— Leihbiblivthet v deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Leſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ ſe und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen... 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summ⸗ 6 hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Monat 1 F. „„„* f 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 1. defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der k) Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt ſe 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, da das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Fünftes bis achtes Bändchen. 4 WVPrei Frauen in Smaland. 3 „ Von Almquiſt. Aus dem Schwediſchen. Stuttgart. Verlag der Franckh ſchen Buchhandlung. 1844. — S%) Nennundzwanigſtes Kapitel. In Aronfors. Er ubthigte ſie, ſich zu fetzen, er ging ab und zu, und endlich hinaus, ja, er benahm ſich ganz als Wirth vom Hauſe. Aurora von Mekeroth ſaß Nachmittags in ihrem eigenen Zimmer und hatte einen kleinen Tiſch mit Nähſachen vor ſich. Sie war ſchwarz gekleidet, aber noch war Verſchiedenes zu beſorgen, um den Trauer⸗ anzug zu vollenden. Sie nähte an Pleuruſen für ſich ſelbſt; und die kleine Ulla ſaß auf einem Stuhle neben dem Rähtiſche, um eine breite Falte an weißer ſchö⸗ ner Leinwand legen zu lernen. An der andern Seite des Nähtiſchchens ſaß Herr Medenberg. Man war in einer Unterhaltung begrif⸗ fen, die nie fließender geht als bei Handarbeiten. Wir haben zwar den Anfang der Berathung nicht ge⸗ bört und können alſo nichts darüber ſagen; aber jetzt betraf ſie offenbar Aronfors und die Frage, wie man ſich wohl am beſten bei einer ſo wichtigen, ſchweren und verwickelten Affaire, als der richtige Betrieb eines Werkes immer für ſeinen Beſitzer ift, benehmen ſolle. Medenberg war nicht der Mann, deſſen Unter⸗ haltung nur einen angenehmen Zeitvertreib bezweckte. Auch dafür muß man gewiß dankbar ſeyn; denn es gibt Manche, deren Unterhaltung höchſt langweilig iſt, weshalb der, egenſatz ſchon als ſolcher viel Erfreu⸗ liches darbietet. Wenn man aber erſt kürzlich Wittwe geworden iſt, ſo iſt es beſonders ein nützliches Geſpräch, was man bedarf. 6 Mit dem Nutzen vereinigte ſich jedoch hier das An⸗ muthige, Innige, Herzliche. Man ſprach über den Gang der Krankheit des kleinen Matts, der jetzt die gefährliche Kriſis hinter ſich hatte und ſich in dem letz⸗ ten, der Beſſerung entgegengehenden Stadium befand; doch mußte der Knabe noch eine Zeit lang das Bett hüten. Medenberg nahm es auf ſich, ſobald die Bei⸗ ſetzung überſtanden wäre, Alles zu einem Bauentwurfe in Ordnung zu bringen. Da er ſich ſchon vorher auf dem Komptoir in die Geſchäfte des Hauſes hineinge⸗ arbeitet hatte, ſo ward es ihm nicht ſchwer, alle Zeich⸗ nungen, Ueberſchläge und Berechnungen zu machen, die dem Bauplane ſelbſt zu Grunde liegen ſollten. Inzwiſchen war er vor der Hand nicht geneigt, ſich in eigener Perſon an das Pult zu ſetzen, um aufs neue zu rechnen und zu ſchreiben, ſondern er ſchlug dazu einen geſchickten, jungen Bergſchreiber vor, der zwar keine Begriffe von Geſchäften im Großen hatte, aber unter Medenbergs Leitung und nach ſeiner An⸗ Alles ausführen konnte. Alexander ſelbſt wollte Reiſen in den Angelegenheiten des Hauſes un⸗ ternehmen. Er rieth der Wittwe Aurora, das Werk eine kleine Weile ſtehen zu laſſen, was aus Mangel an Waſſer ja doch regelmäßig einen Theil des Jahres geſchehen mußte und dann wäre dieß auch noch deß⸗ halb vortheilbaft, weil man dann nicht kleiner Aus⸗ gaben halber in Verlegenheit käme, ehe alles zu einem neuen und um ſo beſſern Betriebe angeordnet wäre. Wenn ſeine Patronin den Vorſchlag billigte, ſo wollte er ſo ſchnell als möglich nach Gotheborg reiſen; um ſo mehr als man in der Schreibmappe des Kapitains einen Brief gefunden hatte, welchen dieſer vor ſeiner gefährlichen Erkrankung an ſeinen Geſchäftsführer in der Stadt geſchrieben und der den Bericht des Dieb⸗ ſtahls und das Erſuchen um ein kleines Anleihen ent⸗ hielt. Medenberg, der ſich der Unterredung des Ka⸗ pitains mit ihm ſelbſt gerade über dieſe Sache erinnerte 7 — es war an dem Tage, wo er von Aronfors ab⸗ fuhr— hielt es jetzt für ſeine Pflicht, den während ſeinen Lebzeiten ausgeſprochenen Willen ſeines verſtor⸗ benen Patrons zu erfüllen. Alexander hatte Auroren all ſeine romantiſchen Reiſeabentheuer erzählt, wie er Nickolſon getroffen und welche Wünſche er in Betreff der Wiedergeburt des Verlorenen hegte. Er erzählte ganz offenherzig, daß er in den Beſitz des geſtohlenen Geldes gekommen ſey, ſetzte aber auch Alles bei, was darüber bei Abelcrona in Blommenäs verbhandelt wor⸗ den. Er benachrichtigte ſie von Frau Ebbas Geſin⸗ nungen und ihrem Gruße an Frau Aurora auf eine ſo anziehende Weiſe, daß die Letztere ſich kaum der Thränen enthalten konnte. Nichts feſſelt das Weib ſo ſehr, als die mora⸗ liſche Kraft eines Mannes, beſonders wenn er es nicht verſchmäht, die Unbeugſamkeit und Reinheit, die ſein Kern bildet, in jene milde Form zu kleiden, in wel⸗ cher ſich die Herzensgüte ſo gerne zeigt und welche die Wahrheit mit dem Schmucke der Schönheit umhüllt. Die moraliſche Kraft zieht das gebildete und tugend⸗ hafte Weib am Meiſten an, wenn ſie ſich ſelbſt nicht mehr in ihrer erſten Jugend befindet. Wenn aber ein ſolcher hoher Charakter bei einem Manne hervortritt, der ſonſt durch nichts begünſtigt iſt, weder durch Rang, noch durch Vermögen, noch perſönlichen Ruf, ſo zieht er die Seele um ſo näher an ſich, da dieſe dabei nicht durch das Geringſte niedergedrückt wird, nicht durch Anſprüche, noch auch durch ein hochtrabendes We⸗ ſen. Frau Aurora hatte wäprend der nicht langen Zeit ihrer Bekanntſchaft mit ihm, den die Vorſehung einzig zur Wahrung ihres Hauſes und ſeiner bedenk⸗ lichen Umflände geſchickt zu haben ſchien, geleitet von einem ſichern Inſtinkte immer mehr eingeſehen, daß es keinen Gegenſtand gab, auch den vertraulichſten und zärteſten nicht, in den ſie ſich nicht mit dieſem Manne einlaſſen konnte, ohne im Geringſten befürchten zu müſ⸗ ſen, daß ſie dadurch in ein unpaſſendes Verhältniß käme. Sie konnte in der That mit Medenberg auf Vieles mit größerer Leichtigkeit eingehen, als ſelbſt mit Mekeroth, ſo ſehr ſie dieſen auch liebte; denn Mi⸗ litärs, beſonders von dem ältern Rogime, haben ſich nicht ſelten angewöhnt, über verſchiedene Dinge flach, zweideutig, kalt und äußerſt unangenehm zu denken. So lange ſie junge, hübſche Offiziere find, geht das ſchon an, ſie können da einen Schleier äußerer Anmuth über ihre hohlen Geſinnungen werfen; und beſitzen ſie ein ſchönes Organ, ſo ziehen ſie dadurch leicht junge unerfahrne Mädchen an. Man verzeiht ihnen Vieles, und überhört Manches. Wenn aber Militärs dieſer Gattung älter werden, wenn Augen und Lippen ein⸗ zuſinken anfangen und die Stimme ihren ſonoren Klang verliert; dann tritt das Unangenehme der Grundge⸗ ſinnung ihrer Seele um ſo ſchärfer hervor und eine gewiſſe unbegreifliche Schmutzigkeit ſcheint die Perſon zu umge⸗ ben, ein Schmutz, den man weder durch Waſchen, noch durch Baden, weder durch Zahnpulver noch das be⸗ harrlichſte Bürſten verdrängen kann. Ein tieferer Cha⸗ rakter kann dieſe Gemüthslage nicht beſitzen, ohne zu⸗ gleich grundſchlecht, niederträchtig und infam zu ſein;z denn das folgt nothwendig daraus. Ein ſchwächerer, ſtumpferer Charakter hingegen iſt zu ſeinem Glück auch inkonſeguent; er kann— und wird auch in der That ſehr oft— viel perſönliche Gutmüthigkeit, Redlichkeit und Umſicht mit dem beſprochenen Charakterſchmutz vereinigen, der hier größtentheils nur in der üblen Angewöhnung beſteht, die der Umgang in einem Korps mit ſich brachte, welches zu einer gewiſſen Zeit ſeine Ehre in Unſittlichkeit ſetzte. Dieß war der Fall mit Kapitain Mekeroth. Er war in Wahrheit ein guter Menſch. Seine Frau ſah ihm Vieles nachz ſie ließ nie außer Acht, ihn für all das Gute, das er wirklich beſaß, zu ſchätzen, zu lieben und ihm zu huldigen. Aber das Unmögliche konnte ſie nicht thun. Sie konnte 4 ſich mit einem ſolchen Manne nicht vertraulich über Gegenſtände einlaſſen, die nur für einen feinern Sinn Bedeutung hatten. Indeſſen hatte ſie dieſen Mangel wenig empfunden, da ſie von Kindheit an nicht ge⸗ wohnt war, das innerſte Schauſpiel ihrer Seele zu öffnen. Es ſchlummerte bei ihr und ſie fühlte ſich, wie wir geſehen haben, glücklich in der praktiſchen, frohen Ausübung ihrer häuslichen Geſchäfte, ohne nach etwas Weiterem zu fragen. Was ſchlummert, iſt aber deß⸗ halb doch vorhanden. Wie erhebt es nicht die Seele, wenn ſie bei ihrem Spaziergang über die Erde end⸗ lich doch eine andere Seele trifft? Man wacht bei die⸗ ſer Begegnung auf: man ſteht auf einmal wie vor einem Wunder. Was dem Umgang Frau Aurorens mit ihrer neuen Bekanntſchaft einen ſo großen Werth verlieh, das war eben die unendliche Gelaſſenheit, die Freiheit von al⸗ ler Leidenſchaft, die Ruhe und doch auch Wärme, wo⸗ mit Herr Alexander beſtändig ſprach und handelte. Dieß gab ihr eine ſo große Sicherheit in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft. Sie fand ihn immer zugleich höchſt intereſ⸗ ſirt, begeiſtert für die Sache, worüber man ſich gerade berieth und doch zugleich ganz unintereſſirt für ihre Perſon als Weib. Nichts zieht ein reines Herz ſo mächtig an, als dieſe Freiheit. Hätte ſich Herr Me⸗ denberg nur wie ein Holzklotz, ein Zahlenmenſch, ein Tölpel oder eine Perſon benömmen, die durchaus kein Gemüth befitzt: dann wäre die Sache klar geweſen und hätte nichts zu ſagen gehabt. Aber im Gegen⸗ theil. Er war lebhaft, hatte Sinn für Alles. Nur das, was man in der gemeinen Alltagsſprache„Hof⸗ machen“ zu benennen pflegt, ſchien ihm ganz und gar ein Unding zu ſein. Es lag in ſeinem Weſen eine Ueberlegenheit— nicht durch Worte oder Manieren, ſondern durch die Konſequenz des Gedankens und die ſittlich gehobene Stimmung— welche bewirkte, daß Aurora mehr und mehr Medenberg über Alles um 10 Rath fragte, und von der Siellung eines Dieners, die er vielleicht hätte einnehmen ſollen, ging er bald zu der eines Bruders über und in Kurzem wohl gar mehr als Bruder— doch nie Liebhaber. Man frägt ſich: iſt denn ein armer, einfacher Magiſter, der erſt nicht einmal den Gradus erhalten hat, ein überirdi⸗ ſches Weſen? Nein. Medenberg war recht und ſchlecht irdiſch, ſo wie es der Himmel will. Indeſſen iſt es außer allem Zweifel, daß in ei⸗ nem großen und volkreichen Hauſe ein Informator— wenn er zufälliger Weiſe ein Mann iſt— beinahe im Lichte eines Geiſtes ſteht, vor dem Alle zur Seite wei⸗ chen. Jedermann weib, daß in einem Hauſe gar Vie⸗ les vorgeht und im Geheimen beſprochen wird. Man heißt dieß Klatſcherei. Eigentlich iſt es nichts An⸗ deres, als daß man die nöthigen Rachrichten mit ein⸗ ander austauſcht. Ein Informator iſt immer der Ge⸗ genſtand derartiger Beſprechungen, da er ſtets eine eigene Menſchenklaſſe bildet. Oft iſt eine ſolche Per⸗ ſon ſehr demüthig in Gegenwart der Eltern; aber ab⸗ geſchmackt, böſe, launiſch und trotzig gegen Kinder und den Stiefelputzer. Dieß wird dann den Eltern zugetragen und ſie denken weniger vortheilhaft von ihm, wenn er das nächſte Mal in kriechenden Geber⸗ den, gekrümmtem Rücken und unter beſtändigen Ver⸗ beugungen im Geſellſchaftszimmer anlangt, und ſich kaum bis zum erſten Fenſter von der Tbüre aus wagt. Oft geſchieht es ferner, daß er in Gegenwait der Herrſchaft, der Kinder und ſogar des Schuhputzers außerordentlich ſittlich iſt; aber eine Jungfer erzählt in der Küche der Andern etwas, was„der Magiſter“ zu ihr geſagt habe, und die letztere plaudert es vor der Fran. Dieſe— und vielleicht auch ihr Mann— denkt dann weniger vortheilhaft von dem Lehrer ihrer Kinder, wenn er das nächſte Mal in ihrer Geſellſchaft bei Tiſche ſitzt, und während die Fleiſchſuppe geſpeist wird, wo man immer am beſten Zeit zum Sprechen 11 hat, ebenſo ſittſam, religiös und ſogar platoniſch ant⸗ wortet, wie den Tag zuvor. Iſt der Papa ein Weli⸗ mann, ſo lächelt er nur ins Geheim hierüber und kommt auf ſein altes Syſtem zurück, daß Jeder am Ende doch ein Menſch von Fleiſch und Blut ſei.“ Aber die Mama des Hauſes, die gewöhnlich mehr als der Papa Ideen liebt, denkt von ihrem Informator wenig beſſer als von einem Heuchler. So etwas iſt ärger⸗ lich. Am beſten thut es ſich, wenn er ein komplettes Stück Holz iſt; unter der Bedingung jedoch, daß er zugleich ſeine Kenntniſſe befitzt und ſie von ſich zu ge⸗ ben vermag. Man lächelt dann zwar wohl auch ein wenig über ihn, und ſpricht von Herrn Pedantenkreuz, wenn man ihn von weitem im Garten einherſchreiten und Trauben eſſen, oder über die Mohrrüben philo⸗ ſophiren ſieht, iſt allen Jungfern bis auf die Haus⸗ mamſell hinaus, ein ſolcher Informator höchſt fatal. Indeſſen ſagen wir noch einmal, was Eltern und Zög⸗ linge betrifft, ſo thut es ſich recht gut, und der Mann bekommt ſtets eine Weſte oder eine Tuchnadel auf Weihnachten. Trifft aber von all dem nichts ein; iſt die Perſon keineswegs ein nachgeſchwatztes Buch, ſon⸗ dern redet er klug, freundlich und galant mit Allen im Hauſe, ſogar die Mägde und den Stiefeljakob mit eingerechnet; kann aber nichts deſtoweniger kein Menſch behaupten, daß er auch nur den vierten Theil von einem Händedruck ertheilt habe; dann fängt das ganze Haus an zu ſtaunen. Der Papa wankt in ſeiner Pbiloſophie über Fleiſch und Blut: die Mama bekömmt Waſſer auf ihre liebſte Mühle, daß Ideen zum Vor⸗ ſchein kommen; die Kinder lieben ihren Lehrer als ihren beſten Freund; Bedienten und Kuechte nehmen die Hüte ab; die Hausbälterin und ſämmtliche Jung⸗ fern fühlen eine Ehrerbietung in allen Gliedern, wenn ſie nur einen Streifen von dem artigen Magiſter er⸗ blicken, ſei es in welchem Zimmer es wolle; und Keine iſt eiferſüchtig auf die Andere, Keine keift, weil ſich 12 Keine eines Vorzugs vor der Andern rühmen kann. Er iſt wie ein Gott gegen Alle; und das Einzige, worüber die Küchenmädchen in Streit gerathen, iſt die Frage, an wem die Reihe ſei, nach dem Flügel hin⸗ überſpringen zu dürfen, um ihn zum Mittageſſen oder zum Thee zu laden. Dieſer große Geiſt der Achtung nnd Freude zu⸗ gleich war mit Alexander Medenberg in Aronfors er⸗ ſchienen. Eine entſcheidende Kataſtrophe hatte ſich kürz⸗ lich dort ereignet: nichts belebt und vereinigt die Menſchen ſo ſehr als ein Todesfall. Feuersbrünſte thun es ebenfalls, wie wir in Blommenäs geſehen ha⸗ ben. Aber Todesfälle find etwas Menſchlicheres. In dieſen Tagen war Alexander das Faktotum auf dem Werke und dem ganzen Gute geworden. Eine Maſſe von Mißhelligkeiten zwiſchen Bauern, Käthnern, Häuslern, penſionirten Schmiedswittwen und endlich zwiſchen den Schmieden ſelbſt über ihre aneinander gränzenden Niederlaſſungen, an was Alles Mekeroth nie gedacht und wornach Nickolſon aus Gründen gar nicht gefragt hatte, wurde jetzt der Gegenſtand ſeiner Vorſorge und kam ſo in eine beſſere Ordnung. Alexan⸗ der fragte anfangs Frau Aurora, ob er ihre Zuſtim⸗ mung zu ſeinen Maßregeln habe. Aber bald merkte er, daß ſie ſich nicht ſehr auf dieſe entfernteren Dinge außerhalb des Hauſes verſtand, was ihr auch zu ver⸗ zeihen war. Mit dem freundlichſten Blicke gab ſie ihm Vollmacht zu Allem— eine Vollmacht, welche man die des Herzens und heiligen Vertrauens in Blanko hätte nennen können. Er beläſtigte ſie von dieſer Stunde an nicht mehr mit Fragen, ſondern lenkte und ordnete Alles, wie er es für das Rützlichſte hielt. Das Volk taxirt ſich ſogleich, wenn es einen Geiſt der Gerechtigkeit, Billigkeit und Uneigennützigkeit unter ſich auftreten ſieht, der ſeine Verhältniſſe feſtſtellen will. Freilich ließ ſich auch einer und der andere Zän⸗ ker hören und ein Paar alte Weiber, die ihre Kohl⸗ 13 ärten neben einander hatten, wurden ſo biſſig, daß he zum Herrenhofe gingen, um bei der gnädigen Frau über die Eingriffe des Formators in der Beſtimmung ihrer Kartoffeläcker zu Gunſten einer armen Gießers⸗ wittwe zu klagen, welche letztere in demſelben Hauſe mit ihnen wohnte, ohne irgend einen Antheil an dem Grundflück zu haben, obſchon fie vier kleine Kinder be⸗ ſaß. Aber dieſe lärmenden Alten hatten das Unglück, daß ſie, der Haushälterin ſchon längſt durch verdorbene Eier bekannt, welche ſie der Herrſchaft für friſche an⸗ geboten hatten, ſchon von dieſer aus der Küche zurück⸗ gewieſen wurden, ohne nur einmal mit der gnädigen Frau ſprechen zu dürfen. So ging es mit Allem; und Alexander war ſo gut wie unbeſchränkter Herrſcher auf ganz Aronfors. Doch blieben noch tauſend Dinge, die das innere Hausweſen und die Art und Weiſe betrafen, wie das Begräbniß des ſeligen Mekeroths anzuordnen war, da⸗ mit man die meiſte Ehre davon hatte, der Frau zu thun übrig. Dieß, ſowie mancherlei Pläne über die Erziehung und Zukunft der Kinder mußte man noth⸗ wendig mit Herrn Medenberg an den Abenden bera⸗ then. Was Frau Aurora am meiſten für Herrn Alexan⸗ der einnahm, war die Achtung, womit er ſtets von ihrem verſtorbenen Manne ſprach. Sowohl wenn ſie allein waren, als in Ullas oder der Dienſtleute Ge⸗ genwart vermied er Alles, was nur im mindeſten einen weniger vortbeilhaften Schein auf den Kapitain werfen konnte. Dieß war nicht immer ſo leicht; denn es iſt nicht zu läugnen, daß von Mekeroth manche ſchwache Seite hatte. Aber Medenberg beſaß— ſo kurze Zeit er auch erſt im Hauſe war— eine bewun⸗ dernswürdige Geſchicklichkeit, eine Menge kleiner hüb⸗ ſcher Eigenheiten aufzufinden, die er jetzt zu Ehren des Todten anführte, und dadurch ſeine Perſon in ein ſo vortheilhaftes Licht ſetzte; daß derſelbe eigens deß⸗ wegen wieder hätte lebendig werden ſollen, um ſich 14 über ſich ſelbſt zu freuen und zu wundern. Ullchen fing an über ihren guten Papa Gedanken zu bekom⸗ men, die ſie nie vorher gehabt hatte. Maits lag im Fieber; aber ſo oft er erwachte und ſich mit Heidel⸗ beerſaft erfriſchte, ſprach er beſtändig von ſeines Va⸗ ters Sporen und Waffen, ſagte, ſie ſeien von nichts Anderm als purem Golde und fiel dann wieder in das Fieber zurück. Die übrigen Hausbewohner nahmen ſich auf eine ähnliche Weiſe vor, den todten Kapitain zu bewundern. Frau Aurora beſprach ſich mit Herrn Alexander oft tief bis in die Nacht hinein. Nichts beläſtigte ſie dabei: und nicht das Geringſte beunruhigte ihn. Es geſchah zuweilen, daß ſich die Berathungen bis eilf, zwölf, ein Uhr hinauszogen. Denn es gibt ſo viele Dinge, die nützlich, ſchön und intereſſant, aber doch nicht ſo ſchnell abgemacht und entwickelt ſind. Man zündete friſche Lichter an. Die Kinder ſchlummerten längſt und alle Leute waren zur Ruhe gegangen. Wenn einem Leſer dabei einfällt, irgend etwas Schlimmes zu denken, ſo muß er ſich erinnern, daß Frau Aurora in einem Hauſe geboren und erzogen wurde, wo man von Tugend, Unſchuld und Ehre nicht viele Worte machte, da dieſelben jedes Glied der Familie durchdrungen hatten und nie in Zweifel ge⸗ zogen wurden. Und was Herrn Alexander betrifft, ſo war in ſeinen Augen ein aufgebettetes Schlafzim⸗ mer ganz daſſelbe wie ein Wohnzimmerz ein Wohn⸗ zimmer das nämliche wie ein Saal, ein Saal wie der Raum vor dem Hofe draußen; und Hof und Gar⸗ ten und die ganze Welt ſtanden ſeiner Meinung nach unter demſelben Auge wie der Himmel ſelbſt. Nichts iſt leichter als tugendhaft und reinen Gemüthes zu ſein, wenn man es nur nicht für etwas ſo gar Außer⸗ ordentliches hält, ſondern als den einfachen und ge⸗ wöhnlichen Zuſtand des Menſchen betrachtet. Laſter und Gottlofigkeit tragen ihre Widrigkeit, Thorheit und 15 Unnatürlichkeit in ſich; und kein Menſch würde nach dergleichen fragen, wenn man nicht ſo viel Weſens davon machte. Die Moral und vie wahre Gottesverehrung haben auch ihre Homöopathie; wenn man ſie nur von dem rechten Geſichtspunkte aus betrachtet. Das geringſte und anſcheinend unbedeutendſte Heilmittel iſt, wenn es wohl angewendet wird, das ſtärkſte Mittel zur Heilung der Seele, wie auch bei der Medizin für den Körper. Wenn in Folge deſſen, die religiöſen und moraliſchen Apotheken weniger beſucht werden, wie man das Nämliche für die phyſiſchen befürchtet, da ſich die Heilkunſt immer mehr von der Verordnung großer und gewichtiger Doſen entfernt, um den Kran⸗ ken dafür an unmerkliche Pulver und voſt gerade zu an das reine Waſſer zu verweiſen; ſo gewinnen doch die Menſchen an Geſundheit der Seele, wie an kör⸗ perlicher Friſche und das iſt immer etwas. Die geiſt⸗ lichen und weltlichen Apotheker der Menſchheit fluchen darüber, denn ſie befürchten, ihre Mittel möchten nicht hinreichen und ihre Anordnungen verachtet werden, wenn wir uns damit begnügen, uns nur dann für krank zu halten, wenn wir es wirklich ſind, und nicht immerdar, um nur auch immerdar einzunehmen. Ueber dieſe hohen und abſtrakteren Dinge ſprach jedoch Frau Aurora ſelten mit dem Erzieher ihrer ge⸗ liebten Kinder. Sie bedurften es nicht: es wurde ja nie die Richtigkeit dieſer Sache bezweifelt. Wer ſittlich iſt, ſpricht nicht ſehr viel davon; und wer ge⸗ ſund iſt, denkt nicht an die Medizin. Das hindert jedoch Niemand, Gott tief in ſeinem Herzen für die koſtbare Gnade der Geſundheit zu danken: ebenſo wie man Apotheker und Apotheke hochſchätzt, obſchon man ſich geſteht, daß man mit dem größten Vergnügen an ihnen vorübergehe. Wenn nun Medenberg gute Nacht nahm und ging, ergriff er allerdings die kleine weiße Hand ſei⸗ 16 ner Patronin und küßte ſie; denn es iſt noch in man⸗ chen Gegenden Sitte, die Hand zu küſſen. Sie ver⸗ neigte ſich, und ſah ihn mit jenem unvermiſchten Ver⸗ gnügen an, das ſich auf dem Geſichte kund gibt, wenn man ſich mehrere Stunden lang gut unterhalten hat. Er verſprach, am nächſten Abend den ganzen Entwurf mit Abtheilungen, Ueberſchlägen und Berechnungen fertig zu haben, damit ſie ſelbſt deutlich ſehen und be⸗ urtheilen könnte, was ſie die ganze Zeit über berathen hatten, nämlich wie das Werk und die Schmiede auf eine Stufe gebracht werden könne, daß es 50% mehr trüge; wogegen Frau Aurora ihren Kindern zu liebe nichts hatte. Als er fort war, verfiel Aurora wieder in Betrübniß und Thränen; ſie dachte an von Meke⸗ roth. Sie ſchlug den Pſalm auf, den ſie ihm an ſei⸗ nem letzten Lebenstage am Krankenbette vorgeleſen hatte. Sie las ihn jetzt ſich ſelbſt laut vor und weinte Dann entkleidete ſie ſich, legte ſich nieder, und ſchlum⸗ merte ſüß. Alles was wir hier erzählt haben trug ſich nur innerhalb einiger Tage zu. Es war von Medenbergs Rückkehr bis zu dem Tag, wo das Billet mit dem Wunſche um Beiſetzung an den Probſt Edeling abging. An dieſem Nachmittag war Alexander wieder bei Frau Aurora; und er hatte alle Berechnungen auf ihren Nähtiſch niedergelegt, über welche ſie den Abend vorher berathen hatten. Die kleine Ulla kam herein⸗ geſprungen und rief:„Die Probſcchaiſe ſteht vor dem Hofe! Die Probſtchaiſe ſteht vor dem Hofe! Der Probſt iſt ſchon herauf, Mama! ſie ſind dal ſie ſind da!“ Es war ſo. Der Probſt und die Probſtin ſchrit⸗ ten mit all der Behutſamkeit, die ſich in einem Tod⸗ tenhauſe ziemt, durch die Zimmer. Sie kamen in das Arbeitszimmer, das gleich hinter dem eigentlichen Wohnzimmer lag. Herr Medenberg und Frgu Aurora 17 ftanden vom Sopha auf und gingen ihren Gäſten ent⸗ gegen. Medenberg überließ der Frau Probſtin ſeinen Platz auf dem kleinen vertraulichen Sopha, der nur für zwei bequem Raum hatte. Er ſiellte dem Herrn Probſte einen Seſſel hin. Er nöthigte ſie, ſich zu ſe⸗ tzen; er ging ab und zu⸗ und endlich hinaus, ja! er benahm ſich ganz wie der Wirth des Hauſes. Dreißigſtes Kapitel. Moch ein kurzes Rapitel. Jetzt weiß ich Alles. Die Probſtin Edeling befand ſich nicht ganz ſo wohl, wie es ihr ſonſt gewöhnlich in einem Begräbniß⸗ hauſe war. Sie nahm zwar die Artigkeiten, die Me⸗ denberg an ſie verſchwendete, indem er die Sophakiſſen beſtmöglichſt zu ihrem Empfange ordnete, mit ihren gewöhnlichen kurzen und ſteifen Knixen an. Die Alte war nämlich etwas eckig, und mußte gut ſitzen, wenn ſie recht ſitzen ſollte. Zu Hauſe fragte ſie nach ſo et⸗ was nicht; aber wenn ie ſich irgendwo als Gaſt ſah, da war ihr körperlicher Theil gerne mißvergnügt und nicht leicht zufrieden zu ſtellen. Aber Gott weiß, was es heute war; ſie hatte gleich bei ihrem Eintritt ins Zimmer ſcheele Blicke auf Herrn Medenberg und die gnädige Frau geworfen, als ſie ſie bei einander ſitzen ſah. Der Probſt hingegen war ganz zu Hauſe. Als Aurora unter einer Fluth der aufrichtigſten Thränen, die ſie beim Gedächtniß an ihren guten Mann und den Probſt, vor welchem ſie von ihrer Konfirmation an eine ſo kindliche und innige Ehrerbietung gehabt hatte, vergoß, dem letztern in die Arme ſank; erhob ſie der BGreis, ſprach ihr zu, ſich zu faſſen und Drei Frauen in Smaland. n. 3 3 ——— * 18 wieder einzunehmen, und ſetzte ſich endlich ſelbſt auf den Seſſel ihr zur Seite. Man ſervirte den Thee. Die Unterhaltung ging Anfaugs im Adagio, dann im Larghetto und endlich im Lento: wie es recht und billig war. Herr Meden⸗ berg entfernte ſich, und man ſah ihn nun nicht mehr. Die Probſtin machte dabei die ſtille Bemerkung für ſich:„Es iſt klar! er regiert jetzt hier als Herr! er geht, kommt und muß ſelbſt überall zugegen ſein, auf ſeinem Aronfors! hm, hm.“ Der gutmütbige Probſt machte keine unnöthigen Betrachtungen. Er ſprach mit Frau von Mekeroth über den ſeligen Hingegangenenz und der Verewigte war der Anfang aller ſeiner Sätze. Was er ſagte, floß aus wirklicher Ueberzeugung; man erkannte leicht an ſeiner Stimme, daß er kein heuchleriſcher Leidtragender war. Aurora weinte. Die Augen der Probſtin waren auch nicht ohne Röthe. Bei einer Gelegenheit, wo Edeling ſchwieg, wandte ſie ſich zärtlich gegen Frau von Mekeroth und ſagte:„Ach, Ihro Gnaden!.. wenn man ſo glücklich verheirathet war, da weiß man das Verlorene zu ſchä⸗ tzen! Einen ſolchen Mann bekommt man nicht wie⸗ der! Ach, wie ſteht jetzt nicht der Kapitän von Meke⸗ roth vor mir. ach nein⸗ nein, Ihro Gnaden. (ſie war wirklich auf dem Wege ein halbes Wort über das Unrechte einer neuen Heirath zu ſagen! doch hielt ſie ein gewiſſes Schicklichkeitsgefühl, welches fremde und vornehme Zimmer ſiets einftößen, davon zurück. Frau Aurora verſtand ſie nicht.) Der Probſt Edeling brachte jetzt drei Bibelſprüche in Vorſchlag, einen aus König David, einen aus Si⸗ rach und einen aus den Hebräern, worauf er bat, die gnädige Frau möchte die Güte haben und einen aus⸗ wählen, der ihrer Anſicht nach am beſten tauge, um an der Kopfplatte der Bahre des Herrn Kapitäns ein⸗ gravirt zu werden. Aurora trocknete ihre Augen, fand k 4 M—— 6* —.— 2 er 1r ß un er ne g nd ich e⸗ ke⸗ ber ielt nde ück. iche Si⸗ die us⸗ um ein⸗ fand 419 ſich nicht gleich in dieſe neue Sache, und bat den Herrn ſo gut zu ſein und ſelbſt zu wählen. Er nahm alſo den: „Siehe Deinen Diener, der nach Dir geſeufzet hat ſein Lebenlang.“ „Es iſt immer am beſten,“ bemerkte er,„wir neh⸗ men Etwas, wovon das ganze Kirchſpiel weiß, daß es auf die große und erhabene Seeke des auf ewig von uns Genommenen paßt; ſo freut es dann die ganze Gemeinde beim Begräbniſſe und wir haben den Troſt davon.“ Der Probſt und die Probſtin ſtanden erſt nach mehreren Stunden auf, um fich wieder zu entfernen und heimzufahren. Beim Abſchied verneigte ſich die Probſtin freundlicher und demüthiger als bei ihrem erſten Eintritt. Der Probſt verbeugte ſich und ſprach beim Abſchied ſanſt ermahnend:„Ihro Gnaden, hören Sie meine Bitte! laſſen Sie den Kummer Ihren Geiſt nicht überwältigen! bedenken Sie die Troſtgründe der Religion, an die ſich ein niedergedrücktes Herz halten muß. Der Herr will nicht allzuviel Thränen! und da Ihro Gnaden bei dem frommen gottgefälligen Wandel des Verewigten die gewiſſe Hoffnung faſſen dürfen, daß ſeine hohe, befreite Seele jetzt alle jene überſelige Seligkeit in unnennbaren Welten genießt, ſo.. ganz gehorſamſter, ergebenſter Diener!“ Er verbeugte ſich noch einmal, doppelt ſo tief, küßte der Frau Bergher⸗ rin die Hand mit großer Rührung und ging. Sie begleitete den guten Greis bis an die Hausthüre; und ſah ſich nach allen Seiten nach Medenberg um, der der Probſtin in die Chaiſe helfen ſollte. Aber unbe⸗ greiflicherweiſe zeigte er ſich nicht. Die Probſtherr⸗ ſchaft reiste ab. Der Greis und die Alte fuhren gemächlich vom Hofe fort. Der Probſt ermahnte ſeinen Knecht, lang⸗ ſam, ganz langſam durch das Werk zu fahren.„Wir kommen heute nicht von einem Hochzeithaus!“ ſagte 20 er mit einem halben Seufzer. Der Knecht zog die Zügel an und man kam wie in einem Leichenzuge vor⸗ wärts.„Ach was!“ rief die Probſtin nach einer Weile ungeduldig:„fahr zu⸗ lieber Jean; wir kommen zwar nicht aus einem Hochzeithaus, das iſt wohl wahr, aber doch ſo—“ Als man durch die Felder kam, wo die Aronfor⸗ ſiſchen Güter aufhörten, begegnete der Wagen einem Herrn, der ſpazieren ging und eben über den Zaunſteg geſchritten war, wo der Weg nach dem Probſthofe abfiel. Er grüßte. Es war Herr Medenberg. Der Probſt erwiederte den Gruß mit Wärme, die Probſtin hingegen kalt; und man fuhr weiter. Sie bemerkte etwas biſſig:„Jetzt kann man ſich darauf verlaſſen, daß der Herr Informator friſche Luft ſchöpft, ſo oft und ſo viel es ihm beliebt.“ „Aber meine Liebe, entgegnete der Probſt,„liegt denn nicht der kleine Matts noch an den Blattern Ich begreife nicht, warum Du jetzt ſo böſe auf den Magiſter Medenberg biſt? Du, die ſonſt immer einen ſo gar großen Gefallen an ihm fand?“ „Gefallen* Ja. Aber kann man denn ruhig mit anſehen, daß— Er iſt doch wohl noch Diener in Aron⸗ fors, hoffe ich? er braucht nicht in aller Breite neben ihr zu ſitzen, der noch dazu kaum für zwei Raum hat. Ich muß ſagen, ich habe mir ganz andere Gedanken Medenberg gemacht; und Marie hat echt.“ „Meine Liebſte!“ ſagte der Probſt abwehrend. Aber er ſetzte nichts Weiteres hinzu, und man fuhr unter einem langweiligen Schweigen nach Hauſe. Als der Wagen an der Probſthoſtreppe anrollte, kam Marie heraus, um ihre Eltern zu empfangenz ſie blühte roſenfarb wie die Freude ſelbſt; und ihre Augen ſtrahlten, als ob ſie das koſtbarſte Geſchenk erhalten hätte. Sie hob ihre Mutter im Fluge aus hat nd. uhr lte, enz ihre en aus 2¹ dem Wagen und reichte dem lieben Vater die Hand, damit er den Kutſchentritt nicht verfehle. „Sind die Aepfel angebrannt?“ ſagte die Prob⸗ ſtin etwas verdrießlich. „Ach nein, liebe Mutter! ſie ſind prächtig gera⸗ then! nie war ein Ofen ſo gerade recht.“ „Nun, aber was gibt es denn hier Außerordent⸗ liches 7“ fuhr die Probſtin fort, und legt ihren großen Feſtſpawl ab.„Du ſiehſt ja aus, Marie, als vb— Verzeih' mir, liebes Kind, aber es iſt durchaus kein Grund da, um ſo ſchrecklich vergnügt zu ſein.“ „Bin ich vergnügt? wer ſagt das?“ Obſchon ich mich recht freue, daß die liebe Mutter heuer ſo hübſche gedörrte Aepfel bekommt. Sie ſind beſſer als jemals! Traf der liebe Vater und die Mutter nicht den Magi⸗ ſter Medenberg unterwegs? Er war hier und iſt eben erſt fortgegangen.“ „Ei? das muß ich ſagen!“ Die Probſtin wurde jedoch merklich heiterer. Ader bald flog wieder eine neue Wolke über ihre Stirne.„So, ſo, man paßt es alſo ab, und macht Beſuche, wenn die Leute fort ſind!“ „Nein, nein, liebe Muiter, er paßte nicht ab. Er glaubte, die liebe Mutter und der Vater würden ſo⸗ gleich wieder von Aronfors zurückkommen; und da zö⸗ gerte er ſo lange als möglich, um den lieben Vater und die Mutter zu erwarten. Er erzählte mir, wie viel Geſchäfte ihm das Werk und Alles zuſammen mache; ſo daß er ſich gerade eine Stunde ſtehlen müſſe. Jetzt hat er mir einen neuen Theil von Schil⸗ ler gebracht mit dem ſchönſten Stücke! und alle Wör⸗ ter, die ich nicht verſtand, hat er mir erklärt! ich weiß jetzt Alles, Alles. Dich, lieber Vater! Hat die liebe Mutter und der Vater den Thee in Aronfors ge⸗ trunken, oder darf ich ihn hereinbringen?“ „Haſt Du denn Thee gemacht?“ „Mußte ich denn nicht Magiſter Medenberg zum —— 22 Thee einladen! Er ſteht noch auf dem Heerde, wenn die liebe Mutter und der Vater befichlt.“— „Nun, liebe Marie, es war recht vernünftig von dir, daß Du ihn einludeſt,“ ſiel der Probſt ein, um auch ein Wort mit zu ſprechen.„Er iſt ja ſchon der Mann dazu, daß er zwei Mal trinken kann; denn ich erinnere mich ganz genau⸗ daß er es in Aronfors mit uns that, ehe er ſich entfernte.“ „O mein Alter, der Mann kann noch mehr als das!“ „Ja, Frau„ſagte jetzt Edeling mit gehobener und ungewöhnlich beſtimmter Stimme,„du magſt von ihm denken, glauben und dir einbilden, was du willſt: er mag immerhin ſeine Fehler haben, wie ſie einem ſündigen Menſchen zukommen: aber ehrlich iſt er, grundehrlich! Mein Sohn Göran würde ihn ſonſt nicht ſo gerne haben.“ Marie half ihrem Vater die Handſchuhe auszie⸗ hen, und küßte ihm beide Hände mehrere Male. Einunddreißigſtes Kapitel. Großer Schmauß in Düdemo-Hult. Die Hauptfrage iſt dieſe: Kann ein Menſch mit Butterbrödchen regalirt werden, wenh kein Brod da und der Butter ausgegangen iſt? Ich antworte keck mit Nein. Göran blieb nur über Nacht in dem ſhüchs te Probſthofe. Früh am Morgen ſtand er aufz er ha wahrlich an's Gehen zu denfen. Beim Frühſtück nahm er Abſchied von Vater, Mutter und Schweſter, und ſagte:„Wundert euch nicht, wenn meine Stirne heute etwas gefurcht iſt! ich gehe, um Smaland zu befreien. Ich erkenne meinen Beruf, und werde meine Wohn⸗ nſch enh ngen ichen hatte am und heute eien. ohn⸗ ſtelle verdienen. Ich habe auch Briefe von ver könig⸗ lichen Bezirkspolizei in der Taſche, worin alle Kron⸗ vögte und Polizeibeamten in den Gegenden, wohin ich komme, aufgefordert werden, mir beizuſtehen, wenn es nöthig wird. Sei meinetwegen außer Sor⸗ gen, Vater: ich werde mich nicht öfter in Gefechte einlaſſen, als ich muß. Nachts dürfte ich wohl am ärgſten geſchlagen werden, und vielleicht auch hie und da bei Tagesanbruch Schlappen bekommen; denn zu dieſer Zeit war ich früher immer am ſchläfrigſten, wenn ich die ganze Nacht hindurch ſtudirt hatte: das erinnere ich mich von Upſala her, wo ich beſtändig um 6 Uhr Morgens an dem Homer einſchlief. Wenn aber all dieſe Diebe und Räuber, wie ich glaube, im Grund ehrliche Smaländer ſind, ſo werde ich ſie ſchon beſiegen, ohne daß ſie etwas Schändliches gegen mich unternehmen, während ich ſchlafe.“ Er hatte kaum geendet und der alte Edeling ſeine zitternden Arme erſt zur Hälfte warnend erhoben, als es an der Probſtthüre pochte, das Schloß aufgieng und Jeppe Jonſſon mit einem tiefen Bückling auf ſeine gewöhnliche Art, das heißt, der Herrſchaft den Rücken zugekehrt, eintrat. „Biſt du hier, du Schlingel? das iſt vortrefflich. Nun, was ſagte Magiſter Medenberg? gab er dir Urlaub?“ rief Herr Göran. „Ja,“ antwortete Jeppe, und ſirich das Haar hinters Ohr. „Das war ſchön von Medenberg, und ich wußte es zum voraus. Geh' jetzt in die Küche hinaus, Jonſ⸗ ſon, und laß dir Einiges zum Frühſtück geben; ich kann mir zwar denken, daß du heute ſchon etwas in Aronfors genoſſen haſt, aber es ſchadet nicht, wenn man ſo etwas zum zweiten Mal thut, hernach wollen wir gleich ausmarſchiren. Wie iſt dir ſonſt zu Muth, Jeppe? Biſt du munter? Du mußt wiſſen, daß es —— ²4 heiß hergehen wird. Aber ich bemerke, daß du muthig und friſch ausſiehſt; nicht ſo?,“ „Ja, Gott ſey gedankt für meine Geſundheit. Ich habe zwei Tage und zwei Nächte Zahnweh gehabt.“ „Geh hinaus und frühſtücke und vergiß das Zahn⸗ weh. Es geht ſchnell vorüber, wenn du nur erſt rechte Spitzbuben anbeißen wirſt, Jeppe.“ Jonſſon ging. Göran wandte ſich jetzt zu dem Probſt und ſprach:„Mein Vater muß wiſſen, daß mir ſehr viel daran liegt, einen Bedienten, einen wahren und getreuen Freund in Noth und Drangſal pei der Hand zu haben, denn ich habe zwar eine ganze Bande Diebe auf meine Seite gebracht, die ſich mit mir zur Verfolgung der Uebrigen verbunden haben, und es wird auch gehen. Aber dieſe Freunde ſind doch Neulinge in der Ehrlichkeit. Es iſt alſo „ immerhin gut, wenn ich einen treuen Jungen, einen zuverläſſigen Schelm wie Jeppe zur Seite habe, der gewiß noch nie etwas Anderes auf der Welt geſtohlen hat als vielleicht Pferdepeitſchen. Ich weiß, daß er einmal auf dem Probſthofe ein paar Ochſenzügel ent⸗ lehnte, die er ſodann zurückzubringen vergaß. Aber ich frage, wer kann behaupten, ſein Leben lang nie Etwas der Art gethan zu haben? Mein Vater! es gibt keinen Schuldloſen in der ganzen Chriſtenheit. Wir im Lutherthum beſonders ſind von Geburt an mit einem ſo ausſchließlichen Verderbniß behaftet, daß kein reiner Fleck an unſerer Seele iſt; ich liebe deß⸗ halb Jeppe, denn er iſt ſo gut als Einer. Ich weiß wohl, daß in katholiſchen Ländern die Sünde nicht ſo groß und vollkommen iſt als unter uns Rechtgläu⸗ bigen: vei den päbſtlichen Leuten iſt nicht Alles ſchon von der Geburt an vom Wirbel bis zur Zehe Schuld und Elend; die katholiſche Lehre ſagt das. Ich habe auch geleſen, daß dieſes gräßliche Verhältniß des Menſchen in Aſien und Afrika noch weit gelinder iſt. Doch iſt auch nach den Beſchreibungen der Heiden der 25 Menſch dort nicht ganz ſo, wie er ſein ſoll: ich be⸗ gnüge mich deßhalb mit Jeppe. Ich kann in der Eile keinen Bedienten aus andern Ländern herbekommen: und ich glaube, Jeppe Jonſſon wird einen gewaltiger Krieger werden, wenn er das Fell einige Male voll bekommen hat, ſo daß er erſt die paſſive Methode lernt, worauf er wohl auch die aktive begreifen und ausführen wird. Ich machte die Sache geſtern mit dem gewandten Aronforſer ab, und bat ihn, bei Alerander die Erlaubniß auszuwirken, daß ich ihn be⸗ nützen dürfe—“„Bei dem Magiſter? ich meine doch, die verwittwete Frau von Mekeroth ſelbſt wäre die rechte Perſon geweſen, die als Gebieterin ihrer Leute ſo etwas geſtatten oder verweigern konntel“ kra Probftin auf's neue mit einem kleinen Aer⸗ ger los. „Frau Aurora die rechte Perſon? nein Mutter, dazu iſt ſie zu ſehr Weib und ein reizendes Weib. Uebrigens iſt es ja jetzt ganz daſſelbe, ob man Meden⸗ berg oder Frau von Mekeroth bittet, da ſich Kapitän von Mekeroth vernünftigerweiſe zurückgezogen hat. Ich will damit nichts geſagt haben, Marie, durchaus nichts: verſteht mich nur recht. Ich meine nur, der Informa⸗ tor kann keinen andern Gedanken haben, als den ſei⸗ ner Patronin; ſo daß er, wenn irgend ein Jeppe ihn über etwas befragt, ſeine Erlaubniß nicht eher giebt, als bis er die Sache zuerſt feiner Frau— hm, ſeiner Patronin vorgebracht hat. Sei darüber ganz ruhig, Mutter! und freue dich wie eine Droſſel im Walde, meine Schweſter! Denn ich habe ſelbſt mit dem Ma⸗ giſter über ſeine Frau— ei zum Henker— über ſeine ſchöne Aurora geſprochen, die nach meinen Begriffen alle andere übertrifft; und er gab mir eine ſolche Antwort darauf, daß ich zufrieden bin. Leb' jetzt wobl, Vater! leb' wohl, liebe Mutter! ihr werdet nimmermehr einen Studenten aus dem Smaländer Volke Ramens Göran Philipp Edeling zu ſehen be, 26 kommen: es iſt aus mit ihm. Adieu, Schweſter: ein Küßchen auf den Mundl Das nächſte Mal wirſt Du einen Polizeimann küſſen. Adien Moppe! Adieu Tirza! adieu Pünschen!—— Holla, Jeppe! biſt Du fertig?“ rief Göran, indem er die Thüre ſperrangelweit auf⸗ riß.„Haſt du deine kranken Zähne noch nicht abge⸗ freſſen, Du Schlingel 20 „Ei zum Henker!“ ſchrie Jeppe und fuhr wie eine Rakete aus der Küche. Er hielt noch ein gewaltiges, prächtiges Stück Schinken zwiſchen den Lippen, weß⸗ halb er undeutlich und langſam ſprach. „Stecke das Stück in Zeitungen, und thue es dann in die Taſche!“ ſagte Göran väterlich.„Es wird ſich einmal gut als Reſerve benützen laſſen.“ Marie half Jeppen mit großer Dienſtfertigkeit. Es iſt ſo rührend und ſo hübſch, wenn man Jüng⸗ linge zum Krieg ausrüſtet. Der alte Edeling konnte kaum das Schluchzen zurückhalten.„O mein Sohn, du gehſt einem gewiſſen Tod entgegen!“ brach er aus, und ſtreckte ſeine beiden Arme nach ihm.„O ich fühle es in mir: Gott will alſo, daß ich meinen einzigen Sohn verlieren ſoll?“ „Rein, der Henker hole mich, wenn Gott das will!“ erwiederte Göran, indem er in ſeinem Eifer vergaß, von wem und mit wem er ſprach.„Ich will mit dir wetten, Vater, daß ich lebendig nach Hauſe komme. Gewinnſt du, ſo will ich gleich ein Kiſichen echten Luftballon für dich hinterlegen, denn ſo viel werde ich ich wohl auf der Fahrt verdienen: und ich werde ferner noch Papas ſämmtliche Pfeifen mit eige⸗ ner Hand reinigen.“ „Ja, ja, ſo ſprichſt Du, Göran. Wenn Du aber todt biſt? ha!“ In dem Augenblick des Abgangs überkam jedoch Göran einige Wehmuth: er ſprang dem guten Alten in die Arme und küßte ihn inbrünſtig.„Ich weiß 27 wohl, daß ich zu einem niederträchtigen Geſchäfte abgehe,“ ſagte er,„und Niemand kennt ſein Schickſal—“ „Scherze jetzt nicht, mein Junge!“ „O— mein Vater! Nein. Die Sache iſt nur die, daß ich Göran Edeling bin. Segne mich, ehe ich gebe! Bedenke in allem Ernſt, daß ich mein Leben nicht für etwas Erbärmliches wage. Unſer ganzes ſchönes Smaland wird ausgeplündert und niederge⸗ brannt—— und wenn ich jetzt in der Abwehrung eines ſo ſchrecklichen Elendes falle, habe ich dann nicht mein Leben auf einem Altare geopfert, der ſeines Opfers werth iſt? Mancher ſtudirt ſich zu todt, um einen Gradus zu erreichen, und wird in ſeinem Falle beklagt. Ich will für mein Vaterland ſterben, wenn es Gott in ſeiner Gnade ſo gefällt, und ich würde mit Blumen auf den Wangen fallen. Aber glaube mir, Vater, ich werde nicht ſterben! Segne mich, und die Kugel iſt dann nicht gegoſſen, die mich treffen ſoll; die Art iſt nicht geſchmiedet, das Schwert nicht ge⸗ macht, das mich erſchlagen ſoll.“ Man mag es glauben oder nicht, aber es iſt die reine Wahrheit, daß Göran bei dieſem Wort ſein eines Knie ritterlich vor ſeinem Vater bog. Mit hoher Begeiſterung legte der Greis ſeine Hände auf das Haupt des Sohnes. Die Probſtin that die ihrigen- darauf, und auch Marie legte ihre Finger zwiſchen Görans ſchwarze Locken am Halſe. Göran ſenkte ſei⸗ nen ſchönen Kopf zum Gebet. Es war ein ſtiller, himmliſcher Moment. Göran ſtand auf, gerade und in ſeiner ganzen Länge; er war wieder Soldat. Jeppe Jonſſon war dabei geſtanden und hatte zugeſehen; vielleicht wünſchte auch er ſich etwas auf ſeinen Kopf. Die beiden Burſchèé zogen nun von dannen und ſchlugen ihren Weg nach dem einſamen Kathen im Walde, nach Dädemohult ein. Göran hatte ihn für Nicke Bengt Erson, den kleinen braunen Peter, Sven und die Uebrigen zum Sammelplatze beſtimmt. Er hatte ihnen den Befehl gegeben, ſich zur Nachtzeit und durch die Wälder dahin zu ſchleichen. Denn noch hatte er ſein Verſprechen, ihnen öffentliche Verzeihung zu verſchaffen, ſo daß ſie am lichten Tage berumzie⸗ hen dürften, unmöglich erfüllen können. Dieß hing auch ganz davon ab, wie ſie ſich bei der kommenden Jagd benehmen würden. Vis jetzt hatten ſie noch nichts weiter gethan, als den Serarper Andres gefeſſelt in die Gegend von Cjungarum geführt, von wo aus Göran den Spitzbuben mit Hülfe der Bezirkspolizei nach Jönköping gebracht hatte. Aber er hoffte, daß ſich ſeine neuen Kameraden in andern, entfernteren Gegenden eben ſo wacker aufführen würden, denn da⸗ 4 e er ſich auf ihre Angaben hin an ihrer Spitze egeben. Als er mit ſeinem getreuen Waffenträger Jeppe Jonſſon durch die wilden, finſtern Waldklüfte nach Dädemohult kam, gewahrte er ſchon von Weitem Leute, die um Mutter Ellins graue Hütte gelagert waren. Er ſchritt heran und ſah ſich bald von ſeinen grim⸗ migen Freunden umgeben.„Wo iſt die Hexe und ihre Tochter?“ fragte Göran, als er weder die alte noch die jung Ellin erblickte. „Sie ſind fort,“ antwortete Peter. „Fort? Das iſt ſehr dumm! Hat Keiner von euch etwas von ihnen geſehen?“ „Die junge Ellin war ſchon nicht mehr da, als wir ankamen,“ erwiederte der erſtere.„Aber ich will euch ſagen, wo ſie iſt, Herr. Sie iſt nach Blommenäs gegangen zu der Wittfrau, deren Mann in Evershult verbrannte. Die alte Ellin war anfänglich hier, als wir heute Nachs anlangten; und ſie lud uns ein, auf das Stroh niederzuliegen. Aber als ſie erfuhr, was wir gethan: nämlich, daß wir den Andres nach der Stadt gebracht, Joak NRickolſon verlaſſen hatten und Männer der Krone geworden waren, da wurde ſie 29 grob. Sie fing an ordentlich um ſich zu ſchlagen. Da bekam ſie ein paar Püffe in die Weichen, ging binaus und ſah nach den Sternen. Es war um zwei Uhr. Dann kam ſie wieder herein, ließ uns nicht ſchlafen, und verwünſchte uns. Als dieß geſchehen war, ſagte ſie uns, wo das Brod in der Stube zu finden ſei, wenn wir hungrig würdenz denn⸗ Zukoſt hatten wir ſelbſt; dann fing ſie aufs neue an, auf uns zu fluchen, und zog ihrer Wege. Wohin ſie ge⸗ angen iſt, das kann ich nicht ſagen. Vielleicht trabte ke ebenfalls zu Frau von Abelcrona. Es iſt kein Schade um fie, Herr.“ „Satansweib, daß ſie nicht wenigſtens warten konnte, bis ich kam,“ ſprach Göran und ſah mit einem zornigen Feuerblick umher.„Nun, ich frage den Hen⸗ ker nach allen Weibsleuten! Wir ſind jetzt verſammelt um Rath zu ſchlagen. Hörmal, Kamerad, am Heerde dort, was rührſt Du denn in deinem Topfe um?“ „Ei, Herr Göran! ich war immer ſo gleichſam der Koch,“ verſetzte Nicke Bengt Erson. „Du kannſt kochen, Nicke? ſchön. Was haſt Du denn in dem Topfe?“ „Nun, Herr, ich koche nur ſo gleichſam ein hal⸗ bes Schwein. Der Kopf und die Bruſft liegen dort unter dem Bette, die beiden Schinken aber find im Topfe: glaubt mir nur.“ „Woher haſt Du das Ferkel, Bengt?“ „Nun, Herr, ich entfernte es ſo gleichſam aus der Obhut der Wirthin von Skillingaryd.“ „Du biſt ſelbſt ein Satansſchwein! willſt Du denn noch ſtehlen, da Du mein und der Krone Diener geworden biſt? Habe ich nicht euere Kaſſe in den Händen, und kann alſo redlich bezahlen, was wir be⸗ dürfen?“ „So ſchickt denn der Wirthin fünf Reichsthaler für die Sau. Mehr iſt ſie nicht werth; und ſomit iſt die Sache abgethan. Die Alte in Skillingaryd 30 hat weit mehr geſtohlen als das, daher meinte ich⸗ ſchade es nichts; aber wie der Herr will. Wenn man einmal in den Dienſt der Krone getreten iſt, muß man viel Unſinn hören, das merk' ich.“— Bei dieſen Worten begann Bengt immer fleißiger im Topfe um⸗ zurühren; große Blaſen ſtiegen unter vielem Protzeln herauf, und das Fett ſchwamm in ſchönen Wellen. „Was ſagſt Du, Nicke Bengt Erson?“ brach Göran aus.„Iſt die Wirthin von Skillingaryd eine Diebin? Was hat ſie denn geſtohlen?“ „Wer hat noch nie geſtohlen, Herr?“ antwortete der Koch mit trockener Ruhe.„Das iſt nur ſo ein Geſchwätz. Hat ſie nicht ſeit zwanzig Jahren die Reiſenden mit ihren Waaren angeſchmiert? Sie hat von ihnen eine dicke Bezahlung genommen, und den Leuten doch nur elende, ſchlechte Waaren gegeben. So etwas iſt mehr als ein ausgewachſenes Schwein. Denn jeder ſtiehlt auf ſeine Weiſe; aber Keiner ent⸗ hält ſich deſſen ganz, ſo viel weiß ich gewiß.“ „Du biſt ein arger Beutelſchneider, Bengt: jetzt zeige, daß Du gut kochſt, damit wir heiter und guter Dinge werden. Kommt heraus, meine Freunde!“ fuhr Göran fort.„Wir wollen uns dort auf der An⸗ höhe hinter der Hütte im Kreiſe herumſetzen: ich will mit euch Rath ſchlagen. Wenn dann Bengt Alles in Ordnung hat, wollen wir ſchmauſen und uns auf die lange Fahrt ſtärken. Ich habe auch etwas Gutes für euch hier in der Flaſche.“ Die Bande eilte hinaus. Man ſetzte ſich in einen Kreis auf die Steine und Erdhaufen: Göran am höchſten, über Alle hervorragend, und Jonſſon zu ſei⸗ nen Füßen. Hauptmann Göran erhob ſeine Hand, redete und ſprach:„Wir haben den Krieg begonnen, Freunde! er ſoll mit Frieden und guten Wohnſtellen für uns Alle endigen. Erhebe dich im Kreiſe Sven! Du biſt der Blutigſte, Schlimmſte und weißt mehr als wir n m id 2 8 ſt ir 31 Alle. Verkündige deine Gedanken, und ſage deinen Rath!“ der Grimmige, ſtand auf, nahm das Wort, antwortete und ſprach:„Ich kenne mehr als hundert Diebe, groß au Worten und mächtig in Tha⸗ ten. Wenigſtens dreißig von ihnen ſind arge Mörder, und fünfzig haben Güter aus brennenden Häuſern ge⸗ raubt. Nun iſt mein Rath, daß wir nach Stäshult und Stenberga im öſtlichen Theile des Bezirkes gehen. Denn dort liegt Serarp. Und obwohl der Wirth von Serarp ein junger, frommer Mann iſt, er und ſein Weib, und niemals etwas anders geſchlachtet hat als Kälber, ſo hat doch Andres ſeine meiſten Freunde in jener Gegend, bis gegen Virsrum hin und in dem großen Walde zwiſchen Birkmas und Malilla. Die werden wir fangen nebſt vielen Gütern, die ſie ge⸗ raubt haben, wenn wir dort hinziehen!“— Sven ſetzte ſich nach dieſem Rathe. Da ſtand Peter auf, der Braune, Kleine genannt; er erhob ſeine Hand, redete und ſprach:„Es iſt ein guter Rath, daß wir uns baldmöglichſt von Oſt⸗ und Weſtbo fortmachen. Denn als wir den Serarper An⸗ dres nach Jönköping führten, hörte ich Vieles, was er bei ſich ſelbſt ſprach. Er ſchwur und fluchte, er werde uns Alle, unſere Geſtalt und unſere Namen bei dem Extragerichte wegen des Evershulter Bran⸗ des angeben; und Nickolſon wird dann am Schlimm⸗ ſten dabei wegkommen. Es kann wohl ſein, daß An⸗ dres mehr von ihm weiß, als man glaubt, und ein gewiſſer hoher Herr könnte ſich zwiſchen Beiden nieder⸗ ſetzen müſſen. Ja! laßt uns nach dem öſtlichen Theile des Bezirkes ziehen, dort gedeihe ich beſſer als in Vernamo. Laßt ſie immerhin den Joak Rickel faſſen und braten! Er iſt doch nie mehr als halb auf un⸗ ſerer Seite geweſen, das weiß Sven; und was ihm geſchieht, das ſchadet nichts.“— Der kleine Braun Peter ſetzte ſich nach dieſem Rath. 32 Jon ſtand auf, ſtreckte ſeinen knotigen, magern Zeigfinger gegen ſeine Kameraden, und ſagte kühn: „Ich bin von Heſtra! ich kenne ganz Mohärad. Mein Rath iſt, wir gehen nach Angärdsheſtra hinüber, Bottnaryd zu, und holen Geld. Denn ich weiß, daß in Ledheſter ein reicher Bauer wohnt, Namens Johan⸗ nes Larsſon, und der hat viel baar Geld daliegen von einem Patron im Süden, für den er Einkäufe beſorgt. Das wollen wir holen,“ ſagt Jon.„Johan⸗ nes Larsſon hat auch zwei Töchter, Zwillingsſchweſtern und ſchön wie der Tag: Johanna und Maja heißen ſie. Die wollen wir zwicken,“ ſagt Jon.„Denn das iſt ein gar zu trockenes Leben hier. He, ihr Burſche, ihr Michel! wollt ihr nicht nach Ledheſter gehen wie ich ſage? Nun, mich ſoll der Teufel holen, wenn ihr nicht wollt. So kommt denn! Ich kenne ganz Mo, Kind und Mark, und ich weiß wo Geld zu finden iſt; denn das iſt meine Sache. Von Ledheſter iſt es nicht weit nach Ulrikshamm; obſchon man Gullered ver⸗ meiden muß, das zu offen daliegt. Von Ulrikshamm aber kommt Einer leicht hinter den See nach Ränge⸗ — dala, und dann hat man ganz Kind in den Klauen. O— ich will nach Markshärad und Balleböjd!l mein ganzer Sinn ſteht nach Boras! Denn um dieſe Zeit ſind die Zwiebackmänner*) daheim, und haben aus dem ganzen Schwedenreich Geld mitgebracht. Hahahal Das iſt mein, das iſt Alles mein,“ ſagt Jon.— Auf dieſes ſetzte er ſich mit einem ſpitzbübiſchen Nicken, ſah ſich um und ſchwieg. Hauptmann Görans Augen ſprühten Feuer, er 3 ſchrie und antwortete:„Du Satansſchurke von Jon! was ſagſt Du? Du gibſt uns hier einen Rath, als verrechnet. Erinnere dich, mein Freund, daß wir jetzt Diener der Krone find. Wir werden die Spitbuben *) Zwiebackmänner— Matrvoſen. ob wir noch Räuber und Diebe wären: Du haſt dich — 1 L t f f f i— 8 aufgreifen und ſie dem Landeshauptmann ſchicken; und dafür werden wir billigerweiſe Geld und Güter als Belohnung erhalten. Aber gute Leute werden wir nicht rupfen: ich kenne den Johannes von Levheſter, er iſit ein ehrlicher, wackerer Mann wie Gold; und wagt Einer ſeinen zwei ſchönen Töchtern nur ein Haar zu krümmen, ſo ſchlage ich ihn zuſammen wie Schnupf⸗ tabak. Das wäre doch der Teufel, wenn wir ſolche Schlingel unter uns haben ſollten wie der Heſtra⸗Jon. Sven und Du Mans! nehmt den Jon und bindel ihn an einen Baum, und gebt ihm fünfundzwanzig mit der Ochſenpeitſche.“ Göran erhob ſich bei dieſen Worten in ſeiner vollen Länge auf dem Stein, ſah höchſt ergrimmt aus, ſtreckte befehlend den Arm aus und rief noch einmal wild:„Waldgeſellen! ſagt mir, ob wir Beſtien ſein wollen: Nein, bei Gott! wir ſind Smaländer, wir gehen auf der Bahn der Ehre, und retten und helfen denen, die Noth leiden. Das iſt unſere Sache! Wir find Männer des Königs und nicht Schafe des Teu⸗ fels: Wir werden Smaland von Raub und Mord ſäubern; ja das werden wir. Wer denkt wie ich, der ſage dazu Amen und ſtrecke ſeine Hand empor!“ Ein lautes Geſchrei beantwortete Görans Rede. Alle riefen Amen unter einem Jubel, daß der Wald erbebte, und der Heſtra⸗Jon ſchlich abſeits. Aber Sven der Grimmige lief ihm nicht faul nach. Er und Mans banden den Jon an den Stamm einer hun⸗ dert Ellen hohen Fichte. Hier gaben ſie ihm ſeine fünfundzwanzig kernhafte Streiche mit einem groben Tau, das am Ende mit Knoten verſehen war. Als die Exekution zu Ende war und ſie Jon vom Baume lösten, gaben ſie ihm noch auf eigene Rechnung einige Ohrfeigen dazu, daß dem elenden lüderlichen Kerl das Blut aus Mund und Naſe rollte. Der Heſtra⸗Jon war nämlich wegen ſeiner Argliſt und ſeiner böſen Aufführung bei der Bande nie recht beliebt geweſen. Drei Frauen in Smaland. U. 3 34 Still und muihlos ſchlich er bei Seite, ſetzte ſich, den Kopf in die Hände vergraben, auf den niederſten Stein und horchte auf die Fortſetzung. Hauptmann Göran ſchaute heiter und mit dem ſtolzen Blicke befriedigter Gerechtigkeit umher, redete und ſprach:„Es iſt meine Anſicht, daß wir thun, wie Sven ſagt, und nach dem öſtlichen Theil des Bezirkes und den Gegenden von Aſpeland ziehen, wo wir die hundert Bekannte des Serarper Andres feſtzunehmen haben. Wie geſagt, ſo gethan; und damit iſt die Be⸗ rathung zu Ende. Hurrah, hurrah! Jetzt hervor mit Ricke Bengt Erſons gekochten Schinken! Wir ſind zu zwölf und bedürfen ihrer. Ich hoffe, er hat auch gekochte Erdbirnen mit Salz dazu? Den Branntwein ſollt ihr von mir bekommen.“ „Hurrah, hurrah!“ Unter wildem Freudengeſchrei ſtürmten ſie von den Steinen und Erdhaufen empor⸗ umringten Göran und eilten in die Hütte, wo Bengt mit dem Topfe ſtand. Es iſt unglaublich, welchen Muth es einflößt, wenn man ſich auf der Seite der Gerechtigkeit weiß; ach wie herrlich iſt es dann⸗ in ein großes, wackeres Unternehmen ſich zu ſtürzen! Wirklich hatte auch Ricke Bengt Erſon nicht nur ſein halbes Schwein gekocht, ſondern auch noch eine gewaltige Menge„Birnen,“ die er in Mutter Ellins Kartoffelacker hinter dem Hauſe geholt hatte. Er ſchöpfte jetzt all dieſe Gottesgaben heraus; und es gab einen Schmaus, wie Dädemohult noch keinen ge⸗ ſehen hatte. Göran ſaß auf einer Bank und aß mitten unter ſeinen Kameraden: ſonſt bleibt man nicht gut Freund mit Leuten von Charakter. Jonſſon aber ſchickte er als Poſten auf die Anhöhe, um Wache zu halten. Denn er ſagte:„Du, Jeppe, haſt heute ſchon zweimal gefrühſtückt, und das iſt genug. Schau dich um!“ Als die für Diebe gute und vollſtändige Mahl⸗ — V— S S—* — — 55 zeit vorüber war, blickte Göran mit Rührung umher, öffnete den Mund und ſprach:„Laßt uns jetzt Gott danken und zufrieden ſein. Heſtra⸗Jon! wenn Du deinen Schurkenſtreich und den gemeinen Rath, den Du uns heute gabſt, bereuen willſt, ſo falle auf die Kniee und thue uns Abbitte. Dann werde ich Dir für deine Schmerzen auch eine kleine Gabe geben, wie die Andern bekommen haben.“ Jon fiel ohne Weiteres auf die Kniee.„Ich bin ein großes Vieh,“ ſagte er,„das weiß Jedermann und ich halte es nicht länger geheim. Verzeiht mir, Herr Göran! verzeiht mir, ihr Alle. Kann ich einen kleinen Kathen von dem Landeshauptmann dafür bekommen, wenn ich zur Verfolgung der Diebe behülflich bin, ſo werde ich mich nachher mit Freuden zur Ruhe ſetzen und nie mehr herumßtreichen. Am liebſten würde ich Gemeindeſchneider in Gardsby in der Nähe von Vexö; denn die Nadel kann ich führen, und habe im Sinne, weit von meinem Geburtsorte weg an einen Ort zu ziehen, wo mich Niemand kennt. Dort will ich dann Hoſen machen bis an meinen Tod.“ „Steh' auf, Jon!“ ſagte Göran.„Geh und ſetze dich hinter den Ofen, ſo ſollſt Du deine Be⸗ ſcheerung erhalten, wenn es Zeit iſt.“ Jon gehorchte wie ein gutes Kind. Wieder erhob Göran ſeine Stimme, redete zu den Verſammelten und ſprach:„Freunde! ich weiß ſehr wohl, wie es mit euch war, und ich wunderte mich nicht ſo ſehr darüber. Seid verſichert, meine Freunde, daß ich euch nicht böſe bin wegen eurer Thaten, auch der Landeshauptmann iſt nicht böſe auf euch; und ſo⸗ gar der König iſt nicht ſehr böſe, wenn ihr euch nur beſſert. Wir wiſſen wohl, daß wir Alle arme TDeufel ſind, denen unſer Herrgott Gedärme in den Leib ge⸗ geben hat, die Menſchen aber thaten nichts zum Eſſen hinein. Manche Dinge ſind auf Erden nicht recht be⸗ ſtellt, das weiß Niemand beſſer als ich. Die Reichen 56 haben mehr als ſie bedürfen, und die Armen zu wenig. Wenn wirzzuerſt unſere nackte Naſe in die Welt hin⸗ ausſtrecken, ſo verſpricht ſie uns gar viel Gutes; überall ſollen wir uns wohl befinden, und Butterbrod eſſen, heißt es. Wenn wir aber kommen, werden wir zum Beſten gehalten und kriegen nichts. Die Hauptfrage iſt dieſe: kann ein Menſch mit Butterbrod regalirt werden, wenn kein Brod da und der Butter ausgegangen iſt? Ich antworte dreiſt mit Nein! Es war alſo von euch nicht zu verwundern, meine wackern Burſche, daß ihr euer Recht zu nehmen ſtrebtet, da ihr es auf keine andere Art bekamt. Viele von euch haben Weib und Kind gehabt⸗ und haben ſie noch weit in der Heimath; aber kein, kein Stück Brod dazu. Ihr giengt alſo ſo weit in der Liebe, daß ihr euere Hälſe riskirtet, und euere Rücken den Ruthenſitreichen ausſetztet, nur um eurer Kleinen willen und wegen der Noth eurer armen Weiber. Dafür liebe ich euch, der Landeshauptmann liebt euch, und der König liebt euch. Wenn ihr mir alſo jetzt vedlich folgt, ſo ſollt ihr Kleider und Geld auf eine ehrliche Art bekommen! ihr ſollt Speck und Kartoffeln haben, wie heute, und auf honettem Wege. Das iſt doch hübſch, nicht wahr? Und wenn ihr dann heimkommt zu euern Kindern, dann braucht ihr euch nicht vor den Kleinen die Augen aus dem Kopf herauszuſchämen. Ich bin eines Pfar⸗ rers Sohn, und darf euch deßhalb von Gott, dem Allerhöchſten ſprechen. Ich will euch ſaten, daß er euch verzeiht und euch zu Gnaden aufnimmt, wenn ihr nur euere Rohheit ablegt. Aber der Teufel ſoll euch mit Haut und Haar holen, wenn ihr nicht in Allem genau ſo thut, wie ich will. Laßt uns deßhalb gute Freunde ſein, und männlich zuſammenhalten in Buſch und— Wald.“ „Ich habe den Katechismus bei mir in der Bruſt⸗ taſche,“ fuhr Göran fort und zog denſelben hervor. „Seht da liegt das Buch auf dem Tiſch und meine zwei Finger darauf. Ich ſchwöre euch, Kameraden, bei dem lebendigen Golt und den fünf Haupiftücken, keinen Einzigen von euch zu verlaſſen, ſondern euch Allen ein Neſt zu verſchaffen, wenn ihr mir dagegen mit den Fingern auf dem Buch ſchwört, mit mir Blut und Leben zu wagen, durch Feuer, Rauch und Waſſer mit mir zu geben, und nie bei Hunger oder Kälte zu murren. So werden wir ſiegen! und Sma⸗ land, das ſchönſte Land auf Erden, wird euch noch einmal ſeine wackern Männer nennen.“ Die Truppe und ihr Hauptmann ſchwuren, daß es in der Dädemohütte wiederhallte. Dann rüſtete man ſich, auf Nebenpfaden und Waldwegen nach der Gegend von Serarp im Oſtbezirke, und vielleicht noch bis Süd Wedbo zu ziehen. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Zuſammenkunft in Rarmansbal. Bleibe hei mir! Wenigſtens über Racht. Die Beerdigung war vorüber, und in Aronfors begann ſich Alles in die neue Ordnung zu fügen, die Medenberg unter Frau Auroras Augen und mit ihrer Zuftimmung eingeführt batte. Die kleine Ulla ſaß meiſt bei ihrer lieben Mutter und ſtrickte, um dem Informator nicht die Zeit zu wichtigeren Geſchäften zu rauben. Doch bekam ſie täglich ihre Lektionen von Herrn Medenberg, obwohl nicht gar zu ſtrenge; dieſe repetirte ſie dann an den Abenden bei Mama, wenn der Informator ihre Geſellſchaft thrilte, und mit Mama über das Werk ſprach, dennoch aber Ulla alle Sorgfalt beim Ueberhören widmete. Matts war jetzt ſo weit auf dem Weg der Beſſerung, daß es nur noch 38 acht oder vierzehn Tage anſtehen konnte, bis er in das geliebte Lehrzimmer kommen zu dürfen hoffte. Einſtweilen lag er in ſeinem Bette, und erinnerte ſich in beſſeren Augenblicken nicht nur an ſeine ſechs Kaſus, ſondern auch an die Länder, die in den ſechs verſchie⸗ denen Welttheilen liegen, ſowie an die Namen der ausgezeichnetſten Städte, wohl zu unterſcheiden von denen der Flüſſe. Alexander rüſtete ſich auf ſeine Götheborger Reiſe, wobei es ſeine geheime Abſicht war, unterwegs Nickol⸗ ſon zu beſuchen, den er bei dem Alten und ſeiner Frau im Walde gelaſſen hatte. Dieſe ſeine Abſicht bielt er natürlich vor Allen geheim; nur nicht vor Aurora. Sie, die ſich ſo ſehr über Rickolſon zu be⸗ klagen hatte, wollte ihn doch gerne gerettet ſehen⸗ wenn es Herrn Alexander möglich würde, ein ſo ſchwe⸗ res Problem zu löſen. Eines Nachmittags ſah man einen Lakaien heran⸗ geritten kommenz er hielt am äußeren Hofe und be⸗ gab ſich in das Aronforſiſche Hauptgebäude. Er brachte einen Brief, den eine Jungfer zu Frau Aurora hinein⸗ trug. Sie ſaß in ihrem gewohnlichen ſtillen und ver⸗ traulichen Kreiſe: Die Ueberſchrift des Briefes ſchien ihr ſogleich Freude zu machen. „Rathen Sie, wer dieſe ſchöne Handſchriſt hat?“ ſagte ſie und reichte das Billet Herrn Medenberg über den Nähtiſch hinüber. „Eine ſehr geübte und gute Damenhand!“ ant⸗ er.„Ich habe ſie aber noch nie früher ge⸗ ehen.“ „Wohl aber die Perſon,“ ſagte Aurora mit einem feinen Nicken.„Wir haben oftmals von ihr geſprochen. Der Brief iſt von meiner geliebten Celeſtine.“ beeilte ſich, das Siegel zu löſen und las aut: „Beſte Aurora! Nach einer ſo vieliährigen Tren⸗ ve—— v— 1. = 59 nung ſollteſt Du eigentlich einen langen Brief von deiner armen, vergeſſenen, im Krankenzimmer ver⸗ ſteckten Freundin bekommen. Aber rechne nicht ſtrenge mit mir ab! Thue etwas Beſſeres und ſchenke mir alsbald das Vergnügen eines Beſuchs. Ach, Auroral ich kann dem Papier nicht den tauſendſten Theil von all Dem anvertrauen, was ich dir zu ſagen habe. Ein ſchreckliches Ereigniß hat ſich zugetragen. Noch einmal, Aurora! An wen ſoll ich mich wenden, da mich erſt kürzlich ein ſo grauſamer Schlag, wie der Verluſt meines Oheims, traf? Komm', Aurora! komm' unverweilt! Großer Gott! werde ich dir zu ſagen wagen, was ich kaum dem Säuſeln des Win⸗ des in meinem Garten zu entdecken getraue? Doch wird es ja gewiß bald genug bekannt ſein! Mein lieber Mann— mein lieber Zeyton—— beſte Aurora, ich vermag meine aufgeregte Feder nicht mehr zu halten. Geſtern Mittag nahm Zeyton nicht an meinem und meiner Kinder Mahle Antheil. Ich muß ſagen, daß wir uns nicht darüber wunderten: er war ſeit ſeiner letzten Rückkehr von Jönköping immer ſehr düſter, und mehr als gewoͤhnlich verſchloſſen und ſonderbar geweſen. Wir machten uns daher keine Gedanken über ſeine Abweſenheit. Ich ließ durch den Bedienten fragen, ob der Graf etwas auf ſein Zim⸗ mer befehle. Wir ſahen ibn den ganzen Nachmittag nicht, ebenſowenig geſtern Abend. Heute früh als ich erwachte, welcher Schreck, Aurora! Der Bediente brachte mir ein Billet, das er in dem Zimmer des Grafen auf einer Ecke des Schreibtiſches gefunden hatte; er ſelbſt war fort. Die Zeilen Zeytons an mich waren ſehr kurz:„Lebe wohl! Du ſiehſt mich nie wieder, Celeſtine, ich kann nicht mehr in Karmansbal bleiben. Lebe wohl! lebe glücklich und frei! denke an mich als an einen— Todten. Frage nicht wo ich bin: Du findeſt mich nie wieder!“ Ein Schwindel wollte ſich meines armen Kopfes bemächtigen; doch 40 hatte ich noch ſo viel Befinnung, um den unſeligen Brief zu verbrennen, damit er nicht in unrechte Hände gerathe. O Aurora, zögere keinen Augenblick! Ich brauche die Hand der Freundſchaft, daß ſie mich ſütze; ich bedarf Rathes. Denke an deine ehemalige Freundin und komme heute nach Karmansbal, damit ich nicht vergebens warte—— ach was iſt geſchehen und was ſteht mir wohl noch bevor? Deine Celeſtine.“ Alexanver ſaß blaß und nachſinnend da. Er ahnte Etwas.„Darf ich befeblen, daß der Wagen ſogleich vorfahre?“ ſagte er. Aurora gab ihm wie immer ihre Zuſtimmung mit einem ſchönen, ſtillen Nicken. Sie ſetzte geheimnißvoll hinzu: Begleiten Sie mich! Celeſtine iſt Ihnen ja bereits perſönlich bekannt; ge⸗ wiß bedarf ſie einen beſſeren und klügeren Rath, als ich zu geben im Stande bin. Gott! Her Medenberg, was kann wohl Zeyton beabſichtigen?“ Man war bald in dem Wagen und fuhr nach Karmansbal. Die kleine Ulla durfte mit. Man langte an der prachtvollen Eiſengallerie an. Die großen Bluthunde bellten wie ehedem, nur bedeutend heißerer als damals, wo Aurora ſie zum letzten Mal gehört hatte. Sie waren alt geworden. Man ſtieg die herrliche Treppe hinauf. Aurora ſah ſich gerührt in den Räumen um, wo ſie ſeit ſo langer Zeit nicht mehr geweſen war, und wo ſie doch Alles wieder erkannte. Sie ſank Celeſtinen in die Arme. Herr Medenberg verbeugte ſich in der für einen Informator geziemenden Entfernung.„Willkommen! unendlich willkommen!“ tönte es ihm ſchwach, aber in ſüßer Verſtändlichkeit von den Lippen der Gräfin entgegen. Noch immer lag der feine grüne Augen⸗ ſchirm über der Haube und barg den größten Theil der ſchönen Stirne. Man ſchritt durch mehrere Zimmer vorwärts. Welche Ueberraſchung! Die Hofmarſchallin Ebba von — ce—— — 41 Abelerona erhob ſich aus der Sophaecke, als die An⸗ kommenden unter der Thüre erſchienen. Auch ſie flog an Aurorens Bruft. Wir übergehen die anziehende Unterhaltung des Wiederſehens. Aurora von Mekeroth ward bald und vollſtändig in das eingeweiht, was man bis jetzt wußte. Und dieß war von ſehr bedenklicher Art. Bei dem außer⸗ ordentlichen Gerichte, welches den Tag vorher wegen des Mordbrandes von Evershult gehalten worden war, hatte Andres von Serarp in ſeinem Grimm darüber, ſich von ſeiner Bande verlaſſen zu ſehen, kein Be⸗ denken getragen, Alles zu entdecken, was er nur halb⸗ wegs wußte, und auch ſolche Dinge, die er gar nicht beweiſen konnte. Er nannte Nickolſon, und ſelbſt Zey⸗ tons Name entſchlüpfte ſeinen Lippen. Die Adern der Geſchworenen wurden zu Eis, der Richter ſaß ſtumm; aber er faßte ſich bald. Da der verhaftete Spitzbube jene Worte nicht durch das Geringſte bekräftigen konnte, ſah man ſie nur als einen Verſuch an, ſich merkwür⸗ dig zu machen. Als man ihn an die religiöſe Wich⸗ tigkeit eines Bekenntniſſes vor dem Richterſtuhl er⸗ innerte, nahm er wieder zurück, was er über den Grafen geäußert hatte, und der Richter war mit Zu⸗ ſtimmung der Geſchworenen der Anſicht, daß man eine Standesperſon nicht im Protokolle kompromittiren ſoll. Das Gerücht ließ ſich jedoch dadurch nicht abſchrecken, mit ſeinen ſchwarzen, entſetzlichen Schwingen unheim⸗ lich von Ort zu Ort zu flattern. In dem vertraulichen Rathe, in welchem die Da⸗ men von Abelcrona und von Mekeroth der Gräfin ihre Gedanken ohne Rückhalt mittheilten, hielt daher auch Keine von Beiden ihre Anſicht zurück, welche darin beſtand, daß des Grafen Billet an Celeſtine vor ſei⸗ nem Verſchwinden auf eine ſchreckliche Unthat hindeute; und kaum die größte Freundſchaft hielt die Ver⸗ trauten der Gräfin zurück, dieſer zu erklären, daß ſie 42 ven Grafen wirklich in eine ſolche verwickelt glaubien, va er ſich das Gerücht und die Worte des Serarper Andres ſo zu Herzen genommen hatte.„O meine Theuerſten!“ brach Celeſtine aus,„ſagt, bin ich nicht recht unglücklich?“ Aurora weinte warme und reichliche Thränen. Frau Ebba war ebenſo gerührt; ſie ſagte mit einem forſchenden Blicke auf die Gräfin:„Haſt Du den keine, gar keine Idee, wohin ſich Zeyton begeben hat?“ „Ich? bei Gott, nein!“ Celeſtine ſah bei dieſen Worten ihre Freundin vurchdringend an. Frau Ebba ſchlug die Augen nie⸗ der. Doch ſchaute ſie bald wieder mit einem klaren, warmen Blicke empor, und ſagte:„Dafür laß uns Gott danken, Celeſtine!“ „Die einzigen Worte,“ fuhr dieſe unter neue Thränen fort, die er an mich richtete, waren ſeine letzten in ſeinem Briefe: Lebe wohl! denke an mich als einen— Todten!— Tante Ebba, was muß ich mir dabei denken?“ „Celeſtine! Du ſollſt dir nicht denken, daß Zez⸗ ton todt iſt. Ich glaube es nicht— nein! möge 6 aber Ruhe und Sicherheit finden, wo er auch ſein mag.“ Sie umarmte die Gräfin aufs neue, und ihr Thränen vermiſchten ſich. Ebba und Celeſtine waren beinahe von gleichem Alter, obſchon die Gräfin zut Gattin ihres Onkels nicht immer Du, ſondern ofi Tante zu ſagen pflegte. In den vertraulicheren Mo⸗ menten aber flüſterte ihr Mund nur„Ebba,“ ohn Beiwort. Dieß war bei dem Folgenden der Fall. „O,“ ſagte ſie,„ wie kann ich nach dieſem Vor⸗ fall nur noch einen Tag Ruhe in Karmansbal ge⸗ nießen? Ebba! Aurora! ihr dürft mir meine Bit nicht ahſchlagen. Bleibt bei mir! Wenigſtens übtl Nacht! O Gott, wenn ihr wüßtet, wie ſchauerlich mir dieſe Wände vorkommen. Bleibt da, bleibt bei mir!“ 3 en, per ine icht e. em enu E din nie⸗ ren, uns uen eine nich ich Zey⸗ et ig.“ ihre aren zur oft Mo⸗ ohne Vor⸗ ge⸗ Bittt über rlich ir!“ Dreiunddreißigſtes Kapitel. Die Grographie der Srele. Aurorg und Eeleſtine blickten ſchwärmeriſch auf die Sprechende. Das Theeſouper war beendigt. Lichter brannien in dem ſchönen Wohnzimmer von Karmansbal, wo die drei Freundinnen vertraulich zuſammen um einen Tiſch ſaßen. Sie hatten jede Handarbeit bei Seite gelegt. Ein, wie es ſchien, hinreißendes und bedeutungsvolles Geſpräch nahm ſie in Anſpruch. Ein geheimnißvoller Geiſt ſchien um die Flammen der Lichter zu ſchweben, und doch war nichts Unheimliches im Zimmer. Alles war zärtlich, warm, ſchweſterlich. In dieſem Augen⸗ blicke öffnete ſich die Thüre und Herr Medenberg trat ein. Er hielt den Hut in der Hand, gieng zur Gräfin Celeſtine hin, verbeugte ſich und nahm Abſchied. Die Gräſin erhob ſich vom Sopha und ſagte:„Mein beſter Herr Medenberg, wie ſoll ich das verſtehen? Aurora hat mir verſprochen, einige Tage— wenig⸗ ſtens einen Tag— über Nacht wenigſtens— bei mir in Karmansbal zuzubringen: es ſind hier noch Zim⸗ mer genug: Herr Medenberg, haben Sie die Güte und bleiben Sie ebenfalls!“ „Die Pferde ſind angeſpannt,“ verſetzte er und verbeugte ſich noch einmal. „Aber es iſt ja ſchon ſo ſpät am Abend? es iſt finſter—“ „Das hat nichts zu ſagen, gnädige Gräfin. — 5 „Aber ich verſichere Sie, es würde mir das größte Vergnügen machen, wenn mein Karmansbal die Ehre genießen dürfte, als Herberge—“ Als Alexander ſah, wie ſich die Hofmarſchallin der Frau von Zeyton näherte, offenbar in der Abſicht, e 44 ihre Bitten mit denen jener zu vereinigen, ſagte er mit einer neuen ehrerbietigen Verbeugung vor der Dame des Hauſes, aber in einem kaum lautern, als flüfternden Tone:„Es iſt nothwendig, daß ich ab⸗ reiſe: daß ich keinen Augenblick zögere.