. Dieſe beſagte im Weſentlichen, daß in dem Augenblicke, wo Herr Gorſaz die erſten Stiche bekommen, und noch ehe er das Bewußtſein ganz verloren gehabt, er den Mörder poſitiv erkannt habe, da dieſer ein Licht angezündet, um bei Erbrechung des Secretärs zu ſehen. „Sehen Sie die beiden Angeklagten an!“ ſagte der Präſident zum Zeugen,„ſind Sie gewiß, daß der, den Sie erkannt, Arthur v. Aubian iſt?“ Der Greis wandte ſich nach dem Angeklagten hin und ließ auf Luciens Liebhaber einen Blick haften, deſſen Triumph durch ein wundervoll ge⸗ heucheltes Mitleid verſchleiert war. „Ja, der iſt's,“ lautete mit einem Seufzer die Antwort des Greiſes;„vergebens iſt es, daß ich ihn nicht wieder erkennen möchte.“ Auf dieſe Erklärung folgte eine allgemeine und längere Senſation. Arthur allein blieb dem An⸗ ſchein nach impaſſibel und begnügte ſich mit einem verächtlichen Lächeln. „Herr Präſident,“ ſprach nach Wiederherſtellung der Ruhe einer der Geſchworenen,„ich wünſchte, daß Zeuge uns ſagte, ob nicht ſchon vor dem At⸗ tentat zwiſchen ihm und dem Angeklagten irgend ein Grund zur Feindſchaft beſtanden?“ Dieſe Frage erregte lebhaftes Intereſſe, beſon⸗ ders bei den Frauen, die, gezwungen, an Arthur's Schuld zu glauben, dennoch nicht zugeben mochten, daß ein Diebſtahl der Endzweck des Attentats ge⸗ weſen ſei. Der Angeklagte ſelbſt erröthete leicht und ſchien eine geheime Unruhe zu empfinden; Herr Gorſaz aber war auf alle Fragen vorbereitet. Die 310 eben geſtellte überraſchte und verwirrte ihn daher auch keineswegs. „Herr v. Aubian iſt ſchon ſeit langer Zeit mein Nachbar,“ antwortete er,„und ſtets waren unſere Beziehungen die des Vertrauens, der Herzlichkeit, ich könnte ſelbſt ſagen der Freundſchaft, geweſen. Auf meiner Seite wenigſtens ſind, trotz des ver⸗ goſſenen Blutes, dieſe Gefühle nicht erloſchen; ich merke das an dem tiefen Kummer, der ſeit zwei Monaten über mich gekommen iſt. Es hat dieſes unglückſelige Ereigniß mir mehr noch moraliſch als phyſiſch wehe gethan.“ Die veränderte Stimme des Greiſes und ſeine traurige Phyſiognomie riefen bei der Zuhörerſchaft ein abermaliges Murmeln des Mitleids wach. „Es iſt Ihnen alſo,“ hob der Präſident wieder an,„lediglich keine Urſache bekannt, welcher das Attentat, deſſen Opfer Sie geworden, zugeſchrieben werden könnte?“ „Die Urſache,“ antwortete Herr Gorſaz mit me⸗ lancholiſcher Stimme,„iſt, nach meiner Anſicht, jene beklagenswerthe und verderbliche Leidenſchaft des Spiels, die ſchon ſo viele, eines beſſeren Schick⸗ ſals würdige junge Leute zu Grunde gerichtet hat. Herr v. Aubian ſpielte viel und unglücklich; meine wohlgemeinten Rathſchläge haben ihn von dem täg⸗ lich tiefer und tiefer werdenden Abgrunde nicht zu⸗ rückzuhalten vermocht. In einem Augenblicke der Verzweiflung wird er an das Geld gedacht haben, das er einige Zeit zuvor mich hatte einnehmen ſehen; warum verlangte es der Unglückliche nicht lieber von mir, anſtatt es auf eine ſo beklagenswerthe Weiſe ſich zuzueignen zu ſuchen?! Hätte er Zu⸗ —. — S0—— w* — 5— M —. 311 trauen zu mir gehabt; hätte er bedacht, daß die Börſe eines alten Freundes ihm nicht verſchloſſen bleiben konnte, ſo hätte dieſes unheilvolle Ereigniß nicht Statt gefunden und wären wir beide jetzt nicht hier. Ich, der ich ſo unendlich bedaure, ſein Ankläger ſein zu müſſen; ich.... Hier ſchwieg der Greis, wie wenn er vor Rüh⸗ rung nicht weiter zu ſprechen vermöchte, und alsbald ſank die Hand, welche Arthur mit einer pathetiſchen Geberde bezeichnet, ermattet wieder nieder. Dieſe rührenden Worte, dieſe Pantomime, wor⸗ in ein väterlicher Schmerz ausgedrückt lag, brachten bei den Zuhörern und ſogar auf der Geſchworenen⸗ und Richterbank eine jener durchſchlagenden Emo⸗ tionen hervor, welche ehrliche Gemüther beim An⸗ blick einer heroiſchen That empfinden. Indem Herr Gorſaz mit ſeinem Mörder noch Mitleid hatte, an⸗ ſtatt ihn zu verwünſchen, erſchien er den Religiös⸗ geſinnten als der tugendhafteſte Befolger der Leh⸗ ren des Evangeliums; Leute von einiger Beleſenheit verglichen ihn mit dem einem Zamore verzeihenden Don Gusman; ſelbſt das Weibervolk trug, verführt durch eine Seelengröße, der lange weiße Haare, ein accentuirter Vortrag, trotz des Alters noch aus⸗ drucksvolle Augen, mit einem Worte, alle jene dra⸗ matiſchen Beigaben verſchönernd zur Seite ſtanden, welche ihm an der Tugend gefallen, plötzlich auf den großmüthigen Greis all' die Theilnahme über, welche die meiſten bis dahin dem jungen Angeklag⸗ ten hartnäckig bewahrt hatten. „Wie ſchön muß er doch vor vierzig Jahren ge⸗ weſen ſein!“ rief eine Evatochter in naivem Ent⸗ zücken. 312 „Er iſt es immer noch,“ antwortete ihre Nach⸗ barin, dieſe Bewunderung noch überbietend;„die moraliſche Schönheit altert nicht. Welcher Edel⸗ muth! welcher Seelenadel! Jetzt begreife ich auch vollkommen, wie Frau Gorſaz gefährlich krank wer⸗ den konnte, als ſie ſich von einem ſo ſchweren, ſo unerſetzlichen Verluſte bedroht ſah.“ „Er iſt ein neuer König Lear,“ bemerkte eine romantiſche Philaminte, welche dem Shakeſpeare⸗ Cultus ergeben war. Dieſes Wort ging von Mund zu Mund und wurde ſelbſt von denen, die es nicht verſtanden, in ſentenziöſer Weiſe wiederholt.. „Haben Sie über die Ausſage des Zeugen irgend eine Bemerkung zu machen?