S E W 3. Qution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eins dem Werthe veſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 6 0 3 2 Leihbibliothek Leihbibliothe deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wirt von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———.——— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. „„ 5 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen.; 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ. ———— * Ausgewählte Erzählungen von Churles de Bernard. Aus dem Franzöſiſchen 4 von Dr. Chr. Fr. Grirb. Erſter Band. ——Ü—— Stuttgart. * Franckh'ſche Verlagshandlung. 1859. „ Die gelbe Roſe. ₰* 15 Es ſind jetzt einige Jahre, daß an einem friſchen Frühlingsmorgen ein gut ausſehender, ſchön gewach⸗ ſener und elegant gekleideter junger Mann, etwa zwei Stunden von Provins, aus der Pariſer Dili⸗ gence ſtieg. Der Ort, wo er den Wagen verließ, war weder ein Dorf, noch eine unbewohnte Chene: rechts und links von der Landſtraße konnte man eine Menge zerſtreuter Landhäuſer ſehen, die, je nach dem Vermögen des Beſitzers, von einem Park oder bloß von einem Garten umgeben waren. Nachdem der Reiſende ſich einen Augenblick— orientirt, rief er einen jungen Bauer an, der hinter dem Eilwagen her ging, drückte ihm ein Goldſtück in die Hand, belaſtete ſeinen Rücken mit einem klei⸗ nen ledernen Koffer und bewegte ſich auf ein länd⸗ liches Wohnhaus zu, deſſen nach italieniſcher Art terraſſirtes Dach im Sonnenſchein vier Gypsſtatuen ſehen ließ. Dieſelben ſtellten die vier Jahreszeiten— vor und befanden ſich, an den vier Ecken des Hau⸗ ſes, in einer Ordnung, die ein Bernardin de Saint⸗ Pierre voller Harmonie gefunden hätte: es ſtand nämlich der Frühling im Oſten, der Herbſt im We⸗ 6 ſten, der Sommer im Süden und der Winter im Norden. Von dieſer ſculpturalen Allegorie geführt, wand ſich der junge Mann glücklich aus einem Labyrinth von Fußwegen heraus, worin er ſich ſonſt verloren haben würde. Fünf Minuten darauf ſtand er vor einer Thüre, die von zwei Löwen aus Terra⸗Cotta bewacht war und deren Ausſichtslücke ihm geſtattete, die Hertlichkeit definitiv zu erkennen. Verſichert, daß er vor dem rechten Hauſe ſtehe, wiſchte er jetzt in dem längs der Wand wachſenden Graſe den Staub ſeiner Stiefeln ab, knüpfte ſeine Cravate beſſer, fuhr ſich mit der Hand durch die Haare, um dort die Unordnung zu tilgen, welche von einer in der Diligence zugebrachten Nacht unzertrennlich iſt, und machte, mit einem Worte, jene ſummariſche Toilette, welche ein Regiment ſich vorzuſchreiben pflegt, bevor es die Stadt betritt, wo es nun gar⸗ niſoniren ſoll. Dann läutete er an. „Iſt hier das Haus des Herrn Simart?“ fragte er eine Art Knecht, der, in Sonntagskleidern ſteckend, ihm aufmachte. „Unſer Herr iſt ausgegangen,“ antwortete der Knecht, am Halsband einen gewaltigen ſchwarzen Haushund zurückhaltend, der etwas minder fried⸗ fertig ausſah als ſeine Nachbarn, die Löwen, und, ohne ſich im Mindeſten zu geniren, die Worte der beiden Gegenredner mit ſeiner Stallhofſtimme be⸗ deckte. Dieſes Lärms überdrüſſig, hob der Reiſende einen Stock in die Höhe, den er in der Hand hielt, und ſchlug damit die bellende Beſtie derb auf die Schnauze. Dieſe unerwartete Züchtigung aber hatte die Wirkung, daß das Thier einen Satz that, wel⸗ cher den Knecht gegen die Thüre warf. Zugleich blickte es ſeinen Angreifer einen Augenblick an, als hätte es Luſt, ihn zu verſchlingen; als es aber den Stock zum zweiten Mal in die Höhe gehen ſah, machte es plötzlich eine halbe Wendung nach hinten zu und verbarg ich, die Ohren hangen laſſend und den Schwanz zwiſchen die drückend, in ſeinem Stalle. „Was hat Ihnen denn Soliman gethan⸗ daß Sie ihn halb todt ſchlagen?“ fragte der länd⸗ liche Pförtner in einem Tone, der mehr als brutal denn als feſt gelten konnte. Anſtatt aller Antwort nahm der junge Mann den ledernen Koffer, unter welchem der kleine Laſt⸗ träger ſich krümmte, und warf ihn, gleichſam ſpielend, dem höchlich ſtaunenden Bauer in die Arme. „Iſt Herr Simart ausgegangen,“ ſprach er dann,„ſo muß Herr Teiſſier zu Hauſe ſein; führen Sie mich auf ſein Zimmer und holen Sie ihn herbei.“ Der Macht ſich unterwerfend, welche eine von phyſiſcher Sthete unterſtützte herriſche Sprache je⸗ derzeit über Leute aus dem Volke ausübt, gehorchte der Pförtner, wenn er auch vor ſich hin brummte. Um ſeiner üblen Laune Luft zu machen, warf er in dem Augenblicke, wo er an Soliman's Stall vorüber kam, der Beſtie einen verächtlichen Fußtritt zu, worauf dieſe, empört über ſolche, durch nichts ge⸗ rechtfertigte Mißhandlung, einen wüthenden Ausfall machte und mit einem einzigen Biſſe den Rock des Herausforderers in ein Wamms verwandelte. „Donnerwetter!“ ſchrie der Bauer, ohne das Unglück zu ahnen, welches ſeinem Sonntagsgewand zugeſtoßen war,„und Mamſell Cöleſtine protegirt dieſen vermaledeiten Hund da! Und von einer ſolchen Beſtie ſoll man ſich zerreißen laſſen, wenn man ſeine Stelle nicht verlieren will! Herr, ich wollte, Ihr Stock hätte der Beſtie den Kiefer zer⸗ ſchmettert.“ „So! Fräulein Cöleſtine hat die Hunde gern,“ ſprach der Reiſende halb laut;„wie wird ſie es da mit Teiſſier machen, der dieſelben nicht ausſtehen kann? Bah! verrichtet die Liebe nicht Wunder?“ Nachdem der junge Mann den Hof und eine mit Pomeranzenbäumen geſchmückte Vorhalle durch⸗ ſchritten hatte, ſtieg er eine ziemlich ſchön ausſehende Treppe hinan. Am Ende eines Ganges angelangt, auf den die Zimmer des erſten Stockwerkes hinaus⸗ gingen, blieb er vor einer Thüre ſtehen und öffnete ſie ohne Weiteres, nachdem ſein Führer die Worte geſprochen: „Hier iſt es.“ Das Erſte, was er bei ſeinem Eintreten ge⸗ wahrte, war ein Mann, der, die Elbogen auf das Pult geſtützt und die Stirn in beiden Händen ruhen laſſend, vor einem Secretär ſaß. Die Spitze ſeines Ohres zeigte, wie bei Schreibern vom Fach, eine Feder. Er gab, über ſeinen Schreibzeug gebeugt, ſeinen Gedanken Audienz, und offenbar waren dieſe ungewöhnlich tiefer Art. Ein Sextern Poſtpapier endlich lag auf dem Schreibzeug, und von oben bis unten konnte man dieſes mit allerlei wunderlichen Arabesken bedeckt ſehen. „Ach! du biſt es?“ ſprach dieſe in Nachdenken verſunkene Perſon, indem ſie den Kopf umdrehte; „ich erwartete dich. Niklas, ſtellen Sie den Koffer in eine Ecke und laſſen Sie uns allein.“ „Ja, ich bin es in höchſteigener Perſon, wenn du erlaubſt,“ gab der Reiſende zurück, nachdem der Domeſtike ſich entfernt hatte;„ich komme auf deinen Ruf herbeigeeilt und bin ganz bereit, den Trauungsſchleier über deinem Haupte zu halten. Wann iſt die Hochzeit?“ „Wie ich glaube, ſo wird morgen der Ehever⸗ trag unterzeichnet,“ verſetzte Teiſſier trüb. „Wie! du glaubſt! Du weißt es alſo nicht gewiß? Im Uebrigen darf das mich nicht überraſchen; weiß ein Menſch von ſo unentſchloſſenem Charakter, wie du einer biſt, je, was er morgen thun wird?“ „Lieber Dramond, nimm Platz, damit wir ge⸗ müthlich plaudern können,“ erwiderte mit einem Seufzer der Mann, welcher der Freude des ehelichen Lebens ſich theilhaftig machen wollte.„Du ſiehſt mich in der größten Verlegenheit, worin ein Sterb⸗ licher ſich immer befinden kann. Als ich dir mel⸗ dete, daß ich Fräulein Simart heirathe, da kieß ich mich von einer augenblicklichen Begeiſterung tragen, — da ſah ich die Zukunft durch eines jener blenden⸗ den Prismen hindurch, deren Farben über den trüben Grund der Wirklichkeit ein Roſenroth ausbreiten.“ „In Proſa geſprochen, ſoll das ohne Zweifel S. 10 heißen, daß du nun die Kehrſeite vor dir habeſt. Was ſiehſt du darauf?“ „Den Teufel!“ rief Teiſſier, an der Feder, de⸗ ren er ſein Ohr eben beraubt, convulſiviſch kauend. „Meinſt du deine Braut damit?“ fragte Dra⸗ mond lachend. „Nicht ſo laut, nicht ſo laut! Es könnten dieſe Wände Ohren haben.“ „Zum Henker! ſollten wir in einem Nero'ſchen Palaſt ſein? Nun, unſere Stühle ſtehen jetzt dicht bei einander; ich höre, oder vielmehr höre du. Ich wette, ich weiß zuvor, was du mir zu beichten haſt. Du haſt wohl in der Mitgift ein Deſicit ge⸗ funden?“ „Im Gegentheil; Fräulein Cöleſtine bringt baare ſechstauſend Livres Renten mit, und ihr Va⸗ ter ſichert ihr ebenſo viel zu, während ich ſelbſt bloß auf neun bis zehntauſend gerechnet hatte.“ „So wirſt du in der Familie etwas Verdächtiges entdect haben: einen Narren, einen Gehängten, vielleicht einen armen Teufel, der ſich vom Könige von Frankreich hat heilen laſſen müſſen?“ „Pfui! die Simart'ſchen und die Valonne'ſchen ſind die ehrbarſten, geordnetſten, reinſten Geſchlech⸗ ter der ganzen Provinz.“ „Dann haſt du wohl wahrgenommen, daß Fräu⸗ lein Cöleſtinens Corſettmacherin ihre Kunſt aufbie⸗ ten mußte, um einer gewiſſen heterodoxen Krüm⸗ mung des Rückgrats zu Hülfe zu kommen!“ „Welche Profanation! Siehſt du im Garten dort die vom Winde gewiegte junge Pappel? Nun, gerade ſo iſt Cöleſtinens Taille beſchaffen.“ 2 * 11 „Haſt du dann erfahren, wie irgend ein Vetter⸗ chen ſchon vor dir ſich in ihrem Herzchen eingeniſtet?“ „Sie hat ebenſo wenig Vettern, als das wohl⸗ bekannte Lamm in der Fabel Brüder hatte; auch bin ich vollkommen gewiß, daß ſie noch nie geliebt.“ „Mit alleiniger Ausnahme Soliman's.“ „Du kennſt Soliman!“ rief Teiſſier, in ſeinem Stuhle unwillkürlich ſich in die Höhe gehoben füh⸗ lend;„hat er dich gebiſſen2“ „Im Gegentheil, er hat von mir einen tüchtigen Schlag zum Andenken bekommen.“ „Lohne dir das der Himmel! Dieß Mal haſt du den Finger auf die Wunde gelegt: dieſe ver⸗ maledeite Beſtie iſt an all meinem Kummer Schuld.“ „Wie ſo das?“ „Es iſt dir bekannt, daß ich die Beſtien über⸗ haupt und die Hunde insbeſondere nicht leiden kann. Dieſer da hat das ohne Zweifel auf meinem Ge⸗ ſichte geleſen; denn ſeit meiner Ankunft bezeigt er mir einen wahrhaft tödtlichen Haß, und nie läßt er eine Gelegenheit vorübergehen, ohne daß er mir an die Beine geht. Beim erſten Male habe ich ge⸗ lacht; beim zweiten habe ich mich wohl einer Gri⸗ maſſe nicht zu erwehren vermocht; beim dritten habe ich verlangt, daß Soliman in ſeinem Stall an die Kette gelegt werde. Gern nun hätte Herr Simart dieſem meinem Wunſche entſprochen, aber da hat Fräulein Cöleſtine Soliman's Partei ergriffen, mir vorwerfend, ich wolle ihn ungerechter Weiſe ſeiner Freiheit berauben, und mich einen hartherzigen, ungefälligen, fühlloſen Menſchen ſcheltend. Dieſer dumme Streit dauert nun ſchon eine volle Woche; jeden Tag entbrennt er aufs Neue und hat eine Menge kleiner Discuſſionen in ſeinem Gefolge', de⸗ nen ich vergebens auszuweichen ſuche. Kurz und gut, dieſer hölliſche Soliman iſt für meine Heirath ein wahrer Stein des Anſtoßes geworden. Und wenn er es nur beim Bellen beließe; aber die ver⸗ maledeite Beſtie beißt mich!“ „Bah! du biſt ein Thor,“ gab Dramond achſel⸗ zuckend zurück.„Du willſt mit deiner Braut um eines elenden Hundes willen dich überwerfen? In einem ſolchen Falle braucht man nicht erſt lange zu ſuchen, was man zu thun hat. Gib dem Cer⸗ berus Kuchen, bis du copulirt biſt, den Tag nach deiner Hochzeit aber eine tüchtige Giftkugel, die ihn zu ſeinen Vorfahren in die Hölle ſpedirt.“ „Daran habe ich auch ſchon gedacht, und hier läßt ſich etwas thunz was mich aber in einen Ocean von Ungewißheit und Befürchtungen verſenkt, iſt das Benehmen, das Fräulein Cöleſtine in dieſer Sache einhält. Du weißt, der Charakter offenbart ſich hauptſächlich in kleinen Dingen. Die Lebhaftig⸗ keit, der Widerſpruchsgeiſt, die Reizbarkeit, ja ſogar der Zorn, wovon ſie mir ſeit einigen Tagen mehr Beweiſe gegeben, als mir lieb iſt, treiben mich, ich geſteh' es dir gern, zu Reflexionen, welche für mein zukünftiges Glück etwas höchſt Beunruhigendes haben. Wenn ſie ſchon vor dem Honigmonat ſo iſt, wie wird es erſt nachher ſein?“ „Du hältſt ſie für bösürtißt⸗ „Für bösartig? Ach! nein; wohl aber iſt ſie ſo launiſch, ſo eigenſinnig, ſo unvernünftig, als nur immer ein verwöhntes Kind es ſein kann. Du wirſt „ 13 ſie ſehen und kannſt mir dann ſagen, ob ich im Geringſten übertreibe; denn ſie macht gar kein Hehl aus ihren Untugenden, und ich bin vollkommen ge⸗ wiß, daß ſie, ehe es noch Abend iſt, dir Gelegenheit geben wird, ſie zu beurtheilen. Du denkſt nicht ans Heirathen, Francis; du erſparſt dir damit der Wider⸗ wärtigkeiten nicht wenige.“ „Ich— heirathen!“ rief Dramond, der wäh⸗ rend dieſes Zwiegeſprächs ſeinen Koffer aufgeſchloſ⸗ ſen hatte, um ſich umzukleiden.„Ich— heirathen! Pfui! die Ehe iſt ein Hafen, ein Sicherheitsort, und ich— liebe das offene Meer. Du heiratheſt, und daran thuſt du wohl; der ſchwellende Bauch, die ausgehenden Haare verkündigen dir, daß die Site der Che für dich geſchlagen; ich aber blühe noch.“ „Die ſchöne Roſel“ hohnlächelte Teiſſier. In dieſem Augenblicke zog Dramond einen Frack aus ſeinem Koffer hervor, und da fiel eine gelbe, verdorrte Roſe aus einer der Taſchen auf den Bo⸗ den des Zimmers. Der junge Mann hob ſie auf und betrachtete ſie einen Augenblick mit einer Miene, worauf Staunen ausgedrückt lag. „Du ſprichſt von Roſen,“ ſprach er;„ſieh, da iſt eine, die ich nicht an ſolchem Orte vermuthete, und die ſich ſo recht abſichtlich hier zu finden ſcheint, um mich zu erinnern, wie unwürdig ich noch bin, auf das Sacrament der Ehe Anſpruch zu machen⸗ Siehſt du, lieber Ariſtides, ſo unbeſonnen und leicht⸗ ſinnig ich den Menſchen erſcheinen mag, ſo bin ich im Grunde denn doch ein merkwürdig vernünftiger Menſch. Bin ich einmal copulirt, ſo bin ich feſt entſchloſſen, meine Frau zu lieben, ſie glücklich zu machen, ja ſogar ihr treu zu ſein. Bevor ich aber ein ſolches Stück aufführe, möchte ich meiner ſelbſt gewiß ſein; und vor Allem ſcheint es mir nothwen⸗* dig, den Becher des Junggeſellenlebens zu leeren, um nicht mehr verſucht zu ſein, noch einmal daraus zu trinken; ich fände ſogar auf dem Boden gern einige Hefe: der eheliche Nektar würde dann um ſo mehr munden.“ „Was hat aber dieſer furchtbare Galimatias mit der häßlichen gelben Blume zu ſchaffen, die du ohne Zweifel vom Hute irgend einer Sechzigjähri⸗ gen genommen?“ „Mit der häßlichen Blume, ſagſt du?“ wieder⸗ holte Francis, gleichgültig an der Roſe riechend; „auch ſie hat wie die, von denen Malherbe ſpricht, ihren ſchönen, heiteren Lebensmorgen gehabt. Jetzt iſt ſie freilich welk und farblos; anſtatt des Wohl⸗ geruchs aber, von dem ſie einſt beſeelt war, ſendet ſie mir einen Geruch entgegen, den ich einen philo⸗ ſophiſchen nennen möchte. Sie weckt in mir das Gefühl meiner Schwäche wieder; aus ihrer Betrach⸗ tung ſchöpfe ich eine Lehre voll Weisheit und Mo⸗ ralität. Kurz, weißt du, was ſie mir ſagt?“ „Hältſt du mich für einen Perſer?“ gab Teiſſier in mürriſchem Tone zurück. „Sie ſagt mir: Heirathe noch nicht, lieber Ariſtides. Aber da müßte ich dir eine himmellange Geſchichte erzählen, und ich mag unſere Rollen nicht verkehren. Ich bin gekommen, um dein Zeuge, dein 6 Vertrauter, dein treuer Pylades zu ſein. Du alſo haſt das Recht, zu erzählen, zu beſchreiben, wie ein Verliebter 5 15 zu vergrößern und vom Hunderſten aufs Tauſendſte zu kommen. Sieh, ich bin mit der Geduld eines Hiob gewappnet; genir' dich daher ja nicht und laß' alle falſche Scham beiſeit. Du haſt mir noch nicht geſagt, ob Fräulein Cöleſtine hlaue oder ſchwarze Augen hat.“ „Nein, erzähl' mir lieber deine Geſchichte; viel⸗ leicht daß ſie ein Ableitungsmittel für meine düſteren Gedanken iſt. Herr Simart iſt noch nicht zurück; Cöleſtine geht, ich weiß nicht wo, mit ihrer Cou⸗ ſine ſpazieren. Du haſt alſo Zeit genug, mir vor dem Diner deine Geſchichte zum Beſten zu geben.“ „Nun meinetwegen!“ verſetzte Dramond, der, während er fortfuhr, ſeine Reiſekleider mit einer eleganten Toilette zu vertauſchen, alſo anhob: II. „Es mögen nun zwei Monate ſein, daß Bey⸗ raud, den du kennſt, Merville, einige andere lie⸗ benswürdige Burſche und endlich meine Wenigkeit auf den Gedanken kamen, uns auf dem Ball der großen Oper zu amüſiren. Merke dir ſich auf dem Ball der großen Oper amüſiren wollen! Um ſo etwas zu verlangen, muß man wahrhaftig betrun⸗ ken ſein; und wir waren es auch, wie ich der Wahr⸗ heit zu Ehren bekennen will. Wenn ich aber fage betrunken, ſo darfſt du darunter keineswegs die Betrunkenheit der Courtille, die pöbelhafte und un⸗ edle Orgie verſtehen, wohl aber jenen Zuſtand fröhlicher Aufregung, ungeſtümen Wonnegefühls, worein ein treffliches Diner von Véry, beſprengt — mit gefrorenem Champagner, ein halbes Dutzend junger Leute verſetzen kann, die bei vollkommener leiblicher und geiſtiger Geſundheit ſich befinden. „In ſolcher martialiſch muthwilligen Stimmung betraten wir die große Oper. Unſern jovial über⸗ müthigen Worten entſprach das übrige Gebahren; ſtolz trugen wir den Kopf, es funkelten unſere Au⸗ gen, es waren unſere Wangen hoch gefärbt, und wäh⸗ rend wir die Männer mit den Elbogen bearbeiteten, ſagten wir den Damen allerlei Faſchingsgalanterien; mit einem Worte, wir gingen, gleich dem Wolf in der Fabel, auf Abenteuer aus: nur mochten wir weniger entſchuldbar ſein als er, da ſein Magen leer war. Auch muß ich dir ſagen, daß mehrere von uns, dem in der großen Oper geltenden Brauche zuwider, mit angebrannten Pfröpfen ſich Schnurr⸗ bärte gemacht, ſowie daß wir, das heißt Merville und meine Wenigkeit, über dieſe artige Idee noch hinausgegangen waren und uns mit coloſſalen Na⸗ ſen geſchmückt hatten, die uns ganz und gar un⸗ kenntlich machten. Ich glaube, man hielt uns für bezopfte Schneidergeſellen, ſo daß Jedermann es vermied, mit uns Händel anzufangen, und wir alſo unſerer frechen Luſtigkeit den Zügel ganz und gar ſchießen laſſen konnten. „Was mich betrifft, ſo hatte ich an ſolcher Luſt⸗ barkeit bald genug. Mich meiner Naſe nicht min⸗ der ſchämend als jener Prinz in den Feenmärchen, der die ſeinige auf einem Schubkarren fortbringen mußte, jedoch es nicht wagend, mich ihrer zu ent⸗ ledigen, da ich befürchtete, daß man mich erkennen möchte, verließ ich den Saal und ging in die Cor⸗ ridore hinauf, wo ich die Rolle eines Beobachters zu ſpielen begann und zu dieſem Zwecke das Ge⸗ ſicht bald an dieſes, bald an jenes Ochſenauge*) drückte. Dieſes ziemlich dumme Geſchäft ſetzte ich von Stockwerk zu Stockwerk fort, bis ich endlich an der Thüre einer Loge der dritten Galerie ſtehen blieb. Hier ſaßen zwei Frauenzimmer, die, ſo viel ich ſah, beide klein, beide in ſchwarze Dominos ge⸗ hüllt und auf den erſten Blick einander ſo ähnlich waren, daß, wenn man ſie von einander unter⸗ ſcheiden wollte, man nothwendig ein Abzeichen befra⸗ gen mußte, welches ſie angenommen hatten, wohl in der löblichen Abſicht, dem Intriguenſpiel noch mehr Reiz zu verleihen: die eine trug nämlich über ihrem Handſchuh einen Smaragd⸗Ring, während die andere eine gelbe Roſe in der Hand hatte.“ „Die Roſe da! Ich errathe ſchon das Uebrige,“ unterbrach Teiſſier. „Du erräthſt nichts! Zwei Frauenzimmer, die beiſammen ſind, flößen ſelten viel Furcht ein, ins⸗ beſondere auf einem Maskenball. Ich war des langen Stehens müde; es ſchien mir alſo, ich müſſe die ſchöne Gelegenheit, die ſich mir bot, nützen, um mich eine Weile zu ſetzen; zudem ſtand die Thüre offen und ſagte mir gleichſam: Nur herein! Beim Geräuſch, das ich machte, als ich die Thüre hinter mir zuzog, wandten die ſchwarzen Dominos die Köpfchen um, und einer ſtieß einen kleinen Schrei aus, der wie eine Herausforderung klang. Ich nahm alſo ohne Weiteres Platz, ergriff das Wort *) Rundes Fenſterchen. Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. und fing an, eine Faſtendienstags⸗Liebenswürdigkeit zu entwickeln, deren Erfolg nicht lange zweifelhaft war. Anfänglich ſchweigſam und dem Anſchein nach ſcheu, wurden die beiden Frauenzimmer nach und nach geſelliger; denn nachdem ſie unter ſich eine Weile geflüſtert und über die Narrheiten, die jch preisgab, leiſe gelacht hatten, antworteten ſie mir endlich, und bald war die Unterhaltung in beſtem Gange. Der Domino mit der gelben Roſe insbe⸗ ſondere betheiligte ſich daran mit einer Lebendigkeit, die mir ſonſt überall als naiv erſchienen wäre; zu⸗ rückhaltender, weil vielleicht älter, ſagte ihre Freun⸗ din ihr zuweilen etwas ins Ohr, um ſie zn veran⸗ laſſen, daß ſie ihre Heiterkeit etwas mäßigen möchte; dann beugten ſich beide über das Geländer der Loge, gleich als wollten ſie dem Geſpräche ein Ende ma⸗ chen, und ließen mit einer Art Unruhe die Blicke im Saal umherlaufen. „Zwiſchen zwei Masken iſt die Wahh oft ſchwer; die meinige aber war bereits getroffen, wenn dieſes Abenteuer überhaupt beſtimmt war, weitere ange⸗ nehme Folgen zu haben. Die Unbekannte ſelbſt, die eine Blume zum Emblem gewählt, hatte etwas ſo jugendlich Friſches,— es war ihr Lachen ein ſo frankes,— es hatte ihre Stimme etwas ſo ſüß Eindringliches, ihre Geberde etwas ſo Lebendiges, ihre Witze etwas ſo Originelles und Unvorherge⸗ ſehenes, daß es mir geradezu eine Unmöglichkeit zu ſein ſchien, daß ich kein wahrhaft bezauberndes We⸗ ſen vor mir habe. Ohne alſo weiter zu fragen, ſchenkte ich ihr mein Herz für den Reſt der Nacht und fing dagegen an, in demſelben Grade die Freun⸗ 19 igkeit din zu verwünſchen, in welchem meine Bewunderung haft für den Domino mit der gelben Roſe ſtieg, da ich nach hinter jener, trotz all' ihrer Eleganz und ihrer ge⸗ und fälligen Formen, eine alte Duena witterte. Mögen eine die Götter immerhin die ungleiche Zahl lieben: e jich Liebenden iſt ſie mit Necht verhaßt. Was mich be⸗ mir trifft, der ich in dieſem Augenblicke der Liebe näher ſtem ſtand als der Gottheit, ſo verwünſchte ich von gan⸗ sbe⸗ zer Seele die überflüſſige dritte Perſon, deren ich keit, mich nicht zu entledigen wußte, als mit einem Mal zu⸗ ein Fauſtſchlag, welcher die Logenthüre faſt in Atome eun⸗ zerſchmetterte, meine Nachbarinnen auf ihren Sitzen ran⸗ zuſammenbeben machte. hte;„He da! halb Part, ließ ſich zu gleicher Zeit oge, eine Stimme hören, welche dem Miauen einer Katze ma⸗ ähnlich war. licke Ich wandte mich um und nahm das feuerrothe Geſicht meines Freundes Merville wahr, deſſen un⸗ er; geheuerliche Naſe durch das Ochſenauge zu dringen eſes drohte. ge⸗„Machen Sie doch nicht auf!“ ſprachen meine bſt, beiden Dominos gleichzeitig. was„Ich hätte auch gehorcht, wenn ich nicht zu ſo gleicher Zeit gedacht hätte:— Eins und drei ma⸗ ſüß chen vier: iſt man aber zu vieren, ſo iſt man nur es, zu zweien. ge⸗„Ich ſchloß glſo meinem vermeintlichen Alliirten zu auf, hatte jedoch bald Urſache, meine Thorheit zu Le⸗ bereuen. Seitdem ich ihn im Foyer der großen en, Oper verlaſſen, hatte der unglückſelige Merville cht ſeinen Rauſch vollkommen ausgebildet. In dieſem un⸗ Augenblicke war er außer Stand, ein vernünftiges 4 2 Wort anzuhören oder auszuſprechen. Da mir wohl bekannt war, welche Rohheit er entwickeln konnte, wenn er ſeinen Umſtand hatte, ſo ahnte ich eine mehr oder minder verdrießliche Scene; aber um dieſe vermeiden zu können, war es jetzt zu ſpät. Ohne die Zeichen, die ich ihm gab, im Mindeſten zu beachten, ließ Merville ſich auf den noch unbe⸗ ſetzten Stuhl niederfallen, lachte einen Augenblick mit halb unverſchämter, halb ſtupider Mine, holte roßartig Athem und begann eine Anrede von ſol⸗ chem Hochgeſchmack, daß die beiden Dominos auf der Stelle ſich erhoben. „Machen Sie uns auf, mein Herr! ſprachen ſie zu gleicher Zeit zu mir mit einer von Furcht und Zorn aufgeregten Stimme. „Ich wandte mich um, um zu gehorchen; denn ſelbſt in Carnevalszeiten habe ich es nie über mich gewinnen vermocht, Damen etwas Unverbind⸗ ich es zu ſagen und den ihnen ſchuldigen Reſpect aus den Augen zu ſetzen. „Biſt du von Sinnen? rief Merville im Tone eines Betrunkenen; aus welchem Kloſter kommen denn die zwei Prinzeſſinnen? Sind ſie häßlich, nun dann wünſche ich ihnen eine glückliche Reiſe; ſind Sie aber hübſch, ſo werden ſie ſicherlich einem klei⸗ nen Junggeſellen⸗Frühſtück nicht abhold ſein. Ich komme vor Hunger und Durſt faſt um; alſo her⸗ unter mit den Masken, meine Engel!“ „Er drohte mit dem Wort die Geſte zu ver⸗ binden; ich aber hielt ihn mit einer Hand auf ſei⸗ nem Sitze feſt, während ich mit der andern Hand die Thüre öffnete, auf welche meine beiden Frauen⸗ ir wohl konnte, ich eine ber um zu ſpät. indeſten h unbe⸗ genblick ,holte on ſol⸗ os auf prachen Furcht z denn er mich erbind⸗ Reſpect Tone ommen , nun z ſind m klei⸗ Ich her⸗ er⸗ uf ſei⸗ Hand auen⸗ 21 zimmer gleich ſcheuen Hirſchkühen zuſtürzten. Wü⸗ thend über einen ſolchen Ausgang, richtete ſich der Betrunkene mit einer verzweifelten Kraftanſtrengung auf und ſtreckte den Arm nach den Fliehenden aus, und— ſei es Zufall, ſei es Vorbedacht— es er⸗ faßte ſeine Hand die Maske einer der Beiden und riß ſie herunter, ohne auf die in„Lukrezia Borgia“ über dieſen Gegenſtand zu findenden Höflichkeitsmaximen auch nur im Mindeſten Rückſicht zu nehmen. Lebhaft wandte ſich der Domino mit der gelben Roſe— denn dieſer war es, den Mer⸗ ville inſultirt hatte— um, und wirklich geblendet ſtand ich jetzt da vor einem von Schönheit, Jugend, Grazie, Zorn ſtrahlenden Geſichte,— vor einem Geſichte, deſſen Augen, ſchwarz wie die Kapuze, welche ſie noch zu bedecken ſuchte, zwei unbeweg⸗ liche Blitze ſchienen. Doch mein bewunderndes Schauen ſollte von keiner langen Dauer ſein. Mer⸗ ville's Händen die Maske entreißen, auf des fre⸗ chen Geſellen Wange eine Ohrfeige appliciren, welche eine Marphiſe oder Clorinde nicht ſchöner hätte ge⸗ ben können, mit einem einzigen Satz aus der Loge hinausſpringen und die Thüre zuſchlagen: das Alles war für die erböste Schöne das Werk eines Au⸗ genblicks. „Millionen Donnerwetter!... Ohrfeige.. mein beſter Freund..... Duell auf Leben und Tod.. Oyrfeige! ſtammelte Merville, wider ſeinen Willen auf den Stuhl zurückfallend. „Ohne auf die unzuſammenhangenden Ausrufe meines Freundes zu achten, der durch die wohlver⸗ diente Züchtigung vollends confus geworden war, eilte ich in den Gang hinaus. Die entlarvte Schöne war mit ihrer Freundin verſchwunden. Dieſe Roſe, die ich auf einer der Stufen der Treppe gewahrte und während meines Nocheilens aufhob, war mir anfänglich ein kleiner Fingerzeig, in welcher Rich⸗ tung ich ſie zu ſuchen hätte; aber die Menge gleich⸗ förmiger Dominos, die mir am Eingang zum Foyer den Weg verſperrten, machten jede weitere Vevfol⸗ gung von meiner Seite unnütz. Nach zweiſtündigem, vergeblichem Suchen verließ ich den Ball, ohne mich um meine Freunde zu kümmern, und voll von der himmliſchen Erſcheinung, deren Anblick mir ei⸗ nen Augenblick vergönnt geweſen, kam ich nach Hauſe: es war mir, als ob dieß mein allererſtes Maskenball⸗Abenteuer geweſen. „Im Laufe des Nachmittags ſah ich Beyraud in mein Zimmer treten. „Biſt du im Stande, mich anzuhören?“ ſprach er in ernſtem Tone zu mir. „Was iſt's denn? fragte ich ihn meinerſeits. „Haſt du denn vergeſſen, was heute Nacht vor⸗ gefallen iſt?“ „Nein, denn ich dachte daran gerade in dem Augenblicke, wo du hereingetreten biſt. Dieſes Frauenzimmerchen hat, meiner ſechs! die pracht⸗ vollſten ſchwarzen Augen, die ich noch geſehen.“ „Davon handelt es ſich jetzt nicht, wohl aber von der Ohrfeige, die du unſerm Merville gegeben.“ „Ich brach in ein ſchallendes Gelächter aus. „Ich ſehe gar nicht ein, was die Sache ſo Drol⸗ liges hat, entgegnete er; eine Ohrfeige iſt immer eine Ohrfeige, ſelbſt wenn man mit dem Wein ſich 23 entſchuldigen kann. Du begreifſt leicht, daß Mer⸗ ville trotz der Freundſchaft, die er für dich hat, nicht der Mann iſt, die, welche du ihm im Rauſch haſt zukommen laſſen, einzuſtecken: er ſieht ein Duell als durchaus geboten an, und in ſeinem Na⸗ men komme ich jetzt zu dir. Siehſt du, ich entle⸗ dige mich nur ungern eines ſolchen Auftrags, und unter allen andern Umſtänden würdeſt du mich die Rolle eines Vermittlers haben ſpielen ſehen; aber du wirſt ſelbſt begreifen, daß hier jeder friedliche Vergleich geradezu unmöglich iſt. Meiner Treu! ich glaubte nicht, daß du im Rauſch ſo händelſüchtig ſein könnteſt: welche Raſerei iſt denn mit einem Mal über dich gekommen? Der arme Leon hat eine über und über geſchwollene Wange.“ „Ich lachte von Neuem, erzählte darauf die Sache ſo, wie ſie ſich zugetragen hatte, und ſtellte damit die ſonderbare Variante, welche in Folge der Hallucinationen des Rauſches im Kopfe unſers Freundes ſich feſtgeſetzt hatte, als das hin, was ſie war, das heißt, als Dichtung. Beyraud theilte meine Heiterkeit und dann gingen wir zuſammen zu Merville, feſt überzeugt, daß es uns gelingen würde, ihn mit ſeinem unglücklichen Abenteuer aus⸗ zuſöhnen und ihn unſere joviale Laune theilen zu laſſen. Wir fanden ihn in einem großen Lehnſeſſel am Kamin ſitzen, und mit ſolcher Wuth ſtörte er in dem unſchuldigen Feuer herum, daß man glau⸗ ben konnte, er habe mit den Holzklötzchen ſeines Kamins einen Strauß auszufechten; auf ſeinem Schreibtiſch lag eine Kapſel mit Piſtolen, und da⸗ neben zwei drohende Degen. Alles das deutete auf höchſt mörderiſche Abſichten, welche übrigens ſchon der wilde Blick, womit er mich empfing, zur Genüge geoffenbart hätte. „Warum habt ihr keinen Zeugen genommen?“ ſchnauzte er uns an. „Ich wollte ihm ſeinen Irrthum erklären, allein er weigerte ſich, mich anzuhören; und nicht beſſer erging es Beyraud, als er das Wort zu nehmen verſuchte. „Sie wollen mir weis machen, es habe mir geträumt, fing der obſtinate Kerl gleich einem brül⸗ lenden Löwen zu ſchreien an. Halten Sie mich denn für ein Kind? Allerdings waren zwei Frauen⸗ zimmer in der Loge, und allerdings habe ich einer davon die Maske abgeriſſen: Sie ſehen, mein Ge⸗ dächtniß iſt durchaus treu und klar. Die Ohrfeige aber, die ich bekommen, verdanke ich Niemand an⸗ ders als Dramond, und von ihm verlange ich Sa⸗ tisfaction, obgleich er ſie nun auf Rechnung des kleinen Domino ſetzen möchte. Wie närriſch! Ich weiß, was eine Frauenzimmer⸗Ohrfeige iſt; das klatſcht wohl, thut aber nicht wehe; und die, welche ich applicirt erhalten, hat mir um ein Haar das linke Auge mitgenommen. Nur eine Mannshand kann einen ſolchen Schlag führen: nun aber war außer mir kein Mann in der Loge als Dramond; mithin iſt er es, und kein Anderer, der mir die Ohrfeige gegeben. Iſt das klar? Nun werden Sie mir vielleicht ſagen, wir hätten zu gut dinirt, er habe einen Rauſch gehabt, wie beide ſeien Freunde? Um ſo ſchlimmer! Es gibt keine Freundſchaft, keinen Rauſch, die eine ſolche Inſulte zu entſchuldigen ver⸗ rigens 25 möchten. Meine Wange da kann nur mit Blut gewaſchen werden. Alſo nicht ſo viele Worte ge⸗ macht! Hier ſind Waffen; holen wir Beauregard oder Percy ab und fahren wir ſodann in geſtrecktem Galopp nach dem Boulogner Wäldchen.“ „Nachdem ich eine volle halbe Stunde es ver⸗ ſucht, meinen Starrkopf eines Beſſern zu belehren, riß mir endlich der Geduldsfaden. „Nun, ſo ſei es, im Boulogner Wäldchen treffen wir uns wieder! rief ich meinerſeits. Heute Nacht hat man Ihre Unverſchämtheit gezüchtigt, nun will ich auch Ihre Narrheit züchtigen. Sie wollen durch⸗ aus mich zum verantwortlichen Herausgeber der Ohrfeige machen, welche Sie bekommen: ich nehme dieſe Solidarität an, denn Sie haben nur bekom⸗ men, was Ihnen gebührte. Kommen Sie nur und waſchen Sie Ihre Wange!“ „Dieſe ſchöne Discuſſion endigte mit einem Duell, das noch am gleichen Tage Statt fand und deſſen Ausgang du kennſt. Noch zu dieſer Stunde trägt Merville den einen Arm in der Schlinge, und es hat ſeine Wunde ihn nüchtern gemacht. Jetzt iſt er vollkommen überzeugt, daß wenn der Degenſtoß, den er mich gezwungen ihm zu geben, männlich iſt, die Ohrfeige dagegen unzweifelhaft weiblich war. Und ſo ſind wir denn Freunde geblieben; doch hat er hoch und theuer ſich verſchworen, daß er nie mehr mit mir auf den Maskenball gehen werde.“ „Und der Domino mit der gelben Roſe?“ fragte eiſſier, der ſich anſtrengte, der von ſeinem Freunde erzählten Geſchichte einiges Intereſſe abzugewinnen, um für die matrimonialen Röthen, in denen er ſich. befand, einen Ableiter zu finden. „Ich habe ihn ſeitdem nicht wieder zu Geſicht bekommen,“ erwiderte der Erzähler,„obgleich ich wohl drei Monate lang alle öffentlichen Orte be⸗ ſucht habe, in der Hoffnung, ihn wieder zu finden.“ „Du hatteſt dich alſo in ihn verliebt?“ „Verliebt? Ja, ſo wie man in ein Frauenzim⸗ mer verliebt ſein kann, das man auf dem Masken⸗ ball flüchtig kennen gelernt hat.“ „Du weißt alſo nicht, wer ſie iſt?“ „Eine Tänzerin oder eine Schauſpielerin, hätte ich wohl gedacht, wenn ſie nicht ſo blutjung und von ſo blendender Friſche geweſen wäre; ſo aber konnte ich einem ſolchen Gedanken keinen Augen⸗ blick Raum geben. Noch nie hat, deſſen bin ich ge⸗ wiß, Schminke dieſe Roſe beſudelt.“ „Was du geſehen, iſt alſo nicht mehr und nicht weniger als ein Engel?“ ſprach Ariſtides in ſpot⸗ tendem Tone. „Als ein Engel, der allem Anſchein nach ein bis⸗ chen gefallen iſt. Sind zwei Frauenzimmer allein auf dem Ball der großen Oper, ſo werfen ſie eben damit Verdacht auf ſich ſelbſt. Ich fürchte gar ſehr, es iſt dieſer Engel in Wirklichkeit eines jener be⸗ zaubernden Weſen, die ſtatt alles Vermögens ihre Schönheit beſitzen und dieſes Capital im großen Buch der öffentlichen Verderbniß anlegen. Es wäre Jammerſchade, da ſie ſo jung und ſo ſchön iſt! Iber Paris iſt eben ein garſtiger Abgrund. Sei dem nun aber, wie ihm wolle,— ſei ſie eine Frau, die ihren Mann etwas zu langweilig gefunden, oder e — 27 ein galantes Geſchöpf, das ſeinen Beſchützer hinters Licht führen wollte, ſo viel iſt und bleibt gewiß, daß ſich unmöglich etwas Bezaubernderes denken läßt. Noch immer iſt mir der Ausdruck ihres Ge⸗ ſichtchens gegenwärtig, als ſie ſich demaskirt fand. O, wenn ich doch malen könnte! Denke dir den reinſten Typus italieniſcher, durch den Zorn ver⸗ klärter Schönheit, herrlich, wie ein Gemälde, wor⸗ auf das Sonnenlicht ſenkrecht einfällt; Creolenhaare, — eine Jungfrauenſtirn,— bewegliche Nüſtern, wel⸗ che, ähnlich wie beim Apollo von Belvedere, die Leidenſchaft aufblies; einen Kindsmund mit zwei Reihen lebendiger Perlen, die ſich zermalmen zu wollen ſchienen; auf den Wangen alle Blumen des Frühlings; in den Augen den Blick des Löwen!“ „Ohne es ſelbſt zu wiſſen,“ bemerkte Teiſſier, „haſt du da Cöleſtinens Porträt gegeben. Auch ſie hat zuweilen einen Löwenblick, und dann bleibt mir nichts mehr übrig, als in meine kleinen Schuhe zu ſchlüpfen.“ „Wenn das iſt, ſo mache ich dir mein Compli⸗ ment, denn es muß deine Braut ein anbetungswür⸗ diges Geſchöpf ſein; indeſſen wünſche ich, daß die Aehnlichkeit dir ſich auf⸗ das Phyſiſche beſchränken möge.“ „Vielleicht daß du deine Unbekannte verläumdeſt: wenn es trotz all und alledem ein tugendhaftes Mädchen wäre! Die Art und Weiſe, wie ſie mit Merville umgeſprungen, ſcheint dieß anzuzeigen.“ „Oh, du unſchuldiger Menſch!“ lachte Francis, „beweist denn eine Ohrfeige etwas in Dingen der Tugend?“ 8 2 III. Hier unterbrach die Tiſchglocke— man dinirte bei Herrn Simart um ein Uhr— das Geſpräch der beiden Freunde. Sie gingen jetzt zuſammen in den Speiſeſaal hinab, wo ſie den Hausherrn fan⸗ den, dem Dramond in ſeiner Eigenſchaft als Zeuge bei der demnächſtigen Copulation vorgeſtellt wurde. Der künftige Schwiegervater Ariſtides Teiſſier's war ein dickes Männchen von gutmüthigem Ausſe⸗ hen, und ſein flammrothes Eeſicht deutete auf eine Geſundheit hin, welche ſchlechterdings nichts zu wün⸗ ſchen übrig ließ, trotzdem daß der Eigner die Wein⸗ flaſche etwas ſtark cultiviren mochte. Er ſtellte ſich ſeinen Gäſten in dem einfachen Aufzug eines länd⸗ lichen Proprietärs vor, der ſich längſt ſchon mit der Pariſer Etikette überworfen hat. Ein Ueberrock, deſſen Stoff und Farbe gleich zweifelhaft waren, bildete den Haupttheil eines Coſtüms, das Nanking⸗ beinkleider und eine jener ländlichen Mützen ver⸗ vollſtändigten, welche nach einer Straßburger Pa⸗ ſtete geformt zu ſein ſcheinen. In geiſtiger und moraliſcher Hinſicht war Herr Simart, als ehema⸗ liger Pelzwaarenhändler, im Beſitz aller jenen guten Eigenſchaften und jener Fehler, welche dieſer ach⸗ tungswerthen Geſellſchaftsclaſſe eigen ſind. Er hatte ſich erſt ſeit wenigen Jahren zur Ruhe geſetzt, und gleich allen jenen Leuten, deren geſellſchaftliche Wich⸗ tigkeit beſtritten werden kann, hielt er gar ſehr auf die Ausübung ſeiner bürgerlichen Rechte. Als Wäh⸗ ler richtete er ſich ſtreng nach der vom National, M——— — ſeinem politiſchen Dirigenten, gegebenen Parole;“ als Geſchworener log er philanthropiſch ſeinem Ge⸗ wiſſen, ſo oft es ſich um eine Verurtheilung zum Tode handelte, was denn auch zur Folge hatte, daß der Staatsanwalt ihn in der Regel recuſirte, wenn es ſich um Verurtheilung eines Verbrechens handelte, worauf Todesſtrafe ſtand; als National⸗ gardiſt hatte er ſich bis zum Grade eines Unter⸗ lieutenants emporgeſchwungen, nachdem er zuerſt Corporal geweſen; führte er in den Rabatten ſeines Gartens den Spaten, ſo verglich er ſich im Geiſte mit Cincinnatus, und ſo oft er das Ehrenlegions⸗ band in einem Knopfloch erblickte, konnte er ſich eines ſauer⸗ſüßen Lächelns nicht erwehren, denn ſeine Dienſtleiſtungen bei der Nationalgarde, ſowie die Mühen ſeines induſtriellen Lebens däuchten ihm ebenſo viele Titel, welche ihn zu dieſer Belohnung berechtigten; doch war er feſt entſchloſſen, um das Ehrenlegionskreuz nicht zu betteln:—„Ein arm⸗ ſeliges Spielzeug, die Sache beim Lichte betrachtet,“ pflegte er zu ſagen;„heut zu Tage, wo man das Kreuz jedem Lumpen nachwirft, iſt es vielmehr eine Auszeichnung, es nicht zu haben.“ Um mit wenigen Worten den Charakter des Mannes vollends zu ſkiz⸗ ziren, wollen wir nur noch ſagen, daß Herr Simart gleich dem Könige von Yvetot bald zu Bette zu ge⸗ hen und ſpät aufzuſtehen pflegte, daß er den Adel verabſcheute, der Geiſtlichkeit möglichſt viel Uebles nachſagte, nie in der Meſſe ſich blicken ließ, ſchreck⸗ liche Geſchichten von den Kerkern der Baſtille und den Boudoirs des Hirſchparks zu erzählen wußte, beim bloßen Gedanken an Lafayette in eine weiche Stimmung verfiel, über Polens Fall weinte, den Kaiſer Nikolaus bis in die Hölle verwünſchte und als blutdürſtigen Autokraten behandelte, ſowie end⸗ lich daß er die Romane eines Paul de Kock las. Im Uebrigen war der Expelzwaarenhändler der beſte Menſch von der Welt und hatte, damit es Niemand in den Sinn komme, hieran zu zweifeln, einen Theil ſeines Lebens damit zugebracht, daß er ſeiner Ehe⸗ hälfte unbedingt gehorchte; ſeitdem er aber Wittwer geworden, hatte er die Zügel des häuslichen Regi⸗ ments Cöleſtinen übergeben, deren allergehorſamſter Sclave er war trotz einiger ſeltenen Inſubordina⸗ tionsverſuche, die in der Regel mit einer um ſo größeren Unterwürfigkeit unter die Launen des jun⸗ gen Mädchens endigten. „Wie gefällt dir der Schwiegerpapa?“ fragte Teiſſier ſeinen Freund, während Herr Simart mit einem andern Gaſte— einem großen, dürren und halb kahlen Manne in den Vierzigern— ſprach. „Der Schädel iſt ſo übel nicht,“ antwortete Dramond;„er ſpielt gewiß Lotto.“ „Das nicht, wohl aber handhabt er gern den Spaten.“ „Wenn das iſt, ſo läßt er als Schwiegerpapa lediglich nichts zu wünſchen übrig.“ In dieſem Augenblicke ging die Thüre auf und herein traten in den Speiſeſaal drei Frauenzimmer. Francis' Auge glitt leicht über die erſte hin, die ſchon ziemlich alt war, verweilte einen Augenblick bei der zweiten, einer hübſchen Blondine von etwa fünfundzwanzig, heftete ſich aber alsbald auf die dritte, welche dieſe ausſchließliche Aufmerkſamkeit ——,——— n id d⸗ te id il e⸗ i⸗ er 1⸗ 0 1. te it d 31 ohne dieß verdient hätte, auch wenn er in ihr nicht die Braut hätte erkennen müſſen. Sie war ein MWädchen, ſo ſchlank, ſo leichtfüßig, ſo friſch, ſo ju⸗ gendlich, daß, wer ſie ſah, geneigt ſein mußte, ſie nach ihrer Puppe zu fragen. Ihr zugleich regel⸗ mäßiges und nettes Geſichtchen vereinigte mit der feurigen Reinheit des römiſchen Typus die kokette Accentuation, wovon die Statuen eines Couſtou und eines Coyſevox ſo graziöſe Muſter darbieten. Die Schönheit ihrer Augen war, ſo zu ſagen, eine ge⸗ doppelte; in ihren großen und ſchwarzen Augenſter⸗ nen lagerte ein ewiges Gewitter, dem zuweilen Blitze entſprüheten, ohne daß indeſſen auch nur ein Mal die Durchſichtigkeit ihrer, wie bei einem Kinde in der Wiege, azurblauen und klaren Augäpfel ge⸗ trübt worden wäre. Dieſe MWiſchung intelligenten Ungeſtüms und naiver Heiterkeit, dieſer von einer Glorie von Unſchulb umgebene Leidenſchaftsherd verliehen Cöleſtinens Blick einen ſtrahlenden Aus⸗ druck, deſſen Glanz nur Wenige zu ertragen ver⸗ mocht hätten. Von einem hübſchen Roſakleid ein⸗ geſchloſſen, worauf das Incarnat ihrer Wangen ſich abzumalen ſchien; lebhaft, gelenk, in allen Bewe⸗ gungen graziös, wie zuweilen kleine Frauenzimmer es ſind, kam das Mädchen auf dem Parket faſt eben ſo raſch hereingeſchliffen, als ob ſie einen Galopp getanzt hätte, erwiderte die Begrüßungen der Männer mit einem leichten Kopfnicken, das Je⸗ dermann genügen mußte, und ſetzte ſich, ohne ihren Bräutigam, ſowie den vor ihr ſich verbeugenden Fremden auch nur eines Blickes zu würdigen, mit der Sicherheit einer emeritirten Hausfrau an den Liſch; mit einem milchweißen und nervigen Händ⸗ chen nahm ſie den Deckel von der Suppenſchüſſel weg, welcher eine duftende Wolke entſtieg, mit dem andern aber ſchüttelte ſie energiſch ein vergoldetes Glöckchen, deſſen Töne die Wirkung hatten, daß ſo⸗ fort der Pförtner Niklas, welcher, nach dem Vor⸗ gang von Meiſter Jacques, im Hauſe des Herrn Simart zwei bis drei Stellen cumulirte, unter der Thüre des Speiſeſaals erſchien. Es ſaßen bereits ſämmtliche Gäſte, nur Dra⸗ mond ſtand noch, unbeweglich, mit ſtarren Augen und halb geöffnetem Munde. „Mein Herr, nehmen Sie gefälligſt neben mei⸗ ner Tochter Platz,“ ſprach der Herr des Hauſes zum zweiten Mal zu ihm. Mechaniſch verbeugte ſich der junge Mann ſtatt aller Antwort, rührte ſich aber nicht weiter. „Und wenn Sie auch dinirt hätten,“ hob der würdige Expelzwaarenhändler, der etwas taub war, wieder an,„ſo kann man doch auf dem Lande gar wohl zwei Mal diniren.“ Mit zerſtreuter Miene lächelte Francis, als wollte er dieſem Vorſchlage beitreten, doch rührte er ſich weder, noch ſprach er; man hätte glauben können, ſeine Lippen und ſeine Zähne ſeien geſchloſ⸗ ſen und ſeine Stiefel an den Fußboden geheftet ge⸗ weſen. Alle Augen wandten ſich auf ihn, und Cöleſtine, welche die Suppe ſervirte, hielt in dieſem Geſchäfte inne, um den jungen Mann zu betrachten, den ihr Anblick ſo verſteinert hatte. Indeſſen drückte Fräulein Simart's Geſicht nur die etwas ſpöttiſche Neugierde aus, welche jungen Mädchen eigen iſt. r 8— — S X XN —— „Dieſer Heir will mich nun einmal, wie es ſcheint, nicht zur Nachbarin haben,“ ſprach ſie ganz leiſe, zu der jungen Dame ſich neigend, die ihr faſt gerade gegenüber ſaß. „Was iſt dir denn Francis?“ ſprach ſeinerſeits Ariſtides Teiſſier, der das unerklärliche Benehmen ſeines Freundes einem plötzlichen Unwohlſein zu⸗ ſchrieb. „Ich bitte die Geſellſchaft tauſend Mal um Ver⸗ zeihung,“ ſprach endlich Francis, ſeine Betäubung abſchüttelnd;„ich bin zuweilen ſo lächerlich zer⸗ ſ „Ach! vielleicht Erinnerungen?“ unterbrach die hübſche fünfundzwanzigjährige Blondine mit der nitleidsvollen Ironie, welche das Schauſpiel eines ſchönen träumeriſchen jungen Mannes Frauen in der Regel einflößt. Dramond hatte ſich endlich geſetzt. Er warf die Augen auf die liebenswürdige Spötterin, welche in dieſem Augenblicke ihr Glas an den Mund führte. Bei dieſer Geſte funkelte ein Smaragd, den ſie am Finger hatte. Beim Anblick dieſes Rings fuhr der neue Gaſt⸗ des Herrn Simart ſo plötzlich zuſammen, daß er einen Theil der in ſeinem Teller befindlichen Flüſ⸗ ſigkeit über den Tiſch hinſchüttete. Um nicht benetzt zu werden, rückte Cöleſtine mit der Geſchwindigkeit einer Gazelle vom Tiſche zurück, ließ einen unruhi⸗ gen Blick über ihr Kleid hinlaufen und brach, hin⸗ ſichtlich ihrer Toilette beruhigt, in ein lautes Ge⸗ lächter aus, das ſie nicht einmal zu zügeln ſuchte. Ernſt und forſchend ſchaute Francis ſeine Tiſch⸗ Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 3 34 nachbarin an; dann ſich wieder zu der blonden Dame wendend und ſeine ſchwarzen Pupillen auf ſie heftend, als wollte er das magnetiſche Fluidum Bezauberung in die Tiefen ihrer Seele ſchleu⸗ ern: „Erinnerungen?“ ſprach er ernſt;„vielleicht, Madame.“ Die junge Frau war einen Augenblick völlig verdutzt, als ob man ſie in griechiſcher oder arabi⸗ ſcher Sprache angeredet hätte. „Fürwahr, ich verſtehe Sie nicht,“ ſprach ſie endlich lächelnd und anſcheinend mit der größten Ruhe von der Welt. „Und Sie, mein Fräulein, verſtehen Sie mich?“ hob Teiſſier's Freund wieder an, mit faſt ironiſcher Modulation der Stimme an ſeine Nachbarin ſich wendend. Cöleſtine riß hier ihre funkelnden Augen ſo weit auf, als ſie konnte. „Soll das eine Charade ſein, ſo wenden Sie ſich an Papa: der wird ſie viel leichter errathen als ich,“ antwortete ſie dann in ihrem Innerſten über⸗ zeugt, daß der von ihrem Bräutigam gewählte Brautführer im Kopfe nicht ganz richtig ſei. „Eine Charade! laſſen Sie einmal hören!“ rief Herr Simart, deſſen Ohren ſich zu ſpitzen ſchie⸗ nen, gleich denen eines Pferdes, wenn es eine Trom⸗ pete ſchmettern hört. „Nach dem Diner, wenn Sie erlauben,“ erwi⸗ derte Dramond, während ſein Geſicht den Ausbruck unbegreiflicher Jronie beibehielt. „Er iſt, auf Ehre, von Sinnen,“ dachte Teiſſier, 35 die Naſe mit ſeinem Teller beinahe in Berührung bringend, ſo ſehr ſchämte er ſich innerlich über das ſeltſame Gebaren ſeines Freundes. Und hiemit noch nicht zufrieden, gab er ihm unter dem Tiſche einen tüchtigen Fußſtoß, um ihn beſſere Manieren zu lehren. Stoiſch lächelte Francis. „Dummer Menſch!“ ſprach er ſeinerſeits bei ſich ſelbſt,„du ſchlägſt deinen guten Genius! Es er⸗ kennen mich die beiden nicht wieder, wohl aber er⸗ kenne ich ſie, und dieß Mal werde ich ihnen die Maske abreißen! O du falſche Naſe! wie danke ich dir, denn du gibſt mir über dieſe zwei Sirenen die Gewalt, die einem Zauberer ſein Talisman verleiht. Age quod agis. Wir ſind nun bei Tiſch, eſſen wir alſo; zum Deſſert aber behalte ich ihnen eine Scene vor, die dramatiſcher als eine Charade iſt; denn ich kann doch wahrlich nicht zugeben, daß der arme Ariſtides eine Maskenballläuferin ehelicht.“ Hat in Folge des Zuſammenſtürzens irgend eines unterirdiſchen Gewölbes mitten in einer Straße ein großes Loch ſich gebildet, ſo umſtellt die Polizei es Nachts mit Lampen oder Laternen, um die Vor⸗ übergehenden auf dieſen Abgrund aufmerkſam zu machen. Es iſt dieß eine Vorſichtsmaßregel, die als nützlich erſcheint: auf gewiſſe Vorfälle angewandt, wovon die Geſellſchaft zuweilen Zeuge iſt, würde ſie als odiös verſchrien werden. Kommt über eine Familie einer jener Unglücksfälle, wogegen die vä⸗ terliche Aufſicht nicht immer Hülfe zu ſchaffen ver⸗ mag, macht ein Mädchen eines jener ernſten Fehltritte ſich ſchuldig, für welche die Si ohne Zweifel antiphraſtiſch den Namen leichtſinnige Auf⸗ führung hat, ſo geſchieht Folgendes. Anſtatt daß man den Skandal unter die Leute bringt, erſtickt man ihn; anſtatt des ſchwarzen Schleiers der eid⸗ brüchigen Veſtalin verdreifacht man um die Stirn der intereſſanten Schuldigen her die weißen und lügneriſchen Gewinde, welche man als Symbole der Unſchuld zu betrachten gewohnt iſt; man läßt ſie reiſen; zuweilen geht ſogar die Familie außer Land, oder endlich überläßt man es der Zeit, über die Ver⸗ gangenheit den Schleier zu decken. Nun kommt ein ehrlicher Mann, der vertrauensvoll heirathet und eben ſo betrogen wird. Aber was liegt an der Ehre des Gatten? Iſt nicht die des Mädchens durch die kirchliche Ceremonie neu herausgeputzt und wie⸗ der geflickt? Alle Welt billigt die Moralität eines ſolchen Ausgangs, insbeſondere aber die Weiber, deren Corpsgeiſt ſich in ſo bewundernswürdiger Weiſe kundgibt, ſo bald es ſich darum handelt, eine Rivalin zu beurtheilen. Als Dramond die Entdeckung machte, daß Cöle⸗ ſtine Simart und der Domino mit der gelben Roſe eine und dieſelbe Perſon ſeien, da glaubte er unter den Füßen ſeines Freundes die Falle zu gewahren, von der wir eben geſprochen und welche man viel⸗ leicht die Gattenfalle nennen könnte. Jung und vergnügungsſüchtig, hatte er das weibliche Perſonal der Maskenbälle höchſt gewiſſenhaft ſtudirt; er wußte alſo aus Erfahrung, daß der, welcher in dieſem Pandämonium einen Engel an Unſchuld zu finden hoffe, eben ſo unvernünftig handle als ein Menſch, welcher unter den unreinen Pflanzen eines afrika⸗ luf⸗ daß tickt id⸗ tirn und der ſie nd, er⸗ ein 37 niſchen Sumpfes eine keuſche Alpenblume ſuche. Daß Cöleſtine auf dem Ball der großen Oper ge⸗ weſen, ſchien ihm darauf hinzudeuten, daß auf ihr Leben ein unauslöſchliches Brandmal der Schande bereits gedrückt fei; er ſchwor bei ſich ſelbſt, dieſem MWyſterium auf den Grund zu kommen und nöthi⸗ genfalls die unbarmherzige Lampe der Wahrheit vor den matrimonialen Abgrund zu ſtellen, worein Teiſſier ſich fallen laſſen zu wollen ſchien. Francis' Befangenheit, ſowie das kindiſche Miß⸗ verſtändniß, das ſeit einigen Tagen zwiſchen dem Brautpaar herrſchte, verbreiteten über das Diner eine Kälte, wogegen ein Simart'ſcher Dithyramb über die unglückliche Niederlage von Warſchau ohne Erfolg ankämpfte. Nach Tiſch gingen die Gäſte in den Garten hinab. Cöleſtine nahm die hübſche Blondine beim Arme, zog ſie hüpfend durch die Alleen hin, wo dann beide der ausgelaſſenen Hei⸗ terkeit ſich überließen, die ſie aus Anſtand bis da⸗ hin bewältigt hatten, und in tauſend ſpöttiſchen Bemerkungen über das bizarre Benehmen des Neu⸗ angekommenen ſich ergingen. Was die beiden Freunde betrifft, ſo näherten ſie ſich einander in Folge eines Dranges, der gleichzeitig über ſie kam, während der Erpelzwaarenhändler fortfuhr, dem halb kahlen Gaſte den patriotiſchen und polniſchen Abſud einzuſchen⸗ ken, womit er ſelbſt am Morgen dieſes Tages aus dem ſchäumenden Becher des National ſeinen Durſt gelöſcht hatte. „Nun, wie findeſt du ſie?“ fragte Teiſſier mit ſchlecht verhehltem Stolz, denn in dieſem Augen⸗ blicke verſchwanden in ſeinen Augen die Fehler und 3 38 Untugenden ſeiner Braut vor ihren Reizen. Einem Dritten gegenüber würdigt ein Liebhaber vor allen Dingen die Schönheit ſeiner Geliebten. „Charmant,“ antwortete Francis kalt;„aber ſag' mir doch, wer iſt die junge Frau, die bei Tiſch mir gegenüber geſeſſen iſt?“ „Madame Regnauld, Couſine Cöleſtinen's und Frau des großen Herrn, der eben mit meinem Schwiegervater ſpricht.“ „Sie ſcheint mit Fräulein Simart auf ſehr ver⸗ trautem Fuße zu ſtehen.“ „Auf dem allervertrauteſten. Sie bringt hier einen Theil des Sommers zu, und ihrerſeits hält Cöleſtine den Winter über ſich bei ihr in Paris auf. Noch vor ſechs Wochen waren beide in der Hauptſtadt.“ „So!.... Es hat dieſe Dame eine Phyſio⸗ gnomie, welche auf ein recht gefühlvolles Herz hin⸗ deutet.... du wirſt mich ſchon verſtehen; und ſeinerſeits iſt ihr Mann im Beſitz eines recht cha⸗ rakteriſtiſchen Geſichts.“ „Sie leben gut mit einander.“ „Thut nichts.“ „Bah! was liegt uns daran? Sprechen wir lieber von Cöleſtinen.. Du findeſt ſie älſd „Bezaubernd! habe dir es bereits geſagt; aber...“ „Was aber?“ „Sie zu heirathen, möchte ich dir nicht rathen.“ „Und warum denn nicht?“ fragte Teiſſier trocken; denn es iſt Unentſchloſſenheit des Charakters mit Widerſpruchsgeiſt nicht unverträglich, und in dieſem Augenblick fand unſer Heirathscandidat durch die inem allen „aber Tiſch und inem ver⸗ hier hält zaris der yſio⸗ hin⸗ und cha⸗ wir en cken; mit eſem die 39 geringe Begeiſterung ſeines vertrauten Freundes ſich verletzt. „O! aus mehreren Gründen, die du ſelbſt ent⸗ deckt haſt, mein Beſter,“ gab Francis zurück;„haſt du mir nicht ſelbſt heute Morgen geſagt, ſie ſei ſehr reizbar, zornmüthig, ja ſogar heftig?“ „Bah! bah! Fehler eines Kindes, die ich leicht verbeſſern werde, wenn ich ſie einmal heimgeführt habe. Du mußt bedenken, daß ſie kaum achtzehn iſt; und dann habe ich auch, ſiehſt du, die Sache ärger gemacht, als ſie wirklich iſt. Haſt du ſonſt keinen Grund. „Ich habe noch einen.“ „Und welchen denn, um's Himmels willen? denn ſiehſt du, deine ernſte Miene, und daß du mit der Farbe nicht herausrücken willſt, kann mich zur Ver⸗ zweiflung bringen.“ „Morgen will ich dir antworten. Bis dahin ſei ſo gut, mich mit deiner Braut zuſammenzufüh⸗ ren, da ich mit ihr zu ſprechen habe.“ Immerverdutzter blickte Ariſtides ſeinen Freund an. „Ich muß geſtehen, dein Verlangen hat etwas Originelles,“ ſprach er darauf.„Thue übrigens, was du willſt; auf dich bin ich nicht eiferſüchtig. Nur iſt es mir rein unmöglich, dir in dieſem Stück zu dienen: es kann dir doch nicht entgehen, daß mit mir ſchmollt und keine Sylbe mit mir ſpricht.“ Einen Augenblick gingen die beiden ſtumm fort. „Wo ſind ſie doch hingegangen?“ fragte plötz⸗ lich Franeis' mit dem Auge die beiden Damen ſuchend, welche den Garten eben verlaſſen hatten. 40⁰ — „Wahrſcheinlich ſind ſie jetzt im Billardzimmer.“ „Gehen wir auch hinein; denn es ſcheint mir, man müſſe uns nicht allzu liebenswürdig finden.“ „Meinetwegen,“ verſetzte Teiſſier, nach dem Hauſe hingehend. IW. Jetzt traten auch die beiden Freunde wieder in's Haus hinein. Indem ſie über die Hausflur hinſchritten, verrieth ihnen ein Geräuſch von auf einander ſtoßenden Billardbällen, das von einem her Zimmer herkam, daß Teiſſier ſich nicht ge⸗ irr „Spielen wir zu vieren!“ rief das Mädchen mit der Lebendigkeit, die alle ihre Bewegungen charak⸗ teriſirte.„Ich ſpiele mit meiner Couſine gegen die beiden Herren; auch will ich nicht, daß Sie uns vorgeben.“ „Gegen ein ſolches Abkommen proteſtire ich,“ antwortete Francis lächelnd;„eine Partie Billard muß nach Art einer Quadrille geregelt werden. Würden Sie mich wohl, wenn wir tanztén, dazu verurtheilen, Ariſtides' Cavalier zu ſein, anſtatt mich mit Ihrer Hand zu beehren?“ Der Gedanke, daß ihr Bräutigam bei einem Contretanz als Dame figuriren könne, verdoppelte die Heiterkeit von Fräulein Simart, die nun ſich dahin ausſprach, daß man das Loos entſcheiden hatte. Sie öffneten die Thüre und wurden in der heiterſten Weiſe von der Welt von Cöleſtinen empfangen, die eben eine Partie gewonnen hatte.“ „ 41 laſſen ſolle. Der blinde Gott ſchien, alſo befragt, einigen Scharfblick zu zeigen, indem er die beiden künftigen Gatten als Partner vereinigte. Es begann die Partie. Dramond ſpielte mit der Nachläſſigkeit eines Mannes, der von ſeiner Ueberlegenheit überzeugt iſt. Teiſſier dagegen be⸗ rechnete jeden Stoß, als ob ihm Alles daran ge⸗ legen geweſen wäre, den Sieg davonzutragen. Ihrer⸗ ſeits nahmen die beiden Couſinen an dem Spiel all' das lebhafte Intereſſe, das Frauenzimmern gewöhnlich von Spielen und Uebungen eingeflößt wird, welche ein Privilegium der Männer zu ſein ſcheinen. Cöleſtine insbeſondere folgte den Wechſel⸗ fällen des Kampfes mit der Leidenſchaftlichkeit eines Kindes. Der Reihe nach unruhig, muthlos, ſieges⸗ trunken, herausfordernd, ihren Verbündeten zan⸗ kend, über ihre eigene Ungeſchicklichkeit ärgerlich, ſich erzürnend, wenn ſie nicht lachte, und lachend, wenn ſie ſich erzürnt hatte, ſchien ſie in dieſem Augenblick das ganze Glück ihrer Exiſtenz vom Verluſt oder vom Gewinn der Partie abhängig zu machen. „Fürwahr, ein ſonderbares Mädchen, und die will heirathen!“ ſprach bei ſich ſelbſt Francis, der ſchon eine Weile ſich mehr mit der Spielerin als mit dem Spiel beſchäftigte und ein Mal um das andere ſich verlief.„Das bezaubernde Teufelchen! welcher Schatz für einen Liebhaber! aber welche Plage für einen Ehemann!“ Schon nahte ſich der Kampf ſeinem Ende, und in Erwartung des Sieges hüpfte Cöleſtine vor Freude. Nur noch drei Points, ſo war die Partie gewonnen, und da der rothe Ball am Rande eines Loches lag, ſo konnte der Sieg keinen Angenblick zweifelhaft ſein. Es war an Teiſſier zu ſpielen. Langſam beugte er ſich und fing an, ſein Ziel mit der ängſtlichen Aufmerkſamkeit in's Auge zu faſſen, die er anzuwenden gewohnt war. In dieſem Augenblick legte unglücklicher Weiſe das Mädchen, das vor Ungeduld ſich nicht mehr zu halten vermochte, ihre Fingerchen auf die Billard⸗ bande, als wollte ſie dadurch den Fall des elfen⸗ beinernen Balles beſchleunigen. Dieſes weiße und bebende Händchen aber war Urſache, daß der Spie⸗ lende zerſtreut wurde; denn mit einem ſuperben Bloké ſchleuderte er ſeinen eigenen Ball in das Billardloch, ohne den rothen auch nur zu touchiren, und machte ſo aus, indem er die Partie verlor. Cöleſtine ſtieß einen Wuthſchrei aus, ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden, warf dem ungeſchick⸗ ten Spieler einen zerſchmetternden Blick zu und rief: „Sie ſind mir ein odiöſer Menſch! Eine Par⸗ tie verlieren, die ein Kind gewonnen hätte! Nicht wahr, Sie haben das gethan, um mich böſe zu machen?“ „Nein, weil ich Sie anſchaute,“ gab Teiſſier zerknirſcht zurück. „Warum denn mich auch anſchauen? Schaue ich doch Sie nicht an. Ich ſage Ihnen, Sie haben es mit Fleiß gethan. Wenn Sie gegen mich ſpie⸗ len, da fehlen Sie nie.“ „Nun wir ſpielen noch eine Partie.“ „Die können Sie allein gewinnen; ich ſpiele nicht mehr.“ 43 Mit dieſen Worten warf das verwöhnte Kind das Queue, das es in der Hand hielt, auf das Billard hin und trat an's Fenſter, wo es anfing, mit den Fingerchen die Scheiben zu bearbeiten. Ariſtides bat Madame Regnault mit Blicken; die junge Frau aber ſetzte ſich, ohne zu thun, als verſtehe eiſe ſie dieſe Bitte, wodurch ihre Vermittlung angerufen zu werden ſollte, auf ein an der getäfelten Wand ſte⸗ rd⸗ hendes Rohrcanapee, von wo aus ſie das Billard fen⸗ vollkommen beherrſchte. „Nun, ſpielen Sie allein, meine Herren!“ ſprach ſie dann;„ich nehme gern eine Lection.“ das„Nun, ſo amüſiren wir die Damen!“ rief Teiſ⸗ en, ſier ziemlich ärgerlich. Fräulein Simart wandte raſch den Kopf um. pfte„Sie amüſiren mich gar nicht!“ ſprach ſie und ick⸗ fuhr dann in ihren muſikaliſchen Exercitien fort. ef: Von ſeiner üblen Laune fortgeriſſen, ſpielte Teiſ⸗ ſier wie ein Beſeſſener. Die wüthendſten Bloké's, icht 7 die unerhörteſten Doublé's, die außerordentlichſten zu und unmöglichſten Carambolagen: Alles gelang ihm. . Von ihrem Canapee herab lächelte Madame Reg⸗ ier nauld boshaft, wie wenn der Streit der beiden zukünftigen Gatten ihr eine geheime Befriedigung ue verſchafft hätte. Seinerſeits ließ Dramond ſich mit en der muſterhafteſten Reſignation ſchlagen und ſchielte ie⸗ nach Cöleſtinen hinüber, deren Finger fortfuhren, auf den Scheiben den berühmten Galopp aus der Auber'ſchen Oper„Guſtav oder ein Maskenball“ zu le hämmern. Da riß das Mädchen mit einem Mal das Fen⸗ ſter auf, rief den Pförtner, den ſie eben im Hofe erblickt, mit gellender Stimme herbei und ſchrie: „Niklas, Niklas! wer hat denn Euch befohlen, Soliman an die Kette zu legen? Es iſt wahrlich recht keck von Euch, ſo gegen meine Befehle zu handeln! Laſſet ihn alsbald los, hört Ihr? auf der Stelle!“ Der Bauer ſtammelte einige unverſtändliche Worte und beeilte ſich, dem eben erhaltenen Be⸗ fehle nachzukommen. Kaum aber fühlte Soliman, daß ſeine Kette gefallen war, als er aus ſeinem Stall herausſprang, in zwei Sätzen den Hof durch⸗ maß, mit einem einzigen das Fenſter erreichte und wie der Blitz in das Billardzimmer hineinfiel. „Das arme Thier!“ ſprach Cöleſtine, mit ihren weißen Händchen die weite ſchwarze Stirn der Dogge liebkoſend, welche in ihrem Dankbarkeitsdrang ſie umhüpfte;„du armes Opfer! Man will einen Sclaven aus dir machen; ſei aber ruhig, ich werde es nie zugeben.“ Alſo ſprechend warf das Mädchen ihrem Bräu⸗ tigam einen herausfordernden Blick zu. Kaum hatte letzterer aber ſeinen Todfeind erblickt, ſo runzelte ſich ſeine Stirn, und ſo oft das Spiel ihn zwang, an der biſſigen Beſtie vorbeizu gehen, warf er der⸗ ſelben einen Blick der Herausforderung zu, den er aber alsbald wieder zurückzog richtete mit einer Unruhe, die ſcheinen müſſen, wenn ſie nicht und auf ſeine Beine hätte ſonderbar er⸗ durch die furchtbare Doppelreihe von Zähnen motivirt geweſen wäre, welche der Hund grußweiſe zeig Bräutigam in ſeine Nähe kam. te, ſo oft Cöleſtinens ofe len, rlich zu auf iche Be⸗ an, em ch⸗ ind ren ge ſie en iu⸗ tte lte g, r⸗ ne T⸗ re e, 18 45 „Es ſchien dieſes Spiel Cöleſtinen, welche mit ihrer Couſine von Zeit zu Zeit ein überaus ſpötti⸗ ſches Lächeln zu wechſeln ſchien, höchlich zu beluſti⸗ gen. Endlich konnte das Mädchen nicht länger dem Verlangen widerſtehen, einen jener muthwilligen Streiche zu ſpielen, die ihr Alter ſo vollkommen entſchuldigte und woraus ihr Charakter ihr ein Be⸗ dürfniß machte. In dieſem Augenblicke viſirte der über die Billardbande geneigte Ariſtides den Ball ſeines Gegners und fuhr mit dem Queue am Dau⸗ men ſeiner linken Hand langſam zielend hin und her:— eine Gewohnheit, die man bei mehr denn einem Spieler wahrnimmt, und wodurch ſich faſt ſtets die Unentſchloſſenheit ſeines Charakters ver⸗ räth. Auf ein Zeichen ſeiner Herrin ſprang Soli⸗ man auf das Billard und erfaßte den eifenbeinernen Ball mit den Zähnen. Wüthend, aber doch noch an ſich haltend, wollte Teiſſier ihn der Beſtie ent⸗ reißen, deren ſpitze Zähne das Weiß des Balles verdunkelten. Auch ließ das Thier den Ball fah⸗ ren, jedoch nur um dafür die Hand ſeines Feindes zu packen, der, noch ehe er ſie zurückzuziehen ver⸗ mochte, ſich bis auf die Knochen gebiſſen fühlte und um ein Haar zwei bis drei Finger in dem Schlunde gelaſſen hätte, in den er ſie ſo unbedachter Weiſe eingeführt hatte. Der Schmerz war ſtärker als die Geduld. Aus dem Billardqueue eine Keule improviſirend, ſchlug Ariſtides mit dem dicken Ende auf Soliman ein, der, mehr biſſig als tapfer, bis an den Rand des Billards zurückwich. „Unterſtehen Sie ſich noch ein Mal, ihn zu 46 ſchlagen, mein Herr!