Leihbiblivthet iſch engliſcher zut akranz ſiſcher Literatur Eduard Otimunn in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und Feſebedingungen. 1ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Ta 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ 8 angenommen. 4 3. Caution. Unbekannte en⸗ müſſen, bei Entgegennahme . Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet nnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und 3 wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 1 Mk.— Pf 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückfendung der Se ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5 Für beſchmutzte zerriſſene, verlorene und (namentlich bei ſolchen mit Kupfern 1c.) muß der ₰ tzt werden.— Iſt das zerriſſene beſchmutzte, ver⸗ efecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo i um Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 Pieſelbe ijt auf 14 feſtgeſetzt und wird eſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen † der vicher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu he S. * † Prei Frauen in Smaland. Von Almquiſt. Au's dem Schwediſchen. —————— Wit dem Zildniß des Verfaſſers. Erſtes bis viertes Bändchen. Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1844. Der Hofmarſchall Hugo Hamilkar Löwen⸗ ſtjerna ſaß eines Tages auf ſeinem Jagdſchloſſe in Nerike, umgeben von allen Mitgliedern ſeiner Ro⸗ ſenacademie. Es war die Tageszeit, wo die Aca⸗ demie Kaffee trank. „Meine Freunde,“ ſprach Herr Hugo,„ich gedenke etwas Großes und Ungewöhnliches vor⸗ zuſchlagen, nämlich, daß wir heute nichts thun.“ „Ja,“ fuhr der milde Vater gegen die ſchwei⸗ genden Mitglieder gewandt fort,„da Richard Furumo den Rabacken verpachtet hat, und nach Smaland gereist iſt, und unſer Sohn, Franz Löwen⸗ ſtjerna, ihn begleitet, ſo daß ſelbſt Du, Schweſter Eleonora, den Platz eines Sekretärs unter uns einnehmen mußt; bin ich wahrlich der Meinung, daß wir während der Abweſenheit dieſer Herren warten und die Academie mit neuen Seſſelüber⸗ zügen verſehen, ſo wie auch die Gardinen im ganzen Jagdſchloſſe herabnehmen und waſchen, denn es würde Drei Frauen in Smgland. 1. 1 ————— 11 ſeinen großen Ruhm verlieren, wenn man hier im Hauſe nicht alles thäte, was zu thun iſt.“ ₰ Der Secretär tauchte ſeinen Zwiback in den Kaffee und ſah verwundert auf den Sprechenden. ₰ „Nun, meine liebe Schweſter, wenn ich ſage, nnichts thun, ſo meine ich nur bis auf Weiteres. Denn alles Syſtematiſche muß ein Ende haben, alſo auch dieſes Nichts.“ Bei dieſen Worten trat der Kammerdiener 1* Jacques mit einem großen Briefe herein, der mit der ſüdlichen Poſt angekommen war. Der Hofmarſchall griff mit Begierde darnach.„ 3„Das iſt von Jönköping, von Franz,“ rief 3 er.„Ich will öffnen und leſen, was mein Sohn 6 von dem ſchönſten Punkte des ſüdlichen Schwedens ſchreibt.“ Herr Hugo erbrach den Brief und las. Nach c it einer Einleitung, die nur Glückswünſche für das Wohl des Jagdſchloſſes und der Academie enthielt fuhr Franz fort: „Mein Vater, ich kann nicht ausdrücken, wie ehr mich die Schönheit der Gegend entzückt, in die ich auf unſerer Luſtreiſe gekommen bin. Richard Furumo ißt ſich ſtets gleich. Was meinſt Du wohl, 6 Vater, was er jetzt angefangen hat? Er hat ſich III* bei der Gewehrfabrik von Husqvarna engagirt, die Dreiviertel Meilen öſtlich von Jönköping liegt, in⸗ dem er ganz in die Kunſt Musketenſchlöſſer zu machen, vernarrt iſt. Er hat mir mehrmals ge⸗ ſagt, er halte dieß für die wahre Beſtimmung ſei⸗ nes Lebens, ſo daß ich ihn mit Kummer für die Literatur verloren geben mußte. Doch hinderte dieß weder ihn noch mich, herrliche Abende in der F5 Stadt und nächſten Gegend zuzubringen. Nun, mein beſter Vater, was geſchah? Ich ſah einige Tage meinen Richard nicht: Ich war überzeugt, daß Fleetwvod ihn mehr als gewöhnlich in Husqvarna beſchäftigte: wahrſcheinlich ſollte eine der vortreff⸗ lichſten Methoden von Akerſtein verſucht werden. Endlich trafen wir uns eines Abends auf einer ländlichen Promenade gegen Ryhof zu. Richard war dießmal in ſeiner liebenswürdigſten Laune; denn er ſprach kein Wort. Er warf nur ſo liebe und heitere Blicke umher, daß ich mit Zuverſicht meine Cigarre zur Hand nahm. Wir ſetzten uns zuſams men auf einen langen Baumſtamm, der wie ich glaube, ſchon zu Odins Zeiten umgeſtürzt war, ſo groß, alt, bemoost und mit Steinen und Buſch⸗ werk verwoben lag er da. Nachdem wir etwa drei Minuten darauf geſeſſen waren, ſprach Richard zu IV * mir:„Weißt Du, Franz, daß ich eine ſmaländiſche Geſchichte weiß?“ Ich erſtaunte. 3„Die Flintenläufe, Feilen und Zangen haben alſo wieder der Romantik Platz gemacht,“ erwiederte ich.„Das magſt Du immerhin ſagen,“ verſetzte Richard.„Der ſmaländiſche Roman, den ich weiß, hat ſehr viel Kriegeriſches in ſich, das muß ich geſtehen. Ich habe dieſe Begebenheiten während meines Aufenthalts hier erfahren. Franz! nächſt dem Vergnügen, Eiſen zu poliren und Erdbeeren 4 zu eſſen, gibt es kein höheres, als auf unter⸗ haltende Begebenheiten zu lanſchen. Wenn ich den zehnten Theil ſo hübſch erzählen könnte, als es in der Wirklichkeit geſchehen iſt!“ Ohne alſo Dich, mein beſter Vater, und die 3 Verwandten in der Academie mit all den Narr⸗ heiten länger aufzuhalten, die zwiſchen zwei aus⸗ 3 geflogenen Buchfinken, wie Richard und ich bin, ge⸗ wechſelt wurden, folgt hier die kleine Dichtung von dem ſüdlichen Wetterſtrande ſelbſt, dieſes„Stück des Jönköping Minſtrels.“ Um der Academie einen 6 E Gefallen zu thun, habe ich den Roman in dieſer Stadt drucken laſſen. Was ſagt mein PVater zu 4 — dem fetten engliſchen V dieſer neuen Gattung Schrift?*) Mein Vater wird ſich über die merkwürdigen Buchſtaben verwundern. Stehen ſie nic ſind Jünglinge, mein Vater, dieſe Buchſtaben! N. ht da: hoch, f ſtolz⸗ ſchmal und ſchlank? Sie ie gleichen nicht den korpulenten Mitgliedern aus Dr eiche, deſſen ganzes Al⸗ phabet wie eine Reihe hübſcher Männer im mitt⸗ leren Alter und von gehörigem Embonpoint daſteht. Ich nenne dieſe Schreibart mit Erlaubniß meines Vaters„Zukunftsbuchſtaben.“ Die Geſchichte ſelbſt, will ich meinen Vater gebeten haben, herzlich lieb zu gewinnen; es iſt ein Erzeugniß, theils von Begebenheiten, theils von Ereigniſſen, die ſich ereignet haben. Nach Ge⸗ wohnheit hat ſich Richard auf keinen Titel zu ſeinem armen Stücke beſinnen können; er gab mir nur die Erzählung Kapitel für Kapitel. Er iſt und bleibt ein Unmenſch. Doch muß ich geſtehen, daß er jetzt freundlicher als gewöhnlich iſt; und in Veziehung auf ſeine militäriſche Arbeit in Husg⸗ varna, glaube ich, würde er amlliebſten ſeine Stücke „den letzten ſmaländiſchen Krieg, die Ränberbande bei Vernamo,“ oder ſo etwas nennen. Denn G 3) Das Original iſt mit hohen ſchmalen Buchſtaben gedruckt. „ * VI ein Vater bekommt hier die Entdeckung und Ver⸗ folgung einiger gewaltiger Hauptſpitzbuben. Doch hat dieß nichts gemein mit den Berüchtigten Handwer⸗ kern in Gabriele Mimanſo.*) Unſere Diebe hier zu Lande ſind ſämmtlich Bauern, ſie haben nichts Städtiſches in ſich, ſo viel ich ſehen kann.— Seit Richard nach Husqvarna gekommen iſt, denkt er nicht im Geringſten mehr an Paris. Ich glaube er kann kaum mehr avoir und étre conjugiren. Ersthut nichts als Eſſen, ſchlafen und poliren. Ich meines Theils habe einen andern Geſchmack: Ich würde das Stück„der Herr Informator Alexander“ nennen; den Grund hievon wird mein Vater leicht aus dem Buche ſelbſt abnehmen. Aber ich weiß wohl, daß man in dem Jagd⸗ ſchloſſe ſeine beſondere Launen hat. Wenn die Academie zuſammen kommt, ſo werden gewiß ihre Anſichten getheilt ſein. Das weibliche Element dürfte jetzt, wie immer, das herrſchende werden. Ich bitte deßhalb meinen Vater, das neue Manuſeript un⸗ ſern Damen zu liebe,„drei Frauen aus Smaland“ zu betiteln.„ Damit ſich mein Vater nicht beklage, daß das *) Ein Roman von demſelben Verfaſſer, welcher nächſtens in unſerer Sammlung erſcheinen wird. VII Stück unſeren früheren Roſengeſchichten ganz un ähnlich ſei, habe ich mit meiner Hand über jedes Kapitel ein Motto geſetzt. Als Richard dieß ſah, lachte er und ſagte:„Thue wie Du willſt!“ Ich habe auch meines Theils einige Anachronismen ein⸗ geführt, da gegenwärtig gerade keine große und intereſſante Räuberbande in Smaland exiſtirt; aber es war doch einſt! Bei einigen Stellen und Per⸗ ſonen erlaubte ich mir auch einige falſche Namen, anſtatt Richards wahren. Mein Vater wird mir das wohl verzeihen. Es ſoll Poeſie ſein, mein Vater, und keine geſchichtlich treue Geſchichte; deß⸗ halb habe ich ein wenig gelogen, wie es mein Va⸗ ter immer haben will. Was Richard ſelbſt betrifft, ſo glaube ich, ſteht ihm eine neue innere Zukunft bevor. Ich will nicht ſagen, daß er ein Kopfhänger oder Methodiſt wird; denn dieſe Namen ſind hier nicht anzuwen⸗ den: aber religiös iſt er und warm, und zwar nicht blos im Herzen, ſondern auch nach Außen. Mein Vater wird das gerne hören, das weiß ich, und deßhalb ſchreibe ich es ihMm. Bei unſern kleinen Reiſen in der Gegend um⸗ her, waren wir auch in Hjelmſeryd. Doch davon — vn in einem andern Manuſtripte mehr. Smaland iſt ein Land, mein Vater! Da geſchehen Dinge! Richard und ich haben an einer Frau Petterſon eine höchſt intereſſante Bekanntſchaft gemacht; ſie lebt auf den Gütern und Werken Herreſta und Hörda, die in einem Kirchſpiel etwas zur Linken von Vernamo liegen. Ich kann in kürze nicht all das Gute erzählen, was ich über dieſe hochzuver⸗ ehrende Frau zu ſagen hätte. Sie unterhält eine Correſpondenz nach dem Auslande. Was aber Richard für Herreſta eingenommen hat, iſt beſon⸗ 3 ders der merkwürdige Umſtand, daß er felbſt durch die Niederlaſſung ſeiner Eltern in dieſem Hofe um ein Haar ein Smaländer geworden wäre. Denn Herreſta und Hörda gehörten vor 40 Jahren einem General Strömfelt, wurde jedoch verkauft und kam dann in andere Hände, welche—— Das würde uns jedoch zu weit führen. Leb wohl, mein lieber Vater! Man wird hier auf der Welt nicht, was man werden ſollte, und ſo ging es auch mit Richard Furumo, der, wenn er hier geboren wäre, nicht an's Schlöſſerſchmieden gedacht hätte. Bitte das Jagdſchloß, die Academie und alle unſere Freunde uns armen Jünglingen, IX die wir uns frei auf der andern Seite des Wet⸗ ternſee's unter den gaſtfreieſten Menſchen auf Erden vortrefflich unterhalten, hie und da ein kleines Andenken zu ſchenken. Meines Vaters z. 7. Franz. S. P. Der letzte Brief meines Vaters hat mich auf's Höchſte geſchmerzt. Iſt es wahr, daß die Baſe Schriftſtellerin todtkrank in Stockholm liegt, daß Fräulein Bremer ſich vorgenommen hat keine Romane mehr herauszugeben, und Frar Flygare Carlén einen Contract mit der Kabinets⸗ bibliothek abſchloß? Zur Freude Schwedens will ich nichts von all dem glauben; und mein Vater wird ſehen, daß ich recht habe. Unſere Schrift⸗ ſtellerinnen ſollen leben! Sie ſollen ſchreiben, das iſt meine Meinung. Es gibt kein größeres Ver⸗ gnügen für Männer. als etwas zu ſehen, was liebenswürdige Frauenzimmer zuſammengeſetzt haben Nachdem Herr Hugo dieß geleſen hatte, ſprach er zu dem Sekretär der Academie:„Beſte Schwe⸗ ſter, lege Franzens Brief zu dem Mamſtripte da. Das Buch ſoll„drei Frauen in Smaland“ X heißen, ſo lautet mein Wille; und der gemein⸗ ſchaftliche Wunſch der Aeademie geht dahin, den Inhalt zu hören. Laß einmal den Druck ſehen. In, meiner Treu! Franz hat recht. Sehr eigene Buchſtaben. Grofßartig, trotzig, ſtolz hochgewach⸗ ſen. Das find Spitzbuben, ich habe nie ihres Gleichen geſehen. Ich vermuthe und hoffe, daß das, was ſie zu ſagen haben, um ſo demüthiger, hüb⸗ ſcher und beſcheidener iſt. Wir leben in einer be⸗ denklichen Zeit. Laßt uns Vanille nehmen, ehe wir beginnen, und dann wollen wir gleich mit liebevoller Nachſicht und warmem Gemüthe an's Werk gehen. Meine Herren und Damen, ich ſchlage der Academie vor, eine heitere Stunde zu haben.“ —— Erſtes Kapitel. Weh Aronfors. Dießmal hielt Frau Mekeroth ihre kleine hübſche Hand vor das Geſicht; weil ſie in ſich fühlte, ihr drittes Gähnen würde ſo groß werden, daß es ſie entſtellen müßte. An einem ſchönen ſchwediſchen Septemberabend wanderte ein Herr mit einer Dame Arm in Arm über eine Brücke, die zu einem von Kohlen und grünlichen Schlacken geſchwärzten Wege führte; ihre Abſicht war offenbar die Schmieden zu beſehen und die arbeits⸗ ſamen anſpruchsloſen Leute in den Hämmern drunten zu begrüßen. Die Schmiedejungen, die gewöhnt wa⸗ ren, ihre Herrſchaft täglich die Runde um das Werk machen und die Eſſen beſuchen zu ſehen, waren ein für allemal nach dem eigenen Willen des Herrn von der Schuldigkeit befreit, beim Vorübergehen ſtehen zu bleiben, die Mützen abzunehmen und zu grüßen: wie dieß auch bei den Schmieden ſelbſt der Fall war. Die Eiſenhämmer klopften in ihren gewiſſen, abgemeſſenen und beſtimmten Schlägen fort, ohne ſich im geringſten durch die Anweſenheit der Herrſchaft aus dem Tacte bringen zu laſſen: die fröhlichen Funken ſprühten bei jedem Hammerſchlag weit weg von der rothglühenden Eiſenſtange, die auf dem Ambos geſtreckt wurde, und ſie thaten dieſe jetzt eben ſo freimüthig, ungezwungen und feurig, ungeachtet die Frau Bergherrin ſelbſt da⸗ vor ſtand, und deren manche auf Hände und Kleider bekam.—„Wir gehen jetzt, glaube ich weiter, Auror⸗ chen und machen eine Tour nach dem Garten oder 12 nicht?“ ſagte der Herr—„Ja,“ erwiederte die Frau; aber in dieſem kleinen„Ja,“ ſo kurz es auch war, lag der Ausdruck einer innigen Seelengüte, einer ſtillen Zufriedenheit mit allem, was ihr Mann wünſchte. WMan kann ſich leicht denken, daß ein Spaziergang, der täglich auf dieſelbe Art, zu derſelben Zeit und in denſelben Umgebungen gemacht wurde, kein ſo großes Vergnügen mit ſich führen kann. Indeſſen ſchöpft man friſche Luft, und wenn man wieder heimkommt, kann man immerhin ſagen:„So, jetzt find wir drau⸗ ßen geweſen.“ Ein Nutzen für den Betrieb des Gutes ſelbſt, oder eine Aufſicht über die Arbeit wurde gewiß durch die täglichen Beſuche in den Eſſen nicht bezweckt. Der Beſitzer, Herr Kapitain Auguſt von Mekeroth, war, wie der Titel gibt, ein Militair, und wir ſetzen hin⸗ zu, er war mehr das als Bergherr. Von dieſem Fache verſtand er nichts weiter, als die Einkünfte zu bezie⸗ hen, lernte jedoch von Jahr zu Jahr auch Ausgaben machen, obwohl er dieß beim Antritte des Gutes we⸗ niger im Auge hatte. Er beſaß einen Bergverwalter, auf den er ſich vollkommen verließ; und ſeine Wande⸗ rungen auf den Gütern umher, in den Schmieden oder bei den Hochöfen, waren nicht Folgen von Mißtrauen oder einer andern Berechnung, ſondern entſprangen lediglich aus dem Wunſche, ſich in Gottes ſchöner Na⸗ tur umzuſehen. Er war ein Mann im mittleren Al⸗ ter, während ſeiner Dienſtzeit in ſeiner Waffe gerühmt, von den Kameraden geliebt und im letzten Kriege ver⸗ wundet. In Folge des letztern Umſtandes nahm er auch ſeinen Abſchied mit Auszeichnung, und meldete ſich als Freier bei Auroras Vater, dem Beſitzer von Werk Aronfors in Smaland(wir erlauben uns, den Namen des Ortes pſeudonym zu ſchreiben). Die Wunde des Kapitains beſtand nur in einer Beſchädi⸗ gung des rechten Arms, der zierlich in einer Binde ₰ hing. Er bekam das Jawort. Auroras Vater ſtarb ——— 13 und hinterließ das Gut ſeinem einzigen Kinde und ihrem Manne. Von dieſer Zeit an lebte von Mekeroth in einer ruhigen und glücklichen Ehe mit ſeiner jungen Frau. Sie hatte jetzt das acht und zwanzigſte Jahr erreicht, und die zwei hoffnungsvollen Sprößlinge Matts und Ulla ſtanden in einem Alter von 10 oder 11 Jahren. Als der Herr und die Frau in den Garten ge⸗ langt waren, ſetzten ſie ihren Spaziergang auf dem breiteſten Sandpfade fort, und wandten ſich dann nach den Treibbeeten. Ihre Gemüther, die ſelten oder nie von Kummer oder Leidenſchaften erſchüttert wurden, genoſſen einer innigen Wonne, ohne eigentlich von ihr zu wiſſen oder fie auf irgend eine Art zu empfinden. —„Wir gehen, glaub ich, nach dem Gurkenbeete, Au⸗ rorchen, oder nicht?“—„Ja,“ verſetzte ſie. Auf der einen Seite der Treibbeete ſtand ein grü⸗ ner Holzſopha, um den Spazierengehenden zum Ruhe⸗ punkt zu dienen. Von hier aus konnte man auch zu⸗ gleich all das Schöne und Nützliche beſchauen, was aus der Erde emporkeimte. Gerade über von dem Gartenſopha befand ſich auf der andern Seite ein ebenfalls grünes Schaukelbrett, das auf zwei Böcken lag.—„Geſtern,“ ſprach er,„ſaßen wir auf dem Sopha; heute, glaube ich, ſetzen wir uns auf das Schau⸗ telbrett. Aurorchen, oder nicht?“—„Ja, lieber Me⸗ keroth, laß uns das thun,“ erwiederte ſie. Die Herrſchaft ſetzte ſich alſo und ſchaukelte ganz hübſch und ſachte. Der Abend goß ſeine milde Küh⸗ lung aus, und von den Hecken aus verbreitete ſich der Duft der ſchönen Herbſtblumen weit umher. Aurora ſchaute mit heiterem und zufriedenem Geſichte nach allen Richtungen hin; ſie klopfte dazwiſchen ihrem Mann auf die Hand des kranken Armes; dann wandte ſie ſich wieder nach den Blumenhecken, und ſog ihren Wohlgeruch ein.—„Es iſt ein gar zu herrlicher Abend,“ ſagte der Kapitain,„kein Monat im Jahre übertrifft den September, wenn er ſchön ſein will; S —— 14 was gedenkſt Du uns heute Abend zu geben, Auror⸗ chen 2“—„Brockelerbſen mit Lachsſchnitten.“ Bei dem Gedanken an ſein Lieblingsgericht ſchlang er ſeinen linken Arm e und ſchnell um den Hals ſeiner Frau, und gab ihr einen Kuß. Dann began⸗ nen ſie wieder aufs Neue ſanft und gemüthlich zu ſchaukeln. Nach einer Weile ſprach von Mekeroth:„Ich würde Nichts in Aronfors vermiſſen, wenn es nicht in einem gar zu unangenehmen Kirchſpiele läge. Die beſten Famiſien find durch leidige Zwiſtigkeiten ge⸗ trennt, die, wie ich fürchte, kaum ſo weit beſänftigt ſind, um nicht in Prozeſſe auszuarten; man kann ja die Abelcrona's nicht grüßen, ohne von den Zey⸗ ton's mit zornigen Blicken angeſehen zu werden. Die Frauen an beiden Orten find aus lauter Literatur ner⸗ venſchwach geworden; ſie find beleidigt, wenn man nur den Mund öffnet. Und die Geißtlichkeit im Kirch⸗ ſpiele! Laden wir auf nächſten Sonntag die Familie des Probſtes hieher ein?“ „Wie du wiklſt, Mekerothchen.“ „Gott ſegne ſie.“*) „Ich habe doch die ordentlichen Menſchen recht gerne,“ bemerkte die Fran.„Als ich Kind war, träumte mir, ich würde als Probſtin ſterben, obwohl nachher nichts daraus wurde.“ „Nun ja, ſie mögen alſo kommen, da Du es wünſcheſt,“ ſagte er. „Sie können auch fort bleiben, wenn Du ſo willſt,“ erwiederte ſie. „Der alte Probſt,“ fuhr der Kapitain fort,„kann es nicht bei einem ordentlichen Spiele aushalten; und etwas muß man doch hier in der Welt thun.“ „Der Probſt ſpielt ja recht hübſch Trädkarl.“ „Ja, um einen Stüber. Ja, Ja!“ 5 Hier ſo viel als: Hol' ſie der Henker! — 15 Pauſe. Man ſchaukelte eine Weile im Stillen immer langſamer und leiſer. „Haſt Du noch keine Antwort von Profeſſor Bred⸗ mann in Upſala erhalten?“ fragte die Frau.„Ich erwarte heute Abend eine mit dem Poſtpaket,“ erwie⸗ derte der Kapitain. „Glaubſt Du, daß der ſremde Herr ſelbſt gleich damit kommen wird.“ „Das glaub' ich nicht,“ ſagte er.„Ich habe an Bredmann, als meinen Jugendfreund und Landsmann, geſchrieben, da ich ſeine Klugheit und Umſicht kenne: wir ſind beide Nordländer, obwohl ich von der Si⸗ denſjö. Ich glaube nicht, daß er mir einen Infor⸗ mator ſchickt, ohne mir zuerſt zu ſchreiben, und mich unter 3 oder 4 Kandidaten wählen zu laſſen, deren Zeugniß, Alter, Eigenſchaſten und Ausſehen er mir vorher ſchilderte. Gewiß ſucht er mir nur Rordländer aus, was auch die beſten Leute find; und ich nehme darunter den älteſten zu meinem Informator.“ „Das wird gewiß ſehr gut,“ antwortete Frau von Mekeroth.„Matts bedarf in der That Jemand, der ſich ſelbſt beherrſchen kann.“ „Matts, ja! Und Ulla? Ulla gleicht mir auch ſo ziemlich; oder was meinſt Du, Aurorchen?2“ unterbrach ſie der Kapitain mit einem ſelbſt vergnügten und et⸗ was prahleriſchen Blicke, indem er dabei ſeiner Jugend⸗ wildheit gedachte.„Ich war meiner Treu ein unlenk⸗ ſamer Herr, bis zu meinem zehnten Jahr, nachher aber mäßigte ich mich ein wenig.“ „Ulla wird wohl mit der Zeit ein artiges Mäd⸗ chen werden,“ wandte die Frau ein,„obwohl ſie viel⸗ leicht wie ich, ein wenig ſchwer lernen wird.“ „Ei Du haſt nicht ſchwer gelernt, liebe Aurora; das iſt nur Einbildung, pure Modeſtie,“ ſprach der Kapitain mit einer artigen Wendung, die einen Hieb von ehemaliger Courtoiſſie hatte,„Du mit Deinem guten Gedächtniß!“ * 16 „Ich habe immer ein ſehr ſchlechtes Gedächtniß gehabt,“ erwiederte die Frau, und ſah ihren Mann mit einem Geſichte voll gutmüthiger Anſpruchslofigkeit an.„Papa ſchalt mich immer, daß ich keine Sprache lernen konnte.“ „Sprache! was ſoll man denn mit Sprachen?“ „Mit den Noten und der Muſik konnte ich auch nicht recht voran kommen, da ich nicht im Stande war, all' die Kreuze zu behalten.“ „Muſik! was ſoll man mit der Muſik?“ „In der Geſchichte und der Geographie würde es beſſer gegangen ſein, wenn ich nicht die Namen und Jahreszahlen hätte behalten müſſen.“ „Geographie und Geſchichte!“ rief der Kapitain; „wozu nützt das einem Frauenzimmer, das nicht Gou⸗ vernante zu werden braucht! die ſchwediſchen Haupt⸗ ſtädte im Bezirke, und die Namen der Könige ſeit Guſtav Waſa, das mag hingehen. Wie konnte es Deinen Eltern einfallen, Dich ſo etwas Unnöthiges lernen laſſen zu wollen.“ „Ja Gott weiß, zu was das diente,“ erwiederte die Frau, und ein kleines Gähnen entſchlüpfte ihr. Der Kapitain ward dadurch erinnert, daß er ra⸗ ſcher ſchaukeln ſollte. Er ſtieß auch ein paar Mal ha⸗ ſtig hin und her, ſo daß die Schaukel dreimal wie mit Nervenzuckungen hin und her flog. Aber gleich darguf ermattete ſie auf's Neue, und von Mekeroth blieb ru⸗ hig.„Ulla wird wie Du ein bedeutendes Erbe erhal⸗ ten,“ fuhr er fort,„ſo daß ich nicht wüßte, warum ſie des Nutzens halber ſo Etwas zu lernen brauchte; aber es wäre eine Sünde, wenn man ihren vortreff⸗ lichen, ihren wahrhaft brillanten Kopf nicht ausbilden ließe.“* „Auch Matts, glaube ich, wird mit det Zeit einen guten Kopf bekommen,“ bemerkte die Frau und gähnte jetzt überlaut. „Matts wird ein tüchtiger Hauer,“ ſagte Meke⸗ — t e —— ———— ———=— — 17 roth,„Du wirſt ſehen, er übertrifft eines Tages ſein ganzes Geſchlecht und ſein eigener Vater wird ein wahres Nichts gegen ihn. Das iſt ein Junge! Ich er⸗ kenne jeden Zug in ſeinem Charakter, in ſeinem gu⸗ ten Herzen, in ſeinem— kurz, ich erkenne mich ganz ſelbſt wieder— und das iſt doch ſehr angenehm.