5 „ * Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „*„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— 4 S 4 — 3 g Don Esteban, oder Memviren eines Spaniers. Aus dem Engliſchen nach der zweiten Auflage frei uͤberſetzt von Gustav Sellen. 4 8 weiter Theil. Leipzig, 1827. Verlag von Carl Foſcke. ———— —— 7 * *3— * 52— 32* S 82 2 * 3 „ N *3 6 3 0 3 (— e 2— 4. 4— 3 * 3„ 9, —* 1 ℳ ſ ℳ * —— — ₰„ 3 . ⸗ „ „ —— un — Inhaltsvetzeichniß des zweiten Theiles. Erſtes Kapitel. 1„1 Seite. Eſteban wird zum Marquis Porlier geſendet.— Charakteriſtik dieſes Partheigängers.— Eine groͤßere Abtheilung der franzoͤſiſchen Armee macht Jagd auf ihn.— Die Bauern von Soto.— Beſchreibung des Seguidilla⸗Tan⸗ zes.— Ankunft der Franzoſen.— Flucht der Dorfbewohner.— Ein nächtliches La⸗ ger.— Ausgang der Jagd.— Vermeh⸗* rung und Kuͤhnheit der Guerillas„ 3 3 weites Kapitel. Eſteban's Ruͤckkehr zu ſeiner Diviſion.— Be⸗ lagerung von Soria.— Unternehmung des 2 0— — 1V Seite⸗ General Wandermaſſen gegen die Truppen Montijos.— Leben der Guerillas.— Die Ruinen von Numantia und der tapfere Ra⸗ Drittes Kapitel. Ramirez Erzaͤhlung von ſeiner Tochter Dorotea und dem Tode Sſhnbo Viertes g Fernere Nachrichten uͤber die Guerillas.— Eſteban wird zu Mina geſchickt.— Elend der Einwohner von Proveda.— Eſteban's Ankunft in Agreda, dem Geburtsorte ſeiner geliebten Iſabella.— Grauſamkeit des Obri⸗ ſten Darquier von der kaiſerlichen Garde.— Eſteban greift einen Theil von deſſen Trup⸗ 18 28 pen an.— Tod des blutdürſtigen Duͤnier. Eine ohnmchtige Dame.— Eſteban wird verwundet Fuͤnftes S Eſteban's neue Lage.— Seine ſchone Kranken⸗ waͤrterin.— Seine. fuͤr dieſelbe.— Er entdeckt, wer ſie iſt.— Der Marquis te als ein Opfer der Grauſamkeit Darquiers.— 47 Antons Betrachtungen uber die Falſchheit der Menſchenz ſeine Abentheuer zu Mabrid.— Don Facundo's Ankunft in Agreda und deſ⸗ ſen Unterredung mit Eſteban.— Iſabella's Tante und Donna Lucia„„„„ Sechſtes Kapitel. Eſteban zieht zu Donna Lucia.— Haͤusliches 08 V Seite. 67 Leben in Spanien.— Morgenandacht der Damen; deren Kleidung bei dieſer Gelegen⸗ heit; deren Anbeter.— Zeiteintheilung zu Hauſe.— Spoziergänge und Abendgeſell⸗ ſchaften.— Namenstag von dem Heiligen Siebentes Kapitel. Eſteban's Jugendgeſchichte.— Sonderbare Klei⸗ dung der Kinder.— Die Prozeſſion des 37 Frohnleichnamstages, bei welcher Eſteban einen Engel macht.— Er koͤmmt in die Schule, und erhält einen Preis.— HOeffentliche Feier⸗ lichkeit bei Vertheilung der Preiſe.— Don Isnacio's Andachtsuͤbungen in der Schule Chriſti.— Sein Gewiſſensrath, oder Probe von einem ſpaniſchen Heiligen.— Das Kapu⸗ zinerkloſter.— Eſteban's Wuͤnſche und Ver⸗ ſuche, ein Heiliger zu werden.— Er em⸗ pfaͤngt die Weihe des erſten Grades.— Der 8 Seite. Palaſt des Biſchofs.— Ceremonien bei der„ Tonſur,— Pruͤfung burch den Biſchof.— Eſteban koͤmmt in das Kollegium der Benedik⸗ tinermbnche.— Eigenheiten dieſes Kollegiums. — Ende der Jigenbgeſchichte Eſteban's„ 99 Achtes Kapitel. Eſteban Wunden ſinb beinahe geheilt; er ver⸗ läßt Agreda und ſtoͤßt zu ſeiner Diviſion.— Schlachtfeld der Guerilla's.— Er geht verklei⸗ det in ein Dorf, welches franzöſiſche Truppen beſetzt halten.— Unterredung mit einem fran⸗ zöſiſchen Soldaten.— Die Guerilla's greifen. 3 die Franzoſen an.— Tereſa's traurige Ge⸗ — e Neuntes Kapitel. Marſch gegen die Gränze.— unerwartetes Zu⸗ * ſammentreffen in Roncesvalles.— Raimun⸗ do's Abentheuer.— Seine Erzahlung von der Schlacht bei Vittoria, und dem Auffin⸗ den ſeines Vaters und ſeiner Schweſter.— Wiederfehn Raimundo's und Ramirez„ 137 ZSehntes Kapitel. Ende der Feindſeligkeiten in Spanien.— Eſte⸗ 4 ban's Heimreiſe.— Beſuch bei ſeinen Freun⸗ den in Agreda.— Gefuͤhle bei ſeiner An⸗ VIx naͤherung an den Schauplatz ſeiner Jugend⸗ eit.— Zerſtörung in Cigales.— Freude über das Wieberſehen ſeiner Familie.— Ruͤck⸗ blick auf die Thaten der Cortes von Cadiz 157 — Eilftes Kapitel. ueber Lorenzo's Brief an Don Ignacio.— Seine Ankunft in Mabrid und die Geſinnung des Volkes daſelbſt.— Intriguen der geiſt⸗ lichen Parthei, die Conſtitution zu ſtuͤrzen.— Eine Meſſe.— Ausſchweifungen der Dema⸗ gogen.— Ferdinand's Ankunft in Spanien und ſeine Reiſe nach Madrid.— Sein De⸗ cret am 4ten Mai zu Valencia erlaſſen.— Ankunft des Generals Eguia in der Hauptſtadt; Wuth des Militairs und des Pöbels.— Fer⸗ dinand's Einzug in Madrid;z Ende des conſti⸗ tutionellen Gouvernements„ 457 Zwoͤlftes Kapitel. Ein Ball in dem Hauſe Don Ignacio's.— un⸗ erwartete Ankunft Don Lorenzo's, welcher die Nachricht bringt, daß Don Ignacio zum Tode verurtheilt ſey.— Don Ignacio flieht, von Eſteban begleitet, nach Frankreich.— Reiſe dahin und Beſchreibung der Provinz Biscaja.— Gouvernement, und Sitten der Einwohner.— VI1I Seite. Schinheit der Weiber.— Streit zwiſchen zwei Partheien der Bergbewohner.— Das Land in der Naͤhe der Pyrenäen„ 185 Dreizehntes Kapitel. Die franzöſiſche Graͤnze.— Gefuͤhle der Ver⸗ bannten, als ſie ihr Vaterland verließen.— Eine Dorfkirche in Bearn.— Rrt zü rei⸗ ſen.— Ankunft in Bahonne.— Raimundo, der aus Spanien verbannt koͤmmt zu ſeinem Vater und Bruder.— Die Staats⸗ commiſſionen in Spanien und deren Verfah⸗ ren.— Eſteban's Rückkehr nach Spanien 202 3 Don 34 Don Eſteban, oder Memoiren eines Spaniers. 3weiter Theil. Erſtes Kapitel. Iꝙ war noch nicht lange in Osma, als mein General mir die Ueberbringung einer Depeſche an den Marquis tiite der damals in Lo⸗ gronno ſtand, uͤbertrug. In Begleitung von vier Dragonern und Antons, den ich in meinen Dienſt genommen hatte, da mein anderer Die⸗ ner noch nicht ch war, trat ich meinen Weg dahin an. In Logronno kamen wir grade in dem Augenblicke an, in welchem Porlier die Nachricht erhalten, daß die Generale Loiſon und Solignac auf ſein kleines Haͤuflein eine foͤrm⸗ liche Jagd machen wollten. Porlier war klein, aber ſehr regelmaͤßig ge⸗ wachſen. Sein Geſicht war angenehm, und wurde durch große, feurige ſchwarze Augen be⸗ lebt. Sein Anſtand war gebietend, ſein ganzes Weſen Lebhaftigkeit und Feuer. Seine Vater⸗ 1* 4 landsliebe war ſo gluͤhend, daß er ihr ſein gan⸗ zes Vermoͤgen, ſeine Ruhe, ſein Leben opferte. Von ſeinen militairiſchen Talenten und ſeiner Gewandtheit im Felde, giebt die Art, wie er der Verfolgung der beiden franzoͤſiſchen Generale entging, den deutlichſten Beweis, auch zeugen davon die geringen Vortheile, welche die Fran⸗ zoſen, ihrer Mehrzahl und ihrer beſſern Manns⸗ zucht ungeachtet, uͤber ihn zu erringen ver⸗ mochten. Als die Generale Loiſon und Solignac von Vittoria und Miranda ausmarſchirten, war es ihre Abſicht, Logronno von beiden Ufern des Ebro zu gleicher Zeit anzugreifen, und ſo, wo moͤglich, den Marquis zu überfallen, deſſen zahl⸗ reiche Guerilla⸗ Haufen alle Verbindung zwiſchen Madrid und Bayonne abſchnitten, und haͤufige Streifzuͤge bis an die Thore von Burgos, Mi⸗ randa, Vittoria ꝛ0 anternahmen. General Loiſon hatte 5 bis 6000 Mann, und General Solig⸗ nac 7 bis 8000. Alle Bagage, und ſelbſt die Torniſter der Infanterie, waren zuruͤckgelaſſen worden, damit die Truppen die Berge um ſo leichter zu erſteigen vermoͤchten. Sobald ſie Lo⸗ gronno erreichten, beſetzten ſie alle Thore und Ausgänge auf dem rechten Ufer des Ebro, ſo wie die Brücke, welche nch dem linken fuhrt. Dann růckten ſie in die Stabt ein, ünd fanbeh zu ihrem hochſten Erſtaunen nicht einen einzigen Guerilla, da ſie boch ſo ſicher gehofft hatten, alle zu fangen. Der Marquis, welcher von den Unterneh⸗ mungen des Feindes, und der Zeit ſeiner An⸗ kunft bei Logronno, ganz genau unterrichtet war, hatte eine kleine Abtheilung ſeiner Leute auf Nebenwegen nach den hoͤchſten Bergen Caſtiliens geſchickt, und ſo die Franzoſen nach bieſer Ge⸗ gend gelockt, waͤhrend er ſelbſt mit dem groͤßten Theile ſeiner Truppen die entgegengeſetzte Rich⸗ tung einſchlug. Die Kriegsliſt gelang vollkom⸗ men. Am folgenden Tage verfolgte General Solignac dieſe ietztere Abtheilung Porliers, die er bei Najera entbeckte, bis nach St. Domingo de la Calzada. Hier verlor er uns aus dem Geſicht, und es vergingen zwei Tage, bevor et die mindeſte Nachricht erhielt, wo wir geblieben. Als er endlich erfuhr, daß wir den Weg nach Soto eingeſchlagen hätten, wo eine Junta ihren Sitz hatte und wo bedeutende Magazine, ſo⸗ wohl von Lebensmitteln, als Kriegsbedurfniſſen waren, trat auch er ſeinen Marſch dahin an. Nach etwa zehn Stunden erhielt er von unſe⸗ rer Stellung einige Nachricht, worauf Solignac 500 Mann, Infanterie und Kavallerie abſchickte⸗ um uns zu verfolgen. Er ſß blieb mit dem Hauptcorps zuruͤck. Als Porlier dies erfuhr, ſhiete er mich eilig nach Soto, wo die Provinzial⸗Junta ihre Siz⸗ zungen hielt, um dieſe von der nahenden Gefahr zu benachrichtigen und ihr anzuempfehlen, Alles zu einer ſchleunigen Flucht vorzubereiten. Als ich dort anlangte, hoͤrte ich von dem kleinen un⸗ regelmaͤßigen Platze zwiſchen dem Hauſe des Al⸗ kalden und des Pfarrers, eine ohrenzerreißende Muſik mir entgegentoͤnen, und bald darauf ſah ich eine Menge junger Maͤdchen, welche das Feſt ihres heiligen Schutzpatrons durch Tanz und Spiel feierten. Einige junge Männer nahmen Theil an ihren Vergnuͤgungen, die aͤlteren Män⸗ ner und Frauen aber ſaßen auf Bänken an den Wänden ihrer Haͤuſer rings umher. Der Pfar⸗ rer war in einen Streit mit dem Sakriſtan ver⸗ wickelt, der zugleich die Poſten des Barbiers, Notars, Schulmeiſters und Organiſten des Dor⸗ fes in ſich vereinigte. Beide warfen von Zeit zu Zeit freundliche Blicke auf das fröhliche junge Voͤlkchen, waͤhrend die älteſten Bewohner um den Alkalden einen Kreis ſchloſſen, und ſeinen Worten lauſchten, Die Mädchen tanzten Seguidillas. Hiezu gehoͤren, wie zum franzöſiſchen Kontretanze, acht 7 Perſonen; in jeder Ecke tanzen die vier Paare, obgleich nur im Voruͤbergehn, die Haupttouren des Fandango. Eine Spanierin, in die Natio⸗ naltracht gekleidet, die Toͤne der Muſik mit den Kaſtagnetten begleitend, und mit den Hacken den Takt bezeichnend, gewaͤhrt in dieſem Tanze den reizendſten Anblick. Alle dieſe Dorfmadchen tru⸗ gen knapp anliegende Mieder, und ihre weiten Roͤcke hingen in unzähligen Falten von den Huͤften herabl. Auf den Koͤpfen hatten ſie monteras*), welche von denen der Mönner nicht ſehr verſchieden ſind, nur daß ſie ſich vorn in zwei Spitzen theilten, von denen zwei lange Flechten auf die Schultern herabfielen. Ein Halsband von Glasperlen, bei einigen Wenigen von Silber, und zwei große Schnallen auf den Schuhen, machten ihren einzigen Schmuck aus, doch trugen mehrere auch ſtarke meſſingne Ringe mit dem Bilde der heiligen Jungfrau oder eines anderen Heiligen, an dem Finger. Sobald ich nach dem Alkalden fragte, hör⸗ ten die Tänze auf, und Alle umringten mich.— „Es thut mir leid, rief ich, Euer Vergnuͤgen ſtören zu muͤſſen, aber die Franzoſen nahen ſich *) Eine Art kegelfoͤrmiger Muͤtzen, welche die Bauern häufig tragen; ſie beſtehen entweder aus Tuch oder aus ſchwarzem Sammet. ₰ 3 3 32 1 1 1„ 3 . ₰ 3 6 5 43 13 5 6 86 31 8 Soto, und werden ſpäteſtens morgen hier ſeyn. Der Marquis kömmt mit ſeinen Trüppen zut Nacht; Ihr müßt Erfriſchungen fur ſeine Leute bereit halten, Euch ſelbſt aber, mit uns tiefer in das Gebirge zu fliehen.“ Sogleich ſtuͤrzten Alle nach e Wohnun⸗ gen, zuſammen zu packen, was ſie von Werth hatten, und die Nahrungsmittel fuͤr unſere Trup⸗ pen herbeizuſchaffen. Die Mitglieder der Junta packten auf meinen Rath ihre Dokumente und Papiere zuſammen. Gegen Abend kam Porlier mit einem Theile ſeiner Truppen Er hatte den Alkalden und Pfarrern der Dörker, durch welche er gekommen, befohlen, die Franzoſen ſo viel als moͤglich auf ihrem Marſche aufzuhalten, und ihnen deshalb uͤberall Erfriſchungen zu bieten, und ſich uber⸗ haupt ſehr freundlich gegen ſie zu zeigen. Die Bauern ſollten ſtets nur unbeſtimmte Antworten geben, und alle Bewegungen der Franzoſen von den Hoͤhen beobachten. Im Ganzen erfuͤllten ſie dieſen Auftrag ſehr gut, täuſchten die Fran⸗ zoſen, wo ſie irgend konnten, und verſicherten beſtaͤndig, von uns nichts geſehen zu haben. Aber die Pferde, welche uns wahrend unſeres Marſches ſturzten, und die wir nicht immer bei 9 Seite zu ſchaffen vermochten, verriethen aller Liſt zum Trotze, unſere Nähe. Nicht weit von Soto iſt ein ſehr ſteiler Berg, an deſſen Seiten ſich die Straße faſt ſenktecht hinaufwindet; dorthin zogen wir uns am folgen⸗ den Morgen bei Sonnenaufgang, im Angeſichte der Franzoſen zuruͤck. Alle Einwohner von Soto begleiteten uns. Einem der jungen Leute ward die Monſtranz zur Obhut anvertraut, und er empfing ſie mit einem ehrfurchtsvollen Kuſſe; ein Anderer trug den ſilbernen Chriſtus, und wieder Andere die Bilder der maͤnnlichen und weiblichen Heiligen, welche man fuͤr die wunder⸗ thaͤtigſten hielt, oder die heiligen Kreuze und Fahnen. Einige uͤbernahmen die Sorge fuͤr die Alten und Kranken, welche in Sänften geſetzt wurden. Nür ein armes Weib, eine Wahnſin⸗ nige, die jede ftemde Leitung unmoͤglich machte, war zurusarlaſſen worden. Sie ward in einen Keller eingeſchloſſen, und der Geiſtliche reichte ihr die letzte Delung, im Fall ſie nicht bis zu ſeiner Ruͤckkehr leben ſollte. Der Alkalde hatte alle Bauern um ſich verſammlet, und mit Pi⸗ ken und Vogelflinten bewaffnet. Sie bildeten die Spitze unſeres Zuges, und beſchuͤtzten zugleich die Weiber und Kinder, welche die wenigen gerette⸗ ten Ziegen und Kuͤhe weinend vor ſich herttieben. 10 Dieſen Vortrapp ſchloſſen die jungen Bauern, welche die Reliquien trugen, und der Pfarrer in ſeiner Amtskleidung, das Buch der Evangeliſten unter dem Arme. Von Zeit zu Zeit warfen die jungen Weiber, den Säugling an der Bruſt, kummervolle Blicke zuruͤck auf ihre verlaſſenen Wohnungen, und die Maͤnner blieben ſtehen, auf die Feinde zu ſehen, welche ſich an dem Fuße des Berges zeigten, und ganze Lagen von Musketenkugeln gegen unſere Leute heraufſandten. Ich begleitete dieſe Prozeſſion einige Zeit; auch mich ergriff der allgemeine Kummer, aber den⸗ noch ſah ich mit Bewunderung auf den Helden⸗ muth und die Vaterlandsliebe, welche mehrere dieſer braven Menſchen beſeelte. Die Feinde waren mit unſerer Arriere⸗Garde handgemein geworden, und hatten zwei oder drei Gefangene gemacht, aber als ſie ſich von Soto ungefähr eine Stunde entfernt hatten⸗ wurden ſie durch ein heftiges Musketenfeuer zuruͤckgewor⸗ fen. Dann verſuchten ſie, den Berg, der uns von ihnen trennte, von der encgegengeſetzten Seite zu erſteigen. Halt da! prigands! riefen ſie uns mit lauter Stimme zu, aber die nächſten unſe⸗ rer Leute ſtellten ſich hinter die Felſen, und be⸗ gruͤßten ſie mit einem verderhlichen Kugelregen. Um ſeinen Ruͤckzug zu decken, hatte der 11 Marquis an dem Thore, durch welches die Fran⸗ zoſen nach Soto hinein mußten, eine Schwadron Kavallerie, und am entgegengeſetzten Ufer des Fluſſes, der den Fuß des Huͤgels beſpuͤlt, wa⸗ ren auf den Höhen, welche die Stadt beherrſch⸗ ten, hinter Felſen und andern natuͤrlichen Schutz⸗ wehren 4 bis 500 Mann Infanterie vertheilt. In dieſer Stellung konnten die Truppen dem Feinde um ſo mehr Schaden zufuͤgen, da ihnen jederzeit der Ruͤckzug, ohne Gefahr fuͤr ſich ſelbſt, offen ſtand. Als der Feind bei ſeinem weiteren Vordrin⸗ gen ſah, daß wir in der Front unangreifbar waͤren, ſandte er zwei hundert Buͤchſenſchuͤtzen in die Ebene, um uͤber den Fluß zu gehen, und von einem uns gegenuͤber liegenden Berge auf uns zu feuern. Dies thaten ſie zwar, doch ohne allen Erfolg, und endlich zogen ſie ſich zu einer kleinen Kapelle auf der Spitze eines Huͤ⸗ gels, zuruͤck. Hier blieben ſie nicht eben in der angenehmſten Lage, denn ſie waren unſerem Feuer und unſeren Worten gleich blosgeſtellt. Gegen Abend erhielten wir die Nachricht, daß General Loiſon mit ſeiner ganzen Diviſion im Anmarſche ſey. Sogleich ward die Laͤrm⸗ trommel geruͤhrt, und wir verließen unſere Po⸗ ſten, nur einige Mann ausgenommen, welche —— ——— 12 die Bewegungen der Feinde beobachten ſollten. Bald darauf hoͤrten wir in der Ebene ein ſtar⸗ kes Musketenfeuer, aber es währte nür kurze Zeit, und dann folgte tiefe Stille. Wir ſchloſ⸗ ſen, daß zwei Abtheilungen Franzoſen in der Dunkelhtt aneinander gerathen wären. Im Sturmſchtitt näherten ſich jetzt die Fran⸗ zoſen dem verlaſſenen Soto, und wir zogen uns tiefer in die Berge zuruͤck, von wo wir noch die einzelnen Schuͤſſe der franzöſiſchen Soldaten hoͤ⸗ ren konnten, welche die Thuͤren ſprengten, um ſich Speiſe und Wohnung zu verſchaffen. Bald darauf vernahmen wir einen ungewoͤhnlich ſtar⸗ ken Knall, wie von einer Exploſion, und dann folgte ein heller Schein in der Richtung, in welcher unſer Magazin gelegen hatte. Waͤhrend der Nacht flammten auf den Ber⸗ gen uns gegenuͤber eine Menge Feuer; bei jedem derſelben konnten wir ganz deutlich zwanzig bis dreißig Franzoſen bemerken, welche ihre Suppe kochten, oder feſt in ihre grauen Maͤntel gewik⸗ kelt, ſich am Feuer lagerten. Andere waren da⸗ mit beſchaͤftigt, ihre Waffen fuͤr die Arbeit des kommenden Tages zu reinigen oder in Stand zu ſetzen. Auch die Offiziere warmten ſich ge⸗ meinſchaftlich mit den Soldaten an der Flamme. Die mannichfach wechſelnde Beleuchtung der ver⸗ 12 ſchiedenen Gruppen, rings von dem tiefſten Dun⸗ kel umgeben, gewaͤhrte mitunter hoͤchſt romanti⸗ ſche und maleriſche Bilder. Am naͤchſten Tage verließen wir ſchon fruͤh unſern Poſten, und ſchlugen den Weg nach Cer⸗ bera ein; die Franzoſen folgten uns beſtaͤndig auf dem Fuße. Sobald ihre groͤßern Maſſen ſich naheten, zogen wir uns von Felſen zu Fel⸗ ſen zuruͤck, und wechſelten ſtets die Stellung, ohne mit Feuern nachzulaſſen. So zerſtorten wir fliehend ganze Kolonnen des Feindes, ohne ihm Gelegenheit zur Wiedervergeltung zu gewaͤh⸗ ren. Noch zwei, drei Tage ſetzten die Franzo⸗ ſen ihre Verfolgungen fort, dann aber waren ſie der Jagd muͤde, und kehrten nach Arnedo, und bald darauf nach Logronno zuruͤck. Das Reſultat dieſer Unternehmung der Fran⸗ zoſen war, daß ſie, die wenigſtens vier Mal ſo ſtark waren, als wir 6 bis 700 Mann verlo⸗ ren, um ohne den geringſten Vortheil errungen zu haben, wieder dahin zuruͤckzukehren, von wo ſie ausmarſchirt waren, waͤhrend Porlier, der ſich aus den Gebirgen Caſtiliens in die von Aſturien gezogen hatte, die Städte auf der Straße nach Madrid noch immer zu beunruhigen fortfuhr, und kaum zwanzig Mann eingebuͤßt hatte. 14 Aehnliche Verfolgungen anderer Partheigan⸗ ger hatten auch einen aͤhnlichen Ausgang. Oft wurden wir durch uͤberlegene Gewalt an einem Orte auseinandergeſprengt, aber wenige Tage darauf hatten wir uns an einem andern ſchon wieder auf's Neue gebildet, ſo daß die Franzoſen oft glaubten, wir ſtiegen aus den Eingeweiden der Erde herauf. Heute waͤhnten ſie uns ver⸗ nichtet zu haben, und morgen ſchon ſtanden wir mit vermehrten Streitkraͤften wieder auf dem Kampfplatze. Als mehrere Poſten von den Franzoſen ver⸗ laſſen wurden, weil die Armeen in Portugal und dem Suͤden von Spanien Unterſtuͤtzung be⸗ durften, vermehrte ſich die Zahl unſerer Guerillas bedeutend, und mit der Menge wuchs auch die Kuͤhnheit, ſo daß die Franzoſen ihren Transpor⸗ ten und Kurieren immer ſtaͤrkere und ſtaͤrkere Be⸗ deckungen mitgeben mußten. Die Beute, welche hiebei in unſere Haͤnde fiel, erſetzte nicht ſelten den Verluſt, den die Pluͤnderungen und Verhee⸗ rungen der Franzoſen geſtiftet, und die jungen Leute, welche unſere Art des Lebens welt ange⸗ nehmer, als irgend eine andere fanden, ſtroͤmten unſeren Fahnen in großer Menge zu. WMehrere Guerilla⸗Anführer, die einige Mo⸗ nate fruͤher kaum 2 bis 300 Mann unter ihren 15 Befehlen gehabt hatten, ſahen ſich jetzt an ber Spitze zahlreicher Truppenabtheilungen, und nah⸗ men oft große Transporte von Lebensmitteln oder Munition weg, die fuͤr die Armeen im Süͤden beſtimmt waren. Da dieſe Transporte bis an den Ort ihrer Beſtimmung einen Weg von 6 bis 700 Stunden durch ein Land zuruͤck⸗ zulegen hatten, welches Zoll bei Zoll von Gue⸗ rillas durchſtreift wurde, ſo gelangten ſie nur ſelten, oder wenigſtens nicht ganz ungeſchmaͤlert, an das Ziel. Die Bauern, deren Pferde zur Fortſchaffung der Transporte requirirt worden, unterrichteten uns ſtets ganz genau von der Zahl der ſtreitfahigen Mannſchaft, und verſaͤumten keine Gelegenheit, mit dem, was ihre Thiere zo⸗ gen, zu entfliehen. Die gewoͤhnliche Bedeckung eines Kuriers, ſelbſt bei der kleinſten Entfernung, waren 300 Dragoner, und ward er aus dem Innern Spa⸗ niens nach Frankreich geſendet, ſo fand man es noͤthig, ihm 2 bis 3000 Mann mitzugeben, und deſſen ungeachtet war er noch nicht vor unſern Verfolgungen geſichert. Im November 1810 ſchickte Maſſena den General Foix nach Frank⸗ reich; hin erhielt er eine Bedeckung von 2000, zuruͤck, von 3000 Mann, und deſſen ungeachtet entkam er von Longa bei Pancorbo nur mit ———— Muͤhe. In den Privatbriefen, welche häufig in unſere Haͤnde fielen, klagten die franzoͤſiſchen Generale beſtaͤndig daruͤber, daß ſie ihre Diviſio⸗ nen durch Kommandos und Eskorten faſt ganz aufloͤſen muͤßten, um die öffentliche Ruhe und Ordnung in den eroberten Provinzen nur eini⸗ germaßen aufrecht zu erhalten. Der Verluſt, den die Franzoſen täglich er⸗ litten, um ſich die noͤthigen Lebensmittel zu ver⸗ ſchaffen, und die Verbindung zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Abtheilungen ihrer Truppen zu erhal⸗ ten, betrug zehn Mal mehr, als der, welchen ein zahlreiches Heer im offenen Felde ihnen haͤtte zufuͤgen koͤnnen. Auf allen Seiten von einer bewaffneten Nation umgeben und bekriegt, waren ſie unbekannt mit der Zahl des Feindes, den ſie zu bekaͤmpfen hatten, und ihre Armeen wurden durch beſtaͤndige Nachtwachen, Komman⸗ dos und Muͤhſeligkeiten aller Art, aufgerieben. Von Irum bis Cadiz waren die franzöſiſchen Truppen in einem immerwaͤhrenden Belagerungs⸗ zuſtande, und nicht einen Fuß breit Landes durften ſie ihr eigen nennen, als das, S ſie ſtanden. Gegen einen ſolchen Kampf gab es keine Vertheibigung; hier war kein glaͤnzender Sieg můglich 17 moglich, auch waren die Franzoſen zuletzt ſo in Schrecken geſetzt, daß ſie vor ihrem eigenen Schat⸗ ten zitterten. Spanien ſchien ihnen ein Land voller Meuchelmoͤrder, und ſie wollten ſich ſtets durch Gewaltſtreiche raͤchen. Doch dies diente nur dazu, die Zahl ihrer Feinde noch zu ver⸗ mehren. n. 2 18 3weites Kapitel. Ich war wieder zu meiner Diviſion zuruͤckge⸗ kehrt, welche gemeinſchaftlich mit der von Du⸗ ran Soria belagerte. Ich erhielt hier den Auf⸗ trag, es zu verhindern, daß Lebensmittel in die Stadt gebracht wuͤrden. Nach einer Belagerung von einem Monat nahmen wir die Stadt end⸗ lich mit Sturm. Die franzoͤſiſche Beſatzung mußte ſich mit einem Verluſte von 150 Todten und 30 Gefangenen in die Citadelle zuruckzie⸗ hen. Nachdem wir, aus Mangel an ſchwerer Artillerie, die Belagerung noch einen Monat vergeblich fortgeſetzt hatten, hoben wir ſie auf und ſchleiften die Feſtungswerke, denn die Be⸗ lagerten hatten Mittel gefunden, den General Wandermaſſen von ihrer Lage in Kenntniß zu ſetzen. Dieſer General war zu jener Zeit mit etwa 10,000 Mann in der Verfolgung des Pfarrers Merino begriffen. Er bekam einige Mitglieder von deſſen Provinzial⸗Junta in ſei⸗ ne Gewalt, und ließ ſie erſchießen. Doch Me⸗ rino rächte ſich blutig an den Franzoſen. Eini⸗ 1* 19 ge Monate darauf nahm er an 700 Polen ge⸗ fangen, und ließ 200 von ihnen erſchießen. Daß die Belagerten es moͤglich gemacht, ihre Freunde in Aranda von ihrer Gefahr zu benach⸗ richtigen, war uns eine große Ueberraſchung. Denn wie erfinderiſch die Franzoſen auch darin ſehn mochten, ihre Nachrichten durch Spione zu befoͤrdern, ſo gelang es uns doch gewoͤhnlich, ihre Liſt zu vereiteln. Fingen wir irgend einen Menſchen, den wir fuͤr einen Spion hielten, ſo ward er nackend ausgezogen, und jedes ſeiner Kleidungsſtuͤcke auf das Sorgfaͤltigſte nach ver⸗ borgenen Papieren unterſucht; fand man ein ſol⸗ ches, ſo wurden ihm die Ohren abgeſchnitten, und mit einem gluͤhenden Eiſen das Wort espia auf ſeine Stirn gebrannt. So trugen dieſe Un⸗ gluͤcklichen fuͤr ewige Zeiten das Zeichen ihrer Schande, doch uͤberlebten ſie dieſelbe in der Re⸗ gel nicht. Fiel ein Spion, der ſchon gezeichnet war, zum zweiten Male in unſere Haͤnde, ſo ward ihm ſogleich der Kopf abgeſchnitten. Die Diviſion des Generals Wandermaſſen langte bei Soria an, als wir noch in der Naͤhe wa⸗ ren. Er machte die Garniſon wieder vollzaͤhlig, und ließ die Feſtungswerke aufs Neue in Stand ſetzen, indem er ſaͤmmtliche Buͤrger und die Bauern der benachbarten Doͤrfer daran zu arbei⸗ 2* 20 ten zwang. Sobald dies geſchehen, verfolgte er uns, an der Spitze von 8000 Mann, doch wir zogen uns in das hoͤhere Gebirge, in der Rich⸗ tung auf Almazan, zuruͤck. Die Franzoſen ver⸗ ſuchten es hier oͤfters, uns zu umzingeln, und da⸗ durch zum Gefecht zu zwingen. Aber wir zogen uns von Hoͤhe zu Hoͤhe, von Felſen zu Felſen, ohne unſer Feuer zu unterbrechen, und verhin⸗ derten dennoch die Erreichung ihres Zweckes. 3 An dieſen Scharmuͤtzeln nahmen mehrere Bauern, deren Wohnungen die Franzoſen niederge⸗ brannt hatten, in der Eile mit Musketen be⸗ waffnet, freiwilligen Antheil. Die Weiber ſelbſt feuerten ihre Maͤnder zum Kampfe an, indem ſie jene patriotiſchen Lieder ſangen, in denen allen Franzoſen der Tod geſchworen wird. Selbſt kleine Kinder dienten uns zu Spionen. Knaben von ſieben bis acht Jahren boten ſich oͤfters den Franzoſen zu Fuͤhrern an, leiteten ſie an ent⸗ legene Oerter, wo ſie uns im Hinterhalte wuß⸗ ten, und entflohen hier mit dem lauten Ruf: .„Viva Ferdinando VIII“ worauf wir die uͤber⸗ raſchten Feinde ſogleich mit unſerem Feuer be⸗ F grußten. Es ſchien uͤbrigens in jener Zeit, als ſey auch das letzte Fuͤnkchen moraliſchen Gefuͤhles von den Franzoſen gewichen. Bei ihrem Mluͤn⸗ 21 dern entweiheten ſie die Kirchen und beraubten ſie ihres Schmuckes, öffneten die Gräber, be⸗ ſchimpften die Reliquien, und ihre ungezuͤgelte Wuth ließen ſie an der Aſche der Todten aus, weil ſie der Lebenden nicht habhaft werden konn⸗ ten. Doch dieſe Ausſchweifungen untergruben die militäriſche Disciplin, ohne welche ein Heer nicht erobern, oder doch das Eroberte nicht be⸗ haupten kann. Als General Wandermaſſen endlich ſah, daß er ſeine ganze Diviſion aufreiben wuͤrde, wenn er uns noch laͤnger verfolge, kehrte er nach So⸗ ria zuruͤck, und ſchrieb hier und in der ganzen Umgegend ſo große Contributionen aus, daß er die Wuth des Volkes auf das Höchſte trieb, und die Zahl ſeiner bewaffneten Feinde ſogar bedeutend vermehrte. Wenn die Soldaten ganze Doͤrfer rein ausgepluͤndert hatten, ſo ſchleppten ſie die Alkalden und Geiſtlichen, und oft auch noch die reichſten Einwohner mit ſich fort, um ſpäter noch ein bedeutendes Löſegeld zu erpreſſen. Doch dies Mittel fuhrte ſelten zum Zwecke. Die Alkalden und Pfarrer wußten die Wachſamkeit der Franzoſen zu taͤuſchen und entflohen, und nur ſehr ſelten wurden in dieſen gebirgigen Ge⸗ genden die ausgeſchriebenen Contributionen auch wirklich eingetrieben. 22 In der Gegend von Ranguos bemerkten wir, daß der Feind uns nicht mehr folge, und be⸗ ſchloſſen ſogleich, ihn nun unſerer Seits zu ver⸗ folgen. Beſtaͤndig waren wir der franzoͤſiſchen Arrieregarde auf den Ferſen, beunruhigten ſie Tag und Nacht, nahmen Nachzuͤgler gefangen, griffen an, wenn Zahl und Stellung uns guͤn⸗ ſtig waren, flohen, erſchienen an entfernten Or⸗ ten wieder, und vervielfaͤltigten uns ſelbſt durch Eilmaͤrſche, wozu die genaue Kenntniß der Ge⸗ gend uns ungemein dienlich war, und ſtuͤrzten aus einem Hinterhalte auf den Feind, wenn dieſer es grade am wenigſten erwartete. Eines Tages, als wir General Wandermaſſen nach Soria, und dann noch einige Stunden auf dem Wege nach Aranda verfolgt hatten, ent⸗ fernte ich mich etwas von der Straße, und kam in ein dichtes Gehoͤlz. Da erblickte ich zehn bis zwoͤlf Nonnen am Boden auf ihren Knieen liegend, und inbruͤnſtig zum Himmel flehend. Die armen Geſchoͤpfe, von denen einige nie uͤber den Bezirk ihres Kloſters hinaus gekommen wa⸗ ren, hatten dieſes bei dem Geruͤcht von der An⸗ naͤherung der Franzoſen voller Schrecken verlaſ⸗ ſen, und waren geflohen, ſo weit ihre Fuͤße ſie zu tragen vermochten. In dieſem Holze hatten ſie endlich Schutz zu finden gehofft. Als ſie die ——— 8 nn— N —— 23 Hufſchlage meines Pferdes hörten, warfen ſie ſich auf die Knie und empfahlen Gott ihre Seelen, indem ſie glaubten, die Franzoſen kaͤ⸗ men. Aus ihren Blicken ſprach eine Reinheit und eine Ergebung in den Willen der Vorſe⸗ hung, daß ich mich innig geruͤhrt fuhlte. Ich theilte den kleinen Reſt meines Brodes mit ihnen, und geleitete ſie dann bis zu ihrem Kloſter, wel⸗ ches in geringer Entfernung von Osma lag. Bald nachdem ich mein Corps wieder ereicht⸗ zogen wir unter allgemeinem Jubelgeſchrei in dieſe Stadt ein. Maͤnner, Weiber und Kinder ka⸗ men uns entgegen. Die ſichtliche Freude aller Einwohner war wohl geeignet, uns fuͤr die man⸗ nichfachen Entbehrungen und Muͤhſeligkeiten zu entſchaͤdigen, die wir in der letzten Zeit zu erdul⸗ den gehabt. Tanz und Vergnuͤgungen aller Art fuͤllten unſere Zeit aus; jede Gelegenheit, ſich des Lebens zu erfreuen, ward ſchnell ergriffen. Kei⸗ ner von uns wußte, wie viel Tage ihm noch vergönnt waͤren, und Jeder hielt ſich daher an die Gegenwart. Und wäre es bei unſerem Le⸗ ven nicht Thorheit geweſen, anders handeln zu wollen? Die Folge davon, daß wir täglich ſo vielfa⸗ chen Gefahren entgegengingen, war zuletzt, daß wir den Tod als das Natuͤrlichſte anſehen lern⸗ —— S—„ 8§ 2 2—— S— 5* 22 2 4 2——————— 53=————— .- *— 24 ten, was uns begegnen koͤnne. Wir bemitleide⸗ ten unſere Kameraden, wenn ſie verwundet waren, aber ſobald der Tod ſie uns entriſſen, ward nicht weiter von ihnen geſprochen. Aber dieſe ſchein⸗ bare Gefuͤhlloſigkeit that uns Noth.— Doch unſer Leben hatte ſeine Licht⸗ wie ſeine Schat⸗ tenſeiten. Die ſtete Geſchäftigkeit verbannte alle Langeweile, und ließ uns, ſelbſt von Gefahren umringt, das Vergnuͤgen genießen. Wir kehrten jetzt wieder auf jenen klaſſiſchen Boden zuruͤck, der jedem ſpaniſchen Patrioten hei⸗ lig iſt, den Boden, auf dem einſt Numantia ſtand. Oft, wenn ich auf ihren einſamen Rui⸗ nen lag, rief ich mir die Tage von Spaniens Ruhm zuruͤck, in welchen Numantia's Bürger die Mauern ihrer Stadt gegen die roͤmiſchen Legionen kuhn vertheidigten, und endlich ihre Wohnungen lieber der Flamme, als ſich ſelbſt der Sclaverei uͤbergaben. Eines Tages, als ich wieder jener einſamen Gegend zuſchritt, bemerkte ich einen meiner Kriegs⸗ gefaͤhrten, Ramirez, auf einem Steine ſitzend. Die Ellenbogen ruhten auf dem Knie, das Ge⸗ ſicht in beiden Haͤnden. Er war ſo ſehr in ſeine Gedanken vertieft, daß er meine Annaherung nicht bemerkte. Er war noch nicht aͤlter als 36 Jahr, aber ſeine Stirne hatte tiefe Furchen, 25 ſein Haar war grau, und auf ſeinem Geſichte hatte herber Kummer ſeine Spuren zuruͤckgelaſ⸗ ſen, ſo, daß man ihn auf den erſten Blick viel aͤlter haͤtte halten ſollen. Er war entweder von Natur zuruͤckhaltend oder die Beute ſchwerer Leiden, denn er ging mit Niemand um, und auch wir hatten uns kaum einige Male gegen⸗ ſeitig begruͤßt, doch oft ſah ich ſeine tiefliegen⸗ den Augen mit einem ſolchen Ausdrucke der Wehmuth auf mich gerichtet, daß ich mir dieſe nicht zu deuten, noch ſie zu vergeſſen im Stande war. Einſt ſtellte er ſich bei einem Angriffe auf die Franzoſen an meine Seite, und indem wir vorwaͤrts ſtuͤrmten, rief er:„Drauf, Lara, drauf! auch Du haſt Rache an ihnen zu neh⸗ men!