“ fragte der Schwur⸗ gerichtspräſident den Angeklagten. v. Aubian erhob ſich und ſchien eine Weile ge⸗ gen eine gewaltige Verſuchung anzukämpfen, über die er am Ende aber ſiegte. „Zur Ehre meines Namens,“ ſprach er,— „denn nicht mein Leben iſt es, das ich vertheidige—, muß ich wiederholen, daß ich nichts zu ſchaffen habe mit dem Verbrechen, deſſen man mich beſchuldigt. Was die Erklärung des Herrn Gorſaz betrifft, ſo ſteht es mir nicht zu, mich darüber in Erörterungen einzulaſſen. Möge die Juſtiz ihren Ausſpruch thun: ich werde mich demſelben, wie er immer ausfallen mag, zu unterwerfen wiſſen.“ Dieſer Proteſt ſchien ebenſo kalt als gezwungen, und wurde ungünſtig aufgenommen. „So ſpricht die Unſchuld nicht,“ ſagten die mei⸗ ſten Zuſchauer unter ſich;„einem ungerechten Ur⸗ theilsſpruch unterwirft man ſich nicht nur ſo, wohl 1 MWM 313 aber iſt man darüber empört. Eine ſo außerge⸗ wöhnliche Reſignation beſtätigt die Anklage, anſtatt ſie zu entkräften. Dieſer Menſch iſt ſchuldig: es ſteht das auf ſeinem Geſichte geſchrieben.“ Nachdem Herr Gorſaz ſeine Ausſage beendigt, ſetzte er ſich mitten unter die übrigen Zeugen hin⸗ ein, unter unzweideutigen Beweiſen achtungsvoller Theilnahme, welche ihm von Seiten der Zuhörer⸗ ſchaft wurden. Die Sitzung ward auf einige Au⸗ genblicke durch Privatgeſpräche unterbrochen; mit einem Mal aber ging dieſes wirre Gemurmel in eine lautloſe Stille über. Es hatte der Präſident mit einer von dem geſammten anweſenden Publi⸗ cum gehörten Stimme die Worte geſprochen: „Gerichtsdiener, laſſen Sie Frau Gorſaz ein⸗ treten!“ Sofort verließ einer der Gerichtsdiener den Saal, um alsbald wieder zu erſcheinen, gefolgt von der jungen Frau, die jetzt das Ziel der allgemei⸗ nen Neugierde wurde. Den Kopf hoch tragend, mit fieberhaft geröthetem Geſicht, mit inſpirirter Miene ſchritt ſie feſten Trittes bis an den Rand der Eſtrade, die den Zeugen angewieſen war, um zu deponiren. Hier blieb ſie ſtehen, anſcheinend taub für die Interpellationen, welche der Präſident an ſie richtete. Ihr feuriger Blick, der etwas Wir⸗ res hatte, durchlief mit übernatürlicher Feſtigkeit die zu ihren Füßen zuſammengedrängte Zuhörer⸗ menge; bald aber hatte er die Anklagebank erreicht, wo er auf v. Aubian haften blieb. Plötzlich ſtreckte Lucie— und es nahm ihr Ge⸗ ſicht dabei einen unausſprechlichen Ausdruck von Gier, Liebe und Verzweiflung an— mit einer un⸗ 314 bändigen, jedoch nicht unfreiwilligen Geberde nach ihrem Liebhaber beide Arme aus und ſchrie mit gellender Stimme: „Arthur, hier bin ich!“ Dieſer hülfeverkündende Ruf, der ſich dem Brül⸗ len einer verwundeten Löwin vergleichen ließ, hatte die Wirkung, daß durch die tauſend Adern der nach Emotionen lüſternen und in dieſem Augenblick über Erwarten befriedigten Menge ein elektriſcher Schau⸗ der hinlief. Inmitten der allgemeinen Betäubung erhoben ſich zwei Männer, der Gatte und der Lieb⸗ haber, und zwar bebte der erſte vor Wuth, der zweite aber vor Mitleid. „Das iſt ein Zug des Wahnſinns,“ rief Herr Gorſaz;„man kann die Ausſage einer Wahnſinni⸗ gen unmöglich gelten laſſen, und ich verlange da⸗ her, daß ſie gar nicht verhört werde.“ „Ich— wahnſinnig!“ ſprach Lucie, ihrem Gat⸗ ten einen herausfordernden Blick zuwerfend und zum Vorſitzenden ſich wendend;„verhören Sie mich, Herr Präſident, Sie werden dann bald ſehen, ob ich wahnſinnig bin, ob ich Ihre Fragen nicht ver⸗ ſtehe, ob ich nicht ganz vernünftig darauf antworte. Ich— wahnſinnig! vielleicht bald; jetzt aber habe ich noch meinen vollen Verſtand: ich weiß, was ich thue und ſage.“ „Madame, werden Sie doch ruhiger; ich will Sie verhören,“ antwortete der Präſident, der in Luciens Augen die drohenden Funken eines durch Widerſpruch leicht zum Aeußerſten getriebenen Wahn⸗ ſinns blitzen ſah. „Herr Präſident, ich widerſetze mich entſchieden der Vernehmung der Zeugin,“ hob Herr Gorſaz — de be im eir „ſe 315 mit gebrochener Stimme wieder an;„ich werde Beweiſe liefern, daß meine unglückliche Frau ſchon ſeit einiger Zeit nicht mehr bei vollem Verſtande iſt. Herr Mallet, mein Arzt und zugleich Zeuge, wird Ihnen dieſe Thatſache beſtätigen, wenn er der Wahrheit die Ehre ſchenken will.“ „Herr Mallet, treten Sie gefälligſt näher,“ ſprach jetzt der Präſident,„und ſehen Sie ſelbſt, ob Madame das Verhör auszuhalten im Stande iſt.“ Lucie lächelte dem Arzte zu, der die Stufen der Eſtrade ſofort hinanſtieg, und bot ihm, als er in ihrer Nähe war, mit einer vertrauensvollen Geberde die Hand. Im Beſitze eines Geheimniſſes, das ihm ſein Scharfblick verrathen, hätte der Arzt Arthur eher verurtheilen laſſen, als daß er eine Frau zu Grunde gerichtet hätte, der er ſeit langer Zeit mit faſt väterlicher Liebe zugethan war; doch trieb er das ritterliche Raffinement nicht ſo weit, daß er ſie ne ihren Willen rettete, indem er ihr den Mund ſchloß. „Es ſteht das Leben eines Menſchen auf dem Spiel,“ dachte er bei ſich ſelbſt;„liebt ſie ihn bis zu ſolchem Grade, daß ſie ihm ihre Ehre opfert, — mit welchem Recht könnte ich ſie dann hindern, es zu thun?“ Er erfaßte den Arm der jungen Frau, um ihr den Puls zu fühlen— eine im Grunde überflüſſige Förmlichkeit, da ſie ihm nichts ſagte, was er nicht bereits wußte. „Madame hat ein heftiges Fieber,“ ſprach er inmitten einer Stille, die ſo lautlos war, daß man eine Stecknadel hätte auf den Boden fallen hören; „ſeit zwei Monaten iſt das ihr gewöhnlicher Zu⸗ 316 ſtand. Einer der Charaktere dieſer Krankheit, wor⸗ über die Anſtrengungen der Wiſſenſchaft noch nicht geſiegt haben, iſt eine anormale Ueberreizung, welche die geringſte Aufregung verdoppelt und beunruhi⸗ gend machen kann; von dieſer Erregtheit des Rer⸗ venſyſtems aber bis zu einer Störung der Organe des Geiſtes fehlt, Gott ſei Dank! noch viel. Ma⸗ dame Gorſaz iſt, wie ſie ſelbſt eben geſagt, bei vollem Verſtand, und bin ich überzeugt, daß ſie die Fragen, die man an ſie richtet, ſowie daß ſie die Tragweite ihrer Worte vollkommen begreifen wird.