— — — — — Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 2 Ednurd Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ckeih und Teſebedingungen. 1 Ofensein der Bibliotbek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von — jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Wer.— Pf. 1 Wr. 50 Pf. 2 Wi.— Pf. n„* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. 8 ——— ————— ⁰— Novellen 5. und 6rzihlungen 3 L. v. Alvensleben Guſtav Sellem „15 ——— Erſter Theil. ——— —— E—— Nuͤrnberg, 1831. In der C. H. geh'ſchen Buchbandlung. 3 7 Inhaltsverzeichniß. Seite I. Die Lochter des Piraten. Hiſto⸗ „ riſche Novelle von L. v. Alvensleben 1 IHI. Eleonore. Bruchſtuͤck aus dem Leben eens HI. Der rothe Mann. Eine Erzaͤhlung fuͤr Geiſterſeher. Frei nach dem Eng⸗ liſchen von L. v. Alvensleben. 223 IV. Die Geheimniſſe des Thales. Aus den Papieren des Grafen von Drevitz. Von J. D. Schieferbruch 249 V. Die Blume von Lochlevin. Hi⸗ ſtoriſche Erzaͤhlung. Frei nach dem Engliſchen von L. v. Alvensleben 37 Die Tochter des Piraten. Hiſtoriſche Novelle von L. v. Alvensleben⸗ Eine finſtere Nocht hatte ſich auf die Mauern Sevillas herabgeſenkt; der Wind tobte furcht⸗ bar, und peitſchte den Regen, der in Strömen vom Himmel fiel, praſſelnd gegen die Fenſter⸗ und öde und ſtill war es auf den Straßen. Alles ſchien im tiefen Schlummer des Todes zu liegen, da kam ein Mann, tief in einen dun⸗ keln Mantel gehüllt, die Straße herab. Leiſe ſchlich er dicht an den Häuſern hin, und ſchien das Auge jedes Spähers ſorgſam zu vermeiden. Von ſeiner Geſtalt, ſeinem Stande, ließ die Dunkelheit und der verhüllende Mantel nichts gewahren, doch ging aus ſeinem Erſcheinen v. Alvensleben Tochter. A — 2— um dieſe Zeit und in dieſem Wetter hervor, daß nur ein verliebtes Abenteuer oder die Ab⸗ ſicht, ein finſteres Verbrechen zu begehen, den nächtlichen Wanderer hieher fuͤhrten. Bald jedoch zeigte es ſich, daß der Unbekannte ſich nicht eines Verbrechens, ſondern der Liebe wegen, dem Ungeſtüm der Witterung ausgeſetzt hatte, denn vor einem niedern, unſcheinbaren Hauſe ſtand er ſtill, pochte mit dem Griffe ſei⸗ nes Schwertes, das er unter dem Mantel ver⸗ borgen hatte, drei Mal leiſe, doch vernehmlich, an den eiſernen Griff des Thürſchloſſes, und flüſterte dazu den Namen: Paola. Die Liebe des Mädchens, deſſe Namen er mit ſchmeichelnden Lauten nannte, war ent⸗ weder weniger glühend, als die ſeinige, die Sturm und Unwetter getrotzt hatte, oder Paola . wagte nicht zu hoffen, daß ihr Geliebter bei ſolcher Witterung ſich einſtellen werde, denn alles blieb ſtill und ſhnm⸗ kein Geräuſch regte ſich in dem Hauſe, ſo angeſtrengt der Pocher auch lauſchte. 2— ₰ . Eben wiederholte er, durch die Verzöge⸗ rung zur Ungeduld gereitzt, ſein Pochen mit mehr Nachdruck, und rief abermals, und lau⸗ ter, den Namen Paola, da kam von der ent⸗ gegengeſetzten Seite der Straße ein ähnlicher Vermummter eilenden Schrittes daher. Noch immer war dem Pochenden die Thür nicht geöffnet, als jener zweite Nachtwandler ihn erreichte, ihn wüthend beim Arme ergriff, und ihn mit dem Zurufe:„Was willſt Du hier, ſchändlicher Ehrendieb?“ bis mitten auf die Straße ſchleuderte, daß er taumelte, und ſich nur mit Mühe aufrecht erhielt. „ 6 ließ jetzt der Erſte den weiten Man⸗ tel oon den Schultern fallen, und bei dem matt flimmernden Lichte der Sterne gewahrte man eine reichgeſtickte Kleidung, deren Träger einem der erſten Stände des Reiches angehö⸗ ren mußte. Doch es war nicht die Abſicht des hohen Beleidigten, de eleidiger durch den unerwarteten Anblick zu ſchrecken, auch durfte er bei der dichten Finſterniß, die nur dann und A 2 wann durch das Flimmern der Sterne etwas vermindert wurde, kaum hoffen, daß ſein Rang und Stand von Jenem erkannt werden würde. Rachſucht iſt bei jeder empfangenen Beleidigung das erſte Gefühl eines Spaniers, und ſie war es auch hier. Mit Blitzesſchnele fuhr ſein Schwert aus der Scheide, und mit wüthender Stimme ſchrie er dem Gegner zu:„Zieh, oder ich ſtoße Dich nieder. Nur Dein Blut kann Peter für den Schimpf verſöhnen, den Du ihm angethan!“ „Peter!“ wiederholte der Angegriffene, ſich ſchnell, mit Muth und Gewandtheit verthei⸗ digend.—„Doch wohl nicht gar— „Wehe Dir!“ unterbrach Jener ihn, „wenn Du die Wahrheit ahneſt, und doch das Schwert zu zücken wagteſt.— Meine furcht⸗ barſte Rache ſollte dann Dich vernichten!“ „Wenn nicht frzher ſchon mein Schwert die Rache des blutgiehen Wüthrichs vereitelt!“ erwiederte der Andre hohnlachend, und drang um ſo wüthender auf ſeinen Gegner ein. — —— —..——— —— ——— —— —— Lange wogte der Kampf unentſchieden hin und her. Beide Streiter waren jung und kräftig, waren des Gebrauches ihrer Waffen Meiſter, und durch Rachſucht geſpornt. Noch war keiner von Beiden verwundet, da öffnete ſich im Rücken des zuletzt Angekommenen ein Fenſter, ein altes Weib, durch das das Schwer⸗ tergeklirr aus dem ſanften Schlafe aufgeſchreckt, ſteckte den Kopf durch die kleine Oeffnung, und fragte haſtig, und mit kreiſchender Stimme: „Nun, was giebt's denn hier, daß Ihr ſol⸗ chen gottesläſterlichen Lärmen verführt, und den Schlaf ehrlicher Leute ſtört?“ Um aber nicht blos zu fragen, ſondern auch zu ſehen, hielt ſie die flackernde Oehllampe, um bei dem hellen Scheine derſelben wo möglich einen der Fechtenden zu erkennen, mit dem dürren Arme weit auf die Straße. Der unerwartete Schimmer des Lichtes, ſo wie der gellende Zuruf der Alten, machten Den, der dem Fenſter zunächſt ſtand, einen Augen⸗ blick ſtutzig; er wendete den Kopf nach der 6 Sprecherin um, und gab dadurch ſeinem Geg⸗ ner eine Blöße, die dieſer gewandt benützte. Schnell ſprang er hinzu, und ſtieß dem Feinde das Schwert bis an das Heft in die Bruſt. Mit einem einzigen tiefen Seufzer ſank Dieſer todt nieder, Jener aber raffte eilig ſeinen Mantel von der Straße auf, und ent⸗ floh. Die Alte aber hatte ihn dennoch erkannt, und rief ihm einen furchtbaren Fluch nach. Dann ſchloß ſi ſie ihr Fenſterchen, ſetzte die Lampe auf das Fenſterbrett, und trippelte hinaus auf die Straße, dem Verwundeten wo möglich noch Beiſtand zu leiſten.— Es war zu ſpät; das Leben war für immer aus der durchbohrten Bruſt entflohen, und der ganze Liebesdienſt der gut⸗ müthigen Alten mußte ſich darauf beſchränken, daß ſie, unter Anſtrengung aller ihrer Kräfte, den ſtarren Leichnam in ihre niedre Hütte trug. Der Todte war der, welcher zuletzt auf der Straße erſchienen war. ———— n — 7— . Einige Tage nach dem oben beſchriebenen nächtlichen Ereigniſſe war in ganz Sevilla das Gerücht verbreitet, der König habe, durch Ei⸗ ferſucht gereizt, einen Jüngling vornehmen Standes ermordet. Bald laut, bald flüſternd theilte man ſich das furchtbare Geheimniß mit, 5 und zahlloſe Verwünſchungen wurden gegen den König ausgeſtoßen, der ſeiner Grauſamkeit, der vielen von ihm verübten Gewaltthätigkei⸗ ten wegen, ſeinen Unterthanen ohnehin ſchon verhaßt war. Der Ermordete gehörte der Familie Guz⸗ man, einer der angeſehenſten des Landes an; bisher war ſie der Parthei des Königs treu geblieben, hatte ſich wenigſtens nicht zu der der Unzufriedenen gehalten, aber mächtig ſtand es zu befürchten, daß dieſer unglückſelige Mord auch ſie zu Feinden des Königs machen würde. Lange ſchon glimmte der Funke der Empörung, durch den Baſtard Heinrich, Peters Halbbru⸗ der, unabläſſig angefacht, unter der Aſche, und die Beſſern, alle Die, welche es mit dem „ — . Wohle ihres. Vaterlandes ernſtlich gut meinten, fürchteten lebhaft, und nicht ohne Grund, daß jetzt der offene Aufſtand losbrechen werde. Während ſo die Stadt von mannigfachen Beſorgniſſen in Gährung geſetzt ward, während jegliche Parthei ihre Meinung lebhafter aus⸗ ſprach, wurde ein hoher, ſtattlicher Ritter von jener Alten, die Zeugin des beſprochenen Mor— des geweſen war, in ihre niedere Hütte ein⸗ gelaſſen. ⁰ In dem kleinen, finſtern Stübchen ange⸗ langt, das ihre ganze Wohnung ausmachte, zog ſie ein Tuch hinweg, das über einen großen Tiſch gebreitet war, und die Leiche des ermor⸗ deten Jünglings ſtarrte den Ritter an. Schweigend betrachtete er den Todten, die Arme über die Bruſt gekreuzt, und wü⸗ thend mit den Zähnen knirſchend. Dann ballte er wie krampfhaft die Fauſt, führte zwei, drei furchtbare Streiche in die leere Luft, und mur⸗ melte dazu halb leiſe vor ſich hin:„ Rache! Furchtbare— blutige Rache!“ — — 9— Dann trat er raſch auf die Leiche zu⸗ legte die linke Hand auf die durchbohrte Bruſt des todten Jünglings, erhob die Rechte zum Schwur, und ſagte dann mit feierlich gemeſſe⸗ nem Tone:„So wahr wir unter dem Her⸗ zen einer und derſelben Mutter ruheten; ſo wahr ich Dich immer als meinen theuren Bru⸗ der liebte, ſo wahr will ich Deinen blutigen Mord an dem gekrönten Verbrecher rächen.— Nicht eher ſoll das Scheermeſſer meinen Bart berühren, als bis ich dieſen Schwur, den ich hier im Angeſichte Gottes ablege, erfuͤllt habe, oder in dem Streben danach untergegangen bin!“ „Recht ſo!“ fiel die Alte ein, als er den Schwur geendet hatte:„befreit die Na⸗ tion von dem Ungeheuer, das den Thron ſchändet, auf dem es ſitzt; und wenn die Ge⸗ bete einer armen alten Frau das Ohr des Ewi⸗ gen zu erreichen vermögen, ſo wird, ſo 5 Euer Vorhaben gelingen.“ „Hat er auch Dich beleidigt, Alte?⸗ fragte der Ritter, das Weib verächtlich von der Seite betrachtend.„Sprich, worüber könnteſt Du Dich zu beklagen haben?“ „Ei,“ erwiederte die Alte gereizt, denn ſie hatte den verächtlichen Blick des Ritters be⸗ merkt und verſtanden,„meint Ihr, Herr Rit⸗ ter, wir Niedriggebornen hätten nicht eben ſo gut Gefühle, die der Verletzung fähig ſind, als Ihr Vornehmen?— Aber unſere beiden Wünſche ſind jetzt auf ein Ziel gerichtet, und ich will daher nicht mit Euch grollen, ſondern Euch ſagen, was meinen glühenden Haß gegen dieſen Peter, der mit allzugroßem Recht der Grauſame genannt wird, erweckte. Ihr mögt Euch dadurch überzeugen, daß Ihr mir in jeder Hinſicht trauen dürft; ja, ja, auch der Nie⸗ drigſte kann dem Hohen gar oft vom Nutzen ſeyn, oft ſogar nützlicher, als der Reichſte und Vornehmſte.“ „Schon gut, ſchon gut!“ unterbrach der Ritter voll Ungeduld das Geſchwätz der Alten;„ erzähle nur.“ — — 1 „Nun, ſo hört denn,“ nahm die Alte wieder das Wort.„Mein Mann, der ſich durch einen kleinen Handel ehrlich und redlich nährte, ging eines Tages mit einem ſchweren Pack beladen, über Land, um auf der Burg eines gewiſſen Ritters mehrere beſtellte Waa⸗ ren abzuliefern. Auf dem Wege dahin mußte er durch einen Forſt, in welchem eben der Kö⸗ nig mit ſeinem Gefolge jagte. Zum Unglück gerieth mein Mann in das Treiben, und ſcheuchte einige Rehe, die dem Könige gerade in den Wurf liefen, ſeitwärts fort, ſo daß ſie dem Könige entgingen; der, wüthend, ſeine Jagd⸗ luſt geſtört zu ſehen, ſchleuderte den Jagd⸗ ſpieß nach meinem unglücklichen Manne;— nur als Leiche ſah ich ihn wieder— wie Ihr hier Euren Bruder wieder ſahet, von den Händen eben des Verruchten ermordet.“ „Arme Frau,“ ſagte der Ritter, der Alten in einem Anfluge der Rührung die Hand reichend;„ich bedaure Dich, und um Dir zu zeigen, daß dies mehr als leere Worte ſind, 1— und daß ich dankbar anerkenne, was Du für meinen unglücklichen Bruder wenigſtens thun wollteſt, verſpreche ich Dir, für Deine Zu⸗ kunft Sorge zu tragen.“ „Tauſend Dank!“ rief das Weib in freu⸗ diger Ueberraſchung aus, und zog des Ritters Hand mit Inbrunſt an ihre welken Lippen. „Seyd überzeugt, daß ich die unverdiente Groß⸗ muth nach ihrem ganzen Werthe anerkenne, und rechnet fortan auf meine Dankbarkeit, auf meine Hülfe in Noth und Tod.“ „Ich will lieber auf Deine Hülfe verzich⸗ ten,“ erwiederte der Rittér mit kaltem, ſpot⸗ tendem Tone;„es wäre weit mit mir ge⸗ kommen, wenn ich Deines Beiſtandes be⸗ dürfte.“ Nun, nun,“ ſagte die Alte verletzt, „wer kann wiſſen, was die Zukunft bringt. Schon Mancher glaubte feſt zu ſtehen, und lag im nächſten Augenblick am Boden, um ſich nie wieder zu erheben.— Aber wenn Ihr jetzt auch meinen Beiſtand zurückweiſet, er ſoll * — E Euch dennoch nicht fehlen, ſobald Ihr ihn ½ 3 bedürfet.“ „Gut, gut!“ entgegnete der Ritter fin⸗ ſter.„Gehab Dich jetzt wohl;— was ich Dir verſprach, werde ich halten;— morgen ſende ich her, die Leiche meines Bruders holen zu laſſen. Im feſtlichen Gepränge ſoll der Zug durch die ganze Stadt gehen, damit Sevilla, damit das ganze Reich es ſehe und erkenne, vor welchem Ungeheuer es ſich in knechtiſcher Furcht demüthig in den Staub beugt.“ Raſch verließ er hierauf, die Alte nach⸗ läſſig grüßend, die niedre Hütte; die Alte ſah ihm lange nach. „Es iſt doch ein ſtattlicher Herr,“ ſagte ſie dann zu ſich ſelbſt, als ſie in ihr Stübchen zurückgekehrt war,„und in ganz Caſtilien giebt es nur zwei Männer, denen ich Muth und Entſchloſſenheit genug zutraue, mich an dem Mörder meines Mannes zu rächen.— Der Eine iſt der Baſtard, Don Heinrich, der An⸗ dere eben dieſer Alvaro Perez de Euzman. 1 „Zener ſteht zu hoch⸗ als daß ich hoffen dürfte, mit ihm in nähere Berührung zu kommen, mit dieſem aber machte ein glückliches Unge⸗ fähr mich bekannt, und kein Mittel will ich unverſucht laſſen, ihn zur fürchterlichſten Rache zu ſpornen.— Die Krieger von ganz Spanien nennen den Namen des Don Guzmann mit Achtung, mit Ehrfurcht ſogar. Kräftig, wie ſeine Geſtalt, iſt auch ſein Geiſt; kühn und ent⸗ ſchloſſen beharrt er mit eiſerner Feſtigkeit auf dem, was er einmal begonnen; aber eben ſo finſter„abſchreckend und menſchenfeindlich, wie ſein Aeußeres, iſt auch ſein Inneres. Seinen Zweck zu erreichen, würde Der keine Gewalt⸗ that, keinen Frevel ſcheuen.— Er iſt mein Mann.“ In einem ſtillen, abgelegenen Theile des weitläuftigen, herrlichen Parkes, welcher den Alkazar, den Sitz vieler mauriſchen, und nach ihnenm ehrerer chriſtlichen Monarchen umzog, erhob ſich eine hohe, prachtvolle Halle, von zwei Reihen ſchlanker Marmorſäulen getragen⸗ und rings von dichtem Orangengebüſch umgeber. Plätſchernde Waſſerleitungen, zu beiden Seiten der Halle angebracht, verbreiteten eine ange⸗ nehme Kühle, und alles lud zum Genuſſe einer erquickenden Ruhe ein. Ein marmornes Becken von den ſchönſten Farben, und reich verziert, welches ſich in der Mitte des Raumes im Boden befand, verkün⸗ dete die Beſtimmung dieſer Halle. Seitwärts, eben erſt dem erfriſchenden Bade entſtiegen, ſtand die wunderholde Geſtalt eines reizenden Weibes, und ließ ſich von einer Dienerin die leichten, weißen Gewänder, die ſie nachläſſiig übergeworfen hatte, ordnen und befeſtigen. Sie war mit dem Rücken dem Eingange zugewendet, und man konnte daher die Züge ihres Geſichtes nicht erkennen, aber das weite, faltige Gewand war nicht im Stande, die Schönheiten ihrer Geſtalt ganz zu verbergen. Jetzt ließ ſie ſich ſanft auf die weichen Polſter — 16 nieder, welche das Ruhebett bildeten, und nun ſah man ein überaus liebliches Geſicht. Die Züge waren weniger regelmäßig ſchön, als ein⸗ nehmend; der halbgeöffnete kleine Mund ſchien zum Kuſſe einzuladen, und große, funkelnde Augen verbreiteten über das ganze Geſicht einen unendlichen Liebreiz. Sie hatte den Kopf auf die eine Hand geſtützt, dadurch war der Aer⸗ mel zurückgefallen, und ließ einen weißen, üppig gerundeten Arm erblicken; ſchönes, glänzend ſchwarzes Haar floß ihr, aufgelöst, und in na⸗ türliche Locken ſich ringelnd, in reicher Fülle über Hals und Nacken, und eine blendend weiße Schulter, von dem Gewande entblößt, drängte ſich neidiſch hindurch, gleichſam, als wolle auch ſie ihren Theil an der Bewunderung eines möglichen Lauſchers gewinnen. Aber kein ſolcher war in der Nähe, und es hätte dem Kühnen, der es gewagt, ſich um dieſe Zeit in den genannten Theil des Parkes zu ſchlei⸗ chen, das Leben koſten können.— Eine kleine zarte Hand, welche nachläſſig mit der goldenen, ——— — 17— purpurdurchwirkten Gürtelquaſte ſpielte, vol⸗ lendete die Reize der ſchönen Frau, in der der Leſes die von der Geſchichte eben ſo oft als ungerecht verdammte Maria Padilla, die Ge⸗ liebte Peters des Grauſamen, Königs von Ca⸗ ſtilien, erkennen mag. „Nimm Deine Laute, Camilla,“ ſagte Maria zu ihrer treuen Kammerfrau, der Ver⸗ trauten aller ihrer Freuden, wie ihres vielfa⸗ chen, oft nur allzuherben Kummers.„Spiele mir etwas vor, aber heitre, muntre Weiſen; vielleicht vermagſt Du ſo die trüben Gedan⸗ ken zu verſcheuchen, in die ich heut' immer und immer wieder verſinke, obgleich ich mir ſelbſt keinen Grund dafuͤr anzugeben vermag.“ „Ich bitte Euch,“ entgegnete Camilla, die Laute zur Hand nehmend, und einige Griffe darauf thuend, zu prüfen, ob ſie geſtimmt ſey, „ich bitte Euch, gebt dieſem Trübſinne nicht ſo nach, meine vielgeliebte Herrinn.— Ach, Ihr habt ja leider ſo viel Veranlaſſung zu wirkli⸗ v. Alvensleben Tochter. B chem Kummer, daß Ihr den eingebildeten mit doppelter Sorgfalt fliehen müßt.“ Maria nickte ihr freundlich lächelnd zu, und flüſterte halb leiſe:„Du haſt wohl Recht, meine vielgeprüfte Getreue!“ Camilla aber, dieſe Worte nicht hörend, oder nicht weiter beachtend, ſtimmte jetzt ein heiteres Liedchen an, vor deſſen lieblichen Tönen die Wolke des Trübſinns allmählig von Marias Stirn zu ſchwinden begann. Camilla hatte eben, von ihrer Gebieterinn dazu aufgefordert, ein zweites Lied zu ſpielen angefangen, als die Aufmerkſamkeit beider Frauen durch ein fernes verworrenes Getöſe erregt wurde. Es ſchien von der Straße her⸗ zukommen, welche ſich hinter dem Parke, nicht fern von dem Bade Maria Padillas, hinzog. Bald kam der Lärmen näher und näher, und deutlich unterſchied man nun das wilde Geſchrei vieler Stimmen, welche furchtbare Drohungen ausſtießen. Zwiſchen dem undeutlichen Ge⸗ ſchrei vernahm man mehrmals die Worte: — 19— „Gerechtigkeit!— Gerechtigkeit!— Rache, blutige Rache an dem ruchloſen Mörder!“ Maria wußte, wie verhaßt ihr Geliebter bei dem Volke, und wie leicht dieſes in Gäh⸗ rung zu bringen war; mehrere unruhige Auf⸗ tritte hatten in der letzten Zeit Statt gefun⸗ den, und wenn der Aufruhr auch bisher noch immer glücklich im Entſtehen gedämpft worden war, ſo glimmte doch der Funken der Empörung noch unter der Aſche fort, und mit jedem Tage konnte er in helle Flammen ausbrechen. Da⸗ her zitterte Maria jetzt, als ſie den Tumult vernahm, für das Leben des Geliebten, und mit bebender Stimme ſagte ſie zu ihrer Ver⸗ trauten:„Eile, meine Camilla, und ſchaffe mir Rachricht, zuverläſſige Nachricht, was die⸗ ſer Lärmen zu bedeuten hat.— Ich ſterbe vor Unruhe, ehe ich weiß, ob auch das Leben, die Sicherheit des Königs nicht gefährdet ſind.— Eile, aber laß mich nicht lange auf Gewißheit harren.— Sende mir eine meiner Kammer⸗ B 2 — 20— frauen her, denn jetzt allein zu bleiben, ver⸗ möchte ich um keinen Preis der Welt.“ Camilla verſchwand durch eine Thür in dem Hintergrunde der Halle, und Maria ſprang von ihrem Lager auf, ging haſtigen Schrittes unter den Säulen auf und nieder, und lauſchte dazwiſchen, ob ſie nichts Deutlicheres verneh⸗ men könne. Während deſſen trat, von ihr un⸗ bemerkt, ihre zweite Kammerfrau, Veronica, herein. Der Lärmen ſchien ſich während deſſen zu vermindern, oder zu entfernen, denn ſie konnte nur noch, wie zu Anfang, verworre⸗ nes Getöſe hören, aber keine Worte mehr unterſcheiden. „Sollte dennoch meine Angſt unbegrün⸗ det geweſen ſeyn?“ ſprach ſie beruhigter zu ſich ſelbſt. „Nicht ganz unbegruͤndet,“ fiel Veronica ehrfurchtsvoll ein.„Noch weiß ich zwar nicht genau, was der Auflauf des Volkes zu be⸗ deuten hat, aber daß ein ſolcher Statt findet, iſt gewiß. Auch hoͤrte ich aus ſichrem Munde, daß Don Alvaro Perez de Guzman mit der Leiche ſeines jüngern Bruders, welche offen auf einem prachtvollen Wagen ausgelegt iſt, und in deſſen Bruſt eine gewaltige, blutige Wunde nur zu überzeugend von Mord ſpricht, durch die Straßen Sevillas zieht. Der Ritter reitet finſter und ſchweigend hinter der Bahre her; doch das Volk begleitet den Zug in zahlloſer Menge, und ſchreit laut um Rache an dem Mörder; wer aber dieſer Mörder ſey, und wie die ganze Sache zuſammenhänge, konnte ich noch nicht erfahren.— Doch da kommt Camilla; vielleicht kann Euch die etwas Ge⸗ wiſſes, Zuverläſſiges berichten.“ Camilla trat jetzt, wie Veronica es geſagt, raſch in die Halle, und man ſah es ihr an, daß ſie ſich bemühe, ihre eigene Unruhe vor der Ge⸗ bieterinn zu verbergen. „Nun, was gibt es, Camilla?“ rief Ma⸗ ria Padilla ihr haſtig entgegen.„Sprich, laß mich Alles wiſſen,— ohne Rückhalt und Zö⸗ gern;— das Schlimmſte iſt nicht ſo ſchlimm, als Ungewißheit oder Täuſchung.“ „Das Wenige, was ich in der kurzen Zeit, und bei der allgemeinen Verwirrung, die in dem Alkazar herrſcht, erfahren konnte,“ er⸗ wiederte Camilla, Athem ſchöpfend,„will ich Euch getreulich berichten.— Don Alvaro Pe⸗ rez de Guzman— „Ich weiß— ich weiß,“ unterbrach Ma⸗ ria ſie haſtig;—„aber der Grund— der Mörder— der Name des Mörders?“ „Der Name des Mörders?“ wiederholte Camilla zögernd, und ſchlug verlegen die Augen zu Boden. „Ja, ſein Name— ſein Name!— Sprich ihn aus, Unglücksbotin!“ „Der junge Don Guzmann fiel durch die Hand des Königs;“ ſagte Camilla mit leiſer, ſchwankender Stimme. „Gerechter Gott— meine Ahnung!“ ſchrie Maria auf, und fiel den herzuſpringen⸗ den Dienerinnen beſinnungslos in die Arme. Bald erholte ſie ſich jedoch unter den Hülfs⸗ leiſtungen der Treuen, und forderte nun Ca⸗ milla mit mehr Ruhe und Faſſung auf, ihr alles zu erzählen, was ſie von der Sache gehoͤrt hatte. „Daß der König den Don Guzman er⸗ ſchlug,“ nahm Camilla nun das Wort,„und daß das Volk deshalb laut nach Rache ſchreie, vernahm ich aus dem Munde eines Jeden, dem ich begegnete, aber den nähern Zaſammenhang konnte ich von Keinem erfahren. Da kam der König ſelbſt aus ſeinen Gemächern; der Be⸗ fehlshaber der Leibwache begleitete ihn, und Beide wollten eilig an mir vorüberſchreiten, als der König mich bemerkte. Er hieß nun Don Alonzo vorausgehen, und alle Anſtalten treffen, unangenehmen oder gefährlichen Folgen des Auflaufes vorzubeugen, und fragte mich dann haſtig:„Wo iſt deine Gebieterinn, Camilla? Weiß ſie ſchon?“ „Sie iſt im Bade, Hoheit,“ entgegnete ich.„Se hat den Tumult vernommen, ohne ihn ſich deuten zu können, und ſandte mich voller Beſorgniß hieher, das Nähere zu er⸗ forſchen.“ 3 Sage ihr, ſie ſole ſich nicht ängſtigen; es ſey keine Gefahr, und ſo bald als möglich würde ich ſelbſt bei ihr ſeyn, ſie zu beruhigen, und ihr alles zu erklären.“ Nach dieſen Wor⸗ ten eilte er haſtig davon, und ich hieher zu⸗ rück, Euch dieſe Kunde zu überbringen.— Ge⸗ wiß wird der König ſelbſt gleich hier ſeyn.“ In der That hatte auch Camilla dieſe Vermuthung kaum ausgeſprochen, als die Thür aufgeriſſen ward, die dieſe entlegene Halle durch weite Gänge mit dem Alkazar in Verbindung ſezte, und Peter hereintrat. Mit dem Aus⸗ rufe:„O mein Geliebter!“ flog Maria Pa⸗ dilla ihm entgegen, und umklammerte ihn heiß und inbrünſtig, als fürchte ſie, daß der nächſte Augenblick ihn ihr entreiſſen werde. Mit aufrichtiger Zärtlichkeit drückte der Monarch das ſchöne Weib an ſeine Bruſt, der Unmuth, der ſeine Augenbraunen dicht zuſam⸗ — 25— mengezogen, und die Wildheit ſeiner Züge noch vermehrt hatte, ließ allmählig nach, er drückte dann mit Wärme ihre Hand, führte ſie zu dem Ruhebett, und ließ ſich an ihrer Seite nieder; ein Wink von ihm entfernte die Dienerinnen. In banger Sorge hatte Maria bisher ge⸗ ſchwiegen, und war nur emſig bemüht geweſen, aus den Zügen ihres Geliebten zu leſen, ob ernſtes Unheil drohend im Anzuge ſey, aber hier begegnete ſie nur dem Ausdrucke des Zornes, der Wuth, und nicht länger vermochte ſie jetzt, da ſie mit dem Manne, der ihr gan⸗ zes Herz beſaß, allein war, die Bitte zurück⸗ zuhalten, daß er ihr alles ſagen, ſie von dem Vorgefallenen genau unterrichten möge. „Die näheren Umſtände,“ entgegnete der König,„ſollſt Du zur gelegenern Stunde ken⸗ nen lernen; jetzt genüge Dir, daß der Auf⸗ ruhr gedämpft iſt. Meine Leibwachen zerſtreu⸗ ten ſchnell und faſt ohne Blutvergießen, die Haufen des zuſammengerotteten Pöbels, und Transtamare, den das Volk liebt, und dem es vertraut, eilt ſo eben durch die Stadt, die aufgeregten Gemüther vollends zu beru⸗ higen.“ „Heinrich?“ fragte Maria mit dem Tone der Beſorgniß.„O, mein Geliebter, traue dem Baſtard nicht zu ſehr; Du kennſt ja ſelbſt ſcinen unbegränzten Ehrgeiz, und ſeinen Reid, Dich auf dem Throne zu ſehen, ſeine Wuth, ſogar von dem Erbfolgerechte auf denſelben ausgeſchloſſen zu ſeyn, obgleich Dein Vater auch der ſeinige war.“ „Du fürchteſt meinen Bruder zu ſehr, meine Maria,“ entgegnete der König;„den⸗ noch traue ich ihm nie ganz, und laſſe ihn nicht aus den Augen. Hier aber konnte nur er mir am ſchnellten nützlich ſeyn, und daher mußte ich mich ſeiner bedienen. Iſt die Un⸗ ruhe nur erſt ganz wieder geſtillt, dann will ich ſchon dafür ſorgen, daß er in ſein voriges Nichts zurücktrete.“ „Das eben iſt es, was ich hauptſächlich * — fürchte,“ ſagte Maria.„Er ſieht, daß Du ſeiner zuweilen bedarfſt, und wird gleichwohl nach jedem Dienſte, den er Dir leiſtet, wieder zur Unthätigkeit verurtheilt. Er lernt ſo ſeinen Einfluß auf die Gemüther des Volkes nur zu ſehr kennen, und ich zittre, wenn ich bedenke, wie leicht er denſelben einſt, vielleicht ſchon jetzt, zu Deinem Verderben anwenden kann.— Aber ich bitte Dich, ſage mir offen, was das Volk in dieſe Gährung verſetzt hat.“ „Weshalb,“ erwiederte der König, plötz⸗ lich wieder verdüſtert,„ſoll ich Dir ein Ge⸗ heimniß aus einer Sache machen, die Du doch bald erfahren wirſt und mußt.— Vor einigen Nächten ſchlich ich vermummt durch die Straßen Sevillas; Du weißt, daß ich dies gern und oft thue, denn es giebt kein beſſeres, untrüglicheres Mittel, die wahren Geſinnungen der Einzel⸗ nen, wie des ganzen Volkes, zu erforſchen. Plötzlich ward ich von einem Wüthenden ange⸗ fallen, und es bedurfte meiner ganzen Ge⸗ ſchicklichkeit und Kraft, mich des Meuchelmör⸗ ders zu erwehren, der mich noch überdies zu kennen ſchien.— Um die Sache kurz zu ma⸗ chen— mein Stahl ſtrafte den frechen Bu⸗ ben; entſeelt ſtürzte er zu meinen Füßen nie⸗ der. Ein altes Weib, von dem Waffenlärm erweckt, ſtreckte ihre Leuchte auf die Straße, und erkannte mich, als ich eben den Rücken wendete, um nach dem Alkazar zurückzukehren. Mit der Veranlaſſung des Streites unbekannt, ſprengte nun jene Alte in der ganzen Stadt das Gerücht aus, ich habe jenen Buben ermor⸗ det, in dem man ſpäter den jüngeren Bruder des Don Alvaro Perez de Guzman erkannt hat. Dieſer nun—“ „Das uebrige weiß ich,“ fiel Maria ein, „und ich danke nun Gott und der heiligen Jungfrau, daß das Gerücht log, als es Dich einen Mörder nannte.“ „So lange Peter noch die Macht in Hän⸗ den hat, zu tödten,“ entgegnete der König rauh,„ſo lange hat er nicht nöthig, zu dem — 29— Dolche des Mörders zu greifen, um ſich an ſeinen Feinden zu rächen.“ „Aber das Volk?“ fragte jetzt Maria, indem ſie ängſtlich zu dem Geliebten aufſah, „wird das ſich eben ſo leicht von Deiner Un⸗ ſchuld an dem vorgeblichen Verbrechen über⸗ zeugen, als ich?“ „Schwerlich!“ erwiederte Peter, und die Falten auf ſeiner Stirn traten ſichtlicher her⸗ vor, die Augenbraunen zogen ſich wieder dichter zuſammen.„Auch iſt es ſchon ſeit länge zum Aufruhr geneigt, und würde froh ſeyn, in die⸗ ſem Ereigniſſe einen ſcheinbaren Rechtferti⸗ gungsgrund zur Auftündigung des mir ſchul⸗ digen Gehorſams zu finden. Ich ſehe daher ein, daß ich mich zu einem Opfer entſchließen, und von meiner gewohnten Strenge bei ähn⸗ lichen Fällen abweichen muß.“ Froh, den König in ſo unerwartet milder Stimmung zu ſehen, und nicht erwägend, daß dieſe nur das Gebot der dringendſten Noth⸗ . . — —— wendigkeit ſey, fragte Maria raſch:„ Und was willſt Du thun, mein Geliebter?“ „Das Geſetz,“ entgegnete Peter,„ge⸗ bietet, daß der Kopf eines Mörders da aufge⸗ ſteckt werde, wo er den Mord beging.— Da ich mich nun von dem ſchändlichen Ver⸗ dachte nicht reinigen kann, und könnte ich es ſelbſt,— mich doch nicht reinigen mag, will ich dem Geſetze genugen⸗ und—“ „Um Gott!“ ſchrie Maria, und ſank er⸗ bleichend auf die Polſter zuruͤck, das Aergſte fürchtend, und doch eigentlich nicht wiſſend, was ſie fuͤrchten ſolle. „Närrchen,“ ſagte der König lächelnd,. ſchlang zärtlich ſeinen einen Arm um ſie, und drückte ihr einen glühenden Kuß auf die roſigen Lippen,„ich habe meinen Kopf viel zu lieb, 6 um ihn dieſem Volke zum Opfer zu bringen, dieſem Volke, das eigentlich nichts weiter iſt, als eine Zuſammenſetzung von Dummköpfen⸗ Narren und Böſewichtern; auch wird es, trotz h ſeiner Wuth, ein ſolches Opfer ſchwerlich ver⸗ langen. Dennoch aber will ich, wie ich es ſagte, dem Geſetze genügen, und meine Büſte an den Ort ſetzen laſſen, an dem man die Leiche des Don Guzman gefunden hat: auch ſoll jene Straße von heute an, zum ewigen Gedächt⸗ niſſe an die Lampe der Alten, durch welche allein eine That entdeckt werden konnte, die auſſerdem in ewige Nacht begraben geblieben ſeyn würde, El Candilejo heißen.*) Mehr kann und wird der Pöbel nicht verlangen, *) Die ganze hier erzaͤhlte Begebenheit iſt wirk⸗ lich, bis auf wenige, unbedeutende Neben⸗ umſtaͤnde, hiſtoriſch begruͤndete Thatſache. Jahrhunderte hindurch hat die Buͤſte Peters des Grauſamen an dem Drte, wo er den naͤchtlichen Mord veruͤbte, in der Blende eines Hauſes geſtanden; ſpaͤterhin jedoch iſt ſie von dort verſchwunden, wahrſcheinlich aber erſt waͤhrend der zahlloſen Zerſtoͤrungen im Gefolge der franzoͤſiſchen Invaſion.— Die Straße beißt noch bis auf dieſen Tag El Candilejo(die Leuchte). Anmerk. d. Verf. auch denke ich dadurch dem Don Alvaro hin⸗ reichende Genugthuung zu gewähren.“ „Das wage ich nicht zu hoffen,“ ſagte Maria ſeufzend,„denn nach allen Schilderungen⸗ die man uns von dieſem Don Alvaro gemacht hat, ſcheint er mir nicht der Mann zu ſeyn, der eine empfangene Beleidigung je vergißt⸗ ohne ſich blutig dafür zu rächen, und leicht möchte er in Dir nicht den Monarchen ſehen, ſondern nur den Mann, durch deſſen Arm ſein geliebter Bruder in der erſten Blüthe ſeines Lebens fiel.“ „Sollte er je ein ſo freches Unterfangen wagen,“ ſchrie Peter, aufſpringend die Fauſt krampfhaft ballend, und wüthende Blicke gleich feurigen Pfeilen um ſich ſchleudernd,„ſo fühle er das ganze Gewicht meines Herrſcherarmes. — Ohnehin wartet ſeiner ſchwere Rache für das frevelhafte Beginnen, das Volk gegen mich aufzureizen; doch noch iſt der Tag nicht er⸗ ſchienen, an dem ich dieſe ausüben darf.“ — Gꝛ 3— Er verließ hierauf die Badehalle, und ge⸗ pot Maria Padilla, ihm zu folgen; Beide ſchritten dem Innern des Alkazars zu.— In der Stadt war jetzt alles ruhig⸗ Zehn Meilen nordweſtlich von Sevilla, in einer reizenden Gegend, unfern von der Quelle des Flüßchens Tinto, liegt das Städtchen Rio⸗ tinto, welches aber in der geit, von welcher wir ſprechen, nur noch ein Dorf von wenigen ärmlichen Hütten war, die um ein ſtattliches Ritterſchloß lagen, das ſich auf einem ſteilen Felſen erhob, und die tieferliegende Gegend ſtolz überblickte. Auf drei Seiten ſtieg der Felſen, auf dem die Burg erbaut war, faſt ſenkrecht in das Tbal hinab, auf der vierten aber, wo der Tinto entſpringt, ſenkte ſich die Höhe nur all⸗ mählig abwärts, bis ſich das Erdreich, etwa eine Meile von Riotinto entfernt, wieder er⸗ hebt, und dann in eine mächtige Vergreihe verläuft. Auf dieſer Seite hatten die Beſitzer v. Alvensleben Tochter. C 30— des Schloſſes Riotinto und der gleichnamigen Herrſchaft ein anmuthiges Luſtwäldchen ange⸗ legt, das ſich bis zu der munter ſprudelnden Quelle des Tinto⸗Flüßchens, eine halbe Meile weit von dem Schloſſe, hinzog. Von der Burg bis zu dem Urſprunge des Fluſſes war eine breite OHeffnung durch das Gehölz gehauen⸗ und wenige Schritte von der Quelle entfernt, unter hohen breitäſtigen Kaſtanien, lag eine herrliche Raſenbank. Dies war das Lieblings⸗ plätzchen der Burgfrau, und wir finden ſie hier, einige Monate ſpäter, als die im Anfang un⸗ ſerer Erzählung geſchilderten Begebenheiten ſich zutrugen. Es war ein herrlicher Fruͤhherbſt⸗ abend, angenehme Kühle hatte ſich rings auf der Waldeseinſamkeit gelagert⸗ zahlloſe Sing⸗ vögel ließen ihre Kehlen im ſchmetternden Ge⸗ ſange ertönen, die Strahlen der untergehen⸗ den Sonne drangen hier und dort zwiſchen den Stämmen der Bäume hindurch, und umzogen das Laubwerk mit röthlich ſchimmerndem Gold⸗ ſaume. In üppiger Ruhe nachläſſig auf die Ra⸗ ſenbank hingegoſſen, lag die Edelfrau an den Stamm eines Baumes gelehnt, und ſah dem verliebten Getändel der Vögel zu, die ſich von Zweig zu Zweig jagten⸗ bald zu fliehen ſchie⸗ nen, bald wieder Stand hielten, und unter ſüßem Gezwitſcher ſich ſchnäbelten. Kein menſchliches Weſen war auſſer der Burgdame in der Nähe, und tiefe Stille herrſchte ringsum, da ließ ſich plötzlich in dem vorhin be⸗ ſchriebenen Gange, der zu dem Schloſſe führte, eiliger Mannestritt hören. Mehr überraſcht als erſchreckt ſah die Liegende ſich um, zu wiſ⸗ ſen, wer der Kommende ſey⸗ und die Röthe freudiger Ueberzeugung färbte ihre Wangen tiefer, als ſie den Nahenden erkannte. Es war der Burgkaplan, ein ſchöner junger Mann von hoher Geſtalt und einnehmendem Aeußern, und in das Ordensgewand der Franziskaner gekleidet. Aus der Art, wie der Mönch ſich gegen die Dame benahm, aus der Nachläſſigkeit, mit C 2 der er ſich, ohne dazu aufgefordert zu ſehn, an ihrer Seite auf der Raſenbank niederließ⸗ ronnte man leicht abnehmen, daß ein heimli⸗ hes, verbotenes Einverſtändniß zwiſchen den Beiden obwalte. Kaum hatte er ſich geſetzt, als die Edel⸗ frau, zutraulich des Paters Hand ergreifend, und ſie zärtlich in der ihrigen ruhen laſſend⸗ mit eifriger Ungeduld ausrief:„Sagt an, theurer Ambroſio, was bringt Ihr Neues mit aus Sevilla? Vie ſtehts mit meiner Schwe⸗ ſter? Hat ſie endlich den lobenswerthen Ent⸗ ſchluß gefaßt, die Wünſche Heinrichs von Trans⸗ tamare zu krönen?“ Die Dame war zu ſehr mit ihren eige⸗ nen Gedanken, mit ihrer Neugier beſchäftigt, ſonſt würde ſie leicht bemerkt haben, daß der Pater Unangenehmes zu verkünden hatte, und daß er ängſtlich darüber nachſinne, wie er das, was er nicht verhehlen konnte, am beſten und ſchonendſten vorbringen ſolle. Der Ungeſtüm ſeiner ſchönen Gebieterinn und Freundinn gab ihm Zeit, ſich zu ſammeln, und froh, von dem eigentlichen Gegenſtande ſeiner Botſchaft we⸗ nigſtens für den Augenblick abkommen zu kön⸗ nen, ergriff er mit Haſt die Gelegenheit, die Donna durch eine ausführliche Antwort bei dem berührten Punkte zu feſſeln. „Eure Schweſter, edle Frau?“ ſagte er, wie ausweichelnd, und zuckte dabei mit den Achſeln. „Ja, ja, meine Schweſter,“ fiel die Dame ungeduldig ein. J hoffe von ihrem Betragen gegen den Baſtard viel für unſere Pläne, denn ich weiß wohl, daß dieſer noch von alten Zeiten her meinem Gemahl nicht ſonderlich gewogen iſt; daher bedarf es neuer, feſterer Bande, die Beiden, zu gemeinſchaft⸗ lichem Zwecke Vereinten, inniger, unauflösli⸗ cher mit einander zu verbinden, und Maria iſt im Stande, dieſe Bande, unter Roſenket⸗ ten verborgen, um den ſtolzen Transtamare zu ſchlingen.“ „Hoffet nicht zu viel von Eurer Schwe⸗ ſter, Donna Aldonza,“ erwiederte Pater Am⸗ broſio zögernd;„ja, ich möchte Euch faſt ra⸗ then,“ fuhr er nach kurzer Pauſe fort,„gar nichts von ihr zu hoffen, ſondern alles von Euch ſelbſt, Eurer Klugheit und Eures Ge⸗ mahles Tapferkeit zu erwarten.“ „Was iſt's mit meiner Schweſter?“ fragte Donna Aldonza haſtig und voll Beſorg⸗ niß.„Verhehlt es mir nicht,— Ihr habt mir von ihr ein Unglück zu verkünden!“ „Nun wohl,“ erwiederte der Pater,„ich will Euch mittheilen, was Ihr doch in kürzerer oder längerer Zeit erfahren müßtet; aber ich bitte Euch, nehmet Eure ganze Kraft zuſam⸗ men, denn Böſes— ſehr Böſes und Trauriges iſt es, was ich Euch zu ſagen habe.“ „Sprecht nur— ſprecht;“ drängte Al⸗ donza.—„Ich bin auf alles gefaßt.“ „Ihr wißt,“ begann nun Ambroſio ſei⸗ nen Bericht,„daß Eure Schweſter dem Ba⸗ ſtard ſehr gewogen war, daß ſie ſich aber be⸗ ſtändig von ihm zurückgezogen hielt, weil ſie — 39— zu ſtrenge Begriffe von Tugend und Sittlich⸗ keit hat.“ „Die Thörinn,“ warf Aldonza ein;„es giebt nur ein Leben, und das iſt die Liebe.“ Ambroſio bewies ihr durch einen flüchti⸗ gen Kuß, den er von ihrer Lippe haſchte, daß auch er die Liebe für des Lebens Höchſtes halte, und fuhr dann fort:„Dennoch duldete Donna Maria die Bewerbungen Transtamares, da ſie glaubte, er ſuche in ihrem Umgange mehr, als flüchtigen Sinnenrauſch. Doch Heinrich, von je her ein Sclave ſeiner Sinne, und des Har⸗ rens, wie des Zwanges, den er ſich bei Eurer edlen Schweſter auferlegen mußte⸗ bald über⸗ drüſſig, gab ſich in kurzer Zeit nicht mehr die Mühe, ſeine wahren Abſichten zu verbergen. Maria ſchauderte vor dem Abgrunde, an dem ſie ſich erblickte, und bebte um ſo mehr, da ſie wohl fühlte, daß Heinrich in ihrem eigenen Herzen einen mächtigen Verbündeten habe, daß ſogar ihre Sinne ſie wider ihren Willen dem ſchönen Manne zuneigten. Sie zog ſich nun von dem Baſtard zurück, verläugnete ſich vor. ihm, wenn er in dem Palaſte Coronel zuſprach, ſie zu beſuchen, und wich ihm auf jede mög⸗ liche Weiſe aus.— Doch Eure Baſe, Donns Beatrice, durch des Prinzen reiche Geſchenke beſtochen, war gänzlich auf deſſen Seite, und ſtand dem ihr übertragenen Mutteramte ge⸗ wiſſenlos vor. Sie verſchaffte Transtamare mehrmals Gelegevheit, Eure Schweſter zu überraſchen, und als dieſe ſie darüber zur Rede ſetzte, wußte ſie ſich geſchickt zu rechtfertigen, und den Verdacht von ſich zu wälzen.“ „So blieben die Sachen eine Reihe von Wochen hindurch; Donna Maria verdoppelte ihre Wachſamkeit, und aller Mühe, aller Un⸗ terſtützung von Seite der Donna Beatrice un⸗ geachtet, war es Don Henriquez längere Zeit nicht gelungen, die Geliebte allein zu treffen. Da endlich, vor fünf Tagen, überraſchte er ſie, als ſie eben das Bad verlaſſen hatte, und leicht gekleidet auf dem Ruhebette lag. Sie glaubte die Thür verwahrt, und ſich ſo gegen — 41— jeden Ueberfall geſichert, doch der Verrath Eurer Baſe hatte den Baſtard von ihrem Auf⸗ enthaltsorte unterrichtet, hatte heimlich den Riegel zurückgeſchoben, und ſo ſtand er denn plötzlich vor der Ueberraſchten. Voll Schrecken ſprang Donna Maria auf, und gebot ihm mit Ernſt und Würde, ſich ſogleich zu entfernen⸗ Aber der Anzug der reizenden Jungfrau war zu verführeriſch; der Prinz ſah hier zum er⸗ ſten Male Reize enthüllt, die bisher ein nei⸗ diſcher Schleier ſorgfältig vor ſeinen Blicken verborgen hatte; ſeine Sinnlichkeit ſchlug in hellen Flammen empor, er glaubte, jetzt ſey der Augenblick ſeines Triumphes gekommen, und alle Rückſicht aus den Augen ſetzend, ſchloß er Eure Schweſter glühend in ſeine Arme. Seine Lippen ſuchten die ihrigen, und bedeckten ſie, alles Sträubens ungeachtet, mit unzähligen Feuerküſſen. Vergebens ſtrebte Donna Maria, ſich dem Ungeſtümen zu entwinden; er hatte ſie zu feſt umſchlungen, und war unwiderruflich entſchloſſen, jetzt alles zu wagen. Schon fühlte — 4 42 ſie ihre Kräfte abnehmen, und machte ſelbſt mit Entſetzen die Entdeckung, daß ihre aufge⸗ reizten Sinne dem Feinde den Sieg zu erleich⸗ tern drohten; da machte ſie noch einen ver⸗ zweifelten Verſuch, ſich dem Verführer zu ent⸗ winden; mit Rieſenkraft riß ſie ſich von ihm los, und ſtürzte aus dem Zimmer. Der Ba⸗ ſtard eilte ihr nach, aber er vermochte ihrem flüchtigen Schritte nicht mit gleicher Eile zu folgen, und als er endlich das Zimmer er⸗ reichte, in welches ſie ſich geflüchtet hatte, als er, das Aergſte fürchtend, die Thür, die er verriegelt fand, mit einem kräftigen Fußtritte eingeſtoßen hatte, da— o, mich ſchaudert, das Gräßliche auszuſprechen—“ „Heilige Jungfrau!