“— Er ſagte dieſe Worte in einem ganz eigenen Tone, und focht darauf mit einer Tapfer⸗ keit, die an Verzweiflung graͤnzte. Ein oder zwei Mal ſchien er ſeit jener Zeit im Begriffe mich anzureden, aber ſchnell brach er ab, und war dann verſchloſſener als zuvor. Dies ſon⸗ derbare Betragen erregte meine Neugier, und als ich ihn jetzt vor mir ſahe, war ich unent⸗ ſchloſſen, ob ich ihn anreden ſolle oder nicht. In dieſem Augenblicke ſah er wild um ſich her, und als er mich bemerkte, kam er haſtig auf mich zu; dann verkuͤrzte er plötzlich ſeine 26 Schritte unb betrachtete mich mit einem Blicke, als kämpfe er mit peinlichen Gefuͤhlen. End⸗ lich brach er in Thraͤnen aus; auch die meinen floſſen aus Mitgefuͤhl an ſeinen Leiden. O Schan⸗ de! Schande! rief er. Thraͤnen vergießen wir, ſtatt des Blutes unſerer Feinde. Erklaͤrt Euch, entgegnete ich, und erleichtert Euren Kummer, indem Ihr ihn dem Buſen eines Mannes anvertraut, der Euer Freund ſeyn moͤchte. Nein! mein Vertrauen wuͤrde Dein Gluͤck zerſtören! erwiederte er. Ich beharrte bei meiner Bitte, da ſagte er: Armer Lara, Du ahneſt nicht, wie nahe mein Kummer Dich ſelbſt angeht. Wie meint Ihr das? rief ich uͤberraſcht, er⸗ klaͤrt Euch deutlicher. Spaͤter oder fruͤher, ſagte er nun, muͤßt Ihr es ja doch erfahren, alſo vernehmt es jetzt.— Euer Bruder, Don Raimundo— ich kannte ihn; Ihr ſeyd ſeinem Gedaͤchtniſſe eine blutige Rache ſchuldig— eine Rache, die jeden Fran⸗ zoſen treffen ſollte, der in Eure Hände fällt. Seine Seele iſt im Himmel, aber laut ruft ſie nach Rache auf der Erde. Entſetzen erfaßte mich bei dieſer unerwarte⸗ ten Nachricht. Mein Herz hoͤrte auf zu ſchla⸗ 27 gen; die Quelle meiner Thränen ſchien verſiegt. Meine Nerven bebten, meine Kraͤfte drohten mich zu verlaſſen, und ich lehnte meinen Kopf an Ramirez Schulter, der, das Auge mit Thraͤnen erfuͤllt, auf mich blickte.— Es entſtand eine lange Pauſe.— Ramirez hatte ein mitrfuͤhlen⸗ des Herz gefunden, und ſein Kummer ſchien ſich zu mildern. Der beßte Troſt, den ich Euch gewaͤhren kann, ſagte er, iſt die Erzaͤhlung meines eigenen Elends. Dann wird Euer Ungluͤck Euch leicht zu tragen ſcheinen. 28 Drittes Kapitel. Ich bin in Villa⸗Caſtin geboren, ſagte Rami⸗ rez, indem er ſich auf einen bemooſten Stein ſetzte. Dort lebte ich mit meinem Weibe und zwei Kindern, einem Sohne und einer Tochter, bis zu der Ankunft des blutduͤrſtigen Duͤnier, in ungetruͤbtem Gluͤcke. Mein Sohn war damals funfzehn, meine Tochter ſechszehn Jahre alt, und ihre gegenſeitige Liebe erfuͤllte Alle, die ſie kannten, mit Bewunderung. Begierig, ſeinem Vaterlande zu dienen, verſuchte mein Sohn alles, um meine Einwilligung zu erhalten, aber aus Ruͤckſicht auf ſeine Jugend und Unerfahrenheit verweigerte ich ſie ihm. Nach der Ankunft Eu⸗ res Bruders Raimundo, und auf deſſen Zureden, erlaubte ich meinem Sohne endlich, Raimundo zu begleiten. Noch muß ich hier erwaͤhnen, daß Raimundo meine Tochter kaum geſehen hatte, als er auch ſchon die heftigſte Liebe fuͤr ſie fuͤhlte; mit der Offenheit, die ihm ſo eigen war, ſprach er mit mir von ſeiner Leidenſchaft. Er war der Fuͤhrer einer Abtheilung Kavallerie unter Empecinado⸗ eee ———— —, —,———————— —————— 29 indem er ſeinen urſpruͤnglichen Vorſatz, zu Bal⸗ leſteros nach Cadiz zu gehen, aufgegeben hatte. Seine Jugend, ſein Muth, ſeine Tapferkeit, wuͤrden auf Dorotea auch ohne ſeine koͤrperlichen Vorzuͤge Eindruck gemacht haben. Sie liebten ſich gegenſeitig zaͤrtlich, und ſchienen auch in der That ganz fuͤr einander geſchaffen. Beide waren ſie gleich großmuͤthig, gleich lebhaft, gleich edelmuͤthig und wohlwollend. Der Tag vor dem, an welchem mein Sohn unter Don Raimundo's Befehlen uns verlaſſen ſollte, war ein Tag allgemeiner Trauer. Sie gingen, und wir hoͤrten nichts von ihnen, bis nach einem Monate, da— Ich war damals eben nach einer bedeuten⸗ den Krankheit, die mich kurz nach ihrer Abreiſe auf das. Krankenlager geworfen, auf dem Wege der Beſſerung. Eines Tages ſaß ich mit meiner Frau auf dem Balkon, da hörten wir plotlich Trommeln, und ſahen gleich darauf einen Hau⸗ fen Volkes, der ein Kommando Franzoſen um⸗ ſchwaͤrmte, in deren Mitte zwei Juͤnglinge und ein Prieſter, aneinandergefeſſelt, gingen. Ich wollte hinab, um zu erfahren, wer die Ungluck⸗ lichen ſeyen, doch noch ehe ich meinen Vorſatz 6. auszufuͤhren vermochte, nannte die Menge die Namen Don Raimundo's und meines Sohnes. — — 30 Mehr hoͤrte ich nicht; ohnmaͤchtig ſtuͤrzte ich nie⸗ der. Das Geſchrei meiner Frau rief die Mägde herbei, leblos, allem Anſcheine nach todt, ward ich ins Bett gebracht. Dorotea, die ungluͤckliche Dorotea, war in jenem Augenblicke nicht zu Hauſe; ſie war zum Beſuche zu einer Freundin gegangen. Doch auch dort erreichte die ſchreckliche Neuigkeit bald ihr Ohr. Nachdem ſie ſich von dem erſten Schrecken erholt, faßte ſie den Entſchluß, ſich dem hartherzigen Duͤnier zu Fuͤßen zu werfen, und das Leben des Bruders und des Geliebten von ihm zu erflehen. Sie kehrte nach Hauſe zuruͤck, mich um meine Einwilligung zu disſem Schritte zu bitten, doch als ſie mich beſinnungslos fand, eilte ſie ſogleich ihren Vorſatz auszufuͤhren, nachdem ihre be⸗ kuͤmmerte Mutter ihr dazu die Erlaubniß er⸗ theilt. Von einem Dienſtmadchen begleitet, ging ſie zu Duͤnier, und wurde ſogleich in deſſen Zim⸗ mer gelaſſen. Sein wilder Blick und ſeine widerlichen Zuge verſcheuchten jede Hoffnung aus ihrem Herzen; dennoch ſank ſie auf ihre Knie nieder, und ſagte mit einzelnen, abgebrochenen Lauten, daß ſie Manuels Schweſter ſey. Wenn ich es vermag, will ich Euch alles wiederholen, was der Niederträchtige meiner Toch⸗ ———————— —— ,— 31 ter antwortete. Ihr werdet finden, daß nur ein Teufel in menſchlicher Geſtalt ſo zu handeln vermag. Als Duͤnier meine Dorotea in einer ſo flehenden Stellung vor ſich ſahe, fragte er: Schon, ſchoͤn, mein Kind! Was willſt du? Dorotea glaubte, das Wort Kind verrathe ein Mitgefühl an ihren Leiden, und ihre Hoff⸗ nung ward neu belebt. Iſt die Erklärung, daß ich die Schweſter, die Freundin der ungluͤcklichen Juͤnglinge bin, die in Ihre Gewalt fielen, noch nicht hinreichend, ſo laſſen Sie meine Thränen, meine bitteren Thraͤnen, fuͤr mich ſprechen.. Duͤnier antwortete nichts, ſondern betrachtete ſie nur aufmerkſam, und ein Lächeln ſchwebte dabei um ſeine Lippen. Dorotea fuhr nun fort, ihn zu beſchwoͤren, daß er mir nur ſo viel Zeit gonnen moge, die Gnade fuͤr meinen Sohn, deſ⸗ ſen zarte Jugend ſchon zu ſeiner Entſchuldigung beitrage, von dem Gouverneur der Provinz zu erflehen.— Duͤnier entgegnete noch immer nichts, aber er verſchlang Dorotea mit den Augen, und in ſeiner Bruſt begann ein Gefuͤhl zu erwachen, welches weit von dem des Mitleids verſchieden war. Er wies nicht nur ihre Bitten zuruck, ſondern zeigte ſich auch ungeduldig, die Befehle 32 zu vollſtrecken, die er vom Gouverneur erhatten haben wollte. Er fand ein grauſames Vergnuͤ⸗ gen darin, ihre Furcht noch zu erhoͤhen, und waͤh⸗ rend ſie noch immer vor ihm auf den Knieen lag, und ihre Arme flehend zu ihm erhob, ging er im Zimmer auf und nieder. Doch plötzlich nahete er ihr, ergriff ihren Arm, zog ſie empor, und ſagte: dieſe Stellung, mein Kind, paßt nicht fuͤr eine Schoͤnheit, wie Sie ſind. Setzen Sie ſich hier neben mich, und laſſen ſie uns die Sache naͤher uͤberlegen.— Was Loͤnnte die Schoͤnheit nicht erlangen?— Alles, in der That, Alles!— Fort mit den Thraͤnen, denn die Liebe findet an ihnen kein Gefallen. Geben Sie mir die kleine Hand, die beim Him⸗ mel, es werth wäre, unſeres Kaiſers Scepter zu fuͤhren. Dorotea ſah es ihrer Unſchuld ungeachtet ein, daß eine ſolche Art der Unterhaltung ſich nicht fur ihre Lage eigene. Sie wies daher ſeine Hand zuruͤck, ſank wieder auf ihre Knie nieder, und beſchwor ihn aufs Neue, ihre Bitten zu erhoͤren. Kommen Sie, rief er, ſetzen Sie ſich nieder an meine Seite, denn ſchon fuͤhle ich zu viel Liebe fuͤr Sie, um Sie zu meinen Fuͤßen ſehen zu können. Nun? welche Erwiederung darf ich erwar⸗ 33 erwarten, wenn ich das Leben Ihres Bruders und Ihres Freundes rette? Wenn meines Vaters Vermoͤgen nicht hin⸗ reicht, rief Dorotea, ſo bin ich entſchloſſen, mein Leben zu opfern, um das ihrige zu erhal⸗ ten; kann ich ſie nur retten, ſo will ich willig ſterben. Bei dieſen Worten brach der Boͤſewicht in ein lautes Gelaͤchter aus. Pah! pah! ſagte er, was Sie fuͤr ein kleines närriſches Madchen ſind! Ihr Leben fuͤr das eines Andern geben? Das thaͤte der duͤmmſte Tropf nicht einmal! Wie? einen dicken Strang wollten Sie um dieſen aller⸗ liebſten, zarten Hals legen laſſen? Von dem Nachrichter wollten Sie ſich an den Galgen hinauf⸗ ziehen laſſen, um dort den Blicken der ganzen Welt ausgeſetzt zu hangen?— Und dies Alles wollten Sie thun, um Ihren Bruder zu retten? O Himmel! Himmel! rief Dorotea voller Entſetzen. Schoͤn, ſchoͤn! ſiel Duͤnier ein. Ich ver⸗ lange ſo viel nicht; nicht einmal den zwanzig⸗ ſten Theil davon. Sie koͤnnen uͤberzeugt ſeyn, daß es in Ihrer Macht ſteht, Ihren Bruder zu retten. Sie ſprachen von dem Vermoͤgen Ihres Vaters? Darauf duͤrfen Sie nicht rechnen; das gehoͤrt ohnehin mir, weil er ſeinen Sohn zu den U. 2 34 prigands geſchickt hat.— Dennoch kann Alles zum Guten gewendet werden, wenn Sie gewaͤh⸗ ren, warum ich bitte;— ja, Alles.— Ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Ja! entgegnete meine unſchuldige Tochterz ich will alles thun, was Sie verlangen, und ſollte ich auch nach Frankreich geſchickt werden, um dort mit meinen eigenen Haͤnden das Land zu bauen. Woran denken Sie? fiel Duͤnier ein. Koͤn⸗ nen Sie glauben, ich wuͤrde je zugeben, daß dieſe reizenden Haͤndchen ihrer Weiche beraubt wuͤrden?— Ich fordere noch weit weniger. Die unſchuldige Dorotea verſtand nicht, was er meinte, doch als er hierauf deutlicher ſprach, da wandelte ihr Schreck ſich bald in Verachtung, und ſie ſchwor, ſich eher mit eigener Hand das Leben zu nehmen, als ſeine entehrenden Wuͤn⸗ ſche zu erfuͤllen. Den Tyrannen verdroß die Feſtigkeit des Maͤdchens. Mit großen Schritten ging er im Zimmer auf und ab, und ſchwor dabei laut, daß die brigands lebendig verbrannt werden ſoll⸗ ten. Dann verſuchte er durch tauſend Drohun⸗ gen und Schreckniſſe Dorotea einzuſchuͤchtern. Doch als er ſah, daß dies vergebens ſey, ent⸗ warf er ſchnell einen andern Plan, der zur Be⸗ 35 friedigung ſeiner thieriſchen Luͤſte dienen ſollte; und er griff deshalb zu einem wahrhaft teufli⸗ ſchen Mittel. Nachdem er mein armes Kind durch jedes nur erdenkliche Mittel erſchuttert hatte, ſtand er ploͤtzlich ſtill, bedeckte das Geſicht mit beiden Haͤnden, und blieb einige Zeit in dieſer nach⸗ denkenden Stellung. Dann rief er, gleichſam, als reue ihn ſein fruͤheres Betragen: Ja, ich war grauſam; ich bekenne es. Ich bin ein Bar⸗ bar, ein Wilder, ein Ungeheuer.— O reizen⸗ de Dorotea, verzeih mir.— Hier zu Deinen Fußen will ich auf meinen Knieen liegen, bis Du mir Deine Verzeihung gewährt haſt. Dorotea zeigte ihr Staunen uͤber dieſen Wech⸗ ſel ſeines Betragens, doch Duͤnier verſicherte, indem er ihre Hand ergriff, daß er nicht eher aufſtehen werde, als bis ſie ihm verziehen habe. Zugleich betheuerte er, daß ſie jene verhaßten Worte nicht mehr von ihm hoͤren ſolle, und daß er daher ganz von ihrem Willen abhange.— Sagen Sie nur, ſigte er hinzu, daß Sie mir vergeben. Ich vergebe Ihnen, entgegnete Dorotea mit einem Strom von Thraͤnen, aber vergeben Sie auch meinem Bruder. 3* 36 Ja! rief er, doch erſt muß ich Ihrer Ver⸗ zeihung gewiß ſeyn. Dies ſoll der Eingang zu alle den Verguͤnſtigungen ſeyn, die Sie von mir fordern moͤgen. Ich will Sie zu meiner Gattin, meiner lieben, zaͤrtlichen Gattin ma⸗ chen. Himmel! was ſagen Sie? ſchrie Dorotea. Was Sie ſo eben hoͤrten. Obriſt Duͤnier will Ihr ergebener Gatte ſeyn, und hier auf meinen Knieen bitte ich um Ihre Einwilligung, liebenswuͤrdige Dorotea. Anders vermag ich es nicht zu verguͤten, daß ich in roher Begier von einem tugendhaften Mädchen Beguͤnſtigungen for⸗ derte, die nur Hymen von ihr erwarten darf.— Ach, Dorotea, wie innig iſt meine Reue!— Doch noch in dieſem Augenblicke will ich mei⸗ nen Fehler wieder gut machen. Nennen Sie irgend einen Geiſtlichen, der uns vereinige. Ich bin gleich Ihnen Katholik, und in dem Buſen unſerer gemeinſchaftlichen Mutterkirche wuͤnſche ich meine Wuͤnſche zu heiligen. Die unerfahrne, argwohnloſe Dorotea zwei⸗ felte nicht laͤnger, daß Duͤnier ſich wirklich ganz und gar geaͤndert habe, aber dennoch rief ſie: Wie koͤnnen Sie mein Gatte ſeyn, wenn Sie der erklaͤrte Feind meiner ungluͤcklichen Landsleute find? i 37 Es iſt wahr, entgegnete er; bis jetzt war ich ein grauſamer Feind, doch von nun an ſol⸗ len Sie den beßten Freund in mir kennen ler⸗ nen. Ich will Ihnen ſo uͤberzeugende Beweiſe von der Auftichtigkeit meiner Geſinnungen geben, daß jeder Zweifel aus Ihrer Seele ſchwinden ſoll. Noch heute will ich zu den Spaniern uͤber⸗ gehen, und dann fuͤr ewig an das Land gefeſe ſelt bleiben, das meine Dorotea geboren werden ſah. Ach! rief ſie; es iſt nicht möglich. Ich ge⸗ lobte meine Treue ſchon einem Andern, und darf ſie ihm nicht brechen. Er wuͤrde mich ver⸗ achten, und ich koͤnnte es mir ſelbſt nie ver⸗ zeihen. Und wer iſt es? fragte Duͤnier heftig. Es iſt, entgegnete die Argwohnloſe, Don Raimundo Lara, der Offizier, der mit meinem Bruder gefangen wurde. Duͤnier zog die Augenbrauen zuſammen, und ſchwieg einen Augenblick. Sie ſind ein einfaͤl⸗ tiges Ding, rief er dann, wenn Sie glauben, daß er Ihrer denke. Als ich ihn gefangen nahm, uͤberfiel ich ihn in der Kirche eines benachbarten Dorfes, wo der Prieſter, der ebenfalls mit hie⸗ hergebracht wurde, ſo eben ſeine Ehe einſegnen wollte. Sonſt wuͤrde ich ihn leicht vergeblich bis an 38 das Ende der Welt verfolgt haben, ohne ihn in meine Gewalt zu bekommen. Gerechter Himmel! rief Dorotea; was muß ich horen? Nur das fehlte noch, mein Elend vollkommen zu machen. Raimundo mir unge⸗ treu?— Nein, es iſt nicht moͤglich! Trauen Sie meinen Worten nicht, entgeg⸗ nete Duͤnier, ſo kann ich Ihnen ſehr leicht die Beweiſe ſchaffen. Sie ſelbſt ſollen ſeine Frau ſehen, welche ihm hieher gefolgt iſt, und ſich nun in dem anſtoßenden Gemache befindet. Ich will zu ihr gehen, und Sie Ihnen hieher brin⸗ gen. Bei dieſen Worten verließ er das Gemach, und meine ungluͤckliche Dorotea blieb, in Thraͤ⸗ nen aufgelöſt, allein. Bald darauf kehrte er zu⸗ ruͤck und ſagte: Raimundo's Gattin betet, ich wollte ſie nicht ſtoͤren, aber durch dieſe Glas⸗ thuͤre konnen Sie ſie ſehen. Hierauf ergriff er ſie bei der Hand, zog ſie zu einer nahen Glas⸗ thůre, luͤftete den Vorhang ein wenig, und zeig⸗ te ihr ein weibliches Weſen, das auf den Knieen lag, die Haͤnde flehend zum Himmel empor⸗ ſtreckte und Raimundo's Namen mit dem Beiſatze „Gatte“ nannte. Es war eines von jenen ſchaͤndlichen Wei⸗ bern, die ihre Ehre einem der Offiziere in Duͤ⸗ 39 niers Diviſion geopfert, und jetzt auf des Obri⸗ ſten Befehl dieſe niedrige Rolle uͤbernommen hatte. Koͤnnen Sie noch zweifeln? fragte Duͤnier nun. Wer haͤttte es glauben koͤnnen! rief Dorotea, und ſank entkraͤftet auf einen Seſſel. Er iſt ein wortbruͤchiger Boͤſewicht, ſagte Duͤnier. Laſſen Sie uns Ihren Bruder retten, und nicht weiter an Raimundo denken. Er ver⸗ dient den Tod, der ſeiner wartet. Nein, nein! ſchrie Dorotea. Retten Sie auch ihn. Laſſen Sie mich ſeine Untreue durch dieſen Dienſt an ihm raͤchen. Laſſen Sie mich ihn ſeiner Gattin erhalten, damit er mit einer Andern gluͤcklich ſey, da der Himmel nicht wollte, daß er es mit der ungluͤcklichen Dorotea ſeyn ſollte. Großmuͤthiges Geſchoͤpf! rief Duͤnier nieder⸗ knieend, und ihre Hand kuͤſſend. Sie erweichen mein Herz. Aber, Geliebte, wir haben keine Zeit zu verlieren. Laſſen Sie uns vereinigt ſeyn⸗ und ich will Ihren Bruder befreien, und auch jenen treuloſen Freund, der Sie einer Andern aufopfern konnte. Dann will ich meine Waffen mit den Ihrigen vereinigen und fur die gerechte Sache kaͤmpfen. Zitternd und ſchweigend ſtand Dorotea. Ihre Seele verabſcheute eine ſolche aber 40 es gab kein anderes Mittel, ihren geliebten Bru⸗ der zu retten, und unter unzaͤhligen Seufzern erlaubte ſie, daß Cecilia, das Madchen, das mit ihr gekommen war, zu uns geſchickt werde, uns von ihrem Entſchluſſe zu benachrichtigen. Nein, nein! ſchrie Duͤnier. Meine Unge⸗ duld leidet keinen Aufſchub, auch wird die Freude Deiner Eltern größer ſeyn, wenn ſie ſo ange⸗ nehm uͤberraſcht werden.— Es wird ihnen ſeyn, als träten ſie in ein neues Leben.— Welche freudige Ueberraſchung fuͤr Deinen Freund und Don Raimundo, wenn ſie ſich ſo ganz un⸗ erwartet der Freiheit, ihren Freunden und ihrem Vaterlande wiedergegeben ſehen. Ich ſelbſt bin außer mir vor Freude. Ich muß ſogleich meinem Diener auftragen, daß Alles zu der Feierlichkeit vorbereitet werde. 2 Bei dieſen Worten entfernte er ſich, und ließ meine Tochter voller Erſtaunen zuruͤck; ſie ſchwankte zwiſchen dem Vergnügen, den innig geliebten Bruder gerettet und in Freiheit zu ſehen, und dem Abſcheu vor einer ſolchen Ver⸗ bindung. Nach einer Viertelſtunde kehrte Duͤnier zu⸗ ruͤck. Mehrere Offiziere und der Prieſter, der mit Manuel und Raimundo gefangen genommen worden, ihn. Dieſem letztern hatte 7 2¹ er die Freiheit verſprochen, wenn er die Trauung vollziehen wolle. Das unſchuldige Schlachtopfer zitterte bei dem Anblicke aller dieſer Vorbereitungen, aber noch ungleich mehr, als die Frage ertoͤnte: Willſt Du ihn zu Deinem Gatten haben? Sie blieb ſtumm, und war einer Ohnmacht nahe. Deines Bruders Manuel Leben! fluͤſterte S ihr zu. Ja! ich will! rief das arme Mibchen, in einen Strom von Thraͤnen ausbrechend. Mein Gluck iſt vollkommen, ſchrie der ſchaͤnd⸗ liche Franzoſe, ſobald die Trauungsfeierlichkeit voruͤber war. Erſt gegen Abend endete dies hoölliſche Dra⸗ ma. Der Prieſter hatte ſich ſogleich entfernt, doch die Offiziere waren zum Abendeſſen geblie⸗ ben. Meine arme Tochter, die weder ihren Bruder, noch irgend Jemand von ihrer Familie ſahe, brach in Thränen aus, und verlangte laut nach uns. Um ſie zu beruhigen, fluſterte Duͤnier ihr zu, ſie koͤnne jetzt noch Niemand von uns ſehen, weil es noͤthig ſey, ſich gegen die Offi⸗ ziere zu verſtellen. Dieſe könnten ſonſt leicht Argwohn ſchoͤpfen, am naͤchſten Morgen aber ſolle ſie ihre Familie und ihren Bruder wie⸗ derſehen. 42 Als das Mahl beendigt war, entfernten ſich die Offiziere, und zwei Franzoöſinnen, welche dem Obriſten als Maͤgde, den uͤbrigen Offizie⸗ ren als Marketenderinnen dienten, traten in das Zimmer. Sie fuͤhrten die Ungluͤckliche, alles Straͤubens ungeachtet, zu dem ungluckſeligen Bette.— Ach! es genuͤgte dem Ungeheuer noch nicht, jede Laune ſeiner Luͤſte zu befriedi⸗ gen—— O Himmel! mein Herz bricht!——— Seine Thränen erſtickten ſeine Stimme. Auch die meinigen floſſen. Arme Dorotea! rief ich; was mußt Du ausgeſtanden haben! O mein Kind! rief der tiefgebeugte Vater. — Doch, fuhr er fort, Sie haben erſt einen Theil ihrer Leiden gehoͤrt. Wie koͤnnen Sie das glauben, was nun noch folgt?— Am nächſten Tage ſah meine gemißbrauchte Tochter, ihres Kummers unerachtet, mit Freude der Be⸗ freiung ihres Bruders und Raimundo's entgegen. Der ſchaͤndliche Duͤnier verſicherte, die erſte guͤn⸗ ſtige Gelegenheit zur Flucht ergreifen zu wollen, und begleitete Dorotea nach unſerem Hauſe, in⸗ dem er zugleich ſagte, daß er bereits alle Be⸗ fehle gegeben habe, die Gefangenen in Freiheit zu ſetzen. Doch noch ehe er unſere Wohnung erreicht hatte, wandte er ſich zu Dorotea und ſagte: Geſtern trotzteſt Du meinem Zorne;z ich 43 hätte Dich beſtrafen koͤnnen, doch ich verzieh Deiner Jugend. Jetzt ſind wir Freunde, laß uns daher Deinen Bruder und Deinen Gelieb⸗ ten ſehen. Indem er dies ſagte, waren ſie auf dem Platze angelangt, und indem er hier den Arm ausſtreckte, fragte er: Kennſt Du ſie? Gott der Gerechtigkeit!— Vor ihren Au⸗ gen hing ihr Bruder zwiſchen Raimundo und dem Prieſter, der ſie trauete, am Galgen. Der ungluͤckliche Ramirez vermochte nicht, weiter zu ſprechen. Er ſchlug beide Haͤnde vor das Geſicht, und ſeufzte ſo tief, daß es ſchien, der Athem werde ihm verſagen. Auch ich war keines Wortes faͤhig.— Nach einer Pauſe fuhr Ramirez fort: Ohne Beſinnung fiel Dorotea zu Boden. Ihr Kopf traf auf die Ecke eines Stei⸗ nes, und leblos, mit Blut bedeckt, ward ſie in unſer Haus gebracht. Ich lag noch im Bette, da ich mich noch nicht wieder von dem Schrecke uͤber meines Soh⸗ nes unerwartete Ankunft zu Villa⸗Caſtin erholt hatte. Man verhehlte mir die ſchreckliche Neuig⸗ keit mit leichter Muͤhe, da ich nichts von der“ Abweſenheit meiner Tochter gewußt hatte. Meine Frau aber, welche die ganze Nacht in der gräß⸗ lichſten Angſt um unſere Tochter zugebracht hatte, wurde ſogleich von deren Ankunft benach⸗ 44 richtigt. Bei dem fuͤrchterlichen Anblicke ward ſie von entſetzlichen Krampfen ergriffen, und we⸗ nige Minuten darauf— war ſie nicht mehr! Das Wehgeſchrei der verzweifelnden Diener drang an mein Ohr. Ich rief laut, aber ich erhielt keine Antwort. Nun verſuchte ich, ohne fremde Huͤlfe das Bett zu verlaſſen, um mit meinen eigenen Augen zu ſehen, was es gaͤbe. Muͤhſam ſchleppte ich mich bis zur Thuͤr. Dort fand ich einen der weinenden Dienſtboten. Ich fragte nach der Urſach ſeiner Thränen, und des Geraͤuſches, das ich gehoͤrt hatte. Ach, Herr, rief er, wohin wollen Sie? Kehren Sie in Ihr Bett zuruͤck, und ich will Ihnen Alles er⸗ zaͤhlen, wenn ich es vermag. Die Nachricht von dem Tode meiner Gat⸗ tin brach mein Herz, als ich aber hoͤrte, wie grauſam Duͤnier meine Tochter behandelt hatte, da verwandelte ſich meine Verzweiflung ſchnell in die fuͤrchterlichſte Wuth. Ich ſprang aus dem Bette, ergriff ein Schwert, welches ich bis⸗ her verborgen gehalten, und wollte aus dem Hauſe ſtuͤrzen, um mein entehrtes Kind zu raͤ⸗ chen. Doch Domingo hielt mich zuruͤck. Noch wiſſen Sie nicht Alles, rief er. Was? ſchrie ich voller Entſetzen; haͤufte ſich auf mein Haupt noch nicht genug des Elends? ——,—————— ———————.— 45 Ihr Freund— Ihr Sohn— Ihre Toch⸗ ter— Nun, ſprich es aus! Sie ſind nicht mehr. Als Ramirez dieſe letzten Worte ſprach, ſpielte ein bitteres Laͤcheln um ſeine Lippen, und ohne Ausdruck ſtarrten ſeine Augen vor ſich hin. Ich war keiner Thraͤne maͤchtig. Abſcheu und Ent⸗ ſetzen hatten mein Herz ſo ſehr ergriffen, daß ich kaum noch Worte zu finden vermochte. Rami⸗ rez! rief ich, mein Schwert ziehend;— wir ſtehen auf Numantias Ruinen. Hier ruht die Aſche jener Helden, die ſich ſelbſt fuͤr die Frei⸗ heit und Unabhaͤngigkeit ihres Vaterlandes opfer⸗ ten. Bei ihrem Andenken ſchwore ich, Dein Weib, Deine Tochter, Deinen Sohn und mei⸗ nen eigenen ungluͤcklichen Bruder zu raͤchen. Dieſer Rache weihe ich den letzten Tropfen mei⸗ nes Blutes, den letzten Athemzug meines Le⸗ bens. Mag der Gott der Gerechtigkeit, der mein Geluͤbde hoͤrte, meinen Arm leiten, daß er das Herz jenes tiegerartigen Boͤſewichtes durchbohre. Einige Augenblicke betrachtete mich Ramirez ſchweigend, dann entſtuͤrzten die Thraͤnen ſeinen Augen, und er ſchloß mich in ſeine Arme. Auch ich druͤckte ihn an mein Herz, und gemeinſchaft⸗ lich floſſen unſere Thraänen. Ich fuͤhle, ſagte 46 — Ramirez, eine Art Beruhigung, die mir ſeit dem Tode meiner Tochter fremd war. Indem ich Dich zum Vertrauten meines Ungluͤcks machte, erleichterte ich mein Herz von einer ſchweren Buͤrde. Der Gedanke, in Dir einen zweiten Raͤcher meiner gemißhandelten Tochter zu ſehen, erfullt meine Bruſt mit Troſt. Suͤß iſt die ueberzeugung, in Dir noch mein zweites Selbſt zuruͤckzulaſſen, wenn ich in der Schlacht fallen ſollte. Ich ſchwoͤre es nochmals bei dieſen ehrwuͤr⸗ digen Ruinen, dem Zeugen unſerer Freiheits⸗ liebe, rief ich; aber der Gott der Schlachten möge Dein Leben verſchonen, damit Du bei dieſer heiligen Pflicht mein Beiſtand ſeyſt. . 47 Viertes Kapitel. Unſere Abſicht war, die franzoͤſiſche Garniſon in Soria zur Uebergabe zu zwingen, ohne zu Kämpfen und Stuͤrmen genöthigt zu ſeyn. Da⸗ her erhielten ſaͤmmtliche Bewohner der Doͤrfer in einem Kreiſe von ſechs Stunden um Soria den Befehl, ſich mit ihrer ganzen Habe tiefer in das Gebirge zuruͤckzuziehen, damit die Franzoſen bei ihren Ausfaͤllen keine Lebensmittel finden moͤch⸗ ten. Dann beſetzten wir alle Straßen, die nach Soria fuͤhrten, um zu verhindern, daß den Fran⸗ zoſen von weiter her Lebensmittel zugeſchickt wuͤr⸗ den, und zugleich auch, um die Leute, welche etwa zum Fouragiren aus der Stadt herauska⸗ men, zu uͤberfallen. Die Beſatzung war zu ſchwach, um dieſen Kommandos eine zahlreiche Infanterie⸗Bedeckung mitzugeben, auch hatte ſie zu wenig Kavallerie, als daß dieſe unſere Angriffe durch eigene Kraft zuruͤckzuweiſen vermochte; unſerer Wachſamkeit aber entgingen ſie ſelten oder nie. Wenn wir uns waͤhrend der Nacht der Stadt näherten, ſo ward die Todtenſtille nur durch den 4 . 11½ 1 1 1 111 1 1 1 48 Ruf der Schildwachen auf den Wällen unterbro⸗ chen, und das Echo von den hoͤher liegenden Bergen tönte ihn ſchauerlich zuruͤck. In dunkeln Nächten naͤherten wir uns auch wohl ganz behut⸗ ſam den Waͤllen bis auf Buͤchſenſchußweite, und feuerten dann auf die Stellen, wo die Schild⸗ wachen zu ſtehen pflegten. Einige unſerer Sol⸗ daten waren in dieſer Art des Angriffes eben ſo kuͤhn, als gluͤcklich. Zuweilen verſammleten wir uns auch waͤh⸗ rend der Nacht auf den Hoͤhen vor der Stadt, zuͤndeten Feuer an, und ſtellten uns unter dem Klange der Trommeln davor auf. Die Franzo⸗ ſen glaubten dann, der Augenblick des Sturms ſey gekommen, und die Garniſon blieb die ganze Nacht hindurch unter den Waffen. Wir aber hatten unſeren Endzweck erreicht, und legten uns wieder zu Ruhe; denn wir wollten die franzöſi⸗ ſche Beſatzung nur ermuͤden, um ſie dadurch ſo eher zur Uebergabe zu zwingen. Duran, der jetzt die Diviſion befehligte, in der ich ſtand, marſchirte mit der Mehrzahl ſei⸗ ner Truppen nach Arragonien, indem er nur ſo viel vor Soria zuruͤck ließ, als erforderlich wa⸗ ren, die Belagerung fortzuſetzen. Unſere Abſicht war, bei unſeren Unternehmungen mit Mina in Verbindung zu treten. Während des Sommers war 49 war er oft vom Gluͤcke begnſtigt, oft von i verfolgt worden. Mina marſchirte nach Agarve; um es zu belagern. Der Gouverneur von Zaragoſa hatte dies erfahren, und ſandte der Stadt ein Corps von 1100 Mann Infanterie und 80 Mann Kavallerie zu Huͤlfe. Dieſe Truppen griff Mina anz ſie mußten ſich zuruͤckziehen, vertheidigten ſich jedoch ſehr tapfer. Endlich aber geriethen ſie in eine Felsſchlucht, und wurden nun gaͤnzlich aufgerie⸗ ben. Mina machte 700 Gefangene; die Uebri⸗ gen waren getoͤdtet worden, und nur drei Mann entkamen nach Zaragoſa. Zu gleicher Zeit bela⸗ gerte unſere Diviſion Calatajuz, und nahm es bald darauf ein. Die Beſatzung wurde zu Ge⸗ fangenen gemacht. Nach dieſer glucklichen Unternehmung mach⸗ ten wir mehrere Maͤrſche, bei denen wir, ſowohl in Arragonien als in Catalonien, verſchiedene heftige Scharmuͤtzel mit den Franzoſen hatten. Dann kehrten wir nach Soria zuruͤck, um die Belagerung zu beendigen; wir forderten deshalb die Beſatzung zur Uebergabe auf. In dieſer Zeit fuͤhrte Mina eine hochſt glůc⸗ liche Unternehmung aus, indem er uͤber ein ſtar⸗ kes Kommando franzoͤſiſcher Infanterie und Ka⸗ vallerie, Rhhes 1200 gefangene Spanier nach II. 4 5⁰ Frankreich transportiren ſollte, einen glaͤnzenden Sieg erfocht. Alle Gefangenen wurden befreit, und Minas Truppen machten eine reichliche Beute. Sie ſelbſt hatten nur einen ſehr geringen Verluſt erlitten, von den Franzoſen aber kehrte kaum die Haͤlfte nach Vittoria zuruͤck. Mina wuͤnſchte die franzoͤſiſchen Gefangenen nach Valencia zu ſchaffen, und ließ daher uns und Empecinado fragen, ob wir mit ihm in Verbindung treten, und ihm etwas Kavallerie und Artillerie zur Un⸗ terſtuͤtzung ſchicken koͤnnten, damit es ihm moͤglich ſey, ſeine Gefangenen die Ufer des Ebro hinab ſicher zu geleiten. Duran konnte nicht viel Mann⸗ ſchaft entbehren, und Artillerie gar nicht, da er nur einige leichte Stuͤcken beſaß, welche jetzt aber bei der Belagerung von Soria nicht gemißt wer⸗ den konnten; und Empecinado hatte in der letz⸗ tern Zeit einige Unfalle erlitten, die ihn ſeine ſaͤmmtliche Artillerie koſteten. Er konnte ihm daher gar keine Unterſtutzung ſenden. Sechszig Drago⸗ ner waren alles, was Duran eruͤbrigen konnte, und er ſtellte dieſe unter meinen Befehl. Rami⸗ rez, welcher den Rang als Lieutenant bekleidete, war bei dieſer Unternehmung mein Gefaͤhrte. Wir marſchirten nach Eſtela; in der Naͤhe die⸗ ſes Ortes ſollten wir mit Mina zuſammentreffen; aber er war gezwungen worden, ſeine Maͤrſche — —,— —,— 51 zu verdoppeln, um einige franzoͤſiſche Truppen zu vermeiden, die ihm entgegengeſchickt worden waren, ihm den Uebergang uͤber den Ebro— tig zu machen. Ich traf daher nicht zu der beſtimmten Zeit mit ihm zuſammen, doch benutzte ich dieſe Gele⸗ genheit, das Hospital zu beſehen, welches auf einem Berge nahe bei Eſtela, in einer reizenden Gegend lag, und wo Minas Leute von mehreren Frauen und einigen geſchickten Wundärzten ſehr ſorgſam gepflegt wurden. Die Franzoſen hatten ſchon mehrere Male verſucht, es zu uͤberfallen, aber Mina hielt ſich ſo feine Spione, wie Na⸗ poleon ſelbſt nur je gehabt haben kann. Er war daher ſicher, von einem Angriffe der Franzoſen ſogleich Nachricht zu erhalten, und kaum war dieſe angelangt, ſo trugen die Bauern ſaͤmmtli⸗ cher benachbarter Doͤrfer die Kranken und Ver⸗ wundeten auf Sänften oder Matratzen einige Stunden tiefer in das Gebirge, wo ſie bis zum Ruͤckzuge der Franzoſen in voͤlliger Sicherheit waren. In dieſen Bergen hatte Mina auch eine Pulverfabrik ertichtet, die ihm dieſen Artikel der Kriegsbeduͤrfniſſe in reichlichem Maße lieferte. Auf der Ruͤckkehr zu unſerer Diviſion trafen wir unfern Arnedo Minas Kavallerie⸗Kapitain, Don Pelos, welcher uns die Kunde von Mina's 4* 52 gluͤcklichem Uebergange uͤber den Ebro mittheilte. Dieſer Mann war einer der kuͤhnſten Krieger, und befehligte gewoͤhnlich die Avantgarde. Seine Leute waren Alle ihrer Tapferkeit wegen beruͤhmt. Sie trugen Huſarenuniform; auf dem Kopfe hatten ſie eben ſolche Muͤtzen, wie Minas uͤbrige Truppen, mit der einzigen Auszeichnung, daß ein Streifen rothen Tuches davon herab uͤber die Schultern hing. Sie hatten alle Sandalen und Steigeiſen, damit ſie durch das Erklettern der Felſen um ſo ſicherer entkommen koͤnnten, wenn irgend ein Unfall ſie unberitten gemacht hätte. Als wir uns von ihnen trennten, ſchlugen wir den Weg nach Proveda ein, wo wir in der Nacht ankamen. Ueberall herrſchte die tiefſte Stille. Laut pochten wir an mehrere Thuͤren, aber nirgend erhielten wir Antwort, und die Stadt ſchien gaͤnzlich ausgeſtorben. Meine Leute fan⸗ den einige Weinreben, die wir anzuͤndeten und ſtatt Fackeln benutzten. So zogen wir durch die Straßen. Indem wir durch einen abgelegenen Theil der Stadt kamen, hoͤrten wir ploͤtzlich Ge⸗ murmel mehrerer Stimmen und Angſtgeſchrei aus einer Kapelle ertoͤnen. Ich ſprang vom Pferde und ſah durch das Schluͤſſelloch, da bemerkte ich beim ſchwachen Scheine der heiligen Ampel eine Menge Menſchen, welche auf den Knieen lagen, und in 53 ihrer Mitte ſtehend einen Prieſter. Ich pochte laut an und rief ihnen zu, ſie ſollten keine Furcht hegen, wir waͤren Spanier. Aber ihr Schreck war ſo groß, ihre Verwirrung ſo allgemein, daß ſie mich nicht zu verſtehen vermochten. Als wir endlich mehrere Male wiederholten, daß wir nicht Franzoſen, ſondern Spanier wären, wagten ſie es, das Thor zu oͤffnen, und Greiſe, Weiber und Kinder ſtroͤmten nun heraus, wie Menſchen, die einer graͤnzenloſen Gefahr entgangen ſind, und aus ihren Blicken leuchtete noch eine Wildheit, welche die Freude kaum erkennen ließ. Einige umarmten mich, Andere weinten und lachten zu gleicher Zeit, und die Kinder ſprangen umher und riefen laut und immerwaͤhrend:„Vivan los nuestros!