“ Celeſtine ſah ihn ſcharf an. „Meine gnädige Gräfin! laſſen Sie mich nur ein Wort hinzuſetzen: ich reiſe in dieſem Augenblick nicht heim. Ich muß— doch erlauben Sie, daß ich mich nicht deutlicher erkläre. Ich habe in Karmansbal etwas gehört, was mir meine Anweſenheit an einem andern Orte nützlich erſcheinen läßt, um—“ Ein ſchneller Schauer durchbebte die Nerven der Gräfin. Sie verneigte ſich ſchweigend, beinahe be⸗ wundernd.„Die Nacht wird ſehr dunkel werden— o mein Gott!“ ſagte ſie gleichſam als halbe Antwort und als wie eine Art Dankſagung. Medenbergs Entſchluß erwies ſich ſo unerſchütterlich, daß Nichts ihn ändern konnte. Aurora begleitete ihn bis zur Thüre:„Sein Sie doch vorſichtig!“ flüſterte ſie, und nickte ihm ein ſüßes Lebewohl nach. Die drei Frauen ſetzten ſich wieden um ihren Tiſch, voll ſehnſüchtiger Luſt, die begonnene Unterhal⸗ tung fortzuſetzen. Zwar war ſchon die Stunde der Ruhe daz aber wenn die Aufmerkſamkeit der Seele auf etwas Neues und Unerwartetes gerichtet iſt, will ſie ſich in die Arme eines hoͤheren Geiſtes werfen. Der Genius des Schlafes wird verabſchiedet und muß ſeine mohnbedeckten Schwingen wieder erheben, um durch dunkle Regionen weit, weit fort zu fliegen. „Kann es denn ſein?“ rief Celeſtine.„Iſt ſo viel Hingebung möglich? Hat er wohl etwas hier in Karmansbal vernommen, und geht jetzt, um den un⸗ glücklichen— Zepton aufzuſuchen? Ich ſchaudere bei dem Gedanken an all die Gefahren, denen er ſich aus⸗ ſetzt. Er weiß nicht, was ich weiß!“ Aurora ſchaute auf.„Es iſt dieß gllerdings mög⸗ zu er der als ab⸗ ein lich 45 lich,“ bemerkte ſie;„aber wahrſcheinlicher iſt es, daß er Nickolſon ſucht, um ihn zu warnen, zu unterſtützen, zu retten—— denn der iſt gewiß durch die Angabe des Spitzbuben ſehr bedroht; vielleicht iſt er ſogar ſchon ergriffen.“ Aurora blickte mit einer ſcheuen und erſchrockenen Miene um ſich, als zittere ſie vor einem Anfalle und zudem auf einen theuern Freund. Frau Ebba betrachtete ihre beiden Geſellſchafterinnen mit Feſtigkeit und Liebe,„Heilige Begeiſterung in einer Menſchenbruſt!“ ſprach ſie.„Von was redeten wir eben? Von dem Ewigen, das mit unverſiegbarer Kraft den Menſchen über ſich ſelbſt und die Schöpfung erhebt. Wir redeten von der hohen Macht des Gei⸗ ſtes über die Welt, über die Formen der Materie, über das Ganze, das All. Die Tugend, die Stand⸗ haftigkeit und der Muth, bei Ertragung von Armuth, Gefahren und Krankheit— Alles iſt auf dieß Eine: Hingebung gegründet. Und die Hingebung flützt ſich wieder auf Eines: auf den Glauben an einen ewig lebenden Gottmenſchen.“ „Ach ja!“ unterbrach ſie Celeſtine,„Du ver⸗ ſprachſt ja uns jenes wunderbare Manuſcript mitzu⸗ theilen?“ „Ich habe es nicht bei mir,“ fuhr die Hofmar⸗ ſchallin fort,„ich habe es ausgeliehen. Aber ich weiß ſeinen Inhalt auswendig. Nie werde ich vergeſſen, was ich als Mädchen aus dem Munde des wunder⸗ baren Greiſen hörte.“ „Und er war nur ein Organiſt? Welches Wun⸗ der? Ich habe von ihm reden hören. O wer Zeuge eines Wortes von ſeinen Lippen hätte ſein können! So einſam mitten in der kalten Welt, und ſo arm! Und doch ſo fromm, ſo weiſe, ſo froh und mächtig!“ „Du ſollſt einige ſeiner Worte zu hören bekom⸗ men,“ erwiederte Frau Ebba.„Das war ſeine Meinung: Geſundheit, Kraft, körperliche Schönheit, Alles das iſt recht und gut; aber was iſt es? Die reichen 46 Schätze des Geiſtes an Kenntniſſen, Wiſſenſchaften, Talenten, Poeſie, Alles das iſt recht und gut; aber was iſt es? Die ſtarke Beweiskraft der Wahrheit— fie iſt gut!— aber ſie bleibt ſtehen, ſie endigt. Die Vernunft kann Alles beweiſen, nur Eines nicht: Das, daß dieſe Beweiſe Etwas beweiſen. Das vermag die Vernunft nicht. Denn der Satz, wodurch es be⸗ wieſen werden ſollte, muß ja eben erſt ſelbſt bewieſen werden. Auf was, fragt ſich nun die Seele erſchrocken, auf was ſoll ſich denn die Vernunft ſtützen und grün⸗ den, und wo Ausgangspunkte für ſeine Beweiſe finden? Im Glauben.“ Die Hofmarſchallin ſchaute mit einem klaren, prophetiſchen Blicke umher und fuhr fort.„Im Grunde, meine Schweſtern, iſt es auch ſo; wir glauben. Wir glauben nicht nur in der Religion, wir thun es auch in der Philoſophie; wir thun es im gewöhnlichen Leben, in Allem und Jedem. Könnte ich wohl be⸗ weiſen, daß Du vor mir an dieſem Tiſche ſitzeſt, geliebte Celeftine? Vergebens. Aber ich glaube es, und es iſt ſo. Kannſt Du ſelbſt beweiſen, daß ich hier bin? Womit denn? Du kannſt es nie herde⸗ monſtriren. Aber Du glaubſt es, und es iſt ſo. Selbſt der Zweifler, der ausgebildetſte, philoſophiſche Skep⸗ tiker thut im Grund ſeiner Seele nichts Anderes, als er glaubt. Und was glaubt er denn? Nun er glaubt, daß er zweifle. Er glaubt, daß er an Gott, an ſeinem eigenen Daſein, am Geiſte, an der Tugend, an Allem zweifle. Und im Grunde zweifelt er an nichts von all dem! Er beſchäftigt ſich nicht mit etwas Anderem. Er bildet ſich nur ein, daß er ungewiß ſei, ob es einen Gott gebe. Sein Gewiſſen iſt im Grunde keinen Augenblick im Unklaren darüber. Aber er glaubt einmal ſo; und dieſer Glaube gehört zu der unſeligen, ſchrecklichen Gattung, die ſich von dem ſüßen, wahren Glauben trennt, der ſich erkennt und glaubt, daß er glaubt. Dieſer letztere Glaube 47 iſt des Menſchen Leben. Es iſt die Hingebung; Plato nannte es Manie. Sie erſcheint, wenn der Strahl der Ewigkeit in das ſterbliche, ſchwache, endliche Da⸗ ſein des Menſchen fällt. Dann iſt der Menſch ge⸗ rettet; die höchſte aller Manien iſt die Liebe; die niederſte iſt die Muſik. Aber, o meine Schweſtern, wenn ſchon der niederſte Grad von Manie ſo ſchön, ſo himmliſch iſt wie die Muſik, wie wird dann nicht erſt der höchſte ſein?“ „Die Muſik ſelbſt iſt etwas Unergründliches,“ ſagte Celeſtine. „Ja,“ fuhr Frau Ebba fort.„Ihre Melodie ſteht über aller Wiſſenſchaft, aller Kunſt. Denn die Manie, die Hingebung ſteht auch über aller Wiſſen⸗ ſchaft und Kunſt. Und doch iſt die Begeiſterung für Muſik noch die geringſte. Die der Tugend und des Heldenmuths ſtehen über der Geſangmanie. Aber gleichwohl ſteht über der des Heroismus die der vol⸗ lendeten Demuth und Liebe, die ihr Leben einem an⸗ dern Weſen mittheilt. O meine Schweſtern! wenn Plato uns lehren konnte, daß die ächte Hingebung der Liebe die höchſte von allen ſei, welche himmliſche uud irdiſche Geiſter mit einander verbinden, was werden dann wir nicht ſagen können, die wir unſere Worte von dem Gottmenſchen haben? Er iſt jener Strahl der Ewigkeit, der in unſere welkende Seele fällt. In demſelben Augenblicke, wo er uns durchdringt, und in uns wohnt, ſind wir ſelbſt ewig, in ihm und durch ihn. Wir leben dann in jener geiſtigen Kraft, welche den Tod, den Kummer, Schmerzen und Hunger über⸗ windet. Wir haben Glauben. Und wir find in ihm gerettet.“ „Du haſt uns eine Geographie verſprochen,“ ſagte Celeſtiue.„Auch die ſollte ja in dem Manu⸗ ſeripte verzeichnet geweſen ſein?“ „Die Karte des Lebens? Ja, Celeſtine, Du ſollſt fie beſchreiben hören. Die Seele des Menſchen iſt ein Land—“ 48 Aurora ſah auf. Die Hofmarſchallin fuhr fori.„Der menſchliche Geiſt iſt das gelobte Land. Was Irdiſches auf der Oberfläche unſeres Planeten und in ſeiner Natur liegt, das findet ſich als etwas Ueberirdiſches in jedes Menſchen Scele. Mancher ſagt deßhalb, daß das Irdiſche das Geiſtige vor⸗ oder nachbilde. Aber wir wollen nicht ſo ſagen; denn richtig geſprochen, iſt es nicht ſo. Das Indiſche iſt außerhalb und in der Na⸗ tur des Planeten gerade alles Das, was das Gei⸗ ſtige im Weſen des Menſchen iſt. Sie bilden ein⸗ ander nicht ab; ſondern ſie ſind beide vorhanden, und einander ähnlich. Hört mich, Aurora! Celeſtine! ich euch ja von einer Geographie geſprochen? Nicht wahr?“ Celeſtinens Augen flammten von einem ſtillen, ſehnſüchtigen Feuer. Frau Ebba ſprach.„Das gelobte Land, Palä⸗ ſtina oder der Hebräer Reich auf Erden, war ur⸗ ſprünglich ein einziges Ganzes in zwölf Stämmen. Gleich nach dem Aufkommen des Königsurtheils zer⸗ fiel es jedoch in zwei: in Juda und Iſrael. Im Reiche Juda lag die Hauptſtadt Jeruſalem, und die Burg der Stadt war in dem geringſten Stamm, in Benjamins, erbaut.—— Der menſchliche Geiſt, unſer ewiges Heimathland, iſt auch urſprünglich mit ſich ein und derſelbe, mit ſeinen zwölf Hauptkräften in ein Ganzes verbunden. Aber gleich nach dem Aufkom⸗ men der Reflexion und durch fie ſondert ſich die Seele in zwei große Reiche oder Abtheilungen, des Gefühls und des Gedankens; die zwar ſchon vor der Reflexion da waren, damals aber noch nicht in zwei getrennte Theile zerfielen. Das Gefühl iſt das Reich Juda in unſerem Geiſte; der Gedanke iſt das Reich Iſrael. Im Gefühl liegt der Mittelpunkt un⸗ ſeres Geiſtes, der Glaube nämlich an das Ewige, die Begeiſterung für Gott, die höchſte und heiligſte c S e— e———— ir 49 Manie: das iſt die Hauptſtadt, das Jeruſalem un⸗ ſerer Seele. Unſer Geiſt wird von allen Seiten an⸗ gegriffen. Das ſind jene Kriege, welche Aegypten, Syrien. Aſſprien und Babylon auf allen Seiten gegen Juda nnd Iſrael führen. Die Heiden liegen hart auf dem gelobten Lande: unſer Geiſt wird von der um⸗ gebenden Welt gedrängt, bedrückt und gequält. Zuerſt wird das Reich Iſrael beſiegt und ſeine Bewohner in die babyloniſche Gefangenſchaft geführt. Was iſt das? Zuerſt werden unſere Gedanken, unſere Geſin⸗ nungen durch den Einfluß der umgebenden Welt über⸗ wunden: ſie werden beſiegt, gefangen, fortgeführtz ſie ſind nicht länger das Eigenthum des gelobten Landes, unſeres Geiftes, ſondern dienen als Sklaven unter dem Joche irdiſcher Anforderungen und Irr⸗ thümer. Dann wird das Reſch Juda erobert, Jeruſalem genommen, und ſeine Kinder in das Joch der Ge⸗ fangenſchaft geführt. Was iſt das? Das iſt das Heiligtbum des Gefühls, das beſtürmt, niedergewor⸗ fen, erſtickt und gefangen genommen wird: ſelbſt ſeine höchſte und feſteſte Burg, der Glaube an Gott und das Ewige wird geſtürzt: ſo fällt das himmliſche Gefübl unſeres Geiſtes gerade wie vorher die Gefin⸗ nungen, unter der Macht der äußeren Welt; und es iſt aus mit uns. Wir haben kein gelobtes Land mehr! unſere Seele iſt verheert!— O Celeſtine, weine nicht! weine nicht! Wenn die Zeit vollendet iſt, kommt der hohe Erlöſer; in der größten Noth wird wieder ein Gott in deinem Geiſte geboren, Du wirſt wieder mit den Ewigen verbunden und biſt ge⸗ rettet.“ Aurora und Celeſtine blickten ſchwärmeriſch auf die Sprechende. „Und in welchem Theil unſerer Seele wird der Erlöſer geboren?“ fuhr dieſe fort.„Wo leidet er, wo ſtirbt er und wo fieht er wieder auf? Auf dem Phantom des Planeten oder in der irdiſchen Wirk⸗ Drei Frauen in Smaland. U. 4 50 lichkeit wurde Chriſtus in Bethlehem geboren, in einer der geringſten Städte des Stammes Juda; aber er ging und verkündigte ſein Wort zuerſt in Galilea, das heißt in Iſrael. Endlich kam er nach der Haupt⸗ ſtadt, redete laut vor den Kindern des Reiches Juda, zog in Jeruſalem ein, ſtarb und erſtand von den Todten. Was iſt das? Gott wird bei dem Menſchen in dem Theil ſeines Geiſtes geboren, den das Gefühl einnimmt; in der geringſten und verachtetſten Region des Gefühls ſteht er zuerſt auf; in der tiefen De⸗ muth und Zerknirſchung, welche der Kummer ſchenkt, offenbart er ſich. Das iſt das Bethlehem unſerer Seele. Wenn Gottes Sohn alſo zugegen iſt und dem Tiefſten und Innerſten in unſerem Geiſte, dem Gefühle, Leben gibt, ſo wandert er dann hinaus in die Räume unſerer Gedanken und Geſinnungen— das iſt nach Galilea, nach Iſrael. Er reinigt, hei⸗ ligt und erleuchtet unſere Begriffe, gibt uns feße Grundſätze und verwandelt unſere Ideen. Endlich geht er wieder in die Heimath des Gefühls zurück— nach Reich Juda— und wirkt hier im höchſten Sinne. Er zieht in den Mittelpunkt unſeres Geiſtes, die Hauptſtadt ein. Dort aber trifft er allerſeits auf den größten Widerſtand. Das Sündige in unſerer Seele erhebt zum letzten Mal die Fahne des Aufruhrs gegen den hohen Heiland; denn gerade wenn er in das Allerinnerſte eingedrungen iſt, wird die Sünde in ihren Wurzeln erſchüttert und bietet alle ihre Kräfte auf, um ihre Gewalt zu behalten. So ge⸗ ſchieht es denn, daß der Gott, der ſich im Schimmer der Ewigkeit geoffenbart hat, im Centralleben des Geiſtes verläugnet, verhöhnt und verſpottet wird. Er wird jetzt von den ſchnell wieder in Irrthun zurückgefallenen Gefühlen und Gedanken verfolgt und getödtet. Aber er ſtirbt nicht! Er erſteht. Auft neue tritt er vor den erſchrockenen, verſtummenden Geiſt: in himmliſchem Glanze geht er auf vor ſei⸗ —. 1— S„„„— S — ner er ea, pt⸗ da, den en ühl ion De⸗ nkt, rer und em in hei⸗ eſte lich me. auf erer hrs nde ihre ge⸗ mer des ird. hum luft den ſei⸗ 5¹ nen Gefühlen und Gedanken. Da fallen ſie ihm zu Füßen.„Seht, er iſt der Sohn des ewigen Gottes, laßt uns ihn lieben!“ rufen die Gedanken im Men⸗ ſchengeiſte jetzt den Gefühlen zu. Und die Gefühle antworten flüſternd:„Laſſet uns glauben!“ So ge⸗ ſchieht es, daß Chriſtus jetzt im Menſchen lebt, und dieſer iſt erlöst. Der Tod kommt nicht zu ihm, er iſt geheilt; er weiß nicht mehr, was böſe iſt. Die Sünde hat keinen Theil an ihm. Ueberall ſteht Chri⸗ ſtus an ihrer Statt.“ Vierunddreißigſtes Kapitel. Sie gehen zu ihren Rindern. „Beſte Ebba!“ ſagte Aurora,„wie froh bin ich, daß Du biſt, was Du biſt.“ Celeſtine ſagte:„O was hindert uns, das ſchöne weißſeidene Band aufs Neue hervorzunehmen, das Band mit den darauf geſtickten Veilchen, das unſer Verbindungszeichen war? Wir find jetzt Gebieterinnen über unſere Tage: laßt uns von Neuem beleben und beginnen, was wir einſtmals beabſichtigten!“ „Laß es ſein, Celeſtine!“ antwortete die Hof⸗ marſchallin und ſchloß ſie in ihre Arme.„Nur dieß möge unſer Ordenszeichen ſein.“ Sie küßte ſie.„Aber da wir jetzt unſer eigener Herr ſind, ſo können wir ja darüber übereinkommen, uns jetzt öfter zu treffen? einen kleinen Himmel um uns zu ſchaffen? Unſere ganze Verbindung möge darum nur auf dieſe drei Regeln gegründet ſein: Wohlthätigkeit gegen unſere arme Mitmenſchen, Erziehung unſerer Kinder, und endlich das ſchweſterliche, herzliche Vergnügen, zuſam⸗ men zu ſein, mit einander zu ſprechen und einander zu lieben. Bedürfen wir mehr als dieſe drei?“ 52 „Wir haben hierin einen großen Wirkungskreis,“ fagte Aurora.„Möge uns Gott mit Kraft dafür ausrüſten! Vergnügen werden wir genug darin em⸗ pfinden. Ich glaube, daß unter allen Erfindungen der Luſt keine die Freude der Barmherzigkeit über⸗ trifft. Wenn ich einen Elenden, Armen oder Kran⸗ ken ſehe, fühle ich einen großen Vorwurf; denn was habe ich gethan, um ein beſſeres Loos zu verdienen? Richts trennt mich von den Niedergedrückteſten als das Glück der Gnade Gottes, die mir ohne Urſache einen beſſeren Platz angewieſen hat. Der Unglück⸗ liche hat durch ſeine Armuth ſein Leben bezahlt und iſt quitt; aber ich ſtehe in einer unermeßlichen Schuld fur meinen Wohlſtand. Womit ſoll ich ſie bezahlen? Nur dadurch, daß ich von jenem etwas abgebe.“ „Ich glaube, daß es in Karmansbal ebenſo iſt,“ verſetzte Gräfin Celeſtine. „Ich habe mich noch ſo wenig hier auf dem Hofe umgeſehen; ich war gewohnt, nur in meinem Gar⸗ ten, in meinen Dichtern und Proſaikern zu leben. Aber jetzt will ich zu meinen Kathen*) hinausgehen. Ich verſichere euch, ich habe ſie Alle in einer Lifte aufgeſchrieben, ſie ruht in meinem Nähtiſche, nur ge⸗ traue ich mir die einzelnen Punkte nicht zu finden— denn ich weiß nicht recht, wo ſie liegen. Aber mein Bedienter ſoll ſie mir zeigen.“ „Dann wirſt Du ſehen, daß Du in acht Tagen wieder geſund biſt, deine Augen werden, ehe Du daran denkſt, vortrefflich werden, und Du wirſt nichts mehr an deinen Nerven empfinden,“ ſagte die Hof⸗ marſchallin Ebba. Aber, beſte Celeſtine, mache die Beſuche in deinen Kathen nicht mit den Bedienten hinten drein. Ich will dich führen, wenn Du es er⸗ laubſt; denn ich weiß die Lage aller Karmansbaler Dörfer, Weiler und Bauernhöfe auswendig.“ ) Kleines Bauerngut. en. en. iſte ge⸗ ein gen hts of⸗ die ten aler 53 „Wie kannſt Du das wiſſen?“ fragke Celeſtine verwundert. „Ich habe die Karte unſeres ganzen Kirchſpiels in meinem Kopfe; die Geographie war von meiner Kindheit meine liebſte Beſchäftigung. Willſt Du zur Unterhaltung einen Blick auf meine Stirne werfen, Celeſtinchen, ſo wirſt Du ohne Schwierigkeit eine ziemlich große Ausbildung gerade über den Augbrauen bemerken. Das iſt der Ortsſinn, wie wir es nen⸗ nen, Celeſtine; oder es bezeichnet mit andern Worten das Talent für Auffaſſung von Ortsbeſtimmungen, Anſchauung und Wiedererinnerung von Gegenden—“ „Das iſt wohl das geographiſche Organ?“ „Ganz recht.“ „Iſt es möglich? Sitzt es wirklich da? Wie wunderbar!“ Beide Frauen drängten ſich jetzt um die Hofmar⸗ ſchallin, deren phrenvlogiſche Bemerkung der Unter⸗ haltung eine neue Richtung gab. Beide, Aurora und Celeſtine, ſo ſehr ſie auch ohne alle Eitelkeit waren, wurden doch von einer wiſſenſchaftlichen Neugierde getrieben, etwas von ihren eigenen Eigenſchaften zu erfahren zu ſuchen. Mit einer naiven Furcht fühlte Aurora an ihre Stirne; und, da ihr Zeigfinger auf keine Erhöhung traf, und auch auf keine Ecke oder Vertiefung, ſo ſagte ſie mit einem kleinen Kopfnicken halblaut zu ſich ſelbſt:„Ich wußte das zum voraus! ich habe gar kein Organ, gar keine Eigenſchaft.“ Frau Ebba lachte.„Du weißt nicht, Aurora, daß der harmoniſchſt gebildete Kopf derjenige iſt, an dem ſich alle Organe in gegenſeitigem Gleichgewichte befinden, ſo daß kein einziges ſich vor das andere hervordrängt. Dann tragen ſie Alle zu einem Gan⸗ zen der herrlichſten Art bei, wobei ſich kein Organ in einem karikirt⸗charakteriſtiſchen Sinne beſonders geltend macht. Dieß verdient den Namen eines har⸗ moniſchen Zuſammenguſſes. Es iſt ein Zeichen von 54 dem tüchtigſten und beſten Schädel. Darf ich nach⸗ fühlen?“ fuhr ſie fort.„Glückliche Aurora!“ rief ſie nach einer Weile.„Deine Hirnſchaale iſt hoch und ge⸗ wölbt, aber überall gleichmäßig abgerundet. Welch' ſin Schatz würde dein Kopf nicht in einem Kabinete ein!“ Frau von Mekeroth ſah mit dem Erröthen eines jungen Mädchens zu Boden, und ihre größten Locken beeilten ſich dabei hervorzuhüpfen und den Gegenſtand des phrenologiſchen Entzückens zu bedecken. So ge⸗ ſchmeichelt ſie ſich hätte gewiß dadurch fühlen können, ihren Hirnſchädel in einem wiſſenſchaftlichen Kabinete, in Geſellſchaft der Schädel Rafaels, Kartouches, der Damen Bourignon und Krüdener zu ſehen, ſo zog ihr beſcheidenes Gefühl es doch vor, ihn auf ihrem eigenen anſpruchsloſen Halſe zu behalten. Gräfin Celeſtine jedoch ward von dieſen Ausſichten mehr an⸗ gezogen. Sie nahm ihren grünen Augenſchirm ab, verſuchte zu blinzeln, und fand zu ihrem Erſtaunen, daß ihre Augen deſſen ungeachtet nicht wehe thaten. So ſchwinden die Schmerzen, Krankheit und Schwäche enifliehen, ſobald ſich die Seele zur Freude belebt. Die Hofmarſchallin warf einen Kennerblick unter die Spitzen von Celeſtinens Haube.„Du haſt viel, ſehr viel Muſik hier in den Schläfen,“ ſagte ſie. „Ach,“ erwiederte Celeſtine,„ich wollte, ich hätte dafür etwas mehr in meinen Fingerſpitzen. Ich ſpielte als Mädchen; als Frau und als Mutter durften die Taſten meines Pianos ruhen. Alle Uebung iſt aus meinen Händen geflohen, aber noch immer wohnt der heißeſte Wunſch, meine Seele in Mufik ausgießen zu können, in meinem innerſten Sinne.“ „Ja ſiehſt Du! dieſer glühende Wunſch iſt es eben, der hier an deinen Schläfen wohnt. Dieſe Er⸗ höhungen, Celeſtine, bilden das Fortepiano deines Kopfes. Unter ihnen ſpielt die Seele ihre Sympho⸗ 1 —.— ———„——————————— — ——— 8** N8—— 55 nien. Hörſt Du denn nicht Töne in dir bei Tag und bei Nacht, und unter dem größten Schweigen?“ „Ich höre ein entferntes, unnennbares Spiel eben jetzt in dieſer Minute,“ rief die Gräfin. „Du hörſt es, ja! Du unterſcheideſt ſogar die be⸗ ſtimmteſten, getrennten Tonarten nach Takt, Rhytmus und Allem; nicht wahr? Ja. Aber von uns Andern vernimmt Keine auch nur eine Note. Durch dieſen Punkt in deinem Kopfe vernimmſt Du die Muſik der Seele,“ ſagte die Hofmarſchallin und legte ihre Fin⸗ ger ſanft unter die ſchönſten Seitenfalten der breiten feinen Haubenſpitzen ihrer Freundin.„Und hier oben — o— welche Phantaſie, welche Poeſie! Du haſt ein großes Hilfsmittel in dieſer Beziehung an deinem Gehirne. Sieh' zur Abwechslung einmal mich an, Celeſtine, habe ich nicht eine ſchmale Stirne? ja ſehr ſchmal an den Seiten, dagegen aber erhebt ſie ſich bedeutend nach oben. Ich habe keine Muſik, keine Poeſie. Aber ich beſitze viel Reflexion, meine Freun⸗ dinnen; die hat ihren Sitz hier oben. Nein, hier, Celeſtine, laß mich deinen Finger führen: ſieh eben hier! fühle einmal ein Stück weit vom Wirbel gegen die Mitte der Stirne herab. Wenn es nicht Gottes Wille geweſen wäre, mich zum Weibe zu machen, ſo müßte ich mir ſelbſt das Zeugniß geben, daß ich— wofern mir das Schickſal nicht gar zu ſehr mitge⸗ ſpielt hätte— vermuthlich jetzt Profeſſor wäre.“ „Beſte Ebba!“ ſagte Aurora,„wie froh bin ich, daß Du biſt, was Du biſt. Du wirſt dafür jetzt un⸗ ſere Lehrerin, unſere Präfidentin bei unſern kleinen Berathungen ſein. Mit dir werden Celeſtine und ich über die kranken und elenden Menſchen reden, die wir in Karmansbal und Aronfors haben, und Du wirſt uns rathen, was wohl das Beſte ſein möchte, was wir mit ihnen anfangen können. Denn nicht allen Armen hilft man mit Geld. Das Beßte iſt, wenn 11 56 man ihnen eine beſſere Stellung im Leben zu ver⸗ ſchaffen ſucht. Glaubſt Du nicht?“ „Du haſt Recht,“ erwiederte Ebba.„Wir wer⸗ den an alle denken. Welch' eine himmliſche Luſt! Wir werden von Hütte zu Hütte gehen. Aber vor Allem müſſen wir den Kindern unſere Sorgfalt wid⸗ men; denn werden die beſſer, ſo entſteht eine neue Generation von veredeltem Schlage. Doch hat uns Gott unſere eigenen Kinder gegeben, damit wir zu⸗ nächſt an ſie denken. Welch' ſonderbare Schickung, daß wir Alle beinahe nur Mädchen haben? Ich habe drei: Luiſe, Henriette und Ebba. Du haſt zwei: Celeſtine; eines das nach dir ſelbſt heißt, und dann die liebe kleine Amanda. Aurora jedoch hat auch einen Sohn und ihre artige Ulla. Aurora iſt dadurch unter uns ausgezeichnet. Was für ein Herr wird ſich Matts nicht eines Tages dünken, er, der einzige Junge in unſerer ganzen Kinderſchaar! Iſt das nicht merkwürdig? ſechs Mädchen und ein Knabe! Biſt Du mit dem Informator deiner Kinder zufrieden?“ „Ich bin ſehr zufrieden mit ihm,“ antwortete Anrora.„Meine beiden Kinder lieben ihn unbeſchreib⸗ lich, und der ſelige Mekeroth hatte ihn ſehr gerne.“ „Er iſt ein vortrefflicher junger Mann und ſehr unterrichtet. Ich glaube auch, daß er ein ſehr kluger Menſch iſt,“ ſagte Frau Ebba. „Ein ſehr gefühlvoller und in dem Kummer des Lebens erfahrener Mann,“ ſetzte Celeſtine hinzu.„Ich möchte meinen Kindern keinen beſſern Lehrer wünſchen.“ „Meine drei Mädchen machten ſeine Bekanntſchaſft am Wetterſtrande, wo er ſie durch ſeine Freundlichkeit und Artigkeit ſo bezauberte, daß ſie noch oft von ihm ſprechen. Ich würde mir wahrhaftig nichts Beſſeres wünſchen, als einen ſo verſtändigen Mann zum Er⸗ zieher derſelben zu haben. Haben deine Kinder gute Fortſchritte unter ihm gemacht?“ „Ja,“ antwortete Aurora.„Doch muß ich er⸗ wähnen, daß Herr Medenberg bis jetzt ſo gut wie gar nicht mit ſeinen Zöglingen ſtudirt hat. Aber dieß iſt weder ſein noch ihr Fehler. Es liegt bisweilen im Plane der Vorſehung, daß es ſo geht. Der kleine Matts wurde gleich nach Medenbergs Ankunft in un⸗ ſerem Hauſe von den Blattern befallen, und mein Mann ſah ſich durch Nickolſons Entweichen ſo ſehr einer andern Gattung Hilfe bedürftig, daß unſer neues Familienmitglied an ganz andere Dinge als das Studir⸗ zimmer denken mußte.“ „Ach,“ fiel Celeſtine ein,„ich täuſche mich nicht, wenn ich behaupte, daß er auch in Karmansbal von großem Einfluſſe war. Als Zepton von Jönköping heimkam, ſchloß ich aus mehrern halben Sätzen, ab⸗ gebrochenen Worten und ſeinem ganzen Benehmen, daß Herr Medenberg ihn zu etwas vermocht haben mußte, was wenig andern Menſchen gelungen wäre. Dieß ging ſo weit, daß Zeyton manchmal brütend allein da ſaß, aufftierte, verwundert um ſich ſah, mit ſich ſelbſt ſprach und Medenbergs Namen nannte. Was Alles umſchwebt dieſer Mann? Ich kann ſogar von mir ſelbſt ſagen, daß ich gewiſſermaßen vertraulich mit ihm geſprochen habe.“ „Er war ſchon früher in Karmansbal?“ fragte Frau Ebba ein wenig verwundert, und heftete ihre Blicke auf Celeſtinen. „Einmal, ja, war er dort. Und ſeine Unter⸗ haltung werde ich gewiß nicht ſo leicht vergeſſen.“ „Wahr iſt es,“ fuhr Frau Ebba fort,„mein Zuſammentreffen mit dieſem Unbekannten in Jönköping war von nicht geringer Wichtigkeit für mein ganzes Haus. O mein Gott, wenn ich abergläubiſch wäre, ſo könnte ich hinzuſetzen, daß er— unſchuldigerweiſe— die geheime Urſache vom Lode meines Mannes wurde. Denn Abelcrona beeilte ſeine Reiſe nur auf das Ge⸗ rücht und den Wink von einem Anfall auf Evershult hin, die Herr Medenberg mir gegeben und ich wieder 58 meinem Manne mitgetheilt hatte. Ich ſage es auf⸗ richtig, dieſe Reihe von Begebenheiten, welche ſich in kurzer Zeit in unſern drei Häuſern zugetragen haben, verſetzten uns in eine ganz neue und unerwartete Stellung. Aurora! Celeſtine! es kommt mir da et⸗ was Merkwürdiges in den Sinn. Laßt ſehen, ob ihr meine Ideen billiget? Wir haben gelobt, ſo oft als möglich zuſammen zu kommen und unſere gegenſeitige Geſellſchaft zu genießen; nicht ſo? Unſere erſte und liebenswürdigſte Pflicht muß nun die ſein, unſern ar⸗ men Kleinen eine Erziehung zu geben. Könnten wir das nicht gemeinſchaftlich thun? Könnten wir nicht dieſen vortrefflichen Mann für Alle fieben benützen?“ Anrora zog ſich mit einer ſehr negativen Miene hinter die Stuhllehne zurück. Sie ſagte nichts, aber ihre Anſicht ſchien ganz dieſe zu ſein:„Verzeiht mir! er gehört mir zu und keiner Andern.“ Celeſtine ſagte dagegen laut zur Hofmarſchallin; „Dein Vorſchlag iſt herrlich. Aber wie läßt er ſich wohl ausführen? Alles hängt von der Zuſtimmung unſerer guten Aurora ab, denn eigentlich iſt er doch nur ihr Informator.“ „Das verſieht ſich,“ verſetzte Ebba mit einem ſehr ſchönen Blick auf Aurora. Dieſe ſagte:„Wie könnte ich einer Sache ent⸗ gegen ſein, die ihr Beide wünſchet? Aber ſagt mir, ich ſehe nur nicht recht ein, wie ſie fich bewerkſtelligen laſſen ſoll? Denn— hm.“ „Das ließe ſich auf verſchiedene Art machen,“ bemerkte Frau Ebba.„Da wir alle drei einander ſo ſehr lieben und ſo ſehr mit einander ſympathiſiren, ſo wäre es uns leicht, Etwas zu thun, was ich für mei⸗ nen Theil ſehr, ſehr hoch ſchätzen würde. Wir theilen das Jahr in drei Theile; vier Monate für jede. Wir ziehen zuſammen— was ſagt ihr dazu? Vier Monate im Jahr ſeid ihr ſo gut und nehmt mit euern Kindern in Blommenäs vorlieb. Vier Monate darauf wohnen C T 5 ſ u —) ——-——————— — — —— . f⸗ in te t⸗ 18 ge nd T. ir cht 2 ne er ir! n ng och em nt⸗ ir, ei⸗ len Lir ate ern nen 59 Celeſtine und ich bei dir, Aurora. Den Reſt des Jah⸗ res bringen Aurora und ich bei dir, Celeſtine, zu. Als Frauen können wir unſere Höfe auf keinen Fall per⸗ ſönlich beſorgen; wir müſſen es durch unſere Vögte und Verwalter thun laſſen. Habe ich nicht Recht?“ Celeſtinens kranke Augen ſtrahlten in einem Glanze, den ſie ſeit vielen Jahren nicht mehr gehabt hatten. Den beſtändigen und ununterbrochenen Umgang der Freundſchaft genießen zu dürfen—„O großer Gott!“ dachte ſie. Aurora ſagte nichts. Auch ſie entbehrte nicht eines gewiſſen Entzückens, aber ſie ſah zu Boden. Frau Ebba fing wieder an:„Mein Plan würde natürlich in ſich ſchließen, daß Herr Medenberg mit unſern Kindern uns auf jeden Punkt ihres gemein⸗ ſchaftlichen Unterrichts folgte. Wir hätten dann alle drei in ihm einen Vorleſer, einen Rathgeber, ich gehe ſo weit und ſage einen Sekretär. Dieß letztere ge⸗ ſchähe, wenn unſere Thätigkeit zur Aushilfe der armen Menſchheit eine ſo ausgedehnte Form annähme, daß— ich meine wegen der Korreſpondenzen und der Rech⸗ nungen.“ „Das Rechnungsweſen verſteht er vorzüglich!“ ſagte Aurora. „Er könnte uns auch Abends, Morgens und ein wenig gleich nach Tiſche ſingen und ſpielen. Wie iſt es, er iſt doch muſikaliſch?“ fragte Celeſtine. „Ohne Zweifel! ausgezeichnet muſikaliſch,“ er⸗ wiederte Frau Ebba. „Aber— verzeih mir— woher weißt du das?“ ſagte Aurora. „Ich? ich habe ſeinen Kopf unterſucht,“ verſetzte Frau Ebba mit Zuverſicht. Wieder ſagte Aurora nichts, aber ſie ſah etwas gedankenvoll zur Erde. Nach einer Weile ſprach ſie, indem ſie aufſtand:„Da fällt mir Etwas ein. Es iſt jetzt ſpät, wir haben lange mit einander geſprochen. 60 Wollen wir nicht gehen und ſehen, was unſere Mäd⸗ chen machen? Liebe Celeſtine, du haſt wahrhaftig heute Nacht eine ganze Karavane zu beherbergen. Es iſt etwas Hübſches darum, Kinder ſchlummern zu ſehen. Wollen wir ihnen nicht einen Beſuch machen?“ „Ich habe Alle Sechſe untergebracht— jedoch nicht in Geſchwiſterbetten— ſondern in kleinen Feldbettchen und Kinderſophas in einem beſondern Zimmer nicht weit von hier,“ ſagte die Gräfin Celeſtine.„Ihr ſollt ſehen. Mamſell Chriſtine habe ich zu ihrer Sul⸗ tanin für dieſe Nacht erwählt. Kommt, laßt uns gehen und unſere kleinen Mädchen überraſchen!“ Fünfunddreißigſtes Kapitel. Der Spuk. Kann es etwas Schrecklicheres geben, als den Gedanken, einen Sprößling zur Welt ge⸗ bracht zu haben, ohne ein ewiges Leben für ihn hofſen zu dürfen. Was gibt es alſo Wichtigeres, als über die Pflege ſeiner Blüthe zu wachen? Die Frauen gingen Arm in Arm, um das Theuerſte, das ſie auf Erden hatten, zu beſuchen. Celeſtine ging mit dem Licht in der Hand voraus, und leuchtete ihren Gäſten nach dem ſchönen Zimmer, das ſie für dieſe Nacht zum gemeinſchaftlichen Schlaf⸗ ſaal für alle ihre Kinder eingeräumt hatte. Die ſechs Mädchen waren im Laufe des Abends die beſten Freun⸗ dinnen geworden: ſie waren zwar nicht ganz von gleichem Alter, aber dieß ſchied ſie nur unbedeutend, und die Fröhlichkeit hatte alle Lücken gefüllt, die ſich zwiſchen ihnen vorfanden. ) c——c——— —„ le⸗ ür ſo er a8 n. s 6 ⸗ n d, 61 Fräulein Luiſe von Abelcrona, die Aelteſte von ihnen, vielleicht ihre volle zwölf Jahre alt, ein ſchönes Mädchen, aber bleich von Geſicht und von ſchmächtigem Körperbau, lag am nächſten, gleichſam im Ehrenbétt. Sie hatte ihren einen kleinen alabaſterweißen Arm unter den Kopf gelegt: wahrſcheinlich war ihr das Kiſſen zu nieder. Ihr zunächſt lag Henriette Abelcrona auf einem kurzen Kinderſopha. Ibre rothblühenden Wangen boten das Gemälde einer kräftigen Geſund⸗ heit, und ſie bekümmerte ſich im Schlafe nicht viel um ihre Decke und ihre Bruſt. Die kleine Ulla von Mekeroth lag in einem prächtigen Feldbett daneben. Aurora ging zu ihrem Kinde hin, und brachte das Leintuch und die Decke an ihren Füßen in eine beſſere Ordnung; denn gegen Feldbetten iſt in der That zu bemerken, daß ſie oft ohne Fußbrett find, was ſehr unangenehm iſt. Dann ſah man einen langen Sopha, auf dem der Gräfin eigene Kinder, Celeſtine und Amanda, als ſchweſterliche Gegenfüßlerinnen lagen. So enthielt dieſer Sopha einen kleinen Engelskopf an jeder Seite, und in der Mitte vier der niedlichſten Füßchen, die vertraulich hervorſahen und ſich von der Luft bewundern ließen. Zuletzt fand man die kleine Ebba Abelcrona auf ein Paar zuſammengebundene breite Lehnſeſſel gebettet, wo ſie ſich auf üppig ſchwel⸗ lenden Eiderdunen unendlich wohl befand. Sie lag, das ſchnippiſche Stumpfnäschen gegen die Zimmerdecke gekehrt da, und ſah ſelbſt im Schlafe recht brummig aus. Sie holte tief Athem, und hatte ihre eine kleine Quatſchband als Stütze unter ein Ohr geſchoben. Was übertrifft wohl die Luſt der Mutterliebe? Celeſtine ſchritt mit ihrem Lichte von Bett zu Bett, wo in jedem eine ganze Zukunft ſchlummerte, und jede wieder anders. Ebba machte ihre ſtillen Bemerkungen, und ſchüttelte oft ein wenig den Kopf, wenn ſie recht merkwürdige Entdeckungen an den Stirnen der ſchla⸗ fenden Kinder in Betreff ihrer Anlagen machte. Cele⸗ 62 ſtine betrachtete beſonders den ſchönen Zug um die lächelnden Mundwinkel, und ergötzte ſich in dem An⸗ blick, wie jedes Mädchen ihr kleines Kinn gegen Bruſt und Hals herab auf eine eigene anziehende Art ruhen ließ. Aurora ſah hauptſächlich auf die Hände. Es iſt auch nicht leicht zu ſagen, ob etwas in der Natur ſchöne Hände übertrifft. „Wir ſtehen hier,“ ſagte Frau Ebba,„und be⸗ trachten unſere kleinen Töchter im Alter der Hoffnun⸗ gen. Ein Schleier birgt ihre künftigen Tage, und wie werden ſie wohl ſein? Was würden wir, die jetzt nur Luſt und Anmuth um uns ſehen, vielleicht erblicken, wenn wir vor unſern Augen das Gemälde von all dem hätten, was unſern Lieblingen geſchehen wird? Ich ſchaudere und denke: jedes erwartet am Ende ein Tod⸗ tenbett, wo ein verwelktes, blaſſes, zuſammenge⸗ ſchrumpftes, häßliches Geſicht vergebens Ruhe auf ſei⸗ nem Kiſſen ſucht! O mein Gott! Woher dieß entſetz⸗ liche Gefühl? Gehen wir aber bis zu Krankheit, Alter und Grab, ſo laßt uns nicht dabei ſtehen bleiben: wir müſſen auf die andere Seite des Grabes treten! Da ſehen wir unſere Kinder wieder als Kinder, in ver⸗ jüngten Geiſtergeſtalten voll ewigen Reizes bei Gott, wenn— Celeſtine! Aurora! wenn— Und deßhalb liegt es uns jetzt ſo ſehr, ſehr ob, daß wir unſern Mädchen frühzeitig himmliſche Eindrücke und feſte Grundſätze beibringen, die ihren Geiſt dereinſt bewah⸗ ren, und ſie aus Gebrechlichkeit und Tod zum ewigen Frühlinge erſtehen laſſe: dann nicht mehr unſere Kinder, ſondern Gottes.“ Die drei Mütter umarmten einander unter Thrä⸗ nen. Sie gelobten ſich gegenſeitig, die Bewachung der jungen Herzen als ihre vornehmſte Pflicht auf ſich zu nehmen, und ſollte eine der drei Mütter aus dem Kreiſe ſcheiden, ſo wollten die Ueberlebenden die Kin⸗ der der Hingeſchiedenen ſo zärtlich und ſorgſam wie ihre eigenen behandeln. Denn gibt es etwas Schreck⸗ — —— SS—)„ G—„— die An⸗ ruſt hen iſt tur be⸗ un⸗ wie nur en, em Ich od⸗ ge⸗ ſei⸗ ez⸗ ter wir Da er⸗ tt, alb ern eſte ah⸗ gen re rä⸗ ing ſich em in⸗ wie eck⸗ 63 licheres als einen Sprößling zur Welt geboren zu haben, ohne ein ewiges Leben für ihn hoffen zu dür⸗ fen? Was gibt es alſo Wichtigeres, als die Bewachung und Pflege der eigenen Blüthe? Sie nahmen von den Kleinen durch zugeworfene Küſſe gute Nacht, um ſie nicht durch wirkliche zu er⸗ wecken. Dieſe ſchöne Bewegung ward mehrmals wie⸗ derholt. Endlich lud Celeſtine ihre Freundinnen ein, ihr durch dieſes Stockwerk nach den Zimmern zu fol⸗ gen, welche ſie Ebba und Aurora als beſondere Schlaf⸗ kabinete für die Nacht anweiſen wollte. Es war zwiſchen zwölf und ein Uhr. Sie näherten ſich der Thür zu dem großen Ge⸗ mache, das den Namen des Karmansbaler Saales trug. Als die Gräfin Celeſtine, die vorausging, um ihren Freundinnen den Weg zu zeigen, die Doppel⸗ thüre öffnete, hörten ſie die Schritte von Jemand, der durch den Saal wandelte.„Meine Kammerjungfer iſt vorausgegangen,“ ſagte Celeſtine. Aber alle drei hielten unter der Thüre, als fie eine Geſtalt erblickten, die gewiß keine Aehnlichkeit mit einer Lebenden hatte. Die Geſtalt war'— vielleicht nicht in ein eigentliches Gewand— ſondern in weiße, ſehr faltenreiche und bis zu den Füßen herabgehende Leinwand gehüllt: über Kopf und Arme hing dieſe in Geſtalt eines Schleiers. Die Füße waren nackt. Ein Schauer durchbebte Celeſtinen und Aurora. Ebba nahm das Licht aus der Hand der zitternden Gräfin, doch auch ſie wagte es nicht, näher zu treten. Die Geſtalt wandelte in abgemeſſenen traurigen Schritten über den Boden, als ob ſie in Gedanken wäre, und die eintretenden Frauen nicht bemerkte oder ſich nichts um ſie kümmerte. Nachdem ſie einige Male durch den Saal an den Gemälden vorüber gegangen war, näherte ſie ſich allmälig einem Fenſter, ſetzte ſich auf einen dort ſtehenden Seſſel, und ſtützte ihren Ell⸗ bogen auf das Geſimſe. Das umſchleterte Haupt lehnte 64 auf die Hand; es ſchien in Nacht und Verzweiflung zu verſinken. Schnell, wie von einem plötzlichen Entſchluſſe be⸗ wegt, erhob ſie das Haupt wieder, der Arm ſtreckte ſich aus, die Hand deutete auf eines der großen Ge⸗ mälde im Saale; und als die Verhüllung des Kopfes bei dieſer Bewegung ſich etwas verſchob, erblickte Frau Ebba leichenblaſſe Züge; doch ſah nur der niederſte Theil deſſen hervor, was man bei einer Lebendigen das Geſicht geheißen haben würde. Nur ein magerer, ſehniger Hals erſchien, und das Unterſte des Kinns. Bis zum Munde hinauf enthüllte es ſich nicht. Aber das Kinn war nicht groß, kühn, länglich oder ſpitzig; es mußte zu einem Geſichte gehören, das ſeiner Zeit für ſchön gegolten hatte. 1 Celeſtine war daran, vor Schreck und Schwäche zu Boden zu finken. Aurora fing ſie in ihren Armen auf. Die Geſtalt ſtand vom Fenſter auf. Ihr ausge⸗ ſtreckter Arm und der halbgehobene Schleier ſanken wieder. Es ſchien als ob die Anweſenden endlich ihre Aufmerkſamkeit erweckt hätten, oder hatte ſie den Angſt⸗ der Gräfin gehört, als dieſe in Auroras Arme ank. Sie that ein Paar Schritte gegen den Ort, wo die drei Frauen ſtanden. Das Zuſammentreffen, das ihnen vadurch drobte, machte ſie ſchon halb ſtarr; da blieb die Geſtalt plötzlich ſteben, ging nicht mehr wei⸗ ter, ſchüttelte aber den Kopf langſam, wunderbar und beinahe eher ſanft ſchwermütbig als ſchrecklich. Wenn dieſe Geberde Celefinen zugeracht war, ſo ſah ſie je⸗ doch nichts davon: ſie lag bewußtlos an Frau von Mekeroihs Bruſt. Ebba wollte eben mit geſammeltem religiöſem Mutbe das unbekannte Weſen anreden, als dieſes ſich zurückzog. In ſeinem Trauerſchritte ging es immer weiter nach der entgegengeſetzten Seite des . 2 f d d 3 d m der ſo laß ra1 en en 65 Saales. Hier verſchwand es durch eine Thüre gegen⸗ über von den Gemälden. „Was ſoll ich davon denken?“ flüſterte die Hof⸗ marſchallin.„Weißt du, wohin die Thüre dort führt, Aurora? Geht ſie zu einer Treppe hinab oder hinauf?“ „Nein,“ verſetzte Aurora, dieſe Thüre geht nir⸗ gends hin. Ich kenne Karmansbal und all dieſe Zim⸗ mer von Alters her. Dieſe Thüre iſt nur blind.“ „Großer Gott, kann das möglich ſein?“ brach Frau von Abelcrona mit flammenden Augen aus. „Doch wir müſſen eilen, die arme Celeſtine in ihr Bett zu bringen. Aurora, ſetze dich hier mit deiner ſchönen Bürde in den nächſten Seſſel; ich gehe, eine der Kammerjungfern zu rufen. Ewiger Gott! was ſoll daraus werden? Möchte doch unſer Freund recht bald Zepton finden, damit wir Aufklärung erhalten über dieſen— ſoll ich es einen Spuk nennen? Der Graf muß wohl wiſſen, was es iſt!“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Herr Medenberg ſchlägt den Weg zur Rechten ein. Wenn er dann mit ſeinem Gezwitſcher einen ſeiner Freundezu der Mauer hinlocken könnte, hinter welcher er ſaß, damit dieſer ihm her⸗ aus hälfe— ſo dürfte er es thun. Hat der Herr die Sags ſchon früher gehört? Als Herr Alexander Medenberg gegen Abend von der Gräfin Celeſtine von Karmansbal Abſchied nahm, ſo ward ſeine ſchleunige Abreiſe offenbar dadurch veran⸗ laßt, daß er in Erfahrung gebracht hatte, der Se⸗ rarper Andres habe bei dem Gerichte Angaben von Drei Frauen in Smaland. 11. 5 66 gemacht; vielleicht hatte er auch etwas Anderes wahr⸗ genommen, was ſeinen Entſchluß, die beabſichtigte Fahrt ins Werk zu ſetzen, beſchleunigte. Während er ſaß und fuhr, ſenkte ſich der Abend immer mehr auf die Erde nieder; aber die Luft blieb mild und angenehm, ungeachtet das Jahr ziemlich weit vorangeſchritten war. Der Himmel ſtand wol⸗ kenlos über ihm; die Sterne begannen von der Nacht zu ſprechen; ſie glimmten immer höher und heller, und unter ihren funkelnden Augen entſchleierten ſich die Gegenſtände der Erde, zwar geheimnißvoll und immer nur in bräunlich grauen Zügen, aber doch ſo, daß man den Wagen, die nächſten Bäume, ihm zu winkend mit ihren vorſchießenden Zweigen, und die Spalten der Felſenklüfte, die einige ihrer gewaltig⸗ ſten Höhlen enthüllten, unterſcheiden konnte. Medvenberg fürchtete ſich nicht vor Geſpenſtern Nicht deßhalb, weil er etwa die Meinung derer theilte, welche das Vorhandenſein der Geiſter läug⸗ nen, eines der natürlichſten Vorhandenſein, ſofern man an die Unſterblichkeit der Seele glaubt; ſondern weil er nichts in der Welt fürchtete, und dieß in Folge der innern Weichheit ſeiner Natur, die nichts Böſes an ſich wußte. Wenn er fuhr, ſaß er immer in Betrachtungen; das war ein für alle Mal. Et that es auch jetzt. Wo iſt der Mann, der nicht in der Stille den⸗ theuerſten Weſen ſeines Herzens und ſeiner Seele die veſten Gedanken opfert? Medenberg ſah ſie vor ſich, deren er ſo unausſprechlich ſüß gedachte. Er betele ſie nicht an; er that weit mehr, er liebte ſie. Er war von ihr nicht wie von einem über ihn erhabenen Wunder bezaubert: ſie war nur ſein menſchliches Eben⸗ bild. Ein ihm gleiches Weſen! welch' ſüßer Gedanke bedrohlicher Natur in Betreff Nickolſons und Zeytons Er war deßhalb um ſo ſicherer, daß ſie niemals wie ein Ungeheuer unter ihn ſinken würde. Alexander ge⸗ tons ahr⸗ tigte bend lieb nlich wol⸗ acht ller, und ſo, tzu die ltig⸗ tern. erer äug⸗ fern dern ß in ichts met Er den die ſich, eteie Er enen ben⸗ nke wi ge⸗ 67 hörte zu jenen Menſchen, die nie in Entzücken gera⸗ then, weil ſie immer und in naturgemäßem Zuſtande das ſind, wozu die Entzückten nur für den Augenblick und zu ihrem Erſtaunen, hie und da hingeriſſen wer⸗ den. Schwärmerei war ſo ganz ſeine Natur, daß er gar nicht ſchwärmte. Er ſaß unter dem ſternbeſäten Baldachin, und blickte in eine helle, reiche Zukunft. Reich? An was reich? An Allem was der Menſch bedarf. Mehrmals flüſterte er, nur ihm ſelbſt ver⸗ nehmbar, ihren theuren Namen.„Ach wie wird ſie an dieſer Unternehmung eine Freude haben, wenn es nur erſt gelingt, die Sache recht auszuführen,“ fuhr er fort.„Wie ſchön ſie mit mir ſympathiſirt! Und es wird gelingen— ich fühle es. Etwas— etwas wird geſchehen; und das, was ich mit Nickolſon zu vollbringen gehe, wird der Grundſtein des Ganzen bilden. Nun, wir wollen ſehen!“ Da Alerander keinem Reiſenden begegnete, ward er durch Nichts in ſeinem Selbſigeſpräch unterbrochen. Er ging in Gedanken das Manuſeript durch, das die Hofmarſchallin ihm gegeben hatte; und er erinnerte ſich deſſelben noch ſo gut, daß er es laut wieder hätte herſagen können. Seine Betrachtungen ſchwebten wonnevoll über das ganze Univerſum hinaus, und er batte länger keinen Zweifel über die Beſchaffenheit der Weltperiode, über die Art Zukunft, die Europa be⸗ vorſteht. Bald ſanken ſeine Gedanken jedoch dahin, wo ſie immer ſtehen blieben, nach dem ſchönen Hei⸗ mathlande, Schweden,— jenem Lande, das, beim Lichte betrachtet, doch das wunderbarſte, unbekannteſte und unergründlichſte iſt. Und wo ſchloß er endlich? An dem Punkte, der ihm in Schweden am theuerſten war, an den Maiinſeln hinter der Werfte von Göthe⸗ borg. Und dort? In den kleinen Gemächern der lieben Eltern. B er wie natürlich den Aronforſer Wagen, in dem er mit ſeiner Patronin und Fräulein Uha nach 68 Karmansbal gereiſt war, durch ihren Kutſcher nach dem Werk hatte zurückfahren laſſen, ſo hatte er bis zur nächſten Station Bauernpoſt genommen, und fuhr daher jetzt in einem Landwagen: er hatte nur einen kleinen Burſchen als Fuhrmann zur Seite. 3e2 fuhr er einmal aus ſeinen Gedanken und rief: „Was war das, das eben dort vor den Pferden über die Straße ſprang?“ „Es ſah ſchwarz aus, und hüpfte von der rechten Seite nach der linken,“ antwortete der Junge. „Glaubſt du nicht, daß es ein Eichhorn war?“ „Die ſind bei der Nacht nie draußen herum, Herr?“ „Warum nicht?“ Der Junge ſchwieg und gab ſeinen Pferden einen Klatſch mit den Zügeln, um die Fahrt zu beſchleuni⸗ gen; aber es wollte doch nicht ſchneller gehen. „Glaubſt du, es wäre beſſer geweſen, wenn die Figur von dem linken Graben nach dem rechten ge⸗ hüpft äres⸗ 2 „Es wäre denn kein Unding für uns geweſen, A „Wie, denkſt du, es könne unſerer Fahrt ſchaden?“ wollte Medenberg eben weiter fragen, als die Pferde plötzlich anhielten. „Wohin ſollen wir jetzt fahren?“ rief der Junge. „Hier führen zwei Wege ab,“ „Weißt du nicht den Nächſten?“ „Nein, ich bin noch nie auf dieſer Straße ge⸗“ fahren.“ „Haſt du denn früher nicht kutſchirt?“ „Nein, Herr.“ Medenberg fand ihre Lage im Finſtern ſehr un⸗ angenehm. Sie waren lange Zeit durch lauter Wald gefahren, ſo daß ſie jetzt nah und fern keine Wohnungen erwarten konnten. Er ſtrengte ſeine Augen an und —c„—— tör kür lat ach is nd ur te. nd en en m, en ni⸗ die ge⸗ n, 24 de ge. e⸗ m⸗ Ud en nd 69 ſuchte aus der Breite der beiden Wege herauszubrin⸗ gen, welches der größte und befahrenßte ſein könnte, damit er dieſen einſchlüge. Aber ſie zogen ſich in gleich breiter Gräue dahin; und er fand keinen Grund, dieſem oder jenem den Vorzug zu geben.„Halte die Zügel gut an, mein Junge, während ich ausſteige und zu Fuß dieſe Gegend näher auszuſpähen verſuche,“ ſagte er.„Halte gut, ſag' ich dir! ich ſehe, daß die Pferde ihre Köpfe heben: ſie find doch nicht zum Stei⸗ gen geneigt, oder wie?“ „O nein,“ verſetzte der Junge ebenſo monoton wie vorher. In dem Augenblick, wo Medenberg ſich anſchickte aus dem Wagen zu hüpfen und ſeine Augen auf einen hohen Gegenſtand gerichtet hielt— vermuthlich einen abgehauenen Baum oder ein großen Stotzen— der gerade in dem Winkel der beiden Wege ſtand, hörte er von dorther einen Laut, der einem Gezwitſcher glich.„Singt denn pier zu Land ein Vogel um dieſe Zeit?“ dachte er. Indeſſen blieb er, gefeſſelt von dem ſüßen Laute und dem Ungewöhnlichen der Sache, ſille ſitzen. Es tönte gerade wie die lieblichſte Droſſelkehle. „Höre, mein Junge— nun, ſo ſei doch nicht ſo erſchrocken— ſag' mir einmal: ſiehſt du, ob dort auf dem Baumſtamm ein Vogel fitzt?“ ſagte Meden⸗ berg und nahm ſelbſt die Zügel zur Hand, um die Pferde beſſer zu lenken. Der Knabe gab ihm keine Antwort darauf, ſagte aber:„Die Peitſche will ich behalten, Herr.“ „St! ſt! ſt!“ Der Droſſelſchlag mehrte ſich jetzt ſo ſehr, und tönte in dieſem Walde und unter dem Sternenlichte ſo rührend erhaben, daß Herr und Knecht mit unwill⸗ kürlicher Aufmerkſamkeit und in tiefem Schweigen lauſchten. Nach einer Weile erhob der Vogel ſeine Schwin⸗ 7⁰ gen, ſlog ſachte und unter fortwährendem Geſange von dem abgehauenen Baum fort, und folgte, wie man aus den Tönen erkennen konnte, dem Weg zur Rechten. „Hm! ich fabre in dieſer Richtung“— brach Medenberg aus und lenkte die Pferde mit dem rechten Zügel dahin.„Da weder du noch ich weiß, welches die rechte Straße iſt, ſo können wir ebenſo gut dem Gezwitſcher folgen: wir können ja auf dieſem Wege ebenſo ſicher eine Wohnung finden, wie auf dem an⸗ dern, wo man uns zurecht weiſen kann.“ „Jetzt bin ich froh, Herr!“ ſagte der Burſche nach einer Pauſe. „Wie ſo, mein Junge?“ „Ja, ſehen Sie, jetzt laufen die Pferde. Es war ſchön, daß der Herr den Weg rechts einſchlug. Der Herr ſah doch, wie das andere kleine ſchwarze Ding zur linken hinhüpfte? Es wäre nicht gut ge⸗ weſen, wenn wir dem nachgegangen wären.“ „Aber haſt du je früher einmal einen Vogel bier ſo ſpät am Abend ſingen hören?“ ſagte Medenberg. „Je länger Einer lebt, deſto mehr erfährt er, ſagt der Vater.“ „Fledermäuſe und Eulen können um dieſe Zeit herumflattern, aber ſie ſingen nicht. St! ſt! jetzt fängt es wieder an, und wird immer ſchöner und ſchöner!“ Sie ſprachen nicht weiter mit einander, ſondern horchten nur, und athmeten kaum. Indem fuhren ſie langſam und wohlgemuth auf der guten Straße dahin. Als dieß eine Weile gedauert hatte, während der Geſang des Vogels ihnen vorantönte, er ſelbſt aber nie ſo ſchnell flog, daß er ſie vollkommen verlaſſen hätte, ſing der Junge einmal über das andere an, den Herrn Medenberg immer öfter und eifriger anzu⸗ ſchauen, wie wenn er ihm etwas zu erzählen hätte. „Was willſt du?“ ſagte dieſer,„Was gibt es?“ „Nun, Herr, ich erinnere mich da einer gar ſchö⸗ — e ie r n 6 m e n⸗ he * 6 ——— „ er r, eit 1 rn ſie n. er en en U⸗ 2 6⸗ 71 nen Geſchichte, die meine Schweſter zu erzählen pflegt. Sie that das ſchon, als ich noch ganz klein war und in der Wiege lag, denn ſie iſt viel älter als ich, Herrz ſie iſt verheirathet.“ „Was iſt denn das für eine Geſchichte?“ „O— nur ſo ein Mährchen!, fuhr der Junge etwas ſchüchtern und verlegen fort, als bereute er ſchon, davon angefangen zu haben. „Ich will dein Mährchen hören, mein kleiner Junge. Ich will es ſehr gerne hören, ſei ohne Furcht und erzähle nur.“ „O es war nichts weiter, Herr, als daß eine Prinzeſſin oder ein Fräulein in eine Mauer einge⸗ mauert ſaß. Sie war gefangen, müſſen ſie wiſſen. Ich weiß nicht, was ſie Böſes gethan hatte; aber es iſt auch ſchon gar lange her. Ich glaube nicht, daß ſie etwas Böſes gethan hatte; aber ſie ſaß nun einmal in der Mauer ohne Fenſter und ohne Thüren. Sie konnte nicht heraus. Da weinte ſie ſo ſehr, ſie betete zu Gott, er möchte ihr doch heraushelfen; denn die, welche ihr beiſtehen wollten, waren ſo weit fort, daß ſie ihnen nicht rufen konnte. Da ſchickte Gott den heiligen Geiſt zu ihr in die Mauer hinein; und er ſagte ihr, daß ſie nicht mit dem Leib aus dem Ge⸗ fängniſſe heraus kommen könne, weil es ſo arg ver⸗ ſchloſſen ſey. Aber er wolle ihre Seele jede Nacht als einen kleinen Vogel heraus fliegen laſſen, dann könne ſie zwiſchen 1 und 2 Uhr im Sternenlichte ſin⸗ gen; das ſollte ſie dürfen. Wenn ſie dann mit ihrem Gezwitſcher einen ihrer Freunde an die Mauer heran⸗ locken könne, wo ihr Körper ſaß, damit jener ihr heraus hälfe— ſo ſollte ſie es dürfen. Hat der Herr das Mährchen ſchon früher gehört?“ „Nein, noch nie. Aber es iſt eine ſehr ſchöne Geſchichte, mein Junge! Nun, wie ging es dann weiter? Kam die Prinzeſſin aus der Mauer heraus?“ — 72 „Nein— der Herr ſoll es erfahren. Aber wiſſen Sie, es iſt ſchon viele tauſend Johre her.“ „Nun alſo?“ „Nun ſehen Sie, Herr, der König, der ſie in die Mauer geſetzt hatte, wollte, daß ſie je daraus los kommen ſollte. Deßhalb ließ er ein Geſetz ergehen, daß kein Vogel nach Sonnenuntergang ſingen dürfe, und die ganze Nacht über ſolle es in ſeinem Reich ſtille ſein, er wolle nichts vom Geſange wiſſen, ſagte er. So dürfte alſo die Seele des jungen Fräuleins nie heraus und keine einzige Nacht zwitſchern, obſchon ihr der heilige Geiſt die Erlaubniß gegeben hatte; ſondern ſie ſitzt noch immer gefangen drinnen und wartet. Und daher kommt es, daß, wie der Herr vorhin bemerkte, nie eine Droſſel oder ein anderer Vogel bei Nacht draußen iſt und ſingt. Hierin hat der Herr Recht. Denn auch ich habe noch niemals einen gehört bis heute; und es iſt ein Geſetz des Kö⸗ nigs, daß kein Vogel es thun darf. „Nun aber was denkſt du denn von dieſem kleinen Vogel, der uns ſo ſchön bei Nacht vortrillert?“ Der Knabe ſah ſcheu und faſt bittend auf den Herrn an ſeiner Seite. Er antwortete nichts; aber er wollte dem Herrn offenbar deutlich machen, daß es ſeine Anſicht ſei, der Geiſt der armen, unglücklichen Prinzeſſin habe ſich dennoch dieſe Nacht hinausgeſchli⸗ chen, und ſinge, ungeachtet des ſtrengen Verbots, ihnen Etwas vor. Er ſetzte zwar auch nicht weiter hinzu, wie innig er wünſchte, der Herr möchte nur dem Gezwitſcher nachfahren, um endlich zu der Mauer zu gelangen, und die Gefangene herauszuſchaffen; aber offenbar war auch dieß der Gedanke des Knaben. Medenberg lächelte herzlich über die fromme Vor⸗ ſtellung des guten Poſtjungen; er war varauf bedacht, ſein Mährchen mit einem ebenſo hübſchen und ergötz⸗ lichen zu belohnen. Aber der Junge ward durch die Leutſeligkeit des Herrn jetzt ſchon ſo dreiſt geworden, 73 daß er ſelbſt zu ihm zu ſagen wagte:„St! ſt, Herr! wir müſſen hören, wo es den Weg binnimmt, damit wir nicht irre fahren!“ Dabei ſchlug er mit ſeiner kleinen Hand dem Herrn leicht auf den Arm, wie wenn er ihn zur Aufmerkſamkeit auf den Vogel er⸗ mahnen wollte. Plötzlich ging jetzt das Gezwitſcher vom Wege ab. Dieſer lief breit und gut gerade vorwärts, wie Me⸗ denberg im Sternenlichte ſehr gut unterſcheiden konnte. Der kleine Vogel nahm ſeinen Flug den Wald hinauf, wurde ſtille und entſchwand den Augen der Reiſenden zwiſchen einem paar hohen Tannenwipfeln. Da indeſſen hier kein anderer Weg, weder ein größerer noch ein kleinerer zu finden war, ſo ſetzte Medenberg ſeine Fahrt auf der Straße fort, da er ſie nun einmal eingeſchlagen hatte, und hoffte, bald auf ein Dorf oder ein einzelnes Haus zu ſtoßen, wo er ſich weiter fragen könnte. Dieß zog ſich jedoch immer mehr hinaus. In allen Richtungen ſab man nur Wald, tiefen, dicken Wald. Und jetzt war es auch ſo ſtille geworden, daß man ein Glühwürmchen am Graben⸗ rande gehört haben würde, wenn eines ſich draußen ſe promenirt hätte. Aber nicht einmal das ge⸗ a Alexander ſaß ſcharf horchend im Wagen, aber er vernahm durchaus nichts. Er empfand alſo die größte Luſt, wieder in eines ſeiner gewöhnlichen, ſchönen und ſtillen Selbſtge ſpräche zu verfallen. Es iſt ſchwer zu ſagen, ob die von den drei Frauen beabſichtigte, obwohl noch nicht ins Werk ge⸗ ſetzte Verbindung, und das, was ihm die Hofmar⸗ ſchallin Ebba darüber ſchriftlich und mündlich mitge⸗ theilt hatte, den Hauptantheil an den hohen und weiten Gedanken batte, die ſeine einſamen Stunden ſo oft und ſo ſüß beſchäftigten, oder ob dieſelben ſeiner akademiſchen Bildung und vielleicht hauptſächlich ſeinem Selbſtſtudium angehörten; denn der Mann war 74⁴ größtentheils„Autodidakt,“ wie jeder Scharffinnige ſchon längſt gemerkt haben wird. Das Erſte iſt jedoch das Wahrſcheinlichere, wenn man an den hohen Grad von Selbflverläugnung denkt, den Herr Alexander be⸗ ſaß und wovon er wohl ſchwerlich einen größeren Be⸗ weis geben konnte, als, indem er fortreiſte, um einen Menſchen wie Nickolſon zu retten, zu unterſtützen und ihn wieder in die Arme eines Vaters wie Zepton zu⸗ rückzuführen, wo er doch dafür, nach Weiſe der Ver⸗ liebten, ſeine Zeit weit beſſer dazu hätte verwenden können, beſtändig und unabläſſig an ihrer Seite zu ſein, die er ſo heiß liebte. Dieſer Zug aus ſeinem Seelenleben iſt.... ja wir wollten ihm wirklich einen Namen geben, als ſich plötzlich ein Stückweit von der Landſtraße entfernt ein ſo ſcharfer, durchdringender Mißton hören ließ, daß Medenberg augenblicklich den Wagen anhielt, herausſprang, und von der Land⸗ ſtraße über den Graben nach einem Waldhügel hin⸗ eilte, wohin ihm ein Licht den Weg zeigte, das ſeiner Meinung nach aus dem Fenſter einer ſehr weit im Gehölz drinnen liegenden Hütte herſchimmerte, obwohl es auch ebenſo gut von einem Hochofen oder noch etwas Schlimmerem herkommen konnte. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Die Uothwendigkeit, neunzehn Kürbe Bohlen zu bekommen. Schbnen guten Abend, ſag' ich. Glückliche Reiſe, ſo lang ihr nicht umwerft und den Hals brecht.. Jenes Gekreiſch war Medenberg anfangs wie ein Hülferuf oder Gewinſel eines Ueberfallenen und Un⸗ 7⁵ glücklichen vorgekommen. Wie er aber näher kam, ſchien es ihm ſtark mit Gelächter, Freudengeſchrei und ſogar den Tönen einer Violine untermiſcht. Dazwiſchen vernahm er hie und da ein ſchreckliches Geheul, und dieſes Untereinander ermahnte ihn zur Vorſicht, da es ja der Fall ſein konnte, daß bier einige übermüthige, mordluſtige Geſellen gerade im beſten Geſchäft waren, um einen Unglücklichen zu peinigen und vielleicht gar zu tödten. Medenberg ſchlich ſich durch die Bäume hindurch, um ungeſehen ſo nahe als möglich zu kom⸗ men. Er vermuthete, auf eine Abtheilung der ſmalän⸗ diſchen Räuberbande geſtoßen zu ſein. Glücklicherweiſe bot ihm der Boden viele dichte, halbgewachſene Siräucher dar, hinter denen der Späher ſeine Perſon verbergen konnte; endlich kam er hart in die Nachbar⸗ ſchaft der verdächtigen Geſellſchaft. Er bemerkte jetzt deutlich einen Schein, der ſehr ſtark von einem einzigen, kleinen Punkte ausflammte; ein Wohnhaus gewahrte er jedoch nicht. Er ſah 6—8 höchſt zerlumpte Geſchöpfe, die in einem Kreiſe herum ſtanden. Ein alter Mann mit dem runzlichſten Geſichte, das die Natur nur austheilen kann, mit einer röthlich grauen Kappe oder Wollmütze auf dem halbkahlen Schädel, und einer groben Axt über der Schulter, ſtand ſtill, aufmerkſam und mit gaffendem, zahnloſen Maule da, und ſchien jedes Wort, das er hörte, einſaugen zu wollen, wie man Mucken einſchnappt. Die Uebrigen waren junge Lumpenkerls mit Augen, die Medenberg nicht im ge⸗ ringſten mordluſtig, ſondern eher tanzluſtig vorkamen. Dieſer Gedanke ward noch dadurch beſtärkt, daß eine Scharteke von Violine mit zwei— wenn nicht gerade italieniſchen, ſo doch aus Garn oder wer weiß? viel⸗ leicht aus vortrefflichen, feinen Ziegenſehnen zuſam⸗ mengedrehten Saiten— heiter und nachläßig über den Arm des einen Burſchen herabhing. Doch ſpielte er jetzt eben nicht, ſo unbeſchreiblich auch die Finger ſeiner 76 linken Hand vor Luſt zuckten und zitterten, ihren fröh⸗ lichen Druck auf Baß und Quinte zu thun— denn Alt und Tenor waren ſchon längſt beim Teufel. Keine Weibsperſon ließ ſich erblicken— bis, großer Gott! Gerade in dieſem Momente erhob ſich eine hohe Geſtalt aus der dunklen Ecke einer Art Erker oder Vorbau, deſſen eigentlichen Zweck Medenberg nicht gleich im Augenblick erkannte; aber das Frauenzimmer ſelbſt erkannte er deſto beſſer wieder. Hager und knochig, doch nicht ſchwarz wie die übrige Geſellſchaft, ſondern mit ſehr gelblichweißen Armen, über welche das Hemd ein gutes Stück über den Ellbogen aufge⸗ ſtützt war, trat die alte Mutter Ellin hervor; deutlich hörte man, daß ſie etwas zwiſchen den Lippen mur⸗ melte. Ein äußerſt ſtrenger Zug lag über ihrem ganzen Geſichte, und etwas Großes, faſt Königliches thronte auf ihrer gefurchten Stirne. Ob ſie gerade hexte, war nicht wohl zu beſtimmen; aber das iſt gewiß, daß ſie im Unterrocke war. Dieſer Rock war hellgrau von tüchtigem Drillich mit dret hineingewebten breiten rothen Streifen, die parallel mit dem untern Saume liefen; dabei war er aber ſo kurz, daß er wenig über die Kniee reichte. Wahrſcheinlich war ſie mit Beſchwö⸗ ren beſchäftigt; denn zwei von ihren vier dicken Flech⸗ ten hingen dießmal über die Schultern, anſtatt wie gewöhnlich mit den andern zwei den ſehr langen, aber ſchmalen Rücken zu zieren. Medenberg erkannte die Flechten wieder von ihrem Zuſammentreffen in Däde⸗ mo⸗Hult her; und er bewunderte jetzt wie damals die rrabenſchwarze Farbe derſelben, da doch ihre Inhaberin alt genug war, um längſt graue Haare zu haben⸗ Aber wie ſich in dieſer Friſche des Haares eine noch hohe Kraft der Perſon offenbarte, ſo lag auch auf dem weißen klaren Geſichte ein ehrfurchtgebietender Schatten ungewöhnlicher Schönheit, ſo ältlich die Züge auch waren, und ein ſo zweideutiges Geſchäft die Alte eben jetzt trieb. Alexander lauſchte aufmerkſam, 77 um zu vernehmen, was ſie ſprach. Er meinie ſchwe⸗ diſch zu können, aber hier verſtand er kein Wort: er ſchloß, daß es das vollkommenſte, das älteſte Sma⸗ ländiſch ſeyn müſſe. Nach dem Ry Thums zu urtheilen, tönte es gerade wie wenn Mutter Ellin Meſſe hielte. Medenberg erkannte hie und da beſtimmte Takte aus verſchiedenen Pſalmen, die zu einem neuen, mufikaliſchen Ganzen zuſammengefügt waren, an dem der Wald eine Freude haben mußte und es gewiß auch that, indem er mit tiefem Brauſen aus dunkelgrüner Ferne Mutter Ellins Meſſe beantwortete, gleichſam als ſtarker Chor, jedes Mal wenn ſie ſelbfi pauſirte. Was ſie in den Augen des Beobachters vor Allem zur Hexe machte, war der Umſtand, daß ſie in der einen Hand ein Meſſer hielt, deſſen Schneide friſch geſchliffen ſchien, und in der andern einen langen eiſernen Spieß, der den ſchönen Feuerzangen, die man in civiliſirten Zim⸗ mern bemerkt, durchaus nicht ähnlich ſah. Herr Medenberg beſchloß, zu einer Scene nicht hinzutreten, die er gewiß durch ſeine Ankunft unter⸗ brochen und geſtört haben würde, und die ihm dann das, wovon er Zeuge zu ſein wünſchte, gewiß nicht mehr gezeigt hätte. Mit eifrigen Blicken forſchte er⸗ ob er irgendwo vergoſſenes Blut entdecken könnte, und er nahm ſich vor, herauszuſtürzen, ſobald er bemerkte, daß ſie mit ihrem Meſſer den geringſten mörderiſchen Gebrauch machte. Bis auf Weiteres konnte jedoch ſein Auge keine andere Leiche entdecken, als die einer Katze, die er unbeweglich rücklings zwiſchen zwei Burſchen im Graſe liegen ſab; ob aber dieſe Katze todt, geſchlachtet oder ſonſt verunglückt war, blieb ungewiß. Das Licht, welches den feierlichen Auftritt beleuchtete, war keine Fackel oder Flamme, ſondern kam nur von einer Maſſe feuerrother Gluth her, die aus einer mäßigen Oeffnung an etwas, wie einer niedern Mauerwand hervorquoll. Mutter Ellin trat drei Schritte gegen den alten 78 Mann vor, brach kurz ihre Meſſe ab, erhob den Kopf, ſah dem Mann ſcharf ins Geſicht und ſagte prophe⸗ tiſch:„Matts Perſon, ich ſage dir—— ſiebenzehn Körbe. Siebenzehn Körbe und kein halbes Scheit mehr oder weniger: ſo wahr dich Gott in Gnaden zu ſich nehme.“ Bei dieſen Worten erhob die ganze Schaar der ſechs Jünglinge und Jungen daſſelbe durchdringende Geſchrei, das Medenberg ſchon vorher ein paar Male gehört und das ihn von der Straße abgelockt hatte. Er ſah jedoch jetzt klar ein, daß dieſe wilde und ſchreck⸗ liche Mufik ihren Urſprung der Freude verdankte; und er mußte daraus die Folgerung ziehen, daß die Jun⸗ gen mit Mutter Ellins Verſprechen von ſiebenzehn Körben zufrieden waren. Aber der Alte, der wie der Vater oder Hausva⸗ ter der andern ausſah, ließ den Kopf gegen den Bo⸗ den hängen und ſchien offenbar nicht befriedigt zu ſein. „Mutter!“ ſagte er und blickte ehrerbietig auf ſeinen Gaſt, „es iſt heute Nacht verzweifelt kalt; ich glaube der Teu⸗ fel iſt los und geht um. Ich will einen zu mir neh⸗ men und ihr Mutter ſollt eine Halbe haben. Es iſt jetzt Zeit dazu. Dann ſollt ihr noch einmal um den Meiler gehen und ſingen. Aber ihr ſollt den Pſal⸗ men fingen, den ihr dem Ol Bengtha in Sansjö Lia ſangt, als ihr um ſeinen Meiler herum gingt und zaubertet, und es nachher half. Denn ich weiß, daß er zwanzig bis zweiundzwanzig Körbe Kohlen bekam, und noch eine kleine Schichte darüber zum Hausbedarf, obſchon er nicht mehr gehauen hatte, als ich dieſes Jahr that. Vielleicht habt ihr den Schwanz des Hau⸗ fens noch nicht geſehen, den ich einlegte? Es iſt heuer weit mehr Holz im Meiler als voriges Jahr, und ich muß euch ſagen— ich muß euch ſagen—.“ Er brach ſchnell ab und ſtarrte in einer Art wilder Verzweif⸗ lung gegen den Boden. Mutter Ellin ſtreckte ihre Hand aus und nahm 79 die Halbe, die ihr Maits Perſon aus einer krummen Flaſche einſchenkte, die er über dem Herzen in der Ta⸗ ſche ſtecken hatte. Aber als ſie den kleinen blechernen Becher ergriff und ſeinen Inhalt leerte, that ſie es mit einer ſo finſteren Miene, daß wohl zu erſehen war, ſie habe nur der Unfreundlichkeit der Nacht nachgegeben, laſſe ſich aber doch nicht beſtechen, eine größere Anzahl Koh⸗ lenkörbe in dem fertig gebrannten und noch uneröff⸗ neten Meiler zu prophezeihen, als ſie bereits gethan hatte. Sie nahm eine an der Gluth gebratene Rübe und aß ſie zu dem Schnapps. Jetzt öffnete ſie ihren Mund und beantwortete die Rede des Mannes recht feierlich und langſam:„Vo⸗ riges Jahr, Matts Perſ'a! ſagte ich euch das nicht, daß ihr ſechszehn Körbe im Meiler habet? Und als ihr das Loch aufmachtet, bekamt ihr auch gerade ſechs⸗ zehn, und noch anderthalb Schicht für Jerker zum An⸗ kauf einer Geige mit Bogen. Und ihr waret damals zufrieden, Matts. Aber jetzt— ſeht, jetzt habe ich euch fiebzehn prophezeiht, und ihr ſteht da wie ein Wurm und guckt auf den Boden: ihr dankt weder Gott noch unſerm Herrn. Schämt ihr euch nicht, Matts Perſ'a? Vor euren Kohlen werde ich in meinem Leben nimmer einen Pſalm ſingen, und keine Verneigung mehr vor eurem Meiler im Walde machen, ſo lange ich Ellin heiße. Das kann ich euch ſagen.“ „Mutter!“ erwiederte Matts Perſon von Dufva⸗ näſet, ohne ſich zu fürchten und eben ſo feierlich wie ſie:„ihr redet nicht gut, Mutter. Ich brauche heuer neunzehn Körbe, Mutter Ellin; das iſt gewißlich wahr. Wenn ich ſo viele Meß zum Werke hinaufgeführt habe, als ver Graf für ſich bekommen muß, ſind zwölf Körbe fort. Dann brauche ich Kohlen zu Geld, um dem Steuereinnehmer die Steuer zu zahlen, ſonſt ver⸗ kauſt er die Kuh, die er wegen der Abgaben an die Krone in Beſchlag genommen hat. Wollt ihr, daß er das thun ſoll, Muiter? Und dann muß ich noch ein 80⁰ wenig für die Jungens haben. Deßhalb will ich den Reſt für Nahrungsmittel verkaufen; und ich werde neunzehn Körbe bekommen, das ſage'ich euch; ſonſt haben wir nichts zu nagen und ich gehe din und hänge mich an die Tanne, die ihr geſpalten und mit einer Nadel geſpickt habt.“ „Der Polizeimann wird euch heuer auspfänden, Vater Matts?“ ſagte ſie.„Das that er, glaub' ich, voriges Jahr nicht?“ „Nein. Aber ſeht, meine Alte hatte voriges Jahr ein Kind weniger als heuer. Deßhalb reichte es da⸗ mit hin. Jetzt wird der Polizeimann die Kuh neh⸗ men. Die letzte Kuh, hört ihr. Dann können die Jungen daſitzen, und Ruß ſchlucken und Waſſer dazu trinken. Wollt ihr das, Mutter Ellin? Nun ich will es nicht mit anſehen.“ Die Hexe ſah den Käthner an und blinzte mit den Augen.„Der Polizeimann wird euch eure Kuh nicht nehmen, ſage ich.“ „Ja wohl wird er's.“ „Ihr habt dieß Jahr mehr gehauen als im vori⸗ gen, ſagt ihr?“ „Ja, das ſag' ich. Und deßhalb mußte es neun⸗ zehn Körbe geben, wenn nur Gott wollte! Aber ich weiß wohl, daß ich aus all dem Hauen und Hauen doch nicht genug Kohlen bekomme, wenn nicht der Se⸗ gen dabei iſt. Deßhalb habe ich euch gebeten, Mut⸗ ter, daß ihr hier herumgehen und das Feuer ſegnen ſollt, wie ihr immer thut; und das ſage ich euch, ich gebe euch die Hälfte an der Bezahlung, wenn ihr nur macht, daß ich neunzehn bekomme!“ Die alte Ellin blickte warm und bedeutungsvoll auf ihren Freund, Matts Perſon.„Ihr ſollt euch nicht an den Baum hängen,“ ſagte ſie. „Ja ich thue es,“ verſetzte er entſchloſſen.„Ich will nicht zu Tode hungern, und auch nicht ſehen, wie 8¹ die Mägen meiner Kinder zu Spänen zuſammen⸗ ſchnurren.“ „Hört, Matts! ich werde geben und noch einmal um den Meiler herumſingen. Haſt du noch eine Katze Jerker?“ „Nein, Mutter!“ entgegnete einer der größten Kohlenjungen und warf einen betrübten Blick auf die todte Katze zu ſeinen Füßen.„Dieſe hier war die ein⸗ zige, die wir im Hauſe hatten.“ „So geh' in den Wald und ſuche nach einem Maulwurf,“ fuhr Ellin fort.„Denn wir müſſen zu⸗ erſt etwas für das Feuer ſchlachten, ſonſt hilft der Pſalm nichts. Schau Jerker!“ Eben als der Junge ſich anſchickte, gehorſam zu gehen und nach dem Maul⸗ wurf zu ſuchen, in der heimlichen Hoffnung, vielleicht ſogar einen Dachs zu erwiſchen— denn er kannte das Terrain vorzüglich— rief ihm Mutter Ellin ein haſti⸗ ges:„Halt! halt!“ zu und ßireckte den Hals hervor, als ob ſie aufmerkſam nach Etwas lauſchte. „Hier ſteht ein Büttel und ſieht uns aus dem Buſche zu!“ rief ſie, und hob die Arme auf eine zu⸗ gleich jammernde und drohende Weiſe.„Lauf nicht fort, Junge! jetzt hülft ja doch opfern und fingen nichts. Mit Gottes Beiſtand iſt es ietzt vorbei und ihr dürft froh ſein, wenn ihr ſiebzehn Körbe aus dem Meiler bekommt, Matts, da ein böſes Auge zugeſehen hat. Ha, ihr bekommt nicht ſechszehn, nicht fünfzehn!“ Herr Alexander, der fich entdeckt ſah, trat muthig vor, grüßte und ſagte:„Guten Abend, meine Freunde!“ Der Kohlenbauer richtete ſich blaß wie ein Stück Tuch empor und Jerker ließ die Geige gegen ſein rechtes Schienbein herabſinken. Die ganze Geſellſchaft meinte mitten in ihrem Heidenthum von dem Kobold ſelbſt ertappt zu ſein, der ſich in Hut und Oberrock ge⸗ kleidet hatte, und ausſah wie ein Engel des Lichts, um den Meiler deſto ſicherer verderben zu können. Indeſſen ſagte der Fremde:„Erkennt mich denn Drei Frauen in Smgland. I. 6 82 die gute Mutter Ellin nicht wieder? Es thut mir leid, Vater Matts, wenn ich euch durch meine Ankunft ge⸗ ſchadet habe; aber Eines will ich euch ſagen: wenn euer Meiler nicht vollſtändig ſeine neunzehn Klafter Kohlen giebt, ſo mache ich mich verbindlich, euch ſelbſt das Mangelnde zu bezahlen.“ Das war eine ſehr ſüße Stimme und eine höchſt kluge Rede von einem Kobold. Der arme alte Mann ſah den Ankömmling mit großen Augen an, und die Jungens glotzten ſchamroth vor Freude: aber Mutter Ellin ſagte:„Ei ſeh Einer den Herrn! ja wohl er⸗ kenne ich ihn wieder. Wahr iſt es, damals, wo ich ihn zum letzten Mal ſah, ſprach er weit eher wie ein Engel als wie ein Satan; gerade wie jetzt. Aber“— Mutter Ellin warf einen ſeltſamen Blick nach den Wolken über dem Walde—„die Herren machen im⸗ mer Worte wie die Kinder Gottes, denn ſie haben ſo viel in der Schriſt geleſen und ſich im Reden geübt.“ „Ihr glaubt alſo ich lüge? ich habe mehr ver⸗ ſprochen, als ich halten wolle oder könne? Nun gut, meine lieben Freunde, entſchuldigt mich alſo für alle Fälle; denn ich kann nichts davor, daß Einige von euch eine gute Zeit lang wie Währwölfe geſchricen und mich dadurch genöthigt haben, von der Landſtraße aus hierher zu eilen. Vielleicht habe ich geprahlt, als ich verſprach, euch die Kohlen zu erſetzen, und will deßhalb das Wort zurücknehmen. Aber gleichviel, Vaier Matts Perſ'a— heißt ihr nicht Matis Perſon?“ „Ja wohl.“ „Schön. Von den Forderungen des Steuerein⸗ nehmers kann ich euch nicht befreien; denn die Krone muß das Ihrige haben. Aber laßt einmal hören, un⸗ ter welchem Grafen ihr ſteht! Es kann ja ſein, daß er ein Menſch iſt und ſich zu etwas bewegen läßt.“ „Ich bin dem Graf Zeyton von Karmansbal un⸗ terthan!“ n⸗ ne n⸗ aß „Wie? erſtreckt ſich ſeine Herrſchaft bis in dieſe Wälder hier?“ „Ja Herr, hier liegt ein ſehr großes und ſchönes Haideland, das mehrere Meilen weit reicht und ver⸗ ſchiedenen Herren gehorcht, größtentheils aber Zeyton. Niemand kennt das Land beſſer als ich, denn ich bin von Jugend auf wie ein Geiſt in vielen tauſend Rich⸗ tungen darüber gegangen und habe es bebaut. Aber ach! was hilft es mir! Zepton iſt ein Satan! er ſoll ſeine vollſtändige Abgabe haben und noch etwas dazu.“ „Sprecht nicht ſo, Matts Perſon. So viel kann ich euch verſprechen, daß ihr von Karmansbal ferner⸗ hin keine Quälerei mehr auszuſtehen haben werdet, ſondern was für vernünftigen Beiſtand ihr in eurer Armuth bedürfen möget, ſollt ihr von des Grafen Wort erhalten.“ „Hahaha!“ brach Mutter Ellin in dem höhniſch⸗ ſten, wildeſten Gelächter aus.„Der Herr wird wohl Zeptons Herz rühren, nicht wahr? der Herr wird mit Zepion ſprechen? Hahaha! Armer Schafskopf. Er müßte ihn erſt finden können. Nein, Matts! Du mußt beſſere Fürſprecher haben. Sagen Sie einmal, mein ſchöner Herr, weiß der Herr, wer der Graf iſt? Dann weiß der Herr, meiner Seel, mehr als der Kronvogt, der Polizeikommiſſär, der Probſt und die Kirchenvorſteher mit einander.