“ ſchrie Aldonza auf, und Todesbläſſe deckte ihre Wangen,„meine Schweſter iſt todt— ſie hat in der Verzweif⸗ lung freventlich Hand an ſich ſelbſt gelegt.“ „Rein,“ entgegnete der Pater, trübe mit dem Haupte ſchüttelnd,„Eure Schweſter lebt, und wird leben; aber—“ — 43— „Aber?“ fragte Aldonza in geſpannter Erwartung. „Als Transtamare in das Zimmer trat,“ fuhr Ambroſio in ſeiner Erzählung fort, „fand er Eure edle Schweſter in ihrem Blute ſchwimmend, am Boden liegend. Die rechte Hand hielt einen Dolch gefaßt, und indem ihre Sinne ſchwanden, rief ſie dem eintre⸗ tenden Prinzen zu:„So vernichte ich die Reize, die ſich verrätheriſch mit meinen Sin⸗ nen verſchwören, um das Heil meiner Seele zu morden.“— In der Furcht, ſie habe die Hand gegen ihr eigenes Leben erhoben, warf der Prinz ſich über ſie, doch er entdeckte keine Todeswunde, aber— Geſicht, Hals, Schultern und Bruſt waren gräßlich von der Schärfe des Dolches zerſchnitten, und wenn Eure Schwe⸗ ſter, was ſich jetzt nicht mehr bezweifeln läßt, wieder hergeſtellt wird, ſo bleibt doch keine Spur ihrer frühern 6 Schönheit zurück. „O über die Närrinn, die Thörinn!“ gnädig ihr verliehen! brach Aldonza jetzt unwillig aus.„Frevent lich die Reize zu vernichten, die der Himmel Konnte das des Schö⸗ pfers Abſicht ſeyn, als er ſie ſo reich bedachte?“ „Tadelt ſie nicht,“ nahm Anmbroſus, welcher den Prieſter nicht ganz zu verläugnen vermochte, das Wort,„tadelt ſie nicht, daß ſie ihr ewiges Heil irdiſchen Freuden vorgezo⸗ gen hat. Sie erwählte das beſſere Theil, und des Himmels gewiß.“ reichſter Lohn iſt ihr dafür „Ei, ehrwürdiger Vater,“ ſagte Aldonza, ihn mit ſpöttiſchem Lächeln anblickend,„ ſeit wann eifert denn Ihr gegen irdiſche Freuden? Habt Ihr etwa in Sevilla Euch in aller Ge⸗ ſchwindigkeit zu einem Heiligen umwandeln laſſen?“ „Ich bin ein armer, ſündhafter Menſch,“ erwiederte der Pater, und gab ſich ein frommes Anſehen,„aber fern ſey es von mir, der Gottſeligen zu ſpotten, und ſo ſage ich denn noch einmal— Eure Schweſter hat das beſ ₰ 2 ſere Theil erwählt; wohl ihr, daß ſie die Kraft dazu hatte.“ „Ich mag mit Euch bacüer weiter nicht ſtreiten,“ erwiederte Aldonza, ſtolz das Haupt emporwerfend;„aber ſagt, ſahet— ſprachet Ihr meine Schweſter?— Bereut ſie nicht, was ſie nur in einem Anfalle des Wahnſinns begehen konnte, und fürchtet ſie nicht den Spott der Verünftigern, dem ſie überall begegnen wird, ſobald ſie ſich, geheilt, wieder in der Welt blicken läßt?“ „Den fürchtet ſie— zuicent der Pater,„und hat ihn nicht zu fürchten, da ſie gegen ſeine Verletzungen geſichert iſt.— Ic5 war bei Eurer verehrungswürdigen Schmltet. Ueber eine Stunde habe ich an ihrem Kranken⸗ lager geſeſſen, und mich angelegentlich mit ihr unterhalten. Sie hat mir kein Geheimniß aus ihren Plänen für die Zukunft gemacht, und ich konnte mich nicht enthalten, ihr die aufrichtigſte Bewunderung dafür zu zollen.— Geſtern ſchon ſandte ſie durch einen vertrauten Diener ein — 46— Schreiben an den heiligen Vater zu Rom ab, und erflehet darin die Erlaubniß, in Sevilla ein Kloſter ſtiften zu dürfen. Sie will es mit ihrem ganzen Vermögen ausſtatten; dies, ſo wie die Frömmigkeit des Unternehmens an und für ſich, ſind Bürgen, daß der heilige Va⸗ ter ihr die gewünſchte Erlaubniß nicht verſagen wird.“ „Ei, das glaube ich gern,“ erwiederte Aldonza verächtlich;„meiner thörichten Schwe⸗ ſter Reichthümer ſind ein zu fetter Biſſen, als daß die heilige Kirche ihn ſich ſollte entgehen laſſen; zum zweiten Male möchte er ihr nicht geboten werden, daher: Beim erſten Male zugegriffen.“ „Vergeſſet nicht, Donna,“ ſagte der Pa⸗ ter, und verſuchte, ſi ſich ein Anſehen der Würde und Heiligkeit zu geben, das ihn jedoch der Vertrauten ſeiner Schwächen gegenüber nur lächerlich machen konnte;„ vergeſſet nicht, daß Ihr mit einem Diener der heiligen Kirche ſpre⸗ chet. Doch ich will nicht deshalb mit Euch — rechten; weiß ich doch, daß Ihr im Innerſten Eures Herzens uns aufrichtig zugethan ſeyd.— Jetzt habe ich Euch noch einen Auftrag Eurer Schweſter zu verkünden.—„Sagt meiner ge⸗ liebten Aldonza,“ trug ſie mir auf,„die ſtete Fortdauer meiner innigſten, aufrichtigſten Schweſterliebe ſey ihr gewiß; theilt ihr meinen Entſchluß mit, und ſagt ihr, daß ſie bei jedem Mißgeſchicke des Lebens, das ſie vielleicht frü⸗ her oder ſpäter ereilen möchte, am Buſen ihrer Schweſter, in der Stille der heiligen, Gott geweihten Mauern, eine ſichere Zufluchtsſtätte finden ſolle.“ „Ich danke fuͤr das gnädige Anerbieten,“ erwiederte Aldonza kalt und ſtolz,„doch hoffe ich, daß Aldonza de Guzman des Schutzes einer armen Kloſterfrau nimmer bedürfen wird.“ „Pochet nicht zu ſehr auf die Gunſt des Glückes,“ ſagte der Pater mit düſterer Miene. „Nur zu bald kann die falſche, wankelmüthige Göttinn Euch den Rücken wenden, und leicht möchtet Ihr dann Urſache zur Reue finden, das — 48— gütige Anerbieten Eurer Schweſter auf belei⸗ digende Art zurückgewieſen zu haben.“ „Sprecht Ihr doch wie in prophetiſchem Geiſte, Unglücksrabe;“ entgegnete Aldonza mit ſpöttiſchem Lächeln.„Oder,“ fuhr ſie plötzlich mit ſichtlicher Unruhe fort, und ſchien mit ängſtlicher Erwartung einer Antwort zu harren,„oder ſoliten Eure Worte mehr als bloße— ſeyn;— ſolltet Ihr etwas wiſſen, das— „Und wenn dem ſo wäre,“ erwiederte der froh, ſie auf dem Punkte zu ſehen, wo er ſeine unglücksſchwangern Nachrichten mittheilen konnte;„und wenn ich etwas wüßte, was von Wichtigkeit wäre, würde ich Donna Aldonza in der Stimmung finden, Unangeneh⸗ mes zu vernehmen, und es mit Muth und Faſſung zu ertragen?“ „Alles, alles!“ rief Aldonza mit unge⸗ duldiger Haſt.„Sprecht, laßt mich alles wiſ⸗ ſtz⸗ und Ihr ſollt mich ſtark finden⸗ wie— X 5 einen Mann, wie es der Gattinn des tapfern Don Alvaro de Guzman geziemt.“ „Nun wohl,“ erwiederte Ambroſio,„ſo vernehmt es denn, und Gott und alle Heiligen mögen geben, daß Ihr dem furchtbaren Schlage nicht erlieget.— Die Verſchwörung iſt durch einen feigen Verräther, den die Verſchwornen unvorſichtig unter ſich aufgenommen hatten, dem Könige mit allen Nebenumſtänden ent⸗ deckt worden. In der Racht, die dem vorge⸗ ſtrigen Tage voranging, waren ſämmtliche Ver⸗ ſchworene in dem Palaſt des Prinzen verſam⸗ melt, um darüber zu berathſchlagen, wann und wo mit der größten Wahrſcheinlichkeit eines günſtigen Gelingens der erſte Streich zu füh⸗ ren ſey; da entſtand plötzlich Tumult in den unteren Gängen und Gemächern, und noch ehe die Verſchworenen Zeit gehabt hatten, zu ihren Waffen zu ſpringen, ſtürzte athemlos, und bleich vor Schrecken, ein Diener herein⸗ und ſagte mit bebender Stimme, daß der ganze Palaſt von der Leibwache des Königs v. Alvensteben Tochter. D — — 50— umzingelt, und ein Offizier, von zahlreicher Mannſchaft begleitet, ſchon auf dem Wege nach dieſem Saale ſey.“ 6 „In wilder Verwirrung ſtürzten die Ver⸗ ſchworenen unter und durcheinander. Dieſer ſuchte ſein Schwert, und konnte es nicht fin⸗ den, Jener wollte entfliehen, und hielt das Fenſter für die Thür, und kurz, Alle hatten den Kopf verloren, nur Heinrich von Trans⸗ tamare und Euer edler, tapferer Gemahl nicht. Jener gewann glücklich und unbemerkt eine Nebenthür, durch die er zu entkommen hoffte, dieſer warf ſich dem eintretenden Offizier mit furchtbarem Ungeſtüm entgegen⸗ bahnte ſich mit ſeinem Schwerte durch den Haufen der uberraſchten Trabanten einen Weg, und ver⸗ ſchwand in der Dunkelheit. Die noch im Saale zurückgebliebenen Verſchworenen, neunzehn an der Zahl, ergaben ſich auf Gnade und Ungnade.“ „Aber man hatte alle Ausgänge des Schloſ⸗ ſes auf das Sorgfältigſte beſetzt⸗ und glaubte daher mit Zuverſicht, auch des Baſtards und Don Alvaros noch habhaft zu werden, aber nur in Hinſicht des Erſtern hatte man ſich nicht getäuſcht. Heinrich ward ergriffen, als er eben aus einem verborgenen Seitenpfört⸗ chen in die Dunkelheit des Parkes entſchlüpfen wollte, von wo es ihm dann ein Leichtes ge⸗ weſen ſeyn würde, weiter zu fliehen. Er wurde in Feſſeln geſchlagen, und in ſichern Verwahrſam abgeführt. Doch Euer Gemahl war und blieb verſchwunden. Wie er die Mittel gefunden haben kann, ſich der Ent⸗ deckung wenigſtens für den Augenblick zu ent⸗ ziehen, weiß nkan durchaus nicht, aber genug, bis jetzt iſt er nicht aufgefunden, obgleich der König einen hohen Preis auf ſeinen Kopf ge⸗ ſetzt hat.“ Einer Ohnmacht nahe hatte Aldonza die⸗ ſen Bericht des Paters mit angehört. Bleich⸗ die Augen ſtarr auf einen Punkt gerichtet, und die Hände verzweiflungsvoll ringend, ſaß ſie da, bis endlich ein Thränenſtrom ihrem gepreß⸗ ten Herzen Luft machte. Es war weniger D 2 7 Liebe zu ihrem Gemahle, als gekränkter Stolz⸗ Vereitelung ihrer kühnſten, hochfahrendſten ——————————— Pläne und Hoffnungen, welche ſie ſo beugten, und augenblicklich den unumſtößlichen Entſchluß in ihr erweckten, alles an die Begnadigung ihres Gatten zu ſetzen⸗ „Nach Sevilla, ohne Zögern nach Se⸗ villa,“ rief ſie, aufſprinhend, und dem Schloſſe zueilend.„Dem Könige will ich mich zu Füßen werfen⸗ ihn um Gnade anſlehen, und ſo lange ſeine Knie umklammern, bis er meine Bitten erhört hat.“ „Der König iſt nicht unempfindlich gegen weibliche Reize,“ murmelte der Pater, indem er ihr langſam folgte,„die Donna iſt auch nicht allzuſtreng, und der Ritter hat daher viel für ſich zu hoffen, wenn ihm Begnadi⸗ gung um ſolchen Preis annehmbar ſcheinen ſollte.“ 2 — 3— — Etwas mehr, als ein Jahr ſpäter, als das erſte Mal, finden wir Maria Padila abermals in der bereits beſchriebenen Bade⸗ palle, ihrem Lieblingsplätzchen, weshalb ſie denn auch noch heute Maria Padillas Bad heißt, obgleich ſie in Trümmer verfallen, alles frühern Schmuckes, aller früheren Anmuth be⸗ raubt iſt. Wie damals iſt Maria mit ihrer treuen Camilla allein, wie damals liest ſie auf dem Ruhebet tte ausgeſtreckt, aber“ ire ſonſt ſo lieb⸗ lich gerötheten Wangen ſind bleich, der Aus⸗ druck herben Kummers hat ſich auf ihrer Stirn gelagert, und noch hängen die Spuren ſo eben vergoſſener Thränen an ihren ſeidenen Wim⸗ pern. „Lindert Euren Kummer, theure Gebie⸗ terinn,“ bat Camilla, zu ihr tretend, und ſie mit wehmüthigem Blicke betrachtend.„Ver⸗ geßt dieſe Sanftmuth, beugt Euch nicht län⸗ ger geduldig unter der empörenden Behand⸗ lung, ſondern macht endlich einmal die Rechte geitend, die Euch als der angetrauten Gemah⸗ linn des Königs zukommen.— Bedenkt, daß außer mir noch drei Zeugen leben, die bereit ſind, ſo wie ich, mit Blut und Leben Euer gu⸗ tes Recht zu bezeugen.“*) Mit leiſem Lächeln erwiederte Maria: „Laß das, gute Camilla; jene Verbindung war nöthig, um mich gegen mich ſelbſt zu recht⸗ *) Maria Padilla galt zwar fuͤr die Maitreſſe Peters des Grauſamen, war aber wirklich mit ihm getraut, wie die Cortes in Sevilla, ein Jahr nach dem Tode Peters des Grauſamen, verkuͤndeten. Was ſie bewog, dieſe recht⸗ maͤßige Ehe vor aller Welt geheim zu hal⸗ ten, laͤßt ſich jetzt nach ſo langer Zeit nicht genau beſtimmen, doch ſcheint der Hauptbe⸗ weggrund in dem Edelmuthe Maria Padillas gelegen zu haben, indem dieſe befuͤrchtete, es moͤchte Peters politiſchem Vortheile und Kutzen Eintrag geſchehen, wenn die Verbin⸗ dung mit ihr bekannt wuͤrde. Peter hat ſich alſo durch ſeine Vermaͤhlung mit der ungluͤck⸗ lic en Blanka von Bourbon der Bigamie ſchuldig gemacht. Anmerk. d. Verf. * — fertigen, und mein Gewiſſen zu beruhigen. Eine andere Abſicht hatte 4 nicht dabei, und ltend zu machen nie werde ich die Anſprü kann auch nicht denn Du weißt ſehr verſuchen, die mit daraus er im Ernſt der Glanz des Thrones dern daß es nur 8 das ich zu erh mich ganz, müſſen? daß es jetzt zu ſpät iſt, da Blanka von Bourbon als Königinn auf Caſtiliens Throne „Ihr habt Recht, thenre Gebieterinn,“ itternder Stimme, und Camilla mit unterdrückte nur mit wuchſen.— Das Deine Meinung en 6— Und vergißt Du denn in ſeen ihre Thränen. „Ihr habt auch jetzt wieder teht wie Ihr in Eurer Güte und Engelsmilde immer die rechte Bahn wandelt.— Auch wollte ich nichts ſagen, wäre es dieſe ſogenannte Königinn, über — ——˖——————- 5 welcher Ihr vernachläſſi iget⸗ zurückgeſetzt wer⸗ det- Aber ſchon lange trug Blanka die Krone, und unangefochten waret und bliebet Ihr die erſte Frau des Rei iches.“ „Leider! leider!“ ſagte Maria ſeufzend. Wie oft bat ich meinen Geliebten, die Rück⸗ ſichten nicht ganz aus den Augen zu ſetzen, die er ſeiner königlichen Gemahlinn ſchuldig iſt. Er hoͤrte nicht auf mich, denn Blanka beſaß we⸗ der ſein Herz noch ſeine Achtung, obgleich ſie die letztere gewiß verdient. Nur Staatspo⸗ litik hatte die Verbindung geknüpft, und zu vald vergaß Peter die Vortheile, die ihm dar⸗ aus erwachſen waren. So hatte Blanka eine ununterbrochene Reihe von Kränkungen zu er⸗ dulden, als deren Urheberinn ich gelte, nicht nur in ihren Augen, ſondern auch in denen aller ihrer Anhänger, und ſogar vieler mei⸗ ner Freunde.— Bin ich auch wirklich unſchul⸗ dig daran, ſo hätte ich doch vielleicht noch eif⸗ riger auf den König wirken können und ſollen, daß ich dies unterlaſſen, dafür empfange ich „ 5 2 8 jetzt die gerechte Strafe, indem Peter mir ſein Herz entzog, um—“ „Um es einer unwürdigen, einer gemei⸗ nen Buhlerinn zuzuwenden,“ fiel Camilla ihr voll Unwillen in die Rede.—„Da, da,“ fuhr ſie mit geſteigertem Zorne fort, trat an die offene Seitenhalle, und zeigte auf einen hohen, gewölbten Gang, der auf ſchlanken Säulen ruhte, und über die Gipfel der Bäume hervor⸗ ragte.„Seht dort den Gang, der den Alka⸗ zar mit dem Palaſte del Oro verbindet, wo dieſe freche Aldonza Guzman einen Hof hält, als ſey ſie die Veherrſcherinn des Ländes.— Iſt nicht der König tagtäglich dort? Bezeu⸗ gen ihr nicht die Vornehmſten des Hofes wie des Landes eine Ehrfurcht, als ziere das gol⸗ dene Herrſcherdiadem ihre Stirn?— Verödet iſt der Alkazar, in dem zwei Königinnen trauern, und in dem Palaſte del Oro, dem Sitze der Unkeuſchheit, verſammelt ſich der ganze Adel, der Buhlerinn in knechtiſcher Un⸗ terwürfigkeit den Hof zu machen.“ „Ich danke Dir, gute Seele, für Deine aufrichtige, gutgemeinte Theilnahme,“ ſagte Maria, und reichte der Dienerinn freundlich die Hand. Camilla zog ſie an ihre Lippen⸗ füßte ſie mit Inbrunſt, und vermochte dem hervorſtürzenden Thränenſtrome nicht länger zu wehren.— Maria ſagte nichts; auch ſie weinte ſtill vor ſich hin. „Und heute, gerade heute,“ begann Ca⸗ milla nach einer Pauſe, nur mühſam ihre Thrä⸗ nen trocknend.„Heute an eben dem Tage, der Euch zum erſten Male in ſeine Arme führte, den er ſonſt immer auf eine oder die andere Weiſe zu feiern pflegte!“ Daß er auch heute mich verläßt, willſt Du ſagen, das iſt doppelt hart? Ja, Ca⸗ milla, ich will Dir nicht verhehlen, daß auch ich ſchon den Gedanken hegte. Ein Viertel⸗ ſtündchen wenigſtens hätte er ſich doch wohl für mich abmüßigen können.— Aber ich will ihn deshalb nicht zu hart tadeln; dieſe Aldonza iſt reizend, und weiß ihn geſchickt in ihrem buhleriſchen Netze feſtzuhalten, aber unmöglich kann es ihr gelingen, ihn mir ganz zu ent⸗ reiſſen. Er kehrt zu mir zurück, gewiß— mein Herz ſagt mir es deutlich, und damit ich ſelbſt mir dies Glück nicht verzögere oder gar verſcherze, ſoll er mich ſtets ſanft und liebevoll finden; dann wird er ſpät oder früh erkennen, daß doch Keine ihn ſo wahr und innig liebt, wie Maria Padilla.“ „Ach, könnte ich doch Eure Hoffnung theilen,“ ſagte Camilla;„aber ich kann— ich kann es nicht.“ „Sieh,“ erwiederte Maria ſanft,„iſt es nicht grauſam von Dir, mir jede Ausſicht auf eine freudigere Zukunft benehmen zu wollen?“ „Ach wohl, wohl iſt es das,“ ſeufzte Camilla, und auf's Neue rannen ihre Thränen unaufhaltſam;„auch wollte ich es gern nicht thun,— wenn nur nicht— und gerade heute — heute gerade.“ „Und was geſchieht denn heut, was Dich ſo traurig ſtimmt?“ fragte Maria.„Sag es 660— mir, Du Treue. Iſt es doch beſſer, daß ich alles weiß; nur wenn man den Becher des Leids bis auf den letzten Tropfen geleert, darf man wieder auf beſſere Tage hoffen.— Daher ſage mir frei heraus, was Dich bedrückt.“ „Ach, gern verhehlte ich es Euch noch länger, wie bisher,“ erwiederte Camilla,„aber erfahren würdet Ihr es dennoch eher oder ſpä⸗ ter, und ſo denke ich denn, es iſt beſſer, Ihr vernehmt es aus meinem Munde, als aus dem eines Andern.— Vor zehn oder zwölf Tagen hat Aldonza dem Könige eine Tochter geboren, und heut wird ſie durch die heilige Taufe in den Bund der Chriſtenheit aufgenommen.— Hört Ihr nicht den Jubel vom Palaſte del Dro herüberſchallen? Der König giebt dem freudigen Greigniſſe zu Ehren ein glänzendes Feſt, und dieſe Aldonza entblödet ſich nicht, als Hauptperſon zu erſcheinen, als wäre ihr kleiner Baſtard in rechtmäßiger Ehe erzeugt!“ „Was Du mir ſagſt, Camilla,“ erwie⸗ derte Marig, und ein Anflug von Heiterkeit 61 hreitete ſich über ibre lieblichen Züge,„iſt weit eher geeignet, mich zu beruhigen, als noch tiefer zu betrüben. Wie ich den König kenne, wird jetzt ſein flüchtiger Sinnenrauſch bald ge⸗ kühlt ſeyn; Herz und Gefühl machen ihre Rechte wieder geltend;— die Bublerinn wird ihm gleichgültig— er verläßt ſie, und kehrt zärtli⸗ cher als zuvor an meinen treuen Buſen zu⸗ rͤck.— Ach, Camilla, freue Dich mit mir, denn ich ſehe das Roſenlicht freundlicher Tage durch die finſtere Nacht dringen, welche mich ſo lange umfangen hielt. Er kehrt zurück— ja, er kehrt bald zurück.“ An dem ſüdlichen Ende Sevillas, dort, wo das Flüßchen Guadeira ſich mit den Fluthen des Guadalquivir vereinigt, erhoben ſich zu⸗ der Zeit, in welcher unſere Erzählung han⸗ delt, die Trümmer eines alten mauriſchen Ca⸗ ſtelles. Die Hauptgebäude und die Außen⸗ werke hatte der Sturm der Jahre und das 62— — Kriegsfeuer vernichtet, und nur noch ein ge⸗ waltiger, alter, grauer Thurm und ein kleines, an denſelben ſich lehnendes, unanſehnliches Wohngebäude waren verſchont geblieben. Je⸗ nen Thurm, deſſen Mauern mehrere Fuß dick, deſſen kleine, ſtatt der Fenſter dienende Oeff⸗ nungen mit ſchweren eiſernen Gittern ver⸗ wahrt waren, hatte man ſpäter zu einem Ker⸗ ker, das daranſtoßende Gebäude aber zur Woh⸗ nung des Kerkermeiſters eingerichtet. In dem tiefſten dieſer Kerker, dem Ta⸗ geslichte wie der freien, erquickenden Luft gleich unzugänglich, in einem finſteren Loche, das kaum einige Fuß ins Geviert maß, ſchmach⸗ tete ſchon ſeit Monden— Don Alvaro Perez de Guzman, der Gemahl Aldonza Coronels, jetzigen gebietenden— Maitreſſe Peters des „Grauſamen. An jenem Tage, an welchem die Verſchwo⸗ renen im Palaſte Heinrichs von Transtamare aufgehoben worden waren, glückte es dem Don Alvaro, ohne von einem der zahlreichen Späher bemerkt zu werden, aus einem Fenſter in den Guadalquivir hinabzuſpringen, und glück⸗ lich an das jenſeitige Ufer zu ſchwimmen. Als er hier den feſten Boden unter ſich fühlte, war ſein erſter Gedanke, nach Riotinto zu eilen, aber ſogleich ſagte er ſich auch, daß man ihn dort am erſten ſuchen würde, und deshalb wendete er ſeine Schritte nach einer anderen Richtung; wohin, iſt ſelbſt uns nicht bekannt geworden. Er that daran ſehr wohl, denn nur we⸗ nige Stunden nach der Ankunft des Paters Ambroſio auf Riotinto langte auch eine Ab⸗ theilung von der königlichen Leibwache daſelbſt an, um ſich wo möglich des Don Guzman zu bemächtigen. Das ganze Schloß ward nach ihm durchſucht,— vergebens, wie aus dem Geſagten erhellt. Um in ihrer Hoffnung doch nicht ganz betrogen zu ſeyn, plünderten ſie das Schloß aus, und ſteckten es zum Abſchiede an mehreren Orten in Brand. Wohl Aldonzen, daß ſie die Ankunft der kohen Kriegsgeſellen noch zeitig genug erfuhr, um ſich ihrer Wuth zu entziehen; ihr Geſchick würde ſonſt gräßlich geweſen ſeyn. Nun aber hatte ſie ſchon einen bedeutenden Theil des Weges nach Sevilla zurückgelegt, als Jene noch das Schloß nach dem Gebieter, und ne⸗ benher auch nach der Gebieterinn, durchſuchten. Ohne Fährde langte Aldonza in Sevilla an, aber noch war ihr vadurch noch nicht ge⸗ holfen: Einen geringen Troſt gewährte es ihr zwar, daß man ihres Gemahles, trotz aller Verfolgungen, trotz des hohen Preiſes, der auf ſeinem Kopfe ſtand⸗ noch immer nicht hab⸗ haft geworden war, allein wenn es ihr nicht gelang, Zutritt zu dem Monarchen zu erlan⸗ gen, ſo war dadurch immer noch ſehr wenig gewonnen. Viel, alles verſprach ſie ſich von einer perſönlichen Zuſammenkunft mit dem Könige. Sie wußte, daß Peter ſehr empfäng⸗ ſich für die Macht weiblicher Reize 58 wußte ferner⸗ daß die Natur ſie mit ins gewöhnlicher Schönheit begabt habe, und wenn — W2 „ — 66— ſit dieſe in das gebörige Licht zu ſetzen ver⸗ ſtund, ſo konnte es nicht fehlen— der König mußte ihre Bitte erhören. Die Familie Coronel, der Albonza ent⸗ ſproſſen war, hatte vornehme, mächtige Ver⸗ bindungen, und mit Hülfe ihrer Anverwand⸗ ten gelang es der Gattinn des geächteten Al⸗ varo Guzman, eine Audienz von dem Könige zu erhalten. Ihr unbewußt war ihr Gemahl den Abend zuvor mit Feſſeln belaſtet, in Sevilla einge⸗ bracht worden, und Peter hatte bereits den feſten Entſchluß gefaßt, ihn unter furchtbaren Qualen, und zum abſchreckenden Beiſpiele für alle andere Empörer, ſein Leben durch Hen⸗ rershand enden zu laſſen, da— that Aldonza einen Fußfall, und— Alvarv war gerettet, wenn es für Rettung gelten darf, daß ihm das nackte Leben geſchenkt ward. So tief auch der Eindruck war, den Al⸗ donzas Reize, durch buhleriſche Künſte erhöht, auf Peter den Grauſamen machten, ſo unver⸗ v. Mensleben Tochter. E —— 665— hohlen er ihr dies auch zeigte, ſo war doch alles, was ſie von ihm erlangen konnte, daß dem Don Guzman zwar das Leben geſchenkt ſeyn, er aber in engem Verwahrſeyn bleiben ſollte. Nur wenige Tage währte Aldonzas Kum⸗ mer, daß ſie das Schickſal ihres Gatten nicht zu erleichtern vermochte. Dann hatte ſie ſich nicht nur getröſtet, ſondern des gefangenen Gemahles ſogar ganz vergeſſen⸗ Der hellſte Sonnenſchein der königlichen Gunſt erquickte ſie, und das glänzende Loos, das der Zufall, die Laune des Augenblickes ihr zugeworfen hatte, gewährte ihr reichlichen Erſatz für das Glück, welches ſi ſie in der Verbindung mit Don Guzman gefunden⸗ und mit tiefen Zügen ge⸗ noß ſie der Wonne, die ſie in dem unerlaub⸗ ten Liebesbündniſſe mit dem Könige fand. Die Ehrfurcht⸗ die ſelbſt die ihr bezeigten⸗ welche der Perſon des Königs zunächſt ſtanden⸗ welche vor keinem Manne das ſtolze Haupt neigten, ſchmeichelte ihrer Eitelkeit ſo ſehr, daß ſi darüber der Schande vergaß, der ſie ſich Preis gab. Von alle dem ahnete Don Alvaro nichts. Von dem Preiſe, der auf ſeinen Kopf geſetzt worden war, hatte er gehört, während er ſich den ausgeſandten Verfolgern, oft nur mit au⸗ genſcheinlicher Lebensgefahr, entzog, und in Höhlen und Kluften, von Wurzeln und Kräu⸗ tern ſich nährend, ſein Leben nur mühſam und ſpärlich friſtete. Daher wußte er es ſih nicht zu erklären, daß ſein Schickſal ſich noch immer nicht entſchieden hatte. Beinahe war es ein Jahr, ſeit die düſtern Mauern des Kerkers ihn umfingen. Mit haſtigen Schritten ging er jetzt in dem engen, finſtern Raume umher, verwünſchte ſich und ſein Geſchick, und begann aufs Neue über dem Gedanken zu brüten, den er ſchon vft ge⸗ hegt, aber auch eben ſo vft wieder mit Unwil⸗ len verworfen hatte, ob es nicht beſſer ſey⸗ ſeinem Leben ſelbſt ein Ende zu machen, als auf dem Blutgerüſte einen ſchmachvollen Tod E 2 — 68— vurch Henkershand zu erdulden. Es war kein religiöſes Gefühl, das ihn von der Begehung eines ſolchen Frevels zurückhielt, denn Reli⸗ gion kannte und übte er nur in ihren äußern Formen; ſondern es war eine dunkle, uner⸗ klärliche Ahnung, er könne doch wohl ſeine Freiheit noch wieder erlangen, und dann an allen Denen blutige Rache üben, denen er ſie zugeſchworen, theils als er ſich noch der gol⸗ denen Freiheit erfreute, theils während ſeiner langen Kerkernacht. Auch der Vaſtard Hein⸗ rich von Transtamare war unter dieſen. Schon früher hatten beide Männer einen glühenden Haß gegeneinander gehegt, den ſie aber mehr in der Bruſt verſchloſſen, als in Worten und Handlungen äußerten. Später nach einem Ziele ſtrebend, hatten ſie ſich zwar vereinigt, aber ohne im Herzen ſich einander zu nähern. Alvaro erkannte den Ehrgeiz, die Herrſchſucht des Baſtards bald in ihrer ganzen Größe, und ſah ein, daß ſeine Abſicht nur ſey⸗ ſeinen wranniſchen Bruder von dem Throne zu ver⸗ — 69— drängen, um dann ſelbſt noch ärgere Tyran⸗ nei üben zu können. Von dieſem Augenblicke an war Don Guzman ſein gefährlichſter, erbit⸗ terteſter Feind, und wenn er nicht mit ihm brach, ſo geſchah dies nur, weil er ſowohl an Peter, als an Heinrich ſich rächen wollte, und dazu kein beſſeres Mittel ſah, als ein eifriges, thätiges Mitglied der Verſchwörung zu ſeyn. Noch ſtand Don Alvaro in der obenerwähn⸗ ten Stimmung ſinnend auf einer Stelle, da ſtörte ihn das Kreiſchen der ſchweren eiſernen Riegel an der Kerkerthür aus ſeinen Träumen auf. Er fühlte ſich von dem Tone unange⸗ nehm berührt, denn er mußte einen Beſuch des alten finſtern und muͤrriſchen Kerkermei⸗ ſters erwarten; als aber nun die Thür ſich öffnete, konnte er es dennoch nicht laſſen, eicen neugierigen Blick nach ihr zu werfen, denn es war jetzt nicht die Zeit, wo ſein Wächter ihn beimzuſuchen pflegte, um ihm die ſpärliche Nah⸗ rung für den ganzen Tag zu bringen, und es mußte ſich daher etwas Ungewöhnliches ereig⸗ net haben, das ihn jetzt herführte. Aber wie angenehm fand Don Alvaro ſich überraſcht, als er nicht in das widerliche, vom Uebergenuſſe des Weines dunkel geröthete Ge⸗ ſicht des Schliehers, ſondern in die klaren⸗ glänzenden Augen deſſen jungen Weibchens blickte! Drei oder vier Mal während ſeiner ganzen Gefangenſchaft war die freundliche und rei⸗ zende Annette in ſeinem Kerker geweſen⸗ aber jedesmal in Begleitung ihres Mannes, dem ſie irgend ein ſchwereres Stück tragen helfen mußte. Es war ihr dann nie vergönnt gewe⸗ ſen, mit dem Ritter auch nur ein Wort zu ſprechen, aber ihre freundlichen Blicke hatten ihn der aufrichtigſten Theilnahme verſichert, und hinter dem Rücken ihres Alten hatte ſie ihm ſogar das letzte Mal, als er ſie geſehen⸗ durch unzweideutige Zeichen geſagt, daß ſie ihm etwas Wichtiges zu verkünden habe⸗ Seit jenem Augenblicke hatte er ſich den — † rebhafteſten Gefühlen der Hoffnung auf's Neue überlaſſen. Dieſe Frau konnte dieſen Mann unmöglich lieben, und mit gutem Grunde durfte er daher auf ihren Beiſtand rechnen, verſprach er nur, ſie zugleich aus den Klauen ihres Ehetyrannen zu befreien. Aber mehr als zwei Monate waren ver⸗ floſſen, ſeit ſie ihm jene Zeichen gab, und er hatte ſie während der ganzen Zeit nicht wieder geſehen. Daher begann er ſchon zu fürchten, daß ſie ihn mit falſcher Theilnahme hintergan⸗ gen habe, oder daß es ihr ſelbſt bei dem beſten Willen an der Macht gebreche, ihm zur Flucht behülflich zu ſeyn. um ſo größer war jetzt ſeine Freude, als er Annetten ohne ihren Mann zu ſih eintreten ſah. „Die Mutter Gottes ſey mit Euch, edler Herr!“ redete das freundliche Weibchen ihn an, ſetzte die Leuchte, welche bei der Finſter⸗ niß des Kerkers unentbehrlich war, auf einen hervorſpringenden Stein in der Mauer, und —.—————— begann mit reger Geſchäftigkeit den mitgebrach⸗ ten Korb ſeines Inhaltes zu entledigen. „Meine Mutter läßt Euch einen herzli⸗ chen Gruß vermelden,“ ſagte ſie, einen Krug mit Wein zu den Füßen des Ritters ſtellend, „und hier ſchickt ſie Euch vorerſt zu Eurer „Stärkung einen Krug guten Weines, und derbe, aber nahrhafte Speiſe.— Sie meint, das würde Euch gut thun, da Ihr lange genug mit bloßem Waſſer und grobem Brode hättet vor⸗ lieb nehmen müſſen.““ Verwundert ſah der Ritter die Speiſen und den Wein an, und wagte nicht, ſie zu koſten. Er konnte ſich die plötzliche Dreiſtigkeit, die augenſcheinliche Sicherheit, in der die Frau, handelte, nicht erklären. Auch wußte er ſich nicht zu deuten, wer die Unbekannte ſeyn koͤnne, die ihn ſo freundlich grüßen ließ, die ſich ſeiner ſo thätig annahm. „Deine Mutter, reizendes Weibchen, ſchickt mir dies alles?“ fragte er mit dem Ausdrucke des höchſten Staunens, Annette freundlich koſend — 73— neben ſich auf den harten Felſenſitz ziehend, „Wer iſt denn Deine Mutter, mein holdes Kind? Kenne ich ſie?“ „Ei freilich,“ erwiederte die junge Frau, indem ſie ſich des Ritters Liebkoſung ohne Sträuben gefallen ließ.„Meine Mutter iſt die Alte aus der Straße Candilejo.— Sie ſchickt Euch dies nur vorläufig, und läßt Euch dabei ſagen, Ihr möchtet der Worte eingedenk ſeyn, die ſie zu Euch ſprach, als ihr Beide vor der Leiche Eures Bruders ſtandet.““ „Mahne mich daran nicht!“ rief Don Alvaro finſter.„Schwer laſtet es auf meiner Seele, daß der Schwur der Rache, den ich dort that, noch nicht gelöſt iſt.— Aber viel⸗ leicht kommt dennoch eine Zeit—“ „Laßt das jetzt gut ſeyn, edler Herr,“ unterbrach ihn Annette.„Ich wollte keine truͤbe Erinnerung in Euch erwecken, auch thut es jetzt mehr Noth, den Blick auf die Zukunft zu richten.— Meine Mutter läßt Euch ſagen⸗ ſie denke es Euch durch die That zu beweiſen, daß die Geringen den Vornehmen zuweilen nützlicher werden können, als die Großen.— Jetzt wird ſie noch von einer Unpäßlichkeit an das Lager, oder doch an das Zimmer gefeſſelt, in einigen Tagen aber denkt ſie ſo weit herge⸗ ſtellt zu ſeyn, daß ſie Euch beſuchen, und mit Euch den Plan zu Eurer Flucht verabreden kann.“ „Meiner Flucht?“ „Nun ja; Ihr müßtet denn geſonnen ſeyn⸗ Euer Leben zwiſchen dieſen vier Mauern zu be⸗ ſchließen; denn wenn Ihr Eurem Kerker nicht entflieht, müßt Ihr darin ſterben, denn dar⸗ aus hinwegholen wird man Euch ſchwerlich.“ „Aber ſage mir, herrliches Weibchen—?“ „Wie die Sachen ſich geändert haben, daß ich ſo dreiſt zu Euch kommen kann?“ un⸗ terbrach ſie ihn lachend und ſchäckernd,„das will ich Euch ſagen.— Geſtern war mein alter Philippo wieder wie gewöhnlich betrunken; aber er mochte wohl einen Schluck mehr genommen haben, als ſonſt, denn als er von den Gefan⸗ genen zurückkam, die in der Höhe des Thurmes eingeſperrt ſind, verſah er eine oder ein Paar Stufen, ſtürzte die hohe ſteile Stiege hinab, und brach das Bein.— Nun liegt er hart und feſt auf ſeinem Lager, und mußte, wohl oder übel, mir ſämmtliche Schlüſſel anver⸗ trauen.— Ihr ſeht daher, daß wir vor ihm in völliger Sicherheit ſind, und mit Gemäch⸗ lichkeit alles zu Eurer Flucht einleiten und vorbereiten können.“ „Komm, laß Dir danken, reizendes Weib⸗ für Deine freundliche Theilnahme!“ rief der Ritter, und ſchloß Annetten in ſeine Arme. Der ungewohnte Genuß des Weines, dem er während Annettens Rede fleißig zugeſprochen⸗ hatte ein Feuer in ihm geweckt, das nur er⸗ ſchlummert⸗ nicht erſtorben war. Er bedeckte die Roſenlippen des üppigen Weibchens mit feurigen Küſſen, und dieſe blieb ſie ihm nicht ſchuldig. Erſt nachdem ſie ihn ihrer aufrichtigen Liebe mit Wort und That verſichert hatte, ſchied 6— ſie, um durch allzulanges Auſſenbleiben den Argwohn ihres Mannes nicht zu rege zu machen. Der Freiheit ſchon gewiß, blickte Alvaro der Gehenden nach, und ſchwelgte noch lange im Genuſſe der Vergangenheit und Zukunft. Wenige Tage nach dieſer Unterredung trat die Mutter Annettens, wie dieſe es verheißen hatte, wirklich eines Morgens zu Don Guz⸗ man in den Kerker. Sie war noch bleich und matt, ſonſt aber völlig hergeſtellt. „Gott zum Gruß!“ ſprach ſie, dem Rit⸗ ter zutraulich die Hand reichend, die er auch nahm, und mit Wärme drückte, denn das Un⸗ glück, das ihn betroffen, hatte ſeinen Stolz etwas gebeugt, und zudem ſah er wohl ein, daß dieſe Frau und ihre Tochter jetzt ſeine einzigen Freundinnen ſeyen, daß er nur durch ſie, ſonſt aber nimmer, auf Rettung rechnen dürfe. —— „Ich danke Dir für Deine Anhänglichkeit und das, was Du bereits für mich gethan haſt, was Du noch für mich zu thun geſonnen biſt,“ redete Alvaro ſie an, nachdem ſie ſeiner Einla⸗ dung genügt, und Platz genommen hatte.— „Aber noch ehe wir die Ausführung meiner Flucht bereden, laß mich es wiſſen, wie es draußen in der Welt ausſieht.— Wie ſind die Theilnehmer der Verſchwörung beſtraft wor⸗ den?— Was macht meine Gemahlinn?— Denkt ſie meiner noch in Liebe und Treue?— Trauert ſie um den verlorenen Gatten?— Schon oft legte ich Deiner Tochter dieſe Fra⸗ gen vor, aber ſie wollte oder konnte ſie mir nicht beantworten, und verwies mich ſtets an Dich.— Nun biſt Du hier, und ſo ſprich denn auch.“ „Was Ihr von mir zu wiſſen verlangt,“ entgegnete die Alte, zweifelhaft mit dem Kopfe wiegend,„könnte ich Euch allerdings ſagen, allein jich weiß nicht, ob ich wohl daran thue.— Viel Gutes und Erfreuliches iſt nicht dabei, — — 78— und es möchte Euch leicht in eine unangenehme Stimmung verſetzen.“ „Thut nichts! thut nichts!“ erwiederte Alvarv mit Ungeduld.„Erzähle nur getroſt.— Zuerſt— was iſt aus Heinrich von Transta⸗ mare geworden?— Iſt er hingerichtet?“ „Der Tod durch Henkershand war ihm zuerkannt worden, und ſollte in wenigen Ta⸗ gen vollzogen werden, da that Maria Padilla dem Könige einen Fußfall, und Peter begna⸗ digte ſeinen Bruder.“ „Maria Padilla?“ fragte Alvaro, und glaubte falſch gehört zu haben. „Wie ich Euch ſage,“ entgegnete die Er⸗ zählerinn;„Maria Padilla.— Alle die unzäh⸗ ligen Anfeindungen, die bittern Kränkungen vergeſſend, die ſie eine Reihe von Jahren hin⸗ durch theils von dem Baſtard ſelbſt, theils von deſſen zahlreichen Freunden und Anhängern zu erdulden gehabt hatte, gab ſie nur dem Gebote ihres edlen Herzens Gehör, und flehte um die Erhaltung ihres bitterſten Feindes.— So hart, ungeſtüm und grauſam Peter auch ſonſt, und gegen alle Andern iſt, ſo ſelten vermag er doch den Bitten dieſer Maria Padilla zu widerſte⸗ hen, und ich theile daher den Glauben des Velkes, daß ſie ihn durch Zauberkünſte an ſich zu feſſeln gewußt habe. Doch iſt dieſer Glaube bei mir, und auch bei vielen Andern, in der jüngſten Zeit ſehr ſchwankend geworden, indem Maria Padilla eine Nebenbuhlerinn gefunden hat, die ihr nun ſchon ſeit länger als einem Jahre das Herz ihres Geliebten entzieht, und die eben ſo lange des Königs ungetheilte Gunſt beſitzt.“ „Und wer iſt dieſe Glücktiche?“ fragte Don Guzman gleichgültig. „Erſchreckt nicht allzuſehr bei Negniß des Namens!“ entgegnete die Alte, und konnte einen Ausdruck des bittern Spottes nicht ganz unterdrücken.„Die neue Geliebte des Kö⸗ nigs iſt niemand Anderes, als— Donna Al⸗ donza Coronel, die Gemahlinn des tapfern Alvarv Perez de Guzman.“ „Teufel, Du lügſt!“ ſchrie Albaro, ſprang wüthend auf, packte die Alte, und preßte ſie gewaltſam gegen die Mauer.„Du lügſt!“ ſchrie er dann noch ein Mal,„ſage augenblick⸗ lich, daß Du lügſt!“ „Rein, ich lüge nicht!“ erwiederte ſie⸗ „Laßt mich daher los, wenn Ihr anders wollt, daß ich in der erfreulichen Erzählung fortfah⸗ ren ſoll.“ „Ja, ja, Du haſt Recht!“ ſagte er finſter, und mit gewaltſam erzwungenem Gleichmuthe, ließ die Alte los, und nahm ſeinen vorigen Sitz wieder ein.„Erzähle denn weiter, und Du ſollſt mich ruhig, ſollſt mich gelaſſen finden, mehr als Du es erwarten wirſt.“ In der That unterbrach er auch die Er⸗ zählerinn von nun an nicht mit einem einzigen Worte wieder, doch knirſchte er mit den Zäh⸗ nen, ballte die Fäuſte, und ſtampfte mehrmals mit dem Fuße wüthend gegen den Boden. „Es kann nicht meine Abſicht ſeyn,“ nahm nun Annettens Mutter wieder das Wort,„Euch — 81— durch eine ausführliche Erzählung des ehr⸗ loſen Betragens Eurer Gemahlinn zu quä⸗ len, aber wiſſen müßt Ihr Alles, damit Ihr Eure nächſten, ſo wie Eure ſpäteren Schritte danach einrichten könnt.— Als Eure Gemahlinn davon hörte, daß die Verſchwörung entdeckt ſey, eilte ſie ſogleich nach Sevilla, den König um Eure Begnadigung anzuflehen. Es gelang ihr nach mancher vergeblichen Bemühung, den Kö⸗ nig zu ſprechen. Das ſchöne Weib gefiel dem Lüſternen, er ihr auch, oder vielmehr wohl nur der König in ihm, und— um es kurz zu ma⸗ chen, als Ihr einige Zeit darauf gefänglich ein⸗ gebracht wurdet, mochte Peter Euch um Al⸗ donzas willen nicht hinrichten laſſen, mochte Al⸗ donza Euch um des Königs willen nicht in Frei⸗ heit ſehen. Ihr wurdet in dieſen Kerker ge⸗ worfen, um hier der Vergeſſenheit übergeben zu werden.— Ein volles Jahr, und drüber wohl, erfreute ſich Aldonza nun des Königs höchſter Gunſt. Maria Padilla war vergeſſen⸗ und überließ ſich in dem Alkazar ihrer ſtillen v. Alvensleben Tochter. F Trauer, während der Hof nach dem Palaſte del Oro ſtrömte, der neuen Sonne zu huldigen⸗ denn hier hatte Aldonza, von königlichem Glanze umgeben, ihren Sitz aufgeſchlagen.“ „Vor einigen Wochen gebar ſie dem Kö⸗ nige eine Tochter, und allgemein glaubte man⸗ das werde den König nur noch unauflöslicher an ſie feſſeln. Allein man täuſchte ſich.— Ha⸗ ben nun Aldonzas Reize gelitten, oder übt des Königs bekannte, veränderliche Sinnesart ihre Gewalt, genug— man flüſtert ſich ziemlich laut in die Ohren, mit Aldonzas Herrſchaft habe es ein Ende genommen, und ſie werde ſich in das St. Claren⸗Kloſter zurückziehen, das ihre Schwe⸗ ſter, die heilige Maria Coronel, wie das Volk ſie nennt, nach erhaltener Erlaubniß des Pap⸗ ſtes errichtet hat, und das, mit unglaublicher Schnelligkeit erbaut, bereits vor einem Monate unter zahlloſen, glänzenden Feierlichkeiten ein⸗ geweiht wurde.*) Ehe ſie aber dieſen Vorſatz ) Das weiter oben erzaͤhlte Ereigniß mit Maria in Ausführung bringt, müßt Ihr in Sicherheit ſeyn, denn iſt Aldonza dem Könige nichts mehr, ſo möchte es ihm leicht in den Sinn kommen, die aufgeſchobene Rache an Euch noch jetzt aus⸗ zuüben.“ Lauſchend hielt die Alte inne, denn ſie glaubte gewiß, Don Alparo werde ihr jetzt etwas zu erwiedern haben, aber der Arme war von dem Gehörten zu tief ergriffen. Schmerz⸗ Wuth und Rachſucht tobten wechſelsweiſe in ſei⸗ ner Bruſt. Er hatte, trotz ſeines rohen, wilden Weſens, Aldonza aufrichtig geliebt, und es 5 2 Coronel iſt wirklich hiſtoriſche Thaeſache. Sie entſtellte, um den Schlingen der Verfuͤhrung zu entgehen, ihre Schoͤnheit auf die beſchrie⸗ vene graͤßliche Weiſe, und gruͤndete ſpäter das St. Claren⸗Kloſter in Sevilla, zu deſſen erſter Aebtiſſinn ſie vom Papſte ernannt wur⸗ de.