engliſcher und franzöſiſcher Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und ₰ Leſebebine gungen. 1. offensein der Bibltothek. Die Bibliothek fangnahme und Rückgabe der Bücher leden T 7 1hr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines Leliehenen Buches wird von jebe Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. nbekannte Perſonen müſſen, ſteht zur Em⸗ Tag von Morgens bei Entgegennahme eines Buches eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe t welch⸗ 3 deſſen Zurüttgab⸗ von mir zurückerſtattet wi ig onnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und betr für hene 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —̃——— auf 1 Monat: W— N 2 N—f. 80 2 5 Auswürtige Ponnenten“ haben füt Hin⸗ und Z endung der Vun auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpr eis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſ ene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſaß d des Ganzen verpflie chtet uſeltee Dieſelbe! iſt auf 14 feſtgeſetzt und wird beſonpe darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleil ihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir auch dafür zu ſtehen haben. ——)————— Ausgewählte Grzählungen aus dem Engliſchen des Thomas Hood; frei uͤberſetzt von Gustav Sellen. Leipzig, 1828. Verlag vo n GarlF5o — — 3 7 5 4 —— ℳ Inhalts⸗Verzeichniß. 1) Di Raͤuberſchenke. Romantiſche Liebe.„„„„„ 4) Die Flucht aus dem Harem.„„ 8 Der Kaſtanienbaum. 6) Das ſchoͤne Maͤdchen von Lubgate. 7) Des Kärrners Frau.„„ 8) Die treuen Liebenden von Sizilien. Seite 1 67 79 93 121 141 161 173 —— . 8 38 — 8d — 2 — — — S 8 — ER ₰ 2— ——z———— Nit von ſolchen Ereigniſſen will ich ſprechen, die ich nach und nach beobachtete, oder die mir durch Andere mitgetheilt wurden, ſondern von traurigen Begebenheiten, die mich ſelbſt trafen. Wenn ich den Schrecken und das Entſetzen be⸗ denke, welche die Erinnerung an jene Tage noch jetzt, nach einer langen Reihe von Jahren, in mir erweckt, ſo glaube ich meinen Leſern das Ver⸗ ſprechen geben zu koͤnnen, daß dieſe Erzählung keiner andern, welche der Phantäaſie ihre Entſte⸗ hung verdankt, nachſtehen wird. Mein Haar, da⸗ mals ſchwarz, iſt jetzt gebleicht; die Begebenhei⸗ ten, von denen ich hier erzaͤhlen will, waren ſon⸗ derbar, bunt und ſchrecklich genug fuͤr einen Traum, und ich wuͤnſchte, ich koͤnnte mich uberreden, ſie waͤren nichts weiter geweſenz aber wenn ich um mich blicke, ſo überzeugen mich noch jetzt zu vtele betruͤbende Zeichen, daß ſie ſich wirklich zutrugen, denn noch immer ſehe ich auf die Truͤmmer ehe⸗ maliger Ruhe und Zufriedenheit. 1* 4 Ich muß zu den Tagen meiner fruͤhern Ju⸗ gend zuruͤckkehren. Ich hatte keine Bruͤder, aber ein guͤnſtiges Geſchick machte mich mit einem Juͤnglinge bekannt, der durch ſeine ſeltenen Ga⸗ ben und ſeine große Liebe zu mir, mich dieſe Mißgunſt der Natur vergeſſen machte. Antonio de Linares war, gleich mir, eine Waiſe; dieſer Umſtand ſchon diente dazu, ihn meinem Herzen theurer zu machen; wir waren uͤberdies noch Beide an demſelben Tage geboren, und dadurch entſtand bei unſerem kindiſchen Aberglauben der Wahn, unſer Schickſal ſey deßhalb ſo eng verknuͤpft, daß wir auch an demſelben Tage das Leben wieder werlaſſen muͤßten. Er war mein Schulgefaͤhrte, mein Spielkamerad, der Theilnehmer aller meiner kleinen Beſitzthuͤmer; und als wir aͤlter wurden, ward er mein Rathgeber, mein Buſenfreund, mein Bruder. Ihm vertraute ich den Schluͤſſel mei⸗ nes Herzens an, und mit gleicher Offenheit ſagte er mir Alles; ſelbſt ſeine heimliche Neigung zu meiner ſchoͤnen, herrlichen Couſine Iſabella ver⸗ hehlte er mir nicht. Wir hatten manche ernſte Berathung mit ein⸗ ander, wenn wir bedachten, welchen Widerſtand wir von ihrem Vater, der einer der ſtolzeſten, wie der aͤrmſten Edelleute Andaluſiens war, zu er⸗ warten hatten. Antonio hatte ſich dem Stande — ₰ ———————— 5 des Kriegers gewidmet, und ſein ganzes Gluͤck ruhte auf der Spitze ſeines Degens; doch mit deſſen Huͤlfe hoffte er ſich einen Weg zum Ruh⸗ me, zum Reichthume und zu Iſabellen zu bah⸗ nen. Auch die Vorfahren des Hidalgos, meines Oheims, waren zum Lohne ihrer ausgezeichneten Dienſte im Felde von dem dankbaren Monarchen mit Adel und Reichthum beſchenkt worden, und wenn ich die glaͤnzenden kriegeriſchen Talente be⸗ dachte, von denen mein Freund ſchon Beweiſe gegeben hatte, ſo glaubte ich nicht, daß ſeine Hoffnung auf zu ſchwachem Grß veruhe. Antonio ſchien fuͤr den Krie, geſchaffen zu ſeyn; ſein groͤßtes Vergnuͤgen war, die Thaten zu leſen, die unſere Vorfahren in den Zeiten des Ritterthumes gegen die Mauren vollbracht hat⸗ ten, und er beklagte ſich bitter daruͤber, daß der tiefe Friede ihm nicht geſtatte, von ſeiner Tapfer⸗ keit im Kampfe gegen die Unglaͤubigen, oder an⸗ dere Feinde Spaniens, Proben abzulegen. Alle ſeine Uebungen waren kriegeriſch; Jagd und Stier⸗ gefechte waren ſein groͤßtes Vergnuͤgen, und ſchon mehr als ein Mal hatte er ſich den Streifzuͤgen gegen die Banditen der Gebirge als Freiwilliger angeſchloſſen. Dieſe Klaſſe von Menſchen ſind in Kriegszeiten das Verderben der Feinde, im Frieden aber die Geißel und das Schrecken unſe⸗ 6 res eigenen Landes. Oft verleitete Antonio's kuͤh⸗ ner, unternehmender Geiſt ihn, ſich in die augen⸗ ſcheinlichſte groͤßte Gefahr zu ſtuͤrzen, aber eben dieſe Verachtung der Gefahr, verbunden mit aus⸗ gezeichneter Herzensguͤte und Menſchenliebe, machte ihn auch oft zum Rettungswerkzeuge fuͤr Andere. So rettete er zum Beiſpiel mich ſelbſt vom Er⸗ trinken, und dies befeſtigte uns noch mehr in dem Wahne, daß unſer Beider Leben gegenſeitig von einander abhaͤngig ware; zugleich ſteckte es auch meinen Neckereien daruͤber, daß er allein un⸗ ſer Leben ſo⸗ oft⸗ muthwillig auf das Sii ſetze, ein Ziel. Der Dienſt, den er mir giiſtet, verſchaffte ihm eine freundliche, wohlwollende Aufnahme in dem Hauſe meines Oheims, und gab ihm ſo Gelegenheit, ſich oͤfters der Geſellſchaft ſeiner ge⸗ liebten Iſabelle zu erfreuen. Beide Liebende kann⸗ ten aber die Strenge und Faͤlte des Vaters zu wohl, um mehr als ein heimliches Geſtändniß ih⸗ rer gegenſeitigen Neigung zu wagen. Meine lie⸗ benswuͤrdige Couſine weinte der traurigen Noth⸗ wendigkeit, welche ſie zwang, dem Vater ihre Liebe zu geſtehen, unzählige verſtohlene Thraͤnen. Endlich entſchloß ſie ſich dennoch, als er ſich zu einer laͤngern Reiſe nach Madrid vorbereitete, da⸗ mals ein Unternehmen, welches mit mancher Ge⸗ SS——— 7 fahr verknuͤpft war, die Furcht mit Beiſtand des kindlichen Pflichtgefuͤhles zu uͤberwinden, und dem Vater ihr Herz zu eroͤffnen, ehe er von ihr ſcheide, vielleicht fuͤr immer. Ich war bei dem Abſchiede des Vaters von ſeiner Tochter gegenwaͤrtig, und die darauf fol⸗ genden Ereigniſſe prägten dieſe Scene meinem Gedaͤchtniſſe ſo tief ein, daß ich ſie nimmer zu vergeſſen vermag. Es iſt ſchon viel daruͤber geſtritten worden, ob Menſchen warnende Ahnungen, entweder durch Traͤume oder auf andere Weiſe, haben könnenz Einige wollen ſogar behaupten, ſelbſt vor wichti⸗ gen Begebenheiten ihres Lebens dergleichen Zei⸗ chen empfangen zu haben. Ich will die Wahr⸗ heit oder Unwahrheit dieſer Frage hier nicht weiter eroͤrtern, doch das iſt gewiß, daß mein Oheim vor ſeiner Abreiſe die aͤngſtlichſte Beklemmung fuͤhlte. Er ſchrieb dies den Schwierigkeiten bei, welche der Rechtsſtreit, der ihn nach Madrid rief, ihm fuͤr den Augenblick machte; es handelte ſich auch in der That um nichts Geringeres, als um ſeine An⸗ ſpruͤche auf das ganze Vermoͤgen ſeiner Vorfah⸗ ren. Iſabella aber deutete es als das warnende Gefluͤſter irgend eines Geiſtes oder Engels, und dieſer Glaube, ſo wie ihre Furcht vor dem Ge⸗ 8 ſtaͤndniſſe, das ſie ablegen wollte, bewog ſie, ſich der Abreiſe ihres Vaters ernſtlich zu widerſetzen. „Gewiß,“ ſagte ſie,„iſt Ihre unwillkuͤhrliche Traurigkeit eine Warnung des Himmels, und es waͤre gottlos, wollten Sie ihr nicht folgen. Laſ⸗ ſen Sie ſich daher bewegen, hier zu bleiben; ſonſt ſuͤndigen Sie, indem Sie Ihr eigenes Geſchick herausfordern, und mich vielleicht fuͤr immer elend machen.“ „Nein, Iſabella,“ entgegnete er ernſthaft,„ich wuͤrde weit eher ſuͤndigen, wollte ich an der Vor⸗ ſehung Gottes, die uͤberall mit uns iſt, zweifeln. Dem Reiſenden in der Wuͤſte, wie dem Schiffer auf dem weiten unabſehbaren Ocean, iſt ſein Schutz nahe, aber dennoch, mein theures Kind, wollen wir Abſchied von einander nehmen, als ſollten wir uns nie wieder ſehen.“ Und er hielt ſie minutenlang an ſeine Bruſt gepreßt. Ich ſah, daß Iſabella's Buſen unter dem Geheimniſſe faſt erlag, und ich wuͤrde fuͤr ſie das Wort genommen haben, haͤtte ſie nicht ſowohl Antonio, als mir einen ſolchen Schritt ſtrenge unterſagt; ſie fuͤhlte, daß ein Geſtändniß, wie dieſes, nur von ihren eigenen Lippen kommen duͤrfe. Zwei Mal, als ihr Vater die Zuͤgel faßte, das Pferd zu beſteigen, ergriff ſie ihn bei dem Arme, und zog ihn auf die Flur des Hauſes zu⸗ ruͤck, aber wenn ſie ſprechen wollte, faͤrbte dunkle Roͤthe ihre bisher marmorbleichen Wangen, die Stimme verſagte ihr, und endlich wandte ſie ſich mit verzweifelnder Gebehrde ab. Uns ſagte dies nur zu deutlich: ich kann, ich kann das Ge⸗ ſtaͤndniß nicht ablegen! Der alte Herr blieb nicht ungeruͤhrt, doch mißdeutete er den Grund ihrer Angſtz er glaubte, ſie entſtehe aus einem Vorge⸗ fuͤhle kommenden Uebels, von dem er ſelbſt ſich nicht ganz loszuſagen vermochte. Zwei Mal kehrte er, nachdem er ſeine Tochter feierlich geſegnet hatte, zuruͤck; das eine Mal war es freilich nur, um einige unbedeutende Befehle nochmals zu wieder⸗ holen, aber das zweite Mal ſtand er laͤngere Zeit ſchweigend da, als wolle er innerlich den letz⸗ ten Abſchied von ſeinem Hauſe, ſeinem Kinde, nehmen. Ich hatte ſchon fruͤher dringend darum gebe⸗ ten, ihn begleiten zu duͤrfen, und erneuerte jetzt meine Bitte; der Vorſchlag ſchien ihn aber nur zu beleidigen, da es ihm wie ein Mißtrauen in den Muth eines alten Kriegers vorkam. Die ein⸗ zige Antwort, die er gab, war, daß er ſeinem Pferde die Sporen eindruͤckte und ſchnell davon ſprengte. Ich wendete mich jetzt zu Iſabellen. Sie war todtenbleich, und lehnte mit ſtroͤmenden Augen an dem Pfoſten der Thuͤre; ſonſt waͤre 10 ſie gewiß umgeſunken. Keiner von uns ſprach; aber Alle wendeten wir kein Auge von der im⸗ mer mehr ſich verkleinernden Geſtalt des theuren Reiſenden, der jetzt in langſamerem Schritte einen entgegengeſetzten Huͤgel hinanritt. Die Straße wand ſich, und entzog ihn bald unſeren Blicken, gab ihn bald denſelben wieder zuruͤck; endlich kam er auf einen Punkt, nahe der Spitze des Berges, wo er, wie wir wußten, unſeren Augen bald ganz entſchwunden ſeyn mußte. Meine Cou⸗ ſine erlag faſt der Furcht und den Selbſtvorwuͤr⸗ fen; als ich dies ſah, verſprach ich ihr, den Oheim, wenn ſie es wolle, noch einzuholen, und ihn zur Ruͤckkehr zu bewegen, aber ſie verwarf den Vor— ſchlag. Sie ſagte, daß ihr Vater ihr Geheim⸗ niß nur aus ihrem eigenen Munde vernehmen ſolle, und ſetzte dann mit ſchwankender Stimme hinzu, ſie hoffe, daß er gluͤcklich von Madrid zu⸗ ruͤckkehren wuͤrde. Waͤre dann der Rechtsſtreit ge⸗ wonnen, ſo ſey er uͤberdies gewiß in ſo guͤnſtiger Stimmung, daß ihre Furcht dadurch unendlich verringert werden muͤßte. Dieſe Antwort genuͤgte mir. Mein Oheim verſchwand jetzt eben hinter der Spitze des Berges; es war der letzte Blick, den wir auf ihn werfen konnten.— Der alte Mann kehrte nicht zuruͤck. Es verging eine laͤngere Zeit, als nöthig ge⸗ Me 11 weſen waͤre, um ſeine gluͤckliche Ankunft in Ma⸗ drid zu erfahren. Wir wurden jetzt ernſthaft um ihn beſorgt, und ſchrieben ſogleich ſeinetwegen an ſeinen Advokaten in Madrid einen Brief. Die Antwort brachte den herbſten Kummer uͤber uns. Der Onkel war gar nicht nach Madrid gekom⸗ men, und die Richter, welche ihm wohl wollten, fuͤrchteten von ſeinem Ausbleiben den unguͤnſtig⸗ ſten Erfolg fuͤr ſeinen Prozeß. Iſabella war in Verzweiflung. Ihre Thraͤnen ſtrömten mit er⸗ neuerter Heftigkeit; ſie quälte ſich durch die bit⸗ terſten Selbſtvorwuͤrfe, und das liebreichſte Zu⸗ reden von meiner, wie von Antonio's Seite, ver⸗ mochte nicht, ſie daruͤber zu troͤſten, daß ſie ihre kindliche Pflicht ſo unverantworlich verletzt habe. Sie war von Natur aͤußerſt religiös, und die Vorwuͤrfe ihres Beichtvaters vermehrten nicht nur ihre Verzweiflung, ſondern dienten auch noch dazu, daß ſie ſich ſelbſt eine harte Buße auferlegte, die uns in die groͤßte Betruͤbniß verſetzte. Ich war mit Antonio uͤbereingekommen, daß wir uns ſogleich aufmachen wollten, meinen Oheim auf verſchiedenen Straßen zu ſuchen. Mit Ta⸗ gesanbruch, am Morgen nach dem Tage, an wel⸗ chem wir den Brief des Advokaten empfangen hatten, waren wir bewaffnet und beritten, und im Begriffe, unſer trauriges Geſchaͤft zu begin⸗ 12 nen. Wir wollten nur noch von meiner Couſine Abſchied nehmen, und da wir mit großer Wahr⸗ ſcheinlichkeit vorausſetzen konnten, daß wir man⸗ nichfachen Gefahren entgegengingen, hatte der Ab⸗ ſchied fuͤr mich etwas ſehr ſchmerzliches, und mußte es fuͤr Antonio noch mehr haben. Das Lebe⸗ wohl aber ward uns verweigert. Der Beichtva⸗ ter ſelbſt benachrichtigte uns von einem Schritte, den er emſig vertheidigte, der uns jedoch innig betruͤbte; ſeine Worte verloren fuͤr uns bei die⸗ ſer Gelegenheit ganz den Ausdruck des Wohl⸗ wollens, den ſie ſonſt zu haben pflegten. Iſa⸗ bella hatte, um ihre Reue uͤber ihre eingebildete Suͤnde zu beweiſen, geſchworen, die Geſellſchaft und ſogar den Anblick ihres Geliebten ſo lange zu meiden, bis ihr Vater zuruͤckgekehrt waͤre, und ſie ihm offen und ohne Ruͤckhalt entdeckt hätte, was ihr Herz belaſte. Dieſer uͤbereilte Entſchluß war durch ein feierliches Geluͤbde beſiegelt wor⸗ den. In einem ſchnellen Anfalle uͤbler Laune und Unwillens weigerte ich mich, wie ich jetzt mit Betruͤbniß geſtehe, von der Ausnahme, die in Hinſicht meiner ihr geſtattet war, Gebrauch zu machen, und ſagte ihr nun auch nicht Lebe⸗ wohl. Antonio murrte laut, aber die Sache ließ ſich nicht ändern, und truͤbe und mißmuthig mach⸗ ten wir uns auf den Weg. Wir waren noch S eee ARaA Mae— 13 nicht heiterer geworden, als wir den Ort erreich⸗ ten, wo wir uns, der Verabredung gemaͤß, tren⸗ nen wollten. Mein Bedienter, Juan, begleitete mich; An⸗ tonio aber hatte feſt darauf beſtanden, allein zu reiſen; auch wuͤrde ihm in der That ein Ge⸗ faͤhrte in mancher Hinſicht mehr hinderlich, als vortheilhaft geweſen ſeyn. Er behauptete, daß der gluͤckliche Erfolg ſeiner gewagteſten Unterneh⸗ mungen bisher faſt immer nur, oder doch groͤß⸗ tentheils daraus entſprungen ſey, daß er allein geweſen war. Dieſe Behauptung hatte allerdings etwas fuͤr ſich. Antonio's Geiſt ſchien an Leb⸗ haftigkeit zu gewinnen, je mehr er ſich den Ge⸗ fahren und Muͤhſeligkeiten nahete, denen er wahr⸗ ſcheinlich entgegenging, und nachdem er mir noch⸗ mals herzlich die Hand gedruͤckt, und mich halb ſcherzend an die Verknuͤpfung unſerer Lebensfa⸗ den erinnert hatte, gab er ſeinem Pferde den Sporn, und ſprengte davon. Die Straße, die mir zur Nachſuchung zuge⸗ fallen, war die wenigſt gefaͤhrliche, aber die, wel⸗ che mein Onkel, wie ich glaubte, am erſten ein⸗ geſchlagen haben wuͤrde, da mehrere verwandte Familien, mit denen er Geſchaͤfte abzumachen hatte, in der Naͤhe derſelben wohnten; aber nur auf dem erſten dieſer Edelſitze konnte ich von —— †.* 14 meinem Oheim Nachricht erhalten. Er war ba⸗ ſelbſt geweſen, um einige Dokumente zu erhal⸗ ten, die er nothwendig bedurfte; aber ſchon am nächſten Tage war er weiter gereiſt, ohne den Weg, den er nehmen wollte, genauer anzugeben. Es ließ ſich indeſſen annehmen, daß er nach Schloß**** gegangen ſeyn wuͤrde, wo ein an⸗ derer Zweig der Familie ſeinen Sitz hatte, und dahin richtete alſo auch ich meine erſten Schritte. Aber hier verlor ich jede Spur, und es blieb mir nichts uͤbrig, als wieder auf die Straße zu⸗ ruͤckzukehren, die nach Madrid fuͤhrte. Ich muß hier einen Theil meiner Nachfor⸗ ſchungen mit Stillſchweigen uͤbergehen, da ſie nichts als kleinliche Einzelnheiten enthalten wuͤr⸗ den. Spuren, die zu entdecken ich mir einbil⸗ dete, und die ſich in Taͤuſchung endigten, Hoff⸗ nung und Furcht, Anſtrengung und Ermuͤdung, machen die ganze Geſchichte des zweiten Tages aus, bis wir uns endlich verirrten, und bei der Annäherung einer dunkeln, ſtuͤrmiſchen Nacht froh waren, Obdach in einem Wirthshauſe zu finden, das in den Gebirgen ganz einzeln lag. Ich habe es ein Wirthshaus genannt, aber was ich mit dieſem Namen belegte, war eigentlich nur ein Ueberbleibſel eines alten verlaſſenen Edel⸗ ſitzes. Der eine Fluͤgel des weitläuftigen Ge⸗ 15 bäudes war durch roher Häͤnde Arbeit wieder wohnbar gemacht, der großere Theil aber ſeinem Verfalle ungeſtoͤrt uͤberlaſſen worden. Der Ab⸗ ſtand war uͤberraſchend; waͤhrend in dem einen Fluͤgel das Licht in den Fenſtern ab und zu ſich bewegte, das Erſcheinen und Verſchwinden von Schatten, laute Stimmen und anderes Geraͤuſch bewieſen, daß dieſer Theil bewohnt ſey, herrſch⸗ ten in dem Hauptgebäude und dem anderen Fluͤ⸗ gel Ruhe und Dunkelheit. Ich glaubte in die⸗ ſem Gebaͤude nach einer fruͤheren Beſchreibung ein Schloß zu erkennen, das einſt den Vorfah⸗ ren meines Dheims gehoͤrt, nun aber ſchon laͤngſt oͤde geſtanden hatte, und den Zerſtoͤrungen der Zeit uͤberlaſſen worden war. Es ſchien mir, als ſaͤhe es truͤbe drein, mit jenem Stolze begabt, der als Erbtheil der Familie, welche es beſeſſen hatte, bekannt war, und haͤtte es mir nicht fuͤr den Augenblick Schutz und Obdach geboten, ſo würde ich den Gaſtwirth, der es ſo frech zu ſei⸗ nem Eigenthume gemacht, vielleicht auf das Haͤr⸗ teſte angeklagt haben. Jetzt jedoch, wo der Him⸗ mel mit jedem Augenblicke dunkler ward, und ſchon einzelne ſchwere Regentropfen herabfielen, den nahen heftigen Sturm verkuͤndend, wendete ich mich ohne Widerwillen von dem maͤchtigen, kunſtlich geſchnitzten Portale, zu der beſcheidneren 16 Thuͤre, welche Bequemlichkeit und Gaſtlichkeit durch ihr Schild verſprach. Mein Klopfen brachte den Wirth ſelbſt an die Thuͤr, und ſchnell fuͤhrte er mich zu einem innern Zimmer; daß dies ſo klein ſey, entſchul⸗ digte er, indem er ſagte, ich wuͤrde dennoch da⸗ mit zufrieden ſeyn, weil es entfernt von dem Laͤrmen ſeiner andern Gaͤſte wäre. Dieſer Mann war ein auffallendes Beiſpiel von den Wider⸗ ſpruͤchen, an deren Zuſammenſtellung die Natur zuweilen Vergnuͤgen zu finden ſcheint. Unbe⸗ dacht übergab ich ihm meine Waffen, als er ſich erbot, fuͤr dieſelben Sorge zu tragen, und erſt als ich ihm nochmals in das Geſicht ſahe, fiel es mir ſchwer auf das Herz, daß ich dadurch eine große Unvorſichtigkeit begangen habe. Sein Geſicht, von dicken ſchwarzen Haaren umgeben, oder vielmehr faſt ganz dahinter verſteckt, hatte einen wilden, thieriſchen Ausdruck, der meine Furcht, wie meinen Abſcheu erregte. Er hatte ein wahres Wolfsgeſicht, und wie ich von Thie⸗ ren gehoͤrt habe, daß ſie den feſten Blick des Menſchen nicht zu ertragen vermoͤgen, ſo ſchweif⸗ ten auch ſeine Blicke unablaͤſſig umherz immer ruhelos, aber immer wachſam, obgleich nur durch einzelne, verſtohlene Blitze. Es ſchien, als erra⸗ the er durch dieſe ſchnellen, uͤberraſchenden Blicke die „——„— 6— —(———— ——= ——— 17 die Gedanken, welche ſich bei feſterem Anſehen nicht verrathen haͤtten. Ich wuͤrde wenigſtens lieber den durchbohrendſten Blick ausgehalten ha⸗ ben, als den ſeinigen. Seine Geſtalt war etwas breit, aber muskuloͤs und im richtigen Verhaͤlt⸗ niß; ſie ſchien zugleich Kraft ünd Behendigkeit zu verrathen, geſchickt, zu ſpringen, zu kriechen, zu klettern, oder auch, im Fall der Noth, den hartnaͤckigſten Widerſtand zu leiſten. Wie kam ſolch ein Koͤrper zu einer ſolchen Stimme? Dieſe war ſanft, wohltoͤnend und voll muſikaliſcher Biegſamkeit, wodurch ſeine Artigkeiten einen eige⸗ nen, unwiderſtehlichen Reiz erhielten. Wenn die Sprache einen Maaßſtab fuͤr die Herzensguͤte giebt, und die herrſchenden Leidenſchaften ſich in den Zugen des Geſichtes ausdruͤcken, welch ein unendlicher Widerſpruch fand ſich dann in dieſem Menſchen? Sein Geſicht war holliſch, daͤmo⸗ niſch— ſeine Sprache himmliſch. 10 Ich weiß nicht, ob er die Genauigkeit be⸗ merkte, mit der ich auf dies alles Acht gabz er verließ mich ſchnell, grade als ich jene Nach⸗ forſchungen nach meinem Oheim begonnen hatte, von denen mich die erſte Ueberraſchung abhielt. Vielleicht konnte oder wollte er auf meine Fra⸗ gen nicht antworten, doch ſchienen ſie ſeine Ent⸗ fernung zu beſchleunigen. War es moͤglich, daß 2 18 er irgend eine geheime Kenntniß von dem Schick⸗ ſale des Vermißten beſaß? Als er das Zimmer verlaſſen hatte, folgte eine augenblickliche Stille bei den anderen Gaͤſten, gleichſam als erzähle er denſelben von meinen Fragen. Ein fluͤchtiger Blick auf dieſe laͤrmende Ge⸗ ſellſchaft, als ich bei meinem Eintritte ſchnell durch das Zimmer ging, in welchem ſie zechte, hatte mir keine beſonders vortheilhafte Meinung von deren Charakter oder Gewerbe beigebracht, und die kriegeriſchen Anſtalten und Vertheidigungsmit⸗ tel, die ich uͤberall erblickte, konnten eben ſo gut zur haͤuslichen Sicherheit einer Raͤuberbande be⸗ ſtimmt ſeyn, als zur Abwehrung von den An⸗ griffen derſelben. Jetzt war es fuͤr mich zu ſpät, zuruͤck zu gehen. Flucht war unmoͤglich; denn eben die Anſtalten, die dazu dienten, feindliches Eindringen abzuwehren, verhinderten auch mein Entrinnen. Ueberdies haͤtte ich auch nur den Weg zuruͤck nehmen koͤnnen, auf dem ich gekom⸗ men war; dieſer fuͤhrte aber, wie bereits er⸗ waͤhnt, durch das allgemeine Gaſtzimmer, und haͤtte ich ihn betreten wollen, wuͤrde ich daher die Gefahr nur beſchleunigt haben, die uͤber mei⸗ nem Haupte ſchwebte. Meine Sicherheit hing fuͤr den Augenblick davon ab, alle Zeichen von Mißtrauen zu unterdruͤcken, bis eben dies Miß⸗ ——— u N — — 19 trauen vollkommen gerechtfertigt ward, und ich wuͤrde es mir ſelbſt nicht haben vergeben koͤnnen, haͤtte ich mich allen Gefahren des Sturmes, der Dunkelheit, und eines unbekannten Weges aus⸗ geſetzt, um ſpaͤter vielleicht zu erfahren, daß meine Furcht ungegruͤndet geweſen ſey. Dieſe Gedanken wurden indeſſen bald durch eine neue Erſcheinung verdraͤngt. Die Tochter des Wirthes trat mit Erfriſchungen ein, wenn trockenes Brod und einige Oliven fuͤr Erfriſchun⸗ gen gelten koͤnnen. Juan redete ſie vertraulich an, ſie aber antwortete ihm auf eine Weiſe, daß meine ganze Aufmerkſamkeit erregt ward; und dann war es mir unmoͤglich, den Blick wieder von ihr hinweg zu wenden. Ihre Zuͤge zeigten, daß ſie fruͤher ſehr huͤbſch geweſen ſeys auch eine angenehme Geſtalt mußte ſie gehabt haben, jetzt aber ſaß ihr Kopf ganz in den Schultern, und ſie hatte vollkommen den Ausdruck und das Anſehen, welches ich ſchon oft an Geiſteskranken bemerkt habe. In der That ſchien ſie auch an Verſtandeszerruͤttung zu leiden. Sie ſah aus, bewegte ſich und ſprach wie Einer, der erſt halb vom Tode oder aus dem Grabe zuruͤckgekehrt war, als ob der Koͤrper von den Feſſeln des Todes befreit ſey, der Geiſt aber noch unter deſſen Banden liege. Nie ſah ich bei 20 einem Weibe ein ſo dunkles, glanzloſes Auge. Es hatte kein Feuer, keinen Ausdruck, ſondern ſah ganz glaͤſern aus, und bewegte ſich mit einer Langſamkeit, als ſey es bereits halb vom Tode gebrochen. Ihre Wangen waren bleich wie Mar⸗ mor, aber von ungeſunder, todtenhafter Bleiche, und mein Herz blutete, indem ich bedachte, daß ihnen wahrſcheinlich durch bittere und haͤufige Thraͤnen die Roͤthe geraubt worden war. Um den Hals hing ihr ein kleines ſchwarzes Kruzifir, welches ſie zuweilen wie mechaniſch, und mit ge⸗ ringem Ausdruck von Andacht kuͤßte; ihre Haͤnde waren durch mehrere, ſehr koſtbare Ringe ge⸗ ſchmuͤckt. Sie paßten zwar ſehr wenig zu ihrem Stande, ſchienen aber ohne die geringſte Eitel⸗ keit, ja ſogar ohne Bewußtſeyn getragen zu werden. Die Welt ſchien fuͤr ſie keinen Gegen⸗ ſtand zu enthalten, der der Aufmerkſamkeit werth war; ihr Geiſt ſchien ſtill zu ſtehen, gleich einem dunkelen Gewäſſer, oder war vielmehr gefroren, denn er nahm von außen keinen Eindruck auf. Wenn ſie handelte, ſo geſchah es nur aus Ge⸗ wohnheit, und war die Arbeit gethan, verſank ſie wieder in ihre fruͤhere, kalte Gleichguͤltigkeit. Man urtheile daher von meiner Ueberraſchung, ich moͤchte beinahe ſagen, von meinem Schrek⸗ ken, als dies Weſen, welches ſcheinbar ſo ganz —„„ e c 8 c . P — —— n** —„ M —— 21 fuͤhllos, ſo ganz gleichguͤltig gegen alles Aeußere war, ihre ſchwarzen Augen auf die meinigen zu heften begann, und der Ausdruck milder, uner⸗ klärlicher Theilnahme ſich in denſelben zeigte. Was war es denn, das ich an mir hatte, und das ſie aus dem geiſtigen Schlafe, in den ſie verſunken ſchien, zu erwecken vermochte? Aengſt⸗ lich wuͤnſchte ich, daß ihre Blicke mir irgend eine Erklaͤrung geben moͤchten, und doch konnte ich ſie zugleich auch nicht einen einzigen Moment aushalten. Ihr Vater, der eben eingetreten war, ward durch eine ſo ungewoͤhnliche Erſcheinung uͤberraſcht, und verließ das Zimmer ſogleich wie⸗ der. Als bald darauf die Mutter, augenſchein⸗ lich nur unter einem nichtsſagenden Vorwande, ſich meine Fbh Wie war ich fuͤr dieſe Menſchen, die ich bis zu dieſer Stunde noch nie geſehen hatte, ein Ge⸗ genſtand der Neugier oder Theilnahme geworden? Ich konnte, aller Wahrſcheinlichkeit nach, mit ihren Angelegenheiten nur durch die Theilnahme verwickelt ſeyn, die ſie an dem Schickſale mei⸗ nes Oheims genommen hatten. Dieſer Glaube erfuͤllte mich mit eier Beſorgniß und Unruhe, die ich nur ſchlecht wuͤrde verborgen haben, wäre meine Beobachterin nicht mit ihren eigenen Ge⸗ — —— ² 3 danken viel zu ſehr beſchäftigt geweſen, um auf die meinigen Acht zu geben. Mich ergriff ein Gefuͤhl tiefer Boſchämung, indem ich bedachte, daß ich mich durch den blo⸗ ßen Blick eines Frauenzimmers ſo in Schrecken ſetzen laſſe; aber es war auch ein Blick, wie ich ihn nicht wieder auszuhalten vermoͤchte. Al⸗ les was ich je von den Bezauberungen der Cir⸗ cen, oder den Schlangenblicken geleſen hatte, die man nicht zu ertragen vermag, und von denen man ſich doch auch nicht abwenden kann, ſchien hier in die Wirklichkeit getreten zu ſeyn. Unter dieſem Zauber blieb ich, bis Juan wieder in das Zimmer kam. Da war er gebrochen; mit einem langen, tiefen Seufzer wandte ſie ſich ab, und ſchtitt dann zur Thuͤr hinaus. Welch eine Laſt ſchien in dieſem Augenblicke von meinem Herzen genommen zu werden!— Ihre Gegen⸗ wart hatte mich bedruͤckt, wie die Naͤhe eines finſteren Geiſtes, aber jetzt, als ſie ging, ver⸗ mochte ich wieder frei zu athmen, und das Blut vollendete ungehemmt ſeinen Kreislauf durch meine Adern. Juan kreuzigte ſich ſelbſt vor Erſannt Er hatte mich bei ihrem Blicke ſchaudern und erzit⸗ tern ſehen, und ſchloß aus einem Einfluſſe, der ſo heftig auf mich zu wirken vermochte, auf die —— u — 8„„ WwW*— W* 23 nachtheiligſten Folgen. Auch er hatte mit Furcht zu kämpfen. Als er in dem Stalle beſchaͤftigt war, hatte er einen Theil eines Geſpraͤches mit angehoͤrt, das dazu diente, den Schleier des Ge⸗ heimniſſes wenigſtens in einiger Hinſicht zu luͤf⸗ ten.