“ ſchrie Cöleſtine, mit feuerro⸗ then Wangen und zornſprühenden Augen auf den jungen Mann zuſtürzend. In dieſem Augenblicke erſchien die eheliche Ge⸗ walt, womit er bald bekleidet werden ſollte, Teiſ⸗ ſier's Phantaſie ganz beſonders majeſtätiſch. „Zeige ich mich jetzt ſchwach,“ dachte er bei ſich ſelbſt,„ſo iſt das ein Vorgang, deſſen Folgen wohl nie mehr gut zu machen ſind; jetzt iſt ein Staats⸗ ſtreich nöthig.“ Um alſo ſowohl die Billigkeit als das Recht auf ſeine Seite zu bekommen, entfaltete er ſtreng ſeine bluttriefende Hand und wiederholte mit der andern die Züchtigung, die er Soliman hatte angedeihen laſſen. Der Hund heulte und flüchtete ſich unter das Billard. „Sie Wütherich!“ ſprach das Mädchen, ihr nettes Händchen wüthend emporhebend. „Cöleſtine!“ ſchrie in demſelben Augenblicke Madame Regnauld, vom Canapee aufſpringend. In Folge einer heroiſchen Anſtrengung hielt das zornmüthigſte aller verwöhnten Kinder den Schlag zurück, den es zu führen im Begriff war. Indeſſen war die Wirkung, welche dieſer Zwang auf das Mädchen hervorbrachte, eine ſo heftige, daß ihren Augen Thränen entſtürzten. Kaum ſah Soliman ſeine Herrin ſo weinen, als er den ihm für eigene Rechnung fehlenden Muth wieder gewann und wüthend unter dem Billard her⸗ vorſprang; in dem Augenblick aber, wo er Ariſtides an den Hals ſprang, packte Francis ihn mit beiden Händen am Nacken und am Kreuz, hob ihn, gleich 8 9 n 8 8 r⸗ 8 5 47 als wäre er ein elender Rattenfänger, in die Höhe und warf ihn zum Fenſter hinaus, das er ſofort wieder ſchloß. Während dieſes blitzſchnellen Vorfalls hatte Fräulein Simart, welche von ihrer Couſine vergeblich zu beruhigen geſucht wurde, ſich der Thüre genähert und dieſelbe geöffnet. Jetzt wandte ſie ſich um und ſprach, ihr rothes Geſicht zeigend, über welches ei⸗ nige brennende Perlen hinabrannen, zu ihrem Bräu⸗ tigam die Worte: „Wiſſen Sie, daß ich Sie haſſe; Sie ſuchen mir nur zu mißfallen, und es gelingt Ihnen das viel⸗ leicht mehr, als Sie wünſchen. Soliman ſchla⸗ gen! Es wäre mir eben ſo lieb geweſen, wenn Sie mich geſchlagen hätten. Ich verabſcheue Sie, hören Sie? und nie, nie werde ich Ihre Frau.“ Nachdem dieſe Worte in einem Ton geſprochen worden waren, der ſich ſchlechterdings mit nichts vergleichen läßt, ſchob Cöleſtine ihre Couſine zum Zimmer hinaus, folgte ihr dann nach und ſchmiß Thüre mit der zornigen Kindern eigenen Heftig⸗ eit zu. Als Francis ſeinen Freund anſchaute, der un⸗ beweglich, mit in der Cravate begrabenem Kinn, ſowie mit niederhangenden und verſchlungenen Hän⸗ den am Billard ſtand, ſchlug er mit einem Mal eine helle Lache auf. „Wahrlich, das iſt recht drollig,“ ſprach Teiſſier in bitterem Ton,„ja außerordentlich luſtig, ich ver⸗ ſichere dich.“ „Verzeih' mir, aber du ſiehſt ſo beſtürzt aus. „Ich meinerſeits finde lediglich keinen Grund zur 48⁸ Heiterkeit. Nun, was hatte ich geſagt? Jetzt haſt du ein Pröbchen von ihrem liebenswürdigen Cha⸗ rakter. Was hältſt du davon?“ „O! Fehler eines Kindes, die du leicht verbeſ⸗ ſern wirſt, wenn du einmal ihr Mann biſt,“ erwi⸗ derte Dramond, in ironiſcher Weiſe die Worte wie⸗ derholend, welche früher von ſeinem Gegenredner geſprochen worden waren. „Ihr Mann! nimmermehr, nimmermehr,“ ſchrie Teiſſier,„du haſt eben gehört, was ſie mir geſagt. Ich werde ihr jedoch die Mühe erſparen, meine Hand auszuſchlagen; ich mag ſie nun nicht mehr heirathen, ich breche mit ihr. Ah! ahl ich will ihr beweiſen, daß ich auch Charakter habe. Gleich auf der Stelle ſpreche ich mit ihrem Vater und reiſe dann ab. In Paris kann ich tauſend Mädchen finden, die mindeſtens ebenſo hübſch und ebenſo lie⸗ benswürdig ſind als dieſes Teufelchen. Haſt du geſehen⸗ wie ſie die Hand gegen mich aufgehoben hat?“ „Sie die Hand aufgehoben!“ antwortete Fran⸗ cis, die Unterlippe hinaufziehend und den Kopf mög⸗ lichſt ernſt ſchüttelnd. „Und ich habe einen Augenblick gefürchtet...“ „Auch ich habe den Augenblick kommen ſehen wo du wie Merville auf dem Maskenball der gro⸗ ßen Oper traktirt wurdeſt. „Ein Dämon! ſage ich dir, ein wahrer Dä⸗ mon!“ rief der junge Mann entzaubert, indem er mit der Fauſt auf das Billardtuch hineinſchluh. So ängſtlich und unentſchloſſen Ariſtides war, haſt ha⸗ beſ⸗ wi⸗ ie⸗ ner rie gt. ine ehr ihr uf iſe en ie⸗ du en n⸗ g⸗ 0⸗ ä⸗ 49 ſo raſch entſchloſſen und feſt war ſein Freund. In zwei Secunden wußte er, was zu thun war. „Allem Anſchein nach leichtſinnig und ohne Zwei⸗ fel auch ein böſes Ding,“ ſprach er bei ſich ſelbſt; „das iſt zu viel. Eine ſo dumme Heirath kann und darf Teiſſier nicht eingehen. Da nun leinmal gebrochen ſein muß, ſo iſt es beſſer, man nimmt von dieſem Streit Anlaß, als daß man an die gelbe Roſe erinnert und ſo Erklärungen herbeiruft, welche das Mädchen compromittiren könnten.“ Ohne ſich von dem Intereſſe Rechenſchaft zu geben, das Cöleſtine ihm in dieſem Augenblicke einflößte, wandte Dramond ſich zu ſeinem Freunde. „Steht dein Entſchluß ganz feſt?“ fragte er ihn. „Felſenfeſt,“ gab Ariſtides zurück, und betonte jede Sylbe dieſes majeſtätiſchen Adverbs. „Wenn das iſt, ſo wollen wir Herrn Simart aufſuchen.“ „Meinetwegen obgleich ich dir offen geſtehe, daß dieſer Schrittt ein etwas heikler iſt.“ „Wie, du willſt ſchon jetzt nicht mehr?“ „Doch, doch; aber ſchau, Herr Simart iſt ein ſo wackerer Mann: er hatte eine ſo große Freude über dieſe Heirath, daß ihm ſo ohne Weiteres in's Geſicht zu ſagen: Ich mag Ihre Tochter nicht mehr.. Gäbe es nicht ein Mittel, dieſe Scene zu vermeiden, dieſen Bruch ſchriftlich abzumachen, an⸗ ſtatt ihm Geſicht gegen Geſicht gegenüberzuſtehen.. Ich geſtehe dir...“ „Nein, geſtehe nur, daß nun die alte Unentſchloſ⸗ ſenheit wieder über dich kommt! Im Uebrigen iſt Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 4 ja nichts leichter, als den erſten Schritt zu vermei⸗ den; ich nehme Alles auf mich.“ „Und wie willſt du das machen?“ Francis ſtreichelte ſich während eines Augenblicks die Stirn nach Art der Leute, welche über etwas nachdenken; doch dauerte dieß nicht lange, denn nie war er verlegen, wenn es galt, ſich zu helfen. „Nun habe ich's,“ hob er wieder anz„es muß, ſagen wir, das Haus verlaſſen werden, bevor es zu einer Erklärung kommt, um Herrn Simart's Em⸗ pfindlichkeit zu ſchonen, und dann bricht man durch einen Brief ab. Ganz gut. Und nun höre: dein Oheim Marjolier hat einen Schlaganfall gehabt, und du mußt auf der Stelle nach Paris abreiſen.“ „Mein Oheim Marjolier.. einen Schlagan⸗ fall!“ rief Teiſſier ſich verfärbend. „Ach nein! er iſt ganz ſo wohl wie wir ſelbſt,“ ſagte Dramond lachend.„Siehſt du denn nicht, daß ich deinen Oheim ſterben laſſe, um deine Ab⸗ reiſe zu rechtfertigen?“ „Ich verſtehe... Aber was du da geſagt, hat mir eine ſolche Gemüthsbewegung verurſacht...“ „O! die Gemüthsbewegung eines Erben: wir kennen das.“ „Jetzt gingen die beiden jungen Männer in das Zimmer hinauf, wo Herr Simart ſich befand, und als der Expelzwaarenhändler erfuhr, weßhalb ſein zukünftiger Schwiegerſohn nach Paris reiſen wollte. kratzte er ſich am Ohr, wie ein Menſch, dem etwas Widerwärtiges begegnet. „Nun, wollen einmal ſehen, um was essſich denn eigentlich handelt,“ ſprach er endlich mit der ei⸗ cks as nie ß, m⸗ 51 verſöhnlichſten Gutmüthigkeit von der Welt.„Ma⸗ dame Regnauld hat mir eben erzählt, wie Sie mit Cöleſtine einen kleinen Strauß gehabt. Denken Sie uoch daran? Dieſe Krankheit Ihres Oheims kommt doch gar zu plötzlich!“ „Puh! wie alle Schlaganfälle,“ bemerkte Fran⸗ cis in doctoralem Tone. „Wollen Alles vergeſſen!“ hob der alte Kauf⸗ mann wieder an,„Sie kennen ja das Weſen mei⸗ ner Tochter; ſie hat das beſte Herz von der Welt, Sie müſſen ihr alſo auch ein bischen nachgeben, ſo oft ſie etwas zu lebhaft iſt.“ „Etwas zu lebhaft iſt!“ rief Teiſſier lebhaft, dem ſein Freund mit einem Blick Schweigen gebot. „Denken Sie ſich einmal, Herr Dramond,“ ſprach der gute Simart,„es iſt eines ein ſo großes Kind als das andere. Zwar iſt Cöleſtine etwas verwöhnt worden, ich kann's nicht läugnen, indeſſen iſt auch Ihr Freund zuweilen etwas hitzig. Im Grunde lieben ſie ſich wie zwei Turteltäubchen, und der vollgültigſte Beweis dafür iſt wohl, daß ſie den lieben langen Tag nichts thun als ſich übet Baga⸗ tellſachen ſtreiten. Nun, Teiſſier, tragen Sie nichts nach, und vergeſſen Sie das Geſchehene: Cöleſtine iſt im Salon, gehen Sie hinein und ſöhnen Sie ſich wieder mit ihr aus.“ Als Francis ſah, wie ſein Freund in ſeinem Entſchluſſe bereits wieder wankend geworden und bereit war, Herrn Simart zu folgen, erkannte er die Nothwendigkeit einer Dazwiſchenkunft. „Ich kann es Ihnen beſtätigen, mein Herr,“ ſprach er zu Cöleſtinens Vater,„daß Si auch entfernt nicht mehr an das Vorgefallene denkt; in dieſem Augenblick beſchäftigt ihn lediglich nichts als das Unglück, das ſeinem Oheim zugeſtoßen iſt.“ „Wie! es wäre alſo kein Mährchen?“ fragte der Expelzwaarenhändler. „Ein Mährchen!“ wiederholte Dramond, durch dieſen Zweifel ſcheinbar verletzt.„Ich, ich ſelbſt, mein Herr, habe meinem Freund dieſe traurige Nachricht gebracht. Ich habe es für unnütz gehal⸗ ten, ihm noch vor dem Eſſen die Sache mitzuthei⸗ len, denn es kommt die Pariſer Diligence erſt heute Abend vorbei, da kann er denn noch heute abreiſen.“ „Herr Marjolier! den kenne ich ja!“ verſetzte Herr Simart.„Ein großer hagerer Mann! noch größer und hagerer als mein Neffe Regnauld! Wo zum Teufel hat er bei einem ſolchen Temperament dieſen Schlag hergeholt? Wird gut ſein, wenn ich mir's merke! Doch binden Sie einem Anderen ſolche Geſchichten auf.“ „Erlauben Sie, mein Herr,“ hob Francis mit einem einſchmeichelnden Lächeln wieder an,„hier bin ich auf meinem Terrain, denn ſehen Sie, ich habe Medicin ſtudirt... Ein Jrrthum, der, ich ge⸗ ſtehe es, ziemlich allgemein verbreitet iſt, will, daß ausgedörrte Leute, daß Leute, an denen ſonſt nichts als Haut und Knochen iſt, vor Blutſchlägen mehr geſichert ſeien als Sanguiniker und vollfäftige In⸗ dividuen. So will es eine althergebrachte, aber ich wiederhole es, durchaus irrige Meinung. Ich dagegen ſage, ein mehr oder minder kurzer Hals, ein mehr oder minder geröthetes Geſicht thun nichts zur Sache, und ich könnte Ihnen Geſchichten erzäh⸗ ———— — 53 len, die. Doch, wozu das? es handelt ſich jetzt von dem guten, von dem trefflichen Herrn Marjo⸗ lier, der vielleicht in dem Augenblicke, wo wir reden, in den Armen geldgieriger Söldlinge ver⸗ ſcheidet. Bedenken Sie, Teiſſier iſt ſein Neffe, iſt ſein Erbe,“ fuhr der junge Mann fort und neigte ſich dabei zu Herrn Simart's Ohr, als wollte er die Empfindlichkeit ſeines Freundes ſchonen;„und vor allen Dingen vergeſſen Sie nicht, daß Herr Marjolier eine Gouvernante und einen Beichtvater hat.“ „Alſo eine doppelte Peſt!“ rief der frühere Pelzwaarenhändler, deſſen Pfaffenſcheu und Pfaffen⸗ haß bei dieſer letzten und geſchickten Inſinuation mit einem Male in ihrer ganzen Stärke erwacht waren.„Einen Beichtvater! einen Jeſuiten! Ja, ja, jetzt fällt mir es ein, Marjolier war ein alter Pfaf⸗ fenkuttenanbeter; er iſt im Stand, ſich von den Schwarzkutten einthun zu laſſen und ſein ganzes Vermögen irgend einem Seminar zu vermachen. Machen Sie, daß Sie fort, daß Sie nach Paris kommen, Teiſſier, Sie müſſen auf der Stelle abrei⸗ ſen; dieſen Burſchen muß man auf die Finger ſehen, wenn man es mit ihnen zu thun hat. Man⸗ kann ſie nie zu feſt faſſen. Ihren Oheim kenne ich ſchon lange; ein ſchwacher Kopf! ein beſchränkter Geiſt! ein Abonnent der Quotidienne! Sakerlot! Machen Sie, daß Sie auf der Stelle fortkommen, es iſt kein Augenblick zu verlieren.“ Ariſtides blieb unbeweglich und blickte in allen Ecken des Zimmers herum, anſtatt zu antworten. Ueber dieſes Symptom eben ſo erſchreckend, als er 54 innerlich üher die Panik des Pelzwaarenhändlers erfreut wer, nahm Francis ſeinen Freund beim Arme und ſprach zum Wirthe: „Wir kommen bald wieder; denn ich betrachte mich immer noch als eingeladen.“ Einen Augenblick ſchien Herr Simart nachzu⸗ denken. „Sie können etwas noch Geſcheideres thun,“ ſprach er offenherzig;„nichts erheiſcht Ihre Abwe⸗ ſenheit in der Hauptſtadt; um mir nun zu bewei⸗ ſen, daß dieſer ſo unvorhergeſehenen Reiſe kein heim⸗ licher Plan unterliegt, müſſen Sie hier bleiben; und da Sie Teiſſier's Zeuge ſind, ſo iſt keinerlei Uebelſtand damit verbunden; wir behalten Sie bis zu ſeiner Rückkehr als Geiſel itrüc Willigen Sie ein? „Ei freilich!“ antwortete Francis mit einer Leb⸗ haftigkeit, die man hätte für Freude halten können, und ſchüttelte die große Hand, welche der Expelz⸗ waarenhändler ihm in cordialer Weiſe hinbot. „Verlieren Sie aber ja keine Zeit, Teiſſier, hören Sie?“ hob der letztere, durch die eben ab⸗ geſchloſſene Uebereinkunft vollkommen beruhigt, wie⸗ der an:„es kommt mir dieſer verteufelte Beichtvater nicht aus den Augen. Ich will alsbald einſpannen laſſen, daß man Sie auf die Landſtraße führt.“ „Siehſt du, jetzt iſt die ganze Sache, die dir ſo viel zu ſchaffen machte, abgemacht,“ ſprach Fran⸗ cis, als er mit ſeinem Freunde ſich allein ſah. „Aber, aber,“ antwortete der Letztere,„du ſchaff ſt mich fort und bleibſt doch ſelbſt! Das war nicht ausgemacht.“ ers im hte zu⸗ . 2 ve⸗ ei⸗ n lei is Sie b⸗ en, lz⸗ er, b⸗ ie⸗ er en ir R⸗ du ar 55 „Sobald du etwas dawider haſt, reiſe ich mit dir ab,“ verſetzte der Freund;„wenn ich auf Herrn Simart's Verlangen eingegangen bin, ſo hat mich, ſiehſt du, einzig und allein die Abſicht geleitet, dir einen guten Dienſt zu erweiſen. Ich meinte, es würde dir nicht unangenehm ſein, einen Bevollmäch⸗ tigten hier zurücklaſſen zu können, welcher dir das widerwärtige Geſchäft der Verkündigung des Bruchs erſpart.“ „Im Grunde haſt du Recht,“ hob Ariſtides wie⸗ der an, den ſchon der Gedanke an einen perſönli⸗ chen Streit erſchreckte;„bleib' alſo und mache Alles beſtmöglich ab.“ „Du gibſt mir Vollmacht?“ „Unbedingte.“ Fräulein Simart hatte ſich in den Salon zu⸗ rückgezogen, wo ſie ihr Piano dergeſtalt marterte, daß ſämmtliche Echos des Hauſes wach gerufen wurden, und als ſie die Abreiſe ihres Bräutigams vernahm, ſchloß ſie ſich immer noch ſchmollend ein, um ihm nicht Lebewohl ſagen zu müſſen. Ariſtides mußte alſo ſeine Reiſe antreten, ohne ſie noch ein Mal geſehen zu haben; ſein Freund aber begleitete ihn bis auf die Poſtſtation, wo dieſer die Diligence erwarten wollte, und ſchied erſt dann von ihm, als er ihn hatte in dem Wagen davonfahren ſehen. V Während Francis Dramond allein nach dem von Cöleſtinen bewohnten Hauſe zurückging, fühlte er ſich ganz eigenthümlich munter— eine Empfin⸗ dung, die ihn anfänglich überraſchte, die er ſich aber bald mit der innerlichen Zufriedenheit erklärte, welche das Bewußtſein eines geleiſteten Dienſtes oder einer gethanen Pflicht ſtets einflößt. „Ich habe meinen Tag nicht verloren,“ ſprach er bei ſich ſelbſt mit einem Lächeln, das Titus phi⸗ lanthropiſchen Andenkens ſich hätte geſtatten kön⸗ nen;„der ſchlaueſte, der geriebenſte Diplomat wird ſicherlich eine Schwierigkeit kaum geſchickter umge⸗ hen können. Einerſeits verhindere ich meinen Freund, einen dummen Streich zu machen, der ihn ſein Le⸗ benlang reuen wird; und andererſeits bewahre ich die Ehre einer achtbaren Familie und eines Mäd⸗ chens, deſſen Schönheit auf jeden Fall einige Be⸗ rückſichtigung verdient, wenn ihre Tugend auch nicht weit her ſein mag.“ Um die Aufopferung iſt es etwas Seltenes, ein noch weit ſelteneres Ding aber iſt die abſolute Un⸗ eigennützigkeit. Die Phantaſie eines Menſchen, der eine ſchöne Handlung verrichtet hat, richtet ſich in Folge einer natürlichen Attraction auf die Beloh⸗ nung, die er damit verdient zu haben glaubt. Auch bei Francis bewahrheitete ſich dieſes Geſetz des menſchlichen Herzens, und er ſuchte demſelben nicht den geringſten Widerſtand entgegegenzuſetzen. „Ich habe wohl einige angenehme Tage ver⸗ dient,“ hob er bei ſich wieder an;„warum ſollte ich hier nicht eine Woche lang mein Zelt aufſchlagen? Iſt doch im Monat Mai Paris ſo wenig anziehend und das Land dafür ſo wonnig, ſo ſchön! Und dann iſt auch von dem Augenblicke an, wo Ariſti⸗ pfin⸗ ſich ärte, nſtes rach phi⸗ kön⸗ wird nge⸗ und, Le⸗ ich äd⸗ Be⸗ icht ein ln⸗ der ich es ht — ch 2 d d . 57 des bricht, dieſe kleine Cöleſtine für mich nicht mehr eines Freundes Braut; von jetzt an erblicke ich in ihr nur noch den allerliebſten ſchwarzen Domino, nach dem ich ſo lange geforſcht! Warum ſollte ich alſo ein Abenteuer nicht weiter verfolgen, das in ſo romanhafter Weiſe begonnen?“ Nachdem der junge Mann ſein Gewiſſen durch dieſe ſpitzfindige Unterſcheidung beruhigt, kam er mit freudeſtrahlendem Auge und lächelnden Lippen in das Simart'ſche Haus zurück. Feſt entſchloſſen, Jedermann zu gefallen, machte er ſich ſofort an die Arbeit. Mit dem Herrn des Hauſes ſprach er von der Propaganda und der Nationalgarde, mit Herrn Regnauld, als einem Advokaten ohne Proceſſe, von Urtheilsſprüchen des Caſſationshofes, mit der hüb⸗ ſchen Blondine, der Eignerin des Smaragdrings, von Moden, Theater und neuen Romanen, mit der alten Tante von Religion und Arzeneien, und end⸗ lich beſchloß er den Abend, indem er mit Cöleſtinen, welche die Abweſenheit ihres Bräutigams mit der ſtoiſchſten Ruhe von der Welt zu ertragen ſchien, einige Notturni ſang. Mehrere Tage hindurch beobachtete Francis un⸗ abläſſig, und zwar mit ebenſo tiefem als geheim gehaltenem Intereſſe, das ſonderbare Mädchen, das ſein Freund hatte heirathen ſollen, und deſſen gra⸗ ziöſe Schönheit über ihn ſelbſt einen Zauber aus⸗ übte, den er ſich nur halb geſtand. Das Reſultat dieſes Studiums war ein peinigender und bald un⸗ erträglicher Zweifel. Jedem, der die zarten Fibern der weiblichen Organifation nicht in ihren geheimſten Verzweigungen analyſirt hatte, war Fräulein Si⸗ 58 mart's Charakter in der That ein unlösbares Räth⸗ ſel. Bald ſorglos wie ein Kind, bald nachdenkſam wie eine Frau, Morgens unbeſonnen und tollköfig und Abends melancholiſch, ausgelaſſen bis zur Narr⸗ heit oder ernſt bis zur Gravität; mit einem Wort, beweglicher als die Welle; vom Sturme ſich fort⸗ reißen laſſend und einen Augenblick darauf wieder des Himmels Heiterkeit in ſich abſpiegelnd, bot Cö⸗ leſtine einen jener wechſelvollen und complexen Ty⸗ pen dar, welche einen Spießbürger mit tiefem Miß⸗ trauen, Künſtler aber mit unendlicher Liebe erfüllen. Trotz ſeiner Erfahrung und trotz ſeines Geiſtes wußte Francis anfänglich nicht, was er von dem Mädchen halten ſollte. „Engel oder Teufel,“ ſprach er bei ſich ſelbſt; „aber welches von beiden?“ Eines Abends— es war am dritten Tag nach der Abreiſe Teiſſier's, der, beiläufig geſagt, kein Lebenszeichen gab und an den, wenn wir Herr Si⸗ mart ausnehmen, keine Seele zu denken ſchien, ſaßen Cöleſtine, Madame Regnauld und Francis in einem kleinen Pavillon am äußerſten Ende des Gartens. Es ſtickten die beiden Damen, während der junge Mann mit einem Buch in der Hand zu ihren Füßen ſaß und ihnen die rührenden Leiden einer Indiana deklamirte. Wider Gewohnheit ent⸗ ledigte er ſich dieſes ſeines Geſchäfts nur höchſt mittel⸗ mäßig, verhunzte auf's Unbarmherzigſte George Sand's beredte Proſa; Punkte und Komma's wur⸗ den gar nicht beachtet; oft wurden zwei Blätter auf ein Mal umgeſchlagen, oder aber wurde mitten in einer Phraſe innegehalten, um.. Cbleſtinen anzu⸗ ———— e—+ e——————— — 8— 8„— 8 Räth⸗ ikſam lköfig Narr⸗ Wort, fort⸗ ieder t Cö⸗ Ty⸗ Miß⸗ üllen. eiſtes dem elbſt; nach kein r Si⸗ chien, ancis des hrend id zu eiden ent⸗ tittel⸗ re wur⸗ f ein einer anzu⸗ 59 ſchauen. Die Augen auf ihre Arbeit geheftet hal⸗ tend, ſchien Fräulein Simart die Fehler des Vor⸗ leſers gar nicht zu bemerken, ſei es nun, daß ſie dem Klang ſeiner Stimme etwas mehr als den Wor⸗ ten des Buches lauſchte, oder daß ſie eine Zerſtreut⸗ heit, deren Urſache ſie bereits errathen, nicht ſo ganz ungern ſah. Weniger nachſichtig als ihre Couſine, vielleicht weil ſie kein Intereſſe hatte, es zu ſein, unterbrach Madame Regnauld durch ein plötzliches Gelächter eine Periode, in welcher Fran⸗ cis ſich dermaßen zu gefallen ſchien, daß er gar nicht darüber hinauswollte. „Ich will Ihnen nur geſtehen,“ hob ſie an,„daß ich auch nicht ein einziges Wort von dem, was Sie ſagen, verſtehe; allerdings haben Sie eine etwas ſonderbare Art zu leſen: ſonſt ſieht man auf's Buch, wenn man liest.“ „Gut,“ dachte Dramond, das Buch zumachend; „ſie merkt, wo es hinaus will; heute Abend wird ſie es Cöleſtinen ſagen und morgen werden beide mich ausſpotten.“ „Aber ich ſehe, es wird Nacht; wir müſſen das Haus aufſuchen,“ ſprach das Mädchen, ihre Stickerei zuſammenlegend, als hätte ſie dem Spott zuvorkom⸗ men wollen, deſſen Funken ſie in den Augen der hübſchen Blondine ſprühen ſah. „Du haſt Recht,“ verſetzte die letztere;„machen wir ein bischen Muſik; vielleicht daß der Herr den trefflichen Roſſini mehr reſpectirt als George Sand.“ Und ohne ihrer Couſine Zeit zum Fortfahren zu laſſen, zwang Cöleſtine ſie aufzuſtehen, umſchlang ihren Leib mit einem ihrer Arme und führte mit 60 ihr eine Galoppade aus, bis endlich das Haus er⸗ veicht war. Francis folgte dem graziöſen Paar mit dem Auge, doch ſo, daß er nur die eine Hälfte deſſelben beobachtete. Dann erhob er ſich ſeinerſeits lang⸗ ſam; anſtatt aber in's Haus hineinzugehen, ver⸗ tiefte er ſich unter einem Gewölbe junger Hage⸗ buchen und ging dort lange auf und ab, und wer ihn hier geſehen hätte, hätte auf den Gedanken kommen müſſen, er habe eine neue Auflage des Göthe'ſchen Werther vor ſich. Die Dunkelheit, die ihn nach und nach einhüllte, entriß ihn auch nach und nach ſeiner Träumerei. „Das iſt der Ungewißheit zu viel,“ ſprach er bei ſich ſelbſt.„Ich muß wiſſen, woran ich mich zu halten habe. Entweder iſt ſie das unſchuldigſte oder das verkehrteſte aller weiblichen Geſchöpfe. Im erſteren Falle ſind meine Zweifel eine Beleidi⸗ gung, im zweiten bin ich ein Narr, daß ich alſo fühle. Dieſer vermaledeite Maskenball will mir nicht aus dem Kopf und verderbt mir das Ver⸗ gnügen, welches mir ihr Anblick gewährt. Dieſer Alp muß abgeſchüttelt werden.“ „Indem Dramond in den Salon trat, fand ſich die ganze Familie beiſammen. Die alte Tante ſpielte mit Herrn Regnauld Piket; die beiden Couſinen ſpielten zuſammen eine vierhändige Quadrille aus der Herold'ſchen Oper,„der Zweikampf“, während der in einer Bergdre begrabene Herr Simart in durchaus jugendlicher Weiſe den Takt dazu ſchlug. „Macht das Ihnen keine Luſt zum Tanzen?“ fragte der würdige Mann ſeinen Gaſt. er⸗ dem elben lang⸗ ver⸗ Hage⸗ wer anken des t, die nach h er mich digſte öpfe. leidi⸗ alſo mir Ver⸗ iſer ſich ielte ſinen aus rend t ein ug. n 61 „Ich liebe den Tanz nicht,“ antwortete dieſer in jener ziemlich mürriſchen und grämlichen Weiſe, welche Verliebten eigen iſt. Als Cöleſtine dieſe läſterliche Rede hörte, wandte ſie das Köpfchen um und ihre Fingerchen blieben träge auf der Claviatur liegen, während ihre Au⸗ gen den jungen Mann firirten, der in dieſem Au⸗ genblicke ihr minder gefiel als bisher. „Wie, Sie lieben den Tanz nicht?“ ſprach ſie endlich mit der Miene einer Perſon, die von dem Gehörten völlig betäubt iſt;„aber um's Himmels willen, was lieben Sie denn?“ „Dich!“ dachte Francis, der nur mit Mühe das einſilbige Fürwort, womit ſein Herz antwortete, am Rande ſeiner Lippen zurückhielt. Doch bewäl⸗ tigte er dieſen Eindruck, um die ihm günſtig dün⸗ kende Gelegenheit zu ergreifen. „Ich habe mich nicht recht ausgedrückt,“ ant⸗ wortete er;„ich wollte ſagen, ich liebe den Ball nicht mit ſeinen monotonen und gezwungenen Qua⸗ drillen, wie man ſie gewöhnlich tanzt. Ich für meine Perſon würdige ein Vergnügen wobei alle Leiden⸗ ſchaft ausgeſchloſſen iſt, nur wenig, in einem Sa⸗ lon aber kann die Leidenſchaft keinen Platz finden; und darum muß man denn auch dort den Tanz nicht ſuchen. Um die electriſche Wirkung zu be⸗ greifen, die er auf die Phantaſie hervorzubringen mag, muß man auföffentliche Bälle— muß man auf Maskenbälle gehen.. Mit feuriger Unruhe prüften Francis' Augen das Geſicht des Mädchens, das, ohne dieſem Blicke auszuweichen zu ſuchen, die Apologie eines an ſich 62 ſehr wenig naiven Vergnügens mit aller Naivetät und lebhaftes Intereſſe daran zn nehmen ien. „Aber, mein Herr, auſ einem Maskenball tanzt man ja nicht!“ bemerkte ſie plötzlich. „Man tanzt dort nicht, ſagen Sie?“ wiederholte der junge Mann, der trotz ſeiner Angſt eine ge⸗ nauer formulirte Frage nicht zu ſtellen wagte. „Nicht wahr, Hortenſie?“ hob Cöleſtine, zu ihrer Couſine gewandt, wieder ant„als wir mit einan⸗ der auf dem Ball der großen Oper waren, tanzte dort keine Seele, und es däuchte mir dieß höchſt befremdlich. Begreift man einen Ball, wo nicht ge⸗ tanzt wird!“ In dieſem Augenblicke fühlte Francis, wie es ihm weiter um's Herz wurde; mit einem Mal däuchte ihm die Luft, die er einathmete, voll berau⸗ ſchender Wohlgerüche; die ſchlichten Worte, die er eben gehört, zerſtreuten wie durch einen Zauber⸗ ſchlag das Gewölk, durch welches hindurch ſeine Phantaſie ein jungfräuliches Weſen betrachtet hatte. Seines Argwohns ſich ſchämend, fand er ſich ſchul⸗ dig und koſtete mit geheimem Wonnegefühl ſeine Gewiſſensbiſſe. In Pingen der Liebe hat man oft ſo gern Unrecht! Ohne Zweifel verrieth ſein Ge⸗ ſicht das ihn durchrieſelnde Gefühl der Wonne all⸗ zu ſehr; denn Cöleſtine, deren Adleraugen der Sonne getrotzt hätten, vermochte den Blick, der den ihrigen ſuchte, nicht zu ertragen. Verwirrt ſenkte ſie den Kopf und zum erſten Mal fühlte ſie, wie auf ihren Wangen die brennenden Roſen emporſprießten, deren Wurzel im Herzen iſt. vetät men tanzt holte ge⸗ hre nan⸗ inzte öchſt ge⸗ e es Mal rau⸗ e er ber⸗ eine atte. hul⸗ eine oft Ge⸗ all⸗ nne gen den ren ren 63 „Erzählen Sie doch Herrn Dramond die tapfern Thaten, die Sie auf dem Ball der großen Oper verrichtet; es wird das ihn ſicherlich amüſiren,“ ſprach Herr Regnauld, ohne ſeine Partie Piket zu unter⸗ brechen. Wer den großen kahlen Mann mit einem Mal hätte an ſein Herz drücken mögen, das war Francis; jetzt fand er ihn plötzlich liebenswürdig, gebildet, geiſtreich; nöthigen Falls hätte er auf der Stirn des Mannes einen üppigen Wald von Haaren er⸗ blickt. Fräulein Simart dagegen ſchien gegen ihre Gewohnheit verlegen, und als Madame Regnauld ſah, daß ſie nicht antwortete, wandte ſie ſich zu dem jungen Manne, deſſen keimende Paſſion ihr nicht entgangen war. „Vielleicht haben Sie ſchon bemerkt,“ ſprach ſie zu ihm mit einer etwas ſpöttiſchen Modulation, „daß wir alle hier die unterthänigſten Sclaven dieſes jungen Mädchens ſind; die Gewalt, die ſie über Alle, die ihr nahe kommen, ausübt, iſt eine ziemlich deſpo⸗ tiſche; ich glaube Ihnen das ſagen zu müſſen, da⸗ mit Sie auf Ihrer Hut ſind. Ihr Wille iſt uns Geſetz, ihre Capricen Urtheilsſprüche, wogegen lediglich keine Appellation ſtattfindet: ſo hat ſie mein Oheim nun einmal erzogen, und unſere Schwäche hat die Mißbräuche dieſes ſchönen Er⸗ ziehungsſyſtems beſtätigt. Sie werden alſo auch alle extravaganten Ideen begreifen, welche einem alſo verwöhnten Kinde durch den Kopf fahren müſſen. Unter anderem närriſchen Zeug hatte Cöleſtine dieſen Winter es auch ſich in den Kopf geſetzt, auf den Ball 64 zu gehen, und wiſſen Sie, wohin ſie uns führen wollte? Zu Müſard!“ „Ja, meiner Treu! zu Müſard,“ unterbrach der alte Handelsmann, in ein lautes väterliches Lachen ausbrechend;„die kleine Närrin wollte auf den Ball von Müſard gehen. Was ſagen Sie dazu, Herr Dramond?“ „Ich ſage, daß Engel ohne Gefahr ſelbſt in die Hölle hinabſteigen können,“ antwortete Francis mit vieler Wärme. Der gute Herr Simart fand dieſe Phraſe über⸗ aus ſchön, ohne ſie recht zu verſtehen; noch viel ſchöner fand ſie aber Cöleſtine, vielleicht weil ſie ſie verſtand. „Ich mache keinen Anſpruch darauf, ein Engel zu ſein,“ verſetzte Madame Regnauld, das Wort Engel mit ironiſcher Emphaſe betonend;„darum däuchte mir auch das Vorhaben etwas verwegen. Aber wie widerſtehen? ich mußte alſo kapituliren, und ſchätzte mich allzu glücklich, daß es mir gelang, anſtatt des furchtbaren Balls, womit ich bedroht war, die Oper herauszuſchlagen. Wir machten uns alſo alle drei auf den Weg.“ „Alle drei?“ wiederholte Dramond mit einem Reſt von Unruhez„begleitete Sie denn jemand?“ „Mein Mann,“ erwiderte Madame Regnauld; „was fällt Ihnen denn ein? Mein Mann, ſage ich, deſſen Benehmen, ich muß es geſtehen, bei dieſem Anlaſſe kein ſehr exemplariſches war. Kaum im Operngebäude angekommen, inſtallirte er uns in einer Loge, und wiſſen Sie, was er dabei vorſchützte? die große Menſchenmenge; in Wahrheit aber um ühren h der achen Ball Herr in die s mit über⸗ iel ſie ſie Engel Wort arum een liren, lang, droht tuns einem nd“ auld; e ich, ieſem m im is in ützte? rum 65 ſich intriguiren zu laſſen, und uns beide ließ er über eine Stunde allein, ſo daß wir den dümmſten Abenteuern ausgeſetzt waren.“ „Wie! Abenteuern?“ ſprach Francis mit affec⸗ tirter Neugierde. Ja, denken Sie ſich, es kamen zwei betrunkene und abſcheulich entſtellte Männer zu uns herein und zwangen uns, die Loge zu räumen.“ Hier unterbrach Cöleſtine ihre Couſine. „Der erſte war nicht betrunken,“ ſprach ſie zu ihr:„im Gegentheil, er ſprach recht anſtändig. Haſt du doch ſelbſt geſagt, er habe recht ausdrucksvolle Augen und wunderſchöne Zähno.“ „Hm! von dieſen deinen Bemerkungen haſt du mir nichts geſagt,“ ſprach Herr Regnauld zu ſeiner Frau, während in einem Anflug befriedigter Eitel⸗ keit Francis ſeinem Geſichte zulächelte, welches der über dem Piano angebrachte Spiegel ihm zurückgab. Herr Simart, der, wie wir geſagt zu haben glauben, gern früh zu Bette ging, machte der Un⸗ terhaltung ein Ende, indem er das Zeichen zum Aufbruch gab. Auf ſeinem Zimmer angekommen, überließ Dramond ſich den wonnevollen Gefühlen einer Liebe, die er zum erſten Mal ohne Mißtrauen koſtete. Cöleſtinens wunderliebliches Geſicht ſpielte in allen ſeinen Träumen mit den ſüßen und keuſchen Strahlen, welche ein leuchtendes Geſtirm ausſendet. Als aber der Morgen gekommen war, ſah er dieſe goldene Viſion durch die ſehr wenig ideale Geſtalt des Pförtners Niklas verdunkelt, der in ſein Zim⸗ mer trat mit einem den Pariſer Poſtſtempel tra⸗ genden Brief in der Hand. Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 5 66 „Das kommt von Teiſſier: was zum Henker hat er mir zu ſchreiben?“ ſprach Francis, die Depeſche mit einer üblen Laune erbrechend, welche eine Art Ahnung verrieth. Mein lieber Freund, ſchrieb der exzukünftige Schwiegerſohn des Herrn Simart ſeinem Freund, ſeit vier Tagen, daß ich dich verlaſſen, erwarte ich jeden Augenblick einen Brief von dir, und jeden Abend laſſe ich fragen, ob du noch nicht nach Paris zurückgekommen ſeieſt. Ich will dir nur geſtehen, daß ich weder dein abſolutes Stillſchweigen noch deine verlängerte Abweſenheit begreife; indeſſen be⸗ ruhigt mich ſowohl jenes als dieſe wieder in meiner Ungewißheit, da ich daraus ſehe, daß die Unterhand⸗ lung, womit ich dich beauftragt, noch nicht zum Ab⸗ ſchluß gediehen iſt. Seit vier Tagen, mein lieber Francis, habe ich Celegenheit gehabt, mancherlei Betrachtungen anzuſtellen. Eine dem Abſchluß ſchon ſo nahe und zugleich ſo vortheilhafte Heirath ſcheint mir jetzt nicht leichtſinnig rückgängig gemacht werden zu dürfen wegen einer puren Kinderei; denn etwas Anderes iſt Cöleſteinens Benehmen nicht. In Wahr⸗ heit iſt das Unrecht mehr auf meiner als auf ihrer Seite; iſt ſie ein bischen capriciös, ſo muß ich zu⸗ geben, daß ich meinerſeits zuweilen allzu empfind⸗ lich bin, wobei noch der Umſtand in die Wagſchale zu legen iſt, daß mein Alter keinen mildernden Um⸗ ſtand abgibt. Wir beide haben, wie mir däucht, jüngſt im Billardzimmer die Geberde nicht recht gedeutet, wodurch ich mich in Folge dieſes Irrthums beleidigt gefunden hatte; Cöleſtine hat in ihrer Pantomine viel Lebendigkeit; beim Sprechen be⸗ at ſche Art ige nd, ich den ris en, och be⸗ ner nd⸗ Ab⸗ ber rlei hon eint den vas hr⸗ rer zu⸗ nd⸗ ae Im⸗ cht, echt ms rer 67 wegt ſie faſt immer auch die Hände, und was wir für eine Drohung gehalten, war, ich bin es gewiß, nur eine unberechnete Bewegung. Hätte ſie aber auch die Abſicht gehabt, die wir ihr angedichtet, ſo möchte ich doch ſie ihr verzeihen; denn die Rohheit womit ich Soliman geſchlagen, war dazu ange⸗ than, ihren Zorn zu entflammen. Ich bitte dich alſo, lieber Freund, ſofort die Fäden wieder anzu⸗ knüpfen, die du abgeriſſen, um den von mir ge⸗ gebenen Verhaltungsbefehlen nachzukommen, was dir wohl ein Leichtes ſein wird, da ich die reichen Hülfsmittel deines Geiſtes und dein diplomatiſches Talent kenne. Sag' Herrn Simart, der Schlag⸗ anfall, den mein Oheim gehabt, werde keine üblen Folgen haben, und ſetz' hinzu, daß ich ſchon in einigen Tagen wieder bei ihm eintreffen zu können hoffe. Empfiehl mich beſtens Madame Regnauld und ihrer Tante, und ſag ja Cöleſtinen.... „Geh' zum Kuckuck!“ rief Francis, als er ſo weit geleſen hatte, und knitterte zwiſchen ſeinen Fingern den Brief zuſammen, ohne in ſeiner Lectüre fortzu⸗ fahren.„Liebt Cöleſtine ihn, woran ich zweifle, ſo braucht er keinen Fürſprecher bei ihr; liebt ſie ihn nicht, ſo würde ich mir ein Gewiſſen daraus machen, auf den Entſchluß des ſchönen Kindes ein⸗ zuwirken, denn er würde ſie nicht glücklich machen; ja, ja, ich bin gewiß, daß er ſie nicht glücklich machen würde. Er hat die Partie aufgegeben, um ſo ſchlimmer für ihn: er kennt das Sprüchwort. Ich mußte glauben, daß er auf dieſe Heivath defini⸗ tiv verzichtet habe; mithin konnte und durfte ich auch Cöleſtinen lieben, und ich liebe ſie K werde mein Recht zur Geltung zu bringen wiſſen: Jeder für ſich, der Himmel für Alle!“ Der Gedanke, daß er ſeinen Freund ausſteche und bei der Heirathscomödie, in der er anfänglich nur als Zeuge figuriren ſollte, jetzt die Hauptrolle ſpiele, weckte in Dramond's Seele durchaus keine Gewiſſensbiſſe. Bei ihm ſprach die Leidenſchaft zu ſtark, um das Gewiſſen mit ſeinen Einwendungen zum Wort kommen zu laſſen. Zudem warf er ſei⸗ nen Bedenken folgendes Dilemma in's Geſicht: ent⸗ weder liebt ſie ihn, oder aber liebt ſie ihn nicht; liebt ſie ihn, ſo wird ſie mich nicht heirathen wollen: liebt ſie ihn aber nicht, worüber kann er ſich dann beklagen? Durch dieſen unwiderleglichen Schluß in ſeinen eigenen Augen freigeſprochen und durch die dem⸗ nächſtige Rückkehr ſeines Freundes Ariſtides lebhaft geſpornt, beſchloß Francis keinen Augenblick zu ver⸗ lieren, um endlich zu erfahren, woran er wäre. Nach dem Diner trat er zu Madame Regnauld und bat ſie mit ernſter Miene um eine kurze Unterre⸗ dung unter vier Augen. Dieſe Bitte nahm die hübſche Blondine mit dem Hohnlächeln auf, welches den Ausdruck ihres Geſichts zu beleben pflegte. Sie gingen ohne Affectation in den Garten hinab, wo der junge Verliebte ſofort mit ſeinem Anliegen her⸗ ausrückte, und zwar mit jener warmen Offenheit, wodurch faſt immer die Nachſicht der Frauen ge⸗ wonnen wird. „Madame,“ hob er an,„ich brauche Ihnen nicht erſt zu geſtehen, daß ich Ihre Couſine liebe, da Sie es bereits wiſſen.“ . der che lich olle ine zu gen ſei⸗ ent⸗ cht; en: ann nen em⸗ haft ver⸗ äre. und rre⸗ die ches Sie wo her⸗ heit, ge⸗ nicht „da 69 „Wie ſollte ich das, mein Herr?“ unterbrach Madame Regnauld mit affectirtem Staunen. „Sie wiſſen es, deſſen bin ich gewiß; denn wenn Sie in meinen Augen geleſen haben, ſo habe ich nicht minder in den Ihrigen geleſen; ferner habe ich herausgefunden, daß die Heirath, um die es ſich gehandelt, Ihren Beifall nicht hatte, daß Teiſſier Ihnen nicht gefiel... Ich bitte Sie, unterbrechen Sie mich nicht; ich verdenke Ihnen das nicht, im Gegentheil. Sie haben begriffen, daß der Charak⸗ ter meines Freundes einer Frau nur wenige Ga⸗ rantien des Glücks bietet; und wie ſehr hoben Sie da Recht gehabt! Werde ich von Ihnen günſtiger beurtheilt werden, Madame? Ich liebe Cöleſtine . verzeihen Sie mir dieſe Familiarität; Sie wiſ⸗ ſen, es kennt die Liebe nur die Taufnamen, ich liebe Ihre Couſine; dieß dem naiven Kind aber ſelbſt zu ſagen, wäre ein Fehler, ich fühle es, ob⸗ gleich ich mich recht zuſammennehmen muß, um ihn nicht zu begehen. Man würde ſagen, ich vergehe mich wieder die Gaſtfreundſchaft, die mir hier gebo⸗ ten wird. Ihre Frau Tante weiß wohl ſchon längſt nicht mehr, was Liebe iſt; ob Herr Simart ſie je gekannt, iſt mir mehr als zweifelhaft, und was Ihren Gatten betrifft, der damit ſo leicht bekannt ſein könnte, ſo hat ſeine Phyſiognomie etwas Ernſtes, was mir imponirt. Sie ſehen alſo, daß ich mich allein an Sie wenden kann, da Sie hier die einzige Perſon ſind, die mich zu verſtehen vermag. Sagen Sie doch, ich bitte Sie inſtändigſt, daß Sie mich verſtehen, daß Sie mir dieſe ſo plötzliche, ſo ſchlecht ausgedrückte Erklärung verzeihen, und daß Sie meine 70 Beſchützerin ſein wollen. Herr Simart kennt meine Familie, ich habe mehr Vermögen als Teiſſier; Sie ſehen mich; wie mir ſcheint, ſo hat Ihnen mein Weſen nicht ganz mißfallen, und ich ſchwöre Ihnen, daß ich den beſten Charakter von der Welt habe. Ich kann Ihnen bei meiner Ehre verſichern, daß ich Cöleſtine glücklich machen werde. Sie liebt ihn nicht: nicht wahr?“ „Wie Sie das Alles zu machen wiſſen!“ ant⸗ wortete Madame Regnauld, ohne ſich eines Lächelns enthalten zu können; indeſſen hatte dieſes nichts Spöttiſches mehr.„Sie vergeſſen, daß Herr Teiſſier mit oder ohne meine Zuſtimmung Cöleſtinen hei⸗ rathet.“ „Pie Heirath iſt aber noch nicht abgeſchloſſen, und Sie allein können machen, daß ſie nie zu Stande kommt. BVei ſeiner Abreiſe hat Teiſſier mir den beſtimmten Auftrag gegeben, die Sache rück⸗ gängig zu machen; zwar hat er ſeitdem ſeine An⸗ ſicht in dieſem Stücke geändert und mir andere Verhaltungsbefehle gegeben, aber wenn ich den er⸗ ſten Auftrag angenommen, ſo folgt daraus noch lange nicht, daß ich auch den zweiten annehme. In dieſem Augenblicke kann von Verpflichtungen ihm gegenüber keine Rede mehr ſein, da er ja ſelbſt ſein Wort zurücknimmt; mithin muß es mir auch freiſtehen, um die Hand Ihrer Couſine anzuhalten was hiemit geſ ſchieht. 4 „Ihr Schluß hat etwas ſehr Speciöſes, obgleich ich im Grund fürchte, daß er von Jeſuitismus nicht ganz frei iſt, wie mein Oheim ſich ausdrücken würde. Doch gehen wir darüber hinweg; Sie ſind offen ine 5 nen öre elt rn, ebt nt⸗ ns hts ier ei⸗ en, zu nir ck⸗ n⸗ re ⸗ ch In m bſt ich n, ich ht . en 71 und haben Geiſt, zwei ſchöne Eigenſchaften, und darum habe ich nicht den Muth, Ihnen Ihren Schritt zu verübeln, obgleich er nicht ganz in der Ordnung iſt. Sie haben richtig herausgefunden, wie ich in dieſer Sache denke; ich liebe Ihren Freund nicht, und auch Sie ſcheinen keine abſonderliche Liebe für ihn zu hegen. Ich würde es gern ſehen, wenn Cöleſtine dieſe Heirath rückgängig machte, und iſt es nicht ſchon zu ſpät, ſo weigere ich mich nicht, dabei mitzuwirken.“ „O, Madame, wie richtig hatte ich Sie doch be⸗ urtheilt! Wie ſehr bin ich Ihnen zu Dank ver⸗ pflichtet.“ „Schon gut! ſchon gut!“ antwortete Madame Regnauld, ihre ſpöttiſche Miene plötzlich wieder an⸗ nehmend;„ich bemerke, daß mein Mann uns vom Fenſter aus zuſieht; er liebt es nicht, daß man ſo lange und ſo angelegentlich mit mir ſpricht.“ „Nur noch ein Wort, wenn ich bitten darf! Da Sie ſo gütig ſind, die Rolle eines Schutzengels zu übernehmen, ſo ſeien Sie es nicht bloß halb und erlauben Sie mir, Cöleſtinen zu ſagen, wie ſehr ich ſie liebe.“ „Nein, das darf nicht ſein,“ antwortete die junge Frau lebhaft;„Ihre Augen haben es ihr bereits zu deutlich geſagt. Geſtern haben Sie es ſo weit gebracht, daß ſie erröthete, und wie ich glaube, ſo iſt es das erſte Mal, daß ihr um einer folchen Sache willen ſolches begegnet.“ „Sie iſt erröthet, ſagen Sie? ſind Sie deſſen gewiß?“ rief Francis, der in ſeinem Entzücken die 72 Hand ſeiner hübſchen Beſchützerin ergreifen wollte um ſie an die Lippen zu führen. „Mein Mann!...“ rief ihrerſeits Madame Regnauld und zog ihre Hand raſch zurück;„ſoll er denn glauben, daß Sie mir den Hof machen? Seien Sie doch ein wenig vernünftig und vergeſſen Sie ja nicht, daß ich Ihnen verbiete, mit Cöleſtinen zu ſprechen.“ „Wenn Sie dabei ſind,“ ſprach der junge Mann mit flehender Miene. „Wenn ich dabei bin... Er hat auf Alles eine Antwort... Ich bin zu gütig gegen Sie,“ fuhr ſie nach einem Augenblick des Zögerns wieder fort... „fort mit dieſer Armenſündermiene! Ich ſehe Cö⸗ leſtinen im Pavillon; ſuchen wir ſie auf; ich kann Sie nicht hindern, mit ihr zu ſprechen.“ „Sie geloben mir, daß ich Ihnen nicht wieder aus einem Sand'ſchen Roman vorleſen muß?“ „Ich verſpreche es Ihnen; Sie entledigen ſich dieſes Geſchäfts allzu ſchlecht, wenn ſie da iſt. Sie werden ſehen, daß ich mit den Kapiteln Ihrer In⸗ diana beginnen muß, die Sie uns ſo arg verſtüm⸗ melt haben. Inzwiſchen erlaube † Ihnen, zu ge⸗ fallen zu ſuchen, doch vergeſſen Sie nie, daß ich, während des Leſens auch trefflich höre.“ Jetzt durchſchritten Francis und Madame Reg⸗ nauld den Garten und traten in den Pavillon, wo Cöleſtine mit ernſter und nachdenklicher Miene ſtickte — einer Miene, die mit dem faſt kindiſchen Charak⸗ ter ihrer Phyſiognomie contraſtirte. Indem die Sonne durch ein Fenſter drang, deſſen Rouleau auf⸗ gezogen war, umſpielte ſie ihren italieniſchen Kopf, — F—————— h e 8 ⸗ ⸗ 0 te k⸗ ie ſ. ſ 73 deſſen ſchwarze, zu runden Bandeaur geſtaltete Haare glorienähnlich in der Lichtmaſſe funkelten. Als das Mädchen Francis hereintreten ſah, fand ſie in Folge eines Inſtinkts der Schamhaftigkeit die Helle allzu groß; vielleicht dachte ſie, man werde ſie zu gut ſehen, wenn ſie noch einmal erröthe. Mit ſanfter, faſt ſchüchterner Stimme zu dem jungen Mann ſich wendend, ſprach ſie: „Wären Sie wohl ſo gefällig, das Rouleau her⸗ unterzulaſſen?“ Er beeilte ſich zu gehorchen. Das Fenſter ging auf ein Gäßcheh hinaus, das auf dieſer Seite den Garten entlang lief, und indem Francis ſich beugte, um die das Rouleau zurückhaltende Schnur loszu⸗ machen, gewahrte er einen Mann, der die Uneben⸗ heiten, welche die Wand des Pavillons darbot, be⸗ nützte, um ſich bis zur Höhe des Fenſters hinauf⸗ zuhiſſen. In dieſem Freund des Steigens oder des Spähens aber erkannte er ſeinen Freund Ariſtides Teiſſier. Der erſte Gedanke, der ihm aufſtieg, war, er wolle ihm einen Blumentopf, den er zur Hand hatte, auf den Kopf ſchleudern und ſo zu Gunſten ſeines Nebenbuhlers die Kataſtrophe des berühmten Königs von Cpirus, Pyrrhus, erneuern; indeſſen triumphirte er tugendhafter Weiſe über dieſe men⸗ ſchenmörderiſche Verſuchung, ließ das Rouleau her⸗ unter, ohne ſich den Anſchein zu geben, als habe er etwas geſehen, und ſchloß das Fenſter; alsbald aber beſann er ſich wieder eines Beſſern und machte das letztere wieder auf. „Mag er nur horchen,“ dachte er bei ſich ſelbſt; „mir ſind klare Stellungen am Liebſtenz auf dieſe 74 Weiſe wird er ſehen, woran er ſich zu halten hat.“ Und Francis nahm ſofort wieder auf einem Tabouret, faſt zu Cöleſtinen's Füßen, den Platz ein, den er Tags zuvor eingenommen. Seit ſeiner Rückkehr nach Paris war Ariſtides Teiſſier jeden Morgen mit dem feſten Entſchluſſe aufgewacht, daß er Cöleſtinen nie widerſehen wolle, und jeder Abend hatte dann wieder einen entgegen⸗ geſetzten Entſchluß herbeigeführt; und als der vierte Tag erſchienen war, fing ihm der Abend ſchon am Morgen an. Liebedurſtend nach der Entſagung, die er ſich auferlegt, ſchrieb er an ſeinen Freund den Brief, wovon wir unſern Leſern einen Theil zum Beſten gegeben haben; und ſchon einige Stunden darauf nahm das Liebesfieber dermaßen über Hand, daß er ſich in die Diligence von Provins warf. Die Reiſe dauerte ihm eine Ewigkeit; als er ſich aber dem Simart'ſchen Landhauſe näherte, däuchte es ihm mit einem Mal, als bekämen die Pferde Flügel, und es dauerte eine Weile, bevor er ſich entſchließen konnte, den Wagen zu verlaſſen. Wie durfte er in der That wieder vor die Familie treten, welches Geſicht ſollte er machen, und welche Worte finden, wenn Dramond, wie es wahrſcheinlich war, ſeinen Auftrag erfüllt hatte? mußte nicht in dieſem Falle ſeine Rückkehr als eine Feigheit oder wie Hohn erſcheinen! Dieſe Gedanken im Kopfe herum⸗ — — S S S c — — n 75 wälzend, ging Ariſtides langſam auf das Haus zu; als er davor ſtand, gebrach es ihm ganz und gar an Muth; mit verſtohlenen Schritten ging er an dem Gitterthor vorüber, deſſen Löwen aus gebrann⸗ ter Erde ihm verdrießlicher als ſonſt auszuſehen ſchienen, und bei ſich ſelbſt verglich er ſie unwill⸗ kürlich mit den Engeln, die mit flammenden Schwer⸗ tern einſt das Paradies bewachten. Von der offi⸗ ciellen Würde eines Bräutigams, vor dem alle Thore und Thüren weit auffliegen, zur zweideutigen Rolle eines Mannes herabgeſunken, der ſeine Stel⸗ lung ſchwer gefährdet hat, ging er um den Garten herum und verwünſchte dabei von ganzer Seele die Rathſchläge ſeines Freundes, ſeine eigene Unent⸗ ſchloſſenheit, das Hundegeſchlecht, den würdigen Simart ſelbſt, kurz die ganze WVelt, mit alleiniger Ausnahme Cöleſtinens, und ſtand bald am Fuße des Pavillons, wo das Mädchen nach dem Diner zu arbeiten pflegte. „Sie iſt da,“ ſprach er bei ſich ſelbſt;„vielleicht duß ſie jetzt gerade an mich denkt: warum ſollte ich, eine lächerliche Aufregung verbannend, nicht den Verſuch machen, ſie zu ſehen und zu ſprechen?“ Seinen Muth beim Schopf erfaſſend, lief Teiſſier ſofort Sturm. Um dieſe Stunde des Tages war das Gäßchen gänzlich verödet und die ſchadhafte Wand bot an ihrer Ecke eine wahre Diebsleiter dar; er klammerte ſich dort mit beiden Händen feſt, ohne darauf zu achten, ob er ſie ſich aufſchund. Einen Augenblick durch Francis“ Erſcheinen in ſeinem Klet⸗ tern aufgehalten, überredete er ſich bald, daß er nicht bemerkt worden, verdoppelte ſeine Anſtrengung, 76 erreichte endlich das Fenſter und inſtallirte ſich da⸗ ſelbſt ſo gut wie möglich, wobei er die heiden Füße in ein Loch, welches die Wand hatte, ſteckte, und die Hände an den Balken anklammerte. Den Kopf verſteckte er hinter einem Blumenkopf; denn hätte er dieſe Vorſichtsmaaßregel nicht ergriffen, ſo hätte derſelbe auf das transparente Rouleau einen Schat⸗ ten geworfen; und da er keine günſtige Spalte fand, die ihm erlaubt hätte, das was im Pavillon vor⸗ ging, zu ſehen, ſo concentrirte er ſeine ganze Seele in ſeinen Ohren. Cöleſtine ſchien ganz Schweigen und verwandte kein Auge von ihrer Stickerei; ihrerſeits hatte Ma⸗ dame Regnauld, treu ihrem Verſprechen, zu ihrem bekannten Roman Indiana gegriffen, worin ſie mit einer alles Andere ausſchließenden Aufmerkſamkeit zu leſen ſchien; ein Beobachter aber hätte wahrge⸗ nommen, wie die eine die Blätter des Buches gar langſam umwandte und die andere ihre Nadel noch langſamer in die Höhe zog. Auf dem Tabouret, wo Francis mit der graziöſen Ungezwungenheit ſaß, die man an ihm gewohnt war, fand er ſich all⸗ mählig ebenſo unbehaglich, wie ein Angeklagter auf dem Armenſünderſtühlchen; die Blicke vom Mädchen auf die junge Frau, von dieſer auf das Fenſter und vom Fenſter auf die Spitze ſeiner Stiefel ſchweifen laſſend, verfiel er endlich in eine jener Be⸗ trachtungen, in welchen große Entſchließungen reifen, wenn es gilt, einen entſcheidenden Schlag zu thun. „Ich habe eine ſchwierigere Rolle zu ſpielen, als ich anfänglich gedacht,“ ſprach er bei ſich ſelbſt; „als ich jüngſt behauptete, wenn man zu vieren ſei, . ſei man nur zu zweien, ſtellte ich ein ziemlich lächer⸗ liches Paradoxon auf; meiner Treu! es bietet ſich nun eine ſchöne Gelegenheit, deſſen Richtigkeit zu er⸗ weiſen; denn, innen wie außen alles wohl gezählt, ſind wir zu vier. Aber das erſte Wort iſt ebenſo ſchwer zu finden.“ Schon ſeit einer geraumen Weile blickte Madame Regnauld den jungen Mann, dem ſie ihre Unter⸗ ſtützung zugeſagt, verſtohlen an. Die Unentſchloſſen⸗ heit, die ſie auf ſeinem Geſichte las, vermehrte das Intereſſe, das er ihr eingeflößt hatte, denn die Schüchternheit wird zur Grazie, ſobald ſie nicht habituell iſt, und ſteht entſchloſſenen Männern eben⸗ ſo gut wie den ernſten Geſichtern das Lächeln. Doch war die Sympathie der jungen Frau keineswegs frei von jener ſammtenen Jronie, worein ſie aus Klugheit und Koketterie zugleich alle ihre Gefühle einhüllte; ihre Rechte als Beſchützerin etwas miß⸗ brauchend, überließ ſie ſich, ohne ſich ein Gewiſſen daraus zu machen, dem Inſtinct des Spottes, der in ihrer Seele erwachte, und fand, weit entfernt, ihrem Schützling zu Hülfe zu kommen, ein boshaf⸗ tes Vergnügen daran, daß ſie die Verlegenheit, welche ſeine Phyſiognomie ihr verrieth, verdoppelte. „Haben Sie mir nicht geſagt, es habe Herr Teiſſier Ihnen geſchrieben?“ fragte ſie ihn plötzlich. Die verrätheriſche Abſicht dieſer Worte, ſowie das halbe Lächeln wovon ſie begleitet waren, gaben Francis ſeine ganze Sicherheit zurück, anſtatt ihn aus der Faſſung zu bringen. „Nun,“ ſprach er bei ſich ſelbſt,„es iſt dieſes erſte Wort ſo gut wie ein anderes; es führt mich 78 auf dem kürzeſten Wege zum Ziel, und in allen Dingen iſt ja die gerade Linie die kürzeſte und beſte.“ — Dann laut und ernſt:„In der That, Madame, es hat Teiſſier mir geſchrieben, er meldet mir ſeine baldige Rückkehr und beauftragt mich, Ihnen dieß mitzutheilen.“ „Sein Oheim iſt alſo wieder geſund?“ fragte die junge Frau. „Ich will Ihnen nur geſtehen, es iſt Herr Mar⸗ jolier keinen Augenblick krank geweſen; ſein Schlag⸗ anfall war blos ein zarter Vorwand, um eine Ab⸗ S zu motiviren, welche mein Freund vor Tagen für nöthig gefunden hatte.“ Hier richtete Cöleſtinens Köpſfchen ſich in die Höhe, und es hefteten ſich ihre ausdrucksvollen Au⸗ gen auf den jungen Mann. „Wenn Ihr Freund,“ ſprach ſie, das letztere Wort betonend,„ſeine Abreiſe nöthig gefunden, ſo finde ich ſeine Rückkehr ziemlich unnöthig. Sie können ihm das ſchreiben.“ „Wie! du willſt ihm grollen?“ bemerkte Ma⸗ dame Regnauld mit affectirter Sanftheit;„daß er zurückkommt, beweist eben, daß er ſein Unrecht ein⸗ ſieht; fühlt er Reue, geſteht er, daß er ſelbſt ſchul⸗ dig i, wenn er gebiſſen worden, wirft er ſich dir zu Füßen um deine Gnade anzuflehen: wirſt du da grauſam genug ſein, um ihn zurückzuſtoßen?“ „Ich hatte ſie nicht recht beurtheilt, ſie iſt wirk⸗ lich eine vortreffliche Frau,“ ſprach in dieſem Au⸗ genblicke der draußen immer noch am Fenſter han⸗ gende Ariſtides bei ſich ſelbſt. llen te me, eine dieß gte tar⸗ lag⸗ Ab⸗ gen die Au⸗ tere „0 Sie Ma⸗ e ein⸗ hul⸗ dir da ir⸗ Au⸗ n⸗ 79 Was Fräulein Simart betrifft, ſo ſtand es eine Weile an, ehe ſie antwortete. „Ohne Zweifel theilen Sie Hortenſiens An⸗ ſicht?“ ſprach ſie endlich mit faſt unvernehmlicher Stimme und ohne den zu ihren Füßen ſitzenden jungen Mann anzublicken. Jetzt neigte ſich Francis zu ihr, betrachtete ſie, wie ein Cönobite, der ein himmliſches Geſicht hat, und deſſen Antlitz von feuriger Anbetung ſtrahlt, und ſprach leiſe aber in leidenſchaftlichem Tone: „Nicht ihm müſſen Sie verzeihen, ſondern mir — mir, der ich Sie liebe und der ich, ſchon durch den Gedanken an dieſe Heirath zur Verzweiflung getrieben werde. Cöleſtine, ſeien Sie der Engel, der das Glück meines Lebens ſichert: von dem Worte das Sie ausſprechen werden, hängt meine ganze Zukunft ab. Sagen Sie doch, Sie heirathen ihn nicht, ich bitte Sie darum.“ Zwar antwortete das Mädchen nichts, doch ſprach für ſie ihre Hand, welche Francis inzwiſchen er⸗ griffen hatte; und da nun auch der Liebhaber Worte unnütz fand, ſo drückte er ſeinen Dank nur damit aus, daß er ſich auf die Knie niederſinken ließ. Ohne Zweifel erſchienen dieſer ſtumme Dialog und dieſe ausdruckſame Pantomime Madame Reg⸗ nauld als ebenſo viele Vertragsverletzungen. Sie ſchlug etwas ärgerlich das Buch zu, womit ſie bis daher den Anſtand zu wahren geſucht hatte. „Wohl iſt es ſchön, die Sache eines Freundes zu verfechten,“ ſprach ſie mit ihrer einſchneidendſten Ironie;„doch könnten Sie dabei etwas weniger 80 Wärme zeigen. Dann iſt es auch nicht ſehr höflich, leiſe zu ſprechen.“ „Er ſpricht für mich; was wird ſie zur Antwort geben?“ ſprach Ariſtides, der ſeine Stellung be⸗ ſchwerlich zu finden anfing, bei ſich ſelbſt. Verwirrt und feuerroth war Cöleſtine aufgeſtan⸗ den, ſie durchſchritt den Pavillon mit der Schüch⸗ ternheit eines Kindes, das geſchmält worden, nahm neben ihrer Couſine Platz und verbarg das Geſicht an der Schulter der jungen Frau. Dieſe Stellung wurde von letzterer benützt, um dem Schützling einen drohenden Finger zu zeigen. Francis hatte ſeine Stellung noch nicht verändert: er brauchte auf dem Fußboden nur eine halbe Wendung zu machen, um vor den Füßen ſeiner Beſchützerin zu liegen, die ſich bei dieſem Anblick entwaffnet fühlte und mit einem Lächeln den Frieden abſchloß. Da Teiſſier ſeit einer Weile gar nichts mehr hörte und dieſes Schweigen ſich ſchlechterdings nicht zu erklären vermochte, ſo ſuchte er das Rouleaur bei Seite zu ſchieben, das unter ſeiner Hand wie unter dem Hauch eines Sturmwindes ſich bewegte. Francis allein begriff die Urſache dieſes plötzlichen Undulirens und ſah zu gleicher Zeit ein, wie noth⸗ wendig es ſei, die Scene zu einem entſcheidenden Reſultat zu bringen; er nahm alſo ſofort eine Stel⸗ lung an, welche dem ihm von ſeinem Freunde ge⸗ wordenen Auftrage mehr conform war: „Erlauben Sie mir,“ ſprach er laut,„daß ich mich der mir gewordenen Sendung entledige: welche Antwort ſoll ich Teiſſier geben?“ „Der Herr hat Recht,“ ſprach ihrerſeits Madame 7—).—c —e.——. 81 Regnauld mit einer Art mütterlicher Gravität;„es iſt nun Zeit, daß du zu einem Entſchluſſe kommſt. Liebſt du Herrn Teiſſier wirklich, ſo iſt all' dieſer Hader kindiſch. Liebſt du ihn nicht, ſo mußt du das deinem Vater ſagen, der, wie in allen Stücken, ſo auch in dieſem dir gewiß keinen Zwang anthun wird.“ „Ich liebe ihn nicht,“ antwortete Cöleſtine mit feſter Stimme. Hier blickte Dramond auf das Fenſter, um ſich zu überzeugen, ob es auch offen wäre. Ein krampf⸗ haftes Beben des Rouleaus ſagte ihm, daß die Er⸗ klärung des Mädchens an ihre Adreſſe gelangt ſei. Dann mit wonneſtrahlenden Augen und lächelnden Lippen ſich umwendend, ſprach er mit heuchleriſcher Stimme abermals: „Sie hatten aber doch ſeine Hand angenommen!“ „O! ſehen Sie, ich war noch ſo jung und noch ſo albern;“ antwortete Cöleſtine mit der Verach⸗ tung, welche die Erinnerung an ihre unwiſſende Jugendzeit den in die Geheimniſſe der Liele neu⸗ eingeweihten Herzen einflößt;„es convenirte dieſe Heirath meinem Vater; ich meinerſeits ließ mir den Aufenthalt in Paris gern gefallen; ich nahm alſo Herrn Teſſier's Hand an, ohne den Ernſt einer ſol⸗ chen Verpflichtung zu begreifen. Und gewiß legte er ſelbſt der Sache keine größere Wichtigkeit bei. Glücklicherweiſe hat die Erfahrung uns beiden be⸗ wieſen, daß wir nicht für einander geboren ſind. Ich klage ihn nicht an, und, wenn man will, ge⸗ ſteh' ich ſogar, das das Unrecht durchaus auf mei⸗ ner Seite iſt. Und wie es ſcheint, ſo habe ich der Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 6 82 Fehler nicht wenige, ſo bin ich launenhaft, unver⸗ nünftig, ja ſelbſt böſe. Zwar iſt das nicht ſo ganz die Anſicht, die ich von mir ſelbſt habe, indeſſen muß ich es ſo oft aus dem Munde Anderer hören, daß ich es wohl glauben muß; ich muß alſo bei dem Manne, der mich heirathet, einen großen Fond von Nachſicht finden,“ fuhr das Mädchen mit ziemlich unſicherer Stimme fort;„nun aber hat Teiſſier bis jetzt mich in dieſer Beziehung nicht gar ſehr ver⸗ wöhnt. Daß ich mit ihm nicht glücklich wäre, weiß ich nun gewiß. Ich bin offen— eine Eigenſchaft, die mir Niemand nehmen wird; er würde bald ſe⸗ hen, daß ich ihn nicht liebe, und vielleicht würde ihm das wehe thun. Und ſo glaube ich Ihnen denn be⸗ wieſen zu haben, daß ich wohl daran thue, ihn nicht mehr heirathen zu wollen.“ Mit bewegter Miene hob Francis an, im Pa⸗ villon hin und her zu gehen. „Wenn er aber wiederkommt,“ ſprach er end⸗ lich,„wie würden Sie ihn empfangen?“ „Wie ich ihn empfangen würde? nun ich würde ihm eben wiederholen, was Sie jetzt gehört.“ „Wie! träte er plötzlich in flehender Stellung vor Sie, ſo würden Sie ihm ſagen.. „So würde ich ihm ſagen: Ich liebe Sie nicht und werde Sie nie heirathen,“ antwortete Cöleſtine in ziemlich lebhaftem Tone; denn ſie wußte die Blicke und die Worte ihres Gegenredners nicht mehr mit einander zu vereinigen. Francis hatte ſeine Bewegungen ſo trefflich combinirt, daß er in dieſem Augenblicke am Fenſter ſtand. Mit einer blitzſchnellen Geſte erfaßte er die er⸗ nz ſen en, em 0n lich bis er⸗ eiß ft, ung icht tine die ehr lich ſtet die 83 Schnur des Rouleaus, das viel geſchwinder als ein Theatervorhang an die Decke hinaufflog. Maoſſenhaſt drang das Sonnenlicht in das Zim⸗ mer ein und beleuchtete die handelnden Perſonen, die durch das Geländer des Balkens und das ſpär⸗ liche Laub zweier Geranien hindurch jetzt das ver⸗ blüffte Angeſicht unſeres Freundes Ariſtides Teiſſier gewahrten. Madame Regnauld glaubte einen Dieb zu ſehen und ließ einen Schrei hören; Cöleſtine, die ihren Bräutigam auf der Stelle erkannte, war ſcheinbar verſteinert; Dramond endlich ſpielte mit vollendeter Meiſterſchaft den Ueberraſchten und ſprach, zum Fenſter geneigt, mit der liebenswürdigſten Miene von der Welt: „Ei! guten Tag. mein Lieber: wie geht's, wie geht's?“ Erſchöpft von Müdigkeit, fühlte der arme Ariſti⸗ des, deſſen Knie ſchlotterten, in deſſen Finger das Eiſen des Balkens tiefe Einſchnitte gemacht hatte, bei dieſem ſo unerwarteten Theaterſtreich, wie ein eiskalter Schweiß alle ſeine Glieder nach einander durchrieſelte. Er ſuchte noch einmal all' ſeinen Muth zu einem Lächeln zuſammenzunehmen; doch hatte letzteres etwas ſo jämmerliches, daß die bei⸗ den Damen in demſelben Augenblicke in ein unbän⸗ diges Gelächter ausbrachen und ſich in die Tiefe des Zimmers retteten, nachdem ſie den vergeblichen Verſuch gemacht, ſich Zwang anzuthun. Francis allein zeigte fortwährend eine unvergleichliche Kalt⸗ blütigkeit. 6* 84 „Was zum Henker machſt du denn da? du ſtehſt ja in der Sonne wie ein Spalier!“ ſprach er zu ſeinem Freunde, indem er ihm die Hand bot. Schon hißte Teiſſier ſich herauf, um das Fenſter zu erklettern, da ſah er ſich durch ein Gewehrfeuer von Gelächter zurückgeworfen, das unaufhör⸗ lich aus der Tiefe des Pavillons ihn begrüßte. Seine Seele war von den unſichtbaren Kugeln ſo jämmerlich durchlöchert, und ferner war er von der Lächerlichkeit ſeiner Stellung noch weit mehr als von deren Unbequemlichkeit dermaßen der Vernich⸗ tung nahe gebracht, daß ihn mit einem Mal alle ſeine Kräfte im Stiche ließen und er ſich ſchlechter⸗ dings nicht länger zu halten vermochte. Seine Hände ließen den Balkon fahren, worauf er mehr hinunterollte als hinunterſtieg; und halbtodt vor Zorn und Scham floh er das Gäßchen enlang, deſ⸗ ſen Windungen ihn endlich den ſpöttiſchen Blicken entzogen, die ihn hätten verfolgen können. „Der kann's Lachen halten!“ ſprach Francis bei ſich ſelbſt, als er ſeinen Freund hatte verſchwin⸗ den ſehen; und als dann das Stück zu Ende ge⸗ ſpielt war, ließ er das Rouleau wieder herabfallen. Sich umwendend, fand er ſich Madame Regnauld gegenüber und bemerkte Cöleſtine nicht mehr, die den Pavillon eben verlaſſen hatte. „Wußten Sie, daß er da war?“ ſprach die junge Frau mit affectirtem Ernſt zu ihm. „Ich wußte es,“ antwortete er in nicht minder ernſtem Tone. „Und Sie fühlen keine Gewiſſensbiſſe?“ „Keine: ich liebe.“ aedecu. — ——„——— —— ehſt zu iſter uer ör⸗ ßte. ſo der als ich⸗ alle ter⸗ ine ehr vor deſ⸗ ken cis in⸗ ge⸗ en. uld die ge er 85⁵ „Und Sie glauben, mit dieſem ſchönen Worte werden Sie bei einer Dame immer Recht behalten?“ „Deſſen bin ich gewiß.“ Madame Regnauld dachte einen Augenblick nach. „Sehen Sie, Ihr Freund war zu geiſtesarm für Cöleſtine,“ hob ſie wieder anz„nun will ich zwar nicht ſagen, Sie ſeien zu geiſtreich, da ich Ihre Beſcheidenheit nicht verletzen möchte; ich geſtehe Ihnen auch gerne, daß die Virtuoſität, womit Sie Comödie zu ſpielen wiſſen, mir ernſtliche Befürch⸗ tungen für das künftige Glück meiner Couſine ein⸗ flößt, vorausgeſetzt daß Sie das Glück haben, ſie einſt heimzuführen. Lieben Sie ſie wirklich?“ „Von ganzer Seele!“ rief der junge Mann in einem Tone, den ſelbſt der vollendetſte Schauſpie⸗ ler vergebens nachzuahmen geſucht haben würde. Madame Regnauld konnte nicht umhin, die Stimme ihres großen kahlen Mannes minder durch⸗ dringend zu finden; vielleicht daß dieſer Gedanke auch die Urſache des halben Seufzers war, der ihr wider ihren Willen entfuhr. „Ich glaube Ihnen,“ verſetzte ſie, hinter einem Lächeln dieſen Anfall von Melancholie verbergend; „und nun können Sie, glaube ich, mit meinem Oheim ſprechen.“ „Wäre es vielleicht nicht beſſer, zuvörderſt die Zuſtimmung Ihrer Couſine zu erlangen?“ antwor⸗ tete Francis beſcheiden;„ich weiß ja nicht, ob ſie mich auch liebt.“ Mit einem tiefen Blick unterbrach Madame Regnauld den jungen Mann und kehrte ihm dann mit einem Achſelzucken den Rücken zu. 86 Trotz dieſer ironiſchen Pantomime gelang es Dramond Tags darauf, die mündliche Zuſtimmung zu erhalten, welche Madame Regnauld bei ihrem weiblichen Scharfblick ſchon deutlich genug gegeben fand. Sodann ſtellte er an Cöleſtinens Vater ein Heirathsgeſuch, wovon dieſer Anfangs höch⸗ lich überraſcht war; als er jedoch vernahm, wie Teiſſier zuerſt die Abſicht gehabt, ſein Wort zurück⸗ zunehmen, und wie ſeine Tochter ſelbſt gegen eine ſolche Subſtitution nichts einzuwenden hätte, ließ der gute Mann nicht allzu lange auf ſeine Ein⸗ willigung warten. „Im Grunde bin ja nicht ich es, der hei⸗ rathet,“ ſprach er;„ſie möge alſo wählen: ich will ihr nicht im Wege ſtehen.