— Ihre einbalſamirte Leiche nimmt noch jetzt, in einem glaͤſernen Sarge ruhend, den Ehrenplatz auf dem Chore in der Kirche jenes Kloſters ein. Anmerk. d. Verf⸗ — 5— ſchmerzte ihn daher bis in's Innerſte der Seele, daß ſie ſich ſo weit hatte vergeſſen können, ſich der Schande ohne Scheu in die Arme zu wer⸗ fen, blos, um eines kurzen, eitlen Glanzes zu genießen. Daß ſie ſchon früher die Treue ge⸗ gen ihn nicht gewiſſenhaft beobachtet, ahnete ihm freilich nicht. Rachdem die Alte einige Zeit gewartet hatte, was er ihr ſagen werde, fuhr ſie fort: „Kaum vernahm ich, daß Ihr hieher gebracht wäret, als ich auch auf der Stelle den Entſchluß faßte, alles an Eure Befreiung zu wagen⸗ Auf meinen Knieen dankte ich Gott und den Heiligen, daß man Euch grade die ſen Kerker angewieſen, in dem mein Schwiegerſohn als Schtießer die Aufſicht führt, denn ich durfte hoffen, daß es mir hier mit Hülfe meiner Tochter leicht ſeyn würde, Eure Flucht zu bewerkſtelligen, aber ich hatte mich bitter ge⸗ täuſcht, und ohne das Verhältniß Eurer Ge⸗ mahliun zu dem Könige wäret Ihr auf das Blutgerüſt geſchleppt worden, noch ehe ich Mittel gefunden, Euch von meiner Abſicht in Kenntniß zu ſetzen, geſchweige denn, Euch die⸗ ſen finſtern Mauern zu entreiſſen.“ „Ich eilte ſogleich her zu meiner Tochter, und fand ſie zur Ausführung meines Planes bereit, aber ihr alter Hausteufel bewachte ſie und mich auf Tritt und Schritt ſo genau, daß wir nichts zu unternehmen wagen durften⸗ denn ſchöpfte er einmal Verdacht, ahnete er, was wir ih Schilde führten, ſo war alle Hoff⸗ nung verloren. Da warf Euer Schutzgeiſt ihn in der Trunkenheit die Stiege hinab, und Ihr ſeyd gerettet, denn jetzt ſteht nichts Eurer Flucht entgegen. Die Thüren Eures Kerkers ſind geöffnet, Ihr könnt ihn verlaſſen, ſo bald Ihr wollt.“ „Nicht ohne Euch,“ fiel Don Alvaro ihr haſtig in die Rede;—„nicht ohne Annetten.— Sie wird mich doch begleiten wollen?“ „O, zweifelt daran nicht, edler Herr,“ entgegnete die Alte;„ohnehin dürfte ſie ja nach Eurer Flucht nicht wagen, hier zu weilen⸗ — 86— und zudem liebt das gute Kind Euch von ganzer Seele.“ „Wohlan, ſo ſoll ſie fortan mein Weib ſeyn!“ rief der Ritter.„Zwar kann des Prieſters Segen unſeren Bund nicht heiligen, da unauflösliche Bande mich an die ſchändliche Buhlerinn ketten, deren Namen ich nicht nennen mag. Doch wird Annette verſtändig genug ſeyn, ſich über die Förmlichkeit hinweg zu ſetzen, wenn ſie alle Rechte, alle Vorzüge einer recht⸗ mäßigen Gemahlinn genießt, wenn ſie vor den Augen der Welt als ſolche gilt.“ „Ich ſtehe Euch für ihre Einwilligung;“ ſagte die Alte.„Jetzt aber, Don Alvaro,“ fuhr ſie etwas verlegen fort,„Jjetzt geſtattet mir eine Frage von der äußerſten Wichtigkeit.“ „Frage!“ „Habt Ihr die Mittel in Händen, oder könnt Ihr ſie Euch verſchaffen, nach der glück⸗ lich vollbrachten Flucht unſer Aller Exiſtenz zu ſchern?“ —.—— — „Ich habe nichts gerettet, als dieſen Ring,“ entgegnete Alvaro, und zeigte der Alten einen goldenen, reich mit edeln Steinen beſetzten Reifen.„Verkaufe den, und das daraus gelöste Geld wird zur Beſtreitung der erſten Ausgaben hinreichen; für die Zukunft aber wird mein Schwert—“ Glaubt das nicht, edler Ritter,“ fiel ihm die Alte in das Wort;„oder hofft doch wenigſtens nicht zu feſt darauf. In Spanien ſchon dürft Ihr nicht rechnen, durch Eure Ta⸗ pferkeit Euer Glück zu begründen, denn überall ſeyd Ihr da gekannt, und Ihr dürft Euch vor der Rache Peters nicht ſicher achten; der Arm eines Königs, und noch dazu eines ſol⸗ chen Königs, der kein Mittel ſcheut, zum Ziele zu gelangen, reicht gar weit.— Ihr müßtet daher in ein fremdes, fernes Land ziehen, und auch dazu bedürft Ihr bedeutender Summen, denn unmöglich kann ich glauben, daß Ihr nur als ein gemeiner abenteuernder Ritter auftre⸗ ten wollt.“ „Du haſt nicht Unrecht,“ erwiederte der Ritter finſter;„doch laſſen wir das jetzt.— Erſt muß ich frei ſeyn— frei— frei!— Es leidet mich nicht länger in den finſtern Mau⸗ ern dieſes Kerkers. Später findet ſich wohl Gelegenheit, weiter darüber zu ſprechen.— Verkaufe denn den Ring, und bereite alleszur eiligen Flucht vor;— aber höre, Alte,— ehe ich Sevilla verlaſſe, muß ich einen Plan der Rache ausführen,— ich muß, und ſollte ich mein Leben daran ſetzen.“ „Und welchen?“ fragte die Alte. 65 Jetzt nicht, jetzt nicht!“ erwiederte Al⸗ varo haſtig.„Geh jetzt, und ſchaffe Geld.— Du ſollſt alles noch vor der Ausführung, zu der ich vielleicht Deines Beiſtandes bedürfen werde, erfahren.“ Zwei Tage darauf war Don Alvaro Perez de Guzman aus ſeinem Gefängniß verſchwun⸗ den; auch des Kerkermeiſters Frau, die ſchöne Annette, und deren Mutter, wurden vermißt, und es war daher unzweifelhaft, durch welche Mittel Don Alvaro ſeine Flucht bewerkſtelligt habe.— Nicht länger hätte er damit zögern dürfen, denn kaum eine Woche ſpäter beſtätigte ſich das Gerücht, das ſchon längſt im Umlaufe geweſen war; Aldonza Coronel fiel in Ungnade, und flüchtete ſich, ihre Schande und ihren Schmerz vor den Augen der Welt zu verber⸗ gen, in das von ihrer Schweſter geſtiftete St. Claren⸗Kloſter, wo Maria die reuige Sünderinn mit offenen Schweſterarmen aufnahm. Die Trennung von Aldonza machte, daß Peter ſich den Umſtand, der ſie ihm zugeführt, auf's Neue in das Gedächtniß zurückrief. So erinnerte er ſich Don Alvaros und deſſen Ver⸗ brechens, und die Rachgier erwachte in ſeinem Buſen mit erneuerter Stärke und Gewalt. Er ertheilte ſogleich den Befehl zur Hinrichtung des Don Guzman, aber der Vogel war ſeinem Kerker entflohen, und ſtatt ſeiner beſtieg der unachtſame Wächter das Blutgerüſt. Viele und eifrige Nachſuchungen wurden nach Don Alvaro, Annetten und deren Mut⸗ ter angeſtellt, aber ſie waren und blieben ver⸗ ſchwunden. Sechszehn Jahre waren ſeit den eben er⸗ zählten Begebenheiten verronnen, als Tereſa, die Gattinn, und Fiumetta, die blühende Toch⸗ ter Lorenzo Zueras, eines der reichſten Kauf⸗ und Handelsherren Gibraltars, trube geſtimmt und wortkarg einander gegenüber ſaßen. Zuera liebte Glanz und Pracht, und von Glanz und Pracht zeugten daher alle Umgebungen, aber gleich unempfindlich waren Mutter und Tochter gegen den prunkenden Schimmer, der ihres Le⸗ bens Glück eher zertrümmerte als erhöhte. Von Zeit zu Zeit blickten Beide durch das kleine Fenſter, neben dem ihre Seſſel ſtanden, in den benachbarten Laden, ob vielleicht ein Käufer nahe, der von den Früchten zu haben wünſche, die hier, friſch, getrocknet und einge⸗ macht, in reicher Auswahl und ſeltener Güte das Auge der Vorübergehenden ergötzten und —„ — pckten. Denn obgleich Zuera reich genug war, den Handel durch beſoldete Diener beſorgen zu laſſen, ſo duldete dies doch ſein Geiz, ſein grenzenloſer Argwohn nicht, und Frau und Tochter, die er bei andern Gelegenheiten mit fürſtlichem Glanze umgab, mußten auf den Wink des niedrigſten der Käufer bereit ſeyn. In großen Piramiden waren die Orangen und Limonen, die Feigen und Granatäpfel, die Pfirſichen und Trauben, geſchmackvoll geord⸗ net, zur Schau ausgeſtellt, und luden freund⸗ lich zum Genuſſe ein. Doch alle dieſe herrlichen Gaben der Na⸗ tur konnten Tereſen und Fiumetten keinen freundlichen Blick abgewinnen, denn mit furcht⸗ barer Wuth hatte ihr Tyrann einmal wieder das Haus durchtobt, und Gattinn und Tochter, die er täglich mit mürriſcher Laune plagte, das ſchwere Gewicht ſeines eiſernen Scepters fühlen laſſen. Keine wagte, der Andern ihr Herz auszuſchütten, denn ſtets mußten ſie des ſchleichenden Lauſchers gewärtig ſeyn. Aber ſo reichlich auch ihre Thränen floſſen, ſo wenig ſie auch zur Empfänglichkeit für Scherz und Freude geſtimmt waren, ſo konnten ſie doch ein leichtes Lächeln über Fiumettas geſchwätzigen Staar nicht unterdrücken. Sorgſam hatte ſich das reizende Mädchen bemüht, dem gelehrigen Thierchen einige freundliche, muntere Worte beizubringen, aber ihre Zeit war beſchränkt, und es gab daher der Lehrſtunden nur ſehr wenige. Deſſen ungeachtet hatte der Staar Manches gelernt. Täglich, ſtündlich tönten Zue⸗ ras Flüche und Verwünſchungen an ſein Ohr, und er konnte ſie bald mit täuſchender Aehnlich⸗ keit der Stimme nachſprechen. Leicht hätte ihm dieſe Kunſt das Leben koſten können, wäre der Hausherr dahinter ge⸗ kommen, doch während er im Zimmer war, ſchüchterte ſeine Wildheit und ſein Zorn den armen kleinen Vogel inſtinetmäßig ſo ſehr ein, daß er ſich voller Angſtin den fernſten Winkel des Zimmers flüchtete, und keinen Laut von ſich gab; doch kaum hatte Jener ſich entfernt, ſo hüpfte auch das Thierchen hervor, und eiferte und ſchimpfte mit geläufigerer Zunge faſt, als Zuera ſelbſt.— So war es auch jetzt wieder, und es ſah wahrhaft poſſirlich aus, wie der Vogel mit einem Eifer tobte und ſchimpfte, als wolle und müſſe er ſeiner Galle dadurch Luft machen. Schon begannen die beiden Frauen, ſich allmählig aufzuheitern, und die Thränen vom rothgeweinten Auge zu trocknen, da tönten ſchwere Schritte auf dem Gange, der zu ihrem Zimmer führte, und Beide fuhren ſichtlich er⸗ ſchrocken zuſammen. Haſtig ward die Thür aufgeriſſen, und Zuera, der Gefürchtete, trat herein.„Schon wieder geheult?“ ſchrie er, Frau und Tochter mit wüthenden Blicken durchbohrend.„Ihr ſollt nicht weinen, ich will es nicht, und ſehe ich es noch ein Mal, ſo will ich Grund zu Thrä⸗ nen geben,“ „Bestia! Bestia!“ ſchnarrte der Staar in unglückſeliger Vergeſſenheit. Kaum war der Laut ſeiner Kehle entflohen, als Zuera auf ihn zuſprang, ihn haſchte, und mit einem ge⸗ waltſamen Ruck den Kopf abriß, und mitten in die Stube ſchleuderte. „Verdammte Beſtie du!“ donnerte er, wendete ſich dann zu Tereſen und Fiumetten, die ihren Thränen bei dem Anblick von dem Tode des armen unſchuldigen Thierchens nicht länger zu wehren vermochten, und ſagte mit drohender Stimme und Gebehrde:„Vernehmt jetzt meine Befehle.— Ich muß verreiſen, und denke unter acht Tagen nicht zurückzukehren. Ihr rührt unterdeſſen die Hände, und vernachläſſigt nicht etwa wieder nach Eurer löblichen Gewohnheit Handel und Hausweſen.— Das Geld iſt leich⸗ ter vergeudet, als erworben;— merkt Euch das, und vergeßt es nicht einen Augenblick, oder—.— Es wird viel zu thun geben, denn das Feſt naht heran; Ihr mögt daher Pepitita aus dem Kloſter holen laſſen, damit ſie Euch hülfreich zur Hand gehe; doch nur im Innern des Hauſes dürft ihr ſie beſchäftigen; hört — Ihr?— Daß ſie den Laden nicht mit einem Fuß betrete, und daß überhaupt Niemand ſie ohne Schleier ſehe; ich ſage Niemand; vergeßt das nicht, und fürchtet meinen Zorn, wenn ich höre, daß nicht alle meine Befehle auf das Pünktlichſte befolgt worden ſind.— Noch ein Mal, merkt Euch das, und nun ge⸗ habt Euch wohl!“— Donnernd flog die Thür des Zimmers hinter ihm zus Leichter athmeten Tereſa und Fiumettä auf, als ſie ihren Quäler nicht mehr ſahen, und ſie wünſchten ſich im Stillen Glück, ſeines Anblickes acht volle Tage entledigt zu ſeyn, und die Freuden des herannahenden Feſtes un⸗ geſtört genießen zu können; aber nur von kur⸗ zer Dauer ſollte ihre Freude ſeyn. Zuera kehrte noch einmal zurück, und ſagte kurz und barſch:„Daß Ihr Beide das Haus während der Zeit der Unruhe nicht verlaßt, verſteht ſich von ſelbſt. Glaubt nicht, ich erführe, weil ich fern bin, nicht alles, was Ihr beginnt. Ihr könnt keinen Schritt thun, ohne daß er „1 mir wieder hinterbracht wird. Wehe Euch⸗ ſolltet Ihr eines meiner Gebote vernachläſſi⸗ gen, oder unberückſichtigt laſſen.“— Nach dieſen Worten verließ er das Zimmer, und gleich darauf auch das Haus. Aber noch wag⸗ ten die Zurückgebliebenen nicht, ſich der unge⸗ wohnten Freiheit zu erfreuen, denn Zuera konnte entweder jeden Augenblick wieder zu⸗ rückkehren, oder noch in der Nähe lauern, um die erſte kleinſte Uebertretung ſeiner Befehle auf das Grauſamſte zu ahnden. Doch dankend faltete Tereſa die Hände, und ſagte, den feuch⸗ ten Blick nach oben gewendet:„Gott Lob, daß er fort iſt!— Wollte der Himmel, er kehrte nie zurück!— Der Wunſch iſt ſünd⸗ haft, aber der Allmächtige wird ihn verzeihen, denn er iſt Zeuge, daß unſere Leiden ſich kaum ertragen laſſen.“ „Ach, Mutter, Mutter!“ rief Fiumetta, und ſtürzte Tereſen weinend um den Hals; 5 „was haben wir denn verbrochen, daß wir ſo viel dulden müſſen? Ach, es iſt hart, es iſt grauſam, den haſſen und verabſcheuen zu müſ⸗ ſen, zu dem die Natur uns ſo unwiderſtehlich mit der innigſten Liebe hinzieht.— Ach, und auch meinen armen lieben kleinen Vogel hat der Wütherich ermordet!“ Dabei bückte ſie ſich, hob den noch leiſe zuckenden Staar vom Bo⸗ den auf, überſtrömte ihn mit ihren Thränen, und drückte ihn an die bebenden Lippen. „Still, mein Kind!“ beſchwichtigte die Mutter.„Mag der Vater auch ſeyn, wie er will, er bleibt immer Hein Vater, der Geber Deines Lebens, und Du biſt ihm daher Gehor⸗ ſam und Ergebung ſchuldig.— Beruhige Dich, meine liebe Tochter,“ fuhr ſie nach einer kur⸗ zen Pauſe fort, Fiumetten freundlich und herz⸗ lich die Hand reichend;„ſuche Troſt in der Religion, und hoffe auf eine beſſere Zukunft.“ „Ach!“ ſeufzte Fiumetta,„wäre der Vater lieber nicht der Geber meines Lebens.— Vielleicht wäre ich dann nie geboren, gewiß aber weniger unglücklich, als jetzt.“ „Geh, meine Tochter,“ ſagte Tereſa, v. Alvensleben Tochter. G Härte und Rohheit — 08— Erdulden der Tyrannei n gleichgültiger gegen deſſen gemacht hatte;„geb, und welche langjähriges ihres Gatten ſcho chbarinn, die geſchwätzige Otta⸗ Ich will ſie bit⸗ ten, in das Kloſter zu gehen, und Pepitita zu holen.“ Ohne Zögern erfüllte Fiumetta der Mutter bitte unſere Na via, daß ſie zu mir komme. Geheiß, und gleich darauf erſchien die alte Ot⸗ tavia, mit geläufiger Zunge ihre Dienſtfertig⸗ keit preiſend, und dann voll Neugier fragend, was man von ihr verlange. wollte Euch erſuchen, liebe Nachba⸗ rinn,“ erwiederte Tereſa,„in das Kloſter der Karmeliterinnen zu gehen, und meine älteſte „phfpr Tochter, Pepitita, zu mir zu führen. Es iſt der Wille meines Mannes.“ „Wirklich?“ fragte Ottavia ſtaunend. Ei, wird der alte Brummbär endlich ver⸗ nünftig?— Nun, das lobe ich; es war ja ſo eine Sünde und eine Schande, das arme Kind hinter finſtern Kloſtermauern eingeſperrt zu hal⸗ ten, und ſo die ſchönſte Zeit ſeines Lebens ver⸗ trauern zu laſſen.“ „Ihr iſt im Kloſter gewiß wohler, als ihr hier ſeyn würde!“ ſeufzte Fiumetta. „Ihr habt wohl Recht, Kindchen;“ ent⸗ gegnete Ottavia, dem ſchönen Mädchen freund⸗ lich die Wange ſtreichelnd.„Aber ſagt mir, Nachbarinn,“ wendete ſie ſich wieder an Tere⸗ ſen,„ſie iſt wohl ſchön, ſehr ſchön geworden⸗ Eure Pepitita? Ich habe ſie ſeit 5 Jahren nicht geſehen, aber damals war es ein reizen⸗ des Kind.“ „Ich ſah ſie eben ſo lange nicht,“ ſagte Tereſa mit trauerndem Blicke, und ein ſchwe⸗ rer Seufzer hob ihre Bruſt. „Wie,“ rief Ottavia,„fünf lange Jahre habt Ihr Euer Kind nicht geſehen?— Nein, das iſt hart, das iſt grauſam, das iſt abſcheulich.— Aber ſagt mir, um aller Heili⸗ gen Willen, was hat Euer Mann gegen das unſchuldige Kind, das ihm nie etwas zu Leide gethan hat?“ 3 G 2 — 100— „Ach, wenn ich es Euch ſagen könnte!“ erwiederte Tereſa, und ſenkte das thränener⸗ füllte Auge zu Boden.„Nicht einmal ſprechen dürfen wir von Pepititen, ſoll Zuera nicht in Wuth gerathen.— Daher weiß ich mir auch nicht zu erklären, ich mag ſinnen, ſo viel ich will, was ihn bewogen haben kann, ſie jetzt aus dem Kloſter in ſein Haus zu laſſen, denn oft betheuerte er unter gräßlichen Flü⸗ chen, daß ſie ſeine Schwelle nimmer betreten ſolle.“ „Nun, zerbrecht Euch darüber nicht den Kopf,“ entgegnete Ottavia.„Genießt die Gegenwart, und erfreut Euch an dem An⸗ blicke Eures Kindes, das ich jetzt ſogleich zu holen eile.“ Eine halbe Stunde darauf kehrte ſie mit Pepitita zurück, und dieſer wurden nach den er⸗ ſten herzlichen Begrüßungen von Seiten ihrer Mutter und ihrer Schweſtek ſogleich eine Menge von Eeſchäften übertragen, denn in Zueras Hauſe gab es beſtändig ſo viel zu — 101— thun, daß Niemand die Hände in den Schooß legen durfte. Auf dem ſüdlichſten Theile der Küſte Spa⸗ niens, eine Stunde von Tarifa entfernt, in einer öden, ſchauerlichen Gegend, die ſelten oder nie von dem Fuße eines Wanderers be⸗ treten ward, ſtanden, an den überragenden Felſen gelehnt, einige einzelne, ärmliche Fiſcher⸗ hütten. Die Bewohner derſelben, von allen übrigen Menſchen abgeſchnitten, waren rauh und wild, wie die Natur rings um ſie her. Ein eigenes Völkchen für ſich bildend, waren ſie Jahrhunderte in Kultur und Bildung hin⸗ ter ihren übrigen Landsleuten zurückgeblieben, und— kaum ſich eines Unrechtes dabei be⸗ wußt— boten ſie zu manchem Frevel gern und willig die Hand. WVon der Landſeite her konnte man zu dieſen Hütten nur auf gefehrlichen Felſenpfa⸗* den gelangen, welche in de Nacht, oder bei — 102— ungünſtiger Witterung ſelbſt Die nicht zu be⸗ treten wagten, die in dieſen Schluchten gebo⸗ ren und aufgewachſen waren; deshalb betra⸗ ten die häufigen Beſucher dieſer Felsſchlucht ſie gewöhnlich von der Seeſeite her, doch auch hier konnte kein größeres Fahrzeug ſich nahen, und ſogar ein Kahn nur bei guͤnſtiger Witterung. Koch lag der Tag mit der Nacht um die Herrſchaft im Streite, und ſchon herrſchte in der beſchriebenen Felsſchlucht reges Leben. Die Fiſcher legten die Netze zurecht, um auf den Fiſchfang in See zu gehen, denn wenn ſich ihnen auch häufig andere, ergiebigere Erwerbs⸗ quellen öffneten, ſo durften ſie doch das Ge⸗ ſchäft nicht verſäumen, das ihnen den tägli⸗ chen Lebensunterhalt gewährte; und ſelbſt wenn ſie es gekonnt hätten, würden ſie es nicht ge⸗ wollt haben, denn das Leben auf dem Meere, der Kampf mit den Elementen, war ihnen zur andern Natur geworden, und in ungewohnter Ruhe und Unthätigkeit würden ſie vergangen ſeyn, wie die Pflanze im ſengenden Strahle — 105— der Sonne, wenn das erquickende Naß des Re⸗ gens und Thaues ihr entzogen wird. In einer dieſer Hütten aber, der größten von allen, und die ſich durch Regelmäßigkeit und Nettigkeit vor den andern auszeichnete, ging es bunt über Eck her.— Wie überall, wo mehrere Menſchen ſich zuſammenfinden, frü⸗ her oder ſpäter eine Art Obrigkeit ſich bildet, weil dus Bedürfniß der Nothwendigkeit eine ſolche heiſcht, ſo auch hier; ſeit einer undenk⸗ lichen Reihe von Jahren waren die hier ver⸗ eint wohnenden Fiſcher gewohnt, ſich einem Ael⸗ teſten unterzuoronen. Die Gewalt, welche er über die Andern ausübte, war keine geſetzlich beſtätigte, und beſchränkte ſich faſt lediglich auf die Achtung und Ehrfurcht, die ihm bezeigt wurde. Er ſchlichtete die Familienſtreitigkeiten, ſo wie die Zwiſtigkeiten der einzelnen Mitglie⸗ der dieſer kleinen Republik) er führte den Vorſitz, wo es galt, ſich uͤber das Gemeinwohl zu berathen; aber er hätte es ſich nicht dür⸗ fen einfallen laſſen, irgend etwas befehlen — zu wollen, was nur ſein Privatintereſſe be⸗ zweckte. Aus Gewohnheit ſowohl, als weil aus die⸗ ſer Familie immer die kräftigſten Männer her⸗ vorgegangen waren, hatte die Würde des Ael⸗ teſten ſich ſeit geraumer Zeit als erblich geſtal⸗ tet, und war ſo auf Paolo Nicolo übergegan⸗ gen, der zwar an Jahren bei Weitem nicht —— 104— der älteſte der Fiſcher war, ſie aber an Muth⸗ Entſchloſſenheit, Unternehmungsgeiſt und Kör⸗ perkraft weit übertraf. Die Hütte eben dieſes Häuptlings nun war es, welche wir vorhin bezeichneten. Sie gewährte im Innern ungleich mehr Raum, als es von außen möglich ſchien, denn weit hin⸗ ein war der Felſen ausgehöhlt, an den ſie ſich lehnte. Eine dieſer Felshallen, und zwar die größte, war zu der Zeit, von der wir ſpre⸗ chen, von einer Menge wild ausſehender Ge⸗ ſtalten erfüllt, die den Bechern, mit welchen ſie beſchäftigt waren, ſchon geraume Zeit zu⸗ geſprochen zu haben ſchienen, denn viele Krüge —— lagen, theils ausgeleert, theils zerbrochen, im Winkel, mehrere der rohen Geſellen waren in Schlaf geſunken, und die, welche ſich noch wach erhalten hatten, und, um traulicher trin⸗ ken zu können, näher zuſammengerückt waren, ſchienen des edlen Rebenſaftes in mehr als reichlichem Maße genoſſen zu haben. Ueber das Gewerbe dieſer Menſchen konnte ein Blick die hinreichendſte Belehrung geben, denn ein buntes Gemiſch zerlumpter Mauren und Chriſten, Afrikaner und Europäer, war hier verſammelt, und Alle befanden ſich, wie es ſchien, im friedlichſten Einverſtändniß; ein Fall, der im ganzen übrigen Spanien, wo beide Nationen einen ſchon ſeit Jahrhunderten fortgeſetzten Vernichtungskrieg führten, uner⸗ hört war. Hätte aber ja noch ein Zweifel über den Charakter und das Gewerbe der an⸗ ſcheinenden Spießgeſellen obwalten können, ſo würde das Geſpräch, welches ſich ſo eben ent⸗ ſpann, jeden, auch den leiſeſten Zweifel dar⸗ über gehoben haben. — 106— „Wer aber iſt das Mädchen, das er mir für einen ſo ungeheuren Preis verkaufen will?“ fragte ein Mann von finſtern, furchtbar wil⸗ den Zügen, den man ſeiner ganzen Körperbil⸗ dung nach, auch ohne die Farbe ſeines Geſichtes und die reiche, doch vernachläſſigte mauriſche Kleidung, für einen Sohn des glühend heißen Afrika erkannt haben würde.„Für wahnſinnig muß ich ihn halten, daß er mir verſprechen konnte, mir 100 Zechinen ohne allen Erſatz zu zahlen, wenn ich zu behaupten wagen würde, daß ſie nicht ſchön ſey.— Glaubt er, Guijar ſey thöricht genug, keine Lüge ſagen zu wollen, wenn ſie mit 100 Zechinen bezahlt wird?“ „Du möchteſt Dich dennoch ſelbſt betrü⸗ gen, Guijar,“ entgegnete der Andere, der der Kleidung nach zu urtheilen, ſich zur chriſtlichen Religion bekannte, auch durch weniger wilde Züge entſtellt ward, obwohl aus ſeinem gan⸗ zen Betragen gleichfalls ungezügelte Rohheit hervorleuchtete.„Vergiß nicht die Gegenbe⸗ dingung, die er Dir gemacht hat. Wenn Du — das Mädchen nicht ſchön findeſt, und ſie den⸗ noch erſtehen willſt, ſo bezahlſt Du 1500 Ze⸗ chinen, außerdem aber nur 1000] beſinne Dich daher wohl, ehe Du dem Mädchen die Schönheit abſprichſt. Der Alte iſt ein Fuchs, und hat Dir hier eine arge Falle geſtellt.“ „In der Guijar ſich ſicher nicht fangen laſſen wird;“ erwiederte der Maure.„ Doch laß das jetzt, und beantworte mir lieber meine Frage von vorhin.— Wer iſt das Mäd⸗ chen, und wie gelangt er zu ſolcher Gewalt über ſie, daß er ſie verhandeln kann, ohne für ſeine Sicherheit, für ſein Leben beſorgt ſeyn zu müſſen?“ „Auf die natürlichſte Weiſe von der Welt!“ lachte der chriſtliche Heide.„Das Mädchen iſt Zueras Tochter.“ „Zueras Tochter?“ ſchrie Guijar, und der Gedanke, daß der Vater ſein eigenes Kind wie eine Waare verhandle, ſchien ſelbſt ſein abgehärtetes, kaum noch einer menſchlichen Re⸗ gung fähiges Herz zu empören.„ Beim Al⸗ — lah— das iſt mehr, als man ſelbſt von einem Chriſtenhunde erwarten ſollte.“ „Guijar!“ rief der Andere, während ſein Geſicht ſich verfinſterte, und die Hand nach dem Dolche im Gürtel zuckte,„wahre Deine Zunge, oder—“ „Laß Dein Stückchen Stahl nur ruhig ſtecken, Bienvenida,“ entgegnete Guijar gleich⸗ gültig, ohne ſich im mindeſten aus der Faſſung bringen zu laſſen;„es verdroß Dich wohl, daß ich auf die Chriſten ſchimpfte?— Rarr Du! Bildeſt Dir wohl gar ein, ein Chriſt zu ſeyn, weil ein Pfaff Dir vor etlichen und dreißig Jahren einige Tropfen Waſſer über die Stirn goß, und weil Du ſeitdem ein paar Dutzend Paternoſter gebetet haſt, und ein Kreuz ſchlagſt, wenn Du vor einem Heiligenbilde vorbeigehſt; doch mußt Du dabei noch bemerkt werden, ſonſt unterläßt Du auch die Kleinig⸗ keit noch.— Geh, geh; mit Deinem Chri⸗ ſtenthume iſt es ſo weit nicht her.“ „Je nun,“ ſagte Bienvenida, indem ein ——— 100— widerliches Lächeln ſeine Mundwinkel leiſe ver⸗ zog,„ſo ganz Unrecht magſt Du nicht haben, und wir wollen uns daher einer ſolchen Klei⸗ nigkeit wegen nicht entzweien.“ „Der Prophet bewahre mich davor,“ ent⸗ gegnete Guijar, und ſchlug herzhaft ih die dargebotene Rechte Bienvenidas.—„Höre,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, und nachdem er ſeinen Becher auf einen Zug geleert hatte, „was hat denn dieſen Rabenvater zu dem Entſchluſſe bewogen, ſein eigen Fleiſch und Blut zu verkaufen? Und daß es ihr bei uns nicht allzuſehr gefallen wird, kann er ſich doch wohl allenfalls denken.“ „Mit dieſer Tochter muß es eine ganz eigne Bewandtniß haben,“ entgegnete Bienve⸗ nida, indem er näher an Cuijar heranrückte, um von den anderen Zechgeſellen, welche die Intergebenen der beiden Sprechenden zu ſeyn ſchienen, nicht gehört zu werden.„Ich ſage Dir, das Mädchen iſt ſchön, wie ein Engel; es giebt vielleicht in ganz Spanien kein ſchö⸗ — 110— neres, aber dennoch haßt Zuera ſie; ſeit ihrer zarteſten Kindheit hat ſie das Kloſter nicht verlaſſen, und er kann ſogar in Wuth gera⸗ then, wenn in ſeiner Gegenwart nur ihr Name genannt wird.— Dennoch glaube ich nicht, daß dies der Grund iſt, weshalb er ſie in Deine Hand geben will; ich müßte mich ſehr irren, oder er iſt in der jüngſten Zeit nicht eben ſo glücklich bei ſeinen Handelsunterneh⸗ mungen geweſen, und denkt, durch das Geld, das Du ihm zahlen ſollſt, ſich wieder auf die Beine zu helfen. Tauſend Zechinen ſind ſchon ein hübſches Sümmchen.“ „Höre, Bienvenida,“ fuhr Guijar fort, „ſchon längſt habe ich Dich frogen wollen, wer denn dieſer Zuera eigentlich iſt? Du biſt ſchon lange mit ihm in Verbindung, und wenn Einer es wiſſen kann, biſt Du es.“ „Ich ſollt' es wiſſen, und weiß es den⸗ noch nicht;“ erwiederte Bienvenida.„Es mögen jetzt zehn bis zwölf Jahre ſeyn, als Zuera ſich in Gibraltar niederließ. Woher er — 111— kam, weß Standes er ſey, wußte Niemand, doch glaubte man, daß er früher dem Waffen⸗ handwerk obgelegen. Unter uns ward er durch Bardino eingeführt, doch wie der zu ſeiner Be⸗ kanntſchaft, und beſonders, wie Zuera zu deſ⸗ ſen Vertrauen gelangt war, vermag ich nicht zu ſagen; genug, ſeit jener Zeit war Zuera überall der Erſte, wo es galt, ein kühnes Un⸗ ternehmen durch Muth ans Ende zu bringen. Er müßte unermeßliche Schätze aufgehäuft ha⸗ ben, hätte ihn ſein Stolz und ſeine Pracht⸗ liebe nicht zu Ausgaben verleitet, die ſeine Kräfte faſt überſtiegen.“ In dieſem Augenblicke ließ ſich in dem an⸗ grenzenden Gemache, das zu dem Ausgange der Hütte führte, der laute, ſchwere Tritt eines Mannes, der ſich der Thür zu der Felſenhalle näherte, vernehmen. Die beiden Männer bra⸗ chen ihr Geſpräch ab, und wendeten den Blick dem Eingange zu, da ward die Thüre haſtig aufgeriſſen, und der chriſtliche Theil der in dem hintern Raume befindlichen Männer brach — 112— jubelnd in das Geſchrei aus:„Hoch lebe unſer Schiffspatron Zuera!— Hoch!“ Zuera nickte den Jubelnden einen leich⸗ ten nachläſſigen Dank zu, und trat dann zu Guijar und Bienvenida; der letztere hatte ſich von ſeinem Sitze erhoben, ihn zu bewillkommen⸗ Vornehm herablaſſend winkte ihm Zuera mit der Hand, wieder Platz zu nehmen, und ſetzte ſich dann ſelbſt an Guijars Seite auf die Bank. „Nun, wie ſieht's aus?“ begann er;„iſt alles bereit? Haſt Du das Geld beiſammen?“ „Hoho!“ lachte Guijar;„ſo weit ſind wir noch nicht; erſt muß mir das Mädchen gefallen, und dann muß ſie meiner Gewalt übergeben ſeyn.“ „Und dann?“ fragte Zuera, ein Mann von mehr als gewöhnlicher Größe, wildrollen⸗ den Feueraugen, und einem langen, verwor⸗ renen Barte, der bis tief auf die Bruſt herab⸗ reichte. „Dann erhältſt Du Dein Geld,“ erwie⸗ — 113— derte Guijar;„oder, wenn mir die Dirne nicht gefällt, ſie wieder zurück.“ „Darauf laſſe ich es ankommen,“ ſagte Zuera finſter.„Sey denn heute über acht Tage bei der bekannten Bucht auf Tarifa, und Du ſollſt das Mädchen erhalten, wenn Du mich in guten, volwichtigen Goldſtücken be⸗ zahlſt.— Und Du, Bienvenida, mach Deine Brigantine zurecht; in einer Stunde gehen wir unter Segel, und vor dem Tage, an welchem wir mit Guijar wieder zuſammentreffen, muß noch eine wichtige Unternehmung beendet ſeyn.“ Das laute Halloh des Schiffsführers don⸗ nerte die ſchlafenden, zum Theil noch halbtrun⸗ kenen Burſche auf. Ein Jeder rannte nach ſeinen Sachen, und ſchon nach wenigen Minu⸗ ten eilten mehr als ein Dutzend wilder aber kräftiger Geſtalten zu der Brigantine Zueras, welche hinter einem Felsvorſprunge jedem Auge verborgen lag.— Zuera und Bienvenida folg⸗ ten ihnen, in einem eifrigen Geſpräche mit ein⸗ v. Alvensleben Tochter. H — ti4— ander begriffen, langſam nach; Guijar und die Seinigen blieben in der Felshalle zurück. Eine Stunde ſpäter ging Zuera, wahr⸗ ſcheinlich zu irgend einem blutigen Wagſtücke, in See. ——————— „Dort, Sennor,“ ſagte ein Diener in reicher Livree zu ſeinem Herrn, einem ſchönen Jünglinge von hohem Stande;„dort, das zweite Haus von der Ecke. Gehet nur dreiſt hinein. Ihr werdet ſie im Laden wahrſchein⸗ lich ganz allein finden. Doch iſt ſie beſtändig dicht verſchleiert, theils, weil es das Gebot ihres Vaters iſt, theils weil ſie die dreiſten Blicke der Männer ſcheut. Und ſie thut wohl daran, denn wer vermöchte das Auge von ſolchen Reizen wieder abzuwenden, würden ſie offen zur Schau getragen?“ Bei dieſen Wor⸗ ten zeigte er auf das Haus Zueras, und ſein Herr, neugierig durch die exaltirte Beſchrei⸗ bung, die ſein Pedro ihm von der Schönheit Pepititas ge macht hatte, trat in den Obſila⸗ den ein. „Was ſteht zu Euren Befehlen, Sennor?“ fragte ihn ein verſchleiertes Mädchen, und der Wohllaut ihrer Stimme drang mächtig zu ſei⸗ nem Herzen. „Wer könnte Euch gegenüber einen Befehl ausſprechen,“ ſagte der Jüngling mit einer artigen Verbeugung.„Ich wollte Euch bitten, Donna, mir einige Schaalen voll der beſten Eurer Früchte auszuſuchen.“ „Vollt Ihr nicht ſelbſt die Wahl über⸗ nehmen?“ fragte Pepitita, denn ſie war es. Das Gebot Zueras leichtſinnig vergeſſend, wa⸗ ren Tereſa und Fiumetta ihren Vergnügungen nachgegangen, und hatten Pepitita den Laden übergeben. Durch den Haß, den alle Hausge⸗ noſſen gegen Zuera hegten, hielten ſie ſich vor jedem Verrathe geſichert.„Ich möchte,“ fuhr ſie fort,„Euren Geſchmack nicht treffen.“ Voll Wohlgefallen hafteten, indem ſie dieſe Worte ſprach, ihre Blicke auf dem Antlitze des H 2 — 116— Jünglings. Jedem Männerauge unzugänglich⸗ hatte ſie ihr Leben im Kloſter zugebracht, und während der drei Tage, die ſie in dem Hauſe ibres Vaters war, ſah ſie die erſten Männer, aber ihr Sinn war nicht unempfänglich für Männerſchönheit, und ſie war unter Spaniens glühendem Himmel aufgewachſen. Herz und Sinne wurden gleich mächtig befangen, und der Eindruck, den er auf ſie machte, war ungleich tiefer und ernſter, als ſie ſelbſt es ahnete. „Was Ihr für mich erwählt,“ erwie⸗ derte der Jüngling, der reiche Graf Fernando von Caſtellar,„das kann nur nach meinem Ge⸗ ſchmacke ſeyn; doch möchte ich Euch bitten, des neidiſchen Schleiers Euch dabei zu entledigen⸗ denn der könnte ſonſt Euch hindern, die Früchte zu erkennen, oder die beſten zu wählen.“ „Fürchtet das nicht,“ entgegnete Pepi⸗ tita, das Geſchäft beginnend.„Ihr ſollt des Schleiers ungeachtet von Allem, was unſer La⸗ den enthält, das Beſte bekommen.“ — 17— „Möchte das eine prophetiſche Stimme ſeyn, und Du mir zu Theil werden!“ ſeufzte Fernando leiſe vor ſich hin, denn ob er auch ihr Geſicht noch nicht geſehen, ſo ſchmachtete ſein Herz dennoch ſchon in Feſſeln. Ihre Ge⸗ ſtalt war ſo zart und lieblich, und dabei doch auch wieder ſo voll und üppig, jede ihrer Be⸗ wetgungen ſo leicht und anmuthig, daß er ihr auf der Stelle hätte zu Füßen ſinken⸗ und um ihre Liebe— um ihre Hand flehen mögen. Aber er bezwang ſeine aufwallenden Gefühle, aus Furcht, die Liebliche zu beleidigen oder zu ver⸗ letzen, und ſchweigend weidete er die Blicke an ihrer Geſtalt. Bald war das Geſchäft, das ihn herführte, beendigt, und ſo gern er auch noch länger ver⸗ weilt wäre, ſo ſehr fürchtete er doch, als un⸗ beſcheiden oder überläſtig zu erſcheinen. Des⸗ halb ſchied er, nachdem er ſeinen Namen ge⸗ nannt, und geſagt hatte, daß er ſeinen Diener herſchicken werde, die Früchte abzuholen. Doch konnte er ſich nicht enthalten, ſie beim Abſchiede — 118— mit ſüßen Tönen zu fragen, ob ſie ihm erlaube, am folgenden Tage wieder zu kommen. „Wie könnte ich Euch das wehren, edler Herr,“ entgegnete Pepitita.„Unſer Laden ſteht jedem Käufer offen, und als ſolcher iſt Jeder willkommen.“ „Wenn ich nun aber nicht als Käufer käme,“ entgegnete Fernando, des Mädchens Hand ergreifend,„wenn ich nun blos käme, um Euch zu ſehen, um mit Euch zu plau⸗ dern?— Würdet Ihr auch dann mir erlauben, öfter wieder zu kommen?“ „Dann,“ erwiederte Pepitita, und ent⸗ zog ihm leiſe die Hand, die ſie ihm anfangs willig gelaſſen,„dann dürfte ich Euch die Erlaubniß nicht ertheilen, wenn ich auch—“ Sie hielt beſchämt, erröthend inne. „O, ſprecht es aus!“ bat Fernando drin⸗ gend.„Sprecht es aus, was mich unendlich glücklich machen würde!— Und wenn ich auch — mochte— wolltet Ihr ſagen; war es nicht — 110— ſo? O, ich bitte, ich beſchwöre Euch, macht mir kein Geheimniß daraus!“ „und wenn ich das hätte ſagen wollen,“ erwiederte Pepitita in immer wachſender Ver⸗ legenheit,„wie könnte Euch das glücklich ma⸗ chen, Euch, dem es unbedingt freiſtehen muß, ſich mit den erſten, ſchönſten und gebildeteſten Frauen des Reiches zu unterhalten? Welchen Reiz könntet Ihr in der Unterredung mit einem unerfahrenen Mädchen niedern Standes, wie die arme Pepitita es iſt, finden?“ „Und wenn ich ihn nun dennoch fände?“ erwiederte Caſtellar.„Könntet Ihr denn hart genug ſeyn, mir die Erfüllung einer ſo kleinen Bitte, der erſten, die ich an Euch wage, zu verweigern?“ 25 „Ja, dann—“ ſagte Pepitita zögernd, und mit kaum hörbarer Stimme,—„dann—“ „Habt Dank! habt den innigſten Dank!““ rief Fernando jubelnd, zog ihre Hand haſtig an ſeine Lippen, und bedeckte ſie mit feurigen Küſſen.„Morgen ſehe ich Dich wieder⸗ eng⸗ — 120— liſches Mädchen!“ jauchzte er freudetrunken, und ſtürmte zum Laden hinaus. „Nun,“ fragte ihn hier ſein treuer Pe⸗ dro, der ſeines Herrn auf der Straße gewar⸗ tet,„hatte ich Recht, Sennor, oder habe ich wirklich zu viel geſagt, wie Ihr behauptetet, als ich Euch eine Beſchreibung von den Reizen des lieblichen Mädchens machte?“ „Recht, Recht, mehr als Recht hatteſt Du,“ erwiederte der Gebieter;„und nimm Dieß zum Danke, daß Du mir zu der Be⸗ kanntſchaft dieſes Engels verhalfeſt.“ Dabei drückte er dem Diener einen Beutel mit vielen Goldſtücken in die Hand.„Ach!“ ſeufzte er dann,„hätte ich ſie nur bewegen können, den Schleier, der mir ihr holdes Antlitz entzog, abzunehmen.“ „Wie, Sennor,“ fragte Pedro laut la⸗ chend,„Ihr habt das Geſicht der Kleinen noch nicht geſehen, und belohnt mich ſchon ſo reich⸗ lich? Ei, was habe ich da nicht erſt zu er⸗ warten, wenn Ihr ſie ohne Schleier geſehen haben werdet!“ „Ich zweifle faſt, daß das je geſchehen wird,“ erwiederte Fernando mit trauernder Miene,„denn ſie verweigerte meine erſte Bitte, ſich zu entſchleiern, mit einem Ernſt und einer Würde, daß ich ſie nicht noch ein⸗ mal zu wiederholen wagte.“ „Nun, nun, kommt Zeit, kommt Rath!“ tröſtete Pedro.„Meine kleine Fiumetta war anfangs auch nicht ſo freundlich und zuthun⸗ lich, als jetzt. Glaubt es mir, Sennor, die Sprödigkeit der Mädchen iſt ſelten von langer Dauer.“ „Fiumetta?“ fragte Fernando.„Wer iſt das?“ „Die Schweſier Eurer Holden,“ entgeg⸗ nete Pedro;„ein ganz allerliebſtes Mädchen, und— mit Eurer gnädigen Erlaubniß— für den gegenwärtigen Augenblick, und hoffentlich noch einige Wochen länger, meine Geliebte.“ „Deine Geliebte?— Die Schweſter Pe⸗ — 122— pititas?“ erwiederte Fernando mit gedehntem Tone. „Aha, ich merke ſchon,“ erwiederte Pedro, und ſein Mund verzog ſich zu leiſem Spotte, „es behagt Euch nicht, mit Eurem Diener in eine Schwägerſchaft zu treten.“ „Narr!“ fuhr der Graf auf.„Glaubſt Du, daß ich thöricht genug ſeyn könnte, das kädchen zur Gemahlinn nehmen zu wollen?“ „Nicht?“ fragte Pedro.„Ei, und wozu denn?— Doch nicht etwa zur Buhlerinn? Ich dächte, ein ſolcher Gedanke könnte Euch wenig Ehre bringen,“ „Den hege ich auch nicht, bei Gott!“ betheuerte Fernando,„aber—“ „Nun, nun,“ unterbrach ihn Pedro,„das Uebrige wird ſich ſchon finden. Und im Ver⸗ trauen, theurer Sennor,— ich glaube, daß Ihr es auf die Gefahr dieſer Schwägerſchaft immer wagen könntet, denn wenn Pepitita auch für des alten Zuera Tochter gilt, ſo wie freudig von der unerwarteten Rachricht möchte ich doch faſt meinen Kopf darauf ver⸗ wetten, daß ſie es nicht ite⸗ „Nicht?“ fragte Fernando raſch, und angeregt;„und was haſt Du für einen Grund zu dieſer Vermuthung?“ „O, mehr als einen,“ entgegnete Pe⸗ dro.„Erſtens dürft Ihr das Engelskind nur ſehen, um Euch auf den erſten Blick zu überzeugen, daß ſie weder die Tochter des häßlichen Zuera, noch der zwar gar nicht äblen, aber doch immer rohen, derben Tereſa ſeyn kann; eben ſo leicht konnte aus einer Eichel ein Orangenbaum wachſen.— Zweitens haßt Zuera das reizende Mädchen, dem Jeder wohlwill, der es kennt, und dem das treff⸗ lichſte, liebevollſte Herz im Buſen ſchlägt.— Drittens,— und das iſt mein Hauptgrund, — ſcheint zwar Tereſa ihre älteſte Tochter lieb zu haben, aber nicht ſo, wie man ſein eigen Fleiſch und Blut lieb zu haben pflegt. Das Unglück des armen Kindes, das ſich den un⸗ — 124— verhehlten Haß des Vaters ſehr zu Gemüthe ieht, geht ihr zwar nahe, aber ihr Herz ſcheint dabei wenig oder nichts zu fühlen; Fiumetta, welche Pepititen mit wahrhaft ſchweſterlicher Liebe zugethan iſt, hat mir dies mehrmal mit unverhehlter Trauer geſtanden.“ „Wahrlich, Du ſcheinſt nicht Unrecht zu haben,“ erwiederte Fernando nachdenkensvoll. „Wenn ſie aber nicht des Kaufmanns Tochter iſt,— weſſen Kind ſollte ſie dann ſeyn? Und wäre ſie in dieſem Falle höhern oder niedern Standes, als der ihres angeblichen Vaters?“ „Höhern; unbedingt. Dafür bürgt ihre zarte Geſtalt, ihre feine Haut, ihr ſeidenwei⸗ ches Haar,— kurz, ihr ganzer Körper, wie ihr Geiſt.— Wer aber ihr Vater ſey, das vermag ich nicht zu ſagen, nicht einmal zu ahnen; wahrſcheinlich kann darüber Niemand Auskunft geben, als Zuera ſelbſt, und Tereſa, und allenfalls auch die alte Barbara, Tereſas Mutter, die mit in Zueras Hauſe lebt, aber, ——— — 15— wie es mir ſcheint, die Liebe beider Gatten in gleich geringem Grade beſitzt.“ „Nun, ſo muß man es von denen zu er⸗ fahren ſuchen, was an Deinem Sßwobn Wah⸗ res oder Unwahres iſt.“ „Das dürfte ſchwerlich etwas helfen, denn vielleicht auch mit einem kräftigen Dolchſtoße beantworten, und der Mund der beiden Wei⸗ ber iſt ſicher, wenn hier irgend ein Geheimniß waltet, mit einem furchtbaren Eide verſiegelt.