“ Das Auditorium nahm die ärztliche Erklärung mit einem Murmeln der Befriedigung auf und be⸗ reitete ſich in ſeiner grauſamen Frivolität auf den Genuß vor, deſſen beraubt zu werden es einen Augenblick gefürchtet hatte. Außer ſich vor Zorn, wollte Herr Gorſaz die Stufen der Eſtrade hinan⸗ ſteigen, um ſeine Frau herunterzureißen; allein die Gendarmen verſperrten ihm den Weg, worauf er auf eine Bank niederfiel, wo er, das Geſicht mit beiden Händen verdeckend und ſcheinbar vernichtet, ſitzen blieb. Arthur, auf dem Lucie ein feuriges Augenpaar haften ließ, bat ſie mit einem Blicke, eine Liebe, deren Geſtändniß ſie entehren mußte, nicht noch mehr zu verrathen. Als Antwort auf dieſe ſtumme Bitte erhielt er bloß eine leidenſchaftliche Geberde, welche den unerſchütterlichen Entſchluß, ihn zu ret⸗ ten oder mit ihm zu Grunde zu gehen, ausdrückte. . ,c——,—————— c— 1——.—„„ 7 —— ——c—. —— — Xv—— 15 317 NII. Während dieſer Zeit hatte ſich auf der Bank der Richter, deren Scharfſinn dieſen romanhaften Zwiſchenfall nicht vorhergeſehen, eine lebhafte Dis⸗ cuſſion entſponnen. Im Intereſſe der öffentlichen Moral wollte der Präſident das Verhör der Frau Gorſaz, da ſie über die materielle Thatſache des Mordes lediglich keine Aufklärung geben konnte, ganz unterdrücken. Auch gewann er ſeine Collegen wirklich für dieſe Anſicht; der General⸗Advocat aber, deſſen Zuſtimmung erforderlich war, mochte ſich einen Ehebruch nicht nehmen laſſen, der, indem er zu einem bereits mit Todesſtrafe bedrohten Ver⸗ brechen hinzukam, den ſchönſten Criminalprozeß ver⸗ ſprach, den der Schwurgerichtshof von Bordeaux ſeit zehn Jahren zu entſcheiden gehabt, ſobald nur die Staatsanwaltſchaft das Ihrige that. Vom Prä⸗ ſidenten befragt, erklärte alſo der öffentliche Anklä⸗ ger in der rothen Robe, daß ihm die Vernehmung der Zeugin unerläßlich ſcheine. Während dieſer Debatte war Madame Gorſaz unbeweglich ſtehen geblieben und ſchaute unabläſſig Arthur an, als wenn eine Trennung von zwei Mo⸗ naten ihr ein unerſättliches Verlangen nach ihm eingeflößt hätte. Ihr ſtolzer Anſtand in einem ſol⸗ chen Augenblicke wäre als das Zeichen männlicher oder vielmehr übermenſchlicher Energie erſchienen, hätte ſich nicht ein kleines Zittern wahrnehmbar gemacht, das ſie zwang, die Hand auf den für ſie herbeigebrachten Lehnſeſſel zu ſtützen. An dieſem Beben verrieth ſich das Schilfrohr, das unter einem 318 Hauche zuſammenbrechen mußte, ſobald der es auf⸗ recht haltende ephemere Saft verſchwunden war. Klar, und man könnte ſagen ruhig, antwortete die junge Frau auf die Formfragen, welche vom Präſidenten an ſie gerichtet wurden. Als aber der Vorſitzende ſie aufforderte, den Geſchworenen un⸗ umwunden zu ſagen, was ſie über den Mordan⸗ ſchlag, der auf ihren Gatten gemacht worden, wiſſe, ſammelte ſie ſich einen Augenblick, nicht etwa weil eine vulgäre Scheu den Entſchluß eines ſo heroi⸗ ſchen Herzens erſchütterte, ſondern um in dieſem entſcheidenden Augenblick zu einer letzten Kraftan⸗ ſtrengung ſich aufzuraffen! „Geachtet bin ich in dieſen Saal getreten, ent⸗ ehrt werde ich ihn verlaſſen,“ ſprach ſie endlich mit veränderter, aber vibrirender Stimme.„Aber es hat das nichts zu ſagen! Hier, wo es ſich um meine Ehre und um ſein Leben handelt, kann meine Wahl nicht lange zweifelhaft ſein. Seit zehn Monaten iſt Arthur v. Aubian mein Geliebter... Ja, Ar⸗ thur v. Aubian iſt mein Geliebter,“ wiederhoite ſie mit unglaublicher Energie und gebot mit einer be⸗ herrſchenden Geberde dem durch dieſe Worte her⸗ vorgerufenen Lärm Schweigen,—„ſeit zehn Mo⸗ naten empfange ich ihn Nachts oft in meinem Zim⸗ mer. Im Augenblicke des Attentats erwartete ich ihn; hat man ihn im Park gefunden, ſo kommt dieß einzig und allein daher, daß er, um bis zu mir zu dringen, keinen andern Weg hatte. Arthur iſt alſo, ich wiederhole es, mein Liebhaber. Wer wird jetzt noch zu ſagen wagen, daß er ein Mörder ſei?“ „Ich,“ ſprach Herr Gorſaz, wutherfüllt ſich er⸗ hebend. 22—— 319 „Und das lügen Sie!“ ſchrie Lucie, deren Blick den Greis niederblitzen zu ſollen ſchien.„Dieſer Menſch lügt,“ fuhr ſie, ihn mit einem Finger be⸗ zeichnend, fort,„ich bin ihm untreu geweſen: er weiß es; und um ſich nun zu rächen, klagt er Ar⸗ thur eines Verbrechens an. Ich hatte ihm den Vorſchlag gemacht, daß er mich... mich anklagen ſolle; ich hätte mich nicht vertheidigt; er aber hat es nicht gewollt. Das Blut eines Weibes wäre ihm nicht genug; er will... er muß das Arthur's haben— das Blut Arthur's, den ich, ich ſage nicht mehr als mein Leben,— denn das wäre zu wenig —, nein, denn ich mehr als meine Ehre liebe!“ Hier unterbrach ſich Lucie und ließ ihre feuer⸗ ſprühenden Augen über den Theil des Saales hin⸗ laufen, der von dem Weibervolk eingenommen war, unter welchem ſich eine gewaltige Gährung kund gab und deſſen Geflüſter ein allem Herkommen ſo ſehr zuwiderlaufendes Geſtändniß in unzweideutiger Weiſe verdammte. „Ich höre das Wort Schamloſigkeit ausſprechen!“ ſagte ſie mit einem Lächeln voller Bitterkeit zu die⸗ ſen Frauenzimmern.