“ Höchlich erbost über den Schimpf, wovon ſeine Tochter bedroht geweſen war, ſchrieb der Exhandels⸗ mann alsbald dem Exbräutigam einen entſchiedenen Abſagebrief und ſchien die Ungeduld des neuen Freiers zu theilen, der nichts unterließ, um die Präliminarien ſeiner Heirath abzukürzen. Mit wun⸗ derbarer Geſchwindigkeit wurden alle nöthigen An⸗ ordnungen getroffen. Etwa ſechs Wochen nach der Scene im Pavillon erhielt der Ehebund der beiden Liebenden die Doppelweihe, und Herr Simart, der, treu ſeinen Antipathien, anfänglich den Wunſch aus⸗ gedrückt hatte, daß die hochzeitliche Ceremonie in der franzöſiſchen Kirche des Abbé Chatel celibrirt werden möchte, vergoß nach der Anſprache des ka⸗ tholiſchen Pfarrers die väterlichſten Thränen. Einige Tage zuvor hatte Dramond nachſtehendes Billet an ſeinen Freund Teiſſier geſchrieben: % 3 es ung rem eben ater öch⸗ wie rück⸗ eine ließ Ein⸗ hei⸗ will eine es⸗ enen uen die un⸗ An⸗ der iden der, aus⸗ in rirt ka⸗ ndes 87 „Lieber Ariſtides! Das Leben hat gar ſeltſame Wechſelfälle: vor zwei Monaten kündigteſt du mir deine Heirath an, und nun habe ich dir die meinige mitzutheilen; und was noch ſeltfamer iſt, ich hei⸗ rathe gerade die, auf welche du verzichtet haſt. Hoffentlich werden wir beide unſere Rechnung bei unſerer Handelsweiſe finden. Willſt du mir bewei⸗ ſen, daß du mir nicht grollſt, ſo komm' zu meiner Hochzeit und übernimm dabei die Functionen, welche du für mich bereit hielteſt; es wird dich hier Jeder⸗ mann als Freund empfangen. Man macht hie und da eine Heirath rückgängig, aber hoffentlich wird nichts das Freundſchaftsband zu zerreißen vermö⸗ gen, das uns beide ſchon ſeit ſo langer Zeit ver⸗ bindet.“ Dieſen Brief zerriß Teiſſier in hunderttauſend Stücke und trat mit den Füßen darauf herum; auch ſtieß er gegen die beiden Verlobten die gräulichſten Verwünſchungen aus in Begleitung eines nicht min⸗ der gräulichen Schwurs, daß er ſich rächen wolle. In dieſem Wuthparoxismus jedoch wurde er durch den Tod ſeines Oheims Marjolier unterbrochen, dem die von Francis erfundene Geſchichte Unglück gebracht zu haben ſchien, und es mußte Ariſtides nach der Bretagne abreiſen, wo Geldfragen den bitteren Erinnerungen und Racheplänen eine Zeit⸗ lang mit Glück den Boden ſtreitig machten. Keine Widerwärtigkeit alſo trübte das Glück der Neuvermählten, ja es ſchien ſelbſt der Himmel ihnen ſeine beſondere Gunſt zuzuwenden, indem er den Keim der Uneinigkeit vernichtete, welcher den Bruch mit Ariſtides herbeigeführt hatte. Nach einem kur⸗ 88 zen Wuthanfall entſchlief Soliman als ein guter Hund eines ſanften Todes; ſeine Herrin beweinte ihn zuerſt und vergaß ihn dann— ein Geſetz das faſt allen Dahingeſchiedenen gemein iſt. VII. Um den Honigmonat iſt es keine Chimäre. In Ermanglung der Liebe legt die Sitte den Neuver⸗ mählten eine Eintracht auf, welcher ſelbſt die un⸗ verträglichſten Charaktere ſich unterwerfen, da ſie für die Zukunft lediglich keine bindende Kraft beſitzt. Indem Cöleſtine und Francis anfänglich mit einer Leidenſchaft ſich liebten, welche in ihrem Feuer durchaus wolkenlos war, gehorchten ſie mehr noch den Geſetzen des Herzens als denen der guten Lebensart. In ein Glück eingeweiht, deſſen Wonne ſie bis daher nie geahnt, empfand die junge Frau für ihren Gatten jenen mit Dankbarkeit untermiſchten Fanatismus, welchen eine göttliche Macht den von ihr geſchaffenen Weſen einflößt. Seinerſeits ver⸗ knüpfte ſich Dramond durch das Band einer immer innigeren Zärtlichkeit mit dem bezaubernden Ge⸗ ſchöpf, deſſen Schickſal ihm anheim gegeben war. So an einander gebunden durch eine blühende Liebe, die den langen Frühling ihrer Jugend vor ſich hatte, um in ihrer ganzen Fülle ſich zu entfalten, ſchien es ein Ding der Unmöglichkeit, daß eine Wolke auch nur einen Tag lang dieſes ſüße Ge⸗ ſchick verdunkele. Gleichwohl kam die Wolke, und 8 3,—— e—— — ——c e 8 o ter nte as 89 vielleicht war es ein Glück, daß ſie bald kamz denn bekanntlich ſind ja Morgengewitter am Kürzeſten. Wie wir geſehen, ſo war Francis dem ehelichen Leben durch eine jener unvorhergeſehenen und ra⸗ ſchen Strömungen entgegen getragen worden, welche denen, die darein fallen, nicht mehr die nöthige Kraft laſſen, ſich dagegen zu ſtemmen, noch die Zeit, reiflicher nachzudenken. Am Ziel angekommen, er⸗ langte er wieder die frühere Kaltblütigkeit, und mit dieſer kamen allmählig über ſeinen Geiſt ſeltſame Beſorgniſſe: es war, als hätte ein Wurm ihm ſeine Blume Blatt um Blatt zernagt. Cöleſtinens Fehler, die er, ſo lange er Zeuge davon geweſen, als Lappalien behandelt hatte, erſchienen ihm jetzt, wo er ſie ſuchte, ohne ſie zu finden, von ernſterer Be⸗ deutung. Er glaubte ſie eingeſchlafen, nicht aber verbeſſert, und beunruhigte ſich darüber, daß ſie ſo gar kein Lebenszeichen gaben. Ein Geck hätte den im Charakter ſeiner Frau eingetretenen Wechſel ſeinem eigenen Verdienſt zugeſchrieben, allein es war Dramond, ohne gerade eine allzuüble Meinung von ſich zu haben, kein Geck. Die ſtets gleiche Laune, die unverwüſtliche Sanftmuth, welche an die Stelle von Cöleſtinens früherer Reizbarkeit getreten war, entzückten ihn zuerſt; dann war er darüber er⸗ ſtaunt, und endlich flößten ſie ihm geheime Angſt ein. Da er nur halb an eine Revolution glaubte, welche ihm allzu plötzlich kam, ſo erklärte er ſie ſich auf tauſenderlei Weiſe, nur nicht auf die rechte: er ver⸗ gaß, daß die Liebe der größte aller Reformatoren iſt. „Die Löwin ſchläft, wer bürgt mir aber dafür, daß ſie nie mehr aufwacht?“ ſprach er zuweilen bei 90 ſich ſelbſt, indem er verſtohlen die junge Frau be⸗ obachtete, deren nun keine Blitze mehr entſendender Blick in einer ſammtenen Pupille matt ſchlief. Dieſe Befürchtung, daß die Löwin eines Tages wieder anfwachen möchte, beſchäftigte Francis fort⸗ während und dictirte ihm allmählig ein eigenes Be⸗ nehmen. Selbſt lebhaft, aufbrauſend, reizbar, ver⸗ urtheilte er ſich zu einer ſtrengen Selbſtzügelung. Er, der ſich ſonſt ſo leicht hinreißen ließ und zu⸗ weilen ſogar unbeſonnen war, wollte nun nur noch der Beſonnenheit Raum geben und ſich die größte Zurückhaltung auferlegen. Er ließ alle Pumpen des Verſtandes auf ſeinen Feuer⸗Charakter ſpielen, um die letzten Funken auszulöſchen, welche durch ihre Berührung den weiblichen Salpeter hätten ent⸗ zünden können, deſſen Exploſion er befürchtete. So Tag und Nacht über die Erhaltung des ehelichen Friedens wachend, hielt er mit ängſtlicher, ja faſt kleinlicher Aufmerkſamkeit alle Elemente der Zwie⸗ tracht fern. Die geringſten Diskuſſionen, die un⸗ ſchuldigſten Widerſprüche fürchtete er, und es wur⸗ den dieſelben zur Unmöglichkeit, da er Allem vor⸗ beugte, was ſie hervorrufen konnte. Dank dieſer verſöhnlichen Politik fand Cöleſtine auf dem Weg der Ehe weder Steine noch Dornen, bald aber däuchte es ihr auch, daß die Blumen auf dieſem Pfade immer ſeltener würden. Francis hatte das Ziel überſchoſſen. Die beſtändige Selbſtüberwachung, die er ſich auferlegt hatte, alterirte allmählig die ſchöne Natürlichkeit ſeiner Manieren; indem er ſich immer zügelte, affectirte er bei jeder Gelegenheit eine Reife des Urtheils, eine Ruhe des Geiſtes, be⸗ der ges ort⸗ Be⸗ er⸗ ng. zu⸗ roch ößte pen len, urch ent⸗ So chen faſt wie⸗ un⸗ ur⸗ vor⸗ eſer Weg aber ſem das ung, die ſich heit ſtes, 91 worin ein naives Herz zuweilen mehr Verſtand als Zärtlichkeit finden mochte. Nun aber ſind es Frauen nur ſelten zufrieden, wenn ſie eine ver— nünftige Liebe einflößen; Cöleſtine insbeſondere, deren ausſchweifende Phantaſie ſtets die dem Him⸗ mel nächſten Wolken zu wählen liebte, um dort ihre Paläſte zu bauen, fühlte, als ſie bei ihrem Gatten die Eraltation nicht fand, die ihr als das natürliche Element der Zärtlichkeit erſchien, allmählig das Un⸗ behagen eines Vogels, der in einer für ſeine Flügel allzu ſchweren Atmoſphäre herumfliegt; ſie konnte nicht umhin, Francis für ſein Alter allzu ruhig und allzu ernſt zu finden. Nach dem Schein urtheilen gleich allen Frauen, bei denen die Schlauheit den Verſtand überwiegt, deutete ſie die ſo frühe Ruhe und den ſo frühen Ernſt als ein Schwinden der Liebe. Dieſer Gedanke, der ſie als Mädchen höch⸗ lich aufgebracht hätte, verſenkte ſie in tiefe Nieder⸗ geſchlagenheit; denn die Energie, welche ſie ſonſt bei ihren geringſten Bewegungen an den Tag ge⸗ legt, hatte ſich in ihrem Herzen concentrirt. Aus dem Mädchen, das ſich ſtets im Zuſtande der Em⸗ pörung befunden, hatte die Liebe eine Frau gemacht. Eines Abends, mehrere Monate nach ihrer Hei⸗ rath, befanden ſich die beiden Gatten, die zu Paris ihren Wohnſitz aufgeſchlagen, ganz allein in einer Loge des Feydeau⸗Theaters. Auf ihren Stuhl hin⸗ gegoſſen in matter, nachdenkſamer Stellung, heftete Cöleſtine die Blicke mechaniſch auf die Scene, ohne die Schauſpieler zu ſehen oder der Muſik zu lau⸗ ſchen. Neben ihr ſchien Francis in ein nicht min⸗ der tiefes Nachdenken verſunken. Seit einigen Ta⸗ 92. gen hatte er die Traurigkeit ſeiner Frau wahrge⸗ nommen und ſuchte er deren Urſache, ohne ſie finden zu können. So blieben ſie während der ganzen Vor⸗ ſtellung im Nachdenken verſunken; jedes behielt ſeine Gedanken bei ſich, nur ſelten wurde ein Wort ge⸗ wechſelt und Alles deutete auf einen jener ehelichen Stürme hin, welche aus ſolchen Situationen zu ent⸗ ſpringen pflegen. Unter den Zuſchauern, deren Blicke durch Cöle⸗ ſtinens Schönheit angezogen wurden, war insbeſon⸗ dere ein auf dem Balkon ſitzender und vom Kopf bis zu den Füßen ſchwarzgekleideter Herr, der Alles, was in der Loge vorging, mit ununterbrochener Aufmerkſamkeit beobachtete. Dieſer Herr war nie⸗ mand anders als Ariſtides Teiſſier, der ſeit einigen Tagen aus der Bretagne zurückgekehrt war. Kaum hatte er die beiden Gatten erſpäht, als in ſeinem Herzen der Groll wieder erwachte, den das Marjo⸗ lier'ſche Erbe momentan beſchwichtigt hatte. Die Traurigkeit, deren Symptom er in Cöleſtinens Züge zu leſen glaubte, ſowie die ſorgenvolle Miene des Gatten riefen in ſeinem Gemüthe jene Schadenfreude hervor, die ſelbſt die gerechtfertigſte Feindſchaft nicht zu rechtfertigen vermochte. „Sie ſehen nicht zufrieden aus,“ ſprach er bei ſich ſelbſt und lächelte dabei in der Weiſe eines Jago. Während der Nacht brütete Teiſſier einen Rache⸗ plan aus, der unter allen anderen Umſtänden ſeinen von Haus aus ehrlichen Charakter empört hätte, den er nun aber eifrig willkommen hieß; denn die verletzte Eigenliebe wird zum reißenden blutdürſtigen Tiger. Tags darauf kam er, über und über in ge⸗ zu Oor⸗ ine ge⸗ hen nt⸗ öle⸗ on⸗ opf E„ ner nie⸗ gen um em jo⸗ Die üge des ude icht bei go. he⸗ nen tte, die gen in 93 den unſichtbaren Mantel der Heuchelei gehüllt, zu Dra⸗ mond, der ſeinen alten Freund auf's Herzlichſte empfing. „Du biſt mir alſo nicht mehr böſe?“ fragte der junge Gatte und lächelte dabei etwas höhniſch. „Was würde es auch helfen, wenn wir uns jetzt mordeten?“ antwortete Ariſtides mit affectirter Gutmüthigkeit.„Zwar haſt du mir einen abſcheu⸗ lichen Streich geſpielt, doch muß ich dir ihn wohl verzeihen, da ich dich dafür nicht ſtrafen kann.“ Cöleſtine, die einen Augenblick darauf in den Salon trat, zeigte beim Anblick des Mannes, den ſie hatte heirathen ſollen, durchaus keine Verlegen⸗ heit; es hatte derſelbe auf ihr Herz ſo wenig Ein⸗ druck gemacht, daß ſie ihn mit dem wohlwollenden Lächeln begrüßen konnte, das man einem alten Be⸗ kannten ſchenkt. Dieſe ruhige und freundſchaftliche Aufnahme verdoppelte Ariſtides' Zorn, doch ließ er ſich nichts merken, und dieſer Frau gegenüber, die ihn ſo vollſtändig vergeſſen hatte, ſchien er auf ſeine Crinnerungen zu verzichten. Zwiſchen der Gleich⸗ giltigkeit und Reſignation iſt der Bund bald ge⸗ ſchloſſen; mit dieſem erſten Beſuch fand Teiſſier ſich bei ſeinem Freunde inſtallirt, der durch ſeine Zu⸗ vorkommenheit früheres Unrecht wieder gut machen zu wollen ſchien. In kurzer Zeit und in Folge einer Beſitzergreifung, deren Rechtmäßigkeit ihm nicht beſtritten wurde, nahm er, in der ganzen Perfidie des Worts, die Stelle eines Hausfreundes ein. Um dem Argwohn des Gatten vorzubeugen, ſprach er oft von einer eingebildeten Heirath, die ihn aber ge⸗ waltig zu beſchäftigen ſchien: eine gegenüber von einem nicht mißtrauiſchen Manne völlig überflüſſige 94 Vorſichtsmaßregel, und eine Maßregel hinwiederum, die nicht ausreichend geweſen wäre, um einen eifer⸗ ſüchtigen blind zu machen; denn es haben am Ende die Ehemänner nicht immer den Corpsgeiſt, den ein Sprüchwort den Wölfen leiht; zuweilen freſſen ſie ſich unter einander. In Erwartung des Jäger⸗ rechts, das ſein racheſüchtiger Geiſt ſchon im Voraus ſich zutheilte, fing Ariſtides mit aller Geduld das Gewerbe eines Cicisbeo an und übernahm allmählig all' die kleinen Dienſtleiſtungen, die damit verbun⸗ den ſind; was die Beneficien betrifft, ſo ſtellte ſich der Boudoir⸗Cromwell, als denke er gar nicht daran. Bald durfte er Logen miethen, Concertbillets kaufen, Romanzen abſchreiben, Stickmuſter zeichnen, in die⸗ ſes dder jenes elegante Magazin laufen— lauter undankbare Dienſte, die ein Gatte widerwärtig fin⸗ det, um welche ein wirklicher Liebhaber ſich nur wenig kümmert, worauf aber die Ratons der Galan⸗ terie gierig die Pfoten werfen⸗ Anfünglich ließ Cöleſtine dieſe Dienſtbefliſſenheit nur mit ſchlecht verhehltem Widerwillen ſich gefal⸗ len; plötzlich aber veränderte einer jener böſen Ge⸗ danken, deren Frauen nicht immer Herr werden, der Gedanke, die Liebe ihres Gatten im Feuer der Eiferſucht zu erproben, die eiſige Zurückhaltung, welche ſie bis dahin gegen ihren früheren Anbeter an den Tag gelegt hatte. Was Teiſſier betrifft, ſo merkte er dieſe Veränberung alsbald und ließ ſich dadurch um ſo mehr fangen, als er mit ein wenig Liebe eine Unmaſſe von Eitelkeit paarte. „Francis,“ ſprach er an dieſem Abende beim Nachhauſekommen zu ſich ſelbſt,„du haſt mir meine —— — c c 8— c—— c—— um, fer⸗ nde ein ſie er⸗ aus das hlig un⸗ ſich fen, die⸗ ter in⸗ nur an⸗ heit fal⸗ Ge⸗ en, der ng, eter „ſo ſich nig eim eine 95 Braut vor der Naſe weggenommen; wenn ich dir nun deine Frau wegnähme, wer von uns beiden wäre dann wohl der am meiſten Angeführte?“ Der matrimoniale Staar hatte Dramond's Au⸗ gen noch mit keinem ſo dichten Schleier bedeckt, daß er die perfiden Anſchläge ſeines angeblichen Freun⸗ des am Ende nicht bemerkt hätte. Einmal auf ſei⸗ ner Hut, beobachtete er, und je länger er beobach⸗ tete, um ſo klarer wurde ihm der gegen ſeine Ehre geſponnene Verrath. Als er dieſe unerquickliche Entdeckung machte, war ſein erſter Gedanke der, daß er den unehrlichen Cameraden durch das Fen⸗ ſter hindurch aus ſeinem Hauſe hinausbefördern wollte; ein ſeltſamer Einfall aber hielt ihn zurück und dictirte ihm endlich ein Benehmen, welches dieſer Art ſummariſcher Selbſthülfe diametral ent⸗ gegengeſetzt war. „Cöleſtine iſt erſt achtzehn,“ ſprach er bei ſich ſelbſt;„ſie iſt ſo ſchön, wie ein Engel, leider wohl aber minder unfehlbar; es ſtehen mir alſo auch zwanzig gefahrvolle Jahre in Ausſicht, zwanzig Jahre jener tagtäglichen Kämpfe, in denen ſo viele Männer, die ein beſſeres Loos verdienten, unterlie⸗ gen. Wir leben nun einmal nicht in der Türkei, und ich kann daher auch Cöleſtinens Geſicht mit keinem Schleier bedecken, noch ſie ſelbſt in einem Harem eingeſperrt halten. Wir ſind zu Paris, es geht meine Frau in Geſellſchaft, überall wird ſie von den Männern bemerkt und ohne Zweifel werden nicht wenige ihr zu gefallen ſuchen; der Kampf iſt alſo unvermeidlich. Und wenn das iſt, warum ſollte er nicht ſchon jetzt beginnen? Eine Gefahr, 96 die man kennt, iſt eine zur Hälfte vermiedene; weit entfernt, mir zu ſchaden, kann Teiſſier's Perfidie im Gegentheil mir nützlich werden. Er iſt ein ziem⸗ lich präſentables Muſter vom Geſchlecht der Lieb⸗ haber, ſeine Antecedentien begünſtigen ihn, ſo daß er alle Ausſicht hat, Glück zu machen; ſeine Stel⸗ lung macht ihn hier wirklich gefährlich: wohlan! er mag Cöleſtinen den Hof machen, ich erlaube es ihm. Man probirt die Härtung einer Waffe, um verſichert zu ſein, daß ſie ſich am Tage des Kampfs in der Hand bewährt; warum ſollte man die Tugend einer Frau nicht in gleicher Weiſe behandeln? Geht die meinige, wie ich nicht zweifle, aus dieſer Feuerprobe als Siegerin hervor, ſo habe ich eben damit zwan⸗ zig Jahre der Ruhe und des Zutrauens erobert, und dann überwache ich ſie, während ich thue, als ſchließe ich die Augen.“ Nachdem Francis dieſen Entſchluß gefaßt— ein Entſchluß, deſſen Weisheit wir nicht zu beweiſen verſuchen werden, fuhr er wie bisher fort, ſeinen Freund Ariſtides zu empfan⸗ gen. Jetzt begann zwiſchen der jungen Frau und den beiden ſich feindlich gegenüberſtehenden Freun⸗ den einer jener myſteriöſen Kämpfe, die im intimen Leben ſo häufig vorkommen— eine Art maskirten Drama's, in denen jedes den Lieblingswahlſpruch eines Ludwig XI. zu dem ſeinigen zu machen ſcheint. Je mehr Ruhe Francis zeigte, um ſo mehr Koket⸗ terie affectirte ſeine Frau; und indem ſo beide ſich gegenſeitig täuſchten, täuſchten ſie zugleich Teiſſier, der allein trotz ſeiner Winkelzüge Niemand zu täu⸗ ſchen vermochte. Cöleſtine war dieſer Heuchelei, der ſie durch ihren Charakter bis daher gänzlich fremd eit die m⸗ eb⸗ ß el⸗ m. ert er er die be n⸗ rt, s en eit n⸗ nd n⸗ en en nt. ich 3 U⸗ er nd 97 geblieben war, zuerſt müde. Bald erſchien ihr das unerſchütterliche Sicherheitsgefühl ihres Mannes als eine Beſchimpfung; in dem Zutrauen, das er ihr in etwas übertriebener Weiſe bezeigte, erblickte ſie den unwiderleglichen Beweis einer Gleichgültigkeit, wo⸗ durch ſie ſich in der Tiefe ihres Herzens verletzt fühlte. Von Verzweiflung darnieder gedrückt, daß ſie ihm jene wüthende Eiferſucht nicht einzuflößen vermochte, worin leidenſchaftliche Frauen nachſichtig genug einen Beweis von Liebe erblicken zu können glauben, ſank ſie unter ihrer erkünſtelten Koketterie zuſammen, die, als keinen Zweck mehr habend, ihr verächtlich vorkam, und nicht lange ſtand es an, bis ſie in jene düſtere Niedergeſchlagenheit verfiel, worin wir nach dem Kampf Herzen befangen ſehen, die um eine Illuſion ärmer geworden. Bei dieſem Symptom zitterte Francis, denn er ſchrieb die Traurigkeit ſeiner Frau den Gewiſſens⸗ biſſen zu, welche in einer tugendhaften Seele die erſten Regungen einer illegitimen Leidenſchaft ſtets wecken; Ariſtides dagegen freute ſich, indem er dem⸗ ſelben Gedanken Raum gab, und um den Boden, den er erobert zu haben glaubte, noch zu erwei⸗ tern, griff er alsbald zu einer Taktik, deren Wir⸗ kung betrübten Frauen gegenüber faſt unfehlbar iſt. So oft er auf Cöleſtinens Stirn eine Wolke oder in ihren Augen eine Spur von Thränen gewahrte, girrte er, im Tone eines durch und durch ergriffe⸗ nen Menſchen nachſtehenden Satz, deſſen Form er blos variirte, ohne je den Grundgedanken zu akteriren: „Wenn etwas mich darüber zu tröſten vermag, Bernard, Ausgew. Frzählungen. 1. 7 98 daß ich Ihre Ehre zu Grunde gerichtet, ſo iſt es der Anblick des Glücks, deſſen Sie genießen.“ Eine Frau der man jeden Tag wohl zwanzig Mal von ihrem Glück ſpricht, zweifelt am Ende nothwendig daran. Madame Dramond, die längſt nicht mehr an das ihrige glaubte, wurde es fürch⸗ terlich eng um's Herz, ſo oft dieſe heuchleriſche Be⸗ glückwünſchung wiederkehrte, deren Ironie nür um ſo beißender wurde, je mehr ſie ſich zu verſtecken ſuchte. Endlich empörte ſie ſich wider dieſe Marter. VIII. „Mein Glück!“ brach Cöleſtine eines Abends, als ſie mit Teiſſier allein war, aus.„Wie lange werden Sie mir noch von meinem Glück vorreden?“ Ariſtides bebte unwillkürlich, wie ein Jäger auf dem Anſtand, wenn er das längſt erwartete Wild erſcheinen ſieht. „Sollte ich mich vielleicht geirrt haben?“ ſprach er pathetiſch;„ſind Sie nicht die glücklichſte der Frauen?“ Da Madame Regnauld in dieſem Augenblicke mit ihrem Manne eine Schweizerreiſe machte, ſo konnte Cöleſtine nicht mehr jene heilſamen Ventile des Her⸗ zens öffnen, welche, wenn ſie geſchloſſen bleiben, den Kummer nach dem Herzen zurücktreiben, das unter dem gewaltigen Drucke nicht ſelten in Gefahr kommt zu platzen. Gerade jetzt wurde bei ihr das Bedürfniß einer Herzensergießung um ſo unwider⸗ ſtehlicher, je länger es unbefriedigt geblieben war. ds, ige uf ild ach der icke nte er⸗ en, s ahr s er⸗ ar. 99 Es verrieth ſich der geheime Kummer der jungen Frau, obgleich ſie ihn noch zu erſticken ſuchte, und auf Ariſtides Frage erfolgte ein Schluchzen. „Ums Himmelswillen, was iſt Ihnen? Was ſollen dieſe Thränen?“ fragte der Spitzbube, indem er das Taſchentuch entfernte, welches ſie gegen Mund und Augen drückte. „Ach er liebt mich nicht!“ gab ſie zurück und ſank verzweiflungsvoll in ihrem Armſeſſel zuſammen. Dieſer naive Ausruf gefiel dem Hausfreunde nur mittelmäßig; weit entfernt aber ſeinen Aerger zu laſſen, fuhr er in ſüßlichem Tone ort: „Theuerſte Cöleſtine, ſchließen Sie mir doch Ihr Herz auf, ich bitte Sie flehentlich; drückt Sie etwas, ſo können Sie Ihren Kummer gewiß keinem erge⸗ beneren Freunde anvertrauen; nicht wahr, Sie glauben doch, daß Sie an mir einen treuen Freund beſitzen? Sehen Sie, ich wäre allzu unglücklich, wenn Sie an meiner Liebe zweifelten, weil mir der Muth fehlt Ihnen die ganze Größe derſelben zu zeigen. Halten Sie alſo ihre Thränen nicht zurück, ſondern gönnen Sie mir das traurige Glück, ſie zu trocknen.“ Dieſe hinterliſtigen Worte erreichten ihren Zweck vollkommen. Cöleſtine erblickte in dem neben ihr ſitzenden Manne nicht mehr einen früheren beharr⸗ lichen Anbeter, ſondern blos einen Freund, bereit ſie anzuhören und vielleicht im Stande, ſie zu ver⸗ ſtehen. „O, armer Ariſtides,“ antwortete ſie, ohne ihren Schmerz länger zu bekämpfen zu ſuchen, ſo daß 100 derſelbe überſtrömte, wie das Waſſer eines bis an den Rand gefüllten und der Wirkung des Feuers ausgeſetzten Gefäßes,„Sie halten mich für glücklich, und ich bin es mit nichten. Wollte ich Ihnen meine ganze Lebensgeſchichte erzählen, ſo würde ich Sie unfehlbar ermüden. Sie kennen meinen Charakterz Sie wiſſen, daß ich trotz meiner Fehler ein gutes Herz habe, ſowie daß man mich um den Finger wickeln kann, wenn man mir einige Liebe bezeigt; wohlan! er hat das nicht eingeſehen. Er liebt mich nicht! ſage ich Ihnen. Erinnern Sie ſich noch? als Sie mich heirathen ſollten war ich oft recht böſe; Sie Ihrerſeits waren böſe auf mich; wir ſtritten uns unabläſſig, und doch ließen unſere kleinen Zän⸗ kereien in meinem Herzen keine Bitterkeit zurück. Hatte ich Sie einmal gezankt, ſo war ich Ihnen nicht länger böſe; da ich Sie nicht liebte, ſo dachte ich auch nie an Sie; ihn aber— ihn liebe ich! ja ich liebe ihn, Ariſtides. Ich bin doch recht unglück⸗ lich, nicht wahr?“ In dieſem Augenblicke fand Ariſtides, daß das Geſchäft eines vertrauten Freundes nicht ganz ohne Dornen ſei. „Benimmt er ſich ſchlecht gegen Sie?“ fragte er ſich in die Lippen beißend. „Schlecht! was ſoll ich Ihnen ſagen? er iſt gut gegen mich, ich beſitze ſein ganzes Vertrauenz was ich will, will auch er; meine kleinſten Wünſche fin⸗ den ſich erfüllt, noch ehe ich recht Zeit habe, ſie auszuſprechen; ſogar meine Capricen... Ol aber ich habe keine Capricen mehr, denn man hat ſolche nur dann, wenn man glücklich iſt. Kurz und gut, 101 ſeit meiner Heirath hat nie die geringſte Diskuſſion unſeren ehelichen Himmel betrübt; dem Anſchein nach habe ich alſo wirklich kein Recht, mich zu be⸗ klagen, aber ich frage Sie, Ariſtides, iſt es dem Herzen möglich, ohne alle Leidenſchaft zu leben?“ „O!“ ſprach Teiſſier die Augen zum Plafond em⸗ vorſchlagend,„das Herz.. die Leidenſchaft...“ Cöleſtine ſchnitt ihm das Wort ab. „Wenn Sie wüßten,“ hob ſie wieder an,„wie ſchön ich im Anfang mein Leben fand und wie un⸗ vergleichlich mein Glück! Die Liebe zu ihm hatte mich dermaßen verändert, daß Sie mich gar nicht wieder erkannt haben würden; ich ſelbſt erkannte mich nicht mehr; mein ſonſt ſo unfolgſamer Cha— rakter war ohne alle Mühe ſo ganz geſchmeidig ge⸗ worden, ich, der ich ſonſt keinem Menſchen gehorcht hatte, ſuchte in ſeinen Augen auf's Aengſtlichſte ſeinen Willen zu leſen; nichts ärgerte mich; nie wurde ich zornig. Kurz— Sie werden es mir nicht glauben wollen— ich war nicht mehr böſe! Hätte er mich nun nicht lieben ſollen? An ſeiner Stelle hätten Sie das gewiß gethan.“ „Ol... rief der Hausfreund, dem es an Zeit gebrach, mehr zu ſagen: „Wohlan! er liebt mich nicht,“ fuhr die junge Frau im Tone der Entmuthigung fort;„zuweilen ſcheint meine Liebe ihm eher läſtig zu ſein, als ihm⸗ zu gefallen; ſieht er, daß ich meinen Gefühlen einen etwas lebendigen Ausdruck gebe, ſo ſcheint er mehr unruhig als glücklich; anſtatt meine Exaltation am Feuer der ſeinigen zu nähren, antwortet er darauf mit einem recht ruhigen, recht verſtändigen Worte, 102 das mir eisſchollenartig auf's Herz fällt. Würde er ſonſt meine Liebe zu erkälten ſuchen, wenn er innerlich ſich nicht unfähig fühlte, ſie zu erwidern? Nur dann findet man ſich zu heiß geliebt, wenn man ſelbſt nicht mehr liebt.“ „Sie glauben alſo, er liebe Sie nicht?“ ſprach Teiſſier, in recht treuloſer Weiſe bei dieſem Haupt⸗ punkte verweilend. „Ich weiß es gewiß,“ antwortete Cöleſtine hef⸗. tig;„wollen Sie einen Beweis dafür? Als Sie zum erſten Mal in unſer Haus gekommen, da habe ich Sie mit offenen Armen empfangen, weil ich einen Verſuch machen wollte, in Francis' Seele zu leſen. Sie werden mir das, was ich Ihnen ſage, nicht verübeln: einem Freunde kann man ja Alles geſtehen. Wohlan! die Freude, die ich bezeigte, als ich Sie ſah, mein Beſtreben liebenswürdig zu erſcheinen, kurz meine Koketterie: alles das galt nicht Ihnen, ſondern ihm; ich handelte ſo, um ihn zu ſtrafen, um ihm Unruhe einzuflößen, um ihn eiferſüchtig zu machen. Iſt mir das nicht ge⸗ lungen? Daß Sie über die Motive meines Beneh⸗ mens ſich nicht getäuſcht, bin ich feſt überzeugt; es iſt Ihnen wohl bekannt, daß ich Sie nicht liebe; daß ich Sie in alle Ewigkeit nicht lieben kann; kann er aber mein Herz kennen, wie ich ſelbſt es kenne? würde er, wenn ihm an meiner Liebe gelegen wäre, nicht fürchten, daß ein Anderer ſie ihm rauben möchte? Kurz, wäre er nicht eiferſüchtig, wenn er mich liebte? Iſt er es? antworten Sie mir. Sie ſind jeden Tag, zu jeder Stunde hier; hat er aber — 8—— 103 dieſe Dienſtbefliſſenheit auch nur bemerkt? hat er je gethan, als erinnere er ſich, daß Sie einſt auf dem Punkte ſtanden, mich zu heirathen, und als ſehe er ein, daß die Intimität, welche er gut heißt, für mich Gefahren haben könne? Was liegt ihm daran! Sehen Sie, ſchon ſind es wieder zwei volle Stunden, daß Sie hier ſind, daß ich mit Ihnen allein bin: er weiß es, aber glauben Sie, daß er auch nur da⸗ ran denke? er iſt ausgegangen als Sie gekommen, und kommt nicht wieder. Ariſtides, ich ſage Ihnen, er liebt mich nicht, und doch liebe ich ihn ſo ganz!“ Dieß Mal verſuchte der Tröſter es nicht, die Thränen abzutrocknen, welche über Cöleſtinens Wan⸗ gen herabrannen; das grauſam naive Geſtändniß, das er eben gehört, hatte das Kartenhaus ſeiner Liebe ſo urplößzlich zuſammengeworfen, daß er eine Zeitlang unbeweglich und ſtumm blieb: ſeine Brauen waren gerunzelt, ſeine Lippen bebend. Doch er⸗ langte er allmählig ſeine Kaltblütigkeit wieder. Der Schlag, den ſeine Eitelkeit erlitten, gab ſeinem Groll neue Nahrung und warf ihn plötzlich auf den fin⸗ ſtern Pfad, der durch die Verläumdung hindurch⸗ geht, um zur Rache zu führen. „Ich kenne Francis ſchon lange,“ ſprach er mit einem Mal und nachdenkſamer Miene;„nie habe ich in ſeinem Charakter die Ruhe und die Kälte bemerkt, die Sie ihm vorwerfen; im Gegentheil, ſtets habe ich ihn voll Feuer und allen Regungen des Herzens zugänglich gefunden. Iſt es wirklich wahr, daß er Sie nicht mehr liebt, ſo kann dieß einzig und allein von abſoluter Gleichgültigkeit her⸗ rühren.“ 104 „Ich gefalle ihm eben nicht mehr,“ ſprach die junge Frau traurig. Ungläubig ſchüttelte Ariſtides den Kopf. „Es muß etwas Anderes dahinter ſtecken, meine ich,“ ſprach er darauf. „Was denn aber?“ fragte ſie, den Blick auf ihn heftend. Statt aller Antwort ließ der vertraute Haus⸗ freund den Kopf ſinken. „Was denn aber?“ wiederholte Madame Dra⸗ mond dringender. „Ich habe leider zu viel geſagt,“ wiederholte der Heuchler;„auch iſt es bloß eine Vermuthung von mir; wie ſoll man aber annehmen, daß man bei freiem Herzen Sie nicht lieben könne?“ „Eine Andere! eine Andere!“ rief Cöleſtine und ſprang mit wuthſprühenden Augen von ihrem Arm⸗ ſeſſel auf. Es war das von Francis ſo lange gefürchtete Wiedererwachen der Löwin. „Das habe ich nicht geſagt,“ ſprach Teiſſier, ſich ſtellend, als werfe er ſich ſeine Unbeſonnenheit vor. „Sie haben es geſagt!“ unterbrach die Eifer⸗ ſüchtige heftig.„Jetzt wollen Sie mich bloß täu⸗ ſchen, aber ſehen Sie, ich leſe in Ihren Augen. Er liebt eine Andere! Ah! der Schleier iſt zer⸗ riſſen. Antworten Sie mir, denn Sie müſſen Alles wiſſen, vielleicht hat er ſelbſt Sie zu ſeinem Ver⸗ trauten gemacht. Eine Andere! Hal ich bringe ihn um. Doch nein, ich will ruhig bleiben; aber ſo ſprechen Sie doch in's Himmels Namen! Sie ſehen ja, wie ruhig ich bin!“ ————— 105⁵ Da es jetzt zu ſpät war, um zurückzugehen, ſo ſuchte Ariſtides in ſeiner Phantaſie irgend ein ille⸗ gitimes Verhältniß, womit er Francis anſchwärzen und ſeine Racheluſt befriedigen konnte; da er aber auch beim beſten Willen, dem Ehemann zu ſchaden, deſſen Leben tadellos fand, ſo befragte er das Leben des Junggeſellen, und da die Ungeduld ſeiner Gegen⸗ rednerin ihm keinen Aufſchub gönnte, ſo blieb er bei der erſten Erinnerung ſtehen, welche dieſe Nach⸗ forſchung in ſeinem Geiſte weckte. „Das Ganze beruht auf einem bloßen Verdacht,“ ſprach er mit mitleidsvoller Miene,„und bei dem Zuſtand, in dem ich Sie ſehe——“ „O, ich habe nichts; ich weine nicht,“ antwor⸗ tete Cöleſtine, indem ſie ſich die Augen abtrocknete; „aber ſo ſprechen Sie doch! Wollen Sie mich den umbringen?“ „Die Sache, worauf ich ganz unwillkürlich an⸗ geſpielt, fällt in die Zeit vor Ihrer Heirath, was die Sünde als weit verzeihlicher erſcheinen läßt. Ich erinnere mich noch, wie Francis ſelbſt mir ge⸗ rade an dem Tage davon ſprach, wo er im Hauſe Ihres Vaters eintraf, um mir als Zeuge zu dienen.“ „Weiter, weiter!“ rief die junge Frau vor Auf⸗ regung keuchend. „Wie es ſcheint, ſo hatte er einige Zeit zuvor auf einem Maskenball ein allerliebſtes Frauenzim⸗ mer getroffen, wenn ich dem Porträt, das er mir von ihr entworfen, Glauben ſchenken darf.“ „Auf dem Maskenball, ſagen Sie?“ „Ja, in der großen Oper.“ „Und, dieſes Frauenzimmer. wie heißt es?“ 106 „Das kann ich Ihnen nicht ſagen; ihm ſelbſt war ihr Name damals noch unbekannt. Was er mir davon geſagt hat, beſchränkt ſich auf Nach⸗ ſtehendes: es waren zwei Frauenzimmer in einer Loge der dritten Galerie; die eine trug über ihrem Handſchuh einen Ring; die andere hatte eine Roſe — eine gelbe Roſe in der Hand.“ Ein elektriſcher Sprung hob Cöleſtinen in die Höhe; alsbald aber ſank ſie in ihren Armſeſſel zu⸗ rück, wo ſie bewegungs⸗ und bewußtlos blieb. „Ein Freund von Francis, der zufällig in die gleiche Loge trat demaskirte in roher Weiſe den Domino mit der gelben Roſe, und da gewahrte Ihr Mann ein ſo bezauberndes Geſichtchen, daß es ihm an Ausdrücken mangelte, um mir es zu beſchreiben!“ „Er fand die Dame hübſch?“ fragte die junge Frau mit gebrochener Stimme. „Hübſch! Allerliebſt! Bezaubernd! Hinreißend ſchön! Anbetungswürdig!!! Sie hätten ihn nur hören ſollen. Kurz, da Sie durchaus Alles wiſſen wollen, ſo muß ich Ihnen auch ſagen, daß er ſich in ſie verliebte, dergeſtalt in ſie verliebte, daß er ſich Tags darauf mit ſeinem Freunde ſchlug, um ihn dafür zu ſtrafen, daß er dieſes unvergleichliche Frauenzimmer, daß er dieſen Phönix beleidigt hatte. „Er fand ſie hübſch. und liebte ſie.. auf der Stelle... und hat ſich um ihretwillen geſchlagen...„ ſtammelte Cöleſtine, das Geſicht in Thränen gebadet, während ein himmli⸗ ſches Lächeln ihre Lippen halb geöffnet hielt. Plötzlich erfaßte ſie Teiſſier's beide Hände, drückte — N W 107 ſie ihm mit krampfhafter Energie und begleitete dieſe Geſte mit den Worten: „Sehen Sie, ich gäbe Ihnen mein Leben, wenn Sie es von mir verlangten, und dennoch wäre da⸗ mit das Glück, das ich Ihnen verdanke, nur un⸗ vollkommen bezahlt.“ Ariſtides glaubte, ſie ſei von Sinnen, und rückte mit ſeinem Armſeſſel zurück. In dem gleichen Augenblicke ging die Thüre auf, und als Francis die Aufregung der beiden Sprechenden gewahrte, blieb er erbleichend auf der Schwelle ſtehen, da er ſich das Opfer ſeiner Probe glaubte. Beim Geräuſch der ſich öffnenden Thüre ſtand Cöleſtine auf, doch fühlte ſie, wie die Knie unter ihr wichen; endlich nahm ſie alle ihre Kräfte zu⸗ ſammen, flog auf ihren Mann zu, umklammerte jei⸗ nen Hals mit beiden Armen und drückte ihn bis zum Erſticken. „Du Lügner, du Heuchler!“ ſprach ſie, jede Sylbe durch einen Kuß unterbrechend;„ah! du ſpielſt Co⸗ mödie, du findeſt es unter deiner Würde, dein Herz einem ſo jungen Weſen, wie ich bin, aufzuſchließen. Da ſehe man den kalten und verſtändigen Mann, der da glaubt, er könne ſeine Frau allzu fehr lieben, und für eine elende kleine Maske ſich zu ſchlagen keinen Anſtand nimmt!“ Bei Dramond's Anblick hatte Teiſſier nach ſei⸗ nem Hut gegriffen, wie Liebhaber zu thun pflegen, welche von einem Ehemann ſich überraſcht ſehen⸗ Die unerwartete Wendung, welche die eheliche Er⸗ 108 klärung nahm, bewies ihm, daß ſeine Anweſenheit und ſogar ſeine Beſuche völlig überflüſſig wurden. Beſchämt, wie der Fuchs in der Fabel, ſchlich er ſich ſtill an die Thüre und verſchwand, ohne daß ſein Weggehen bemerkt worden war. „Man hat dir alſo meine Jugendſtreiche erzählt!“ fragte Francis, der ſeinerſeits die Schultern ſeiner Fa mit einem liebkoſenden Arme unſchlungen hatte. „Jugendſtreiche!“ wiederholte Cöleſtine und ſchmollte dabei wunderlieblich;„weißt du auch, was Jugendſtreiche ſind? dein Verſtand. Haben wir nicht noch Zeit genug, ernſte Philiſter zu ſein? Aber ich weiß nun Alles, und willſt du wieder einmal mich täuſchen, böſer Mann, der du biſt, ſo ſage ich dir im Voraus, daß ich dir nicht mehr glaube; denn nun weiß ich, daß du weder kalt, noch ernſt, noch weiſe biſt; im Gegentheil, du haſt einen Kopf, der um kein Haar beſſer iſt als der meinige: hörſt du? So! du ſchlägſt dich im Duell? auch ich hätte mich geſchlagen, wenn ich ein Mann geweſen wäre! Thun aber darfſt du es nicht mehr, ich verbiete dir es ein für allemal: dieß Mal verzeihe ich dir noch, weil es um meinetwillen geſchehen iſt, ja, um mei⸗ netwillen; und doch glaubte ich, ich Undankbare, du liebteſt mich nicht; aber, nicht wahr, du liebſt mich?“ „Haſt du je daran gezweifelt?“ „O, wenn du wüßteſt, wie weh mir das gethan! Stelle mich doch ja nicht mehr auf eine ſolche Probe, ich bitte dich flehentlich. Warum ſcheuſt du —— 109 dich, mir deine Liebe zu zeigen? fürchteſt du denn, mich allzuſtolz zu machen? „Nein, aber du biſt ſo gar nicht vernünftig! Was wird aus uns werden, wenn ich nicht ſo ge⸗ ſetzt bin, daß es für mich und dich reicht?“ „Höre, wir wollen theilen. Sei du etwas mehr Kind, dann will ich es ein bischen weniger ſein. Geh', du kannſt ruhig ſein: iſt mein Herz auch noch ſehr jung, ſo habe ich doch, wenn ich will, einen guten alten Kopf.“— Und um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen, berührte Cöleſtine ihre elfen⸗ beinweiße und elfenbeinglatte Stirn mit dem Fin⸗ ger.—„So! ich habe dir alſo gleich gefallen? Und ich hatte dich nicht wieder erkannt! Du warſt ſo drollig mit deiner häßlichen Naſe. Wie wird Hortenſie nicht lachen, wenn ſie alles dieß erfährt! Und du haſt dich, du armer Engel, um meinetwillen geſchlagen; aber nicht wahr, du thuſt das nicht mehr? Sieh, es würde mir das Leben koſten, wenn du bleſſirt würdeſt. Und dann mußt du auch wiſſen, daß ich eiferſüchtig, ja ſchrecklich eiferſüchtig bin! Erſt vor einer Weile habe ich dieſen neuen Fehler an mir entdeckt. Aber ſo hindere mich doch, weiter zu ſprechen. Schließ mir doch mit deiner Hand den Mund. Sieh', ich liebe dich ſo unendlich, daß ich von Sinnen käme, wenn ich dir es noch oft ſagen müßte.“ Francis drückte ſie an ſein Herz, und wonne⸗ trunken ließ ſie ihn gewähren; auch ſchloß er ihr in der That den Mund, jedoch nicht mit der Hand. Der Banm der Erkenntniß. I. Gegen Ende des Carnevals von 1835 belagerte eine lange Reihe zum größten Theil mit prächtigen adeligen Wappen geſchmückter Wagen den Eingang eines der anſehnlichſten Hotels der Univerſitäts⸗ ſtraße zu Paris. Die Thüren dieſer ariſtokratiſchen Wohnung waren geöffnet, die Fenſter dagegen ge⸗ ſchloſſen, wenn gleich der geſunde Menſchenverſtand das Gegentheil verlangt hätte; denn da drinnen die Luft in demſelben Maaße abnahm, als die Zahl der geladenen Gäſte ſich vermehrte, ſo war die ganze Geſellſchaft in augenſcheinlichſter Gefahr, ihren Tod durch Erſticken zu finden. Indeſſen ertrugen, mit Aus⸗ nahme einer ſchon im Veſtibül asphyxirten Englän⸗ derin— die zarte Conſtitution der Töchter Albions iſt zum Sprichwort geworden,— die Patienten der Mode, Männer wie Frauen, insbeſondere aber die letzteren mit wahrhaft ſtaunenswerthem Muth dieſe Rout⸗ Atmoſphäre, die ſelbſt einem Neger unleidlich ge⸗ weſen wäre. Die Geſcheideſten ſuchten ihrem Ver⸗ gnügen die beſtmögliche Seite abzugewinnen. Und ſo kam es denn, daß in einer Ecke des erſten Sa⸗ lons, zur Rechten der Thüre, mehrere Männer gegen den bald vordringenden, bald ſtationären Strom der Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 114 zuletzt Gekommenen Schutz geſucht hatten, und wahr⸗ lich es wälzte dieſer prächtige Strom ächtere Gold⸗ und Diamantenmaſſen als der vielgerühmte Tajo. Dieſe Gruppe beſtand aus vier Männern von fünf⸗ undzwanzig bis vierzig Jahren, und es verrieth ſich die geſellſchaftliche Unabhängigkeit derſelben durch mehrere Symptome, die für den Beobachter ziemlich untrüglich ſind. Gleichgültig gegen die vom Herrn des Hauſes entfaltete Pracht, ſchienen ſie gar we⸗ nig Luſt zu haben, im Appartement weiter vorzu⸗ dringen, hierin ganz verſchieden von den Provinzia⸗ len, die mit einem Feſte nie zufrieden ſind, wenn ſie nicht ihre Naſe bis in die Toilettenzimmer hineinſtecken können. Ohne ſich mit ihren Nachbarn zu beſchäf⸗ tigen, plauderten ſie unter ſich, kamen Niemand zu⸗ vor, hörten mit gleichgültiger Zerſtreutheit die ſchönſten Namen Frankreichs vom Kammerdiener anmelden und wandten weder einem Herzog noch einem Geſandten zu liebe den Kopf um; nur zu Gunſten von Frauen, welche in der Welt der Mode einen ausgezeichneten Rang einnahmen, geruhten ſie hie und da eine Ausnahme zu machen; doch verbeſſerte faſt alsbald wieder irgend eine ſatyriſche Bemerkung ſolche Herablaſſung, damit man dieſelbe ja nicht einer philiſtröſen Neugierde oder einem ſchülerhaften Eifer zuſchreiben möchte. Drei dieſer Löwen— dieſen Namen verdienten ſie wirklich— ſtanden vor dem vierten, der ſich eines Lehnſeſſels bemächtigt hatte, worin er mit gekreuzten Beinen und nachläſſig verſchlungenen Armen ſaß. Sein Kopf ſtützte ſich gegen ein Fenſter, deſſen rothdamaſtene Vorhänge ihm als pitoreske — c S.—— ten mit nen ter, ske Rahme diente. Dieſer vierte und bemerkenswertheſte Löwe war ein Mann von etlichen Vierzigen, der auf den erſten Blick etwas jünger, auf den zweiten aber etwas älter ſchien, wie das bei Leuten, die zur feinen Welt zählen, häufig vorkommt. Er war groß, von ſehr ſchönem Geſicht und von ſo ſchlanker Taille, daß ein Schneider, der ihn ſtudirt hätte, die Eriſtenz eines Corſetts vermuthet haben würde, um eine im Entſtehen begriffene Beleibtheit in“den Schranken der Eleganz zu halten. Mit ausgeſuch⸗ ter Einfachheit gekleidet— der einzige Luxus, den das moderne Coſtüm verträgt,— ſah er vornehm, reich und geiſtreich zugleich aus: drei Eigenſchaften, die ſich ſelten beiſammen finden. Auf der Straße verzieh ihm das Volk ſeine gelben Handſchuhe zu Gunſten ſeines guten Ausſehens; in einem Salon fanden die Damen ihn diſtinguirt; kurz, ſo groß war der Zauber ſeiner glücklichen Phyſiognomie, daß man verſucht war, dem Herd einer wirklich un⸗ gewöhnlichen Seele das intelligente Feuer ſeines Blickes zuzuſchreiben, und vielleicht hätte Diogenes bei ſeinem Anblicke gedacht, daß er endlich ſeinen Menſchen gefunden, und ſomit auch ſeine Laterne ausgelöſcht. In dieſem Augenblicke bildete dieſer von der Natur ſo begünſtigte Mann das Thema der Unter⸗ haltung. Er nahm die ſpöttiſchen Reden ſeiner Freunde mit dem nachſichtigen Lächeln eines Men⸗ ſchen auf, der ſeiner Würde ſicher genug iſt, um über ſich ſpotten zu laſſen, und der die Ueberzeu⸗ gung in ſich trägt, daß er, um jeder Vertraulichkeit Einhalt zu thun, die etwa nicht am Plahe wäre, 8* 116 gleich einem Ludwig XV. nur zu ſagen braucht: Still, ſtill meine Herren; da kommt der König! „Da wir nun ein Mal an Choiſy ſind,“ ſprach einer der Gegenredner,„ſo will ich euch das Er⸗ ſtaunlichſte, das Unerhörteſte, das Außerordentlichſte, das Unglaublichſte.... 4 „Wir alle haben die Briefe der Frau von Sévigné geleſen,“ unterbrach der königliche Löwe; „zur Sache alſo!“ „Hören Sie alſo, meine Herren,“ hob der Jüng⸗ ling wieder an, der, nach dem damals geltenden faſhionablen Idiom, in Anbetracht ſeines Alters nur auf den Titel eines jungen Löwen Anſpruch machen konnte:„heute Morgen bin ich bei Tortoni, vorübergegangen, und was habe ich da ſehen müſſen! Noch jetzt graust es mir, wenn ich daran denke! Ich habe da geſehen, wie Rebecca, die Lieblingsſtute unſeres Freundes Choiſy, wie Rebecca, die Tochter Rainbow's und Aleſia's, geritten wurde, von wem glauben Sie wohl? Ich wette tauſend gegen eins, daß Sie es nie errathen werden.“ „Da haben Sie wohl falſch geſehen, Marcenay,“ antwortete ein ziemlich hübſcher junger Mann, der das ſchwarze Band des Malteſer⸗Ordens im Knopf⸗ loch trug:„bei Choiſy iſt es Prinzip, ſeine Pferde keinem Menſchen zu leihen.“ „Wohlan!“ hob der Erzähler wieder an,„auf der armen Rebecca ſaß ein mir unbekanntes, zwei⸗ beiniges Thier, das in gerader Linie von Goliath abſtammen muß— eine Art Regimentstambour, deſſen Füße mit den Hufen der Stute fraterniſirten, während ſein Kopf die Boulevard⸗Laternen bedrohte. rde ei⸗ ath ur, ten, hte. — 117 ² Und wie die Länge, ſo die Breite! Ohne Zweifel wurde das Volk, das die beiden ſah, unwillkürlich an die Lafontaine'ſche Fabel erinnert; denn Alles ſagte einſtimmig: Das arme Thier! Und in der That war es, wenn der Himmel hätte gerecht ſein wollen, am Reiter, das Pferd zu tragen.“ „Iſt das wahr, Choiſy?“ ſprach ein kleiner, blonder, ſchmächtiger Mann, der noch nicht das Wort genommen hatte.„Du haſt mir Rebecca abgeſchlagen, als ich mit dir nach Chantilly gehen wollte; und darf man Marcenay glauben, ſo läſſeſt du ſie von einem Elephanten zuſammenſchinden.“ „Das Wort iſt richtig, wenn auch nicht eben elegant,“ lächelte der Vicomte von Choiſy;„es iſt Rebecca in einem ſo jämmerlichen Zuſtande wieder heimgekommen, daß Piſtol aus purer Verzweiflung ſich in der Kneipe einen Rauſch geholt hat. In dieſem Augenblicke liegt die Stute halbtodt auf der Streu und iſt der Jockey tonnenvoll.“ „Wie nennen Sie den Patagonier, der Ihnen einen ſolchen Streich geſpielt hat?“ fragte der junge Marcenay. „Sein Name iſt Herr von Beaupré. Es iſt einer meiner Nachbarn in Nivernais. Seit den ſechs Wochen, daß er zu Paris iſt, iſt dieß nun das dritte Pferd, das er mir ſo zurichtet. Orſon hinkt und Wallace hat zwei kahle Knie.“ „Beaupré!“ hob der blonde junge Mann wie⸗ der an;„durch dieſen Namen werde ich an eine weitere Geſchichte erinnert. Vergangenen Montag jagten Randeuil, dü Bellay, einige Andere und ich in Choiſy's Wald. Nach vollen vier Stunden hatten 118 wir nicht einmal die Spur eines Haſen oder eines Kaninchens erblickt. Wir beklagten uns über dieſe ganz ungewöhnliche Armuth an Wild.— Das darf Sie nicht verwundern, meine Herren, ſprach der Waldſchütz, um uns zu tröſten; ſeitdem der Herr Vicomte einem großen dicken Herrn von Beaupré Erlaubniß gegeben hat, hier zu jagen, iſt es ſchlech⸗ terdings unmöglich geworden, im Walde einen Schuß zu thun! Es vergeht faſt kein Tag, daß dieſer Herr nicht hier jagt, und ſo oft er jagt, nimmt er ſo viel Wildpret mit, daß ſein Cabriolet davon ganz voll iſt; denn er ſchießt Alles unbarmherzig nieder und nimmt es dann fort.— Sollte dieſer Nimrod nicht der Goliath ſein, von dem Marcenay ſpricht?“ „Er ſelbſt,“ antwortete der Vicomte. „Und du erlaubſt ihm, deine Wälder zu entvöl⸗ kern, du, der du vorige Woche noch den Herzog von Boisbriant nicht haſt dort jagen laſſen wollen — worüber er ſich, unter uns geſagt, bitter beklagt!“ „Meinetwegen! Was Herrn von Beaupré be⸗ trifft, ſo iſt es nur die Wahrheit, wenn geſagt wird, teh er meine Haſen und Kaninchen wegſchießen arf.“ „Und wie es ſcheint, ſo darf er dir auch deine Pferde umbringen,“ bemerkte der Malteſerritter. „Ein ſolches Benehmen muß irgend einen ge⸗ heimen Beweggrund bergen. Hätteſt du Schulden, ſo würde ich glauben, es ſei dein Herr von Beau⸗ pré ein Gläubiger, deſſen Herz du erweichen wolleſt.“ „Wäreſt du ehrgeizig,“ ſprach der Blonde mit den ſchmächtigen Formen,„ſo würde ich glauben, du macheſt irgend einem Wohlfabrikanten den Hof.“ —. nes ieſe arf der err pré ech⸗ huß err ſo anz der rod t?“ öl⸗ z0g len t!“ be⸗ rd, en ine — 119 „Und ich,“ ſagte ſeinerſeits der jüngſte der vier Löwen,„wette, daß der Mann, worüber Rebecca, Orſon und Wallace ſich zu beklagen haben, ganz einfach mit einer hübſchen Frau geſegnet iſt, in welchem Falle ich Choiſy für meine Perſon die Ab⸗ ſolution gebe.“ „Nicht übel, Marcenay,“ gab der Vicomte zu⸗ rück.„Sie wären der Wahrheit näher als dieſe Herren, wenn Herr von Beaupré nicht unglücklicher Weiſe ſchon ſeit fünfzehn Jahren Wittwer wäre.“ „Nun genug von dem Beaupré,“ ſprach der Malteſerritter;„ich habe noch eine andere Beſchwerde gegen Choiſy, und will euch zu Richtern in der Sache machen. Geſtern— die Geſchichte iſt noch nicht alt— ladet er mich zum Eſſen ein.“ „Bis jetzt ein verzeihlicher Fehler,“ bemerkte Marcenay. „Ja wohl, wenn wir entweder nur zu zweien, oder aber wenn wir zu vieren geweſen wären. Wiſſen Sie aber meine Herren, wen ich als dritten und letzten Gaſt getroffen? Einen Seminariſten, der eben aus dem St. Sulpicekloſter herausgekom⸗ men iſt, der die Augen nie von ſeinem Leller auf⸗ ſchlug, der bei jedem Worte erröthete, und dem zu liebe wir, da es geſtern Freitag war, drei rechten Kirchenvätern gleich, nichts als Faſtenſpeiſen genoſ⸗ ſen haben: ja von der Steinbutte bis zum Spinat war Alles Faſtenſpeiſe.“ „Du haſt mein Diner ſchlecht gefunden?“ fragte Choiſy. „Den Jeſuiten habe ich ſchlecht gefunden; ich wußte nicht, was er vor ſich hinmurmelte, als er ſich 120 an den Tiſch ſetzte, nun aber unterliegt es mir keinem Zweifel mehr, daß es ſein Benedicite war.“ „Für's Erſte muß ich dir bemerken,“ verſetzte der Vicomte,„daß zwiſchen einem Jeſuiten und einem Malteſerritter von Rechtswegen der Unter⸗ ſchied ſo groß eben nicht ſein ſollte; für's Zweite iſt Herr von Lüscourt ſo wenig ein Seminariſt als du. Er iſt ein junger Mann von gutem Hauſe, der, Dank ſeiner Mutter, eine Erziehung erhalten, welche eben ſo religiös iſt, als die unſrige es nicht iſt. Darum brauchſt du dich nicht über ihn luſtig zu machen. Und zudem verrathen Witzeleien à là Voltaire einen gar üblen Geſchmack.“ „Sie ſprechen, mein Lieber,“ ſagte Marcenay ſeinerſeits,„ſo erbaulich, daß ich mich wohl kaum täuſche, wenn ich glaube, Sie werden an einem ſchönen Tage ſich in die ſchwarze Kutte ſtecken und den zweiten Band von Bruder Ange de Joyeuſe geben.“ „Bis Choiſy ſich in die Kutte wirft, nützt er ſeine Zeit, um das Boſtonſpiel zu lernen,“ unter⸗ brach das hagere Männchen;„in der letzten Soiree der Frau von Candeille hat man ſehen können, wie er in der ernſteſten Weiſe von der Welt einer un⸗ bekannten alten Dame als Partner diente. Allge⸗ mein wurde die Unbekannte Gräfin von Escarbag⸗ nas getauft, in Rückſicht auf die lächerlichſte Toilette, die je die Leute von Brives⸗la⸗Gaillarde oder von Caſtelnaudary in Entzücken verſetzen konnte.“ Hier ſingen die vier Freunde an zu lachen, Choiſy ſo gut wie die übrigen. „Jetzt, ſprach er, als dieſer Ausbruch von Hei⸗ 121 terkeit vorüber war,„will ich ſämmtliche mehr oder minder ſcharfe Pfeile, die auf mich abgeſchoſſen te worden, zu einem Bund vereinigen. So vernehmet d denn, daß die Gräfin von Escarbagnas, von der r⸗ Bertier eben geſprochen, in Wahrheit Marquiſe von iſt Gardagne heißt; ſie iſt die Mutter des tugendhaften ls V. von Lüscourt, mit dem Villaret geſtern bei mir e, dinirt hat, und endlich iſt dieſer ſelbe Lüscourt der Schwiegerſohn des Herrn von Beaupré, der bei ht meinen Reitknechten und meinen Waldſchützen in ſo ig verdienten Ehren ſteht; ihr ſeid drei Burſche von Geiſt: rathet alſo.“ „Was ſollen wir rathen?“ fragte Herr von y Bertier. m Statt aller Antwort zuckte der Vicomte die Ach⸗ m ſeln und befragte zugleich das Geſicht der beiden id andern. ſe„Wohl iſt mir klar, daß du ein Verführungs⸗ complott organiſirt haſt wider dieſe ganze vorſünd⸗ er fluthliche Familie,“ ſprach der Malteſerritter;„aber r⸗ zu welchem Zweck? Ich geſtehe in aller Demuth, ee daß ich in dieſer Hinſicht eben ſo viel weiß als ie Bertier.“ ⸗„Und Sie, Marcenay?“ fragte der Fürſt der e⸗ Mode, zu dem jungen Löwen ſich wendend, den wir 3⸗ füglich mit dem Namen eines Aſpiranten bezeichnen e, können. n Bei dieſer an ſeinen Scharfſinn ergehenden Ap⸗ pellation beſann ſich der Jüngling einen Augenblick. n,„Iſt in dieſer Familie nicht eine vierte Perſon, von der noch nicht die Rede geweſen?“ ſprach er nach einer Weile mit einem intelligenten Lächeln. 122 „Marcenay, ich ſage Ihnen, Sie machen in der Welt Ihr Glück!“ gab Choiſy zurück, ſeinerſeits lächelnd;„Ihr beiden älteren Freunde hier aber ſollten billig erröthen. Ja, liebe Freunde, es iſt noch eine vierte Perſon vorhanden, die, ich ſchwöre es Ihnen, keineswegs zu den vorſündfluthlichen Ge⸗ ſchöpfen gehört.“ In dieſem Augenblick beherrſchte die Stimme des an der Thüre aufgeſtellten Domeſtiken das wirre Gemurmel der Geſellſchaft, und hinter einander er⸗ tönten zwei Namen. „Die Frau Marquiſe von Gardagne.“ „Die Frau Gräfin von Lüscourt.“ Eine und dieſelbe Bewegung der Neugierde war Schuld, daß die Freunde des Vicomte ſich umdreh⸗ ten; er ſelbſt ſtand auf, und ſämmtliche vier Löwen ließen die Augen auf der Salonthüre haften. II. Die erſte Perſon, die unter der Thüre erſchien, war ein wohlbeleibter Greis mit jovialem Lächeln. Sein halbkahles und halbgraues Haupt ragte um volle ſechs Zoll über alle übrigen hinaus, wie in der Ilias die Stirn des Ajax. Die maſſenhafte Kraft, womit die Natur ihn begabt, nützend, durch⸗ ſchritt er die Menge in gerader Linie, ohne irgend welchen Widerſtand zu erfahren, da es eben ſo un⸗ klug geweſen wäre, ihm den Weg zu verlegen, als einem in wüthendem Galopp dahinraſenden Pferde entgegen zu treten. Dieſe wandelnde Baſtion führte 123 in galanter Weiſe eine alte Dame, die in einer blättergrauen Robe mit Litzen ſtak und eine jener Toquen zum Kopfſchmuck hatte, wie adelige Witt⸗ wen ſie hie und da zu tragen lieben, und welche ein Werk von Macbeth's Hexen zu ſein ſcheinen: ſo unmöglich iſt es, ihnen einen beſtimmten Namen zu geben. Unter dem ſchwarzſammtenen, capriziös um⸗ gebogenen und mit einigen ſeltenen röthlichen Federn geſchmückten Schirm unterſchied man zwei ungemein lebhafte Augen, eine Naſe, die wie die Papa Aubry's dem Grabe zuſtrebte, Haare, deren ſilbergraue Locken jede lügneriſche Verjüngung verſchmäht hatten, mit einem Wort: ein Geſicht, wo die Schönheit nicht mehr wohnte, wo aber der Geiſt geblieben war. Hinter dieſem Paare ſchritt ein anderes einher, das nicht minder bemerkenswerth war, wenn auch in durchaus verſchiedener Weiſe. Ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, von einer Ge⸗ ſichtsbildung die diſtinguirt zu nennen war, deren Ausdruck aber etwas friedſam Gemüthliches, ja faſt Frömmelndes hatte, gab einer der reizendſten Frauen, die bis daher in den Salon getreten waren, den Arm. Wollte man ſie malen, ſo wäre es vielleicht erlaubt, von den Romantikern der alten Schule, ihre ſchmeich⸗ leriſche Palette zu entlehnen, wo Weiß und Roſa⸗ roth, Ebenholzſchwarz und goldenes Blond, Hoch⸗ roth und Himmelblau allein ſich vorfanden. Von unſerer Heldin ſprechend, hätten wir, wie ſie an unſerer Stelle gewiß nicht ermangelt hätten zu thun, ein Recht zu ſagen: ihre Augen waren zwei mit einem doppelten Bogen von Gagat gekrönte Dia⸗ manten; ihre Haare, die mit einem breiten und 124 glänzenden Bandeau ihre Stirn einrahmten, ſchienen zwei auf eine Alabaſtervaſe ſymmetriſch geheftete Rabenflügel: auf ihren Wangen führte die Lilie mit der Roſe einen Krieg, der die Intervention des Kuſſes herbeirief; geſchloſſen, war ihr Mund ein Rubin; geöffnet, wurde er eine Perle u. ſ. w. u.ſ. w. Um es kurz zu machen, wollen wir, nachdem wir den Dorat'ſchen Pinſel wieder in ſein biſamriechen⸗ des Etui gethan, ſagen, es ſei die junge Frau, worauf die Aufmerkſamkeit von Choiſy's Freunden ſich concentrirt hatte, im Ganzen genommen eine der reizendſten Brünetten geweſen, die man ſich irgend denken konnte, wozu dann noch kommt, daß eine blendende Robe von kirſchrothem Sammt ihren ebenſo impoſanten als geſchmeidigen Leib in theat⸗ raliſcher Weiſe hervorhob; und wären die Dia⸗ manten, womit ſie bedeckt war, auf ihrem Haupte zu einer Krone vereinigt geweſen, ſo hätte ſicherlich Niemand dieſe Caprice kritiſirt: ſo viel Königliches lag ſchon auf ihrer jungen und allerliebſten Stirn. So ſchön und ſtolz, ſchritt ſie mit ſo freier und ſicherer Grazie einher, daß ihr ſchüchterner Cavalier ihr den Arm zu geben ſchien, anſtatt ſie zu führen. „Nun!“ ſprach der Vicomte Choiſy, ſich zu ſeinen Freunden wendend, während ein Lächeln ſich auf ſeine Lippen lagerte. „Sehr hübſch, meiner Treu!“ antwortete Ber⸗ tier;„aber Anzug von ſchlechtem Geſchmack, Kopf zu hoch, nimmt zu viel Platz ein; finde, daß ſie etwas von ihrem Papa, unſerem vielgerühmten Regimentstambour, hat.“ „Eben das gefällt mir an ihr,“ ſprach ſeiner⸗ —— w MN 125 ſeits der Malteſerritter;„ſie iſt höchſtens zwanzig, daß ſie eine Provinzialin iſt, erſieht man ſchon aus dieſer wunderbaren rothen Robe, ſowie aus dieſen Familiendiamanten, deren Faſſung in die Zeiten, Ludwigs XVI. zurück fällt; allein trotz alle und alle⸗ dem iſt ihre Erſcheinung eine wirklich ſüperbe; ich habe, meiner Seele! geglaubt, es trete die Königin von Saba herein, um den König Salomo zu be⸗ grüßen.“ „Hätte ſie nicht ſo viel Farbe, ſo würde ich ſie für untadelhaft erklären,“ bemerkte Marcenay, der, als ächter Seide der Mode, für den Augenblick dem Cult der blaſſen Damen ſich ergeben hatte. Was den Vicomte von Choiſy betrifft, ſo be⸗ trachtete er ſeine drei Freunde mit einer Miene voll ſpöttiſcher Ueberlegenheit. „Ihr alle habet Recht,“ ſprach er ſodann;„ſie kleidet ſich ſchlecht, ſie geht ſchlecht, ſie hat noch viele andere Fehler, die auf den erſten Blick ſich nicht entdecken laſſen. Sie muß erſt erzogen werden, aber es wird dieß ſchon geſchehen.“ „Und Sie übernehmen das Amt des Erziehers?“ fragte Marcenay.„Empfangen Sie meine Glück⸗ wünſche, mein Beſter: ſeien Sie verſichert, daß ich Ihnen dieſes Amt ſtreitig machen würde, wenn ich ſelbſt nicht ſchon anderweitig beſchäftigt wäre. Vor Allem aber, ich bitte Sie, machen Sie ſie bläſſer; nichts ſieht ſo bürgerlich aus wie Roſaroth.“ „Wie weit biſt du ſchon?“ fragte der Malteſer⸗ ritter.„Vor oder nach der Ernte?“ Hier ließ Choiſy eine Art Pfeifen zwiſchen den Lippen hindurch gehen. 126 „Ich möchte dich bei ſolchem Geſchäfte ſehen!“ ſprach er.„Nach der Ernte! daß dich!“ Unterdeſſen hatte der allmächtige Bauch des Herrn von Beaupré ſich ſiegreich einen Weg zu bahnen gewußt, ſo daß die Marquiſe von Gardagne und deren Schwiegertochter in der Tiefe des zweiten Salons angekommen waren, wo ſie neben einander Platz nahmen. Was Herrn von Lüscourt betrifft, ſo ſtellte er ſich hinter dem Stuhle ſeiner Frau auf, mit welcher er durch ein unſichtbares Tau verbun⸗ den zu ſein ſchien— eine Dienſtbefliſſenheit, welche allgemein der Eiferſucht zugeſchrieben wurde, in Wahrheit aber ihren Grund in der Schüchternheit des jungen Gatten hatte. Seinerſeits fing Herr von Beaupré, getrieben von jenem Locomotionsbe⸗ dürfniß, das alle fettleibigen Perſonen quält, eine Wanderung durch das Appartement an, um be⸗ kannte Geſichter zu ſuchen, wobei er die gedräng⸗ teſten Gruppen öffnete, ohne ſich um die von ihm beſchädigten ſammtenen Weſten, noch um die lakir⸗ ten Schuhe zu kümmern, auf die er mit ſeinen Ele⸗ phantenfüßen trat. Eine der erſten Perſonen, die ihm auf dieſem ſeinem Forſchungszuge aufſtießen, war der Vicomte von Choiſy, den er alsbald har⸗ punirte, indem er ihn an einem ſeiner Rockknöpfe packte. „Mein Lieber, ich muß Ihnen danken,“ hob er im tiefſten Contrebaß an, der ein zartes Dämchen zur Verzweiflung gebracht hätte;„Ihnen allein habe ich es zu verdanken, daß ich einen allerliebſten Spazierritt gemacht. Ich will Ihnen kein Comp⸗ liment machen, aber ſo viel ſteht ſeſt, daß Rebecca 127 eines der angenehmſten Thiere iſt, die ich ſeit lan⸗ ger Zeit geritten. Indeſſen habe ich ſo meine Zweifel, ob auch das Thier mit mir gleich zufrie⸗ den iſt; ich glaube, ich habe es ein bischen er⸗ müdet.“ „Nun, es wird ſchon wieder ausruhen,“ erwi⸗ derte der Vicomte mit einem bitterſüßen Lächeln. „Ah, daß ich's nicht vergeſſe!“ fuhr der Greis fort;„als ich Rebecca in den Stall geführt, habe ich da ein Pferd gefunden, das ich noch nicht ge⸗ ſehen habe. Ein ſüperbes Thier, meiner Treu! ein Rothbraun mit kurzem Schwanz und normänniſchem Kopf; ſo liebe ich es. Eure Engländer mit ihrem horizontalen Hals ſehen nicht anders aus als Stan⸗ gen, worauf man Wäſche aufhängt. Der Kopf des Pſerdes muß den Reiter decken; bei der Armee hat das ſeinen Vortheil. Wie heißt Ihr Rothbraun?“ „Mario,“ antwortete der Vicomte, einen Seuf⸗ zer unterdrückend. „Nun, wenn Sie es erlauben, ſo mache ich morgen mit Mario Bekanntſchaft— das heißt, wenn. Sie nichts dawider haben.“ „Sie wiſſen wohl, daß mein ganzer Stall Ihnen zu Gebot ſteht,“ gab Choiſy zurück, der ſich nicht enthalten konnte, bei ſich ſelbſt zu ſagen:„Es iſt nun einmal nicht anders zu machen. Meine armen Pferde gehen noch alle drauf. Ich verdiente es wahrhaftig, daß man mich aus dem Jockey⸗Club ausſtößt: dieſe kleine Provinzialinn hat mich alſo verhext!“ „Haben Sie ſchon unſere Damen begrüßt?“ fragte Herr von Beaupré. 128 „Ich ſuchte ſie.“ „Sie werden ſie am andern Ende des Salons finden. Machen Sie doch, daß mein Schwiegerſohn ſein ſteifes Weſen ein bischen ablegt, und daß er etwas lebendiger wird. Der Camerad bringt mich zur Verzweiflung mit ſeinen chriſtlichen Tugenden und ſeiner Quäkermiene. Wo wird Bouillotte ge⸗ ſpielt?“ „In dieſem Zimmer zur Rechten.“ „Geſtern habe ich bei Lepage eine Flinte geſe⸗ hen! Wenn ich nur noch eine fünfhundert Franken⸗ note gewänne, um ſie auf das, was ich dafür aus⸗ geben kann, zu legen! Dann würden Ihre Haſen und Kaninchen Ihnen morgen von Wundern ſagen.“ Als der Vicomte endlich wieder allein war, war es ſein Erſtes, den Aufſchlag ſeines Fracks glatt zu ſtreichen, den die Hand des fettleibigen Edelmanns ſchmählich zugerichtet hatte. Beiläufig gefagt, hatte der adelige Regimentstambour unter andern liebens⸗ würdigen Gewohnheiten auch die, daß er ſeine Ge⸗ genredner am Rockkragen faßte. Dann durchſchritt er den Salon, blieb aber unterwegs ſtehen, als er die rechts von ihrer Schwiegermutter und links von ihrem Gatten flankirte Frau von Lüscourt ge⸗ wahrte. So ſanft und harmlos der letztere aus⸗ ſah, ſo verglich Choiſy ihn doch im Geiſte mit dem Drachen des Hesperidengartens; was die alte Mar⸗ guiſe betrifft, ſo hatte er für ſie ſchon längſt das Wörterbuch der Verwünſchungen erſchöpft, deren Gegenſtand eine unbequeme Duena ſein kann. t Der vierzigjährige Damenjäger war, ſagen wir, ſtehen geblieben: auf ſeiner Stirn lag tiefes Nach⸗ N ns hn er ich den ge⸗ ſe⸗ en⸗ ſen 1. ur zu tte S⸗ e⸗ itt on e⸗ ⸗ m r⸗ as en r h⸗ 129 denken ausgedruͤckt, und ſeine Unterlippe war zwi⸗ ſchen die beiden Zahnreihen eingekniffen. Es war nämlich die Gräfin von Agoſt, bei der die Soiree Statt fand, vor ihm ſtehen geblieben und hatte, ihm jenes vertrauliche Lächeln zuwerfend, womit noch junge Frauen faſhionable Männer gern begünſtigen, zu ihm geſprochen: „Helfen Sie mir doch über eine Verlegenheit hinüber, Sie ſind der Mann, der in ſolchen Nöthen Rath zu ſchaffen weiß; öben iſt die alte Herzogin von Rieux gekommen, und wenn es mir nicht ge⸗ lingt, ihre Partie Boſton zu arrangiren, ſo wirft ſie einen tödtlichen Haß auf mich, und ich ſehe hier nur den Herrn von Martonie, der Luſt hätte ſich zu opfern.“ „Dort, bei dem Divan ſehe ich die Marquiſe von Gardagne, für die eine ſolche Partie ein Ver⸗ gnügen und kein Act der Selbſtaufopferung ſein wird,“ entgegnete der Vicomte raſch. „Und Sie werden der vierte ſein?“ fragte Frau von Agoſt mit etwas ſpöttiſcher Miene;„wie es ſcheint, ſo haben Sie bei Frau von Candeille alle Welt erbaut.“ „Ich bitte Sie inſtändig, ſeien Sie edelmüthig und laſſen Sie mich frei, damit ich die Genüſſe, die Ihre Soiree bietet, recht koſten kann.“ „Ja, aber nur unter der Bedingung, daß Sie einen Stellvertreter für ſich finden,“ ſprach die Gräfin. Choiſy warf einen raſchen Blick umher, gewahrte den jungen Marcenay, der, zwei Schritte von ihm, Bernard, Ausgew. Erzählungen. 1. 9 130 ſich den Schnurrbart ſtreichelte, nahm ihn beim Arme und führte ihn vor die Hauswirthin hin. „Da danken Sie der Frau Gräfin,“ ſprach er dann in feierlichem Tone zu ihm;„ſie hat Sie eben bezeichnet, um der Frau Herzogin von Rieux bei ihrer Partie als Partner zu dienen.“ Der Jüngling verbeugte ſich automatiſch; als er jedoch den Kopf wieder in die Höhe hob, bot ſein Geſicht etwas ſo Verblüfftes dar, daß Frau von Agoſt alle Mühe hatte, ein lautes Lachen, das ſich ihrer bemächtigen wollte, zu bezwingen. 8„Nun, kommen Sie,“ ſprach ſie zu dem gepreß⸗ ten Spieler;„ich will Sie einem Ihrer Partner vorſtellen, den Sie hoffentlich als einen Erſatz für die verwittwete Herzogin betrachten werden.