“ Während dieſer Unterredung hatten ſie den prachtvollen Palaſt des Grafen von Ca⸗ ſtellar erreicht, der ſeit dem kürzlich erfolgten Tode ſeines Vaters das Eigenthum Fernan⸗ dos war.— Sie traten in das ſchöne, von Marmorſäulen getragene Portal, und Fernando eilte auf ſein Zimmer, um ſich hier ungeſtört mit dem Bilde zu beſchäftigen, das Erinnerung und Phantaſie in innigem Verein ihm von Pepititen vorſpiegelten. Pedro trat zwar auch mit ein, verließ aber den Palaſt ſogleich wie⸗ . Zuera würde eine ſolche Frage mit Flüchen, — 126— Ler, ſobald er ſeinen Herrn auf ſeinem Zim⸗ mer wußte, denn ihn zog es mit unwiderſteh⸗ licher Sehnſucht zu Fiumetten, die ihn in dem Garten ihres Vaters, der vor den Thoren der Stadt lag, zu erwarten verſprochen hatte. Beide Liebende wollten die Zeit der ungewohn⸗ ten, früher beinahe ungehofften Freiheit, die Zueras ungewöhnlich lange Abweſenheit ihnen bot, nicht ungenützt vorübergehen laſſen. Täglich war Fernando von nun an in dem Laden Zueras, und Pepitita ſah ihn mit freudigen Gefühlen kommen, mit ſchmerzlichen ſcheiden; auch konnte ſie ſeinen oft wiederholten, beſcheidenen Bitten, ſich in ſeiner Gegenwart zu entſchleiern, nicht lange widerſtehen. Es wäre vergebliche Mühe, wollten wir verſuchen, die Reize des holden Mädchens zu ſchildern; ſie war ſchön, wie ſelten ein Weib aus der Hand des Schöpfers hervorgeht, und der An⸗ blick ihrer Züge war mehr als hinreichend, den ——————— — 127— Entſchluß in Fernandos Buſen zur Reife zu bringen, ſie ganz und für immer zu der Sei⸗ nigen zu machen. Am dritten oder vierten Tage ihrer Be⸗ kanntſchaft, hatte Fernando Pepititen dies ge⸗ ſtanden, und mit Erröthen von ihr das Be⸗ kenntniß empfangen, daß ſie gern an ſeiner Hand durch das Leben wandeln würde. Voll Wonne und Entzücken war er, früher als gewöhnlich, von ihr geſchieden, um Pläne zu entwerfen, ſchnell und ſicher zu ihrem Be⸗ ſitze zu gelangen, und noch erfüllte ihn die Er⸗ innerung an den erſten und einzigen Kuß, den ſie ihm mit boldem Schaamerröthen geſtttet hatte, mit wonnigem Beben. Nach alle dem, was er theils von Pepiti⸗ ten ſelbſt, theils durch Pedro, über Zuera ge⸗ hört hatte, durfte er es nicht wagen, bei ihm um Pepititas Hand anzuhalten, und die einzige Möglichkeit, zur Erreichung ſeiner Wünſche zu gelangen, ſchien ihm, Pepitita zu entführen, 128— und ſie auf dieſe Weiſe jevem Einfluſſe ihres unnatürlichen Vaters auf einmal zu entziehen. Aber kaum wagte er zu hoffen, daß die Ge⸗ liebte ihre Einwilligung zu einem ſolchen Schritte geben werde, denn ihre klöſterliche Erziehung hatte ihr zu ſtrenge Begriffe von dem Gehor⸗ ſam gegeben, den die Kinder ihren Eltern ſchuldig ſind, ſelbſt wenn dieſe nicht jede ier Pflichten erfüllen. Schon war die Nacht angebrochen, ohne daß Fernando es bemerkte. Bald ging er mit haſtigen Schritten durch das weite Gemach, bald warf er ſich, ohne Ruhe zu finden, auf das Ruhebett, denn noch immer wollte ſich ihm kein Ausweg aus dem Labyrinthe zeigen, noch konnte er zu keinem klaren Entſchluſſe gedei⸗ hen, und doch fühlte er nur zu deutlich, daß er den Frieden und die Ruhe ſeiner Seele nicht eher wiederfinden werde, als bis der Prieſter den Segen der Kirche über ihn und Pepitita ausgeſprochen haben würde. Plötzlich ward jetzt die Thüte aufgeriſſen, — 129— und herein ſtürzte Pedro, bleich, bebend, und an der einen Seite des Kopfes heftig blutend. „Um Gottes und aller Heiligen Willen!“ ſchrie er, ſich ſeinem Herrn zu Füßen ſtürzend, und deſſen Knie umklammernd;„Rettet!— Rettet!— Eilt, ehe es zu ſpät iſt!“ „Wer iſt in Gefahr? Wen ſoll ich eetten?— Sprich!“ ſagte Fernando, durch F. Dieners Betragen ſo überraſcht, daß er glaubte, er habe den Verſtand verloren. „Fiumetta und Pepitita!“ ſagte Pedro, indem er ſich mühſam vom Boden aufraffte, und einem nahen Seſſel zuſchwankte. „Pepitita?“ ſchrie Fernando außer ſich, denn nur der Nennung ihres Namens hatte es bedurft, alle Kräfte ſeiner Seele in Aufruhr zu bringen.„Unglücksbote, ſprich: Welche Ge⸗ fahr droht ihr— und wie ſoll, wie kann ich ſie retten?— Habe ich ſie doch kaum vor ein paar Stunden in völliger Sicherheit verlaſſen!— O, ſpanne mich nicht auf die Folter, ſondern antworte;— ſage mir Alles!“ v. lvensleben xochter. J — „Laßt mich nur erſt zu Athem kommen,“ bat Pedro.„Gewaltſam hämmert das Herz gegen die Bruſt— aber bald— bald habe ich mich erholt— und dann ſollt Ihr Alles— Alles in möglichſter Kürze vernehmen.“ „Da, trink!“ rief ſein Herr, indem er ihm einen Becher mit Wein, der zu ſeinem Schlaftrunke beſtimmt geweſen, aber unberührt ſtehen geblieben war, mit bebender Hand hin⸗ reichte.—„Trink! Der Wein wird Dir Kraft geben, und dann ſprich, und reiße mich aus der furchtbaren Ungewißheit, in die Deine Worte mich geſtürzt haben.“ Pedro nahm den Becher, leerte ihn mit einem Zuge bis auf den Boden, und begann dann, aus tiefſter Bruſt Athem ſchöpfend: „Während Ihr bei Pepititen im Laden weil⸗ tet, ſaß ich oben im Hauſe an Fiumettens Seite. Wir koſeten, ſprachen von dem zukünf⸗ tigen Glücke, das wir, Eins in des Andern Be⸗ ſitz, zu finden hofften, und würzten die Unter⸗ haltung nicht ſelten mit einem Küßchen. Aber — 131— auch das Truͤbe, welches die Zukunft, und zwar die nächſte, für uns in ihrem Schvoße bergen konnte, überſahen wir nicht, und klagten bit⸗ terlich darüber, daß die ſchöne Zeit, die wir ſeit einigen Tagen genoſſen, ſo bald ſchon, und vielleicht für lange, entſchwinden ſollte; denn übermorgen ward Zuera zurückerwartet.“ „Ueber unſeren Geſprächen war der Abend angebrochen, und Ihr hattet, Dank ſey dafuür der Mutter Gottes, Pepitita bereits verlaſſen; da ertönte plötzlich unten im Hauſe Zueras Donnerſtimme. Wir hörten, wie er gegen Te⸗ reſa in rohe Flüche ausbrach, und dann nach Fiumetten fragte; Tereſens Antwort konnten wir nicht vernehmen.“ „Kaum hatte Fiumetta die Scnehentßi vernommen, als ſie erbleichte, und am ganzen Körper ſo heftig zu zittern begann, daß ſie ſich nur mit Mühe aufrecht zu erhalten vermochte. Sie behielt nur eben ſo viel Geiſtesgegenwart, mit mir in eine ferne Kammer zu fliehen, in der mehreres altes Hausgeräth aufbewahrt iſt, und — 132— die daher ſelten betreten wird. Schnell ſchob ſe pier den Riehel vör, und ſchmiegte ſich dann, vor Angſt vergehend, an meinen Buſen.“ „Unausſtehlicher Schwätzer,“ unterbrach gernando ihn hier voll Ungeduld;„„nicht von Fiumetten ſollteſt Du erzählen, ſondern von Pepititen.“ „Habt nur Geduld, theurer Sennor;“ bat Pedro.„Ich muß Euch ja alles ſagen, wie es auf einander folgte.— Fluchend und tobend, daß Fiumetta nicht zu finden ſey, trat Zuera in ein Zimmer, das an die Kammer ſtieß, in der wir uns befanden.—„Wehe ihr, wenn ſie kommt!“ donnerte er hier gegen einen Begleiter;„ich will ſie züchtigen, daß es ihr ein andermal wahrlich vergehen ſoll, den Befehlen ihres Vaters ungehorſam zu wer⸗ den.“— Dann ſchob er den Riegel vor, und wendete ſich, leiſer ſprechend, aber immer noch laut genug, um von uns Wort vor Wort ver⸗ ſtanden zu werden, zu ſeinem Begleiter.— „Ihr ſeyd morgen in aller Frühe mit der Bri⸗ gantine an dem bewußten Orte, und ſendet ein Boot, mit vier Mann beſetzt, an das Ufer. Zwei bleiben zur Bewachung des Bootes zurück, die beiden Andern aber kommen in die Stadt, und ſchleichen ſich zu meinem Hauſe, Pepitita mit Gewalt hinwegzuſchleppen, wenn ſie, wi⸗ der Erwarten, mir nicht gutwillig folgen wollte.“ „Gerechter Himmel,“ flüſterte Fiumetta mirt zu er will Pepititen wegſchaffen,— heimlich wie es ſcheint; das kann nichts Gutes zu bedeuten haben.“ „Still, Geliebte, um Gottes Willen;“ bat ich.„Wenn er uns hört, ſind wir Beide verloren.“— Nicht auf meine Bitte achtend flüſterte Fiumetta:„Die heilige Jungfrau verhüte, daß er uns entdecke; ſollte es aber dennoch durch irgend einen unglücklichen Zufall geſchehen, ſo beſchwöre ich Dich, bei Allem, was Dir heilig iſt— denke nicht daran, mich vertheidigen zu wollen, ſondern entflieye, wenn es Dir möglich iſt, durch jenes Jenſter dort⸗ — 134— welches zum Gluͤck offen ſteht. Du weißt ja Beſcheid im Garten, biſt zudem ein fertiger Schwimmer, und es kann Dir nicht ſchwer fallen, Dich durch den Kanal zu retten. Nur wenn Du in Sicherheit biſt, darfſt Du hoffen, mir in irgend einer Hinſicht nützlich zu wer⸗ den.“— Ich ſah ein, daß ſie Recht hatte, denn ich war nur mit dieſem leichten Stilet bewaff⸗ net, und konnte nicht daran denken, mich da⸗ mit gegen die beiden Männer mit Glück zu vertheidigen. Ich verſprach ihr daher, ihrem Wunſche zu genügen, und bat ſie dann, nun wieder zu lauſchen, damit wir wo möglich ver⸗ nehmen könnten, was mit Pepititen beabſichtigt werde. Aber wir ſollten Urſache bekommen, fuͤr uns ſelbſt zu zittern.“ „Als wir das Ohr lauſchend an die Thür legten, vernahmen wir eine fremde Stimme. „Hört, Zuera,“ ſagte der Mann,„wenn mein Ohr mich nicht gewaltig täuſcht, ſo be⸗ wegte ſich dort etwas in dem anſtoßenden Ge⸗ mache.— Iſt das Zimmer bewohnt?“ „Nein!“ erwiederte Zuera;„aber den⸗ noch könnte ein Lauſcher ſich dort verſteckt ha⸗ ben.— Der arme Wicht! er müßte Pepititens Reiſegeſellſchafter werden, und ſollte ich ihn den ſchurkiſchen Mauren umſonſt mit in den Kauf geben.“ Bei dieſen Worten faßte er an den Griff der Thüre, und rief, als er ſie verſchloſſen fand, ohne ſonderlich in Zorn zu gerathen, mit furchtbarem Spotte, der mich mit eiſiger Kälte durchdrang:„Alſo doch?— Oho, mein holdes Vögelchen, Du biſt gefan⸗ gen; aus dieſem Käfich kannſt Du uns nicht entfliehen, daher habe die Güte, heraus zu kom⸗ men!“ Als er ſah, daß dieſer Aufforderung nicht genügt wurde, rief er ſeinem Begleiter zu: „Bienvenida! kommt her, und helft mir die Thür einſtoßen.“ Und ſogleich donnerten die Füße Beider gegen die ſchwachen Bretter.— „Flieh! Flieh!“ bat Fiumetta händeringend; „ich bin verloren, und nur durch Dich kann ich gerettet werden.— Eile zu Dein em Herrn;— er wird ſich um Pepititas Willen unſerer anneh⸗ — 136— men.“ Ohnmächtig ſank Fiumetta zuſammen, die Thür krachte,— und ich ſprang zum Fenſter hinab. An der Mauer, gegen die ich fiel, ſchlug ich mir den Kopf blutig, aber ich achtete das Brennen des Schmerzes nicht, flog durch den Garten dem Kanale zu, der ihn begrenzt, ſtürzte mich hinein, ſchwamm glücklich an das andere Ufer, und— habe Euch nun alles geſagt.“ „Und haſt Du keine Ahnung,“ fragte Fernando in der ängſtlichſten Beſorgniß,„wo⸗ hin das Ungeheuer ſeine Tochter zu bringen gedenkt?“ „Keine,“ erwiederte Pedro;„doch ſcheint mir klar, daß kein Augenblick zu verlieren ſey. Denn nachdem Zuera Fiumetten gefunden, und ſo ſeine Abſicht verrathen geſehen hat, wird er gewiß die Ausführung ſeines ruchloſen Pla⸗ nes nicht bis zum Anbruche des morgenden Ta⸗ ges verſchieben, ſondern ſogleich mit ſeinen beiden unglücklichen Töchtern aufbrechen. Ge⸗ winnt er uns aber einen bedeutenden Vor⸗ ſprung ab, ſo dürfen wir, mit der Richtung ſeines Weges völig unbekannt, kaum darauf rechnen, ihn noch einzuholen, und ihm die armen Schlachtopfer ſeiner Wuth zu entreiſſen.“ „Du haſt Recht,“ rief Fernando.„ Eile ſchnell, mich zu rüſten, denn wir dürfen einem heißen, verzweifelten Kampfe entgegen ſehen, und Vorſicht iſt daher nicht verwerflich.— Laß alle meine Diener, die Du auftreiben kannſt, ſich bewaffnen, und folge mir mit ihnen zum Hafen. Ich eile dahin voraus, die Galeere zu rüſten. Wir kreuzen dann bis Tagesan⸗ bruch, und es wäre ſchlimm, ſollte der Feind uns dieſer Vorſicht ungeachtet entgehen.“ Kaum hatte er dieſe Befehle ertheilt, als er, vollſtändig gerüſtet, dem Hafen zueilte, während Pedro, der ſich jetzt wieder ſtark und kräftig fühlte, die zahlreichen Diener des gräf⸗ lichen Hauſes Caſtellar aus dem Schlafe auf⸗ rüttelte, und ihnen im Namen ſeines Herrn vefahl, ſich ohne Zögern zu bewaffnen. Ein ſolcher Befehl war in jenen unruhigen, krie⸗ geriſchen Zeiten faſt eben ſo ſchnell erfüllt, als gegeben, und kaum war daher eine halbe Stunde verfloſſen, als Pedro ſchon, von ein und zwanzig muthigen Männern begleitet, ſei⸗ nem Herrn nacheilte. Wieder eine halbe Stunde ſpäter ging die Galeere Fernandos von Caſtellar in See, voll freudiger Hoffnung, im Fall des Zuſammentreffens mit dem Feinde, den Sieg zu erlangen. Ueber die Schnelligkeit, mit der Fernando die nöthigen Mittel zur Erreichung ſeiner Ab⸗ ſichten herbeiſchaffte, darf man ſich nicht wun⸗ dern, denn in jenen Zeiten, wo theils die Un⸗ terthanen des Beherrſchers von Fez die Kuſten Spaniens häufig beunruhigten, theils die ſpa⸗ niſchen Mauren nicht ſelten Seeräuberei trie⸗ ben, hatten die Reichſten und Vornehmſten des ſpaniſchen Adels ihre eigenen Galeeren, die jederzeit auf ihren Wink bereit ſeyn mußten. Fernando von Caſtellar beſaß deren ſogar zwei, und er würde, das Gelingen ſeines Planes um ſo mehr zu ſichern, Zuera mit beiden verfolgt haben; allein die eine war ſchon ſeit längerer Zeit zu einer bedeutendern Unternehmung ab⸗ weſend, und einen Freund mochte er deswegen nicht um die ſeinige anſprechen, weil er fürch⸗ tete, es könnte dadurch ein großer Zeitverluſt entſtehen. So brach er denn, wie wir bereits erwähnt, und obgleich er die Kräfte des Fein⸗ des nicht kannte, mit ſeiner einen Galeere auf, ſeinem Muthe und ſeiner Liebe vertrauend, und brennend vor Begier, den ſchändlichen Vater zu züchtigen, und ſich die Geliebte zu erkämpfen. Pedro theilte den Eifer und die Gluth ſeines Herrn. Noch wußte er nicht, ob Zuera wirklich auch gegen die minder gehaßte Tochter ſeinen Entſchluß ausgeführt, und Fiumetta eben ſo wie Pepitita der Sclaverei beſtimmt habe; aber ihn verlangte deshalb nicht minder nach dem Kampfe mit den Seeräubern, denn daß Zuera dies Handwerk trieb, unterlag nun kei⸗ nem Zweifel mehr. Seine Liebe, ſeine Treue und Anhänglichkeit zu ſeinem Gebieter, der ihn ſtets mehr wie einen Freund, als wie einen diener behandelt hatte, war ſo groß, daß ihm ——— — 140— die Befreiung Pepititas jetzt faſt eben ſo ſehr am Herzen lag, als die Fiumettas. Die ganze Nacht hatten ſie vergeblich auf der Höhe von Gibraltar gekreuzt, mit Anbruch des Morgens aber gewahrte der wachthabende Matroſe ein Fahrzeug, das in der Richtung auf die Inſel Tarifa zuſegelte. Dieſer Um⸗ ſtand allein genügte zu der Vermuthung, daß jenes Schiff das Zueras ſey, denn man wufßte bereits durch viele traurige Beiſpiele, daß auf der genannten Inſel ein lebhafter geſetzloſer Verkehr zwiſchen Chriſten und Muſelmännern getrieben wurde. Augenblicklich befahl daher Fernando, alle Ruder einzuſetzen, um den Feind noch zu erreichen, ehe er Schutz in den ber⸗ genden Buchten Tarifas finden könne; nur auf offener See durfte man es wagen, ihn mit Hoffnung auf einen günſtigen Erfolg anzu⸗ greifen. Der Himmel war dem Unternehmen Fer⸗ nandos günſtig, denn das Meer war ſpiegel⸗ glatt; kaum regte ſich ein leiſes Lüftchen, und * — 141— dies reichte nicht hin, die Segel der Brigan⸗ tine,— denn für eine ſolche erkannte inan, näher kommend, das Fahrzéug,— zu ſchwellen; Fernandos Schiff dagegen bedurfte, durch Ru⸗ der getrieben, keines günſtigen Windes. Leicht glitt vie Galeere über die ruhigen Wogen hin, und mit jeder Minute näherte ſie ſich der Bri⸗ gantine mehr und mehr. Bald ſah der Befehls⸗ haber derſelben, in welchem Pedro, der großen Entfernung ungeachtet, Zuera erkennen wollte, daß es ihm nicht gelingen könne, Tarifa zu erreichen, und plötzlich ließ er daher Halt ma⸗ chen, wie es ſchien, feſt entſchloſſen, Fernando einen ſchweren Stand zu bereiten. Als die Galeere ſich der Brigantine auf Schußweite nahete, empfing ſie eine volle Lage mit dem Kleingewehrfeuer, ohne dadurch jedoch bedeutenden Schaden zu leiden. Im Nu wa⸗ ren beide Schiffe Bord an Bord aneinander, denn beide Theile ſchienen ſich von dem En⸗ tern gleichen Nutzen zu verſprechen. Aber Zuera,— er war es in der That,— ſah bald, — 142— daß er ſich in ein gefährliches Wagſtück ein⸗ gelaſſen habe. Seine Mannſchaft beſtand aus nicht mehr als ſechszehn ſtreitbaren Männern, und von dieſen mußten noch zwei zur Bewa⸗ chung Fiumettas und Pepititas in der engen Kajüte zurückbleiben; Fernando dagegen hatte ſieben und zwanzig Bewaffnete, und Alle tru⸗ gen ein gleiches Verlangen, ſich mit den ver⸗ haßten Piraten zu meſſen. Im erſten Augen⸗ blicke war Zuera mit den Seinigen, Alle in dieſer Art des Kampfes, der Fernandos Leu⸗ ten fremd war, wohlerfahren, auf das Deck der Galeere geſprungen, und hatte den Kampf mit furchtbarer Wath begonnen. Der Unge⸗ ſtüm des Angriffes überraſchte die Mannſchaft der Galeere; als aber Fernando und Pedro ſich Zuera entgegenwarfen, ermannten ſie ſich, und drangen nun, durch das Beiſpiel ihres gelieb⸗ ten Gebieters begeiſtert, auf die Piraten ein. Bald ſahen dieſe ſich gezwungen, der Ueber⸗ macht zu weichen; allmählig zogen ſie ſich zu⸗ rück, und verſuchten, als ſie wieder auf ihrem — 145— eigenen Schiffe waren, ſich von der Galeere loszumachen. Wäre ihnen dies gelungen, wür⸗ den ſie wahrſcheinlich glücklich entronnen ſeyn, denn ein lebhafter Wind begann jetzt, ſich zu erheben, und die Segel mächtig zu ſchwellen. Aber Fernando bemerkte ihre Abſicht, rief den Seinigen mit lauter Stimme zu, ihm zu fol⸗ gen, und ſtürzte, das Schwert muthig ſchwin⸗ gend, auf das Deck der Brigantine. Hier begann ein furchtbares Gemetzel; bunt durch⸗ einander gedrängt ſtritten die Leute beider Partheien, Mann gegen Mann, und es ſchien, als gälte es einen gräßlichen Vernichtungs⸗ kampf. Plötzlich erſcholl aus mehreren Keh⸗ len der Angſtruf: Feuer! Fgeuer! Zu⸗ gleich drang aus dem innern Raume der Bri— gantine ein dichter, erſtickender Qualm herauf, und dazwiſchen ertönte das Angſtgeſchrei weib⸗ licher Stimmen. Mit furchtbarem Entſetzen durchdrang der Gedanke Fernando, daß der Pirat ſein eigenes Schiff in Brand geſteckt habe, um ſich zugleich mit ſeinen Feinden zu vernichten. Häufig hatte man ſchon ähnliche Beiſpiele erlebt, wenn die Frevler kein Mittel mehr ſahen, ſich zu retten. Die Geliebte retten, oder mit ihr untergehen— das war jetzt alles, was Fernando wollte. it Löwenmuth bahnte er ſich einen Weg mitten durch die Feinde hin, und ſtürzte die Treppe zum innern Raume hinab; Pedro, und die ihm zu⸗ nächſt waren, folgten dem Gebieter. Das immer matter und matter werdende Geſchrei Fiumet⸗ tens und Pepititas,— denn nur dieſe konnten es ſeyn,— zeigte ihnen den Weg. Mit Haſt riß Fer⸗ nando die Thür der kleinen niedern Kajüte auf, und der erſte Anblick, der ſich ihm hier bot, war Pepitita, die, mit den Händen auf dem Rücken, an ihre Schweſter gebunden war. Die beiden Räuber, die ſie anfangs bewachten, hatten ſich ihrer auf dieſe Weiſe verſichert, um ihren Ka⸗ meraden ihren Beiſtand im Kampfe bringen zu können. Schon zuͤngelten helle Flammen aus dem entgegengeſetzten Ende des Schiffsraumes her⸗ vor, und keine Sekunde war zu verlieren, ſoll⸗ ten nicht Alle einem gewiſſen Tode verfallen. Mit raſchem Entſchluſſe durchſchnitt Fernando die Bande, welche rauh um die zarten Hände der Schweſtern gewunden waren, ſchwang Pe⸗ pitita auf ſeinen linken Arm, und eilte, mit der Rechten das Schwert ſchwingend, auf das Deck, um ſo bald als möglich ſeine Galeere zu errei⸗ chen. Pedro folgte ihm auf dem Fuße, ſeine geliebte Fiumetta tragend, und die Andern ſchloſſen ſich dicht an ſie an, um die Feinde abzuwehren. Aber es bedurfte deſſen nicht. Zuera hatte die Zeit von Fernandos Abweſen⸗ heit glücklich benutzt, ſich mit den wenigen ſei⸗ ner Leute, welche noch einer Flucht fähig wa⸗ ren, in das Boot zu werfen, und ſtieß dies eben von dem Schiffe ab, als Fernando mit ſeiner theuren Bürde auf dem Decke anlangte. Froh, des weitern Kampfes überhoben zu ſeyn, befahl er, die Flüchtlinge ihren Weg ungehin⸗ dert verfolgen zu laſſen, und gebot den Sei⸗ nigen, das brennende Schiff ſo bald ais möglich v. Alvensleben Tochter. K — 146— zu verlaſſen.— Kaum war der Lefehl befolgt, als die Brigantine in allen Theilen in helle Flammen gerieth, und von dem Winde erfaßt, als Feuerwelle dahintrieb, ein furchtbar ſchö⸗ nes Schauſpiel. In Fernandos Armen erwachte Pepitita zum neuen, ſchönern Leben; ſie wußte nichts von alle dem, was zuletzt mit ihr vorgegangen, denn ſchon als Fernando zu ihr in die Kajüte drang, hatten Angſt und Entſetzen, vereint mit dem erſtickenden Rauche, ſie der Sinne beraubt. Man mache ſich daher einen Begriff ihres Entzückens, als ſie allmählig wieder zur Beſinnung kam, und ihren Fernando neben ſich knieen ſah, ihr Haupt mit ſeinen Armen ſtützend. In dieſem Augenblicke vergaß ſie alles um ſich her, und mit dem lauten Aus⸗ rufe:„O mein Geliebter! Du hier?“ ſchloß ſie Fernando mit Inbrunſt an den ſtürmiſch wo⸗ genden Buſen, den nur die Liebe zu ihm, die Wonne, ihn wieder zu beſitzen, in ſchnelleren Pulſen hob. — 147— „Ja, meine engliſche Pepitita,“ ſagte Fernando, ihre ſchöne Stirn mit Küſſen be⸗ deckend; ihren Mund wagte er in Gegenwart ſo vieler Zeugen nicht zu berühren, denn er fürchtete, und nicht mit Unrecht, er möchte das Zartgefühl der Jungfrau dadurch beleidi⸗ gen.„Ja, meine Pepitita, nun biſt Du bei mir, um mich nie wieder zu verlaſſen.— Dein Vater hat durch ſein ruchloſes Beginnen alle Rechte auf Dich verloren, und ich laſſe Dich nicht in ſein Haus zurück.— Sobald wir das ufer betreten, ſoll es meine erſte Sorge ſeyn, unſeren Bund durch Prieſterhand ſegnen zu laſſen, und als Gräfin von Caſtellar führe ich dann im Triumphe in meinen Palaſt Dich ein.— Du willigſt doch ein, Geliebte?“ Schweigend, und mit holdem Erröthen, ließ Pepitita das Köpſfchen auf die Bruſt ſin⸗ ken; ihr Mund hatte keine Antwort auf Fer⸗ nandos Frage, aber ihr inniger Händedruck ſagte ihm mehr, als Worte vermocht hätten. Aehnlich waren die Gefühle Fiumettas — — 148— und Pedros, wenn ſie gleich auf minder zarte Weiſe ſich äußerten. Die Natur Fiumettas war kräftiger, als die ihrer ältern Schweſter; durch ihres Vaters Toben war ſie an Auftritte des Schreckens gewöhnt, und wenn auch unter dem furchtbaren Entſetzen, welches ſie ergriff, als das Schiff in Flammen gerieth, und ſie ohne Rettung den gräßlichſten Feuertod ſterben zu müſſen glaubte, ihre Körperkräfte ſchwanden, ſo hielt doch der ſtärkere Geiſt ſich aufrecht, und ſie verlor die Beſinnung nicht einen Augenblick. Daher war ihre Rettung, die für Pepitita faſt an das Wunderbare grenzte, keine ueberra⸗ ſchung, aber ſie dankte deshalb den Heiligen nicht weniger lebhaft, daß ſie ſie vor dem grau⸗ ſamen Geſchicke bewahrten, den Ungläubigen verkauft, oder rings von Fluthen umgeben, von den Flammen verzehrt zu werden. Ihr erſtes Gefühl, als Pedro ſie auf der Galeere ſanft von ſeinen Armen zu Boden gleiten ließ, war das der Freude, dem unerträglichen Joche ihres Vaters nun für immer entriſſen zu ſeyn, — 140— denn feſt ſtand der Entſchluß in ihr, was auch die Zukunft bringen werde, dennoch unter keiner Bedingung in Zueras Haus zurückzukeh⸗ ren. Die Verkündung dieſes Vorſatzes waren mit die erſten Worte, die ſie an ihren Pedro richtete. Dieſer ſtimmte ganz mit ihr überein, und ſchmeichelte ihr mit der freudigen Hoff⸗ nung, daß ſein gnädiger Gebieter nicht nur in ihre Verbindung willigen, ſondern ihn auch gewiß noch. überdieß reichlich ausſtatten werde Noch waren beide liebende Paare mit ent⸗ zückenden Plänen und Entwürfen für die Zu⸗ kunft beſchäftigt, als auf dem hinteren Theile der Galeere ein lautes, verworrenes Getöſe entſtand. Die Mannſchaft, welche ſich ehr⸗ furchtsvoll aus der Rähe des Gebieters zurück⸗ gezogen hatte, war dort in dichten Haufen zuſammengedrängt, und, ſo ſchien es, mit einem am Boden liegenden Gegenſtande beſchäftigk. „Pebrö!““ rief Fernando dieſem zu,„ſieh, was es bort giebt, und ſage mir, was die Leute vorhaben.“ Schnell vollſtreckte Pedro ſeines Herrn Ge⸗ heiß, und, zurückkommend, berichtete er:„Einer der Piraten, wahrſcheinlich während des Kam⸗ pfes über Bord gefallen, iſt unſerem Schiffe nachgeſchwommen, hat ſich, verwundet wie er iſt, am Steuerruder mühſam in die Höhe ge⸗ holfen, und iſt ſo auf das Deck der Galeere gelangt. Hier iſt er von den Unſrigen ſo— gleich bemerkt, zu Boden geworfen, und ge⸗ bunden worden. Jetzt berathſchlagen ſie über ſein Schickſal. Darin ſind ſie einig, daß er ſterben ſoll, und ſie ſinnen nur noch über die grauſamſte Art ſeines Todes nach.“ Kaum hatte Fernando dies vernommen, als er aufſprang, und mit zornglühendem Ant⸗ litze mitten unter ſeine Diener trat.„Schämt Euch, Ihr Elenden,“ rief er ihnen mit don⸗ nernder Stimme zu,„an einem einzelnen, wehrloſen, verwundeten Manne Eure Wuth ausüben zu wollen.— Bindet ihn ſogleich los!— Unſer Kampf mit dem Feinde iſt be⸗ endet, und wehe Jedem, der dieſem Gefan⸗ genen etwas zu leide thut! Er iſt unter meinem Schutze, und kein Haar ſoll ihm gekrümmt werden.“ Scheu, und beſchämt die Blicke zu Boden ſenkend, wich die Mehrzahl zurück, während Einige ſich beſchäftigten, den am Boden lie⸗ genden Piraten loszubinden. Nur Einer wagte es, Fernando zu widerſprechen.„Don Fernando,““ ſagte er,„wir haben einen hei⸗ ßen Kampf zu beſtehen gehabt; der Kerl dort iſt in unſere Gewalt gefallen, und ich dächte daher, es wäre billig, daß es auch uns über⸗ laſſen würde, was wir mit ihm anfangen wollen.“ „Schweig!“ herrſchte Fernando ihm zu, indem er die Hand an den Griff ſeines Schwertes legte.„Noch ein Wort, und ich laſſe Dich mit eben den Stricken binden, die Dieſem jetzt abgenommen ſind.“ In dieſem Augenblick ſtürzte der Gefan⸗ gene, welcher ſich der Bande entledigt fühlte, zu Fernandos Füßen nieder, umklammerte deſ⸗ ſen Knie, und rief mit bebender Stimme: „Herr, wenn ich Euch das je vergeſſe, wenn ich nicht jede Gelegenheit ergreife, Euch meine aufrichtige Dankbarkeit zu beweiſen, ſo will ich jedem Weibe die Erlaubniß geben, mich ins Geſicht eine feige Memme, einen undank⸗ Aber, Herr! wollt Ihr Eure Wohlthat vollenden, und mir ein Geſchenk von größerem Werthe machen, als das nackte, elende Leben, ſo gewährt mir eine Bitte.“ „Sprich!“ ſagte Fernando, indem er den Knieenden zugleich mit prüfendem Blicke maß. „Und verlangſt Du nichts Unbeſcheidenes, ſo bin ich ſchon jetzt nicht abgeneigt, Deinen Wunſch zu erfüllen, denn Du ſcheinſt noch nicht ganz verdorben zu ſeyn, wenn Deine Züge nicht lügen.“ „O, traut ihnen, Herr; traut ihnen, und ſie ſollen Euch nicht betrogen haben.— Ich bin des rohen wüſten Lebens, zu dem nur eine Reihe unglücklicher Begebenheiten mich baren Schurken zu nennen. bringen konnte, ſchon lange überdrüſſig. Ich verachte mich deshalb ſelbſt, aber vergebens habe ich bisher eine Gelegenheit geſucht, mich meinen Kameraden zu entziehen.— Jetzt habe ich ſie gefunden, darum, o Herr,— verſtoßt mich nicht; nehmt mich unter die Zahl Euerer Diener auf, und Ihr ſollt keinen treueren ha⸗ ben, als mich. Ach, um aller Heiligen willen, verſtoßt mich nicht, zwingt mich nicht, zu einem Leben zurückzukehren, das ich verab⸗ ſcheue!“ „Nun, ich will es verſuchen, Dir zu trauen,“ erwiederte Fernando;„aber das ſage ich Dir, auf's Strengſte werde ich jede Dei⸗ ner Handlungen beobachten laſſen.— Steh auf jetzt, und verbinde Deine Wunden; mein Pedro wird Dir dabei hülfreiche Hand leiſten. Sind ſie gefährlich?“ „So wenig, Sennor,“ entgegnete Jener, „daß ich jetzt gleich in einen neuen Kampf ge⸗ hen wollte, gälte es Eure Vertheidigung.“ „Ich hoffe, wir haben nichts mehr zu be⸗ — 154— fürchten,“ ſagte Fernando lächelnd, und ging zu Pepititen zurück, die ihn ſchon längſt mit Sehnſucht erwartete. Kaum hatte er ſich an ihrer Seite nie⸗ dergelaſſen, als der Steuermann mit beſtürzter Miene zu ihm trat, und ihn abſeits winkte, als habe er ihm etwas Wichtiges zu vertrauen. Nun was giebt es, Alter?“ fragte Fernando, als er einige Schritte ſeitwärts mit ihm gegangen war. „Ich wollte Euch in Zeiten auf die dro⸗ hende Gefahr vorbereiten,“ erwiederte der kräftige Greis.„Täuſche ich mich nicht gar arg, ſo ſteht uns bald ein neuer, vielleicht noch wüthenderer Kampf bevor, als der erſte war. Es naht ſich uns ein Segel, und ſpie⸗ len meine alten Augen mir keinen Betrug, ſo iſt es ein Korſar.“ „Nun, ſo laß alle Ruder einſetzen,“ ent⸗ gegnete Fernando;„vielleicht gelingt es uns, die ſchützende Küſte zu erreichen, ehe wir ein⸗ geholt werden. Gern vermeide ich jetzt den — 5 Ka npf, da der Zweck, weshalb ich den frü⸗ heren unternahm, erreicht iſt, und ein neuer das kaum errungene, theure Gut nur man⸗ nigfachen Gefahren ausſetzen könnte.“ „Herr,“ ſagte der Alte,„es iſt unmög⸗ lich. Die Ruderknechte ſind von der erſten Anſtrengung noch zu ſehr ermüdet, der Wind iſt zudem dem Korſaren günſtig, und ehe eine Viertelſtunde vergeht, muß er uns eingeholt haben.— Ihr werdet daher am beſten thun, die Mannſchaft von dem, was uns erwartet, in Kenntniß zu ſetzen, damit ſich Alle auf den Kampf vorbereiten.“ Fernando ſah ein, daß der Alte Recht habe, er führte daher Pepititen, ſie mit we⸗ nigen Worten auf die neue Gefahr vorberei⸗ tend, in den untern Raum hinab, verſammelte dann die Schiffsmannſchaft um ſich, die ſich der Zahl nach zwar merklich verringert hatte, deren Muth aber durch das erſte Gefecht eher geſteigert als vermindert worden war. Kaum hatten ſie vernommen, worauf es ankomme, als ſie Fernando mit lautem Jubelgeſchrei aut⸗ worteten, und ihm zuſchwuren, daß ſie ſich dem Korſaren bis zum letzten Blutstropfen wider⸗ ſetzen, und eher Alle freudig in den Tod ge⸗ hen, als ſich ihm ergeben würden. In dieſem Augenblicke trat der begna⸗ digte Pirat, der ſich Paolo nannte, zu Fer⸗ nando, und ſagte:„Herr, die Brigantine, i Jm a e macht, gehört dem Guijar, dem kühnſten und wildeſten aller Piraten, die dieſe Gewäſſer unſicher machen. Wir haben uns während des Gefechtes der Inſel Tarifa mehr genähert, als Ihr geglaubt haben mö⸗ get, und als Euch lieb ſeyn wird. Guijar wartete dort auf Zuera; wahrſcheinlich hat er den Kampf mit angeſehen, ahnete die Gefahr ſeines Spießgeſellen, und eilt ihm nun zu Hülfe. Ich rathe Euch, Herr, achtet dieſen Gegner nicht zu gering. Sein Schiff iſt zahl⸗ reich bemannt, und jeder ſeiner Leute kann für drei gezählt werden. Trifft nun gar Zuera auf ihn, und unterrichtet ihn von dem, was — 167— vorgefallen iſt, ſo fürchte ich alles für Euch. Ich glaube kaum, daß Ihr dem Angriffe die⸗ ſes Wüthenden werdet widerſtehen können, zu⸗ mal, da Eure Leute erſchöpft ſind, die Gui⸗ jars aber mit ungeſchwächter Kraft uns an⸗ greifen werden. Daher bitte ich Euch, laßt mich wieder binden; vielleicht wird es mir ſo möglich, Euch nützlich zu werden. Fänden Guijar, Zuera und ihre Geſellen mich in Eu⸗ rer Gewalt, und frei, ſo würden ſie leicht ahnen, was hier mit mir vorging, und wür⸗ den mich dann ſicher als Feind betrachten und behandeln.“ „Ich hoffe,“ entgegnete Fernando,„daß Deine Beſorgniſſe unbegründet ſeyn werden, indeſſen will ich gern Deinen Wunſch erfüllen, wenn Du glaubſt, mir dadurch nützlich werden zu können; man ſoll die Ahnungen nicht ver⸗ achten, und nur eine ſolche kann Dir den Ge⸗ danken eingegeben haben.“ Auf ſein Geheiß wurde Paolo nun wie⸗ der an Händen und Füßen, jedoch nur leicht, gebunden, zur großen Zufriedenheit der Leute Fernandos, denn ſie trauten derplötzlichen Bekeh⸗ rung noch immer nicht, und ſahen daher mit Freuden die Stricke ſich um Paolos Hände ſchlingen, denn blieb er in Freiheit unter ihnen, ſo konnte er leicht zum gefährlichen Verräther werden. Kaum we Feder an ſeinem Poſten, faum waren e lten zum Kampfe ge⸗ troffen, als Guijars Brigantine mit Fernandos Galeere zuſammentraf. Doch es iſt nicht un⸗ ſere Abſicht, die Leſer durch die Erzählung aller einzelnen Umſtände des Gefechtes, das von bei⸗ den Seiten mit gleichem Feuer, gleicher Tapfer⸗ keit geführt wurde, zu langweilen. Es genügt, den Ausgang zu berichten, und dieſer war für Fernando verderblich. Die Seinigen wurden überwältigt, er ſelbſt verwundet und gefangen genommen, und er hatte ſein Leben nur dem Geize und der Rachſucht Zueras zu verdanken; dieſer hoffte, für den ſchönen, kräftig gebauten Jüngling einen anſehnlichen Kaufſchilling zu Z bekommen, und da er ihn mit eigener Hand gefangen genommen, hatte Guijar ihm groß⸗ müthig das Herrenrecht an den Gefangenen abhetreten. W Fernando, Pedro, der ſchwer, faſt tödtlich verwundet war, und noch einige Andere von Fernandos Leuten, deren Wur vie Ausſicht hinderten, ſie jetzt ſcho- ortheil zu ver⸗ kaufen, blieben unte 2 ſicht einer hin⸗ länglichen Anzahl der Piraten auf der Galeere, und wurden mit dieſer nach jenem beſchriebe⸗ nen Fiſcherdorfe geſchickt; aber Fiumetta und Pepitita wurden unter gräßlichen Verwün— chungen Zueras wieder auf die Brigantine ae⸗ . 8 9 ſchafft, die ſogleich nach Tarifa zurückſegelte. So war denn jede Hoffnung auf eine glück⸗ liche Zukunft auf immer für die Liebenden verſchwunden, und Alle gingen einem harten, grauſamen Geſchicke entgegen. Uum ſo fürch⸗ terlicher traf ſie dieſer Schlag, da ſie ſich in Gedanken bereits im Hafen der Ruhe und des Glückes erblickten. Alles, alles war jetzt ver⸗ — 160— loren, und den ſchnellſten Tod würden ſie fur eine Wohlthat erkannt haben. Gnädig erbarmte ſich der Himmel Pepititas, und entzog ihr mit dem Bewußtſeyn wenigſtens für den Augen— blick das erdrückende Gefühl ihres Elendes; um ſo ärger aber tobte der Schmerz in Fer⸗ nandos Buſen. Als die beiden Schiffe von einander abſtießen, als er ſich nun für ewig von ihr getrennt ſah, da überließ er ſich ohne Rückhalt ſeiner Verzweiflung. Wüthend wollte er ſich den Verband von der Wunde reißen, um durch Verblutung ſchnell und ſchmerzlos ſeinem Leben ein Ende zu machen, aber Paolo ſprang raſch hinzu, ſeinen Vorſatz zu hindern, that, als wenn er mit Härte ihn zurecht wieſe, und flüſterte ihm dabei in das Ohr:„Ver⸗ zweifelt nicht; Paolo iſt hält ſein Wort.— Ich rette Euch, und Ihr dann mit des Himmels Beiſtand Eure Geliebte.— Haltet Euch jetzt nur ruhig, und verrathet um aller Heiligen Willen unſer Einverſtändniß durch keinen Blick, durch keine Miene.“ in Eurer Nähe, und — 161— A Wenig Vertrauen ſetzte zwar Fernando auf das Verſprechen Paolos, aber dennoch war dadurch ſein Lebensmuth neu erweckt. Er ließ den Verband ruhen, und blickte ſchweigend nach Tarifa, der Geliebten nach. Ein leiſer Strahl der Hoffnung glimmte in ihm auf, und mit innigem Vertrauen auf den Beiſtand des Höch⸗ ſten betrat er das Felſenufer unfern der be⸗ kannten Fiſcherhütte des Aelteſten. Die Fel⸗ ſenhalle, in der wir damals Guijar, Bienve⸗ nida und deren Geſelen zechen ſahen, ward ſämmtlichen Gefangenen zu ihrem Aufenthalte angewieſen; die Wächter überließen ſi ſich in der daranſtoßenden Hütte des Fiſchers der Ruhe, denn nach den Anſtrengungen des Tages waren Alle des Schlafes gleich bedürftig. Auch Fernando war endlich, trotz ſeiner geiſtigen Aufregung, in einen feſten Schlaf verſunken. Es mochte etwas nach Mitternacht ſeyn, als er ſich leiſe berührt fühlte, und zu⸗ gleich ſeinen Namen mit flüſternder Stimme ausſprechen hörte.„Wer iſt hier?!“ fragte v. Alvensleben Tochter. E — 162— er, denn die undurchdringliche Finſterniß, welche in der Höhle herrſchte, hinderte ihn, den un⸗ willkommenen Störer der erquickenden Ruhe zu erkennen. „Um aller Heiligen willen, ſprecht leiſe!“ tönte die Antwort zurück.„Hört man uns, ſo iſt Alles verloren.— Ich bin Paolo, und komme, Euch von hier hinweg zu führen. Er⸗ hebt Euch ſonder Zögern, und folgt mir, doch vermeidet ſorgfältig jedes Geräuſch.— Haben wir das Ufer des Meeres erreicht, ohne ent⸗ deckt worden zu ſeyn, ſo ſind wir mit Gottes und der heiligen Jungfrau Hülfe, in Sicher⸗ heit.“ Schweigend und ſo ſchnell, als die Fin⸗ ſterniß es geſtattete, folgte Fernando ſeinem Befreier, ſich ſorgſam an deſſen zurückgeſtreck⸗ ter Hand feſthaltend. Glücklich gelangten ſie zu der felſigen Bucht am Ufer des Meeres, wo, wie Paolo wußte, die Kähne der Fiſcher befeſtigt waren. Schon glaubten ſie ſich jeder Gefahr entronnen, und waren eben im Be⸗ griffe, eine der kleinen, leichten Fahrzeuge zu beſteigen, da ſprang einer der Genoſſen Zueras, der Gott weiß in welcher Abſicht hier bei nächt⸗ licher Weile umherſchlich, aus dem Gebüſche, faßte Paolo mit kräftiger Fauſt an der Bruſt, und ſchrie mit Donnerſtimme:„Ha, ſchändlicher Bube, war meine Ahnung doch nicht falſch?— Aber Du ſollſt Deinem gerechten Lohne nicht entgehen.“ Doch Paolo hatte bei dem unerwarteten Ueberfalle die Geiſtesgegenwart nicht verloren. Nit Blitzesſchnelle riß er den Dolch aus dem Gürtel, und bohrte ihn in die Bruſt ſeines Widerſachers, noch ehe dieſer den Gedanken eines ſolchen Angriffes gefaßt hatte. Der Stahl hatte gut getroffen, und ohne weiteren Laut als ein leiſes Röcheln ſtürzte der Böſe⸗ wicht todt zu Paolos Füßen nieder. „Nun ſchnell hinweg!“ rief er Fernando zu.„Hat das Geſchrei dieſes Schurken die Andern erweckt, ſo möchte ohnehin unſere Flucht' ſchwer gelingen.— Du, Burſche!“ fuhr er zu L 2 1 3 —— — 164— dem Todten gewendet fort,„Du wirſt die Güte haben, uns eine Strecke zu begleiten, denn Du darfſt hier nicht gefunden werden; das möchte unſere Spur zu bald verrathen.— Helft mir, edler Sennor, die Leiche in den Kahn werfen; meine Kräfte ſind durch die Wunde erſchöpft, und auch beim Rudern werde ich Eures Beiſtandes nicht entrathen können; ich glaube ohnehin, wir Beide vereint werden jetzt kaum die Kraft eines ſtarken, geſunden Man⸗ nes haben.“ 8 Während dieſer Rede hatten ſie die Leiche in den Kahn geworfen, und jetzt ſtießen ſie vom Ufer ab. Leichter athmeten Beide, als ſie eine Strecke auf das Meer hinaus waren. Sie achteten ihre Ermattung nicht, und ruderten kräftig darauf los, immer in der Richtung nach Gibraltar, wobei ſie jedoch nur ihren Ortsſinn und einige Sterne zum Kompaß hatten. „Paolo,“ ſagte Fernando, als ſie ſich gegen Mittag in der Rähe von Gibraltar be⸗ fanden,„Du haſt mir den Dienſt, den ich Dir geſtern durch Erhaltung Deines Lebens erwieſen, mehr als reichlich vergolten. Sey mir nun auch noch zu der Wiedererlangung meiner Geliebten behülflich, und Dul machſt mich auf ewig zu Deinem dankbaren Schuld⸗ ner. Sey des reichſten Lohnes gewiß, wenn Dir dies gelingt.“ „Ohne Ausſicht auf Lohn,“ erwiederte⸗ Paolo,„will ich alle meine Kräfte anſtrengen, dem unnatürlichen Vater die beiden Mädchen zu entreißen, denn es liegt mir alles daran, zu beweiſen, daß es mir mit dem Willen zu mei⸗ ner Beſſerung, zu einem neuen, redlichen Le⸗ benswandel, Ernſt iſt.— Faßt übrigens Hoff⸗ nung, edler Sennor, denn unſer Vorhaben kann beinahe nicht mißlingen. Mir ſind alle Schlupfwinkel und Aufenthaltsorte der ſau⸗ bern Geſellen bekannt, und finden wir ſie nicht an dem einen, ſo entdecken wir ſie an dem andern gewiß, ſobald es Euch nur ſchnell gelingt, ſo viel Streitkräfte aufzutreiben, als —— — 166— noͤthig ſind; denn die Genoſſen Zueras und Guijars ſind zahlreich und tapfer, und es wird nichts Leichtes ſeyn, uns ihrer zu bemächtigen. Schnelligkeit, Muth und Liſt ſind die ſiher⸗ ſten Mittel, die zur Erreichung dieſes Zieles führen.