“ Dießmal hielt Frau Mekeroth ihre kleine hübſche Hand vor das Geſicht, da ſie in ſich fühlte, ihr drittes Gähnen würde ſo groß werden, daß es ſie entſtellen müßte. „Ich glaube, wir gehen jetzt wieder heim, odet nicht, Aurorchen?“ „Ja,“ erwiederte ſie, und klopfte ihrem Manne freundlich und gutmüthig auf den Arm. Zweites Kapitel. Herr Alerander Medenberg. Wenn du ſelbſt nichts gegen ihn haſt, ſo laß die Neigung unſerer Kinder die Frage entſcheiden. Während der Promenade von dem Garten nach Hauſe hatte der Kapitain ſeine Schritte beſchleunigt, indem er über die Geſundheit ſeiner Frau beunruhigt war und eine kleine Erkältung befürchtete, welche, wie er meinte, einen unmerklichen Schauer in ihrem ganzen Körper verurſacht hatte, und ſich vielleicht auch in dem Gähnen offenbarte. Doch täuſchte er ſich glücklicher Weiſe über die Urſache; es war nicht Krank⸗ Drei Frauen in Smaland. 1. 2 18 heit. Als die Herrſchaft heim gekommen und Auron nach einem Kuſſe und einer leichten Verneigung wi der zu ihrer eigenen inneren Welt und ihren häus lichen Geſchäften übergegangen war, belebte ſich auz wieder ihr ganzes Weſen, und ſie befand ſich von trefflich wie gewöhnlich. Als eine reiche Frau hatt ſie freilich eine Mamſell für ihre Haushaltung; ab es machte ihr Freude, mit eigener Perſon an allen Antheil zu nehmen. Sie hatte dieſes von Kindhe auf unter ihren Eltern ſich angelernt; und ſie befan ſich noch in Aronfors auf derſelben Stelle, wie do mals, ſie ſah in denſelben Zimmern, denſelben 6 liebten Wänden umher; die Speiſekammer, das G. ſindezimmer und die Küche— Alles war noch daſſelbe Alles ſtand in dem ſchönſten und liebenswürdigfi Lichte vor ihren Augen. Wie ſollte ſie alſo wenige als früher an den Geſchäften Antheil nehmen, dit ihr ſtets theuer gneſen waren, und die fſie vortref lich verſtand? Sie probirte ſelbſt in der Schüſſel ob Jungfer Liſa die Erbſen ſo gekocht hatte, wie ſi ſein ſollten: ob ſie recht weich und mußig geworde waren. Und die Lachsſcheiben ſchnitt ſie mit eigenn Hand auf, während ſie dabei mit inniger Freude da in36te daß ſie ihrem Manne ein Leibeſſen be⸗ reitete. Von Mekeroth war unterdeſſen auf ſein Zimme gegangen, wo er ſich auf dem ſchwarzen gewäſſerten Lederſopha niederließ, das Kartenſpiel auf den vor ihm ſtehenden Nußbaumtiſch nahm, und den Poſtillon zu legen begann. Er war darin ſo geübt, daß er beinahe jeden Abend durch fünf verſchiedene Arte Patience kommen konnte, ehe es ihm ausging. E geſtand das ſelbſt mit einem gewiſſen Stolze. Nach einer kleinen Weile hörte er ein ßuhrwer an den Hof anfahren. Er ſchaute durchs Fenſter um ſah einen Herrn mit einem feinen Hute aus den Wagen ſteieen. Derſelbe übertieß das Pferd der Si ron wie äus au vor hati abe llen dhe efan d g 6 elbe gſie nige „di tref⸗ üſſel e ſi rden ene da⸗ be imer rten vot llon ß er rten Et un 19 hut des Kutſchers, trat über die Haustreppe, erhielt von einer Jungfer den Beſcheid, wo die Zimmer des Herrn Kapitains lägen, wanderte unbekümmert dahin, öffnete artig die Thüre, trat unangemeldet herein, und als von Mekeroth ſich von ſeinem Sopha aus jur Hälfte gegen ihn erhob, verbeugte er ſich ehrer⸗ ietig, nahm einen Brief heraus und übergab ihn in die Hände des Kapitains. Mekeroth erbrach denſelben und las bei ſich „Mein licber Bruder! Indem ich für Deinen Brief danke, muß ich Dir antworten, daß ich, da es jetzt gerade zwiſchen dem Termin iſt, hier in Upſala nicht ſehr Viele habe, die ich als Lehrer für Dich wählen könnte. Einen bra⸗ ven Mann weiß ich Dir; Nordländer iſi er nicht, je⸗ doch aus Götheborg. Er heißt Medenberg; er iſt ungefähr 29— 30 Jahre alt, und hat ſolche Studien gemacht, daß er wie Kjelldal und Baumgarten, de⸗ ren berühmte Namen Du gewiß kennſt, ſich um kei⸗ nen Grad beworben hat, ſondern dieß ſein ließ. Denn, wie man zu ſchlecht für eine Sache ſein kann, ſo kann man auch zu gut dafür ſein. Er war an mehreren Orten Informator, ſo daß er Erfahrung beſitzt. Er gedachte jetzt auf alle Fälle nach Göthe⸗ borg zu gehen, und hat auf mein Zureden den Weg über Jönköping genommen, um ſo perſönlich mit ei⸗ nem kleinen Umweg nach Aronfors zu reiſen und Dir den Brief zu übergeben. Magſt Du ihn nicht, ſo gebt er weiter nach ſeinem Götheborg; gefällt er Dir aber, ſo ſollte es mich höchlich freuen, einen ſchweren und bedeutungsvollen Auftrag zur Zufrie⸗ denheit meines alten guten Freundes und Landsman⸗ nes ausgeführt zu haben. Ich zeichne meines hochgeehrten Bruders gehorſamer Diener und Bruder⸗ r. ————— 20 Der Kapitain legte den Brief hinweg, ſah em na— por und fagte:„Der Herr heißt Medenberg, ſeie auf Sie ſo gut und ſetzen Sie ſich.“ wo „Ja,“ antwortete der Andere, und ſetzte ſich au doe einen Stuhl in der Nähe des Nußbaumtiſches den „Herr Medenberg kommt von Jönköping?“„Jt ber reiſte heute Nachmittag von dort ab und über Bar unt narp, Byarum und Skillingaryd.“ „Sind die Wege ſehr ſchlecht?“ vü „Das weiß ich nicht zu ſagen. Ich fuhr auf den ter Dampfboot von Stockholm nach Jönköping.“ Fre Pauſe Von Mekeroth wußſe nicht, wie er pit anfangen ſollte, um ſich eine Gewißheit darüber ju verſchaffen, ob er den Mann zum Informator anne ſein men oder ihn nach ſeiner Heimath ziehen laſſen ſollt zu Er begann ihn zu betrachten, und ſah ein jugendl Flü ches, gutmüthiges, ehrliches Geſicht, über dem de belle Haar geſcheitelt lag und ſich in Locken auf be mer den Seiten herabzog. Zerſtreut ſah von Mekeroth auf ſeinen Nußbaun Led tiſch herab, worauf er die Unterhaltung aufs Rel ten eröffnete.„Wie ich aus dem Briefe erſehe,“ ſah Unt er,„iſt es Herren Medenbergs Abſicht von hier ug Au Götheborg zu reiſen.“ zu „So iſt es Herr Kapitain, ſofern ich nicht hie bleiben kann.“ hatt „Auf alle Fälle, mein beſter Herr,“ ſiel der Wir en, und hingeriſſen von ſeinem angeborenen Gefühl ſen gegen Jedermann artig zu ſein, ſtand er raſch ai „auf alle Fälle können Sie den Weg nicht heu blei Abend fortſetzen. Seien Sie ſo gut, und ſein S uns als Gaſt wenigſtens über Nacht willkommen, bei können wir bis Morgen weiter darüber ſprechen. e werde dem Herrn Medenberg ſein Zimmer anweiß bäu laſſen; nach einer ſo langen Reiſe varf er wohl mil abe ſein. Auf dem Dampfboot? So, ſo; ja es iſt me würdig, wie leicht man gegenwärtig von Stockho ihn Rei 24 em nach Jönköping kommt. Wir machen in unſerer Zeit ſeig außerordentliche Entdeckungen, mein Herr. Wer hätte wohl geglaubt, daß wir fliegen lernen ſollten, und ch id wir auf gutem Wege dazu. Iſt Herr Me⸗ denberg Chemiker oder Mechanicus?“— Der Fremde „Ji beugte ſich verneinend mit einer anmuthigen Beweg⸗ Bar ung ein wenig zur Linken. „Sein Sie ſo gut und machen Sie keine Com⸗ plimente,“ ſetzte der Kapitain hinzu, als ſie beide un⸗ den ter der Thüre ſtanden, um hinauszutreten und der Fremde Anſtand nahm, voranzugehen. Als der Ka⸗ r itai i wohl emahnt hatte, keine Complimente r zu machen, ging er ſelbſt voraus. Er rief einen von mei ſeinen Leuten, dem er den Befehl gab, den Fremden oll zu Herren Mattſens Zimmer hinab in den rechten ndl Flügel zu führen. do Am folgenden Tage gleich nach dem Frühſtück be bat von Mekeroth ſeine Frau, zu ihm herein zu kom⸗ men. Sie trat ein, ſetzte ſich auf den gewäſſerten aun Lederſopha ihm zur Seite, nahm ſeine Patiencekar⸗ Ner ten und ſpielte damit, wie ſie ſtets während ihrer ſag Unterhaltungen zu thun pflegte.„Was meinſt du, na Aurorchen,“ ſagte er,„ſollen wir Herrn Medenberg zu unſerem Lehrer nehmen?“ — hie„Ich meine ſo,“ erwiederte fie.„Der Profeſſor haite ja auch keine große Auswahl!“ irt„Nein, aber man könnte ihn nach Götheborg rei⸗ fühl ſen laſſen, und auf einen andern warten!“ au„Dann würde ja Matts und Ulla ohne Lehrer heu bleiben, und das geht doch nicht länger ſo an.“ S„Es ſchien mir auch, als ob er ſich geſtern Abend bei Tiſche ſehr geſetzt und artig aufgeführt habe,“ fuhr der Kapitain fort.„Er war rückſichtsvoll, ohne ei äriſch Schüchternheit; e ſprach nicht viel, mi aber was er ſagte, war vernünftig. Heute habe ich nei ihn noch nicht geſehen; er iſt vielleicht müde von der ho Reiſe und ſchläft.“ 22 „Ei behüte! Matts ſagt, er ſei um 5 Uhr auf⸗ geſtanden und hinausgegangen, um Spazieren zu ge⸗ hen, und ſich in dem Werke und auf dem Kronberge umzuſehen.“ „Das muß ich ſagen! das freut mich, daß er kein Siebenſchläfer iſt. Was ſeine Studien betrifft, ſo bin ich darüber unbeſorgt, obwohl er keinen Gra⸗ dus paſſirt hat; denn Bredmann ſchreibt mir, daß er hierin mit Baumdal und Zjellgarten verglichen wer⸗ den könne, zwei Perſonen, welche die gelehrte Welt von einer ſehr vortheilhaften Seite kennt, obwohl ich als Militair nicht alles wiſſen kann. Was meinſt du, Aurorchen?“ „Ich meine,“ verſetzte ſie mit einem Lächeln, „daß Matts ganz toll werden und uns keine Ruhe mehr laſſen wird, wenn er nicht ſeinen Herren Me⸗ denberg behalten darf.“ „Matts? was will das heißen?“ „Er iſt in ihn vernarrt; ganz von ihm entzückt. Geſtern Abend nach dem Eſſen ind die beiden Her⸗ ren nicht ſogleich zur Ruhe gegangen, ſondern Me⸗ denberg nahm Matts mit ſich hinaus, und bat ihn, ihm den Garten und Park zu zeigen. Da der Mond⸗ ſchein lange andauerte, ſo waren ſie mehrere Stun⸗ den draußen. Was der fremde Herr während dieſer ſeit geſprochen hat, weiß ich nicht. Obwohl es mir atts heute Morgen ganz athemlos und glühendroth wiederholte. Matis ſprach ſo ſchnell und hatte den Mund ſo voll, daß ich nicht klug daraus wurde: Es waren Sagen, es war aus der Geſchichte, von dem Lauf der Sterne, dem Treiben der Waſſerräder, von der Luft und allen möglichen hübſchen Dingen.“ „Haſt du denn Matts heute ſchon getroffen? Athemlos und ſchwitzend? was ſoll denn das heißen? Der gnädige Junker pflegt ſonſt bis um dieſe Zeit und wohl noch länger zu ſchlafen.“ 7 „Aber heute nicht. Er war ebenfalls um 5 Uhr 3 f⸗ ft⸗ 23 aufz denn Herr Medenberg hatte ihn gebeten, ihn zu einigen ſeltenen Blumen zu führen, von denen ihm der Knabe erzählte, und die nach der Erklärung des fremden Herren zu den Raritäten in der Botanik ge⸗ pörten. Matts iſt ganz vornehm und glücklich gewor⸗ den, daß er die Ehre haben ſollte, etwas zeigen zu dürfen; ſo daß er ſich kaum Zeit nahm, zu Früh⸗ ſtücken, ſondern ein wenig Brod in die Taſche ſteckte, und wie ein Pfeil dahin ſchoß, um ſeinen Freund auf⸗ zuſuchen.“ „Das muß ich ſagen! Herr Medenberg hat alſo den Jungen ganz behert? Einen guten Kopf hat Matts immer gehabt; aber etwas ſchiäfrig am Abend und ſchwer am Morgen pflegte der gnädige Herr ſtets zu ſein.“ „Das kommt daher, glaube ich, daß er nie Je⸗ mand hatte, mit dem er ſprechen lonnte, oder der ihn aufmunterte,“ ſagte die Frau.„Denn ich hatte keine Zeit und du auch nicht, Mekerothchen.“ Der Kapitain ſab bei Seite, und ſchien von ei⸗ ner neuen Gedankenkette gefeſſelt.„In der That,“ bemerkte er,„ſch glaube nicht, daß wir Unehre an dem Mann erleben würden, im Vergleich mit Abel⸗ crona's und Zeyton's Lumpen, die ſie neulich verab⸗ ſchieden mußten. Hier in dieſer Gegend und um ſo mehr, wenn man ſich in der Lage befindet, das vor⸗ nehmſte Beſitzthum zu bilden— eines unter den vor⸗ nehmſten, wollte ich ſagen— muß man große Rück⸗ ſicht darauf nehmen, an dem Lehrer ſeiner Kinder einen Mann zu beſitzen, den die umwohnenden Fami⸗ lien nicht für ein Schaaf oder einen Taugenichts hal⸗ ten. Denn ſie ſagen dann:„Mekeroths Erben werden mit der Zeit hübſche Perſonagen werden! Haben Sie ihren blaßgelben Informator geſeben?“ Ungefähr ge⸗ rade ſo wie ich und Du über die lenkiſchen Gänſe⸗ riche urtheilten, welche Zeytons und Abelcronas fort⸗ thun mußten, nachdem ſie die Jungen in einem Zeit⸗ raume von drei Jahren nichts gelernt hatten, als ſchlechte kle Verbeugungen machen, ſich unangenehm aufführen und he ſchlechte Redensarten gebrauchen, die ſie von ihm ir⸗ del gendwo aufgeſchnappt hatten.—“ zu „Aber wie wurden ſie auch bezahlt!“ bemerkte ſat Frau Aurora mit einem mitleidigen Bkicke.„Zeyton gab ſeinem armen Magiſter 50 Reichsthaler Banko, und Abelcrona verſtieg ſich erſt im letzten Jahre zu ſer 100 Thaler in Staatspapieren.“ ha „Das iſt wahr, Aurorchen; und da find wir wie⸗ der auf einem wichtigen Kapitcl. Wie viel meinſt, ri du, daß wir Medenberg geben ſollen, wenn wir ihn nehmen?“ w „Ich weiß nicht. Vielleicht 100 Reichsthaler Banko ge oder 200 in Staatspapieren.“ V „Einhundert Banko? Aber weißt du, daß das K viel iſt?“ ich „Ein Mann, den meine Kinder herzlich lieben le können, iſt wohl werth Etwas zu bekomnieh,“ ſagte 3 ſie mit einer ernſten Miene ganz eigener Art.„Ich u lege Gewicht darauf, wenn ich auch Unrecht habe,“ g fuhr ſie fort.„Ich möchte ihm gerne einen ziemlich K honetten Gehalt geben. Du darfſt ihm nicht weni⸗ 1k ger als 100 Thaler Banko ausſetzen, Mekeroth.“ d Es lag eine nicht gewöhnliche Beſtimmtheit in vieſen Worten der Frau von Mekeroth. Der Kapi⸗ d tain hörte ſie ſelten„ich“ und„meine“ ſagen, ſon⸗ it dern größten Theils„wir“ und„unſere“; aber wenn K dieß ja einmal geſchah, ſo ſtieg ſtets vor ſeinem Ge⸗ r müthe die Erinnerung an die Wahrheit herauf, daß k ſich das Gut eigentlich von ihr herſchrieb.„Aurora,“ K antwortete er,„die ganze Welt weiß, daß ich nicht ſ geizig bin; Medenberg mag immerhin ſeine Einhun⸗ dert Banko haben, wenn wir ihn nehmen.“ In dieſem Augenblicke hörte man einen ſtarken Lärmen draußen im Hehren wie von Jemand, der hereingeſprungen kam. Die Thüre flog auf und die ——— te d te n zu e⸗ ſt hn ko as en te ich ni⸗ in pi⸗ n⸗ nn e⸗ ß 1 7 icht 1n⸗ ken der die 25 tleine ulla fürzte roth wie eine Vogelbeere und ſo heiß, daß die Locken ſich wie ein Heiligenſchein um den ganzen Kopf geſchlungen hatten, auf ihre Mutter zu.„Liebe Mama! liebe Mama! liebe Mama!“ ſagte ſie. „Was gibt es, mein Mävchen?“ „Liebe Mama, gib mir einen Korb und ein Meſ⸗ ſer, ein ſtarkes, ſcharfes Meſſer— liebe Mamal ich habe ſo Eile, ſo Eile!“ „Aber was ums Himmelswillen gibt es denn 2 rief Herr von Mekeroth. „O wir ſind ſo vergnügt, ſo vergnüßt!“ ant⸗ wortete Ulla athemlos.„Ich bin den ganzen Mor⸗ gen bei Bruder Matts und Herrn Medenberg geweſen. Wir haben die allerkleinſten, netteſten Steine auf dem Kronberge geſammelt, ſie blinken in allen Farben und ich weiß jetzt die Namen von ihnen allen! Jetzt wol⸗ len wir Schnecken losbrechen— doch ich habe keine Zeit, lange davon zu reden— ich verſprach, nach ei⸗ nem Meſſer und einem Korbe heim zu ſpringen— geſchwind, geſchwind, liebe Mama, varfich den kleinen Kuchenkorb mit nehmen oder Mamas großen Näh⸗ torb?“ Mit dieſen Worten ſprang ſie hinaus, und die Frau folgte ihr lächelnd nach. Als die Mama fort war, um der kleinen Ulla das zu verſchafſen, was ſie brauchte, ſaß der Papa in den froheſten Vatergedanken über den lebhaften Kopf der Lochter, bei einem Alter von erſt zehn Jah⸗ ren, da.„Es iſt alles Feuer in den kleinen Taſchen⸗ trebſen,“ ſagte er und wackelte vergnügt mit dem Kopfe;„es iſt doch recht angenehm, wenn man ſich ſelbſt ſo wieder findet! hm! hm!“ Die Frau kam zurück, um die Berathung fort⸗ zuſetzen.„Was ſagſt du dazu, Mekeroth, es be⸗ ginnt ja recht lebhaft im Haufe zu werden?“ rief ſie lachend. „Meiner Treu! eine lebhafte Spitzbübin, die 26 Ulla!“ antworteie er.„In einem ſo zarten Alter ſchon Sinn für mineralogiſche Steine und Schnecken⸗ ſammlungen zu haben“ „O, mein Lieber, weder ſie noch Matts verſteht Etwas davon. Das alles geſchieht nur, weil Herr Medenberg es aufgebracht hat; und ſie lieben Steine, Muſcheln, Moos und Blumen wie andere heitere Spielſachen, das verſichere ich dich. Daran iſt nichts Gefährliches.“ „Aber wie kommſt du vazu, Ulla heute früh ſo bald herauszulaſſen?“ 8 „So frühe? Sie war nicht gut zurück zu halten: Sie mußte nothwendig, ganz nothwendig zu Bruder Matts hinaus, der es geſtern mit ihr ausgemacht hatte, ehe ſie fich niederlegten und—“ „Der Medenberg muß in der That ein großer Kinderfreund ſein, daß er nicht als ein kluger Mann auf die Reiſe ausruht, ſondern ſich damit beluſtigt, über Berg und Thal mit Zöglingen herum zu ſprin⸗ gen, von denen er erſt noch nicht einmal weiß, ob er etwas mit ihnen zu thun bekommen wird. Dieſer Zug gefällt mir nicht übel; es ſieht gewiſſermaßen uneigennützig aus, obwohl es in einem Alter von dreißig Jahren etwas kindiſch herauskommt.“ „Iſt er ſchon dreißig Jahre alt?“ „Ja er ſieht in der That wie drei⸗ oder vierund⸗ zwanzig aus. Das thut aber nichts; es kommt vielleicht davon her, weil er eben von der Reiſe gekommen iſt, und ſo etwas aufgereizter iſt. Bredmans Brief beſagt, er ſey dreißig Jahre alt. Vermuthlich hat er als ein armer Menſch ſolid gelebt.“ „Soll ich alſo die Sache für abgemacht anſehen und die Gardinen in ſeinem Zimmer aufmachen laſ⸗ ſen?“ fragte Frau von Mekeroth. „Ja was meinſt du denn, Aurorchen, ich weiß nicht, was wir thun ſollen?“ „Wenn du ſelbſt nichts gegen ihn haſt,“ ant⸗ U⸗ 3 27 ſie,„ſo laß die Neigung unſerer Kinder die eniſcheiden. Sie haben ihn ausgewählt. Man ſch efreilich nicht auf Kinder verlaſſen,“ fuhr ſie nem frommen und innigen Blicke fort, den ſie ſegen das Fenſter zu werfen ſchien, der aber ge⸗ noch weiter hinauf ging.„Allein ich habe bei der kleinen Erfahrung bemerkt, daß Kinder ge⸗ gewiſſe Perſonen einen unbezwinglichen Wider⸗ llen, einen Eckel zeigen, oder ihnen wenigſtens ht vei der erſten Bekanntſchaft nahen wollen; und vobſchon man keinen Grund dafür bemerkt hat, ſo hat man doch nachher entdeckt, daß dieſe Menſchen etwas Schlimmes in ihrem Weſen hatten, das Niemand kannte. Andern dagegen nähern ſich Kinder beim erſten Anblick, und finden einen Gefallen an ihnen, ohne daß man weiß warum, und es iſt ihnen wohl in ihrer Geſellſchaft. Woher das kommt, das weiß Goit allein. Aber oft erfährt man nachher, daß die Kinder ſich nicht getäuſcht haben. Ich glaube deß⸗ halb, daß über ihren Neigungen eine heimliche Gnade ruht, deren Wink wir gut thun werden zu befol⸗ ßen.— Sie küßte ihren Mann, und klopfte ihm anft auf die Schulter. Gerührt erwiederte er:„du haſt recht, Aurora; ich gebe meine Zuſtimmung. Unſere Kinder haben die Sache entſchieden, und für dieß Eine Mal mag es drum ſein.“ Drittes Kapitel. Wochen. Mach drei Ich habe mein Geld in den See geworfen! Aurorchen! Was meinſt du jetzt, daß wir thun ſollen? Drei Wochen nachher trug ſich in Aronfors eine große Begebenheit zu, die nicht bloß für die Lage der Dinge an dieſem Orte, ſondern auch für ſehr viele Perſonen in der Umgegend von großer Bedeutung war; wir werden ſie alſo erzählen. Die Uebereinkunſt mit Herrn Medenberg war bald geſchehen; es zeigte ſich leicht, daß er nie an einen hohen Lohn gewöhnt geweſen war. Von armen Eltern auf den Maiinſeln bei Götheborg geboren, hatte er ſich zum Seemanne beſtimmt gehabt und auch als Schiffsjunge eine kleine Seereiſe nach Hull und wieder heim gemacht. Seine Eltern waren aus⸗ gezeichnet chriſtlich; man beſchuldigte ſie, einer Secte anzugehören, woran die Stifte Skara und Götheborg einen großen Reichthum hatten. Aber eigentlich konnte man nichts weiker ſagen, als daß ſie jeden Sonntag getreu und andächtig die Kirche beſuchten. So hat⸗ ten ſie immer gelebt und auch jetzt noch hörten ſie Björk nicht weniger gerne, als den Domprobſt Hum⸗ mel. Da der Sohn in ſeiner Jugend wenig Nei⸗ gung zum Seeleben zeigte, ſo hatten ihn die Eltern gerne bei ſich zu Hauſe gelaſſen; jenes Leben war eben ſo unruhig als es zu Laſtern veranlaſſen konnte. 5 —————————„———————.——— — c————————„ 29 Fr durfte ſich alſo in Liebe und Stille in einige Bücher bertiefen, die zu der kleinen Bibliothet ſeines Vaters gehörten; und er ward nun immer mehr von der Begierde ergriffen, zu forſchen, aber in jedem Gegen⸗ ſtand um deſſen ſelbſtwillen zu forſchen. Schon ziem⸗ lich vorangeſchritten im Alter, begaun er endlich in die Schule zu gehen, und harrte die geſetzmäßige Zeit im Gymnaſium aus. Durch Stundengeben und große äußere Einſchränkung war es ibm möglich, auf die Academie zu ziehen. Er arbeitete und ſtudirte hier mit eiſernem Neit Aber ſeine wachſende innige Neigung, die Wiffenſchaften um ihres Inhalts willen zu ſtudiren, was zwar das ächte und vortrefflichſte Studium iſt, machte ihn der Welt fremd; er hatte einen Abſcheu vor den Fachwiſſenſchaften, und war in der That auch nicht dazu geeignet, eine ſolche zu ergrei⸗ fen. Auch muß erwähnt werden, daß ſeine Neigung ihn veranlaßte, mehr in gewiſſen Dingen zu arbeiten, und andere für ein Examen, ſei es nun als Geiſt⸗ licher oder Magiſter, ebenſo nothwendig zu verſäumen. Bei ſeinem ſanften und verſtändigen Charakter war er der Liebling ſeiner Kameraden unter der Lands⸗ mannſchaft; einige Taugenichtſe konnten ihn zwar nicht leiden, aber fie ſchätzten ihn, und wagten es nicht, ihre Stimme gegen ihn zu erheben. Seine Lehrer liebten ihn ſo ſehr, daß mehrere ihm das An⸗ erbieten machten, ihn ohne Examen durchſchlüpfen zu laſſen; er dankte ihnen mit achtungsvoller Herzlichkeit konnte es jedoch nicht über ſich vermögen, dieſe Gabe anzunehmen. So ſah er ſich weit im Alter vorge⸗ ſchritten und zugleich in einer Lage, die ihm durchaus keine Zukunft darbot. Die Ausſichten in der Welt ſind ſehr oft im Gegenſatze zu den Einſichten; wenn dieſe gerade nicht immer das Fortkommen hindern, ſo befördern ſie es doch ſelten, ſobald es wahre Ein⸗ ſichten find. Denn ſie ſind dann in das Mark der Seele eingedrungen, und laſſen ſich ferner nicht zur Rechten oder zur Linken biegen. Sind ſie oberflächlich und mit einer raſchen und ungenirten Redegabe ver⸗ einigt, dann machen ſie tüchtige Schritte und kommen weit; denn ſie können ihre Anſichten wechſeln, ſich nach Allem umwandeln, und Alles gewinnen. So iß einmal die Lage der Welt. Sollte ſie je einmal anders werden? Herr Medenberg ſah nichts anderes vor ſich, als im Informatorrat das Leben zu durch⸗ wandeln, und als ein Lehrer der Menſchheit die Palme des Todes zu gewinnen. Seinem Charakter zufolge war er den Kindern ſtets mit großem Wohl⸗ wollen zugethan; mit der Zeit rief ihn ſein Herz da⸗ hin, auch die Erwachſenen als eine Art Kinder anzu⸗ ſeben, und ſo liebte er bald beinahe alle Menſchen. Sein ſchmaler Pfad ſchlängelte ſich einſam und unge⸗ ſehen über die Erde; aber er ging durch Haine, wo er bei jedem Schritte liebliche, duftende Gebüſche zur Seite hatte. Bei jedem neuen, zarten und durchſich⸗ tigen Blättchen, das unter ſeiner pflegenden Hand zum Zweig oder Aſte empor ſchoß, freute er ſich, und er rechnete nicht darauf, eine andere Freude auf der Welt zu genießen. Vor ſeiner Anſtellung in Aronfors hatte er in ſehr vielen Häuſern als Lehrer Dienſte geleiſtet, und ſo eine ausgedehnte Kenntniß der menſchlichen Cha⸗ raktere, ſo wie ſie ſich in den Familien zeigen, gewon⸗ nen. Nicht ſein Beruf allein verſchaffte ihm dieſe Kenntniß, ſondern auch ſeine Neigung, ſein natürli⸗ cher Blick, der, wie es bei den Kindern der Fall iſt, nicht lange Zeit bedurfte, um zu entdecken, was an den Menſchen war, mit denen er zuſammen kam. Was er jedoch ſah, bewahrte er ſtets in der Stille, und machte nicht einmal bei ſich ſelbſt eine andere Bemerkung darüber, als daß es eben ſo ſei; ob es gut oder ſchlecht war, zog er nur dann in Betracht, wenn er ſah, daß ſeine Stellung ihm erlaubte, han⸗ delnd aufzutreten. Seine eigene Perſon bekam durch lich er⸗ nen ſich nal res rch⸗ die ter hl⸗ da⸗ zu⸗ en. ge⸗ wo zur nd nd der in ⸗ ⸗ eſe li⸗ ſt, an n. e, re es t, n⸗ 31 dieſe Gemüthslage etwas Idylliſches oder vielmehr Quietiſtiſches. Sein Geſicht zeigte eine Beſcheidenheit, die ihm nie erlaubt haben mochte, irgend eine Leiden⸗ ſchaft von der Art zu hegen, welche man Paſſionen nennt; und dieſe Beſcheidenheit war es wohl, was eine ſo große Jugendlichkeit über ſeine Züge ausbrei⸗ tete, da es ausſah, als ob er ſelbſt nie Etwas von der Welt erfahren habe. Sorte dieſer kryſtallhelle See immer ſo ruhig bleiben? Sollte kein Sturm, kein Lüftchen als nur der kleine Herbſtwind der Armuth ſeine Wogen kräuſeln? Am zweiten Tag, nachdem er ſein Amt angetreten hatte, geſchah es beim Mittageſſen, als die Familie da ſtand um zu Tiſche zu beten, was immer ſehr eilig und oft ſo vor ſich ging, daß von Mekeroth ſelbſt ſich ohne weiters ſogleich ſetzte, und die übrigen höch⸗ ſtens die Miene machten, die Hände zu falten— daß zu Papas großem Erſtaunen Matts und Ulla nicht mehr mit den gewöhnlichen ungenirten Gebärden ſich bei Tiſche zeigten, ſondern ſo zu ſagen etwas verzagt, ſchamroth und verlegen da ſtanden. Dies war auch die Veranlaſſung, daß Papa nicht nach ſeiner Gewohn⸗ heit ſogleich ſeinen Seſſel nahm, ſondern ſtehen blieb, und neugierig war, was das zu bedeuten habe.