— Sie hatte geliebt; und aus den An⸗ ſpielungen, die während jenes Geſpraͤches gemacht wurden, war es nur zu klar erwieſen, daß der Gegenſtand ihrer Neigung ein Raͤuber geweſen⸗ Zum Lohne fuͤr ſeine Verbrechen hatte er einen. langſamen, martervollen Tod erduldet, von dem ſie durch Zufall Zeugin war; die Erinnerung an die Leiden ihres Geliebten hatte ſie auf das Kran⸗ kenlager geworfen. Es bedurfte nur wenig Scharfſinnes, das Fehlende an der Erzaͤhlung zu ergaͤnzen; ihr Be⸗ tragen, ihr Stumpfſinn, der Beſitz jener koſt⸗ baren Ringe, ſagten genug, und es blieb nur noch zu entdecken, weshalb ſie grade fuͤr mich eine ſolche Theilnahme bezeigte. Dafuͤr gab es jedoch eine ganz natuͤrliche Erklärung, und ſo⸗ nach nahm ich an, daß ich zufaͤllig eine große Aehnlichkeit mit ihrem Geliebten habe; der Er⸗ folg der Begebenheiten bewies, daß dieſe Ver⸗ muthung vollkommen begruͤndet geweſen. Dieſe Nachrichten und Entdeckungen enthiel⸗ ten genugende Urſache zur Angſt und Beſorgnißz ———————————— S ———— .— 4 ½ —— 24 deh der Gegenſtand, auf den ihre Liebs gefal⸗ len war, bewies nur zu deutlich, daß die Be⸗ ſchäftigung und der Charakter ihrer Familie hochſt verdäͤchtig ſey. Ließ es ſich nicht ſogar anneh⸗ men, daß mein Wirth ein Mitgenoſſe einer be⸗ nachbarten Raͤuberbande ſey? Und mußte man dann nicht zu dem Glauben verſucht werden, daß er den armen, unbewaffneten Reiſenden den Bö⸗ ſewichtern uͤberliefern werde? Konnte nicht ſein Haus ſelbſt der Verſammlungsort der Bande ſehn, ja was noch mehr war, konnte es nicht uͤberall Senkgruben, Fallthuͤren und alle der⸗ gleichen Mittel geben, welche in ſolchen Hau⸗ ſern, nach ſo vielfachen Beiſpielen, zum Verder⸗ ben des Reiſenden geſchaffen ſind? Der Wirth zeigte eine Miſchung der Verſchlagenheit des Fuch⸗ ſes mit der Wildheit des Wolfes, welche einen ſolchen Verdacht eher beſtätigte als zerſtreute; und weshalb waren meine Waffen ſogleich hin⸗ weggeſchafft worden? Freilich war dies unter dem Votwande geſchehen, Sorge dafuͤr zu tra⸗ gen, in der That aber nur, mich jedes Verthei⸗ digungsmittels zu berauben. Alle dieſe Vermu⸗ thungen lagen ſo klar am Tage, und verbanden ſich ſo natuͤrlich mit einander, daß ſie Ueberzeu⸗ gung erweckten. Ich betrachtete mich ſelbſt ſchon als ein Schlachtopfer der Grauſamkeit und Hab⸗ 25 —————— ſucht, und es blieb mir nichts uͤbrig, als meine ganze Geiſtesgegenwart und Kraft aufzubieten, um mich wo moglich noch aus der Falle zu ret⸗ ten, in der ich mich befand. Flucht— davon war ich ſchon uͤberzeugt— war unmoͤglich, und wenn ich meine Waffen verlangte, ſo ließ ſich die Folge einer ſolchen Forderung mit ziemlicher Gewißheit vorausbeſtimmen; ich durfte ſelbſt nicht einmal Verdacht aͤußern.— Aber wie kann ich nur noch von Verdacht ſprechen? Er ſollte ſogleich zur ſchaudervollſten Gewißheit erhoben werden. Ich hatte Juan meine Gedanken nicht mit⸗ getheilt, da ich ſeine Schwatzhaftigkeit und Unvor⸗ ſichtigkeit nur allzuwohl kannte; aber ſeine eigene⸗ Furcht hatte ſich geregt, und ſeine Beſorgniſſe⸗ waren durch den Umſtand noch erhoͤht worden⸗ daß der Wirth, als er Wein von ihm verlangte, ſchwur, er habe keine Flaſche in ſeinem ganzen⸗ Hanſe. Eswäre ſchwer geweſen, dieſer Verſi⸗ cherung, bei ſeinem Stande, Glauben beizumeſ⸗ ſen, doch da ſie gegeben worden war, während alle ſeine üͤbrigen Gäſte hinter den gefullten⸗Wein⸗ kruͤgen ſaßen, uͤberzeugte ſie mich, daß er ſeine, Gewalt uͤber uns fuͤhle, und entſchloſſen ſey⸗ ſich uns ſo wenig als moͤglich koſten zu laſſen. Juan war in Verzweiflung; ſein Muth ſtand immer im genauen Vorhältniſſe zu dem Weine, * — 26 den er getrunken hatte, und da er in dieſem Au⸗ genblicke die Nothwendigkeit einer ſolchen Huͤlfe nur zu ſehr fuͤhlte, entſchloß er ſich, durch einen verſtohlenen Beſuch in dem Keller ſich das Be⸗ herzigungsmittel ſelbſt zu verſchaffen. Er hatte ſich die Lage des Kellers genau gemerkt, indem er dem Wirthe eine kleine Handreichung leiſtete, und war überzeugt, daß es ihm gluͤcken wuͤrde, das Weinlager unbemerkt zu erreichen, wenn er nur die Gelegenheit klug wahrnehme. Es ſchien einen hohen Muth zu verlangen, einen ſolchen Gang im Dunkeln zu wagen; allein das Ver⸗ langen beſiegte die Furcht, und nachdem er die Stiefel ausgezogen hatte, um jedes Geräuſch zu vermeiden, begann er ſeine gefahrvolle Unterneh⸗ mung. Kaum war er fort, als ich auch auf die Gefahr aufmerkſam ward, der ſolch ein un⸗ kluger Schritt uns ausſetzen konnte; aber es war zu ſpaͤt, um ihn zuruͤckzurufen, und ich mußte daher in nicht geringer Angſt auf ſeine Ruͤckkehr warten. 7 Die Zeit bis dahin waͤhrte entſetzlich lange, oder ſchien mir wenigſtens ſo. Endlich kam er. Er trug einen kleinen Krug, und war, ſeinen Blicken nach zu urtheilen, auf kein erhebliches Hinderniß geſtoßen. Hatte man aber den Dieb bemerkt, oder fuͤgte es nur der Zufall ſo, kurz, ——————— K—— — w — 27 — unmittelbar nach ihm trat auch der Wirth in mein Zimmer. Es giebt eine Art inſtinktmäßi⸗ ger Geiſtesgegenwart, welche der Anblick der Ge⸗ fahr uns einfloßt; dieſe machte es auch, daß ich⸗ wie durch Zufall, das Licht ausloſchte. Fuͤr kurze Zeit waren wir wenigſtens gegen Entdek⸗ kung geſichert. Der Wirth ging zuruͤck— es war ein kritiſcher Augenblick fuͤr uns— aber ſelbſt während deſſelben konnte Juan ſeine unſelige Trinkluſt nicht bezaͤhmen. Er nahm ſchnell einen Schluck ſeines geſtohlenen Getränkes, aber ſogleich hoͤrte ich es ihn auch mit offenbarem Ekel wie⸗ der ausſpucken. Wenige Minuten darauf kehrte der Wirth mit einer Lampe zuruck; kaum hatte er ſich entfernt, als wir den Inhalt des Kruges unterſüchten. Wer beſchreibt unſer Entſetzen, als wir Blut fanden. ou Juan vermochte den ſo naturlichen Ekel, den dieſer Anblick in ihm erregte, nicht zu unterdrük⸗ kenz er ſtöhnte laut, und mußte ſich heftig er⸗ brechen. Der Wirth kam wieder zu uns herauf, und obgleich ich die Krankheit meines Bedienten einem oͤfteren Anfalle von Blutbrechen zuſchrieb, ſo zeigte uns doch ein Blick, daß er Alles voll⸗ Lommen verſtehe, und meiner Verſicherung nicht den geringſten Glauben beimeſſe. Er erblickte den Krug mit dem fuͤrchterlichen Inhalte, und ich 28 gab jeden ferneren Verſuch, ihn zu taͤuſchen, ſchweigend als unmoͤglich auf. Waren wir fruͤher dem Tode noch nicht be⸗ ſtimmt geweſen, ſo entſchied dieſer Umſtand un⸗ ſer Schickſal unabaͤnderlich. Seine eigene Sicher⸗ heit forderte auch in der That den Wirth auf, uns zu opfern. Für den Augenblick indeſſen ent⸗ fernte ſich der Rerl, ohne auch nur ein Wort zu ſprechen; ſein Blick aber verrieth mir, daß ſein Entſchluß gefaßt ſey, und daß daher auch der meinige keinen Aufſchub mehr zulaſſe. Ich hatte vorher ſchon an ein Mittel gedacht, wel⸗ ches ich im aͤußerſten Nothfalle zu, meiner Ret⸗ tung anwenden wollte. Dies beſtand darin, mich der Theilnahme zu bedienen, die ich der Toch⸗ ter eingefloͤßt hatte, ihr Mitleid anzuflehen, ſie wo moͤglich aus ihrem Geiſtesſchlummer zu er⸗ wecken, und ſie zu bitten, daß ſie mir zur Flucht behuͤlflich ſey. Aber wie konnte ich zur Ausfüh⸗ rung dieſes Vorſatzes ſelbſt nur eine Zuſammen⸗ kunft mit ihr erlangen?— Sonderbar, daß ich mich jetzt nach der Gegenwart eines Weſens ſehnte, das mir fruͤher einen ſolchen Schauder eingefloͤßt hatte, Ich lauſchte auf ihre Stimme, ihren Gang, mit einer Ungeduld, welche vielleicht ſelbſt der nie empfunden, um deſſen willen ſie den Verſtand ver⸗ loren hatte. Meine ganze Hoffnung beruhete auf 29 der Aehnlichkeit, die ſie vielleicht bewegen wuͤrde, den Schatten deſſen, der alle ihre Gedanken be⸗ ſchaftigte, und fuͤr welchen ſie mich unſtreitig hielt, nochmals zu betrachten; und meine Erwar⸗ tung täuſchte mich nicht. Sie kam wieder und blickte mich, ſich ruhig vor mir hinſetzend, auf⸗ merkſam an. Armes Geſchoͤpf! Jetzt, nun ich ihre Ge⸗ ſchichte kannte, ſah ich ſie nur mit Zärtlichkeit und Mitleid an. Ihre Liebe war vielleicht eben ſo rein und unſchuldig geweſen, als ſie je in eines Maͤdchens Buſen lebte. War es denn durchaus nothig, daß ſie die ſchreckliche Beſchäftigung deſ⸗ ſen kannte, der ihr Herz beſaß? Er war viel⸗ leicht edel und brav geweſen, und— in der Liebe wenigſtens, geehrt und ehrenwerth; im Vergleich zu den Boͤſewichtern, von welchen ſie zu Haus umringt war, vielleicht ſogar ein Engel des Him⸗ mels. Wuͤrde ſein Schickſal ſie ſonſt ſo fuͤrch⸗ terlich erſchuͤttert haben?— Dies waren meine Gedanken, indem ich das ungluͤckliche Weib vor mir betrachtete; wenn mein Mitleid in ihrem Buſen Erwiederung fand, ſo war ich gerettet. Die Hoffnung greift ſelbſt nach einem Stroh⸗ halme. Ich ſah oder waͤhnte es zu ſehen, daß ihre Blicke mir Sorge und Theilnahme verkuͤn⸗ deten, und ich deutete dies ſchnell zu meinem Vor⸗ 30 theil; doch der Erfolg lehrte, daß es Taͤuſchung geweſen ſey. Meine eifrigſten, feurigſten Worte erweckten in ihrer Seele kein entſprechendes Ge⸗ fuͤhl. Meine Stimme ſchien ſogar das Nebel⸗ vild zu zerſtören, welches mein Geſicht erſchaffen hatte. Sie ſtand auf und wollte das Zimmer verlaſſen, doch ich hielt ſie bei der Hand zuruͤck. „Mein, nein!“ rief ſie, und machte einen ſchwachen Verſuch⸗ ſich zu befreien,„Du biſt nicht Andreas!“ „Nein, mein armes Madchen,“ entgegnete ich,„ich bin nicht Andreas, aber bin ich nicht deſſen Bild? Erinnert Dich mein Blick, mein Geſicht nicht an ihn?“ „Ja, ja!“ rief ſie ſchnell:„Du gleicheſt mei⸗ nem Andreas; Du gleicheſt ihm hier ganz,“ und dabei ſtrich ſie das Haar aus meiner Stirn, „doch ſein Haar war dunkler als dieſes.“ Die betruͤbende Erinnerung ließ jetzt zum erſten Male Thraͤnen in ihre Augen treten. Dies war ein guͤnſtiges Zeichen. Als ich nur ihre trockenen, glanzloſen Augen ſah, aus denen das Fieber jede Thraͤne verzehrt zu haben ſchien, verzweifelte ich daran, ihre Theilnahme auf einen äußern Gegenſtand zu lenken; doch jetzt, wo ihr Kummer und ihre Krankheit neu erregt waren, ſchien es mir ein guͤnſtiger Augenblick, meine 31 Bitte zu wiederholen. Ich redete ſie in den ſanf⸗ teſten Tonen an, deren ich faͤhig war. „Du liebteſt Andreas, und ſiehſt, daß ich ihm aͤhnlich bin; willſt Du mich nicht um ſei⸗ netwillen vom Verderben erretten?“ Ihre einzige Antwort war ein verwunderungs⸗ voller Blick.— „Ich weiß zu wohl,“ fuhr ich fort,„daß ich ſterben ſoll, und Du weißt es auch.— Soll ich nicht noch in dieſer Nacht ermordet werden?“ Sie antwortete nicht, doch ſchien es, als habe ſie meine Worte verſtanden. Wollte ſie vielleicht, vermoͤge des beſondern Scharfſinnes, welcher den Wahnſinnigen oft in gewiſſer Hinſicht eigen iſt, ſich ſo ſtellen, als wiſſe ſie nichts von den mör⸗ deriſchen Abſichten ihres Vaters? Ich beſchloß wenigſtens, dieſe Vermuthung als begruͤndet an⸗ zunehmen, und wiederholte deßhalb meine Worte im Tone der Ueberzeugung. Dies that ſeine Wir⸗ kung, oder vielleicht war ihr Geiſt auch vorher noch unfaͤhig geweſen, auf meine Frage zu ant⸗ worten.— „Ja, ja, ja!“ rief ſie in aͤngſtlichem, ge⸗ gedämpften Tone, indem ſie argwöhniſch nach der Thuͤre blickte.„So iſt es; er will um Mit⸗ ternacht zu Dir kommen. Du biſt der Sohn des alten Mannes, den wir erwuͤrgten.“ 32 unwillkührlich war ich bei dieſen Wotten ſchau⸗ dernd zuſammengefahren. Sie erfuͤllten mich wahr⸗ haft mit Entſetzen, denn meine ſchlimmſten Be⸗ ſorgniſſe waren jetzt plotzlich zur grauenvollen Wahr⸗ heit erhoben, ſo weit ſie das Schickſal meines Dnkels betrafen. Ohne Zweifel war er jenes Opfer, und ich, als ſein Raͤcher, war gleichfalls einem blutigen Tode geweiht. Dies Alles hatte jch bereits geahnet, doch lag in jenen Worten noch etwas Anderes, das mich mit Abſcheu et⸗ füllte.—„Der alte Mann, den wir erwuͤrg⸗ ten.“— Hatte die Wahuſinnige ihre eigenen Hände zu der Schreckensthat geliehen? Patte ſie vielleicht geholfen, ihn zu binden? ihn niederzu⸗ drucken, und das widerſtrebende Schlachtopfer zu halten? ſein ſchwaches Huͤſfsgeſchrei zu erſticken2 pielleicht wohl gar die Schlinge um ſeinen Hals zu legen?— Oder nannte ſie ſich vielleicht nur aus Gewohnheit eines Kollektiv⸗Ausdruckes als Mitſchuldige?— Es konnte aber auch blos ſo viel ſagen ſollen, daß der Mord durch Perſonen begangen war, die zum Hauſe, zur Familie ge⸗ hörten, und mit denen ſie ſich zu nennen ge⸗ wohnt war. Doch ſtieg zugleich auch die Erin⸗ nerung an mehrere Fälle in mir auf, welche be⸗ wieſen, daß das weibliche Herz durch Beiſpiel und Gewohnheit oft ſo abgehaͤrtet wird, daß es die 33 die grauſamſten Thaten ohne Zagen und Reue begehen kann. Dazu kam, daß die Wahnſinnige grade ſolche ſchwarze Augen und Haare hatte, wie ich ſie mir bei der Judith oder allen aͤhn⸗ lichen Frauen, welche ihre Haͤnde in Blut tauch⸗ ten, zu denken gewohnt war. Ihr Hirn war ausgetrocknet, ihr Gefuͤhl erſtorben, und es war daher leicht moͤglich, daß ſie den Mord mit eben ſo gleichguͤltigen Augen betrachtete, als alles an⸗ dere, was um ſie her vorging. Welch' einem Weſen wollte ich alſo mein Heil anvertrauen?1— Einem Weibe, das von der Kindheit an nichts geſehen hatte, als Scenen der Grauſamkeit und des Blutvergießens; deren beſtändiger Umgang Leute waren, die außer dem Geſetze lebten; deren Geliebter ſelbſt ein Anfuͤhrer der Banditen ge⸗ weſen war, und daher in ihren Augen wahrſchein⸗ lich den Raub und Mord in minder ſchwarzen Farben erſcheinen ließ? Leicht moͤglich, daß ich hierin pe ungluͤck⸗ lichen Geſchoͤpfe Unrecht that; doch meine ver⸗ zweiflungsvolle Lage war wohl dazu geeignet, mir Alles in dem ungünſtigſten Lichte erſcheinen zu laſſen. Jeder Laut, den ich hoͤrte, durfte mir Argwohn einfloͤßen, jeder Fußtritt mich erſchrecken, jedes Geſicht ſogar, das ich an dieſem greuelvol⸗ len Orte erblickte. Aber mein jetziger Verſuch, 34 mich zu retten, war der lette, offenbare Gewalt ausgenommen, und ich mußte ihn daher wagen.— Ich ſchien vollkommen ruhig, um den Argwohn wieder zu erſticken, den mein anfaͤnglicher Schreck erweckt haben konnte; auch hielt ich Verſtellung und Falſchheit in einer ſoichen S fuͤr ſehr verzeihlich. „Was Du ſagſt,“ erwiederte ich ihr,„von einem alten Manne, der ermordet ward, iſt mir ganz unverſtaͤndlich. Hat ſich ein ſolches Ereig⸗ niß zugetragen, ſo iſt es ohne Zweifel fuͤr irgend Jemand ſehr betruͤbend, doch was meinen Vater betrifft, ſo iſt der ſchon vor manchem Jahre ſelig entſchlafen. Ich ſelbſt reiſe in Handels⸗ geſchaͤften. England iſt mein Vaterland, doch ach, ich ſoll es niemals wiederſehen!— Du ſagſt mir, ich ſolle dieſe Nacht noch ſterben, eines ge⸗ waltſamen, unnatuͤrlichen Todes! Haſt Du das Herz, mich einem ſolchen Schickſale hinzugeben? Du haſt die Macht in Haͤnden, mich zu retten, laß mich nicht durch Grauſamkeit ſterben.— Weit von hier iſt mein haͤuslicher Heerd;— laß ihn nicht veroͤden! Laß mich zuruͤckkehren zu mei⸗ nem Weibe, meinen kleinen Kindern, und täg⸗ lich ſollen ſie Dich vafir am Fußs iunſebes A⸗ tares ſegnen.“ 1 Ich glaube, daß vi⸗ Rach des Augenblics 35 mir die erforderliche Beredtſamkeit und Weichheit der Stimme gab, denn dieſe Worte machten, trotz ihrer Unwahrheit, einen ſichtlichen Eindruck auf das ungluͤckliche Geſchoͤpf, an welches ich ſie rich⸗ tete. Als ich von Gewalt und Grauſamkeit ſprach, ſchauderte ſie zuſammen, wie von der Erinne⸗ rung an ihr eigenes Schickſal ergriffen, doch als ich meines Weibes, meiner Kinder erwaͤhnte, da ſah ich deutlich, daß ihr Mitleid ſich regte, und ploͤtzlich brach das Licht ihrer weiblichen Natur durch die dichten Wolken, welche ihren Geiſt bis⸗ her umfangen hielten. „Nein— nein— nein!“ rief ſie ſchnell; „Du darfſt nicht ſterben, ſonſt werden Deine ar⸗ men Kleinen weinen, und Dein Weib wird den Verſtand verlieren. Andreas wuͤrde das auch ge⸗ ſagt haben, doch in keinem Perhen fand er Mitleid.“ Sie legte beide Haͤnde vor die Stirn, und ſagte nach einer Pauſe:„Doch ich muß einen Weg ausfindig machen, Dich zu retten. Als er ſtarb, glaubte ich, daß ich nie wieder fuͤr einen Menſchen Mitleid fuͤhlen wuͤrde, doch er wird ſich im Himmel daruͤber freuen, daß ich um ſei⸗ netwillen Jemand rettete.“ Bei dieſen Worten erfaßte mich eine augen⸗ blickliche Reue, indem ich bedachte, wie ſehr ich 3* 36 der Armen durch meinen Verdacht Unrecht ge⸗ than hatte; doch der Gedanke an meine eigene Sicherheit verſcheuchte dies Gefuͤhl bald wieder, und ich fragte eifrig, auf welche Weiſe ſie meine Flucht zu befoͤrdern denke. Bald uͤberzeugte ſie mich, daß es die Anſtrengung meiner äußerſten Kraͤfte erfordern wuͤrde. In dem mir beſtimm⸗ ten Schlafzimmer war eine geheime Fallthuͤr, die zu ihrer eigenen Stube fuͤhrtes auf dieſem Wege wollte ſie mich eine Stunde vor Mitternacht ab⸗ holen, und auch dafuͤr Sorge tragen, daß ich aus dem Hauſe entkäme. Doch ſie konnte mir weder verſprechen, mir mein Pferd zu verſchaf⸗ fen, noch den unglucklichen Juan zu retten, der in einer Stube ſchlafen ſollte, welche weit von der meinigen entfernt war. Man kann ſich den⸗ ken, daß ich die Nachricht dieſer Anordnung nur mit dem großten Mißmuthe vernahm, denn nun mußte ich, allein und unbewaffnet, auf das hoͤchſt ungewiſſe Erſcheinen meiner Befreierin harren. Was war mein Schickſal, fuͤhrte irgend ein Zu⸗ fall den Moͤrder früher in mein Zimmer?— Doch es war vergebens, hieruͤber nachzuſinnen. Für mich gab es nur Ein Mittel zur Flucht, und dies mußte ich unter jeder Bedingung ergreifen. Deshalb beſchloß ich, dem Rathe des Maͤdchens zu folgen, und mich ohne Widerrede in jede An⸗ 37 ordnung des Wirthes zu fuͤgen, jeden Schein des Argwohns ſorgfaͤltig zu verbannen, und vor allen Dingen jedes Wort, jeden Blick zu vermeiden, der ihren Vater von unſerem Einverſtändniſſe in Kenntniß ſetzen köͤnne. Nach dieſen Weiſungen⸗ und nachdem ſie, zum Zeichen ihrer Aufrichtig⸗ keit, ihr Kruzifix andaͤchtig gekuͤßt hatte, verließ ſie mich. Ich war allein und nur meinen Betrachtun⸗ gen uͤberlaſſen, die in einer ſolchen Kriſis nicht die erfreulichſten ſeyn konnten. Ich bedachte Al⸗ les, was dagegen ſtritt, daß ein ſolcher heller Zwiſchenraum, wie er ſich jetzt bei der Wahnſin⸗ nigen gezeigt hatte, lange waͤhren wuͤrde; dann zweifelte ich auch wieder daran, daß es in ihrer Macht ſtehe, mich zu retten, und glaubte, daß ſie durch die Mittel, welche ſie dazu angab, ſowohl mich, als ſich ſelbſt taͤuſche. Ich war ſogar zwei⸗ felhaft, ob ich die Rettung fuͤr mich ſelbſt an⸗ nehmen, und meinen armen Juan verlaſſen duͤrfe. Alle dieſe Gedanken griffen meine Nerven an⸗ Das Ticken der Uhr ward fuͤr mich zu einem furchtbaren Tone, da es das Fortrucken der Zeit gegen den gefurchteten Augenblick verkuͤndete. Der Zeiger ſtand nur noch wenige Minuten vor zehn, und nahete ſich daher mit maͤchtigen Schritten dem Punkte, der vielleicht dazu beſtimmt war, 38 meinen Hinuͤbertritt in die Ewigkeit zu bezeich⸗ nen. Die Lampe hatte ihre Nahrung faſt ver⸗ zehrt, und drohte mit jedem Augenblicke zu er⸗ löſchen. Meine Tage waren vielleicht gezaͤhlt, mein Blut vollbrachte vielleicht den letzten Kreislauf durch meine Adern. Eines von dieſen Beſorgniſſen haͤtte ich mir erſparen koͤnnen. Der Wirth trat ploͤtzlich zu mir ein, und ſagte mir mit anſcheinend unwilligem Ton und Blicke, daß Juan verſchwunden ſey, und meine Waffen mit ſich genommen habe, ſo wie Alles, was er von dem Meinigen fortzuſchaffen im Stande geweſen ſey. Sprach der Wirth die Wahrheit, ſo befand ſich wenigſtens mein Die⸗ ner in Sicherheit; doch ſeltſam und wunderbar ſchien es mir, daß es ihm gelungen ſeyn ſollte, die Wochſamkeit zu hintergehen, deren Gegen⸗ ſtand er gewiß eben ſo geweſen war, als ich ſelbſt; noch auffallender aber ſchien es mir, daß er mich in einem ſolchen Augenblicke beraubt haben ſollte. Noch vor einer Minute wuͤrde ich ſeiner Ehr⸗ lichkeit mein Vermoͤgen, ſeiner Treue mein Le⸗ ben anvertraut haben. Das Geſchichtchen war zu unwahrſcheinlich; doch ließ ſich auf der andern Seite annehmen, daß es ihm vielleicht wirklich gelungen ſey, zu entfliehen, oder daß er gewalt⸗ 39 ſam zuruͤckgehalten ward, um zu verhindern, daß er mir auf irgend eine Weiſe Beiſtand leiſte. Es gab nur Eine, die meine Zweifel hieruͤber hätte löͤſen können, aber ſie war nicht zugegen; ich begann jetzt zu begreifen, daß es gut ſeyn werde, mich zur Ruhe zu legen, um ihr Zeit und Gelegenheit zur Vorbereitung ihrer Anſtalten zu verſchaffen. Ich hielt es fuͤr das Beſte, in we⸗ nigen Worten nach meinem Schlafzimmer zu fra⸗ gen; doch als ich in das grellbeleuchtete wider⸗ liche Geſicht des Wirthes blickte, der ſich eben uͤber die Lampe beugte, vermochte ich ſelbſt dieſe wenigen Worte nicht hervorzubringen. Einem ſol⸗ chen Geſichte mitten in der Nacht zu begegnen, wenn es zwiſchen den Vorhaͤngen des Bettes hindurchſieht, waͤre allein ſchon ein ſicheres Zei⸗ chen des Todes. Der Boͤſewicht ſchien meinen unausgeſprochenen Wunſch zu verſtehen, ergriff die Lampe und fragte, ob er mir zu meinem Schlafzimmer leuchten ſolle. Ich nickte ihm meine Einſtimmung zu, und ſchweigend ging er mir vor⸗ an. Eine gegenſeitige, lebhafte Abneigung uns Beide ſtumm zu machen. Unſer Weg fuͤhrte durch mehrere finſtere weite Gemaäͤcher, und durch zwei oder drei kleinere Zim⸗ mer, welche ich eilig mit den Augen durchſpaͤhete. Die dicken Spinnegewebe, die von der Decke her⸗ 40 abhingen, die alten ſchwerfaͤlligen Holzberzierun⸗ gen, die Unreinlichkeit und gaͤnzliche Vernachlaͤſ⸗ ſigung, welche uͤberall herrſchten, druͤckten ihnen ein ſo finſteres Gepraͤge auf, daß ich mich eines unwillkuͤhrlichen Schauders nicht erwehren konnte. Als ich durch die Zimmer ging, bildete ich mir ein, auf dem Fußboden Blutſyzren zu entdecken; die Waͤnde ſchienen mir mit derſelben Farbe ge⸗ färbt, und ſelbſt die rauhen Haͤnde meines Fuͤh⸗ rers in Blut getanche Als wenn ich in die Sonne geblickt e, hreitete es ſich vor meinen Augen aus wie ein biutrother Schleier, und Al⸗ les, was ich anſahe, trug dieſe fuͤrchterliche Farbe. Jeder Schatten, der ſich regte, von dem ſchwa⸗ chen Lichte der Lampe erſchaffen, ſchien mir der Geiſt irgend eines hier Gemordeten zu ſeyn, der kam, mir anzudeuten, ich wuͤrde auch bald ſein Schichſat erdulden muͤſſen. Endlich ſagte mir der Wirth, daß ch mich in meinem Schlafzimmer befaͤnde. Sogleich ſah ich unwillkuͤhrlich nach den Fenſtern, und erblickte ſtarke Eiſengitter vor denſelben. Dies entging dem aufmerkſamen Beobachter nicht. „Nun, Sennor,“ ſagte er,„habe ich mein Schloß nicht gut verwahrt?“ Ich konnte nicht antworten. Er— wit einem ſo boshaften und triumphirenden Ausdrucke 41 in Ton und Mienen geſprochen, daß ich nicht im Stande geweſen ſeyn wuͤrde, ihm mit der nöthigen Ruhe etwas zu erwiedern. Der Boͤſe⸗ wicht hatte ſich ſein Opfer geſichert, und ſah ohne Zweifel auf mich wie der Habicht auf ſeine Beute, die er gefangen hat, und nun jeden Augenblick, ſobald er will, gernichten kann. Zum Gluͤck er⸗ innerte ich mich der Vorſicht ſeiner Tochter noch zu rechter Zeit, und unterdruͤckte daher in ſeiner Gegenwart die Zeichen meiner Angſts doch als er mich verließ, ſank mir der Muth, indem er die Thuͤr hinter ſich verſchloß, und mich ſo zu ſeinem Gefangenen machte. Alle die fuͤrchterlichen Geſchichten, die ich von mitternaͤchtlich begange⸗ nen Mordthaten geleſen oder erzählen gehoͤrt hatte, kehrten mit entſetzlicher Lebendigkeit in mein Ge⸗ daͤchtniß zuruͤck. Mit aͤngſtlicher Neugier nahete ich mich dem Bette; ich hielt mich uͤberzeugt, mir wuͤrde hier irgend eine unwiderlegbare Be⸗ ſtatigung werden, daß meine bisherigen Befuͤrch⸗ tungen nur zu viel Grund hatten. Ich ſchlug die Decke zuruͤck, um die Blutſpuren, die ich dar⸗ unter vermuthete, zu ſehen; doch die Laken wa⸗ ren ſchneeweiß, und die Kiſſen und Ueberzuge tru⸗ gen gleichfalls dieſe Farbe der Unſchuld. Natürlich erinnerte ich mich ſogleich der heim⸗ lichen Thuͤr, und ſuchte uͤberall danach umher. . Täfelwerk ſah ich zwar, doch keine Thuͤr, und aus den Feldern traten mir die Phantome be⸗ waffneter Räuber entgegen, welche ihren Dolch gegen mich ſchwangen, und dann im Nu wieder verſchwanden. Endlich glaubte ich mich uͤber⸗ zeugt, daß die verborgene Thuͤr nur in der Ein⸗ bildung der Wahnſinnigen zu finden ſey⸗ So war denn meine letzte Hoffnung auf Rettung zertruͤmmert, und mir blieb keine an⸗ dere Huͤlfe, als ein verzweiflungsvoller Wider⸗ ſtand, unter dem Beiſtande der Kraͤfte und ge⸗ ſunden Knochen, mit denen Gott mich verſehen hatte. Alle Geräthſchaften des ganzen Zimmers boten mir nicht eine brauchbare Waffe, und tau⸗ ſend Mal verwuͤnſchte ich mich ſelbſt, daß ich dieſen verzweiflungsvollen Entſchluß nicht ſchon fruͤher gefaßt hatte, als mir noch Vertheidigungs⸗ werkzeuge zu Gebote ſtanden. Jetzt mußte ich unwiderruflich ſterben, und Antonio hatte noch Einen mehr zu raͤchen.— Ach, lließ ſich ver⸗ muthen, daß er erfahren wuͤrde, wo und auf welche Weiſe ich endete, oder ſelbſt, daß ich in das Reich des Todes hinuͤbergegangen ſey? Ich ſollte ungehoͤrt, ungeſehen, unbeweint fallen, und mein ruheloſer Geiſt ſollte ungerächt umherwan⸗ deln. Dieſer Gedanke uͤberwältigte mich; mein Hirn ſchien vertrocknet durch die Glut eines hef⸗ 43 tigen Fiebers; ich eilte zu dem Fenſter, und riß es auf, um friſche Luft zu athmen; ein wohl⸗ thätiger Luftſtrom erquickte mich, doch verloͤſchte er auch zugleich die Lampe, welche mir bei mei⸗ nen fruchtloſen Nachſuchungen nach der verbor⸗ genen Thuͤre gedient hatte, und noch in meinen Händen war. Zu allen anderen Bedrängniſen geſellte ſich nun auch noch die Finſterniß. Der Mond ſchien nicht, und kein einziger Stern blinkte am Hori⸗ zonte; die Nacht war undurchdringlich dunkel. Ich tappte mich zu dem Bette zuruͤck, und warf mich verzweifelnd darauf nieder. Ich vermag nicht den Sturm der Leidenſchaften zu beſchrei⸗ ben, der mich quaͤlte; Furcht, Beſorgniß, Ent⸗ ſetzen, Selbſtvorwuͤrfe, bildeten ein wildes Chaos, dann ſtellte die Wuth ſich ein, und ich ſchwur feierlich, wenn es mir gelaͤnge zu entrinnen, in blutiger Rache zuruͤckzukehren. Ich ſagte ſchon, daß das Zimmer von un⸗ durchdringlicher Finſterniß erfuͤllt war, aber die Ein⸗ bildungskraft bevölkerte es mit allerhand Schreck⸗ geſtalten, und hielt meine Augen in ſtarrem Hin⸗ pruͤten geoͤffnet. Schatten, ſchwaͤrzer als die Nacht ſelbſt, gingen an meinem Lager auf und nieder; die Vorhaͤnge wurden erfaßt und auf⸗ gezogen; blitzende Waffen wurden gegen mich 44 erhoben, und verſanken gleich darauf wieder in Dunkelheit. Jeder Sinn war aufgeregt Und er⸗ ſchuͤttert; die Stille ward durch Seufzer unter⸗ brochen, deutlich hoͤrte ich leiſe Fußtritte— un⸗ ſichtbare Haͤnde taſteten auf meinem Bette um⸗ her, als ſuchten ſie mein Geſicht. Dann hoͤrte ich ganz vernehmlich Geſchrei, und erkannte die Stimme meines Juan, in allmaͤhlig immer lei⸗ ſer und leiſer werdenden Ausrufungen; zuweilen ſchien das Bett unter mir zu verſinken, wie in einen Keller oder ein Gewoͤlbe, und dann glaubte ich wieder vom Flure her Schwefelgeruch zu be⸗ merken, und zweifelte nun nicht mehr, daß erſtickt werden ſolle. Endlich vernahm mein Ohr einen Lon, der zu beſtimmt war, als daß ich ihn der bloßen Einbildungskraft haͤtte zuſchreiben koͤnnen;z behut⸗ ſam ward meine Thuͤr aufgeſchloſſen und geoͤff⸗ net. Sogleich wandten ſich meine Augen nach jener Richtung, aber wie ich auch ſtarrte, ver⸗ mochte ich doch nichts zu entdecken; ſelbſt nicht ein Schimmer von Licht ward bei dem Eintritte meines unbekannten Beſuchers ſſchtbar; doch ver⸗ nahm ich den Fußtritt eines Mannes. Vor mei⸗ nen Ohren ſummte es laut, und Zunge und Gaumen vertrockneten vor unleidlichem Durſte. Die Macht der Sprache, wie der Bewegung, ſchien „—,——— 45 mich ploͤtzlich verlaſſen zu haben; mein Herz pochte, als habe es ſich unendlich ausgedehnt, und das Gewicht von zwanzig Vergen laſtete auf meiner Bruſt. Still liegen aber hieß ſich verloren geben. Mit der groͤßten Anſtrengung des Willens riß ich mich daher empor, und ſtieg auf dem Ende, das von der Thuͤr am entfern⸗ teſten ſtand, aus dem Bette. Kaum war dies geſchehen, als ich auf der entgegengeſetzten etwas gegen die Bettſponde ſtoßen hoͤrte; gleich darauf geſchah ein heftiger Schlag auf das Bett;— ein zweiter folgte— ein dritter. Die Schlaͤge, ſo wie der Klang derſelben, trafen mein Herz ſelbſt. Kalter Schweiß bedeckte meine Stirn. Ich fuͤhlte mich unwohl, meine Glieder zitterten⸗ und kaum konnte ich mich noch aufrecht erhalten. Meine Abweſenheit mußte ſogleich bemerkt wer⸗ den; dann konnten auch augenblickliche Nachſu⸗ chungen nicht fehlen, und mir blieb daher keine andere Huͤlfe, als genau auf die Fußtritte zu lauſchen, und ſo vielleicht meinem Verfolger zu entgehen. 