“ Und ohne ihm Zeit zu einem Einwurfe zu laſ⸗ ſen, ging ſie auf Frau von Gardagne zu, der Mar⸗ cenay ſich gezwungen ſah, den Arm anzubieten, um in das Spielzimmer zu treten— ein Geſchäft, das er mit dem Anſtand eines armen Sünders, den man nach dem Galgen führt, verrichtete, nachdem er zuvor ſeinem Freunde Choiſy einen Wuthblick— zugeworfen hatte. 4* Nachdem ſo die Duena beſeitigt war, galt es noch, den eheherrlichen Drachen zu entfernen. Ohne auch nur eine Minute Zeit zu verlieren trat Choiſy zu dem Malteſerritter, der mit der Miene eines Gelangweilten von einem Salon in den andern irrte. „Hör' einmal, du mußt mir jetzt mein geſtriges Diner bezahlen,“ ſprach er, ihn antretend. Villaret ſteckte die Hand in die Taſche. beim eren der in iges 131 „Um zwanzig Franken hätte ich im Café de Paris beſſer dinirt,“ antwortete er lachend;„in⸗ deſſen bekommen wir keinen Streit; was iſt dein Preis?“ „Eine halbſtündige Converſation mit Herrn von Lüscourt.“ „Das iſt theuer. Was zum Henker ſoll ich ihm ſagen, wenn ich nicht vom tridentiniſchen Concilium oder von der pragmatiſchen Sanction reden will?“ „Sprich über das jüngſte Werk des Abbé von Lamennais, oder benütze die Gelegenheit, um dich in die Geſchichte deines Ordens einweihen zu laſſen: in allen jenen Dingen, die zu nichts nütze ſind, thut er es den Erſten gleich.“ „Gut, gut, ich opfere mich; ich habe die Par⸗ tien Billard noch nicht vergeſſen, die du in meinem und ſeiner Frau Intereſſe dem feiſten Darieul ab⸗ gewonnen haſt. Bleib' da; noch ehe drei Minuten um ſind, habe ich den Herrn Ehegatten entführt.“ Mit affectirter Gleichgültigkeit umkreiste der Che⸗ valier von Villaret den Salon; einen Augenblick darauf fand er ſich, wie zufällig, neben Herrn von Lüscourt, den er in überaus graziöſer Weiſe anre⸗ dete— eine Zuvorkommenheit, welche der junge Provinziale mit dem Eifer eines Mannes aufnahm, der da nicht weiß, was er mit ſeiner theuren Per⸗ ſon anfangen ſoll inmitten einer Welt, an die er nicht gewöhnt iſt. Da in dieſem Augenblick ein Domeſtike mit einer Platte heran getreten war, zog Villaret ſeinen Gegenredner am Arme zurück, um die Erfriſchungen vorübergehen zu laſſen; und ſo trieb er ihn allmählig, und wie wenn er den 132 Undulationen der Menge nachgegeben hätte, bis in eine Fenſtervertiefung hinein, wo er ſich ſo auf⸗ ſtellte, daß er ihm die Vorhänge ſtatt aller Per⸗ ſpeetive ließ. Nachdem dieſes Manöver glücklich ausgeführt war, ſuchte der Ritter mit dem Blicke ſeinen Freund, ſah ihn aber nicht mehr an dem Platze, wo er ihn verlaſſen hatte: ſeit einem Au⸗ genblicke hatte Choiſy ſich neben die junge Frau geſetzt, die fortan ihrer läſtigen Wächter ledig war. II. Sobald Frau von Lüscourt den Vicomte mit einem Lächeln auf den Lippen herankommen ſah, empfand ſie eine Befriedigung, die eine Kokette ver⸗ hehlt hätte, und welcher vielleicht mehr Eitelkeit als Sympathie zu Grund lag; eine Wolke, die ſich ſeit einigen Augenblicken über ihre Stirn gelegt, zerſtreute ſich wie durch einen Zauberſchlag. Ihrem vierzigjährigen Anbeter kaum ſo viel Zeit laſſend, um die Phraſe, die er an ſie richtete zu beendigen, ſprach ſie: „Sie fürchten alſo nicht ſich zu compromittiren, Sin Sie eine Frau grüßen, die man nirgends ſieht?“ Und während ſie die letzten Worte ſo betonte, als ob ſie ſie hätte unterſtreichen wollen, vervoll⸗ ſtändigten ihre ſchönen Augen den Sinn derſelben durch einen Racheblick, der eine weibliche Gruppe, welche einige Schritte von ihr Platz genommen hatte, durchbohrte. s in auf⸗ Per⸗ lich licke dem Au⸗ rau var. mit ſah, ver⸗ lkeit ſich egt, rem end, en, en, nds nte, oll⸗ ben pe, tte, — S. 133 Choiſy folgte mit dem Auge der zugleich ver⸗ ächtlichen und zornigen Pantomime ſeiner Angebe⸗ teten; er errieth, daß die junge Provinzialin eben eine jener kleinen Demüthigungen erlitten hatte, denen diejenigen tagtäglich ausgeſetzt ſind, welche in der vornehmen Pariſer Welt zum erſten Mal erſcheinen; denn, beiläufig geſagt, die franzöſiſche Urbanität ſieht wie eine Antiphraſe aus: je mehr die Ariſtokratie ſich aus den Geſetzen verbannt ſieht, um ſo mehr flüchtet ſie ſich in die Sitten, und ſo unglaublich dieß auf den erſten Blick ſcheinen mag, ſo iſt es doch nur die reine Wahrheit, wenn wir hier die Behauptung aufſtellen, daß mit jeder neuen politiſchen Niederlage der Ariſtokratismus ſich dort immer excluſiver verſchanzt. Zu Paris beſteht die ſogenannte Welt aus einer Reihenfolge von Salons, die ſich gegenſeitig als Antichambre dienen. Von einem in den andern kommen— ja, das iſt eine ſociale Promotion, welche ſicher auf doppelten Wi⸗ derſtand ſtößt: nach unten zu auf Neid, nach oben auf ſtolze Verachtung. Als durch ihren Vater und ihren Gatten der Provinz angehörend, ſah Frau von Lüscourt ſich als eine Fremde behandelt in der Velt, in die ſie durch einige alte Bekannte ihrer Schwiegermutter Zutritt gefunden hatte. Die Be⸗ wunderung der Männer, durch ihre ſeltene Schön⸗ heit leicht gewonnen, hatte nicht dazu beigetragen, ihr eigenes Geſchlecht wohlwollend zu ſtimmen. Wäre nichts an ihr geweſen, ſo hätte man ſie geduldet; da ſie aber wirklich bemerkenswerth war, ſo kriti⸗ ſirte man ſie unbarmherzig. Eben in dieſem Au⸗ genblicke ließ die neben ihr ſitzende Gruppe, deren 134 jedes einzelne Glied ſeine beſonderen Gründe hatte, um den hübſchen Geſichtern den Krieg zu erklären, ſie eine jener gründlichen Muſterungen paſſiren, die ein Frauenzimmer anatomiren, wie ein Botaniker eine Blume zerlegt, und ſie, nachdem ſie ſie Blatt für Blatt zerriſſen, zum würdigen Schluß ohne Ge⸗ ruch und Farbe finden. Ein einziger Blick genügte Choiſy, um dieſen Kriegszuſtand zu würdigen, und er freute ſich des⸗ ſelben gleich allen jenen gewandten Leuten, die aus einer Kleinigkeit Nutzen zu ziehen verſtehen. An⸗ ſtatt die an ihn gerichtete Frage direct zu beant⸗ worten, wandte er ſelbſt die fragende Form an. „Meine Prophezeiung iſt alſo in Erfüllung ge⸗ gangen?“ fragte er lächelnd. „Welche Prophezeiung?“ fragte Frau von Lüscourt mit einem vielleicht affectirten Staunen ihrerſeits. „Ich geſtehe, daß Ihre Frage für mich etwas demüthigend iſt, denn ſie beweist mir, wie wenig Aufmertſamkeit Sie meinen Worten ſchenken. Habe ich Ihnen nicht bei Ihrer Ankunft zu Paris geſagt, daß Sie darauf verzichten müßten, den übrigen Frauen zu gefallen?“ „Das iſt wahr. Damals verſtand ich Sie nicht, und ſelbſt jetzt noch nehme ich Anſtand, Ihnen zu glauben. Wie ſoll, wie darf. ich annehmen, daß es in meiner Macht ſtehe, Antipathien einzuflößen, ich, die ich für die Welt nichts habe als ein auf jeder⸗ mann ſich erſtreckendes Wohlwollen? Was in aller Welt können mir dieſe Damen vorwerfen, die ich gar nicht kenne, und die ſich mit meiner Wenigkeit hatte, klären, en, die taniker Blatt re Ge⸗ dieſen e aus An⸗ beant⸗ an. g ge⸗ von aunen etwas wenig Habe eſagt, rigen nicht, n zu aß es „ich, eder⸗ aller e ich igkeit 135 mehr zu beſchäftigen ſcheinen, als ich es ſicherlich verdiene?“ „O gar viele Verbrechen, woran Sie vielleicht nicht einmal denken,“ verſetzte der Vicomte ſchlau. „Wie könnten Sie zum Beiſpiel einer Madame de la Chatendde gefallen, die geſtern noch für die Frau galt, welche die ſchönſten Augen habe“?“ „Habe ich etwas gegen ihre Augen geſagt? Im Gegentheil, ich bewundere ſie und ſehe hier durch⸗ aus keine, die ihnen zu vergleichen wären.“ „Dieſe Vergleichung aber, die Ihnen nothwen⸗ dig entgeht, ſtellt alle Welt an, und eben das iſt es, was man Ihnen nie verzeihen wird.“ So ſorgfältig auch dieſes Compliment einge⸗ wickelt war, ſo fand doch Frau von Lüscourt es allzu direct. „Ich glaube vielmehr,“ ſprach ſie,„es ſind meine gothiſchen Diamanten und mein armes Sammt⸗ kleid, wodurch ich ein Gegenſtand ſo wohlwollender Aufmerkfamkeit werde. Sehe ich denn gar ſo lächer⸗ lich aus?“ „Sie würden die Lächerlichkeit ſelbſt in die Mode bringen,“ antwortete Herr von Choiſy mit der un⸗ erſchütterlichen und etwas faden Galanterie, welche Damenjägern eigen zu ſein pflegt, die zu altern anfangen;„da Sie aber an meine Offenheit appel⸗ liren, ſo möchte ich Sie fragen, warum Sie in ſo ernſten Dingen, wie die der Toilette ſind, nicht Ihren eigenen Geſchmack zu Rathe ziehen.“ „Was wollen Sie!“ erwiderte die junge Frau; „mein Kleid iſt ein Geſchenk des Herrn von Lüs⸗ — . 136 court, die Diamanten aber habe ich von meiner Schwiegermutter bekommen: dieſe Dinge ſind mir heilig, und müßte ich darin auch wie eine Bürgers⸗ frau aus der St. Dionyſiusſtraße ausſehen.“ Bei dieſen, einen Anſtrich unfreiwilliger Jronie tragenden Worten verbeugte ſich der Vicomte, eine Verehrung affectirend, die von ſeiner ſpöttiſchen Miene Lügen geſtraft wurde. „Ich ſchweige,“ ſprach er,„denn ich begreife, daß Herrn von Lüscourt's Geſchmack Ihnen ein Geſetz iſt. Erlauben Sie mir indeſſen, bei einer andern Beſchwerde zu verweilen, deren Gegenſtand Sie ſind, und worüber ich ſchlechterdings und mehr denn irgend jemand mit Ihnen ſprechen muß. Wa⸗ rum geben Sie Ihren Feindinnen Recht, indem Sie, ſo zu ſagen, nirgends hinkommen? Vorgeſtern hoffte ich Sie bei Frau von Laurencin zu ſinden.“ „Mein Mann war leidend,“ ſprach Frau von Lüscourt kurz. „Morgen Abend kommen Sie zu Frau von Albenay: nicht wahr?“ „Morgen hat meine Schwiegermutter Kopfweh: es iſt ihr Tag,“ antwortete die junge Frau mit er⸗ zwungenem Lächeln. „Wie widerwärtig!“ ſprach der Vertraute mit einer Miene, welche bewies, daß es ihm dabei Ernſt war;„Montag jedoch werden Sie hoffentlich in die große Oper gehen? Man gibt die Hugenotten, und ich werde die Loge mir verſchaffen, welche Sie ge⸗ wünſcht.“ Frau von Lüscourt zögerte einen Augenblick, be⸗ vor ſie etwas erwiderte. ner mir rs⸗ nie ine hen ife, ein ner nd hr a⸗ ie, fte on on tit iſt ie d E⸗ e⸗ 137 „Es thut mir unendlich leid, daß Sie ſich ſo viel Mühe gegeben haben,“ ſprach ſie endlich, und zwar nicht ohne große Verlegenheit;„hoffent⸗ lich werden Sie mir verzeihen, wenn ich von Ihrem gütigen Anerbieten keinen Gebrauch mache. Aus Gründen der Frömmigkeit, die meine vollkom⸗ menſte Achtung verdienen, geht Herr von Lüscourt nie in's Theater, und obgleich er mir meine volle Freiheit läßt, ſo möchte es doch wenig paſſend er⸗ ſcheinen, wenn ich ſelbſt mich minder ſtreng zeigte. Ich ſchwöre Ihnen,“ fuhr ſie, ein Lächein verſuchend fort,„es iſt das ein Opfer, wofür mir die Welt einigen Dank wiſſen ſollte. Für eine arme Pro⸗ vinzialin iſt die große Oper eine ſo mächtige Ver⸗ ſuchung! Worin beſtände aber auch das Verdienſt, wenn ich ohne Bedauern auf dieſes Vergnügen verzichtete?“ „Herr von Lüscourt ſcheint mir wenig geneigt, die Maxime zuzugeben, die da will, daß der Ehe⸗ mann herrſche, nicht aber regiere,“ ſpöttelte der Vicomte;„ſeine wachſame-Adminiſtration erſtreckt ſich auf die geringſten Details; ſchon hat er Ihnen das Walzen und das Romanleſen unterſagt, jetzt ächtet er das Theater, morgen wird die Reihe an's Tanzen, übermorgen aber an's Reiten kommen; ich bin höchlich erſtaunt, daß er das Sticken und das Clavierſpielen ſo lange duldet; aber nur Ge⸗ duld, auch dieſe Dinge werden an die Reihe kom⸗ men. Andern möchte dieß als eine Tyrannei er⸗ ſcheinen; was mich betrifft, ſo erblicke ich darin ein ſehr logiſches und vor Allem mit wunderbarer Be⸗ harrlichkeit in Ausführung gebrachtes Regierungs⸗ 138 ſyſtem; ja, es iſt Herrn von Lüscourt gelungen, wohl nicht meine Liebe— denn ſo etwas würden Sie mir nicht glauben—, ſo doch meine Achtung zu erobern. Hinter einer gutmüthigen Miene ver⸗ birgt ſich bei ihm ein tiefer Politiker. Hätte er ſich angemaßt, Ihnen mit einem Mal ſo Vieles auf⸗ zuerlegen, ſo wäre er vielleicht auf einigen Wider⸗ ſtand getroffen; da er dieß aber voraus geſehen, ſo iſt er in ſo fein berechneter Weiſe allmählig vor⸗ geſchritten, daß der paſſive Gehorſam von Ihrer Seite fortan eine vollendete Thatſache iſt. Es iſt dieſes Reſultat um ſo bewundernswerther, als man, wenn man Sie beide ſieht, lieber an die Macht und die Gewalt einer Königin als an den Deſpotismus eines Königs glauben möchte.“ Dieſe ſatyriſche Tirade hörte Frau von Lüs⸗ court mit einem halben Lächein an, welches eine Art Mitſchuld verrieth; bald jedoch nahm ſie wieder das ernſte Weſen einer Frau an, die da einſieht, daß ihre eigene Würde von der ihres Gatten unzertrenn⸗ lich iſt. „Ich meines Theils vermag in der Erfüllung ei⸗ ner Pflicht lediglich nichts Lächerliches zu ſehen,“ ſprach ſie mit ernſter Miene;„auch muß ich Ihnen bemerken, daß Herr von Lüscourt mir wohl Rath⸗ ſchläge nicht aber Befehle ertheilt.“ „Es iſt das höflicher und pfiffiger zugleich,“ verſetzte der Damenjäger, ohne aus der Faſſung zu kommen. Mit einer Art nervöſer Ungeduld machte die junge Frau ihren Fächer zu wiederholten Malen auf und zu, und ſobald der Vicomte dieſes auf 1 4 139. Sturm deutende Symptom bemerkte, gab er allen ſeinen Zügen einen Ausdruck unterwürfiger und reſignirter Zärtlichkeit. „Verzeihen Sie mir,“ ſprach er mit ſammiglatter Stimme;„indem ich von ihm mit Ihnen ſpreche, habe ich mich abermals des Ungehorſams gegen Sie ſchuldig gemacht; wüßten Sie jedoch, wie ungern ich die Iſolirung, ſagen wir es geradezu, die Scla⸗ verei trage, wozu ich Sie verurtheilt ſehe, ſo wür⸗ den Sie mehr Nachſicht gegen mich an den Tag legen. Bedenken Sie doch, es hat Ihre Schwieger⸗ mutter Ihr Haus in eine wahre Feſtung umgewan⸗ delt, die ich nach allen Regeln der Kunſt belagern muß, um Sie ein Mal zu ſehen, und ich ſage ge⸗ wiß nicht zu viel, wenn ich Sie verſichere, daß ich wenigſtens zehn Mal kommen muß, bis mir ſolches Glück ein einziges Mal zu Theil wird; muß man denn nun auch noch auf die Hoffnung verzichten Sie in Geſellſchaften zu ſehen?“ „Das müſſen Sie,“ antwortete Frau von Lüs⸗ court in durch und durch traurigem Tone. „Erklären Sie ſich näher!“ „Es gefällt Paris weder meiner Schwiegermut⸗ ter noch meinem Manne; und da es nicht billig iſt, daß die Minderzahl der Mehrzahl Geſetze vorſchreibe, ſo reiſen wir in ein paar Tagen ab, um eine mei⸗ ner Tanten, Frau von Selve, die auf dem Lande wohnt, zu beſuchen. Kennen Sie ſie?“ „Wie! Sie reiſen ab!“ rief der Vicomte mit der Lebendigkeit eines zwanzigjährigen verliebten Burſchen, doch konnte er nichts weiter ſagen, da in dieſem Augenblicke über dem Haupte der reizenden 140 Provinzialin das clericale Geſicht des Herrn von Lüscourt erſchien, der ſich endlich den hinterliſtigen Höflichkeiten des Malteſerritters glücklich entzogen hatte. Wie es ſo Sitte iſt, ſo wünſchte der Lieb⸗ haber den Ehemann zu allen Teufeln, und nachdem er Anſtands halber eine fortan bedeutungsloſe Con⸗ verſation noch eine Weile fortgeſetzt hatte, empfahl er ſich und vexließ den Salon. „Verläßt ſie mir Paris,“ ſprach er jetzt bei ſich ſelbſt,„ſo iſt der Feldzug verloren, ja vielleicht die Partie; denn werde ich je Gelegenheit finden, eine ſolche Schlappe zu neutraliſiren? Sie darf mir ſchlechterdings nicht aus Paris hinaus; dieſe Ab⸗ reiſe muß um jeden Preis verhindert werden. Es iſt nun des Temporiſirens genug, es muß ein ent⸗ ſcheidender Schlag geführt werden; und zudem, ſagt mir nicht ihr ſanfter Blick und ihre weiche Stimme, daß die Stunde nun gekommen?“ Choiſy trat nun zu einem Manne, der weder alt noch jung war, und den ganzen Abend hindurch von einem Salon in den andern ſegelte, dabei grüßend, lächelnd und liebenswürdige Worte, ſowie Handdrücke austheilend. „D'Agoſt,“ ſprach er zu ihm,„ich habe einen Brief zu ſchreiben; wo finde ich gleich, was ich brauche?“ „In meinem Cabinet,“ antwortete der Haus⸗ wirth,„man wird dich hinführen; auf einem Schreib⸗ tiſch findeſt du kleines, höchſt galantes Papier, das, gehörig zuſammengelegt, nicht mehr Platz einnimmt als ein Roſenblatt. Das iſt es doch, was du ſuchſt?“ 141 „Getroffen!“ Die beiden Männer wechſelten ein Lächeln des Einverſtändniſſes, und Herr von Ahoſt fuhr in ſei⸗ nem bisherigen Geſchäfte fort, während der Vicomte von einem Domeſtiken in den zweiten Stock hinauf⸗ geführt wurde. Nach Verfluß von einer halben Stund trat Choiſy wieder in die Salons, um dort das junge Ehepaar genau in der Stellung, in der er es verlaſſen, wiederzufinden; unbeweglich und ſo ernſt, wie ein Levite am Altar, ſtand Herr von Lüs⸗ court hinten am Stuhl ſeiner Frau angewurzelt, die ihrerſeits, ohne ihn zu beachten, träumeriſch mit ihrem Blumenſtrauße ſpielte. „Der Kerl iſt entſchieden unausſtehlich,“ ſprach bei dieſem Anblick der Damenjäger bei ſich ſelbſt; „indeſſen täuſcht er ſich arg, wenn er meint, er könne mich damit verhindern, mein Billet an ſeine Adreſſe gelangen zu laſſen.“ Einer Frau in Gegenwart ihres Eheherrn einen Brief zuſtellen, wenn ſie Luſt hat, ihn anzunehmen, iſt ein Geſchäft, deſſen ſich ſelbſt der ungeſchickteſte Schüler mit Glück zu entledigen weiß; auch das hat keine unüberſteigliche Schwierigkeiten, wenn es gilt, ihr den Brief aufzuzwingen. In dieſem Stück hatte der Vicomte ſchon Kunſtſtücke ausgeführt, neben denen der Handſtreich, womit er umging, eine wahre Bagatelle war: in ein paar Sekunden war ſein Plan fertig, und einen Augenblick darauf nahm er ſeinen Platz neben Frau von Lüscourt wieder ein. „Kann der Neid, den man einflößt, für einen Erfolg gelten, ſo iſt Ihr Triumph ein vollſtändiger,“ ſprach er mit einſchmeichelndem Lächeln zu ihr;„ſo⸗ 142 gar Ihr Strauß beſitzt das Vermögen, Eiferſucht zu wecken.“ Mit dieſen Worten nahm der Vicomte den Ge⸗ genſtand, wovon er ſprach, betrachtete und bewun⸗ derte ihn, roch daran und ſtreichelte die Blumen eine nach der andern; dann aber weidete er ihn mit einer Gewandtheit, deſſen ſich der erſte Taſchen⸗ ſpieler nicht zu ſchämen gebraucht hätte, mit dem kleinen Finger aus und ſchob in die alſo entſtan⸗ denen leeren Raum ein Billet, das, anſtatt zuſam⸗ mengelegt zu ſein, gerollt war, worauf die Blumen⸗ blätter einer Camellia ſich auf der Stelle wieder darüber ſchloſſen. Nachdem das Kunſtſtück beendigt war, gab er den Strauß ſeiner Angebeteten zurück, die ihn in graziöſer Weiſe Ihrem Gatten hinbot, wie wenn ſie durch dieſe eheliche Koketterie die Fa⸗ miliarität ihres Anbeters hätte ſtrafen wollen. „Maximus,“ ſprach ſie,„dieſe Complimente gel⸗ ten eigentlich dir: du ſiehſt, wie man deinen guten Geſchmack bewundert.“ Der junge Mann führte die Naſe auf den Ca⸗ mellienſtrauß und roch mit gravitätiſcher Miene da⸗ ran, ohne von dem vegetabiliſchen Geruche den faſt unmerklichen Ambraduft zu unterſcheiden, welcher die Exiſtenz einer Schlange unter den Blumen ver⸗ rieth. Trotz ſeiner Dreiſtigkeit hatte Herr von Choiſy einige Furcht, als er ſein Billet ſo dem Ehemanne preisgegeben ſah; raſch neigte er ſich zu der un⸗ ſchuldigen Provinzialin und ſprach mit leiſer, aber eigenthümlich ausdruckſamer Stimme zu ihr: „Nehmen Sie Ihren Strauß doch wieder!“ * 143 Mit erſtaunten Blicken fragte ihn Frau von Lüscourt. „Machen Sie ihn auf, ſobald Sie allein ſind; Sie werden mich dann verſtehen,“ hob der Vicomte wieder an. Verwirrt durch dieſe myſteriöſen Worte, die in einem Tone geſprochen waren, welcher ihr unwill⸗ kürlich Gehorſam auferlegte, ſtreckte die junge Frau die Hand nach ihrem Gatten hin aus; allein gerade in dem Augenblicke, wo dieſer ſeinerſeits dem an ihn geſtellten ſtummen Verlangen willfahrte, führte die Intervention einer vierten Perſon eine neue Peripetie herbei. Jenen böſen Feen ähnlich, die in den ſogenannten blauen Märchen immer dann zum Vorſchein kommen, wenn man ſie am Wenigſten erwartet, ſtand die alte Marquiſe von Gardagne ganz unvermuthet hinter dem Stuhl ihrer Schwie⸗ gertochter. Mit einer für ihr Alter unglaublich lebendigen Geſte bemächtigte ſie ſich des verbrecheri⸗ ſchen Straußes, koch bevor die letztere ihn ergreifen konnte, und warf dem Vicomte einen ſo durchdringen⸗ den Blick zu, daß der Modemann einen Augenblick verdutzt war und ſich faſt aus dem Sattel gehoben wähnte. „Wo zum Teufel kommt ſie doch her?“ fragte er ſich ſelbſt;„ſie kann mich unmöglich geſehen haben; aber es iſt bei dieſen alten Weibern ein diaboliſcher Inſtinct, der einem ſechsten Sinne gleichkommt.“ Jetzt ſeine gewohnte Sicherheit wieder erlangend, bot er der Marquiſe mit dienſteifriger Höflichkeit ſeinen Stuhl an. Mit eiſiger Miene dankte ihm Frau von Gardagne und ſprach, zu ihrer Schwie⸗ gertochter gewandt und ſtehen bleibend: „Der Wagen iſt da, wollen wir nun gehen?“ Ohne ein Wort zu ſprechen, erhob ſich die junge Frau und blickte mit unruhiger Neugierde bald die kleine Blumengarbe, die ſie nicht wieder zu nehmen wagte, bald den Vicomte an, den zu fragen ſie ſich nicht unterſtand. Ein ausdruckſamer Blick des letz⸗ teren weckte, wie durch einen elektriſchen Schlag, bei ihr plötzlich jene wunderbare Geiſtesgegenwart, 1 die in ſolchen Kriegsgefahren den Frauen eine ſo 1 merkwürdige Ueberlegenheit verleiht. Die neue Agneſe 3 legte die Hand auf die Rücklehne ihres Stuhls und machte, daß die Boa, welche ſie dort hatte ruhen laſſen, auf den Boden fiel. Dieſe affectirte Unge⸗ ſchicklichkeit derjenigen, die er als ſeine Schülerin betrachtete, entzückte Herrn von Choiſy, und flugs hob er das lange Collier von Marderfell auf; in dem Augenblicke aber, wo er ſie ihr überreichte, neigte er ſich etwas mehr als ſtreng nothwendig geweſen wäre, zu ihr, die Unzufriedenheit, welche das Geſicht der alten Marquiſe verrieth, ganz und gar unbeachtet laſſend. „Was haben Sie denn gethan?“ fragte ihn Frau von Lüscourt ebenfo geſchwind als leiſe. „Ich habe geſchrieben, was ich nicht zu ſagen wagte,“ gab der Vicomte in gleichem Tone zurück. „Im Strauße ſelhſt.“ Und alsbald richtete er ſich wieder auf, um eine nähere Erklärung abzuſchneiden, welche die Uner⸗ fahrenheit ſeiner Gegenrednerin gefährlich machte, — ſe e⸗ in g8 in te, he nd u 145 und nahm officiell Abſchied von der provinzialen Familie, welche durch das Erſcheinen des Herrn von Beaupré eben ergänzt worden wor. In Folge einer Capitulation mit ihrem Gewiſſen, welche alle Frauen begreifen werden, vergaß Frau von Lüscourt ihren Anbeter, ſobald er ſich entfeint hatte, und dachte nur noch an Eines, nämlich daran, wie ſie wieder in den Beſitz ihres Straußes gelan⸗ gen möchte. Auch gelang ihr das bälder, als ſie ſelbſt es erwartet hatte, und zwar brauchte ſie ihn nicht erſt von ihrer Schwiegermutter zu verlangen, da dieſe ihn ihr aus freien Stücken wieder zuſtellte, ſobald ſie neben einander im Wagen ſaßen; umſonſt aber ſtörte die junge Frau, die Dunkelheit nützend, mit den Fingern im ganzen Strauße herum; ſie fand dort nichts und war ſo ärgerlich wie ein Geiz⸗ hals, der in einem gewöhnlichen Bergwerk eine reiche Goldader zu entdecken hofft. Als Frau von Lüscourt das Unnütze ihres Su⸗ chens einſah, machte ſie in einem Augenblicke alle Aengſten durch, welche das Verlorengehen eines ſo vertraulichen Schriftſtücks nach ſich ziehen kann; ſo⸗ dann ſuchte ſie nach Gründen, um ſich wieder zu beruhigen. „Ol er hat mir bloß Furcht machen wollen,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt;„und ich bin eine rechte Thörin, daß ich einen ſolchen Spaß für baren Ernſt genommen. Er hat mir nichts zu ſchreiben und muß wohl wiſſen, daß ich nicht die Frau bin, die liest, was ſie nicht anhören möchte.“ Bernarb, Ausgew. Erzählungen. 1. 10 146 An dieſem Abende oder, richtiger geſprochen, in dieſer Nacht leerte Frau von Gardagne, ſobald ſie ſich in ihrem Schlafzimmer allein ſah, die Taſchen ihrer Robe aus, ungeheure Abgründe, welche ge⸗ wöhnlich einige Prozeßacten beherbergten und worin die adelige Wittwe im Nothfall ihr Möpschen hätte unterbringen können. Dieß Mal jedoch zog ſie, ihre Börſe und ihre Tabacksdoſe, zwei inamovible Möbel, abgerechnet, nichts als ein winziges Papier⸗ röllchen daraus hervor, das höchlich erſtaunt war, eine ſolche Unterkunft gefunden zu haben. Mit einer dürren Hand, welche die Seide des Velinpapiers zu Schanden zu richten ſchien, machte ſie das Billet auf, worauf ſie eine majeſtätiſche Brille aufſetzte, um es zu leſen— eine Demüthigung, welche der ele⸗ gante Vicomte ſicherlich nicht vorhergeſehen hatte. Nachdem die Marquiſe das Liebesbriefchen ent⸗ ziffert hatte mit einer Aufmerkſamkeit, welche glau⸗ ben laſſen konnte, daß dieſe Lectüre ein perſönliches Intereſſe für ſie habe und ſie um vierzig Jahre verjünge, verſank ſie in ein Nachdenken, das zum Verſtändniß dieſer Erzählung zu nothwendig iſt, als daß wir nicht einen Augenblick dabei verweilen ſollten. Frau von Gardagne gehörte zu jenen Frauen, deren kalte, ernſte und zuweilen ſelbſt herbe Manie⸗ ren eine traurige Lebenserfahrung, keineswegs aber eine angeborene Charakterſtrenge zur Urſache haben. Zwei Mal verehelicht, hatte ſie zwei Mal bis auf die Hefe einen Becher geleert, in den der Honig⸗ ſie en e⸗ rin tte ie, le 15 r, er zu let im le⸗ 147 mond kaum einige täuſchende Strahlen gegoſſen hatte. Ihr erſter Mann, der Graf von Lüscourt, ein Edelmann von altem Schrot und Korn, ein un⸗ ermüdlicher Jäger, ein wackerer Zecher, ein könig⸗ licher Verſchwender, der, obwohl mit der Syntax der Participien ein bischen im Streit liegend, gegen alle Frauen, ſogar gegen ſeine eigene ſtets den Galanten geſpielt, hatte in einem Alter von über fünfzig Jahren durch ein Duell eine jener vornehm unnützen Exiſtenzen geendigt, welche die Arbeit der Genealogen auf die Verzeichnung eines Namens und zweier Daten beſchränken. Die anererbten Fehler ſeines Vorgängers in ſeiner adeligen Weiſe noch überbietend, hatte Herr von Gardagne ſein Vermögen verſpielt, und zum Glück für ſeine Frau hatte der Tod ihn in dem Augenblicke getroffen, wo die Roulettekrücke das Heirathsgut einzuziehen begann. Ein hitterer Unglaube betreffs des Erden⸗ glücks, eine gründliche Männerverachtung, welche durch dieſe doppelte und ſo unglückliche Probe völlig gerechtfertigt war—, darin beſtand das Wittwen⸗ gut, in deſſen Beſitz die Marquiſe kam, als ſie zum zweiten Mal Wittwe wurde. Als Erſatz hatte der Vaum des Unglücks ihr heilſame Früchte getragen. Durch den Inſtinct zur Religion hingetrieben, gleich ſo vielen Anderen, die da leiden, hatte Frau von Gardagne auf den rauhen Pfaden, die ſie durchwandelt, ein praktiſches Ver⸗ ſtändniß aller materiellen Intereſſen erworben — ein Verſtändniß, das jenen glücklichen Frauen, deren Exiſtenz einem ebenen und blumenreichen Pfade zu vergleichen iſt, ganz und gar abgeht. 0 148 Zwei Gefühle, die bei einem Manne ſich faſt ſtets ausſchließen, Frömmigkeit und Verſtändniß der Ge⸗ ſchäfte, entwickelten ſich gleichzeitig bei ihr. Ohne den Himmel, jenen höchſten Tröſter, aus den Au⸗ gen zu verlieren, wagte ſie ſich ſicheren Schrittes in das Labyrinth hinein, das ſie, als zweimalige Wittwe und als Vormünderin ihres einzigen, mit ihrem erſten Manne gezeugten Sohnes, vor ſich liegen ſah. Auf alle Träume perſönlichen Glückes verzichtend, hatte ſie auf dieſes Kind all' ihre Liebe, all' ihre Sorge, all' ihre Hoffnung concentrirt. Schon in wenigen Jahren gelang es einer jenen weiblichen Verwaltungen, welche mehr denn ein Nationalökonom wohl thun würde als Vorbilder zu ſtudiren, die Lücken wieder auszufüllen, welche die väterliche Verſchwendungsſucht in's Erbtheil des jungen von Lüscourt gemacht hatte. Aber die Wie⸗ derherſtellung des Vermögens ihres Sohnes erſchien der Marquiſe als eine der geringſten Pflichten, die ſie gegen ihn zu erfüllen habe; eine Sorge, erhabe⸗ ner als die der poſitiven Intereſſen, bemächtigte ſich ihres ganzen Herzens und ihrer ganzen Seele. Aus Maximus ein Weſen zu machen, das ganz und gar verſchieden wäre von den beiden Gatten, welche das Schickſal in ſeinem Zorn ihr gegeben— das war es, was Frau von Gardagne vom frühen Morgen bis an den ſpäten Abend beſchäftigte, ja, was nicht einmal während des Schlafes ſie verließ. Die Feh⸗ ler der Männer, die ſie betrauerte, hatte ſie ſtets der frivolen Erziehung zugeſchrieben, welche der franzöſiſche Adel vor der Revolution genoß. Indem die Marquiſe dieſe Klippe vermeiden wollte, ver⸗ e 149 fiel ſie allmählig in die Auswüchſe eines ſyſtemati⸗ ſchen Rigorismus. Bis zu einem Alter von zwan⸗ zig Jahren auf einem iſolirten Landgut, inmitten der Wälder des Nivernais, erzogen, ſah Maximus ſeine erſte Jugend vor der Verderbniß des Jahr⸗ hunderts geſchützt durch den mütterlichen Flügel und die ſchwarze Soutane eines alten Prieſters, deſſen Sittenſtrenge ſeiner Gelehrſamkeit glich. Als die Fortſchritte des Alters es unthunlich machten, dem Erziehungsmodus auszuweichen, welchen der uni⸗ verſitäre Deſpotismus Knaben und Jünglingen auf⸗ erlegt, brachte Frau von Gardagne ihren Sohn nach Paris, wo ſie ihn während der kritiſchen Periode ſeiner höheren Studien auch nicht einen Augenblick aus den Augen ließ. Jeden Tag kehrte aus dem Collegium Henri IW., ſowie ſpäter aus der Rechts⸗ ſchule das ſtets fleckenloſe Lamm geduldig in den Stall zurück, den ſeine Mutter in einer abgelegenen Straße, im religiöſen Schatten der Thürme von St. Sulpice, für daſſelbe gewählt hatte. In einem Alter von dreiundzwanzis, wo Maximus das Licen⸗ tiatendiplom erlangte, kannte dieſer die Kaffee⸗ häuſer und die Theater nur dem Namen nach; was die noch profaneren Orte betrifft, wo die ſtudirende Jugend einen ſo brennenden Eifer zu entwickeln pflegt, ſo machen wir ihm kein Verdienſt daraus, wenn er ſie mied, denn ſie waren ihm gänzlich un⸗ bekannt. Das von der Marquiſe in Anwendung ge⸗ brachte Erziehungsſyſtem hatte alſo vollkommen an⸗ geſchlagen, vielleicht ſogar mehr, als ſie ſelbſt er⸗ wartet hatte. Für eine Aufopferung, die etwas Zärtlich⸗Ernſtes beſaß, hatte ſie von ihrem Zögling 150⁰ innige Dankbarkeit, eine grenzenloſe Unterwürfigkeit, eine der alten Zeiten würdige Hochachtung einge⸗ tauſcht. Nachdem Maximus' Mutter die Klippen des Pariſer Archipels, an denen ſo viele junge Exiſtenzen Schiffbruch leiden, glücklich umſchifft hatte, wollte ſie ihr Werk dadurch krönen, daß ſie ſelbſt den neuen Telemach in den heilſamen Hafen der Ehe ein⸗ führte; auch empfand ſie, wenn ſie ſo das unſchul⸗ dige⸗Leben ihres Sohnes betrachtete, dann und wann ein geheimes Mitleid— ein durch und durch weib⸗ liches Gefühl, das durch die Strenge ihrer frommen Uebungen in ihrem Herzen nicht hatte erſtickt wer⸗ den können. Es däuchte ihr ebenſo billig als klug, eine Probezeit abzukürzen, die, wenn ſie auch ohne Murren ertragen wurde, nichts deſto weniger pein⸗ lich und gefährlich war. Bis dahin war Maximus' Jugend ein blumenloſer Garten geweſen; jetzt ſuchte ſie eine keuſche Roſe, deren Wohlgerüche dieſe tugendhafte Unfruchtbarkeit erfüllen und ergötzen möchten. Ihre Wahl ſiel guf Fräulein von Beaupré, die mit den Vorzügen ernes bedeutenden Vermö⸗ gens und einer guten Geburt bemerkenswerthe Schönheit verband— etwas, was eine Schwieger⸗ mutter ſtets ziemlich hoch anzuſchlagen pflegt; und endlich beſaß das Fräulein den Hauptvorzug, daß ſie auf dem Lande erzogen worden war. Letztere Rückſicht ſchlug bei Frau von Gardagne durch, in⸗ dem ſie mit provinzialen Vorurtheilen gegen die Pa⸗ riſer Mädchen erfüllt war. Auch bei dieſem An⸗ laſſe zeigte Maximus jene paſſive Folgſamkeit, wo⸗ durch er ſich ſeit ſeiner Kindheit ausgezeichnet hatte; — W v S* 8 — N X— S S w W NM 3 151 und da das Weib, mit dem er ſich verbunden ſah, wirklich bezaubernd war, ſo wurde die Erfüllung einer Pflicht ihm in Wirklichkeit die Quelle eines ächten Vergnügens. Die Ehe emancipirt die Weiber. Als Mädchen erzogen, hatte Maximus von Lüscourt Anſpruch auf dieſe Rechtswohlthat; auch hatte ſeine Mutter aus Billigkeitsſinn beſchloſſen, ſie ihm nicht ſtreitig zu machen, gar bald aber bewies die Folge, wie unklug eine ſolche Conceſſion war. Schon in den erſten Wochen überzeugte ſich Frau von Gardagne, daß, wenn ſie ſich des Regiments begab, das ſie bis da⸗ hin geführt, ſie damit ihren Sohn dem Einfluſſe eines andern Willens überantwortete, der nur all⸗ zu geneigt war, die gouvernamentale Erbſchaft an⸗ zutreten. Gar gern hätte die Mutter abgedankt, die Schwiegermutter aber ſetzte ſich abſoluter denn je wieder auf ihren Familienthron. Einem in der Schule des paſſiven Gehorſams gebildeten Manne gelingt es nur ſchwer, das ſaliſche Syſtem einzufüh⸗ ren: dieſe Binſenwahrheit, von der Marquiſe etwas ſpät zugegeben, erhielt in dieſem Augenblicke durch einige eigenthümliche und unvorhergeſehene Umſtände eine neue Beleuchtung. In Folge eines Zufalls— wäre dieſe Erzäh⸗ lung ein Roman, ſo könnte man uns Affecta⸗ tion des Contraſtes zum Vorwurf machen— bot die Erziehung der Frau von Lüscourt faſt in allen ihren Einzelnheiten das genaue Widerſpiel von der ihres Mannes dar. Schon in der Wiege eine Waiſe, hatte das junge Geſchöpf mit Herrn von Beaupré beſtändig auf dem Lande gewohnt. Dieſe 152 fortwährende und ausſchließliche Intimität hatte ge⸗ wiſſe unausbleibliche Folgen. Die cavalieren Ge⸗ wohnheiten des dicken Landedelmanns warfen am Ende auch auf die Manieren ſeiner Tochter eine Art männlichen Refleres, der Vielen als ein wei⸗ terer Reiz erſchien. Bis zu ihrer Heirath hatte Flavia von Beaupré nur wenig Geſchmack für die Talente gezeigt, durch welche junge Mädchen in der Regel triumphiren; ſie ſtickte ziemlich ſchlecht, zeichnete noch weniger gut und legte für das Piano eine Gleichgültigkeit an den Tag, woraus wir weit entfernt ſind, ihr ein Verbrechen machen zu wollen; dafür ritt ſie mit einer Kühnheit, welche an die Fabel der Amazonen erinnerte, ſchoß eine fliegende Taube aus der Luft herunter und führte, Dank den Lectionen ihres Vaters, das Floret ſo meiſterlich, daß man in ihr eine neue Bradamante erblicken konnte; mit einem Wort, ſie excellirte in allen Ue⸗ bungen, welche Frau von Gardagne ihrem Sohne aus übertriebener mütterlicher Sorge verboten hatte. Als die beiden Neuvermählten ſich ſo plötzlich gegenüber ſahen, fühlte ſich jedes verlegen, und eine Zeit lang ſtudirten ſie ſich mit einer Neugierde, worein Unruhe ſich miſchte, was leicht begreiflich iſt, wenn wir Marimus⸗ ſchüchternes Weſen einerſeits und Flavia's ſelbſtbewußtes Auftreten anderſeits im Auge behalten. In den kühnſten Flügen ſeiner Phantaſie hatte Maximus ſich immer einen blonden Engel als Frau geträumt; ihrerſeits hatte Flavia ihren der⸗ einſtigen Gatten ſich nie anders als mit einem ritterlichen Schwerte umgürtet gedacht: beibe fanden ſich alſo getäuſcht. Bald gewöhnte ſich Maximus —* SS 8— 153 an ſeine Frau und erkannte mit naivem Enthuſias⸗ mus die Herrſchaft an, welche ein ſo bezauberndes Geſchöpf über ſeine jungfräuliche Seele nothwendig ausüben mußte; Frau von Lüscourt aber modifi⸗ zirte ihre Mädchenanſichten noch geſchwinder. Die ſeltenen Eigenſchaften ihres Gatten, die Strenge ſeiner religiöſen Uebungen flößten ihr zwar Anfangs unwillkürliche Ehrerbietung ein; zu gleicher Zeit aber konnte ſie ſich nicht enthalten, die Wahrneh⸗ mung zu machen, daß er nur ſehr ſchlecht ritt und die Schüchternheit ſeiner Manieren zuweilen in ein linkiſches Weſen ausartete. Aus dieſer gedoppelten Beobachtung entſprang ein Gefühl, welches der Achtung näher war als der Liebe, und worein ſich allmählig einige Schattirungen von Ironie miſchten; denn diejenigen, welche bewundern, werden ihrer Bewunderung gar bald ſatt, und früher oder ſpäter gehen ſie zur Kritik über. In kurzer Zeit empfand Flavia eine unbeſchreibliche Antipathie gegen die⸗ ſelben Tugenden, die anfänglich ihr eine Art Ver⸗ ehrung abgezwungen hatten; die faſt mönchiſche Strenge, welche Herr von Lüscourt in ſeinen An⸗ ſichten und in ſeinem Leben an den Tag legte, er⸗ ſchien ihr als ein ſtiller Tabel der wirklichen, aber minder ſtrengen Frömmigkeit, woran ſie gewöhnt war. Jeden Abend, den Gott gab, kniete der junge Gatte in einer Ecke des ehelichen Gemachs nieder und betete dort lange, wie einſt des Tobias Sohn, und da ſie ſelbſt nur mäßig betete, ſo fand ſie am Ende die Gebete ihres Mannes allzu lang. War vollends der Sonntag gekommen, ſo war Maximus“ Frömmigkeit das Hochamt nicht genug, womit die 154 junge Frau ſich begnügte, ſondern er ging dann auch noch in die Veſper, und dieſes letztere Factum, an und für ſich ſo unſchuldig, um nicht zu ſagen lobenswerth, bildete ſich im Geiſt der Frau von Lüscourt allmählig in ein Beſchwerdepunkt um, der ihr um ſo ernſter war, je mehr ſie ſich ſagen mußte, daß er ſchlechterdings keiner ſei. „Ich begreife wahrlich nicht,“ pflegte ſie bei ſich ſelbſt zu ſagen,„warum er nicht lieber Prieſter ge⸗ worden, als daß er mich zur Frau genommen.“ Schon Millionen Mal haben die Poeten die Be⸗ hauptung aufgeſtellt, es ſeien die Frauen ſichtbare Engel, providentielle Mittler zwiſchen den Männern und der Gottheit; und wie natürlich hat die ſchö⸗ nere Hälfte des Menſchengeſchlechts dieſe Galanterie für baare Münze genommen. Mithin verzeiht ein Weib ihrem Liebhaber jede Art Superiorität, nur die nicht, der es gefallen möchte, in das ätheriſche Dominium überzugreifen, als deſſen rechtmäßige Suzeränin ſie ſich betrachtet. Die untoleranteſte Andächtlerin hält es im häuslichen Verkehr hundert Mal eher bei einem Sünder aus als bei einem Heiligen, der ihr ſelbſt predigt; denn es findet die Eigenliebe ihre Rechnung mehr dabei, daß ſie das Beiſpiel gibt, als daß ſie es ſich geben läßt. Frau von Lüscourt gab dieſer Herzensſchwäche nach, in⸗ dem ſie ſich allgemach gegen die Tugendſuprematie empörte, die ſie ihrem Manne nicht abſprechen konnte; die ascetiſchen Raffinements des letzteren, die minutiöſe Vollkommenheit, die er in der Er⸗ füllung ſeiner religiöſen Pflichten zu erreichen ſtrebte, erſchienen ihr als ebenſo viele ihren eigenen Engels⸗ nn m, en er te, ich ge⸗ e⸗ are n hö⸗ rie ein mur 65 ige ſte ert em die s in⸗ tie en en, Fr⸗ te, ls⸗ 155 flügeln ausgeriſſene Federn. Endlich kam ein Tag, wo ſie ihren Marimus ein wenig allzu tugendhaft fand, und anſtatt daß dieſer Gedanke ihr hätte eine edle Rivalität einflößen ſollen, empfand ſie darüber einen ſeltſamen Aerger, der früher oder ſpäter auf ihr Betragen rückwirken mußte. Trotz der Offenheit und der natürlichen Leben⸗ digkeit ihres Charakters bemühte ſich die junge Frau, den Verkleinerungsinſtinct zu verbergen, der ſich bei ihr entwickelte, während ſie eine perſönliche Demuth und eine Bewunderung für ihren Gatten affectirte, womit der Letztere naiv ſich täuſchen ließ, die aber Frau von Gardagne nicht betrogen; denn ſchon in einer alten komiſchen Oper heißt es:„Augen und Herz einer Mutter ſeh'n weiter noch als ein Doctor Luther.“ Und als die Marquiſe am ehelichen Him⸗ mel eine ſonderbare Wolke aufſteigen ſah, da über⸗ kam ſie eine Unruhe, welche nur durch den Anblick größerer Gefahr in den Hintergrund gedrängt wurde. Es gibt in der Welt Individuen, die aus einer Art barbariſcher Geckerei gegenüber von den Wei⸗ bern die Rolle ſpielen, welche von den Falken und den Sperbern zum Nachtheil der ſchüchterneren Vö⸗ gel geſpielt wird. Nun war der Vicomte von Choiſy, wie wir bereits geſagt, einer jener Raub⸗ vögel, die beſtändig darauf aus ſind, eine Unſchuld zu Falle zu bringen oder eine Tugend zu zerfleiſchen. Wider ſeinen Willen den Sitten unſerer Zeit Rech⸗ nung tragend, ſchonte er in dem Krieg, den er dem ſchönen Geſchlecht erklärt, die Mädchen; doch ver⸗ fuhr ſeine Langmuth dabei gelegentlich nicht ohne Vorbehalt. So zum Beiſpiel hatte er, als 156 Herr von Beaupré's Landnachbar, Flavia nur eine uneigennützige Aufmerkſamkeit bewieſen, ſo lange ſie unverheirathet war; kaum aber war das Mäd⸗ chen zur Frau umgewandelt, als ſie in ſeinen Au⸗ gen den Werth bekam, den ein Liebhaber von Edel⸗ ſteinen dem Diamanten zuerkennt, der eben geſchnit⸗ ten worden. Dem Vicomte wurde Frau von Lüs⸗ court eine um ſo wünſchenswerthere Eroberung, da ſie alle Eigenſchaften in ſich vereinigte, welche die Eigenliebe, jenen höchſten Beweggrund der Ver⸗ führer, zu befriedigen im Stande ſind. Auf einen einzigen Blick würdigte der moderne Don Juan die Schwierigkeiten eines ſolchen Unternehmens, und er ſchwor, dieſelben zu überwinden In wenigen Au⸗ genblicken ſtand ſein Plan feſt; nur eine günſtige Gelegenheit fehlte ihm. Die Pariſer Reiſe der Neu⸗ vermählten nun bot ſie ihm, und ohne Verzug ging er an's Werk. Hat einmal ein Mann vierzig Jahre auf dem Rücken, ſo hat er nur geringe Chancen zu gefallen, wenn er ſich an die Leidenſchaft wendet, jene weite edle Herzenspforte, die nur allein der Jugend ſich öffnet; doch bieten ihm die vielfachen Irrwege der weiblichen Eitelkeit einen nicht minder gangbaren, wenn auch beſcheideneren Pfad, der ihn zum ge⸗ wünſchten Ziele führen kann. Als ein Mann von Geiſt unterwarf ſich der Vicomte den Rathſchlägen, welche ſeine eigene Erfahrung ihm an die Hand gab. Verliebten Jünglingen von zwanzig Jahren die ſtürmiſchen Ertravaganzen überlaſſend, nahm er ein Syſtem durchſchlagender, wenn auch dem An⸗ ſchein nach gemäßigter Galanterie an, das, wenn wi Ko eine nge äd⸗ Au⸗ del⸗ nit⸗ Lüs⸗ „da die Ver⸗ inen die d er Au⸗ ſtige Keu⸗ ging dem len, eite ſich der ren, ge⸗ von gen, and en er An⸗ enn 157 es auch auf einem Umwege das Ziel zu erreichen ſuchen mußte, doch immer Boden gewann und haupt⸗ ſächlich an ſolchem nie verlor. Er verfuhr alſo in⸗ ſinuirend und nicht aggreſſiv. In ſeinen Schritten um ſo geſchickter, da er ſich nicht von dem Hoch⸗ muth verſtricken ließ, wie der, der ſeine Fahne ganz entfaltet, wich er vor einem Supernumerariat nicht zurück, worüber ein heftiger brennendes Herz empört geweſen wäre. Mit einem Worte, nach der Rolle eines Liebhabers ſtrebend, wußte er ſich vor⸗ derhand mit der eines Vertrauten ſich zu begnügen — ein Amt, das dem Anſchein nach zwar nur un⸗ tergeordnet iſt, diejenigen aber weit führt, welche die unzähligen Hülfsquellen auszubeuten verſtehen, die es bietet. Allmählig hatte Frau von Lüscourt trotz des ſie überwachenden Auges ihrer Schwiegermutter und trotz des Puritanismus ihres Mannes es bis zur Intimität kommen laſſen— einer Intimität, die ſich anfänglich auf den Austauſch jener frivolen Empfindeléien ſich beſchränkte, woraus die Unter⸗ haltung der ſogenannten feinen Welt beſteht, mit jedem Tage aber einen bedenklicheren Charakter an⸗ nahm und das Feld der Lappalien verließ, um auf das ernſter Herzensergießungen überzutreten. Das faſt beruhigende Alter des Herrn von Choiſy, ſein geſchmeidiger Geiſt, die gewinnende Diſtinction ſei⸗ ner Manieren, und mehr als das alles, die tiefen Studien, die er den Weibern ſeit ſeiner Jugend ge⸗ widmet, machten es ihm möglich, daß er ſich auf einem ſchlüpfrigen Abhang, wo ein minder geübter Kämpe tauſend Mal ausgeglitten wäre, zu halten 158 vermochte. Unter dem Vorwand, der provinzialen Familie die Honneurs von Paris zu machen, hatte er ſich bei ihr impatroniſirt, und wir haben geſehen, durch welche ununterbrochene Reihe von Opfern, zu Schanden gerittenen Gäulen, maſſacrirtem Wild, Faſtendiners, Partien Boſton, er das Amt eines Hausfreunds erkauft hatte. Auf die Belagerung, die er unternahm, die Grundſätze der Kriegskunſt anwendend, hatte der edle Vicomte damit begonnen, daß er die drei wider⸗ wärtigen Baſtionen unterminirte, von denen Frau von Lüscourt flankirt war. Was vor Allem die Schwiegermutter betrifft, ſo koſtete es faſt keinen Schuß, um dieſe Baſtion unſchädlich zu machen, Dank dem Geiſt der Empörung, von dem Schwie⸗ gertöchter ſich beſeelt zeigen, und in welchem der Angreifer einen mächtigen Bundesgenoſſen gefunden hatte. Was den Ehemann betrifft, ſo ſtand es mit dieſer Baſtion noch gut; es wollte wenigſtens die junge Frau nicht geſtehen, daß dieſelbe beſchädigt ſei; allein in der Art und Weiſe, womit ſie bei jedem Anlaß Maximus in den Himmel zu heben pflegte, lag eine Affectation, die allen tiefen und wahren Gefühlen fremd iſt und fremd bleibt. Was endlich Herrn von Beaupré betrifft, ſo brauchte man ſich vor ihm nicht zu geniren, denn der dicke Land⸗ edelmann gehörte jener Claſſe von Familienhäup⸗ tern an, die, wenn ſie einmal ihre Töchter, ſei es mit, ſei es ohne Mitgift, an den Mann gebracht haben, die Univerſalität väterlicher Pflichten erfüllt zu haben glauben und in ihrer gemüthlichen Ruhe bei ſich ſelbſt ſagen:„Nun geht's meinen Schwiegerſohn an.“ der nden mit die idigt bei eben und Was man and⸗ äup⸗ i es racht lt zu i ſich 159 Zur Zeit, wo dieſe Erzählung beginnt, hatte Herr von Choiſy ſeine vorläufigen Manöver ſo ge⸗ ſchickt dirigirt, daß das Geſtändniß, welches eine rein politiſche Zurückhaltung nicht hatte über ſeine Lippen kommen laſſen, unnütz geworden war. In Erman⸗ gelung von Worten ſprachen ſeine Blicke ſo unver⸗ holen und fand ſein Betragen in der Duldung der⸗ jenigen, welche ſein Zielpunkt war, eine ſo unbe⸗ ſtreitbare Berechtigung, daß er, wenn er ſich des Wortes Liebe enthielt, auf ein Recht zu verzichten, nicht aber einem Verbote ſich zu unterwerfen ſchien. Mit wunderbarer Kaltblütigkeit den bereits erober⸗ ten Boden überſchauend, machte es ihm ingeheim Freude, daß es nur langſam vorwärts ging, gleich⸗ wie ein Reiſender ſeine Schritte mäßigt, um eine ſchöne Landſchaft ſo ganz nach Herzensluſt zu ge⸗ nießen. Dieſes Syſtem galanten Temporiſirens ward durch die ſo wenig vorhergeſehene Rachricht von der Abreiſe der Frau von Lüscourt plötzlich modifizirt; der Vicomte ſah ein wie nothwendig ein Schritt war, womit der Schlag parirt wurde, von dem er bedroht war; und das Reſultat ſeines Ent⸗ ſchluſſes war der Brief, der in dem Augenblick, bei dem wir angekommen ſind, Maximus' Mutter in einen Abgrund unruhiger Gedanken verſenkte. N. Lange ſtudirte Frau von Gardagne mit minutiö⸗ ſer Aufmerkſamkeit das Billet des Vicomte. Nach⸗ dem ſie es geleſen, machte ſie eine Geſte, als wollte 160 ſie es in's Feuer werfen, doch zügelte ſie ſich noch zu rechter Zeit und ſchloß es ſorgfältig ein, ganz ſo, wie eine zwanzigjährige Dame es hätte machen können. „Es iſt das erſte,“ ſprach ſie dann bei ſich ſelbſt, „und nun iſt er nicht mehr zu fürchten; wird aber meine Aufſicht nicht früher oder ſpäter einmal getäuſcht werden, wird er nicht zu allen möglichen Liſten grei⸗ fen? Fürwahr, es iſt dieſer Menſch von un⸗ barmherziger Ausdauer. Eine Schlappe wie dieſe vermag ihm nicht Einhalt zu thun; denn weit ent⸗ fernt, ihn zu entmuthigen, ſpornen Hinderniſſe viel⸗ mehr ihn an. Was iſt da zu machen? Du mein Gott! Wie ſoll ich den Schlag abwenden, welcher die Exi⸗ ſtenz meines Sohnes bedroht? Trotz ſeiner Fröm⸗ migkeit iſt er eben doch ein Menſch, und würde er den geringſten Verdacht hegen, ſo würde er, deſſen bin ich gewiß, den herzloſen Verführer fordern; dann ein Duell, und zwar wahrſcheinlich ein Duell, wie das, worin ſein Vater umgekommen iſt. Dieſe zweite Prüfung würde ich nicht überleben: einen Sohn be⸗ trauert man nicht wie einen Gatten, wohl aber ſtirbt man nach ihm— ja ſtirbt man, ich fühle es. Alle dieſe Frauenverführer ſind zugleich Raufbolde. Herr von Beaupré hat mir die Gewandtheit dieſes Choiſy gerühmt, und mein armer Maximus hat noch nie den Fuß in einen Fechtſal geſetzt. Ach! möge er nie etwas erfahren! Ein ſolcher Kampf iſt nicht für ſeine edle, reine Seele, Nein, nein! er darf nichts erfahren. An mir, die ich ihn er⸗ zogen, iſt es, für ihn den Kampf aufzunehmen. Bis jetzt iſt Flavia bloß kokett geweſen, und noch 161 iſt es Zeit, dem Uebel Einhalt zu thun, bevor es aus ihrem Geiſt in ihr Herz eindringt; aber es iſt auch nicht ein Augenlick zu verlieren; vielleicht daß es ſchon in wenigen Tagen zu ſpät wäre.“ ſt, In der Seele ihrer Schwiegertochter, wenn auch er nicht gerade die eheliche Liebe, ſo doch das Pflicht⸗ cht gefühl zu wecken, das mit jedem Tage dem Erſticken ei⸗ näher kam; den Vicomte zu beſeitigen, ohne das n⸗ giftige Gewürm der Moédiſance durch einen Spectakel eſe herbeizuziehen; über die Augen ihres Sohns den t⸗ Schleier des Nichtwiſſens noch dichter zu ziehen, der l⸗ ſie bis daher bedeckt und deſſen noch ſo leichte Zer⸗ tt! reißung eine Kataſtrophe hätte zur Folge haben ri⸗ können: das war der dreifache Zweck, den die Mar⸗ m⸗ quiſe ſich vornahm. Sie ſuchte, wie natürlich, Stützen er bei dieſem Werk, und ſo kam ſie auf den Gedanken, en ſich an Herrn von Beaupré, ihren geborenen Bun⸗ nn desgenoſſen, zu wenden, indem es ja ſich um ein ie Familienintereſſe handelte. ite„Was halten Sie, unter uns geſagt, von Herrn be⸗ von Choiſy?“ fragte ſie ohne alle weitere Einlei⸗ ber tung den alten Landedelmann, indem ſie ihn nach es. dem Frühſtück bei Seite nahm. de.„Choiſy! allerliebſter Junggeſelle,“ antwortete ⸗ ſes der Landedelmann,„etwas Geck, aber Bonvivant. at Die Leute machen ihm den Vorwurf, er ſpiele all⸗ ch! zu ſehr den großen Herrn; was mich betrifft, ſo kann pf ich ihm nur Löbliches nachſagen, denn in ganz Paris n! hat kein Menſch ſchönere Pferde als er, und dieſe er⸗ ſtellt er mit einer Zuvorkommenheit ſonder gleichen en. zu meiner Verfügung.“ och Bernard, Ausgew. Erzählungen. 1. 11 P 162 Ja⸗ flößt Ihnen aber ſein Charakter Achtung ein?“ „Ei! ich achte ihn unendlich. Ein Mann der Einem ſeine Pferde leiht! Ich wollte, Sie könnten von ſeinen Stallungen Einſicht nehmen, es ſind wahre Boudoirs: marmorne Grippen, Stand, ſo glänzend wie das Mahagoni dieſer Tafel; zwar ſind ſeine Pferde etwas klein, vielleicht aber bin ich für ſie etwas zu groß.“ „Ich will Ihre Anſicht von ſeinem Charakter und nicht von ſeinen Pferden wiſſen,“ unterbrach ihn Frau von Gardagne. „Ein allerliebſter Junggeſelle, ſage ich Ihnen; er will mir dieſen Morgen Mario, einen kurzſchwän⸗ zigen Braunen, herſchicken, den ich noch nicht ge⸗ ritten habe; ich bin ſogar erſtaunt, daß das Pferd noch nicht da iſt.“ Die Marquiſe konnte hier ein Zeichen der Un⸗ geduld nicht unterdrücken. „Könnten Sie mir nicht ernſt antworten, wie ich Sie meinerſeits frage?“ ſprach ſie dann;„die Frage, die ich an Sie richte, wird mir von einem Gefühl der Unruhe eingegeben, dem Sie ſich, wie mich däucht, beigeſellen ſollten. Es iſt wohl unmög⸗ lich, daß Sie nicht ſchon den Zweck der Dienſtbe⸗ fliſſenheit des Herrn von Choiſy geahnt.“ „Seine Dienſtbefliſſenheit! Kaum daß er ja hier⸗ her kommt,“ antwortete Flavia's Vater. Ironiſch lächelte die verwittwete Marquiſe. „Wenn er Ihnen ſeine Pferde hergeſchickt, da⸗ mit Sie ſie reiten, oder wenn er Ihnen erlaubt, unter ſeinen Haſen eine Niederlage anzurichten,“ 163 ſprach ſie nach einer kleinen Pauſe,„ſo weiß er, warum er das thut; wenn Sie fort ſind, ſo findet er Sie ganz natürlich nicht zu Hauſe; ich aber ſage Ihnen, er kommt oft, nur allzu oft hierher, und ſchon haben ſeine Beſuche mehr denn eine böswil⸗ lige Bemerkung in der Welt hervorgerufen. Fla⸗ via iſt zu jung und zu ſchön, als daß die Aufmerk⸗ ſamkeiten eines Mannes, wie dieſer Herr von Choiſy, am Ende nicht übel gedeutet werden ſollten; erſt geſtern Abend noch haben ſie bei Frau von Ahoſt ein Aufſehen erregt, welches nicht eben das des Wohlwollens war.“ „Bah, bah! dummes Weibergeträtſch,“ unter⸗ brach der dicke Landedelmann;„man kann Choiſy nicht recht leiden, weil er in der feinen Welt ſo viele Erfolge feiert.“ „Meinethalben, ſo viele er mag, aber nur nicht in unſerem Hauſe,“ antwortete die Marquiſe ſtreng. „Kurz und gut, das Benehmen des Herrn von Choiſy ſcheint mir geeignet, Flavia in Verlegenheit zu bringen, wenn auch nicht gerade ſie zu compro⸗ mittiren, und weil dem ſo iſt, muß ich wünſchen, daß unſern Kindern alles Unliebſame, was daraus entſpringen könnte, erſpart werde. Uebermorgen rei⸗ ſen wir auf das Gut der Frau von Selve; es iſt alſo unnütz, ſchon jetzt etwas zu thun, doch werden Sie hoffentlich bei unſerer Rückkehr nach Paris dem Vicomte in höflicher Weiſe zu verſtehen geben, daß ſeine Beſuche uns angenehmer wären, wenn ſie et⸗ was minder häufig würden.“ „Das trifft ſich ſchön,“ erwiderte Herr von Beaupré:„habe ich doch geſtern Choify, auf 164 ein paar Wochen mit uns zu meiner Schwägerin zu gehen.“ „Wie! Sie haben ihn eingeladen!“ rief Frau von Gardagne;„daran erkenne ich Sie wieder! In dieſem Falle wird eben aus der Reiſe nichts.“ „Nun, nun, liebe Marquiſe,“ verſetzte Herr von Beaupré in gutmüthigem Tone,„beſchreiten Sie doch nicht immer ſo Ihre großen Gäule! Warum denn dieſem armen Choiſy mehr gram ſein als allen andern Männern, welche unſere Flavia nach ihrem Geſchmacke finden? Ich ſchwöre Ihnen, er denkt nicht einmal an die Abſichten, die Sie ihm unterſtellen; geht ihm doch ganz Anderes im Kopfe herum! Davon kann niemand beſſer ſprechen als ich, da er mir im Vertrauen Alles mitgetheilt hat: für's Erſte heirathet er, von einer kleinen, meiner Treu! wundernetten Tänzerin ganz zu ſchweigen!... Doch wollen wir nicht näher auf die Sache eingehen, da mir wohl bewußt iſt, wie wenig Sie ſolche Späße lieben. Wie in aller Welt ſoll er ſein Auge auf Flavia geworfen haben, da er ſie ſchon als ein kleines Kind gekannt; er ſpielt den Liebenswürdi⸗ gen, bei ihr wie bei allen Weibern; und da wir nun einmal an dieſem Kapitel ſind, ſo will ich auch ſagen — es bleibt aber unter uns—, daß Ihr Sohn vielleicht wohl daran thäte, wenn er ihn in dieſem Stücke ein wenig zum Vorbild nähme; denn in der Liebenswürdigkeit iſt der arme Burſche kein großer Virtuos. Man könnte wahrlich glauben, Sie hätten ihn zu einem Soldaten des Papſtes heranziehen wollen! Geſtern ſagte Flavia zu mir... „Sie ſagte zu Ihnen. ——————— erin Frau In von Sie rum als nach „er ihm opfe ich, ür's reu! hen, päße auf ein irdi⸗ nun agen ohn eſem der oßer itten ehen 165 „O nichts.. kindiſches Zeug; wenn ſie aber auch Choiſy etwas amüſanter fände als meinen tu⸗ gendhaften Schwiegerſohn, ſo könnte man doch ihr kein ſo großes Verbrechen daraus machen. Im Uebrigen bin ich ihrer ſo gewiß, wie meiner ſelbſt; einige dumme Reden können mich alſo nicht bewe⸗ gen, einem Freunde die Thüre zu verſchließen, den ich ſchon ſeit zwanzig Jahren kenne.“ „Und der die ſchönſten Pferde in ganz Paris hat,“ ſetzte die Marquiſe in ironiſchem Tone hinzu. „Da können Sie ein Muſter davon ſehen,“ gab Herr von Beaupré zurück, indem er plötzlich an ein Fenſter trat, und ſchaute mit wonnetrunkenem Auge ein Racepferd an, das eben in den Hof des Hotels hereingekommen war, geführt einem die Livree des Vicomte von Choiſy tragenden Domeſtiken. Und ohne eine Minute zu verlieren, griff der ritterliche Edelmann nach Hut, Handſchuhen, Reit⸗ peitſche, die er aus Vorſicht auf einen Stuhl ge⸗ gelegt hatte. „Sie erlauben,“ ſprach er dann;„es iſt bei mir Prinzip, die Pferde nicht warten zu laſſen Folgen„Sie meinem Rath, liebe Marquiſe, und ſchlagen Sie ſich eitle Chimären aus dem Kopfe. Warum wollen Sie ſich Sorgen machen wegen Din⸗ gen, die nicht exiſtiren? Sehen Sie, ſteht man einmal in unſerem Alter, ſo muß man an ſich ſelbſt denken und das junge Volk ſich ſelbſt helfen laſſen, wie es ihm gut dünkt; meine Vollmachten habe ich Maximus übergeben, alſo ſehe er zu, wie er es macht. Es heißt im Sprichworte, man ſolle den Finger nicht zwiſchen den Baum und die Rinde 166 ſtecken, und ſo habe ich denn geſchworen, zwiſchen meinem Schwiegerſohn und meiner Tochter nicht zu interveniren.“ „Der Egoiſt!“ ſprach Frau von Gardagne bei ſich ſelbſt, als er hinaus war;„was liegt ihm an allem Anderen, wenn er nur reiten und jagen kann?“ Als die Marquiſe ſah, wie ſie an Herrn von Beaupré ſo gar keine Stütze hatte, blieb ſie eine Weile in Nachdenken verſunken. Sie wußte nicht, was ſie ferner thun ſollte; endlich aber kam ſie zu einem Entſchluſſe und trat in einen kleinen Salon, wo ſie ihre Schwiegertochter zu finden hoffte, und wirklich war auch Frau von Lüscourt dort und las mit zerſtreuter Miene die Gazette de France, Kaum hatte die junge Frau ihre Schwieger⸗ mutter erblickt, als ſie aufſtand, um ihr den Lehn⸗ ſeſſel abzutreten, den ſie an der Ecke des Kamins eingenommen hatte. Gewöhnlich behauptete Frau von Gardagne dieſen Ehrenplatz mit der Würde, womik eine hochgeborene Wittwe auf den ihr ge⸗ bührenden Vorrang hält; dieß Mal jedoch ſchlug ſie ihn aus. „Bleiben Sie, Kind,“ ſprach ſie graziös, auf einen anderen Lehnſeſſel ſich niederlaſſend.„Wie kommt es aber, daß Sie bei ſo wunderſchönem Wetter das Zimmer hüten? Ich glaubte, Sie wären mit Maximus ausgegangen; gewiß iſt auf den Boule⸗ vards ein Wagen am andern.“ „Iſt es nicht heute Sonntag?“ antwortete Fla⸗ via in kaltem Tone;„ohne Zweifel iſt Maximus wieder in der Veſper, während ich meinen Tag 167 chen noch engliſcher Weiſe hinbringe. Nur leſe ich in t zu der Gazette, anſtatt in der Bibel; es zeugt das, ich weiß es wohl, noch von ziemlichem Weltſinn; bei daher ſchickte ich mich auch, als Sie die Thüre ge⸗ an öffnet, an, dieſe Zeitung zu verſtecken, denn ich be⸗ agen fürchtete, es möchte mein Mann ſein.“ „O Sie machen den armen Maximus ſchlimmer, von als er wirklich iſt: ich glaube kaum, daß er Ihnen eine das Leſen unterſagt.“ icht,„Ich bitte recht ſehr um Verzeihung,“ entgeg⸗ e zu nete die junge Frau trocken:„geſtern hatte ich den lon, Roman Lelia aus einer Leihbibliothek holen laſſen; und heute Morgen hat Maximus ihn auf meinem Toi⸗ las lettentiſchchen gefunden und ohne Weiteres wieder fortgeſchickt.“ ger⸗„Das heiße ich als abſoluter Monarch handeln,“ ehn⸗ ſprach die Marquiſe, ein Lächeln verſuchend;„an nins Ihrer Stelle jedoch würde ich in dieſem kleinen Frau Staatsſtreich eher einen Beweis von Anhänglichkeit irde, als einen Act des Deſpotismus erblicken. Auch ge⸗ gibt es ja am Ende, liebe Flavia, noch andere gſie Bücher als Lelia. Indem Maximus Ihre Lectüre ſtreng zu wählen ſucht, gibt er Ihnen ein Beweis auf von Achtung. Begreifen Sie das nicht?“ Wie„O, ich begreife Alles, weiß Alles zu würdigen etter und unterwerfe mich Allem,“ verſetzte Flavia;„ver⸗ mit langt man es, ſo begnüge ich mich ſogar mit Kin⸗ ule⸗ dermärchen.“ „Ich wollte Sie ein wenig über unſere Abreiſe Fla⸗ befragen,“ hob die Marquiſe wieder an und legte* mus in ihren Ton ebenſo viel Sanftheit, als der ihrer Tag Schwiegertochter üble Laune verrieth. 168 „Ich ſehe nicht ein, daß es ſo nothwendig iſt, mich über eine bereits beſchloſſene Sache zu befra⸗ Zn antwortete Frau von Lüscourt in eiskaltem one. „Soll das heißen, es gefalle Ihnen dieſe Reiſe nicht?“ „Was! ich mache mir im Gegentheil eine Freude daraus. Im März lebt es ſich auf dem Lande ſo gut! Zwar haben die Bäume noch kein Laub, da⸗ für aber hat es um ſo mehr Schnee. Man koſtet die Genüſſe des Landlebens am wohlgenährten Ka⸗ min. Ich begreife wahrlich nicht, warum nicht alle Welt dieſem Hochgenuß nacheilt, und wie gewiſſe Leute ſo hartnäckig bornirt ſein mögen, daß ſie das Ende des Carnevals zu Paris zubringen.“ Seitdem Frau von Gardagne wußte, daß Herr von Beaupré den Vicomte eingeladen, hatte ſie ſelbſt nur mit dem höchſten Widerwillen auf die beab⸗ ſichtigte Reiſe geblickt. Trotz ihrer Frömmigkeit glaubte ſie ihr Gewiſſen doch nicht allzu ſehr zu be⸗ laſten, indem ſie den Grund, weßhalb ſie zu einem anderen Entſchluſſe gekommen war, verheimlichte und ihrem Sohne das Verdienſt einer Aenderung zuſchrieb, von der ſie glaubte, ſie müſſe der jungen Frau angenehm ſein. „Da haben Sie ſich ein Mal zur Unzeit für das Landleben paſſionirt,“ hob die Wittwe lächelnd wie⸗ der an;„wie wollen Sie es mit Maximus machen, der zu Paris bleiben will und damit Ihnen nicht allzu ſehr zuwider zu ſein glaubt?“ „Iſt es nicht meine Pflicht zu gehorchen?“ ver⸗ ſetzte Flavia, die ihrerſeits zu lächeln anhob, da 4 169 durch dieſen unerwarteten Schluß ihre üble Laune auf der Stelle verſcheucht wurde. Nachdem der Marquiſe es ſo gelungen, auf das Geſicht der jungen Frau die Sonnenblicke der Zu⸗ friedenheit zurückzuführen— ein Eingang, den ein gewandter Diplomat nie verabſäumen ſoll—, fand ſie ſich etwas mehr verlegen als zu Anfang des Geſprächs; doch dauerte ihre Unſchlüſſigkeit nur kurz, da geſcheide Leute ſich raſch entſchließen, wenn ſie dieß auch oft genug zu bereuen haben. Bis daher hatte ſie, wenn ſie mit ihrer Schwiegertochter ſprach, ſtets auf's Aengſtlichſte alle Diskuſſionen vermieden, deren Gegenſtand der Vicomte hätte werden können, da ihr gar wohl bekannt war, daß man einem Menſchen Wichtigkeit verleiht, ſobald man von ihm ſpricht, und ſei es auch nur, um über ihn zu läſtern, ſowie daß der Widerſpruch ſchlechte Geſinnungen nur noch mehr entwickelt, anſtatt ſie auszuwurzeln. In dieſem Augenblicke aber ſah Maximus' Mutter die Nothwendigkeit ein, aus ihrer ſyſtematiſchen Zu⸗ rückhaltung heraus zu treten und das Herz zu prü⸗ fen, gegen welches eine Schlange züngelte, ehe ein fataler Biß dem Gift Eingang verſchafft hatte. „Die Sache iſt alſo abgemacht,“ hob die Wittwe wieder an;„wir bleiben zu Paris. Im Laufe des Sommers wird ſich ſchon wieder Gelegenheit geben, Ihre Tante zu beſuchen. Es wäre wahrlich Schade geweſen, wenn wir nicht bei der Heirath des Fräu⸗ leins von Cheneceaux hätten ſein können.“ „Wie es ſcheint, ſo wird es dabei hoch her⸗ gehen,“ antwortete Flavia lebhaft;„es wird an 17⁰ nichts geſpart werden, und bei Frau von Agoſt ſprach man von gar nichts Anderem.“ „Der Frühling iſt entſchieden die Zeit, wo man am Liebſten heirathet,“ hob Frau von Gardagne gleichgültig wieder an:„geſtern habe ich von nicht weniger als von einem ganzen halben Dutzend Heirathen gehört; ich habe aber alle ſchon wieder vergeſſen, diejenige unſeres Freundes, Herrn von ausgenommen. Haben Sie auch davon ge⸗ ört?“ Auf dieſe Frage antwortete die junge Frau mit einem mißtrauiſchen Blicke, und ein nervöſes Zucken erſetzte das Lächeln auf ihren Lippen. „Herr von Choiſy heirathet?“ ſprach ſie dann mit einer Stimme, der ſie Feſtigkeit zu verleihen ſuchte.„Und wen heirathet er denn?“ „Das kann ich Ihnen nicht ſagen,“ antwortete die Wittwe, ohne zu thun, als nehme ſie die Auf⸗ regung ihrer Schwiegertochter wahr;„mit der Sache ſelbſt aber hat es ſeine volle Richtigkeit. Herr von Choiſy hat es Ihrem Vater bereits mitgetheilt.“ „Ja ſo!“ entgegnete Flavia, von Neuem, dieß Wal aber mit einer gewiſſen Ironie lächelnd;„ſeine Heirath mit Fräulein von Villemars! Das iſt eine alte Geſchichte.