„Nun Matts!“— ſprach Herr Medenberg mit einem ern⸗ ſten obwohl ſanften Blick, worauf der Knabe feſt und ſchön, aber unter ſichtlichem Beben ein Tiſchgebet her⸗ zuſagen begann. Ulla hörte ihn mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit zu; ſie wußte, daß die Reihe nach Liſche an ſie kommen würde. Alles lief ſehr gut ab; aber man konnte bemerken, daß dem Papa das Blut etwas in's Geſicht ſtieg. Anfangs mochte er kein geringes, wenn nicht Aegerniß, ſo doch Erſtaunen darüber empfinden, das Gebräuche ohne ſeine Erlaubniß, ja ſogar ohne ſeine Wiſſen eingeführt werden könnten. Er hatte ſogar zuerſt im Sinne, dem Herrn Medenberg unter vier Augen zu wiſſen zu thun, daß ſein Geſchäſt im Meinung, daß das Liſchgebet, obwohl es bei ihm wie gegenwärtig beinahe in allen höheren Häuſern nie gehört wurde, doch eine religiöſe Handlung und, wenn nur einmal eingeſührt, recht hübſch ſey. Während des erſten Theils der Mahlzeit war er zwar etwas flille und wunberlich, aber es ging bald vorüber. Die Bergherrin war bei ausgezeichnet guter Laune; ſie ließ ihre Augen mit einem Ausdruck, der nicht beſchrie⸗ ben werden kann, von einem Kind zum andern gehen. Sie ermunterte ihren Mann durch die freundlichſten Blicke, und entwickelte ein Talent, ihm das Beſte aus der Schüſſel auszuleſen, das Alles beſiegen mußte. Die Unterhaltung ging ihren gewöhnlichen Gang; er begann ſich verſöhnt und heiter zu fühlen. Als er vom Eſſen aufſtand, war er ſo überzeugt, daß auf's Nenc ein Tiſchgebet kommen würde und auch ſchon ſo ſehr damit einverſtanden, daß er ſelbſt ſtehen blieb, wartete, die Hände zuſammen legte und auf Matts ſah. Aber bald mußte er den Kopf zur Linken nach der kleinen Ulla wenden, denn ſie war es, die jetzt mit einer hellen und lieblichen Stimme die ſchönen Worte vorfagte. Als der Kapitain ſeinen Stuhl hinwegſetzte, näherte er ſich ſeiner Frau und ſagte heimlich:„Ein Teufels⸗ kind, die Ulla! was ſie für eine nette Stimme hat.“ Dann wandte er ſich gegen den Informator und ſagte:„Ich glaube der Unterricht braucht nicht gleich wieder nach Tiſche zu beginnen, will mir Herr Meden⸗ berg nicht die Ehre ſchenken, und auf einige Augen⸗ blicke in mein Zimmer kommen?“ Als die beiden Herren dort angelangt waren, ging der Kapitain einigemale auf und ab Es war klar, daß Etwas in ihm arbeitete, wofür er Worte ſuchte, um es gehörig zußgr Er warf ein paar Blicke auf Medenberg, die warm, aber zugleich voll von etwas Gewiſſem waren, das man Ehrerbie⸗ ²— umkreiſe des Schulzimmers zu bleiben habe, und den Speiſeſgal nichts angehe; doch kam er bald auf die ——„———.— — c———„————— ————— 33 en t ee öe, beie a wagte er es nicht, ie ihm nahe zu treten. Und dabei ſah er aus, als ob ne er ſich ihm für etwas dankbar erzeigen wollte. Dieſe in Miſchung von Gefühlen machte ſich endlich in folgen⸗ es dem Dialoge Luft, der vielleicht nicht zu erwarten le ſtand: ie„Hören Sie mal, Herr Medenberg— mein beſter ſie Herr Medenberg— ſagen Sie mir, rauchen Sie Tabak?“ c⸗„Nicht gerade, Herr Kapitain,“ antwortete Dieſer; n.„aber ich kann rauchen, wenn es ſich ſo trifft.“ en„Dann kann ja der Herr hie und da eine Pfeife 18 mit mir rauchen?“ e. Der Informator verbeugte ſich.— ;„Aber—— pflegt der Herr nie einige Züge er drunten im Unterrichtszimmer zu thun; das wird nicht ſchaden?“ r„Ich habe keinen Tabak mit mir genommen, e, Herr Kapitain, denn ich bin nur ein höchſt unbedeu⸗ er tender Raucher.“ n„Das iſt ſchr gut,“ ſagte der Andere, ging in n ſein inneres Zimmer, öffnete einen Wandſchrank und . kam zurück.„Erlauben Sie mir— mein beſter Herr e Medenberg— Herr Medenberg— erlauben Sie mir, ⸗ Ihnen dieſes Paket Tabak zu verehren,“ ſprach er „ mit einer ungewiſſen beinahe zitternden Stimme, wo⸗ d für wohl kein großer Grund in der äußern Welt h vorhanden war. Der Informator empfing ehrfurchtsvoll die Gabe, die an ſich ſelbſt ſchon ſehr angenehm war: Es war ein Paket von der feinſten Sorte. Der Kapitain ſah „ nach dieſer kleinen Handlung ſo vergnügt aus, als r ihm ein ganzer Felſen von der Bruſt gewälzt wäre. Nachdem er von Neuem einigemal im Zimmer auf und abgegangen war, fagte der Kapitain:„Eine . dumme Frage, ein Mann wie Herr Medenberg wird wohl nie Karten in die Hand nehmen?“ Drei Frauen in Smaland. J. 2* 34 „Ich ſpiele zwar eigenilich nicht,“ erwiederte die⸗ ſer;„meine Zeit hat es mir nicht erlaubt. Um gut zu Spielen muß man viel und oft ſpielen. Aber ich halte es für die übelſte Gewohnheit, wenn man auf keine Art an dem Antheil nehmen kann, was der Umgang erfordert.“— „O ſchön, ſchön! der Herr ſpielt— z. B.— ein Whiſt, ein Whiſt, wenn auch nur hier. Da?“ „Das heißt, ich kenne den Gang des Spiels, Herr Kapitain.“ „Nun, das kann ich mir denken! Hi! es wird nicht viel fehlen, ſo ſpielt der Herr ausgezeichnet Whiſt. Ein Mann wie Herr Medenberg thut nichts ſchlecht. Der Herr ſpielt wohl auch Patience zu zweiſs“ „Das iſt etwas leichtes.“ „Piquet?“ „Darin habe ich am meiſten Gelegenheit gehabt mich zu üben.“ „Mit Ihrem Herren, das kann ich mir denken! Ha! ha! ha! ja das iſt wahrhaftig ſo. Was ſoll man aber auch an den langen Herbſt⸗Abenden, womit unſer liebes Klima uns beſchenkt, anders thun?“ Die Sache wurde alſo ſo ausgemacht, daß noch an demſelben Abend Herr Medenberg in dem Zim⸗ mer des Kapitains eintreffen ſollte, wenn dieſer von der gewöhnlichen Runde mit ſeiner Frau zurück⸗ kehrte; man wollte dann die gegenſeitige Stärke im Piquet verſuchen. Die Unterhaltung begann um halb ſieben Uhr. Gleich im Anfang wurde der Kapitain etwas ſauertöpfiſch, denn es fiel Herrn Medenberg das Glück zu, im erſten Spiele 6 Karten und 16 nebſt 14 Buben zu erhalten, weßhalb er ſogleich 36 rechnen durfte; und da dies geſchehen war, ohne geſtochen zu haben, ſo galt es für 96.„Das wird ernſthaft, wahrhaftig. Hat der Herr immer Glück“ fragte der Kapitain. 8 3 „Es ſcheint dießmal nur geſchehen zu ſein, um — —— c———— —„ 8——,——— ——,———————— e⸗ ut uf mich an das Rechnen im Spiele zu erinnern,“ ant⸗ wortete Medenberg artig. Man gab, und zum zweitenmal ſaß der Kapitain mit 14 Königen, 2 Quartmajor und einem eben ſol⸗ chen Terz; man konnte kaum hübſchere Karten in eines Menſchen Hand ſehen und das Beſicht ihres Beſitzers leuchtete. Dennoch hatte der Gegner dieß⸗ mal die Vorhand, und brachte 7 Karten von der Farbe, wo der Kapitain nur den König beſaß. Dieſer fiel alſo auf Medenbergs Ag, und er ſpielte für alle ſeine 7 Karten. Das Blut ſtieg dem Kapitain bis zur Stirne empor, als er ſeine beſten Mattadoren auf die ſchlechteſten Karten des Informators werfen mußte.„Bei ſolchen Karten das Spiel zu verlieren, das iſt, das iſt—“ „Das geſchicht nur, um mir ein wenig Aufmun⸗ terung für mein bevorſtehendes Unglück zu geben,“ bemerkte Medenberg. Und ſo war es auch. Der Kapitain bekam von da an beſtändig gleich gute Karten, und Medenberg unterlag. Der Kapitain errang keine großen Siege, aber er war doch beinahe immer Sieger. Als ſie aufſtanden, um zum Eſſen zu gehen, ſagte von Meke⸗ roth:„Charmant! ein ſehr vergnügter Abend! Herr Medenberg ſpielt ſein Piquet ſehr gut, ſehr gut.“ Als ſie im Speiſeſaale anlangten, ſah Aurora eine neue Farbe über das ſonſt gelbe Geſicht ihres Man⸗ nes gegoſſen und fragte daher:„Wie iſt das Spiel gegangen, meine Herren?“—„Vortrefflich“ rief er, „glaube mir nur, Herr Medenberg iſt ein tüchtiger Kämpfer im Piquet; er trug einmal den Sieg gegen mich davon, da ich 14 Könige und eine ganze Maſſe Quartmajor hatte; thue ihm das Einer nach? Nun nachher änderte es ſich ein wenig, das iſt wahr, die Erfahrung trägt am Ende doch den Sieg davon: Ich gewann 200 Points. Haſt du von unſerem äckten Käſe da? Ich meine den ächten. Herr Medenberg ſoll als guter Götheborger mit einem unverfälſchien Smaländer Bekanntſchaft machen. Seien Sie ſo gut! Da, nehmen Sie! Nun, mein lieber Matts, ich kann mir denken, daß du ganz verzweifelt darüber warſt, weil ich Dir heute Abend Herrn Medenberg raubte! Dein Vater iſt ein alter Soldat mußt Du wiſſen, der ſich darauf verſteht, Eroberungen zu machen.“ So verfloſſen auf dieſem ſchönen Smaländiſchen Werke einige Wochen in patriarchaliſcher Gemüthlich⸗ keit. Medenberg hatte dem Kapitain ſeinen Lehr⸗ plan nicht mitgetheilt, und ihn auch nie gefragt, wie er denſelben haben wollte. Wenn es die Eltern nicht ſelbſt zu wiſſen begehren, ſo iſt es am beſten, man unterläßt eine ſolche Mittheilung. Wenn man An⸗ fragen macht, ſo ſtößt man oft auf Antworten, in die man ſich nur ſehr ſchwer finden kann, wenn man Un⸗ tergebener iſt. Es geſchieht oft, daß Eltern in guter Aſicht bald nothwendige Gegenſtände entfernen, bald unzeitige hinzuſetzen. Sie haben immer gültige Gründe. Herr von Mekeroth brauchte keine hervor zu holen, denn er nahm von der ganzen Sache keine Notiz. Er war durch die Liebe des Informators und der Kinder zu einander ſo überzeugt, daß ſie, wenn ſie nur nicht zu viel zuſammen ſtudirten, gewiß nicht zu wenig thaten. Und was die Gegenſtände des Stu⸗ diums ſein mochten, das konnte man noch immer bei einem paſſenden Neujahrs⸗ oder Johanniexamen hören. Man ſicht alſo, daß er ſeinem Informator mit einem eben ſo offenen und edlen Vertrauen begegnete, wie ſeinem Bergverwalter. Schade, wenn ein ſolches miß⸗ braucht wird! Herrn Medenberg ſelbſt gefiel es ſehr wohl in dieſem Hauſe, da er zu ſeiner Freude ein paar Gat⸗ ten ſah, die einander zärtlich liebten und ſehr gute Menſchen waren. Er endeckte zwar hie und da Spuren, daß ſie ein wenig Langweile an einander hatten; aber wenn dieß nicht die Folge einer innern Trennung der te 37 Seelen iſt, ſondern aus unbedeutenden Zufälligkeiten entſpringt, die ſich ja immer hie und da finden kön⸗ nen, ſo hat dieß nichts zu ſagen. Die Kinder liebte er jedoch am meiſten; und er ſchrieb an Profeſſor Bredmann einen Dankſagungsbrief für die glückliche Stelle, die er ihm verſchafft hatte. An einem Samſtag Abend, ungefähr drei Wochen nach ſeiner Ankunft, trat ein Bote von der Werk⸗ ſchreibſtube zu Herrn von Mekeroth herein, der gerade im beſten Piquetſpielen mit Herrn Medenberg begrif⸗ fen war. Er meldete, daß eine ganze Schaar von Schmieden und Arbeitern vor der Treppe des Comp⸗ toirs verſammelt ſei, um für die Woche abzurechnen, aber der Herr Bergverwalter ſei nicht zu finden. „Wo iſt er denn?“ fragte der Kapitain. „Wir haben überall geſucht.“ „So wird er wohl noch kommenz er iſt irgendwo hingefahren, und über die Zeit aufgehalten worden. Geh deiner Wege.“ Der Bote ging. Nach einer kleinen Weile kam er auf's Neue zurück, um zu fragen, was man mit all' den Leuten anfangen ſollte, die Geld brauchten, ihre Sachen vor Sonntag abgemacht wünſchten und nicht fort wollten. „Hm! das iſt ſeltſam!“ ſagte der Kapitain;„ſo Etwas iſt noch nie paſſirt— ich weiß nicht— o er kommt gewiß noch. Hat Niemand geſehen, wo Herr Nickolſon hingefahren iſt?“ „Kein Pferd iſt aus dem Stalle fort.“ „So iſt er auf die Jagd gegangen.“ „Seine Büchſe hängt zu Hauſe in ſeinem Schlaf⸗ zimmer.“ ſind das für Dummheiten!“— a.“ „Was ſoll man mit den Menſchen anfangen?“ ſagte der Kapitain bei ſich ſelbſt in großer Bekümmer⸗ niß.„Das begreife ich durchaus nicht. Geht einſt⸗ weilen hinaus, und ſagt ihnen, ſie ſollen noch eine halbe Stunde warten.“ Als der Bote ſich entfernt hatte, ſah Herr Me⸗ denberg den Kapitain fragend an und ſagte:„Wenn es ſich nur darum handelt, mit den Schmiedmeiſtern, den Kohlenarbeitern und Taglöhnern abzurechnen, ſo habe ich ein halbes Jahr einem kranken Buchhalter auf dem Werke Gimo dabei geholfen.“ „Das würde ich für eine wahre Güte anſehen,“ rief von Mekeroth mit Blicken, die von Dankbarkeit ſtrahlten. Der Informator ging nach der Schreibſtube, be⸗ ſah die Bücher und Kerbhölzer, rechnete die Arbeit zuſammen und kam nach einer kleinen Weile mit der Angabe der Summe, die zur Abrechnung erforderlich war, zu dem Kapitain zurück. Dieſer ſtand auf. „Meine letzte Geldſendung aus Götheborg, die ge⸗ ſtern ankam, liegt noch unberührt in der Werkkaſſe“ ſagte er;„ich wollte das Geld ſiets lieber darin ha⸗ ben, weil ſie vor Feuer geſchützt und an die Wand befeſtigt iſt, als hier innen. Laſſen Sie uns hinein⸗ gehen.“ Als der Kapitain auf ſeinem Comptoir ankam, zeigte es ſich, wie ungewohnt er mit allen Umgebun⸗ gen deſſelben war. Werkbeſitzer, Militairs ſowohl als Civilperſonen, haben gewöhnlich kein Lokal ſo genau unter den Angen, als dieſes; der Fall mit von Mekeroth war alſo eine Ausnahme, aber nicht zu verwundern, wenn wir uns an die milde Sorg⸗ loſigkeit erinnern, die wir ſchon bei ſeinem erſten Auftreten an ihm gewahrten. Er hatte jedoch ſo viel Takt, um die Leute auf eine Weile zu entfernen, wäh⸗ rend er ſich ſelbſt orientirte. Als er ſich mit Medenberg allein ſah, nahm er ſeinen großen Schlüſſel heraus und ſchloß die Kaſſen⸗ kiſte auf. Sprachlos vor Staunen ſtarrte er in die leere Chatouille.„O Gott! Herr, ich bin beſohlen —— ,——— e—— c————„„— 2. 1 e 39 rief er mit beinahe erſtickter Stimme.„Sechs Jahre lang eine Perſon in ſeinem Dienſte gehabt, und auf ihn vertraut zu haben wie auf Gold! Geſtern, als die Geldſendung ankam, übergab ich ſie Nickolſon wie gewöhnlich zugleich mit dem Schlüſſel. Er ging nach der Schreibſtube, um das Geld in Verwahrung zu legen, und übergab mir gleich darauf meinen Schlüſſel.—“ Ehe von Mekeroth den Satz vollenden konnte, ſtürzte ein Werkjunge mit einem Hut und einigen kleineren Kleidungsſtücken herein, die er und ein Ka⸗ merad in dem Merlſee ſchwimmen geſehen hatte und die von den Wogen an den Strand geworfen wur⸗ den. Dieſe Sachen gehörten Herrn Nickolſon.„Der Menſch hat ſich ertränkt!“ ſagte der Kapitain erblaſ⸗ ſend;„aber wo hat er in ſo kurzer Zeit mein Geld hingebracht? Ha!— er hat eigene Schulden gehabt⸗ er hat ſie mit meinem Vermögen abbezahlt, und ſich dann das Leben genommen, um der Verantwortung von mir zu entgehen! Wekche entſetzliche Begebenheit!“ Er ließ jetzt den Pult aufbrechen, wo neben den Rechnungen und Papieren aller Art das Geld für die Ausgaben der laufenden Woche aufbewahrt zu werden pflegte. Es ſah aus, als ob der Unglückliche oder Elende die Schonung gehabt hätte, ſeinen Herren nicht in augenblickliche Verlegenheit ſetzen zu wollen; denn hier hatte er wirklich eine kleine Summe gelaſſen, die hinreichend war, um die Bezahlung für den Samſtag zu beſtreiten. Von Mekeroth befriedigte ſeine Leute, und ein jeder ging mit verwunderten Mienen und den Kopf voller Gedanken nach Hauſe. Es wurde Mann⸗ ſchaft ausgeſchickt, um in dem Merlſee nach dem Kör⸗ per des Ertrunkenen zu ſuchen. Als die Herren wieder in das Zimmer des Ca⸗ pitains gekommen waren, ſetzte ſich dieſer auf ſeinen bekannten ſchwarzen Sopha und ſtieß einen tiefen Seufzer aus.„Da wird es ſauber ausſehen!“ ſagte 40 er bei ſich ſelbſt.„Seit drei Jahren habe ich meine Bücher nicht mehr revidirt! So iſt es, wenn man Leuten dieſer Art traut! Wie mag es wohl mit mei⸗ nen Angelegenheiten ſtehen? Ich kann ein ruinirter Mann ſein, ohne das Geringſte davon zu wiſſen.“ Aurora trat herein.„Was höre ich!“ rief ſie, „iſt es möglich, der arme Herr Nickolſon—“ „Der arme Herr Nickolſon? Ein ſauberer Armer 1“ „Man ſagt, er habe ſich in das Waſſer geſtürzt, o Gott!“ „Und ich habe mein Geld in das Waſſer geſtürzt, Aurorchen! Was meinſt, daß wir jetzt thun ſollen?“ Viertes Kapitel. Das Vastuch. Meine Leute, mein Wagen, meine Pferde, alles ſteht dem Herren zu Gebot! Wie jetzt der Kapitain ſeinen Kummer bekommen hatte, ſo tagte auch der nächſte Morgen mit einem Schmerz für ſeine Frau. Sie gewahrte an Matts deutliche Zeichen der Blattern. Als ein raſcher Knabe wollte er ſich zwar durchaus nicht darein ſchicken; aber die Krankheit erfaßte ihn immer mehr und mehr mit ihren Klauen, und ſetzte immer deut⸗ lichere Zeichen auf ſeinen Körper. Zu ſeiner großen Betrübniß mußte er den Unterricht unterbrechen und in Mama's Zimmer ziehen, um dort die zärtlichſte Krankenpflege zu genießen. 4¹ Herr von Mekeroth hatte noch nicht viele Blicke in ſeine Bücher geworſen, als er entdeckte, daß.. entweder er ſelbſt ein Mann ſei, der ſich nicht aus dem Labprinth der Buchhaltung heraus finden könnte, oder was üblicher war, daß die Bücher ſo geführt worden waren, um mit allen ihren Contos, ihren Summen und Ueberträgen nicht zu einem für den Eigenthümer verſtändlichen Schlußſatze führen zu kön⸗ nen; mit einem Worte... ſie waren nicht abgeſchloſ⸗ ſen. Er warf erſchrockene und verwirrte Blicke in ein Chaos hinab, das er aus Eckel gerne ſogleich wieder aufgegeben hätte, aber jetzt gegen ſeinen Willen gezwungen war, zu betrachten, da ſeine ganze Wohlfahrt in der Maſſe all dieſer abſcheulichen Zahlen verſiegelt lag. Er füblte ſich mehreremale dem Schwindel nahe, das Zimmer ging mit ihm herum, die Papiere wurden ſchwarz vor ſeinen Augen, und die Buchſtaben mit ihren Verwandten, den Zahlen, erblaßten.„Ich bekomme wieder meine alte Krank⸗ heit,“ rief er mit einem neuen Grunde zu Kummer. „Gott laſſe Alles gut endigen; es ſieht ſehr finſter aus; arme Aurora!“ Plötzlich fuhr ein Lichiſtrahl über ſein Geſicht, er war ſchwach, aber es war doch einer.„Sagte mir nicht Herr Medenberg, er habe eine Zeitlang auf einem Werkcomptoire gearbeit? Er wird all dieß abſcheuliche Gewirre von Hammerſchmieden und Koh⸗ lenm ilern verſtehen. Welch' ein herrlicher Mann, wenn er das thut! Er kann dieſe hölliſchen Bücher, die Abrechnungen in Ordnung bringen, und mir ſa⸗ en⸗ wie meine Sachen ſtehen, wenn ſie nicht ſchon iegen.“ Das Geſchäft wurde ohne Aufſchub angefangen. Der brave, beſcheidene Herr Medenberg trug kein Vedenken, ſich in eine Arbeit zu vertiefen, welche die Geduld eines Gelehrten am meiſten prüfen muß. Aber für ihn gub es eigentlich nichts Widerwärtiges; ganz 42 gewiß hatte er auf ſeiner Laufbahn langweiligere und ärgerlichere Geſchäfte gehabt, als einige dutzend Wiſche mit Anzeichnungen aller Art zu ſtudiren, die durch⸗ gegangen, ſummirt, miteinander verglichen und end⸗ lich zu einer förmlichen und vernünftigen Schlußrech⸗ nung zuſammengeſetzt werden mußten. Es ſteht zwar zu vermuthen, daß er lieber in der Gegend umherge⸗ ſtreift wäre, um zu botanifiren, oder auf ſeinem Sopha geruht hätte, um ſich in einen ſeiner Lieb⸗ lings⸗Schriftſteller zu vergeſſen; aber da Matts er⸗ krankt, und er eine Zeitlang verhindert war, Herrn von Mekeroth in der ihm anbedungenen Beſchäftigung zu dienen, ſo fand er nichts natürlicher, als ſich dafür zu etwas Anderem herzugeben; und man darf für ge⸗ wiß annehmen, daß, wenn man ihn zum Mitgehülfen des Gärtners gemacht oder ihm zugemuthet hätte, nach der Fiſcherei, der Jagd, der Ziehung der Grä⸗ ben auf dem Hofe zu ſehen, er ſeiner Herrſchaft mit einem eben ſo frommen freudigen Gefühle, mit eben ſo viel Gewiſſenhaftigkeit und Verſtand an die Hand gegangen wäre. Als am Tage darauf Frau von Mekeroth von ihrem Manne, der aus Matligkeit im Bette lag, er⸗ fuhr, zu welcher Arbeit er ſeinen Informator ver⸗ wendet habe, und die Lobſprüche hörte, die er dem⸗ ſelben gab, rief ſie:„Aber— Mekerothchen! geht das auch an, ihn ſo zu behandeln? Er ißt doch nicht zu Allem und Jedem hieher gekommen? Glaubſt du.—“ „Wie du willſt, Aurorchen,“ unterbrach ſie der Kapitain.„Ich bin ſo matt, daß ich nicht zu denken vermag. Ich kann für meinen Tod dieſen Zahlen⸗ plunder nicht durchgehen, der mir höchſt wichtig und doch ſo peſtilenzialiſch iſt. Willſt du, daß ich in Un⸗ kenntniß darüber leben ſoll, ob ich ein ruinirter Mann bin oder nicht?