M . 1 — — — — — von Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Seih und Zeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ſer Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von I —— ſ ijedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe . hinterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 3 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1Ni. 5 Pf. 2 Mk.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren erkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Don Esteban, oder Memviren eines Spaniers. Aus dem Engliſchen nach der zweiten Auflage frei uͤberſetzt von Gustav Sellen. 5 Dritter he Leipzig, 1827. Verlag von Cart Focke. 1. 11I Inhaltsverzeichniß des pritten Theiles. Erſtes Kapitel. Eſtebaws Ankunft in Spanien.— Zuſtand des Landes.— Ankunft in Cigales.— Auf⸗ bruch nach Valladolid.— Iſabella's An⸗ kunft.— Betragen der Geiſtlichkeit gegen Donna Tereſa.— Don Facundo's Ankunft.— Ein nächtlicher Beſuch bei Eſteban.— Einige Worte uͤber die Inquiſition„„ 8weites Kapitel. Morgenandacht im Inquiſitionsgebäude, Mahlzei⸗ ten ꝛc.— Beſchreibung der Gerichtshalle.— Eſteban's Verhoͤre.— Torturkammer.— Eſteban's Leiden.— Merkwuͤrdige Mitthei⸗ lung des Inquiſitors„„ Drittes Kapitel. Eſteban wird in das Civil⸗Gefängniß gebracht.— Zuſammenkunft mit ſeiner Familie.— Die Art, wie man bei den Richtern Spaniens eine Sache füͤhrt.— Treue eines Dienſtboten.— 2 Seite⸗ 18 . IV. Seite. Abſchieds⸗Scene.— Eſteban's Reiſe nach Ma⸗ drid.— Ein Beſuch bei dem Vater Mar⸗ tinez, des Koͤnigs Beichtvater.— Eſteban wird vorgelaſſen.— Plan des Vater Mar⸗ tinez.— Wichtige Mittheilung deſſelben 37 Viertes Kapitel. Beſuch bei dem Herzog von Alagon, dem Ka⸗ pitain der Garden.— Die erforderlichen Be⸗ dingungen, um in des Koͤnigs Leibgarde auf⸗ genommen zu werden.— Beſchreibung von Madrid.— Oeffentliche Spaziergaͤnge.— Die Gaͤrten des Buen⸗Retiro.— Stierge⸗ fecht. Maiquez, der ſpaniſche Roscius, und ein pne—„Cn 0 Fünftes Kapitel. Zuſammentreffen mit Anton.— Seine Aben⸗ theuer und ſein Bericht uͤber Lozano de Tor⸗ res, Miniſter der Gnade und Gerechtigkeit.— Ferdinand's Leichtgläubigkeit und Lozano's Kunſtgriffe.— Die Geſandten von Santia⸗ go.— Lozano's Art, mit Ferdinand die Ge⸗ ſchäfte abzumachen.— Eſteban nimmt Anton i ſenn Bient— 573 Sechſtes Kapitei Neuigkeiten aus der Heimath.— Politiſche Ge⸗ ſtaltung Spaniens.— Beſuch bei dem Fis⸗ cal de Guardias.— Giſchftebetteung des Herzogs von Alagon.— Eſteban wird dem Koͤnige vorgeſtellt.— Beſchreibung Ferdi⸗ V — Seite. nands.— Zeremonien xblegung de des bei dem Eintritte in die Seibgarde— 134 Siebentes Kapitel. Der Koͤnig und die konigliche Familie.— De⸗ ren Lebensweiſe.— Verſchiedene Beamte des koͤniglichen Haushaltes.— Der Koͤnigin und der Infantinnen weibliches Gefolge.— Die jungen Kammerdamen.— Die Mahlzeiten der koͤniglichen Familie.— Bittſchriften an den Koͤnig und deſſen Audienzen.— Seine Vorliebe fuͤr die Mönche. 39 Achtes Eſteban's Lebensweiſe.— Tertullia's, und Spiel in den Haͤuſern der Granden.— Eſteban's Abreiſe nach Cadiz, die Infantinnen von Por⸗ tugal einzuholeu.— Beſchreibung von Aran⸗ juez.— La Mancha.— Sierra Morena.— Andujar.— Das alte Botica.— Die Frauen Andaluſiens.— Cordoba.— Ecija.— Carmona.— Entvoͤlkerung Andaluſiens und deren Urſachen.— Sevilla.— Der Bo⸗ lero⸗Tanz.— Rerez.— Anſicht von Ca⸗ diz und der umliegenden Gegend.— Das Thal von Chiclana 50 5 — Neuntes Kapitel. Ankunft in Cadiz.— Die Gemahlin des Kö⸗ nigs.— Landung der Infantinnen.— De⸗ ren Empfang.— Stolz des Grafen Mi⸗ VI Seite. ränba, Mayordomo Mayor des Königs.— Anekdoten von demſelben.— Abreiſe von Ca⸗ viz.— Geſchenke für die Koͤnigin.— Be⸗ ſchaffenheit ihrer Garderobe.— Zuſammen⸗ kunft zwiſchen Ferdinand und der Koͤnigin.— Ankunft zu Madrid und Vermählung.— Gro⸗ ßer Galla⸗Tag.— Levee der Koͤnigin.— Ihre liebenswuͤrdigen Eigenſchaften.— Ihr Geſchmack an den ſchoͤnen Kuͤnſten.— Ver⸗ ſchwendung Ferbinand's und des Hofes.— Stand der politiſchen Angelegenheiten Spa⸗ niens 5— M* ſö*** 31 Zehntes Kapitel. Reizbarkeit der Koͤnigin.— Anekdote von Cha⸗ morro.— Sacedon.— Vergnuͤgungen da⸗ ſelbſt.— Prozeſſion nach dem Eskurial.— Beſchreibung von San Lorenzo.— Moͤnchs⸗ etikette.— Das Pantheon* 147 Eilftes Kapitel. Eſteban's Abreiſe nach Barcelona, die Infantin von Neapel, des Infanten Don Francisco Gemahlin, einzuholen.— Zuſammentreffen mit dem Pater Cirillo, General der Francis⸗ kaner.— Valencia.— Der Haushofmeiſter des Herzogs von Medinaceli.— Einrichtung der ſpaniſchen Granden.— Eine entdeckte Verſchwoͤrung, und Tod mehrerer Patrioten.— Das alte Sagunt.— Tortoſa.— Tarra⸗ gona.— Der Baron von den ſieben Thuͤr⸗ men.— Sondberbarkeit des General's Don V * Seite. Carlos Shm— Beſchreibung von Bar⸗ celona„ 155 Zwoͤlftes Kapitel. Eſteban's Beſuch bei den Verbannten in Mont⸗ pellier.— Seine Ruͤckkehr nach Barcelo⸗ na.— Ankunft der Infantin.— Ruͤckkehr nach Madrid.— WMerkwuͤrdige politiſche Be⸗ gebenheit.— Aufſtand und Schrecken der wnmnewr Gewalt„„. 172 Dreizehntes Kapitet. Sihe in der Hauptſtadt und Ferdinand's Schrecken.— Abisbal und Balleſteros.— Doppelte Wache im Palaſt des Koͤnigs.— Anekdote.— Ferdinand's Zoͤgerung in Er⸗ fuͤllung ſeiner Verſprechen.— Unwille des Volkes.— Oeffentlicher Eid der Truppen, zur unterſtuͤtzung der Konſtitution.— Neue Geſtaltung der Dinge.— Die Verbannten kehren in ihre Heimath zuruͤck, und Eſteban geht nach Valladolid„132 „₰ Vierzehntes Kapitel. Ein Stellen⸗Jäger, und Antons Scherze uͤber ihn.— Auftritt in einer kleinen Stadt.— Eſteban wird angenehm uͤberraſcht.— Der Alkalde und Raimundo.— Eſteban in Val⸗ ladolid; deſſen Freude uͤber das Zuſammen⸗ treffen mit den Seinen.— Neue Urſach zur vI Funfzehntes Kapitel. B Seite. Eſteban wird zum Befehlshaber der Kavallerie in Valladolid ernannt.— Sein oͤffentlicher Eid, die Konſtitution zu vertheidigen.— Der gluͤck⸗ liche Tag der Vermaͤhlung erſcheint.— An⸗ ton's Freudenbezeigungen.— Die Braut und Eſteban's Freunde.— Ernſte Unterbre⸗ chung.— Eſteban verlaͤßt Ifabella, und verfolgt den rebelliſchen Pfarrer Merino.— Die Empoͤrer werden uͤberfallen.— Don Facundo Torrealva wird Eſteban's Gefan⸗ gener.— Don Lorenzo's Kummer.— Don Facundo's letzte Augenblicke.— Wichtige Entdeckungen.— Schluß„„ 203 Don Don Eſteban, . oder Memoiren eines Spaniers. Deitter T5eil. III. 1 Erſtes Kapitel. Das Vergnuͤgen, mein geliebtes Heimathland wieder zu betreten, ward bedeutend geſtoͤrt durch den Unterſchied, den deſſen Anblick gegen das reiche, frohliche, belebte Frankreich darbot. Jene drei fruͤher genannten Provinzen ausgenommen, deren Einwohner zu thaͤtig ſind, um ihre Ge⸗ ſchaͤftigkeit durch irgend etwas ſtören zu laſſen, herrſchte uͤberall Truͤbſinn und Elend. Die Land⸗ leute, von denen der Koͤnig Geld verlangte, bo⸗ ten ihm Korn, und viele hatten ſelbſt dies nicht. Der Beherrſcher des fruchtbaren Spanien und des goldenen Amerika war gezwungen, zur Be⸗ ſtreitung ſeiner eigenen dringendſten Ausgaben von fremden Nationen Geld zu borgen, denn er hatte weder einen Schatz, noch eine Flotte, noch ein Heer. Selbſt die Konfiskationen konnten dem Mangel nicht abhelfen. Das Militair war ohne 1* 4 Brob, ſogar ohne Kleidung, und deſſen einzige Hilfsquelle, auf offentlichen Landſtraßen zu bet⸗ teln oder auf abgelegneren zu rauben. Doch Alles iſt erklaͤrt, wenn ich ſage, daß die Gebie⸗ ter uͤber unſer Schickſal, die Guͤnſtlinge Ferdi⸗ nand's, die Männer, aus denen jetzt die Kama⸗ rilla beſtand, und deren Befehlen ſelbſt die Mini⸗ ſterien gehorchen mußten, unwiſſende Moͤnche wa⸗ ren, dummſtolze Bedienten, Laſtträger ſogar, wie der bekennte Ugarte. Alle dieſe hatten nie Talent be⸗ ſeſſen, hatten keine Erziehung genoſſen, kein Amt verwaltet, und brachten in den Palaſt des Ko⸗ nigs alle die Vorurtheile des Kloſters und der Hefe des Volkes. Gerechtigkeit und Vernunft mußten vor ſolchen Menſchen ſinken, und Dumm⸗ heit, Unterdruͤckung, Fanatism, Elend und Ver⸗ wuͤſtung uͤberall herrſchen. Wiederholt erhielten die Kommiſſionen vom Kö⸗ nig den Befehl, die Unterſuchungen gegen die Libera⸗ len zu beſchleunigen und ihm zur Entſcheidung vor⸗ zulegen. Die Richter durften es nicht wagen, vor den Augen der ganzen Welt die Schlachtopfer zu richten, obgleich Haß und Rachſucht von ihrer Seite oft der einzige Grund der Anklage waren. Dies ward der Hand des Königs ſelbſt vorbehal⸗ ten. Die Praͤſidentſchaften von Ceuta, Pennon 5 de Velez und andere ſahen die Hände der Maͤn⸗ ner, welche noch vor Kurzem den Thron behaup⸗ teten, welche mit den Nationen Europa's Ver⸗ handlungen ſchloſſen, und welche Talente, Tu⸗ gend und Vermoͤgen aufgeboten hatten, den Koͤ⸗ nig wieder in ſeine fruͤhern Rechte einzuſetzen, dem Lande den alten Glanz und Ruhm wieder zu verleihen, mit Feſſeln belaſtet. Aller Orten erneuerte ſich mir auf meiner einſamen Reiſe dieſer traurige Eindruck, und er praͤgte ſich endlich meinem Gemuͤthe um ſo tiefer ein, da bis zu meiner Ankunft in Cigales ſich nichts ereignete, was meine Gedanken auf andere Gegenſtaͤnde hätte leiten koͤnnen. In Cigales hatte ich das wehmuͤthige Vergnuͤgen, meine Mut⸗ ter und meine Schweſtern zu umarmen. Sie lebten im eigentlichſten Sinne des Wortes unter Ruinen, denn das Haus war noch nicht wieder hergeſtellt worden, ſeit die Franzoſen es zerſtörten. Der Theil des Gebaͤudes, den meine Mutter jetzt bewohnte, enthielt die fruͤhere Wohnung des Haus⸗ verwalters. Jetzt war es aber jeder Bequemlich⸗ keit beraubt, und ſah oͤde und traurig aus. Die Ergebung, die meine Mutter und meine Schwe⸗ ſtern in dieſem Wechſel zeigten, erfuͤllten mein Herz mit der innigſten Ruͤhrung. Wir ſchicken uns in unſere Lage, ſagte meine 6 „——— Mutter, und verſuchen, in unſerer Armuth eben ſo ehrenvoll und unabhaͤngig zu leben, als wir eßz thaten, da uns der Ueberfluß umgab; doch ich muß bekennen, daß der Wechſel nicht ganz leicht zu ertragen iſt. Ich bin gezwungen gewe⸗ ſen, meine Equipage zu verkaufen, und ſelbſt die Diener zu entlaſſen, die mein Alter nöthig hatte, und an die ich mich ſchon ſeit lange gewoͤhnt. Selbſt von Deinem armen Anton mußten wir uns trennen, doch wir hatten hier kaum ſelbſt den nothwendigſten Lebensunterhalt, und dieſe Schritte waren daher unerlaͤßlich. Aber wir richten unſere Ausgaben nach unſeren Einnahmen, und ich kann betheuren, daß uns unſere eigene traurige Lage nur wenig ruͤhrt, wenn wir an die Deines un⸗ gluͤcklichen Vaters denken. Ich troſtete meine arme Mutter, ſo gut 66 ſelbſt es vermochte, und uͤberredete ſie, ihren trau⸗ rigen Aufenthaltsort zu verlaſſen, um ein kleines Haus in Valladolid zu beziehen, das ich glück⸗ lich genug geweſen, zu verſchaffen. Hier gab die Liebe ihrer Kinder und der Umgang einiger treu gebliebener Freunde ihr ihre Gemuͤthsruhe wenig⸗ ſtens in Etwas wieder, und hier wurde auch ich durch die ganz unerwartete Ankunft Iſabella's uberraſcht und entzuͤckt. Die müten Schickſale, welche uns lubbffen, 7 hatten weder meine, noch auch ihre Liebe im Ge⸗ ringſten geſchwaͤcht. Seit meinem letzten Beſuche bei ihr waren wir in beſtändigem offenen Brief⸗ wechſel geweſen, und jetzt ſagte ſie mir, daß ſie mit ihrer Tante, Donna Celeſtina, einige Mo⸗ nate in Valladolid zubringen wolle, indem der Onkel ſeine Guͤter bereiſe, um zu ſehen, in wie weit ſie nach einem ſo verheerenden Kriege wieder in brauchbaren Stand zu ſetzen waͤren. Die Schonheit Iſabella's, ihr Rang und ihr Vermögen zogen in das Haus ihrer Tante eine Menge von Anbetern, doch da die Klugheit mir verbot, mich öffentlich zu viel zu zeigen, miſchte ich mich nich unter dieſelben. Nur in Geſell⸗ ſchaft meiner Schweſtern konnte ich Iſabella ſehen. Oeffentlich, wenn ſie von ihren Anbetern um⸗ ringt war, neigte ich mich nur aus der Ferne ehrerbietig vor ihr, und ſie erwiederte den Gruß auf gleiche Weiſe. Hft konnte ich bei ſolchen Gelegenheiten ein leichtes Lächeln nicht unterdruk⸗ ken, wenn ich ſah, wie ſchwer es ihr ward, mir nicht ihre ganze Freundlichkeit zu zeigen. Sie war in der That ſo ganz fremd in der, ihrem Geſchlechte ſonſt ſo eigenen Verſtellungskunſt, daß ich es vermied, ihr öffentlich zu begegnen, weil ich ſtets furchten mußte, ſie werde zu ihrem eige⸗ nen Verräther werden. Doch mein Stolz fuhlte 8 ſich nicht wenig geſchmeichelt, wenn ich ſah, wie die reichſten und angeſehenſten jungen Maͤnner emſig um ihre Hand warben, und ich doch der blieb, dem ſie vor Allen den Vorzug gab. Sie beſuchte meine Schweſtern haͤufig, und ich war daher oft gluͤcklich genug, ſie ſehen, und mich ohne Zwang mit ihr unterhalten zu koͤnnen; o wie ruͤhrte es mich, wenn ich hier ſah, wie ſie verſtohlen ſo manche Thräne uͤber unſer Un⸗ gluͤck vergoß.— Selige Stunden!— Doch ſie waren zu ſchoͤn fuͤr einen Elenden, wie ich. Ein neues Mißgeſchick, welches meine Familie traf, zog die oͤffentliche Aufmerkſamkeit auf mich, und ward mir hoͤchſt verderblich. t Meiner Mutter Gut in Cigales war ihr von ihrem Vater vererbt worden, einem aͤußerſt from⸗ men Manne, welcher in ſeinem Teſtamente feſt⸗ ſetzte, daß von dem Ertrage des Gutes jährlich eine gewiſſe Summe an eine Kirche gezahlt wer⸗ den ſollte, in welcher er eine Altarſtelle, oder, wie es hier genannt wurde, eine Kapelle hatte. Während des letzten Krieges war dieſe Abgabe nicht gezahlt worden, weil der Felnd das Land verwuͤſtet hatte, und es daher nichts eintrug. Dies war ſehr wohl bekannt, und als mein Vater nach der Vertreibung der Franzoſen zu⸗ ruͤckkehrte, verſchoben die Geiſtlichen, welche mit 1 —FÜFFÜ * ——— 9 der Verwaltung jener Gelder beauftragt waren, die ganze Summe fuͤr alle die vergangenen Jahre einzufordern. Jetzt jedoch, wo meine arme Mut⸗ ter, des Schutzes ihres Gatten beraubt, ihnen ein Gegenſtand des Mitleides und der Schonung hatte ſeyn ſollen, wie ſie es wirklich allen denen war, die ein fuͤhlendes Herz im Buſen trugen, jetzt ſahen die wohlwollenden Prieſter in ihr eine leichte Beute, und faßten den Entſchluß, ihr auch noch das Wenige zu rauben, was der Des⸗ potismus ihr gelaſſen hatte, die einzige Quelle eines kärglichen Unterhaltes fuͤr ſich und ihre Töchter. Sie verlangten deshalb die Bezahlung der ganzen Summe, und als dieſe erwieſen un⸗ moͤglich war, legten ſie Beſchlag auf das Gut, nahmen ihr alles, was ihr noch geblieben war, und warfen ſie und ihre beiden Toͤchter dadurch gradezu auf die Straße. Dies ließ ſich nicht ruhig ertragen. Ich trat vor den Alkalden, und ſprach mit Waͤrme gegen ein ſo ſchaͤndliches Verfahren. Er bezeigte mir ſeine Theilnahme, aber er durfte es nicht wagen, den Pfaffen ſich zu widerſetzen. Mit gleich ſchlech⸗ tem Erfolge ſuchte ich bei jeder rechtmäßigen Behoͤrde Beiſtand zur Wiedererlangung des Gu⸗ tes; die Gerechtigkeit unſerer Forderung ward allgemein anerkannt, aber die Richter beugten —— ſich unter das Joch der Inguiſition, und achte⸗ ten nicht auf alle unſere Klagen. Die Sache wurde aber in der Stadt bekannt. Meine Mut⸗ ter ward bald ein Gegenſtand allgemeinen Mit⸗ gefuͤhls, ihre pluͤndernden Widerſacher aber zogen . Haß und Abſcheu auf ſich. Doch von dem, was meine Mutter verloren hatte, erhielt ſie nie auch nur den geringſten Theil wieder. Um das Elend vollkommen zu machen, traf uns dieſes Mißge⸗ ſchick unmittelbar, nachdem ſie meinem Vater den groͤßten Theil ihrer ſo eben erhaltenen Ein⸗ nahme uͤberſchickt hatte. So war ſie ganz von Geld entbloͤßt, und fuͤr einige Monate durchaus auf die Unterſtuͤtzung ihrer Freunde verwieſen. Bei dieſer Gelegenheit, ſo wie bei manchen an⸗ dern, verſchaffte die Tugend meines Vaters, ſei⸗ ner Abweſenheit ungeachtet, uns manche Freun⸗ de.— Er hatte ſeine Freunde zu wählen ge⸗ wußt, und in der Zeit des Ungluͤcks verließen ſie ſeine Familie nicht. Von mehreren derſelben erhielten wir Beweiſe einer warmen, aufrichtigen Freundſchaft, beſonders aber von Don Lorenzo. Den Tag vorher, ehe wir die beſcheidene Wohnung verlaſſen wollten, die uns bis hieher aufgenommen, kamen Iſabella und deren treffli⸗ che Tante zu uns, und baten meine Mutter, nachdem ſie ihr die innigſte Theilnahme bewie⸗ 11 ſen, ein Landhaus zu beziehen, welches Donna Celeſtina gehoͤrte. Sie hofften, daß wir dort Linderung unſeres Kummers finden wuͤrden, und baten ſo dringend, daß meine Mutter endlich einwilligte. Etwa vierzehn Tage, nachdem uns jenes Miß⸗ geſchick betroffen, ſagte uns Iſabella, daß Don Fa⸗ cundo und deſſen Sohn, Don Pasqual, in der Stadt angekommen waͤren. Der Zweck ihrer Reiſe war zwiefach, der eine oͤffentlich, indem man ſich nicht undeutlich zufluͤſterte, Don Facundo ſey von dem Hofe abgeſchickt worden, um zu erfor⸗ ſchen, in wie weit ſich die liberalen Geſinnun⸗ gen durch Caſtilien verbreitet hätten, der andre war Privatzweck, und zwar, eine Verbindung zwiſchen Iſabella und Don Pasqual zu ſchlie⸗ ßen. Den Tag nach ſeiner Ankunft hatte er eine lange Unterredung mit ihr, in welcher er ihr den Antrag machte, den ſie jedoch, beſchei⸗ den, aber beſtimmt, zuruͤckwies. Er machte hier⸗ auf einige Anſpielungen auf ihre Neigung fuͤr mich, griff, wie es in ſeiner Gewohnheit lag, meinen Charakter hinterliſtig an, und ließ zum Schluſſe einige Drohungen fallen. Mein Ge⸗ muͤth ward bei dieſer Nachricht von Beſorgniß erfuͤllt. Ich fuͤrchtete den ſchaͤndlichen Don Fa⸗ cundo, denn ich wußte, daß er ſelbſt die großte 12 Grauſamkeit nicht ſcheuen wuͤrde, könnte er da⸗ durch zu ſeinem Ziele gelangen. Doch ſeine Ab⸗ reiſe, welche etwa eine Woche ſpaͤter erfolgte, und der veraͤchtliche Charakter des Don Pasqual, wel⸗ cher zuruͤckblieb, ſeine Bewerbungen fortzuſetzen, beruhigten mich wieder einigermaßen. In einer Nacht, eine Woche nach Don Fa⸗ cundo's Abreiſe, hoͤrte ich einiges Geraͤuſch an meiner Stubenthůr, und als ich aus dem Bette ſprang, nach der Urſache des unerwarteten Laͤr⸗ mens zu forſchen, ſah ich einen Mann in mein Zimmer treten, der eine dunkel brennende Laterne in der einen, einen kleinen Stab in der andern Hand hielt. Es thut mir leid, Sie zu beun⸗ ruhigen, ſagte er mit erzwungener Freundlich⸗ keit, doch da ein wichtiges Geſchaͤft Ihre Ge⸗ genwart etfordert, werden Sie vielleicht gütig genug ſeyn, ſich anzukleiden, und mir ſo ſchnell als moͤglich zu folgen. Der kleine Stern auf ſeiner Bruſt und der Stab in ſeiner Hand, ſagten mir, daß er ein Familiar der Inguiſition, und jeder Widerſtand alſo vergeblich ſey. Doch die Nacht war dunkel, und ich kannte die Gegend um meine Wohnung genau; Flucht ſchien mir daher nicht unmoͤglich. Auf jede Gefahr beſchloß ich, ſie zu verſuchen, nahm die Gelegenheit wahr, als er weniger auf 13 ſeiner Hut war ſchlug ihn zu Boden, Wi das Fenſter, und ſprang hinaus. Kaum aber hatte ich den Boden erreicht, als zwei ſtarke Kerle mich ergriffen. Sie hielten mich feſt, bis auch der Familiar, ſchimpfend, drohend und keuchend herbeikam.— Oo! rief er, Ihr dachtet, Ihr wolltet mir entſchluͤpfen. Doch zu Eurem Kummer ſollt Ihr Euch uͤber⸗ zeugen, daß die Diener der heiligen Inquiſition nicht ſo leicht zu hintergehen ſind. Gott wacht uͤber unſern heiligen Werken, und ſolch ein Elen⸗ der, wie Ihr ſeyd, wird es vergebens verſuchen, die göttliche Majeſtät zu betruͤgen. Ich diene der Religion und Gott, ind er leitet meine S Haltet Eure eheic Zunge im gau⸗ me, ſchrie ich, und beſchimpft nicht einen Mann, der nun in Euerer Gewalt iſt. Vorwaͤrts! ſagte er zu ſeinen Grführtenz und tragt Sorge, daß er Euch nicht entſpringe. Es iſt beſſer, daß er ſein Leben auf der Folter aushauche und bekehrt werde, als daß er wieder zur Freiheit gelange, und Satan Seele erbeute. Noch nicht lange waren wir gegangen, als wir den Palaſt der Gräfin von Valoria erreich⸗ ten, den ſeine katholiſche Majeſtät frommer Weiſe ———— 14 S—— in ein heiliges Tribunal umgeſchaffen hatten, in⸗ dem die raͤchenden Flammen waͤhrend der franzo⸗ ſiſchen Invaſion das Inquiſitionsgebäͤude verzehr⸗ ten. Ich betrat den traurigen Ort mit ſchwer zu beſchreibenden Gefuhlen. Die Nacht war dun⸗ kel, und keine Laterne erhellte unſeren Weg. Meine Schritte wurden durch zwei Maͤnner ge⸗ leitet, von denen der eine mich vorn zog, der andre hinten ſtieß. Nichts hoͤrte ich, als das Kreiſchen der mächtigen Schlöſſer und ſchweren Riegel, die ſich öffneten, uns einzulaſſen, die ſich aber unmittelbar hinter uns wieder ſchloſſen. Dennoch bemerkte ich, daß ich nicht zu einem ſinſteren Kerker gefuͤhrt werde. Ich ſtieg eine kleine Treppe hinauf, und ſchritt hierauf durch einen langen Gang, an deſſen Ende eine Thuͤr geoffnet ward. Ich ward hineingeſtoßen, und die Thuͤr unmittelbar hinter mir verriegelt. Ich Lonnte hier weder grade ſtehen, noch auf dem Boden ausgeſtreckt liegen, ſondern nur auf einem Steine ſitzen, der ſich in der Mitte des Raumes befand. ee et In dieſer Lage blieb ich bis zu Tagesanbruch. Das Licht, welches durch eine kleine Heffnung in der Höhe meines Kerkers hereinfiel, verkuͤndete ihn mir. Ich beſchäftigte mich damit, tauſend 15 Vermuthungen über die Art der Beſchuldigungen gegen mich zu erſinnen. MNit beſonderer Aufmerkſamkeit hatte ich es vermieden, je etwas gegen die Kirche oder den König zu äußern. Einige junge Menſchen, wel⸗ che hierin weniger vorſichtig geweſen, waren plotz⸗ lich des Nachts verſchwunden, kein Menſch wußte wie oder wohin, obgleich Jeder vermuthete, daß das Gebaͤude der Inquiſition ſie in ſeine Mauern ſchließe. Doch ich konnte nicht beſchuldigt wer⸗ den, ihre Geſellſchaften beſucht zu haben. Seit meiner Zuruͤckkunft aus Frankreich hatte ich ein ſehr einſames Leben gefuͤhrt, und außer meinet Familie und zwei oder drei Freunden Niemanden geſehen. Ich fuͤhlte mich vollkommen unſchuldig, und dennoch ſchauderte ich⸗ mich der Gnade von Männern uͤberlaſſen zu ſehen, die kein Mitleid kannten. Es iſt wahr, daß die Ingquiſition nicht ſo hart war, als fruͤher, noch ſo grauſame Schau⸗ ſpiele veranſtaltete, aber ihre halb unſichtbare und Jedermann tyranniſirende Gewalt beſtand doch noch. Nicht ihre Grundſatze, ſondern nur ihre Verfahrungsweiſe waren etwas gemildert. Allein unveraͤndert in der Mitte aller jener Einrichtun⸗ gen, welche ſeit Ferdinand's Regierung allmaͤhlich einige Modifikationen erlitten hatten, je nachdem 16 öffentliches Beduͤrfniß oder öffentliche Meinung es forderte, hatte die Inquiſition fortwaͤhrend ihre eiſerne Hand ſelbſt uͤber die Aufgeklaͤrten des Vol⸗ kes ausgeſtreckt, hatte fortwaͤhrend in der Dun⸗ kelheit Komplotte geſchmiedet, die wuͤrdigſten und nuͤtzlichſten Buͤrger in das Verderben zu ſtuͤrzen, und unter dem Namen von Kerkern Graber für ſie zu graben. Des Tageslichtes beraubt, beka⸗ men ſie Niemanden, als ihren Kerkermeiſter zu Geſicht, und fuͤhlten ihr Daſeyn nur durch Qua⸗„ len, Hunger und drohende Ermahnungsreden, welche Schmerz und Furcht in ihnen aufrecht er⸗ hielten, und den unglucklichen Bewohnern dieſer Zellen ſelbſt nicht die Hoffnung auf Ruhe jenſeit des Grabes ließen. Denn der ſchrecklichſte Aber⸗ glaube bedrohete ſie mit immetwaͤhrender Ver⸗ Die damalige Verfahrungsweiſe der Inguiſi⸗ tion war nicht allein hochſt eigenmaͤchtig, ſondern auch des finſterſten Zeitalters, des roheſten Vol⸗ kes vollkommen wuͤrdig. Durch keine Form ge⸗ feſſelt, durch keine Zeit beſchränkt, durfte ſie Je⸗ den vor ihr Gericht ziehen, der angeklagt war, gleich viel, ob ſeine Sache in Bezug auf die Re⸗ ligion ſtand oder nicht. Sie durfte Jeden, mit⸗ ten in der Nacht, aus ſeinem Bette reißen laſ⸗ ſen, ihn durch Ueberraſchung zu betäuben, durch„ Drohun⸗ —— ——— S2 eete— 2 —————— 17 Drohungen in Schreck zu ſeten, durch die Tor⸗ tur zum Geſtändniffe zu zwingen ſüchen, und laͤchelte nicht ſelten zu alle den Leiden der Ange⸗ klagten. Dann hoͤrte der arme Leidende nie mehr etwas von ſeiner Unterſuchung, und durfte Nie⸗ manden ſehen, als ſeinen Kerkermeiſter, dem jede Antwort auf deſſen Fragen auf das unterſagt war. Wer moͤchte nicht den Tod einem ſolchen Ker⸗ ker vorziehen, der eben ſo lange zu dauern pflegte, als das Leben des Opfers!— Ich konnte Iſa⸗ bella und meiner ganzen Familie kein letztes Le⸗ bewohl ſagen. Entſetzen und Verzweiflung muß⸗ ten von nun an meine einzigen Gefährten ſeyn.— Dieſer Gedanke erſchuͤtterte mich tief, aber er zer⸗ ſtreute mich dennoch. 18 * 3weites Kapitel. Sehr fruͤh am Morgen oöffnete ein ſchwarz ge⸗ kleideter Mann meine Thuͤr, und warf mir ſchwei⸗ gend eine weite ſchwarze Kappe uͤber Kopf und Geſicht, vorn mit zwei Oeffnungen fuͤr die Au⸗ gen verſehen. Dann half er mir ein langes, ſchwarzes Gewand anziehen, und gebot mir durch Zeichen, ihm zu folgen. Wir kamen uͤber meh⸗ rere ſchmale, finſtere Gaͤnge, und gelangten end⸗ lich zu einer Art von Gallerie, welche durch ei⸗ ſerne Gitter in verſchiedene Theile geſondert war. Einige derſelben waren durch Masken, in ahn⸗ licher Kleidung, wie die meinige, beſetzt. Sie kehrten die Koͤpfe nach mir herum, als bemerk⸗ ten ſie meine Ankunft; Einer derſelben, deſſen Haͤnde gebunden ſchienen, rief laut aus:„Was? ſchon wieder ein neues Opfer?— Wann wer⸗ den die Verfolgungen dieſer Ungeheuer enden!“— Ein Mann, wie es mir ſchien, ein Dominika⸗ nermoͤnch, verſetzte ihm einen Schlag, der ihn zu Boden warf. Die Uebrigen gaben ihre Miß⸗ billigung uͤber eine ſo ſchändliche Behandlung laut zu erkennen, doch die Gegenwart der ſchwarzen Huͤter brachte fie bald wieder zum Stillſchweigen. 19 Dieſe Gallerie fuͤhrte zu der Kapelle des Hauſes, welche jedoch nie einem Profanen ge⸗ öffnet wird. Dort mußten wir laͤngere Zeit auf den Knieen liegen, während unſere Wächter ganz gemaͤchlich neben uns ſaßen. Wir hoͤrten eine lange Meſſe, und in den Pauſen eine noch laͤn⸗ gere Predigt, in welcher der Prieſter ſich ſelbſt auf das Genuͤgendſte bewies, daß Gott, indem er die Suͤndfluth ſandte, und Sodom und Go⸗ morrah durch Feuer und Flamme zerſtoͤrte, den Menſchen ſeine unendliche Liebe kund that, und dadurch zugleich ein Beiſpiel gab, welcher Mit⸗ tel unſere zaͤrtliche Mutter, die heilige Inquiſi⸗ tion, ſich zu bedienen habe, um ihre verirrten Kinder wieder in ihren Schooß zuruͤckzufuͤhren.— Die Glaubensflamme, fuhr er fort, mag dann und wann ihre ſuͤndigen Koͤrper verzehren, aber ſie reinigt ihre Seelen, und bahnt ihnen den Weg zum Himmel, da außerdem der Gott un⸗ ſerer heiligen Religion ſie zu ewiger Seei verurtheilen wuͤrde. Nach dieſer Troſtrede hoͤrten wir das Ende der Meſſe, und ich ward hierauf in meine Niſche zuruͤckgefuͤhrt. Sobald ich meiner Huͤlle entle⸗ digt war, ward die Thuͤr auch wieder verſchloſ⸗ ſen. Etwa eine Stunde ſpaͤter reichte man mir durch eine kleine Klappe einige getrocknete Fruͤchte ) 20 in einem hoͤlzernen Napfe, ein Stuͤck Brod und einen Krug Waſſer. Ich vermochte nicht, es anzuruͤhren, denn mir mangelte aller Appetit, und es blieb daher ſtehen, bis mein Waͤrter kam, Napf und Krug wieder zu holen. Während des Tages ward ich oͤfters nach jenem Gange zur Kirche gefuͤhrt, wo wir auf den Knieen liegen, und unter Beobachtung der naͤmlichen Zeremonien laut beten mußten. Ge⸗ gen die Nacht brachte mir mein ſtummer Auf⸗ ſeher die Speiſen wieder, die er am Morgin unberuͤhrt gefunden. Da ich den ganzen Tag nichts genoſſen hatte, legte ich etwas von den Fruͤchten auf eine Scheibe Brod, und begann es zu eſſen. Doch der widerliche Geruch be⸗ nahm mir bald alle Eßluſt, und kurz darauf ward ich von heftigen Krämpfen befallen. Ich ſchrie nach Hilfe, aber Niemand erſchien. Waͤh⸗ rend einiger Stunden waren meine Schmerzen unleidlich, dann ließen ſie etwas nach. Ich war ſehr ermattet, und ſank in einen ſchlummer⸗ aͤhnlichen Zuſtand; aber die fuͤrchterlichſten Träume peinigten mich, und ſcheuchten alle Ruhe von mir. Am naͤchſten Morgen, ſobald mein Kerker⸗ meiſter erſchien, beklagte ich mich uͤber eine ſo unmenſchliche Behandlung, aber ohne eine Sylbe zu antworten, warf er mir die Kappe uͤber den 21 Kopf, und zwang mich, ihm zu der Kapelle zu folgen. Die Zeremonien waren dieſelben, wie an dem vergangenen Tage, nur mit dem kleinen Unterſchiede, daß, wie der Prieſter die Guͤte hatte uns zu ſagen, die Meſſe zugleich ein Todtenamt war, zum Andenken einer Seele, die ſchwarz wie die Nacht geweſen, durch die Sorge unſerer liebreichen Vaͤter, der heiligen Inguiſi⸗ toren aber, weiß wie Schnee gewaſchen wor⸗ den ſey.— Als die Meſſe voruͤber war, ward ich wieder zu meiner Zelle zuruͤckgefuͤhrt, und erhielt bald darauf dieſelbe Nahrung, wie den Tag zuvor. Mein erſter Entſchluß war, ſie durch die Klappe zuruͤckzuwerfen, aber dieſe ward geſchloſſen, noch ehe ich ihn auszufuͤhren vermocht, und ich konnte nun die Sache reiflicher uͤberlegen. Es ſchien mir faſt nicht glaublich, daß Menſchen, und wenn ſie auch noch ſo hart und grauſam wären, ſich ſolcher Peinigungsmittel bedienen koͤnnten, und ich ſchrieb daher die Schmerzen, die ich waͤh⸗ rend der verfloſſenen Nacht ausgeſtanden hatte, meiner koͤrperlichen Beſchaffenheit und der Leere meines Magens zu. Ich wagte es deshalb, wie⸗ der etwas von den Fruͤchten zu eſſen, und trank dazu meinen Krug Waſſer. Doch ach! ich hatte der Menſchlichkeit meines Kerkermeiſters zu ſehr vertraut. Die naͤmlichen fuͤrchterlichen Schmer⸗ zen der letzten Nacht quaͤlten mich wieder, und ich uͤberzeugte mich nun, daß die Fruͤchte ver⸗ faͤlſcht ſeyn mußten. Ich beſchloß, lieber zu ver⸗ hungern, als noch ein Mal von dieſer Nahrung zu mir zu nehmen. An dieſem Tage erhielt ich den Beſuch ein Dominikanermoͤnches, der mich mit ſcheinbarer Theilnahme ermahnte, meine Suͤnden zu beich⸗ ten.— Bruder, ſagte ich, ich habe nichts zu beichten.— Mehmt mir jetzt das Leben, denn mir verlangt nach dem Tode, Mein Sohn! rief er im Tone der Gutmuͤthig⸗ keit; ich verlange nicht Dein Leben, ſondern vin gekommen Dich zu troͤſten, und Dich mit dem Gotte zu verſohnen, den Du beleidigt haſt. Dieſe kleinen Leiden werden ohne Zweifel Dein hartes Herz erweichen, und Dich auf den Pfad des Heiles zuruckfuhren. Danke Deinen Befreiern, und nenne ſie nicht Deine Unterdruͤcker. Fort! ſchrie ich voller Verachtung; ich will nicht der Narr Eurer Worte ſeyn.— Verlaßt mich, und hoͤrt auf, Euer Schlachtopfer zu pei⸗ nigen. Ich ſehe, ſagte er, jn weniger mildem Tone, daß nur Zuͤchtigungen die Verderbten unſerer Zeit zu beſſern vermoͤgen. Um ſo ſchlimmer fuͤr Dich, 23 mein Sohn!— Gott ſey mit Dir!— Hier⸗ auf befreiete er mich von ſeiner verhaßten Ge⸗ genwart. Am folgenden Tage, bald nach der Meſſe, ward ich in eine große Halle gefuhrt, die rings mit gruͤnen Tapeten behangen war. An dem ͤußerſten Ende derſelben, der Thuͤr gerade gegen⸗ über, ſtand eine Art Thrones, unter einem Bal⸗ dachin von gruͤnem Sammt. In deſſen Mitte waren die Zeichen der Inquiſition in Gold ge⸗ ſtickt. Mehrere Stuͤhle ſtanden zu beiden Seiten neben dieſem Hauptſitze, davor ein langer Tiſch mit einem gruͤnen Umhange. Darauf ſtand ein Kruzifir, mehrere Schreibzeuge und einige bren⸗ nende gruͤne Wachskerzen; auch lagen verſchie⸗ dene Papiere darauf. Nahe der Decke waren mehrere kleine Oeffnungen, die aber nur wenig Licht hereinließen. Als ich den duͤſteren Ort be⸗ trat, ſaß der Großinquiſitor, in ſeinem ſchwar⸗ zen Kleide mit blauem Kragen und Aufſchlägen, die Bruſt mit Kreuzen und Orden geziert, ſchon auf ſeinem Seſſel. Sein Sekretair, ein Moͤnch, ſchwaͤrzer als ein Maulwurf, ſaß auf einem Stuhle an dem Ende der Tafel. Ich erhielt den Befehl, meinem Richter grade gegenuͤberzutreten, und nach einer Todtenſtille von einigen Minuten, ſagte er, ob ich auf alle — Fragen die Wahrheit antworten wollte. Ich ent⸗ gegnete, ich häͤtte noch nie etwas von der Wahr⸗ heit zu befuͤrchten gehabt, und er koͤnne daher uͤberzeugt ſeyn, daß ich ſie jetzt nicht verſchwei⸗ gen werde, wo ich von ihr etwas hoffen koͤnne.— Dann, ſagte er, nenne das Verbrechen, wegen deſſen Du verhaftet biſt.. Ich verſicherte, daß ich hieruͤber ſelbſt ganz unwiſſend fey, und bat, Se. Herrlichkeit möge die Gnade haben, es mir zu ſagen.