1 Ich hörte es, wie er das Bette nach mir durchſuchte; dann herrſchte eine Minute lang tiefe Todtenſtille. Ich konnte es denken, daß er ſich gegen mich heranſchleiche, und glaubte ſchon die Wärme ſeines Athems zu fuͤhlen; jeden Au⸗ genblick erwartete ich, von ihm erfaßt zu werdén. Er konnte jetzt das Bett genau durchſucht ha⸗ ben, und in der That hoͤrte ich auch gleich dar⸗ auf ſeinen Tritt, und wie er ſich mir naͤherte. Dabei taſtete er mit der Hand an der Wand entlang, als fuͤhle er nach mir, und nun war wieder Alles ſtill; wahrſcheinlich lauſchte er. Ich benutzte dieſen Augenblick mich, geraͤuſchlos wie der Tod, in der entgegengeſetzten Richtung fortzu⸗ ſtehlen; hier ſtand ich horchend ſtill, doch ich hatte den Athem ſo lange angehalten, daß ich einen lauten Seufzer jetzt nicht mehr zu unter⸗ druͤcken vermochte; und wieder mußte ich meine Stellung aͤndern. Nicht das geringſte Licht fiel in das Zimmer; aber als ich mich behutſam an der Wand fort⸗ ſchlich, bemerkte ich eine breité Oeffnung in der Mauer. Auf dieſe beſchloß ich meine Augen be⸗ ſtaͤndig zu heften, denn ich durfte hoffen, daß ich die Annaherung meines Feindes entdecken wuͤrde, wenn ſein Koͤrper ſich hier vorbeibewege. Bald darauf ward die Oeffnung verdunkelt, doch muß dies wohl durch eine Bewegung geſchehen ſeyn, die ich, mir ſelbſt unbewußt, gemacht hatte, denn kaum zog ich mich vor der Annäherung meines Feindes zuruͤck, als ich von hinten er⸗ griffen ward. Der gefuͤrchtete Augenblick war ———— ———— 47 alſo gekommen, und ich in der Gewalt meines Feindes. Sogleich begann ein wuͤthendes Ringen, das natuͤrlich nur von kurzer Dauer ſeyn konnte. Ich war vertheidigungslos, mein Widerſacher aber bewaffnet, und die gaͤnzliche Finſterniß hin⸗ derte mich noch uͤberdies, zu bemerken, wohin er ſeinen Dolch richte; ſo konnte ich den Streich nicht einmal abwehren. Die Erhaltung meines Lebens hing nur von meiner Kraft, meiner Gei⸗ ſtesgegenwart ab. An der Stellung des Koͤrpers bemerkte ich, daß mein Feind eben zuſtoßen wollte, und das Gefuͤhl des Augenblickes rieth mir, ihn ſo feſt zu faſſen, daß er verhindert werde, von ſeiner Waffe Gebrauch zu machen. Mein Geg⸗ ner war fukchtbar kraftvoll, und ſtrengte ſich mit aller Macht an, ſich aus meinen Armen zu be⸗ freien; doch ich hatte meine Kraͤfte in der Ju⸗ gend durch vielfaͤltiges Ringen geuͤbt; dazu kam noch die Liebe zum Leben, die mir ungewoͤhnliche Kraͤfte verlieh, und ſo ward es mir moͤglich, den Boͤſewicht feſt zu halten. Nur ſo lange war ich ſicher, als ich ihn von dem Gebrauche ſeines Stahles abzuhalten vermochte. Unſere Arme wa⸗ ren feſt in einander verſchlungen, Bruſt an Bruſt gepreßt, und es ſchien, als muͤſſe die Kraft end⸗ lich an der Kraft erlahmen. 6 48 ——— Der Boͤſewicht wollte, ich weiß nicht aus welcher Urſache, keinen Andern zu ſeinem Bei⸗ ſtande herbeirufen, ſondern trachtete ſeinen blu⸗ tigen Vorſatz allein und ſchweigend auszufuͤhren. Von beiden Theiten ward nicht ein Wort ge⸗ ſprochen, wir geſtatteten uns bei unſerem Kampfe kaum ſo viel Zeit, als erforderlich war, um Athem zu ſchoͤpfen. Der Boͤſewicht machte die heftigſten Verſuche, ſich zu befreien, und wir wurden da⸗ bei mehrmals ſtark gegen die Wand geſchlendert, oder ſtanden oͤfters auf dem Punkte, Beide zu Boden zu ſtuͤrzen. Endlich wurden wir durch eine dieſer wuͤthenden Anſtrengungen auch wieder gegen die Wand geworfen, das Täfelwerk wich unter unſerer Schwere, und mit fuͤrchterlichem Gepolter, aber immer noch feſt an einanderhaͤn⸗ gend, fielen wir eine bedeutende Strecke hinab. Als wir den Boden beruͤhrten, trennte uns jedoch die Heftigkeit des Falles. Der Wirth war, zum Gluͤck fuͤr mich, zu unterſt gefallen; betaͤubt lag er neben mir, ich aber ſprang ſchnell empor. Ein Blick zeigte mir, daß wir durch die geheime Thuͤr geſtuͤrzt waren, von der die Wahn⸗ ſinnige mir geſagt hatte, denn in deren eigenem Zimmer befanden wir uns jetzt. Dies bemerkte ich ſogleich; doch ſchnell wurden meine Augen durch einen Gegenſtand ſo ganz gefeſſelt, daß mir 49 mir fuͤr andere keine Aufmerkſamkeit blieb.— Dies war ſie ſelbſt, die Ungluͤckliche; verwundert und erſchreckt war ſie bei dem plötzlichen Einbru⸗ che in ihr Zimmer von ihrem Stuhle aufgeſprun⸗ gen, auf welchem ſie in ruhigem, tiefen Schlafe gelegen zu haben ſchien. Sie, die wachen ſollte, um mich von dem Dolche des Moͤrders zu erret⸗ ten, hatte dies ganz vergeſſen, und ſelbſt den Augenblick verſchlafen, der zur Entſcheidung uͤber mein Leben oder meinen Tod beſtimmt war. Doch es war keine Zeit zur Verwunderung oder zu Vorwuͤrfen. Noch lag mein Widerſacher betäubt vor mir am Boden, und ſchnell ergriff ich die herrenloſe Waffe, die ihm entfallen war, zu meiner eigenen Vertheidigung. Ich haͤtte ihn toͤdten koͤnnen; doch ein Augenblick der Ueberle⸗ gung zeigte mir, daß ſein Tod allein ſeine Ge⸗ ſellen nur aufreizen, und mir daher wenig nuͤtzen werde. Es war nur eine augenblickliche, voruͤber⸗ gehende Sicherheit, deren ich mich jetzt erfreute; ein Aufſchub, aber keine Vertilgung der Gefahr. Deshalb war es vortheilhafter fuͤr mich, wo moͤg⸗ lich von der Irrſinnigen zu erfahren, wie es mir gelingen könne, aus dem Hauſe zu entfliehen, und ob ſie noch bereit ſey, mir dazu huͤlfreiche Hand zu leihen. Der erſte Schritt zu meiner Rettung war gluͤcklich gethan, aber damit ſchien 4 50 es auch geendigt zu ſeyn. Alle Erinnerung an die Vergangenheit war ihrem Gedächtniſſe gaͤnz⸗ lich entſchwunden, das eine ſchreckliche Ereigniß allein ausgenommen, welches ihre Sinne zerruͤt⸗ tete; ein Augenblick reichte hin, mir dieſe betruͤ⸗ bende Ueberzeugung zu geben. Was konnte ich alſo von ihrer Huͤlfe in einem ſolchen Augen⸗ blicke noch erwarten?— Ich wunderte mich uͤber mich ſelbſt, daß ich fruͤher im Stande ge⸗ weſen war, meine Sicherheit einer Wahnſinnigen anzuvertrauen, meine Rettung von ihr zu er⸗ warten. Es war jetzt zu ſpät, meine Thorheit zu be⸗ reuen, oder die Folgen derſelben ungeſchehen zu machen. Wenige Minuten mußten hinreichen, dem Raͤuber ſeine Beſinnung wieder zu geben, und dieſe allein blieben mir zur Bewerkſtelligung meiner Flucht, oder zur Auffindung eines Schlupf⸗ winkels.— Im Zimmer bemerkte ich zwar auf den erſten Anblick keinen Ausgang, aber es mußte doch noch eine andere Thuͤr haben, als die, durch welche wir hereingebrochen waren; dieſe Vermu⸗ thung fand ſich auch bald beſtätigt. In einer Ecke war eine verſteckte Fallthuͤr. Sie erſpähen, den Ring erfaſſen, die Thuͤr auf⸗ heben— dies Alles war das Werk einer Se⸗ 51 kunde; kaum aber hatte ich ſie aufgehoben, als mir von dem oberen Stockwerke ein verworrenes Getoͤſe entgegenſchallte. Der Laͤrm ſchien mir anfangs nur von den naͤchtlichen Bachanalien der betrunkenen Banditen herzuruͤhren; bei aufmerk⸗ ſamerem Lauſchen mußte ich jedoch dieſe Meinung bald aͤndern. Das war nicht Gerauſch, wie trun⸗ kene Nachtſchwaärmer es zu machen pflegen, ſon⸗ dern wildes Geſchrei, wie durch Zank oder Schrek⸗ ken verurſacht. Die große Entfernung, denn die Laͤrmenden befanden ſich am entgegengeſetzten Ende dieſes Fluͤgels, verhinderte mich, etwas ge⸗ nauer zu hoͤren oder zu erkennen. Waren die Banditen unter ſich in Streit, und vom Zank zur Schlaͤgerei gerathen? Ein ſolches Ereigniß hatte mir nicht anders als ſehr erfreulich und befoͤrderlich ſeyn koͤnnen, und ich war deshalb ſchon im Begriffe, muthig vorwaͤrts zu ſchreiten, als der Schuft hinter mir, gleichſam durch jenes Getoͤſe zu neuem Leben erweckt, plötzlich auf⸗ ſprang, mit einer Eile, die nur durch Angſt er⸗ zeugt zu ſeyn ſchien, an mir vorbeiſtuͤrzte, und gleich darauf vor meinen Augen verſchwand. Vor mir war Alles dunkel, ſo daß ich nicht ſehen konnte, wohin er lief; ihn aber hinderte die Fin⸗ ſterniß nicht im Geringſten, da er mit allen Gaͤn⸗ gen und Wegen zu bekannt war. 4* 52 Als ich ſeine Schritte nicht mehr hören konnte, folgte ich ihm mit weniger Schnelle. Zwar hätte ich die Lampe nehmen koͤnnen, welche auf dem Tiſche im Zimmer der Wahnſinnigen ſtand, al⸗ lein ein Licht wuͤrde mich auf jeden Fall verra⸗ then haben, und ich ſetzte daher, mich vorwaͤrts taſtend, meinen Weg nach dem oberen Geſchoſſe im Dunkeln fort.— Zu meiner Linken hoͤrte ich plotzlich lautere Toͤne, und vermuthete daher, daß dort eine offene Thuͤre ſey; ich hatte mich nicht getaͤuſcht; ſie fuͤhrte zu einem engen Gange. Licht ſah ich noch nicht, doch ein kälterer Luft⸗ zug machte es wahrſcheinlich, daß in der Naͤhe ein Fenſter ſey; ich fand indeſſen nur eine Luke, mit Brettern verſchloſſen. Hier horchte ich, und vernahm nun immer tobenderes, verwirrteres Ge⸗ ſchrei, und dazwiſchen einzelne Piſtolenſchuͤſſe. Ich war dem Orte des Kampfes nahe, und zö⸗ gerte daher einen Augenblick. Ich konnte jetzt ganz deutlich mehrere Fluͤche und Verwuͤnſchun⸗ gen hoörten, welche ausgeſtoßen wurden. Fruͤher hatte ich dies fuͤr einen Streit unter den Be⸗ wohnern des Hauſes ſelbſt gehalten, jetzt aber ſchien mir die Sache ungleich ernſter. Das Schießen dauerte nun faſt ununterbrochen fort, und das Geſchrei tönte wie Kriegs⸗ und Schlacht⸗ geſchrei; es blieb mir daher kein Zweifel, daß die Raͤuber in ihrem Schlupfwinkel aufgefunden und uͤberfallen worden ſeyen. Unter dieſen Um⸗ ſtänden mußte ich wohl uͤberlegen, was fuͤr ein Schritt meiner Sicherheit am zutraͤglichſten ſey. Sollte ich mich irgendwo verbergen, und dort den Ausgang des Kampfes abwarten, der wahr⸗ ſcheinlich zum Vortheil der Gerechtigkeit entſchie⸗ den ward? Oder mußte ich nicht vielmehr vor⸗ waͤrts eilen, und alle meine Krafte der gerechten Sache zum Beiſtande leihen?— Noch hielt ich den Dolch in meiner Hand, deſſen ich mich vorhin bemaͤchtigt hatte; doch durfte ich hoffen, daß bei ſo unvollſtaͤndiger Bewaffnung, wenn es uͤberhaupt eine Bewaffnung zu nennen war, mein ſchwacher Arm zur Erkaͤmpfung des Sieges mit beitragen werde? Mein Entſchluß gedieh eben ſo ſchnell als unetwartet zur Reife. Eine befreundete Stimme, die ich nicht verkennen konnte, obgleich ſie zwi⸗ ſchen funfzig anderen erſchallte, ſchlug an mein Ohr, und keines anderen Rufes bedurfte es, um mich in das dichteſte Gewuͤhl des Kampfes zu locken. Noch hatte ich mehrere Gänge zu durch⸗ ſchreiten, doch ward mir dies leicht, da hier nicht mehr ſo undurchdringliche Dunkelheit herrſchte, als in dem unteren Geſchoſſe. Der Rauch, der Pulverdampf, der Wiederſchein der Lichter an den Wänden zeigten mir deutlich, daß ich dem Kampfplatze jetzt ganz nahe ſey; eine Minute ſpäter, als ich ploͤtzlich um eine Ecke bog, hatte ich ihn unmittelbar vor mir. Der erſte und nächſte Gegenſtand, der ſich meinem Blicke darbot, war der Wirth ſelbſt, welcher offenbar ſo eben ſein Gewehr aufs Neue geladen hatte. Den Ruͤcken hatte er mir zuge⸗ wendet, aber die hohe, kraͤftige Geſtalt ließ ſich nicht verkennen. Als er hinter ſich Schritte ver⸗ nahm, wandte er ſich haſtig nach mir um, feuerte ein Piſtol gegen meinen Kopf ab, und verſchwand dann unter den andern Kaͤmpfenden. Die Ku⸗ gel traf mich indeſſen nicht, ſondern ſtreifte nur dicht an meinem Ohre vorbei. Dennoch ſollte ſie verderblich ſeyn; denn augenblicklich fuͤhlte ich hinter mir Jemand gegen mich fallen, fuͤr einen Moment meine Schultern erfaſſen, und dann zu Boden ſtuͤrzen. Das Geraͤuſch vor mir, und die geſpannte Aufmerkſamkeit, welche ich darauf richtete, hatte mich verhindert, es zu bemerken, daß mir Jemand folgez jetzt ſah ich mich ſchnell um, zu erfahren, wer das Opfer des Fehlſchuſ⸗ ſes geworden ſey.— Es war des Boͤſewichtes eigene Tochter, die arme Wahnſinnige, welche 55 jetzt von ihres Vaters Hand den letzten Schlag empfangen hatte, den ſie in dieſem Leben zu er⸗ dulden beſtimmt war. Ein einziger, tiefer Seuf⸗ zer— und die Ungluͤckliche hatte geendet. Ich fuͤhlte mich heftig ergriffen von dieſem graͤßlichen Ereigniſſe.— Die Kugel hatte ihre Stirn ge⸗ troffen; ich war mit ihrem Blute, ihrem Hirne bedeckt, und freute mich, dem Entſetzen dadurch entfliehen zu können, daß ich mich in das dich⸗ teſte Gewuͤhl des Kampfes ſturzte. Ich weiß jedoch nur von den nachſten Augenblicken, in de⸗ nen ich eine Menge von Stoͤßen austheilte und empfing. Eine Kugel, welche von der Mauer zuruͤckprallte, traf mich an die Stirn, und warf mich beſinnungslos unter die Sterbenden und Todten. Als ich erwachte, fand ich mich auf einem Bette, durch einen ſonderbaren Zufall dem näm⸗ lichen, auf dem ich ſchon fruͤher gelegen; doch die Geſichter rings um mich her waren zwar kriegeriſch, aber befreundet. Sobald ich zu ſpre⸗ chen vermochte, waren meine erſten Fragen nach meinem Freunde, meinem Bruder, Antonio, denn ſeine Stimme war es in der That, die mich in den Kampf lockte; aber ich konnte keine beſtimmte Antwort erlangen. Truͤbes Schweigen, Seufzer 56 und Thraͤnen waren die einzige Erwiederung.— Er war todt!— Nur der Tod konnte ihn auch in einem ſolchen Augenblicke von meinem Lager entfernt halten. Was kuͤmmerte es mich, daß der Sieg errungen, daß alle die Boͤſewichter, welche mit dem Leben davon kamen, gefangen waren; um ſolchen Preis waͤren mir tauſend ſolche Siege zu theuer erkauft geweſen. Haͤtte mich uͤber ſeinen Tod irgend etwas zu troſten vermocht, ſo wäre es die Nachricht ge⸗ weſen, daß ſein Arm in dem Blute des Moͤr⸗ ders meinen Oheim raͤchte, daß er dem Wirthe den Dolch in das ſchwarze Herz geſtoßen habe, daß mehrere der Raͤuber durch ſeinen tapferen Arm gefallen ſeyen. Alle dieſe Nachrichten be⸗ antwortete ich jedoch nur mit Thraͤnen um mei⸗ nen Freund, mit Seufzern, daß ich nicht mit ihm geſtorben ſey.— Wie grauſam war durch ſein Vorangehen in eine beſſere Welt ſo ſchnell der ſchoͤne Wahn unſerer Jugend zerſtoͤrt wor⸗ den!— War es denn moͤglich, daß ich ihn uberlebt hatte, daß ich beſtimmt war, auf ſeinem Grabe zu trauern? Weshalb auch war ich ver⸗ ſchont geblieben? Andere haͤtten Iſabellen die Nachricht bringen können, daß ſie keinen Vater, keinen Geliebten mehr habe; die vernichtende 5 —————— Nachricht konnte ſelbſt der Troſt eines theilneh⸗ menden Freundes nicht mildern. — 6 Dies waren die Gedanken, die mich bei dem Tode meines Freundes zur Verzweiflung brach⸗ ten; doch neue, heilige Pflichten nahmen meine Kräfte in Anſpruch, und gewaltſam raffte ich mich empor, und lenkte mich von einem Kum⸗ mer ab, der mich ſonſt vernichtet haben wuͤrde. Dem Todten mußte der letzte Ehrendienſt erwie⸗ ſen werden, und obgleich das Schickſal meines Oheims keinem Zweifel mehr unterworfen ſeyn konnte, ſo mußte doch deßhalb durch Auffindung ſeiner ſterblichen Reſte Gewißheit gewonnen wer⸗ den. Die Gefangenen, welche wir uͤber dieſen Punkt befragten, beobachteten ein halsſtarriges Schweigen, und die Naochſuchungen der Solda⸗ ten waren bisher ohne Erfolg geblieben, außer daß ſie einen Ungluͤcklichen auffanden, den ſie da⸗ durch von ſchweren Leiden, vom wahrſcheinlichen Tode erretteten. Ich habe das Verſchwinden meines Dieners Juan erwaͤhnt, und es entdeckte ſich, daß meine Vermuthungen daruͤber der Wahrheit ziemlich nahe kamen. Es ſchien, daß er ſich von der unmit⸗ telbaren Gefahr dadurch gerettet habe, daß er den Raͤubern den Scheinvorſchlag machte, einer der 58 Ihrigen zu werden; um ſich ſeiner aber auf jeden Fall zu verſichern, hatten ſie ihn gebunden, und in einen Keller geworfen, bis man ſich meiner entledigt haben wuͤrde. Der arme Schelm war durch die feſten Bande des Gebrauches ſeiner Glieder fur den Augenblick faſt ganz beraubt, und vor Froſt und Furcht halb todt, als er durch einen gluͤcklichen Zufall gefunden ward. Kaum aber war er von den Banden befreit, und ſeiner Sinne wieder maͤchtig, als er uns auch in un⸗ ſerer Verlegenheit zu einem Schluͤſſel verhalf.— Das Haus war uͤberall durchſucht, und nur die Weinkeller, aus denen Juan das Blut herauf⸗ brachte, bei der Eile und Unordnung dieſer Nach⸗ ſuchungen uͤbergangen worden. Ich beſchloß dieſen neuen Zug zu leiten; Juan gab uns den Weg an, aber er ſelbſt vermochte vor Schauder, Angſt und Entſetzen nicht mitzu⸗ gehen. Er hatte uns Alles ſo genau beſchrieben, daß wir den geſuchten Ort ſchnell und leicht fan⸗ den. Waͤren noch andere Zeichen noͤthig gewe⸗ ſen, ſo wuͤrden ſich uns auch dieſe geboten haben. An dem Gange, der zu dieſen Kellern fuͤhrte, und die Treppe hinab, waren uͤberall Blutſpuren ſichtbar, und endigten bei einem großen Faſſe, das vorn an in der Reihe mehrerer ſtand. Bier 59 —— alſo war das Gefaͤß, welches den Gegenſtand un⸗ ſerer Nachſuchungen enthielt!— Meine feſte, in⸗ nigſte Ueberzeugung ließ mich ſelbſt durch das Holz den verſtuͤmmelten Koͤrper meines ungluͤcklichen Onkels ſehen, und dieſe fuͤrchterliche Vorſtellung griff mich ſo an, daß ich mich abwenden mußte, wollte ich nicht ohnmaͤchtig hinſinken. Während deſſen wurden einzelne Theile eines menſchlichen Koͤrpers, und endlich auch der Kopf, aus dem hoͤlliſchen Faſſe gezogen. Sobald ich mich wie⸗ der etwas erholt hatte, fielen meine Augen auf dies grauenvolle Schauſpiel, aber vergebens forſchte ich nach den Zuͤgen, die ich zu ſehen erwartet hatte. Dieſe ſterblichen Reſte eines Menſchen waren die eines Mannes in mittlerem Alter; das Geſicht war mir voͤllig unbekannt, doch eine Fuͤlle langen ſchwarzen Haares zeigte mir auf den er⸗ ſten Blick, daß dies nicht der Leichnam mei⸗ nes Oheims ſey. Eben ſo wenig konnte es der des alten Mannes ſeyn, der, wie die Wahnſin⸗ nige geaͤußert hatte, erwuͤrgt worden war. Wir mußten deßhalb unſere Nachſuchungen noch wei⸗ ter fortſetzen. Das nebenſtehende Faß war, wie wir am Klange hoͤrten, leer, und das naͤchſte ebenfalls; als wir aber an das dritte und letzte klopften, 60 entdeckten wir, daß etwas darin ſeyn muͤſſe; viel⸗ leicht hatte es einen eben ſo fuͤrchterlichen Inhalt als das erſte. Bald zeigte es ſich indeſſen, daß es nur halb mit Waſſer gefuͤllt ſey. Noch hat⸗ ten wir einen kleineren Keller zu durchſuchen, der mit dem, in welchem wir uns befanden, durch einen engen, niedrigen Gang zuſammenhing; wir uͤberzeugten uns bald, daß er ſeiner urſpruͤnglichen Beſtimmung gemaͤß benutzt worden ſey, denn es lag eine bedeutende Menge Wein darin. Jeder Winkel, jede Ecke ward genau unterſucht, beſon⸗ ders aber der Fußboden; doch zeigte ſich keine Spur, daß er kuͤrzlich aufgebrochen geweſen ſey. Schon begann ich, dieſer vielen vergeblichen Nachforſchungen wegen, daran zu zweifeln, daß mein Oheim wirklich hier ermordet worden ſey. Ich hatte dies fruͤher vorzuͤglich aus der Aeuße⸗ rung der Wahnſinnigen, von dem erwuͤrgten alten Manne geſchloſſen; doch ihre Geſchichte bezog ſich auf keine beſtimmte Zeit, und das Ereigniß konnte ſich vielleicht ſchon viele Jahre fruͤher zugetragen haben. Gewiß hatte irgend eine genaue Nachricht die Polizeibeamten und die Soldaten, beſonders aber Antonio, hieher gefuͤhrt. Ich hatte bisher noch zu fragen vergeſſen, was ſie zu dem Angriffe auf 61 das Haus veranlaßt habe; ihre Antworten dien⸗ ten aber keinesweges dazu, uͤber das Schickſal meines Onkels mehr Licht zu verbreiten. Als Antonio das Gebirge durchſtreifte, war er mit einer Abtheilung der Landmiliz zuſammengetrof⸗ fen, die das Land nach den Raͤuberbanden durch⸗ ſuchten, welche die ganze Umgegend unſicher mach⸗ ten; die Gefangennahme eines verwundeten Räu⸗ bers hatte zur Entdeckung des Verſammlungsor⸗ tes, und zu dem Angriffe auf das Raͤuberneſt gefuͤhrt. Jenen ſterbenden Raͤuber hatte Antonio ſorgfältig befragt, doch konnte er von ihm keine Auskunft uͤber meinen Oheim erhalten; deſſen ungeachtet aber ſchloß er ſich mit Eifer einer Un⸗ ternehmung an, die gegen eine Klaſſe von Men⸗ ſchen gerichtet war, der er das Verſchwinden des alten Mannes unbedingt ſchuld gab.— Die trau⸗ rige Folge dieſes Schrittes habe ich bereits erzaͤhlt. Antonio nahm an dem Wirthe und ſeinen Ge⸗ noſſen volle, doch theuer erkaufte Rache, aber von meinem Oheime erfuhr ich deßhalb immer noch nichts. Die Entdeckung war dem Zufalle vorbehal⸗ ten. Einer der Soldaten bemerkte plotzlich, daß die Erde an der letzten Stufe der Treppe friſch aufgegraben ſcheine; der Offizier ward ſogleich da⸗ von benachrichtiget, und ich herbeigerufen, um bei 62 der neuen Unterſuchung zugegen zu ſeyn. Als ich kam, hatten die Soldaten ſchon angefangen zu graben; einige Kleidungsſtuͤcke, welche ſie be⸗ reits herausgeworfen, gaben ihnen die Ueberzeu⸗ gung, daß ſie ſich in ihrer Vermuthung nicht ge⸗ ärrt haͤtten, und daß die Entdeckung nahe ſey. Nur noch wenige Minuten, und es ward ein Leichnam hervorgezogen; bei dem Lichte der Fak⸗ keln erkannte ich ſogleich das graue Haar und die Zuͤge deſſen, den wir ſuchten. Alles, was mir von meinem Oheim blieb, lag nun vor mir. Die hervorgetretenen, blutunterlaufenen Augen, der halbgeoͤffnete Mund, die Schwaͤrze des Geſichtes, und ein wunder Streifen um den Hals uͤberzeug⸗ ten mich, daß die grauſame Art ſeines Todes, von dem die Wahnſinnige mir erzaͤhlte, nur zu wahr geweſen ſey.— Möge ich nie in meinem Leben wieder ein ſolches Schauſpiel haben! Bis hieher hatten Ungewißheit, Erwartung und Anſtrengung meine Kraͤfte aufrecht erhalten; jetzt aber faßte mich die Erinnerung an all das Schrecken, welches ich in ſo kurzer Zeit erlebt, mit doppelter Gewalt, und ich fing an zu raſen, wie in der hoͤchſten Fiebergluth. Man brachte mich wieder zu Bett, und während ich hier einige Ruhe fand, wurden die Anſtalten zu unſerer Ab⸗ 63 reiſe gemacht. Die Leichname der gefallenen Sol⸗ daten und Raͤuber wurden beerdigt, ſaͤmmtliche tragbare Sachen den anderen Soldaten als Beute uͤberlaſſen, und dann der Befehl ertheilt, das Haus in Brand zu ſtecken, da es ein zu guͤnſtiger Schlupfwinkel und Verſammlungsort fuͤr aͤhnliche geſetzloſe Banden war. Auf meine dringende Bitte wurde der Wahnſinnigen ein eigenes Grab ge⸗ graben; in dieſes ward der Koͤrper mit allen Feier⸗ lichkeiten verſenkt, die Zeit und Gelegenheit uns geſtatteten. Der Ort war am Fuße einer hohen Tanne erwaͤhlt worden, und ein kleines Kreuz, in die Rinde des Baumes geſchnitten, war das einzige Zeichen der Erinnerung an das ungluck⸗ liche Maͤdchen. Dieſe Sorge, in moͤglichſter Eile abgemacht, nahm unſere Zeit bis Tagesanbruch hin, und ge⸗ rade mit Sonnenaufgang marſchirten wir ab. Ein Pferd, welches durch den Tod eines der Solda⸗ ten herrenlos geworden, ward mir gegeben; zwei andere trugen die Leichen Antonio's und meines Onkels, jedes mit einer Decke verhangen; die ge⸗ fangenen Räuber folgten gebunden auf des Gaſt⸗ wirthes Maulthieren, mit den Geſichtern den Schwaͤnzen der Thiere zugekehrt. Des Wirthes Weib befand ſich unter den Gefangenen, und ihr 64 lautes Klaggeſchrei, welches bei jedem Schritte aufs Neue ausbrach, uͤbertoͤnte ſelbſt die ausge⸗ taſſene Froͤhlichkeit der Soldaten und die Ver⸗ wuͤnſchungen der Raͤuber. Als ich, hinter dem Zuge reitend, dieſen uͤberſah, wie er ſich in dem grauen Nebel des Morgens durch die Berge da⸗ hinwand, wenn ich die kriegeriſche Bedeckung, die beiden Pferde mit ihrer Trauerbuͤrde betrachtete, und die finſteren Geſichter der Raͤuber, welche mir zugekehrt waren, und mich dann ruͤckwaͤrts wandte und den hohen Tannenbaum erblickte, und die dicke Rauchſäule, die wie von einem Altare der Rache zum Himmel aufſtieg, ſo erſchien mir die ganze Vergangenheit faſt wie ein Traum. Mein Geiſt war durch die Menge und die Groͤße der Ereigniſſe, welche ſo kurz hinter einander auf mich einſtuͤrmten, betaubt, und weigerte ſich zu glauben, daß ſo vieles ſich in einer ſo kurzen Zeit zutragen könne. Immer aufs Neue ward mir aber jede und jede Scene ins Gedächtniß zuruͤck⸗ gerufen, und ſo endlich die Ueberzeugung der ſchrecklichen Gewißheit aufgezwungen. Doch ich will hier nicht bei der traurigen Er⸗ innerung verweilen, wie ich es damals that. Eine oder zwei Stunden nach Sonnenaufgang erreich⸗ ten wir eine Stadt; hier wurden die Boͤſewichter der 65 — der Gerechtigkeit uͤberliefert, und bald darauf ſah man ihre Glieder als Warnungszeichen auf allen Straßen der Prövinz vertheilt. Hier ſollte auch ich drei lange Monate hindurch verweilen. Aus anderem Munde als dem meinigen, vernahm Iſa⸗ bella die Nachtichten, deren Ueberbringer ich haͤtte ſeyn ſollen; Andere als ich leiſteten den Dahin⸗ geſchiedenen den letzten Ehrendienſt. Uebermaͤßige Anſtrengung, Kummer, Entſetzen und eine ver⸗ nachläſſigte Wunde erzeugten ein hitziges Fieber, von dem ich nur ſchwer und langſam genaß— ach nur, um mich allein auf der Erde zu fin⸗ den, ohne ein Weſen, das mich an das Leben zu feſſeln vermocht haͤtte, zu dem ich ſo ungern zu⸗ ruͤckgekehrt war. Ich habe nur noch wenige Worte hinzuzu⸗ fuͤgen.— In dem Kloſter St*** zu Madrid lebt eine Nonne, welche ihrer unendlichen Milde, ihres reinen, heiligen Wandels wegen ſich die Liebe und Verehrung ihrer ganzen Schweſterſchaft erworben hat. Sie wird Schweſter Iſabella ge⸗ nannt. Die Furchen fruͤhen, tiefen Kummers ſind ihren Zuͤgen ſichtlich eingegraben, doch ihr Leben iſt ſtill und ernſt, wie es heilig iſt. Ihr 5 66 ———— Auge hat keine Thraͤne, ihre Bruſt keinen Seuf⸗ zer, außer wenn ſie ſich der betruͤbenden Geſchichte erinnert, welche ich ſo eben erzaͤhlte. Sie iſt jetzt faſt reif fuͤr den Himmel.— Moͤge ihr Gluͤck dort eben ſo endlos und ungetruͤbt ſeyn, als es hier auf Erden ſchrecklich zerſtort ward. IH. Romantische Liebr. 