“ Die Frau fuhr bei dieſen Worten zurück; ſie ſagte nichts mehr. 43 Medenberg vertiefte ſich täglich mehr und mehr in ſeine Arbeit. Er ſaß faſt von Morgens bis Abends auf der Schreibſtube. Aber ſein Weſen ſchien darunter nicht zu leiden. Man ſah ihn nur Nachmittags; aber da zeigte er ſich ſtets eben ſo ſauber und zierlich, als ob er den ganzen Tag über nichts gethan hätte; ſeine Miene trug ſtets daſſelbe Gepräge' der Güte, der innern Freude und des Friedens, welches Gedei⸗ hen und Vertrauen um ſich verbreitet. Da der Papa ſelbſt auf ſeinem Zimmer bleiben und Medizin ein⸗ nehmen mußte, ſo war es Herr Medenberg, der an ſeiner Stelle bei Tiſche das Wort führte. Er ſprach mit Frau von Mekeroth über den kleinen Matts, munterte ſie auf alles in dem heiterſten Lichte zu be⸗ trachten und kehrte unmerkbar bei allen Dingen die ſchöne und angenehme Seite heraus. Er drückte ſich mit ſo großer Beſcheidenheit aus, und ſeine Stimme war ſo rein und klar, daß ihm Jedermann mit Ver⸗ gnügen, beinahe mit Wonne zuhören mußte. An den Abenden ſaß er bei Herrn von Mekeroth; las dem Kranken aus einem beliebten Buche etwas vor, das er bisweilen ſelbſt auswählte und welches auch für einen ältern Mann von Nutzen ſein konnte. Frau von Mekeroth mit der kleinen Ulla vermehrten den Cirkel um das Bett des Papas. Die Lectüre gab oſt Veranlaſſung zu Geſprächen. Der Kapitain, der vielleicht mehr Geſchmack an heiteren Anekdoten als an allem Andern hatte, war im Anfang etwas wort⸗ karg, aber ſein ſanfter weicher Sinn paßte ſich un⸗ merkbar der Neigung der Uebrigen an; die Krankheit trug auch das ihrige dazu bei; und bald lauſchte er mit Rührung und Freude auf die hohen und intereſ⸗ ſanten Gegenſtände, über die er früher nicht ſehr nachgedacht hatte. Da dieſe Gegenſtände oft den Tod und den Zu⸗ ſtand der Menſchen in jenem Leben berührten, ſo war es natürlich, daß man auch zu der großen Frage 44 über Geſpenſierſpuk überging. Ulla ließ ihre Näherei beſ in den Schooß ſinken, und auch die Mama hielt mi nah ihrer Nadel inne. Aus einem begreiflichen Grundt erke hefteten alle vier zugleich ihre Gedanken auf denſelben hör Gegenſtand. Der Kapitain gab dem Gedanken Worte „Hat man Rickolſons Körper noch nicht wieder gefun der den?“ fragte er. Medenberg erwiederte, daß man ungeachtet wie Na derholter Nachſuchungen im Merlſee, noch nicht im gek Stande geweſen ſei, denſelben aufzufinden. Nur einige auf Kleidungsſtücke waren dabei herauf gekommen: A auf einer Stelle ein Stiefel, an der andern ein Strumpf ung „Höchſt ſonderbar, ſollte ſich denn der Menſch es erſt auf dem Grunde des Sees ausgezogen haben?“ den „Und weißt du, lieber Papa,“ fiel Ulla mit einer von beſtürtzten Miene ein.„Mutter Jeppa Salomons er keir zählte geſtern in der Küche, daß es an einer Bucht tai des Merlſees ganz entſetzlich ſpuke. Sie hat dor das mitten in der Nacht einen großen, gan feuerrothen Beſ Menſchen geſehen! Er ziſchte wie eine Schraige er Dit bellte wie ein Hund, er heulte wie ein Wolf und ſchrie wie eine Eule. Dann hüpfte er in die Bucht daß hinab, und da er aus purem Feuer beſtand, ſo ziſchte Kör das Waſſer, als er hinab kam! Und dann entſtand er ein Rauch, ein Rauch wie eine Wolke über den gan⸗ ſich zen Merlſee bis zum Himmel binauf, Papa.“ mir „Liebes Kind!“ ſagte die Mama in einem ſanften verweiſenden Tone; aber ſie ſah ſelbſt dabei furchtſam ſten — S und ihre Wangen nahmen eine bläſſer Me arbe an. Der Kapitain wandte ſich ebenfalls gegen Ulla und(mp hatte ohne Zweifel im Sinne ihr eine Ermahnung zu Abſ geben, daß ſie nicht an den Spuk glauben ſolle; Feh aber ſeine eigenen Blicke blieben ſtarr und unſicher an nich der Wand hängen. un Medenberg zog ein Nastuch aus ſeiner Taſche m das er vor der Hertſchaft auseinander wickelte, und zu erei mit inde lber rte fun⸗ wie⸗ in nige 1. npf. nſch iner er⸗ ucht dort hen er und ucht chte and an⸗ ften ſam ſere 45 beſonders Frau von Mekeroth zu betrachten bat. Sie nahm es in die Hände, beſah es, und ſagte:„Ich erkenne es ſehr wohl wieder; es hat Rickolſon zuge⸗ hört. Hier in der Ecke ſteht ſein Namenszug.“ „Was will Herr Medenberg damit ſagen?“ fiel der Kapitain ein, und erhob ſich zur Hälfte im Bett. „Herr Kapitain,“ erwiederte Medenberg,„dieſes Nastuch iſt auf eine ſonderbare Art in meine Hände gekommen. Ein Kohlenbauer, der heute Vormittag auf einem Kohlenwagen hier anlangte, hat das Nastuch auf einem Weideplatz vor einem kleinen Bauerngute, ungefähr eine Meile von hier, gefunden. Er fragte, ob es Jemand von der Herrſchaft in Aronfors gehöre; denn es ſchien ihm zu groß und zu fein für einen von den Bauern, um ſo mehr, da dieſe gewöhnlich feine Nastücher benutzen. Ich bitte den Herrn Kapi⸗ tain, ſcine Aufmerkſamkeit darauf zu richten, daß das Nastuch ſo gut wie rein iſt. Es ſcheint ſeinem Befitzer nicht geſtohlen worden zu ſein, da es der Dieb wahrſcheinlich beſchmutzt haben würde.—“ „Was! was!“ rief der Kapitain;„glauben Sie, daß Nickolſon ſich nicht ertränkt hat? Man hat ſeinen Körper nicht in dem See gefunden! O mein Gott! er iſt durchgegangen, er iſt entwichen, er verbirgt ſich! Ich kann mein Geld wieder bekommen! Er ſoll mir ſagen, wo er es hingebracht hat!“ „Meine Anſicht iſt, daß man ſeinen Tod wenig⸗ ſtens nicht für ſo ganz entſchieden nehmen darf,“ ſagte Medenberg. Frau vou Mekeroth ſah mit einem großen Blicke (mpor.„Könnte es möglich ſein?“ rief ſie.„Der Abſcheuliche! ſein Tod verſöhnte mich mit ſeinem Fehler, und ich nannte ihn unglücklich; ich wollte nicht verbrecheriſch ſagen. Wenn er aber lebt, und uns ſo niedrig betrogen hat! Er, den wir aufnah⸗ men, als er wenig beſſer als ein Beltler von Zeytons zu us m dann!“ — 46 „Wie?“ fiel Medenberg ein;„von Graf Zeytons aus trat Herr Rickolſon in den Dienſt der Herrſchaft? War er früher bei Zeytons angeſtellt?“ „Ja, er kam ſo gut als fortgejagt davon her.“ „Hm! das kommt mir vor— ich kann nicht ſagen, was ich meine. Wurde er wirklich von Graf Zehton fortgejagt?“ „Das wurde er gewiß. Aber mein Mann nahm ihn dennoch; und vielleicht gerade aus dieſem Grunde, denn Zehton ſtand in ſeinen Augen ſtets in dem Lichte eines nicht beſonders guten Hausherren. Ein Diener, den Zeyton tadelt, wird Mekeroth für lobenswerth balten; und einen, den jener rühmt, würde mein Mann niemals bei ſich einſtellen.“ „Zeyton iſt in jeder Beziehung ein ſchlechter Menſch, ſowohl in Geſchäfts⸗ als anderen Sachen,“ ſetzte der Kapitain hinzu; der aus der Gedankenkette wie⸗ der aufwachte, worein ihn das mögliche am Lebenſeyn des Ertrunkenen verſetzt batte. Medenberg ſchien ebenfalls in ein Nachſinnen ver⸗ funken, das ſeine Gedanken immermehr verwickelte, je mehr er ſich demſelben überließ.„Ich habe etwas in den Rechnungen geſehen; ich habe etwas in Zey⸗ tons Berechnung mit Aronfors Werk bemerkt, was mir ſchon in der erſten Stunde ſehr ſonderbar vorkam.“ „Wie?“ rief der Kapitain;„was meint Herr Me⸗ denberg? Wenn Alles ſeine Richtigkeit hat, ſo muß Zevton, was die Berechnung mit meinem Gute be⸗ trifft, gerade nicht zu gut in meinen Büchern ſtehen.“ „Aber leider zeigt ihn ſeine Abrechnung mit einer größeren Forderung beglaubigt, als ich für vernünflig halten kann.—“ „Um Alles in der Welt! was ſagt Herr Medenberg? Iſt das möglich? Zepton, Zepton hat nie das Geringſte an das Werk verkauft. Wie kaun er für etwas beglaubigt ſein? Wie kann er bier etwas zu fordern haben? Un⸗ möglich, unmöglich!“ ½ 3 — ————— ons ft? 13. icht raf hm de, chte er, rth ein ter . ie⸗ eyn er⸗ te, vas ⸗ as n.“ Ne⸗ muß be⸗ n.“ ner fig g* gſte igt ln⸗ 47 „Vor dem Abſchluß des Ganzen kann ich mich auch nicht beſtimmt auslaſſen,“ erwiederte Medenberg. „Ein Grund zu einer Betrügerei dieſer Art von Nickol⸗ ſons Seite aus iſt nicht wohl begreiflich, wenn er von Graf Zeyton mißhandelt und fortgejagt worden iſt. Hierüber liegt ein Dunkel, ein großes Dunkel. Es würde nur dann einen Schimmer von Erklärung er⸗ halten können, wenn— im Fall—“ „Was meint der Herr?“ „Aber das iſt zu unglaublich.“ Frau von Mekeroth ſah erbleichend auf Herrn Medenberg, und ſchien ſeine Gedanken zu ahnen. „Die Herrſchaft hat mir dieſen Graf Zeyton als einen Mann geſchildert, der im Stande wäre, einen großen Schurkenſtreich zu begehen,“ ſagte er.„Ich habe ihn ſelbſt einmal in der Kirche geſehen, und ſein Ausſehen gefiel mir nicht. Doch habe ich deßhalb kein Recht ihn im Complott mit einem Böſewichtzu glauben.“ „Ha! Herr?— Der Herr glaubt, jener habe Nickolſon nur deßhalb fortgejagt, damit dieſer in meine Dienſte kommen möchte— und— ich vermag es kaum auszuſprechen— damit er dann mich betröge, zu Zeytons Vortheil mich betröge? Geſtehen Sie, daß ſo etwas höchſt niederträchtig wäre.“ „Ich glaube, daß der Herr Kapitain, ohne irgend Jemand im Verdacht zu haben, doch Nickolſon nicht ganz als todt behandeln ſollte. Erlauben Sie mir eine kleine Reiſe hier in der Gegend herum zu machen. Ich bin gewöhnt zu botaniſtren, ich dürfte vielleicht die Spur eines früher unbekannten Giftkrautes auffin⸗ den. Bin ich nicht im Stande, einige Entdeckungen üder Nickolſon zu machen, ſo wird die Sache deßhalb nicht ſchlimmer. Kann ich aber Andeutungen finden, daß er lebt, ſo eile ich nach Jönköping, um eine öffentliche Anfforderung, nach dem Entwichenen zu ſahn⸗ den, auszuwirken.“ „Vortrefflich! mein beſter Herr Medenberg! Meine 48 Leute; mein Wagen, meine Pferde, alles ſteht dem Herren zu Gebot! Ach wie unglücklich bin ich, daß ich nicht ſelbſt gehen kann! Wie glücklich bin ich, daß— laſſen Sie nur dieſe infamen Rechnungen bis dahin ruhen, denn wenn der Dieb lebt und vielleicht mit jeder Stunde weiter aus unſern Händen kommt, ſo hilft es uns wahrlich zu nichts, ſeine nachgelaſſenen Docu⸗ mente zu ſtudieren.“ Füuftes Kapitel. Ein Besuch im Probſthof. Herr Jeſus! was ſagſt du Junge? Sind ſie ſo nahe, daß man hier eine Treib⸗ jagd hält. Schon am folgenden Tage ſehen wir, wie die ſchönſte Sonne die Erde mit Strahlen ſchmückt, die fich früher noch nie herabverſucht hatten, und deßhalb in ſcheuem Schimmer, als fürchteten ſie ſich, ihren Weg durch die dichten, dunkelgrünen wohlriechenden Zweige des Tannenwaldes ſuchten. Mit muntern und raſchen Schritten ging Mevdenberg auf einem Seiten⸗ wege dem Probſthofe zu. Sein Plan war, das Bauernhaus zu beſuchen, in deſſen Umkreis das ver⸗ vächtige Nastuch gefunden worden war. Dieſes lag über eine Meile von Aronfors entfernt, und in der⸗ ſelben Richtung gerade halbwegs ſtand der Probſthof. Ein binreichender Grund, um unterwegs bei den vraven Pfarrleuten einzuſprechen; dazu kam noch der Umſtand, daß man hoffen durſte, bei der Geiſt⸗ lichkeit des Kirchſpiels, als einem gewiſſen Mittel⸗ punkte, alle die Nachrichten verſammelt zu finden, — Fe 5 49 welche die vornehmſten Begebenheiten alſo auch den verſchwundenen Bergverwalter betrafen. Alexander Medenberg, der ſchon mehrmals im Probſthofe geweſen war, da dieſer die nächſte Nachbar⸗ ſchaft des Werkes bildete, und ihm ſtets ſo gemüthlich vorkam, trat jetzt ohne weiteres dort ein, obſchon es beinahe zu frühe am Tage war, um einen Beſuch abzulegen. Als er in den Saal trat, traf er Nie⸗ mand als eine Magd, die das Zimmer reinigte und ihm ſagte, der Probſt ſelbſt ſei auf ſeinem Morgen⸗ gang auf den Gütern umher, die übrige Herrſchaft aber im Garten. Medenberg ging alſo in den Garten hinab. Er öffnete die rothgemalte Thüre, und kam unbeſchädigt an den Bienenkörben vorbei, aber eine Herrſchaft ſah er nicht. Er trat in einen Grasweg nach dem andern, wanderte um die Biegung einer Hecke nach der andern: Die Frau Probſtin pflegte ſonſt nicht ſo unbeſchreib⸗ lich flille zu ſein, als daß eine Stelle, wo ſie ſich be⸗ fand, ſie lange hätte verbergen können. „Ah!“ rief er endlich halblaut und ein ganz ähn⸗ liches„ah!“ antwortete ihm; auf einer Bank, in dem innerſten, dunkelſten und lieblichſten Laubſaale des Gartens ſaß Marie. Er nahte ſich ihr mit einer Verbeugung; ſie ſtand mit einem leichten ſchnell vor⸗ übergehenden Erröthen auf, er ſah, daß ſie da geſeſ⸗ ſen und in dem Buche geleſen hatte, welches er ihr bei ihrem letzten Zuſammentreffen geliehen. Seelen⸗ volle Menſchen brauchen nicht oft zuſammen zu kom⸗ men, bis ſie bekannt ſind und ſich bis auf den Grund verſteben. Man kann Eile haben; deſſen ungeachtet kann man aber doch ein wenig zögern. Die ſchönſten und beſten Worte, die man hier in der Welt ſagt, ſind gewiß die, welche eigentlich nichts enthalten und nicht aufſchreibbar ſind. Wo Worte ſelbſt wenig bedeuten, Drei Frauen in Smaland.. 4 50 hedeutet oft die Meinung derſelben deſto mehr. Nicht von dem ſchönen Wetter ſpricht man, obwohl man nur davon redet; nicht den hübſchen Herbſtblumen gilt es; nicht der klaren Luft, nicht der lieblichen Kühle im Eſpenhain, oder dem Vergnügen auf dem kleinen See hinauszurudern, der ſeine Woge ſchau⸗ kelt und von Wäldern umgeben iſt, wo ſich Raſen⸗ bänke unter himmliſchen Schatten dehnen, und Hirten⸗ ſchallmeien einander aus echoreichen Felſen antworten. Man theilt einander alles das mit, und man denkt nicht daran; denn man denkt an etwas tauſendmal Beſſeres. Plötzlich ſagte Marie:„Jetzt muß gewiß Papa nach Hauſe gekommen ſein!“„Aber wo iſt denn die Frau Probffin?“ fragte Medenberg.„Die liebe Mutter war noch vor einem Augenblick hier im Gar⸗ ten,“ antwortete ſie.„Ich begreife nicht— ach! ſie ordnet gewiß die Taſſen zum Frühſtück und ich bin ſehr— ſehr— daß ich mich nicht ebenfalls beeile— ſeien Sie ſo gut, Herr Medenberg⸗ ſeien Sie ſo gut und treten Sie bei uns ein! Was für eine Freude wird es dem lieben Papa machen, wenn er etwas Reues von Aronsfors zu hören bekommt,“ Als Medenberg in den Saal trat, ſah er den Probſt vor einem Tiſche mit Zeitungen ſitzen, und in regelmäßigen Abſchnitten bedenklich mit dem Kopfe wackeln.„Ah willkommen! ſehr willkommen!“ rief er ſeinem Gaſte entgegen.„So früh auf der Bahn? Wie ſteht es in Aronfors, Herr Medenberg? Ich bin zu ängſtlich, zu beſorgt um ſie! Hat man den Leichnam des unglücklichen Galgenvogels noch nicht bekommen?“ „Nein, Herr Probſt!“ „Aber das iſt ja entſetzlich! Es iſt jetzt nächſtens ſieben Tage, daß Herr Nickolſon ins Waſſer geſprungen iſt. Laßt einmal ſehen: Er wurde Samſtags ver⸗ mißt— ganz recht und heute haben wir Freitag. Ich 51 kann Gottes Ebenbilder nicht vermodert ſehen, hu! Hat man nach ihm geſucht? Ja man hat. Aber hat man auch ein tüchtiges Inſtrument mit Senkblei und Widerbacken benutzt?“ „Ich höre,“ fiel die Frau Probſtin ein, die eben zur Thüre herein kam und den Kämmerer Braun(die Kaffeekanne), den ſie mit eigenen Händen trug, mitten auf den gelben runden Ecktiſch ſetzte und dann Herrn Medenberg— vor dem ſie ſich im Vorübergehen neigte— einlud den kleinen Kreis in der betrübten Welt hier mit ſeiner Perſon zu vermehren;„ich höre,“ ſagte ſie,„daß es ſo iſt, wie ich immer gedacht habe. Man hat Herrn Nickolſons Körper nicht gefunden? Nein. Ich fürchtete mich beſtändig vor dem Men⸗ ſchen; ich habe nie einen Knaben mit ſo kohlſchwarzen Augbraunen geſehen, ſchon als er zur Beichte ging. Sie waren über der Naſe zuſammengewachſen,— ſeien Sie ſo gut und nehmen Sie Rahm!— Und dann ertrinkt man immer. Herr Nickolſon— ſpa⸗ ren Sie doch die Brödchen nicht, die arme Marie hat ihr Möglichſtes gethan!— ja, er war in Aron⸗ fors immer ſehr beliebt, ſehr geſchätzt. Man wird ſchon einmal ſehen, dachte ich; man wird ſehen, zu was die Katze taugt, wenn das Fell heruntergezogen iſt. Wenn man Nickolſons Kindheit, ſeine Hieher⸗ kunft, die Jugend des gnädigen Herren ein wenig kennt— Aennchen! Aennchen! nein, die Tauböhrige iſt im Hofe! Geh' du Mariechen, geh' und rahme uns hübſch die Milch ab; das iſt ja die helle Milch, das! Der Magiſter Medenberg iſt an etwas ganz anderes in Aronfors gewöhnt— ſeten Sie ſo gut und warten Sie ein wenig, warten Sie, warten Sie, Herr Magiſter.“— „Um Gotteswillen, geben Sie nicht wegen mir,“ rief er, aber Marie war ſchon fort. „Die Zeiten verſchlimmern ſich ſehr, gar ſehr,“ ſagte der Probſt,„weißt du, Mama, was hier in der 52 erzählt iſt? Herr Medenberg kennt es gewiß on?“ „Ich habe die letzte Zeitung noch nicht geſehen, Herr Probſt.“ „Es iſt auch wahrhaftig nichts Schönes darin zu ſehen; Gott helfe uns auf den nächſten Winter. Eine ganze Bande von Sträflingen iſt wieder einmal, wie ſchon öfters in Carlscrona ausgebrochen. Dieß ge⸗ ſchah ſchon vor einiger Zeit; und man erzählte ab⸗ ſcheuliche Dinge von geſchehenen Mordthaten und Räubereien im Lande drunten, bei Konga und Kinne⸗ vald an der Bleking'ſchen Grenze. Aber jetzt ſind ſie ſogar, Gott ſteh uns bei! bis in das Amt Jönköping ſelbſt gekommen! Ein Weſtgothländer iſt auf dem Wege nach Ledheſter ermorvet und ausgeplündert wor⸗ den: Auch in Bottnaryd, in Angärdheſtra und am Taberg ſind Einbrüche geſchehen. Was ſagt ihr da⸗ zu? Aber was mir als das Schlimmſte erſcheint, iſt der Umſtand, daß man gleichzeitig ſolche Gerüchte von Vernamo, von den Wäldern zwiſchen Nottebäck und Asheda bis nach Serarp in Näshutt hört. Herr, be⸗ venken Sie, was für eine Bande das ſein muß, wenn alle dieſe Schurken mit einander zuſammenhängen und ſich nach ſo verſchiedenen Gegenden hin ausdeh⸗ nen? Wie ſoll es dann mit uns gehen, die wir bei⸗ nahe mitten zwiſchen drin liegen?“ „Lieber Vater,“ ſagte Marie, die eben wieder herein gekommen war,„laß uns nicht das Schlimmſte fürchten. Hier iſt ja noch nichts Derartiges geſchehen. Man hört jedes Jahr Gerüchte von Spitzbuben und Diebesbanden; das iſt ſehr betrübt; aber, lieber Vater, ich glaube, daß man dieſe abſcheulichen Erzählungen mit Fleiß vergrößert.“— „Das mag ſein, mein Kind; du haſt den guten Muth deines Großvaters. Aber du mußt auch mir ein wenig glauben, obwohl ich nur dein Vater bin, und ich verſichere dich, dies Jahr geſchieht etwas. 53 Wo iſt Göran? Iſt vas nicht ein ſeltſamer Göran, daß er nicht zum Frühſtück kommt? Wenn man nur zwei Kinder, ein Mädchen und einen Knaben hat, Herr Medenberg, da muß es Einem immer Angſt um ſie ſein.“ „Bruder Göran kam eben heim,“ meldete Mariez er hat heute Morgen einen großen, großen Auerhahn geſchoſſen: Der hat ihn blutig gemacht, während er ihn trug, ſo daß er ein wenig ſeine Toilette maten muß, ehe er herein kommen kann.“ „Ihn blutig gemacht? Uf! uf! ich liebe das Blut nicht. Es iſt, wie ich geſagt habe: Heuer ge⸗ ſchieht was. Blut! Ich habe nichts dagegen, daß der Junge lebhaft iſt, und ſeinem Großvater nach⸗ ſchlägt. Ich habe ſelbſt dieſen Monn zum Vater ge⸗ habt: Aber uf! Herr Medenberg, bedenken Sie, welche große Wälder wir in allen Richtungen um uns her haben. Und wenn die Räuber kommen, ſo wir da wie die Schaafe, ja wie junge Lämm⸗ ein.“ Medenberg brachte jeßt ſein Geſchäft dor. Als er von dem geſundenen Nastuch erzählte und erklärte, daß er ſeinerſeits durchaus nicht überzeugt ſei, daß Nickolſon ſich ertränkt habe, rief die Probſtin: „Da haben wir es, iſt es nicht wie ich immer gedacht habe? Ein Menſch mit ſolchen Augbraunen ertrinkt, Herr Magiſter, aber ſich ſelbſt ertränken, das thut er nie. Rickolſon, per Rickolſon! Und er lebt alſo?“ „Ich kann das nicht für eniſchieden annehmen,“ erwiederte Medenberg,„aber es kommt mir verdächtig vor. Ich will mich aufmachen, und ſeine Spur ſuchen; denn lebt er, ſo iſt es Capitain von Mekeroth von höchſter Wichtigkeit, ſeiner habhaft zu werden, da mit ihm eine ſehr bedeutende Geldſumme aus dem Comptoir des Werkes verſchwand!“ „Ha! da haben wir es! Iſt es nicht ſo, wie 54 ich immer gedacht habe! Der arme Mekeroih! Der Nickolſon, der Nickolſon!“ „Aber ehe ich meinen Spaziergang nach dem Bauernhauſe fortſetze,“ fuhr Medenberg fort,„will ich zuerſt hören, ob dem Herrn Probſt irgend ein Ge⸗ rücht über den Verſchwundenen zu Ohren gekommen iſt? Oder ob die Leute irgend etwas erzählt haben, was mich auf den rechten Weg führen könnte.“ „Nein, Herr, ich hörte nichts anderes, als die Geſchichte von den abſcheulichen Räubern, von der ich geleſen habe. Diebe von Ledheſter bis nach Serarp! Das iſt gerade mitten durch das ganze Amt Jönkö⸗ ping von Nordweſt nach Südoſt. Nickolſon, glaubte ich, läge im See. Was iſt das für ein Bauernhaus, das der Herr zu beſuchen gedenkt?“ „Dädemo Hult ſoll es heißen. Innerhalb der Sräetnn deſſelben iſt das Nastuch gefunden wor⸗ en.“ „Im Hult!“ rief Marie ein wenig erſtaunt und ſah empor.„Will Herr Medenberg da hingehen? Das iſt ein ſehr finſterer Ort; ſo ſchwarze Felſen fieht man ſonſt nirgends.“ „Um ſo beſſer; ich habe immer romantiſche Aus⸗ fichten geliebt.“ In dieſem Augenblick trat der Sohn des Hauſes, der 23jährige Göran, ein Jüngling von einem offenen und raſchen Weſen und das treue Abbild ſeiner ſchö⸗ nen Schweſter Marie, zur Thüre herein.„Nun, was meinſt du, Göran?“ rief ihm die Probſtin entgegen; „habe ich es nicht immer gedacht? Herr Rickolſon hat fich nicht ertränkt; denke dir nur, er lebt ganz präch⸗ tig 1 „Das freut mich,“ erwiederte Göran.„Liebe Mutter, gieb mir eine Schaale Kaffe.“ „Ja, ja, es iſt wirklich Wahrheit und kein Spaß,“ fuhr die Probſlin fort, während ſie ihrem Sohne ein⸗ ſchenkte, und dieſer indeſſen ſeinem Freunde Meden⸗ ze einen Handſchlag zum Morgengruß gegeben atte. „Höre Göran,“ ſagte der Probſt,„du kannſt Herrn Medenberg den Fußweg nach Dädemo Hult hinüber zeigen. Er iſt gewiß noch nie dort ge⸗ weſen und—“ „Das ſoll ſehr hübſch werden,“ fiel Göran ein und verſchlang ſeine erſte Semmel.„Es iſt der aller⸗ ſchönſte und zugleich allerabſcheulichſte Weg, aber iſt es denn wirklich gewiß, daß der Schurke Nickolſon lebt und webt? Liebe Mutter, gieb mir noch eine Semmel. Das weiße Backwerk macht diesmal der Schweſter Marie ſehr viel Ehre. Weißt du, lieber Vater, daß—“ „Ja, Göran, ich weiß, daß du dich blutig ge⸗ macht haſt, und das iſt ein ſehr böſes, ein unglück⸗ ſeliges Zeichen. Obwohl ich durchaus nicht an Aber⸗ glauben hänge, ſo ſage ich doch, was ich ſage. Ich habe es zwar ſehr gerne, wenn ein Auerhahn ins Haus kommt, aber nicht auf dieſe Art.“ „Ach Poſſen! lieber Vater. Der halb todtie Vogel biß mich ein wenig in die Finger, es war nicht der Rede werth. Aber ich traf dieſen Morgen den Herrn Expeditionsrichter, der mir ſagte, daß die Zeitungen ganz abſcheulich voll von Straßenräu⸗ bereien ſeien, iſt das wahr?“ „Jo, leider Gottes.“ „Aber der Richter ſetzte hinzu, daß er von Ver⸗ namo noch weitere Nachrichten erhalten habe, die noch nicht zu leſen ſeien. Sie haben einen halben Bauern⸗ hof niedergebrannt, und es wird wahrſcheinlich am Ende ſo weit kommen, daß man eine Treibjagd nach dieſen Galgenvögeln anſtellt. Da bin ich auch dabei, lieber Vater! Sieh nicht ſo ängſtlich aus, meine kleine Schweſter Marie! Ich nehme eine von deinen Sem⸗ meln, ſo wirſt du wieder heiter.“ „Herr Jeſus! was ſagſt du, Junge?“ rief der 56 Probſt,„find ſie ſo nahe, daß man hier Jagd auf ſie macht?“ „Ach nein!“ erwiederte Göran und ſtand vom Liſch auf.„Sie find noch ziemlich weit weg, glaube ich; aber man wird im ganzen Gerichtsbezirk zu dem Treibjagen aufbieten. Uebrigens dürfte gar nichts daraus werden.“ „Ach mein Sohn, wollte Goit, ich wäre dein Großvater und läge im Grabe, und er wäre an mei⸗ ner Stelle hier Probſt, und lebte und wäre dein Va⸗ ter. Ich liebe dieſe Zeiten nicht.