— Herr, fagte der Inquiſitor ernſt, das iſt nicht unſere Handlungsweife. Ihr ſeyd jetzt vor einem geiſt⸗ lichen Gerichtshofe, und habt die Verpflichtung auf Euch, die Urſache Eurer Einkerkerung ſelbſt anzugeben. Deshalb ermahne ich Euch, dies ohne Verzug zu thun, da es das einzige Mittel iſt, Eure Freiheit wieder zu erlangen. Ich verſicherte wiederholt, daß ich eine Sache nicht entdecken koͤnne, von der ich ſelbſt nicht das Geringſte wiſſe. Vergebliche Ausfluͤchte, rief er heftig; klagt Euch auf der Stelle ſelbſt an, und verbannt Eure Widerſetzlichkeit. Als er keine andere Antwort von mir erhalten konnte, ſchellte er mit der kleinen ſilbernen Glocke, die vor ihm ſtand. Mein Waͤchter erſchien; er gebot ihm, mich in meine Zelle zuruͤckzufuͤhren, * 25 und mir rief er zu, mich auf ein zweites Verhör gefaßt zu machen. Schon am folgenden Tage, zu der naͤmlichen Stunde, fand dies Statt, doch waren jetzt fämmt⸗ liche Inquiſitoren gegenwärtig, und einige Ker⸗ zen mehr angezuͤndet, um das ſchauderhafte Tri⸗ bunal etwas ſichtbarer zu machen. Als ich auf dem Platze ſtand, der mir angewieſen worden, ſagte der Großinquiſitor, da ich mich am vergan⸗ genen Tage ſtandhaft geweigert habe, mein Ver⸗ prechen zu bekennen, muͤſſe er mir jetzt den Eid auflegen, und ich ſelbſt habe mir alle bais ent⸗ ſtehenden Folgen zuzuſchreiben. Hierauf befahl er dem Sekretair⸗Inquiſitor, mich auf das Evangelium zu vereidigen. Als dies geſchehen, fragte er: Wißt Ihr, weshalb die Inquiſition Euch verhaften ließ? Nein! Ihr wollt doch nicht behaupten, nichts ge⸗ than zu haben, was unſer Dazwiſchentreten er⸗ forderte? Ich weiß nicht, bei welchen Gelegenheiten dies Gericht ſeine Einmiſchung fuͤr noͤthig erach⸗ tet, aber das kann ich kuͤhn behaupten, daß ich nie die Religion, die Moral oder die Geſetze un⸗ ſeres Landes beleidigt habe. Bedenkt Euren Eid, ſchrie der Inquiſitor, — 26 und huͤtet Euch, dieſe heiligen Mauern zu ent⸗ weihen. Ich habe ihn nicht vergeſſen, erwiederte ich gelaſſen; nochmals wiederhole ich meine Be⸗ un Junger Mann! rief der Inquiſitor; dies iſt kein Kriegsgericht. Wir ſind die heiligen Diener des Allerhoͤchſten; wir ſtellen ihn ſelbſt vor, und dies iſt der Ort, wo ſein goͤttlicher Wille ſich taͤglich kund thut.— Heget daher Achtung vor ihm— ſagt es auftichtig— ehrt Ihr unſere heilige Religion? Wenn Ihr die Gottheit vorſtellt, und ihren goͤttlichen Willen kund thut, entgegnete ich, ſo koͤnnt Ihr mit Sicherheit in dem Herzen eines armen Sterblichen leſen. Es wuͤrde Zweifel in Eure Macht verrathen, wollte ich auf dieſe antworten. Die Frage, erwiederte der Inguiſitor, ſindet nur des Scheines wegen Statt, denn allerdings giebt es keinen Gedanken, den wir nicht erken⸗ nen. Selbſt der verborgenſte iſt uns offenbar. Weshalb alſo mich fragen, da Ihr es ſchon wißt? Um Euch Gelegenheit zum Bekenntniß Eurer Suͤnden zu geben, um Euch frei ſprechen, Euch verzeihen zu koͤnnen.— Jetzt antwortet mir, —————— 2 7 —— fuhr er, feine Augen feſt auf mich richtend, fort.— Kennt Ihr eine Donna Iſabella Tor⸗ realva? m Ja! ſagte ich heftig. Was iſt es mit Ihr? Schriebt Ihr derſelben folgenden Brief? — Meine geliebte Iſabella.— Wie wirſt Du die traurigen Neuigkeiten zu ertragen ver⸗ mögen, die ich im Begriffe bin, Dir mitzuthei⸗ len! Mein geliebter Vater iſt durch Koͤnig Fer⸗ dinand zum Tode verurtheilt worden! Durch ihn⸗ der die Wiedereinſetzung auf ſeinen Thron den Opfern derer verdankt, die, gleich Don Ignacio, ihr Vermoͤgen, ihre Ruhe, ihr Leben und das Leben ihrer Kinder an ſein Wohl ſetzten. Mein Vater, mein unglucklicher Vater muß in dem Augenblicke, wo er den Lohn ſeiner Thaten em⸗ pfangen ſollte, aus eben dem Lande entfliehen, zu deſſen Rettung er alle ſeine Kraͤfte aufbot, Gattin, Kinder und Freunde muß er aufgeben, der blinden Wuth eines Fanatikers zu ent⸗ rinnen, der ſo eben das Tribunal des Graͤuels und Blutes, das Elend unſeres Landes wieder eingeſetzt hat; der die Freiheit vernichtet, und Spanien abermals in Trauer und Thraͤnen ver⸗ ſenkt.— Und auch wir, meine theure Iſabella, muͤſſen noch länger getrennt bleiben. Ich muß mit Don Ignacio in ſeine Verbannung gehen, 28 veun Niemand iſt dazu ſtarker verpflichtet. Lebe wohl, und bedenke, daß die Erinnerung an Deine Liebe mein groͤßter Troſt, meine einzige Beruhi⸗ gung iſt, in welchem Lande ich auch leben mag. Die Hoffnung auf unſere baldige Wiedervereini⸗ gung tröſte und erheitere Dich. Die Gerechtig⸗ Leit des Himmels kann dieſe Unterdruͤckungen nicht lange ungeſtraft dulden.— Noch ein Mal— leb wohl! Ich erſtarrte, dieſen Brief in ſolchen Hin⸗ den zu ſehen. Wie waren ſie dazu gelangt?— Doch ich hatte keine Zeit, nachzuſinnen, und da jeder Verſuch, mich zu rechtfertigen oder auch nur zu entſchuldigen, vergebens geweſen ſeyn wuͤr⸗ de, ſo hatte ich nichts zu thun, als Geiſt und Koͤrper zu Ertragung der Qualen zu ſtaͤrken, die mich erwarteten. Deshalb antwortete ich, daß die⸗ ſer Brief allerdings von mir herruͤhre, und daß ich uberdies auch alles denke, was ich darin geſagt ha⸗ be, und mich ſogar nicht ſcheue, dies zu bekennen, ſo lange wir ſo ungerecht verfolgt wuͤrden. Nichtswuͤrdiger! ſchrie der Großinquiſitorz wagſt Du es, dem Zorne des Himmels zu troz⸗ zen?— Zittre fuͤr Dein Leben, denn Du haſt Gott und unſeren geliebten Monarchen beleidigt; — fuͤrchte unſere Gerechtigkeit! Ich fuͤrchte nichts! rief ich, ſelbſt den Tod 29 nicht, denn ich habe nichts gethan, ihn zu ver⸗ dienen. Habe ich im Vertrauen, und im bittern Gefuͤhle der Taͤuſchung, Klagen geaͤußert, deren Gerechtigkeit Ihr ſelbſt nicht laͤugnen konnt, wer darf mich deshalb verdammen?— Sind nicht die Dienſte meiner Familie durch ein Todesur⸗ theil, Verbannung und Einziehung des Vermoͤ⸗ gens vergolten worden? Habe ich nicht dies al⸗ les duldend ertragen, ohne meinen Schmerz oͤf⸗ fentlich auch nur durch ein Wort zu aͤußern?— Was iſt alſo mein Verbrechen? Dein Verbrechen? rief der Inquiſitor; und Du kannſt danach noch fragen, wenn Du gottlos genug biſt, dies heilige Gericht des Glaubens ein Tribunal des Graͤuels und Blutes, und un⸗ ſeren frommen, geliebten Koͤnig einen Fanatiker zu nennen?— Alle Dein Blut genuͤgt nicht, dieſe Verbrechen zu ſuͤhnen! Mein Blut? entgegnete ich. Es iſt fuͤr mein Vaterland gefloſſen. Nehmt das wenige, das noch in meinen Adern blieb; ich will nicht dar⸗ uͤber murren, aber noch viel weniger die Wahr⸗ heit und Gerechtigkeit unſerer Sache verlaͤugnen. Da Du Deine Suͤnde bekennſt, rief ein an⸗ derer Inquiſitor, ſo zittere fuͤr Deine Seele!— An der Sprache erkannte ich ihn ſogleich fuͤr einen jener Prieſter, die meine Mutter beraubt 30 hatten.— Da konnte ich meinen Zorn nicht zutuͤckhalten. Nichtswurdiger! rief ich; darfſt Du von Rettung einer Seele ſprechen, Du, deſ⸗ ſen eigene ſchwaͤrzer iſt, als die des Satans ſelbſt! Auf die Folter mit ihm! ſchrie er mit wuͤ⸗ thendem Blicke. Zugleich griff er nach der ſil⸗ vernen Glocke und ſchellte heftig. Zu der Folter! ſchallte es uͤberall nach. Bei dieſem Rufe traten einige der Familia⸗ ren ein, ergriffen mich, und ſchleppten mich eine kleine Treppe hinab in ein nahes, unterirdiſches Gewolbe, wo das ſpaͤrliche Licht einer Lampe nur dazu beittug, das Schreckliche des Ortes noch zu erhohen. Verſchiedene Werkzeuge der Tortur verzierten die dunklen, feuchten Mauern, und in der Mitte des Gewoͤlbes ſtand ein brennendes Kohlenbecken, ein Schwunggewicht, eine Winde und eine Marterbank. Sogleich begannen die heiligen Handlanger mich zu entkleiden, und mit einem Eifer, einer Haſt, der ähnlich, mit der der Tiger ſeine Beute zerfleiſcht, die er ſo eben im gierigen Sprunge erhaſchte. Als dies geſche⸗ hen, ward ich auf ein Geruͤſt geworfen, das breit genug war, meinen Koͤrper aufzunehmen. Außer den beiden Querbalken, welche die Enden bildeten, war in der Mitte noch einer, nach X 31 oben zu gerundet. Kopf und Fuͤße wurden un⸗ ter die Endbalken gepreßt, das Ruͤckgrad aber blieb uͤber jener gebogenen Stange. Mein Leib lag viel hoͤher, als Kopf und Fuͤße; das Ath⸗ men ward dadurch ſehr erſchwert, und die Lage war uͤberhaupt hoͤchſt peinlich. Hier fragte mich der Großinquiſitor, der mir mit allen uͤbrigen Inquiſitoren gefolgt war, ob ich mich zu unſerer heiligen Religion bekehren, und die Gerechtigkeit von dem Verfahren unſeres geliebten Feſc anerkennen wolle. Alle Qualen der Inquiſition, rief i, wer⸗ den mich nie zu ſolcher Verlaͤumdung bewegen. So mag die Tortur beginnen, ſagte er. Aber wir erklaͤren, daß Du nur Dir ſelbſt es zuzu⸗ ſchreiben haſt, wenn Krankheit, Verrenkung der Glieder oder gar der Tod Dich treffen. Unmittelbar darauf fuͤhlte ich von der Decke des Gewoͤlbes einige Tropfen Waſſer auf meine Bruſt fallen. Waͤhrend der zehn bis zwoͤlf erſten Minuten war der Schmerz nicht bedeutend, dann aber wurde er fuͤrchterlich. Ich hatte das Ge⸗ fuͤhl, als wuͤrde ein Bohrer in meine Bruſt ge⸗ trieben.— Von Zeit zu Zeit fragten ſie mich, ob ich zur Religion zuruͤckgefuͤhrt ſeyn wolle. Fort, Ihr Ungeheuer! ſchrie ich; die Reli⸗ 32 gion der Inquiſition verabſchebe ich. Zu ihr werden mich all Eure Martern nie bekehren! Endlich ſprang ein Blutgefäß. Das Blut drang mir durch Mund und Naſe, und ich ward ohnmaͤchtig. Als ich meine Sinne wieder bekam, fand ich mich allein, auf einer Strohmatratze ausge⸗ ſtreckt, an den Folgen der Tortur fuͤrchterlich leidend. Der Inquiſitionswundarzt trat zu mir ein. Es ſchien mir, als ſey mir ſein Geſicht bekannt, und ich betrachtete ihn aufmerkſam, doch unfaͤhig, ein Wort zu ſprechen. Er ver⸗ ſtand meinen Blick, und fluͤſterte mir zu: Ken⸗ nen Sie mich nicht?— Bei dieſen Worten erkannte ich unſeren Familienarzt, einen Mann, der Don Ignacio auf mannichfache Weiſe vet⸗ pflichtet war, und der die ſonderbare Eigenſchaft hatte, ſich deſſen zu entſinnen, als wir uns im Ungluͤcke befanden. Meine Ueberraſchung und Freude waren unendlich, doch konnte ich ihm bei⸗ des nur durch einen matten Haͤndedruck ver⸗ kuͤnden. In ihm faud ich, was ich an einem Srte, wo Mitleid ein Verbrechen war, nicht zu finden hoffen durfte. Durch meine Leiden innigſt ge⸗ ruͤhrt, widmete er mir die groͤßte Sorgfalt, und ſechs Wochen reichten hin, mir eine leidliche Ge⸗ ſundheit —5,— ———— —5,— 33 ſundheit wieder zu geben. Doch er fuͤrchtete, daß ſie ihre Tortur aufs Neue beginnen moͤchten, wenn ſie hievon Kenntniß erlangten, und ſagte daher noch waͤhrend eines ganzen Monats, daß es ſehr gefaͤhrlich ſeyn wuͤrde, mich in meinen fruͤheren Kerker zuruͤckzuſchaffen. Fortwährend er⸗ hielt ich ſeine Beſuche an dem Orte, an welchen ich unmittelbar nach der Tortur geſchafft worden. Obgleich wir uͤber nichts ſprechen durften, als was meine Geſundheit betraf, ſo that mir doch die Geſellſchaft eines Mannes von Kenntniſſen und Talent, und der bereit war, mir zu dienen, ſehr wohl, und erfuͤllte mich mit einer ſchwachen Hoffnung endlicher Befteiung. Oft gelang es ihm, mir unbemerkt ſchmale Streifchen beſchrie⸗ benen Papieres zuzuſtecken, doch es war ſo dun⸗ kel in meinem Gefaͤngniſſe, daß ich ſie nicht le⸗ ſen, und noch weniger darauf antworten konnte. Eines Tages als ich, wie gewoͤhnlich, auf einem Bunde Stroh lag, das mir als Ruhe⸗ ſtätte diente, offnete mein Waͤchter die Thuͤr meines Kerkers, und gab mir durch Zeichen zu verſtehen, daß ich ihm folgen ſolle. Ich erfuͤllte dies Gebot mit großer Schwierigkeit, denn meine Fuße waren durch Krankheit und Mangel an Bewegung aͤußerſt ſchwach geworden.— Nach⸗ dem wir einige dunkele Gaͤnge durchſchritten hat⸗ III. 3 34 ten, kamen wir wieder zu jener Schreckenshalle. Ich glaubte, daß dem neuen Verhoͤre neue Mar⸗ tern folgen wuͤrden, und bereitete mich darauf vor, auf der Folter mein Leben aus zuhauchen, denn ich beſchloß lieber zu ſterben, als ihnen den Triumph uͤber meine Schwäche zu goͤnnen. Kühn ſchritt ich daher bis in die Mitte des Ge⸗ wölbes, und ſtellte mich den Inquiſitoren ge⸗ genuͤber.— Der Großinquiſitor redete mich hierauf mit folgenden Worten an: Unſer Tribunal hat be⸗ ſchloſſen, Dich aufzugeben, um Dich der weltli⸗ chen Macht zu uͤberliefern. Die oͤffentliche Ge⸗ rechtigkeit ſchreit laut nach Deiner Beſtrafung. Ein ſtrenges Beiſpiel wird Andere abhalten, Ver⸗ ſchworungen gegen unſern verehrten Herrſcher an⸗ zuſpinnen. Deine Mitſchuldigen haben das Schwei⸗ gen gebrochen. Dein Tod iſt jetzt unvermeidlich. Die Geſetze muͤſſen erfuͤllt werden— unſere ſanften Strafen werden nur angewendet, die Seelen zu retten. Uns iſt die Sorge fuͤr ver⸗ ſtockte Suͤnder und abtrunnige Glaͤubige anver⸗ traut. Unſere Pflicht iſt es, ſie durch gelinde Zuchtigungen und väterliche Ermahnungen auf den Pfad des Rechtes zuruckzufuͤhren— denn dies ſind die einzigen Hilfsmittel gegen die Ver⸗ derbniß unſerer Zeit. Deine Suͤnde wächſt mit ———————————— 35 jedem Tage, daher ermahne ich Dich liebreich, fuͤr die Rettung Deiner Seele beſorgt zu ſeyn. Du haſt nur noch wenige Tage zu leben— Du haſt eine Seele zu retten— Du biſt nahe dar⸗ an, vor dem Schreckensgerichte Gottes zu er⸗ ſcheinen. Als dieſe ſalbungsreiche Anrede geendet war, näherten ſich mir zwei Dominikanermoͤnche, welche in der Halle waren, jeder mit einem Kruzifixe in der Hand. Mit lauten Worten verſuchten ſie, mich zu bekehren. Geduldig hoͤrte ich ihnen zu, obgleich ich faſt ſo viel litt, als ob ich auf der Folter laͤge. In tauſend Kleinigkeiten zeigten ſie ihre Bosheit, obgleich ſie dieſelbe ſorgfaͤltig unter der Maske der Beſorgniß fuͤr mein See⸗ lenheil verbargen. Sie thaten, als wollten ſie mir ihr Kruzifir zum Kuͤſſen darreichen, doch es geſchah nur, um mich damit zu ſchlagen. Und vei dem Scheine der Emſigkeit, den ſie ſich zu geben wußten, kniffen ſie mich in die Arme, und ſpuckten mir in das Geſicht. Kurz dieſe wuͤr⸗ digen Handlanger des heiligen Gerichtes erfuͤllten vollkommen das ihnen aufgetragene Geſchaͤft. Ehe ich die heilige Halle verließ, warnte mich der Großinquiſitor noch, irgend etwas von dem zu vertathen, was ich innerhalb dieſer Mauern geſehen, gehört oder erfahren hätte.— Täuſche 3* 3 ——————— M 36 Dich nicht, ſetzte er noch hinzu, wenn Du waͤhnſt, wir wuͤrden es nicht wiedererfahren. Selbſt die Gedanken bleiben uns nicht verborgen. Als ich hierauf in meinen Kerker zuruckge⸗ fuͤhrt ward, begann ich uͤber das nachzudenken, was ich ſo eben gehort hatte, und erſchoͤpfte mich in tauſend Muthmaßungen uͤber das neue Ver⸗ brechen, das mir jetzt aufgebuͤrdet ward. Doch hoffte ich, wenn ich nur erſt von dieſem Schrek⸗ kensorte hinweg wäre, wuͤrde mein Schickſal auch eine guͤnſtigere Wendung nehmen. 37 Drittes Kap itel. Gegen Mitternacht trat mein ſtummer Wäͤrter zu mir ein, und gebot mir durch Zeichen, aufzu⸗ ſtehen und ihm zu folgen. Ich gehorchte, und als ich die nahe Treppe erreicht hatte, fühlte ich meine Arme ergriffen. Zwei Maͤnner ſchleppten mich mit ſich fort durch einen langen Gang, bis wir auf einen Hof und endlich auf die Straße Haͤtte ich meine vollkommene Freiheit wie⸗ der erlangt gehabt, ich hatte mich in jenem Au⸗ genblicke nicht glůͤcklicher fühlen konnen. Die er⸗ friſchende Nachtluft, die wundervolle Reinheit des Himmels, und der Anblick jener praͤchtig fun⸗ kelnden Himmelskoͤrper, welche das Firmament ſchmuͤckten, alles Dinge, an deren Anblick ich bereits verzweifelt hatte, erfullten mein Herz mit Freude, und fuͤr einen Augenblick vergaß ich⸗ daß meine Arme noch gefeſſelt waren, und daß ich den einen Kerker nur verlaſſen hatte, um in einen andern gefuͤhrt zu werden. Nach einem halbſtuͤndigen Wege, der mir neue Lebenskraft gab, traten wir in das Ge⸗ faͤngnißgebäude des Kanzleigerichtes, wo die Ver⸗ 38 brecher verwahrt zu werden pflegen, deren Todes⸗ urtheil zu erwarten iſt. Meine Fuhrer übergaben mich dem Kerkermeiſter, und dieſer brachte mich in einen kleinen, dumpfen Kerker, wo ich mit Arm⸗ und Beinſchellen belaſtet ward. Alles dies war mir ein Raͤthſel, doch bald erfolgte die Aufloͤſung. In aller Fruͤhe des dndern Morgens hoͤrte ich die Schloͤſſer meines Gefaͤngniſſes öffnen, die Riegel zuruͤckſchieben, und ſah dann vier Geſtal⸗ ten zu mir eintreten, welche, Geiſtern aͤhnlich, auf mich zuſtuͤrzten, und ihre Arme um meinen gefeſſelten Koͤrper ſchlingend, mich mit ihren Thraͤ⸗ nen benetzten;— ihre Seufzer und ihr Schluch⸗ zen erſtickten ihre Stimme. Anfangs war ich uͤber⸗ raſcht, aber was glich meiner Freude, als ich dann meine Mutter, meine Schweſtern und meine Iſabella erkannte. Himmel! rief ich aus, ſeyd Ihr es wirklich, die ich ſehe?— Wie kommt Ihr hieher?— Wem danke ich dieſe Seligkeit? Ihr! entgegnete meine Mutter, auf Iſabella deutend. Ihr dankſt Du Dein Leben; durch ſie werden die Feſſeln geloͤſt, die Dich bisher umfingen. Ich wollte ſie in meine Arme ſchließen, aber dieſe waren mit Ketten belaſtet. Sie ſchlang die ihrigen um meinen Nacken.— Das war zu viel Freude fuͤr mich;— ohnmachtig ſank ich zuruͤck. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einem Stuhle ſitzend, der Feſſeln entledigt und alle die Theuern um mich her. Ich ſprang freudig empor, und umarmte Eine nach der An⸗ dern, bis Uebermaß der Freude, Schwaͤche und Ermattung mir eine neue Ohnmacht zuzogen. Gegen Abend durfte ich mit nach Hauſe gehen, ward hier in ein warmes Bett gelegt, und der ungeſtoͤrten Ruhe uͤberlaſſen. Während der naͤch⸗ ſten zwei oder drei Tage blieb ich im Bette, ge⸗ pflegt durch die, welche mich ſo zaͤrtlich liebten, und deren ununterbrochene Sorge mich bald einer leidlichen Geſundheit wieder gaben. Bei alle dem aber war ich neugierig zu erfahren, was ſich waͤhrend meiner Gefangenſchaft zugetragen hatte, und meine gute Mutter war ſogleich bereit, mei⸗ nen Wunſch zu erfuͤllen. Wenige Stunden nach Deiner Verhaftung, ſagte ſie, kam das Mädchen und verkuͤndete uns, an der Hausthuͤr ſtehe ein Mann, der behaupte, er habe uns hoͤchſt Wichtiges mitzutheilen. Ich furchtete, es moͤchte irgend ein Schelm ſeyn, der nur einen Vorwand ſuche, in das Haus zu drin⸗ gen, und ſagte daher dem Mädchen, daß es die Thuͤr nicht oͤffnen, ſich dem Unbekannten auch nicht zu ſehr nähern ſolle. Aber er fuhr ſo emſig 40 fort zu pochen, daß ich endlich das Maͤdchen hin⸗ abſchickte, nach ſeinem Namen zu fragen. Es war Domingo, der ehemalige Diener Deines Va⸗ ters, den ich ſogleich zu mir fuͤhren ließ. Mit Thraͤnen in den Augen ſagte er, ſeit dem Un⸗ gluͤcke Deines Vaters, das er, waͤre es nur mog⸗ lich geweſen, gern mit ſeinem eigenen Leben ab⸗ gewendet hätte, waͤre er durch die Noth gezwun⸗ gen worden, und um ſeinen Unterhalt zu gewin⸗ nen, die Stelle eines Familiars der Inquiſition anzunehmen, welche ihm ein Domkapitular ange⸗ boten. Hätte ich aber gewußt, ſetzte er hinzu, welche Verpflichtungen ich dadurch uͤbernahm, ſo kann ich einen Eid darauf ablegen, daß ich lieber haͤtte verhungern wollen.— Doch dies, fuhr er fort, ſind Sorgen, die nur mich allein betref⸗ fen; daher zu dem, was mich zu Ihnen fuͤhrt. Erſt vor Kurzem habe ich erfahren, daß irgend ein vornehmer Mann, deſſen Namen ich jedoch nicht kenne, bei den Inquiſitoren war, und daß mein junger Herr, in Folge des Geſpräches, we⸗ gen einiger Schriften, gegen König und Religion, verhaftet werden ſoll. Ich dachte, ich hätte keine Zeit zu verlieren, und es ware beſſer, Sie zu erſchrecken, als Sie ſo großem Leid auszuſetzen; denn ich weiß, wie eilig ſie ſind, wenn es gilt, dergleichen Dinge abzumachen. 4 0 41 Ich verſicherte ihn meines Dankes, und be⸗ fahl dem Mädchen, auf Dein Zimmer zu gehen und Dich zu rufen. Doch bald kehrte ſie zu⸗ ruͤck, und verkuͤndete voller Schrecken, daß ſie Dich nirgend gefunden, daß Fenſter und Thuͤr offen, und alle Deine Kleidungsſtuͤcke in Unord⸗ nung geweſen wären. Unmoglich waͤre es, mei⸗ nen und Deiner Schweſtern Schmerz beſchreiben zu wollen. Am folgenden Morgen ſandte ich ſo⸗ gleich zu Iſabella, die auf der Stelle zu mir kam, und die Nachricht mit der groͤßten Beſorg⸗ niß vernahm. Als ſie nach Hauſe zuruckkehrte, fand ſie, daß einige Deiner Briefe verſchwunden waren; wer ſie aber genommen habe, konnte ſie nicht begreifen. 1 Während wir tauſend unausfuͤhrbare Plaͤne zu Deiner Befreiung entwarfen, erfuhren wir durch Don Lucas, den Inquiſitionsarzt, in wel⸗ chen traurigen Zuſtand Du durch die Tortur ver⸗ ſetzt worden ſeyſt. Aber ſeine Menſchlichkeit, ſeine Anhaͤnglichkeit an uns und ſein Verſprechen, alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtehe, nicht nur Dich gegen neue Mißhandlungen zu ſchuͤtzen, ſon⸗ dern auch Dich gänzlich aus der Gewalt der In⸗ quiſition zu befreien, beruhigte uns einigermaßen. Endlich theilte er uns einen Plan mit, den er entworfen hatte, und der unter gewiſſen Umſtaͤn⸗ 42 den leicht auszufuͤhren war. Er hatte es erfah⸗ ren, daß die geheime Kommiſſion der politiſchen Angelegenheiten gegen mehrere junge Offiziere einen Prozeß fuͤhre, welche angeſchuldigt waren, zu Gunſten der Konſtitution eine Verſchwoͤrung gegen das Gouvernement Ferdinand's VII. ange⸗ ſponnen zu haben. Die Richter hatten dem die Freiheit verſprochen, der das Haupt der Ver⸗ ſchwoͤrung angeben werde, und Don Lucas dachte, wenn es moͤglich waͤre, einen der Richter, einen vertrauten Freund des Großinquiſitors, zu ge⸗ winnen, und Dich dann ſcheinbar in die Ver⸗ ſchwoͤrung zu verflechten, ſo wuͤrde Deine Be⸗ freiung ſpaͤter keine große Schwierigkeit haben. Dieſer Plan war zu trefflich, um unbeachtet. zu bleiben. Don Lucas kannte den Vater eines der Offiziere, welche mit in die Verſchwoͤrung verwickelt waren. Dieſer wuͤnſchte ſehnlich ſeinen Sohn aus den Haͤnden der geheimen Kommiſ⸗ ſion errettet zu ſehen, und war, im Fall ihm dies gelinge, zu dem Opfer einer bedeutenden Summe Geldes bereit. Es ward unter ihnen verabredet, daß der Vater des jungen Menſchen den Richter beſuchen und ſehen ſolle, ob deſſen Ergebenheit gegen Ferdinand, oder deſſen Liebe zum Golde groͤßer ſey. Bald zeigte ſich das Letz⸗ tere, aber der Preis, den er fuͤr ſeinen Dienſt 43 forderte, war ſo groß, daß wir jetzt um Dich trauern muͤßten, waͤre die großmůthige Iſabella nicht geweſen, die ohne Zögern ihre Diamanten verkaufte, um Dich in Freiheit zu ſehen. Der Mann forderte 3000 Dollars von einem Jeden⸗ und wollte eher nicht einen Schritt thun, als bis das Geld in ſeiner Taſche ſey. Sobald er es aber hatte, erfuͤllte er auch ſein Verſprechen. Zuerſt verſchaffte er dem Sohne des erwähnten . Edelmannes ſeine Freiheit, indem er ihm rieth⸗ Dich als das Haupt der Verſchwörung anzuge⸗ geben. Von dieſer Erklaͤrung machte er darauf Gebrauch, um Dich von der Inquiſition ausge⸗ liefert zu erhalten. Hier wußte er dann Alles ſo einzurichten, daß Deine Unſchuld am folgenden Tage ſchon klar erwieſen ward. Sogleich gab er den Befehl zu Deiner Freilaſſung, und auf dieſe Weiſe alſo biſt Du uns wiedergegeben. Als meine gute Mutter ihre Erzaͤhlung geen⸗ digt hatte, ſchloß ich ſie in meine Arme, dann aber wandte ich mich zu meiner geliebten Iſa⸗ bella, und umarmte ſie abermals und abermals, indem ich ſie zugleich mit allen Namen nannte, die Zärtlichkeit und Liebe erſinnen koͤnnen. Zwei Tage darauf, waͤhrend ich eben mit Iſabella allein war, klopfte es an die Thuͤr, und † unſer Madchen ſagte, unſer alter Diener Do⸗ 44 mingo wünſche ſehr mich zu ſprechen.— Do⸗ mingo? rief Iſabella, und Todtenblaͤſſe deckte ihre Wangen und ihre Stimme zitterte. aſtig trat Domingo ein.— Es betruͤbt mich ſehr, mein lieber junger Herr, ſagte er, daß ich ſchon wieder der Ueberbringer ſchlimmer Bot⸗ ſchaft ſeyn muß, doch dies Mal, hoffe ich, wird es noch Zeit ſeyn, Sie zu retten.— Ich habe die ganz zuverlaͤſſige Nachricht erhalten, daß die Inquiſitoren den Befehl gegeben haben, Sie dieſe Nacht um zwoͤlf Uhr zu verhaften. Nicht ein Augenblick iſt zu verlieren; auf der Stelle muͤſſen Sie fliehen, wenn es nicht ſchon zu ſpaͤt iſt. Der Name der Inguiſition machte mein Blut erſtarren. Ein kalter Schweiß bedeckte mich, und waͤhrend einiger Minuten war ich unfähig, etwas anderes zu fuͤhlen, als Abſcheu und Entſetzen. Als ich mich wieder erholte, fand ich meine Iſabella mir zur Seite knieend. Eine meiner Haͤnde preßte ſie in die ihrige, ihre Augen haf⸗ teten an meinem Geſichte, und große Thraͤnen rannen uͤber ihre Wangen. Als ich meine Au⸗ gen oͤffnete, ſprang ſie empor, ſchlang ihre Arme um meinen Hals, und brach in einen Strom von Thraͤnen aus. Mit dem Ausdrucke unend⸗ lichen Kummers betrachtete ſie mich ſchweigend einen Augenblick, dann ſuchte ſie mit Gewalt — ihren Schmerz zu unterdruͤcken, ergriff meine Hand und flehete mit ruͤhrender Stimme: Flieh, mein theurer Eſteban, flieh augenblicklich!— Hier iſt Dein Leben nicht eine Minute Eng ſicher! Ihr Kummer gab mich mir ſelbſt wieder. Fliehen rief ich, und Dich zuruͤcklaſſen, den Ver⸗ folgungen dieſer Ungeheuer ausgeſetzt, die ſelbſt Dein Geſchlecht nicht ehren wuͤrden?— Und meine Mutter und Schweſtern ſchutzlos verlaſ⸗ ſen?— Nein!— Niemals! Deine Mutter und Deine Schweſtern, rief Iſabella, ſollen des Schutzes nicht entbehren. Sie ſollen uͤber mein Vermoͤgen und das meines Oheims verfuͤgen.— Gehoͤren ſie nicht auch mir an?— Fuͤr mich fuͤrchte nichts; thut es Noth, ſo kann ich in einem Kloſter Schutz und Sicherheit finden. Aber ich flehe darum, ent⸗ flieh!— Spare mir den Kummer, Deinen Tod zu beweinen, oder Dich einem Leben hinge⸗ geben zu wiſſen, das tauſendmal ſchlimmer iſt, als der Tod. Ich ſchwieg, doch fuhlte ich mein Hetz angſt⸗ voll beklommen. Biſt Du noch immer unerbittlich? fragte Iſa⸗ bella. Kannſt Du Dich weigern, mir zu fol⸗ gen?— Bleibſt Du hier, ſo ſetzeſt Du nicht 46 nur Dein eigenes Leben der Gefahr aus, ſon⸗ dern auch meines, das meiner Tante und Dei⸗ nes großmuͤthigen Freundes. Wir Alle zu Deiner Befreiung mitgewirkt. Unwillkuͤhrlich zitterte ihre Stimme, ſo ſehe ſie dies auch zu verbergen ſtrebte. Um meinet⸗ willen! bat ſie nochmals dringend, ihre Arme um mich ſchlingend. Endlich erwachte ich aus der Art von Fuͤhl⸗ loſigkeit, in welche ich bisher verſunken geweſen. So lebe denn wohl! rief ich. Unfaͤhig, ein Wort weiter zu ſprechen, und mit einer langen, inni⸗ gen Umarmung trennten wir uns. Die Thuͤr ſchloß ſich hinter mir, und wieder war ich, viel⸗ leicht auf immer, von dem Weſen getrennt, das meine wahrſte, treueſte Liebe ſo ſehr verdiente. Ich wartete nicht auf die Ruͤckkehr meiner Mutter und meiner Schweſtern, denn ich wuͤnſchte mir den Schmerz eines zweiten Abſchiedes zu ſparen, dem wahrſcheinlich meine ganze Kraft erlegen waͤre. Ich hatte keinen Paß, ohne einen ſolchen aber ward Niemand aus den Thoren der Stadt gelaſſen, deshalb mußte ich unter dem Bogen einer kleinen Brucke hindurchkriechen, wel⸗ che ſich in einem abgelegenen, wenig beſuchten Theile des Prado de la Magdalena befindet. „ 47 Als ich gluͤcklich in die offene Gegend gelangt war, uͤberlegte ich, wohin ich gehen ſolle. Frank⸗ reich war das Aſyl, welches ſich meinen Gedan⸗ ken zuerſt darſtellte, auch fand ich dort den ge⸗ liebten Vater und Bruder, aber indem ich mit meinem Geldbeutel zu Rathe ging, fand ich, daß ich kaum bis Burgos, geſchweige denn bis zur franzoͤſiſchen Granze kommen wuͤrde. Endlich, nachdem ich lange hin und her geſonnen, ent⸗ warf ich einen Plan, der zwar mit mancher Ge⸗ fahr verbunden war, der mich aber dafuͤr auch, wenn er gluͤckte, gegen alle ferneren Verfolgun⸗ gen der Inquiſition ſchuͤtzte. Ich erinnerte mich, daß der Vater Martinez, welcher vor dem Unabhaͤngigkeitskriege zu Valla⸗ dolid, in dem Kloſter la Merced als Moͤnch ge⸗ lebt hatte, jetzt Prediger des Koͤnigs, und Mit⸗ glied des oberſten Glaubensgerichtes ſeyo. Als ich noch ein Knabe war, hatte er ſich immer ſehr guͤtig gegen mich bewieſen, und mir jedes⸗ mal, wenn ich zu ihm auf die Zelle kam, ver⸗ ſchiedene Suͤßigkeiten und Leckereien gegeben. Ich beſchloß daher nach Madrid zu gehen, ihn auf⸗ zuſuchen, ihm unſere Leiden mitzutheilen, und ihn um ſeinen Schutz zu bitten. Ich wußte wohl, daß ich dabei viel wagte, da er nichtemehr der gewoͤhnliche Moͤnch war, der ſich durch den * 28 — Beſuch von Don Ignacio's Söhnen geſchmei⸗ chelt fuͤhlte, ſondern ein großer Mann, und ein Hofmann obenein, der es leicht uͤbel nehmen konnte, an fruͤhere Zeiten gemahnt zu werden. Dennoch ſtand mein Entſchluß feſt; denn ſelbſt wenn ich mich in meiner Hoffnung taͤuſchte, konnte es mit mir nicht ſchlimmer werden. Ich will das Ungemach nicht beſchreiben, das ich waͤhrend der Reiſe erduldete. Entbloͤßt von jeder Bequemlichkeit, ohne Geld, ein Nachtquar⸗ tier zu bezahlen, ward mir oft ſogar zu einem Stalle der Zutritt verweigert. Manche Nacht ſuchte ich in den Gebirgen nach einer Hoͤhle, meine ermatteten Glieder in ihrem Schutze aus⸗ ruhen zu koͤnnen, und manchen Tag verbrachte ich, ohne etwas anderes zu genießen, als ein wenig Brunnenkreſſe oder wilde Fruͤchte. Aber dennoch fuͤhlte ich mich gluͤcklich, wenn ich die ftriſche Bergluft einathmen, oder in die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne blicken konnte; wenn ich eine weite, fruchtbare Flaͤche uͤberſchaute, oder mich an der Pracht eines Waſſerfalles weidete⸗ — Ich war ja frei, und dieſer Gedanke allein reichte hin, alle meine Leiden zu mildern.— Welch ein Unterſchied zwiſchen dieſen reizenden Naturſcenen und jenen Graͤueln der Inquiſi⸗ tion, zwiſchen der Schoͤpfung Gottes in all ihrer wilden 49 wilden Schoͤnheit, und den finſtern, abſchrecken⸗ den Geſichtern der Inquiſitoren, den fanatiſchen Mönchen, dunkeln Zellen, Foltern, Kerkern und Ketten. Oft, wenn ich durch Anſtrengung er⸗ ſchoͤpft, auf dem harten Boden lag, und kaum ſo viel Kraft hatte, meinen Kopf zu erheben, ſah ich zuruͤck auf die Tage des Elends, die ich uͤberſtanden hatte, und neu geſtärkt konnte ich meine Reiſe fortſetzen. O Freiheit!— Nie⸗ mand kennt deinen Reiz, als der Unſchuldige, der aus Liebe zu dir Ketten tragen mußte. Endlich erreichte ich Madrid, und eilte ohne Zeitverluſt nach der Wohnung des Vater Mar⸗ tinez. Seine Herrlichkeit, ſagte der Thuͤrſteher, indem er mich vom Kopf bis zu den Fuͤßen mit Geringſchaͤtzung betrachtete, und ſich nicht von ſei⸗ nem Polſterſtuhle erhob— Se. Herrlichkeit kann Euch jetzt nicht ſehen, und uͤberdies iſt er im⸗ merwaͤhrend ſo beſchäftigt, daß ich es nie wagen wuͤrde, Euch bei ihm einzufuͤhren. Der Blick, den er dabei auf meinen Anzug warf, der von der Reiſe allerdings bedeutend gelitten hatte, erklaͤrte mir ſeine Grobheit, und da ich nun zum Ungluͤck kein Zeug mitgebracht hatte, als das, welches ich auf dem Leibe trug, hatte ich nur geringe Hoffnung, auf dieſem Wege jemals zu Str, Herrlichkeit zu gelangen. Des⸗ III. 4 5⁰ halb ſchrieb ich ihm und bat ihn, ſelbſt eine Zeit zu beſtimmen, zu ber es ihm genehm ſey, mich zu ſprechen. Am folgenden Tage war ich hoͤchſt angenehm uͤberraſcht, als ich meine Bitt⸗ ſchrift zuruͤckerhielt, und dabei auf dem Rande die Worte fand: Morgen, um 12 Uhr!— Als die Stunde kam, eilte ich zu dem Palaſte des Paters. In dem Vorzimmer traf ich auf mei⸗ nen guten Freund, den Thuͤrſteher. Er wußte nicht, daß ich hieher beſchieden ſey, und ſagte daher in ſeinem gewöhnlichen barſchen Tone: Es iſt ganz uͤberfluͤſſig, daß Ihr hieher kommt; mein Herr will Euch nicht ſehen, am allerwe⸗ nigſten aber jetzt, wo er ſeine Morgenandacht haͤlt. Ich ſagte ihm hierauf mit vieler Beſcheiden⸗ heit, daß ich, nach dem, was er mir geſagt, es gewiß nicht gewagt haben wuͤrde, Se. Herrlich⸗ keit zu belaͤſtigen, waͤre ich nicht durch den Va⸗ ter Martinez ſelbſt herbeſtellt worden; bei dieſen Worten zeigte ich ihm ſeines Herrn eigene Hand⸗ ſchrift. Das iſt eine Art um Zutritt zu bitten, die wir hier nicht verſtatten, ſagte er, ſchnell aufſtehend, doch ich will Euch eine Gunſt erzei⸗ gen, und dem Kammerdiener des Sekretairs ſa⸗ gen, daß Ihr hier ſeyd. ⁰ Waͤhrend er ging, mir dieſe Gunſt zu er⸗ 51 zeigen, redete mich ein armer Teufel an, der visher in einer Ecke des Zimmers gelehnt hatte, und ſich hier befand, um dem großen Manne ein kleines Memorial zu uͤberreichen. Ich ſehe, ſagte er, daß Sie noch ein Neuling am Hofe ſind, und nicht an die Art gewöhnt, wie große Herren auf ſich warten laſſen. Sie ſchienen be⸗ treten durch die Grobheit des Thuͤrſtehers, und ich war verwundert uͤber ſeine Herablaſſung ge⸗ gen Sie. Ich habe meine Hacken nun ſchon ſeit drei Wochen an dieſen Ort getragen, und bin noch nicht einen Zoll uͤber meine Ecke vor⸗ gedrungen, noch darf ich bis jetzt hoffen, bald zu Sr. Herrlichkeit eingefuͤhrt zu werden, ob⸗ gleich ich fruͤher ſehr vertraut mit ihm war.