“ Medenberg blickte verwundert auf die ungewöhn⸗ liche Bewegung der Hexe. „Will der Herr etwas Geſcheidtes hören,“ fuhr ſie fort,„ſo glaubt mir, Zeyton weiß ſelbſt nicht wo er iſt. Aber einer weiß es. Haha! ihr ſeid ein närriſcher Kauz, daß ihr verſprecht mit dem Grafen reden und die Kohlenabgabe lindern zu wollen, und könnt nicht einmal den Grafen auffinden. Poſſen, Matts! Du mußt Alles bezahlen: deine Jungen müſſen Ruß lecken bis ſie zu Grunde gehen. Zeyton iſt nicht über der 84 Erde und auch nicht unter der Erde: ich will aber da⸗ mit nicht ſagen, daß er im Himmel iſt. Wo wollt ihr ihn denn auftreiben, hm?“ Medenberg wußte nicht, ob er nicht einen Tbeil der Narrheit der Alten auf Rechnung der verſchluckten Halben ſetzen ſollte. Indeſſen erregten ihre vielfachen Verſicherungen von der unergründlichen Abweſenheit des Grafen ſeine Aufmerkſamkeit, denn es ſtand dieß mit dem in Verbindung, was er ſelbſt kürzlich in Kar⸗ mansbal gehört hatte.„Sie weiß am Ende etwas von der geheimnißvollen Flucht des Grafen,“ dachte er, und näherte ſich der Alten, ohne einen Zorn über die Scheltworte zu zeigen, die ſie gegen ihn geſchleu⸗ dert hatte. „Liebe Mutter Ellin,“ ſagte er,„in Karmansbal regiert jetzt die Gräſin; und von ihr glaube ich⸗ wird künftig kein nothleidender Unterthan, ſei es nun Matts oder ein Anderer, wegen ſeiner Kohlenſchuld hart be⸗ handelt werden. Ich kenne ſie.“ „Der Herr kennt ſie? Ah!“— Die alte Ellin fuhr bei dieſen Worten zuſammen, und heftete ihre ſchreck⸗ lichen Rabenaugen auf Medenberg; aber bald nahmen dieſe den Ausdruck demüthiger Bitte an.„Der Herr kennt ſie? der Herr kennt die Gräfin!“ rief ſie mehr⸗ mals immer heftiger.„Der Herr hat alſo dieſe vor⸗ nehme Dame geſehen: ſie, die—— der Herr kennt die Gräfin Sillſtina“)—— o Gott verzeih mir die⸗ ſes Wort! vergebt mir! ich will ſie nicht mehr ſo nen⸗ nen, wie ſie unter uns Leuten heißt. Gräfin Celeſtine iſt ihr hoher, großer und glücklicher Taufnamen. Kennt der Herr ſie ſo gut— ſagen Sie es mir— kennen Sie ſie ſo gut, daß Sie in ihr Haus und mit ihr ſprechen dürfen? und können Sie ihr Herz zu Etwas bewegen?“ *) Sill heißt Häring. 85 „Die Gräfin Zeyton iſt, ſo viel ich weiß, gegen Niemand hart.“ „O das meine ich nicht. Sie iſt gerade nicht böſe. Aber Niemand darf zu ihr ins Schloß und ein Wort mit ihr reden. Ihr Bedienter weiſt Jedermann zurück. ie iſt ſo krank, daß es weit ſchlimmer iſt, als wenn ſie böſe wäre.“ „Habt Ihr ihr etwas zu ſagen, Ellin? Ich ver⸗ ſpreche euch, es anzubringen; ich habe freien Zutritt zu ihrer Perſon, wann ich will.“ Die Hexe ſchlug mit einer unbeſchreiblichen Freude ihre Hände zuſammen.„Jetzt kann die Sonne mit⸗ ten in der Nacht aufgehen, ich bürge dafür, daß es möglich iſt! Matts Perſon tritt heran und küſſe dem Herrn die Hand, und laß alle deine Jungens um den Meiler tanzen. Denn jetzt bekommſt du neunzehn Körbe! Und ſollte dir auch der verwünſchte Meiler nicht mehr als dreizehn geben, ſo verlaß dich auf mich, daß es nichts thut. Hier iſt ein Herr, der mit der gnädigen Frau in Karmansbal ſprechen darf und ſie biegen kann wie weißes Wachs.“ „Aber liebe Mutter,“ fragte Alexander,„ſagt mir aufrichtig, warum euch das ſo unausſprechlich freut? Habt ihr der Gräfin etwas Beſonderes vorzu⸗ bringen.“ „Ja wohl.“ „Vom Grafen?“ Ellin ſah den Fremden ſcharf an, gab jedoch keine Antwort. Dann ſah ſie ſich nach allen Seiten um, nahm eine jetzt vollſtändig gebratene neue Rübe vom Feuer, fing an zu eſſen und ſagte dabei:„Spiele deine Koboldpolka vor dem Meilerloch, Jerker! Da wird ſo viel Kohle herauskommen, daß du die ganze Stadt Jönköping damit rußig machen kannſt, wenn du einmal dorthin kommſt. Freue dich, freue dich, wie ein Hund, mein Junge!“ Die Kinder antworteten ihr mit einem gellenden 86 und herzlichen Gelächter. Jerker ſtrich ſeinen Baß ſo heldenmüthig, daß dem Paganini ſelbſt die Seele vor Freude aus dem Leibe gehüpft wäre; und ſein Bogen bearbeitete die Quinte mit einer Zuverſicht, welche ſo⸗ gar die Ole Bulls übertraf. Dennoch ſpielte er nicht nach Beriots Methode. Der Wald wiederhallte von Hoffnung, Luſt und Troſt, denn ſie wußten ja jetzt, daß es ihnen den ganzen Winter über nicht an Eſſen fehlen würde. Die kleinern Knaben bildeten einen Ring und tanzten wie flatternde Fledermäuſe um den Meiler. Mutter Ellin trat die Spitze ihres Meſſers durch die todte Katze, hob ſie empor wie eine Trophäe, und warf ſie dann weit hinweg, indem ſie ausrief: „Dich ſoll der Teufel auf ewige Zeit behalten. Ich will nicht einmal in der Hölle von dir eſſen, viel we⸗ niger hier! Geht bei Seite, Jungen, und begrabt ſie.“ Herr Alexander wurde nachdenklich.„Sie will ganz gewiß ohne Zeugen mit mir ſprechen, um etwas von der Gräfin zu erhalten; und auch ich will von ihr herauslocken, wo ſich der Graf befindet. Aber hier in der freien Luft läßt ſich nichts der Art entdecken.“ „Hört mal, mein lieber Vater Matts,“ ſagte er laut,„wohnt ihr weit von hier?“ „Meine Hütte liegt nicht weit von der Straße ab, gerade hinter dem Holzhaufen.“ „Gut; mein Wagen hält ebenfalls in der Nähe. Ich möchte bei euch einkehren und auf dieſe Freude cin wenig ausruhen. Mutter Ellin begleitet mich und zeigt mir den Weg; nicht ſo? Ihr braucht nicht ſelbſt mit zu gehen, Vater; auch keiner von den Jungen. Beſorgt nur euren Meiler.“ Ellin verſtand ihn. Sie nickte dem fremden Herrn ein ziemlich freundliches Ja zu, dem Köhler jedoch ein befehlendes Nein, als dieſer aus Artigkeit ſeinen neuen Gaſt nach ſeiner Wohnung begleiten wollte und ſchon die Mütze in der Hand hielt. Während Medenberg und die Hexe von dem Mei⸗ 87 ler aus der Straße zugingen, ſprach ſie in einem An⸗ fall ungewöhnlicher Vertraulichkeit:„Ich weiß wohl⸗ wer der Herr iſt; verlaſſen Sie ſich darauf. Sie ſind der große Informator, den ſie gegenwärtig in Aron⸗ fors haben? Ja, meiner Seel, ſo iſt's. Sie ſind der Herr, der Alles im Werke anordnet und regiert, ſeit der närriſche Mekeroth todt iſt; und der die Patronin heirathen wird, ſobald das Trauerjahr glücklich vor⸗ über iſt, nicht wahr?“ „Redet keinen Unſinn, Mutter!“ verſetzte Meden⸗ berg, und erröthete ſo ſtark, daß es beinahe trotz des geringen Sternenlichtes ſichtbar wurde. „Unfinn?“ wiederholte die Alte ſtreng. Doch ſchien ſie nicht weiter beleidigt oder böſe zu ſein, ſondern ſetzte binzu:„Ich kenne den Herrn recht gut von mei⸗ ner Tochter aus, die wirklich in Blommenäs iſt und für die Marſchallin feinen Drillich webt. Alle ſagen, der Herr ſei ein Mann, der ſich überall verheirathen könne, wo er nur wolle. Aber meine Tochter Ellin ſagt das nicht; ſie erzählt mir nur, was die Andern reden. Wenn nun der Herr bei der Gräfin in Kar⸗ mansbal eben ſo bekannt iſt, ſo wollen wir Gott dan⸗ ken; denn mehr bedarf es nicht.“ „Hört, meine Liebe,“ ſagte Alexander in einem ſcharfen Tone, der ganz ungewöhnlich bei ihm war: „Ich wünſchte mit euch durchaus nicht über Diuge zu reden, die Niemand etwas angehen und zudem ganz grundlos ſind.“ „Ja, ja, Herr, ſo iſt es mit Allem, was die Leute reden.“ „Aber ihr ſeid in einem Alter, Mutter, wo man eiwas mehr Verſtand haben ſollte. Wenn ihr dieſen Gegenſtand nicht aufgeben und über Heirathen ſchwei⸗ gen wollt, aus denen nie etwas wird, ſo fahre ich weiter und betheure euch, daß ich nie ein Wort zu euren Gunſten bei der Gräfin Zeyton fallen laſſen werde.“ 88 „So, ſo,“ verſetzte ſie trocken,„nun wir ſind ja jetzt auf der Straße und ich ſehe dort den Wagen des Herrn. Alſo ſchönen guten Abend.“ „Wie ſagſt du, Alte?“ „Ei, ich ſagte Ihnen einen ſchönen guten Abend: der Herr mag jetzt wieder einſitzen und weiter fahren.“ „Es iſt wahr. Aber wir wollten ja zuerſt nach Mattſens Wohnung gehen, die, wenn ich recht gehört habe, nicht weit von hier liegt, und dort wolltet ihr mir mittheilen—“ „Guten Abend, ſchönen guten Abend! ſag' ich. Glückliche Reiſe, bis ihr umwerft und das Genick brecht.“ „Aber wozu hilft dieſes unnöthige Geſchwätz, meine gute kleine Mutter Ellin? Ihr wollt mich beſtimmt um etwas bitten wegen der Gräfin; und aufrichtig ge⸗ ſagt, ich habe euch auch um Etwas zu bitten, das mir ſehr am Herzen liegt.“ „Ei? das muß ich ſagen!“ „Führt mich daher nach dem Köhlerkathen. Der Wagen ſoll uns langſam nachfahren.“ „Iſt es möglich? ein ſo großer Herr hat mich um Etwas zu fragen? Wiſſen Sie denn nicht, wer ich bin, Herr? ein elendes altes Weib! eine arme, ver⸗ achtete Hexe, die Niemand Rechtes bei ſich ſehen oder gar ſprechen will—“ „Ich weiß, daß ihr ein Ungethüm ſeid, Mutter; ein ordentliches, gefälliges Ungethüm, das mir die Aufklärung geben kann, die ich zu erhalten wünſchez und dem ich dafür einen ſo großen Gegendienſt leiſten werde, als es nur will. Laßt uns daher hineingehen und gefällig gegen einander ſein.“ ————* Achtunddreißigſtes Kapitel.. Die Geſchichte von der Todten. Sie brüllten und kläfften nicht umſonſt. Mutter Ellin und Herr Medenberg ſaßen jetzt in dem innern Stübchen des Kathens⸗ das, ſo arm es auch war, den Reiz der Sauberkeit nicht entbehrte. „Legt jetzt alle grobe Redensarten bei Seite, ſprecht nicht von Heirathen, und zankt nicht, beſte Mutter,“ begann er.„Seid menſchlich! Macht auch keine langen Ein⸗ leitungen; denn ihr müßt wiſſen, daß ich die Geſchichte eurer unglücklichen Familie, eures Vaters, eurer Schweſter und eurer ſelbſt vollſtändig kenne.“ Ellin ſah ihn mit großen, aber ſehr ſchönen Au⸗ gen an. Sie führte eine Schaale friſchen Quellwaſſers zum Munde, worauf all die dunſtigen Nebelbilder aus ihrem Kopfe verſchwanden, die während der Beſchwö⸗ rung am Meiler etwa hatten eindringen können. Sie ſetzte ſich vertraulich und gutmüthig an den Tiſch, zu dem auch Medenberg ſeinen Stuhl hinge⸗ rückt hatte. Sie blickte ihn etwas verlegen an und ſagte mit einer unſichern Stimme:„Sie wiſſen alſo, Herr— Sie wiſſen, daß ich eine Perſon bin, die— daß ich von Familie bin?“ „Ich kenne eure gute und ehrliche Herkunft,“ er⸗ wiederte er.„Ich bin auch mit dem Schickſal eurer Schweſter und dem eures Neffen bekannt. Um euch ein volles Zutrauen zu mir einzuflößen⸗ will ich hin⸗ zuſetzen, daß ich Alles zu thun im Sinne habe, was in der geringen Macht eines Menſchen ſteht, um Nickol⸗ ſon zu retten, zu dem ich nach den Erzählungen eurer Tochter eine innige und beſondere Neigung gefaßt habe; und in welcher Sache ich überdieß ſelbſt—“ Die Alte warf einen ſanft leuchtenden Blick auf ihn.„Ich täuſchte mich nicht in dir, Herr, ſchon am erſten Tag als ich dich ſah. Ach verzeihen Sie mir! d 94 nicht mehr in Karmansbal zu bleiben wagt, um nicht von der Gerechtigkeit dort ergriffen zu werden, jetzt war er gezwungen, mir dieß von meiner Schweſter zu entdecken, damit ich mich der unglücklichſeligen Gefan⸗ genen annähme. Ach! Kann ich denn zur Gräfin ge⸗ hen? Sagen Sie mir, iſt ſie nicht ſtreng und böſe? Wird ſie mich nicht fortjagen als ein verrücktes Weibs⸗ bild? Herr, gehen Sie für mich hin! Holen Sie meine Schweſter aus dem verzauberten Neſte, und ſeinen dicken, ſchwarzen Mauern!“ „Iſt Joachima denn in Karmansbal!“ Ellin nickte ein geheimnißvolles Ja. „Aber wo denn? Wißt ihr es, Mutter Ellin?“ „Ich weiß es. Befreien Sie ſie, Herr, und brin⸗ gen Sie ſie zu mir. Früher war ich nicht bekümmert; denn meine Ellin iſt jetzt bei einer guten Frau, wo ſie leben, weben und ſterben kann. Und um meiner ſelbſt willen weine ich nie; denn eine Hexe bedarf nicht viel; die Leute geben mir Alles, was ich brauche. Heute aber bat der Kummer bei mir eingekehrt! meine Schwe⸗ fler Joachima lebt!“ „Sie ſoll nicht Noth leiden,“ entgegnete Alexan⸗ der mit Zuverſicht.„Wenn ſie in Karmansbal iſt, ſo ſtehe ich für Alles. Die gute Gräfin iſt ein Engel⸗ es bedarf nur eines Worters von mir, und die Un⸗ glückliche iſt frei.“ „Nein, mein Herr, ſo geht es nicht. Ich habe Zeyton geſtern einen Eid daräuf geſchworen, daß die Grafin in Karmansbal Joachima mit keinem Auge ſehen ſoll. Er hat ihr einmal geſagt, meine Schwe⸗ ſter ſei ſchon längſt todt, was auch die ganze Welt glaubte. Ich ſelbſt ſogar war dieſer Meinung, wie das ganze Kirchſpiel. Sie ſollte auf einer Reiſe mit dem Grafen an einem fernen Punkte des Landes ge⸗ ſtorben und dort begraben ſein.“ „Und wo bewahrte er ſie? Habt ihr den Schlüſ⸗ ſel zu ihrem Zimmer?“ 92 „Er gab mir heuie den Schlüſſel: ſehen Sie hier. Sie waren jin dem ſchrecklichen, hölliſchen Schloſſe; Sie wiſſen alſo, daß zwei furchtbare Hunde beſtändig vor der Eiſengallerie des Hofes bei der hohen, brei⸗ ten Treppe ſtehen und bellen. Gott weiß, in welch alter Zeit das Haus gebaut wurde; aber da gibt es Zimmer! Kein Haus in unſerer Gegend hat einen ſo großen ſteinernen Grundſtock, das beweiſt die ge⸗ waltige Treppe, die in den Vorſaal führt. Im Kel⸗ lerſtock iſt eine Kammer, zu der unbekannte Gänge führen; und hier iſt der Schlüſſel zu denſelben. Da⸗ mit aber Niemand, der in den Hof ging, die Seuf⸗ zer durch die Mauer durch hören ſollte— ach, wann hört man Seufzer und Weinen durch einen ſo dicken Felſenftein? aber ſo vorſichtig war der Graf— ſo waren die Hunde da, die immer bellten, ſo bald ſich irgend Jemand vor dem Hofe zeigte und etwas hören konnte. Sie brüllten und kläfften nicht umſonſt, Herr!“ „Ich erinnere mich ihrer; auch das hohe Stein⸗ fundament habe ich geſehen.“ „So ſehen Sie hier auch den Schlüſſel. Nehme. Sie ihn und helfen Sie meiner Schweſter heraus Graf Zeyton hat die Thüre wieder verſchloſſen; aber als er mit mir ſprach, war er ſo ſeltſam, ſo halb verrückt, daß es viel iſt, wenn er nur die Thüre wie⸗ der reht zu ſchließen vermochte, als er ging und meine Schweſter verließ. Ach Herr, der Zeyton iſt ein Aus⸗ länder! und Niemand war ſo erbittert auf ihn, wie ich. Aber geſtern Abend habe ich ihm viel verzeihen müſſen; ich konnte nicht anders, als ich ihn anſah; er war raſend vor Verzweiflung. Er machte es mir zur Ge⸗ wiſſensſache Joachima fortzuführen, damit ſie nicht ohne Pflege ſtürbe oder von der Gräfin entdeckt würde Sn Zeptons verbrecheriſches Geheimniß an den Tag äme.“ „So etwas konnte nur ein Phantaſt von Eng⸗ länder thun und ſo viele Jahre lang fortſetzen!“ 93 „Mein Herr— ſo ſehr liebte der Graf meine Schweſter, daß er ſich ſelbſt täglich, ſo oft er auf ſei⸗ nem Schloſſe daheim war, beim Schein der Lampe mehre Stunden lang in das Gewölbe zu ihr einſchloß; und wenn er wohin reiſte, ließ er ſie nie ohne hin⸗ reichende Lebensmittel; auch war das Zimmer, wie er mir ſagte in jeder Beziehung gut, aber ach! ſie durfte ja nie ausgehen und niemals das Sonnenlicht ſehen. Dieß allein war des Grafen Leben, unter tau⸗ ſend Sorgen und bittern Gewiſſensbiſſen. Oft glaubte man ihn lange und weit verreiſt, wenn er ſich ins Geheim im Dunkel der Nacht nach Karmansbal zu⸗ rückgeſchlichen hatte, und in dem verzauberten ſchönen Gewölbe bei der kranken, hinſchwindenden Joachima ſaß; denn meine Schweſter war nie geſund— obſchon ſie nicht ſterben konnte.“ „Die Arme! So ſehr hatte er ſie alſo doch geliebt!“ „O mein Herr, ſo ſehr hatte er ſie aber nicht geliebt, daß er ſich mit ihr verheirathete. Das war ſehr ſchlecht; nach einer folchen That war dieß ſeine Pflicht.“ „Ich kenne die Sache. Ich weiß, daß ſie zur Hälfte, zu dreiviertheilen das Werk eines Andern war.“ „Daß er meine Schweſter nicht heirathete? War es wirklich ſo? O daß ich es glauben könnte! Aber ich glaube es gerne.“ „Ueberwältigt von einer Beleidigung, einer tücki⸗ ſchen Kabale wurde ſein heißes engliſches Gemüth zu etwas vermocht, was ein ſchwediſches nie gethan ha⸗ ben würde. Er ging hin und bewarb ſich um eine, die er nicht liebte; um die Gräfin, die er bekam, und jetzt hat. Sein Leben war nichts als eine Reihe von Widerſprüchen, Verbrechen und Verwünſchungen. Wo iſt er hingeflohen? Wo verbirgt er ſich?“ 94 „Ich weiß nicht, wo er gerade wirklich iſt; und wüßte ich es auch, ſo bindet ein Eid meine Zunge.“ Da er ſelbft nicht mehr wagt, nach Karmansbal zurückzukommen aus Furcht vor dem bei den Gerichts⸗ verhandlungen aufgetauchten Gerüchte, ſo wünſcht er, vermuthe ich, ſeine Joachima aus Karmansbal befreit und nach dem Ort geleitet zu ſehen, wo er ſich ſelbſt aufhält? Iſt es nicht ſo?“ „Das hat er mir nicht geſagt. Alles, um was er mich gebeten hat, iſt, daß ich mich nach Karmans⸗ bal begeben, einen Vorwand zum Beſuche bei der Gräfin aufſuchen, und wenn ich mich mit den Orts⸗ verhältniſſen gehörig bekannt gemacht hätte, meine Schweſter ſo bald als möglich und unter dem Schutze der Finſterniß aus dem Hauſe führen möchte.“ „Und wohin ſolltet ihr ſie führen? Zum Grafen, ohne Zweifel. Und wo iſt er? Seyd ganz aufrich⸗ tig gegen mich: ich kann euch ſonſt nicht helfen.“ „Ich ſollte meine arme Schweſter zu mir brin⸗ gen, und ſie ſollte bei mir wohnen: weiter hat Zey⸗ ton nichts geſagt.“ „Bei euch? in Dädemohult? Das iſt nicht mög⸗ lich: dort würde es ja bald bekannt werden, daß ſie lebte. Ihr ſeyd nicht recht offen gegen mich, Ellin: Dieß Mal eben ſo wenig, wie das erſte Mal, wo wir uns trafen. Nun— ich kann es auch nicht von Euch verlangen; es mag ſo ſein. Uebrigens kann auch das nicht ganz der Wahrheit gemäß ſeyn, daß der Graf ganz allein, ohne Beihülfe eure Schweſter in dem„ſchönen verzauberten“ Gewölbe gewartet hahe.“ „Wen hätte er dann zum Mitwiſſer eines ſo wichtigen Geheimniſſes machen ſollen?“ rief Ellin und ſprang auf. „Das weiß ich nicht. Es geht mich auch nichts an: ich achte, was ihr oder er verſchwiegen laſſen wollte. Ich bemerke nur, daß ich es ungereimt finde: ſagt mir 1 ⸗ t 2 W Xe v N 95 jetzt, gute Ellin, was ihr wollt, daß ich in der ganzen Sache thun ſoll?“ „Meine Schweſter aus Karmansbal befreien und ſie zu mir bringen! Dann wären Sie ein Engel Goites, Herr. Ach ich bin feſt überzeugt, daß der Herr nur deßhalb heute Nacht hieher reiſen und mich treffen mußte. Sehen Sie, ſo wollte es Gott!“ Medenberg war betroffen.„Geht ſelbſt nach Karmansbal,“ ſagte er.„Seyd ohne Furcht. Ihr habt ja den Schlüſſel zu Joachima's Zimmer, geht alſo dorthin. Ich bin jetzt nach einer ganz andern Richtung bin auf dem Wege, und kann nicht ſo bald wieder nach Karmansbal fahren. Wäret ihr denn nicht auf alle Fälle aus Liebe zu eurer Schweſter mit dem früheſten dahin gegangen!“ „Ja, morgen früh. Oder“— ſie hielt ſchnell inne—„ich hatte mir vorgenommen, dahin zu gehen; aber— ich würde doch nie hingegangen ſein.“ „Wie?“ „Nein 1“ „Aber ich ſage euch, thut jetzt eure Schuldigkeit gegen eure Schweſter, wie wenn ihr mich heute nicht getroffen hättet.“ „Aber da ich Sie getroffen habe, mein guter Herr— wie gut Sie ſind, das hab' ich ſchon früher enideckt!— ſo bitte ich Sie ſchön: gehen Sie an mei⸗ ner Stelle. Denn thun Sie es nicht, ich komme nie, niemals hin. Das iſt gewiß!“ „Ihr fürchtet alſo den Anblick der Gräfin?“— Medenberg ſah forſchend auf die Alte. „Mein Herr— ja!“ „Aus welchem Grunde? Sagt es mir. Ihr habt wohl Si einmal mit ihr geſprochen?“ „Ihr habt ſie beleidigt?“ „Ja.“ „Schwer?“ 96 „Ja.“ „Vielleicht ſchrecklich? auf eure gewöhnliche Art?“ „Ich habe ihr einmal prophezeit.“ „Da haben wir's! Ich ahnte das. Aus Rache oder Zorn wegen eurer unglücklichen Schweſter habt ihr der unglücklichen Gräfin Celeſtine Böſes pro⸗ phezeiht!“ „Still, mein Herr; wagen Sie nicht, ſo mit mir zu ſprechen. Ich habe der Gräfin nichts Anderes ge⸗ ſagt, als was mir der Geiſt eingab, als ich in die ihrer Hand und die Adern ihres Angeſichtes d „Und was habt ihr ihr prophezeit?“ „Daß ſie vergeſſen, verachtet, gehaßt ſterben wür⸗ de, als das unächte Weib eines Mannes, der ſie ver⸗ abſcheute.“ „Grauſame, Elende! Doch verzeiht mir, Ellin; ihr hattet eine Schweſter.“ „Die Gräfin ſank bei dieſen Worten ohnmächtig in ihren Seſſel zurück. Sie war von dem, was ich geſagt hatte, niedergeſchmettert, wie wohl ich nur die Wahrheit geſagt hatte. Es würde mir nun wehe thun, wenn ich ihre ſchönen, ſanften Züge noch ein⸗ mal ſehen müßte.“ „Wie konntet ihr ſo grauſam ſein, und einem feinen und unglücklichen Weſen ſo harte, unerhörte Dinge prophezeihen!“ „Ein feines und unglückliches Weſen— ja, das iſt meine Schweſter.“ Medenberg beſann ſich. Er wollte nicht mehr mit Vorwürfen gegen eine Perſon fortfahren, die wenn auch ohne Zweifel zur Hälfte ein böſes Weſen, doch zur andern Hälfte ein Menſch war. Er nahm ein Papier aus ſeiner Brieftaſche, und da es— verzeih⸗ licherweiſe— kein Tintenzeug in der Kammer gab, in der ſie ſaßen, ſo ſchrieb er mit ſeinem Bleiſtifte⸗ 24 che bt ro⸗ nir Je⸗ die tes ir⸗ er⸗ in; tig die ehe in⸗ tem rte das . 1 mit enn doch ein eih⸗ ab, ifte. 97 Als er das Billet zuſammengewickelt hatte, gab er es der Mutter Ellin und ſagte: „Gebt dieſen Brief morgen der Frau von Meke⸗ roth, die bis dahin noch in Karmansbal ſein wird, wohin ſie auf Beſuch ging. Sie wird alles ins Reine bringen, was ihr in Betreff der Gräfin Zepton be⸗ dürft. Seid verſichert, daß dadurch alle Hinderniſſe der Befreiung eurer Schweſter aus den Mauern ihres Gefängniſſes— oder wie ihr es nennt— gehoben werden. Seid gutes Muthes.“ Mutter Ellin nahm den Brief, dankte mit einem tiefen Knixe, wie ein gewöhnliches Weib, und wünſchte dem„guten Herrn“ eine glückliche Reiſe. „Hört mal, meine liebe Mutter,“ ſagte er,„da wir jetzt ſo gute Freunde geworden ſind, ſo belehrt mich ein wenig, ehe wir ſcheiden, welchen Weg ich heute Nacht einſchlagen ſoll.“ Er erzählte ihr in der Kürze, wie es gekommen ſei, daß er den Weg zur Rechten eingeſchlagen; und wie er dadurch ſo unvermutheterweiſe in ihre Geſell⸗ ſchaft gerathen ſey. Er ſagte ihr zugleich, daß er ſich in die Nähe von Vernamo begeben wolle; und fragte, ob er auf dem rechten Wege zu dem nächſten Wirths⸗ hofe in dieſer Richtung ſey. Die Alte ſchlug die Hände zuſammen.„Nein! Sie haben einen ſchönen Umweg gemacht!“ rief ſie aus.„Doch laſſen Sie es ſich nicht reuen; denn dadurch iſt eine gute, gute That geſchehen.— O mein Herr! wenn Sie wüßten, daß es mir ſonſt unmöglich, ganz und gar unmöglich geweſen wäre, zu meiner Schweſter zu gehen und ſie aus ihrem Gefängniſſe zu befreien!“ Sie unterbrach ſich ſelbſt. Dann begann ſie ihn freundlich und ausführlich zu belehren, wie er fahren ſollte, um am beſten und ſchnellſten dahin zu kommen, wohin er wünſchte. Alexander ging zu ſeinem Wagen, der ihn nebſt dem Poſtjungen unter allerhand Gedanken(der letztere Drei Frauen in Smaland. M. 7 98 nämlich) erwartet hatte. Die Pferde waren jedoch durchaus nicht unzufrieden mit dem Aufenthalt geweſen⸗, da ſie unterdeſſen ein Paar Kuchen gutes Haferbrod verſpeiſt hatten, was mehr war, als mancher Andere bekommen hatte. Neununddreißigſtes Kapitel. Der Pater und der Sohn. Mit dieſen Worten, die der Angekommene eher mit der wildeſten Luſt herausſchrie, als wie ein Menſch ausſprach, ſtürzte er in die Arme ſeines Sohnes, umſchloß ihn wie wahn⸗ ſinnig und küßte ihn. Wir ſehen eines Nachmittags unſern lieben Rei⸗ ſenden an einem kleinen Orte halten, der eine äußerſt romantiſche Lage hatte und wo er ſchon früher ein⸗ mal geweſen war. Es war der Ort, wo er Rickolſon krank und niedergeſchlagen bei den alten Leuten ge⸗ laſſen hatte, während Göran Edeling mit der übrigen Bande, die er auf ſeine Seite gebracht hatte, abzog. Wir wiſſen bereits, doß dieſer Ort ziemlich weit von dem Kirchſpiele entfernt lag, wo Aronfors, Karmans⸗ bal und Blommenäs ihr Kleeblatt flochten. Man pftegte ihn das Haus des Alten am Halkrok zu nen⸗ nen. Wir wollen nicht weiter auseinander ſetzen, ob er in Bringrofta oder ſonſt wo lag. Gewiß iſt, daß Medenberg ſich erinnerte, bei der Alten ein ſchönes Gewebe beſtellt zu haben, und daß er die Sachen mit dieſem Geſchäfte einzuleiten gedachte. Er öfſnete die Thüre und trat mit den beſten Hoffnungen ein. Wie war er nicht erſtaunt, als er nichts mehr wiedererkannte! nh 1 120 — — — ————— M 99 Zwar waren die Wände noch dieſelben; aber der Webeſtuhl, wo Mans Bryntesſons Weib am nie⸗ dern Fenſter geſeſſen, war verſchwunden; und verge⸗ bens fah er ſich nach der Alten ſelbſt um. Statt ih⸗ rer erblickte er ein Paar junge Leute von dem ſchön⸗ ſten, wackerſten Ausſehen. Der Mann war offenbar ein Schreiner von jener allgemeinen ländlichen Gat⸗ tung, die den Herrſchaften im Kirchſpiel Alles macht, was aus Holz verfertigt werden kann! Wagen, Rä⸗ der, Schlittengeſtelle, Schemel, Küchenbretter, kleine Spiegelrahmen und Schaufeln. Ein ſolcher Mann polirt und firnißt auch. Dieß ging daraus hervor, daß eben eine kleine Pfanne auf dem Feuer ſtand, mit Etwas darin, das ſehr gut roch. Medenberg grüßte und fragte, wo die Leute hin⸗ gekommen ſeien, die früher hier gewohnt hätten. Der Tiſchler erwiederte den Gruß ſeines unver⸗ mutheten Gaſtes, und erhob die Hand von einer Rad⸗ nabe, in die ex eben die Speichen einfaßte. Es lag etwas wahrhaſt Ppetiſches in ſeinen Manieren, und in der Art, wie ſeine Locken eben ſo anmuthig als natürlich an dem Rande der kleinen Mütze hervor⸗ quollen, während er arbeitete. Auf die Frage des Ankömmlings, antwortete er ſanft, aber ganz un⸗ genirt:„Die, welche früher hier gewohnt haben? Fragt der Herr nach dem Höllenpack? nach dem Diebs⸗ hehler Mans Bryntesſon?“ „Sagen Sie mir gefälligſt, mein Freund, wie das Alles zuſammenhängt? ich werde ſogleich weiter fahren, wenn ich die, die ich ſuche, nicht hier treffe. Ich weiß wohl, daß es mit dem Alten ſo ſtand; auch will ich nichts von ihm, ſondern ich wünſchte einen unglücklichen kranken Menſchen zu treffen; der—“ „Der Herr meint den Thörichten, wie ich glaube?“ „Den Thörichten?“ „Ja, ich ſollte eigentlich beſſer ſagen die Thö⸗ richten. Die Geſchichte iſt nicht ſehr langz denn der 100 Alte am Halkrok, wie man ihn nannte, hat eine ſchnelle Abfahrt von hier genommen, und ſeine zwei Thoren ebenfalls, obſchon es mir um den Einen leid that.“ ⸗ „War denn mehr als ein Kranker hier?“ gewiß, Zwei.“ 1 „Dieß erregt meine Verwunderung im höchſten Grade. Fönnen Sie mir die Gefälligkeit erweiſen und mir mit ein Paar Worten den Verlauf der Sache erzählen, vor Allem aber ſagen Sie mir, welchen Weg ſie eingeſchlagen haben?“ „Welchen Weg, mein Herr? Haha! Das weiß Niemand, der nicht ſelbſt ein Dieb iſt. Der ſchlaue alte Bryntesſon war mit einer großen Bande ver⸗ brüdert, als aber dieſe entdeckt ward, wurde es dem Kukuk Angſt für ſeine eigenen Flügel, und er zog mit der Krähe, ſeinem Weibe, Hals über Kopf, von dannen. Von ihm wird wobl auch der Herr, als ein ſo feiner und rechtſchaffener Mann, Nichts wollen. Ich bin nach ihm hier eingezogen, ſobald ich die Erlaubniß dazu von der Obrigkeit hatte, die über die Häuſer zu be⸗ fehlen hat. Aber geſtern, Herr, da war ein Feſt hier! So etwas möchte ich nicht noch einmal erleben; ich könnte blutige Thränen weinen, wenn ich nur daran denke: wie ich jetzt auch wirklich thue.“ „Was wolli ihr damit ſagen? Betrifft es einen jungen Mann, der hier bei den Entwichenen lebte oder vielleicht in dem Walde neben an wohnte?“ „Ja wohl, eben den. Der Herr kennt alſo die Burſche? Es iſt mir, als ſtarre ich auf ein ſchwarzes Dunkel, wenn ich nur an die Geſchichte denke!“ Der gute Mann veränderte ſchnell ſeinen Ton⸗ nahm die kleine Mütze ab, die ſein ſpielendes Haar bedeckte und zuſammenhielt, drückte jene zwiſchen den Händen, und zeigte eine große Rührung.„Jetzt— jetzt habe ich erfahren, was Sünde iſt!“ ſagte er 104 lebhaft.„Wer nicht geſehen hat, was ich geſtern geſehen habe, der kennt noch nichts. Und das war ein Vater!“ Alexander ſetzte ſich in unwillkührlichem Schreck, ſo furchtlos er auch ſonſt zu ſein pflegte. Der geſchickte Handwerksmann fuhr mit einem Ernſte fort, der bei Arbeitsleuten oft in ſehr naher Verbindung mit einem muntern, lebensfrohen Sinne ſteht.„Herr! nie mebr will ich einen Menſchen ver⸗ dammen, das ſei ein für alle Mal geſagt. Denn ent⸗ weder iſt einer der Vater eines Sohnes, oder der Sohn eines Vaters. Nicht wahr? Dieſe aber kön⸗ nen, wenn es ſich ſo gibt, einander gehörig verderben.“ „Ha— ich ahne!“ fiel Medenberg ein.„Ein älterer Mann war hier? Sprecht, ſuchte ein älterer Herr den jüngern?“ „Ja freilich!“ „Erzählt! erzählt! Er war erſt ganz kürzlich hier?“ „Erſt Geſtern. „Welchen Weg haben ſie eingeſchlagen?“ „Das weiß der Henker!“ „Aber— ohne Umſchweif—“ „Setzen Sie ſich doch, mein lieber Herr; es paßt ſich nicht, daß Fremde ſtehen! Nun jener jüngere Mann — ich weiß nicht eigentlich, was er war; wahrſchein⸗ lich aber war er ein Spitzbube, da der Alte am Hal⸗ krok zu ſeiner Bekanntſchaft gehörte— um dieſen jun⸗ gen Mann that es mir wirklich leid, das muß ich ſa⸗ gen. Als ich zuerſt hieher kam, blieb er nach Mans Bryntesſons Abzug zurück, und bat mich, bei mir ar⸗ beiten zu dürfen, ſo gut er könnte. Er war kränklich und ſehr elend. Aber er weinte oft, war voll Reue und las Morgens, Mittags und Abends ſein Gebet; und ich merkte, daß wenn er auch kein ganzer Leſer*) war, er doch gewiß die Predigten der Maria Andres⸗ tochter in Wrigſtadt und Nydala gehört hatte. Ich *) Religiöſe Sekte in Schweden. 102 liebte ihn darum; er konnte keinen großen Gewinn erarbeiten, aber ich ließ es gerne gehen, wie es ging und freute mich darüber, daß Gott der Vater ihn durch ſeinen heiligen Geiſt umgewandelt hatte. Denn ſehen Sie, Herr, ich ſchäme mich nicht zu bekennen, daß ich ſelbſt ein Leſer bin, ſo bald mir der Hobel übrige Zeit läßt, aber der Herr ſoll vor Niemand ſagen, daß ich predige, denn ich habe es auch noch nie gethan, ſondern nur zugehört; nur das thue ich: ich erzähle an den Abenden meinem Weibe die ſchönſten Begeben⸗ heiten, Sagen und Hiſtorien; denn das freut mich noch mehr. Doch ich will auf den Herrn zurückkommen. Ich war überzeugt, daß ſich der Geiſt in vieſem Men⸗ ſchen bis zur Wurzel durchgebrochen hatte, ſo ſehr war er davon ergriffen, während er arbeitete; ſonſt ſaß er ſtille, ſittſam und anſtändig da, und ſah ſehr blaß aus. Das einzige Unrechte, was ich an ihm be⸗ merkte, war, daß er mich bat, ſeinen Namen zu verſchwei⸗ gen und ihn zu verbergen, falls man nach ihm for⸗ ſchen ſollte; denn er ſagte: Faſſen ſie mich, ſetzen ſie mich ein und ſtrafen mich, ſo kann ich denn nie mehr bereuen, und einen neuen Wandel beginnen, denn es iſt ja dann unmöglich, noch als ehrlicher Mann zu leben; darf ich aber bei euch ſein, und arbeiten und beten, vor aller Welt verborgen, dann kann ich doch noch hoffen, daß Gott eine Gnade an mir thut—“ „Und das ſagte er? Liebenswürdige, junge El⸗ lin, darin ſehe ich deinen Finger.“ „Mein Herr! es dauerte nicht lange, ſo kam wieder der grauſame Sturm über ihn.“ „Fiel er in die Sünde zurück?“ „Er würde es nicht von ſelbſt gethan haben, das glaube ich gewiß. Aber hören Sie nur! Geſtern kam ein vornehmer Herr hieher und ſuchte Joak(es macht jetzt nichts, wenn ich ſeinen Namen nenne, denn es iſt ja vorbei mit ihm). Der alte Mann kam in der Dämmerung; denn ſo ein feiner Herr er auch war, ——— ſo fürchtete er doch, von Jemand geſehen zu werden, das konnte ich wohl merken. Sobald ihn Joak er⸗ blickte, wechſelte er die Farbe, und fing an, am gan⸗ zen Leib wie Eſpenlaub zu zittern. Der fremde Herr war jedoch im Anfang ſauft und wehmüthig, und bat meinen Arbeiter, mit ihm hinauszugehen, da er et⸗ was unter vier Augen mit ihm ſprechen wolle. Sie gingen ein kleines Stück weit dem Walde zu; aber ich war darüber verwundert und ahnte nichts Gutes; ich ſtellte mich deßhalb dort hinter der Ecke auf die Lauer, um zu ſehen und zu hören.“ „Ich kann kaum athmen!“ „Der Alte ſprach ſehr ſchön; er nannte Joak ſeinen Sohn. Ja— wenn der Herr mir glauben will— er weinte bitterlich und ſchloß Joak in ſeine Arme. Er ſagte, er ſei jetzt ganz unglücklich und könne ſich nicht mehr vor den Leuten ſehen laſſen, ſondern wolle aus dem Land fliehen, wenigſtens für eine Zeit lang, für eine gute Zeit, bis es ſich heraus⸗ geſtellt hätte, ob die Zeugen erſchienen, die ihn zum Räuber, Dieb und Mörder machen würden, wenn ſie gefangen und zum Reden gezwungen würden. Dann bat er Joak, ſchnell die Geldſumme herbeizuſchaffen, die er in Verwabrung habe. Der Alte ſprach von 2— 3000 Reichsthalern, das hörte ich genau; und davon, ſagte er, wolle er ſeine Reiſe beſtreiten, und einſtweilen leben.“ „Der Sohn hatte dieſes Geld nicht mehr! ach—“ „Joak gab anfangs keine Antwort, ſondern ſtand da und zitterte am ganzen Leibe. Aber als der Va⸗ ter mit immer drohenderen Blicken in ihn drang, fiel er wie ein geſchlagenes Stück Vieh zu ſeinen Füßen nieder, umklammerte ſeine Kniee und ſchrie, das Geld ſei fort: Alles fort! Er ſagte auch, wem er es gege⸗ ben habe und wie die Sache gegangen ſei, doch hörte ich den Namen nicht recht. Da fuhr der Andere auf, und— o du mein Gott! ſo etwas will ich meiner 104 Lebtage nicht wieder ſehen. Er ſtampfte mit den Füßen, fluchte und ſchnaubte: Verräther, Dieb, Va⸗ termörder! Womit ſoll ich jetzt reiſen! Elender, nichtswürdiger Sohn! Ich glaubte wohl immer, daß du mich eines Tages verlaſſen und zu meinen Fein⸗ den übergehen würdeſt. O Qual über alle Qual! Ich bat dich, nach Evershult zu gehen und das Geld zu holen, obſchon ich damit nicht meinte, daß du es in Geſellſchaft jener Menſchen thun ſollteſt, ſondern allein, wie mein Plan dich anwies! Was hilft es mir jetzt, daß ich als Theilhaber an einem Einbruch Diebſtahl und Morde gebrandmarkt bin, da ich nicht die geringſte Frucht daraus ziehe? Joak, haſt du denn gar keinen Reichsthaler mehr? Ha— muß ich denn von Wald zu Wald fliehen, wenn ich nicht ge⸗ fangen und gehängt werden will, ohne auch nur das Geringſte von dem Geſtohlenen genoſſen zu haben?“ In wilder Wuth rannte er auf und nieder, ſtampfte auf den Boden, ballte die Fauſt und ſtemmte ſie dem Andern vor die Stirne. Dann rief er:„So kann ſich nur ein unehelicher Sohn gegen ſeinen Vater benehmen, der ihm doch das Leben gegeben, ihn ge⸗ kleidet, genährt und ihm Alles geſchenkt hat!“ „Konnte er's übers Herz bringen, ſo etwas zu ſagen?“ „Ich ſah, daß der junge Mann, ſo ſchwach er auch war, ſich bei dieſen Worten mit glühenden Wangen erhob, und ſchnell entgegnete:„Unehlich? Mein Vater ſelbſt iſt es, der mich dazu gemacht hat! Mein Vater iſt es, der mich von einer Unthat in die andere ſchickte!“— Dann ſprang auch er vorwärts, ſo ſehr er zitterte, ballte ſeine Fauſt, und ging kühn auf den Alten los. Als ſie Beide ſo, roth wie ein Paar ächte Hähne, einander gegenüber ſtanden, und ich ſie nicht unterbrechen wollte, um zu ſehen, wie es ablaufen würde, da, Herr, wurde plötzlich die Sache ganz anders. Der Alte wurde bei der letzten Ant⸗ — — wort ſeines Sohnes ſo weich, daß er zum Kreuz kroch. Ich merkte, daß er zu weinen anfing; ob es aber aus Liſt geſchah oder ihm wirklich das Herz blutete, das weiß nur der große Gott.„O mein Sohn!“ rief er,„wüßteſt du, wie Alles gegangen iſt, dann würdeſt du mir kéinen Vorwurf machen, ſon⸗ dern Erbarmen mit deinem Vater haben. Aber laß uns die Zeit nicht verlieren, wir ſind jetzt Beide un⸗ glücklich und müſſen auf die einzige Rettung denken, die uns übrig bleibt. Ich muß mich verbergen wie du. Wir werden zu den andern Männern im Walde eilen: wo ſind ſie gegenwärtig? Führe mich zu ih⸗ nen!“— Der Sohn trat zurück und ſagte, er wolle nicht mehr Räuber ſein.—„Gott!“ rief nun der Andere und ſiel ihm zu Füßen.„Mein Sohn! mein Sohn! da du dir dieß Geld haſt nehmen laſſen, ſo gibt es keinen andern Ausweg mehr, als daß wir uns zu den übrigen braven Galgenmännern geſellen: ich nenne ſie ſo, weil ſie verloren find wie du und ich: ſie ſind angegriffen und verfolgt, ich weiß es wohl: aber wir wollen ſie führen und zuſammenhal⸗ ten. Komm! Sage nicht nein! Du darfſt nicht nein ſagen! du darfſt nicht! Ich haſſe ihre Lebensweiſe ſo gut wie du. Aber wir müſſen ſo lange mit ihnen zuſammenhalten, bis wir uns wieder eine Summe verſchafft haben, dann können wir damit in ein an⸗ deres Land reiſen.“ Bei dieſen Worten ſtreckte der Vater ſeine Hand flehend gegen den Sohn, und ſprach aufs neue:„Ach denke nur darüber nach, ob du nicht ſelbſt an Allem Schuld biſt? Warum ließeſt du dir durch einen elenden Schurken das nehmen, was uns Beide gerettet haben würde? Willſt du jetzt, daß dein Vater, dein armer, elender, niederge⸗ ſchmetterter Vater, hier auf dem Mooſe des Waldes vor Hunger hinſterben, und ſein Leib da liegen ſoll, dem Zahne des Wolfes und der Klaue des Bären zum Raube? Oder willſt du, daß er ſich zeigen ſoll, 106 um gefangen, eingeſperrt, verurtheilt und enthauptet zu werden?“ Auf dieſe Worte hin, die ſelbſt mich rührten, der dabei ſtand und horchte, trat der arme Sohn einen Schritt zurück und antwortete mit gefal⸗ teten Händen:„Halt ein, Vater! warte nur noch ein wenig; der Mann, dem ich das Geld übergeben, war gewiß kein Schurke: er verſprach mir, mich zu retten und ſelbſt in Kurzem dahin zu bringen, er—“ „Schnell! ſchnell! wo ſind ſie? ich muß ihnen nach,“ rief Medenberg und näherte ſich der Thüre. „Aber der Alte,“ fuhr der Erzähler fort,„ſchüt⸗ telte den Kopf und entgegnete ihm: Joak! biſt du ein Kind, daß du an einen Menſchen glaubſt, der unſer Geld nahm und damit fortfuhr? Nein! da thue lie⸗ ber etwas Beſſeres! erhebe dich in deiner Kraft und glaube an Niemand— an Niemand, als an die Kraft deines Armes und die Klugheit deines Kopfes. Kehre zu dir ſelbſt zurück und begleite mich! Laß uns zu den Tapfern des Waldes eilen, die gelitten haben wie wir, und ſich durch männliche Thaten helfen werden, wie wir. Du— Joachimas und mein Sohn! komm in die Arme deines Vaters, ſo werde ich dich von⸗ dieſem Augenblicke an als ächt anerkennen. Werde ein Mann, der ſich lieber ſelbſt hilft, als Andere um Gnade anbettelt, dann werden wir einander treu durchs Leben begleiten und uns nie mehr trennen. Mit lautem Jubel werde ich es vor den Bäumen des Waldes verkünden, daß du— du mein ächter Sohn biſt! mein geliebter, mein reiner Sprößling! und daſſelbe werde ich Jedermanm offen ſagen, wohin wir fommen.“— WMit dieſen Worten, die der Angekom⸗ mene eher in der wildeſten Luſt herausſchrie, als wie ein Menſch ausſprach, ſprang er in die Arme ſeines Sohnes, umſchloß ihn wie wahnfinnig und küßte ihn. Ich ſah, wie das Geſicht des Sohnes dabei ſtrahlte; er erwiederte die Umarmung ſeines Vaters, ſtreckte die Hand gegen die Wolken empor, und ich glaube, et ch le 2 T n 107 er ſchwur. Jetzt war er nicht mehr blaß. Seine Augen glühten, wie die des Vaters, und ſeine kohl⸗ ſchwarzen Augbrauen zogen ſich zu ſo ſchrecklichen, drohenden Falten zuſammen, wie die des Alten nur jemals gethan. Ich ſtand, erſchrocken wie eine Droſ⸗ ſel, auf der Diele hinter der Ecke. Ich fing an, meine Gebete für das Wohlergehen der beiden Tho⸗ ren herzuſagen; doch ihre Vernunft kam nicht wieder zurück. Ich benahm mich ſehr erbärmlich bei der Sache. Ich hätte hervorſtürzen und den jungen Mann mit Gewalt von ſeinem Vater wegreißen ſollen, der der Teufel und nicht ſein Vater war. Ich ſtand aber ſo muthlos da, daß ich keinen Schritt zu thun wagte. Der alte Herr nahm ſeinen Sohn ſchnell mit in den Wagen, nachdem er ihm kaum erlaubt hatte, einen Ueberrock anzuziehen, den er noch in meiner Kammer hatte. So zogen ſie davon. Ich ſammelte zwar ſchnell einige Nachbarn, um ihnen, ſo raſch wir konn⸗ ten, nachzueilen. Ich wollte den armen Joak zu Got⸗ tes Geboten zurückbringen; und dann war es auch unſere Schuldigkeit, der Gerechtigkeit und des Lan⸗ deshauptmannes wegen, den Andern feſt zu nehmen, der meiner Anſicht nach ein großer Spitzbube ſein mußte. Aber wir gingen zu Fuß, da wir hier in den Waldhütten niemals Pferde haben. So entka⸗ men ſie uns. Doch vernahmen wir weiter außen im Lande von Einem aus Lannaskede, daß er den Wa⸗ gen und die Pferde geſehen habe, welche wir ihm beſchrieben, aber ohne die zwei Herrn. Wagen und Pferde hatte der Alte verkauft. Natürlicherweiſe konnte er von der Landſtraße nicht bis an die Höhlen der Diebe fahren, ſondern begab ſich, als er ihren Aufenthaltsort ausgeſpäht hatte, zu Fuße dahin, um ſich mit ihnen zu verbinden und den Blicken aller rechtſchaffenen Menſchen zu entgehen. So ging es denn mit Joak, wie mit dem kleinen Stern am Rande des Waldes: er gedachte am Himmel aufzuſteigen wie 108 die Andern; da kam eine große dicke Wolke, aus den Dünſten des Sumpfes emporgeſtiegen; ſie nahm den Stern und hüllte ihn in ihren grauen Mantel, ſo daß er verſchwand. Herr! als ich wieder zu mir herein⸗ kam und die Säge ergriff, die mein Arbeiter noch vor Kurzem gehandhabt hatte, war es mir, als gehe mir ihre Schneide mitten durch die Nieren.“ Alerander ſtand in ſinnendem Schweigen da und einen Augenblick lang ward ſeine Seele von dem Gedanken gepeinigt, daß er ſelbſt durch die Zurück⸗ nahme des Geldes von Nickolſon, ſo gerecht ſie auch war, die Urſache ſeines wiederholten Eintritts in die Bahn des Verbrechens geworden ſei.„Ich muß zu ihnen!“ brach er aus, von verdoppeltem Eifer getrie⸗ ben.„Wo aber ſoll ich ſie aufſuchen? Ohne Zwei⸗ fel bei den Haufen, die Göran Edeling eben be⸗ kämpft?“ Sein Entſchluß war gefaßt.„Lebt wohl, mein Freund,“ agte er, und drückte dem edlen Schreiner mit Wärme die Hand. Als er die Thüre ſchon geöffnet hatte, ſah er noch, wie das hübſche, artige Weibchen des Mannes ihm ebenfalls ihr Lebewohl zuwinkte. Sie hatte ſich mit keiner Splbe in die ganze Unterhaltung gemiſcht, aber ihre hellen blauen Augen hatten hinlänglich be⸗ wieſen, welchen innigen Antheil ſie an der Erzählung von dem Rückfalle des unglücklichen Sohnes unter die Gewalt ſeines Vaters und der Sünde, nahm. Sie ſtand mit dem Strickſrumpf in der Hand am Kamine und ſchaukelte mit einem Fuße ſachte die kleine Wiege ihres Kindes; ein Bild der Frömmigkeit und wahren Demuth, bereit, wie es ſchien, Gott in Allem, den Menſchen gber nur in dem zu gehorchen, was gerecht iſt vor Gott. Vielleicht gehörte auch ſie zu den Leſern, doch konnte Medenberg keine Spuren von den ſo viel berüchtigten Verzückungen in ihrem hübſchen Geſichte bemerken. Er ſah ſich genöthigt, 109 ſchnell wieder von der Thüre zurückzutreten. Er ge⸗ dachte des Planes, den er ſchon eine Zeit lang ge⸗ hegt hatte, und der all die Perſonen und Haushal⸗ tungen, aus der niedern Klaſſe, welche er bisher getroffen, insbeſondere betraf. Er zog ſeine Brief⸗ taſche heraus, und fragte den Schreiner nach ſeinem Namen. „Ich? Ei nun, ich heiße Lindqviſt. Hat der Herr die Abſicht, mich vor das Gericht zu laden, da⸗ mit ich über die zwei Spitzbuben zeuge?“ ſetzte er hinzu, als er ſah, wie der Fremde ſeinen Namen aufzeichnete. „Nein, nein, gewiß nicht,“ erwiederte Meden⸗ berg lächelnd.„Aber ich könnte vielleicht einmal hieher kommen und Arbeit bei euch beſtellen.“ „Nun, dann ſoll der Herr willkommen ſein. Schönen, großen Dank!“ Alexander ging jetzt auch zur Frau hin, die noch ganz das Ausſehen eines achtzehnjährigen Mädchens hatte, reichte ihr zum Abſchied die Hand und ſagte: „Adieu, bis auf Wiederſehen, Mütterchen!“ „Schönen großen Dank!“ wiederholte auch ſie, als das vollkommene Echo ihres Mannes, nur mit einer noch ſchönern, hellern, wohllautenderen Stimme. Medenberg ſaß ſchon wieder in ſeinem Wagen. Wohin er aber jetzt ſeinen Weg nahm, oder wie er darüber ins Reine kam, wohinaus zu er fahren müſſe, um ſeinen Zweck zu erreichen, das können nicht ein⸗ mal wir, ſeine eingeweibten Geſchichtſchreiber, ſo ge⸗ nau ſagen. Unſerem Vorſatze getreu, in einem ſo gefährlichen Stoffe, wie einem Banditenromane, nie⸗ mals gewiſſe Dörfer, Höfe oder Herrſchaften durch Anführung der wahren Namen zu kompromittiren, werden wir auch jetzt verſchweigen, was wir über die Richtung ſeiner Reiſe wiſſen, wenn wir nämlich über⸗ baupt etwas wiſſen. Es liegt ein ſehr ausgedehntes Terrain zwiſchen den Seeen Myckteflo und Malkrok; 411⁰ und ſagen wir, daß ſich die Erzählung auf eine Weile dorthin verlegt, ſo haben wir gewiß Niemand durch zu Nahetreten beleidigt. Als Alexander während des Fahrens wieder in ſeine Betrachtungen verſank und ſein letztes Aben⸗ teuer an ſich vorübergehen ließ, gedachte er auch der Aufzeichnungen in ſeiner Brieftaſche, wo jetzt Meiſter Lindqviſts Namen unter dem des borſtigen Matts Persſon vom Köhlerkathen ſtand.„Es wird einmal recht hübſch mit den verſchiedenen Menſchen werden, auf die ich geſtoßen bin,“ bemerkte er.„Wir wollen doch ſehen, ob mein Plan nicht gelingt! und dann verpflichte ich mich, nicht Einen von all dieſen hier geſchäftslos zu laſſen. Schließlich muß ich aber doch agen, daß es merkwürdig mit mir iſt, indem ich, der ich doch in ſo vielen guten Häuſern bin, und mich ſo gerne mit Damen und Herrn unterhalte, doch ſo ungemein viel mit Käthnern, Bauern und dem ſchlimmſten Weibervolke umgehen muß. Woher fommt dieſe Sonderbarkeit?“ Der Magiſter ſaß brütend da und ſchaute auf die Straße hinaus, wo die flüchtigen Räder im Sande knarrten.„Gott weiß, woher das kommt,“ ſchloß erz„nun ſei es, wie es will. Es geſchieht ja nicht ſelten in unſern höhern Kreiſen, daß Leute bei aller Güte, Artigkeit und Auf⸗ klärung merkwürdigerweiſe an gar Nichts Geſchmack ſinden. Es ſcheint mir, als ſei dieß immer dann der Fall, wenn eine Perſon, hoch oder nieder, Mann oder Weib, keinen beſtimmten Werkungskreis, keine Be⸗ ſchäftigung hat, dieſer Individnalität Saft und Kraft gibt. Ich kann nicht begreifen, wie es mit den Ge⸗ bildeten geht, wenn ſie nicht etwas Gewiſſes zu thun haben, ſondern durch ihren Reichthum und ihre ſon⸗ ſtige Stellung in den Stand geſetzt ſind, ſich dem glücklichen Leben des Nichtsthuns, der Schöngeiſterei und der Genüſſe zu überlaſſen. Es iſt ſonderbar! Ich als Informator ſollte doch das wiſſen, um meine M ———— — — v — 411 Zöglinge nicht zu verbilden. Hm— ſieh' Einer! da fällt mir nun die niederländiſche, die deutſche, die itatieniſche und ſogar die raphaeliſche Schule ein: und dann die römiſchen und neapolitaniſchen Karnevals⸗ ſcenen! Wann ſieht man dabei jemals einen Herrn oder eine Dame figuriren? Höchſt ſelten! Entweder find die Charaktere aus der niedern Volksklaſſe oder aus dem Himmel. Beinahe nie Herrſchaften! Das ärgert mich. Woher kommt dieſe Farbloſigkeit bei meiner eigenen Klaſſe, die ſie aus der Kunſt vertreibt, die mich aber höchlich erzürnen muß, da ich ſelbſt dieſer Klaſſe angehöre?“ „Ich werde das Alles beſſer in Erwägung ziehen, wenn ich auf mein Studirzimmer komme,“ ſagte er endlich ruhiger.„Jetzt will ich nicht grübeln; ſondern erfaßt von der Betrachtung der herrlichen Natur, welche die Straße auf allen Seiten umgibt, meinen Geiſt das Leben einathmen laſſen, wie es einmal iſt. Uebrigens thut man den höheren Klaſſen manchmal ſehr unrecht. Ich haſſe die Bauern gewis nicht, das weiß Gott. Ich liebe das elendeſte Pack, wie mich ſelbſt; denn woraus bin ich eigentlich entſprungen? Aber in der Sphäre der Gebildeten gibt es auch recht naive Charaktere, die beachtenswerth ſind und wohl eine Schilderung verdienen, wenn ſich die Herrn Zeichner nur dazu verſtehen wollten. Herz und Gut⸗ müthigkeit find in allen Verhältniſſen die Hauptſache, und dieſe können Leute aus allen Ständen charakte⸗ riſiren, da ſie ſich in allen finden können. Ich brauche nicht die Maſſe von kleinen artigen Kindern anzufüh⸗ ren, mit denen ich zu thun hatte, und die Alle zum Malen waren. Aber ich möchte einmal dieſe Frau Abelerona unter Van Dyks Hand, dieſe Celeftine vom Pinſel eines Tintoretto in ſeinem reichen venetiani⸗ ſchen Kolorite ſehen; ich möchte dieſe Frau Aurora—“ Er fuhr weiter und ſchwieg. ————————— Vierzigſtes Kapitel. Man macht große Fortſchritte in der Ausrot- tung des Jöſen.— Erſtes Räuberkapitel. Kerl! ich haße keine Achtung vor Dir: wie haſt Du dich an dergleichen Frauenzimmer⸗ ſachen machen können?* Du biſt, mein Freund, wohl ſchon einmal in dei⸗ nem Leben in der Kirche von Nottebäck, beinahe in der MWitte des ganzen Smalands geweſen? Dann erinnerſt Du dich auch, daß die Heerſtraße hier gegen Süden nach dem merkwürdigen Lenhofta, gegen Norden aber nach Ueberwindung verſchiedener Hinderniſſe nach dem noch weit denkwürdigern Hvetlanda hinzieht, das in ſeiner begebnißreichen Vergangenheit eine Handelſtadt mit großer Schifffahrt war. Sollte man das glauben? Biſt Du jedoch in dieſer Gegend noch beſſer zu Hauſe, dann weißt Du, daß ein anderer, weit ſchmälerer, aber romantiſcherer Weg, von Nottebäck nordöſtlich gegen Näshult, Stenberga nnd Skirö hinführt. Um auf dieſe Straße zu gelangen, mußt Du dich nach dem kleinen Skeda begeben: einem Orte, den die Umwohnenden ſelbſt Skee oder Nottebäcks⸗Skee nen⸗ nen, zum Unterſchied von Nottebäcks⸗Nöbble, das nach Hvetlanda führt. Ich habe dich Du angeredet, mein Leſer, um deſſo vertraulicher mit dir zu werden. Mein Geſchäft iſt es jetzt, von Görans großem Kriegszug und Jeppe Jonſſons unvergeßlichen Thaten zu ſprechen. Herr Göran Edeling hatte gleich im Anfang ſehr„ anſehnliche Fortſchritte in der Ausrottung des Böſen gemacht. Die Spitzbuben, welche ſeinen vertrauten Kreis bildeten, unterrichteten ihn ſo genau, ſo treu und aufrichtig von allen Wäldern, Verſtecken, Ränken und Kriegsliſten, die ihre ehemaligen Kameraden zu benützen pflegten, daß Göran ohne große Schwierig⸗ keit eine kleine Bande nach der andern auffing. Einen„ e r⸗ —— 8 8— X* — ehrlicheren und geraderen Jüngling als Göran gab es nicht: es war alſo ein Glück für ihn, daß er unter ſeinem Befehl die feinſten und abgeſchlagenſten Spitz⸗ buben hatte, die bei dem ſchwierigen und wichtigen Geſchäfte des Ausſpionirens nur beuützt werden konn⸗ ten. Nicke Bengt Erſſon war ſein ſchlaueſter Spion. Göran führte ſeine Schaor niemals nach einem Ver⸗ ſteck, wenn er nicht gewiß wußte, daß er der Rotte, die er anzufallen ging, weit an Zahl überlegen ſei. Svpen Grymme war dann ſein erſter Mann, wenn es ans Zuſchlagen ging; zur Belohnung dafür batte er ihn nach der neunten Schlacht, als eben die Sonne mit neuer Friſche ihr Haupt aus dem Purpurmattel der Morgendämmerung hob, um Korporal ernannt. Dieß geſchah bei dem Hofe vor Notteböcks⸗Skera.; und daher k'mmtes vaß wir uns jetzt in unſerer Geſchichte dort befinden müſſen. Die Nacht zuvor war ein be⸗ deutendes Spektakel vor ſich gegangen: ünf Diebe waren überwunden und mit Geld und Gütern auf dem großen Kieshügel über Skeda, wo die Zwergtannen um die Kartoffeläcker des Gaſtwirths in Maſſe herum ſtehen, gefangen genommen worden. Gerade in der Kartoffelgrube hatten ſich die Böſewichter verborgen, waren aber ertappt worden! Als der gewaltige Sohn des Probſten bei Tagesanbruch ſeine Schaar vollßän⸗ dig bewaffnet, einen Kreis um die Kartoffelgrube ſchließen ließ, und der Feldherr das Spiel zuerſt mit einer Rede an ſeine unerſchrockenen Genoſſen eröffnet hatte, worin er ihren Muth durch die Erinnerung an den frohen Umſtand belebte, daß ſie jetzt— im Gegen⸗ ſatze gegen früber— für die heilige Sache der Ge⸗ rechtigkeit kämpften, und er dann Sven zu ſeinem un⸗ mittelbaren Nächſten, zu ſeinem Korporal ernannt hatte, ſprach er noch weiter:„Kameraden! tapfere Männer! redliche Freunde! wir haben jetzt neun wirk⸗ liche Scharmützel und fünfzehn kleine Gefechte beſtan⸗ den, ohne die geringeren Raufereien zu zählen: von Drei Frauen in Smaland. I. 8 114 dieſer Stunde an ernenne ich mich daher zu euerem Hauptmann, damit ihr mir dieſen Titel gebt, und mich künftig Keiner mehr, wie es bisweilen geſchehen, mit Magiſter anredet!“ „Hurrah, hurrah! Es lebe unſer Hauptmann! wie klug, tapfer und gerecht iſt er!“ hallte es im Chorus aus ſechsunddreißig Kehlen, denn ſo ſtark war jetzt ſeine Macht.„Tod dem Magiſter!“ ſetzte ein kleiner heiſerer Spaßvogel hinzu, der ſich am Rand der Grube niederhockte und heraufſchielte. Göran Edeling hörte es, ſah hin und rief aus: „Sag es nur laut und muthig heraus, Heſtra⸗Jon: Tod dem Magiſter! Das iſt gerade auch meine Mei⸗ nung. Ich ſpaſſe nicht. Ich werde nie in meinem Leben den Gradus nehmen, er ißt mir zu theuer. Aber ich werde der Hauptmann über alle Schlingel in Sma⸗ land werden, das habe ich mir in den Kopf geſetzt. Nicht einen Einzigen werde ich im Frieden laſſen, bis er ergriffen und zum ehrlichen Kerl gemacht iſt. Ich habe darauf geſchworen, und dieſen theuern Eid er⸗ neuere ich jetzt!“ ſchloß er, indem er zwei Finger an die Krempe ſeines Czakows emporhob. Dann befahl er dem Gaſtwirth von Skeda, der ganzen Schaar Branntwein herumzugeben; denn der Morgen war kalt. Er ſelbſt nahm nur den reinſten Faffee, ohne etwas darein, wie ihn ſeine Mutter, die Probſtin, gelehrt hatte; und was er immer unver⸗ brüchlich befolgte. Die fünf gefangenen Diebe aber ſaßen an Hän⸗ den und Füßen gebunden auf einer Bank abſeits und durften zuſehen. Am Ende ließ er doch jedem von ihnen ein Glas Bier geben; denn er ſagte:„Ich habe nachher etwas Ernſthaftes mit euch zu reden, wenn ich erſt euere Waaren unterſucht und erfahren habe, welche Stücke ihr geſtohlen habt.“ Göran nahm hierauf ſeinen vettrauten Freund Jeppe Jonſſon mit ſich in die Kammer, wo das in der ——„—„—— ——-„„ —y er—————— d 1 1¹15⁵5 Nacht aufgegriffene Gut niedergelegt war. Er ver⸗ ſchloß die Thüre, und fing an im Zimmer auf und ab zu gehen. Er ſah finſterer aus, als Jeppe ſich erklären konnte, weßhalb er etwas in den Hintergrund trat. „Höre, Jeppe!“ ſagte Herr Göran,„ich weiß, du biſt ein Menſch, der mir ein aufrichtiges Wort ſagen kann; iſt's nicht ſo?“ „Ei freilich.“ „So ſag' mir alſo ganz offenherzig: haſt du wohl ſo viel Verſtand, um mir einen ordentlichen Rath ge⸗ ben zu können?“ „Herr Göran,“ verſetzte jener etwas verlegen, aber mit einem klaren Blicke aus ſeinen großen freund⸗ lichen Augen, und in einem ſehr herzlichen Tone: „ich bin mit Herrn Göran in demſelben Kirchſpiel ge⸗ boren, auch haben wir beide zu gleicher Zeit ſtudirt und bei dem nämlichen—“ „Ja, bei meinem Vater. Schön, mein lieber Junge. Ich will dir auch gerade heraus ſagen, was ich von dir denke: ich halte viel auf dich. Die übrigen Schelme da unten, die jetzt ihren Schnaps frühſtücken, um nachher gegen Asheda und Näshult zu marſchiren, ſind lauter tüchtige und brauchbare Burſche, aber kei⸗ nem von ihnen kann ich mein volles Vertrauen ſchen⸗ ken. Du allein haſt es, und ungetheilt; denn du biſt ein ehrliches Schaf, in dir ſteckt nicht der vierte Theil eines Fuchſes, nicht ein achtels Wolf. Du biſt fromm und fürchteſt Gott im Grund deiner Seele; darauf lege ich Werth, und deßhalb habe ich dir etwas mit⸗ zutheilen, das ich vor Keinem der Andern ausſprechen möchte. Gib mir deinen Rath; ſag' mir: wie meinſt du, daß das Alles enden wird? was ſoll daraus wer⸗ den?“ „Ich meine, es geht bis jetzt ganz herrlich,“ er⸗ wiederte Jeppe.„Herr Göran weiß ſeine Worte im⸗ mer ſo klug zu ſetzen, wenn wir neue Spitzbuben auf⸗ fangen, daß ſie ſogleich auf unſere Seite übergehen, 116 und Dienerder Krone und der Wahrheit werden, ehe der Teufel ſelbſt ahnt, daß er ein einziges Haar von ihrem Schädel verliere. Wir ſind jetzt ſchon ſo zahlreich, daß ich— verzeihen Sie mir— oft recht Angſt habe, wenn ich mich am Abend zum Schlafe niederlegen ſoll, und das in Geſellſchaft von ſo vielen—“ „Schurken? willſt du ſagen. Es möchte nicht ſehr ſicher unter ihnen ſein? denkſt du? ja, ja.“ „O nein, mit ſo vielen ehrlichen Jungen, wollt' ich ſagen. Obſchon es doch mitten in der Ehre ziem⸗ lich bedenklich ausſehen kann.“ „Siehſt du, Jeppe, jetzt haſt du den Ragel auf den Kopf getroffen, darüber eben wollte ich mit dir Rath ſchlagen. Es iſt uns gar zu ſchön, gar zu gut gegangen: das iſt es, was mich verdrüßlich und höchſt bekümmert macht.“ „O es kann ja bald recht toll zugehen, dann wäre dem abgeholfen.“ „Nein, nein, das möchte ich auch nicht. Es wäre dann noch ſchlimmer.“ „Herr Göran will alſo, daß es weder gut noch ſchlecht gehen ſoll? Da bitte ich um die Erlaubniß⸗ mich auf einen Stuhl ſetzen zu dürfen, ſo lange wir ſprechen.“ „Denn du meinſt, es wird etwas ſehr Verwickel⸗ tes abſetzen? Hahaha: ſetze dich immerhin, mein guter Junge. So— da ſetz dich nieder! Ich gehe im Zim⸗ mer auf und ab, wie ich gewöhnlich thue, wenn ich denke und ſpreche.“ „Ich würde wohl auch gerne auf und ab gehen,“ verſetzte der Andere;„aber als wir das letzte Mal nach der Schlacht bei Tjureda und Rottne die Beute theilten, fielen mir ein Paar ſo enge Stiefel zu, daß mich jetzt die Füße ſchmerzen, und ich ſetze mich, ſo oft ich nur kann. Aber Herr Göran wird bald die Bemerkung machen, daß ich ebenfalls weit ſchwerer denke, wenn ich ſitze.“ E 117 „Was iſt das? Ich brauche jetzt einen guten Rath und keine Dummheiten. Zieh' die Stiefel aus, Jeppe; ſteh' auf und komm her. So, jetzt gehſt du neben mir auf und ab.“* Jonſſon beeilte ſich, den Befehlen ſeines Haupt⸗ manns nachzukommen. Bald ſah man ihn in ſchönen, blaugeſtreiften Strümpfen ſtill und anſtändig neben ſeinem Herrn auf und ab marſchiren. Seine Züge ſprachen die größte Klugheit und ein ſcharfes Nach⸗ ſinnen aus. Göran Edeling begann mit ernſter und trauriger Miene:„Ich erkannte von jeher das ſmaländiſche Volk als ſo ſehr vortrefflich und im Grund der Seele red⸗ lich, ſo daß jedes Kind deſſelben, auch in ſeiner tief⸗ ſten Erniedrigung als Räuber und Dieb, in Beziehung auf Ehrgefühl und Würde über jeder andern Nation ſteht: ich ſelbſt bin ſtolz auf das Blut in dieſen mei⸗ nen Adern, und ich fühle, was ich bin! Aber den⸗ noch hätte ich mir nie gedacht, daß der Smaländer auf dieſer niederſten Stufe noch ſo hoch ſtehen könnte, um— wie du ſelbſt, Jeppe, beinahe an jedem Diebe, zu dem ich ſprach, bemerken konnteſt— ſogleich zum Uebergang auf meine, der Krone, der Gerechtigkeit und des Guten Seite bereit zu ſein. Wohin ſoll das führen, mein Freund? Wie wird es ablaufen? Ich bekomme kaum Einen, den ich als Spitzbuben in das Bezirksgefängniß ſchicken kann; das Gericht bekommt gar Keinen; die ganze Diebesbande wird zu braven und ehrlichen Leuten; aber eben ſo gewiß iſt dann auch, daß man unzufrieden mit mir wird, daß ich nicht Polzeibeamter werde und keine Wohnſtelle erhalte. Von Anfang war mein Plan ein ganz anverer. Ich rechnete darauf, die Meißen würden verſtockt bleiben, wie der Serarper Andres that. Ich wollte zuerſt nur ſo viele auf meine Seite herübernöthigen, als ich nothwendig brauchte, um die Uebrigen faſſen und ſie 118 in die Reſidenz ſchicken zu können; und vann hätte die Sache ein ganz anderes Geſicht bekommen. Aber ſie ſind ſo zugänglich, daß ſie alle ſogleich ohne Schwie⸗ rigkeit unſer werden! Das Geruͤcht von den Vor⸗ theilen, die das Eintreten unter uns gewähre, hat ſich ſo verbreitet, daß du ſehen wirſt, Jeppe, wir haben in einigen Tagen die ganze große ſmaländiſche Räu⸗ berbande ausgerottet.“ Der in den Strümpfen entgegnete:„Herr! das kommt von der Art und Weiſe, wie Herr Göran mit denen ſpricht, die wir fangen. Aber es iſt nicht recht von mir, daß ich ſo mit Göran rede—“ „Heraus mit deiner Meinung, mein Junge!“ „Nun ſehen Sie, Herr Göran kann zwar ein böſes und finſteres Geſicht machen, aber wenn der Herr zu ſprechen anfängt, da fließt Honig und Milde von ſeinen Lippen, ſo daß ſich Alle bewegt fühlen. Das ie Urſache, daß kein Spitzbube übrig bleibt.“ „Wie?“ „War es nicht heute ebenſo mit den Fünfen, die da draußen auf der Bank ſitzen? Nachdem ſie die ganze Nacht hindurch erfroren und geſchwollen in ihrem Ver⸗ ſtecke gehockt waren, gab ihnen der Herr warmes Bier zum Morgenimbiß. So macht es der Herr immer. Wenn aber ein armer Teufel auf dieſe Art Barm⸗ herzigkeit verſpürt, ſo denkt er: wenn ich jetzt umkehre und wieder ein rechter Menſch werde, ſo findet ſich vielleicht noch Hülfe für mich auf dieſer Welt? Denn wer will nicht lieber ein guter Kerl ſein, als ein ſchlechter, wenn er nur die Möglichkeit ſieht, ſeine Nothdurft dabei zu verdienen.“ „Nun ja, wäre es aber nicht gut, wenn man einen Jeden dazu bringen könnte? Ich halte es für meine Menſchenpflicht, ſo zu handeln; und es iſt mir über die Maßen, ja über alle Erwartung gelungen.“ „Und wen wird der Landeshauptmann auf dieſe die ſie ie⸗ r⸗ ich en u⸗ as nit cht in er de n. t.“ 4¹9 Art bekommen? und der gnädige Herr Richter bei den Geſchworenen? und zu was iſt dann der Galgen gut?“ „Und was werde ich— was bekomme ich—* Obſchon ich geſtehen muß, daß das Nebenſache iſt⸗ wenn nur der Menſchheit geholfen wird. Aber— meiner Seel— ich muß doch ſagen, ich möchte gar zu gerne eine Wohnſtelle bekommen!“ 3 „Wenn ich mit den Spitzbuben ſprechen dürfte, Herr Göran, ſo würde es auf eine ganz andere Art geſchehen.“ „Wohlan, laß hören. Lege los und ſprich einmal wie vernünftige Leute! Kannſt du ſo ſprechen?“ „Wir wollen ſehen, Herr. Aber folgendermaßen würde ich mit den Dieben verfahren. Sobald ich einen in meinen Klauen hätte, führe ich ihn ſo grimmig, grob und ſchredlich an, daß er genugſam merken könnte, er habe in mir ſeinen ſchlimmſten Feind ge⸗ funden, und dürfe auf keine Gnade hoffen, wie er ſich auch künftig betragen möge. Dieß würde gleich im Anfang ſeine Seele mit Kälte und grimmiger Verzweiflung erfüllen. Dann bewieſe ich ihm, daß nicht der geringſte gute Funke in ihm ſei, vom Wirbel bis zur Zehe, daß er von Kindheit an ſeine ganze Lebensbahn hindurch ein Elender geweſen, der Alles verdient habe, was ihm geſchehen und noch zehn Mal mehr, in Zeit und Ewigkeit. Da ſollte der Herr ſehen, wie er die Zähne übereinanderbeißen, wie er mich angrinſen, vor Wutb ſchnauben und denken ſollte: „ich war von Anfang kein ſchlimmeres Thier als du ſelbſt, du Teufel! und vielleicht würdeſt du an meiner Stelle noch weit ſchlechter geworden ſein.“ Da thäte ich aber, als verſtehe ich dieſe wilden Grimaſſen gar nicht, ſondern lachte ihm in's Geſicht, verhöhnte ſein Elend und ſpoltete ſeiner erbärmlichen Unmacht. Ein ſolcher Hohn, das verſichere ich Sie, Herr, erzeugt eine mächtige Bitterkeit in der Bruſt eines armen Teu⸗ fels; und er nimmt ſich vor, mit Leib und Seele Alles 120 zu haſſen, was ihn umgibt, und den Richter vor Al⸗ lem. Dann finge ich meine Belehrung von Neuem an und ſagte ihm, daß er all das Böſe, was er ver⸗ übt, durchaus ohne Noth, ſondern nur aus Bosheit und Schlechtigkeit gethan habe; daß jeder andere Menſch gegen ihn gut und rechtſchaffen ſei, daß er nichts gelitten habe, daß Arbeit, Brod und Auskom⸗ men ihm zu Gebot geſtanden wäre, wenn er nur hätte zugreifen wollen, aber er ſei ſo triebig, ſo durch und durch ſchlecht und dumm geweſen, daß es über allen Begriff gegangen. Wenn ich nun das ſo recht aus⸗ einander ſetzte, da würde der Herr ſehen, wie ſeine Augen glühten und funkelten und das Gehirn mit dem armen Teufel herumginge. Denn Nichts wirkt ſo kräftig, um einen Menſchen vollends ganz wahnfinnig zu machen, als ein ungereimter und ungerechter Vor⸗ wurf. Wenn ich jetzt ſein Gemüth ſo weit hätte, ſo würde ich mich über den Körper hermachen. Ich ließe ihn entkleiden und tüchtig durchpeitſchen, ſo daß er dem Tode nahe käme, oder wenigſtens nicht mehr gehen könnte. Oder ſetzte ich ihn auf eine ſolche Koſt, daß ſein Magen, ſeine Geſundheit zu Grunde ginge, alle Kraft ihn verließe, und er außer Stand wäre, lange zu arbeiten. Dann würde ich ihn auf einen hohen und geräumigen Punkt im Kirchſpiele führen, Alle Umwohnenden zuſammenrufen, um ihn ſo vor aller Welt der Schmach preis zu geben; zuletzt aber zwänge ich ihn, mir die Hand zu küſſen und zu geſtehen, daß er gar nichts erlitten habe, gegen das, was ihm ge⸗ hört hätte. Wenn ich ihn durch dieſe Manöver an Herz und Geiſt verſtockt und ſeinen Körper möglichſt zu Grunde gerichtet hätte, dann würde ich ihn fort⸗ ſchicken, aber wohl darauf Bedacht nehmen, daß er Nichts auf der Gottes Welt hätte, an dem er ſich er⸗ holen könnte, nur Lumpen zu ſeiner Begleitung und vor Allem ſolche Zeugniſſe, daß ihn Niemand nehmen und dingen wollte. Ich würde ihm nun ein freund⸗ m T⸗ it re er 1⸗ n 124 liches Lebewohl bieten und ſagen:„Adien, mein Lie⸗ ber! nimm dich in Acht, daß du keine ſchlechten Streiche mehr machſt!“ Auf dieſe Art ſiehe ich dafür, könnte Herr Göran Jeden ſeiner Lebtage in der Schelmerei erhalten, ja er würde ſogar nach und nach immer ſchlechter werden. Denn neben dem, daß der arme Kerl in ſeiner Noth durchaus genöthigt wäre, auf die näm⸗ liche Art wieder von vorn anzufangen, nachdem ihn der Herr auf dieſe Art fortgeſchickt hätte, würde er dadurch auch ſo gegen den Herrn ſelbſt, gegen Gott und alle Menſchen ergrimmt geworden ſein, daß er endlich ein wahres Vergnügen daran fände, alles mögliche Böſe zu thun. Es würde ihm endlich zur Leidenſchaft werden. Auf dieſe Art bekäme der Herr Männer genug, die er in das Bezirksgefängniß ſchicken könnte, und auch Weiber, wenn der Herr wollte; und ich ſtehe dafür, auch außer den Smaländern ſollte jeder andere Schwede, mit dem der Herr auf dieſe Weiſe ver⸗ fahren würde, in kurzer Zeit ein recht tüchtiger Schurke werden; denn wer hat nicht einmal für einige Schock Eier Böſes gethan? Aber er wird damit enden, daß er Silber und Vieh ſtiehlt, und vielleicht Häuſer anzün⸗ det, wenn es ihn ankommt, wofern nur der Herr ſo thun will wie ich geſagt habe. Auf dieſe Art wird Herr Göran ſelbſt ſteigen, eine Wohnſtelle bekommen, und nicht nur Polizeimann werden, ſondern ſogar— ja, ja. Ich ſehe wenigſtens nicht ein, warum der Herr dann nicht Alles werden könnte? Aber nehmen Sie ſich nur in Acht, daß nicht einer hergeht, und es mit dem Herrn gerade auch ſo macht; denn dann gehe ich ſo weit, daß ich nicht einmal für des Herrn eigene— wie nennt man's doch— Mor⸗aal oder Mor⸗hecht, was weiß ich? ſtehen möchte; ich habe ſ Mekeroth früher einmal von ſo was ſprechen hören.“ „Jonſſon! du biſt ein ſchlechter Menſch,“ unter⸗ brach ihn Herr Göran ſchnell.„Du würdeſt es nicht 122 übers Herz bringen, mit einem ſo zu verfahren, wie du eben beſchrieben haſt; und du weißt recht wohl, daß ich lieber nichts werde, als mich zu einer ſolchen Teufelei gegen die Leute zu verſtehen. Das mögen die Gerichte thun. Scherze nicht weiter, ſondern gib mir einen guten Rath, wenn du kannſt.“ „Ich habe nicht geſcherzt, Herr Göran.“ ʒ „Haſt du im Ernſt geſprochen, lieber Jeppe, dann bitte ich dich, die Stiefel wieder anzuziehen und dich zu ſetzen; denn was du eben geſagt haſt, geht zu weit in deiner Weisheit, und ich bedarf einer mäßi⸗ eren—“ „Ach Herr Göran, laſſen Sie mich doch noch ein wenig in den Strümpfen gehen, es thut mir ſo wohl, ſo wohl!“ verſetzte der andere Traber.„Ich weiß zwar wohl, daß es unchriſtlich und unbillig von mir iſt! Aber wollen wir nicht die Bündel öffnen und nachſehen, was die fünf luſtigen Brüder für Dinge genommen haben? Sehen Sie, was für ein zierlicher Saum— ah! Herr, ich glaube, ſie waren auf einem Herrenhof und haben nur ſchöne Frauenzimmerkleider geſtohlen? ei— du mein Himmel— Striche und Spitzen!“ „Laß es einſtweilen liegen,“ ſagte Göran, wieder in ſein finſteres, bekümmertes Weſen zurückfallend. „Ich ſehe deutlich, daß es in dieſer Sache ganz toll mit mir gehen wird, wenn ich nicht auf irgend einen vernünftigen Ausweg verfalle. Laß die Sachen geben, ſage ich, und höre mich an! So lange noch Räuber zum Verfolgen, Gefangennehmen und Plündern da find, da geht es ſchon. Wenn ſie aber Alle geſchlagen und ausgerottet ſind, und ich mit einer Armee von fünfzig, vielleicht hundert Mann daſtehe, die Alle darauf warten, als ehrliche Leute fortleben zu dürfen, indem ſie einmal angefangen haben, dabei ihr Aus⸗ kommen zu finden; wohin ſoll ich ſie dann führen? Trete ich mit der ganzen Schaar vor den Landeshaupt⸗ wie hl, hen gen gib inn ich zu ßi⸗ ein hl, eiß nir nd er m er nd er d. n n er n n e 1 E ⸗ 123 mann, ſo kann er mit dem beſten Willen von der Welt nicht ihnen Allen Arbeit, Wohnung, Speiſe und Kleider verſchaffen, ungeachtet ſie dem Lande einen ſo großen Dienſt geleiſtet baben. Denn ich weiß zum voraus, daß er nicht die Mittel dazu beſitzt, und das iſt nicht ſein Fehler. Ueberdieß haben ſämmtliche Mit⸗ glieder meiner Armee vor ihrer Umwandlung Dinge getrieben, für welche die Gerechtigkeit ſie faſſen und verurtheilen wollen wird; denn dieſe Jungfrau fragt durchaus nicht nach dem Guten, das ſie nachher ge⸗ than haben. Es iſt alſo gerade zum Närriſchwerden; ich kann meine Leute nicht einmal mit Gewiſſen nach Jönköping führen, denn ich weiß recht gut zum vor⸗ aus, man würde ſie dann einſtecken, und das wäre ihr Lohn dafür, daß ſie Smaland gerettet haben. In meinen Augen wäre es ein machiavellifliſcher— ſt! Jeppe, du weißt nicht was das iſt— ein politiſcher — hm— ein preußiſcher— hm ja— ein grober Streich, ja ich möchte ſagen ein Verrath, wenn ich ſie zuerſt mit guten Worten anlockte, um mir zur Be⸗ fiegung des Feindes zu helfen, und nach vollendetem Dienſte mein Verſprechen nicht beſſer hielte, als ſie dem Gefängniß und der Strafe zu überantworten. Führe ich dagegen meine Armee nicht nach der Reſi⸗ denz⸗ und verſchaffe den Männern etwas Gutes, wo⸗ von ſie fortan leben können, was ſollen ſie dann an⸗ fangen, wenn es keine Diebe mehr zu verfolgen gibt? Werden ſie ſich nicht gezwungen ſehen, wieder Ban⸗ diten zu werden? Und ich ſelbſt ſtehe da wie eine Erzkanaille! Wie klug wäre ich nicht geweſen, wenn ich mich damit begnügt hätte, nur zehn, zwölf Mann zu ehrlichen Leuten zu machen(für ſo viel hätte der Landeshauptmann immerhin eine Verſorgung finden, ihnen auch noch eine kleine Belohnung für die Jagd ſchenken können), und dagegen Dieſen und Jenen ohne Gnade und Barmherzigkeit mit einem gehörigen Paſſe zu verſehen, anſtatt ihn zu beſſern zu ſuchen. Aber“— 124 fuhr Göran in einem an ihm ungewöhnlichen melan⸗ choliſchen Tone fort—„wie hätte ich ſo ungerecht handeln können? Mußte ich nicht als Sohn eines Geißlichen und als redlicher Mann darauf hinarbeiten, einen Jeden zu einem guten Menſchen zu machen? Freilich. Aber das geht nun eben durchaus nicht, wie ich ſehe. Ich bin in einem ganz verfluchten Gedränge, und will mich ein für allemal daraus loswinden. Heißt das chriftlich, wenn man es für unthunlich hält, eine Maſſe Menſchen zu Menſchen zu machen, nur weil fie einmal gefehlt haben? Das iſt es ja eben, was Gott will. Hm, hm. Ich will es auch; und holen mich ſieben Teufel, wenn es nicht geſchieht.“ „Hören Sie, Herr Göran!“ brach Jeppe Jonſſon aus, lief nach dem Stuhl, ſetzte ſich und begann ganz ungenirt einen Stiefel anzuziehen;„jetzt weiß ich ei⸗ nen Rath, der mäßig gut, ja eigentlich recht dumm inſofern ich ſitze— aber der doch ganz herrlich ge „Was denn, Jonſſon? es wäre Goldes werth!“ „Göran iſt Kommandant. Herr Göran kann un⸗ ſere Gefechte künftig ſo einrichten, daß es weit heißer zugeht, als bisher; und dann werden auf unſerer und der Angegriffenen Seite die Meiſten todt geſchlagen werden.“ „Hm— Du Schurke. Deinen Plan auszuführen, paßt ſich nicht für mich; geſchähe das jedoch von ſelbſt, ſo weiß Gott, daß ich ihm danken würde—“ „Mein Vorſchlag iſt freilich ſchlecht, wie ich ſehe“ — fiel Jeppe ein und vollendete den Reſt ſeiner Toi⸗ lette an dem Orte, wo er ſaß—„aber ſehen Sie, Herr, ja. Ja, jetzt bin ich fertig! wollen wir die fünf auf der Bank nicht beohrfeigen, um in Erfah⸗ rung zu bringen, wo ſie die Weiberröcke genommen haben, um ſie dann zurück tragen zu laſſen! denn für ſolchen Plunder bekommen wir kein Geld in Stotte⸗ brük, wenn die Mieder auch noch ſo ſchöne Franſen ———— — A— 8— n 125 hätten. Ei— ei ei— Seidenzeug— ei, Unterröcke —— nein, aber welche Feierkleider! welche Krauſen und Kragen! lauter feine Weibergeſchichten.