“ „O lieber Vater, du ſollſt ſehen, daß es ſich am Ende auch in dieſen Zeiten leben läßt. Run, Bruder Alcxander, wie ſteht es denn mit dir? Du willſt alſo einen Beſuch bei der Hexe von Dädemo Hult machen? Sie iſt beſtimmt das beſte von allen alten⸗ Weibern, die je an Bottnarydsquelle gebetet haben, und als Zauberin iſt ſie die angenehmſte, die ich kenne.“ „Wie du nur ſprichſt, mein Bruder,“ ſagte Marie etwas erſchrocken und beinahe andächtig. „Ich habe kein Geſchäſt bei irgend einer Dädemo Hexe,“ ſagte Medenberg lachend.„Ich gedenke mir auch nichts von ihr wahrſagen zu laſſen, aber es ſoll mir ſehr lieb ſein, wenn ſie mir etwas von die⸗ ſem Nastuch erzählen kann.“ Die Herren Alexander und Göran nahmen alſo Abſchied von Probſt Edelings. Die Probſtin gab ihnen ein freundliches Kopfnicken auf den Weg; und Marie ſogte Herrn Medenberg, daß ſie bis zum nächſten Mal all die deutſchen Wörter in Wilhelm Tell, ſo ſie nicht verſtünde und worüber ſie ſeine Er⸗ klärung wünſchte, auf ein beſonderes Papier verzeic⸗ nen würde. Sechſtes Kapitel. Mutter Ellin. Ihr kommt von dem See, Herr? Von dem Merlſee? Ihr kommt von den blauen Wogen des Ertrunkenen! Sie hatien einen ziemlich weiten Weg durch den Wald zu wandern, bis ſie nach Hult kamen; aber für Jemand, der wilde und ungebahnte Fußpfade liebte, war dieſe Wanderung ſehr reizend.„Wahr⸗ lich,“ ſagte Göran,„du wirſt die Bekanntſchaft einer Perſon machen, die nicht ſo ganz Hexe ißt, als ſie ſein ſollte. Sie iſt vielleicht am Ende recht ſehr Menſch und eine arme Frau. Und eine Tugend von großem Werth beſitzt ſie: Sie hat eine ſehr ſchöne Tochter.“ „Wie?“ rief Alexander,„fie hat eine Tochter? Eine ſchöne Tochter und das mitten in der Wildniß?“ „Ja, wahrhaftig. Ich hoffe, wir werden auch die Bekanntſchaft der Tochter machen. Vielleicht wird auch ſie mit der Zeit eine Hexe, aber noch iſt ſie es nicht, ſo viel ich weiß.“ „Gehören denn dieſe Leute zu irgend einem Fin⸗ nenſtamm, Göran, daß du ſie Hexen und Zauberin⸗ nen nennſt? Wahrſcheinlich liegen in den großen Wäldern hier in Smaland Haushaltungen von dem⸗ ſelben armen, und in die Wildniß verbannten Stamme zerftreut, die man in vielen andern Gegenden des Landes, beſonders in Wermland ſindet, wo ich ſelbſt 58 geweſen bin und ſie geſehen habe. Ganze Striche werden dort Finnenwälder genannt. Was für ein Schlag Leute es ſein mag, weiß ich nicht; aber ihre Lebensweiſe, ihre Neigungen, ihre Gedanken und Re⸗ ligion unterſcheiden ſich bedeutend von denen der au⸗ dern umherwohnenden Menſchen. Ich habe ſie nie ſo abſcheulich gefunden, wie man ſie beſchrieben hat⸗ wohl aber beklagenswerth. In der That, wir ſehen in unſerm guten Schweden unter dieſen zerſtreuten Finnen oder Lappen eben ſo merkwürdige Originale, als wie ſie Walter Scott ſo meiſterhaft in Meg Me⸗ rillie's Norna und allen ſeinen andern großartigen Wahyrſagerinnen geſchildert hat, dieſen Zigeunerinnen, welche die Geheimniſſe der Gegend kennen und das Vieh eben ſo gut zu heilen, wie zu verderben verſte⸗ hen. Ich werde zufrieden ſein, wenn ich nur Auf⸗ klärung über mein Nastuch erhalte.“ „Ja, Alexander, ich bin ebenfalls auf den Ge⸗ danken gerathen, daß Skandinavien eben ſo vortreff⸗ liche Hexen und ausgezeichnete Kobolde auſzuweiſen hat, als je in Schottland geglaubt wurden. Die unſeren dürften zwar meiſtens, wie du ſagſt, unter den Ueberreſten des uralten Finnen⸗ oder Lappenvol⸗ kes anzutreffen ſein, das die einſamſten Wälder be⸗ wohnt, aber auch unter den Schweden ſelbſt fehlt es nicht an hexenartigen Figuren, die drei Ellen lang, in finſtern Künſten zu Hauſe, und je nach Belieben abſcheulich oder reizend ſind. Ich kann dir die Ab⸗ ſammung unſerer Mutter Ellin in dem Hulte*) dort nicht ſagen; aber ich halte ſie weder für eine Lapp⸗ länderin noch für eine Finnin; ſie ſpricht ihr reines Smaländiſch. Uebrigens iſt ſie durchaus keine ſchwe⸗ diſche Ueberſetzung vder Nachahmung einer Walter Scottiſchen Zigeunerin oder Hexe; ſie ift wahrhaftig *) Hult iſt der ſmaländiſche Name für Wald. 59 ſo eigenthümlich, ſo Schwediſch, wie alles andere in unſerem hohen Norden. Groß iſt ſie, das kann ich nicht anders ſagen; aber du mußt wiſſen, wenn es dir noch nicht bekannt iſt, daß die ſmaländiſche Rage oft ſehr anſehnlich wird. Mein Großvater war Sol⸗ dat beim Jönköping⸗Regiment; er maß ohne Fuß⸗ bekleidung 3 und eine halbe Elle.“ „Jetzt begreif' ich, warum dein Vater ſich ſo viel auf deinen Großvater zu gute thut. Einfacher Sol⸗ dat? das gefällt mir. Er konnte doch ſeinen Sohn zum Geiſtlichen ausrüſten!“ „Ja, das that er. Und jetzt fragt es ſich, zu was mein Vater ſeinen Sohn, den armen Junker, ausrüſten kann. Nun, für den Anfang bin ich we⸗ nigſtens Student; und es wird wohl in der Welt vorwärts gehen. Gott hat uns verboten, auf den andern Tag zu ſorgen, obſchon ich es unter Brüdern für ſehr paſſend halte, daran zu denken. Für dieſes Semeſter gehe ich noch nicht nach Upſala,— in ſo⸗ weit habe ich meine Zukunft entſchieden.“ „Nicht! nun, das iſt herrlich, Göran! Da darf ich ja den ganzen Herbſt deine Geſellſchaft hier ge⸗ nießen.“ „Gewiß, lieber Alexander, wenn du überhaupt etwas darnach fragſt. Aber wenn man in einer ſo vornehmen Familie lebt wie du, und eine ſo vor⸗ treffliche Stelle hat—— übrigens ſage ich frei her⸗ aus, daß ich Mekeroths Haus für ſehr langweilig halte. Die Frau iſt ausgezeichnet, aber durch den Kapitain geht die Kinderei vom Kopf bis zum Fuße. Da ſollteſt du Abelcrona's ſehen: Warſt du ſchon dort?“ „Nein.“ „Sie ſind nicht ſo reich wie Mekeroths; aber ſie wiſſen zu leben. Da iſt eine witzige, herrliche Frau, glaube mir nur: Und auch der Herr iſt ein Buce⸗ phalus. Wer dori eine Stelle bekommen könnte!“ 60 „Ich werde Abelcrona's und Zeyton's in Bälde beſuchen, um ſie über Verſchiedenes auszuhorchen, was dieſen ſonderbaren Herrn NRickolſon betrifft; denn, wenn es ſich auch herausſtellt, daß er todt iſt, ſo muß ich doch Aufklärungen über die Lage der Dinge ge⸗ genüber von den Herrſchaften der Gegend verlangen. Glaube mir, ich habe eine ſehr mißliche Arbeit unter den Händen. Ich revidire die Bücher in Aronfors.“ „Nun, das muß ich ſagen! Aber weißt du, Bru⸗ der Alexander—— doch was geht das mich an. Wie herrlich der Wald duftet! Sieh, wie es zwiſchen den Kronen der Tannen hervorſchimmert! hörſt du Wir kommen jetzt nach Dädemo Hult.“ „Was wollteſt du vorhin ſagen? Sprich es aus.“ „Nun, da du es ſo willſt; ich wollte ſagen, daß du ein vollkommener Narr biſt. Warum läßt du dir ein ſolches Teufelsgeſchäft aufbürden, wie die Ent⸗ wirrung eines ungeordneten Comptirs? Ha! ha! ha! wenn ich das thäte! Es iſt, glaube ich, genug⸗ 3, man als Informator wie angepicht da ſitzen muß.“ „Laß das ſein, liebed Göran. Auch werdo ich noch nicht ſo bald ſitzen, da ich geſonnen bin, umher zu reiſen, um den entlaufenen Nickolſon aufzuſuchen.“ „Was ſagſt du? Hat es denn nicht mit der Nachfrage bei unſerer Alten hier im Walde ſein Be⸗ wenden? Willſt du denn weiter gehen?“ „Das hängt davon ab, ob ich Spuren auffinden kann, die zu etwas führen, oder nicht.,“ „Aha— nun wohl— gut! da fällt mir eiwas ein, Alexander! Du wirſt wiſſen, daß Herr Nickolſon bei Lebzeiten ein Satan war, und lebt er, ſo iſt er es noch. Er war bekannter in der Gegend, als der einfältige Kapitain Mekeroth weiß oder nur ſich den⸗ ken kann. Du wirſt nicht lange in Smalaud herum ihn feſtzuneh⸗ zu reiſen brauchen, bis es dir gelingt, § . * 61 men, vorausgeſetzt, daß, wenn die Herren einmal zu⸗ ſammentreffen, nicht er es iſt, der dich feſtnimmt. Alexander, weißt du, was ich dir für einen Vorſchlag mache? Kurz und gut, ich will dich begleiten! Wenn es dir nemlich eben ſo gut in meiner Geſellſchaft ge⸗ fällt, wie mir in deiner.“ „Göttlich! wie wir reiſen und vergnügt ſein wollen!“ rief Medenberg. Die beiden jungen Freunde umarmten einander, und zwar ſo heftig, daß ſie da⸗ bei auf einem großen, runden, mit naſſem und ſchlüpf⸗ rigem Haarmoos überwachſenen Steine ausgleiteten und zu Boden fielen. Ehe ſie ſich wieder erheben konnten, hörten ſie eine ſcharfe, aber durchdringende und klare Altſtimme, die oben von dem Berggipfel herab„Männer! Männer! Männer!“ ſchrie, ſo daß es durch den ganzen Wald hin wiederhallte. „Was iſt das?“ ſagte Medenberg und fuhr auf. „Mutter Ellin iſt außen; ſtille!“ füſterte Göran. „Wir ſind jetzt ganz nahe an Dädemo Hult. Stille! wir möchten die Alte ein wenig reizen,“ fuhr er fort; dann rief er mit entſetzlicher, wilder Stimme gegen den Berg hin: „Alte Weiber! alte Weiber! alte Weiber!“ Aber hierauf erfolgte keine Antwort. Der Wald ſelbſt lag finſter, dicht und verſchloſſen um ſie her, und war ſtumm wie ein Grab. Mutter Ellin's Ge⸗ ſtalt, die Göran, mit Beſtimmtheit in einiger Entfer⸗ nung auf der Höhe geſehen haben wollte, war ver⸗ ſchwunden.„Was ſoll das bedeuten?“ ſagten ſie zu cinander.„Hörteſt du nicht beſtimmt und klar„Män⸗ ner“ rufen, und das drei mal?“—„Ja gewiß.“— „Ich glaubte ſie meine uns, und wolle ſich ein wenig über uns luſtig machen, weil wir einander in den Armen lagen.“—„Sie rief vielleicht ganz andere Männer als uns.“—„Glaubſt du, ſie habe viel⸗ leicht einige Räuber hervorgerufen?“ Bei dieſem letzten Gedanken, den Alexander her⸗ 62 vorgerufen hatte, blieb Göran haften.„Sollten wir hier wohl von Diebsgeſindel umgeben ſeyn? Ach nein! nein, das iſt nicht möglich. Es ſind keine hier in dem Kirchſpiel. Der Richter ſagte mir deutlich, daß die nächſte Gegend, wo man von der infamen Schurkengeſellſchaft gehört habe, der Umkreis von Ver⸗ namo ſey. Komm, Alexander, laß uns unerſchrocken nach der kleinen Hexenhütte auf dem Hulte gehen.“ „Vielleicht war alles nur eine Täuſchung des Geſichts,“ ſagte Medenberg. „Ja, und dann wohl auch eine Täuſchung des Gehörs,“ erwiederte Göran.„Männer, Männer, Männer! Können ſolche Worte etwas bedeuten oder nicht? Ich begreife das Ding nicht. Die Hexe hat mich verzaubert, das fühle ich.“ Göran Edeling ſchritt auf einem ſchmalen, ge⸗ wundenen Waldwege voran. Alexander und er ſahen ſich oft um, aber ſie bemerkten nicht das Geringſte. Nur feine zarte Waſſerrinnen ſuchten ſich einen me⸗ lancholiſchen Weg durch die rauhen und ſchwarzen Felſenklüfte, und wenn es zu ſteil vor ihnen wurde, goſſen ſie ihren Schmerz in einem ſüßen unnachahm⸗ lichen Gemurmel aus, und hüpften dann zur nächſten Entfernung hinab. Manchmal ſchien ihr Geräuſch et⸗ was von Mutter Ellins Stimme zu haben, die eben ſo klar und nicht weniger melancholiſch nur zehn mal ſtärker vom Berge herab ertönt war. Der Wald öffnete ſich etwas; der Fußweg führte die beiden Wanderer an einen ſteilen Hang, der ul⸗ ten eine lange und ſchmale Thalrinne, eine Mulde zeigte. An dem Rande dieſes Abhanges ſelbſt trafen ſie, eben um die Ecke eines hohen Felſens biegend, auf ein kleines hölzernes Haus; die Außenwände wa⸗ ren von der Zeit ganz grau geworden. Ehe ſie ſich — hinein wagten, ſahen ſie ſich jedoch noch einmal um; aber kein Weſen, keine Hexe, oder ſonſt Jemand war weit und breit zu erblicken. ——————— — —— —— 63 Göran Edeling ging an die Stubenthüre und ſie traten ein. Innen begegnete ihnen nichts Entſetzli⸗ ches, und ſie glaubten anfangs, es ſei Niemand im Zimmer. Bald vernahmen ſie jedoch drei tiefe Seufzer. Sie gingen zu der Ecke hin, welche bei ihrem Ein⸗ tritt durch den Heerd ihren Augen verborgen geblie⸗ ben war. Hier ſtand ein Bett, und auf der Kante deſſelben ſaß eine weibliche Geſtalt, die in einem ver⸗ zweiflungsvollen Geſichte ein Paar große ſchwarze Augen umherrollte. Die Augen waren nicht ſo hohl, wie man von einer Hexe erwarten konnte; auch ſahen ſie durchaus nicht heimtückiſch oder abſchreckend aus; aber ſie zeugten von einem hoffnungsloſen Schmerze. Ohne ein Wort zu ſprechen oder aufzuſtehen, heftete die Alte ihre Blicke auf die angekommenen Herren und beſonders auf Alexander Medenberg, den ſie frü⸗ her noch nicht geſehen hatte. Sie ſchüttelte bedenklich den Kopf. Ihre Hautfarbe war kreideweiß, und ihre Züge bewieſen, daß ſie ehemals eine große Schönheit geweſen ſein mußte. Sie trug eine Art Hut oder Qaube auf dem Kopfe, und wenn ſie das Geſicht zur Seite wandte, ſah man vier lange dicke Zöpfe von ra⸗ benſchwarzem Haare im Nacken herunterhängen. „Seid Ihr heute nicht bei guter Laune, Mütter⸗ chen?“ ſagte Göran, um durch dieſen Scherz die Un⸗ terhaltung in Gang zu bringen. Aber die Alte ant⸗ wortete nichts; ſie warf nur einen Blick voll der tiefſten Verachtung auf ihn. Man ſah, wie ſich eine Flamme, einem vornehmen Zorne ähnlich, in den Au⸗ genſternen ſammelte; dieſe wurden größer und began⸗ nen wie die einer Löwin an den Gegenſtänden hin und her zu rollen. Medenberg trat ihr näher und ſagte:„Gute Mutter Ellin, ich möchte Euch um alles in der Welt nicht beleidigen, aber ich habe Euch über etwas Wich⸗ tiges zu befragen.“ Die Sanftmuth in der Miene dieſes Herrn und 64 6— die Höflichkeit, womit er ſich an die hochgeſinnte Alte wandte, ſchien ſie wieder etwas zu verſöhnen. Sie ſah ihn mit einem farbenreichen Wechſel des Auges an und ſprach mit Wehmuth:„Ihr werdet eine reiche Heirath machen, mein Herr! ja⸗ ſo wahr Mutter El⸗ lin von Dämo Hult todt iſt, obſchon es ausſicht, als lebe ſie noch, Ihr werdet eine ſehr reiche Heirath machen!“ „Ich bin nicht hierher gekommen, um mir wahr⸗ ſagen zu laſſen,“ antwortete er.„Ich habe etwas bei mir, das ich Euch zeigen und worüber ich Euch befragen möchte; ich bin von Aronfors.—“ „Ha!“ rief ſie, erhob ſich in ihrer vollen Länge, ballte ihre Fäuſte und ſtreckte die Arme vorwärts, beinahe wie ein fechtender Kämpfer.„Ihr kommt von dem See, Herr? Von dem Merlſee, Herr? Ihr kommt von den blauen Wellen des Ertrunkenen? Ich ſage Euch, Herr, er liegt nicht auf dem Grunde! Ein Uhu kann in Gottes klarem Waſſer verſinken, ein Rabe kann ſterben und zu Grunde gehen, eine Eule kann von den ſchönſten Wellen der Bucht umarmt werden, wenn der Sturm ſie umfaßt— aber Joachim Nickel hat nicht verſinken können: Nein, Herr, er iſt über der Erde! über der Erde! über der Erdel!“ Medenberg ſtand ſtumm und beſtürzt.„Woher weiß ſie, daß ich ſie über Nickolſon fragen wollte?“ dachte er.„Doch dieſes Ereigniß iſt ja wirklich über⸗ all der Gegenſtand des Geſpräches; ſie konnte alſo errathen, daß eine Perſon von Aronfors unmöglich ein anderes Geſchäft haben würde, als Ausſagen über den Vermißten zu hören.“ Er zog das gefundene Nastuch beraus, und ſagte, dieſes Tuch ſey erſt vor zwei Tagen in der Einzäunung — ihres kleinen Gutes gefunden worden, und er wünſche zu wiſſen, ob ſie Herrn Nickolſon geſehen habe, oder etwas über ſein Nastuch wiſſe. Als er vor Mutter Ellin das Tuch auseinander legie, ergriff ſie es ſchnell, küßte es heftig, und brachte os unter einer Fluth von Thränen an die Augen. „Ein ſchönes Tuch!“ ſeufzte ſie.„O mein Kind, meine Tochter, mein liebes Kind! Ja, Herr, dieſes Nastuch hat meine Tochter gewaſchen, und es war das letzte, was ſie zu Hauſe bei ihrer Mutter wuſch. Ihr Vater, der Käthner*), iſt ſchon längſt todt; und die Käthners Wittwe taugt zu nichts mehr.“„Eure Tochter, fagt Ihr?“ „Herr, ihr habt ſanfte Augen, Ihr ſeid ein wei⸗ ſer Mann. Ihr werdet die Käthners⸗Wittwe nicht auslachen, und Mutter Ellin nicht verhöhnen, daß ſie bei Nacht mehr weiß als andere. Herr, Herr, glaubt Mutter Ellin: Joachim Nickolſon iſt ein arger Verrä⸗ ther und ein ſchändlicher Bube.“ „Habt Ihr ihn dieſer Tage geſehen?“ „Das muß ich wohl, da er vorfünf Tagen hier war.“ „Vor fünf Tagen? War er denn Samſtags oder Sonntags hier?“ Mutter Ellin ſchwieg und ſah die Fremden durch⸗ dringend und auf eine ganz eigene argwöhniſche Art an.„Was iſt heute?“ ſagte ſie.„Haben wir nicht Freitag? Nun, Herr, das heißt alſo ſo viel, daß der Landquäler am Sonntag hier war. Samſtags ertrank er; Sonntags kam er hierher; ſeht Ihr? war das nicht klug gemacht?“ Medenberg ſah, daß er in die Vorſtellungen der Alten eingehen mußte, um womöglich das Wahre aus dieſen verwirrten Worten herauszuſinden.„Er ertrank Samſtags, meine gute Mutter, und kam dann Sonn⸗ tags zu Euch? Er beſuchte Euch alſo als Geiſt?“ „Ha! ha! ha! Herr,“ rief ſie mit einem unheim⸗ lichen Gelächter;„der Herr begreift nichts! Aber ich 9) Beſitzer eines kleinen Bauerngutes, Häußler. Drei Frauen in Smaland. 1. 5 66 weiß, was es heißt, ſein Kind verlieren. O— o mein Herr! ſeht einmal erſt die Tochter der alten Käthnerin, und ſagt dann⸗ ob ſie nicht ſchön iſt. Der Herr würde meine Tochter Ellin gerne geküßt haben, das weiß ich. Aber damit iſt es aus, aus, aus! War ſie nicht die Freude des Waldes und der Reiz der Nächte? Fort, fort! Nie mehr wird der Heerd in Dädemo brennen, und der Rauch aus dem Schorn⸗ ſtein des Käihners über die Schlucht hinziehen, denn das Mädchen iſt nicht daheim, um zu feuern. Was iſt der helle Schimmer der Luſt, und die Pracht des Tages? Fort, fort! Die junge Ellin iſt ihrer Mut⸗ ter, der alten Ellin, entflohen.“„Aber— was ſoll das heißen?“ „Daß der Herr nichts verſteht. Der Herr iſt dumm, wie ein Stück Holz, und ſchlimmer als ein großer Kohlkopf. Ach! wie liebe ich aber doch den Herren, daß er ſich nicht über die arme alte Frau luſtig macht, weil der Satan ihre arme verlorene Tochter mitnahm. Ach der Herr ſollte meine Ellin erſt geſchen und ſie dann beurtheilt haben.“ „Um Gotteswillen— iſt Eure Tochter geſtorben?“ „Rein! Gott ſei uns gnädig, das iſt ſie nicht. Der Satan nahm ſie lebendig in die Arme, ſtreckte ſeine braunblauen Schwingen ſo weit aus, als Dä⸗ demo Hult— eine Schwinge zur Rechten gegen den Mond hin, eine zur Linken gegen die Sterne— ſo riß er Ellin in ſeine Arme, und ſloh mit ihr fort, gerade über die Schlucht hin. Das geſchah Sonn⸗ tags.“ „War Herr Nickolſon hier, und verleitete er Eure Tochter mit ihm zu gehen⸗ als er entfloh?“ „Jetzt, SJerr, jetzt begreift Ihr etwas. Jetzt will ich Euch ſagen, daß Ihr die Wahrheit an den Kopf ſchlugt, daß es krachte.“ „Aber Ihr ſagtet ja eben, Nickolſon ſei Samſtags erirunken?“ ———* 67 „So— er iſt wieder dumm und an Witz zuſam⸗ mengeſchrumpzt wie eine jährige Ribe, der traurige Menſch!— Sogte ich Euch nicht gleich im Aufang, daß Jocchim Hickel ſich nie erteänkt habe, und daß cher Raben, Uhus und Eulen zu Erunde gehen, als er. Das iſt nur ſo ein Geſchwatz, daß er im Meerl⸗ ſee liege; Geſchwätz, verſteht Ihr? Während Ihr ſucht, und ſucht, und ſucht, läuft ce und läuft und läuſt. Der Entflohene hat fünf Tag Vorſſrung vor Euch erhalten. Ha! ha! ha! Jetzt nehmit ihn ſeſt!“ Während all dieſer groben und wilden Worte hatte Mutter Ellin den Fremden mit dem Geſihte ei⸗ nes Geyers angeſeben. Aber ſchnell änderten ſich ihre Zügez⸗ſie faßle Medenbergs Hand und rief:„Ach, mein Herr, wie gut und freundlich ſeht Ihr aus! Ihr erzürnt nicht über die alte Käthnerin, und treibt nicht Euern Hohn mit der elenden Mutter Ellin. Herr, be⸗ freit meine Tochter aus Joachim Nickolſons Armen; denn er iſt ein Teufel, er hat mein Kind, mein einzi⸗ ges Kind betrogen. Scht, wie leer dieſe Wände ſind, ſeit das Mädchen ſort iſt, und die Hütte keine Sonne mehr hat. Helft mir ſie wieder bekommen, ſo werde ich den Herrn ein Kind Gottes nennen.“ „Wo iſt Nickolſon hingezogen?“ „Als ob ich das wüßte? würde ich dann hier ſitzen und nicht nach dem Schurken ſuchen?“ „Ihr müßt wenigſtens wiſſen, nach welcher Rich⸗ tung ſie gingen.“ „Herr, ich weiß nichts, gar nichts. Die alte Krähe von Dädemo⸗Hult ſaß mit dem Kopf unter der Schwinge verborgen, als die Beiden ſich auf den Weg machten.“ „Schlaft Ihr ſo feſt? Und ſie eutflohen alſo, ohne daß Ihr etwas davon wußtet?“ „Verſteht mich doch! Joachim Nickel kam Sam⸗ ſtag Abends ſpät hieher; und da er ein Herr war, der alle Menſchen in der Gegend kannte, ſo kannte er A 63 auch uns. Er wolle einihe Stunden in meiner Hütte ſchlafen und dann wieder auſſtehen und jagen oder fiſchen, ſagte er, und ich ließ ihn gerne niederliegen; wie konnte ich ihm das abſchlagen? Wir legten uns nieder, und ſchliefen alle drei in der Hütte, mein Herr. Als ich Sonntag früh bei Zeiten erwachte, war er mit meiner Tochter fort, und ich ſah keine Spur, wohin ſie gingen.“ „Und Ihr konntet fünf volle Tage vorübergehen laſſen, ohne den Entflohenen in Aronfors anzugeben, um dadurch Eure Tochter wieder zu bekommen?“ Die Alte ſchlug ihre Augen zu Boden und ſchwieg. Ihr Benehmen und ihre Ausſagen fingen an, Meden⸗ berg etwas zweideutig vorzukommen. Er mißtraute durchaus nicht der Wahrheit der Gefühle, die ſich in ihrem ganzen Weſen abmalten; aber es kam ihm vor, als müfſe ſie doch nicht ganz ohne alle Kenntniß über Ni⸗ ckolſons Flucht ſein, ungeachtet er ſich dann wieder nicht erklären konnte, warum ſie ſo ſehr über die Ent⸗ führung ihrer Tochter betrübt war. Am merkwürdig⸗ ſten erſchien ihm der Umſtand, daß ſie nicht ſogleich in Aronfors die Anzeige gemacht hatte, daß der für todt Gehaltene lebe, und in ihrem Hauſe geweſen ſei. Er wiederholte noch einmal ſeine Frage nach der Urſache dieſer Verſäumniß. „Herr!“ ſagte jetzt Mutter Ellin und ſah mit einem betrübten und verächtlichen Blicke empor:„Es iſt ſehr langweilig, ſich mit Euch zu unterhalten; denn wenn ein Menſch ſo dumm iſt, möchte man krank wer⸗ den, das iſt gewiß.“ Pauſe. „Und doch wird ber Herr nicht böſe auf das alte Weib, obgleich ich ſo mit dem Herren ſpreche?“ ſuhr ſie fort,„der Herr muß ein Engel Gottes ſein, der nicht zornig werden kann! So hört jetzt, was ich ſage, und begreiſt es wohl! Meine aume Lochter Ellin wurde von dem Erzjauner Nickolſon veranlaßt, mit ihm zu 69 ziehen, obgleich ich nicht weiß, wohin ſie gegangen ſind. Wäre ich nach Mekeroths Werk gegangen und hätte geſagt, daß er lebe, ſo würden ſie ihm gleich nach allen Weltgegenden nachgeſetzt, ihn feſtgenommen und mein Kind mit ihm ergriffen haben. So wäre ja El⸗ lin für eine Diebin gehalten worden! Niemand will ſein Kind ſtäupen ſehen, Herr. Jetzt ſind fünf Tage ver⸗ ſtrichen und ſie mögen ſie ſuchen, wo ſie wollen. O wenn ich nur meine Tochter zurück und aus den Klauen dieſes Teufels befreit hätte.“ „Aber etwas wundert mich höchlich,“ ſagte Me⸗ denberg,„wie könnt Ihr ſo geradezu behaupten, daß Herr Nickolſon ein Dieb ſei? Weder ich noch Herr Göran hier hat ein Wort davon vor Euch geſagt; iſt er denn wirklich ein Erzgauner, und woher wißt Ihr das?“ „Wollt Ihr denn ſchon wieder anfangen zu ſpre⸗ chen wie ein Thier? Ihr thut nichts anderes. Ich ſollte nicht wiſfen, daß Jvachim Rickel ein Erzgauner iſt? Ich ſollte das erſt von zwei ſolchen Herren erfahren müſſen!