“ „Dafür ſorge nicht;“ erwiederte Fer⸗ nando.„Viele Freunde und Verwandte ſind auf meinen Wink bereit, mir aus allen Kräf⸗ ten beizuſtehen, und ehe drei Mal vierund⸗ zwanzig Stunden vergehen, ſind wir auf Ta⸗ rifa, und in den Stand geſetzt, Zuera und Guijar ihre Beute zu entreiſſen.“ „Bis dahin,“ ſagte Paolo,„glaube ich Euch bürgen zu können, daß wir die Mädchen auf Tarifa finden, doch würden wir wohl thun, uns der Inſel von der Südſeite zu nähern.“ Bald nach dieſem Geſpräche langten die beiden Seefahrer, faſt gänzlich erſchöpft, doch glücklich und ohne Fährde, in dem Hafen von Gibraltar an. Fernando gönnte ſich kaum die —— — — 167— nothwendigſte Ruhe, um ſeinem Körper nur einige Kraft wiedergewinnen zu laſſen, und eilte dann ſogleich zu ſeinen Freunden, ſie um ihren Beiſtand anzuſprechen, während Paolo ſich zu dem Hauſe Zueras ſchlich, zu erkunden, wie dort alles ſtehe. Er traf Tereſa im Laden, und wußte ge⸗ ſchickt ein Geſpräch mit ihr anzuknüpfen, indem er ſich nach dem Ergehen ihrer Tochter Fiu⸗ metta erkundigte, von der er mehrmals Früchte gekauft zu haben vorgab. „Ach Gott, mein Kind!“ erwiederte Te⸗ reſa, und konnte ſich der Thränen nicht erweh⸗ ren.—„Mein armes Kind!— Ach, weshalb mußtet Ihr mich daran erinnern?“ „Es war wayhrlich nicht mein Wille, Euch wehe zu thun,“ erwiederte Paolo mit Theil⸗ nahme.„Doch ſagt, was kann dem reizenden Kinde zugeſtoßen ſeyn?— Es ſind ja höchſtens drei, vier Tage, ſeitdem ich ſie geſund und blühend wie eine Roſe hier im Laden ſah und ſprach.— Sollte der Tod ſo plötzlich—?“ — 168— „Ach nein, nicht der Tod!““ ſeufzte Te⸗ reſa;„Viel ſchlimmer, viel ſchlimmer!“ Sie erinnerte ſich nicht, Paolo je geſehen zu haben, denn die Leute von Bienvenidas Brigantine waren faſt beſtändig auf dem Meere, und durften, ſelbſt wenn dies nicht der Fall war, Zueras Haus nur mit ſeltener Ausnahme be⸗ treten; daher fühlte ſie ſich von der aufrich⸗ tigen Theilnahme des ihr gänzlich fremden Mannes innig bewegt. Sie vermochte es nicht, ihre wahren Geſinnungen vor ihm zu verber⸗ gen, und weinend fuhr ſie fort:„Sie iſt mir entführt, geraubt— um an die Ungläubigen verhandelt zu werden.“ „Aber wie iſt das möglich?“ entgegnete Paold mit wohlerkünſteltem Staunen.„Wie kann ein verruchter Maure es wagen, eine Chriſtin, die Tochter eines angeſehenen, recht⸗ ſchaffenen Mannes, mitten aus einer Stadt, wie dieſe, zu rauben?“ „Ach, wäre es, wie Ihr glaubt, mein Schmerz würde weniger herzzerreiſſend ſeyn.— 160 Nein, edler Mann, noch weit— weit ſchreck⸗ licher iſt es, was mir das Herz bricht.— Eurer aufrichtigen Theilnahme kann ich nichts verhehlen, und ſo vernehmt denn, daß Fiumet⸗ tens eigener Vater, Zuera es iſt, der ſie mir entriſſen hat, um ſie gegen ſchnödes Gold an die Ungläubigen zu verhandeln.“ „O, das Ungeheuer!“ rief Paolo, ob⸗ gleich ihm nichts Neues war, was er hier ver⸗ nahm, mit wahrem Abſcheu aus.„Und Ihr, arme Frau,“ fuhr er, ihre Hand ergreifend, mit ſchmeichelnden Tönen fort,„Ihr duldet das, und ſtrengt nicht alles an, Euch an einem Manne zu rächen, an deſſen Seite Ihr, nach dieſem einen Zuge zu urtheilen, wohl nicht ſehr glücklich leben könnt?“ „Ich— glücklich?!“ erwiederte Tereſa, und ein ſchwerer Seufzer entrang ſich ihrer gepreßten Bruſt.„Ach, ich bin das unglück⸗ lichſte Weib auf Erden; und nichts ſollte mich von der abhalten, wenn nicht— — 170— „Und weshalb zögert Ihr, es auszuſpre⸗ chen, was Euch bedrückt?“ fragte Paolo, als Tereſa plötzlich inne hielt.—„Mir ahnet es, daß Ihr manche furchtbare Entdeckung machen könntet, wenn Euch nicht ein unbekanntes Et⸗ was wider Euren eigenen Willen davon ab⸗ hielte.— Sollte vielleicht ein Eid Eure Zunge binden?“ „Ihr habt es errathen!“ ſagte Tereſa, und erſchrak zugleich über ihre eigenen Worte, als habe ſie ſchon dadurch einen Meineid be⸗ gangen. „Iſt es weiter nichts?“ erwiederte Paolo, erfreut durch die Ausſicht, das Geheimniß, wel⸗ ches ihm hier ahnete, zu enthüllen.„Da giebt es Löſungsmittel.“ „Keines für einen ſo gräßlichen Eid, als der, den ich geſchworen habe.“ „Wollt Ihr Euch der Ketzerei ſchuldig machen,“ fragte Paolo, plötzlich ernſt werdend, „und an der Unfehlbarkeit des heiligen Beiert zu zweifeln?“ ——— „Nie wird ein ſolcher Frevel mir in den Sinn kommen;“ erwiederte Tereſa, ſich an⸗ dachtsvoll bekreuzend. „Run,“ fuhr Paolo fort,„und wenn alſo der heilige Vater ſelbſt Euch Eures Schwu⸗ res entbindet?“ „Ja, dann,“ erwiederte Tereſa, und es ſchien, als wenn ſich bei dieſem bloßen Gedan⸗ ken eine Zentnerlaſt von ihrer Bruſt wälze;— „ja, dann würde ich mich nicht länger zum Schweigen verpflichtet halten, und von mir hinge es ab, den Schändlichen zu vernichten, der mir mit meinem Kinde meine einzige Freude, meinen einzigen Troſt entriſſen hat.— Aber wie ſollte der heilige Vater zu bewegen ſeyn, ja, wie wäre es nur möglich, ihn mit dem Wunſche bekannt zu machen?“ „Das wird ſich leicht thun laſſen,“ ſagte Paolo,„ſobald Ihr nur bereit ſeyd, ernſthaft als Anklägerin gegen Euren Mann aufzu⸗ treten.“ „Zweifelt daran nicht;“ entgegnete Te⸗ reſa.„Schon längſt hat ſeine Behandlung das letzte Fünkchen von Liebe zu ihm in mei⸗ ner Bruſt ertödtet.“ „Nun, ſo vernehmt, was ich Euch mit⸗ zutheilen habe, und haltet Euch, wenn die Dispenſation eingetroffen iſt, zu jeder Ent⸗ deckung, die in Eurer Macht ſteht, bereit.— Mein Herr, der Graf Fernando de Caſtellar, liebt Eure älteſte Tochter Pepitita, und iſt ſeſt entſchloſſen, ſie zu ſeiner rechtmäßigen Gat⸗ tinn zu erheben, ſobald es ihm gelungen ſeyn wird, ſie den Händen Zueras zu entreißen, wozu bereits alle Anſtalten getroffen ſind.“ „Wie, Ihr wußtet alſo—?7“ fragte Tereſa, welche ihres Staunens kaum Meiſter werden konnte.* „Ich wußte bereits alles, ehe ich zu Euch kam, und wohl weit mehr noch als Ihr ſelbſt, 3 entgegnete Paolo;„doch mußte ich erſt Eure Geſinnungen prüfen, ehe ich mich Euch ver⸗ trauen konnte.— Nun ich ſehe, daß Ihr uns günſtig geſtimmt ſeyd, ſollt Ihr von Allem, was wir zur Befreiung Eurer Töchter unter⸗ nehmen, Kunde erhalten.— Jetzt lebt wohl, und ſeyd Eures Verſprechens eingedenk.“ Er eilte hierauf zu ſeinem neuen Gebie⸗ ter zurück, ihm die willkommene Kunde zu brin⸗ gen, und reichlich belohnte Fernando ihn für die Nachricht, welche die Vermuthung, daß Pepitita nicht Tereſas Tochter ſey, faſt zur unumſtößlichen Gewißheit erhob, denn beinahe nur um Fiumettas Verluſt war Tereſa beküm⸗ mert geweſen, und Pepititas würde keiner Er⸗ wähnung geſchehen ſeyn, hätte nicht Paolo zu⸗ erſt ihren Namen genannt. Am zweiten Tage, wenige Stunden vor⸗ her, als Fernando mit der kleinen Flotille, die er in der Eile aufgebracht hatte, nach Tarifa unter Segel gehen wollte, öffnete ſich die Thür ſeines Gemaches, und ſein Diener Bernardo trat herein. Fernando glaubte einen Geiſt zu ſehen, denn Bernardo war mit unter denen geweſen, welche Guijar auf ſeiner Brigantine mit ſich nach Tarifa geführt hatte, und er konnte nicht begreifen, wie der Gefangene in Freiheit, und in ſo kurzer Zeit nach Gibraltar zurückgelangt ſeyn könne. Bald jedoch ward ihm durch Bernardos Erzählung alles klar.— Ein ungünſtiger Wind, der nach einem plötzli⸗ chen Wechſel ſehr heftig, und grade vom Lande her blies, hatte Guijar gehindert, in den Ha⸗ fen von Tarifa, oder vielmehr in eine der Felsbuchten, die ihm und ſeines Gleichen ſtatt des Hafens dienten, einzulaufen, und bei dem Anbruche des Morgens hatte er ſich von meh⸗ reren bewaffneten Fahrzeugen umringt geſe⸗ hen. Es wapen die Schiffe, bei denen ſich, wie wir fruͤher ſchon erwähnten, auch Fernan⸗ dos zweite Galeere befand, und die von ihrer Expedition gegen ein Geſchwader der Ungläu⸗ bigen glücklich und ſiegreich von den Küſten des Reiches Fetz zurückkehrten.— Guijar wies die Aufforderung, ſich zu ergeben, mit ohn⸗ — 175— mächtigem Trotze zurück, und traf alle Anſtal⸗ ten zur wüthendſten Vertheidigung gegen die ſechsfach überlegene Macht der Chriſten. Aber vergebens war der Heldenmuth ſeiner Genoſſen, vergebens ſein und Zueras Beiſpiel. Sie wur⸗ den überwältigt, und befinden ſich ſchon jetzt⸗ um die gerechte Strafe für ihre Verbrechen zu empfangen, auf dem Wege nach Sevilla.“ „Und Pepitita?“ fragte Fernando voll ängſtlicher Beſorgniß, als Vernardo dies ales erzählt hatte. „Die iſt, mit Ketten belaſtet, in der Be⸗ gleitung Zueras. Der Schändliche ſagte, wenn er ſchuldig ſey, ſo wären es die beiden Mäd⸗ chen, als Theilnehmerinnen aller ſeiner Hand⸗ lungen, nicht minder.— Wir beſtritten dies heftig, als wir es erfuhren, aber es half nichts, denn wir mußten eingeſtehen, daß wir keine der beiden Mädchen geſehen, ehe Ihr ſie aus der brennenden Brigantine auf unſer Schiff brachtet, und ſo ward unſer Zeugniß fuͤr ihre Unſchuld verworfen.— Graf Alme⸗ — 176— dina ließ ſie unter hinlänglicher Bedeckung nach Sevilla transportiren; ja, durch die Aus⸗ ſage des eigenen Vaters beſtochen, ließ er die armen Mädchen ganz gleich den andern, über⸗ wieſenen Verbrechern behandeln.“ „Fort denn, nach Sevilla!“ rief Fer⸗ nando, begeiſtert durch den Gedanken, daß die Geliebte jetzt ſeinen Wünſchen wieder er⸗ reichbar ſey, und durch die Ueberzeugung, daß es ihn nur geringe Mühe koſten würde, Pe⸗ pititas Richter von der Unſchuld des Mädchens zu überzeugen, und ſo ihre Freiheit zu erlan⸗ gen.— Dann, ſo beſchloß er es, wollte er mit ihr auf eines der reizendſten ſeiner zahlreichen Güter reiſen, ſich durch des Prie⸗ ſters Segen mit ihr verbinden laſſen, und fortan nur ihrer Liebe und ſeinem Glücke leben. Mit der größten Eile wurden alle Anſtal⸗ ten zu der Reiſe nach Sevilla betrieben, auf der auch Tereſa, und deren Mutter, die alte Barbara, ihn begleiten ſollten. Auch dieſe — 177— Letztere hatte ſich nach der erſten Aufforderung bereit erklärr, gegen ihren Schwiegerſohn als Zeugin aufzutreten, ſobald der Eid, den ſie gleich ihrer Tochter geſchworen hatte, gelöst ſeyn würde. Noch wußte Fernando zwar durch⸗ aus nicht, worin die Anklage der Frauen ge⸗ gen Zuera beſtehen würde, allein er war der feſten Ueberzeugung, es werde dadurch an den Tag kommen, daß Pepitita nicht die Tochter des Piraten ſey, und ſo ſehr er auch die lieb⸗ liche Jungfrau ihres eigenen Selbſt wegen liebte, ſo wenig durfte er ſich's verhehlen, daß er ſie noch inniger, wenigſtens noch dauernder und— ½ mit ungeſtörterer Herzlichkeit lieben würde, ſollte es ſich zeigen, daß ſie mit ihm von glei⸗ chem Stande ſey.. Unabläſſig mit dieſem Gedanken, ſo wie mit der Ausmalung ſeines zukünftigen Glückes beſchäftigt, brach er am dritten Tage nach Bernardos Ankunft in Gibraltar, von einem zahlreichen und glänzenden Gefolge umgeben, nach Sevilla auf, und langte daſelbſt ohne v. Alvensleben Lomter. M 1 alle Fährde, und in möglichſt kurzer Zeit an, denn ſeine Ungeduld, ſeine Sehnſucht nach dem Beſitze der Geliebten, ließen ihn unterwegs kaum ſo lange raſten, als zur Erquickung der Menſchen wie der Thiere unumgänglich nöthig war. Sein ſehnlichſter Wunſch war erreicht, als er in Sevillas Thore einritt, und dennoch war es ihm, als wenn mit dem erſten Schritte in die Stadt ſich eine ſchwere Laſt auf ſeine Bruſt herniedergeſenkt habe. Viel, um nicht zu ſagen Alles, hatte ſich in Sevilla geändert, ſeit wir den Leſer durch die erſten Blätter dieſer Erzählung dort ein⸗, führten. Peter der Grauſame, der beſtändig gegen Empörungen zu kämpfen hatte, an deren Spitze faſt immer ſein Baſtardbruder Heinrich von Transtamare ſtand, hatte endlich die Schlacht bei Montiel gegen ſeine aufrühreri⸗ „ ſchen Unterthanen verloren, und war auf der Flucht durch die Hand Heinrichs gefallen. Ein Jahr früher war Maria Padilla ihm in die beſſeren Regionen vorausgegangen, und wird dort die Ruhe und Zufriedenheit gefunden ha⸗ ben, die ein neidiſches und ungerechtes Schick⸗ ſal ihr in dieſem Leben verweigerte. Heinrich von Transtamare riß nach dem Tode ſeines Bruders den Thron an ſich, und bedrückte Caſtilien mehr noch, als ſein Vor⸗ gänger gethan. Doch auch ihm war das Scep⸗ ter durch die kalte, unerbittliche Hand des To⸗ des wieder entriſſen worden, und zum erſten Male ſeit langer Zeit erfreuten ſich die Be⸗ wohner des Reiches Caſtilien jetzt einer milden, gerechten Regierung. Fernandos Vater war in einige Zwiſtig⸗ keiten mit dem Hofe gerathen geweſen, und geſtorben, noch ehe dieſe ganz ausgeglichen werden konnten. Aus dieſem Grunde war auch Fernando ſelbſt nie am Hofe geweſen, und ſeine erſte Sorge mußte es daher jetzt M 2 — 180— ſeyn, ſich die Gunſt des Herrſchers zu ſichern, denn nur in ihrem Beſitze durfte er hoffen, zu einer ſchnellen Erfüllung ſeiner Wünſche zu gelangen. Deshalb eilte er zu der Aebtiſſin des Kloſters der heiligen Clara, der ehrwür⸗ digen Frau Maria Coronel, ſeiner Verwand⸗ ten, die wegen ihrer Tugend und Frömmigkeit überall in gleich hohem Anſehen ſtand. Gelang es ihm, ſich ihres Schutzes zu verſichern, fo hatte er alles gewonnen. „Aber mein lieber Sohn,“ begann die Aebtiſſin, nachdem Fernando ihr auf ihr aus⸗ drückliches Verlangen alles ohne Rückhalt er⸗ zählt hatte, was er von Pepitita wußte und glaubte, als er ihr alle ſeine Pläne und Ent⸗ ſchlüſſe offenbart hatte,„aber lieber Sohn, wenn nun das Mädchen, dem ich übrigens den ſittlichen Werth, welchen Du ihm beilegſt, durch⸗ aus nicht abſprechen will, dennoch die Tochter dieſes verruchten Seeräubers, oder eines an⸗ deren Mannes von gleich niederm Stande, gleich verabſcheuungswerthem Gewerbe iſt, wirſt — 181— Du auch dann noch glauben, daß Du an ihrer Seite ein dauerndes Glück zu finden, ihr ſelbſt ein ſolches zu begründen vermagſt?— Ueber⸗ lege das wohl, mein Sohn, ehe Du Schritte thuſt, die ſich nicht wieder zurückthun laſſen;— ehe Du mich verleiteſt, Dir meine Hülfe, mei⸗ nen Beiſtand zu gewähren.“ „Ich habe es überlegt, ehrwuͤrdige Frau,“ erwiederte Fernando feſt, doch ohne Trotz.„Es iſt meine innige Ueberzeugung, daß ich auch dann durch Pepititas Beſitz glücklich ſchn werde; und der Himmel wird mein Flehen erhören, und mir die Kraft gewähren, das engliſche Mädchen gleichfalls glücklich zu machen.— Zu⸗ dem iſt Pepitita nie in ihres Vaters Hauſe ge⸗ weſen, ſondern in dem Kloſter der Karmelite⸗ rinnen erzogen worden. Ihr wißt, daß nur die Töchter der erſten Familien des Landes bei den Karmeliterinnen aufgenommen wer⸗ den, und dürft Euch daher der Ueberzeugung hingeben, daß ihr Anſtand und adelige Sitte nicht fremd ſind.“ „Nun wohl, mein Sohn,“ erwiederte die Aebtiſſin, indem ſie Fernando huldreich die Hand reichte, die dieſer ehrfurchtsvoll an ſeine Lippen zog,„da ich ſehe, daß Dein ganzes Herz mit aufrichtiger Liebe an dieſem Mäd⸗ chen hängt, verſpreche ich Dir, mich Deinée anzunehmen. Zwar wünſchte ich, Du liebteſt mit etwas weniger ſchwärmeriſchem Feuer, aber das darf man der Jugend nicht zu hoch an⸗ rechnen, und ich will deshalb auch nicht mit Dir rechten.— Heute noch ſehe ich die arme Gefangene in ihrem Gefängniſſe, und finde ich ſie ſo, wie Du ſie mir beſchreibſt, ſo wird man es mir hoffentlich nicht verweigern, wenn ich ſie zu mir in das Kloſter, in meine beſon⸗ dere Obhut, meinen perſönlichen Schutz zu nehmen wünſche.“ „Edle, großmüthige Frau!“ rief Fer⸗ nando im Uebermaße ſeines Glückes, und warf ſich zu den Füßen der ehrwürdigen Do⸗ mina nieder;„wie ſoll ich Euch genügend dan⸗ ——————— nen ſeyd?“ „Mein Sohn, ich verlange keinen Dank, erwiederte Maria Sn. e ingt es mir, Dein und Deiner Geliebten irdiſches Glück zu begründen, wie eine leiſe Ahnung mich hoffen läßt, ſo finde ich den beſten Lohn für die ge⸗ leiſteten Dienſte in der eigenen Bruſt, in dem eigenen, zufriedenen Bewußtſeyn.— Jetzt aber verlaß mich, mein Sohn, denn geiſtliche Pflich⸗ ten rufen mich. Geh' zu dem ehrwürdigen Bi⸗ ſchof Geronimo; theile Dich ihm offen mit, und erſuche ihn in meinem Namen, ſogleich nach Rom zu ſchreiben, und den heiligen Vater für die beiden Frauen um Dispens ihres Ei⸗ des zu bitten; denn das ſehe ich ſchon jetzt, ohne dieſes gelangen wir nicht zum Ziele.— Morgen zm dieſe Zeit erwarte ich Dich wie⸗ der im Sprachzimmer.— Der Segen des Him⸗ mels ſey mit Dir.“ Das wichtigſte Geſchäft Fernandos war jetzt beendet, und er ging daher zu Tereſa 4 ken für das, was Ihr an mir zu thun geſon⸗ 16— und Barbara, ſie zu fragen, ob ſie ſchon erfah⸗ ren hätten, wie Zuera ſich in den mit ihm an⸗ geſtellten Verhören benommen. Er war, wie ſie ihm ſagten, hartnäckig bei ſeiner erſten Ausſage geblieben, nach wel⸗ cher er zwar kein Hehl daraus machte, daß er ſeit Jahren ſchon die Seeräuberei getrieben, aber bei der Beſchuldigung der Mitwiſſenſchaft gegen ſeine beiden Töchter beharrte, die er als ſeine Helfershelferinnen darzuſtellen ver⸗ ſuchte. Zwar war ihm dieß nicht ganz gelun⸗ gen, doch hatte er dadurch wenigſtens ſeine Abſicht ſo weit erreicht, daß man Verdacht ge⸗ gen Pepitita und Fiumetta geſchöpft, und ſie in den ſtrengſten Verwahrſam gebracht hatte. Daß ſeine Frau und Schwiegermutter in Se⸗ villa angelangt ſeyen, um gegen ihn zu zeugen, wußte er noch nicht.— Weshalb er aber das Verbrechen der Seeräuberei ſogleich, und frei⸗ willig eingeſtanden, vermochten weder Tereſa noch Barbara zu faſſen. Beide meinten, es ließe ſich dafür kein anderer Grund auffinden, 35 als daß Zuera des Lebens überdrüſſig ſey, und eine ſchauderhafte Freude darin finde, die Seinen, beſonders Pepitita, mit in ſein Ver⸗ derben zu reiſſen. Als Fernando am folgenden Morgen zur feſtgeſetzten Zeit in dem Kloſter der heiligen Clara erſchien, hieß ihn die Aebtiſſin mit freundlicher Miene willkommen. „Gute Botſchaft, mein Sohn,“ ſagte ſie, ihm die Hand zum Kuſſe reichend. „Habt Ihr ſie geſehen, ehrwürdige Frau?“ fragte Fernando haſtig. „Geſehen und liebgewonnen,“ erwiederte die Domina.„Bei dem erſten Blicke in dies klare, unſchuldsvolle Auge überzeugte ich mich, daß Du mir nicht zu viel von ihr geſagt haſt. In ihrer Bruſt hat auch nicht der Gedanke an ein Unrecht, geſchweige denn an ein Verbrechen Raum. Dafür wollte ich mich gegen Gott — 1860— ſelbſt verbürgen, wie ich es gegen den Ober⸗ richter von Caſtilien that.“ „Das thatet Ihr?““ rief Fernando bei die ſer Nachricht aus.„O edle Mutter der Bedrängten, der Himmel lohne es Euch!— Aber wo iſt meine Pepitita?— Wie geht es ihr?“ „Sie iſt wohl, und hier bei mir im Hauſe Gottes.“ „Und darf ich—“ „Nein, mein Sohn,“ unterbrach ihn die Aebtiſſin,„Du darfſt ſie nicht ſehen, ehe das Schickſal über Dich und ſie entſchieden hat. Dann aber ſollſt Du ſie ſehen,— entweder, um ſie für immer zu beſitzen, oder— um den letzten Abſchied für dieſes Leben von ihr zu nehmen.— Pepitita will, wenn ſie die Deine nicht werden kann, den Schleier nehmen, und ich billige dieſen Vorſatz von Grund meines Herzens.“ „Aber ein Mal könntet Ihr mich ſie doch ſehen laſſen!“ bat Fernandv. — — 137— „Nein, auch nicht ein einziges Mal,“ entgegnete die Aebtiſſin.„Sprich, mein Sohn, wollteſt Du, daß man von der Vorſteherin des St. Clarenkloſters ſagen, und mit Recht ſagen ſollte, ſie begünſtige innerhalb der heili⸗ gen Mauern Liebesverſtändniſſe?“ „Ihr habt Recht, ehrwürdige Frau,“ ſagte Fernando, und ſenkte beſchämt die Augen zu Boden.„Ich füge mich ohne Murren in Euren Willen, und will in Demuth und Ge⸗ duld erwarten, was der Himmel über mich be⸗ ſchloſſen hat.“ Beharrſt Du bei dieſem Entſchluſſe, mein Sohn,“ ſagte die Aebtiſſin,„ſo kann ich Dich nur loben, und ſey verſichert— der Herr ver⸗ läßt Die nimmer, die auf ihn bauen.— Warſt Du bei dem Biſchofe?“ „Ich war dort,“ entgegnete Fernando; „der ehrwürdige Herr nahm mich gütig und freundlich auf, und verſprach, ſogleich einen eigenen Boten an den heiligen Vater abzuſen⸗ den. In kurzer Zeit, ſo hofft er, wird die 3* erbetene Dispenſation eintreffen, und dann entſcheidet ſich, wie eine unbeſtreitbare Ahnung mir ſagt, alles ſchnell und günſtig.“ „Baue mit Zuverſicht auf die Gnade des Allerhöchſten,“ erwiederte die Aebtiſſin,„aber ſey auch auf das Mißgeſchick gefaßt, damit es Dich, wenn es kommt, nicht hülflos zu Boden ſchmettere.“ Fernando verſprach, ſich ſeinen Hoffnun⸗ gen nicht mit zu großer Zuverſicht hinzugeben; dann ſchied er von ſeiner gütigen Verwandten⸗ welche ihm mit mildem Ernſte gebot, nicht eher wieder in das Kloſter zurück zu kehren, als bis ſein Schickſal entſchieden, oder doch minde⸗ ſtens der Entſcheidung nahe ſeyn würde. Sie wollte ihm und Pepititen den Schmerz erſpa⸗ ren, ſich gegenſeitig in ſolcher Nähe zu wiſſen, und gleichwohl ſich nicht ſprechen zu dürfen. Vielleicht traute ſie auch ſich ſelbſt nicht Fe⸗ ſtigkeit, genug zu, auf die Dauer Fernandos Bitten, ihn zu der Geliebten zu führen, zu widerſtehen. —.— Die Geduld der Liebenden ſollte auf keine harte Probe geſtellt werden, denn der gün⸗ ſtigſte Wind und die glücklichſte Fahrt hatten das Schiff, auf dem ſich des Biſchofs Bote an den heiligen Vater befand, ſowohl die Hin⸗ als Rückreiſe in ſo unglaublich kurzer Zeit zurücklegen laſſen, daß ſich Niemand einer ähn⸗ lich ſchnellen Fahrt zu entſinnen wußte. Die Zwiſchenzeit hatte Fernando zu einer Unternehmung angewendet, die ſein Herz und ſeine Dankbarkeit ihm gleich dringend geboten⸗ Er war nämlich nach dem Fiſcherdorfe an der Küſte von Tarifa gezogen, um ſeine Diener⸗ beſonders aber ſeinen treuen Pedro, die ſich wahrſcheinlich noch in der Gewalt der Fiſcher befanden, zu erretten. Und er fand es, wie er es vermuthet hatte. Noch war den Fiſchern, und den wenigen Leuten Guijars und Zueras⸗ die, um ihre Wunden zu pflegen, mit Fernan⸗ dos Galeere hergekommen waren, keine Kunde von dem Unglücke geworden, das die kühnen Seeräuber getroffen hatte. Sie wunderten ——— 5 6 6 — 190— ſich zwar über das lange Außenbleiben jeder Nachricht von ihren Gebietern⸗ lebten aber deſ⸗ ſen ungeachtet luſtig und guter Dinge, und ſprachen den reichen Weinvorräthen, die in den Felſenkellern der Fiſcherhutten lagen, wacker zu. Auch den Gefangenen war mancher Tro⸗ pfen zugefloſſen, denn der Wunſch, ſie auf dem Sklavenmarkte von Fetz vortheilhaft zu verkau⸗ fen, machte, daß die Piraten ihre Pflege nicht vernachläſſigten. Von Paolo geführt, gelangte Fernando mit einer zahlreichen Begleitung Bewaffneter, die auf mehrere kleine Kähne vertheilt wurden, unentdeckt an das Ufer, und in die Nähe der Fiſcherhütten, und ohne Blutvergießen wurden die Piraten, welche ſich einen ſolchen Ueberfall nicht träumen ließen, gefangen genommen. Vergebens wäre es, die Freude Pedros und ſeiner Unglücksgefährten ſchildern zu wol⸗ len. Mit Schmerz hatten Alle, mit gänzlicher Muthloſigkeit und Verzweiflung Einige, ſich ſchon in der Gewalt, in der drückendſten Skla⸗ —————— verei der Ungläubigen, für immer den gelieb⸗ ten Ihrigen, dem theuren Vaterlande entriſ⸗ ſen, geſehen, und nun waren ſie gerettet, der Freude, dem Glücke wiedergegeben!— Die gefangenen Piraten wurden, mit Ket⸗ ten belaſtet, abgeführt, ſämmtlichen Bewohnern des Fiſcherdorfes aber ſchenkte Fernando die Freiheit, jedoch nur unter der einzigen Be⸗ dingung, ihren frevelhaften Verkehr mit dem Abſchaume der Menſchbeit, mit den Genoſſen eines Guijar und Zuera für die Zukunft zu meiden. Erſt als ſie Alle dies eidlich gelobt hatten, ſegelte Fernando wieder ab. In Sevilla angelangt, fühlte er ſich durch die innige Freude Fiumettas, die mittlerweile vorläufig in Freiheit geſetzt worden war, reich⸗ lich für die geringen Mühſeligkeiten dieſes Kreuz⸗ zuges belohnt. Er nahm den aufrichtigſten⸗ herzlichſten Theil an Pedros und Fiumettens Liebe. War ja doch auch ſie es, der er es verdankte, Pepitita gefunden zu haben, Pepi⸗ — 192— tita, ohne deren Beſitz ihm kein Glück auf Er⸗ „ den mehr denkbar ſchien. Wenige Tage ſpäter langte auch, wie be⸗ reits erwähnt, der von Rom rückkehrende Bote des Biſchofs in Sevilla an. Man hatte es Zuera bisher vorſätzlich verſchwiegen, daß Te⸗ reſa und Barbara gegen ihn als Zeuginnen auftreten wollten. Er hatte keine Ahnung da⸗ von, und ſtarrte ſie daher gleich Geiſtern an, die aus dem Grabe heraufgeſtiegen ſind, als er nun zum Verhöre in den Sitzungsſaal des peinlichen Gerichts geführt wurde, und ſeine Frau und Schwiegermutter daſelbſt erblickte. Ihre unerwartete Gegenwart durchzuckte ihn mit finſterem Argwohne, und mit zornfun⸗ kelnden Blicken rief er ihnen zu:„Was wollt Ihr hier, Weiber?“ „Dich noch mehrerer Verbrechen beſchul⸗ digen, als Du bereits freiwillig eingeſtan⸗ den haſt, Du Ungeheuer;“ erwiederte ihm Tereſa. — 193— „Erbärmliche Prahlerin!“ ſagte Zuera verächtlich.„Was Du und Deine Mutter ſagen können, fürchte ich nicht.“ „Auch nicht, wenn Du erfährſt, daß Pe⸗ pitita bei der ehrwürdigen Aebtiſſin des St. Claren⸗Kloſters, Maria Coronel, iſt, und deren beſondern Schutzes genießt?“ fragte Barbara. Die Nachricht ſchien auf Zuera zu wirken, denn ſichtlich zuckte er zuſammen, als Barbara geſprochen hatte. Bald aber faßte er ſich wie⸗ der, und ſagte mit erzwungen gleichgültigem Tone:„Auch dann nicht!“ „Auch dann nicht,“ nahm nun Tereſa das Wort,„wenn ich Dir ſage, daß der heilige Vater zu Rom meinen und meiner Mutter Schwur gelöst hat, und daß wir jetzt im Be⸗ griff ſtehen, Alles zu ſagen?“ Das war mehr, als Zuera erwartet hatte, als er ertragen konnte. Wild funkelten ſeine Augen; knirſchend biß er die Zähne zuſammen. „Ha, Du verruchte Verrätherinn!“ ſchrie er v. Alvensleben Tochter. N — 194— plötzlich auf, ſo ſtirb denn durch meine Hände, noch ehe Du den Verrath vollenden kannſt.“ Bei dieſen Worten packte er ſeine ſchweren Ketten mit beiden Fäuſten, ſprang auf Tereſa zu, und verſuchte, ihr die Eiſen über den Hals zu werfen. Er würde ſie erdroſſelt haben⸗ wäre man nicht der Ausführung ſeines Vor⸗ ſatzes zuvorgekommen. Aber noch ehe er das Opfer ſeiner Wuth und Rachſucht erreicht hatte, wurde er von den kräftigen Fäuſten der Kerkerknechte ergriffen, und zurückgeriſſen. Te⸗ reſa war gerettet, und Zuera mußte unter ohnmächtiger Raſerei alles mit anhören, was die beiden Frauen nun gegen ihn vorbrachten. Oft von den Fragen der Richter, öfter noch von den lauten Flüchen und gräßlichen Verwünſchungen Zueras unterbrochen, ſagten nun Barbara und Tereſa, einander ablöſend, alles, was der Eid, den ſie Zuera geſchworen, ihnen bisher zu offenbaren unmöglich gemacht hatte, obgleich ſchon ſeit Jahren ihr ſehnlich⸗ ſter Wunſch geweſen war, die Laſt, die ihr — 7 Gewiſſen bedrückte, durch ein offenes Bekennt⸗ niß von ſich wälzen zu können. Wir wollen hier nicht der oft weitſchwei⸗ figen Erzählung folgen, ſondern nur kurz an⸗ führen, was ſich durch die Anklage Tereſas ergab.. Pepitita war, was der Leſer vielleicht, ganz gegen unſeren Willen, längſt errathen haben wird— die Tochter Peters des Grau⸗ ſamen, welche Aldonza Coronel ihm geboren, und die dann Don Alvaro Perez de Guzman bei ſeiner Flucht aus Sevilla geraubt hatte, um an ihr, oder durch ſie, die Rache zu üben, die er gegen ihre beiden Eltern im Buſen trug. Zuera, Tereſa und Barbara aber waren die alten Bekannten des Leſers, Don Guzman, Annette, und deren Mutter, die Alte aus der Straße del Candilejo. An der Ausführung ſeiner Rachepläne gegen Peter und Aldonza war Alvaro durch den Tod des Königs, ſo wie dadurch gehin⸗ dert worden, daß Aldonza ſich mit der An⸗ N 2 nahme des Schleiers jeder Verfolgung entzog. Sein ganzer Haß ergoß ſich nun gegen das unſchuldige Weſen, dem die verbrecheriſche Liebe von Don Guzmans Gattinn das Leben gege⸗ ben hatte. Pepitita würde früh durch die Mißhandlungen ihres vermeintlichen Vaters zu Grunde gegangen ſeyn, wäre dieſem nicht bald ſogar der Anblick des unſchuldigen Kindes zu⸗ wider geweſen. Er that ſie in das Kloſter der Karmeliterinnen, und hier erblühte das holde Mädchen unbeachtet, aber auch ungekränkt und unverfolgt, zur herrlichſten Blume. Es war aber nicht Alvaros Abſicht, ſeine Pläne der Rache gegen die Gehaßte ganz aufzugeben; er war nur noch nicht einig mit ſich, wie er ſeine furchtbare Leidenſchaft am glänzendſten befriedigen könne, und aus dieſem Grunde lebte Pepitita bei den Karmeliterinnen zwar ſtets von mannigfachen Gefahren bedroht, aber dieſe nicht ahnend, und daher glücklich. Durch den Verkauf des Ringes hatte Don Guzman eine Summe erhalten, die weit unter dem wahren Werthe der Edelſteine war. Ueberall hatte man die Vermuthung gehegt⸗ daß Annettens Mutter zu einem ſo prächtigen Ringe nicht auf redliche Weiſe gelangt ſey⸗ und kein Käufer hatte daher eine bedeutende Summe an einen ſo mißlichen Kauf wenden wollen, da der Ring leicht durch den recht⸗ mäßigen Eigenthümer zurückgefordert werden konnte.— Dadurch ward denn Don Guzman⸗ der gleich nach ſeiner Flucht den Namen Zuera angenommen, und Annette in Tereſa umge⸗ tauft hatte, gezwungen, auf baldigen Erwerb des nöthigſten Lebensunterhaltes für ſich und die Seinigen zu ſorgen. Noch war er zu kei⸗ nem feſten Plane gelangt, und ſchon drohte die Noth ihn zu verzweifelten Schritten zu treiben, da machte der Zufall, als er eines Tages längs der Küſte des Meeres auf öden, unbetretenen Pfaden hinzog, ihn zum Zeugen eines Gefechtes zwiſchen einem Piraten⸗und einem andern Schiffe. Der Pirat hatte ein ungleich kleineres Fahrzeug, eine viel geringere — 1938— Mannſchaft, und dennoch beſiegte er den weit überlegenen Feind. Diefer ſcheinbare Helden⸗ muth der außer dem Geſetze lebenden See⸗ räuber erregte ſeine Bewunderung, und be⸗ ſtimmte ſeinen Entſchluß. Er ward einer die⸗ ſer kühnen Waghälſe, deren wilde Lebensweiſe, mit ſtetem Kampfe, mit immerwährenden Ge⸗ fahren gepaart, ihm bald zuſagte. Er zeich⸗ nete ſich überall aus, unternahm manches ge⸗ fährliche Abenteuer auf eigene Rechnung, machte dabei reiche Beute, ſammelte ſich auf dieſe Weiſe in kurzer Zeit ein beträchtliches Vermö⸗ gen, und ließ ſich, fünf Jahre nachdem er aus dem Kerker zu Sevilla entflohen war, in Gibraltar nieder, wo er den Obſthandel errich⸗ tete, und für einen rechtſchaffenen Mann galt, obgleich er das Gewerbe der Seeräuberei im Stillen, und mehr in das Große, eifrig fort⸗ ſetzte. Er hatte zuletzt vier bemannte Schiffe verſchiedener Größe in See gehabt. Aber der Fluch vieler Unglücklichen laſtete auf ſeinem Reichthume, und ſo war dieſer von keinem S * bauernden Beſtande. Zwei ſeiner Schiffe gin⸗ gen in einem Sturme zu Grunde, ein drittes fiel in die Hände der Feinde, ſeine oft unſin⸗ nige Verſchwendungsſucht hatte ihn nicht für einen ſolchen Fall einen Nothpfennig zurückle⸗ gen laſſen, und ſo faßte er denn den ruchloſen Gedanken, Pepitita zu verkaufen, und durch das für ſie gelöste Geld ſeine Vermögensum⸗ ſtände wieder zu verbeſſern. Von alle dem wollte Zuera zwar nur we⸗ nig eingeſtehen, und er blieb hartnäckig bei der Behauptung, daß er der rechte Vater Pepiti⸗ tas ſey, und wirklich Zuera heiße; allein ſein Läugnen half zu nichts, da die freiwillige Ausſage Annettens und ihrer Mutter zu vie Glaubwürdiges enthielt. Fernando war durch dieſe Nachrichten den Gipfel des Entzückens erhoben; für ihn bedurfte es weiter keiner Gewißheit, daß Pe⸗ pitita wirklich die Tochter König Peters des Grauſamen und Aldonza Coronels ſey, und er eilte mit geflügelten Schritten nach dem Klo⸗ . ————— —————————————————————————————————————— 6 . . . — 200— ſter der heiligen Clara, ſeiner gütigen und liebevollen Muhme die freudige Botſchaft zu verkünden. Maria Coronel war tief erſchüttert, als ſie hörte, daß Pepitita die Frucht der verbreche⸗ riſchen Liebe ihrer unglücklichen Schweſter ſey, und ehe ſie Fernando antwortete, ſank ſie nie⸗ der auf die Kniee, Gott in einem brünſtigen Gebete anzuflehen, daß er ihr den Frevel ver⸗ zeihe, den ſie dadurch begangen, daß ſie einen nun längſt Verſtorbenen in einem gräßlichen, unbegründeten Verdachte gehabt habe. Als nämlich Aldonza Coronel dem Könige Caſtiliens eine Tochter geboren hatte, erkannte er ſie in der erſten Freude für ſein rechtmäßiges Kind an, ertheilte ihr den Titel einer Marquiſin von Galaroſa, und ſchenkte ihr das mit dieſem Ti⸗ tel verbundene Marquiſat gleiches Namens. Als aber nach kurzer Zeit das Kind, durch Al⸗ varo geraubt, auf eine unerklärliche Weiſe ver⸗ ſchwand, als Aldonza bald darauf gänzlich in Ungnade fiel, und ſich, wie bereits erwähnt, zu ihrer Schweſter in das Kloſter zurückzog, da glaubte man allgemein, Peter ſelbſt habe das Kind auf die Seite ſchaffen laſſen, um nicht durch die Kleine des reichen Marquiſates ver⸗ luſtig zu werden. Man war von dem Könige ſchon längſt Grauſamkeiten jeder Art gewohnt, und man darf daher die würdige Aebtiſſin des St. Clarenkloſters nicht tadeln, daß auch ſie in ihrem Herzen dem Argwohne gegen den König Raum gab. Als ſie aber jetzt erfuhr, daß ſie Peter dem Grauſamen dadurch Unrecht gethan, da war das Erſte, wozu ihr Gefühl ſie drängte, dem Todten abzubitten, was ſie an dem Leben⸗ den verbrochen. Nachdem die ehrwürdige Frau ihr Gebet geendet hatte, erhob ſie ſich von den Knieen, und ſagte mit wohlthuender Freundlichkeit zu Fernando:„Jetzt, mein Sohn, habe ich keinen Grund mehr, mich Deiner Zuſammenkunft mit Pepitita zu widerſetzen; hat auch der Böſewicht Zuera, oder Guzman, noch nicht eingeſtanden, daß ſie wirklich die iſt, fuͤr welche die beiden — 202— Frauen ſie ausgeben, ſo zweifle ich doch nicht daran, daß ſie wirklich das Kind meiner armen Schweſter Aldonza iſt, die durch einen langen, gottgefälligen Lebenswandel ihre Schuld in den Augen der Menſchen wie des Himmels geſühnt hat.“ „Und lebt Pepititas Mutter noch?“ fragte Fernando. „Nein, mein Sohn,“ entgegnete die Aeb⸗ tiſſin.„Sie hat ausgelitten, und ſchon zum dritten Male ſchmücken friſche Blumen den Hü⸗ gel, unter dem ſie ſchlummert.“ „Die Arme!“ ſeufzte Fernando.„ So ſoll ſie nie am Buſen der liebenden Mutter ruhen!“ „Beſſer,“ entgegnete die Aebtiſſin,„wir verſchweigen ihr die ungluͤcklichen Verhältniſſe ihrer Eltern ganz, wenn es ſich thun laſſen will, und ſagen ihr nur ſo viel, als ſie un⸗ umgänglich wiſſen muß.— Jetzt gehe ich, ſie zu holen; bereite Dich darauf vor, ſie zu ———— 26 fehen, damit ſich Eure Freude in meiner Ge⸗ genwart nicht auf unziemlich laute Weiſe äußere.“ Sie ging, und zehn Minuten ſpäter ſchwelgten die beiden Liebenden in ungetrübter Wonne des Wiederſehens und der Erhörung ihrer Wünſche.— Nur wenig bleibt uns jetzt noch zu ſagen, und dies Wenige wollen wir nicht unnütz aus⸗ dehnen. Maria Coronel ertheilte Pepitita im Namen ihrer verſtorbenen Mutter ihren Segen zu der Verbindung mit Fernando von Caſtel⸗ lar, und wenige Wochen ſpäter ſegnete auch der Prieſter den Bund, den ihre Herzen ſchon längſt geſchloſſen hatten. Alvaro Perez de Guzman erduldete auf dem Blutgerüſte die gerechte Strafe für lang⸗ jährige und vielfache Verbrechen, und mit ihm erloſch auf ſchimpfliche Weiſe eines der älte⸗ ſten und achtbarſten Geſchlechter Caſtiliens. — Barbara und Annette⸗Tereſa lebten ſtill und eingezogen bei Fiumetten, welche nach Ablauf der Trauerzeit die Gattinn Pedros ward, dem die Freigebigkeit ſeines Gebieters eine unabhängige Lage geſichert hatte. — E Eleonore.*) Unſer Bruchſtuͤck aus der„geheimen Ge⸗ ſchichte“ betrifft Murat, Napoleon, Madame Campan, und die Herren Le Bon und Maſ⸗ ſon, Advocaten.— Daß Madame Campan, die berühmte Erzieherin, mehrere Jahre der be⸗ ſendern Gunſt Murats und Napoleons genoß, weil ſie den Titel einer achtungswerthen Frau nicht verdiente, iſt notoriſch, deſſen ungeachtet verſuchte Herr Lally Tolendal, einer der vor⸗ züglichſten Günſtlinge Ludwigs VIII, ſie gegen dieſen Vorwurf zu rechtfertigen, indem er in *) Dies Bruchſtuͤck aus dem Leben Napoleons iſt unſers Wiſſens wenig oder gar nicht be⸗ kannt, und wir glauben daher, daß die Mit⸗ theilung nicht unintereſſant befunden werden wird. 6 3 1 13 — 200— mehreren öffentlichen Blättern erklaͤrte, ſie ſeh die ſorgſamſte, tugendhafteſte Erzieherin der ihr anvertrauten Zöglinge.— Wie weit die Beſchuldigung oder die Rechtfertigung mehr begründet iſt, werden wir durch die folgende Nachricht erſehen, die wir vollkommen der Wahrheit getreu mittheilen.— Madame Campan war früher Kammerfrau bei Marie Antvinette, und ohne Zweifel iſt ihr der alte Hof eben ſo ſehr für ihre gütigen Dienſte verpflichtet geweſen, als der Napo⸗ leons.— Etwa um das Jahr 1805 bewarb ſich ein Dragoneroffizier, Namens Revel, um die Gunſt einer gewiſſen Eleonore La Plaigne, einer gebornen Pariſerin, welche damals erſt ſechszehn Jahre alt war. Er ſah ſie zuerſt im Theater, und ward durch Vermittelung eines Freundes in ihrem elterlichen Hauſe eingeführt. Bald darauf erhielt er von ihren Eltern die Er⸗ laubniß, bei ihr um ihre Hand zu werben, ſie nahm ſeine Anträge günſtig auf, und ward in St. Germain mit ihm getraut. Als Revel ſeine zukunftige Cattinn zuerſt ſah, war ſie noch in der Penſions⸗Anſtalt der Mad. Campan, und nur wegen eingetretener Ferien in dem elterlichen Hauſe, jedoch noch vor ihrer Vermählung kehrte ſie wieder in die Penſion zurück.— Wegen einer Zuwiſtigkeit zwiſchen Mad. La Plaigne und einem ſehr ver⸗ worfenen Weibe fand die Vermählung in St. Germain ſtatt, nicht weit von der Wohnung der Mad. Campan, und mit dem Wiſſen dieſer Letztern. Etwa zwei Monate darauf ward der un⸗ glückliche Revel in den Kerker geworfen; man beſchuldigte ihn fälſchlich, er halbe falſche Wech⸗ ſel gemacht.— Nachdem er längere Zeit eine harte Behandlung erduldet hatte, erpreßte man von ihm ſeine Einwilligung in eine Scheidung von ſeiner Frau durch das Verſprechen, den Prozeß gegen ihn niederzuſchlagen. Gleich nach ſeiner Verhaftung war ſeine Frau eine Hausgenoſſin in der Familie Mu⸗ rats geworden. Sie führte den Titel Lea⸗ — 2038— trice et Dame d'annonce der Prinzeß Ca⸗ roline, Gemahlinn des Prinzen Murat, war aber in der That die Maitreſſe Murats. Spä⸗ ter wurde ſie die Geliebte Napoleons. Wie ihr Gatte erklärt, wurde die Schei⸗ dung mit Gewalt erzwungen. Aber damit waren ſeine Verfolger noch nicht zufrieden; ſie hielten ihn acht Jahre unter ſtrenger Obhut, fern von ſeiner Heimath, und getrennt von ſeinen beiden Kindern, die er aus erſter Ehe hatte. Während dieſer ganzen Zeit blieben dieſe Kinder ohne alle Unterſtützung, denn als man Revel in den Kerker warf, hatte man ihn ſeines ganzen Vermögens, nahe an hundert⸗ tauſend Francs, beraubt. Im Gefängniſſe gab man ihm nur 18 Sous täglich. Die ganze Sache aber würdig zu ſchätzen, wird es am beſten ſeyn, wenn wir hier die eigenen Worte Revels anführen; er ſagt: „Wer hätte denken ſollen, daß die ſitt⸗ ſame Elevnore, das Muſter der Reinheit und Pflichttreue, die liebliche Jungfrau, deren Ge⸗ — — — ———————————. ſicht von der Röthe der Schaam überzogen ward, als ſie mich zuerſt das Wort Liebe aus⸗ ſprechen hörte, wer hätte denken ſollen, daß ſie zwei Monate nach ihrer Verheirathung ihren Gatten, und ſpäter auch ihre Eltern au fge ben — könne, um ſich rückſichtslos einem ſchändlichen Lebenswandel zu überlaſſen? Wer hätte ge⸗ dacht, daß die Tochter einer La Plaigne ge⸗ krönte Häupter zu ihren Füßen ſehen würde, daß ſie fähig ſeyn würde, das Ungeheuer in Feſ⸗ ſeln zu ſchmieden, welches ſo unzählige Leben verſchlungen, und Europa in das Gewand der Trauer gekleidet hatte?