“ Göran Edeling ließ den Kummer um ſeine Leute in einem Seufzer verſchwinden, und überließ die Zu⸗ kunft einſtweilen der Hand der Vorſehung. Er konnte nicht umhin, Jeppes Heiterkeit bei der Auflöſung der Knoten und dem Anblick ſo ſeltener Artikel zu theilen. „Die fünf Burſche müſſen große Narren geweſen ſein,“ ſagte er,„daß ſie ſo unnützes Zeug kaperten.“ „Man nimmt doch immer lieber etwas, als gar nichts,“ bemerkte Jeppe,„ich ſchließe das aus mir ſelbſt; denn wenn es mir unmöglich wäre, hier auf der Welt ein Paar Hoſen zu bekommen, ſo würde ich in Gottes Namen im Unterrock gehen.“ „Geh einmal hinaus und hol mir den Anführer der Schurken herein, ich muß ihn examiniren!“ befahl Göran. Jeppe trat ab; einige Augenblicke ſpäter kam er mit dem Manne herein. Göran ſah dieſen mit einem vornehmen, aber zugleich warmen, menſchlichen Blicke an, und ſagte: „Kerl! ich habe keine Achtung vor dir! wie haſt Du dich auf ſolche Weiberartikel legen können? Sind nicht hier ſogar Nachtkleider, um nicht weiteres anzu⸗ führen? Siehſt du nicht ein, daß die vornehme Dame ſehr ärgerlich darüber ſein muß?“ Der Dieb gab zu, daß das allerdings der Fall ſein könne und beklagte es innig, kein baares Geld auf dem Herrenhofe gefunden zu haben.„Die Geld⸗ noth iſt gegenwärtig außerordentlich groß im Lande!“ ſetzte er mit einer demüthigen Verbeugung hinzu, und verſicherte, er habe kaum einen einzigen von den Bank⸗ noten der Privatbank in Jönköping in ſeiner Hand gehabt. Deßhalb müſſe man ſich mit Unterröcken und andern Tauſchartikeln begnügen, die allerdings ſehr unbequem ſeien. Er ſchloß mit einer ſehr pikanten Beſchreibung des ſchönen Herrenhofes in der Nach⸗ 126 barſchaft, wo er geweſen war und„auf dem Hand⸗ werk gearbeitet hatte.“ Herr Edeling bemerkte mit Schmerz aus der Art und Weiſe, wie der ſchlechte Kerl ſprach, daß er einen gewiſſen Grad von Bildung erhalten haben mußte. Seine Beſchreibung von dem Orte, wo er ſeine Pra⸗ ris ausgeübt hatte, war ſo anziehend, daß Göran be⸗ ſchloß, ſich ein Vergnügen zu machen, einen Wagen zu nehmen und in eigener Perſon einen Beſuch bei der Herrſchaft abzuſtatten, um die ſchönen Sachen zurück⸗ zugeben und ſich als den vorzuſtellen, der den ſelt⸗ ſamen, obſchon nützlichen Auftrag erhalten hatte, um⸗ her zu ziehen und gute Thaten zu verrichten, wobei er, wenn er nämlich, wie er nicht zweifelte, gut auf⸗ genommen würde, auch Gelegenheit bekam, ſich zur Abwechslung einen Tag unter anſtändigen Leuten un⸗ terhalten zu dürfen. Unſere Erzählung geht ſtillſchweigend über die geringeren Zurüſtungen zu dieſem kleinen Abſtecher hinweg, ſo wie über die Befehle, welche die Truppe bekam, ſich in den nächſten Wald nordöſtlich zu bege⸗ ben, während der Chef ſich für einen Augenblick ent⸗ fernte. Herr Göran machte mit Sven Grymmſtedt aus, (Sven hatte nämlich gebeten, den Räuberzunamen „der Grimmige,“ den ihm ſeine Kameraden in der Bande gegeben hatten, in den Beinamen Grimmig⸗ ſtedt verwandeln zu dürfen, da er jetzt ein ehrlicher Korporal geworden war; aber der Hauptmann hatte ſeine Zuſtimmung nur unter der Bedingung gegeben, daß er den Namen in den vollſtändig menſchlichen Grymmſtedt ändere; wobei er noch die Aufmerkſamkeit des Korporals darauf lenkte, daß es nunmehr ſeine Pflicht ſei, ſich ganz ſeinem Namen gemäß, alſo ohne Grimm zu benehmen); Göran machte alſo mit Sven aus, in welchem Walde er bei ſeiner Rückkehr die muntere Schaar treffen wollte. Jeppe Jonſſon ließ er bei der Truppe zurück, und nahm mit dem Wagen c — 127 zugleich einen artigen Knecht von Skeda, der ihm den Weg zeigen und ihn nach dem Herrenhofe fahren ſollte. Alles ging gut. Herr Göran Edeling langte nach einer Stunde vor einer ſchönen Wohnung an, ſtieg aus, trat ein, fragte nach der Dame des Hauſes, und meldete ſein willkommenes Geſchäft. — Einundvierzigſtes Kapitel. Einfaches und doppeltes Ausſpioniren.— Vas zweite Rüuberkapitel. Ja Madame! ich habe vier lebendige Baſen, drei verheirathete und eine ledig. Ein Räuberhauptmann hat immer ſeine eigenen, hübſchen Abenteuer: das erfuhr ſchon Rinaldo Rinal⸗ dini. Um ſo mehr mußte dieß alſo bei einem Räu⸗ berkommandanten der Fall ſein, der nicht Räuber⸗ hauptmann war. Das Gerücht von der Ausrottung und Ueberwindung der großen Diebesbande durch die⸗ kühne Unternehmung eines jungen, von der Obrigkeit unterſtützten Mannes, der die Uebelthäter in ihren Höhlen aufſuchte, und ſie mit Beihülfe ihrer Genoſ⸗ ſen fing, hatte ſich als eine frohe Botſchaft erſten Rangs in den bedrohten Landtheilen verbreitet. Die Frau Wirthin von Kramſtaholm*) empfing deßhalb ihren Gaſt mit der größten Artigkeit. Nicht Neu⸗ gierde allein, ſondern beinahe Bewunderung war das allgemeine Gefühl, welches in der ganzen Gegend für den jungen Unbekannten herrſchte; und da er ſich perſönlich anmeldete, ſo war dieß natürlich ein Ereig⸗ niß erſter Klaſſe für den Ort, wo es geſchah. * Dieſer Name iſt aus Gründen pſeudonym. 128 Der Herr des Hauſes war ſelbſt daheim; aber Herr Göran hatte ſich deßbalb zuerſt bei der Wirthin anmelden laſſen, weil er ſich denken konnte, daß die Sachen, die er bei ſich hatte, nur vor der Perſon, welcher ſie gehörten, ausgelegt werden dürften. Die Dame war in der That ſehr erfreut, das Verlorene wieder zu ſehen; allein dennoch war ihr der ange⸗ kommene Gaſt in Folge ſeines Rufes noch weit will⸗ kommener, und wurde über Mitag behalten. Da es auf dem Lande war, ſo ſah man leicht darüber hin⸗ weg, daß ſeine Garderobe mebr der eines tüchtigen Jägers als einer ſorgfältigen Perſon glich, die ſich zum Beſuchmachen vorbereitet hat. Seine hohe, wohl⸗ gewachſene Geſtalt, ſeine vollen Wangen, ſein feuri⸗ ges, alles Gute verheißendes Auge und die ſpielenden Locken zur Seite der hohen großväterlichen Stirne— alles das ſprach für ihn. Uebrigens zeigte der Gaſt, daß er der Mann war, der auch ſelbſt ſprechen konnte, obwohl er ſich in einer ſo ausgewäblten Geſellſchaft nur mit großer Schüch⸗ ternbeit äͤußerte. Die Unterbaltung über Tiſch ver⸗ breitete ſich nach allen Richtungen, kam alſo auch auf die Familienverhältniſſe. Herr Edeling ſprach von ſeinem guten Vater, was er ſei und wo er wohne. Bei dieſer Erzählung ging ein Schimmer der Freude und Ehrerbietung über das Geſicht des Wirthes; denn was meint man wohl? der alte Edeling, der ehrliche, herzliche Probſt war einſt der Lehrer des Herrn ge⸗ weſen. Rächſt dem Glücke, gutgeartete Kinder zu beſitzen, übertrifft nichts die Wonne, vortreffliche Eltern zu haben. Ueberall, wohin man kommt, und bei Jeder⸗ mann, mit dem man zuſammentrifft, hat man Freude und Nutzen davon. Und ſo viel auch Herr Göran an ſeinen Großvater dachte, wenn er ſich in ſtolzen, mu⸗ thigen und etwas gewaltthätigen Gefühlen herumtrieb, die ihn ziemlich vft in Anſpruch nahmen, ſo beſaß ——— e— ——— —*7 N NM W N—— —— doch ſein ſanfter Vater einen größeren und tieferen Raum in ſeinem Herzen, als er vielleicht ſelbſt wußte, ſobald er ſich in der Ruhe und den gewöhnlichen Ver⸗ hältniſſen des Lebens befand. Dahin gehörte unter Anderem, wenn er in guter und anſtändiger Geſell⸗ ſchaft an einem ſchönen Tiſche ſitzen und zu Mittag eſſen konnte. Wenn er unter ſeinen wilden Kerlen ſpeiste, da meinte er ganz ſein Großvater zu ſein, in dem Herrenhof aber, wo er ſich jetzt befand, fühlte er ſich von ſeines Vaters Geiſt umſchwebt. Mit dem höchſten Intereſſe beſchrieb er die glück⸗ liche Lage des Probſtes, ſeine ausgezeichnete Geſundheit und gute Laune, da er fand, daß ſeine Wirthsleute ibm gerne zuhörten. Der Herr und die Frau, ein Paar Leutchen von mittlerem Alter und höchſt ach⸗ tungswerth, begannen den Herrn Edeling wie einen angenehmen Verwandten, ja faſt wie ihren Sohn an⸗ zuſehen. Die Wirthin ſprach hm immer mehr zu; und er wunderte ſich, wie die Diät, die er unter ſei⸗ nen Waldgenoſſen beobachtet patte, ihn in Stand ſetzte, ſo viel von den beſſern Gütern des Lebens zu verzeh⸗ ren, da dieſe ihm hier zur Abwechslung in einer ſo wohl zubereiteten Form dargeboten wurden. Das Eſſen ſchloß mit einem Apfelreis— einer der herr⸗ lichſten Miſchungen von Apfelmuß mit Reis und Ein⸗ gemachtem— welche Miſchung Herr Göran ſeiner Lebtage noch nie gekoſtet hatte.„Davon ſoll Mamg in Kenntniß geſetzt werden,“ dachte er,„wenn ich nur erſt die Erzfeinde Smolands ausgerottet habe.“ Als man vom Tiſche aufgeſtanden war und ſich auf dem bequemen Sopha im Wohnzimmer niederge⸗ laſſen hatte, verbreitete ſich die Unterhaltung noch weiter über die Verwandtſchaſtsverhältniſſe, den vor⸗ nehmſten Geſprächsgegenſtand patriarchaliſcher Men⸗ ſchen auf dem Lande; und die angenehme Wirthin fragte ihn, ob ſein Vater keine Schweſtern babe? „O ja Madame!“ erwiederte Herr Göran,„ich Drei Frauen in Smaland I.— 430 habe vier lebendige Tanten, drei verheirathet und eine ledig.“ s, Die unverheirathete Fräulein Tante hat viel⸗ leicht deſſen ungeachtet einen guten Platz?“ fuhr die Frau fort. „Ich könnte das gerade nicht ſagen,“ entgegnete Göran aufrichtig.„Sie wohnt nicht zu Hauſe bei meinen Eltern und zwar aus verſchiedenen Gründen, unter Anderem auch, weil meine gute Mutter die Haushaltung gerne allein regiert. Aber— aber—“ Wir haben dieſe Zeilen aus der Geſchichte ihrer Unterhaltung blos deßhalb angeführt, weil ſie die wichtige Folge hatten, daß die Frau von Kramſtaholm Herrn Göran einen ſehr artigen Vorſchlag machte, den dieſer bei ſeiner Heimkehr auszurichten verſprach, und der wirklich das Reſultat hervorbrachte, daß ſeine arme übrige und ledige Tante eine prächtige Stelle bekam. Das Verhältniß, welches die Wirthin ihm au fdeckte, als ihre Mittheilungen noch vertraulicher geworden waren, war dieß, daß ſie erſt kürzlich eine unzuverläſſige, ja recht ſchlechte Hausjungfer gehabt hatte. Nur durch ihre Schulb hatte der Diebſtahl geſchehen können, den Göran jetzt durch die Rückgabe der Kleidungsſtücke ſo vortrefflich wieder gut gemacht hatte. Die Frau wollte es ſogar ungeſagt laſſen, ob ihre verbrecheriſche Mamſell nicht ſelbſt mit den Böſe⸗ wichtern unter einer Decke geſpielt und dieſe zu dem Angriffe auf die Garderobe verleitet hätte. Wenig⸗ ſtens war ſie nicht frei von großem Verdacht; jeden⸗ falls hatte man ſie nach einer Scene um deſſen und N vieles Andern willen entfernt. Eine beſſere Perſon konnte man ſicherlich nicht für dieſen Platz bekommen, als Jemand aus der Edeling'ſchen Familie. Herr Göran verbeugte ſich mehrere Male, und dachte an die Freude, die er ſeinem Vater durch dieſe Neuigkeit machen würde. Die Geſchichte wird ſpäter ſagen, wie es damit +———— = N in ine iel⸗ die lete bei en, die — rer die olm hte, ach, eine elle ihm cher eine at tahl abe acht ob öſe⸗ dem nig⸗ den⸗ und rſon nen, err an pkeit mit 434 ging; und welche Folgen dieß auf etwas noch Wich⸗ tigeres hatte. Jetzt müſſen wir erwähnen, daß die Unterhaltung ſchnell eine andere Wendung nahm. Der Herr vom Hauſe, der wegen des Verhältniſſes, in dem er einmal zu Herrn Görans Vater geſtanden war, den Sohn belohnen zu müſſen glaubte, befragte ihn über ſeine Ausſichten in die Zukunft und was Gutes er ſich aus der Arbeit mit Spitzbuben, Räubern und Beſtien verſprechen könne? „Ich habe ſie hauptſächlich zum Wohle der Menſchheit und Smalands insbeſondere unternom⸗ men,“ antwortete der Gaſt;„aber ich läugne nicht, daß ich auch eine eigennützige Abſicht damit verband, und Polizeibeamter zu werden hoffe.“ „Mit einer Wohnſtelle?“ „Verſteht ſich. Zch glaube, daß wenige vernünf⸗ tige Menſchen es ohne Wohnſtelle werden wollen. Doch hängt mein Glück ganz von dem Ausgang mei⸗ nes Werkes ab.“ „Herr Edeling hat noch große Dinge zu thun, das muß ich dem Herrn ſagen. Wohin beabſichtigen Sie jetzt zu marſchiren?“ „Gegen Stäshult, Stenberga und Skirö.“ „Wird der Herr die Grenze des Kalmarer Bezirks nicht überſchreiten?“ „Es kann geſchehen, daß ich in das Aspelander Amt eindringe, wenigfiens bis gegen Visrum und Molilja. Das hängt davon ab, wo ich hoffen kann die Hauptmacht der Räuber zu treffen. Ich habe Nachrichten, daß ſie ſich in den Grenzwäldern zwiſchen beiden Provinzen aufhalten.“ „Unter uns geſagt, ich habe auch Nachrichten.“ Herr Göran blickte mit der größten Freude und Neugierde auf ſeinen Wirth. „Mein beſter Herr Edeling, nehmen Sie ſich wohl in Acht,“ fuhr dieſer fort. „Was kann mir geſchehen? Es würde mich ja 1352 nichts ſo ſehr freuen, als wenn ich erführe, wo die gefährlichſten und ſchlimmſten Mordgeſellen zu finden wären. Hat ſich in dieſen Gegenden etwas zuge⸗ tragen, das auf eine Spur hindeutete?“ „Ich habe neulich eine Reiſe durch Serarp ge⸗ macht.“ antwortete der Wirth.„Ich batte einen ge⸗ ſchwätzigen und mundfertigen Alten zum Fuhrmann, dem erſt kurz vorher von einem Theil der Bande übel mitgeſpielt worden war, und der eine Nacht als Ge⸗ fangener unter den blutgierigſten Böſewichtern zuge⸗ bracht hatte, endlich aber durch einen glücklichen Zu⸗ fall halb geſchunden ihren Klauen entronnen war. Er erzählte, daß ibre Wutb, wie ihre Furcht vor einem Angriff, den ſie von dem„Verrätherführer«“— dieſen Titel gaben ſie Ihnen— erwarteten, aufs Hochſte geſtiegen ſei. Sie hatten eingeſehen, wie all ihr visher erlittenes Unglück nur davon hergekommen war, doß ſie in zerſtreuten Haufen herumgezogen waren. Sie hatten deßbalb die Abſicht, ſich jetzt in einer einzigen„gräulich ſtarken“ Rotte zu vereinigen, um nicht nur den Angriff„der Verräther“ zurückweiſen zu können, ſondern ſogar ſelbſt gegen fie zu marſchiren. Die Räuber ſollen zu dieſem Entſchluß beſonders ſ die Ankunft einer Verſtärkung vermocht worden ein.“ „Einer Verſtärkung? Von woher?“ „Das wußte mein Gewährsmann nicht zu ſagen. Man ſprach aber eigentlich nur von einer oder zwei Perſonen—“ „Nur von einer Perſon?“ „Ja, ſehen Sie, mein Herr, eine Perſon kann ſo gut ſein wie eine ganze Armee, wenn ſie ein rech⸗ ter Erzteufel iſt. Die Räuberſchaaren, die vorber keine Verbindung unter einander hatten, ſollen durch ihn ſehr eng vereinigt worden ſein. Glauben Sie nicht, Herr Edeling, daß dieß ziemlich gefährlich aus⸗ fallen kann?“ — — N Mu—* uu S S 8 8 8S SS„* S 8— in ⸗ er ie s⸗ 155 „Aber wer kann denn dieſer neue Menſch ſein? Der Hauptſpitzbube unter den ſmaländiſchen Dieben, Svpen der Grimmige, ſteht jetzt in meinen Dienſten. Er war der, welcher früher ihre Banden zuſammen⸗ hielt; und ich darf wohl den größten Theil meines Glücks bei den bisherigen Unternehmungen dem Um⸗ ſtande zuſchreiben, daß ich gleich im Anfang Svpen auf meine Seite brachte.“ „Ich weiß nicht, welchen Hauptſchurken ſie jetzt zum Führer haben. Aber treffen Sie ihre Maßregeln, mein Herr! Wenigſtens ſchadet es nichts, die Ver⸗ hältniſſe zu kennen. Herr Edeling hat wohl gute Spione?“ „Ich habe die ſchlaueſten Kanaillen, die ich be⸗ kommen konnte, mit mir zu vereinigen geſucht. Ich befitze einige Abgeſchlagene—— verzeihen Sie, Madame!“ unterbrach ſich Göran, der Geſetze einer guten Lebensart in einer anſtändigen Geſellſchaft ſich erinnernd. Aber die Wirthin lachte, und der Wirth ſagte: „Sprechen Sie ſich nur aus! wir wiſſen wohl, daß man glühende Kohlen nur mit rußigen Zangen holen kann, und bewundern unſern wackern Probſtſohn, der Schlauheit und Muth genug beſitzt, um es in einer Geſellſchaft von ſolchen—— aushalten zu können, um uns alle von dem ſchlimmſten Unglück zu er⸗ en.“ „O“— fiel Göran mit derberer Stimme ein, und ſeine Stirne bekam ſchnell ein Paar breite halb⸗ lachende Runzeln, ein Erbe von ſeinem Großvater— „die verwünſchten Kerls find hie und da nicht ſo übel, meine Herrſchaften.“ „Nun ja,“ fuhr der Wirth fort,„zu Spionen braucht man heitere und abgeſchliffene Leute. Herr Edeling kennt den Kriegsgebrauch aus der Geſchichte, daß man ſich ſelbſt von dem Feinde fangen läßt, um dann nachher wieder durchzugehen, zurückzukommen 434 — beſten Nachrichten von ſeiner Stellung zu geben?“ „O ja wohl. Doch liebe ich dieſen betrüglichen Kniff nicht.“ „Der Herr hat alſo nie dergleichen durch ſeine Leute ausführen laſſen?.“ „Nein, aufrichtig geſagt! Denn ich betrachte meine Feinde, wenn ſie auch Räuber ſind, doch im Grund als ehrliche Smaländer; freilich allerdings auf Irr⸗ wegen. Ich will fie ſchlagen, gefangen nehmen und zu rechtſchaffenen Menſchen machen. Darauf geht mein Plan. Niemals aber habe ich ſie zu hintergehen begehrt. Einfaches Spioniren erlaube ich mir: das heißt, ich ſchicke Leute gegen ſie und laſſe ganz einfach vie Stellung meiner Gegner auskundſchaften. Das hab' ich auch immer vollſtändig herausgebracht; denn die Feinde zeigten mir ſtets ehrlich, wo ſie waren. Unſer Stamm iſt im Grunde höchſt vortrefflich, gerade⸗ zu, rein— meine Herrſchaften!— offen, achtungs⸗ werth. Ein doppeltes Spioniren, hoc est: Einen von den Meinigen vom Feinde gefangen nehmen laſſen, der dann bei dieſem ißt, trinkt, ihr Freund wird und nachher mit Angaben zu mir zurückkehrt— wie ich mich aus Kurtius erinnere, daß der Schurke Zopyrus in Babylon that(er ging ſo weit in der Spitzbuberei, meine Herrſchaften, daß er fich Naſen und Ohren ab⸗ ſchneiden ließ, um die armen Babylonier zu hinter⸗ gehen, zu denen er ſich flüchtete, vorgebend: ſein eigener Herr Darius habe ihn ſo mißhandelt, damit ſie ihm deſto eher glauben follten)— pfui— das verſchmähe ich von ganzem Herzen; und ich möchte es nie anwen⸗ den, um den Charakter meines Volkes dadurch nicht zu verderben.“ „Das iſt ſehr ſchön von Herrn Edeling gedacht. Wenn aber der Feind dieſen Kniff gegen—“ „Gegen mich gebrauchte? Dann müßten dieſe Räuber keinen Smaländer mehr zum Anführer haben. fach Das enn ren. ade⸗ gs⸗ inen ſſen, und ich yrus erei, ab⸗ nter⸗ gener ihm mähe nwen⸗ nicht dacht. dieſe aben 155 Einfache Spitzbubereien können wir begehen⸗ meine Herrſchaften: einfache Kniffe— wohl, ſo weit gehen unſere Landsleute immerhin; aber doppelte? nein. Wenn es glaublich iſt, daß meine Feinde ſich eines doppelten Spionirens gegen mich bedienten, ſo müſſen ſie einen Ausländer zum Chef erhalten haben.“ „Haben Sie ein Auge auf den Dieb, der hier die Kleider ſtahl—“ „Wie?“ rief Herr Göran aus. „Er wird jetzt wohl als Gefangener' bei der Truppe des Herrn Edeling ſeyn?“ „Der? der— hm— die ausgezeichnet ſchönen Kleidungsftücke meiner Frau Wirthin nahm, welche ich die Ehre gehabt habe wieder zurückzubringen?“ „Was mich auf ſeltſame Gedanken in Beziehung auf dieſe Perſon führte,“ verſetzte der Wirth,„war der Umſtand, daß er, wie meine Frau bereits erwäbn⸗ te, im Verdachte ſteht, in einem gewiſſen Verhältniß mit unſerer Hausjungfer geweſen zu ſein.“ „Aber was hat dieß mit mir und meiner Truvve zu ſchaffen? Kann es ſein Plan geweſen ſein, ſich abſichtlich von mir fangen zu laſſen?“ „Ich weiß es nicht. Sehen Sie nur zu, daß er nicht entwiſcht. Wie ſieht denn der Kerl aus?“ „Er erregte meine Aufmerkſamkeit ſogleich durch die Sprache, die er bei meinem Examiniren zeigte. Er kam mir wie ein gewiſſermaßen Gebildeter, das heißt, Halbgebildeter vor. Er ſprach über die Geld⸗ noth, ſo wie über Privatbanken, wie ich noch nie von einem ſmaländer Bauer etwas Aehnliches gehört habe. Er ſah mir nicht wie ein ordentlicher Räuber aus, der aus einem einfachen Menſchen dazu geworden iſt, ſondern wie eine Art heruntergekommener Spielmann; mit kurzen Worten wie ein Taugenichts, ein Roué, ein Stutzer. Kein einziger von den redlichen ſmalän⸗ diſchen Räubern ſieht ſo aus.“ „Ein Stutzer, Hofmacher? das trifft nicht übel zu!“ 1⁵6 „Beſonders,“ fuhr Göran fort,„beſchrieb er dieſen ſchönen Hof, wo er geweſen war, in einer ſol⸗ chen Blumenſprache und mit ſo gewählten Ausdrücken, daß er dadurch mich ſelbſt in die größte Spannung verſetzte. Ich darf ſagen, daß er gerade dadurch mich veranlaßte, perſönlich hieher zu reiſen, um jene Gegenſtände zurückzugeben— was ich ſonſt durch einen Andern bätte thun laſſen können.“ „Aha— er lockte den Herrn hieher?“ „Ja, er ſprach wie ein Sprachmeiſter: wie Einer, der ans Lektionengeben gewöhnt iſt.“ „Er hatte auch wirklich, wie wir glauben, un⸗ ſerer Mamſell Leklionen gegeben.“ „Er war alſo eine Zeit lang hier?“ „Man gibt die Lektionen nicht immer ſtundweiſe; es thut ſich auch in Minuten. Wir argwohnen, daß er und ſie ſchon früher mit einander bekannt waren. Sie brachten die Sache hier leider ſchnell und luſtig zu Ende.“ „Die Herrſchaft hat alſo dieſe Mamſell nicht lange im Hauſe gehabt?“ „O doch, ungefähr ein halbes Jahr. Sie kam im Frühjahr von Wimmerby zu uns.“ „D pfui Teufel, die Mamſell der Herrſchaft war von Wimmerby? Wie kann man aber auch Leute von Wimmerby nehmen?“ „Wie ſo, mein beſter Herr Edeling?“ fragte die Frau Wirthin.„Ich verſichere Sie, daß Wimmerby eine ſehr gute Stadt iſt, und ich kenne viele Leute dort.“ „Ich bitte um Entſchuldigung,“ erwiederte Göran mit einer artigen Verbeugung.„Dann nehme ich meine Worte wieder zurück. Verzeihen Sie mir die Aufwallung, in die ich gerieth: ich meinte auch nicht das jetzige Wimmerby, deſſen Bewohner ich ſehr ſchätze. Ich kenne keinen Einzigen von ihnen. Was ich aber von der Stadt ſagen wollte, das war nur das, daß 157 ich ſie nicht als eine ganz echte, ſmaländiſche Stadt anerkenne. Ich verſtehe darunter ihren Urſprung. Sie ward von den Zigeunern gegründet: dieß beweist König Karls 1X. Einſetzungsbrief, den ich geleſen habe, meine Herrſchaften! Die Stadt bekam ihren Namen von Mährenbieter oder— verzeihen Sie, Madame! — von Roßtäuſcher.“ „Was iſt dann das für eine Geſchichte?“ lachte der Wirth, indem er vabei beobachtete, wie der ehr⸗ liche Waldjüngling ſich anſtrengte, zierlicher zu ſprechen, als er ſeit einiger Zeit gewohnt war. „Die Geſchichte iſt ſehr kurz, erwiederte Göran.„Ehe⸗ dem lag an der Südſeite des lieblichen Krönerſees imSchwe⸗ der Amte ein ſmaländiſches Dorf oder Flecken, das den ſchönen Namen Freundesbirke führte— ach wenn mir die Zeit erlaubte, den Herrſchaften die uralte und böchſiintereſſante Bedeutung dieſes Wortes zu erklären! Allein es geſchah nun, daß eine Geſellſchaft herum⸗ ſireichender Zigeuner von denen, die wir als Land⸗ ſtreicher, Pferdehändler, Zauberer, Wahrſager und Quackſalber kennen, und denen der König das Herum⸗ ziehen verboten hatte, die Bittſchrift an ihn eingab, ſich dort eine Stadt bauen zu dürfen, um ſich in Ruhe niederzulaſſen und zu leben wie andere Menſchen. Der König bewilligte es; befahl jedoch, daß ihre Stadt den Namen nach den drei erſten Splben haben ſollte, womit die Bittſchrift begann: Wir Mähr⸗ bieter—“ „Ei du mein Alles!“ brach die Wirthin aus. „Ich möchte dieſer Sage doch nicht ſo ſehr glau⸗ ben, obwohl ſie recht hübſch iſt,“ entgegnete der Wirth lachend.„Denn ich habe irgendwo gefunden, daß Wimmerby ſchon im dritten Jahrhundert unter Erik Magnusſon erbaut wurde; obwohl es nachher ſchrecktich zerfiel. Und wenn es dann unter Karl IX. wieder hergeſtellt wurde, kann es wohl durch ſchlim⸗ meres Pack geſchehen ſein, als ſich gehörte. Zigeuner? 138 Eine gute Idee! So geht es mit den Spießbürgern! hahaha!“ „Ich verſichere Sie, Herr Edeling, daß jetzt nur die beſten Honoratiorenfamilien in der Stadt wohnen,“ ſagte die Dame des Hauſes. Sie haben ſich abſichtlich dort niedergelaſſen, um einen geſellſchaftlichen Kreis zu bekommen. In Wimmerby gibt es weniger Krämer und Bürgerſchaft als in irgend einer andern Stadt.“ „Das iſt ſehr ſchön,“ verſetzte Göran.„Die Stadt hat ſich alſo ganz umgewandelt. Und von dorther war die Hausjungfer der Herrſchaft? Iſt es erlaubt zu fragen, ob es eine Blondine war?“ „Nein, wahrlich!“ fiel der Herr vom Hauſe ein. „Sie war zwar durchaus nicht häßlich; eber ſehr hübſch, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll; aber keineswegs blond. Sie hatte glatte rabenſchwarze Haare, glänzend ſchwarze Augen—“ „Da ſeh' Einer! die war gewiß keine Smalän⸗ derin. War ſie groß?“ „Eher klein; etwas fett, aber ſchlank um den eib.“ „Das kann ich mir denken. Die Hautfarbe— roth und weiß, wie Erdbeer und Milch, wie?“ „Nein, wahrlich nicht. Ihr Geſicht war braun oder weißgelb, wenn ſie ſo wollen; und gegen die Stirne zu ſogar etwas zu braun, wenn ich offenherzig ſein ſoll.“ „Gewiß. So mußt' es ſein. Und ſie hatte ſich mit einem ſolchen Sprachmeiſter eingelaſſen?“ „Wir haben alle Veranlaſſung es zu glauben; unter Anderm blieb eine Notiz mit Krähenfüßen in einer vergeſſenen Schreibtafel zurück.“ z „Und ſie war von Wimmerby? Und die Herr⸗ ſchaft merkt nicht, daß ſie eine Zigeunerin im Dienſte gehabt hat?“ 3 „Eine Zigeunerin? Aber ich verſichere Sie,“ ent⸗ gegnete die Frau,„ſie kleidete und benahm ſich wie ganz 1³9 beſſere Leute. Ich weiß auch, daß ſie wirklich aus einer guten Familie war; ich kenne ihre Eltern.“ „Mein Gott— ich verſtehe unter Zigeunerin ein Frauenzimmer von indiſcher Abkunft. Glauben Sie ja nicht, Madame, daß alle Hexen ſo ſchlecht gekleidet gehen. Sie kann in einer langen Reihe von Ahnen und Verwandten von jenem Höllenaſien herkommen, wenn auch ihre nächſten Eltern kein ſchlechtes Geſindel ſind, ſondern in unſeren ſmaländiſchen Kirchenbüchern ſtehen. Und ſie iſt alſo verſchwunden 2 „Sie hat uns mit unſerer Erlaubniß verlaſſen, wie ich vermuthe, nach Wimmerby zurückge⸗ ehrt.“ „Aber wenn die Herrſchaft ſie wegen Gemeinſchaft mit dieſem Schurken von Stundengeber im Verdacht hatte, warum ließ man ſie dann ziehen 2 „Um dieſes halben Verdachtes willen wollten und konnten wir ſie nicht zur Rechenſchaft ziehen. Wir waren froh, ſie los zu werden.“ „Gut, mein Mamſellchen! Ich verſtehe dich. Und jetzt erſt ſehe ich auch ein, warum ſich der Sprach⸗ meiſter ſo eifrig über die Frauenkleider hergemacht hat. Er wollte ſeine Bekanntſchaft recht hübſch herausputzen. Du Galan, du!“ „Hahaha! das finde ich ſehr natürlich!“ rief der frohgelaunte Wirth.„Ich will jetzt übrigens ſagen, warum ich Herrn Edeling rathen zu müſſen glaubte, wegen ſeiner ſelbſt ein Auge auf den Hofmacher zu haben. Kann der Herr chineſiſch leſen?“ „Ich? nein. Ich wollte zwar einmal Magiſter werden, aber—“ „Das würde, fürchte ich, kaum zugereicht haben, mein lieber Herr!“ Bei dieſen Worten ſtand der Wirth auf und ging auf ſein Zimmer, um ein Blatt Papier zu holen, das offenbar aus einem Buche ge⸗ riſſen war.„Als ein ſo geſchicktes junges Mädchen ſich Mamſell Magdalena auch die ganze Zeit über 140 zeigte, während ſie ſich in unſerem Hauſe aufhielt, und ſo ſehr wir auch mit ihr zufrieden waren— ehe wir nämlich gewahr wurden, daß ſie lange Finger hatte,— ſo muß ich doch ſagen, daß ihr Styl ſtets grohlich war. Kann der Herr da etwas herausbrin⸗ en?“* 8 Göran beſah neun Zeilen Krähenfüße.„Haben die Herrſchaften in dieſem Chinefiſchen etwas entveckt?“ fragte er.„In meinen Augen gleicht es dem Kop⸗ tiſchen, deſſen Alphabet ich einmal auf der Bibliothek von Upſala geſehen habe. Iſt hierin etwa eine An⸗ deutung auf den Sprachmeiſter, oder auf mich und mein Korps enthalten? Ich verſtebe nicht das Ge⸗ ringſte davon. Aber vielleicht iſt dieß nur ein Kon⸗ zept, und ſie hat ihrem Liebhaber eine deutlichere Schrift geſchickt.“ „Wahrſcheinlich. Betrachten Sie einmal dieſen Buchſtaben. Wem ſieht er gleich?“ „Einem Fuchs.“ „Und dieſer?“ „Einem Wolf.“ „Setzen Sie ſie jetzt zuſammen. Sehen Sie, wie ſich der Fuchs vor dem Wolfe bückt? Und ſehen Sie hier dieſelbe Figur, wieder ein Fuchs, der ſpornſtreichs davon läuft? Und dort ein Wolf, der in eine Wolfs⸗ grube ſtürzt?“ „Richtig, ja. Die Herrſchaft hat eine Dame ge⸗ habt, die 6. auf Hieroglyphen verſtand. Das iſt mehr, als Mancher in jetziger Zeit kann. Und fie war von Wimmerby? Iſt's nicht, wie ich ſagte?“ „Und ſehen Sie, Herr, hier ſteht ein Bär, der den Wolf frißt? Nehmen Sie ſich in Acht, mein Herr: falls zum Beiſpiel der Herr ſelbſt mit dem von dem Fuchs geäfften Wolſe gemeint wäre, und der Bär den neuen Anführer der Bande bedeutete; wie dann?“ „Aber in welchem Zuſammenhang kann denn ich ——*7 vW— — 144 damit ſtehen? Konnte mich denn die„an und für ſich hübſche“ Mamſell der Herrſchaſt kennen?“ „Wir vaben nachher durch unſere Leute Nachrich⸗ ten erbalten, vie beweiſen, daß Fräulein Magdalena ihre Bekanntſchaften bis Nottebäck ausgedehnt hatte.“ „Wie? Großer Gott! Sie wäre am de viel⸗ leicht ſelbſt ein Vorpoſten, eine Art Werkzeug in den Händen der Räuber geweſen, das ſich in einem Herr⸗ ſchaftshauſe einniſtete, um die Diebſtähle zu befördern? Aehnliches bat man meiner Seel von der Caſſemarie und dem Silfverjohann gebört!“ „Wir haben nachher gefunden, daß es wirklich ſo war.“ „Aber iſt es denn nicht ganz abſcheulich von einem ordentlichen Frauenzimmer, ſo etwas zu thun 2. „O ja.“ „Ich gelobe Ihnen, ſie und ihren winkelzügigen Anbeter eines Tags zur Rcchenſchaft zu ziehen. Ich erinnere mich jetzt, daß der Kerl ein wenig hinkte. Auch hatte er einen dunklen Teint, war geſchmeidig und äußerſt artig. Ha! er war gewiß urſprünglich auch ein Zigeuner; obwohl vielleicht von einer Seiten⸗ linie, die einige Erziehung bekommen hatte. Meine Herrſchaften, verzeihen Sie, ich muß ſogleich zu mei⸗ nem Korps zurück.“ „Verweilen Sie doch noch einen Augenblick!“ bat die Frau Wirthin, da eben der Kaffee auf einer ſchönen Platte hereingetragen kam. Göran Edeling, der jetzt etwas wild, aufgeregt und argwöhniſch war, ſchaute mit einem vernichtenden Großvaterblick auf das Mäd⸗ chen, das den Leller trug, um zu entdecken, ob auch ſie von Wimmerby wäre. Aber die gute Magd hatte weit hervorſtehende, große und helblaue ans Graue grenzende Augen, die, zwei waſſerhellen Kugeln gleich, aus dem ehrlichen Kopfe herausfallen wollten. Ueber⸗ dieß ſah Göran, daß ihr Geſicht ſehr weiß und mit ganzen Büſcheln von großen Sommerſproſſen bedeckt 142 war, was ihr keineswegs übel ſtand. Er ward da⸗ durch beruhigt, nahm ſeine Schaale mit Vergnügen ſüſerte bei ſich ſelbſt:„Die iſt von unſerem olke!“ Als er zur Abreiſe bereit war, ſich verbeugte und Abſchied nahm, bat ihn die Frau Wirthin noch einmal, ihren Auftrag wegen der guten Baſe doch ja nicht vergeſſen zu wollen. Herr Göran dankte herzlich im Namen ſeiner Verwandten, die auf dieſe Art doch noch einen Zweck auf der Welt erfüllen durfte, den nämlich, in einem vortrefflichen Hauſe die Nachfolgerin einer Zigeunerin abzugeben; ein Geſchäft, das ihr leicht werden mußte, da ſie ja weiter keine Hexereien bewerkſtelligen durfte, als der Frau beim Thee, und höchſtens noch beim Zwiebackbacken an die Hand zu gehen. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Jeppe Jonſſon und der Spielmann.— Prittes Räuberkapitel. „Kann es denn menſchenmöglich ſein,“ dachte er, daß Jeppe, auf den ich mich ſo feſt ver⸗ laſſen habe, mich verrathen hat?“ Als Herr Göran Edeling den Saum des abſeits gelegenen Waldes erreicht hatte, wo ihn das Korps nach ſeiner Verabredung mit dem Unterbefehlshaber ſeiner Leute, dem Korporal Sven, erwarten ſollte, ſchickte er den Nottebäcker Wagen mit vielen Grüßen an ſeine Freunde in Skedeheim, und ſchritt raſch durch die Büſche. Schon ſah er die Baraken und mehrere ſeiner Burſche zwiſchen den Bäumen durch; als Sven Grimmſtedt ihm eilig und mit glühendem Geſicht und 145 den zornigſten Geberden entgegen gelaufen kam. Jeppe Jonſſon ſtolperte hinter ihm drein. „Halt! Was gibt es?“ rief Göran. „Hauptmann!“ ſchrie Sven,„ich bin wüthend auf den Fähnrich.“ Auf den Fähnrich? wer zum Teufel iſt denn das?“ „Ei nun, dieſer Jeppe Jonſſon da ſagt, er ſey Fähnrich. Und das mag er meinethalben zwanzig Mal ſein: ich frage nicht viel nach Ehre oder Schande. Aber er hat uns einen Höllenſtreich geſpielt. Herr er hat einen unſerer Diebe entwiſchen laſſen.“ „Wie, Schlingel? Aber was ſoll das heißen? Wer iſt denn entwiſcht?“ ſetzte Göran mit einer Ah⸗ nung hinzu. Jeppe trat in jämmerlicher Geſtalt vor.„Sehen Sie, Herr Göran—“ ſtammelte Jeppe—„ſehen Sie, Alles kam nur davon her— weil— ich ſo enge Stiefel habe— daß— ich mich niederſetzen muß— und wenn ich ſitze, ſo bin ich immer dumm. Ich bringe durchaus nichts Geſcheidtes zum Vorſchein, wenn ich nicht— herum ſpaziere und lavire, wie Herr Gör— und—“ „Ich will dich lehren!“ ſagte Göran und gab ſei⸗ nem vertrauteſten Freund, dem guten Jonſſon, eine recht derbe Ohrfeige.„Wie und wo wurde ein Menſch wie du Fähnrich, das möchte ich wiſſen?“ ſchloß er halb ärgerlich, als er ſah, wie ſich Jeppe auf dem Abſatz herumdrehte, den Hut abnahm, ſein üppiges Haar auf die Ohrfeige ſchüttelte, und dann wieder ſo heiter ausſah wie vorher. Sven Grimmſtedt nahm das Wort.„Als der Herr Hauptmann heute fort war,“ ſprach er,„kam Jonſſon zu uns heraus und verſicherte mich, er habe mit dem Hauptmann in der Stube drinnen eine lange Unter⸗ redung gehabt. Das wußten wir wohlz denn wir 144 mußten nach dem Frühſtück noch lange genug allein da ſitzen, und wunderten uns Alle ein wenig darüber, was der Herr Hauptmann für lange Vertraulichkeiten mit einem Menſchen wie der junge Jeppe haben konnte; ungeachtet er allerdings aus demſelben Kirchſpiele iſt, wie der Hauptmann ſelbſt. Jeppe brüſtete ſich nun vor unſerer ganzen Front, machte ſeine Stimme ſo rauh, als er nur konnte und ſagte:„Ich ſoll euch ver⸗ künden, Burſche, was der Hauptmann in der Stube drinnen mit mir geſprochen hat!“ Göran wurde blutroth.„Kann es denn menſchen⸗ möglich ſein,“ dachte er,„daß Jeppe, auf den ich mich ſo feſt verlaſſen habe, mich verratben und dem Korps geſagt hat, daß ich durchaus kein herzliches Vertrauen zu irgend Einem von den Hundsvöttern habe? Das wäre ja ganz—! Wie ſoll ich ſie dann noch lenken?“ Er rüſtete ſich, Jonſſon die derbſte Zurechtweiſung zu ertheilen, ungeachtet er ſein Landsmann und Schul⸗ kamerade war.„Nun, heraus mit der Geſchichte, Svpen!“ rief er laut.„Hier gilt kein Anſehen der Per⸗ ſon, das ſoll Jeppe und du erfahren.“ Sven erzählte:„Nachdem Jonſſon eine Weile da geſtanden war und ſich gebrüſtet hatte, ſagte er: jetzt ſollt ihr hören, Burſche, was Herr Göran zu mir ſagte; denn er ſprach lange, wie ihr wißt, und ihr ſollt jetzt Alles erfahren.„Jeppe Jonſſon!“ ſagte Herr Göran zu mir und nahm mich bei der Hand:„Du ſahſt, Jonſſon, daß ich mich heute vor dem Frühſtück zum Hauptmann der tapferſten und ehrlichſten Männer in Smaland machte; und du ſahſt, daß ich Sven, den Grimmigen, zum Korporal ernannte. Denn er iſt der weißeſte und ſtärkſte Burſche, den unſer Herr erſchaffen hat. Und das wird er ewig bleiben. Aber dich, mein Jeppe, dich—“ ſchloß Herr Göran— „dich mache ich zu meinem Fähnrich. Verſteht ihr? Seht, meine guten Freunde, das war's, was der Hauptmann drinnen zu mir ſagte, obwohl er es ſehr u—*—*— S 8 S S S S v 3 145 ſchön und weitläufig auseinander ſetzte, ſo daß es viel Zeit wegnahm. Jetzt wißt ihr's, und könnt euch dar⸗ nach richten!“ 6 „Der Fuchs,“ dachte Göran, und ſchaute mit einem verſtohlenen, faſt thränenfeuchten Blick ſeitwärts auf den ehrlichen Jungen, der durch ſeine geſcheidte Erdichtung das Geheimniß einer Unterredung bewahrt hatte, welche die Mannſchaft ſonſt mit argwöhniſchen Blicken betrachtet hätte.„Nun wohl!“ rief Göran laut,„alles das iſt wahr; ich wollte es übrigens nicht eher verkündigen, als bis ich heute heim käme. Und dieſe Ernennung hat dich geärgert, Sven?“ „Gewiß nicht, Hauptmann. Jeppe Jonſſon mag immerhin Fähnrich ſein. Habe ich nicht ſchon geſagt, daß er es meinethalben zwanzig Mal ſein kann, ſo lange der Mond ſcheint und die Schande auf trockenem Boden läuft. Was bekümmert ſich Einer von uns darum, ob die Schande trocken oder naß iſt?“ „Beſonders jetzt hat es gar nichts mehr zu ſagen,“ dachte Göran bei ſich ſelbſt,„da es keinen ſolchen Grad mehr in der ſchwediſchen Armee gibt und ſich alſo Niemand über die Gleichſtellung ärgern kann; und mein Jeppe iſt wahrhaftig der einzige Fähnrich in ganz Skandinavien!— Nun weiter!“ ſetzte er laut hinzu. „Die abſcheuliche und gefährliche Sache, Herr, iſt nun die, daß der Pickelmaier uns durchgegangen iſt.“ „Pilkomajo heißt er,“ ſagte Fähnrich Jeppe mit Würde und warf ſich in die Bruſt.„Der Ueberläufer heißt ſo,“ fuhr er fort; das weiß ich aus ſeinem eige⸗ nen Munde. Uebrigens, Herr Hauptmann, iſt mir die ganze Geſchichte ſehr unangenehm; daß er nämlich durch iſt, Herr Göran! Denn wie Sven ſagt, es iſt mein Fehler; und ich ſchiebe es nicht auf einen Andern. Allein es kommt davon her, daß ich dießmal dumm war und ſaß. Aber Etwas mußte doch das Erſte ſein, was ich als Fähnrich that.“ Drei Frauen in Smaland. I. 10 1 1 1 3 1 1 1 1 11 111 11 1 . 146 „Wer iſt denn dieſer verhenkerte Pilkomaju?“ ſagte Göran laut lachend. „O das iſt ein ganz gefährlicher Kerl, das wird der Herr ſchon ſpüren. Er war, ſo wahr ich Sven heiße, ein Spion, ein Satan, der ſich abſichtlich von uns in dem Kartoffelloche fangen ließ. Während der Herr fort war, hat er alle unſere Sachen ausſtudirt: wohin wir marſchiren wollten, und unſere beſten Waaren lägen und noch vieles Andere. Und dann hat er ſich davon gemacht, uns zum Poſſen. Aber an Allem iſt der Fähnrich Schuld. Jetzt iſt der Pickelmaier ganz gewiß zu dem großen Räuberhaufen gegangen, und erzählt ihnen, wie es bei uns ausſieht. Und ich für meinen Theil glaube ſicher, daß er von ihnen gerade deßhalb ausgeſchickt wurde.“ Herr Göran erblaßte etwas, und erinnerte ſich, was er eben bei der Herrſchaft gehört hatte.„Pilko⸗ maju war alſo der feine Herr, der die Frauenkleider geſtohlen hatte?“ ſagte er.„Der Teufel hole den Kerl! auf die Art verlockte er mich alſo, einen Beſuch im Herrenhof zu machen; und dann paßte er auf, um euch gute Leute Alle auszuſpioniren, während ich fort war. Er entwiſchte alſo? Ein ſauberer Vogel!“ „Darf ich erzählen, wie es zuging?“ ſagte Jeppe und ſtrich nach ſeiner Gewohnheit das Haar hinter das linke Ohr.„Ich weiß, wie es war, und da es meine Schuld iſt, ſo muß ich es erzählen.“ „Sprich, Jeppe. Und du Sven paß auf: wenn Jeppe etwas hineinflickt, ſo ſag es mir. Denn hier gilt kein Unterſchied der Perſon, das ſeid verſichert! Nun wohlan, mein Fähnrich?“ Jonſſon' näherte ſich Göran ſo ſehr als möglich, und warf ihm unvermerkt einen vertraulichen Blick zu. Dann wandte er ſich zur Seite, ſah zuerſt auf den Korporal Sven, und ſtarrte dann auf den Boden. „Pilkomaju war ein Teufelsſpielmann!“ ſagte er. 147 „Der Herr Hauptmann ſah ihm wohl an, daß er ein Betrüger war? Oder nicht?“ „Zur Sache! Wie konnte der Kerl entwiſchen? Wie konnte er unſre Heimlichkeiten ausſpioniren? Hatte ich nicht befohlen, daß man ihn gefeſſelt laſſen ſollte?“ „Ja ſehen Sie, Herr Göran, das war eine kurioſe Geſchichte. Als der Herr Hauptmann ſeiner Wege ge⸗ reiſt war, um ſich bei der Herrſchaft auf dem Herren⸗ hofe zu vergnügen, da hatten wir von der Bande es recht langweilig. Wir marſchirten zwar nach dem Wald, der hier ſo geſchickt abſeits liegt, und das war recht gut. Auch führten wir die Gefangenen gefeſſelt mit uns, das fehlt ſich nicht; das weiß Sven. Aber als wir hier angekommen waren und uns gelagert hatten, fing es an, uns ſchrecklich langweilig auf dem Mooſe zu werden. Unterwegs war ich beſtändig ne⸗ ben dem Stockdieb hergegangen, denn ich wollte ge⸗ nau auf ihn Acht haben; und da fand ich es außeror⸗ dentlich unterhaltend, mit ihm zu ſchwatzen, ich hatte nie einen heiterern Burſchen gehört. Und da merkte ich, daß er gar gerne auch mit mir etwas reden wollte. Ich ſprach alſo mit ihm. Ich hielt es für äußerſt hübſch, herauszubringen, was er dachte und woher er kam.“ „Darüber wird er dich nicht ſehr klug gemacht haben, mein lieber Jeppe,“ rief Göran aus.„Aber anſtatt deſſen lauerte er aus dir heraus, was Du dach⸗ teſt, und wollte durch dich unſre Geheimniſſe entdecken. Das iſt eine verfluchte Geſchichte.⸗ „Freilich wollt' er das!“ entgegnete Jeppe.„Aber Herr Göran ſoll jetzt hören, wie es ging. Während des Geſprächs ſagte er, er heiße Pikelmaju, nein Pilko— Pilkomaju, ſo war's, und er könne den Du⸗ delſack ſpielen wie ein Engel. Da fiel mir etwas Ge⸗ waltiges ein. Ich wollte dem Regimente eine Freude erlauben, da ich gleichſam ſein Fähnrich geworden warz und ich dachte, es wird ihnen gut thun, wenn 148 ſie ein Bischen tanzen, heiter ſein und lachen dürfen; denn ich hatte oft bemerkt, daß die Burſche ſeufzten. Das kommt daher, weil ſie es gar betrübt haben, Herr Göran; und das iſt nicht gut. Sie werden nur anhänglicher an den Hauptmann werden, wenn ſie einmal in der Woche ihr Herz erfreuen dürfen. Ich befahl daher dem kleinen braunen Peter, ſeinen Du⸗ delſack hervorzuthun, den der arme Peter mit ſich her⸗ umſchleppt, und mit dem er oft einſam in einem fin⸗ ſtern Waldwinkel daſitzt und klimpert und ſpielt. Er ſpielt zwar wie eine Ente, aber er meint dann doch, es klinge gar ſchön, und läßt dabei den Kopf auf die Seite hangen, denkt an ſeinen Kleinen zu Hauſe und weint im Schlaf. So tbut der Peter. Und der Herr weiß es wohl. Nun ſagte ich aber zu dem Gefange⸗ nen: Hört, Herr Pilkomaju! wollt ihr uns einen Ring⸗ tanz aufſpielen, ſo werde ich euch den Dudelſack geben und die Freiheit dazu. Dann kommt der Herr mit mir abſeits, wir plaudern weiter und der Herr ſoll noch dazu gleichſam eine Halbe bekommen!“ „Wie konnteſt Du ſo unvorſichtig ſein, Jeppe?“ „Korporal Sven, der jetzt ſo wild daſteht, tanzte recht hübſch mit, ſo viel ich weiß. Und es war ein ſehr angenehmer Bärentanz im Wald, obgleich ſich Sven jetzt wenig daraus zu machen ſcheint,“ fuhr Jeppe fort. „Hm,“ erwiederte Sven,„ich glaubte, da der Fähnrich einmal Fähnrich ſei und die Autorität beſitze, ſo dürfe er wohl einen Tanz anſtellen. Und alſo tanzte ich denn mit. Und wir ſangen und machten ein entſetzliches Halloh; das war wohl hübſch; hätte ich aber gewußt, was nachher geſchehen würde, ſo hätte ich gewiß kein halbes Bein zum Tanzen ausgeſtreckt.“ „Was geſchah denn, ums Himmelswillen?“ „Je nun ſehen Sie, Herr Göran, zwiſchen den Tänzen ging der Spielmann immer etwas abſeits, um mich aufzuſuchen, wie wir ausgemacht hatten⸗ — 149 Denn er war ungeheuer erfreut, mit mir ſprechen zu dürfen. Und das merkte ich; ſo ſprach ich denn mit ihm; ich ſprach unbegreifliche Dinge mit ihm; und da⸗ zwiſchen machte ich ihn mit einer Quart aus meinem eige⸗ nen kleinen Fingerhut immer heiterer. Dieß tröſtete ihn nun ſo in ſeiner Gefangenſchaft, und ffößte ihm ein ſo arges Vertrauen zu mir ein, daß er ſich mit keinem einzigen Andern von der ganzen Schaar einließ.“ „O Du Einfaltspinſel, ſiehſt Du denn nicht ein, daß es ihm genügend war, daß Du ſelbſt dein Maul nicht hielteſt; und das wollte er ja gerade!“ „O Herr, ich ſprach und ſprach. Ich beſchrieb ihm vom Kleinſten bis zum Größten, wie wir alle un⸗ ſere Sachen angeſtellt hätten; und wohin wir zu ge⸗ ben gedächten, und was unſer Hauptmann mit dem Feind anfangen wollte.“ „Aber warſt Du denn ganz des Teufels, Jeppe?“ „Sehen Sie, Herr, ich ſagte ihm, da ich Fähn⸗ rich ſei, ſo ſei ich juſt der Nächfte nach dem Sberſten oder Hauptmann; und er begriff leicht, daß Keiner im ganzen Haufen ſo gut wie ich über Alles Beſcheid wußte. Und ich ſagte ihm, wenn er eben ſo ehrlich, als geſprächig und unterhaltend wäre, ſo würde ich ihm einen hohen Rang in der Geſellſchaft verſchaffen. Das ſagte ich, damit er ſein ganzes Vertrauen auf mich allein ſetzen und nicht hingehen und mit einem Andern von der Schaar ſprechen ſollte. Sven muß mich deßhalb nicht ſo gräulich anſchauen—“ ſetzte Jeppe mit einem Seitenblicke hinzu. „Ich bin nicht böſe darüber!“ ſchrie Sven der Grimmige.„Aber ich ärgere mich über das, was nach⸗ her geſchah, nämlich daß Du ihn entwiſchen ließeſt, Du Erznarr!“ „Sehen Sie, Herr,“ fuhr Jeppe fort,„ich ſagte dem Mann nur veßhalb, ich wolle ihm einen ſo hohen Poſten unter uns verſchaffen, damit er nicht denken 150 möchte, ich halte ihn für fähig, durchzugehen. Und es gelang mir. Denn nun ließ er ſich ohne Bedenken mit mir ein und fragte mich über Alles; und ich, ich gab ihm über Alles Antwort, wie man ſeinem beſten Freunde Antwort gibt, der unſer Kamerad auf Leben und Tod werden ſoll.“ Göran verging der Athem. Er ſah ſcharf auf Jeppe.„Nun weiter, weiter.“ „Sehen Sie, Herr,“ fing Jeppe wieder an und trat dem Hauptmann noch näher,„ich ſah recht gut von Anfang an, daß Herr Pilkomaju ſeine Füße zu gebrauchen und wieder heim zu der großen Diebes⸗ bande zu laufen beabſichtigte, wenn er dazu kommen könnte. Und einem ſolchen Fuchs wäre es wohl auch einmal gelungen. Deßhalb richtete ich es ſo ein, daß er mit keiner Seele recht zum Sprechen kam, außer mit mir. Und als der Tanz nun zu Ende war— ſe⸗ hen Sie, Herr— da ging ich mit ihm ein wenig ab⸗ ſeits unter die dicken Bäume und ſagte: wir beide, ich und Du, Pilkomaju(denn ſeben Sie, wir hatten Brü⸗ derſchaft gemacht) ich und Du können jetzt müde ſein, komm! wir wollen uns niederlegen und in Frieden ſchlafen: wir werden ja doch künftig mit einander Fähnriche ſein und beiſammen liegen. Da lachte mich der ßuchs heimlich aus, als ſei ich ein gewaltiger Dummkopf, umarmte mich und wir legten uns ſchla⸗ fen. Ich that als ſchlummere ich herrlich; und er ebenfalls. Nach einer kleinen Weile ſtreckte er den Hals empor und horchte, ob ich ſchliefe, oder ob irgend ein Anderer ihn bemerken könnte. Ich lag da wie ein frommes Kind und keine Chriſtenſeele ſah ihn; denn ich war mit Fleiß ſo weit abſeits gegangen, daß dieß unmöglich war. So paßte er nun die Gelegenheit ab, nahm den Boden unter die Füße und entfloh— hahaha!— gerade wie ich es haben wollte!“ „Du biſt ein— Jeppe— wie ſoll ich dich nen⸗ nen?“ brach Göran mit einem lauten, herzlichen Ge⸗ * ₰ 154 lächter aus. Korporal Sven ſtand da und gaffte drein wie ein neugebornes Kind. Jeppe fuhr fort:„Nun ſehen Sie, Herr, ich bin feſt überzeugt, der Fuchs hat von der übrigen Bande nicht ein einziges wahres Wort ausgekundſchaftet; denn er ſprach nur mit mir. Und von mir hat er ſo unzählig viele Lügen erfahren, daß, wenn er mit allen zu ſeinem Räuberhauptmann heimlänft und keine ver⸗ gißt, wie ich hoffe, er jene auf einen guten Weg füh⸗ ren wird. Da werden ſie ſo viele Thorheiten bege⸗ hen, daß wir ſie umzingeln, ſchlanen und fangen kön⸗ nen, wie die Vögel im Netz. Deßhalb, Herr Göran, wollte ich es ſo einrichten, damit er gleich, ſogleich mit allem, was ich ihm anvertraut hatte, durchginge, ebe er von einem Andern aus der Bande erführe, daß ich ihm Sand in die Augen geſtreut hätte.“ „Ja, ja, Sven! fiehſt Du, ſo muß man Spionen zum Beſten haben!“ rief der Hauptmann aus, und war auf dem Wege, ſeinem herrlichen, klugen Lands⸗ mann Jonſſon um den Hals zu fallen. Korporal Sven ſtand da und ſtarrte Jeppe'n an wie ein Meerwunder. Er ſtreckte dem jungen Sma⸗ länder ſeine große muskulöſe Hand hin und platzte heraus:„Iſt es wirklich wahr, daß Du ſo geſprochen baſt? Und daß Pilkomaſu nicht Dich zum Narren ge⸗ habt, ſondern du ihn?“ Jeppe Jonſſon nickte ſeinem Kameraden freund⸗ lich und gutmüthig zu. Er ſah in dieſem Augenblicke ſo unſchuldig aus, wie einer, der noch auf der Welt nichts Schlimmes gethan hat. Der Korporal aber erwiederte ſein Nicken und fuhr fort:„Dann erkenne auch ich dich für meinen Fähnrich! Juhe! Wir werden alle Beſtien in Sma⸗ land ſchlagen und fangen.“ Aber Hauptmann Göran ſagte:„Sven, ſieh ge⸗ nau nach, daß alle Leute ihre Waffen in Ordnung ha⸗ ben; denn es wird nächſter Tag einen heißen Strauß 2*—— 152 abſetzen. Wer nicht darin umkommt, der ſoll künftig ordentlich leben können, das verſpreche ich. Schau zu, Korporal!“ Als Svpen abgetreten war, wandte ſich Göran mit folgenden Worten zu Jonſſon:„Komm mit mir da hinaus, wir wollen uns dort auf einen hübſchen Raſenplatz ſetzen. Ich will genau von dir hören, was Du dem Spion geſagt haſt und wohin Du ihn ver⸗ leiteteſt, ſeine Schaaren zu ſchicken. Auch muß ich wiſſen, ob Du von Herrn Pilkomaju etwas über die Feinde ſelbſt herausgebracht haſt, und wer wohl ihr Anführer ſein kann, denn man ſagt, ſie ſollen einen neuen erhalten haben.“ „O Herr Göran, das kann ich Ihnen genau ſa⸗ gen, es iſt Niemand Anders als der böſe Graf Zey⸗ ton, der zu ihnen gezogen iſt. Das konnte ich aus den verſchiedenen Worten des Spielmanns ſchließen; obgleich er ſelbſt nicht glaubte, doß er durch ſein Ge⸗ ſpräch etwas der Art verratben habe. Und wenn Svpen erfährt, vaß der Mann jetzt der Anführer der Räuber iſt donn denke ich, wird er erſt recht wild und kampf⸗ luſtig werden. Denn ich habe gebört, er baſſe Nie⸗ mand ſo ſehr wie Zeyton und Nickolſon, ſeit dieſer ſich in ihre Band einſchlich ſie betrog und mit ibrem Ge de d vongina. Der Herr wird ſich auch wehl noch erinnern, daß Spen mit ihnen umaing, wie mit e'n Paar Son enblumen, als wir ſie einmal auf der Reiſe im Bya umwald trafen.“ „So in es“ antworteie Göran mit einem bedeu⸗ tunasvollen Nick'n.„Ich werde den Korvoral bei Ge⸗ legenbeit wiſſen 1 ſſen, wer'ein neuer Feind iſt. Dann werd es hier einen Kmpf abſeten, denke ich. Gott der A'erböchſte möge dos Uebrige nach ſeinem gnädi⸗ gen Willen entſcheiden. Jeppe Jonſſon, mein Junge! wenn Du wußteſt, wie ich dich beute um deiner Treue und Klugheit willen liebe. Mancher hat in ſeiner Rede und der Stellung ſeines Körpers eine größere — ———— 8 NV 8 N N 8——— N* Feinheit als Du, das muß ich dir als Freund ſagen; aber wenige ſind beſſer, was das Weſen der Schön⸗ heit und eine gute, liebenswürdige Seele betrifft. Du ſollſt etwas von mir bekommen, wenn wir lebendig in meines Vaters Gemeinde zurückkehren.“ „O das braucht es nicht, Sie wiſſen's wohl, Herr Göran.“ „Sag mir einmal, weil wir gerade daran ſind, auf Ehre und Glauben: haſt Du einen Schatz? das muß jeder brave Jüngling haben.“ „Hm! ja. Ich werde Ihnen das ſagen, Göran, wenn wir lebendig in das Kirchſpiel des alten Herrn Vaters heimkebren.“ „Du biſt immer ein Schelm, Jeppe!“ ſagte Herr Edeling lächelnd.„Sag mir aber jetzt noch etwas Anderes, wenn Du kannſt. Brachteſt Du ſoviel aus dem Spielmann heraus, daß Du mir ungefähr ſagen wo gegenwärtig der Kern der Räuberbande liegt?“ Ich hörte ein Paar Worte davon,“ antwortete er, die Hand an die Stirne legend und ſtarr auf den Boden hinſehend.„Ja, wenn ich ſagen ſoll, was ich glaube, ſo liegt ihre Hauptmacht in einem ſchauerlich großen, öden Wald wiſchen zwei Ortſchaften. Gibt es Namen wie Birkemas und Malilla? Denn etwas der Art vernahm ich aus ſeinem Munde. Aber ich bin ſo gräulich dumm, wenn es ſich von Orten han⸗ delt, wo ich noch mit keinem Fuße war.“ „Recht!“ rief Herr Göran aus,„das trifft zu. Björkmäs und Molilja*) ſind zwei ſchöne Dörfer, die in einem ziemlichen Abſtand von einander, gerade auf dem Wege nach dem lieben Wimmerby liegen, wenn ) Man ließ die zwei Namen mit den verſchiedenen Buch— ſtaben gerade ſo ſtehen, da beide in dieſer Gegen je nach dem v rſchiedenen Bildungsgrad des Sprechers gäng und gäbe ſind. 154 man über Stenberga und Virsrum geht. Die Sache zieht ſich alſo dorthin, wie ich merke. Aber wir wol⸗ len die Kanaillen niederhauen, wie man Klee mäht und rothe Ackerſchnallen im Heu abſchlägt, das ge⸗— lobe ich!“ Dreiundvierzigſtes Kapitel. Die Schlacht.— Piertes Bäuberkapitel. Jetzt haben wir ſchwarze Teufel genug vor uns! jetzt gilt's zu kämpfen: Wir ſind einer gegen anderthalb, ja gegen zwei. Kurz nach der im letzten Kapitel durchgemachten Geſchichte ſehen wir uns in einer weiten Waldgegend: majeſtätiſch durch ihre wolkenhohen Bäume, aber auch ſchauerlich durch ihre ſchrecklichen Felsklüfte. Ein ält⸗ licher Mann von muskulöſen Formen und ſchwarzen Augenbrauen ſaß unter der Thüre einer Reiſachhütte; auf einem Steine etwas weiter unten ſab man einen jungen Menſchen mit einem bleichen Geſichte und Au⸗ gen, die von einem halb wilden, halb melancholiſchen Feuer zu brennen ſchienen. „Mein Sohn,“ ſagte Zeyton,„laß keine ſchwarze Laune in dieſen Tagen über dich kommen. Nur jetzt nicht! Ich bitte dich. Wenn ein Vater ſeinen Sohn bittet, ſo weißt Du, was das ſagen will.“ Nickolſon ſenkte ſeinen Blick zur Erde; er irrte zwiſchen dem grünlich⸗grauen Mooſe und den nackten Steinen umher, ohne einen Haltpunkt zu finden. „Uebr'gens,“ fuhr der Graf fort,„brauchen wir nicht zu fürchten, daß das geſchehen werde, was Du, Joachim, ſo gerne vermeiden möchteſt, und was, ich geſtehe es, auch mir nicht ſehr lieb wäre. Mein che ol⸗ iht ge⸗ vor ind ten d: uch lt⸗ en tez en u⸗ en rze tzt hn te en ir , ich in Spion hat mich auf das beſtimmteſte verſichert, daß jener Herr Medenberg ſich nicht bei den Rebellen be⸗ ſinde. Ich habe eben ſo viel Achtung vor dieſem Manne, wie Du, Nickol. Er mag nun gehandelt ha⸗ ben, aus welchen Beweggründen er wolle, ſo habe ich Achtung—“ „Ehrfurcht, Liebe—“ flüſterten die Lippen des Andern.. „Gut; auch ich geſtehe, ich möchte meine Büchſe nicht gegen ſeine Bruſt richten oder Einem befehlen, die Axt gegen ſein Haupt zu ſchwingen. Es freut mich deßhalb, daß er ſich nicht bei der verlaufenen Rotte des ſtörriſchen Narren Edeling befindet. Dieſe ab⸗ trünnigen Wichte: Svpen und ſein verächtliches Geſindel — ſag mir, ob es etwas Schmachvolleres gibt? Sei Einer ein ehrlicher Mann von Anfang bis an's Ende: da habe ich nichts dagegen; es iſt vielleicht gewiſſer⸗ maßen das Beſte. Wenigſtens geht es bisweilen nicht ſo ſchlimm, wie ich da und dort bemerkt habe. Aber ein Spitzbube ſein, ein eingefleiſchter Spitzbube, und doch— pfui bei den drei Königreichen!— und doch ſich zu einem ehrlichen Kerle hergeben, und Verräther an ſeinen Kameraden werden, an Männern, die eben ſo gut ſind wie er ſelbſt, nur mit dem Unterſchied, daß ſie weit beſſer ſind! Ich ſchwöre es bei— ich ſchwöre es bei meiner Seele, Nickol! ich werde dieſen Sven und alle ſeine Schurken in Grund und Boden niederſchlagen; und da der Erznarr Edeling in einer ſo braven Geſellſchaft kommt, ſo mag er ſie auch bei der Niederlage begleiten.“ „Aber glaubt der Herr Graf ſich vollkommen auf den ſogenannten Spion und ſeine Angaben verlaſſen zu können? Der Herr Graf—“ „Der Herr Graf? wer iſt das? Habe ich dir nicht geſagt, Joak— mein guter Junge— habe ich dir nicht oft genug wiederholt, daß ich dich jetzt öffentlich als meinen Sohn anerkenne? Du ſollſt mich hier im 156 y Walde nicht Graf nennen. Nenne mich recht und ſchlecht deinen Vater, und komm an meine Bruſt! 5 glaubſt ſelbſt nicht, wie ſehr ich dich immer geliebt abe.“ Dieſer ſchönen Worte ungeachtet näherte ſich Nickol⸗ ſon ſeinem Vater nicht; ſeine Blicke irrten beſtändig auf dem Boden umher, und ſchienen etwas in dem wilden Mooſe zu ſuchen.„Herr Graf“— begann er noch einmal, brach jedoch ſelbſt wieder ab. Er, der ehedem mit ſo heißer Sehnſucht darnach geſtrebt hatte, für ächt anerkannt zu werden und den Grafen offen Vater nennen zu dürfen; er genoß jetzt dieſe Gunſt und dennoch weigerten ſich ſeine Lippen, das erſehnte Wort auszuſprechen. „Mußt Du mich immer noch Graf ſchelten? Herr Graf?“ ſagte Zepton ärgerlich, beinahe traurig.„Ich glaube es geht ſo weit,“ fuhr er fort⸗„daß Du dich an mir ſchämſt, Joak? Du willſt mich nicht einmal des Vaternamens würdigen? Kann das möglich ſein?“ Der Sohn gab keine Antwort. „Uebrigens wirſt Du ja einſehen, daß das nicht lange ſo fortdauern kann,“ ſprach der Graf weiter. „Ich verachte die Geſellſchaft, in der wir leben, eben ſo ſebr als Du; aber wir müſſen gute Miene dazu machen. Sobald wir uns mit Beihülfe dieſer elenden, aber tavfern Kanoillen ſo viel erworben haben, als wir zu unſerem Fortkommen bedürfen, verlaſſen wir ſie ſchleunigſt, und lachen über das Schickſal, das dieſe Elenden, dieſe Mörder und Diebe treffen kann. Ich hoffe, die Gerechtigkeit wird nicht ſäumen, das Land von ihnen zu ſäubern, ſobald wir ihm den Rük⸗ ken gewendet haben.“ „Iſt das nicht auch wieder eine Verrätherei?“ „Biſt Du ein Leſer geworden, Joak? Ich meinte doch, Du habeſt an dem Tag, wo wir von Mans Bryntesſons Hütte fortfuhren, ſehr feurig, keck und heiter ausgeſehen. Nachher aber biſt Du, glaube ich, —— S—„——— —— 818 157 wieder rückfällig geworden? Ich ſehe leider, daß die Predigten— des Herrn Medenbergs oder wer es nun war— tiefere Wurzeln in deinem ſchwachen Gemüthe geſchlagen haben müſſen, als ich bei einem jungen, raſchen Mann vermuthen konnte, der früher an man⸗ chen recht wackern Dingen Theil genommen hatte.“ Der verlorne Sohn ſchaute mit einem großen, glänzenden Blick über den Wald hin. Er verſuchte es, auch ſeinem Vater in's Geſicht zu ſehen; aber als ſein Auge ſchon in der Nähe des Haares war, ſchon der väterlichen Stirne ſich nahte und eben ſeiner fun⸗ kelnden Seelenflamme begegnen wollte, die, ähnlich ein Paar glühenden Kohlen, unter den buſchigen Au⸗ genbrauen hervorſchoß, da war Joachim nicht im Stande, fortzufahren, ſondern zuckte haſtig zur Seite, ſchaute, um ſich zu erholen, ſcharf nach einer naheſte⸗ henden hohen, aßtloſen, nackten Fichte, die der Blitz einmal getroffen hatte, und ein Seufzer bahnte ſich den Weg aus ſeiner Bruſt hinaus in die freie, kalte Waldluft. „Laßt uns jetzt nur an unſere gegenwärtige Lage und an die Sicherheit der Leute denken,“ ſagte er ausweichend,„Herr— mein— mein Herr— Va— wird wahrſcheinlich wohl einſehen, daß man durch die Ausſagen unzuverläſſiger Perſonen getäuſcht werden kann. Ich halte dieſen Spionen für keinen ſichern Kundſchafter; er iſt nichts Anderes als ein verkleide⸗ ter Zigeuner. Pilkomaju heißt kein honnetter Menſch.“ „Aber es iſt ja ſein eigener Vortheil, uns nicht mit falſchen Nachrichten zum Beſten zu haben; begreiſſt Du das, mein Freund?“ „Es mag ſehr ungewiß ſein, in was ein ſolcher Menſch ſeinen höchſten Vortheil ſieht,“ erwiederte Nickolſon.„Aber laß uns annehmen, daß er ganz ehrlich gegen uns iſt, kann man ihn nicht ſelbſt in Edelings Lager zum Narren gehabt haben?“ „Ihn zum Narren gehabt? Einen ſo ſchlauen 458 Burſchen getäuſcht? Nein, Joak; eher würde ich glau⸗ ben, daß man mich ſelbſt hinters Licht führen könne, als dieſen Spielmann. Uebrigens iſt Alles, was er ſagt ſehr natürlich und glaubwürdig. Er erzählt, daß der Oberbefehlshaber und Hauptmann der abtrünnigen Straßenräuber, der wohlgeborene Herr Kapitän St. Göran Edeling, den Schurken Sven zum Korporal und einen Andern zum Fähnrich der Truppe ernannt habe. In dieſen Lächerlichkeiten ſehe ich nichts Un⸗ glaubliches; denn Edeling iſt ein Student, weder mehr noch weniger; und wie ſich ein Student in dem prak⸗ tiſchen Leben benimmt, das würdeſt Du begreifen, wenn Du es ſelbſt einmal geweſen wäreſt, Nickol. Vermuthlich hat er neben ſeinem gelehrten Kurs auch ſeinen Schinderhannes, Rinaldo, Mazarino, Miralba, Koronato und andere auserleſene Räubergeſchichten in der Theorie ſtudirt, ſo daß er ſich jetzt für reif zur Ausübung ihrer Thaten hält. Nicht ſo? Ueberdieß er⸗ zählt Pilkomaju, daß Herr Edeling ſelbſt ſich von ſei⸗ ner Bande zu trennen pflege, um dafür auf den Her⸗ renhöfen herum zu ſtreifen und ſich gütlich zu thun, während ſeine Rotte in den Wald gehen und dort aus⸗ harren muß. So etwas ziemt einem ehrenfeſten Probſt⸗ ſohn. Es iſt ja angenehm, klug und ganz natürlich. Daß die Rotte unterdeſſen ſich durch Tanz und alle mögliche Unvorſichtigkeiten ſchadlos gehalten hat, zeugt von der Art Disziplin, die ein Student zu handhaben weiß, wenn er in der Eile eine Truppe zuſammen ge⸗ rafft hat. Ich finde daher dieſen Theil der Erzählung eben ſo glaubwürdig wie den erſten. Die Ausſage des Kundſchafters, daß der geſchickte General⸗Student ſein Heer in eine Menge kleine Truppenabtheilungen getheilt habe, die er bald da, bald dorthin ſchicke, um einzelne Nachzügler meiner Leute aufzufangen und zu plündern, halte ich der Gattung Genie, wie ſie Herr Göran Proſtelings beſitzt, ganz entſprechend. Dieſe Unklugheit, ſein Heer nicht zuſammen zu halten, ſon⸗ 159 dern es in kleine Fetzen zu zerſtückeln, ſoll mir herrlich zu Statten kommen, um ihn Zoll für Zoll zu ſchlagen. Pilkomaju hat dieſe Nachrichten auch von dem Näch⸗ ſten nach dem General, von ſeinem Fähnrich erhalten. Kann man die Pläne eines ſolchen Genies bezweifeln? Nein! General Proſteling hat ſeine Macht ganz ge⸗ wiß ſo vertheilt, wie ich es nicht beſſer wünſchen kann. Ich habe abſichtlich einige Schlingel von den Unſern da und dort in Stenberga und Näshult, ja ſogar in Skirö zurückgelaſſen, um den General deſto eher zur Zerſplitterung ſeiner Kräfte zu veranlaſſen. Ich ſehe daher keinen Grund mehr, mich nur defenſiv zu ver⸗ halten; ich verlaſſe die ſtarke Poſition hier oben im Virsrumer Wald, die nur dann nöthig wäre, wenn der Feind als ein kluger Kerl mit geſammelten Kräf⸗ ten und einer konzentrirten Einigkeit gegen mich an⸗ rückte. Da er aber, wie ich mit aller Beſtimmtheit höre, ſich zerſtreut hat, ſo muß ich Acht haben, ihn in ſeinen kleinen Häufchen zu erwiſchen und ihn Stück um Stück zu ſchlagen.“ „Unſere Truppe wird alſo ebenfalls getheilt wer⸗ den, um nach den verſchiedenen Richtungen zu mar⸗ ſchiren, die Pilkomaju angegeben hat?“ „Ich habe befohlen, ſie einigermaßen zu theilen, nämlich in drei Haufen, von denen jeder nach ſeiner beſondern Richtung marſchirt. Auf eine andere Weiſe kann die Sache nicht ausgeführt werden; und mein Befehl iſt bereits ausgeführt. Zwei Trupps, meine beiden Flügel ſind vor zwölf Stunden abgegangen. Du, mein Sohn, bleibſt bei mir und der mittleren Schaar, dem Centrum, das hier vor uns hinter dem Hügel gelagert iſ. Sei lebendiger, ſei ein wenig hei⸗ terer, Joakim! Dein Vater bittet dich darum. Du wirſt ſehen, daß es geht, herrlich geht! ſieh empor, mein S fec 3 „Ich werde fechten,“ erwiederte Joak.„Fürchte nichts für mich.“ 160 Mit heimlicher Freude und Bewunderung betrach⸗ tete der Graf die Flamme heldenmüthiger und hoch⸗ finniger Begeiſterung, die in den Augen des Jünglings aufzuflammen ſchien und deren Schein ſich jetzt über ſein ganzes Angeſicht verbreitete.„Höre, mein gelieb⸗ ter Sohn!“ ſagte er,„ich habe dich zu dieſer Unter⸗ redung unter vier Augen berufen, während die An⸗ dern dort unten raſten, ehe wir weiter marſchiren und ehe die letzten, entſcheidenden Siegeskämpfe beginnen—“ „Zu einer Unterredung unter vier Augen? warum?“ „Sage mir, Joachim Nickol—— wir haben in den vergangenen Zeiten über viele verſchiedene Dinge mit einander geredet; aber einen Gegenſtand gibt es, einen ſüßen, großen, unausſprechlichen Gegenſtand, mein Sohn! den wir nie beſprochen haben. Wir wollen es in dieſer Stunde thun.“ Der Unglückliche blickte mit einer unheimlichen Ahnung zu ſeinem Vater empor. „Erihriä nicht, ſondern ſei fröhlich,“ fuhr der Graf fort.„Sag mir, Joachim Rickol, wen haſt Du am meiſten auf Erden geliebt? Oder ſag' mir es nicht, denn ich weiß es. Du haſt es mir nie geſagt, aber ich weiß es doch. Ich habe die Worte aufgefangen, die dir in der Stille der Nacht entſchlüpften, ich kenne d größtes Geheimniß, aber Du kennſt das meine ni 2 „O mein Vater—!“ „So haſt Du es alſo doch über dich vermocht, mir dieſen Namen zu geben?“ rief Zeyton und ſchloß ſeinen Sohn mit Entzücken an ſeine Bruſt. Er ſah dabei mit einer Leidenſchaft auf ihn nieder, die einer reinen, himmliſchen Wolluſt glich: ſo wie nur Eltern gegen ihre Kinder empfinden können. Nach einer Mi⸗ nute ſtillen Betrachtens und Genuſſes beugte er den Kopf gegen Joachims Stirnlocken herab, doch ſo wie wenn er fürchtete, ihm bei dem Blitz des Wortes, das 164 er jetzt ausſprechen wollte, ins Geſicht zu ſehen, und flüſterte:„Höre— deine Mutter lebt!“ Eine unnennbare Luſt warf ſchnell ihren Glanz über die ganze Geſtalt des Jünglings; aber eben ſo ſchnell ſah man ihn erbleichen und Entſetzen fuhr durch alle ſeine Züge.„Sie lebt? Aber— o Gott! wie? wo?“ Der Graf erhob ſeine Hand über ihn und ant⸗ wortete ernſt, aber zugleich ſanft und beinahe ſchwär⸗ meriſch:„Laß dieſe Minuten nicht unter nichtsſagen⸗ den Ausrufen vergehen, mein Sohn! Du wirſt Alles erfahren, da Du bald deine Mutter wiederſehen ſollſt, und wir beide wollen in ihrer Geſellſchaft in ein an⸗ deres Land hinüberfliehen, wenn wir uns durch dieſe Kämpfe die nöthigen Mittel erworben haben. Bleibe deßhalb ruhig auf dem Stein hier zu meinen Füßen ſitzen, Nickol, und horche mit vollem Vertrauen auf das, was dein bisher ſo unglücklicher, aber ſtets liebe⸗ voller Vater ſpricht. Ich habe deine Mutter geliebt, mein Sohn; ich habe niemals ein anderes Weib ſo geliebt wie Joachima. Dieſe Celeſtine— o arme, welkende Blume! Doch laß uns die Zeit nicht damit verlieren, daß wir Wunden aufreißen, die dadurch nicht geheilt würden. Du weißt Alles, Nickol; Du weißt, warum ich dieſe Ehe einging, und warum ich deine Mutter nicht zum Altar führte, nicht ſie führen konnte. Arme Celeſtine— auch ſie, ſo ſehr ſie mich gequält hat, verdiente vielleicht ein beſſeres Loos als vermählt zu werden mit einem— doch das iſt jetzt Alles gleich. Sie hat doch einen Namen in der Welt bekommen, und beſitzt ein Eigenthum, von dem ich fliehen mußte. Sie hat ein Paar hübſche kleine Mädchen— ach, Joak, werde mir jetzt nicht böſe! aber ich ſage dir, ich liebe auch dieſe Kleinen. Gleichviel, gleichviel! fort mit all dieſen Silberflocken, die zu großen Wölken werden, wenn man ſie wachſen läßt. Celeſtine und die Ihrigen werden glücklich und ſelig werden, dennoch Drei Frauen in Smaland. H. 11 162 — denoch— dennoch— ich brauche nicht weiter daran zu denken— nicht im mindeſten— ich fliehe mit dir, und mit ihr, die ich gettebt habe und libe. Glaube mir Joachim Nickol, die Welt und Du haben mich ge⸗ kannt— ich weiß es— aber ſie haben mich doch nicht gekannt. Nehme nur mein Geheimnitß! Wäre ich ge⸗ weſen wie die Andern, hätte ich da nicht bald Jvachima vergeſſen und verſtoßen? Oder, doch auch das that ich nicht: ich hätte ſie neben meiner Gräfin behalten kön⸗ nen— wenn auch nickt gerade auf demſelben Schloß, in demſelben Hof— doch einerlei! ich hätte ſie öffent⸗ lich vor den Augen aller Welt als ein an die linke Hand getrautes Weib bei mir halten können. Man hot viele Benpiele davon in Schweden; denn ſolche Sachen werden allgemein, oft und ſo gut wie unver⸗ hüllt betrieben. Doch that ich ſo? wollte ich es ſo haben? Nein, Joachim— ich entſetzte mich, ich ſchau⸗ derte davor zurück, daß das Weib, das ich am meiſten licbte, vor der Welt als eine Verworfene, Elende, Verächtliche daſtehen ſollte. Ein Jeder, der Joachima ſo geſehen hätte, würde ſich berechtigt geglaubt haben, ihr einen Schimpfnamen zu geben, fie zu belächeln, zu verhöhnen, ſie zu ſchmähen!— bei Gott, wäre ich Zeuge eines einzigen ſolchen Wortes geweſen, ſo folgte auch augenblicklich ein Todſchlag von meiner Hand darauf. Ich wollte all dergleichen vermeiden, ſo viel Unheil, ſo große Schande, ſo viel Gefahr. Jvachimas Liebe— und die meine!— zog es vor, begraben auf Erden zu leben.“ „Begraben? ha, mein Vater! ihr ſagtet ja eben, meine Mutter lebe?“ „Deine Mutter hat gelebt und lebt. Niemand hat ihren Aufenthalsort gewußt als ich und ein treuer Diener. Mit einer Seele wie die ihres Vaters und deines Großvaters hat ſie ſich auch in der Wonne der glücklich gefühlt. Sie beſaß ja meine iebe.“ an ir, be e⸗ 165 „O— wo iß ſie? wo? wo treffe ich ſie? Warum hat mir mein Vater dieß große Geheimniß nie an⸗ vertraut?“ „Ich konnte es nicht, mein Freund. Mehrmals im Begriff, es dir zu entdecken, ward ich ſtets von einer Klugheit zurückgebalten, die ich nicht bereue. Deine Ungeduld hätte nicht bergen können, was deine vulkaniſche Bruſt wußte. Du hätteſt die Mauer durchbrochen, deine Mutter ans Tageslicht hinaus⸗ geführt und Skandal über deinen Vater und einen namenloſen Schmerz über die unglückliche Celeſtine gebracht. Hineinſtürzend in die ſtille Freiſtätte deiner Mutter, hätteſt Du dieſe zerſtört, und ihre Ruhe durch deine Ankunft und Gegenwart durchaus vernichtet⸗ Joachima ſelbſt hätte keinen Augenblick länger ihre ſtille, himmliſche Einſamkeit genießen können, wenn ſie von dir gewußt und dich bei ſich geſehen hätte. Sie hätte gewiß mit dir und um deinetwillen heraus wollen. Was würde daraus geworden ſein?“ „Mein Gott! ſie wußte nichts von mir, ihrem Sohne? Was glaubte ſie denn von mir?“ „Daß Du todt ſeieſt, Joachim. Daß Du im Augenblick deines Daſeins auch wieder erloſchen eiſt.“ „Daß ich erloſchen ſei? daß ich vom erſten Augen⸗ blick meines Daſeins an nicht vorhanden geweſen? O wie wahr! Ach meine Mutter! meine Mutter! So waren denn wir Beide für einander todt! Schick⸗ ſal? War es blos das Schickſal, mein Vater? oder war es deine Hand?“ „Verdüſtere nicht dieſe koſtbare Stunde, mein Sohn. In einigen Tagen hat alles Leiden ein Ende⸗ Wenn Alles gegangen iſt, wie es ſollte, ſo iſt deine Mutter in dieſem Augenblicke nicht mehr in Karmans⸗ bal, ſo bewohnt ſie nicht mehr den untern Stock deſ⸗ ſelben Hauſes, wo Celeſtine den obern in Beſitz hat und beherrſcht. Ich habe es ſo eingerichtet, daß ſie 164 in dieſem Zwiſchenraum von wenigen Tagen, hoͤch⸗ ſtens Wochen, Karmansbal verläßt, und bei deiner guten, ehrlichen Muhme, der Hexe, verborgen weilt. Theils iſt die alte böſe Mutter Helena oder Ellin nicht ſo alt, wie ihr der Kummer das Ausſehen gegeben hat, obſchon ſie immerhin manches Jahr mehr zählt als meine und deine geliebte Joachima; theils kann ſie im Grunde gegen ihre Schweſter, die ſie doch lie⸗ ben muß, nicht ſo ſchlimm ſein, wie ſie es beſtändig gegen mich war. Ihr vieles bitteres Gerede über mich und auch über dich, und noch mehr ihr unaus⸗ löſchlicher Haß gegen Gräfin Celeſtine mag ja ſeine Urſachen gehabt haben?“ „Und bei ihr iſt jetzt meine Mutter? Ich eile hin, mein Vater. Wir werden dieſen Kampf bald aus⸗ kämpfen. Ich werde wie ein Tiger an deiner Seite fechten. Wir werden ſiegen, ſiegen! O— kann es denn möglich ſein, daß ich mit dieſen meinen Augen meine Mutter erblicken darf? Bisher ſah ich ſie nur in der Welt der Geiſter, im Traum, in den Gedan⸗ ken, in der ſchönſten, dunkelſten und doch hellſten Heimath der Seele. Und dort, v Gott, hat auch wohl ſie mich die ganze Zeit über als ein kleines Kind geſchaut, als einen frommen Geiſt aufgenommen in die Geſellſchaft guter Engel? Meine Mutter— meine Mutter— ich werde dir ſagen, daß ich nicht in Geſellſchaft von Engeln war. Aber— ein Tag wird kommen! Zum Kampfl zum Kampf! Wir wer⸗ den kämpfen, ſiegen, und nach dem Lande des Lebens und der Beſſerung hinüberreiſen. Nach England! ſagt immer meiner Muhme Tochter, die kleine Ellin. Ich glaube an ſie und an die Worte ihrer Freunde. Mein Vater— verzeih mir dieß eine Wort— auch Du mußt—“ „Mußt ein Anderer werden, mußt dich beſſern!“ wollte er vielleicht hinzuſetzen; aber der Vater ſelbſt unterbrach ſeine Worte, indem er ihn aufs neue und h⸗ er lt. en hlt nn ie⸗ ig er 16⸗ ine in, 18 ite en ur m⸗ ten uch 1es ten cht ag er⸗ ns d! in. de. ch 1 bſt nd 165 mit einer beiſpielloſen Heftigkeit in ſeine Arme ſchloß. Die lichtgrünen Gipfel der dichten Tannen ſtanden wie Kirchthürme um Vater und Sohn; ja als ſelbſt⸗ emporgewachſene Thurmſpitzen bildeten ſie ein Heilig⸗ thum in dieſer Wüſte, auf dieſer Erde. Gott ſah auf die zwei Verlorenen herab. Ein Laut, der einem dumpfen, aber anfangs nur ſchüchternen Geräuſche glich, ſtörte die beiden in ihrer gegenſeitigen Umarmung Glücklichen, in himmliſche Hoffnung Verſunkenen. Der Graf fuhr zuſammen. Die Unruhe kam deutlich von der andern Seite der Anhöhe, hinter der ſich ſeine Leute gelagert hatten. Das Geräuſch wuchs ſchnell, und ein Mann kam nach der Reiſachhütte heraufgeſprungen, wo der Anfuͤhrer und ſein Sohn ſaßen. Zepton und Nickolſon erhoben ſich.