“ „Woher wißt Ihr es denn?“ „Iſt denn Nickolſon jemals etwas anderes als ein ſchlauer, verſchmitzter Bube geweſen? Hat er denn etwas Anderes gethan, als Aronfors ſechs Jahre lang beſtohlen? das wiſſen alle, außer Mekeroth felbſt, dem Schaf!“ „Das mag ſein,“ etwiederle Medenberg;„aber Mutter Ellin ſcheint mir nicht ganz aufrichtig zu ſpre⸗ chen— und ich rathe ihr dazu. Kurz und gut. Ihr müßt mir ſagen, wohin zu der Flüchtling mit Eurer Tochter gegangen iſt. Ihr wißt ganz gewiß mehr da⸗ von. Ich will, ich muß das erfahren. Sagt Ihr mir in Gutem und geradezu, wie die Sache ſteht, ſo werde ich Euch Eure Tochter ohne Gefahr für ſie zurück ſchaffen; im andern Falle ſchicke ich Jemand her, um Euch zu verhören: verſteht Ihr mich?“ A „Wollt Ihr Eure helle Haut mit dem Fell eines Teufels vertauſchen?“ „Nein, aber vielleicht mit dem eines Richters.“ „Hebe Dich hinweg, Satan, und ſuche bei Zeytons.“ „Bei Graf Zeyton auf Karmansbol? Was ſoll das heißen? Hat Nickolſon ſeine Zuflucht zu dem Herrn Graten Zeytun genommen?“ 1 „Ich weiß nicht, Herr. Aber wenn ich raihen ſollte, ſagt ſelbſt, muß ich da nicht glauben, daß der ſchwarze Rabenſohn einen Verſteck unter den weiten und mächtigen Schwingen ſeines Vaters geſucht hat?“ „Seines Vaters?“ wiederholte Medenberg. „Seines Vaters? Ihr ſprecht immer räthſelhaf⸗ ter, Mutter Ellin!“ rief Göran, der ſich nicht länger enthalten konnte, an der unterhaltung Antheil zu nehmen. „Ha! ha! ha! wäre ich denn eine Wahrſagerin, wenn ich nicht mehr wüßte, als andere Leute?“ ver⸗ ſetzte ſie.„Ihr nennt mich doch nicht umſonſt eine Hexe?“ „Kennt Ihr denn wirklich Herrn Rickolſon's Her⸗ kunft? Ich bin im Probſthofe zu Hauſe, und habe mich mit den Kirchenbüchern recht wohl bekannt gemacht; aber wir alle dort, und ich glaube die ganze Gemeinde weiß weiter nichts von Herrn eren: als daß er als ein uneheliches Kind, deſſen Mutter vor mehreren Jahren geſtorben war, in das Kirchſpiel kam.“ „Ein uneheliches Kind? das wäre keine ſo große Neuigkeit,“ erwiederte Mutter Ellin;„dieß Unglück iſt ſchon mehrern paſſirt. Das hätte ich ſelbſt auch ſein können, wenn es darauf angekommen wäre. Al⸗ lein ich bin es doch nicht. Ich bin ſehr ehelich. Nein — aber es wäre noch viel darüber zu ſagen, daß Joachim Nickel Zeytons ſelbſteigener Sohn iſt.“ Göran und Alexander ſahen einander mit großer Verwunderung an⸗ in ß e „Ja, ich habe es geſagt, und Ihr könnt es jetzt auch nachſagen; denn—— jett thut es nichts mehr.“ „Hm!“ ſagte Medenberg,„dieſe dunklen Faſern angen an ſich zu Fäden zu verdünnen. Herr Nickol⸗ fſon kam vor ſechs Jahren nach Aronfors, und wurde dort angenommen, nachdem er von Zeytons fortgejagt worden war. Die Urſache dieſer Mißhandlung müßte alſo die Betrübniß darüber geweſen ſein, unter ſeinen Augen einen entarteten Sohn zu ſehen.“— „Ha! ha! ha! Die Betrübniß! Ihr ſpaßt, Mann!“ „Aber, was meint Ihr denn, Mutter Ellin?“ „Daß der Herr einfältiger iſt als irgend ein Schafskopf, aus dem ich je ein Lungenmuß machte. Herr Joachim Nickolſon bekam vor ſechs Jahren in Kar⸗ mansbal bei Graf Zeytons Prügel, das iſt doch wahr und gewiß?“ „So ſagt man.“ „Die ganze Gegend weiß, daß es wahr iſt; und er bekam nicht nur ein warmes Fell, ſondern wurde auch fortgejagt, wie ein ganzer Spitzbube. Aber Graf Zeyton küßte ihn wohl unter vier Augen, ehe er abfuhr, das, Herr, glaube ich gewiß; und er ſagte ihm ſehr wohl, wie er ſich in Aronfors zu benehmen habe, wenn er ſo glücklich ſei, dort angenommen zu werden. Und es glückte ibm, weil er ſo tüchtig von Karmansbal fortgefagt worden war; höher und beſſer konnte er bei dem kleinen Mekeroth nicht angeſchrieben werden, als durch einen ſolchen Urlaubspaß; denn man ſagt, er ſei gerade kein Freund von Zeytons. Hat die Hexe Recht?“ Ein Schauer durchfuhr Medenberg bei dem Blick in eine ſo tiefe Betrügerei. Aber was jetzt den in ihm entſtandenen Argwohn über ein Comploti zwiſchen Zeyton und Nickolſon aufs Reue beſtätigte, war das ſonderbare Verhältniß mit den Rechnungen in Aron⸗— fors, die ſich ſo deutlich und ohne triftige Gründe zu Karmansbals Vortheil neigten; daß Jemand als Berg⸗ * verwalter angenommen werden konnte, der wie ein gemeiner Knecht das Fell voll Schläge bekommen hatte, erſchien zwar etwas ſonderbar; aber er vermuthete, die Angabe ſei nur bildlich und bedeute nur, daß Herr Nickolſon zwar harte Verweiſe, aber doch nur von der Art erhalten habe, wie ſie ehrlichen Leuten zukommen. „Gott!“ rief er endlich und wandte ſich zu Göran; „unſere vermißte Geldſumme dürfte alſo wohl bei Zey⸗ ton ſelbſt im Hafen liegen, wenn es möglich iſt, daß Rickolſon ſich zu einem ſchwarzen Werkzeug in einer noch ſchwärzeren Hand gebrauchen ließ? Und warum ſollte er das nicht, wenn er, wie dieſe Alte behauptet, der eigene Sohn des Grafen iſt.“ „Wir dürfen den Worten dieſer Alten keinen Glauben ſchenken, obſchon ich ſtets ein Freund von Pro⸗ pheten war,“ verſetzte Göran.„Ich geſtehe, daß ich eher angefangen hätte zu glauben, dieſer Jvachim Ni⸗ ckel, wie ſie ihn in vertraulichem Tone zu nennen pflegt, ſei zu der Diebesbande geflohen, von der wir neulich in den Zeitungen gehört haben.“ . 4 „Ja Alexander, der Meinung bin ich. Aber dann wird unſere Nachforſchung nicht nur ſchwierig, ſondern ſogar gefährlich. Um ſo beſſer.“ „Wenigſtens erfordert es die Klugheit, daß ich zu⸗ erſt einen Beſuch in Karmansbal mache. Niemand wird es Wunder nehmen oder unpaſſend finden, wenn ich dort— wie an andern Orten— vorher anfrage, vb man keine Spur von dem Entflohenen bekommen habe. Es ſollte mich freuen, dem Grafen ins Geſicht zu ſehen, wenn ich meine Frage ſtelle.“ „Es wird auch dienlich ſein, daß man bei dem Gerichte in Jönköping eine allgemeine Nachforſchung auswirkt.“ WMutter Ellin ſtürzte mit gefalteten Händen herzu; „Meine liebe Herrn,“ ſagte ſie,„habe ich nicht lange ſiſle geſtanden und Euch zuſammen ſprechen laſſen? * 4 — — — N —— t n 8 73 Ach, ſo laßt mich jetzt nur ein einziges Wort ſagen! Siht meine Tochter nicht in die Ausſchreibung.“ Medenberg lächelte, konnte nicht umhin, von den Geberden der zärtlich Flehenden gerührt zu wer⸗ den.„Das werde ich bleiben laſe n„ erwiederte er; „ich habe mit Eurer Tochter nichts zu ſchaffen, und brauche nicht zu wiſſen, daß ſie verſchwunden iſt.“ „Aber mein Herr,“ fuhr Mutter Ellin fort,„Spitz⸗ buben muß man ſtets paarweiſe nehmen, wenn man ſie bekommen will; ſetzt deßhalb Zeytons Namen neben den von Rickolſon in die öffentliche Kuaſthie. e Namen? Wie kann man nach ihm fahn⸗ den, da er ja nicht entwichen, ſondern auf ſeinem Kar⸗ mansbal zu haben iſt.“ „Ich nehm' es 5 meine Verantwortung, daß das angeh 1.4 Jagte die Hexe mit einem argliſtigen Lä⸗ cheln.„Der Herr wird ſchon ſehen.“ „Nun, liebe Mutt ter Ellin, 5 bis dahin wohl! Ich danke Euch für die Nachrichten, die ihr mir gege⸗ ben habt. Sie find nicht unbedeutend; man wird es Euch danken.“ Sie begleitete die Herren zur Thüre hinaus. Lange ſah ſie mit Wohlbehagen Medenberg nach.„Gut wie ein heiliger Engel,⸗ ſprach ſie bei ſich ſelbſt,„er konnte nicht gereizt werden, was ich auch ſagte! In einem Jahre wird er eine reiche Heirath machen, dafür ſtehe ich.“ Göran und Alexander gingen dem Fußpfade ent⸗ lang. Ihr Geſpräch fiel oft auf dieſen merkwürdigen Herrn Zeyton, von dem ſie heute ſo viel Schlimmes gehört hatten. Endlich ſagte Göran:„Es freut mich von Grund meines Herzens, daß Graf Zeyton ein Aus⸗ länder iſt, entweder in eigener Perſon oder durch ſei⸗ nen Vater; denn alle ächten Smaländer im Kirchſpiele ſind vollkommen ehrenhafte Leute. Der Grafen⸗ Titel wird ihm nur aus Artigkeit gegeben, denn er beſitzt kein Wappen im ſchwediſchen Ritterhaus; aber er muß ein ſolches Namenszeichen aus ſeinem Lande mitge⸗ 7⁴ bracht haben. Gewiß iſt, daß, obſchon ihn alle Men⸗ ſchen haſſen, er doch Niewand hat, der ihn liebt. Wir im Kirchſpiele halten ihn für mehr Landſtreicher, als ein wackerer Mann ſein darf. Mit beinahe Allen liegt er wegen Geldaffairen im Streite; beſonders mit den ehrenhaften Abelerona's, die alle behaupten, daß er ihnen bedeutende Summen ſchuldig ſei. Meinem Va⸗ ter bezahlt er nie mehr als die Hälfte der Pfarrge⸗ bühren; denn er ſagt, er gehöre nicht zu unſerer Reli⸗ gton, was ich einem ſolchen Heiden beinahe glanbe.. Er iſt gewiß ohne, einen Stüber nach Schweden ge⸗ kommen, und hat ſich nur durch Niederträchiigkeiten im Geldwege emporgeſchwungen: das iſt meine Meinung. Nein, nein doch, Atexander, Du läufſt ja ganz wü⸗ thend: Wir müſſen über den Felſen klettern.“ Siebentes Kapitel. In Rarmansbal. Es iſt nur ein Jahrhundert, Herr Me⸗ denberg! nur ein kleines Jahrhundert! Zu Hauſe in Aronfors hatte ſich die Lage der Dinge verſchlimmert. Die Wunde des Kapitains war wieder aufgegangen, und als Medenberg heim kam, lag jener in einem Fieber, das ihn hinderte, die wich⸗ tige Enideckung anzuhörea, die ſein Informator gemacht hatte. Medenberg wandte ſich daher an Frau Aurora, und ſetzte ihr die ſtarken Gruͤnde auseinander, die er hatte, Nickolſon nicht ſür todt, ſondern für ver⸗ ſchwunden zu halten. Sie hörte ihn mit dem höchſten 75 Intereſſe an: Mit Rührung ſah ſie, welchen Eifer er für eine Sache zeigte, die ihn nichts anging, die aber alles für ihr Haus bedeuten könnte. Sie lauſchte mit Entzücken auf die maleriſche Schilderung, die er von Dädemo Hult und der berüchtigten Alten machte. Als er weiler den Antrag machle, daß man unverzüglich Nickolſons Perſon Lochſpären, in Karmansba! ſelbſt auf eme geſchickte Art damit anfangen und nach Jön⸗ köping gehen ſolle, um ein allgemeines Nachfahnden auszuwirken, gab ſie nicht nur ihre Einwilligung, ſon⸗ dern befahl ſogleich dem Kuiſcher, die ſchöne Staats⸗ kutſche des Kapitains anzuſpannen, damit Niemand von Aronfors ſich irgendwo anders als mit Ehre zei⸗ gen möchte. Wir ſehen alſo Herrn Alexander Medenberg ſchon an deiſelben Tag nach Tiſche— denn die Sache eilte — in einem vortrefflichen Wagen abfahren, der mit ein Paar ausgezeichneten Pferden beſpannt war, die ſich um ſo flinker und ſtolzer geberdeten, als ſie ſehr lange nicht mehr draußen geweſen waren und dieſes Ereigniß als eine Feſtlichkeit betrachteten. Kapitain von Mekeroth pflegte nur höchſt ſelten auszufahren, da er in der Geſellſchaſt der übrigen Notabilitäten der Gegend kein großes Wohlſeyn verſpürte. Obſchon an ſich alt, hatte ſich daher die Livrée des Kutſchers und Lakaien in dem ganzen Glanz der Jugend erhalten. Ohne gerade ein Mann zu ſein, der leicht einzu⸗ ſchüchtern war, fühlte Medenberg doch unwillkührlich ein gewiſſes Herzklopfen, als er ſich dem ſchönen Kar⸗ mansbal näherte; der Weg wand ſich in vielen Krüm— mungen, ſo daß das auf einer Höhe gelegene Herren⸗ haus mehrmals ſeinen Augen entgegenſchimmerte, und wieder verſchwand. Jedesmal, wenn ſein weißer glänzender Giebel von dem ſteilen Hange herab vor dem Fahrenden auftauchte, und deeſer ſich näher und näher ſah, erhob ſich auch vor ſeiner Einbildungs⸗ kraft die Geſtalt des böſen Grafen Zeyton, den er 76 eines Sonntags in der Kirche geſehen hatte. Als er ſich ſeiner hohen Stirne, ſeiner buſchigen Augbraunen und der fremdartigen blitzenden Augen erinnerte, und zugleich bedachte, daß er jetzt mit einem Manne ſpre⸗ chen ſollte, auf den er, wenn die Hexe Ellin Recht hatte, einen nur zu großen Verdacht werfen mußte, da zog ſich ſeine Bruſt doch ein wenig zuſammen. Er hatte ſich vorgenommen, einige forſchende Blicke in das Geſicht des Grafen zu werfen, nachdem derſelbe durch ſeine Fragen in verſchiedene Bedrängniß gebracht wäre; aber erſt jetzt bedachte er, daß ein braver und gut geſinnter Mann ſtets ſelbſt in die größte Verlegenheit kommt, wenn es ihm gelingt, ſeinen Gegner in Ver⸗ wirrung zu ſetzen. Er erholte ſich jedoch und ſann über eine paſſende Einleitung nach. Ich bin erſt in die Gegend gekommen, ich mache meine Anſtandsviſite bei den Herrſchaften der Umgegend, ich muß beſon⸗ ders das ſchöne romantiſche Karmansbal ſehen— o ja! das wird wohl gehen.“ Der Wagen rollte die Anhöhe hinauf, wo das Haus lag. Medenberg ſah ſich um, und meinte ſchon in dem hohen ſchwarzen Staketenzaune von gegoſſenem Eiſen, der um den Hof lief und mit langen ſcharfen Spitzen verſehen war, etwas ſehr Ominöſes zu finden. Dieſe Stangen ſahen aus wie Spieſe, Hellebarden, Faſces und andere antike Waffen. Das Gefährt wurde von zwei abſcheülich großen Bluthunden begrüßt, die in dem gröbſten Baſſe bellten und einen entſchie⸗ denen Willen zu haben ſchienen, alle Ankommenden aufzufreſſen, davon wurden ſie nur durch den etwas unangenehmen Umſtand verhindert, daß ſie jeder an eine Seite der prachtvollen Treppe angebunden waren. Sobald der Wagen hielt, kam ein Bedienter zur Pforte heraus, eilte mit der größten Artigkeit herab, um die Wagenthüre zu öffnen und kam ſo dem Lakaien vovn Aronſors zuvor. „Dieſer Anfang iſt ja herrlich!“ dachte der Infor⸗ 77 mator;„ich bin ſehr begierig, wie weit man hier die Höflichkeit treibt.“ „Iſt der Graf Zeyton zu Hauſe?“ fragte er den vorwärts kommenden Bedienten. „Nein,“ erwiederte dieſer mit einer ehrerbietigen Verbeugung,„aber die Frau Gräfin iſt im Garten und wartet.“ „Und wartet?“ dachte Medenberg.„Nun, gleich⸗ viel. Da ich einmal hieher gekommen bin, ſo habe ich hinreichenden Grund, um der Wirthin meine Auf⸗ wartung zu machen„ und es kann auf keinen Fall ſchaden, die Verhältniſſe auf Karmansbal ein wenig in Augenſchein zu nehmen.“ Er ſtieg aus. Der Bediente, der es für ganz ausgemacht hielt, daß er die Gräfin im Garten beſuchen würde, ging voran nach den hohen prächtigen Gartenthoren, die aus demſelben impoſanten Gußeiſen beſtanden, wie das Staket um den Hof. Er öffnete ſie vor dem Fremden und machte ſeine Reverenz, als dieſer durch dieſelben eintrat. Dann eilte er mit ſchnellen und leichten Schritten in den Garten hinein, um der Gräfin, die ſich in einer Laube weiter unten befand, die An⸗ kunft des Reiſenden zu melden. Medenberg ging lang⸗ ſam nach, dem Lakaien einen gehörigen Vorſprung laſſend.„Ich bin doch begierig, wen er anmelden will, da er meinen Namen nicht erhalten hat,“ ſagte er bei ſich ſelbſt. Es dauerte nicht lange, ſo ſah er ein Frauenzim⸗ mer auf einem der Gänge daherſchweben und ihm mit ſchnellen faſt geflügelten Schritten entgegen kom⸗ men. Sein gutes Geſicht erlaubte ihm ſchon aus der Entfernung eine feine, aber von Alter oder vielleicht noch mehr von Kränklichkeit ſehr gebeugte Geſtalt zu unterſcheiden, deren Gang eher wankend und durch ein aufgeregtes Nervenſyſtem beſchleunigt, als anmuthig— und reizend erſchien. Gewiß waren ihre Augen leidend; denn außer dem grünen Flore ſaß auch nech ein grüner Schirm über der Stirne, der ihr gerade nicht zur Zierde gereichte, aber doch ſehr hübſch auf der elegan⸗ ſen Haube ang bracht war. Sie war nicht mehr weit von ihm eutferrt, als ſie beide Arme ausßreckte und rief:„Ach mein Oulel wie ſehr hab' ich gewartet! wie hab' ich gewartet. Du baſt alſo endlich meinen Brief in Jönköpin) erhalten? Sei dei⸗ ner armen beklagenzwerthen Richte unendlich will⸗ kommen!“— Nichts kann einen vernünftigen Menſchen in eine grauſamere Verlegenheit ſetzen, als wenn ek ſich ſo „unendlich willkommem⸗ heißen hört⸗ und doch weiß, daß es im nächſten Augenblick ganz anders laulen wird. Um der Gräfin ihre Onkelfreude zu nehmen, und ſie zu verhindern, vor einem Unbekannten Geh eimniſſe auszuſprechen, woöu ſie nach cinem ſo guten Anfang ſehr bereit ſchien, machte Medenberg eine Verbeugung und zwar tiefer, als je ein Onkel vernünftigerweiſe thun kann, und ſprach:„Meine gnädigſte Gräfin.—“ Der Reſt der Begrüßung erſtarb. Sie hielt plötzlich inne, ließ die Arme ſinken, als ob ſie von einem elektriſchen Schlage berührt wéren, und ſtand ſtarr und zitiernd da. Aber die Artigkeit ihres Weſeus erlaubte ihr nicht länger⸗ verlegen zu ſcyn.„Verzeihen Sie mir,“ ſtammelte ſie leiſe, aber melodiſch;„ich weiß nicht— ein Verwandter, den meine Leute noch nie perſönlich geſehen haben, von dem ſie jedoch wußten, daß ich ihn jeden Tag⸗ jede Stunde erwartete, hat— mein Bedienter hat ſich in der Cquipage getäuſcht und— ich, ich bin außeror⸗ dentlich kurzſichtig.“— „Es thut mir unendlich leid,“ erwiederie der Unbekaunte, der jetzt zu der Wirthin hergekommen war,„es thut mir mehr leid als ich ausdrücken kann, die gnädige Gräfin in ihrer Erwartung getäuſcht zu haben.“ 3 ——— v u 79 Sie neigie ſich verbindlich, und bat ihren Gaſt, willkommen zu ſein. „Erſt kürzlich in der Gegend angelangt,“ fuhr er fort,„konnte ich mir unmöglich das Vergnügen verſagen, den ſchönſten Punkt, von dem ich ſprechen hörie, zu ſehen. Der Herr Grafiſt nicht zu Hauſe? Wenn aber die Frau Gräfin die Gnade hat, einer Perſon nicht zu zürnen, die heute ſo unglücklich war, den nicht vorſtellen zu können, welchen ſie ſollte.—“ Sie verneigte ſich noch verbindlicher. „So würde ich mein Geſchäft vorbringen. Ich habe zwar kein eigentliches Geſchäfſt— durchaus keines— wenn ich nicht etwa meinen Wunſch auch hier, falls es mir erlaubt würde, einige Blätter aus dem intereſſanten Buche der Natur zu fammeln, ein ſolches nennen darf. Ich liebe die Botanik.“ „Die Natur in Karmansbal iſt ſehr ſchön, ſehr grokartig,“ ſagte ſie; Naturgeſchichte? Botanik— ach!“ ſetzte ſie kaum hörbar hinzu, und blickte zur Seite hinab, wo ihre Angen auf einen Raſen trafen, der noch grün war und ihren Nerven wohl that. Medenberg fuhr fort:„Ich komme von Aron⸗ ſors. Kapitain von Mekeroth ſelbſt iſt krank und hat mir keine Empfehlung, keinen Vrief, keine Legitima⸗ tion mitgeben können, womit ich doch verſehen ſein ſollte, um mit Recht auf einen Zutritt hoffen zu dürfen.“— „Ich bitte; keineswegs.“ „Ich bin dadurch in die Nothwendigkeit verſetzt, mich ſelbſt vorzuſtellen. Ich heiße Medenberg, und bin Lehrer von dem Sohne und der Dochter des Ka⸗ pitains von Mekeroth.“ „Ach der neue Gouverncur von Stockholm, wie ich gehört habe?“ Sie legte einen ganz eigenen Nachdruck auf das Wort Gouverneur. Man hörte deutlich, daß ſie ſich bemühte, es ſo ſchön, klangvoll und beinahe ſtattlich 80 auszuſprechen, als möglich. Da dieß ein und dem andern Leſer etwas unerklärlich vorkommen dürfte, ſo müſſen wir erinnern, zu was für einem ſonderbaren Geſchlechte im Naturreich ein Informator eigentlich gehört. Er iſt ein Amphibium. Sobald er ſich unter der Geſtalt eines nicht im mindeſten falſchen und ſchlimmen Burſchen zeigt, ſieht er ſich ſo tief nieder⸗ gehalten, daß ſelbſt die Bedienten kaum daran den⸗ ten, ihn zu begrüßen: Er iſt der Sündenbock der Familie, der Hanswurſt der Kinder, der Gegenſtand des Herrenwitzes im Zimmer, und des Jungferſcherzes in der Küche, wo ſie den geringſten Riß an ſeinen zum Putzen hinaus getragenen Stiefeln entdecken, was doch wahrhaftig einem armen Menſchen wohl paſſiren kann. Seine Condition iſt nicht beneidenswerth, und pflegt glücklicherweiſe nicht über ein halbes Jahr zu dauern. Wenn dagegen der angenommene Mentor gleich im Anfang in paſſenden Kleidern aufgetreten iſt, aus einer der vornehmſten Städte des Landes tommt, ſich eben ſo wenig trotzig als knechtiſch be⸗„ nimmt, und ſich vor allem in einer verſtändigen Sprache ausdrückt, die von Feinheit und Talenten zeugt, ſo wird er das Orakel des Hauſes und der Gegend.„Sie müſſen wiſſen, er kommt von R. N.“ flüſtern Alle;„er hat den beſten Geſchmack, er weiß Alles, er kennt die neueſte Mode, er hat Jenny Cind gehört, er hat Marie Taglioni geſehen, er malt, er zeichnet, ſpielt, ſingt⸗ aceompagnirt auf dem Clavier, macht Silhouetten, ſchreibt Verſe, ſchneidet Muſter aus, macht Wortſpiele an die Fenſter; er iſt ſatyriſch wie Feuer, nehmt euch in Acht, ſonſt aber ein ſehr guter Menſch.“— An Feſttagen bedeutet er zwar nicht viel Großes; beſonders wenn viele und vornehme Fremde lommen, reducirt er ſich zu einer Wandzierde. Aber an den ſechs übrigen Wochentagen hat er einen um ſo ausgedehnteren Wirkungslreis; Man frägt ihn beſtändig um Rath; er wird an die Spitze aller —— — 8⁴ männlichen und weiblichen Geſchäͤfte geſtellt: Er ge⸗ nießt allgemeine Achtung und kann ſogar noch zu etwas Schlimmerem auserſehen werden, wenn er ſich nicht in Acht nimmt. Mit eben ſo viel Grund, als man fagen kann, die zuerſt geſchilderte Gattung von Infor⸗ matoren lebe ohne alle Luft unter dem Waſſer; kann man dagegen von der letztern behaupten, ſie liege auf trockenem Lande wie ein hervorgeſtiegenes mächtiges Krokodil, nur noch weit angenebmer. Ein ſo amphi⸗ biſcher Menſch iſt entweder Nichts oder Alles. Ent⸗ weder wird er ausgelacht, oder bemeiſtert er Alle. Entweder jagt man ihn fort, oder wird er das Fakto⸗ tum der Gegend. Die Gräfin Zeyton, die ſogleich einſah, daß Medenberg nicht zu der erſten Gattung Informatoren gehöre, merkte ſogleich an ſeiner ganzen Perſon, daß er gewiß ein ſehr talentvoller, kenntniß⸗ reicher und angenehmer Mann aus der Hauptſtadt ſein müſſe. In einer höheren Geſellſchaft lautet Magiſter wie auch Informator nicht gut; aber Gouverneur, nicht ſowohl als Titel, wenn man mit der Perſon ſpricht, aber als Eigenſchaft und Gedanke hat einen Klang in ſich, der nach eiwas prinzlichem, hohem, recht Edlem ſchmeckt. Ein ſolcher Mann ſtudirt nicht mit den Kindern; er intereſſirt ſich für die jungen Weſen, es macht ihm ein Vergnügen, in dem Hauſe ihrer Eltern zu weilen. Es iſt ein Philoſoph, ein Gelehrter, ein Menſchenfreund, ein Dichter. Ueber⸗ dieß hatte ſich die Gräfin dieſem Manne zufällig mit einer Sprache und Geberden genähert, die ſie jetzt vor ſich ſelbſt verzeihlicher machen wollte, indem ſie den Fremden in ihrer eigenen Vorſtellung erhob und ſ Charakter auf die ſchönſte Art in der Welt aus⸗ prach. Als Medenberg vermittelſt einer Verbeugung ihre letzte Frage bejaht hatte, fuhr ſie fort:„Ich bitte Sie, Herr Medenberg, verlaſſen Sie Karmansbal Drei Frauen in Smaland. I. 6 82 nicht, ohne ſeine Ausſichten geſehen zu haben. Es würde meinem Manne ſehr leid thun, wenn Jemand von hier abgereist wäre, ohne dieß—— ich leide au einer langſamen und zehrenden Nervenkrankheit, ich darf jedoch die Luft im Garten genießen, und thue es auch mit dem größten Vergnügen— aber ich kann Herrn Medenberg nichts zeigen, außer dieſem—— haben Sie die Güte! der Thee erwartet uns dort.