„Trotzdem daß ihr ſo wenig Mitleid an den Tag leget, wünſche ich doch keiner von euch, daß ſie unglücklich genug werden möge, um die Erfahrung zu machen, daß es etwas noch Mächtigeres gibt als die Scham— ich meine die Verzweiflung. Stände das Schaffot nicht da, glau⸗ bet ihr dann, daß ich meine Schande ſo euren ver⸗ ächtlichen Reden preis geben würde? Man will ihn ums Leben bringen— ja, ſein Leben will man. Soll ich ihn denn ſterben laſſen, damit ihr nicht mehr über mich zu erröthen brauchet?“ 320 Indem Lucie dieſe letzteren Worte ſprach, ſchloß ſie taumelnd die Augen. Eine Todesbläſſe war auf ihrem Geſichte an die Stelle der feurigen Röthe ge⸗ treten, womit das Fieber es bedeckt hatte. Die übernatürliche Energie, die ſie bis dahin aufrecht gehalten, war mit einem Male verſchwunden, gleich⸗ wie die Flamme einer Lampe unter einem unſanften Hauche erliſcht. Doctor Mallet, der vom Fuße der Eſtrade aus den geringſten Bewegungen der jungen Frau mit wachſamer Angſt folgte, ſprang auf ſie zu und fing ſie in dem Augenblicke, wo ſie fiel, in ſeinen Armen auf. Mehrere Männer eilten her⸗ bei, um ihn zu unterſtützen, und ſo ward Lucie alsbald in das Zeugenzimmer gebracht. Hier blieb ſie eine Zeit lang leblos; bald aber folgten auf dieſe Ohnmacht Zuckungen, die gräßlicher waren als alle nervöſen Kriſen, die ſie bis dahin durchgemacht. „Die Sitzung iſt auf eine halbe Stunde ſuſpen⸗ dirt,“ ſprach der Präſident, der ſich keine Hoffnung machte, Stille und Aufmerkſamkeit ſogleich zurück⸗ kehren zu ſehen. Dieſe Worte entfeſſelten den Sturm vollends, und mit einem Mal gewann jetzt das Auditorium das Ausſehen einer hohl gehenden See. Hundert gleich laute Geſpräche knüpften ſich zu gleicher Zeit an. Das Benehmen der Frau Gorſaz wurde der unerſchöpfliche Text der heftigſten und disparateſten Commentare. Die Einen fanden ſie wahnſinnig, die Andern entſetzlich; noch Andern war ſie ſublim. Im Allgemeinen waren die alten Leute der erſteren Meinung, das Weibervolk aber der zweiten, die jungen Leute endlich der dritten. „Iſt dieſer v. Aubian einmal ein glücklicher * als ht. en⸗ ng ick⸗ ds, um ert eit der ten ig, im. ren die her 321 Kerl!“ rief einer der letzteren im Tone tiefſter Ue⸗ berzeugung. „Wie! Sie nennen ihn glücklich, weil er auf dem Armeſünderbänkchen ſitzt?“ hohnlächelte ein Mann von reiferem Alter. „Ei! was thut das! Gibt es eine Demüthigung, die das Glück, eine ſolche Paſſion einzuflößen, nicht verwiſcht,— einen Kummer, den ein ſolches Glück nicht tröſtet? Trotz der Schmach, die an dem Arme⸗ ſünderbänkchen klebt, wird dieſes dem, welcher über ein ſo edles Herz herrſcht, ein Thron. Ohl alſo ſich geliebt wiſſen und dann ſterben! Welch' ſüßer, ſtolzer Gedanke!“ Der verzückte Blick des jungen Mannes richtete dieſe ſentimentalen Ausrufe an eine junge Blondine, die in ſolcher Nähe war, daß ſie ihn hören konnte, und deren Koketterie ihn ſeit einem halben Jahre auf dem Armeſünderbänkchen feſthielt, bis es end⸗ lich derſelben vielleicht gefiel, ihn den Thron be⸗ ſteigen zu laſſen. „So geliebt zu werden, iſt ohne Zweifel ſüß,“ hob der Poſitiviſt wieder an;„aber ſterben! und noch dazu auf dem Schaffot ſterben!.... Danke recht ſchön!“.. Bei der Wiedereröffnung der Sitzung erklärte der Präſident, daß, da der ſehr bedenkliche Zuſtand der Frau Gorſaz ihre Verbringung nach ihrer Woh⸗ nung nothwendig gemacht, der Anklage wie der Ver⸗ theidigung es freiſtehe, die gemachte Ausſage in ihrem reſpectiven Intereſſe zu deuten, den Geſchwo⸗ renen es aber zukomme, den Werth derſelben un⸗ parteiiſch zu würdigen. Vernard, Ausgew. Erzählungen. II. 21 322 „Die Liſte der Zeugen iſt nun erſchöpft,“ ſprach er dann;„der Herr General⸗Procurator hat das Wort!“ 1 Bei legislativen und gerichtlichen Discuſſionen 1 werden Zwiſchenfälle, welche in völlig unerwarteter Weiſe auftauchen, zu ebenſo vielen Klippen, woran die gewöhnlichen Sprecher ſcheitern— jene Sprecher, die in Verwirrung gerathen, ſobald ſie durch irgend et⸗ was, woran ſie nicht gedacht, überraſcht werden; über welche aber ohne Mühe die Redner hinwegkommen, die ihren Geiſt wie ihre Worte in der Gewalt haben. Ein Bordeleſe von Geburt, beſaß der Beamte des öffentlichen Miniſteriums, der im Uebrigen ein ober⸗ flächlicher Magiſtrat war, gleich ſo vielen andern ſeiner Landsleute jenes Improviſationstalent, das Gedanken und Ausdruck in einen einzigen Act ver⸗ ſchmelzt. Das gerade Gegentheil des Abbé v. Ver⸗ tot, hätte es ihm durchaus keine Mühe gemacht, ſeine Belagerung von Neuem zu beginnen und, die Uhr in der Hand, Malta auf zehnerlei Art zu neh⸗ men. In dieſem Augenblick entwickelte er, ohne die geringſte Verlegenheit an den Tag zu legen wegen eines Ereigniſſes, welches dem Prozeſſe ein ganz anderes Ausſehen geben zu müſſen ſchien, die Anklage ſo, wie er ſie in der Stille ſeines Cabi⸗ nets vorbereitet hatte. Mit der unermüdlichen Ge⸗ duld einer Ameiſe häufte er, ein Sandkörnchen nach dem andern zuſammentragend, über v. Aubian ei⸗ nen ſo rieſigen Berg auf, daß eine herkuliſche Tugend darunter hätte zuſammenbrechen müſſen. Und als ihm nun der Bau ſchwer, erdrückend und unerſchütterlich genug däuchte, fügte er plötzlich— in ſeiner Hand eine furchtbare Keule und als paſ⸗ — 323 ſende Krone für das Ganze— die Ausſage der Frau Gorſaz hinzu. „In einem Anfall von Verzweiflung,“ rief er in pathetiſchem Tone aus,„hat ein achtungswerther Greis, hat ein an ſeiner Ehre grauſam verletzter Gatte Ihnen geſagt, daß dieſe Frau wahnſinnig ſei! Eine edle und traurige Unwahrheit, die zu ta⸗ deln ich nicht den Muth habe; aber immerhin iſt und bleibt es eine Unwahrheit! Nein, meine Herren, dieſe Frau iſt nicht wahnſinnig: ihr Arzt hat das Ihnen bezeugt. Dieſe Frau