„Was gibt es?“ rief der Graf. Mehrere Schüſſe im Wald unten beantworteten ſeine Frage. Der angekommene Räuber rief athemlos:„Wir find angegriffen und von drei Seiten umzingelt! Wir haben die ganze Macht der Schurken gegen uns! Ich bin eine ganze Viertelſtunde lang geſprungen! ich lief nach allen Richtungen, um eine Möglichkeit zur Flucht zu entdecken—“ „Was ſoll das heißen?“ rief der Graf.„Ihre ganze Macht? Hat denn der Spion uns getäuſcht? Schnell, ſchnell, Joak! meine Büchſe, meinen Säbel! Keinen Augenblick verloren! Waffne dich ebenfalls, und gut! Sind die Leute in Ordnung und po⸗ irt?“ Ohne die Antwort auf ſeine eigene Frage abzu⸗ warten, ſtürzte der Graf in die Hütte, die ſein Haupt⸗ quartier bildete; Rickolſon ihm nach. Sie ergriffen ihre vorzüglichen Waffen; denn Zepton hatte die Jagd, ſeine Lieblingsbeſchäftigung, nie verſäumt, und die engli⸗ ſchen Doppelbüchſen, die in Karmansbal ſeine theuerſten 166 Kameraden geweſen waren, hatten ihn auch auf ſeiner Flucht nicht verlaſſen. Schnell und mit einer Ge⸗ wandtheit, die einem jungen Manne Ehre gemacht hätte, umgürtete er ſich und ſteckte ein ſcharfes Schwert in die Scheide, nachdem er die doppelte Schneide noch einmal flüchtig geprüft hatte. Der Sohn und er eilten nun zu ihren muthigen Kameraden ins Waldthal hinab. Der Graf hatte an dieſem Punkte etliche und vierzig Mann. Bei ſeiner Ankunft wurde er mit Kriegsgeſchrei und wildem Zuruf von allen Seiten bewillkommt. Aus dem Walde auf der gegenüber⸗ liegenden Seite des Thalbettes ſtürzte eine Linie der erbärmlichſten Wichte hervor, die man ſehen konnte. Der Graf ſchätzte ſie zu zwanzig bis dreißig; ſie waren nur mit langen Stangen bewaffnet, an deren Enden Senſen ſtaken. In ſeiner Freude darüber, den Feind nicht zahl⸗ reicher und gefährlicher zu finden, rief er ſchnell ſeine beſte Schaar zuſammen, verbot ihnen herumzuſchwär⸗ men, das heißt nach Jägerſitte ſich Mann für Mann zu zerſtreuen; ſondern formirte eine dicht geſchloſſene Front.„Ladet und ſchießt die grauen Brüder zuſam⸗ men, Jungens!“ rief er. Die Räuber luden, zielten und ſchoßen nun aller⸗ dings; aber ihre Ungeduld ließ ſie nicht zu einer ſol⸗ chen Ordnung kommen, um eine Salve abzugeben oder mit einander zu feuern. Nach einigen Schüſſen, welche die angreifenden„Graubrüder“ mehr oder weniger trafen, hörte man plotzlich ein Geſchrei von der rechten Seite des Thales her, wo die dichteſten Tannen ſtanden und ſich über eine tiefe Waſſerrinne beugten. Der Graf blickte dorthin, und ſah eine Schaar von mindeſtens fünfundzwanzig weiteren Fein⸗ den über ſeine Flanke auf dieſer Seite herfallen. Und kaum hatte er ſo viel Zeit gehabt, um aus ſei⸗ ner anfänglich gebildeten Front einige Mann heraus⸗ ir⸗ er⸗ ol⸗ en en, der on ten ne ine in⸗ en. ſei⸗ us⸗ 167 zunebmen, welche dem neu angekommenen Feind die Stirne bieten ſollten, als er ein noch fürchterticheres Geſchrei von der entgegengeſetzten Seite her hörte. Aus dem dichten Strauchwerk zur linken ftürzte ein zahlreicher Haufe ungeſchlachter Burſche auf die linke Flanke des Grafen; und ſo ſah ſich Zeyton jetzt auf drei Seiten von wenigſtens fünfzig, vielleicht ſechszig, ſiebenzig Feinden umgeben.„Jetzt haben wir ſchwarze Teufel genug vor uns! Jetzt gilt es zu fechten! Wir ſind Einer gegen anderthalb, ja gegen zwei!“ ſchrie er mit einer Donnerſtimme; der Muth ſtrahlte aus ſeinem Geſichte, und mit der Gefahr wuchs auch die Kraft ſeines Armes. „Verfluchter Lügner! Du ſollſt der Erſte ſein, den ich dem Tode weihe,“ brach der Graf aus, als er eine blaßgelbe, ſchwankende Figur in ſeinem eige⸗ nen Heer gewahrte, welche ſich binter die längſten Kameraden verſteckte. Pilkomaju(denn eben dieſem ſeinem eigenen Spione drobte der Graf) ſab ſich nahe daran, dieſen engliſchen Büchſenkolben auf den Schä⸗ del zu bekommen, als er geſchmeidig wie eine Zibet⸗ katze dem Streiche auswich. Dann blöckte er ſeine zwei hellſchimmernden Zahnreihen gegen den zornigen Heerführer und rief:„Gedenkt ihr eure eigenen Leute todt zu ſchlagen, mein grimmiger General! ſo pro⸗ phezeihe ich euch recht bald einen egpptiſchen Tod, das merkt euch, Bedon!“*) Der Theil ſeines Heeres, den Zeyton bei ſich be⸗ halten hatte, machte zwar kaum die Hälfte ſeines ganzen Räuberkorps aus; beſtand jedoch aus auser⸗ leſenen Leuten. Es waren himmellange Kronoberger, die meiſt über drei Ellen maßen, Leute, von denen ſich Smalands ſtolzer Boden am liebſten betreten fühlt. Sie hatten blaſſe, eingefallene, wettergebräunte Wangen, aber hohe Augenknochen; und die Augen *) In der Zigeunerſprache: Herr. 168 ſelbſt ſprühten Feuer, ſo hellblau ſie auch waren. So glichen dieſe gewandten Männer einer Geſellſchaft von vierzig nach Raub hungernden Geiern; und ſie hun⸗ gerten nicht vergebens. Zeyton ſchoß ein Mal um das andere; und mit jedem Schuſſe verwundete er einen Feind, wenn er ihn nicht gar tödtete. Nickolſon lud immerwährend die eine abgeſchoſſene Büchſe und reichte ſie dem Vater, während er dafür wieder die andere zum Laden bekam. Die meiſten Genoſſen des Grafen hatten ebenfalls Schießgewehre. Aber ſeine Feinde, die ſchwarzen Brüder zur Linken und Rechten hatten ebenfalls Büchſen, wenn auch die Graubrüder vor ſeiner Front nur Heugabeln beſaßen. So blitzte es von Feuer und Rauch durch das Thal. Die Bäume waren in Pulverwolken eingehüllt, und die Zweige tanzten beim Ton der Flüche, der Schreie, und des beiſpielloſen Kampfes. Die Leute hier verſtanden ſich auf die Kunſt, einander niederzumähen; denn es waren Räuber, die Räuber unter die Hände genommen hatten. Die Männer des Mordes ſchloßen wieder Männer des Mords in ihre Arme. Diebe wiſſen, wie man Diebe beftehlen muß; und wenn ſie einander endlich das Leben ſtehlen wollen, ſo können ſie auch das unter Allen am beſten. Es war das letzte Ge⸗ mälde der Welt: man ſah den Tod, der den Tod er⸗ faßt hatte, um ſich ſelbſt zu vernichten. Das Blut rieſelte über die reiche Haide des ſma⸗ länder Waldes; und die Erde kleidete ſich in rothe Pracht, die ſie von urdenklichen Zeiten her hier ſtets geliebt hat. Welche Gegend hat ſo viele Treffen ge⸗ ſehen, wie die Bezirke von Holavid, von Aspeland, Vedbo, Vidinge und Konga während der däniſchen Fehden? Und dann weit vor dieſen in der Vorwelt der Heiden! Wie auch nach ihnen in den Tagen König Guſtavs, und bis zu uns herab! Der Graf und ſein Sohn ſtanden einander in ———„——„—— e——————— ——— —„— 169 der Schlacht zur Seite; von allen Räubern übertraf ſie keiner. Aber die Leute des Grafen ſtanden dem Feinde bedeutend an Anzahl nach. Muth und Schnel⸗ ligkeit ſollten dieſen Fehler erſetzen. Das Pulver des Grafen war jetzt zu Ende und die Kugeln verſchoſſen. Er zog ſeinen ſcharfgeſchliffenen Pallaſch; ein ſpitziges, zweiſchneidiges Schwert, eine Waffe zum Hauen und Stoßen gleich tauglich. Der Graf rief ſeine beſten Leute zu ſich her: er beſchloß an ihrer Spitze einen Ausfall zu machen. Er wollte die ihn umringende Kette der Schwarzbrüder durchbrechen, und ſeinen An⸗ griff gegen eine Thalecke richten, wo ein hoher Felſen zwiſchen undurchdringlichen Hagedornen ſeine Wand erhob. Dahin wollte er eilen, und ſeinen Rücken an die Felswand anlehnen, um hierin, ſo wie in dem Hagedornwerk auf beiden Seiten derſelben einen Schutz zu finden. Als er das Auge auf die neue Feindesſchaar warf, die er angriff, um in dieſer Richtung durchzu⸗ dringen, hielt er plötzlich einen Augenblick lang an. „Ha— biſt Du es, Sven?“ rief er.„Wohlan, un⸗ finniger Bube! Du, der gegen ſeine Freunde kämpft!“ Bei dieſen Worten blitzte des Grafen Schwert⸗ ſpitze gegen Svens breite Bruſt. Aber der behende Burſche ſchlug die Klinge mit ſeinem rechten Arm hinweg, und ſchrie ſeinem Feinde zu, daß der Wald wiederhallte:„Willkommen, Satan! Du biſt es eben, den ich hier ſuchte! Du, der ſich eines Tages nicht ſchämte, ſeinen eigenen Freunden ihre Schätze zu rau⸗ ben, jetzt ſollſt Du ſterben, zweifach Verfluchter!“ Der Tumult der andern Kämpfenden hatte ſich etwas gegen die Mitte des Thales hin entfernt. Am Fuß des Felſens war der Platz freier und als Sven auf den Grafen losſprang, mit ſeiner Axt auf ihn zielend, waren gerade nur ſo viel gegenwärtig, daß 170⁰ es noch für dieſe beiden zu einem furchtbaren Zwei⸗ kampf Raum gab. Der Graf zig pfeilſchnell den weggeſchlagenen Pallaſch zurück, und ſtieß ihn in wilder Wuth in Svens Seite, in demſelben Augenblicke, wo die Art des Letztern mit ihrer breiten Fläche auf ibn ſelbſt niederkrachte. Die Art war gegen Zeyptons Kopf ge— richtet; aber der Stich, den Sven in dieſer Minute unter den Arm erhielt, machte, daß der Hieb etwas zurückwich und nicht den Schädel traf, dem er zuge⸗ dacht war. Doch machte er eine breite und tiefe Wunde in Zeytons Schulter und Bruſt; ſein Blut ſtrömte hinaus; es vermiſchte ſich mit Svens in der friſchduftenden Luft. Beide erboben aufs neue ihre ſchrecklichen Waf⸗ fen gegen einander, und obwohl ihre Arme ermattet waren, flammte doch der Zorn nur deſto heftiger in ihren Tigerblicken; ſie vergaßen die klaffenden Wun⸗ den. In dieſem Augenblick ward der Fuß des Gra⸗ fen plötzlich von hinten ergriffen. Er fiel nieder. Ein Lächeln des ſchwarzäugigen Zigeuners begegnete ſei⸗ nem Blicke, und nie hatte die braungelbe Wange ſo heiter geſtrahlt, als jetzt, wo er ſich über Zeyton nie⸗ derbeugte:„Pilkomaju war kein Verräther, Herr Graf, obſchon er jetzt ſieht, daß ihn der Feind durch falſche Angaben täuſchte, als er ſpionirte. Aber da Sie, mein gnädiger Graf, den Pilko wegen Etwas niederſchlagen wollen, wofür er nichts kann, ſo ſollen Sie zuerſt ein wenig ins Gras beißen, ehe Sie noch einmal mit dem Kolben nach ihm zielen. Nehmen Sie nun gefälligſt mit einem kleinen lieben Handgrif vorlieb; adieu, Bedoni!“ Mit dieſen Worten ſchoß der Aegppter wie ein Pfeil pinter die Hagedorn⸗ ſträucher. Sven war im Begriff, auf ſeinen gefallenen Feind niederzuſtürzen, um ihm den Reſt zu geben, als es jetzt endlich Nickolſon gelang, ſich von den Haufen —— n 474 loszumachen, die ihn umringt und verhindert hatten, ſogleich an ſeines Vaters Seite zu eilen. Nickolſon ſah ſeine eigene Gefahr nicht, noch wie ſchwer er ſelbſt verwundet war: er hatte nur ein Auge für den am Boden liegenden, verblutenden Vater. Mit wilder Wuth, ähnlich der eines jungen Leoparden, ſprang er gegen Svpen, erhob den Kolben und traf ſeinen Kopf. „Ha, warſt Du es, Joak Teufelsnickel!“ ſtöhnte Sven, indem er mit zerſchmetterter Hirnſchaale in die weiche Umarmung des Haidekrautes niederſank, drei⸗ mal um die hohe Felswand rollte, und ſein finſterer Geiſt unter fortgeſetztem Röcheln, Fluchen und Drohen aus dem ſchrecklich zerfetzten Körper entfloh. Joachim fiel neben ſeinem Vater auf die Kniee. Die hinabſinkende Sonne ſtreute ihre Goldſaat über den Wald: ein Purpurſchimmer eigener Art fiel in langen, mit violett gemiſchten Streifen gegen die hohe, gitt Felswand, wo der Graf und ſein Sohn agen. „Lebſt Du nicht mehr?“ flüſterte Joachim, indem er ſich über das Geſicht ſeines Vaters niederbeugte und ſche Hand mit zitternder Heftigkeit an ſeine Lippen ührte. Der Graf erhob matt ſeine Augendeckel.„Die Sonne ſinkt, wir können heute nicht mehr ſiegen! aber heute Nacht—— morgen werden wir——“ Als er dieſe abgebrochenen Worte mit Mühe aus⸗ geſprochen hatte, drehte er ſeine gegen den Boden gelehnte Stirne ſo, daß ſein Geſicht gegen den Him⸗ mel ſah und ſein Blick Joachims Locken traf. Schon umſchimmerte ein Schleier dieſen Blick: doch ver⸗ mochte er das noch zu erkennen, was er vor ſich ſah. Schnell flog eine Gluth in ſeinem Auge empor, 3 3 letzte Feuer, das aus der erlöſchenden Aſche ri Ein zärtliches, ganz neues Licht ſchimmerte zum 172 erſten Mal aus dem Feuer des Auges.„Ich glaube, Du küſſeſt mich, Joak? Das haſt Du früher nie ge⸗ tban! O mein Sohn—— ich ſterbe—— mein Sohn, verzeih' mir! verzeih' was ich gegen dich ver⸗ ſchuldet—— grüße deine Mutter——“ Die Lippen des Grafen vermochten nichts weiter Augen ſchloßen ſich für dieſe elt.— Vierundvierzigſtes Kapitel. Auf dem Wahlplatz.— Fünftes Räuberkapitel. Ich möchte gerne auch noch ſie fangen, um mein Smaland ganz rein zu haben; obwohl ich geſtehe, daß ich in dem heutigen Tage meinen eigentlichen Siegestag erkenne. Göran Edeling überſah das Schlachtfeld. Er war weder beim Beginn des Angriffs noch während der Dauer des Kampfes an der eigentlichen Spitze ſeines Heeres geſtanden. Dieß hatte er Sven über⸗ laſſen. Aber er hatte ſelbſt den Angriffsplan ent⸗ worfen und das Ganze angeordnet. Er war ein Mann, deſſen Hauptzweck darauf hinging, ſeine Feinde glücklich zu machen, ſie zu ehrlichen Leuten zu bilden und ihnen Verzeihung zu verſchaffen: ſie todtſchlagen laſſen wollte er nicht mehr als unumgänglich noth⸗ wendig war; und mit dem Blute, das fließen mußte, wollte er ſeine eigenen Hände nicht beflecken. Dazu hatte er ſeinen Korporal. Als der Sieg entſchieden ſchien, trat er auf den Wahlplatz. Er ſah über die Hälfte der Räuber todt oder ſterbend da liegen; nur wenige waren entkom⸗ men; der Reſt war gefangen und ſtand unter den Hängebirken an der einen Seite des Thales. „—— 8„—— e v——„—— — —»—— 173 „Sven, der Grimmige, iſt gefallen!“ hallte es durch das Thal. Herr Göran, von Jonſſon gefolgt, eilte nach der hohen Felswand an den einen Aus⸗ gang des Thalkeſſels. Svens Leiche war das Erſte, was hier ſeinem Blicke begegnete. Als er höher hinauf kam, gewahrte er den blutigen und entſtellten Körper des Grafen Zepton; und ihm zur Seite Nickol⸗ ſon, der bleich und ohnmächtig dä lag und an ſeinen Wunden vielleicht auch ſchon geſtorben war. Edeling blieb bei dieſem Anblick ſtehen. Innige Wehmuth ſpiegelte ſich in ſeinen Zügen.„Gott ſelbſt hat hier durch ſein Werk geſprochen,“ ſagte er ernſt und feierlich:„Ich verkünde den Beſiegten Friede und Verzeihung.“ Er näherte ſich Nickolſon, nahm ſeine Hand und fühlte, wie ſich der Puls, zwar unregelmäßig und äußerſt ſchwach bewegte; und er rief aus:„Der Sohn lebt? Ja, er ſoll leben.“ Er befahl ſeinen Leuten, den Verwundeten bei Seite zu ſchaffen, ihn zu verbinden, zu pflegen und nach dem nächſten Orte innerhalb der Grenze von Jönköping, oder nach Blasmala und Pinnarp in Stenberga zu bringen;„denn,“ ſagte er,„ich will ihn nicht im Kalmarer Bezirke wiſſen, wo wir gegen⸗ wärtig ſtehen, ſondern in einem andern, wo ich mehr vermag; damit ihn nicht die Polizei gegen meinen Willen ergreift und ins Kalmarer Schloß führt, was etwas Gräßliches wäre.“ Dieß war die menſchenfreundliche Anſicht Herrn Göran Edelings. Nickolſon wurde beſinnungslos von dem Körper ſeines todten Vaters erhoben und nach einem unbekannten Orte getragen, wo er vielleicht einmal— unter Feinden? oder unter Freunden er⸗ wachen ſollte. Nachdem der Oberbefehlshaber ſeine ſämmtlichen Leute mit ſtarker Stimme zuſammengerufen und auch die Gefangenen vor ſich geladen hatte, ſchaute er mit einem Adlerblick um ſich, öffnete den Mund und ſprach:„Das ſchöne Land Smaland hat heute einen herrlichen Siegesabend genoſſen! Tapfere Kameraden, ich grüße euch hiemit Alle, Freunde wie Feinde. Wir ſehen dort unten in dem grünen prachtvollen Thale Manchen von uns, der ins Gras gebiſſen hat: red⸗ liche Kampfgenoſſen! unſer erſtes Geſchäft ſei, die Todten zu ſammeln, ſie in freundlicher Umarmun ſchön zuſammenzulegen, ein weites und tiefes Gra an dem ſchönſten Platze des Waldes zu graben, ſie mit Erde zu decken und einen Pſalm über ihnen zu ſingen. Die Menſchen werden dieſen Pſalm verzei⸗ hen, obſchon er über gefallene Räuber hintönt; und Gottes Sohn wird ihn mit ſeiner ſanften Gnade er⸗ hören, mit jener nämlichen Gnade, womit er zu dem Räuber am Kreuze ſagte: noch heute wirſt Du mit mir im Paradieſe ſein. Denn— Geliebte— vor Gott dem Allerhöchſten find wir ſämmtlich ſchlechte Kerls. Laßt uns daher jetzt, da der Kampf vorüber iſt, einander menſchlich behandeln, und nachzählen, wie Viele von uns am Leben geblieben ſind. Wir wollen Gott für einen Jeden, der heute gefallen iſt, Dank⸗ opfer bringen, denn um Den haben wir jetzt keinen Kummer mehr, wir ſorgen weder, ob wir ihn beſiegen könnten, noch, wenn er beſiegt und wieder ehrlich ge⸗ worden wäre, ob wir ihm beim Landeshauptmann Gnade auszuwirken und ein redliches Auskommen für ſeine übrige Lebzeit zu verſchaffen vermöchten, was gewiß kein leichtes Ding geweſen wäre. Meine lie⸗ ben Freunde! ich muß euch das ſagen. Dieſe letzte Sorge nehme ich auf mich. Ich werde euer künftiges Unterkommen zu Stande bringen; und da ich es ver⸗ ſprochen habe, ſo werde ich es auch halten. Doch ich habe immer aufrichtig mit euch geſprochen, mein Ge⸗ müth iſt einmal ſo; und ich ſpreche mich deßhalb heute ebenſo offenherzig aus wie immer, indem ich euch nämlich ſage, daß es Keiner von euch ſchmerz⸗ te 175 lich empfinde, wenn ſo Viele ihre Laufbahn mit dem Tode beendigten. Denn Alle dieſe werden vor Got⸗ tes Antlitz kommen, und um Jeſu willen frob und reuig Verzeibung erhalten; was bei ihm weit leichter zu bewirken iſt, als vor dem Gerichte, das nichts er⸗ laſſen darf. Ebenſo finden auch all dieſe Todten ihr künftiges Auskommen weit beſſer im Paradieſe, als wir es ihnen jemals in der beſten Gegend Smalands, die uns zu Gebote geſtanden wäre, hätten verſchaffen können. Trauert daher nicht über die Erſchlagenen, ſondern eher über uns, die noch leben. Doch wird es ſich mit Gottes Beiſtand wohl auch mit den Leben⸗ den machen; denn obſchon meiſtens die Menſchen auf Erden regieren, und nach Vermögen die Beſſerung, Unterſützung, Begnadigung und Bekehrung derer ver⸗ hindern, die derſelben bedürfen, ſo hat doch Gott auch ein Wörtchen drein zu ſprechen; und wir wollen die Hoffnung nicht verlieren. Mein Befedl an euch lau⸗ tet demgemäß alſo: vor Allem macht ihr den Wahl⸗ platz rein, ſammelt die Todten in einen Haufen, Freund und Feind ohne Unterſchied, in Betract, daß wir im Grund alleſammt unwürdige Räuber ſind. Mein Fähnrich wird euch bei der Reinigung über⸗ wachen. Nochher ſoll Einer von den Gefangenen uns redlich die Stelle im Walde angeben, wo der Graf und ſeine Leute ihren vornehmſten Aufenthaltsort, ihr Hauptquartier und ihre Kaſſe hatten, damit wir dieſe in die Hände bekommen. Wir hoffen, die Ueberwun⸗ denen werden uns ohne Weiteres dazu behülflich ſein; da es meine Abſicht iß, ſie Alle in eine ſo gute Lage zu verſetzen, als wir ſelbſt genießen. Wohlan denn, Jungens! wenn Alles wohl beſtellt iſt, wollen wir ein ungeheures Feſt im Walde halten: wir wollen uns auf die Arbeit ſatt eſſen und etwas Weniges dazu trinken. Ich werde euch nachher auch einen Tanz ge⸗ ſtatten.“ Göran ſah, wie während ſeiner phantaſtiſchen Rede, 176 als er von dem Glücke derer ſprach, die heute gefal⸗ len waren, mehrere Augen Thränen vergoſſen; und kein Funke von Feindſchaft blieb zwiſchen ſeinen und des Grafen Leuten zurück, nachdem er ſeine Worte an die Geſellſchaft beendigt hatte. Der Oberbefehls⸗ haber, Herr Göran Edeling, war indeſſen kein ſo ein⸗ fältiger und leichtgläubiger Mann, um ſogleich und ohne Weiteres ſeine Gefangenen losbinden zu laſſen. Er war noch klüger, wenn er ſchwieg, als wenn er ſprach; und vor Allem handelte er mit großer Vor⸗ ſicht. Er ließ den ganzen Haufen der Gefangenen auf eine Anhöhe führen, und ſtellte dort eine kleine Abtheilung, welche ſcharfgeladene Gewehre hatte, zu ihrer Bewachung auf. Er wollte, daß die Gefangenen von dort aus Zeuge ſein ſollten, wie ſorgfältig ſeine Leute das liebliche Thal und die ſchöne Siegesſtätte ſäuberten, mit welcher Liebe ſie auch die Glieder ihrer Feinde ſammelten; und wie ſchön Alles von Statten ging. Er ſelbſt ſetzte ſich nicht weit davon auf einen hohen und breiten Stein; hier zog er ſeine Cigarre heraus und begann in großer Gemächlichkeit zu rau⸗ chen. Aber im Geheimen warf er dabei ſehr auf⸗ merkſame Blicke nicht nur auf den Fähnrich, unter deſſen Befehl die Arbeit im Thale betrieben wurde, ſondern hauptſächlich auch auf die Gefangenen, um aus ihren Mienen zu erſehen, was für einen Eindruck das Ganze ihrer Behandlung auf ſie machte, und be⸗ ſonders was die Phyſiognomie jedes Einzelnen für die Zukunft verſprach. Göran machte in der Stille manche Betrachtungen über die Geſichtszüge ſeiner neuen Freunde. Beſonders war es ein junger Menſch, der ihm gefiel; und er gab einem von der Wache den Befehl, dieſen zu ihm herzubringen. Als der gefangene Räuber unten an dem Stein zu Görans Füßen ſtand, mußte die Wache ihm die Hände losmachen und dann abgehen. Sie blieben allein.„Hör' mal, Du junger Schelm,“ ſagte der — n——, 1 e——— ——— ——— l⸗ d d e 3— 4 d 1 3 n U e e n n ⸗ 5 * 177 Feldherr, der eben jetzt mit ſeiner erſten Cigarre fer⸗ tig war, und deßhalb eine neue aus dem Fut⸗ teral zog, wobei es ſich traf, daß ſeine Finger fon⸗ derbarerweiſe zwei ergriffen anſtatt einer.„Nun gut,“ ſagte er, den zuerſt begonnenen Satz abbre⸗ chend,„ich ſehe, daß Ueberfluß die Unternehmungen meiner Hand begleitet. Raucht Er, mein Freund? ich habe hier einen Stumpen zu viel in die Hand be⸗ kommen, und kann mit ihm theilen. Nehm' Er! ſo! zünd' Er an! wir können jetzt deſto beſſer plaudern.“ Der Gefangene verbeugte ſich und ging ohne Schwierigkeit auf den Vorſchlag ein. „Daß Du in deinen Jahren ein Spitzbube ge⸗ worden biſt, iſt ein offenbarer Mißgriff,“ begann Göran.„Ich ſehe an deiner Art zu rauchen, daß Du weit beſſer zu honetten Leuten und einem Diener der Krone paſſeſt. Doch einerlei: wir werden ſpäter auf deine eigene Hiſtorie kommen, wenn Du eine zu er⸗ zählen haſt; jetzt ſollſt Du mir berichten, wie es mit den Angelegenheiten der Grafenleute ſteht. Ich wußte zwar, daß ich hier im Walde zwiſchen Björkmas und Malilla den Kern eurer ganzen Truppe treffen würde. Aber ich weiß auch, daß der Graf ſeine Leute vorher getheilt und einige kleinere Haufen entſendet hatte. Dieß iſt auf unſere eigene Veranſtaltung und die falſchen Nachrichten hin geſchehen, die der Graf be⸗ kam, damit er ſich ſchwächen und ſchlagen laſſen follte, wie es heute auch glücklicherweiſe vor ſich ging. Aber ſage mir aufrichtig, mein Junge, aus was für Leuten beſtehen die noch übrigen Streifkorps, und wie ſtark können ſie ungefähr ſein?“ „Herr Kapitain!“ verſetzte der Gefangene— und blies dabei einen herrlichen Rauch heraus, den er jedoch nach einer eigenen Oekonomie ſogleich mit weit aufgeſperrtem Munde wieder einſog, um einen dop⸗ pelten Genuß zu haben, und ihn endlich langſam Drei Frauen in Smaland. I. 12 —„* 3 — 178 durch die Naslöcher ausſtrömen zu laſſen—„ich werde dem Herrn Kapitain berichten, wie die Sachen ſtehen; das war ein verflucht guter Tabak. Nachdem der Herr Kapitain heute die vornehmſte Räuberrotte geſchlagen hot, wozu auch ich gehörte, ſo kann der Herr Kapitain ſeine Sache für gewonnen und die anze ſmaländer Bande als vernichtet betrachten. enn die zwei Streiſparthien, die der Graf einen halben Tog vorher ausgeſchickt hatte, bewirkten zwar allerdings, daß er an Anzahl geſchwächt war; aber das ausgeſandte Gefindel war ein ſchlechtes Volk, Leute ohne Sitten und ohne Kraft, und wie ich ſage, bloſes Pack. Es waren meiſtens Landſtreicher, Zigeu⸗ nerbenien, Narren wie der Pikelmaier; Lumpenſamm⸗ ler ſogar, mit denen es ſo weit gekommen war, daß ihnen Niemand mehr Lumpen anvertrauen wollte, und wie ſich deßhalb zu uns geſellt hatten. Da kön⸗ nen Sie ſich denken, was das für Leute ſein mögen! Aber wir, die Kerntruppen, wir hielten uns wahr⸗ haftig in ihrer Geſellſchaft für gut; wir hatten be⸗ ſtändige Zänkereien mit dieſen Lumpen, und der Graf that ſich keinen Schaden, als er ſie ihres Weges ſchickte.“ „Und ſind dieſe noch übrigen Lumpen zahl⸗ reich?“ ſe„O es mögen etwa ſo dreißig, vierzig Hunde ein.“ „Ich möchte gar gerne auch ſie erwiſchen, um mein Smaland ganz rein zu bekommen; obſchon ich — geſtehe, daß ich heute meinen eigentlichen Sieg er⸗, rungen zu haben glaube, und daß ihr, meine Freunde, meine ehrlichſten, beſten und wahrſten Feinde waret. Ivr war't die Kerntruppe, wie ſchon geſagt,“ ſetzte Göran hinzu, indem er den Gefaugenen mit einem Nicken beglückte, das voll militäriſcher Ehrenbezeu⸗ gung war. „Ich bitte nur ſoviel von dem Herrn Kapitain,“ 5 e, zte u⸗ 179 fiel der Gefangene ein,„daß wenn die Pikelmaianer, wie wir die Sippſchaft zu nennen pflegten, ergriffen werden ſollten, wie es recht und billig iſt, der Herr Kapitain ſie doch nicht mit uns vermiſchen möchte. Wir haben genug zu thun gehabt, um den Abſchaum los zu werden; werden wir aber wieder zuſammen⸗ geworfen, ſo wird der Landeshauptmann uns ver⸗ achten, wenn er uns zu ſehen bekommt, lund wir er⸗ halten keine Gnade, nur der elenden Lumpen wegen⸗ die mit uns in Gemeinſchaft gerathen find. Ich ver⸗ ſichere Sie hoch und theuerz es ſind keine ächten Smaländer, ſondern Zigeunerpack und Keſſelflicker, die nur deßhalb auf der Erde herumgehen dürfen, weil ſich der Teufel ſelbſt ſchämt, ſie bei ſich zu haben.“ „Das glaub' ich. Aber ſag' er mir: gehört der Spielmann, den er den Pikelmaier nennt, auch zu dieſer Abſchaumfamilie?“ „Ja, gewiß. Der Graf war zwar einfältig ge⸗ nug— nun, er iſt jetzt todt. Aber das iſt ſicher, daß der Graf den Spielmeier nur deßhalb bei ſich behielt, weil er gut zum Spion zu gebrauchen war. Er war heute unter uns hier; obwohl er von rechtswegen mit den andern Wimmerbytingern hätte fortgeſchickt wer⸗ den ſollen. Aber er ſchmeichelte ſich an, damit er dableiben durfte. Hat ihn der Herr Kapitain nicht auf der Wahlſtatt geſehen? Er iſt nicht unter den lebenden Gefangenen: wenn er ſich nun auch nicht unter den Todten vorfindet, ſo iſt er beſtimmt entflo⸗ hen. Denn auf das iſt er eingeſchult.“ „Nun, der Schaden wäre nicht groß. Aber ſag mir: hatte der Graf ein eigentliches Lager hier oben im Walde? ein Haus, eine Hütte, Höhle, ein Ge⸗ büſch oder ſo etwas Aehnliches, wie es einem Anfüh⸗ rer ziemt! Er hatte ſich wohl einen Haufen Geld zuſammengemacht, nicht wahr: Du wirſt ſo gut ſein, und mir die Stelle angeben, wo er es verborgen 180 hat. Ich muß Alles haben, was der Graf hinterlaſ⸗ ſen hat, um dich und meine andern neuen Freunde auf eine ehrliche Art und gut ſpeiſen zu können. Du rauchſt flink, Alterchen, hier haſt du eine friſche Cigarre.“ Der gefangene Jüngling dankte und zündete an. „Und nachher ſollſt du mir erzählen, was du für ein Menſch warſt, ehe du in der Truppe feſten Fuß faß⸗„ teſt; damit ich erkenne, auf welche Art ich dich wie⸗ der zu einer ordentlichen Perſon machen kann.“ „Das iſt leicht gethan, Herr Kapitain. Aber vielleicht muß ich Herr Major ſagen oder Herr Ritt⸗ meiſter? Es iſt mir wahrhaftig, als habe ſch den Herrn Oberſten einmal bei dem Maliller Exerziren in der Uniform der Smaländer Huſaren vor der Front reiten ſehen.“ Göran erhob ſich; und der Gedanke, daß er— wenn auch nur in der Einbildung— als Rittmeiſter in der ausgezeichnet ſchönen Uniform der ſmaländer Huſaren geſteckt habe, drang ſchmeichelnd bis in die Tiefe ſeiner Seele. Die begrabenen Offiziersgedan⸗ ken erwachten mit Blitzesſchnelle. Einige Sekunden lang ſtrahlte es unglaublich und mit einem beiſpiel⸗ loſen Uebermuth um ihn. Aber bald erwachte er zum Bewußtſein der Wahrheit. Er ſpuckte aus— nicht wild und gerade vor ſich in die Weite hinaus, ſondern ganz beſcheiden und in der Nähe. Dann wandte er ſich trübſelig zu dem Gefangenen und ſagte:„Ich glaube es kaum, mein Freund; ich kann's daß du mich jemals in Uniform geſe⸗ hen haſt.“ „Der Herr Rittmeiſter braucht ſich nicht zu ſchä⸗ men, daß ich ihn geſehen habe, wenn ich ihn wirklich geſehen;“ fuhr der Gefangene fort.„Denn ich muß dem Herrn Rittmeiſter ſagen, daß ich, obwohl jetzt hier in dieſem Zuſtande, doch ein Mann bin, der niemals geprügelt worden iſt, nie die Ehre verloren ——— v v 1 — — NM——* 18¹ hat, nie auf der! Feſtung ſaß, ja nicht einmal nur Etwas mauſte; und es iſt ein leichtes Ding, mich zu einem ehrlichen Menſchen zu machen; denn ich kann darauf ſchwören, ich habe ſchon jetzt einen guten Charakter und es fehlt mir nichts, als beſſere Ein⸗ künfte.“ ſen ums Himmelswillen! was muß ich hören? Du haſt nie etwas Schlimmes gethan? warum haſt du dich denn zu dieſer Geſellſchaft begeben?“ „Herr, ich war Weißgerber. Ich habe einen hei⸗ tern Humor, und das Geſellenleben in Weftervik ent⸗ leidete mir.“ „Wirklich, Weißgerber?“ „Ich geſtehe es auch gerne zu, ich wäre bei ei⸗ nem längeren Aufenthalt hier unter den Grafenleuten wohl bald auch ſo weit gekommen, um der Prügel, der Schande und am Ende vielleicht ſogar der Ein⸗ kerkerung werth zu ſein. Ich glaube deßhalb feſt, daß der Herr Rittmeiſter heute gerade zur rechten Zeit kam, um dem ganzen Spektakel ein Ende zu machen, mich gefangen zu nehmen und von weiterem Elend zurückzuhalten. Ich habe nichts dagegen, wenn der Herr Rittmeiſter mich wieder zu einem ordentli⸗ chen Menſchen macht—“ ſchloß er und blies eine lange Raucwolke hervor, die jedoch in ihrer ge⸗ ſchlungenen Form ſehr zweifelhaft ausſah—„nur um das will ich den Herrn Rittmeiſter demütbigſt gebeten haben, daß er mich nicht wieder zu einem Weißgerber machen wolle.“ „Wir werden ſehen,“ verſetzte Göran ſtreng. „Vor der Hand— apropos, wie heißt du?“ „Kasper.“ „Vor der Hand, Kasper, wirſt du mir deine Treue dadurch zeigen, daß du mich redlich zu dem führſt, wovon wir eben ſprachen. Der Graf, ſagſt du, hatte einen Erdkeller unter der Reiſachhütte? Das iſt ſchön. Wir wollen nachher ſehen, was wir 182 aus deiner Perſon machen können, mein Freund. Gut! Jeppe Jonſſon hat, wie ich ſehe, mit der Mannſchaft ſeine Arbeit beendigt. Entferne dich, Kasper, und ſage der Wache, ſie ſolle dich wieder binden, damit die übrigen Gefangenen deine Lage nicht beneiden.“ Kasper verſprach es, verbeugte ſich ehrerbietig, und ging. Herr Göran Edeling flieg nun von dem hohen Steine herab, von wo aus er die ganze Zeit über ſeine Macht im Auge gehabt hatte. Der Fähnrich näherte ſich ihm und erhielt Lobſprüche für den wohl vollzogenen Auftrag. Dann ward das Heer geſammelt und aufgeſtellt. Göran bemerkte nach einem ſchnellen Ueberzählen, daß er eine ziemlich anſehnliche Schaar verloren hatte, wofür er im Stillen Gott dankte. Daß Korporal Sven gefallen war, mußte er zwar, in Betracht der unbeſirittenen Tauglichkeit dieſes Mannes, für ſchwere Kämpfe beklagen; da aber Göran jetzt ein Aufhören aller Gefechte vorausſah, ſo war es ihm nicht unan⸗ genehm, daß ihm der Herr einen Mann entriſſen hatte, deſſen Verwendung in Friedenszeit ziemlich ſchwierig geweſen wäre. Mit leichterem Herzen dachte Edeling jetzt an die nächſte Zukunft. Was ſein Ver⸗ gnügen vermehrte, war auch noch der Umſtand, daß die beſten Sänger in ſeiner Truppe vom Schickſale verſchont geblieben waren. Er ſtellte ſie in eine be⸗ ſondere Reihe, da er einen großen und heiligen Zweck mit ihnen im Auge hatte. Der Reſt des ſchönen Abends ward in religiöſer Stille hingebracht. Auf einem Platze im Walde, der den freiſten und ſchönſten Raum dazu darbot, eröff⸗ nete man ein großes Grab. Zuerſt wurde die Leiche des Grafen hineingelegt, und dabei begann der Ge⸗ ſang von den ausgewählten Sängern, die Göran dazu beſimmt hatte. Man legte Zeytons Koͤrper 185 3 auf den Grund der offenen und anſehnlichen Räuber⸗ gruft; Sven der Grimmige ward an ſeine Seite ge⸗ ſetzt. Dann warf Göran etwas Erde auf dieſe zwei eingefleiſchten Feinde, indem er bei einer Pauſe des Pſalmes ſprach:„ſeid Freunde!“ Die übrigen todten Uebelthäter wurden darauf gelegt. Zuletzt ward ein Haufen Erde über ſie geworfen, derſelbe mit Raſen vekleidet und die Spitze des Hügels mit einem Steine geziert. Dieſe Leichname hätten auf keinen Fall ei⸗ nen Platz in einem Kirchhofe erhalten, noch wären ſie von geweihten Händen zu ihrer Ruheſtätte begleitet worden. Der Galgenberg wäre der rechte Platz für ſie geweſen; doch auch dahin bätten ne erſt nach ih⸗ rer Verurtheilung gelangen können. Göran Eveling trug daher kein Bevenken, ihnen dieſen Raum im Schooß der Erde zu gewähren, und es ſo gut zu machen, als er konnte. Aus Ehrerbietung und Ach⸗ tung vor der Religion⸗ hatte er es jedoch nicht ge⸗ wagt, bei ihrer Beerdigung einige Worte aus der zu ſprechen, die er als Sohn eines Geiſtli⸗ chen ſehr gut auswendig wußte, was Begräbniſſe be⸗ traf; und ohne Zweifel hätte er ſie, wenn er gewollt hätte, mit ſeiner klangvollen, ſtarken und angenehmen Stimme, laut vortragen können. Da er dießs aber vermied, ſo hatte er ſich wenigſtens erlaudt, das Ab⸗ ſingen der Hymne anzuordnen; denn wenn er es auch nicht aus dem Geſetze wußte, ſo war es ihm doch von vielen Gelegenheiten bei ſeinen Eltern her be⸗ kannt, daß man Pſalmen überall vortragen dürfe, wenn es nur in guter Abſicht geſchieht und mit ſchö⸗ nen Stimmen ausgeführt wird. Der Geſang dauerte noch lange nach dem Auf⸗ werfen und Vollenden des Grabhügels fort. Der offene, ſtille Wald empfing die heiligen Töne in ſei⸗ nen fanft ausgeſtreckten Armen, und erwiederte ſie durch ſüße Duftwellen von Tannen und Fichten. Die Racht brach allmählig herein; aber der Himmel wat 184 klar, und verweigerte den ſüßen Gebettönen die Auf⸗ nahme in ſeiner wolkenfreien Umarmung nicht, ob⸗ ſchon jene aus der Bruſt von Verbrechern aufſtiegen und um Räüber geſungen wurden. Gott ſah auf die Verlorenen herab. Fünfundvierzigſtes Kapitel. Ein Frauenzimmer macht Herrn Göran einen Veſuch in ſeinem Hauptquartier, und gibt ihm Unterricht in riner neuen Sprache, die im Grunde ſehr alt iſt. Das letzte Treffen und zugleich das ſechste und letzte Räuberkapitel. Du mußt alſo ohne deine Laute in der Erde rühen? Bei welcher Muſik wirſt du wohl erwachen? Die gefangenen Räuber, die während des Regi⸗ ments des Grafen und auch lange, lange Zeit vorher nicht einen ſo himmliſchen Abend genoſſen hatten, fühlten ſich außerordentlich wohl; und große Tropfen thautèn über die Wangen von mehr als einem ſchwarz⸗ braunen, durchfurchten Geſichte. Die wilden Männer ſtanden ſo fromm da, wie die Lämmer; und wenn ſie auch nicht geteſſelt geweſen wären, ſo würden ſie doch auf keinen Fall gefloben ſein oder etwas Ande⸗ res getban haben, ale wos ſie jetz heten: nämlich aufhorchen, erſaunen, weinen und ſtille verſuchen, chre vergeſſenen Gebete wieder zu beten. Als die Beerdigung zu Ende war, befahl Herr Edeling aus dem Thal aufzubrechen. Er ließ Kaspern N ————— 485 zu ſich führen. Dieſer Gefangene erhielt Jeppe Jonſ⸗ ſon zur Seite, und ward ermahnt, das Heer mit aufrichtigem Sinn nach dem Hauptquartier des über⸗ Grafen zu geleiten. Kaspar that dieß ehrlich. Als man an Ort und Stelle gekommen war, und nicht nur die hinterlaſſene Hütte des Grafen, ſondern was mehr heißen wollte, ſeinen Erdkeller nebſt Inhalt gefunden hatte, ſagte Herr Göran zu Kasper:„von dieſer Stunde an biſt du ein freier Mann. Deine Feſſeln ſind abgefallen, und du magſt jedes Handwerk wählen, das dir gefällt!“ Dann trat er zu ſeinen Leuten, und rief aus: „Kameraden! wir raſten heute Nacht hier. Wir wer⸗ den Feuer anzünden, um uns daran zu erwärmen. Wir werden kochen und braten, denn wir haben das Eſſen jetzt nöthig. Wir ſind heute weit marſchirt; wir haben uns geſchlagen und geſiegt. Die Tapfer⸗ keit iſt ihrer Freude werth; nach dem Siegermahl werden wir die Dudelſäcke, die Schalmeien und Gei⸗ gen hören laſſen— wenn nämlich der kleine Braun Peter ſeinen Plunder bei der Hand hat. Wir wer⸗ den dann auch trinken, Jungens! Ich bin nicht ganz ohne dergleichen und werde euch dazu einladen; aber in aller Ordnung, friedlich und beſcheidentlich. Nach⸗ her aber wollen wir eine oder zwet Stunden tanzen, wie ich cuch verſprochen habe. Was ſagt ihr dazu, meine guten Frcunde?“ Ein ftürmiſcher Beifall war die Antwort. Bald flammten Feuer empor, die jedoch gemäßigt und ver⸗ nünftig angeündet waren, um den Wald nicht in Brand zu ſtecken, was in Betracht der langen Dürre, die trotz dem Herbſte eingetreten war, befürchtet wer⸗ den mußte. Die Köche brachten nun ihren Vorrath herbei, und Nicke Bengt Ersſon ging mit vornehmer Miene zuerſt an das Geſchäft. Die Speiſekammer der Grafenleute im Erdkeller war ſehr ſchön. Es 186 fehlte weder an Fleiſch noch andern herrlichen Dingen. Und wenn man Alles dam nimmt, was die ältere Vernamobande oder die ſo enannten St. Göransleute bei ſich führten, ſo kann man ſich eine Vorſtellung von dem Gaſtmahl machen, das den Siegern vorge⸗ ſetzt wurde. Allein Männer, die wie dieſe gekämpft, und ihr geliebtes Vaterland dadurch gerettet hatten, verdienten auch nichts Geringeres. Man aß, man ſang, und trank: das Letztere jedoch— nach der aus⸗ drücklichen und beſtimmten Ordre des Befehlshabers — nur mäßig und beſcheiden. Dann aber wurde ge⸗ tanzt; und die Dudelſäcke tönten ſo veiter, daß die Fichten ihre Aeſte ſchüttelten, und die Tannen ihre Zweige in ſtummem Erſtaunen an ſich zogen. Eine gute Weile nach Mitternacht wurden die Feuer ge⸗ löſcht, eins nach dem andern; und Alle legten ſich nieder, um zu ſchlafen. Der Kommandant, Herr Göran Edeling, wachte am längſten, und ließ ein kleines Feuer fortwährend vor der Reiſachhütte brennen, die er jetzt zu ſeinem Hauptquartier gemacht hatte. Er hatte von hier aus eine Ueberſicht über den Wald hin, ſo weit dieß die Nacht geſtattete. Er ſelbſt ging erſt dann zur Ruhe, als er in einiger Entfernung und an den paſſendſten Punkten in der Gegend Poſten ausgeſtellt hatte; dazu ward vor Allen der treue Jeppe Jonſſon mit einem guten Stutzer befehligt, um einen Signalſchuß zu geben, wenn es nöthig werden ſollte.„Guter Jeppe! Du magſt müde ſein,“ ſagte Göran zu ihm, als er ihn auf ſeiner Wache verließ.„Ich gebe dir deßhalb die Erlaubniß, auf deinem Poſten zu fitzen, nur darfſt Du dein Gewehr nicht weglegen und nicht einſchlafen, bis ich wiederkomme und dich ablöſe. Dann will ich mich ſelbſt auf deinen Poſten ſtellen, denn ich kann mich auf Niemand ſo verlaſſen wie auf dich und dann auf mich. Ich will jetzt in meiner Reihe ein Stünd⸗ chen ſchlafen; und nachher dich ablöſen, wo Du dann S——— 2 S S— 8 S* 2 187 auch hingehen und ſchlafen kannſt.“ Der Fähnrich gähnte ihm ein zufriedenes Ja zu. Göran Edeling kehrte um. Er kam zu ſeiner behaglichen Hütte und trat ein in der Abſicht, ſich auf das gute, duftende Laubbette zu werfen. Daß er ſich nicht entkleidete, verßteht ſich von ſelbſt. Aber das Sonderbare an der Sache war, daß er ſich doch nicht gleich niederlegte. Als nah und fern Alles um ihn her ſo gut ſchlief, und nur ſein eige⸗ nes Feuer noch aus den Kohlen emporflammtez da kam ſein innerer Sinn nach der großen Unruhe dieſes Tages zu einem deſto klareren Bewußtſein, je ſtiller es in der Natur wurde; und er fühlte ſich nicht mehr ſchläfrig. Er ſaß in Sinnen und Gedanken auf ſei⸗ nem niedern Lager. So verfloß eine Stunde oder mehr in angenehmem Brüten. Ein Jüngling wie Göran hat nie Langeweile, auch wenn er noch ſo allein iſt. Seine Seele vertieſte ſich ſo in ſüße Vorſtel⸗ lungen, daß er am Endr ſogar Muſik zu vernehmen meinte. Aber es waren nicht jene luſtige ſchallen⸗ den Töne, nach denen eben noch ſeine tanzluſtigen Kameraden im Polkatakte geſprungen waren; es waren ſüße, hinreißende Laute, nach fremden, unfaß⸗ lichen Melodien. Das Wunderbarſte daran war, daß, als Göran den Hals vorſtreckte und nach allen Seiten binlauſchte, dieſe Mufik nicht mit ſeinen übrigen, inneren und nur erträumten Genüſſen verſchwand, ſondern er wirklich mit ſeinen äußeren Sinnen vernahm, daß Etwas vraußen im Walde ſpielte.„Am Ende ſtellt es ſich noch heraus, daß hier ein Waldgeiſt iſt, der die ſchöͤne Nacht durchwacht und auf ſeiner Laute klimpert,“ ſagte Göran halb ſcherzend und halb be⸗ troffen zu ſich ſelbſt. Er trat unter die Reiſachthüre der Hütte. Er hörte jetzt deutlich die Griffe auf einer Zither; aber ſo behutſam und doch zugleich ſchön, als ob der Spielende die beſtimmte Abſicht habe, ſich 188 wohl in Acht zu nehmen, Jemanden zu wecken. Es war finſter, wenigſtens nicht belle im Wald draußen. Inzwiſchen konnte Göran ſehr wohl eine weibliche Geſtalt entdecken, die mit leichten und zierlichen Schrit⸗ ten den Hügel zu ſeiner Hütte, ſeinem Hauptquartiere heraufkam. Keiner von ſeinen Leuten lag hier in der Nähe, ſondern alle eine gute Strecke von hier hinter der Anhöhe. Als das Frauenzimmer, der Waldgeiſt oder das Waldmädchen ihm ſchon ſo nahe war, daß ſie an dem kleinen erlöſchenden Feuer vor der Thüre vor⸗ überſtreifte, nahm ſie etwas aus ihrem Kleid und ſtreute es ſchnell ins Feuer. Gott weiß, ob es ein Pulver oder Harz, Lavendel oder noch koſtbarere Droguen waren; denn ſogleich bekam die Gluth wieder Leben, flammte in einem helleren Schimmer empor und verbreitete einen narkotiſchen, aber zugleich am⸗ broſiſchen Wohlgeruch um ſich her. In dem ſtarken Lichte ward nicht nur ihr die Hütte nebſt Herrn Gö⸗ ran unter der Thüre derſelben deutlich und klar— wenn es nämlich ihre Abſicht war, ſich auf dieſe Art Kenntniß von dem Eingang und den Bewohner zu ver⸗ ſchaffen— ſondern auch fie erſchien ihm in der voll⸗ ſtändigſten Beleuchtung. Er bekam alſo zu ſchauen, wie ein Walrgeiſt ausſah. Wenn aber auch die Fremde nicht ganz Geiſt war, ſo konnte man ſie doch auch gewit nicht für eine gute Smatänderin paſſiren laſſen. Sie richtete— nicht ein Paar blaue, was ihm ein Beweis ihrer Rechtſchaffenheit geweſen wäre — ſondern kohlſchwarze und glänzende Augen auf ihn. Ihr langes, rabenſchwarzes Haar war aufge⸗ bunden und in Flechten um den Kopf gewunden, wie man es an Frauen auf etruriſchen Vaſen oder auf den pharaoniſchen Gemälden in Denons Werk über Egypten ſieht. Ihr Geſcht war braun, obwohl heller als das einer Mulattin oder gar Negerin; es war oval, jugendlich und all des Verdächtigen ungeachtet, 189 ungemein ſchön. Die feinen Lippen des kleinen Mun⸗ des zeigten ſich korallenroth, was viel zu ihrem Reize beitrug. Die Kleidung konnte man freilich nicht gut nennen, wenn man die Hauptſtädte Stockholm oder Jönköping geſehen hat; ſie war vielmehr zerlumpt und zerriſſen; aber die Hexe hatte Alles ſo zierlich, geſchickt und ſchimmernd an ihrem Körper anzubringen gewußt, daß auch dieſe Art Kleidung geſchmackvoll ſtand. Ohne weitere Einleitung begann ſie in ihre Zither zu greifen, die ſie wieder unter dem Arm vorzog, ſobald ſie das Rauchpulver über Herrn Gö⸗ rans Wachfeuer geſtreut hatte; und aufs neue ſpielte ſie dieſelbe fremde Melodie, die ihm gleich im Anfang ſo egyptiſch vorgekemmen war. Dann ſang ſie mit einer ſanften und ſchüchternen Stimme, aber ſo er⸗ bärmliche und nichtsſagende Worte, daß die Anfüh⸗ rung eines einzigen Verſes genügen mag: „Ich heiße Magellone, und bin den Männern Feind— Noch. Ich bin zwar her aus Schone, Doch hab' ich keinen Freund— Noch. Doch Wimmerby vergeß' ich nicht, Dort kann man mit dem Glanzgeſicht Bekommen wieder einen Freund:,: Und ſchöne Golddukaten, Und Zuckerbrod und Braten, und Zofen und Lakaien, und Pferde ganze Reihen Und Wagen, Wagen! D'rinn fährt von Wim⸗ merby man fort— Im Neulicht nach'nem andern Ort.“ Als der Vers zu Ende war, nahm ſie die Zither wieder unter den Arm und ſchickte ſich ganz einfach an, einige Touren um das Feuer zu tanzen, natürlich 1 um den Herrn, õ vor dem ſie ſich befand, zu beluſtigen; dann frreckte ſie ihre kleine bübſche Hand zu einem Almoſen hin und ſagte:„Beddon! Bedvon! ſchenkt mir einen Schilling!“ „Das iſt eine Zigeunerin nach ihrem ganzen Benehmen!“ dachte Herr Göran;„tanzt und bettelt ſie nicht ganz wie gewiſſe Leute auf den Jahrmärkten? und iſt doch ſo wüthend hübſch dabei? Aber was ſagt ſie da?“ Bei den erſten Worten fuhr ihm Pilkomaju durch den Sinn und er dachte:„Wir wollen doch ſehen, ob das nicht die Schweſter oder Geliebte des Zigeuner⸗ ſpielmanns iſt, von der ich reden hörte. Sie nannte ſich za Magellone, oder gebörte das nur zum Lied? Wenn das nun die berüchtigte Hausmamſell oder Diebsmamſell ſelbſt wäre, die nach wohlverrichtetem Geſchäfte von dem Herrenhofe abreiſte? Was kann ſie mit mir mitten in der Nacht wollen? Aha, ſie ſucht gewiß ihren Pilkomaju, der im Dienſte des Grafen Zepton hier im Hauptquartiere war; und da der Ehrenmann heute entwiſcht iſt, ſo weiß ſie nicht, wo ſie ihn finden ſoll.“ Göran beſchloß, äußerſt artig zu ſein, um auszuforſchen, wie all Das zuſammen⸗ hängen könnte. Er näherte ſich einen Schritt, ver⸗ veugte ſich und ſagte: Vill Mademoiſelle Magel⸗ lone— oder Magdalena, nicht wahr?— nicht ſo gut ſein und in meine niedere Hütte eintreten? Ich bin zwar nur Student, aber gegenwärtig doch ſo eine Art General.“ Das Mädchen verneigte ſich und erwiederte: „Mandro ascher ki trasch!““*) Dann trat ſie un⸗ genirt, aber durchaus nicht frech ein. Als ſie ſeine Waffen und die andern herrlichen Dinge ſah, rief ſie aus:„Je mar valo peddo! je lattjo, je schucker- tjavo!“**) 6 Ich fürchte mich nicht. ) Ein reicher Herr!— ein artiger, ein ſchöner Mann! e T- 194 „Seid ſo gut und ſetzt euch und ſprecht ſchwe⸗ diſch! ich bin nicht in die Diebsſprache eingeweiht,“ ſagte Herr Göran und führte ſeinen Gaſt nach dem Laubſopha. Die hübſche Lavendelflamme draußen flackerte fort und beleuchtete das Hauptquartier ſehr anmuthig. Aber wenn Göran auch, wie er ſelbſt geſagt hatte, Student war und noch dazu ein junger Student; ſo war er deßhalb doch auch ein ſchlauer Feldherr. Er beſchloß artig gegen eine Perſon zu ſein, die er ſeiner Ahnung nach auf die eine oder andere Art als Feindin anſehen mußte. „Was,“ ſagte er,„kann wohl die Urſache ſein, daß Mademoiſelle Magvalena mir, einem völlig Un⸗ bekannten ihren Beſuch macht? und das zu einer ſo dunklen Stunde? Nur um eines bitte ich dich, ſchönes Mödchen, erkläre dich gegen mich nicht in einer Sprache, die mir wie reines Sanskrit lautet.“ „Die Urſache? O Beddon! wir thun gar Vieles, aber Nichts aus Urſachen. Unbekannt? der Herr iſt mir nicht unbekannt. Auch ich bin nicht ſo un⸗ bekannt, daß der Herr nicht Etwas von mir wüßte. Pilto hat genug davon geſprochen. Sollte ich meine und unſre eigene Sprache nicht bei einem ſo großen und reichen Feldherrn benutzen dürfen, der uns be⸗ ſiegt hat, und bald über die ganze Erde der Wälder herrſchen wird? Sollteſt Du Herr, nicht die Sprache der Männer verſtehen— hm, mandro prät!“) Du wirſt mich nicht zum Beſten haben. Du verſtehſt mich ſehr wohl. Wenn Du ſo lange der General der Vernamodiebe warſt, ſo mußt Du auch die Anglaiſe der Zunge kennen, das iſt ſo gewiß, als daß die Luft ſingt. Nun ſo ſagt mir, Herr! wenn ihr nicht egyp⸗ tiſch könnt, wie werdet ihr dann die Leute aus dem Gefängniß befreien können, aus den Händen des *) Mein Bruder, mein Freund! 192 Landeshauptmanns und aus den Klauen des Wacht⸗ meiſters? Man muß ſich mit einander verabredeh und in einer Sprache ſprechen können, die Niemand außer uns verſteht, wenn man hierin Glück haben will. Und der Herr iſt ja doch unſer Führer? Gewiß kennt ihr die Diebesſprache, Herr; lund wollt nur ein Mädchen zum Beſten haben. Das iſt gewöhn⸗ lich ſo.“ „Nein, bei meinem Gott und meiner Seligkeit! Kliſſinger, das iſt das einzige Wort, das ich in dieſer Beziehung gehört habe und verſtehe,“ brach Göran aus.„Aber ſag' mir, Magdalena, was beabſichtigſt Du mit deinem Beſuch?“ „Kliſſinger? haha! ja ja, das bedeutet Schlüſſel. Ueber die Kliſſinger kann ich eine lange und ſchöne Weiſe zur Guitarre ſpielen. Aber der Herr fragte mich nach meinem Geſchäft? Das iſt bald geſagt.“ Darauf begann ſie auf den Saiten zu klimpern und zu ſingen. „Nein, ſpiele nicht, ich bitte dich; ſondern ſag' mir deine Meinung ſchlecht und recht in Proſa.“ 4„O mein Herr, ich bin ſeit einiger Zeit gewohnt, nach dieſem Waldzelt von Tannenzweigen zu gehen. Hier traf ich immer Pilko und den Grafen, dem Pilkomaju zu dieſer Stunde gute Rathſchläge gab.“ „Der Graf hat um der guten Rathſchläge wil⸗ len, die ihm ſein geliebter Zigeuner gab, ins Gras beißen müſſen.“ „Sein Zigeuner? welch' eine Benennung! er hat ins Gras beißen müſſen! und der junge Herr Nickol ebenfalls; ich weiß es. Dova beschar paschtadoa allezuväro.*) Doch jetzt werde ich mein Geſchäft ſagen, Beddoni: ich verachte Pilkomaju. Mandro aschar ruschto pre dova.**) Obſchon er zu unſern ſu.*) Sie ſind alle große Schelme.⸗ **) Ich bin boͤſe auf ihn. 193 Leuten gehört, ſo haſſe ich ihn jetzt doch. Dove dickasje fulano tjavo!“* „Ach— dein italieniſch⸗egpptiſch macht mich ganz toll. Ich will keine Zingarilloſprache hören.“ „So höre denn, Herr, in reinem Smaländiſch, daß Du dich vor dem Zigeuner Spielmann Pilko in Acht zu nehmen haſt. Ich bin böſe auf ihn, weil er ein Elender, ein Fulano iſt; deßhalb bin ich hieher gekommen um dich zu warnen, und dich zu retten, Herr. Laß mich eine Weile ſpielen, dann werde ich Alles ſagen, was ich meine. Es iſt nicht wenig zu beſprechen!“ Görans Aufmerkſamkeit ward erweckt.„Was ſoll das heißen?“ brach er aus.„Droht mir irgend eine Gefahr von Pilkomaju?“ Sie klimperte auf der Zither und antwortete ſingend: Prim, trum, tränari, ränari, Brim, brum. 2 Dann fuhr ſie ohne Mufik fort:„Ja gewiß! er wird dich mit Zigeunerbeſchwörungen, con inganno egittico, behexen. Er will dich morgen mit den noch übrigen, entſendet geweſenen Schaaren des Grafen überfallen; denn er iſt zu ihnen geflohen und hat ſich an ihre Spitze geſtellt. Deßhalb habe ich mich heute Nacht hieher gewagt, um dir Alles zu entdecken, dich zu retten und mit meinem Geſang den Anſchlag des Feindes zu verhindern. Denn Pilkomaju iſt ſehr mächtig in Abrakadabra, der großen Rabbinerkunſt; man muß ihm daher zuvorkommen. Laß mich alſo ſingen: Slim, slum, gränari, hänari, Rim, rum.“ Dieſe unerwartete Nachricht wirkte höchſt er⸗ ſchreckend, beinahe betäubend auf Göran Edeling. *) Er iſt ein niedriger, gemeiner Kerl. Drei Frauen in Smaland. U. 194 „Sollte der verruchte Landläufer Pilkomaju ſo viel Kühnheit beſitzen, um mit ſeinem Zigeunerpack, dieſen vierzig bis fünfzig verächtlichen Geſellen, die Kaſpar mir kürzlich beſchrieben hat, mich anzufallen, und das ſchon morgen? Und von welcher Seite her?“ Er ſchaute bei dieſem Gedanken auf das Mädchen, ſeine Retterin, die mit ihrer kleinen anmuthigen Zither ſo ungekünſtelt auf ſeinem Laubſopha ſaß, und ſich ſo offen ſeiner Ritterlichkeit anvertraut hatte. „Sag' mir Alles! erzähle mir Alles!“ rief Göran aus;„und kannſt Du nicht ſprechen, ſo ſinge denn in Gottesnamenz ich muß mich ſchon darein finden. Ich muß Alles wiſſen und genau wiſſen! Und vor Allem, wie haſt Du es wagen können, dich von deinen Freunden zu trennen und in der finſtern Nacht fort zu gehen, um mir und meinen Leuten zu helfen?“ „In finſtrer Nacht?“ flüſterte ſie.„Was iſt Nacht? Wir ſehen in der Nacht, Beddoniz das iſt unſer Licht. Wir ſind Verwandte der Leuchtwürmer. Ich habe deinen Ruhm vernommen, Herr; ich habe den Krieger bewundert. Hätte ich mich nicht hieher⸗ ſchleichen ſollen, um einen großen Mann zu retten? Pilko ſoll deinen Kopf nicht haben. Ich verabſcheue ihn, obſchon er von meinem Stamme iſt; er aber iſt ein fulano tjaro.“ Göran Edeling war in dieſem Augenblick Alles, nur nicht General; er war nur Ohr, als die ſchöne Magdalena zu ihrer Zither eine kleine Weiſe nach der andern ſang, die alle das Eigene hatten, daß zu den wunderbarſten, fremdeſten Melodien rohe und ungeſchlachte Worte kamen, wie ſie eben das Zigeu⸗ nermädchen während ihrer Lebensweiſe beſonders als Kind unter ihren Anverwandten aufgefangen hatte. Mit dieſen Stücken verwebte ſie da und dort Nach⸗ richten über Pilko und ſeine Truppe, die Göran ſo nothwendig zu brauchen behauptete. Bei einer Pauſe ſah ſie ihn bittend an und ſagte:„Beddon, dela 6 ſ . 1 el en ar a6 Er ne an 495 miro je rani rabba!*) Nein, nein! in gutem Smaländiſch— denn ihh weiß, daß der Graf hier in ſeinem Erdkeller gute Weine hatte, Branntweine ſo⸗ wohl als Madeira; ich habe mich nicht geſcheut, in der kalten Nacht zu dir hieher zu kommen, Herr: ge⸗ wiß haſt Du den Wein des Grafen geerbt, wenn Du nicht ſelbſt welchen mitgebracht haſt. Ich friere! ich friere! Willſt Du mir nicht ein Gläschen bieten?“ Göran ſprang entzückt auf; nahm eine Bouteille, die wirklich heute ſeinen Antheil ausmachte, ergriff ein Glas und ſchenkte ein. 6 „Mandro— ach nein, nein!— Ich trinke nicht allein, wenn der Herr nicht mit mir trinkt und mir zutrinkt.“ „Das thu' ich ſehr gerne,“ rief Göran, und ging, um ein neues Glas für ſich ſelbſt zu holen. Während aber Göran ihr den Rücken zugekehrt hielt, zog ſie ſchnell und unbemerkt ein Fläſchchen aus dem Buſen; und goß fünf, ſechs Tropfen daraus in das Glas, das ſie in der Hand hielt. Göran wandte ſich jetzt um, hatte ſein eigenes Glas gefüllt und wollte mit Magdalena anſtoßen. Aber ſie ſagte:„Herr! es iſt bei uns Sitte, die Gläſer zu wechſeln, wenn ein Mann und ein Frauen⸗ zimmer mit einander trinken; denn damit ſchenken ſie einander ihren Wein, und das iſt das beſte Geſchenk. So verſchwindet auch alles Mißtrauen, weil jeder das ſelbſt leert, was er zuerſt dem Andern angeboten hat. Wir lieben es ſo, und ſind ſtets fröhlich dabei.“ Göran lachte, gab ihr ſein Glas und nahm dafür das ihrige. Sie ſtießen an und tranken. 6 So ein einziges Glas Wein konnte einem Frauen⸗ zimmer in Wald und Feld wohl hingehen; Magdalena verlor deßhalb nichts in ſeinen Augen. Sie ſing aufs 6) Wörtlich:„Herr! gib mir ein Glas Branntwein!“ es kann aber auch jedes andere wärmende Getränk ſein. — 196 neue an zu ſpielen, und ſchlug ihre Akkorde noch ſchöner als vorher. Ein Feuer flog durch Herrn Edelings Adern; nie hatte er geglaubt, daß der Graf einen ſo ſtarken Wein in ſeinem Keller beſitze. Rach einer Weile begann es vor ſeinen Augen um und um zu gehen; er ſah zwar noch klar und unterſchied recht wohl die Töne der Zither; aber es kam ihm vor, als ob die Wände der Reiſachhütte zu tanzen anfingen; und die ambraduftenden Flammen des kleinen Feuers draußen goßen einen blendenden Glanz und zugleich einen nervenangreifenden Dampf über die Gegenſtände; aber alles auf die angenehmſte Art von der Welt. Magdalena ſtand auf. Sachte legte ſie ihre Zither hinweg, ſchaute ihren Wirth mit funkelnden Blicken an, und flüſterte:„Laß mich dich jetzt die Diebes⸗ ſprache lehren, Herr! Denn die mutt du verſtehen, um Alles unter uns zu begreifen, und uns vor dem Richterſtuhl und aus dem Gefängniſſe zu reiten! Komm!“ rief ſie, und mit der ganzen Verwegenheit einer Zigeunerin, obwohl ſehr zierlich und beinahe ſchamhaft, ſchlang ſie ihre Arme um ſeinen Hals, und zog ihn auf den aus laubreichen Zweigen gebildeten Sopha nieder. S Als ſie Arm in Arm daſaßen, ſagte ſie, mit ihrem ſchalkhaften Finger auf die Gegenſtände deu⸗ tend, die ſie nannte:„Jackar heißt die Augen; bal das Haar; nack die Naſe schöro der ganze Kopf; der Mund heißt mojj, haha! ſag' mir, iſt die Diebes⸗ ſprache nicht ſehr hübſch? die Zunge tibb, die Zähne dannar. Unter pre kischpan verſtehen wir„im Zim⸗ mer“ wie hier. Die Scheere, womit man Bande durchſchneidet, nennen wir kockli, rombana heißt die Säge, mit der man Gitter durchſägt. Aber,“ fuhr ſie mit einem bedeutſamen Kopfſchütteln fort,„kurra pre mulo heißt hinrichten; und mulo schöroken heißt der Richtplatz. Buro bedeutet Bauer; die lieben wir nicht! ſie geben uns an, und wir nennen ſie burono, — S— n—„ d k n — — —— S—— — e) —— 197 die dummen Bauern! Aber jeden recht großen Schur⸗ af ken, einen Wachtmeiſter oder Polizeikommiſſär nennen wir gyklo, und das mit Recht! Doch höre weiter: m loviar bedeutet Geld. Jetzt will ich dir einen ganzen ht Satz ſagen: Mandro beschar uschli for loviar, ich is bin Geld ſchuldig. Ja! das iſt auch wirklich wahr: z ach gib mir welches! Mandro kockaro beseckar rg uschli: ich bin ſchuldig! dova loviar avar mandro ch pre pane e maro: um dieſes Geldes willen werde ich e: auf Waſſer und Brod geſetzt! Das iſt eine ſchreckliche kurrning(Strafe)! Aber— mandro traddar kockaro er pre je vaver foro: ich muß dann auch nach einer andern Stadt fort. Ah! beddon dickar pre miro! 3 Der Herr ſieht mich an, glaube ich! Jetzt will ich an 6 meinen Fingern zählen: je, dy, drin, schtav, pansch: — eins, zwei, drei, vier, fünf. Klingt das nicht ſchön? n O baro tjavo! delo miro loviar! loviar! Delo miro eit Pansch lock! O großer Mann! gib mir Geld! Geld! he Gib mir fünf Reichsthaler!“ nd Göran Edeling fah ſie an. Was meinte ſie da⸗ en mit Bat ſie ihn auf dieſe ſeltſame Art um Unter⸗ ſtützung, um nicht wegen einer Schuld— eines Dieb⸗ nit ſtabls ins Gefängniß geworfen zu werden? Oder z wollte ſie ihm nur eine allerliebſte Lektion in dieſer neuen Sprache geben, die er nie früher gehört hatte, f; deren Erlernen aber unläugbar einiges Intereſſe für S ihn haben mußte, da er ja jetzt der Obergeneral aller ſe Gauner war. Auch beſaß er ſo viel akademiſches Blut, daß Literatur und vor Allem ausländiſche de Sprachen ihn mit mggiſcher Kraft anzogen. ie„Der Geſchichte iſt unbekannt, ob der unerfahrene Jüngling der Stirne ſeiner Nachbarin oder dem egyp⸗ tiſch glühenden Munde, der neben ihm athmete, einen it halben oder ganzen Kuß zu ſtehlen wagte; war es ſo, ir ſo gehörte auch dieß gewiß zur Gaunerſprache. Aber o, aus der Vetäubung oder vielmehr Verzauberung, in 5 der er ſich wenigſtens eine Stunde lang befunden— 198 hatte, ward er plötzlich durch den Knall eines Schuſſes geweckt. — „Was iſt das?“ rief er, und ſah auf.„Es klang wie ein Signal.“ „Es war nichts,“ erwiederte die Zigeunerin, und umſchloß ihn ſo feſt mit ihren Armen, daß er ſich unmöglich erheben konnte. Raſch ſchlug ein zweiter Schuß an ſein Ohr, und gleich darauf noch zwei. Er meinte in einiger Entfernung ein Gepraſſel zu hören, wie wenn der Wald in Feuer und Flammen gerathen wäre. Ein lautes, durchdringendes Mordgeheul ertönte ganz unvermuthet von der einen Seite her. Jetzt drang die Wohrheit wie ein leuchtender Blitz durch alle Ambrawolken der Bezauberung, und erhellte ſeine Seele, wie ſich die Kraft der Tugend und Wahr⸗ heit endlich ſtets den Weg zu jedem reinen und im Grunde unverirrten Sinne bahnt. „Betrügerin!“ rief er, und ſchleuderte mit gweh ſamer Anſtrengung die Zitherſpielerin weit von ſich weg.„Nicht morgen, heute Nacht ſchon ſollte Pilko mit ſeiner Verrätherrotte über mich und mein ſchlafen⸗ des Volk kommen! Magdalena! nicht mich zu warnen und zu retten— nein mich ſelbſt auszuſpähen, zu ver⸗ wirren, einzuſchläfern und zu entwaffnen kamſt du mit deinem Geſang und deinem Spiel!“ Bei dieſen Worten ſprang ſie ebenfalls empor und ftellte ſich entſchloſſen vor die Thüre der Hütte. Wie die See, deren Anblick ein Orkan verwandelt, war jetzt das Geſicht der Zigeunerin umgewandelt. Der Blick eines Tigers glühte aus ihren Augen.„Ihr — ſollt nicht aus dieſer Kamwer von entzündeten Tannen⸗ zweigen!“ rief ſie.„So viel iſt wohl zu begreifen, daß ich meinen Bruder und Oberprieſter, den großen Pilko, mehr liebe, als dich, Herr— als dich! Aber lege dich nieder, Kommandant, bis unſer Sieg vol⸗ lendet iſt. Dein Kopf ſchwindelt von dem Tranke, — e —— 8 S S. 199 den du genoſſen haſt. Lege dich nieder, lege dich ſchnell, Beddoni!“ Allein dieſe Worte waren eben nicht geeignet, Göran Edeling zu entwaffnen. Er fuhr mit der lin⸗ ken Hand über ſeine Stirne. Der Muth erweckte alle Nerven in Kopf und Herz zu Beſinnung und Kraft. Er ſprang nach der Thüre, wo das Mädchen ſtand. Mit einer Karlzwölftiſchen Weiberverachtung ſchleuderte er ſie bei Seite und ſtürzte in die friſche Luft hinaus. Sie eilte ihm nach gleich einer Zibetkatze; und ſo kühn war ſie, daß ſie ſich ihm mitten unter den Weg warf, ſeine Kniee umfaßte und ihn zu Fall brachte. Voll Zorn und Verzweiflung ſah er ſich genöthigt, eine gute Strecke über den Hügel, wo ſein eigenes Haupt⸗ quartier ſtand, hinabzurollen. Als er endlich unten, wo das Thal anfing, in einem weichen Grasbette an⸗ hielt, fand er ſich noch immer von Magdalenens Ar⸗ men umſchloſſen, die ſeinen Fall begleitet hatte.„Habt ihr euch beſchädigt, mein Herr?“ flüſterte ſie. „Laß mich los oder ich—!“ ſchrie Göran. In dieſem ſchrecklichen Moment war er ſelbſt ein wildes Thier. Er ergriff die ſchwachen Hände der Zigeunerin, und obſchon ihre Arme ſeinen Hals, ſeine Wangen, ſeine Haare umſchlangen, fühlte er doch nichts von all dem. Er ſprang auf, riß ſich von ihr los, und als ſie noch einmal wie die Weinrauke um den Maul⸗ beerbaum ſich um ihn ſchlang, und weinte und flehte, da ballte er ſeine Fauſt ſchrecklich gegen ſie und ſagte: „Was willſt du denn? Haſt du nicht ſchon genug ge⸗ than? Haſt du mich nicht mit deinem Geſange einge⸗ ſchläfert und ſo lange zurückgehalten, daß deine Leute Zeit und Raum genug bekamen, um den wohl ange⸗ legten Abgriff auszuführen, ohne daß ich hinauseilte und mit meinen Leuten wachte? Was kannſt du noch mehr begehren? Ha! höre ich nicht ſchon die Todes⸗ ſchreie meiner überfallenen Kameraden unter den Aex⸗ 200 ten Pilkomajus und ſeiner Spießgeſellen? Laß mich los, Unbegreifliche! Laß mich, Zigeunerin, ſag' ich!“ „Nein!“ entgegnete ſie mit gefalteten Händen. „Ich laſſe dich nicht, mein Herr. Schöner, berrlicher Feldherr, geh' nicht! Höre mein Bekenntniß: ich habe dich in der verfloſſenen Stunde lieben gelernt. Ich kam mit Haß hieher und mit dem Vorſatz dich zu be⸗ trügen; jetzt ſchäme ich mich nicht zu ſagen, wie ſehr ich— ach!— ich will dich nicht loslaſſen, mein Herr! nicht fort zu den Meinigen laſſen, die dich todtſchlagen werden. Sie werden es gewis thun, ja gewiß, wenn ſie dich jetzt treffen. Und dann! dann würde auch ich ſterben.“ „Grauſame Syrene! du ſollſt nun auch mich und meine Neigung zu dir kennen lernen!“ rief Edeling. Er umfoßte Magdalena mit ſeinem einen Arm ſo feſt, daß ſie ſich nicht mehr rühren konnte. Mit dem andern zog er ſich raſch das Halstuch von dem eigenen Halſe, nahm es und band dem Mädchen ihre beiden Hände auf den Rücken. Dieß war dos Werk eines Augen⸗ blickes. Dann hob er ſie auf ſeinen linken Arm, und ſprang mit dieſer leichten Bürde aufs neue nach der Hütte binauf. Hier legte er ſie auf das Laubbett, wo ſie eben noch ſo freundlich bei einander geſeſſen wa⸗ ren; ergriff dann ohne Barmherzigkeit ihr eigenes Halstuch, und machte damit einen tüchtigen Knoten um ibre Füße. Er knüpfte ihn dreimal. Das war in einer Minute getban. Dann eilte er hinaus. Er war vor ihrer Verfolgung ſicher. Sie lag gefeſſelt, verloren am Boden, und konnte ibm nicht folgen! Göran Edeling hatte ſeine Büchſe und den ſchreck⸗ lichen Großvatersſäbel ergriffen. Er eilte nach der Seite hin, wo er den ärgſten Tumult, das Kriegs⸗ geſchrei und den ſchrecklichſten Lärmen gebört hatte⸗ Schnell begriff er, wie dieſer verrätberiſche Angriff zu Stande gekommen war. Graf Zepton hatte, nach⸗ dem was Göran bereits von dem gefangenen Kaſper — —— 204 erfahren, jene Haufen, welche der Kerntrupp den Ab⸗ ſchaum nannte, erſt zwölf Stunden vorher auf ver⸗ ſchiedene Streifzüge enſandt. Die Seele dieſer Land⸗ ſtreicher war zweifelsohne der Zigeuner Pilko; weß⸗ balb er, als er von dem gefallenen Grafen fortfloh, ſich zu ihnen begab, ſie bald erreichte und ihnen den Plan eingab, ſchnell umzukehren, um die Gelegenheit zu benützen, und wo möglich die Siegestrunfenen zu überrumpeln. Auf was Pilkomaju bei dieſem Siege rechnete, war klar. Denn konnte er den großen Zweck erreichen und Görons Partei niedermachen oder wenig⸗ ſtens den größten Theil derſelben, und den Reſt zer⸗ ſtreuen; ſo wurde er ſelbſt der Alleinherrſcher über die ganze ſmaländiſche Räuberrotte, die ſich bald aufs neue mit Leuten rekrutiren konnte, wie Pilkomaju ſie liebte, und wie ſie an den Küſten von Kalmar, in Poskala, Döderhult, Figeholm, Oeland und all den Orten im Innern des Landes, wo die Landläufer ihre Hauptſammelplätze hatten, in Menge vorbanden wa⸗ ren. Auf dieſe Art würde er ein gefürchteter und mächtiger Chef über eine anſehnliche Macht von jenem ungemiſchten(un⸗) moraliſchen Charakter werden, den er am liebſten hatte. Und gewiß konnte man mit dieſem Plane noch etwas Anderes verbinden, ſich näm⸗ lich während dieſes nächtlichen Ueberfalls der im Haupt⸗ quartiere, der Reiſachhütte, gelaſſenen Kaſſe des Gra⸗ fen bemächtigen. Göran durchſchaute dieſes Netz und ſein Herz ſchlug hoch vor Unruhe, als er ſah, wie weit das Werk ſchon gediehen war, ehe er ſelbſt hatte auf den Kampf⸗ platz hinauskommen können. Welch ein Anblick bot ſich ihm dar! Pilkomaju hatte den Wald durch ſeine Leute an verſchiedenen Punkten anzünden laſſen, und Göran ſah ſein Heer von himmelhohen ziſchenden Flammen, ſowie von Feinden mit Büchſen und Aexten umringt. Der feurige Kreis zog ſich immer enger zuſammen, und 202 drohte Alles lebendig zu verbrennen, was dem Schießen und Hauen entging. Göran eilte an mehrern Haufen vorbei, die im Schlafe ermordet worden und vielleicht nicht einmal aus ihrem Siegesrauſch erwacht waren. Weiter hin begegnete er aber doch noch einer lebende Schaar von den Seinen, die bei Zeiten durch Jonſſons Signalſchuß gewarnt, aufgeſprungen waren und zu den Waffen gegriffen hatten. Sie waren mit einer überlegenen Anzahl Geſindel im Handgemenge. Pulver und Ku⸗ geln waren längſt verſchoſſen. Man ſchlug ſich mit den Kolben; Aexte und Senſen gingen wie Uhrwerke. Das wilde Geheul ward nur von den in der Nähe praſſelnden Flammen übertönt, die einen dürren Wind⸗ bruch ergriffen hatten, und mit ihrer ganzen Gluth auf die Kämpfenden niederzuſtürzen drohten. Der erſte frohe Anblick, der Göran ward, war das Wiederſehen ſeines treuen Landsmanns.„Jonſſon, du lebſt?“ ſchrie er,„zu wie viel ſind wir noch?“ „Sieh da, Herr Göran! nun Gott ſei Dank, jetzt ſiegen wir am Ende doch noch!“ rief dieſer und zog ſich etwas zur Seite und aus dem Kampfe.„O,“ fuhr er fort,„wir ſind zwar nur noch unſerer ſechszehn bis zwanzig Mann, die athmen. Aber wir haben auch eine gute Portion von den Landſtreichern zuſammengezwickt, ſo daß wohl nicht mehr Viele übrig ſind, die den Mund verziehen können.“ „So ſprich, haſt du einen Teufel geſehen, der ſich Pilkomaju nennt?“ „Den Spielmann? ja wohl. Der feige Kerl ſieht dort hinter den Büſchen. Er wagt ſich nicht ſelbſt vor, obſchon er das ganze Pack kommandirt.“ „Gut— kein Wort mehr! nimm nur ſelbſt dein Leben in Acht, Jeppe! Denn du ſollſt eines Tages heimkehren ins Kirchſpiel; das hab' ich geſchworen.“ „Ich danke dem Herrn Goͤran. Aber ei, eil ſieh der Herr nur einmal dorthin! Dort war der Vater — 203 ſo tapfer. Sehen Sie nur den Heſtra⸗Jon, den Sa⸗ tan— obſchon ich ihn nicht ſo nennen ſollte, da er einer der Unſerigen iſt. Sehen Sie, Herr Göran— ja, ich habe Jon ſagen hören, er habe von früher her noch etwas mit Pilko auszufechten, denn beide ſind von dem Landſtreichervolk. Das iſt der Verſucher ſelbſt. Nein, nein, ſehen Sie nur!“ Göran blickte hin. Da gewahrte er, wie der Heſtra⸗Jon, der auch eben erſt den Pilkomaju entdeckt hatte, ſich von dem Kampfe losmachte, in den er bis⸗ her verwickelt way, und mit allen Streitkräften, die er zuſammenbringen konnte, nach dem Verhau eilte, hinter welchem das Geſicht des Zigeunerfürſten her⸗ vorſah. Jon war mit einem großen Meſſer bewaffnet. Mit unerhörter Wuth war er über ſeinen alten Spieß⸗ geſellen hergefallen; und aus dem ſchrecklichen Ge⸗ ſchrei, den bald feinen, bald groben Rufen, die mit den ſeltſamſten Worten gemiſcht waren, konnte man abnehmen, daß Heſtra⸗Jons Meſſer ein Stück weit in Pilko's geſchmeidige Glieder eingedrungen war. Bald ſah man zwei gewandte Geſtalten, wie ein Paar ſich umwindender Schlangen aus den Büſchen herausrollen, und auf dem eigentlichen Kampfplatze anlangen. Es war Jon und Pilko, die beide zu Boden geſtürzt wa⸗ ren, aber auf Leben und Tod kämpfend einander mit Armen und Beinen umſchloſſen hielten, und ſich wäh⸗ rend dem unaufhörlich Meſſerſtiche in Bruſt, Schulter und Geſicht verſetzten. Das Blut rieſelte unter ihnen hervor; und indem ſie ſich darin wälzten, bald der Eine oben, bald der Andere, ſchnaubten und ſchrien ſie wie ein Paar Baſilisken, ſo daß die Aufmerkſam⸗ keit der Umſtehenden von ihren eigenen Affairen ab und auf ſie gezogen wurde. Göran, der ſah, daß er Pilkomaju nicht ſelbſt anzugreifen brauche, hatte unterdeſſen mit der größten Anſtre⸗gung den Reſt ſeiner Truppen geſammelt, ge⸗ ordnet und wieder aufgemuntert. Mit dieſen machte 204 er nun einen letzten Verſuch zu einem Hauptangriff auf das Zigeunerpack, das nicht weit von Pilkomaju in einer krummen Linie aufgeſtellt ſtand. Während die Augen des Geſindels ſehr natürlich von dem An⸗ blick des ſchrecklichen Kampfes in Anſpruch genommen waren, in welchen ſich ihr eigener Führer verwickelt ſah, fiel Göran mit all ſeinen ſechszehn noch ſtreit⸗ baren Burſchen über ſie her, und richtete eine große Niederlage unter dem Feinde an. Görans Ingrimm war in dieſem Augenblicke ſo groß, daß kein Gefühl ihn zurückzuhalten vermochte. Nach einem halbſündi⸗ gen Gefechte war der Ausgang des Kampfes entſchie⸗ den. Die Landſtreicher waren bis auf den letzten Mann gefallen. Aber es war auch hohe Zeit. Von Görans ganzer Armee waren kaum noch zwölf übrig, die Le⸗ ben in ſich hatten und deren Glieder in einiger Unver⸗ ſehrtheit waren. Auch hatte der Waldbrand ſo zuge⸗ nommen, daß nur wenig Raum übrig blieb, wo man nicht von der glühenden Aſche bedeckt werden konnte. Nach dem blutigen Siege entſtand eine dumpfe Stille. Jammer und Geſchrei erſtarb in den Flam⸗ men. Göran eilte mit ſeinen Männern nach der Lin⸗ ken, um ſich Lon dem Ausgang des Zweikampfes zwiſchen Pilkomaju und Jon von Heſtra zu über⸗ zeugen. * Welch ein abſcheulicher Anblick bot ſich ihnen dar! Damit ſie während dem Meſſergefecht nicht von ein⸗ ander loskommen könnten, hatten beide— nach einer Kampfart, die vor nicht langer Zeit noch im nördlichen Blekinge üblich war— einen ledernen Gurt um ein⸗ ander geſpannt, und ihre Körper damit unzertrennlich an einander geſchloſſen. Dieß hatte zur ßolge, daß ſie immer feſt an einander blieben, wie ſie ſich auch während des Kampfes auf dem Boden winden und drehen mochten. Die Beine waren frei; mit ihnen hatten ſie einander die Füße zerſtampft. Die vier Arme waren ebenfalls freiz mit ihnen hatten ſie ſich unzäh⸗ 205 lige Meſſerſtiche verſetzt; und Spuren bewieſen, daß ſie einander ſogar bisweilen gebiſſen hatten. So weit konnte die Rachſucht ehemaliger Freunde und Bundes⸗ brüder gehen? Jetzt waren ſie endlich dahin gekom⸗ men, daß ſie todtgeſtochen einander in den Armen lagen; und die zerfetzten Geſichter waren kaum wieder zu erkennen. „Ich glaube, wir werden heute wohl wenig Zeit und Gelegenheit haben, um die Todten zu beerdigen,“ ſagte Herr Göran;„es ſcheint mir, als wolle das Feuer ſelbſt die Erde von allem Uebel reinigen! Die abgebrannten Baumſtämme ſtürzen nieder! es wird einen gigantiſchen Scheiterhaufen geben, aufgerichtet von der Natur ſelbſt! Aber ha—— rief er aus. Es war klar, daß eine ſchreckliche Erinnerung in Göran Edeling emporzuckte. In größter Eile berief er Jonſſon und die Uebrigen, die noch dienſtfähig wa⸗ ren, um ſich.