“ „Alt oder neu,“ ſprach die Marquiſe,„daran liegt im Grunde wenig, aber gewiß ſcheint ſie, und alle Welt lobt Herrn von Choiſy, daß er endlich der Geſchichte zu lieb den Roman aufgibt.“ „Er macht alſo Romane?“ fragte Frau von Lüscourt mit einer Miene, deren Naivetät einen geheimen Spott durchblicken ließ. goſt nan gne icht en eder von ge⸗ mit cken ann hen tete luf⸗ che von ieß ine ine ran ind lich n len 171 „Ach! ich vergaß, daß Sie ſolcherlei Werke gern leſen; ſonſt hätte ich mich dieſes Wortes nicht be⸗ dient, um etwas zu charakteriſiren, was ſehr wenig Romanenhaftes an ſich hat. Die Damen oder De⸗ moiſellen der großen Oper gelten im Allgemeinen für Perſonen, welche das poſitive Element dem idealen vorziehen.“ „So wäre denn Herr von Choiſy überwieſen, für eine Schauſpielerin eine Paſſion zu empfinden!“ ſprach die junge Provinzialin, deren Verdruß ſich i. eine immer ſtärkere Röthe des Geſichts ver⸗ rieth. „Ob es eine Sängerin oder eine Tänzerin, weiß ich nicht; Ihr Vater iſt es, der dieſe ſchönen Ge⸗ ſchichten erzählt. Doch leidet das Wort, deſſen Sie ſich bedienen, an einem Fehler, und zwar an dem der Uebertreibung. Ein Lebemann, der das Leben ſo ganz ausgekoſtet hat wie Herr von Choiſy, em⸗ pfindet keine Paſſion mehr.“ „Was das betrifft, ſo kenne ich Männer, die noch nie gelebt haben und darum doch ohne alle Paſſion ſind,“ ſprach Flavia kurz. Keine Miene verzog die Marquiſe, als dieſer ihrem Sohne geltende Prallſchuß abgefeuert ward. „Sie werden wenigſtens zugeben,“ verſetzte ſie, „daß ein reines jugendliches Herz beſſer und reicher iſt als eine früh gealterte Seele. Es ſoll das frei⸗ lich nicht heißen, es könne Herr von Choiſy, der nun für das Geſchäft eines Verführers ein bischen zu alt wird, nicht noch ein vortrefflicher Gatte wer⸗ den, wenn er ſich beſſert. Iſt man einmal fünf⸗ undvierzig, ſo iſt es Zeit aufzuhören, wie dieſe 172 Herren in ihrer unceremoniöſen Weiſe ſich auszu⸗ drücken pflegen.“ „Sie wollen wohl fünfunddreißig ſagen?“ be⸗ merkte Frau von Lüscourt, ihre üble Laune nur mit Mühe bewältigend. „Fünfundvierzig, mein Kind, wenn er nicht noch älter iſt. Bedenken Sie doch, daß Herr von Choiſy, um ſich zu erhalten, ebenſo viel Kunſt wie die raf⸗ finirteſte Kokette aufwendet. Erſt vor einigen Tagen noch ſagte mir Frau von Ahgoſt, er trage ein Cor⸗ ſett. Haben Sie es vielleicht auch bemerkt?“ „Es gibt Männer von ſo ungeſchickter Haltung, daß ſie wohl thun würden, dieſes Beiſpiel nachzu⸗ ahmen.“ Auch dieſen zweiten für Maximus gemünzten Schuß ließ Frau von Gardagne an ſich vorübergehen, ohne dem Anſchein nach davon Notiz zu nehmen, und mit unverwüſtlicher Kaltblütigkeit fuhr ſie alſo fort: „Unglücklicher Weiſe läßt ſich eben der Jahre verwüſtende Spur nicht verwiſchen. Was der Vi⸗ comte auch thun mag, er altert eben. Geſtern habe ich ihn aufmerkſam angeſchaut, und da bin ich ganz betroffen geweſen von Zeichen der Reife, die ich an ihm noch nicht wahrgenommen hatte: er hat ent⸗ ſchieden graue Haare.“ Eine Bewegung der Ungeduld ſchnellte Flavia empor. „Wer hat auch keine grauen Haare!“ ſprach ſie, die Hand nach ihren ſchwarzen Haaren führend, die zugleich wie das Gefieder eines Raben glänzten. „Herr von Choiſy iſt ungemein geiftkeich, ungemein diſtinguirt, ungemein liebenswürdig, und wäre ich e, le in 173 ein Mann, ſo würde ich mir kein anderes Vorbild wählen.“ Dann plötzlich zu etwas Anderem übergehend: „Da wir nicht mehr nach Selve gehen, ſo wird es, denke ich, paſſend ſein, meine Tante davon zu beuachrichtigen, damit ſie uns nicht länger erwartet. Wenn Sie erlauben, ſo will ich ihr ſchreiben.“ Und ohne auf eine Antwort von Seite ihrer Schwiegermutter zu warten, verließ Frau von Lüs⸗ court den Salon, deſſen Thüre ſie mit einer Leb⸗ haftigkeit hinter ihr ſchloß, daß man unwillkürlich denken mußte, es ſei ein eigenwilliges, verſtimmtes Kind hinausgegangen. Ein Weib vertheidigt ihre Phantaſien noch weit mehr als ihre Gefühle, hierin einer geſellſchaftlichen Meinung ſich unterwerfend, welche die Paſſion äch⸗ tet die Caprice aber duldet. Selbſt in die geheim⸗ ſten Myſterien der weiblichen Organiſation einge⸗ weiht, fühlte die Marquiſe eine unverhoffte Be⸗ friedigung, indem ſie den Aerger wahrnahm, den ihre Schwiegertochter ſich ſo wenig Mühe gegeben hatte zu verhehlen. „Liebte ſie ihn,“ dachte ſie,„ſo würde ſie, wenn von ihm die Rede iſt, ſicherlich ſchweigen; hätte ſie ſich etwas vorzuwerfen, ſo wären ihre Manieren liebenswürdiger und ihre Sprache minder heraus⸗ fordernd. Sie iſt widerwärtig, mithin hat es auch mit ihrer Tugend keine Gefahr.“ In dem Augenblick, wo die alte Dame dieſen Satz in ihrem Geiſte formulirte— einen Satz, den nur eine Frömlerin allein zugeben konnte, ohne der Tugend gegenüber Unhöflichkeit an den Tag zu 174 legen, ging die Salonthüre auf und meldete ein Domeſtike den Vicomte von Choiſy. VL Mit graziös⸗geſchäftiger Miene trat der Mode⸗ mann herein, und nichts verrieth in ſeinem Geſichte den Verdruß, den ihm innerlich die Ausſicht eines Tete--Téte verurſachte, das er ganz anders ge⸗ hofft. Ihrerſeits faßte die Marquiſe, als ſie das Weſen gewahrte, das ihr als ein reißender Wolf erſchien, einen jener energiſchen Entſchlüſſe, vor denen die gewöhnliche Klugheit zurückzuweichen pflegt, die aber zuweilen von der Inſpiration oder der Nothwendigkeit des Augenblicks dictirt werden. „Von Herrn von Beaupré iſt nichts zu erwar⸗ ten,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt, während ſie die Complimente des Vicomte mit einem zweideutigen Lächeln beantwortete.—„Der Mann würde ſeine Tochter um ein Pferd und ſeine Seele um einen Rehbock verkaufen. Wollte ich Flavia die Sache vorſtellen, ſo könnte ich ſie gerade dadurch zu einem unbeſonnenen Streiche treiben. Mein Sohn end⸗ lich darf nichts wiſſen, denn bei der Erziehung, die er erhalten— und vielleicht habe ich mir dabei einige Uebertreibung zu Schulden kommen laſſen, könnte ſeine Intervention nur ungeſchickt oder ge⸗ fährlich ſein. Mithin bleibt mir nichts Anderes übrig, als mich an dieſen Menſchen ſelbſt zu wen⸗ den; und warum ſollte ich das nicht thun?“ Nachdem die Frage einmal ſo geſtellt war, 175 wurde ſie auch von Maximus' Mutter auf der Stelle gelöst. „Herr von Choiſy,“ ſprach ſie, den heuchleriſchen Süßigkeiten ihres Gegenredners plötzlich ein Ende machend,„ich bin ſehr erfreut, eine Gelegenheit gefunden zu haben, die mir erlaubt, ohne allen Rückhalt mit Ihnen zu ſprechen. Ich möchte Ihre Anſicht wiſſen über etwas, was in meiner Ei⸗ genſchaft als Provinzialin, als Frömmlerin, als Frau voller Vorurtheile, ich allzu ſtreng zu beur⸗ theilen fürchte. Die Meinung eines Mannes, wie Sie,— eines Mannes, deſſen Hauptfehler, wie ich glaube, nicht eben ein allzugroßer Rigorismus iſt, würde, wenn ſie mit meiner eigenen übereinſtimmte, mich nicht wenig beruhigen.“ „Wenn nur die alte Rärrin die Peſt bekäme!“ ſprach der Vicomte bei ſich ſelbſt;„hält ſie mich denn für einen Caſuiſten? Was zum Henker ſoll ich mit ihrer Beichte?“— Dann in reſpectvollem Tone:„Ich höre, Madame; doch fürchte ich gar ſehr, Sie möchten meine kurze Einſicht zu hoch taxiren, indem Sie mich befragen.“ „Was würden Sie, Herr von Choiſy, von einem Manne halten, der, nachdem er ſich als Freund in eine Familie eingeführt, das Vertrauen, bas er ein⸗ flößt, mißbrauchen und die ihm gewährte Gaſtfreund⸗ ſchaft mit einem Verrath bezahlen würde, welcher um ſo unwürdiger und um ſo ſchändlicher iſt, je kalt⸗ blütiger er combinirt worden?“ „Touchirt!“ dachte Choiſy, deſſen Geſicht jedoch keine Verlegenheit ſehen ließ.—„Madame,“ ant⸗ wortete er,„das Factum, wovon Sie ſprechen, er⸗ 176 neuert ſich in der guten Geſellſchaft ſo häufig, daß man ſelbſt untadelhaft ſein müßte, wenn man da⸗ rüber urtheilen wollte. Nun aber kann ich leider nicht von mir ſagen, daß ich mich in ſolcher Lage befinde: haben Sie doch ſelbſt geſagt, es würde ein Rigorismus mir nur übel anſtehen. Geſtatten Sie mir daher, daß ich mich reeuſire. Ich habe mit meiner eigenen Gewiſſensprüfung bereits ſo viel zu ſchaffen, daß ich mich nicht unterfange, auch An⸗ derer Suͤnden noch zu würdigen und haarſcharf abzuwägen.“ „Ich habe nicht geſagt, daß Sie über Ihre Ge⸗ wiſſensprüfung hinausgehen ſollen,“ verſetzte Frau von Gardagne mit unverwüſtlicher Kaltblütigkeit; „im Gegentheile, es iſt mir ganz erwünſcht, daß wir dieſe Prüfung gemeinſchaftlich vornehmen. Wenn wir einmal annähmen, Sie ſeien der Mann, den ich im Auge habe?“ „Ich, Madame!“ „Sie ſelbſt, mein Herr; legen Sie ſich nicht auf's Läugnen, Sie würden mir ſonſt ganz unnütz einen ſchlechten Begriff von Ihrem Geiſt geben, und es iſt, glaube ich, ſchon genug, ja übrig genug, daß Sie mir ein Recht gegeben zu zweifeln, ob Sie ein gar ſo zartes Gewiſſen beſitzen. Wir wollen lieber den geradeſten Weg einſchlagen, um deſto eher zur Sache zu kommen. Seit einem halben Jahre geben Sie ſich alle irgend erdenkliche Mühe, Frau von Lüs⸗ court zu gefallen.“ „Können Sie glauben?... „Hören Sie, ich bin jetzt eine alte Frau, die den Intriguen der Welt auf tauſend Stunden fern — 8c 20 8 8 ß — 177 ſteht; Sie bagegen ſind ein Mann von vollendeter Gewandtheit; der Vortheil iſt alſo offenbar auf Ihrer Seite; doch möchte ich Sie bitten, auf dieſe Ueberlegenheit nicht allzu ſehr zu vertrauen. Sehen Sie, in gewiſſen Dingen werden die Weiber nicht alt, und ſelten mangelt es ihnen darin auch an Verſtand. Ich wiederhole Ihnen alſo, ſeit einem halben Jahre hat Ihr Betragen ein Ziel, das Sie auch nicht einen Tag aus dem Auge verloren ha⸗ ben. Habe ich recht geſehen? Und werden Sie es wagen, gegen mich zu behaupten, daß ich mich irre?“ Dieſer ſo präciſen Frageſtellung gegenüber, wel⸗ cher ein figer, durchdringender Blick eine wahre Autorität verlieh, ſah der Vicomte ein, daß alles Läugnen dumm und unnütz ſein würde; und zudem geſtattete ihm ſeine Eigenliebe nicht, einem dürren Weibchen gegenüber die Rolle eines Schülers an⸗ zunehmen, der nichts Beſſeres zu thun weiß, als ſich hinter die Lüge zu flüchten, um dem Stecken des Pädagogen zu entgehen. „Da Sie es ſo haben wollen, Mabame,“ ſprach er mit feſter Stimme,„ſo will ich Ihnen, wie ſelt⸗ ſam auch ein ſolches Wort erſcheinen mag, in aller Ehrlichkeit geſtehen, daß ich Frau von Lüscourt liebe.“ „Sie kann Sie nicht hören; der leidenſchaftliche Ton, in dem Sie ſprechen, iſt alſo völlig unnütz,“ verſetzte die Marquiſe;„erlauben Sie mir nun, Ihre Offenheit abermals zu befragen: können Sie mir, die Hand auf dem Herzen, wiederholen, daß Sie meine Schwiegertochter wirklich lieben?“ „Wie mir dünkt, Madame, ſo iſt das Geſtänd⸗ Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 12 178 niß ungewöhnlich genug, um es als glaubwürdig erſcheinen zu laſſen.“ „Ich will alſo zugeben, Sie ſeien in dieſem Stücke ehrlich, was ich, unter uns geſagt, ſehr we⸗ nig geneigt war als richtig anzuerkennen: in dieſem Fall muß ich Ihnen zeigen, wie Sie in Ihrem Herzen künftig beſſer leſen können, als Sie bisher gethan. Vergeſſen Sie einen Augenblick, daß ich die Schwiegermutter der Frau von Lüscourt bin, und plaudern wir über dieſe Sache, wie wenn ſie weder Sie noch mich anginge. Eine Paſſion, der die Unerfahrenheit der Jugend entſchuldigend zur Seite ſtände, könnte ich im Nothfall verſtehen; wie ſoll ich aber, Herr von Choiſy, glauben, ein ſo ge⸗ riebener und durchtriebener Weltmann wie Sie könne ſich ſo ſehr über ſeine eigenen Gefühle täu⸗ ſchen? Sie lieben nicht, ich— ich ſage es Ihnen; in dieſer ganzen Geſchichte iſt nur Ihre Eitelkeit im Spiel, nicht aber Ihr Herz. Soll ich auf gewiſſe, ziemlich gut beglaubigte Gerüchte einiges Gewicht legen, ſo haben Sie mehr denn einen Grund, im Punkte der Pariſer Erfolge blaſirt zu ſein; und da die Sachen ſo ſtehen, ſo iſt die noch blutjunge und wunderſchöne Frau von Lüscourt, als ſie zum erſten Mal ihr Dorf verlaſſen, Ihnen als eine Perſon erſchienen, welche würdig wäre, in einer Art provin⸗ zialen Zwiſchenſpiels zu figuriren, um doch in die Monotonie Ihrer gewöhnlichen Triumphe einige Abwechslung zu bringen.“ „Ah! Frau Marquiſe,“ rief der vierzigjährige Weiberjäger:„welch' gehäſſige Rolle leihen Sie mir nicht da!“ — rdig ſem we⸗ ſem rem her ich bin, ſie der zur wie ge⸗ Sie täu⸗ en; lkeit iſſe, icht im da und ſten rſon vin⸗ die nige rige Sie 179 „In der That, ich finde ſie gehäſſig, recht ge⸗ häſſig, dieſe Rolle,“ gab Frau von Gardagne kalt zurück,„und nichts wünſche ich ſehnlicher, als Ihnen dieſe meine Anſicht beizubringen. Sie ſehen, ich habe Ihre Pläne errathen; die meinigen werde ich Ihnen wohl nicht zu erklären brauchen. Stets wer⸗ den Sie an mir eine wachſame und unermüdliche Gegnerin finden. In dieſem Augenblicke bin ich nicht die fromme Frau, die aus uneigennütziger Liebe zur Tugend für die verletzte Moral in die Schranken tritt; ich bin eine Mutter, die über die Ehre ihres Kindes wacht, das heißt, über einen Schatz, der unendlich koſtbarer iſt als das Leben dieſes Kindes. Die Frage iſt alſo klar genug ge⸗ ſtellt. In dieſem Augenblicke betrachte ich Sie als einen Feind, und ich ſage Ihnen im Voraus, doß ich auf meiner Hut bin. Und nun ſeien auch Sie offen! Was hoffen Sie?“ „Ich achte Frau von Lüscourt viel zu ſehr, als daß ich je gehofft hätte,“ entgegnete der Vicomte in einem Tone, der minder leichtfertig war als gewöhnlich. „Das iſt einmal ein Wort, das ich gern höre, und ich will daher auch Act davon nehmen,“ unter⸗ brach Maximus' Mutter lebhaft.„Sie geben alſo ſelbſt zu, daß Hoffnungen Ihrerſeits einer Be⸗ ſchimpfung gleich kämen. Was wollen Sie dann aber? denn Sie ſehen mir wahrlich nicht aus wie ein Mann, der die uneigennützige Liebe der Ritter eines andern Zeitalters zu erneuern liebt.“ Statt aller Antwort lächelte Herr von Choiſy mit einer Affectation, welche ſeine Verlegenheit nur zur Hälfte verhehlte. 2 12 180 „Sehen Sie einmal, wie ſchlecht Ihre Sache iſt,“ fuhr Frau von Gardagne fort, indem ſie den Schleifknoten ihrer Dialektit immer feſter zuſammen⸗ zog;—„Sie können auch nicht ein Wort ſagen, das nicht auf der Stelle ſich gegen Sie kehrte. In⸗ deſſen weiß ich Ihnen Dank für die Meinung, die Sie von meiner Schwiegertochter haben. Nie hätte ich Ihnen es verziehen, wenn Sie in Beziehung auf ſie einem ehrenrührigen Gedanken Raum ge⸗ geben hätten. Frau von Lüscour hat ebenſo viel Geiſt als Ehre und Gemüth; iſt ſie auch noch ſehr jung, ſo beſitzt ſie doch ein überaus richtiges Ur⸗ theil, und ſtets wird ihr nie irrender Verſtand die rfahrung ergänzen, die ihr noch abgehen mag; nie habe ich an ihr gezweifelt; ſchreiben Sie daher auch nicht Befürchtungen, wodurch ſie ſich verletzt zu fühlen ein Recht hätte, einem Schritt zu, den mir ein Gefühl des Anſtands dictirt. Sie wiſſen beſſer als ich, wie die Urtheile der Welt zuweilen ſo leicht⸗ fertig und unbeſonnen ſind, daß man ihnen gar nicht genug vorbeugen kann; daß die Realität un⸗ tadelhaft iſt, genügt noch nicht: es muß auch der äußere Schein der Kritik keinen Spielraum bieten. Mit einem Wort, würde ich nicht fürchten, der Pe⸗ danterie angeklagt zu werden, ſo würde ich Ihnen wiederholen, daß gegen Cäſar's Gemahlin nicht ein⸗ mal ein Verdacht aufkommen darf.“ „Gut! jetzt wären wir glücklich an der alten Geſchichte,“ dachte der Vicomte;„wozu lange mit dieſer tugendhaften Matrone herumſtreiten, die ihren ſelefinßl von einem Sohn für einen Cäſar ält?“ iche den en⸗ en, n⸗ die itte ing iel ehr Ar⸗ die 93 her etzt nir ſer ht⸗ ar n⸗ er n. e⸗ en n⸗ en tit en ar 181 Die Marquiſe aber machte eine Pauſe, als wollte ſie ihrem Gegenredner Zeit zum Antworten laſſen; bald genug ſah ſie indeſſen, daß ihre Hoff⸗ nung eine irrige geweſen war. Sie hob alſo in ſanfterem Tone und mit einem Lächeln, deſſen Zau⸗ ber durch das Alter noch nicht ganz zerſtört worden war, wieder an: „Eine lange Predigt, nicht wahr? Und daß dieſelbe Sie langweilt, begreife ich leicht: ſind Sie doch ſo wenig gewohnt, dergleichen Predigten zu hören! Geſtehen Sie nur, daß ich Ihnen in die⸗ ſem Augenblicke als diejenige Perſon erſcheine, die Ihren Haß am Meiſten verdient. Ich möchte nun aber nicht, daß Sie mit dieſem Eindrucke weg⸗ gingen; denn ſehen Sie, trotz meines Alters bin ich noch nicht ohne alle Koketterie, und es iſt mir entſchieden daran gelegen, daß Sie mich nicht all⸗ zu ſehr verabſcheuen. Iſt es denn ſo ganz unmög⸗ lich, daß wir Freunde bleiben, mein lieber Herr von Choiſy? Habe ich in Wirklichkeit Ihre Paſſion in Abrede ſtellen zu können geglaubt, ſo habe ich dagegen Ihre Ehrenhaftigkeit nie angezweifelt. Ein Wort aus Ihrem Munde würde genügen, um mich zu beruhigen und dieſer peinlichen Debatte ein Ende zu machen: um dieſes Wort bitte ich Sie inſtändigſt. Sind ſie denn ſo ſelten zu Paris, die Frauen, welche ſtolz darauf wären, jene Aufmerkſamkeiten einzuflößen, die Sie gegenwärtig elendiglich ver⸗ geuden? Sehen Sie doch nur, zu welchen egoiſti⸗ ſchen und weitlichen Räſonnements Sie mich zwin⸗ gen: hoffentlich wird mir Gott dieſe Sünde ver⸗ geben in Anbetracht des edlen Beweggrundes, der 182 mich treibt. So beweiſen Sie mir, daß ich mich nicht getäuſcht, indem ich bei Ihnen ein für alle edlen Gefühle zugängliches Herz vermuthet. Zwar weiß ich, daß die Achtung einer Frau meines Alters kein ſo koſtbares Gut iſt, um das edelmüthige Be⸗ tragen zu belohnen, das ich von Ihnen erwarte; aber bedenken Sie auf der anderen Seite, daß Sie, wie Sie ja ſelbſt geſagt, keinen Hoffnungen Raum geben; warum ſollten Sie alſo die Demüthigung einer Niederlage dem Verdienſt eines Opfers vor⸗ ziehen?“ Während dieſer von der Marquiſe mit einer Art Rührung geſprochenen Schlußrede hatte Herr von Choiſy einen ſeiner Weſtenknöpfe gar übel zu⸗ n „Es ſteht in den Sternen geſchrieben, daß die alten Weiber dazu geſchaffen ſind, Einem das Spiel zu verderben,“ ſprach er mit concentrirter Wuth bei ſich ſelbſt,„jedes Wort dieſer ehrwürdigen Greiſin fällt mir perpendikulär auf das Haupt, wie der Ziegel, der den Tagen eines Pyrrhus ein Ende machte. Es iſt klar, daß ich eine ſchimpfliche Nie⸗ derlage erlitten. Ein ehrenvoller Rückzug iſt Alles, was ich jetzt noch hoffen darf.“ „Madame,“ ſprach er dann mit künſtlich be⸗ wegter Stimme,„nicht vergebens ſollen Sie an mein Ehrgefühl appellirt haben. Sie haben mich allzu ſtreng beurtheilt, indem Sie mein Benehmen einer kalten Berechnung und nicht dem Zug der Leidenſchaft zugeſchrieben; da ich aber nichts deſto weniger im Unrecht bin, ſo habe ich kein Recht mich zu beklagen. Und indem ich meinen Fehler bekenne, ich alle var Be⸗ Sie, um ing Or⸗ ner err zu⸗ die piel uth gen wie nde ſie⸗ les, be⸗ an nich men der eſto nich 183 bin ich ſelbſtverſtändlich auch bereit, ihn wieder gut zu machen. Wenn es mir an Verſtand gefehlt, indem ich mich gegen ein Gefühl, das ernſter iſt, als Sie glauben, ſchlecht gewahrt, ſo werde ich wenigſtens den Muth haben, mich zu überwinden und zu verhindern, daß es Sie länger beun⸗ ruhige. Sprechen Sie, Madame; ich gelobe Alles zu thun, was Sie von mir verlangen.“ „Sehr gut, Herr von Choiſy,“ erwiderte die Marquiſe, ihre Worte energiſch betonend;„ſo ſpricht ein braver Mann. Es freut mich unendlich zu ſehen, daß ich Sie recht beurtheilte.“ „Was verlangen Sie von mir?“ fragte der Vi⸗ comte, der unter einem Lächeln der Reſignation eine wirkliche Niederlage zu verbergen affectirte. „Verurtheilen Sie mich zum Exil? Beſtimmen Sie nur den Ort, ich gehe alsbald hin; ſchicken Sie mich nach Italien, nach Deutſchland, nach England. Verlangen Sie, daß ich krank werden ſolle, um ei⸗ nen Vorwand zu haben, auf den hyeriſchen Inſeln vor Langweile zu ſterben?“ „An Ihrem Talent, jede mögliche Rolle zu ſpielen, zweifle ich keinen Augenblick,“ antwortete Frau von Gardagne lachend;„in Wahrheit aber ſehen Sie viel zu gut aus, um den Bruſtkranken ſpielen zu können. Und zudem liegt es mir fern, in Ihre Angelegenheiten und Plane ſtörend einzu⸗ greifen: ich habe einmal Ihr Wort, daran glaube ich, und das genügt mir. Ich lege Ihnen daher auch nichts auf, ja ich verlange nicht einmal von Ihnen, daß Sie minder oft zu uns kommen ſollen: ein allzu plötzlicher Wechſel in Ihren Beziehungen 184 zu uns könnte auffallen und ſeine Uebelſtände ha⸗ ben. Nur das glaube ich von Ihnen fordern zu müſſen, daß Ihr Benehmen ein beſonneneres wird, und wie Sie das anzugreifen haben, werden Sie ſelbſt wohl am Beſten wiſſen: es bedarf von Ihrer Seite dazu bloß eine kleine Doſis guten Willens. Alſo noch einmal, ich brauche Ihnen keine beſonderen Ver⸗ haltungsregeln zu geben. Seien Sie verſichert, mein lieber Herr von Choiſy, was Ihnen jetzt ſchwer und peinlich ſcheint, wird Ihnen einſt eine Quelle reiner und ungetrübter Befriedigung werden; dann werden Sie mir es Dank wiſſen, daß Sie ſo ge⸗ handelt. Einſtweilen kann ich Ihnen wohl erlau⸗ ben, daß Sie mir ein wenig grollen; denn es kann mir nicht einfallen, Sie urplötzlich bekehren zu wollen.“ Der Mann von vierzig Jahren ſtand auf. „Frau Marquiſe,“ ſprach er mit ehrfurchter⸗ füllter Miene,„komme ich ein Mal zum Heirathen, ſo werde ich Sie und niemand anders bitten, mir eine Frau zu wählen.“ „Sie finden, daß ich nicht ſo ganz ungeſchickt bin?“ antwortete Flavia's Schwiegermutter mit der Bosheit, welche der Erfolg oft einflößt. „O Madame! habe ich ſolchen Spott verdient?“ „Nun habe ich Unrecht. Sie benehmen ſich ſo vortrefflich, daß es grauſam von mir wäre, wenn ich Sie auch nur mit einem Worte verletzen wollte; doch müſſen Sie mir meine Heiterkeit zu gut halten, da Sie es ſind, der ſie hervorgerufen. Alſo gegen⸗ ſeitige Nachſicht, und ſcheiden wir als gute Freunde!“ Herr von Choiſy bückte ſich, um die Hand zu 185 faſſen, die ihm geboten wurde, worauf er ſie mit einer reſpectvollen Galanterie an die Lippen drückte — einer Galanterie, gegen welche die Wittwe trotz des doppelten Eiſes des Alters und der Frömmig⸗ keit nicht unempfindlich blieb. „Auf Wiederſehen!“ ſprach ſie mit ſanfter und, ſo zu ſagen, verjüngter Stimme.„Gehen Sie hin in Frieden, und ſündigen Sie fortan nicht mehr!“ Nachdem der Vicomte ſich zum letzten Mal ver⸗ beugt mit einer Grazie, welche der Männer des alten Hofes würdig geweſen wäre, verließ er den Salon. In dem Augenblicke aber, wo er die Sa⸗ lonthüre öffnete, bemerkte er mitten im Speiſeſaal Frau von Lüscourt, die unbeweglich daſtand, wohl aber erſt ſeit einem Augenblicke, da ihr Kleid noch die Undulation zeigte, welche die Folge einer ra⸗ ſchen Bewegung iſt. Bei dieſem Anblicke ſchloß der Neubekehrte die Thüre und trat raſch auf die junge Frau zu, die mit hochroth gefärbten Wangen vor ihm ſtand. Mit einer Geberde, deren Lebhaftigkeit keinen Widerſtand zuließ, erfaßte er ihre Hand, öff⸗ nete dieſelbe und ließ ein Billet hineingleiten. Als ein Mann von Erfahrung hielt zwar Choiſy nur ſehr wenig auf das epiſtolare Syſtem, welches an⸗ gehenden Verführern ſo theuer iſt, aber er wußte auch, daß, wenn man dieſe Bahn einmal betreten, es unklug iſt, darauf ſtehen zu bleiben; denn in Liebesſachen kommt es in der Regel mehr auf die Quantität als auf die Qualität der Briefe an. Einen Augenblick blieb Frau von Lüscourt ver⸗ dutzt, dann wurde das Roth ihrer Wangen ein noch feurigeres, und endlich warf ſie, ohne ein Wort zu 186 ſagen, aber mit einer Pantomime, welche energi⸗ ſchen Unwillen ausdrückte, das Papier auf den Bo⸗ den. Der Vicomte ſtellte ſich nicht einmal, als wollte er ſich bücken, und durch das plötzliche Hereintreten eines Domeſtiken zum Rückzug gezwungen, entfernte er ſich mit unvergleichlicher Ungezwungenheit. Un⸗ ter der Thür wandte er ſich noch einmal um, und endlich verſchwand er mit lächelnden Lippen, da er bemerkt, daß die Gräfin den Fuß auf das Brieſchen geſetzt hatte. Als der Weiberjäger verſchwunden war, ſchickte Flavia den Domeſtiken weg, hob raſch das Billet auf und ſtürmte in den Salon hinein. „Was iſt Ihnen denn?“ fragte Frau von Gar⸗ dagne alsbald;„Sie blenden mich ganz mit Ihrer ſchönen Farbe, mit Ihren funkelnden Augen.“ „Ich muß Ihnen eine kleine Sünde bekennen, die Sie mir hoffentlich verzeihen werden,“ antwor⸗ tete die junge Frau mit raſcher, gebrochener Stimme. „Ich war dort, und habe Alles gehört,“ fuhr ſie, auf die Thüre deutend fort. Ohne irgend welche Verlegenheit an den Tag zu legen, hörte die Marquiſe, wie die Sache ſich mehr und mehr verwickelte. „Und ohne Zweifel haben Sie da Dinge ge⸗ hört, welche nur wenig dazu angethan ſind, Ihnen zu gefallen,“ antwortete ſie;„es wird Sie das lehren, ein ander Mal nicht mehr an den Thüren zu horchen.“ „Ich habe gehört, wie ich an Ihnen die beſte und nachſichtigſte Mutter beſitze,“ hob Frau von — —— N — 187 Lüscourt, von der Aufregung des Augenblicks fort⸗ geriſſen, wieder an. „Sprechen wir nicht weiter davon, mein Kind!“ unterbrach Frau von Gardagne im liebevollen Tone einer wahren Mutter.„Keine von uns iſt von ihrer Pflicht abgewichen, danken wir Gott dafür; und hoffentlich wird nun er die ſeinige erfüllen, denn ich halte ihn für ehrlich.“ „Da haben Sie einen Beweis ſeiner Ehrlichkeit,“ rief Flavia mit vibrirender Stimme und bot mit einer Geberde voll Adel und Entſchloſſenheit ihrer Schwiegermutter den Brief des Vicomte hin. Die alte Marquiſe ſprang von ihrem Lehnſeſſel auf, und es drückten ihre plötzlich flammenden Augen faſt in demſelben Augenblicke Zorn und Freude aus. „Er hinterging mich alſo,“ ſprach ſie energiſch; „es hat ihm unſer guter Engel dieſes unwürdige Betragen eingeflößt, denn nun iſt es ein Ding der Unmöglichkeit, daß Sie ihn nicht verachten.“ „Ich haſſe, verabſcheue ihn,“ antwortete die Gräfin mehr und mehr exaltirt;„vielleicht daß ich unbeſonnen, leichtſinnig, ja ſogar kokett geweſen, nie aber habe ich ihm Urfäche gegeben, mich in ſolcher Weiſe zu beſchimpfen; denn er hat mir den Brief aufgezwungen; es iſt der erſte, den er an mich geſchrieben, ich beſchwöre es, und Sie ſehen, ich habe ihn nicht geleſen.“ „Es iſt der zweite,“ verſetzte Frau von Gar⸗ dagne ernſt, und zog das Billet vom vorigen Abend aus ihrer Taſche hervor;„und ich will Ihnen nur geſtehen, ich bin etwas neugieriger geweſen als Sie.“ 188 Als Flavia ihre Schwiegermutter ſo trefflich unterrichtet fand, konnte ſie ſich nicht enthalten, die Augen niederzuſchlagen, und ſie dankte dem Himmel, der ſo rechtzeitig ihre Tugend noch gekräftigt hatte. Die Marquiſe ihrerſeits nahm die beiden Be⸗ weiſe der Schuld des Vicomte zwiſchen ihren Dau⸗ men und ihren Zeigefinger und machte eine Bewe⸗ gung, als wollte ſie ſie in's Feuer ſchleudern. „Wenn Sie ſie verbrennen, wird er ſich da nicht für berechtigt halten zu glauben, ich habe ſie ge⸗ leſen und aufbewahrt?“ rief die junge Frau, den Arm ihrer Schwiegermutter erfaſſend, um ihm Ein⸗ halt zu thun. „Da haben Sie Recht, doch können Sie nicht ſelbſt ihm die Briefe zurückgeben; es wird das viel⸗ mehr meine Sache ſein.“ Mit dieſen Worten begrub Frau von Gardagne die beiden Billets in ihrer Taſche; dann ließ ſie ihre Schwiegertochter an ihrer Seite Plaß nehmen, erfaßte ihre beiden Hände und gab ihr die beſten Worte und die liebevollſten Rathſchläge. So ſprach ſie lange mit jener eindringlichen Beredſamkeit, welche die Weiber ſtets finden, wenn es gilt, Gefühlen des Herzens Ausdruck zu leihen; und was ſie bis dahin vergebens geſucht, wurde ihr nun zum Lohn für ihre mütterliche Herzlichkeit, das heißt, eine Ant⸗ wort, die, eben weil ſie ſo unerwartet und verſtän⸗ dig war, ihr Herz mit Freude erfüllte. „Beſte Mutter, gehen wir nach unſerem Lüs⸗ court zurück,“ ſprach Flavia, ſich ganz und gar gehen laſſend.„Paris gefällt mir nicht; das Leben, das man hier führt, iſt eine ungeheure Reihe von 189 Ausſchweifungen und Treuloſigkeiten. Ich bedarf der Ruhe und der Einſamkeit; es ſcheint mir, es wäre mir ſo wohl, wenn ich recht weit von dieſem Strudel entfernt wäre, indem man ſo leicht von einem gefährlichen Schwindel erfaßt wird; bei mei⸗ nem Vater, bei Ihnen, die Sie ſo gütig gegen mich ſind, bei Maximus, der mich ſo wahr liebt, drängt es mich zu ſein! O machen wir doch, daß wir fort⸗ kommen: ich erbitte mir es als eine Gnade von Ihnen!“ „Ja, liebe Tochter, wir wollen abreiſen, da Sie es ſo wollen,“ gab die Marquiſe zurück, die viel zu welterfahren war, um nicht bereitwilligſt auf einen Vorſchlag einzugehen, welchen nur die Klug⸗ heit allein bisher auf ihren Lippen zurückgehalten atte. VI. An dieſem Tage ließ der ſonſt ſo pünktliche Maximus von Lüscourt zur Eſſenszeit auf ſich war⸗ ten. Endlich erſchien er, leiblich zwar ausgehungert, geiſtig aber um ſo mehr geſtärkt von einer wunder⸗ ſchönen Predigt, welche Abbé Lacordaire eben in der Liebfrauenkirche gehalten hatte. Nach der Ge⸗ wohnheit aller excluſiven Köpfe, die Andern gern ihre eigenen Functionen auferlegen, glaubte der fromme junge Mann nichts Beſſeres thun zu kön⸗ nen, als ſeine Familie der ſchönen Worte theilhaf⸗ tig zu machen, von denen er bezaubert worden war, und unter deren Einfluß er ſich noch befand. Kaum 190 hatte er ſeine Serviette entfaltet, ſo beſtieg er ſein geiſtliches Schlachtroß und hieb die philoſophiſche Schule des achtzehnten Jahrhunderts unbarmherzig zu Schanden; und da die Predigt drei Theile ge⸗ habt hatte, das Diner aber nur aus zwei Trachten beſtand, ſo war das Deſſert ſchon verzehrt, ehe Maximus mit der Pulveriſirung Voltaire's und Rouſſeau's, jener beiden ewigen Zielſcheiben unſerer modernen Prediger, zu Ende gekommen war. Was Herrn von Beaupré betrifft, ſo hörte er die Homi⸗ lie ſeines Schwiegerſohns mit der leichten Reſig⸗ nativn eines Mannes on, deſſen Gedanken einzig und allein auf dds Eſſen gerichtet ſind; Flavia dagegen hörte, unbeweglich und mit geſenktem Kopfe, um ſo aufmerkſamer zu, wenn ſie nicht— worüber wir uns kein Urtheil erlauben wollen— zerſtreut war; Frau von Gardagne endlich beobachtete, viel⸗ leicht zum erſten Mal, ihren Sohn mit einem mehr prüfenden als Wohlgefallen ausdrückenden Blicke. Unmerklich von den Ideen unterjocht, welche ſeit zwei Tagen durch das Geſchehene in ihrem Geiſte geweckt worden waren, fühlte die Marquiſe, wie ihr die Schuppen von den Augen ſielen— Schuppen, welche ihre Frömmigkeit und ihre mütterliche Liebe bis dahin darauf feſtgeklebt hatten. Trotz der Liebe, die ſie ihrem Sohne Maximus weihte, konnte ſie doch nicht umhin zu bemerken, wie er mit ſeinem langen ſchwarzen Rocke, ſeinem weißen Halstuch, feinen langen glatten Haaren, welche nur auf die Tonſur zu warten ſchienen, mehr wie ein Prieſter als wie ein Weltmann ausſah, und wie die hohe Eleganz des Herrn von Choiſy nur allzu vortheil⸗ — —— V 8 S 8— 8 X 191 haft gegen ſeine vergleichungsweiſe lächerliche Er⸗ ſcheinung abſtach. Und als ſie weiter von den Ma⸗ nieren zu den Worten überging, da däuchte es ihr, trotz ihrer perſönlichen Frömmigkeit, auch, es ſei ihr Sohn ein gar zu guter Theolog. „Wird er denn nie mit ſeinem Voltaire fertig!“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt, ohne ihrer üblen Laune widerſtehen zu können.„Noch nie habe ich ihn von ſolcher Streitwuth beſeſſen geſehen. Mit wem will er ſich denn ſtreiten? fällt es doch niemand ein, ihm zu widerſprechen. Er thäte beſſer daran, gegen Flavia liebenswürdig zu ſein, und er ſieht nicht, wie er ſie tödtlich langweilt. Denn ich muß ſelbſt geſtehen, er iſt wirklich langweilig. Seine Stimme, die doch ſo angenehm iſt, wenn er nicht zu laut ſpricht, wird es immer weniger, je mehr er ſich er⸗ hitzt, und den Geberden, womit er ſo freigebig iſt, fehlt es an Grazie und an Ungezwungen⸗ heit. Wohl hat man Recht zu ſagen, es ſeien die Mütter blind; noch nie hatte ich ſo gut wie in dieſem Augenblicke wahrgenommen, wie viel mei⸗ nem armen Maximus noch fehlt. Sein Geiſt iſt erhaben, ſein Herz vortrefflich, ſein Charakter durch⸗ aus ehrlich, ſeine religiöſen Grundſätze ſind, dem Himmel ſei es gedankt, unsrſchütterlich; mit einem Worte, die Grundlagen ſind bei ihm ſo edel, als man ſie immer wünſchen kann; aber die Form.. die Form iſt am Ende doch auch etwas; in den Augen der Frivolen iſt ſie ſogar ſehr viel; und bildet die Frivolität nicht den Grundton des weib⸗ lichen Weſens? Beſäße Maximus, um ſeine vor⸗ trefflichen Eigenſchaften zu ſchmücken, nur den vier⸗ 192 ten Theil der Weltbildung, von der Herr von Choiſy einen ſo beklagenswerthen Gebrauch macht, ſo wäre er ein vollendeter Cavalier und würde Flavia ihn anbeten. Nun! da kommt er ſchon wieder auf den Contrat social zurück! Er will entſchieden un⸗ ausſtehlich ſein!“ Ungeduldig erhob ſich endlich Frau von Gar⸗ dagne und brachte ſo die nicht enden wollende Pre⸗ digt ihres Sohnes zum Schluß. Auf ihrem Zim⸗ mer überließ ſie ſich einem Nachdenken, das die Nacht kaum unterbrach und deſſen entgegengeſetzte Impulſe Ideen erſchütterten, welche Miſanthropie in ihrem Geiſte ſeit zwanzig Jahren befeſtigt hatte, und zwar ſo, daß deren Wurzeln unzerſtörbar ſchie⸗ nen. Aber allmählig drang die primitive Menſch⸗ lichkeit des Charakters durch die künſtliche Schicht, womit die frommen Uebungen eines bis zur In⸗ toleranz ſtrengen Lebens ſie bedeckt hatten, und da kam denn das Weib wieder zum Vorſchein. Jetzt ſah die Marquiſe ein, daß, wenn die Tugend auch ſtets nothwendig, ſie doch in gewiſſen Fällen unzu⸗ reichend iſt, ſowie daß die ausſchließlich auf das Liebgewinnen und die Uebung der Tugend gerichtete Erziehung ihres Sohnes Maxrimus gar unvollſtän⸗ dig war in einer Geſellſchaft, wo das Böſe als, wenn auch nicht ſouveräne, ſo doch militirende Macht exiſtirt. Sie begriff, daß die Frömmigkeit, wenn mit Unwiſſenheit gepaart, in der Einſamkeit wohl vortrefflich ſein kann, daß aber in der Welt, ſo wie dieſelbe nun einmal iſt, eine Vereinigung dieſer beiden Dinge tauſend Gefahren nach ſich zieht; denn es iſt die Welt ein Kampf, in dem bie Böſen N— 8 S 193 die Wahl der Waffen haben; und iſt auch dieſes Geſetz ein ungerechtes, ſo muß man ſich ihm doch unterwerfen oder auf den Kampf verzichten. Selbſt das beſte Recht iſt ſeiner Niederlage gewiß, wenn es dem Stahl der Ungerechtigkeit den nackten Hals entgegenhält. Griffen nicht auch, wenn man ei⸗ nem Raphael und einem Milton Glauben ſchen⸗ ken darf, die Engel zum Spieß und zum Schwert, um ihre alſo gewaffneten Gegner, die gefallenen Geiſter, zu bekämpfen? Es muß alſo auch die Religion mit dem Augenblick, wo ſie den Fuß in die irdiſche Arena ſetzt, die Wiſſenſchaft als Waffe führen; freilich kann ſie dieſes Schwert wieder zerbrechen, wenn ſie ihre unſterblichen Flügel ent⸗ faltet, um wieder nach dem Himmel zurückzukehren, von wannen ſie herabgeſtiegen. Die Marquiſe wich vor den Folgen der neuen Ideen, welche die Erfahrung in dieſem Augenblicke ihr auferlegte, nicht zurück. „Ich habe Unrecht gethan,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt,„daß ich auf meine perſönlichen Gefühle zu viel gehört; ich habe es gemacht wie eine Mutter, die ihren Sohn in einen Wald voller Räuber ſchicken und dabei ihm doch verbieten würde, mit einer guten Büchſe ſich zu verſehen, weil er ſich damit verwunden könnte. Für einen Ehemann iſt Paris eine wahre Mördergrube; und ſo wie ich ihn nun einmal erzogen, iſt mein armer Maximus völlig vertheidigungslos gegen die Ehrenräuber, denen man dort auf jedem Tritt und Schritt be⸗ gegnet. Was kann er ihnen entgegenſetzen? Seine Unſchuld! Damit kommt man hoffentlich in den Him⸗ Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 13 194 mel, in dieſer Welt aber unterliegt man damit. Er ſoll aber überall Sieger bleiben; er ſoll in den Himmel kommen auf einem Pfade, der minder dor⸗ nenvoll iſt, als der meinige es geweſen; kurz, er ſoll glücklich ſein. Nun aber iſt ihm Flavia's Liebe die einzige Garantie dieſes Glückes, und dieſe Liebe, die er bis jetzt noch nicht zu erringen vermochte, muß er um jeden Preis erlangen, müßte er auch, um ihr zu gefallen, einige der Fehler ſich aneignen, denen unſere jungen Modemänner ihre Erfolge ver⸗ danken. Gleich ihnen muß er liebenswürdig, ele⸗ gant werden, muß er ſich Eigenſchaften aneignen, welche beſtechen, welche die Herzen Anderer erobern, und müßte er auch. Doch ich will nicht an die Folgen denken; ich will um ſo ſtrenger gegen mich ſelbſt werden, ich will Tag und Nacht beten; wenn es ſein muß, will ich Buße für ihn thun, und Gott wird uns verzeihen, denn ich bin nun einmal Mutter! Und welche Sünde möchte eine Mutter nicht begehen, um das Glück ihres Kindes zu ſichern?“ An dem darauf folgenden Tage ließ Frau von Gardagne ihren Sohn Maximus rufen, der ſich be⸗ eilte, dieſer Einladung zu folgen. „Geſtern habe ich mit deiner Frau eine Staats⸗ rathsſitzung abgehalten,“ hob ſie an,„und wir haben beſchloſſen, daß wir, anſtatt zu Frau von Selve zu gehen, direct auf unſer Schloß zurückkeh⸗ ren wollen. Die letzten Bälle haben Flavia etwas ermüdet, und ich ſelbſt fühle, daß das Pariſer Leben mir nicht zuſchlägt; wir wollen alſo dieſer Tage, vielleicht ſchon morgen abreiſen.“ 195 „Ich bin dafür, daß es ſchon morgen geſchehe,“ erwiderte Maximus freudig;„es verlangt mich, zu Lüscourt zu ſein, und dort wieder unſer ein⸗ faches und ruhiges Leben zu⸗ leben. Der Strudel der Pariſer Welt iſt allen meinen Gewohnheiten und Liebhabereien ſo ſehr zuwider, daß das Ver⸗ langen, endlich daraus hinauszukommen, jeden Tag lebendiger in mir erwacht.“ „Und doch mußt du dich entſchließen, noch eine Zeitlang in demſelben zu leben.“ „Wie! reiſe ich nicht mit Ihnen ab?“ „Du vergiſſeſt unſeren Prozeß.“ „Er kommt erſt in ſechs Wochen, vielleicht erſt in zwei Monaten beim Caſſationshofe vor.“ „Ja, aber bis dahin mußt du ſchlechterdings mit deinem Advokaten vielfache Unterredungen ha⸗ ben, deine Richter ſprechen, mit einem Wort, dich auf dem Laufenden erhalten, da ja jeden Augen⸗ blick etwas Neues vorkommen kann. Siehſt du, Maximus, die Geſchäfte gehen Allem vor; bedenke doch, daß du nun ein Mann und verantwortlich biſt für die gute Verwaltung unſeres Vermögens. Es iſt alſo— mag dir es lieb ſein oder nicht— ſchlechterdings nothwendig, daß du zu Paris bleibſt, bis der Caſſationshof ſeinen Spruch gethan.“ „Weil Sie es denn wollen, ſo bleibe ich,“ ant⸗ wortete der gehorſame Sohn;„ich ſchwöre Ihnen jedoch, daß ich mir dadurch ein wahres Opfer auf⸗ erlege. Was in aller Welt ſoll ich hier thun, wenn Sie mit Flavia abgereist ſind?“ „Kannſt du nicht deine Zeit auf tauſendfache Weiſe nützen?“ 13* 196 „Ohne Zweifel. Vor Allem will ich recht fleißig ſtudiren; Sie können darauf zählen, daß die kö⸗ nigliche Bibliothek mich weit öfter ſehen wird als die Salons der ſchönen Welt.“ „Studiren! höre Marimus,“ entgegnete Frau von Gardagne bedächtig,„du biſt nun ſchon gelehrt genug, und zuweilen befürchte ich ſogar, daß du es allzu ſehr werdeſt; du wirſt mich zwar für mein Alter etwas frivol finden, du wirſt glauben, ich ſei dem Einfluß der brillanten Geſellſchaft nicht ent⸗ gangen, in der wir dieſen Winter gelebt haben, aber es hilft nichts, ich muß dir einen Studienplan mittheilen, der von dem deinigen wahrſcheinlich etwas verſchieden iſt, und woran du dich nach mei⸗ nem Dafürhalten, während unſerer Abweſenheit, möglichſt ſtreng halten ſollteſt.“. „Sprechen Sie, Mutter,“ lachte von Lüscourt. „Sind Sie nicht meine Führerin und mein Orakel? Was ſoll ich lernen, das Hebräiſche oder das Sanskrit?“ „Im Gegentheil, etwas durch und durch Fran⸗ zöſiſches. Ich wollte, du vervollkommneteſt dich in einigen Stücken, die bis jetzt allzu ſehr vernachläſ⸗ ſigt worden ſind,— und, ich geſtehe es gern, durch meine Schuld vernachläſſigt worden ſind. Siehſt du, du ſollteſt zum Beiſpiel Muſik, reiten, fechten, ja ſogar tanzen lernen...“ „Fechten! Tanzen!“ rief Maximus verblüfft. „Du begreifſt leicht, daß es ſich nicht darum handelt, in einem Duell oder auf einem Balle zu figuriren. Wohl aber befeſtigen alle dieſe an und für ſich durchaus unſchuldigen Uebungen die Ge⸗ W— — 197 ſundheit; ſie entwickeln den Körper und tragen da⸗ zu bei, daß die Haltung eine Freiheit, eine Grazie gewinnt, die man nie verſchmähen darf.“ „Sie finden alſo, daß meine Haltung eine durch⸗ aus ſchlechte iſt?“ ſprach der junge Mann, der ſich trotz ſeiner Tugendhaftigkeit in die Lippen biß. „Zwiſchen einer ſchlechten Haltung und vollen⸗ deten Manieren liegen gar viele Nüancen, mein Sohn, und ich geſtehe dir— entſchuldige meine mütterliche Eitelkeit—, daß es mich unendlich freuen würde, wenn ich dich deine körperlichen Vorzüge möglichſt gut nützen ſähe.“ „Mögen auch Andere mich für linkiſch und bäu⸗ riſch halten, mir iſt das ganz gleich, ich ſchwöre es Ihnen; Ihnen vber, Mutter, Sie wiſſen es wohl, kann ich nichts verſagen: Ihre geringſten Wünſche ſind mir Geſetze. Sobald Sie alſo ſagen, ich könne Ihnen damit eine Freude machen, ſo fechte ich, ſo tanze ich, ja ſo walze ich im Nothfall.“ „Das Gleiche gilt von deiner Toilette,“ hob die Marquiſe, hocherfreut, daß ihr Plan ihr ſo weit ge⸗ lungen, wieder an;„ich weiß in der That nicht, wo du dir deinen Schneider geſucht; man könnte glauben, es habe derſelbe an Herrn von Beaupré das Maß zu deinen Kleidern genommen.“ „Du mein Gott! Mutter, noch nie habe ich an Ihnen bemerkt, daß Sie mit ſolcher Koketterie ſich mit den Dingen befaſſen, die mich angehen. Seit wann beſchäftigen Sie ſich denn mit dem Schnitt meiner Kleider?“ verſetzte Marimus, der ſich nicht enthalten konnte, einen Blick auf ſeinen Ueberrock 198 zu werfen, worin er ſich in der That etwas be⸗ haglicher fand, als die Eleganz es gewollt hätte. „Für wen hätte ich denn Koketterie, wenn nicht für dich, der du deren in der That nicht genug haſt?“ „Ich ſehe nicht ein, warum ich ein Geck werden ſollte,“ rief der junge Gatte mit einer gewiſſen Sprödigkeit. „Ein Geck ſollſt du auch gar nicht werden, wohl aber ſollſt du dir gewiſſe Eigenſchaften aneignen, die, wenn du willſt, zwar oberflächlich, in deiner Stellung aber nothwendig ſind. Deine Grundſätze ſtehen zu feſt, als daß der Firniß der Mode ſie in irgend etwas zu alteriren vermöchte. Auch ſchließt ja die Tugend keineswegs die Eleganz aus, und man kann das untadelhafteſte Leben führen, wenn man auch nebenbei gutgemachte Kleider trägt. Wenn in früheren Zeiten ein junger Mann in die Welt trat, ſo nahm er ſich einen wegen ſeiner guten Manieren bekannten Cavalier gern zum Muſter und erwarb ſich ſo durch eine intelligente Nachahmung das brillante und graziöſe Aeußere, das die Geſellſchaft von ſolchen, welche ſich in ihr bewegen, zu fordern ein Recht hat. Warum ſollteſt du dieſes Beiſpiel nicht nachahmen? Unter deinen Bekannten ſind drei bis vier, welche dir in dieſer Beziehung die allerbeſten Lehren geben können, wie z. B. Herr von Choiſy. Ich meine hier na⸗ türlich nur ſeine Manieren, und nicht ſeinen Cha⸗ rakter, den ich allerdings etwas weniger ſchätze.“ „Ich verſichere Sie, man beurtheilt Choiſy falſch,“ antwortete Maximus gutmüthig.„Was 199 mich betrifft, Mutter, ſo habe ich in ihm ſtets einen Mann gefunden, der die perſonifizirte Ehrlichkeit und Delikateſſe iſt. Er kennt meine Grundſätze, und wenn er ſie auch nicht ganz theilt, ſo achtet er ſie doch wenigſtens. So z. B. habe ich vergangenen Freitag bei ihm geſpeist; wohlan! da war keine einzige Nichtfaſtenſpeiſe. Ich gebe gern zu, daß das nicht ſehr viel heißen will, indeſſen iſt es von Seiten eines ſo wenig religiöſen Mannes eine Auf⸗ merkſamkeit, eine Rückſicht, wofür ich ihm viel Dank gewußt.“ Als die Marquiſe ſo aus dem Munde der Taube eine Lobrede auf den Geier kommen hörte, fühlte ſie ſich ſehr verſucht, die Binde von den Augen ihres Sohnes abzureißen; doch hielt die Klugheit ſie zurück. „Gerade dieſer gute Geſchmack, dieſe Kenntniß deſſen, was ſich ſchickt, mit einem Worte, dieſe feine Lebensart ſollſt du dir aneignen,“ ſprach ſie, „und in dieſem Sinn kann die Bekanntſchaft des Herrn von Choiſy dir nur von Nutzen ſein. Ueber⸗ haupt wünſche ich, daß du während unſerer Ab⸗ weſenheit mehr denn bisher mit Männern deines Alters umgehen mögeſt. Es wird dieſer Umgang, ohne dich bis zur Hintanſetzung deiner Pflicht fort⸗ zureißen, hoffentlich eine gewiſſe Steifigkeit der Ma⸗ nieren modifiziren, die du bisweilen allzu weit treibſt. Vergiß nicht, daß du bei deiner Rückkehr nach Lüs⸗ court uns eine Ueberraſchung bereiten ſollſt, und ſei verſichert, daß auch Flavia eine ſolche Meta⸗ ni nicht mit allzu ungünſtigen Augen ſehen wird.“ 200 „Aus allem dieſem muß ich ſchließen, daß ihr beide mich höchſt wenig liebenswürdig findet,“ ant⸗ wortete Maximus, der einen geheimen Aerger nicht zu unterdrücken vermochte.„Da ich im Uebrigen Ihnen nur zu gefallen ſuche, ſo werde ich nichts verſäumen, um mein Aeußeres zu verbeſſern. Und am Ende wird es auch nicht viel ſchwerer ſein, mir dus Verdienſt zu erwerben, dem ſo viele junge Männer es verdanken, daß ſie in der Welt Glück machen, als das Griechiſche oder die Algebra zu lernen.“ MWit einer Miſchung von Freude und Unruhe nahm die Marquiſe die Unzufriedenheit ihres Soh⸗ nes wahr. „Er fühlt ſich ſtark an der Ehre angegriffen,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt,„und ſchon will er nur allein fliegen. Du mein Gott! wie ſchwach iſt doch die weiſeſte Erziehung, wenn einmal die Eitelkeit erwacht. Gebe nur Gott, daß er jetzt nicht zu weit geht!“ An dem darauf folgenden Tage verließ Frau v. Gardagne mit ihrer Schwiegertochter und Herrn v. Beaupré die Hauptſtadt; denn hatte die Mar⸗ quiſe einmal einen Entſchluß gefaßt, ſo pflegte ſie deſſen Ausführung nie hinauszuſchieben, und unter den obwaltenden Umſtänden ſchien es ihr nur klug, den Tugendeifer der jungen Frau nicht er⸗ kalten zu laſſen. Einige Stunden ſpäter erſchien Marimus bei Herrn v. Choiſy. „Sie ſehen einen Wittwer und einen Verwais⸗ ten vor ſich,“ ſprach er in ungewöhnlich freiem Tone, da der gute Rath ſeiner Mutter bereits —— S———„.— ————— v — N 201 Früchte zu tragen anfing und ſeinen Ideen einen neuen Horizont geöffnet hatte. Als der Vicomte die ſo urplötzliche Abreiſe der beiden Frauen vernahm, konnte er vor Ueberra⸗ ſchung eine Weile gar keine Worte finden. „Ah! alte Tartüffin im Unterrock,“ ſprach er dann bei ſich ſelbſt,„ſo hältſt du die Verträge! Deine vorgeſtrige Homilie war alſo bloß eine Falle! Zum Glück bin ich ein zu alter Fuchs, als daß ich in dieſelbe gegangen wäre. Willſt du mich betrü⸗ gen, ſo ſollſt du zwei Mal betrogen werden! Ohne Zweifel hat Flavia es nicht gewagt, den Befehlen ihrer Duena Widerſtand zu leiſten, aber ſie nimmt wenigſtens einen Talismann mit, der ihr nicht er⸗ lauben wird, mich zu vergeſſen, und den ſie gewiß mehr denn ein Mal ſich anſieht. Fehler habe ich entſchieden keinen gemacht: unter allen andern Um⸗ ſtänden wäre es ſchülerhaft geweſen ihr zu ſchrei⸗ ben; da nun aber dieſe Trennung Statt gefunden, ſo werden meine beiden Epiſteln recht nützlich. Während der Abweſenheit vergißt man leicht was geſprochen worden, Briefe aber liest man wieder. Wo hat ſie wohl die meinigen verborgen? Ohne Zweifel in ihrem Buſen, denn der iſt das gewöhn⸗ liche Portefeuille für ſolche geheime Correſpon⸗ denzen.“ „Hier ſind Papiere, die ſich auf den Prozeß wegen der Waldungen von La Chesnaie beziehen; meine Mutter hat mir geſagt, ich ſolle ſie Ihnen zuſtellen, hob Lüscourt wieder an und zog zu⸗ gleich ein ſorgfältig verſiegeltes, mit dem Wappen 202 der Marquiſe von Gardagne verſehenes Paket aus der Taſche hervor. Nachläſſig zerriß der Vicomte das Couvert. Unter einem halben Dutzend von Contracten und Prozeßakten bemerkte er bald ein zweites weit klei⸗ neres Paket, worauf eine etwas zitternde Hand die Worte geſchrieben hatte:„Briefe, welche Frau v. Gardagne allein geleſen, und die ſie hiemit dem Herrn Vicomte v. Choiſy zurückſchickt, welcher hof⸗ fentlich ſo klug ſein wird einzuſehen, wie unnütz eine Correſpondenz iſt, deren einziges Reſultat ſein könnte, einer alten Frau einigen Zeitvertreib zu verſchaffen.“ Zwei Mal las der Mann der ſüßen Abenteuer dieſe Aufſchrift mit einer Miene, welche nicht eben die freudigſte war. „Erlauben Sie, daß ich dieſe Papiere in meinen Sekretär lege,“ ſprach er zu Maximus, ſeine Kalt⸗ blütigkeit wieder zu gewinnen ſuchend, und trat in ſein Schlafzimmer. Mit einer Art Fieberwuth er⸗ brach er das Siegel dieſes ſpöttiſchen Couverts, und ſiehe da! es blieben ihm die zwei Briefe in der Hand, die er ſelbſt an Frau von Lüscourt ge⸗ ſchrieben hatte. Bei dieſem Anblicke ſtand der Vicomte wie ver⸗ ſteinert da, und als während dieſer ſeiner Betäu⸗ bung ſeine Augen ſich mechaniſch auf einen Spiegel hefteten, erſchien ihm ſein Geſicht ſo kläglich be⸗ ſtürzt, daß er, nachdem er es eine Weile betrachtet, in ein unbändiges Lachen ausbrach. „Bei meiner Seele! darüber geht doch nichts!“ ſprach er dann bei ſich ſelbſt.„Ich ſchreibe an die — = X S XS* — S X* 8— — X 203 Frau, die Schwiegermutter aber liest meine Briefe, und endlich bringt ſie mir der tugendhafte Gatte zurück, ohne die ſonderbare Sendung, womit man ihn betraut, auch nur zu ahnen. Dieſe alte Mar⸗ quiſe iſt wahrlich eine Frau von Geiſt! Aber wie in aller Welt haben ihr meine armen Billete in die Hände fallen können? Es muß dieſe kleine Provinzialin ſie ihr gegeben haben. Einer ſolchen That hätte ich ſie nie für fähig gehalten. „Iſt es nicht Dummheit, ſo iſt es ein heimtü⸗ ckiſcher Streich; denn ſo führt man ſich doch nicht auf. Ein ſo confidentielles Schreiben ausliefern, heißt das Geheimniß der Beichte verrathen! Ich hatte jüngſt eine ſo gute Meinung von ihr bekom⸗ men wegen der Flinkheit, womit ihr Füßchen ſich auf meinen Brief geſetzt hatte! Die nahe bevor⸗ ſtehende Oſterzeit iſt Schuld an dieſer Schlappe, und ich verdiene wahrlich nichts Beſſeres; ich hätte doch aus Erfahrung wiſſen ſollen, daß ein Liebha⸗ ber während der Faſtenzeit ſtets den Kürzeren zieht! Nun bin ich alſo vollkommen geſchlagen, zurückge⸗ wieſen, entlarvt und, was noch mehr iſt, verhöhnt, und zwar von einem alten Weibe. Gewiß lacht ſie in dieſem Augenblicke über das alberne Geſicht, das ich eben gemacht, und das ſie ſich ohne Zweifel im Voraus gedacht; denn ſie beſitzt die Bosheit eines Dämons. Aber Geduld! ich bin nicht der Mann, der ſeine Flagge ſo ſchnell ſtreicht, und mehr denn eine Schlacht habe ich gewonnen, die eben ſo ver⸗ zweifelt war wie dieſe.“ Als Choiſy wieder in den Salon trat, hatte er die gewohnte Sicherheit wieder erlangt. Nachdem 204 die Beiben einige Augenblicke über dieſes und jenes geredet, theilte Maximus dem Vicomte mit, wie er leider noch ein paar Monate allein zu Paris blei⸗ ben müſſe. Bei dieſer Eröffnung ſtieg im Geiſte des Vicomte einer jener machiavelliſchen Gebanken auf, deren Keim, wenn von einer für's Böſe paſſio⸗ nirten Imagination aufgenommen, ſo geſchwind wie nach einem Volksſprüchwort das Un⸗ raut. „Dieſes alte Rabenaas iſt mein böſer Genius,“ ſprach nach Lüscourt's Weggang der Nachahmer Lovelace's bei ſich ſelbſt;„ſie ſieht Alles, ſie erräth Alles, ſie hört Alles, ſie weiß Alles. So lange Flavia unter ihrer diaboliſchen Aufſicht ſteht, werden alle meine Verführungskünſte nicht anſchlagen. Dieſe Königin⸗Wittwe muß endlich ihrer Autorität ent⸗ kleidet werden) und es iſt das nicht mehr als bil⸗ lig, da ſie ihre Herrſchaft in allzu ungebührlicher Weiſe ausdehnt. Die Kleine iſt ganz geneigt zu einer Empörung, deren Beneſicien ſie erntet; es handelt ſich alſo jetzt nur noch darum, auch den Mann zur Empörung zu treiben und, gewiß iſt nie eine Ge⸗ legenheit günſtiger geweſen. Der paſſive Gehorſam dieſes Lüscourt hat ſeinen Grund in der Erziehung, die er erhalten; modifiziren wir die Grundſätze, ſo wird ſich bald auch ſein Betragen modifiziren. Die zwei bis drei Monate, die er, fern von ſeiner Mut⸗ ter, hier zubringen wird, ſind mehr als genug, um ihn an der berauſchenden Milch der Freiheit Ge⸗ ſchmack finden zu laſſen. Iſt das mütterliche Joch einmal gebrochen, ſo ſtellt ſich der brave junge Mann alsbald unter das ſeiner Frau: das iſt das Ende 205 es aller Revolutionen. Flavia, die Paris liebt, wird et es bewohnen wollen, während die Alte, wie es ge⸗ ſtürzten Gewalten ziemt, in ihr Schloß eingegränzt ſte ſein wird. Dann geht mein für den Augenblick ver⸗ n dunkelter Stern ſchöner denn je wieder auf. An dem Tage, wo ich mit dem intereſſanten Pärchen ein i Trio ſpiele— an dieſem Tage werde ich auch nicht 6 mehr weit von meinem Ziele ſein, da ich dann nur noch die Tugendhaftigkeit der Frau und den Ver⸗ ſtand des Mannes zu Gegnern habe. Emancipiren wir alſo den tugendhaften Lüscourt— das iſt der th Zweck, der jetzt vor Allem erreicht werden muß.“ Nachdem er die geringſten Einzelnheiten ſeines 2 Projects combinirt, um die Art der revolutionären . Propaganda, wovon er Gebrauch zu machen gedachte, deſto wirkſamer zu machen, ließ der Vicomte an ⸗ dem darauf folgenden Tage ſich in ſeinem Cabriolet r zu Maximus führen. „Mein Lieber,“ hob er an,„es iſt mir ſeit * geſtern etwas eingefallen, was ich Ihnen mittheilen ſ nß, da es Ihnen conveniren dürfte. Ich habe ſo . gedacht, daß es, nachdem dieſe Damen nun fort 1n ſind, recht unnöthig ſein dürfte, eine Wohnung zu behalten, die Ihnen ſchweres Geld koſtet und wo ſ. Sie ſicherlich langweilen werden; denn nichts iſt ſo i traurig wie Orte, welche von geliebten Perſonen bewohnt worden ſind. Sie wiſſen, daß bei mir Platz genug iſt, ſchlagen Sie alſo ohne Weiteres s⸗ Ihr Zelt bei mir auf. Nicht nur werden Sie mich nicht geniren, ſondern Sie werden mir ſogar damit ein Vergnügen machen, und es hat dieſe An⸗ ordnung für Sie den Vortheil, daß Sie nicht allein 206 ſind, was Ihnen unangenehmer ſein müßte als je⸗ dem Andern, da Sie ſtets in Ihrer Familie gelebt haben. Bei mir werden Sie jeden Tag Villaret, Marcenay und andere liebenswürdige Junggeſellen ſehen, welche keine Traurigkeit aufkommen laſſen. Allerdings iſt das eine etwas weltliche Geſellſchaft, allein ich kann nun einmal, ſelbſt mit dem beſten Willen, keine andere bieten. Im Uebrigen braucht Ihr Gewiſſen ſich nicht zu beunruhigen: bei mir ſind Sie wie zu Hauſe, und alle Ihre Gewohn⸗ heiten ſollen ängſtlich reſpectirt werden. Nun, neh⸗ men Sie an?“ „Es kommt faſt ſo heraus, als ob er von meiner Mutter inſtruirt wäre,“ dachte Maximus;„auch würde es mich nicht Wunder nehmen, wenn ſie die Sache unter ſich abgemacht hätten. Auf jeden Fall ſehe ich nicht ein, warum ich auf ſeinen Vorſchlag nicht eingehen ſollte.“ Es ging alſo der Provinziale auf den Vorſchlag ſeines treuloſen Freundes ein, und noch an dem⸗ ſelben Abende inſtallirte er ſich bei ihm. Oft ge⸗ ſchieht es, daß ein Wolf in einen Schaafſtall ein⸗ bricht; dieß Mal nahm das Lamm die Gaſtfreund⸗ ſchaft des Wolfes an. In Folge eines ſeltſamen Zuſammentreffens hatten die alte Marquiſe und der Vicomte, dieſe zwei unverſöhnlichen Feinde, einen und denſelben Weg gewählt, wenn auch das Ziel ein diametral entgegengeſetztes war. Faſt ohne Widerſtand gehorchte Maximus dem ihm ge⸗ gebenen doppelten Anſtoße; denn die letzten Worte ſeiner Frau Mutter hatten auf ſeinen Geiſt eine Wirkung hervorgebracht, welche die Abweſenheit 207 e⸗ nicht nur nicht ſchwächte, ſondern im Gegentheil bt noch verſtärkte. Verwundet in ſeiner Eitelkeit, jenem „ univerſellen Uebél, wogegen die Frömmigkeit nicht en immer als Präſervativ dient, ſagte der allzu gut n. erzogene junge Mann bei ſich ſelbſt, daß, da ſogar ft. ſeine Mutter Unebenheiten an ihm finde, es wahr⸗ en ſcheinlich ſei, daß dieſe Unebenheiten wirkliche Män⸗ gel ſeien; und ein mit einer Art Furcht untermiſch⸗ tir ter Verdruß bemächtigte ſich ſeiner bei dem Ge⸗ n⸗ danken, daß Flavia vielleicht nicht minder hellſehend h⸗ ſei als die Marquiſe. „Ich bin in der That ſehr ſchlecht gekleidet,“ er ſprach er eines Abends, als er in der Geſellſchaft de der eleganten Freunde des Vicomtes ſich befand he und ſich aufmerkſamer, als er ſein ganzes Leben hindurch gethan, in einem Spiegel betrachtete. cht Am andern Tage ſprach er beim Frühſtück in gleichgültigem Tone zu Choiſy: lag„Geben Sie mir doch die Adreſſe Ihres Schnei⸗ m⸗ ders; ich habe verſchiedene Einkäufe zu machen und ge⸗† bin mit dem meinigen nichts weniger als zufrieden.“ in⸗„Ich will Sie ſelbſt zu Blin führen,“ antwor⸗ nd⸗ tete der Modemann, der ein Lächeln nicht unter⸗ nen drücken konnte, indem er bei ſich ſelbſt ſprach:„Der ind erſte Schritt iſt nun gethan.“ de,„Da Sie ſo gefällig ſind,“ hob Lüscourt wieder das an,„ſo wären Sie wohl auch ſo gütig, mir eine aſt Reitſchule anzuzeigen, wo ich einige Lectionen im ge⸗ Reiten nehmen könnte— Lectionen, die mir höchſt rte nothwendig ſind. Geſtern, auf dem Boulevard, ine ſchämte ich mich ordentlich, neben Ihnen herzu⸗ heit rreiten.“ 208 „Nun, ſo wollen wir durch die Cadetſtraße gehen.“ „Iſt Griſier nicht der erſte Fechtmeiſter von Paris?“ fragte Maximus einige Augenblicke darauf. Bei dieſer Frage, die ihm noch unerwarteter kam als die andern, blieb Choiſy einen Augenblick ganz verdutzt. „Es iſt mir das lieber,“ dachte er endlich;„er ſoll auch mit dem Degen umſpringen lernen. So werde ich nicht als einer jener beſonnenen Ver⸗ führer erſcheinen, die, bevor ſie ſich unterſtehen, eine Frau zu lieben, die Schwäche oder Feigheit des Ehemanns befragen.“ Factiſch hatte die Emancipation begonnen, von der die Marquiſe und der Vicomte ſo entgegenge⸗ ſetzte Reſultate erwarteten. Ein Mal durch ſeine Eigenliebe auf dieſe neue Bahn getrieben, wurde Maximus darauf feſtgehalten durch einen Reiz, den er ſo lange für frivol und verächtlich erachtet hatte. Unmerklich empfand er ein unwillkürliches Ver⸗ gnügen, als er die vortheilhafte Veränderung ge⸗ wahrte, die ein ſchöner eleganter Anzug und das Studium guter Vorbilder in ſeinen Manieren her⸗ vorbrachten. Er kam ſo weit, daß er mit einer ge⸗ wiſſen Selbſtgefälligkeit die perſönlichen Vorzüge betrachtete, denen ſein Rigorismus bis dahin nur eine zerſtreute und zuweilen geringſchätzige Aufmerk⸗ ſamkeit geliehen hatte. Allerdings ſchadete die Pflege des Körpers der des Geiſtes durchaus nicht; und die etwas heidniſche Ausſchmückung der Form alterirte in nichts die Unſchuld der Seele. Trotz ſeiner gelben Handſchuhe und ſeiner fortan ſixen r⸗ ne es 209 Sporen ging Maximus jeden Sonntag in die Meſſe, aß Freitags bloß Faſtenſpeiſen und verrichtete jeden Tag ſein Gebet; neben der Erfüllung der gewohn⸗ ten Pflichten aber trat bei ihm allmählig eine heimtückiſche Lockerung ein in jenen Dingen, welche das göttliche Geſetz minder ſtreng vorſchreibt. Aus Mangel an Nahrung ſchwächte ſich ſeine bisherige Vorliebe für fromme Betrachtungen und theologi⸗ ſchen Discuſſionen ab, und die geiſtreiche, ſarkaſtiſche, ungezügelte Unterhaltung der Freunde ſeines Wirths warf ihn in eine Welt von Ideen, die dem Religiö⸗ ſen mehr und mehr fern ſtand. Eines Abends be⸗ fand ſich Maximus in einer Loge der großen Oper, ohne recht zu wiſſen, welchem Dämon er es zuzu⸗ ſchreiben habe, daß er zu dieſer in ſeinen Augen noch ſchweren Sünde gekommen; denn es war die erſte dieſer Art, die er ſich zu Schulden kommen ließ. „Was däucht Ihnen in der Oper außerordent⸗ licher als alles andere?“ fragte ihn der Vicomte. „Daß ich mich dort ſehe,“ antwortete Lüscourt, mit aller Zerknirſchung das Wort des venetiani⸗ ſchen Dogen parodirend. Einige Tage ſpöter wurde er auf einem Ball, den Villaret gab und auf den er in aller Unſchuld gegangen war, vom Hauswirth einer überaus hüb⸗ ſchen Frau vorgeſtellt, die ihn fragte, ob er auch walze.—„Nein,“ antwortete die Frömmigkeit; „ja,“ ſprach ihrerſeits die Eigenliebe; indeſſen war dieſe letztere Antwort die einzige, welche zu den Ohren der ſchönen Fragerin drang. Maximus walzte alſo mit ihr, wenn auch nur herzlich ſchlecht, Bernard, Ausgew. Erzählungen. 1. 14 210 wie alle tugendhaften Männer. Wenn ſeine Tän⸗ zerin Urſache hatte, mit ihm unzufrieden zu ſein, ſo war er dafür um ſo entzückter über die neue Sünde, die er begangen, und erſt am nächſten Tage wachte ſein Gewiſſen auf. Jetzt dachte er an ſeine ſo junge, ſo reizende Frau, und der Brief, den er ihr ſchrieb, war weitaus der zärtlichſte, den ſie noch von ihm erhalten. Den ganzen Tag über träumte er nur von Flavia's ſchönen ſchwarzen Augen, ſowie von dem glücklichen Augenblicke, wo er ſie wiederſehen würde. Am zweiten Tage aber fielen ihm unwill⸗ kürlich die ſchmachtenden blauen Augen ſeiner Tän⸗ zerin ein, und ebenſo flüſterte ihm auch ein neuer Dämon in's Ohr, daß ſie ihm die Erlaubniß ge⸗ geben, ſie zu beſuchen. Ob dieſer Beſuch wirklich Statt fand; ob er wiederholt wurde; ob er zur voll⸗ ſtändigen Emancipation des fünfundzwanzigjährigen Weiſen in irgend einer Weiſe beitrug— darüber ſchweigt die Geſchichte, und ſelbſt einem Roman⸗ ſchreiber dürfte es etwas ſchwer fallen, über Dinge zu berichten, von denen er lediglich nichts weiß. Maximus wohnte nun ſchon ſeit einem Viertel⸗ jahre mit dem Vicomte zuſammen, und immer in⸗ timer wurde ihre Familiarität. Schon waren drei Wochen verſtrichen, daß der Caſſationshof einen günſtigen Spruch gethan, und immer noch ſchien Maximus gar nicht an ſeine Abreiſe zu denken. In der Correſpondenz, die er mit ſeiner Frau und ſei⸗ ner Mutter ſehr fleißig unterhielt, fand er immer wieder neue Vorwände, um ſeinen Aufenthalt in der bezaubernden Seineſtadt zu verlängern. Eines Tages erhielt Frau von Gardagne einen l⸗ ⸗ e l⸗ n⸗ ei n n n 1⸗ er in n 211 Brief, den ſie alsbald an die Naſe führte, noch be⸗ vor ſie ihn erbrochen hatte. „Wie! wohlriechendes Papier!“ rief ſie ängſt⸗ lich;„du mein Gott! So muß es wohl der verlorene Sohn gemacht haben!