⸗— „Das iſt aber nichts deſto weniger die Rolle, welche Eleonore La Plaigne geſpielt hat; ſie iſt ſogär ſo weit geſunken, ihre Ent⸗ artung jetzt vor eben dem Tribunal zu zeigen, vor dem ſie einſt zu erſcheinen wagte, um ihre erſte Heirath durch ein Urtheil getrennt zu ſehen, welches eben ſo verächtlich iſt, als ihr eigenes Leben.“ „Die Geſchichte ihrer Verworfenheit würde v. Alvensleben Tochter. D — 210— ganze Bände füllen, aber dann wäre es nöthig⸗ ihr überall auf den gewundenen Pfaden ihres Curtiſanenlebens zu folgen. Mir kommt es jedoch bei der Verfechtung meines Rechts nicht zu, mehr von ihr zu ſagen, als was auf meine Geſchichte Bezug hat. Nach meiner Ver⸗ haftung ließ Eleonore ſich der Prinzeß Murat als die Gattinn eines verbrecheriſchen, entarte⸗ ten Gemahls vorſtellen. Madame Campan empfahl die liebenswürdige, tief betrübte Frau, dies geliebte Kind, dieſen Engel, den ſie er⸗ zogen.“ „Madame Murat, die eben ſo geizig als eiferſüchtig war, würde ſogar den kleinſten Beiſtand verweigert haben, hätte man ſich nicht einer Liſt bedient; Mad. Murat würde im Ge⸗ gentheil eine junge Perſon von ſo vielen Rei⸗ zen entfernt, als ſie in ihre Nähe gezogen haben. Wie mir aber Mad. Campan in St. Germain ſelbſt geſagt hat, erfreute ſie ſich keiner gerin⸗ gen Gewalt über die Prinzeſſinnen der kaiſer⸗ lichen Dynaſtie. Mad. Murat war von ihr —————— ——————— * — 21— erzogen worden, verdankte ihr daher nicht nur ihre Bildung, ſondern auch ihre ausgebreiteten Toilettenkünſte und ihre Gabe, ſich Bewunde⸗ rung zu erringen, und aus dieſem Grunde konnte ſie ihrer früheren Lehrerin nicht leicht etwas abſchlagen; der Frau, die ſie gelehrt hatte, auf dem großen Welttheater ihre Rolle als Theaterprinzeß zu ſpielen. Gefällt die erſte Seite einer Sache, ſo verführt die an⸗ dere. Mad. Murat ſah, daß ſie in den Ruf kommen werde, ſie ſey gefühlvoll, edelmüthig und großmüthig, wenn ſie Eleonoren ihren Schutz angedeihen laſſe. Sie zögerte daher keinen Augenblick; Leonore wurde ihre Geſell⸗ ſchafterin, ihre Vertraute, ihre Lectrice dame d'annonce.“ „Eleonorens Einführung in den Palaſt Murat's war der Zweck der Intrigue; und ſie lohnte dem Prinzen die Gaſtfreundſchaft, die er ihr, angetrieben durch ſein beſſeres Selbſt, zu Theil werden ließ, mit ihrer Ehre.“ „Dieſer Handel dauerte einige Zeit fort, — 212— und ich konnte niemals recht begreifen, wes⸗ palb Eleonore in eine Penſions⸗Anſtalt nach Chantilly geſchickt wurde. Sonder Zweifel ſollte durch Einführung einer ſolchen Veſtalin die Moralität dieſer Anſtalt vermehrt wer⸗ Ren.— Bei den Prozeſſionen trug ſie das Ban⸗ ner. Der Obriſt Fiteau, der mit ſeinem Re⸗ Fimente lin Chantilly in Garniſon ſtand, er⸗ kannte ſie einſt bei dem Feſte der Erlöſung, wo ſie die Fahne trug⸗ die durch ihre Hände entweiht wurde. Er konnte ein Gelächter über die Wahl dieſer Unſchuld nicht unter⸗ druͤcken. Der Obriſt kannte mich, ſo wie meine Geſchichte und die meiner Frau, aber als verſtändiger Mann verrieth er nichts, und die Lectrice dame d'annonce, welche jetzt Pen⸗ ſions⸗Koſtgängerin geworden war, blieb im Innern der Anſtalt unbekannt.“ „Die Rückkehr Levnorens in das Haus der Mad. Mürat beweist, daß ihr Einverſtändniß mit dem Prinzen der Prinzeß nicht bekannt war. Mad. Campan allein iſt im Stande zu erklä⸗ — ren, weshalb Eleonore ſich in der Penſions⸗ Anſtalt zu Chantilly aufhielt.— Ihr Handel mit dem Prinzen ward wieder angeknüpft, und Mad. Mürat begann den Verrath ihrer ſchö⸗ nen Gefährtinn zu bemerken.— Wüthend dar⸗ über, daß ſie ſich ſelbſt eine Nebenbuhlerinn zu⸗ gelegt hatte, eilte ſie zu Napoleon, verklagte die Schuldigen bei ihm und forderte Rache.“ „Der große Mann verſprach, nach Veu⸗ illy zu gehen, und die Sache zu unterſuchen. Bald darauf erklärte er dieſen Entſchluß öffent⸗ lich und es ward ein Feſt bereitet, ihn würdig zu empfangen. Ueber Tafel ſollte das Urtheil ge⸗ fällt werden. Die Schuldige erwartete, die Augen zu Boden geſchlagen, ihre Verdam⸗ mung. Schweigend hatte der Richter ſie lange Zeit betrachtet; er trat ihr näher, und ließ entweder durch Zufall, Zerſtreuung, oder aus Abſicht, eine Taſſe Kaffee, die er in der Hand bielt, auf ihr Kleid fallen.“ „Eleonore hatte ven Mad. Campan die Kunſt ſich zu verſtellen, und beſaß im hohen — 214— Grade die Fähigkeit, Thränen zu vergießen. Bei der gegenwärtigen Lage, von Furcht über die Zukunft bewegt, und aufgebracht über ein Ereigniß, welches ſie lächerlich machte, weinte ſie, während die Andern lachten und ſie ver⸗ ſpotteten; und dabei entwickelte ſie eine An⸗ muth, eine Beſcheidenheit, welche bezaubernd waren. Napoleon fühlte zum erſten Male, daß er ein Herz habe; wie ein Liebender flü⸗ ſterte er Eleonoren die Verſicherung ſeiner Gluth ins Ohr, und wie ein Herrſcher that er ſie durch einen Blick auf ſeine Favoritinn kund.“ „Die Höflinge, welche ſich über Eleono⸗ rens kritiſche Lage bei dieſem Feſte ergötzt hat⸗ ten, bei dem ſie als Angeſchuldigte erſchienen war, zitterten, als ſie ihre Erhebung gewahr⸗ ten. Sie ward nun die Perſon, durch deren Vermittlung ſie ihm ihre Ehrfurcht bezeugen mußten.— Daß Napoleon ſich öffentlich für eine Maitreſſe erklärte, war ihnen ohne Bei⸗ ſpiel. Dies Ereigniß ſetzte ſie in Erſtaunen, —— —— ——— 0————— —— — „— und die Meinungen waren getheilt. Jeder ſann bei ſich darüber nach, wie er ſich der erklärten Favorit⸗Sultanin angenehm erwei⸗ ſen könne; ſelbſt Mad. Mürat vergaß ihren Unwillen. Hätte Eleonore ſo viel Talent be⸗ ſeſſen wie Mad. Dübari, ſo hätte ſie gleich ihr Gunſtbezeugungen vertheilen können, aber ſie war eine bloße Bildſäule ohne Seele, und be⸗ ſchränkte ihren Ehrgeiz darauf, ſchöne Equipa⸗ gen, Kleider, Gold und Diamanten zu haben. Ueber ihre Sphäre emporgehoben, wußte ſie nicht, ihr Glück zu benutzen.— Mad. Campan machte mehr daraus.“ „Als Mad. Plaigne ihre Tochter zu einer ſolchen Höhe emporgehoben ſah, bereuete ſie den Auftritt in St. Germain, den Elevnore nicht vergeſſen konnte, und bat um Verzei⸗ hung.— Die ihr aus Nothwendigkeit gewährt wurde.“ „Napoleon erholte ſich von den Müben und Anſtrengungen der Regierungsgeſchäfte bei den Beſuchen, die er ſeiner Geliebten machte; — 216— da er ſie aber wirklich liebte, wollte er jeden Tag einen Brief von ihr erhalten. Eleonore, der es an natürlichem Verſtande gebrach, beſaß noch weit weniger den Intriguengeiſt und die Leichtigkeit, welche zu einer ſolchen Correſpon⸗ denz erforderlich waren. Mad. Campan hätte ihr Secretaire werden können, aber das Glück macht die Leute ſtolz, und Mad. Campan war nicht geneigt, die Nachleſe zu halten. Mad. La Plaigne beſaß eben ſo viel Geiſt, aber we⸗ niger Hochmuth, als Mad. Campan, und dabei noch mehr Thätigkeit; Eleonore ernannte ſie zu ihrem Geheimſchreiber.“ „Dieſe Correſpondenz hatte für Napoleon eigenen Reiz; Eleonorens Briefe belohnten ihn für die Unruhe, die ihm die Angelegen⸗ heiten Europas machten. Aber die Schreiben, die ſonſt voll Heiterkeit und Leben geweſen waren, wurden plötzlich ſteif und kalt.— Der Held ſtaunte, und wünſchte die Urſache dieſes Wechſels zu kennen;— ein Streit Eleo⸗ norens mit ihrer Mutter war Schuld daran.“ — —— 5 — 217 4— „Elevnore hatte eine kleine Schweſter, für deren Erziehung und Unterhalt ſie die Sorge übernommen hatte. Die Mittel fehlten ihr nicht, die Verſprechungen zu erfüllen, die ſie in dieſer Hinſicht gethan hatte, aber durch den unleidlichſten Geiz bewogen, weigerte ſie ſich, der kleinen Zulma ſelbſt das Nothwendigſte zu⸗ kommen zu laſſen. Mad. La Plaigne machte ihr häufig wegen dieſer Vernachläſſigung Vor⸗ würfe, und Eleonore änderte ihr Betragen dennoch nicht. Mad. La Plaigne beſchränkte ſich nun nicht mehr auf leiſe Vorwürfe, ſon⸗ dern ſprach in dem Tone einer Mutter, Eleo⸗ nore dagegen in dem einer zornigen Prinzeß. Sie wies Mutter und Schweſter die Thür, und beraubte ſich dadurch thörichter Weiſe der Feder, welche bisher den Zauber über ihren Geliebten verlängert hatte.“ „Napoleon ließ ſeine Geliebte nach St. Cloud kommen, und gebot ihr hier, die Ver⸗ änderung ihres Styles zu erklären; ſie nahm ihre Zuflucht zu Thränen, aber die glichen — 213— nicht mehr denen, welche ſie in Veuilly ver⸗ goß; der Beſitz hatte die Illuſion verſcheucht, und Eleonore ſchied, beinahe gänzlich in Un⸗ gnade gefallen.“ „In Paris angekommen, ſtieg ſie bei Mad. Campan ab, und klagte dieſer ihr Aben— teuer. Die berühmte Erzieherinn erkannte die Tiefe des Abgrundes, an deſſen Rande Eleo⸗ nore ſich befand, und ſagte ihr, was ſie ſelbſt noch nicht wußte, daß ſie nämlich bald Mutter werden würde. Unter Anweiſung dieſer be⸗ rühmten Frau ſchrieb Eleonore nun einen Brief, in welchem ſie ihrem Geliebten, nach mancher bittern Klage über das Unglück, ſeine Neigung verloren zu haben, anzeigte, daß ſie Mutter werden ſolle.“ „Als Napoleon dieſe Rachricht erhielt, vergaß er ſein Mißvergnügen, er ſah ſich im Geiſte als Vater eines Sohnes, „1 bei dem er nicht nöthig haben wütde, den Urſprung geheim zu halten. Leicht kann man begreifen, welchen Einfluß die Mutter des kaiſerlichen Baſtards ————— gewinnen mußte. Sie ward mit Gold über⸗ ſchüttet; Regnault von St. Jean Angely über— brachte die Rollen, und Regnault hat den Grundſatz nie vergeſſen, daß man mit Wohl⸗ thaten bei ſich ſelbſt anfangen muß;— ſo er⸗ hielt denn Eleonore den größten Theil der Geſchenke nicht.“ „Obgleich die Angabe eine Erfindung der Mad. Campan war, ſo machte der Zufall ſie wahr; Eleonore wurde wirklich Mutter, und gebar am 13ten December 1806 einen Sohn, welcher in der Taufe den Namen Leon das Di⸗ minutiv von Napoleon erhielt.“*) Von nun *) Auszug aus der Geburtsliſte des Jahres 1806. —„Montag, den 15ten Dezember, 1806; Taufregiſter, Leon; ein Kind maͤnnlichen Ge⸗ ſchlechts, geboren am tzten des genanntes Monats, um 2 Uhr Morgens, in der Rue de la Vietoire; der Sohn der Mademoiſelle Eleonore Denuel, zwei und zwanzig Jahre alt, aus Paris gebuͤrtig, und eines Vaters, der abweſend iſt.— Zeugen waren die Her⸗ Fen Jnequis Renn Ayme, Schatzbeamter der „„ 220— an hatte der Einfluß Eleonorens keine Schran⸗ ken mehr; Napoleon gewährte ihr alles, was ſie verlangte.— Die treffliche Zöglinginn der trefflichen Mad. Campan wünſchte, daß ihre Mutter verhaftet werde, und es geſchah ſo⸗ gleich. Mad. Campan ward zu den Madelo⸗ netten gebracht.— Späterhin wünſchte ſie wei⸗ ter transportirt zu werden, und der Polizei⸗ miniſter gab dazu die nöthigen Befehle.“ So weit die Erzählung des gekränkten Gatten. Ehrenlegion, wohnhaft Rue St. George, Nro. 24; Wilhelm Andral, Doktor der Me⸗ dizin, und Arzt im Hotel der Invaliden, da⸗ ſelbſt wohnhaft; Pierre Marchais, Geburts⸗ helfer, wohnhaſt Rue des Fosse de St. Germain l' Auxerre, Nro. 21. Dieſe oben genannten Zeugen haben mit uns, Louis Pi⸗ card, Adjunkt des Mairs, dies Geburtszeug⸗ niß unterzeichnet.— Unterzeichnet nach Leſung: Marchais, Ayme, Andral, Picard.“ — . Der kaiſerliche Liebhaber verſorgte Eleo⸗ noren zwar mit einem Gatten, einem Herrn% Angier de la Sausſaye; dieſer ſollte einen Schleier über die Schande ihres früheren Le⸗ bens werfen, aber nichts wird je im Stande ſeyn, ihre Schlechtigkeit ganz zu verhüllen. Guſtav Sellen⸗ Der rothe Mann. Frei nach dem Engliſchen von L. von Alvensleben. ——— 9 Uhr ein einzelner Reiſender vor des ſchwarzen Schwanes geritten. auch wohl für reich galt. Pferd, ſchwarz wie eine Kohle, und 43 Eine Erzuhlung fuͤr Geiſterſeher⸗ An einem ſchwülen Auguſtabend kam gegen die Thür Dies war ein Dorfwirthshaus, deſſen Beſitzer in der ganzen Gegend für ſehr wohlhabend, mitunter Der Reiſende ritt ein großes, feuriges hatte hin⸗ ter dem Sattel einen ziemlich großen Mantel⸗ ſack. Ein weiter ſchwarzer Mantel bedeckte nicht nur den Reiter ſelbſt, ſondern auch eine/ großen Theil ſeines Pferdes. Auf dem Ko N — ————— — —— — 5 trug er einen Hut mit ungewöhnlich breiten, halb herunterhängenden Krämpen. Auf den Füßen hatte er gewaltige Steifſtie fel mit un⸗ geheuren Sporen; in der Hand hielt er eine Reitpeitſche mit drei Ellen langer Schnur, und einem Griffe, den nur ein Goliath mit Leichtigkeit handhaben konnte. Als dieſer Reiſende den ſchwarzen Schwan erreicht hatte, hielt er ſein Pferd an, ſchwang ſich aus dem Sattel, und rief den Hausknecht mit lauter Stimme. Der Gerufene erſchien ſogleich. „Franz!“ herrſchte er dem Hausknecht zu, „führe mein Pferd in den Stall, reibe es tüchtig ab, und ſage mir, wenn es kalt ge⸗ worden iſt.“ Er nahm hierauf ſeinen Mantelſack un⸗ ter den Arm, und trat, begleitet von dem dienſteifrigen Wirthe, in die Gaſiſtube. Hier waren mehrere Gäſte verſammelt. Auf der Seite ſaß der Dorfſchulmeiſter, ein klei⸗ nes, bleiches Männchen mit ſcharfer Habichts⸗ —, — 224— naſe, und einer weißgepuderten, in einen lan⸗ gen Zopf auslaufenden Perücke. Er vertrieb ſich die Zeit mit ſeiner Pfeife, aus welcher er, mit ſichtlichem Wohlgefallen, ganze Wolken von Tabaksdampf blies. Ihm gegenüber ſaß der Geiſtliche, eine runde, wohlgenährte Geſtalt mit einem Vollmondsgeſichte, und vom Kopf bis zu den Füßen in Schwarz gekleidet, die Schuhe mit gewaltigen Schnallen verziert. Zwiſchen dieſen beiden geiſtlichen Herren ſaß der Amtmann, die Pfeife in der einen, und den Bierkrug in der andern Hand. Die Wir⸗ thin vollendete die Gruppe; ein korpulentes Weib von gemeinem Aeußern, und vielleicht fünf und dreißig Jahre alt. Sie ſaß neben dem Schulmeiſter und hörte mit großer Auf⸗ merkſamkeit den weiſen Bemerkungen zu, welche der gelehrte Mann zu ihrer Unterhaltüng aus⸗ kramte. Jetzt aber zurück zu dem Fremden. Kaum war er, in Begleitung des Wirtbes, eingetre⸗ ten, als ſich auch die Blicke Aller auf ihn rich⸗ — 2¹3— teten. Sein Hut ging ſo tief in das Geſicht, ſeine Sporen waren ſo lang, ſeine Geſtalt ſo groß, und ſein Geſicht durch den gewaltigen ſchwarzen Man⸗ tel ganz verdeckt, daß er die größte Aufmerkſam⸗ keit auf ſich lenkte. Die Stimme, mit der er den Wirth bat, ihm den Mantel abzuhelfen, war ſo ſtark und rauh, daß ſie nur dazu die⸗ nen konnte, die allgemeine Neugier noch zu vergrößern; auch verringerte ſie ſich nicht, als er den Mantel abgenommen, und den Hut auf einen Stuhl gelegt hatte. Es zeigte ſich jetzt ein hoher, ſchlanker, rothköpfiger Mann von mittleren Jahren. Er hatte einen rothen Rock und rothe Weſte an, und ein rothes Halstuch um, ſeine Handſchuhe ſogar waren roth; und als er ſich die Reitb nkleider auf⸗ knüpfen ließ, ſahen die Anweſenden mit dem höchſten Staunen, daß die gewöhnlichen Bein⸗ kleider, welche er darunter trug, gleichfalls roth waren. „Alles roth!“ rief der Geiſtliche unwill⸗ kürlich aus. v. Alvensleben Tochter. P — 226 3 „Wie Sie es ſagen; der Mann iſt ganz roth!“ wiederholte der Schulmeiſter. Ein Blick der Wirthinn machte ihm darüber Vorwürfe, indeſſen war ſeine Bemerkung ſchon von dem Fremden gehört worden; dieſer wen⸗ dete ſich um, und ſah ihn mit durchbohrendem Blicke an. Der Schulmeiſter wollte ihn keck erwiedern, aber er vermochte es nicht. Der Blick wirkte ſo gewaltig auf ihn, daß er auf der Stelle verſtummte. „Bringen Sie mir den Stiefelknecht!“ ſagte der Fremde zu dem Wirthe. Es geſchah; der Reiſende zog ſich die Stiefel aus, und— rothe Strümpfe kamen zum Vorſchein. Der Wirth zuckte mit den Schultern, der Amtmann that desgleichen, die Wirthinn ſchüttelte den Kopf, und der Geiſtliche ſagte: „Alles roth!“ Der Schulmeiſter würde dies, wie gewöhn⸗ lich, wiederholt haben, wäre er der Gewalt jenes Blickes nicht noch eingedenk geweſen. — 227— „Wahrhaftig, das iſt ſeltſam!“ murmelte der Wirth halb laut vor ſich hin. „Sehr ſeltſam!“ wiederholte der Fremde, indem er ſich zwiſchen den Paſtor und den Amtmann ſetzte. Der Wirth gerieth in Ver⸗ wirrung, und wußte nicht, was er von der ganzen Sache denken ſollte. Kachdem der Fremde einige Minuten hier geſeſſen hatte, bat er den Wirth, ihm die Nacht⸗ mütze zu geben, die er in ſeinem Hute finden würde. Der Wirth that es; auch die Nacht⸗ mütze war roth.— Schweigend ſetzte der Rei⸗ ſende ſie auf. 3 Verwundert brach jetzt der Amtmann in den Ruf aus:„Wieder roth!“ 3 Die Wirthinn gab ihm mit ihrem fetten Ellenbogen einen ermahnenden Rippenſtoß, aber es war dazu ſchon zu ſpät. Der Fremde hatte ſeine Bemerkung gehört, und betrachtete ihn mit eben ſo durchbohrenden Blicken, als vorhin den Schulmeiſter. 4 P2 — 228— „Alles roth!“ ſagte der Geiſtliche halb laut vor ſich hin. „Sie haben ſehr Recht, Herr Pfarrer,“ wiederholte der Schulmeiſter, welcher wieder Muth geſchöpft hatte.„Der Herr iſt ganz Er würde noch weiter gegangen ſeyn, doch die Wirthinn ermahnte ihn abermals, in⸗ dem ſie ihm derb auf die Füße trat. Der Wirth winkte ihm mit den Augen Stillſchwei⸗ gen zu, aber wie früher bei dem Amtmann, ſo kamen auch hier die Warnungen zu ſpät⸗ „Herr Wirth!“ fagte der Fremde,„ge⸗ Sie mir doch nun eine Pfeife, und einen Krug von Ihrem beſten Viere. Vor allen Dingen aber reichen Sie mir dort aus dem Mantelſacke meine Pantoffeln.“ Der Wirth öffnete den Mantelſack, und zog— ein Paar Pantoffeln von rothem Saf⸗ fian heraus. Jetzt brach unwillkürlich die ganze Geſellſchaft in einen gleichen Ausruf aus. Zu⸗ erſt kam der Geiſtliche, dann ſein treues Echo, — „ †— der Schulmeiſter; dieſem folgte der Amtmann; dieſem die Wirthinn; und dieſer endlich der Wirth. „Wieder roth!“ tönte es von den Lip⸗ pen Aller. Der Wirth war der Mindeſtlaute, der Schulmeiſter der Lauteſte von Allen. „Ich vermuthe,“ ſagte der Fremde,„daß Sie eine Bemerkung über meine Pantoffeln machen.“ „Ja, ſo iſt es;“ entgegnete der Schul⸗ meiſter.„Wir ſagten eben, daß ſie roth wären.“ „Sahen Sie,“ erwiederte der Fremde, ſeine Pfeife zum Munde führend,„noch nie zuvor ein Paar rothe Pantoffeln?“* Die Frage ſetzte den Schulmeiſter in Ver⸗ legenheit. Er ſagte nichts, ſah aber, Beiſtand fordernd, auf den Paſtor. „Aber Sie ſind über und uͤber roth!“ ſagte der Geiſtliche, einen derben Zug aus ſeinem Bierkrug thuend. „Und Sie über und über ſchwarz!“ er⸗ — wiederte Jener, die Pfeife aus dem Munde nehmend, und eine mächtige Rauchwolke von ſich blaſend. „Der Hut, der Ihren Dickkopf bedeckt, iſt ſchwarz; Ihr Bart iſt ſchwarz; Ihr Rock iſt ſchwarz; Ihre Beinkleider, Ihre Strümpfe, Ihre Schuhe— Alles iſt ſchwarz. Mit einem Worte, Herr Paſtor, Sie ſind—“ „Was bin ich, mein Herr?“ ſchrie der Geiſtliche, in Wuth ausbrechend. „Ja, was iſt er?“ wiederholte der Schulmeiſter. „Er iſt ein Schwarzrock,“ ſagte der Fremde mit geringſchätzendem Lächeln,„und Sie ſind ein Schulmann.“ Es trat jetzt eine tiefe Stille ein. Kei⸗ ner von der ganzen Geſellſchaft ſprach ein Wort. Schweigend ſah jeder ſeinen Nachbar an. In den Geſichtern des Geiſtlichen und des Schulmeiſters ſprach ſich der Zorn deutlich aus. Des Amtmanns Mund verzog ſich ver⸗ ächtlich; der der Wirthinn ſpöttiſch; von dem —————— —— Wirthe wuͤrde es ſchwer zu entſcheiden gewe⸗ ſen ſeyn, ob Staunen, Aerger oder Furcht bei ihm vorwaltete. Als ſey nichts vorgefallen, blickte der Fremde während deſſen umher, abwechſelnd trinkend und rauchend. Der Schulmeiſter hätte gern etwas ge⸗ ſagt, aber er wagte es nicht, und eben ſo wenig der Geiſtliche; Beide fühlten die em⸗ pfangene Zurechtweiſung noch zu empfindlich, um ſich ſchon wieder einer gleichen Unannehm⸗ lichkeit auszuſetzen. Während dieſer allgemeinen Spannung trat der kleine, krummbeinige Hausknecht ein, und meldete dem Reiter, daß deſſen Pferd, dem erhaltenen Befehle gemäß, jetzt trocken gerieben ſey. Als der Fremde dies hörte, ſtand er auf, und ging hinaus in den Stall. Seine Entfernung ſchien die Zungen der Zurückgebliebenen von einem Banne plötzlich zu befreien. Ein Sturm von Worten brach los, der furchtbaren Stille angemeſſen, welche zuvor geherrſcht hatte. „Wer iſt dieſer rothe Mann?“ fragte der Pfarrer, zuerſt das Stillſchweigen brechend. „Ja, wer iſt er?“ ertönte das Schul⸗ meiſter⸗Echv. „Er iſt gewiß eine Art von Geiſterbe⸗ ſchwörer!“ ſagte der Amtmann. „Mich ſollte es nicht wundern,“ rief der Wirth,„wenn er ein Polizeiſpion wäre.“ „Oder ein reiſender Kontrebandirer,“ fügte die Wirthinn hinzu. „ch bin überzeugt,“ begann der Geiſt⸗ liche wieder,„daß er nicht viel Gutes iſt.“ „Das iſt klar!“ wiederholten Alle, wie gewöhnlich mit dem Schulmeiſter anfangend, und mit dem Wirthe endigend. Wieder entſtand eine Pauſe, und dann ſagte der Amtmann:„Wenn er zurückkommt, frage ich ihn gradezu; und ſind ſeine Antwor⸗ ten frech oder unzureichend, ſo muß etwas ge⸗ than werden.“ — 233— — „Ja, etwas muß dann gethan werden!“ wiederholte der Schulmeiſter. „Was Sie aber thun,“ ſagte die Wir⸗ thinn,„ſo geſchehe es mit Artigkeit. Ich möchte nicht, daß er aufgebracht würde.“ ——.——————— „Aufgebracht?“ rief der Wirth.„Ich kümmere mich nicht ſo viel um ſeinen Zorn!“ Dabei ſchlug er mit den Fingern ein Schnipp⸗ chen.„Muckſt er nur, ſo werfe ich ihn au⸗ genblicklich zur Thür hinaus.“ 1 „Aufbringen?“ wiederholte nun auch der Amtmann.„Wahrhaftig, das überlaßt nur mir und meinem Büttel.“ „Ihnen und Ihrem Büttel!“ ſagte der Fremde, welcher in dieſem Augenblicke zurück⸗ kehrte, und mit aller Gelaſſenheit ſeinen vori⸗ gen Platz wieder einnahm, wobei er dem Amt⸗ mann ginen Blick der höchſten Geringſchätzung Der Amtmann wagte nicht, ein Wort her⸗ vorzubringen; ſein Geſicht verlängerte ſich, und „ — 234— ſein Stock, den er vorher geſchwungen hatte, ſank zwiſchen ſeine Beine herab. Es entſtand jetzt abermals eine längere Pauſe in der Unterhaltung. Die Erſcheinung des rothen Mannes wirkte wieder wie ein Zau⸗ ber auf die Zungen Aller. Der Pfarrer ſchwieg; hatürlich war alſo auch ſein Echo, der Schulmeiſter, ſtill; und von den Andern ver⸗ ſpürte keiner Luſt, etwas zu ſagen. Die Ge⸗ ſellſchaft glich einer Verſammlung von Quä⸗ kern. Der wohlbeleibte Pfarrer ſaß auf der einen Seite, den Bierkrug in der Rechten, und den Kopf, wie in tiefem Nachſinnen, auf die Linke geſtützt. Ihm gegenüber blies der Schul⸗ meiſter mächtige Tabakswolken aus ſeiner Pfeife. In der Mitte ſaß der Amtmann, rechts die kugelrunde Wirthinn, links den rothen Mann neben ſich; der Wirth ſtand in geringer Entfer⸗ nung hinter dem Tiſche. Einige Zeit waren Alle, den Fremden allein ausgenommen, mit peinigenden Gedan⸗ ken beſchäftigt. Der Eine ſah den Andern mit — ——— — — 235— ausdrucksvollen Blicken an, aber obgleich Alle zu ſprechen wünſchten, ſo wagte es doch Nie⸗ mand, ſeine Gedanken laut werden zu laſſen. „Wer iſt er?— Was ſucht er hier?— Von wo kommt er, und wo will er hin?“— Dieſe Fragen waren es, welche Alle beſchäftigten. Wäre der Gegenſtand ihrer Neugierde ein blauer, ein ſchwarzer, oder ſelbſt ein grüner Mann geweſen, ſo hätte das nichts Merkwür⸗ diges gehabt, und ohne durch Fragen beläſtig zu werden, hätte er das Gaſthaus betreten und wieder verlaſſen können. Aber ein rother Mann! Darin lag etwas ſo Außerordentli⸗ ches, daß die Augenzeugen dieſer Erſcheinung vor Erſtaunen außer ſich waren. Der Erſte, welcher das Stillſchweigen brach, war wieder der Geiſtliche. „Mein Herr!“ redete er den Fremden an,„wir ſagten ſo eben, Sie wären—“ „Ein Geiſterbeſchwörer,— ein Polizei⸗ ſpion,— ein reiſender Kontrebandirer,— oder etwas dem Aehnliches,“ fiel der Rothe ihm — — in die Rede. Der Pfarrer ſank mit Entſetzen in ſeinen Stuhl zurück, und er hatte wohl Ur⸗ ſache, zu erſchrecken, denn grade die Worte, welche der Fremde ſagte, war er im Begriff geweſen, auszuſprechen. „Wer ſind Sie, mein Herr?“ fragte er, ſich etwas ſammelnd.„Wie iſt Ihr Name?“ „Ich heiße Rothe;“ erwiederte Jener. „Und wo, im Namen des Himmels, ſind Sie geboren?““ „An den Küſten des rothen Meeres.“ Jetzt vermochte der Pfarrer nichts mehr zu fragen. Der Schulmeiſter war eben ſo ſehr erſtaunt, und nahm unwillkührlich die Pfeife aus dem Munde; die des Amtmanns fiel zu Boden; der Wirth ſeufzte, und ſeine Gattinn ſchlug die Hände über dem Kopf zu⸗ ſammen. Nach dieſer Nachricht erhob ſich der Fremde von ſeinem Sitze, brach ſeine Pfeife entzwei, und warf die Stücke in die Flammen des Ka⸗ minfeuers. Dann ſchlug er ſeinen weiten Man⸗ — —— tel nachläſſig über die Schulter, ſetzte ſeinen Hut auf, nahm die Stiefeln in die Hand, den Mantelſack unter den Arm, und verlangte von dem Wirth, daß er ihm ſein Schlafge⸗ mach zeige. Hierauf verließ er die Gaſtſtube, indem er den Zurückbleibenden mit ſpöttiſchem Lächeln einen nachläſſigen Gruß zunickte. Sein Verſchwinden war das Signal zu neuen Beunruhigungen für die Andern. Bis zur Rückkehr des Wirthes ſagte Keiner ein Wort; dieſer trat jedoch gleich wieder in die Gaſtſtube, ſobald er den Fremden in das, grade über derſelben belegene, Schlafzimmer gebracht hatte. Kaum war er eingetreten, als er mit einer Fluth von Fragen überſtürmt ward.„Wer war der Rothe?“— Er mußte ihn ſchon früher geſehen, ſchon früher von ihm gehört haben; kurz, er ſollte durchaus etwas von ihm wiſſen. Der Virth betheuerte, daß er den Frem⸗ den bis zu dieſer Stunde noch nie geſehen habe. Er ſey, ſagte er, zum erſten Male in * den ſchwarzen Schwan gekommen, und mit Gottes Hülfe würde es auch das letzte Mal ſeyn. „Weshalb werft Ihr ihn nicht hinaus?“ fragte der Amtmann. „Glauben Sie, es zu können,“ entgeg⸗ nete der Wirth,„ſo will ich Ihnen herzlich gern die Erlaubniß geben, es zu thun. Ich meinestheils, habe keine Luſt, in nähere Be⸗ rührung mit ſeiner Peitſche oder ſeiner gewal⸗ tigen Schmiedefauſt zu kommen.“ Solchen Gründen ließ ſich nichts entge⸗ genſetzen, und der Amtmann ſagte kein Wort mehr vom Hinauswerfen. Jetzt ließen ſich in der Schlafſtube des Fremden ſchwere Tritte vernehmen. Es wa⸗ ren die des rothen Mannes, und ſie erſchallten mit der größten Gleichförmigkeit. Die Gäſte lauſchten eine Viertelſtunde darauf, und er⸗ warteten mit jeder Minute, daß ſie aufhören würden. Es entſtand keine Pauſe; die Tritte tönten fort und fort. . — 239— Es war unmöglich, alle die Gefühle zu beſchreiben, von denen die Geſellſchaft in der Gaſiſtube beunruhigt ward. Furcht, Staunen, Zorn und Neugierde bemeiſterten ſich ihrer wechſelsweiſe. In dem Fremden, der ſie ſo eben verlaſſen hatte, war etwas Geheimniß⸗ volles,Unbegreifliches.„Wer konnte es ſeyn?“ Dieſe Frage richtete Jeder an den Andern, aber Keiner vermochte eine genügende Antwort zu geben. Während deſſen rückte der Abend immer mehr vor, aber obgleich die Uhr der Dorflirche die zehnte Stunde verkündete, hatte doch Nie⸗ mand Luſt, aufzubrechen. Selbſt der Geiſt⸗ liche achtete nicht auf den Glockenſchlag, ſo groß war ſeine Neugier. Jetzt begann auch noch der Himmel ſich mit finſtern Wolken zu umziehen. In der Ferne rollte der Donner, und einzelne ſchwere Re⸗ gentropfen ſchlugen an die kleinen Fenſter des Gaſthauſes; alles ſchien ein gewaltiges Gewit⸗ ter zu verkünden. Aber der Sturm, der aus⸗ — 240— zubrechen drohte, blieb unbeachtet. Heftiger fiel der Regen herab, flammend zuckten röth⸗ liche Blitze, furchtbar krachte der Donner, aber alle dieſe Schrecken der Natur waren nichts im Vergleich zu den dröhnenden, feierlich⸗ernſten Fußtritten des rothen Mannes. Sein Spa⸗ ziergang ſchien ohne Ende zu ſeyn. Eine ganze Stunde war er ſchon ohne die geringſte Un⸗ terbrechung in der Stube auf⸗und abgegangen. Dabei war etwas unglaublich Geheimnißvolles; und die Leute in der Gaſtſtube fühlten ſich, ihrer Menge ungeachtet, von Furcht und Ent⸗ ſetzen beſchlichen. Je mehr ſie über den Cha⸗ rakter des Fremden nachdachten, deſto mehr erſchien ihnen derſelbe unerklärlich. Die Röthe ſeines Haares und Geſichtes, noch mehr aber die gleiche Farbe ſeiner Kleidungsſtücke, erfüllte ſie mit den weitſchweifendſten Vermuthungen. Dies alles äußerte jedoch pur einen geringen Eindruck im Verhältniß zu dem furchtbaren Blicke ſeines Auges, der Tiefe ſeiner Stimme und ſeiner Geburt an der Küſte des rothen Meeres. Das Feuer im Kamine, der, wie es auf dem Lande häufig üblich iſt, zugleich zum Heerde diente, war verglommen; von der Geſellſchaft war jeder Einzelne zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt, um ſich um ſolche Kleinigkei⸗ ten bekümmern zu können; Alle rückten unwill⸗ kührlich näher aneinander. Jetzt trat der krummbeinige Hausknecht in ſichtlicher Angſt herein. Er kam, um ſeinem Herrn zu ſagen, daß das Pferd des Fremden toll geworden ſeyn muͤſſe, ſo beiße und ſchlage es rings um ſich her. Zur Beſtätigung ſeiner Worte ſchallte in dieſem Augenblicke ein gewaltiges Schnaufen und Wiehern vom Stalle herüber.„Ha, da geht er!“ rief Franz aus, als er die Schritte über ſeinem Kopfe vernahm.„Ich glaube, der Teufel ſitzt in dem Thiere, wenn es nicht ſelbſt der böſe Feind iſt. Herr, Sie hätten des Pferdes Augen ſehen ſollen; ſie glichen—“ „Nun, was glichen ſie?“ fragte raſch der Wirth. v. Alvensleben Lochter. Q — 242— „Ja, was glichen ſie?“ wiederholten Alle voll ſich tlicher Ungeduld. „Verdammt will ich ſeyn,“ entgegnete der Hausknecht,„wenn ſie nicht wie brennende Kohlen ausſahen.“ Und während er dies ſagte, zitterte er am ganzen Leibe, zog er einen Stuhl herbei, und ſetzte ſich dicht zu den Andern. Seine Nachricht hatte neue Beſorgniſſe erregt, und man war nun in noch größerer Ungewißheit, als zuvor. Noch immer ſchallten die Schritte des Frem⸗ den herab, gleichförmig abgemeſſen, wie die Pendelſchläge einer mächtigen Wanduhr. Wäre noch eine größere oder mindere Schnelligkeit, eine geſteigerte oder verringerte Gewalt bemerk⸗ bar geweſen, ſo hätten ſie ſich ertragen laſſen, jetzt aber waren ſie kaum auszuhalten. Auch der Sturm und das Gewitter tobten mit glei⸗ cher Gewalt fort; mit Geiſtergeheul pfiff der Wind durch das Laubwerk der Bäume auf dem nahen Kirchhofe; der Regen praſſelte wie Ha⸗ gel an die Fenſter; gelbe und blutrothe Blitze — 245— flammten am Horizonte; das Stampfen und Wiehern des vom Böſen beſeſſenen Pferdes hörte nicht auf; doch dies Alles war, wie be⸗ reits erwähnt, nichts im Vergleich zu den lang⸗ ſamen, feierlich-abgemeſſenen Schritten des ro⸗ then Mannes. Die Vermuthungen uͤber den eigentlichen Character dieſes geheimnißvollen Menſchen wa⸗ ren unzählig. Wie erwähnt, wurde er anfangs für einen Geiſterbeſchwörer, einen Spion, einen Schmuggler gehalten. Jetzt ward jedoch dieſe Meinung gänzlich geändert, und man fing an, in ihm etwas noch viel Schlimmeres zu ver⸗ muthen. Der Geiſtliche hielt ihn für nichts Geringeres, als einen Abgeſandten des böſen Feindes ſelbſt, und der Schulmeiſter ſtimmte ihm, gelehrte Floskeln auskramend, vollkommen bei. Der Hausknecht konnte von dem rothen Manne ſelbſt nichts ſagen, aber er wollte einen Eid darauf ablegen, daß deſſen Pferd mit dem Böſen verwandt ſey. „Wäre er ein gewöhnlicher Menſch,“ be⸗ Q 2 merkte der Pfarrer,„wie hätte er da wiſſen können, was ich erſt ausſprechen wollte?“ „An den Küſten des rothen Meeres ge⸗ boren!“ rief der Wirth aus. „Hörtet Ihr wohl, wie er wiederholte, was wir unter uns ausgeſprochen hatten, wäh⸗ rend er im Stalle war?“ fragte der Amtmann. „Und woher wußte er, daß ich ein Schul⸗ mann ſey?“ rief der Schulmeiſter. „Woher kannte er meinen e ſagte der Hausknecht. 3 Eine ſolche Menge zbereinſimti An⸗ zeichen ließ keinen Zweifel mehr übrig, und man kann die Folgen dieſer gewonnenen ue⸗ berzeugung leicht ermeſſen.* „Bedürfte es noch mehrerer Beweiſe,“ nahm der Pfarrer nach einer Pauſe abermals das Wort,„ſo darf man ja nur ſeinen Anzug betrachten. Welcher Chriſt wuͤrde es ſich ein⸗ fallen laſſen, in rother Kleidung durch das Land zu reiſen?— Das deutet auf das Feuer der Hölle, dem er entſprungen iſt.“ — 245— „Sahen Sie,“ fiel der Amtmann ein, „wie ihm ſein rothes Haar ſchlangenförmig in das Geſicht hing?“ „Welch teufliſches Feuer leuchtete aus ſei⸗ nen Blicken!“ rief der Schulmeiſter. „Und was hat er für eine furchtbare Stimme!“ ſagte der Wirth. „Seine Füße waren nicht geſpalten!“ meinte die Wirthinn. „Das thut nichts,“ rief ihr Mann; „wenn der Teufel nur will, kann er eben ſo geſunde Beine haben, als wir.“ „Beſſere, als Einige unter uns,“ erwie⸗ derte ſie, indem ſie ſpöttiſch auf das unförm⸗ liche Fußgeſtell ihres Ehegeſponſes hinabſah. Während dieſes ganzen Geſpräches ſiellte der Fremde nicht einen einzigen Augenblick ſei⸗ nen Spaziergang ein, und draußen tobte der Sturm mit der entſetzlichſten Wuth; das matt glimmende Feuer warf auf die Umſitzenden einen falben, röthlichen Schein; daß eine Licht war bis auf den Leuchter herabgebranntz das — 246— andere, längere war ungeputzt, und brannte düſter. Näher und näher rückten die Anweſen⸗ den zuſammen, und betrachteten ſich mit ſcheuen, ängſtlichen Blicken. Fetzt ſchlug die Stunde der Mitternacht, und mit dem letzten Schlage der Uhr hörten die Schritte des Fremden auf; es entſtand eine Pauſe von etlichen Minuten, dann ein Geräuſch, als ob etwas über den Fußboden des Zimmers geſchleppt würde. Einen Augenblick darauf öffnete ſich die Thür des Fremden; mit Heftig⸗ keit wurde ſie wieder zugeworfen, und es ſtieg Jemand die Treppe herab. Als die Tritte nä⸗ her kamen, bebten Alle heftig zuſammen. Mit jedem Augenblicke vermutheten ſie, daß der rothe Mann eintreten, und ſich ihnen in ſeiner wahren Geſtalt zeigen würde. Die Wirthinn ward ohnmächtig; der Amtmann wäre beinahe ihrem Beiſpiele gefolgt. Der Wirth wagte aus Furcht nicht zu athmen; der Schulmei⸗ ſter ſtammelte ein kurzes Stoßgebet zum Heil ſeiner Seele. Der Pfarrer war der Einzige, — 247— der noch etwas Faſſung behielt. Mit zittern⸗ der Stimme rief er:„Weiche, Satanas!— Ich banne Dich in die Tiefen des rothen Meeres!“ „Ich gehe, ſo ſchnell ich kann!“ erwie⸗ derte der Fremde, indem er an der Thür des Gaſtzimmers vorüberging. Seine Stimme ſchreckte die ganze Geſell⸗ ſchaft aus ihrem Stumpfſinne auf. Alle ſpran⸗ gen empor, und ſtürzten, vom gleichen Ver⸗“ langen getrieben, an das Fenſter. Hier ſahen ſie die hohe Geſtalt eines Mannes, der, in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, in der einen Hand einen Mantelſack, in der andern eine ſchwere Peitſche, dem Stalle zuging. Er blieb etwa drei Minuten in demſelben, und führte dann das feurige Pferd, vollſtändig geſattelt und gezäumt, heraus. Im Nu ſchwang er ſich auf des Thieres Rücken, winkte den Zurück⸗ bleibenden mit der Hand zu, drückte ſeinem Pferde die Sporen ein, und ſprengte wüthend davon; ein gellendes, widerliches Gelächter * — 248— tönte zuruͤck, als er in der Racht des Stur⸗ mes verſchwunden war. Kaum glaubten der Wirth und deſſen Gäſte gegen die Rückkehr des unheimlichen Fremden geſichert zu ſeyn, als ſie nach dem Zimmer eilten, das der Teufel durch ſeine Ge⸗ genwart heimgeſucht hatte. Ein Blick über⸗ zeugte ſie, daß der Verſchwundene in der That mit dem Böſen im Bunde geſtanden habe; denn— der hier ſtehende Schreibſchrank des Wirthes war aufgebrochen, und ſein ſämmtli⸗ ches Geld, wichtige Dokumente, ſo wie meh⸗ rere andere Sachen von Werth, geſtohlen. . — 249— Die Geheimniſſe des Thales. Aus den Papieren des Grafen Drevitz) Von J. D. Schieferbruch.*) In Blösheim, einem freundlichen Städtchen des ſüdlichen Teutſchlands, das der Leſer aber vergebens auf der Charte ſuchen möchte, da ich aus Rückſichten noch lebender Perſonen den Namen ändern mußte,— in Blösheim hatte ich *) Dieſe Erzaͤhlung wurde mir von ihrem Ver⸗ faſſer uͤberlaſſen, um ſie meinem Baͤndchen Eraͤhlungen einzuverleiben; ich theile ſie hier mit Vergnuͤgen mit, und zwar um ſo mehr, da die Leſer dadurch, daß ich an deren Stelle nicht eine eigene gegeben, nur gewon⸗ nen haben. L. v. A. beſchloſſen, mich eine längere Zeit aufzuhalten, um die herrliche, mit Thälern, Wieſen, Ber⸗ gen und Ruinen abwechſelnde Gegend kennen zu lernen. Anfangs machte ich kleine Fußwan⸗ derungen von ein oder anderthalb Tagen, und überzeugte mich immer mehr, daß ich es eigent⸗ lich dem Zweck meiner Reiſe ſchuldig ſey, hier ſo lange zu verweilen, bis ich die himmliſch ſchöne Gegend in ihren Einzelnheiten ſo tief in mein Gemüth geprägt hätte, daß der Eindruck nicht leicht durch andere Gegenſtände könne verdrängt werden. In den Jahren, wo ich mich damals befand, ſchwärmte ich oft in allen reizenden Gegenden meines Vaterlandes um⸗ her, um meiner Phantaſie und den Spielen der⸗ ſelben neue Nahrung zu geben. Doch verſäumte ich ſelten, alle Gegenſtände, die mich umgaben, mit großer Aufmerkſamkeit zu beobachten, um in jeder Hinſicht Gewinn zu haben. Wie ſollte ich auch anders? In meiner Vaterſtadt war ich an das Gewühl der Menſchen gewöhnt; hatte die ſogenannten Freuden der Welt gekoſtet bis —— —— — 251— zum Uebermaß, und ſuchte daher Erholung zu finden in den einfachen Ergötzlichkeiten ſchöner Naturſcenen. Daher entging mir nichts, was nur einigermaßen merkwürdig war. Mein Wirth, eine treuherzige, geſchwätzige Seele, kannte die Merkwürdigkeiten der Ge⸗ gend genau, und ergötzte mich öfters durch die umſtändlichen Sagen, die von dieſem oder jenem Bergſchloſſe im Munde des Volkes ſich erhielten. — „Da iſt,“ ſprach er einſt,„zwei Mei⸗ len in die Runde eine Gebirgskette. In einem von Felſen und Bergen umgebenen großen Keſ⸗ ſel ſtanden ehemals zwei Klöſter. Das Eine war ein Nonnenkloſter, der heiligen Eliſabeth geweiht, da lebten die Nönnlein in Herrlichkeit und Freuden, und thaten immer, als wollten ſie vor purer Heiligkeit ſich ſelber zum Opfer bringen. Den ganzen lieben Tag wurde gebe⸗ tet und geſungen; dabei ließen ſie ſich's nicht ſchlecht ſchmecken. Die Aebtiſſin, eine feine, liſtige Perſon, trieb ſtarke Gemeinſchaft mit — 252— dem andern Kloſter, wo die Brüder des hei⸗ ligen Anton ſich recht ordentlich mäſteten, ſo daß ihnen die Schmeerbäuche nichts weiter er⸗ laubten, als zu beten und dem lieben Gott Eins vorzuſingen. Hab's aber immer ſo geſe⸗ hen, wo der Bauch zu ſehr gepflegt wird, da wachſen die Begierden wie Pilze und Unkraut auf. Die feiſten Mönche, die wahrſcheinlich mit den Nönnlein heimlich beten wollten, wühl⸗ ten ſich, wie die Maulwürfe, einen unterirdi⸗ ſchen Weg in das Nonnenkloſter und da trie⸗ ben ſie ihr Weſen eine Zeit lang recht ordent⸗ lich. Die ehrbaren Bürger des heiligen Anton, die lange in der Liebe gefaſtet, deſto fleißiger aber dem Bacchus geopfert hatten, hielten für erlaubt, unter der Erde in Ausübung zu brin⸗ gen, was ihnen über derſelben ſo ſtreng ver⸗ boten war. Das Getreibe und Gekoſe ging auch eine Zeit lang recht ſchön; Niemand wußte was von den Maulwurfsgängen, und das Volk that auch ſo heilig, als ob ſie aus einem Stoff von unſerm Herrgott zuſammen⸗ gebacken wären, der keine irdiſche Begierden aufkommen ließe. Auf ein Mal kamen Geſich⸗ ter an den Tag, die unerhörtes Aufſehen er⸗ regten. Sämmtliche Nönnchen, nebſt der Aeb⸗ tiſſin nämlich, äußerten in ihrem körperlichen Umfange plötzlich eine bedeutende Verände⸗ rung, welche auf drollige Vermuthungen brach⸗ te, doch der Wichtigkeit der Sache wegen an⸗ fangs keine lauten Aeußerungen geſtattete. Die Sache ſelbſt wurde endlich der ſtärkſte Anklä⸗ ger. So ſehr man auch die Geſchichte zu ver⸗ bergen ſuchte, ſo konnten dieſe zwei Klöſter nicht der Strafe entgehen. Sie wurden für entheiligt, und für gänzlich unwürdig erklärt, dem Gott der Chriſten ferner dienen zu kön⸗ nen. So löste ſich die C Geſellſchaft auf. Was aus den ſaubern Brüdern und Schweſtern ge⸗ worden iſt, kann ich aber nicht ſagen. Spä⸗ ter lebte ein Kaplan in den Gebäuden, bis ein fremder Herr, den Einige für einen Engländer, Andere für einen Italiener halten, ſie mit den dazu gehörigen Gütern an ſich — 254— kaufte, und in dem Umkreis einer halben Stunde ſo viel wilde Hecken und dichte Wal⸗ dung anlegen ließ, daß es Jedem unmöglich iſt, dahin zu gelangen, wenn er die verſteckten Wege nicht kennt.