5* Jn Kaſtilien leben noch Viele, welche ſich des alten Ritters Pedro de Peubla, mit dem Bei⸗ namen des Dicken, erinnern. Seine Geſtalt war uͤbermaͤßig groß und breit, die Zuͤge ſeines Ge⸗ ſichtes gemein, und ſein Betragen entſprach die⸗ ſen Zuͤgen vollkommen; dabei war er ein ausge⸗ machter Trunkenbold. Wer an die Seelenwan⸗ derung glaubt, haͤtte unbedingt annehmen muͤſ⸗ ſen, die Seele eines Schweines ſey in dieſes Mannes Koͤrper gefahren. Aus dem Geſagten erhellt wohl zur Genuͤge, daß dieſer Ritter kein ſehr paſſender Bewerber fuͤr die Donna Blanka war, die außer der voll⸗ kommenſten Koͤrperſchoͤnheit, auch noch durch alle die Vorzuͤge, Tugenden und Talente geſchmuͤckt ward, wie man ſie von den Frauen der hoͤhern Stände fordern darf. Zu ihren Vorzuͤgen gehoͤrte auch ein fein gebildeter Geiſt, und die trefflichſte Erziehung. Sie ſpielte nicht nur die Guitarre und mehrere andere Inſtrumente mit bewunderns⸗ wuͤrdiger Meiſterſchaft, ſondern ſie ſang auch dazu die reizendſten Verſe ihrer eigenen Dichtung. Ihr 70 Vater, ein großer Mann, und auf den Adek ſeines Blutes nicht wenig ſtolz, war nicht gleich⸗ guͤltig gegen alle dieſe Vollkommenheiten ſeiner Tochter, aber er erklaͤrte, ein ſolcher Edelſtein muͤſſe reich in Gold gefaßt werden, und lieber, als daß er ſie unter ihrem Stande vermaͤhle, wolle er ſie zu ewiger Eheloſigkeit verdammen; daher huͤtete er ſie mit der Wachſamkeit eines Argus. Man muß den jungen Edelleuten der Pro⸗ vinz die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie kein Mittel unverſucht ließen, um in die Naͤhe der Lieblichen zu gelangen. Aber alle ihre Be⸗ muͤhungen blieben eben ſo vergeblich, als das Schwimmen gegen den Strom. Ihr Vater fuͤrch⸗ tete indeſſen die Keckheit der vielen Bewunderer, und Blanka ward daher in die Einſamkeit ihres eigenen Zimmers verwieſen. Hier las ſie, um ſich zu zerſtreuen, nichts als Romane, und vorzuͤglich ſolche, die in den romantiſchen Zeiten des Ritterthumes ſpielten. Dadurch ward ſie ploötzlich von der hoͤchſten Lei⸗ denſchaft fuͤr alles Romantiſche ergriffen; ſie ſprach nur noch von Rittern, Liebeskaͤmpfen, Schlachten und dergleichen; ihr Vater fuͤrchtete, dieſe Schwaͤche moͤge in Wahnſinn ausarten, und gab daher Befehl, ihr alle Buͤcher zu nehmen. Betruͤbend war es, ſich das arme Maͤdchen 7¹ zu denken, friſch und bluͤhend wie der junge Tag, aber ſo wie der gefangene Vogel der Wildniß zu einem Leben in einem widernatürlichen Ka⸗ fige verurtheilt, und der allgemeinen Wohlthat der Freiheit durchaus beraubt. Endlich kam jener kaſtilianiſche Ritter, nicht auf einer Strickleiter oder in Weiberkleidern verſteckt, wie andere von Blanka's Anbetern, ſondern in einer glaͤnzenden Equipage, und mit dem Rufe unermeßlichen Reich⸗ thumes, und erhielt von ihrem Vater die Erlaubniß, ihr ſeine dicke Perſon zu Fuͤßen zu legen. Auch von Blanka ward er mit guͤnſtigen Augen betrachtet, ſo ſehr ſich das Gegentheil haͤtte erwarten laſſen. Bei der erſten Nachricht von der Aufnahme, die er gefunden, konnte Niemand begreifen, wie ſie bei einem Manne mit einem ſolchen Geſichte nur die geringſte Aehnlichkeit mit jenen tapfern jungen Rittern finden koͤnne, wie ſie in ihrer romantiſch geſtimmten Phantaſie leben mußten. Bedachte man dann aber die enge Gefangenſchaft, in der ſie gehalten ward, und wie wenig Hoff⸗ nung ihr bliebe, die Wachſamkeit ihres Vaters je zu hintergehen, ſo verzieh man es ihr gern, daß ſie ſich willig zeigte, ihre Freiheit dadurch zu erkaufen, daß ſie ihre Hand dem wahren Vetter des Teufels reiche. Ein gewiſſer tapferer Ritter, Eaſtello genannt, war jedoch uͤber die Nachricht 72 dieſer unerwarteten Neuigkeit ſo empoͤrt, daß er den kaſtilianiſchen Ritter, unbekuͤmmert um die Folgen eines ſolchen Schrittes, getoͤdtet haben wuͤrde, hätte nicht Donna Blanka, welche von dieſem Vorſatze hoͤrte, ihm ſagen laſſen, er wuͤrde durch einen ſolchen unbedachtſamen Schritt ihre Ruhe fuͤr immer morden. Blanka's Vater war hoch arfreut durch die Ausſich, einen ſo reichen Schwiegerſohn zu er⸗ halten, als der Ritter Pedro de Peubla war, denn er gehoͤrte zu jenen Väͤtern, die ihre Kin⸗ der einem Midas hingeben wuͤrden, ſollten ſie auch bei der erſten Umarmung in todtes Gold verwandelt werden. In dem Uebermaaß der Freude ſchenkte er daher ſeiner Tochter einen reichen Ju⸗ weelenſchmuck, und verſicherte ihr dabei, daß er ihr jede billige Bitte angenblicklich zu erfuͤllen be⸗ reit ſey. Ein ſo ungewoͤhnliches Anerbieten uͤber⸗ raſchte Blanka einen Angenblick, doch nicht lange beſann ſie ſich, ſondern antwortete: „Sie kennen,“ ſagte ſie,„meine Liebe zu allem Romantiſchen, und wiſſen, wie ſehr ich die Gewohnheiten unſerer entarteten Zeit verab⸗ ſcheue, wo Alles im Gleiſe fader Alltäglichkeit ſich bewegt, und die Ereigniſſe des heutigen Ta⸗ ges eigentlich nichts ſind, als ein Vorſpiel deſ⸗ ſen, was morgen kommen wird. Jetzt geſchieht —2 e nichts mehr auf ſo romantiſche Weiſe, als in jenen entzuͤckenden Tagen, wo Sie in der einen Stunde das Schickſal nicht vorausbeſtimmen konn⸗ ten, welches Sie in der naächſten erwartete, wie Sie es in jenen herrlichen Werken leſen können, deren Sie mich ſo grauſam betaubten. Deshalb bitte ich, zum Lohne dafuͤr, daß ich Ihre Wuͤn⸗ ſche bei der Wahl eines Gatten ſo pflichtgetreu erfuͤllte, mir zu geſtatten, daß die Beſtimmung uͤber die Art und Weiſe, wie die Vermählung geſchloſſen werden ſoll, nur mir uͤberlaſſen bleibe. Mein Wunſch hiebei iſt, daß die Vermählung zum Muſter genommen werde, wie ſie in der Geſchichte der Donna Eleonora beſchrieben wird. Sie erinnern ſich gewiß, daß dort eine Donna, eben ſo wie ich, durch ihren Vater in ſtrenger Verwahrung gehalten wird, daß ihr Geliebter ſich mit Huͤlfe einer Strickleiter zu ihr ſchleicht, ſie entfuͤhrt und ſie dann durch eine heimliche Ver⸗ maͤhlung zum gluͤcklichen Weibe macht.“ „Nein, bei der heiligen Jungfrau,“ rief ihr Vater aus,„das ſoll nimmermehr geſchehen.“ Er ſah eine Menge Schwierigkeiten bei einem ſo aben⸗ theuerlichen Unternehmen voraus, beſonders aber, daß der Ritter die Rolle, die ihm zugetheilt war, nie uͤbernehmen wuͤrde, und verwuͤnſchte daher die Buͤcher tauſend Mal, die ſeiner Tochter ſo uͤber⸗ 74 ſpannte Ideen in den Kopf geſetzt hatten. Blanka aber zeigte ſich feſt entſchloſſen ſie erklaͤrte, daß ſie ſich lieber ſelbſt umbringen, als nur in dem kleinſten Punkte von ihrem Vorſatze abweichen werde, und ihr Vater ſah ſich endlich gezwungen, ſeine Einwilligung zu geben. Demzufolge ward nun feſtgeſetzt, daß der Ritter am folgenden Abend, mit Anbruch der Nacht, unter ihr Fenſter kom⸗ men und ihr eine Serenade bringen ſollte; ent⸗ zuͤckt uͤber ſeine herrliche Muſik wollte ſie dann eine Strickleiter aus dem Fenſter fallen laſſen, und ihm ſo den Weg in ihr Zimmer bahnen. Da aber ihr Vater um dieſe Zeit ſeine gewöhn⸗ liche nächtliche Ronde zu machen pflegte, mufßte ſie den Geliebten in ihrem Kabinette verbergen; dann, wenn ihr Vater ſich wieder entfernt hätte, ſollten beide auf der Strickleiter hinabſteigen, am Gartenthore zwei ſluͤchtige Renner finden, und mit Huͤlfe derſelben ihre Flucht ſogleich weiter fortſetzen. „Und wenn nur in der geringſten Kleinigkeit dieſe Anordnungen nicht erfuͤllt werden,“ fuhr ſie mit Entſchloſſenheit fort,„ſoll der Ritter nie ſo viel von mir beſitzen, als ein Fingerreif zu um⸗ ſchließen vermag.“ Unter gegenſeitiger Verſiche⸗ rung genauer Erfuͤllung des Beſprochenen, war⸗ teten Alle ruhig die Zeit des Poſſenſpieles ab. Die folgende Nacht ſtand Donna Blanka an 75 ihrem Fenſter, und zur beſtimmten Zeit erſchien der Ritter, auf ſeiner Guitarre klimpernd; doch gleichſam als wolle ſie ſich ſeiner entledigen, ſtellte ſie ſich, als verkenne ſie ſeine Muſik. „Ach!“ rief ſie,„das iſt ja wahrhaftig eine Serenade, um einen Menſchen aus dem ewigen Schlafe zu erwecken. Ich bitte Euch, macht Euch wenigſtens eine Meile weit aus dem Wege mit Eurer abſcheulichen Stimme, oder ich will Euch mit einem Musketenſchuſſe antworten.“ Der Ritter gerieth daruͤber in ungeheuere Wuth, ſtampfte mit dem Fuße und ſchwur bei allen Hei⸗ ligen; als er aber des Musketenſchuſſes erwaͤh⸗ nen hoͤrte, machte er Miene davon zu laufen. Dies bewog die Dame ſeines Herzens, die Leiter herabfallen zu laſſen, und ihm nun ohne weite⸗ ren Verzug zu geſtatten, daß er zu ihr herauf⸗ ſteige. Es war fuͤr ihn, wie man ſich leicht den⸗ ken kann, ein ſchwieriges und gefaͤhrliches Unter⸗ nehmen, nur ein Stockwerk hoch hinauf zu klet⸗ tern; endlich erreichte er gluͤcklich den Balkon, doch in einer Laune, welche ganz dazu gemacht war, den Plan zu der ſchoͤnen romantiſchen Un⸗ ternehmung uͤber den Haufen zu werfen. Kurz, er beſchloß, nicht einen Schritt mehr in der ver⸗ wuͤnſchten Geſchichte zu thun. Doch Blanka ſagte ihm, daß er jetzt, zum erſten und letzten Male, —— 76 durchaus ihren Willen befolgen muͤſſe, der bald nur dem ſeinigen untergeordnet ſeyn werde; ſie beſaͤnftigte ihn uͤberdies noch durch einige Zeichen ihrer Gunſt, und bewog ihn dadurch, ſich in ih⸗ rem Kabinette einſchließen zu laſſen. Die Dame legte ſich hierauf zu Bett; bald danach klopfte ihr Vater an ihre Thuͤr. Sie ant⸗ wortete ihm, er koͤnne hereinkommen, und er trat nun, eine finſter brennende Laterne in der Hand, in das Zimmer, und fragte, ob ſie ſchon ſchliefe; ſie entgegnete, daß ſie eben im Entſchlummern ſey. „Nun,“ ſagte er, nachdem er ihr eine gute Nacht gewuͤnſcht hatte,„bin ich nicht ein ſehr liebevoller Vater, daß ich mich ſo in alle Beine Launen fuͤge? Wahrhaftig, ich habe die Rede vergeſſen, die ich hier halten ſollte; doch ich bitte Dich, Blanka, ſieh Dich wohl vor, und halt die Leiter feſt, ſonſt koͤnnteſt Du leicht einen toͤdt⸗ lichen Fall thun, und ich wuͤrde mich dann nicht troͤſten koͤnnen, daß ich ſo ſchwach war⸗ Deine Bitte zu bewilligen.“ Nach dieſen Worten ging er auf ſein eige⸗ nes Zimmer zuruͤck, und dankte hier Gott, daß die Thorheit der Beendigung ſo nahe ſey. Jetzt blieb ihm nur noch der Brief zu empfangen, der ihm geſchickt werden ſollte, gleichſam um ſeine väterliche Verzeihung und ſeinen Segen zu erflehen. 77 Dieſen Brief brachte ihm auch wirklich zur gehoͤri⸗ gen Zeit ein Diener, und er las nun, wie folgt: „Haͤtten Sie mich mit Liebe und Guͤte wie Ihr Kind behandelt, wuͤrde ich mit Freuden in Ihnen meinen Vater verehrt haben. Doch Sie trugen immer nur eine Goldboͤrſe ſtatt eines menſch⸗ lichen Herzens im Buſen, und deßhalb habe ich mir die Freiheit genommen, mich aus eigener Machtvollkommenheit an einen Ort zu verfugen, wo mir das hoͤchſte Gluck nicht fehlen wird. Was den trunkenen Ritter betrifft, den Sie mir zum Gatten zu erwählen fuͤr gut hielten, ſo werden Sie ihn in meinem Kabinet eingeſchloſſen finden. Nicht gern machte ich Sie ſelbſt zu einem Werk⸗ zeuge meiner Flucht; doch bei Ihrer unendlichen Wachſamkeit durfte ich nicht auf ein gluͤckliches Entkommen hoffen, wenn Sie mir nicht ſelbſt die Leiter gaben. Nothwendigkeit war die Mutter, und Liebe der Vater meiner Erfindung. Dieſen Streich ausgenommen, hatte ich nie eine ſolche lächerliche Liebe zum Romantiſchen, und habe ſie auch jetzt noch nicht; deßhalb verachte ich weder Ihre Verzeihung, noch werde ich verzweifeln, wenn Sie mir dieſelbe nicht gewaͤhren; ich gehe einem be⸗ ſcheidenen Gluͤcke entgegen, wie ich hoffe, daß es fur meine natuͤrlichen Neigungen paſſend ſeyn wird.“ „Leben Sie wohl.— Ehe Sie dieſes leſen, 78 ——— bpin ich in den Armen meines theuren Joöſeph Cä⸗ ſtello, eines Edelmannes von ſo hohem Verdienſte⸗ daß Sie durch einen ſ chen Sohn mehr gewin⸗ nen wuͤrden, als Sie bürch eine Tochter einbuͤß⸗ ten, die ihrer Pflicht ſo vergeſſen konnte, wie 303 bdco Blanka.“ Bei Leſung dieſes Briefes verfiel der alte Mann in die furchterlichſte Wuth. Er entließ den Ritter aus ſeinem Gefängniſſe, und Beide machten ſich ſo bittere Vorwuͤrfe, und zankten ſich ſo lange mit einander herum, daß daruͤber alle Hoffnung verſchwunden war, die Fluͤchtlinge noch einzuholen, hätte man ſelbſt gewußt, in wel⸗ cher Richtung ſie entflohen waren. Auf ſolche Art entkam die Donna Blanka einem ſchweren Gefaͤngniſſe und einem verhaßten Bewerberz der Brief, den wir hier mittheilten, wird noch bis auf dieſe Stunde als ein Beweis ihres Verſtandes aufbewahrt. Aber ihr Vater verzieh ihr ihre Flucht nie. Selbſt noch auf dem Todtenbette ſagte er, als man ihm davon ſprach, ſich mit ihr auszuſoͤhnen:„Nie kann ich ihr verzeihen, da ich ihre Flucht mir ſelbſt nie ver⸗ zichen habe.“ Mit dieſen Worten auf ſeinen Lippen hauchte er ſeinen Geiſt aus. — IMI. Bazardo. — —„ In Sevilla hat Jeder von dem beruͤchtigten Raͤu⸗ ber Bazardo gehoͤrt. Vielen aber wird eines der auffallendſten Ereigniſſe ſeines Lebens, welches ich hier zu erzaͤhlen im Begriffe ſtehe, noch unbekannt ſeyn, und ich glaube daher, daß mein Bericht nicht ganz unwillkommen iſt. Der Verworfene, von dem wir ſprechen wol⸗ len, ward in dem ſchoͤnen Cadiz geboren, und war von dunkler Herkunft. Zu der Zeit, von der ich ſprechen will, lebte er indeſſen in Sevilla. Hieher war er kurz zuvor aus Weſtindien ange⸗ langt; er war dort mehrere Jahre geweſen, hatte, auf rechtmaͤßigem oder unrechtmaͤßigem Wege ein bedeutendes Vermoͤgen erworben, und dies ſicherte ihm hier die aͤußere Erſcheinung und den Rang eines Edelmannes. Wenige Tage nach ſeiner Ankunft in Sevilla ging er ſchon am fruͤhen Morgen durch eine der Nebenſtraßen der Stadt; hier zog ein armes Weib, welches ängſtlich nach dem Fenſter eines Bäcker⸗ 6 82 ladens ſahe, ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Sie ſah bleich und verhungert aus, und war in bloße Lumpen gehuͤllt; dies Alles gab ihr ein ſo be⸗ mitleidenswerthes Anſehen, daß ſelbſt ein Raͤu⸗ ber, haͤtte er nur noch den kleinſten Reſt der Menſchlichkeit in ſeinem Buſen gehegt, ihr ein Almoſen gereicht haben wuͤrde. Bazardo aber be⸗ gnuͤgte ſich, das Weib aus einiger Entfernung zu beobachten; ſchnell warf es einen ſpähenden Blick rings um ſich her, jedoch ohne den Lauſcher zu bemerken, ſtreckte dann den duͤrren Arm durch eine Oeffnung des Fenſters, und ergriff ein klei⸗ nes Brod. Haſtig lief ſie mit ihrer Beute da⸗ von, doch, ſey es nun aus Angſt oder aus Ent⸗ kräftung, ſo langſam, daß Bazardo ſie in einem Sprunge eingeholt hatte. Er ergriff ſie bei dem Arme, und begann, obgleich ſelbſt einer der größ⸗ ten Diebe, ihr heftige Vorwuͤrfe daruͤber zu ma⸗ chen, daß ſie ſich unrechtmäßig fremden Eigen⸗ thumes bemaͤchtigt habe. Das arme Weib erwiederte nichts, ſondern ſtieß nur einen ſchwachen Angſtſchrei aus, und ſteckte das Brod, unbemerkt von ihrem Verfol⸗ ger, durch eine kleine Oeffnung in der Thuͤr des Hauſes, vor welchem ſie eben ſtand. Dann wandte ſie ihr bleiches, kummerbelaſtetes Geſicht, aus dem der gräßlichſte Hunger in verſtändlichen Zuͤgen 83 ſprach, gegen Bazardo, und beſchwor ihn bei der Liebe zu Gott., Mitleid mit ihr zu haben, und ſie frei zu laſſen. Sie ſagte ihm, ſie ſey keine Diebin, ſondern ein elendes Weib, welches ihm von ihrem eigenen Leben eine Geſchichte erzaͤhlen könnte, die gewiß ſeine Theilnahme erwecken muͤßte; doch vermoͤchte ſie es jetzt nicht, da es ihr das Herz brechen wuͤrde. Aber ihre Bitte ruͤhrte ihn nicht; auch der Baͤcker kam hinzu, und beſtand auf Zuruͤckgabe des Brodes. Die arme Fran antwortete hierauf nur mit ihren Thraͤnen; die Hartherzigen achteten deſſen nicht, und ſchleppten ſie mit ſich fort, mit einer Heftigkeit, als hätte ſie ihnen wirklichen Widerſtand zu leiſten ver⸗ mocht. Indeſſen hatten ſich eine Menge Menſchen verſammelt; Alle waren durch die Grauſamkeit gegen das arme Geſchöpf empoͤrt, und als ſie hoͤrten, wie unendlich gering der Werth des Ge⸗ ſtohlenen ſey, da begnuͤgten ſie ſich nicht mehr mit Verwuͤnſchungen gegen die Unmenſchen, ſon⸗ dern fingen an, auf Bazardo und den Bäaͤcker loszuſchlagen. Dieſe aber ließen ihre Beute nicht fahren; die Wache war in der Naͤhe, und die Arme ward ſogleich der Polizei uͤberliefert. Eben war Sitzung, und die Sache daher auf der Stelle vorgenommen. 6* . „ 5.—— ⸗ ————. ——————— E — 84 Während der Anklage Bazardo's ſtand das arme Weib ſchweigend da; als er aber des Wi⸗ derſtandes erwaͤhnte, den ſie ihm geleiſtet haben ſollte, wie er ſich ihrer bemächtigte, da unterbrach ſie ihn ploͤtzlich, hob die fleiſchloſen Arme gen Himmel, und fragte dann, ſich an die Richter wendend, ob dieſe Arme, die zu kraftlos waͤren, ihr ihren täglichen Nahrungsbedarf durch Arbeit zu erwerben, wohl einem kraͤftigen Manne Wi⸗ derſtand zu leiſten vermoͤchten. Bei dieſen Worten, die ſie in feierlichem Tone ausſprach, regte ſich ein allgemeines Gemurre des unwillens gegen den Anklaͤger.— Als die Klage geendet war, ſagte man ihr, da nur ein Zeuge gegen ſie ausgeſagt habe, konne ſie ihrer Schuld nicht anders uͤberfuͤhrt werden, als durch ihr eige⸗ nes Geſtaͤndniß. Aber ſie verachtete es, die Wahr⸗ heit zu verlaͤugnen, oder ſelbſt ihren Anklager Lü⸗ gen zu ſtrafen, denn Alle waren willig und be⸗ reit, ihr zu glauben, wenn ſie nur mit zwei Wor⸗ ten betheuert haͤtte, daß ſie unſchuldig angeklagt ſey. Frei und offen geſtand ſie den Diebſtahl ein, und ſetzte hinzu, daß ſie bei gleicher Noth nochmals eine gleiche Suͤnde zu begehen gezwun⸗ gen ſey. Bei dieſem Bekenntniſſe bedeckte ſie ihr Geſicht mit beiden Händen, und rief mit thra⸗ X 85 nenerſtickter Stimme:„Fuͤr meine Kinder!— Ach, nur fuͤr meine armen Kinder!“ Bei dieſem Ausrufe vermochte ſelbſt der Rich⸗ ter ſeine Thränen nicht zuruͤckzuhalten, ſondern ſagte ihr mit geruͤhrter Stimme, daß es zu ihrer Entſchuldigung keiner Worte mehr beduͤrfe. Er klagte laut daruͤber, daß die Welt ſo wenig Mit⸗ leid beſitze, einem Vergehen, wie das ihrige, nicht „aus eigenem Antriebe vorzubeugen. Er äußerte hierauf den herzlichen Wunſch, genauer von ihrer Lage unterrichtet zu werden. Sie dankte ihm aufrichtig, flehte Gott um Segen fuͤr Alle die an, welche ihr ſo viel Theilnahme bewieſen hatten, und begann dann ihre traurige Geſchichte. Sie war, wie ſie ſagte, die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns in Cadiz, und hatte eine ſo vollkommene Erziehung genoſſen, wie ſie ihrem Stande angemeſſen war. Zu ihrem Un⸗ gluͤck gab ſie den Schmeicheleien eines Offiziers der königlichen Garde Gehör. Sie heirathete ihn, und übergab ihm ihr ganzes Vermoͤgen. Statt ſich aber dafuͤr dankbar gegen ſie zu zeigen, brachte er das Ihrige in luͤderlichem Lebenswandel durch; endlich verließ er ſie heimlich, ſie und ihre beiden Kinder der Sorge deſſen anheimgebend, der die Voͤgel des Himmels ernaͤhrt.— 86 Hier brach ihr die Stimme beinah. Sie bat ihres Vergehens wegen um Verzeihung und ſagte, ſeit zwei Tagen haͤtte ſie fuͤr ſich und ihre beiden Kinder keine Nahrung gehabt, und wuͤrde ver⸗ hungert ſeyn, wenn ſie nicht durch Gottes Gnade eine Ratte gefangen haͤtte, die ſie ſic zur Mahl⸗ zeit zubereitete. Der Richter war tief erſchuͤttert, und gab ſo⸗ gleich Befehl, einige Nahrungsmittel herbeizuſchaf⸗ fenz ſie weigerte ſich aber einen Biſſen zu be⸗ ruͤhren, und ſagte, ſo lange ihre Kinder noch hun⸗ gerten, vermöge auch ſie nicht zu eſſen; dagegen bat ſie um die Erlaubniß, ſich ſetzen und den Kopf auf die Haͤnde ſtuͤtzen zu duͤrfen. So ſaß ſie ſchweigend da, während die Blicke aller Um⸗ ſtehenden voll Mitleid auf ihr ruheten, auf ihr, die ſelbſt noch in ihrem Elende ſchoͤn und von der größten Gemaͤchlichkeit ſo tief herabgeſtuͤtzt war. Der Richter ſandte indeſſen einige ſeiner Un⸗ terbeamten ab, die Kinder zu holen.— Nach einer kleinen Pauſe fuhr die Ungluͤckliche dann in ihrer Geſchichte fort. Zwei Jahre hindurch hatte ſie ſich und ihre Kinder dadurch erhalten, daß ſie Stickereien und andere feine weibliche Arbeiten machte; dann aber war ſie durch allzugroße Anſtrengung und den be⸗ 87 ſtaͤndig unterdruͤckten herben Kummer auf das Krankenlager geworfen, und ſo ihrer Kraͤfte be⸗ raubt worden; nun war ihr keine andere Huͤlfe geblieben, als zu verkaufen, was ſie irgend von Werth beſaß. Endlich hatte ſie nichts mehr ge⸗ habt, als die Lumpen, die ſie jetzt auf dem Leibe trug, und ihren Trauring; lieber, ſagte ſie, wolle ſie ſterben, als von dieſem ſich trennen.„Denn noch immer,“ fuhr ſie fort,„lebe ich der Hoff⸗ nung, mein Gatte werde einſt noch zu mir zu⸗ ruͤckkehren.— Und dann, Bazardo“ rief ſie aus,„moͤge der Himmel dir ſo verzeihen, wie ich dir alles Ungluͤck verzeihen wuͤrde, welches du auf mich haͤufteſt.“ Bei Nennung dieſes Namens ward ihr An⸗ kläger plotzlich marmorbleich, und verſuchte, ſich unbemerkt zu entfernen. Die Maſſe aber hielt ihn zuruͤck, damit er gezwungen ſey, die betruͤ⸗ vende Geſchichte, fuͤr welche er ſo wenig Theil⸗ nahme bezeigt hatte, vollends auszuhören. So mußte er denn nothgedrungen auf ſeinem Platze ſtehen bleiben. Aber er ſchmeichelte ſich, daß die ſengende Sonne Indiens ſeine Zuge hinläng⸗ lich veraͤndert haben wuͤrde, um ihn der unkennt⸗ lich zu machen, die der Gegenſtand ſeiner Grau⸗ ſamkeit war. Doch der Schiffskapitain, mit dem 88 Bazardo angelangt war, befand ſich im Saale gegenwaͤrtig; verwundert daruͤber, daß ſein Schiff, einen ſolchen Boͤſewicht am Bord, die Reiſe gluͤcklich zuruͤckgelegt habe, und emport uͤber das herzloſe Benehmen Bazardo's, nannte er denſel⸗ ben laut bei Namen, und ſtellte ihn ſo der tief⸗ ſten Verachtung aller Anweſenden blos. Bei dieſer Entdeckung entſtand unter der Menge plötzlich eine allgemeine Bewegung, und trotz der Gegenwart des Richters und der flehent⸗ lichen Bitten ſeiner verſtoßenen Gattin, wuͤrde der Boͤſewicht von dem wuͤthenden Volke in Stuͤcken geriſſen worden ſeyn, haͤtte ſich nicht noch zu rechter Zeit die Wache ſeiner ange⸗ nommen. Waͤhrend deſſen waren auch auf der entge⸗ gengeſetzten Seite die Leute in den Saal zuruͤck⸗ gekehrt, welche abgeſchickt worden, die Kinder zu holen. Sie naheten ſich dem Richter, und leg⸗ ten etwas vor ihm auf den Tiſch; noch ehe man erkennen konnte, was es ſey, bedeckten ſie es mit einem leinenen Tuche. Als ſie darauf be⸗ fragt wurden, erklaͤrten ſie, daß ſie, ſich dem bezeichneten Hauſe naͤhernd, das Wehgeſchrei eines Kindes vernommen hätten. Als ſie hierauf ein⸗ getreten waͤren, haͤtten ſie ein Kind geſehen, wel⸗ ———— 89 ches ſich, heftig weinend, auf ein anderes gewor⸗ fen hatte; das ausgeſtreckt am Boden lag; ſie vermutheten nun, dies letztere ſey vor Hunger geſtorben, als ſie aber naͤher traten, entdeckten ſie, daß es auf der linken Seite eine tiefe Wunde habe. Noch war das Kind warm geweſen und hatte geathmet, gleich darauf aber war es geſtor⸗ ben. Als ſie dies ſagten, zeigten ſie auf den Leichnam, welcher auf dem Tiſche unter dem Tuche lag, durch welches das Blut während der Zeit ſchon gedrungen war. Ueber die Urſache der Verwundung des Kindes oder uͤber Thäter, ver⸗ wochten ſie durchaus nichts anzugeben, nicht nur, weil das Haus von Niemand bewohnt ward, als von der armen Frau, ſondern auch, weil das andere Kind ſo erſchreckt, oder ſo ſehr von Kum⸗ mer ergriffen war, daß es auf alle Fragen keine Antwort zu geben vermochte. Das Geſchrei deſ⸗ ſelben toͤnte in dieſem Augenblicke in der That von dem angrenzenden Gemache heruͤber; bei die⸗ ſem Laute ſah die Mutter wild um ſich her, erblickte das, was auf dem Tiſche kag, zog das Tuch hinweg, und ſtellte ſo den Leichnam den Blicken Aller blos. Das Kind war abgemagert und verhungert, und hatte auf der linken Seite des Buſens eine tiefe, klaffende Wunde, aus der das Blut auf des Schreibers Papiere rann, 90 ſo daß der Bogen, welcher die Verhandlungen uͤber das Vergehen der Ungluͤcklichen enthielt, einen neuen Beweis ihres grenzenloſen Elendes empfing. Bei dieſem Anblicke ſtieß das verſammelte Volk einen allgemeinen Ruf des Abſcheus aus, und der ganze Saal tonte von dem Klaggeſchrei der Mutter wieder; Mehrere konnten einen ſol⸗ chen Ton nicht ertragen, und verließen haſtig die Halle; Andere hielten ſich die Ohren mit⸗ den Händen zu, um das furchterliche Angſtgeſchrei nicht zu hoͤren. Endlich, als die Arme nicht mehr zu ſchreien vermochte, ſondern erſchoͤpft, einer Todten gleich, dalag, erhob ſich der Richter von ſeinem Sitze und befahl, das lebende Kind herein zu holen und das todte hinweg zu ſchaf⸗ fen. Dann verſuchte er, theils durch Güte, theils durch Drohungen zu erfahren, was der Grund des traurigen Ereigniſſes ſey. Lange Zeit antwortete das arme Kind, durch Hunger und Angſt erſchopft, auf keine der Fra⸗ gen, ſondern ſeufzte nur und zitterte ſo heftig, als ſollten die zarten Glieder auseinanderfallen. Endlich ward es durch den Richter beruhigt, ſchoͤpfte, nachdem es ein Glas Wein, welches man ihm reichte, getrunken, einige Kräfte, und erzaͤhlte dann Folgendes: 91 Die Mutter hatte den beiden Kindern fruh am Morgen verſprochen, ihnen etwas Brod zu ſchaffen; als ſie aber längere Zeit abweſend war, und er und ſein kleiner Bruder immer hungriger wurden, warfen ſie ſich auf den Boden, und weinten bitterlich. Waͤhrend ſie ſo ſchrieen, ward ein kleines Brod durch die Thuͤr zu ihnen hin⸗ eingeworfen; Beide waren faſt zu Tode gehun⸗ gert, und Beide ſtrengten ihre letzten Kraͤfte an, ſich des Brodes zu bemaͤchtigen; dabei hatte das Kind das Ungluͤck, den Bruder mit einem Meſ⸗ ſer, welches es in der Hand hielt, gefaͤhrlich zu verwunden.— Nach dieſem Geſtaͤndniſſe brach der Fleine auf's Neue in Thraͤnen aus, und be⸗ ſchwur den Richter, Mitleid mit ihm zu haben, und ihn nicht haͤngen zu laſſen. Waͤhrend der ganzen Zeit blieb der grauſame Bazardo ungeruͤhrt; mit ſtrengen Worten machte der Richter ihm Vorwuͤrfe, und befahl dann, ihn in das Gefängniß zu bringen. Hierauf be⸗ klagte er nochmals, daß die chriſtliche Milde und Wohlthaͤtigkeit nicht freiwillig in das Mittel trete, dergleichen furchtbare Auftritte, wie die eben er⸗ lebten, zu verhindern. Mehr bedurfte es nicht.— Von allen Sei⸗ ten ward Geld zur Unterſtutzung der Ungluͤcklichen 92 dargebracht; dieſe aber weigerte ſich, es anzuneh⸗ men, ſchwur, daß ſie ihr Kind niemals fuͤr elen⸗ des Geld verkaufen werde, und ſtuͤrzte auf die Straße hinaus. Hier wiederholte ſie dieſelben Worte, fiel dann an der Thuͤr ihrer eigenen Wohnung zu Boden, und hauchte den Geiſt aus, als Maͤrtyrerin des Hungers und des Kum⸗ mers. — IV. Die Flucht aus dem Barem. — In dem Seekriege zwiſchen den Genueſern und den Tuͤrken, wurden die Unglaͤubigen zwar unter zehn Gefechten neun Mal geſchlagen, dennoch aber fiel ihnen dann und wann ein chriſtliches Fahrzeug in die Haͤnde. Durch ein ſolches Miß⸗ geſchick war auch Benetto, ein italieniſcher Edel⸗ mann und Lehrer des Geſanges, auf einer Kunſt⸗ reiſe nach England begriffen, in die Gewalt des Feindes gerathen. Tapfer vertheidigte er ſich ge⸗ gen die uͤberlegene Anzahl, bis er uͤberwaͤltigt, mit Ketten belaſtet, und an Bord des turkiſchen Schiffes gebracht ward. Dies hatte in dem Ge⸗ fechte ſehr gelitten, und ſegelte daher ſo ſchnell als moͤglich dem Hafen zu, wo alle die Gefan⸗ genen dem Meiſtbietenden als Sklaven verkauft wurden. Benetto traf das gluͤckliche Loos, daß er von einem Agenten des Sultans gekauft, und nach Konſtantinopel geſchickt ward, als Gehuͤlfe in dem Garten des Serails zu arbeiten. Andere 96 ſeiner Ungluͤcksgefaͤhrten dagegen hatten mannig⸗ fache Leiden zu erdulden, und gingen oft aus einer Hand in die andere, ohne deshalb ihre Lage verbeſſert zu ſehen. Der gluͤckliche Benetto aber konnte ein ziemlich gemaͤchliches Leben fuͤhren, denn ihm lag nichts ob, als fuͤr die Blumen Sorge zu tragen, die den Damen des Harems beſtimmt waren, und in dem Garten leichte Ar⸗ beit zu verrichten. Dabei gereichte es ihm zum groͤßten Troſte, daß er nicht um eine Geliebte in fernen Ländern zu trauern hatte. So ſeufzte er zwar oft nach der Freiheit, aber nie uͤberließ er ſich, wie ſo viele andere Gefangene, gäͤnzlicher Hoffnungsloſigkeit. Zufrieden mit ſeinem Looſe pflanzte und be⸗ goß er die Blumen, als wäre er zu dieſem Ge⸗ ſchäfte geboren und erzogen; denn er hatte jenen gluͤcklichen Charakter, der ſich in jede Lage des Lebens zu fuͤgen und zu ſchicken weiß. Dazu kam noch, daß der Oberaufſeher der Gaͤrten eben ſo heiteren Sinnes war, als er ſelbſt, und da⸗ durch zu ſeiner Aufheiterung nicht wenig bei⸗ trug. Benetto that auch gewiß ſehr wohl daran, den Muth nicht ſo ſinken zu laſſen, wie die ge⸗ fangenen Juden in Babylon. Er hatte von der Natur eine melodiſche Stimme zur Mitgift erhalten, und dieſelbe durch Kunſt 97 Kunſt vollkommen ausgebildet, denn die Muſik war ſtets ſein Hauptſtudium geweſen. So er⸗ heiterte er ſich denn oft, wenn die Arbeit des Tages beendigt war, durch den Geſang ſeiner Lieblingslieder. Gluͤcklicherweiſe lagen die Zimmer der Frauen des Harems ſo, daß Benettos Stimme durch deren Fenſter den Weg zu dem Ohre der Damen fand, denn alle Nächte ſtanden die Fenſter offen, um dem ſchmelzenden Geſange der Nachtigallen den Eingang zu geſtatten. Das Geſpraͤch der Damen ſiel eines Abends auf die entzuͤckenden Toͤne dieſes Vogels und deſſen Liebe zu der Roſe. Da entwand ſich dem Buſen einer der Sultaninnen, einer Cirkaſſierin, ein lauter Seuf⸗ zer, und ſie ſagte, daß ſie eine Stimme wiſſe, die noch weit lieblicher tone, als die der Nach⸗ „Was den Vogel betrifft, dem ſie angehoͤrt,“ fuhr ſie fort,„ſo glaube ich, daß er von herr⸗ licher Geſtalt und glänzendem Gefieder ſeyn muß; von dem, was er ſingt, kann ich zwar nicht einen einzigen Laut verſtehen, aber dennoch ſcheint es mir, als muͤßte ſein Geſang die reinſte, gluͤ⸗ hendſte Leidenſchaft athmen.