“ Noch an demſelben Abende ließ die Marquiſe einen Brief abgehen, worin ſie ihren Sohn Maxi⸗ mus aufforderte alsbald nach dem Schloſſe zurück⸗ zukommen, da höchſt wichtige Angelegenheiten ſeine Anweſenheit gebieteriſch erheiſchten. VIII. An einem wunderſchönen Julimorgen rollte im ſtärkſten Trabe, deſſen die Pferde fähig waren, eine Poſtchaiſe in den Schloßhof hinein, über den in dieſem Augenblicke Frau von Gardagne und ihre Schwiegertochter zufällig hinſchritten. Beim Anblick des Vicomte von Choiſy, der zuerſt aus dem Wa⸗ gen ſtieg, waren die beiden Frauen wie an den Boden geheftet; bald aber richtete ſich ihr Staunen auf etwas Anderes, nämlich auf den zweiten Rei⸗ ſenden, den ſie anfänglich nicht wieder erkannten. Gleichwohl war es Maximus, aber ein ſo durch und durch anderer Maximus, daß er wirklich un⸗ kenntlich war. Ein kurzer Reiſerock hob ſeinen ſchlanken Wuchs hervor; fein ſchwarzes Halstuch war mit untadelhaftem Geſchmack um ſeinen Hals geſchlungen; ſeine nach der damaligen Mode ge⸗ rollten blonden Haare rahmten in graziöſer Weiſe den oberen Theil ſeiner Wangen ein; in dünne 4 212 Schnurrbart zeichnete ſich auf ſeiner Oberlippe und hob den Ausdruck ſeiner Phyſiognomie hervor; ſeine Augen endlich, die einſt ſo ſchläfrig geweſen waren, funkelten wie die des Adlers, und ſchienen, ganz wie ſolche bereit, der Sonne zu trotzen. Ge⸗ lenk ſprang der elegante junge Mann aus dem Wagen, und warf ſich, nachdem er anſcheinend einen Augenblick unſchlüſſig geweſen, ſeiner Mutter in die Arme und küßte ſie zärtlich. Als die Reihe an Flavia kam, drückte er ſie ſo lebhaft an ſeine Bruſt, daß die junge Frau, als dieſes ungewohnte Preſſen vorüber war, einen ganzen Schritt zurückwich, und die Augen niederſchlug, während eine plötzliche Flammenröthe ihre Wangen überflog. Frau von Gardagne hatte ganz und gar ver⸗ geſſen, daß der Vicomte auch da war; ſie ſah nur noch ihren Sohn, den ſie gierig vom Kopf bis zu den Füßen maß, und vor dem ſie in eine Extaſe ver⸗ ſank, worein ſich ein gewiſſer Schrecken miſchte. Endlich trug die Eitelkeit der Mutter über die Scru⸗ pel der frommen Frau den Sieg davon. „Du Nichtsnutziger!“ ſprach ſie, dieſes Wort mit unwillkürlicher Selbſtgefälligkeit betonend,„wie willſt du deine lange Abweſenheit rechtfertigen?“ „Mutter,“ antwortete von Lüscourt lächelnd, „ſind nicht Sie es, die mich verbannt? Ich war⸗ Wi bis es Ihnen gefallen möchte, mich zurückzu⸗ rufen.“ „Und wie es ſcheint, ſo warteteſt du geduldig,“ flüſterte die Wittwe ihrem Sohne, der ihr den Arm gegeben, um mit ihr in's Schloß hineinzu⸗ gehen, in's Ohr. S— S 1— X— S 8— 8 8* r⸗ P r⸗ e. 4⸗ rt ie r⸗ 213 „Sie werden mich doch nicht zanken wollen, daß ich Ihnen gehorcht?“ hob Maximus in ziemlich leichtfertigem Tone wieder an. „Ich fürchte gar ſehr, du haſt meine Weiſun⸗ gen überſchritten.“ „In dieſem Fall zähle ich auf Ihre Nachſicht; denn ein Uebermaaß von Unterwürfigkeit kann doch wahrlich nicht als ein Verbrechen angeſehen werden.“ Während des übrigen Tages entwickelte Maxi⸗ mus eine Freiheit des Geiſtes und eine Ungezwun⸗ genheit der Manieren, wovon ſeine Familie ſeltſam überraſcht war; er erzählte allerlei Neuigkeiten aus der großen Weltſtadt und ſprach über Politik, Litera⸗ tur, Pferderennen, ja ſogar Moden mit einer Sicher⸗ heit, worauf ſelbſt ein Elegant des Boulevard de Gand hätte ſtolz ſein dürfen. Je länger ſeine Mutter ihm zuhörte, um ſo nachdenklicher wurde ſie; vielleicht daß ihr die ſühnenden Andachtsübun⸗ gen einfielen, wozu der ſo plötzliche und ſo über alle Erwartung entwickelte Weltſinn ihres Zöglings ſie im Voraus zu verurtheilen ſchien; was Flavia betrifft, ſo blickte ſie ihren Gatten nur verſtohlen an und lauſchte allen ſeinen Worten mit einer Auf⸗ merkſamkeit, die ſie ihm bis dahin nur ſelten ge⸗ gönnt hatte; Herr von Beaupré ſeinerſeits lachte bei jedem pikanten Wort ſeines Schwiegerſohnes hell auf und rieb ſich vergnügt die Hände; der Vicomte endlich betrachtete mit verſtecktem Lächeln die handelnden Perſonen, die er baid als gefügige Marionetten ſeinen unabänderlich feſtſtehenden Pla⸗ nen unterthänig zu machen hoffte. Nach dem Diner machte ein plötzlicher Regen 214 eine Promenade unmöglich; der dicke Edelmann, dem nichts mehr zuwider war als die abſolute Ruhe, ſchlug alſo dem Vicomte eine Partie Billard vor. „Wir könnten eine Poule machen,“ ſprach er, „wenn mein Herr Schwiegerſohn nicht ſeibſt eine Poule mouillées) wäre, die ein Bloké nicht von einem Doublé zu unterſcheiden weiß.“ Auf dieſes verhöhnende Wortſpiel antwortete Maximus bloß mit einem Lächeln. „Wenn Sie eine gewöhnliche Partie und keine Poule ſpielen wollen,“ antwortete er,„ſo ſpiele ich allein gegen Sie und Choiſy.“ Alsbald begann der Kampf und es gewann der junge Mann zwei Partien hintereinander mit einer Gewandtheit, worüber ſein Schwiegervater ſich nicht genug wundern konnte. „Maximus,“ rief der letztere, ſich beſiegt gebend, „ich ſehe, Sie haben Ihre Zeit zu Paris gut ange⸗ wandt, und fange an, Ihnen meine Achtung wieder zu ſchenken. Könnten Sie ein Floret ebenſo gut führen wie ein Billardqueue, ſo würde ich Sie un⸗ bedingt loben.“ „Verſuchen wir es einmal!“ antwortete Lüs⸗ court kalt. Und es traten der Schwiegervater und der Schwiegerſohn mit einander in die Vorhalle, ein jeder nahm eine Masle, einen Handſchuh und ein Floret. Dieß Mal wurde der junge Mann von dem alten Athleten beſiegt, der trotz ſeines allzu runden Bauches im Nothfall mit St. Georg ſich 0) Begoſſenes Huhn, Menſch ohne Energie. n, e, 5 e m te 215 geſchlagen hätte, doch unterlag der junge Mann auf ſo ehrenvolle Weiſe; daß Herr von Beaupré, als der Kampf zu Ende war, lebhaft ſeine Maske abnahm, auf ſeinen Gegner zuſchritt und, mit dem Worte die That verbindend, zu ihm ſprach: „Nach einem ſolchen Kampf umarmt man ſich. Sakerloth! wie Sie drein fahren, und haben doch nur drei Monate Lectionen genommen! Zwar wäre noch da und dort etwas Weniges auszuſetzen; zum Beiſpiel, es ſind Ihre Paraden noch nicht kräftig und entſchieden genug, Sie machen die Klinge nicht geſchwind genug los, und ebenſo ſind Ihre geraden Stöße nicht raſch genug; doch es ſind das Kleinig⸗ keiten, die wir rectifiziren werden. Ich ſchenke Ihnen meine volle Achtung, hören Sie; denn vermuthlich haben Sie bei den neuen Studien, die Sie in neue⸗ ſter Zeit gemacht zu haben ſcheinen, auch das Rei⸗ ten nicht ganz und gar vernachläſſigt. Letzteres iſt durchaus weſentlich, für Sie insbeſondere, der Sie, alle Complimente bei Seite, wie eine Feuerzange zu Pferde ſitzen.“ „Morgen werden Sie hoffentlich mit mir nicht allzu unzufrieben ſein,“ gab Lüscourt mit beſchei⸗ denem Selbſtbewußtſein zurück. „Findeſt du nicht, daß dein Mann ein aller⸗ liebſter Camerad geworden iſt?“ fragte Herr von Beaupré ſeine Tochter Flavia, die mit immer leb⸗ hafterem Intereſſe das angenehme Geſicht ihres Mannes ſtudirte— ein Geſicht, das durch die eben genannten Uebungen eine warme Färbung bekom⸗ men hatte. Was Herrn von Choiſy betrifft, ſo hatte er ſich 216 ſeit ſeiner Ankunft auf dem Schloſſe gegen die Marquiſe und gegen die Gräfin mit der ſich ſtets gleich bleibenden Ungezwungenheit eines Weltmannes benommen, der von Andern die Vergeſſenheit ver⸗ langt, die er ſich ſelbſt auferlegt. Im Laufe des Abends trat er aus dieſer diplomatiſchen Haltung heraus, und indem ſeine Augen die Flavia's ſuchten, nahmen ſie wieder die ausdrucksvolle Sprache an, wozu ſie vor einem Vierteljahre ſich das Recht er⸗ obert zu haben ſchienen. Was die junge Frau be⸗ trifft, ſo wich ſie dieſem Blicke mit derſelben Hart⸗ näckigkeit aus, womit der Vicomte ſie ſuchte. Aus dieſem Mangel an Uebereinſtimmung entſtand eine ſtumme und bedeutſame Scene, die Maximus bald bemerkte und die er den Reſt des Abends beobach⸗ tete, ohne ihr anſcheinend die geringſte Aufmerk⸗ ſamkeit zu ſchenken und ohne auch nur ein Wörtchen darüber zu ſagen. Als aber an dem darauf folgen⸗ den Tage die gleiche Pantomime ſich erneuerte, 8 der junge Ehemann den alten Weiberjäger bei eite: „Mein lieber Freund,“ ſprach er mit einem ernſten Lächeln,„ſeit einem Vierteljahre habe ich der trefflichſten Lehren ſo viele von Ihnen erhalten, daß ich in Wahrheit nicht weiß, wie ich meine Schuld abtragen ſoll. Nun aber möchte ich ein Mittel finden Ihnen meine Dankbarkeit zu erkennen zu geben, da eine ſolche Schuld mir läſtig werden könnte.“ „Sie wollen ſpotten,“ verſetzte Choiſy;„was ſind Sie mir denn ſchuldig?“ „O! Vieles, woran Sie vielleicht gar nicht ——————————— 3 217 denken?“ ſprach Maximus;„unter anderen Dingen verdanke ich Ihnen auch die Gabe des Geſichts.“ „Ei! ei! hätte ich doch nicht geglaubt, daß ich ein Oculiſt wäre,“ lachte der Vicomte. „Und doch ſind Sie das; denn Dank Ihren guten Lehren, habe ich geſtern Abend und heute morgen noch geſehen, daß Sie meine Frau etwas mehr anſchauten, als die Sitte der guten Geſell⸗ ſchaft erlaubt.“ „Die Schlange, die ich in meinem eigenen Bu⸗ ſen erwärmt!“ ſprach Choiſy, der über dieſes Re⸗ ſultat gänzlich verblüfft ward. „Hören Sie, mein Lieber,“ fuhr Lüscourt in ſeiner kaltblütigen Weiſe fort,„ich gebe zu, daß ich Ihr Schuldner bin, ſage Ihnen aber zugleich im Voraus, daß die Art und Weiſe, wie Sie ſich bezahlt machen zu wollen ſcheinen, mir keineswegs convenirt. Es hat mir meine Frau ſeit geſtern gewiſſe Dinge geſagt, auf die ich nicht zurückkom⸗ men mag, und die ich mich daher auch enthalten werde zu wiederholen. Es iſt mein Wunſch, daß wir auch ferner Freunde bleiben; damit das aber ſein kann, müſſen Sie die Güte haben, die Artillerie Ihrer Verführungskünſte in einer anderen Richtung ſpielen zu laſſen.“ Beſchämt und verwirrt, wie der Fuchs in der Fabel, ſtammelte der Vicomte eine ziemlich unklare Antwort, womit der junge Ehemann indeſſen ſich zu begnügen ſchien. Zu ſeinem größten Unglück fiel der Vicomte, als er ſeinen Freund verließ, faſt alsbald der Marquiſe in die Hände, die eben mit ihrer Schwiegertochter eine lange Unterredung ge⸗ 218 habt und um volle zwanzig Jahre ſich verjüngt zu haben ſchien. „Herr von Choiſy,“ ſprach ſie, dem Weiberjäger den Weg vertretend, da derſelbe ſie bloß grüßen und nicht ſtehen bleiben zu wollen ſchien,„Sie könnten mir in Paris das Eine und das Andere beſorgen: wären Sie vielleicht ſo gefällig, ſich mit dieſen Aufträgen zu befaſſen?“ Bei dieſem ziemlich unverblümtem Abſchied lächelte der alte Sünder gezwungen. „Dieſe Aufträge ſind wohl ſehr preſſant?“ fragte er trocken. „Ein bischen; und ich wäre Ihnen ſehr dank⸗ bar, wenn Sie ſich damit befaſſen wollten; ich muß Ihnen bereits danken... 3 „Danken,— wofür Madame?“ „Sie ſcheinen erſtaunt, und doch iſt es nur die bare Wahrheit,“ verſetzte Frau von Gardagne mit affectirter Gutmüthigkeit;„Sie hatten ſich, wie man mir geſagt, vor Andern gerühmt, Sie würden Frau von Lüscourt die Bildung beibringen, die ihr noch abgehe. Waren dieſe Worte leichtfertig, ſo wäre die That von ſchwerer Bedeutung geweſen. Ohne Zweifel ſehen Sie ein, wie unſchicklich beides war, und um dieſes Ihr Unrecht wieder gut zu machen, haben Sie die Güte gehabt, meinen Sohn ein wenig zu ſtyliſiren. Hoffentlich ſind Sie mit ſeinen Fortſchritten zufrieden; was uns betrifft, ſo ſind wir einer und derſelben Meinung und Ihnen gleich dankbar. Herr von Beaupreé, meine Wenigkeit und vor Allem Frau von Lüscourt— und auf der Letzteren Anſicht kommt es hier ohne Zweifel am —————— 219 Meiſten an— wir Alle meinen, daß Sie alles Recht haben, auf einen ſolchen Zögling ſtolz zu ſein.“ Der Vicomte von Choiſy war ein wirklich geiſt⸗ reicher und allzu ſieggewohnter Mann, als daß er es nicht verſtanden hätte, ſich auch in eine Nieder⸗ lage zu ſchicken. „Schon übermorgen ſollen Ihre Auſträge be⸗ ſorgt werden, Madame,“ entgegnete er mit ruhiger Miene;„denn ich gedenke ſchon heute Abend nach Paris abzureiſen. Was Ihren Dank betrifft, ſo nehme ich ihn, mag er aufrichtig gemeint ſein oder nicht, an, da ich ihn vielleicht mehr verdiene, als Sie zu glauben ſcheinen.“ „Erklären Sie mir doch, wie Sie das meinen: die Sache kommt mir ein bischen curios vor,“ hob die Wittwe wieder an und zog langſam eine Priſe Tabak ein. Der Vicomte wußte einen Augenblick nicht, was er ſagen ſollte. „Sie werden mich gewiß ganz gut verſtehen,“ ſprach er endlich.„Das Glück, Frau von Lüscourt zu gefallen, iſt eine Prätenſion, worauf ich ſchon längſt habe verzichten müſſen, doch konnte ich nicht dulden, daß ein Anderer ſolle eine Hoffnung näh⸗ ren können, die ich ſelbſt als eine eitle erkannt. Die Erfahrung, die Ihr Sohn in meiner Geſell⸗ ſchaft erworben, bürgt Ihnen dafür, daß er fortan bei ſeiner Frau eine intelligente und ſchützende Stellung einnehmen wird, welche allen ungeſcheiden Anbetern, wie vielleicht ich einer geweſen, zu im⸗ poniren vermag.“ —— ————————— 220 „Se non d vero, d ben trovato,“ ſprach die Marquiſe mit boshaftem Lächeln;„Sie verſtehen es ungemein gut, ſich aus einer üblen Lage zu ziehen. Und um auf Ihre Wunde alsbald einige Balſamtropfen zu träufeln, will ich Ihrem Geiſt die gebührende Anerkennung nicht verſagen. Ich will Ihnen alſo nur geſtehen, daß ich ſeit geſtern bis zu einem gewiſſen Grade mich zu Ihren An⸗ ſichten bekehrt habe, und gebe gern zu, daß Lebens⸗ erfahrung für einen Ehemann nichts weniger als unnütz iſt. Iſt das nicht auch Ihre Meinung?“ „Was meine Meinung betrifft, Madame,“ ant⸗ wortete der Vicomte,„ſo will ich ſie Ihnen in wenigen Worten ſagen, wenn ſie Ihnen auch ſehr wenig orthodor vorkommen dürfte:— Als Eva die Frucht des Baums der Erkenntniß gekoſtet, da konnte, menſchlich geſprochen, Adam nichts Beſſeres thun, als ebenfalls hineinzubeißen.“ ——— act 6 — S — — — — — — — 6 T. Auf der Uhr des Collegiums Bourbon hatte es eben drei Uhr nach Mitternacht geſchlagen. Faſt zu gleicher Zeit wurde im zweiten Stockwerk eines Hauſes der Joubertſtraße dieſe nächtliche Anzeige wiederholt von einer Stockuhr im Rococogeſchmack, die auf dem Kaminſims eines Schlafzimmers ſtand, deſſen luxuriös kokette Decoration an das Jahr⸗ hundert eines Ludwig's XV. erinnerte. In dieſem Augenblicke hätte ein Beobachter, der die Krücke eines Asmodeus gehabt hätte, ſehen können, wie die ſeidenweichen Vorhänge eines Bettes mit ver⸗ goldetem Baldachin ſich plötzlich theilten. Ein Mann von ſehr vorgerückten Jahren ſprang mit jugend⸗ licher Lebendigkeit auf den vor dem Bette liegen⸗ den Teppich heraus, ſchloff in ſchwarzſammtene Pantoffeln, warf ſich in einen großgeblümten Schlaf⸗ rock und fing, nachdem er zwei Kerzen angezündet, eine circuläre Promenade an, welche den Kreisbe⸗ wegungen eines eingeſperrten Löwen glich. Nach⸗ dem der erwachte Schläfer dieſe ungleiche und ein⸗ förmige Wanderung einige Minuten fortgeſetzt, zog er mit einem Male ſeinen Schlafrock aus, um ſich vollſtändig anzukleiden— eine Operation, die er mit einer den Gewohnheiten des höheren Alters 224 total fremden Lebhaftigkeit vollzog und dabei mit nachſtehendem Monolog begleitete: „Nein, dieſer Zweifel iſt unerträglich! Ich muß um jeden Preis wiſſen, woran ich mich zu halten habe: ob ich in meinem Bette oder auf der Straße wache, kommt es nicht auf Eines hinaus? Auf der Straße habe ich wenigſtens friſche Luft.... So viel iſt gewiß, daß er vom Opernhauſe an uns bis an ihre Wohnung verfolgt hat. Wie hat er es aber angefangen, um zu gleicher Zeit mit uns an⸗ zukommen?... Er müßte nur hinten aufge⸗ ſtiegen ſein.... Der Halunke iſt wohl im Stande, ſo etwas zu thun... Ich muß Baptiſt den Kopf tüchtig waſchen, da er nach Mitternacht ſich neben den Kutſcher zu ſetzen pflegt, anſtatt auf ſeinem Poſten zu bleiben. Hätte ich nicht die alte Rärrin, die ihr als Chaperon dient, heimführen müſſen, ſo wüßte ich, woran ich mich zu halten habe hch hätte wieder hingehen ſollen... Wieder hingehen! um mich den dummen Reden meiner Domeſtiken auszuſetzen!. Ei zum Henker! was liegt mir daran! Ich möchte es einmal ſehen, daß ſie ſich auch nur das geringſte Wort erlaubten. . Dieſe Frau bringt mich vor der Zeit in's Grab! Spielt ſie mit ihm unter einer Decke? O, wenn ich das glaubte!. O, o! Während der ganzen Vorſtellung hat er keinen Au⸗ genblick aufgehört, ſie mit den Augen zu durchboh⸗ ren.. Es iſt unmöglich, daß ſie ihn nicht be⸗ merkt hat... Jüngſt, im Concert von Volentino, hat er es bereits ſo gemacht. Es iſt hohe Zeit, daß ich den Frechheiten dieſes Herrchens ein Ziel ———— —— 8— S 5 225 ſetze. Doch das iſt es nicht, was mich beunruhigt, wohl aber iſt ſie es! Ermance!“ Indem der Greis das letzte Wort mit bewegter Stimme ausſprach, riß er eines der Fenſter auf. Er war nun vollſtändig angekleidet. Der kalte Hauch einer Winternacht traf ihn plötzlich ins Ge⸗, ſicht; er wich alſo zurück und nahm, um einen plötzlichen Huſtenanfall zu beſchwichtigen, zu einer Schachtel ſeine Zuflucht, welche mit Huſtenbonbons gefüllt war; dann legte er, ohne ſich von der eis⸗ kalten Atmoſphäre beirren zu laſſen, einen mit Pelz gefütterten Mantel über ſeine übrigen Kleider. Auf dem Punkte auszugehen, ließ er ſich von einem neuen Gedanken aufhalten: „Der Schnupfen hat nichts zu bedeuten,“ ſprach er nach einer Weile zu ſich ſelbſt,„obgleich ich mir ganz gewiß eine Bruſtentzündung zuziehe. Was aber noch mehr, iſt, daß um dieſe Stunde die Straße Ville⸗ l'Evéque eine wahre Mördergrube iſt: un⸗ bewaffnet hingehen, hieße ſich für einen Narren erklären.“ Nun machte der greiſe Verliebte ein auf einer Etagdre ruhendes Paliſanderkäſtchen auf und zog daraus zwei Piſtolen hervor, deren Käpſelchen er unterſuchte, worauf er ſie in ſeine beiden Taſchen ſteckte. Doch faſt alsbald zog er ſie daraus wieder hervor. „Das iſt total unverſtändig!“ hob er wieder an;„was könnte ich ſelbſt mit dieſen Waffen gegen mehrere Angreifer ausrichten? es wäre das aller⸗ beſte Mittel, den Diebſtahl zu einem Mord umzu⸗ geſtalten; der ſchöne Ausgang, wenn man über⸗ Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 15 226 morgen in der Gazette des Tribünaux läſe: In vergangener Nacht iſt Herr Lareynie unter den Fenſtern der Frau Düphſtel ermordet worden!“ Nachdem er die Piſtolen in das Käſtchen zurück⸗ gelegt, dachte er einen Augenblick nach und nahm auf dem Kaminſims eine Börſe, die er um etliche zehn Goldſtücke erleichterte. „Fünfundvierzig Franken,“ ſprach er, indem er das Geld zählte, das er in der Börſe ließ.„Kom⸗ men Diebe, ſo iſt das ein recht anſtändiges Löſe⸗ geld; ſolche Fünde thun dieſe Herren nicht in jeder Nacht. Was die Piſtolen betrifft, ſo waren ſie pure Prahlerei; dieſer Paß iſt in jeder Hinſicht beſſer! Geplündert zu werden, iſt in meiner gegen⸗ wärtigen Stellung das kleinſte Unglück, aber um⸗ gebracht zu werden!... Gehört mir denn mein Leben, daß ich es alſo auf's Spiel ſetze!... Jetzt gilt es, aus dem Hauſe hinaus zu kommen, ohne daß Baptiſt mich hört..„. Uebrigens jage ich ihn zum Teufel, wenn er ſich nur das geringſte Wort erlaubt! Während Herr Lareynie dieſen Staatsſtreich ausbrütete, öffnete und ſchloß er die Thüren ſeiner Wohnung mit der Vorſicht eines Schülers, der über⸗ raſcht zu werden befürchtet, während er die Schule ſchwänzt. Verſtohlenen Tritts ging er die Treppe hinunter, ſchlich gleich einem Geſpenſt an dem Por⸗ tierſtubchen vorüber und verſtellte die Stimme, als er rief, daß man ihm aufmachen ſolle, als ein ſonſt geordneter Mann, der ſich nicht auf ſolcher Fährte finden laſſen wollte. Einmal draußen, gewann er all' ſeine Sicherheit wieder und durchſchritt furcht⸗ ſie n⸗ m⸗ in tzt ne hn ort 227 los das verdächtige Stadtviertel, das an die Mag⸗ dalenenkirche angränzt. Auf einen Angriff von Dieben gefaßt, ſtieß er auf keinen und ſtand bald wohlbehalten vor dem Hauſe, wo diejenige ſchlief, die ihn nicht hatte ſchlafen laſſen. Bald richtete ſich ſeine Aufmerkſamkeit auf eines der Fenſter im erſten Stocke, deſſen Laden das ſchwache Licht einer Nachtlampe durchſchimmern ließ. Unter dem Haus⸗ thor, wo er ſich aufgeſtellt hatte, brachte der Greis zwei volle Stunden zu, während deren er auch nicht einen Augenblick die Augen von dem myſteriöſen Schimmer verwandte, dem einzigen, der inmitten der Finſterniß ſtrahlte. Allmählig erleuchtete der erwachende Tag die Vorderſeite der Häuſer mit einem matten und fahlen Reflexr. Am Himmel erloſchen die Sterne, während auf der Straße die Laternen dieſes Beiſpiel pünktlich nachahmten. Endlich krähte der Hahn, und bei dieſem Krähen kamen über Herrn von Lareynie plötzlich Gewiſſens⸗ biſſe, die wir mit denen des heiligen Petrus uns nicht getrauen zu vergleichen. „Ich habe ſie verleumdet,“ ſprach er bei ſich ſelbſt, indem er ſeinen Mantelkragen hinaufſchlug— eine Vorfichtsmaßregel, welche durch die Schärfe des Morgenwinds vollkommen gerechtfertigt war.— „Dem Himmei ſei es gedankt, daß mein Verdacht ebenſo unverſtändig als beleidigend war. Nun kommt der Tag. Wäre es dieſem Gecken gelungen, in's Haus zu dringen, ſo würde er nicht länger warten, um es wieder zu verlaſſen. Ich war doch ein rechter Narr aber— aber ich hatte ihn ja heute Nacht an dem nämlichen 3 Leſehen⸗ 1 228 wo ich ſelbſt jetzt ſtehe.— Nun, was beweist das? daß er in ſie verliebt iſt, oder wenigſtens, daß er es ihr weis zu machen ſucht; daraus aber daß er die Frechheit hat, ihr nachzugehen, folgt doch keines⸗ wegs noch, daß ſie ihn auch nur im Geringſten da⸗ zu ermuthigt hat. Ich möchte eine Wette eingehen, daß ſie ihn nicht einmal ihrer Beachtung gewürdigt hat. Wir Männer ſind zu leidenſchaftlich, ſind in unſerem Urtheil zu vorſchnell; ſicherlich ſind die Frauen beſſer als wir. Die arme liebe Ermance! Ich weiß es gewiß, ſie ſchläft den Schlaf der Engel! Sie ahnt wohl kaum, ja ſie ahnt gewiß nicht, daß ich unter ihren Fenſtern wache; es iſt aber beſſer, daß ſie es nicht erfährt; folche Narrheiten paſſen nicht mehr für einen Mann meines Alters.... Ich bin vor Kälte halb todt, wenn es mir gelingt, mich nach meiner Wohnung zurückzuſchleppen, wird es Alles ſein. Bah! bah! an der Bereſina pfiff es noch anders ja, aber an der Bereſina hatte ich dreiund⸗ zwanzig Jahre weniger auf dem Rücken.“ Endlich fand der verliebte Greis aus Klugheits⸗ rückſichten es für gerathen, ſeinem Selbſtgeſpräch und ſeinem Schildwacheſtehen ein Ziel zu ſetzen. Schon zeigten ſich auf den Straßen Arbeiter, welche ſich nach ihren verſchiedenen Arbeitsplätzen begaben; ein Kramladen nach dem anderen ſchloß ſich auf, kurz überall hatte man das von Désaugiers ſo pittoresk beſchriebene weh der rieſigen Seine⸗ ſtadt. Jetzt drehte ſich auch das Thor des von Frau Düpaſtel bewohnten Hauſes in ſeinen Angeln, und es erſchien auf der Schweile ein kleines Weſen mit krummen Beinen und einem himmellangen Beſen cee— 229 in der Hand. Bei dem Anblick deſſelben hüllte ſich Herr Lareynie bis an die Angen in ſeinen Mantel und zog ſich, frei von den Sorgen, die ihn bis da⸗ her gepeinigt hatten, zurück; denn mit dem Augen⸗ blicke, wo die Herrſchaft des Pförtners beginnt, endigt die der geheimen Liebesintriguen, und nur höchſt ſelten iſt es, daß ein begünſtigter Liebhaber zu einer weit offen ſtehenden Thüre hinausgeht. Von der Ungerechtigkeit ſeines Verdachts und der Unſchuld der Frau, die er liebte, überzeugt, zog ſich der ehemalige Soldat der großen Armee lang⸗ ſam zurück, ohne dieß Mal den Kniekehlen jene Straffheit zu verleihen und die Schultern ſo einzu⸗ ziehen, wie er gewohnt war, ſo oft er ſich beobach⸗ tet glaubte. Nach Hauſe zurückgekommen, legte er ſich in's Bett, nahm dann ein Bad, frühſtückte und vertraute ſich endlich den reſtaurirenden Händen ſei⸗ nes Kammerdieners an. Gleich allen Greiſen, welche juvenile Gedanken haben, ließ Herr Lareynie ſich immer bei verſchloſſenen Thüren ankleiden, und nach einer ebenſo langen als geheimnißvollen Sitzung verabſchiedete er den Domeſtiken und beſchaute in einem Spiegel ſein Geſicht, das auf's Scrupulöſeſte rafirt war, wenn man zwei ebenholzſchwarze Backen⸗ bartſtreifen abrechnete, mit denen ſich ein üppiges, gelocktes Haupthaar vermählte. „Dieſe vermaledeite Nacht hat mich um volle zehn Jahre älter gemacht,“ ſprach er bei ſich ſelbſt und rieb ſich dabei mit der Fingerſpitze, als wollte er Stirnrunzeln vertilgen, welche er noch nie ſo zahlreich und ſo tief geſehen;—„auch glaube ich, dieſe ganz ſchwarzen Haare machen mein Geſicht 230 bleicher und meine Phyſiognomie härter, als wenn die Schattirung der Haare minder tief wäre. Ge⸗ wiß würde mir Kaſtanienbraun beſſer ſtehen; allein es iſt nun zu ſpät, um eine andere Farbe zu wäh⸗ len. Sie hat ein ſo gutes Auge: was würde ſie da denken? Ich hatte ſo wunderſchöne Haare! Ich hatte.. warum wird nicht Alles zugleich alt? Warum kann ich nicht auch ſagen: Ich hatte ein Herz?“ Hier unterdrückte der Greis einen Seufzer; dann ſetzte er behutſam ſeinen Hut auf und klingelte ſei⸗ nem Bedienten, damit derſelbe das Cabriolet vor⸗ fahren laſſe; denn im Monat Februar konnte vom Tilbury die Rede nicht ſein, und jedes andere Ge⸗ fährt hätte ihm allzu altmodiſch geſchienen, um da⸗ rin eine Spazierfahrt zu machen. Eine halbe Stunde darauf trat er in den Salon der Frau Düpaſtel mit einem prächtigen Blumen⸗ ſtrauß in der Hand, den er unterwegs von der Blumenhändlerin auf dem Magdalenenboulevard ſich hatte geben laſſen. I. Die Frau, welche Herrn Lareynie eine Paſſion eingeflößt hatte, die über Verſtand und Alter ſiegte, war eine ſchöne fünfundzwanzigjährige Perſon, deren durchdringendes Auge, gepaart mit einem gewöhnlich ſpöttiſchen Lächeln und einer Haltung, welche ſich ſtets gleich blieb, des Geiſtes, der Schalk⸗ heit und der Koketterie mhr verſprach, als noth⸗ * in i⸗ e⸗ a⸗ n R er d 231 wendig iſt, um ein wirklich verliebtes Herz zehn Mal in einem Tage zur Verzweiflung zu bringen. In dieſem Augenblicke ſchrieb ſie, wie zum Aus⸗ gehen angekleidet, an der Kaminecke auf einem kleinen Pulte. Sobald ſie die Thüre in ihren Angeln ſich drehen hörte, wandte ſie ihr Köpſchen um und nahm mit einem ſauerſüßen Blicke den Gruß ihres alternden Anbeters entgegen. „Ah! Sie ſind es Herr Oberſt!“ ſprach ſie, ſich überraſcht ſtellend;„wahrlich, ich erwartete Sie heute Morgen nicht.. das iſt ja ein allerliebſter Strauß; aber bitte, legen Sie ihn doch in's Speiſezim⸗ mer ich habe Kopfweh und fürchte die Migräne.“ Herr Lareynie leiſtete mit der Reſignation eines an blinden Gehorſam gewohnten Mannes dieſem Befehl Folge, und ſetzte ſich dann mit dem Rücken gegen das Kamin. „Sie erwarteten mich nicht!“ ſprach er dann; „könnte ich denn auch nur einen Tag leben ohne Sie zu ſehen?“ „Wie es ſcheint, ſo haben Sie glücklich die Ga⸗ lanterie wieder erlangt, woran Sie mich gewöhnt,“ erwiderte Frau Düpaſtel;„gut, es iſt mir das lieber als die widerwärtige Laune, die Sie geſtern Abend entwickelt.“ „Das Wort iſt hart, ſehr hart,“ verſetzte der Greis, ſich nachläſſig ſchaufelnd;„minder ſtreng Urtheilende würden es Befangenheit, Traurigkeit, Melancholie nennen!“ „Nennen wir es Caprice, das wird das rechte Wort ſein,“ verſetzte die junge Frau lachend;„und mit welchem Recht greifen Sie ſo in meine Sphäre 232 über? Bitte, klären Sie mich doch darüber auf! Was hatten Sie denn? Es hat mir meine Tante geſagt, Sie hätten, während Sie ſie heimbegleiteten, auch nicht ein einziges Mal das Wort an ſie ge⸗ richtet.“ „Ich dachte an Sie,“ ſprach der alte Oberſt mit zärtlicher Stimme. „An mich oder an ihn 2. „An ihn! Wen meinen Sie damit? doch wohl nicht den kleinen Gecken Randeuil?“ „Ah! er heißt Randeuil,“ bemerkte Frau Dü⸗ paſtel;„der Rame gefällt mir nicht übel.“ „Und Sie finden ohne Zweifel, daß er ſeinem Namen gleicht?“ fragte der Greis mit erzwungener Jronie. „Er gefällt mir beſſer; iſt das nicht auch Ihre Meinung?“ Bei dieſer Frage, die in ruhigem, aber einſchnei⸗ dendem Tone geſprochen war, biß ſich Herr Larey⸗ nie in die Lippen und blickte auf den Teppich. „Ermance,“ antwortete er nach kurzem Schwei⸗ gen,„Sie wiſſen, wie warm ich Sie liebe. Welche Freude kann es Ihnen machen, mich alſo zu peinigen?“ „Ich! das ſollte mir leid thun.“ „Nun, ſo ſeien Sie nachſichtiger gegen eine Schwäche, woran Sie Schuld ſind. Wahre Liebe iſt nie frei von Eiferſucht.“ „Das kann und mag ich nicht zugeben. Die Liebe autoriſire ich nicht, hauptſächlich und ausdrück⸗ lich aber ächte ich die Eiferſucht; ich ſelbſt habe an dieſer Schwäche genug gelitten, um ſie gründ⸗ i⸗ E u — N Mw 233 lich zu verabſcheuen. Wenn Sie alſo darnach ſtre⸗ ben, mir zu gefallen, ſo denken Sie vor Allem da⸗ rauf, wie Sie dieſen häßlichen Fehler ablegen können.“ „Ich will es verſuchen,“ ſprach der Oberſt in unterwürfigem Tone.* „Sie ſchreiben an Ihre Couſine?“ fragte er einen Augenblick darauf, indem er ſich zu ihr hin⸗ überneigte. „Vielleicht an meinen Vetter,“ gab Ermance zurück, die, um ihn nach Art eines Kindes zu necken, den Brief raſch in ihrem Pulte verbarg. „Oder auch an dieſen bezaubernden Adonis,“ hob Herr Lareynie mit concentrirter Wuth wie⸗ der an. „Das wäre gegen alle Regeln,“ ſpottete die junge Frau;„an ihm wahrlich iſt es anzufangen.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Salon⸗ thüre ſachte, und es trat das Kammermädchen der Frau Düpaſtel herein und übergab derſelben einen Brief. Gleichgültig erbrach die Empfängerin das Siegel; als ſie aber einige Worte geleſen, ſuchten ihre Augen raſch die Unterſchrift, und in demſelben Augenblicke malte ſich auf ihren Zügen eine Mi⸗ ſchung von Staunen und Reugierde. „Iſt dieſe Perſon da?“ fragte ſie, als ſie mit dem Leſen zu Ende war. „Man wartet drunten auf der Straße,“ ant⸗ wortete die Soubrette mit geheimnißvoller Miene; „es hat ein Eckenſteher den Brief gebracht.“ Ermance ließ den Kopf ſinken und beobachtete ein abſolutes Schweigen. 234 „Madame, man wartet auf eine Antwort,“ hob das Kammermädchen wieder an. Noch ein Mal ſchaute Frau Düpaſtel das Billet an, worauf ſie endlich kurz ſprach: „Es kann dieſe Perſon kommen. Da,“ fuhr ſie, als Victorine verſchwunden war, fort,„leſen Sie ſelbſt, was man mir ſchreibt.“ Mit dieſen Worten reichte ſie den Brief dem Oberſten hin, der mit gieriger Hand ſich deſſelben bemächtigte und halblaut nachſtehende Zeilen las: „Madame, „Sehen Sie, ich bitte Sie inſtändigſt, den Schritt, den ich wage, weder als dünkelhaft noch als frech an, und gewähren Sie mir gefälligſt eine Unter⸗ redung, wovon mein Lebensglück abhängt. Die Lage, in der ich mich befinde, hat etwas ſo Ge⸗ bieteriſches und ſo Verhängnißvolles, daß der ge⸗ ringſte Verzug Folgen hätte, welche Sie vielleicht ſich einſt vorwerfen würden. Ich weiß, Sie ſind zu Hauſe; erlauben Sie mir alſo, daß ich Sie bloß ein paar Minuten lang ſehe. Zwar verleiht mein Ihnen unbekannter Name mir ſchlechterdings kein Anrecht auf Ihr Wohlwollen; allein es handelt ſich um ein gutes Werk, und Sie beſitzen zu großen Seelenadel, um ſich demſelben entziehen zu wollen aus dem alleinigen Grunde, weil der, welcher Sie anfleht, Ihnen fremd iſt. Bitte, nur ein Wort. Ich hoffe und warte. „Hippolyt Randeuil.“ „Randeuil!“ rief der Greis, plötzlich auffahrend; „der Geck wagt es, an Sie zu ſchreiben?“ —————— 235 „Sie finden ihn recht unverſchämt: nicht wahr?“ fragte Frau Düpaſtel mit affectirtem Ernſt. „Und Sie wollen ihn hier empfangen?“ „Ich habe lediglich keinen Grund, ihm meine Thüre zu verſchließen.“ „Einen Menſchen, den Sie gar nicht kennen!“ „Nun, Sie kennen ihn ja; und ſollte die Sache Ihnen etwas unregelmäßig ſcheinen, ſo dürfen Sie mir ihn vorſtellen.“ „Es kann das unmöglich Ihr Ernſt ſein, Er⸗ mance: Sie haben ſonſt doch ſo viel Verſtand und ein ſo kluges Benehmen! Sie wollen in Ihrer Wohnung einen Menſchen empfangen, der ſeit eini⸗ ger Zeit mit ſolcher Befliſſenheit Sie verfolgt! Aber eben damit ermächtigen Sie ihn ja, Sie zu com⸗ promittiren!“ „Halten Sie mich für eine Frau, die man com⸗ promittiren kann?“ erwiderte Frau Düpaſtel in ernſtem Tone. „Bedenken Sie doch, daß man die Engel ſelbſt anklagen kann; als Ihr Freund habe ich die Pflicht, einem Schritte vorzubeugen, deſſen Inconſequenz Sie nicht einſehen wollen. Ich werde dieſen Herrn empfangen.“ Der Greis machte einen Schritt, um hinauszu⸗ gehen; da erhob ſich Ermance und ſprach, ihm ei⸗ nen gebieteriſchen Blick zuwerfend: „Ich nehme nur ſolche Dienſte an, um die ich gebeten habe.. „Aber was er will, iſt ja nicht weniger als ein Tétera-Téte!“ rief der Oberſt, unwillkürlich ſtehen bleibend. 236 „Sie irren ſich, er bittet bloß um eine Unter⸗ redung; im Uebrigen hängt es von Ihnen ab, ein Téte-aTéte daraus zu machen.“ Bei dieſer Art Abſchied ging Herr Lareynie an's Kamin zurück und ließ ſich in einen Lehnſeſſel fallen. „Wie es Ihnen gefällt, Madame,“ ſprach er mit dumpfer Stimme;„was liegt am Ende an einer Caprice mehr oder weniger!“ Und noch ehe Frau Düpaſtel Zeit gehabt hatte, hierauf etwas zu erwiedern, öffnete ſich die Salon⸗ thüre von Neuem. Ein angenehm und elegant ausſehender junger Mann, deſſen Geſicht von einer außerordentlichen Aufregung belebt ſchien, trat mit einem Eifer herein, den man mit der Hitze eines ſtürmenden Soldaten hätte vergleichen können. Raſch trat er auf die Hauswirthin zu; als er aber eine dritte Perſon gewahrte, deren Anweſenheit er offenbar nicht erwartet hatte, blieb er plötzlich ſtehen. Und in der That, die Augen dieſer dritten Perſon ſprüheten unter ihren falſchen Brauen hervor Blitze und verkündeten, daß die Feſtung nicht ohne Wider⸗ ſtand genommen werden würde. Was die junge Frau betrifft, ſo hatte ſie ſich geſetzt und blieb un⸗ beweglich, ohne auch nur durch eine einzige Geberde die ſichtbare Verlegenheit des Beſuchenden zu er⸗ muthigen. Endlich erlangte der letztere ſeine Kaltblü⸗ tigkeit wieder. „Madame,“ hob er, mit reſpectvoller Anmuth ſich verneigend, an,„als ich mir die Freiheit nahm, Sie um eine kurze Unterredung zu bitten, hoffte ich, 8 237 daß ich Sie allein finden würde; erlauben Sie mir, auf dieſe Hoffnung nicht zu verzichten.“ „Der Herr iſt ein alter Freund meiner Familie,“ ſprach Ermance mit einer Miene, deren Ernſt mit ihrem jugendlichen Geſichte ſich ſonderbar genug ausnahm;„Sie können mir nichts zu ſagen haben, was er nicht hören darf.“ Mit einem Blicke voll Dankbarkeit gab der Oberſt der jungen Frau ſeine Zufriedenheit zu erkennen, worauf er ſich in ſeinen Lehnſeſſel noch mehr ver⸗ tiefte mit der Miene eines Mannes, der von ſeinem Werthe vollkommen durchdrungen iſt. „Was ich Ihnen zu ſagen habe, Madame, darf nur von Ihnen allein gehört werden,“ hob Hippo⸗ lyt Randeuil mit ſanfter, aber zugleich feſter Stimme wieder an;„erlauben Sie alſo gütigſt, daß ich einen Augenblick ohne einen Zeugen mit Ihnen ſpreche.“ „Nach der Antwort, die Madame Ihnen eben gegeben, iſt ein ſolches Drängen ſchlechterdings nicht am Platze,“ bemerkte der Oberſt in barſchem Ton. Hier wandte ſich der junge Mann zu dem Un⸗ terbrecher hin. „Ich ſprach mit Madame und nicht mit Ihnen,“ entgegnete er in überaus höflichem Tone; ſodann die junge Frau wieder erblickend: „Ich bitte Sie inſtändigſt, ich beſchwöre Sie, ſen Sie mir nicht ab, was ich von Ihnen er⸗ ehe.“ „Madame hat Ihnen ſchon geſagt...“ rief der Greis; allein dieß Mal hatte er nicht Zeit mehr zu ſagen. Frau Düpaſtel gehörte zu jenen Weibern, die, um auf ihren Willen zu verzichten, denſelben 238 bloß von einer andern Perſon getheilt zu ſehen brauchen, und denen der Despotismus in Geſtalt eines guten Raths ganz beſonders unausſtehlich iſt. „Erlauben Sie, Herr Oberſt,“ ſprach ſie, ſich erhebend. Dann ſchritt ſie ohne Weiteres auf die Thüre des Speiſezimmers zu, öffnete dieſelbe, wandte ſich um und bedeutete Randeuil durch ein Zeichen, daß er ihr folgen ſolle, während ſie mit einem de⸗ ſpotiſchen Blicke den verliebten Greis in dem Lehn⸗ feſthielt, aus dem er ſich zur Hälfte erhoben atte. „Nun,“ ſprach ſie zu dem jungen Manne, der ihr nachgeeilt war,„ich höre. Was haben Sie mir zu ſagen?“ Randeuil wollte die Thüre wieder ſchließen. „Das iſt unnütz,“ ſprach ſie mit einer Miſchung von Ironie und Ernſt. „Aber er kann ja hören, was wir ſprechen!“ antwortete er, indem er verſtohlen nach Herrn La⸗ reynie hinblickte, der in ſeinem die Märtyrer⸗ qual des heiligen Laurentius auszuſtehen ſchien. „Für's Erſte iſt er ein bischen taub,“ verſetzte Ermance und lachte dabei ohne Hintergedanken; „und dann können Sie vielleicht auch ein bischen leiſer ſprechen.“ II. Nachdem Hippolyt Randeuil ſich verſichert, daß der alte Oberſt vom Salon aus ihn nicht mehr ſe⸗ 239 hen und hören konnte, gehorchte er der an ihn er⸗ gangenen Aufforderung und ſprach mit einer Stimme, deren Ton, ſo gemäßigt er war, etwas eigenthüm⸗ lich Eindringliches hatte. „Madame, die Sache, worüber ich mit Ihnen ſprechen muß, iſt ſo zarter Natur, daß ich erſt lange nachzudenken hätte, wenn ich mich paſſend ausdrücken wollte. Unglücklicher Weiſe fehlt es mir ſowohl an Zeit als an Kaltblütigkeit. Jede Mi⸗ nute, die verſtreicht, kann Folgen nach ſich ziehen, die ſchlechterdings nicht mehr gut zu machen ſind; entſchuldigen Sie alſo gefälligſt den Ungeſtüm, wo⸗ mit ich mein Anliegen vorbringen muß, ſowie den Mangel an Ordnung, woran meine Sprache un⸗ zweifelhaft leiden wird, da ich ſo heftig aufgeregt bin.“ Auf dieſe Worte, die mit einer Heftigkeit ge⸗ ſprochen waren, welche ein Frauenzimmer leicht dem Feuer einer Paſſion zuſchreiben konnte, die im Be⸗ griffe war, ſich kund zu geben, antwortete Ermance einer Miene, welche nichts Entmuthigendes atte: „Wenn die Minuten Ihnen koſtbar ſind, ſo habe ich ſelbſt nicht viel Zeit zu verlieren; ich erlaſſe Ihnen alſo jede Einladung. Sagen Sie, was Sie wollen, mit ein paar Worten!“ „In einigen Worten, Madame?“ rief der junge Mann:„wohlan! ich liebe!“ Trotzdem daß die blinde Unterwürfigkeit ihres greiſen Anbeters bei Frau Düpaſtel die Liebe zum Herrſchen entwickelt hatte, war ſie doch über einen ſo raſchen und vollſtändigen Gehorſam verlegen. Unwillkürlich ließ ſie, als ſie das Geſtändniß hörte, das ſie ſelbſt hervorgerufen, den Kopf ſinken, wie ein nur wenig an den Krieg gewöhnter Soldat, den eine Kugel geſtreift hat; bald jedoch bezähmte ſie dieſe Schwäche, ſchlug die Augen wieder in die Höhe und heftete auf ihren Gegenredner einen je⸗ ner Sammtblicke, die auf Herzen, welche kein Miß⸗ trauen hegen, wie ein Magnet wirken. „Ihre Erklärung iſt gar unbeſtimmt, allein es iſt das wohl meine Schuld,“ hob ſie ſanft wieder an;„vielleicht daß ich Ihnen nicht bloß ein paar Worte hätte geſtatten ſollen.“ Mit ſeinen eigenen Gefühlen allzu ſehr beſchäf⸗ tigt, um ſich als ſcharfblickenden Beobachter zu zei⸗ gen, begriff Randeuil die verrätheriſche Abſicht dieſer Worte nicht, und antwortete naiv: „Nun, ſo will ich Ihnen mit klaren Worten ſagen, daß ich Abeille liebe.“ „Abeille!“ wiederholte die junge Frau und fuhr dabei zuſammen, als hätte ſie auf ihrer Wange den Stachel des Inſects gefühlt, deſſen Name ſo eben zwei Mal ausgeſprochen worden war.„Wen nennen Sie Abeille?“ „Fräulein Lareynie,“ antwortete Hippolyt;„ſeine Tochter,“ ſetzte er hinzu und bezeichnete mit dem Blicke die Thüre des Salons, wo auf dem Teppich das ungeduldige Trippeln des verliebten Greiſes ſich hören ließ.„Sie werden nun ſelbſt einſehen, ob es mir möglich war, in ſeiner Gegenwart zu ſprechen, und ob ich nicht wohl daran that, mir eine Unterredung unter vier Augen zu erbitten.“ Als Frau Düpaſtel dieſe klare unumwundene 241 Erklärung hörte, bemächtigte ſich ihrer jene unan⸗ genehme Empfindung, welche bei einem Kinde durch den zufälligen Zuſammenſturz des Kartenhauſes hervorgerufen wird, das es eben zuſammenblaſen wollte. Eine Kokette ohne Furcht und Tadel, ver⸗ ſchmähte die junge Fran jene Erfahrungen nicht, welche geeignet waren, den Glanz ihrer Schönheit und die Unfehlbarkeit ihrer Tugend zu gleicher Zeit hörvorzuheben. Nicht ohne geheimes Wohlgefallen alſo hatte ſie ſeit einigen Tagen die Bemühungen bemerkt, worin der elegante Cavalier, deſſen Ge⸗ baren dem ſechzigjährigen Cicisbeo eine ſo gräß⸗ liche Schlafloſigkeit verurſacht hatte, ſich gefiel, um ſich ihr zu nähern. Sie hatte ein Liebesgeſtändniß er⸗ wartet, bereit, die Vermeſſenheit des Erklärenden zu ſtrafen; als ſie aber die Erklärung, auf welche ihre Jronie ſich bereits richtete, ſo ganz unerwartet in eine Enthüllung verwandelt ſah, deren unſchul⸗ digen Charakter ſelbſt die ſtrengſte Spröde hätte an⸗ erkennen müſſen, da fühlte ſie ſich noch ſtärker ver⸗ letzt, als wenn ihr Gegenredner ihr vielleicht ein n rechtmäßigen Grund dazu gegeben hätte. Entſchloſ⸗ ſen, von der höchſten Höhe ihrer Gleichgültigkeit herab die Rolle einer geliebten Frau zurückzuweiſen, empfand ſie plötzlich eine noch ſtärkere Antipathie gegen die ihr zugedachte Rolle einer Vertrauten. Doch legte dem Aerger die Eigenliebe Stillſchwei en auf, ſo daß eine Antwort herauskam, in velher eine Art Unglauben durchblickte: „Fräulein Lareynie— ſagen Sie?“ ſprach Frau Düpaſtel.„Darin vermag ich nichts zu ſehen, was Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 16 242 ihrem Vater mißfallen könnte. Iſt es doch nicht verboten, Kinder zu lieben.“ „O! es iſt ein Kind von zweiundzwanzig Jah⸗ ren, Madame,“ erwiderte Randeuil. „Von zweiundzwanzig Jahren?“ wiederholte Frau Düpaſtel.„Sind Sie deſſen gewiß? Der Oberſt ſpricht von ihr immer als von einer kleinen Penſionärin.“ „Wie ſoll denn Herr Lareynie mit ſeinen fal⸗ ſchen Haaren, mit ſeinen gefärbten Augenbrauen und mit ſeinem jugendlichen Gebaren überhaupt geſtehen, und insbeſondere Ihnen geſtehen, Ma⸗ dame, daß er eine Tochter hat, die beſſer ſein Haus⸗ weſen führen, als jetzt noch die Rolle einer Penſio⸗ närin ſpielen dürfte! Muß er nicht, um ſich zu einem jugendlichen Liebhaber ſtempeln zu können, ſeine Tochter Abeille wie ein Kind behandeln? O! gewiß würde er ſie gern wieder in die Wiege legen.“ Kommen Sie mit Ihrem Roman zu Ende?“ ch die junge Frau in ſpottendem Ton.„Im von dem Intereſſe, das ſich immer an die Opfer des väterlichen Despotismus knüpft, die Heldin Wunder nach Geiſt, Anmuth und Schönheit i Sie ſollen bald ſelbſt urtheilen; denn um ih⸗ retwillen bin ich hierhergekommen— um ihret⸗ willen flehe ich Ihren wohlwollenden Schutz an.“ „So erklären Sie aber doch endlich, was Sie wollen! Sehen Sie denn nicht, daß ich faſt vor vraus bin ich überzeugt, daß, ganz abgeſchen cht h⸗ lte er en al⸗ en pt a⸗ ⸗ o⸗ zu 2 ge 2 m en er in eit h⸗ t⸗ ie or 243 Geduld umkomme über Ihre Phraſen, die mich ſo geſcheid laſſen wie zuvor?“ Mit einem Blicke befragte Randeuil die Salon⸗ thüre, von der es ihm geſchienen hatte, daß ſie ſich bewege; und als er ſah, daß nichts ſich rührte, hob er, die Stimme noch mehr mäßigend, wieder an: „Wie ich Ihnen bereits geſagt, Madame, ſo hat Herr Lareynie, um einer ſchon majorennen Tochter ſich zu entledigen— einer Tochter deren Erfolge ſeinen eigenen Anſprüchen hinderlich werden könnten, nichts Geſcheideres gewußt, als ſie in einer Penſion zu laſſen in einem Alter, wo die Erziehung junger Mädchen ſchon längſt beendigt iſt. In dieſer zu Chaillot befindlichen Penſion befand ſich ver⸗ gangenes Jahr auch eine meiner Schweſtern. Dieſer Zufall iſt es, der mich mit Fräulein Lareynie zu⸗ ſammengeführt hat: ſie ſehen und lieben war eins. Ihre Schönheit, ihr ſeelenvolles Auge, die Sklaverei, wozu ich ſie verurtheilt ſah, kurz, eine Art unwider⸗ ſtehlicher Prädeſtination weckte in meinem Herzen ein ernſtes feuriges Gefühl, deſſen Reinheit in die⸗ ſem Augenblicke wider meinen Willen durch einen abenteuerlichen Zwiſchenfall getrübt zu werden ſcheint. Anfänglich aber hatte ich mir nichts vorzuwerfen. Gründlich verliebt, beobachtete ich in meinem Be⸗ nehmen die Ehrlichkeit eines Mannes, der den Ge⸗ genſtand ſeiner Liebe achtet. Noch an dem nämlichen Tage, wo Abeille's Blicke mir geſagt, daß ſie mich verſtanden und daß ſie mir verziehen, hielt ich bei ihrem Vater um ihre Hand an— eine Bitte, die mir kaum abgeſchlagen werden zu können ſchien. Ich ſpreche nicht ſo aus Eitelkeit und Dünkel, Ma⸗ 16 244 dame ſelbſt nach den kalten Berechnungen der Welt beurtheilt, war ich keine ſo üble Partie. Mein Vermögen, meine Stellung und, ich darf es wohl ſagen, mein Charakter verdienten einige Beachtung. Ein vernünftiger Mann wäre auf meine Bitte ein⸗ gegangen oder hätte wenigſtens ſich in Unterhand⸗ lungen eingelaſſen, Herr Lareynie aber wieß ſie un⸗ geprüft und barſch zurück: kaum hatte ich ausge⸗ ſprochen, als ich mich auch kurzweg abgewieſen ſah. Im Uebrigen wäre ein Anderer nicht beſſer gefahren als ich, und wohl wäre es thöricht von mir gewe⸗ ſen, wenn ich in dieſer Niederlage eine perſönliche Demüthigung erblickt hätte. Herr Lareynie, der da findet, daß ſeine dermalige Vaterſchaft ihn ſchon alt genug erſcheinen läßt, hat den gründlichſten Abſcheu vor dem Titel eines Großvaters und Urgroßvaters; in ſeinen Augen alſo iſt ein Schwiegerſohn ein Feind. Die Gefühle, die er Ihnen weiht, Madame, wenn man den Salongerüchten Glauben ſchenken darf, ſind zu natürlich und zu ſehr gerechtfertigt, als daß jemand darüber ſtaunen dürfte; iſt denn aber zwiſchen einer zweiten Heirath, mit deren Ge⸗ danken Herr Lareynie ſich trägt, und der Verſorgung ſeiner Tochter die Unverträgkichkeit eine ſo unbe⸗ dingte? darf er, weil ſeinen Blicken eine glückliche Zukunft ſich eröffnet, die ſeiner Tochter vernichten, indem er dieſelbe zu ewigem Cölibat verurtheilt? Ich glaube nicht, Madame, und wage zu hoffen, daß Sie dieſe meine Anſicht theilen.“ „Seien Sie verſichert,“ unterbrach Ermance ihn, ihre Worte beflügelnd,„daß es nicht nur eine Narr⸗ heit, ſondern ſogar ein Verbrechen iſt, ein junges 245 Mädchen nicht heirathen zu laſſen. Doch fahren Sie grt 4 „Der K Korb, den ich bekommen, ärgerte mich nur, nahm mir aber den Muth nicht. Ich ſagte bei mir ſelbſt, daß im Kampfe gegen das Unrecht jedes Mit⸗ tel ſei. Ich ſah mich alſo zu den roman⸗ haften Wegen hingewieſen, worauf es ſo leicht iſt, die Unerfahrenheit eines jungen Mädchens zu ver⸗ locken. Abeille liebte mich, und meinerſeits verab⸗ ſäumte ich nichts, was dieſes Gefühl nähren und ſteigern konnte; ein Gefühl, das meine alleinige Hoffnung geworden war. Briefe, verwegene Schritte, mit einem Wort, alle Thorheiten, wovor mich der Ernſt meiner Liebe bewahrt hatte, wurden von mir angewandt— angewandt, ohne daß ich mir ein Gewiſſen daraus gemacht hätte. Allmählig theilte Abeille den Geiſt der Empörung, welchen der Egois⸗ mus ihres Vaters mir einflößte; ich machte ihr be⸗ greiflich, daß ihr Alter ihr ein kühnes, aber unfehl⸗ bares Mittel an die Hand gebe, einem Deſpotis⸗ mus ſich zu entziehen, den das Geſetz nicht länger autoriſire. Kurz, was ſoll ich Ihnen weiter ſagen, Madame? Ich beſtimmte ſie zu einem äußerſten verzweifelten Schritte...“ „Sie haben ſie entführt?“ fragte Frau Düpaſtel mit geflügelten Worten, da ſie endlich den Ausgang zu erfahren wünſchte. Als der ehrwürdige Herr Lareynie dieſe unwill⸗ kürlich laut geſprochenen Worte hörte, ſtürzte er, ſich nicht länger zu mäßigen vermögend, in das Speiſezimmer herein. „Sie rufen mich, Madame!“ rief er ſeinerſeits 246 mit gellender Stimme und ſich ungeſtüm zwiſchen die beiden Gegenredner ſtellend. Dieſe unzeitige Dazwiſchenkunſt gab der jungen Frau ihre gewöhnliche Kaltblütigkeit zurück. „Sie haben ſich geirrt, Herr Oberſt,“ antwor⸗ tete ſie mit der ruhigſten Stimme von der Welt; „— Auf die Gefahr hin, Ihre Gefälligkeit zu miß⸗ brauchen, muß ich Sie bitten, auf einen Augenblick wieder in den Salon zu treten...“ „Aber, Madame... „Ich bitte Sie darum,“ wiederholte ſie mit einem Blicke, der beſagte:„ich will es.. „Wie mir ſcheint... „Wie mir ſcheint, ſo müſſen Sie mir gehorchen.“ „Ohne Zweifel, aber doch...“ „Hier oder dort,“ ſprach Frau Düpaſtel gebie⸗ teriſch und deutete zuerſt auf die Salonthüre und dann auf die Thüre des Vorzimmers. Herr Lareynie hob, ſtatt aller Antwort, die Au⸗ gen zur Zimmerdecke empor und krampfhaft ließ er beide Arme an ſeinem Körper hinabhangen; was ſeine beiden Hände betrifft, ſo hatten ſie ſich krampf⸗ haft geſchloſſen; ſodann entfernte er ſich langſam nach Art eines verwundeten Löwen und trat in den Salon zurück, deſſen Thüre ſich ſofort unter dem Druck der Hand der ſchönen Ermance ſchloß. „Nicht wahr, es iſt Ihnen recht, daß ich es ſo gemacht? ſprach ſie und näherte ſich zugleich dem jugendlichen Randeuil lebhaft. „Ja, Madame,“ antwortete Hippolyt freudig. „Habe ich richtig gerathen?“ „Ja, Madame,“ gab Hippolyt, dießmal als zer⸗ — 247 knirſchter Sünder, zurück;„doch verdammen Sie mich ums Himmelswillen nicht, bevor Sie mich ge⸗ hört.“ „Eine Entführung! Eine ſchreckliche Geſchichte! Und anſtatt damit anzufangen, verlieren Sie die Zeit mit unnützen Worten. Doch ums Himmels⸗ willen, machen Sie, daß Sie an's Ende kommen!“ „In Ihrer Macht allein hätte es geſtanden, einem ſolchen Ausgange vorzubeugen, wenn Sie ſeinen Einfluß, dem Herr Lareynie nichts entgegen⸗ zuſetzen vermag, zu unſeren Gunſten hätten geltend machen wollen. Aber wie ſollte ich es angreifen, um mich Ihrer Hilfe zu verſichern? Wie ſollte ich an Ihr Wohlwollen appelliren? Als ein Ihnen wildfremder Menſch durfte ich nicht einmal an Ihrer Thüre erſcheinen; die Verſuche, die ich machen konnte, um Ihre Aufmerkſamkeit auf mich zu len⸗ ken, konnten nur zwecklos ſein, oder übel ausgelegt werden. Indeſſen verſuchte ich es, aber ohne Er⸗ folg. Sie waren nie allein, und die Perſon, welche Sie begleitete, war gerade die, welcher es galt, aus dem Wege zu gehen. So mich Ihnen ſtets zu nä⸗ hern ſuchend, nie aber es wagend oder nie eine ge⸗ ſchickte Gelegenheit findend, habe ich eine koſtbare Zeit unnütz verſtreichen laſſen. Geſtern Abend noch in der Oper hätten, wenn es mir möglich geweſen wäre, mit Ihnen zu ſprechen, einige Worte aus Ihrem Munde hingereicht, dem Ereigniſſe von heute Morgen vorzubeugen.“ „Heute Morgen alſo erſt... und Sie hier? Was iſt denn aber aus ihr geworden?“ „Schon ſeit mehreren Tagen war Alles zu un⸗ 248 ſerer Flucht vorbereitet. Heute Morgen iſt es Abeille gelungen ihre Penſion zu verlaſſen; ich wartete auf ſie; es ſtand ein Wagen bereit, und einen Augenblick ſpäter flohen wir mit einander Brüſſel zu. Sie weinte, das arme Mädchen, und ich, als ich ihre Thränen ſtrömen ſah, fühlte, wie allmählig jener fieberhafte Taumel verflog, wo⸗ rin ich ſeit einiger Zeit gelebt hatte. Der Wirk⸗ lichkeit hat die Illuſion Platz gemacht, und zum er⸗ ſten Male ſind die Folgen meines Schrittes klar vor meine Seele getreten. Eine Entführung, ehrer⸗ bietige Bitten, die Mißbilligung eines Vaters, viel⸗ leicht gar ſein Fluch: welch' traurige Vorläufer ei⸗ ner Heirath!... Da ſagte mir eine geheime Stimme, daß eine unter ſolchen Auſpicien geſchloſ⸗ ſene Ehe unmöglich eine glückliche ſein könne. Mein Vater hatte mich an ein ehrerbietiges Betragen und an Gehorſam gewöhnt; durfte nun Herr Lareynie ſolche Gefühle nicht auch von ſeiner Tochter for⸗ dern? Und wozu ſtempelte ich mich ſelbſt? Zu einem feigen, niederträchtigen Verführer, oder jeden⸗ falls zu einem ertravaganten Romanhelden. Die letztere Rolle mußte mir als erbärmlich erſcheinen, die erſtere aber mich mit Abſcheu erfüllen. Ueber⸗ zeugt von dem Fehler, den ich beging, noch ehe er durch nichts mehr gut zu machen war, blieb mir nur eines übrig, und dieſes Eine habe ich denn auch gethan. Anſtatt meine Reiſe fortzuſetzen, bin ich nach Paris zurückgekehrt; aber was iſt jetzt zu thun? Führe ich Abeille in ihre Penſion zurück, ſo entſteht die Frage, ob man ſie dort wieder auf⸗ nimmt? Und ferner, mit welchem Recht kann ich — 249 dort mit ihr erſcheinen? Wollte ich ſie anderswohin führen, etwa in meine Wohnung, ſo würde ich mich der Gefahr ausſetzen, ſie zu compromittiren oder vielleicht gar zu Grunde zu richten. In dieſer äu⸗ ßerſten Noth habe ich an Sie gedacht, Madame, an Sie, deren Bild mir ſo oft als das einer gnädigen und nachſichtsvollen Freundin und Helferin erſchie⸗ nen iſt. Wem anders könnte ich diejenige, welche ich zu heirathen hoffe, anvertrauen, als Ihnen, der vielleicht in kurzer Zeit eine rechtmäßige Autorität über ſie zuſtehen wird? Nur Ihre Dazwiſchenkunft allein kann meinen Fehler wieder gut machen, kann allem Unglück vorbeugen und die Verläumdungen, die ich fürchte, zum Schweigen bringen. Geben Sie mir doch die Verſicherung, ich bitte Sie inſtändigſt, daß ich von ihrer Güte nicht zu viel erwartet, in⸗ dem ich meine einzige Hoffnung auf Sie geſetzt; ge⸗ ben Sie mir die Verſicherung, daß ſie von dieſem Au⸗ genblick an meiner Abeille eine Beſchützerin ſein wer⸗ den; und endlich, ſind Sie das nicht mir und ihr ſchuldig, da Sie— und nichts wünſche ich ſehnli⸗ cher— bald ihre Mutter ſein werden?“ Das Wort Mutter abgerechnet, das, in Wahr⸗ heit Schwiegermutter bedeutend, ſeine Wirkung ver⸗ fehlte, war Frau Düpaſtel über ein Geſtändniß ge⸗ rührt, das, eben weil es unklug ſein mochte, dar⸗ nach angethan war, die edleren Saiten ihres Her⸗ zens in Schwingungen zu verſetzen. In dieſem Augenblicke erſchien ihr die Rolle einer uneigennützi⸗ gen Beſchützerin neuer und origineller als die einer ſiegreichen Kokette; ſie nahm dieſelbe alſo ohne Zögern und ohne alle Hintergedanken an, ſuchte 250 aber dabei keineswegs ein Gefühl des Spottes zu verdecken, das nur durch ihren wohlwollenden Blick gemildert wurde. „Sie haben mich ganz richtig beurtheilt, mein Herr,“ antwortete ſie dem jungen Manne,„auch ſoll Ihr Vertrauen nicht getäuſcht werden. Verfügen Sie über mich nach Belieben, obgleich ich in Din⸗ gen der Entführung durchaus unerfahren bin und mein Alter mir es unmöglich macht zu wiſſen, wie man mit einem zweiundzwanzigjährigen Mädchen zu verfahren hat; indeſſen hoffe ich das, was mir an Wiſſen und Erfahrung abgeht, durch einen gründlich guten Willen zu erſetzen. Vor Allem muß Fräulein Lareynie in ihre Penſion zurück. Wo iſt ſie in dieſem Augenblicke?“ „Nur ein paar Schritte von hier, an der Ecke des Hotel Crillon, unweit des Eingangs zu den ely⸗ ſäiſchen Feldern.“ „Auf der Straße! Hatten Sie denn den Kopf verloren?“ „So ziemlich, Madame. Nachdem ich meine Poſtchaiſe fortgeſchickt, iſt mir nichts Beſſeres einge⸗ fallen, als einen Fiaker zu nehmen: anfänglich wollte ich Abeille hierherbringen, doch habe ich einen ſolchen Schritt nicht thun mögen, ohne zuvor Sie davon benachrichtigt zu haben, und ich bin herzlich froh, daß ich alſo gehandelt.“ „Das glaube ich wohl; der Oberſt verſteht kei⸗ nen Spaß, und ſo hätte denn aus einer Heiraths⸗ ſcene gar leicht eine tragiſche werden können. Sie ſagen, es ſei ein Wagen, der an der Ecke des Platzes Louis XV. ſtehe?“ — ——— „Ja, ein unedler Fiaker, braun angeſtrichen, Numer 157.“ „Ganz gut,“ ſprach Ermance in entſchloſſenem Tone;„das Uebrige iſt nun meine Sache; noch ehe eine Stunde um iſt, wird das flüchtige Täubchen wieder im Käfige ſein. Iſt die Sache einmal ſo weit, ſo will ich Ihnen, wie Sie es verdienen, den Kopf waſchen, und iſt auch dieſes Geſchäft glücklich beendigt, ſo wollen wir zuſammen einen Miniſter⸗ rath abhalten, um über die Schritte zu berathen, die dann zu thun ſein möchten.“ „Sie glauben, Frau Dinois, die Vorſteherin der Penſion, werde keine Schwierigkeiten machen... Die junge Frau zuckte leicht die Achſeln. „Ich verſpreche Ihnen zwar nicht,“ entgegnete ſie, „daß man das fette Kalb ſchlachten wird, um die Wiederkehr der verlorenen Tochter zu feiern, aber deſſen können Sie ſich verſichert halten, daß dieſe wachſame Frau Dinois es wohl bleiben laſſen wird, uns vor der Naſe eine Thüre zuzuſchließen, die ſie heute Morgen ſo ganz offen gelaſſen hat. Schon das Intereſſe ihres Hauſes birgt uns für ihre Ge⸗ fügigkeit und ihr Schweigen. Es iſt kein Augenblick zu verlieren; das arme Mädchen muß die ärgſten Dualen empfinden in dem Fiaker, worein Sie ſie ſo unkluger Weiſe geſperrt haben. Ich will hinei⸗ len, um ſie zu befreien und dieſem albernen Aben⸗ teuer ein Ende zu machen. Inzwiſchen bleiben Sie hier und bewerben Sie ſich um die Gunſt des Herrn Lareynie: vergeſſen Sie nicht, daß Ihre Heirath von ihm abhängt; und führen Sie ſich in der Folge vernünftig auf, ſo gelobe ich Ihnen, ihm nichts davon zu 252 ſagen, daß Sie ihn egoiſtiſch, despotiſch finden, daß er Ihnen als unnatürlicher Vater und— was er Ihnen am Ungernſten verzeihen würde— als ein einſt jung geweſener Mann erſcheint!“ Mit dieſen Worten trat ſie auf die Salonthüre zu und öffnete dieſelbe ſo raſch, daß Herr Larey⸗ nie, der eben einer ſchamloſen Neugierde ſich über⸗ ließ, jenem Lakeienprivilegium, welches Eiferſüchtige für ſich in Anſpruch zu nehmen pflegen, kaum ſo viel Zeit hatte, die Portidre, die er, um das Ohr gegen das Schloß heften zu können, in die Höhe gehoben hatte, ſeinen Händen entſchlüpfen zu laſſen. Ohne auf den verliebten Greis, der erröthet war wie ein Kind, das ſich auf friſcher That ertappt findet, auch nur ein Auge zu werfen, durchſchritt Frau Düpaſtel den Salon, trat in ihr Schlafzim⸗ mer, ſetzte einen Hut auf, legte eine Peliſſe um, beſchaute ſich eine halbe Minute in ihrem Spiegel, fand ſich hübſch, fand ſich um ſo beſſer aufgelegt, das gute Werk zu verrichten, das ſie im Sinne hatte, und entfernte ſich, ſo die beiden Männer im Hauſe zurücklaſſend, durch die Geſinde⸗ thüre W Randeuil war im Speiſezimmer geblieben, wo er die Rückkehr ſeiner jungen Beſchützerin erwartete; ſeinerſeits hatte der Oberſt, nachdem er ſich von ſeiner Aufregung wiederholt, vor dem Kamin im — Solon ſeinen früheren Platz wieder eingenommen; mit gerunzelten Brauen, das Kinn in der Cravate begraben, die Arme über die Bruſt gekreuzt, pfiff er einen furchtbaren Angriffsmarſch der Kaiſergarde, unter deſſen Tönen er mehr denn ein Mal über die Leiber der Oeſtreicher und der Ruſſen hin⸗ weggeſchritten war, zwiſchen den Zähnen. So verharrten ſie eine Zeit lang ſich einander gegenüber; bisweilen blickten ſie ſich verſtohlen an; kurz, ſie glichen zwei einander gegenüberſtehenden Heeren, welche ſich gegenſeitig beobachten, ohne daß es bei dem einen oder dem andern zu einem End⸗ entſchluſſe und zum Kampfe kommt. Endlich, nach⸗ dem er die Pendeluhr wiederholt befragt, zerrte Herr Lareynie, von ſeiner Ungeduld und ſeiner üb⸗ len Laune ſich fortreißen laſſend, an der Klingel⸗ ſchnur mit der verzweifelten Heftigkeit, welche in der Regel Staatsſtreiche begleitet. Bei dieſem Geräuſch kam die Zofe hereingeeilt, und, wie natürlich, malte ſich auf ihrem Geſichte einiges Staunen über einen ſolchen Autoritätsact. „Er könnte wohl bis nach ſeiner Heirath war⸗ ten, um unſere Klingeln zu Schanden zu reißen,“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt und blickte dabei den Greis duckmäuſeriſch anz denn zu der Sünde der Eifer⸗ ſucht geſellte er noch die des Geizes— eine Sünde, welche vom Vorzimmer nie verziehen wird. „Wie es ſcheint, ſo iſt Madame in ihrem Zim⸗ mer ſehr beſchäftigt,“ ſprach er trocken. „Madame iſt ſeit mehr denn einer halben Stunde verſetzte die Soubrette in gleichem one. 254 „Ausgegangen?“ rief der Oberſt. „Ausgegangen!“ wiederholte Hippolyt Randeuil echoartig. „Ausgegangen,“ ſprach ihrerſeits das Kammer⸗ kätzchen und ſah beide nach einander an:„wußten denn die Herren das nicht?“ „Schon gut„ da Ihre Herrin ausgegan⸗ gen iſt, ſo können Sie wieder gehen,“ rief Herr Lareynie mit einer Stimme, welche der Zorn plötz⸗ lich zu einem höheren Regiſter überführte. „Was will er denn, der alte grüne Affe, daß er ſo randalirt?“ murmelte die Zofe vor ſich hin, die, indem ſie wider ihren Willen gehorchte, ſich nicht enthalten konnte, auf Hippolyt einen Blick zu werfen, welcher durch die angeſtellte Vergleichung noch wohlwollender wurde.„Wenn doch wenigſtens dieſer hübſche junge Mann es wäre, der Madame heirathete,“ ſprach ſie, die Thüre hinter ſich ſchlie⸗ ßend, leiſe. Jetzt ſeinem eingebildeten Rivalen wieder allein gegenüberſtehend, maß Herr Lareynie ihn einen Augenblick mit finſteren und vornehme Verachtung ausdrückenden Blicken. „Mein Herr,“ hob er endlich mit affectirter Ruhe an, bisher haben die einer Frau ſchuldigen Rück⸗ ſichten mir Schweigen auferlegt; endlich ſind wir nun allein und können uns ungenirt ausſprechen. Meine Erklärung wird eine ſehr unumwundene ſein, und von Ihnen erwarte ich eine Offenheit, die der meinigen gleich iſt. Die Gefühle, die ich Frau Düpaſtel ſchon längſt weihe, können Ihnen nicht unbekannt ſein, da in der MWelt, in der wir drei 255 leben, von der Heirath geſprochen wird, die ich ſo ſehnlich wünſche. Mit einem Wort, Sie wiſſen, daß ich Frau Düpaſtel in Bälde zu ehelichen wünſche und hoffe. Sie wiſſen es, nicht wahr? Antworten Sie mir, ich bitte Sie, ohne alle Phraſen, mit ei⸗ nem einfachen Ja oder Nein.“ „In der That, ich habe von dieſem Heiraths⸗ project ſchon ſprechen hören,“ erwiderte Randeuil mit der Zurückhaltung eines Menſchen, der ſich fort⸗ gezogen fühlt, ohne zu wiſſen wohin. „Es iſt mehr als ein bloßes Project, mein Herr, es hat ein förmlicher Verſpruch ſtattgefunden, der mir ein nicht anzufechtendes Recht verleiht, wovon ich gegen Sie, wie gegen jeden Anderen Gebrauch machen werde. Schon jetzt, mein Herr, ſehe ich dieſes Haus als das meine an; ich werde mir alſo erlauben, Sie über Ihren Beſuch zur Rede zu ſtel⸗ len, gerade ſo, als ob wir in Wahrheit in meinem Hauſe wären.“ „Mein Herr,“ verſetzte der junge Mann in ver⸗ ſöhnlichem Tone,„ein Anderer würde vielleicht das Recht, worauf Sie ſich berufen, nicht ſo ganz un⸗ beſtritten laſſen, da es in gar vielen Augen durch⸗ aus nicht unanfechtbar erſcheinen dürfte; was mich betrifft, ſo weigere ich mich nicht, es anzuerkennen und demgemäß zu handeln. Ich erkläre Ihnen alſo bei meiner Ehre, daß meine Anweſenheit in dieſem Hauſe lediglich nichts an ſich hat, worüber Ihre Liebe zu Frau Düpaſtel ſich beunruhigen dürfte.“ „Wenn das iſt,“ entgegnete der Oberſt,„ſo darf kein Grund Sie abhalten, mir die Urſache Ihres 256 Beſuchs zu erklären; und das iſt es auch, was ich von Ihnen erwarte.