— Im Vertrauen will ich Ihnen unſere Geſchichte erzäͤhlen, und bitte dafuͤr nur, daß Sie dem Gnaͤdigſten in das Ohr fluͤſtern, Sennor Hur⸗ gon wuͤnſche ihn zu ſprechen. Dieſer gute Monch, fuhr er fort, jetzt des Konigs Beichtiger, und der Größte nnter den Großen, hielt von jeher mehr auf Gepraͤnge und Geraͤuſch, als auf Zelle und Einſamkeit. Da er von dem Himmel nicht mit genug Talent oder Geld begabt war, theologiſche Werke zu ſchreiben, ward er ein Politiker, und begann Flugſchriften und Satyren zu ſchreiben, und links und rechts 4* ————— 52 — einen Jeden anzugreifen, ber nicht von ſeiner Parthei war. Mich benutzte er, ſaubere Abſchrif⸗ ten von ſeinen Werken zu machen, oder auch die Geſpraͤche der verſchiedenen Volksgruppen auf den oͤffentlichen Platzen zu belauſchen. Dieſe Leute ſahen in ſeinen periodiſchen Schriften und in den Predigten, welche er von Zeit zu Zeit hielt, immer das wahre Licht. Das Volk roch aber bald den Biſam und die, welche ihn mit ſich fuͤhrten. Um des Friedens willen mußten wir unſeren bisherigen Wohnort meiden, und ir⸗ gend wo anders hingehen, die oͤffentliche Mei⸗ nung zu leiten. Der naͤchſte Ort, zu dem wir kamen, war von den Franzoſen beſetzt; aber Vater Martinez, mag der Boͤſe wiſſen wie er es anfing, erhielt nach wenigen Tagen die Erlaubniß, zu Gunſten der Franzoſen eine Zeitung herauszugeben; hier zeigte er die Patrioten und den Koͤnig, welcher damals als Gefangener in Frankreich ſich auf⸗ hielt, in ihren Feſttagskleidern. Ich befand mich noch immer in ſeinem Bunbe, und leiſtete ihm manchen erſprießlichen Dienſt, beſonders bei eini⸗ gen ſehr kitzlichen Unterhandlungen mit der Po⸗ lizei. Im Ganzen befanden wir uns in jener Zeit ſehr wohl, und es iſt nur ſchade, daß es nicht laͤnger waͤhrte. Als die Franzoſen aus ¹ ———— ———— — Spanien vertrieben wurden, machten wir ihnen unſeren Diener, und gingen nach Madrid, zu ſehen, was ſich hier ausrichten ließe. Sobald der Koͤnig und deſſen Räthe zuruͤck⸗ kamen, verſaͤumte mein frommer Schutzherr keine Zeit, ſich ihnen vorzuſtellen, und ſeine Feder ſo wie ſeine Lunge anzubieten, um die gefallenen Großen zu zuͤchtigen, ſie moͤchten nun zu dieſer oder zu jener Parthei gehort haben. Er ſchrieb ein ganzes Buch, das er mir zum Abſchreiben gab; es war mit Verlaͤumdungen und falſchen Anklagen erfuͤllt, die ſelbſt mich in Erſtaunen ſetzten.— Seit dem begannen Ehre und harte Dollars auf das heilige Gewand des Paters zu regnen. Er ſchaffte ſich nun Pferd und Wagen an, und auch ich konnte mich etwas hoͤher ſtel⸗ len, als dies bisher geſchehen, und mit dem was er meiner Frau gab, und was ich dazu thun konnte, ſchaffte ich mir einen neuen Mantel an, und die kleinen Nebeneinnahmen reichten zu einem neuen Anzuge hin. Bald machten wir uns ſo bekannt, daß man von nichts mehr ſprach, als vom Pater Martinez und Sennor Hurgon. Es währte nicht lange, ſo ſtand er auf dem hohen Poſten, den er jetzt bekleidet, und ich— war aus dem Dienſte geſtoßen.— Ich diente ihm zu gut, und wußte zu viel! Aber ſo iſt die Welt, und ich fuͤrchte, wenn nicht eine Zeit koͤmmt, wo meine Dienſte wieder gebraucht wer⸗ den, ſo muß ich umherlaufen, bis mich vor Aer⸗ ger der Schlag ruͤhrt. Waͤhrend er noch ſprach, trat eine Dame ein und fragte den Thuͤrſteher, der ſogleich auf⸗ ſprang, ob Se. Herrlichkeit zu Hauſe wären. Mit einer tiefen Verbeugung antwortete er laͤ⸗ chelnd, ſie hätten ſo eben ihre Andacht vollendet, und wuͤrden die Gnädige ohne Zweifel ſehr bald vorlaſſen. Kaum hatte er dies geſagt, als eine andere, weit ſchoͤnere Dame, aus Vater Marti⸗ nez Zimmern kommend, eintrat. Das iſt ſeine Heilige, ſagte Hurgon zu mir; doch, fuhr er fort, die Hand an die Stirn legend, ſie kann mir vielleicht nuͤtzlich ſeyn. Guten Morgen und gluͤcklichen Erfolg.— Bei dieſen Worten na⸗ herte er ſich jener Dame auf den Zehen, ver⸗ neigte ſich einige Male tief, und zwang ſeine ernſten Zuͤge in freundlichere Falten. Ich hatte jetzt eine volle Stunde gewartet, und da ich eine Dame aus des Vaters Zimmern kommen ſahe, hoffte ich, ſeine Andachtsuͤbungen wuͤrden vorbei ſeyn, und ich bald zu ihm ein⸗ geführt werden. Doch darin irrte ich mich; Va⸗ ter Martinez war viel zu artig, um eine Dame auf ſich warten zu laſſen. Ich mußte bis halb 55 vier Uhr bleiben, und weil die Stunde zur Mit⸗ tagsmahlzeit des Paters erſchienen war, ließ er mir ſagen, daß er mich nicht eher, als um zwoͤlf Uhr des folgenden Morgens ſehen koͤnne. Nach manchem Aufenthalte, der einem Bit⸗ tenden wie mir, hoͤchſt unleidlich erſcheinen mußte, ward ich endlich in des Paters Studierzimmer gefuͤhrt, wo ich ihn an einem Schreibtiſche, vor einem machtigen Haufen von Papieren ſitzend fand, von denen mehrere, ihrer gelben Farbe nach zu ſchließen, dem Tageslichte lange Zeit ent⸗ zogen geweſen waren. Der gute Vater plagte ſich gewaltig mit einem Napf Chokolade und einem Teller Konfekt. Biſt Du noch, redete er mich an, unſerer Kirche zugethan, und haſt Du die heilige Religion nicht gegen die verabſcheuungs⸗ werthen Grundſatze der Philoſophen abgeſchworen? Ehrwuͤrbigſter Vater, entgegnete ich, etwas überraſcht durch dieſe Einleitung des Goſpräches, Ihr kennt Don Ignacio Lara— ſeine Fröm⸗ migkeit und Sittenreinheit— ſeine wahre Got⸗ tesfurcht und Religion, und Ihr kennt auch die Erziehung, die er ſeinen Kindern gab. Wie ihn das Ungluck auch getroffen habe, ſo hoffe ich doch, daß Ihr ihm die Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſet, nicht zu glauben, daß ſeine Kinder von dem Pfade wichen, auf den er ſie leitete. Ja, ich 56 hoffe noch mehr; ich hoffe ſogar, daß Ihr Eure ſchuͤtzende Hand uͤber die wenigen Mitglieder ſei⸗ ner Familie breiten werdet, welche ſeine Verban⸗ nung noch nicht theilen. Ich komme grades We⸗ ges von Valladolid, Euch darum anzuflehen, denn beſonders i ch bin durch einen geheimen, aber mäch⸗ tigen Feind zum Gegenſtande ſeiner Verfolgun⸗ gen auserſehen. Feſt vertraue ich darauf, daß die Guͤte und Milde, welche Ihr mir in meiner * Kindheit ſo oft bewieſet, noch nicht untergegan⸗ gen ſind. Hierauf gab ich ihm eine treue und wahre Schilderung unſerer Leiden, bei deren Erzaͤhlung er höchſt uͤberraſcht ſchien.— Sonderbar! rief er aus. Ich hoͤrte bis hieher noch nicht davon. Ich bin Dir gewogen, Eſteban; traue auf mei⸗ nen Schutz, und fuͤrchte die Inquiſition nicht länger. Noch heute will ich dieſe Angelegenheit beendigen. Der General-Inquiſitor iſt mein Freund, und ein Brief von mir wird genuͤgen. Doch, fuhr er fort, wir muͤſſen ſehen, was ſich noch außerdem fuͤr Dich thun laͤßt. Komm mor⸗ gen wieder; bis dahin habe ich vielleicht etwas ausgeſonnen, das zu Deinem Vortheil gereichen kann. Alles was ich zur Vergeltung von Dir verlange, iſt duldender Gehorſam und Liebe zu Thron und Altar. ——— 57 Er nickte und ich ging, nachdem ich ihm innig gedankt hatte. Am folgenden Tage fand ich den Thuͤrſteher viel hoöͤflicher, und ward ſo⸗ gleich zu Vater Martinez eingefuͤhrt. Ich habe etwas fuͤr Dich gethan, ſagte er, Du wirſt in des Koͤnigs Leibgarde aufgenommen werden; ge⸗ ſtern Abend ſprach ich mit dem Herzog von Ala⸗ gon, Kapitain der Garden, und verabredete es. Zwei tauſend Dollar, gehoͤrig vertheilt, werden Dir die groͤßte Sicherheit verſchaffen, und Dir eine ehrenvolle Laufbahn eroͤffnen. Geh, ſchaff das Geld ſo bald als möglich herbei,— bringe es mir zur Vertheilung. In dieſem Plane lagen einige faſt unuͤberſteig⸗ liche Hinderniſſe Erſtlich widerſtritt es allen mei⸗ nen Gefuhlen, in den Dienſt des Koͤnigs zu treten, und zweitens, wie ſollte ich, der ich kaum ſo viel hatte, mein Daſeyn zu friſten, zwei tauſend Dol⸗ lar herbeiſchaffen, da ich wenigſtens noch ein tau⸗ ſend bedurfte, um mich gehoͤrig zu equipiren. Aber wenn ich das Anerbieten des Vater Mar⸗ tinez zuruͤckwies, ſo machte ich mich ſeines Schuz⸗ zes wahrſcheinlich verluſtig, und war alle dem Mißgeſchicke, dem ich kaum erſt entronnen, aufs Neue blosgeſtellt. Und uͤberdies hatte er ſchon einige Schritte fuͤr mich gethan, die er nicht un⸗ geſchehen machen konnte. Während ich noch un⸗ 58 entſchloſſen ſchwankte, ſtieg plotzlich ein Gedanke in meiner Seele auf, der mich ſchnell beſtimmte.— Meine Pflicht mußte mich oͤfters in des Koͤnigs Naͤhe fuͤhren. Wer weiß, dachte ich, ob ich nicht eine Gelegenheit finde, Don Ignacio's Begnadi⸗ gung zu erflehen!— Dieſe Hoffnung war mir zu freudig, um ihr widerſtehen zu koͤnnen. Ich ſchrieb ſogleich nach Hauſe, theilte den Meinen die Nachricht meiner Reiſe und des Schutzes, den ich gefunden, mit, und bat ſie, Alles anzuwenden, um mir durch meine Freunde die verlangten zwei tauſend Dollar zu ſchaffen. Mit der umgehenden Poſt erhielt ich einen Brief des Marquis, der zum Gluͤcke zufällig in Valla⸗ dolid geweſen war. Als Einlage uͤberſandte er mir einen Wechſel von drei tauſend Dollar. In⸗ nig ruͤhrte mich dieſe Großmuth, und nur zu bald hatte ich Gelegenheit, durch Mittheilung der wichtigſten, doch grauſamſten Nachricht meine Dankbarkeit zu beweiſen. Sobald ich das Geld erhalten, brachte ich dem Vater Martinez die verlangten zwei tauſend Dol⸗ lar. Er ſchien erfreut uͤber meine Eile, und wuͤnſchte zu wiſſen, wie ich ſie mir verſchaffte. Ich ſagte ihm, daß ich ſie durch die Guͤte des Don Lorenzo Torrealva, Marquis von Moncajo, erhalten habe. 59 Don Lorenzo Torreglva? rief er, das iſt Don Facundo's Bruder! Ja, ehrwuͤrdigſter Vater! entgegnete ich.— Einen Augenblick ſchwieg er, und bedeckte die Augen mit der Hand, dann ſagte er: Wohl, ich will Dich zum Vertrauten machen, und Dir einen Beweis geben, wie ſehr ich Dich ſchätze. Vergangne Nacht erhielt des Marquis Bruder, Don Facundo, von dem Koͤnige einen Verhafts⸗ befehl fuͤr den Marquis. Er ſoll auf das feſte Schloß San Anton in Corunna gebracht, Titel und Guͤter aber auf Don Facundo uͤbertragen wer⸗ den. Ich war einſt mit dieſem in enger Verbin⸗ dung, doch ſeit ich zu meinem jetzigen Poſten ge⸗ langte, iſt er mein bitterſter Feind geworden, und hat ſchon oft verſucht, mir das Vertrauen mei⸗ nes Monarchen zu rauben.— Mache einen ver⸗ ſtändigen Gebrauch von dieſer Eroffnung, und morgen komm wieder zu mir, damit ich Dich dem Herzoge von Alagon vorſtellen kann. 60 Viertes Kapitel. — Aengſtlich beſorgt, meinen großmuͤthigen Freund, Don Lorenzo, zu retten, ſchrieb ich ihm ſogleich, benachrichtigte ihn von der Gefahr, die ihm dro⸗ hete, und beſchwor ihn, auf der Stelle nach einem fremden Lande zu entfliehen, da Flucht allein ihn von der Einkerkerung erretten koͤnne. Am folgenden Tage erſchien ich wieder bei dem Vater Martinez. Der Herzog von Alagon wohnte, als Kapitain der Garden, in dem Pa⸗ laſte des Koͤnigs, deſſen großer Liebling er war. Dieſer Grande, der am Hofe grau geworden, war das wahre Bild der Höflichkeit, und empfing mich auf ſehr herablaſſende Weiſe. Se. Epcellenz waren ſo gnädig, meine Perſon ſo zu finden, daß ſie mich der Aufnahme in das Corps, in wel⸗ ches ich treten ſollte, wuͤrdig mache. Ich muß nun nur wuͤnſchen, fuͤgte er hinzu, daß ſie den reinen Adel Ihrer Vorfahren, vier Generationen aufwaͤrts, beweiſen koͤnnen. Was den Adel ſeiner Familie betrifft, fiel Vater Martinez ein, ſo kann ich dafuͤr gut ſagen. Dies haͤngt nicht von mir ab, entgegnete der Herzog. Don Eſteban muß zu dem Fiscal del —— ——————— 61 Cuerpo(General⸗Anwalt ber Leibgarde) gehen dieſer wird ſeinen Adelsbrief unterſuchen. Als wir uns gegen den Herzog verbeugt hat⸗ ten, ging Vater Martinez mit mir zu dem An⸗ walt, um mir durch ſein Zeugniß die Unbequem⸗ lichkeit zu erſparen, den Adelsbrief Don Igna⸗ cio's herbeizuſchaffen. Aber die Sennoria, der Herr Anwalt, verſicherte, uͤber dieſen Punkt von dem Könige ſo ſtrenge Befehle erhalten zu ha⸗ ben, daß es ihm unmoͤglich ſey, dem Wunſche des ehrwuͤrdigen Vaters zu genügen. Ich war daher gezwungen zu warten, bis die nöthigen Papiere von Don Ignacio herbeigeſchafft werden konnten. Während deſſen betrachtete ich mir die Haupt⸗ ſtadt Spaniens, die ſchoͤnſte Stadt, welche ich jemals ſah. Die Promenaden um Madrid, welche ſehr ſorgfäͤltig unterhalten ſind, zeigen in groͤßerer Men⸗ ge, als die anderer Städte, Offiziere aller Gra⸗ de in ihren verſchiedenen Uniformen; Edelleute in ihren Mänteln; Geiſtliche in den weiten ſchwar⸗ zen Gewaͤndern und breitkräͤmpigen Huͤten; junge Damen mit weißen Schleiern und bunten Fächern; Matronen mit ſchwarzen Mantillas und finſtern Blicken; junge Männer, mit allem Aufwande der neueſten Mode gekleidet; Waſſertraͤger, beſtaͤndig 62 mit ihren Glaͤſern klingelnd, die Gefäße nach jedem Gebrauche ſorgfältig reinigend, und ihre gefrornen Getränke beſtäͤndig mit lauter Stimme ausrufend, und vorwärts und ruͤckwärts laufend, und mit ihrem natuͤrlichen, gutmuͤthigen Lächeln den Damen Schmeicheleien ſagend, in denen die Ausdruͤcke: Mein Herz!— Meine Seele!— nicht geſpart ſind, und die ſelbſt den Sproͤdeſten, Stolzeſten nicht mißfallen. Die Apfelſinen⸗Maͤn⸗ ner, Nuß⸗Maͤnner und Spritzen⸗Männer ver⸗ einigen ihr Geſchrei mit dem der Woſſertraͤger, und ſchweifen uͤberall mit gleicher Geſchaͤftigkeit umher. Gruppen von Damen, ihre Anbeter zur Seite, nehmen die ſteinernen Sitze ein, und ma⸗ chen ihre Bemerkungen uͤber die Originale oder deren Kopien, welche zufallig vorbeigehen; einige fuͤhren ihre Unterredung fluͤſternd, andere ſprechen ihren Witz laut aus. Gegen Abend erſcheinen die lichtfertigen Daͤm⸗ chen, welche die naͤmliche Kleidung tragen, wie die Frauen der vornehmſten Staͤnde, und dabei von der Natur oft ungleich mehr beguͤnſtigt ſind. Sie kommen nach der Arbeit des Tages hieher, um die Abendkuͤhle zu genießen, und mit den Offizieren und jungen Edelleuten zu ſcherzen und zu tändeln. Unter dieſen Frauen bemerkte ich veſonders eine von ausgezeichneter Schoͤnheit, und . 63 einer ganz eigenen Anmuth in den Bewegungen, beſonders in der Art, wie ſie mit dem Faͤcher ſpielte. Dieſer ſchien ſich mit ihren ſchwarzen, funkelnden Augen die Ehre ſtreitig zu machen, die Herzen der Menge zu beunruhigen. Sie er⸗ regte allgemeine Bewunderung, und eine große Zahl von Anbetern folgte ihren Schritten. Jetzt ermuthigte das liebliche Nicken ihres Kopfes, indem ſie eine Falte ihrer Mantilla anders legte, einen ihrer feurigſten Anbeter zu eifrigerer Ver⸗ folgung, und ſeine Hoffnungen wurden durch die wirbelnde Bewegung ihres Faͤchers noch mehr geſteigert.— Wer hätte es nicht bemerkt, mit welchem Ausdrucke des Triumphes er rund um ſich herſahe?— Aber ach!— ſtatt der ſchnel⸗ len, drehenden Bewegung, welche jetzt haͤtte fol⸗ gen ſollen, um ihn naͤher zu rufen, entfaltete ſich der Faͤcher vor ſeinen erſtaunten Augen mit unzweideutiger Herabſenkung, und ſo gaͤnzlich“ zuruͤckgewieſen, ſank er ſchnell in ſeine fruͤhere Unbedeutendheit. Doch jetzt barg der Fächer ein leichtes Lächeln, und nun bewegte er ſich win⸗ kend; er gruͤßte einen fernſtehenden theuern Ge⸗ genſtand. Der Faͤcher blieb eine kurze Zeit offen, aber er ſchien ſich nicht zu nahern. Die Dre⸗ hungen des Faͤchers wurden heftiger, aber er er⸗ ſchien nicht. Die ungeduldigen Finger oͤffneten 64 und ſchloſſen nun ben Fächer mit bewunderns⸗ wuͤrdiger Geſchwindigkeit, und nach wenigen Schrit⸗ ten fiel er auf die Schulter eines Mannes, deſ⸗ ſen Gedanken abweſend waren, oder der ſich doch den Schein davon geben wollte. Mit ihm ging das Maͤdchen davon, und machte ſo den Unter⸗ haltungen ein Ende, deren Gegenſtand ſie gewe⸗ ſen war. Bald darauf erſchallte das Gelaͤut der Glok⸗ ken, welche zum Abendgebete riefen, und wie mit einem Zauberſchlage verſtummte jedes Ge⸗ raͤuſch. In dem naͤmlichen Augenblicke entblöß⸗ ten alle Maͤnner den Kopf, ſenkten alle Frauen den Faͤcher andaͤchtig gegen den Boden, und etwa zwei Minuten lang lispelte Jeder einige Worte des Gebetes. Das Zeichen des Kreuzes, uͤber die Bruſt gemacht, ſchloß dies tiefe Schwei⸗ gen, welches durch den Gedanken etwas hochſt Ergreifendes erhielt, daß es in dieſem Momente uͤber das ganze Reich herrſche. Dann gruͤßte Jeder die Umſtehenden, und die Zungen wurden mit verdoppelter Lebhaftigkeit in Bewegung ge⸗ ſetzt, das Verſaͤumte nachzuholen. Am naͤchſten Nachmittage ging ich in Garten des Buen Retiro. Ich wanderte in den weiten, labyrinthartigen Gaͤngen umher, bis es dunkel ward, und bedachte nicht, daß die Thore geſchloſ⸗ 65 geſchloſſen werden, ſobald die Abendglocke ertont. Als ich an den Ausgang kam, fand ich die Thore verſchloſſen. Es gab fuͤr mich kein Aus⸗ kunftsmittel, als die ganze Nacht auf die Be⸗. wunderung des Gartens zu verwenden; bei der Klarheit des Himmels keine ſchwierige Aufgabe. Die unzähligen Springbrunnen, welche dieſen Garten zieren, die Hunderte von Bildſaͤulen, die Einſiedeleien, die indiſchen Pagoden und chineſi⸗ ſchen Tempel, die großen Teiche, von Menſchen⸗ hand in den felſigen Grund gegraben, die freund⸗ lichen Landungsplaͤtze, alle dieſe Wunder, zu de⸗ ren Erſchaffung die Schätze Amerikas ſeit den Zeiten Philipps IV. bis auf unſere Tage ver⸗ geudet wurden, machten einen tiefen Eindruck auf mein Gemuͤth, beſonders, als der Mond aufging, und der Stene neue Reize lieh. Von der Spitze des Zůges im Parke eonnt: ich den Prado, die Delicias, die weiten, ſchlaͤn⸗ gelnden Ufer des Manzanares, und die Tempel und Thuͤrme Madrids uͤberſehen, die ſich aus der Maſſe der Schatten gleich ſtrahlenden Gei⸗ ſtern erhoben. Die Bergkette von Guadarama und Buytrago, deren hoͤchſte Spitzen mit ewigem Schnee bedeckt ſind, erſchienen vom Strahle des echellt, wie durchſichtige Blumengewinde, M. 5 und bildeten einen uͤberraſchenden Gegenſatz zu den tiefer liegenden, unbeleuchteten Theilen des Gebirges. Die Unfruchtbarkeit jener Gegenden war jetzt in Nacht und Dunkel gehuͤllt, oder ſie glichen weiten, glaͤnzenden Seeen. Der dun⸗ kele Himmel, und jener Athem ſuͤdlicher Naͤchte, welcher dem Spätherbſte die Friſche des Fruͤh⸗ lings leihet, erhoͤheten noch den Reiz meines Ge⸗ nuſſes, und wiegten mein Gemuͤth in angeneh⸗ me Traͤumereien. Das Gemurmel der Spring⸗ brunnen, und das Geheul der Loͤwen und Pan⸗ ther,*) welche den lieblichen Ort ebenfalls be⸗ wohnen, verſetzten mich in die Wildniß der hei⸗ ßeren Zone. Die weißen Bildſaͤulen, welche uͤberall durch die Zweige der Baͤume ſchimmer⸗ ten, hielt ich in dieſem Augenblicke fuͤr eben ſo viele fremdartige Weſen, und Alles dies diente nur dazu, meine Phantaſie maͤchtig zu erregen. Als ich herumgeirrt war und bewundert hatte, bis die Muͤdigkeit mich befiel, ſuchte ich mir ein wenig bequemes Lager in dem dichteſten Gehoͤlze des Gartens, und eilte, ſobald am an⸗ deren Morgen die Thore geoͤffnet worden, in meine Wohnung. Hier erfuhr ich durch meine *) Die koͤnigliche Menagerie befindet ſich in einem eigens dazu beſtimmten Gebäude in den Gärten des Buen⸗Retiro. 67 Wirthin, daß heut der Tag der großen Stierge⸗ fechte ſey, und da ich bis zu der Ankunft der Papiere aus Valladolid ohnehin nichts zu thun hatte, beſchloß ich, den Thierkaͤmpfen beizuwoh⸗ nen, und den allgemein bewunderten Candido, den großen Gladiator des Tages, zu ſehen. Die Straße von Alkala war ihrer Laͤnge un⸗ geachtet kaum im Stande, die Maſſe der Men⸗ ſchen zu faſſen, welche nach dem Cirkus ſtroͤm⸗ ten. Alle, in ihre Sonntagsanzuͤge gekleidet, ſchienen zu fuͤrchten, daß ſie zu ſpaͤt ankommen moͤchten, einen guten Platz zu erhalten. Arme Schelme, die vielleicht nicht ein Stuͤck Brot oder eine Hand voll Schnittlauch zum Abendeſ⸗ ſen hatten, zahlten vier Realen fuͤr die Selig⸗ keit, im Schatten ſitzen zu koͤnnen. Sie fuͤrch⸗ teten nicht etwa, daß die Sonne ihnen zu ſehr auf die Koͤpfe brennen wuͤrde, ſondern daß deren Strahlen ſie verhindern moͤchten, ſchnell allen Bewegungen der toreadores(Stierkaͤmpfer) mit ihren Blicken zu folgen. Der Cirkus liegt außerhalb der Stadtmauern, in der Gegend des Retiro. Was auch immer uͤber dergleichen Spiele geſagt ſeyn mag, ſo muß man doch eingeſtehen, daß in ihnen etwas Groß⸗ artiges liegt, das wohl im Stande iſt, einen Fremden zu unterhalten.— Der Kampſplatz 5* 68 hat etwa 600 Fuß im Umfange, und iſt rings mit 6 Fuß hohen Barrieren umgeben. An bieſe ſchließt ſich ein enger Gang, fuͤr Alle die be⸗ ſtimmt, die bei den Gefechten zu thun haben, und der zugleich dazu dient, die Zuſchauer vor jeder Gefahr zu ſchutzen. Das Amphitheater ent⸗ haͤlt 14 Reihen Sitze, welche ſich uͤbereinander erheben. Hier vertheilen ſich die Zuſchauer nach ihrem Range oder den Kräften ihres Geldbeu⸗ tels. Wenige oͤffentliche Schauſpiele bieten eine auffallendere Verſchiedenheit der Sitten oder ein regeres Leben. Hier ſieht man Menſchen von jedem Alter, Geſchlechte und Stande, jeder Par⸗ thei und Provinz. Eine Reihe von Balkons iſt fuͤr die Damen der hoͤhern Stände, die Präla⸗ ten und die Granden errichtet, und eine Loge, reich verziert und mit karmoiſinrothem Sammet ausgeſchlagen, fur die koͤnigliche Familie. Neben derſelben iſt das Orcheſter, und unter dieſem der Haupteingang in den Cirkus, in Form eines Triumphbogens. Der königlichen Loge gegenuͤber iſt der Stall, in welchem die zum Kampf be⸗ ſtimmten Stiere aufbewahrt werden. Rechts da⸗ von iſt eine Thuͤr fuͤr die toreadores, und links eine andere, durch welche die getödteten Stiere hinweggeſchleppt werden. Sobqld das Thor ſich oͤffnete, und der ſchoöne N* N* 69 Candibo erſchien, auf einem brauſenden Roſſe reitend, mit ſeiner Lanze, ſeinem wogenden Fe⸗ derbuſche, und ſeinem reich mit Gold und Sil⸗ ber beſetzten Kleide, weheten die Tuͤcher aller Damen auf den Balkons und des Volkes auf dem Amphitheater, und lautes Freudengeſchrei begruͤßte ihn. Als er ſich vor der koͤniglichen Loge neigte, erregte ſein Anſtand und ſein feines Benehmen laute Beifallsbezeigungen mehrerer der vornehmſten Damen. Waͤhrend des Kampfes er⸗ hielten ſeine Gewandtheit und ſein Muth, denen nichts gleich kam, als ſeine Schoͤnheit, das Volk in einem beſtaͤndigen Entzuͤcken. Stets dem Stiere grade gegenuͤber, und ihm oft bis in die Mitte des Platzes entgegengehend, neckte er ihn nur, und reizte ſeine Wuth. Da wurde ſein Pferd verwundet, und nun zog er ſich mit vie⸗ ler Gewandtheit zuruͤck, bald zur Rechten, bald zur Linken die Lanze ſchwingend, ſo, daß das wuͤthende Thier keinen weitern Vortheil uͤber ihn erlangen konnte. Waͤhrend dieſer gefahrvollen Augenblicke hatte uͤberall eine wahre Todtenſtille geherrſcht, und Schrecken und Furcht zeigten ſich auf jedem Geſichte. Als der muthige Käm⸗ pfer aber aller Gefahr gluͤcklich entronnen war, da brach donnernd das allgemeinſte Beifallsge⸗ ſchrei aus, die Fächer, die Schleier, die Man⸗ 70 tillas waren kaum hinreichend, die Freude der Frauen auszudruͤcken, und die Maͤnner ſchwenk⸗ ten die Siteh und legten ihrer Stimme keine Gewalt auf. Nachdem Candido als Picador Be⸗ weiſe ſeiner Gewandtheit und Geſchicklichkeit ge⸗ geben hatte, erſchien er wieder als Matador in den Schranken, und jetzt erſt zeigte er ganz, was er vermoͤge. Ein Streich mit ſeinem Schwerte, und der Kampf war beendigt. Er ging grade auf das wuͤthende Thier los, hielt ihm ſeinen rothen Mantel vor, und breitete beide Arme ge⸗ gen den Stier aus. Dieſer ſtuͤrzte ſchaͤumend vor Wuth auf ihn ein, da ſtieß er ihm ſein Eiſen zwiſchen den Hoͤrnern hinein, und ſtreckte ihn augenblicklich todt zu ſeinen Fuͤßen nieder. Der Ruf des Candido war ſo groß, daß die Andaluſier ihm ungeheure Summen boten, wenn er den Stiergefechten in Andaluſien beiwohnen wolle. Sie ſtritten ſich mit ihren Nebenbuhlern, den Eſtremadurern, um die Ehre, ihn zu beſiz⸗ zen, und rangen emſig nach dem Siege uͤber dieſe. Candido haͤtte ſich ein fuͤrſtliches Vermoͤ⸗ gen ſammeln koͤnnen, haͤtten nicht die Verſchwen⸗ dung, die ſolchen Leuten eigen zu ſeyn pflegt, ſeine beſtaͤndigen Reiſen, bei denen er ſich mit einer wahrhaft koͤniglichen Pracht umgab, und 71 — die bedeutenden Geſchenke, die er Kirchen und Kloͤſtern machen mußte, ſeine ſteten Ausſchwei⸗ fungen zu ſuͤhnen, ſeine bedeutende Einnahme verſchlungen. Seine perſoͤnliche Schoͤnheit waäre vielleicht eine eben ſo ergiebige Erwerbsquelle, als ſeine Tapferkeit, geweſen, allein wenn er auch ſtolz auf hohe Liebesverbindungen war, ſo be⸗ nutzte er ſeine reichen Naturgaben doch nur, ſein Vergnügen, nicht aber ſein Vermögen zu ver⸗ mehren. Wenn er nicht im Cirkus war, ſo ſtieg das Laͤrmen, Schreien und Toben bis zum Unleidli⸗ chen.— Ich ſaß zufaͤllig neben Maiquez un⸗ ſerem modernen Roscius, welcher mit eben dem Eifer, als die Gemeinſten, in das Geſchrei mit einſtimmte, als einer der Pikadores, deſſen Pferd getoͤdtet, waͤhrend er ſelbſt in den Sand gewor⸗ fen worden, ſchnell, auf einem anderen reitend, wiedererſchien.— Vorwärts! vorwaͤrts! ſchrie er mit aller ſeiner Kraft.— Er erregte die Aufmerkſamkeit des Pikadors, der ihn ſogleich wiedererkannte. Er hielt, grade uns gegenuber, ſein Pferd an, ſtieß die Lanze in den Sand, legte beide Haͤnde gegen den Mund, und ſchrie ſo laut er konnte: Hoͤre Du, Meiſter Tragiker, glaubſt Du etwa, es ſey gleich viel, gegen einen 72 Stier zu fechten, oder ſo zum Schein auf den Bretern zu ſterben? Dieſer Scherz, uͤber den Maiquez ſelbſt herz⸗ lich lachte, erlangte den allgemeinſten Beifall, und ſetzte den Pikador in die Gunſt der Zu⸗ ſchauer wieder ein, die ſich bald darauf, in der groͤßten Ordnung und der beßten Laune, nach allen Richtungen hin entfernten. 73 Fuͤnftes Kapitel. Als ich den Cirkus verließ, traf ich— Nie⸗ mand anders, als Anton, in dem aͤrmlichſten Zuſtande, aber eben ſo luſtig, als ob er alle Bequemlichkeiten des Lebens beſitze. Kaum er⸗ blickte er mich, als er auf mich zugerannt kam und laut rief: Mein theurer Herr, endlich ge⸗ waͤhrt Gott dem armen Anton doch noch den Troſt, Sie wieder zu ſehen. Mögen ſich meine Augen jetzt fuͤr immer ſchließen, denn ſie ſahen, wonach ſie ſich am meiſten ſehnten. Sage lieber, rief ich, daß ſie jetzt noch viele Jahre offen bleiben moͤgen, um alles erfuͤllt zu ſehen, wonach Dein Herr ſtrebt, und dann an ſeinem Gluͤcke Theil zu nehmen. Doch wie koͤmmt es, daß ich Dich in einer ſolchen Lage finde? Weil ich und die Welt nicht zuſammen paſ⸗ ſen, entgegnete er. Es war eine Zeit, als auch ich einen geſchweiften Mantel trug, an der lin⸗ ken Seite mit einem Merkmale verſehen, das mir zwar keinen Maravedi eintrug, aber mir doch uͤberall ein großes Anſehn gab. Kaum ſahen die Politiker, daß ich mich nahe, ſo legten ſie ihr Geſicht in die ernſteſten Falten, und ſie betrach⸗ 74 teten mich mit der groͤßten Achtung. Ich wuͤnſch⸗ te, Sie haͤtten Anton damals ſehen koͤnnen, wie er mit der Ernſthaftigkeit einer Eule umher ſtolzirte, und uͤber unſere Mutterkirche ſchwatzte, als ob er etwas davon verſtaͤnde. Es war wirk⸗ lich erbauend, wenn ſich ſo die ganze Unterre⸗ dung um religioͤſe Gegenſtaͤnde drehete, und wie ſich Jeder vor mir neigte, als waͤre ich der Ge⸗ neral⸗Inquiſitor ſelbſt, ſobald das heilige Tribu⸗ nal genannt ward; und doch hatte ich nur die Ehre, einer von deſſen gehorſamſten Dienern zu ſeyn.— Waos ich innerhalb der Mauern des Inguiſitionsgebaͤudes ſah, will ich nicht erwah⸗ nen, denn Sie wiſſen wohl, wenn man auf die Inquiſition und den Konig zu ſprechen koͤmmt— St!— ſt!*) Aber die Mummerei war nicht fuͤr Anton gemacht, oder Anton nicht fuͤr ſie. Bald warf ich den Mantel und die heiligen Ab⸗ zeichen bei Seite, denn ich konnte es nicht er⸗ tragen, ſtets ein Schloß vor dem Munde zu haben, und immer ein Geſicht zeigen zu muͤſſen, ſo lang, wie das des Ritters von der traurigen Geſtalt. Aber, fragte ich, wie kam es, daß Du zum *) Eine in Spanien ſehr gewoͤhnliche Redensart iſt:— Pel rey y de la Inquisicion, chi- ton, chiton! ———— ———— 75 Familiar ernannt wurdeſt? Ich haͤtte wahrlich eher geglaubt, Du waͤrſt zum Miniſter der Gna⸗ de und Gerechtigkeit ernannt worden. In der That, rief Anton, Sie trafen den Nagel faſt auf den Kopf. Um nicht Diener der Art ſeyn zu muͤſſen, ergab ich mich dem Elende, Familiar zu werden. Ich will Ihnen dies noch naͤher erkläͤren.— Bald nachdem ich Ihre Mut⸗ ter, Donna Tereſa, verlaſſen, kam ich nach Ma⸗ drid. Kluge Leute werden hier niemals Hungers ſterben. Eines Tages, als ich mich unter dem Haufen des Volkes im Hofe des Palaſtes be⸗ fand, tippte mir ein Menſch, der die Livree des Premierminiſters trug, auf die Schulter, und ſagte, ſein Herr, Don Juan Lozano de Torres, Miniſter der Gnade und Gerechtigkeit, wuͤnſche mich augenblicklich zu ſprechen.— Der Juſtiz⸗ miniſter? ſchrie ich, er will mich doch hoffentlich nicht zu einem Richter ernennen? Als ich in das prachtvolle Gemach Sr. Ex⸗ cellenz trat, war ich nicht wenig uͤberraſcht, Co⸗ zanillo zu finden, den Sohn eines Tiſchlers in Cadiz. Er ſaß mit ernſthafter Miene in einem Damaſt⸗Armſtuhle, war in eine reich mit Gold geſtickte Uniform gekleidet, und von ſeinem Halſe hing das Bildniß Koͤnig Ferdinand's herab. An⸗ ton, ſagte er, als ich eintrat, Du wirſt ohne . Zweifel uͤberraſcht ſeyn, in dem jetzigen Premier⸗ miniſter Deinen alten Gefaͤhrten Juanillo zu fin⸗ den, aber Du, der Du ein geſcheuter Menſch biſt, wirſt Dich nicht wundern uͤber dieſe Me⸗ ta——— nein, das iſt es nicht, aber wart, es ſchwebt mir auf der Zunge— Metem—— Jetzt habe ich es, aber es iſt ein ganz verwuͤnſch⸗ tes Wort— Metempſychoſen. Du meinſt Metamorphoſen, unterbrach ich ihn. Ich meine weder das eine, noch das andere, denn ich verſtehe von allen beiden Woͤrtern die Bedeutung nicht, aber das weiß ich gewiß, daß er ſo ſagte, wie ich jetzt eben; das habe ich mir zu genau gemerkt.— Wohl, entgegnete ich, konnen ſich in dieſer Zeit ganz eigene Dinge er⸗ eignen, und ohne ein arges Mißverſtändniß der Mauleſel Koͤnig Karls koͤnnte ich jetzt vielleicht Oberſtallmeiſter ſeyn.— Hierauf erzaͤhlte ich ihm mein Abentheuer in der Fresnada, und er lachte daruͤber herzlich. Ich will Dir etwas ſagen! fuhr er fort. Du weißt, daß ich Dich immer ſehr gut leiden konnte, und ich glaube, Du biſt ein brauchbarer Bur⸗ ſche, der ein beſſeres Schickſal verdient. Tritt in meinen Dienſt, und ich will Dein Gluͤck ma⸗ chen. Ich bedarf eines Mannes, auf den ich mich ganz verlaſſen kann; doch— was Du hier N —ÜÜFF —G eeeee 7 ſiehſt oder hoͤrſt, darf nie uͤber Deine Lippen gehen. Von Herzen gern nehme ich Vorſchlag und Bedingung an, rief ich, denn ich war froh, daß ich einen feinen Mantel tragen, und ſein Ver⸗ trauen beſitzen ſollte. Wollte ich Ihnen Alles erzählen, was ich ſah, waͤhrend ich in ſeinem Dienſte war, ſo wuͤrden Sie mir nicht glauben.*) Denken Sie ſich nur, daß das Erſte, was Lozano that, ſelbſt noch ehe er nach Madrid kam, war, Ferdinand glau⸗ ben zu machen, er liebe ihn mit eben dem Feuer wie das erſte Maͤdchen, welches je von ſeinem Herzen Beſitz nahm, was, wenn ich nicht irre, geſchah, als er in Cadiz die Chokolade noch pfund⸗ weiſe verkaufte. Zwei Tropfen Waſſer, mußte der Koͤnig waͤhnen, ſeyen einander nicht aͤhnlicher, als er und Lozano in Hinſicht der Wuͤnſche, An⸗ ſichten und Leidenſchaften. Jeden Morgen pflegte er mich zu dem Palaſte des Konigs zu ſchicken, um ſich erkundigen zu laſſen, wie Se. Majſeſtät die Nacht zugebracht. Eines Morgens brachte ich ihm die Nachricht, der Koͤnig habe an einer heftigen Kolik gelitten. Lauf geſchwind zuruͤck, *) Die folgenden Thatſachen ſind ganz der Wahr⸗ heit getreu, obgleich Anton ſie mit ſeiner ge⸗ woͤhnlichen heitern Laune vorträgt. 78 ſagte er, und frage ſorgfältig nach allen Ein⸗ zelnheiten und beſonderen Zufallen. 5 Ich that, wie mir geboten, und verkuͤndete dann Alles an Lozanoſ der noch im Bette lag.