“ Medenberg folgte der Gräfin, und ſie traten bald in eine Laube, in deren Mitte ſich ein runder Maha⸗ gonitiſch befand, worauf nicht nur der Thee thronte, ſondern auch mehrere Bücher in den ſchönſten Ein⸗ bänden und überdieß verſchiedene Frauenzimmerarbeiten lagen. Eine andere jüngere Dame ſaß davor⸗ Meden⸗ verg bezeugte ihr ſeine Ehrerbietung, und ſie verneigte ſich dagegen; aber da die Gräfin ſie dem Fremden nicht vorſtellte, ſo vermuthete er, daß ſie zum Hauſe gehöre und wahrſcheinlich eine Geſellſchaſtsdame ſei. „Ich beklage,“ ſagte Medenberg,„daß ich durch meine Ankunft die Frau Gräfin in Ihrer intereſſanten Lektüre und den dadurch erweckten Gevanken unter⸗ vrochen habe. Darf ich Sie bitten, mich nicht weiter die Fortſetzung derſelben hindern zu laſſen. Ich ſehe Byron, ich ſebe Stagnelius, ich ſehe auch„das Haus“ drei ſehr verſchiedene Autoren, gnädige Gräfin!“ Er nahm ſeine Taſſe. „Sehr verſchieden,“ erwiederte ſie;„gber von wel⸗ chem Werthe iſt nicht Jeder! Ich endigte eben Albert und Julie von Stagnelius: Eine ſchreckliche Dichtung, Herr Medenberg!“* „Es iſt die Liebe nach dem Tode.“ „Es iſt jetzt das vierte Mal, daß ich dieſes Ge⸗ dicht leſe: Es bezaubert mich und ich ſchaudere deu⸗ noch. Ich bin entzückt von Juliens Treue, womit ſie ihrem Albert ſogar bis— o mein Gott!⸗“ 5 „FBis in die Hölle folgt. Es iſt wahr, ſie folgte ihm dahin, aber—“ —— ⸗ l⸗ ie 83 „Sollen wir glauben— müſſen wir glauben— daß die Pflicht des Weibes ſich ſo weit erſtreckt, daß ſie ſich ſogar in die ewige Flammen ſtürzen muß, um einem andern Weſen zu folgen, das— Herr Meden⸗ berg?“ Pflicht? Nein, das kann ich mir nicht denken,“ erwiederte er., Auch möchte das nicht die Mei⸗ nung von Stagnelius ſein. So viel ich aus dieſem Gedicht verſtehen kann, übergibt ſich Julie jenen Flam⸗ men aus keiner andern Pflicht, als aus der der Liebe, welches die einzig wahre iſt: die einzige, die nicht aus einer Illufion beſteht. Weil ſie Albert liebt, folgt ſie ihm dort hinab; und ganz gewiß fübhlt ſie alſo dieſe Hölle nicht als eine ſolche. Sie würde ſich ſonſt ge⸗ wiß nicht hineinwerfen.“ „Nicht? nicht? alſo aus Liebe zu ihm und um ſeinetwillen?“ „Gewiß aus Liebe zu ihm und um ſeinetwillen, da ſie ihn ja liebn Aber in dieſem Falle und bei dieſer Triebſeder kann wohl der Ort, wohin ſie ſich ſürzt, keine Hölle für ſie ſein. Sonſt würde ſie es nicht gethan haben, und Albert ſelbſt hätte auch kein Intereſſe daran gehabt'“, vaß ſie es thun mochtez denn ein Weſen zur ewigen Geſellſchaft zu haben, das einen anwidert, mag wohl für Niemand wünſchenswerth ſein; deßbalb hab' ich auch Stagnelius' Albert und Julie nie ſo gräßlich ſinden koͤnnenz ich habe viele Verhält⸗ niſſe auf Erden und in dieſem Leben geſehen, die weit ſchauerlicher waren, als die Juliens und Alberts in der andern Velt.“ Die Gräfin blickte empor, ſchwieg jedochz ſie ſchlug die Augen wieder auf den Grasboden nieder, wo ſie ſtets mit dem größten Vergnügen ruhten.„Dieſes Leben hat ein Ziel,“ ſprach ſie mit einer ſanften und ſüßen Stimme, gleichſam nur für ſich ſelbſt.„Sonſt würde es ein grauſames Spiel ſein. So iſt es nur eine unheilbare Krankheit. Unheilbar! welche Wonne, 8⁴ welches Glück, vaß es ſo iſt! Sie muß alſo das Ende herbeiführen.“. „Doch für Manche kann es lange dauern, bis es eintrifft; ſehr lange—“ wagte Medenberg mit hal⸗ ber Stimme zu ſagen. Er fühlte, daß er nicht ohne Kühnbeit, vielleicht mit Härte in das Vertrauen einer ſtillleidenden Seele eindrang⸗ „Lange?“ widerholte ſie.„Ach nein! gewiß nicht. Richt viele Menſchen leben über fünfzig Jahre, P erreicht einer das Hundertſte. Und das iſt ja ann nur ein Jahrhundert, Herr Medenberg, nur ein kleines Jahrhundert, das macht nichts. Inzwiſchen hat man ſeine Pflicht erfüllt, ſeine Pflichten; ich meine ſeine Pflicht. Deßhalb leſe ich auch„das Haus,“ „die Nachbarn“ und all die Schriften meiner geliebten Friederike mit ſo großer Innigkeit; da ſie auf jeder Seite mich die Erfüllung meiner Pflicht lehren. Sie bilden die wahre Lectüve eines jeden Weibes.,“ „Von welcher Pflicht ſprechen Sie, Frau Gtäfin?“ „Von welcher? von unſerer Pflicht das— es iſt ſchwer, es zu ſagen und'recht zu verdeutlichen— mit einem Wort, das Haſſenswerthe zu lieben.“ 7 Haſſenswerthe zu lieben, habe ich recht ge⸗ ört?“ „Ja, Herr Medenberg, es läßt ſich noch mit vie⸗ len andern Worten ausdrücken, aber ich bin keine Schriftſtellerin.“ „Wenn es eins ſolche Pflicht geben ſollte, was ich kaum glaube,“ erwiederte er,„ſo müßte doch die Erfüllung derſelben ganz und gar Illuſion ſein; und eine ſolche Pflicht aufzuſtellen oder zu predigen, iſt vaſſelbe, als wenn man einem Menſchen vorſchreiben wollte, er ſolle fliegen oder unter dem Waſſer leben. Jene Vorſchrift wird nie befolgt; und dee Fehler liegt wahrlich nicht an dem Menſchen und daran, daß er das Unmögliche gehen läßt, ſondern an der luriſichii⸗ gen Einbildung, die es ohne Grund gebietet.“ — penſ 85⁵ „Sie wird nie befolgt?“ rief die Gräfin, und und ſah ſchnell empor. „Nein; nicht ſo viel ich weiß. Denn man liebt wahrhaftig nie vas Haſſenswerthe: nämlich das, was man vermöge ſeiner Natur paßt und haſſen muß. MWan ſucht es zwar zu thun, im Fall man es für eine Schuldigkeit hält; man quält ſich, man zerſtört ſichz aber man erreicht nie ſein Ziel. Man bildet ſich nur ein, man nähere ſich demſelben. Man lebt in einer beſtändigen Täuſchung über ſich ſelbſt und ſeine er⸗ füllte Pflicht.“ „Wie? Sollte—“ „Wenn es ein Fehler, ein Verbrechen, eine Pflicht⸗ vergeſſenbeit ſein könnte, das zu lieben, was man nicht lieben kann, ſo iſt es doch gewiß, daß man die⸗ ſen Fehler immer und unabwendbar begeht. Man kann ſich jede Lebensfrende abſchneiden, man kann ſich zwingen, uus Mangel an Luft dahin zu ſchwinden, man kann ſich hüten, etwas Anderes zu lieben, man kann ſich ſo viel als möglich vernichten; aber den haſſenswerthen Gegenſtand liebt man deßhalb doch nicht. Was gewinnt man alſo durch ſeine Selbſtauf⸗ vpferung? Nicht die Erfüllung der fraglichen Pflicht; denn dieſe erfüllt man auf keinen Fall. Mon kann einmal das Verhaßte nicht lieben: Man fliegt nicht, man lebt nicht unter dem Waſſer. Welchen Zweck er⸗ reicht man alſo mit dem Allem, wenn man das durch⸗ aus nicht erreichen kann, um was es ſich handelt? Es gelingt Einem ſein Leben in eine Oede zu ver⸗ wandeln, zur Krankheit zu machen, das iſt wahr; aber man erfüllt dadurch doch die Schuldigkeit nicht, etwas gerne zu haben, was man nicht leiden kann; denn dies geſchiecht nie. Warum löst mam ſein Weſen in einem Elend auf, das erſt mit dem Tode endigt, wenn man deßbalb doch gleich verbrecheriſch bleibt?“ Mein Gott! Herr Medenberg, gleich verbre⸗ „ 86 „Ja, wenn nämlich das, wovon wir geſprochen haben, eine Pflicht iſt. Ich muß deßhalb aufrichtig geſtehen, daß ich dieſe ganze Literatur nicht recht lei⸗ den kann, da ſie bei der ſchönſten Abſicht doch nichts Anderes bewirkt, als daß ſie uns in einem Wahne beſtärkt, der das menſchliche Leben zerſtört. Wozu nützt es, in einer unaufhörlichen Unwahrheit gegen unſer Leben, gegen uns ſelbſt und gegen einen andern Gegenſtand fortzufahren?“ „Aber warum ſollte das eine Unwahrheit ſein? Verzeihen Sie mir,“ ſetzte ſie hinzu,„daß ich mich über dieſen merkwürdigen Stoff ſo warm mit einem Manne einlaſſe, den ich zum erſtenmal ſehe. Ach es ibt Dinge, die ein Gemeingut aller Menſchen ſind. 80 frage Herren Medenberg noch einmal, warum wir nothwendig in einer Selbſttäuſchung leben ſoll⸗ ten, wenn wir dieſe Pflicht zu erfüllen ſuchen, und warum dieſe Literatur uns nur eine Täuſchung lehrt? Koͤnnen wir denn das nicht lieben, was vor dem Grunde unſeres Weſens haſſenswerth daſteht?“ Der Fremde ſah ſich mit einem kleinen Still⸗ ſchweigen um. Auch er heftete ſeine Blicke auf den Raſen und ſprach dann:„Ich bitte nur Jeden, der ſich in dieſer Lage befinden kann, einen klaren, unbe⸗ fangenen Blick in die Falten ſeiner Seele zu werfen, und ſich ſelbſt auf die Frage der Frau Gräfin zu ant⸗ worten. Iſt es wirklich Jemand gelungen den zu lieben, den man im Grunde haßt?“ „Aber— „Erlauben Sie mir nur die Frage, von welcher Art Liebe hier die Rede iſt? Sprechen wir von der Allgemeinen, die man gegen jeden Menſchen hegen muß und die man auch aus Gründen der Religion gegen Jeden haben kann?“ „Gewiß nicht. Wir ſprechen von einer beſondern, einer perſönlichen Liebe.“ „Nun eine ſolche kann man nur dem Namen —— N— N —— — 87 nach für eine Perſon hegen, für die man keine Rei⸗ gung hat. Und dieſe Neigung kann nur unter un⸗ umgänglichen Bedingungen vorhanden ſein. Wenn dieſe da ſind, ſo iſt es auch die Neigungz ſind ſie es nicht, ſo gibt es auch keine Neigung; und keine Qualen, keine Strafen, keine Folter; keine wenn auch noch ſo oft geleſenen Predigten können das Unmög⸗ liche erzwingen. Dieß Alles bringt es nicht weiter, als zu einer Täuſchung. Würde es wirklich eine Pflicht für das Weib ſein, gegen Jemand eine per⸗ ſönliche Neigung zu haben, wenn die Grundbedingungen einer ſolchen nicht vorhanden ſind: ſo iſt es auch ihre Pflicht, ohne Schwingen zu fliegen. Sie erfüllt keine dieſer Schuldigkeiten, aber ſie zerſtört ihre Natur, in⸗ dem ſie etwas zu vollbringen ſucht, was ihr nie ge⸗ lingt; und wenn ſie ſich recht unglücklich fühlt, tröſtet ſie ſich mit dem Wahne, ihre Pflicht gethan zu haben; was ſie durchaus nicht gethan hat. Sie ſieht nicht, daß ſie eigentlich eben ſo verbrecheriſch iſt(ſofern es ſich hier um ein Verbrechen handelt); und daß ſie damit nur das gewonnen hat, daß ſie zugleich ſehr unglücklich iſt.“ „Aber Herr Medenberg, wenn ſie alſo nicht zu lieben vermag, wo ſie haßt, ſo kann ſie wenigſtens * über ſich gewinnen, daß ſie nichts Anderes iebt?“ „Das kann ſie. Wenn das Feuer, das ihr Herz wärmen und erleuchten ſollte, nur noch dem Namen nach ein ſolches iſt, ſo kann ſie allem Andern entſagen, um ſich der Kälte und Nacht des Todes zu überlaſſen. Aber man muß immer fragen, wozu dient das? Denn wenn der verhaßte Gegenſtand ſelbſt nicht geliebt wird, und dieſe Pflicht alſo doch nicht erfüllt wird, was nützt es dem Gegenſtand, was dem pflichtlichen Leben, der Geſellſchaft, der Menſchheit und Gott, wenn die Unglückliche zugleich in einem Jammer, einer Herzens⸗ kälte, einer Nacht vergeht, die Niemand nützt, und 4 38 ſie ſelbſt nicht weniger verbrecheriſch macht, indem ſie immerhin ihre Pflcht, den zu lieben, den ſie lieben ſollte, nicht erfüllt— ſtets vorausgeſetzt, daß dieß wirklich eine Pflicht iſt?“ „Welche merkwürdige Richtung hat unſer Geſprich genommen, Herr Medenberg?“ „Ich weiß nicht, wie wir von dem Felde der Literatur auf das der Menſchlichkeit kamen.“ „Wir müſſen uns zitternd davon zurückziehen,“ ſagte ſie.„Wie viel lieber vertiefe ich mich in Stag⸗ nelius und ſelbſt in Byron, deſſen Manfred mir weit nicht ſo ſchrecklich erſcheint, als die Wahrheit in dem Leben, das uns umgibt. Wie viel lieber überlaſſe ich meine Seele„dem Hauſe“ und der ganzen Bre⸗ meriſchen Lectüre, wenn ſie mich auch nur Täu⸗ ſchungen lehren ſollte. Dieſe Täuſchungen ſind beſſer als die Wahrheit in dem wirklichen Hauſe.“ „Ohne Zweifel, wenn es nur etwas hälfe, ſich denſelben hinzugeben,“ erwiederte er.„Aber es iſt klar, daß, wenn es ein Verbrechen iſt, das mit per⸗ ſönlicher Reigung zu lieben, was die Seele im Grunde haßt, dieſes Verbrechen nicht deßhalb ver⸗ ſchwindet, weil wir unſer Gewiſſen in der Einbildung wiegen, es nicht zu begehen, obſchon wir nie anders konnten, als es zu begehen. Wenn es dagegen kein Verbrechen iſt, ſo führen all dieſe Fragen und Plagen zu nichts.“ Die Gräfin ſaß bleich und ſtille da. „Aber,“ fuhr er fort,„das Schöne und Rühm⸗ liche in der Art Literatur, wozu„die Nachbarn“ und „das Haus“ gehören— weil die Frau Gräfin gerade dieſe Beiſpiele anzuführen beliebt hat— beſteht darin, daß ſie uns auf den Umſtand aufmerkſam macht, die kleinen Unterſchiede und Uneinigkeiten zwiſchen zwei Weſen nicht zu beachten, die einander im Grunde doch lieben. Dergleichen kleinliche Streitigkeiten haben auch nichts zu bedeuten. Kein Menſch haßt oder ver⸗ —— 89 läßt einen Andern um ſolcher Dinge willen; denn in der That iſt einem menſchlichen Herzen nichts wichtiger und theurer, als ein anderes Herz zu haben, an das es ſich halten kann. Von einem ſolchen Kleinod trennt man ſich nicht wegen einer Grille. Alles was dieſe Hausliteratur alſo bei uns hervorbringen will, haben wir ſchon— es iſt die reinſte und beſte Blume in dem Garten unſers Weſens; aber ihr Wachsthum muß geſtärkt werden, und dazu nützt dieſes„Haus.“ Etwas ganz anderes iſt es, wenn zwiſchen zwei Per⸗ ſonen im Grunde keine Liebe da iſt und nie da war, oder wenn ſie in Folge von Entdeckungen, die man anfänglich nicht kannte, erloſchen iſt. Dann tritt etwas Haſſenswerthes auf, das man nicht lieben kann; und wenn man dennoch es zu thun verſucht, ſo ge⸗ winnt man nur eine Illuſion. Aber eine Lectüre wie „das Haus“ oder dergleichen zu einem Zwange die⸗ ſer Art zu benutzen, der doch nichts helfen kann, halte ich für einen großen Mißbrauch und Weg zum Selbſibe⸗ trug, ſobald man etwas gewonnen zu haben glaubt.“ Ein ſanftes, jedoch ſonderbares Lächeln flog über das Geſicht der Gräfin.„Dieß Alles werden wir in ſiebenzig Jahren mit Beſtimmtheit wiſſen,“ ſagte ſie flüſternd, und mit einer Vertraulichkeit, die beinahe bis zum Scherz ging.“„In ſiebenzig Jahren ſind wir gewiß alle todt; nicht ſo? Ach, ich glaube es! Und dann werden wir die Wahrheit dieſer Sache wiſſen. Aber—— mein Onkel? mein Onkel? Ich begreife nicht, daß meine Briefe ihn nicht in Jönköping fan⸗ den. Können Sie ſich denken, Mamſell Chriſtine, warum mein Onkel nicht kommt, da ich ihm doch ge⸗ ſchrieben und ihn darum gebeten habe?“ „Morgen in aller Frühe reiſe ich nach Zönköping,“ fiel Medenberg ein;„und im Fall—“ „Ich bin Ibnen unendlich verbunden,“ erwiederte die Gräfin;„aber ich wage es nicht, einen Fremden mit einer Commiſſion dieſer Art zu beläſtigen, ich will 90 es nicht. Mamſell Chriſtinchen,“ fuhr ſie fort und wandte ſich aufs Neue zu der andern Dame,„ich glaube, unſer Thee iſt zu Ende oder wie? Wollen wir ihn nicht hineintragen?“ Das Frauenzimmer ſtand auf. Sie war die ganze Zeit über ſtille, aufmerkſam und mit blaſſen ſchönen Wangen da geſeſſen, wie es einer Geſellſchafts⸗ dame geziemt. Sie ſtellte die Taſſen auf die Platte, nahm dieſe auf den Arm und ging. Als ſie ſort war, ſah ſich die Gräfin nach ver⸗ ſchiedenen Seiten um, und ihre Blicke fielen unter anderem auch auf Medenberg. Er wiederholte ſogleich ſeine letzten Worte.„Es iſt in der That ſo, ich reiſe Morgen nach Jönköping; und ich bürge dafür, daß ein Brief oder jede münd⸗ liche Begrüßung, womit die Frau Gräſin mich abzu⸗ ſenden beliebt, treulich überbracht werden ſoll.“ „Iſt es gewiß, daß es nicht übel aufgenommen würde, wenn ich es wagte—?“ „Ein ſolches Vertrauen würde mich höchlich ver⸗ binden!“ „Herr Medenberg, ich bin ein wenig Menſchen⸗ kennerin,“ ſagte ſie nach einer Pauſe, aber mit dem⸗ ſelben ätheriſchen, ſchwachen und unbeſchreiblichen Lä⸗ cheln wie vor einer Weile.„Ich ſehe deutlich, daß das, um was ich Sie bitte, Sie nicht beläſtigen wird. Ich werde einen Brief ſchreiben und Ihnen denſelben geben, ehe wir uns heute trennen; und Herr Meden⸗ berg findet auf der Adreſſe, an Wen in Jönköping verſelbe iſt. Wie viel Dank bin ich Ihnen ſchuldig.“ „Meine gnädige Gräfin!“ fiel der Fremde ein⸗ „es iſt gewöhnlich der Fall, daß ein geſchenktes Ver⸗ trauen Kühnheit gibt. Wir ſind jetzt allein. Ich wünſche etwas zu fragen, und antworten Sie mir darauf, Frau Gräfin, wenn Sie wollen, im andern Falle laſſen Sie es ſein. Es iſt Jemand von Werk Aronfors verſchwunden. Man hielt ihn zuerſt für ie n ⸗ e, aß en n⸗ ig n T⸗ ch ir rn rk 91 todt; aber es ſind Umſtände vorhanden, woraus ich argwöhne, daß er lebt—“ „Der unglückliche Nickolſon? ich habe davon ge⸗ hört— von Aronfors.“ „Hat er ſich hier in Karmansbol hen laſſen?“ „Herr Medenberg;—— Kein Menſch kommt in Geſchäften zu mir. Ich ſehe Niemand, der an⸗ langt; ich weiß von Niemand; Niemand ſucht mich. Ich muß es der Güte, der beſondern Güte oder dem Glücke zuſchreiben“— ſetzte ſie wieder mit dem ſchwachen Lächeln hinzu, das eine zunehmende Bläſſe verbergen ſollte—„ich muß es dem Zufall zuſchrei⸗ ben, wenn mich Jemand wie heute in meinem Garten aufſucht— ſonſt ſehe ich Niemand.“ Mit Rührung betrachtete er ein Weſen, das ſich zu bemühen ſchien, ein gewiſſes inneres Erſchrecken nicht kund werden zu laſſen.„Der Herr Graf Zeyton iſt nicht zu Hauſe? kommt er beute wieder?“ fragte indem er den vorigen Gegenſtand ver⸗ ieß. „Ich weiß nicht, ob mein lieber Mann heute Abend heimkommt,“ erwiederte ſie.„Ich weiß es nicht; denn wenn er längere Reiſen macht, ſo hält er ſich oft aufz ja er hält ſich gewöhnlich auf. Mein lieber Zepton ging Sonntag von hier ab.“ „Am Sonntag!“ rief Medenberg laut und ſprang empor. Bei der Erinnerung, daß dieß derſelbe Tag war, wo nach Mutter Ellins Erzählung Nickolſon auf dieſer Straße fortging, war er ſeines Gefühls nicht mehr mächtig. Sie erſchrack bei ſeinem Ausruf, und ſtand ebenfalls auf. „Was ſoll das bedeuten?“ ſagte ſie, und ſah Medenberg mit großer Bekümmerniß an.„Es iſt in der That ſo, Zepton reiste Sonntags von Karmans⸗ bol ab, und wir haben jetzt Freitag. Um Gotteswillem⸗ — hat Herr Medenberg etwas gehört? Ich habe 92 meinem Onkel geſchrieben; denn ich bedarf wahrlich Rath, ich bedarf— ein Wort des— Raths.“ „Die Fran Gräfin weiß, wo der Herr Graf hin⸗ gereist iſt?“ 1„Nein.“ Er erſchrack über den Ausdruck, den ihre Züge annahmen.„Gefällt es der gnädigen Gräfin hinrin⸗ zugehen?“ ſagte er mit der größten Haſtz„der Nach⸗ mittag wird kühl, und die Frau Gräfin—“ „Meine Nerven“— ſprach ſie ſchwach—„eine Nervenkrankheit iſt doch immerhin das Schlimmſte. Mamſell Chriſtine! Mamſell Chriſtine!“ rief ſie; aber ihre Stimme wurde nicht bis zum nächſten Baume gehört. „Darf ich?“ ſagte Medenberg, mit einer Stimme voll Angſt und bot der Ohnmächtigwerdenden ſeinen Arm. Sie war am Umſinken und ſo nahm ſie denſelben ebenſo mit Vergnügen als aus Nothwendigkeit an. Nachdem ſie einige Schritte gemacht hatte, erholte ſie ſich allmählig, ging immer beſſer, und begann ſich wieder umzuſehen.„Herr Medenberg hat heute eine ſehr artige Bekanntſchaft gemacht,“ fagte ſie.„Eine Laſt kommt auf die andere; gewiß wird ſich Herr Medenberg in Acht nehmen, Karmansbol wieder zu beſuchen. Aber es wäre ſchade, wenn Sie nicht einen Tag lang hier auf dem Berge botaniſirten; kom⸗ men Sie, für heute Abend wird es zu ſpät. Ach— ach— Gott ſei Dank! jetzt ſind wir an der Pforte; haben Sie die Güte, Herr Medenberg, Sie dürfen nicht ohne etwas— eine kleine Erfri— Manmſell Chriſtine! Chriſtine! decken Sie den Ziſch! Kommen Sie mit mir in den Saal, Herr Medenberg: Kar⸗ mansbols Salon befitzt in der That einige ſehr gute rühmenswerthe Gemälde, die von dem Kenner zu ſeben zu werden verdienen. Unter anderen eines von Salvator Roſa; iſt das nicht viel, einen ſolchen in 93 Schweden zu haben? Ich verſichere Sie, es iſt ent⸗ weder von ihm ſelbſt oder eine Copie nach ihm. Ach— daß ich ſo matt ſein muß! So ſtark kann die Luft einwirken, wenn ich bis gegen 6 Uhr draußen bleibe—“ „Erlauben Sie mir, Ihnen meinen Arm auch die Treppe hinauf zu bieten.“ „Ich danke, ich danke. O mein Gott! Aber es iſt wie alle Lieblingsſtücke Salvator Roſas: Herr Medenberg wird eine wilde, eine maleriſch⸗wilde Scene aus den Apenninen ſehen: Eine Seene zwiſchen Räu⸗ bern von den entſetzlichſten Geſtalten— oh— Herr Medenberg! Ich liebe jedoch ſolche Gegenſtände nicht ſehr: Aber Herr Medenberg wird ſehen, daß es meiſterhaft gemalt iſt: Es iſt etwas Großes, ein großer Maler zu ſein, Herr Medenberg.“ Die Unglückliche war jetzt in ihre Zimmer hinauf gekommen, und der Fremde bewunderte die Anſtrengung, womit ſie bemüht war, ſich aufrecht zu erhalten, ihre Unruhe zu verbergen und zu ſein, wie ſie ſein ſollte. Er blieb außen im Saale ſtehen, um die ſchönen Ge⸗ mälde und die herrliche Ausſicht um Karmansbols Haus herum zu betrachten. Sie entfernte ſich in ein inneres Zimmer, da ſie den Brief an ihren Onkel ſchreiben wollte. Er fühlte keine ſo große Luſt, Salvator Roſa's Meiſterwerk zu betrachten, als er eigenilich hätte ſol⸗ len. Er hatte eben ein Gemälde geſehen, das auf der ſcheu aufgerollten Leinwand eines Menſchenherzens gemalt war. Er ſetzte ſich an das Fenſter, ſah in die unermeßlichen Räume hinaus, wo ihm die Natur ihre Bilder in großen Zügen darbot. Er zerdrückte eine Thräne im Auge, und ließ Alles, was er an dieſem Tage gehört und bemerkt hatte, an ſeinem Geiſte vorüberſchweben. Aus der Antwort der Gräfin und ihrer Bangigkeit bei ſeiner Frage, wohin ſich Graf Zeyton begeben habe, ſchloß er, daß Rickolſon ſich —— 94 wirklich in Karmansbol gezeigt habe, und daß ſein Verbrechen dort kein Geheimniß ſei. Er gedachte immer lebhafter der Worte Mutter Ellins über Zey⸗ ton; es kam ihm vor, als ob etwas daran wahr ſein müßte.„Sollte es möglich ſein,“ dachte er,„daß dieſer Mann ſo wie auch Nickolſon in einer gewiſſen Verbindung mit den Schurken ſteht, die gegenwärtig ganz Smaland in Angſt ſetzen? Ich kann mich dieſes Gedankens nicht ganz entſchlagen.“ Er ſaß noch ſinnend da, den Kopf auf die Hand gelehnt und den Ellenbogen an das Geſimſe geſtützt. Er ſah ſich im Saale um, und bemerkte, daß er ſich in einem ſehr alterthümlichen Zimmer befinde: die großen Gemälde ſelbſt waren in die Wand befeſtigt, und ihre Rahmen zeugten von einem hohen Alter. Sein Blick haftete mehr an dem Gemälde, das, wie ihm die Gräfin geſagt hatte, von keinem geringeren Meiſter als Salvator Roſa, oder wenigſtens nach ihm copirt war. Von dem Platze am Fenſter, wo er ſich befand, fiel ein magiſcher Schimmer auf das Stück; die Umriſſe der Berge und die wilden Räubergruppen feſſelten ſein Auge, und ungeachtet alles das nichts ſehr Intereſſantes darbieten konnte. Beſonders war es das Geſicht eines Räubers, was ſeine Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zog. Er betrachtete es ſehr, ſehr, unab⸗ läßig, er konnte nicht begreifen, warum er dieſe Züge ſchon einmal geſehen zu haben meinte, erinnerte ſich jedoch nicht mehr, bei wem dieß geweſen war. Als er ſeine Stellung ändern wollte, um aufzuſtehen, und den auf das Gefimſe geſtützten Ellbogen an ſich ziehen wollte, empfand er einen kleinen Widerſtand und be⸗ merkte, daß er ſich in eine Vertiefung im Holze, in eine kleine Aushöhlung gelehnt hatte.„Mein Gott!