„Wir müſſen nach meiner Hütte eilen!“ rief er.„Wir haben dort Vieles in Sicherheit zu bringen— zu retten!— falls das Feuer nicht be⸗ reits— o großer Gott!“ Die Strecke bis zum Hauptquartier des Komman⸗ danten war nicht klein. Maſſen von umgeſunkenen und noch hoch brennenden Bäumen lagen überall im Wege. Der ſchauerlichſte Gedanke peinigte Göran Edeling. Er hatte das arme Mädchen an Händen und Füßen gebunden. Er war genöthigt geweſen, ſich auf dieſe Art in der Eile von ihrer Verfolgung zu befreien, und hatte ſie in der hülfloſeflen Lage zurückgelaſſen. Jetzt lief er mit einer Eile, die an Raſerei grenzte, dahin, um ſie von einem wahrhaften Hindutode zu befreien, wenn es nicht ſchon zu ſpät war. Als er auf vielen Umwegen durch Aſche und Rauch endlich bis zu dem Hügel vorgedrungen war, ſah er die Bäume über der Hütte in hellen Flammen ſtehen. Er ſtürzte hinzu. Schon hatte das Feuer die eine Ecke der Reiſachhütte erfaßt. Er eilte hinein, nahm Mag⸗ 206 dalena auf den Arm und ſprang im Nu wieder her⸗ aus, von neidiſchen, hüpfenden Flammen begleitet, die nach einer ſo ſchönen Beute hungerten, und vor Zorn ſprühten, als ſie das geliebte Opfer ihren Zun⸗ gen entriſſen ſahen, doch dafür wenigſtens Görans äußerſte Locken ergriffen. Als er faſt athemlos mit ſeiner Bürde den Flam⸗ men entſprungen war, und dieſe endlich in dem vor⸗ wärts liegenden Thale auf ein Raſenbett niederlegte, war es Jeppe Jonſſon, der zuerſt mit einem geſcheid⸗ ten Griff die Funken erſtickte, die noch in den fliegen⸗ den Haaren ſeines Herrn ſaßen, und dann die Knoten an den Händen und Füßen des Mädchens auflöste. Magdalena öffnele aber ihre Augen nicht. War es eine Ohnmacht, die ſie ergriffen hatte? Eine völlige Bewußtloſigkeit? Oder konnte ſie wohl von dem Rauche erſtickt ſein, noch ehe Göran hinkommen konntes Er und ſeine Kameraden machten ſich dieſe Fra⸗ gen, während ſie mit liebevollem Eifer und beſorg⸗ licher Freundſchaft um das auf dem Graſe ausgeſtreckte Mädchen herſtanden, und ſie wieder ins Leben zurück⸗ zurufen verſuchten. Allein Alles vergebens. Magdalena Pilko öffnete ihre Augen nicht mehr, weder zum Haß noch zum Entzücken. Göran fühlte ſchnell und erſchrocken nach dem Pulſe. Er nahm die kleinen Händchen in die ſeinen. An den Gelenken war Alles ſtille. Kein Puls⸗ ſchlag!„Was ſoll ich glauben?“ rief er.„Was hab' ich gethan? Iſt ſie wirklich todt? Arme Schöne, ar⸗ mes Zigeunermädchen! Sie war zwar eine furchtbare Betrügerin gegen mich. Aber ach— das wollte ich doch nicht—“ „Spring' nach einer Quelle, nach Waſſer!“ rief er Einem ſeiner Leute zu.„Dieſes Ereigniß ruht ſchwer und ſchrecklich auf mir. Aber auf welche Art hat ſie denn ſterben können?“ Obſchon Mann, erlaubte er ſich doch ihr Kleid am 207 Halſe etwas zu öffnen, um der Bruſt wieder zu Leben und Athem zu verhelfen. Aber was entdeckte er hier? Das Mädchen hatie eine rothe Schnur von feiner Seide um den Hals. Daran hing ein kleines Fläſchchen mit abgebiſſenem Pfropf, das leer war. Göran erkannte den Geruch, der aus demſelben aufſtieg. Es war Muskat und Opium geweſen, in jener ſtarken Mi⸗ ſchung, die tödtet, wenn eine größere Portion davon genoſſen wird; tropfenweiſe aber nur Schwindel macht und oft einen höchſt angenehmen Rauſch hervorbringt. Bei dieſer Entveckung tauchte eine Ahnung in ſeiner Seele auf.„Obwohl an den Händen gebunden, hat das Mädchen doch Kopf und Hals erheben und drehen können! und hat mit den Lippen die Giftflaſche auf ihrer Bruſt aufgefangen. Sie hat ſich ſo wahr⸗ ſcheinlich von dem Schmerze des Verbrennens erretten wollen. Großer Gott! bin ich ſchuldig oder un⸗ ſchuldig?“ Das Quellwaſſer kam. Aber keine menſchliche Hilfe vermochte Magdalena wieder zu erwecken. Treu in der Unterſtützung ihres fürſtlichen Bruders— denn Pilkomaju(d. h. der große Pilko) war in dem gehei⸗ men Zigeunerbunde nicht weniger als Fürſt und Ober⸗ prieſter; und ſie war ſeine Schweſter, ungeachtet Man⸗ cher ſie für ſeine Geliebte oder Gattin angeſehen hatte— treu ihr ganzes Leben lang in Allem, was ihren Brüdern nützen konnte, indem ſie an Orten Dienſte nahm, welche man zu großen Diebereien aus⸗ erſehen hatte, oder ſonſt auf alle mögliche Art das Handwerk beförderte, und jetzt endlich, indem ſie ihrem Bruder zu einem ſo glänzenden Siege über den Ver⸗ namokönig ſelbſt(ſo hatten die Keſſelflicker Göran unter ſich titulirt) verhelfen wollte, hatte auch ſie heute den Tod erlitten. Nicht in Pilko's Geſellſchaft, aber doch beinahe in derſelben Stunde, wo er gefallen war, und in der Nachbarſchaft der nämlichen himmel⸗ hohen Flammen, die auch um ihn geleuchtet, hatte ſie — „208 den Tod aus einer Flaſche getrunken, womit ihr noch eben ihren Feind zu berauſchen gelungen war. „So müſſen wir heute doch noch ein Grab berei⸗ ten!“ ſagte Göran Edeling düſter.„Grabt es, meine Freunde! und du“— er wandte ſich gegen Jonſſon— „breite eine Decke von Blumen darüber aus, wenn du noch einige ſchöne Herbſtblumen findeſt. Ich eile nach meiner Hütte hinauf, um nachzuſehen, ob ich die Zither der Zigeunerin retten kann. Ich möchte ſie an ihrer Seite, in ihrer armen, einſamen Gruft beerdi⸗ gen. Auch ſie hat zu viel des Schlimmen gethan, um in einem Kirchhofe ruhen zu dürfen; auch war ſie keine Chriſtin.“ Göran ging. Seine Hände hatten ſich unwill⸗ kürlich gefaltet. Mögen die Menſchen ihm den Schmerz verzeihen, den er darüber fühlte, daß er zur Hälfte Urſache an dieſem Tode war. Als er den Hügel hin⸗ auf kam, war ſein ganzes Hauptquartier niederge⸗ brannt, und auch das kleine Saitenſpiel des Zigeuner⸗ mädchens ein Raub der wüthenden Flammen geworden. „Du mußt alſo ohne deine Zither in der Erde liegen? Bei welcher Muſik wirſt du wohl dereinſt erwachen?“ flüſterte Herr Edeling. 2 Sechsundvierzigſtes Kapitel. Zuſammenkunkt der Brüder.— Die wichtigſte aller Berathungen. Der Krieg iſt zu Ende. Jetzt fängt etwas Anderes an, das weit ſchwerer iſt, als das Fechten, etwas, worin du mir beiſtehen mußt, Bruder! Zwei Tage darauf finden wir die Erzählung wie⸗ der in die Provinz Jönköping verſetzt, in die Gegend 6 6 von Serarp, Kirchſpiel Näshult, nicht weit von der Kalmarer Grenze. Eine Geſellſchaft von 12— 15 Per⸗ ſonen, es war Göran Edeling mit ſeinen Männern, hatte ſich auf einer Anhöhe in dem Gehölze gelagert, das eine kurze Strecke von dem Wirthshofe und der großen Landſtraße entfernt lag; denn ſie wollten ſich nicht in Serarpshof zeigen. Man raſtete allem An⸗ ſcheine nach. Der Kommandant hatte Jeppe Jonſſon nach dem Wirthshofe geſchickt, um eines und das an⸗ dere herbeizuſchaffen, das wohl und angenehm thut, wenn man müde iſt. Nach einer kurzen Abweſenheit kam der treue, vortreffliche Jeppe wieder zurück; und er lief ſo ſebr, daß er bei ſeiner Ankunft kaum ſprechen konnte.„Nun mag mir der Herr Kommandant glauben; ich habe große Neuigkeit zu melden!“ ſchrie er freudig.„Aber ich ſehe, er kommt mir auf dem Fuße nach, und da wird er wohl ſelbſt von ſich ſprechen.“ Herr Göran ſtand auf und ſtreckte ſich. Er blickte den Fußweg hinab, und ſah in der That etwas wie einen Mann zwiſchen den Bäumen vorüberſchimmern, aber gleich nachher wieder hinter den Zweigen ver⸗ ſchwinden. Etwas ſpäter kam es jedoch von neuem zum Vorſchein.„Alexander!“ jauchzte Göran und lief mit Sturmſchritten der Umarmung ſeines Freun⸗ des entgegen.„Wie der Tauſend haſt du mich auf⸗ finden können?“ „Ja das darfſt du wohl fragen, Bruder Göran!“ erwiederte Alexander, drückte ihm die Hand und ſcheute ſich nicht, ihn mitten im Walde zu küſſen, ſo ſehr ſie auch Männer waren. Die hellen Thränen ſtanden ihm in den Augen. „Ich verſichere dich, ich bin eine ſcköne Zeit her⸗ umgefahren,“ fuhr er fort, als Beide ein wenig ab⸗ ſeits unter die Birken getreten waren, um nicht von den Männern gehört zu werden.„Das Gerücht dei⸗ ner Thaten führte mich bald dahin, bald dorthin, Drei Frauen in Smaland. I. 14 240 Göran. Ueberall ſprach man von nichts Anderem, als wie du die Räuber verfolgeſt und vertilgeſt; ſo daß bald keine mehr übrig ſeien, ſondern Du alle bei Dir angeftellt und in Mitbürger umgewandelt habeſt. Ich freute mich über dieſe deine neue Ver⸗ fahrungsweiſe mit Spitzbuben. Endlich aber hörte ich, du habeſt dich in die Provinz Kalmar hinein⸗ gewagt, und da erſchrak ich, denn ich wußte, daß du nur an die Beamten in unſerer eigenen geliebten Pro⸗ vinz Empfehlungen hatteſt; und du konnteſt in Kal⸗ mar übel ankommen, wenn du dort ſo frei und ohne beſondere Befehle für dieſen Bezirk handelteſt. Da ich mir nicht recht denken konnte, wo ich dich treffen würde, und doch— einer gewiſſen unglücklichen Perſon we⸗ gen— meine Gründe hatte, ein baldiges Zu⸗ ſammenkommen mit dir zu wünſchen; ſo beſchloß ich enrlich, auf dem Wege nach Serarp hinzufahren, jener Stelle, die ſo oft in unſern frühern Beratbungen vor⸗ kam. Welches Glück? Topp, Göran, und jetzt noch einmal guten Tag! Wie befindeſt du dich? Du kommſt mir etwas bleich, mitgenommen und mägerer als gewöhnlich vor. Das Kämpfen und Herumſtreifen fordert ſein Recht, das iſt natürlich, wie ſtehſt du gegenwärtig mit deinen Unternehmungen?“ „Der Kriea iſt zu Ende,“ antwortete Göran feier⸗ lich und mit Bedeutung.„Jetzt fängt etwas Anderes an, das weit ſchwieriger iſt als Fechten, etwas, worin du mir beiſtehen mußt, Bruder! Nichts konnte mir willkommener ſein, als dieß heutige Zuſammentreffen mit dir.“ „Iſt der Räuberkrieg wirklich zu Ende? Was hör' ich? Haſt du nichts von Graf Zeyton und Ni⸗ ckolſon geſehen?“ „Alexander! ich habe erſt vor zwei Tagen die zwei ſchrecklichſten Gefechte gehabt. Zeyton hatte ſich zum Obergeneral der Spitzbuben aufgeworfen. Ich wußte durch Spione, daß er ſich innerhalb der Kal⸗ 244 marer Grenze zurückgezogen hatte, und ſich in der Nähe von Virsrum, in den Wäldern zwiſchenBjörk⸗ mas und Molilja aufhielt. So wagte ich mich nach Aspeland, obſchon es zu dem gefährlichen Kalmar⸗ reiche gehörte; ich ging bei Pinnarp und Blasmala über die Grenze: nahm mich vor dem See bei Sjötorp wohl in Acht, und ging in ſo großer Entfernung an der Kirche von Virsrum vorbei, daß mich Niemand in der Gegend ſah. Dann ſtreifte ich nicht weiter in dieſem Bezirk, als kaum bis Gorveda—“ „Und du trafſt Zeyton nie?“ „Ja, gewiß. Wenn ich Einen traf, ſo war es ihn. Aber ſetze dich dort auf den Hügel unter die Eſpen, Alexander; denn wir haben viel mit einander zu reden, und nun mußt du mir rathen. Du haſt wohl deinen Wagen in Serarp?“ „Er wartet in guter Ruhe. Ich habe ebenfalls einen großen Plan mit dir zu berathen, Göran! ſo fern ich mich erſt gewiß darauf verlaſſen kann, daß das ganze Räubergefindel vollſtändig vernichtet iſt.“ „Das kannſt du. In fünfzig, in hundert Jahren werden keine Räuber mehr in unſerm Smaland aufkom⸗ men; wenn nicht etwa ein Galgenvogel, der die Sache auf eigene Fauſt betreibt und den man nicht zu rech⸗ nen braucht. „Wo hinzu iſt der Graf geflohen?“ „Geflohen? Das ſagſt du ſchön.— Als ich mit meinem Heer in den großen Wald jenſeits Birkmas hinaufzog, wo ich wußte, daß des Grafen Leute ſtan⸗ den, hatte ich auch Kenntniß davon erhalten, daß er durch ſeine eigenen Kundſchafter verleitet worden war, ſeinen Haufen zu theilen, und einen großen Theil nach einer andern Richtung hin zu entſenden, wo er Streif⸗ parthien von den meinen zu finden und zu ſchlagen gedachte. Der kluge Burſche! Ich hatte meine Macht wahrlich nicht in Flocken getheilt! Ich paßte nur auf den Tag, wo er ſich ſchwächte. Da machte ich einen 312 Generalangriff auf ſeine Kerntruppe. Das war die eine Waldſchlacht! Zepton fiel, Bruder; ich habe ihn begraben. Aber in der Nacht nach dieſem erſten Siege kamen die andern entſendeten Schaaren des Grafen zurück. Es war ein verfluchtes Geſindel. Sie griffen unter einem Zigeunerprieſter meine Leute an, die von der Schlacht ermüdet, ſchlummernd und ungewarnt im Walde lagerten. So entſtand die zweite Metzelei, Alexander! die zehnmal ärger war als die erſte. Auch darin ſiegte ich, aber es ging hart her. Das ganze Keſſelflickerkorps fiel bis auf den letzten Mann. Das Morden war ſo ſcharf, daß auch von den Meinigen nicht mehr übrig blieben, als die, welche du dort fiehſt und von denen ich ſelbſt der fünfzehnte bin. Der⸗ Feind hatte Feuer in den Wald geworfen, um uns zu vernichten. Es war ein Brand ohne Gleichen; die Bewohner von Virsrum, Gorveda und Molilja haben nichts geſehen als den großen Waldbrand, der mehrere Meilen umher leuchtete. Von den Haufen von Todten, die der Brand in Aſche verwandelt hat, weiß Niemand etwas! und jene Räuber ſind durch die Flammen einer ewigen Vergeſſenheit geweiht.“ „Es freut mich, das Jeppe Jonſſon mit dem Le⸗ ben dovon gekommen iſt; ich habe ihn bereits geſehen und begrüßt. Wie der Junge vom Wetter gebräunt iſt und von der Sonne verbrannt. Aber wo iſt Sven?“ „Sven der Grimmige iſt gefallen!“ verſetzte Edeling düſter.„Der Heftra⸗Jon iſt gefallen. Meine ärgſten Schelme ſind nicht mehr, Medenberg. Es iſt gut, da es Gott ſo gefallen hat. Nicke Bengt Ersſon, der Koch, lebt; auch der Braun Peter mit ſeiner Geige. Noch einer lebt, den ich im Treffen gerettet und nur dir zu Liebe befreit habe, nämlich Nickolſon. Ich ließ ihn halbtodt nach einem Dorfe, Pinnarp, in⸗ nerhalb unſerer Grenze bringen, wo er vom Tode ge⸗ rettet wurde und endlich wieder zu ſich ſelbſt kam. 2¹⁵ Er iſt ſehr ſchwach und noch außerordentlich bleich; doch er iſt dort unter meinen Leuten.“ „Alſo der Sohn athmet noch? Ich danke Gott, der Alles ſo gefügt hat.“ „Und dein Plan? Sage mir aufrichtig, Meden⸗ berg, ſoll ich mit meinen Zwölfen nach Jönköping ziehen, denn ſo viel ſind es noch, wenn ich Rickolſon, Jeppe und mich ſelbſt abziehe? Iſt es räthlich, ſie dem Landeshauptmann zu zeigen? denn obwohl es wahr iſt, daß ſie unter meinem Kommando das Land befreit und gerettet haben, ſo haben ſie doch vorher S begangen, die ſie an Galgen und Rad ſpre⸗ en.“ „Göran, ich rathe dir, es bleiben zu laſſen. Auch mit dem menſchenfreundlichſten Willen müßte der Lan⸗ deshauptmann den Geſetzen folgen und deine Käm⸗ pen unglücklich machen. Daß ſie von dir— oder wem anders?— das Verſprechen erhalten haben, pardonnirt zu werden, war ſo weit ſehr gut, denn es feuerte ſie an, gegen die Räuber zu kämpfen, ſie zu fangen und ſelbſt ehrlich zu werden. Wenn nun aber dieſes Pardonverſprechen nicht gehalten werden kann; da das Gericht nicht die Abſicht hat, diejenigen zum Guten zurückzuführen, die einmal gefallen ſind, ſon⸗ dern ſie zu verderben, ohne Rückſicht darauf zu neh⸗ men, ob ſie ſich nachher auch noch ſo brav aufgeführt haben; mit einem Wort, da unſer Geſetz noch ganz heidniſchen Grundſätzen huldigt, die dem Chriſtenthum geradezu widerſtreiten, welches will, daß kein Ver⸗ irrter verloren gehe; ſo müſſen wir hier auf einen andern Ausweg denken. Wendeſt du dich an den Landeshauptmann, ſo ſetzeſt du ihn in die größte Verlegenheit.“ „Aber— man hat mir verſprochen, daß ich Po⸗ lizeibeamter werden und eine Wohnſtelle dafür be⸗ kommen ſolle?“ „Deßhalb kannſt du dich immerhin an die Be⸗ 2¹4 hörde wenden; das wird man gewiß halten. Ich freue mich, wenn ich an deine Zukunft denke, Göran, da du von Stund' an ein geborgener Mann biſt.“ „Aber wie wird es meinen zwölf Schlingeln ge⸗ hen? Ich muß geſtehen, ich wäre ohne ſie nicht einen Zoll weit gekommen. Sie und keine Andern haben das Vaterland von dem größten Unglück befreit; ob⸗ ſchon ich ſie unſchuldigerweiſe dabei angeführt habe, das geſtehe ich, und das war auch recht von mir ge⸗ handelt.“ „Du ſollſt dafür belohnt werden, Göran. Du haſt dich nicht gebeſſert, biſt kein anderer Menſch ge⸗ worden, haſt dich nicht zu etwas Anderem verwandelt, als du bisher warſt: Du wirſt alſo mit Vergnügen aufgenommen und befördert werden. Ach wie fröh⸗ lich bin ich, wenn ich an deinen guten Vater, an deine Mutter und Schweſter denke! Ich muß dir ſagen, Göran, ich habe mich ein wenig erkundigt; du bekommſt eine ganz vorzügliche Wohnſtelle, ſag' ich dir. Du kannſt dort als verheiratheter Mann le⸗ ben und ohne Sorgen wenigſtens zwölf Kinder be⸗ kommen.“ „Zwölf Kinder, Alexander? wo ſollte ich die herkriegen? Nun, wir wollen darüber nachdenken. Gebe Gott, daß mein armes artiges Schweſterchen ebenſo gewiß verſorgt wäre, als ich ſelbſt geborgen bin. Du weißt gar nicht, Alexander, was für ein vortreffliches Mädchen die Marie iſt. Aber ſo iſt es von jeher geweſen. Ich kann dir wohl im Vertrauen ſa⸗ gen, was mich am meiſten grämt: Marie nimmt ſich die Heirathsgerüchte von einer Menge Leute, die ſie gar nichts angehen, zu Herzen; es ſchmerzt ſie, daß ihre Haut in der Jugend hinbleicht— und für nichts und wieder nichts.“ „Ich muß dir ſagen, Göran, daß ihre Haut durchaus nicht hinbleicht. Als ich ſie das letzte Mal 215 traf, war ſie ſchöner als je und ihre Augen ſtrahl⸗ ten himmliſch.“ „Ja ſie hat blaue Augen. Ich weiß es. Aber dieſe Dummheiten kommen größtentheils von der Li her, und die Alte iſt an Allem Schuld; das ag i „Du ſchwatzſt von Dingen, die du gar nicht nä⸗ her kennſt, glaube ich.“ „Ich heiße Göran und bin meines Vaters Sohn; das iſt Alles. Ich würde ſonſt kein ſo dummes Herz haben. Doch— das war es nicht, wovon wir ſpre⸗ chen wollten, Bruder Alexander— ich liebe dich ſo ſehr, daß ich ins Feuer für dich ginge— wenn— wenn— wenn du mir nur deinen vernünftigen Rath ertheilen wollteſt, wie wir am beſten mit meinen zwölf armen Kindern, den Dieben, die dort raſten, zurecht kämen; denn ich habe ihnen verſprochen, daß ſie et⸗ was hier auf der Welt bekommen ſollten, und muß es notbwendig halten.“ „Du ſollſt es in der Kürze hören, Göran. Ich kenne ein großes, prächtiges, unvergleichliches Stück Haideland; nicht deßhalb wüſte, weil es unfruchtbar iſt, ſondern weil es eben noch auch aus unbebautem Boden beſteht. Es umfaßt viele Waldräume und Feldſtücke, die zu Karmansbal, Aronfors und mehre⸗ ren andern Höfen in bedeutendem Umkreiſe gehören. In ſeinem Innerſten iſt es beinahe unzugänglich oder wenigſtens noch allen lebenden Weſen unbekannt. Auf den meiſten Punkten iſt es von Bergen und ungaſt⸗ lichen Moräſten umgeben. Ueberall wächſt Schwamm⸗ der Einem oft bis an die Knie geht.“ „Sehr erbaulich!“ „Ich habe die erſte Bekanntſchaft mit dieſem Walde einem ſeltſamen Ereigniſſe zu danken. Ich fuhr eines Abends irre, von dem Gezwitſcher eines Vogels auf einen Weg geführt, den ich nicht hatte einſchlagen wollen. Ich traf hier auf einen Köhler, einen Greis 246 mit Namen Matts Perſon, und ſeine Familie. Ich habe mich nachher noch weiter nach dieſer ſchönen, bis⸗ her unbenützten Wildniß erkundigt; und was meinſt du, daß ich vernommen habe?“ „Daß es dort ſpuke?“ „Du meinſt, daß es dort ſpuken ſoll; und du kannſt Recht haben. Mein Bruder! Deine künftige Wohnung liegt an dem einen Ende dieſer großen Haide. Du kennſt jene Wohnſtelle doch ſelbſt?⸗ „Aha— jetzt weiß ich. Meinſt du den Wald? O dort hab' ich gar oft gejagt, und es iſt noch nicht lange her, ſo ſchoß ich dort einen Auerhahn, der mich ſo ſchändlich in die Hand biß, daß es meinen Vater höchlich erſchreckte.“ „Gut, du kennſt alſo einen Theil dieſer Gegend?“ „Ich kenne ſie ſo gut, wie du nur wünſchen kannſt.“ „Iſt nicht dieſe Gelegenheit von der Art, daß es kaum irgendwo einen Ausgang gibt, der nicht am Haus eines Polizeibeamten vorüber führte? So daß er, ohne gerade Waldhüter zu ſein, doch— wenn er nämlich mag— eine genaue und ſtrenge Auffſicht führen und Niemand ohne ſeinen Willen aus und ein⸗ paſſiren kann; iſts nicht ſo?“ „Ich glaube beinahe, ja. Doch weiß ich dieß nicht ſo ganz genau; aber ich werde die Sache näher in Augenſchein nehmen, wenn ich in meinem Amte dorthin komme.“ „Göran!— Doch laß uns erſt etwas weiter ab⸗ ſeits gehen, damit Niemand mein Geheimniß hört. In dieſem Wald will ich mich ebenfalls niederlaſſen und anbauen; wenn du nämlich deine Wohnſtelle angetreten haſt. Ich gedenke— mich zu verheirathen. Hörſt du, Göran!“ ſetzte er blinzelnd und halber⸗ röthend hinzu,„ich habe bereits gefreit— was ſagſt du dazu?“ „Aber biſt du denn verrückt?“ brach der Andere aus.„Du mit deiner Frau dich in dieſer Wild⸗ niß niederlaſſen! in der Nachbarſchaft eines armen Polizeimannes! Glaubſt du denn, Frau von Meke⸗ roth werde je auf ſo etwas eingehen, wenn ſie dich auch noch ſo ſehr liebt?“ „Aber biſt du denn etwa toll?“ ſagte Alexander mit lautem Gelächter.„Was habe ich mit Frau von Mekeroth und ihren liebenswürdigen Neigungen zu ſchaffen?“ „So, ſo; nun, dann verzeih' mir. Jedermann in unſerem ganzen Kirchſpiel, zumal in der Gegend von Aronfors, ſpricht von nichts Anderem, als daß du ſo glücklich geweſen ſeiſt, das Herz der ſchönen Bergherrin zu gewinnen, und nach Ende des Trauer⸗ jahres ihre Hand erhalten werdeſt. Ich würde dieſe koſtbare Parthie gar nicht ſo dumm finden, wenn fie einem Andern dargeboten würde— ſo viel ſag' ich — und ich wollte der vortrefflichen Frau Aurora von Herzen gönnen, daß ſie ſo Erſatz für Alles bekäme, was ſie in den dreizehn Jahren mit Herrn von Mekeroth aus⸗ zuſtehen hatte. Doch da ich höre, daß Du dieß Ver⸗ hältniß beſtimmt zurückweiſeſt, ſo bitte ich um Ent⸗ ſchuldigung, mein beſter Bruder. Du haſt deine Ge⸗ danken alſo auf Blommenäs gerichtet? Denn man munkelt auch darüber bedeutend, daß Frau von Abel⸗ crona und du ſehr merkwürdige und vertrauliche Un⸗ terredungen mit einander haben ſollen. Aber ich kann dich verſichern, eine ſo gebildete Frau iſt eben kein Waldweib und Du kannſt in dem Jahre, das ſie zu ihrer Wittwentrauer bedarf, jene Wildniß gewiß nicht ſo angenehm herrichten, um ſie veranlaſſen zu können, ſich dort an deiner Seite niederzulaſſen—“ „Biſt du denn ganz des Teufels!“ verſetzte Me⸗ denberg mit blutrothem Geſicht.„Hältſt du mich denn einer ſolchen Kühnheit fähig, daß ich mich unterſtehen ſollte— ei, ei, ei— um eine verwittwete Hofmar⸗ ſchallin zu werben!— ich, ein Stück von Infor⸗ 218 malor ohne Geld, ohne Namen, ohne irgend Etwas auf der Welt! Sie iſt überdieß um ein Gutes älter als ich, glaub' ich; ungeachtet ſie noch ſchön iſt wie der Tag, und über alle Beſchreibung artig und ach⸗ tungswerth— und dazu beſitzt ſie Kenntniſſe— und ein Herz—“ „Und iſt deiner Perſon durchaus nicht abgeneigt, wie Jedermann ſagt.“ „Aber es verdrießt mich, daß die gemeinen Leute nur ſo etwas erdenken können. Sollen denn zwei von den edelſten und beſten Damen der Gegend nicht frei von der Beſchuldigung leben können, einen Mann mit Wohlgefallen zu ſehen, nach dem ſie, darauf ver⸗ wett' ich mein Leben, nicht das Geringſte fragen, und das mit Recht. Sollen ſie nicht mit ihm über ökono⸗ miſche, ja ſogar über philoſophiſche und religiöſe An⸗ gelegenheiten berathen können, ohne daß man ſich gleich einzubilden beliebt— o, es iſt doch—“ „Aergere dich nicht ſo, lieber Medenberg. Es iſt mir ſehr lieb, daß du in Blommenäs nicht gefreit haſt, und ich laſſe das mit wahrem Vergnügen liegen. Doch aufrichtig geſprochen— da du einmal ſelbſt dieſen Diskurs angefangen haſt— ich begreife nicht recht, wie ein ſo geſcheidter Mann wie du ſich einbil⸗ den mag,— in dieſem Walde— es werde— ich gebe zwar zu, daß die Gräfin Celeſtine die poetiſchſte, geiſtreichſte, ätheriſchſte Frau iſt— und durch meine vorgeſtrige große Schlacht iſt ſie auch wirklich Zeyton los geworden— das iſt wahr— aber bedenke doch in einem ſolchen Walde, bei ihrer außerordentlichen Feinheit—“ „Aber ſag' mir offenherzig, lieber Göran, biſt du in deinen Schlachten verrückt geworden? ganz total wahnſinnig?“ „Aber bei allen tauſend Teufeln, wen zum Henker haſt du denn gefreit? Die Gräfin alſo auch nicht?“ 249 „Hm, Göran Edeling. Ich glaube nicht, daß du es übel nehmen wirſt— wenn ich dir zum erſten Male die Hand drücke und aus voller Seele Bru⸗ der nenne?“ „Ja wäre ich ein Frauenzimmer, ſo hätteſt du um mich freien dürfen; ſo ſehr habe ich dich geliebt!“ verſetzte jener und verſuchte mit dieſem Scherze die Thränen zu verbergen, die in ſeinem Auge ſtanden. „Und deine Schweſter— Bruder Göran?“ „Waba!— Alexander?“ „Sollte ein ſo kluger General wie du nie etwas zwiſchen Marie und mir bemerkt haben?“ Ohne ein Wort zu erwiedern, ſprang Göran in Medenbergs Arme, ſchlang die ſeinigen um ihn, und begann mit ihm unter den Birken, Erlen und Haſel⸗ ſtauden mit einer Freude herumzutanzen, die ſich eher für ein Kind geziemt hätte, als für einen Feldherrn. Dann ließ er ſeinen Freund fahren; warf aber wie⸗ der von neuem blitzſchnell ſeine Arme um ſeinen Hals, ſah ihm mit thränenumzogenen, freudefunkelnden Bli⸗ cken ins Angeſicht, und flüſterte:„Du— Spitzbube von einem Magiſter!“ Auch Alexander ſtand mit naſſen Augen da, und vermochte vor Wonne kein Wort hervorzubringen. Göran fand zuerſt wieder Worte und ſagte: „Aber höre, ſo viel weiß ich doch, daß du noch nicht gefreit haſt; denn das hätte mich Marie gewiß mit irgend einem Wörtchen merken laſſen, als ich abreiſte.“ „Als du abreiſteſt, Göran? Glaubſt du denn, nach dieſer Epoche habe ſich Niemand mehr nach dem Probſthofe wagen dürfen?“ „Und du haſt ihr Jawort erhalten? Sie hat ſich unterſtehen können, es dir zu geben, ohne mich erſt zu fragen?“ „Es war an einem Abend,“ verſetzte Medenberg, „als deine Eltern einen Beileidsbeſuch in Aronfors machten. Während deine gute Mama und dein Papa die Frau von Mekeroth mit Rathſchlägen in Betreff des Begräbnißtages unterhielten, ging ich nach dem Probſthofe hinüber, um eine Stunde ganz ungeſtört mit deiner Schweſter ſein zu können. Ja! ſie hat mir in der That etwas geantwortet, das wie ein Ja klang. Aber wir haben Beide einander gelobt, Vater und Mutter nichts davon zu ſagen, bis ich mit dir geſprochen hätte, Göran, und bis wir einen gewiſſen Haushaltungsplan überlegt hätten, worauf ich denn eben jetzt kommen will.“ „O ich werde ſelbſt mit meinen Eltern hierüber ſprechen. Wie wird die Alte nicht in ihrer Freude herumfechten! ſie wird ſieben mißrathene Aepfeltorten nach einander machen. Ach die Mama, wie will ich fie auslachen und verküſſen, wenn ich heimkomme und ihr dieſe unbegreifliche Neuigkeit erzähle! Alexander, ſie ſoll vor Wonne platzen!“ „Sage das nicht, Göran; ich bin meiner Sache nicht ſo ganz ſicher. Warum ſollte ſie das ſo ſehr freuen? Ich— ein armer Menſch, ohne Amt, ohne Wohnſtelle, ohne Alles, was du willſt. Du wirſt ein⸗ ſehen, daß ich nichts, gar nichts mein nenne: kaum die Kleider, in denen ich ſtehe.“ „Aber meine Mutter iſt ganz in dich vernarrt. Sie iſt toll. Ich ſehe durchaus nicht ein, warum? noch was ſie Beſonderes an dir finden mag. Ich hab' ihr das geſagt; aber ſie nimmt keine Raiſon an. Es war ſo, von der erſten Stunde an, wo du dich im Probſthofe zeigteſt. Niemals war der Rahm gut genug, wenn Magiſter Medenberg uns würdigte, zu kommen und unſere arme Cichorie zu trinken. Ich muß dir ſagen, Bruder, die Alte glaubt wahrhaftig⸗ du werdeſt mit der Zeit noch Biſchof.“ „Aber das kann auch fehl ſchlagen. Und was meinſt du in Betreff deines Vaters, Göran? Glaubſt du nicht, daß der Herr Probſt ſeine Tochter einem — 224 armen Informator, einem ganz durchſichtigen Men⸗ ſchen abſchlagen werde?“ „Der Probſt? mein Vater? der alte Edeling?“ „Nun ja, Göran, ich würde es dir nicht übel nehmen, wenn du ihn mit einigen geſchickten Worten von weitem in dieſer kitzlichen, gefährlichen Hinſicht ausholteſt.“ „Ums Himmels willen, Alexander! glaubſt du denn, mein Vater ſei mein Großvater? Haſt du je einen frommeren, edleren Mann geſehen, als mein braver Vater iſt? Ach wenn du wüßteſt, was das für ein vortrefflicher Greis iſt, obgleich er eben nicht zum Soldaten taugt. Und er ſollte dir etwas ab⸗ ſchlagen, wo die Einwilligung gerade ſeine höchſte Luſt ſein wird: Medenberg, ich begreife dich nicht! Dich, den ich vor den Menſchen ſo muthig erfunden habe. In dieſer Sache biſt du ja ein vollkommener Haſen⸗ fuß, mein beſter Bruder!“ Alexander ſchaute mit den klarſten Blicken zu Bo⸗ den.„Jetzt bleibt mir nur noch eine Frage,“ ſagte er;„aber ich fürchte mich dennoch davor. Wenn ich mir jetzt ein hübſches Haus und ein angenehmes Gärt⸗ chen verſchaffe irgendwo in jenem Walde, doch nicht allzuweit von der ſchönen und reizend gelegenen Be⸗ amtenwohnung, die du, mein lieber Göran, mit deiner Gattin bewohnen wirſt, welche ich zwar noch nicht recht kenne, die ich dir aber ebenſo wahr und unaus⸗ ſprechlich zu lieben verſpreche, wie du ſelbſt deine Schweſter Marie liebſt; ſprich, glaubſt du, daß ſich deine Schweſter dann als meine Gattin in jener Woh⸗ nung froh und glücklich fühlen wird? ſo hart am Walde, bedenke wohl?“ „Wie du fragen kannſt. Meine Marie? Auf dieſe Art würde ſie mir ja nicht verloren gehen! ich würde meine theure Schweſter immer in meiner Nach⸗ barſchaft behalten dürfen! ſo lange ich lebe!“ „Ja, nicht wahr? Das wäre nicht ſo übel.“ 222 „Du kannſt ſelbſt mit ihr darüber ſprechen. Ach welche Zukunft! So viel verſpreche ich dir, daß ich ſie todiſchlage, wenn ſie nicht über den göttlichſten Plan, den ich jemals gehört habe, entzückt iſt. Den⸗ noch— ein Wort, Medenberg— was zum Henker haſt du mit dem Walde vor? Du ſollſt mir nicht weiß machen, daß du dich aus purer Neigung zu mir mit deinem Weibe dort niederlaſſen wolleſt! nur we⸗ gen meiner RNachbarſchaft, meiner vortrefflichen Wohnſtelle!“ „Nein, Göran; jetzt kommſt du zum Herzpunkte meines ganzen Geheimniſſes.“ „Ich hoffe es. Laß alſo hören!“ „Göran, ich bin ſo weit Cbemiker, Geologe, Agronom und Oekonom, um zu wiſſen, wie ein un⸗ bepflanzter Boden von dieſer Beſchaſſenheit zum Nu⸗ tzen vieler Menſchen angewendet werden kann.“ „Schön, Bruder! Du gedenkſt alſo etwas anzu⸗ bauen? wiliſt du vielleicht Schwamm eſſen! Ich habe Fries und Arrhenius darüber ſprechen hören; ich habe das Buch geleſen, und kann ſelbſt verſchiedene eßbare Schwämme von den giftigen unterſcheiden. Es wäre ein großes Glück für Schweden, wenn wir damit beſſer vorwärts kommen könnten! Ich für meine Perſon glaube, daß die Zukunft der Bevölkerung ganz davon abhängt. Ich bin bereit, mit dem größt⸗ möglichen Appetite das Schwammeſſen anzufangen; doch erſt eine Zeit lang als Deſſert. Ich möchte et⸗ was Weniges vorher haben, bis ich mich ganz daran gewöhnt habe. Nun?“ „Wenn du ein wenig warten kannſt, ſo ſollſt du hören. Hier handelt es ſich vor der Hand durchaus nicht von Schwammz obwohl ich geſtehe, daß ich die Idee höchlich billige, die du unſern größten Gelehrten nachgeſprochen haſt, und die gewiß einmal, wenn ſie nur recht verſtanden wird, von unberechenbarem Nu⸗ tzen für unſer ganzes geliebtes Vaterland ſein wird.“ —— 2235 „Aber was haſt du denn im Sinne, Medenberg? Sprich dich aus, ums Himmels willen; ich vergehe faſt vor Ungeduld! Du denlſt gewiß an unſre Diebe?“ „Ja, gerade an ſie. Hart an der großen Wild⸗ niß und nicht weit von deiner künftigen Wohnſtelle liegt ein kleiner Hof, den ich an mich zu bringen ge⸗ denke; und von hier als Grundſtock will ich mit mei⸗ nen Arbeiten ausgehen und die Wildniß ſelbſt unter die Hand nehmen. Alle dieſe verwilderten Menſchen — dieſe zwölf, die du bei dir haſt, und wohl noch mehr; vor Allen aber Rickolſon— nehme ich unter meine Aufſicht, ermuntere ſie zu einem glücklicheren Leben, gebe ihnen friſch zu thun, flöße ihnen Freude zu ibrer Arbeit ein, und reiche ihnen Kleider und Speiſe; beſonders aber rathe und unterweiſe ich ſie im Guten und Gotteswort, ſo weit ich es verſtehe. Sie könnten ſich doch nicht mehr unter den Menſchen zeigen und unmöglich Pardon erlangen. So niel aber läßt ſich durch deine und vielleicht auch durch anderer, mächtigerer Leute Vermittlung— zum Bei⸗ ſpiel durch eine meiner Frauen— beim Landeshaupt⸗ mann auswirken, daß er thut, als wiſſe er nichts von dieſen wilden Vögeln: daß er ein Auge wegen ihnen zuvrückt, und es ignorirt, daß ſie ſich auf der Weit befinden, doch ſtets unter der Bedingung, daß ſie ſich vollkommen fern von den Leuten halten. Sie ſollen meine großen Haiden bebauen; mit ihrer Beihülfe werde ich ein Stück nach dem andern anpflanzen, und das für ſie. Ich ſehe wobl ein, daß dieſe Geſchöpfe, die ſo lange mit der Schlechtigkeit umgegangen ſind, und für welche die Rückkehr zu einem beſſeren Be⸗ ſtandtheil der Geſellſchaft ganz unmöglich iſt, dadurch in eine Verzweiflung gerathen ſind, welche ſie endlich dabin gebracht hat, mehr oder weniger an dem Böſen ſelbſt Geſchmack zu finden. Es dürfte mir daher nicht immer ſo leicht werden, dieſe Leute zuſammen zu hal⸗ ten. Und gerade deshalb, mein lieber Göran, wird 224 mir die Nachbarſchaft deiner Wohnſtelle als Polizei⸗ beamter ſo angenehm ſein. Denn wollen meine Kranken— ich nenne alle Verbrecher Seelenkranke — ſich nicht nach meinen Anordnungen richten, nicht arbeitſam, ſtill, gottesfürchtig und damit auch glück⸗ lich in der Heimath ſein, die ich ihnen anweiſe, ſo ſollſt du, der wie ein Cherub an den Pforten des Ge⸗ bietes ſteht, ihnen zu verſtehen geben, daß ſie, wofern ſie aus den Grenzen dieſes geweihten Kreiſes heraus⸗ treten, ſogleich unter die eiſerne Hand des Geſetzes fallen, und Gefängniß, Prügel, Waoſſer und Brod zu gewarten haben. Hieraus erſiehſt du deine koſtbare Beſtimmung bei dieſem Plane. Ich ſelbſt als Vor⸗ ſteher, Wegweiſer, Lehrer, Inform— formator— ja da ſiehſt du wieder, Göran, zu was Anderem bin ich wohl von Gott beſtimmt, wenn nicht zu einem Stück von Informator, ſo lange ich hier auf der Welt lebe? und das habe ich ſeit undenklichen Zeiten in mir ge⸗ fühlt— ich, mit einem Worte, werde auf das Innere dieſes Wildniß⸗Staates von Verbrechern einwirken. Du ſchauderſt vielleicht ein wenig vor dieſem Namen, der dir abſcheulich vorkommt. Wenn du aber recht darüber nachdenkſt, mein lieber Göran, ſo ſage mir, was iſt wohl die ganze Menſchheit nach unſerer eige⸗ nen heiligen Lehre und nach dem großen Eintritt der Sünde Anderes, als eine Geſellſchaft von Sündern, von tiefen Sündern? Warum alſo dieß nicht allge⸗ mein anerkennen, warum fremd gegen einander thun und nur Einigen unter uns eine Auszeichnung, einen Titel geben, der in Wahrheit uns Allen zukommt? Und was iſt die ganze Erde anders als eine Wildniß in Vergleich mit dem Himmel; eine Wildniß jedoch⸗ in welcher wir, die Verbrecher, fterben, arbeiten, ein⸗ ander lieben und hoffen ſollen, ja feſt hoffen, durch Kampf ins Himmelreich zu kommen? Unſer ganzes irdiſches Leben iſt alſo überall und allgemein, ſo zu ſagen, das nämliche, was ich im Beſondern hier in P— 225 Smaland bilden will, nämlich eine Heimath für Sün⸗ der, für Gefallene, die an ihrer Aufrichtung arbeiten; mit einem Worte, eine Verbrecher⸗Haide. Aber eine ſolche Wildniß iſt gleichwobl zu einer Pflanzſchule für den Himmel beſtimmt, und ich ſage dir, ſie ſoll eine werden. Mein geliebter Bruder, wiſſe, daß ich eine unſterbliche Hoffnung habe: niemals iſt mir noch ein Plan, der mir recht warm am Herzen lag, fehlgeſchla⸗ gen. Gottes große, heilige Vorſehung wird eines Tages Etwas aus dieſem Gedanken machen: du wirſt ſehen, daß aus dieſer Verbrecherbeſſerung ein großes Ding bervorgeht; denn ſie liegt im innerſten Herzen der Menſchheit, wie alle unſere theuerſten Bevürfniſſe. In dieſem einen Gedanken verknüpfen ſich alle Dinge auf Erden; denn nächſt dem Sündenfall, welcher das größte Ereigniß in der Urgeſchichte war, gibt es kein größeres, als die Wiederaufnahme in den Himmel; welche Chriſtus in unſerer Wüſte bewirkt, wenn wir uns als das erkennen, was wir im Grunde ſind. Deß⸗ halb darf man nur den für einen wahrhaft Elenden anſehen, der nicht von ganzem Herzen zugibt, daß er ein Sünder ſei, ſondern vornehm auf dieſe Beſonde⸗ ren herabſieht, die er für die Verworfenen hält. O er weiß nicht, daß er in dieſem Augenblick ſelbſt der Allervornehmſte iſt!“ „Alexander, wie liebe ich dich um dieſer Gedan⸗ ken willen. Sei verſichert, mein Bruder, daß ich ein Polizeimann gegen die Vornehmen ſein werde, ich meine, gegen alle Die, welche ſich nicht als das er⸗ kennen, was ſie im Grunde doch ſind. Ich verſpreche dir, jeden zu zermalmen, der kein Menſch ſein will. Nun, Du willſt alſo eine Korrektionsanſtalt in dieſer Wildniß einrichten?“ „Eine Korrektionsanſtalt? Nein, Göran, keines⸗ wegs, wenn nämlich dieſes Wort in ſeiner gewöhnli⸗ chen Bedeutung in der Geſellſchaft genommen wird. Meine Abſicht iſt nicht, die Menſchen dadurch zu ver⸗ Drei Frauen in Smaland. U. 15 226 derben, daß ich große Böſewichter die weniger Sünd⸗ haften an Herz und Geiſt verderben laſſe, und durch die Leute an den Rand der Hölle führe, die im An⸗ fang eigentlich faſt nichts verübt hatten. Nein! keine Korrektionsanſtalt!“ *„Aber meinſt du nicht, es werde eine ziemlich kitzliche Geſchichte geben, wenn Du, mit aller Achtung vor dir ſei es geſagt, eine ſolche Geſellſchaft in unſer ſchönes Land bringſt?“ „Du mußt wiſſen, Göran, daß ich einige ſehr vortreffliche Haushaltungen habe, die ich unter die üb⸗ rigen ſo einmiſchen kann, daß das Gute die Ober⸗ hand behält; ſo zum Beiſpiel ein gewiſſer Matts Perſon, und einen Tiſchler Namens Lindqviſt, einen Wermländer, deſſen Bekanntſchaft ich neulich gemacht habe, und der nebſt ſeinem prächtigen Weibchen got⸗ tesfürchtig, pvetiſch und doch zugleich fleißig iſt. Ach wenn du wüßteſt, wie unſchätzbar ſolche Menſchen ſind! Aber dergleichen kenne ich Gottlob mehrere, und wir werden zuſammenziehen. Du begreiſſt leicht, daß wir ſehr viel Schreinerarbeit bedürfen, ferner Schmide, Nagelſchmide und Maler. Dieſer gewandten und liebenswürdigen Menſchen, die im Grunde freilich auch Sünder und Frevler ſind, wie wir alle hienieden, die aber durch Gottes Gnade im Guten etwas weiter geſchritten ſind, als unſere gewöhnlichen Diebe und Räuber, werden unter den Uebrigen wie Blumen ſie⸗ hen, die da und dort unter dem gewöhnlichen Graſe emporſchießen. Dadurch wird ſich ein Duft über das Ganze ausbreiten; deine Zwölfe und noch Mehrere von derſelben Klaſſe werden endlich eine Sehnſucht fühlen, auch ein wenig Blume zu werden. Was ſagſt du dazu?“ „Du malſt allerliebſt. Aber zu dieſen Dingen braucht es viel Geld, die Befugniß der freien Ver⸗ fügung über den nebenliegenden Hof, und überdieß u— M —— 227 ein vollſtändiges Recht an den ganzen Wald. Das find keine Kleinigkeiten, Alexander.“ „Wenn Du wüßteſt, wie leicht ich das Alles be⸗ kommen kann.“ „So2“ „Du kannſt dir nicht vorſtellen, mit welchem Ver⸗ gnügen die Gräfin Celeſtine mir und meinem Unter⸗ nehmen Alles überlaſſen wird, was ſie in dieſem Ge⸗ biete beſitzt; und das iſt nicht wenig. Ich bin ihr ſehr zugethan: ich bin dieſer Gräfin ungemein zugethan. Und Du kannſt gar nicht glauben, wie die Gräſin auch mir zugethan iſt.“ „So? Nun, das habe ich heute auch ſchon ein⸗ mal behauptet.“ „Und dann die Hofmarſchallin! Du kannſt dir keinen Begriff davon machen, wie ſie ſich nach Allem richtet, was ich nur mit dem leiſeſten Athemzuge erwähne.“ „Aber vor Allen Frau von Mekeroth—“ „Ei, da ſeh' Einer!“ „Sie liebt Alles, was ich denke; ſie wird mir ohne die geringſte Schwierigkeit ihren Hof überlaſſen; denn der ſchöne Punkt am Waldſaum, von dem ich dir geſprochen habe, Göran, gehört ihr und ſteht un⸗ ter Aronfors.“ „Und Du glaubſt, ſie werde deinem Wunſche mit ſo großer Bereitwilligkeit entgegengehen?“ „Frau Aurora? ja wohl, ſo gut wie die zwei Andern. Göran! wenn Du einſehen, wenn Du faſſen, wenn Du begreifen könnteſt, wie ſehr dieſe drei Frauen, ja alle Drei mich verehren—“ „Ich denke, da bleibt meiner armen Schweſter nicht mehr viel übrig.“ „Sie verehren mich ſo— ſo— ja ganz ſo, wie ich ſie wieder verehre. Du ſollſt Zeuge davon ſein. Edlere, wärmere, herzensreinere Menſchen gibt es gar 228 nicht. Sie ſind nicht vornehm durch ihre Geburt, ſon⸗ dern— und ſie— ſie erkennen ſich als das, was alle Menſchen ſind. Darum verehre ich ſie.“ „Und meine Schweſter Marie?“ „Sie iſt etwas Unbedeutendes gegen ſie. Was iſt ſie— ach— bis jetzt? Sie verſteht ſich wenig auf das Univerſum. Sie hat nichts verſucht, nichts gelitten; ſie hat auch juſt nichts damit zu ſchaffen. Aber ſiehſt Du, Göran! die Sache iſt die, daß ich ſie liebe. Ach! ich liebe Marien; die drei Frauen dage⸗ gen verehre ich nur. Das hat nichts mit der Liebe gemein— nicht das Geringſte.“ „Das iſt ſchön. Das iſt ſehr ſchön.“ „Ja, es iſt wirklich ganz ſchön.“ „Ich verſtehe dich, Medenberg! mit mir iſt es auch ganz ähnlich ſo. Ich liebe Marien durchaus nicht, ſie iſt ja meine Schweſter. Ich verehre ſie nur; aber das doch ſo, daß es hinreicht. Welch' ein Paradies wollen wir uns in unſerer Wüſte bauen! Komm, Bru⸗ der, jetzt müſſen wir zu unſern zwölf armen Teufeln zurückkehren. Sie müſſen wir ja zu Blumen in un⸗ ſerer Wildniß verwandeln! wie ſehr bin ich mit deinem Plane einverſtanden! Wenn wir ausgeruht haben, ziehen wir gleich weiter.“ „Wir dürfen unſere Kranken jetzt nicht nach der Landeskanzlei führen, man könnte dort einen Unſinn begehen; ſondern wir ſchlagen ſogleich den nächſten Weg nach dem großen Walde ein, von dem ich ge⸗ ſprochen. Wir laſſen ſie dort ſo lange bei meinem Freunde, dem Köhler Matts Perſon ſich verborgen halten; bis wir Alles ordnen, zurückkommen und un⸗ ſer Unternehmen beginnen können.“ „Es wird gehen! Du begleiteſt uns jetzt heim, Alexander! Wie ſehne ich mich, meinem Schweſter⸗ 2 Marie ins Geſicht zu ſehen, da ich jetzt Alles weiß.“ * 229 „Ich ſehne mich ebenfalls darnach. Laß uns kei⸗ nen Augenblick verlieren.“ „Aber ſt! ehe wir gehen. Weißt Du auch mein Geheimniß, Alexander?“ Medenberg ſah Herrn Göran Edeling an.„Du willſt eine Frau Polizeikommiſſärin nehmen?“ verſetzte er lachend.„Nicht wahr? ein gutes, hübſches, flinkes Weibchen, das gerade für einen ſo wackern Burſchen wie Du paßt?“ „Richtig, mein Bruder; aber ich ſcherze nicht. Was ich einmal halb im Spaße zu einem gewiſſen Mädchen ſagte, das ſoll jetzt Ernſt werden, glaube mir. Es kann unmöglich in dieſem meinem Stande ein beſſeres Weib für mich geben, als Ellin. Sie iſt jetzt einſtweilen bei der Hofmarſchallin Abelcrona, und genießt bei ihr die Pflege einer Hausmutter, ja einer Mutter. Frau Ebba! wie will ich dir eines Tages für das danken, was du vielleicht, ohne daß du es ſelbſt recht weißt, für mich thuſt. Denn ſo viel ich weiß, hätteſt du eben keine Veranlaſſung, dem Göran Edeling eine Wohlthat zu erweiſen; und doch thuſt du es. Gott richtet es oft ſo ein, daß man eine Menge Gutes thut, ohne daß man ein Wort davon weiß; das Böſe das man thut, lernt man dagegen genau kennen. Meinſt Du nicht, Alexander, daß dieß alles ſich ganz herrlich machen wird? Es verhält ſich mit meiner kleinen, armen Ellin ganz wie mit ihrem berühmten Großvater, dem Organiſten, und wie mit ihrer eigenen Mutter und Tante: ſie haben alle zu der Klaſſe Men⸗ ſchen gehört, die geiſtig Herren und körperlich Bauern find. Aber werde ich nicht gerade auch ſo eine Figur abgeben, wenn es mir gelingt, ein prächtiger Polizei⸗ mann zu werden? Ich bin es ſogar ſchon meiner ganzen Natur nach, wenn ich aufrichtig ſprechen ſoll: was kann man mich wohl anders nennen, Medenberg, als einen Bauernburſchen, obſchon ich zufälligerweiſe eines Probſten Sohn bin? Davon eben kommt es 230 wohl auch her, daß mir von langen Zeiten her, ja ſeit meiner Kindheit, Ellin ſo unausſprechlich gefal⸗ len hat, und daß ich ſo unzählige Male unter Geſang und Blumenpflücken um die Ecken der Dädemohütte herumgeirrt bin. Alexander! Du liebſt ſie ja auch! Ich weiß es, daß du es thuſt: wie wird das einmal himmliſch in unſerer Wildniß werden. Sage mir of⸗ fenherzig, ob Ellin nicht ſehr ſchön iſt? Sie iſt es. Sie legt auch viel, viel Werth auf dich, das hat ſie mir geſagt; und von da fing ich eigentlich erſt an, ßie ſelbſt recht zu würdigen. Denn daß ſie vielleicht, wie ich glaube, mich liebt, das beweiſt noch nicht, daß ſie einen großen Charakter beſitzt, und deßhalb müßte ich ſie nicht gerade ſo ſehr ſchätzen. Aber ein Mädchen, das dich verſteht, Medenberg! mit der iſt es etwas. Wenn ich nicht fürchtete, dich verdrießlich zu machen, ſo würde ich dir Etwas anvertrauen: näm⸗ lich, daß Ellin ein weit großherzigeres, tieferes und ge⸗ diegeneres Weib iſt, als ſogar meine Schweſter Marie. Aber ich will dich nicht mißlauniſch machen, Meden⸗ berg; Du brauchſt dich nicht um das zu kümmern, was ich geſagt habe. Marie iſt trotz Allem in hohem Grade vortrefflich, darauf kannſt Du dich feſt verlaſſen. Aber ich muß dir noch ſagen, wie es ſich mit mir in Be⸗ ziehung auf Ellin verhält: ich verehre ſie nicht. Gott, wie fange ich an den Unterſchied lieb zu gewinnen, den Du mich da lehrteſt, Medenberg! Nein, bei Gott, ich verehre Ellin nicht! was wäre das nicht für eine ungeheure Narrheit! Aber ich liebe ſie— ich liebe 6 mit Leib und Seele, und ſie ſoll ewig die meine ein.“ Die zwei frohen Freunde kehrten unter dieſen Ge⸗ ſprächen zu ihren Leuten zurück. Sie meinten jetzt ihre Pläne für die Zukunft ganz klar vor ſich zu haben, ſie ſpiegelten ſich in ihrem guten Gewiſſen, wie der Himmel in einem kleinen ſtillen Binnenſee. — — —— vnh—— — Siebenundvierzigſtes Kapitel. Celeſtine's Traum. Ich ſah, wie das Geheimniß der Seufzer ſein dunkles Räthſel in eine helle Fluth auf⸗ Ich ſah die Verſöhnung der beiden feindlichen Mächte. Entſagung und Sehnſucht waren in Eines verſchmolzen. Es iſt nun in der That Zeit, daß die Geſchichte wieder nach Karmansbal zurückkehrt, um zu erzählen, was nach dem verhängnißvollen Abend geſchah, als die Gräfin Celeſtine ohnmächtig in Frau Aurorens Arme ſank, und der Spuk durch eine Thüre des gro⸗ ßen Saales verſchwand, die man früher immer für eine blinde Thüre gehalten hatte. Frau Ebba von Abelcrona zeigte ſich als die, welche noch am meiſten Geiſtesgegenwart behielt. Die Gräfin wurde zu Bette gebracht. Die beiden andern Frauen brachten die Nacht im Schlafzimmer ihrer Freundin zu, wo ſich jede in eine Sophaecke lehnte und die geringſte Be⸗ wegung der Gräfin beobachteten. Celeſtine Zeyton kam bald wieder zu ſich und zeigte keine große äußerliche Unruhe. Aber auch erwacht, war ſie nicht vollkommen bei Bewußtſein: ſie ließ ſich von ihrer Kammerjungfer entkleiden wie gewöhnlich: ſie ſchien kaum zu bemerken, daß Jemand Fremdes im Zimmer war. Gut und ſorgfältig in ihr ſchönes Bett gelegt, fand ſie dort bald Rube, indem fie einſchlief und auf dem ſchnecweißen Kiſſen das Bild eines We⸗ ſens abgab, das war und ſein wird, aber nichts iſt. Das Licht brannte die ganze Racht. Als ſie am Morgen wieder ihre Augen aufſchlug, ſah ſie Ebba und Aurora an ihrer Bettkante ſitzen Frau Ebba ergriff ihre Hand und führte ſie mit ſchwe⸗ ſterlicher Zärttichkeit an ihre Lippen. Celeſtine ſchaute mit dem Blick eines verklärten, eines himmliſchen Gei⸗ 232 ſtes zu ihr empor. Ohne daß ſie ſelbſt ein Wort ſagte, redete ihr Antlitz von wieder gewonnenem Frieden; es trug wieder das Gepräge der Schönheit, wie das ei⸗ nes jungen Mädchens.„Du haſt gut geſchlafen?“ fragte Frau Ebba. „Ich habe geträumt,“ antwortete die Gräfin. „Träume ſind bisweilen Botſchaften von Gott: ſie ſind Blicke, die wir von einer nebelumhüllten Welt, in der wir ſäumen müſſen, in ſonnige Länder werfen.“ „Ich bin jetzt frei!“ ſagte die Gräfin Celeſtine. „Als mein Mann mich verließ und fort fuhr, ſchrieb er mir, ich ſollte ihn als todt betrachten. Doch hielt ich dieß damals mehr für eine Redensart: für den Ausbruch eines gebrochenen Herzens, für das Lebewohl einer fliehenden Seele. Jetzt aber—— ich habe heute Nacht geträumt. Ich ſah ihn an der Seite einer andern Gattin, ſeiner wahren Gattin. Ich warf Blicke in eine unterirdiſche Welt, o Aurora! o meine Ebba! wenn ich erzählen könnte, wenn ich Worte fände, für das, was ich geſehen!“ „Haſt Du von Joachima geträumt?“ „Ja,“ antwortete Celeſtine.„Ach ich kenne jetzt die Wahrheit hierüber. Und wie er mich meiner Pflich⸗ ten gegen ihn entband, als er fortzog, ſo entbinde ich jetzt ihn der ſeinigen gegen mich. Denn der wahre Zuſtand der Dinge bleibt am Ende doch herrſchend, und lebt dann ewig. Hienieden hat die Lüge ihre Zeit gehabt, hier hat ſie regiert. Aber Gott räumt dem Ewigen ſeinen Platz ein. Ebba, laß mich deine Hand küſſen! ich bin ſo froh.“ Die Hofmarſchallin beugte ſich über das Bett ih⸗ rer Freundin herab, ſchloß ſie in ihre Arme und küßte ſie herzlich.„Was ſahſt Du von der armen Jvachima?“ flüſterte ſie.„Sah ſie auch in der andern Welt ei⸗ nem Geſpenſte gleich?“ Celeſtine ſchwieg; ſie ſchien ihre Gedanken und Kräfte zu ſammeln, um ſich richtig ausdrücken zu kön⸗ 2355 nen. Endlich ſprach ſie halblaut, aber höchſt melo⸗ diſch:„ich kann nicht wieder erzählen, was ich ge⸗ ſchaut habe. Ein hehrer Traum malt ſich nicht in menſch⸗ licher Sprache. Ich ſab das Geheimniß der Seufzer ſein dunkles Räthſel in eine helle Fluth auflöſen— eine Fluth von Thränen? Vielleicht. Ich weiß nicht aus was dieſer himmliſche Stern beſtand. War er aus Diamanten? von Glas? von Sapbir? oder ewi⸗ em Frieden? Ich ſah die zwei feindlichen Mächte ich verſöhnen: die erzwungene Entſagung war mit der Kraft der Sehnſucht zuſammengeſchmol⸗ zen— ach, jetzt waren ſie Eins!“ Aurora blickte ein wenig ſcheu von der Seite auf ihre Freundin, und wußte nicht, was ſie denken ſollte. Aber die Hofmarſchallin Ebba, die Stagnelius kannte, und mehrmals bemerkt hatte, daß er eine Lieb⸗ lingslektüre der Gräfin war, verſtand ſie, zerdrückte eine Thräne in ihrem ſchönen Auge, beugte ſich aufs neue über ihre geliebte Freundin und ſagte:„Cele⸗ ſtine! wir bleiben an deinem Bette: genieße heute der Ruhe! es wird dir ſo gut thun. Du biſt zu matt, um aufzuſtehen, nicht ſo?“ Die Gräfin willigte ein. Bald wurde das Zim⸗ mer noch behaglicher eingerichtet. Frau Aurora zog ihren Strickſtrumpf hervor, und die Hofmarſchallin ſchlug ein Buch auf, um etwas laut Welch' ein ſchöner, friedvoller Tag war as! Wir erinnern uns aus dem Vergangenen, daß in dieſer nämlichen Nacht Herr Medenberg ſeine Reiſe begonnen und den Köhler in dem großen Walde ge⸗ troffen hatte, wir wiſſen ferner, daß in derſelben Nacht die alte Ellin von jenem ein Billet an Frau von Mekeroth bekommen hatte; einen Brief, der ihr Ein⸗ tritt in Karmansbal verſchaffen und die Befreiung ih⸗ rer Schweſter, ohne Aufſehen zu erregen, möglich ma⸗ chen ſollte. 234 Das alte Käthnerweib langte deßhalb am andern Morgen in Karmansbal an. Ein Diener kam zu Frau von Mekeroth und bat ſie, das Schlafzimmer der Gräfin auf einen Augenblick zu verlaſſen. Was dann weiter erfolgte, verſteht ſich von ſelbſt. Da die Gräfin ſelbſt an ihr Bett gefeſſelt war, ſo konnte ſie an nichts Antheil nehmen, was außerhalb dem Kabinete vorging, und wußte deßhalb von Nichts. Nachdem Aurora Medenbergs Schreiben geöffnet hatte und dadurch von Allem unterrichtet war, brachte ſie die Sache ganz leicht ins Reine, ohne daß Celeſtine den geringſten Wink davon bekam. Mutter Ellin fand Zutritt zu ihrer Schweſter— Joachima, dem Ge⸗ ſpenſte— und verſchwand mit ihr von Karmansbal nach einem Orte, wo ſie ihr ein Aſhl bereiten wollte. Der Tag verging, wie er angefangen hatte, un⸗ ter Lektüre und reichhaltigen Geſprächen. Frau Au⸗ rora nahm Alles über ſich, was im Hauſe die Leitung der Gebieterin erforderte; ſie ging alſo überall aus und ein; die Hofmarſchallin hingegen verließ das Zimmer der Gräfin nicht. Welch' ein eigenes Gemälde boten dieſe Beiden dar! Man hätte ſagen können, in Celeſtinens Geſtalt liege die Poeſie ſchwach, krank und mit gebrochenen Schwingen, aber noch belebt von einer himmliſchen Hoffnung, einem ſeligen Traume; in Frau Ebbas Weſen dagegen ſitze die Religion ſtärkend an der Seite der armen gefallenen Poeſie, halte ihre Hände, belebe ihren Muth, gieße Balſam in ihre Wunden, und rede von Gott, nicht als von dem großen Künſtler und Bauherrn der Welt, ſondern als ihrem gütigen Vater. Und Frau Aurora? Sie ging bei all Dem aus und ein, wie es dem prakti⸗ ſchen Leben zukommt und ziemt, das, ohne gerade Poeſie oder Religion zu ſein, doch ein dieſen Beiden ſehr nützlicher Freund iſt. Es iſt leicht zu bemerken, wie die Sonne dieſer Erzählung allmählig in einen milden Abendglanz 235 verfinkt, wie die Darſtellung kürzer wird, je mehr fie ſich der Auflöſung nähert. Wo vollendet die Sonne des Tages? In dem großen, grünen Waldrand am Horizonte, der den Stern des Tages in ſeinen Armen zu bergen wartet. Auch wir werden endlich in einen großen Wald kommen, nach Allem was wir ſchon von der Erzählung wiſſen. Es iſt dieß ja die Phantaſie der zwei edlen Jünglinge über die Verbeſſerungshei⸗ math der Verbrecher. Ein ſolcher Wald iſt das Ende aller Welt, aller Zeit, aller rechten und tiefen Gedanken. Das Ende des Weltalls ſelbſt— das Ende der Sünder, die endliche Beſſerung aller Menſchen in ih⸗ rer großen Heimath hienieden, welche Erde heißt— bildet das verhüllteſte Myſterium. Aber der Ausgang des Verſuches unſerer Jünglinge im Kleinen, und die Beſchreibung, wie unſere liebenswürdigen Frauen mit Leben, Luſt und allen Kräften daran halfen, das iſt kein ſo unſagbares Geheimniß. Wir wollen es daher in ein Paar anſpruchsloſen Kapiteln erzählen. Man muß immer kurz ſein, wenn es ſich von einem Traume handelt, von einem Geſpenſte oder dem Plan zu einer Beſſerung der Menſchheit. Achtundvierzigſtes Kapitel. Jeppe Jonſſons gruße Erzählung. Gbran maß Jeppe mit einem durchdringen⸗ den Blick. Als Alexander, Göran und Jeppe wieder nach Hauſe gekommen waren, zerſtreuten ſie ſich für den Anfang jeder nach ſeiner Heimath, nicht nur um ihre alten Bekannten zu hegrüßen, ſondern auch um alles zur Ausführung ihres großen Planes vorzubereiten. Herr Medenberg weilte in Aronfors, wohin auch Frau Aurora zurückgekebrt war. Herr Göran wohnte bei ſeinen geliebten Eltern im Probſtbofe, und er flüſterte gar viel mit Marien, die in der ſchönſten jungfräuli⸗ chen Blüthe daſtand, als ſie die Pläne vernahm. Aber Jeppe Jonſſon war derjenige welcher—— Gerade von Jeppe müſſen wir jetzt ſprechen. Denn er ging in dieſen Tagen bei allen möglichen Freunden und Bekannten im Kirchſpiele herum, und das mit einer Freiheit, die ſich nur aus großen Tha⸗ ten erklären läßt, und mit Worten, die einem Münch⸗ hauſen Ehre gemacht hätten. Die Gewandtheit und Treue dieſes liebenswürdigen Jungen kennen wir be⸗ reits. Wir müſſen nun mit Schmerz hinzufügen, daß er, nach Hauſe gekommen, ſich als der frechſte, un⸗ verſchämteſte, ungeheuerlichſte Großprahler zeigte. Daß Jedermann von Herrn Göran Edelings Hee⸗ reszug gegen die Diebe hören wollte, wie die Räuber ergriffen worden und alles am Ende abgelaufen ſei, das iſt ſehr verzeihlich. Jeppe war alſo der willkommenſte Jungburſche in jeder Stube. Die Alten ſperrten vor Freude das Maul auf, wenn er nur unter ihrer Thüre erſchien; die Augen der Mütterchen blinzelten nach ihm wie nach einem ſtattlichen Ritter; die Jungen be⸗ neideten ihn im Geheimen, konnten aber nicht umhin, gierig zu lauſchen; die Mädchen beſchloſſen ohne Aus⸗ nahme, Jeppen nie einen Tanz abzuſchlagen, wann und wo er auch ſie aufzuziehen belichte. Wenn man aber glaubt, daß Jeppe Jonſſon in ſeinen roſenrothen Erzählungen über den Vernamo⸗ krieg und den großen Räuberzug ein einziges wahres Wort ſagte, ſo thut man ihm ſehr Unrecht. Die er⸗ findungsreichſte Poeſie floß über die Lippen des jungen lebhaften und witzigen Smaländers, obwohl er nur ein Kohlenarbeiter war. Er log wie der größte Mann. Jeppe hatte gleich nach ſeiner Heimkunft bemerkt, daß unter ſeinen Freunden und Bekannten im Kirch⸗ M — 237 ſpiele gar viele ſehr pfiffig ausſahen. Mehrere ſchie⸗ nen insbeſondere ausforſchen zu wollen, wohin endlich die Uebriggebliebenen von der Räuberbande ihren Weg genommen hätten, wenn es nämlich welche gab; und vor Allem, wie es Herr Göran eigentlich ange⸗ ſtellt habe? welche Ausſichten er auf eine gute Wohn⸗ ſtelle habe? Ob Milde gegen Spitzbuben die rechte Verfahrungsweiſe für einen Mann der Polizei wäre? ob er ſich einer Beförderung verdient gemacht habe, da er die Böſewichter vom Galgen gerettet? nebſt vielen andern, äuterſt vernünſtigen Fragen, die alle bewieſen, daß Göran gefährliche Nebenbubler hatte, die ſich durch Spione nach ſeinen Angelegenheiten erkundigten. Jeppe Jonſſon blinkte wie gewöhnlich ein wenig mit den Augen, als er dieſe halblauten Arien hörte. Von dieſem Augenblicke hauptſächlich begann er Haus um Haus zu beſuchen, und die herrlichſten Erzählungen über den Vernamozug auszubreiten. In welches Licht Herr Göran durch die ſonder⸗ bare Art gerieth, wie Jeppe die Sachen erzählte wird man ſogleich hören. Daß er ſelbſt Fähnrich geworden ſei, war das Erſte, was er mit einem pompöſen Blick zu verſtehen gab, und dann folgten Schilderungen des Kommandanten oder Obergenerals, worin er dieſen als den grauſamſten Schlächter hinſtellte. Herr Göran war darin wahrhaftig kein Menſchenfreund, dem es um die Diebe lgid that. Er hatte alle Spitzbuben auf die ſchauerlichſte Art getödtet, wie es nur die auf⸗ gerete Einbildungskraft einer aufmerkſam lauſchen⸗ den Bauernverſammlung ergötzen konnte; er hatte die Meiſten mit dem Kopf zu unterſt in Rauch gehängt, Andere an langſamem Feuer gebraten, und die Uebri⸗ gen Jeden in neun Stücke zerſchnitten. Man ſchau⸗ derte und dachte:„ein ſolcher Polizeikommiſſär thut uns Noth, da wird ſich nicht der geringſte Spitzbube in unſere Nähe wagen!“ Manche Zuhörer machten bei dieſer unerwarteten Erzählung ein ſo langes Ge⸗ 238 ſicht, daß man ſie mit Grund garſtig nennen konnte. „Das werdet ihr glauben und einſehen,“ ſchloß Jeppe eines Abends, ſchlug dabei mit der Fauſt auf den Tiſch gerade vor der Naſe des Gerichtsbeiſitzers, und nahm einen tüchtigen Zug aus dem Glaſe, das ihm die Mutter Beiſitzerin anbot,„das werdet ihr einſehen, daß alles Blut roth iſt. Aber mit meinen eigenen Augen hab' ich geſechen— und die Augen des Probſt Görans ſahen daſſelbe— daß das Blut von Spitzbuben kohlſchwarz iſt. Der Kommandant ſchnitt denen, die wir gefangen nahmen, immer ſelbſt Hände und Füße ab; mir fiel das Geſchäft zu, ihre Magen herauszutrennen; dabei ſah ich, daß ihr Blut wie das rußigſte Pech floß. Denn ſeht ihr, ſobald ein Menſch aufs Stehlen ausgeht, wird ſein Herz ſchwarz. Und wenn das Herz einmal ſchwarz in der Bruſt ſitzt, ſo wird auch das Blut ſchwarz, das daraus fließt; und wenn es nachher herausrinnt, ſetzt es ſich an wie die dunkelſte Tinte, wie Pech und Theer. Ihr ſollt bevankt ſein, Mutter! trinkt mir zuerſt zu, das iſt ein prächtiges Bier! Hier in der Stube iſt hoffentlich wohl kein Kiefer mit ſchwarzem Blut?“ Die Mädchen zogen ſich gegen die Wände zurück, und ſaßen bleich wie die Schneeglöckchen auf den Bänken. Aber die Alten wollten vor Lachen berſten, ſo ſpaßhaft meinten ſie, ſei das zum nhören. „Wißt ihr, meine guten Freufde, wie man ſich Licht macht, wenn man bei Nacht fechten will, und es finſter iſt?“ rief jetzt Jeppe, und ſah ſich mit dem triumphirendſten Lächeln um.„Das ſollt ihr hören. Des Probſten Göran und ich ſtanden einmal um Mitternacht im Kampf gegen hundert Mann; und wir Beide waren nur zu zwei.„Nimm Du fünfzig und fechte mit ihnen,“ ſagte Göran zu mir;„ich will die andern fünfzig nehmen; das macht zuſammen hun⸗ dert.“„Soll ich keinen einzigen verſchonen, ſondern — — S2* S S mn m d ig it n⸗ n 239 Alle todt ſchlagen?“ fragte ich Göran. Er aber ſagte: „Du darſſt keinen Einzigen mit dem Leben davon kommen laſſen!“ Da dachte ich bei mir ſelbſt:„Wie ſoll ich hier in dieſer Galgenfinſterniß ſehen, ob ein Mann todt iſt, wenn ich ihn niedergeſchlagen habe? Es kann ja leicht ſein, daß die Kanaille da liegt und noch lebt! denn einem Dieb darf man nie glauben;z wenn er den Geiſt aufgibt, iſt es oft nur eine Be⸗ trügerei von ihm. Was that ich alſo? Ich beſchloß, Feuer zu ſchlagen, um Licht in der Sache zu bekom⸗ men. Aber wie ſollte das geſchehen? Nun! ich hatte ja eine gute Anzahl Beſtien um mich her, ich nahm alſo einen mit der rechten Hand bei den Haaren, und einen andern mit der linken Hand; dann ſchlug ich ihre Stirnen an einander, daß es blitzte, und Feuer fing, und bald ſtanden ihnen die Haare in lichten Flammen. Bei dieſem Schein ſuchte ich nun auf dem Boden, und ſah nach, ob die richtig todt waren, denen ich den Hals abgeſchnitten hatte. Denn—“ „Hahaha!“ brach der Beiſitzer aus.„Ob ſie todt waren! das iſt eine Geſchichte!“ „Jetzt ſollt ihr hören, wie ich es ein ander Mal machte,“ fuhr Jeppe fort.„Denn da ging es noch viel feiner zu. Ich und Göran waren eines Abends hungrig. Wir hatten den ganzen Tag von zwei Uhr Morgens bis Abends ſieben gefochten: wir waren drei Mal über den Lagaſee geſchwommen; wir hatten zwölf Räuberhöhlen abgefaßt, die Thüren aufgeſprengt und ihre Diebswaaren und das Geld genommen(denn Speiſen hatten ſie keine); Göran hatte ſechsunddreißig Männer an Stricken aufgehängt, und ich achtundvier⸗ zig an ihren eigenen Strumpfbändern, die ich ihnen abſchnitt. Da wurden wir endlich hungrig; und ich ſagte zu Göran:„Sitzt nur ruhig, Herr Göranchen, ich will nach Speiſe ausgehen.“„Wie wirſt Du in dieſem Walde etwas zu Eſſen aufbringen können, da er bis auf zwanzig Meilen im Umkreis ſich erſtreckt?“ 240 ſagte er zu mir. Da ſagte ich zu ihm:„Sitzt nur ruhig, Herr Göranchen, ich werde nach Speiſe aus⸗ geben.“ Auf dreistg Meilen weit war nah und fern keine menſchliche Seele. Als ich nun den Berg bin⸗ auf kam, ſah ich zwölf Bären da liegen und in einem Loche ſchnarchen.„Schnarcht ihr nur!“ ſagte ich bei mir ſelbſt. Dann nahm ich eine Fichtenſtange, die unten hübſch dick war, ging damit zu dem Loche hin, und ſtieß auf die Bären los. Seht! die Fichtenſtange war wie zum Stößer geſchaffen, und die Bären lagen in dem Loche, wie in einem Morſer. Ich aber ſtampfte und ſtampfte. Die Bären glaubten im Schlafe, ſie ſtoßen ſelbſt einander, und ſagten nichts da über. So brach ich Einem um den Andern mit dem Stößer den Hals; und am Ende lags in dem Loche wie Brei, voll mürbgeſtampftem gutem, rarem Fleiſch. Dann ſagte ich zu Göran, er ſoll zu mir auf den Berg her⸗ auf kommen. Wir zündeten ein Feuer im Mooſe an, ſo daß der ganze Berg in Flammen gerteth und ſied⸗ heiß wurde, und ſo ward das Bärenfleiſch in dem Loche gebraten: wir nahmen nun ſo große Bratenſtücke heraus, als wir nur wollten. Das ſchmeckte gut. Darauf aber wurden wir durſtig. Denn—“ „Hahaha!“ lachte der Beiſitzer.„Trink, Jeppe, wenn Du meinſt, daß das hier für einen ſolchen Mann tauge!“ „Danke. Eure Geſundheit! Jetzt muß ich euch erzählen, daß ich im Walde mit Göran nur Waſſer trank. Eines Abends aber wollten wir Milch haben. Es war Abend, wie geſagt, und Mondſchein.„Legt euch nur ruhig auf den Rücken, Herr Göranchen, und ſeid guter Dinge!“ ſagte ich, ſo will ich auf Milch für uns ausgehen.“ Da ſagte er zu mir:„Wo willſt Du in dieſem Walde Milch herbekommen, auf fünf⸗ zig Meilen um uns iſt ja nichts als Wald und Him⸗ mel?“ Ich antwortete ihm:„Liegt nur ruhig, Herr Göran, ich will gehen und ſogleich die Kuh des Pfeil⸗ — —— nr—,—— —— 5 —* Nu— 241 — ſchwanzmännchens melken.“„Du willſt die Kuh des Pfeilſchwanzmännchens*) melken, Jeppe? dann kannſt Du mehr als ich,“ ſagte Göran.„Ja wohl kann ich mehr als der Heirr,“ ſagte ich zu ihm, und ſo ging ich. Dann kam ich mit einem Stöckchen zurück, das ich mir geſchnitten und gefleckt gemacht hatte; denn ich hatte ihm die Hälfte abgeſchält. Jetzt ſagte ich:„Legt euch auf den Rücken, Herr Göranchen, und ſeht ſtarr nach dem Mond! dort oben ſieht der Herr zwei Flecken im Mond, das iſt das Pfeilſchwanzmänn⸗ chen und ſein Weibchen; zu dem will ich hinaufſteigen und es melken. Nun, meine Lieben, wie glaubt ihr wohl, daß ich da hinaufkam? Das wißt ihr, wenn ein Mann zornig, böſe und wild iſt, ſo hat er ſtechende Blicke. Das hatte Herr Göran; denn er hatte es die ganze Zeit über im Kriege gehabt. Als er nun da lag und ſtarr nach dem Monde hinaufſah, kletterte ich an ſeinen Blicken hinauf, die er ſcharf gegen den Himmel gerichtet hatte, und die aus jedem Auge wie zwei Leitern hinaufgingen. Ich ſtieg mit einem Fuß um den andern auf der Blickleiter hinauf. Als ich oben war, hielt ich die Kuh des Pfeilſchwanz⸗ männchens mit meinem Stocke an, und ſo melkte ich ſie. Denn—“ „Hahaha!“lachte die Beiſitzerstochter.„In was melkteſt Du denn, Jeppe?“ „In was ich melkte?“ wiederholte Jeppe etwas verlegen.„O ich melkte in meinen Hut, das ver⸗ ſteht ſich ja von ſelbſt; denn er war damals noch dicht und dieß Loch war noch nicht drin. Als ich aber herabkam, trank ich Herrn Göran zu. Und er trank nachheri, ganz auf dieſe Weiſe.“ Jeppe Jonſſon führte dabei das Glas zum Munde, während ein allgemeines Hurrah, Rufen und Lachen um ihn erſchallte. *) Ein Vogel. Drei Frauen in Smaland. U. 16 242 Dann fing er eine neue Erzählung von demſelben Gehalt an. Und da er mit zwanzig bis dreißig Ge⸗ ſchichten fortmachte, und nicht nur hier, ſondern in jedem Haus der Umgegend; ſo kann man ſich leicht denken, daß es nirgends an luſtigem Geſchwätze über die Vernamodiebe mangelte. Als das Gerücht von dieſen tauſend Sagen Göran Edeling zu Ohren kam, lachte er Anfangs ungeheuer; nachber aber beſchloß er doch, ſeinem lieben Jeppe etwas darüber zu ſagen, daß er ſich zu einem ſo ab⸗ ſcheulichen Erzlügner herangebildet habe. Er traf ihn eines Abenrs, nahm ihn bei Seite, und warf ihm in ſtrengen Worten ſeine zablloſen tollen Erfindungen vor, worin er gewöbnlich Göran die Rolle des ſchlimm⸗ ſten, blutgierigſten Tprannen hatte ſpielen laſſen. Da ſah ihn Jeppe ſo von der Seite an, wie er bisweilen zu thun pflegte und erwiederte:„O ſeht, Herr Göran, wenn ihr Polizeimann werden wollt, ſo darf Niemand glauben, daß ihr im Grund ein ſo ſanfter und guter Mann ſeid, wie ihr es wirklich ſeid; obſchon ihr hie und da recht böſe ausſehen könnt, wie eben jetzt. Ich für meine Perſon war aber der An⸗ ſicht, daß Ihr Polizeimann werden ſolltet; es wäre mir lieb, wenn es geſchehe; das muß ich ſagen. Deßhalb iſt es denn recht gut, wenn Jedermann den Gevanken ins Hirn bekommt, ihr ſeiet eine grauſame Perſon, Herr Göran; denn ſonſt kriegt ihr das Amt nie.“ Göran maß Jeppe mit einem durchdringenden Blick.„Du wollteſt mir alſo nur wieder ſo einen Streich ſpielen, wie damals, wo Du Fähnrich wur⸗ deſt?“ flüſterte er, und eine Thräne war im Begriff ſich in ſeinem Auge zu bilden.„Du haſt mir alſo, ſo weit es in deiner Macht ſtand, dos Polizetamt verſchaffen wolley, Du guter, treuer Junge?“ „Hm!“ verſetzte Jeppe hocherröthend und fah in großer Verlegenheit auf den Boden nieber. Neunundvierzigſtes Kapitel. Berr Alerander redet. Laß deine Dichter ein Jahr lang auf dem Brette ausruhen. Frau von Abelcronas Plan war indeſſen ange⸗ nommen und bereits angefangen worden ausgeführt zu werden. Die drei Freundinnen genoſſen während ihres Zuſammenſeins in Karmansbal das ſüße Vergnügen der gegenſeitigen Vertraulichkeit ſo rein und innig, daß dieſe Probe ihnen genügte, um ein beſtändiges Zu⸗ ſammenleben zu beſchließen. Gräfin Celeſtine genaß bald vollkommen, da ihr zarter, empfindſamer Geiſt von gleichſtimmigen zärtlich gepflegt wurde. Ein Etwas von überirdiſchem Gepräge ſchwebte jedoch immer um den zarten Reiz ihrer Stirne, und überall, wohin ſie ging, war es, als ob ſie eigentlich nicht da wäre. Sie bedurfte einer ſchweſterlichen Stütze. Der Gedanke an Ebbas und Aurorens Abreiſe von Kar⸗ mansbal ſtand deßhalb beinahe wie der Gedanke an den Tod vor ihr. Da der traurige Tag gleichwohl kommen mußte, ſo erneuerte die Hofmarſchallin ihren ſchon früher einmal vorgebrachten Plan:„Laßt uns wechſelsweiſe bei einander wohnen,“ ſagte ſie,„ſo trennen wir uns nie mehr; und können auf dieſe Art doch jede an ihrem Orte hinreichend nach den Unfrigen ſchen. Und laßt uns bei jedem Zuge unfre Kinder mitnehmen. So werden auch ſie zuſammen aufwachſen, ſich licben lernen, und frübzeitig eine Freundſchaft für das gonze Leben knüpfen.“ Frau Aurora von Mekeroth antwortete hierauf durch die herzliche Einladung, bei ihr in Aronfors das ſchöne geſchwiſterliche Leben zu beginnen. Cele⸗ ſtine und Ebba nahmen die Einladung unter der Be⸗ dingung an, daß nach einem vierzehntägigen oder 244 monatlichen Aufenthalte daſelbſt alle drei ſich in Blom⸗ menäs zuſammenfinden ſollten. Aurora war einſtweilen auf ihr Werk heimge⸗ fahren; und ein Paar Tage nachher ſollten die bei⸗ den andern Frauen dort eintreffen. Während dieſer Zeit geſchah es, daß Herr Medenberg und Göran Edeling in die Gegend zurückkamen. Eines Nachmütags beim Thee, als Ebba und Celeſtine bereits einen Tag in Aronfors geweſen waren, und eines der prächtigſten Safranbrode zu oberſt in dem ſchön lackirten Korbe thronte, wandte ſich die Wirthin, Frau Aurora, mit folgenden Worten an ihre Freundinnen:„Was ſagſt Du zu dieſem Saffranbrode, Ebba? und Du, liebe Celeſtine?“ „Es iſt vortrefflich,“ erwiederte die Gräfin.„Iſt es zu Hauſe gebacken?“ „Ja wohl. Aber nicht bei mir. Es iſt ein Ge⸗ ſchenk. Rathet von wem?“ „Ich kann nie etwas errathen!“ verſetzte Celeſtine etwas traurig, und ſchüttelte das liebliche Köpfchen. „Ich war niemals glücklich mit Errathen.“ Frau Ebba nahm ein großes, dunkelgelbes, löcheri⸗ ges Stück zur Hand, drehte es nach allen Seiten und ſagte:„ich wette, dieſes Brod hat unſre gute Frau Probſtin Edeling zur Urheberin; denn Niemand im Kirchſpiele backt ſo wie ſie.“ „Richtig!“ antwortete Aurora.„Sie hat her⸗ geſchickt und mir einen der ſchönſten dicken Kuchen verehrt, den ich je geſehen habe. Aber wißt ihr, was die Alte zu dieſer außerordentlichen Backerei veran⸗ laßt hat? denn die Wahrheit zu ſagen, unſer Probſthof hat die Mittel nicht, um jede Woche Saffranbrod mit Mandeln und Rofinen zu backen.“ „Nun ſo laß hören? Es muß irgend ein frohes Ereigniß ſein, was ſie zu einem ſo großen Unterneh⸗ men veranlaßt hat.“ „So rathet!“ i⸗ d u r⸗ n 8 1. 6 „Aber— wahrhaftig, Aurora! Du ſelbſt ſcheinſt ſo aufgeräumt, ſo erregt— ich glaube Du wirſt roth? — ich ſehe faſt eine Thräne in deinem Auge!“ „Hört mich,“ unterbrach ſie Aurora mit einer Stimme, die etwas zitterte und doch die ſchönſte von der Welt war:„Mama und Papa Edeling rüſten den Verlobungsſchmaus für ihre Lochter.“ „Für Marien?“ rief Celeſtine; und Ebba ſetzte hinzu:„mit wem denn?“ 5 „Ja, errathet es, wenn ihr könnt! Aber ich habe uns Allen einen Vorſchlag zu machen. Der gute Probſt war mir immer theuer, und es iſt, glaube ich, Keine unter uns, die nicht ſein Haus und ſeine vor⸗ treffliche, liebenswürdige Tochter hochachtet. Lußt uns übereinkommen, ihr Brautgeſchenke zu geben,— einige kleine paſſende Verlobungsgaben—“ „Ich vermuthe, daß die Probſtin Edeling, als ſie den großen Saffrankuchen hicher ſchickte, dich gewiß auch den Namen des et wiſſen ließ, der ihre Tochter bekommt?