“ Bei dieſem Geſpraͤche brach eine der Damen in Thraͤnen aus, und ſtuͤtte das Haupt auf die 1 ——— 98 Hand, denn ſie war eine Italienerin von Geburt, und erinnerte ſich mit Wehmuth der ſchoͤnen, harmoniſchen Sprache ihres Vaterlandes. Bei dieſem Ausbruche des Schmerzes draͤngten ſich die andern Frauen um ſie her, und fragten nach der Urſache ihres Kummers. „Ach,“ ſeufzte ſie,„der Geſang, den Ihr hoͤrt, ruͤhrt von keinem Vogel her, ſondern von einer menſchlichen Stimme, die irgend einem un⸗ gluͤcklichen Gefangenen gehoͤrt, den ſein boͤſes Geſchick aus meinem eigenen geliebten Vaterlande hieher warf. Mich wundert es nicht, daß Ihr ſeinen Geſang ſo melodiſch findet; ach er iſt un⸗ ſerem ſchoͤnen Lande eigenthuͤmlich. Unſere Lie⸗ der athmen Liebe und Zaͤrtlichkeit ſo ſehr, daß die verliebte Roſe, ſtatt ihren Kelch bei dem Ge⸗ ſange der Nachtigall zu oͤffnen, bei dem des lie⸗ begluͤhenden Mannes ſich Fluͤgel wuͤnſchen, und ihm entgegenfliegen moͤchte.“ Die Sprecherin uͤbertrieb nicht, indem ſie ſo zu ihren Gefaͤhrtinnen redete, ſo ſehr befeuert die Erinnerung an Beliebtes die Einbildungs⸗ kraft.— Jetzt trug der Fluͤgel des Windes die Toͤne von Benetto's klangreicher Stimme wieder zu den Frauen heruͤber; und als er ſchwieg, ant⸗ wortete ihm die trauernde Landsmaͤnnin mit einem ſo ſchmelzenden Liedchen, daß die Zuhoͤrerinnen, ,— ,— 99 obgleich ſie die Worte nicht verſtanden, vor Ruͤh⸗ rung in Thraͤnen zerfließen wollten. Die Saͤn⸗ gerin ſelbſt ward von ihren Gefuͤhlen ſo ſehr uͤberwaͤltigt, daß ſie inne halten mußte, als ſie an eine Stelle des Liedes kam, die ſo viel Be⸗ zug auf ihre Lage hatte, daß ſie ihr das Herz zu brechen drohte. Verzweiflungsvoll warf ſie ſich auf den wollüſtig gepolſterten Divan, und ließ hier ihren Thraͤnen ungeſtoͤrten Lauf. Benetto, der die Stimme gehoͤrt hatte, war indeſſen den Fenſtern naͤher geſchlichen; hier er⸗ kannte er die Sprache ſeines Vaterlandes, und ihn erfaßte ein ſo ſchmerzliches Gefuͤhl, wie er es waͤhrend der ganzen Zeit ſeiner Gefangenſchaft noch nicht empfunden hatte. Bald aber ſam⸗ melte er ſich wieder; froh, daß es in Konſtanti⸗ nopel wenigſtens ein Weſen gebe, mit welchem er ein Duett ſingen koͤnne, ging ſein Sinnen jetzt nur dahin, wie er ſich Zutritt zu der Saͤn⸗ gerin zu verſchaffen vermöge. Er waͤhlte nun die beſten ſeiner Lieder und ſang ſie, mit dem zaͤrtlichſten Ausdrucke, in dem Garten, denn die Frauen wurden immer, ſobald es zu dunkeln begann, in den Palaſt eingeſchloſ⸗ ſen.— Nach einiger Zeit hoͤrte zufällig der Sultan ſelbſt ſeinen Geſang, und bekam Luſt, ihn auch in der Nahe zu vernehmen. Er ſen⸗ 7* . . 100 dete einen Sklaven ab, Benetto herbeizuholen, und dieſer mußte nun in einem Vorzimmer, das von dem Gemache der Frauen nur durch einen ſeidenen Vorhang getrennt war, ſeine beſten Stuͤcke ſingen. Als er dies mit der ganzen Kunſt that, die ihm zu Gebote ſtand, fuͤhlte ſich der Sultan, der fuͤr einen Unglaͤubigen ein ziemlich gebildetes Ohr hatte, entzuͤckt. Er lobte den Saͤnger gegen Angelina,(dies war der Name der Italienerin) und voll Kuͤhnheit antwortete dieſe ihm: „Sire, ich ſtimme ganz mit Ew. Majeſtaͤt darin uͤberein, daß der Sklave eine angenehme Stimme, und einen guten Vortrag hatz deſſen⸗ ungeachtet aber koͤnnen einige der Arien, und beſonders eine, ſo viel ich mich erinnere, noch mit ungleich zaͤrtlicherem Ausdrucke geſungen wer⸗ den. Wollten Ew. Majeſtaͤt geſtatten, daß ich den Geſang noch zwei oder drei Mal hoͤrte, ſo wuͤrde ich mich der Variationen darauf gewiß wieder entſinnen, und durch den Vortrag derſel⸗ ben Ew. Majeſtaͤt Vergnuͤgen beſtimmt noch er⸗ hoͤhen.“ Der Sultan, welcher Angelina's Stimme leidenſchaftlich liebte, befahl Benetto augenblick⸗ lich, den letzten Geſang, der jedes Ausdruckes der Zaͤrtlichkeit fahig war, nochmals zu ſingen. —,——— —— —,——— 101 Angelina aber verſtand die Kunſt des Improviſi⸗ rens, und wenn daher die Reihe des Singens an ſie kam, dichtete ſie ſich die Worte ſelbſt, und ſang daher Folgendes: „Ach Florenz! ſchoͤnes Florenz! Stadt mei⸗ nes Herzens, ſoll ich dich nimmer wiederſehen?“ „Mauern von Marmor und Thuͤren von Erz ſind zwiſchen uns— aber meine Gedanken wandern deine Straßen auf und nieder!“ „Mich duͤnkt, ich ſehe mein liebes Vater⸗ haus mit eben den Blumen geſchmuͤckt, die auf der Terraſſe bluͤhten, als ich es verließ!“ „Mich daͤucht, ich ſehe dich prachtvoller Arno, glänzend im Strahle der Sonne!“ „Ach meine Thränen waſchen dieſen ſchoͤnen Traum hinweg, wie Regenwolken das ſchoͤne Blau des Himmels verdraͤngen!“ „Wieder ſehe ich um mich, und nichts ent⸗ decke ich, als die Mauern meines Gefaͤngniſſes!“ Als ſie geendet hatte, antwortete Benetto, den Wink wohl verſtehend, auf gleiche Weiſe, doch mit weniger Beredtſamkeit. Er bat ſie, Hoffnung zu faſſen, und verſprach ihr, daß ſie, mit Gottes Huͤlfe ihr geliebtes Florenz einſt noch wiederſehen ſollte.— Damit war das Conzert beendigt, und er wurde entlaſſen, nachdem ihn 102 der Sultan, zum Zeichen ſeiner Zufriedenheit, mit einem Goldſtuͤcke beſchenkt hatte. Am naächſten Tage, als der Oberaufſeher durch die Gärten ging, nahete ſich ihm Benetto, und bat ihn um eine Saͤge, damit einen gewiſ⸗ ſen ſchaͤdlichen Baum faällen zu können. Der Oberaufſeher verlangte zu wiſſen, welcher es ſey, und Benetto zeigte nun auf einen Baum, an dem viele Zweige horizontal nahe an einander ſaßen; der Tuͤrke aber wollte durchaus nicht ge⸗ ſtatten, ihn zu faͤllen. Er ſey, ſagte er, von ſo ſeltner Art, daß er ſelbſt den Namen nicht einmal wiſſe; Benetto aber hatte auch ſein Theil Verſchlagenheit, und da im ganzen Garten kein Baum zu finden war, der ſeinen Abſichten ſo vollkommen entſprach, gab er ſeinen Vorſatz noch nicht auf. Aus dieſem Grunde begoß er die Blumen und Pflanzen in einer gewiſſen Entfernung um jenen Baum nicht, und da grade eine ſehr trok⸗ kene Witterung eintrat, verdorrten ſie ſehr bald. Nun fuͤhrte er den Oberaufſeher wieder an den Ort, zeigte ihm das Ungluͤck, welches ſich ereig⸗ net hatte, und ſagte dann:„Dieſer giftige Baum, deſſen Namen Ihr nicht kennet, iſt ohne Zweifel der verderbliche Upas von der Inſel Java, bekannt wegen ſeiner giftigen Natur; denn 103 unter dem Schatten ſeiner Zweige gedeiht keine andere Pflanze. Seht nur, wie die Kraͤuter rings umher abgeſtorben ſind, als ob ſie vom Feuer verzehrt worden wären; und wie ich geleſen habe, ſoll die giftige Atmosphare dieſes Baumes ſelbſt auf das Leben des Menſchen nachtheilig wirken. Sollte daher vielleicht zufällig eine von den Frauen des Harems unter dieſem Baume entſchlafen, ſo wuͤrde er ihr wohl eben ſo verderblich ſeyn, als der ungluͤckſelige Baum der Erkenntniß ihrer Groß⸗ mutter. In dem Falle waͤre unſer Beider Tod unvermeidlich, deßhalb wollte ich es weit lieber uͤbernehmen, obgleich jeder Splitter deſſelben, der in das Fleiſch dringt, unabwendbaren Tod bringt, den fuͤrchterlichen Baum zu fallen, als jene Ge⸗ fahr ſtets uͤber meinem Haupte ſchwebend zu wiſſen. Der gutmuͤthige Gartenaufſeher ſtimmte die⸗ ſer klugen Bemerkung bei, und Benetto erhielt auf der Stelle die Erlaubniß, den Baum zu fäl⸗ len, ſo bald er ſelbſt es wolle; er ſaͤumte auch nicht, von dieſer Erlaubniß Gebrauch zu machen. Nachdem er alle Zweige zu beiden Seiten nahe dem Stamme abgeſchnitten hatte, ſo daß der Baum einer Leiter nicht unaͤhnlich war, warf er ihn ſorglos in einen abgelegenen Winkel des Gartens. 104 An demſelben Abend ward Benetto abermals befohlen, in dem Vorzimmer zu ſingen. Er be⸗ gann mit dem melancholiſchen Geſange, den er das erſte Mal geſungen, doch augenblicklich befahl ihm eine Stimme von jenſeit des ſeidenen Vor⸗ hanges einzuhalten. „Ich habe bedacht,“ ſagte der Sultan, ſich zu Angelina wendend, die auf dem Divan neben ihm ſaß,„ich habe bedacht, daß es mir jetzt mehr Vergnuͤgen machen wuͤrde, irgend eine heitere Weiſe zu hoͤren. Die Lieder, welche ich bisher vernahm, waren zwar herrlich, doch alle von ern⸗ ſtem, melancholiſchen Charakter. Ich moͤchte wohl wiſſen, ob der Geiſt Eurer Muſik ſich auch zum Scherzhaften eignet.“ „Ich kann Ew. Hoheit verſichern,“ ſagte An⸗ gelina,„daß ſich kein Land ſo trefflicher heiterer, kleiner Lieder ruͤhmen kann, als mein Vaterland; wir haben zwar der klagenden Nachtigall viele un⸗ ſerer Lieder nachgebildet, doch auch den frhlchen Morgengeſang der Lerche lieben wir.“ „Du machſt mich ungeduldig, einen ſolchen zu hoͤren,“ erwiederte der Sultan. Darauf ſandte er einen Sklaven zu Benetto, dieſem den neuen Befehl bekannt zu machen. Er begann ſogleich eine heitere Weiſe, und da er gute Neuigkeiten 105 zu verkuͤnden hatte, mit dem lebhafteſten, ergrei⸗ fendſten Ausdrucke. Die Worte lauteten: „Leitern giebt es nicht an dieſem Otrt, von Stricken, noch von Holz!“ „Doch ich hab' einen ſchoͤnen Baum; vige Zweige an der Seite. Der kann uns als Leiter dienen!“ „Wie, wenn ich ihn gegen einer Dame Ker⸗ ker lehnte in der ſtillen Mitternacht?“ „Soll ich, wie Jakob, eine Geſtalt meine Leiter herabſteigen ſehen, den Engeln des Lichtes gleichend?“ Die Dame war uͤber dieſe Nachrichten hoch entzuͤckt, und begeiſtert durch ihre Freude antwor⸗ tete ſie in gleicher Weiſe mit folgenden Worten: „O Freude der Freuden!— Dieſe entzuͤcken⸗ den Nachrichten zu vernehmen.— Sie erſcheinen mir wie ein breiter, kurzer Weg, der zwiſchen mir liegt und Florenz!“ „Schon fuͤhl' ich mich, wie ein Vogel mit ungeſtutzten Fluͤgeln, in jenen wonnigen Raͤumen!“ „Stufe bei Stufe, wie ich herabſteige, breche ich die duftigen Bluͤthen der Freiheit, welche ſelbſt die Blumen meines Landes an Schoͤnheit uͤber⸗ bieten.“ Zufällig hatte das Lied, das ſie erwaͤhlten, am Ende einen Chor; als Angelina an die Stelle ———=— ———— S ——— 106 kam, ſtimmte Benetto, zur groͤßten Freude des Sultans, in ihren Geſang mit ein. Bei der bald darauf folgenden Entlaſſung Benetto's überreichte man ihm wieder ein Goldſtuͤck zum Lohne, wel⸗ ches den Gefangenen bewog, die Ausfuͤhrung ſei⸗ nes Planes bis zu einer andern Nacht zu ver⸗ ſchieben. Als am folgenden Nachmittage der Oberauf⸗ ſeher in den Garten kam, war er nicht wenig uͤberraſcht, Benetto mit einem Spaten arbeiten zu ſehen, deſſen Stiel, ſchwer und roh bearbeitet, wenigſtens ein Dutzend Fuß lang war. Der luſtige Tuͤrke ſtemmte bei dieſem Anblicke beide Paͤnde in die Seiten, und brach in ein unmaͤßiges Ge⸗ laͤchter aus, denn Benetto handhabte dieſes ſchwer⸗ faͤllige Inſtrument mit der groößten Ernſthaftig⸗ keit. Endlich jedoch kam der Oberaufſeher wie⸗ der zu Athem, und fragte, was die ungewöhn⸗ liche Erſcheinung bedeuten ſolle?— Benetto antwortete, ohne den Kopf zur Seite zu wenden, daß es der allgemeine Gebrauch ſei⸗ nes Landes ſey, ſich der Spaten mit Griffen von ſolcher Laͤnge zu bedienen. „Mun, der Prophet verzeihe mir,“ entgegnete er,„Du haſt mir wahrlich Luſt gemacht, zu rei⸗ ſen, weil man in der Fremde ſolche Sonderbar⸗ keiten ſehen kann.“ — 107 Waͤhrend der Zeit ſetzte Benetto ſeine Ar⸗ beit mit unveraͤndertem Ernſte fort, obgleich die Anſtrengung, die er dazu noͤthig hatte, ihm den Schweiß in großen Tropfen auf die Stirne trieb. Als endlich der Tuͤrke mit Lachen etwas nachließ, benutzte er die willkommene Pauſe, ihm zu erklaͤ⸗ ren, daß man ſich in Italien ſolcher Spaten be⸗ diene, um die Mitte eines Beetes erreichen zu koͤnnen, ohne auf demſelben herum zu treten. „Das laͤßt ſich hoͤren,“ entgegnete der Tuͤrke. Hierauf nahm er den Spaten aus Benetto's Hand, und verſuchte etwas Unkraut auf der Mitte des Beetes auszuſtechen; aber gleich bei dem erſten Stoße ſchlug er eine ganze Menge Blumen zu Boden. Er brach nun auf's Neue in lautes Gelaͤch⸗ ter aus, und gab den wunderbaren Spaten an Benetto zuruͤck, der ſeine Arbeit damit fortſetzte, ohne eine Miene zu verziehen. Der Muſelmann ging nun von dannen, wendete aber noch oft den Kopf zuruͤck uͤber die Schulter, nach Benetto zu ſehen. Kaum hatte aber dieſer den alten Kauz aus dem Geſichte verloren, als er auch ſchon den ſchweren Spaten mit der groͤßten Freude von ſich warf, und nun ſeinerſeits herzlich zu lachen be⸗ gann. Als die Stunde des Muſicirens herankam, 108 ward er wieder in das Vorzimmer geholt. Waͤh⸗ rend er hier wartete, hatte er die Kuͤhnheit, den ſeidenen Vorhang ein wenig emporzuheben, und ſah zu ſeinem großen Vergnügen, daß ſeine Lands⸗ männin faſt ganz ſo ſchon war, als ſeine Phan⸗ taſie ſie ihm gemalt hatte. Er war darauf be⸗ dacht geweſen, neue Worte zu einer Melodie zu dichten, die er noch an keinem der vorhergehen⸗ den Abende geſungen hatte. Auch auf einen Dop⸗ pelgeſang hatte er ſich vorbereitet; die Dame kannte ihn zufälligerweiſe, und der Sultan war uͤber die Lieblichkeit der Muſik ſo entzuͤckt, daß er ſich das Lied mehrere Male ſingen ließ. Endlich, als ſie den Chor eben zum vierten Male ſangen, nahm ſein heiteres Geſicht ploͤtzlich den Ausdruck des heftigſten Zornes an, und er warf der Dame einen ſo wuͤthenden Blick zu, daß dieſe daruͤber vor Schreck mitten in dem Tone ſtecken blieb. „Was iſt das?“ ſchrie er.„Ich verſtehe nichts von der Sprache, aber ich bemerke, daß Du bei jeder Wiederholung andere Worte zu der Melodie ſingſt.“ Angelina errothete bei der uͤberraſchenden Fra⸗ ge und ließ den Kopf auf die Bruſt herabſinken, denn ſie konnte Verſe mit weit größerer Leichtig⸗ keit erfinden, als Ausreden. Endlich jedoch ſagte ſie, es ſey in Italien uͤblich, die Worte zu der⸗ 109 gleichen kleinen heitern Geſaͤngen der Phantaſie des Sängers zu uͤberlaſſen, und die Verſe waͤren daher fuͤr gewoͤhnlich die alltaͤglichſte Proſa; nur wenn die Sänger Leute von Geiſt und Talent waͤren, fände hiervon eine Ausnahme Statt. Der Sultan hoͤrte dieſe Auslegung mit fin⸗ ſterem Geſichte an, und ſagte dann nach kurzer Ueberlegung:„Du wirſt es mir nicht uͤbel neh⸗ men, wenn ich in Zukunft den Dragoman(Dol⸗ metſcher) bei unſeren muſikaliſchen Abendunter⸗ haltungen zugegen ſeyn laſſe. Er liebt die Muſik eben ſo ſehr als ich, und wird mir ſagen koͤn⸗ nen, ob die Worte, die Du ſingſt, zu der Me⸗ lodie paſſen oder nicht.“ Benetto und Angelina ſchloſſen aus dieſer Rede ſehr natuͤrlich, daß der Sultan Mißtrauen in ſie ſetze; als ſie daher wieder ſangen, ſchlichen ſich einige Toͤne ein, die nicht zur Compoſition ge⸗ hoͤrten. Endlich ſagte der Sultan, er ſey zufrie⸗ den, und entließ Benetto dießmal, ohne ihn mit einem Goldſtuͤcke zu beſchenken; im Stillen aber nahm er ſich vor, ihm am folgenden Morgen eine Baſtonade von 200 Streichen geben zu laſſen. Sobald Benetto Gelegenheit fand, kehrte er in den Garten zuruͤck, denn er ſah wohl ein, daß jetzt der Augenblick zur Ausfuͤhrung ſeines Planes gekommen ſey. Der Himmel war zum 110 Gluͤck mit Wolken umzogen, und die Nacht da⸗ her ſehr dunkel, außer in einzelnen Zwiſchenraͤu⸗ men, wenn der Mond ſich Bahn brach durch die Duͤnſte. Durch die Finſterniß beguͤnſtigt, ging er daher mit groͤßerem Muthe an ſein Werk. Sein erſter Schritt war, daß er den bereits beſchriebe⸗ nen Baum in die Gegend von Angelinens Ge⸗ mach trug. Ihr Zimmer hatte die Fenſter nach einer lan⸗ gen Gallerie auf der Gartenſeite des Harems, und gegen dieſen lehnte Benetto den Baum ſo behut⸗ ſam und ſicher, als er es vermochte. Dies war kein ganz leichtes Geſchaͤft, denn der Baum war ſo ſchwer, daß er ihn kaum tragen konnte, und er ſeufzte tief unter der Laſt. Nachdem er ſich nun einige Zeit ausgeruht hatte, um wieder Athem zu ſchopfen, ſtieg er die ſelbſtgefertigte Leiter hin⸗ an; dies ging ganz trefflich, denn die Zweige ſtanden nahe nebeneinander, und bald vermochte er in Angelina's Zimmer zu ſehen. Doch ach— er hatte keine Minute verſaͤumt, zu ihrer Ret⸗ tung zu eilen, und dennoch war es ſchon zu ſpaͤt, wie der Leſer ſich ſogleich ſelbſt uͤberzeugen wird. Es iſt ein barbariſcher Gebrauch bei den Tuͤr⸗ ken, daß ſie ihre Weiber, wenn ſie Eiferſucht oder Widerwillen gegen dieſelben empfinden, in Säcke ſtecken und in das Waſſer werfen laſſen. Die 111 See, bei den Dogen Venedigs ein Gegenſtand der Vermaͤhlung, wird bei den ottomaniſchen Sultanen ein Scheidungsmittel. Bei dem erſten Blicke, den Benetto in Angelina's Zimmer warf, gewahrte er mit Entſetzen drei ſchwarze, wild aus⸗ ſehende Sklaven, die ſeine ungluͤckliche Lands⸗ maͤnnin zu einem ſolchen Opfer zu bereiten im Begriffe waren. Der Mund war ihr ſchon ver⸗ ſtopft, und dadurch jedes Geſchrei verwehrt, doch mit den Haͤnden flehte ſie die grauſamen Schwar⸗ zen an. Dieſe achteten aber ihrer ſtummen Bit⸗ ten nicht; zwei von ihnen hielten den verhäng⸗ nißvollen Sack weit geoͤffnet, während der Dritte verſuchte, ihre zarten Glieder zu binden. Der erſchreckte Benetto, der den Sinn dieſes Schauſpiels auf den erſten Blick nur zu wohl faßte, fuͤhlte ſich von einem Schauder ergriffen, wie der traͤumende Schlaͤfer ihn fuͤhlt, wenn er plotzlich in einen jahnenden Abgrund hinabſtuͤrzt. Ihm ſchwindelte, und beinahe waͤre er die Leiter hinuntergefallen. Zum Gluͤck aber lehnte ſein Koͤrper gegen das Gitterwerk der Gallerie, und ſo ward ſein Fall verhindert. Dabei war er je⸗ dem Blicke vom Fenſter aus bloßgeſtellt. Die Schwarzen waren aber mit ihrem Schlachtopfer viel zu ſehr beſchäftigt, um auf etwas anderes zu achten. Bald jedoch rief Benetto ſeine Geiſtes⸗ 112 gegenwart zuruͤck, buͤckte ſich unter das Fenſter hinab, und überlegte in dieſer unbequemen Stel⸗ lung, was nun fuͤr ihn das Beſte zu thun ſey⸗ Sein erſter Entſchluß war, in das Zimmer zu ſpringen, und ſich uͤber die Sklaven herzuſtuͤrzen, doch noch zur rechten Zeit beſann er ſich darauf, daß er keine Waffen habe, und daß daher ein ſo unkluger Schritt das Geſchick ſeiner Freundin nur um wenige Minuten verzoͤgern, aber nicht abwenden koͤnne, und er beſchloß nun, mit mehr Klugheit und Ueberlegung zu handeln. Er nahm daher ſeine Leiter wieder hinweg. Sie ſchien ihm jetzt noch ein Mal ſo ſchwer, als vorhin, und ſein Herz noch ungleich ſchwerer. Mit vieler Muͤhe trug er den Baum an die Gar⸗ tenmauer, auf der Seite des Waſſers, deſſen ſanf⸗ tes Gemurmel er bei der Stille der Nacht deut⸗ lich hoͤren konnte. Durch Huͤlfe des Baumes hatte er die Mauer in kurzer Zeit erſtiegen, doch war ſeine Leiter zu ſchwer, um ſie ſich nachzuziehen, und ſo auch auf der andern Seite bequem hinabſteigen zu konnen. Dies ließ ſich jedoch leicht vorausſehen, und der liſtige Benetto hatte ſich daher in Zeiten mit dem nöthigen Huͤlfsmittel verſehen; dies brachte ihn ſchnell und unverſehrt auf der andern Seite die Mauer hinab, und der Oberaufſeher der Gaͤr⸗ ten, 113 ten, der Benetto's Spaten mit dem langen Stiele als unbrauchbar verſpottete, wird dies nicht mehr gethan haben, ſah er ihn an der Außenſeite der Mauer haͤngen; denn auf dieſe Weiſe ließ Be⸗ netto ſich von der ziemlich beträchtlichen Hoͤhe herab. Der Mond, bisher hinter den dichten Wolken verſteckt, und nur dann und wann durch dieſel⸗ ben hindurchblickend, brach jetzt in ſeinem ganzen Glanze hervor, und erhellte jeden Gegenſtand mit ſeinem Silberlichte. Benetto mußte ſich daher behutſam vorwaͤrts ſtehlen, wie ein Menſch, der ſeinen eigenen Schatten fuͤrchtet. So kroch er von Baum zu Baum, von Mauer zu Mauer, bis er das Ufer des Meeres erreichte. Welche Richtung er aber nun einſchlagen ſolle, um auf die Sklaven zu treffen, welche Angelina trugen, das war eine Frage, welche ſich eben ſo ſchwer beantworten ließ, als alle die⸗ man an das Echo richtet. Waͤhrend Benetto ſo noch unentſchloſen ſchwankte, gingen die drei Schwarzen mit ihrem Opfer einer abgelegenen Stelle an dem Ufer des Bosphorus zu, die Ungluͤckliche mit ſo groͤßerer Heimlichkeit dem Todesbade zu uͤbergeben. Durch die Gnade Gottes aber fuͤgte es ſich, daß ein engliſches Schiff, welches einen Geſandten zu der 8 5 8 114 hohen Pforte heruͤbergebracht hatte, in eben die⸗ ſer Gogend vor Anker lag. Einige der Matroſen und juͤngern Offiziere, welche ſich ein Vergnuͤgen machen wollten, hatten heimlich eines der Schiffs⸗ boott beſtiegen, und waren an däs Ufer gerudert. Dieſe Froͤhlichen trafen bei ihrer Wanderung auf die drei Sklaven, und in der Abſicht, ſich einen Scherz mit ihnen zu machen, fragten ſie durch Zeichen, was in dem Sacke ſey. Die Skla⸗ ven fanden es nicht fuͤr noͤthig, die Wahrheit zu offenbaren, und ſagten daher, es ſey Unkraut aus den Gaͤrten des Sultans, welches ſie in die See werfen wollten; dabei verſuchten ſie weiter zu ge⸗ hen. Uebrigens hatten ſie keine Angſt, da ſie feſt uͤberzeugt waren, mit Trunkenbolden zu thun zu haben, denn die Seeleute taumelten, wie ſie ge⸗ woͤhnlich auf dem feſten Lande pflegen. Angelina'n war zwar der Mund verſtopft, der Gebrauch ihrer Ohren aber war ihr geblieben, und ſo hatte ſie denn die Frage der Matroſen gehoͤrt. Während nun die Sklaven antworteten, begann ſie, ſich in dem Sacke ſo viel zu bewegen, als ſie es irgend vermochte. Der Matroſe, welcher am naͤchſten ſtand, bemerkte es, und machte ſeine Ka⸗ meraden darauf aufmerkſam, und bald waren ſie eben ſo neugierig, als er ſelbſt, ſich mit eigenen Augen von dem Inhalte des Sackes zu uͤberzeu⸗ 115⁵ gen. Die Schwarzen ſuchten dies jedoch aus al⸗ len Kraͤften zu verhindern, und die Fremden woll⸗ ten ihren Vorſatz nicht aufgeben, ſo daß beide Theile ſchnell vom Streite zum Pruͤgeln kamen. Die kräftigen Seeleute waren in kurzem Sieger und im Beſitze des Sackes. Mit Schauder und Abſcheu entdeckten ſie nun, was er enthalte; die Schwarzen warteten die Strafe, die ſie voraus⸗ ſehen konnten, nicht ab, ſondern ſuchten in der Flucht ihr Heil, und waren den Augen der Ma⸗ troſen bald entſchwunden. Die Englaͤnder haben auch menſchlich fühtende Herzen und Thränen fuͤr fremde Leiden; ſie hat⸗ ten daher mit der Lage der armen Angelina das innigſte Mitleid. Als ſie ihre Glieder von den Banden befreit hatten, eilten ſie mit ihr nach dem Schiffe zuruͤck, wo die Fremde mit der groͤß⸗ ten Guͤte behandelt ward, ihren Befreiern aber auch den waͤrmſten, a 55. ſchu⸗ dig blieb. Die entronnenen Sklaven hatten Shtend der Zeit in dem Schatten einer hohen Mauer ſich niedergeworfen, um Athem zu ſchoͤpfen. Nachdem ſie hier eine Weile ſchweigend mit einander ge⸗ weint hatten, öffneten ſie alle zug gleich den Mund, um zu fragen, was nun zu thun ſey. „Was mich betrifft,“ ſagte der Eine,„fo weine 8* 1 116 ich nicht bloß deßhalb, daß die Dame uns ent⸗ flohen iſt, denn wir koͤnnten leicht eine Luͤge er⸗ ſinnen, und vorgeben, wir häͤtten unſer Geſchaͤft abgethan, doch ich kenne den Oberaufſeher der Verſchnittenen, den alten Abdalla, und weiß, wie aͤngſtlich er iſt. Beſtimmt iſt er an der Stelle verſteckt, wo wir den Sack in das Meer werfen ſollten, um ſich mit eigenen Augen zu uͤberzeu⸗ gen, daß wir unſre Pflicht nicht verſaͤumten.“ Die Sklaven ſahen ein, daß dies ſehr wahr⸗ ſcheinlich ſey, und begannen daher wieder heftig zu weinen, denn ſie fuͤhlten, daß ihre Koͤpfe nur noch locker auf ihren Schultern ſaͤßen. Endlich nahm Mezrou, der aͤlteſte von ihnen, das Wyrz und ſprach: „Unſere Lage iſt in der 2hat ſo gefährlich, daß mein Genick mich ſchon ſchmerzt, wenn ich an das Ende denke. Auf der einen Seite— er⸗ ſinnen wir eine Luͤge, ſo; kann der verwuͤnſchte alte Abdalla uns leicht entdecken, und auf der andern Seite— bekennen wir die einfache Wahr⸗ heit, ſo werden unſere Koͤpfe dennoch herunter muͤſſen, weil wir mit dieſen Seeteufeln nicht aufs Aeußerſte kaͤmpften. Ich ſehe daher nur einen Weg, der Gefahr zu entrinnen, und der iſt, dem Abdalla einen Streich zu ſpielen.— Indem ich daruͤber nachdenke, was fuͤr einen, faͤllt mir ein, 117 —— daß hier nahebei ein Franke wohnt, welcher in einem kleinen Stalle ein fettes Schwein in ſei⸗ nem Garten hat; und in dem Hauſe daneben wohnt ein Bäcker, von welchem wir wohl einen Sack werden bekommen koͤnnen. Koͤnnen wir nun das Schwein in den Sack ſtecken, und ihm die Schnautze ſo verbinden, daß es nicht ſchreien odet grunzen kann, ſo denke ich, wird die Liſt wohl gelingen; aber ſchnell muß Alles gethan ſeyn.