“(Es leben die Unſrigen 1). Ihre Furcht war durch eine fliehende fran⸗ zoͤſiſche Kolonne erregt worden, welche am Nach⸗ mittage hier angekommen war, und eine bedeu⸗ tende Contribution gefordert hatte, mit der Drohung, Alle uͤber die Klinge ſpringen zu laſſen, wenn das Geld nicht binnen der beſtimmten Zeit her⸗ beigeſchafft ſeyo. Die Einwohner hatten die Un⸗ moͤglichkeit eingeſehen, das Geforderte zu ſchaf⸗ fen, Einige waren daher entflohen, und die An⸗ dern hatten ſich in jener Kapelle eingeſchloſſen, wo ſie unter Gebeten und mit wahrer Todes⸗ 54 angſt ihrem Schickſale entgegenſahen, indem ſie glaubten die Franzoſen, ſeyen noch immer in der Stadt. Die Kolonne hatte ſich nach— gewen⸗ det. Wir folgten ihr auf eben dieſer Straße, indem wir uͤberzeugt waren, daß unſere Diviſion nicht weit entfernt ſeyn könne. Am folgenden Tage trafen wir mit der Arrieregarde der Fran⸗ zoſen zuſammen, und blieben ihr um zwei volle Tage beſtaͤndig auf den Ferſen, indem wir jede guͤnſtige Gelegenheit benutzten, den Franzoſen ſo viel Abbruch zu thun, als in unſeren Kraͤften ſtand. Am Morgen des dritten Tages griff ich ein Kommando feindlicher Infanterie, das ſich vom Hauptcorps getrennt hatte, an, aber waͤhrend des Gefechtes mit demſelben, kam eine Abthei⸗ lung franzoſiſcher leichter Kavallerie von den Ber⸗ gen herab, ihren Landsleuten zur Huͤlfe. Ich ſah mich umringt, und befahl daher meinen Leu⸗ ten, auseinanderzuſprengen, um ſich an dem bereits dazu beſtimmten Orte wieder zu ſam⸗ meln. Ich ſelbſt ſprengte im vollen Gallop da⸗ von. Schon hatte ich mehrere Male Seiten⸗ wege eingeſchlagen, da ſtuͤrzte mein Pferd, und zugleich ſprangen einige Kinder mit lautem Angſt⸗ geſchrei aus einem nahen Dickicht. Ich holte ——,—— 55⁵ ſie ein, ſtillte ihre Furcht, und bat ſie, mich nach ihrem Hauſe zu geleiten, denn ich ſelbſt war ſehr hungrig und mein Pferd ſehr erſchoͤpft. Die Kinder ſagten mir, daß ſie ſchon ſeit fuͤnf Monaten an einem einſam und verſteckt gelege⸗ nen Orte, an dem Ufer des Fluſſes wohnten, und daß ſie mich jetzt mit ſich dahin nehmen wollten. Bald gelangten wir zu einem reizend gelegenen Orte, von hohen Felſen umgeben, die ihn etwa in der Strecke einer halben Stunde, auf drei Seiten begraͤnzten; die vierte ward durch die reißenden Wellen des Duero geſchloſſen. Nur mit Muͤhe konnte ich mein Pferd uͤber die Ab⸗ gruͤnde fuͤhren; als ich zuletzt den Ort ohne Un⸗ fall erreichte, ſah ich mich von Weibern und Kindern umringt. Der einzige Mann in dieſer Verſammlung war ein greiſer Prieſter. Ruhe hatten dieſe Menſchen hier wenigſtens gefunden, wenn auch nicht viele Bequemlichkeiten. Ich blieb hier einen ganzen Tag, um mir und mei⸗ nem Pferde einige Raſt zu goͤnnen. Dies Thier war das einzige, welches ich bis⸗ her gehabt. Es war ein ſtolzer, feuriger Anda⸗ luſier, aber gutmuͤthig, gelehrig, und fuͤr Liebe koſungen empfaͤnglich. Wenn ſeine Kraft durch anhaltende Anſtrengungen erſchoͤpft war, und ich ſtreichelte ihn und redete ihm freundlich zu, ſo * 56 ſchien er ſeine verlornen Kräfte wieder zu gewin⸗ nen, und ich konnte dann mit Guͤte mehr von ihm erlangen, als wozu ich ihn durch Gewalt haͤtte zwingen können. Er liebte den Klang der Trompeten, und trat ſtolzer einher, wenn ich ihn mit Baͤndern und Flittern ſchmuͤckte. Ward ich waäͤhrend eines langen Marſches muͤde und ſchlief endlich ein, ſo ſchien er vorſichtiger zu gehen, um mich im Sattel zu erhalten. Aber auch ich erkannte ſeinen Werth, und ging oft einen gan⸗ zen Tag zu Fuß oder hungerte ſelbſt, um ihm mein Brod zu geben. Als ich an den Verſammlungsort t fand ich zu meiner großen Freude Ramirez und alle unſere Leute bereits daſelbſt angelangt. Sie hat⸗ ten meiner ſchon mit Angſt geharrt und ernſt⸗ lich gefuͤrchtet, es habe mich irgend ein Unfall getroffen. Die franzoſiſche Diviſion war um dieſe Zeit in Soria eingeruͤckt, und Duran, der ſich zu ſchwach fuͤhlte, einem 5 bis 6000 Mann ſtar⸗ ken Feinde die Stirn zu bieten, zog ſich in die Berge, in der Richtung auf Gomara zuruͤck. Wir blieben nun in der unmittelbaren Nachbar⸗ ſchaft von Numantia, um darauf zu warten, daß die Franzoſen Soria verließen. Dies thaten ſie zwei Tage darauf, indem ſie die Garniſon, „ 57 welche bereits ihre ſaͤmmtlichen Vorräthe— hatte, mit ſich nahmen. Als wir eine Stunde nach dem marſche der Franzoſen in die Stadt einzogen, wurden wir von den wenigen ausgehungerten Einwoh⸗ nern, welche waͤhrend der Belagerung in der Stadt eingeſchloſſen geweſen waren, mit offenen Armen empfangen. Wir ſetzten nun ſogleich im Namen Ferdinands VII. eine Civil⸗Obrigkeit nie⸗ der, wie dies uͤberall geſchah, ſobald die Fran⸗ zoſen eine Stadt verließen, ſie mochten nun fruͤ⸗ her oder ſpaͤter dahin zuruͤckkehren wollen. Am naͤchſten Tage ſetzten wir unſern Marſch fort, indem wir den Franzoſen, in der Richtung auf Agreda, folgten. Die Franzoſen litten waͤhrend dieſes Marſches ſehr viel durch Mangel an Le⸗ bensmitteln, beſonders aber an Waſſer, denn die Bauern hatten Miſt, todte Pferde und alle Arten von Unrath in die Brunnen und Quellen am Wege geworfen. Wir folgten der franzoͤſi⸗ ſchen Arrieregarde beſtändig auf dem Fuße, bis ſie Agreda erreichte, die letzte Stadt in Caſtilien, auf der Graͤnze zwiſchen Arragonien und Na⸗ varra; Darquier ſtand hier mit ſeinen Truppen aufmarſchirt. Dies war der Geburtsort meiner Iſabella. Welche Gefuͤhle beſtuͤrmten meine Bruſt, als ich 58 von der ſteilen Hoͤhe des Moncajo, nach dem die Marquis ihren Namen fuͤhrten, das ſchoͤne Agreda, mit ſeinen ſchattigen Gängen, Obſtgaͤr⸗ ten und Luſthainen unter mir erblickte, und da⸗ hinter eine reizende fruchtbare Gegend, doppelt ſchoͤn durch den Vergleich mit der ſchroff⸗felſigen Umgebung Sorias. Aber nicht die Landſchaft bewegte mein Gemuͤth vorzugsweiſe.— Agreda war der Geburtsort meiner Iſabella. Haͤtte ich hoffen duͤrfen, ſie hier und unverändert, und die Geruͤchte, die mein Ohr erreicht hatten, falſch zu finden, mit welchem Entzuͤcken wuͤrde ich auf den Ort hinabgeſehen haben! Selbſt jetzt, uͤber ihre Beſtändigkeit im Zweifel und ſeit zwei Jah⸗ ren von ihr getrennt, blickte ich auf den Ort, wo ſie ihre unſchuldsvolle Kindheit zubrachte, mit inni⸗ gem Wohlgefallen, und gewaltige Gefuͤhle wur⸗ den wach in meinem Buſen. Ich legte mir ſelbſt tauſend Fragen vor.— Wo war ſie?— War ſie den Gefahren entgangen, denen ihre Jugend und Schoͤnheit ſie, den leichtfertigen Franzoſen gegenuͤber ausſetzten?— Gerechter Gott! wenn ſie als Opfer von deren Grauſamkeit gefallen waͤre. Der Gedanke erfuͤllte mich mit Entſetzen, und dennoch vermochte ich nicht, ihn zu verban⸗ nen.— Aber wenn mir auch dies Ungluͤck nicht beſtimmt war, wenn ſie noch lebte— durfte ſ* 1* 59 ich hoffen, daß ſie mich noch liebe? Irgend ein Gluͤcklicherer, der wenigſtens auf Namen und Familie Anſpruch machte, konnte den armen Fuͤnd⸗ ling leicht aus ihrem Herzen verdraͤngt haben. Dies ſchien mir nur zu wahrſcheinlich. Wuͤrde ich ſonſt nicht ſchon, während der langen Zeit etwas von ihr gehoͤrt haben? Noch war ich in dieſen truͤben Traͤumereien vertieft, als poͤtzlich ein heftiges Musketenfeuer in dem Thale unter mir, mich in die Gegen⸗ wart zuruͤckrief. Ich ſchickte zwei meiner Leute ab, um die Urſach dieſes Schießens zu erfor⸗ ſchen, da kam ein Bauer zu uns herangelau⸗ fen, Abſcheu und Entſetzen in den Blicken. Er ſagte, daß der General Darquier ſeiner Grau⸗ ſamkeit ſo eben ein Opfer gebracht habe. Als dieſer Unmenſch mit ſeiner Diviſion vor der Stadt hielt, hatte er ein Kommando in dieſelbe geſchickt, mit dem Befehle an die Ein⸗ wohner, binnen einer und einer halben Stunde 10,000 Portionen Brod, Fleiſch und Wein, und eine halbe Million Francs zu ſchaffen, un⸗ ter der Drohung, im Fall ſein Befehl nicht puͤnktlich erfuͤllt wurde, die vier vornehmſten Buͤr⸗ ger der Stadt erſchießen, und ihre Haͤuſer plun⸗ dern und niederreißen zu laſſen. 8 Zum Ungluͤck fuͤr die beklagenswerthen Ein⸗ 60 wohner war erſt am vergangenen Tage ebenfalls eine franzoͤſiſche Kolonne durch die Stadt gegan⸗ gen, und hatte eine gleich ſtarke Contribution erhoben. Dies ſtellten ſie dem General Darquier vor, aber vergebens; ſeine einzige Antwort war, daß er die vier angeſehenſten Einwohner vor ſich bringen ließ. Drei von ihnen waren Ebelleute, der Vierte einer der reichſten Maͤnner der Pro⸗ vinz. Durch faſt unglaubliche Anſtrengungen war es den Buͤrgern gelungen, das Verlangte binnen der beſtimmten Zeit herbeizuſchaffen, und nur noch 2000 Portionen Fleiſch fehlten, deren die Franzoſen aber gar nicht bedurften, da ſie nur 4 bis 5000 Mann ſtark waren. Aber deſ⸗ ſen ungeachtet befahl der blutduͤrſtige Wuͤthrich Darquier, daß die ungluͤcklichen Geißeln erſchoſ⸗ ſen, ihre Haͤuſer gepluͤndert, und dann zerſtoͤrt werden ſollten. Er ſandte einen Offizier und einige Mannſchaft ab, dieſen letzten Theil des Befehles zu vollziehen, waͤhrend er ſelbſt mit ſeiner Diviſion den Marſch nach Logronno antrat. Angſtbeklommen fragte ich den Bauer nach den Namen der ungluͤcklichen Schlachtopfer, aber er konnte ſie mir nicht nennen. Ich beſchloß, mit dem Blute der zuruͤckge⸗ bliebenen Franzoſen die Manen der grauſam Ge⸗ mordeten zu ſuͤhnen, und eilte daher mit meinen „* 61 Leuten der Stadt zu. Bei unſerer Ankunft hatte das Kommando ſo eben eines der Häuſer erbro⸗ chen und die Pluͤnderung begonnen. Schnell ſprangen wir von den Pferden, und ſtuͤrzten, den Säbel in der Fauſt, in das Haus. Als die Franzoſen ſich ſo unerwartet angegriffen ſahen, mußten ſie auf ihre Vertheidigung bedacht ſeyn. Doch ſie waren uͤberraſcht, kannten die Zahl ihrer Feinde nicht, und begannen daher bald zu weichen. Waͤhrend wir ſie durch den untern Theil des Hauſes verfolgten, ſchien es mir, als wenn ich, des Getoͤſes ungeachtet, lautes Angſt⸗ geſchrei hoͤre. Gleich darauf ward das Geſchrei noch ſtäͤrker wiederholt; es ruͤhrte von einer weib⸗ lichen Stimme her, und ſchien aus dem oberen Theile des Hauſes zu ertoͤnen. Schnell ſprang ich die Treppe hinauf, und ſtuͤrzte in das Zim⸗ mer, aus welchem der Angſtruf noch immerwaͤh⸗ rend erſchallte. Hier erblickte ich ein junges Frauen⸗ zimmer, welches mit aller ſeiner Kraft rang, ſich den Armen eines franzoͤſiſchen Obriſten zu entwinden. Als der Boͤſewicht mich gewahrte, ließ er ſein Opfer los; das Maͤdchen fiel beſin⸗ nungslos zu Boden, waͤhrend der Franzoſe mich wuͤthend angriff. Nach einem kurzen, doch hef⸗ tigen Gefechte ſtreckte ein Saͤbelhieb von mir den Gegner leblos zu meinen Fuͤßen. 62 86 wandte mich jetzt zu dem ungluͤcklichen nee noch immer, ohne ein Zeichen des Lebens von ſich zu geben, am Boden aus⸗ geſtreckt lag. Im Falle war ſie mit dem Kopfe gegen einen Stuhl geſchlagen; das Blut floß aus der Wunde, und bedeckte ſie uͤberall. Ihre Kleider waren zerriſſen, ihr Haar entfeſſelt, und Todtenblaͤſſe deckte ihr Geſicht. Den Strom des Blutes nur fuͤr das erſte zu ſtillen, band ich mein Taſchentuch um ihre Schlaͤfe, dann aber eilte ich die Treppe wieder hinab, um mich an meine Leute, welche die Franzoſen indeſſen bis in den Gar⸗ ten getrieben hatten, wieder anzuſchließen. Eine ſchwere Kopfwunde, die ich hier im Getuͤmmel erhielt, warf mich beſinnungslos nieder. Als ich nach einiger Zeit erwachte, ſah ich, daß wir Meiſter des Platzes geblieben; nur zwei oder — Franzoſen waren durch die Flucht entkom⸗ Die Uebrigen waren als Opfer der m ihres Anfuͤhrers gefallen. Haſtig ſchritt ich über die Todten und Ver⸗ wundeten, die um mich her lagen, hinweg, und eilte nach dem Zimmer, in welchem ich das Madchen zuruͤckgelaſſen. Als ich uͤber die Schwelle trat, eilte mir Ramirez mit offenen Armen ent⸗ gegen, und mich an ſeine Bruſt druͤckend, rief er: Wir ſind geraͤcht!— Das Ungeheuer lebt 63 nicht mehr!— Hier liegt der niederträchtige Duͤnier, i in ſeinem eigenen ſchwarzen Blute ſchwim⸗ mend.— Der Schaͤndliche, der die Bluthen knickte, welche die Wonne meines Lebens aus⸗ machten.— Ich ſchwoͤre, fuhr er fort, indem er ſeinen Saͤbel in das Blut ſeines gefallenen Fein⸗ des tauchte, ich ſchwoͤre, daß dies Schwert kei⸗ nen Franzoſen verſchonen ſoll, ſo lange noch einer dieſer verhaßten Fremdlinge feindlich auf dem Boden dieſes unglͤcklichen Landes ſteht.— Und Ihr, meine Landsleute, wandte er ſich hier⸗ auf zu den Umſtehenden, habt Ihr kein Unrecht zu vergelten?— Wollt Ihr nicht gleich mir — Untergang dieſer Rotte? Sein Blick, ſeine Rede befeuerte Alle zu zuichen Enthuſiasmus, und ihre Saͤbel ziehend, riefen ſie:„Tod den Franzoſen!“— Doch jetzt widmeten wir auch dem umgluͤcklichen Mäd⸗ chen wieder unſere Sorgfalt. Noch immer war ſie leblos, aber einige meiner Soldaten hatten ihr Geſicht von dem Blute gereinigt. Auf meine aͤngſtliche Frage, ob ſie wirklich todt ſey, erhielt ich die Antwort, noch lebe ſie, denn noch ſchlage ihr Herz, pb gleich nur aͤußerſt matt. Ich be⸗ fahl einem meiner Leute einen Arzt herbeizu⸗ holen, aber er machte mich darauf aufmerkſam, daß wir auf unſere eigene Sicherheit bedacht ſeyn muͤßten, da die Franzoſen, welche unſeren Schwertern entronnen waren, die franzoͤſiſche Ko⸗ lonne ſehr bald erreichen, und uns alſo einem neuen, zahlreichern Angriffe ausſetzen koͤnnten. Ich mußte ihm Recht geben, doch vermochte ich nicht, das arme Maͤdchen ganz huͤlflos zuruͤck⸗ zulaſſen, und ich beſchloß daher, ſie mit mir zu nehmen und ſie zu ſchuͤtzen, bis ich ſie wie⸗ der in die Arme ihrer Familie legen könne. Schweigend eilten wir durch die Stadt nach der Spitze des Moncajo, und ſahen uns bald in bedeutender Entfernung von dem Schauplatze des Schreckens. Von dieſer Hoͤhe aus ſah ich die Diviſion Darquiers ſich immer mehr und mehr entfernen, und ich ſchloß daraus, daß er das zuruckgelaſſene Kommando noch nicht ver⸗ mißt hatte. Jetzt kam das Mädchen, welches ich vor mir auf das Pferd genommen, allmäh⸗ lig wieder zu ſich ſelbſt. Nicht lange darauf erreichten wir eine kleine Huͤtte in einem Thale auf der entgegengeſetzten Seite des Berges. Ich trug meine ſchoͤne Buͤrde ſelbſt in das Haus. Die Beſitzerin deſſelben kam uns entgegen, erſchrak aber uͤber den Anblick des blaſſen, mit blutigen Kleidern bedeckten Maͤdchens ſo ſehr, daß ſie ſelbſt in Ohnmacht fiel. Aber die ande⸗ ren Bewohner der kleinen Meierei eilten herbei, und 65 und leiſteten uns bereitwillig alle nur moͤgliche Huͤlfe. Obgleich ich ſehnlich wuͤnſchte, weiter zu kommen, ſo vermochte ich doch nicht eher auf⸗ zubrechen, als bis ich wußte, ob mein Schuͤtz⸗ ling ſich wieder ganz erholen werde. In der erſten Zeit erwachte ſie nur aus einer Ohnmacht, um in die andere zu ſinken, und ich fuͤrchtete ſchon, ſie werde in meinen Armen ihren Geiſt auf⸗ geben, doch als es mir endlich gelang, ihr etwas Wein einzufloͤßen, da erholte ſie ſich, oͤffnete die Augen, ſah ſtaunend rings um ſich her, und fragte mit ſchwacher Stimme, wo ſie ſey. Ich verſicherte ihr, ſie ſey unter Freunden. Bei dem Tone meiner Stimme blickte ſie auf mich, doch meine Uniform bemerkend, ſchrie ſie laut auf, und ſtuͤrzte ſich dann einer der Frauen zu Fuͤ⸗ ßen, ſie um ihren Schutz anflehend. Vergebens ſchwor ich ihr, daß der Boͤſewicht, fuͤr den ſie mich halte, todt, ich aber ihr Befreier ſey. Sie hoͤrte mich nicht, klammerte ſich feſt an die Frauen, und bat mit wildem Blicke, ſie nicht zu verlaſſen. Als ich ſah, daß nur meine Ge⸗ genwart ſie ſo in Schrecken ſetze, verließ ich das Gemach, und uͤbergab ſie der Obhut der Frauen, denen ich meine Dankbarkeit reichlich zu bewei⸗ ſen verſprach. II. 5 66 Hierauf verſammelte ich meine Leute. Es wa⸗ ren deren nur noch 50; ſechs waren im Kampfe geblieben; das Schickſal der vier Uebrigen kannte ich nicht. Von dieſen 50 waren Einige ſchwer verwundet, und ich ſelbſt bemerkte, daß ich mich zu ſehr vernachlaͤſſigt hatte. Ich hattte zwei ſtarke Wunden empfangen, und vermochte jetzt, durch Blutverluſt und Anſtrengung erſchoͤpft kaum die noͤthigen Befehle zu ertheilen. Ich uͤber⸗ trug Ramirez das Kommando uͤber meine Leute, und blieb mit meinem Bedienten Anton zuruͤck, um meine Wunden heilen zu laſſen. Aber bald ſchwand meine Kraft, die Gegenſtaͤnde tanzten vor meinen Augen umher, und ich wußte nicht was mit mir borging⸗ 67 Fuͤnftes Kapitel. Wie lange ich ohne Beſinnung blieb, weiß ich nicht. Ich erinnere mich nur, daß ich, einige Minuten zum Bewufßtſeyn zuruͤckkehrend, mich in einer Huͤtte auf Stroh liegend fand, und entſetzliche Schmerzen ausſtand, doch was dann mit mir vorgegangen, iſt meinem Gedaͤchtniſſe durchaus entſchwunden. Die erſte klare Erinne⸗ rung iſt die, daß ich nach einem langen ſuͤßen Schlafe erwachte, und mich faſt frei von allen Schmerzen, aber noch erſtaunend matt fand. Als ich um mich ſah, bemerkte ich, daß ich in einem prachtvollen Bette liege. Ein weibliches Weſen, ſichtbar aͤngſtlich um mich beſorgt, bog ſich uͤber mich. Es war zu finſter in dem Zim⸗ mer, als daß ich ſie genau zu erkennen vermochte. Ich ſah nur ſo viel, daß ſie blaß, und wie es ſchien, bekuͤmmert war, und daß große dunkele Augen ihr Geſicht belsbten. Sie war in tiefe Trauer gekleidet, und ein Ueberfluß dunkler Lok⸗ ken walkte uͤber ihre Schulter herab. Sobald ſie ſah, daß ich wach ſey, rief ſie Jemanden herbei, und ein ältlicher Mann trat hierauf um mein Bett, und fuͤhlte meinen Puls. Ich hoͤrte, daß 5* . er ihr zufluͤſterte, ich ſey faſt ganz außer Gefahr. Bei dieſen Worten ſchlug ſie, wie in inniger Freude, die Haͤnde zuſammen und ſagte leiſe: „Gott ſey gedankt!“ Dann zog ſie, als furchte ſie, daß die Unruhe, die ſie zeigte, mir ſchaden moͤge, die Vorhaͤnge meines Bettes zu, und ver⸗ Reß das Zimmer. Doch bald kehrte ſie wieder zurick Ein Be⸗ biente begleitete ſie. Er trug eine Taſſe Choco⸗ lade und ein Glas Waſſer. Sie bat mich, es zu nehmen. Ich wollte ſprechen, aher ich konnte nur mit Anſtrengung die Frage hervorbringen, wo ich ſey, und wem ich ſo viel Guͤte ver⸗ danke.—„Sie ſind in Agreda,“ entgegnete ſie mit einer Stimme, die mir in das Innerſte der Seele drang,„bei Freunden, die Sie lie⸗ ben, und die Ihnen die Dienſte, welche Sie ihnen leiſteten, nie hinreichend vergelten koͤnnen. Doch ich darf jetzt nicht viel mit Ihnen ſpre⸗ chen, es iſt mir unterſagt worden. Ruhe iſt zu Ihrer Geneſung durchaus erforderlich, und nur an dieſe laſſen Sie uns jetzt denken.“ Unfaͤhig zu antworten, reichte ich ihr meine Hand; ſie gab mir die ihrige, und ich druckte dieſe an meine Lippen. Dieſe wenigen Worte, und der Ton, in dem ſie geſprochen worden, er⸗ klärten mir Alles. Meine ſchoͤne Pflegerin war das Maͤdchen, welches ich rettete, obgleich ich vergebens trachtete, zwiſchen jenem bleichen, ent⸗ ſtellten Geſichte und den reizenden Zuͤgen, wel⸗ che ſich jetzt meinen Blicken darboten, einige Aehnlichkeit zu finden. Aber der Ausdruck der Dankbarkeit, den ihre Lippen, ihr unbewußt, verriethen, und die aͤngſtliche Sorgfalt, die ſie bei meiner Pflege zeigte, konnten mich nicht lange im Zweifel laſſen. Die Muͤhe, die ſie ſich ſelbſt aufbuͤrdete, tieß mich fuͤrchten, daß ſie ſich uͤber ihre Kraͤfte an⸗ ſtrengen moͤchte, aber wiederholt verſicherte ſie, daß ſie jetzt vollig wieder hergeſtellt ſey, und mich pflegen wolle, ſo lange ich der Pflege beduͤrfe, Muß ich es geſtehen? Ihre Sorge that mir zu wohl, um ſie zuruͤckweiſen zu können. Hatte ich Iſabella denn vergeſſen? Nein! doch hoͤchſt wahrſcheinlich dachte ſie meiner nicht mehr. Ihr Stillſchweigen und die Geruͤchte, die ich ver⸗ nommen, ſchienen mir deutliche Beweiſe, daß ſie mich nicht mehr liebe, oder daß ſie ſich den Verhältniſſen, in denen ſie lebte, gefügt hahe. Aber obgleich ich kaum noch hoffen durfte, daß ſie meine Neigung erwiedere, ſo war ſie mir doch noch immer theuer und meinen Gedanken ſtets gegenwärtig. Zuweilen erwog ich die Hin⸗ derniſſe, die unſerer Verbindung entgegenſtanden, 7⁰ —— und konnts ſie dann ihrer Unbeſtändigkeit wegen kaum tadeln. Dann entlockte die Erinnerung an die gluͤcklichen Stunden, die ich mit ihr ver⸗ lebte, und an die ſuͤßen Hoffnungen, die ich einſt nährte, meinem Auge bittere Thränen. Selbſt die Schoͤnheit dieſer lieblichen Fremden, ihre Sorgfalt um mich, ber reizende Klang ihrer ſchonen Stimme entzuckten mich deſto mehr, je mehr ſie Iſabellen glich. 1 5 Mit einem Worte, mein Herz offnete ſich einer neuen Liebe, deren Gegenſtand eben ſo gut, als liebenswuͤrdig war. Aber Trauer uͤber das, was mir verloren ſchien, erfuͤllte mich noch im⸗ mer, und noch immer war meine alte Neigung fuͤr Iſabella ſo groß, daß ich meiner holden Waͤrterin die neue nicht zu geſtehen wagte. Dieſe ſtreitenden Gefühle, vereinigt mit der Schwäche, die mich noch an das Lager feſſelte, zogen mir ein Fieber zu, waͤhrend deſſen ich oft ganze Stunden hindurch phantaſterte. In einem ſolchen Augenblicke geſtand ich, wie man mir nachher ſagte, meiner liebenswuͤrdigen Pflegerin meine Leidenſchaft, und in ſo gluͤhenden Aus⸗ druͤcken, daß Keiner von Denen, die mich be⸗ ſuchten, uͤber die Urſach von dem Ruͤckfalle mei⸗ ner Krankheit in Zweifel ſeyn konnte. Als ich etwas ruhiger geworden, ſah ich mich 71 vergeblich in dem Zimmer nach meiner angebete⸗ ten Pflegerin um, und als ich fragte, wo ſie ſey, antwortete man mir, ſie wäre aus der Stadt gegangen.—„Hat auch ſie mich ver⸗ laſſen!“ rief ich.„O Iſabella, ſollteſt Du mich wirklich noch lieben, ſo habe ich dies um Dich verdient!“ Doch buld ffnete ſich die Thuͤre, und ich ſah den Engel, der mich pflegte, eintreten. Ich wollte von meinem Lager empor, allein kraftlos ſank ich wieder in die Kiſſen zuruͤck, und als ſie herzueilte, mich zu unterſtutzen, da verwirrte mich das Vergnuͤgen, ſie wiederzuſehen, und ich war im erſten Augenblicke unfaͤhig, zu ſprechen. Ich wußte jetzt, daß ich das, was mir bisher das Herz gedruͤckt, zu offen verrathen hatte, um noch laͤnger ein Geheimniß daraus zu machen. Mit ſanftem Tone warf ich es ihr daher vor, daß ſie mich grade in dem Augenblicke verlaſſen⸗ in dem ihre Gegenwart mir ſo noͤthig geweſen. Sie antwortete nicht, aber indem ſie die Bett⸗ vochaͤnge zuruͤckzog, und die Jalouſien, welche visher ein beſtaͤndiges Halbdunkel in dem Zim⸗ mer verbreitet hatten, oͤffnete, zeigte ſie mir— war es moglich?!— konnte die edle Geſtalt, welche ich vor mir ſahe, die meiner Iſabella ſeyn?— Ich ſah wirklich ganz ihre reizenden 72 Zuͤge, doch das leichte Lächeln, welches ihren Mund mit ſolcher Anmuth zu umſchweben pflegte, war einem tiefen, an Melancholie graͤnzenden Ernſte gewichen, und ſtatt der bluͤhenden Roͤthe und Jugendfriſche, deckte Blaͤſſe ihre Wangen. Zwei Jahre konnten in ihrem Alter eine ſolche Veraͤnderung nicht hervorgebracht haben. Kum⸗ mer und Sorge nur vermochten dies. Während die Ueberraſchung mir die Sprache feſſelte, ſagte ſie mit ernſtem Tone, und Thränen traten ihr in das Auge:„Eſteban, haſt Du mich ſo ganz vergeſſen?“ it Der Ton, in welchem dieſer Näme geſpro⸗ chen wurde, konnte mich nicht irreleiten— die liebliche Fremde, und meine reizende Iſabella waren Eine und Dieſelbe. Von tauſend wech⸗ ſelnden Gefuhlen beſtuͤrmt, ſank ich auf mein Lager zuruͤck, mein Auge feſt auf die angebe⸗ tete Geſtalt gerichtet, die ich vor mir ſahe, und an deren Gegenwart ich doch kaum zu glauben wagte. Durch die Bewegung und Aufregung, in der ſie mich ſahe, erſchreckt, bog ſie ſich uͤber mich und ſuchte mich durch die zaͤrtlichſten Liebkoſun⸗ gen wieder zu mir ſelbſt zuruͤckzubringen.„Meine Iſabella! rief ich, ſie mit meinen Armen um⸗ — lich—— ebſt Du mich denn n Gieb wohl Acht, Eſteban, ſagte ſie, was Du fragſt. Wie, wenn ich die naͤmliche Frage an Dich richtete? Frage was Du willſt, rief ich, beſchuldige mich wie Du willſt, aber wiederhole es mir nur noch ein Mal, daß Du mich liehſt. Ich fuͤrchte, entgegnete ſie, es wuͤrde mir wenig nuͤtzen, wollte ich es jetzt noch läugnen; aber Du verdienſt ein ſolches Geſtändniß nicht. Und weil ich denn, fuhr ſie mit jenem, ihr fruͤher eigenen, ganz unnachahmlich ſuͤßem Laͤcheln fort, weil ich denn dieſen Punkt einmal beruͤhrte, ſo ſage doch, welche Rechtfertigung haſt Du fuͤr die Erklaͤrung, die Du vorhin einem Mäͤdchen machteſt, das Du fuͤr eine Fremde hielteſt. Keine, keine! erwiederte ich. Ich ergebe mich ganz Deiner Großmuth, doch laß mich Dir geſtehen, daß ich aus glaubwuͤrdiger Quelle ver⸗ nahm, Du beguͤnſtigteſt die Wuͤnſche eines An⸗ dern. Selbſt die Aehnlichkeit mit Dir, die zuerſt auf mein Herz Eindruck machte, wuͤrde mich nicht verleitet haben, haͤtte ich nicht gseh daß Du mich laͤngſt vergeſſen! Vergeſſen, Eſteban? Nie gab ich Dir vor oder nach unſerer Trennung Gelegenheit, mich — 4 fuͤr unbeſtaͤndig zu halten. Du ſuun mehr Vertrauen zu mir gehabt haben. Theure Iſabella, ſagte ich, ich ſetzte in Dich nicht weniger Vertrauen, als in mich ſelbſt. Aber es ſchien mir Thorheit, zu hoffen, daß Du alles andere verwerfen wuͤrdeſt, um Deine Liebe einem Menſchen zu bewahren, den Du als einen na⸗ menloſen Fuͤndling kennen lernteſt. Stets, rief Iſabella, warſt Du mir und meinem theuren Onkel, ganz—— Ach! wäre er doch hier! Und wo iſt er? fragte ich anibthinmen Sie lehnte ihren Kopf an meine S und ich fuͤhlte ihre Thraͤnen fließen. Ich ſehe es, Iſabella! rief ich. Er war eines von den Opfern des blutduͤrſtigen Darquier. Gott der Gerechtigkeit! Wieder eine Seele, die Rache heiſcht! Wieder eine? fragte Iſabella, in aͤngſtlicher Verwunderung auf mich blickend. Ja, zu raͤchen! entgegnete ich. Raimundo iſt nicht mehr. Auch er fiel als Opfer franzoͤſi⸗ ſcher Grauſamkeit. Doch der Elende, der ihn mordete, lebt nicht mehr. Mein Schwert be⸗ freite die Welt von dieſem Ungeheuer. Armer Raimundo! ſeufzte Iſabella;— wann wird unſer Elend enden.— — 75 Wenn alle die Schaͤndlichen, bie jetzt unſer Vaterland verheeren, das Schickſal ihrer Opfer theilten. Doch ſprich, lebt unſer edler Marquis wirklich nicht mehr? Ich fuͤrchte, entgegnete ſie, es iſt keine Hoff⸗ nung. Er ward mit den Andern nach dem Platze geſchleppt, wo man die uͤbrigen Ungluͤcklichen er⸗ ſchoß, und obgleich man nur drei Leichname, und unter dieſen den ſeinigen nicht fand, ſo hoͤr⸗ ten wir doch auch ſeit jener Zeit nichts von ihm. — Von ihrer Grauſamkeit duͤrfen wir nichts hoffen. Vielleicht ſchonten ſie ihn hier nur, um ihn einem ſchrecklichern Tode aufzubewahren.— Ach nie, nie ſoll ich ihn wiederſehen! Theure Iſabella, ſagte ich, und das Mitge⸗ fuͤhl an ihren Leiden erpreßte mir Thraͤnen, hät⸗ ten ſie die Abſicht gehabt, ihn zu ermorden, ſo wuͤrden ſie dies gewiß gleich gethan haben; es iſt daher viel wahrſcheinlicher, daß ſie ihn als Gefangenen mit ſich fuͤhrten. Ein Strahl der Hoffnung erheiterte bei mei⸗ nen Worten ihr Geſicht.— Glaubſt Du es wirklich? ſagte ſie, meine Haͤnde in die ihrigen ſchließend. In dieſem Augenblicke ſchalte vom Hofe her⸗ auf ein bedeutender Laͤrm, und ſie ward hinaus⸗ gerufen. Sie ging, und empfahl Anton, ſie 76 ſogleich zu holen, wenn ihre Segennatt noͤ⸗ thig ſey. Gnaͤdiger Herr, ſagte Anton als ſie das Zimmer verlaſſen, irre ich nicht, ſo iſt dies die Dame, die ich oder vielmehr meine Maulthiere von Madrid nach Valladolid brachten. Wie wun⸗ derlich es doch zuweilen hier in der Welt zugeht. Als wir uͤber die Somoſierra fuhren, und ſie manchmal ſehnſuͤchtig nach Ihnen ſeufzte, dachte ſie gewiß nicht, daß Sie einſt nach Agreda kom⸗ men wuͤrden, um ihr Befreier aus den Klauen jenes Boͤſewichts zu werden, den Ihre Klinge zum Satan ſchickte, bei dem er nun wohl Ge⸗ neralmajor ſeyn wird, da er hier ſchon deſſen Obriſt war, und daß dieſer Böͤſewicht derſelbe war, der Ihren Bruder ermordete, und der auch mich einſt beinahe an den Galgen gebracht hätte, weil ich am 2ten Mai in Madrid einige Gabachos mit meinem Dolche uͤber die Seite ſchaffte. Du, Anton? rief ich verwundert; weshalb ſagteſt Du mir denn bisher noch nie, daß Du an den Ereigniſſen ews Tages auch Theil ge⸗ nommen. Es koͤmmt daher, entgegnete er, weil meine Beſcheidenheit mich nie von mir ſelbſt ſprechen läßt. Aber ich war damals, Velarde und Da⸗ viz ausgenommen, der, welcher die meiſten Fran⸗ 77 zoſen tödtete. Doch ich war auch nahe daran, es theuer zu bezahlen, denn ich ward endlich ergriffen, gebunden, und nach dem Prado ge⸗ ſchickt. Es war eine traurige Nacht. Zehn tau⸗ ſend Mann feindlicher Truppen lagen in den dunklen Gaͤngen, in denen ich oft auf meiner Guitarre geklimpert hatte. An eben dem Orte, an dem ich ſo manches Vergnuͤgen genoſſen, ſollte ich auch mein Leben beſchließen. Allein es gluͤckte mir, mich meiner Banden zu entledi⸗ gen, und durch ein ganzes Regiment Franzoſen gluͤcklich hindurchzukommen, indem ich beſtändig ſchrie:„Camarades, ah! je suis bless6!“— Ich hatte dieſen Ruf von denen gehoͤrt, die mein Dolch traf, und wußte mir ihn wohl zu deuten. Zum Gluͤcke war die Nacht dunkel, und nur einzelne Fackeln beleuchteten die Orte des Schrek⸗ kens, auf dem mehr als 400 meiner ungluck⸗ tichen Landsleute erſchoſſen wurden. Aber am folgenden Tage entdeckte mich der Boͤſewicht, den Sie toͤdteten, und wollte mich durchaus haͤngen taſſen, obgleich ich dieſem Experimente hoͤchſt ernſthaft widerſprach. Doch als ſeine Leute ſchon im Begriffe waren, mich nach dem Platze de la Lebada zu ſchleppen, ertoͤnten plotzlich Trommeln und Trompeten, und Alle liefen davon, als ob der Teufel hinter ihnen wäre. Der Hert Obriſt 78 war ſo guͤtig, mit dem Säͤbel zu einem kräftigen Hiebe gegen mich auszuholen, allein ich entging dem Streiche, indem ich mich zu Boden warf, und ſchrie: Ich bin todt, ich bin todt! Haben die Franzoſen, fragte ich, welche un⸗ ſeren Säbeln hier entrannen, ihre Diviſion er⸗ reicht, und haben ſich die vier Vermißten von meinen Leuten wiedergefunden? Beim heiligen Johann, rief Anton, die Ein⸗ wohner von Agreda waren nicht geſonnen, dieſe wenigen Franzoſen entkommen zu laſſen. Sie uͤberfielen ſie, und erlaubten Keinem, zu erzaͤh⸗ len, was er hier geſehen hatte. Und die vier Vermißten haben ſich wieder eingefunden, doch liegen noch zehn unſerer Leute verwundet in dem Hospitale. Iſabella kehrte jetzt zuruͤck. Sobald wir al⸗ lein waren, ſagte ſie: Ich weiß nicht, ob ich mich uͤber die Neuigkeit, welche ich Dir mitzu⸗ theilen habe, freuen oder betruͤben ſoll. Das Geraͤuſch, welches Du vorhin horteſt, ward durch die Ankunft Don Facundo's verurſacht. Er hat ſchon Nachricht von dem Tode meines Oheims erhalten, wie, weiß ich nicht, und koͤmmt jetzt, um die Guͤter der Marquis von Moncajo in Beſitz zu nehmen. Er ſcheint tiefbekuͤmmert, aber ſein bisheriges Betragen war ſo zweideutig, 79 daß ich ihn in keinem Punkte aufrichtig glauben kann. Du weißt, daß er Ferdinand nach Ba⸗ yonne begleitete. Dort ging er zu der franzoͤſi⸗ ſchen Parthei uͤber, und ward, als er mit dem Koͤnig Joſeph nach Madrid kam, zum Grafen und Oberkammerherrn ernannt. Waͤhrend jener Zeit ſchrieb er dem Marquis mehrere Briefe, durch die er ihn zum Uebertritte zu ſeiner Parthei bereden wollte. Als aber Joſeph nach Valencia floh, verließ er ihn, und erklaͤrt nun, daß alle Dienſte, die er den Franzoſen leiſtete, durch offene oder verdeckte Gewalt von ihm erzwungen worden ſeyen. Kann man ihm nach alle dem noch trauen? Doch er ſagt, daß er mir Vater ſeyn, und mich in meiner Verlaſſenheit ſchuͤtzen will. Koͤnnte ich ſeinen Worten doch trauen, und faͤnde ich ihn ſo, wie mein Herz ſich ihn wuͤnſcht; doch den Verluſt meines theuern On⸗ kels kann er mir nie erſetzen.— Uebrigens, fuͤgte ſie hinzu, ſagt er, er wuͤnſche herzlich, meinen Retter und den Raͤcher ſeines Bruders zu umarmen. Doch ehe ich ihn zu Dir fuͤhrte, wollte ich erſt fragen, ob es Dir auch recht waͤre. Iſabella, rief ich, lieber wollte ich den Wuͤth⸗ rich Darquier in meine Arme ſchließen, als Don Facundo. Von dem Erſtern durften wir nur die Wuth des Feindes erwarten, aber von die⸗ 80⁰ ſem konnten und mußten wir ein anderes Betra⸗ gen vorausſetzen. Um ganz auftichtig zu ſeyn, muß ich Dir geſtehen, daß ich nicht mit dem Manne unter einem Dache bleiben kann, der ſich als offenen Verraͤther des Vaterlandes zeigte. — Anton ſoll mich in das Hospital bringen. In das Hospital! unterbrach ſie mich, und ihre Wangen wurden noch bleicher, und She nen fuͤllten ihre Augen. Weshalb erſchrickſt Du ſo, Getebte fragte ich; ich wuͤrde dort gut gepflegt werden, und es iſt ſo nahe, daß ich ohne Gefahr vnbt werden kann. Ich bitte Dich, ſprich nicht e davon, ſagte ſie. Du biſt noch immer in einem Zu⸗ ſtande, der keine Veraͤnderung der Lage geſtat⸗ tet. Auch wuͤrde Don Facundo ſich beleidigt fuͤhlen.— Nenne den Verraͤther nicht! bat. Eſteban, entgegnete ſie, Du vergißt, daß ich ganz von ihm abhaͤnge, und daß ein Streit zwiſchen Euch beiden mich von Dir, vielleicht fuͤr immer, trennen kann. Ich bitte Dich, ſey ruhiger, wenn Du mich nicht ganz elend ma⸗ chen willſt. Der ruͤhrende Ton ihrer Stume erweichte mich. War ich ihr denn ſo theuer, daß —— 81 ſchon der bloße Gedanke der Trennung von mir, ihr Thraͤnen erpreßte?