— Lauf ſchnell, hole ein Brechmittel und bring es mir. Ich gehorchte, und war im hoͤchſten Grade uͤberraſcht, als ich es ihn ſogleich einnehmen ſah. Hierauf zog er ſich ganz luͤderlich an, ob⸗ gleich er das Halstuch mit beſonderer Genauig⸗ keit umlegte, und nun ging er nach dem Schloſſe, pleich wie eine Gypsfigur, und mit einem Blicke, wie eine Seele im Fegfeuer. Als er nach Hauſe zuruͤckkam, und meine Verwunderung bemerkte, ſagte er: Ich hatte eine Gnade von dem Koͤ⸗ nige zu erbitten, und furchtete, ich wuͤrde ſie nicht anders als durch eine Liſt erlangen koͤnnen. Eine ganze Woche hatte ich ſchon daruͤber nachge⸗ ſonnen, wie ich mein Geſuch vortragen koͤnne, da brachteſt Du mir die Nachricht von der Ko⸗ lit. Ich kam zum Palaſte, und bat in einer Angelegenheit von großter Wichtigkeit um eine außergewoöhnliche Audienz. Der Koͤnig, welcher ſich bei ſolchen Fällen nie weigert, mich zu ſehen, ließ mich zu ſich in ſein Zimmer kommen, und ſchien hoͤchſt uͤberraſcht, als er mich ſo bleich und angegriffen ſahe. Doch als ich ihm erzaͤhlte, daß ich einen heftigen Anfall von Kolik gehabt, 79 und nun ganz die Zeichen ſeiner eigenen Krank⸗ heit beſchrieb, da konnte er nicht Worte finden, ſein Staunen auszudruͤcken. Sire, ſagte ich hier⸗ auf, jetzt werden ſich Ew. Majeſtaͤt von der Wahr⸗ heit deſſen uͤberzeugen, was ich Ihnen ſchon ſo oft verſicherte, daß naͤmlich Alles, was Ew. Ma⸗ jeſtät trifft, auch mir zu Theil wird, und daß Allerhochſtdieſelben nicht gluͤcklich oder ungluͤcklich ſeyn koͤnnen, ohne daß auch ich es bin. Hier⸗ auf brachte ich meine Bitte vor, die darin be⸗ ſtand, das Voto de Santiago*) zu laſſen, deſ⸗ ſen Abſchaffung durch die andern Miniſter ver⸗ langt, und durch den Koͤnig auch ſchon beſchloſ⸗ ſen worden war.— Er bewilligte meine Bitte auf der Stelle. Es wird von einigen Leuten— daß ſie die Geſchicklichkeit beſaͤßen, zwei Voͤgel mit einem Steine zu toͤdten, aber Lozano uͤbertrifft ſie noch um Vieles, denn er tödtete vier.— Wie Sie ſahen, beredete er den Koͤnig von der zwiſchen ihnen beiden beſtehenden außerordentlichen Sympathie, und erhielt auch die Gnade bewilligt. Nun, und außerdem brachte er noch ein huͤbſches, *) Eine jahrliche Abgabe, welche in verſchiedenen Provinzen von jedem Acker Landes an die Ka⸗ thedrale von Santiago gezahlt wird, und dem Kapitel eine ſehr bedeutende Einnahme gewaͤhrt. — rundes Suͤmmchen in ſeine Taſche, und erfuͤllte uͤberdies die Welt mit Bewunderung uͤber ſeine Uneigennuͤtzigkeit. Die beiden Abgeſandten des Kapitels von Santiago konnten nie zu einer Unterredung mit Sr. Excellenz gelangen, und mußten ſich endlich an einen unſerer Freunde wenden, um Zutritt zu Lozano zu erhalten. Aber Se. Excellenz wa⸗ ren immer zu ſehr mit Geſchaͤften uͤberhaͤuft, theils mit ſolchen, die ſeine Amtspflicht ihm auf⸗ buͤrdete, theils mit ſolchen, die er ſich ſelbſt durch Werke der Froͤmmigkeit und Wohlthaͤtigkeit mach⸗ te, und er konnte daher vor Ablauf eines gan⸗ zen Monats nicht dazu kommen, ausfuͤhrlich mit ihnen uͤber die Sache zu reden— es waͤre denn, daß ſie ſeine Beſchaͤftigungen durch ein anſehn⸗ liches Geſchenk abkuͤrzten, und ihn zu ihrem Dienſte willig machten. Nachdem man ihnen die Summe angedeutet, die ſie zur Erreichung ihres Endzweckes zu entrichten haͤtten, und das Geld gezahlt war, gelangten ſie zu dem Mini⸗ ſter. Se. Epcellenz waren hoͤchſt betruͤbt, daß es ihm erſt jetzt vergoͤnnt ſey, ſich dem Dienſte einer ſo frommen Sache zu weihen, aber dafuͤr ver⸗ ſprach er auch, die Gewaͤhrung der Bitte zu er⸗ langen, und er hielt ſein Verſprechen. Um ihre Dankbarkeit zu beweiſen, beſchenkten die 81 die Canonici ihn mit dem Großkreuze von dem Orden Karls III., deſſen Mitglied er war. Das Kreuz war reich mit prachtvollen Diamanten be⸗ ſetzt, aber er weigerte ſich, es anzunehmen, es ſey denn, daß der Koͤnig, ſein Gebieter, dies ausdruͤcklich wuͤnſche. Da ſie ſahen, daß alle Ueberredungskunſt vergebens ſey, wandten ſie ſich an den Koͤnig, und dieſer gebot ihm, das Kreuz zu nehmen, wie er es vorausgeſehen. Waͤhrend er ſo vor der Welt ſich das An⸗ ſehen eines Heiligen zu geben ſtrebte, erlaubte er ſich in ſeinem eigenen Hauſe jede Art von Ausſchweifung. Niemand konnte anders Zutritt zu ihm erlangen, als durch die Hilfe der Bitt⸗ ſteller, denen nichts verweigert werden kann, oder durch eine gute, gefuͤllte Geldboͤrſe, welche oft noch mehr galt, noch ſchneller uͤberredete, als jene Reizenden. Doch aller Verſtellungskunſt ungeachtet, begannen die Leute bald ihm zu miß⸗ trauen, und uͤber das zu murren, was ſie nie⸗ drige Schliche nannten. Selbſt in dem Palaſte trieb ein Schuft die Frechheit ſo weit, dem Koͤ⸗ nige in das Ohr zu fluͤſtern, die wichtigſten Po⸗ ſten wuͤrden durch Lozanos Maitreſſen vergeben, und in jedem Zweige ſeines Miniſterii fanden taͤglich die ſchaͤndlichſten Mißbraͤuche Statt. Dies war ſo wahr, wie auf die Hoſtie beſchworen, III. 6 82 aber dennoch wußte Lozano es zu ſeinem Vor⸗ theile zu wenden. Kaum hoͤrte er davon, als er zu dem Könige ging. Sire, redete er ihn an, man beſchuldigt mich, ich habe eine Mai⸗ treſſe, durch deren Unterhaͤndelei ich die oͤffentli⸗ chen Stellen verkaufte. Doch dies iſt ſchaͤndliche Verläumdung, erſonnen, mir Ew. Majeſtät Gna⸗ de zu rauben. Um aber meine Aufrichtigkeit ge⸗ nuͤgend zu beweiſen, erſuche ich Ew. Majeſtat, das Verbannungsurtheil fuͤr eben jenes Frauen⸗ zimmer zu unterzeichnen, mit dem man mich eines unerlaubten Einverſtändniſſes beſchuldigt.— Der Koͤnig unterzeichnete das Verbannungsur⸗ theil, und nachdem mein Herr mit ſeiner Gelieb⸗ ten zu Abend gegeſſen, ließ er ſie ihre beßten Sachen zuſammenpacken, und ſchickte ſie um Mitternacht von dannen.— Dies kleine Opfer, welches er, ganz der Klugheit gemaͤß, brachte, be⸗ feſtigte ihn mehr als je in ſeinem Poſten. Er hatte kein Geheimniß vor mir, und ſo pflegte er mir auch zu ſagen, wie er die Zeit der Audienzen mit dem Koͤnig zubringe. Während die andern Miniſter den Koͤnig mit einem Be⸗ richte uͤber den Zuſtand ihrer Miniſterien und de⸗ ren Verwaltungszweigen langweilen, ſagte er, un⸗ terhalte ich ihn mit allerhand kleinen Anekdoten, —— —— —— —— 83 mit den ſkandaloͤſen Klatſchgeſchichten Madrids, und verlaſſe ihn immer in guter Laune. Aber, fuhr Anton fort, jetzt auch zu mir ſelbſt. Nachdem ich ihm auf die angegebene Weiſe laͤngere Zeit gedient hatte, kamen wir dar⸗ in überein, daß ich meine Laufbahn auf glän⸗ zendere Weiſe beginnen ſolle. Er ſtellte mich zu dieſem Zwecke dem Vater Martinez, dem Beicht⸗ vater des Koͤnigs, vor. Er iſt zugleich Mitglied des oberſten Glaubensgerichtes, und erhob mich auf den wichtigen Poſten eines Familiars. Dann ſollte ich zu einem Mitteldinge von einem In⸗ guiſitor und einem Canarilla ernannt werden. Doch, wie ſchon geſagt, ich warf den Mantel und den Stern bald bei Seite, denn es giebt für mich nichts Schwereres als ſchweigen, aus⸗ genommen wenn ich eſſe.—— Ich bedurfte eines Dieners, und da dieſer Halbminiſter Koͤnig Ferdinands nahe daran war, zu verhungern, ſo nahm ich ihn, zu ſeinem Tro⸗ ſte und ſeiner Freude, zum zweiten Male in meinen Dienſt. 3 6* 84 Sechſtes Kapitel. ½ Als ich in mein Quartier zuruͤckkam, fand ich ein großes Pack Briefe und Papiere, die ſo eben von Valladolid angekommen waren. Ich darf wohl nicht erſt ſagen, daß der Inhalt der Briefe ſehr betruͤbend war. Der Marquis benachrich⸗ tigte mich von ſeinem Entſchluſſe nach Frank⸗ reich zu fliehen, und Don Ignacio aufzuſuchen, und auch Iſabella ſagte mir Lebewohl, denn ſie wollte ihren Oheim auf ſeiner Flucht begleiten. Meine Mutter klagte uͤber den Verluſt ihres Beſchuͤtzers und Freundes, und meine Schwe⸗ ſtern uͤber den ihrer geliebten Iſabella. Wir Alle hatten alſo genuͤgenden Grund zu Kummer und Sorge. Unmöͤglich war es, zu beſtimmen, wie lange dieſe Trennung dauern wuͤrde, doch ungeachtet des Elendes, das uͤberall in Spanien herrſchte, konnte ich nicht alle Poſnuns geben. Jeder Zweig der Verwaltung war zerruͤttet, und alle Quellen des Nationalwohlſtandes ver⸗ nachläſſigt. Der Handel im Innern ward durch die ſchlechten Straßen und die zahlreichen Raͤu⸗ berbanden ungemein erſchwert, und war faſt fuͤr 85 nichts zu rechnen. Der Handel mit dem Aus⸗ lande hatte gaͤnzlich aufgehort, ſeit das widerſin⸗ nige Geſetz der Abgaben wieder eingefuͤhrt wor⸗ den. Nur beim Schmuggeln gab es noch Vor⸗ theil zu gewinnen, und dieſen zu erreichen, ward auf mannichfache Weiſe verſucht. Das zuſam⸗ mengeſetzte und bruͤckende Finanzſyſtem beraubte die Unterthanen ihres Vermogens, leerte zugleich den öffentlichen Schatz, und verſiegte ſo eine andere Quelle des Gemeinwohles. In den Gerichtshöfen waren die Richter zum großen Theile blinde Werkzeuge Gewaltigerer, oder lie⸗ ßen ſich durch ihre eigenen Leidenſchaften, ihren Privatvortheil, leiten. Die Miniſter erſchufen täglich neue Kommiſſarien, ihrer Rache deſto ſiche⸗ rer ein Genuͤge leiſten zu koͤnnen. Ehrenmaͤn⸗ ner, deren Tugend und Geſchicklichkeit allgemein geachtet und anerkannt ward, mußten in der Dunkelheit Schutz ſuchen, wollten ſie ihrem Ver⸗ derben ausweichen, und nur die Unwiſſenden, die Laſterhaften und die Niedriggebornen ſah man an der Spitze der Geſchäfte, und mit dem Zu⸗ trauen des Monarchen beehrt. Erziehung galt fur ein Verbrechen. Die Preffreiheit ward auf die Flugſchriften beſchraͤnkt, welche die Moͤnche gegen die verrufenen oder verbannten Libevalen ſchrieben. Mehrere Opfer der Pfaffen waren 86 — jetzt unter den Dolchen der Meuchelmoͤrder oder„. auf dem Schaffot gefallen, und heimlich verbrei⸗ tete ſich ein allgemeines Menggen über die ganze Halbinſel. Bei dieſem voͤllig aihiſcht Zuſtande Spa⸗ niens konnte ein jeder Vernuͤnftige ſich ſagen, daß es nicht lange mehr ſo bleiben werde. Doch die Spanier tragen lieber mit anſcheinender Gleich⸗ guͤltigkeit oder Starrſucht die Tyrannei ihrer eigenen Herrſcher, als das gelinde Joch Frem⸗ der.— Dann und wann ſchauderte die blinde Herrſchſucht vor dem Anblicke der Fruͤchte zuruͤck, die aus ihrer Saat entſproſſen. Die Zeitungen ſprachen von einer Zuſammenberufung der Cor⸗ tes. Es war das Zauberwort, deſſen man ſich alle zwei Monate bediente, die drohenden Ge⸗ witterwolken zu zerſtreuen, und die nahenden Gefahren abzuwenden. Aber ſo bald die Unzu⸗ friedenen ſich beruhigt hatten, ſchritt die Gewalt auf der fruͤher betretenen Bahn weiter vorwaͤrts, und ihr folgten eine Unzahl von Mißbraͤuchen. Die Papiere, welche ich mit jenen Briefen zugleich erhielt, waren die Adelsbeweiſe Don Ig⸗ nacio's. Ich trug ſie am naͤchſtfolgenden Tage zu dem Rathe, dem die Unterſuchung derſelben. oblag.— Hier ſind die verlangten Beweiſe, Sennoria, ſagte ich, ſeine Tiſche mit Pergamen⸗ — 81 ten belegend. Ich hoffe, werden jet frieden ſeyn. Sie haͤtten gleich alle— des ar⸗ chios von Simankas*) mit ſich 6— entgegnete er erſchreckend. Dies ſind noch nicht alle Dokumente, erwie⸗ derte ich. Dieſe Pergamente enthalten nur die Beweiſe von dem Adel meines Vaters und deſ⸗ ſen Vorfahren. Gegen die Zeit⸗ daß Sie dieſe durchgeleſen haben, werden auch wohl die Doku⸗ mente meiner Mutter von Valladolid angekom⸗ men ſeyn. In dem Briefe, den ich geſtern von ihr erhielt, ſchreibt ſie mir, daß ich in kurzer Zeit den erſten Koffer voll durch einen Arriero erhalten werde; einen zweiten, groͤßern, habe der Arriero nicht mehr mitnehmen können, doch werde ſie ihn mit der ſe Paſſenden Gelegenheit nach⸗ ſenden. Behuͤte Gott! ſhrie die Sennoria, es ſey denn, daß Ihre Mutter Anſpruͤche auf die Krone Spaniens machen wollte, was, wie Sie 6 Hochverrath wäre. Der Ehrgeiz meiner Nutter, ſihte ich, geht nicht ſo weit, aber da Sie ſich weigerten, an *) Die großen Nationalarchive werden in Siman⸗ kas aufbewahrt, einem Städtchen, wei Mei⸗ len von Valladolid. das Alter meines Adels zu glauben, wollte ſie Ihnen die Echtheit ihres blauen Blutes zur Ge⸗ nuͤge beweiſen. Nachdem ich ihn fuͤr. Unterſchriften be⸗ eahit hatte, ging ich auf das Buͤreau des Her⸗ zogs von Alagon, wo ſein Sekretair, ein klei⸗ nes, wichtiges Maͤnnchen, von mehreren Schrei⸗ bern umringt, ſaß.— Sie ſind ein Kandidat der bandolera? ſagte er.— Wie iſt Ihr Name? Don Cſiban Lara! entgegnete ich. Ach! ſagte er, nachdem er in ein großes Buch geblickt hatte; Se. Excellenz hat Sie ſchon geſehen, und alles iſt abgemacht, bis auf ein Dokument, welches Ihnen ſogleich ausgefertigt werden ſoll.— Haben Sie die Guͤte, 0 zu ſetzen. Waͤhrend ich ſaß, kamen zwei junge Maͤn⸗ ner herein, ebenfalls pretendientes à la bando- lera. Der Eine war ſo klein, daß ich mich wunderte, ihn nach dieſer Ehre ſtreben zu ſehenz der Andere war dagegen in jeder Hinſicht ein ſchöner Menſch. Zu dieſem Letztern ſagte der Sekretair, der Kiscal del cuerpo habe ſeine Pa⸗ *) Die bandolera iſt eine Art Wehrgehenkes, durch welches ſich die Leibgarden vor allen an⸗ deren Truppen auszeichnen. 89 piere unterſucht, da aber die Adelsbriefe ſeiner Mutter nicht bis zu der dritten Generation hin⸗ aufreichten, koͤnne er nicht aufgenommen werden. Der junge Menſch ſchien daruͤber ſehr betrubt, und fragte, ob dies Hinderniß ganz undbreſeig⸗ lich ſey. Unſere Befehle, entgegnete der Setretair, ſind in dieſer Hinſicht aͤußerſt ſtrenge, doch zuweilen machen Se. Excellenz auch eine Ausnahme, und ſetzen eine oder zwei Generationen hinzu, wenn der Kandidat ein huͤbſcher Menſch iſt, und das Krankenhaus der Garden mit etwas Artigem be⸗ ſchenkt, denn Se. Excellenz wuͤnſchen dem Corps jeden moͤglichen Glanz zu geben, und ſind auch uͤberdies hoͤchſt theilnehmend und gefuͤhlvoll. — Und wie viel, fragte der Juͤngling, wuͤrde in meinem Falle zu etwas Wotian erfor⸗ derlich ſeyn? Das kanv ich Ihnen nicht ſagen, erwiederte der kleine Mann, mit den Achſeln ziehend. Nur Se. Epcellenz ſelbſt können dies beſtimmen, doch wollen Sie mir folgen, ſo fuͤhre ich Sie bei ihm ein, und er wird es Ihnen ſagen. Sie gingen Beide in ein benachbartes Ge⸗ mach, welches von dem, in welchem ich mich vefand, nur durch eine Glasthuͤr getrennt war. Bald darauf kehrte der junge Menſch hoͤchſt ver⸗ 90 ſtimmt zuruͤck, und ſagte: Se. Eeellenz machen ſich kein Gewiſſen daraus, fuͤr eine ſo armſelige Sache 30,000 Realen zu verlangen. Eine armſelige Sache nennen Sie eine ganze Gentration? ſchrie der Sekretair. Ich finde, daß Se. Excellenz ſehr wenig verlangten, wenn ich bedenke, daß das Geld fuͤr das Krankenhaus beſtimmt iſt, und daß er von dem ganzen Ge⸗ ſchenke nicht den geringſten eigenen Vortheil hat. Aber wie viel wuͤrden Ihre Verwandten wohl en koͤnnen? aum die Hälfte! antwortete der Gefragte. Wie, nur funfzehn tauſend Realen? Das wäre Alles! Ich wuͤrde mich ſchaͤmen, rief der Sekretair, Se. Excellenz dieſe Summe nur zu nennen.— Guter Gott, dem Herzoge von Alagon, Kapi⸗ tain der Garden, 15,000 Realen! Er wuͤrde mir den Ruͤcken zuwenden. Doch, ich will Ih⸗ nen etwas ſagen; machen Sie eine runde Sum⸗ me, Tauſend Dollar im Ganzen, und ich will ſehen, was ich thun kann, obgleich ich wahrlich glaube, ich wage zu viel. Doch bin ich gluͤck⸗ lich in meinen Bemuͤhungen, ſo hoffe ich, wer⸗ den Sie meinen Schreibern keine Gelegenheit geben, ſich uͤber Sie zu beklagen. Der Juͤngling ging, ſehr zufrieden mit ſei⸗ 91 nem Hmndet und mit des Pif⸗ ict † Ich habe Ihre gpiee Fſehen, ngc dieſer pierauf zu dem zweiten jungen Manne. Alles iſt richtig, doch, auf mein Wort, ich fuͤrchte, daß Sie das Maaß nicht haben werden, ſelbſt nicht fuͤr die letzten Brigaden.— Und was ließe ſich da thun? fragte Jener.— Ich weiß es nicht, auf mein Wort; doch wir——— hen, wie groß Sie ſind. Er maß ihn hierauf, ohne Stiefel, aufh einem Maaße, welches an dem einen Ende des Zim⸗ mers ſtand.— Ihnen fehlen noch ſechs Strich an fuͤnf Fuß, dem kleinſten— n wir annehmen duͤrfen. Ich wuͤnſche ſehr, in den Garden auſʒendi men zu werden, ſagte der fuͤnffuͤßige Kandidat, und wenn Sie mir ſagen wollten, wie ich dies Hinderniß uͤberwinden kann, ſo würden Sie mich ſehr verpflichten. Nun, entgegnete der Sekretair, ich bin üͤber⸗ zeugt, daß eine Schenkung an das Krankenhaus Ihre Aufnahme ſehr erleichtern wuͤrde, doch waͤre es ſchwer, zu beſtimmen, wie viel Sie fuͤr jede Linie geben muͤßten. Dieſe letzten Worte ſprach er etwas lauter, und hielt dann etwas inne. Ich ſaß zufällig 92 ber Glasthuͤr grade gegenuͤber, und ſah hinter derſelben zwei Haͤnde mit ausgeſtreckten Fingern ſich erheben.— Zehn tauſend Realen, ſagte der Sekretair hierauf, iſt die gewoͤhnliche Verguͤ⸗ tung fuͤr die Linie. Was? rief der Kandidat, das nn ja 60,000 Realen! Grade ſo viel, entgegnete der Sekrrtait; ſechs Mal zehn iſt ſechszig. Dieſe Summe koͤnnte ich nicht nfurten ſagte Jener. Hinter der Glasthuͤre erhoben ſich 8 Finger. — Da Sie mayorazgo einer angeſehenen Fa⸗ milie ſind, erwiederte der Sekretair, ſollte dieſe Summe fuͤr Sie eigentlich nur eine Kleinigkeit ſeyn, doch auf jeden Fall glaube ich, daß Sie Se. Excellenz beleidigen wuͤrden, wollten Sie weniger als 8000 fuͤr jede Linie geben. Ich habe in dieſer Angelegenheit bereits uͤber 2000 Dollar ausgegeben, ſagte der Kleine, und jeder neue Schritt ſcheint auch neue Unkoſten nach ſich zu ziehen. wuͤrde ich ſelbſt„ viel jetzt nicht geben koͤnnen. Die Finger verminderten ſich bis auf ſechs. — Nun wohl, erwiederte der Sekretair, ſo wuͤrde ich Ihnen rathen, jetzt 6000 Realen fuͤr die Linie zu geben, und die noch mangelnden 2000 o3 in Zeit von 6 Monaten oder einem Jahre nach⸗ zuzahlen. Dies aber waͤre das Letzte, welches Sie Se. Excellenz fuͤr das Krankenhaus anbie⸗ ten könnten, wollten Sie ihn nicht beleidigen, und jede Ausſicht zur— Ihrer Wuͤnſche aufgeben. Nun wohl, ſagte der junge Menſch, ch will verſuchen, das Geld aufzutreiben. Hierauf wuͤnſchte er uns einen guten Morgen. In dieſem Au⸗ genblicke ſah ich fuͤr einen Moment das Geſicht des Herzogs von Alagon hinter jener Glasthuͤre, aber es verſchwand auch ſogleich wieder. Der kleine Sekretair gab mir nun mein Dokument, und fuͤhrte mich dann zu dem Maaße, um zu ſehen, welcher Brigade ich zuzutheilen ſey. Ich war uͤberraſcht, nur fuͤnf Fuß acht Zoll zu meſ⸗ ſen, da ich doch eigentlich fuͤnf Fuß, acht Zoll und ſechs Linien groß war. Aber ich erlaubte mir hieruͤber keine Bemerkung, und geſtattete ſchweigend, daß man mich um ſechs Linien ver⸗ kleinerte. Dieſer Groͤße nach gehoͤrte ich in die zweite Grenadier⸗Brigade, und ihr ward ich auch uͤberwieſen, doch ſicherte mir mein Rang als Kapitain der Kavallerie den Vorzug vor den meiner Kameraden. Am folgenden Tage ward ich, mſ nch zwei anderen Kandidaten der bandolera durch den Herzog von Alagon dem Könige vorgeſtellt, um die Ehre zu genießen, ihm die Hand zu beſonders. um Sſe S abzu⸗ Seine Geſtalt, uͤber jedes Verhaͤltniß breit, erreicht nicht die mittlere Groͤße. Sein Geſicht iſt bleich und von ungeſunder Farbe, und hat keinen beſonderen Ausdruck. Seine Zuͤge ſind zwar ſcharf bezeichnet, aber ſie haben nicht jenes Charakteriſtiſche, das man bei einem Manne er⸗ warten ſollte, der ſtets der naͤmlichen Richtſchnur bei ſeinen Handlungen folgt. Es liegt ſogar eine Geſchmeidigkeit in ihnen, die uͤberraſcht, ohne zu gefallen. Eine Stirn, die ſich nach hinien biegt, eine Habichtsnaſe, ein unbiegſamer Mund, eine Unterlippe, welche die obere uͤberragt, und ſich in grader Linie nach unten verlaͤuft; breite, flache Wangen, und lange, grade Kinnbacken bil⸗ den ein mißfälliges Ganze. Seine Augen ſind bei weitem nicht groß genug, um ſchoͤn genannt wer⸗ den zu können, aber doch unſtreitig der ſchönſte Theil ſeines Geſichtes; ſie druͤcken ſogar Leben aus, und mildern die Finſternheit der uͤbrigen Zuͤge. Seine Gewohnheit, beſtaͤndig zu rauchen, hat ſeine Zähne faſt ganz ſchwarz gefaͤrbt, und ſeinem Athem einen widerlichen Geruch gegeben, ——— 95 den man ſelbſt ſchon in in 6 8 von ihm bemerkt. Woher kommen Sie? ſenzit er mit rauher, widerlicher Stimme, als ich mich auf ſeine Hand niederbeugte, ſie zu kuͤſſen. Von Kaſtilien! erwiederte ich. Ich ſehe, fuhr er fort, Sie ſind Kapitaſt, und doch ſcheinen Sie mir ſehr jung. Wo⸗ her koͤmmt das? Sire, ſagte ich, ich war erſt 16 Jahr, alt ich in die Armee trat, und habe faſt den gan⸗ zen Krieg gegen die Franzoſen mitgekämpft. Waren Sie verwundet? er. Acht Mal, Sire! Schoͤn, ſchoͤn! ſagte er puſig ich poffe, Sie werden mir noch manches Jahr dienen. Hierauf wurden wir entlaſſen, und Jeder von uns trat in ſeine Brigade ein. Da ich das Exerzitium der Kavallerie voll⸗ kommen kannte, ward ich von der Theilnahme an der Reitſchule entbunden, in welcher die neu⸗ angeworbenen Garden im Reiten und dem Ge⸗ brauche der Waffen Unterricht erhielten.— An dem Tage, an welchem ich den Eid ablegte, ging ich mit mehreren anderen neuen Gardiſten in den Saal der Garden im Schloſſe. Wir waren alle in unſere Gallauniform gekleidet;— einen blauen Rock mit rothen Aufſchlägen und ſilbernen Litzen, weiſe Kaſimir⸗Beinkleider und hohe Reitſtiefeln mit ſilbernen Sporen, ein breites Säbelkuppel mit Silber geſtickt, einen graden Kavallerie⸗Pal⸗ laſch mit vergoldetem Gefaͤß, ein Bandelier oder Wehrgehenke, in der Mitte mit ſchmalen rothen Streifen, an den Seiten mit einer Stickerei von Silber eingefaßt, und unten daran eine kleine ſilberne Patrontaſche, auf welcher eine Granate befeſtigt iſt, wenn der Gardiſt zu den Grenadie⸗ ren gehoͤrt; ſonſt befindet ſich auf derſelben die Nummer der Brigade. Hierzu kömmt noch ein ſilbernes Epaulet(als Kapitain trug ich zwei), die Grenadier-Bärenmuͤtze mit ſilbernen Qua⸗ ſten und vorn mit einem ſilbernen Schilde, auf welchem das ſpaniſche Wappen eingegraben iſt. Die, welche nicht Grenadiere ſind, tragen ſtatt deſſen einen ſilbernen roͤmiſchen Helm. Bei die⸗ ſer Gelegenheit aber hatten wir alle Huͤte auf. Als wir in den Saal der Garden traten, welcher zu den geſchmackvollſten Saͤlen des Pala⸗ ſtes gehort, und an den Säulen⸗Saal ſtoͤßt, ſtand die Wache der Garden in zwei Reihen aufmar⸗ ſchirt, die Brigade⸗Chefs und den General⸗Ad⸗ judanten auf dem Fluͤgel. Durch dieſen Letztern wurde uns geboten, die Huͤte vor uns zu halten, die beiden Spitzen in gleicher Hoͤhe mit den El⸗ lenbo⸗. „———— „———— 97 lenbogen, die Hand zu erheben, und die beiben Vorderfinger auszuſtrecken(die anderen Truppen ergreifen das Gefaͤß ihres Saͤbels). Hierauf ließ er uns den Eid auf folgende Weiſe ablegen:— „Schwoͤrt Ihr zu Gott, und verſprecht dem Koͤ⸗ nige, ihn und Eure Fahnen mit Eurem letzten Blutstropfen zu vertheidigen, treu gegen ihn zu ſeyn, und im Fall einer Verſchwoͤrung gegen ſeine Perſon die Schuldigen anzuzeigen, und Euren Arm nie dem Dienſte eines anbern Lan⸗ des zu weihen?“— Unſere Antwort war:„Ja, das ſchwören wir!“ und damit war die Feierlich⸗ keit beendet. Es iſt Sitte, daß jeder neue Gardiſt an dem Tage, an welchem er ſeine erſte Wache thut, jedem Kameraden der Wache ein Pfund getrock⸗ nete Fruͤchte giebt, jedem Brigadier zwei, und jedem cadete*) vier, in feines weißes Papier gewickelt, und mit roth und ſilbernem Bande umwunden. Ich war zufaͤllig auf dem Schloſſe auf Wache, und die Mannſchaft beſtand, die zwei Brigadiers mitgerechnet, aus 24; ich haͤtte alſo 26 Pfund Suͤßigkeiten kaufen muͤſſen, ſtatt *) Cadete iſt ſo viel als Cornet; aber ein Cor⸗ net in des Koͤnigs Garde hat mit einem Ka⸗ vallerie⸗Kapitain des ſtehenden Heeres gleichen Rang. II. 7 98 deſſen aber ſchlug ich meinen Kameraben vor, ih⸗ nen am nächſten Tage ein Mittagseſſen zu ge⸗ ben, und ſie waren es gern zuftieden. Wenn es mich auch etwas mehr koſtete, ſo machte es mich doch dafuͤr gleich mit meinen Kameraden beſſer bekannt. un d 99 Siebentes Kapitel. Eine Auseinanderſetzung unſerer Pflichten, und derer der verſchiedenen Beamten in der nähern umgebung des Konigs und der koͤniglichen Fa⸗ milie, wird dem Leſer hoffentlich nicht ganz un⸗ willkommen ſeyn. Unſere Wache im Palaſt war in dem Saale der Garden, und hier ſtanden auch unſere Bet⸗ ten hinter einer Art von Schirm. Wir zogen uns waͤhrend der Nacht nie aus, und durften ſogar die Helme nicht abnehmen, die Schwer⸗ ter nicht ablegen, und bei dem Rufe:„der Koͤnig!“ war die ganze Wache ſchnell gebildet. Jedes Glied der königlichen Familie hatte an der Thuͤr ſeines Gemaches eine Schildwach, die ſo⸗ gleich die ganze Wache in das Gewehr rief, ſo⸗ bald ſie den Prinzen oder die Prinzeſſin kommen ſahe. War es der Koͤnig ſelbſt, ſo mußten ihn zwolf von uns begleiten, die Königin ſechs, einen Infanten und eine Infantin zwei. Nie gingen ſie aus einem Gemache in das andere, oder einen Schritt vor ihr Zimmer, ohne dieſe Begleitung. In den Sommermonaten ritt der Koͤnig und die Infanten, und zuweilen auch die Königin 7* 100 und die Infantinnen, ſchon um fuͤnf Uhr des Morgens ſpazieren, wobei ein Theil der Garden ſie als Bedeckung begleitete. Fuhren ſie aus, ſo beſtand die Begleitung aus zwölf Gardiſten, einem Offizier, der vor dem Wagen, und zwei Anderen, die zu beiden Seiten deſſelben ritten. Mahe an dem rechten Fenſter ritt der Komman⸗ deur der Schwadron und der dienſthabende exen- to*), und an dem linken Fenſter des Koͤnigs Stallmeiſter und ein Kabinets⸗Kurier. Hinter dem Wagen folgten ein Offizier und acht Gar⸗ diſten. Etwa 40 Schritt nach einander folgten hierauf die Wagen der Infanten, jeder von ſechs Gardiſten, einem cadete und dem Reiſeſtall⸗ meiſter begleitet, eben ſo vertheilt, wie die Gar⸗ den des Koͤnigs. Dann kamen die coches de camera**); in der erſten derſelben fuhr der Ka⸗ pitain der Garden, der Mayordomo Mayor,**) der Oberaufſeher uͤber die Pferde des Koͤnigs, und der dienſtthuende Kammerherr, alles Gran⸗ den der erſten Klaſſe. In dem zweiten Wagen ſaßen der erſte Stallmeiſter der Infanten, die Mayordomos Mayores und die Camarera Ma- *) Ein Offizier der Garden, welcher mit einem Obriſten der Linie in gleichem Fange 1. .*) Kammerwagen. nit*) Oberſte Haushofmeiſter. * 101 For,*) die erſte von allen Ehrendamen der Koͤ⸗ nigin, ebenfalls Granden, und in den vier fol⸗ genden kamen die Ehren⸗ und Kammerdamen, die azafatas**) und camaristas,**) welche den Dienſt hatten. Außer den Offizieren der Garde, welche den Dienſt im Palaſte haben, ſind auch noch be⸗ ſtändig zwei Adjudanten und zwei Generaladju⸗ danten gegenwaͤrtig, die Befehle des Königs zu empfangen, der Eine die, welche ſich auf An⸗ gelegenheiten im Palaſte ſelbſt beziehen, der An⸗ dere die fuͤr äußere Angelegenheiten, wie z. B. Anordnung von Feſten ꝛc. Dieſe Beiden erhal⸗ ten des Koͤnigs Befehle durch den Kapitain der Garden und theilen ſie den Adjudanten mit, dieſe dann wieder den Offizieren der Wache, von wel⸗ chen die Gardiſten ſie empfangen. Die Königin hat ſtets zwolf Begleiterinnen, camaristas, azafatas, damas de honor J da- mas de tocador. Dieſe letztern beiden Klaſſen ſind Granden von Spanien, und empfangen ein Gehalt von 50,000 Realen, kaum hinreichend, ſich die noͤthige Haarpomade dafuͤr anzuſchaffen. *) Oberaufſeherin der Garderobe der Koͤnigin. **) Garderoben-Damen der Konigin. „*¹) Hofdamen der Königin. Sie muſſen die Koͤnigin uͤberall begleiten. Die azafatas, größtentheils Wittwen der Generale oder Staatsrathe, ſind erfahrne Weltfrauen, und ſtehen der Koͤnigin und den Infantinnen bei ih⸗ rer Toilette bei. Vier derſelben muͤſſen beſtaͤndig um die Koͤnigin ſeyn, oder in einem anſtoßenden Gemache ihrer Befehle warten, und eben ſo zwei bei den Infantinnen. Dieſe Damen, ſo wie die camaristas, welches junge, unverheirathete Frauenzimmer, Toͤchter von Generalen, Richtern oder Raͤthen ſind, haben ihre Zimmer im Schloſſe, uͤber denen der koͤniglichen Familie. Niemand darf ſie hier beſuchen, als ihre Aeltern, Geſchwi⸗ ſter und Dienſtboten; alle uͤbrigen Freunde und Bekannte, muͤſſen in das Sprachzimmer gehen, wohin die camarista ſtets durch eine Duenna begleitet wird. Einige dieſer jungen Damen ſind wirklich ußerſt ſchoͤn, und da ihre Pflichten ſie öfters mit uns zuſammenbrachten, wurden nicht wenige meiner Kameraden durch deren Reize beſiegt. Die armen Maͤdchen waren ſehr erfreut, wenn ſie einigen Wechſel in die Einfoͤrmigkeit ihres Lebens bringen konnten, und unterhielten ſich heiter und ungezwungen mit uns, ſobald ſich die Gelegen⸗ heit dazu bot. Doch kaum verrieth ein Gefluͤ⸗ ſter die Annaͤherung einer finſtern azufata, ſo 103 ſchienen ſie auch die Ernſthaftigkeit ſelbſt. Oft drangen wir auch in ihre Gemaͤcher, indem wir uns fuͤr Bruͤder der Einen oder Andern ausga⸗ ben, und wohnten dann den Bällen bei, die ſie in ihren Zimmern geben duͤrfen, aber freilich nur ihrer Familie und ihren weiblichen Bekannten, und mehr als ein Mal habe ich meine Kamera⸗ den dadurch verpflichtet, daß ich ſie in das Sprach⸗ zimmer begleitete, und hier, während ſie mit ih⸗ ren Geliebten koſeten, die Duenna mit Klatſch⸗ geſchwätzen der Stadt unterhielt, eine Sache, die ihnen uͤber Alles geht. Die Konigin hat zwoͤlf dieſer jungen Damen, von denen beſtändig zwei im Dienſt ſind; jede Infantin hat ſechs. Gewohnlich verheirathen ſie ſich ſehr gut, und werden durch den Koͤnig oder die Koͤnigin ausgeſtattet, welche auch jedes Mal ihrem Erſtgeborenen eine Anſtellung als Pathen⸗ geſchenk geben. Daher kömmt es, daß wir eine Menge junger Laffen ſehen, welche die rechte Hand nicht von der linken zu unterſcheiden wiſ⸗ ſen, und dennoch den Befehl uͤber ehrwuͤrdige Veteranen fuͤhren, die mit Wunden bedeckt ſind, und im Felde alt wurden. Außer dem oben beſchriebenen Gefolge giebt es noch ein ſo zahlreiches der verſchiedenſten Gat⸗ tungen, daß eine genaue Auseinanderſetzung zu 104 weit fuͤhren wuͤrde. Ich will hier nur noch die Monteros de Fspinosa*) erwähnen, welche ſich durch ihre Eigenthuͤmlichkeit vor den Andern be⸗ ſonders auszeichnen. Sie ſind zwölf in der Zahl, obgleich nur zwei von ihnen beſtandig im Dien⸗ ſte ſind. Ihre Pflicht iſt, jede Nacht vor der Thuͤr von des Koͤnigs Schlafzimmer zu ſitzen, von dem Augenblicke an, daß der Koͤnig zu Bett geht, bis er wieder aufſteht. Dabei haben ſie eine brennende Fackel dicht vor ihren Augen. Sie ſteht in der Mitte eines geſchmackvollen glaͤ⸗ ſernen Geféßes, welches mit Waſſer gefuͤllt iſt; und uͤberdies brennen noch mehrere Lichter in anderen Theilen des Zimmers. Jeder haͤlt eine ſeidene Schnur in ſeiner Hand, welche zu einer Klingel in dem benachbarten Zimmer fuͤhrt, in dem die azafatas ſchlafen; das andere Ende die⸗ ſer Schnur iſt um das Handgelenk der azafa- tas gewunden.— Bei dem geringſten Gerau⸗ ſche von Seiten des Königs oder der Koͤnigin, bei dem leiſeſten Huſten muſſen ſie laut fragen: *) Die Monteros de Fspinosa haben ihren Na⸗ men von einem ihrer Vorfahren, welcher Jäger oder Montero des Konigs war, und deſſen Le⸗ ben rettete. Er war in der Stadt Espinoſa geboren. Der Koͤnig machte, ſeine Dankbarkeit zu beweiſen, deſſen Amt in ſeiner Familie erblich. 103 Verlangen Ew. Majeſtät irgend etwas?— Wird mit ja geantwortet, ſo ziehen ſie die Glocke, und die azafatas gehen in das Zimmer des Königs.