“ „Ein fremder Herr hat die Beſitzungen an ſich gekauft?— Das iſt doch drollig, ſich in unſern aufgeklärten Zeiten, wo der Menſch den Menſchen aufſucht, und ſich nicht hinter die Mauern verſteckt, in dieſe alten, wüſten Ge⸗ bäude zurückzuziehen.“ —— „Das möchte ich aber nicht behaupten, daß die Gebäude wüſte wären. Zwar weiß ich's nicht. Aber der Herr ſoll gewiß viel Vermögen beſitzen und wird's nicht haben feh⸗ len laſſen, die Gebäude nach ſeinem Sinn aus⸗ zuſchmücken.“ „Was mag ihn aber dazu bewogen ha⸗ ben, dieſe alten Reſter an ſich zu kaufen? was überhaupt ihn dazu antreiben, ſich von der Welt zurückzuziehen?“ „Ja, davon den richtigen Grund anzu⸗ geben, iſt mir unmöglich. Es herrſcht allerlei buntes und ſchnakiſches Geſchwätz unter dem Volke, was aber eben als Beweis gelten kann, wie wenig die Leute den Grund zu er⸗ rathen wiſſen. Viele glauben, daß er mit dem Böſen einen Bund geſchloſſen habe, da er ſo einſam, ſo verſteckt in jenen Winkeln lebt, und allen Umgang mit den Nachbarsleuten ver⸗ meidet. Ich habe ihn in meinem Leben nur ein einziges Mal geſehen, ob ich gleich hier geboren und erzogen bin, ja, mir oft als Junge die größte Mühe gab, den Dachs, wie wir ſcherzhaft ſagten, in ſeiner Höhle zu be⸗ lauſchen.“ „Nun, wie ſah' er denn aus?⸗ „Wie er ausgeſehen?— Herr, und wenn Ihr mir's bezahlt, ich könnte es nicht beſchrei⸗ ben. Er ſaß unter einer ſtarken Eiche, die die Hüneneiche genannt wird, in einen ſchwarzen Mantel gehüllt, mit einer ſchwarzſammtnen Larve verſehen, und in einem ſchwarzen Buche — 256— leſend. Anfangs war ich verblüfft, konnte mich kaum beſinnen, doch meine Reugierde ge⸗ wann die Oberhand, ich ſchlich mich daher nahe an ihn und war eben im Begriff, ihn anzureden, als ich einen Schlag erhielt, und mich, ehe ich nachſann, ſo kräftig gepackt fühlte, daß mir Hören und Sehen verging. Mir zur Seite ſtand ein ſtämmiger Kerl, eben ſo ge⸗ kleidet wie Jener, der am Baume las— und blitzte wild und heftig unter der Maske hervor. Ich zitterte wie Espenlaub.„Geh,“ rief er mir wild zu,„und laß Deine Nachforſchungen, wenn Du ferner leben willſt. Hier haſt Du Schmerzgeld.“ Und ehe ich wußte, was ich antworten ſollte, faßte er mich grimmig, und führte mich den kürzeſten Weg aus ſeinem Gehege heraus. Wie beſeſſen jagte ich heim und fand, als ich mich erholte, ein Goldſtück in meiner Taſche. Nach dieſem Vorfall wagte ich keinen Verſuch weiter.“ „Das iſt doch höchſt ſonderbar!“ rief ich erſtaunt aus.„Und haben ihn Andre Eurer —— Bekanntſchaft eben ſo wenig geſehen?— Er muß doch Gemeinſchaft mit Welchen haben, die ihm Nahrungsmittel herbeiführen?“ „Er bezahlt gut, und hat darum einen Mann an ſich, der ihn alle Wochen mit dem Nöthigen verſieht.“ „Und wer iſt der Mann? iſt er aus hieſiger Gegend?— Wie iſt dieſer zu der Ehre gekommen, mit dem närriſchen Menſchen in Berührung zu gerathen?“ Mein Wirth ſah mich pfiffig an, und er⸗ wiederte achſelzuckend nichts, legte den Finger auf ſeinen Mund und eilte ſchnell fort. Meine Neugierde war äußerſt rege gemacht. Der Ge⸗ danke fuhr mir durch den Kopf, daß mein Wirth wohl ſelber Jener ſey, der den fremden Herrn zuweilen mit Nahrungsmitteln verſehen mußte. Der Sache näher auf die Spur zu kommen, fing ich damit an, mit meinem Wirthe dieſes Geſpräch öfter fortzuſetzen. Doch ſo oft ich es auch begann, der Schlaue wußte fein und gewandt allen meinen fernern Forſchungen v. Alvensleben Tochter. R — 258— auszuweichen. So wurde ich nach einigen Ta⸗ gen in der Vorſtellung, die ich mir von dem Geheimniß machte, nur noch verwirrter, als vorher. Mein Wirth war ein kurzer, breitge⸗ ſchulterter Mann, der einen guten Tiſch und ſtete Ruhe liebte, übrigens bei einem ziemlich bedeutenden Vermögen nach ſeiner Vorfahren Weiſe die Beſitzungen verwaltete, ohne dabei ärmer, noch reicher zu werden. Wenn man ihn in ſeinem Berufe ſah, hätte man denken müſſen, das Wohl des ganzen Staates ruhe allein auf ihm, ſo amtsmäßig, wichtig und ernſthaft ſchritt er einher. Dies war vermuth⸗ lich eine Folge ſeiner Erziehung. Sein Vater wollte den einzigen Sohn ſtudiren laſſen, hatte den Gedanken früh ſchon geäußert und ge⸗ nährt, und nach ſeiner Art den Sohn hierzu er⸗ zogen. Das plötzliche Abſterben deſſelben än⸗ derte dieſen Plan, und der Sohn, welcher be⸗ reits eine hohe Schule beſuchte, wurde ſchnell zurückgerufen, und zu den Geſchäften eines DOekonomen angehalten. Von jeher der Dekonomie — zugethan, fand er ſich ſehr leicht in ſein Ge⸗ ſchäft, hatte jedoch bereits etwas Städtiſches angenommen und dünkte ſich deshalb mehr, als ſeine Nachbarn. Seine getreue Ehehälfte war ein kleines, gewandtes Weibchen, ungemein lebhaft und thätig, die den Eigenheiten des Mannes ihren Gang ließ, dafür aber ſich leicht die Herrſchaft des Hauſes aneignete. An ſie mußte ich mich auch halten, wenn ich nähern Aufſchluß über das bewußte Geheimniß erhalten wollte. Ich pflegte alle Morgen etwas mit ihr zu plaudern, wenn ich dies und jenes beſtellte. Als ſie da⸗ her am nächſten Morgen in mein Zimmer kam, um meine Wünſche für den heutigen Tag zu hören, fing ich an, ſie auszufragen. „Sie müſſen wohl viele Waaren alle Wo⸗ chen an die Fremden liefern, die die Kloſter⸗ Ruinen bewohnen?“— „Da hat mein Mann einmal wieder ge⸗ plaudert. Aber ich werde ihm dies büßen laſ⸗ ſen. Nicht etwa, als könntet Ihr, guter Herr, R 2 — 260— uns ſchaden!— bei Leibe nicht; aber er hat mir oft ſchon Ungelegenheiten durch ſeine Schwatzhaftigkeit gemacht. Er wird machen, daß ſie ihn von Haus und Hof jagen. Ver⸗ zeiht, mein Herr, wenn ich heftig werde; aber wenn ich nicht meinen Kopf beſtändig hergäbe, um die dummen Streiche meines Mannes zu verbeſ⸗ ſern, ſo würden wir vor Irrung und Verwirrung bald uns nicht mehr zu helfen wiſſen. Es iſt uns ſtreng unterſagt worden, je davon zu ſprechen, daß wir Verkehr mit den Fremden haben, und Ihr ſeyd gewiß die einzige Perſon, die davon weiß.“ Ich bat ſie, ruhig zu ſeyn, und ſagte lächelnd, daß ich nichts von ihrem Manne ge⸗ hört hätte, und daß es nur eine Liſt geweſen, meine Vermuthung gegründet zu wiſſen. „Das war nicht artig, mein Herr, mich arme Frau ſo zu hintergehen, da ich den gan⸗ zen Tag die Geſchäfte des Hauſes beſorgen muß, alſo weit weniger Aufmerkſamkeit auf die Schalkheit eines Fremden wenden kann. Doch da Ihr nun ein Mal der Sache durch meine — 261— eigene Leichtgläubigkeit auf die Spur gekom⸗ men ſeyd, ſo bitte ich um die ſtrengſte Ver⸗ ſchwiegenheit, ja meinem Mann dürft Ihr ſogar dieſe Mitwiſſenſchaft nicht merken laſſen.“ Ich verſprach es feierlich, bat dabei drin⸗ gend um Verzeihung, doch wagte ich zugleich den Zuſatz, mir etwas Näheres über die Frem⸗ den zu ſagen. „Ja, wenn ich das könnte,“ erwiederte meine Wirthin;„wir wiſſen nicht viel mehr, als Ihr ſelbſt.“ „Wie oft führt man denn Nahrungs⸗ mittel hinüber, und wie viel Perſonen zählt jene Einſiedelei?“ „Alle Wochen zwei Mal. Die Anzahl der Perſonen iſt ſich nicht immer gleich. Oft ſind es vier, oft auch fuͤnf; gewöhnlich, mit dem Fräulein gerechnet, ſind vier zu Hauſe.“ „Mit dem Fräulein?“ rief ich verwundert. „Wie? Ihr wußtet auch von der nichts? Nun fragt nicht mehr, ich ſage kein Wort, ſchon hab' ich mehr geplaudert, als ich ſollte.“ — 262— Und nun mochte ich auch fragen und bit⸗ ten, ſo viel ich wollte, ich erfuhr nichts mehr. Meine Neugierde war nach dem Allen, was ich eben gehört hatte, noch weit reger gewor⸗ den, als zuvor. Alſo auch was Reizendes ha⸗ ben die Fremden in der Nähe? Hierdurch werden ſie allerdings das Drückende eines langweiligen Einerleis weniger fühlen. Werde es, wie es wolle, ich muß dem Gegenſtande einer ſo wunderbaren Verborgenheit auf die Spur kommen.— Noch mit dieſem Gedanken beſchäftigt, beſchloß ich einen Spaziergang zu unternehmen, und ging deswegen durch das Hinterhaus in den Garten, um von da auf das Feld zu gelangen. Als ich eben um eine Bohnenhecke, die ſich an Stäben weit in die Höhe gerankt hatte, beugen wollte, hörte ich meines Wirthes Stimme: „Alſo heute Nacht, um die zwölfte Stun⸗ de, ſoll ich bis zur Waldecke fahren?“ Er ſprach das Uebrige ſo leiſe, daß ich nichts weiter vernehmen konnte. Ich trat in eine * ————— — 6— Lindenhütte, ließ ihn vorüber, und eilte als⸗ dann, um zu entdecken, mit wem er geſpro⸗ chen. Ein kleiner Bube, der im ſchnellſten Laufe zum Garten hinauseilte, war das Ein⸗ zige, was ich ſah. Um keinen Verdacht zu erregen, blieb ich zurück, beſchloß aber, mich um Mitternacht an der Waldecke einzufinden, um auf dieſe Weiſe dem Geheimniß auf den Grund zu kommen. Je näher die Stunde der Mitternacht kam, deſto banger wurde mir. Mein Innres zwar ſprach laut, daß ich nicht recht handle, dennoch konnte ich die Begierde, Licht in der dunkeln Erzählung mei⸗ nes Wirths zu bekommen, nicht bezähmen. Eine Stunde früher, eilte ich durch ein Hinterpförtchen, gut beaffnet, nach der verhängnißvollen Wald⸗ ecke, die ungefähr eine kleine halbe Stunde von Blösheim entfernt lag. Der Weg ging durch eine dunkle Waldung, und bog dann links nach jener Gegend hin, wo die Geheimniſſe ihren Anfang zu nehmen ſchienen. So oft ich auch die Gegend durchzogen war, ließ ich mich doch — 264— durch die immer dichter werdenden Hecken ſtets abſchrecken, meine Forſchungen weiter fortzu⸗ ſeten. An der Waldecke angelangt, bog ich in das waldige Geſträuch einer Buchenan⸗ pflanzung, woſelbſt ich mich unvermerkt ver⸗ ſtecken konnte. Kaum hatte ich meinen ver⸗ borgenen Poſten eingenommen, ſo verkündete auch ſchon ein ſchwaches Pfeifen den Anfang eines Abenteuers. Das Pfeifen kam näher, und endlich hlieben zwei Männer dicht an dem Platze ſtehen, wo ich mich verborgen hielt. Un⸗ bemerkt konnte ich bequem lauſchen. Sie wa⸗ ren in ſchwarze Mäntel gehüllt, und verur⸗ ſachten ein ſtarkes Geklirr mit Waſſen; ein Be⸗ weggrund mehr, mich heimlich und ohne Ge⸗ räuſch hier aufzuhalten. Sie ſprachen übrigens italieniſch, doch miſchten ſie je zuweilen Deutſch ein. „Hier im Dunkel uns warten zu laſſen, zeigt von einem ungewiſſenhaften Buben.“ „Memme, Du! Mußt Du überall Deine Furcht äußern, und ſollte es in einem Fluche ſeyn, den die Lippen ausſtoßen, um Deine ei⸗ genen Nerven zu täuſchen?“ „Laß'nen Feind kommen, und beim Him⸗ mel, ich ſteh' meinen Mann. Aber hier in der Enge kann man ſich nicht regen, aus jedem Winkel kann Verrath lauſchen, hinter dem Baume der Tod uns im Rücken dräuen, und „ „Ja, ja, und ein Haſe Dich in die Flucht jagen. Es iſt mir keine ärgere Memme noch vorgekommen, als Du biſt. Ein Kerl, der ſich vor ſeinem eigenen Schatten fürchtet, davon läuft, als wenn der leibhaftige Teufel ihn jage, wenn ein verſoffener Bauer einen Laut von ſich giebt—“ „Spotte nur! Du hätteſt es eben nicht kluͤ⸗ ger angefangen, wenn Dich eine Schaar ſol⸗ cher verſoffener Lümmel angefallen hätte. „Was?— fortlaufen, wenn ich noch freie Fauſt, Schutz im Rücken, und zwei ge⸗ ſunde Augen habe, die mir geſtatten, die kleine Anzahl zu zählen?“ — —266— „Und hätte ich nicht überdies dem Gebote meines Herrn zuwider gehandelt?— Hatte er mir nicht ſtreng verboten, mich in keine Hän⸗ del einzulaſſen, und wenn es das Höchſte gel⸗ ten ſollte?“ „Ja, der möchte uns in den vertrackten Neſtern eher zu Mönchen ſtempeln, faſten und beten, das Skapulier tragen und Rauchfäſſer ſchwingen laſſen, als daß er uns geſtatten ſollte, das Schwert gegen einen Schurken zu ziehen.“ Jetzt hörte ich in der Nähe ein gellendes Pfeifen, welches jene Zwei beantworteten; es kam immer näher, und gleich darauf erſchien mein guter Wirth mit einem kleinen Karren, welcher ziemlich ſtark beladen war. „Na, Alter, habt uns lange warten laſſen.“ „Habt Ihr warten müſſen? Hab' eszauch gethan. Hier zuerſt in dem Korbe ſind all' die Sachen, welche das Fräulein beſtellt hat, und bier— und hier— alles gehört dem alten Herrn.“ „Wer hat Euch denn geheißen, 257 Herrn alt zu nennen?“ „₰—₰ 8 nun, ſich denn Euch der kein einziges Mal ſich ſehen läßt, d Herrn.“ ₰ „„ Ma ch, 1 Pr „„ †* miteinander plaudern? Ja, wenn ich bedenke, wie viel ich in jeder Woche Euch zufahre, da⸗ ich muß die jungen„ ur ſchnell, wir müſſen fort!“ ſoll man denn gar kein W bei immer reinen Mund halte—“ „Und Dir's trefflich bezahlen läßt, mein lieber Walther.“ „Das iſt's ja eben, was ich ſagen wollte. Ich bekomme mehr, als ich verlangen könnte für meine Bemühungen, und erfahre nimmer, wem ich es zu danken habe.“ „Es iſt des Danks nicht werth, Walther. Laß das gut ſeyn, bleibe uns treu und gewo⸗ doch einen Unterſchied Euch und Jenem? und den Andern, — 268— gen, und es ſoll Deinen Enkeln noch vergolten werden.“ „Ihr glaubt vielleicht, ich plaudre— ich dächte aber doch ſchon genug Beweis Euch ge⸗ geben zu haben, daß ich reinen Mund zu hal⸗ ten weiß.“ „Das wiſſen wir am beſten. Geht jetzt Eurer Wege, und wenn die Sonne zwei Mal auf⸗und unterging, dann erſcheint Ihr wieder. Hier iſt Eure Bezahlung, und das Verzeichniß derjenigen Dinge, die wir das nächſte Mal bedürfen.“ Sie nahmen nun Abſchied, packten ihre Sachen auf die Pferde, und entfernten ſich ſchnell. Mein Wirth fuhr brummend zurück, und in der Stille der Mitternacht hörte ich noch lange das Raſſeln ſeines Karrens. Die Stelle mir genau merkend, ſann ich immer angeſtrengter über die Begebenheit nach, ſtellte Alles zuſammen, was ich gehört und ge⸗ ſehen hatte, und war nur um ſo feſter über⸗ zeugt, daß dem Allen etwas Außerordentliches 5 — 260— zum Grunde liege. Erſt gegen Morgen eilte ich nach meinem Zimmer, warf mich auf mein Bette, und ſchlief unter den mannigfachſten Vermuthungen ein. Beim Erwachen ſtand die Sonne ſchon hoch am Himmel, ich kleidete mich ſchnell an, und eilte, meinen Wirth aufzuſu⸗ chen. Als er hörte, daß ich auf einige Tage verreiſen würde, ſah er mich ſcharf an, ſchwieg jedoch, und fragte nicht ein Mal,— was mich am meiſten wunderte,— wohin ich meinen Weg nehmen würde. Wohl bewaffnet, und mit dem Nöͤthigen verſehen, nahm ich meinen Weg nach der Wald— ecke; und eilte von da einen ſteilen Berg hin⸗ an, der ſo dicht mit Hecken bewachſen war, daß ich nur mit der höchſten Anſtrengung meine Reiſe fortſetzen konnte. Als ich endlich nach geraumer Zeit den Gipfel des Berges erſtiegen hatte, konnte ich in der Ferne die Zinnen bei⸗ der Klöſter bemerken. Die herrliche Lage, die überaus ſchöne Gegend, feſſelte meine Auf⸗ merkſamkeit auf das Höchſte, und füllte mein F 8. — Gemüth mit unnennbarem Entzücken. Als ich aber den Fortgang meines Marſches verſuchte, zeigten ſich eine Menge Schwierigkeiten, die mich ſo lange keinen Ausgang aus dem wil⸗ den Geſträuche finden ließen, bis ich mit meinem Degen mir Bahn machte. So langſam es auch von Statten ging, ſo kam ich dennoch vom Flecke, und hatte nach einigen Stunden das Vergnügen, mich zwiſchen zwei Felſen zu ſehen⸗ durch die ſich ein ziemlich betretener Weg ſchne⸗ ckenförmig hindurch wand. Auf demſelben ſo ſchnell wie möglich forteilend, erreichte ich ge⸗ gen Mittag eine Hütte, die ehemals ein Auf⸗ enthalt für Köhler geweſen zu ſeyn ſchien, aber gewiß lange nächt bewohnt worden war. Eine Quelle ſprang nicht weit davvn zwiſchen einem Felſen hervor, an der ich mich erftiſchte, einige Waldbeeren machten meine Koſt, und ein ſchat⸗ tiger Ort, mit Moos ſtark bewachſen, meine Ruheſtätte aus. In dieſem Zuſtande, an die⸗ ſem Orte, mit den wunderlichſten Gedanken veſchäftigt, wie ſie ein Abenteurer meiner Art — 271— nur hegen konnte, war es da zu verwundern, daß das Herz mir höher ſchlug, und alle Le⸗ bensgeiſter in mir aufgeregt wurden? Lange ſann ich nach, ob ich meinen mühſamen Weg fortſetzen ſollte oder nicht, und kam endlich zu. der feſten Entſchließung, nicht eher zu raſten, bis ich etwas Näheres über dieſen geheimen Gegenſtand erfahren haben würde. Nachdem ich mich wieder geſtärkt fühlte, begann ich, meinen Weg durch das Geſträuch fortzuſetzen; doch je weiter ich kam, deſto ungangbarer wurde derſelbe, und oft hatte ich Mühe, ihn wieder zu entdecken. Ermüdet von der anhal⸗ tenden Anſtrengung und dem ewigen Einerlei eines ſolchen Weges, der mein Fortkommen auf das Unerträglichſte erſchwerte, ſehnte ich mich recht herzlich nach einem Ziele, das meine Sehnſucht nach Aufklärung einiger Ma⸗ ßen ſtillen konnte. Schon begann die Sonne zu ſinken, und ich hatte immer noch keine Hoff⸗ nung, aus der düſtern Bergwaldung zu kom⸗ men, als ich plötzlich auf eine Felswand ſtieß, — 272— deren Unzugangbarkeit ſorgfältig angebaut ſchien. Ich ſuchte die gangbarſte Stelle, und mit geſammelten Kräften fing ich den Felſen zu erklimmen an. Zu wiederholten Malen hatte ich das felſige Geſtein zu erſteigen ge⸗ ſucht, war aber jedes Mal rücklings zu Boden geſtürzt; endlich faßte ich eine Wurzel, hob mich auf einen Abhang, ſtemmte mich hier kräf⸗ tig wider, und kroch auf Händen und Füßen die ſteile Höhe hinan, jeden Augenblick in Ge⸗ fahr, köpflings in den Abgrund zurückzuſtür⸗ zen. Die anhaltende Anſtrengung und die Ban⸗ gigkeit jedes kommenden Augenblicks erſchöpf⸗ ten alle Lebensgeiſter, und doch war der Weg noch ſo ſteil, die Nacht ſo nahe, die mich zu überraſchen drohte, und keine Hoffnung vor⸗ handen, einen ſchützenden Ort zu finden. Die Nacht unter dem freien Himmel zu verleben, war mir nicht ſchrecklich. Dazu war ich ab⸗ gehärtet, und hatte früher zwiſchen ähnlichen rauhen Feiſen ſanft und ruhig geſchlummert. Aber die getäuſchten Hoffnungen, die Erwar⸗ tung alles deſſen, was noch kommen ſollte, marterten mich auf das Schrecklichſte und ver⸗ drängten allen Schlaf aus den ermatteten Gliedern. Von ſolchen Gedanken beunruhigt, ſtrengte ich meine letzten Kräfte an, um dem Gipfel näher zu kommen. Zwiſchen Schluch⸗ ten und engen Spaltungen des Felſens hine durch, mußte ich oft eine neue und gefährl chere Höhe erſteigen, bis ich eine Kuppe, von welcher aus ich in die Tieſe hinabſehen konnte, erreichte. Ein überraſchender Anblick bot ſich mir dar. Mit Entzücken überſah ich ein Thal, welches wie ein Paradies herrlich und ſchön vor meinen Augen ſich erſtreckte. Rings dicht von Felſen umgeben, ſchien ein anderer Him⸗ mel hier zu lachen, milde Lüfte und himmli⸗ ſche Wohlgerüche wehten mir aus der Tiefe entgegen. Erſtaunt und verſtummt ſtand ich auf meiner Höhe, mich ſelber ganz vergeſſend, und konnte mich nicht genug ſättigen. Menſch⸗ liche Thätigkeit ſchien wenig für die Reize die⸗ ſes ſchönen Thals beigetragen zu haben, und v. Alvensleben Tochter. S * — 274— dennoch war es wieder nicht anders zu denken, als daß Spaten und Harke dieſe Wildniß ſo wohl geordnet, ſo lieblich bepflanzt haben mußte. Auf einem freien Platze ſtand eine Hütte von Laubholz, ringsum ſorgfältig geordnete und gepflanzte Blumen, zu beiden Seiten Gehölze, durch das ſich ein natürlicher Gang hindurch wand. Ein menſchliches Weſen konnte ich nicht entdecken. Mit vieler Anſtrengung ſtieg ich herab in das feenartige Thal, und lagerte mich dicht am Fuße des Verges im weichen Graſe, wo ich ſogleich entſchlief. Als ich erwachte, war es gänzlich Nacht. Der Mond ſchien je⸗ doch hell und freundlich, der Himmel war wol⸗ kenlos und heiter, und ich entſchloß mich daher, meinen Weg fortzuſetzen. Ueberdies nöthigte mich ein heftiger Hunger dazu. Rüſtig ſchritt ich durch einen hohen Fichtenwald fort, und kam nach einer halben Stunde in eine ſchöne Aepfelpflanzung junger Bäume, die meiſtens ausländiſcher Art zu ſeyn ſchienen, und am Ufer eines ſpiegelhellen Sees ſtanden. An —— — 275— dem einen Ende deſſelben ſchimmerte zwiſchen dem Gebüſche ein Tempel hervor, nicht ſehr hoch, aber äußerſt geſchmackvoll gebaut. Vier ſtarke Birken trugen das ſchön gewölbte Dach; das Licht ſiel von oben herein. Der Eingang war offen, und führte in einen Vorſaal, wo ſich drei Thüren zeigten, die in das Innere gingen. Behutſam ſtieg ich die glatten breiten Stufen hinan, und öffnete eine von den Thü⸗ ren leiſe, mit bangem, klopfenden Herzen. Ein romantiſches Dunkel, das vom matten Lichte des Mondes nur ſchwach erleuchtet wurde, zeigte mir ein geſchmackvolles, ja prächtiges Zimmer. Die gewölbten Wände waren mit rothen Gardinen behangen, und bildeten mit den dunkeln Schatten und dem Lichte des Mondes einen lieblichen Wechſel. An der einen Seite, die am hellſten beſchienen wurde, ſtand ein Bette, deſſen Vorhänge zurückgeſchla⸗ gen waren. Mit hochklopfendem Herzen ſchlich ich näher, und Himmel, wer beſchreibt mein Entzücken! ein Mädchen, ſchön wie die Göttin S 2 der Liebe, im leichten Nachtgewande, lag nach⸗ läſſig auf das Lager hingegoſſen und ſchlum⸗ merte. Ich hielt den Athem an, um die ſüße Schläferin nicht zu erwecken. Unverwandten Auges blickte ich auf die reizende Geſtalt, und ſog berauſcht das ſüße Gift ſinnlicher Luſt und Sehnſucht in mich. Nicht ſatt konnte ich mich ſehen, und ſchwelgte lange und kühn, in den Anblick der reizenden Schläferin verſunken. Das ſchöne Ebenmaß ihres Körpers machte durch die Lage und die ſanfte Umſchattung des dämmernden Lichtes einen ergreifenden Ein⸗ druck auf alle meine Nerven. In dieſem Au⸗ genblicke wandte ſie ſich nach der andern Seite, als ahne ſie im Schlafe, daß Jemand ihr nahe ſey. Eine beängſtigende Unruhe trieb mich zum Zimmer hinaus. Eine andte Thür öff⸗ nend, forſchte ich nach Jemand, von dem ich Hülfe erwarten konnte, doch nirgends ließ ſich auch nur eine Seele ſehen; meine Tritte hall⸗ ten, wie in einem Grabe, in den gewölbten Zimmern wieder. Von der anhaltenden Un⸗ — 27 — — e ruhe ermattet, warf ich mich auf ein daſtehen⸗ des Sopha, konnte aber durchaus nicht zum Schlafen kommen. Von einem brennenden Ver⸗ langen beſeelt, über dieſes ſo einzige Abenteuer Aufklärung zu erhalten, zählte ich jede Minute bis zum Morgen, und eilte beim erſten Strahle — des Sonnenlichtes hinaus in's Freie. Milliv⸗ nen von Perlchen glänzten an den Halmen e erſten Strah⸗ len der Sonne liehlich ſpiegelten; auf den r* und Blättern, in denen ſich d —. e die Zweigen wiegten ſich fröhlich zwitſch gefiederten Sänger, und unter den Tannen wei⸗ deten ruhig einige Rehe, die munter bei mei⸗ ner Annäherung davon hüpften. Im angrän⸗ zenden Obſtgarten pflückte ich Birnen, deren Wohlgeſchmack meinem heftigen Hunger genüg⸗ te. Ich hatte mich von der Wohnung etwas weit entfernt, kehrte daher uach Verlauf einer Stunde zurück, und ſah meine nächtliche Schöne im Morgenanzuge, ihr vom Schlaf geröthe⸗ tes Antlitz am klaren Bache badend. Sittſam und leiſe näherte ich mich. Bei — 226— meinem Anblick bebte ſie, und trat einige Schritte zurüͤck. Die höchſte Beſtürzung, die ſich in jeder Miene zeigte, machte mich ſelber verlegen, doch trat ich näher, machte eine ſtumme Verbeugung, und ſtand alsdann laut⸗ los und betroffen da. „Himmel! was iſt das?— Wer ſind Sie, mein Herr? Wie kommen Sie hieher, und ſind Sie ſo allein, als Sie allein zu ſeyn ſcheinen?“ „Verzeihung, ſchöne Unbekannte, Ver⸗ zeihung“— rief ich, ſo ſchmeichelnd wie mög⸗ lich.„Wohl bin ich allein; nur der Zufall, aber wahrhaftig ein güͤnſtiger Zufall, hat mich in eine ſo reizende Rähe geführt.“ „Was wollen Sie hier? O Gott, wenn— ich darf es kaum denken! Was wiſſen Sie von dieſem Orte, und wo nehmen Sie die Verwegenheit her, ſich in dies verſchloſſene Eiland zu wagen?“— „Fragen Sie nicht, was ich hier will. noch, wie ich hieher kam. Ich meine es bei — „ — Gott ehrlich. Keine böſe Abſicht leitete meine Schritte; von Durſt und Hunger faſt aufge⸗ rieben, danke ich dem Himmel, ein menſchliches Weſen gefunden zu haben. Sollte ihr milder, freundlicher Anblick nicht mit Ihrer Geſinnung übereinſtimmen? Stoßen Sie mich nicht ſo fort, ich bedarf der Hülfe.“— „Nun ſo kommen Sie in dieſes Haus. Bei Gott, ich zittere, wenn ich daran denke, daß Sie hier getroffen werden könnten!“ Das Mädchen, das höchſtens das acht⸗ zehnte Jahr exreicht haben konnte, war von ſo unnennbarer Schönheit, daß ich ſtaunener⸗ füllt mich an ihrer Engelsgeſtalt weidete. Ihr Körper war ſchlank, die hohe freie Stirn, nach⸗ läſſig von pechſchwarzen Haaren umſchattet, formte ſich frei zur Naſe und zeigte einen Mund, friſch und ſchön. Ihre Kleidung ließ das ſchöne Ebenmaß ihrer Glieder noch mehr erkennen. Geſundheit und Jugendfriſche leuchteten aus ihrem ganzen Weſen hervor. Dies war das Mädchen, das bei meinem plötzlichen Erſchei⸗ — 260— nen in die äußerſte Beſtürzung gerieth, bei meiner freundlichen Anrede aber ſich leicht er⸗ holte, und neugierig ſich mir näherte. An ihre letzte Aeußerung knüpfte ich die Frage: Wen ſie eigentlich fürchte, oder wer mir hier ſchaden könne?— „Sie fragen mehr, als ich beantworten darf. Kommen Sie, kommen Sie; erholen Sie ſich in meinem Zimmer, und erwarten Sie ſo wenig, als ich ihnen bieten kann.“ Sie eilte fort und brachte Butter, Brod, Früchte und Wein. Meine Aufmerkſamkeit wandte ſich dieſen Gegenſtänden zu, da mein Hunger von beſonders ſtarker Art war. Mit Vergnügen und Bewunderung ſchien ſie meine Eßluſt zu beobachten. Während deſſen erzählte ſie mir von den Schönheiten ihres Thales; wie ſie den größten Theil des Jahres in die⸗ ſem kleinen Bezirke allein ſey, ihren Vater und ihren Bruder nur ſelten ſähe, und dann ſetzte meine ſchöne Wirthin mit faſt bewegter Stim⸗ me hinzu; — 281— „So ſehr ich daher auch bei Ihrem erſten Anblick erſchrocken war, ſo freue ich mich doch, einen Gaſt bewirthen zu können, und meine traurige Einſamkeit etwas belebter zu ſehen.““ „Ich bitte Sie aber um's Himmelswillen, mir zu ſagen, aus was für Gründen Sie von der Welt ſo abgeſchieden leben? Mit dieſen Reizen ſich in eine ſolche Einſamkeit zurückzu⸗ ziehen, dem muß eine übertrieben große Son⸗ derbarkeit, oder ein gewaltiges Unglück zum Grunde liegen.“ „Fragen Sie nicht weiter, da ich über dieſen Gegenſtand nicht ſprechen darf, ohne mich und Sie an den Rand des Untergangs zu brin⸗ gen. Gewohnheit macht die drückendſte Laſt leichter; dieſe Regel ward mir frühzeitig ein⸗ geprägt und ihre Ausübung hat mir bewieſen, daß ſie eben ſo erſprießlich wie wahr ſei. Dürfte ich Ihnen von meinen Schickſalen, von den Geheimniſſen dieſes Thales erzählen, ich wür⸗ de es jetzt gern und freudig thun, da ich in Ihren Mienen den lebendigſten Antheil leſe, 282— und es dem Herzen immer wohl thut, theil⸗ nehmende Menſchen zu finden.“ Ich hörte ihr gerne zu, wenn ſie im Fluß der Rede begriffen war, denn ihre Mienen waren äußerſt ſanft, faſt ſchwermüthig, ihr Aoge jedoch feurig und lebhaft, der Ton ihrer Stimme ergreifend. „Das muß ein unerhörtes, entſetzliches Geheimniß ſeyn, was ſo außerordentliche Fol⸗ gen hat. Doch will ich nicht weiter in Sie dringen, und freue mich nur, daß Sie mich gern hier zu ſehen ſcheinen. Ich will mich ſo⸗ gleich entfernen, ſo bald Sie mir einen Wink geben, mit dem Bewußtſeyn, es der gaſt⸗ freundlichen Aufnahme ſchuldig zu ſeyn, ſo we⸗ nig wie möglich läſtig zu fallen und durch mein längeres Verweilen etwa das befürchtete Un⸗ glück herbeizuziehen.“ Sie winkte mir freundlich Miifall zu. „Wohl ſehe ich Sie gern, und hoffe, daß wir näher bekannt werden. Heute bin ich allein hier, und vor jeder ſchnellen Ueberraſchung — 2835— geſichert. Morgen würde Ihr Leben in Ge⸗ fahr ſeyn.“ „Daß dieſes Thal abſichtlich ſo mit Hecken umpflanzt iſt, daß die wegſamen Zugänge ab⸗ ſichtlich durch hingerollte Felsblöcke verdorben ſind, habe ich leider durch meine Anſchauung erkannt; daß aber hier Geheimniſſe obwalten, deren Offenbarmachung allein ſchon lebensge⸗ fährlich werden, daß eine ſo reizende Bewoh⸗ nerin dieſes Thales in dieſe ſchrecklichen Ge⸗ heimniſſe verwickelt iſt, macht mich nur mehr verwirrt.“ „Wie würdet Ihr erſtaunen, auch nur wenig mehr zu kennen! Doch hier iſt die Gränze, weiter könnet Ihr nicht vorſchreiten; jene Hü⸗ gel und Felſen umſchließen die eigentlichen Ge⸗ heimniſſe. Euer Vordringen würde von tau⸗ ſend Gefahren umgeben ſeyn, und wenn Ihr dem Aufſchluſſe am nächſten zu ſeyn wähntet, würde ein unvermeidlicher Tod Euren weitern Forſchungen ein Ende machen. Noch kein Sterblicher, außer denen, die hieher gehören 2A —0— 1 und die Beſitzer dieſes Thales ſind, hat ſich zu nähern gewagt.“ „Und wie lange bewohnt Ihr dieſes klei⸗ ne Eiland?“ „Seit zehn Jahren bin ich hier wohn⸗ haft.“— „Und Euer Vaterland?⸗— „Italien iſt mein Vaterland. Doch kann ich mich nur dunkel auf daſſelbe beſinnen; ich war damals ein Kind von acht Jahren, als ich von meinem Vater geholt wurde.“ „Und habt daſſelbe ſeitdem nicht wieder geſehen?“ „Ja, ſeitdem bin ich nicht wieder aus dieſem Thale heraus gekommen. Doch hatte ich vor einem Jahre noch eine Geſellſchafterin, die die Welt kannte, mich in Allem unterrichtete, und mei⸗ nem Charakter eine feſtere Richtung gab.“ „Doch ſeyd Ihr jetzt allein?“— „Freilich, freilich bin ich nun wieder ganz allein. Ich hoffe an jedem Tage, daß ſie wiederkehren ſoll. Sie iſt in Geſchäften N — verreist, oder vielmehr, eines Morgens war ſie plötzlich verſchwunden.“ „O warum mußte Euer Vater Euch in dieſes verſteckte Thal verbergen! Gegen die Weite der Schöpfung, gegen die freien und herrlichen Fluren jenſeits, gegen das Getüm⸗ mel unter Menſchen, wo gegenſeitiges Be⸗ mühen das Leben erheitert und Genuß ge⸗ währt, gegen alles dies iſt Euer Thal, ſo lieblich es auch ausgeſchmückt iſt, doch nur ein Zwinger.“ „Ich fühle, daß Ihr Recht habt, doch mein Geſchick verfolgt mich, verfolgt meinen Vater; ich muß hier verſchmachten. Oft ſehne ich mich lebhaft und ſtürmiſch hinweg aus die⸗ ſem Thale, und wünſche mir Flügel, um leicht⸗ beſchwingt mich weit über dieſe Felſen tragen, um unter Menſchen eilen zu können, wo ich die Fülle meiner Gefühle ausweinen dürfte.“ Ich wurde bis in's Innerſte erſchüttert von dem Ausdrucke ihrer Stimme, faßte ihre Hand lebhaft und rief ergriffen:„Armes, — — ——— — ——— 236 armes Mädchen! Was auch Euer Geſchick ſeyn mag, Ihr leidet unverſchuldet.“ „Ich folge meinem Vater. Sollte ſein Kind, die einzige, letzte Freude ſeines Lebens, ihn verlaſſen? Der Antheil, den Ihr nehmt, iſt neu und mir ein überraſchender Beweis, die Menſchen nicht ſo fürchterlich zu finden, wie ſie mir immer geſchildert worden ſind.“ „Und wie ſind ſie geſchildert worden?““ „Als falſch, tückiſch, laſterhaft, eigen⸗ nützig; als Ungeheuer in menſchliche Form ge⸗ kleidet.“ „Lernt, gutes, verlaßnes Mädchen, von mir das Gegentheil. Wohl giebt es ſolche Menſchen, wie ſie Euch geſchildert worden ſind, aber wäre dieſe Erde, wenn alle ihre Bewohner ſolche Eigenſchaften in ſich vereinig⸗ ten? Die wehmüthigen, ſchmelzenden Gefühle, die Euer Inneres erfüllen und keine böſe Hand⸗ lung aufkommen laſſen, herrſchen auch in der Bruſt vieler tauſend anderer Menſchen vor; nur die Gelegenheit, böſe Gewohnheit und — 23— ſchlechte Erziehung ſind die Pflanzſchule aller Laſter.“ „Eure Worte klingen mir ſo wahr und doch ſo neu. O wenn ich euch bitten darf, kommt noch recht oft in dieſes Thal zurück, um meine Einſamkeit auf einige Stunden mir weniger fühlbar zu machen. Ich ſehe Euch gern; es iſt mir, als hätten wir uns ſchon lange gekannt. Ihr ſeht ſo freundlich aus, ſeyd ſo munter und ſchön gekleidet. Doch wenn Ihr hierher kommen wollt, muß ich Euch einen Weg zeigen, der kürzer iſt, wenigſtens auf eine Straße führen ſoll, auf der Ihr Euch leichter zurecht finden werdet.“ Ich verſprach es heilig und theuer, ſo bald wie es mir nur geſtattet ſey, zu kom⸗ men.„Morgen duͤrft Ihr nicht erſcheinen, aber übermorgen; und ſo laßt Ihr jedes Mal einen Tag aus,“ ſetzte ſie hinzu. Unter ſolchen und ähnlichen Wechſelge⸗ ſprächen verſtrich die Zeit mit Sturmeseile. Ich mußte an meine Rückkehr denken, und — 63— tieß mich deshalb bis zu jenem verborgenen Wege führen. Unſer Abſchied war herzlich, doch lauter und rein. Eine Schlucht, die ſo verſteckt und verwachſen lag, daß es unmöglich war, ſie mit dem Auge zu entdecken, nahm mich auf. Auf Händen und Füßen kroch ich eine gute Strecke Weges in der Schlucht fort, als ſich plötzlich dieſelbe in einen offnen ſchmalen Weg verlor, der dann ein gewöhnlicher Waldpfad wurde und auf die Landſtraße führte. Wie halb im Traume, ſo von den Gegen⸗ ſtänden dieſes Tages erfüllt, gelangte ich in Blös⸗ heim an. Mit der Gegend war ich übrigens ver⸗ traut genug, um meinem Wirthe, der etwas neugierig frug, wo ich geweſen ſey, eine ent⸗ gegengeſetzte Richtung des Weges zu nennen⸗ Auf meinem Zimmer überließ ich mich nun ei⸗ nem ernſten Nachdenken über die erlebten Aben⸗ teuer. Auf welche ſonderbare Weiſe hatte ich die erſte Nachricht von den Geheimniſſen des Thales bekommen; wie war damals ſchon mein 239— ganzes Weſen aufgeregt worden; wie hatte ich Tag und Nacht geſtrebt, denſelben auf die Spur zu kommen, und— was war nun das Reſultat von allen Beſtrebungen? Ein Mäd⸗ chen hatte ich kennen gelernt, unſchuldig wie das erſte Weib der Schöpfung, und doch wahr⸗ aftig nicht ungebildet. Die Zartheit der Em⸗ 8 ₰ pfindung, die ſie beſeelte, die Wehmuth, die ſich in ihrem Auge ausſprach, das Gefühl ihrer Einſamkeit, und die Sehnſucht, unter Menſchen leben zu können, die Liebe zu ihrem Vater, und dann am meiſten die Kenntniß jener Ge⸗ heimniſſe, die wohl nicht unſchuldiger Art ſeyn mochten,— alles das zeigte mir das geliebte Weſen von den verſchiedenſten Seiten. Ihr Bild beſchäftigte mich die ganze Nacht hindurch; ich ſah ſie, wie ich ſie zum erſten Mal erblickte, auf ihrem Lager, ſie ſtand vor meinen Augen in der reizendſten Stellung, wie ſie ſich wuſch; ich konnte die ausdrucksvollen Mienen nicht vergeſſen, als ich⸗ die furchtbaren Geheimniſſe berührte, deren Eröffnung, nach ihrem eige⸗ . AMvensleben Lochter. T * — 290— nen Geſtändniſſe, mir Untergang bereiten konn⸗ ten. Die unabläſſige Erinnerung ließ mich endlich gewahren, daß ſie einen tiefen Eindruck auf mein Inneres gemacht hatte. Ueber die⸗ ſen Gemüthszuſtand mit mir klar zu werden, eilte ich am frühen Morgen auf die benachbar⸗ ten Berge.„Du haſt noch kein ſchöneres Mäd⸗ chen geſehen, geſtehe dir es nur“— rief ich, erhitzt von bunten Vorſtellungen aus, und grub auf ſolche Weiſe den Pfeil nur tiefer in mein Herz.„Doch wie?— wenn ſie theilnehmend wäre an Geheimniſſen, die——“— der Ge⸗ danke trat plötzlich wie ein verläumderiſcher Feind in meine erhitzte Einbildungskraft, bildete ſich mehr und mehr aus, und wurde zum klaren, beſtimmten Vorſatz:„Was auch hier obwalten möge, ich will es zu ergründen ſuchen. Denn geſetzt, das engelgleiche Weſen wäre mitwiſſend in Dingen, die das Auge des Geſetzes, das Licht einer moraliſchen Beleuchtung fliehen müß⸗ ten, wo wäre der, der ſes für ſchuldig halten wollte? War ſis nicht ſeit ihrer Kindheit hier — 291— ſchon eingeſperrt?“— Im vollen Eifer ging ich nun nach jener Seite zu, wo das geheim⸗ nißvolle Thal dicht umſchlungen von Bergen und Waldung lag. Vorſichtiger, wie das erſte Mal, brauchte ich nicht den vierten Theil ſo⸗ viel an Zeit, und kam bald auf den Wald⸗ pfad, der mich zu der Landſtraße geführt hatte. Nun ſchlug ich aber einen andern Weg ein, und da ſich derſelbe bald verlor, ſo drang ich muthig durch das Gebüſch, um von der andern Seite in das verhängnißvolle Thal zu gelangen. Ich übergehe die Mühſeligkeiten, die der Weg mir darbot, und eile, die fernern Abenteuer zu ſchildern, die auf die fruͤhern Gegenſtände Bezug haben. Es mochte unge⸗ fähr um zwei Uhr Nachmittags ſeyn, wie ich nach dem Stand der Sonne beurtheilen konnte, als ich an einen ſchroffen, kahlen Hügel ge⸗ langte, auf deſſen Mitte noch die Ruinen eines alten Thurmes ſtanden. Ob die dabei liegen⸗ den Ueberreſte einer dicken Mauer früher einer Kapelle angehört hatten, konnte ich nicht be⸗ 2 „ — ſtimmen; die Bauart, die Zierrathen und zer⸗ ſtückelten Figuren ließen auf ein ſehr hohes Al⸗ ter ſchließen. Das Gras war hoch gewachſen in dem kleinen Hofraum, den die Mauer um den halhverſchütteten Thurm bildete, und als ich näher trat, um einen Eingang zu ſuchen, bemerkte ich, daß er früher wohl zum Wart⸗ thurm gedient haben mußte. Die Mauer ſchien dicht, war noch feſt, und einem einzigen Stücke gleich. Während ich hier auf jeden kleinen Gegenſtand meine Aufmerkſamkeit richtete, oft ſchon den ganzen Hügel umgangen, und von unten erſtiegen hatte, fand ich plötzlich zwiſchen aufgeſchloſſenen wilden Hecken einen kleinen Eingang, der in's Innere führte. Auf Hän⸗ den und Füßen kroch ich hinein, in der Mei⸗ nung, einen verſchütteten Keller zu finden, doch je weiter ich vordrang, je geräumiger wurde die Höhle, ſo daß ich zuletzt halb aufrecht fort⸗ ſchreiten konnte. Plötzlich theilten ſich die Wege nach mehreren Seiten hin. Lange ſtand ich zweifelhaft da, welchen ich wählen ſollte, als —————— — — 293— ich dumpfes Geräuſch hörte, wie das Plät⸗ ſchern eines Waſſerfalles. Rüſtig arbeitete ich mich durch, um dem Geräuſche näher zu kom⸗ men und trat auf einmal aus der dichteſten Verengung des Felſens in ein hohes, geräu⸗ miges Gewolbe. Eine ſtarke, große Thür ſchien weiter zu führen; die Wände waren kalt und feucht, die Luft drückend. In der Mitte der Höhle ſtanden zwei dicke Säulen, die die Laſt der Decke trugen, und von der rechten Seite drang ein breiter Waſſerſtrom über einige Felsſtuͤcke in einen kleinen Keſſel, der ſich im Felſen gebildet hatte, und verlor ſich alsdann in einem Loche, wohin er ſchäumend ſich ergoß. Daher entſtand das Geräuſch, was ich von Ferne gehört, und welches meineAuf⸗ merkſamkeit hierher gelenkt hatte. Mit Ver⸗ wunderung fand ich, daß die Thüre unver⸗ ſchloſſen war, doch konnte ich ſie nur mit großer Anſtrengung öffnen, ſo feſt war ſie in ihren Angeln eingeroſtet. Sie führte in eine gleich große Höhle, doch war dieſe nicht ſo hoch, — — 294— freundlicher und wohnbarer; zugleich hörte ich aber auch ein Geräuſch von Ferne und Men⸗ ſchenſtimmen, als wenn Einige ſich heftig mit einander ſtritten. Ich ging darauf los und fand einen unverſchloſſenen Gang. Leiſe auf den Zehen ſchritt ich bis zu einem kleineren Ge⸗ mache vor, aus dem ein düſteres Lampenlicht mir entgegen ſchimmerte. Ein ernſter, großer Mann ſtand mit ver⸗ ſchlungenen Armen da, und hörte die leiden⸗ ſchaftlichen Reden eines jüngern an. „Ich weiß es, beim ew'gen Gott, es iſt die reine Wahrheit, daß er verleitet, verführt ward.