— Iſabella! rief ich, ich kann dieſe Thraͤnen nicht ſehen. Was willſt Du, daß ich thue? Nichts weiter, entgegnete ſie, als daß Du den Beſuch Don Facundo's empfaͤngſt. Er wird Dich nicht ferner beunruhigen, denn er will ſchon morgen wieder abreiſen. Dann kannſt Du bis zu deiner gaͤnzlichen Geneſung mit meiner Tante, welche ich in einigen Tagen erwarte, hier bleiben. Gehoͤrte Don Facundo noch der franzoͤſiſchen Parthei an, ſo wuͤrde ich dies nicht von dir fordern, doch Dein Bleiben kann Dich weder irgend einem Argwohne ausſetzen, noch auch ihn zu etwas verpflichten. Ich weiß, wie unangenehm es Dir ſeyn muß, aber glaubſt Du denn, daß es mir weniger peinlich waͤre, Dich der Sorge Fremder uͤberlaſſen zu wiſſen, und vielleicht noch uͤberdies aus Deiner Naͤhe ver⸗ bannt zu ſeyn? Gewiß, Eſteban, willſt Du mir dieſen Kummer nicht bereiten, und verſprichſt mir daher, ihn ſehen zu wollen; nicht wahr? Ich konnte ſolchen Bitten nicht widerſtehen⸗ und machte mir ſogar Vorwuͤrfe, es ſo lange gekonnt zu haben. Es ward daher beſtimmt, daß ich am folgenden Tage den Beſuch des Don Snnndo empfangen ſolle. . 6 82 Ich hatte zum erſten Male das Bett verlaſ⸗ ſen, und ſaß auf einem Armſtuhle, als er zu mir eintrat. Mit dem Ausdrucke des Wohlwol⸗ lens ſchritt er haſtig auf mich zu, und breitete die Arme aus, mich zu umfangen.— Ich ſchreckte zuruͤck— taͤuſchten mich meine Augen? War es moͤglich, daß Don Facundo der naͤmliche ſey, der meinen Tod ſo ſtrenge verlangte, als ich von den Franzoſen gefangen genommen ward?— Ich wuͤnſche ſehnlichſt, ſagte er, mit ſo viel als moͤglich einſchmeichelndem Tone, den Retter mei⸗ ner Nichte und den Raͤcher meines geliebten Bruders an mein Herz zu druͤcken. Seine Stimme loͤſte meine Zweifel. Ihn hatte ich zwar nur ein Mal, am Abend, und in einer ganz andern Kleidung, als ſeiner jetzigen, geſehen, und hätte mich deshalb in ſeiner Per⸗ ſon leicht taͤuſchen können, aber ſeine Stimme hatte ſich, indem ſie mit rauhem Tone mein Todesurtheil ſprach, meinem Gedaͤchtniſſe zu tief eingepraͤgt, als daß ich ſie je zu vergeſſen ver⸗ mochte. Ich ſchaͤtze mich gluͤcklich, ſagte ich, ruhig meine Hand zuruͤckziehend, daß es in meiner Ge⸗ walt ſtand, ſo treuen Freunden, als Ihrem Bru⸗ der und Ihrer Nichte, zu dienen. Sie ſelbſt, Don Facunde, ſind mir zu keinem Danke ver⸗ pflichtet, und werden verzeihen, daß ich Ihnen 83 meine Hand nicht reichen kann, denn noch ver⸗ gaß ich des Auftrittes in. der Hütte der Somo⸗ ſierra nicht. Somoſierra! rief er. Wit wem ſpreche ich? Mit Don Eſteban Lara, entgegnete ich, dem Sohne jener ſchaͤndlichen Raſſe die von der Erde vertilgt werden muß. Er war ſichtlich uͤberraſcht, doch bald faßte er ſich wieder, und mit anſcheinendem Vergnuͤgen ſagte er ſogleich: Wie? der Sohn meines beßten Freundes gerettet, und unter meinem Dache? Gott ſey gedankt!— Ich wuͤnſchte nur, daß Ihr Vater jetzt auch hier ſeyn koönnte. Es iſt ein Ehrenmann, und einer meiner älteſten Freunde, und ich achte ihn um ſo choͤher wegen der Dienſte, die er meinem wiühe Bruder keiſtete. Bei dieſen Worten führte er ein vrſcnn zu ſeinen Augen. Mir feſſelten Erſtaunen und Verachtung dieſes Betragens die Zunge.— Ich ſehe, ſagte er nach einer Pauſe, daß Sie, gleich mehreren meiner Landsleute, durch den Schein getäuſcht wurden, und mich gleichgiltig, vielleicht ſogar verrätheriſch gegen mein Vaterland wähn⸗ ten, waͤhrend ich, dem Himmel iſt es bekannt, eben dieſem Vaterlande die größten Opfer brachte. Ich danke Gott fuͤr dieſe Gelegenheit, Ihnen, 6* mein lieber junger Freund, und durch Sie auch Ihrem wuͤrdigen Vater, eine Erlaͤuterung meines Betragens geben zu koͤnnen.. Hierauf ſetzte er die Beweggruͤnde ſeines Han⸗ delns, und beſonders ſeines Betragens in der Somoſierra, mit einer ſolchen Geſchicklichkeit und Gewandtheit auseinander, daß ein Fremder haͤtte verſucht werden koͤnnen, ihn fuͤr einen Maͤrty⸗ rer der Vaterlandsliebe zu halten* Doch ich, der ich mehr wußte als er glaubte konnte kaum die Zeichen meiner graͤnzenloſen Verachtung zuruͤckhalten; doch die flehenden Blicke und die Todtenblaͤſſe meiner Iſabella gaben mir hiezu die Kraft. Hätte ich meinen Gefuͤhlen Worte gegeben, ſo waͤre eine offene Entzweiung die nothwendige Folge geweſen. Er wuͤrde dies zum Vorwand genommen haben, uns Beide zu trennen, und Iſabella wär unglücklich geweſen. Aus dieſen Ruͤckſichten hoͤrte ich ſeine Entſchul⸗ digungen geduldig mit an, und hatte ſogar Selbſt⸗ beherrſchung genug, ihm einige artige Worte zu erwiedern, als er am Schluſſe ſeiner Rede um meine Freundſchaft bat. 2 Ich gehorchte Dir, ſagte ich, Iſabella, als er uns verlaſſen hatte, aber jetzt widerſetze Dich meinem Gehen auch nicht länger. Du ſahſt, was es mich koſtete, dem Zweizuͤngler gegenuͤber zu — — ſchweigen, aber ich vermoͤchte es nicht zum zwei⸗ ten Male, und Du, meine arme Iſabella, darfſt nicht oͤfter durch ſolche Seſe⸗ in Furcht ge⸗ ſetzt werden. Du haſt es nicht noͤthig, das Haus zu ver⸗ laſſen, entgegnete Iſabella. Don Facundo reiſet noch heute ab, und geht auf ein Landhaus, ſechs Stunden von der Stadt. Seine Gattin, von der er ſchon eine Reihe von Jahren getrennt lebt, und die das beßte Weib von der Welt und meine treueſte Freundin iſt, wird mich ſehr bald beſu⸗ chen; dann, hoffe ich, wirſt Du alles S mer finden. An dem Tage, an welchem ich gegen bend in der Zeitung den Bericht der Schlacht bei Sa⸗ lamanka las, trat Iſabella in mein Zimmer und ſtellte mir eine Frau in mittlern Jahren und von angenehmem Aeußern als ihre Tante vor. Mit vieler Artigkeit beklagte Donna Celeſtina, daß ſie nicht fruͤher das Vergnuͤgen haben koͤn⸗ nen, mich in meiner Krankheit zu pflegen. Wir haben, fügte ſie hinzu, eine große Schuld zu til⸗ gen, und ſie bat hierauf um mein laͤngeres Blei⸗ ben auf eine Weiſe, die keine abſchlaͤgige Antwort zuließ. Sehr ſchnell gewann ich jetzt meine Kraͤfte wieder, und war ſchon nach zehn Tagen im Tod ihres Gatten, den ſie zaͤrtlich liebte, 86 Stande, das Zimmer zu verlaſſen. Sobald ich die Geſellſchaft der Familie theilen konnte, erſchie⸗ nen die angeſehenſten Bewohner der Stadt, und dankten mir fuͤr den Dienſt, den ich ihnen Allen geleiſtet. icö ſhiſ 30 Unter denen, welche mich beſuchten, war auch die Wittwe eines jener Maͤnner, welche Darquier erſchießen ließ. Sie fuͤhrte ihr einziges Kind, einen lieblichen kleinen Knaben, zu mir, damit er mir danke, daß ich ſeinen Vater rächte. Der atte ſie anfangs unendlich erſchuttert, jetzt cheh ihr Schmerz ſchon milder geworden, und indem ſie die Hand auf das Haupt ihres Kindes legte, ſagte ſie: Meine einzige Sorge muß es jetzt ſeyn, ihn ſo zu leiten, daß er einſt ſeines edlen Vaters wurdig werde; gelingt mir dies, ſo kann ich auch noch Freuden in dieſem Thale des Jam⸗ mers pfluͤcken. Der Kummer dieſes edlen Weibes ruͤhrte mich tief, und alles was ich ſpater noch von ihr ſah und hoͤrte, diente nur dazu, die Achtung noch zu erhoͤhen, die ihr erſtes Erſcheinen mir eingefloͤßt. — ——ĩ“— ů ů˖˖ 87 Sechſtes Kapiter Sechs volle Wochen hindurch war ich in die⸗ ſem Hauſe der gluͤcklichſte der Gefangenen, dann begann ich an Iſabella's Arme, die darauf be⸗ ſtand, meine Stuͤtze zu ſeyn, kleine Spazier⸗ gänge. Was glch der Wonne, wenn ich ſo auf ihren Arm gelehnt und ihren lieben Worten lau⸗ ſchend, mit ihr durch die reizende Natur ging. Doch endlich bezog die Nachricht, daß Don Fa⸗ cundo in einigen Tagen zuruͤckkehren werde, mel⸗ nen heitern Freudenhimmel mit einer truͤben Wolke, und ich beſchloß, lieber die Stadt zu verlaſſen, als ſein Geſicht noch einmal zu ſehen; geſund war ich zwar noch lange nicht, denn die Wunde in meinem linken Arme war noch nicht geheilt. Unter dieſen Umſtaͤnden nahm ich mit Freuden den Vorſchlag von Iſabella's Freundin, der Wittwe, von der ich bereits geſprochen, an, und machte ihr Haus zu meinem eigenen, bis ich im Stande ſeyn wuͤrde, wieder zur Armee zu gehen.. Iſabella's Freundin empfing mich mit dem aufrichtigſten Wohlwollen, und da ich wußte, daß Beide innige Vertraute waren, ſo machte ich auch aus meiner Leidenſchaft fuͤr Iſabella gegen ſie 88 —————— kein Geheimniß. Sie fuͤrchtete, daß meine Ent⸗ zweiung mit Don Facundo, wenn ſie gleich nicht oͤffentlich geweſen, bennoch ernſthafte Folgen ha⸗ ben könne, da ich ihn durch die kuͤhle Aufnahme ſeiner Rechtfertigung gewiß auf das Aeußerſte gereizt habe. Sie glaubte, daß er unſerer Ver⸗ einigung Alles entgegenſetzen wuͤrde, und daß wir von ſeinen Ränken viel zu fuͤrchten hätten. Sie rieth mir, während meines Aufenthaltes zu Agreda ein Suſammentreffen mit ihm zu vermeiden, denn, ſeinen ungemeſſenen Stolz nicht gerechnet, ſey er auch, gleich den meiſten Spaniern hoͤhern Adels, von ſehr beſchraͤnkter Anſicht, und mit gluͤhendem Haſſe gegen alle die erfuͤllt, denen er ſich auf irgend eine Weiſe verpflichtet fuͤhle. Er hatte auch einen Sohn, welcher in dem Heere ſtand; das wahre Ebenbild ſeines Vaters. Von ihm duͤrfe ich aber in Hinſicht auf Iſabella nichts fuͤrchten, da ſein Vater ihn mit einem jungen, ſehr reichen Maͤdchen in Agreda verlobt habe. Ihre Vermaͤhlung war nur durch ſeine plötzlich erforderte Abreiſe zu ſeinem Regimente, verhindert worden. In dem Hauſe dieſer edlen Frau hatte ich mehrere Unterredungen mit Iſabella, und nach jeder durfte ich mich mehr und mehr von ihrer innigen Liebe uͤberzeugt halten. 89 Da unſere Art des Familienlebens in Agreda das gewoͤhnlich uͤbliche war, ſo iſt vielleicht eine kurze Beſchreibung deſſelben eigen meiner Leſer nicht unlieb. Zwiſchen ſieben und aht Uhr des Morgens erſcheinen die Diener im Zimmer, die Fenſter⸗ laden zu oͤffnen, und denen die Chocolade zu reichen, welche es vorziehen, dieſelbe im Bette zu trinken. Die aͤlteren Perſonen und die Häup⸗ ter der Familie thun dies gewoͤhnlich. Auf dem Präſentirteller, auf welchem die Chocolade den Herren gereicht wird, befindet ſich gewoͤhnlich, auf einem kleinen ſilbernen Teller, eine gluͤhende Kohle, die Cigarre anzuzuͤnden, denn dieſe folgt immer unmittelbar auf die Chocolade. Dies fullt die Zeit bis acht Uhr. Dann ſteht man in der Regel auf. Die, welche ſehr religiös geſtimmt ſind, eilen nun ſogleich in die Kirche, eine Meſſe zu hoͤren, zu beichten oder das Abendmahl zu nehmen. Wenn ſie nach Hauſe zuruͤckkehren, fruhſtuͤcken ſie. Groͤßtentheils beſteht das Fruͤh⸗ ſtuͤck aus einer gekochten Speiſe oder aus Eiern und Schinken, oder zuweilen auch aus einem Napfe sopas de ajo.*) *) Eine Suppe von Knoblauch, mit etwas Pi⸗ ment in Oel geſotten, und dann, mit etwas Salz vermiſcht, in einen Topf mit kochenbem Waſſer gethan. 90 Die juͤngeren Damen begleiten ihre Mutter dann und wann in die Morgenandacht, doch nicht immer, denn nur des Sonntags wäre die Unterlaſſung des Firchenbeſuches eine Suͤnde. Gehen ſie nicht in Geſellſchaft ihrer Eltern oder Bruder in die Kirche, ſo begleitet ſie ein Be⸗ diente; außer dem Hauſe ſieht man ſie nie allein. Wenn die jungen Damen keine Liebhaberinnen der großen Meſſen ſind, ſo gehen ſie ſehr fruͤh in einer Art von Negligee. Ihr langes Haar fließt dann uͤber die Schuͤltern, ſie tragen ein ſchwarzſeidenes Roͤckchen(basquinna), einen Shawl und eine Mantilla in welche ſie ihr Ge⸗ ſicht ſo feſt einhuͤllen, daß es ganz unmoͤglich iſt, ſie zu erkennen; oder ſie gehen auch wohl in eine der Kirchen, in welchen die Meſſe auf ein Mal geſprochen wird, und wobei die Prieſter die Worte mit einer ſolchen Schnelligkeit auf einan⸗ der folgen laſſen, daß man deutlich ſehen. ſie haben noch nicht gefruͤhſtuͤckt. Dieſen Meſſen wohnen die Damen ſtets in ihren beßten Basquinnas und im Spitzenſchleier bei. Kein Shawl bedeckt ihren Morgenanzug, und hoͤchſtens ein ſeidenes Tuch, geſchmackvoll uͤbergeworfen, entzieht die Reize der Schoönen dem Blicke der Sterblichen. Doch die Geſtalt kann man frei bewundern, und zwiſchen dem —,———— ubrigen Koͤrper und den Armen bleiben noch im⸗ mer kleine Zwiſchenraͤume; obgleich die Ellenbo⸗ gen feſt angepreßt werden, eine Mode, die ich durchaus nicht huͤbſch finden kann, denn ſie hat zu viel von militairiſcher Haltung, und bringt auf jeden Fall eine Steifheit hervor, die nach⸗ wel auf weibliche Anmuth und Grazie wirkt. Für Fremde muß es uͤberraſchend ſeyn, die Dum in dem oben beſchriebenen Anzuge mit⸗ ten in der Kirche mit untergeſchlagenen Fuͤßen, auf ausgebreiteten Matten, oft aber auch auf den bloßen Steinen, auf dem Boden ſitzen, und ſich ſo lange hin und her drehen zu ſehen, bis ſie eine bequeme Stellung ausfindig gemacht. Oft aber hat dies Drehen auch eine ganz andere Bedeutung, denn die Meiſten werden durch ihre Gottesfurcht und Frömmigkeit nicht abgehalten, ihre Bewunderer zu bemerken, die in den Ecken der Kirche ſtehen, tief in ihre Mäntel gewickelt, und gluͤhende oder zaͤrtliche Blicke auf ihre Dul⸗ cineen werfend, auch wohl dann und wann einen Seufzer unterdruͤckend, welcher, der Heiligkeit des Ortes ungeachtet, ihre Bruſt preßte. Iſt die Meſſe voruͤber, ſo eilen dieſe Anbeter an das Weihbecken(pila), tauchen die vorderſten zwei Finger der rechten Hand in das Waſſer, und vieten ſie dann ihrer Erwäͤhlten. Dieſe beruͤhrt —. mit ihrer rechten Hand die des Geliebten, und dankt oft mit einem Blicke, der den Glücklichen für den ganzen übrigen Tag erhlinden machen koͤnnte. MNach neun Uhr ſind die Damen zu Hauſe, und mit ihrer Stickerei oder irgend einer andern Arbeit beſchaͤftigt; denn ich muß den Spanierin⸗ nen die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie, des ſchlechten Beiſpiels, welches ihnen die Maͤnner geben, ungeachtet, nie muͤßig ſind, denn ſelbſt wenn ſie ihre Freundinnen beſuchen, nehmen ſie die Arbeit im Arbeitsbeutel mit.— Nun naht die Zeit, in welcher ſie dieſe Beſuche ab⸗ ſtatten, und da ſtellen ſich denn auch die Her⸗ ren ein, um an der Unterhaltung der Damen Theil zu nehmen. Oft bringen ſie bei dieſer Ge⸗ legenheit auch ihre Freunde mit, welche ſich zu⸗ faͤllig in der Stadt befinden, und ſtets werden dieſe willkommen geheißen. Die Leichtigkeit, mit welcher die Fremden Zutritt erhalten, macht üͤberall den Wechſel der Geſellſchaft mannichfaltiger. Der Klang des großen Beſluenen Moͤrſers, in welchem die Kräuter zu den Saucen ꝛc. ge⸗ ſtoßen werden, verkuͤndet, daß die Stunde des Mittagseſſens ſich nahe. Die Herren greifen hierauf zu ihren Huͤten, und wuͤnſchen den Da⸗ men einen guten Appetit. In der Regel ge⸗ N —— — 93 ſchieht dies um ein Uhr, in einigen Haͤuſern jedoch auch zwiſchen zwei und drei. Unmittel⸗ bar nach dem Mittagseſſen eilt Alles in das Sieſta, ein Gebrauch, den ich noch nicht angenommen hatte, ausgenommen in der allerheißeſten Jahreszeit, wo einem der Kopf ſo eingenommen, und der ganze Koͤrper ſo ermattet iſt, daß es unmoͤglich wird, der Muͤ⸗ digkeit zu widerſtehen. Nachmittags, im Sommer gegen Sonnen⸗ untergang, im Winter um 3 Uhr, erſcheinet Alles wieder, entweder in den Alamedas, oder ſchattigen Gängen an dem Ufer des Fluſſes, oder auf den Tapias, oder den Gaͤngen an der Stadtmauer herum, die gegen den kalten Wind ſchuͤtzt, und doch die Strahlen der Sonne nicht abhaͤlt. Die Wahl zwiſchen Beiden hängt von dem Wetter oder der Jahreszeit ab. Nach dem Spaziergange tritt man in irgend eine botille- ria,*) um Eis zu genießen, oder man geht auch wohl nach Hauſe und trinkt dort ſeine Chocolade. Des Abends wird entweder das Theater oder eine Tertullia beſucht. Die Tertullia Donna Lucias, meiner Wir⸗ thin, war auserleſen und ohne Zwang. Was *) Ein Haus, in welchem gefrorene Getränke zu haben ſind, es in Agreda an angenehmer Geſellſchaft gab, konnte man auch in ihrem Hauſe finden, und die Geſellſchaft war grade in dieſer Zeit zahlrei⸗ cher, als je; denn viele Famillen, welche die Stadt verlaſſen gehabt, waren jetzt dahin zuruck⸗ gekehrt, und hatten noch manche Freunde mitge⸗ bracht. Ihre Hoffnung war durch Marmonts Ruͤckzug nach Burgos neu belebt worden. Der juͤngere Theil unſerer Beſucherinnen, wie alle Spanierinnen, ſehr geſpraͤchig, nahm den einen Theil des Saales ein; neben Einigen ſaßen ihre Bewunderer und lehnten ſich auf ihren Stuhl, oder faͤchelten, wenn ihnen dies vergoͤnnt wurde, die Schoͤnen mit ihren eigenen Faächern. Diejenigen der jungen Maͤnner, welche als ausgezeichnete Guitarrenſpieler bekannt ſind, ha⸗ ben in der Regel zwei bis drei ſchoͤne Bewunderin⸗ nen ihrer Kunſt um ſich, von denen eine ſtets der Gegenſtand ihrer Geſänge iſt. Das Geraͤuſch der vielen verſchiedenen Geſpraäͤche und Stimmen hatte etwas Betaͤubendes, belebte jedoch die Ge⸗ ſchwindigkeit der Zungen und der Unterhaltung. Einzelne junge Maͤnner, wahrſcheinlich von ihren eigenen Heldenthaten ſprechend, bildeten verſchie⸗ dene Gruppen, waͤhrend die aͤlteren ſich um einen großen Tiſch ſetzen, ihr Geld in dem be⸗ 95 in dieſem Kreiſe vielleicht eine juͤngere Dame, ſo wich ihr Anbeter nicht von ihrer Seite, und reichte ihr— den Inhalt ſeiner Boͤrſe, ihr gutes oder boſes Gluͤck damit zu verſuchen. Andere, die nicht verliebt waren, gaben ihr Geld dennoch in die Hand irgend einer Schoͤnen, da ſie waͤhnten, das Gluͤck könne ſich nie von einer liebenswuͤrdigen Sucherin wenden. Ich haßte die Karten, und ſaß daher in— Regel an der Seite meiner Iſabella und der Donna Lucia, mit denen ich mich weniger laut, aber gewiß nicht weniger angenehm, als meine Nachbarn, unterhielt. Zuweilen aber ward ich durch Pfaͤnderſpiele von meinem lieben Platze vertrieben. Dieſe Spiele genauer zu beſchreiben, waͤre uͤberfluͤſſig und langweilig, ich will daher nur ſo viel von ihnen ſagen, daß an ihnen bei weitem der groͤßere Theil der Geſellſchaft ſich er⸗ goͤtzt, und zwar mit einem Eifer, den man nur von Schulknaben erwarten ſollte. Auch der Tanz fuͤut einen Theil des Abends, denn es fehlt nie an Gaͤſten, welche die uͤbrige Geſellſchaft durch ihr Spiel zu verpflichten bereit ſind. So herrſchte in dieſen Tertullias eine Freude, eine Heiterkeit, eine Bewegung, wie%. uͤberall zu finden ſeyn duͤrften. ſind in dieſen kleineren Stibten nicht 96 ſehr haͤufig, deßhalb werden die Damen auf ih⸗ rem Heimwege von einem Bedienten begleitet, der entweder eine Laterne oder eine brennende Fackel traͤgt. Die Maͤnner laſſeh ſich ſelten be⸗ gleiten, obgleich ſie ſich dadurch mancher Gb —. WMittagsmahlzeiten ſind in Gune ſehr ſul⸗ ten, und finden nur bei größern feierlichen Ge⸗ legenheiten Statt, z. B. bei dem Geburtstage des Wirthes, der Wirthin oder auch wohl der Kinder; bei Beforderung eines derſelben zu ei⸗ nem oͤffentlichen Amte; einer Hochzeit; wenn ein Sohn in einen Orden tritt oder eine Wuͤrde von der Univerſitaͤt erhaͤlt; wenn ein Sohn oder eine Tochter nach langer Abweſenheit zuruͤckkehrt oder dergleichen. Doch die dias de campo oder laͤndliche Mittagsmahlzeiten, welche ich bereits in dem erſten Theile dieſer Memoiren beſchrieb, ſind weit haͤufiger. Der Namenstag von Donna Lucias Heil⸗ gem fiel in die Zeit meines Aufenthaltes in ihrem Hauſe. An demſelben erſchienen ihre ſämmtli⸗ chen Freundinnen para dar los dias(um ihr alles moͤgliche Gluͤck zu wuͤnſchen), und ſowohl ſie ſelbſt als ihr ganzes Haus waren außerge⸗ woͤhnlich geſchmuͤckt. Der große Geſellſchafts⸗ ſaal war 6Rr und alle Damaſt⸗Stuͤhle und S 97 Sophas unbezogen. Sie ſelbſt ſaß unter dem Bilde der heiligen Jungfrau, in ein geſchmack⸗ volles weißes Gewand, welches ſie mit eigenen Haͤnden geſtickt hatte, gekleidet. Ein großes Blu⸗ menbouquet, welches ich ihr am Morgen uͤber⸗ reicht, prangte an ihrer linken Bruſtz das Haar ſchmuͤckte die elegante tembleque(diamantene Feder), und in ihrer Hand prangte der geſchmack⸗ volle Faͤcher, einer der werthvollſten Gegenſtaͤnde einer ſpaniſchen Damen⸗Toilette. Konfect, Liqueurs, ſuͤße, ſeltene Weine wur⸗ den den Beſuchern auf prachtvollen oder kunſtrei⸗ chen Schaalen dargereicht, in der Regel Geſchenke von werthen Freunden, welche dieſe oder aͤhnliche Sachen aus fremden Laͤndern mitgebracht hatten. Nahe bei der Eingangsthuͤre ſtand ein Tiſch mit Tinte, Feder und Papier, damit die Beſuchen⸗ den ihre Namen in die Liſte eintragen koͤnnten, welche man aufzubewahren und ſpaͤter als einen Triumphbeweis von dem Glanze eines ſolchen Ta⸗ ges vorzuzeigen pflegt. Waͤhrend des ganzen Morgens, von acht bis ein Uhr, und ſelbſt noch am Nachmittage, wur⸗ den Geſchenke von Eingemachtem und Konfect uberſchickt, welche jedoch dem Empfaͤnger keinen großen Nutzen gewaͤhren, indem die Bedienten, welche ſie uͤberbringen, einen Lohn der gehabten Il. 7 98 Mähe, im Verhaltniß nach dem Range ihrer Herrſchaft, und nicht nach dem Werthe des Ge⸗ ſchenkes, erhalten muͤſſen. 5 Am Nachmittage ward vielen grunden der Donna Lucia ein glaͤnzendes Mittagsmahl gege⸗ ben, auf welches in einem anderen Zimmer ein nicht weniger glaͤnzendes Refresco folgte. So⸗ bald dies geendigt war, was jedoch nicht ſehr fruͤh geſchah, zog ſich die Dienerſchaft zuruͤck, und der Tanz begann, und waͤhrte bis ſpat in * Nacht hinein. 99 Siebentes Kapitel. Eines Tages, als ich mit Iſabella allein war und ihrer lieblichen Stimme lauſchte, die ſie ſelbſt mit der Guitarre begleitete, bat ich ſie, mir das reizende Liedchen: Vivir en cadenas Que triste es vivir! Morir por la patria Que dulce es morir! zu ſingen. Unter einer Bebingung, entgegnete ſi ſie Die iſt zugeſtanden, rief ich. Wie, fragte ſie, biſt Du ſo raſch etwas zu verſprechen, ohne noch zu wiſſen, was es iſt? Du wirſt nichts von mir fordern, erwiederte ich, was ich nicht gern teiſtete was ver⸗ Du? Daß Du mir die Geſchichte Deines Lebens vor unſerer Bekanntſchaft erzählſt. Ich fuͤrchte nur, antwortete ich, daß ſie Dich gar wenig befriedigen wird. Sie unterſcheidet ſich in nichts von der Leſe anderer ſcher Knaben. Doch ich moͤchte, entgegnete ſie, etwas von dem ehrwuͤrdigen Pater Mantilla hoͤren, und 7* X 100 uͤberhaupt n einielne Zuͤge aus Deinem Leben. Ich gehorchte ihren Wuͤnſchen, und begann nun: 3 Wiährend meiner etſten Kinderjahre bemerkte meine Mutter ſonder Zweifel eine deutliche Nei⸗ gung zum geiſtlichen Stande in mir, deshalb er⸗ hielt ich den Anzug eines Kardinals, und Rai⸗ mundo, der von jeher an allem Lebhaften, Krie⸗ geriſchen einen beſonderen Gefallen fand, den eines Huſarenoffiziers. Es war gar nichts Ungewöhnliches, den ſcharlachrothen Monſignor Arm in Arm mit dem munteren Huſarenoffizier auf oͤffentlichen Spaziergaͤngen, oder auch wohl Beide im Hand⸗ gemenge zu ſehen, bis Einer uͤber den Andern hinwegrollte. Die Gewohnheit, die Kinber ſo auffallend zu kleiden, war damals noch weit uͤblicher als jetzt. Die meiſten Knaben erſchienen als Bruͤber Franziskaner, Kapuziner, Dominikaner ꝛc., die Söhne Vornehmerer aber als Kardinäle, Bi⸗ ſchoͤfe ꝛc., und die Soͤhne der Krieger und ande⸗ rer Edelleute in allen Uniformen der verſchiede⸗ nen Regimenter, und machten ſich dabei ſo breit, als gehoͤrten ſie wirklich ſchon unter die Zahl der Offiziere Sr. katholiſchen Majeſtät. 101 unter den vrerſchiedenen Ehrenbezeigungen, welche meine Kardinalskleidung mir zuwandte, war es nicht die geringſte, daß ich bei der gro⸗ ßen Prozeſſion des Frohnleichnamsfeſtes als einer der heiligen Engel erſchien. An dem glaͤnzenden Tage wallte mein langes, lichtbraunes Haar, das ich bei meiner Kardinalstracht ſtets ſorgfaͤl⸗ tig verbergen mußte, frei Kber meine Schultern herab. Ein prachtvolles Kleid von Goldſtoff be⸗ deckte meinen kleinen Koͤrper nur bis zu den Knieen. Eine Binde von hellblauer Seide fiel von der Schulter herab, und ſchlang ſich um meinen Leib, die Enden aber flatterten frei in der Luft. Ein Paar ſilbergeſtickte Schuhe wurden mit einem farbigen Bande an meinen bloßen Fuͤßen befeſtigt. Auf den Kopf ward mir eine glaͤnzende Krone mit allerhand falſchen Steinen geſetzt, und an meinen Schultern waren zwei ungeheure Fluͤgel befeſtigt, aus den winſtn Federn ver⸗ fertigt. So geſchmuͤckt, ward ich in die gathedrat⸗ gefuͤhrt, von wo die Prozeſſit ion beginnen ſollte. Hier ward ich mit drei anderen, eben ſo geklei⸗ deten Kindern, an die Ecke eines hochſt pracht⸗ vollen Tempels geſtellt, in deſſen Mitte der Hei⸗ land ſich befand, in einem Gewande von Silber⸗ ſoff⸗ mit werthvollen Brillanten geziert, 102 . mit brennenden Kerzen umſtellt und mit Schnuͤ⸗ ren kleiner Silberglocken und Blumengewinden umhangen. Unter allen dieſen ſchoͤnen Dingen hielt ich aber dennoch mein kleines Selbſt fuͤr das ſchoͤnſte, und dieſer Glaube war auch in der 1 That nothwendig, ſollte mein Muth und meine 1 Geduld nicht waͤhrend der fuͤnf Stunden ermat⸗ ten, die ich auf den Knieen liegen mußte, die Haͤnde, wie zur Anbetung erhoben, aber dabei unbeweglich, wie eine Wachsſigur. Die Prozeſſion verließ die Kathedrale mit dem Schlage der zehnten Stunde. Eine Gruppe von Taͤnzern, in aͤhnlicher Kleidung, wie die meinige, doch nicht ſo reich und ohne Fluͤgel, eroͤffnete ſie. Sie fuͤhrten einen reizenden Tanz aus, und begleiteten ihre Bewegungen mit dem Tone der Caſtagnetten. Dieſe Taͤ zum innern Dienſt der Kathedrale beſtimmt. Ihnen folgten die Verbruͤderungen ſaͤmmtlicher Orden, welche Ktöſter in Valladolid haben. Dann 1 folgten eine Menge Reliquien, welche der Ka⸗ 1 thedrale gehörten, in ſilbernen oder goldenen 1 Kaͤſtchen. Jede einzelne ſtand auf einem Geruͤſte, welches von Maͤnnern, die unter deſſen Umhaͤn⸗ gen verborgen waren, fortbewegt ward. Hierauf kamen die Heiligen der angeſehenſten Kirchen, ſind gewöhnlich Knaben von 10 bis 14 Jahre 3 „ 103 von ihren Pfarrern, Prieſtern und Kaplanen begleitet. Dieſen folgten ſämmtliche Prähenda⸗ ren und Canonici, mit ihren Unterbedienten. Dann kam der ſilberne Tempel, von dem ich oben bereits ſprach. Er bewegte ſich vorwaͤrts, ohne daß man bemerken konnte, wie⸗ da die Maͤnner, welche ihn ſchoben, verborgen waren. Hinter dem Tempel ging der Biſchof, mit ſei⸗ nem Kirchenausſchuſſe. Dann folgten die ninnos de coro(Choriſten), mit einem vollſtändigen Orcheſter, ſpaniſche Hymnen ſingend. Den Be⸗ ſchluß der Prozeſſion machte eine Abtheilung Soldaten in ihrer Staatsuniform, und eine un⸗ zaͤhlige Menge Volkes. Die Straßen, durch welche die Prozeſſion ing, waren alle mit Sand, Laub, Lorbeeren und Blumen beſtreut. Die Haͤuſer waren mit ſeidenen Tapeten von verſchiedener Farbe ge⸗ ſchmuͤckt, und auf den Balkons ſtanden pracht⸗ volle Spiegel, welche das Licht von tauſend Ker⸗ zen wiederſtrahlten. Die Kaufläden des Haupt⸗ platzes und der verſchiedenen Straßen waren wie Kapellen geſchmuͤckt; jede hatte ihren Altar. Auch mitten auf der Straße waren mehrere elegante Kapellen errichtet. Alle die nahegelegenen Stra⸗ ßen waren mit gruͤnem Laube und Blumenge⸗ winden geſchmackvoll verziert. 104 Sobald der Heiland ſich nahete, ſanken die e welche zu beiden Seiten der Straße ein Spalier bildeten, und das Volk, auf der Straße und in den Fenſtern, auf die Knie, und ſtanden erſt wieder auf, wenn wir ihnen aus dem Geſichte waren. Was mich betrifft, ſo war ich in nicht geringer Gefahr, unter den Blumen, Kraͤnzen und Gewinden, die aus den Fenſtern eewotfen wurden, mein Grab zu finden. Als wir die Kathedrale verließen, und als n dahin zuruͤckkehrten, ward dies durch das Gelaͤute aller Glocken verkuͤndet; die Muſik des Militairs ſtimmte in die Hymnen der Sänger ein, und auf den Wilen ward das Geſchuͤtz abgefeuert. Als die Prozeſſion und die uͤbrigen Feier⸗ lichkeiten geendet waren, beſchenkten der Biſchof und die Praͤbendaren die„lieben kleinen Engel“ mit Konfect und anderen Suͤßigkeiten, und fuͤhr⸗ ten ſie dann den Kuͤſſen der anweſenden Damen zu. Nachdem ich von Mund zu Mund gegan⸗ gen und weicher geworden, als eine reife Feige, erhielt ich die Erlaubniß, nach Hauſe zu gehen. Meue, zahlreiche Umarmungen meiner Eltern und deren verſammleter Freunde erwarteten mich hier abermals, denn mein Vater pflegte alljaͤhrlich an dieſem Tage ein Feſt zu geben, bei dem Al⸗ Se—————— 105 les aufs Glänzendſte zuging, und wo, nach dem ſpaniſchen Sprichworte, das Haus zu den Fen⸗ ſtern hinausgetragen ward.*) Auf das Mittags⸗ mahl folgte ein Refresco, auf das Refresco ein glänzender Ball, und waͤhrend dieſer ganzen Zeit durfte ich, zu meinem großen in meiner Engelskleidung bleiben. Als Raimundo und ich im Leſen und Scih ben einige Fortſchritte gemacht hatten, kamen wir in eine Schule unter der Aufſicht der koͤnigli⸗ chen Geſellſchaft, zu deren Stiftern mein Vater gehoͤrte. Wir waren hieruͤber ſehr froh, denn unſere Hauslehrer hatten wir uͤberdruͤſſig, und waͤhnten auch, wir wuͤrden in der Schule, als die Soͤhne eines der Schulvorſteher, auf eine ganz ausgezeichnete Behandlung Anſpruch machen duͤrfen. Wir hatten uns hierin auch wirklich nicht getaͤuſcht, denn unſer Schulherr, Don Enriquez, zeigte eine ſolche Vorliebe fuͤr uns, daß unſere Mitſchuͤler uns bald zu haſſen an⸗ fingen, doch als wir uns ſpäter unſeres Einfluſ⸗ ſes bedienten, einige von ihnen von der zuer⸗ kannten Strafe frei zu machen, da betrachteten ſie uns nicht mehr wie verabſcheuungswerthe *) Tirar la casa por la ventana! wird ge⸗ braucht, um den eines Feſtes zu beſchreiben. 