“ fiel Ebba ein. „Ich wußte dieſen Namen ſchon vorher,“ ent⸗ gegnete Aurora, aufs neue ſchnell und unvermerkt erröthend.„Herr Medenberg hat mir dieſen Namen anvertraut.“ „Herr Medenberg? Was hat er mit dieſer zu ſchaffen?“ ſagte die Hofmarſchallin etwas eftig. „Nicht ſo gar wenig. Er iſt es, der nächſten Sonntag die Hauptperſon bei Mamſell Mariens Ver⸗ lobungsſchmauſe ausmachen wird—“ „Ach— aha—“ riefen die Gräfin und die Hof⸗ marſchallin zu gleicher Zeit. Frau Ebba war gleich⸗ wohl die erſte, die ſich wieder faßte und ſogleich fort⸗ fuhr:„Liebe Aurora! ich billige deinen Vorſchlag außerordentlich! Wir müſſen darüber nachdenken, mit was für ſchönen, zugleich nützlichen und angenehmen Geſchenken wir die kleine Marie erfreuen können, und 246 dadurch beweiſen, wie ſehr uns dieß Ereigniß freut! wie warm wir daran Antheil nehmen!“ Man kam überein, ihr vorderhand dreierlei zu ſchenken, ſo, daß gleichſam von jeder Frau etwas kam. Zwei Gegenſtände fand man bald: ein Brautkleid von Seide, und einen Brautſhwal, der dem Kleide nichts Aber worin ſollte das dritte Geſchenk be⸗ ehen? Die Wirthin öffnete ihre ſchönen Lippen und ſetzte ihre Gedanken in folgenden Worten auseinander: „Herr Medenberg hat mir, nach ſeiner Rückkehr von der berüchtigten Reiſe und dem Edeling'ſchen Krieg, etwas anvertraut, was mich aufs Tiefſte rührte; und ich wollte, ich hätte einige von ſeinen eigenen Worten, um dir Alles ſo recht mittheilen zu können, meine liebe Ebba. Doch werdet ihr Beide, Du und Cele⸗ ſtine, mich ſchon verſtehen. Ich hege die größte Achtung vor dieſem Manne; ich möchte ſagen Ver⸗ ehrung, Freundſchaft; doch das thut nichts zur Sache. Wenn ich ihn aus meinem Hauſe gehen ſehe, ſo kann ich dieß nicht geſchehen laſſen, ohne daß ich mit Allem, was in meinen Kräften ſteht, zu ſeiner Wohlfahrt bei⸗ trage. Er hat für mich und die Meinigen mehr ge⸗ than, als Mancher an ſeiner Stelle nur gedacht haben würde. Es iſt ein Mann, der für das Große in der Welt lebt; und es ſteht uns nicht an, hinter ihm zurückzubleiben. Er ehelicht jetzt ein gutes und ſchönes, ein tugendhaftes und vortreffliches Mädchen: arm wie er an irdiſchen Gütern; aber auch reich wie er an den wahren. Er will ſich in unſerer Gegend nieder⸗ laſſen. Sollen wir— die wir die Güter dieſer Welt haben— nicht unſere Ehre darein ſetzen, ihm und ihr eine Heimat zu bauen? Dieß dürfte nach meiner Anſicht das dritte Brautgeſchenk werden, das wir Marien geben, und das ſie ihm in den Brautſtuhl mitbringen kann. Daß er ſich in dieſer Gegend nie⸗ derlaſſen will, hat überdieß ſeinen Grund in einem „—— — —** — —— v — 247 hohen edlen Gedanken. Aber ich bitte euch, ihm zu erlauben, daß er dieſen ganzen großen Plan zum Beſten der Menſchbeit euch mit ſeinen eigenen Worten auseinander ſetzen dürfe; ich würde die Sache nur verderben, wenn ich darüber ſpräche. Er wünſcht nämlich einen Wald benützen zu dürfen, an dem wir alle Antheil haben. Gebt ihm eure Antheile an dieſer Wildniß! Seine Abſicht iſt, ſie in einen Garten mit früher nie geſehenen Blumen zu verwandeln. Ihr werdet es mir nicht abſchlagen. Ich gebe ihm noch überdieß als Wohnung für ſich und die Seinen einen kleinen, aber gut gebauten Hof, der an der Grenze dieſes Waldes liegt. Was meint ihr? Wenn er ſich einmal dort mit ſeiner Marie eingerichtet hat, können wir dann nicht ihm unſere Kinder zu einer gemeinſchaftlichen Erziehung überlaſſen? Das gäbe eine Geſchwiſteranſtalt, wenn ihr ſo wollt: und wir können ihm ja recht gut etwas— Anſtändiges— ſo⸗ gar Reichliches bezahlen, wenn es euch recht iſt! Wie könnten wir wohl unſer Geld beſſer anwenden? Auf dieſe Art kann er ſeine Haushaltung in Gang bringen: wenn er wenigſtens mit den erſten, nöthigſten Ein⸗ künften verſehen iſt. Und bei ſeiner außerordentlichen Thätigkeit wird er noch Zeit genug für ſeine andern, ſo großen, ſeine eigentlichen Abſichten— hm— mit dem Walde übrig haben.“ „Bei Gott!“ brach Frau Ebba aus,„was beab⸗ ſichtigt er? was will er? Er hat mein Manuſcript ſtudirt! Vielleicht denkt er an ein Phalanſtère? Aber nein— in einem wilden Walde— nein, nein, das kann es nicht ſein. Beſte Aurora, hier haſt Du meine Hand! Alles was von dieſen Gütern und Grundſtücken mein ißt, ſteht ſogleich du Herrn Medenbergs Dienſten. Ich brenne vor Begierde, ihn ſelbſt über all Das reden zu hören.“ „Was den Vorſchlag betrifft, unſere ganze Kinder⸗ ſchaar vei ihm unterzubringen,“ fiel Gräfin Celeſtine . —— 2i8 ein,„ſo kann ich mir nichts Herrlicheres denken. Wir haben ja früher ſchon einmal davon geſprochen, Herrn Medenberg als unſern gemeinſamen Informator zu benützen. Und Marie Edeling können wir gewiß für die beſte Mutter unſerer Kinder an unſerer Statt an⸗ nehmen.“ Die drei Freundinnen waren bis zu dieſem Punkte in ihrer lebhaften Unterhaltung gekommen, als die kleine Ulla Mekeroth in das Zimmer hereingehüpft kam, verſchiedene kleine Erzſtufen in der Hand hal⸗ tend, über die ſie ſo glücklich geweſen war, eben eine Erklärung von ihrem beſten Freunde zu erhalten. „Mama! Mama! was ſagt Mama dazu?“ rief ſie. „Das heißt Glimmer! und das hier iſt Feldſpath! aber das iſt Kratz, ſagt Herr Medenberg.“ „Quarz,“ berichtigte Herr Medenberg, der eben zur Thüre hereinkam. Als er aber die ganze vor⸗ nehme Geſellſchaft bei ſeiner Patronin verſammelt ſah, blieb er beſcheiden ſtehen und machte eine ehrer⸗ bietige Verbeugung. „Stille, Ulla, Du Schwätzerin!“ gebot Frau Au⸗ rora, und wehrte die Beſtürmung ihres Kindes mit den Steinen ab.„Haben Sie die Güte und kommen Sie heran, Herr Medenberg, Sie werden uns eine Taſſe Thee heute nicht abſchlagen. Nehmen Sie Platz! Ullchen, geh' Du wieder zu deinem Bruder Matts hinunter, und ſieh nach, ob er etwas bedarf. S nicht recht, wenn man ihn ſo allein läßt: ge Ulla trat ab, mit dem Verſprechen, ihrem Bru⸗„ der, der jetzt endlich auf ſein durfte, eine genaue Be⸗ lehrung über die Zuſammenſetzung des Grauſteins zu geben. Um die Unterweiſung hierin zu erleichtern, ſie zwei ſchöne, große Stücke Saffranbrod mit. Als Herr Alexander in dem Kreiſe der drei Frauen ſaß, begann er auf Veranlaſſung der Frau ———— 249 Hofmarſchallin, die zu hören wünſchte, wie der be⸗ rüchtigte Räuberkrieg entigte, eine ausführliche und unterhaltende Erzählung von den Abentheuern dieſes Feldzugs zu geben, wie er ſie von ſeinem Freunde Edeling gehört hatte. Seine Darſtellung war aber keineswegs in Jeppe Jonſſons Manier. Gehen das Ende kam er an die maleriſche Schil⸗ derung des großen Waldes, wo er zuerſt Matts Per⸗ ſon und die Hexe Ellin getroffen hatte, wie ſie be⸗ ſchäftigt geweſen, den Meiler mit Kohlen voll zu zaubern, und wo er ſpäter Nickolſon und die übrigen Verbrecher in ſchützendem Verſtecke zurückgelaſſen hatte. Daß er ſeinen Plan, nach Götheborg zu reiſen, auf⸗ gegeben, verſtand ſich von ſelbſt, da ſeine Abſicht mit Nickolſon nunmehr in etwas ganz Anderem beſtand, als ihn außer Lands zu führen. Herr Medenberg ging bald in den Ton tiefen Ernſtes über. Mit ein⸗ facher herzlicher Offenheit ſetzte er ſeine Hoffnungen und ſeinen Plan zur Beſſerung der gefallenen Men⸗ ſchen auseinander. Ebba und Celeſtine blickten mit einer ſchwärme⸗ riſchen, kaum beſchreibbaren Luſt auf den Sprechen⸗ den. Sie waren ſchon zum Voraus für dieſe ſchöne Sache geſtimmt; jetzt umfaßten ſie das, was ſie hör⸗ ten, mit einer Wärme, die beinahe der zweier Kin⸗ der gleich kam. So gewiß iſt es, daß Leben und Wahrheit verjüngen; daß die Freude, die daraus fließt, dem Geiſte einen ewigen Frühling verleiht. Denn keine dieſer Frauen war körperlich mehr jung; was ſchon daraus abgenommen werden kann, daß ſe — wie wir aus Nickolſons Erzählung wiſſen— ſich vor zwanzig bis dreißig Jahren ſchon verheirathet hatten. Aber obſchon etliche und vierzig Jahre alt zeigte die Hofmarſchallin Ebba doch in ihrem ganzen Weſen nicht nur jene Friſche, welche Religion und eordnete Gefühle beinahe immer dem Gemüthe ver⸗ eihen, ſondern auch eine Lebendigkeit, die ihr für 250 Alles Intereſſe einflößte, und ihrem Blick den Anſtrich einer neunzehnjäbrigen Empfindung gab. So mächtig wirkt dieſes reine Vergnügen in Gott auf Geſund⸗ heit und Reiz. Und Gräfin Celeſtine, obgleich kränk⸗ licher und ſchwächer in Folge eines mehrjährigen Mangels an Luſt für ihr Herz— wie wir ebenfalls wiſſen— war doch ſeit den letzten Wochen ven einem heiligen Enthuſiasmus ergriffen, welchen ihr LUr Um⸗ gang mit wahren Freunden und all die Gedanken an ſo großartige Pläne eingeflößt hatte. Wie jugendlich Frau Aurora obwohl bei achtundzwanzig oder neun⸗ undzwanzig Jahren war, bedarf keiner weitern Be⸗ merkung. Bei einem Abſchnitt der Darßtellung end⸗ lich, welcher die Koſten der Anlage betraf, unterbrach die Hofmarſchallin den Sprecher plötzlich und rief prophetiſch aus, indem ſie ihre Hand bedeutungsvoll auf ſeinen Arm legte:„Sehen Sie, Herr! ſehen Sie jetzt Gottes Finger? verſtehen Sie mich nicht, mein Herr?“ Medenberg, in deſſen Charakter es lag, Gottes Finger in Allem und Jedem zu ſehen, begriff nicht gleich, was die Hofmarſchallin hier beſonders meinte, ſondern blickte ſie fragend an. „Erinnern Sie ſich noch, mein Herr,“ fuhr ſie fort,„erinnern Sie ſich noch des Geldes, das Rie⸗ mand gehören ſollte?“ „Ich verwahre das Paket noch immer uner⸗ brochen,“ verſetzte cr. „Die Vorſehung hat es ſo gewollt!“ fuhr Frau Ebba mit ſüßer, aber leiſerer Stimme, wie in einem himmliſchen Gedanken verloren, fort.„Wie wunder⸗ bar! Es ſollte ſich ſo geſtalten, daß wir Sterblichen ungeachtet der gewiſſenhafteſten Forſchung unmöglich herausbringen konnten, ob jene 2500 Reichsthaler dem Abeleronaiſchen oder dem Mekeroth'ſchen Hauſe gebör⸗ ten. Ich bat deßhalb den Herrn, als unintereſſirt bei der Sache, ſie bis auf Weiteres zu behalten. Viel⸗ „ „ ——— ——— 254 leicht haſt Du ſchon davon gehört, beſte Aurora? Jetzt aber meine Freunde, laßt uns den Blick nach oben wenden und ſchauen, wie Gott es auch mit dieſem in unſern Augen ſo kleinen Dinge gemacht hat. Herr Medenberg! jetzt iſt die Art und Weiſe gefunden, wie wir dieſe Geldmittel anzuwenden haben: es iſt die richtigſte, die beſte: die, welche Gott will. Dieſes Geld ſoll zum Beginne der Anpflanzungen im Walde verwendet werden: zu Wohnungen, dem Ankauf von Lebensmitteln und zur Urbarmachung, bis einmal Alles im Gang iſt, und die Verbrecher ein wenig vorwärts gekommen ſind. Nehmen Sie dieſen Schatz dazu! weder Aurora, noch ich noch unſere Kinder werden es einen Augenblick länger als unſer Eigenthum be⸗ trachten.“ Gräfin Celeſtine ſchaute drein, als ob ſie neidiſch wäre und dächte:„darf denn ich nicht auch dabei ſen und mein Scherflein dazu geben?“ Sie ließ einige halbe Worte darüber fallen. Aber die Hofmarſchallin unterbrach ſie und ſagte: „Celefline! deſſen bedarf es nicht. Du haſt ſchon dei⸗ nen Antheil gegeben. Denn erinnere dich nur! Und möge dich dieſer Gedanke jetzt nicht verletzen— jetzt, da wir in einer himmliſchen Vereinigung ſitzen, von wo aus wir auf alles Irdiſche als etwas höchſt Arm⸗ ſeliges hinabſehen—“ Die Gräfin blickte empor, verſtand jedoch Frau Ebba nicht. „Erinnere dich!“ fuhr dieſe fort.„Durch weſſen Veranſtaltung und Mitwirkung— durch weſſen An⸗ ders, ſage ich, als deines Mannes wurde dieſes Geld zuerſt ſeinem anfänglichen Beſitzer genommen, und endlich in die ſonderbare Lage gebracht, daß wir er⸗ klären mußten, es gehöre rechtlich Niemand zu, wo⸗ durch es heute unſerem Medenbergiſchen Inſtitute an⸗ heim fiel? Das that Zeyton; denn ohne ihn wäre 252 es wahrlich nie geſchehen. Siehſt Du jetzt nicht auch hierin Gottes Finger?“ Die Gräfin fühlte einen plötzlichen Schauder und ſah zu Boden.„Sollte auch das Gottes Finger ſein?“ dachte ſie.„Das war doch ein—— Dieb⸗ ſtahl—— o ewiges Räthſel! O mein— ehemali⸗ ger—— Mann!“ Gottes Finger, der der Gräfin bisher immer ſo weiß wie der glänzendſte Alabaſter gedäucht hatte, erhob ſich in dieſem Augenblicke blutroth vor ihrem innern Auge, vor der Einbildungskraft ihrer Seele. Sie drückte in einem geheimen, unausgeſprochenen und unausſprechlichen Schreck die Hand vor ihre Augen. Nach einer kleinen Weile wandte ſie ſich jedoch aufs neue zu Frau Ebba. Blaß, aber mit einem Blicke des wärmſten Vertrauens ſchaute ſie auf ſie, wie in der feſten Hoffnung, dereinſt das gräßlichſte aller Räthſel hienieden aufgelöst zu ſehen; das näm⸗ lich, welchen Antheil Gott an unſern ſündhaften Hand⸗ lungen hat? Frau Ebba verſtand ſie, nickte und er⸗ hob den Finger.„Wir wollen darüber zuſammen in der heiligen Schrift nachleſen,“ erwiederte ſie.„Dar⸗ über fteht nichts Genügendes in den Poeten, Cele⸗ ſtinchen. Laß deine Dichter ein Jahr auf den Bret⸗ tern ruhen, und folge dafür einſtweilen mir nach einer kleinen Quelle in der wirklichen Welt, die ich dir zei⸗ gen will; es iſt ein wahrer Springbrunnen: die Quelle des Lebens. Doch genug, genug für heute. Zepton iſt hinübergegangen! ſei froh!“ Das Geſpräch nahm nun wieder ſeinen früheren, angenehmen Gang. Herr Alexander fuhr fort, ſeinen Diebsbeſſerungsplan bis ins kleinſte Detail ausein⸗ ander zu ſetzen; dabei erwähnte er auch des Umſtandes, daß er Göran Edeling als Polizeibeamten und Cherub am Ausgang des Waldes, in ſeine Nähe zu bekom⸗ men hoffe, um die Kranken auf ihrem Platze zuſam⸗ menzuhalten und ſie daran zu verhindern, daß ſie aufs — *————————— 255 neue in die Welt hinausſtürzten zu ihrem eigenen und dieſer Verderben. Er wiederholte Alles, was er hier⸗ über bereits ſchon einmal mit ſeinem Freunde beſpro⸗ chen hatte. „Gewiß,“ ſchloß er,„und ganz abgeſehen von dem Wunſche, den ich ſpeciell mit ſeiner Nachbar⸗ ſchaft verknüpfe, verdient Edeling das Amt, das man ihm verſprochen hat; denn er hat dem Lande einen großen Dienſt geleiſtet, und den reinſten Eifer bei der Ausrottung des Uebels an den Tag gelegt; und ich glaube das Gouvernement wird nicht umhin können⸗ ihn zum Polizeibeamten zu ernennen. Doch auf alle Fälle— ich erlaube mir hier ein Wort für ihn ein⸗ zulegen— würde es gewiß nicht ganz nutzlos ſein, wenn eine einflußreiche Hand wie zum Beiſpiel die Frau Hofmarſchallin die Gnade haben und an irgend einen mächtigen Freund in Jönköping ſchreiben wollte —— denn Recht und Wahrheit gewinnen vft durch eine ſolche Unterſtützung.“ Dieſer Wink brauchte kaum ausgeſprochen zu werden. An demſelben Tag noch ſetzte Frau Ebba von Abelcrona ein Schreiben auf, das ein Zeugniß von ihrer ſchönen Seele gab, und welches auf die Poſt nach dem Polizeiamte abging, um mehr als vieles Anderes zu Gunſten des verdienftvollen Göran zu wirken. Fünfzigſtes Kapitel. Herr Göran reiſ't auf die Freierei. Ich kenne ein Mädchen, das gerade für mich paßt.— Im Probſthofe war ein Leben und ein Lebtage. Jedermann weiß, daß die arme Probſtin ihre großen 254 Fehler hatte, unter denen ihre ſonderbare Biſſigkeit gegen die verwittwete Patronin von Aronfors, damals als ſie dieſelbe im Verdacht hatte, ſie ſtehe ihrer Toch⸗ ter im Wege, gewiß nicht der geringſte warz da nun aber die Sorge hierüber verſchwunden war, und ſie durch den Saffrankuchen einen hinreichenden Beweis von der Rückkehr ihres guten Herzens auch in Be⸗ ziehung auf„Frau Mek“ gegeben hatte,(die doch am beſten daran thut, wenn ſie Frau Mek bleibt,“ war die ſtets erneuerte, lächelnde Pbraſe der Probſtin⸗ womit ſie jedoch keinen böſen Gevanken verband); ſo blieb jetzt wenig Arges mehr an der Alten hängen, außer daß ſie weder ſtehen noch ſitzen konnte. Sie war in unaufhörlicher Bewegung. Und der gute alte Eveling bekam wahrhaftig hinlänglich zu erfahren, daß er Gatte und Vater war. Als jedoch die Verlobungsfeierlichkeit am Sonn⸗ tag vorüber war, beruhigte ſich die Probſtin allmäh⸗ lig mehr und mehr. Die Hochzeit ſelbſt ſollte im Frühling vor ſich gehen, wenn man erſt das Wohn⸗ haus auf dem kleinen reizenden Hofe an jenem Wald⸗ faume in Ordnung gebracht hätte. Frau Aurora hatte denſelben förmlich an Herrn Medenberg abge⸗ treten, des Scheines halber unter gewiſſen Bedin⸗ gungen, die jedenfalls ſehr billig waren; unter dieſen beſtand eine— von Frau Aurora ſelbſt diktirte und als unumgänglich erklärte— darin, daß der Ort, der eigentlich den Namen Eitergrind führte, Marien⸗ thal heißen, und nie mehr ſo abſcheulich genannt werden ſollte wie früher. Der Schenkungsbrief wurde von der reizendſten Hand mit der ſchönſten Seide um⸗ wunden, und wohl verſiegelt, an Marie Edeling auf ihren Namenstag geſchickt; denn ſie ſollte es ſein und Riemand anders, die Mevenberg mit der angenehmen Wohnſtätte zu belehnen hätte. Auch war man über das Geſchwiſterinſtitut übereingekommen. Außer Frau von Mekeroths zwei Kindern, ſollten die zwei Fräu⸗ „ „ lein von Zeyton und die drei Fräulein von Abelcrona den Neuvermählten übergeben werden, wobei für jeden Zögling eine artige Bezahlung oder„Summa ſummario,“ wie die Probſtin dieſe Gabe am liebſten benamste, ausgeſetzt wurde. Die Frau Schwieger⸗ mutter rechnete dieſe großen Einkünfte täglich an den Fingern herunter: das Ganze ſchätzte ſie auf das Ein⸗ kommen einer mittleren Pfarrei, wenn ſie nämlich noch all das Gute hinzunahm, das in(Eitergrind ſagte ſie aus eitel Liebe zu dem Orte, berichtigte ſich jedoch ſtets in) Marienthal erzielt werden konnte. Medenberg ſagte nichts dazu. Er hätte am liebſten ſeine ganze Zeit der großen Pflanze für die„Menſchen in der Wüſte“ gewidmet; unmöglich konnte er jedoch das Anſinnen der Frauen abſchlagen. Ueberdieß war er ja gewöhnt, viel zu arbeitenz; und mit kleenen ar⸗ tigen Kindern lernen, war die Luſt ſeines Lebens. Enplich fuhr es ihm auch durch den Sinn, daß Marts Mekeroth ſehr wohl zum Aufſeher der ſechs Mädchen herangebildet werden könnte; wobei ihm gewiß das älteſte Fräulein von Abelerona, die kleine zwölfjährige und für ihr Alter ſo verſtändige Luiſe an die Hand gehen ſollte. Und ſo ging er denn auf den Vorſchlag ein. Maria Edeling hatte alſo in Ausſicht, ſogleich eine ſebr anſehnliche Haushaltung zu bekommen. Mit Herrn Göran war eine ſeltſame Verände⸗ rung vorgegangen. Von einem kleinen Ausflug nach Jönköping kam er eines Tages in den Probſthof zu⸗ rück; und ſo barſch, ſo ſchrecklich batte er noch nie ausgeſehen. Man konnte unmöglich ein Wort aus ihm herauskriegen. Endlich jedoch Mittags, als die gewöhnlichen zwei Gerichte verzehrt waren, und er deſſen ungeachtet ſab, wie Mama gegen allen Werk⸗ tagsbrauch ein driſtes ankommen ließ, das aus Pfann⸗ kuchen mit Himbeerſauce beſtand— offenbar nur um die üble Laune des Sohnes zu beſchwichtigen— da ſtieg ein milderer Geiſt in ſeinem Geſichte auf, die Augen begannen zu ſchimmern, und unter ſeinen Wimpern ſah es aus wie eine große Thräne. Er ſteckte ſeine gewaltige muskulöſe Hand in die Bruſt⸗ taſche, nahm ein Dokument heraus und reichte es ſeinem Vater hinüber. Der alte Edeling, der die ganze Zeit über er⸗ ſchrocken dageſeſſen war und ſtill fort gegeſſen batte, nahm das Papier mit einem unheimlichen Gefühle. „Unſere Hoffnungen in Betreff eines Amtes für Gö⸗ ran, ſind alſo fehlgeſchlagen,“ dachte er, aber er war für jeden Fall bereit, ſein Käppchen ehrfurchts⸗ voll zu lüpfen und dem Weſen zu danken, das un⸗ ſere Schickſale regiert. Mit ſtiller Reſignation faltete er daher den Bogen auseinander und begann zu leſen. „Herr Gott! was ſeh' ich, Göran?“ rief er und wollte ſeinen Augen nicht trauen.„Das iſt ja deine Beftallung! deine richtige und ordentliche Vollmacht, mein Junge! Du biſt jetzt— du biſt dein eigener Herr geworden; in deinen jungen Jahren biſt du fchon mit einem guten Dienſte verſehen, mit einer Wohnſtelle und einem hübſchen Gehalt— o mein Sohn! Wie hat mein armes Haus ſo viel Gnade und Freude auf Erden verdienen können?“ „Ja mein Vater!“ antwortete Göran ernſt, und die warmen Thränen tropften ihm über die Wangen. „Deine Gottesfurcht iſt es und nichts Anderes, die alles das gethan hat. Dich hat Gott ſo geliebt; und um deinetwillen hat dein Sohn etwas erhalten. Dank, mein Vater!“ Göran ſtand vom Tiſche auf, trat zu ſeinem Vater hin, beugte ein Knie vor ihm⸗ ergriff ſeine Hand, bückte ſein lockiges Haupt über ſie, küßte ſie heftig und unaufhörlich, und bedeckte ſie mit einer Fluth der ſüßeſten Thränen. Der alte Edeling erhob ihn und ſchloß ihn in ſeine Arme.„Nicht mir danke, ſondern deinem Groß⸗ vater!“ flüſterte er.„Sein Geiſt iſt es, der in dir 257 lebt, mein Junge, und der gemacht hat, daß du dich ſo brav ſchlugſt, daß du etwas in der Welt wurdeſt.“ Göran erwiederte nichts; aber er ſtand auf und ging zu ſeiner Mutter hin, die ſich ebenfalls vom Tiſche erhoben hatte. Die Probſtin hatte die Augen voll Thränen; aber als Göran ſie drückte und küßte, ſprach ſie:„es iſt ſündlich, bei ſo Etwas zu weinen, mein Kind!“ worauf ſie ihr großes, grüngeſtreiftes Nastuch hervorzog, und ibrem Sobne Augen und Wangen trocknete; und als ſie endlich ſo glücklich war, die Freude in allen Geſichtern glänzen zu ſe⸗ hen— wie es bei dieſer Gelegenheit gewiß auch recht und billig war— wiſchte ſie ihre eigenen naſ⸗ ſen Augen, und beendigte das Ganze, indem ſie ſich wacker ſchneuzte. Hiemit gab ſie das Feld frei. Jetzt kam die Reihe des Umarmt⸗ und Geküßtwerdens an Marie; und dann ward Bruder Medenberg bei der Hand genommen, daß die Finger krachten. Herr Alexander brachte nämlich oftmals die Mittage bei ſeinen künftigen Schwiegereltern zu, um Mancherlei zu berathen und zu beſprechen. Görans Herz batte ſich indeſſen durch die Thränen gelöſt, und er machte ſich in folgenden Ergießungen Luft: „Hätte ich nur Jeppe Jonſſon hier, den braven, treuen Jungen! einen beſſern Schlingel giebt es nicht zwiſchen Himmel und Erde: er ſollte auf meine Ge⸗ ſundheit und mein Wohlergehen trinken. Doch da mich jetzt das Gouvernement zum Polizeibeamten ge⸗ macht hat, ſo gelobe ich vor Gott dem Allwiſſenden, ich will den Fähnrich nicht vergeſſen. Ein redlicherer Junge iſt nie in ein paar Holzſchuhen gegangen; und ſo wahr ich lebe, werde ich ihm ein Brod an meiner Seite verſchaffen neben der Wohnſtelle. Er iſt ja ſeine zwanzig Jahre alt, und mehr. Ich weiß auch, daß er ein Mädchen liebt, obſchon ich nie ihren Namen aus dem galanten verſchwiegenen Menſchen herausbringen konnnte. Aber ich weiß do daß es Drei Frauen in Smaland. MH. 256 das„Dorchen von Jönköping“ aus der Vorſtadt iſt. Es iſt ein ſehr braves Mädchen, die Dora. Sie ſind mit einander bekannt geworden, als ſie in Karmans⸗ bal, ich glaube, als Kammerjungfer lebte, und von der Gräfin dort in ſo viel Schbnem erzogen wurde. Er kann ſie nun nicht bälder bekommen, bis er Haus und Hof hat, wie billig. Und das muß ich ihm ver⸗„ ſchaffen. Es iſt meine Pflicht. Er ſoll ſich alsbald im Frühjahr verheirathen. Hm— und ich— ich ſelbſt—“ Bei dieſen Worten begann Herr Göran plötzlich mit ernſten, abgemeſſenen Schritten im Saale des Probſthofes auf und ab zu gehen. Sein Geſicht zog ſich aufs neue zu einer ſchrecklichen Grimmigkeit zu⸗ ſammenz und er ſah ſo böſe aus, daß Schweſterchen Marie es für angemeſſen hielt, ſich zu Mama hin⸗ über zu ſchleichen, ihr auf den Arm zu klopfen und zuzuwinken, ſie möchte doch Bruder Göran anſehen, und ſie dann zu bitten, ſchleunigſt den Kaffee kommen zu laſſen, um wo möglich einen heitern Bruch in ſeine üble Laune zu machen. Der alte Eveling, der ſich mit ſeiner Mittags⸗ pfeife zurückgezogen und in eine Saalecke geſetzt hatte, ſchaute hie und da auf ſeinen ſchauerlich dahin ſchrei⸗ tenden Sohn. Endlich wagte er ſich mit den Worten heran:„Aber mein lieber Göran! was geht denn um Gotteswillen mit dir vor?“ „Ich werde mich verheirathen,“ antwortete Göran mit ſchrecklichen Blick durch die Fenſterſcheiben. a—“ „Wenn mein Vater und meine Mutter nur wüß⸗ ten!“ ſetzte er wieder mit einem ſchnellen Schimmer der herzlichſten Fröhlichkeit hinzu, die ſich über ſein ganzes Geſicht verbreitete.„Ich kenne ein Mädchen, das gerade für mich paßt.“ „Nun, das iſt immer das Paſſendſte,“ bemerkte die Probſtin. —— N 259 „Ja, Mamachen, in dieſer Sache handle ich ganz, wie ich ſelbſt will, und nehme keinen Rath an, der nicht mit meiner eigenen Anſicht übereinſtimmt.“ „Du brauchſt aber doch darum nicht ſo greulich böſe und ergrimmt auszuſehen.“ „Ja ja, gleich viel. Ich werde ſchon lachen, wenn es Zeit iſt. Inzwiſchen ſteht es jetzt ſo, daß ich glaube, ich muß mich auf den Weg machen, und das ſogleich.“ „Warum denn, ums Himmelswillen?“ „Um zu freien, das verſteht ſich ja.“ „Ich glaubte, das wäre ſchon abgethan.“ „Ich glaube es beinahe auch. Ich habe es dem Mädchen einmal auf meine Weiſe und nach meiner Fagon geſagt, die noch nie die rühmlichſte war. Ich bin deßhalb nicht ganz ſicher, ob ſie damit einverſtan⸗ den iſt. Ich muß ſie noch einmal fragen. Genug: ich bin jetzt Polizeimann, ich werde mich bis auf's Frühjahr häuslich niederlaſſen; und das Mädchen ſoll, ſo wahr ſie—— heißt, und Gott ſoll mich hol——“ Schweſter Marie ſprang ſchnell auf ihn zu und legte ein Paar Finger auf den Mund ihres Bruders, — im Begriff war, etwas gar zu Polizeimäßiges zu agen. Die Sache war die: ſie kannte bereits Görans Liebesgeheimniß. Sie hatte ſelbſt die kleine Dädemo⸗ Ellin ſo gerne, daß ſie ihr als Schwägerin höchſt will⸗ kommen war, beſonders da ſie wußte, daß Ellin ge⸗ genwärtig immer, wie auch ſchon oftmals früher, bei der Hofmarſchallin von Blommenäs ſich aufhielt, die ſie erzog und gar Vieles lehrte. Außerdem mußte Marie auf alle Fälle anerkennen, daß er ganz richtig handle, wenn er ein ſo thätiges und an Geſchäfte gewöhntes Weib nehme, um im Hauſe eines Polizei⸗ mannes die Wirthin vorzuſtellen. Aber ſie war nicht verſichert, ob nicht in Mamas Kopfe eines und das andere Standesvorurtheil ſpuken möchte. Damit 260 nun darüber jetzt keine Händel im Probſthofe entſtän⸗ den, wünſchte ſie ſehnlich, daß Göran bis auf Weiteres den Namen ſeines geliebten Mädchens noch nicht nen⸗ nen ſollte. Er ſchwieg auch wie ein gutes Kind, als er die lilienweiße Hand ſeiner Schweſter vor den Mund bekam. Er lachte nur gewaltig und guckte um ſich. „So, mein lieber Göran,“ ſagte die Probſtin trocken,„komm jetzt her und trinke deinen Kaffee, und phantaſire nicht länger.“ Dieß geſchah. Eine halbe Stunde nachher aber war Göran zur Abreiſe bereit; er fuhr nun ohne Gnade und Barm⸗ herzigkeit nach Blommenäs, zur Hofmarſchallin Abel⸗ crona und ihrem Schützling, der ſchönen Enkelin des wunderbaren Organiſten. Einundfünfzigſtes Kapitel. Beim Flachs. Ach ja, thu' es! umgeh' ſie nicht! ſag' es ihr! Es wird ſie ſo unbeſchreiblich freuen! Als Göran Edeling vor Blommenäs ankam, hielt er mit ſeinem Fuhrwerk unten am Stalle, ſtieg aus und übergab das Pferd einem Knechte. Er wollte nicht an den Hof ſelbſt anfahren. Dieſer ſo wackere und unerſchrockene Jüngling, der dem Tod in tauſend Geſtalten ohne Zittern getrotzt hatte, fühlte jetzt ein Herzklopfen, das er nicht überwinden konnte. Es war eiwas in ihm, das ſeinem Gefühle ſtets Nein zuflü⸗ ſterte, ſo wenn er im Begriff ſtand, zur Frau Hof⸗ marſchallin hineinzugehen und mit ihr über ſeine An⸗ gelegenheit zu ſprechen. Er wußte doch, daß er von der vornehmen, aber edlen Frau von Abelcrona gewiß ſehr freundlich empfangen werden würde, Was war 261 es alſo, das ihn in dieſer wichtigen Stunde ſeines Lebens ſo verzagt machte? Iſt es eine ſo allgemeine und unwillkürliche Erfahrung, daß wahre und warme Liebe Unentſchloſſenheit und Furcht einflößt? Hatte denn Herr Edeling nicht ſchon längſt einmal Ellin gewiſſe Anträge gemacht, und das ohne die geringſte Gefahr? hatte er es nicht damals mit einer Heiterkeit und Zuverſicht gethan, die ſich durch NRichts zurück⸗ halten ließ? Aber damals im Walde waren ſeine Worte an das liebliche Mädchen ganz ohne lange Ueberlegung, wie ein halber Scherz und nicht in der Abſicht, eine Werbung zu bedeuten, aus ſeiner Seele gefloſſen. Sie hatten ſich ſo ganz von ſelbſt geſtaltet: ſie waren mit einer Leichtigkeit zum Vorſchein gekommen, daran ſich Göran heute mit Reid erinnerte. Er hatte, als er damals anfing, nicht einmal gewußt, daß in dem, was er ſagen wollte, eine Art Werbung enthalten warz aber kaum hatte er ſeinen ſchönen, treuherzigen Antrag ausgeſprochen, als er an ſeinen eigenen Aus⸗ drücken hörte, was es war, und daß er dem Mädchen ganz gewiß eine Erklärung aus der Tiefe ſeiner Seele machte. Sie hatte ſeine Worte damals auch nicht übel aufgenommen; obſchon ſie ihnen wahrſcheinlich keinen andern Werth beilegte, als einem gewöhnlichen Spaſſe in Buſch und Wald.„Wie einfältig war ich, daß ich die Gelegenheit nicht beſſer benützte, als die Sache ſo ſchön im Gang war, und mir eine entſcheidende Antwort aus Ellins Munde holte!“ ſprach er jetzt mit ſchwerem Vorwurf gegen ſich ſelbſt. Heute war er nun die ganze Strecke vom Probſt⸗ hofe bis nach Blommenäs mit dem bewußten Zwecke gefahren, ſich eine Braut zu holen. Er hatte bei ſich ſelbſt lange Reden durchgegangen, die er erſtlich an die Frau Hofmarſchallin und dann an Ellin halten wollte. Jetzt da er angekommen war, verwarf er jedes Wort ſeiner einſtudirten Lektion und blickte be⸗ 262 ſtürzt nach den Fenſtern vom Hauptgebäude des Hofes; er wußte ja, was ſich hinter den ſchönen Scheiben derſelben befand. Sollte es denn wirklich für einen Jüngling von Göran Edelings Stand, der jetzt noch dazu mit einem Gehalte ausgerüſtet war, eine ſo ge⸗ fährliche Sache ſein, ſeine Hand einem armen Mädchen anzubieten, das eigentlich nur die Tochter eines Käth⸗ ners war? Sollte hier wohl eine abſchlägige Antwort zu befürchten ſein? Aber jedes Mal, wenn Göran in ſeiner üppig malenden Phantaſie die Miene, den Blick und den ganzen Ausdruck von Ellins Geſicht vor ſich ſah, erhob ſich in ihm ein Gefühl der Furcht, der Achtung, des heimlichen Bebens vor dem Erhabenen, Reinreligiöſen, dem Hochſinnigen und Strengen in ihren klaren Augen, die ihn doch zugleich unwider⸗ ſtehlich durch etwas Schwärmeriſches, Irdiſches feſſel⸗ ten, das ihn entzückte und feſthielt, da es durch Un⸗ ſterblichkeit und Himmel geadelt war.„Hm!“ hatte Herr Göran unterwegs mehrmals zu ſich ſelbſt geſagt. „Was ſoll denn das eigentlich ſein? Iſt es denn möglich, daß eine Leſerin einen ſo unendlichen Eindruck auf mich machen konnte? Habe ich ſie denn nicht ſchon ſeit lange her gekannt? Muß ich nicht ihre außerordentliche, kaum rühmenswerthe Mutter be⸗ denken? Lieber Göran, ſei ein Mann! Sie wird Gott danken— das bedenke— ſie wird es gewiß! Denn man betrachtet ſie zwar wie das eigene Kind der Hofmarſchallin, aber ſie lebt dort doch gewiß nicht als Fräulein, ſondern wird mit einer Güte, einer Vernunft behandelt, die ſie durchaus nicht verderbt oder verzieht. Mit wenig Worten, Göran! ſie wird das Anerbieten, bei dir ihre eigene Herrin zu werden und von Blommenäs herzuziehen, mit Freuden anneh⸗ men— hm.“ Allein dieſes letzte Gefühl war es eben doch, was Göran eigentlich ſeinen ganzen Humor nahm, nnd ihn ſo verzagt machte, als er ankam. Denn daß Ellin 265 in ſeinen Antrag einwilligen würde, nur um ihre ei⸗ gene Herrin zu werden, und eine Heimath zu bekom⸗ men, daran war nicht zu denken. Ihr Weſen, das die Arbeit liebte, und ſich weder vor Dienſtleiſtungen noch Mühen ſcheute, gab ihr eine Unabhängigkeit, welche ſie aller Noth und alles Bedürfniſſes enthob. Sie durfte ſich überdieß auf die Frau Hofmar⸗ ſchallin verlaſſen. Und endlich war Herr Göran ein Mann, der nimmermehr ein Weib wollte, das ihn blos des Auskommens wegen heiratbete. Er wollte herzlich geliebt ſein. Das war ſeine Sache. Aber bei dem Gedanken:„Ich bin ja aber gar nicht ſehr lie⸗ benswerth!“ verging ihm der Athem vollends. Er wandte ſich an den Burſchen und fragte ihn, ob die Frau Hofmarſchallin zu Hauſe ſei. Der Stall⸗ junge antwortete: Die gnädige Frau ſei eben vorhin nach den Tennen ſpaziert, um nach dem Flachſe zu ſehen, der dort gebrochen werde; ſie ſei aber wieder ins Haus hinaufgegangen, und werde wohl gewiß jetzt drinnen ſein. „So, ſo,“ dachte Göran.„Man bricht alſo heute Flachs in Blommenäs? Dann gibt es genug zu thun, ohne das Freien. Ich glaube, es iſt am beſten, ich fahre wieder heim und thue, als wäre nichts geſchehen.“ „Ja,“ fuhr der Knecht fort, und nahm Görans Pferd den Zaum ab,„die gnädige Frau bricht nicht ſelbſt. Aber ſie war wahrſcheinlich in der neuen Tenne unten. Denn dort iſt der Flachs eingelegt, und Jungfer Ellin ſitzt dabei. Sie bricht ihn nämlich. Sie beſorgt das Geſchäft ganz allein; obſchon die Marſchallin ſie mehrmals den Tag über beſucht, wenn ſie hinunter gebt.“ Blitzſchnell erwachte der großväterliche Muth in Herrn Göran und ein Entſchluß fuhr auf in ſeiner Seele.„Ich gehe nicht gleich zur Hofmarſchallin,“ dachte er;„ich laſſe ſie ſein. Niemand vom Hofe hat mich hinter dem Stalle ankommen ſehen. Ich 264 ſchlage den Weg nach der Tenne ein. Ich bin ja in meinem heimathlichen Kirchſpiel; ich bin des Probſten Sohn, und ich habe das Recht, in allen Scheunen zu Hauſe zu ſein.“ Göran ging jedoch nicht gerade nach der Tenne, wo ſich Ellin befand. Er wollte ſich zuerſt mehr Muth ſammeln; und dann nollte er auch nachſehen, ob ſich noch andere Leute in der Nähe befänden. Er bog um die Ecke, trat in den Hof und näherte ſich einem an⸗ ſehnlichen Strohhaufen in deſſen Mitte, welcher bewieß, daß wan in Blommenäs ſchon eine gute Portion aus⸗ gedroſchen hatte. Herr Göran ging mit der Miene eines Mannes umher, der die Abſicht hat, Roggen⸗ ſtroh zu kaufen. Dieß war auch nicht ſo unglaublich, da er vom Probſthofe gefahren kam, wo der Hafer heuer nicht eingeſchlagen hatte. Er ging hin und her, entdeckte jedoch keine Seele. Alle Lente waren um dieſe Zeit auf den Feldern draußen beſchäftigt. Endlich wagte er, ſich dem gro⸗ ßen, herrlichen Rechteck zu nähern, innerhalb deſſen Mauern die neue Tenne ſtand. Als Göran näher kam, vernahm er einen eigenen Laut von Innen. „Aha!“ dachte er,„ich merke, was ſo thut. Ellin iſt gerade jetzt nicht mitten im Schwingen oder Bre⸗ chen. Das iſt ſchön. Sie dreht nur die Leinknoten. Das iſt mir lieb. Höre nur Einer, wie die kleinen halbdürren, hellgrünen Dinger gegen die Tennenwand fahren! Sie machen einen prächtigen Tanz: und das unter Ellins Händen! Gleichviel: jetzt fällt mir ein ein Geſchäft ein. Ich gehe ganz beſtimmt hin.“ Unter den gewöhnlichen Umſtänden iſt der untere Theil der großen Thüre, welche zu einem Tenneboden führt, geſchloſſen; ſo daß man darüber wegklettern muß, um durch den halboffnen obern Theil hineinzu⸗ kommen. Aber heute war die Thüre, wahrſcheinlich zur Bequemlichkeit der Frau Hofmarſchallin, bis hin⸗ 265 unter offen, und man konnte ohne Klettern hinein⸗ treten. „Entſchuldige mich!“ ſagte Göran, indem er ganz ſchön hereinſchritt, und Ellin in einer Ecke der Tenne ſah, wie ſie einen Bund Flachs in der Hand hielt und ihn über eine Hechel ſchwang. Sie war eben im Begriff, den Bund Flachs gegen die Hechelzwecke zu ſchlagen, und die muntern Knoten waren in Erwar⸗ tung, durch dieſen Schlag eine tüchtige Luftfahrt durch die glatte, weiße Tenne zu machen, als das Mädchen den Hereintretenden erblickte und ſchnell anhielt. „Entſchuldige mich, Ellin!“ wiederholte Herr Göran noch einmal.„Ich hörte hier Flachs ſchwingen, und da trat ich herein.“ Ellin ſah nicht böſe aus. Doch kann man eben nicht ſagen, daß ſie um Görans willen den Flachs weglegte, oder eine auffallende Begrüßung machte. Aber ſie ſagte:„Die Frau Hofmarſchallin war eben hier; und ich glaube, ſie wird jetzt oben ſein, wenn alſy Herr Gö— Herr Edveling ſie gleich aufſuchen will, ehe ſie auf die Güter hinaus geht—“ „Gleich?“ verſetzte Göran.„Schön; aber es preſſirt mir heute eben nicht. Höre— Ellin—— ich bin heute hieher gefahren. Was ſagſt du zu dieſem Einfall? Ich bin müde. Darf ich mich ein wenig niederſetzen und ausruhen?“ Ellin meinte zwar, Herr Göran ſehe nicht ſonder⸗ lich müde aus. Indeſſen antwortete ſie artig:„Hier in der Tenne—— wollt ihr euch auf die Flachsbreche niederſetzen, Herr Göran? Wir haben hier keine Stühle.“ Herr Edeling nahm die Einladung an. Er ſetzte ſich auf die kleine häusliche Maſchine neben den Schwingbaum, obwohl dieſe Stellung nicht ſehr vor⸗ theilhaft war. Aber er war der Meinung, er müſſe doch etwas thun. Er ſetzte ſich alſo; ſtand wieder 266 auf und ging ein wenig herum; und ſetzte ſich dann wieder. Schweigend ſah er auf Ellin, die fortfuhr zu ſchwingen. Seine Bruſt ſchwoll vor Freude und Hoff⸗ nung; und gleichwohl war es ihm unmöglich, den Mund zu öffnen. Er erinnerte ſich ſo mancher Tage aus früheren Zeiten, wo er Dädemo⸗Hult beſucht, einen freundlichen Empfang gefunden und ſich gewiß hundert Male wie jetzt unter vier Augen mit dem ſchönen Mädchen befunden hatte. Damals war ihm das Sprechen ſo vom Munde gegangen. Ellin unterbrach das Stillſchweigen, indem ſie mit der linken Hand einige Locken zurückſtrich, die währerd der Arbeit ihre Wange hatten betrachten wollen, ſich dann nach der Seite wandte, wo Herr Göran ſaß, und ſagte:„Wie befindet ſich die Mamſell Schweſter im Probſthofe?“ „Meine Schweſter Marie? Ach, denke dir, Ellin—“ „Sie iſt doch hoffentlich geſund und friſch?“ „Marie befindet ſich vortrefflich,“ antwortete Gö⸗ ran.„Es iſt nämlich etwas geſchehen, Ellin! Und darum eben wollte ich zu dir herein und es dir er⸗ zählen; denn ich weiß, wie ſehr du zu allen Zeiten meine gute Schweſter geliebt haſt. Es iſt aber auch ein prächtiges Mädchen. Weißt du, was geſchehen iſt, Ellin? Marie iſt verlobt!“ „Ich habe ſchon davon gehört, Herr Göran. Gebe Gott, daß es in einer guten Stunde geſchehen iſt; und das iſt es gewiß.“ „Medenberg iſt ein ehrlicher Menſch!“ entgegnete er mit Zuverſicht und einer plötzlich ſehr ernſten Stim⸗ me.„Ich ſchätze das Mädchen glücklich, das ihn be⸗ kommt. Du kennſt ihn ja, Ellin? Hab' ich nicht Recht? Wer doch wäre wie er! Meine Schweſter Marie wird ſehr glücklich. Medenberg! ja, das iſt ein wenig etwas Anderes als— der Flachs iſi hier in Blommenäs gerathen, wie ich ſehe, Ellin?“ Göran ——— ——,— —— ————— ——— 267 ſprach dieſe Worte, beinahe von ſeinem Gefühl über⸗ wältigt. Er ſtand auf, trat zu dem Mädchen hin, und griff in den neuen Bund Flachs, den ſie eben zur Hand genommen hatte.„Schöne, ſchöne Knoten!“ flüſterte er unwillkürlich, und mit halb lauter, gar ſchöner Stimme vor ſich ſelbſt hin. Ellin ſah ihm ſchnell und etwas erſtaunt ins Ge⸗ ſicht. Der erſte Wurf ihrer Augen enthielt ſogar einen kleinen Schimmer von Unheimlichkeit. Doch dieſer verflog ſchnell und machte einem Ausdrucke hoher, in⸗ niger Herzlichkeit Platz.„Ja, Mamſell Marie ver⸗ dient die Freud.!“ ſagte ſie.„Gott liebt ſie; das weiß ich wohl. Und er hat auch Grund dazu.“ Ellin blickte dabei auf ſich ſelbſt wie mit einem Gefühle der Unwürdigkeit nieder, oder als wünſchte ſie ſehnlich, etwas Beſſeres zu werden, als ſie nach ihrem eigenen innern Maßſtabe war. Doch äußerte ſie kein Wort hierüber. Göran⸗ unterbrach die Stille und ſagte:„Ellin! ich habe dir heute etwas anzuvertrauen, etwas ſehr Großes. Du erinnerſt dich, daß wir ſchon lange gute Freunde und Bekannte find; und wir haben uns früher manchmal mit einander beſprochen. Jetzt ſollſt du mir rathen. Aber du ſollſt mir aus vollem Herzen rathen! wie ich weiß, daß du kannſt, wenn du willſt. Ellin—— ſeit Marie ſo glücklich geworden iſt, iſt es mir in den Sinn gekommen, daß auch ich—— denn ich muß dir ſagen, ich habe jetzt eine Wohnſtelle. Ich denke, ich will— aber. Es kommt mir ſo ſchwer an, ſelbſt mit dem Mädchen zu ſprechen, dae ich freien will. Sage mir, ob ich der rechte Mann dazu bin, um ein Weib zu nehmen? Es iſt mir heute wunderlich zu Muthe; der Himmel hängt voller Geigen. Ich weiß ein Mädchen hier herum, das ich gerne freien möchte. Ich bin auf dem Weg zu ihr. Ich fahre hin, wenn ich glauben darf, daß die Sache recht wird und ge⸗ ſcheidt iſt. Ellin, glaubſt du nicht, daß es etwas ge⸗ 268 wagt von mir iſt? Denn ich bin nicht wie Me⸗ denberg; er iſt ein anſtändiger Mann und weiß immer, was er tbut. Ich kann mich nicht auf mich verlaſſen und weiß kaum, ob ich in dem Recht habe, was ich in dieſer Stunde thue. Nur ſo viel weiß ich gewiß und das iſt ſicher, daß ich das Mädchen, mit dem ich mich verlobe, berzlich lieb haben werde!“ Ellin erwiederte nichts. Es war jedoch, als über⸗ ziehe ſich ihre Wange mit einem Anflug von Bläſſe. Sie ſah auf ihren Flachs nieder, und ſprach mit ſüßer, aber nur halber Stimme: „Ich kann Herrn Göran hierin nicht rathen. Aber ich denke, es wird wohl das Beſte ſein, wenn er dort hinfährt, wo er heute hin wollte; dort wird er wohl Antwort bekommen.“ „Glaubſt du, daß das Mädchen mir günſtig ant⸗ n wird, wenn ich mich erdreiſte, zu ihr zu fah⸗ ren?“ „Ich kenne ſie nicht!“ ſprach Ellin leiſe, und ſah Herrn Göran mit einer ganz kindlichen Miene an. „Nein!“ verſetzte er lächelnd,„du kannſt ſie nicht kennen, nicht einmal ihren Namen. Aber mich kennſt du ein wenig, und kannſt mir deßhalb aufrichtig ſagen, was du von mir denkſt. Verdiene ich wohl die Liebe eines guten, gottesfürchtigen und vortrefflichen Mädchens? ſag' mir das. Glaubſt du— aber ſprich ganz, wie du denkſt— glaubſt du, ein Mädchen könne ſich mir anvertrauen? Sie könne ihre Luſt und ihren Himmel, nächſt Gott auf mich bauen? Ich muß ſagen, ich glaube das kaum ſelbſt von mir.“ Die arme Ellin ſah Göran aufs neue mit einem warmen, tbränenvollen Blicke an.„Es iſt gar ſchwer, zu ſagen, ob Jemand auf Herrn Göran bauen kann!“ ſprach ſie, und in ihren Worten lag nichts deſto we⸗ niger etwas Reckiſches.„Es iſt noch die Frage!“ ſetzte ſie hinzu.„Doch fragt das Mädchen ſelbſt, Herr ————— 2— — — — 269 Göran; ſie wird euch ſchon antworten, was ſie hierüber denkt, das iſt immer das Sicherſte.“ Göran machte einen Gang durch die Tenne; denn er mußte immer wenigſtens etwas marſchiren, wenn er vernünftig denken und ſich gut ausdrücken wollte. Bald blieb er ſtehen und ſagte: „Beſte Ellin! du ſprichſt immer ſehr ſchön in Ge⸗ ſellſchaft der Frau Hofmarſchallin; du hörſt täglich beſſere Dinge, als ich zu nennen vermag. Aber laß mich jetzt ausſprechen, was ich denke; und wenn ich Unrecht habe, ſo ſag' mir's. Wenn ſich ein Mann mit einem Weibe verheirathen ſoll, ſo muß es richtig zwiſchen ihnen ſein. Ich verabſcheue die flüchtige Tagesneigung, die kommen und gehen kann wie der Wind; ſie iſt wie ein warmes Lüftchen von dem einen Ufer her, das über die See geht, auf den Wellen ſich abkühlt, und ſo ſchon kalt iſt, wenn es an's andere Ufer kommt. Nein, Ellin, bei Gott! ſo will ich es nicht verſtehen. Ich will kein Mädchen haben, zu der ich nicht eine ewige, treue, bleibende Neigung hegen, und ihre Seele in der meinigen behalten könnte. Heute derſelbe Mann wie geſtern; und morgen derſelbe wie heute. Aber ſie müßte dann auch mich ebenſo ſehr lieben. Mich lieben? Kann fie das wohl?“ „Das kommt auf ſie an, Herr Edeling.“ „Ich muß dir ſagen, wie es damit iſt, Ellin. Ich begnüge mich durchaus nicht mit einer allgemeinen Menſchenliebe, wie man ſie für Jedermann empfinden kann. Das iſt eine chriſtliche Barmherzigkeit, und ſie thut wohl in der Stunde der Noth. Aber ich will etwas mehr haben. Ob ich es bekommen kann— das iſt die Frage. Doch ich verdiene es vielleicht nicht?“ Ellin warf Herrn Göran im Vorbeigehen einen himmliſchen Blick zu, fuhr jedoch ſogleich wieder zurück, als ſie bedachte, daß ſie das Geſicht, das ſie vor ſich ſah, jetzt nicht mehr auf dieſe Weiſe betrachten durfte. Aber Herr Göran fuhr fort, wie er angefangen 270 hatte.„Du findeſt hier zwei Gegenſätze,“ ſagte er. „Ich kann jene elende, kleinliche Neigung nicht leiden, die etwa einige Stunden, Wochen, Monate und wenns hoch kommt ein Jahr dauert, die mit dem Frühling erblüht und unter dem Schnee des Winters ſtirbt. Dieſes flüchtige Begehren hat ſeinen Grund im Körper und verdient nicht Liebe zu heißen. Es iſt das Fleiſch, welches das Fleiſch liebt; ach! ich werde wohl ſo ſagen dürfen, es ſteht ja in der Bibel ſo! Von einer ſolchen Liebe will ich nichts wiſſen, und die haßt auch Meden⸗ berg. Es ſind dann nur ein Paar ſchöne Augen, was man liebt; und wenn dieſe in bläſſere Farben dahin bleichen, ſo huldigt man ihnen nicht mehr. Was ſoll das heißen? Ich verabſcheue das. Der Reiz der Wangen— ja, er iſt ſhön, Ellin!— aber er iſt doch ſo wenig. Keine Blume ſoll welkend und fallend mit einem Seufzer zu mir ſagen können: Ich bin geliebt worden und jetzt iſt es aus! Nein, bei Gott! Die Augen, die Wangen, die Blume— ſie ſollen von der Seele geliebt werden, und um der Seele willen, die ſich in ihnen birgt. Denn ſie haben eine Seele! Und dieſe Liebe dauert.“ Ellin blinkte mit den Augen und hielt ſo eine helle Thräne in dem feinſten, dunkelſten Wimperhaare zu⸗ rück, wo ſie ſaß wie ein Demant.„Wir ſterben und welken,“ ſprach ſie.„Wir ſind nicht da, um zu lieben.“ „Höre,“ fuhr er fort,„deßhalb will ich dir noch einmal ſagen, wie ich es meine; Medenberg kann es freilich beſſer auseinanderſetzen, aber die Sache bleibt doch immer dieſelbe. Ich kann die erbärmliche Neigung für die Stunde nicht leiden, von der ich vorhin ge⸗ ſprochen habe; ich begnüge mich auch damit nicht, daß mir mein Weib nur jene allgemeine, unperſönliche Liebe ſchenkt, die man für Jeden empfinden kann. Dieß iſt eine Güte, die wir nach dem Chriſtenthum auch dem ſchlimmſten Schurken, dem armſeligſten We⸗ . ſen ſchenken können und ſollen. Ich ſchätze ſie ſehr ——, 1 hoch: ich weiß, daß es eine große Gnade iſt, wenn ſie uns gewährt iſt. Aber ich will als Mann für meine Frau etwas mehr empfinden; und auch ſie ſoll etwas mehr für mich empfinden. Glaubſt du nicht, daß es zwiſchen der vergänglichen körperlichen Neigung, die nur einen Augenblick lebt, und der allgemeinen, un⸗ perſönlichen, obwohl in ihrer Art warmen Liebe, noch eine dritte Gattung gibt; eine Neigung des Geiſtes zum Geiſte eines andern Menſchen, die ewig leben kann, wie der Geiſt ſelbſt? Da iſt es nicht das Fleiſch, welches das Fleiſch liebt; ſondern die Seele, welches die Falten in der Seele des Andern ſieht, und ſich in ihnen heimiſch fühlt. Hab' ich Recht? Dieß iſt eine perſönliche Neigung; denn außer der allgemeinen Chriſtenliebe, womit man dabei Alle umfaßt, empfin⸗ det man noch eine nähere Innigkeit für den gewiſſen Menſchen, die keinem andern als nur eben ihm zu⸗ kommt und zukommen kann. Dieſe perſönliche Liebe iſt ſehr ausſchließlich. Es iſt unmözlich, ſie für Alle und Jede zu empfinden, mit denen man zufällig zu⸗ ſammenkommt. Sie geht von einem gewiſſen geiſtigen Charakter aus, und heftet ſich nur an den andern geiſtigen Charakter, in welchem ſie ihren Frieden fin⸗ det. Und in dieſem ruht ſie dann in Ewigkeit.“ „So lange, Herr Göran? In Ewigkeit?“ „O Ellin? Könnteſt du mich nicht Anders nennen — könnteſt du mich nicht recht und ſchlecht Göran nen⸗ nen— und noch etwas Beſſeres—“ „Wie lange ſo?“ „In Ewigkeit!“ Er ſchloß ſie in ſeine Arme; und ſie ſagte nichts dagegen. Sie flüſterte nur:„Ich fürchte, die Hofmar⸗ ſchallin kommt!“ Göran Edeling ſah ſich umz aber Niemand kam. „Ich bin da, wo ich ſein will,“ ſagte er lächelnd. „Ich fahre heute nicht weiter; denn ich bin bei dem Mädchen, um das ich freien wollte. Ellin, 272 ⸗ ſchwinge jetzt deinen Flachs! Ich gehe zu der Frau Hofmarſchallin hinauf, um mir von ihr zu erbitten, was ſie mir an Gottes Statt geben wird. Dann werde ich auch mit deiner guten Mutter reden.“ „Ach ja, thu' das! umgche ſie nicht! ſag' es ihr! Es wird ſie ſo herzlich freuen!“ ſchloß Ellin innig und begleitete Göran nach der Tennenthüre.„Arme Mut⸗ ter!“ fuhr ſie in ſtiller Rührung fort,„wir wollen ſie lieben. Wir beide wollen ſie lieben. Gib mir dein Wort darauf!“ „Ja!“ antwortete Göran und küßte ſeine Braut. „Aber gib mir auch du dein Wort—“ „Ja,“ ſprach Ellin. Zweiundfünzigſtes Kapitel. Drei Frauen in Smaland. Der Abend verging ſehr ſchön bei dem Wald⸗ hüter. Wenn bei Tiſche nicht Alles ſo ganz abgemeſſen zuging, ſo ging es deſto unge⸗ meſſener zu. Es war herzlich; und was die Anordnung betraf—. Nachdem nun einundfünfzig Kapitel hinter uns ver⸗ ſchwunden ſind, möchte es wohl Zeit ſein, von den drei Frauen in Smaland zu ſprechen, und wer ſie waren. Mit drei Wittfrauen in Smaland haben wir ſchon Bekannt⸗ ſchaft gemacht. Jetzt aber kommt noch etwas Anderes. Der Frühling war da mit ſeinen munter murmeln⸗ den Bächen, mit ſeinen Knospen für die künſtigen ſüßen Blumen, deren Stängel noch ſo weich da ſtan⸗ den. Am Saume der großen Haide, von der wir in den vorhergehenden Kapiteln ſchon mehrmals ſprechen hörten, ſah man in dem reizendſten Thale ein kleines rothgetünchtes Haus mit weißen ölfarbenen Läden und weißen Schornſteinen auf einem niedern Dache; ein „„———— — nM—— „ 275 Garten lag rund herum, und mehrere Ackerfelder zogen ſich im Hintergrunde des Gemäldes hin, bis der Hofzaun und hinker ihm der Wald anfing. Zur Linken vom Garten und durch eine Planke von ihm getrennt, über der vier Bienenkörbe thronten, begegnete das Auge einer Wieſe, deren Größe der Ausdehnung der Aecker entſprach. Auf der andern Seite der Wieſe ſtand ein zweites Anweſen. Es war beinahe dunkel⸗ braun, was das Kolorit des Hauſes betraf: wahr⸗ ſcheinlich in Folge der Länge der Zeit, gewiß aber auch mit durch einen Zuſatz von zu viel Theer in der rothen Farbe. Das Dach dieſes Gebäudes war hoch und ſehr ſpitzig, was dem Ganzen ein altmodiſches, drohendes und düſteres Ausſehen gab. Auch dieſes Haus hatte der Sicherheit halber Läden; die aber dun⸗ kelgrün waren. Uebrigens hatte dieſer zweite Punkt gewiß auch ſeinen Garten, ſeine Bienenkörbe, ſeine Aecker und Wieſen, weiter draußen in der Landſchaft; aber wir können nicht zu ihnen ſehen. Der erſtere dieſer beiden Höfe war Marienthal; der letztere dagegen die Wohnſtelle des Polizeimannes. Doch wir thun der Landſchaft Unrecht, wenn wir nicht zugleich noch von einem dritten Hofe ſprechen, der ebenfalls am Saume des Waldes liegt, ſehr ſchön und wohlgebaut, doch was das Haus betrifft, etwas geringer iſt, als die vorhergehenden. Es iſt die Waldhüters Woh⸗ nung zur Rechten von dem Hofe des Polizeimannes, und ohne Zweifel deßbalb ſo gelegen, damit ſein Bewohner, der Waldhüter, im Betreff des Jagdwe⸗ ſens in naher Verbindung mit dem Polizeimanne ſtehen ſollte. Auf einem Fahrweg, der ſich zwiſchen den drei Höfen hinzieht und ſie mit einander verbindet, ſehen wir drei Männer hinwandeln. Sie haben offenbar die Abſicht, Verſchiedenes auf der Haide in Augen⸗ ſchein zu nebmen; fie ſind im Begriff, bald über den Zaun zu ſteigen, der dahin führt. Wir laſſen ſie alſo Drei Frauen in Smaland. 1 18 274 machen. Von hinten erkennen wir übrigens ſebr wohl, daß es unſere Freunde Alexander, Göran und Jonſ⸗ ſon find. Der Letztere in ſeiner geraden, ernſthaften Haltung und ſeinem flattlichen Anzug war jetzt obne Zweitel durch Herrn Edeling zum Haidereiter(eine Art Waldbüter) befördert worden, und er erinnerte kaum durch etwas Anderes als das Haar an den ehe⸗ maligen Jonſſon. Wenn wir ihn ſo ftatilich und ehren⸗ fiſt an der Seite der Andern einherſchreiten ſehen⸗ ſo dürfen wir nicht länger bezweifeln, daß auch er jetzt wie die zmei Andern, ein verheiratheter Mann iſt, einen ordentlichen Wirkungskreis hat, und heute mit ihnen binausgebt, um an einer wichtigen, nützlichen und intereſſanten Berathung über den großen Wald Antheil zu nepmen. Ueber dem Hofe Marienthal lag ein feiner, zarter Teppich von hellgrünem Frühlingsgras. Der Tag war ſchön und mild, die Luft balſamiſch. Fünf bis ſichs Waſchſeile bingen guer herüber zwiſchen dem Hauptgebäude und dem Seitenwerke, wo die Bienen zu Tauſenden um ihre Fluslöcher ſchwärmten. Ueber den Seilen hing ein Reichtbum von weißen Serviet⸗ ten, Tiſchtüchern, Halstüchern, Lacken und Kopfzüchen. Es war tklar, daß man eine große Waſche vordatte; und vielleicht war noch manches anrere häusliche Ge⸗ ſchäft von Wchtigkeu damit verbunden. Die Haus⸗ frau, Frau Marta Medenberg, ſtand an der Spitze des Geſchäftes; die Ausfüdrung aber erforderte das Zuſammenwirken von Mehreren: ſie batte daber ibre zwei Nachbarfrauen bei nich. Das Ende einer großen Waſche iſt immer weit angenehmer als der Anfang. Die Kleiver ſind jetzt rein, wenn auch noch feucht. Was noch übrig bleibt, um ſie zu glätten und ſchön zu machen, das heißt das Mangen und Bügeln, das gewährt ein wahres Vergnügen. Auch das Aufhän⸗ gen, was zur letzteren Periode der Kleiderwaſche ge⸗ hört, iſt ſehr unterhaltend, beſonders wenn es in Ge⸗ ——— — v—* S S— S 6 u M* 275 ſellſchaft geſchieht. Frau Medenberg ſelbſt leitete das Mangen, das, wenn es gut bewerkftelligt werden ſoll, viel Klugheit und Nachdenken erfordert. Sie befand ſich auf dem hellen, angenehmen Mangboden, der in dem Seitengebäude des Hofes lag. Sie drehte zwar die Mange nicht in eigener Perſon. Aber ſie ſtand vor einem Tiſche in der Ecke der Kammer, wo ſie auf die Walzen legte, die Falten, die ſich einſchleichen woll⸗ ten, mit ihren kleinen Händen glättete, und eines ihrer Jugendlieder dazu ſang. Sie ſah die ganze Zukunft ihres Hauſes in ihrem Geiſte auf die weißen Tücher ſich hinmalen, die ſie von den Walzen rollte, oder un⸗ ter dieſelben legte. Es war die erſte große Waſche, die ſie bei ſich ſelbſt erlebte. Ihr ganzer Linnenſchatz ſollte hiemit ſeinen Einzug in die Heimath halten; denn um vollends Alles zu ſagen, hier wurde nichts aus dem Grunde gewaſchen, weil es deſſen bei den erſt kürzlich Niedergelaſſenen bedurft hätte, ſondern darum, weil Alles nur verfertigt war, und den Laden und Schränken nicht vor einer erſten ſchönen Berüh⸗ ſut mit Saife und Waſſer übergeben werden ollte. Bei einer Zwiſchenpauſe in dieſem Geſchäfte be⸗ ſuchte ſie eine ihrer Nachbarfrauen, welche nach Ma⸗ rienthal eingeladen worden war, um das Bügeln zu leiten. Denn nicht Alles wird gemangt; manches muß mit dem Stahle behandelt werden. Mariens Schwä⸗ gerin, die Frau Helene Edeling, war es, welche die⸗ ſes beſorgte. Marie trat in die Vorſtube vor der Küche, jenes Gemach, welches in kleineren Wirthſchaf⸗ ten auf dem Lande eine ſo große Bedeutung hat; es iſt das Schlafzimmer der Herrſchaft bei Nacht, wird aber bei Tag zu Allerlei verwendet. Hier ſtand Ellin mit warmen, rothglühenden Wangen, und vor Luſt und Bedacht glänzenden Augen; das dunkle Haar war ihr während der Arbeit etwas herabgefallen und hatte ſich in die freieſten, reizendſten Locken aufgelöſt. Sie — 276 bügelte auf das Behendeſte und Prächtigſte; denn darin hatte ſie ſich in Blommenäs bis zur Vollkom⸗ menheit geübt. Es verſteht ſich, daß ſie immer zwei Bügelſtahle im Gange hatte. Der eine ſtand und ruhte über zwei großen Schüſſeln, auf der rechten Seite des Bügelteppichs; während der andere kunſige⸗ recht ſeine ſchönen Bahnen über die feinen Tücher machte, und jedesmal eine lange, gerade Spur fri⸗ ſcher Weiße hinter ſich ließ⸗ Dazwiſchen wurde dann der kleine Quirl angewendet, der in der Waſſerſchüſ⸗ ſel zur Linken des Bügelteppichs bereit ſtand; denn das, was gebügelt wurde, bedurfte nicht ſelten einer Auffriſchung und Benetzung durch ſchnelles Beſpritzen, um dem heißen Bügelſtahl eine deſto herrlichere Wir⸗ kung zu verſchaffen. Wie vlitzſchnell fuhr nicht alle⸗ mal Ellin mit einem Zeigefinger unter das Eiſen, wenn ſie wieder einen friſch glühenden Stahl hinein⸗ gelegt hatte, um nachzufühlen, ob er gerade die rechte Wärme habe, oder erſt ſtehen und auf den Schüſſeln etwas abkühlen müſſe. Gewöhnlich ziſchte es, wie eine Katze bei guter Laune; und Ellin ſah dabei mit der klugen Miene einer Kennerin nach der Kante hin. Als Marie hereinkam, wandte ſich Frau Ellin um.„Ach ſeid ihr ſchon fertig mit dem Mangen?“ rief ſie mit munterer Stimme.„O nein, das geht nicht ſo ſchnell!“ verſicherte Frau Medenberg.„Da wir aber mit ein⸗ ander in die Wette arbeiten, ſo wollte ich nur herein⸗ ſpringen und ſehen, ob Du mich nicht ſchon überholt haſt. Wie was? Das haſt Du ſchon Alles gebügelt? Du wirſt ganz gewiß mit deiner Arbeit bälder fertig, als ich mit meinem Mangen. Aber höre, Ellin, jetzt ru⸗ hen wir aus und beſuchen unſre gute Dora auf einen Augenblick? Nicht wahr?“. Frau Helena nickte ein lächelndes Ja. Sie ftellte das Bügeleiſen, das zuletzt im Gange geweſen war, ſchräg auf den Ofenſtein. Dann gingen ſie mit ein⸗ ander in den Saal. „———„—— 277 Hier ſaß ein drittes Frauenzimmer, ebenſo jung und hübſch wie die beiden Andern; ſie hatte ganz hell⸗ blonde Locken, ungeachtet ſie braune Augen beſaß, was eine gar ſeltſame und naive Zuſammenſtellung bil⸗ dete. Ihre Wangen waren auch etwas bleicher, als die der Frauen Medenberg und Edeling; doch entbehr⸗ ten ſie der Farbe nicht ganz. Ihr Geſchäft bildete den letzten Theil einer großen Linnenwaſche. Sie ſaß vor dem aufgeſchlagenen Tiſche, hatte ein Meſſer in der Hand, und fallete und kräuſelte die unzähligen Bänder, die von den zierlichen Haufen aufgeſtapelter Kopfziechen, Leibchen, Handtücher und all der Dinge, die in einer Haushaltung mit Bändern behaftet find, herabhingen. Ihre Beſchäftigung beſtand ferner darin, das Weißzeug zu ſortiren, und jede Gattung in be⸗ ſondere Haufen zu legen, um dann in Schränke und Laden gebracht zu werden. Es war zu herrlich. Doch wir müſſen wohl auch ſagen, wer es war? Nichtsweniger als die Waldhüterin, Frau Dorothea Jonſſon. Eine Zeitlang Kammerjungfer in Karmans⸗ bal, wo ſie von Gräfin Celeſtine wegen ihres Fleißes und Geſchmackes geliebt und ausgezeichnet wurde, hatte ſie nachher mit dem beſten Lobe in Jönköping gedient, und war endlich die Gattin des redlichſten, treueſten und wackerſten Jünglings geworden. Nach Marienthal eingeladen, fühlte ſie ſich nicht wenig glück⸗ lich, von den zwei andern Frauen als ihres Gleichen behandelt zu werden, obſchon ſie ſich in ihrem Her⸗ zen an Rang und Werth unter ihnen fühlte, beſonders unter Marien. Es iſt allerdings auch wahr, Marie Medenberg mußte in Folge ihrer etwas beſſer entwickelten Bil⸗ dung ſowohl über ſie als auch wohl über Ellin eine Art Uebergewicht haben. Da aber ihre Charaktere ſonſt ſo gut ſympathiſirten, ſo hatte der Unterſchied, der daraus ent⸗ ſtand, daß Marie einige Bände von Schiller geleſen hatte, nicht viel zu bedeuten; denn den letztern Namen kannte 278 Ellin allerdings gar nicht, und Dora haite ihn höch⸗ ſtens ein Paar Male in goldenen Buchſtaben auf eini⸗ gen Bücherrücken von der ausgewählten Bibliothek der Gräfin Celeſtine geſehen. Es war auch natürlich, daß Marie ſchon durch die Stellung und das Weſen ihres Mannes ein Uebergewicht bekommen mußte: er war die Seele von Allem, was in dem Umkreis dieſer Ge⸗ gend vorging, und machte durch das Milde, Religiöſe, Unwiderftehliche ſeiner Perſönlichkeit einen tiefen Ein⸗ druck auf Jedermann. Dieſer Glanz fiel auf ſeine Gattin zurück. Aber niemals nahm ſie ſich den Vor⸗ rang, den ſie beſaß; die Andern waren es, die ihn ihr gaben. Als ſie in Geſellſchaft ihrer andern Freundin in den Saal trat, ſah Dora von ihren gekräuſelten Bändern auf und ihr Herz ſchlug hoch. So ſchloſſen Liebe und Arbeit einen Kreis unbe⸗ ſchreiblicher Wonne um die drei Freundinnen. Alles was ſie mit einander ſprachen— von der neuen Ein⸗ richtung, davon, wie ſie es am beſten in ihren Häu⸗ ſern anſtellen, wie ſich das nächſte Mal alle Drei auf der Wohnſtelle des Polizeimannes verſammeln woll⸗ ten, um Frau Edeling zu helfen, und wie ſie dann gleichfalls zu demſelben Zwecke zu Dora kommen wür⸗ den— das Alles iſt hier nur kurz anzudeuten. Glück und Freude gehen mit leichtem Fuße über die Erde, und hinterlaſſen kaum eine Spur. Der Frieden iſt der ſüße Traum, der Alles belebt: darüber ſchreibt man nicht. Aber die Farben, die nicht geſehen werden und nicht gemalt werden können, ſind des Him⸗ mels Grund. Nicht Ultramarin und nicht Azur. Aber etwas mehr. Da nach einigen Wochen Medenbergs Haus voll⸗ ſtändig in Ordnung war, machte die Bergherrin von Aronfors ihren Beſuch bei ihm und brachte ihre bei⸗ den Kinder mit. Matts war nun endlich einmal nicht nur wieder geneſen, ſondern hatte„auch alle ſeine Kräfte und ſeine Munterkeit in vollem Maße wieder S X 279 erlangt. Er ſowobl als ulla ſab den Lebrer mit Freu⸗ digkeit wieder. Aurora umarmte Marie Medenberg unter Thränen, und wünſchte ihr ein Glück, das nach ihrer Verſicherung nicht ausbleiben konnte. Sie bat um nichts Anderes, als daß Marie ſie nächſt Meden⸗ berg als ihren beſten Freund betrachten, ihr jeden Kummer, wenn ſich je ein ſolcher einſtellte, anver⸗ trauen, und ſich an Niemand Anderes um Beiſtand wenden möchte, wenn ſie welchen bedürfte. Marie ſank in zärtlichem Entzücken an die Bruſt der ſo ſchön entſagenden, hochfinnigen Frau von Mekeroth; und fie that in ihrem Innern das ſtillſchweigende Gelübde, durch eine mütterliche Fürſorge für die Kinder Jener das Viele zu vergelten, was ſie ihr ſchuldete. Nach⸗ mittags kamen auch die Hofmarſchallin und die Grä⸗ fin an. Sie brachten ihre kleinen Mädchen mit. Aber noch weit mehr begleitete ſie. Es iſt ſo wahr, daß ein guter Geiſt, ein ſegnender Engel ſich beimlich und ungeſehen an der Seite jedes Kindes mit einſchleicht, welches in ein Haus tritt, um dort zu wohnen und zu leben. Ewig ſüß und himmliſch gewiß iſt die Verbin⸗ dung zwiſchen unſern Wohnungen und einer unſicht⸗ baren Welt, mit welcher unzählige Bande ſie ver⸗ knüpfen, die Mauern, die vor unſern Augen ſtehen, halten am wenigſten; es ſind ſtärkere Arme, die Dach und Boden tragen, obſchon ſie Niemand ſieht. Die Hofmarſchallin hatte eine kleine Handbibliothek als Geſchenk mitgebracht. Sie enthielt nicht nur Leyrbücher für ihre Mädchen, ſondern auch eine ausgewäblte Sammlung literariſcher Schätze nicht allein von reli⸗ giöſem, ſondern überhaupt von jedem erhebenden In⸗ balte. Sie war dazu beſtimmt, alle drei Frauen am Waldſaum in einſamen Stunden zu tröſten und zu un⸗ terhalten. Denn Frau Ebba hatte ihre Gründe, nicht nur das Haus Medenberg zu lieben: ſie dachte bei⸗ nabe noch mehr an Ellin Eveling. Gräfin Celeſtinens koſtbare Gabe kam zuletzt. Ein herrliches Inſtrument, 280 ein Pianoforte, ward in Herrn Medenbergs Saal ge⸗ tragen. Der Grund hiervon war ein ganz beſonde⸗ rer. Eigentlich konnte Niemand in Marienthal ſpielen. Göran hatte zwar in freien Stunden ſeiner Schweſter einige Akkorde gelernt; aber davon ließ ſich kaum ſpre⸗ chen. Noch hatte auch keins von den Mädchen aus einer der Familien einen mufikaliſchen Unterricht ge⸗ noſſen; und es war noch ungewiß, welches Talent fie dazu haben mochten. Und doch war es ein ſo ſüßer Gedanke der Gräfin geweſen, dieſes Saitenſpiel in den kleinen Himmel ſetzen zu laſſen, den ſie in Marienthal für ihre Kinder und für ſo Viele erwartete. Sie konnte ſelbſt ſpielen: ſie hatte in ihrer Jugend ſogar viel geſpielt. Jetzt— da ſie ſich beinahe aller Sor⸗ gen ledig ſah— war es wie eine hehre Ahnung in ihrem Herzen aufgeſtiegen, ſie müſſe den Reſt ihres Lebens der Poefie, der Lektüre und vor Allem der Mu⸗ ſik widmen. Sie hatte ein beſonderes Inſtrument in Karmansbal, auf dem fie ſich ſelbſt üben wollte. Und ſo war ihr Plan kein geringerer, als regelmäßig an gewiſſen Tagen in der Woche nach Marienthal zu fah⸗ ren und dort allen Mädchen Unterricht zu ertheilen. Mit einem Wort; ſie wollte als Muſiklehrerin in Herrn Medenbergs Penſion eintreten! Kurzweil haben iſt auch ein Vergnügen. Sie beſchloß, es einmal in ihrem Leben zu koſten. Als das höchſte Ziel— und höher ſelbſt als die Sorge für die eigenen Kinder— ſchwebte vor dem Geiſte der Hofmarſchallin die Beſſerung der Verbre⸗ cher und die dazu beſtimmte Einrichtung, welche Me⸗ denberg und Göran in der Nachbarſchaft gründen wollten, und für die Frau Ebbas warme Seele wie für ein Gotteswerk brannte. Alexander konnte ihr jetzt manche weitere Pläne hierüber mittheilen, und ſie beabſichtigte, ſelbſt eine Luſtwanderung durch die große Haide— von Wildniß zu Wildniß— zu machen, um zu ſehen, wie Alles dort ausſah. Es verſtand ſich 281 jedoch von ſelbſt, daß ſie zuerſt die drei Wohnſtellen, Medenbergs mit eingerechnet, in Augenſchein nahm; denn von hier aus mußte doch wohl all das Gute ge⸗ hen, das auf jene„Menſchen“ einwirken ſollte. Ebba, Celeſtine und Aurora hatten jetzt Marien⸗ thal geſehen: ſie gingen deßhalb in Geſellſchaft der Herren und der jungen Frauen, um die zwei andern Wohnſitze zu betrachten. Man trat in Göran Edelings Wohnung. Bei dem Polizeimann und ſeiner Frau war Alles ein we⸗ nig anders als bei Medenberg und ſeiner Gattin. Das ganze Ausſehen des Amthauſes war, wenn man will, ſtrenger und finſterer als Marienthal; aber da⸗ bei auch hochſfinniger und ſogar gemüthreicher. Herr Edeling zeigte ſich in ſeiner Eigenſchaft als Wirth nicht ſehr zuvorkommend, was die Worte betraf; aber ſeine Geberden ſprachen deſto beredter. Ellin war noch ganz das frühere ſchöne Mädchen im Walde: ſie klei⸗ dete ſich nicht als Frau, ſie zeigte ſich nicht in der Haube, ſondern mit ſchlicht gekämmtem Haare. Sie wollte auch nicht Frau Polizeikommiſſärin oder Frau Steuereinnehmerin genannt werden, ſondern einfach das Polizeimannsweib. Die eigentlichen Zierrathen des Hauſes beſtanden in einer Anzahl ſonnenheller Schießgewehre, Säbel und Hirſchfänger, die Göran in ſeinem Staatszimmer ſymmetriſch an den Wänden herumgehängt hatte. Ellin ſetzte ihren Stolz darein, die blankgeſcheuertſten Boden, Liſche, Schränke, Züber, Kupfer⸗ und Zinngeſchirre zu haben. In einem Zim⸗ mer, das vielleicht das Beſuchszimmer ſein ſollte, prunkte ein neuer und ſehr guter Webeſtuhl, der jedoch nicht nach Ekenmark konſtruirt war. Görans und Ede⸗ lings Bibliothek beſtand nach dem, was man ſehen konnte, aus vier Büchern: der heiligen Schrift und dem Pſalmbuch, das waren zwei; dann aus einem Rechnenbuch, denn Göran konnte ſeine arithmetiſchen Regeln nicht recht im Gedächtniſſe behalten, und er 282 mubßte ſie doch oft anwenden. Aber was glaubt man wohl, daß das vierte Buch war? Es war Oſſian. Und Oſſian erſt nur in der alten und ſchwachen ſchwe⸗ diſchen Ueberſetzung. Das aber war Görans Leib⸗ buch; und auch Ellin ward nächſt der Bibel von kei⸗ ner andern Poefie ſo ſehr ergriffen, als von Oſſians, wenn Göran ihr ein Stück laut daraus vorlas, am Abhange eines Waſſerfalls, in der Tiefe der Haide, oder am Rande des Baches, der die Weiden der Wohn⸗ ſtelle bewäſſerte. Doch entlehnte er hie und da auch einen deutſchen Shakeſpeare von Medenberg; denn eng⸗ liſch(„die verfluchte Sprache!“) las er nie. Shake⸗ ſpeare meinte er ſo ziemlich zu verſtehen; doch Oſſian noch weit beſſer. So liebte er vornämlich die Namen daraus mit Enthuſiasmus, beſonders die Ramen der ſchönen Weiber des Dichters. Oft hörte man ihn in Geſellſchaft ſeines Weibes mit ſtrahlendem Geſichte Namen flüſtern wie Desdemona und Evirallin; und er küßte dann ſie, indem er ſie jenen Lauten ähnlich ſeine Dedemvallin nannte. Heute als die Hofmar⸗ ſchallin, begleitet von der übrigen Geſellſchaft, in ihre Wohnung eintrat, empfing Ellin ſie wie eine Mutter: ja faſt wie ein übermenſchliches Weſen. Sie beugte ſich zum Saum ihres Kleides herab, nahm ihn und küßte ihn. Es war aber auch wahr: ſie hatte Frau Ebba viel zu danken. Wir ſprechen hier nicht von dem engelhaften, geiſtigen Leben, das ſie frühzeitig in die Seele des Mädchens gegoſſen hatte. Wir ſprechen hier nur von etwas Kleinem. Göran Edeling hatte von ſeinen armen Eltern keine Ausſteuer verlangen kön⸗ nen, überdieß iſt dieß ja auch bei Söhnen nicht ge⸗ bräuchlich. Und Ellins Mutter, was konnte die arme Hexe geben? Da war es denn Frau Ebba ein Ver⸗ gnügen geweſen, eine ganze Garnitur von dem noth⸗ wendigen Hausgeräthe, ſowohl was die Küche betraf, als an Weißzeug und Kleidern ihrer Pflegetochter zu ſchenken— aus Dankbarkeit gegen den alten Großva⸗ * wen f, — ** 285 ter, den Organiſten, der in unauslöſchlicher Erinne⸗ rung bei ihr ſtand. Dieſes ſchöne Geſchenk war in den letzten Tagen nach der Wohnſtelle des Polizeiman⸗ nes geführt worden. Frau Ebba erhob Ellin unter Freudenthränen in ihre Arme, und wollte ihr nicht er⸗ lauben, den Saum ihres Kleides noch einmal an den Mund zu drücken. Marie Medenberg war darauf Bedacht geweſen, es ſo einzurichten, daß ſich die Geſellſchaft zur Einneh⸗ mung des Abendeſſens— dieſer kleinen Art von Ein⸗ trittſchmaus— bei Dorothea Jonſſon verſammeln ſollte, um ſie und ihr Haus, welches das geringſte war, durch dieſe Ehre in gleiche Höhe mit den Uebri⸗ gen zu erheben. Sie hatte Alles, was man zu dem einfachen und ſchönen Abend, den man erwartete, etwa brauchen konnte, durch Dora und ihre Leute nach der Wohnung des Waldhüters tragen laſſen. Der Perſo⸗ nen, die kommen ſollten, waren es wahrlich nicht We⸗ nige. Aber der Herr Waldhüter und ſeine Frau fühl⸗ ten ſich durch dieſe Auszeichnung auch unbeſchreiblich glücklich. So viel war noch von dem alten Jeppe übrig, daß er, als er den ſtattlichen Zug der Herr⸗ ſchaften auf dem Wege daher kommen ſah, ihnen ſchon mehrere hundert Ellen vor ſeinem Hauſe entgegen lief mit dem Hut in der Hand, und ſich recht ſmaländiſch bückte und beugte. Die Hofmarſchallin nahm ihn bei der Hand und wünſchte ihm viel Glück. Sie blieb ſo⸗ gar ſtehen und hielt eine kleine Rede; denn für Jeppe Jonſſon paßte das gerade. Gleich darauf umgaben ihn Matts und die ſechs Mädchen in fröhlichem Ringe; und ſo ging es mit dieſen acht Leutchen im Galopp der Haustreppe zu, während die Frauen und die zwei Herren ſich etwas feierlicher nä⸗ erten. Unter der von Tannenreiſern duftenden Vorhalle des Waldhüters ſtand nun die Wirthin, Frau Doro⸗ thea, und verneigte ſich zum Gruße ihrer anlangenden 284 Gäſte mit weit größerer Anmuth, als man von einer Frau Jonſſon hätte erwarten ſollen: was man aber leicht begreifen wird, wenn man ſich erinnert, daß ſie zu ihrer Zeit bei der Gräfin von Karmansbal gebil⸗ det worden war. Celeſtine ging der übrigen Geſell⸗ ſchaft ſchnell einige Schritte voran. Hier war es an ihr, das zu thun, was ſie von Frau Ebba im Hauſe„ des Polizeimannes gegenüver von Ellin Edeling geſe⸗ hen hatte. Sie ſtieg die zwei Treppen der Hausſtaf⸗ fel hinauf und umarmte ihre kleine Dora. Die ehe⸗ malige Kammerjungfer bog ſich weit zurück: ſie wollte der Gräfin ſo viel nicht erlauben. Aber Gräfin Cele⸗ ſtine empfand das, was ſie jetzt that, nicht als Her⸗ ablaſſung, ſondern als ein Glück, als eine Freude für ſich ſelbſt. Seit einem halben Jahre war ihr Zuſtand geworden, wie er früher ſelten geweſen war: der Au⸗ genſchirm wurde nicht mehr gebraucht; ſie ging ohne Schwierigkeit, ſogar ohne Stütze, unter freiem Him⸗ mel: obſchon auch jetzt nicht ſtark, vielleicht ſogar etwas matt und von ziemlich zärtlicher Geſichts farbe, fühlte ſie ſich doch ſo menſchlich ſelig. Ihre Arme, ihre weißen Hände vermochten die entſchlüpfende Ge⸗ ſtalt, die ſie heute durchaus an ihr Herz drücken wollte, zurückzuhalten; und ſie ſiegte am Ende. An Doras Seite trat ſie zuerſt von Allen in das Haus. Sie wollte ſich auch mit einigen ſchnellen Bli⸗ cken in Küche und Kammer zum voraus überzeugen, daß Alles richtig und zur Zeit angekommen ſei, was ſie zur Ausſteuer ihrer ehemaligen treuen Dienerin her⸗ geſandt hatte. Alles fand ſich vor. Nur eine blau⸗ weiße Schaale war unterwegs entzwei gegangen. Aber Dora verneigte ſich doch auch für dieſe, dankte der Gräfin und verſicherte,„ſie kenne Jemand in Jönkö⸗ binſ⸗ der ganz vorzüglich kitten könne; es thue alſo nichts.