“ Dieſe gebieteriſch articulirte Aufforderung er⸗ forderte eine alsbaldige und beſtimmte Antwort. Indeſſen verſuchte es Hippolyt ihr auszuweichen, indem er zu einem geſchickten Manöver griff, um das gefährliche Terrain zu verlaſſen, wo er ſich allzuſehr gedrängt fühlte. „In der That, ich habe keinen Grund Ihnen in dieſem Stücke nicht zu Willen zu ſein,“ entgeg⸗ nete er;„indeſſen erfordert die Bedeutung, die Sie einem durchaus unſchuldigen Beſuche beizulegen ſchei⸗ nen, meines Erachtens die Dazwiſchenkunft der Frau Düpaſtel. Dieſe Dazwiſchenkunft iſt nun unum⸗ gänglich nothwendig geworden. Sobald ihr Name in dieſe Discuſſion ſich verwoben findet, wäre es ein höchſt beleidigendes Verfahren, dieſelbe in ihrer Abweſenheit fortzuſetzen; und ohne Zweifel liegt ein ſolcher Gedanke Ihnen ebenſo fern als mir. Er⸗ lauben Sie alſo, daß ſie ſelbſt es über ſich nimmt, einen Schritt zu erklären, der, ich wiederhole es, von Ihnen falſch gedeutet wird. Einſtweilen aber wird es mir ein Leichtes ſein, einen unwiderleg⸗ lichen Beweis von der Reinheit der Abſichten zu geben, die mich hierhergeführt. Es iſt ſchon einige Zeit, mein Herr, daß ich die Ehre hatte, eine Bitte an Sie zu ſtellen, deren Erfüllung meinen heiligſten Wünſchen entgegengekommen wäre; die ungnädige Aufnahme, die mir geworden, hat mir das Herz gebrochen, ohne gleichwohl dort die Hoffnung ganz und gar austilgen zu können. Seit jener Zeit haben meine Gefühle ſich nicht verändert; könnten 257 aber die Ihrigen andere geworden ſein, ſo würden Sie mich als den glücklichſten uuet Sierblichen zu Ihren Füßen liegen ſehen. Was ſoll ich Ihnen weiter ſagen, mein Herr? Beweiſe ich, indem ich auf's Neue und inſtändigſt um Fräutein Lareynie's Hand anhalte, nicht auf's Unwiderleglichſte, daß Sie von mir nichts zu fürchten haben; daß mein von dem Bilde Ihrer Tochter ganz erfülltes Herz keinen Gefühlen Nahrung zu geben vermag, die Ihre Eiferſucht rege zu machen verdienten? Hier ließ der Greis ein Hohngelächter hören, das vom Zorn auf der Stelle erſtickt wurde. „Darauf hatte ich mich gefaßt gemacht,“ rief er;„ich war gewiß, daß dem Ende Ihrer Periode der Name meiner Tochter ſich anfügen würde, der doch in dieſer Diskuſſion lediglich nichts zu ſchaffen hat. Glauben Sie, ich laſſe mich von allen dieſen ſentimentalen Betheuerungen, von allen dieſen Phra⸗ ſen täuſchen, die man in jedem Roman gedruckt finden kann? Wirklich! Sie würden Fräulein Larey⸗ nie die Ehre erweiſen, Sie zu heirathen?“ „Die Ausdrücke, deren ich mich bedient.. OH, ich glaube Ihnen auf's Wort, meine Toch⸗ ter iſt hübſch, meine Tochter hat Vermögen, meine Tochter iſt wohlerzogen, denn ich darf wohl ſagen, daß ich bei ihrer Erziehung nichts verſäumt; ich begreife alſo, daß eine ſolche Heirath Ihnen recht paſſ end däucht; es fragt ſich eben nur, ob ſie auch mir convenirt. Nun aber glaubte ich Sie hierüber nicht im Zweifel gelaſſen zu haben, und ich dächte, Sie ſollten nun Ihrerſeits begreifen, daß meine Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 17 258 allerneueſten Beobachtungen mich nicht geneigt ma⸗ chen konnten, meine Anſicht zu ändern.“ „Wenn aber Ihre Beobachtungen Sie getäuſcht hätten?“ Auf dieſe Frage zog Herr Lareynie an beiden Seiten ſeines mageren Geſichts die Spitzen eines Hemdkragens herauf, unter welchen ſeine ein ver⸗ ächtliches Lächeln zeigenden Mundwinkel einen Au⸗ genblick verſchwanden. „Ich meine ſo, ich täuſche mich nur ſelten,“ ſprach er dann.„Im Uebrigen braucht es keinen allzu großen Verſtand, um Ihre Projecte zu errathen, und es ſind dieſelben bis zur Naivetät durchſichtig. Einerſeits möchten Sie wohl mein Schwiegerſohn werden, weil meine Tochter keine üble Partie iſt, und andererſeits möchten Sie auch ſehr Frau Dü⸗ paſtel gefallen, da die Eroberung einer ſo diſtin⸗ guirten Frau Ihnen in der Geſellſchaft Ehre machen würde. Es iſt das ein doppeltes Spiel, wie es heut zu Tage ziemlich häufig geſpielt wird und wo Intereſſe und Eitelkeit gleichen Schritt mit einander halten, ohne ſich zu ſchaden. Was das Herz be⸗ trifft, wenn man dieſes Wort überhaupt noch aus⸗ ſprechen darf. „Aber, mein Herr,“ rief Randeuil warm,„ein ſolcher Calcul wäre, wenn möglich, das verächtlichſte Ding von der Welt.“ „Das iſt auch meine Meinung, mein Herr,“ antwortete der Greis den Unterbrecher ſixirend:„ja, ein ſolcher Calcul iſt das verächtlichſte Ding von der Welt, zugleich aber auch das gewöhnlichſte. Alle Tage kommt es vor, daß man eine Frau hei⸗ 259 rathet und daneben eine andere liebt, und das— ja das iſt auch Ihre Abſicht; wenigſtens haben Sie mir ein Recht gegeben, ſolches zu glauben. Ich denke aber, Sie werden nicht hoffen, daß ich Ihnen als Secundant diene, daß ich zu einem ſolchen Werk die Hand biete. Ich Ihnen meine Tochter geben!... Meine Tochter!“ wiederholte Herr Lareynie in im⸗ mer höherem Tone und durch das Geräuſch ſeiner Worte ſich mehr und mehr erhitzend.„Ihnen das Schickſal, die Zukunft, das Glück, das Leben meines Kindes, meines einzigen Kindes anvertrauen! Ich ſelbſt ſoll Sie in mein Haus, in mein Haus, in meine Familie einführen nach dem, was erſt geſtern vorgefallen, nach dem, was ich geſehen, nach dem, was ich weiß; nachdem außer mir noch hundert Andere haben bemerken können, mit welcher Affectation Sie die Frau, die ich ehelichen will, überall, in den Salons, im Theater, auf der Promenade verfol⸗ gen. Aber Sie halten mich für einen Wahnſinni⸗ gen, mein Herr! Aber Sie halten mich für blind, mein Herr! Aber Sie glauben alſo, daß ich weder Blut in den Adern noch Gefühl im Herzen habe! Aber Sie inſultiren mich!“ ſchrie endlich der alte Oberſt und ließ ſeine Stimme donnern, als ob er ſein ehemaliges Regiment zu einem Sturm comman⸗ dirt hätte. „Dummer und vom Teufel beſeſſener Greis!“ ſprach Hippolyt bei ſich ſelbſt, Hernani's Höflichkeit überbietend;„liebte ich Abeille nicht ſo ſehr, mit welchem Vergnügen gäbe ich dir dann nicht Recht und rechtfertigte ich nicht deine Eiferſucht!“ „Doch machen wir, daß wir endlich ſert wer⸗ 1 den,“ hob Herr Lareynie wieder an in einem Tone, der durch ſeinen ruhigen aber ſardoniſchen Ernſt mit dem Jähzorn contraſtirte, dem er ſich einen Augenblick vorher überlaſſen hatte.„Unſere Dis⸗ kuſſion dreht ſich um zwei Punkte, deren jeder eine raſche und entſcheidende Löſung fordert. Was den erſten, meine Tochter betreffenden anlangt, ſo verſage ich Ihnen hiemit zum zweiten und letzten Mal ihre Hand, und erkläre Ihnen, daß ich nie— nie die Ehre haben werde, Ihr Schwiegervater zu ſein. Sind meine Worte klar genug, und verſtehen Sie mich recht?“ Statt aller Antwort neigte Randeuil das Haupt und biß die Zähne aufeinander, und ſo groß war ſein Aerger, daß er über ſein ſchönes Benehmen vom Morgen deſſelben Tages die heftigſten Ge⸗ wiſſensbiſſe fühlte. „O! warum bin ich nicht noch auf der Straße nach Belgien!“ dachte er bei ſich ſelbſt,„dann müßte der alte Knaſterbart mir aus einem andern Tone pfeifen.“ Und gleich als hätte er ſeinen Worten größere Autoritöt verleihen wollen, richtete ſich der Oberſt in der ganzen Majeſtät ſeiner magern, von ihm für ſchlank gehaltenen Geſtalt auf. „Gehen wir nun zum andern Punkt über,“ ſprach er;„es iſt der einzige, der etwas Reales hat; denn nachdem ich früher ſchon Sie zurückge⸗ wieſen, kann Ihre matrimoniale Ausdauer nichts Anderes ſein als ein Spaß, von dem Sie mir er⸗ lauben werden zu ſagen, daß er nicht vom aller⸗ feinſten Geſchmacke zeugt. Hören Sie mich geneig⸗ 5 . 2 5 . . 5 261 teſt aufmerkſam an. Indem ich Frau Düpaſtel zu ehelichen wünſche, verhehle ich mir keinen Augenblick die Widerwärtigkeiten, welche ich durch eine ſolche Verbindung mir zuziehen kann. Die Lage, worein ein Ehemann meines Alters ſich verſetzt, iſt ein nie endender Kampfz auf dieſen Kampf mache ich mich gefaßt, feſt entſchloſſen, zu ſiegen oder zu ſterben... Ja mein Herr, zu ſterben,“ wiederholte gravitätiſch der Greis, indem er unter der Laſt eines durch die Leidenſchaft verjüngten Blickes das Lächeln erſtickte, das um Hippolyt's Lippen leicht geſpielt hatte.— „Vielleicht, daß meine Sprache Ihnen ſeltſam er⸗ ſcheint; mag ſie aber die Sitte verletzen oder nicht, ich werde ihr nachzuleben wiſſen, ich ſchwöre es Ihnen! Trägt Frau Düpaſtel einmal meinen Na⸗ men, ſo wird ohne Zweifel mehr denn einer es verſuchen, die Rolle, die Sie ſelbſt angefangen, bei ihr zu ſpielen; aber ich ſage Ihnen, jeder dieſer Männer wird mir alsbald ein Todfeind und als ſolcher von mir behandelt werden, das heißt, ent⸗ weder werde ich ihn umbringen oder bringt er mich um, bevor er mir meine Ehre ſtiehlt.“ Trotz ſeiner üblen Laune konnte Randeuil ſich nicht enthalten, den energiſchen Ausdruck zu bewun⸗ dern, der die welken Züge ſeines Gegenredners auf einen Augenblick verlebendigte. Aus dem Greiſe, den Amor zu einem lächerlichen Wicht machte, ſchaute in dieſem Augenblicke der ſtolze Veteran der großen Armee heraus. „Alles verkündet mir, daß der Kampf ſogar ſchon vor meiner Heirath beginnt,“ fuhr Herr La⸗ reynie mit einer Reſignation fort, der einem fatali⸗ 262 ſtiſchen Türken Ehre gemacht hätte—„Sie ſind es, mein Herr, der mir zuerſt den Handſchuh hingewor⸗ fen. Nun, Sie ſind mir ſo lieb wie ein Anderer. Ich nehme alſo Ihre Herausforderunß an; ich er⸗ kläre mich durch das Benehmen, das Sie ſeit eini⸗ ger Zeit affectiren, beleidigt und verlange ſo lange Satisfaction, bis Sie mir bei Ihrer Ehre ſchwören, daß Sie es alsbald und für immer ändern wollen.“ Bei dieſer unvorhergeſehenen Herausforderung riß Abeille's Geliebter Mund und Augen weit auf. „Wie! mein Herr, Sie wollen ſich ernſtlich mit mir duelliren?“ fragte er endlich, ohne ſeine Ueber⸗ raſchung zu verbergen zu ſuchen. „Ja, mein Herr, ich will mich mit Ihnen duel⸗ liren,“ antwortete der Greis mit kalter Miene. „Und Sie meinen, ich werde mich mit Ihnen ſchlagen wollen?“ „Ich habe lediglich keinen Grund, Ihren Muth in Zweifel zu ziehen.“ „Doch aber zweifeln Sie an dem Reſpect, den Ihr Alter mir einflößen muß?“ „Mein Alter geht niemand etwas an als mich,“ verſetzte Herr Lareynie trocken,„und da es mir gefällt, es zu vergeſſen, ſo finde ich es recht un⸗ verſchämt, ſich daran zu erinnern.“ „Aber, mein Herr, wenn Sie ſich nicht ſehen, ſo ſehe doch ich Sie,“ hob Randeuil wieder an, dem ſich, trotz aller ſeiner Anſtrengung, das zorn⸗ müthige Weſen ſeines Gegners mittheilte.„NRie, nie werde ich mich ſo lächerlich machen, daß ich mich mit einem Manne ſchlage, der wenigſtens mein Großvater ſein könnte, wenn er ſich weigert, mein Schwiegervater zu werden.“ 263 „Nun, dann müſſen Sie ſich es eben gefallen laſſen, mitten im Foyer der Oper beohrfeigt zu werden,“ rief der Oberſt, bis ins Innerſte ſeiner Eigenliebe hinein verletzt. Hippolyt piruettirte auf ſeinem Stiefelabſatz herum, zuckte beide Achſeln und ließ ſich in einen Lehnſeſſel am andern Ende des Salons fallen. „Was ſind Ihre Waffen?“ fragte Herr Larey⸗ nie nach kurzem Schweigen. „Krücken!“ rief Randeuil, den ſolche Verfol⸗ gung außer ſich brachte. „Nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie nicht durch mich zu ſolchen kommen,“ entgegnete der Veteran mit der bedrohlichen Sicherheit eines Mannes, der ſeinen Gegner nie fehlt.—„Ich habe mir auf der Jagd vor einiger Zeit den rechten Arm verſtaucht,“ fuhr er fort, indem er einem Anfall von Rheuma⸗ tismus, den er um keinen Preis eingeſtanden hätte, eine poetiſche Färbung zu verleihen ſuchte;—„es würde mich etwas ſchwer ankommen, meinen Degen zu führen; wenn Sie daher gegen Piſtolen nichts einzuwenden haben...“ „Aber, mein Herr, wollen und können Sie denn ſchlechterdings nicht begreifen, daß ich mich weigere, mich mit Ihnen zu ſchlagen?“ antwortete der junge Mann, ungeduldig ſich erhebend.„Was kann ich ſagen und thun, um Ihren Argwohn zu beſeitigen und endlich Frieden zu bekommen? Eben haben Sie davon geſprochen, daß ich mich verbind⸗ lich machen, daß ich einen Schwur thun müſſe: wohlan! ſprechen Sie, ich bin bereit, Alles zu thun, was Sie wünſchen.“ ⸗. 264 „Sie müſſen mir ſchwören, daß Sie Frau Dü⸗ paſtel nicht lieben,“ antwortete der Eiferſüchtige, einen durchbohrenden Blick auf ſeinen Gegenredner werfend. „Ich ſchwöre Ihnen, daß ich ſie nicht liebe, daß ich ſie nie geliebt, daß ich ſie nie lieben werde. Was wollen Sie weiter?“ „Sie müſſen mir weiter ſchwören, daß Sie kei⸗ nen Verſuch mehr machen wollen, Sie zu ſehen, mit ihr zu ſprechen, kurz, ihr nahe zu kommen.“ „Ich gebe Ihnen aber ja mein Ehrenwort, daß ich ſie nicht liebe!“ verſicherte Randeuil, dieß Mal einer directen Antwort ausweichend. Trotz ſeiner Eiferſucht fühlte ſich der Greis durch dieſen ohne alles Zögern erneuerten Schwur halb überzeugt.„ „Ein Ehrenwort hat viel auf ſich,“ ſprach er, „und es ſei denn, daß offenbare Beweiſe dawider ſprechen, kann ich mich nicht weigern, an das Ih⸗ rige zu glauben: ich will lieber annehmen, daß ich mich getäuſcht habe. Ich nehme alſo von Ihrem Verſprechen Act und nehme zugleich zurück, was meine Worte Herausforderndes haben konnten. Nach Ihrem ferneren Benehmen werde ich das meinige regeln, junger Mann!“ „Ah! mein Herr, welchen Sinn darf ich Ihren letzteren Worten leihen?“ rief Randeuil feurig „darf ich ſie zu meinen Gunſten deuten? Erlauben Sie mir zu hoffen, daß es mir durch vieles An⸗ liegen, durch Unterwürfigkeit endlich gelingen wird, die Hand... „Meiner Tochter zu erhalten?“ endigte Herr 265 Lareynie die angefangene Phraſe.„H! was das betrifft, mein lieber Herr, ſo muß ich Ihnen ge⸗ ſtehen, daß, wenn Sie in Ihren Reden etwas hart⸗ näckig ſind, ich in meinen Entſchlüſſen es nicht min⸗ der bin. Schon zwei Mal habe ich Nein geſagt, überheben Sie mich alſo der Unannehmlichkeit, es zum dritten Mal zu ſagen. Im Uebrigen müſſen Sie nach dem, was eben zwiſchen uns vorgefallen, einſehen, daß Sie weniger denn je mein Tochter⸗ mann werden können.“ In dieſem Augenblicke ging die Salonthüre auf, und hereinträt leichten Schrittes die ſorgfältig in ihre Peliſſe eingehüllte Frau Düpaſtel. Ihre Wangen waren von der Kälte, die draußen herrſchte, geröthet, und ſie ſchritt ſofort mit haſtiger Grazie auf das Kamin zu. So trennte ſie die beiden Männer, die ſich beeiferten, ihr Platz zu machen. Dann betrachtete ſie, von einer Reihe unendlich raſcher und unausſprechlich feiner Bewegungen Ge⸗ brauch machend, ihre von der freien Luft etwas zerzausten blonden Haare im Spiegel, rollte ſie mechaniſch um ihre Fingerchen, lächelte Herrn La⸗ reynie, dem ſie den eben abgenommenen Hut über⸗ gab, freundlich zu und warf hinter der ſammtenen Mantille hervor, die ſie einen Augenblick bis zur Höhe ihres Geſichts emporhielt, auf Hippolyt einen blitzſchnellen Blick, welcher in der beredteſten Weiſe von der Welt ſagte:„Es geht Alles gut.“ Einen Augenblick darauf wurde dem Cicisbeo, um ihn aller Vortheile ſeiner Functionen theilhaf⸗ tig zu machen, die Peliſſe übergeben, gleichwie ihm eben der Hut anvertraut worden war, und 266 dieſe beiden Gegenſtände trug er auf einen den Fenſtern gegenüberſtehenden Divan, wo er ſie mit der ehrerbietigen Sorgfalt eines Anbeters nieder⸗ legte, der eine Reliquie berührt. Inzwiſchen er⸗ griff Ermance die geſchickt herbeigeführte Gelegen⸗ heit, um die Klingelſchnur zu ziehen und, zu Ran⸗ deuil geneigt, eben ſo ſchnell als leiſe zu ſagen: „Morgen, hier, zwei Uhr, und jetzt fort.“ In Folge eines der Eiferſucht inwohnenden In⸗ ſtincts wandte ſich der Greis raſch um, obgleich er nichts gehört hatte. Schon ſaß Frau Düpaſtel auf ihrer Cauſeuſe an der Kaminecke und ſtörte im Feuer herum, welches von der Zofe eben geordnet wurde. Was Hippolyt betrifft, ſo ſtand er mit dem Hut in der Hand da, wie ein Mann, der im Begriff iſt, ſich zu verabſchieden. Trotz der affec⸗ tirten Ruhe dieſer beiden Stellungen empfand Herr Lareynie jenes vage Unbehagen, das nur einen Vorwand ſucht, um ſich in eine wahre Qual zu verwandeln. „Sie ſind zu Fuß ausgegangen, Madame?“ fragte er, indem er mit mißtrauiſcher Miene auf einige kaum bemerkbare Kothſpritzer blickte, welche den unteren Theil des Rockes der jungen Frau be⸗ fleckten. „O! ich habe inzwiſchen einen wahren Feldzug gemacht,“ antwortete ſie lachend;„Ihre alten Gre⸗ nadiere marſchirten gewiß nicht beſſer; und dann habe ich auch, indem ich zu Fuß ausgegangen bin, das gewonnen, daß ich auf den Theaterzetteln ge⸗ ſehen, daß anſtatt der in meiner Zeitung ſtehenden Norma Roſſini's Othello gegeben wird. Da⸗ 267 durch ſind nun meine Projecte für heute Abend andere geworden. Wohl iſt Bellini jetzt in der Mode, nichts deſto weniger aber bleibe ich dem großen Maeſtro treu; ich muß meine Tante durchaus be⸗ ſtimmen, daß ſie ins italieniſche Theater geht: be⸗ gleiten Sie uns?“ Nachdem ſo das Geſpräch geſchickt auf den Bo⸗ den der Alltäglichkeiten verpflanzt war, dauerte es einige Minuten lang in gleicher Weiſe fort. Jetzt verabſchiedete ſich, dem erhaltenen Befehle Folge leiſtend, Randeuil ehrerbietig von der Herrin des Hauſes und entfernte ſich, nachdem er mit dem Manne, der ſich ſo hartnäckig weigerte, ſein Schwie⸗ gervater zu werden, eine kalte Verbeugung gewech⸗ ſelt hatte, durch welche der Groll nur zu deutlich hindurchblickte. „Da wir nun endlich allein ſind,“ hob Herr Lareynie mit einer Stimme, der er Ruhe zu ver⸗ leihen ſich bemühte, alsbald an,„ſo werden Sie vielleicht die Güte haben, Madame, mir zu ſagen, was der junge Mann hier gethan hat.“ „Wie! er hat es Ihnen nicht geſagt?“ fragte Frau Düpaſtel mit ſpöttiſchem Staunen.„Wovon haben Sie denn geſprochen, da Sie doch über zwei Stunden allein hier geweſen? Ich dächte, ein ſo langes tétetéte hätte Ihnen beiden Gelegenheit gegeben, Ihre Gedanken auszutauſchen.“ „Madame,“ entgegnete der Eiferſüchtige, die Brauen runzelnd,„zwiſchen Männern finden gewiſſe Erklärungen niemals in einem Salon ſtatt.“ „Herr Oberſt, Sie wiſſen, ich gehöre nicht zu den Tapfern; ziehen Sie Ihren großen Kaiſergarde⸗ 268 ſäbel, ſo ſage ich Ihnen im Voraus, daß ich mich auf die Flucht begebe.“ Und die junge Frau ſtand auf, durchſchritt, eine Roulade trillernd, den Salon und machte das Piano auf. „Sie verſagen mir alſo ein Wort, ein einziges Wort, das mir meine Ruhe zurückgeben könnte!“ ſprach der Greis, der, wie an einer Koppel nach⸗ gezogen, dieſer Bewegung gefolgt und deſſen Stimme plötzlich eine flehende geworden war. Ermance ſchaute das alterthümliche Geſicht, das ſich zu ihr neigte, mit einer Miſchung von Güte und Ironie, von Mitleid und Ungeduld an. „Nun ja, wir wollen von allem dem reden,“ ſprach ſie endlich mit einer Stimme, deren In⸗ flexion faſt eine liebkoſende war, und als hätte ſie ein Kind vor ſich gehabt.„Sie ſollen Alles er⸗ fahren; zuvor aber müſſen Sie wieder liebenswür⸗ dig, vertrauensvoll, gehorſam werden; und vor Allem müſſen Sie mir verſprechen, Ihre häßliche Eiferſucht ablegen zu wollen; noch mehr, Sie müſ⸗ 3 mir Abbitte thun, daß Sie ſo eiferſüchtig ge⸗ weſen.“ Alſo ſprechend hatte Frau Düpaſtel ſich vor dem Piano auf ein Tabouret niedergelaſſen. Be⸗ ſiegt durch einen Blick voll Koketterie, welcher den ſeinigen nicht floh, ſowie durch die ſüße Stimme, die an ſeinen Ohren vibrirte, ließ ſich der Oberſt auf ſeine ſchlotternden Knie nieder, ohne die Ge⸗ fahr zu berechnen, die er lief, wenn er einer mehr als ſechzig Jahre alten Knielehle allzugroße Schnell⸗ kraft zutraute. „Nun, ich will Ihnen dieß Mal noch verzeihen,“ lauteten die geflügelten Worte der jungen Frau, indem ſie die Hand zurückzog, die ihr alterthüm⸗ licher Anbeter an die Lippen zu führen ſuchte. Um einer Scene ein Ende zu machen, die ins Lächerliche überſpielte, erhob ſie ſich, ohne ſich um die etwas kritiſche Stellung zu kümmern, worin ſie den Greis ließ. „Ah! es iſt ſchon faſt fünf,“ ſprach ſie, einen Blick auf die Stockuhr werfend;„ich muß mich jetzt raſch ankleiden, denn ich ſpeiſe bei meiner Tante. Wollten Sie ganz charmant ſein, ſo würden Sie uns in ihrem Hauſe abholen, von wo wir ins ita⸗ lieniſche Theater gehen wollen.“ „Um halb acht Uhr werde ich an ihrer Thüre ſein,“ antwortete der Oberſt, dem es geglückt war, ſich wieder aufzuhiſſen. „Heute Abend alſo ſehen wir uns wieder,“ ſprach Ermance;„bis dahin möge Gott Sie in ſei⸗ nen allmächtigen Schutz nehmen, ich aber will mich jetzt zurückziehen.“ Dann machte ſie, dem Greiſe mit kindlicher Grazie zulächelnd, einen feierlichen Knix, welcher des alten Hofes würdig geweſen wäre, ſchlüpfte hinter die Portidre, welche die Thüre ihres Schlaf⸗ zimmers maskirte, und verſchwand. Unbeweglich, als ob ſeine Füße in den Boden⸗ teppich plötzlich verwachſen wären, ſtand Herr La⸗ reynie einen Augenblick im Salon da. Endlich ſtürzte er, einem Wahnſinnigen gleich, auf den Di⸗ van zu, ergriff mit krampfhaft bewegter Hand den Hut und die Peliſſe, die er dort niedergelegt, drückte * abwechſelnd auf den Sammt des einen und die Seide der andern ein halbes Dutzend feuriger Küſſe und rief mit einer Stimme, welche das Alter ſo⸗ wohl, als die Aufregung alterirte:„Anbetungs⸗ würdig! Wahrhaft anbetungswürdig!“ Und nachdem er einen letzten Blick auf den Vorhang des Heilig⸗ thums geworfen, in das ſeine Gottheit ſich zurück⸗ gezogen, entſchloß er ſich endlich, die Wohnung zu verlaſſen, wobei er noch zu wiederholten Malen laut rief:„Anbetungswürdig! wahrhaft anbetungs⸗ würdig!“ Um zwei Uhr des darauf folgenden Tages er⸗ ſchien Hippolyt Randeuil bei Frau Düpaſtel, die er dieß Mal allein fand. Ein Buch in der Hand haltend, ſaß die junge hübſche Wittwe nachläſſig an ihrer Kaminecke. Nachdem der junge Mann ſich verbeugt, ließ er unwillkürlich ſeine Blicke im Salon herumſchweifen, und es verriethen dieſelben eine gewiſſe Unruhe, welche dem Scharfblicke der jungen Frau nicht ent⸗ gehen konnte. „Beruhigen Sie ſich,“ ſprach ſie mit einem hal⸗ ben Lächeln,„er iſt nicht da.“ „Sie haben meine Gedanken errathen, Ma⸗ dame,“ erwiderte Hippolyt, indem er ſich auf den Lehnſeſſel niederließ, den ihm eine graziöſe Geberde bezeichnete;„ich mag Ihnen nicht bergen, daß Herr 271 Lareynie mir jetzt entſetzlich Angſt macht; ich zitterte bei dem bloßen Gebanken, daß ich ihn abermals hier treffen könnte.“ „Glauben Sie denn, er dürfe alle Tage zu mir kommen? Freitags zum Beiſpiel, und wir ha⸗ ben heute Freitag, ziehe ich mich von aller Welt zurück und empfange alſo auch nicht: nur in Anbe⸗ tracht der bewußten ernſten Umſtände habe ich zu Ihren Gunſten eine Ausnahme gemacht; und dann ſind wir auch um ſo gewiſſer, von Niemand geſtört zu werden. Nun, laſſen Sie mich von meiner Miſſion Rechenſchaft geben. Fürs Erſte muß ich Ihnen ſagen, daß die Dame Ihres Herzens— vielleicht wäre es richtiger, zu ſagen Ihr Fräulein — eine ſehr hübſche Perſon iſt: wunderſchöne Au⸗ gen, regelmäßige Züge, ein untadelhaft geformtes Geſicht; in der Phyſiognomie vielleicht Mangel an Lebhaftigkeit, das Ganze aber ſehr gut, ungemein gut. Ich erſehe daraus, daß Sie ein Mann von Geſchmack ſind, und verſtehe, wie man um ſo ſchö⸗ ner Augen willen närriſche Streiche machen kann. Von dem Schrecken Ihrer Fräulein Abeille will ich mich enthalten zu ſprechen: ſie erwartete Sie, und als ſie mich anſtatt Ihrer kommen ſah, hat ſie mich gewiß eben ſo häßlich gefunden, als ich ſelbſt ſie hübſch fand. Damit ich es kurz mache, will ich nur noch ſagen, daß es mir gelungen, ſie zu be⸗ ruhigen und ihr begreiflich zu machen, daß, da ihre ſentimentale Reiſe zu Ende ſei, ſie nichts Beſſeres zu thun habe, als eiligſt in ihre Penſion zurückzu⸗ kehren. So habe ich ſie denn nach Chaillot gebracht, wo Alles ſo gegangen iſt, wie ich vorausgeſehen. 272 Frau Dinois wird ſich nur zu glücklich ſchätzen, einen Schleier über die ganze Sache breiten zu kön⸗ nen; von dieſer Seite alſo hätten wir nichts mehr zu fürchten; ſehen wir nun, was Sie Ihrerſeits gethan. Geſtern habe ich es nicht gewagt, an Herrn Lareynie Fragen zu ſtellen; ſagen Sie mir alſo ſelbſt, wie weit Sie mit ihm ſind und ob Sie von ihm etwas erlangt haben.“ „Ich habe ſo viel von ihm erlangt, Madame, daß er vor der Hand mir nicht zu Ihrer Ehre das Lebenslicht ausgeblaſen, wozu er die allergrößſte Luſt zu haben ſchien. Was meine Heirath betrifft, ſo will er weniger denn je davon hören, und ſie haben einen Mann vor ſich, der einen zweiten — doch ich täuſche mich—, der einen dritten Korb bekommen hat.“ „Ihnen das Lebenslicht ausblaſen!“ rief Frau Düpaſtel;„daran erkenne ich ihn. Hat er ſich nicht die ungeheuerlichſten Dinge in Betreff Ihrer in den Kopf geſetzt? Sie haben wohl nichts verſäumt, um ihn auf andere Gedanken zu bringen?“ „Ich habe Alles gethan, Madame; aber läßt ſich denn mit der Eiferſucht vernünftig ſprechen?“ „Hoffentlich haben ſie ihm geſagt,“ fuhr die Wittwe ſpottend fort,„daß Sie gar nicht an mich denken; daß Sie nie ſich haben einfallen laſſen, mich zu lieben oder mir zu gefallen?“ Mit einem überaus feinen Lächeln unterwarf ſich Randeuil dieſer Spöttelei. „Ach leider! muß ich von mir bekennen, daß ich in meiner ſchmählichen Schwäche ſo weit gegan⸗ gen bin, ihm Alles dieß zu ſagen,“ antwortete er; 273 zund nun glaube ich, daß dieſe meine läſterlichen Reden mir Unglück gebracht haben. Heute Nacht — denn hoffentlich mißachten Sie mich nicht bis zu dem Grade, daß Sie glauben, ich habe ein Auge zugemacht— heute Nacht alſo habe ich, als ich mir die Vorfälle des geſtrigen Tages vergegenwärtigte, mir geſagt, daß ich mich wie ein unmündiger Knabe benommen.“ „Wie ſo das?“ „Ja, iſt meine Lage heute eine ſchlimmere, ſo habe ich nur mich allein anzuklagen da ich, anſtatt mein Spiel noch geheimer zu halten, es Herrn Lareynie albern genug gezeigt habe. Ja ich habe dummer Weiſe die Karte verworfen, womit ich al⸗ lein gewinnen konnte. Ihre Augen ſagen mir, daß Sie mich verſtehen....“ „Vielleicht,“ lachte Frau Düpaſtel,„aber ſpre⸗ chen Sie, als ob ich Sie nicht verſtände.“ „Sie wiſſen ſo gut wie ich, Madame ſuh Hippolyt fort,„daß man die Menſchen, wie ſie nun einmal ſind, einzig und allein vermittelſt ihrer Leidenſchaften regiert; nun aber hat Lareynie nur eine einzige— die Liebe nämlich, die Sie ihm ein⸗ zuflößen gewußt. Dieſe Leidenſchaft hat alle anderen Gefühle in ihm nach und nach erſtickt, und alles Andere, ſelbſt ſeine leibliche Tochter, iſt ihm völlig gleichgültig. Nachdem dieſes einmal feſtſtand, hätte mein Verſtand mir auch ſagen ſollen, was ich zu thun hatte, um meine Sache zu einem glücklichen Ende zu führen. Mußte ich mich nicht an dieſes reizbare Gefühl wenden, mußte ich nicht dieſe vib⸗ rirende Saite berühren, mit einem Worte, mußte Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 18 274 ich nicht alle meine Angriffe auf dieſen einzigen verwundbaren Punkt richten? Verrieth er doch ſelbſt durch ſeine chimäriſche Eiferſucht, wo ſeine ſchwache Seite war; dort hätte ich alſo meinem Mann zu Leibe gehen ſollen. Hätte Herr Lareynie mich als einen auftauchenden Rivalen gefürchtet, ſo hätte er ſelbſt mir, früher oder ſpäter, ſeine Tochter an den Kopf geworfen, nur um mich los zu werden.“ „Sie glauben?“ „O! ich weiß es gewiß, Madame; es muß in der That unmöglich ſein, ſie nur mäßig zu lieben, und ſicherlich könnte auf dieſer Welt kein Menſch lange darüber im Zweifel ſein, was er zu thun hat, wenn er einerſeits befürchten muß, Sie zu ver⸗ lieren, und andererſeits ihm das Unangenehme droht, mich zum Schwiegerſohn zu bekommen. Herrn La⸗ reynie's Eiferſucht bot ſich mir alſo als ein wahrer Rettungsanker dar; anſtatt aber denſelben zu er⸗ greifen und mich daran anzuklammern, habe ich ihn dummer Weiſe, habe ich ihn mit einer thörichten Hartnäckigkeit zurückgeſtoßen, die ich mir jetzt ſelbſt nicht mehr zu erklären vermag. Wahrlich, es hat der Menſch Tage, wo ſein Verſtand unter den In⸗ ſtinct herabſinkt. Was iſt geſchehen? Da Herr La⸗ reynie mich nicht mehr fürchtete, ſo hat er geglaubt, alle Rückſichten bei Seite werfen zu können und ſo habe ich mich ſelbſt allein anzuklagen, wenn ich ſchmählich abgewieſen worden bin.“ „Ja, der Fehler iſt nicht wieder gut zu machen,“ ſprach Ermance mit erkünſteltem Ernſt. Randeuil wußte einen Augenblick nicht, was er ſagen ſollte; als er aber ein unmerkliches Lächeln 275 gewahrte, welches um die Lippen der jungen Frau ſpielte, wie ein Lüftchen, das die Blätter der Hecken⸗ roſe ſchauern macht, hob er mit einſchmeichelnder Sanftheit wieder an: „Sie ſagen das, Madame? haben dieſe Worte einen Sinn im Munde derjenigen, die doch ſo leicht alles wieder gut machen könnte?“ „Ach du mein Gott! womit bedroht mich dieſe verwickelte Phraſe?“ ſprach die junge Frau und ſtellte ſich dabei erſchrocken;„geſtern haben Sie mich im Dienſt Ihrer Liebe bis Chaillot geſchickt; wo wollen Sie mich heute hinſchicken? Vor Allem er⸗ kläre ich ihnen feierlichſt, daß ich meine Kaminecke nicht verlaſſe; lieber gebe ich meine Entlaſſung als Beſchützerin.“ „Ich nehme ſie aber nicht an, Madame,“ ver⸗ ſetzte Hippolyt:„was ſoll aus mir werden, wenn Sie mich verlaſſen? Verſagen Sie mir doch, ich bitte Sie inſtändig, Ihr ferneres Wohlwollen nicht; was ich von Ihnen verlange, wäre Ihnen ſo leicht!“ „Was wollen Sie denn aber im Grunde von mir?“ „Sie ſollen mir erlauben, den Faden wieder anknüpfen zu dürfen, den ich geſtern ſo alberner Weiſe zerriſſen; Sie ſollen mich berechtigen, durch mein Benehmen in Zukunft Herrn Lareynie wirk⸗ liche zu der Eiferſucht zu geben, womit er mich ſo ohne allen Grund beehrt hat. 4 „Vortrefflich!“ unterbrach ihn Frau Düpaſtel, eine laute Lache aufſchlagend.„Das iſt wahrhaftig ein ſchöner Einfall— ein Einfall, der mich übrigens, da er von Ihnen kommt, nicht überraſcht. Schade 8* 276 nur, daß Sie nicht für's Theater ſchreiben, da Sie ein ſo entſchiedenes Talent für dramatiſche Imbro⸗ glios haben: geſtern eine Entführung, heute eine Myſtification. Sie können es noch weit bringen, Herr Randeuil. Aber welche Rolle gedenken Sie mir dabei anzuweiſen? Hoffentlich wollen Sie aus mir keine ſtumme Perſon machen.“ „Ich werde an der Rolle, die Sie ſo vortreff⸗ lich ſpielen, nichts ändern,“ erwiderte Randeuil, mit recht guter Art auf die heitere Stimmung ſei⸗ ner Gegenrednerin eingehend. „So, ich wäre alſo eine Comödiantin, ohne es zu wiſſen! Was iſt nun aber die Rolle, von der Sie ſprechen?“ „Die Rolle einer Frau, die Allen gefällt, welche ſie ſehen, und die mithin auch Niemand verhindern kann, ſich in ſie zu verlieben.“ Frau Düpaſtel ſtützte hier einen Elbogen auf die Rücklehne ihrer Cauſeuſe, begrub hinter ihrem niedlichen Händchen das Grübchen ihres Kinns und heftete auf Abeille's Liebhaber ein Paar ſchwarze Augen, deren Feuer durch einen Blondinenteint noch mehr hervorgehoben wurde. „Ich will lieber lachen als böſe werden,“ ſprach ſie nach einem Augenblicke jener Bezauberung, in der vielleicht eben ſo viel Koketterie als Strenge lag;„auch will ich Ihnen ganz naiv geſtehen, daß, was Andern extravagant erſcheint, mir nie allzu ſehr mißfallen hat. Kurz und gut, es handelt ſich nun einmal von einer Heirath: in den Augen einer Frau iſt das eine Rückſicht, welche alle anderen Gründe darnieder ſchlägt; will man den Zweck, ſo 277 muß man ſich wohl auch die Mittel gefallen laſſen, wenn man ſie nicht wählen kann.“ „Das iſt unbeſtreitbar,“ gab Randeuil mit jener Lebhaftigkeit zurück, welche der Erfolg einzuflößen pflegt;„Sie geſtatten alſo.. „Daß Sie mich zum Spaße lieben! Und warum nicht? Eine Andere würde einen ſolchen Vorſchlag wohl etwas unverſchämt finden; was mich betrifft, ſo iſt mir in Dingen der Leidenſchaft die Parodie lieber als das Drama; ſterben Sie alſo, wenn ſol⸗ ches Ihre Pläne fördern kann, aus Liebe für mich, ich erlaube es Ihnen.“ „Oh, Sie ſind ein Engel,“ rief der junge Mann, der in ſeiner Dankbarkeit ſich unwillkürlich zu ihr hinüberneigte. „Das war nicht übel geſprochen,“ unterbrach Ermance, ihn mit einer Geberde entfernend;„wir ſind jetzt aber nicht auf der Bühne, ſprechen wir alſo ernſt. Wie man ſagt, ſo ſind diejenigen Thor⸗ heiten die beſten, welche am Kürzeſten ſind; erlauben Sie mir alſo, daß ich für diejenige, welche Sie heu⸗ cheln wollen, eine gewiſſe Zeit feſtſetze: ſind Sie ſo gewandt, wie ich glaube, ſo muß eine Woche Ihnen genügen.“ „O! Madame, was kann ich thun, wenn die Zeit mir ſo kurz zugemeſſen iſt? Seien Sie doch nicht bloß halb edelmüthig; es ſcheint mir, ein Mo⸗ nät „Ein Monat! was denken Sie auch!“ ſprach ſie lachend;„Sie wollen alſo den Tod des armen Oberſten! Was mich betrifft, ſo würde ich mir wirklich ein Gewiſſen daraus machen, ihn mehr zu 278 quälen, als durchaus nothwendig iſt. Sie ſollen meinetwegen vierzehn Tage haben, aber auch nicht einen darüber.“ „Dieſe Zeit iſt gar kurz, indeſſen bin ich in dieſem Augenblicke zu glücklich, um mich nicht Ihrem Willen in Allem zu unterwerfen.“ „Unter der Bedingung, daß ich den Ihrigen thue: nicht wahr?“ „Sie wiſſen, eine Wohlthat bürdet ſowohl dem, der ſie gewährt, als dem, welcher ſie empfängt, gewiſſe Verbindlichkeiten auf; es wird daher auch meine Dankbarkeit...... „Danken Sie mir, wenn die Sache glücklich zu Ende geführt iſt. Es iſt und bleibt alſo ausgemacht, daß Sie vierzehn Tage lang Carte blanche haben, um den Oberſten in Unruhe zu verſetzen; nur Ent⸗ führungen muß ich mir verbitten, da ich zu ſolchen keineswegs die Vocation ſeiner Fräulein Tochter in mir verſpüre. Iſt dieſe Zeit einmal vorüber und haben Sie inzwiſchen nicht erlangt, was Sie wollen, ſo werden Sie mir gütigſt erlauben, nicht länger mitzuſpielen.“ Hippolyt verbarg unter Dankbarkeitsbezeigungen den Verdruß, welchen der auf Abeille abgeſchoſſene Pfeil ihm verurſachte. „Die Kokette!“ ſprach er unehrerbietig genug bei ſich ſelbſt;„nicht aus Herzensgüte leiſtet ſie mir einen Dienſt, nein, ſondern um das Vergnügen zu haben, dieſen alten Seladon zur Verzweiflung zu bringen, den ſie gewiß gründlich haßt und verab⸗ ſcheut. In ihren ſonſt recht ſchönen Augen hat ſie etwas Spöttiſches oder vielmehr etwas Boshaftes, 279 und zwar beſonders dann, wenn ſie auf Abeille zu ſprechen kommt. In dieſem Blicke habe ich ſchon die Stiefmutter. Bah! was liegt mir daran, wenn ſie nur macht, daß ich Abeille bekomme!“ Frau Düpaſtel blickte den ſeit einem Angenblicke ſtummen jungen Mann verſtohlen an. Eine Art Intuition, welche bevorzugten Naturen eigen iſt, ſagte ihr einen Theil der ironiſchen Reflexionen, deren Gegenſtand ſie jetzt war, und dieſe Entdeckung malte auf ihr Geſicht ein Lächeln, deſſen Melancho⸗ lie den Zauber beſaß, der ſich ſtets an ungewöhn⸗ liche Reize knüpft. „Wollen Sie durchaus offen ſein?“ ſprach ſie mit durchdringender Stimme;„erſt vor einer Weile nannten Sie mich noch einen Engel, und nun ſind Sie ſchon geneigt, mir einen ganz anderen Namen zu geben, und das um eines Wortes willen, das mir aus Unbeſonnenheit entfahren iſt; denn ich hatte durchaus nicht die Abſicht, Sie zu verletzen oder Ihr Idol zu beleidigen. Ferner bin ich gewiß, daß Sie, während Sie von meiner Herzensgüte ſprechen, mich im Grunde Ihres Herzens für böſe halten, ſo wie daß Sie mein Benehmen gegenüber von Herrn von Lareynie einer Caprice zuſchreiben, die in dieſem Falle faſt einer Grauſämkeit gleich täme.... Unterbrechen Sie mich nicht,“ fuhr ſie in einem ernſten Tone fort, worunter der liebens⸗ würdige Ausdruck ihres Geſichts keineswegs litt. „Sie ſind jung, und ich kenne Sie erſt ſeit geſtern; Sie müſſen mir alſo wohl auf den erſten Blick Ach⸗ tung eingeflößt haben, daß ich zu dem ſeltſamen Vertrage meine Zuſtimmung gegeben, den wir eben —— e 280 abgeſchloſſen. Ihr Schritt von geſtern, Ihr ver⸗ nünftiges Handeln, nachdem Sie einen ſo tabelns⸗ werthen Anfang gemacht, ſind mir als ein Beweis erſchienen, daß Sie ein gutes ehrliches Herz haben; noch jetzt glaube ich, daß ich mich darin nicht ge⸗ täuſcht. Nun möchte auch ich Ihnen eine günſtige Meinung von mir beibringen. Heirathe ich den Oberſt und heirathen Sie Ihrerſeits Abeille, ſo werde ich Ihre Schwiegermutter; allein ich will Ihnen nur geſtehen, daß es mir ein peinlicher Ge⸗ danke wäre, nur dieſem Titel allein Ihre Achtung zu verdanken. Nachdem Sie mir gebeichtet, über⸗ kommt mich, ich weiß nicht welche Luſt, nun auch meine Beichte abzulegen: hätten Sie doch nur etliche fünfzig Jahre auf dem Rücken!.. 6 „Ich ſchwöre Ihnen, Madame,“ erwiderte Hip⸗ polyt,„daß mir ſeit geſtern eine Menge Haare grau geworden.“ „Ich ſehe zwar keine, doch will ich daran glau⸗ ben,“ hob Frau Düpaſtel lachend wieder an;„ſo⸗ nach wäre dieſer mein Scrupel gehoben, und nun hören Sie mich an, vor Allem aber erlauben Sie mir, daß ich mir ein bischen ſchmeichle. Sie haben wohl, als Sie mich auf dem Punkte ſahen, Herrn Lareynie zu heirathen, einiges Staunen empfunden; vielleicht daß Sie ſich geſagt, daß ich, da ich mich nun einmal wieder verheirathen wolle, in gewiſſer Hinſicht eine beſſere Partie hätte treffen können.“ „Ich geſtehe Ihnen gerne, Madame, das Herrn Lareynie in Ausſicht ſtehende Glück hat mir bis da⸗ her etwas unerklärlich geſchienen.“ „Ich will es Ihnen erklären. Sie kennen mich 281 kaum erſt; Sie könnten alſo meinen, ich habe mich, indem ich zu dieſer Heirath meine Zuſtimmung ge⸗ geben, mich von der Rückſicht beſtimmen laſſen, die zuweilen noch junge Frauen veranlaßt, einem alten Manne ihre Hand zu geben. Davon kann in mei⸗ nem Falle die Rede nicht ſein. Mein Vermögen kommt dem des Herrn Lareynie faſt gleich, ja es iſt in dieſer Beziehung der Vortheil auf meiner Seite, da ich keine Tochter wegzugeben habe. Nicht das Intereſſe alſo habe ich befragt, wohl aber die kalte Vernunft. Wenn es auch nicht am Platze iſt, die Abgeſchiedenen zu tadeln, ſo kann und muß ich Ihnen doch ſagen, daß ich mit meinem erſten Manne keineswegs glücklich gelebt habe. Herr Düpaſtel war ſehr jung, ebenſo jung wie ich ſelbſt. Anfänglich erkennt eine Frau darin keinen Fehler, und doch iſt es einer, wie ich mich zu meinem Schaden über⸗ zeugte. Die Welt hält mich für ein bischen kokett: ich bin das nur ganz oberflächlich und vielleicht aus Klugheit. Der natürliche Zug meines Charakters iſt auf ganz anderes gerichtet: mir geht nichts über das Wahre und Einfache; ich bedarf der Liehe, einer wahren, treuen Zuneigung, und obgleich dem An⸗ ſcheine nach frivol, habe ich doch ſtets ein Glück ge⸗ träumt, welches der Ausfluß eines ſtillen, ruhigen Lebens wäre. Herr Düpaſtel theilte dieſe meine Liebhaberei nicht und legte mir dafür ſeine Liebhabe⸗ reien auf. Sein Alter— und ich klage nur ſein Alter an— zog ihn in den Strudel der Welt fort, deren Vergnügungen und Triumphe ihm ein Bedürfniß waren: was ich während der drei Jahre gelitten, welche dieſes inhaltsleere, ſchmählich vergendete Leben 282 gedauert, meine Unruhe, meine Beſorgniſſe, meine Eiferſucht— denn warum ſollte ich das nicht ge⸗ ſtehen?— die Thränen, die ich oft nach einem Ball oder Feſte vergoſſen: darüber laſſen Sie mich lieber ſchweigen. Von jener Zeit an datirt ſich meine angebliche Koketterie; muß nicht eine Frau lächeln, um die Leute nicht ſehen zu laſſen, daß ſie geweint hatte? Ich war alſo kokett aus Stolz, indeſſen fand ich in dieſer Affectation nie etwas Anderes als einen ephemeren Zeitvertreib, der mir meine einſamen Stunden nur noch ſchmerzlicher machte. Wieder frei geworden, ſchwor ich anfänglich, es im⸗ mer bleiben zu wollen; aber ach! was iſt der Schwur einer Wittwe! Nur zu ſehr hat die Welt ein Recht, an ſolche Schwüre nicht zu glauben. Nur allzu bald erkannte ich die vielen Uebelſtände einer Stellung, die, indem ſie mich ohne Beſchützer ließ, mich un⸗ aufhörlich dummen und lächerlichen Verfolgungen ausſetzte. Eine Wittwe, die weder zu alt noch zu häßlich iſt, wird für Männer, die nichts zu thun haben, ſowie für Gecken aller Art alsbald eine Ziel⸗ ſcheibe. Dieſe Rolle aber konnte mir nicht conve⸗ niren, und dann drang auch meine Familie in mich, daß ich mich wieder verheirathen ſolle. Da kam Herr Lareynie, der ſchon ſeit einiger Zeit bei mei⸗ ner Tante den Dienſtbefliſſenen ſpielte, und drückte gegen mich einen Wunſch aus, der mich zuerſt lä⸗ cheln, dann aber ernſtlich nachdenken machte. Was mich für ihn entſchied, war gerade eine Rück⸗ ſicht, die eine andere Frau zurückgehalten hätte. Die traurige Erfahrung, die ich gemacht, hatte mich beſtimmt, in einer neuen Verbindung mehr Bürg⸗ 283 ſchaften des Friedens als Verheißungen eines Glückes zu ſuchen, das ja in den meiſten Fällen nur eine Illuſion iſt. In dieſer Beziehung bietet Herrn La⸗ reynie's Alter mir alle Garantien, die ich immer wünſchen darf. Meine Zuneigung wird, ich bin es gewiß, ihm genügen,“ fuhr ſie mit einem Lächeln fort;„ſelbſt ſein etwas mißtrauiſcher Charakter flößt mir keinen allzu großen Schrecken ein, und am Ende mag ich lieber Eiferſucht erwecken, als ſolche ſelbſt empfinden. Zudem iſt der Oberſt, einige Schwächen abgerechnet, die ich etwas nachſichtiger beurtheilen muß, da ich Schuld daran bin, ein Mann vol reeller und ſolider Eigenſchaften. Seine Ehrenhaftigkeit iſt über alles Lob erhaben; er hat natürlichen Ver⸗ ſtand, er weiß viel, hat viel Lebensart, ja iſt ſogar liebenswürdig; vor Allem iſt er mir ungemein zu⸗ gethan, und ich geſtehe Ihnen gern, daß ich in dieſer Hinſicht bis auf dieſen Augenblick zu wenig ver⸗ wöhnt worden bin, um gegen dieſe lebhafte Zunei⸗ gung, die ich ihm einflöße, völlig gleichgültig zu bleiben. Kurz und gut, außer dem Fehler, daß er mich allzu günſtig beurtheilt, weiß ich nur den noch an ihm zu finden, daß er gegen ſeine Tochter ſchein⸗ bar gleichgültig iſt— ein Fehler, den ich erſt ſeit geſtern an ihm entdeckt; indeſſen iſt das meine Sache, und wird es mir ſchon gelingen, ihn zu gerechteren Gefühlen zurück zu führen. Hier haben Sie meine Beichte, mein Herr, und wenn es mir nun alſo im Sprechen paſſirt, daß ich ein bischen boshaftig werde, ſo dürfen Sie mich ohne Weiteres mit der gleichen Münze bezahlen; aber runzeln Sie die Braue nicht 284 wenn Sie bei ſich ſelbſt ſagen: Welch' böſes eib!“ „Welch' liebenswürdiges, vortreffliches, engel⸗ gleiches Weib! Das iſt es, was ich laut und un⸗ aufhörlich ſagen werde,“ rief Randeuil feurig;„da Ihr Blick ſo tief ins menſchliche Herz zu dringen weiß, ſo müſſen Sie auch in dem meinigen die Reue leſen, daß ich auch nur einen Augenblick an Ihrem Edelmuth zweifeln konnte. Verzeihen Sie mir!“ Spricht man mit Ueberzeugung, ſo ſtellt ſich zwi⸗ ſchen den Worten und den Geberden eine unwill⸗ kürliche Harmonie her, und ſo kam es denn, daß der junge Mann bei den letzten Worten, die er ſprach, ſich erhob und, anſtatt ſich wieder zu ſetzen, die Knie beugte; aber gerade in dieſem Augen⸗ blick ließen ſich die Töne einer Klingel hören. „Ach, du mein Gott! da iſt er,“ ſprach Er⸗ mance mit ungewohnter Aufregung. „Sind Sie deſſen gewiß?“ fragte Randeuil. „Nur zu gewiß. Kenne ich nicht ſeine Art zu klingeln? Heute erwartete ich ihn nicht: was wird er nun ſagen, wenn er Sie ſieht?“ „Nun, dann beginnt eben die Scene.“ „Nein, nein, das darf nicht ſein! Was denken Sie denn? Aber ſetzen Sie ſich doch: ſchon iſt er im Speiſezimmer.“ Als ſie ſah, daß Hippolyt ſeine Stellung beibe⸗ hielt, ſo ſtand ſie auf; anſtatt ſie aber gehen zu laſſen, ergriff er ihre Hand. „Die Gelegenheit iſt zu ſchön,“ ſprach er,„und ohne auf das Verbot der jungen Frau zu achten, 285 ließ er ſich auf die Knie niederſinken, gerade in dem Augenblick, wo die Salonthüre aufging. Dann die Ungeſchicklichkeit eines überraſchten Liebhabers affectirend, wandte er den Kopf nach dieſer Seite hin und ſtand langſam auf, ſo daß ſelbſt dem min⸗ deſt klar ſehenden Auge kein Zweifel übrig bleiben konnte. VI. Als der alte Oberſt zu den Füßen der Frau Düpaſtel einen Mann ſah, ließ er ein dumpfes Brüllen hören und ſtürzte vor, ſeine Kräfte aber hielten ihn nur bis in die Mitte des Salons auf⸗ recht; hier verließen ſie ihn; ein plötzlicher Schwin⸗ del bemächtigte ſich ſeiner, der die Wirkung hatte, daß er ſich um ſich ſelbſt drehte; ſeine Knie wichen, und ohne Zweifel wäre er zu Boden geſtürzt, wenn nicht ein Tiſch an dieſem Platze geweſen wäre. Sobald Ermance ihn wanken ſah, eilte ſie zu ihm hin und fing ihn in ihren Armen auf, während, von dem gleichen Menſchlichkeitsinſtinct getrieben, Randeuil einen Lehnſeſſel herbeibrachte, worein der Greis ſtumm und todblaß ſich ſinken ließ. „Es iſt ihm übel,“ ſprach die junge Frau ſchreckenerfüllt und ſchaute dabei den jungen Mann an:„gehen Sie in mein Schlafzimmer hinein; klin⸗ geln Sie nicht.... Auf dem Toilettentiſche.. Ein Fläſchchen mit Eſſiggeiſt.... Randeuil that alsbald, wie ihm befohlen wor⸗ 286 den, allein in dem Augenblicke, wo er die Portidre emporhob, richtete der Oberſt ſich plötzlich auf, als wenn die Geberde ſeines eingebildeten Rivalen bei ihm eine Feder berührt hätte. „Wie! in Ihr Zimmer!“ rief der Greis, ein wildſtieres Auge auf Ermance heftend;„in Ihr Zimmer hinein!“ Durch ein Zeichen hielt Frau Düpaſtel den jun⸗ gen Mann zurück, während ihre auf dem Arme des zur Verzweiflung getriebenen Anbeters ruhende Hand dieſen ſanft zwang, ſich wieder zu ſetzen. Was Randeuil betrifft, ſo hob er, da er ſich nütz⸗ lich machen wollte, aber nicht mehr wußte, was er weiter thun ſollte, den Hut und den Stock des Oberſten und legte beide ſanft auf den Tiſch. Dieſe Aufmerkſamkeit aber, weit entfernt, Herrn Lareynie Dankbarkeit einzuflößen, hatte vielmehr die Wir⸗ kung, daß Funken des Zorns aus ſeinen Augen blitzten. „Meinen Handſchuh werden Sie aufheben müſ⸗ ſen,“ ſprach er mit heiſerer Stimme. Und die Ge⸗ berde zum Worte geſellend warf er einen ſeiner Handſchuhe nach dem Geſicht des jungen Mannes. Aber dem von Priamus abgeſendeten ſchwachen Pfeil gleich, fiel der Handſchuh auf den Bodentep⸗ pic nieder, noch ehe er ſeine Beſtimmung erreicht hatte. Abermals beugte ſich Hippolyt, hob das unge⸗ fährliche Projectil auf und legte es in den Hut des Greiſes, den dieſe mit der ruhigſten Miene von der Welt verrichtete Handlung noch mehr erbitterte. Noch einmal verſuchte er es aufzuſtehen, Ermance ————— 287 aber ließ ihm dazu keine Zeit, ſondern neigte ſich raſch zu Randeuil und ſprach halblaut zu ihm:! „Wenn Sie ſo fortfahren, ſo bringen Sie ihn um; noch nie habe ich ihn in einem ſolchen Zu⸗ ſtand geſehen; ums Himmels willen gehen Sie; wie mir ſcheint, ſo kann Ihnen dieß für das erſte Mal genügen.“ Randeuil wußte einen Augenblick nicht, was er thun ſollte, doch dachte er am Ende, daß, wer zu weit gehe, ſich immer ſelbſt ſchade, und verließ den Salon, nachdem er vor ſeiner Beſchützerin graziös ſich verbeugte. Als er hinaus war, fühlte Frau Düpaſtel ſich nicht minder verlegen, als ob die eben ſtattgefun⸗ dene Scene keine Comödie geweſen wäre. Sie machte das Piano zu, warf einige Bücher, die ganz ruhig auf dem Tiſche lagen, durcheinander, als wollte ſie ſie ordnen, machte ſich mit dem Feuer zu ſchaffen, das nicht beſſer hätte brennen können, und ließ ſich endlich auf ihre Cauſeuſe nieder, als ſie, ſchlechterdings nichts mehr zu thun fand. „Wie iſt es Ihnen jetzt, Herr Oberſt?“ ſprach ſie nun mit ſanfter Stimme und wagte es zugleich einen Blick auf Herrn Lareynie zu werfen, der in⸗ zwiſchen ein abſolutes Schweigen beobachtet und die finſterſte Miene von der Welt beibehalten hatte. Der Greis ſchlug die Augen auf und ſchaute die Wittwe einen Augenblick mehr traurig als zor⸗ nig an. „Wenn man einem Menſchen einen Dolchſtich verſetzt hat,“ antwortete er mit ſchwacher Stimme, „— ſragt man ihn dann: Wie geht es Ihnen?“ Der düſtere Ton, in welchem dieſe Worte ge⸗ ſprochen waren, brachte mehr Wirkung hervor als Vorwürfe und Zornausbrüche möglicher Weiſe her⸗ vorgebracht hätten. Das tiefe Leiden, das ſich in den Zügen des Herrn Lareynie ausdrückte, welcher in wenigen Minuten um mehrere Jahre gealtert zu ſeyn ſchien, der Klang ſeiner Stimme, die wie bei einem Kranken zitterte, weckten im Herzen der jun⸗ gen Frau plötzlich ein der Reue nahe kommendes Mitleid— ein Mitleid, deſſen Reaction ſie nicht geahnt, als ſie in dem Complotte Hippolyt Ran⸗ deuil's eine Rolle übernommen. „Der arme Mann!“ ſprach ſie bei ſich ſelbſt; „er liebt mich noch mehr, als ich ſelbſt glaubte.“ Dann laut und ihrer Stimme eine liebevolle Inflexion verleihend: „Leiden Sie denn ſo ſehr?“ Feierlich wie eine Leiche oder wie ein Verur⸗ theilter, der den Todesſtreich empfangen ſoll, er⸗ hob ſich Lareynie, legte die eine bloße Hand aufs Herz und ſprach: „Da iſt's, da iſt's! Ermance! Sie, die ich liebte; Sie, die Sie meine ganze Zuneigung, meine ganze Achtung beſaßen; Sie, die ich allein anbetete — Sie mich hintergehen! Sie mich treulos ver⸗ rathen!... Ach! ich fühle es: Sie haben mir den Todesſtreich gegeben! Ein ſolcher Schlag ver⸗ wundet nicht allein, nein, er tödtet Leute meines Alters!“ Es war dieß das erſte Mal, daß der Oberſt von ſeinem Alter ſprach, und als Frau Düpaſtel das ſo Ungewöhnliche hörte, wodurch ſie einen Einblick S M 289 in die ganze Tiefe der ihrem künftigen Gatten ge⸗ ſchlagenen Wunde bekam, kam etwas von jener Empfindung über ſie, die man beim Anblicke eines Kranken hat, deſſen Züge ein Leiden verrathen, wogegen keine Hülfe iſt. „Wenn er ſo ſpricht,“ ſagte ſie bei ſich ſelbſt, „muß er wirklich tödtlich getroffen ſein.“ Darf man überhaupt einem Manne aufs Wort glauben, daß er aus Liebe ſterbe, ſo trifft es ohne allen Zweifel bei dem zu, der an ſeinen ſchwinden⸗ den Jahren einen Bundesgenoſſen der verheerenden Leidenſchaft findet; denn eine unglückliche Liebe geht über junge Organiſationen hinweg wie Oel über polirten Marmor, wogegen ſie bei einer hinfälligen Natur tauſend Riſſe und Löcher findet, durch welche ihr ätzendes Gift in die Tiefe des Herzens dringt. Indem Ermance ſich dieſes ſagte, kam ein mit Ge⸗ wiſſensbiſſen gepaarter plötzlicher Schrecken über ſie, der ſie das Verſprechen vergeſſen ließ, welches ſie Randeuil gegeben. Sie ſah jetzt nur noch den Greis, der vor ihr ſtand, eine Hand gegen ſein Herz drückend, als wollte er das einer tiefen Wunde entquellende Blut zurückhalten; ſo fahl däuchte er ihr, ſo hohl ſeine Augen, ſo runzelig ſeine Stirn, ſo ſchwach und gebrechlich ſeine Haltung, daß ſie einen Augenblick der Furcht Raum gab, er möchte vor ihr leblos auf den Bodenteppich hinſtürzen. Um nun eine ſolche Kataſtrophe abzulenken, räumte ſie ihm auf ihrer Cauſeuſe einen Platz ein— eine Gunſt, die ihm bis dahin nie geworden war, hieß ihn mit einem Lächeln, welches Unruhe und Mit⸗ Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 19 verrieth, neben ihr Platz nehmen, und prach: „Nun, ſo geben Sie doch der Vernunft Raum, Herr Oberſt, und ſprechen wir ruhig. Zum erſten muß ich Ihnen ſagen, daß Ihr Argwohn und Ihre Eiferſucht ganz unvernünftig ſind und daß Sie wie immer total Unrecht haben.“ „Daß ich Unrecht habe!“ rief der Arme. „Laſſen Sie mich ausſprechen. Sie haben eine Komödie, an der ich mich leider betheiligt, ernſt, ja ich möchte ſagen tragiſch, genommen; indem ich aber in derſelben eine Rolle zu ſpielen übernahm, ſah ich die Wirkung, welche dieſelbe auf Sie her⸗ vorbringen mußte, nicht vorher. Die Scene, von der Sie bei Ihrem Eintritt Zeuge geweſen, war zwiſchen Herr Randeuil und mir ſchon vorher ab⸗ gemacht. Er liebt, wie Sie wiſſen, Ihre Tochter und will ſie heirathen, und ich berge Ihnen nicht, daß er mich für ſeine Intereſſen gewonnen. Ihre abermalige Weigerung ließ dem armen jungen Manne nur wenig Hoffnung übrig; um Sie alſo zu einem andern Entſchluſſe zu bringen, haben wir die Liebe, die Sie mir bezeigen, in Unruhe verſetzen zu müſ⸗ ſen geglaubt. Gerne geſtehe ich, daß wir da etwas Armſeliges und Albernes ausgeheckt, und ich für meinen Theil bitte Sie um Verzeihung für den Schmerz, den Sie etwa dadurch empfunden. Mit ernſten, tiefgehenden Gefühlen ſoll man nicht ſpielen, und in Allem iſt der gerade Weg der beſte: zum Glück kann das angerichtete Unheil wieder gut ge⸗ macht werden. In dieſer Sache hat Jedermann Fehler gemacht, und zwar zu allererſt Sie, Herr 291 Oberſt. Unter uns geſagt, iſt es durchaus unver⸗ nünftig, daß Sie ſich der Heirath Ihrer Tochter widerſetzen; die öffentliche Meinung, die gegen Stief⸗ mütter immer ſo ſtreng iſt, würde am Ende in mir die Urheberin dieſes Widerſtands finden; und ich habe nicht die geringſte Luſt, die Strafe Ihrer Sünden zu tragen. Wenn ich Ihnen den abge⸗ ſchmackten Argwohn verzeihen ſoll, dem Sie vor jeder Erklärung Raum zu geben gewagt haben, ſo müſſen Sie mir verſprechen, daß Sie morgen ſchon die Hand Ihrer Tochter Herrn Randeuil geben wollen, der ſie wirklich verdient; er iſt ein fein⸗ fühlender, ehrenhafter Mann; die beiden Heirathen werden gleichzeitig gefeiert; und was die Mitgift Ihrer Tochter betrifft, ſo dürfen Sie nicht knauſern, da ich ſchlechterdings nicht will, daß die Intereſſen Ihrer Tochter durch Ihre Heirath verletzt werden. So wird Alles aufs Beſte gehen; Ihre Kinder wer⸗ den Sie ſegnen und ich werde Sie liebenswürdig finden. Nun, Adolph, geben Sie mir die Hand und ſagen Sie ja.“ Das Wort Adolph war ein Talisman, deſſen Frau Düpaſtel nur in den äußerſten Fällen ſich be⸗ diente und gegen welchen Herr Lareynie ſchlechter⸗ dings widerſtandslos war; denn gleich allen alten Männern mit jugendlichen Leidenſchaften hatte er eine fanatiſche Vorliebe für ſeinen Taufnamen be⸗ wahrt. Dieß Mal jedoch verfehlte das kabaliſtiſche Wort ihre Wirkung— ſo ſehr hatte die Eiferſucht, die gelbäugige Zauberin, das Herz und den Ver⸗ ſtand des Oberſten mit einem brennenden Kreiſe umgeben. „Oh! Madame,“ rief er, bitter lächelnd,„er⸗ ſparen Sie ſich doch eine Rechtfertigung, die ich nicht verlange. Nie iſt es mir eingefallen, an den Hülfsquellen Ihrer Phantaſie zu zweifeln; glauben Sie denn aber, es könne ein Roman, wenn auch noch ſo geſchickt improviſirt, mich zum Zweifler machen an dem, was ich mit eigenen Augen ge⸗ ſehen? Die Eiferſucht iſt nicht blind, wie die Welt meint, im Gegentheil, ſie ſieht ſehr klar; verſuchen Sie es alſo nicht, mich hinters Licht zu führen; ich bin kein Kind mehr, daß ich an die Fabeln glau⸗ ben möchte, welche man mir erzählt.“ „Es iſt mir gar wohl bekannt, daß Sie die Kinderſchuhe ſchon längſt vertreten haben,“ erwi⸗ derte Ermance etwas ärgerlich über dieſe Ungläu⸗ bigkeit;„indeſſen kann man ſich immer unverſtän⸗ dig benehmen, ſo alt man auch ſein mag: das thun Sie eben jetzt. Wenn es mir gefällt, Ihnen eine Erklärung zu geben, zu welcher ich durch nichts ge⸗ zwungen bin, ſo däucht es mir, daß Sie auf der Stelle überzeugt ſein ſollten.“ „Ach! ja; ich bin vollkommen überzeugt,“ ſprach Herr Lareynie in tragiſchem Tone,„aber von Ih⸗ teit Wemoßgke Ihrer Unehrlichkeit, Ihrem Ver⸗ rath!“ „Ach! Herr Oberſt, ſeien Sie doch nicht allzu galant,“ verſetzte die junge Frau, welche die ener⸗ giſchen Geberden des Greiſes und deſſen ungewöhn⸗ lich laute Stimme von ihrem Mitleid heilten;„ohne Zweifel ſind Ihre Worte ſehr liebenswürdig, indeſ⸗ ſen würden ſie ſicherlich gewinnen, wenn ſie in an⸗ derem Tone geſprochen wären. Sie laſſen ſich von 293 Ihren ſoldatiſchen Gewohnheiten hinreißen: vergeſ⸗ ſen Sie gefälligſt nicht, daß Sie jetzt in einem Sa⸗ lon, nicht aber auf einem Schlachtfelde ſich befin⸗ den.“ „Wollte Gott, daß ich auf einem Schlachtfelde mich befände!“ antwortete der alte Soldat, ſeine ſchwarzen Brauen runzelnd. „Stände ich dort Ihnen allein als Gegnerin gegenüber,“ ſprach Ermance,„ſo wäre Ihr Sieg nicht beſonders verdienſtlich! Denn ſchon jetzt fühle ich mich kampfunfähig.“ Sie erhob ſich und affectirte dabei die Kälte einer Frau, welche einen Beſuch zu lang findet. Ohne dieſem ſtummen Befehle zu widerſtehen zu ſuchen, griff Herr Lareynie nach ſeinem Hut und ſeinem Stock. „Leben Sie wohl, Madame!“ ſprach er, dieſe ſeine Worte mit einem düſteren Blicke begleitend. „Auf Wiederſehen, Herr Oberſt,“ antwortete Ermance mit einem unbemerkbaren Lächeln;„kom⸗ men Sie wieder, wenn Sie verſtändiger ſind; einſt⸗ weilen pflegen Sie ſich beſtmöglich. Haben Sie doch ſelbſt geſagt, daß in Ihrem Alter heftige Aufre⸗ gungen gefährlich ſein können.“ „In meinem Alter, Madame,“ rief der Greis wüthend,„kann man noch einen Gecken umbringen und an einer Kokette ſich rächen!“ Sprach's und ging, ohne eine Antwort abzu⸗ warten, zum Salon hinaus. 294 VII. Am darauf folgenden Tage rauchte Hippolyt Randeuil neben ſeinem Kaminfeuer ganz ruhig eine Cigarre und träumte dabei viel von Abeille und ein wenig von Frau Düpaſtel: da trat ſein Dome⸗ ſtike in's Zimmer herein und meldete den General Thorignon an. Aus Rückſicht für den Titel, womit dieſer ihm unbekannte Name begleitet war, ſtand der junge Mann auf. Faſt im gleichen Augenblicke ſah er einen ſchönen Greis hereintreten, deſſen kräftige Statur durch eine martialiſche Haltung noch mehr hervorgehoben wurde; ſein bis zum Knie zugeknüpf⸗ ter blauer Ueberrock ließ in einem der Knopflöcher ein mehrfarbiges Band ſehen, und ſeine mit weißen Haaren bedeckte Stirne ſchmückte eine der ſchönſten Narben, welche ein Militär wünſchen kann. „Mein Herr,“ hob der General an, nachdem er ſich auf den Lehnſtuhl niedergelaſſen, welchen Hip⸗ polyt ſich beeilt hatte ihm anzubieten,„ich bin hier⸗ hergekommen im Auftrag eines meiner Freunde, des Oberſten Lareynie; ohne Zweifel genügt dieß, um Ihnen den Zweck meines Beſuchs klar zu machen.“ Als Randeuil dieſe feierlich geſprochenen Worte hörte, warf er ſeine Cigarre in's Feuer. „Herr General,“ ſprach er dann,„was ich zu errathen glaube, iſt ſo außergewöhnlich, daß es mir völlig unglaublich wäre, wenn ich nicht vor Allem die Autorität Ihres Wortes hätte, um meine Ueber⸗ zeugung feſtzuſtellen.“ —*— — w———* — 295 „So will ich mich denn kategoriſch erklären,“ hob der alte Krieger wieder an.„Es hat zwiſchen Ihnen und dem Oberſten ein Wortwechſel ſtattge⸗ funden. Es iſt nun ſein Wunſch, daß der Sache ihr ordentlicher Lauf gelaſſen werde, und demgemäß erſucht er Sie, Tag und Stunde des Zweikampfs zu beſtimmen.“ „Mein Herr, Sie ſind Herrn Lareynie's Freund, wohlan! trotz dem will ich Niemand als Sie ſelbſt zum Schiedsrichter zwiſchen uns. Urtheilen Sie zwiſchen uns beiden, ich bitte Sie: glauben Sie wirklich, daß es mir möglich ſei, die Herausforde⸗ rung anzunehmen, deren Ueberbringer Sie ſind?“ „Und warum denn ſollte das unmöglich ſein?“ fragte der Bevollmächtigte ruhig. „Herr General, aus tauſend Gründen, die Sie unſchwer würdigen werden. Für's Erſte Herrn La⸗ reynie's Alter.“ „Was das Alter des Oberſten betrifft, ſo iſt es das meinige, ja ich bin noch älter als er. Hätten Sie nun mich beleidigt, ſo müßten Sie ſich eben darein fügen, trotz meiner weißen Haare ſich mit mir zu ſchlagen. Dieſer Grund alſo ſcheint mir durchaus unſtichhaltig; gehen wir alſo, wenn es Ihnen gefällig iſt, zu einem anderen über.“ „Seine Gebrechen,“ ſprach Hippolyt. „Im rechten Arm einige rheumatiſche Schmer⸗ zen, die er einer Verſtoſchung zuſchreibt; ſonſt nichts; und wer hat nicht ſolche Schmerzen! Es kann dieß nur bei der Wahl der Waffen in Betracht kommen, und da wir nun einmal an dieſem Kapi⸗ tel ſind, ſo wird es eben ſo gut ſein, es alsbald „ zu erledigen. Sobald Sie einen Zeugen gewählt, werde ich mich mit ihm in's Einvernehmen ſetzen, ſchon jetzt aber kann ich Ihnen ſagen, daß ich auf Piſtolen antragen werde. Auf jede andere Weiſe wäre der Oberſt im Rachtheil, und ich bin gewiß, daß Sie ſolches nicht wollen; die Piſtole aber macht Alles gleich, ſobald man die Hand bis zur Höhe des Auges emporheben kann. Nun habe ich ſelbſt heute Morgen den Oberſten dieſe Bewegung machen laſſen, um mich von ſeiner Kampffähigkeit zu über⸗ zeugen; was das alſo betrifft, ſo brauchen Sie keine Scrupel zu haben; es wird, ich ſtehe Ihnen da⸗ für, Alles gut gehen.“ „Aber ich achte, ich verehre Herrn Lareynie!“ wandte Hippolyt, Abeille's Andenken anrufend, ein. „Was thut das im Grund? Ein Duell iſt ja immer ein Zeichen von Achtung; denn mit Leuten, die man verachtet, ſchlägt man ſich nicht.“ „Herr General,“ hob der junge Mann, ſich nicht mehr anders zu helfen wiſſend, wieder an,„es iſt unmöglich, daß Sie nicht begreifen, warum ich einem ſolchen Kampfe auf's Aeußerſte widerſtrebe. Es iſt der Gegenſtand dieſer Discuſſion an und für ſich eine wahre Albernheit; iſt denn eine friedliche Bei⸗ legung der Sache durchaus unthunlich?“ „Mein Herr,“ antwortete der Veteran aufſte hend,„gäbe es ein Mittel, dieſe Sache friedlich zu erledigen, ſo hätte ich es bereitwilligſt ſchon ergrif⸗ fen, deſſen dürfen Sie gewiß ſein; meine Sendung aber iſt eine ſehr beſtimmte, und es verbietet mir die⸗ ſelbe ausdrücklich jede Art friedlicher Beilegung. Ant⸗ 297 worten Sie mir alſo unumwunden, ob Sie ſich ſchlagen wollen oder nicht.“ „Ich ſchlage mich nicht,“ erwiderte Hippolyt. Der General biß ſich in die Lippen und beugte den Kopf, indeſſen nahm ſein Geſicht alsbald die gewohnte Leidenſchaftsloſigkeit wieder an. „Ich geſtehe Ihnen, daß weder Oberſt Lareynie noch ich ſelbſt eine ſo abſolute Weigerung vorher⸗ geſehen hatte,“ hob er wieder an;„ich muß alſo neue Verhaltungsbefehle einholen, und ſo bald dieß geſchehen ſein wird, ſehen Sie mich wieder.“ Der Gedanke, daß er im Laufe des Tages von dieſem Kriegsboten einen zweiten Beſuch erhalten würde, wollte Randeuil nur wenig gefallen, und da ihm nichts Beſſeres einfiel, ſo ſuchte er wenigſtens einen Aufſchub zu erlangen. „Ich verlange vierundzwanzig Stunden Bedenk⸗ zeit,“ ſagte er endlich;„nach Verfluß dieſer Zeit werde ich die Ehre haben, Sie in Ihrer Wohnung aufzuſuchen; denn ich darf Sie nicht noch ein Mal zu mir bemühen.“ „Wie Sie wollen, mein Herr,“ ſprach der Ge⸗ neral und legte ſeine Karte auf den Kaminſims; „hier meine Adreſſe; morgen, präcis zwei Uhr, er⸗ warte ich Sie.“ Sobald Herrn Lareynie's Freund zur Thüre hinaus war, kleidete ſich Randeuil raſch an, ließ ein Cabriolet holen und eilte zu Frau Düpaſtel. „Schon wieder da!“ rief die junge Wittwe als ſie ſeiner anſichtig wurde;„wollen Sie denn mei⸗ nen Salon jeden Augenblick erſtürmen?“ „Madame,“ verſetzte Hippolyt,„es ſind die 298 Umſtände darnach; ſchreiten Sie nicht ein, ſo muß ich entweder Herrn Lareynie umbringen, oder mich von ihm umbringen laſſen;— eine Wahl, die mir etwas ſchwer fällt. Es iſt mir nur ein Aufſchub von vierundzwanzig Stunden gewährt worden.“ „Das alſo iſt die Kataſtrophe, die er geſtern bei ſeinem Weggehen prophezeite! Und Sie haben gar keine Luſt, ſich mit ihm zu ſchlagen?“ „Denken Sie ſich an meine Stelle. Es könnte mir ſehr angenehm ſcheinen, im Duell getödtet zu werden, insbeſondere von einem Manne ſeines Al⸗ ters; wenn nun aber ich ihn tödte, wie ſoll, wie kann ich dann vor Abeille wieder erſcheinen?