“ „Es giebt nur eine Wahrheit, nur eine Tugend. Galt ihm ſein heilig gegebenes Wort ſo wenig?“— 3 „Nun, und wenn er ſchuldig iſt, im voll⸗ ſten Sinne des Wortes, die höchſte Schuld auf ſich lud nach unſeren Geſetzen, muß er denn da durchaus ſterben?“ „Es giebt hier teine Rettung, mein Sohn!“ — 295— ſetzte Jener hinzu, eindringend und ſanft. Doch plötzlich ſteigerte er den Ton ſeiner Stimme: „Wie? weil er noch das beſitzt, was ihn die Freuden des Lebens genießen läßt, ſollen des⸗ halb die Früchte unſrer jahrelangen Bemühung hingeopfert werden? Iſt ihm das Beiſpiel des“— hier ſprach er ſo undeutlich, daß ich kein Wort verſtehen konnte. Doch plötzlich wurde er leidenſchaftlicher, und ſeine Arme erhoben ſich und deuteten die Erſchütterung ſeines Innern an.„Geweint habe ich, das Herz hat mir geblutet in meinem ſtillen Ge⸗ mache, doch keine Rettung war möglich. Je mehr ich forſchte und ſann, je ſchwärzer und ſchuldvoller ſtand er da,— er mußte bluten, und die Geſetze heiligen durch Blut. Mit Flammenſchrift grub ich es damals in ſeine Seele, und er verſprach weinend, zu wider⸗ ſtehen. Doch vergebens; der Satan hielt ihn an einem Haare feſt, und zog ihn dennoch in den Abgrund hinein!“— „Ich weiß nichts mehr zu ſagen, nur be⸗ — 296— weinen, beklagen kann ich den Armen, daß er ſo wenig widerſtand.— Kommt, kommt, ich wrll ihn noch ein Mal ſehen; will ihn bereiten zum letzten Gange. „Nein, du darfſt ihn nicht wieder. blicken. Er iſt ſchon ausgeſtoßen aus unſerer Mitte. In einer halben Stunde wird er—— „Gerichtet ſchon?“— rief der Jüngling weinend.„Ja, beim Himmel, da iſt nun keine Rettung mehr. Kommt, kommt, laßt mich von hinnen. Den Anblick kann ich nicht ertragen.“— „Junger Menſch, gewöhne dich, des Ge⸗ ſetzes Strenge zu ertragen. Richtet nicht an jedem Tage die Habſucht, der Neid, die Tücke, der Ehrgeiz, die Wolluſt Tauſende dahin, und die armſelige Welt weiß es zu beſchönigen?“ „Erlaßt mir den Schmerz, ich flehe auf meinen Knieen Euch an, erlaßt mir furcht⸗ baren Jammer!“ Der ernſte, ältere Mann machte eine Miene des Unwillens, als wollte er ſich von — 297— ihm wegwenden, doch plötzlich vom Gefühl über⸗ wältigt, hob er jenen in die Höhe, und drückte ihn leidenſchaftlich an ſeine Bruſt. Als ſie hierauf Miene zur Entfernung machten, preßte ich mich an eine Säule feſt an, und wartete der Dinge, die da kommen würden. Plötzlich ſchollen an mein Ohr die dumpfen Schlä⸗ ge einer Glocke, dann folgte ein Geräuſch, als ob ſich eine große Menge nahe. Ich ver⸗ ließ meinen Standpunkt und drückte mich zwi⸗ ſchen eine Felſenſpalte, wo ich ſicher war, nicht erkannt zu werden. In einem Nu war das ganze große Gemach mit Menſchen angefüllt, die zum Theil Fackeln trugen. Einige ordne⸗ ten in einem Kreiſe Stühle; Andere brachten Figuren von der verſchiedenſten und ſonder⸗ barſten Geſtalt, denen ich aber unmöglich eine Deutung zu geben wußte. Uebrigens herrſchte eine heilige Stille, bis man zuletzt einen Jüng⸗ ling brachte, in Trauergewänder gekleidet, bei deſſen Erſcheinung ein mitleidiges Murmeln unter den Anweſenden entſtand. Ein vierecki⸗ — 298— ger Tiſch, der in der Mitte ſtand und über welchen ein großes Tuch gebreitet war, wurde jetzt hinweggehoben, und man ſah unter dem⸗ . ſelben einen Sandhaufen, auf dem ein Block ſtand. Jetzt trat einer der älteſten hervor und ſprach: „Haſt du geſchworen, dich unſern Geſetzen zu unterwerfen?“ 5 „Ja!““— lispelte der Jüngling mit kaum hörbarer Stimme. „Und haſt du dieſelben gröblich üͤbertre⸗ ten?“ Dieſelbe Antwort erfolgte. „Erkennſt du die Strafe an, die du ſel⸗ ber mit beſtimmteſt?“ „Ja, ja,“— rief jetzt der Jüngling erglühend und raſch,—„vollende dein bluti⸗ ges Werk!“— „Dich richteten nicht wir; du richteſt dich ſelbſt.— Vollende!“ rief er dem Dabeiſtehen⸗ den zu. In einem Nu war der Unglückliche halb entkleidet; er legte ſein Haupt auf den Block, und— es rollte, durch einen Schlag vom Rumpfe getrennt, in den Sand. Alle Anweſenden erhoben ſich ſchnell, und einen Au⸗ genblick darauf war der Saal leer. Ich ſah mich allein, wußte den noch warmen Leichnam nicht weit von mir, und eilte darum, erſchüttert und ergriffen, erſtaunt und empört denſelben Weg zurück, mit dem feſten Vorſatz, nicht zu raſten, bis ich Licht bekäme über alle Ereig⸗ niſſe, die ich nur in ihrer Form, nicht in ihrer Bedeutung, erkannt hatte. Ohne irgend ein merkwürdiges Ereigniß weiter erlebt zu haben, kam ich ermattet und erſchlafft, und erfüllt von den Gegenſtänden des Tages, in meine Wohnung zurück. Ich übergehe die Vermuthungen, die meine Seele quälten, und berühre nur noch das, was ich in dieſer Gegend erlebte. Es nahte ſich die Zeit, wo ich meiner jungen ſchönen Unbekannten, nach dem gege⸗ benen Verſprechen, wieder nahen durfte. Als ich die bekannten Hinderniſſe im Rücken hatte, 35— als ich in das Thal ſo weit vorgedrungen war, daß ich den Tempel wieder erblickte, hörte ich plötzlich Geſang mit Begleitung einer Harfe. Es waren Töne, deren Zauber und Liebreiz mein Inneres bewegten und jetzt noch durch die Erinnerung ein wehmüthiges Gefühl her⸗ vorzupreſſen vermögen. Es entging mir kein Laut; der Text war italieniſch. Was ich be⸗ halten habe, will ich treu hier mittheilen. Wenn der Sonne heller Strahlenſchimmer Rings die Berge neu belebt, Und der Thau am Halme mit Geflimmer Und mit Perlenglanz dies Thal umwebt; D dann hochberauſcht von wonnigem Eutzuͤcken, Liefbewegt von gualerpreßter Pein, Sehn' ich mich aus dieſes Thales Mitte, Unter Menſchen erſt ein Menſch zu ſeyn. Murmelnd rauſcht die Quelle, und es bluͤhet deu geßtaͤrkt das Blümchen friſch und ſchoͤn; kur ich welke hin. Vergebens fliehet Mancher Seußzer zu den Sternenhoͤh'n. Darum, ſuͤße Hoffnung, die du nie betrogen, — —— Sende einen Engel mir, ein Herz, Das mein Sehnen innig mit empfindet, Wenn ich weine, fuͤhlet meinen Schmerz. Sanft und leiſe erklangen die Töne und lockten mir unwillkührlich Thränen in die Au⸗ gen. Doch ſchnell ſprang ich aus meinem Hin⸗ terhalte hervor, ſuchte die Klagende auf, die in einer Laube ſaß, leiſe präludirend, den Blick nachdenkend nach dem Sternenhimmel gerichtet. Jetzt blickte ſie in die Höhe; ſie erröthete, als ſie mich ſah, trat mir entgegen, und legte die Harfe weg. „Gutes Mädchen,“ ſagte ich leiſe und bewegt,„ich verſtehe deinen Kummer, ich theile deinen Schmerz, ob ich gleich die tiefre Urſache nicht kenne. O könnte ich, könnte ich dich glücklich machen!“ „Glücklich?“ erwiederte ſie bitter läch⸗ elnd.„Das Glück iſt mir fremd, wie die Welt mir fremd iſt mit allen ihren Freuden; mein Thal iſt ein weites Grab, das meine Wünſche nicht befriedigen kann. Ich kenne ei⸗ nen kleinern, kühlern Ort, der wird, der kann ſie befriedigen.“ „Das ſoll er nicht. Beim Himmel, nein, das ſoll er nicht. Der Schmerz frißt Euch am Herzen, daß Ihr hier verkümmern müßt, während Euer Inneres ſich innig ſehnt nach der Welt, der Ihr angehört.“ Die Lebhaftigkeit, die Glut, mit der ich dieſe Worte ſprach, brachten uns näher an einander, als eine lange Bekanntſchaft es vermocht hätte. „Und könntet Ihr es hindern?“— ſagte ſie forſchend. „Ob ich's kann?— Wenn Ihr wollt, ſo kann ich, ſo will ich, und bei Gott, es ſoll Euch nicht gereuen.“— „Doch mein Vater?— Ach Gott, mein Vater!“— rief ſie bewegt aus. „Euer Bild ſtand mir in der ganzen Zeit, wo ich entfernt von Euch war, vor der Seele; ich liebe Euch, und bin deshalb offen und frei. Könntet Ihr dieſe Gefühle erwiedern?““— — 305— In ſtummer Entzuckung ſank ſie an meine Bruſt, und ein herziger Kuß beſiegelte den Bund zweier Herzen, die ſich verſtanden. Von dieſem Augenblicke an war die Schei⸗ dewand, die uns noch trennte, für immer geſtürzt. Ich erzählte ihr meine Wanderung, mein Abenteuer. Erſchrocken bebte ſie zuſam⸗ men und beſchwor mich mit dem heißeſten, in⸗ nigſten Flehen, nicht weiter zu forſchen. Ich verſprach Alles, denn ich konnte nicht wider⸗ ſtehen. Sie ſelbſt betheuerte dann, daß dies das Einzige wäre, worüber ich nie ein Wort der Aufklärung hören dürfe, hören würde.„Es ſind Geheimniſſe, fürchterliche Geheimniſſe, die dich nur elend machen können, wenn du ihren Grund erforſchteſt.“ Nun aber rückte ich mit meinem Plane näher, ſie aus dieſem Thale zu entführen, in meine Heimath zu eilen, und an ihrer Seite des Lebens Herrlichkeiten zu koſten. Die Lockung war zu groß, zu ſüß. Acht Tage widerſtand ſie meinem Flehen, dann willigte ſie ein, und —— ich eilte, Alles zur Flucht vorzubereiten. Laura, ſo hieß mein ſuͤßes Mädchen, ließ ſich von mei⸗ nem⸗Onkel erzählen, freute ſich im Voraus der vielen neuen Bekanntſchaften, und baute mit mir lauter Luftſchlöſſer, die alle dahin deuteten, wie glücklich, wie äußerſt glücklich wir leben wollten. WMeine Bekanntſchaft in dieſer Gegend kam mir jetzt ſehr zu Statten. In einer trüben Nacht beſtellte ich einen Wagen mit vier Pfer⸗ den, ſchickte ſogleich einen Kerl an die nächſte Poſt, damit ich friſche Pferde erhalten konnte, und hatte in jeder Hinſicht meine Maßregeln ſo gut getroffen, daß ich mit dem freudigſten Muthe mein Wagniß begann. Von meinem Wirthe nahm ich keinen Abſchied, ſondern ſchützte eine Reiſe von wenigen Tagen vor, die mir zugleich das Recht gab, alle meine Papiere und Koſtbarkeiten mitzunehmen. In tiefer Be⸗ klemmung und noch bangerer Erwartung eilte, ich nach dem Thale, und fand Lauren be⸗ ſchäftigt, ihre Kleinigkeiten zu ordnen, die ſie — 565— mitnehmen wollte. Lächelnd, und mit wehmu⸗ thig thränenden Augen, ſah ſie mich an, und folgte endlich tiefbewegt, da ſich bei ihr jene Empfindung äußerte, die uns ſtets ergreift, wenn wir von einem Orte uns trennen, der viele Jahre lang Zeuge aller unſerer Gefühle und Handlungen geweſen iſt. Wir durchſchritten ruhig die Schlucht, und erreichten glücklich den Wagen. Ich hob mein furchtſames Mädchen ein, und befahl dem Kut⸗ ſcher, ſo ſchnell als möglich zu fahren. So viel Mühe ſich auch der Kerl gab, ſo ging doch der Wagen auf dem mit Wurzeln bewachſenen Wege äußerſt langſam. Laura wurde ängſt⸗ lich, ich ſelbſt ſah mit Kummer dem Ausgange entgegen, und hörte nicht auf, den Kutſcher anzutreiben. Ich verſprach ihm fürſtliche Be⸗ lohnung, doch ſchien es, als ob er abſichtlich langſamer fahre. Schon war eine halbe Stunde vorüber, als wir, dem Ausgange des Waldes nahe, durch einen tiefen Hohlweg zu fahren hatten, der die Mühſeligkeit des Weges er⸗ v. Alvensleben Tochter. U — 306— höhte. Kaum waren wir in der Mitte deſſel⸗ ben angelangt, als ein Schuß fiel, der die Fenſter des Wagens zerſplitterte; zugleich rief eine donnernde Stimme:„Halt!“— Der Kutſcher ſprang von ſeinem Sitze, und machte ſich davon. Raſch riß ich den Kutſchenſchlag auf, und ſchoß den zuerſt Andringenden nie⸗ der.„Gott! mein Bruder!“— rief Laura, und ſank betäubt im Wagen um. Wild ſie umfaſſend verſuchte ich, ſie fortzuſchleppen; doch vergebens, denn ſchon drang ein Haufe anderer Bewaffneter herbei. Ein Theil war mit dem am Boden Liegenden beſchäftigt; ein anderer Theil rannte nach dem Wagen. Nun ſprang ich aus dem Schlag heraus, ſtürzte mich pfeilſchnell auf den Kutſchenbock und hieb wüthend auf die Pferde ein, und praſſelnd jagte ich davon. Abwechſelnd wurde hinter mir geſchoſſen, doch raſcher hieb ich auf die Pferde, immer im Wahne, Lauren noch ohn⸗ mächtig im Wagen zu wiſſen. Sobald ich mich etwas in Sicherheit wußte, riß ich den 3— Schlag auf und— Himmel! wie vom Donner gerührt, ſtand ich da. Die Theure war mir entriſſen worden; ſie mußte in dem Augen⸗ blicke aus dem Wagen gehoben worden ſeyn, als ich auf den Kutſchenbock ſprang. Jetzt wollte ich in dem nächſten Dorfe Hülfe haben; doch die Bedächtigkeit der Menſchen war zu groß. Ich nahm ein Reitpferd, um im näch⸗ ſten Städtchen die Rettung zu finden für meine erkorne Braut, die mir hier unmöglich werden konnte; aufgeregt im höchſten Grade, trieb ich das Pferd über ſeine Kräfte an; es ſtürzte, hob ſich wieder in die Höhe, bäumte und über⸗ ſchlug ſich, ſo daß ich unten zu liegen kam und an zwei Stellen das Bein brach. Nun war das Maß meines Elends voll. Hülflos lag ich da bis gegen Morgen, da denn ein Kärr⸗ ner, der vorüber fuhr, mich auf ſeinen Kar⸗ ren lud, und nach dem Städtchen brachte. Unſägliche Schmerzen mußte ich leiden und mich augenblicklichen, höchſt ſchmerzlichen Ope⸗ rationen unterwerfen. Mein Schmerz wurde U 2 — 308— noch dadurch vermehrt, daß ich⸗ obgleich fünf Reiter abgeſchickt wurden, um die Spur der mir Geraubten zu entdecken, auch nicht die leiſeſte Spur erhalten konnte, wohin jene ihren Weg genommen hatten. Sehnſucht, Schmerz, Gram und Kummer zogen mir ein heftiges Fieber zu, das mich an den Rand des Grabes brachte. Wie lange ich bewußtlos gelegen⸗ weiß ich nicht. Dunkle, düſtre Traumbilder beſchäftigten mich eine lange Zeit, bis es mächtig und mächtig in meiner Seele wieder zu tagen anfing, und ich klare Vorſtellungen vekam. Als ich aus dieſem Zuſtande erwachte, ſtand mein Onkel mir zur Seite.„Gott Lob!“ rief er,„nun haben wir geſiegt!“— Ich wollte reden, doch er bat mich dringend⸗ ruhig zu bleiben. Es dauerte lange, ehe ich mich erholte. Kaum geneſen, eilte ich, in Be⸗ gleitung meines Onkels, dem ich die ganze tragiſche Geſchichte mitgetheilt hatte⸗ in das Thal zurück. Alles war wüſt und zerſtört; vom Tmpel war faſt nichts mehr zu ſehen. Auch der Eingang in jenes unterirdiſche Gewölbe war verſchüttet, und die Reſte des V Wartthurms waren von einander geſchmettert. Alle die Plätzchen, wo ich ſo ſelige Stunden mit mei⸗ ner Laura verlebte, ſuchte ich wieder auf, und fand endlich in einer Laube, wo ich ſchon einige Male achtlos vorübergegangen war, eine Brief⸗ taſche, die ich für Laura's Eigenthum erkannte. Das Auffinden einer Goldgrube hätte mich nicht mehr uͤberraſchen können. Auf der Rück⸗ ſeite des erſten Blattes ſtand mit einer Blei⸗ feder flüchtig geſchrieben: „Verzage nicht, bleib' treu, und Du ſiehſt wieder Deine Laura.“ Abgerißne Gedanken und kleine Verſe fand ich weiter in der Brieftaſche, deren In⸗ halt auf unſer beiderſeitiges Verhältniß hin⸗ deutete. Doch fand ich in einer kleinen Ne⸗ ventaſche ein von einer fremden Hand beſchrie⸗ benes Blatt, überſchrieben:„Aus meines Bru⸗ ders Tagebuch.“ Es war ein Gedicht, deſſen Inhalt entweder auf jene Geheimniſſe hindeu⸗ — 310— tete, oder nur der Ausdruck eines zarten Ge⸗ fühls war, was mit ſich ſelber ſtreng richtete. (Aus meines Bruders Tagebuche.) So ſoll ich denn der Sugend ganz entſagen, Und moͤchte doch ihr treuſter Junger ſeyn? Den Kampf, den großen, kann ich nimmer wagen, Denn ach! mein Inneres iſt nicht mehr rein. Im Knaben keimte ſchon des Schickſals Lucke, Schlich ſich das Gift in's Herz ſo ſtark und feſt, Und maͤchtig ſahlen Wolluſt gluͤh'nde Blicke Aus meiner Bruſt der Tugend letzten Reſt. Du Phantaſie, ſo lieblich ſchoͤn im Malen, Wie riefſt du mich ſo lockend und ſo ſüß; Ach, meiner Lugend ſchoͤnſten Idealen Schien jenes Traͤumen wie ein Paradies. Wie um die Roſe ſich die Dornen ſchlingen, Wie der Genuß ſich ſchmerzlich fuͤhlbar macht, So war des Fampfes widerſtrebend Ringen,— Bis denn die erſte Suͤnde ward volbracht. Je unerreichbarer Genuß ſich zeiget⸗ Je gluͤh'nder iſt der Wunſch, den er gebiert; Je ſchwerer das Gewiſſen anfangs ſchweiget, Je leichter dann ſein Mahnen ſich verlſert. — 311— Die Kraft, auf die ich ſtolz mich einſt geprieſen, Ward meiner Lugend, meiner Unſchuld Grab; Sie trieb mich, unaufhaltſam zu genießen, Und riß mich in den Sinnenſtrom hinab. Und ewig wiederkehrend ſteht ſie immer An meiner Seele Pforte angebannt, Phantaſie locket dann mit buntem Schimmer, Und kraftlos ſchweigt der mahnende Vekſtand. Wie ſoll ich dieſe innern Kaͤmpfe deuten? D unerreichbar ſcheinſt du, Tugend! mir; Du gabſt mir nichts, als martervolle Leiden, und welche fleh'nde Bitten gab ich dir? Laß meine unſchuld, Heil'ge, wiederkehren, Und nimm mich dann als deiuen Schuͤtzling hin, Laß meine Ideale ſich verklaͤren, Und rein geſtalten jeden innern Sinn. Obige Worte von Lauras Hand geſchrie⸗ ben, belebten meine Hoffnung wieder, mein Onkel jedoch ſchüttelte zu dem Allen den Kopf und warnte mich, meinen Hoffnungen nicht zu viel Raum zu geſtatten. Auf den Gütern meines väterlichen Onkels ſuchte ich meine zer⸗ rüttete Geſundheit wieder herzuſtellen. Kaum aber kehrte der Frühling mit ſeinen Blumen und Blüthen zurück, da wurde meine Sehn⸗ ſucht heftiger. Ich erklärte meinem Onkel, daß ich meine Laura ſuchen wolle, und muͤßte ich Europa durchwandern. Sein Bitten, ſein Fle⸗ hen war vergebens; ich härmte mich ab, und eine tiefe Schwermuth bemeiſterte ſich meiner, ſo daß ich zu jeglichem Geſchäfte untauglich wurde. Mein Onkel trieb mich nun ſelber an, meine Reiſe zu beſchleunigen. Ich durchreiſte Teutſchland, Italien, die Schweiz, und forſchte überall genau nach, auch nur eine kleine Spur aufzufinden. Doch ver⸗ gebens. Mein Onkel, der mir zuweilen ſchrieb, meldete mir einſt, daß er alle Beſitzungen, die jenes Thal umzogen, an ſich gekauft habe, und bat mich, ſobald wie möglich zurückzukehren. Müde des Forſchens, von getäuſchten Hoffnun gen ermattet, ſuchte ich meine Heimath wieder — 313— auf. Schon war ich nicht fern mehr, als ich ungefähr eine Tagereiſe vom Gute meines Onkels entfernt, in ein Gaſthaus kam, wo der Wirth mir freundlich entgegen trat mit den Worten: „Seit acht Tagen ſind Sie hier ſchon erwartet worden. Ein Fremder wünſcht Sie zu ſprechen.“ 8 „Wo iſt der Fremde?“ fragte ich neu⸗ gierig.— Er war ausgegangen, um ſich in der Ge⸗ gend umzuſehen. Meine Neugierde wurde rege; ich beſchloß, hier zu bleiben. Gegen Abend er⸗ ſchien der Erwartete. Ein junger, ſtämmiger Mann, deſſen feſter Gang in jedem Schritte etwas Kräftiges zeigte, traf mir entgegen. „Mein Herr,“ begann er nach einer kur⸗ zen Begrüßung,„wir haben uns ſchon ein Mal geſehen, wenn auch unter andern Umſtän⸗ den, und wenn auch nicht damals uns geſpro⸗ chen.“ Da ich ihm in's Wort fallen wollte, N — 314— bat er mich, ihn ausreden zu laſſen und fuhr dann gelaſſen fort: „Wohl welden Sie nic nicht kennen, denn die Umſtände waren ſo, daß Sie mich tt treu im Geröchtuit behalten konnten.“ „ „ Pein Nen iſt Lorenzo von*5 ic bin der Bruder jener Laura, die Sie gekannt haben.. Ich wollte laut aufſchreien vor Freude und Beſtürzung, doch hielt er mich feſt am Arme⸗ und drückte mich, mit der Hand winkend, aufts Sopha zurüc.„Jener Schuß, den ich von Ibnen erhielt, traf mich fo, daß ich für den Aigenbüc betäubt war, döch batd mich vieber erholte. di Spuren find verharſcht, Laura iſt todt. Sie ſtarb vor Schreck und Gram. Eüch liebte ſie mehr, als Ihr es verdient habt. Mein Verſprechen, das ich ihr noch bei ihrem Leben gab, mich mit Euch zu verſöhnen, will ich jetzt halten. Auch ſoll ich mich Hier meine Rechte.„n 1 h — 615— Wie vom Donner gerührt ſaß ich da; zitternd hörte ich die gelaſſene Rede mit an, und reichte ihm dann meine bebende Hand. Er ſchüttelte ſie kraͤftig, und wollte ſich ent⸗ fernen, als ich aufſprang und ihn faſt gewalt⸗ ſam zurückhielt. Ich weinte, bat und flehte, mir etwas Näheres über jene Umſtände zu ſagen, doch er blieb kalt, wie Eis, und ſetzte dann hinzu: „Eure Bemühungen, etwas Näheres zu erfahren, werden vergebens ſeyn. Mich ſeht ihr nie wieder, denn ich reiſe mit meinem Va⸗ ter nach Amerika. Lebt wohl.“ Pfeilſchnell war er zur Thüre hinaus, und noch in derſelben Viertelſtunde reiste er ab. Auch nicht eine Sylbe habe ich über Lau⸗ ra's Schickſal wieder gehört. So groß mein Schmerz war, ſo linderte ihn doch die alles tröſtende Zeit. Das An⸗ denken an das unglückliche Mädchen, das ich gufrichtig und glühend liebte, vermochte ſie — 516— jedoch nicht aus meinem Innern zu verdrän⸗ gen, und mein liebſter Aufenthalt iſt noch immer jenes ſtille, von der geräuſchvollen Welt ſo abgelegene Thal. Die Blume von Lochlevin. Hiſtoriſche Erzaͤhlung. — Frei nach dem Engliſchen von L. v. Alvensleben. Der Mond ſchimmerte mit der Pracht einer Königin durch die dunkle Bläue des wolken⸗ loſen Himmels, und mancher glänzende und blaſſe Stern ſpiegelte ſich mit ihm zugleich auf der Oberfläche des See's von Lochlevin. Auch ein zweiter Schatten war hier bemerkbar — von den dunkeln, maſſiven Mauern des. Schloſſes Lochlevin, in deſſen Tiefe man einen kleinen Körper ſich bewegen ſah; allein es bedurfte mehr als einer momentanen Helle, N* um zu gewahren, ob es auch wirklich ein Boot ſey. Dies war es auch in der That, obſchon aus dem fortwährenden Flüſtern zweier männ⸗ lichen Geſtalten, die ein Wachtfeuer von Torf unterhielten, zu ſchließen war, daß ſie keine Beſchäftigung vorhätten, die vor Zeugen ab⸗ zumachen wäre. Zuweilen ward ihr Flüſtern durch das tiefe Schweigen in der Mitte der Mainacht ſehr vernehmbar. „Mir däucht, Frau Luna beſitze mehr weibliche Eigenſchaften, als ihr Name er⸗ rathen läßt. Kannſt Du dieſe angeben, Burſche?“ jut anonmn So redete der Aelteſte von Beiden ſeinen Gefährten an, der höchſtens 18 Sommer zäh⸗ len mochte. Seine ſchlanke Geſtalt war in ein ſchön verbrämtes, ſammtnes Oberkleid ge⸗ hüllt, welches nachläſſig umgeworfen war. Für einen Augenblick erhob er ſein dunkles Auge zu dem Gegenſtand der Frage auf, ſo⸗ dann wendete er ſich mit einem lebhaften Blicke zu ſeinem Nachbar, und antwortete: ——— — — 319— „ Schönheit wäre die Eine Eigenſchaft— und—“ „Rein, nein!“ entgegnete der Erſte: „Du irrſt Dich ſehr. Eitelkeit und Verkehrt⸗ heit ſind es. Du lächelſt, Junge?— und ich ſehe, Du wirfſt einen triumphirendeu Blick auf dieſes Sammtkleid hier! Ich weiß, wer es Dir gegeben: Eine, die Du falſche Schlange nennen wirſt, bevor die erſte Morgenröthe den Schleier dieſer Nacht zerreißt.“ „Vergebt, Herr Ritter! ich kann mich des Lachens nicht erwehren. Aus Dir ſcheint die Eiferſucht zu reden, ſobald Du glaubſt, die Blume von Lochlevin, meine reizende Cou⸗ ſine Marie, hätte es mir geſchenkt.“ „Nicht doch, Junge! Sie gab Dir, was einen zehnfach ſo großen Werth hat, als dies— ihr Herz nämlich— und laſſe Dir rathen, verſcherze Dir ihre Zuneigung nicht. So wie ſie es iſt, der Du dies Gewand ver⸗ dankſt, obſchon ſie die Schönſte und Edelſte im ganzen Königreiche iſt, ſo ſage ich Dir, Du wirſt ſie für unbeſtändiger halten, als die Mondesſcheibe, die doch nicht eine Wolke finden kann, worunter ſie ihr ſchönes Geſicht verhüllen könnte, während unſer Zeichen bemerkt würde von—“ „Du ſprichſt gar zu ſchlimm von der Kö⸗ nigin der Racht, denn ſieh', John, das Licht wirft ſeinen Schimmer durch das öſtliche Fen⸗ ſter und ich—“ Er gab ſich Mühe, hier ſeiner Rede Ein⸗ halt zu thun, doch plötzlich ſprang er auf von ſeinem Sitze, warf den Mantel über die Schul⸗ ter und verſchwand. Der in der Einſamkeit zurückgebliebene John hatte kaum noch Zeit, in einem wehkla⸗ genden Tone auszurufen:„ Marie, Marie! Du haſt Dein Herz einem gefühlloſen, ſtumpf⸗ ſinnigen Jüngling hingegeben, und Neid und Eiferſucht könnten mich bewegen, ihn zu haſſen, von dem Bu mir in's Ohr geflüſtert, daß er Dein Erwählter ſey; doch Marie, um Deinet⸗ willen mag ich ihm nicht gram ſeyn, und er ———————— — 321— ſoll ſein eignes Herz dieſe Nacht noch prüfen; ich bin überzeugt, daß er Dich liebt, obſchon Pläne, die ſein Ehrgeiz ſchmiedete, und ſeine Eitelkeit ſeine Gedanken auf Jene richteten, die Schottland anbetet und England fürchtet.“ Indeß war der junge Mann frohlockend zu⸗ rückgekommen in Begleitung eines der lieblichſten Weſen, die je Natur geſchaffen.— Marie, Königin der Schotten, war es, der ein Page ehrfurchtsvoll zur Seite ritt. „William Douglas, mein Page iſt ein ſchwächlicher, zarter Junge, und dieſe heim⸗ liche Flucht greift ſein furchtſames Gemüth weit ſtärker an, als die dumpfe Kerkerluft; überlaß mich daher der Fürſorge des Lord Seatoun, und reiche Deinen Arm dem zittern⸗ den Knaben zur Stütze!“ ließ ſich die Sil⸗ berſtimme der liebenswürdigen Beherrſcherin der Schotten vernehmen, und indeß ſie dem Manne, der im Boote geblieben, ihren Arm reichte, hüpfte ſie ſchnell hinein. Als ſie dann v. Alvensleben Tochter. — 322— bemerkte, wie der junge Douglas einen durch⸗ bohrenden Blick auf Sir John Seatoun warf, und einen eben ſo finſtern auf den Pagen, nahm ſie wieder das Wort: „So, Douglas, gehorcht Ihr unſern Wünſchen?— Wohlan, wir wollen dem Jungen ſelber beiſtehen.“ „Es wäre wohl beſſer, wenn alle Uebri⸗ gen, Du ausgenommen, zurückgeblieben wä⸗ ren!“ rief er aus, und drängte ſich haſtig zwiſchen die Königin und den Pagen, und mit ſeinem Arm den zarten Leib der Letzteren um⸗ ſchließend, ſaß er bald in dem Kahn, und ſteuerte damit an das gegenſeitige Ufer. „Es iſt eine herrliche Nacht!“ begann die Königin tiefaufſeufzend:„ich habe ſo lange den erhebenden Anblick eines heitern Himmels entbehren müſſen, daß ich kaum ein Weniges von deſſen Bläue zu Geſichte bekam, und ich — 323 bin lebensſatt genug, um zu wünſchen, daß ich ſchon jenſeit dieſer Welt wäre. O! näh⸗ men mich doch dieſe Fluthen in ihrem Schooße auf! Doch nein, dieſer Tod wäre u zwar erwünſcht, aber das Erwachen jenſeits deſto ſchrecklicher!“ Dies ſagend, ſie ihren Lilienarm um den Nacken des ſchluchzenden Page n, und weinte bitterlich. Einige Augenblicke ſtand der junge Fähr⸗ mann auf ſein Ruder geſtützt, und warf aber mals einen grimmigen Blick auf ſeinen be⸗ glückten Nebenbuhler; aber als ſeine ver⸗ folgte Schöne ihr Auge auf ihn richtete und ein Lächeln ſich in ihre Thränen miſchte, ging er wieder an ſein Amt, und näherte ſich bald dem Ufer, wo ſchon mehrere Ritter ungedul⸗ dig ihrer Ankunft entgegen harrten. „Glaubſt Du wohl, jener Gelbſchnabel hätte uns blos zum Beſten gehabt? Bei der heiligen Jungfrau! ich könnte mich nicht einmal T2 — 323— entſchließen, mein gutes Schwert mit ſeinem Blute zu beſchmutzen, wäre er auch fähig gewe⸗ ſen, unſern guten Lord Seatoun zu verrathen. Mir däucht, es ſetzte der Edle zu viel Ver⸗ trauen auf die Worte jenes Burſchen!“ ſagte einer der Aelteſten aus ihnen, und ſeinem Roſſe die Sporen gebend, galoppirte er bis zum äußerſten Rande des Ufers, und ſpähete ſorgſam umher. „Haſt Du jemals von einer ſeltenen Blume gehört, die in Lochlevin blühen ſoll, Herr Ritter,“ fragte ein Jüngerer ſeinen Gefährten,„und von der man ſich erzählt, daß ſie unſer edler Lord Seatoun zu pflücken wünſchte? vder, um mich deutlicher zu er⸗ klären, haſt Du nicht vernommen, wie er der jungen Lady ſeine Hand antrug, aber einen Korb bekam, weil ſie bereits einen Andern liebe, der zwar weniger mit Glücksgütern ausgeſtattet iſt, aber deſto beſſer in ihrer Meinung ſteht?— Wußteſt Du etwa dies 525— noch nicht? Glaubſt Du wohl, Sir John würde mehr Vertrauen ſetzen in die Worte des jungen Douglas, weil es einen ſeiner Verwandten angeht?“ „Wahrlich, Du ſprichſt mit Verſtand!“ entgegnete der Erſtere.„So iſt es möglich, daß man uns zum Beſten habe, und ich zweifle nicht, daß Sir John für ſeinen Lohn reif wäre. Ich habe große Luſt, ihn Lochle⸗ vins Kerkerluft ein bischen koſten zu laſſen— denn ich—“ „Nicht doch, Ihr Herren!““ unterbrach ein Anderer die Unterredung, der ein zuver⸗ läſſiger Freund Seatouns war.„Sir John und nun, ihr Leute, wäre es Euch wohl lieb, wenn Eure Aeußerungen ihm zu Ohren tämen? Denn ſeht nur“— hier ſtreckte er einen Arm über das Waſſer, und bezeichnete einen Punkt in der Ferne, von woher man iſt nicht gewohnt, ſeine Leute zu hintergehen;, ———————— — 326— ein Plätſchern der vom Ruder getheilten Wo⸗ gen vernahm—„nun kommt unſere rei⸗ zende Herrin, und der junge Douglas iſt in ihrer Geſellſchaft.“ N In wenigen Minuten waren die Ritter won ihren Roſſen abgeſtiegen, und ſtanden mit entblößtem Haupte vor ihrer Königin, welche für ihr ehrfurchtsvolles Betragen in einigen paſſenden Worten dankte, worin ſie vorzüglich auf einſtige Erkenntlichkeit für deren gegenwär⸗ tige Hülfsleiſtung hindeutete; ſodann ſchwang ſie ſich auf den für ſie beſtimmten Zelter, indeß der Page den Zügel deſſelben ergriffen hatte. „Nun, Ihr wackern Ritter!“ fuhr ſie holdlächelnd fort in ihrer Rede:„wir zwei⸗ feln nicht daran, daß unſer edler Lord Sea⸗ toun Euch bereits davon unterrichtet hat, wie ſehr wir dieſem trefflichen Jüngling, William Donglas, einem Reffen unſers Kerkermei⸗ — 322— ſters, verpflichtet worden, und wollen glau⸗ ben, daß ſolch eine Dienſtleiſtung eine paſ⸗ ſende Belohnung verdient.“ Alle zugleich ſtürzten jetzt auf den jungen Mann zu, ihn zu bewillkommen. „William Douglas!“ nahm Marie wie⸗ der das Wort, indem ſie ihr ſchönes Ange⸗ ſicht von ſeinen glühenden Blicken abwendete: „es iſt mein Unſtern, einen Namen zu er⸗ halten— ich vermag es nicht, ihn auszuſpre⸗ chen— allein ich habe mit Verſicherungen der Liebe einmal Deiner gedacht.— Nicht doch, ſtarre nicht ſo finſter zu Boden, und es iſt ja auch endlich die Zeit da, Dich von Deinem Irr⸗ thume zu befreien. Wie wenig haſt Du über dieſen Gegenſtand nachgedacht, wenn Du glau⸗ ben konnteſt, daß die Königin Schottlands einem Burſchen Deiner Art Herz und Hand ſchen⸗ ken würde! Es iſt wahr, Du ſtandeſt als Zeuge, wie ich dem Throne auf immer feier⸗ 6 — 5— lichſt entſagte; aber bedenke, daß ich die Ge⸗ fangene Deines Vetters war! Nun Dank Dir, Douglas, für meine Freiheit, und wir wünſch⸗ ten, Dich für Deine Anhänglichkeit an uns zu belohnen mit der Hand einer Dame, die Deiner Treue würdiger wäre, und welche ihre einzige Hoffnung in die Verſicherungen ſetzte, welche Du ihr vordeklamirteſt, bevor ich noch der Gegenſtand Deiner ehrgeizigen Pläne war. Soll ich Dir noch etwa ihren Namen nennen, William?“ „Schonet meiner, edle Frau!“ rief Don⸗ glas unwillig aus;„Ich weiß nicht, ob Ma⸗ rion Euch durch Weinen zu ihrer Fürſpreche⸗ rin gewonnen?“ „Halte ein, William, ich befehle es Dir! Ich habe leider zu ſehr Gelegenheit gehabt, Jüngling, in den Tiefen des weiblichen Her⸗ zens zu leſen. Ich ſah Dich und Deine Cou⸗ ſine Marion beiſammen, und weiß daher, daß Du der Gegenſtand ihrer Wuͤnſche biſt. Wil⸗ liam!““ hier zitterte der Ton ihrer Stimme merklich—„willſt Du ruͤckkehren nach Loch—“ „Nimmermehr, meine Gebieterin! Ich habe einmal das Vertrauen meines Verwand⸗ ten für Deine ſchönen Liebesverſicherungen ge⸗ mißbraucht, ich ſchwöre daher für eben ſo ſüße Belohnung, nie mich zu vermählen—“ Ein ſtrafender Blick Mariens unterbrach den Jüngling, und dem Pagen ſank der Zü⸗ gel aus der Hand, und er fiel zur Erde. In einem Nu ſprang die ſchöne Königin vom Roſſe, entzog den Knaben der Fürſorge der rauhen Krieger, und auf dem Raſen knieend, hüllte ſie ſein Haupt in ihren Buſen; doch als ſie dieſes that, fiel die umbordete Treſſen⸗ mütze von ſeinen Schläfen, und deſſen lange, ſeidene Locken küßten den Boden. „Marion Douglas!“ rief John Sea⸗ toun aus, neben Marien zur Erde ſtürzend, — 330— daß er das blaſſe Geſicht, das ſie mit ihren Lippen bedeckte, beſſer bemerken könnte, und ſich zu überzeugen, daß ſie es war, die er genannt. „Marion Douglas— nannte mich mein Vater ſo?“ rief das tief erſchütterte Mäd⸗ chen aus.„O nein! ich erinnere mich deß zu gut. Ich darf nicht erſt fragen, weſſen Buſen mich ſo ſanft berührt; es iſt nur Eine, die dies vermag. Schöne Königin! Du ſiehſt, es iſt, wie ich Dir geſagt, ob⸗ gleich Du mich eines Andern zu überzeugen Dir Mühe gabſt.“ „Stille, ſiille!“ lispelte Marie, ſich über ſie beugend.„In wenigen Minuten ſollſt Du erfahren, daß jener tolle Schwär⸗ mer Dich noch immer liebt; allein er iſt von ſeinen ehrgeizigen Plänen ſo ſehr umſchlungen⸗ daß er ſich nicht ſobald herauszuwinden ver⸗ mag. Höre auf zu klopfen, armes Herz! Ma⸗ 38 20 — 1— rion— ich liebte ebenfalls, und ward betro⸗ gen; dann vermochte ich aber auch eben ſo zu haſſen, denn ich beſaß nicht ein ſo ſanftes Gemüth, wie Du.“ Dann ſich zu William wendend, fuhr ſie fort:„Douglas, ich merke, meine Begleiter wünſchten mich bald von mei⸗ nem Gefängniſſe weiter entfernt; ich will Dich denn erwarten, und— ich will nichts davon ſagen Deinem Vetter— zu Lothian!“ Marie ſenkte ſodann ihre Laſt auf den bemvos⸗ ten Boden und beſtieg wieder ihren Zelter, als Marion ihr raſch zur Seite ſprang, und den Zügel des Roſſes ergriff. „Halt, Laby!“ rief ſie haſtig aus: „laß William Douglas Dir folgen, dann wird ſein Auge auch heller blicken, ſo wie dies immer, wenn es auf Dich gerichtet iſt. Ich aber will in mein väterliches Haus zurück; ich verſtehe jenes Bvot wohl allein zu regie⸗ ren. Schon öfter habe ich in einer ſo hei⸗ tern Mondnacht damit zu den feenhaften In⸗ 1 ———— —— — ———— — 332— ſeln hingeſteuert, um— doch ich rede ſchon wieder irre. William, Du weißt, wie ſehr ich Dich liebte, wie könnte ich dies läug⸗ nen! doch nun gebiete ich Dir, der Königin zu folgen; verſprich mir bloß, daß— ſoll⸗ ten Eure gegenſeitigen Intereſſen ſich durch⸗ kreuzen— daß Du nicht Deinen Arm ge⸗ gen meinen Vater erhebeſt, und ſo lange ſich der Himmel über Marion Douglas wölbt, ſollen ihre Segenswünſche Dich geleiten. Ich will dem Laird von Lochlevin ſagen, daß ich es war, die Dir und der Königin zur Flucht behülflich war. Er kann, darf und wird nicht ſo grauſam ſeyn, mein Mitleid für Euch verdammenswerth zu finden. Lebt wohl, Lady! Euer Volk erwartet Euch; gehab' Dich wohl, Douglas!“ „Du ſprichſt wahr, Marion! und ich muß eilen; meine wackern Ritter werden unge⸗ duldig, und wünſchen, daß ich das Blatt⸗ welches ich zum Zeichen gab, den Flammen .„„ — überliefern ſoll. Lebe wohl, auf kurze Zeit, Marion! doch ſollten wir uns nicht wieder ſehen, ſo erflehe ich den Segen des Himmels für Dich.“ Und Marie entzog ihre Hand Marions Lippen, dann mit übervollem Herzen folgte ſie ihren Rittern, die immerwährend ihre Roſſe anſpornten, und endlich an einem Kreuzwege gänzlich verſchwanden. William vermochte nicht zu folgen, ſon⸗ dern blieb auf demſelben Flecke wie einge⸗ wurzelt ſtehen, und ſah unverwandt in die Ferne. Marion hatte indeß ihr Boot ſchon erreicht, als ſie eine Stimme vernahm, die ſie zu gern hörte, um ihr nicht zu lauſchen.— „Marion, Du willſt nicht allein von hinnen. Darf ich mich Dir zum Begleiter anbieten, erlaubſt Du mir, Dich nach dem Vaterhauſe zu führen? Wunſcheſt Du es jedoch nicht, ſo gehorche ich Dir, und folge jener trügeriſchen Schönheit.“ Alvensleben Tochter. —— Marie erhob auf einen Augenblick ihre Augen und ſah in des Jünglings erröthendes Antlitz, und ſprach:„William, ich kann von unſerer geliebten Königin Dich nicht ſo reden bören. Läuſcheſt Du Dich nicht vielmehr ſelbſt?“ „In der That, Marion, Du ſprichſt wahr! Doch ich ward verblendet, meine Träume, ja wohl waren es ſolche, ließen mich nur Glanz und Kronen erblicken. Es war in der letzten Nacht, Marion, als ich ſah, wie Eliſabeth von England unſere Ma⸗ rie Stuart als mein Gemahl zur Beherr⸗ ſcherin der beiden Königreiche krönte; und ich will Dir's nur geſtehen, Marion, ich dachte dieſe Nacht daran, einen kleinen Theil mei⸗ ner Viſion ſich bald realiſiren zu ſehen, und ſah daher der Geſtaltung und Erfüllung des Ganzen mit Zuverſicht entgegen. Du magſt wohl lächeln it doch möchte ich lieber — 335— Vorwörfe von Deinen Lippen hören⸗ Sprich, Marion, willſt, kannſt Du vergeben?“ Marion legte ihre Hände kreuzweis über's Herz, denn ſie glaubte, es müſſe ihr zerſpringen; doch war der Ton ihrer Stimme feſt und ſicher, denn als ſie plötzlich in das Boot ſprang, ſagte ſie:„William, ich ver⸗ zeihe Dir, und will mir Mühe geben, Dich zu vergeſſen. Lebe wohl!“ Umſonſt rief er ihren Namen und kniete auf dem grünen Raſen, ſeine Arme gegen das kleine Boot ausgeſtreckt, welches nur noch einen dunkeln Fleck auf der Waſſerfläche bildete; aber in dieſem Augenblicke erfuhr er, wie er ſeinem eigenen Glücke entgegen arbeitete. Doch er blieb nicht lange allein. Sir John Seatoun willigte mit Freuden in Mariens Vorſchlag, daß er ſohte ſein Roß hinter ein Geſträuch verbergen, und auf Ma⸗ W2 — 336— rion ein wachſames Auge haben. Er horchte nun auf Williams Geſtändniß, und ehe noch ein neuer Tag den See Lochlevin erhellte, war er und ſeine unglückliche Gebieterin nebſt manchen andern wackern Leuten in Weſt⸗ Lothian. Der Mond warf ſein ſchimmerndes Licht in den Spiegel des Sees von Lochlevin und erhellte düſter die Halle des Schloſſes, wodurch der ſtille Gram im Antlitze zweier Perſonen, die am Fenſter ſaßen, noch deut⸗ licher zu leſen war— dies waren Marion und Wilhelm Douglas. „WVilliam!“ rief die Erſtere aus, in⸗ dem ſie ihr Haupt an ſeine Bruſt lehnte,(ſie waren bereits zwei Wochen miteinander ver⸗ mählt,)—„denken wir nicht zugleich an einen und denſelben Gegenſtand, an unſere Königin?“ — 337— „Theuere Marion!“ entgegnete Jener, „Du haſt es wohl errathen. Zwölf Monate ſind's bereits, daß ich davon träumte, wie Knaben wohl öfters pflegen. Manches hat ſich ſeitdem zugetragen, Erfreuliches und Schlimmes!“ Dabei ſchlang er ſeinen Arm um ſie. „Du meinſt wohl unſern Verlobungs⸗ tag, William?“ fragte erröthend das Weib⸗ chen.„Doch das reizende, junge Blut, welches ſich ſo ſchöne Hoffnungen für die Zukunft träumte am 2. Mai 1568—“ „Ich glaube, daß ſie ein Jahr ſpäter an demſelben Tage in die Vohnungen des Friedens eingegangen.— Doch ſind das paſſende Geſpräche für eine hoffuurgsvolle Braut?“ entgegnete er, als er Has ſchwach unter⸗ drückte Schluchzen Maröns vernahm; ſchwere Tropfen drängten ſich dabei aus ſeinen Wim⸗ — — 333—. pern hervor. Marion erhob ihr Haupt, und ſah ihm in's Geſicht. Thränen ſtanden ihm in den Augen, die ein Lächeln kaum zu ver⸗ drängen vermochte. Sie ſonderte ſein dicht herabwallendes Rabenhaar von ſeiner Stirne, und preßte ihn an ihre Lippen. „Laß uns auf den Knieen für die See⸗ lenruhe der armen Königin beten, William!“ ſagte ſie. William ſchlang ſeinen Arm um den ihri⸗ gen, und ſie beteten mit einander. Wer zweifelt wohl an der Erhörung eines ſo in⸗ brünſtigen Gebets, oder wer möchte nicht mit uns glauben, daß Mariens junges und doch früh ſchon gekrochenes Herz eine Sphäre ge⸗ funden, wo dn Reinheit deſſelben klar zur Anſchauung gekomnen? — ——— a — — ——— ———— ——. „— 5 — — W. . S 5