iſt, ſage ich, nicht wahnſinnig, es ſei denn, daß man mit dem Namen Wahnſinn den unbändigen Ausbruch einer ehebre⸗ cheriſchen Leidenſchaft bezeichnet, die, mit frechem Auge und ſtolzen Hauptes, ſich im Heiligthum der Juſtiz enthüllt hat, um dort die beklagenswerthe Scene aufzufuͤhren, welche auf alle Herzen einen ſo höchſt peinlichen Eindruck gemacht zu haben ſcheint. Indem Frau Gorſaz alle Sittſamkeit, alle Scham mit Füßen getreten, hat ſie denjenigen, welchen ſie ihren Geliebten nennt, zu retten geglaubt. Die Unglückliche, die nicht eingeſehen, daß ihre Unehre, weit entfernt, ein Rechtfertigungsgrund zu ſein, der Anklage einen weiteren Beweis, und vielleicht den niederſchmetterndſten von allen, an die Hand gab! Was beweist in der That dieſe unerhörte Erklärung? Daß der Angeklagte, bevor er den Mord in das Gorſaz'ſche Haus getragen, damit begonnen hatte, den Ehebruch in dasſelbe zu verpflanzen, und daß er ſo einem Verbrechen ein anderes vorausgehen ließ. Und ſo iſt es in Wahrheit faſt immer: Nemo repente turpissimus. Wie! dieſer Schandfleck, der ſich eben beim hellen Tageslicht producirt hat, möchte 21 324 das vergoſſene Blut verſchwinden machen! Nein, meine Herren, unter dem Koth iſt und bleibt das Blut, und nichts wird uns verhindern, ſeine Spur vom Opfer bis zum Mörder zu verfolgen.“ Lange fuhr der General⸗Advokat in dieſem Tone fort und unterſtützte dabei ſeine Beredſamkeit durch die Heftigkeit der Geberde und die Wärme der De⸗ clamation. Seine Schlüſſe, ſeine Beweiſe, ſeine redneriſchen Flüge, ſeine Berufungen an die Leiden⸗ ſchaften: alles mußte ihm dazu dienen, aus der Schuld des Angeklagten eine Art unheimlich leuch⸗ tenden Geſtirns zu machen, deſſen Vorhandenſein nur ein Blinder allein bezweifeln konnte. Als der öffentliche Ankläger geendet hatte, fand ſich Arthur vollkommen überführt, daß er habe Herrn Gorſaz ermorden wollen, nicht nur um dieſem ſein Geld zu ſtehlen, ſondern auch um die Ehebrecherin zu heirathen, die, einmal Wittwe, für einen durchs Spiel ruinirten Mann eine höchſt wünſchenswerthe Partie habe werden müſſen. Dieſes beredte Plai⸗ doyer brachte auf die Zuhörerſchaft einen ſiegreichen und entſcheidenden Eindruck hervor, den v. Aubian's Vertheidiger vergebens wieder zu zerſtören ſuchte. Umſonſt rief dieſer zu Gunſten des Angeklagten Lu⸗ ciens Geſtändniß an, das in ſo natürlicher Weiſe die durch das öffentliche Miniſterium in darnieder⸗ ſchmetternde Anklagepunkte umgewandelten Umſtände erklärte; umſonſt ſuchte er darzuthun, daß die Aus⸗ ſage des Herrn Corſaz nichts Anderes ſei als eine von der Rachſucht eingegebene Verleumdung. In ſeiner Replik, die noch zerſchmetternder war als ſeine erſte Rede, pulveriſirte der General⸗Advokat das ganze Syſtem der Vertheidigung ein für alle Mal zu Atomen. — S— —— v N N 5 S X X d— 325 Indem die Geſchworenen in dem Angeklagten, über deſſen Schickſal ſie ſich auszuſprechen hatten, einen Verführer verheiratheter Frauen fanden, wur⸗ den ſie für ihn keineswegs günſtiger geſtimmt. Nur zwei von ihnen waren Junggeſellen. In ihren Augen war alſo der Ehebruch nur ein weiteres Verbrechen, anſtatt als entſchuldigendes Moment zu dienen. Nach einer langen und ernſten Berathung erklärten ſie mit einer Mehrheit von neun Stim⸗ men gegen drei, daß Arthur v. Aubian eines Mord⸗ verſuchs mit Vorbedacht, gefolgt von einem Dieb⸗ ſtahlsverſuch, ſchuldig ſei. Bonnemain, gegen den die Staatsanwaltſchaft die Anklage hatte fallen laſ⸗ ſen, wurde einſtimmig freigeſprochen. Trotzdem daß inzwiſchen die Nacht hereingebro⸗ chen war, hatten doch faſt ſämmtliche Anweſende ausgeharrt, um Zeugen des Ausgangs zu ſein. Die Angeklagten, welche man aus dem Gerichtsſaale weggebracht hatte, während der Obmann der Jury das Verdict verlas, wurden bald wieder eingeführt und hörten mit einer Art ſtummer Impaſſibilität die Verleſung des Wahrſpruchs, den Strafantrag des General⸗Advocaten, ſowie endlich das vom Prä⸗ ſidenten ausgeſprochene Doppel⸗-Urtheil an. Der frühere Galeerenſträfling gab die Freude über ſeine Freiſprechung nur durch ein gutturales Grunzen kund— ein Grunzen, das ſeinen Grund bloß in der Gier hatte, womit er jetzt von ſeinen Athem⸗ werkzeugen wieder Gebrauch machte. „Ich würde verteufelt gern ein Glas Waſſer oder auch ein Glas Wein trinken,“ ſagte er zu dem Gendarmen, der zu ſeiner Rechten ſaß. Was Arthur betrifft, ſo hatte er mit ſtandhaf⸗ 326 ter Miene den Wahrſpruch der Jury vernommen; als aber der Präſident das vom Hofgefällte Urtheil verlas, welches ihn mit zwanzigjähriger Strafarbeit in einem Bagno belegte, da ließ er das Haupt auf die Bruſt herabſinken und ſaß eine Weile wie vernichtet da. „Alphons,“ ſprach er endlich, die Worte kurz abſtoßend, zu dem neben ihm ſitenden Vertheidiger, „du haſt gethan, was du gekonnt, und ich danke dir; iſt aber der Augenblick gekommen, ſo erinnere dich deines Verſprechens.“ „Es iſt kein Todesurtheil!“ antwortete der junge Advocat, auf deſſen Geſicht Todesbläſſe ſich gela⸗ gert hatte. „Das Urtheil iſt ſchlimmer als tauſend Todes⸗ urtheile,“ verſetzte der Verurtheilte energiſch;„willſt du denn, daß ich auf die Galeeren gehe? Gedenke deines Schwures, ſage ich dir. Du haſt mir das Le⸗ ben nicht retten können, ſo rette mir nun die Ehre!