“ „Der Abend verlief ſehr ſchön bei unſerem Wald⸗ püter. Wenn bei Tiſche nicht Alles ſo abgemeſſen zu⸗ N N 285 ging, ſo ging es deſto ungemeſſener zu. Es war herzlich; und was die Anordnung betraf, ſo ging Marie ihrer Nachbarin ſo gut mit Rath und That an die Hand, daß Dorothea dadurch zu Ehre und Freude gelangte. Als man vom Tiſche aufgeſtanden war, winkte die Hofmarſchallin Herrn Edeling bei Seite und fragte ihn, wie es ihm gelungen ſei, den Zwiſt beizulegen, den er, wie ſie gehört, beinahe mit ſeiner lieben Mut⸗ ter, der Frau Probſtin, wegen der Wahl ſeiner Gat⸗ tin bekommen hätte.„Hm!“ erwiederte Göran,„das iſt eine ganz eigene Epiſode in der Geſchichte!“ Als aber Frau Ebba ſich damit nicht zufrieden gab, ſon⸗ dern ihn mit neugierigen Blicken zu erzählen bat, wie es damit gegangen ſei, ſo fuhr er lächelnd fort:„Die Frau Hofmarſchallin wird die Gnade haben und ſih erinnern, daß meine Mutter das beſte Weib von der Welt iſt; aber daß ſie auch bisweilen ein wenig böſe ſein kann. Ich erlaubte mir deßhalb, ein wenig hart gegen hart zu ſetzen. Ich muß im Vorübergehen er⸗ wähnen, daß ich eine unverheirathete Muhme habe, die in der Armuth lebt, und die mein Vater ſchon längſt zu ſich ins Haus nehmen wollte, was er aber wegen meiner Mutter nicht durfte. Was that ich nun? An demſelben Tag, wo ich bei der Frau Hofmarſchal⸗ lin geweſen war und meiner Ellin Jawort erhalten hatte, fuhr ich von dort ſogleich zu meiner Muhme, und führte ſie ohne Bedenken nach dem Probſthofe, zum nicht geringen Erſtaunen meiner Mutter. Sie war ſchon im Begriffe, loszubrechen, als ich dazwiſchen trat und ihr zur Abwechſelung erzählte, daß ich fort geweſen ſei und gefreit habe! und das zwar die Ellin von Dädemo! Da wurde, wie ich berechnet hatte, eine Beſtürzung und Erboßung ärger als die andere; und die beiden Bilder, Ellins nämlich und meiner armen Muhme, arbeiteten in der Einbildung meiner Mutter 286 aufs ſchrecklichſte, um einander zu vertreiben. Ich ließ jetzt etwas barſche Worte fallen, wie es mir lei⸗ der Gottes oft geſchieht; und verſicherte meiner Mut⸗ ter auf's Beſtimmteſte, daß, wenn ſie ſich nur mit dem geringſten Worte meiner Verbindung mit Ellin wider⸗ ſetze, meine Muhme nach dem Willen und der Erlaub⸗ niß meines Vaters von Stunde an beſtändig im Probſthofe wohnen und leben ſollte; meine Mutter möge nun brummen, ſo viel ſie wolle. Wenn ſie aber ihren mütterlichen Segen zu meinem und Ellins Glücke gäbe, ſo würde die Muhme gleich den andern Tag vom Probſthofe formeiſen. Die Alte kam dadurch in eine ſchwierige Lage, wählte aber von zwei Uebeln das, was ſie für das Geringere hielt. Sie gab ihre Einwilligung zu meiner Verbindung, um ſo mehr, da es in meiner Macht fland, in dieſer Hinſicht zu han⸗ deln wie ich wollte. Aber ich bat mir einen Kuß von Mama darauf aus, den ich auch endlich bekam. Für dieſe Mühe reiſte ich den andern Tag mit meiner Muhme ab, die ein ſehr gutes und vortreffliches Weibsbild iſt, und welche jetzt den größten Zweck erfüllt, den man ſich für ein ſolches Weib denken kann. Ich reiſte nämlich mit ihr nach einem Orte, wo ich ihr ſchon vorher einen Platz verſchafft hatte, was ich mei⸗ ner Mutter klüglicherweiſe verſchwiegen hatte; und dort iſt nun meine früher zweckloſe Muhme ſehr glücklich.“ Die Hofmarſchallin ſchüttelte ſanft den Kopf und ſagte lächelnd:„Die Frauenzimmer! Aber ein wacke⸗ rer Mann weiß auch, wie er ſie zu behandeln hat.“ — f ——————— Dreiundfünfzigſtes Kapitel. Die Blume in der Wildniß. Jvachima. Innerhalb der Hauptumzäunung der drei Wohn⸗ ſtellen fing die große Strecke ſelbſt an, um die es ſich eigentlich handelte. Schon befanden ſich hier mehrere kleine Haushaltungen mit ihren Wohnungen und Ein⸗ friedungen. Ländereien wurden urbar gemacht; Mo⸗ räſte getrocknet, Ebenen zwiſchen den Bergen ange⸗ pflanzt und Wohnſtellen gebaut. Herr Alexander Me⸗ denberg hatte für einen Jeden die Grenzen ausgeßteckt, und die Arbeiten angeordnet. Edeling half ihm hie⸗ bei mit ausgezeichneter Luſt, ſo oft es der Dienſt der Krone erlaubte. Jonſſon, der Haidereiter, zeigte ſich ebenfalls in Allem weit vorzüglicher, als man von ihm erwarten zu dürfen gen agt hatte. Er ging Herrn Merenberg mit großer Gewandtheit bei der Bedand⸗ lung der Perſonen an die Hand, welche er während des Räuberkrieges beſſer als irgend Einer kennen gelernt hatte und auf die er ſich berrlich verſtand. Unter jenen Wohnungen gab es eine, die dem Wohnſitze des Polizeimannes zunächſt lag. Sie war nur einige Steinwürfe davon entfernt, jedoch hinter einer dichten Tannenreibe verſiedt. War man dem Hauſe, das auf einer kleinen An⸗ höbe im Walde ſtand, näher gekommen, ſo fand man nicht nur Tonnen rund um daſſelbe her, ſondern auch vor der Tbüre und dem Hofe ein kleines Gehölz von Ulmen und Haſelſtauden, das tief in den eigentichen Wald hineinging und gleichſam eine Vorhalle zu dem⸗ ſelben bildete. Ein rieſighoher Vogelkirſchen baum brei⸗ tete ſeine weiten Arme über den öſtlichen Giebel des Hauſes, und nreckte einige ſeiner zartefien Zweige nach den Fenſterſcheiben einer Kammer, die dorthin zu lag. 288 Es war jetzt Mai; und der Vogelkirſchenbaum ließ es nicht an weißen, duftenden Farben fehlen. Ellin beſuchte jeden Tag dieſe reizende Wohnung. Hier hatte ihre Mutter ein Aſol gefunden und wohnte dort. Doch nicht allein. Joachim Rickolſon wohnte e da. Und noch Jemand: ſeine Mutter Jva⸗ ima. Wir haben in Karmansbals großem Saale das Gemälde von Rickolſons Beginnen geſehen. Hier end⸗ lich in der wilden Landſchaft ſehen wir ein neues Bild von ihm. Aber was für eines? Sein Antlitz war bleich, und ſeine Geſtalt ſehr mager. Aber er ging jetzt nicht mehr ſo gebückt; und ſeine Augen flammten. Täglich pflegte er eine Wanderung von ſeinem Hauſe aus zu machen. Er beſuchte die Kolonie zwi⸗ ſchen den Bergenz dort ſetzte er ſich dann nieder und ſprach mit jenen Menſchen. Eines Abends ſand er ſich in Schreiner Lindqviſts Wohnung ein. Dieſer Mann hatte bereits in Herrn Medenbergs Vorſchlag eingewilligt, welcher dahin ging, daß er wegen mancher Dinge, die man in ſei⸗ nem Handwerk bedurfte, nach dem Walde ziehen und dort arbeiten ſollte. „Erinnert ihr euch noch,“ ſagte Jvachim zu ihm und ſeinem Weibe,„erinnert ihr euch noch des Tages⸗ wo ich nicht mehr bei euch in der lieben Stube bleiben durfte, die ihr ehedem bewohntet, in Mans Bryntes⸗ ſohns Stube? Damals mußte ich fort! Noch einmal hon 3 Denn die Sünde beſaß mich, wie ſie mich noch e Aℳ „Niemand iſt ſündhafter denn ich. Was haben die Andern verbrochen, das ich nicht auch gethan habe? Gottes Sohn ſchaut auf mich: ſein Geiſt ruht über mir. Er hat mich vernichtet!“ „Ich bin ein Nichts. Darum aber eben kann ich euch ſagen, was es heißt, ein Nichts ſein. So ſchenkt —*— ———— — S 289 die ewige Gnade uns Frieden. Glaubt mir! Laßt uns nichts, gar nichts begehren.“ „Der Dienſt der Welt und der Sünde beſteht nur in einem Streben nach Noth. Was kommt dabei heraus?“ „Begehret nichts! Aber thut Alles aus Gehorſam nach dem Willen des guten Geiſtes, ſo werden alle Roſen ihre Knospen vor euch öffnen.“ „Ich bin im Dienſte der Noth geſtanden, und habe nach dem Böſen geſtrebt. Was ward mir?“ „Ich habe geſtohlen. Wer hat mehr geſtohlen als ich? Was ward mir dafür?“ „Ich habe gemordet. O— Niemand hat mehr gemordet als ich. Und ich ward ſelbſt an den Rand des Todes geführt.“ „Gott ſchlug mich: Gottes Geiſt hat mich geſtürzt! Doch nicht ſo tief, als ich es verdiente. Seht mich an! ſieht es nicht aus, als ob ich lebte? Wie kann Gottes Gnade ſo groß ſein, daß er mich leben läßt?“ „Ich athme. Ich fühle eine ſo ſüße Luft in mei⸗ ner Bruſt. Wie kann Goittes Gnade ſo groß gegen mich ſein, daß ich die liebliche Luft einathmen darf? Meine Bruſt geht leicht und mein Herz ſchlägt. Mein Blut iſt kühl und ohne Schwere. O ich habe gefühlt, was Herzenspein iſt: wie hat mich Gott jetzt ſo ganz verwandelt?“ „Glaubt mir; begehret nichts! Thut nichts aus Begier, aber Alles aus Gehorſam.“ „Dann werdet ihr Alles vermögen. Dann treibt euch der Gehorſam für den heiligen Geiſt: Und es gibt nichts, das ihr nicht vermöchtet. Dann gibt es keine Ermattung mehr und keine Noth. Die Pein lebt nicht mehr in der Bruſt.“ „Laßt mich heute Abend einen Trunk Waſſer bei euch nebmen! ſo gehe ich jetzt weiter.“ Mit dieſen Worten ſtand er auf, um ſich zu ent⸗ fernen und nach einer andern Wohnung zu wenden. Drei Frauen in Smaland. n. 19 290 Der edle Tiſchler und ſein gutes Weib hörten Jvachim gerne in ihrem Hauſe auf der Haide ſprechen.„Der iſt ein Sünder!“ ſagte der Mann zu ſich ſelbſt und zu ſeinem jungen Weibe.„Aber wie? find wir es nicht Alle auch? Laßt uns denn einander freundlich begegnen, einander züchtigen, einander dienen und beiſtehen.“ Joak Nickolſon ging. Er ward von Allen, bei denen er ſich zeigte, als der vollkommenſte Leſer in der ganzen Umgegend betrachtet und behandelt. Aber unterſchied ſich von den Meiſten darin, daß er keine Zuckungen hatte, und keine bei Anvdern erregte. Mans Bryntesſons Weib, die ſo hurtig webte, und welche nach Ableben ihres Mannes von Herrn Medenberg ein eigenes Häuschen in der Nähe von Lindqvifts und Matts Peterſons erhalten hatte, wo ſie jetzt fleißig ſas und den herrlichſten Drillich für die Leute der Kolonie verfertigte, erzählte Jedermann, was ſie von Joak wußte, von ber Stunde an, wo er mit den Räubern zuerſt in jene Gegend und zu Mans Bryntesſon gekommen war⸗ Sie ſagte gar Vieles unter Thränen von ihm. Wenn er aber dabeim in ſeinem und ſeiner Tante Hauſe auf dem Hügel unter den Bäumen ſaß und neben der alten Mutter Ellin, da ſchwieg er meiſtens oder forſchte in dem Heiligthum der Schrift. Wenn aber die junge Ellin auf Beſuch kam, ſah er auf und ſprach mit ihr. Am liebſten und öfterſten ſaß er jedoch in der Kammer, die mit ihrem Fenſter gegen den großen Vogelkirſchbaum ging; es war die Kammer feiner Mutter. In himmliſcher Betrachtung ſaß er bei Joachima. Er lauſchte auf ſie wie ein Kind, und ſie goß den Frieden der Schönheit in ihres Sohnes Seele. Von ihr aus war es, daß er jeden Tag hinaus⸗ ging, um nach allen Waldhöfen zu wandern. Wenn er an die Hütte kam, wo einer der größ⸗ ten Verbrecher ſeine Heimath gefunden hatte, ſo trat en er 291 er ein, grüßte den Wirth und ſagte:„Heil dir! du biſt wie ich.“ „Kannſt du mir jetzt ſagen, wie es dir auf dieſer Erde zu Muthe iſt? Fühlſt du noch die Stacheln des Mordes, die Schneide des Diebſtahls und den Dorn der Lüge?“ „Du antworteſt mir nicht; aber ich ſehe deine Stirne glatt. Ehedem habe ich ſie gerunzelt und ſchwarz von Blut und Erde geſehen. Ich erinnere mich deſſen noch wohl; denn wer war geſchwärzter von der Finßterniß als ich?“ „Hörſt du aber jetzt einen Geſang, der in deiner Bruſt ſingt, und hörſt du eine Stimme, die zärtlich zu dir ſpricht, ſo frage: woher iſt Gnade gekommen über den Vernichteten?“ „Sündig und elend biſt du wie ich, und ich bin es wie du. Willſt du meine Hand ergreifen?“ „Jeſus Chriſtus iſt bis in den Tod gegangen, um uns zu ſuchen und zu finden, uns, die wir in Sünde und Schmutz vermodert lagen. Und noch ſind wir todt. Wer kann ſagen, daß wir leben?“ „Wir leben nicht durch uns, und wir leben nicht ganz. Aber Jeſus Chriſtus ſah in ſeiner ewigen Er⸗ barmung auf uns herab und athmete auf die Gebeine des Todes, auf die Gerippe unſerer Schatten, in denen wir da lagen.“ „Sage mir, iſt es dir jetzt nicht, als ob du lebeſt? Du wie ich? Kannſt du glauben, daß ein Sünder leben darf? Ein Elender, ein Zerſtörter, ohne eine Spur des Guten?“ „Du lebſt, mein Freund; und du darfſt in dieſem Hauſe wohnen, ohne daß Feuer auf dich fällt. Du brauchſt jetzt keine Verbrechen mehr zu begehenz und darſſt dennoch leben. Reinige dich jeden Tag; aber reinige zuerſt deine Seele. Bewerkſtellige eine klare Beſſerung an dir.“ „Ich werde jeden Tag zu dir kommen, und wir 292 wollen zuſammen in der Schriſt leſen. Denn die Bibel iſt der Welt gegeben um der Sünder willen. Sür dich und für mich, und für uns Alle iſt ſie ge⸗ geben.“ „Wir werden ſie verſtehen. Niemand begreift die Worte der Schrift, wenn er nicht ein tiefer Verwor⸗ fener iſt. Wir aber werden die heilige Schrift ver⸗ ſtehen; denn uns Sündern iſt es gegeben, ſie zu be⸗ greifen.“ „Wie viel Freude werden wir nicht zuſammen haben! Sprich mit mir, während du arbeiteſt, gräbſt und um dein kleines Haus her das Feld bewäſſerſt. Brauchſt du einen Rath, ſo frage mich. Kann ich dir nicht antworten, ſo werde ich den Vorſtand fragen, und er wird uns über Alles belehren. Wünſcheſt du einen Helfer, ſo ſag' es mir. Ich werde an deiner Seite graben, hauen und hobeln. Ich brauche nichts für mich: ich kann daher Alles für dich thun, wenn du mir nur ein Wort ſagſt.“ „Der Vorſtand wird dich lieben. Ich habe ihn einſt zu einer Zeit gehaßt und verachtet, wo ich nichts Beſſeres wußte. Jetzt achte ich ihn. Gottes Sohn hat ihn erweckt, um alles das für das Wohl der ſün⸗ digen Elenden zu thun, was er in dieſer öden Wald⸗ gegend für uns thut. An den Vorſtand ſollſt du glau⸗ ben, wie ich an ihn glaube; und du wirſt ihm nächſt Gott gehorchen. So geht es.“ „Wenn der Frühling ſein Ende erreicht hat, wird Alles um dein Haus herum grünen. Mit dem Sommer wirſt du es zur Erndte wachſen ſehen: im Herbſte wird es Korn für dich geben. Haſt du das verdient, mein Freund? Nein! Du nicht mehr als ich. Obſchon ich immerhin der Schlimmſte, der Aergſte bin.“ „Aber dir ſoll der Frühling werden, und der Sommer und der Herbſt; denn Gott will, daß der Bekehrte lebe. Und wenn der Winter mit ſeiner Eis⸗ rinde und ſeinen Stürmen kommt, ſo ſollſt du denken: ——*— v* ** 295 das habe ich verdient! Aber ſiehe, du wirſt dann an einen warmen Herd treten dürfen. Und dein Weib, von dem du ehedem fortfliehen mußteſt, um zu mor⸗ den und zu ſtehlen, ſie darf jetzt an deiner Secite wei⸗ len, der du doch ſo ſündig biſt.“ „Denn Gott will, daß der Bekehrte lebe.“—— Er nickte zum Abſchied, und ſchickte ſich an, einen Andern zu beſuchen. Zuletzt faltete er noch ſeine Hände und ſchloß mit den Worten:„Ich bin des Glaubens nicht würdig! Aber ich bete, daß Gottes Sohn mir Glauben ſchenken möge. Thue auch du ſo: dann wird eines Tages Verzeihung über deinen Hain kommen, und eine Taube wird ſich ſetzen auf den grü⸗ nen Raſen deines Daches, Leb' wohl!“ Alle Verbrecher liebten dieſen Sünder vorzugs⸗ weiſe; er beugte ihren Sinn immer mehr, und ſie be⸗ gannen endlich Alle einander gegenſeitig zu lieben. Sie betrieben ihre Arbeiten fleißig und in Frieden. Sie dienten und halfen einander ohne Trotz, wo es des gegenſeitigen Beiſtandes bedurfte. Keiner dachte an ein Entweichen, wenn auch der ſchreckliche Diener der Polizei ſie nicht daran verhindert hätte. Auf der andern Seite des Sumpfes und Berges hätte ſich wohl vielleicht ein Pfad zum Entfliehen entdecken laſſen, wenn ſie gewollt hätten. Und die bloße Arbeit an den Wohnungen und auf den Grundſtücken würde gewiß nicht im Stande geweſen ſein, ſo unruhige Geiſter zurückzuhalten, obſchon Herr Medenberg—„der Vor⸗ ſtand“— ihnen alle Nothdurft verſchaffte. Sie hatten im Grunde mehr Achtung und Gehorſam vor Rickol⸗ ſon als vor Herrn Medenberg ſelbſt. Denn von dem Vorſtand wußten ſie nichts Schlimmes; und ſie dach⸗ ten im Stillen bei ſich ſelbſt:„er kann das nicht ſo genau wiſſen, er kann nur Worte darüber ſagen, wie alle Welt; aber Niemand kennt das Böſe ſo gut wie Joak.“ Dieſe Geſtalt war es daher, welche ſie mit Bewunderung betrachteten, wenn ſie erſchien; ſein 294 Ausſehen ergriff, hielt und umſchloß Alle wie mit einem Zauber, mit der Sonne in der Höhe und mit den Schrecken des Abgrundes. Es war eines Sonntag Abends im Juni. Die Hofmarſchallin war in Geſellſchaft der Gräfin Celeſtine und Aurorens gekommen, um einen ihrer gewöhnlichen Beſuche bei den Kindern und Freunden in Marienthal abzuſtatten. Unter Herrn Medenbergs und Göran Edelings Begleitung ging ſie mit der ganzen ſchönen Kinder⸗ und Frauenſchaar hinaus, um die neuerwachte Schöpfung in der Einöde zu betrachten. Der Vorſtand hatte ſchon mehrere Fußpfade und kleine ſich ſchlän⸗ gelnde Wege im Walde fertig gebracht. Sie verbanden die einzelnen Punkte. Die Geſellſchaft luſtwandelte von Haus zu Haus; alles hatte das Anſehen eines beginnenden Parkes. Als man ſich einem der Höfe näherte, blieb Frau Ebba plötzlich in einiger Entfernung ſtehen, Legte ihre Hand auf Medenbergs Arm und ſagte:„Was höre ich von dort her? Es iſt ganz die Stimme des Alten (Organiſten), aber in einer jungen Kehle. Was iſt das? Hören Sie! hören Sie nur!“ Die zahlreiche Geſellſchaft näherte ſich behutſam und achtungsvoll. Als ſie ankamen, ſahen ſie Nickol⸗ ſon in einer Ecke dieſes Hofes ſtehen, welcher einem der ärgſten ehemaligen Böſewichte gehörte. Mit ſtrah⸗ lenden Blicken und die Hand oft nach einer Sommer⸗ wolke erhebend, die vorüber flog, hielt Joak eben eine ſeiner feurigen Reden vor der Volksverſammlung. Die Umſtehenden hörten ihm zu, jedes Wort ſtill auffaſſend und tief bewahrend. „Gott!“ flüſterte Frau Ebba.„Er iſt alſo der Geiſt, der hier in der öden Gegend ſo eindringend wirkti Doch nein,“ ſetzte ſie leiſer hinzu,„ich ahne, daß ſich weiter hier oben Eine befindet, die noch mehr die Hauptperſon in dieſem ganzen wunderbaren Drama 295 zu heißen verdient. Sie, ſie iſt es, die dieſem Allem um uns her zu Grunde liegt.“ „Kommt! kommt!“ ſagte ſie laut zu Medenberg und den übrigen Freunden.„Laßt uns in den Hof hineingehen und beſſer horchen! Laßt uns unter die andern Sünder treten, die ja unſers Gleichen ſind. Wie mich dieſe Stimme, die Worte, die ich höre, an ſeinen Großvater erinnern, deſſen Töne ich in meiner Kindheit ſo ſehr liebte!“ Der Sprechende nahm an Stärke und Begeiſterung nicht ab; nach einer Weile ſchloß er plötzlich, legte ſeine ausgeſtreckte Hand auf die Bruſt und rief aus: „Still, ſtill, meine Lippen! Ich bin nicht der Rechte, um euch oder irgend Einem etwas zu ſagen. Was habt ihr gehört? Den Seufzer eines Sünders, der um die Gnade flehte, beten zu lernen. Fahret wohl und betet jetzt ſelbſt in unwandelbarer Bekehrung und mit ſtarker Hoffnung. So werdet ihr eines Tages den Sohn ſprechen hören, den Sohn Gottes aus den Wol⸗ ken des Himmels: und er wird euch taufen mit Feuer, nachdem er euch erfaßt hat mit Verzeihung!“ Er entfernte ſich auf einem ſchmalen Pfade, der ihn hinter den Berg und aus Aller Geſichtskreis führte. Die Verſammlung löste ſich mit Andacht auf. Die Hofmarſchallin trat näher zu den Leuten, und ſprach mit Mehreren. „Durfte ich je auf einen ſolchen Tag hoffen?“ ſagte ſie zu der Gräfin und Aurora.„Schon die Erde ſteht in dieſer Landſchaft ſo ſchön da, aber was iſt ſie gegen den Garten des Geiſtes?“ In dieſem Augenblick trat Alexander Medenberg zu ihr hin und flüſterte:„Es gibt eine Wohnung, die wir noch nicht beſucht haben. Ich habe ſie auf die Letzte aufgeſpart, um einige frühere Freunde mit dem Anblick zu überraſchen. Uebrigens liegt ſie unſerer eigenen Heimath näher als die, welche wir bis dahin beſehen haben, und wir wollen ſie nun im Rückwege 296 mitnehmen. Da unſere ganze Geſellſchaft hier ver⸗ ſammelt iſt, ſo wird es uns gewiß freuen, dieſes kleine Paradies zu ſehen: Dort wird ſich unſere Wanderung ſchließen.“ „Und was iſt das für ein Haus? Dort muß ja die Blume der Wildniß wohnen. Wo liegt es?“ fragte Frau Ebba. „In der Nachbarſchaft von Ellins und Göran Edelings Wohnung.“ „Ich ahne! ich begreife. Dort wohnt ja die alte Ellin, iſt es nicht ſo, Herr Medenberg? Dort wohnt wohl auch er, der heute vor uns geſprochen hat? Und dort findet ſich endlich gewiß auch ſie, die wir eine Zeitlang todt glaubten, die aber lebt. Joachima lebt. Und ihre Seele athmet jetzt aus der Bruſt des Sohnes. Sie iſt es, die uns Alle die ganze Zeit über getragen hat, nicht ſo? ſie, die hier Alles zur Verſchönerung der Seelen ausſchlagen machte?“ Mit dieſer Frage trat die Hofmarſchallin vor⸗ wärts. Gräfin Celeſtinens Herz ſchlug höher von einer unnennbaren Ahnung. Frau Ebba ergriff ihre Hand und führte ſie. Doch ihre Füße trugen ſie. Aber kaum wagte ſie es, zwiſchen den Bäumen, unter denen ſie gingen, durch und hinauf zu blicken. Sollte ſie noch einmal jene Erſcheinung, jenen Spuk zu ſehen bekommen, den ſie Nachts in ihrem eigenen Hauſe geſchaut hatte? Doch jetzt war es ja Tag. Nach einer Weile erblickten ihre Augen ein ein⸗ ſames Haus in Mitten der ſchönſten Bäume ſtehend. Die Thüre war halb offen. Als ſie ſich näherten, zeigte ſich eine Geſtalt unter der Pforte, die die Frem⸗ den empfangen zu wollen ſchien. Sie war nicht ſo hoch gewachſen wie ihre Schwe⸗ ſter, die alte Ellin; ſie ſchien auch nicht ganz ſo auf⸗ recht und gerade zu ſein, wie die junge Ellin. Aber die Farbe ihres Geſichtes war weiß wie ihr Kleid. 297 Ein ſeltſames Gefühl ergriff Frau Ebba, als ſie nach ſo manchen Jahren ihre geliebteſte Jugendfreundin wiederſah. Die Gräfin zitterte und hielt die Hofmar⸗ ſchallin ſo feſt am Arm, als ob ſie in ein Meer von Wolken unter der Erde zu verſinken fürchtete. Frau Aurora war die, welche den meiſten Muth dazu hatte, die anzuſehen, welche ſie vor ſich erblickte.„O Joa⸗ chima!“ brach die Hofmarſchallin nach einigen Augen⸗ blicken in leiſem Entzücken aus, und nahte der Thüre: „Wo biſt du ſo lange geweſen? und in welchem Him⸗ mel wohnſt du jetzt?“ Die Unbekannte ſtreckte ihre weiße Hand gegen ihre Gäſte aus und ſprach:„Kommt herein! Ich kann euch etwas Milch anbieten.“ Alademifche Gedanken. Als Herr Hugo und die übrigen Mitglieder der Roſenakademie das Stück geleſen hatten, welches Franz ſeinen Freunden von dem lieblichſten Punkte des ſüd⸗ lichen Wetterſtrandes geſchickt hatte, ſagte der Vater der Akademie mit dem ganzen milden Lächeln eines Worffuͤhrers und mit hoher Seelengegenwart: „Gelieb WMitglieder! Es iſt mir noch nie ge⸗ ſchehen, ein Urtheil über etwas zu haben, das ich in der Akademie vortragen hörte. Ich war der Sprecher. auch hetn Allein heute Nachmittag habe ich mit der Poſt einen Brief von meinem Franz erhalten, der eine unbe Neuigleit enthält, die ich demge⸗ mäß mitt hwohl—“ fiel der Sekretär*) „Ja meine Schweſter, du haſt ganz Recht,“ er⸗ wiederte Herr Hugo, und nickte Tante Eleonoren zu. „Ich denke auch ſo. Zum Beiſpiel, ſag' einmal, was meinteſt du?“ „Nun,“ fuhr ſie mit einem ernſten und anmuthi⸗ gen Blicke fort,„ich halte es für yöchſt wichtig, hier den rechten Zuſammenhang mit dem Chriſtenthume aufzufinden. Entſchuldige mich daher, wenn ich, obgleich Frauenzimmer, mich über das, was wir ge⸗ hört haben, auslaſſe: du, mein Bruder, wirſt in dem, was ich ſage, nur die eigenen ſchon oft ausgeſproche⸗ der Akademie ) Wie und aus welchen Gründen Tante Eleonore zum Sekretär der Akademie ernannt wurde, ſiehe die Einleitung⸗ 302 nen Gedanken der Akademie finden; und es muß dich ja freuen, wenn ich dieſe richtig aufgefaßt habe.“ „Gewiß, meine beſte Schweſter! ich könnte mehr als ein Beiſpiel davon anführen, daß du ſelbſt gedacht haſt. Sage deine Meinung ohne Rückhalt; ich werde dir dann die Neuigkeit von Franz nachher melden.“ Fräulein Eleonore fuhr alſo fort.„Ich ſage, ganz wie die Hofmarſchallin Abelcrona, daß es hier auf der Welt beinahe überall zwei Extreme gibt, die man vermeiden muß. Entweder huldigen die Men⸗ ſchen nur dem Sinnlichen, verachten das Himmliſche als ein leeres Gedicht, und ſchätzen die Bibel nur als eine Suge die nützlich ſei, um einſollige Leute m Zügel zu halten, und zu nichts Weiterem. Das iſt die allgemeinſte Art, wie das Chriſtenthum aufgefabt wird, ſofern das nämlich dieſen erdie Oder aber predigt man das Ue verwirft das Irdiſche ganz, vo und das G as Gott er Sonne geſchaffen hat, was eben deßwegen etwas Gemeines und ſomit ohne s durchaus Sündliches ſein ſoll.“ „Du haſt Recht. Die erſte attung iſt das materialiſtiſche, oder genauer geſagt, das politiſche Chriſtenthum; die letztere pflegt man, neben eini⸗ gen andern Namen für die Abarten, Pietismus zu nennen, obſchon dieſe Benennung zu gut dafür iſt.“ „Keine von beiden taugt etwas. Die erſtere ſinkt herab in das allgemeine, ſchlechte, häßliche, lang⸗ weilige und erbärmliche, rein irdiſche Leben, wenn ſie ſich auch noch ſo ſehr als Orthodoxie breit macht, was ich für meine Perſon ſtets für eine Falſchheit halte. Die zweite beginnt ſchön; da ſie aber im Grunde Unwahrheit und Ungereimtheit umfaßt, ſo ver⸗ nichtet ſie in Bälde ſich ſelbſt, geht bei ihren Beken⸗ nern zuerſt in Hypochondrie, und nicht ſelten nachher in heimliche, eniſetzliche Laſter über, und endigt oft nen verdient. . *———* Sw S S——— — 303 mit Prahlerei, Jeſuitismus und manchem andern ismus.“ „Gibt es vielleicht eine dritte?“ „Die dritte— die wahre Art von Chriſtenthum— iſt ſo leicht zu bezeichnen, aber ſo ſchwer zu finden. Sie ſoll Himmel und Erde zugleich ſein, aber ſo, daß das Himmliſche die Herrſchaft führt. Wir thun hier nichts aus Begierde, aus irdiſcher Begierde; ſondern Alles aus Gehorſam; nämlich nicht aus Gehorſam gegen Jedermann, am allerwenigſten gegen die ſelbſt⸗ ſuchtigen Erfindungen der irdiſchen Autoritäten, welche die Maſſe der Menſchheit in Elend, Unglück und Ver⸗ derben erhalten wollen; ſondern aus Gehorſam gegen den heiligen Geiſt, der ſich in der Wahrheit und vor unſerer Seele offenbart. Billigſt du meine Bemer⸗ kungen hierüber, mein geliebter Bruder? Sag' mir, ob ich den Sinn jener Worte aus dem Munde von Joachima's Sohn richtig aufgefaßt habe? Aber gerade dieſes Vereinigen des Himmliſchen und Irdiſchen in einer lebendigen Einheit iſt ſo leicht zu bezeichnen, und doch hat ſich die Verwirklichung dieſer Idee ſo ungemein ſchwer gezeigt, da die Menſchen nie auf das Einfache losgehen, ſondern am liebſten das Ziel über⸗ ſpringen. Jene beiden Extreme find unendlich beque⸗ mer. Wie kurz und gut erſcheint es nicht, alles Ir⸗ diſche in gerader Konſequenz ausſchließlich zu umfaſſen; oder in gleich nackter Konſequenz das Irdiſche zu ver⸗ werfen! Dieſe beiden Syſteme ſind bald in Worten dargeſtellt; nichts Bequemeres, als nach einem derſel⸗ ben zu predigen, oder einem nachzuleben, bis man den Hals bricht; wonach allerdings keine Schwierigkeit mehr zu überwinden iſt.“ „Ja ſo iſt es. Du haſt ganz furudviſch reden ge⸗ ernt.“ „Aber im Himmliſchen und Irdiſchen zugleich harmoniſch leben, das iſt das ewige Problem der gan⸗ zen Bildung, wie es auch den Endzweck aller Wißen⸗ 304 ſchaft und das hohe Streben der Religion ausmacht. Dazu gehört aber, wie ich treu und feſt glaube, das Chriſtenthum. Hierin iſt es, wo ſich das mächtig und unbeſiegbar offenbart, was man Leſerei nennt, da nun einmal der jetzige Sprachgebrauch zu wollen ſcheint, daß man das Cyriſtenthum ſo heiße, ſobald es ſich zum Unterſchied von jener allgemeinen, ruhigen Lau⸗ heit und glatten Kälte, durch Leben und eine feſte Ueberzeugung in der Perſon kund gibt.“ „Eleonora! auch ich habe es wie du, ſehr wohl⸗ thuend gefunden, die Leſerei einmal von ihrer höhe⸗ ren, inneren und ſchöneren Seite zu betrachten, anſtatt von der äußeren, unangenehmen, mediziniſchen, glieder⸗ verdrehenden, geſichtverziehenden— mit einem Wort, anſtatt von der Chorea⸗Seite.“ „Aber ſage mir nur, Bruver, wie hat man dieſe jemals mit Leſerei, mit Frömmigkeit und Chriſtenthum vermengen können? Das begreife ich nicht.“ „Die Frage, die du hier ſtelſt, meine Schweßer, iſt ſehr richtig; beſonders in unſern Tagen, eigentlich aber zu allen Zeiten. Ich war auch anfänglich der Meinung, daß die Chorea die Religion durchaus nichts angehe, und auf keine Art eine Sitte des Chriſtenthums ſei. Dennoch iſt es mir bei genauer Betrachtung der Sache ſehr ſchwer, ja unmöglich geworden,— da ich einen kirchlichhiſtoriſchen Blick auf die verſchiedenen Sekten warf, wie die Shäkers, die Quäker, ſo wie auf die urſprünglichen, ſchon zu Chriſti Zeiten Mond⸗ ſüchtigen, ich meine die Lunatiker, ſo wie die Dämo⸗ niaken und Beſeſſenen, ich ſage, es iſt mir ſehr ſchwer geworden, in ihnen nicht eine gewiſſe unverkennbare ebereinſtimmung mit dem zu finden, was ſich in un⸗ ſern Tagen in Smaland gezeigt; und was der Streit zwiſchen den Herrn Sköldberg und Sonden ſehr inte⸗ reſſant entwickelt hat. Ich mußte in der That zuge⸗ ſtehen, daß ſelbſt in den Geſichtsverdrehungen unzwei⸗ felhaft eine gewiſſe, große theologiſche Merkwürdigkeit * S — it 505 liegt, ohne daß ich damit etwas Verletzendes oder Herabſetzendes gegen Zuckungen einer andern Art ge⸗ ſagt haben will, die vielleicht von noch größerer Bedeutung ſind. Ich hatte, wie bereits bemerkt, früher die Hoff⸗ nung gehegt, daß weder der St. Veitstanz, noch die Tanz⸗ manie überhaupt, die Muskelverzerrungen oder irgend eine Gattung von Nervenzufällen etwas mit dem Chriſtenthum zu ſchaffen haben möchten. Allein es hat ſich wunderbar herausgeſtellt, meine Freunde, welche große Rolle der Körper zu jeder Zeit bei einer geiſti⸗ gen Thätigkeit geſpielt hat. Man wird ſehr wenig Beiſpiele von Apoſteln aufweiſen können, von Lehrern von dem höchſten idealiſchen Range, die bei ihrer Thätigkeit unter der Menſchheit nicht auch überall, wo ſie waren, den Körper beigezogen haben. Ja faſt immer äußerten ſie ſich durch ſeine Organe. Ebenſo ſelten werden die Fälle ſein, wo die Zuhörer die Lehre ohne den Körper auffaßten; oder wo ſie nicht durch einige phyſiſche Bewegungen, ſei es der Bruſt, der Augen oder des Mundes, die Wirkung zu erkennen gaben, welche das Angehörte auf ihren Geiſt machte. Ich könnte etwa nur die Momente, in welchen die Zuhörer ſchliefen, als ſolche bezeichnen, wo der Körper gar nicht an der Unterweiſung Antheil genommen hattez doch will ich dieß gerade auch nicht als die geiſtigſte Auffaſſungsart darſtellen, ungeachtet der Geiſt hiebei allein ſein mag. Laßt uns daher das Animaliſche durchaus nicht von der Religion ausſchließen, oder die Zeichen verkennen, die meiner Anſicht nach der Körper faſt nothwendig äußern muß, wenn der Geiſt irgend Etwas empfindet; laßt uns die Shäker, Quä⸗ ker, Lunatiker und Dämoniaken nicht verachten; ſon⸗ dern lieber den Nerventanz begreifen, die Chorea ver⸗ ſtehen und allem Unfinn Gerechtigkeit anthun. Mit wenig Worten, meine Freunde— denn wir ſind ja Menſchen!— laßt uns nicht unduldſam gegen die Ver⸗ rückten ſein. Der Uebergang von dem Schlamme, Drei Frauen in Smaland. U. 20 ——— 306 in dem man ſich befindet, zu dem höheren Leben iſt nicht ſo leicht, als der Weltmann glaubt; und wenn Einer auf dem ſchmalen Pfade hienieden ſtrauchelt, wenn Einer darauf umfällt, wobei ſich unwillkürlich gar ſonderbare Manieren zeigen mögen— ſo laßt uns billig ſein. Futrema se tangunt, heißt es; was ich überſetzen will: les extrémes 8e touchent. O meine Freundel verſtehen wir die Sache recht, ſo werden wir einſehen, daß ſelbſt das Chriſtenthum, das Höchſte von allem Leben auf Erden, gerade indem es den Geiſt verwandelt, umſchafft und umwendet, auch zu⸗ gleich die größte Umwälzung im Körper hervorbringt. Es iſt eine bekannte Sache, daß geiſtigthätige, leb⸗ hafte Menſchen beinahe nie krank ſind. Woher kommt dieß, wenn nicht daher, daß derſelbe Gotteshauch, der die Seele erfaßt und geſund gemacht hat, auch den Körper ergriff, das Animaliſche im Weſen der Perſon reinigte, und ſelbſt in das Irdiſche eine kraftvolle Harmonie legte. Dieß läßt uns begreifen, wie es den Miſſionären und Märtyrern aller Art hli 3 n⸗ war, jene beinahe ans Wunderbare grenzenden ſtrengungen in allen Ländern durchzumachen und bei⸗ nahe wie Nichts zu tragen; dieß läßt uns jene Er⸗ zählungen begreifen, die uns oft wie Legenden vor⸗ kommen, und es in ihrer Uebertreibung wohl auch ſein mögen, die aber doch einen gewiſſen, großen und wah⸗ ren Fond haben: nämlich die in der Wirklichkeit er⸗ tragene Beſchwerde. Daraus läßt ſich aber auch auf der andern Seite begreifen, wie es kommen kann, daß Menſchen ohne geiſtiges Leben und Thätigkeit, Men⸗ ſchen, die es zur Lebensregel genommen zu haben ſcheinen, ſich nur um ihren Körper zu bekümmern, ſo ſehr oft dem Genius der Krankheit, der Gebrechlichkeit, der Schwachheit, Ermattung und Kläglichkeit anheim⸗ fallen. Der Körper dankt der Vorſorge durchaus nicht, die er genießt. Er iſt an ſich ſchon ein Betrüger, wenn er nicht ganz vom dem Geiſte in Beſchlag ge⸗ — ——„————„—— 307 nommen iſt. So iſt es ja auch mit der ganzen Welt, mit allem Erdenleben, mit der ganzen Natur. Wenn das Reich Gottes in ihr flammt, wenn ein Engel aus jedem Baum ſpricht und aus jeder Blume athmet, da iſt ſie hoͤchſt herrlich; wenn ſie aber nur an ſich als Erde, als Staub betrachtet wird, ſo iſt ſie der ſchlimmſte, abſcheulichſte und troſtloſeſte Aufenthalt. Zwiſchen dieſen beiden Gegenſätzen aber— zwiſchen einem Zuſtande der Harmonie, wo der Geiſt den gan⸗ zen Körper eingenommen und jeden Saft in ihm ge⸗ funden hat, und dem andern, wo der Geiſt noch ſchlum⸗ mert, und der Körper auf eigene Fauſt herumgeht, und krank, hinfällig, wehleidig iſt— zwiſchen dieſen, meine Freunde, laßt uns billigerweiſe noch einen Zwiſchenzuſtand anerkennen. Dieſer tritt dann ein, wenn ſich der Menſch gerade im Uebergang vom ein⸗ ſeitig Körperlichen zum harmoniſchen Höheren ſich be⸗ findet, wo Geiſt und Körper in eine lebendige Einheit zuſammenfließen. Möchte nicht vielleicht manche Chorea gerade auf dieſem Uebergangspunkte ftehen? Müſſen wir es denn wunderbar finden, wenn ſich bei einer ſo gewaltigen Gährung im ganzen Weſen der Perſon eine größere oder geringere Verzuckung zeigt? Es iſt bekannt, daß, wenn Jemand einer Vorleſung vom Katheder herunter oder einer Predigt von der Kanzel aus anwohnt, dieß auf ſein Gehirn einwirkt; voraus⸗ geſetzt nämlich daß das, was geſprochen wird, über⸗ haupt wirkt. Allein der Einfluß, der ſich durch die Gehörnerven dem Gehirne mitgetheilt hat, verbreitet ſich von hier aus in idealer Hinſicht nach der Seele; in realer dagegen nach dem ganzen Nervenſpſtem, das durch das Rückenmark in unmittelbarer Verbindung mit dem Gehirne ſelbſt ſteht. Ich kann daher nicht einſehen, warum Vorleſungen und Predigten bei uns nicht auf den Plexus ſolaris wirken ſollten; ich bin im Gegentheile vollkommen überzeugt, daß Alles was wir hören, ſei es nun vom Katheder aus oder in der 308 Kirche einen beſtimmten Einfluß auf die Sonnenflechte im Diafragma hat. Dieſe Flechte aber ſetzt immer einen gewiſſen Nerventanz in größerem oder geringe⸗ rem, doch— glaubt mir!— immer in einigem Grade in Bewegung. Es hängt jetzt nur von der phyſiſchen Stärke des Zuhörers ab, ob dieſer Nerventanz in totale Tanzmanie, St. Veitstanz, Shäkerei, Chorca und die abſcheulichſten Muskelverdrehungen übergehen ſoll, oder ob er es nur mit einer kleinen heilſamen Erſchütterung des ganzen Körpers bewenden läßt, welche dann Lebhaftigkeit, Geſundheit und am Ende ſogar Schönheit zur Folge hat. Wir ſehen alſo, wie die Bildung nicht nur auf den Geiſt einwirkt, ſondern auch auf das Somatiſche; und das Nämliche, was durch Vermittlung des Gehirns und des Nervenſyſtems die Muskeln, Knochen, Adern und endlich die Haut affizirt, und dadurch der Perſon Geſundheit, Kraft und Schönheit verleiht, kann in ſeinem Uebermaß, oder wenn der Empfänger von der Art iſt, daß er falſch empfängt, Krankheit der Muſkeln, Hüpfen, Häßlich⸗ keit und ein ſo unordentliches Blut erzeugen, daß es ſogar in Finnen ſich äußern kann. Wenn daher die vorgelegten Gründe, woran meine Akademie wohl nicht zweifeln wird, richtig ſind, ſo dürfte man leicht einſehen, daß Jeder von uns, der ſeine Bildung durch Studien, Lektüre, Muſik, Zeichnen, Poeſie oder was es nun ſein mag, empfängt, ſteis während dieſer Zeit etwas mondſüchtig iſt; obſchon er(oder ſie) kein wirk⸗ licher Lunatiker und ebenſo wenig Selenatiker wird, wenn es nicht in der Narrheit zu weit mit ihm geht—“ „Alſo—“ unterbrach ihn Fräulein Eleonora. „Alſo iſt es mein Wunſch, meine gute Schweſter, daß wir jede Art Leſerei, Chriſtenthum oder Bildung mit Gerechtigkeit und Billigkeit betrachten. Denn es iſt keine ſo leichte Sache.“ „Aber am Ende?“ „Am Ende wird es gut, vollkommen und recht 509 werden. Und darum eben bin ich ſo innig, ſo ſeelen⸗ vergnügt, die ganze Welt ſteht vor mir wie eine Idylle, ſie endigt ohne mein Dazuthun in Verſöhnung, Freude, und Frieden, wobei Alles zuſammentrifft und zuſammenpaßt. Ich kann nicht helfen, ich muß offen ausſprechen, wie ich fühle. Erinnern wir uns des heiligen Evangeliums, worin von Chriſti Leben und Lehren die Rede iſt, ſo wiſſen wir auch, wie er dort an einer Stelle von ſeiner zweiten Ankunft ſpricht: ihr werdet ſehen des Menſchenſohn(nämlich Gottesſohn) kommen in einer Wolke. So heißt es. Wir können alſo das Chriſtenthum ohne Schwierigkeit in zwei Perioden eintheilen: die erſte vor, die zweite nach jener nochmaligen Ankunft Chriſti. Die erſte Periode, wo das Chriſtenthum noch mit einer Menge heidni⸗ ſcher, es umgebender und ſchimmernder Elemente zu kämpfen hatte, mußte natürlich einen Gährungspro eß in der Menſchheit von ſehr nervenerſchütternder Art enthalten. Deßhalb mußte auch dieſe Periode von ihren höchſt ſonderbaren Sekten erfüllt ſein, welche die Kirchenhiſtorie dieſer Zeit beſpricht? und zwar nicht nur von Leſereien geiftlicher und ſchöner Art, ſondern auch von Muckereien, die mit den häßlichſten Geſichts⸗ bildungen verbunden waren. Wenn wir die Sache aber von der rechten Seite betrachten, ſo werden wir gleich⸗ wohl dieſe Sekten in ihrer Art achtungswerth finden; alle führen die Menſchheit zum Ziele. In ſolchen Zeiten aber iſt auch eine große Maſſe von Sünde unter den Menſchen; da die Geſetze, deren Stifter das Weſentliche im Menſchen, um das es ſich im Grunde handelt, nicht zu treffen vermocht haben, verſchiedenes mehr oder minder Schiefes feſtſetzen; ſo daß eine Menge Menſchen dadurch daß ſie leben, gegen dieſelben anſtoßen. Dann das Große, Unbegreifliche, welches gleichwohl ſtets und ununterbrochen Statt hat und dem nicht abzuhelfen iſt, beſteht darin, daß die Men⸗ ſchen leben; und dadurch eben verfehlen ſie ſich gegen um w 510 alle ſolche Beſtimmungen, welche das Leben nicht in ſich begreifen. Dieſe Geſetze ſind aber nothwendig, da ſie die Unordnung, welche durch eine vorausgegan⸗ gene Geſetzgebung entſtanden iſt, beilegen und ins Reine bringen müſſen; ſo wie das Uebel, das ſie ſelbſt anrichten, ſeinerſeits wieder durch künftige Geſetzge⸗ bungen zu beſſern geſucht werden muß. So z. B. bedarf es unumgänglich Geſetze gegen den Diebſtahl, nach dem eine andere Geſetzgebung lange Zeiten hin⸗ durch Armuth und Noth erzeugte; dieſer bedurfte es aber, weil eine frühere Ueberfluß und Tugend geſchaffen hatte; dieſer wieder, weil von einer andern Unſittlich⸗ keit geboren und der Begriff wahrer Luxus von der Erde genommen worden war. Und dieſe Kette wird ſo fortmachen, bis die Menſchheit endlich aus ihrer gigantiſchen Phantaſie von lex, rex und grex(um an das bekannte Buch unter dieſem Titel zu erinnern) aufwacht. Dieſes Erwachen aber begreift die zweite Periode des Chriſtenthums in ſich, welche myſtiſcher⸗ weiſe durch die Ankunft des Menſchenſohng auf den Wolken angedeutet wird. Dann iſt die Sonue des Lebens in der Welt aufgegangen und Harmonie in die Anſichten gebracht; und um wieder auf das zu kom⸗ men, was ich früher berührt hatte, der Geiſt bemäch⸗ tigt ſich dann des Körperlichen auf Erden ſo vollſtän⸗ dig, daß auch dieſes Letztere geſund, froh und friedlich wird. Die Gährung, die Erſchütterung, der Nerven⸗ tanz ſind nun verſchwunden. Der Menſch ſchaut auf das Vergangene zurück, das achtend, was war, und freudig und dankbar, daß es vollendet iſt. Und mit dieſem Unterliegen des ganzen Erdenlebens unter der ſtarken Gewalt des Geiſtes hören auch die äußeren Geſetze auf, welche mehr oder weniger ſchief find, und die Verbrechen nehmen überhaupt ein Ende. Ich muß meiner Akademie ſagen, daß ich auf einen Punkt gekom⸗ men bin, wo ich das Myſterium der Sünde durchſchaue.“ „Wie?“ riefen Alle, und beſonders Julianus. N— S v—* S—— 31¹1 „Ja, das Myſterium der Sünde; ich kann es nicht anders nennen. Ich meine das Geheimniß von der Sünde Daſein oder ihrem Sinne, oder Nutzen, oder wie ihr es nennen wollt, meine Freunde. Gleich⸗ wohl geſtehe ich, daß wir hier am Rande des ſchauer⸗ lichſten aller Räthſel ſtehen. Laßt uns jedoch nicht vor dem Worte zurückſchrecken, ſondern uns vor den wah⸗ ren, milden Gedanken ſtellen. Es bedarf viel Fröm⸗ migkeit, Demuth und Klarheit, um das Myſterium der Sünde einzuſehen.“ Die ganze Akademie ſah mit Erſtaunen auf. „Ja, meine Freunde, laßt uns aller Zeiträume der Geſchichte gedenken, gedenken, wie die Menſchheit durch Sünde weiter geſchritten iſt, und wie jeder neue Bildungskreis die größte Todſünde war, welche die vorausgehende Bildungsperiode am meiſten verboten und mit all ihrer Macht, ihrer Weisheit, ihrer Geſetz⸗ gebung zu verhindern geſucht hatte: Alles aus dem natürlichen Grunde, weil jedes Kulturgeſetz ſich ſeines eigenen Lebens wehren und ſeinem Tode vorbauen will. Daß die Laſter die Welt getragen haben und tragen, oder daß ſie überhaupt Schuld daran waren, wenn etwas Rechtes aus ihr wurde, dieß iſt die letzte Wahrheit, welche menſchliche Lippen ausſprechen ſoll⸗ ten; da nachher nicht mehr viel zu ſagen iſt. Ich gebe auch zu, daß dieſe Worte ſchrecklich mißverſtanden werden können! deßhalb bitte ich euch jetzt um große Auf⸗ merkſamkeit. Ich meine keineswegs alle Laſter, nicht ein⸗ maldengrößten Theil. Ich meine auch durchaus keine kleine Fehler, Vergehen und Sündenz ſondern das, was in jedem Zeitraum für die Größte und Vollkommenſte angeſehen wurde: die Todſünde des Jahrhunderts ſelbſt. Sie iſt es gewöhnlich, vor welcher die ganze Bildung des Zeitraums ſchaudert und zittert, wie vor ihrem eigenen Untergang. Sie iſt es, welche die Pforte zeigt, durch welche die neue Periode hereintritt; wo⸗ durch die Menſchheit ſteigt und ſich erweitert. Das ——— 312 kann auch gar nicht anders ſein. Denn jede Kultur⸗ ſtufe muß als ein geſchloſſener Kreis ihre umgebende Grenze haben. Ohne dieß könnte man nicht von einer beſtimmten Bildung ſprechen. Das größte aller Ver⸗ brechen entſteht alſo, wenn dieſer begrenzende Umfang auf irgend eine Art zerriſſen wird. Aber die Menſch⸗ heit ſelbſt kann nicht aus dieſer Bildungsform empor⸗ wachſen, ohne ihre Schaale zu zerbrechen. Dieſen Bruch aber muß der auseinandergehende Kulturzyklus für das größte aller denkbaren Verbrechen halten, da es ihn ſelbſt auflöst, und der Welt ein neues Leben ver⸗ leiht. Darum wurde Chriſtus von den Juden ge⸗ kreuzigt, weil das, was er predigte, die Grenzen des Judenthums erweiterte und die Kette jener Gerechtig⸗ keit zerbrach, welche auf„die Werke des Geſetzes“ gebaut war. Das„Geſetz“ ſchauderte vor dem „Glauben“, verketzerte ihn und verfolgte ſeine Ver⸗ kündiger, ſo lange es möglich war. Aber ſeine Kraft ward endlich gebrochen: die Geſetzesperiode fiel und der Glaube ſiegte. Dergleichen Schauſpiele, wo die geſtraft wurden, welche ein neues Leben einzuführen verſuchten, ſehen wir überall. Dem Mani ward von den Perſern die Haut abgezogen: die Heterodoxen aller Zeiten wurden von ihren reſpektiven Orthodoxen gemordet, worauf ſie nachher von der Zeit, die kam, für rechtgläubige Märtyrer anerkannt wurden. Huß wurde von den Katholiken verbrannt; und Luther würde daſſelbe Schickſal gehabt haben, wenn nicht die Grenze des römiſch⸗päpſtlichen Bildungskreiſes bereits an ſo vielen Punkten durchbrochen und zerſtört geweſen wäre, daß das Licht von allen Ecken hereinſchien, daß Nordeuropas Geiſt die Römerfeſſel abwarf, ſich er⸗ weiterte, und das ehemals größte Verbrechen jetzt, da es natürlich war und in der Ordnung der Dinge lag, als die größte Tugend galt.“ „Aber, mein Bruder,“ ſagte Fräulein Eleonore, „mir ſcheint, du machſt da eine höchſt gefährliche Ver⸗ —— c————„————— —— G— S 6 wechslung. Alles, was du bis jetzt Verbrechen ge⸗ nannt haſt, war es nur gegen Menſchen und gegen ſchwache menſchliche Satzungen; und die Zerſtörung von Vorurtheilen muß dem zufolge ein Verdienſt gegen die Zeit ſein. Aber gibt es denn nicht auch Verbrechen, welche Verbrechen gegen Gott ſind? Laſter, deren Be⸗ friedigung keineswegs die Welt trägt oder den Fort⸗ gang der Bildung befördert?“ „Ohne Zweifel,“ antwortete Herr Hugo mit einem ernſthaften Bruderblick.„Habe ich dir das nicht ſchon einmal geſagt. Das große Verbrechen beſteht aber indeſſen darin, daß es noch keine Bildungsveriode auf Erden gab, welche nicht Verbrechen gegen ſich für Verbrechen gegen Gott angeſehen hätte. Und dieſe Sünden, dieſe Laſter hat noch immer jede Bildungs⸗ periode als die größten, ſchrecklichſten, unverzeihlichſten der Zeit bezeichnet. Die abſoluten Laſter dagegen, das heißt die, welche es vor Gott ſind, werden im. Vergleich mit jenen für minder wichtig gehalten. Die Oberhäupter der jedesmaligen Periode beſchäftigen ſich wenig oder gar nicht mit denſelben, da ſie ja die eigene Grenzbeſtimmung der Bildung nur wenig be⸗ treffen, und doch die Vertheidigung dieſer den Häup⸗ tern am meiſten am Herzen liegt. Laſter und Ver⸗ brechen gegen Gott, welches doch eigentlich die einzig wahren ſind, überläßt man dem höhern Weſen und befaßt ſich nur wenig mit ihrer Steuerung.“ „Aber ein für alle Mal, worin beſtehen denn dieſe Laſter und Verbrechen?“ „Darin, daß man Alles und Alle nicht liebt; und ferner in der ganzen Gemüthsanlage des Menſchen und all ſeinen Thaten in der Welt, die aus dieſer Unliebe herfließen,“ antwortete der hohe Vater.„Dieß lehrt das Chriſtenthum.“ „Glaubt mir,“ fubr er fort,„dieſe Lehre enthält weder Formloſigkeit noch Geſetzloſigkeit; allein ſie enthält freilich nur die Form, welche jedem Weſen 314 angehört, und das Geſetz, welches die Bedingung jeden Daſeins bildet. Und da jedes geſunde Geſchöpf entſchieden in den Formen ſeines Weſens ſein will, welche wieder mit ſeinen Bedingungen zuſammenfallen, ſo verſchmilzt auch immer das wahre Geſetz mit der wahren Freiheit, ohne daß dabei irgend eine individuelle Vernichtung vorgeht. Nur für ein krankes Weſen, deſſen eigenes Gefühl es nicht über die wahren Be⸗ dingungen ſeiner Form auftlärt, bedarf es ein äußeres Gefetz, aber dieſes muß dann, um zur Geſundheit zurückzuführen, nur etwas aufſtellen, was zum wahren Zuſtand des Weſens gehört, ſonſt pflegt und vermehrt das Geſetz die Krankheit. Welches die eine Hälfte der Weltgeſchichte iſt, und was ſeine Urſache darin hat, daß die, welche ſolche Geſetze geſchrieben haben, felbſt krank in ihrem Weſen waren.“ Eleonore, Julianus, Heinrich, Aurora— die ganze Akademie blickte freudig auf Herrn Hugo, Kei⸗ nes ſprach aber ein Wort. Er nickte ihnen nun mit olympiſcher Freundlich⸗ keit zu und ſprach:„Wenn ich dieß jetzt als abgeſchloſ⸗ ſen betrachten darf, ſo erlaube ich mir die Frage: hat die Akademie etwas dagegen, wenn ich auf das übergehe, wovon ich heute eigentlich ſprechen wollte? Auf die Neuigkeit nämlich von meinem Sohne?“ „Geſchwinde, geſchwinde!“ rief Fräulein Eleo⸗ nore. „Ich muß der Akademie alſo berichten, daß ich einen neuen Brief von Smaland, von Franz erbalten habe; und ich will in Kürze anführen, was er ſchreibt. O meine Freunde! es wird mir ſchwer, das Gefühl zurückzuhalten, welches dieſer Brief in mir erweckt hat. Franz war in Begleitung Richard Furumo's auf der Hönshylter Schanze!“ „Hönsh—“ brachen Alle aus.„Auf welchen un⸗ erwarteten Gegenſtand werden wir jetzt geführt?“ „Ihr wißt alſo nicht, was dieſer merkwürdige —— 31¹⁵ Punkt bezeichnet?“ verſetzte Herr Hugo.„So höret denn! In Smalands ſüdlicheren Gegenden, im ur⸗ alten Bezirke Kinnewald, im Kirchſpiel Almunsryd und in der Nähe vom Hackequarnfluß lag ehedem ein nordiſches Jlion. Was ſagt ihr dazu? Eine Dro⸗ janerburg ſtand in unſern Gauen. Noch jetzt gibt es in dieſer Gegend einen Trojamalhof, und ein Trojahag mit Wald und Park. Dieß iſt keine Dichtung, ſondern die reine Wahrheit.“ „Aber, du mein Gott! Troja hier oben in Schwe⸗ den?“ rief Tante Eleonore, und Julianus näherte ſich ſeinem guten Onkel mit innig fragendem Blicke. „Ja,“ erwiederte er.„Die Wunder der Vorzeit ſtehen in verhüllten Geſtalten um uns her, wo wir ſie am wenigſten ahnen. Wer von uns denkt jetzt noch an das alte, herrliche Troja, das doch, ehe es von den Griechen zerſtört wurde, der Glanzpunkt der äußerſt merkwürdigen thraciſchen— thrakiſchen, teuk⸗ riſchen, türkiſchen(alttürkiſchen nämlich oder europäiſch⸗ türkiſchen) Bildung war. Daß unſere Vorfahren zu Odins Zeiten und lange vor ihm in näherer Verwandt⸗ ſchaft mit dieſen Thrakern geſtanden hatten, iſt eine bekannte Sache; indem die thrakiſche Kultur ſelbſt aus den Kaukaſusgegenden, aus Indike am Mäotis(Maie⸗ tis) herkam: dem nämlichen Lande, deſſen Mittelpunkt der vorodinſche Asgard oder Aſahof war. Dieſe Ver⸗ wandtſchaft mit den Thrakern geht auch ſchon daraus hervor, daß ein Ingver*) in der Inglingaſage Tür⸗ kenkönig genannt wird. Spätere Bearbeiter unſerer alten ſchwediſchen Hiſtorie haben nicht genug Werth auf die Verwandtſchaft unſerer Vorfahren mit den Trojanern gelegt; ſie wurde von Einigen ſogar ganz umgangen, oder faſt ins Lächerliche gezogen. Dieß kommt viel davon her, weil die ältere Anſicht über unſere Annalen, an deren Spitze man ſagen kann, *) Yngve, Sohn Odins; hier ſ. Nachkommen. 5¹6 daß die Chronik Johannes Magni und dann auch noch theilweiſe Rudbecks Atlantika ſtehen, in Mißkredit ge⸗ rathen war. Sie wurde durch eine neuere Anſicht unſerer Gelehrten verdrängt, welche ſich nach der Be⸗ kanntſchaft mit den isländiſchen Sagen zu Anfang und in der Mitte des ſiebzehnten Jahrhunderts geltend machte. Allein die Mißachtung der Verwandtſchaft mit Troja kam noch ferner von der Unbekanntſchaft der Forſcher mit dem ganzen thrakiſchen Leben überhaupt her, welches die griechiſchen und römiſchen Schriftſteller theils nicht recht kannten, theils aus Religionsgründen haßten; ſie kam her aus dem Man⸗ gel einer Kenntniß des ganzen euxiniſchen Pontus, des mäotiſchen Orientes—“ „Der euxiniſche Pontus, Onkel! iſt das nicht das, was wir Pontus Euxinus, ſchwarzes Meer benennen?“ unterbrach ihn Fräulein Ulla. „Gewiß, meine Nichte. Der Pontus Euxinus (Pontos Axeinos,„das ungaſtliche, den Fremden ge⸗ fährliche Waſſer“) war ein merkwürdigeres Meer, als Mancher jetzt ahnt, ſeit ſein Ruf in neueren Zeiten durch den des mittelländiſchen Meeres verdrängt wurde. Das ſchwarze Meer ſpielte die wunderbarſte Rolle in der kimmeriſchen, ſchtiſchen und thrakiſchen Vorwelt; ſeine ſchönen Ufer, beſonders um Sinope, Trapezunt⸗ der Mündung des Phaſis und am tauriſchen oder turaniſchen Cherſonnes, der Halbinſel Thors— jetzt Krimm— haben Abenteuer und Begebenheiten erlebt, die ſich mit allen andern in der Weltgeſchichte ſowohl als in den gigantiſchen Gedichtbüchern meſſen können. Ach meine Freunde, wie unwiſſend find nicht die Men⸗ ſchen in ſpätern Jahrhunderten geworden! Die lieb⸗ lichſte, herrlichſte, bedeutungsreichſte Vorzeit hat ſich hinter einem rothen und ſchwarzen Schleier unſern Blicken entzogen. Nur einige Zeichen da und dort, einige Spuren von hieroglyphiſchen Formen, einige Worte von ſphynrartiger Räthſelhaftigkeit ſprechen wie s17 im Vorübergehen aus gewiſſen Autoren, Dokumenten und Monumenten zu uns. In unſern Tagen beginnt man daher durch Gottes Güte wieder Kenntniß von Vielem zu bekommen, was Jahrtauſende lang ver⸗ borgen lag. Sechs Meere, die in einer Kette an ein⸗ ander liegen, haben in der Geſchichte, eines nach dem andern, ſeine eigene Kulturwelt mit ihrem beſondern Glanze um ſich geſehen, der jedoch ſtets wieder einem jüngern weichen mußte. Das innerſte, erſte und höchſte Meer, gleichſam die Waſſermutter der übrigen, ſo wie auch die es umgebende Kultur die älteſſe war, iſt der Mäotis(eigentlich Maietis), um den her die Scpthen(in engerem Sinne), die Sarmaten und die älteſten Aſen ihr Leben in fliller Heiligkeit, in Frieden und einer Frömmigkeit von halb hinduiſcher Natur führten, welche Aſen über Indike und Korokandame herüber gekommen waren. Das zweite, vor jenem liegend, iſt der Pontus, das ſchwarze Meer, um welches die Kimmerier, Thraker, Myſier und Phry⸗ gier eine Welt von mehr kunßtbefliſſener(daftplo⸗ iväiſcher) und poetiſcher, als urſprünglich kriegeriſcher Art bildeten; obwohl ſie ſpäter zu großen Heereszügen aufbrachen. Das dritte iſt der Pelagus, vorzugs⸗ weiſe Archipelagus genannt, das ägeiſche Meer, um welches das griechiſche(helleniſche und joniſche) Leben in einer Anmuth und überhaupt auf eine Weiſe blühte, wie uns durch die Schriftſteller hinlänglich bekannt iſt. Das vierte iſt das ſyriſche Meer zwiſchen Kreta und der Nilmündung; die urſprüngliche See, welche die cypriſchen Muſchelſchiffe durchpflügten, von wo aus die phöniziſchen Handelsflotten in alle Welt hinaus gingen, wodurch ſich natürlich auch die Meeresmpthe und ibre Hauptgottheit, die Venus Anadyomene (Dea Shria, die nordiſche Sir), überall hin ver⸗ breitete. Das fünfte iſt das mittelländiſche Meer, welches das alte japygiſche Waſſer, ſo wie die adriatiſche See und das Mate Tuskum in ſich ſchließt; 348 es war dieß das Baſſin, um welches herum ſich die Thätigkeit der ſtolzen, wilden, ſchrecklichen Römer concentrirte. Das ſechste endlich iſt das atlantiſche Meer, das entfernteſte von allen: das neueſte Bad Europas, und die Brücke der ganzen Völkerwanderung nach der andern Hemisphäre der Welt hinüber. Die ſechs Welten, die wir ſo betrachtet haben, find ſehr verſchieden von einander; und man verſteht nichts von der Geſchichte, wenn man ſie mit einander vermengt, wenn man nicht die beſondere Hinneigung einer jeden nach ihrer eigenthümlichen Art auffaßt. Gleichwohl nähern ſie ſich wie die Perlen derſelben Schnur; und an den Grenzen ſelbſt laufen ſie ein wenig in ein⸗ ander. So liegt das kleine reizende Propontis(Mar⸗ mora⸗Meer) mit ſeinen zwei Meerengen, dem Helles⸗ pont und dem Bosphorus, mitten inne zwiſchen dem Pelagus und Pontus; es bietet ſich zum Uebergang zwiſchen beiden dar. Wenige Punkte auf Erden ſind ſchöner. In dieſer Gegend aber war das alte Troja. Ich hatte im Sinne, meiner Akademie eine Abhandlung über Troja zu überreichen. Es war dieß um ſo mehr meine Abſicht, als ich die Akademie geſtiftet habe und es deßhalb gar nicht zu rechtfertigen iſt, daß ich ſelbſt noch gar keine Schrift überlieferte. Dieſe Abhandlung ſollte ſich jedoch nicht mit einer Unterſuchung über den Platz abgeben, wo Troja geſtanden und wo jetzt das Dorf Bunarbaſſi mit ſeinen Windmühlen die Grab⸗ hügel der alten Herven verhöhnt. Hierüber kann man hinreichend in Chevalier, Bijörnſtahl und in neueſter Zeit bei den engliſchen Schriftſtellern nachleſen, welche Patroclus Grab und Aeſpetis Geſchlechtshügel be⸗ ſucht haben. Niemand kann an dem Daſein dieſes Platzes zweifeln. Doch ich wollte eine Schilderung von Zlions Verhäliniß zu ganz Thrakien(dem alten Türkenlande) geben. Die Urſache, warum Homer ſeine Jliade ſang, und warum endlich die neueren Türken ſich wieder nach jener ehemaligen Heimath 349 ihrer Väter zogen, wobei ſie durch Konſtantinopels Eroberung im Jahre 1453 eigentlich nichts Anderes thaten, als daß ſie ihre alten Wohnſitze in allen jenen Gegenden am Propontis wieder einnahmen, und durch Griechenlands Unterjochung die Zerſtörung rächten, welche die Hellenen und Argivern einſtmals im alten Troja angerichtet hatten.“ „Aber mein beſter Onkel!“ ſagte Eleonore mit ſtrahlenden Augen— denn auch ſie kiebte die Schön⸗ heit der geliebten Vorzeit bis zum Enthuſiasmus— „es iſt doch entſetzlich weit von dem alten Troja bis nach Skandinavien. Wie konnten die Trofaner bis zu der, wie du ſie vorhin nannteſt, Hönshylter Schanze in unſerm ſmaländiſchen Kinnewald kommen?“ „Liebe Schweſter! nicht ich habe dem alten ſma⸗ ländiſchen Trojanerſchloß den RNamen Hönshylter Schanze gegeben. Trojas heiliger Wald beim Hart⸗ greper See im Bezirk Kinnewald hieß Hönshult, Eleo⸗ norchen. Du weißt, daß Hult im Allgemeinen ſo viel bedeutet wie Wald. Höns, Hühner aber, womit wir jetzt ſchlimm genug eine kleine Lächerlichkeit verbinden, ſind eigentlich orientaliſche Vögel, von deren Ankunft in Curopa es eine liebliche Sage gibt; ſo wie auch ein Roman da iſt über das Herüberkommen der Kir⸗ ſchen aus Kleinaſien, in den großen Tagen des Mi⸗ thridat. Doch hierein wollen wir uns jetzt nicht auch noch vertiefen. Wie das ſmaländiſche Troja oder die Trojanerburg im Mittelalter ſich in die Hönshylter Schanze verwandelte, werde ich ebenfalls bei dieſer Gelegenheit nicht auseinanderſetzen. Denn was du beantwortet haben wollteſt, war eigentlich nur, wie die Trojaner nach unſerm ſchönen Lande im Norden kommen konnten?“ „Ja!“ entgegnete Julianus. Und Heinrich und Aurora waren ebenfalls im Begriff daſſelbe auszurufen; denn auch ſie hatten mit Entzücken die helleniſche Ge⸗ 320 ſchichte über den trojaniſchen Krieg geleſen; ſie kann⸗ ten die Jliade eben ſo gut wie die Odyſſee. „Meine Freunde,“ ſagte Herr Hugo,„ihr ſolltet mich eher fragen, wie die Thraker, Teukrer und Vor⸗ dertürken in unſern Norden gerathen ſind. Denn der Name Trojaner iſt an ſich ſelbſt von einer mindern Bedeutung; wie auch Troja eher ein Eigenſchaftswort als ein Eigenname iſt, und die troiſche, toriſche, tu⸗ riſche Stadt bedeutet, deren Mittelpunkt und vornehm⸗ ſtes Heiligthum Ilion(Helion) hieß, d. h. Sonnen⸗ ſchloß, Feuertempel oder Sonnenhof, was ungefähr daſſelbe bedeutet wie bei uns Soltuna oder Sollen⸗ tuna.“ „Großer Gott!“ „Nach Trojas Zerſtörung wollten die myſiſchen Thraker, welche durch Trojas Brand ihren Haupt⸗ tempel verloren hatten, nach einem andern Lande wandern, um eine neue und ſchönere Heimath für ihre Götter, ihren Glauben, ihre Künſte und ihre Geheim⸗ niſſe zu ſuchen. Nach manchen Irrfahrten kamen ſie an die Donaugegenden, und das europäiſche Möſien hat ſeinen Namen von dem afiatiſchen Mpſien, wie auch die Möſogöten Kinder jener Turaner oder Troer waren. Jetzt aber trat eine merkwürdige Begebenheit ein. Das Volk trennte ſich. Ein Theil wanderte un⸗ ter dem Helden Frank(Franko) nach Weſten, nannte ſich Franken, und gründete endlich über dem Rhein ein neues Troja(Troyes). Der andere Theil blieb noch länger dort wohnen. Einige von den Aſen vom Mäotis, die durch die Schifffahrt immer mit den Thrakern, Myſiern und Troern in Verbindung geſtan⸗ den waren, hatien nach der Niederlaſſung jener in der neuen Gegend eine nähere Bekanntſchaft mit ihnen unterhalten. Einer dieſer Aſen, den Schriftſteller des Mittelalters Dicenäus nennen und der für einen Nach⸗ kömmling Odins gehalten wurde, lehrte ſie hier viel von der Aſenweisheit. Er zog mit ihnen fort. Ein —— MN 321 Si Theil dieſes Stammes wanderte nach Norden. ieſe Gotheneinwanderung iſt älter als die ſpätere, wo Sigge Fridulfſſon(ein jüngerer Sprößling von Odin) mit den Schweden an den Mälarſtrand kam. Unſere Väter, Schweden ſowohl als Gothen, haben, wie wir wiſſen, viele Erinnerungen von den Myſiern, Thrakern und Frygiern(Friggas Volk) beibehalten; und als Gange Rolf im zehnten Jahrbundert in Frank⸗ reich landete, behauptete er nicht nur, er ſtamme von den Trojanern her, ſondern er ſchloß darum auch ein Freundſchaftsbündniß mit den Franken, die denſelben Urſprung hatten. Ich hätte noch Manches beizuſetzen, was aber zu weitläufig würde. Ich will nur an die Freundſchaft erinnern, die mit kleinen Unterbrechungen beſtändig zwiſchen den Schweden, Franzoſen und Neu⸗ türken(den Beherrſchern der Trojanerländer ſeit 1450) geherrſcht hat: eine Freundſchaft, die ſich nicht nur auf politiſche Verbindungen gründet, ſondern auf eine weit innigere und ältere Sympathie, als man ver⸗ muthet. O meine Kinder, wie wenig weiß man im Allgemeinen von dem, was im Grund der Geſchichte ruht! Jetzt ſollt ihr hören, was mir Franz von Trojamala im Almunsrpder Kirchſpiel, Bezirk Kinne⸗ wald in Smaland, ſchreibt.“ Alle Mitglieder der literariſchen Geſellſchaft er⸗ hoben ſich vor Neugierde, und verſammelten ſich um den Vater der Akademie, der fitzen blieb, während er folgendermaßen ſprach: „Franz,“ ſagte er,„war eines Tages mit Richard Ferumo nach dem Hartgreper Leugetraug(Schwemm⸗ trog, Waſchzuber), wie jener See noch heutiges Tages heißt, hinüber gerudert. Sie waren ans Land ge⸗ ſtiegen, und hatten ſich nach einigen romantiſchen Umherwanderungen in den Trojawald vertieft, wie die großen Holzungen dort ebenfalls noch immer heißen. Es war ihnen, als wiege ſich jeder Zweig, jedes Blatt geheimnißvoll und wunderbar auf den Drei Frauen in Smaland. M. 21 322 Bäumen um ſie her. Sie ſetzten ſich auf einen Stein mitten in einem Kreiſe der üppigſten Heidelbeerſträu⸗ cher, die da ſtanden und emporwuchſen, und ihnen in ihren Beeren eine ſo beſcheidene, aber für nicht ver⸗ derbte, nordiſche Jünglinge leckere. Erfriſchung dar⸗ boten. Doch muß man zugeſtehen, daß Franz und Richard an dieſem ſchönen Punkte im Trojawalde nicht nur Heidelbeeren aßen, ſondern auch Himbeeren. In munterem Geplauder über Hektor und Achilles, Pria⸗ mos und Odyſſeus, Ilion, Troja, Kleinaſien und ganz Hellas, an nelche die Erinnerung auf der Stelle erwacht war, wo ſie ſich befanden, begannen ſie in ihrem Muthwillen— oder vielleicht auch, wie ich vermuthe, aus einer über ſie gekommenen gelehrten Zerſtreutheit— die Wurzeln der Heidelbeerſtauden auszureißen, deren ſchöne Beeren ſie bereits mit Ver⸗ gnügen verzehrt hatten. Da wunderte es Franz, daß die Wurzeln ſo ſehr gelb gefärbt waren. Er ſchloß, daß die Erdart, in welcher die Sträucher wuchſen, eine ganz eigene ſein müſſe. Er und Richard ſchnitten ſich Stöcke und begannen nun die Erde in einer ziem⸗ lichen Ausdehnung aufzugraben. Sie konnten nicht umhin, zu bemerken, daß dieſelbe allerdings großen⸗ theils dieſelben Beſtandtheile enthielt, wie die ſma⸗ ländiſche Erde überhaupt, aber mit einem ſtarken Zu⸗ ſatz von etwas wie Terra Cotta. Weiß meine Aka⸗ demie, was Terra Cotta iſt?“ Eleonore ſah fragend nach Aurore; aber keine von ihnen ſagte etwas. „Terra Cotta, meine Kinder, iſt ein moderner Name für eine ſehr antike, ja uralte Erdart, die man nicht nur an etruriſchen Vaſen, ſondern auch an Ur⸗ nen, Grabſteinen und Aſchkrügen über einen großen Theil der Vorwelt verbreitet gefanden hat; beſonders aber in ſolchen Ländern, die von dem thrakiſchen Volke und ſeinen Anverwandten um dos ſchwarze Meer berum bewohat worden. Es iſt mit wenig Worten . 1 1 —————————— ——— 323 derſelbe Thon, woraus aller Wahrſcheinlichkeit nach der Aſaporzelan zu Odins Zeiten, und ſchon lange vor Odin gemacht wurde. Dieſe Entdeckung ſieigerte die Neugierde unſerer Jünglinge. Sie gruben tiefer und ttefer. Sie ſtießen auf Steine von ſiebeneckiger Geſtalt, und hoben dieſelben auf. Dann trafen fie auf Urnen, in denen ſich kupferne Meſſer, kupferne Aexte befanden, aber nichts von Eiſen. Sie gruben endlich eine längliche Kiſte heraus, in welcher ſich menſchliche Gebeine fanden. Die Knochen waren etwas größer, als bei den Menſchen heut zu Tage; doch nicht gar ſo außerordentlich, wenn man ſie mit den Ske⸗ letten der Kronoberger Race verglich. Aber am Bo⸗ den des kupfernen Sarges entdeckten ſie— gerade unter dem Kopfknochen!— eine Pergamentrolle. Mit ſteigender Freude ergriff Franz dieſen Fund. Er rollte ihn aufz Richard ſchaute darauf und bemerkte, daß die Schrift wie Verſe ausſah, ſo daß man hier nichts Geringeres als ein uraltes Gedicht gefunden hatte.“ „In welcher Sprache? Wahrſcheinlich in der griechiſchen?“ fragte Heinrich. „Das ſagt Franz nicht. Er erzählt, daß ſie den Fund mit ſich heim nach Hackequarn trugen, wo fie bei einem Reichstagsmann nicht weit von Trojamala wohnten. Und was er weiter berichtet, freut mich für meine Perſon über alle Beſchreibung.“ „Aber beſter Onkel,“ ſagte Julianus,„ſind Franz und Richard ſo gewandt in dem uralten Griechiſchen, in dem das Manuſcript aus dem Trojawalde ge⸗ ſchrieben ſein muß, daß ſie etwas davon leſen können?“ „Das Gedicht, mein Lieber, iſt nicht in der Sprache geſchrieben, die wir griechiſch nennen, ſon⸗ dern im Schwediſchen, aber in einem ſehr alten und vortrefflichen Schwediſchen. Die Trver, Teukrer, Thraker und Moͤſogothen, die um jene Zeit nach Rorden wanderten, und den ältern odiniſchen Volks zug, die Gothen, nach Skandinavien begleiteten * 324* ſprachen und ſchrieben ihre eigene Sprache, die im Lauf der Zeiten hier zu Lande mit der Sprache unſe⸗ rer andern Vorfahren verſchmolz und ſo das Alt⸗ ſchwediſche bildete. Darüber darf ſich kein vernünftiger Menſch wundern. Uebrigens beſitzt mein Franz eine gute akademiſche Grundlage und verſteht ſich ſehr 3a Buchſtaben, die nicht gerade den jetzigen gleichen.“. „Er hat alſo dieſes Gedicht geleſen? was enthält es? hat er es hieher geſchickt?“ „Nein. Er und Richard ſind in Trojamala ge⸗ rade in der beſten Arbeit, um den gefundenen Schatz in das gewöhnliche Schwediſche zu überſetzen, da ſie — wie ſich Franz mit einer Artigkeit ausdrückt, die als eine kleine Unhöflichkeit gedeutet werden könnte— uns in der Roſenakademie nicht mit den Schwierig⸗ keiten einer zu ungewöhnlichen Syntax beläſtigen wol⸗ len. Die uralte thrakiſche und troiſche Dichtung iſt in Einer hexameterähnlichen Versart geſchrieben. Es würde mich ſehr freuen, falls ich ſie eines Tages zu Geſicht bekäme. Meine Akademie erinnert ſich, daß es mehrere ächte Hexameterbildungen gibt. Der joni⸗ ſche Hexameter, wovon wir in den homeriſchen Ge⸗ dichten eine ſo ſchöne Probe haben, iſt für das Ohr des Kenners nicht der nämliche wie der böotiſche bei Heſiod, oder der ſicilianiſche bei Theokrit; noch weni⸗ ger gleicht er dem neuern, dem Alexandriner bei onnos, oder dem alten in der Argonautika des Apollonius Rhodius. Ich denke mir, daß der troiſche oder thrakiſche Hexameter dieſelben Elemente haben wird, wie unſer urſchwediſches Versmaß, wie z. B. in dem Fornyrdalag, oder wie viele Geſänge in der ältern Edda, wenn man nämlich drei Zeilen(mit zwei Füßen in jeder) zu einem Verſe zuſammenſtellt; und es würde mich herzlich freuen, wenn es wirklich ſo wäre.“ — 3 325 „Sagt er nichts von dem Inhalt oder Gegenſtande des Stückes?“ „Darüber iſt er wortkarg. Es ſieht aus, als habe er beim Schreiben des Briefs noch nicht viel darüber gewußt. Er ſagt nur, er ſei entzückt. Daran halte ich mich aber weniger; denn wir Alle kennen unſern Franz. Wir in Nerike ſind kaltblütiger, als man auf dem phantaſiereichen Boden Smalands wird. So viel weiß er jedoch von dem Stück, daß es älter als die Jliade und Odyſſee iſt; was ich jedoch für zu viel geſagt halte. Der Inhalt ſoll ungefähr foigender ſein: Als nach der Zerſtörung von Troja und Jlions Brand die turaniſchen Myſier und Frygier den Stamm⸗ fitz ihres höchſten Heiligthums und den Mittelpunkt ihres Kultus verloren hatten, ſammelten ſie ſich irgendwo in der Gegend des Halysſtromes: ich vermuthe, es wird in Pentheſileia(ſiehe Quintus Calaber) und dem ebemaligen Amazonenlande geweſen ſein— und be⸗ ſchloſſen, nach einer vor den helleniſchen Räubern ge⸗ ſicherten Küſte auszuwandern, als ſich das Ufer des ägeiſchen Meeres gezeigt hatte. Sie zogen alſo unter tauſend Abenteuern über das ſchwarze Meer und kamen nach— hier ſchließt Franz in ſeinem Briefe. Ob fie alſo nach Olbia, nach der Dniepermündung, nach der des Dnieſter, des Bores Tanais(Boryſthens), oder nach der kimmeriſchen Halbinſel(Kimmeria, Kimmer, Kimer, Krim) ſegelten, das weiß ich nicht. Daß aber das Stück nicht ſchließt, ehe dieſe orien⸗ taliſch romantiſchen Abenteurer bis nach der Oſiſee gedrungen find, und auch dieſe überfahren haben, das möchte ich hoffen.“ Herr Hugo's Familie, die nie früher eine beſon⸗ dere Liebe zu der Krimm, dem ſüdlichen Rußland und all dergleichen gefühlt hatte, fing an, ſich von ſchwär⸗ meriſchen Bildern umringt zu ſehen. Der Vater ſchloß mit folgender Bemerkung:„Ja, meine Kinder, es freut mich mehr als ich zu ſagen 526 vermag, daß Bücher, Abhandlungen, Gedichte, Nach⸗ richten aller Art, zu denen man in keiner Bibliothek auf der Welt Zugang findet, doch unter der Erde zu treffen find. Dieſe Goldgrube iſt nach meinem Ge⸗ fühle koſtbarer, als irgend eine andere metalliſche Ader. Ich wollte viel darum geben, wenn ich ſagen könnte, daß ich auch hier bei mir, wenn ich nur wollte, aus jedem metner Aecker ein Gedicht ausgraben, in jedem Graben eine Stanze und unter jedem herumliegenden Steine ein Epigramm finden könnte. Aber diée Welt iſt nicht überall ſo: die Erde iſt mit ihren herrlichſten Erzeugniſſen gar ſparſam.“ Eine Thräne glänzte an ſeinem Wimper und ſeine Arme bewegten ſich, als wollte er alle, zu denen er ſprach, an die Bruſt ſchließen, da er endlich noch hin⸗ zuſetzie:„O meine Freunde! ſagt mir, ob Gott nicht gut iſt? In ſeinem Himmel hat er ein Paradies auf⸗ bewahrt für alle, welche—— aber auch ſelbſt die Erde, dieſe Arme, wenn ſie ſich am Morgen im Thau der Schönheit badet, wenn noch der Hauch der Un⸗ ſchuld herrſcht, die Sonne die Thüren vergoldet, aus denen noch Niemand heraus gegangen iſt, um böſe Thaten zu thun, und der Purpur des Oſtens noch einem friſchen Auge entgegenlacht— auch ſie iſt dann ein Segen, ein Troſt für uns, meine guten Kinder. Laßt uns dem Weſen danken, das in einer Größe über uns herrſcht, die ſo groß iſt, daß ſie unſere un⸗ endliche Kleinheit nicht verſchmäht. Gott ſchaut auf uns! Er verzeiht uns, wenn wir weinen; er verzeiht uns auch, wenn wir lachen. In dieſem Gedanken fühlt ſich der Greis wieder jung, er fühlt ſich von der Hoffnung velebt, die alle Zeiten durchſtrömt: daß Er Gnade ſchenken werde, dem kein Alter nahen kannz und der Junge fühlt ſich weiſe wie der Aelteſte. Wahrhaft weiſe wird die Weisheit, wenn die Seele den Scharfblick der Kindheit wiever gewinnt. Wir nennen dieſen Blick gewöhnlich Inſtinkt; ich aber nenne ——— „ 327 ihn eine himmliſche Kraft, ein reines Geſchenk von oben, das Niemand beſitzen kann ohne die groößte Demuth u haben. Denn das, was reine Gottesgabe iſt, gibt Niemand ein Verdienſt. Und darin liegt auch keine Auszeichnung; denn wir haben ſie Alle, Alle; wenn wir nur wollen. Gott ſieht bereit und bietet ſie uns in jedem Augenblicke an. Er will, daß Keiner, auch nicht der geringſte von uns verloren gehe. So laßt uns denn Alle zu den Füßen Gottes hinwallen. Denn wie kann wohl Einer nicht ſelig werden wollen?“