“ „Es wäre wieder die Geſchichte Cids und Eime⸗ nens,, bemerkte Frau Düpaſtel mit einem Lächeln, welches verkündete, daß ſie dieſen Zwiſchenfall nicht ſehr ernſt nahm. „Stehen Sie mir doch bei, ich bitte Sie inſtän⸗ digſt, ſchöne Beſchützerin, ſonſt gelingt es mir nim⸗ mermehr, aus dieſer fatalen Lage mich zu befreien. Denken Sie ſich einmal, es ſchickt dieſer ſchreckliche Oberſt mir morgen einen ſeiner alten Kriegskame⸗ raden zu, den es eben ſo ſehr nach meinem Blute gelüſtet als ihn ſelbſt.“ i6 „Sonſt haben Sie mir nichts zu ſagen?“ „Wie mir ſcheint, ſo iſt das ſchon tragiſch ge⸗ nug.“ „Wenn das iſt, ſo thun Sie mir den Gefallen, ſich alsbald zu ſcheren. Drei Beſuche in drei Ta⸗ gen! Das iſt nicht länger zu ertragen. Gewiß ha⸗ ben meine Domeſtilen ſchon ihre Gloſſen gemacht. Gehen Sie wieder nach Hauſe, bleiben Sie dort in 299 aller Ruhe und kommen Sie nicht eher wieder zu mir, als bis Sie von mir ein paar Zeilen bekom⸗ men.“ „Nicht wahr, Sie laſſen mich nicht umbringen?“ ſe Randeuil, eine knabenhafte Furcht erkün⸗ telnd. „Es ſoll Ihnen nichts geſchehen, denn es wäre wahrlich Schade um Sie,“ antwortete Ermance, die ſich nicht enthalten konnte, mit geheimem Wohl⸗ gefallen einen Augenblick die männlichen Züge und die ausdrucksvolle Phyſiognomie ihres Schützlings zu betrachten.. Nachdem ſie Hippolyt verabſchiedet, ſchrieb die junge Frau unverweilt ein höchſt lakoniſches Billet, das ein Diener ſofort zu Herrn Lareynie trug. Eine Stunde darauf trat der Greis, vor ein Gericht citirt, deſſen Competenz kein Verliebter ab⸗ gelehnt hätte, in den Salon der Frau Düpaſtel mit der concentrirten Miene eines Mannes, der, da er einen entſcheidenden Kampf vorausſieht, ſich be⸗ reit macht, zu ſiegen oder zu ſterben. VIII. Seit dem vorangegangenen Tage gab Frau Dü⸗ paſtel der Furcht Raum, daß ſie ihrem eiferſüchti⸗ gen Anbeter einen Schlag verſetzt haben möchte, den ſein Alter zu einem tödtlichen machen könne; ſie blickte ihn alſo, als er die Salonthüre öffnete, ſehr ſcharf an, und fand ihn wider Erwarten vom 300 Kummer nur ſehr wenig gebeugt. Das in Aus⸗ ſicht ſtehende Duell hatte dem alten Militär neue Lebenskraft verliehen, und feſten Schrittes, mit ent⸗ ſchloſſener Miene und ſtolz getragenem Kopfe trat er auf die junge Frau zu. Bei dieſem Anblicke fühlte letztere ihr Gewiſſen beruhigt, und da ſie ſah, daß Mitleid hier überflüſſig ſei, verfiel ſie wieder ohne alle Scrupel in den gewohnten Deſpotis⸗ mus. „Ich bitte Sie um Verzeihung, daß ich Sie hierherbemüht habe,“ ſprach ſie in eiſigem Tone zu dem Greiſe, ſobald er Platz genommen hatte;„ich werde Ihre Gefälligkeit nicht lange mißbrauchen, da ich Ihnen bloß ein paas Worte zu ſagen habe. Eben erfahre ich, daß Sie Herrn Randeuil haben fordern laſſen.“ „Er iſt ſo feigherzig geweſen, Sie davon zu be⸗ nachrichtigen!“ rief der Oberſt. „Sagen Sie lieber: ſo beſonnen; denn da die alten Leute ſich ſolche Extravaganzen zu Schulden kommen laſſen, ſo müſſen wohl die jungen vernünf⸗ tig ſein. Sie, ſo gut wie Herr Randeuil, können thun, was Sie wollen; ſchlagen Sie ſich, wenn Sie durchaus wollen; ich bin weder eine Clorinde, noch eine Bradamante, und gewiß werde ich nicht auf dem Terrain erſcheinen, um mich zwiſchen eure beiden Degen zn ſtellen. Da ich aber ein Recht habe, in einer Sache zu interveniren, welche in meinem Hauſe Ihren Anfang genommen, ſo gebe ich Ihnen mein Wort— Sie hören, Herr Oberſt — ſo gebe ich Ihnen mein Wort, daß, wenn die⸗ ſes Duell Statt findet, es mit unſerer Heirath aus N 301 iſt und daß Sie zeitlebens nie mehr dey uß hier⸗ herſetzen werden.“ 3 Herr Lareynie blieb ſo unbeweglich, als hätte ſein Gegner bereits auf ihn angeſchlagen; doch war er im Grunde weit bewegter; denn zuweilen erſchei⸗ nen Einem die zornigen Augen eines Weibes, das wn liebt, furchtbarer als die Mündung einer Pi⸗ tole. „Sie haben gehört,“ hob Ermance wieder an nach einer Pauſe, welche der Greis nicht zu einer Antwort zu nützen ſuchte:„ich werde Ihnen einen paſſenden Brief dictiren, der dieſem lächerlichen Streit ein Ende macht.“ „Einen Brief!.. Und an wen denn?“ fragte der Oberſt.„ „An Herrn Randeuil.“ „Nimmermehr!“ Hier ſtand Frau Düpaſtel auf. „Wenn Sie nicht an meinem Schreibtiſche ſitzen, bevor ich den Salon verlaſſen habe,“ ſprach ſie zu ihm,„ſo ſchwöre ich Ihnen, daß Sie mich nie wieder ſehen.“ Mit dieſen Worten ſchritt ſie tragiſch langſam, und ohne den Kopf zu verwenden, auf ihr Schlaf⸗ zimmer zu. In dem Augenblicke aber, wo ſie un⸗ ter der Portière hindurchging, ſtürzte der Greis ihr nach und erfaßte ihren Arm krampfhaft. „Ermance,“ ſprach er mit veränderter Stimme zu ihr,„thun Sie auch nur einen Schritt weiter, ſo bringe ich mich zu Ihren Füßen um.“ Frau Düpaſtel machte ſich mit einer kleinen ge⸗ bieteriſchen Geberde von ihm los und deutete, ohne — 302 ein Wort zu ſagen, auf das Pult neben dem Ka⸗ min. 2 Der Ausdruck, der in dieſem Augenblicke auf den Zügen des Oberſten ſich malte, läßt ſich ein⸗ zig und allein mit der Phyſiognomie eines Men⸗ ſchen vergleichen, den man erdroſſelt. Zu wieder⸗ holten Malen ſchüttelte er den Kopf; dann ſeufzte er tief auf, und endlich ſetzte er ſich an den ihm be⸗ zeichneten Platz. Die junge Frau legte einen Bo⸗ gen Briefpapier vor ihn hin und tauchte eine Fe⸗ der ein, die ſie ihm in die Hand gab. „Mein Herr,“ hob ſie an zu dictiren. „Werden Sie mir wenigſtens die Scene von ge⸗ ſtern erklären?“ rief Herr Lareynie, der dieſe Worte mit einem Märtyrersblicke begleitete.„Habe ich ihn doch da geſehen!.. da zu Ihren Füßen.“ „Ganz wahr, hier lag er zu meinen Füßen. Haben Sie geſchrieben? Mein Herr...,“ „Nur ein Wort, Ermance— nur ein einziges Wort, ich bitte Sie inſtändig.“ „Wozu denn? Sage ich Ihnen auch die Wahr⸗ heit, ſo glauben Sie mir doch nicht.“ „Sie hätten mir alſo die Wahrheit geſagt? Sie ſchwören es, nicht wahr? Ich muß an Ihre Recht⸗ fertigung glauben.“ „Schon geſtern hätten Sie daran glauben ſol⸗ len,“ ſprach Frau Düpaſtel in hochmüthigem Tone; „heute convenirt es mir nicht mehr, mich zu recht⸗ fertigen; ich mag mich nicht der Gefahr ausſetzen, meine Worte zum zweiten Mal in Zweifel gezogen zu ſehen. Deuten Sie das Vorgefallene, wie Sie immer mögen: mir liegt wenig daran.“ 303 „Ich glaube Ihnen, ich muß Ihnen glauben,“ gab Herr Lareynie, durch ſolch ſtolze Sprache außer Faſſung gebracht, zurück;„ja, ich begreife Ihre Empfindlichkeit; aber ſagen Sie mir.. wenn ich mich zu dem Schritte hergebe, den Sie von mir fordern, verſprechen Sie mir dann wenigſtens da⸗ für, daß dieſer Geck künftig nie mehr zu Ihnen kommt? Ach! ja, Sie verſprechen mir das...“ „Wollte ich Ihnen das gewähren, ſo würde ich eben damit zugeſtehen, daß ich mir etwas vorzu⸗ werfen habe; ich kann es alſo nicht thun, und zu⸗ dem kann ich es durchaus nicht leiden, daß man mir Bedingungen auferlegt. Wohl hundert Mal ha⸗ ben Sie mich verſichert, daß, wenn ich Sie heira⸗ thete, ich vollkommen frei wäre umzugehen, mit wem ich wollte; erlauben Sie mir alſo, daß ich dieſes Recht geltend mache jetzt, wo ich noch frei bin. Es convenirt mir nun einmal, Herrn Randeuil zu em⸗ pfangen, und ich ſage Ihnen im Voraus, es wird meine Thüre ihm nicht verſchloſſen werden.“ „Aber er iſt ja in Sie verliebt!“ „Nun: „Wenn man mich liebenswürdig findet, i 383 hin⸗ ern? Und wenn man fanft beſtürmt mich, darf mit einem Stecken Bewaffnen ich mich, um die Leut' hinauszujagen?“ Indem die neue Cölimene dieſe Verſe in einer Weiſe herdeclamirte, deren Fräulein Mars ſich nicht geſchämt hätte, ſpielte ſie mit der ihr Mor⸗ genkleid umgebenden Schnur von brauner und ro⸗ ſarother Seide, und mit einer graziöſen Drohung ſetzte ſie vor dem Geſichte des Oberſten die eichel⸗ förmigen Troddeln in drehende Bewegung. „Nun, ſo ſchreiben Sie doch, anſtatt lange zu ſprechen, Sie Eiferſüchtiger!“ ſprach ſie.„Sie wiſ⸗ ſen ja wohl, daß Sie am Ende immer thun, was ich haben will; warum fangen Sie alſo nicht lieber damit an?“ „Wie! Sie glauben, ich werde mich je mit die⸗ ſem Menſchen zuſammenfinden wollen! Aber was ſoll ich ums Himmels willen, wenn ich ihn bei Ihnen treffe, Anderes thun, als ihn umbringen?“ „Sie werden eben thun, Herr Oberſt, was alle gebildeten Leute thun, welche Nebenbuhler haben; Sie werden ſich beſtreben, der liebenswürdigere, der intereſſantere, der einnehmendere zu ſein. So macht man ſich das Herz einer Frau ſtreitig, nicht aber dadurch, daß man den Degen in die Fauſt nimmt. Letzteres Verfahren mochte unter dem Kaiſerreich gäng und gäbe ſein, heut zu Tage aber ſind wir, Gott ſei Dank! durchaus friedfertig. Ich ſage Ih⸗ nen alſo noch ein Mal zum Voraus, daß ich mich zu nichts verbindlich mache; daß meine Thüre, we⸗ nigſtens vor der Hand, für Herrn Randeuil offen bleibt; daß ich, mit einem Worte, unbedingten Ge⸗ horſam verlange. Wollen Sie nun ſchreiben, was ich Ihnen dictiren werde?“ „Nein, Madame,“ rief Herr Lareynie und warf die Feder auf das Pult hin. Statt aller Antwort ging Ermance wieder auf ihr Schlafzimmer zu, noch ehe ſie aber am Ende des Salons ongekommen war, fuͤhlte ſich der ver⸗ liebte Greis zum zweiten Male beſiegt. —„—— 2—— N) — — N M S„ — 305 „Sprechen Sie, Madame,“ ſprach er in einem Tone, worin Zorn und Gram ſich miſchte,„was ſoll ich ſchreiben? Sehaen Sie, mit meinen letzten Blutstropfen möchte ich dieſes Billet ſchreiben kön⸗ nen; vielleicht daß Sie, wenn Sie mich zu Ihren Füßen todt ſähen, es bereuen würden, daß Sie mich ſo gräßlich behandeln.“ Dieß Mal wußte Frau Düpaſtel einen Anflug von Mitleid zu zügeln, der ihren Sieg jetzt noch hätte gefährden können; mit lauter Stimme, und jedes einzelne Wort ſtark betonend, dictirte ſie nach⸗ ſtehendes Billet: „Mein Herr, ich bitte Sie, die Herausforderung, die Sie heute von mir bekommen, als nicht erfolgt zu betrachten und zu glauben, daß es mein feſter Wille iſt, mit Ihnen in Frieden zu leben.“ „Und nun unterzeichnen Sie,“ ſprach die junge Frau zum Oberſten, der, indem er mit mehr vor Zorn als vor Atter zitternder Hand gehorchte, das Papier mit der Federſpitze durchlöcherte. Ermance nahm den Brief, legte ihn zuſammen, couvertirte ihn, ſchrieb die Adreſſe darauf und ſchickte ihn durch einen Dienſtboten fort, ohne vaß der durch dieſen unvorhergeſehenen Ausgang ver⸗ nichtete Anbeter einen neuen Verſuch machte, ſolches zu hindern. Unter allen Talenten, welche die Weiber be⸗ ſitzen, wird wohl das Talent, errungene Siege aus⸗ zubeuten, ihnen am Wenigſten beſtritten werden kön⸗ nen. Nachdem Herr Lareynie einmal in der wich⸗ tigen Duellfrage beſiegt war, erholte er ſich von dieſer Niederlage nicht wieder, ſondern blieb in der Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 20 306 Lage eines entwaffneten Kämpfers, der ſich auf Gnade und Ungnade ergeben; jetzt gewann auch die gegen ihn angezettelte Verſchwörung ein neues, kühneres Ausſehen. Jeden Tag zeigte ſich Ran⸗ deuil bei Frau Düpaſtel und ſtets konnte der Oberſt gewiß ſein, daß der junge Mann nicht lange auf ſich warten ließ, wenn er ihn nicht ſchon im Salon aufgepflanzt fand. Mit wutherfülltem Herzen dem Friedensvertrage nachlebend, den er unterzeichnet nnd deſſen Verletzung ihm einen Verbannungsbefehl zugezogen hätte, konnte der unglückliche Greis ſei⸗ nem Gram nur in ſatyriſchen Anſpielungen und durch eine bald unruhige, bald zornige, bald arg⸗ wöhniſche, bald ſardoniſche, bald verzweifelte Pan⸗ tomime Luft machen. Hie und da erlaubte er ſich auch Wörtchen der Rache. Man befand ſich in der Saiſon der Bälle, und Hippolyt wußte es immer ſo einzurichten, daß er, abgeſehen von ſeinen Mor⸗ genbeſuchen, mit ſeiner Beſchützerin gewöhnlich auch in den Soireen zuſammentraf. Der arme Oberſt war jede Woche drei bis vier Mal dazu verurtheilt, die, die er liebte, den wollüſtigen Geſetzen des Wal⸗ zers ſolgend, in den Armen ſeines eingebildeten Nebenbuhlers zu ſehen, während er als ausrangir⸗ ter Tänzer unbeweglich in einer Salonecke zu ſtehen und auf das lachende Paar den fixen und verzeh⸗ renden Blick zu heften pflegte, womit der Geier die Vögel verfolgt, die es ihm unmöglich iſt zu errei⸗ chen. Je länger Ermance das tragiſche Geſicht ihres Anbeters ſah, um ſo mehr ſteigerte ſich ihre gute Laune, und mit jedem Tage gefiel ihr die Verſchwörung beſſer: noch nie war die Welt ihr ſo 307 belebt, der Ball ſo anziehend, der Carneval ſo kurz⸗ bie weilig erſchienen. Fürs Erſte war Randeuil ein un⸗ es, vergleichlicher Walzer, und daneben legte er gegen R⸗ ſeine Verbündete eine ſo expanſive, ſo verſtändige, rſt ſo natürlich zärtliche und geiſtreiche Liebenswürdig⸗ üf keit an den Tag, daß ſie zuweilen ſich nicht ent⸗ on halten konnte, ſich leiſe zu ſagen: Iſt Alles das nur m ein Spiel?“ t Indem Frau Düpaſtel ſo jeden Tag die Voll⸗ bhl kommenheit, womit der junge Mann ſeine Rolle ei⸗ ſpielte, bewunderte, war es ihr am Ende in der nd ihrigen minder behaglich; allmählig überkam ſie eine. g⸗ Art Aerger, wenn ſie an den wahrſcheinlichen Aus⸗ n⸗ gang dieſer Komödie dachte. Die unerklärliche An⸗ ich tipathie, die Abeille ſchon im Prolog ihr eingeflößt, e entwickelte ſich in der Stille ohne irgend einen ſer ſcheinbaren Grund. Bald vermied ſie es, den Na⸗ r⸗ men des Mädchens vor Hippolyt auszuſprechen, der ch in Folge einer bei Verliebten nur ſelten vorkom⸗ rſt menden Discretion dieſes Schweigen ſeinerſeits nach⸗ t, ahmte. Während aber die beiden Verbündeten den U⸗ Zweck ihres Complotts gegenſeitig aus dem Auge en zu verlieren ſchienen, ließen ſie keine Gelegenheit vorübergehen, ihn zu fördern. Mit jedem Tage en ſtellte ihre immer innigere Uebereinſtimmung die. h⸗ Paſſion des verliebten Greiſes auf eine neue Probe. ie Randeuil's Dienſtbefliſſenheit war aus einer anfäng⸗ lich erkünſtelten eine ſo natürliche geworden, und ht anderſeits fand er eine ſo ausdrucksvolle Nüancen darbietende Aufnahme, daß man nicht nothwendig ie ein Eiferſüchtiger ſein mußte, um in dieſem ſüßen ſo Einverſtändniß zweier Weſen, die für einander ge⸗ 20* 308 ſchaffen ſchienen, das Schauſpiel einer wahren Liebe zu erblicken. Eines Abends fanden ſich die drei handelnden Perſonen dieſes kleinen Drama's bei der Tante von Ermance zuſammen, welcher Hippolyt ſich hatte vor⸗ ſtellen laſſen. Herr Lareynie konnte ſich einer Par⸗ tie Piket nicht entziehen, welche die alte Dame ihm vorſchlug. Ermance ſetzte ſich an's Piano und lachte dabei über die Jammermiene ihres alten Cicisbeo. Randeuil ſtellte ſich erſt, als ſehe er dem Spiele zu, und nahm dann neben ſeiner Verbündeten Platz. So plauderten die Beiden eine Zeitlang halblaut, ohne an die Muſik zu denken, während der Oberſt ſeine Aſſe und Vierzehner verwarf, um die Partie abzukürzen, und in ſeinem Lehnſeſſel hin und her rückte, um im Kaminſpiegel das Paar zu ſehen, dem er den Rücken zuwandte. „Wiſſen Sie auch, daß die Zeit, die ich Ihnen gewährt, ſeit länger denn einer Woche vorüber iſt?“ ſprach Frau Düpaſtel, die Finger auf's Ge⸗ rathewohl über die Taſten hinlaufen laſſend. „Das iſt unmöglich,“ antwortete Hippolyt, der den Evolutionen dieſer weißen und ſammtartigen Hand mit vielem Intereſſe zuſah. „Es ſind heute vierundzwanzig Tage: ich habe ſie gezählt.“ „Sie ſind Ihnen alſo recht lang vorgekommen?“ fragte der junge Mann leiſe. „Zählt man die Tage, die Einem lang vorkom⸗ men?“ antwortete ſie und griff, als wollte ſie dieſe Worte erſticken, die Claviertaſten mit einer Energie an, die faſt alsbald erloſch. 309 „Sollte man nicht meinen, er ſei mit uns ver⸗ ſchworen?“ hob ſie wieder an;„er leidet, ſchmollt, iſt wüthend; bisweilen ſehe ich, wie er die größte Luſt hat, Sie umzubringen, und mich vielleicht gleich nach Ihnen, und doch gibt er nicht nach; es wäre aber doch endlich Zeit, daß er einen Entſchluß faßte. Hätte er für mich die Anhänglichkeit, die ich bei ihm zu gewahren glaubte, ſo wäre die Sache ſchon längſt im Reinen; aber es ſind dieſe alten Solda⸗ ten ſo eigenſinnig Sie werden ſehen, daß er lieber ſich ſo fort und fort quälen läßt, als daß er ſich unterwirft. Er hat in der Kaiſergarde gedient, und Sie wiſſen, daß die Garde wohl ſtirbt, nicht aber ſich ergibt!“ „Wird heute Abend nicht ein bischen muſicirt?“ fragte die alte Tante;„vielleicht daß das dem Herrn Oberſten beſſer gefallen würde als das Spiel; noch nie habe ich ihn ſo unglücklich geſehen wie heute Abend, und ich kann es wahrlich nicht über mein Gewiſſen bringen, ihm noch länger ſein Geld abzugewinnen.“ Sofort ſchlug Ermance die Partitur des Roſſini⸗ ſchen Wilhelm Tell auf und fing das berühmte Duett des zweiten Akts an. Randeuil ſang die Rolle Arnolds und beide zuſammen führten dieſes Stück mit ſolchem Feuer und ſo vielem Ausdruck aus, daß die alte Dame ihnen Beifall klatſchte. Der Oberſt indeſſen, wenn gleich Dilletant, enthielt ſich des Klatſchens, und während des ganzen Endes des Duetts hatte er den Salon mit großen Schrit⸗ ten durchmeſſen, ohne ſich zu fragen, ob er dadurch die beiden Muſicirenden nicht ſtöre. Nach dem letz⸗ ten Takt blieb er vor dem Piano ſtehen und ſprach, zu Ermance gewandt, im Tone eines Mannes, der einen äußerſten Entſchluß gefaßt: „Da Sie die Muſik ſo ſehr lieben, ſo werde ich Sie um die Erlaubniß bitten, Ihnen eine junge Muſikerin vorſtellen zu dürfen.“ „Wen?“ ſprach Frau Düpaſtel. „Meine Tochter, die morgen ihre Penſion ver⸗ läßt,“ antwortete der Greis, ſeine Promenade als⸗ bald wieder fortſetzend. „Nun, endlich ergibt ſich die Garde,“ ſagte Hip⸗ polht in triumphirender Miene. Erwance hob die Augen zu dem jungen Manne auf, der ſich zu ihr geneigt hatte, um mit ihr zu ſprechen, und nachdem ſie, ſich zu einem Lächeln zwingend, ihn einen Augenblick angeſchaut, ſtand ſie plötzlich vom Piano auf, nahm neben ihrer Tante Platz, und war während des übrigen Abends was man immer mit ihr ſprechen mochte, ſo einſyl⸗ big wie nur möglich. Was Rondeuil vorhergeſehen, war pünktlich in Erfüllung gegangen. Gezwungen, kriegeriſchen Mitteln zu entſagen, hatte Herr Lareynie am Ende die abſolute Nothwendigkeit einer Diverſion einge⸗ ſehen, wenn er den Boden zurückerobern wollte, den er mit jedem Tage zu verlieren ſchien. In ſeinen Augen war Hippolyts Benehmen bloß das Reſultat einer Combination zu dem Zweck, ſich an ihm zu rächen; die Veränderung aber im Benehmen der Frau Düpaſtel ſchien darauf hinzudeuten, daß ſie die neuen Huldigungen, deren Gegenſtand ſie war, ernſt nahm. So günſtig nun auch ein Greis G= ré ei 8 31 S c N0 c—G9) 311 ſich beurtheilen mag, ſo iſt er doch zu gewiſſen Stunden, insbeſondere beim Ankleiden, wieder ge⸗ recht gegen ſich ſelbſt. Es mußte alſo der Oberſt einſehen, daß ein Kampf mit einem jungen Manne von fünfundzwanzig Jahren höchſt wahrſcheinlich zum Vortheil des letztern endigen würde. Die Furcht, an Hippolyt einen glücklichen Rivalen zu finden, ſiegte plötzlich über den Widerwillen, womit den Greis der Gedanke erfüllt hatte, ihm ſeine Tochter zur Frau geben zu müſſen, und in Folge dieſer veränderten Taktik ſollte Abeille endlich auf dem Schlachtfelde erſcheinen. „Es wird dieß die Diviſion Deſaix zu Marengo ſein,“ ſprach der alte Militär bei ſich ſelbſt;„ge⸗ lingt der Angriff nicht, ſo wird mir nichts mehr übrig bleiben, als dieſem Gecken zuerſt und darauf mir ſelbſt eine Kugel durch den Kopf zu jagen.“ IX. Als Randeuil einige Tage ſpäter in den Salon der Frau Düpaſtel trat, fand er daſelbſt Herrn La⸗ reynie ſammt ſeiner Tochter. Die beiden Liebenden verhielten ſich ziemlich ſteif einander gegenüber, in⸗ deſſen trat ihre Verlegenheit in ziemlich auffallender Weiſe an den Tag, obgleich der bis dahin barba⸗ riſche Vater ſich ſtellte, als beſchäftige er ſich gar nicht mit ihnen, um ihnen eine Freiheit zu laſſen, die er ſeinen perſönlichen Projekten förderlich glaubte. Verſtohlene Blicke, einige geheimnißvolle Anſpielun⸗ 312 gen— das war Alles, was der junge Mann wa⸗ gen zu können glaubte, und ihrerſeits ſaß Abeille ſteif und mit niedergeſchlagenen Augen da. So hübſch wie ein Engel und ſo linkiſch wie das uner⸗ fahrenſte Mädchen, verhielt ſie ſich, als ſie ihres Liebhabers anſichtig wurde, mehr ſchmollend als zärtlich. Nicht ſelten verzeiht ein Frauenzimmer eine vollſtändige Entführung, nie aber eine halbé. Fräulein Lareynie, jetzt zweiundzwanzig, hatte ohne Vorwiſſen der Frau Dinois einige Romane geleſen, und wie wir geſehen haben, zeichnete ſich die Penſion, worin ſie ſich befunden, nicht eben durch eine exem⸗ plariſche Wachſamkeit aus; nun aber hatte die ſchon majorenne Penſionärin in keinem Roman gefunden, ein Held ſeine Heldin mitten im intereſſanteſten teuer im Stiche laſſe, das einem verfolgten enden Paare zuſtoßen kann. Weit entfernt, Hippolyt es Dank zu wiſſen, daß er, ohne ſie zu fragen, ſo vernünftig gehandelt, war ſie ihm im Gegentheil ziemlich böſe. Bei reiflicherem Nachden⸗ ken fand ſie, daß ein ſo plötzlich gekommenes be⸗ ſonnenes Benehmen ſich nicht anders erklären laſſe als durch eine Erkaltung ſeiner Leidenſchaft. Jetzt konnte ſie ſich eines geheimen Aergers nicht erweh⸗ ren, als ſie ſich lau und proſaiſch geliebt wähnte— ſie, die in ihrem Liebhaber einen würdigen Nach⸗ kommen Werthers oder Malek⸗Adels zu finden ge⸗ hofft hatte. So kam es endlich, daß das Mädchen in ihrem Herzen gar raſch einen Groll keimen fühlte — einen Groll, den die ſtrenge Aufſicht, deren Ge⸗ genſtand ſie nach ihrer Rückkunft von ihrer aben⸗ teuerlichen Fahrt wurde, noch entwickeln half. Bis 313 dahin hatte ſie ihren Vater wegen ihrer ſogenann⸗ ten Gefangenſchaft angeklagt, von nun an aber war es Randeuil, dem ſie alle Schuld beimaß. „Hätte er gewollt, ſo wäre ich nun frei,“ ſprach ſie oft bei ſich ſelbſt, und ſo oft dieſer Gedanke ihr im Kopfe herumging, däuchte es ihr, ſie liebe ihn gar nicht mehr. Was Hippolyt betrifft, ſo deutete er Abeille's Gefühle nach ſeinen eigenen und ſchrieb anfänglich der Anweſenheit des Oberſten und der Frau Düpa⸗ ſtel die Kälte zu, womit er ſich behandelt ſah; dann däuchte ihm dieſe Kälte übertrieben, und am Ende mißfiel ſie ihm. Wer unzufrieden iſt, übt gern an andern Kritik und ganz unwillkürlich ſtudirte ſo der junge Mann mehr mit dem Auge eines Kritikers als mit dem eines Enthuſiaſten die Toilette des Mädchens, das er ſtets in der Penſionsuniform ge⸗ ſehen. Dieſe Prüfung fiel nur wenig zu Abeille's Gunſten äus, da ſie, um ſich völlig emancipirt zu zeigen und um gegen die Einfachheit zu proteſtiren, die ihr bis dahin auferlegt worden, in die Ueber⸗ treibungen eines mehr koſtbaren als eleganten Co⸗ ſtüms verfallen war. „Wo zum Henker hat ſie den gelben Hut und den Paradiesvogel her?“ ſprach Randeuil bei ſich ſelbſt, indem er des Mädchens Putz in allen ſeinen Einzelnheiten Muſterung paſſiren ließ.„Ein Para⸗ diesvogel! Und noch dazu auf einem gelben Hut! Läßt ſich eine ſolche Caprice begreifen? Und der rothe Shawl zu der großgeblümten Robe! Hat man je ſolch' geſchmackloſes Zeug geſehen! Der Henker hole mich, wenn ich nicht die ganze Herr⸗ 314 lichkeit am Tag nach der Hochzeit dem Feuer über⸗ antworte. Das Luſtige an der Sache iſt, daß ſie ſich für gut gekleidet hält, und ohne Zweifel ſieht ſie darin ſo ſteif und feierlich aus wie noch nie.“ Ganz mechaniſch blickte Hippolyt auf Frau Dü⸗ paſtel, die, wie immer, wenn ſie zu Hauſe, höchſt einfach, aber durchaus geſchmackpoll gekleidet war. „Die verſteht ſich wenigſtens zu kleiden,“ fuhr er bei ſich ſelbſt fort;„wie doch in ihrer Toilette Alles zuſammenpaßt! Ihr dunkelfarbiges Hauskleid läßt die Weiße ihrer Haut noch mehr hervortreten. Die Kokette weiß das wohl, und ohne Zweifel hat ſie heute morgen es unterlaſſen, einen Kragen an⸗ zulegen, damit der Contraſt ein noch auffallenderer wird; wie allerliebſt nehmen ſich in ihrem ſchönen blonden Haare die ſchwarzſammtenen Knoten aus; und welch' hübſche Pantoffeln! Ah! ſie ſieht, daß ich ſie betrachte, und darum verſteckt ſie ſie jetzt unter ihrem Kleide. Sie erräth eben Alles, und das gefällt mir. Meiner Treu! es wäre nicht übel, wenn Abeille ſie nachahmte, anſtatt mit ſo vieler Selbſtgefälligkeit die häßlichen grünen Stiefeletten zu zeigen, worüber ſie ſo ganz entzückt ſcheint... Ermance hat einen weit kleineren und insbeſondere ſchmaleren Fuß; auch hat ihre Hand eine überaus zarte und nette Form, welche alle andern Hände als gemein erſcheinen läßt. Gewiß iſt Abeille ſehr ſchön, auf jeden Fall ſchöner als Frau Düpaſtel: ihre Züge ſind regelmäßiger, ihre Augen größer, über⸗ haupt iſt Alles an ihr akademiſcher; und doch... weiß ich nicht, wenn ich ſo die Beiden nebenein⸗ ander ſehe, ob Abeille's Geſtalt in ihrer Vollkom⸗ — )— S=8 — 1 „— e—„ 8 t d „ r 1 315⁵ menheit nicht etwa monoton iſt; wohl iſt ſie immer ſchön, aber ſie iſt es immer in die gleichen Weiſe, und in der Länge.. Ermance hat in ihrem Ge⸗ ſichte des Beweglichen ſo viel! Es hat nie zwei Tage hinter einander denſelben Ausdruck. Wie träumeriſch, wie melancholiſch, ja man könnte ſagen, wie traurig ſieht ſie zum Beiſpiel heute aus! Sie, die in der Regel ſo heiter iſt! Schon ſeit einigen Tagen iſt ſie ſo. Was iſt ihr denn? Sollte ihr etwas fehlen? Oder aber flößt die Ausſicht auf ihre demnächſtige Heirath ihr ſchwarze Gedanken ein? Dieſer alte Caſſander kann Einem wohl ein Alpdrücken verurſachen. Der arme Engel!“ In dieſem Augenblicke begegneten ſeine Augen denen der jungen Wittwe. Es tauſchten die beiden einen langen Blick aus, worauf Ermance den Kopf neigte und wieder in ihre Träumerei verſank; Ran⸗ deuil aber ſetzte ſeine vergleichenden Studien fort und fand jeden Augenblick an den Manieren oder an den Worten ſeines früheren Mols dieſes oder jenes auszuſetzen. Eine Zeit lang fand Hippolyt, wenn er bei Frau Düpaſtel erſchien, ſtets den Oberſten ſammt ſeiner Tochter. Dieſe Begegnungen, welche zu häufig waren, als daß ſie immer ein Werk des Zufalls hätten ſein können, brachten keineswegs das Reſul⸗ tat hervor, welches Herr Lareynie davon erwartete. Die Vorwürfe, die Abeille ingeheim ihrem Liebha⸗ ber machen zu müſſen glaubte, malten ſich auf ih⸗ rem ſchönen Geſichte nur allzuſtark, und es erhielt daſſelbe dadurch etwas Hochmüthiges, während in ihren Manieren ſich ein abſichtlich widerwärti⸗ 316 ges Weſen bemerklich machte. Seinerſeits zeigte ſich der junge Mann nur wenig geneigt, die Kälte, de⸗ ren Gegenſtand er war, durch ſeine Liebenswürdig⸗ keit zu entwaffnen; weit entfernt, ſich Abeillen zu nähern zu ſuchen, wozu ſich ihm Gelegenheit genug geboten hätte, war er zurückhaltend, beobachtete, verglich und analyſirte er viel, und das Endergeb⸗ niß von allem dem war, daß er immer unſchlüſſi⸗ 4. wurde und immer weniger wußte, was er thun ollte. Ermance ihrerſeits lachte nicht mehr, lächelte nur wenig und konnte ihre Zerſtreutheit oder ihre Melancholie nicht immer verbergen. Gegen Fräu⸗ lein Lareynie von eiſiger Höflichkeit, vermied ſie es, Randeuil anzureden, und, ihre Tyrannei verdop⸗ pelnd, ließ ſie den armen Oberſten die Strafe der geheimen Langweile tragen, von der ſie verzehrt war. Allmählig nahm das Unbehagen, worunter ſie zu leiden ſchien, einen ernſteren Charakter an. Endlich, ſei es bloße Einbildung, ſei es, daß die Sache ſich wirklich ſo verhielt, machte ſie die Ent⸗ deckung, daß die Beſuche ſie ermüdeten, und an einem ſchönen Morgen fand ſich ihre Thüre für je⸗ dermann, ihren alten Anbeter und ihren jungen Schützling nicht ausgenommen, geſchloſſen. Seit vier Tagen, daß Randeuil von Frau Dü⸗ paſtel nicht empfangen worden, war derſelbe in eine Art Apathie, die gewöhnliche Folge der Beſchäfti⸗ gungsloſigkeit, verſunken. Ein Brief, den er an die junge Frau geſchrieben und der in jeder Zeile ein immer lebhafteres Intereſſe durchblicken ließ, war nur ganz kurz und in einer bis zur Affecta⸗ „————— — * TS 8 — — — X — — F 4 317 tion zurückhältenden Weiſe ihm beantwortet worden. Um nun die Abende auszufüllen, mit denen er nichts mehr anzufangen wußte, beſuchte er die Theater, und ſo traf er im Foyer der großen Oper den Ge⸗ neral Thorignon, den er einige Zeit zuvor beſucht hatte. Nachdem man einige alltägliche Phraſen über das Tanzen der Fräulein Taglioni gewechſelt, nahm der alte Militär Hippolyts Arm mit einer Vertraulichkeit, welche durch die Verſchiedenheit ihres Alters ſich rechtfertigen ließ. „Ich bin Ihnen Genugthuung ſchuldig,“ ſprach er,„denn ich weiß nun Alles; und daß es Ihnen widerſtrebte, ſich mit dem Oberſten zu ſchlagen, hat nun nichts Befremdliches mehr für mich. Ich be⸗ greife, daß man ſich erſt ein wenig beſinnt, wenn man ſeinem Schwiegervater gegenüberſtehen ſoll.“ „Herr Lareynie iſt mein Schwiegervater nicht,“ bemerkte Randeuil. „Noch nicht, ich weiß es; aber iſt Ihnen die Luſt vergangen, ihn zum Schwiegervater zu bekom⸗ men?“ antwortete der General lächelnd. „Es ſcheint mir unmöglich, daß er es je werde,“ verſetzte der junge Mann kalt. „Ich ſage Ihnen dagegen, nichts iſt unmöglich,“ hob der alte Militär in herzlicher Weiſe wieder an; „hören Sie mich. Ich bin der ſchlechteſte Diplomat von der Welt, kommen wir darum lieber gleich zur Sache. Ich habe Erkundigungen über Sie einge⸗ zogen und erfahren, daß Sie, bei Ihrer grundſätz⸗ lichen Friedfertigkeit, vergangenes Jahr einen der Löwen der Vorderlogen gehörig gezeichnet haben. Ich ſehe, Sie ſind, was man ſo einen artigen jun⸗ 318 gen Mann nennen kann, und es kann die Tochter eines alten Militärs wie Lareynie mit Ihnen nur glücklich leben. Was den Oberſten betrifft, ſo iſt er nicht ſo bösartig, wie er auf den erſten Blick ausſieht, und ſtets noch iſt es mir gelungen, ihn zur Raiſon zu bringen. Haben Sie Vertrauen zu mir? Wollen Sie mir Ihre Intereſſen anheimge⸗ ben? Neulich habe ich Ihnen eine Kriegsbotſchaft gebracht, und nun bin ich bereit, eine durchaus ver⸗ ſchiedene Miſſion zu übernehmen, wenn Sie mich damit betrauen wollen.“ „Herr General, ich danke Ihnen für Ihre Güte, da aber Herr Lareynie Sie in die Sache eingeweiht, ſo hat er Ihnen wohl auch geſagt, daß er mir die Hand ſeiner Tochter ein für alle Mal verweigert.“ „Bah! Sein Leben lang hat Lareynie den hüb⸗ ſchen Frauen geglichen, die immer mit einem Nein beginnen; ich aber nehme es auf mich, ſein Jawort zu erlangen. Der Henker auch, wir kennen uns einander ſchon an die vierzig Jahre; an der Bere⸗ ſina haben wir rohes, mit Pulver geſalzenes Pferde⸗ fleiſch zuſammen gegeſſen, und hat man ein ſolches Mahl getheilt, ſo iſt man einander nicht mehr blo⸗ ßer Freund, ſondern Bruder. Sage ich alſo zu ihm: Gib deine Tochter Randeuil, ſo muß er ſich eben drein fügen.“ „Es würde mir unendlich leid ſein, wenn Herr Lareynie ſich Zwang anthäte, indem er mich zum Schwiegerſohn annimmt,“ antwortete Hippolyt, deſ⸗ ſen matrimonialer Eifer in demſelben Maße ſich abzukühlen ſchien, wie die Hinderniſſe zu ſchwinden begannen. * 319 „Wer ſpricht denn von einem Zwang?“ erwi⸗ derte General Thorignon;„haben nicht die Um⸗ ſtände ſich ändern können, und mit den Umſtänden auch die Geſinnung? Wer ſagt Ihnen denn, daß der Oberſt jetzt nicht geneigt ſei, die Unterhandlun⸗ gen wieder anzuknüpfen? Es muß Ihnen einleuch⸗ ten, daß die väterliche Würde ihm nicht erlaubt, den erſten Schritt zu thun, wenn ich aber Alles auf mich nehmen will und mich verbindlich mache, Ihrer Bitte dieß Mal ein geneigtes Ohr zu ver⸗ ſchaffen, ſo muß ich ohne Zweifel gute Gründe ha⸗ ben und des Erfolges gewiß ſein.“ „Herr Lareynie hat Sie alſo beauftragt, Herr General, meine dermaligen Geſinnungen hinſichtlich dieſer Heirath zu erforſchen?“ fragte Randeuil, ohne aus ſeiner ſtreng diplomatiſchen Zurückhaltung her⸗ auszutreten. „Das habe ich nicht geſagt,“ gab der Greis la⸗ chend zurück;„zum Henker! reden wir nicht zwei⸗ deutig. Meine Dazwiſchenkunft iſt eine rein offi⸗ ziöſe, verſtehen Sie mich wohl; wollen Sie ſie nun annehmen?“ „Gönnen Sie mir gefälligſt einen Tag Bedenk⸗ zeit,“ ſprach der junge Mann gedankenvoll. „Noch weitere Bedenkzeit!“ rief der General; „wohl können Sie von ſich ſagen, daß Sie der Mann des ewigen Aufſchiebens ſeien; in meiner Jugend, brrrr! da litten Duelle, Liebesſachen und ſofort nicht den geringſten Aufſchub. Alles mußte in einer Minute entſchieden ſein. Am Ende iſt aber doch Ihr Syſtem das vernünftigere. Sie ſollen alſo, meinetwegen, die vierundzwanzig Stunden haben.“ Die Glocke, welche im Foyer verkündete, daß der zweite Act der Sylphide beginne und der Vorhang in die Höhe gehe, machte dieſem Geſpräch ein Ende, und es trennten ſich die Beiden, nachdem zwiſchen ihnen ausgemacht worden, daß ſie ſich nach Verfluß der erbetenen Bedenkzeit in der Wohnung General Thorignon's wieder ſehen wollten. X. Tags darauf hatte es kaum ein Uhr geſchlagen, als Randeuil im Hauſe der Frau Düpaſtel erſchien. Der Diener wollte ihn nicht hinein laſſen, die Zofe aber, welcher der elegante junge Mann weit beſſer gefiel als der alte Seladon, und die mit dem ihrem Stande eigenthümlichen Scharfblick das Unwohlſein ihrer Herrin richtig gedeutet hatte, nahm es auf ſich, die Thürſperre aufzuheben. Als Ermance ihren Schützling eintreten ſah, erröthete ſie leicht und machte eine Bewegung, um aufzuſtehen; doch ſetzte ſie ſich, ſcheinbar ermattet, alsbald wieder. „Ich hatte Befehl gegeben, niemand zu mir zu laſſen,“ hob ſie an;„der Anblick einer armen lei⸗ denden Frau hat für Dritte etwas ſo Verdrießliches, daß ich mich zu unbedingter Einſamkeit verdamme. Sie werden alſo diejenige, die Sie ohne Zweifel hier zu finden hofften, nicht bei mir treffen.“ „Wen denn?“ fragte Randeuil, mit dem Auge den zierlichen Linien des Körpers der auf der Cau⸗ ſeuſe halb ausgeſtreckten jungen Frau folgend. 321 „Wünſchen Sie denn noch eine Andere zu tref⸗ fen? ich meine Fräulein Lareynie; die iſt eben da geweſen und ich bedaure nun, daß ich ſie nicht habe empfangen können; aber ich konnte ja nicht wiſſen, daß Sie kommen würden.“ „Verlangte es mich, Fräulein Lareynie zu ſehen,“ antwortete Hippolyt mit kalter Miene,„ſo würde ich zu ihrem Vater gehen, anſtatt zu Ihnen zu kommen.“ „Ah! der Oberſt empfängt Sie alſo und Sie gehen hin?“ fragte die Wittwe, eine ſitzende Stellung annehmend. „Ich glaube wenigſtens, daß ich hingehen könnte.“ „Ich begreife: Sie haben von dieſem Rechte keinen Gebrauch machen wollen, ohne mir zuvor den errungenen Erfolg mitzutheilen. Es iſt gut ich ſehe, daß ich wenigſtens keinem Undankba⸗ ren einen kleinen Dienſt erwieſen.. Ich habe Herrn Lareynie ſchon ſeit einigen Tagen nicht mehr geſehen.. ich bin ſo leidend, daß ich Niemand em⸗ ſhngen tann ich weiß nicht, was vorgeht. iſt alſo Alles glücklich abgeſchloſſen? und. wann heirathen Sie?“ „War nicht ausgemacht worden, daß die beiden Heirathen an einem und demſelben Tage gefeiert werden ſollen?“ fragte Randeuil, deſſen durchdringen⸗ der Blick auch nicht einen Augenblick von ſeiner ſchönen und liebesſiechen Beſchützerin wich. „Es wird nur eine einzige gefeiert werden!“ gab ſie kurz zurück. „Die meinige oder die Ihrige?“ „Die Ihrige, o! fürchten Sie nichts!“ Bernard, Ausgew. Erzählungen. 1. 21 322 „Sie aber,“ ſprach Hippolyt zögernd.„ver⸗ zeihen Sie mir dieſe Indiscretion. heirathet denn Herr Lareynie Sie nicht... und das bald?“ „Nie!“ ſprach Ermance. „Nie? O! bitte, ſprechen Sie doch dieſes Wort noch ein Mal.“ „Was iſt Ihnen denn?“ verſetzte ſie, ihn ſcharf anblickend. „Es iſt mir was ſoll ich ſagen? 6s iſt mir ſo unendlich wohl, daß ich mich in einem Zauberlande glaube, und mit wahrer Wolluſt athme ich neu auf. Sie werden ihn alſo nicht heirathen? Sie haben das Wort nie ausgeſprochen, und dieſes Wort ſoll mir ein heiliges ſein! Die Jugend, die Schönheit, der Geiſt, die Grazie, kurz all“ die gött⸗ lichen Gaben, wornach dieſer Greis lüſtern war, werden alſo ſeiner profanirenden Hand entgehen. Sie haben begriffen, daß eine ſolche Heirath eine Sünde wider Gott wäre: nicht wahr? Was würde aus Ihren friſchen Jahren werden, wenn Sie ein⸗ mal unwiderruflich an dieſe Maſſe von Abgelebtheit gekettet wären? Wohl wirft man Roſen auf ein Grab, nicht aber wirft man ſie in dasſelbe hinein. Wie grauſam, wie ſchmählich! Bald wird er ſterben, während Sie erſt recht anfangen zu leben. Wie könnten zwei Exiſtenzen ſich mit einander verbinden, wovon die eine im Blühen begriffen, die andere ſchon Staub iſt? Sie haben gelitten, und darum haben Sie ein Vorurtheil gegen die Jugend; grenst aber nicht der Urtheilsſpruch, wodurch Sie ſie ver⸗ dammen, an Ungerechtigkeit, da Sie gar keine Aus⸗ nahmen zugeben wollen? Wie! weil ein erſter 323 Verſuch voller Bitterkeit für Sie geweſen, darum iſt Ihnen nun das Leben aller Blüthen beraubt! Weil ein Mann den Schatz, den er beſaß, nicht hochzuachten wußte, darum läugnen nun auch Sie die edelſten Triebe der Jugend; darum meinen Sie ein Recht zu haben, die Liebe, die Zuneigung, die Hingebung für Phantome erklären zu dürfen! Die Liebe erklären Sie für eine Lüge, die Begeiſterung für eine elende Selbſttäuſchung, und wenn Sie ſo Alles, was das Leben Schönſtes hat, mit Füßen getreten, berühmen Sie ſich Ihrer Lebenserfahrung und Ihrer Beſonnenheit... Ja, Ermance, die Liebe exiſtirt; man muß daran glauben, insbeſondere wenn man ſie einflößt.... Doch wozu Ihnen etwas beweiſen wollen, woran Sie nicht mehr zweifeln, da Sie ihn ja nicht heirathen! Sie ſind nun frei, und auch ich bin's! Freiheit, Jugend, Liebe— welch' himmliſche Dinge! Nicht wahr, Ermance?“ Zu Anfang dieſer Tirade hatte Frau Düpaſtel ſich gegen die Rücklehne der Cauſeuſe geſtützt; in dieſer Stellung verharrte ſie, ſo lange Hippolyt ſprach: ihre Hände waren dabei über die Knie ge⸗ kreuzt und ihre Augenlider halb geſchloſſen, und hätte ein raſches Athmen ihren Oberleib nicht gehoben, ſo hätte ſie für gänzlich unbeweglich gelten können. Sie ſammelte ihre Geiſter, um ihre tiefe, wonnige Aufregung beſſer zu koſten. Bei dem Worte Er⸗ mance, das der junge Mann in wahrhaft andäch⸗ tigem Tone geſprochen hatte, ſchlug ſie ihre ſammt⸗ weichen Augen auf, lächelte mit dem unausſprech⸗ lichen Zauber, den das Glück verleiht, und ſprach: 21* 324 „Sie haben mir auf meine Frage, wann Sie zu heirathen gedächten, noch nicht geantwortet?“ „Ich habe Ihnen darauf nicht geantwortet, weil Sie es beſſer wiſſen müſſen als ich,“ gab Randeuil zurück, dem der Blick der jungen Wittwe Alles ge⸗ ſagt hatte. „Wie ſollte ich es wiſſen?“ „Hängt es nicht von Ihnen ab?“ „Bis jetzt hatte ich geglaubt, daß es von Fräu⸗ lein Abeille abhange,“ ſpottete die junge Wittwe zart;„wie mir ſcheint, ſo vergeſſen Sie ein bischen die Heldin Ihres Romans.“ „Mein Roman iſt aus und es fängt nun mein Leben an,“ antwortete Randeuil, einer Hand ſich bemächtigend, die ihm nur wenig ſtreitig gemacht wurde;„ich war ein Thor, ich will es nur geſtehen, doch müſſen Sie mir verzeihen, da ich Sie noch nicht kannte. Ich hatte die Caprice einer durch Hinderniſſe und abſchlägige Antworten gereizten Phan⸗ taſie fälſchlich für Liebe gehalten. In der Perſon dieſes jungen Mädchens bedauerte ich das Opfer des väterlichen Egoismus; Sie wiſſen, man bildet ſich leicht ein, daß man diejenigen liebe, welche man be⸗ dauert, und ferner, erſcheint nicht hinter Eiſenſtäben oder auch nur hinter einem Fenſterladen jedes Frauen⸗ zimmer als ein Engel? Genau beſehen, verliert der Engel in der Regel ſeine Flügel, und das iſt auch hier geſchehen. Anſtatt einer diſtinguirten Perſon, als welche ſie mir aus der Ferne erſchien, habe ich in ihr bloß eine linkiſche, widerwärtige und unbedeutende Penſionärin gefunden. Unter allen Umſtänden wä⸗ ren mir die Schuppen von den Augen gefallen nach 325 einigen Zuſammenkünften wie die, welche jüngſt unter uns Statt gefunden; neben Ihnen aber war die Il⸗ luſion auch nicht einen Augenblick mehr möglich. Als ich Sie beide beiſammen ſah, da ſuchte ich ver⸗ geblich in meinem Herzen eine Leidenſchaft, die ein bloßer Schatten war; anſtatt der fehlenden aber habe ich eine andere gefunden, woran ich noch nicht glaubte— eine wirkliche, feurige, tiefe, ewige Lei⸗ denſchaft!“ Bei dieſen letzten Worten ließ Hippolyt ſich auf die Knie niedergleiten, und ſeine plötzlich um die junge Frau geſchlungenen Arme bildeten einen Gürtel, den ſie zwar zu löſen verſuchte, aber nicht energiſch genug, um das, was ſie wollte, zu erreichen. „Wer ſagt mir aber, daß Sie nicht zum zweiten Mal Komöbie ſpielen?“ fragte ſie, ihre tiefe Auf⸗ regung unter einem Lächeln verbergend. „Ihr Herz.“ „So würde alſo unſere Komödie ausgehen! Wer hätte das geglaubt, du mein Gott! Und was thun wir nun?“ „Wir werden uns einander recht lieben und einander heirathen!“ antwortete Randeuil, der vor Wonne ganz außer ſich war. „Einander heirathen! Sie nehmen Alles gar leicht. Wenn ich nun aber auch meine Einwilligung gäbe ſo müſſen Sie doch an ihn ſowohl, als an ſie denken.“ „Ich denke lieber an Sie, und zudem, was kön⸗ nen ſie ſagen? Wir waren zwei rechte Kinder: Sie, daß Sie einen Greis zu heirathen gedachten, ich, daß ich mich für eine ſchlecht erzogene Penſio⸗ 326 närin paſſionirte. Nun iſt bei uns die Vernunft wieder in ihre Rechte eingetreten: wer will, wer darf das uns wehren? Herr Lareynie ſoll ſich mit ſeinem Teſtamente beſchäftigen, ſeine Tochter mich vergeſſen, wenn es nicht bereits geſchehen, wir aber wollen glücklich ſein; denn auch Sie lieben mich, holder Engel: nicht wahr?“ „Das weiß ich nicht,“ antwortete ſie mit einer Koketterie, die voll Zauber war;„nur ſo viel will ich Ihnen geſtehen, daß ich mich geheilt fühle.“ Hier unterbrach ein Geräuſch vom Speiſezimmer her das Geſpräch. Dieß Mal ſprang Hippolyt blitz⸗ ſchnell auf; denn nun handelte es ſich nicht länger um eine Komödie. Es ging die Thüre auf und herein trat Herr Lareynie in Begleitung ſeiner, wie gewöhnlich mit ihrem Paradiesvogel herausgeputzten Tochter. „Sie wußten nicht, was aus den Flügeln Ihres Engels geworden war,“ ſagte Ermance leiſe zu ih⸗ rem Geliebten:„ſehen Sie ſie nicht auf ihrem Hute dort?“ Es wechſelten die Beiden ein Lächeln, worauf ſie in Folge einer ſtillen Uebereinkunft das Gegen⸗ theil von der Scene aufführten, die ſie bis dahin geſpielt: ſo lange ſie einander gleichgültig geweſen, hatten ſie Liebe geheuchelt, verliebt heuchelten ſie nun Gleichgültigkeit. Dieß Mal aber zeigten ſie ſich ihren Rollen nicht gewachſen; denn es iſt das Herz ein ſchlechter Schauſpieler. Ihre Blicke, die ſich ſuchten, während ſie ſich meiden wollten, ihre Worte, die Antworten auf nicht geſtellte Fragen waren, hätten ſelbſt dem blödeſten Auge ein geheimes Ein⸗ 327 verſtändniß verrathen. Als ein Zeuge dieſer Ueber⸗ einſtimmung, welche tauſend dem Anſchein nach un⸗ bedeutende, in ſeinen Augen jedoch nur allzu be⸗ deutſame Umſtände jeden Augenblick verriethen, litt Herr Lareynie der Reihe nach die ſchmerzlichſten Martern der Eiferſucht. Keine Grenzen mehr aber hatten ſeine Befürchtungen, als er von General Thorignon erfuhr, daß Randeuil auf Abeille's Hand für immer verzichte. „Was hofft er denn?“ ſprach er mit einem Pa⸗ roxismus von Zorn bei ſich ſelbſt.„Sollte er etwa Ermance heirathen wollen?“ Von dieſem Gedanken gegeißelt, den er bis daher von ſich gewieſen hatte, begab ſich der alte Militär zu Frau Düpaſtel. „Es währt ſchon allzu lange,“ hob er an,„daß Sie den Augenblick meines Glücks hinausſchieben. Das lange Warten bringt mich um, und nun ertrage ich es nicht länger. Nicht eher verlaſſe ich Sie, als bis Sie den Tag unſerer Hochzeit feſtgeſetzt.“ „Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich erſt dann heirathen würde, wenn Sie Herrn Randeuil die Hand Ihrer Tochter gäben,“ entgegnete die junge Frau, die aus purem Mitleid dem Greiſe die Wahr⸗ heit nicht zu ſagen wagte und vermittelſt dieſer et⸗ was jeſuitiſchen Antwort aus einer ſchwierigen Stel⸗ lung herauszukommen ſuchte. „Aber ich gebe ſie ihm ja,“ rief der Oberſt;„er iſt es, der ſie nun nicht mehr will, und wohl kenne ich den Grund dieſer ſeiner Weigerung.„Er liebt Sie, Madame. Nie zwar habe ich daran gezwei⸗ ſelt, aber nun geht er einen Schritt weiter; er hofft ——— 328 Sie zu heirathen, ich weiß es, ich bin es verſichert, und alles Läugnen hilft hier nichts. Wohlan! geben Sie zu dieſem Verrath Ihre Zuſtimmung, dann ſage ich Ihnen: Wehe, ja wehe uns Allen!“ „Wollen Sie mich umbringen?“ ſprach Ermance lachend, doch im Grund erfüllte die Heftigkeit, wo⸗ mit Herr Lareynie dieſen tragiſchen Fluch ausge⸗ ſtoßen, ſie mit ziemlich ernſten Beſorgniſſen. „Sie wiſſen wohl, daß ich ſo etwas nicht könnte,“ gab er zurück;„ihn aber, ihn bringe ich um, wenn er auch jetzt noch ſich weigert, ſich zu ſchlagen; zu⸗ erſt ihn und dann mich, und zwar am Tage der Hochzeit vor dem Altar.“ „Du mein Gott! Herr Oberſt, welches Melo⸗ drama haben Sie geſtern ſpielen ſehen? Noch nie habe ich Sie ſo blutdürſtig gewußt: im Verhältniß zu dem, was Sie mir da verſprechen, war der Be⸗ reſinaübergang ein wahres Paſtorale.“ Trotz der ſpöttiſchen Gleichgültigkeit, welche in dieſen Worten lag, nahm doch Frau Düpaſtel die Drohung des zur Verzweiflung getriebenen Greiſes ſehr ernſt, und ſie wollte im Laufe des Abends ſogar auch ihrem Geliebten ihre Beſorgniſſe ein⸗ flößen. „Welche Thorheit!“ rief der letztere:„der gute Alte iſt kindiſch.“ 3 „Wenn er Sie aber umhringt! Sie haben den Ausdruck ſeiner Augen nicht geſehen; ich ſuchte zu obgleich er mir entſetzlich Furcht machte.“ Bäh „Ich ſage Ihnen, er iſt zu Allem fähig,“ hob Ermance wieder an, die wie alle Weiber geneigt 329 war, die Heftigkeit der Leidenſchaft, deren Gegen⸗ ſtand ſie war, ſich noch größer vorzuſtellen, als ſie wirklich war.„Ihr dürfet Euch hier nicht mehr treffen.“ „Damit ſagen Sie, daß Sie ihm Ihre Thüre ſchließen wollen— um was ich Sie eben bitten wollte. Ich kann nicht dulden, daß dieſer Caſſander jeden Augenblick zu Ihnen kommt, um Ihnen mit ſeinen patriarchaliſchen Prahlereien böſes Blut zu machen.“ „Ihm meine Thüre ſchließen! Kann ich das?“ ſprach ſie mit einer Miene, welche ſagte, daß ihr däs nicht ſo ganz recht ſei. „Wer hindert Sie daran?“ „Tauſend Gründe, du mein Gott! Er iſt ſeit einiger Zeit ſo gequält worden! Ein ſolches Ver⸗ fahren würde ihn zum Aeußerſten treiben; er iſt über ſechzig; in einem ſolchen Alter haben ſtarke Gemüthserſchütterungen nur allzu oft die unheilvoll⸗ ſten Reſultate; auch wundert es mich ſehr, daß er nicht ſchon krank geworden.“ „Könnte ich ihm eine tüchtige Bruſtentzündung beſorgen....“ „Was denken Sie, Hippolyt! Ich wäre mein Leben lang untröſtlich, wenn dem armen Manne um meinetwillen Unheil wiberführe.“ „Ein armer Mann! Leibhaftiger Teufel, müſſen Sie im Gegentheil ſagen. Begreift man, wie in einer ſo alten Lampe noch ſo viel Oel ſein kann? Er liebt Sie eben wahnſinnig!“ „Das wundert Sie?“ ſagte Frau Düpaſtel lä⸗ chelnd. 330 „Nein, aber es mißfällt mir; denn ich will der einzige ſein, der Sie ſo liebt.“ Es ſchien der Himmel Randeuil's mörderiſchen Wunſch zu erhören: endlich wirkten die heftigen Ge⸗ müthsbewegungen, welche der Oberſt ſeit einiger Zeit gehabt, auf ſeine durch Kriegsſtrapazen ſchon längſt geſchwächte Conſtitution zurück. Nach einem Balle, wo er Frau Düpaſtel hatte drei Contretänze mit ſeinem Rivalen tanzen ſehen, fühlte er ſich von Froſtſchauern durchrieſelt; darauf ſtellte ſich das Fieber ein, und ſo ſehr ſich auch der Greis wider die ärztlichen Befehle ſträuben mochte, ſo blieb ihm am Ende eben doch nichts übrig, als das Bett zu hüten. Nachdem ſeine Krankheit nicht mehr ſo ernſt war, mußte er gleichwohl noch einem ſtrengen Reg⸗ lement ſich unterwerfen und alle Geſellſchaft meiden. Hippolyt blieb alſo Herr des Bodens und verfolgte ungeſäumt ſeinen Vortheil. Die liebevolle Anhäng⸗ lichkeit, welche Frau Düpaſtel ihm geweiht, war zu lebhaft und zu ernſt, als daß ſie nicht ſogar das Andenken an einen Greis hätte austilgen müſſen, den man nicht mehr ſah, und der der jungen Frau immer nur ein mitleidsvolles Intereſſe einzuflößen gewußt hatte. Bei der Nachricht von Lareynie's Wiedergene⸗ ſung willigte Ermance endlich ein, den Tag einer Heirath feſtzuſetzen, wovon ihr Geliebter unauf⸗ hörlich ſprach und die ihre Liebe krönen ſollte, in⸗ dem ſie ſie für eine rechtmäßige erklärte; aus einer ihr angeborenen Herzensgüte aber ſollte die Feier⸗ lichkeit in aller Stille und Heimlichkeit vor ſich gehen, da ſie befürchtete, es möchte eine ſo unan⸗ v*„ ——— N v— 331 genehme Nachricht die Wiedergeneſung des Oberſten ernſtlich behindern. Die beiden Liebenden umgaben alſo den feierlichſten Act ihres Lebens mit einer ſolchen Menge geheimnißvoller Vorſichtsmaßregeln, daß ein Uneingeweihter hätte auf den Glauben kommen können, es finde hier eine ſtrafbare Hand⸗ lung Statt. Nach dem prieſterlichen Segen ver⸗ ließen ſie alsbald Paris, um die pathetiſche Scene zu vermeiden, die ein Zuſammentreffen mit dem faſt vollſtändig wiederhergeſtellten alten Oberſten unfehl⸗ bar zur Folge gehabt hätte. An einem heiter⸗ lächelnden Frühlingsmorgen rollten Ermance und Hippolyt in einer Poſtchaiſe, wo nur zwei Platz hatten, auf der nach Belgien führenden Landſtraße dahin, und ſo wenig dieſer Weg auch Schönes hat, ſo däuchte er doch unſerem Paare ein langes Ro⸗ ſenbett zu ſein. Ehe ſie auf der zweiten Station anlangten, deutete der junge Gatte auf eine an der Seitenallee ſtehende verdorrte Ulme. „Dieſen Baum liebe ich,“ ſprach er:„ich möchte ihn in unſerem Garten haben.“ „Wenn wir einmal einen Garten haben,“ gab Ermance zurück;„er iſt überaus häßlich, dein Baum.“ „Allerdings, aber er erinnert mich an den erſten Tag meines Glückes: hier habe ich den Wagen um⸗ kehren laſſen, worin ich Fräulein Lareynie entführte.“ „Wie! du biſt ſo böſe geweſen, mich auf dieſe häßliche Straße zu führen?“ ſprach die junge Frau mit ſchmollender Miene.„Sie gefällt mir gar nicht: kehren wir nur wieder um!“ 332 „Ich will aber eben nicht,“ ſprach Randeuil lächelnd. „Alſo eine neue Entführung?“ hob ſie wieder an, ohne ſich ihrerſeits des Lachens enthalten zu können. „Sag' lieber Verführung,“ antwortete Hippolyt und ſchloß ſie in beide Arme mit einem verliebten Entzücken, das ſelbſt ein noch ſchlechteres Wortſpiel hätte als geiſtreich erſcheinen laſſen. XI. Gegen die Mitte des Monats Auguſt fuhren die beiden Gatten, nachdem ſie Belgien und Hol⸗ land geſehen, das Rheinthal hinauf, um durch das Großherzogthum hindurch nach Frankreich zurückzu⸗ kehren. Sie verweilten einige Tage in der be⸗ rühmten Bäderſtadt, wo, wie gewöhnlich, die Saiſon eine Menge Fremder verſammelt hatte. Eines der erſten franzöſiſchen Geſichter, die Randeuil unter den Alleen am Converſationshauſe erkannte, war das des General Thorignon. Nachdem er den Arm ſeiner Frau auf einen Augenblick verlaſſen, trat er auf den alten Soldaten zu, in deſſen herzlichem Empfang ihm indeſſen eine gewiſſe Verlegenheit zu liegen ſchien. Ermance ihrerſeits hatte eine ihr bekannte Pa⸗ riſer Dame wieder gefunden. „Welche Dame begleiten Sie da?“ fragte der General nach einigen gleichgültigen Eingangsworten. . — 333 „Meine Frau,“ verſetzte Randeuil;„wiſſen Sie nicht, daß ich verheirathet bin?“ „O! ich weiß das nur zu gut,“ hob der Greis kopfſchüttelnd wieder an.„So! das iſt alſo Frau Düpaſtel— ich wollte ſagen, die frühere Frau Düpaſtel! Meiner Treu! Sie iſt recht hübſch, un⸗ gemein hübſch, und nun finde ich auch die Extra⸗ vaganzen des armen Lareynie minder erſtaunlich.“ „Was iſt aus ihm geworden?“ fragte der junge Gatte mit einem gewiſſen Intereſſe. „O, ſprechen Sie mir nicht davon!“ antwortete General Thorignon:„es wäre mir ebenſo lieb, wenn er mit noch ſo vielen Andern auf dem Rück⸗ zug von Moskau geblieben wäre. Ja, Frau Dü⸗ paſtel— Frau Randeuil, wollte ich ſagen, kann ſich ſchmeicheln, daß ſie den armen Oberſten ärger mitgenommen, als der ſchneidendſte Nordwind und die Lanze der Koſaken. Es iſt nun aber einmal das menſchliche Herz ſo und nicht anders: ein net⸗ tes Füßchen und ein ſchön geſpaltenes Auge reichen hin, um einen Mann total zu vernichten. Ich, der ich jetzt mit Ihnen ſpreche, meinte, es würde mir die kleine Armandine von der großen Oper einen Blutſchlag verurſachen. Glücklicher Weiſe bin ich nicht ganz ſo ſchwach wie Lareynie und habe mich nach Baden begeben, um mich zu zerſtreuen. Der arme Lareynie! es ſteht wahrhaftig traurig mit ihm! Wohl weiß ich, daß man weder Ihnen noch Frau Randeuil deßhalb Vorwürfe machen kann. Sie beide waren jung, Sie liebten ſich, Sie haben ein⸗ ander geheirathet: alle Welt hätte an Ihrer Stelle ebenſo gehandelt— und zwar ich zuerſt. Ich muß 334 ſogar bekennen, daß Sie perſönlich verdammt ge⸗ ſcheid gehandelt, indem Sie dieſe Heirath der vor⸗ gezogen, welche ich zu Stande bringen wollte. He! wenn Sie die Andere geheirathet hätten, wie curios würden Sie jetzt ausſchauen! „Was meinen Sie damit?“ fragte Randeuil. „Wie! Sie haben von Fräulein Lareynie's Abenteuer noch nicht gehört?“ „Ich weiß nicht das Mindeſte: wir kommen eben aus Holland und ſind ſeit einem Vierteljahre gar nicht mehr auf dem Laufenden.“ „So hören Sie denn, mein lieber Herr: Fräu⸗ lein Abeille, Ihre ehemalige Paſſion, die, Dank der Nachläſſigkeit ihres Vaters, in ihrer Penſion eine abſcheuliche Erziehung erhalten und ſich den Kopf mit Romanen angefüllt hat— Fräulein Abeille, iſt eines ſchönen Morgens mit einem Clavierlehrer durchgegangen, der nichts zwiſchen die Zähne zu legen hat als ſeine Finger. Wohin ſie gegangen, das weiß der liebe Gott; indeſſen glaubt man, daß ſie in England ſind. Was ſagen Sie dazu? Sie ſind wahrlich noch gut weggekommen!“ „Abeille entführt, und zwar jetzt in allem Ernſte!“ ſprach Randeuil bei ſich ſelbſt.„Es hatte meine Frau Recht: das Durchgehen war bei dieſer kleinen Penſionärin ein wahrer Beruf. Sie können ſich leicht denken, welcher Schlag dieß für den Oberſten geweſen, der kaum wieder geneſen war und Ihre Heirath faſt zu gleicher Zeit erfahren hat. Einige Tage lang habe ich geglaubt, daß er mir noch ganz von Sinnen kommen würde, . 335 und es wäre das, meiner Treu! wohl ebenſo gut geweſen.“ „Was thut er denn aber jetzt? Wo iſt er?“ fragte Hippolyt, der von ſeiner früheren Paſſion ſo gründlich geheilt war, daß das Schickſal des unglücklichen Greiſes ihn in dieſem Augenblicke mehr intereſſirte als Fräulein Abeille's Irrfahrten. „Er iſt hier,“ ſprach der General:„wiſſen Sie es denn nicht?“ „Hier!“ rief Randeuil mit unwillkürlich bewegter Stimme. Dieſem Geſpräch machte Ermance ein Ende, indem ſie wieder den Arm ihres Gatten nahm, der mit einem ausdrucksvollen Zeichen dem General Schweigen auferlegte, während er ihn der jungen Frau vorſtellte. Da der Abend bereits vorgerückt war, ſo ſpannen die beiden Gatten eine nicht allzu intereſſante Unterhaltung nur noch kurze Zeit fort und traten, den alten Militär verlaſſend, in das Gebäude, wo die ganze gute Geſellſchaft ſich zu verſammeln pflegt. Nachdem ſie ſich eine Zeit lang im Ballſaale ergangen, drangen ſie in einen Salon, deſſen Mittelpunkt von einem langen Tiſche einge⸗ nommen war. Auf dem grünen Teppiche, der den⸗ ſelben bedeckte, zeichnete ſich eine Reihe von Zahlen und Fächern, die dem Uneingeweihten ebenſo un⸗ verſtändlich ſein müſſen wie die Hieroglyphen eines ägyptiſchen Obelisken. In der Mitte und auf jeder Seite dieſes Parallelograms ſaßen einige Männer mit kalter Miene, die vermittelſt eines kleinen Re⸗ chens die vor ihnen aufgeſtapelten Geld⸗ und Sil⸗ berhaufen gleichgültiger hin⸗ und herſchoben als 336 ein Kind, welches mit einer Hand voll Sand ſpielt. Zwei Reihen Perſonen, die erſte ſitzend, die andere ſtehend, umgaben dieſen grünen Tiſch, wo unter dem ſpeciellen Schutze Sr. Königlichen Hoheit des Großherzogs von Baden die oft ſchrecklichen MWyſte⸗ rien des Prente et Quarante gefeiert werden. „Nachdem Ermance und Randeuil mit einem peinlichen Gefühl die Geſichter dieſer der guten Ge⸗ ſellſchaft angehörenden Männer und dieſer eleganten Frauen, die faſt alle die Zeichen an der Stirn trugen, welche die Krallen des Spielteufels zurück⸗ laſſen, einen Augenblick betrachtet, ſchickten ſie ſich an, einen von Verſuchungen ſo vollen Saal wieder zu verlaſſen. Da wurde das Auge des jungen Gatten plötzlich zauberartig von einer Geſtalt ge⸗ feſſelt, die er neben und ſo zu ſagen unter dem mörderiſchen Rechen eines der Croupier ſitzen ſah. Es war ein Greis von ſeltſamem, unheilverkünden⸗ dem Aeußern: auf ſeinem bleichen, fleiſchloſen Ge⸗ ſichte fand das Auge die Spur einer unbezähmbaren Leidenſchaft, die ihr Brandmal den Verheerungen eines frühzeitigen Alters beigeſellt hatte. Seine Augen verſchwanden faſt in Höhlen, deren Bogen aller Brauen baar war; auf ſeiner runzelbedeck⸗ ten Stirn ließ eine ſchlechte Perücke weiße Haare hindurchdringen, und ſeine alten abgeſchabten Klei⸗ der deuteten nur allzu ſehr auf vollſtändige Gleich⸗ gültigkeit in Dingen der Toilette hin. Ueber meh⸗ rere Haufen Napoleonsd'or und einen Pack Bank⸗ noten gebeugt, die er vor ſich liegen hatte, hielt dieſer Spieler, welcher der älteſte von allen zu ſein ſchien, in einer Hand eine Stecknadel und in der i⸗ k⸗ in er 337 andern eine Karte, in welche er, ſo oft ein Spiel aus war, aufmerkſam hineinſtach. Hippolyt mußte dieſen Spieler zum zweiten und dritten Mal betrachten, um in ihm ſeinen früheren und unglücklichen Rivalen, den Oberſten Lareynie, wieder zu erkennen. Der bloße Anblick dieſes Mannes flößte Mitleid ein. Ueberzeugt endlich, daß er ſich nicht täuſchte, wollte er Ermance hin⸗ wegführen, um ihr dieſes peinliche Schauſpiel zu erſparen; aber gerade in dieſem Augenblicke ver⸗ urſachte der Umſtand, daß die Partie zu Ende war, unter den Anweſenden eine gewiſſe Bewegung. Während der Bankier. aus einer vor ihm befind⸗ lichen Höhlung im Tiſche die Karten herausnahm, deren er ſich eben bedient, ſtanden mehrere Spieler auf, und mit einem Male fand ſich Herr Lareynie dem jungen Ehepaare gegenüber, ohne daß es Ran⸗ deuil möglich geweſen wäre, ihm auszuweichen. Als der Greis Randeuil's und ſeiner Gattin anſichtig wurde, blieb er krampfhaft ſtehen; ſeine fahlen düſteren Züge belebten ſich wieder, und in ſeinen erloſchenen Augen brannte ein unheimliches Feuer, während ein wenig Blut die Haut ſeiner Wangen erwärmte. Trotz der gewaltigen Verände⸗ rung, die ihn ſelbſt einem langjährigen Freunde hätte unkenntlich machen müſſen, erkannte Frau Randeuil ihn doch auf der Stelle, und es konnte die junge, glückliche Frau ſich eines Ausrufs, in dem Ueberraſchung, Furcht und Mitleid ausgedrückt lagen, nicht erwehren. Herr Lareynie war einen Augenblick unſchlüſſig, und offenbar ging während dieſer Zeit ein furcht⸗ Bernard, Ausgew. Erzählungen. I. 22 338 barer Kampf in ſeinem Innern vor ſich; endlich verbeugte er ſich vor dem einzigen Gegenſtande ſeiner Anbetung und ſprach mit einer Stimme, die ebenſo gebrochen war wie ſein ganzes Weſen: „Ich mache Ihnen Furcht, Madame?“ Dann lächelte er, wie etwa ein Todter zu thun vermöchte, den man der Wirkung des Galvanismus ausſetzt. Ermance ſtammelte eine unverſtändliche Antwort, und es wurden von beiden Seiten einige unzuſam⸗ menhangende Worte gewechſelt. Der Greis ent⸗ hielt ſich, irgend etwas zu ſagen, was auf ſeine frühere Leidenſchaft Bezug gehabt hätte; indeſſen ſprach ſeine gräßliche Metamorphoſe für ihn. Zwi⸗ ſchen dem adoniſirten, geſchminkten, parfümirten, ſeine Ueberreſte nach Art einer Kokette pflegenden ſechzigjährigen Gecken und dem nachläſſig und ſchmutzig gekleideten Spieler mit dem langen Barte lag ein Abgrund, den bloß die ungeheuerſte Täu⸗ ſchung hatte ausfüllen können. Ein kleiner kurzer Schlag, der mit dem Rechen des Croupier gegen den grünen Teppich geführt wurde, verkündigte die Fortſetzung des Spiels. Bei dieſem Rufe fuhr Herr Lareynie mit der Hand über die Stirn, wie ein Menſch, der da aufwacht, und verabſchiedete ſich mit einer ſtummen Verbeu⸗ gung von Ermance. „Sie ſpielen alſo?“ fragte ſie ihn in einem des Vorwurfs, worin Theilnahme ausgedrückt ag. „Ich habe heute Abend ſchon fünfzehntauſend Franken verloren,“ antwortete er kalt. 339 „Aber Sie ruiniren ſich ja!“ rief ſie bewegt. Herr Lareynie blickte ſie ſtarr an. „Es wird nicht mehr lange währen,“ verſetzte er darauf, indem er ſein Lächeln von jenſeits des Grabes erneuerte;„muß ich nicht irgend etwas thun, um Sie zu vergeſſen?“ Mit dieſen Worten ſetzte er ſich wieder und warf auf den grünen Teppich eine Banknote hin, die ein Rechen faſt in demſelben Augenblicke einzog, gleich⸗ wie der Wind ein dürres Blatt entführt. „Machen wir, daß wir hinauskommen,“ ſagte Ermance zu ihrem Gatten;„es wird mir eng um's Herz; ich erſticke in dieſer Atmoſphäre.“ Und ſie traten aus der vergoldeten Räuberhöhle und fanden draußen wieder die friſche, reine, wohl⸗ thuende Luft, die heitere Nacht, die blühenden Po⸗ meranzenbäumen, das ſternenprangende Himmels⸗ gewölbe. „Morgen reiſen wir ab: nicht wahr?“ ſprach die junge Frau, und es lag in ihrem Tone etwas Trauriges. „Dieſe Begegnung hat dich wohl unangenehMm berührt?“ fragte Randeuil. „Ach! er iſt recht unglücklich, und wie mir ſcheint, ſo trage ich die Schuld.“ „Wenn das der Fall iſt, ſo muß ich mir eben⸗ falls die Aufführung feiner Tochter vorwerfen, die, während er ſich im Spiel ruinirt, muſikaliſche Kreuz⸗ und Querfahrten macht.“ Hippolyt wiederholte ſeiner Frau nun, was er aus dem Munde General Thorignons über Abeille er⸗ 22 340 fahren, und ſprach, den Arm ſeiner Frau mit dem ſeinigen ſanft drückend: „Nein, liebe Ermance, keines von uns beiden iſt hier ſchuldig; nur ſich ſelbſt allein hat dieſer Mann ſein Unglück zuzuſchreiben— er, der in einem Alter von ſechzig Jahren ſich nicht darein ſchicken konnte, daß er alt geworden: er, der, die Pflichten ſeines Alters verkennend und die Vorrechte des unſrigen uſurpirend, durchaus Liebe einflößen wollte und vergaß, daß er Vater war. Ohne Zwei⸗ fel iſt eine ſchwere Strafe über ihn gekommen, doch iſt dieſelbe keine ungerechte; bedauern wir ihn alſo, klagen wir aber nicht uns ſelbſt an!“ Ende des erſten Theils.