— Kaum hoͤren ſie am Morgen den Koͤnig ſich ruh⸗ ren, ſo verlaſſen ſie das Zimmer, um den Ur- gieres de Camara und de Saleta*), den Guar- dacopas**) und den Ayudas de Camara**) Platz zu machen. Dieſe letztern duͤrfen weder leſen noch ſchreiben konnen, doch dafuͤr muͤſſen ſie mit der Nadel und dem Fingerhute umzugehen wiſſen. Großtentheils werden dieſe Poſten durch Generale und Granden beſetzt, von denen gewiß Viele in der erſten Hinſicht dazu paſſen, wenn auch nicht in der zweiten. Um ſieben Uhr ward das Fruͤhſtuͤck in die Zimmer des Koͤnigs getragen, in denen ſich dann die ganze Familie verſammlete, denn Ferdinand hat die laͤcherliche Etikette aufgehoben, die unter den fruͤheren Koͤnigen herrſchte, und die Infan⸗ ten verpflichtete, auf ihren eigenen Zimmern zu fruͤhſtuͤcken, zu Mittag und zu Abend zu eſſen. Die Schuͤſſeln waren noch eben ſo zahlreich, als fruͤher, aber ſie wurden nicht mehr in Prozeſ⸗ *) Oberſte der Hausbedienten. **) Garderobenmeiſter des Koͤnigs. ***) Kammerdiener des Koͤnigs. 106 ſion hereingebracht, auch nicht mehr durch einen Gardiſten begleitet, der nicht zauderte, Jeden zu Boden zu ſchlagen, der bei dem Erſcheinen der Prozeſſion den Hut abzunehmen vergaß. Es wurde wahrlich Jeden zum Erſtaunen bringen, ſähe er die raſche Aufeinanderfolge der Speiſen für die königliche Familie. Alle zwei Stunden höchſtens, werden aus der Küche andere Gerichte 5 nach den Zimmern des Königs geſandt, welcher ein eifriger Befolger der Lehre Cornaro's iſt, oft zu eſſen; in Hinſicht auf die Menge bindet er ſich aber nicht an deſſen Regel. um 1 4 oder 2 Uhr aß die ganze Fami⸗ lie mit dem Koͤnige zu Mittag. Die anderen Gaͤſte waren in der Regel der Herzog von Ala⸗ gon, der dienſtthuende Kammerherr, zuweilen der cadete und einer oder zweie von uns Gar⸗ diſten, einer oder der anderer von den Granden, welche den Dienſt hatten, je nachdem des Koͤnigs Laune war, und dann und wann einige Perſo⸗ nen des hohern Klerus, oder die Vorſteher reli⸗ gisſer Gemeinden beider Geſchlechter. Waͤhrend des Eſſens ſpielten die Muſikchoͤre der verſchie⸗ denen Regimenter. Gegen fuͤnf oder hald ſechs Uhr im Som⸗ 3 mer, und im Winter etwas fruͤher, fuhren der König und die konigliche Familie auf die Pro⸗ * — * 107 menabe. Zu beiben Seiten der Haupttreppe, auf welcher ſie gewoͤhnlich herabſtiegen, ſtand eine Reihe der Garden und Hellebardirer. Zwiſchen uns und den Seiten der Treppe ſtanden die, welche dem Koͤnige Bittſchriften zu uͤberreichen wuͤnſchten.— Die Annäherung des Monarchen ward durch den Urgiel de Saleta angekuͤndigt, welcher vor ihm herging, unb dabei in die Haͤnde klatſchte. Auf ihn folgt der Kapitain der Gar⸗ den, ruͤckwaͤrts gehend, damit er dem Koͤnige nicht den Ruͤcken zukehre. Ihm uͤbergiebt der Koͤnig die Bittſchriften, welche ihm ſelbſt uͤber⸗ reicht werden; der Kapitain haͤndigt ſie wieder einem Diener ein, welcher 7. e in des Konigs Kabinett bringt. Waͤhrend der ſechs Jahre der Unruhe waren die Bittenden ſo zahlreich, daß ſie die Treppe uͤberfullten, und mehr als ein Mal ſagte der General⸗Adjudant des Innern zu uns: Machen Sie Gebrauch von Ihren Sporen! Hinter dem Koͤnige folgen die Ayudas de Camara und die uͤbrigen Beamten, welche gewoͤhnlich mit einem allgemeinen Namen serbidambre(Dienerſchaft) genannt werden. Auf dem Schloßhofe bildeten die ſpaniſchen Garden, mit fliegenden Fahnen und voller Muſik, das Spalier, durch welches der Koͤnig zu der Thuͤr ſeines Wagens ſchreitet, 108 und hinter dem Wagen, auf der Straße um ben Palaſt, ſind andere Truppen aufgeſtellt. So⸗ bald der Koͤnig den Wagen erreicht, verrichten der Caballerizo Mayor und der erſte Caballerizo, beides Granden von Spanien, Lakeiendienſte, indem ſie den Kutſchenſchlag oͤffnen, und eine kleine Fußbank vor denſelben ſetzen. Ohne Zwei⸗ fel iſt ihnen dies Amt uͤbertragen worden, um ſie in den Augen des Volkes herabzuſetzen. Bei der Ruͤckkehr des Koͤnigs, welche ge⸗ woͤhnlich nicht vor Dunkelwerden erfolgt, gehen ihm vier criados mayores(Oberbediente) in feine, goldgeſtickte Livreen gekleidet, entgegen, und leuchten ihm mit brennenden Fackeln bis zum Saale der Garden vor. Hier erwarten ihn die drei dienſtthuenden Kammerherren, mit Arm⸗ leuchtern verſehen, und begleiten ihn bis zu ſei⸗ nen Gemächern. Die naͤmlichen Zeremonien wer⸗ den auch bei den Infanten beobachtet, nur mit dem Unterſchiede, daß ſie uͤber die Treppe del Principe zu ihren Wagen gehen, und durch das Thor gleiches Namens aus dem Schloſſe fahren. Jeden Tag gab der Koͤnig denen Audienz, die etwas zu bitten hatten; im Sommer vor 5 Uhr, ehe er auf die Promenade fuhr, im Winter nach ſeiner Zuruͤckkunft von dort. Waͤh⸗ 109 rend der ſechs Jahre der Unumſchraͤnkthelt war die Zahl der Bittenden täglich etwa 40, und jede Woche ſahen wenigſtens 160 Menſchen ih⸗ ren Wunſch, den König zu ſprechen, unerreicht. ß Waͤhrend der Zeit der Konſtitution ſtieg die Zahl der Bittenden woͤchentlich nie uͤber 30. Bei dieſen Audienzen ſtand der Koͤnig hinter einer Art von Baluſtrade, der Kapitain der Garden etwas weiter vor, zu ſeiner Rechten, ein Kam⸗ merherr zu ſeiner Linken, und hinter dem Kapi⸗ tain der Garden ein Lakei. Die Bittenden tra⸗ ten durch eine Thuͤre ein, und durften, waͤhrend ſie knieend dem Koͤnige ihre Bittſchrift uͤberreich⸗ ten, deren Inhalt muͤndlich mittheilen; dann gingen ſie durch eine andere Thuͤr. Der Koͤnig uͤberreichte die Bittſchrift dem Kapitain der Gar⸗ den, und faßte er auf der Stelle den Entſchluß, das Geſuch zu gewaͤhren, ſo kniff er die Ecken ein. Der Kapitain der Garden uͤbergab die Pa⸗ piere dem Lakeien. Alle dieſe Bittſchriften wur⸗ den dem Koͤnige durch den Staatsſekretair vor⸗ geleſen, und entweder ein C oder ein N bei⸗ gefugt.*) Nach des Koͤnigs Ruͤckkehr von der Prome⸗ . nade ward gewoͤhnlich das Refresko aufgetragen, *) c concedido, bewilligt; N negado, abge⸗ ſchlagen. —————— 110 und zwiſchen dieſem und dem Abenbeſſen, um zehn Uhr, fanden verſchiedene Vergnuͤgungen und Unterhaltungen Statt, z. B. Dienſtags und Frei⸗ tags Vokal⸗ und Inſtrumental⸗Konzerte, und an anderen Tagen Taſchenſpielereien oder auch wohl Phantasmagorien, zu denen jedoch nur eine kleine Zahl der vertrauteſten Hofleute zugelaſſen ward. Pedro Collado, beſſer bekannt unter dem Namen Chamorro, war Ferdinands großer Lieb⸗ ling, und glaͤnzte in den Abendunterhaltungen durch ſeine Narrheit und Unwiſſenheit ganz be⸗ ſonders. Er war Waſſertraͤger geweſen, und hatte den König nach Frankreich begleitet, wo er ihm in untergeordneter Rolle diente. Bei der Ruͤckkehr nach Spanien ward er zum Garderobier und Almoſenier ernannt.(Dieſen letzteren Po⸗ ſten hatte ſonſt immer der Patriarch von Indien bekleidet.) Nur ein Beiſpiel von dieſes Men⸗ ſchen Witz ſey mir anzufüͤhren erlaubt:— Ver⸗ langt Ew. Majeſtaͤt den Kammerherren? ſagte er, ſeinen Mantel zuknoͤpfend.— Hier kömmt er!— Beduͤrfen Ew. Majeſtät Ihres Ayuda de Camara?— Den Mantel aufknoͤpfend und ſtill ſtehend;— hier iſt er!— Suchen Ew. Majeſtaͤt Ihren treuen Diener Chamorro?— Den Mantel von ſich werfend;— da ſteht er!— Aber ſo dumm dieſer Menſch auch ge⸗ 111 ſchaffen iſt, ſo hatte er doch ſolchen Einfluß auf Ferdinand zu erlangen gewußt, daß er ſeinen Freunden durch ſeine Fuͤrſprache oft die eintraͤg⸗ lichſten Poſten des Koͤnigreichs verſchaffte. Mein Schutzherr, des Koͤnigs Beichtvater, war in Ungnade gefallen. Einige von denen, welche im Innern des Palaſtes nach Anſehn und Gewalt ſtrebten, hatten dem Koͤnige eine Pre⸗ digt des Vater Martinez in die Haͤnde geſpielt, die er vor Ferdinands Ruͤckkehr nach Spanien gehalten, und die von dem gluͤhendſten Eifer fuͤr die Konſtitution zeugte, oder doch zu zeugen ſchien. Dieſe Predigt tilgte ſchnell des Koͤnigs Vorliebe fuͤr ſeine Herrlichkeit, und als der Mi⸗ niſter der Gnade und Gerechtigkeit ihm die Na⸗ men von dreien Kandidaten uͤberreichte, welche nach dem biſchoͤflichen Stuhle von Valladolid ſtrebten, der durch den Tod erledigt worden, und er hier den Namen des Vater Martinez erblickte, nahm er die Feder, machte daruber einen großen Dintenfleck und ſagte: Schreiben Sie einen an⸗ dern Namen auf dieſe Stelle! Lozano ſelbſt, welcher die Kunſt verſtand, Ferdinand ſo manche Abſurditaͤten glauben zu machen, empfand den Wankelmuth ſeines Mo⸗ narchen; doch hielt er ſich laͤnger, als viele An⸗ „ dere. Alle ſeine Papiere wurden verſiegelt, er ſelbſt mußte Madrid verlaſſen, und der Koͤnig ſprach in der Folge nur mit Verachtung von ihm. Seine Guͤnſtlinge wechſelten mit einer Schnelle, welche den deutlichſten Beweis fuͤr ſeine Unbeſtaͤndigkeit gab. Ferdinand war beſtändig von Geiſtlichen und Moͤnchen umgeben, die ihn mit Schmeicheleien und Geſchenken uͤberhauften. Daher mußten auch wir haͤufig in verſchiedenen Kirchen dem Gottesdienſte beiwohnen, der ſtets mit der groß⸗ ten Pracht gehalten ward. Bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ſaß der Koͤnig auf dem Presbyterium, einem Platze nahe dem Altare, unter einem prachtvollen Baldachin, zwei Gardiſten zur Seite, welche unbeweglich wie Statuen bleiben mußten, und die alle Viertelſtunden mit einer ſolchen Be⸗ hutſamkeit abgelöſt wurden, daß Niemand, der ſie nicht ſtets im Auge hatte, dies bemerken konnte. Oft war es höchſt unterhaltend, die Geiſtlichen ſeitwärts oder ruͤckwaͤrts gehen zu ſe⸗ hen, denn immer vermieden ſie es aͤngſtlich, dem Könige oder dem Altare den Ruͤcken zuzuwendenz oft wiederholten ſie dabei die Kniebeugung gegen den Koͤnig mit großerer Ehrerbietung, als gegen den Altar. Auch machten die Reliquien, Heili⸗ gen⸗ 113 genbilder und Amulette, mit denen er befangen war, ihn zu einer Art wandelnden Altars, der freilich ihre hoͤchſte Verehrung verdiente. Den Zeremonien folgte in der Regel ein praͤchtiges Feſtgelag, bei dem der Koͤnig mit einer gefuͤllten Goldboͤrſe beſchenkt ward; denn es war durch Gewohnheit faſt zum Geſetze geworden, daß der Koͤnig, wenn er irgend einen Orden oder ein Kapitel mit ſeiner Gegenwart beehrte, ein Geſchenk von tauſend Unzen Gold erhielt. Bei dieſen religioͤſen Orgien, von Prieſtern und Mönchen umringt, zeigte der Koͤnig die groͤßte Leutſeligkeit und Herablaſſung. Das Glas kreiſete ſchnell, und die Schmei⸗ cheleien entſtroͤmten dem beredten Munde mit einer Gelaͤufigkeit, die nur der waltende Geiſt des Weines entſchuldigen konnte. Wenn Alles vorbei war, forderte des Koͤnigs Unterhalter ge⸗ wohnlich dieſes oder jenes fuͤr einen ſeiner Schuͤtzlinge, und augenblicklich ward die Bitte bewilligt. So wurden die beßten Biſchofsſtuͤhle, Praͤ⸗ benden, Sitze in den Kollegien und verſchiedene andere Anſtellungen als Dank fuͤr aͤhnliche Dien⸗ ſte dahin gegeben, waͤhrend die wuͤrdigſten Offi⸗ ziere, die ſich in dem letzten Feldzuge aus⸗ II. 8 114 gezeichnet hatten, und andere verdiente Staats⸗ vürger und Beamte zuruckgeſetzt wurden, eini⸗ ge im eigentlichſten Sinne des Wortes in einem Winkel Spaniens verhungernd, wo ihre Ta⸗ lente dem Vaterlande von keinem Nutzen ſeyn konnten. * „————— ns Achtes Kapitel. Ich war jetzt drei Monat unter den Garden, und die Hoffnung, Don Ignacio's Ruͤckberufung zu bewirken, ſchien ferner als je. Oft hatte der Koͤnig mit mir geſprochen, wenn ich vor ſeinen Zimmern die Wache hatte, aber ich war uͤber⸗ zeugt, daß ich kluͤger handelte, eine beſſere Ge⸗ legenheit abzuwarten, und keine Bitte zu wagen, die neues Elend uͤber uns haufen konnte, wem ſie verworfen ward. Meines Vaters Verbannung ließ mich nbeſ ſen Alles durch einen finſteren Schleier betrachten. Ich fuͤhlte keine Neigung zu den Vergnuͤgungen, die ich außerdem wohl geſucht haben wuͤrde, und die ich ſo leicht erreichen konnte. Das Einzige, was mich noch wahrhaft erfreute, waren die Briefe meiner Familie und meiner Iſabella, welche jetzt mit ihrem Onkel und den anderen Verbannten im ſuͤdlichen Frankreich lebte. Doch durch dieſe Erinnerungen ward mein Leben außer dem Dien⸗ ſte ſo angenehm gemacht, als es nur je ein Sol⸗ dat fuͤhren kann. Es gab fuͤr mich keine Gele⸗ genheit zu ernſteren Studien, aber die ſchoͤnen Kuͤnſte und die Literatur konnte ich doch pflegen. 8* 116 Einige Morgen wandte ich meine Zeit dazu an, diejenigen meiner Bekannten zu beſuchen, von denen ich noch etwas zu lernen uͤberzeugt ſeyn konnte; und dann ging ich auch in die oͤffent⸗ lichen Bibliotheken und Muſeen bis zur Eſſens⸗ zeit, welches in der Regel zwiſchen halb drei und drei Uhr war. Nach dem Eſſen war ein Gang auf das Kaffeehaus de Lorencini, Puerta del Sol, unerläßlich, wollte ich mit den Tagesneuigkeiten im Zuſammenhange bleiben. Dann ging es auf die Promenade, ſpaͤter in das Theater, und hier⸗ auf in die Tertullia's und Conzerte, oder⸗ auf die Bälle, die ich zu beſuchen pflegte. Da ich bei den meiſten der Grandezza(Gran⸗ den) eingefuͤhrt war, wohnte ich deren Tertul⸗ lia's zuweilen bei, und traf hier oft die intereſ⸗ ſanteſten Leute der Hauptſtadt. Doch größten⸗ theils waren ſie mit einer ungluͤcklichen Leiden⸗ ſchaft fuͤr das Spiel eingenommen. Faſt jeden Tag hatte ich den Kummer, einige meiner Ka⸗ meraden ihre Verluſte betrauern zu ſehen. Es ſchien, als kämen ſie nur zuſammen, einander zu berauben, und dieſe grauſame Sucht, mit ge⸗ ſellſchaftlicher Freude und Froͤhlichkeit gepaart, war in meinen Augen hoͤchſt verderblich. Eines der Haͤuſer, in denen dieſes Modela⸗ ſter die meiſte Nahrung erhielt, war das der — 117 Marquiſe von Santiago. Dort habe ich Men⸗ ſchen ihr ganzes Vermoͤgen auf eine einzige Karte ſetzen— es verlieren— und in Verzweiflung davon eilen ſehen. Doch ein Haus gab es, in welchem ich ebenfalls eingefuͤhrt war, aus dem das Spiel verbannt worden, und wo ich mehrere der bezauberndſten Weiber Madrids traf. Ich fand an dieſer Geſellſchaft um ſo mehr Gefallen, da ich an keine der Schoͤnen durch die tyranni⸗ ſchen Bande der Liebe gefeſſelt war. Weder die ſchoͤne, anziehende Jacinta, noch die geiſtreiche, liebenswuͤrdige Dolores, noch die muthwillige, rei⸗ zende Loreta, noch, mit einem Worte, irgend Eine von denen, welche ich dort traf, ſtoͤrte meine Ruhe. Aber dennoch erkuͤnſtelte ich, eine muͤßige Stunde auszufuͤllen, Gefuͤhle, die mir fremd wa⸗ ren, die ſie aber zu erregen trachteten. Am 15ten Auguſt 1816 erhielt die zweite Eskadron der Garden, in welcher ich diente, Be⸗ fehl, ſich zum Marſche nach Cadiz bereit zu hal⸗ ten, um den beiden Infantinnen von Portugal, Donna Maria Iſabel und Donna Maria Fran⸗ ciska von Braganza, entgegen zu gehen. Sie ſollten dem Könige Ferdinand und dem Infanten Don Carlos vermaͤhlt werden. Am 17ten ver⸗ ließen wir die Reſidenz. Der erſte Ort auf dieſer Straße, der einige 118 Erwähnung verdient, iſt Aranjuez, einer der koͤ⸗ niglichen Landſitze, welcher jede Art laͤndlicher Zerſtreuungen darbietet, wie z. B. Jagd, Fiſcherei, Spaziergänge und Spazierfahrten. In der letz⸗ tern Hinſicht mag es wenige Orte in der Welt geben, welche ſo reizende Gegenden, ſo mannich⸗ fache Abwechſelungen zu gewaͤhren haben. Fruͤchte, Blumen und Kraͤuter ſind uͤberall in reichlicher Fuͤlle. Gruppen dickbelaubter Baäͤume boten ihre Schatten zum Schutz gegen die ſengenden Strah⸗ len der Sonne, und die lieblichſten Geruͤche ver⸗ ſchiedenartiger Blumen und Kräuter erfuͤllten die Luft. Innerhalb des Gartenbezirkes iſt ein klei⸗ dem Tajo durch eine geringe Abdachung zuſam⸗ menhängt. Es wird durch eine Batterie beſchuͤtzt, und die niedlichen Gondeln und Fregatten zier⸗ lich ausgeſchmuͤckt, hier kleine Seege⸗ fechte. Ocanna iſt. eine zemlich bedeutende Stndt, 2 Stunden von Aranjuez; und 9 von Madrid. Das Land umher iſt flach, und die Ausſicht nach Norden weit. Bis gegen Las Ventas konnten wir die ſchneebedeckten Berge ſehen, welche die beiden Kaſtilien von einander trennen. Wir wa⸗ ren jetzt in la Mancha, welches durch ſeine Wei⸗ ne ſo beruͤhmt iſt, aber noch mehr durch die ta⸗ nes Schiffswerft angelegt worden, welches mit ————— ————— 119 pfern Thaten des edlen Ritter Don Quirote, deſ⸗ ſen Biograph mit der groͤßten topographiſchen Treue das Land, und mit eben ſo großer Treue die Sitten ſeiner Bewohner ſchildert. Dieſe Pro⸗ vinz bietet dem Auge mit geringen Unterbrechun⸗ gen nichts als eine weite Ebene, und die Vege⸗ tation ſcheint nur ſpaͤrlich zu ſeyn. Doch iſt dies mehr wegen der Hitze der Sonne der Fall, als wegen der Unfruchtbarkeit des Bodens. Einige duͤnnſtehende Olivenpflanzungen unterbrechen u⸗ weilen die Suitmiukut. Als wir Almoradiel verließen, naͤherten wir uns der Sierra Morena, uͤber deren Hoͤhen der Franzoſe le Maure, welcher in dem ſpaniſchen Ingenieur⸗ Corps diente, im Jahre 1779 eine der ſchoͤnſten Chauſſeen fuͤhrte. Der ganze Weg hat hier einen eigenthuͤmlichen Charakter, und nahe bei Despennaperros ruͤcken die Felſen ſo nahe an einander, daß ſie faſt ein Gewölbe uber den Koͤpfen der Reiſenden bilden. Hierauf ka⸗ men wir in ein Thal, welches durch einen klei⸗ nen Fluß gewaͤſſert ward, und erreichten bald darauf las Correderas, eine Maſſe von Huͤtten in der Mitte der Felſen. Dann ſtiegen wir ge⸗ gen la Karolina hinab, den Hauptort der deut⸗ ſchen Kolonieen in der Sierra Morena; doch ſpräche. 3wei Stiiten hinte la Karolina iſt das Dörfchen Guadaroman, an einem lieblichen Ab⸗ hange gelegen, und mit Kornfeldern und kleinen Eichenhainen umringt. Die entfernteren Höhen ſind mit Gehoͤlz bedeckt, und bieten in der Ver⸗ ſchiedenartigkeit ihrer Geſtalt eine reiche Abwechſe⸗ lung dar. Nachdem wir die Sierra Morena hinter uns hatten, kamen wir zu Baylen, einem Orte an, den die neuere Kriegsgeſchichte beruͤhmt gemacht hat. Bauern erkaͤmpfte nämlich hier einen vollſtaͤndi⸗ gen Sieg uͤber die Truppen Duͤpont's, der ſich mit ſeinem ganzen Heere gefangen geben mußte. Es iſt eine alte Stadt, in deren Gebiet ſich noch jetzt eines der Geſtute ſchoͤner W de befindet. Hier kamen wir auf einer ſteinernen Bric⸗ uber den Rumblar, der eine halbe Stunde ſpaͤ⸗ ter in den Guadalquivir faͤllt. Dieſen bekamen wir zu ſehen, als wir in Anduxar einritten.— Anduxar iſt eine der reichſten und aͤlteſten Städte Spaniens, doch die ungeſunde Lage ſetzt die Ein⸗ wohner manchen Krankheiten aus; daher iſt es auch weniger bevoͤlkert, als dies außerdem der giebt es hier ncht einen der Deutſch Eine geringe Anzahl bewaffneter Fall ſeyn würde. Das Land hat reiche innere 2121 Schätze, und uͤberall in der Naͤhe von Andurar findet man Metalle, Mineralien, Marmor, Berg⸗ kryſtalle ꝛc. in großer Menge. Die unmittelba⸗ ren Umgebungen der Stadt ſind hoͤchſt reizend, und werden durch den Guadalquivir geziert, uͤber den hier, nach Las Ventas de Alkolea hin, eine der ſchoͤnſten Bruͤcken fuͤhrt. Wenn man nach Kordova vorruͤckt, ſieht man dieſe Bruͤcke zur Linken, und den Ruͤcken der Sierra Morena zur Rechten. Hier waren wir in dem Gerzes von Bä⸗ tica, welches wechſelsweiſe durch die Karthaginien⸗ ſer, Roͤmer, Mauren und Vandalen beruͤhmt ge⸗ macht ward. Andaluſien, welches der gluͤhende Pinſel Fenelons in ſo reizenden Farben gezeich⸗ net hat, iſt durch die ſchoͤnſten Gaben des Him⸗ mels begluͤckt, und durch alte Monumente und glorreiche Erinnerungen geziert.— Karthago und Phoͤnizien gab es Gold und Silber; Rom die unſterblichen Maͤnner Lucan, Seneca und Mar⸗ tial; den Arabern jene hohe Kultur, durch wel⸗ che ſie ſich ſo ſehr uͤber die gothiſchen Nationen erhoben; und Spanien eine Menge von Helden⸗ Dichtern und Staatsmännern. Die Frauen Andaluſiens ſind von allen mei⸗ nen Landsmaͤnninnen die reizendſten, nicht ſowohl durch die Schoͤnheit ihres Geſichtes, als durch die 122 Anmuth und Grazie, welche uͤber ihr ganzes Weſen herrſcht. Selten beſitzen ſie jene glaͤn⸗ zende Farbe, welche ein vorzuglicher Schmuck der Frauen des Nordens iſt, doch an deren Stelle bewundert man ein zartes Braun, durch ſanfte Röthe gehoben, und durch die Locken ſchwarzer Haare noch mehr gemildert, welche in reicher Fuͤlle uͤber Hals und Nacken fallen. Fein gebo⸗ gene Augenbraunen; große, dunkle, glaͤnzende Augen; Korallenlippen, deren ſtete Bewegung dem ganzen Geſichte Leben verleiht; und Guͤte und Ausdruck in allen ihren Zuͤgen;— dies ſind die Einzelnheiten ihrer Schoͤnheit. Ihre Geſtalt iſt leicht und zierlich, und die ſchlanke Taille, der kleine Fuß ſind nicht unter ihre unbedeutendſten Reize zu zaͤhlen. 3 Doch, wie bei den meiſten Spanierinnen, kann man auch von ihnen nicht ſagen, daß ſie viel jener geiſtigen Vorzuͤge beſaͤßen, die aus ei⸗ ner ſorgfaͤltigen Erziehung entſpringen. Die Leb⸗ haftigkeit ihres Geiſtes, und die Groͤße und Wär⸗ me ihrer Einbildungskraft ſind aber ſo hervorra⸗ gend, daß man in der Unterhaltung mit ihnen den Mangel an Kenntniſſen kaum bemerkt, ob⸗ gleich man innig bedauern muß, daß ſolchen Na⸗ turanlagen keine beſſere Pflege wird. Mit Her⸗ zen, die des innigſten Gefuͤhles faͤhig ſind, und ————— 123 ihrer Kraft, zu gefallen, ſich wohl bewußt, ſchei⸗ nen ſie nur fuͤr die Liebe geboren. Ihre ſchoͤnen Augen, bald ſchmachtend, bald verlangend, ſpre⸗ chen deutlich ihre Gefuhle aus, und theilen ſie faſt unwiderſtehlich mit. Gleich aufrichtig und unei⸗ gennuͤtzig, uͤberlaſſen ſie ſich ihrer Leidenſchaft ohne Ruͤckhalt, opfern dem Gegenſtande derſelben oft die glaͤnzendſten Ausſichten und jede Annehm⸗ lichkeit der Gegenwart, und wuͤrden, erforderten es die Umſtände, ſelbſt nicht einen Augenblic zaudern, auch ihr Leben dahin zu geben. Gegen Abend erreichten wir Kordova, welches in einer weiten Ebene liegt, die im Suͤden durch ſanft anſteigende Höhen, bis zur Spitze bebaut, begraͤnzt wird, und im Norden durch eine Kette ſteiler Berge, die Fortſetzung der Sierra Morena. Der Guadalquivir durchſtrömt die Ebene der gan⸗ zen Laͤnge nach, und macht die Umgegend der Stadt zu einem der reizendſten Oerter in ganz Spanien. Hier wurden wir in dem Palaſte des Biſchofs auf das Reichlichſte bewirthet. Er war der Oheim unſeres Unter-Brigadiers, und wollte, daß wir alle, 20 an der Zahl, in ſeinem Schloſſe ſchlafen ſollten. Am nächſten Tage gingen wir durch Ecija, welches zwiſchen Carlota und Luiſiana liegt, und 124 eine der ſchoͤnſten Städte Andaluſiens iſt. Truͤm⸗ mer von Marmorſaͤulen, Reſte von Bildſäulen und Steine mit Inſchriften zeugen von der ehe⸗ maligen Größe und Pracht dieſer Stadt. Sechs Stunden vor Sevilla iſt Carmona, das eine reizende Lage auf einem Hügel hat, und von wo man eine weite Ebene uͤberſehen kann, die mit Olivenbäumen und Waizenfeldern bedeckt iſt. Das Thor iſt ein romiſches Denkmal aus der Zeit Trajans, und zeichnet ſich durch die ganze Schönheit und Dauerhaftigkeit jenes fruͤ⸗ hern Alters aus.— Die Straße von hier nach Sevilla geht durch Weinberge, Olivenpflanzungen und Reihen bluͤhender Aloen, welche den Feldern ſowohl zum Schutz als zur Zierde dienen. Und dennoch iſt dieſes herrliche, fruchtbare Land faſt eine Wuͤſte. Die Entvoͤlkerung Andaluſiens, beſonders in den Diſtrikten, welche vorzugsweiſe zu dem Korn⸗ baue ſich eignen, iſt daher zu erklären, daß das Land unter zu wenig Einzelne getheilt ward, ein Fehler, der noch aus den Zeiten der Mauren ſtammt. Denn der uͤbeln Gewohnheit damaliger Zeiten getreu, erhielten die vornehmſten kaſtilia⸗ niſchen Edelleute, welche zur Vertreibung der Mauren mit gewirkt hatten, große Strecken Lan⸗ 125 — des zum immerwaͤhrenden Eigenthume. Auch das Ausſterben des Mannsſtammes wirkt in dieſer Hinſicht nachtheilig, denn reiche Erbinnen brin⸗ gen nun ihr Beſitzthum an nicht minder begü⸗ terte Familien, ſo daß in einiger Zeit alles Land⸗ eigenthum Spaniens in den Haͤnden der weni⸗ gen Familien ſeyn wird, welche die andern uͤber⸗ leben. Einzelne können natuͤrlich dieſe weiten Landſtrecken nicht gehorig bearbeiten laſſen, daher verpachten ſie kleinere Theile, doch auf ſo kurze Zeit, daß der Pächter ſich keine Heimath bil⸗ den kann. Auch wird es durch dieſe Einrich⸗ tung ſeinem perſoͤnlichen Vortheile hinderlich, das Land zu verbeſſern, Wer ſein S zu verſchoͤnern. In Stevilla, der Stabt der Wunder, wie Anton ſie nannte, erhielt ich mein Quartier in dem Hauſe des Don Franzisco Soto y Mora⸗ les, eines reichen Hidalgo, der eine wunderſchoͤne Tochter hatte. Es gehoͤrt zu den Vorrechten des Adels, einquartierungefrei zu ſeyn, doch wir, die wir mit ihnen von gleichem Stande waren, und uͤberdem zu des Koͤnigs naͤchſter Umgebung ge⸗ hoͤrten, wurden nicht als eine Laſt angeſehen; daher ward ich von Don Franzisco's Familie auf ſehr verbindliche Weiſe aufgenommen. Es ———————— 126 war Abend, als ich ankam, und die Tertullia hatte ſchon begonnenz mehrere der erſten Schoͤn⸗ heiten Sevilla's waren hier verſammlet. Meines Wirthes reizende Tochter Matea tanzte den an⸗ daluſiſchen Nationaltanz, und zwar mit einer Leichtigkeit und Anmuth, die ihr ſelbſt neue Reize e Da die Touren des ausdrucksvollſten dieſer Tänze, des Bolero, dem Leſer noch nicht bekannt ſeyn duͤrften, will ich es hier verſuchen, ihn zu beſchreiben und zu erklären.— Als Einleitung, gleichſam, bewegte ſie ihre Kaſtagnetten in der Luft, und verbeugte ſich wuͤrdevoll; hierauf ſetzte ſie den rechten Fuß vor, ſo, daß die Spitze den Grund kaum beruͤhrte, und nun folgten mit un⸗ glaublicher Geſchwindigkeit jene leichten Schritte, welche eine Einladung, ein Verſprechen, einen Ruf an den Nittänzer ausdruͤcken. Kuͤhn gemacht durch ſolche Ermuthigung, fliegt dieſer gegen ſie heran, und ſie erwartet ſeine Annäherung, aber wenn er ſchon glaubt, ſie zu erreichen, entflieht ſie ihm behende, und läßt ihn verwirrt und be⸗ ſchämt zuruͤck. Er; halb aͤrgerlich, geht dann zuruͤck, ſich an ihr zu raͤchenz ſie folgt ihm, um ihn wieder an ſich zu locken, und es gelingt; dann flieht ſie von der Rechten zur Linken, von 127 der Linken zur Rechten, ihn beſtaͤndig neckend; endlich aber trifft ſie mit ihm zuſammen; ihr Koͤrper neigt ſich nach vorn uͤber; ihre Arme ſind ihm entgegengebreitet, aber den Kopf biegt ſie ſeitwaͤrts, ihm die holde Schaam uͤber ſeinen Triumph zu verbergen, und der rechte Fuß iſt leiſe gehoben, als wolle ſie noch jetzt wieder entfliehen. Schon e am nächſten Tage in S Frühe ver⸗ ließen wir Sevilla, und eilten durch die reiche Ebene, in welcher die Stadt liegt, die von dem Guadalquivir durchſtroͤmt, und einer, faſt vier Meilen langen Mauer umgeben wird, welche nahe an 200 Thuͤrme ſchuͤtzen. In Lebrija, wo wir um vier Uhr Nachmit⸗ tags ankamen, hoͤrten wir, daß das Schiff, wel⸗ ches die Iufantinnen an Bord hatte, auf der Höhe von Cadiz ſey, und daß wir ohne Zeitver⸗ luſt dieſe Stadt zu erreichen ſuchen ſollten. So⸗ gleich ſetten wir unſeren Marſch weiter fort, und erreichten Keres noch vor Anbruch der Nacht. Von Sevilla bis hieher giebt es nichts Bemer⸗ kenswerthes, das allenfalls ausgenommen, daß das Land eben ſo fruchtbar und reizend, als ver⸗ nuiſ und unangebaut iſt. Bei unſerer Ankunft in Keres fanden wir 128 mehrere coches de colleras und calesines(Rei⸗ ſekutſchen) bereit, uns nach Cadiz zu bringen, und wir fuhren ſogleich dahin ab, obwohl wir ſeit Sevilla nicht die geringſte Ruhe genoſſen hatten. 5 Nicht weit von Cadiz iſt das beruͤhmte Car⸗ thuſianiſche Kloſter, eines der reizendſt gelegenen Oerter in ganz Andaluſien. Nachdem wir, vier Stunden von jenein Kloſter, uͤber den Guadalete gegangen waren, kamen wir auf eine weite Ebene, auf welcher die Schlacht geſchlagen ward, die dem Reiche der Gothen ein Ziel ſetzte, und Spa⸗ mien dem Joche der Araber unterwarf. Dieſe Ebene bildet zugleich die Gränze des alten Bätica. nin i6 n Als der Tag ſich neigte, näherten wir uns Cadiz, einſt der Stapelplatz des Handels. Von einem der Hügel, welche das reiche und blühende 3 Thal von Chiclana begränzen, wo die fleißigen Winzer öfters ausruhen, um einige Erftiſchun⸗ gen zu genießen, uͤberſieht man die blumigen Ufer des Bätis, der ſich in die reichſte Pracht der Natur kleidet. Und links, auf der großen Sandbank, welche den Namen der Inſel Leon fuhrt, erheben ſich Gebäude, Magazine, Feſtungs⸗ werke und kleine Zitadellen, und ſcheinen aus dem 129 dem Waſſer hervorgewachſen zu ſeyn. Auf der entgegengeſetzten Seite ſieht man das ſchöne Ca⸗ diz, mit ſeinen prächtigen Domen und Thuͤrmen, dem großen Hafen, dem Fort St. Sebaſtian auf der einen, und der Stadt Rota auf der andern Seite; Puerta Real, Puerta St. Maria, alle die Plätze, die es umgeben, und die weite See dahinter. Auch dem Fluſſe St. Peter kann das Auge bis zu deſſen Muͤndung folgen; und wendet man ſich oͤſtlich, ſo bemerkt man Me⸗ dina Sidonia, von wo der solano(Oſtwind) koͤmmt, der hier auch Medinawind genannt wird, und den die Einwohner von Cadiz ſo fehr fuͤrch⸗ ten, da Krankheit und Elend in ſeinem Gefolge ſind. Von dem naämlichen Standpunkte aus uͤberſieht man auch die Ebenen des ſuͤdlichen Andaluſiens. Das köſtliche Laubwerk des Thales von Chiklana, und die ſchoͤnen Landſitze, welche ſich zwiſchen den Gruppen reichbelaubter Bäume er⸗ heben, bieten den reichen Einwohnern von Cadiz, beſonders während des Fruͤhlings und Sommers, den angenehmſten Aufenthalt. Die Gaditanas oder Frauen von Cadiz, welche zu den liebens⸗ wuͤrdigen Eigenſchaften der uͤbrigen Spanierinnen auch noch die feinere Bildung geſellen, welche III. 9 7 5. * der ſtete Umgang mit Fremden gewaͤhrt, verpflan⸗ zen hieher fuͤr einige Wochen alle Freuden und Vergnuͤgungen der Stadt. Glaͤnzende Geſell⸗ ſchaften, Baͤlle, Konzerte, kurz, alles was der Reichthum an Abwechſelung zu bieten hat, alle Reize des Anzuges ſogar, werden hervorgerufen, um dieſe Orte zu einem irdiſchen Paradieſe um⸗ ſieftn 131 Neuntes Kapitel. Be unſerer Ankunft auf dem Werfte fanben wir die Garde⸗Marine in großer Galla und im Begriffe, ſich mit der ganzen königlichen Dienerſchaft, welche ſchon vor unſerem Abmarſche von Madrid den Infantinnen entgegengeſchickt worden, einzuſchiffen. Auch der General⸗Kapi⸗ tain der Provinz, der Marquis von Caſtel des Rios, war zugegen, ſo wie der Graf Miranda, des Koͤnigs Mayordomo Mayor, welcher abge⸗ ſandt war, ſich als Ferdinand's Stellvertreter mit der Infantin Donna Maria Iſabel zu vermaͤh⸗ len, und der Marquis von Villafranca, der Ca- ballerizo Mayor des Don Carlos, und deſſen Stellvertreter bei der eſn S Franciska. Unſer ganzes Kommando tiſanb jetzt nur aus ſechs Gardiſten, denn die uͤbrigen waren noch nicht angekommen, aber deſſen ungeachtet mußten wir den Dienſt der ganzen Eskadron *) Dieſen mußten wir auf unſerer Růckreiſe na Madrid zu Carberon in einem Irrenhauſe zu⸗ ruͤcklaſſen, da die Ehre, welche ihm widerfah⸗ ren, Verſtand verwirrt ocke † 132 verſehen. Demzufolge ſandte unſer Brigadier zwei von uns zu dem Hauſe auf der Plaza de San Antonio, in welchem die Infantinnen ab⸗ ſteigen ſollten; zwei ſchickte er an Bord, ſie von dem Schiffe nach dem Ufer zu begleiten, und mit den uͤbrigen zweien blieb er zuruͤck, die Prin⸗ zeſſinnen bei der Landung zu empfangen. Ich war einer von denen, die an Bord des Schiffes geſandt wurden, und daher auch einer von den Erſten, welche zu S Ehre des ge⸗ langten. Die Schönheit ve Königsbraut, und hre Liebenswuͤrdigkeit, nahmen jedes Herz fuͤr ſie ein, und erfuͤllten beſonders das meinige mit der freudigen Hoffnung, daß dieſe körperlichen Vor⸗ zuge mit jener Tugend gepaart ſeyn wuͤrden, der ſie ſo oft als Verkündiger dienen, und daß durch ihren Einfluß die Geſinnungen unſeres Monar⸗ chen geändert werden moͤchte. Um acht Uhr des Morgens landeten die Prinzeſſinnen, von dem Geſchrei einer zahlloſen Menge Volkes und dem Donner des Geſchuͤtzes von der Feſtung und den Schiffen begruͤßt. Als die Infantinnen den prachtvollen, eigens fur ſie erbauten Wagen beſtiegen hatten, wurden ſie von dem Volke nach der Kathedrale gezogen. Hier ward das Te Deum geſungen, und darauf 133 die Zeremonie der Vermählung durch den Biſchof von Cadiz vollzogen; dann verfuͤgten ſie ſich nach dem Hauſe, welches fuͤr ihre Aufnahme bereitet worden. In den Straßen, durch welche ſie ka⸗ men, bildete das Militair ein Spalier, und von Zeit zu Zeit waren Triumphbogen errichtet. Bildſaͤulen und Obelisken zierten die oͤffentlichen Plaͤtze, und die Außenſeite aller Haͤuſer war mit Tapeten, Blumengewinden, Gemaͤlden der ko⸗ niglichen Familie und Inſchriften geſchmuͤckt. Die Fenſter waren uͤberfuͤllt mit Zuſchauern, die be⸗ ſtändig mit ihren Tuͤchern weheten, und an mehreren Orten waren Muſikcorps aufgeſtellt. Als die Königin und die Infantin ihr Haus auf dem Platze San Anton erreicht hatten, nah⸗ men ſie ein prachtvolles Fruͤhſtuͤck ein, von der ganzen Palaſtdienerſchaft in ihrem Staatsanzuge bedient. Als ſie von der Tafel aufgeſtanden, ward die Koͤnigin gebeten, auf den Balkon zu treten, und ſich dem Volke zu zeigen. Dies begruͤßte ſie mit dem lauteſten Jubel.— Am Abend beſuchte die Königin das Theater, in wel⸗ ches das Volk unentgeldlich eingelaſſen wurde; dann folgte eine allgemeine Illumination und großes Feuerwerk, und endlich ſchloſſen ſich die Feierlichkeiten des Tages mit einem glaͤnzenden Balle. 