106 Guͤnſtlinge des Lehrers, ſondern wie ihre Fuͤr⸗ ſprecher. In dieſer Schule bewarb ich mich zuerſt um einen der Preiſe, welche die koͤnigliche Akademie austheilen ließ. Die Vertheilung fand in dem Konſſſorio Statt, in Gegenwart des General⸗Kapitains, des Biſchofs, des Magiſtrates, der vornehmſten Einwohner und der ſchonſten Frauen der Stadt. Der ſehr große Saal war mit Blumengewinden und Lorbeerkränzen verziert. Unter einem pracht⸗ vollen Baldachin war am äußerſten Ende deſſel⸗ ben der Sttz des Präſidenten der Akademie. Vor ihm ſtand eine lange Tafel mit Präſentir⸗ tellern, auf denen die goldenen und ſilbernen Medaillen lagen, welche er, an verſchiedenfarbi⸗ gen ſeidenen Schleifen haͤngend, auf der linken Bruſt der Preiserwerber befeſtigte. Auf eben dieſem Tiſche lagen auch unſere Arbeiten, welche zur allgemeinen Anſicht herumgereicht wurden. Am andern Ende des Saales, dem Präſidenten gegenuber, ſtanden Seſſel, fuͤr die Jugend bei⸗ derlei Geſchlechtes beſtimmt, welche ſich um die Preiſe bewarb. Die Knaben waren hier durch eine leichte Scheidewand von den Maͤdchen ge⸗ trennt. Die Sitze an beiden Seiten des Saales nahmen die Eltern, Verwandte und Freunde der Kinder oder ſonſtige Zuſchauer ein. 107 Der Präſident eroͤffnete die Sitzung durch eine Rede, in welcher er einen gedraͤngten Ab⸗ riß von der Geſchichte des Inſtiturs gab, die Vortheile zeigte, die es hervorgebracht und die er mit einem Lobe von dem Verdienſte der Kan⸗ didaten ſchloß. Auch einige andere Mitglieder der Akademie hielten noch Reden, deren Gegen⸗ ſtand Ermunterung zu Betreibung der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften war. Dann folgte die Ver⸗ theilung der Preiſe. Drei Jahre ſpaͤter erhielt ich drei Preiſe zu gleicher Zeit. Einen fuͤr Geographie, den zwei⸗ ten fuͤr Geſchichte und den dritten fuͤr das Zeichnen. Dieſer letzte wurde als einer der hoͤch⸗ ſten betrachtet, und nur ſehr ſelten ertheilt, da⸗ her ward er ein außergewoͤhnlicher genannt. Un⸗ moͤglich kann ich die Freude beſchreiben, die ich damals empfand. Doch das weiß ich noch, daß der Präſident, um meinen Eifer und Fleiß fuͤr die Zukunft noch mehr anzuſpornen, dieſen drei Preiſen vor allen uͤbrigen den Vorzug gab. Die allgemeine Theilnahme war ſo groß, daß ich im buchſtaͤblichen Sinne des Wortes aus einem Aeme in den andern flog; dabei ertoͤnte der ſchmetternde Tuſch der Trompeten, und von allen Seiten ward ich mit Blumen uͤberſchuͤttet. Hierauf wurden auch die andern Kandibaten 6 108 nacheinander aufgerufen, zuerſt ein Mädchen, und dann ein Knabe, und jedes von ihnen er⸗ hielt ſein reichliches Theil an Lob und Kuͤſſen, obgleich bei weitem nicht'ſo reichlich, als ich. Fetzt aber muß ich Deine Aufmerkſamkeit auf andere Gegenſtaͤnde lenken. Mein angeblicher Vater, Don Ignacio, deſ⸗ ſen religiöſe Gefuͤhle nicht weniger ſtark als auf⸗ richtig waren, pflegte den Uebungen der ſogenann⸗ ten Schule Chriſti beizuwohnen. Dieſe Uebun⸗ gen beſtehen in Meditationen uͤber verſchiedene religisſe Gegenſtaͤnde. Die Schule ward durch alle Klaſſen von Perſonen gebildet, welche ihre Wohnungen verließen, ſich dann in dem Gebaͤude des heiligen Philipp von Neri verſammleten, und ſich hier freiwillig einem Präſidenten unter⸗ warfen. Dieſer, ein Prieſter, Namens Man⸗ tilla, verband mit einem kuͤhnen und kräftigen Geiſte, eine tiefe wiſſenſchaftliche Bildung. Er hatte ſich uͤber die angeſehenſten und reichſten Einwohner einen bedeutenden Einfluß zu verſchaf⸗ fen gewußt, und ward das vorzuͤglichſte Mitglied vieſes Oratorio's, wo ſeine lebhaften, beredten Predigten die allgemeinſte Aufmerkſamkeit erreg⸗ ten. Durch ſeine enthuſiaſtiſche Beſchreibung des Himmels oder der Höoͤlle erfullte er ſeine Zuhoͤrer mit Entſetzen oder Hoffnung, ganz nach 109 ſeinem Willen, und dann, wenn er die ganze Verſammlung in ſeiner Gewalt ſahe, wurde ſeine Stimme lauter und lauter, ſeine Worte leiden⸗ ſchaftlicher und leidenſchaftlicher, bis ſeine Rede ſich zuletzt in Thraͤnen und Seufzer aufloͤſtte, und alle Zuhoͤrer mit einſtimmten in ſein Weinen und Jammern. Aber der Einfluß, den dieſer Pfaffe ſich uͤber die vornehmſten Einwohner erworben, be⸗ ſchraͤnkte ſich nicht blos auf die Angelegenheiten ihrer Seele; auch auf haͤusliche und Familien⸗ Verhältniſſe aͤußerte ſich deſſen Wirkung. Unter dem Vorwande des Gewiſſensrathes, draͤngte er ſich in die Familien, und zerſtorte mehr als ein Mal deren Ruhe, indem er in dem Geiſte der Maͤnner einen Argwohn zu erregen wußte, der ihre Ehre beleidigte. Aehnliches geſchah auch in unſerer Familie. Als unſer Beichtvater und Ge⸗ wiſſensrath hatte er uns daran gewoͤhnt, daß er kommen konnte, wann er wollte. Bei einem dieſer Beſuche traf er mit einem jungen Geiſt⸗ lichen zuſammen, einem Bekannten von uns, der fuͤr gewoͤhnlich in einem benachbarten Dorfe wohnte, aber oͤfters nach der Stadt kam, rinige Tage in Geſellſchaft ſeiner Freunde zu verleben. Gewoͤhnlich trat er dann in unſerem Hauſe ab, und da er ein wahrhaft achtungswerther Menſch 110 war, ward er bald unſer aller Liebling. Der Pater Mantilla ſah auf den Einfluß, den Don Pedro nach und nach uͤber uns Alle gewann, mit eben der Eiferſucht, wie eine Dame auf das Herz ihres Liebhabers, und mochte es nicht dul⸗ den, daß durch ihn Eingriffe in das geſchähen, was er wie ſein Privilegium betrachtete. Er erſann daher die ſchändlichſten Verläumdungen gegen Don Pedro. Der Schein der Heiligkeit, den der Pater um ſeine Perſon zu verbreiten ge⸗ wußt, und die Lebhaftigkeit ſeines Gegners, ga⸗ ben ſeinen Worten etwas Glaubhaftes, und er⸗ regten wirklich in meines Vaters Gemuͤth Arg⸗ wohn gegen die Aufrichtigkeit von Don Pedros Geſinnungen. Die anfanglichen leiſen Zweifel wuchſen unter der ſteten Bearbeitung des Pater Mantilla, welcher meinen Vater zu bereden ſuchte, Pedro das Haus zu verbieten, da dies das einzige Mittel ſey, die Ruhe und Ehre meiner Mutter zu retten. um dieſen Vorſatz deſto ſicherer auszufuͤhren, mußte auch meine Mutter gewonnen werden, dies Geſchaͤft nahm er ſelbſt uͤber ſich, indem er ſich die meiſte Fähigkeit zutraute, eine Sache wahrſcheinlich zu machen, und ſollte es auch durch Beweismittel eigener Erfindung geſchehen. Er erzählte daher meiner Mutter, Don Pedros 111 Charakter ſey ſo zweideutig, daß die Klugheit es heiſche, die Thuͤr vor ihm zu ſchließen. Und zum Beweiſe folgten nun eine Menge Thatſachen, die nur ſeiner Verlaͤumdung ihre Entſtehung ver⸗ dankten. Donna Thereſa, die in dem Betragen Don Pedros nie auch nur die leiſeſte Unanſtaͤn⸗ digkeit bemerkt hatte, war uͤber die Rede des Paters hoͤchſt erſtaunt. Sie, die nie geduldet haben wuͤrde, daß ein Fremder beleidigt werde, konnte dies um ſo weniger, wo die Beleidigung einem Geiſtlichen und einem Freunde galt, und widerſetzte ſich daher dem Antrage ohne Ruͤckhalt. Dieſen Widerſtand ſchilderte der Pater meinem Vater als einen deutlichen Beweis der Liebe meiner Mutter zu Don Pedro, und ſchloß ſeine Ermahnungsrede mit der Behauptung, daß es jetzt unumgaͤnglich nothwendig ſey, Pedro das Haus zu verbieten. Mein Vater war unentſchloſſen, aber vie⸗ noch vermochte er nicht, gegen eine Gattin, in deren Treue er das feſteſte Vertrauen ſetzte, und gegen einen Freund, gegen den weiter nichts ſprach, als die Anklage des Pater Mantilla, ſo ungerecht zu handeln. Er verwarf daher den Antrag. Mantilla aber war nicht der Mann, der einen einmal gefaßten Vorſatz ſo leicht wie⸗ der aufgegeben häͤtte, und er gab daher dem u2 Don Pedro durch einen Dritten zu verſtehen, daß ſeine Beſuche meinem e wären. Don Pedro kam nicht wieder, doch er ſchricb meinen Eltern einen Brief, in dem er uͤber die Kraͤnkung, welche ihm widerfahren, klagte. Donna Thereſa war natuͤrlich ſehr uͤberraſcht, und glaubte, mein Vater habe ſowohl gegen Don Pedro, als gegen ſie ſelbſt, hinterliſtig gehandelt, und konnte deshalb, beleidigt wie ſie ſich fühlte, einen Vorwurf nicht unterdruͤcken. Anfangs verſuchte mein Vater ſich zu rechtfertigen und meine Mutter zu uͤberzeugen, daß er Don Pedro kei⸗ neswegs einen ſolchen Wink habe geben laſſen. Pater Mantilla ſetzte ſeine Einfluͤſterungen indeſ⸗ ſen noch immer fort, und täglich begann nun der Ehehimmel meiner Eltern truͤber zu werden, bis endlich nichts mehr zu ſehen und zu hoͤren war, als bittere Klagen und bittere Thränen. So gelang es dieſem Gewiſſensrathe, die Ruhe und das Gluͤck zweier Gatten zu ſtoͤren, die ſich fruͤher nie ein unfreundliches Wort geſagt hatten. Kurze Zeit hierauf ward der Pater Mantilla zum Biſchofe von Mechnacan ernannt. Doch er befand ſich zu wohl in dieſem Theile der Welt, wo er uͤber eine Menge der reichſten Leute eine faſt unumſchränkte Gewalt ausuͤbte. Er hielt 113 hielt es daher gerathener, den Krummſtab aus⸗ zuſchlagen, und nicht uͤber das Meer zu ſchiffen, wo er vielleicht mehrere Entſagungen haͤtte er⸗ tragen muͤſſen, an die er ſich bei ſeiner bisherigen Lebensart durchaus nicht gewoͤhnt hatte. Er ſuchte aber ſeiner Entſagung den Schein der groͤßten Demuth zu geben, und der unverſtän⸗ dige Haufe ſchrie ihn nun fuͤr einen Heiligen aus. Die ganze Stadt ward ſeinetwegen illumi⸗ nirt, und ſeiner Wohnung gegenuͤber wurden große Feuerwerke abgebrannt. Laut rief die Menge, daß er auf dem Balkon erſcheinen ſolle. Doch ſeine Beſcheidenheit ließ ihn dieſen Wunſch des Volkes nicht erfuͤllen. Er verließ ſein Haus durch eine Hinterthuͤr, und kam zu uns, wie er ſagte, um zwei Menſchen zu verſohnen, zwi⸗ ſchen denen kein Zwiſt hätte beſtehen ſollen. Daß er ſelbſt dieſen Zwiſt erſt angefacht, bedachte er dabei wahrſcheinlich nicht. Seine anſcheinende Guͤte ruͤhrte meine Eltern ſo ſehr, daß ſie ſo⸗ gleich verſoͤhnt einander in die Arme, und dann ihm zu Fuͤßen ſanken, um ſeine Verzeihung zu bitten, daß ſie ſeinem Rathe nicht eher folgten. Und zur Suͤhne ihrer Schuld legte meine Mut⸗ ter das Geluͤbde ab, während ſechs Monaten das Gewand der heiligen Thereſa zu tragen. Dies beſtand aus einer Art ſchwarzer Tunika, . 8 114 welche den ganzen Körper verhuͤllte, und in der Mitte durch einen Guͤrtel gehalten ward, von welchem ein Roſenkranz herabhing; ein Streifen Tuch, von der Breite der Schultern, welches das Scapular hieß, hing vorn und hinten bis zu den Fuͤßen hinab, und war oben mit einer Kaputze verſehen, an der ein Schleier befeſtigt war. Mein Vater beſchloß, die heilige Woche in dem Kapuziner⸗Kloſter zuzubringen, wohin ſich oͤfters mehrere Edelleute, eben ſo wie in die Chriſtſchule zuruͤckzogen, um ihre Zeit religioͤſen Beſchaͤftigungen und Betrachtungen zu widmen. Raimundo und ich beſuchten meinen Vater während dieſer Zeit, und die guͤtigen Bruͤder ladeten uns ein, zwei Tage bei ihnen zu bleiben. Mit dem groͤßten Vergnuͤgen thaten wir dies, denn die guten Moͤnche liebkoſeten uns immer, und— es war uns noch uͤberdies etwas Neues. Die äußerſte Strenge herrſchte bei allen religiſen Verrichtungen. Durch den Ton einer großen Glocke gerufen, verſammleten ſich Alle ſchon um 5 Uhr des Morgens in der Kirche. Bei ihren Zuſammenkuͤnften, ſelbſt bei ihren Mahtzeiten herrſchte das tiefſte Schweigen, und nur waͤhrend einer Stunde des w es gebrochen weiden⸗ 115 Wir wohnten allen kirchlichen Feierlichkeiten bei, und wurden von Ehrfurcht durchdrungen. In der Nacht ward die Grabesſtille dann und wann durch die einzelnen tiefen Stimmen der Moͤnche unterbrochen, welche das Miſerere ſan⸗ gen. Noch ehe der erſte Theil deſſelben geendigt, wurden die wenigen Lampen, die bis dahin in der Kirche gebrannt, ausgelöſcht, und Moͤnche und Buͤßende begannen, nachdem ſie ihre Ruͤk⸗ ken entblößt, ſich zu geißeln. Je laͤnger dies dauerte, deſto lauter wurden ihre Stimmen, deſto ſtaͤrker toͤnten die Geißelſchlage, bis nach etwa 20 Minuten die Moͤnche anhielten, und man nun nichts mehr hoͤren konnte, als Aechzen und Stöhnen. Dann entfernten ſich Alle. Nachdem wir hiervon Zeugen geweſen waren, kehrten wir nach Hauſe zuruͤck, das Herz mit dem ſtaͤrkſten Aberglauben erfuͤllt. Das Beiſpiel, welches wir von unſeren Verwandten, von unſe⸗ tem eigenen Vater erhalten, das viele Gute, wel⸗ ches wir von einem heiligen Leben gehoͤrt, erregte in uns Beldeß den glühenden Wunſch, ſogleich ſelbſt ein ſolhhes heiliges Leben zu beginnen. 4 Zc verſchiedenen Zeiten hatten wir von un⸗ ſerem Water hoͤlzerne Heiligenbilder, ſuien und dergleichen erhalten. Mit dieſens Bildern ſchmuͤckten wir einen Altar, den wir uns in einem . 8* 116 entlegenen Zimmer des Hauſes, welches uns ganz uͤberlaſſen worden, errichteten. Dort wiederhol⸗ ten wir nun die verſchiedenen Religionsuͤbungen, von denen wir waͤhrend des Tages Zeugen gewe⸗ ſen, und zogen auch noch zwei Schulfreunde hinzu, die wir beredeten, ebenfalls Heilige zu wer⸗ den. Von dieſem Augenblicke an gaben wir alle Knabenſtreiche auf, die wir bis dahin mit dem groͤßten Vergnuͤgen ausgeuͤbt, und jede Stunde, die wir nicht dem Unterrichte widmen mußten, brachten wir in jenem Zimmer zu, wo wir wech⸗ ſelsweiſe die Meſſe laſen, und die Prieſter in allen ihren Beſchäftigungen und Bewegungen nach⸗ ahmten. n Eines Tages, als wir wieder auf dieſe Weiſe verſammelet waren, ſchlug Raimundo vor, dem Beiſpiele des heiligen Antonius, Hieronymus ꝛc. zu folgen, und uns in irgend eine Höhle oder Wildniß zu fluͤchten, um dort zu beten und zu faſten, ohne ſtete Unterbrechungen befuͤrchten zu muͤſſen. Der Vorſchlag war zu abentheuerlich, um nicht bei uns ſogleich Beifall zu finden. Schon am folgenden Tage fuͤhrten wir unſeren heiligen Vor⸗ ſatz aus; doch dienten die unerwarteten und un⸗ gewohnten Entſagungen und Entbehrungen, denen wir entgegengingen, nur dazu, uns die Luſt zu —— ———— —,— „—————————— 117 dem Heiligenleben ganz und gar zu benehmen. Nichts weiter von dieſer Thorheit! Rur das wili ich Dir ſagen, daß wir nach zwei Tagen zu un⸗ ſeren bekuͤmmerten Eltern zuruckkehrten, von unſe⸗ rem Geſchmacke fuͤr Höhlen, Wuͤſten und trockene Wurzeln gaͤnzlich geheilt. Bald darauf ereignete ſich etwas, das mich leicht zum Fuͤrſt Primas von Spanien, oder gar zum Papſte hätte machen können, haͤtte ich nicht ſpaͤter alle Luſt zum geiſtlichen Stande verloren. Unter den Guͤtern unſerer Familie war auch eine Kirchenpfruͤnde, und Raimundo deren Erbe in unſerer Generation, doch Don Ignacio beab⸗ ſichtigte, ſie auf mich uͤberzutragen. Da er uns aber oft, und beſonders in Dingen von ſolcher Wichtigkeit, unſeren eigenen freien Willen ließ, ſo fragte er mich vorher um meine Meinung. Durch den Einfluß beſtochen, den ich mit meinen kindiſchen Augen Andre gewinnen ſahe, wenn ſie von dem Biſchofe die Tonſur empfingen, war ich ſogleich zu der Annahme des Vorſchlages bereit; kaum horte ich, wovon die Rede ſey, als ich mich in Gedanken wenigſtens ſchon als Bi⸗ ſchof ſahe.— Wer weiß, ſagte ich zu mir ſelbſt, ob ich nicht, wenn ich erſt Biſchof bin, auch noch Kardinal werde, und von dort bis zum Papſt iſt nur ein Schritt. Die Stufenfolge 118 ſchien mir ſehr naturlich, und wenigſtens beſaß ich ſchon jetzt den hinreichenden Ehrgeiz, nach dem Sitze im Vatikan zu ſtreben. Der Tag, an dem ich die Tonſur erhalten ſollte, war beſtimmt, und fruͤh des Morgens ging ich, nur von einem vertrauten Freunde meines Vaters begleitet, zu dem Palaſte des Biſchofs. Mehrere von deſſen Pagen empfingen uns am Eingange, und fuͤhrten uns durch eine Reihe prachtvoller Zimmer in einen großen Saal mit Glasthuͤren. Neben dieſen ſtanden, unter großen Spiegeln mit ſilbernen Rahmen, kleine vergoldete Tiſche. An deren Seiten waren mehrere esca- parates*) mit werthvollen Steinen, Merkwuͤr⸗ digkeiten und heiligen Reliquien angefuͤllt, mit deren Betrachtung wir uns unterhielten. In die⸗ ſem Saale waren auch mehrere Prieſter, deren ernſte, finſtere Geſichter ſich nicht dazu eigneten, die Unbehaglichkeit, die ich ohnehin ſchon em⸗ pfand, zu mindern. Die Ueberzeugung, daß mich der Biſchof uͤber verſchiedene religioͤſe Punkte be⸗ fragen werde, und die Furcht, als unwiſſend zu erſcheinen, aͤngſtete mich ebenfalls nicht wenig. Nach etwa einer halben Stunde ließ der Bi⸗ ſchof ſagen, daß er uns erwarte, und wir naͤ⸗ *) Kleine Kabinette, welche durch Glasthuͤren ge⸗ ſchloſſen ſind. W— —,—— ——— 119 herten uns Alle ſeinem Zimmer. Ich zitterte, als ich es betrat. Es war ein prachtvoll ausge⸗ ſchmuͤcktes Gemach, und am Ende deſſelben ſaß der Biſchof, auf einem damaſtenen Armſtuhle, unter einem Baldachin von veilchenblauem Sam⸗ met, reich geſtickt und mit ſtarken goldenen Fran⸗ gen verziert. Ein großes Sammetkiſſen trug ſeine Fuͤße. In der Mitte des Zimmers ſtand ein Tiſch mit einem praͤchtigen Umhange, und darauf ein goldenes Erucifir, an jeder Seite eine brennende Wachskerze, und davor ein dickes, reich eingebundenes Buch. Vor dem Tiſche lag ein ſammetnes Kiſſen, dem ähnlich, auf dem des Biſchofs Fuͤße ruheten. Nachdem ich den Ring geküßt hatte, ſtellte ich mich, um gefragt zu werden, vor den Bi⸗ ſchof. Die erſte Frage, die die Sennoria ilu- strisima an mich richtete, war, ob ich das Kredo kenne. Ich hatte erwartet über einen weit wich⸗ tigern, verwickeltern Gegenſtand befragt zu wer⸗ oen, und gerieth daher wirklich in eine ſo große Verlegenheit, daß ich nur ſtockend antwortete: Ja! Als ich nun das Kredo und das Paterno⸗ ſter hergeſagt, erklärte ſich der Biſchof bereit, mir die Tonſur zu geben. Er ſtand auf und naͤherte ſich dem Tiſche in der Mitte des Zim⸗ mers; einer der anweſenden Geiſtlichen ergriff 120 meine Hand, fuͤhrte mich zu dem Kiſſen, und befahl mir niederzuknieen. Ich that dies; der Biſchof ſagte hierauf halblaut einige Gebete, ſchnitt mir dann mitten auf dem Wirbel einen Buͤſchel Haare ab, und gab mir ſeinen Segen. Ich verließ nun ſeinen Palaſt, um nach dem des heiligen Philipp Neri zu gehen, wo ich beich⸗ tete und zum erſten Male in meinem Leben das Abendmahl empfing. Dann kehrte ich nach Hauſe zuruͤck. Hier erwarteten mich in meinem Zimmer mein prie⸗ ſterliches Gewand und der Barbier, welcher die Tonſut vollenden ſollte. Er ſchor mir einen Fleck kahl, der nicht groͤßer war, als ein Schilling. Dann zog ich einen ſchwarzen Prieſterrock an, daruͤber einen ſeidenen, ebenfalls ſchwarzen Rock, und ſetzte einen Hut auf, deſſen Rand reichlich ſo groß war, als ein Sonnenſchirm. In dieſem Anzuge, uͤber den mein Bruder Raimundo tau⸗ ſend luſtige Spaͤße nicht unterdruͤcken konnte, ging ich nun nach dem Geſellſchaftszimmer, mich meinen Eltern, meinen Schweſtern und den Freun⸗ den zu zeigen, welche zur Feier dieſes neuen Ab⸗ ſchnittes in meinem Leben eingeladen worden. Raimundo ſollte zu jener Zeit grade in das ſchottiſche Kollegium kommen, um die lebenden Sprachen zu lernen, die dort faſt alle gelehrt 121 wurden, und es ward daher am wedmiigſten gehalten, daß wir das elterliche Haus zu glei⸗ cher Zeit verließen. Die Feigen, Roſinen und anderen Suͤßigkeiten, welche ich bei jedem Be⸗ ſuche in dem Benediktinerkloſter erhielt, waren kein kleines Reizmittel, und ich fand es daher gar nicht unrecht, ſchon jetzt fuͤr immer in das Kollegium jenes Kloſters zu kommen, wo Kna⸗ ben, die fuͤr die Univerſität beſtimmt ſind, den Elementaruntericht empfangen. Ich hoffte dort mein reichliches Theil von alle den ſchoͤnen Din⸗ gen zu erhalten, die ich ſo oft geſehen hatte. Doch ach!— wie truͤgeriſch ſind die Gedanken des Menſchen.— Ich fand, daß es in der Speiſekammer des Kloſters auch noch andere Dinge gebe, als getrocknete Feigen und Roſinen, wie ich es mir mit taͤuſchenden Farben gemalt. Bald ſah ich, daß trockenes Brod zum Mittags⸗ eſſen, und Geißelhiebe zum nichts un⸗ gewoͤhnliches waͤren. An dem Tage meiner Aufnahme fuͤhrten mich meine Lehrer auf mein Zimmer, eine kleine Zelle, zehn Fuß lang und ſechs breit, und eben groß genug, mein Bett, einen Tiſch, einen Stuhl und meinen Koffer zu umfaſſen. Hier uͤberga⸗ ben ſie mich Bautiſta, dem Burſchen, der die Dienſte eines Hausmaͤdchens verrichtete. Er zeigte 122 mir, wie ich mein Bett machen und meine Kleider ausklopfen, und dann auch, wie ich meine Zelle und den Raum des Ganges davor, der zu ihr gehoͤrte, ausfegen muͤſſe.— Halten dieſe Mönche, ſagte ich zu mir ſelbſt, Dich denn fuͤr den Aufwärter in einem Gaſthauſe? Die Schule war in drei Klaſſen gecheilt. Zu der erſten gehoͤrten die, welche Rhetorik und ſchöne Wiſſenſchaften ſtudirten, und welche ge⸗ nug Latein wußten, um die roͤmiſchen Klaſſiker zu verſtehen. Dieſe Klaſſe ſtand unter der un⸗ mittelbaren Aufſicht des Rektors, eines duͤrren, finſteren Moͤnches ohne viel Talent, und wie ich glaube, auch ohne viele Kenntniſſe.— In der zweiten Klaſſe waren die, welche Ovid, Cä⸗ ſar, Cicero ꝛc. kannten, und Horaz und Juve⸗ nal zu verſtehen anfingen.— Die dritte Klaſſe war die Pflanzſchule, in welcher alle Zoͤglinge ſo lange blieben, bis ſie genug Kenntniſſe er⸗ worben hatten, in die nächſte verſetzt werden zu können; uͤber dieſe letzte Klaſſe fuͤhrte ein Schuͤ⸗ ler der erſten die Aufſicht. DDieſer letzten Klaſſe ward ich zugetheilt, als ich in das Kollegium tratz doch da ich bereits in den Anfangsgruͤnden der lateiniſchen Sprache feſt war, gelangte ich bald in die zweite Klaſſe, welche unter der Aufſicht des Vicerektors ſtand, Sch eines Moͤnches von etwa 35 Jahren und gebie⸗ tendem Anſtande. Er war freundlich und gut⸗ muͤthig, doch zuweilen den unleidlichſten Launen unterworfen, welche ſich ſowohl durch die Zuͤge ſeines Geſichtes ankuͤndigten, als auch, und zwar ganz beſonders, durch die Art, wie er ſeine Kaputze trug. Kam er aus der Morgenandacht in die Schule, und ſein Kopf war unbedeckt, ſo hatten wir einige Nachſicht fuͤr unſere Fehler und Irrthuͤmer zu hoffen, hatte er aber im Ge⸗ gentheile die Kaputze uͤbergezogen, ſo zitterten nicht blos die Faulen und Nachläſſigen, ſondern auch die Fleißigen, je nachdem die Kaputze mehr oder weniger bis auf die Augen herabhing. Die uͤbliche Art mit Peitſchenhieben zu leh⸗ ren, brachte auf mich grade die entgegengeſetzte Wirkung hervor, als die beabſichtigte, und waͤh⸗ rend ich in dem Kollegio war, vergaß ich faſt mein bischen Latein. Dafuͤr lernte ich ganz treff⸗ lich bei einer Meſſe Dienſte leiſten, Hymnen ſingen und Kreuz, Weihbecken oder heilige Ker⸗ zen tragen, Dinge, welche weit nothwendiger ſind, eine Kirchenwuͤrde oder ſelbſt eine Wuͤrde auf ſpaniſchen Univerſitäten zu erhalten, als alles Latein eines Cicero oder Salluſt. Von dem Augenblicke, in dem wir das Lager verließen, welches im Winter um ſechs, im Sommer um 124 5 Uhr geſchah, brachten wir den groͤßten Theil des Morgens, und noch einen bedeutenden des Nachmittags in der Kirche zu, ſo daß wir, einen Tag in den andern gerechnet, von den 14 bis 15 Stunden acht auf Religionsuͤbungen ver⸗ wandten. Obgleich der Orden der Benediktiner der reichſte in Spanien iſt, und die Moͤnche ſich die Freuden des Lebens nicht verſagen, ſo wurden wir armen Gymnaſiaſten doch äußerſt ſparſam und ſchlecht ernährt. Magere Suppen und etwas pillrafas*) waren unſere gewoͤhnlichen Mahl⸗ zeiten. Bei großen Feſtlichkeiten erhielten wir noch eine Schuͤſſel mit Reis, in Milch gekocht, und mit Zucker und Zimmt beſtreut; dies ward jedoch außergewoͤhnlich genannt. Unſere Abendmahlzeit beſtand in der Regel aus geringen Ueberbleibſeln eines Ragouts oder aus Knochen, und unſer Fruͤhſtuͤck— war ein kleines Stuͤck trockenes Brod. Wahrhaftig, hätte meine Mut⸗ ter mir nicht zwei Mal in jeder Woche noch einen bedeutenden Zuſchuß an Lebensmitteln ge⸗ ſchickt, ſo wuͤrde ich jetzt nicht hier ſeyn, Dir die Geſchichte zu erzaͤhlen. Aber der Geiz des Rektors ging ſo weit, daß er ſelbſt von den Sen⸗ 3 Etwas, das ſo ausſieht, wie Fleiſch, in der That aber nichts weiter iſt als Haut. 125 dungen der Eltern an die Kinder die Haͤlfte fuͤr ſich zuruͤck behielt. Es wuͤrde fuͤr Dich eben ſo langweilig als fuͤr mich unangenehm ſeyn, ſollte ich alle das Elend und die Entſagungen herzählen, die ich während der zwei Jahre, die ich in dem Kolle⸗ gio zubrachte, erduldete. Es genuͤge zu ſagen, daß meine Abneigung gegen Tonſur und Kaputze eben ſo groß wurden, als einſt meine Neigung dafuͤr geweſen, und als ich das Kollegium ver⸗ ließ, war ich feſt entſchloſſen, eher alles andre, als ein Geiſtlicher zu werden, und doch war ich noch jetzt uͤberzeugt, daß ich auf einen Kardi⸗ nalshut oder wohl gar auf die dreifache Krone ſelbſt, freiwillig Verzicht leiſte. Bald darauf kamſt du nach Cigales, und was ſeit der Zeit ſich ereignete, weißt Du. —— Achtes Kapitel. Seit meinem letzten Auftritte mit Don Facun⸗ do beſchaͤftigte er die Aufmerkſamkeit des Leſers nicht ſehr, aber ich konnte durch mehrere kleine Ereigniſſe, noch waͤhrend meines Aufenthaltes in Agreda, die Ueberzeugung gewinnen, daß ich in ihm einen gefahrlichen Feind beſitze. Dies ſowohl, als der gluhende Wunſch nach erneuertem Kampfe fuͤr das Vaterland, ließen mich Alles aufbieten, ſobald als moͤglich wieder zu meiner Diviſion gelangen zu können. Sobald meine Geſundheit die Reiſe erlaubte, ließ ich mir von den Aerzten und der Civilobrig⸗ keit in Agreda Zeugniſſe ausſtellen, daß meine Anweſenheit daſelbſt durch die Nothwendigkeit vedingt geweſen ſey, und verließ dann, nach ei⸗ nem zaͤrtlichen Abſchiede von meiner Iſabella, die Stadt. Mehrere Einwohner begleiteten mich noch uͤber eine Stunde weit. Doch ich war froh, als ich mich mir ſelbſt uberlaſſen fand. So viele Beweiſe von Freundſchaft und Guͤte hatten mich zu ſehr ergriffen. Ohne Unfall erreichte ich meine Diviſion, wel⸗ che jetzt ihre kriegeriſchen Unternehmungen laͤngs 127 den Ufern des Ebro, von Santo Domingo de la Calzada, bis nach Saragoſſa ausführte. Hier neckten wir die Feinde, indem wir von allen Garniſonen der Städte dieſer Linie Contributio⸗ nen beitrieben, und zugleich droheten, jeden Fran⸗ zoſen, der in unſere Hände fiele, zu haͤngen, wenn man den Buͤrgern etwas mit Ge⸗ walt raube. Die Einwohner der offenen Staͤdte waren auch angewieſen, die Franzoſen zu Geſellſchaften einzula⸗ den, und uns dann ſogleich davon zu benachrichti⸗ gen; damit wir ſie uͤberfallen, uns ihrer Waffen bemächtigen, und ſie tödten oder gefangen nehmen könnten. Oft gingen wir auch des Nachts in die Doͤrfer, in denen die Franzoſen kleine Ka⸗ ſtelle errichtet hatten, und waͤhrend wir uns hier ergotzten, ſpielten und ſangen, mußten die Fran⸗ zoſen beſtaͤndig wach unb auf ihrer Hut bleiben. In allen Graͤnzſtädten gaben die Bewohner genau acht auf die Zahl der Franzoſen, welche in Spanien einmarſchirten, und der Verwunde⸗ ten, welche es verließen. So wußten wir genau von jedem Manne, der kam oder ging, und richteten nach dieſer Kenntniß unſere Unterneh⸗ mungen ein. Die Franzoſen aber, welche bei ihrem Einzuge ſo viele Buͤrger an den Thoren ſahen, die doch nur dort waren, die Feinde zu 128 zählen, freuten ſich des guten Willens, der, wie ſie waͤhnten, die Spanier beſeelte. Als wir eines Tages bei einem kleinen Dorfe, eine Stunde von Logronno, anlangten, ſchickte mich Amor, damals der Befehlshaber unſerer Diviſion, ab, um genau die Anzahl der Fran⸗ zoſen zu erforſchen, damit wir ſie ohne Gefahr fuͤr uns ſelbſt uͤberfallen koͤnnten. Nachdem ich buͤrgerliche Kleidung angezogen, ritt ich in das Dorf hinein. Die Weiber ſaßen ſpinnend vor den Thuͤren ihrer Haͤuſer, die Maͤnner ſtanden hier und dort, in ihre weiten braunen Maͤntel gewickelt, und die brennende Zigarre im Munde; Andere ſaßen auf dem Rande des Brunnens, in der Mitte des Dorfes, und ſahen mit finſterem Blicke auf einige Franzoſen, welche an der Thuͤr eines nahen Wirthshauſes einen Wagen belade⸗ ten. Ich ritt grade auf das Wirthshaus zu, und fragte den Wirth, ob ich unterkommen koͤnne. Ich ward eine ſteile Treppe hinaufgewieſen, und trat dann in ein langes, dunkeles, ſchmales Ge⸗ mach. In einer Ecke ſah ich hier zwei oder drei Bauerweiber, und den Pfarrer des Ortes; in der Mitte ſaßen einige Franzoſen, die Hand an dem Griffe ihres Säbels, und in der andern Ecke ſaß ein junges, elegant gekleidetes Frauen⸗ zimmer, in einer ſeidenen Basquinna, das Ge⸗ ſc 129 ſicht zum großen Theile durch einen ſchwarzen Spitzenſchleier verhuͤllt. Den Kopf ſtuͤtzte ſie auf den linken Arm, welcher auf einem Schemel ruhete; die rechte Hand druͤckte ſie auf ihr Herz⸗ und es ſchien, als wolle ſie Sorge oder Kum⸗ mer beſchwichtigen. An ihrer Seite ſaß ein fran⸗ zöſiſcher Offizier, die Augen auf ihr blaſſes Ge⸗ ſicht geheftet; aus ſeinen eigenen Zuͤgen ſprach die tiefſte Melancholie. Alle ſchwiegen, und nur dann und wann ward die Stille durch einen Seufzer der jungen Dame unterbrochen, der dann jedes Mal Aller Blicke, beſonders die der Wei⸗ ber, auf ſie zog.— Einen Augenblick betrach⸗ tete ich ſchweigend die ganze Geſellſchaft, dann trat ich zu den Soldaten und redete ſie an: „Bon jour, Messieurs, ſagte ich; il semble, due vous vous 6tes très-bien nichés ici.“ „Pas si bien,“ entgegnete einer der Solda⸗ ten, indem er die Pfeife aus dem Mund nahm, „denn haͤtten wir nur de quoi boire, ſo ſäßen wir hier nicht wie viele Mumien in den Kata⸗ komben Egyptens.“ e „Wart Ihr in Egypten?“ fragte ich. „Oui, parbleu, jFsi 6te. „Es war ein feindlich geſinntes Land, ſagte ich, und ohne Zweifet zieht Iht ihm dieſes hier vor.“ 130 „Morbleu, vous vous trompez!“ cief er; da hatten wir doch wenigſtens den großen Na⸗ poleon bei uns, und könnte ich unter dem die⸗ nen, wollte ich Alles gern ertragen. Zwar folg⸗ ten uns in Egypten die Veduinen überall, als waͤren ſie unſere Schatten, aber wir konnten da doch mit Sicherheit einen Trunk aus einer kuh⸗ ien Quelle nehmen. Hier jedoch lauern uberall Dolche auf uns; man kann keinen Schritt thun, oder es ſpringt ſo ein brigand aus der Erde hervor. 4. In dieſem Augenblicke fielen mehrere Schuͤſſe, eine Kugel drang in unſer Gemach, und ſchlug an die Säbelſcheide des Sprechers.„Das ſind wieder ſo welche von ihren Streichem!“ ſagte er ruhig, nahm ſeine Waffen, und ging hinaus. Der Pfarrer und die Weiber, welche bei dem⸗ ſelben geſeſſen hatten, ſprangen durch eine kleine Seitenthuͤre. Ich folgte ihnen, und ſtand un⸗ mittelbar darauf in einem kleinen Garten, von unſeren Leuten umringt. Sie hatten von einem Bauer die Stärke der Franzoſen erkundet, und ihren Angriff dann ſogleich begonnen. Jetzt trat auch der franzöſiſche Offizier und die Dame, die ich bei ihm geſehen, in den Garten. Er ſtutzte, als er uns ſah, ſie aber ergriff ſeinen Arm⸗ * 13¹ und zog ihn ſeitwaͤrts mit ſich fort; Beide ent⸗ unſeren Blicken. Unſere Leute hatten ſich indeſſen des Wirths⸗ hauſes, ſo wie der angraͤnzenden Haͤuſer be⸗ mächtigt, und mehrere Franzoſen gefangen ge⸗ nommen. Aber jetzt hatte der Offizier den Reſt ſeiner Leute verſammlet, und griff uns mit glei⸗ cher, faſt uͤberlegener Macht an. Unſere Leute waren zerſtreut; wir konnten nicht den noͤthigen Widerſtand leiſten, und mußten daher das Zei⸗ chen zum Ruͤckzuge geben. Die Franzoſen draͤng⸗ ten uns hart, und wir ſahen endlich, daß wir ſelbſt in ihre Gewalt fallen wuͤrden, wollten wir es verſuchen, unſere Gefangenen noch weiter mit uns zu ſchleppen. Sie wurden daher niederge⸗ ſchoſſen, und gluͤcklich erreichten wir nun die Berge. Hier waren wir in Sicherheit, doch ko⸗ ſtete uns der Angriff 15 Mann, blos, weil man nicht auf meine Zuruͤckkunft gewartet hatte. Am folgenden Tage ſuchten uns die Weiber auf, die ich in dem Wirthshauſe geſehen. Sie fuhrten die junge Dame, die Hände gebunden, mit ſich. Die Dunkelheit des Gemaches hatte mich verhindert, ihre Zuͤge genau zu erkennen; wie groß war daher mein Erſtaunen, als ich jetzt Thereſa, eine meiner aͤlteſten Freundinnen und Jugendgeſpielinnen vor mir ſahe. Auch ſie 9* 132 erkannte mich ſogleich. O Eſteban, rief ſie, in⸗ dem ſie die gebundenen Hände gegen mich aus⸗ ſtreckte und einen Strom von Thraͤnen vergoß, Eſteban, ſind Sie es? O beſchuͤtzen Sie mich gegen dieſe Frauen, und haben Sie Mitleid mit mir! Ich eilte auf ſie zu, ſtieß die Weiber bei Seite, und band ihre Haͤnde los, ihr zugleich verſichernd, ſo lange ich lebe, ſolle ihr nichts vebles widerfahren. Aber die Weiber kreiſchten, ſie ſey eine Verraͤtherin, eine Afranceſada, durch deren Huͤlfe am vergangenen Tage der franzoͤſi⸗ ſche Offizier uns entkommen, und unſer Angriff mißgluͤckt waͤre. Unſere Leute wollten viel lieber auf Thereſa's Verraͤtherei, als auf ihre eigene Unbeſonnenheit die Schuld des mißlungenen An⸗ griffes ſchieben, und verlangten daher mit lautem Geſchrei ihren Tod; einige Offiziere ſtimmten ihnen bei, und wollten ſich Thereſa's bemächtigen. Doch ich ſtellte mich vor ſie, ſchwang meinen Säͤbel und ſchwor, daß ſie eher mich tödten, als ein Haar ihres Hauptes verletzen ſollten. Es verbreitete ſich rings umher ein Gemurmel des Mißfallens, doch unſer Kommandeur kam in dieſem Augenblicke herbei, und befahl, um jeden ferneren Streit zu verhindern, daß ein Kriegsgericht gebildet werden ſolle, um über ſie 133 zu urtheilen. Ich uͤbernahm ſogleich ihre Ver⸗ theidigung, und ſie gab mir folgende Auskunft uͤber ihr Betragen gegen den franzöſiſchen Offizier. „Ich wohnte zu Santo Domingo de la Calzada, bei einer Verwandten; ein Kommando franzöſiſcher Kavallerie kam daſelbſt an, und der Offizier, welcher es befehligte, erhielt ſein Quar⸗ tier in unſerem Hauſe. Ich hatte das Ungluͤck, ihm zu gefallen. Er war eben ſo widerlich in ſeinem Aeußern, als in ſeinem Betragen. Schon ſeinen bloßen Anblick verabſcheute ich, und gab ihm dies durch die Art, wie ich ihm begegnete, auch deutlich zu erkennen. In der Nacht vor ſeinem Abmarſche, als wir uns ſchon Alle zur Ruhe begeben hatten, entſtand Laͤrm in unſerem Hauſe, und gleich darauf ertönte der Schreckens⸗ ruf: Feuer!— Ich ſprang eilig aus dem Bett, den Flammen zu entfliehen, doch kaum war ich außerhalb des Hauſes, als ich von einigen Fran⸗ zoſen ergriffen, in einen bereitſtehenden Wagen geſchleppt und aus der Stadt gefuͤhrt wurde. Ich hatte nichts an, als mein Nachtzeug und einen Mantel, den man mir in der Eile uͤber⸗ geworfen. Etwa auf halbem Wege zwiſchen St. Domingo und Logronno, ſetzte ſich mein abſcheu⸗ licher Entfuͤhrer an meine Seite. So erſchreckt ich auch war, und ſo ſehr er mich auch beſtuͤrmte, 134 ſo vermochte ich doch noch, ein durchdringendes Geſchrei auszuſtoßen. Dies erregte die Aufmerk⸗ ſamkeit mehrerer Offiziere eines andern Komman⸗ do's. Sie ſetzten meinen Feind ſeines unwuͤrdi⸗ gen Betragens wegen zur Rede. Es kam zum Wortwechſel, und endlich zum Zweikampfe, in welchem mein Entfuͤhrer getoͤdtet ward. Der Sieger nahm mich nun unter ſeinen Schutz, fuͤhrte mich nach Logronno und verſchaffte mir dort dieſe Kleider. Er verſprach mich nach St. Domingo zu bringen, wohin er, zu Folge fruͤ⸗ her erhaltenen Befehls, morgen ſchon marſchiren ſolle. Wir waren auf dem Wege dahin, als mein Retter Gegenbefehl erhielt. Er konnte mich nicht auf offener Straße meinem Schickſale uͤber⸗ laſſen, und wollte mich daher noch bis zum naͤchſten Dorfe geleiten, um mich dort der Ob⸗ hut des Pfarrers zu uͤbergeben. Doch als wir das Dorf erreichten, behandelte der Geiſtliche mich wie eine Afranceſada, und wollte mich nicht in ſeinem Hauſe aufnehmen. Dies ereignete ſich geſtern, und während ich noch mein trauriges Schickſal beweinte, griffen Eure Guerillas das Haus an in welchem ich mich mit meinem Be⸗ ſchuͤtzer befand. Ich ſah, daß der Mann, der meine Ehre gerettet hatte, auf dem Punkte war, in Eure Gewalt zu gerathen; Dankbarkeit erfuͤllte 135 meine Bruſt, und— nichts weiter beruckſichti⸗ gend, rettete ich ihn. Eure Guerillas wurden zuruͤckgeſchlagen; der Offizier hielt nun ſein Ver⸗ ſprechen, und uͤbergab mich der Sorge des Pfar⸗ rers, damit dieſer Mittel ausfindig mache, mich nach St. Domingo zu ſenden. Er verſprach dies zu thun, doch ſtatt deſſen uͤbergab er mich den Weibern, welche mich hieher brachten, und mich waͤhrend des ganzen Weges empoͤrend behandel⸗ ten.