“ Die anderen Sklaven fanden dieſe Liſt treff⸗ lich erſonnen, und ſogleich eilten alle drei zu dem Hauſe des Bäckers. Dieſer lag bereits im Bette, aber ſie zwangen ihn, aufzuſtehen, und ihnen einen leeren Mehlſack zu geben. Hierauf gingen ſie zu dem Stalle des Franken, und brachten ſein Schwein gluͤcklich, doch nicht ohne viele Muͤhe, in ihren Sack. Als dies geſchehen, nahmen ſie die Buͤr⸗ de, die vollkommen eben ſo ſchwer war, als die fruͤhere, auf ihre Schultern, und trabten frohli⸗ chen Muthes dem Meeresufer zu. Bald bemerk⸗ ten ſie hier einen Menſchen, der an der Kuͤſte auf und niederging, und den ſie auf den erſten Blick fuͤr Abdalla hielten. Ohne alles Mißtrauen gingen ſie daher grade auf ihn zu, und riefen wie aus einem Munde, daß ſie die Donna bräͤchten, die ertränkt werden ſollte. Dies war dem Manne die erfreulichſte Neuigkeit, denn es war Niemand 118 anders, als Benetto, der in der groͤßten Ungewiß⸗ heit und Verzweiflung umherirrte. Kaum hatte er daher die Worte der Sklaven vernommen, als er ſo derb auf ſie einzuſchlagen begann, daß der Erſte gleich bei dem erſten Hiebe betaͤubt zu Boden ſtuͤrzte. Die andern Beiden ſahen wohl ein, daß ſie hier all ihrer Krafte beduͤrfen wuͤrden, und ließen daher den Sack ohne die mindeſte Sorgfalt zu Boden fallen. Wie ſehr dies Benetto's Wuth vermehrte, kann man ſich vorſtellen. Das gefangene Schwein fuͤhlte jetzt etwas mehr Freiheit, als vorhin, arbeitete heftig in dem Sacke umher, durchſtieß endlich denſelben mit ſei⸗ ner Schnauze, und fing nun an, mit ſeiner gan⸗ zen thieriſchen Kraft nach Befreiung zu ſchreien. Dies Geſchrei belebte die Kraͤfte Benetto's, der es fuͤr das ſeiner Geliebten hielt, aufs Neue, wenn ſie ihn im Kampfe zu verlaſſen drohten. Denn die Töne, welche das Thier von ſich gab, waren theils durch die Binde, theils durch den Sack ſo ſehr gedaͤmpft, daß es ſelbſt einen Mu⸗ ſiker nicht uͤbel zu nehmen war, wenn er ſie fuͤr das Angſtgeſchrei Angelina's hielt. Dies vermehrte ſeinen Muth und ſeine Kraft unendlich, und er hielt den Sklaven tapfern Widerſtand, obgleich auch ſie nicht laͤſſig kämpften. So durfte der 119 Streit läicht ein ernſtes Ende genommen haben, wäre des Bäckers Sparſamkeit nicht geweſen. Dieſen haͤtte es verdroſſen, Fremden einen neuen Sack borgen zu ſollen, und er hatte da⸗ her einen alten ausgeſucht⸗ deſſen Faͤden durch den Gebrauch bereits muͤrbe gemacht waren. Als Benetto daher, wie er waͤhrend des Gefechtes mehrmals that, ſeinen Muth zu befeuern die Augen auf den Sack warf, ſprang dieſer plötz⸗ lich an einer Seite auseinander, das Schwein fuhr mit dem Kopfe heraus, und lief, der will⸗ kommenen Freiheit froh, laut grunzend dem Stalle zu, den Sack noch immer um ſich haäͤngend. Nach dieſem Ereigniſſe hatten die Schwarzen nichts mehr, wofuͤr ſie ſich zu ſchlagen der Muͤhe werth gehalten hätten, und nach kurzem Beſin⸗ nen liefen ſie daher dem Schweine ſo ſchnell als moͤglich nach, wahrſcheinlich entſchloſſen, dem alten Eunuchen etwas vorzuluͤgen, ſo gut es gehen wollte. Benetto ſtand wie feſtgezaubert, und ſtarrte vor ſich hin, wie Jemand, der ein Wunder ge⸗ ſehen hat und es ſich nicht zu erklären weiß. Kein Anblick hätte ihn ſo ſehr zu uͤberraſchen vermocht, als eben dieſer. Vor ſeinen Augen hatte ſich hier eine Dame in ein Schwein ver⸗ wandelt, denn er hatte es ja ſelbſt mit angeſe⸗ hen, wie Angelina in den Sack geſteckt ward. Als er ſich endlich von ſeinem Staunen erholte, bekam er auch das engliſche Schiff zu Geſicht, und begann nun an ſeine eigene Sicherheit zu denken. Seine Jacke und ſeinen Turban von 120 ſich werfend, ſtürzte er ſich in das Meer, und ſchwamm dem Schiffe zu, doch wegen der empfan⸗ genen Schlaͤge nur mit der großten Schwierigkeit. Schwer ware es, ſeine Freude zu beſchrei⸗ ben, als er an Bord des Schiffes kam, und hier Angelina ſahe. Wir uͤbergehen dies mit Stillſchweigen. Das Schiff lichtete ſogleich die Anker, um nach England unter Segel zu gehen. Nach einer gefahrloſen Reiſe verließen die beiden gluͤcklichen Italiener zu London das Schiff, wo Benetto durch ſeine Kunſt und ſeinen trefflichen Geſang in wenig Jahren ein betraͤchtliches Vermoͤgen er⸗ warb. Er heirathete Angelina, und kehrte endlich mit ihr nach Florenz zuruͤck, wo ſie eine Reihe von Jahren gluͤcklich und zufrieden verlebten. Was die drei ſchwarzen Sklaven betrifft, ſo trugen ſie ihre Kopfe noch einige Jahre länger, als ſie erwartet hatten. Die Luͤge, welche ſie bei dem alten Abdalla, dem Oberaufſeher der Verſchnittenen, vorbrachten, glaubte dieſer ohne das geringſte Mißtrauen, denn er hatte den Pa⸗ laſt auch nicht mit einem Fuße verlaſſen. Der Oberaufſeher der Gaͤrten jedoch war weniger gluͤck⸗ lich, denn er mußte wegen der Entweichung Be⸗ netto's einige Hundert Baſtonadenſtreiche auf den Fußſohlen aushalten. In Folge davon ſind jetzt in den kaiſerlichen Gärten keine Upas⸗Baͤume mehr zu finden, und die Sklaven arbeiten noch bis auf dieſen Tag mit Spaten, deren Stiel höchſtens zwei Fuß lang iſt. 8 — * — — 1 2 — — 2 — 8 *— k= E „ 8** — * E⸗ iſt eine traurige Gewohnheit der Verſchwen⸗ der, daß ſie ihre leeren Beutel auf Koſten der Dryaden wieder zu fuͤllen pflegen, daß ſie oft die herrlichſten Baͤume, die vielleicht Jahrhunderte hyindurch ihren Vorfahren Schatten gewäͤhrten, leichtſinnig faͤllen, um dem augenblicklichen Be⸗ duͤrfniſſe ſchnell abzuhelfen. Auch giebt es Tho⸗ ren genug, welche in der Abſicht, zu verſchö⸗ nern, alte ſchattenreiche Bäume niederhauen, die ihnen Schutz gegen den Sturm gewährten, und nun ihre Wohnungen der ganzen Gewalt des Unwetters blosſtellen. Beide ſind gleich tadelns⸗ werth, doch giebt es auch noch Maͤnner, welche Eichen und Kaſtanien aus anderen, ſehr vernuͤnf⸗ tigen Gruͤnden umhauen laſſen, wie der Leſer gleich ſehen wird. Ein gewiſſer Hidalgo ging in einer abgelege⸗ nen Ebene, in der Nachbarſchaft von Granada⸗ ſpazieren, als er ploͤtzlich von einem kleinen wil⸗ den Stiere angefallen ward. Das ſchnelle Thier, 124 —— mit rothen, blitzenden Augen, und einem Leibe ſo ſchwarz als die ſchwaͤrzeſte Kohle, ſtuͤrzte ſo raſch auf den Edelmann zu, daß dieſer nur mit Muͤhe ſo viel Zeit gewann, einen großen Kaſta⸗ nienbaum, welcher in der Naͤhe ſtand, zu erklet⸗ tern. Der wuͤthende Stier wuͤhlte hierauf die mit ſeinen Hoͤrnern auf. RKein Thier der Welt hat'ſo viel Gebächtniß fur die Rache, als ber Stier, denn er vergißt Beleidigungen oder Täuſchungen waͤhrend einer langen Zeit nicht. Ueberdies wartet er auch oft mit der groͤßten Geduld den Augenblick ab, der ſeiner Rache Befriedigung gewaͤhren ſoll. So⸗ bald daher der Hidalgo nur den Fuß auf die Eide ſetzte, ſturzte die Beſtie, die in geringer Entfernung gelauert, und ihren Widerſacher nicht aus den Augen gelaſſen hatte, wisder auf ihn zu, und zwang ihn, mit der groͤßten Schnellig⸗ keit wieder auf dem Baume Schutz zu ſuchen. Dann entfernté ſich der Stier zwar abermals, behielt den Baum jedoch beſtändig im Geſicht, dabei ſo ruhig und gleichguͤltig ausſehend, als ſey jeder boshafte Gedanke aus ſeinem breiten, plumpen Kopfe verſchwunden. Er glich ganz einer Katze, die vor einem Mauſeloche auf der Lauer ſitzt. Der ungeduldige Pidalgo war dieſes Spieles 125 bald herzlich muͤde, doch half alle ſeine Ungeduld nichts; daher ſtieg er hoͤher in den Baum hin⸗ auf, ſich in der umliegenden Gegend umzuſchauen, die eben von den letzten Strahlen der unterge⸗ henden Sonne herrlich beleuchtet ward.„Ich will warten“ ſagte er gefaßt,„bis die Nacht mir zur Huͤlſe kömmt, und, gleich dem Mata⸗ dor*) dieſer wilden Beſtie den Mantel uͤber die Hoͤrner wirft. Unter dieſen Worten ſich ſo be⸗ guem als moͤglich ſetzend, begann er die verſchie⸗ denen Gegenſtände zu betrachten, die ſich in groͤ⸗ ßerer oder geringeret Entlermnʒ ſeinem Auge boten. Während er auf dieſe Weiſe beſchäftigt war, nach Oſten zu blicken, kamen in der entgegenge⸗ ſetten Richtung zwei Manner des Weges ge⸗ gangen. Ungehindert ließ der Stier ſie, als be⸗ merke oder beachte er ſie gar nicht, bis vor dem Kaſtgnienbaume vorbeikommen, ſtuͤrzte dann aber wuͤthend auf ſie los. Mit Muͤhe nur retteten ſie ſich auf die unteren Zweige des Baumes. Das Thier ließ ſeine Wuth auf gleiche Weiſe 6 3) Bei den Stiergefechten in Spanien die Kaͤm⸗ pfer, welche das Thier zu Pferde angreifen; in der Regel die geuͤbteſten und gewandteſten der Streiter. Daher auch der Name. 126 zum zweiten Male der gehofften Beute verluſtig zu gehen, an dem Hute eines der Fußgänger aus, den derſelbe auf ſeiner Flücht verloren hatte; dann aber zog es ſi 6 in Fatſ nung zuruͤck. Die beiden Maͤnner, dem Aeein ſich Wih mer, machten, dem Hidalgo gleich, verſchiedene Verſuche, ihren Weg weiter fortzuſetzen, doch gleich vergebens. Als ſie dies einſahen, ſetzten ſie ſich auf den niederen Zweigen zurecht, in Geduld abzuwarten, wie lange ihr wilder Kerker⸗ meiſter es fuͤr gut befinden wuͤrde, ihnen ihre Freiheit zu rauben. Der Hidalgo war von Na⸗ tur argwoͤhniſch und zuruͤckhaltend, und dabei ſtolz auf ſeine Nation, wie auf ſeine Geburt. Deshalb gab er ſeinen Wohngenoſſen im Baume ſeine Gegenwart nicht zu erkennen, da dieſelben, ihrer ganzen Kleidung nach, offenbar zu dem niedern Volke gehoͤrten. Die beiden Maͤnner ihrerſeits ahneten nichts von einem Dtitten in dem Baume, und um ſich daher die Zeit zu ver⸗ treiben, fingen ſie an von ihren Angelegenheiten mit einer Offenheit zu ſprechen, als wären ſie allein in der Mitte der arabiſchen Wuͤſte. Anfangs war der Hidalgo durch ſeine eigenen Gedanken zu ſehr beſchaͤftigt, um auf das Ge⸗ ſpräch ſeiner beiden Unterſaſſen ſonderlich zu ach⸗ 127 ten, uͤberdies hatte er die vornehmſte Verachtung gegen die Unterhaltung ſo niedriger Menſchen. Doch ſelbſt wider ſeinen Willen mußte er etwas von dem Geſpraͤche vernehmen, und da erreichte denn ein Name ſein Ohr, welchet ſeine ganze Aufmerkſamkeit erregte. „Ich fuͤrchte nur, Gines Spinello,“ ſagte ine der beiden Stimmen,„daß der verfluchte Kerl unſern ganzen Plan fuͤr S Nacht zu Schan⸗ den machen wird.“ Daß der Hidalgo jetzt aufnettſin ward, darf durchaus nicht auffallen, denn der ſo eben genannte Name war der eines beruͤchtigten Raͤubers, des Schreckens der ganzen Provinz. Der Lauſcher ward daher von einer ſehr natuͤrlichen Neugier ergriffen, einen ſo merkwuͤrdigen Menſchen naͤher kennen zu lernen. Sorgſam guckte er durch die Zweige, und ſah die beiden Maͤnner, das Geſicht einander zugekehrt, auf den unterſten Zweigen des Baumes ſitzend. Sie ſaßen ſo weit unter ihm, daß er ihre Phyſiognomien nicht erkennen konnte, doch von ihren Haaten und dem Schnitte derſel⸗ ben glaubte er ſchließen zu bürfei wahre Galgengeſichter haͤtten. „Was das betrifft,“ ienc Spinelo auf die vorhin erwaͤhnt? Rede,„ſo iſt unſer Geſchaͤft von dieſer Nacht eine wahre Kleinigkeit, die ſich 1²⁸ gemaͤchlich in zwei Stunden abmachen laͤßt. Was mir weit mehr Unruhe macht, iſt unſer Rite hier auf den verwuͤnſchten duͤrren Zweigen. Ich habe von jeher nichts weniger leiden koͤnnen, als durch einen Baum erhoͤht zu werden; bei Leuten unſeres Standes i ba ein uut abſcheuliches — Bei dieſen Worten chte der Ander⸗ laut — er glaubte, daß Gines damit auf den Galgen anſpielte, dieſer aber unterhrach ihn. „Was Du glaubſt, meine ich nicht,“ ſagte er.„Der Galgen hat zwar in der That Einigen von uns das Garaus gemacht, aber die Baͤume, von denen ich ſpreche, grünen und bluͤhen grade wie dieſer. Es war auch ein Kaſtanienbaum, der dem armen Lazarillo ſo theuer zu ſtehen kam; deßhalb wollte ich lieber, daß dieſer Baum eine Cypreſſe oder ſelbſt ein Holunder geweſen wire. oder ſonſt irgend ein anderer.“ „ Was mich betrifft,“ entgegnete der andere „ſo ſage ich: Kaſtanie oder nicht Kaſtanies ich bin dem guten Baume ſehr dankbar. Deſſenun⸗ geachtet aber moͤchte ich doch wohl wiſſen, was Lazarillo und den Andern von der Snbe begeg⸗ net iſt.“ Der Hlbaigo war jetzt ſaſt eben ſo neugierig⸗ die Geſchichte von dem Ungluͤcke Lazarillo's zu hoͤren. 129 horen. Er ſtreckte ſich daher lang auf ſeinem Aſte aus, umfaßte ihn mit ſeinen Armen, und bog das Ohr ſo weit als moͤglich hinab, auf die Geſchichte zu lauſchen, die Gines zu erzahlen im Begriffe ſtand. „Du weißt,“ ſagte Spinelo,„daß die Kuͤhn⸗ ſten unter uns allein auf kleine Abentheuer zu ihrem eigenen Vortheil ausgehen, wenn wir ge⸗ rade kein groͤßeres Geſchaͤft vorhaben, wobei wir Alle ſeyn muͤſſen. So kam es Lazarillo in den Kopf, einem gewiſſen Hidalgo, der nicht weit von hier wohnt, einen Beſuch abzuſtatten. Vor dem Hauſe war ein Trupp wunderſchoͤner Kaſtanien⸗ baͤume, alle dick belaubt, denn ſie ſtanden ſchon lange Zeit dort, und es war grade mitten im Sommer. Lazarillo kam etwas zu fruͤh, und da er in dem Hauſe eine Menge Lichter ſah, erklet⸗ terte er einen der groͤßten Baͤume, welcher dem Wohngebaͤude am naͤchſten war. Hier wollte er die vollkommene Dunkelheit abwarten, und zu⸗ gleich beobachten, was in dem Hauſe vorgehe. Die Aeſte waren ſtark und nahe bei einander, und er ſaß daher in ſeinem Verſtecke ganz gemaͤchlich; uͤberdieß machte es ihm auch viel Vergnuͤgen, die Bewohner des Hauſes zu beobachten, denn die Zweige reichten ſo weit zu den Fenſtern hinan, daß er ſogar ſehen konnte, wo die Diener mit 9 130 Anbruch der Nacht das Silberzeug und andere Koſtbarkeiten verwahrten. Während er ſich auf dieſe Weiſe unterhielt, kam der Hidalgo, welcher auf der Jagd geweſen war, zuruͤck, ſeine Flinte in der Hand; da flog dicht vor ihm ein großer Vogel auf, und grade auf den Baum zu.“ „Nun, weshalb haͤltſt Du inne?“ fragte der Andre in aͤrgerlichem Tone, denn bei den ange⸗ fuͤhrten Worten hatte Gines eine ziemlich lange Pauſe gemacht. „Ich glaubte,“ itislet⸗ Gines,„ich hoͤrte. irgend ein Rauſchen uͤber uns; doch es war nur der Wind, der mit den Blaͤttern raſchelte. Ich glaube, daß der Hidalgo ſein Gewehr abſchießen wollte, ehe er in das Haus ging, denn es war mit ſehr ſtarkem Schrot geladen, wie man es nie auf Voͤgel zu brauchen pflegt; kurz er ſchoß auf den Vogel mitten in die Zweige hinein, und der Teufel, der das Blei fuͤhrte, verwundete den armen Lazarillo, ſo daß er Kopf uͤber Kopf un⸗ ter herabſtuͤrzte. Haͤtte der Schuß ihn nicht ge⸗ tödtet gehabt, ſo wuͤrde er ſich durch den Fall ganz gewiß das Genick gebrochen haben; um aber von ſeinem Tode vollkommen überzeugt zu ſeyn, ließ der Gouverneur ihn ſpäter noch an einem andern Baume aufhaͤngen.“ Hierauf 62 Gines tauſend Verwünſchungen 131 gegen den abſcheulichen Jaͤger aus, der das Un⸗ gluͤck hatte, grade in dieſem Augenblicke uͤber ſei⸗ nem Kopfe zu ſitzen. Der Hidalgo war bis auf den Tod erſchreckt, aber er durfte ſelbſt nicht zu athmen wagen, da die geringſte Bewegung die Blaͤtter rauſchen oder die Aeſte kniſtern machte. Er bekam beinahe Kraͤmpfe, wie es natuͤrlich iſt, wenn man ſo lange ohne Sattel auf einem hoͤl⸗ zernen Pferde reiten muß, und dennoch durfte er auch nicht ein Glied bewegen. Zugleich machte ihm die Furcht ein ſolches Ohrenſauſen, als ob der Teufel im Gallop dahergeſprengt kaͤme, ſo daß er die Geſchichte der andern Raͤuber, welche eben⸗ falls durch Baͤume ihren Tod gefunden hatten, nicht verſtehen konnte. Die beiden Schelme da⸗ gegen fuͤhlten ſich recht behaglich, und fuhren da⸗ her fort, in aller Ruhe mit einander zu plau⸗ dern, obgleich der Stier ſich jetzt ſchon in eine bedeutende Entfernung zuruͤckgezogen hatte. End⸗ lich jedoch bekam der Hidalgo den vollen Ge⸗ brauch ſeiner Sinne wieder, und hoͤrte nun Fol⸗ gendes: „Was die Kaſtanienbaͤume betrifft,“ ſagte Gi⸗ nes,„ſo kannſt Du die Staͤmme der abgehaue⸗ nen Baͤume noch heute ſehen, denn der Hidalgo wollte keine Neſter fuͤr dergleichen Vögel ſo nahe bei ſeinem Hauſe haben. Doch es giebt noch 9* . 132 andere Wege, zu erfahren, was innerhalb deſſel⸗ ben vorgeht, und bald werden wir ſehen, ob die Bedienten dieſes Hoöͤllenſchuͤtzen mehr ſeine Leute ſind, oder die meinigen.“ Bei dieſer Neuigkeit konnte der arme Hidalgo einen gepreßten Seufzer nicht unterdruͤcken; ohne Zweifel wuͤrde dieſer ihn verrathen haben, waͤre er nicht fuͤr das Gebruͤll des Stieres genommen worden. Aber noch ſchlimmere Zeitungen erwar⸗ teten den Geplagten. Damit der Leſer ſich den⸗ ken koͤnne, was er ausſtehen mußte, wollen wir hier nur erwaͤhnen, daß Gines ſeinem Kamera⸗ den den ganzen Plan auseinander ſetzte, den er zur Ermordung des Hidalgo's entworfen hatte; zwei Bediente deſſelben waren naͤmlich im Solde der Banditen, und beauftragt, dieſe in der Nacht in das Haus zu laſſen. Die Boͤſewichter ver⸗ gaßen nicht, auch uͤber die beiden Toͤchter des un⸗ gluͤcklichen Edelmannes zu verfuͤgen. Ihre Nei⸗ gung fiel nicht auf einen und denſelben Gegen⸗ ſtand; der Eine waͤhlte die juͤngſte, der Andere die älteſte der beiden Schweſtern zu ſeiner Ge⸗ liebten, und es kam in dem ſchwierigen Punkte bald zu einem freundſchaftlichen Vergleiche zwi⸗ ſchen Beiden. So war der Hidalgo gezwungen, uͤber ſeine Toͤchter ganz ohne ſeine Zuſtimmung verfuͤgen zu hoͤren, da er ſich doch immer vor⸗ 133 genommen gehabt, die Madchen nach ſeinem Willen zu verheirathen, ohne ſogar ſie ſelbſt um ihre Meinung zu fragen. Als das Dunkel mehr und mehr zunahm, und ſich endlich nur noch ein geringer Kreis des Horizonts uͤberſehen ließ, ſtiegen die Banditen endlich von ihrem Sitze hinab, und ſebten ihren Weg fort, ohne von dem Stiere beunruhigt zu werden, der jetzt in weiter Entfernung und kaum noch ſichtbar war. Sobald die Schelme ihm aus dem Geſicht waren, kletterte auch der Hidalgo von dem Baume herab. Gezwungen eine ſo lange Zeit unbeweglich in derſelben Stellung zu bleiben, war er faſt ganz gelaͤhmt, aber deſſenungeachtet eilte er, ſo ſchnell er es vermochte, nach Hauſe, wo nach dem, was er gehoͤrt hatte, ſeine Gegen⸗ wart jetzt hoͤchſt noͤthig war. Die Furcht, die ſich ſeiner bisher bemachtigt gehabt hatte, verwandelte ſich nun, da er ſich in Freiheit ſah, in das gluhendſte Rachegefuͤhl, und waͤhrend ſeines Weges ſchwur er ſich zu⸗ daß Gines und ſeine Vande unter den fürchterlichſten Qualen ihr Leben enden ſollten. In dieſer wůͤ⸗ thenden Stimmung, mit geballten Haͤnden und zuſammengebiſſenen Zaͤhnen, betrat er ſein Haus, und ging gerade in das Zimmer ſeiner Toͤchter. Als dieſe die Zeichen ſeines Zornes in ſeinen —ů ˙‧ Ü ‧—m†ů*ů—ů————————— 134 flammenden Blicken laſen, waͤren ſie beinahe in Ohnmacht gefallen. Seine Wuth erſchreckte ſie um ſo mehr, da ſie geglaubt hatten, er werde nicht vor Nacht zuruͤckkommen. Sie ahneten die Urſache ſeiner Aufregung nicht, und da ihr Gewiſſen ſie auf ganz andere Spur leitete, war⸗ fen ſie ſich ihm Beide zu Fuͤßen, und fleheten ihn mit bittend erhobenen Haͤnden an, ruhiger zu ſeyn. Zu einer andern Zeit wuͤrde ein ſo auffal⸗ lendes Betragen den Hidalgo gewiß im höch⸗ ſten Grade uͤberraſcht haben, jetzt aber waren alle ſeine Gedanken nur von Rache erfuͤllt, und ſchnell, doch mit wenigen Worten, etzaͤhlte er ſeinen Toͤchtern das Geheimniß, und ſetzte ihnen die Gefahr auseinander, die uͤber ihren Haͤuptern ſchwebte. Die erſchreckten Maͤdchen vergaßen bei dieſer Nachricht jede andere Furcht, denn die blo⸗ ßen Worte reichten hin, ihnen die fuͤrchterlichen Geſtalten der Banditen vor Augen zu fuͤhren. Als aber der Hidalgo des Planes der beiden Raͤuber gedachte, die Fraͤuleins zu ihren Maitreſ⸗ ſen zu machen, da ſtießen Beide wie aus einem Munde einen durchdringenden Angſtſchrei aus. Dann lief Jede nach einem anderen Kabinette, und zog einen jungen Kavalier aus demſelben 135 hervor; der bereit und faͤhig ſchien, ſie gegen Gines und ſeine Genoſſen zu vertheidigen⸗ Die beiden Streiter ſowohl als der Hidalgo waren uͤber dies ploͤtzliche Zuſammentreffen etwas aus der Faſſung gerathen, und die bleiche Lilie der Furcht ward auf den Wangen der Damen zur dunkelen Roſe der Schaam. Endlich redete einer der jungen Maͤnner den Hidalgo im Na⸗ men Beider mit folgenden Worten an: „Mein Herr, ich weiß, daß Sie uns nicht willkommen heißen können, und dennoch danke ich fuͤr mein Theil dem Himmel, daß wir hier ſind. Ungeachtet der Art und Weiſe, wie wir uns hier einfuhrten, bitten wir, uns fuͤr wahre Edelleute, und fuͤr Maͤnner zu halten, die Ach⸗ tung vor guten Sitten haben. Wir wuͤnſchen durch unſere Dienſte das Unrecht zu verguͤten, vas wir begingen, indem wir Ihr Haus ohne Ihre Zuſtimmung betraten. Mit Ihrer guͤtigen Erlaubniß wollen wir Ihnen beiſtehen, die Da⸗ men gegen die Raͤuber zu vertheidigen. Wir ſind Maͤnner von Ehre, und es ſoll daher ſpaͤ⸗ ter nur von Ihnen allein abhängen⸗ ob Sie uns durch die Hand Ihrer liebenswuͤrdigen Töchter begluͤcken wollen.“ 2 Da der junge Mann dies Alles mit dem Tone großer Beſcheidenheit und Aufrichtigkeit 136 ſagte, hielt der Hidalgo es fur das Beſte, den Beiſtand anzunehmen, der ihm geboten ward. Hierauf beriethen ſie ſich uͤber die Schritte, die nun zu thun waͤren. Zuerſt beſchloß man, die beiden verraͤtheriſchen Bedienten, einen nach dem andern, kommen zu laſſen; ſobald ſie die Stube betraten, wurden ſie ergriffen, und waren an Haͤnden und Füßen gebunden, noch ehe ſie daran denken konnten, Widerſtand zu leiſten. Als die Boͤſewichter ſahen, daß ſie verrathen, und ihr Leben in der Gewalt ihres Herrn ſey, ſagten ſie ohne Ruͤckhalt alles, was ſie von dem Komplott wußten. Dabei fuͤhrten ſie noch mehrere Ein⸗ zelheiten an, die Spinello gegen ſeinen Genoſſen im Baume nicht erwaͤhnt hatte. Unter andern erfuhr der Hidalgo auf dieſe Weiſe auch, daß die Banditen ihre Waffen in einer hohlen Eiche verborgen haͤtten, die dicht hinter dem Hauſe ſtand. Bei dieſer Nachricht legte er ſich ſelbſt das Geluͤbde ab, dieſen gefaͤhrlichen Baum eben ſo fällen zu laſſen, als fruͤher die Kaſtanien⸗ baͤume. Gegen Mitternacht naͤherten ſich Spinello und deſſen Spießgeſellen dem Hauſe, ihr Vorha⸗ ben auszufuͤhren. Die Nacht war dunkel und ſtuͤrmiſch; der Wind trieb die großen, finſteren Wolken mit ungemeiner Schnells vor ſich her. 137 So war es dann und wann mondhell, während gleich darauf wieder die undurchdringlichſte Fin⸗ ſterniß herrſchte; mit der Huͤlfe dieſes augenblick⸗ lichen Lichtes fuͤhrte Gines ſeine Genoſſen, etwa ein halbes Dutzend an der Zahl, zu dem hohlen Baume. Eben als er ihn erreichte, traten die Wol⸗ ken wieder vor den Mond, ſo daß er nur taſtend die Oeffnung in dem Stamme finden konnte; kaum hatte er aber die Haͤnde hineingeſteckt, die Waffen herauszuholen, als ſie von Jemandem, der ſich in dem hohlen Baume befand, feſtge⸗ halten wurden. e Ich weiß nicht, ob Gines ſich in dieſem Au⸗ genblicke des Aberglaubens erinnerte, den er mit den Baͤumen verband, ſo viel aber iſt gewiß, daß er einen lauten Schrei ausſtieß. Der Hidalgo, welcher mit ſeinen Leuten nahe bei im Hinter⸗ halt lag, feuerte bei dieſem Laute auf die uͤbri⸗ gen Banditen. Als dieſe ſich verrathen ſahen, ſuchten ſie in der Flucht ihr Heil, ließen jedoch zwei ihrer Kameraden, ſchwer verwundet, zuruͤck. Jetzt bekam Spinello ſeinen Muth wieder, und verſuchte mit aller Anſtrengung, ſich los zu ma⸗ chen, aber noch ehe er ſich zu befreien vermochte, kam der Hidalgo mit den Seinigen herbei, und glucklich bemaͤchtigten ſie ſich des Raͤubers. Von 5. — 138 den beiden Andern war einer grade in die Bruſt getroffen, bereits geſtorben; dem zweiten war der Fuß zerſchmettert, indem die Kugel den Knochen grade uͤber dem Knoͤchel getroffen hatte. Der Hidalgo erkannte in ihm eben den, der mit Gi⸗ nes auf dem geſeſſen hatte. Vergebens wäre es, die Wuth Spinello's ſchildern zu wollen, als er in das Haus geſchleppt ward, und hier die beiden Bedienten ſahe, die, wie er glaubte, an beiden Herren zu Verräthern geworden wären. Obgleich er feſt gebunden war, konnten die Beiden doch nicht ohne heftiges Zit⸗ tern auf ihn blicken. Als er aber die wahre Ur⸗ ſach der Entdeckung erfuhr, wuͤthete er nicht mehr, ſondern bemerkte nur gegen ſeinen ver⸗ wundeten Kameraden, daß ſein Aberglaube we⸗ gen des Kaſtanienbaumes doch gegruͤndet gewe⸗ ſen ſey, wie nun der Erfolg gelehrt habe. Als der Hidalgo hierauf mit den beiden jun⸗ gen Edelleuten zu ſeinen Toͤchtern ging, machten ſie ſich gegenſeitig die herzlichſten Gluͤckwuͤnſche, daß das Abenteuer ſo ganz ohne alles Mißge⸗ ſchick abgelaufen ſey. Der Hidalgo fand immer mehr und mehr Gefallen an den jungen Leuten; ſein Herz neigte ſich ihnen zu, und er wuͤnſchte bald, in ihnen ſeine Soͤhne zu ſehen. „Meine Herren,“ ſagte er,„ein ſpätes Will⸗ kommen iſt beſſer, als keines, beſonders wenn es ſo recht aus Herzensgrunde koͤmmt. Dieſe Entſchuldigung moͤge zu meinen Gunſten ſpre⸗ chen, und was den großen Dienſt betrifft, den Sie mir geleiſtet haben, ſo will ich verſuchen, Sie auf der Stelle dafuͤr zu belohnen. Ihr ganzes Benehmen uͤberzeugt mich, daß Sie die wirklich ſind, fuͤr welche Sie ſich ausgaben, und ich freue mich daher, ſowohl um Ihrer, als um meiner ſelbſt willen, daß mir die Verfuͤgung uͤber die Hand meiner Toͤchter noch geblieben iſt. Wenn Sie daher bereit ſind, ſo ſehe ich Lein weiteres Hinderniß, vorausgeſetzt naͤmlich, daß Sie ſich eben ſo leicht uͤber die Wahl ver⸗ einigen, als die beiden Raͤuber es thaten.“ Es waͤre ſchwer, zu ſagen, ob die Maͤdchen uͤber dieſe unerwartete Bereitwilligkeit ihres Va⸗ ters mehr erfreut oder mehr erſtaunt waren. Sie zogen ſich, ohne ihre Gefuͤhle in Worten aus⸗ einanderzuſetzen, in ihr Schlafzimmer zuruͤck, die Maͤnner aber blieben die ganze Nacht auf, fuͤr die Sicherheit zu wachen. Am Morgen wurden die gefangenen Verbre⸗ cher der geſetzmaͤßigen Behoͤrde ausgeliefert. Der Prozeß bei dergleichen Gelegenheiten iſt ſehr ſum⸗ 140 mariſch, und daher waren ſie noch vor Sonnen⸗ untergang hingerichtet. Die anderen wurden am Galgen aufgehangen; Spinello aber, damit ſein Tod auf ſeine uͤberlebenden Genoſſen einen um ſo tiefern Eindruck mache, an eben dem Baume, der an ſeinem Verderben Schuld war. VI. Da s e — — — — — S — — — 8 8 — — — 5 8 = 38 Sth ——————————————— ſxrxee⸗ c 8 6 6 3 6 G 5 Di Regierung Karls II., Koͤnigs von England, iſt durch zwei große ſchreckliche Ereigniſſe denk⸗ wuͤrdig: das erſte iſt die furchterliche Peſt, wel⸗ che London entvolkerte, und das zweite das un⸗ geheure Feuer, welches einen ſo großen Theil dieſer rieſenhaften Metropole verwuͤſtete. Kurz vor der Peſt wollte es der Zufall, daß der Koͤnig eines Tages Luſt bekam, in der City zu eſſen. Er ritt daher des Weges dahin, nur von dem Grafen Rocheſter, und noch einem oder zwei Herren des Hofes begleitet. Als ſie nach ihrer Art raſch uͤber den Huͤgel von Ludgate, ge⸗ gen St. Pauls⸗Kirche ſprengten, ſah der Graf, daß der Koͤnig den Zuͤgel ſeines Pferdes verkurzte, und aufmerkſam zur rechten Hand auf ein Ge⸗ vaͤude blickte. Die Herren wendeten nun ihre Koͤpfe nach eben der Richtung, und bemerkten ein junges, wunderſchones Weib, in reicher, ge⸗ ſchmackvoller Kleidung, und ganz der Bewunde⸗ rung eines Königs wuͤrdig; auch hielt der Mo⸗ „ — — 144 ——— narch in ſtillem Entzuͤcken wie angezaubert auf der Stelle. Die Dame bemerkte die Herren nicht ſogleich, ſo daß dieſe vollkommene Muſe hatten, ihren Anzug wie ihr Geſicht genau zu betrach⸗ ten. Auf dem Kopfe trug ſie ein kleines Muͤtz⸗ chen von ſchwarzem Sammet; es lag feſt an, und zog ſich in einer Spitze bis auf die Stirn herab, wo an dem Ende des Sammets eine große Perle hing; ihr Haar war ſtark und blönd, und fſiel, der Mode damaliger Zeit gemaͤß, zu beiden Sei⸗ ten des Kopfes in großen Ringeln herab, Hals und Nacken beſchattend; auch waren mehrere der Locken hier und dort mit Schleifen von ſchoͤnen Yerlen verbunden. Ihr Kleid war von weißer Seide, reich mit Smaragden verziert, die in Form von Erdbeerzweigen aufgeheftet, und durch goldene Spangen befeſtigt waren. Ihre Aermel waren von eben dem weißen ſeidenen Zeuge, ſehr weit, und gingen bis zum Ellenbogen, doch hatte ſie außerdem noch Unteraͤrmel von pfirſichbluͤthfarbe⸗ nem Satin, die eng anlagen, und mit Hef⸗ ten von Smaragd am Mittelarm feſtgehalten wurden. Ihre Armbaͤnder waren mit eben den Steinen beſetzt, der Reifen aber, eben ſo wie der Guͤrtel, welcher ihre Taille umſchloß, von Gold. So viel konnten der Koͤnig und ſeine Begleiter bemerken, waͤhrend ſie mit einer reizenden Hand ſich 145 ſich auf das Fenſterbret lehnend, wie in Gedan⸗ ken vertieft daſtand; kaum aber erwachte ſie aus ihren Traͤumereien, als ſie auch bemerkte, daß ſie beobachtet werde, und ſogleich verſchwand. Der Konig ſtarrte, als ſie fort war, noch ein oder zwei Minuten wie im Traume auf das Fenſter, und fragte dann, ſich zu Rocheſter wen⸗ dend, ob er irgend etwas von dem Maͤdchen wiſſe, das er ſo eben geſehen haͤtte. Der Graf erwiederte hierauf ſchnell, er könne nichts von ihr ſagen, als daß es das lieblichſte Geſchoͤpf ſey⸗ welches ſeine Augen bisher noch erblickt hätten; darauf befahl ihm der Koͤnig, zurück zu bleiben, und ſo viel als möglich von der Reizenden zu erforſchen. Der Koͤnig ritt hierauf mit den an⸗ deren Edelleuten ſehr gedankenvoll nach der City, veſorgte dort ſeine Geſchaͤfte, und kehrte dann in einer groͤßern Geſellſchaft uͤber Cheapſide zu⸗ ruͤck, wo er den Grafen traf. Sobald der Koͤnig Rocheſter ſah, fragte er haſtig:„Welche Neuigkeiten?