134 Am folgenden Tage wohnte die Königin zum erſten und letzten Male einem Sttiergefechte bei. Sie war zu zart und menſchlich fuͤhlend, um an einem ſolchen Schauſpiele Vergnuͤgen zu fin⸗ den, und waͤhrend des ganzen Gefechtes unter⸗ druckte ſie nur mit Muͤhe die ſichtlichen Zeichen des Unwillens uͤber das, was ſie hier ſahe. Nach dem Stiergefechte ging ſie auf die oͤffentliche Promenade, wo ſie von einer zahlloſen Menge freudig begruͤßt ward. Bei der Ruͤckkehr bildeten wir Leibgarden das Spaliet, und nur die Mitglieder der könig⸗ lichen Familie durften hindurch gehen. Der Graf Miranda aber, der es ſehr liebte, ſich ein An⸗ ſehn zu geben, und der hoͤchſt gravitätiſch ganz nahe hinter der Königin herſchritt, glaubte auch „hindurch gehen zu koͤnnen. Doch unſer cadete, ein Offizier, der nicht weniger erfahren in den Pflichten ſeines Standes war, als eiftig, ſie aufrecht zu erhälten, trat vor und ſagte, Se. Excellenz mochten bedenken, daß nur koͤniglichen Perſonen dieſe Ehre gebuͤhre. Ich bin Sr. Ma⸗ jeſtaͤt Mayordomo Mayor, entgegnete der Graf in hohem Tone, und kann uͤberall hindurch, wo es mir gefällt.— Unſer eifriger cadete erwie⸗ derte ihm indeſſen, er ſey ſehr im Irrthume, und wolle er nicht freiwillig zuruckgehen, ſo werde man ihn zu zwingen ſich genöthigt ſehen. Ich will zuruͤckgehen, ſagte der Graf, den Kopf ſtolz hinten uͤber werfend. Doch Se. Ma⸗ jeſtat ſollen von Ihrer in ge ſest werden. Dieſer Graf Miranda war ein Granb von Spanien, und großer Guͤnſtling des Königs. In ſeiner Jugend hatte er ſelbſt in der Leib⸗ garde gedient, doch, wie es bei den Soͤhnen großer Familien uͤblich iſt, war er nur ſechs Monat Gardiſt, wurde dann zum Cadete, und wieder ſechs Monat ſpaͤter zum Exento ernannt. Balb darauf erhielt er das Kommando der Ka⸗ rabiniere des Koͤnihs, welche gegen die Leibgar⸗ den beſonders feindlich geſinnt ſind, wegen des Rangſtreites, der zwiſchen ihren Offizieren und den Gardiſten beſteht.— Bei dieſer Gelegenheit er⸗ hielt der Graf von dem Könige einen Befehl, daß die Karabiniere allein die Infantinnen vön Cadiz nach Madrid begleiten ſollten. Doch der Herzog von Alagon, der darin eine Zuruͤckſetzung der Garden ſahe, und die Folgen eines ſolchen Schrittes befuͤrchtete, ſetzte es durch, daß der König den Befehl wiederrief und beſtimmte, daß 80 Mann der Leibgarden ſogleich nach Cadiz abgehen ſollten. Das Corps fühlte ſich dadurch 136 ſehr geehrt, doch erregte es, durch die Zerſtoͤrung der ehrgeizigen Abſichten des Grafen, ſchaft gegen uns. Dies, und die Behandlung die er von un⸗ ſerem Cadete erfahren, waren Schuld, daß er uns in der Mesa de Estado*) mit der aͤußer⸗ ſten Kaͤlte und Geringſchätzung behandelte. Eines Tages ſaßen wir, vierundzwanzig Gardiſten, an der Tafel, und fanden zu unſerem zweiten Gange — ein Paar Tauben. Die Scherzreden meiner Kameraden waren bei dieſer Gelegenheit endlos. Jeder hatte etwas Witziges zu ſagen, und ich, der ich die Sache noch etwas weiter zu treiben wuͤnſchte, bat um die Erlaubniß, ſie theilen zu duͤrfen, da ich dem Mayordomo Mayor ein kleines Geſchenk davon zu uͤberſchicken denke. Nachdem ich die Tauben in 24 Theile getheilt, legte ich einen derſelben auf eine große Schuͤſſel, und befahl meinem Bedienten, ein Mikroskop zu holen, das ich beſtaͤndig in meinem Mantel⸗ ſacke hatte. Dann gebot ich ihm, beides zu dem Grafen zu bringen, ihm viele Empfehlungen zu beſtellen, und ihn zu bitten, er moͤge uns die *) Eine Tafel, deren Koſten aus des Königs Privatkaſſe beſtritten werden, und an denen Alle Theil nehmen, die bei Gelegenheiten, wie die gegenwaͤrtige, Geſchaäfte haben. 137 Ehre erzeigen, dieſe Kleinigkeit von der Mesa de Estado als ein Freundſchaftszeichen anzuneh⸗ men, und ſich nicht zu wundern, daß wir ihm dazu ein Mikroskop mitſchickten, doch Jeder von uns habe deſſen bedurft, ſeine Portion zu finden, und es werde daher auch ihm wohl nicht uͤberfluͤſſig ſeyn. Der Bediente trug es fort, und bald darauf trat der Graf, außer ſich vor Wuth, zu uns ein.— Wer hatte die Frechheit, mich ſo zu beleidigen? rief er; ich muß es wiſſen, denn ich will ſogleich einen Kabinetskurier an den Koͤnig abſchicken! Senden Ew. Excellenz einen, ſagte unſer Exento, ſo werde ich einen andern abfertigen, um mich über die unziemende Art zu beklagen, mit der wir hier, auf Ew. Epcellenz Befehl, be⸗ handelt werden, obgleich Se. Majeſtät fuͤr jeden Leibgardiſten taglich das Doppelte bewilligt. Ich empfange nichts, als Beleidigungen, ſchrie der Graf wuͤthend, und auf der Stelle werde ich es dem Koͤnige melden. Und ich Ew. Excellenz Schlechtigkeit! rief unſer Exento. Zugleich ſprangen wir Alle auf, und folgten dem Grafen, der gegen die Zimmer der Koͤnigin ſchritt, vor welchen eine Wache der Garden aufgeſtellt war, indem wir jeden Augen⸗ * 138 btic erwarteten, die Knigin werde auf die Pro⸗ menade gehen. Unſer Anjtint, der, den Hut uf dem Kopfe, im Zimmer auf und nieder ging, bemerkte die Ankunft des Grafen nicht, und ſetzte ruhig ſeinen Gang fort, ohne den Hut zu beruͤhren. Der Graf ſah dies, ging grade auf ihn zu, hob des Adi udanten Hut, und ließ ihn wieder fallen, und ſagte dabei: Ich bin der Mayordomo Mayor, und Ew. Excellenz ſind verpflichtet, mich zu gruͤßen, wenn Se an mir vorüber⸗ gehen. Der Adjudant ſtand anfangs uberraſcht durch dies ſonderbare Betragen, doch in dem Augen⸗ blicke trat unſer Exento hinzu, und ſagte: Sen⸗ nor Mayordomo Mayor, Ew. Epcellenz wiſſen vielleicht nicht, daß Sie mit Jemanden ſprechen, der hier als Generaladjudant, und alſo uͤber Ihnen ſteht. Wiſſen Sie es noch nicht, ſo will ich es Ihnen hiedurch ſagen, daß Sie vor ihm den Hut abnehmen, und ihn mit mehr Achtung behandeln muͤſſen. Jetzt ertönte das Geſchrei: Die Koͤnigin! die Konigin! Unſer Adjudant zog den Degen, und gab ſeine Befehle. Der Graf nahm dies fuͤr einen feindlichen Angriff, und trat in Fech⸗ terſtellung zuruͤck. Da kam die Königin herein, ————————————————————— 139 fragte nach der Urſache des Auftrittes, und er⸗ hielt ſogleich die verlangte Auskunft. Indeſſen hatte ſich der Graf wieder erholt, und wuͤthender als zuvor, ſchwor er, ſogleich einen Kurier nach Madrid ſenden zu wollen. Doch die Königin verbot es, und befahl zugleich, uns beſ⸗ ſer zu behandeln. Ich erwähnte dieſe Läppereien nur, um einen Begriff von dem Charakter unſerer Granden zu — Nach ſechs Tagen brachen wir von Cadiz nach Madrid auf. In Keres war das Volk ſo eifrig, ſeine Freude zu bezeigen, daß ſich meh⸗ rere Unglucksfälle ereigneten, als die Menſchen den Wagen der Koͤnigin durch die Straßen zo⸗ gen. Die Koͤnigin ward dadurch ſo erſchreckt, daß ſie in Ohnmacht fiel. Wir erhielten daher den Befehl, das Volk dem Wagen nicht nahen zu laſſen, wenn es in ſo großen Maſſen heran⸗ braͤnge; ein Befehl, der leichter zu geben, als zu befolgen war. Ueberall eilten die Bewohner der Städte und Doͤrfer herbei, die Koͤnigin zu ſehen und ihr die Hand zu kuͤſſen. Die Magiſtrate und De⸗ putationen des Adels und der Ritterſchaft zogen den Infantinnen entgegen, und machten ſich un⸗ ter einander die Ehre ſtreitig, dieſelben zu beglei⸗ 1 — 140 ten. Andujar, Jaen, Cordova, Ecija ꝛc. errich⸗ teten auf den Straßen Triumphbogen, und die jungen Maͤdchen ſtreueten uͤberall Blumen. In Cordova ethielt die Koͤnigin von dem von Medinaceli ein Geſchenk in baarem Gelde, zehn Millionen Realen.*) Dies machte mit dem, was ſie an andern Orten erhielt, uͤber 2,000,000 Dollar. In denen Städten, in wel⸗ chen ſie einen oder zwei Tage blieb, ſah ſie alles irgend Sehenswerthe, und dieſe Ehre vergalten die Einwohner ſtets durch reiche Geſchenke, als Zeichen ihrer Liebe und Achtung. Auf der Reiſe machte ich eine S die ich hier nicht verſchweigen kann, naͤmlich, daß die ganze Garderobe, welche die beiden In⸗ fantinnen von Braſilien mit heruͤber brachten, ſich in einem kleinen Koffer befand. Der Koͤnig und der Infant Don Carlos ka⸗ men uns bis Ocanna entgegen, ihre Gemahlin⸗ nen zu begruͤßen. Sie waren zu Pferde, doch als ſie ſich dem Wagen naheten, ſprangen ſie herab; auch die Infantinnen verließen den Wa⸗ gen, und die Koͤnigin kniete nieder, Ferdinand's Hand zu küͤſſen. Er hob ſie auf, und erkannte ſie mit einer Umarmung fuür ſeine Koͤnigin an. *) Hundert tauſend Pfund St oder 650,000 Thaler. 5 141 Dann half er ihr in den Wagen, beſtieg ſein Pferd, und ritt dicht neben dem Wagenfenſter. Det Infant Don Carlos, welcher ſeine Gemah⸗ lin ebenfalls umarmt hatte, ritt an der Seite des Wagens. So erreichten wir Aranjuez, wo wir die Nacht blieben. Am folgenden Tage, gegen ſechs Uhr Nach⸗ mittags, zogen wir unter dem Gelaͤute der Glok⸗ ken, dem Donner des Geſchuͤtzes, und den Klan⸗ gen der Muſik in Madrid ein. Die Straßen waren mit Militair beſetzt, und die Häuſer mit Menſchen erfullt und mit Teppichen behangen. Wir zogen ſogleich in den Palaſt ein, wo die fremden Geſandten, die Mitglieder vom Rathe des Konigs, und die hochſten Civil⸗ und Mili⸗ tair⸗Behörden in der Sala de Embajadores ver⸗ ſammlet waren; ein prachtvoller Thron war hier fuͤr den König und deſſen Gemahlin errichtet. Der Patriarch von Indien vermählte das könig⸗ liche Paar, und nachdem die ganze Feierlichkeit beendigt war, zog ſich die königliche in die innern Gemaͤcher zuruͤck. Am Abend war großes Feuerwerk und Ilu⸗ mination, und eben ſo auch noch an den naͤch⸗ ſten beiden Tagen. Die Freude der Nation war faſt ungemäßigt. Jeder Anhänger der Ordnung und Menſchlichkeit war entzuͤckt, ein junges, rei⸗ 5 142 zendes Weib, mit jeder Tugend geſchmuͤckt, den Thron Spaniens beſteigen zu ſehen, denn man hoffte, ſie werde dort den wohlthätigen Einfluß gewinnen, der der Guͤte gebuͤhrt.— Doch ach! wie bald wurden alle dieſe freudigen Wkchhn zertruͤmmert. Wenige Tage nach des Königs Vermählung fand in dem Palaſte eine gala con uniforme ²) Statt, bei der alle Glieder der koniglichen Fa⸗ milie zugegen waren. Die Geſandten, die Haus⸗ haltsoffiziere, von dem Mayordomo Mayor an bis zu dem letzten Kammerjunker herab, alle Granden, die Civil⸗ und Militair⸗Beamten, die hoͤhere Geiſtlichkeit, und in deren Gefolge auch Moͤnche aller Orden, Offiziere jeden Ranges, die Gouvernements⸗Mitglieder, und uͤberhaupt Alle, welche mit dem Hofe in irgend einem Zuſam⸗ menhange ſtanden, waren hier zugegen, und er⸗ ſchienen in dem hoͤchſten Glanze, der ihnen zu Gebote ſtand. Um zwoͤlf Uhr gerieth Alles in großere Bewegung, drangte ſich zu dem Koͤnige und der Königin, das Knie vor ihnen zu beu⸗ gen, die Hand der hohen Vermaͤhlten zu kuͤſſen, und dann ſich zu entfernen. ²) Bei einer ſolchen Gelegenheit muß ein Jeder, bis zu dem niedrigſten Beamten S„in Uuni⸗ form erſcheinen. * 143 Gegen Abend hielt die Koͤnigin ihre besa- manos(Levee) in dem Saale der Koͤnigin. Die Zeremonie iſt eine Wiederholung der oben be⸗ ſchriebenen, nur mit dem Unterſchiede, daß wenn die Kinder der Infantinnen zugegen ſind, alle anweſenden Damen, von der ſtolzen Herzogin an, bis zu der beſcheidenſten Gattin eines Hidalgo hinab, vor ihnen niederknieen, und ihnen die Hän⸗ de kuͤſſen muͤſſen. Und das Kind hat dabei oft nicht einmal die Augen offen, ſeine kleinen Haͤn⸗ de muͤſſen den Lippen der Kuͤſſenden entgegen gehalten werden, und nicht ſelten iſt ein lautes Geſchrei der Dank fuͤr die Ehrenbezeigung. Bei dieſer Gelegenheit wird die ganze Pracht der Toilette aufgeboten, und haͤufig uͤberſteigt der Werth des Schmuckes den der Perſon, die ihn traͤgt.. Außer dieſen großen Gallatagen, haͤlt der Koͤ⸗ nig auch noch alle Dienſtage und Sonntage, um dieſelbe Stunde, Levees, bei denen er jedoch nicht auf ſeinem Throne ſitzen bleibt, ſondern durch die Säle geht, und Einen nach dem Andern anredet. Dieſen fragt er nach ſeinem Befin⸗ den, Jenem erzaͤhlt er, daß ein ſehr ſchoͤner Tag ſey, oder ein ſehr ſchlechter, oder aͤhnliche Alltaͤglichkeiten, welche die, an die ſie gerichtet werden, in der Regel gluͤcklicher machen, als haͤt⸗ 64. 144 ten ſie einen Beutel voll Gold erhalten. Der Koͤnig und die Glieder der koniglichen Familie reden dabei Alle, zu denen ſie ſprechen, mit Du an, ganz ohne Ruͤckſicht auf deren Stand. Je⸗ der Unterſchied des Ranges verſchwindet vor ihnen; Alle ſind gleich vor den des Herrn. Kaum hatte die Koͤnigin den Thron beſtie⸗ gen, als ſie auch die liebenswuͤrdigen Eigenſchaf⸗ ten zu zeigen begann, durch die ſie ſich ſo ſehr auszeichnete. Sie ſah die Schätze, welche Spa⸗ nien von der Bildhauerkunſt und Malerei beſitzt, und wuͤnſchte den Geſchmack an den ſchönen Kun⸗ ſten neu zu beleben. Deshalb errichtete ſie eine Akademie, die ausſchließlich unter ihrem Schutze ſtand. Sie verzichtete auf ihr Nadelgeld, wel⸗ ches monatlich gegen 60,000 Realen betrug, um ein öffentliches Muſeum zu errichten, wohin 15,000 der ſchoͤnſten Gemaͤlde, die bisher im Palaſte gehangen hatten, geſchickt wurden. Zu⸗ gleich lag ſie Ferdinand dringend an, die Aus⸗ gaben fuͤr den Hofhalt zu vermindern, und Die einzuſchraͤnken, welche verſchiedene Verwaitungs⸗ zweige unter ſich hatten, und ſih — bereicherten. Sie wußte es nicht, daß er eft die ſtrengſten Beſehle erließ, um Geld in die Kaſſen ſeiner 1 145 Guͤnſtlinge zu leiten, denen er die Verwaltung der bedeutendſten Summen unbedingt uͤberließ. So wurden Millionen Dollar auf die Gaͤrten des Retiro, und oft auf hochſt nichtige Dinge verſchwendet, welche zu nichts dienten. Zu glei⸗ cher Zeit wurden Hunderte von Menſchen beſchaͤf⸗ tigt, die königlichen Schloͤſſer in der Nähe von Madrid mit allen Artikeln des Luxus und der Pracht auszuſchmuͤcken, die von Paris geſchickt wurden, wo zu dieſem Zwecke ein eigener Be⸗ amter angeſtellt war. Faſt alle Wochen erſchie⸗ nen die Infanten und deren Gemahlinnen in neuen, prachtvollen Wagen, und die Bedienten des königlichen Haushaltes in neuen gold⸗ und ſilbergeſtickten Livreen. Ferdinand zahlte taglich eine Unze Gold an einen Koch, der nicht zu ſei⸗ nem Hofhalte gehoͤrte. Dafuͤr mußte er ihm ie⸗ den Tag eine neue Speiſe liefern. ₰ Die Folge Ausſchweifungen war, daß die oͤffentlichen Kaſſen in Hofkaſſen verwandelt wurden, und daß Niemand bezahlt wurde, als einige Truppen der Garniſon von Madrid, wel⸗ che man bei guter Laune erhalten mußte, um Unruhen und Aufruhr zu vermeiden. Die uͤbrigen Offizianten erhielten ſich ſelbſt, ſo gut es gehen wollte, das heißt, indem ſie III. 10 146 ———— ihre Mitbürger des muͤhſam Erworbenen be⸗ raubten. Aber die Schlafſucht, in welche die Spanier verſunken geweſen, begann jetzt allmaͤhlig zu ſchwin⸗ den. In mehreren Theilen der Monarchie bilde⸗ ten ſich heimliche Geſellſchaften, den Werken der Moͤnche entgegen zu arbeiten. Aus den hoͤhern Klaſſen gehoͤrten alle Die zu dieſen Geſellſchaften, welche entweder in einem zuruͤckgezogenen, ſtillen Leben ihr Gluͤck fanden, oder welche ſelbſt nach Macht ſtrebten. Einige ihrer Unternehmungen, einen ſo wuͤnſchenswerthen Wechſel der Dinge zu bewirken, mißgluͤckten, und um dieſe Zeit fiel Lach gleich dem ungluͤcklichen Porlier, deſſen Nach⸗ folger er war. Seine Moͤrder mußten auf Be⸗ fehl des Koͤnigs das Geruͤcht verbreiten, dieſer beruͤhmte Partheigaͤnger ſolle nicht ſterben, ſon⸗ dern nur nach den baleariſchen Inſeln gebracht werden. In der That fuͤhrten ſie ihn auch dort hin, doch kaum hatte er den Strand betreten, als ihm die Augen verbunden wurden, und ſogleich ſiel er auch unter den Streichen der Moͤrder. —————————— —————————— 147 Zehntes Kapitel. Seit der Koͤnigin Vermaͤhlung mit Ferdinand war jene Duͤſterkeit, die ſich bisher uͤber den Pa⸗ laſt verbreitet, allmaͤhlig verſchwunden, und es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß des Koͤnigs Charakter ſich merklich geaͤndert haben wuͤrde, hätte ſie laͤn⸗ ger gelebt. Zwar kann man nicht ſagen, daß er ſie zaͤrtlich liebte, aber bei ihren Geiſtes⸗ faͤhigkeiten, die ihr ſchon jetzt in mancher Hin⸗ ſicht die Herrſchaft uͤber ihn verſchafft hatten, iſt es doch glaublich, daß er in der Folge ſich meh⸗ tere jener trefflichen Eigenſchaften angeeignet ha⸗ ben wuͤrde, durch die ſie ſich ſo ſehr auszeichnete. Mit uns plauderte und lachte ſie oͤfters, und war ſogar zuweilen Mitwiſſerin der Streiche, die wir unſeren Offizieren oder den Hofbeamten ſpiel⸗ ten. Chamorro, jener gemeine Luſtigmacher und Guͤnſtling Ferdinand's, war oft der Gegenſtand derſelben. Er hatte die Aufſicht uͤber die Zigar⸗ ren des Koͤnigs. Oefters nahmen ihm meine Kameraden heimlich mehrere derſelben weg, wenn er ſie zu ſeinem koͤniglichen Gebieter trug, und die Koͤnigin, die ſich an der Angſt ergoͤtzte, die er bei ſolchen Gelegenheiten zeigte, ſagte uns 10* 148 einſt, wir ſollten ſie ihm alle nehmen. Als er daher eines Tages eine ziemliche Kiſte empfangen hatte, die mehrere Pfund enthielt, und er dieſe eben nach dem Zimmer des Koͤnigs tragen wollte, in dem ſich der Koͤnig und die Koͤnigin befanden, gingen mehrere von uns in dem Vorgemache mit blanken Pallaſchen auf und nieder. Mit einem Schlage ward die Kiſte zerſchmettert, und die Zigarren wurden auf dem Boden umher zerſtreut. Schnell fielen wir daruͤber her und rafften ſie auf, waͤhrend er wuͤthend mit dem Fuße ſtampfte, ſich das Haar raufte und dabei ſchwor, es ſolle an uns ein Beiſpiel ſtatuirt werden. Zugleich kamen der Koͤnig und die Koͤnigin aus dem Zim⸗ mer, machten ihm Vorwuͤrfe uͤber die Sorgloſig⸗ keit, mit der er königliches Eigenthum bewahrte, und drohten ihm, ihn aus dem Schloſſe zu wer⸗ fen. Doch die Koͤnigin konnte ihre Ernſthaftig⸗ keit bei den Geſichtern, die er ſchnitt, nicht laͤn⸗ ger beibehalten, und brach in ein lautes Geläch⸗ ter aus. Ferdinand ſtimmte mit ein, und weihete Chamorro dadurch in das Geheimniß ein.— Ja, ſagte er, die wenigen Zigarren von ſich werfend, die er gerettet hatte, dann iſt es kein Wunder, daß mich dieſe jungen Laffen ſo be⸗ handeln, wenn Ew. Majeſtäten ſelbſt ſie dazu ermuthigen. Und dabei wollen Sie noch Achtung — 149 und Ehrerbietung von ihnen erwarten? Wie kann das ſeyn!— Sein Zorn erhoͤhte die gute Laune des Koͤnigs und der Koͤnigin nur noch mehr, und laut lachend gingen Beide in ihr Zim⸗ mer zuruͤck. Waͤhrend des Sommers gingen der Koͤnig und die königliche Familie wie gewoͤhnlich nach Sacedon, die dortigen Mineralbäder zu gebrau⸗ chen. Ein Theil der Dienerſchaft und eine Bri⸗ gade der Leibgarden begleiteten ihn dahin.— Sacedon iſt ein elendes Dorf, vierzehn Meilen von Madrid, nicht weit von Cuenca. In dem Orte war nicht ein einziges gutes Haus, und ſelbſt die Wohnung des Koͤnigs war während der funfzehn bis zwanzig Tage, die er dort zu⸗ zubringen pflegt, höchſt beſchränkt. Der Mangel eines Schloſſes war laͤngſt gefuͤhlt worden, und Ferdinand gab daher ſeinen Baumeiſtern Befehl, eines aufzufuͤhren. Aber er wollte von ſeinen Vorgängern nicht uͤbertroffen ſeyn, und ohne Mittel und Ausgaben zu uͤberlegen, ſind ſchon mehrere Millionen Dollar zu einem Fundamente verſchwendet worden, und ſchwerlich wird das Schloß jemals vollendet. Die nämliche Summe hatte zur Erbauung eines hinreichend, doch nicht uͤbermaͤßig prachtvollen und großen Schloſſes, voll⸗ kommen genuͤgt. 15⁰ Wir brachten unſere Zeit hier ſehr angenehm zu. Gegen Abend gingen wir zu den eras,*) wohin die Nymphen, wie wir die Bauermädchen nannten, auch immer kamen, in ihre beßten Gewänder gekleidet, das Haar mit Blumen und Baͤndern verziert, um ſich an ihren laͤndlichen Taͤnzen zu ergötzen. Zur Nacht bildeten beſon⸗ ders die Garden des Koͤnigs Tertullia's, und die, welche ſingen konnten oder irgend ein Inſtru⸗ ment ſpielten, zeigten ihre Geſchicklichkeit vor dem Hofe. Die Koͤnigin ſturb bald nach der Ruͤckkehr von Sacedon, ward einbalſamirt und dann in ihrem Zimmer ausgeſetzt. Sie war, als wenn ſie lebe, mit allen Inſignien ihrer Wuͤrde beklei⸗ det, und Jeder durfte ſie ſehen. Waͤhrend der vier und zwanzig Stunden, die ſie auf dem Paradebette lag, laͤutete das Sterbegloͤcklein un⸗ aufhoͤrlich, und um zwei Uhr des Morgens ſetzte ſich die Prozeſſion nach dem Eskurial in Bewe⸗ gung. Der Zug beſtand aus der ganzen Diener⸗ ſchaft der Königin, in tiefe Trauer gehuͤllt, und einer Schwadron der Leibgarden, vor welcher die Bruͤder der vier Bettelorden herzogen. Jeder der *) Plaͤtze auf freiem Felde, zu denen die Garben gebracht, und dann von den nh aus⸗ getreten werden. 15¹ Monche ritt auf einem Maulthiere, und hatte am Sattel einen Sack haͤngen, in den er die Wachslichte warf, die ihm alle Viertelſtunden⸗ an dem Ende eines jeden Geſanges, uͤberreicht wurden. Zu dieſem Zwecke folgten dem Leichen⸗ zuge mehrere Wagen voll Wachskerzen. Nahe bei Galapagar kam uns die Geiſt⸗ lchkeit der Stadt, in Sterbegewander gekleidet, entgegen, den Leichnam in Empfang zu nehmen, und bis zum folgenden Tage in ihrer Kirche nie⸗ derzuſetzen. Sogleich eilten die Moͤnche nach allen Seiten davon, ſich Wohnungen zu ſuchen, in denen ſie Schutz gegen den harten Froſt und den fallenden Schuee finden könnten. Der Froſt war ſo ſtrenge, daß die arme Camarera Mayor an den Folgen dieſes Zuges ſtarb, da die unumgaͤng⸗ liche Hofetikette ſie zwang, in einem bünnen Kleide zu erſcheinen⸗ Am folgenden Tage erreichten. das i des Eskurials, welches man ſchon ſieht, wenn man Fresnada im Ruͤcken hat. Es iſt zwiſchen Felſen erbaut. Uns grade gegenuber, faſt üͤber unſern Köpfen, lag das kleine Dorf San Lo⸗ renzo, durch ſeine weißen Haͤuſer geziert. Nahe dabei iſt das ungeheure Kloſter, von dem Dorfe durch eine Reihe regelmäßiger Gebaͤude getrennt. 152 Sur Linken der Straße ſind die Gaͤrten der Or⸗ densbruͤder und die des Schloſſes, welche durch ihre Schoͤnheit die Wildheit der Gegend in et⸗ was cen 1 In dem weitläͤuftigen Gebaͤude von San Lo⸗ renzo ſind die Werke des Menſchen noch weit durch die Werke der Natur uͤbertroffen. Die Hauptfronte des Gebaͤudes geht nicht nach der weiten Ebene hinaus, durch welche der Reiſende ſich nahet, ſondern lehnt ſich ſo nahe an die Felswand, daß die ungeheuren Ausmeſſungen der Mauern dadurch in dem Auge des Beſchauers verſchwinden. Nur bei den einzelnen Theilen dieſes unermeßlichen Gebaͤudes gewinnt das Stau⸗ nen die Oberhanb. Wenn man dadurch hinſchrei⸗ tet, wähnt man, ſich in einer Granit⸗Stadt zu befinden. Die Schoͤnheit und Größe bezeu⸗ gen bei jedem Schritte den Reichthum und die Macht des Begruͤnders, und leicht begreift man, wie dreißig Jahre zur Vollendung dieſes Wunder⸗ werkes der Baukunſt erforderlich ſeyn konnten. Aber dennoch muß man bedauern, daß ſo viel Arbeit, ſolche Schaͤtze an einen Ort verſchwendet worden ſind, der dem Auge dennoch nichts bie⸗ tet, als. Pracht, Trauer,„ und 153 Kurz ehe wir den Palaſt erreichten, kamen uns die Hieronymiten, ihren Abt an der Spitze, entgegen. Wir hielten, und ſagten ihnen, daß wir den Leichnam der Koͤnigin braͤchten. Sie beſtritten dies, bis der zweite Kapitain der Gar⸗ den ihnen einen Brief, von des Koͤnigs eigener Hand geſchrieben, uͤberreichte. Hierin benachrich⸗ tigte der Koͤnig ſie von dem Tode ſeiner koͤnig⸗ lichen Gemahlin, und forderte ſie auf, ihren Leichnam in das Pantheon ſeiner königlichen Vor⸗ fahren aufzunehmen. Nach Leſung dieſes Brie⸗ fes geſtatteten ſie uns ſogleich, durch das mit⸗ telſte Thor des Palaſtes, das Koͤnigsthor ge⸗ nannt, einzuziehen, ein Thor, durch welches der Koͤnig nur zwei Mal koͤmmt; ein Mal in ſei⸗ nem Leben, und das zweite Mal nach ſeinem Tode. Nachdem der Leichnam in die Kirche gebracht, und alle bei dergleichen Gelegenheiten uͤbliche religioͤſe und militairiſche Feierlichkeiten beendigt waren, ward er in das Pantheon getragen. Dies iſt ein weites, unterirdiſches Gewoͤlbe von pracht⸗ vollem Marmor, wo die ſterblichen Reſte der Koͤ⸗ nige von Spanien und ihrer Familie in reichen Sarkophagen aufbewahrt werden. Hier ward der Leichnam der Koͤnigin durch den Notar des Klo⸗ 154 ſters fuͤr ächt anerkannt, und dann nach der ſo⸗ genannten Moderhalle gebracht, einem Gewoͤlbe, Sarg auf eiſerne Barren geſtellt, unter denen ein Bach hindurch laͤuft. An dieſem Orte bleibt er waͤhrend der naͤchſten fuͤnf und zwanzig Jahre ſtehen, —————————— welches an das Pantheon graͤnzt. Hier ward der 155 Eilftes Kapitel. Unmittetbar nach unſerer Ruͤckkehr in die Reſi⸗ denz ging ich mit mehreren meiner Kameraden nach Valencia, unſerer Brigade nach, welche Mabrid einige Tage vorher verlaſſen hatte, um nach Barcelona zu gehen, und die Infantin Donna Louiſe Charlotie von Neapel, einzuho⸗ len, die mit dem Infanten, Don Francisco de Paula, vermaͤhlt werden ſollte. Nahe bei Ocanna kamen einige Reuter im vollen Gallop auf uns zugeſprengt, und forber⸗ ten, daß wir zur Seite reiten ſollten, weil der Pater Cirillo, General der Franciskaner, gefah⸗ ren komme. Meine Kameraden brachen in ein lautes Gelaͤchter aus, als ſie dieſes Gebot aus dem Munde eines ſchoͤnen Moͤnches vernahmen, der mit mehreren anderen die Vorhut Se. Excel⸗ lenz bildete. Wahrhaftig, ſchrie— wir glaub⸗ ten, der Koͤnig komme! Es iſt nicht der Koͤnig, entgegnete der Moͤnch, aber ein eben ſo großer Mann. Ihr muͤßt er⸗ ſtens wiſſen, daß der General meines Kloſters ein ſpaniſcher Grand der erſten Klaſſe iſt; zwei⸗ tens, daß alle Franciskaner in dieſer und der 156 neuen Welt unter ſeinen Befehlen ſtehen; drit⸗ tens, daß er eine tägliche Einnahme von 60,000 Realen hat, und daß jedes Kloſter ihm ſo lange eine Unze Goldes zahlen muß, bis er ein zwei⸗ tes erreicht hat; viertens, daß er an einem Poſt⸗ tage mehr Briefe aus allen Theilen der bekann⸗ ten Welt franko erhaͤlt, als alle Einwohner von Madrid zuſammengenommen; und endlich, daß er in Madrid, in dem Palaſt St. Franciskus des Großen wohnt, in Zimmern, die reicher und praͤchtiger verziert ſind, als irgend welche in der Welt, und wo er die Beſuche der vornehmſten Damen annimmt, und von einer zahlreichern Dienerſchaft umgeben iſt, als ſelbſt der i unſer Herr und Gebieter. Haſt Du geſprochen? rief einer meiner Ka⸗ meraden. Nun, dann rathe ich Dir, Deinem Maulthiere die Sporen zu geben, wenn Du nicht mit Deiner ganzen Sippſchaft und Sr. Herrlichkeit Wagen obenein, in den Staub ge⸗ rannt, oder gar in einen der Graben an der Seite des Weges geworfen ſeyn willſt. Der Moͤnch antwortete nichts, aber er be⸗ folgte augenblicklich den Rath, und ſprengte ſo eilig davon, daß uns der ganze Trupp bald aus den Augen war. Nach einem Marſche von einigen Tagen er⸗ 157 reichten wir Valencia, das wie in einem Garten liegt, von einer zahlloſen Menge Doͤrfer und prachtvoller Landhaͤuſer umgeben. So weit das Auge reicht, ſieht man eine Ebene, die mit Weingaͤrten, Oliven, Feigen, Granatäpfeln, Abri⸗ koſen und Maulbeerbaͤumen, Orangen⸗ und Li⸗ monen⸗Pflanzungen, und Feldern aller Arten Getraide, mit Plantagen von Zuckerrohr, Reis⸗ feldern und Palmbaͤumen bedeckt iſt.—. Va⸗ lencia liegt an den Ufern des Fluſſes Turia, welcher ein Land befruchtet, welches das ſcho nſte in ganz Europa, immer grunend und bluͤhend, und ein wahres irdiſches Paradies iſt. Ich erhielt mein Quartier bei dem Dor Mi⸗ guel Frances, dem Haushofmeiſter des Herzogs von Medinaceli fuͤr dieſe Provinz, und einem Hidalgo von vieler Erziehung und feinen(ZSitten. Er hat eines der ſchoͤnſten Häuſer in Vallencia, und eine Einrichtung wie jeder Edelman, Li⸗ vreebedienten, Pferde und Wagen ꝛc., Alles Koſten des Herzoges. Dieſer Grand hat, wie viele andere G randen Spaniens, in der Hauptſtadt jeder Provinj; einen prachtvoll eingerichteten Palaſt, in welch em er zu wohnen pflegt, wenn er ſeine Guter kereiſt. Hieruͤber fuͤhrt ein Haushofmeiſter die Aufſicht, der aber, ohne Ausnahme, von Adel ſeyn muß, und dem Hausoffizianten aller Art untergeordnet ſind, grade wie bei dem Hofhalte des Koͤnigs, nur daß dieſe Leute beſſer und puͤnktlicher bezahlt werden, als die des Königs. Das Gehalt jedes Haushofmeiſters betraͤgt ungefaͤhr 20,000 Realen, das Haus und die ganze, oben beſchriebene Ein⸗ richtung, Dienerſchaft ꝛc ungerechnet. Die Aus⸗ gaben ſind indeſſen ſelten unter dem Doppelten dieſer Summe. Doch dies erſchwingen ſie leicht durch die Geſchenke der Paͤchter, die dieſe ihnen machen, um ihr Pachtgeld nach ihrer eigenen Bequemlichkeit zahlen zu koͤnnen, und durch die ungeheuren Intereſſen, die ſie von ihren Herren erhalten, die am Hofe mit uͤbertriebener Pracht leben, und ihnen oft den Auftrag geben, unter jeder Bedingung Geld zu ſchaffen. Nicht ſelten erhalten ſie dann ſogar ihr eigenes, eben einge⸗ laufenes Pachtgeld gegen ſchwere Zinſen. Die uͤbertriebene Menge der Diener, welche einige der Granden, oder vielmehr die meiſten derſelben, haben, nimmt den groͤßten Theil ihrer Einkuͤnfte hinweg.— Dieſe Haushofmeiſter genießen auch außerdem noch der Fuͤrſprache ihrer Herren, und erhalten die beßten Anſtellungen. Unſere Zeit brachten wir hier ſehr angenehm zu. Die Tertullia des Don Miguel Frances, welche die meiſten meiner Kameraden beſuchten, 159 —— war die glänzendſte im ganzen Orte, und man ſah hier mehrere der ſchönſten Frauen Valencia's. Am 2ten Januar wurden die Damen, mit⸗ ten in der Tertullia, durch mehrere Schuͤſſe im Hauſe heftig erſchreckt, und ſogleich erſcholl der Ruf: Diebe! Diebe! Ich ergriff meine Waf⸗ fen, und eilte hinaus. Auf dem Korridor traf ich einen Obriſten, und den Sohn des Don Frances. Sie ſagten, daß ſie einen Mann aus einem Fenſter des Hauſes ſpringen, und nach einem großen Baume im Garten hätten zulaufen ſehen; dort ſey er ihren Blicken entſchwunden. Sogleich eilten wir hinab in den Garten, Alles zu durchſuchen, und fanden auch wirklich einen Mann, der ſich zwiſchen den Baͤumen zu ver⸗ bergen trachtete. Er war mit einem Dolche und einem Piſtol bewaffnet, und ſein ganzes Aeußere hoͤchſt verdaͤchtig. Wir bemachtigten uns ſeiner, und als wir ihn in das Haus fuͤhren wollten, fanden wir in einem Nebengebäude noch einen Juͤngling, der beſſer gekleidet war, und uͤber ſeine Entdeckung ſehr betruͤbt ſchien; doch wie er hieher komme, wollte er nicht ſagen. Auch er ward feſtgenommen, doch als er mit dem Anderen zuſammengebunden werden ſolſte, ſagte er in betruͤbtem Tone: Mit dieſem Nichtswuͤrdi⸗ N 160 gen wollt Ihr mich zuſammenbinden?— Und matt ſank ihm das Haupt auf die Bruſt. Ich ſchätzte ſein Alter auf achtzehn Jahre, aber es war etwas in ihm, was ihn uͤber ſeine Jahre erhob, und ungeachtet der Lage, in der wir ihn fanden, und die auf ſchlechte Abſichten ſchließen ließ, fuͤhlte ich mich zu ihm hingezogen. Doch wir durften unſere Nachſuchungen noch nicht aufgeben, ließen daher die Beiden unter ſicherer Aufſicht zuruͤck, und gingen weiter. Nahe der Thuͤre begegnete ich dem Obriſten vom Re⸗ giment der Koͤnigin, mit zwei Adjudanten, wel⸗ che ſagten, daß wir wohl thun wuͤrden, ein be⸗ nachbartes Haus zu durchſuchen, das ſchon ſeit laͤngerer Zeit leer geſtanden hätte, ein Zimmer ausgenommen, das als Billard⸗Zimmer benutzt worden. Wir fanden die Hausthuͤr durch meh⸗ rere Milizen beſetzt, welche unſere Frage, ob Leute darinnen waͤren, bejaheten, uns jedoch nicht Auskunft geben konnten, wer dieſe waͤren. Als wir eintraten, fanden wir auf dem erſten Treppenabſatze einen Mann in voller Kapitains⸗ Uniform todt auf dem Boden liegen. Um den Leib hatte er ein Tuch voller Patronen gebun⸗ den. Wäͤhrend wir den Leichnam unterſuchten, kam ein Befehl des Generalgouverneurs von Va⸗ lencia, Elio, welcher gebot, den Korper in das Gefaͤng⸗ 161 Gefaͤngniß zu ſchaffen, bas Haus mit Militair zu umſtellen, und bis zum P Tage Nie⸗ mand hinein zu laſſen. Am folgenden Morgen in aller Frühe gebot mir der Obriſt vom Regimente der Koͤnigin, drei Mann mit mir zu nehmen, auf den Boden des Seitengebäudes von Don Miguels Haus zu ge⸗ hen, und von dort durch ein Fenſter in das obere Geſchoß jenes Hauſes zu ſteigen. Ich legte einige Breter nach dem Fenſter hinuͤber, und gelangte ſo in ein großes, odes Gemach, zu einer dunkeln, ſchmalen Treppe fuͤhrte. Ich ſtieg dieſelbe hinab, von meinen drei Sol⸗ daten gefolgt. In verſchiedenen gitee des i ſan⸗ den wir zehn Menſchen, die jeden Widerſtand fuͤr uͤberfluſſig hielten. Einige derſelben waren Edelleute, die uͤbrigen Militairs. Alle wurden dem Obriſten uͤbergeben, der von der Straße in das Haus gedrungen war, und die Gefangenen mit ſich hinwegfuͤhrte. Die Maͤnner, welche auf vieſe We vethuf⸗ tet wurden, waren die Schlachtopfer des blut⸗ duͤrſtigen Elio. Unter ihnen befanden ſich der Obriſt Vidal, der Kapitain Lara, und der junge Boltram de Lis, Verweſer von Salimas del Grado, eben der Juͤngling, den wir am vergan⸗ III. 11 162 genen Abende in Don Miguel Frances Hauſe gefunden hatten. Sie wurden Elio durch einen Unteroffizier vom Regiment der Koͤnigin verra⸗ then, der mit unter den Verſchworenen war. Dieſer Menſch wurde an dem Tage der Aus⸗ fuͤhrung von Reue uͤber ſein Vorhaben befallen, verließ die Verſchworenen unter dem Vorwande, ſeine Kompagnie auf den Schlag vorzubereiten, und eilte zu dem Palaſte des Gouverneurs, den er von dem Komplott in Kenntniß ſetzte. Elio brach ſogleich mit einer Kompagnie Soldaten nach dem Verſammlungsorte auf, und ſchickte den Unteroffizier voraus, die Verbuͤndeten her⸗ unter zu locken. Vidal ging zuerſt hinab, und Lara folgte ihm, doch kaum hatte Jener die Thuͤr erreicht, als der Unteroffizier ſchrie⸗ Gene⸗ ral, dies iſt er!