“ Dies war die Erzählung der ungluͤcklichen Thereſa. Ihr Betragen ſchien mir weit eher des Lobes, als der Strafe werth. Gewaltſam ent⸗ fuͤhrt, hatte ſie ſich mit Heldenmuth gegen die Angriffe eines Rohen vertheidigt; und ſelbſt die That, deren ſie jetzt angeklagt war, mußte ihr zur Ehre gereichen. Hatte ſie nicht ihr eigenes Leben gewagt, den Retter ihrer Ehre zu ret⸗ ten?— Dieſe Umſtaͤnde und die Theilnahme, welche ſie ſelbſt mir einfloͤßte, befeuerten mich in ihrer Vertheidigung zu einem Grade der Be⸗ redtſamkeit, den ich mir damals ſelbſt noch nicht zugetraut haͤtte. Aber Alles war vergebens. Die blind⸗fanatiſchen Vertheidiger meines Vaterlan⸗ des waren durch das Vorurtheil des Pfarrers und ihr eigenes ſo ſehr beſtochen, daß ſie die ungluͤckliche Thereſa ſchuldig fanden, und ſie ver⸗ 136 urtheilten, wie ein Verraͤther von hinten erſchoſ⸗ ſen zu werden. 8 Wie das arme Maͤdchen ſtarb, weiß ich nicht, denn nach ihrer Verurtheilung eilte ich ſogleich davon. Aber ſterben that ſie;— noch jetzt er⸗ ſchuͤttert die Erinnerung davon jede meiner Nerven. Ich muß geſtehen, ich konnte meine Kam⸗ meraden einige Zeit darauf kaum anſehen. Dieſe Begebenheit machte auf mich einen ſo tiefen, widerlichen Eindruck, daß ich gewiß das Corps und den Dienſt ſogleich verlaſſen haben wuͤrde, haͤtte die Pflicht nicht anders geboten. Doch ich fuͤhlte, daß mein Vaterland jetzt noch des Ar⸗ mes ſeines ſchwaͤchſten Sohnes ſogar beduͤrfe, und wagte deßhalb nicht, das öffentliche Wohl meinen eigenen Gefuͤhlen zu opfern. 131 Neuntes Kapitel. Ich bin jetzt zu jenem Abſchnitte meiner Ge⸗ ſchichte gediehen, in welchem unſere tapfern und großmuͤthigen Verbuͤndeten ihren Feind von Liſ⸗ ſabon bis an die Pyrenaͤen gedrängt hatten. Die Schlacht von Vittoria hatte ſie ſchon mit Ruhm bedeckt, aber der Fall von Pampeluna und San Sebaſtian kroͤnte ihren Triumph. Die„enfans de la victoire“ fluͤchteten ihre Adler vor den Loͤwen Englands und Spaniens uͤber die Pyre⸗ naͤen, und nichts blieb in unſerem verwuͤſteten Lande von den Feinden zuruͤck, als die Gebeine ihrer gefallenen Bruͤder und die Zeichen ihres fruͤheren Stolzes. Wenn wir an den Orten voruͤberzogen, wo eine Schlacht geſchlagen worben, ſahen wir zwi⸗ ſchen den Todten Hunderte von Geiern, die aus der Entfernung, in ihrem ſchwarzen Gefieder, einer Verſammlung von Moͤnchen glichen. Oft waren ſie ſo gierig auf ihre Beute, daß wir mehrere tödteten, ehe die uͤbrigen davon flogen. Das Geraͤuſch, welches ſie im Fliegen machten, hatte etwas Grauenhaftes, und ihre Naͤhe bei den Leichen der Gefallenen zeigte den Tod in einer ſchrecklichern Geſtalt. Im Gewuͤhl der Schlacht bin ich uͤber Todte und Verwundete hinweggeſtiegen, habe ihr Stoͤhnen gehört, ihr Blut in Strömen fließen ſehen, und habe doch kein Entſetzen, kaum einige Unruhe gefuͤhlt. Ganz anders aber war es hier. Bei jedem Schritte glaubte ich, mein Blut gerinne. Dieſe halbver⸗ weſeten, zerſtuͤmmelten Menſchen, welche vielleicht noch vor wenigen Tagen das ganze Gluͤck der Ihrigen ausmachten, erfullten mein Gemuͤth mit Entſeßzen, und mit Abſcheu gegen den Ehrgeiz, als deſſen Opfer ſie geſchlachtet wurden.— Doch genug dieſer truͤben Betrachtungen! Eines Tages, als ich mit einem Kommando Kavallerie ausgezogen war, Fourage herbeizu⸗ ſchaffen, kam ich nach Roncesvalles, einem klei⸗ nen Dorfe in dem lieblichen Thale del Baſtan; dort traf ich auf eine andere Abtheilung ſpani⸗ ſcher Truppen, welche von der entgegengeſetzten Seite in derſelben Abſicht, wie wir, hieher ge⸗ kommen waren. Waͤhrend ich mir in einem be⸗ nachbarten Hauſe einige Erfriſchung reichen ließ, entſtand zwiſchen den beiden Abtheilungen ein Streit daruͤber, welche von beiden zuerſt abge⸗ fertigt werden ſolle. Haſtig ſtuͤrzte einer meiner Leute herein und rief, daß es zum Handge⸗ menge kommen werde, wenn ich nicht eile, die 139 Ordnung wieder herzuſtellen. Mit gezogenem Schwerte ſprang ich hinaus, und traf ſogleich auf den Offizier des andern Kommandos, der ebenfalls die Ruhe wiederherſtellen wollte.— Wer beſchreibt mein Erſtaunen, als ich in ihm meinen verlorenen Bruder Raimundo erkannte.— Ich ſtuͤrzte ihm entgegen, um ihn in meine Arme zu ſchließen. Einer ſeiner Leute glaubte, ich wolle ihn angreifen, hieb nach mir, und leb⸗ los fing Raimundo mich auf. Der Anblick von Raimundo's Kummer ſchlich⸗ tete ſchnell alle Feindſeligkeiten. Der arme Menſch, der mich verwundet hatte, war außer ſich, doch ſeine Furcht ſchwand bald. Die Wunde war nur leicht, und mehr die Ueberra⸗ ſchung der Freude, als der Hieb, hatte mich fuͤr den Augenblick der Beſinnung beraubt. Nach der erſten Freude des Wiederfindens war ich ſo⸗ gleich begierig, zu erfahren, wie der todtgeglaubte Raimundo dem Grabe entſtiegen ſey. Obgleich, ſagte er laͤchelnd, wir hier an einem Orte ſtehen, der eben ſowohl durch wirk⸗ liche Ereigniſſe merkwuͤrdig iſt, als durch die Wunder, die ihm zugeſchrieben werden, an dem Orte, wo Rolando, Amadis de Gaul, und die zwolf Pairs von Frankreich manche ihrer tapfern Thaten vollbrachten, ſo ſteigen doch die Geiſter 140 der Verſtorbenen nicht mehr aus ihren Graͤbern herauf. Deshalb kannſt Du mir glauben, meine Erſcheinung iſt kein Wunder, obgleich Du ſie leicht dafuͤr halten könnteſt. Ich will kurz ſeyn, fuhr er fort.— Als ich mich von Dir getrennt hatte, uͤberlegte ich, was ich nun beginnen ſolle. Du weißt, daß ich als Lieutenant zu Balleſteros gehen ſollte, der in Cadiz ſtand. Das ganze Land war damals von den Franzoſen beſetzt, und es litt faſt kei⸗ nen Zweifel, daß ich in ihre Haͤnde fallen mußte, wenn ich mein Corps zu erreichen verſuchte. Dazu kam noch, daß die Nachrichten, welche wir täglich von den Unternehmungen unſerer re⸗ gulären Truppen erhielten, ſo mißlich lauteten, daß ich beſſer zu thun glaubte, mich der erſten Guerilla⸗Parthei anzuſchließen. Ich fuͤhrte die⸗ ſen Entſchluß aus, und traf glͤcklicher Weiſe auf den Empecinado. Ich ſtellte mich ihm vor und erklaͤrte ihm ſmeinen Wunſch, unter ſeinen Befehlen zu fechten, da ich das thätigere und gefahrvollere Leben eines Guerilla jedem anderen vorzöge, wo es weniger Ehre zu erwerben gäbe. Der kuͤhne und eiftige Patriot nahm mich auf, und vertraute mir bald darauf den Befehl uͤber eine Abtheilung Kavallerie. Nichts von den Ein⸗ zelnheiten meiner eigenen Thaten und denen mei⸗ . 5 141 ner Waffenbruͤder; genug, wir neckten die Fran⸗ zoſen auf der ganzen Linie von Segovia bis Madrid ſo beſtaͤndig, daß ſie mehrere Pläne zu unſerer Vernichtung erſannen, aber keiner gluͤckte ihnen. Unſere Abſicht war, unſere Zahl zu vermeh⸗ ren. Deshalb kamen wir oft in die Staͤdte, und fuͤhrten die jungen Leute mit uns, die uns zu folgen wuͤnſchten. Eines Tages kam ich auch nach Villa Caſtin. Da bemerkte ich auf dem Balkon am Hauſe des Don Euſebio Ra⸗ mirez ein reizendes weibliches Geſchoͤpf, mit einer Stickerei beſchäftigt. Ich bat den Alkalden, mir mein Quartier in dieſem Hauſe anzuweiſen, und ward, als ich daſelbſt ankam, von der ganzen Familie äußerſt freundlich bewillkommnet. Wer ein Herz beſitzt, konnte unmoͤglich lange in Geſell⸗ ſchaft der herrlichen Dorotea ſeyn, ohne ſich von der gluͤhendſten Liebe fuͤr ſie durchdrungen zu fuͤhlen. Ich liebte ſie von dem erſten Augen⸗ blicke, daß ich ſie ſahe, und zoͤgerte nicht, ihr und ihren vortrefflichen Eltern dieſe Liebe zu ge⸗ ſtehen. Sie waren mir guͤnſtig geſinnt, und obgleich meine Verhältniſſe fuͤr den Augenblick eine unaufloͤsliche Verbindung noch nicht zulie⸗ ßen, ſo fuͤhlte ich mich doch während der Tage, die ich an ihrer Seite, ihrer Gegenliebe gewiß, 142 verleben konnte, unendlich gluͤcklich. Doch ich glaube, daß ich beſtimmt bin, jedes Weib, das ſch liebe, ungluͤcklich zu machen.— Machdem ich Ramirez beredet hatte, ſeinen Sohn, einen zarten Juͤngling von 15 Jahren, und den inni⸗ gen Liebling Doroteas, meiner Fuͤhrung anzuver⸗ trauen, verließ ich Villa⸗Caſtin, nachdem ich von Dorotea den zärtlichſten Abſchied Se ach!— den letzten! Einen Monat darauf, als ich eben jenem gian in deſſen Gewalt ich ſpäter fiel, ver⸗ folgt hatte, eines der blutdürſtigſten Ungeheuer, die Spaniens Boden je betraten, zog ich mich mit dem jungen Ramirez in ein Gehoͤlz, nahe bei St. Maria de la Nieve zuruͤck, um in dem Hauſe eines Pfarrers, den ich kannte, einige Ruhe zu genießen. Doch kaum war ich einge⸗ treten, als mich mehrere der Soldaten, welche ich ſo eben noch verfolgt hatte, uͤberfielen. Sie bemächtigten ſich unſerer, und ſchleppten Rami⸗ rez, den Pfarrer und mich in ein nahes Dorf, wo mit ſeiner uͤbrigen Mannſchaft war. „Je vous tiens, brigands, je vous tiens!“ ſchrie der Wuͤthrich, als er uns erblickte. Mit Euren Köpfen ſollt Ihr fuͤr Eure Raͤubereien vuͤßen;— und er ſchaͤmte ſich nicht, mit einer Reitpeitſche„die er in der Hand hielt, ſeine ge⸗ „ 143 bundenen Gefangenen zu ſchlagen. Doch daß war noch nicht Alles. Das blutdurſtige unge⸗ heuer war noch weit groͤßerer Niederträchtigkeit fähig. Er hatte erfahren, daß ich der Geliebte Doroteas, und der junge Ramirez deren Bruder ſey, und er ſchleppte uns nun mit ſich nach Villa⸗Caſtin, damit wir dort, gleich Meuchel⸗ moͤrdern, im Angeſichte unſerer Lieben auf dem Blutgeruͤſte ſterben ſollten. Du weißt, was ſich dort iißcten znß die Graufamkeiten, die ſich der Schändliche ge⸗ gen die arme Dorotea erlaubte.— Unſere Leute hatten indeſſen erfahren, daß wir gefangen und nach Villa⸗Caſtin gebracht worden waren. Au⸗ genblicklich beſchloſſen ſie, Alles an unſere Be⸗ freiung zu ſetzen. Unmittelbar nach unſerer Hin⸗ richtung erreichten ſie die Stadt. Sie ſchaͤum⸗ ten vor Wuth, und fielen uͤber die Franzoſen, ungeachtet der Ueberzahl derſelben, her. Gluͤck⸗ lich vertrieben ſie dieſelben aus der Stadt. In⸗ deſſen waren wir ſchon von dem Blutgeruͤſte in ein Hospital gebracht worden, wo man Alles aufbot, uns wieder in das Leben zuruͤckzurufen. Ich war jedoch der Einzige, bei dem dies ge⸗ lang. Unmoͤglich waͤre es, Dir die Freude zu beſchreiben, die meine Leute hieruͤber empfanden. Seit jenem Augenblicke ſahen ſie in mir einen 144 Liebling des Himmels, und wenn ſie mich auch nicht durchaus unverwundbar hielten, ſo glaub⸗ ten ſie doch ganz ſicher, daß ich mein Leben nicht durch die Hände eines Franzoſen einbuͤßen koͤnne. i „ Du kannſt denken, daß ich meine Befreiung redlich benutzte, fuͤr den Tod meiner Dorotea an den Franzoſen Rache zu nehmen. Ich ſtreifte bis an die Thore Madrids, und nahm oft die Schildwachen im Angeſichte der Ihrigen gefan⸗ gen. Eines Tages kam ich in den Prado, wo Joſeph oft die Stunden zuzubringen pflegte, welche er in den Armen unſerer treuloſen Lands⸗ männinnen dem Vergnuͤgen widmete. Hier ſchien ſich Alles der Wolluſt uͤberlaſſen zu haben. Selbſt die Wachen hatten ihre Geliebten bei ſich, und ohne Schwierigkeit gelangten wir in das Innere jener Luſtörter. Die Flucht des Königs war ſo übereilt, und der Widerſtand Einzelner ſo unbedeutend, daß wir Muße genug pehielten, die Mahlzeit zu verzehren, die fuͤr unſere Feinde bereitet worden war; und was wir an Koſtbarkeiten fortſchaffen konnten, nah⸗ men wir mit uns. Endlich, als Napoleon ſeine Legionen aus Spanien zuruͤckrief, um ſie den anruͤckenden Feinden in Deutſchland entgegenzuſchicken, welche aus 145 aus dem Herzen Rußlands gekommen waren, ihn zu bekriegen, und Joſeph nun, unfaͤhig, ſich auf dem ſchwankenden Throne, den die franzöſi⸗ ſchen Bayonette nicht mehr ſtuͤtzten, noch laͤn⸗ ger zu halten, mit ſeinem ganzen Troſſe den Pyrenaͤen zufloh, da war ich der Erſte, der an der Spitze ſpaniſcher Truppen in die Haupt⸗ ſtadt einzog, Ferdinand und die Conſtitution, welche der Congreß zu Cadiz geſchloſſen hatte, zu Herrſchern ausrufend. Vergebens wäre es, die Freude ber Einwoh⸗ ner beim Anblicke ihrer Befreier ſchildern zu wol⸗ len. Die Arrieregarde der Franzoſen war in eini⸗ gen Straßen Madrids noch mit den Unſrigen im Gefechte, aber ſelbſt in dieſen Straßen waren alle Fenſter mit Menſchen beſetzt, welche ihre Tuͤcher in der Luft flattern ließen, und laut rie⸗ fen:„Lange lebe Ferdinand und die Conſtitu⸗ tion!— Lange leben unſere Befreier!“— So⸗ bald die Franzoſen die Stadt verlaſſen hatten, oͤffnete ſich jede Thuͤr, und die Buͤrger eilten auf die Straße, uns zu umarmen und uns Erfti⸗ ſchungen aller Art zu bieten. Wir erſchienen ihnen wie Freunde, deren Tod ſie ſchon beweint hatten. Die Freudenbezeigungen waren ſo hef⸗ tig und vielfach, daß wir die franzöſiſche Arriere⸗ garde nicht ſogleich zu verfolgen vermochten; erſt ll. 10 146 als es hieß, die Engländer n wurden wir wieder frei. Joſeph kam nach Vittoria, Wellinglon war ihm nun unmittelbar auf den Ferſen. Zum letzten Male focht das franzoͤſiſche Heer auf Spaniens Boden. Aber es waren nicht mehr die jugendlich⸗feurigen Franzoſen; die Hoffnun⸗ gen und Abſichten, mit denen ſie unſer Land betraten, waren zertruͤmmert. Sie fuͤhrten einen fliehenden Koͤnig und deſſen Hofſtaat mit ſich⸗ und die Fluͤche des Landes, aus dem ſie entwi⸗ chen, folgten ihnen. Die Schlacht mag ich nicht beſchreiben, denn wer eine ſah⸗ ſah ſi. e eigent⸗ lich alle. Nachdem die Schlacht geendigt/ war ie Straße von Vittoria nach Bayonne mit engli⸗ ſchen und franzoͤſiſchen Truppen bedeckt. Die Partheigaͤnger der letztern ſchlugen ſich durch die Gebirge auf die Straße nach Pampeluna. Die Verwirrung, die uͤberall herrſchte, laͤßt ſich nicht genugend beſchreiben. Die Infanterie, Kavallerie und Artillerie ſtritt ſich um die Wege, die ſchon mit zerbrochenen Wagen, Karren und Kanonen, mit todten und ſterbenden Menſchen und Pfer⸗ den bedeckt waren. Doch unter alle dieſen Sce⸗ nen, welche in der Regel, mit größern oder ge⸗ ringeren Abweichungen, jeder Niederlage folgen. 147 —— 5 zeigte ſich auch ein Schauſpiel von ganz eigen⸗ thuͤmlicher Art. Eine große Zahl vornehmer Spa⸗ nier, doch meiſtens aus aͤltern Maͤnnern, Frauen und Kindern beſtehend, Opfer ihrer Anhaͤnglich⸗ keit an Joſeph, trachteten, ſich mitten durch die Armee hindurch einen Weg zu bahnen. Der lange Zug der prachtvollen Wagen, mit Vergoldungen und Wappenſchildern reich verziert, die Menge der Pferde und Maulthiere mit koͤſtlichem Ge⸗ ſchirre und der zahlreichen Dienerſchaft, haͤtte zu dem Glauben verleiten koͤnnen, es gaͤlte eine Spazierfahrt des Hofes nach dem Eskurial, haͤt⸗ ten nicht Tod und Verzweiflung uͤberall geherrſcht. Viele dieſer glaͤnzenden Wagen waren durch die Kugeln der Kanonen zertruͤmmert, andere umge⸗ worfen, und wieder andere in die Abgruͤnde zu den Seiten des Weges geſchleudert. In dieſer allgemeinen Verwirrung ſchleppten mehrere Granden, Damen vom hoͤchſten Range, Praͤlaten und hohe Staatsdiener, ihre goldge⸗ ſticten Kleider, auf die Huͤlfe ihrer eigenen Fuße verwieſen, muͤhſam durch Staub und Blut dahin. Ganze Berge Goldes und Silbers bedeckten die Straßen, aber keiner der Fluͤchtlinge wagte auch nur die Hand darnach auszuſtrecken. Die reiter⸗ loſen Pferde liefen wild umher, und zertraten die Kinder, welche die ſorgenden Muͤtter an der 10* 148 Hand fuͤhrten. Der junge Gatte, der ſich gluck⸗ lich ſchaͤtzte, ſein reizendes Weibchen vor den Saͤ⸗ beln der Feinde gerettet zu haben, ſah es von deren Schuͤſſen ereilt und getödtet. Der ſorgende Vater, von ſeinen Kindern umringt, den kleinen Schatz, der ihm im fremden Lande Brod gewaͤh⸗ ren ſollte, aͤngſtlich verbergend, ward von der vorwaͤrts drängenden Maſſe grauſam erdruͤckt. Die Stimmen der Soldaten, welche laut die Nummern ihrer Regimenter riefen, der Offiziere, welche vergebens verſuchten, Ordnung zu ſtiften, das Geſchrei der Fluͤchtlinge, welche die verlore⸗ nen Mitglieder ihrer Familie ſuchten, fullten die Luft. Die ungluͤcklichen Joſephinos ſuchten vol⸗ ler Verzweiflung einander den Vorſprung abzu⸗ gewinnen, denn ſie wußten es wohl, daß ihre eigenen Mitbürger ſie ermorden wuͤrden, wenn auch die Fremden ihres Lebens ſchonten. Aber auch die Menſchlichkeit und das Mitleid zeigten ſich unter dieſen Auftritten allgemeinen Elends. Einzelne franzöſiſche Soldaten, ihrer eigenen Ge⸗ fahr nicht gedenkend, ſchutzten die Ungluͤcklichen, welche die Anhaͤnglichkeit an den fremden Herr⸗ ſcher verdammte, indem ſie gegen unſere Trup⸗ pen, welche auf dem Punkte waren, die verraͤthe⸗ riſchen Landsleute zu erreichen, mit ihren eige⸗ nen Leibern einen Wall bildeten. Fliehende Hu⸗ 149 ſaren und Dragoner nahmen die Gattin oder Tochter irgend eines Joſephinos mit aͤngſtlich ſorgender Hut vor ſich auf das Pferd, und In⸗ fanteriſten fuͤhrten die jungen Frauen, welche er⸗ mattet umzuſinken droheten. Selbſt die Marke⸗ tender verließen ihre Karren, um unentgeltlich den Inhalt ihrer Flaſchen unter die Fliehenden zu deren Staͤrkung zu vertheilen. Mein Herz erlag dem traurigen Schauſpiele. Ich wandte mein Pferd und ſuchte auf die große Straße zu gelangen. Als ich uͤber einen Gra⸗ ben ſprang, bemerkte ich hinter einem nahen Gebuͤſche ein junges Maͤdchen, das am Boden kniete, und ihre Kleidung zerriß, um damit einen verwundeten Mann, der lang ausgeſtreckt neben ihr lag, zu verbinden. Als ſie mich nahen hoͤrte, wandte ſie ſich nach mir um, ſchrie laut auf, und warf ſich dann uͤber den Verwundeten, wel⸗ cher jedoch verſuchte, ſich aufzurichten. Ich ließ, ſie zu beruhigen, mein Taſchentuch in der Luft wehen, und näherte mich ihnen hierauf. Das junge Maͤdchen ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, ſprang empor und lief mir entgegen. Denke Dir mein Entſetzen, als unſere Schweſter Ma⸗ rienne meine Knie umfaßte, und ich unſern Va⸗ ter verwundet zu meinen Fuͤßen liegen ſahe. 15⁰ Ich ſprang vom Pferde und warf mich wei⸗ nend uͤber ihn. Auch er weinte, und nach einer Pauſe, während welcher die Thraͤnen ſeine Stim⸗ me erſtickten, ſagte er mit einem tiefen Seufzer: Du ſiehſt in mir einen Fluͤchtling, doch nicht einen, der ſeine Heimath verläßt, einem fremden Feinde zu entfliehen, ſondern einen, der von dem Lande, das er liebt, ſcheidet, um mit den Feinden zu gehen, die er verabſcheut.— Ich bin ein Joſephino!— Doch nein!— Ich bin keiner!— Ich bin nur dazu gemacht worden, und liege jetzt hier verwundet, ohne zu wiſſen, ob ich je wieder mein Weib und meine Kinder umarmen werde. Mein theurer Vater, rief ich, d die Nacht iſt nahe; beſteigen Sie mein Pferd und ſagen mir, wohin ich Sie fuͤhren ſoll.— Hierauf befahl ich einem meiner Leute, der mich begleitet hatte, Marienne vor ſich auf das Pferd zu nehmen; dann fuͤhrte ich das meinige am Zuͤgel nach einem kleinen Dorfe, rechts von Vittoria. Dort ward meines Vaters Wunde verbunden, und nicht ge⸗ faͤhrlich befunden. Waͤhrend der Nacht ſchlief er ruhig, und be⸗ fand ſich am folgenden Tage etwas beſſer. Ich wuͤnſchte ſehnlich zu erfahren, was ihn hieher gebracht haben koͤnne, aber ich wollte nicht truͤbe m Erinnerungen in ihm auf's Neue erwecken, und wagte daher keine Frage. Doch am folgenden Tage, nachdem er erklaͤrt hatte, daß er nach Viana zu einem Freunde gehen wolle, erzaͤhlte er mir Folgendes:— Einige Monate, nachdem Du und Dein Bruder uns verlaſſen hattet, er⸗ pielt ich aus Madrid von einem Freunde einen Brief, in welchem er mir ſagte, daß einer der Großen an Joſephs Hofe, von dem er nicht wußte, ob er ihn fuͤr meinen Freund oder mei⸗ nen Feind halten ſolle, Alles anwende, um mich zum Präſidenten des Kriminalgerichtshofes in Val⸗ ladolid ernannt zu ſehen; ein Poſten, der ſehr ſchwierig zu verwalten war, und der mir nur an⸗ geboten werden konnte, um die gute Meinung/ die man bisher von meiner Vaterlandsliebe ge⸗ hegt, in meinen Mitbuͤrgern zu untergraben. In der That erhielt ich auch kurz darauf eine Depeſche von dem Juſtizminiſter des Koͤnigs Joſeph, in welcher ich aufgefordert ward, ſo⸗ gleich meine Beſtallung fuͤr den genannten Po⸗ ſten zu empfangen, mit der Drohung, im Wei⸗ gerungsfalle als Gefangener nach Frankreich ge⸗ fuͤhrt zu werden. Deſſenungeachtet ſchwankte ich in meinem Entſchluſſe nicht einen Angenblick; ich weigerte mich der Annahme. Die Antwort auf dieſe Weigerung war ein „ Verhaftsbefehl, den mir ein franzöſiſcher Offi⸗ zier um Mitternacht vorzeigte. Er ließ ſich durch das Jammern Deiner Mutter und Schwe⸗ ſtern nicht erweichen, riß mich aus dem Bette, und trat noch in dem naͤmlichen Augenblicke un⸗ ter zahlreicher Bedeckung den Weg nach Frank⸗ reich mit mir an. Alle meine Papiere wurden verſiegelt, mein ganzes Vermoͤgen unter Seque⸗ ſter geſtellt. Als ich nach manchen Muͤhſelig⸗ keiten und nach Erduldung mancher Mißhand⸗ lungen, Burgos erreicht hatte, wurde ich in ein Gefängniß geſchleppt und mit Ketten belaſtet. Hier blieb ich einen ganzen Monat, durch die erbärmliche Nahrung, die man mir reichte, und die Feuchtigkeit meines Kerkers gleich ſtark ge⸗ peinigt; endlich ward ich gefaͤhrlich krank. In dieſer Zeit erhielt ich mehrere Briefe von meinen Freunden zu Valladolid. Sie ſchilderten mir die Lage meiner Familie als hoöchſt traurig, und ſprachen von der Nothwendigkeit, die Präſident⸗ ſchaft zu uͤbernehmen, wenn ich nicht mich ſelbſt und alle die Meinigen in das tiefſte Elend ſtuͤr⸗ zen wolle. Zugleich ſtellten ſie mir vor, wenn ich ihrem Rathe folge, wuͤrde ich tauſend Gele⸗ genheiten haben, meinem Vaterlande die weſent⸗ lichſten Dienſte zu leiſten, indem ich in die Macht der Franzoſen eingreifen, und ihnen viele 153 Schlachtopfer entziehen könnte. Mir gefiel an ihren Rathſchlaͤgen manches nicht, da jede Art von Heuchelei mir von jeher zuwider war, aber die Nachricht, daß meine unſchuldige Familie ohne meine Huͤlfe untergehen muͤſſe, beſtimmte mich. Nach langem Kampfe benachrichtigte ich den franzoſiſchen Gouverneur in Burgos von meinem Entſchluſſe. Ich hoffte noch immer, ſo unwahr⸗ ſcheinlich es mir ſelbſt auch ſeyn mußte, daß er ſagen wuͤrde, es ſey nun zu ſpaͤt, doch kaum hatte er meinen Brief erhalten, als er auch ſchon ſelbſt in meinen Kerker kam, mir die Feſ⸗ ſeln abnehmen ließ, und mich mit erheuchelter Freundſchaft in die Arme ſchloß. Es war mir, als wenn eine Schlange mich umwinde, und ſchon war ich im Begriffe, meinen Entſchluß zu widerrufen, doch da dachte ich, daß ein Mann feſt ſeyn muß, und— ſchwieg. Jede Art von Huͤlfe und Beiſtand ward mir jetzt gewaͤhrt, und bald befand ich mich wieder vollkommen wohl; dann kehrte ich nach Valla⸗ dolid zuruͤck. Als ich dort ankam, war die Se⸗ queſtration ſchon aufgehoben, aber das Elend, dem meine Frau und Kinder Preis gegeben ge⸗ weſen, las ich noch deutlich in ihrem leidenden Ausſehen. Zu ſtolz, von irgend Jemand Un⸗ terſtuͤzung anzunehmen, hatten ſie ſich nur durch 4— den ſpaͤrlichen S von der F erhalten. Machdem ich meine iſt ngeteten hatte, verlor ich keine Gelegenheit, denen zu nutzen, welche unſere Unterdruͤcker mit dem Namen der Inſurgenten belegten, und Verraͤther ſchalten. Ihre Dekrete, welche nach Blut verlangten, wur⸗ den in meiner Hand zu ſtumpfen Waffen. Meine Mitbuͤrger wuͤnſchten ſich Gluͤck dazu, einen Praͤ⸗ ſidenten zu haben, der nicht, wie die Franzoſen es wollten, ihr Schrecken, ſondern ihr Beſchutzer, ihr Beiſtand war. Mein Betragen war aber nicht ohne Gefahr fuͤr mich ſelbſt. Taäglich wurde ich von den Franzoſen mit Drohungen und bittern Vorwuͤrfen uͤberhauft, allein ich ließ mich dadurch nicht irre machen. Endlich floh Joſeph, und auch Valvolid ſollte geraͤumt werden. Ich war den Fremdlin⸗ gen zum Dienſte verpflichtet, freilich nur ge⸗ zwungen, aber deshalb wuͤrde ich mich nicht weniger ſchuldig geachtet haben, haͤtte ich dieſen Dienſt verlaſſen, ſo lange mir noch die ſchwaͤchſte Hoffnung blieb, in ihm meinem Vaterlande nuͤtz⸗ lich zu ſeyn. Deshalb beſchloß ich, das ſchwerſte Opfer zu bringen— und mit eben den Feinden zu entfliehen, von denen ich die aͤrgſten Miß⸗ handlungen erduldet hatte; aber Ehre, Grund⸗ 15⁵ ſaͤze und Beſtändigkeit heiſchten dieſen Schritt. Deshalb verließ ich Valladolid mit Joſeph zu gleicher Zeit, ungeachtet der Bitten und Thrä⸗ nen meiner Freunde und meiner Familie, und noch vieler anderer Mitbuͤrger, denen ich meinen Entſchluß mitgetheilt hatte. Ich beſchloß dem Gluͤcksſterne Joſephs wenigſtens ſo lange zu fol⸗ gen, als er ſelbſt ſich noch Spaniens Bo⸗ den befinden werde. Dieſe Schlacht aber hat ſeine Macht fuͤr immer zerſtöͤrt. Weder eigene Kraft noch die Stimme des Volkes wird ihn wieder zu dem verlaſſenen Throne bringen. Meiner Pflicht bin ich daher entbunden, und ich kehre in meine Vaterſtadt zuruͤck, wo mich mein eigenes Be⸗ wußtſeyn troͤſten wird, ſollten meine Mitbuͤrger ungerecht genug ſeyn, mir aus meinem Betra⸗ gen ein Verbrechen zu machen. Als der Vater ſeine Rede geendigt hatte, ſchlang ich meine Arme um ſeinen Hals, und Thraͤnen entſtuͤrzten meinen Augen. Nie war ich ſo hingeriſſen geweſen zu ſeiner Bewunde⸗ rung, als eben jetzt. Ich blieb bei ihm und Marienne, bis er nach Viana gebracht werden konnte. Auch dort⸗ hin begleitete ich ihn, und kehrte dann zu mei⸗ nen Guerillas zuruͤck, und ſo fuͤhrte mich endlich 45⁵ das jnewelehe Geſchick 1 Frieges i in Deine Arme. Als Raimundo ſeine Erʒãhlung gab er ſeinen Leuten einige nöthige Befehle, und eilte dann mit mir in die Arme unſeres gemeinſchaft⸗ lichen Freundes Ramirez, der nur eine Stunde von Roncesvalles an der großen Straße nach Frankreich ſtand. Ihr Wiederſehn war erſchüͤtternd, da es auf's Neue die Erinnerung an alle das Verlorene ſchmerz⸗ lich erweckte. Beſonders ſchien Ramirez durch ſeinen Kummer im Innern zerriſſen. Du ſiehſt mich jetzt, ſagte er zu Raimundo, ſobald er der Sprache maͤchtig gewerden, als einen einſamen Pilger uͤber die Erde wallen, doch laß nur erſt den letzten jener Barbaren aus unſerem Vaterlande vertrieben ſeyn, und ich kehre heim zu den Mei⸗ nen.— Raimundo's Anblick erſchuͤtterte ihn zu heftig, und erſt als dieſer ſich nach einigen Stun⸗ den von uns trennte, fand er ſeine gewoͤhnliche melancholiſche Ruhe wieder. 157 Zehntes Kapitel. Zwei Monat nach meinem Zuſammentreffen mit Raimundo waren faſt alle Feindſeligkeiten in Spanien beendet, und es gab fuͤr mich nichts mehr zu thun. Ich bat um Urlaub, und erhielt ihn, doch mein Bruder Raimundo konnte mich nicht, wie wir es anfangs gehofft, nach Hauſe begleiten, da er bei den Spaniern war, welche unter Wellington's Befehlen in das ſudliche Frank⸗ reich eindrangen. Ich darf es wohl kaum noch beſonders er⸗ waͤhnen, daß ich auf meinem Heimwege nach Valladolid Agreda nicht unberuͤhrt ließ. Ich nahete mich dem Orte mit alle der aͤngſtlichen Freude, die ein Liebender fuͤhlt, wenn er lange von der Geliebten getrennt war. Als ich Agreda erreichte, eilte ich ſogleich zu meiner treuen Freundin Don⸗ na Lucia. Mit Freudenthraͤnen empfing ſie mich. Von ihr hoͤrte ich, daß Nachrichten von Don Lorenzo angekommen ſeyen, und daß man ſtuͤnd⸗ lich erwarte, Näheres von ihm zu hören oder ihn ſelbſt hier zu ſehen. Don Facundo war, bald nachdem ich Agreda verließ, nach Madrid gegangen, und als Joſeph wieder in die Haupt⸗ —————— 158 ſtabt zuruͤckkehrte und neue franzoͤſiſche Armeen Spaniens Graͤnze uͤberſchritten, da trat er ſeinen Poſten als Kammerherr wieder an, doch verließ er den Koͤnig bei deſſen Flucht nach Vittoria abermals. Dieſe Nachrichten hatte ſie von Don Facundo's eigenem Sohne erhalten, den ſie we⸗ nige Tage zuvor geſprochen. Noch ſprach ſie, da trat Iſabela, zu der ſie ſogleich geſchickt hatte, zu uns ein, doch erwartete ſie nicht, mich hier zu finden, denn Donna Lucia hatte ihr von meiner Ankunft nichts ſagen laſſen. Die Ueberraſchung der Freude ward ihr zu ſchwer zu tragen. Sie wechſelte die Farbe und wuͤrde gefallen ſeyn, haͤtte ich ſie nicht in meine Arme aufgefangen. Mit dem zaͤrtlichſten Namen rief ich ſie in das Leben zuruͤck. Als ſie ihr ſchoͤnes großes Auge wieder aufſchlug, ruhete es mit der altgewohnten Innigkeit auf mir, und auch die Freudenthraͤnen, die in reich⸗ lichen Stromen floſſen, überzeugin nich von der Fortdauer ihrer Liebe. n Nach wenigen glückichen Tagen, die ich i in Agreda verlebte, ſetzte ich meine Reiſe nach Val⸗ ladolid wieder fort, und baute mir während des Weges die reizendſten Luftſchlöſſer fur die Zukunft, bis ich von fern meine Vaterſtadt liegen ſah, und nun meine Phantaſie mich ſchnell in die 159 goldenen Tage meiner Kindheit zuruͤck verſetzte. Dort hatte ich das reinſte, ungetruͤbteſte Gluͤck genoſſen;— dort mich in kindiſche Traͤumereien verloren;— dort war ich oft durch ein freund⸗ liches Lächeln auf den Gipfel 5* Gluͤckes geho⸗ ben worden. Als ich endlich die weite Ebene zwiſchen Pun gos und Valladolid hinter mir ſahe, konnte ich meine Ungeduld kaum noch zuͤgeln, und ſpornte mein Roß heftig an, Cigales ſobald als moglich zu erreichen. Ich ſah es, aber auch hier hatte die Hand des Krieges verheerend geherrſcht. Die Mauern waren eingeſtoßen, die Zimmer verwu⸗ ſtet und veroͤdet, das Dach herabgeſtuͤrzt. Die Baͤume, die mit mir oder mit denen ich aufge⸗ wachſen, waren verbrannt, umgehauen, verdorrt. Nur der ältere Baum in einer Ecke des Hofes, war der allgemeinen Vernichtung entronnen, doch die Hand, die ihn pflegte, fehlte, und halb ent⸗ blaͤttert ſtand er da, eine Beute der Inſekten. Ich befahl Anton, aus dem Brunnen auf der Mitte des Hofes Waſſer zu ſchöpfen. Der Brunnenrand war mit Krautern bewachſen, und ſo zeigten ſich auch hier die SSnn der Ver⸗ wuͤſtung. Nur wenige Minuten weilte ich noch an dieſem Tummelplatze meiner Kindheit, dann ging 160 es nach Valladolid. Die Dorfbewohner hatten in⸗ deſſen von meiner Ruͤckkehr gehoͤrt, und verſammel⸗ ten ſich jetzt in zahlreicher Menge, mich willkommen zu heißen. Mitten in dem Haufen hoͤrte ich eine Stimme rufen: Laßt mich durch, denn es iſt der Sohn meiner Herrſchaft!— Als ich den Kopf wandte, ſah ich unſere Haushaͤlterin, welche ſich mit aller Kraft ihrer Ellenbogen einen Weg zu mir zu bahnen trachtete. Kaum erblickte ich ſie, als ich auf ſie zuſtuͤrzte und ſie in meine Arme ſchloß. Das arme Weib ſchluchzte und weinte, als ſie mich ſo umfaßt hielt; endlich rief ſie: Ach! Ihr werdet unſeren Manuel nicht mehr ſehen!