“ Er neigte ſich noch mehr zu ſeinem Freunde hin; ihre Hände begegneten ſich und tauſchten einen langen und geheimnißvollen Druck aus. Als Arthur ſich wieder aufrichtete, ſah er plötz⸗ lich aus der im Prätorium ſich drängenden Men⸗ ſchenmenge ein hohles, unheimliches Geſicht empor⸗ tauchen, deſſen verzehrende Augen mit einem Aus⸗ drucke wilden Triumphes ſich auf die ſeinigen hefteten. Auf die Wuth dieſes Blickes antwortete der Verur⸗ theilte mit dem ruhigen und verächtlich⸗ſtolzen Lächeln des Mannes, der über ſein Schickſal erhaben iſt. „Herr Gorſaz,“ ſprach er mit feſter Stimme, „ſehen Sie mich recht an, damit ich in der Stunde Ihres Todes Ihnen gegenwärtig bin.“ Mit dieſen Worten ſtützte Arthur die Spitze 327 des Dolches, der ihm eben von ſeinem Freunde zu⸗ geſtellt worden war, gegen die Bruſt und ſtieß mit ſicherer Hand ſich die Waffe ins Herz. Noch einen Augenblick blieb er aufrecht und ließ dabei ſeine weit aufgeſperrten Augen auf dem Greiſe haſften, dem dieſe unheimliche Bezauberung einen unwill⸗ kürlichen Schrecken einjagte. Dann ſtürzte er, wie ein von der Axt gefällter Baum, plötzlich zuſammen. Von allen Seiten erhob ſich ein Schrei des Grauſens. „Todt!“ rief Doctor Mallet, der ſich unter den Erſten befand, welche auf den, der jetzt nur noch ein Leichnam war, zugeſtürzt waren;„ſie wahn⸗ innig, er todt! O Gott, möge deine Gerechtigkeit ihnen gnädiger ſein als die der Menſchen!“ „Mauſetodt!“ ſprach ſeinerſeits Bonnemain, in⸗ dem er ſich zu dem vor ihm liegenden jungen Manne neigte.„Sich ſo umbringen, weil man ihn zu zwanzig Jahren Galeeren verurtheilt hatte! Wie dumm! oh, wie dumm!...“ 9.6 Drei Monate darauf, an einem unfreundlichen Winterabende, trat Doctor Mallet in das Gorſaz'⸗ ſche Haus, wohin er ſeit der Rückkunft von Bor⸗ deaux tagtäglich kam. Ohne erſt nach dem Greiſe ſich zu erkundigen, ging er alsbald in das Zimmer Luciens hinauf, deren beunruhigender Zuſtand die fleißige Pflege erheiſchte, welche der Arzt mit einer keinen Augenblick ſich verläugnenden Hingebung ihr zu Theil werden ließ. Behutſam öffnete er die Thüre des Schlafzimmers und trat auf das Bett 328 der jungen Frau zu, die in einem lethargiſchen Schlafe zu liegen ſchien. Ohne ſie aufzuwecken, er⸗ faßte er ihren Arm, um das Schlagen der Arterie zu befragen, worauf er mit unruhiger Hand leicht über die Stirn der Schlafenden hinfuhr, die er ſo heiß fand wie den Alabaſter einer Tag und Nacht brennenden Lampe. „Das Fieber wird ſtärker, und das Gehirn fin⸗ det ſich mehr und mehr angegriffen,“ ſprach er, das Haupt mit bekümmerter Miene ſenkend, bei ſich ſelbſt. Eine Weile betrachtete der Arzt mit ſchmerzli⸗ chem Mitleid das leidende Weſen, deſſen Leben er noch zu retten hoffte, wenn er ſich auch ſagte, daß der Verſtand wohl unretthar verloren ſei. „Gewiß iſt ihr ſeit geſtern etwas paſſirt,“ ſprach er dann halblaut zu einem Weibe, das, ſchon zien⸗ lich bei Jahren und von durchaus männlichem An⸗ ſtand, vor dem Kamine ſtand und der Weiſungen des Arztes gewärtig zu ſein ſchien. „Ich habe doch ſchon viele Kranke gewartet,“ antwortete die Wärterin und hob dabei die Angen zum Himmel empor;„aber noch nie habe ich ſo etwas geſehen wie das, was hier vorgeht. Fürs Erſte iſt Madame heute Nacht, wie oft geſchieht, in ihrem Schlafe aufgeſtanden; dieß Mal aber hat ſie ſich zum Fenſter hinausſtürzen wollen. Schon war eine Hälfte des Körpers auf der andern Seite des Balcons, als es mir zum Glück noch gelang, ſie wieder hereinzuziehen.“ „Sie haben alſo geſchlafen?“ fragte Herr Mal⸗ let in einem Tone des Zorns. „Wenn der Sandmann bei mir auch ein bischen gekommen wäre ſehen Sie, man iſt eben nicht 329 von Eiſen Vor der Hand aber war es ein Glück, daß ich eine ſo derbe Fauſt habe; ſonſt würde das arme Geſchöpf zu dieſer Stunde wohl keinen Arzt mehr brauchen.. Das iſt aber noch nichts... heute Morgen iſt eine ſchöne Geſchichte paſſirt!“ „Iſt Herr Gorſaz hereingekommen?“ fragte der Arzt lebhaft. „Sie haben's errathen. Madame aber iſt als⸗ bald in Zuckungen gerathen, die über zwei Stunden gedauert haben. Zu vieren mußten wir ſie halten, und nur mit unendlich vieler Mühe iſt man Herr über ſie geworden. Als ſie keine Kräfte mehr hatte, iſt ſie vor Mattigkeit eingeſchlafen; indeſſen will es mich bedünken, daß dieſer Schlaf nichts Gutes verkündet.“ Hier ward der Bericht der Krankenwärterin durch ein ſchwaches Geräuſch, welches die ſich halb⸗ öffnende Thüre machte, unterbrochen. Raſch wandte der Arzt den Kopf um und gewahrte den auf der Schwelle ſtehenden Gorſaz. Auf ihn losſtürzen und ihn in das andere Zimmer zurückſtoßen, war das Werk eines Augenblickes. „Sie dürfen nicht herein!“ herrſchte er ihm zu; „heute Morgen ſchon haben Sie meine Abweſenheit benützt; in dieſem Augenblicke aber müſſen Sie mir gehorchen. Was haben Sie hier zu ſchaffen? Wol⸗ len Sie ſie vollends umbringen?“ „Sie ſchläft,“ gab der Greis unterwürfig zurück. „Ich bitte Sie inſtändig, Herr Doctor, laſſen Sie mich hinein. Was befürchten Sie? Sie ſchläft ja; ſie wird mich alſo nicht ſehen.“ „Wiſſen Sie nicht, wie merkwürdig die Gabe des Hellſehens im Schlafe bei ihr iſt? Selbſt im Schlafe würde ſie ahnen, daß Sie da ſind.“ 330 „So laſſen Sie mich wenigſtens einen Augenblick ſie betrachten,“ verſetzte Herr Gorſaz.„Heute Mor⸗ gen habe ich ſie nur ein wenig ſehen können, und es iſt nun ſchon ſo lange, daß Sie mich von ihr entfernt halten! Darf ich ſie denn gar nicht mehr ſehen?“ „Ihre Anweſenheit würde ihr das Leben koſten,“ gab der Arzt zurück;„ſo lange ich ſie behandle, werde ich mich einer Zuſammenkunft widerſetzen, die keinen vernünftigen Zweck hat und deren Reſultat nur höchſt beklagenswerth ſein könnte. Bei dem furchtbaren Zuſtande, in dem ſie ſich befindet, wäre jede Steigerung der bereits vorhandenen Aufregung nothwendig tödtlich. Schonen ſie Sie alſo, ich bitte Sie um Alles! Iſt Ihnen an v. Aubian's Blut noch nicht genug? Müſſen Sie auch das dieſer Unglück⸗ lichen noch haben?