— Da ſtuͤrzte Elio mit dem Degen in der Fauſt auf den Obriſten ein, und noch ehe dieſer Zeit hatte, ſich zu vertheidigen, fiel er, in das Herz getroffen, todt zu Boden⸗ Als Lara ſah, daß ſie verrathen waͤren,wlief er zuruͤck, ſeine Gefährten zu warnen⸗ Dieſe hat⸗ ten bereits Argwohn geſchopft, hielten ihn fuͤr einen Feind, und ſchoſſen auf ihn; von einer Kugel in den Kopf getroffen, ſank er todt zu Boden. Dies waren die Schuͤſſe geweſen, die wir in der vergangenen Nacht gehört hatten, 163 und der ermordete Kapitain, den wir fanden, war der ungluͤckliche Lara. Vidals Koͤrper hat⸗ ten Elios Soldaten ſchon mit ſich genommen. Durch meine Pflicht und den ungluͤcklichen Zufall gezwungen zu ſeyn, gegen dieſe Maͤnner zu wirken, war eine der ſchmerzlichſten Pruͤfun⸗ gen, welche der koͤnigliche Dienſt mir auferlegt. Doch da ich ihr Schickſal nicht abwenden konnte, war ich hochſt erfteut, daß wir wenigſtens noch— vor ihrer Hinrichtung den Befehl zum Abmar⸗ ſche erhielten Alle, ſelbſt der liebliche Boltram, deſſen Jugend wohl zur Eniſchulbihun, fuͤr ihn hätte dienen können, fielen.. Zwei Tage nach der Benihnun jener Patrioten erhielten wir den Befehl, nach Bat⸗ celona zu marſchiren, und dort auf die Ankunft der Infantin zu warten, welche ſich leicht bis zum Ablauf der Trauer fuͤr die Koͤnigin verzs⸗ gern konnte. Die erſte Nacht nach unſerem Aufbruche von Valencia brachten wir in dem alten Saguntum zu, jetzt Murviedro genannt. Außer mehreren Alterthuͤmern enthält es auch beſonders einen Tempel des Bachus, nahe dem Stadtthore, und die Fundamente eines ehemall⸗ gen Cirkus, welche jetzt eine lange Reihe von Obſtgaͤrten umſchließen. Doch von allen Ueber⸗ bleibſeln des alten Sagunt iſt keines ſo gut er⸗ 1* 164 halten, als das Theater. Die verſchiedenen Rei⸗ hen der Sitze, fuͤr die Buͤrger, nach deren Ran⸗ ge, beſtimmt, ſind noch in der ſchoͤnſten Ord⸗ nung zu ſehen, und zeigen, daß das Haus, ohne Uebertreibung, zwiſchen neun und zehn tau⸗ ſend Zuſchauer faſſen konnte. Die feſten Schloͤſſer, welche die Stabt be⸗ herrſchen, ſieht man ſchon aus einer Entfernung von zwei Meilen. Sie ſind durch die Mauren auf den Truͤmmern jener Walle erbaut, welche die alten Saguntiner mit ſolcher Tapferkeit ge⸗ gen den Karthagiſchen Helden vertheidigten. Sie⸗ ben Kaſtelle, welche durch unterirdiſche Gänge mit einander zuſammenhaͤngen, ſtehen noch jetzt und kroͤnen die Hůgel, auf denen ſich er⸗ heben. Die folgende Nacht blieben wir in caßelen de la Plana, wo der Gouverneur der Stadt uns ein praͤchtiges Refresko und ein Konzert gab. Der Biſchof von Tortoſa hat hier ein ſchoͤnes Schloß, mit herrlichen Gaͤrten, und einem großen Parke. Meine Kameraden waren Bekannte des Biſchofs, und ſo ward auch mir die Ehre, in einem der prachtvollen Gemaͤcher zu ſchlafen. Wir blieben den naͤchſten Tag hier, und wurden wie die Prinzen behandelt. In Binaroz erhielten wir unſer Quarkier . 165 bei einem Baron, und brachten die Nacht tan⸗ zend und ſingend zu. Am naͤchſten Morgen gingen wir nach Tortoſa. Es liegt an den Ufern des Ebro, deſſen Wellen das ganze Thal befruchten, und ſo zu dem Namen des Gartens, den es traͤgt, Veranlaſſung gaben. Während einiger Meilen kamen wir auch wirklich durch einen beſtaͤndigen Garten, mit Doͤrfern und Landhaͤuſern uͤberſäet; und wende⸗ ten wir den Blick zuruͤck nach Oſten, ſo fiel er auf die Thuͤrme Tortoſa's, welche die unterge⸗ hende Sonne vergoldete. Dieſe reiche Ebene wird links durch eine Kette von Bergen, rechts durch die See begraͤnzt. In Tarragona blieben wir ſieben Tage, groͤß⸗ tentheils durch unſere Wirthe ſehr gut unterhal⸗ ten. Ich erhielt mein Quartier im Hauſe des Barons von den ſieben Thuͤrmen, ein ſonderba⸗ rer Titel, der bei Ferdinands Ruͤckkehr nach Spa⸗ nien aus der Gefangenſchaft in Frankreich, auf noch ſonderbarere Weiſe erworben ward. Der Baron, bei welchem der Koͤnig ſpeiſete, ſetzte ihm naͤmlich einen ſehr ſchoͤnen Marzipan vor, in deſſen Mitte ſich ſieben Thuͤrme erhoben.— Der Baron hatte zwei Toͤchter, die dem Geruͤchte nach ſehr ſchoͤn ſeyn ſollten, ſie waren aber ſo übermaßig fromm, daß nur Wenige ſich ruhmen 166 konnten, ſie geſehn zu haben. Ich wendete wäh⸗ rend einer ganzen Woche manche Kriegsliſt, man⸗ ches kuͤnſtliche Mlttel an, mir ihren Anblick zu verſchaffen, aber wir marſchirten, und ich hatte meinen Zweck nicht erreicht. Der Gouverneur von Tortoſa, Don Carlos Espanna, bewirthete uns, ganz ſeiner Gewohn⸗ heit zuwider, mehrere Male. Dies iſt eines der auffallendſten Originale, und zugleich einer der pfiffigſten Schelme, die man finden kann. Er iſt ein Franzoſe von Geburt, und trat als ein Abenteurer in das ſpaniſche Heer. Nachdem er hier ſeinen Scharfſinn waͤhrend mehrerer Jahre angeſtrengt hatte, gelangte er zu dem Range eines Brigadegenerals. Er war ſo eigen in al⸗ len ſeinen Unternehmungen, und ſo ſtolz auf das Vorrecht, befehlen zu koͤnnen, daß ſelbſt in ſeinem Hausweſen militairiſche Geſetze, von ihm ſelbſt entworfen, galten. Er hatte eine Tochter von funfzehn Jahren, ein ſchönes, liebliches Maͤdchen. Wenn dieſe die Kriegsartikel ſeines Hauſes uͤbertrat, verurtheilte er ſie, einen leder⸗ nen Kuiraß zu tragen, der zu dieſem Zwecke eigens fuͤr ſie gemacht worden war. Die Die⸗ ner mußten, ihrem Vergehen gemaß, eine Strafe von ſechs bis acht Realen bezahlen. Selbſt die Thiere waren in der Strafordnung nicht ausge⸗ 167 nommen. Sein Lieblingspferd mußte einſt acht Tage lang einen ſchweren Karren mit Steinen ziehen, weil es, als der Gouverneur hinter dem⸗ ſelben hinwegging, den einen Fuß aufgehoben hatte, wie er glaubte, um nach ihm zu ſchlagen. „ Aber unter allen ſeinen zahlloſen Sonderbar⸗ keiten iſt doch die Art, wie er ſeine Vermaͤhlung ſchloß, die merkwuͤrdigſte. Als er nur noch Lieu⸗ tenant war, verliebte er ſich ſterblich in eine reiche Erbin, zu einer jener Familien Mallor⸗ kas gehörend, welche„zu den neun Häͤuſern“ genannt werden, und die ſich durch Reichthum und Alter des Geſchlechtes auszeichnen. Das WMaädchen, welches ihn wirklich liebte, hatte nach⸗ manchem Kampfe die Einwilligung ihrer Fami⸗ lie erhalten, und in kurzer Zeit ſollte die Ver⸗ maͤhlung Statt finden. Doch da vernahm er das Geruͤcht, daß ein Verwandter ſeiner Ge⸗ liebten deren Vermoͤgen in Anſpruch naͤhme, und daß ſie den Rechtsſtreit aller Wahrſchein⸗ lichkeit nach verlieren werde. Als er ſich von der Wahrheit dieſes Geruͤchtes uͤberzeugt hatte, that er, als ſey er ploͤtzlich von der gota serena befallen, bei welcher Krankheit man mit vollig geoͤffneten Augen nicht ſieht. Er verſchob des⸗ halb die Vermahlung bis zur Wiedererlangung der Sehkraft. Die Braut wollte ihm zeigen, 168 wie auftichtig ihre Liebe ſey, und daß ein ſol⸗ ches Ungluͤck ſie nicht wankelmuͤthig machen koͤn⸗ ne, und beeilte deshalb die Verbindung mehr, als ſie vorher gethan. Er aber hielt ſie Tag fuͤr Tag mit der Hoffnung hin, daß er bald wieder werde ſehen koͤnnen, bis— ſie den Pro⸗ zeß gewonnen hatte. Zwei Tage darauf ſah er, und beſtand nun darauf, daß die Hochzeit am dritten Statt ſute und dies geſchah auch wirklich. Bei Erwaͤhnung dieſes Originals wil ich nur noch anfuͤhren, daß er bei dem Ausbruche der Revolution nach Madrid berufen ward. Der Koͤnig wollte ihn nach Andaluſien, gegen die Patrioten ſenden, er glaubte aber, daß dieſe endlich die Oberhand behalten wuͤrden, und ſtellte ſich daher krank; der Koͤnig mußte deshalb Freire ſtatt ſeiner ſchicken. Bei der Wiedereinſetzung der Konſtitution ſpielte er den Enthuſiaſten, als ihm aber die Reſtauration zu lange währte, ging er nach Frankreich, und ward hier von der Re⸗ gierung mit den Mitteln unterſtuͤtzt, in Navarra eine Parthei bilden zu können. Er ward zwar aus dieſer Provinz vertrieben, kehrte n6 einiger Zeit zurück. 9 1127 Nachdem wir von n unſepen tarragoner— den, bei deren ſchönen Toͤchtern mehrere meiner 169 Kameraden ihre Herzen zuruͤckließen, Abſchied genommen hatten, ſetzten wir unſeren Marſch nach Barcelona fort. Zur Linken war die Ge⸗ gend hier uͤberaus maleriſch und großartig. Hohe Berge begraͤnzen faſt den ganzen Horizont, und uͤberall ſieht man die Spuren des Fleißes, der mit der Unfruchtbarkeit des Bodens gerungen. Selbſt die kleinſte zugangliche Stelle iſt bebaut. Nichts aber kann reizender und lieblicher ſeyn, als die nächſte Umgebung dieſer Hauptſtadt, wel⸗ che in jeder Hinſicht die Aufmerkſamkeit des Reiſenden verdient, und in der mehr Leben und Geſchäftigkeit herrſcht, als in irgend einer an⸗ dern Stadt Spaniens, obgleich in Barcelona die Gruͤnde zu Tragheit und Entvölkerung wohl nicht geringer ſind, als anderwärts. Der natuͤrliche Reiz der Gegend wird durch die ſorgfältigſte Bebauung und die uͤberall ſicht⸗ baren Spuren des Gewerbfleißes noch erhöht, und wenn man bedenkt, daß zu den Schoͤnhei⸗ ten des Landes noch eine immer reine Atmo⸗ ſphaͤre hinzukoͤmmt, ein fruchtbarer Himmel, ein Klima, das nicht bermaßig heiß iſt, und boch die Anpflanzung aller Produkte geſtattet, welche den heißeſten Laͤndern angehören; die verſchieden⸗ artigſten Bildungsmittel, wie z. B. ein anato⸗ 168 wie aufrichtig ihre Liebe ſey, und daß ein ſol⸗ ches Ungluͤck ſie nicht wankelmuͤthig machen koͤn⸗ ne, und beeilte deshalb die Verbindung mehr, als ſie vorher gethan. Er aber hielt ſie Tag fuͤr Tag mit der Hoffnung hin, daß er bald wieder werde ſehen koͤnnen, bis— ſie den Pro⸗ zeß gewonnen hatte. Zwei Tage darauf ſah er, und beſtand nun darauf, daß die Hochzeit am dritten Statt She und dies geſchah auch wirklich. Bei Erwaͤhnung dieſes Originals will ich nur noch anfuͤhren, daß er bei dem Ausbruche der Revolution nach Madrid berufen ward. Der Koͤnig wollte ihn nach Andaluſien, gegen die Patrioten ſenden, er glaubte aber, daß dieſe endlich die Oberhand behalten wuͤrden, und ſtellte ſich daher krank; der Koͤnig mußte deshalb Freire ſtatt ſeiner ſchicken. Bei der Wiedereinſetzung der Konſtitution ſpielte er den Enthuſiaſten, als ihm aber die Reſtauration zu lange währte, ging er nach Frankreich, und ward hier von der Re⸗ gierung mit den Mitteln unterſtuͤtzt, in Navarra eine Parthei bilden zu koͤnnen. Er ward zwar aus dieſer Provinz vertrieben, kehrte b. n6 einiger Zeit zurück. 12 Nachdem wir von n unſeren—— den, bei deren ſchönen Töchtern mehrere meiner 169 Kameraden ihre Herzen zuruͤckließen, Abſchied genommen hatten, ſetzten wir unſeren Marſch nach Barcelona fort. Zur Linken war die Ge⸗ gend hier uͤberaus maleriſch und großartig. Hohe Berge begraͤnzen faſt den ganzen Horizont, und uͤberall ſieht man die Spuren des Fleißes, der mit der Unfruchtbarkeit des Bodens gerungen. Selbſt die kleinſte zugaͤngliche Stelle iſt bebaut. Nichts aber kann reizender und lieblicher ſeyn, als die nächſte Umgebung dieſer Hauptſtadt, wel⸗ che in jeder Hinſicht die Aufmerkſamkeit des Reiſenden verdient, und in der mehr Leben und Geſchäftigkeit herrſcht, als in irgend einer an⸗ dern Stadt Spaniens, obgleich in Barcelona die Gruͤnde zu Traͤgheit und Entvölkerung wohl nicht geringer ſind, als anderwärts. Der natürliche Reiz der Gegend wird durch die ſorgfaͤltigſte Bebauung und die uͤberall ſicht⸗ baren Spuren des Gewerbfleißes noch erhoht, und wenn man bedenkt, daß zu den Schoͤnhei⸗ ten des Landes noch eine immer reine Atmo⸗ ſphaͤre hinzukoͤmmt, ein fruchtbarer Himmel, ein Klima, das nicht übermaͤßig heiß iſt, und doch die Anpflanzung aller Produkte geſtattet, welche den heißeſten Läͤndern angehören; die verſchieden⸗ artigſten Bildungsmittel, wie z. B. ein anato⸗ 172 Zwölftes Kapitel. MNachdem ich zwei Tage unter Segel geweſen, landete ich zu Cette, einem herrlichen kleinen Hafen, vier Meilen von Montpellier. Ich ver⸗ ſchaffte mir hier augenblicklich eine Gelegenheit nach jener reizenden Stadt, die ich in zwei Stun⸗ den erreichte. Wie ſoll ich die unendliche Freude beſchrei⸗ ben, die ich empfand, als ich alle jene Theuern ſah und umarmte? Alle umringten mich, und ſchloſſen mich wechſelsweiſe in ihre Arme. Die Thraͤnen der Freude und ſtummes Entzuͤcken druͤck⸗ ten allein unſre Wonne aus. Doch alles deſſen ungeachtet, entging mir die Veraͤnderung nicht, die Sorge und Kummer bei meinem Vater her⸗ vorgebracht. Waͤhrend der drei Jahre der Tren⸗ nung war ſein Haar ſchneeweiß geworden, ſeine Augen eingeſunken, ſeine Stirn gefurcht. Er war hager und blaß geworden, und aus ſeinem Blicke ſprach nicht mehr jene gutmuͤthige Offen⸗ heit, die ihm ſonſt alle Herzen gewonnen. Er ſchien ſich in ſein Schickſal ergeben zu haben, und nur dann und wann belebte ein Lächeln ſein Geſicht, aber bald wich dies wieder ſeinem ge⸗ 173 woͤhnlichen Truͤbſinne. Und was ich ihm erzäh⸗ len konnte, war nicht geeignet, ſeinen Kummer zu mildern. Ich war innig betruͤbt, einen Mann der Sorge erliegen zu ſehen, deſſen ganzes Leben edlen Thaten geweihet war, und der ſtatt eines ſolchen Schickſals die glänzendſte Belohnung ver⸗ dient haͤtte. Ich konnte nicht auf ihn blicken, ohne den zu verwuͤnſchen, der Urſache ſeines Ungluͤcks war.— Iſabella, deren Freude bei meiner unerwar⸗ teten Ankunft unendlich war, erzählte mir Alles, was ſie waͤhrend der Zeit unſerer Trennung ge⸗ dacht, gehofft und gefuͤrchtet hatte, und ich ver⸗ ſicherte ſie dagegen der Beſtandigkeit meiner Liebe fur ſie, und theilte ihr Alles mit, was ich er⸗ lebte, ſeit ich ſie zum letzten Male ſahe. Die liebliche Marienne, welche die Verban⸗ nung ihres Vaters ganz aus freien Stuͤcken theilte, und die waͤhrend der Zeit der Invaſion alle Franzoſen gleich gluͤhend haßte, indem ſie ſie nach dem fuͤhlloſen Duͤfrays und anderen ähn⸗ lichen Schurken beurtheilte, hatte jetzt ihren wah⸗ ren Charakter kennen lernen, und ſogar einige gute Eigenſchaften in ihnen entdeckt. Zwar fand ſie kein Behagen an ihrer gränzenloſen Unbeſtän⸗ digkeit, die heut einen Gegenſtand vergöttert, ge⸗ gen den ſie morgen ſchon durchaus gleichgultig iſt; auch billigte ſie den Nationalſtolz keinesweges, der außer Frankreich nichts gut findet, aber ſie fand ſie doch unterhaltend, und liebte ſie als an⸗ genehme Geſellſchafter. Raimundo ſeinerſeits fand die Franzöſt nnen zu leicht, doch war es nicht das, was ihm be⸗ ſonders an denſelben mißfiel. Vorzuͤglich erregte die Art ſeinen Widerwillen, mit der ſie ihre na⸗ tuͤrlichen Reize zu erhoͤhen und denſelben den Sieg zu verſchaffen ſuchten. Meine Pflicht rief mich bald nach zuruͤck, und abermals mußte ich von den Ver⸗ bannten ſcheiden. Ich eilte, von Allen beglei⸗ tet, nach Cette, wo ich mich auf einem je⸗ ner Kuͤſtenfahrer einſchiffte, die faſt taͤglich nach den ſpaniſchen Häfen ſegein⸗ oder von dort her kommen. Am folgenden Tage gondete ich guch zu Barcelona, wo ich mein Quartier bei einem red⸗ lichen Kaufmanne nahm, bei dem ich mich viel beſſer befand, als bei der Sennoria, dem Herrn Marquis von Bercena. Die Trauer fuͤr die Königin war jetzt been⸗ det, und die Infantin Donna Louiſe Charlotte landete am 15ten Mai, von dem Geſchrei einer zahlloſen Menge Volks, dem Donner der Kano⸗ nen, und der Muſik der Barceloner Garniſon 6 ———— 6 laſſen. 17⁵ begruͤßt. Der Marquis von Monaſteriſo, Ma- vordomo Mayor des Infanten Don Francisco, und deſſen Stellvertreter, empfing ſie und fuͤhrte ſie ſogleich in die Kathedrale, wo die Srenoni⸗ der Vermaͤhlung vollzogen ward. Am Abende war, außer Feuerwerken, Ju⸗ minationen und anderen Ergoͤtzlichkeiten, auch der große Saal la Platacada geoͤffnet. Dieſer Saal, welcher zu oͤffentlichen Bällen erbaut wurde, faßt zehn tauſend Menſchen, ohne uͤberfuͤllt zu ſeyn. Er iſt nur waͤhrend der drei Monate des Kar⸗ navals und bei außerordentlichen feſtlichen Gele⸗ genheiten geoͤffnet. Zu dieſer Zeit hat ein Jeder, er ſey nun Adlicher oder Buͤrgerlicher, maskirt oder im Ballanzuge, doch niemals in Uniform, und noch viel weniger bewaffnet, das Recht des Eintrittes, wenn er dafuͤr einen peseta*) erlegt. Aber waͤhrend der acht Tage, welche die Infan⸗ tin hier blieb, ward Jeder unentgeldlich Ange⸗ Nach dieſer Zeit brachen wir nach Madrid auf, und wurden uͤberall mit Freudenbezeigun⸗ gen empfangen. In Aranjuez kam der Infant ſeiner Gemahlin entgegen, und ſchien durch de⸗ ren Schoͤnheit und Jugend ſehr erfreut. Am *) Eine Silbermuͤnze, ungeſih ſechs Groſchen an Werth. 176 folgenden Tage zogen wir in Madrid ein, wo. die Vermählung unter Beobachtung aller eieen e vollzogen ward. Wir waren jetzt alſo von neuem an ve Orte, der ſeit dem Tode der Koͤnigin den fruͤheren Cha⸗ rakter der Duͤſterheit und Traurigkeit wieder an⸗ genommen hatte. Es ſchien, aͤls wenn das Schrecken, welches die Befehle, die von hier aus⸗ gingen, im ganzen Lande verbreiteten, eine ruͤck⸗ wirkende Kraft äußere, oder als ob die finſteren Blicke eines beleidigten Volkes in der königlichen Reſidenz, welche mit Recht ein Gefaͤngniß ge⸗ nannt werden konnte, ſich ſpiegelten. Der ganze Hof Spaniens beſtand jetzt aus jungen Prinzen und Prinzeſſinnen, die ſehr leicht Freude und Frohſinn um ſich her hätten verbreiten können, und dennoch gab es vielleicht nie einen Hof, an dem Beides ſeltener geweſen wäre. Die Infantin Louiſe Charlotte war zwar voll Geiſt und Verſtand, aber zu heftigen Tempera⸗ mentes, um uͤber die verſchiedenen Glieder der königlichen Familie einen ſo wohlthätigen Einfluß geciten zu können, als die verſtorbene dem unſer unumſchraͤnkter Monarch ſeine Macht nicht durch Empoͤrung bedroht geſehen hätte; den⸗ noch blieb die Verfahrungsweiſe die naͤmliche, wenn auch 177 auch die Machthaber beinahe ſtuͤndlich wechſelten. Das innere Elend und die aͤußere Geringſchaz⸗ zung, welche jede Nation unſerer Regierung be⸗ wies, vor Allem aber die grauſamen, blutduͤrſti⸗ gen Hinrichtungen, die taͤglich Statt fanden, for⸗ derten laut eine gaͤnzliche Umgeſtaltung der Dinge. In ganz Spanien gab es faſt keine Stadt, wel⸗ che nicht die ungluͤckliche Schleife durch ihre Stra⸗ ßen fahren ſahe. Eine Verſchwoͤrung folgte der andern, und oft war der General, der die Empoͤrer hinrichten laſſen mußte, ſelbſt Einer der Mitſchuldigen. Der Thron ſtand auf einem Vulkane. Im Monat December 1819 fand ein unge⸗ woͤhnliches, geheimnißvolles Ereigniß Statt, das ſowohl in der Reſidenz, als auch in den Pro⸗ vinzen die groͤßte Aufmerkſamkeit erregte, und deſſen Zweck ſonder Zweifel war, die Revolution, die bald darauf ausbrach, zu beſchleunigen. Faſt alle Generale und Chefs der Milizen erhielten zu gleicher Zeit fingirte Befehle, mit ihren Truppen nach verſchiedenen Punkten der Halbinſel zu mar⸗ ſchiren, und zugleich fanden auf eben dieſe Weiſe mehrere Befoͤrderungen Statt. Einige wurden zu Brigadegeneralen, Andere zu Feldmarſchällen ernannt. Selbſt die Franciskaner, welche eben ihr Kapitel in einer Stadt Andaluſiens hielten, III. 12 178 bekamen Befehl, ihre Sitzungen nach einem an⸗ deren Orte zu verlegen. Kurz es fanden tau⸗ ſend Veraͤnderungen Statt, welche nichts anders, als eine gaͤnzliche Umgeſtaltung der Dinge be⸗ zwecken konnten. Alle Siegel und Unterſchriften des Koͤnigs, der Miniſter, der Inſpectoren ꝛc. 1c. waren ſo taͤuſchend nachgeahmt, daß nur ein hoͤchſt ſonderbarer Umſtand den Plan ſcheitern machen konnte. Der Obriſt der Miliz von Toledo erhielt einen dieſer Befehle, ſcheinbar vom Generalin⸗ ſpector erlaſſen. Zufaͤllig war er an dem Tage, an welchem dieſer Befehl ausgeſtellt war, in Madrid bei dem Generalinſpector geweſen, und wunderte ſich nun, daß dieſer nicht mit ihm von der Sache geſprochen. Vollkommen gewiß zu ſeyn, kehrte er nach Madrid zuruͤck. Das Stau⸗ nen des Generalinſpeetors glich dem ſeinigen, und ward nicht wenig vermehrt, als nach und nach Dankſagungsſchreiben fuͤr verſchiedene Befoͤrderun⸗ gen eingingen, begleitet von Einladungen zu den Feſten, welche dem zu Ehren gegeben werden ſollten. Sogleich wurden nach allen Städten des Koͤnigreiches beſondere Boten geſchickt, jene Be⸗ fehle zu widerrufen, und die Papiere, welche ſie enthielten, einzuſenden. Es fand ſich bei genauer Unterſuchung, daß ſie alle nachgemacht waren, die 179 Adreſſe eines einzigen Briefes ausgenommen. Dieſe war von der Hand des Inſpections⸗Se⸗ kretairs Varas, und obgleich man ſeine Anhaͤng⸗ lichkeit an den Servilismus nur zu wohl kannte, ward er doch ſogleich in den Kerker abgefuͤhrt. Die Urheber dieſes Unternehmens wurden nie entdeckt, obgleich das Gouvernement dafuͤr bedeu⸗ tende Preiſe ausſetzte, und mehrere Verdaͤchtige ſogleich verhaften ließ. Auch ich und noch meh⸗ rere andere Gardiſten, welche gleich unwiſſend waren, wurden unmittelbar danach verhaftet, und in das Gefaͤngniß unſerer Kaſerne gebracht, das fuͤr Staatsgefangene beſtimmt iſt. Doch nach drei Wochen einſamer Einkerkerung, während wel⸗ cher ich mehrere alberne Verhöre auszuſtehen hatte, ward ich in Freiheit geſetzt, und trat die Pflich⸗ ten meines Dienſtes wieder an, als ſey nichts vorgefallen. Ich ließ indeſſen nichts unverſucht, meinen Ankläger zu erforſchen. Dabei erfuhr ich, daß Don Facundo, der ſeit der Zeit mei⸗ ner erſten Ankunft in der Reſidenz, bis zu mei⸗ ner Ruͤckkehr in dieſelbe, im Gefolge der Infan⸗ tin Louiſe Charlotte, auf mehreren Geſandtſchafts⸗ reiſen, ſowohl innerhalb als außerhalb Spanſens, abweſend geweſen, wieder in Madrid ſey. Dies allein war mir genug, und ich forſchte nun nicht weiter nach einem Verfolger. Ich wußte, daß 12* 180 er ſogar waͤhrend ſeiner Abweſenheit an den Her⸗ zog von Alagon geſchrieben hatte, um meine Verſtoßung aus dem Corps zu bewirken, theils weil ich liberale Geſinnungen hege, theils weil ich ein namenloſer Fuͤndling ſey. Aber der Her⸗ zog von Alagon, der mich ſtets ſehr gutig be⸗ handelt hatte, und Don Facundo's haͤmiſchen Charakter kannte und verabſcheuete, zeigte mir deſſen Brief, und verſprach mir, ſeinen Einfluͤ⸗ ſterungen nie Gehoͤr zu geben. Einige Tage, nachdem ich meine Freiheit wie⸗ der erlangt, erreichte das Geruͤcht Madrid, die Fahne des Aufruhrs ſey durch die Truppen auf⸗ gepflanzt worden, welche verſammlet waren, das ſpaniſche Amerika auf's Neue in die Feſſeln der Sclaverei zu ſchlagen. Die Verwirrung, welche dies bei allen Anhaͤngern der Unumſchränktheit hervorbrachte, iſt unbeſchreiblich. Ihre Reden, Predigten, Proklamationen und Verordnungen bezeugten dies zur Genuͤge; doch trachteten ſie zu⸗ gleich, jenen Aufſtand in den Augen des Volkes als unbedeutend zu ſchildern. Eine Handvoll Verräther, Freimaurer, Ab⸗ truͤnniger, Ketzer und Jakobiner, ſagte eine der Bekanntmachungen, haben die Wilde unſerer vã⸗ terlichen Regierung gemißbraucht, und ſuchen ſich dem Eifer entgegen zu ſtellen, der in der Brnſt 181 jedes Spaniers fuͤr ſeinen Koͤnig nund ſeine Reli— gion gluͤht. Dieſe Elenden wollen die wohlthaͤ⸗ tigſten Grundſätze, die anerkannteſte Wahrheit uͤber den Haufen werfen, und an deren Stelle ihre vergifteten, verabſcheuungswuͤrdigen Irrthuͤ⸗ mer pflanzen. Sie moͤchten Thron und Altar umſtuͤrzen, um auf deren Truͤmmern ihre Goͤtzen⸗ bilder der Anarchie und Gottloſigkeit zu errichten. Aber es iſt nichts von ihren verrätheriſchen Ab⸗ ſichten zu befuͤrchten. Nur vereint muͤſſen wir ſeyn, und in Maſſe aufſtehen, dieſe Empoͤrer zu vernichten, oder ſie dem Schaffotte zu uͤber⸗ liefern, damit ſie vor den Augen des ganzen Volkes die Strafe ihres graͤnzenloſen Weieis empfangen. Von den Kanzeln hoͤrte man nichts als Ver⸗ wuͤnſchungen und Anathemas gegen die armen Liberalen, und Ermahnungen an das Volk, ſie alle umzubringen. Ich wollte mich mit eigenen Augen uͤberzeu⸗ gen, welchen Eindruck die Geruͤchte auf die Land⸗ bewohner gemacht hätten, und ritt daher oͤfters in der Umgegend von Madrid umher. Eine ge⸗ wiſſe Aufregung war uͤberall ſelbſt bei den Leidenſchaftloſeſten. 182 Dreizehntes Kapitel. Um dieſe Zeit hatte Don Raphael del Riego an der Spitze von nicht mehr als 1500 Mann das Lager verlaſſen, das er anfangs bezogen. Muthig behauptete er das Feld, obgleich er durch eine zehnfach uͤberlegene Zahl, unter dem Be⸗ fehle erfahrener Generale, verfolgt ward. Unter beſtaͤndigen Muͤhſeligkeiten vergingen ſechs Wo⸗ chen, waͤhrend welcher er, durch treffliche Anſtal⸗ ten, durch Maͤrſche und Kontremaͤrſche, ſeinen Verfolgern zu entgehen wußte, und zugleich die Spanier aus ihrer Schlafſucht aufzuruͤtteln ſtrebte. Acevedo folgte in Galizien dem Beiſpiele ſeiner Waffenbruͤder auf der Inſel. Ihm folg⸗ ten mehrere andere Generale. Mit jedem Tage ward in der Hauptſtadt die Gaͤhrung ſichtbarer. Die Geſichter der Hofleute druͤckten Angſt und Schrecken aus, obgleich nichts geſchehen war, was ſie nicht ſchon ſeit laͤngerer Zeit haͤtten vorausſehen können. Die aber, wel⸗ che entweder liberaler oder aufgeklaͤrter waren, als die Andern, ſahen ruhig den Sturm ſich nähern, blickten ſpöttiſch auf die Gewalthaber, und hatten kein Mitleid bei dem Entſetzen der Camarilla. Ferdinand's Angſt war unbeſchreiblich. Er befragte Jeden, der aus den inſurgirten Pro⸗ vinzen kam: Wird es ernſthaft werden?— Schickt Caſtannos, Espanna oder einen andern General! Sire, ſagte der Kriegsminiſter, auch Gali⸗ zien iſt in den Waffen, und Navarra und Ar⸗ ragonien werden unruhig. Haben Sie keine Truppen Kiß zu ſchik⸗ ken? fragte der Koͤnig. Keine, Sire! Und weshalb nicht?— Ich ſollte Sie eher haͤngen laſſen, als die Rebellen.— Fort, aus meinen Augen! Am 3ten Maͤrz ſendete Ferdinand den Abis⸗ bal gegen die Rebellen, nachdem er ihn vor dem verſammleten Hofe umarmt, und mit einer ge⸗ fuͤlten Goldboͤrſe beſchenkt hatte. Aber dieſer ſah wohl ein, daß ſeine Bemuͤhungen zur Auf⸗ rechthaltung des Abſolutismus vergebens ſeyn wuͤr⸗ den, und erklaͤrte ſich noch an eben dem Tage fuͤr die Konſtitution, an dem er dieſe Beweiſe koͤniglicher Huld empfangen hatte. Balleſteros hatte bei dem Ausbruche der In⸗ ſurrection dem Koͤnige einen Brief geſchrieben, 184 in welchem er bat, gegen die Rebellen geſandt zu werden, und ſey es auch als gemeiner Soldat. Er ward von Valladolid, wo er ſich in einer Art von Verbannung befand, berufen, und er⸗ hielt am 6ten Marz den Oberbefehl uͤber die Armee, welche das Centrum bildete. Erſt ſpaͤt ward die Falſchheit dieſes Mannes entdeckt, ſo wie deſſen Stolz und Ehrgeiz, von denen er ſich beſtaͤndig leiten ließ. Man glaubte, die Cortes wuͤrden jetzt ſogleich zuſammenberufen werden, doch als man ſah, daß dies laͤnger waͤhrte, als man erwartet, umringte eine unzaͤhlige Menge Volkes den königlichen Palaſt, und verlangte mit lautem Geſchrei nicht mehr die Cortes, ſondern die Konſtitution von 1812. Am Tten ward die Wache im Schloſſe ver⸗ doppelt, und unſere Brigadiers, ſaͤmmtlich Ul— traſervilen, gingen beſtaͤndig hin und her, haͤufig von dem Koͤnige begleitet, und ermahnten uns zur Ruhe.— Kann ich Euch trauen? fragte Ferdinand jedes Mal, wenn er zu uns eintrat, voller Beſorgniß.— Ja, Ew. Majeſtaͤt, bis zu unſerem lebten Blutstropfen! ſchrieen einige meiner Kameraden, und mit dieſer Verſicherung glaubte er ſich ſtark genug, den Wuͤnſchen des Volkes, das unten vor dem Palaſte laut nach der Konſtitution rief, zu wib erſtreben. 185 Einer unſerer Brigadiers, ein äußerſt geiziger Menſch, ließ alle moͤgliche Sorten von Weinen und Liqueuren bringen, denn dadurch glaubte er den Royalismus der Wachen am leichteſten auf⸗ recht zu erhalten. Dieſe Nacht, meine Herren, ſagte er, ſollte Niemand die Augen ſchließen. Alle muͤſſen wir wach bleiben, das Schwert in der Hand. Der Koͤnig, der Thron und der Al⸗ tar ſind unſer Wort! Gegen neun Uhr kam Balleſteros aus den aſernen zuruͤck, welche er beſucht hatte, die Stimmung der Truppen zu erforſchen. Er ſagte dem Koͤnige, daß von ihnen nichts zu erwarten waͤre, denn„Konſtitution!“ ſey ihr einziges Wort.— Aber, rief Ferdinand, ich habe meine Garden, und mit deren Beiſtand S ſich viel⸗ leicht etwas unternehmen. Balleſteros ſah, daß nur die Konſtitution das Volk zufrieden ſtellen wuͤrde, und wuͤnſchte ſich jetzt auch leutſeliger zu zeigen, lieber, als ge⸗ gen die Rebellen zu marſchiren, und ſollte es auch als gemeiner Soldat ſeyn. Er verſicherte daher dem Koͤnige, es waͤre vergebene Muͤhe, mit fuͤnf hundert Mann ein ganzes Volk zur Aenderung ſeiner Geſinnung zwingen zu wollen. Und uͤberdies, ſetzte er, eine Liſte aus der Taſche ziehend, hinzu, iſt hier 186 noch etwas, was ſelbſt dieſe geringe Zahl bedeu⸗ tend vermindert. Es war das Namensverzeich⸗ niß von 150 Gardiſten, welche ſich laut fuͤr die Konſtitution erklaͤrt hatten. Erſt jetzt begann Ferdinand ernſtlich uͤber ſeine gefaͤhrliche Lage nachzudenken. Je mehr außerhalb des Palaſtes die Gaͤhrung wuchs, deſto ofter hielt er Berathungen mit den Infanten und der Kamarilla, ob er die Cortes zuſammen⸗ berufen ſolle oder nicht. Der Infant Don Car⸗ los ſtimmte fuͤr das Nein. Wäre ich Koͤnig, ſagte er, ſo wuͤrde ich lieber das Volk uͤber mei⸗ nen Leichnam hinwegſchreiten laſſen, als gezwun⸗ gen auf eines meiner koͤniglichen Vorrechte ver⸗ zichten. Der Infant Don Francisco aber rieth im Gegentheile, die Konſtitution ſogleich zu be⸗ ſchwoͤren, weil außerdem noch weit groͤßeres Uebel entſtehen koͤnne. Die Mitglieder der Kamarilla zitterten, und zuckten mit den Schultern, unfaͤ⸗ hig, ihrem Gebieter irgend einen Rath zu er⸗ theilen. Da die Meinungen ſo getheilt waren, zau⸗ derte Ferdinand laͤngere Zeit, ehe er ſich ent⸗ ſchied. Von Minute zu Minute wuchs die Menge des Volkes, welche den Palaſt umringte, und mit deſſen Zerſtoͤrung drohete. Da erließ der Koͤnig mehrere Bekanntmachungen, in denen er verſprach, den Willen des Volkes zu erfullen. Wir wurden mit dieſen Papieren in verſchiedene Theile der Stadt geſchickt. Ich erhielt eine der Abſchriften, um ſie in die Druckerei zu bringen. Als ich zu Pferde in den Haufen des Volkes kam, von dem Viele brennende Fackeln in den Haͤnden trugen, hielt ich das Papier hoch in der Hand, und rief da⸗ bei laut aus, was es enthalte. Sogleich ward mir freie Bahn gemacht, und nachdem von al⸗ len Seiten Vira, Viva! geſchrieen worden, ver⸗ lief ſich die Menge ohne alle Exteſſe in ihre Haͤuſer. Am nächſten Tage verſammlete ſich abermals eine zahlloſe Menge vor dem Palaſte, dem kon⸗ ſtitutionellen Koͤnige, der Konſtitution und Balle⸗ ſteros ein Vivat zu bringen. Der König zeigte ſich auf dem Balkon, aber, wie gewöhnlich, in Begleitung des Herzoges von Alagon.— Da ertoͤnte das Geſchrei: Was? Ew. Majeſtaͤt von dem alten Schufte begleitet?— Tod dem Her⸗ zoge von Alagon, dem Montenegro, Chamorro und Vargas! Paco,*) ſagte der Koͤnig in lachendem Tone, zu dem Herzoge ſich wendend; hoͤrt Ihr es?— ¹) Freundſchaftliche Benennung fuͤr Francis. 1 188 Lauft! macht Euch auf die Füße, und ſagt den Andern, daß ſie ein Gleiches thun. Und wirklich verließen noch Alle an dem näm⸗ lichen Tage den Palaſt. Am folgenden Morgen war ich Balleſteros Begleiter bei Ausuͤbung einer Pflicht, die ganz eines edlen wahren Kriegers wuͤrdig, und das Angenehmſte war, was mir waͤhrend meiner Dienſtzeit in der Garde begegnete. Dies war die Thore der Inguiſitions⸗ und Staatsgefaͤng⸗ niſſe zu oͤffnen, wo die eifrigſten Anhaͤnger des Vaterlandes in Feſſeln lagen. Wahrend deſſen trat ein anderer Gardiſt, mit einem Koder der Konſtitution unter dem Arme, zu dem Volke, und ermahnte es zum Gehorſam gegen die Geſetze dieſes heiligen Koder. Der Haufe, welcher ihm folgte, fragte einen anderen Gardiſten nach deſſen Namen. Trompetazo,*) entgegnete dieſer, und die Menge ſchrie, wie aus Einem Munde; Viva Trompetazo, und wohin er uns fuͤhrt, dahin laßt uns gehen!