“ worauf dieſer ihm alles mittheilte, was er wußte.„ Was ihren Namen betrifft, ſo heißt ſie Alice, doch ihr Su⸗ name iſt der des ſchoöͤnen Mädchens von Ludgatez unter dieſer Benennung iſt ſie in der ganzen Gegend bekannt. Sie iſt ein einzi⸗ 10 146 ges Kind, und ihr Vater ein reicher Juwelen⸗ händler. „Schoͤn, ſchön“ ſagte der Koͤnig.„Sie muß an den Hof kommen.“ Und heimlich mit einander redend, berathſchlagten ſie, wie dies zu bewerkſtelligen ſey. Sonder Zweifel wuͤrde auch das ſchöne Maͤd⸗ chen von Ludgate in die Schlingen jenes verwor⸗ fenen Höflings gefallen ſeyn, wäre nicht eine Begebenheit hereingebrochen, die alle Gedanken an Genuß und Vergnuͤgen in Angſt und Entſez⸗ zen verwandelte. Denn nun brach jene fürchter⸗ liche Peſt in London aus, welche die Sterblich⸗ keit in ſo hohem Grade vermehrte, daß die Zahl der Todten bald in einer einzigen Woche von Hunderten auf Tauſende ſtieg. Bei den erſten Verheerungen der Anſteckung verließ eine große Anzahl von Familien ihre Häuſer, und floh auf das Land; die Zuruͤckbleibenden ſchloſſen ſich ſo eng in ihren Wohnungen ein, als wuͤrden ſie durch irgend einen unſichtbaren fuͤrchterlichen Feind belagert. Zugleich nahm die Peſt mit ſchreckli⸗ cher Schnelle zu, verbreitete ſich von Haus zu Haus, von Straße zu Straße, bis ganze Stadt⸗ viertheile ihrer Wuth unterworfen waren. Um dieſe Zeit ward Alicens Vater ploͤtzlich krank, doch nicht an der Peſt; die erſchreckten Dienſtbo⸗ —————————— 147 ten aber konnten nicht davon uͤberzeugt werden, daß ſeine Krankheit eine andere als die Peſt ſey⸗ Voll Entſetzen flohen ſie alle davon, und uͤber⸗ ließen ihren Herrn der alleinigen Sorge ſints innig betruͤbten Kindes. Am Morgen, nachdem ſie ſo verlaſſen worden war, ſaß ſie neben ihrem Vater an deſſen Bette, da hörte das ſchöne Maͤdchen plotzlich Stimmen laut auf der Straße ſprechen; ſie ſah aus dem Fenſter, und erblickte mehrere Juͤnglinge mit ge⸗ ſattelten und gezäumten Pferden vor der Thuͤr ihres Hauſes haltend. Kaum zeigte ſie ſich am Fenſter, als Alle zugleich riefen, ſie moͤchte zu ihnen herabkommen, und mit ihnen aus der Stadt des Todes entfliehen. Alice fuͤhlte ſich dadurch herzlich geruͤhrt, und druͤckte ihnen mit thränendem Auge ihren Dank ausz dann aber wies ſie auf das Innere des Zimmers, und ſagte Ihnen, dort liege ihr Vater, unfaͤhig, das Bett zu verlaſſen. „Dann iſt keine Huͤl fe fuͤr ihn!“ rief Hugh Percy.„Gott ſey ſeiner Seele gnädig!— Die Peſt naht ſich dieſer Gegend mit ſtarken Schritten. Schon habe ich die rothen Kreuze in Cheapſide geſehen. Ich bitte Euch, theure Alice, kommt zu uns herabz wir wollen Euch bis an das Ende der Erde geleiten.“ 10* 148 Die gefuͤhlvolle Alice ward bei dieſen Wor⸗ ten faſt von Thränen erſtickt, und es verging eine geraume Zeit, ehe ſie zu antworten vermochte. „Hugh Percy!“ erwiederte ſie,„iſt es ſo, wie Ihr ſagt, ſo geſchehe der Wille Gottes; doch nie werde ich meinen theuren Vater huͤlf⸗ los verlaſſen.“ Dabei winkte ſie mit der Hand, wie zum letzten Lebewohl, ſchloß das Fenſter, und kehrte zum Krankenbette zuruͤck. Am folgenden Morgen kamen die Jüngünge wieder, Alice zur Flucht zu bewegen, aber es waren ihrer ſchon weniger. Sie baten Alice, we⸗ nigſtens an das Fenſter zu kommen, und als ſie dieſe Bitte erfullt hatte, fleheten ſie ſie wieder dringend an, mit ihnen zu fliehen, und boten alle moglichen Gruͤnde auf, ſie dazu zu bewegen; aber ſtandhaft beharrte ſie auf ihrem Vorſatze. Endlich fragte ſie, wo die Anderen wären, und weshalb Hugh Percy nicht unter ihnen ſey. Sie erhielt die Antwort, er waͤre an eben dem M gen von der Peſt befallen. „Ach theuren Freunde,“ rief ſie bei nſn Nachricht aus,„nehmt das zur Warnung, und verlaßt die Stadt, wahrend es noch Zeit iſt. Es wuͤrde mich fuͤr immer elend machen, muͤßte ich mir ſagen, daß ich an Eurem Ungluͤck Schuld ſey; was mich ſelbſt betrifft, ſo bin ich ganz auf 145 65 den Willen Gottes gefaßt.“ Hierauf ſchloß ſie das Fenſter, und traurig entfernten ſich die Jüng⸗ 1 linge, einen ausgenommen, der kein Pferd mit 4 ſich gebracht, auch nicht in die Bitten der Uebri⸗ gen mit eingeſtimmt hatte. Als Alice nach einiger Zeit wieder an das Fenſter trat, um fri⸗ 1 ſche Luft zu ſchöpfen, bemerkte ſie ihn voll Er⸗ 1 ſtaunen, die Arme gegen die Thuͤr geſtemmt. „Wie köͤmmt es, Ralph Seaton,“ rief ſie ihm zu,„daß Ihr noch an dieſem traurigen Orte verweilt?“ „Schoͤne Alice,“ erwiederte Seaton,„ich bin nicht, gleich den Andern, hiehergekommen, Euch zur Flucht zu bereden; alſo duͤrft auch Ihr mich nicht zwingen, mich wider meinen Wil⸗ len zu entfernen.“ „Ralph Seaton,“ ſagte Aliee,„mein Herz erkennt mit dankbarer Ruͤhrung Eure Zaͤrtlichkeit fur mich; aber Ihr habt fuͤr eine Mutter und Schweſter zu ſorgen.“ „Sie ſind in Sicherheit, Alice, und weit von dieſem ſchrecklichen Orte entfernt.“ „Wollte Gott, Ihr waͤret mit ihnen, theu⸗ rer Ralph, geht! Druͤckt die Liebe zu mir in der Ferne in Eurem Gebete aus. Ich wuͤnſche Euch ein tauſendfältiges Lebewohl, aber ich bitte Euch dringend— geht!“ Bei dieſen Worten — F £— 15⁰ wendete ſie ſich ab, druͤckte die eine Hand auf die Augen, und ſchloß mit der andern das Fen⸗ ſter, als ſey es fuͤr ewig. Am naͤchſten Morgen kamen die jungen Leute zum dritten Male vor das Haus, und in ganz geringer Entfernung davon war ein rothes Kreuz an der Thuͤr. Der Juͤnglinge waren jetzt nur noch drei oder vier; einige hatten die Stadt ver⸗ laſſen, Andere waren durch die nichtsverſchonende Peſt dahingerafft worden. Es währte eine lange Zeit, ehe Alice an das Fenſter kam, und ſchon begannen die jungen Maͤnner zu fuͤrchten, daß auch ſie krank geworden ſeyn moͤchte. Endlich jedoch erſchien ſie, und als ſie ſah, wie willig die Juͤnglinge noch immer zu ihrem Dienſt be⸗ reit waren, rief ſie in halber Verzweiflung:„Um Gottes Willen flehe ich Euch an, kommt nicht wieder hieher, wenn Ihr nicht mein Herz bre⸗ chen wollt. Seht, das Schreckenszeichen iſt ſchon ganz nahe, und morgen befindet es ſich vielleicht ſelbſt an dieſer Thuͤr. Macht nicht, daß der Fluch Eurer Freunde und Verwandten mein Haupt treffe, weil ich die Urſach Eures verderb⸗ lichen Bleibens war. Habt Ihr nur das leiſeſte Mitleid fuͤr mich in Eurer Bruſt, ſo laßt dies unſer letztes Lebewohl ſeyn.“ Bei dieſen Worten brachen die Fünglinge in 15¹ Thraͤnen aus, und Einige von ihnen baten ſie mit gebrochener Stimme um ein Beichen der Er⸗ innerung. Sie holte, dieſe Bitte zu erfuͤllen, ihre Armbaͤnder, und gab ſie Zweien;z einem Drit⸗ ten ſchenkte ſie einen Handſchuh, Seaton aber warf ſie einen Ring zu, den ſie vorher vielmal an ihre Lippen gepreßt hatte. Den Tag nach dieſem Abſchiede ward das verhaͤngnißvolle vothe Kreuz an die Thuͤr von des Juweliers Haus gemalt. Die Obrigkeit hatte erfahren, daß er krank ſey⸗ und es ward daher als ganz natuͤrlich angenommen, daß er an der Peſt darniederliege. Die Thuͤr ward ſorgfaltig vernagelt; ſo daß Niemand hinein⸗ auch Niemand heraus konnte; und Aͤberdies waren auch noch Waͤchter angeſtellt, welche darauf zu ſehen hat⸗ ten, daß dieſer Belagerungszuſtand nicht verletzt werde. Die Pflicht dieſer Aufſeher war⸗ dafuͤr zu ſorgen, daß es den Kranken, welche in ihren Haͤuſern eingeſchloſſen waren⸗ nicht an den noͤ⸗ thigen Lebensmitteln mangelez ſo geſchah es denn vei der Hartherzigkeit und Nachlaͤſſigkeit dieſer Leute oft, daß die Kranken wirklich vor Man⸗ gel ſtarben. Auch Alice fah nach wenigen Ta⸗ gen ihren Vater faſt dem Hunger erliegen; und nur der Stäͤrkung bedurfte er, denn ſeine Krank⸗ heit war faſt ganz verſchwunden. Alice war der * 3 6— 6 132 WVerzweiflung nahe, da ſah ſie einen Mann über die Straße gehen, und ihm zurufend, beſchwor ſie ihn, ihr aus Liebe zu Gott nur etwas Nah⸗ rung zu bringen. Aber zu ihrem Entſetzen floh der Mann bei ihren Worten mit allen gänzlicher Geiſteszerruͤttung davon. „Bei dieſer grauſamen Taͤuſchung ihrer Hof⸗ nung drohte ihr das Herz zu brechen, als ſie aber auf die entgegengeſetzte Seite der Straße blickte, ſah ſie einen zweiten Mann mit einem Fruge und einem Laib Brod daherkommen, und fuͤhlte neuen Muth. Als der Mann unter ihrem Fenſter war, richtete ſie die nämliche Bitte, die ſie dem anderen gethan, auch an ihn, und flehte, eihr nur einen Trunk Waſſer und einen Biſſen Brod fuͤr ihren Vater zu geben. „Dazu bringe ich es!“ entgegnete der Mann, und als er bei dieſen Worten aufwärts blickte, ſah ſie, daß es Seaton war, der dieſe Huͤlfe in der Noth brachte. „Ihr koͤnnt dreiſt davon eſſen und trinken,“ fuhr er fort,„denn ich bringe es mehrere Mei⸗ len weit her, von einem Otrte, bis zu welchem die Anſteckung noch nicht vorgedrungen iſt.“ Alicens Herz war zu voll, als daß ſie zu antworten vermocht haͤtte; doch eilte ſie ſogleich davon, und holte eine Schnur, das Brod und 153³ ben Krug, in welchem ſich trefflicher Wein be⸗ fand, daran in die Hohe zu ziehen. Als ihr Vater die Mahlzeit, durch welche er ſich unge⸗ mein geſtaͤrkt fuͤhlte, beendigt hatte, kehrte Aliee wieder zuruͤch, und ließ den Krug zum Fenſter hinab. Auf dem Boden des Gefaͤßes entdeckte Seaton dabei etwas Glaͤnzendes. „Ralph Seaton,“ ſagte Alice,„tragt die⸗ ſen Juwel zu meinem Andenken⸗ Des Himmels Segen ſey mit Euch, fuͤr die Wohlthat, die Ihr uns erwieſen habt, aber bei der heiligen Dreiei⸗ nigkeit beſchwöre ich Euch, e zuruͤckzukehren.“ Mit den Zeichen ſae Freud⸗ ſteckte der eble Seaton das Kleinod in ſeinen Buſen, winkte Alice mit der Hand Lebewohl zu, und ging, ohne weiter ein Wort zu ſagen. Als er weg war, dachte Alice mit erneuertem Kummer an den folgenden Tag, wo ihr geliebter Vater gewiß glei⸗ cher Noth wieder Preis gegeben war; denn waͤh⸗ rend dieſer ganzen Zeit hatten ſich die nachlaͤſſi⸗ gen Wächter nicht in der Gegend des Hauſes blicken laſſen. Saͤmmtliche Stunden der Nacht prachte ſie daher in ängſtlicher Erwartung zu, und ihre Furcht ward noch durch das Raſſeln der Karren vermehrt, welche um Mitternacht kamen, die Leichen aus den Haͤuſern abzuholen. ——— 15⁵4 In der Mitte der Nacht fuhr einer dieſer Wagen, ſchon mit einer Menge Leichen beladen, durch die Straße. Ein Mann mit einer Schelle, und zwei Waͤchter mit Fackeln begleiteten ihn; mit ſchwacher Stimme rief Alice ihnen zu. Als die Maͤnner den Ruf hoͤrten, fuhren ſie mit dem Karren unter das Fenſter, indem ſie glaubten, daß eine Leiche herabgeworfen werden ſollte; kaum chatten ſie aber Alicens Bitte vernommen, als ſie barſch und brummend antworteten, ſie haͤtten fuͤr ſich ſelbhſt genug zu thun. Und ohne ferner nauf das Flehen des angluͤcklichen—— zu 4 iti Der ngen verging Alicen unter ichen Wechſel von Hoffnung und Verzweiflung; doch gegen Abend käm Seaton wieder mit einem Kruge Wein und einem kleinen Korbe, der kal⸗ ten Braten und andere Eßwaaren enthielt, die er ſich in einem Dorfe in bedeutender Entfer⸗ nung von London mit unſäglicher Muͤhe verſchafft hatte. Mit Eifer zog das ſchoͤne Mädchen alle dieſe Sachen zum Fenſter hinauf, denn ihr Va⸗ ter fing jetzt an, jene ſtarbe Eßluſt zu bekommen, welche eines der erſten und ſicherſten Zeichen des Geneſens von einer ſchweren Krankheit iſt; auch fiel er mit wahrem Heißhunger über die Speiſen 155 her. Während deſſen ließ die liebliche Alice den teeren Krug und Korb wieder an Seaton hinab, und bat ihn nochmals dringend, ſich durch die Ruͤckkehr nach der Stadt nicht wieder ſo großer Gefahr auszuſetzen; er erwiederte nichts, als daß er ſeine Haͤnde auf die Bruſt preßte, gleichſam als wolle er andeuten, wie wohl ihre Beſorgniß ihm thue; ſie winks⸗ ihm nun nhm Lebe⸗ wohl, und er ging. So verfloſſen mehrere Wochen, und Tag für Tag brachte der edle Juͤngli ing friſche Lebensmit⸗ tel, bis der alte Juwelier endlich wieder im Stande war, das Bett zu verlaſſen. Eine guͤtige Vorſehung ſchuͤtzte Alle gegen die Anſteckung von der Peſt, obgleich auf beiden Seiten der Straße Viele ſtarben, indem das Uebel jetzt grade die hoͤchſte Hoͤhe erreicht hatte. So wurden die Haͤu⸗ ſet öde, die Straßen ſchweigend und verlaſſen, und zwiſchen den Steinen des unbetretenen Pcſteßs ſproßte uberall Gras hervor. Das Gefaͤngniß des ſchoͤnen Midchens von Ludgate und ihres Vaters ward dadurch Beiden bald ſehr läſtig, beſonders als der Juwelier wie⸗ der ſo weit hergeſtellt war, daß er aus dem Fen⸗ ſter ſehen, und ſich ſelbſt von den Verwuͤſtungen uͤberzeugen konnte, welche die Peſt angerichtet — 156 hatte. Die Zeichen des allgemeinen Elendes er⸗ fuͤllten ihn mit um ſo größerer Angſt, da das Leben ſeines geliehten Kindes, eben ſo wie ſein eigenes noch jede Stunde der hochſten Gefahr ausgeſetzt war. Seine Beſorgniß war ſo groß, daß ſie einen Ruͤckfall der Krankheit befuͤrchten ließ, und die zärtliche Tochter fand daher in ihres Vaters Geneſung nur wenig Troſt, weil ſie beſtändig befuͤrchten mußte, ſich vergebens uͤber die Rettung ſeines Lebens gefreut zu haben. Und in der That reichte es auch fuͤr ein fuͤhlendes Weſen zum herzzerreißendſten Kummer hin, ſich im Mittelpunkte ſo gräßlichen Elends zu ſehenz auch ließ ſich nicht beſtimmen, ob das Uebel von ſelbſt aufhoͤren, oder ſo lange wuͤthen werde, als es noch Opfer zu erfaſſen hatte. Gegen Ende des Jahres jedoch endete die Peſt, und der König, welcher ſeinen Hof bei Zeiten nach Windſor verlegt hatte, beſchloß nun, der ungluͤcklichen Hauptſtadt einen Beſuch zu ma⸗ chen. Er ſtieg daher zu Pferde, und ritt der Stadt zu, von dem Lord Rocheſter und eben den Herren begleitet, welche auch auf jenem er⸗ ſten Ritte zur Stadt, deſſen wir im Anfange unſerer Geſchichte ewähnten,— i ge⸗ weſen waren. 157 Der Monarch war durch den Anblick, der ſich ihm bot, ſehr ergriffen; aus einer weiten, volkreichen Stadt war eine Oede geworden. Das Echo von dem Hufſchlage der Pferde toͤnte dumpf durch die einſamen Straßen, doch lockte es nur wenige Neugierige an die Fenſter, und dieſe gli⸗ chen wieder weit mehr wandelnden Geſpenſtern, als lebenden Menſchen. In truͤber Stimmung ritt der Koͤnig durch die Straßen; der heitere Graf Rocheſter verſuchte es, ihn durch mehrere Scherze aufzuheitern, doch vergebens; denn ſelbſt in ſeinen eizenen Ohren klängen ſie matt und unzeitig. So kamen die Reiter zu dem Huͤgel von Ludgate; hier kam die Erinnerung an das ſchoͤne Maͤdchen von Ludgate dem Koͤnige ploͤtzlich wie⸗ der in den Sinn, und raſch blickte er nach dem Hauſe hinuͤber. Ach da ſtand das furchtbare rothe Kreuz noch ſichtbar an der Thuͤr. Der Koͤnig wies Rocheſter dies Todeszeichen, und ſchweigend ſchuͤttelten Beide das Haupt, als woll⸗ ten ſie ſagen: Auch ſie iſt todt! Um aber den⸗ noch Ueberzeugung zu gewinnen, ſprang der Graf vom Pferde, und pochte laut an die Thuͤr. Doch es erfolgte keine Antwort, auch ließ ſich Niemand am Fenſter ſehen. Mit ſchwerem Herzen ritten . 2 2 158 ſie einige Haͤuſer weiter, da ſahen ſie einen jun⸗ gen Mann, einem Geiſte gleich, an einem Fen⸗ ſter ſitzen, ein großes Buch, wie eine Bibel, in der Hand haltend. Der Koͤnig, welcher ihn zu⸗ erſt erblickte, fragte ihn ſchnell, ob das ſchoͤne Maͤdchen von Ludgate todt, oder noch am Leben ſey. Doch der geiſterhafte Mann wußte nichts zu ſagen, als daß der Juwelier in dieſem Theile der Stadt einer der Erſten geweſen ſey, welche von der Peſt ergriffen wurden. Innerlich uͤber⸗ zeugt, daß die ſchoͤne Alice auch zu den vielen Tauſend Opfern gehörd, welche das Uebel chinweg⸗ gerafft hatte, ritt der Konig traurigen Muthes weiter durch die Stadt, und brauchte mehrere Stunden, um ſich uͤberall von den mihchen Verheerungen zu ſlu Dann kehrte„r auf eben dem Wege ie den er zur Stadt genommen hatte, und als er ſich dem Hauſe des Juweliers in Ludgate nahete, ſah er mehrere junge Leute an der Thuͤr deſſel⸗ ben ſtehen. Sie hatten gleichfalls, doch mit nicht gluͤcklichgrm Erfolge, angepocht, um Nachricht von dem ſchönen Mädchen zu erhalten. Endlich war ihre Geduld erſchoͤpft worden, und als der Koͤnig herankam, begannen ſie Steine durch das Fenſter zu werfen. Der Graf von Rocheſter ſah 15⁵9 dies vergebliche Bemuͤhen, und rief ihnen zu, indem er voruͤberritt:„Ihr Herren, Ihr ver⸗ ſchwendet Eure Arbeit. Die Krone Eurer Stadt iſt todt, wie Ihr erfahren„onnt, wenn Ihr je⸗ nes lebende S an dem⸗ dort fragen wollt.“ Bei dieſen Worten ſtanden die jungen Leute, welche glaubten, daß der Graf ſicheren Grund fuͤr ſeine Behauptung habe, von ihrem Vorſatze ab, und beide Theile ſetzten in verſchiedenen Rich⸗ tungen ihren Weg fort, der König mit ſeinen Begleitern nach Windſor, und die jungen Maͤn⸗ ner nach ihren Wohnungen, Alle tiefe Trauer uͤber das ſchoͤne Maͤdchen von Ludgate auf dem Geſichte und im Herzen. Was den edelmuͤthigen Ralph Seaton be⸗ trifft, ſo hatte er einige Zeit vorher aufgehoͤrt, unter das Fenſter des Juweliers zu kommen, da in dem Hauſe Niemand mehr lebte, der von ſeinem Weine trinken, von ſeinen Speiſen eſſen konnte. Deſſenungeachtet aber fuhr er noch dann und wann fort, dem Vater Alicens ein Stuͤck Kuchen oder auch eine Flaſche Wein zu bringen. Er lebte mit ihm unter einem Dache, vei ſeinem Vater, einem redlichen Reoman in Kent, denn hieher hatte Ralph den alten Juwe⸗ 160 lier gebracht, ſo bald er geſund genug wat, die Reiſe zu unternehmen. Der alte Herr uͤberlebte v Peſt noch um zwanzig Jahre; doe,“ das ſchoͤne Maͤdchen von Ludgate, welches die Peſt auch ſo gluͤcklich uͤberſtanden hatte, hörte bald danach auf, zu ſeyn— denn ſie verwandelte ihren Namen in den der Frau Alice Seaton. VII. Des VII. Des Rärrners Frau. 11 In den Vorſtädten von Straßburg lebte eine arme Frau, welche Margaretha genannt ward, von einem kleinen Leinewandhandel. Sie war von mittlerem Alter, doch ſo gut und ſanft, ſo huͤbſch noch, und dabei von ſo ausgezeichnet gu⸗ tem Rufe in Hinſicht ihrer Sittlichkeit, daß man⸗ cher große Kaufmann erfreut geweſen ſeyn wuͤrde, ſie zur Frau zu erhalten. Doch ſie hatte ihr Herz einem Manne, Namens Kolmar, geſchenkt. Dem Anſcheine nach war dies ein ehrlicher Kerl und ein Kaͤrrner, in der That aber ein Schelm und ein Schmuggler. Noch waren die Honig⸗ monate ihrer Ehe nicht verfloſſen, als er ſchon begann ihr gar uͤbel zu begegnen, und endlich vehandelte er ſie ſchlechter, als ſeine Pferde, die ſie putzen und fuͤttern mußte, während er muͤßig ſaß und rauchte, oder mit ſeinen verdorbenen Spießgeſellen trank. Alles deſſen ungeachtet ertrug Margaretha ihr hartes Schickſal mit Ergebung und Geduld, 11* 3 1 1 164 ohne ſich einmal gegen ihren Mann zu beſchwe⸗ ren. Aber noch Aergeres erwartete ſie, denn wenn Kolmar ſeine Kontrebande durch die Wach⸗ ſamkeit der Behörde oder durch Verrätherei von Spionen einbuͤßte, ſchlug er ſeine Frau auf das Grauſamſte. Sie verbarg dieſe Behandlung aber vor Jedermann, indem ſie hoffte, ihn durch ihre Sanftmuth einſt noch guͤtiger zu ſtimmen; des⸗ halb machte ſie ihm auch nie anders Vorwuͤrfe, als durch truͤbe ſorgenvolle Blicke, deren ſie ſich, nicht zu erwehren vermochte; denn oft druͤckte die ſchwere Hand des Mangels ſie eben ſo zu Bo⸗ den, wie die unverdienten Zuchtigungen Kolmars. Auf dieſe Weiſe ſchwand ihre Schonheit zugleich mit ihrer Kraft, und ſie ward ihrem Manne, endlich ſo widerlich, daß er ſie ohne Verzug er⸗ mordet haben wurde, wäre er nicht eben ſo vor⸗ ſichtig und liſtig geweſen, als grauſam. Jetzt aber ließ er ſie faſt verhungern, indem er die groͤßte Armuth vorgab; Margaretha murrte dar⸗ uͤber niemals, doch machte ſie ſich im Stillen viel⸗ fältigen Kummer uͤber die Verluſte ihres Mannes. Eines Tages, als ſie, uͤber ihr hartes Loos nachdenkend, bei ihrer Näherei ſaß, horte ſie leiſe an die Thür klopfen. Sie ging, um zu ſehen, wer da ſey, und erblickte ihren Vetter, einen Hauſirer, welcher mit ſeinem Buͤndel Waa⸗ 165 ren durch das Land zog. Zuerſt war ſie uͤber ſeinen Anblick ſehr erfreut, denn ſie hatte ihn mehrere Jahre nicht geſehen; ſogleich aber ſank ihr auch wieder der Muth, indem ſie bedachte, daß ſie ihm ſo gar nichts zu bieten vermoͤchte; denn wenn Kolmar erfuhr, daß ſie ohne ſein Wiſſen und Willen auch nur eine Rinde Brod weggegeben haͤtte, ſo ſchlug er ſie ganz beſtimmt. Dennoch bat ſie ihren Vetter, herein zu kommen, und bei ihr auszuruhen. „Ach,“ ſagte ſie,„ich kann dir nichts zum Abendeſſen geben, denn ich habe nicht einen Biſ⸗ ſen im Hauſe, und was noch ſchlimmer iſt, ich darf dir nicht einmal ein Nachtlager anbieten⸗ denn mein Mann iſt ſehr zuruͤckhaltend und arg⸗ woͤhniſch, und kann die Gegenwart eines Frem⸗ den nicht dulden. Fände er einen bei ſeiner Ruͤck⸗ kehr hier, ſo wuͤrde er mich gewiß mißhandeln, obgleich er bei andern Gelegenheiten guͤtig ge⸗ nug iſt.“ Der Vetter dachte einen Augenblick uber dieſe Worte nach, und ſagte dann:„Margaretha, ich ſehe wohl, wie Alles ſteht. Doch ſey nicht muth⸗ los; die beſten Haͤuſer konnen bei der unerwar— teten Ankunft eines Gaſtes unvorbereitet gefun⸗ den werden. Du ſollſt ſehen, daß ich auf der⸗ gleichen kleine Unfälle gefaßt bin.— Hier iſt 166 eine Flaſche voll guten Weines, zwei oder drei getrocknete Fiſche, und einige Haͤnde Roſinenz es ſoll mich freuen, wenn du es mit mir thei⸗ len willſt. Komm, komm, iß!“ Dabei legte er ſeinen Vorrath auf den Tiſch, und fing mit gutem Appetite ſeine Mahlzeit an. Margaretha war bei dieſem Anblicke noch ungleich aͤngſtlicher, als vorher; deſſenungeach⸗ tet aß ſie auf wiederholtes Zureden endlich ſelbſt mit, doch richtete ſie dabei die Augen beſtaͤndig nach der Thuͤr, als fuͤrchte ſie den Beſuch eines reißenden Wolfes. Die Zeit von Kolmars Ruͤck⸗ kehr kam immer naͤher, und ſie bat daher ihren Vetter, wenn er ſie liebe, ſeine Mahlzeit zu be⸗ ſchleunigen, und dann zu gehen. „Eben wollte ich es ſchon thun,“ ſagte er, ſie mißverſtehend.„Sey daher ſo gut, und zeige mir mein Schlafzimmer.“ Voller Angſt wiederholte Margaretha ihm hierauf nochmals, was ſie ihm ſchon vorher geſagt hatte, und bat ihn zugleich herzlich, es nicht uͤbel zu nehmen, daß er nicht in ihrem Hauſe ſchlafen koͤnne; ſie rechne dies, fuhr ſie fort, mit zu dem anderen vielfaltigen Ungluͤcke ihres Lebens. „Ich verſtehe dich,“ ſagte er.„Gut, doch ich bitte dich, mach' mir nicht mehr dergleichen Ausreden. Ich habe dir ſchon geſagt, daß ich 167 nicht der Mann bin, der ſchwer zu befeiedigen ſey. Waͤre das Bett auch noch haͤrter, und die Kiſſen ſchmäler und kuͤrzer, als die, welche du mir zu geben denkſt, ich wuͤrde ſie mit Freuden annehmen; denn ich gehe nun einmal fuͤr heute nicht mehr fort von hier, und hätte ich ein kö⸗ nigliches Eiderdunenbette zu erwarten.“ Als Margaretha ihn ſo entſchloſſen fand, und noch dazu ſah, daß er etwas zu viel Wein ge⸗ trunken hatte, furchtete ſie, ihm zu widerſprechen. Auch wußte ſie, daß er beſcheiden ſey, und noch vor Sonnenaufgang des Weges weiter ziehen werde; und ſo hoffte ſie denn, daß er wohl dieſe eine Nacht ohne Kolmars Wiſſen im Hauſe blei⸗ ben könne. Sie fuͤhrte ihn deshalb auf eine Bodenkammer, welche nichts enthielt, als ein ſchlechtes Ruhebett, und eine lange Leine. Kol⸗ mar hatte dieſe wahrſcheinlich hier liegen laſſen, um ſeine Frau zu bewegen, ſich daran aufzuhaͤn⸗ gen; denn ſie hatte hier zuweilen allein geſchla⸗ fen, wenn er ſie ſo ſchlecht behandelte. Ihr Vet⸗ ter ſchwur aber darauf, dies ſey eine Wohnung fuͤr einen Prinzen. „Ach,“ ſeufzte ſie,„das laͤßt dich nur deine Guͤte ſprechen; doch die Ratten wirthſchaften hier furchterlich, wie ich hinlaͤngliche Gelegenheit ge⸗ habt habe, mich zu uͤberzeugen.“ Sie wuͤnſchte 168 ihm hierauf raſch eine gute Nacht, und eilte, mit Thraͤnen im Auge, in ihr Zimmer hinunter. Erſt kurze Zeit war ſie hier geweſen, als Kolmar an die Hausthuͤr pochte; vor Schreck waͤre ſie bei dieſem Tone faſt vom Stuhle gefal⸗ len. Er war vollkommen nuͤchtern, doch in ſehr ernſter Stimmung, und als er ſah, wie roth ſie ihre Augen geweint hatte, zog er ſie zu ſich, und kuͤßte ſie anſcheinend mit der größten Zartlichkeit. Das Herz des armen Weibes war zu voll, als daß ſie zu ſprechen vermocht haͤtte; doch ſchmiegte ſie ihre Arme um ſeinen Nacken, und ſchien in dieſem Augenblicke alle ihre Sorgen zu vergeſſen. Faſt ganz beruhigt fuͤhlte ſie ſich, als Kolmar mit einem fuͤrchterlichen Eide ſchwur, daß er ſie nach dieſer Nacht nie mehr kraͤnken wolle. Die gute Margaretha war daruͤber ſo ſelig und froh, daß ſie aus Dank fuͤr ſeine ganz un⸗ gewoͤhnliche Guͤte und Freundlichkeit ſchon im Begriffe ſtand, ſich ihm zu Fuͤßen zu werfen, und ihm zu bekennen, daß ſie ihren Vetter im Hauſe verborgen, und alſo den erſten Ungehor⸗ ſam gegen ſeine Befehle als ſein Weib begangen habe. Zum Gluͤcke aber ſchwieg ſie, denn die Thraͤnen erſtickten ſie beinah, ſo war ihre beider⸗ ſeitige Stimmung, als ſie ſich Weittten⸗ zur Ruhe zu gehen. 169 Kolmars Gewohnheit war es, vor dem Schla⸗ fengehen noch ein Mal nach dem Stalle zu ſehen; ſelbſt ein Schelm, war er in beſtändiger Furcht vor Dieben; deshalb ſchloß er auch jedes Mal ſeine Schlafſtube, in welcher er alle Sachen von Werth verwahrte, hinter ſich zu.— Gegen Mit⸗ ternacht hoͤrte Margaretha ihn wie gewöhnlich hinabgehen, doch blieb er drei Mal ſo lange aus, als ſonſt in der Regel. Sie ward hieruber ſehr ängſtlich, noch mehr aber, als ein ſtarker Rauch in ihr Zimmer zu dringen begann. Voll Angſt ſprang ſie an das Fenſter, und hoͤrte Kolmar unten aͤchzen und ſtoͤhnen, wie einen Menſchen, der heftige Schmerzen auszuſtehen hat. Auf ihre Frage antwortete er ihr, daß er durch Raͤuber mißhandelt ſey, welche ſeine Pferde mit ſich ge⸗ nommen, und dann das Haus in Brand geſect haͤtten. „Der hintere Theil des Hauſes“ ſagte er, „ſteht in vollen Flammen. Doch was mich am meiſten bekuͤmmert, meine theure Margaretha, iſt, daß ich bei dem Kampfe mit den Boͤſewich— tern den Schluͤſſel zur Hausthuͤr verloren habe. Haſt du aber den Muth, dich aus dem Fenſter zu ſtuͤrzen, ſo will ich dich in meinen Armen auffangen; oder auf den ſchlimmſten Fall habe ich hier einen großen Haufen Stroh hergeworfen, 8 3 8 170 ſo daß du dir gewiß keinen Schaden thun kannſt, wenn du herabſpringen willſt.