“ Finſter ließ der Greis den Kopf ſinken, und es verſtrich erſt einige Zeit, bevor er antwortete. End⸗ lich auf Herrn Mallet einen Blick voll düſterer Ver⸗ zweiflung heftend, ſprach er mit zitternder Stimme: „Könnte ich ſie durch meinen Tod am Leben er⸗ halten, ſo möchte ich lieber heute noch ſterben. Was thue ich auf der Welt, ich unglückſeliger Greis, ich, ein Gegenſtand des Abſcheues und des Schreckens, ich, der ich ohne Familie, ohne Freunde, ohne Kin⸗ der bin! Alles dieſes erſetzte ſie mir: ſie war meine Wonne, mein Glück, mein Schatz! Ach! warum war ſie nicht meine Tochter! Vielleicht daß ſie mich dann geliebt hätte!“ „Wozu die Klagen, wenn nicht mehr zu helfen iſt?“ „Nicht mehr zu helfen? Ich kenne ein Mittel, wo⸗ mit geholfen— gründlich geholfen werden könnte, aber es würde deſſen Anwendung eine Energie erfordern, die mir jetzt abgeht; denn das Alter entnervt die — B X S — — — — —— S c* X W X — M —— 2 331 Seele und läßt ihr nur noch zum Leiden Kraft. Werden Sie mir es glauben, Herr Doctor? Nie bin ich feig geweſen, und ſehen Sie! jetzt wage ich nicht einmal mich ums Leben zu bringen. Und glauben Sie dabei ja nicht, daß die Religion mich zurückhalte: nein, die Furcht, die blaſſe Furcht iſt es. Es iſt in mir der Wunſch des Selbſtmords, nicht aber der Muth dazu. Er hat ihn gehabt— er! Jung und geliebt, hat er zu ſterben gewußt; und ich, der ich ſo hart am Rande des Grabes ſtehe, daß ich bloß den Fuß aufzuheben brauche, um in dasſelbe hinabzuſteigen, ich bin unſchlüſſig und zittere. Feigheit und Schwäche— das wären alſo die letzten Gefährtinnen des Menſchen!“ Die Anweſenheit des Arztes zu vergeſſen ſchei⸗ nend, ging Herr Gorſaz jetzt langſamen und müh⸗ ſamen Schrittes wieder in ſein Zimmer hinab. Hier verbrachte er den Reſt des Abends, unbeweglich in ſeinem Lehnſeſſel ſitzend und, mit auf die Bruſt herabfallendem Haupte und ſtarren Blickes, tropfen⸗ weiſe die unerſchöpfliche Traurigkeit koſtend, wovon ſeit mehreren Monaten ſein Herz lebte. Als um elf Uhr ſein Domeſtik hereintrat, ſtand er auf und ließ ſich mit mechaniſcher Folgſamkeit entkleiden; ſo⸗ dann nahm er einen narkotiſchen Trank, woran ſeine Schlafloſigkeit ihn gewöhnt hatte, und legte ſich zu Bette. Im ganzen Hauſe herrſchte die tiefſte Stille und ſchon lange hatten ſich die Domeſtiken auf ihre Zim⸗ mer zurückgezogen. Luciens lethargiſcher Schlaf dauerte immer noch fort, und trotz des Vorfalls von der vergangenen Nacht war die Krankenwär⸗ terin, ihrer Gewohnheit gemäß, in ihrem Lehnſeſſel eingeſchlummert; Herr Gorſaz ſelbſt endlich ſchlief 332 gleichfalls. Da wachte der Greis mit einem Mal auf in Folge eines Geräuſches, welches der Dreh⸗ riegel des Fenſters, indem er ſich um ſich ſelbſt drehte, machte. Er riß die Augen auf und nahm mit einem Staunen, worein Entſetzen ſich miſchte, einen breiten Silberſtreifen wahr, den der Mond durch die hölzerne Rolljalouſie hindurch auf den Bo⸗ denteppich warf. Einen Augenblick wurde dieſer Strahl verfinſtert durch den Körper eines Mannes, der ins Zimmer hereinſprang und ſtumm, nach Art eines Tigers, auf das Bett zuſtürzte. Herr Gorſaz verſuchte es aufzuſtehen; noch ehe er aber einen Schrei ausſtoßen oder die Klingelſchnur erhaſchen konnte, ſah er ſich gepackt und aufs Bett zurückge⸗ ſchleudert von dem offenbar in verbrecheriſcher Ab⸗ ſicht Eingedrungenen, der ihn mit der einen Hand an der Kehle faßte und die andere mit einem langen, offenen Meſſer waffnete, welches zwiſchen ſeinen beiden Zahnreihen ſtak. „Gnade, Gaade... Bonnemain!“ murmelte der Greis, der beim Mondſchein endlich den Mör⸗ der erkannt hatte. „Keine Sylbe, ſonſt ſtoße ich zu!“ antwortete der Exbagnomenſch mit leiſer Stimme.„Hören Sie: Sie werden aufſtehen, den Secretär aufſchließen und mir das Geld geben. Wenn Sie ſtill ſind, ſo ge— ſchieht Ihnen kein Leid; verſuchen Sie es aber, auch nur ein Wort zu ſprechen, ſo laſſe ich Ihnen das Blut wie einem Hühnchen ab. Verſtanden?“ Starr vor Schrecken, gab Herr Gorſaz ein be⸗ jahendes Zeichen; dann richtete er ſich mit Bonne⸗ main's Hülfe, der aus Vorſicht ihn am Arme feſt⸗ hielt, wieder auf, zog aus ſeiner Rocktaſche einen Schlüſſel heraus, öffnete den Secretär und brachte aus ———— — 333 der geheimen Höhlung das mit Gold gefüllte Fach hervor, woran der Exgaleerenſträfling, ſeit fünf Monaten, weder bei Tag noch bei Nacht aufgehört hatte zu denken. „Iſt das auch Alles?“ fragte dieſer, ſeine Beute mit den Augen verzehrend. „Alles, was ich in dieſem Zimmer habe,“ ant⸗ wortete Hert Gorſaz mit kaum hörbarer Stimme; „doch habe ich in dem Schreibeſchrank, welcher im Bibliothekzimmer ſteht, noch Geld. Soll ich es holen?“ „Danke, danke; Sie würden Ihrem Bedienten⸗ volk rufen, und da käme ich ſobald nicht mehr fort. Zu viel Appetit iſt nicht gut. Ich will mit den Goldröllchen fürlieb nehmen.“ „Nehmen Sie ſie nur; ich ſchenke ſie Ihnen und verſpreche Ihnen zugleich, Sie nie anzugeben.“ „Oh! was das betrifft, ſo wiſſen wir, woran wir uns zu halten haben: ſehen Sie, noch ehe eine Stunde um wäre, wäre man mir auf der Spur— ganz ſo wie das letzte Mal. Nicht ſo dumm.