— Er iſt hin, fuͤr immer hin! Weib! ſagte ihr Mann, der waͤhrend deſſen auch herzugetreten war, er fiel fuͤr Gott und das Vaterland; was kannſt Du mehr wuͤnſchen? Dieſe wenigen kraͤftigen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Die arme Frau unterdruͤckte ihre Klagen, und trocknete ſich die Thraͤnen mit dem Zipfel ihres Aermels. Als ich mich aus den Armen der ʒuteit Leute losgewunden hatte, eilte ich nach Valla⸗ dolid, wohin ich Anton bereits vorausgeſchickt, die Meinigen auf meine Ankunft vorzubereiten; kurz nach ihm erreichte ich das Haus meiner Eltern. Als ich mich ihm naͤherte, ſah ich auf dem 161 —— dem Balkon zwei meiner Schweſtern, welche die Haͤlſe verlaͤngerten, um mich ja zuerſt ſehen und dann der uͤbrigen Familie die freudige Nach⸗ richt mittheilen zu koͤnnen. Aber ſchnell ver⸗ ſchwanden ſie, um mit alle den Meinigen an der Thuͤre wieder zu erſcheinen. Ich ſprang vom Pferde, und fuͤhlte mich nun von allen Seiten umſchlungen. Die Eine benetzte meinen Hals, die Andere meine Wangen mit ihren Thraͤnen; die Juͤngern hatten ſich meiner Arme bemächtigt und bedeckten meine Haͤnde mit Kuͤſſen. Nicht einen Schritt konnte ich gehen, ſo hatten guten Weſen ſich an mich gehaͤngt. 3 Aber wo ſollte ich Worte finden, das Ver⸗ gnuͤgen, die Wonne zu ſchildern, die mich durch⸗ gluͤhte, als ich meine theuren Pflegeeltern an das Herz preßte. Es giebt Gefuͤhle im Men⸗ ſchen, die keine Schilderung dulden, und gehören zu ihnen. Drei gefahrvolle Jahre der Trennung paten ſie natuͤrlich mit Sorge uͤber mein Schickſal er⸗ fullt, beſonders da ich waͤhrend der ganzen Zeit nie im Stande geweſen war, ihnen Nachricht von mir zukommen zu laſſen. Aber mein Hier⸗ ſeyn zerſtoͤrte ſchnell alle Beſorgniſſe, und die Nachrichten, die ich von Raimundo mitbrachte, erhoͤhten die Freude noch um ein Bedeutendes. II. 11 —— 162 Sobald meine Ankunft in der Stadt bekannt wurde, kamen alle unſere Freunde mich zu be⸗ grͤßen, und meinen Eltern Gluͤck zu wuͤnſchen, und dieſe beſchloſſen, daß meine Heimkehr durch Baͤlle und Refrescos gefeiert werden ſollte. Vor⸗ laͤufig wurden die letzten Tage des Monats zu dieſen Feſtlichkeiten beſtimmt; auch Raimundo durften wir bis zu der Zeit erwarten.. Zwei Tage nach meiner Ankunft in Valla⸗ dolid erhielt Don Ignacio einen Brief Don Lorenzos, Madrid, den 16ten Mai uͤberſchrieben. Der Leſer erlaube mir eine Ueberſetzung deſſel⸗ ben, da er eine Beſchreibung der Ereigniſſe ent⸗ haͤlt, welche ſich in Spanien zutrugen, von dem Augenblicke, wo der Koͤnig die Graͤnze uͤberſchritt, bis zu ſeinem Einzuge in die Hauptſtadt. Doch vorher, glaube ich, wird ein Blick auf die da⸗ malige politiſche Geſtaltung der Dinge nicht über⸗ füſſig ſeyn. Die Conſtitution, welche zu Endiz unter dem Donner der franzoͤſiſchen Kanonen entworfen war, ward an dem Jahrestage der Thronbeſteigung Ferdinands im Jahre 1812 bekannt gemacht. Auf der ganzen Inſel war nicht ein Praͤlat, ein General, Rath von Caſtilien oder Indien, ein Ritter der vier Orden, ein Mitglied vom Gou⸗ vernement des Koͤnigs, ſelbſt kein Inquiſitor, 163 der nicht geeilt hätte, dem verſammelten Kon⸗ greſſe den Eid abzulegen. Der Herzog von In⸗ fantado ſuchte um die Ehre nach, öffentlich vor den Vertretern der Nation die Souverainitaͤt des Volkes anzuerkennen, und ſeinem Beiſpiele folg⸗ ten alle die Edlen, welche damals in Cadiz wa⸗ ren, oder mit andern Worten, alle, die nicht zu dem Uſurpator uͤbergetreten oder in fremde Laͤn⸗ der geflohen waren. Selbſt die Mitglieder der Regentſchaft zoͤgerten nicht, den Eid zu leiſten. Als die franzoͤſiſchen Truppen unſere Provinzen verwuͤſteten, erklaͤrte ſich jede Stadt, jedes Dorf, jede Huͤtte fuͤr eine Verfaſſung, von der allein dem Lande Rettung kommen konnte, und die den Wunſch jedes Herzens zu erfuͤllen ſchien. Seit jenem Tage wetteiferten alle großen Maͤchte des Kontinentes, das Kabinet von St. Jakob, das Haus Braganza, die Bourbons in Sicilien, ſelbſt die Jeſuiten von Palermo, in dem Lobe unſeres Nationalkongreſſes, und alle ſchloſſen ſich enger an Spanien an. Alle Ver⸗ träge endeten mit den Worten: daß ſie die außer⸗ ordentlichen Cortes und deren Conſtitution fuͤr legitim anerkannten. Der Autokrat des Nordens, dem die Regent⸗ ſchaft eine Abſchrift unſeres Kodex uͤberſchickte, und der damals Napoleon in ſeinen eigenen Laͤn⸗ ———— dern hatte, antwortete: Er habe den neuen Beweis von dem Eifer des ſpaniſchen Gouverne⸗ ments mit ſo groͤßerem Vergnuͤgen empfangen, da ein ſo feierlicher Akt der ſicherſte Buͤrge fuͤr das Gluͤck einer ſo großmuͤthigen und tapfern Nation ſey. Das Haus Braganza, die Bourbons der beiden Sieilien, und die Infantin Donna Joa⸗ quina, jetzige Koͤnigin von Portugal, ſchrieben dem Kongreſſe, ihm im Namen ihrer gefange⸗ nen Bruͤder ihre Freude und Dankbarkeit zu bezeigen. Einige Zeit darauf brachte der Gene⸗ ral Zayas von Valenciennes die Nachricht, daß unſer junger Monarch den einſtimmigen Wunſch des Volkes genehmige. So war unſer Geſetz durch jede Macht geheiligt, und unſere Freiheit unter der ſchmeichelhaften Beiſtimmung aller ge⸗ krönten Haͤupter begruͤndet. Welche Autorität der Erde ward je ſo glaͤnzend anerkannt, oder durch ſo viele und muͤhſelige Arbeit geſchaffen?— Nur Ein Mann proteſtirte dagegen, aber er buͤßte ſeine Verbrechen, und ward durch eben die Koͤnige an einen Felſen geſchmiedet, welche ſeitdem die Grundſäͤtze verdammten, die ſie da⸗ mals gutgeheißen hatten. Welch ein Triumph des Wankelmuthes! Aber blinde Gewalt ſtand in jener Zeit auf dem Punkte, geſtuͤrzt zu wer⸗ 165 den. Monarchen, Geiſtlichkeit und Adel zitter⸗ ten vor ihrem nahenden Sturze, und heuchelten volksthuͤmliche Geſinnungen, um die Huͤlfe des Volkes zu gewinnen.— Ach! ſie erreichten ihren Zweck, und das Volk weint nun bittere Thränen uͤber die vergeblichen Anſtrengungen. Waͤhrend unſere Armeen und die unſerer brit⸗ tiſchen Verbuͤndeten die Feinde bekaͤmpften und ſie endlich aus dem Lande vertrieben, leiſteten die Cortes nicht weniger weſentliche Dienſte. Sie paßten die alte Verfaſſung den neueren Sitten an, und verbannten Mißbraͤuche, die ſich ſeit einer Reihe von Jahren in jeden Verwaltungs⸗ zweig eingeſchlichen hatten. Als ſie ihr Amt begannen, war die Halbinſel von Feinden uͤber⸗ ſchwemmt; es gab kein Heer und kein Gouver⸗ nement; kein Geld und keinen Kredit; wir hat⸗ ten eine grauſame und verwirrte Geſetzgebung;z die Inquiſition und der Rath von Caſtilien herrſch⸗ ten mit unumſchraͤnkter Macht, mit einem Worte: es war ganz allgemeine Anarchie;— doch als am 14ten September 1814 die Cortes ihre Re⸗ gentſchaft niederlegten, hinterließen ſie dem Lan⸗ de eine ſiegreiche Armee, einen feſtgegruͤndeten Kredit, ein Gouvernement, welches ſich durch die ſchwerſte Pruͤfungszeit bewaͤhrt hatte; die ge⸗ ſetzgebende Gewalt war von der ausuͤbenden, die 166 criminelle von der Civil⸗Geſetzgebung getrennt, kurz ſie hinterließen ein Obrigkeiten, Geſetze. Spanien hatte ſich wieder einen Rang unter den Nationen erkaͤmpft, und durfte hoffen, durch den Einfluß ſeiner verbeſſerten Conſtitution und die allmaͤhlige Verminderung der Kirchenpfruͤnden und Majorate, die Wiſſenſchaften und Kuͤnſte neu zu beleben, welche den Wohlſtand eines Landes begruͤnden, und die in Spanien durch eine finſtere, despotiſche Regierung längſt vertilgt waren. Nie that irgend eine politiſche Macht, von mannichfachen Gefahren umringt, ſo viel, als die außergewoͤhnlichen Cortes, und wie un⸗ vollkommen ihr Werk auch noch ſeyn mochte, ſo kann ihnen der Ruhm nicht verweigert werden, daß ſie mänche Thräne getrocknet, keine erpreßt haben.— Wo iſt die Gewalt der Erde, die in dem Buche der Geſchichte ſo rein von Blut und Verbrechen 6 167 Eilftes Kapitel. Jetz ſey es mir vergönnt, den Leſern des Mar⸗ quis Brief an Don Ignacio mitzutheilen. Er giebt ein treueres Bild jener Zeit, als ich zu ent⸗ werfen vermoͤchte, und zeigt zugleich klar die Geſinnungen eines verſtändigen, biuigen l⸗ beralen Mannes. „Mein gelebter Freund!“ „Nach der gluͤcklichen Endigung unſerer Noch wuͤrde ich mit Freuden einer Zukunft entgegen⸗ ſehen, die uns die angenehmere Vergangenheit zuruͤckbringen könnte, aber die neueſte Geſtaltung der Dinge hat meine Hoffnungen zerſtoͤrt.“ „Sie werden gewiß von der Franzoſen bar⸗ bariſchem Betragen in Agreda gehoͤrt haben. Ich war indeſſen gluͤcklicher, als meine Leidensgefaͤhrten, welche an meiner Seite erſchoſſen wurden. Mei⸗ nes Lebens ſchonte Darquier in der Hoffnung, von den Meinigen ein anſehnliches Loͤſegeld zu erpreſſen. Doch als das Ungeheuer ſtarb, bald nachdem wir Logronno erreicht hatten, wurde ich als Kriegsgefangener nach Vittoria, und von dort nach Frankreich geſchleppt. Hier blieb ich in 168 einem Depot der Kriegsgefangenen, bis der Frie⸗ de geſchloſſen war. Dann eilte ich hieher, be⸗ gierig die Wiedergeburt Spaniens mit eigenen Augen zu ſehen. Doch ach! wie ſind alle meine Hoffnungen zertruͤmmert, und wie iſt die Bit⸗ terkeit der Täuſchung noch durch den Anblick mei⸗ nes unwuͤrdigen Bruders geſteigert worden. Fa⸗ cundo leitet die Demagogen, die durch alle nur denk⸗ bare Laſter den Untergang des Landes herbeiführ⸗ ten. Ich will nichts von den verſchiedenen Rollen ſagen, die er geſpielt hat, obgleich ſie mir un⸗ gluͤcklicher Weiſe alle nur zu wohl bekannt ſind. Ein ſolches Detail wuͤrde Ihnen nicht weniger pein⸗ lich ſeyn, als mir ſelbſt. Genug, wo ein Kom⸗ plott geſchmiedet ward, unſere Verfaſſung uͤber den Haufen zu ſtuͤrzen, da war er entweder der Anſtifter ſelbſt oder doch ein thätiges Mitglied.“ „Ich kam nach Madrid, bald darauf, als die ordentlichen Cortes ihre Sitzungen begonnen hat⸗ ten. Die Regentſchaft war ihnen gefolgt, und hatte dadurch der ſervilen Parthei einen Triumph bereitet. Die thätigen und reichen Caditanen*) liebten die Conſtitution, die unter dem Schutze ihrer Wälle entworfen ward, und fuͤrchteten, daß das unwuͤrdige und träge Volk Madrids mit Vor⸗ *) Name, welchen man den Einwohnern von Cadiz beilegt. 165 —— urtheil dagegen erfuͤllt waͤre. Dieſe Furcht aber ſchwand, als ſie alle Bewohner unſern Geſetzge⸗ bern mit Jubelgeſchrei entgegeneilen ſahen. Gro⸗ ße Palmzweige wurden vor ihnen hergetragen, die Pferde wurden von den Wagen geſpannt, und von den Armen des Volkes gezogen, hielten die Mitglieder der Cortes ihren Triumpheinzug.“ „Der laute Enthuſiasmus, den Kuͤnſtler, Kauf⸗ leute, Weltgeiſtliche und die vornehmſten Maͤn⸗⸗ ner Caſtiliens aus ſprachen, entmuthigte die Moͤnchs parthei, welche ein finſteres, doch drohendes Still⸗ ſchweigen beobachtete. Doch ihren Plan ganz aufzugeben, lag nicht in ihrer Natur. Sie be⸗ gannen damit, ſich ins Geheim in den Kloͤſtern der Bettelorden zu verſammeln, denn hier boten ſich ihnen mehrere geheime Orte zur Schmiedung ihrer Komplotte dar. Ein Heer von Moͤnchen bekämpfte die conſtitutionellen Geſinnungen und Meinungen auf alle nur erdenkliche Weiſe. Ano⸗ nyme Schmaͤhſchriften, ſchaͤndliche Libelle, Pre⸗ digten und religiöſe Scheinheiligkeit wurden zur Erreichung des Zweckes ins Werk geſetzt. Selbſt Verrath hielten ſie ihrer nicht fuͤr unwuͤrdig.“*) „Kurz nach meiner Ankunft in Madrid, im *) Man denke nur an Antillon, der ſpäter in einem Kerker ſtarb, in welchen er durch den Koͤnig und deſſen Parthei geſtoßen ward. — 5 3 1 1 ——— — — 2—— 17⁰ Monat Januar, ward eine der gewöhnlichen vier Meſſen gehalten. Sahen Sie nie eine ſolche Meſſe, die ihrer Erbärmlichkeit ungeachtet eine Menge Volkes aus den benachbarten Doͤrfern herbeizieht, ſo koͤnnen Sie ſich einen Begriff davon machen, wenn Sie ſich die Alkala⸗Stra⸗ ße auf beiden Seiten mit werthloſen Klappereien angehaͤuft denken. Verſtockte Kleider, verroſte⸗ tes Eiſenwerk, zerriſſene Buͤcher, verbogenes Kuͤ⸗ chengeraͤth und erbärmliche Schmierereien von Bild ern, ſind die vorzuglichſten Handelsartikel auf dieſem Markte, und werden Kaͤufern feil geboten, die noch viel erbaͤrmlicher ausſehen, als ſie ſelbſt. Die Moͤnche verſaͤumten dieſe Gele⸗ genheit nicht, die Koͤpfe der zahlreich verſammle⸗ ten SZauern zu ihrem Zwecke zu ſtimmen. Oſto⸗ laza, Martinez, Velez und Andere ihnen ähn⸗ liche, gingen unter den Haufen des Volkes um⸗ her, und feuerten es an, fuͤr den Koͤnig und die Religion zu den Waffen zu greifen.“ „„Der Koͤnig, unſer Geliebter, ſagten ſie, wird bald auf dieſen Thron ſteigen, und dann allein finden wir wieder unſere Stelle in der Kirche Chriſti; dann erſt wird Spanien aufhoͤren, die Hoͤhle der Ketzer zu ſeyn. Wir werden dann den Nuntius des Papſtes wieder in unſerem Lande ſehen, und, wie es fruher geſchehen, fuͤr —— 171 vergangene und zukuͤnftige Suͤnden von dem hei⸗ ligen Vater Ablaß erhalten. Die Philoſophen, welche kuͤhn genug waren, das heilige Glaubens⸗ gericht zu zerſtoͤren und ihren Gott dadurch zu ver⸗ laͤugnen, oder welche, mit andern klaren Worten, ſelbſt zu Teufeln geworden ſind, werden dann ex⸗ kommunicirt, und aller Rechte eines Chriſten be⸗ raubt werden. Die ungeheuren Reichthuͤmer aber, die ſie dem Lande geſtohlen haben, werden ih⸗ nen genommen und unter euch vertheilt wer⸗ den, die ihr allein der Wohlthaten des Him⸗ mels und der Erde wuͤrdig ſeyd.“ „Den Soldaten wurden aͤhnliche Reden ge⸗ halten, und beſonders machte man ſie auf den Vorzug aufmerkſam, den die Conſtitution der Civilgewalt auf Koſten der Militairgewalt er⸗ theilte. Sie wiederholten ihnen jene unkluge Aeußerung eines Deputirten, der, von ſtehenden Heeren ſprechend, ſagte: Soldaten waͤren nichts, als beſoldete Moͤrder. Die Truppen vergaßen ſchnell der Wohlthaten, welche der Kongreß ih⸗ nen gewaͤhrte, und wiederholten mit ſtets bitte⸗ rer Stimmung jene Aeußerung. Einige der Auf⸗ wiegler ſtellten ſich, eine Zigarre im Munde, an die Eingaͤnge der Tavernen(Weinhauſer) und beleidigten jeden Voruͤbergehenden, den ſie fuͤr einen Anhaͤnger der Cortes hielten, gaben dem 8 ———— — —————— 2— Pöbel und den Soldaten die Hände, und ver⸗ theilten Geld und Tabak unter ſie. Eine Maſſe von Bettlern, Lahmen, Blinden und Kruͤppeln empfingen ihre Gaben. Eine Hand voll Kaſta⸗ nien dem Einen, ein Glas Wein dem Andern gereicht, und den Vornehmern des Poͤbels eine Einladung in ein figon(Speiſehaus) verfehlten ſelten oder nie ihres Zweckes. So vermehrte dieſe Parthei ihre Kraͤfte. Einige Moͤnche fuͤhr⸗ ten die Maſſe in die Gallerien der Cortes, und von hier ſchleuderten ſie ihre Dolche auf die De⸗ putirten, welche von Abſchaffung der Mißbraͤuche ſprachen. Doch dieſe, von der Gerechtigkeit ihrer Sache zu feſt uͤberzeugt, beendeten ihre Debat⸗ ten, unbekuͤmmert um die Drohungen und Hand⸗ lungen dieſer anarchiſchen Demagogen.“ „Um dieſe Zeit brachte der Herzog von San Carlo den Vertrag nach Madrid, welchen der Koͤnig, ſein Herr, am 13ten Dezember 1813 mit Napoleon abgeſchloſſen hatte, und der, wie der König in ſeinem Briefe an die Regentſchaft geſagt hatte, vortheilhafter ſeyn ſollte, als die Cortes ihn, aller ihrer Siege ungeachtet, haͤtten erwarten duͤrfen. Die Bedingungen dieſes Ver⸗ trages waren, daß der König ſeinem Buͤndniſſe mit den andern Monarchen entſagen ſolle, be⸗ ſonders aber dem mit den Engländern, daß er „ ⸗ dieſen gebiete, alle Plätze, welche ihre Armeen beſetzt hielten, zu raͤumen, und daß er Napoleon aus allen Kraͤften gegen die Maſſe ſeiner Feinde beiſtehen ſolle. Ueberdies verpflichtete ſich der Koͤnig in dieſem werkwuͤrdigen Vertrage auch noch, alle Anhaͤnger der Franzoſen in ihren Wuͤr⸗ den zu beſtäͤtigen und zu erhalten, Maͤnner, die durch ihren Uebertritt zu unſeren Feinden die gerechte Verachtung ganz allgemein auf ſich ge⸗ zogen hatten. Die erſte dieſer Bedingungen ver⸗ nichtete die offentliche Treue, und die zweite em⸗ poͤrte die Gemuͤther des Volkes. Einſtimmig verweigerten die Cortes die Annahme dieſer bei⸗ den Bedingungen. Servile und Liberale waren hier mit einander einverſtanden; auch die Mit⸗ glieder des Miniſteriums, welche erſt kurzlich in daſſelbe aufgenommen waren, das Reich gegen Eigenwillen zu ſchuͤtzen, verweigerten ihre Stim⸗ men. So mußte denn der Herzog von San Carlos unverrichteter Sache wieder zu dem Kö⸗ nige zuruͤckkehren.“ Am 24ſten Maͤrz 1814 König Ferdi⸗ nand und die Infanten den Boden Spaniens, begruͤßt von dem Jubel eines Volkes, das ſich durch ſeinen Heroismus ſeinen Herrſcher wieder erkaͤmpft hatte, und nun hoffte, eben dieſer Herrſcher werde Alles zur allgemeinen Zufrieden⸗ 174 heit lenken. Indeſſen aber ſchmiedeten die Servilen eine Kabale, die eben ſo merkwuͤrdig bleiben wird, als das Elend, welches daraus folgte. Diejeni⸗ gen Mitglieder der Cortes, welche die erſten ge⸗ weſen waren, die verlangt hatten, daß die De⸗ putirten des Koͤnigs einer Unterſuchung unter⸗ worfen wuͤrden, weil ſie geaͤußert, der Koͤnig werde die unumſchraͤnkte Gewalt, welche er von ſeinen Vorfahren ererbte, unmittelbar nach ſeiner Ruͤckkehr wieder in Anſpruch nehmen, eben dieſe Cortes ſetzten eine Adreſſe oder vielmehr eine Anklageakte gegen ihre Kollegen auf, in welcher ſie gegen Alles proteſtirten, was in des Königs Abweſenheit beſtimmt worden, und den Monar⸗ chen baten, ſeine ganze Macht anzuwenden, um ein Syſtem zu ſtuͤrzen, deſſen Freunde ſie ſelbſt ſich fruͤher nannten. Mozo y Roſales, der be⸗ kannte Marquis von Mataflorida unterzeichnete dieſe Adreſſe zuerſt, und 40 andere Mitglieder der Cortes folgten ſeinem Beiſpiele.“ „Das Volk ſchwebte jetzt in einer peinvollen Ungewißheit. Despotism oder Freiheit, Buͤrger⸗ zrieg oder Anarchie, lagen vor uns, und von der Entſcheidung hing das Wohl des Volkes ab. Der Koͤnig aber, der ſich wohl nicht ohne Abſicht ſeiner Reſidenz ſo langſam nahete, ſagte nicht ein Wort, das die Furcht beſtatigen, oder 17⁵ die Zweifel zerſtören konnte. Sein Schweigen allein verrieth ſeine Geſinnungen. Eine große Zahl von Granden, den Herzog von Infantado an ihrer Spitze, Praͤlaten und vornehme Geiſt⸗ liche der verſchiedenen Orden, zogen dem Koönige entgegen, doch die Cortes und die Regentſchaft ſandten nur den Kardinal von Bourbon, den Chef des Gouvernements ab, um dem Koͤnige in ihrem Namen den Gluͤckwunſch abzuſtatten.“ „Ich wollte dieſe Alle nicht nach Valencia begleiten, und kann daher auch nicht erzaͤh len, was ſich dort zutrug. Doch alle Briefe, die ich erhielt, ſtimmen darin uͤberein, daß die Urnge⸗ bungen des Koͤnigs, und ſogar der Koͤnig ſelbſt, den Kardinal auf ſehr unziemende Weiſe em⸗ pfingen.“ „Endlich ward das ewig denkwürdige Dekret vom 4ten Mai unterzeichnet, welches mit einem Schlage unſere neuen Einrichtungen vernichtete, und den Kodex, der zu Cadiz ausgerufen rvor⸗ den, fuͤr ein Majeſtaͤtsverbrechen erklaͤrte. Die urheber dieſes Dekretes waren die Oſtolazos, die Calderon, die Joaguin Perez, der Biſchof von Pamplona und Andere ihres Anhanges, welche noch einen Monat zuvor einſtimmig auf die Be⸗ ſtrafung des politiſchen Chefs von Modrid, der der Verletzung der Conſtitution beſchuldigt ward, S 176 angetragen hatten, und die ſich zum Beweiſe ihrer Aufrichtigkeit, auf den heiligen Koder, auf ihren geleiſteten Eid, auf die Religion und ihr Vaterland beriefen. Schon wenige Tage darauf waren ſie, und beſonders Oſtolazo, beſchaͤftigt, ihre Kollegen in die Kerker zu ſchleppen. Doch dies Dekret, weit entfernt, den Triumph der Abſolutiſten zu begruͤnden, ſchien vielmehr den ihter Gegner zu verkuͤnden. Noch waren alle Rechte der Nation anerkannt, alle ihre Freihei⸗ ten beſtaͤtigt. Nie bediente ſich der Despotismus einer verworfneren Beredtſamkeit. In der That vegann das neue Gouvernement damit, Ver⸗ wuͤnſchungen auf ſein eigenes Haupt herabzu⸗ „Um dieſe Zeit verbreitete ſich in der Haupt⸗ ſtadt das Geruͤcht, daß die Truppen, welche der alte General Eguia, ein Mitglied des conſtitu⸗ tionellen Kongreſſes, befehligte, und die ſich ſchon fuͤr die neue Verfaſſung, und die Volksfreiheit erklaͤrt hatten, gegen Madrid marſchirten, und daß Elio, der wenige Tage vorher dem Kongreſſe geſchrieben hatte:„In ſeinem Gouvernement Valencia ſegne das Volk den heiligen Kodex, in welchem es ſeine theuerſten Rechte enthalten wiſſe“— ſo eben mit unumſchraͤnkter Voll⸗ macht ausgeruͤſtet ſey, ſein Heer zum Sturze der 177 der Conſtitution anzufuͤhren. Es wurden dem Koͤnige zwei Adreſſen uberſendet, in welchen man ihn bat, die allgemeine Furcht zu beſchwichtigen; in dieſen Adreſſen ward noch die Conſtitution als das einzige Schutz⸗ und Rettungsmittel an⸗ gegeben. Dieſe Adreſſen, beide ſpaͤter, als das Manifeſt der 40 Cortes erlaſſen, waren von fuͤnf der Eifrigſten eben dieſer 40 unterzeichnet, von denen zwei durch die ganze Verſammlung zum Präſidenten und Sekretair der Cortes er⸗ nannt worden waren.— Wahrlich, einer ſol⸗ chen Sache waren der Verrath, die Undankbar⸗ keit, die Treuloſigkeit und die Zwetzuͤngelei wuͤr⸗ dig, die ihr als Herolde dienten.“ „Als der Konig auf dieſe Adreſſen nicht ant⸗ wortete, zweifelte Niemand mehr, daß jetzt ein Staats⸗Streich ſeiner Ausführung nahe ſey. Endlich erfolgte er, von der finſterſten Un⸗ ruhe umgeben. Man ſprach von nichts, als von blutigen Exekutionen, Einkerkerungen und politiſchen Auto⸗da⸗Fes.“ „Fuͤnf ganze Wochen hatte Madrid nun in der aͤngſtlichſten Erwartung geſchwebt. Tauſend wohl begruͤndete Beſorgniſſe begannen das Ver⸗ gnügen zu mindern, mit dem jeder Spanier der Ankunft ſeines Monarchen entgegenſahe. Die Regentſchaft, die Deputirten, die der u. 12 178 conſtitutionellen Parthei, Alle ſahen jetzt den Sturm uͤber ſich hereinbrechen. S ten ſich zu Berathſchlagungen über dis Gefahren, die dem Lande droheten. Mehrere Generale, deren Namen unſerem Ruhme theuer waren, an⸗ geſehene Caſtilianer, und ſogar einige Granden verlangten öffentlich, daß das Land, wenn es Noth thue, ſeine Geſetze vertheidigen ſolle. Alle Truppen, Elios Diviſion allein ausgenommen, und die ganze Miliz, waren auf der Seite der Conſtitution. Ganz Europa hatte die Rechte der Nation anerkannt und geheiligt, und die Nation durfte daher deren Erhaltung mit den Waffen in der Hand fordern.“„40 „Eine uͤbelverſtandene Maͤßigung aber, und der Glaube, daß der moraliſche Werth des libe⸗ ralen Syſtemes allein ſchon hinreichen muͤſſe, es aufrecht zu echalten, verleitete einige Deputirte, gegen die Abſicht zu ſprechen, die Rechte der Nation durch ein bewaffnetes Heer zu unterſtuͤz⸗ zen.„Kein Tropfen Blutes, ſagte Einer von ihnen, fließe unſerer geheiligten Sache, es ſey denn unſer eigenes, chuf dem Soaffot⸗ ver⸗ goſſen.“„int „Dieſen Worten ward Beifall zuge⸗ jauchzt. Ihrem Geiſte folgte man. Aber in jener Zeit war eine ſo großmůthige Wins 179 ſchlimmer, als offenbare Narrheit. Kraͤftige Schritte, durchgreifende Maaßregeln allein waren im Stan⸗ de, die allgemeine Wohlfahrt zu ſichern. Und was die Furcht des Blutvergießens anbetrifft? — Wer konnte ſo blind ſeyn, nicht zu ſehen, daß grade nach dieſen Schritten das Blut von Tauſenden ſtroͤmen wuͤrde, und daß durch ſie das Land fuͤr kommende Jahrhunderte in den Abgrund des Elends geſturzt werden muͤſſe.“ „Gegen Abend fluͤſterte man ſich zu, Eguias Avantgarde ſey nur noch wenige Stunden von der Hauptſtadt entfernt. Dieſer heimliche Marſch erregte ſelbſt in den vertrauensvollſten Gemu⸗ thern Beſorgniß, und nur zu wohl war ſie be⸗ grundet. Am 10ten Mai beſchien die unterge⸗ hende Sonne zum letzten Male das conſtitutio⸗ nelle Spanien. An jenem merkwuͤrdigen Tage durchtobte ein wuͤthender Pobel, eine Legion von Mönchen an ihrer Spitze, die Straßen Madrids, und erfuͤllte die Luft mit dem wilden Geſchrei: „Der unumſchränkte Koͤnig fuͤr immer!— Tod der Nation!“ Waſſerträger, Maulthiertreiber und Bettler, ſtets zu Puͤnderung und Mord be⸗ reit, ließen es erſchallen. Entſetzen floh vor ih⸗ nen her und folgte ihren Schritten. Unter dem Vorwande, die Feinde Gottes und des Konigs zu viſiſzen⸗ drang man in die Haͤuſer. Die 12* 160 achtungswuͤrdigſten Bewohner Madrids fanden ſich den Mißhandlungen der tobenden Menge, und ſelbſt der Lebensgefahr ausgeſetzt. Die Siz⸗ zungshalle der Cortes ward erſtuͤrmt, und die Bildſaͤulen der Mäßigung, der Gerechtigkeit, der Treue und der Kraft, lagen in einem Nu, in tauſend Stuͤcke zertruͤmmert, am Boden; fuͤr kurze Zeit behielt die Stutue der Nation Stelle.“)„ „Dann ſchleifte det Pobel einen Strick um den Hals derſelben, und zog ſie unter graͤßlichen Verwuͤnſchungen nach dem allgemeinen Richt⸗ platze. Hier ward ein Schaffot errichtet, und die Statue dann, nach einer ſummariſchen Ver⸗ urtheilung, hingerichtet. Die handelnden Perſo⸗ nen in dieſer vatermoͤrderiſchen Poſſe waren Prieſter, Moͤnche, furienhafte Weiber und Bekt⸗ ler. Wer kann es wiſſen, ob nicht die Wirk⸗ lichkeit dieſer Parodie den Befreiern des Vater⸗ landes und des Königs bevorſteht.— Doch noch war nicht Alles voruͤber. Die Natton hatte 5 Die Nation ward durch eine weibliche Geſtalt vargeſtellt, welche auf dem ſpaniſchen Löwen ſaß, der ie Weltkugel zwiſchen ſeinen Tatzen hielt. Ihre Waffen waren eine Fackel und ein Ruder, und auf dem Haupte trug ſie ein Dia⸗ dem von caſtilianiſchen Thuͤrmen, von einem Kreuze iberragt. nur ihren Kopf verloren. Der Rumpf ward nach der Plazu Mayor geſchleppt, demſelben Platze, auf welchem Philipp U. laͤchelnd auf die Brandopfer der Inquiſition herabſah. Hier drang der Poͤbel in die umſtehenden Haͤuſer, Material zu einem maͤchtigen Holzſtoße herbeizuſchaffen, und bald darauf war die kopfberaubte Nation rings von Flammen umwirbelt, zur großten Freude der Ingquiſitoren und Moͤnche, welche Zuſchauer dieſes Schauſpieles waren.— Ich boſchrieb Ihnen dies Alles nur, um Ihnen zu zeigen, weſſen ein wuͤthender Pöbel faͤhig iſt, wenn ſolche hoͤlliſche Demagogen ihn leiten.“ „Die Maͤnner, welche die Zuͤgel der Regie⸗ rung im Namen des Königs fuͤhrten, die Mit⸗ glieder der Cortes, der Tribunale, der hochſten Rathskollegien, ſahen ſich ploͤtzlich mit Ketten belaſtet. Eguia leiſtete redlich ſeine Dienſte, in⸗ dem er als ein Werkzeug diente, die Conſti⸗ tution zu zertruͤmmern, welche auch ſeine Stim⸗ me begruͤndet, der er den Eid der Treue gelei⸗ ſtet hatte. Seine Truppen vernichteten die Ge⸗ ſebe des Vaterlandes, und ſchlugen die heilige Tribune in Truͤmmer. Die Gefaͤngniſſe wurden erbrochen, und aus ihnen empfingen ſie den be⸗ deutendſten Beiſtand, der Sache des Despotis⸗ mus den Sieg zu erkämpfen.“ 182 „Drei ganze Tage vergingen unter dieſen Graͤueln der Anarchie. Die täglichen Zeitungen der Servilen waren voll von falſchen Anklagen gegen die Liberalen. Sie machten außer der republikaniſchen Conſtitution, welche in den Haͤu⸗ ſern der letztern gefunden ſeyn ſollte, auch noch eine Beſchreibung von Uniformen der Konſuln und Senatoren bekannt, die man ebenfalls ge⸗ funden haben wollte.— Auguſtin de Caſta in ſeiner Flugſchrift:„Die Schildwach von la Mancha“— gab eine genaue Auseinanderſez⸗ zung der Verbrechen, welche die conſtitutionellen Gefangenen zu begehen beabſichtigten, und ſagt, mit ſeltener Bosheit und Dreiſtigkeit, daß er dieſe Gcheinniſſe in der Si erfahren habe,“ „Der Adel, die Biſchoͤfe, die Akademien, die Armee, jedes lieferte ſeine Opfer. Nie offneten ſich die Kerker des Laſters edleren Gäſten; der Hof, welcher hiezu die geheimen Befehle gegeben hatte, belaſtete den Kardinal von Bourbon mit Feſſeln, und ſprach dann ſein Verbannungsur⸗ theil aus.— Indeſſen ſetzte der König, umge⸗ ben von den Geſandten der fremden Mächte, ſein⸗ Reiſe langſam fort, und zog endlich mit alem etdenklichen Pompe, wie ich es oben be⸗ reits ſagte, am 14ten Mai in der Reſidenz ein, 183 von den Bayonetten Elio's umringt. Nichts, als das Geſchrei:„Tod den Liberalen!“— Aufrufungen zur unumſchraͤnkten Gewalt, Fluͤche gegen die Nation und die Cortes, erreichten des Koͤnigs Ohr. Doch deſſen allem ungeachtet ſeg⸗ neten die tugendhaften Einwohner Madrids die Ankunft ihres Monarchen, als ſey er der Meſ⸗ ſias. Sie hofften, alle Schrecken, denen ſie bis⸗ her ausgeſetzt waren, wuͤrden nun ihr Ende er⸗ reichen, und das feierliche Verſprechen, welches das Dekret vom 4ten enthielt, wuͤrde auch ge⸗ halten, und alſo Ordnung und Geſetze im Lande wiederhergeſtellt werden. Und Einige waren ſogar ſo leichtglaͤubig, daß ſie wähnten, unter der Re⸗ gierung eines ſo großen und gerechten Prinzen wuͤrden ſie den Verluſt des geheiligten Koder nicht Urſach zu betrauern haben.“ „Dies ſind die traurigen Ereigniſſe, von de⸗ nen ich Zeuge ſeyn mußte. Doch wer hätte auch glauben koͤnnen, daß Ferdinand, deſſen Feſ⸗ ſeln eben erſt durch das Opfer von zwei Millio⸗ nen Leben zerbrochen worden, nach der Haupt⸗ ſtadt kommen werde, um mit Einem Schlag alle unſte Hoffnungen zu zerſtoͤren?———“ „Wir ſelbſt, mein theurer Ignacio, mögen uns noch gluͤcklich ſchätzen, wenn es uns gelingt, dem allgemeinen Sturme zu entrinnen, und ver⸗ 161 eint unter dem Dache einer beſcheidenen Huͤtte zu leben, und hier unſere Thränen und Klagen uͤber das Elend unſeres armen, Vaterlandes ge⸗ meinſchaftlich ausſtrömen zu laſſen.—“ Aehnliche Auftrite, durch die Mönche und die Servilen herbeigefuͤhrt, fanden in allen groͤ⸗ ßern Staͤdten Spaniens Statt. Ueberall wurden Bunderte der rechtſchaffenſten Buͤrger in den Ker⸗ kern begraben. Einige Diviſionen und Städte wollten zwar widerſtehen, aber der Schrecken ſtreckte ſeine eiſernen Haͤnde uͤber ſie aus, und auch ſie unterwarfen ſich. So ſank, ungeachtet der heiligſten Verſpre⸗ chungen, welche jedoch nichts waren, als ein Deckmantel geheimer Machinationen, die Conſti⸗ tution überall unter den Streichen der Moͤnche und des niedrigſten Poͤbels. N ————————— 185 ——— swölftes Kapitel. * Die Zeit, welche zu den Feierlichkeiten in un⸗ ſerer Familie feſtgeſetzt geweſen, war indeſſen ge⸗ kommen, Raimundo hatte geſchrieben, daß ſeine Geſchaͤfte ihn noch uͤber einen Monat entfernt halten wuͤrden, und es ward daher beſchloſſen, die Feſte nicht länger zu verſchieben. Alle un⸗ ſere Freunde wurden daher zu einem Refresco eingeladen, dem ein großer Ball folgen ſollte. Die Geſellſchaft verſammlete ſich, die Damen mit allen Reizen geſchmuͤckt, die Kunſt und Na⸗ tur ihnen leihen wollten, und die Herren in ihren Beutelperruͤcken, Hofkleidern und horizontal haͤngenden Degen. Die Damen nahmen, wie dies uͤblich, die Stuͤhle und Sophas ein, welche längs den Waͤnden ſtanden, die Herren gingen in der Mitte des Saales umher, und die Be⸗ dienten reichten die Erfriſchungen mit einem Vergnugen und einer Freundlichkeit herum, als wären ſie ſelbſt die Gäſte. Beſonders zeichnete ſich Anton aus, der auch zu dieſer Ehre gelaſ⸗ ſen worden. Mit der ihm eigenen Leichtigkeit und Gewandtheit, ſcherzte er rechts und links mit den Damen auf eine Weiſe, daß ſie ihm 186 nicht zůrnen konnten, und oft ſogar uͤber ihn lachen mußten. Irgend eine Bemerkuug uͤber den Anzug eines Herren, leiſe hingeworfen, aber doch laut genug geſprochen, um von den Um⸗ ſitzenden gehoͤrt zu werden, zog öfters auch die ernſteſten Geſichter in die Falten des Lächelns. Aber die Gewandtheit, mit der der verſchmitzte Anton eine Artigkeit oder Schmeichelei zu erſin⸗ nen wußte, verſoͤhnte ſogar den Beleidigten ſo⸗ gleich wieder mit ihm. Endlich begann der Ball, und agleich un⸗ ter den Damen die Eine fehlte, die allein mein Gluͤck vollkommen machen konnte, ſo hatte ich doch eine von ihnen zum Tanze aufgefordert, da ich wohl fuͤhlte, es wuͤrde unverzeihlich ſeyn, wollte ich bei dieſer Gelegenheit auch nur den mindeſten Mißmuth blicken laſſen. Waͤhrend ich den Tanz begann, ſah ich, baß ſich ein Bedienter meinem Vater naͤherte, und ihm etwas in das Ohr fluſterte, das ihn zu uberraſchen ſchien. Nur zu gut kannte ich die Gefahr, die in dieſer Zeit jeden Ehrenmann umſchwebte, und ergriff daher die erſte paſſende Gelegenheit, den Ballſaal unbemerkt zu verlaſ⸗ ſen, als ich ſah, daß Don Ignacio dies that. Er trat ſo eben in ein kleines Zimmer, deſſen 187 Thuͤren er hinter ſich verſchließen wolltez auf mein Bitten ließ er mich ein. Man denke ſich unſer Beider Ueberraſchung, als wir hier den Marquis, in Poſtillonskleidung fanden, als ſey er ſo eben erſt vom Pferde ge⸗ ſtiegen.— Sie ſehen mich in dieſem Anzuge, ſagte er, meinen Vater umarmend, weil ich keine Zeit verlieren durfte, um meinen Freund zu retten.— In zwei oder drei Tagen wird ein Amneſtie⸗Dekret erſcheinen, durch welches vier tauſend Liberale, und zehn tauſend Familien von Joſephino's ihres ganzen Eigenthumes ver⸗ luſtig erklaͤrt werden. Doch dies, ſetzte er hinzu, iſt noch nicht Alles— die Neuigkeit, die ich Ihnen nun noch mitzutheilen habe, nimmt alle den Muth und die Kraft in Anſpruch, die Sie bei fruͤheren Gelegenheiten ſchon öfters zeigten. Ruhig horte mein Vater dieſe Einleitung an, aber ich war dieſer Gelaſſenheit nicht faͤhig. Um Gottes Willen, rief ich, reißen Sie uns aus dieſer toͤdtlichen Ungewißheit. Warte, mein Kind; ſagte mein Vater laͤ⸗ chelnd, bald wirſt Du Alles hoͤren. Mein theurer Freund, ſagte der Marquis, meinen Vater abermals umarmend, noch in die⸗ ſer Stunde müſſen Sie fort von hier. Sie ha⸗ 188 pen nicht einen Augenblick zu verlieren, denn ſchon hat der Koͤnig Ihr Todesurtheil unterzeich⸗ net. Fliehen Sie augenblicklich, wenn Sie nicht Ihrer Famitie und Ihren Freunden den Schmerz bereiten wollen, Sie in den Kerker und von dort auf dus Blutgerüſt geſchleppt zu ſehen. Ein Pferd ſteht fuͤr Sie bereit; glauben Sie meinen Worten, und flichen Sie noch in dieſer Sekunde. Sie haben nicht ein⸗ einzige zu ver⸗ Was iſt denn mein Verbrechen? rief mein Vater. Was ſollte mich zur Flucht bewegen? Habe ich nicht dem Koͤnige und meinem Vaterlande treu gedient? Habe ich nicht mein Vermögen daran geſetzt, unſere Unabhängigkeit zu vertheidigen, und Ferdinand wieder auf den Thron zu helfen? Sind nicht meine Haͤuſer gepluͤndert oder niedergebrannt, meine Landguͤter verwuͤſtet, meine Familie der Armuth preisgegeben geweſen? Leiſtete ich nicht ſelbſt noch da meinem Vaterlande jeden Dienſt, der in meiner Macht ſtand, als ich gezwungen war, einen Poſten unter den Feinden zu ver⸗ walten?