“. Der liſtige Boͤſewicht dachte ihr 3e keinen andern Empfang zu, als welchen das harte Pfla⸗ ſter ihr gewaͤhren konnte. Seine viehiſche Roh⸗ heit war in der ganzen Gegend zu gut bekannt, als daß er hätte wagen duͤrfen, ſie durch offene Gewaltthat zu toͤdten; auf dieſe Art jedoch hoffte er es wahrſcheinlich zu machen, daß ihr Tod durch einen Zufall herbeigefuͤhrt worden ſey; auch ſchmeichelte er ſich, daß die Schuld, welche durch ih⸗ ren Tod auf ſein Haupt gewaͤlzt werden mußte, da⸗ durch kleiner werde, da ſie ſich auf dieſe Weiſe gewiſ⸗ ſermaßen aus eigenem Antriebe in denſelben ſtuͤrzte. Das Fenſter war aber ſehr hoch vom Erdbo⸗ den entfernt, und Margaretha war deshalb noch unentſchloſſen, ob ſie den Sprung wagen ſollez waͤhrend dieſes Zauderns erwachte der Hauſirer. Er roch den Rauch, ging an das Fenſter, und hoͤrte Kolmars Ermahnungen an deſſen Frau. Die Gefahr war alſo dringend; raſch ſprang er zuruͤck nach ſeinem Pack, welches ſehr ſchwer war, trug es zum Fenſter, und ſtuͤrzte es hinab, im Dunkeln grade auf Kolmar. Dieſer fing ſogleich an, jetzt in wahrem Ernſte zu aͤchzen und zu ſtöhnen. Der Hauſirer wußte wohl, wie ſchwer das Pack ſey, hoͤrte den Fall, die ſchmerzlichen 171 ————— Ausrufungen, welche darauf folgten, und zwei⸗ felte nicht einen Augenblick, daß es um den Boͤ⸗ ſewicht geſchehen ſey. Ohne daher ſeine Zeit mit Fragen zu verſchwenden, tappte er nach der Leine umher, die er am Abend zuvor bemerkt hatte. Bald hatte er ſie gefunden, befeſtigte das eine Ende an dem Bette, und ließ ſich, geſchickt wie eine Katze, zu dem Fenſter ſeiner Baſe hinab. Marga⸗ retha, durch die Seufzer ihres Mannes geruͤhrt, hatte eben den Entſchluß gefaßt, auf jede Gefahr hin aus dem Fenſter zu ſpringen, als der Hauſirer ſie noch eben zu rechter Zeit zuruͤckhielt. Er war ſtark und gewandt, und ſo gelang es ihm bald, Margaretha glucklich hinabzulaſſen; dann folgte er ihr ſelbſt mit der Geſchicklichkeit eines Matroſen. Kaum war Margaretha unten, als ſie ſich nach ihrem Manne umſah, der nun ſtill und ſtumm da lag, und auf alle ihre Fragen nicht eine Sylbe antwortete. Der Hauſirer vermuthete mit gutem Grunde, daß er todt ſey, und fand auch bald, mit der Hand umherfuͤhlend, ein gro⸗ ßes Loch in des Böſewichtes Schaͤdel. Anfangs war er durch dieſe Entdeckung tief betruͤbt, als er darauf aber um das Haus ging, und die glimmenden Ueberreſte eines Haufens Stroh ſah, den Kolmar angezuͤndet hatte, verſtand er Alles, und war ſchnell getröſtet. Er fuͤhrte hierauf Mar⸗ . 1 † 7 5 2 1 1. 172 garetha, welche laut klagte, an eben den Ort, zeigte ihr die Ströhaſche, und ſagte ihr, daß es thoͤrigt ſey, einen Mann zu betrauern, der ein Niederträch⸗ tiger geweſen ſey, welcher auf elende Weiſe durch ſeinen eigenen Anſchlag gegen ihr Leben umkam. „Die blutige Abſicht,“ ſagte der Hauſirer, „iſt auf des Erſinners eigenes Haupt gefallen. Betrachte dies daher als ein Werk der guͤtigen Vorſehung, welche Mitleid mit deinem Elende hatte, und dir ein gluͤcklicheres Leben fuͤr die Zu⸗ kunft ſchenken wollte. Und was deinen Lebens⸗ unterhalt betrifft, ſo will ich ſelbſt dafuͤr Sorge tragen, wenn Got ihn dir nicht gewaͤhren ſollte.“ Auf dieſe Weiſe getroͤſtet, trocknete Margare⸗ tha ihre Thraͤnen, indem ſie, wie viele andere Frauen, doch mit ungleich großerem Rechte, be⸗ dachte, daß ſie als Wittwe weit glücklicher ſeyn muͤſſe, wie ſie als Frau geweſen. Ihr Vetter hielt uͤbrigens treu, was er ver⸗ ſprochen, indem er ihr von Zeit zu Zeit einen Theil ſeines Gewinnſtes uͤberſandte; ſo daß ſie mit dem, was ſie aus ihrem fruͤheren Leinwand⸗ handel, den ſie jetzt wieder fortſetzte, und durch die Hinterlaſſenſchaft Kolmars gewann, ſo viel hatte, daß ſie fuͤr den ganzen Reſt ihres Lebens gegen jeden Mangel geſchuͤtzt war. VIII. Die treuen Lirbenden von Sitilien. Auf der Inſel Sizilien lebte ein wunderhuͤbſches Mädchen, Biancafiore genannt, deren Vater Paͤch⸗ ter eines koͤniglichen Zolles war. Sie hatte meh⸗ rere Liebhaber; doch der Begluͤckte war unter Al⸗ len Tebaldo Zanche, ein junger Mann von edler Geburt, doch von geringem Vermoͤgen. Deshalb betrachtete Bianca's Vater ihn auch mit weniger guͤnſtigen Augen, als ſie ſelbſt. Erſterer hatte ſich feſt vorgenommen, ſeine Tochter mit einem gewiſſen reichen Kaufmanne in Palermo zu ver⸗ heirathen. Die Gewalt der Eltern uͤber ihre Kinder war in jenen Zeiten noch ungleich groͤ⸗ ßer, als in unſeren Tagen, und ſo ward denn das arme Madchen endlich gezwungen, dem Kauf⸗ manne ihre Hand zu reichen. Tebaldo verließ hierauf ſogleich ſein Vaterland, um auf einer Reiſe durch ganz Europa wo moͤglich Linderung fuͤr den Schmerz ſeines gebrochenen Herzens zu, finden. Gleich nach der Vermählung zog Bianca mit 1 176 ihrein Gemahle auf deſſen Landſitz, welcher an der Kuͤſte des Meeres, in der Gegend von Gir⸗ genti lag. Sein Lieblingsvergnuͤgen war, die abgehenden und ankommenden Schiffe, welche einen Theil ſeiner Reichthuͤmer trugen, zu beob⸗ achten; Bianca dagegen ward durch den Anblick des Meeres nur truͤbe geſtimmt, da jedes Segel ſie an das Schiff erinnerte, welches ihren gelieb⸗ ten Tebaldo von hier hinweggetragen hatte. Es war in jenen Tagen nichts Ungewoͤhnli⸗ ches, daß die Barbaresken, dieſe Habichte des Mittellaͤndiſchen Meeres, ploͤtzlich an unſeren Kuͤſten landeten, und außer anderer Beute auch Maͤnner und Weiber mit ſich hinwegſchleppten, welche ſie, wenn ſie nicht etwa Loſegeld erhiel⸗ ten, als Sklaven verkauften. So landeten ſie auch einſt, während Mercanti, der Gemahl Bian⸗ ca's, in Palermo war, in der Nacht unfern ſei⸗ nes Landgutes, pluͤnderten dies aus, und ſchlepp⸗ ten Bianca mit ſich hinweg. Den Schrecken kann man ſich kaum denken, den ſie empfand, als ſie bei dem grellen Scheine ihrer eigenen, in Flammen geſetzten Wohnung ſich in der Mitte dieſer wilden ſchwarzen Geſichter ſah; nicht ein⸗ mal die Sprache der Barbaren, die jetzt die Ge⸗ walt uͤber ihr Leben oder ihren Tod in Haͤnden hatten, verſtand die Arme. Dazu kam noch, daß ſie, 177 ſie, um ihr Entſetzen zu vollenden, auf einem Meere von Feuer eingeſchifft ward; denn zufaͤl⸗ lig fand grade dieſe Nacht ein Phaͤnomen Statt, welches auf dem mittellaͤndiſchen Meere haufig wahrgenommen wird, naͤmlich die phosphoriſche Ausduͤnſtung des Waſſers. Dies entſteht entwe⸗ der durch Meer⸗Gluͤhwuͤrmer, oder ſonſt auf an⸗ dere Weiſe, macht aber, daß die Wellen wie blaue Flammenberge ausſehen. Wer Zeuge eines ſolchen Schauſpiels geweſen iſt, kennt das Schreck⸗ liche deſſelben; die Wellen kommen und verſchwin⸗ den gleich Feuerfluthen, und ſind dabei doch auch ſo koͤrperlos und geiſterhaft, daß es ſcheint, als muͤſſe das Schiff, oder was ſie ſonſt auf ihrem Ruͤcken tragen, im nächſten Augenblicke in den dunklen Abgrund verſinken. Bedenkt man dies Alles, ſo darf man ſich nicht wundern, daß Bianca, von Angſt und Schrecken beinahe ſinn⸗ los, wähnte, ſie ſey von hoͤlliſchen Damonen umringt, in der Mitte des ewigen Schwefel⸗ pfuhles. Als der Morgen anbrach, hatten ſie Sizilien aus dem Geſichte verloren, und endlich ward Bianca in Oran, einem aftikaniſchen Hafen, Spanien grade gegenuͤber, ausgeſchifft. Zu glei⸗ cher Zeit landete Tebaldo in Sizilien, wo er zur Erneuerung aller ſeiner Schmerzen das Schickſal 12 178 ſeiner Geliebten vernahm. Schnell jeden Grol, jeden feindſeligen Gedanken vergeſſend, eilte er zu Mercanti, mit ihm zu berathen, wie Bianca aus der Gewalt der Unglaͤubigen zu befreien ſey. Er wuͤrde ſelbſt damit keinen Augenblick geſäumt haben, haͤtte ihn das Gluͤck in den Stand ge⸗ ſetzt, ihr Loͤſegeld zu bezahlen. Der Kaufmann beklagte ſich uͤber ſein xte und ſeine Kränklichkeit, weil ſie ihn außer Stand ſetzten, ſeine Frau ſelbſt aufzuſuchen; da erbot ſich Tebaldo ſogleich, dies ſtatt ſeiner zu thun. „Nur meine Armuth,“ fuhr er fort,„hielt mich ab, ſogleich nach Afrika hinuͤber zu ſegeln, doch wenn Ihr mir die nöthigen Summen zum Loͤſe⸗ gelde anvertrauen wollt, ſo hoffe ich mit Zuver⸗ ſicht auf einen guͤnſtigen Erfolg, und denke die ungluͤckliche Bianca in kurzer Zeit in Eure Arme zuruͤckzufuͤhren.“ Mercanti wunderte ſich ſehr uͤber dieſen Vor⸗ ſchlag, und fragte, was fuͤr eine Buͤrgſchaft Te⸗ baldo zu ſtellen vermoͤchte, daß er auch Alles aus⸗ fuͤhren werde, wie er es verſpreche. „Ach,“ entgegnete Tebaldo,„ich habe nichts meine Worte zu bekräftigen, als eine ungluͤckli⸗ che Liebe zu Ihr, wegen welcher ich mich noch drei Mal großern Gefahren mit Freuden unter⸗ ziehen wuͤrde. Ich bin eben jener Tebaldo Zanche, 179 der durch Eure Vermaͤhlung mit Bianca ſo gren⸗ zenlos elend gemacht ward. Doch das Alles will ich freudig vergeſſen, kann ich nur meine ehr⸗ furchtsvolle Achtung fuͤr ſie durch dieſen Dienſt beweiſen. Ich verdenke es Euch nicht, wenn Ihr noch Zweifel an der Aufrichtigkeit meiner Geſinnungen, an der Reinheit meiner Abſichten hegt, und ich weiß auch nicht, wodurch ich ſie heben ſoll; doch hoffe ich, daß Ihr mir ver⸗ trauen werdet, wenn Ihr bedenkt, in wie ge⸗ fährlichen Haͤnden ſie ſich befindet.“ Der leidenſchaftliche Tebaldo unterſtuͤtzte ſeine Gruͤnde durch ſo viele auftichtige Thränen, durch ſo viele Eide, und entwarf noch uͤberdies ein ſo ſchauderhaftes Bild von der elenden Lage, in welcher Bianca ſich jetzt wahrſcheinlich befand, daß der Kaufmann ihm endlich traute. Er ver⸗ ſah ihn mit den noͤthigen Summen zur Loskau⸗ ſung Bianca's, und Tebaldo ging nun, im Her⸗ zen zur redlichen Erfuͤllung aller ſeiner Verſpre⸗ chungen entſchloſſen, unter Segel, ſeinem mißli⸗ chen Abenteuer entgegen. 22 Wir wollen die Wagniſſe und Gefahren eines 6 ſolchen Unternehmens mit Stillſchweigen uͤberge⸗ hen, eben ſo wie die Angſt und Beſorgniß Te⸗ haldos, als er, in Tunis angelangt, nichts von Bianca erfahren konnte. Er ging hierauf nach 12* 180 Algier, und fand daſelbſt die Geliebte unter den Sklavinnen eines Piraten⸗Hauptes von Oran, der ſie ſchon als ſeine eigene Geliebte zu betrach⸗ ten begann, weil er faſt die Hoffnung aufgege⸗ ben hatte, ein Loͤſegeld fuͤr ſie zu erhalten. Te⸗ baldo's Handel war bald abgeſchloſſen, und Bianca erhielt ſogleich ihre Freiheit wieder, und zu ihrer unausſprechlichen Freude durch die Hand ihres theuren Zanche. Als ſie aber die endliche Folge dieſer Freiheit bedachten, ward ihre Freude durch viele bittere Thraͤnen getruͤbt. Doch ihr Edelſinn beſiegte dieſe Schwäche bald, und betruͤbten Her⸗ zens, doch voll der tugendhafteſten Vorſaͤtze ſchiff⸗ ten ſie ſich auf einem genueſiſchen Fahrzeuge nach Palermo ein. Aber auch hier noch verfolgte ſie das Un⸗ gluͤck. Ihr Schiff gerieth mit einem Seeraͤuber in einen gefaͤhrlichen Kampf, und obgleich es dem furchterlichen Feinde endlich als beſſerer Segler gluͤcklich entkam, ſo ward es doch weit aus der Straße ſeiner Fahrt getrieben, und ſogar bis in die Straße von Gibraltar verfolgt. Hier ſchlug der Wind ploͤtzlich um, ward gegen Abend hefti⸗ ger, und ſtieg in der Nacht bis zum tobendſten Sturme. Es bedurfte jetzt der ganzen Zaͤrtlich⸗ keit des liebenden Tebaldo, Bianca's Muth auf⸗ recht zu erhalten, welche den wuͤthenden Kampf 181 der Elemente kaum zu ertragen vermochte. Die Wellen tobten aber auch in der That fuͤrchter⸗ licher um das ſchwankende Schiff, als die Loͤ⸗ wen der Wuͤſte, und es ſchien, als habe auch das Meer ſeine eigenen Raubthiere, die gierig nach Beute ſchrieen. Die Seiten des Schiffes erbebten, als werde die naͤchſte Woge ſie ausein⸗ ander reißen, und der Wind heulte und pfiff wie die Stimmen böſer Daͤmonen durch das Tau⸗ und Segelwerk. Als der Tag anbrach, war nirgend Land zu ſehen; das Schiff ward in der Mitte einer un⸗ geheuren Waſſermaſſe umhergeworfen, und der Himmel war noch immer durch dicke, niedrig zie⸗ hende Wolken bedeckt, welche ein heftiger Wind beſtändig gegen Suͤden peitſchte. Der Sturm zerriß die Segel; der Steuermann wußte nicht mehr, in welcher Gegend ſie ſich befanden, und uͤberließ das Schiff der Gnade eines erbarmungs⸗ loſen Elementes, das ſeine Wuth nicht vermin⸗ derte, obgleich ſein Opfer den Widerſtand aufgab. Es darf Tebaldo und Bianca gewiß nicht zum Vorwurfe gemacht werden, wenn ſie in einem ſolchen Augenblicke durch eine innige Um⸗ armung ſich ein ewiges Lebewohl ſagten. Dann bereiteten ſie ſich darauf vor, ruhig mit einander zu ſterben, nicht ohne Kummer, doch voll Erge⸗ 3 182 bung, wie ſie gelebt und geliebt hatten. So ſaßen ſie in martervoller Stimmung neben ein⸗ ander in der Kajuͤte, und horchten auf die dro⸗ henden Schlaͤge des Waſſers gegen das Schiff, als ſie ploͤtzlich nicht weit von ſich lautes Geſchrei vernahmen. Tebaldo ſah ſich um, woher es kom⸗ me, und— erblickte die betrunkenen Schiffsleute, welche ſo eben in den Boten in die offene See ſtießen. Ein Streifchen Land, welches nur ihr erfahrenes Auge jetzt ſchon zu entdecken vermochte, verleitete ſie zu dieſem verzweifelten Entſchluſſe. Noch waren ſie aber nicht weit geſteuert, als drei thurmhohe Wogenberge, groͤßer als alle ihre Vorgänger, die Boote erfaßten, umwarfen, und Alle, welche darin waren, in den tiefen Abgrund begruben. Die folgenden Wellen brachten Einen nach dem Andern wieder empor, aber vergebens war ihr Ringen; nicht einmal das Todesgeſchrei der Ungluͤcklichen konnten Tebaldo und Bianca vor dem Geheul des Sturmes hoͤren. Es ſchien faſt, als ſey der Daͤmon des Ozeans jetzt befriedigt, denn nach dieſem trau⸗ rigen Ereigniſſe begann der Sturm ſich zu le⸗ gen, und als ſich nach einer oder zwei Stunden der Himmel aufklaͤrte, ſah Tebaldo in geringer Entfernung eine kleine, einſam liegende Inſel, und bald darauf ſtieß das Schiff, etwa zwei 183 hundert Faden von dem Ufer entfernt, auf ein Korallenriff. Noch drohte der Sturm auf's Neue auszubrechen, und Tebaldo verlor daher keine Zeit, ein rohes Floß von Brettern und leeren Fäſſern zuſammenzuſchlagen, ſo gut die Verhält⸗ niſſe es geſtatteten. Auf dies gebrechliche Fahr⸗ zeug ſetzte er Bianca, nahm in der Eile noch mit, wovon er glaubte, daß es ihm nutzlich ſeyn koͤnnte, ſteuerte dann der Kuͤſte zu, und landete endlich glucklich in einer kleinen ſandigen Bucht. Vor allen Dingen dankten die Liebenden hier Gott im bruͤnſtigen Gebete fuͤr ihre wunderbare Errettung; dann nahmen ſie eine kleine Mahl⸗ zeit zu ſich, die ihnen nach alle den ausgeſtande⸗ nen Anſtrengungen ſehr noth that. Hierauf ſtie⸗ gen ſie einen kleinen Huͤgel hinan, von deſſen Spitze ſie die ganze Inſel uͤberſehen konnten. Es war ein kleiner, gruͤner Fleck, ohne irgend eine menſchliche Wohnung, aber auf den Felſen niſteten Tauſende von Seevogeln, ſo zahm wie die zahmſten Hausvoͤgel. Eine große Menge von Kaninchen war zu ſehen, und das Innere des Landes ſchien durch mehrere Baumgattungen herr⸗ lich beholzt zu ſeyn. Viele Kräuter wuchſen uberall, ſo wie einige rieſenhafte Vegetabilien, und mehrere europäiſche Blumen, deren Verpflan⸗ zung auf ſolche einſam und abgelegene Inſeln ————— f 181 noch bis zu dem heutigen Tage ein Geheim⸗ niß iſt. Das Wetter ward wieder ſtuͤrmiſch, und Te⸗ baldo und Bianca ſuchten daher gegen deſſen Ungeſtuͤm Schutz in einer Felſenhoͤhle, welche die guͤtige Hand der Natur ſo bequem in den Stein gehoͤhlt hatte, daß es ſchien, als habe ſie auf die Noth der Schiffbruͤchigen ſchon im Voraus Ruͤck⸗ ſicht genommen. So waren ſie, mit Huͤlfe ihrer Vorraͤthe, welche ſie vom Schiffe mitgenommen hatten, fuͤr den erſten Augenblick gegen jedes Mißgeſchick geſichert— eines ausgenommen. Viele ungluͤcklich Liebende wuͤrden ſich gewiß eine ſolche wuͤſte Inſel wuͤnſchen, um ſich dorthin vor den Bedraͤngniſſen der Welt zu fluͤchten, doch hier waren zwei ſo zaͤrtlich Liebende beiſammen, zwi⸗ ſchen welche das Geſchick eine ewige Scheidewand geworfen hatte. Ein ſolcher Gedanke konnte Te⸗ baldo und Bianca nur bekuͤmmern; deſſenunge⸗ achtet aber diente er ihr mit der zaͤrtlichſten, ehr⸗ furchtvollſten Aufmerkſamkeit, und ſuchte tauſend kleine Mittel, wie ſie nur in der Macht der Liebe ſtehen, hervor, ihr ihre Sa. leichter und ertraͤglicher zu machen. Auf dieſe Weiſe brachten ſie fuͤnf oder ſechs Tage zu; die Höhle war ihre Wohnung, und Tebaldo ſorgte durch Fiſcherei, durch Jagd, oder 185 indem er Kaninchen fing und Muſcheln ſammelte, fuͤr Abwechſelung in ihrer Nahrung. So haͤtten die Liebenden keine Urſach gehabt, ſich uͤber ihre Lage zu beklagen, wäre das fruhere Ungluͤck nicht geweſen. Die Einſamkeit aber, ſo wie Bianca's Trubſinn, leiteten Tebaldo zu manchem Zeichen der Zaͤrtlichkeit, welches faſt eben ſo peinlich zu geben, als zu unterdruͤcken war. Es iſt daher kein Wunder, wenn nach und nach Worte uͤber ſeine Lippen ſtroͤmten, welche ſeine Liebe wie ſeine Ungeduld ausdrcktenz ſie antwortete dar⸗ auf nur durch ihre Thränen. Endlich, als ſie eines Tages auf einem be⸗ mooſten Steine ſaßen, und in die weite oͤde See blickten, erfaßte Beide plotzlich eine ſo unuͤber⸗ windliche Wehmuth, daß ſie ſich mit verzweiflungs⸗ vollem Blicke einen Moment anſahen, und dann ſich in die Arme fielen. Aber im nachſten riſſen ſie ſich auch ſchon wieder gewaltſam los, und während Bianca ſich das Geſicht mit beiden Haͤn⸗ den bedeckte, ſagte Tebaldo: „Ich kann dies Leben nicht länger tragen. Beſſer war es uns, als wir getrennt lebten, du in Sizilien und ich Europa, vergebens nach Ruhe ſtrebend, durchſtreifte. Die Trennung war ſchmerz⸗ lich, doch unfreiwillig, und nicht ſo peinlich als die jetzige. Deine Thraͤnen fließen, daß ich es 186 ſehe, und ich darf ſie nicht hinwegkuͤſſen, ohne zu zittern, darf nicht mit dir ſeufzen, mit dir weinen, obgleich wir dieſelbe Luft auf ſo be⸗ grenztem Raume einathmen. Wir ſind fuͤr ein⸗ ander geſchaffen, wie unſere beiderſeitige Liebe be⸗ weiſ't, und dennoch muͤſſen wir hier, wo wir ein⸗ ſam und allein ſtehen, uns fremd und fern blei⸗ ben. Die gebietende Nothwendigkeit zerreißt mir das Herz. Es koͤmmt mir vor, als waͤren nur wir Zwei auf der Welt, und doch draͤnge ſich das furchtbare Phantom eines Dritten zwiſchen uns, reiße uns von einander, und mache uns Beide elend. Ach Bianca, ich bin von Gedan⸗ ken gefoltert, die ich kaum auszuſprechen wagen darf; aber wenn das Schickſal uns zu trennen gedachte, weshalb vereinigte es uns denn auf dieſer wuͤſten Inſel, wo außer uns Beiden kein vernuͤnftiges Weſen lebt? Ein eben ſo unuͤber⸗ ſteigliches Hinderniß als zwiſchen uns geworfen ward, iſt jetzt auch zwiſchen dir und deinem Gat⸗ ten. Die Natur ſelbſt ſcheidet dich durch dieſe Einſamkeit von allen anderen Verbindungen. Gott weiß es, mit welcher Aufrichtigkeit, welchem Ei⸗ fer ich der Erfuͤllung meiner Verſprechungen nach⸗ geſtrebt habe— aber zu hart waͤre es, an ein Geluͤbde gehunden zu ſeyn, deſſén Erfuͤllung un⸗ möglich iſt. Wahr iſt es, in Sizilien duͤrften —— ——— ——— 187 wir ſo nicht denken, aber hier koͤnnen wir uns betrachten, als traͤfen wir uͤber den Gräbern wie⸗ der zuſammen. Sind wir, wie ich es glaube, in der Mitte des weiten Ozeans, was giebt es dann fuͤr Hoffnung zu unſerer Erloͤſung aus dieſer Einode? Sollen wir aber den Reſt unſe⸗ res Lebens hier allein mit einander zubringen, ſo können wir durch innigere Vereinigung Keinem ein Unrecht zufuͤgen, ſondern nur eines gegen uns ſelbſt verguͤten; denn wir ſind bis weit uͤber das Grab hinaus mit einander vermaͤhlt.“ Die arme Bianca vergoß waͤhrend dieſer Rede Stroͤme von Thraͤnen. Dann aber bat ſie Te⸗ baldo dringend, dieſes Gegenſtandes wenigſtens in den ſieben naͤchſten Tagen nicht wieder zu er⸗ waͤhnen; wäͤhrend dieſer Zeit, hoffte ſie, werde Gott ſie vor einem ſolchen Schritte bewahren, indem er ein Schiff zu ihrer Rettung ſende. Faſt dieſe ganze Friſt brachte ſie damit hin, den Ozean zu bewachen, ob nicht irgend ein erret⸗ tendes Fahrzeug ſich der Inſel nahe, aber ſelbſt nicht einmal am fernen Horizonte ließ ſich ein Segel blicken, das ihre Hoffnung auf Ruͤckkehr in das Vaterland neu zu beleben veimocht haͤtte. Als nun die Friſt abgelaufen war, drang Te⸗ baldo auf's Neue in ſie. Da erwiederte ſie ihm: „O mein theurer Tebaldo, laß uns lieber 188 ſterben, wie wir gelebt haben, als die unſchuldi⸗ gen Opfer eines unerbittlichen Schickſals; nur mach nicht, daß wir mit Schaam und Reue auf unſere bisher ſchuldloſe Liebe blicken muͤſſen. Jetzt darf uns Niemand unſere Liebe zum Vorwurfe machen, denn wenn wir ſie uns auch nicht ver⸗ vorgen haben, ſo bewachten wir doch ſiets eifrig die Ausbruͤche unſerer Leidenſchaft. Wahr iſt es, in einem Punkte ſind wir geſchieden, doch unſere Seelen wiſſen von keiner Trennung. Wir kon⸗ nen uns unſere Zärtlichkeit nicht durch Liebko⸗ ſungen beweiſen, aber es giebt noch Mittel, dies durch die Sprache, durch Gebete, durch Aufmerk⸗ ſamkeiten aller Art zu erſetzen. Schaffſt du mir nicht meinen Lebensunterhalt, danke ich dir nicht alles, was mich in unſerer traurigen Lage erfreut und aufheitert? Und mein Herz ſagt mir, daß dies deiner Liebe ein hoher Genuß ſeyn muß. Sey daher zufrieden in dem Gefuͤhle, daß du der Erhalter und Beſchuͤtzer meines Lebens, daß du mein einziger Troſt biſt, und empfange das Ge⸗ ſtändniß, daß ich mich unendlich gluͤcklich fuͤhle⸗ dir dies Alles zu verdanken. Ein anderer Mann iſt zwar mein Gatte, aber du biſt mein ſchuͤtzen⸗ der Engel, und beweiſeſt mir eine Liebe, welche die ſeinige eben ſo ſehr uberſteigt, als die himm⸗ liſche Natur die irdiſche, Ich moͤchte nicht, daß du ———————— 180 du durch eine Verletzung der Ehre und Tugenb von dieſer Höhe herabſteigen muͤßteſt; beſtehſt du aber auf deinen Forderungen, ſo will ich dennoch werden, was du wuͤnſcheſt. Aber ich bitte, ich beſchwoͤre dich, uͤberlege es zuvor wohl, wie ſehr ich durch einen ſolchen Schritt in deiner Achtung ſinken muͤßte. Doch baue ich noch feſt auf Got⸗ tes Gnade, und hoffe, daß er uns vor einer ſo böſen Stunde ein Schiff zu unſerer Rettung ſen⸗ den werde, denn eher wollte ich ſterben, als meinen eigenen ſuͤndigen Willen dem Seinen vorziehen.“ Die verzweifelnden Liebenden wuͤnſchten in dieſem Augenblicke mit aufrichtigem Herzen, daß ſie in den Wogen, die vor ihnen ſlutheten, ein gemeinſchaftliches Grab gefunden haben moͤchten. Als Bianca nach einer Pauſe das niedergeſchla⸗ gene Auge wieder erhob, gewahrte ſie in weiter Entfernung den Maſt eines Schiffes, deſſen Kör⸗ per wegen der großen Weite noch nicht ſichtbar war. Bei dieſem Anblicke wendete ſie ſich bleich wie Marmor zur Seite, obgleich es ſchien, als habe ſie ihn ſelbſt heraufbeſchworen. Mit ſchwan⸗ kender Stimme bat ſie Tebaldo, das Schiff zu beobachten, das er mit Todesſchrecken ſchon be⸗ merkt hatte; denn lieber waͤren Beide in der Lage geblieben, in der ſie jetzt ſich befanden, als zu 190 einer ewigen Trennung nach Sizilien zuruͤckge⸗ kehrt. Das Schiff aber ſteuerte grade auf die Inſel los, und ſetzte endlich ein Boot aus, wel⸗ ches ſich ſchnell der Kuͤſte naͤherte. Plotzlich ward Tebaldo von ſeiner Anſicht durch ſich ſelbſt bekehrt; denn ſchmerzlich fuͤhlte er es in dieſem Augenblicke, daß es tauſend Mal beſ⸗ ſer ſey, unter den bisherigen Entſagungen eine Luft mit Bianca zu athmen, als fuͤr beſtaͤndig von ihr getrennt zu leben, und ſie einem Andern zu üͤberlaſſen. Auch ſie ſtimmte in ſeine Trauer mit ein, und gewiß wurden nie mehr Thraͤnen von Schiffbruͤchigen vergoſſen, in einem Augen⸗ blicke, wo ſie im Begriffe ſtanden, in ihr Vater⸗ land zuruͤckzukehren. Mit ſchwerem Herzen ſtie⸗ gen ſie daher Hand in Hand den Huͤgel hinab, wie die erſten Liebenden, als ſie gezwungen wa⸗ ren, das Paradies zu verlaſſen; auch verglichen ſie ſich jenen gewiß im Stillen, als ſie ſich dem Boote naheten. Dies gehoͤrte zu einem genue⸗ ſiſchen Schiffe, und war abgeſchickt worden, Holz und Waſſer einzunehmen. Die Seeleute ſtaun⸗ ten gewaltig uͤber den Anblick der beiden Schiff⸗ bruͤchigen, und beſonders uͤber den Bianca's, wel⸗ che eine abenteuerliche Mutze von Kaninchenfel⸗ len, und einen Ueberwurf von demſelben Stoffe 191 trug, den Tebaldo ihr verfertigt hatte, um ſie gegen den nachtheiligen Einfluß der feuchten See⸗ luft zu ſchuͤtzen. Tebaldo's Kleider waren faſt eben ſo ſonderbar anzuſehen, als die Bianca's; zum Theil hatte er Stuͤcke von dem Anzuge eines Matroſen, zum Theil von ſeinem eigenen, und ſein Schnurrbart war zu einer ungeheuren herangewachſen. Willig nahmen die Matroſen ſie mit ſich an Bord, wo ſie ſich ſogleich nach Mercanti erkun⸗ digten; doch obgleich der Schiffscapitain oft von ſeinen Guͤtern in Fracht gehabt hatte, und ihn ſehr wohl kannte, konnte er ihnen doch keine genaueren Nachrichten geben. Doch verſprach er ihnen, Palermo auf ſeiner Fahrt zu beruͤhren; in ſehr kurzer Zeit, wiewohl zum innigſten Kummer der Liebenden legte das Schiff ſeinen Lauf dahin zuruͤck. Nach allem gluͤcklich uͤberſtandenen Miß⸗ geſchicke ſollten ſie ja nun zu ihrem fruͤheren Elende zuruͤckkehren. Bianca brachte daher die ganze Zeit der Reiſe, nur ihrem Kummer hin⸗ gegeben, einſam in ihrer Kajuͤte zu; denn ſie wagte es nicht, Tebaldo's Anblick zu ertragen, dieſer aber ſtand im Begriffe, ſich in die See zu ſtuͤrzen, wenn er bedachte, daß er ſich nach einem ſo langen, vertrauten mit 13 192 der Geliebten, nun fur immer wieder von ihr trennen ſolle. In dieſer Stimmung langten ſie in Palermo an, wo Tebaldo, bekuͤmmerteren Herzens, als er die Reiſe begonnen hatte, ſein Verſprechen ſogleich dadurch zu töſen beſchloß, daß er Bianca ihrem Gatten uͤberlieferte. Er eilte daher nach der Wohnung des Kaufmannes, und fragte nach Mercanti; auf der Stelle ward er zu ihm ge⸗ Ich bin gekommen,“ ſagte er hier,„mein Verſprechen zu erfullen; wollte Gott, die Auf⸗ vyferung meines Lebens wäre ein Theil deſſeben. Ich habe Euer Weib befreit, mit Aufopferung Eurer zehntauſend Gulden, und außerdem noch durch einige Gefahren; wollt Ihr mich dafur belohnen, ſo ernenne ich Bianca zu meinem Stell⸗ vertreter, denn mir bleibt jetzt nichts, als den Tod zu ſuchen.“ Der Kaufmann verrieth bei dieſer Anrede einige Verwunderung, und entgegnete dann:„Wenn die Dame, von der Ihr ſprecht, die Gattin mei⸗ nes Bruders, Giovanni Mercanti iſt, ſo ward ſie durch den, vor drei Monaten erfolgten Tod meines Bruders, Wittwe; doch ſoll es mich herz⸗ lich freuen, ſie zu ſehen, und ihr das Vermögen 193 einzuhaͤndigen, welches ihr durch ihres verſtorbe⸗ nen Gatten letzten Willen zugefallen iſt. Fuͤr den unſchätzbaren Dienſt, den Ihr meiner Schwaͤ⸗ gerin geleiſtet habt, will ich Euch mit Freuden den Lohn ertheilen. Seine letzten Worte zeigten ſeine innige Liebe zu ſeiner Gattin, ſo wie das höchſte Vertrauen in die Rechtſchaffenheit des Sig⸗ nor Tebaldo Zanche, und ich zweifle nicht, daß Ihr dieſes Vertrauens Euch wuͤrdig gezeigt habt; deßhalb erſuche ich Euch, mich ſogleich zu mei⸗ ner Schwaͤgerin zu fuͤhren, damit ich ſie begruͤße, wie ſie es verdient.“ Der uͤbergluͤckliche Tebaldo ließ ſich nicht ſo viel Beit, auf dies Alles zu antworten, ſondern ſtürzte ſogleich zuruͤck an Bord des Schiffes, das Gehörte ſeiner geliebten Bianca mitzutheilen, und dieſe zogerte nun nicht länger, in ſeine liebe⸗ volle Umarmung zu ſinken. Doch uͤber ihrer Freude vergaß ſie nicht die Thraͤnen der Dank⸗ barkeit, die ſie ihrem großmuͤthigen Gatten ſchuldig war; ſie trauerte um ihn, ſo lange die Geſetze des Anſtandes es heiſchten, doch dann reichte ſie, mit der Bewilligung aller ihrer Ver⸗ wandten, und unter der lauteſten Zuſtimmung ihres eigenen Herzens, dem treuen Tebaldo ihre Hand. 194 So wurden ſie, nach manchem Mißgeſchicke, nach mancher harten Pruͤfung, endlich dennoch glͤcklich, wie ihre langen Leiden und ihre ſtand⸗ hafte Tugend es verdienten; und noch bis auf dieſen Tag ſind Tebaldo und Bianca unter dem Namen der beiden treuen Liebenden von Sisilien bekannt. Ende. —————————— Neue empfehlungswerthe Unterhaltungs⸗ ſchriften, welche bei Carl Focke in Leipzig erſchienen und in allen Buchhandlungen zu haben ſind. Romane von Amalia Schoppe, geb. Weiſe. Die neue Armida. Preis 1½ Rchlr. Die Verwaiſten. 2 Thle. Preis 1 ½ Rthlr. Antonie, oder Liebe und Entſagung. Preis 1 ½ Rthlr. Eihilnzen. 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