— Wo⸗ hin wuͤnſchen Sie zu gehen, meine Herren? fragte er.— Nach dem Hauſe des Herzogs von Alagon! ertönte das Geſchrei. Sehr wohl! entgegnete er, doch muß ich dabei vor allen Din⸗ *) Ein Spottname, den wir ihm einſt gegeben hatten. — 189 gen Ordnung verſangen!— Ihr mäßt nur einem Jeden von uns erlauben, ihm einen Stein in das Fenſter zu werfen!“ ſchrieen ſie, und es waren ihrer zehn Tauſend.— Nein, Ihr Leute! entgegnete er ernſthaftz ich kann Euch nichts dergleichen erlauben!— Dann, riefen ſie, wer⸗ det Ihr uns ſicher geſtatten, Chamorro und Montenegro umzubringen, dieſe beiden Schloß⸗ ratten, welche des Volkes Brod aufgefreſſen ha⸗ ben.— Ihr tieben Leute, ſagte der Gardiſt, laßt uns Niemanden tödten, aber lange lebe die Konſtitution, und lange lebe das Volk!— Auf dieſe Weiſe beluſtigte er den Haufen, und ver⸗ hutete Ausſchweifungen. Am Nachmittage kamen der König und die Infanten wie gewoͤhnlich auf die Promenade, und das Volk beeiferte ſich jetzt, ſie mit Freu⸗ dengeſchrei zu empfangen, beſonders aber den Infanten, Don Francisco, den es im Triumphe davonfuͤhren wollte. Er aber gab es nicht zu, denn er fuͤrchtete, den Haß ſeiner beiden Bruͤder noch in hoͤherem Grade auf ſich zu ziehen. Schon jetzt zeigten ſie ſich ihm nicht gewogen, wegen des Rathes, den er in der letzten Nacht gegeben hatte. Um ſieben Uhr hatte der Koͤnig noch keine beſtimmten Befehle, in Hinſicht ſeines Eides fuͤr ————————— 190 die Konſtitution gegeben. Das Volk ſtroͤmte in großer Zahl nach dem Palaſte, und verlangte laut, daß der Koͤnig die Konſtitution ſogleich be⸗ ſchworen ſolle. Mit jedem Augenblicke ward das Gemurre in den Straßen lauter, und als end⸗ lich Neuigkeiten von der fortſchreitenden Inſur⸗ rektion einliefen, brach es in wildes Geſchrei aus. Seit einigen Tagen hatte eine Stadt nach der andern ſich fuͤr die Konſtitution erklaͤrt, und die Truppen, welche den Patrioten entgegenge⸗ ſchickt wurden, traten zu ihnen uͤber. Mehrere Abtheilungen konſtitutioneller Truppen ſollten im Marſche gegen die Hauptſtadt begriffen ſeyn, und wurden daſelbſt mit jedem Augenblicke erwartet. Bei dieſer Nachricht ward der Haufe immer wil⸗ der, und es ward aus der Mitte des Volkes eine Deputation erwählt, die zu dem Koͤnige gehen, und von ihm verlangen ſollte, daß er die Konſtitution augenblicklich beſchwoͤre. Der Koͤnig fand, daß es nicht räthlich ſeyn wuͤrde, ſich den Willen des Volkes gradezu zu widerſetzen, und verſprach daher, deſſen Wunſch zu erfullen; doch kaum war die Deputation ihm außer Geſicht, als er abermals ſchwankte und zweifelte. Aber bald zeigte ihm das wuͤthende Geſchrei der Menge die ganze Gefahr ſeiner — Lage. Daher verlangte er von Balleſteros, daß er zu dem Volke ſpreche. Dieſer that es auch ſogleich, und zwar in der Straße, welche an dem koniglichen Schloſſe voruͤberfuͤhrt. Anfangs woll⸗ ten ſie gar nichts hören, denn ſie waren zu oft getaͤuſcht worden.— Traut Ihr mir? fragte der General.— Ja! lautete die Antwort.— Dann gebe ich Euch mein Wort, entgegnete er, daß Se. Majeſtaͤt die Konſtitution morgen in aller Fruͤhe beſchwoͤren werden; denn jetzt iſt es ſchon zu ſpaͤt, um es mit Beobachtung aller nöthigen Formen und Zeremonieen zu thun.— So mag er, ſchrieen Einige, bis dahin inte⸗ rimiſtiſch ſchwoͤren!— Dies bewilligte der Koͤ⸗ nig, und legte dem zu Folge den Eid ab. Bis zu dieſem Augenblicke war ich dem Eide treu geblieben, den ich bei meinem Eintritte in die Leibgarde geſchworen hatte, doch jetzt, wo ich das Oberhaupt der Nation den Kodex be⸗ ſchwoͤren ſah, der uns unſere Rechte und Frei⸗ heiten ſicherte, ergriff ich unſere Standarte, und ging, von mehreren meiner Kameraden gefolgt, nach unſerer Kaſerne, um hier ebenfalls die Aufrechthaltung der Konſtitution zu beſchwoͤren. Einige unſerer Anfuͤhrer wollten uns die Zere⸗ monie nicht geſtatten, doch da ſie jetzt kein Recht 192 mehr hatten, uns daran zu hindern, ſetzten wir unſeren Willen endlich durch. Zwiſchen neun und zehn Uhr erhielten ſämmt⸗ liche Leibgarden den Befehl, aufzuſitzen und ſich bereit zu halten, angriffweiſe zu verfahren. In dieſem unbehaglichen Zuſtande blieben wir bis zwölf Uhr. Einige riefen: die Konſtitution fuͤr immer! Andere: Lange lebe der unum⸗ ſchraͤnkte König! und jeden Augenblick waren wir im Begriffe, gegenſeitig uͤber einander herzufal⸗ len. Grade um Mitternacht langte von dem Schloſſe der Befehl an, daß jede Brigade fuͤr ſich die Konſtitution beſchwören ſolle. Einige weigerten ſich anfangs zu gehorchen, mußten es endlich aber dennoch, und als dies geſchehen, gin⸗ gen wir auseinander. Am folgenden Morgen um neun Uhr muß⸗ ten wir abermals unſere Pferde beſteigen, und dann nach dem Prado ruͤcken, wo ſich auch die übrigen Truppen der Garniſon verſammleten. In der Mitte des Prado ſtand ein Tiſch, und auf demſelben lag das Evangelium. An dem oberen Ende der Tafel ſtand ein hoher Geiſtlicher, welcher den Generalen und Anfuͤhrern, die hier verſammlet waren, den Eid abnahm. Hierauf ließ Balleſteros, als General-en„Chef, uns Alle die Konſtitution beſchwören, und nun zogen wir, 193 wir, unter dem lauten Freudengeſchrei des Vol⸗ kes, bei den Fenſtern des Palaſtes vorüber. Hier legte auch der Koͤnig, in Gegenwart ſeines Ra⸗ thes, ſeiner Miniſter und der hoͤchſten öffentli⸗ chen Beamten ſeinen Eid ab. Am Abende war die Stadt prachwoll erleuchtet, und die Nacht ward unter Vergnuͤgungen mancherlei Art ver⸗ bracht. Einer ſiel dem Andern freudig in die Arme, und Jeder war des gluͤcklichen Ereigniſ⸗ ſes froh. So ward die Konſtitution wieder hergeſtellt, faſt ohne die Gewalt der Bayonette, noch viel weniger aber durch Mord und Verbrechen. Spanien that eine Umgeſtaltung mehr Noth, als England oder Frankreich, aber es zeigte ſich großherziger, als dieſe Beiden. Gleich dem Lo⸗ wen, der ſein Sinnbild iſt, verzieh es, wo es ſeine Feinde in Stuͤcken reißen konnte.— Jener duͤſtere Schleier, den die Inquifition uͤber Alles verbreitet hatte, war ploͤtzlich verſchwun⸗ den. Die Worte: Vaterland, Freiheit, Konſti⸗ tution, ertönten uͤberall, und erfuͤllten jedes Herz mit der innigſten und reinſten Freude. Es ſchien, als ob jeder Spanier ein neues Leben empfan⸗ gen habe, oder ſo eben dem Kerker und den Feſſeln entronnen ſey. Zu alle dieſen freudigen Gefuͤhlen geſellten III. 13 194⁴ ſich auch noch andere, nicht minder entzuͤckende. Spanien oͤffnete ſich wieder fuͤr die Tauſende der ungluͤcklichen Verbannten, welche arm und elend in fremde Laͤnder gewandert waren. Auf's Neue ſollten ſie, durch die Furcht vor Verfolgung nicht mehr beaͤngſtigt, ſich ihrer Heimath, ihrer Freunde, ihrer Verwandten erfreuen. Es währte nicht lange, bis ich Briefe von Don Ignacio erhielt, die mir verkuͤndeten, daß er mit dem Marquis und Iſabella in Valladolid angekommen ſey, und zugleich den ſehnlichen Wunſch ausſptachen, mich dort in. NMme zu ſchließen. Rufe gehorchte ich mit der groͤßten Freude. In der Reſidenz gab es nichts mehr, was mich daſelbſt zuruͤckhalten konnte, daher ließ ich mich zu einem Kavallerie⸗Regimente verſez⸗ zen, das in Valladolid in Garniſon ſtand, und machte mich in Begleitung meines treuen Anton auf den Weg. „— Kapitel Un unſiten pehtn bfant ſich 4 ein Licentiat, der ſich währen der kalde⸗ Mayot don Medina del Campo ärchi hatte. Seine politiſchen Grundfätze waren ſo wie man ſie bon dieſer Beſchäftigung und dem langen Zöpfe, der von ſeiner Peruͤcke herabhing erwatten konnte. Seiner Anſicht nach war die Konſtitution das groͤßte Uebet, das nur immet hätt⸗ Statt finden können, beſonders da es ſich in dem Augenblicke ereignete, ais er bie burtsdorfe, dort die Konſtitutionellen zu vihti ſchen, dieſe„Feinde Gottes uns des Thrones,“ wie er ſie in ſeinem Eifer nannte. Jetzt ſaß er, unbeweglich wie eine Bicſüute in einer Ecke der Landkutſche. Ganz in ſeine melancholiſchen Traͤumereien vertieft, ſchien er Antons Lächetn nicht zu ſehen, deſſen Spaͤße uber ihn nicht zi hoͤren. Gnaͤdiger Herr! ſagte Anton zu mir, wie gefaͤllt Ihnen die angenehme untthutung unſe⸗ 13 196 res Freundes, des Licentiaten?— Sollten Sie nicht glauben, er ſey Richter geweſen ſeit Noah's Zeiten? Der Licentiat heftete ſeine Augen ſtier auf Anton, und ſtieß einen ſo tiefen Seufzer aus, daß dadurch ſelbſt die Ernſthaftigkeit meiner an⸗ dern Reiſegefaͤhrten erſchuͤttert ward.— Na, beim heiligen Nikolas! rief Anton, das war nicht mehr ein Stufzer⸗ das war ein Sturm⸗ wind. Noch einige ſolcher Stöße, und wir flie⸗ gen auf die andere Seite des Guadarama.— So fuhr er noch eine ganze Zeit ſit⸗ und ich hatte meinen Spaß daran. Als wir nach Olmedo kamen, vtündet Vonpetenſchmettern die Ankunft einer Abtyeſ⸗ iung Kavallerie. Bei dieſem Tone liefen die Einwohner den Soldaten entgegen, laut ſchreiend: Lange lebe die Konſtitution!— Lange lebe der konſtitutionelle König!— Mehrere Bauern aber, welche ſich durch den Alkalden, einen bekannten Servilen, und die wüthenden Predigten eines Mönches einſchuchtern ließen, wagten es nicht, ihre Freude laut zu außern. Da kam aber von der entgegenſetzten Seite der Pfarrer des Dorfes gezogen, von vielen jungen Leuten umringt, die ſangen und jubelten. Sogleich ſchloſſen ſie ſich an den Zug mit an, den Truppen entgegen zu 107 zlehen, der Alkalde und ber Moͤnch jedoch ent⸗ fernten ſi ch, dem Lande mannichfaches Elend ver⸗ kuͤndend. Unter dem beſtaͤndigen Geſchrei: v l3 Patria! viva la Constitucion!“ zogen die Land⸗ leute den Reitern entgegen, und als dieſe näher kamen, erkannte ich in ihrem Anfuͤhrer zu mel⸗ ner hoͤchſten Freude Niemand anders als Rai⸗ mundo. Sobald auch er mich erkannte, ſprang er vom Pferde und ſchloß mich in ſeine Arme. Nach den erſten Begruͤßungen erzahlte er mir, er habe Frankreich bei der Nachricht von dem Auf⸗ ſtande verlaſſen, ſey nach Spanien geeilt, und habe mit mehreren Freunden in Aragonien eine konſtitutionelle Guerilla gebildet. Dort ſey er geblieben, bis Mina, gluͤcklich von Paris ent⸗ ſchluͤpft, in Navarra angelangt ſey; dann aber habe er ſich mit diefem vereinigt, und als die Konſtitution bald darauf uͤberall anerkannt wor⸗ den, ſey er davon geeilt, Mutter und Schwe⸗ ſtern zu umarmen.— Noch nicht lange waren wir zuſammen, fuhr er fort, als unfer Gluck durch die Ankunft unſeres Vaters unendlich er⸗ höht ward. Die Konfiskation ſeines Vermoͤgens ward fur nichtig erklaͤrt, doch unſer Haus in der Stadt wat faſt unbewohnbar, ſo war es vernach⸗ läſſigt worden. Daher gingen wir nach Cigales, wohin bald alle ſine Frunde kamen, ihm zu ſeiner Ruckkehr Glück zu wünſchen. Mehr als drei Wochen hindurch war das Haus von Beſu⸗ chen uͤberfuͤllt. Des Nachts ſchien hier eher ein Bivouat zu ſeyn, gls eine Familienwohnung. Wir alle freuten uns hieruber herzlich, und wenn die ſechs Jahre der Verbannung und die mannich⸗ fachen, unerſetzlichen Verluſte, die unſer Vater erlitten, ihm durch irgend etwas verguͤtet wer⸗ den konnten, ſo war es die hohe Achtung, die man ihm jett ganz allgemein zollte.— Bei unſerer Ruͤckkehr nach Valladolid ward mir der Befehl uͤber dieſe Schwadron anvertraut, und da es meine Pflicht iſt, über der Aufrechthaltung der Konſtitution zu wachen, kam ich iu 3wecke auch hieher. Fetzt kam der Akalde herbei, in Begleitung des Notars, eines eben ſo eifrigen Servilen, als er ſelbſt. Der Erſtre trug, als Zeichen ſeines Amtes, einen weißen Stab in der Hand, beide verneigten ſich oft und tief. Wir wuͤnſchen Ew. Sennoria Gluͤck zu Eurer Ankunft in unſerem Dorfe, ſagte der Alkalde zu Raimundo, und werden ſtolz ſeyn, Dero Truppen mit allem Noͤ⸗ thigen verſorgen zu durfen. Ew. Sennoria wer⸗ den uns jederzeit bereit finden, Ihnen und den⸗ 199 ehrenwerthen Maͤnnern, welche mit Ihnen ge⸗ kommen ſind, zu dienen. Weniger Worte, und mehr Thaten! ſchrie Raimundo, durch des Alkalden Zweizuͤngigkeit empoͤrt. Alles, was meine Sennoria, wie Ihr mich durchaus nennen wollt, verlangt, iſt Gehorſam gegen die Geſetze der Konſtitution. Ich bin davon unterrichtet, daß Ihr verſucht habt, die friedlichen Dorfbewohner zum Aufſtande zu reizen, und ich werde nicht dulden, daß die oͤffentliche Ruhe ſo durch Euch geſtoͤrt werde. Ew. Sennoria, entgegnete der Alkalde, ſind falſch berichtet, denn gewiß bin ich der Letzte, der das Volk gegen die geſetzmaͤßige Regierung auf⸗ reizen wird.— Iſt dies nicht wahr? ßußt⸗ er die umſtehenden Bauern. Dieſe Frage hatte nicht ganz den S den er erwartete, denn, obgleich ſie ihm nicht offen widerſprachen, ſo zeigte doch ihr Schwei⸗ gen, und das unglaͤubige Schuͤtteln der Koͤpfe, wie wenig ſie von der Wahrheit ſeiner Bheut tung uͤberzeugt ſeyen. Der Wagen war jetzt zur Abfahrt bereit, da⸗ her umarmte ich Raimundo noch ein Mal, und ſetzte dann meinen Weg nach Valladolid fort, wo ich noch an dem Abende deſſelben Tages an⸗ langte. 200⁰ Raimunbo liebte es, ſeine Freunde zu uͤber⸗ raſchen, ich aber dachte in dieſem Punkte an⸗ ders, und ſendete Anton voraus, meine Ankunft zu melden. Als ich ſelbſt kam, fand ich meine ganze Familie, meiner bereits wartend, an der Thuͤr des Hauſes. Alle, die meinem Herzen theuer waren, ſtanden hier beiſammen, Raimun⸗ bo allein ausgenommen. Kaum wußte ich, wen ich zuerſt an mein Herz ſchließen ſollte. Eine Hand reichte ich meiner Iſabella, und mit dem andern Arme druͤckte ich die geliebte Donna Te⸗ reſa, die ich nun ſo manches Jahr nicht geſehen hatte, an meine Bruſt; meine letzte Umarmung verſparte ich fuͤr das theuerſte aller dieſer Weſen. Die Freude, welche uns Alle gleich ſtark ent⸗ zuͤckte, fand anfangs nur durch Schweigen unb Thraͤnen ihren Ausdruck, aber nie floſſen dieſe mit groͤßerem Rechte, mit mehr Empfindung, Unſere gluͤcklichen Ausſichten verliehen dem Geſichte meiner Ifabella einen ungemeinen Reiz, der ſich ſogar uͤber alles, was ſie ſagte und that, verbreitete, und als wir am folgenden Tage al⸗ lein waren, und ich ihr auf's Neue verſicherte, daß ihre Liebe mich unendlich gluͤcklich mache, da zog ich ihre Hand an meine Lippen, und ſank unwillkuͤhrlich vor ihr auf ein Knie. Mlotzlich fuhlte ich, daß mir Jemand auf die Schulter 201 klopfte. Ich ſprang empor, drehte mich um und mein Blick traf auf den Don Lorenzo's. Ich fuͤrchtete, ihn beleidigt zu haben, und ſah Iſa⸗ bella voller Beſorgniß an, doch all meine Furcht ſchwand, als ich bemerkte, daß ſie ein holdes Lächeln nur mit Muͤhe unterdruͤcke.— Wie fromm Du vom Hofe zurückkehrſt; ſagte der Marquis lächelnd. Es koͤmmt daher, entgegnete ich, baß ich eben ſo fromm war, als ich ging, und jetzt, innig erfreut, meine Gottheit mir noch eben ſo guͤn⸗ ſtig geſinnt zu finden, konnte ich den Ausdruck meiner Dankbarkeit nicht in den Buſen zurüͤck⸗ draͤngen. Aber, fuhr ber fort, giebt es nicht ei⸗ nen Altar, vor dem Du Deiner Gottheit Deine Ge⸗ lubde auf feierlichere Weife darbringen moͤchteſt? Ach! rief ich, wohl giebt es den, doch ich fuͤrchte, daß mir dieſe Wonne nie zu Theil werde. Es finden Hinderniſſe Statt, vielleicht unuͤberſteigliche Hinderniſſe, und Sie, Don Lo⸗ renzo, wiſſen nicht——— Ja! rief er, mich unterbrechend, ich kenne ſie, und was noch mehr iſt, weiß ſogar Alles, was ſich uͤber dieſe Angelegenheit ſagen ließe. Doch ich bin auch entſchloſſen, nicht darauf zu achten. Du haſt Deinen Freunden ſowohl, als 6 202 dem Vaterlande das vollkommenſte Genuͤge gelei⸗ ſtet. Kannſt Du keine lange Reihe von Ahnen aufweiſen, haſt Du ſelbſt keinen Namen, ſo bin ich ganz zufrieden, an deren Stelle Ehre und Herzensguͤte zu finden. Dieſe allein ſind in mei⸗ nen Augen hinreichend, Dich in meiner Achtung hoch zu ſtellen; doch die Dienſte, die Du mir und Iſabella erwieſen haſt, legen mir groͤßere Verpflichtungen auf, und heiſchen unſere innigſte Dankbarkeit. Deshalb ſey ihre Hand Dein, ſo weit ſie von mir abhängt, und ſobald ſie ſelbſt Dich ihrer wuͤrdig findet. Bei dieſen letzten Worten glaubte ich, mein Herz muͤſſe mir im Buſen vor Wonne zerſprin⸗ gen, und dennoch zitterte ich unwillkuͤhrlich, als ich meine Blicke auf Iſabella richtete. Sie war ſichtlich eben ſo ſehr erregt, als ich, doch ihre Hand gegen mich ausſtreckend, ſagte ſie mit ſuͤ⸗ ßem Laͤcheln: Ja, ich ſinde ihn meiner wuͤrdig! . 203 Kurz nach meiner Ankunft in Vallabolid erhielt ich den Befehl uͤber die dort in Garniſon ſtehende Schwadron Kavallere, und legte oöffentlich den Eid ab, die Konſtitution bis zu meinem ebten Blutstropfen zu vertheidigen. Dieſe Feierlichkeit fand um 12 Uhr Mittags . dem Campo Grande ²) Statt. Alles Mili⸗ tair war unter den Waffen, und von einer un⸗ zaͤhligen Menge Volks umringt. Die lange Reihe der Veteranen war hier verſammlet, ſo wie alle Offiziere, ſowohl des ſtehenden Heeres, als auch der Miliz. Der Klang der Trompeten und der Militair⸗Muſik, welche patriotiſche Hymnen ſpiel⸗ te; der Anblick meiner Eltern, Schweſtern, Freun⸗ de und meiner geliebten Iſabella, welche ſich mit unter den Zuſchauern befanden, die große und heilige Pflicht, der ich mich zu widmen im Be⸗ griffe ſtand, Alles dies entzuͤndete in mir einen Enthuſiasmus, den ich zu 5ehrelhn ver⸗ moͤchte. Ich enthlößte mein indem ich 2 Eine große— der Stadt⸗ mauern. — 204 unter die Fahnen trat, die, mit den National⸗ farben geſchmuͤckt, in der Luft flatterten, ſprach ich mit lauter Stimme den Eid, durch den ich mein Leben dem heiligen Koder und dem konſti⸗ tutionellen Konige weihete. Dann kuͤßte ich die entfaltete Fahne mit dem tiefen Gefuͤhle, mit der Bewegung, die unſer Inneres maͤchtig er⸗ regt, wenn wir der Ehre und unſerer innigſten Ueberzeugung zugleich folgen koͤnnen. Die Zu⸗ ſchauer ſahen mit der großten Aufmerkſamkeit auf dieſe Feierlichkeit. Viele ſchienen eben ſo bewegt, als ich ſelbſt, und von den Wangen meines Va⸗ ters ſah ich die Thraͤnen rollen.— Das Ge⸗ ſchrei: Lange lebe die Konſtitution!— Lange lebe der konſtitutionelle Koͤnig!— Lange leben ſeine braven Vertheidiger! erfullte die Lüfte, und ſchien jedem Herzen mit eben der Freude zu ent⸗ ſtroͤmen, wie dem meinigen. Von dieſem Augenblicke trat ich meine Rechte und Pflichten mit einem neuen Vergnuͤgen an. Endlich kam auch der gluͤckliche Tag meiner Ver⸗ vindung mit Iſabella heran, und die Freude jedes Gliedes meiner Familie war vollkommen. Selbſt die Bedienten, und beſonders Anton, nah⸗ men den lebhafteſten Antheil an meinem Gluͤcke. Er war mehrmals auf mein Zimmer gekommen, mir Gluͤck zu wuͤnſchen, aber ſtets hatte er mich —— 205 beſchäftigt oder in Geſellſchaft gefunden, und mußte daher wieder gehen, ohne ſagen zu koͤn⸗ nen, was ihm auf dem Herzen lag. Endlich fand er mich unbeſchaͤftigt. Gelobt ſey mein Stern! rief er aus, daß ich Sie allein finde. Nun, Anton, erwiederte ic, was hal Du mir zu ſagen? Ich wollte Sie nur——— er, daß Sie ſich nicht wundern ſollen, wenn ich heute noch naͤrriſch werde. Denn mein Kopf geht mir vor Freude umher, wie ein Kräuſel, und hielte mich nicht der Wunſch, die Hochzeit zu ſehen, zuruͤck, ſo hätte ſie mich wahrſcheinlich lingſt ſchon zum Hauſe hinausgetrieben. Es freut mich, erwiederte ich, daß Dich twaß fiſhät, aber ich wundere mich nur, Anton, daß Du eine Heirath fuͤr etwas Glckliches anſiehſt. Ich daͤchte, Du hätteſt dazu nicht die ſunbe⸗ lichſte Urſach! Das koͤmmt daher, rief Anton, daß es nicht meine Heirath betrifft, und daß die Ihrige noch uberdies eine Ausnahme von der Regel macht. So denk ich wenigſtens. Waͤre jeder Mann ſo wie Sie, und jede Frau wie Donna Iſabella, bei meiner Treu, ich wuͤrde Heiraths⸗Miſſionair! Nun wohl! ſagte ich, wenn Du ſo viel Theit daran nimmſt, ſo geh zu dem Pfarrer, und ſage 206 ihm, baß wir in Zeit von einer. Stunbt in der Kirche ſehn werden. Von Herzen gern! rief er; obgleich s. nen die Verſicherung geben kann, daß ich uber dieſen Punkt noch e zu ſagen wuͤßte. Als ich in das Gſuſtuftemne trat, fand 2 die Mehrzahl unſerer Gaͤſte bereits verſamm⸗ Kaum etblickten ſie mich, als ſie mich um⸗ vn und mir, Jeder nach ſeiner Weiſe, zu meinem nahen Gluͤcke gratulirten. Nachdem ich ihnen auftichtig gebankt hatte näherte ich mich mei⸗ ner lieblichen Btaut, welche von meinen Schwrſtern und den weiblichen Gäſten umringt war. Ihre reizende Geſtalt war durch einen würdevollen, ein⸗ fachen Anzug nöch mihr hervorgehoben, und ihr liebes Geſicht, das jetzt bläſſer war, als gewöhn⸗ lich, dann wieder von einer brennenden Röthe uͤberflogen ward, ſchien mir ſchöner als je, und mein Heiz ſchlug in ſchnelleren, freudigern Schlä⸗ gen, von tauſend entzuckenden Gefuhlen beſtuͤrmt, als ich ihre Hand ergriff, ſie in den Wagen zu fuͤhren. Auf uns folgten Don Lorenzo, Donna Tereſa, Don Ignacio, dann die uͤbrigen Mit⸗ glieder unſerer Familie, und endlich die Freunde, welche wir eingeladen hatten. Dieſelbe Ordnung ward in der Reihenfolge der Wagen beobachtet, —.— —— —.——— 207 als ſie ſich ntſti der Kirche von San zu bewegten. Endlich, nach ſo nachue vittetn Liuſchung, ſagte ich zu meiner reizenden Braut, als wir der Kirche ſchon ganz nahe waren, endlich wer⸗ den meine gluͤhendſten Wänſche, meine kuͤhnſten Hoffnungen erfullt.— Doch— horch! Es war der Ton der Trompete, welcher die Truppen zu den Waffen rief, und gleich darauf kam der dienſthabende Offizier an den Wagen geſprengt und rief: Kommandant, der Rebell, der Pfarrer Merino, iſt mit ſeiner Bande vor den Thoren der Stadt, K einen„ blicklichen Angriff! Iſabella erbleichte und pußt⸗ vie San ihn den Buſen. Meine Geliebte, ſchrie ich, ſie in meine Arme ſchließend, fuͤrchte nichts. Hoͤchſtens in einigen Stunden bin ich wieder bei Dir, und dann ſoll unſerem— nichts mehr in den Weg treten. Bei dieſen Worten preßte ich meine eippen auf die ihrigen, und noch einmal ſchieden wir von einander. Eilig vertauſchte ich den Braͤuti⸗ gams anzug gegen das Kleid des Kriegers, ſchwang mich auf das Pferd, und verließ unter dem Ge⸗ ſchrei: Lange lebe die Konſtitution, Tod den Rebellen! die Stadt, 3 mich mit meinen 208 Leuten vereint hatte, welche ſich auf der Straße nach Burgos, nicht weit von dem Thore Santa Clara, aufgeſtellt hatten. Etwa eine halbe Stunde von Valabolid er⸗ blickten wir die Truppen des Pfarrers, in Schlacht⸗ ordnung aufgeſtellt, auf einer Hoͤhe, welche die Stadt beherrſcht. Ihre Zahl war der unſtigen boppelt uͤberlegen, doch bei dem erſten Angriffe verließen ſie ihre Poſten, und ergriffen die Flucht. Waͤhrend des ganzen Tages verfolgten wir ſie, die Höhen auf⸗ und abwaͤrts, bis wir Duennas erreichten, wo wir die Racht blieben. Ganz fruͤh am folgenden Tage brachen wir in der Richtung auf Palencia gegen ein Dorf auf, in welchem, wie wir erfuhren, der Pfarrer Halt gemacht hatte, den Reſt ſeiner Leute zu ſammlen. Es gelang uns, ihn dort zu uͤber⸗ fallen, und wir fuͤhrten den Angriff ſo gut aus, daß uns nur wenige der Rebellen entkamen; doch war unter dieſen Merino ſelbſt, der ſein Pferd beſtaͤndig geſattelt und zur Flucht bereit hielt. Ich ließ alle Haͤuſer des Dorfes durch⸗ ſuchen, und fand auf dieſe Weiſe noch mehrere der Rebellen, welche ſich verſteckt hatten. Da trat der Bauer zu mir, welcher mir fruher ſchon von dem Aufenthaltsorte des Pfarrers Nachricht gegeben hatte, und fluͤſterte mir in das Ohr, er — ſey — 2609 ſey uͤberzeugt, in dem Hauſe des Notars waͤre ein großer Mann verſteckt, den er noch kuͤrz⸗ lich bei dem Merino geſehen habe, und der wahrſcheinlich der ah der goſtc iſchen Jun⸗ ta ſeyh. Sogleich eilte ich zu dem bezeichtteten Hauſe, und fand daſelbſt, nach ſorgfaͤltiger Durchſuchung, in einem Weinkeller verſteckt— Don Facundo Torrealva. Bei dem Anblicke dieſes unverſoͤhn⸗ lichen Feindes fuͤhlte ich das Blut durch meine Adern toben. Im erſten aufwallenden Gefuͤhle hatte ich den Pallaſch aus der Scheide geriſſen; doch— er war Gefangenet, war in meiner Gewalt, und dies beſaͤnftigte augenblicklich meine Wuth. Spaͤter mußte ich dieſer Selbſtbehert⸗ ſchung innig froh werden. Er ſchien durch ſein Ungluͤck voͤllig entmuthigt, und ſprach kein Wott, wagte ſelbſt nicht einmal, die Augen vom Bo⸗ den zu erheben. Als wir mit unſeren Gefangenen nach Val⸗ ladolid kamen, fanden wir, daß uns das Geruͤcht unſeres Sieges beteits voraüsgeeilt ſey. Eine unzählige Volksmenge zog uns, laut ſchreiend und jubelnd, bis eine halbe Meile vor dem Thore Santa Clara, entgegen. Hier empfing uns auch der ganze Stabt⸗ rath, den Korregidor an ſeiner Spitze. Vor ihHm II. 14 210 her zogen zwei Herolde, an ſeiner Seite ritten zwei Alguazils, und die uͤbrigen Mitglieder des Rathes folgten, von mehreren Edelleuten zu Pferde begleitet. Die Soldaten der Miliz bilde⸗ ten, vom Thore aus bis zu der Plaza Mayor, zu beiden Seiten der Straße ein Spalier. Die Balkons waren mit ſchoͤnen Zuſchauerinnen be⸗ ſetzt, welche uns weiße Tuͤcher und gruͤne Baͤn⸗ der entgegenflattern ließen, und Segenswuͤnſche auf unſeren Triumphzug herabriefen. Als der Enthuſi asmus ſich etwas gelegt hate, eilten wir Alle zu unſeren Wohnungen, und hier traf ich meine Freunde wieder verſamm⸗ let, und flog aus einer Umarmung in die andere. Doch der allgemeinen Freude ungeachtet zeigte ſich auf Don Lorenzo's Geſicht ein Schatten des Kummers uͤber Don Facundo's Gefangennahme. Seine unbegraͤnzte Guͤte ließ ihn jetzt alle die Verfolgungen und Kraͤnkungen vergeſſen, die er von dieſem Bruder erfahren, und zeigte ihm nur die beaͤngſtigende Lage, in der er jetzt be⸗ fand. Um das ungluͤck ſeines Beuters ſte ſo viel als moͤglich zu mildern, eilte der Mar⸗ quis zu dem Gefaͤngniſſe Don Facundo's, ſchaffte Alles herbei, was zu deſſen die⸗ 211 nen konnte, und ſuchte ſeinen Ttübſinn zu zerſtreuen. Unter dieſen Umſtaͤnden war es durchaus nothwendig, unſere Verbindung wenigſtens noch einige Tage zu verſchieben, denn wir konnten nicht an unſre Freude denken, ſo lange wir Don Lorenzo's Kummer ſahen. An dem dritten Tage nach Don Facundo's Gefangennahme erhielten Don Lorenzo und ich die Einladung von ihm, ohne Zoͤgern in ſeinem Kerker zu erſcheinen. Wir eilten dahin, und fanden, daß der Verworfene Gift genommen habe. Er war auf ſeinem Lager ausgeſtreckt, ſein Ge⸗ ſicht bleich und verzerrt. Als wir eintraten, er⸗ hob er den Kopf ein wenig, ſchrie furchterlich auf, und fiel dann wieder zuruͤck. Wir eilten zu ihm, und ſtuͤtzten ihm das Haupt; dabei zitterte ſein ganzer Koͤrper heftig. Doch nach einigen Minuten öffnete er die ſtar⸗ ren, halbgebrochenen Augen, und als er uns er⸗ blickte, ergriff er erſt die Hand des Marquis, und dann die meinige, und erflehte unſere Ver⸗ zeihung in einem Tone der Verzweifelung, den ich nie vergeſſen werde. Hierauf zeigte er auf einen Mann, der eine Rolle Papier in der Hand hielt, und verſuchte zu ſprechen, aber er ward 14* „ 212 von fuͤrchterlichen Krampfen befallen, und kurz darauf hauchte er ſeine Seele aus. Ein ſolcher Tod erfullte uns Beide fur einen Augenblick mit unenblichem Entſetzen. Als ich mich wieder etwas erholte, zog ich Don Lorenzo von dieſem Orte des Schreckens hinweg. Als wir gingen, uberreichte mir der Notar jenes Pa⸗ pier, welches folgende Bekenntniſſe Don Facun⸗ do's enthielt, die er kurz vorher, ehe er das Gift genommen, in die Feder diktirt hatte. „In dem Augenblicke, in welchem ich vor dem Throne des almächtigen Gottes erſcheinen ſoll, mache ich folgende Entdeckungen, und hoffe, daß Er und Die, welche die Gegenſtände eines unaustilgbaren Haſſes waren, mir verzeihen wer⸗ den. Der Ehrgeiz, jener fluchwuͤrdige Feind des Menſchen, war ſtets das Götzenbild meiner Seele, und ihn zu befriedigen, opferte ich die Marquiſe von Moncajo und ihr ungebornes Kind, und beabſichtigte den Mord von Don Lorenzo's ulte⸗ ſtem Sohne. Der Menſch, dem ich den Auf⸗ trag dazu gab, ſchonte ſeines Lebens, und er kam in den Schutz des Don Ignacio Lara. Doch unter dem Namen Eſteban Lara iſt er, ſeit dem Tage, daß ich zuerſt jene Entdeckung machte, bis zu dem jetzigen Augenblicke, der Ge⸗ 213 genſtand meines ſteten Haſſes geweſen. Als eln Sterbender erflehe ich jetzt ſeine Verzeihung, und erkläre hiedurch feierlichſt, daß er der Sohn mei⸗ nes beleidigten Bruders iſt. Dies iſt der einzige Erſatz, den ich zu geben im Stande bin. Auch die Verzeihung meines erſten und beßten Freun⸗ des, Don Ignacio Lara, erflehe ich. Ich be⸗ kenne, daß ich vom König Ferdinand ein To⸗ desurtheil fuͤr ihn erhielt, nachdem ich ihn, wi⸗ der ſeinen Willen, gezwungen, die Partei der Joſephino's zu ergreifen. Auch iſt ſeine ganze Familie waͤhrend der letzten ſechs Jahre meinen beſtaͤndigen Verfolgungen ausgeſetzt geweſen. Mein Bruder hat meine Grauſamkeit und meine Ver⸗ folgungen durch Guͤte und Vertrauen vergolten; gber noch weiß er nicht, wie bitter ich ihn kraͤnkte. Doch ehe ich ſterbe, muß ich mein Gewiſſen entlaſten. Ungeruͤhrt ſah ich ihn viele Jahre in Elend und Sklaverei ſchmachten, verfolgte ihn bei ſeiner Ruͤckkehr als einen Abentheurer, trug Moͤrdern ſeine Vernichtung auf, beredete den blutduͤrſtigen Darquier, ihn zu verderben, erhielt von dem Koͤnige einen geheimen Befehl zu ſeiner Verhaftung, und ſuchte auf alle nur moͤgliche Weiſe, ihm die öffentliche Achtung ſowohl, als Rang und Vetmogen, zu rauben. Ich darf ſeine Verzeihung nicht hoffen, aber ich will ſei⸗ 214 nen Namen nicht mit Schande belaſten, indem ich lebe, meine oͤffentliche Strafe zu erdulden. Deshalb habe ich Gift genommen.— Pier und dort kann es keine Verzeihung fuͤr mich geben! Facundo Torrealva.“ Mein Haar ſtraͤubte ſich empor, waͤhrend Don Ignacio uns dieſe Bekenntniſſe vorlas. Einige Minuten hindurch waren wir Alle re⸗ gungslos, doch dann eilte ich in Don Lorenzo's Arme, und uͤberließ mich ungeſtört der Freude, in dem trefflichen Marquis den Urheber meines Lebens gefunden zu haben. Als das erſte euhen unſerer gegenſeitigen Freude voruͤber war, dte ich mich zu Iſa⸗ bella, und jeder ihrer Zuͤge verrieth deutlich, daß ſie meine Gefuͤhle aufrichtig theile. Eine Folge dieſer freudigen Entdeckung aber warf einen Schat⸗ ten der Trauer uͤber unſere Freude. Unſere Ver⸗ wandtſchaft verzogerte unſere Verbindung auf's Neue, denn nicht eher konnte dieſe geſchloſſen werden, als bis der Dispens des Papſtes er⸗ langt war. Dieſe neue Verzogerung unſeres vollkomme⸗ nen Gluͤckes, verbunden mit den mannichfachen 215 vorhergehenden, erfuͤllte uns mit einer gewiſſen aͤngſtlichen Beſorgniß. Doch die Hoffnung zer⸗ ſtreute bald dieſe Furcht, und in dem ungeſtoͤr⸗ ten Vergnuͤgen unſeres Beiſammenſeyns, in dem Bemuhen, Don Lorenzo's Kummer zu lindern, verging ſelbſt meiner Ungeduld die Zeit ganz un⸗ bemerkt. Der Dispens des Papſtes längte an, und ich empfing aus der Hand meines Vaters das Beßte, das Theuerſte, was ich je erhalten konnte, und deſſen Werth, ſo ſehr ich auch meine Iſabella ſchon geliebt hatte, ich doch erſt in der Folge wuͤrdig anerkennen lernte. Hier muß ich enden. Ein ſolches Glück darf nicht durch den Bericht darauf folgender trauri⸗ ger Ereigniſſe getruͤbt werden, deren Erzaͤhlung vielleicht die Theilnahme des Leſers erregen wuͤr⸗ de, hier aber nicht am paſſenden Orte ſtaͤnde.— Und wie peinvoll muͤßte es überdies einem Manne ſeyn, der, verſtoßen aus dem Vaterlande, ge⸗ trennt von Allen, die ihm lieb und theuer wa⸗ ren, die Ereigniſſe niederſchreiben ſollte, die ſei⸗ nes Vaterlandes und ſein eigenes unendliches Elend im Gefolge hatten. Deshalb will ich nur noch hinzufuͤgen, daß ich dieſe Memoiren, umgeben von mannichfachen 216 Schwierigkeiten, ſchrieb, und daß ich oft dabei jener Heiterkeit des Gemuͤthes beraubt war, die zu einer ahnlichen Beſchäftigung durchaus erfor⸗ derlich iſt. Daher verzeihe der Leſer guͤtig die Fehler, welche, ich weiß es wohl, in reichlicher Zahl in dieſen Memoiren vorkommen. Theiles. Ende des deitten und letzten —————————— ——— 5— — — —,—