“ Bei dieſen Worten trat der Exgaleerenſträfling mit einer eben ſo raſchen als unerwarteten Bewe⸗ gung hinter den Greis, umſchlang dieſen mit aller Kraft, die ihm zu Gebot ſtand, und ſchloß ihm mit der linken Hand den Mund, während er ihn mit der rechten mit anatomiſcher Genauigkeit erdolchte. Ins Herz getroffen, biß der Greis den Mörder con⸗ vulſiviſch in die Finger, ſtieß ein erſticktes Röcheln aus und ſtarb. Ohne alles Geräuſch legte Bonne⸗ main ihn auf den Boden und verſicherte ſich, daß keine Arterie mehr ſchlug. Jetzt ſtand er, gewiß, daß das Opfer ihn nie verrathen würde, wieder auf und tauchte die Hand in das auf dem Secretär ſtehende Fach mit den Goldröllchen. 334 In dieſem Augenblicke machte das Geräuſch einer aufgehenden Thüre das Blut in ſeinen Adern er⸗ ſtarren. Beſtürzt wandte er ſich um und gewahrte, beim Mondſchein, am Eingang eine weiße Geſtalt, worin ein Abergläubiſcher das rächende Geſpenſt des Ermordeten zu ſehen geglaubt haben würde. Dieſe Erſcheinung ſchritt gerade auf den Exga⸗ leerenſträfling zu, der vor Schrecken ſeinen Dolch und die Goldröllchen zugleich fallen ließ. Doch blieb ihm, während ihm die Knie ſchlotterten, noch ſo viel Kraft, daß er das Fenſter wieder zu gewinnen und dasſelbe zu erſteigen vermochte. Freilich koſtete ihm dieß eine letzte, verzweifelte Anſtrengung. Er lief durch den Garten hin, erſtieg die Ringmauer und fing an, querfeldein zu fliehen, ohne— ganz wie beim erſten Mal— etwas Anderes mitgenommen zu haben als das Bewußtſein ſeines Verbrechens. Als zwei Stunden darauf die Wärterin der Frau Gorſaz endlich aufwachte, überzeugte ſie ſich, daß das Bett der Kranken leer war. Voller Schrecken eilte ſie ans Fenſter und fand es geſchloſſen, ſah aber dafür die Thüre halb offen. Ein Licht an⸗ zündend, verfolgte ſie von einem Zimmer zum an⸗ dern die Spuren der Schlafwandlerin, die auf ihrem Wege keine der von ihr geöffneten Thüren wieder geſchloſſen hatte. Endlich kam ſie auf der Schwelle des zu ebener Erde belegenen Zimmers des Herrn Gorſaz an, und hier ſtieß ſie, ſtehen bleibend, einen Schrei des Entſetzens aus, der das ganze Haus auf die Beine brachte und es mit Grauen erfuüllte. Von dem nächtlichen Lichte, das einen Theil des Zimmers erfüllte, ganz beleuchtet, ſaß Lucie mit fliegenden Haaren und geſchloſſenen Augen neben dem Leichnam ihres Gatten. Das kindiſche Spiel, W 5 335 das ſie ernſtlich zu beſchäftigen ſchien, zeigte an, daß die Capricen des Wahnſinns in ihrem Kopfe ſich zu denen des Somnambulismus geſellt hatten. . Auf ihren Knien hielt ſie das Fach, woraus ſie der Reihe nach die Goldröllchen hervorzog, um ſie zu zerbrechen und ſodann die auf dem Teppich umherliegenden Goldſtücke zu ſymmetriſchen Reihen zu bilden. Das Blut, das aus der Wunde geſpritzt war, hatte ſich mit dieſem Spiele vermiſcht, und lachend tauchte die Wahnſinnige die Finger darein. Als man Lucien mit Gewalt aus dieſem verhäng⸗ nißvollen Zimmer fortgebracht hatte, wachte ſie nur auf, um in gräßliche Zuckungen zu verfallen, während welcher das letzte Verſtandes⸗Fünichen bei ihr vollends erloſch. Die Scene, welche fünf Monate zuvor geſpielt hatte, wiederholte ſich nun, nur tragiſcher. Die gerichtliche Unterſuchung that in peremptoriſcher Weiſe dar, daß Frau Gorſaz in einem Anfall von Som⸗ nambulismus ihren Gatten umgebracht habe, gegen den ſie ſeit Arthur v. Aubian's tragiſchem Tode einen unverſöhnlichen Haß genährt. Nicht minder ſchien bewieſen, daß ſie im Schlaf nur ein ſchon längſt beabſichtigtes Attentat ausgeführt. Unter den Mitgliedern der Anklagekammer dachte mehr denn eines, es entſchuldige nicht einmal der Schlaf den Mord genugſam, und es müſſe alſo der Fall zur Aburtheilung vor die Geſchworenen gebracht werden; als jedoch der Wahnſinn der Angeklagten gerichts⸗ ärztlich conſtatirt war, lag kein Grund mehr zu ei⸗ nem Criminalprozeſſe vor. Anſtatt in ein Gefäng⸗ niß geſperrt zu werden, wurde die Wittwe des Herrn Gorſaz in ein Privatkrankenhaus gebracht— was Vielen eine allzu gelinde Strafe zu ſein däuchte. 336 X. Im Jahre 1838 befand ſich unter den Neugierigen, welche die bekannte Anſtalt zu Charenton beſuchten, ein Städter von etlichen fünfzig Jahren. Von blühendem Ausſehen, wohlbeleibt, ſauber gekleidet und mit größ⸗ ter Sorgfalt gebürſtet, gab er den Arm einer Frau, die, das Geſicht allein abgerechnet, in größtem Sonn⸗ tagsſtaat war,— und einen Finger einem Kinde von vier Jahren, das die mütterliche Eitelkeit in martiali⸗ ſcher Weiſe in eine Artilleriſten⸗Uniform geſteckt hatte. Dieſe Gruppe— ein Bild bürgerlichen Glückes, jenes letzten Reflexes patriarchaliſcher Sitten— gehörte zu jenen, welche dem Künſtler ein boshaftes Lächeln ab⸗ nöthigen, den Philoſophen aber ſüß träumen laſſen. Das Haupt dieſer intereſſanten Familie, das eben das intereſſante Söhnchen auf den Arm genommen hatte, um ihm die Bewohner der Anſtalt beſſer zei⸗ gen zu können, blieb plötzlich ſtehen beim Anblick einer noch jungen und ſchönen Wahnſinnigen, welche, ohne ihn zu beachten, über den Hofraum hinſchritt und dabei Arthur's Namen in klagendem Tone murmelte. „Was iſt dir denn, Bonnemain?“ fragte die Frau im Sonntagsſtaat ihren Chemann;„du biſt ja ſo weiß wie ein Leichentuch!“ „Oh! es iſt der Hunger,“ gab der frühere Ga⸗ leerenſträfling, ſeine ganze Kaltblütigkeit wieder er⸗ langend, zurück;„wir wollen jetzt diniren. Achilles fängt an zu ſchlafen; die Narren machen ihm keinen Spaß; und was mich betrifft, ſo habe ich nun genug.“ Bonnemainiſt, Dank dem Heirathsgut ſeiner Frau Gemahlin, Chef eines ſehr blühenden Geſchäfts ge⸗ worden, dem er noch zu dieſer Stunde vorſteht. —00=— — — —