— Sandte ich nicht meine Soͤhne in das Feld, noch ehe ſie die erforderliche Kraft be⸗ ſaßen, das Schwerdt zu ſchwingen?— Kann dies Alles geläugnet werden?— Und ſoll ich ⁰ 189 dennoch gieich einem Verbrecher fliehen, der ſeins gerechte Strafe— Nein⸗ meine Un⸗ ſchuld iſt mein Schild. Eben was Sie jetzt anführten, rief der Mar⸗ quis, iſt Ihr Verbrechen. Tugend und Vaterlands⸗ liebe ſind die gefährlichſten Feinde der Machthaber. Vergebens hoffen Sie bei ihnen auf Schutz.— Noch ein Mal! es iſt keine Zeit zu verlieren. Ihr Leben muß gerettet werden. Ihre Familie, Ihre Freunde, Ihr Vaterland haben gerechte Anſpruͤche darauf.— Fliehen Sie ſchnell,— ſchnell! Vate, theurer Vater, rief ich mit einem Strome von Thraͤnen, Don Lorenzo hat Recht⸗ Laſſen Sie mich Sie aus einem ungluͤcklichen Lande fuͤhren, welches Ihr Tod nicht retten kann. Schon ſind genug der Opfer gefallen.— Den⸗ ken Sie an Ihre Toͤchter!— Ohne Sie wä⸗ ren ſie ganz verlaſſen, denn Ihre Soͤhne wuͤrden fallen, indem ſie ihren Vater rächten. Schwigend ſtand der ungluͤckliche Don Igna⸗ cio einen Augenblick uns gegenuͤber, dann fiel er auf ſeine Knie und ſprach ein kurzes, doch inbruͤnſtiges Gebet.— Ich bin bereit, fuͤhrt mch wohin Ihr wollt! ſagte er hierauf. Don Lorenzo drückte ſeine Hand, und fuhrte ihn dann durch eine Hinterthuͤr aus dem Hauſe 190 und zu dem Orte, wo außerhalb der Stadtthore ein Pferd fur ihn ſtand. Ich verſprach, zu fol⸗ gen, ſobald mein Pferd bereit ſey. Als ich den Ballſaal wieder durchſchritt, und meine Mutter und Schweſtern, ohne eine Ahnung des Vorge⸗ fallenen, nur beſchäftigt ſahe, füͤr das Vergnuͤ⸗ gen der Gäſte zu forgen, da mußte ich alle meine Kräfte anwenden, um die Thränen zurück⸗ zudraͤngen, die meinen Augen zu entſtuͤrzen droh⸗ ten. Meine Lieblingsſchweſter ſah mich, eilte auf mich zu, und machte mir liebreiche Vor⸗ wuͤrfe uͤbet meine Abweſenheit. Kaum meiner ſelbſt noch mächtig, ſchlang ich meinen Arm um ſie, kußte ſie auf die Stirn, und verſprach ſo⸗ bald als moglich zuruͤckzukehren. Dann eilte ich in den Stall, ſattelte mein Pferd, und ver⸗ ueß bald darauf die väterliche Wohnung, die ich noch kurz zuvor mit ſo freudigen Hoffnungen betreten hatte. Als ich den Verſammlungsort erreichte, ſag⸗ ten wir Don Lorenzo das herzlichſte Lebewohl. Er verſprach, fuͤr meine Mutter und Schwe⸗ ſtern wie ein Gatte und Vater zu ſorgen, und den Verlaſſenen Beiſtand und Rather zu ſeyn. Raſch ging es nun vorwaͤrts, ſo ſchnell die Dun⸗ kelheit der Nacht es geſtattete, und nach einigen 191 Stunden erreichten wir eine kleine Meierei, in der wir in gluͤcklicheren Tagen oft geweſen wa⸗ ren. Der Wirth war ein guter alter Mann, und uns ſehr ergeben, deshalb beſchloſſen wir, hier etwas unzuhalten, und meinem Vater die Ruhe zu goͤnnen, deren er ſo ſehr bedurfte. Unſer guter Wirth war nicht wenig erſtaunt, uͤber den Beſuch zu ſo ganz ungewoͤhnlicher Stunde, doch hieß er uns willkommen, ohne die geringſte Neugier zu verrathen, und leiſtete uns jeden Dienſt, gewaͤhrte uns jede Erleichterung⸗ die in ſeinen ſchwachen Kraͤften ſtand. Freund⸗ lich bot er meinem Vater ſein eigenes Bett zur Ruhe an. Nach wenigen Stunden der Raſt, machten wir uns wieder mit gleicher Eite auf den Weg. Der Lag war jetzt gei und wäh⸗ rend wir vorwärts eilten, bemerkten wir manche pii an denen wir glücktche Stunden betleb⸗ Als Fluchtlinge eilten wir an ihnen vor⸗ zt. vielleicht um nie wiederzukehren. Und was war unſer Verbrechen?— Daß wir dem Lande jedes Dpfer gebracht, und alles fuͤr die Wieder⸗ einſetzung des Konigs gethan hatten, der uns nun ſo dankte. Dann und wann erleichterte ein Seufzer die gepreßte Bruſt meines ungluͤcklichen 192 ——— Vatets, und oft ſuchte er ſeine Thränen meinem Blicke zu verbergen, aber wenn wir Beide uns anſahen, konnten wir ſie nicht laͤnger unterdruͤk⸗ ken. Nur wenige kennen die Qualen des Ver⸗ bannten, welcher ſich allen Verfolgungen ſeiner Feinde ausgeſetzt ſieht. Jeder Lebende, dem er begegnet, ſcheint ihm ein Verraͤther oder ein Häſcher. Mein Herz empoͤrte ſich gegen den Gedanken, uͤberall fuͤrchten zu muͤſſen. Meine Jugendkraft waͤre dem Entſetzen in das Angeſicht getreten. Die größeren Stäbte vumieben wir ſo viel als moͤglich, und ließen Burgos zu unſerer Lin⸗ ken liegen. Nach dem Ruckzuge der Franzoſen war ich dort geweſen, und hatte das Monument geſehen, welches ein franzöſiſcher General Tierry, wenn ich nicht irre, unſerem Cid hatte errichten laſſen, weil deſſen fruͤheres Denkmal von den Kugeln der franzöſiſchen Kanonen zerſtört wor⸗ den war. Burgos iſt auch der Geburtsort un⸗ ſeres gefeierten Ferdinand Gonzales, deſſen An⸗ denken zu den Zeiten Karls V. ein prachtvoller Triumphbogen errichtet ward, der noch iett zu ſehen iſt. Nicht weit hinter Mirunda, auf der Straße nach Vittoria„ſteht eine huͤbſche Marmorſaͤule, fuͤr 193 fuͤr ihren Zweck vielleicht etwas zu ſchoͤn. Die Inſchrift auf derſelben deutet die Granze zwi⸗ ſchen Caſtilien und den Provinzen Alava und Biscaja an. Hinter dieſer Säule erhebt ſich ein ſteiler Berg, deſſen Spitze wir erſtiegen. Auf der andern Seite ſahen wir die Doͤrfer Puebla und Arminnon liegen. Nachdem wir durch ſie hindurch waren, gingen wir auf einer ſteinernen Bruͤcke, links von Vittoria, uber den Fluß Arr⸗ vaza, und ſetzten unſere Reiſe fort, ohne Vitto⸗ ria ſelbſt zu beruͤhren. Wir kamen jetzt durch den ſchoͤnſten, am beß⸗ ten bebaueten Theil Spaniens, die drei Provin⸗ zen Alava, Guipuzkoa und Biscaja, aus denen das eigentliche Biscaja beſteht. Stets waren dieſe Provinzen ein Aſyl der Kuͤnſte und Frei⸗ heit, der beiden unzertrennlichen Gefaͤhrten des Wohlſtandes. Etwa 30 Stunden von Vittoria, der Bidaſſoa zu, verſchoͤnern beſtaͤndig neue Land⸗ haͤuſer, Meiereien und Anlagen die Landſchaft, deren Huͤgel und Thaler die ſorgfältigſte Be⸗ bauung verlangen. Schon fruͤher war ich in dieſer Gegend ge⸗ weſen, aber nur in den unruhvollen Zeiten des Krieges, als jede Hand mit dem Schwerte be⸗ waffnet war. Aber ſelbſt damals vernachlaͤſſigten Il. 13 194 — die arbeitſamen biscajiſchen Weiber die Kultur des Landes nicht, denn ſie fuͤhlten die Kraft dazu in ſich. Doch jetzt, wo der Friede die Maͤnner ihrer Heimath wieder zugefuͤhrt hatte, zeigte ſich uͤberall ein regeres Leben, und ich ward nie muͤde, den ſe ſe Volkes zu W Sunben zic n g Die Liebe zur Freiheit, die Du in ihnen ſo hoch achteſt, ſagte mein Vater, iſt hauptſaͤch⸗ lich eine Wirkung der Natur ihres Landes, wel⸗ che ihnen ſo wenig Unterſtutzung gewährt. Was ſie beſitzen, verdanken ſie nur ihren eigenen An⸗ ſtrengungen, und deshalb legen ſie auch einen ſo großen Werth auf ihre errungenen Rechte und Freiheiten, welche ſogar den Herrſcher des Lan⸗ des noͤthigen, ſeinen Titel als Koͤnig in den von„Sennor“ umzuaͤndern. Bei mehr als einer Gelegenheit haben wir geſehen, daß ſie den Be⸗ fehlen des Hofes den Gehorſam weigerten, wenn ſie denſelben mit ihren Privilegien und Statuten im Widerſpruche fanden. Jede der drei Provinzen beſitt hr eigenes Gouvernement, und in Viztaya und Guipuzkoa können die Befehle des Königs erſt dann voll⸗ ſtreckt werden, wenn die Provinzialabminiſtration ſie beſtätigte. Jede Gemeine hat ihren Ausſchuß, 195 und ihm muß die Adminiſtration Rechenſchaft uͤber die Verwaltung der öffentlichen Gelder ab⸗ legen. Um zu dieſem Ausſchuſſe erwählt werden zu können, iſt ein gewiſſes Vermogen erforder⸗ lich. Auch ein eigenes Juſtiz⸗Tribunal hat jede der Provinzen. In Biscaja, der Provinz, die vorzugsweiſe dieſen Namen fuͤhrt, kann man gegen die Befehle des Korregidors bei dem„Juez⸗ Major“ appelliren, einer Obrigkeit, die auch uͤber die Aufrechthaltung ſämmtlicher Rechte der Pro⸗ vinz wachen muß. Doch ungluͤcklicher Weiſe wird dieſe Magiſtratsperſon von dem Konige ein⸗ geſett, und ſeine einzige Hoffnung eines höheren Steigens beruht auf der Gunſt des Hofes, wes⸗ halb der Vortheil des Landes nur zu oft ſeinem eigenen nachgeſetzt wird. Dieſe Grundſätze verleiteten wahrend der fran⸗ zöſiſchen OHecupation im Jahre 1793 zu dem Wahne, die Provinzen, in denen ſie herrſchten, muͤßten ſchon deshalb geneigt ſeyn, ſich der fran⸗ zöſiſchen Republik anzuſchließen. Doch dies war keineswegs der Fall. So eiferſuͤchtig die Basken uͤber der Aufrechthaltung ihrer Freiheiten wachen, eben ſo ſehr haͤngen ſie auch an der ſpaniſchen Herrſchaft, fur deren Unabhaͤngigkeit ſie ſtets mit allen Kraͤften kaͤmpften. Alle Ausgaben fuͤr die 13* 196 Provinz ſelbſt, fuhr mein Vater fort, beſtreiten auch die Provinzen, und leiſten dem Koͤnige nur eine geringe Abgabe, unter dem Namen einer Donation. Bis zur franzoͤſiſchen Occupation ward dieſe aber nur ſelten eingeforbert, und war ſehr unbedeutend. Ware ſie ſtaͤrker geweſen, wuͤrden die Provinzen ſie ſchwerlich bezahlt haben.* Bei jeder Begebenheit, die das algemeine Wohl betrifft, treten die drei Provinzen zu ge⸗ meinſchaftlichen Berathungen zuſammen. Alle oͤffentlichen Angelegenheiten werden auf dieſe Weiſe betrieben. Nur ſo duͤrfen wir es uns erklaren, daß die Straßen des Landes, ungeachtet des verheerenden Krieges, und der beſtaͤndigen Hin⸗ und Hermaͤrſche zahlreicher Truppenabtheilungen, unter die beßten Europa's gezählt werden müſ⸗ ſen. Und dennoch giebt es in dieſer Hinſicht faſt nirgend größere Schwierigkeiten zu uͤberwin⸗ den, da das Land eine immer fortlaufende Berg⸗ kette iſt. Aber mehr noch, als durch Straßen, Kultur und politiſche Privilegien zeichnen ſich die bas⸗ kiſchen Provinzen durch ihren Kunſtfleiß aus. Beſonders zeigt ſich dieſer in der Bearbeitung ihres Hauptproduktes, des Eiſens. Um dieſe Kunſt auf den hochſten Gipfel zu bringen, ſind 197 weder Briefwechſel mit fremden Landern, noch Reiſen, noch Verſuche geſcheuet worden. In Bergara war eine patriotiſche Schule, in welcher in allen metallurgiſchen Wiſſenſchaften durch die geſchickteſten Lehrer Unterricht ertheilt ward. Ei⸗ nige dieſer Lehrer waren zu dieſem Zwecke aus benachbarten Koͤnigreichen herbeigerufen worden. Junge Chemiker wurden nach Schweden und Deutſchland geſchickt, um die Kunſtanſtalten die⸗ ſer Laͤnder kennen zu lernen. Sonderbar und auffallend iſt es, daß die Sitten und Gebraͤuche dieſer Provinzen ſowohl, als deren Sprache, ſich ganz in der Einfachheit erhalten, in welcher ſie ſchon ſeit den entfernte⸗ ſten Zeiten beſtanden. Ihre Sprache, ſagen ſie, enthaͤlt keine Ableitung von anderen, und iſt ſo alt, wie ihre Berge. Eine religioͤſe Liebe beſeelt ſie fuͤr Alles, was von ihren Voreltern ſtammt, und ihre treuherzige Art und Weiſe, ſo wie ihre unbegraͤnzte Gaſtfreundſchaft, macht ſie zum Ge⸗ genſtande der Bewunderung aller Reiſenden. Die naturliche Schoͤnheit der baskiſchen Wei⸗ ber wird durch eine ungewoͤhnliche Reinlichkeit noch bedeutend erhöht. Mit eilenden Schritten und der Behendigkeit eines Hirſches, die Fuͤße blos und die Schuhe unter den Armen, ſieht 108 man die jungen Biskajerinnen ihre Berge erklet⸗ tern, und dabei eine Laſt auf dem Kopfe tragen, unter der mancher kraͤftige Mann erliegen wuͤrde. Singend ſetzen ſie ihren Weg fort, und ſtricken dabei noch die zehnfarbige Weſte fuͤr ihren be⸗ jahrten Vater. Ihr Anzug iſt reinlich und ge⸗ faͤllig, und ihr langes Haar fallt in zwei zierli⸗ chen Flechten von beiden Schultern herab. Faſt in jedem Dorfe iſt ein großer freier Platz zum Ballſpiel. Die Einwohner dieſes Lan⸗ des ſind Meiſter in dem Spiele, welches eben ſo viel Ausdauer als Gewandtheit erfordert. Oft fordern die Bewohner eines Dorfes oder eines Diſtriktes, die eines andern auf dieſes Spiel heraus. Die Guipuzkoaner, welche ſich allen Anderen uͤberlegen halten, haben oft mit den Navarrern, und ſelbſt mit den franzöſiſchen Bas⸗ ken, dergleichen Gefechte. Findet ein ſolches Statt, ſo eilen alle Juͤnglinge einer Provinz auf den Kampfplatz, der Gegenparthei den Sieg ſtreitig zu machen. Großtentheils herrſcht bei dieſen Zuſammenkuͤnften die ſtrengſte Ordnung, doch zuweilen arten ſie auch in heftige Funſ⸗ kaͤmpfe aus. Als wir uns an einem S tage Ernany naheten, begegneten wir einer Menge 199 junger Leute, alle mit ihren kurzen dicken Stok⸗ ken bewaffnet, welche mit den Bewohnern eines benachbarten Dorfes Ball geſpielt hatten. Ru⸗ hig zogen ſie ihrer Straße, und ſangen dabei die rauhen Klaggeſaͤnge, welche in dieſen Ber⸗ gen heimiſch ſind. Moͤtzlich erſchallte von einer gegenuͤberliegenden Höhe das wilde hujujuju? (Kriegsgeſchrei) dieſer Bergbewohner. Der ganze Haufe ſtand und beantwortete das Geſchrei auf gleiche Weiſe. Noch einige Male ſchallte es hin und zuruͤck, bis endlich beide Theile einander an⸗ ſichtig wurden. Sie hielten, und ſtellten ſich in Schlachtordnung. Dann ward die Kampf⸗ linie bezeichnet, welche funfzig Klafter freien Raum zwiſchen beiden Partheien ließ. Sobald dies geſchehen, begann der Kampf, der nach lan⸗ gem Hin⸗ und Herwogen mit dem Siege des Thei⸗ les endete, mit dem wir Perßizuſaet fen waren. ie urſache dieſes Kampfes war, Si⸗ die beſiegte Parthei, welche im Ballſpiele verloren hatte, in der Pruͤgelei Genugthuung zu erhalten hoffte. Aber auch hier fand ſie ſich in ihrer Erwartung getaͤuſcht, und zog mit zeiſchlaaneß Schädeln und ausgerenkten Schultern davon. Wir naheten uns jetzt jenen Hoͤhen, ie Spanien von Frankreich trennen. Mit wehmu⸗ 200 thigem Vergnůgen ergötzten wir uns an ber Schoͤnheit der Gegend. Die Spitzen der Pyre⸗ nden, welche an den Ocean gränzen, ſind nicht mit ewigem Schnee bedeckt, noch ſieht man hier jene furchterregende Groͤße, wie in andern Ge⸗ birgslaͤndern. Eine uͤppige Vegetation ſchmuͤckt dieſe Felſen, und ſelbſt die hoͤchſten Spitzen tra⸗ gen noch freundliche Straͤucher und Kraͤuter. Nur einzelne Felſenklippen, die ſich in den Wol⸗ ken zu verlieren ſcheinen, zeigen keine Spuren von der Bebauung des Menſchen, obgleich die klimmenden Ziegen an ihren ſteilen Wänden Kzmmt man weiter, ſo ruht das Auge auf fruchtbaren Thaͤlern, die ſich mehr und mehr öff⸗ nen, und neue, reizende Ausſichten darbieten. Bald iſt es eine Meierei oder eine einzelne Huͤtte, bald eine Kirche, die die Landſchaft be⸗ lebt, und ihr zur Zierde dient. Hier vereinigen mehrere kleine Baͤche, die ſich von ben Hoͤhen herabſtuͤrzen, ihre Gewaͤſſer endlich zu einem größeren Teiche, dort fällt der Blick des Be⸗ ſchauers mit Wohlgefallen auf reizende Doͤrfer, und überall ſieht man reges Leben, reiche Ab⸗ wechſelung und Mannichfaltigkeit. Die Basken ſind in der Regel ſtolz auf ihre Woh⸗ 201 nungen, und wenn ſie auch jahrelang in frem⸗ den Ländern ihrem Lebensunterhalte nachgehen, ſo kehren ſie doch endlich wieder nach Spanien zuruͤck, um ihre Erſparniſſe zur Erbauung eines Hauſes zu verwenden. Reichen ſie dazu nicht aus, ſo ziehen ſie—. einmal hinaus in die Fremde. 202 — Dreizehntes Kapitel. Ats wir auf der hoͤchſten Spitze jener Bergkette angelangt waren, welche ſich auf der einen Seite an die Pyrenaͤen anſchließt, und auf der andern von den Wellen des Oceans beſpuͤlt wird, lag zu unſeren Fuͤßen ein weites und tiefes Thal, von mehreren Armen der Bidaſſoa bewaͤſſert. Von Behobie an fließt dieſer Fluß in einem en⸗ gen Bette, von ſteilen Felſen eingeſchloſſen, da⸗ hin, aber etwa eine Stunde ſpäter dehnt er ſich uͤber die Flaͤche aus, welche Ebbe und Fluth des Meeres bildeten, bis er ſich endlich in daſſelbe verliert. Uns etwas zur Rechten, auf der Höhe eines Berges, ſteht die Einſiedelei des St. Mar⸗ tial, durch den letzten Widerſtand merkwuͤrdig, den die franzoͤſiſchen Adler gegen unſere verbuͤn⸗ deten Heere leiſteten. An der Ehre dieſes Sie⸗ ges hatte damals auch ich Theil, da ich unter General Freyres Diviſion ſtand. Ein viereckiger Thurm, von einigen Haͤuſern umringt, ſchmuͤckt den Ausgang des Thales; etwas weiter links, an den Ufern der See, liegt Irun, und noch weiter Fontarrabia, während man ganz im Hin⸗ ——— 203 tergrunde, auf den Hoͤhen, welche Frankreich be⸗ graͤnzen, Andaye liegen ſieht. Die majeſtätiſche Pracht der Berge, die Frucht⸗ barkeit des Landes, die reiche Abwechſelung der Gegend, die uͤberall ſichtbaren Spuren menſch⸗ lichen Fleißes, und der unendliche Ocean bilden eine Graͤnze, die zweier ſolcher Reiche wuͤrdig iſt. Wir hatten einen Boten angenommen, uns zu der franzoͤſiſchen Graͤnze zu bringen; bald er⸗ reichten wir die Bruͤcke von Oholdizum. Dieſer kleine Bach, ſagte unſer Fuͤhrer, bildet die Graͤnze. Es giebt nichts ſchoͤneres, als das Land jenſeit jener Berge. Sie werden davon entzuͤckt ſeyn. Ach! er wußte nicht, daß wir in die Ver⸗ bannung gingen. Von dieſem Gedanken uͤber⸗ waͤltigt, ſank mein Vater vor einem kleinen ſtei⸗ nernen Kreuze, welches auf der Mitte der Bruͤcke ſtand, auf die Knie, und blieb mit gefaltenen Häͤnden einige Minuten bewegungslos liegen. Ich lehnte mich gegen das Gelaͤnder der Bruͤcke, und bedeckte das Geſicht mit beiden Haͤnden, die hervorquellenden Thraͤnen zu verbergen. Unſer Fuͤhrer blickte mit Verwunderung und Hochach⸗ tung auf meinen Vater. Flieht man ſo aus ſeinem und es erhebt ſich nun eine unuͤberſteigliche Scheide⸗ wand zwiſchen dem Fliehenden und der Wohnung, * * 204 der Heimath ſeiner Voreltern, ſo fuͤhlt er ſeine ganze Exiſtenz vernichtet. Berge, Fluͤſſe und Thäler trennen ihn von allem, was ihm bisher theuer war. Jedes Ding, das zu ſeinem Ge⸗ fuͤhl, ſeinem Gedaͤchtniſſe, ſeinem Herzen ſprach⸗ räßt er hinter ſich liegen; wohin er kömmt, iſt Alles fremd und kalt. Ich dachte noch einmal lebhaft an alle die Dienſte, die Don Ignacio ſeinem Vaterlande leiſtete, die Opfer, die er ihm brachte, und den Lohn, der ihm ward, und ich ſchauderte. Er durfte nicht laͤnger auf dem Bo⸗ den Spaniens weilen, in dem Lande, das ſeine Induſtrie bereicherte, und deſſen Unabhaͤngigkeit er mit den erſten, den beßten ſeiner Mitbuͤrger vertheidigt hatte.— Vielleicht mußte er jetzt ſeinem Vaterlande auf ewig Lebewohl ſagen.— Dieſe und andere ähnliche Gedanken erfuͤllten mich, und meine gepreßte Bruſt konnte nur mit Muͤhe eine Fluth von Seufzern'zuruͤckhalten; aber ich hoͤrte andere Seufzer, und vergaß mei⸗ nen eigenen Kummer.— Thraͤnen entſtuͤrzten den Augen meines Vaters.— Die Thraͤnen eines aͤlteren achtungswerthen Mannes, haben etwas ſo Erſchuͤtterndes, daß ſich auch das kaͤl⸗ teſte Herz davon ergriffen fuͤhlen muß. Ich konnte das Gefuͤhl kaum tragen, mit dem ich auf mei⸗ nen armen Vater ſahe. Er erſchien mir wie — 265 — ein heiliger Pilger, der ſein muͤdes Haupt zur letzten Ruhe niederlegt. Sein Elend erſchuͤtterte mich doppelt, weil es ein Beweis fuͤr die Un⸗ gerechtigkeit der Welt war. Ich haͤtte weinen moögen, doch jugendlicher Frohſinn, oder Hoff⸗ nung auf eine beſſere Zukunft, konnten leicht meine Thränen trocknen; aber was durfte er hoffen, der nichts vor ſich ſah, als das Grab? Gewiß, ſagte er, ſich erhebend, ward dies Kreuz hiehergeſtellt, um den ungluͤcklichen Ver⸗ bannten daran zu erinnern, daß es noch eine andere Heimath giebt, wo keine Ungerechtigkeit der Menſchen ihn zu erreichen vermag. Vater! rief ich, wenn auch Maͤnner, die ihr ganzes Leben dem Dienſte und dem Wohle des Vaterlandes weiheten, aus ihrer Heimath vertrieben werden, ſo wird doch ſpäter oder ftuͤ⸗ her ein Gott der Gerechtigkeit dafuͤr Rechenſchaft fordern. Der Tag Ihrer Ruͤckkehr und der Strafe Jener, kann nicht fern ſeyn. Ach! entgegnete er mit einem tiefen Seuf⸗ zer, mit 66 Jahren iſt man zu alt, ſein Vater⸗ land zu wechſeln; der Wechſel kann dann nur fuͤr das Grab ſeyn. Dieſe gerechten Klagen brachen mein Herz.— Geh zu dem ſpaniſchen Ufer, ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, und hole mir von dort einen Trunk. 206 Ich fuͤhle einen Durſt, den nur das Waſſer von ienem ufer ſilen kann. 56 eilte, feinen Wunſch zu erfuͤllen; dann ſetzten wir unſere Reiſe fort, und erreichten ge⸗ gen Abend ein kleines Dorf, rechts von St. Jean de Luz. Dort blieben wir die Nacht. Sehr fruͤh am andern WMorgen ſtand ich auf, denn ich wollte meinem Vaterlande den letzten Scheide⸗ blick zuwerfen. Ich ließ meinen Vater ſchla⸗ fend zuruͤck, und erſtieg die Spitze eines nahe⸗ Berges. Auf den entgegengeſetzten Hoͤhen brachen ſich die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne, und gewährten den Anblick einer maleriſchen, vielfach wechſelnden Beleuchtung. Hell und klar war die Luft, und deutlich konnte ich die Glocken der ſpaniſchen Heerden, und das Rufen der Fiſcher auf dem Meere hoͤren. Rechts und links erhoben ſich bald dicke Wolken, die Schneegebirgen gli⸗ chen und meinen Blick beſchraͤnkten; doch mir grade gegenuͤber lag das Land meiner Geburt, von der ganzen Pracht der eben aufgegangenen Sonne beſchienen. Der Himmel, die Erde, das Meer, Alles ſchien eben ſo heiter, als mein eige⸗ nes Herz bekuͤmmert war. Unangenehm beruͤhrte mich das Gefuͤhl, mein Vaterland ſo freundlich —* 207 zu ſehen, waͤhrend ich von ihm ſcheiden mußte. Ich weinte, und konnte doch lange noch nicht meine Augen von dem geliebten Lande abwenden. Endlich ging ich, uͤberwaͤltigt von meiner Trauer, wöch in das ſtille Doͤrfchen. . Ich fand meinen Vater nicht in dem Wirths⸗ hauſe, doch ein allerliebſtes ſchwarzäugiges Mäd⸗ chen ſagte mir, in halb franzoͤſiſcher, halb bas⸗ kiſcher Sprache, der alte traurige Herr ſey in die Kirche gegangen, die Meſſe zu hoͤren; dort werde ich ihn ſicher finden. Wirklich ſah ich ihn auch, als ich in die Kirchthuͤr trat, in einem Winkel auf den Knieen liegen und inbrunſtig beten. In ſeinem Blicke, ſeinem ganzen Weſen lag eine ſo ruͤhrende Ergebung, daß ich mich zur innig⸗ ſten Bewunderung hingeriſſen fuͤhlte. Ich blieb bis zur Beendigung der Meſſe in der Kirche, und bemerkte, daß der Gottesdienſt hier erhahener und erhebender war, als in un⸗ ſeren groͤßten Kirchen, von unendlichem Pompe begleitet. Freilich ſah man hier nicht ſo viele vergoldete Heilige und Altäre, ſo viele Bilder der heiligen Jungfrau, in prachtvolle Gold⸗ und Silberſtoffe gekleidet, ſo viele werthvolle Ge⸗ mälde, aus Mangel an Sorgfalt halb zerſtört, aber dafuͤr herrſchte mehr Einfachheit, und unter 208 den Zuhörern mehr Aufmerkſamkeit und wahre Froͤmmigkeit. Die Maänner waren hier von den Frauen getrennt; ſie nahmen einen erhoͤheten Raum rings um das Schiff der Kirche ein; die Weiber lagen knieend in der Mitte. Einige der altern Frauen genoſſen des Vorrechtes, welches jedoch nur das Alter gewährt, einen Stuhl ha⸗ ben zu duͤrfen, auf dem ſie unbeweglich ſitzen bleiben, deßhalb aber nicht weniger gottesfuͤrch⸗ tig als die Knieenden. Die juͤngeren Frauen und Mädchen bedecken, ſobald eine kleine Glok⸗ ke ertoͤnt, ihr Geſicht mit einem ſchmalen Schleier, einer Art Mantilla, der von ihrem Kopfe bis auf den Boden haͤngt. Niemand, der nicht in glicher 2ag war, zann die Gefuͤhle eines Menſchen begreifen, der zum erſten Male den Fuß in ein fremdes Land ſetzt. Alles erregt ſeine Aufmerkſamkeit, und gewährt ihm Zerſtreuung. Das Land ſelbſt, die Thiere, die Menſchen, die Sitten und Gebraͤu⸗ che derſelben, Alles war mir neu, oder ich be⸗ trachtete es doch als ſolches; denn ſelbſt die bekannteſten Dinge ſchienen mir hier einen ganz anderen eigenthuͤmlichen Charakter enzunehmen. So fand ich auf dem ganzen Wege von je⸗ nem kleinen Dorfe bis Bayonne, faſt bei jedem Schritte 209 Schritte, irgend etwas, das meine Aufmerkſam⸗ keit erregte. Hieher gehoͤrten auch die ſogenann⸗ ten caquets- au- lait, die einzigen in dieſen Bergen uͤblichen Fortſchaffungsmittel. Dies ſind zwei Koͤrbe, welche uͤber den Ruͤcken eines Pfer⸗ des gehangen werden. In dem einen ſitzt der Fuͤhrer, in dem andern der Reiſende. Veide muͤſſen zu gleicher Zeit be⸗ und entladen wer⸗ den, denn wenn das Gleichgewicht verloren geht, ſo vermag der Gurt nicht mehr, bie Körbe zu halten. Gewoͤhnlich ſind die Fuͤhrer dieſer ca- quets- au lait die Bearner Mädchen, welche leicht und gewandt, und in gefälliger Kleidung, das lange Haar in Flechten uͤber die Schultern fallend, in der Regel Alles anwenden, dem Rei⸗ ſenden die Zeit während der wenigen Stunden, welche er mit ihnen zubringt, angenehm zu ver⸗ kurzen. Zu gZleicher Zeit hingebend, und doch auch zurüͤckhaltend in ihrem Betragen, ſprechen ihre ſchönen, lebhaften Auhen und ihre gelaufige Zunge wechſelsweiſe faſt ohne Unterbrechung. An dem Thore von Bäyonne findet man in der Regel eine Menge dieſer Reiſegelegenheiten, und oft gerathen die Maͤdchen in einen lauten Streit, ſich den Reiſenden abwendig zu machen, der entweder nach dem Felſen der Liebenden, oder II. 14 210 nach den Baͤdern von Bearitz, oder nach den — des hohern Gebirges will. Wir beſchloſſen in Bayonne zu bleiben, bis wir Nachrichten von unſerer Familie erhielten. Endlich trafen dieſe ein, und zwar brachte ſie uns zu unſerer Ueberraſchung, Raimundo ſelbſt. Er war einen Monat nach unſerer Flucht zu⸗ rückgekehrt, hatte meines Vaters ganzes Vermoͤ⸗ gen konfiscirt, und meine Mutter und Schwe⸗ ſtern in dem halbzerſtoͤrten Hauſe in Cigales, in einer ſehr beſchränkten Lage gefunden. In⸗ nig betrubt durch einen ſolchen Anblick, hatte er ſich einige harte Worte über die Grauſamkeit vieſer Art der Vergeltung, und die Rache, welche früher ober ſpäter darauf folgen muͤſſe, erlaubt. Er ward deshalb vor eine jener geheimen Kom⸗ miſſionen gefordert, die Ferdinand eingeſetzt hatte, Privatverbrechen zu richten. Dieſe Tribunale hat⸗ ten viel Aehnlichkeit mit den franzöſiſchen comitẽs Sanitaires revolutionuires, nur mit dem Unter⸗ chiede, daß ſie, ſchon wegen ihres Grundſatzes der Heimlichkeit, weit druͤckender und ungerechter waren. um einen Beguif von dem zu 8 was viſe Gerichte waren, genuͤgt es zu ſagen, daß ſie mit Umgehung aller Formen, die bei ande⸗ 211 ren Gerichtshoͤfen uͤblich ſind, das Verdammungs⸗ urtheil uͤber den Angeklagten ausſprachen, und dieſem ſelten oder nie die Mittel zu ſeiner Ver⸗ theidigung oder dem S F geſtatteten. Auf jede Anklage folgte ohne weitere Unter⸗ ſuchung Gefaͤngnißſtrafe. So fuͤllten ſich die Ker⸗ ker mit den achtbarſten Maͤnnern des Landes, und unzaͤhlige Familien wurden ihrer Ernährer beraubt. Der König hatte die Gewalt unum⸗ ſchraͤnkt in ſeiner Hand, und gegen ſeinen Wil⸗ len gab es keinen Schutz bei den Raimundo ſahe, daß fuͤr ihn nur in einer oͤffentlichen Vertheidigung Rettung liege, und er trug deßhalb um ein Verhoͤr vor öffentlich ver⸗ ſammletem Gerichtshofe an. Die Erfuͤllung die⸗ ſer Bitte ward verweigert, und er erhielt den Befehl, bei Todesſtrafe das binnen 14 Tagen zu verlaſſen. Don Ignacio hatte von Raimundo Schutz fuͤr Frau und Toͤchter erwartet, und war daher jetzt uͤber deren Lage im hoͤchſten Grade bekuͤm⸗ mert. Ich war nicht auf der Liſte der Ver⸗ bannten, und entſchloß mich daher freiwillig zur Ruͤckkehr. Mein Vater billigte dieſen Entſchluß, 14* 212 aber er warnte mich auch zugleich vor Unvor⸗ ſichtigkeit.— Thue immer, was recht iſt, ſagte er, aber beraube die Deinigen nicht ihres Schuͤz⸗ zers, indem Du Deinen Gefuͤhlen Worte giebſt, wie das Betragen unſerer Verfolger ſie verdiente. Einen innigen, zärtlichen Abſchied nahm ich hierauf von meinem Vater, und kehrte dann nach Spanien zuruͤck. Raimundo begleitete mich bis St. Jean de Luz. Dort trennten wir uns, er, um in Frankreich dem ungluͤcklichen Verbann⸗ ten, ich, um in Spanien den faſt noch ungluͤck⸗ lichern Zuruͤckgebliebenen Schutz und Beiſtand zu ſeyn.. . Ende des zweiten Theiles. Anzeige fuͤr Gebildete. Im Verlage von Carl Focke in Leipzig iſt erſchienen und in gllen Buchhandlungen zu haben: At tonie dnnt oder Liebe und Entſagung. Roman von Amalia Schoppe, geb. Weiſe Preis 1 Rthlr. 12 Gr. Erzahlungen Vo eſeien. Erſter Theil, mit einem Titelkupfer. Prels 1 Rthlr. 16 Gr. 6 3 Das Kupfer Florentine, aus vorſtehenden Erzäͤhlungen beſonders, auf großerem Papier avant la lettre. Preis 6 Gr. 4 ueber das Talent der geiſtreichen Verfaſſerin. uͤberhaupt, und den Werth dieſer Werke ihrer Feder insbeſondere, haben ſich die geachtetſten Zeit⸗ ſchriften bereits hinlänglich ausgeſprochen, und die gebildete Leſewelt hat dieſe urtheile anerkannt. Durch einen korrekten, bluͤhenden Styl und eine ſtreng⸗ſittliche Tendenz gehoͤren ſie in die Zahl der wenigen Romane: die jede Mutter ihren Toͤchtern unbedenklich in die Hand geben kann!— Hiſtoriſche Erzählungen aus Salons. Nach dem Franzöſi ſchen des Musset- rau deutſch bearbeitet von Friedrich Gleich. 2 Baͤnde, Preis 2 Rthlr. Das Literaturblatt Nr. 89. zum Morgenblatt 1826 ſpricht ſich daruͤber folgendermaßen aus: Dieſes Buch haͤlt mehr als es verſpricht, denn ſtatt willkuͤrlich mit der Zeitgeſchichte durchflochtener Romaͤnchen giebt es uns einzelne Gemaͤlde von Ge⸗ genſtänden aus der Zeitgeſchichte, in einen ähnlichen Rahmen gefaßt, wie der, deſſen ſich Goͤthe bei ſeinen„Auswanderern“ bediente.— In verſchie⸗ denen Abſchnitten werden als Vorwuͤrfe geſellſchaftli⸗ cher Unterhaltung folgende Gegenſtände erortert: Fa⸗ milienleben der heutigen Zeit, in einigen, verſchiedene Ueberſchriften tragenden, Käpitelnz uͤber die Sitten⸗ loſigkeit der Weiber unter den beiden letzten Ludwi⸗ gen vor der Revolution; und uͤber die literariſchen geſellſchaftlichen Zirkel eine ſehr anziehende Zuſam⸗ menſtellung, welche es begreiflich macht, wie aus dieſen zahlreichen Feuerheerden lebendiger, kuhner und auch ruckſichtsloſer oder ſchlecht gereifter Ideen ſich die Funken durch ganz Frankreich verbreiten muß⸗ ten; ein ſehr aufregender Abſchnitt uͤber die Je⸗ ſuiten unter der Aufſchrift: la rotonde et le coupẽ(zwei verſchiedene Plätze der franzöſiſchen Poſtwägen), und eine bittere Kritik der imtſih⸗ rung der heutigen Miniſter.“ Die Liebesbriefe der Finigin Maria von Schottland an Jakob, Earl von Bothwell, nebſt ihren Liebesſonetten, Ehekontrakten und andern Urkunden. Aus dem Engliſchen des Hugh Campbell. 2 Theile, mit dem Bruſtbilde der Koͤnigin. Sauber broch. YPreis 2 Rthlr. 8 Gr. Länger als zwei Jahrhunderte ſchon iſt Maria Stuart von der Buͤhne des Lebens abgetreten, aber noch immer lebt ſie in dem Andenken der Nachwelt, und was uͤber ſie erſcheint, wird mit Intereſſe ge⸗ leſen.— Dies duͤrfte beſonders bei dieſen Briefen der Fall ſeyn, welche einen tiefen Blick in das eigent⸗ liche Privatleben dieſer„ſo viel gehaßten und ge⸗ liebten“ Koͤnigin gewähren, und die gewiß Niemanb unbefriedigt aus der Hand legen wird. Eine ſehr gruͤndliche und vortheilhafte Kritik dieſes Werkes befindet ſich im literariſchen Conver⸗ ſationsblatte 1826. Nro. 119 und 120. Das Bruſtbild der Koͤnigin Maria Stuart beſonders, auf groͤßerem Papier 4 Gr. Sne Maͤhrchen, Sagen und Schwaͤnke, von 6 Lotz, geſchmackvoll eingebunden und mit einem allegoriſchen Titelkupfer geziert. Preis 1 Rthlr. 12 Gr. Der, als geiſtreicher und unterhaltender Erzäh⸗ ler, allgemein beliebte Verfaſſer giebt in dieſem Werke ſeiner Feder hoͤchſt anziehende und abwech⸗ ſelnde Schilderungen des menſchlichen Lebens und Herzens!— Durch die ſehr anſtändige und ge⸗ ſchmackvolle aͤußere Ausſtattung eignet ſich das Buch ganz beſonbers zu Geſchenken. Englische Literatur. R a Tale of the neutral Ground, by Cooper⸗ 3Vol. broch. 3 Rthlr. 12 6r. Dieſe, mit dem engliſchen Originale an korrek⸗ tem Druck und elegantem Aeußern wetteifernde, im Preiſe aber bedeutend billigere Ausgabe eines der beßten Romane des mit Recht allgemein beliebten Cooper, wird allen Freunden der engliſchen Lite⸗ ratur gewiß willkommen ſeyn. 7 ————— ——