“ dachte er,„hier, gerade auf dieſem Platze muß Je⸗ mand oft, ſehr oft geſeſſen und mit dem Arm an das Fenſter geſtützt, wie ich jetzt, nachgeſonnen haben. Iſt dieſes Zimmer jemals zum Gefängniß benutzt 95 worden? Wenn es ſo iſt, ſo muß der Menſch da Zeit genug gehabt baben, das entſetzliche Gemälde mit ſeinen Räuberphyſiognomien zu betrachten und ganz in ſein Weſen aufzunehmen— welch' ein Gedanke? — Aber daß ich nicht im Stande ſein ſoll, das Ge⸗ ſicht herauszubringen, und wem es in der Wirklichkeit angehört?“ Die Gräfin kam zurück, ſie ſah ruhig und bei⸗ nahe heiter aus; ſie übergab nun Herren Medenberg den Brief, und bat ihn noch einmal um Entſchuldi⸗ ung. 6 8 Vie gefallen Ihnen dieſe Zimmer?“ fragte ſie indem ſie ihm die Wohnung zeigte.„Sind ſie nicht etwas alterthümlich? Dieſe Gemälde ſollen ſchon hier geweſen ſein, als Zeyion herzog, und das war mehrere Jahre, ehe wir uns vermäblten. Ich liebe derlei Scenen nicht. Aber ſind ſie nicht lebendig und geſchickt dargeſtellt— dieß Bild hat eigentlich in meinen Augen auch eine anekdotiſche Merkwürdigkeit. Be⸗ trachten Sie einmal das Geſicht dort in der Ecke, Herr Mevenberg! iſt es nicht Jemand ähnlich? iſt es nicht Nickolſon ähnlich?“ „So iſt es! Jetzt hab' ich's; ich grübelte lange darüber nach, wo ich dieſe Züge geſehen hätte. Aber was hat denn er mit dieſen Zimmern zu thun, Frau Gräfin?“ „Seine arme, unglückliche Mutter hat eine zeit⸗ lang hier gewohnt,“ erwiederte ſie.„Es war noch vor meiner Zeit; doch das gehört zu einem jener Ereigniſſe des Lebens, über die ſich nichts ſprechen läßt. Haben Sie die Güte, Herr Medenberg, mit mir hinaus zu treten; ich hoffe Mamſell Chriſtine wartet auf uns. Nein! meine ſeligſten Stunden ſind doch, wenn ich mich in die Arme eines ſchönen unter⸗ haltenden, guten, eines lehrreichen und bezaubernden Buches werfen darf. Haben Sie die Güte! Ha! ha! 4 — in die Arme eines Buchs! Was das für ein Gleich⸗ niß iſt! Herr Medenberg hat heute eine ſehr weiſe Bekanntſchaft gemacht.“ Sie gingen hinab. Medenberg bekam hier die Kinder der Gräfin zu ſehen; ſie hatten ein hübſches, aber etwas kränkliches Aeußeres. Vor der Hand ent⸗ behrten ſie jeder männlichen Anleitung, aber ſie lern⸗ ten hie und da bei ihrer guten Mutter, die ſich ein herzliches Vergnügen daraus machte, ſie in Sprachen und Geſchichte zu üben.„Sie ſollen einmal darum bitten, ein kleines Examen vor Herren Medenberg machen zu dürfen,“ ſagte ſie mit artigem Scherze. „Dann wollen wir ſehen, ihr Aermſtenz o es kann aber wohl ſein, daß— obſchon ſie eine ſchwache Leh⸗ rerin gehabt haben. Die kleine heißt Cöleſtine nach mir, die ich doch mehr an die Erde denke, als mein Name erlauben dürſte.“ Medenberg ſtrich dem kleinen Fräulein die Locken und nahm endlich Abſchied. Er ſtieg in ſeinen Wagen und fuhr über den Berg hinab, wo das ſtolze Schloß von Karmansbol ſeinen Jammer unter dem Schimmer ſeiner Schönheit barg. Achtes Kapitel. Abreiſe nach Jönköping. Das kann kein Menſch ſo ganz wiſſen. Den Tag darauf rüſtete ſich Herr Alexander Me⸗ denberg, um eine Reiſe nach Jönköping und dann über⸗ all hin zu machen, wo die Lage der Dinge es erfor⸗ derte. Aber er konnte nicht umhin zu geſtehen, daß er ſich in großer Verlegenheit befand. Denn wenn man einen entlaufenen Bergverwalter verfolgen, einer verſchwundenen Geldſumme nachſpüren, einen Dieb in Folge gegebener Veranlaſſungen feſt nehmen ſoll, ſo hat das ſeine gute Wege; wenn ſich aber einer der mächtigſten Männer der Gegend der Erreichung dieſes Zweckes entgegenſetzt, ein Mann, bei dem es eben ſo ge⸗ fährlich iſt, an ihn zu kommen, als unmöglich, ihn ganz bei Seite zu laſſen oder zu umgehen, dann muß die Ausführung auf manches Abenteuer treffen. Me⸗ denberg beſchloß, in Aronfors bis auf weiteres nichts von dem Grafen Zegpton ſelbſt und ſeiner möglichen Theilnahme an der Sache zu ſprechen. Vor ſeiner Abreiſe nach Jönköping war er Morgens bei Kapitain von Mekeroth, dieſer befand ſich jetzt etwas beſſer, ſaß aufrecht im Bette und hörte mit lebhaftem Intereſſe auf Herren Medenbergs Verſicherungen, daß er Rickol⸗ ſon für lebend halte, ſo wie ſeine Pläne und Hoff⸗ nungen, das verlorene Geld wieder finden zu können. Der Kapitain vertraute ihm, daß er gerade, was dieſen kleinen Umſtand, das Geld nemlich, betraf, ſich durch den Diebſtahl in eine Verlegenheit verſetzt ſehe, die⸗ ſowohl wegen ves Betriebs des Gutes als der Be⸗ Drei Frauen in Smaland. 1.* 98 vürfniſſe der Haushaltung nothwendig ſchnell gehoben werden müſſe. Er gab deßhalb Medenberg einen Brief an einen ſeiner Geſchäftsfreunde in Jönköping, von dem er hoffte, daß er ihm die nöthige Summe ohne Zögern verſchaffen könnte.„Im andern Falle,“ ſchloß er,„habe ich keinen andern Ausweg, als mich an meine guten Götheborger zu wenden, die von mir das Eiſen empfangen und ausſchiffen. Ein ſo unvor⸗ hergeſehener Fall, wofür doch ein anſehnlicher Dieb⸗ ſtahl billig anzuſehen iſt, muß mir wohl auch, trotz der ungeſchickten Jahreszeit, eine Vorausbezahlung auswirken. Ich babe meine Correſpondenz beinahe ganz verſäumt. Zu meinem Schaden habe ich allzu⸗ wenig Verbindungen und einen ganz geringen Brief⸗ wechſel mit den Lenten unterhalten; ich bin ſelbſt ein alter Militär, ein Feind der Schreiberei, beſonders was ſolchen Plunder betrifft; ich habe mich damit be⸗ gnügt, in einer ſchönen iſolirten Ruhe zu leben. Ich ſehe jedoch, daß die Folgen dieſer Ruhe für gegen⸗ wärtig ein wenig dumm find; ich geſtehe das. Hier dürfte eine perſönliche Dazwiſchenkunft nöthig ſein, aber für mich in meiner Lage iſt das unmöglich. Sollte wohl Herr Medenberg, wenn mich die Noth zu einem ſolchen Begehren treibt, um meinetwillen eine kleine Reiſe nach Götheborg in dem von mir ange⸗ deuteten diplomatiſchen Wege machen wollen? Niemand wäre geſchickter dazu— aber ich ſehe ein, welche— nun wir haben noch immer Zeit, darüber zu ſprechen. 3 müſſen zuerſt den Ausgang in Jönköping abwar⸗ en.“ Medenberg erklärte ſich ſehr bereitwillig dazu, die Reiſe nach Götheborg zu unternehmen, wenn er nur die zur Unterhaltung mit den Großhändlern nöthige diplomatiſche Geſchicklichkeit beſitze, ſo wie auch alles zu thun, was ſonſt der Nutzen und die Wohlfahrt des Herrn Kapitains in der gegenwärtigen Kriſis erheiſche; „wenn nur—“ ſetzte er hinzu—„die Zöglinge nicht 99 zu ſehr darunter leiden.“ Ol“ berſetzle der Kapi⸗ tain,„zu allem Glück, ober auch zu allem Unglück wird Malts noch lange durch die Blattern an dem Lernen verhindert ſein, und die kleine Ulla, ja für ſie iſt es ſchade, voch ſie muß ſich eben mit Nähen und Stricken tröſten. Aber hören Sie mal, mein beſter Herr Medenberg,“ ſetzte er hinzu,„ich hoffe zwar, daß es nicht nöthig iſt, doch Vorſicht ſchadet weniger als Unvorſichtigkeit; nehmen Sie meine Reiſeterzerolen und meinen Hirſchfänger. Ich erſehe aus den Zeitungen, daß gewiſſe Gegenden in Smaland unſicher geworden ſind. Bis hieher haben ſich zwar dieſe Dummheiten noch nicht erſtreckt, ſo viel ich weiß; aber wer kann voraus ſagen, wohin dieſe Diebe und Räuber ihren Lauf noch nehmen werden.“ Medenberg hatte nichts dagegen, er dankte, nahm die Waffen und verbeugte ſich zum Abſchied. Ein kleiner hübſcher Reiſewagen mit zwei Pferden wurde herge⸗ richtet. Ehe er abreiste, winkte ihm Frau von Meke⸗ roth in ihr Kabinet. Auch ſie hatte einen Brief nach Jönköping.„Man bekommt ſtets Commiſſionen über Commiſſionen, wenn man zur Stadt fährt,“ ſagte ſie mit einem leichten Lächeln.„Aber dieſe iſt ernſter als ich wünſchte; mein armer Mekeroth befindet ſich ſchlimmer als er glaubt. Er iſt heute etwas beſſer; wie gefiel er Ihnen, Herr Medenberg?“—„Ich kenne die Krankheit des Herrn Kapitains nicht ſchon ſeit längerer Zeit,“ antwortete erz„aber ich möchte wün⸗ ſchen, daß der Arzt um Rath gefragt oder wenigſtens Heilmiitel herbeigebracht würden; und ich hatte in der That die Abſicht, Sie zu bitten, dieß thun zu dürfen.“ —„Beſter Herr Medenberg,“ verſetzte ſie,„mein Brief bezweckt dieß. Mein guter Meferoth bat einen entſchie⸗ denen und für ihn ſchädlichen Widerwillen gegen Aerzte; das ziemt vielleicht einem Kriegsmanne, aber ich bin ängſtlich. Doch bekümmert mich dieſer Anfall nicht ſo ſehr, denn ich kenne ſeine Conſtitution. Wir 100 haben mehrere dieſer Art ohne Folgen erlebt.“ Me⸗ denberg nahm den Brief und verbeugte ſich, um zu gehen.„Glück auf die Reiſe,“ ſagte die Frau mit einem Blicke voll Vertrauen, Innigkeit und Güte. Faſt mit einer Thräne ſetzte ſie hinzu:„Es bängt ſehr viel davon ab, was jetzt geſchehen wird: Man muß ſeben, ob Nickolſon zu bekommen iſt. Wie glücklich ſind wir, daß—— Herr Medenberg, für vieles in der Welt gibt es keine Dankbarkeit— keine—— denn ſie würde nicht zureichen.“ Er küßte ihr die Hand und ging. Mit heiterem Sinne und guten Hoffnungen ver⸗ ließ er Aronfors, er ſollte mit eigenen Pferden bis nach Skillingaryd fahren; aber als Bedienien, Stall⸗ knecht, Kutſcher, Aufwärter und zu allem, was er ſonſt beliebte, hatte er einen jungen Burſchen mit auf die Reiſe bekommen, der zum Werke gehörte und Jeppe Johnſon hieß. Man kann ſich keinen behänderen, willigeren und fröhlicheren Menſchen denken, als einen jungen Smaländer, der fährt; und Jeppe machte ſei⸗ nen braven und liebenswürdigen Landsleuten keine Schande. Es iſt ſchade, daß wir ſeine Worte nicht in dem reinen Dialekt anführen können, wie ſie laute⸗ ten, wenn er ſprach; es würde ebenſo lehrreich als ergötzlich ſeyn. Aber wir können wenigſtens dieß ſa⸗ gen, daß er in kurzen Hoſen, blauen Strümpfen und Schuhen reiste. Er hatte ein mageres, etwas gelb⸗ blaſſes Geſicht, wie man dieß an ſeinen Landsleuten in der Gegend ſehr oft ſieht; dabei ein paar große, hellblaue, runde und funkelnde Augen; und über dieß Alles eine ſchwarze weitſchweifige Sammlung von Haaren, die am letzten Sonntage gekämmt worden waren. Die Form ſeines Hutes gab ihm ein kühnes Ausſehen, das durch die Peitſche in ſeiner Hand noch, vermehrt wurde. Der Wes führte den Wagen an dem Probſthofe vorbei. Rach ihrer Verabredung ſtand Herr Göran, 101 der Sohn des Probſtes, in Reiſekleidern und völlig ausgerüſtet, am Grabenrande, um ſeinen Freund Alexander auf der Fahrt zu begleiten; zugleich aber auch um ihm die Nothwendigkeit zu beweiſen, nach dem Probſthofe hinzufahren, der nur einen Steinwurf von der Straße entfernt war. Medenberg dankte; er wollte weder die wichtige Zeit verſäumen, noch unhöf⸗ lich ſein; er beſchloß daher, nach dem Probfthofe zu fahren, aber durchaus nicht auszuſteigen.„Du mußt die Frau Probſtin bitten, mich zu entſchuldigen, Gö⸗ ran, hörſt du?“ ſagte er, als er herumfuhr, und Göran ſich anſchickte, die kleine Strecke auf dem Fuß⸗ tritt mit zu fahren. Da der Held ſelbſt ſo Eile hat, ſo dürfen wir in der Erzählung nicht mehr ſagen, als daß er ſo ſchnell als möglich wieder von dem Probſthofe fortfuhr. Die ganze Familie was um den Reiſewagen verſammelt, in den ſich Göran an Alexanders Seite ſetzte. Der Probſt ſtand mit einem Telles da, auf welchem ein hochgefülltes Bierglas prunkte; die Probſtin wickelte einen Apfelkuchen in eine Zeitung und ſteckte ihn ſorg⸗ fältig in die Wagentaſche; über Marie iſt nichts weiter zu ſagen, als daß ſie nach Empfang des neuen deut⸗ ſchen Buches, das Herr Medenberg in aller Stille für ſie mitbrachte, den ganzen Aufzug mit einem ſtrahlen⸗ den Geſichte betrachtete, die Pferde ſchmeichelnd firei⸗ chelte, ſogar bis von ihre freundliche Mäuler trat, ſie ſtrich und klopfte, und ausſah, als ob ſie die ſchönen Thiere küſſen wollte. Nachdem die fahrende Geſellſchaft eine Gott weiß wie lange Strecke zurückgelegt hatte, die jedoch hin⸗ reichte, um Alexandern Zeit zu laſſen, eine Cigarre zu rauchen, und Göran deren zwei zu verbrennen, fingen die angenehmen Birkenhügel an abzunehmen, die Gegend wurde häßlicher, ſandiger, und reicher an Tannen, und bald öffnete ſich eine große leere Fläche. Göran ſah ſich auf dieſer Ebene nach allen Seiten mit 102 ſo glänzenden Augen um, daß Alexander meinte, das gehe doch zu weit.„Was entzückt dich denn auf dieſem abſcheulichen Boden?“ ſagte er und warf den ausge⸗ rauchten äußerſten Stumpen aus dem Wagen.„Was⸗ abſchenlicher Boden? du unwiſſender Magiſter!“ rief Göran.„O mein Bruder, ſiehſt du denn nicht da vorwärts Skillingaryd? und hier iſt der Exerzierplatz von Jönköping, und hier hat mein Großvater zu ſeiner Zeit wie ein ganzer Mann ſeine Schritte gemacht!“ —„Ach ſo,“ erwiederte Medenberg,„ja, ich geſtehe, es würde mir ſehr angenehm ſein, einen Soldaten zum Vater oder Großvater gehabt zu haben; es muß etwas ſehr Schoͤnes, Stattliches ſein.“—„Wiſſen die Herrn, mein Vater iſt auch Soldat und er lebt noch,“ fiel hier Jeppe Jonſſon ein, und wandte dabei den Kopf vom Bocke zurück;z denn ein Bedienter ſeiner Art nahm ſich ohne alles Bedenken beraus, in der Unter⸗ haltung ſeiner Herrn mitzuſprechen. Er ſah auch ſo lebhaft und ſtolz vrein, als er dieſe Worte über ſeinen Be ausſprach, daß man ihm unmöglich böſe ſein onnte. Göran nahm ſogleich den Faden auf und ſagte: „Nun wohl, mein lieber Jeppe, warum läßt Du dich denn nicht zum Soldaten machen, wie dein Vater? Warum bleibſt Du nur ein Werkknecht, ein Kohlen⸗ bauer, ein armer Kerl.“ „O, es muß doch auch eine Memme im Kirch⸗ ſpiel ſein, antwortete Jeppe und warf einen ſchel⸗ miſchen Blick zur Seite. „Du eine Memme? ha, ha, da! Dann werfen wir dich gleich zum Wagen hinaus. Du wirſt wiſſen, das Smaland gegenwärtig voll Diebe und Straßen⸗ räuber iſt— vielleicht haben wir ſie in einer kleinen Weile auf dem Hals— was hilft uns dann ein Kut⸗ der den Schurken nicht ins Ange zu ſehen wagt.“ „Wenn ich ihnen nicht ins Auge zu ſehen wage,“ — 103 erwiederte Jeppe,„ſo ſchlage ich ihnen dafür die Beine ab, und dann kann Herr Göran ihnen den Hals umdrehen, ſo wird es am beſten ſein.“ „Schön! Jeppe Jonſſon, ſchön! für dieſe Antwort follſt Du einen Biß Tabak haben,“ rief Göran, der muntere Probſt⸗Sohn, der ſeines Vaters Schaafe ge⸗ wöhnt hatte, in ihm mehr einen Bruder als einen vornehmen Gelehrten zu ſehen. Auch war Jeppe ſo kühn, ihn ſogleich beim Wort zu nehmen.„Ich danke, Herr Göran, ich danke,“ ſagte er,„es wird recht wohl angelegt ſein, wenn Sie mir gleich bei dem Wirthe in Skillingaryd einen geben. Aber ſchenken Sie mir doch eine Cigarre, denn Sie wiſſen, Göran, ich kann eine rauchen, wenn ich in Geſellſchaft der Herren bin;(er lüftete den Hut) dann werde ich zwei Diebe auf einen Griff hacken, wenn uns nur Göran welche verſchaffen wird.“ Obſchon der junge Knecht in der That in ſeinem Scherz und ſeinem Vertrauen auf Görans freund⸗ ſchaftliche Nachſicht etwas zu weit gegangen war, ſo wurde dieſer doch durchaus nicht böſe, ſondern lachte aus vollem Halſe. Medenberg ſagte nichts; er mochte zwar eine Dreiſtigkeit nicht übel leiden, die ſich nicht auf Grobheit oder Naſenweisheit, ſondern auf treu⸗ herzige Freimüthigkeit gründete, aber er gehörte zu der Art Reiſenden, die während des Fahrens ein grö⸗ ßeres Vergnügen am Schweigen als am Sprechen finden. Es war ihm am liebſten, wenn er in einer beſchaulichen Ruhe ſeine Blicke auf den Landſchaften umherwerfen und ſeine Seele in ſtille, weite und lieb⸗ liche Betrachtungen verſenken konnte. Doch ſtörte ihn dabei die Unterhaltung Anderer durchaus nicht, er er⸗ wog im Gegentheile jetzt ſein Glück, das ihm nicht nur eine, ſondern zwei Perſonen zur Reiſegeſellſchaft gab, ſo daß dieſe einander unterhalten konnten, ſo oft⸗ er ſelbſt ſich höheren Grübeleien, ſchönen Gemälden, himmliſchen Idealen, glückſeligen Gedanken überlaſſen 104 wollte. Wer weiß, ob nicht Marie einen Platz unter ihnen einnahm, und ob er vielleicht nicht gerade darum ihrem Bruder Göran mehrere ſeiner Ausfälle verzieh? Oder wer weiß, ob nicht Jemand anders eine Stelle einnahm? Das kann kein Menſch ſo ganz wiſſen, Neuntes Kapitel. Vie überfallenen Reiſenden. Ich fürchte mich ſehr vor ſolchen Spukge⸗ geſtalten, die zugleich lebend und todt ſind. In Skillingaryd wechſelte man die Pferde, nahm Poſt, und ſandte die erſteren mit einem kleinen Reit⸗ jungen, der zu dieſem Endzweck hinten auf dem Wa⸗ gen mitgefahren war, nach Aronfors zurück. Dann fuhr man unverzüglich gegen Byarum. Die Gegen⸗ den behielten ihre vorige Wildheit bei; ſie gewährten beſonders in der Gegend der Werke Göthaſtröm und Göthafors einen noch romantiſcheren Anblick, man ſah den ſchönen Lagafluß und hatte ſeine Freude an dem⸗ ſelben. Jeppe Jonſſon fand ein gewaltiges Vergnü⸗ gen daran, mit ſeiner langen Herrſchaftskutſchenpeitſche ein Echo in den Bergen hervorzurufen; zwar konnte er dieſes ſechsſylbige Wort, aller Ermahnungen Gö⸗ rans ungeachtet, nie fehlerfrei ausſprechen, dagegen hörte er aber nicht auf, zu klatſchen, obwohl derſelbe Herr Göran dadurch einige beißende Hiebe von hinten zu ſchmecken belam, und Jeppen eine ordentliche Ohr⸗ feige auf beide Wangen verſprach, im Fall es noch 105 einmal geſchehe. Dieſelbe ſollte dann in Jönköping eine halbe Stunde nach der Ankunft verabreicht wer⸗ den, ſobald man im Quartier in Ordnung wäre. Alexanders Gedanken waren mit einer großarti⸗ gen und ſchönen Betrachtung der Tabergiſchen Hügel⸗ kette beſchäftigt, in welche die Fahrenden jetzt eintra⸗ ten. Er begann mit Göran eine Unterhaltung nicht nur über das Kirchſpiel Byarum, ſondern vor Allem über Mansarp, in welchem letzteren der herrliche hohe Taberg ſelbſt lag und ſich mit einer ſo großen Gaſt⸗ freiheit, mit einer ſo ausgezeichneten Freigebigkeit aus⸗ breitete, daß er den Menſchen das Erz aus ſeinen Seiten ſogar ſchon über der Erde ausbrechen ließ. Göran wurde immer heiterer und ſtolzer, je ſchöner ſich Alexander über den Taberg, dieſe Ehre des nörd⸗ lichen Smalandes, dieſe Fee, ausſprach, die ihre Stirne über den ſüdlichen Wetterſtrand erhebend, da zu ſtehen und mit dem Omberg gegen Oſten zu ſpre⸗ chen und lächelnd gleichſam zu fragen ſcheint: ob es denn wirklich in Oſtgothland eben ſo ſchön ſein könnte, wie in Smaland. Es iſt ein charakteriſtiſcher Zug bei allen lebhaften ſchwediſchen Jünglingen, daß nichts ſie ſo ſehr erfreut, als das Lob, das fie über ihre Heimath und die Schönheiten derſelben hören. Weit weniger fragen ſie nach Lobſprüchen über ihre eigenen Perſonen. Göran liebte zwar das ganze Schweden, und im Ausland hätte er ſich gewiß für die Wahr⸗ heit, daß kein Land lieblicher, kein Volk beſſer ſei, geſchlagen, worin er auch Recht hätte. Aber in Schwe⸗ den ſelbſt galt doch in ſeinen Augen nichts ſo viel⸗ als Smaland, und beſonders die nördlichen Bezirke des Kirchſpiels Jönköping; kein Strom kam dem Laga⸗ fluß gleich, wo er bei Vernamo ſein Silber in den Widöſtern ergießt; keine Ebene war wie der Exercier⸗ platz hei Skillingaryd, wo der tapfere Soldat, ſein Großvater, ſich ein ſo großes Vertrauen errungen haite, um ſehr oft Korporalsdienſte thun zu dürfenz 106 kein See könnte mit dem Hinſen, Roſeken, dem Land⸗ ſee und andern verglichen werden, und als Alexander ſeinen Wunſch immer ſchwärmiſcher ausſprach, er möchte einmal den Taberg beſuchen, beſteigen, an Ort und Stelle bewundern, er möchte auf dem berühmlen Tannenplatze ſtehen, wo Guſtav Adolph ſeinen Namen in die Rinde eines Baumes eingeſchnitten hatte, das Waſſer aus der Quelle auf dem Gipfel des Ber⸗ ges trinken, und von dort aus all die Ausſichten be⸗ ſchauen, von denen er ſo piel gehört hatte, da konnte ſich Göran kaum bemeiſtern und enthalten, ihn zu um⸗ armen, woran ihn nur die Enge des Wagens hinderte. Endlich ſprach Alexander:„Du kennſt wohl die Anek⸗ dote, Göran, daß unſer geſchickter Chemiker, Profeſſor Sefſtröm, in dem Tabergerz ein ganz neues Me⸗ tall entdeckt hat, ein Metall, das in gewiſſen Säuren und Salzformen die allergöttlichſten Farben, grün, gelb und blau annimmt, und ſeinen Namen von der nordiſchen Schönheitsgöttin Vanadis ſelbſt erhalten hat?“ „Ach!“ rief Göran mit ſtrahlenden Augen,„das wußte ich nicht.“ „Dieſes wunderbare Metall, dieſes Vanadis, war nachher auch in Amerika, in Mexico geſehen, und als ſolches conſtatirt worden: Man hat bewieſen, Göran, daß es nicht eine chemiſche Phantaſie, ſondern eine Wirklichkeit iſt! Was ſagſt Du dazu? Ich ver⸗ fichere dich, in unſerem armen Schweden gibt es merkwürdige Dinge! Aber— wir machen nichts daraus. Wir machen kein Weſen aus uns ſelbſt. Wir thun recht daran. Man wird eines Tags in Europa erfahren, daß Skandinavien Jahrhunderte lang die ſtille Heimath, das Verſteck der ſchönſten Geheimniſſe ſowohl der intellectuellen als der pbyſiſchen Welt war. Wir ſind zu ſtolz, um nur von ihnen zu ſprechen.“ „Ja wir Schweden ſind große Thierchen,“ fiel Göran ein, der Alexanders letzte Worte nicht recht zu verſtehen ſchien.„Wie ſtellen wir uns an?“ fuhr er 107 fort, und ſpuckte in ſeinem Aerger ſo weit und ſtark aus, daß es in den Zweigen einer hohen Fichte an der Straße hängen blieb.„Was thun wir? Wir bewundern die Produkte des Auslands! Wir lernen alle ſeine Sprachen, um ſeine dummen Bücher zu le⸗ ſen! Und wir haben doch ſelbſt die ſchönſte Sprache. Pfui! wie einfältig find wir. Warum zwingen wir nicht eben ſo gut das Ausland, Schwediſch zu lernen, und uns in unſrem eigenen herrlichen Idiome zu le⸗ ſen? Nein, wir müſſen immer dem„der, die, das“ nachkriechen; wir müſſen dem le und la die Hand tüſſen: wir müſſen uns die Zungenſpitze verderben, um ſolche Mißtöne wie thougt hervorzubringen; es iſt in der Ordnung, daß wir einander mit der Frage be⸗ grüßen: Gossudur! Gavarite li vyi paruski?*) Denn uns iſt alles herrlich und ſchön, nur das Schwe⸗ diſche nicht. Wir ſind große— mit Reſpekt zu ſagen! Wir ſind gerade die zwei erſten Buchſtaben von dem Namen unſerer guten Väter, der Aſen; mehr blieb uns nicht von ihnen, als das, aber dieß auch in der größten Ausdehnung.“ „Lieber Göran,“ ſagte Alexander,„unſer Werth bleibt uns nicht weniger, obſchon wir uns deſſelben nicht rühmen.“ „Unſer Werth“ erwieverte der andere.„Ja frei⸗ lich bleibt uns unſer verfl— Werth. Aber was iſt dieſer Werth werth? Nein, dem Engländer, dieſem Schlingel, weiß ich noch Dankz er thut wohl daran, wenn er von nichts anderem als Alt⸗England wiſſen will, nichts anderes lernen will als Engliſch, nicht— doch genug, er iſt deßhalb auch ein ganzer Mann obſchon eine große Bulldogge⸗ Aber wie ſteht es da⸗ gegen mit uns? Glaubſt Du wohl, daß unſer Linné noch für den König der Botanik anerkannt würde, — ) Mein Herr, ſprechen Sie ruſſiſch? 108 wenn er ſeine Werke nicht lateiniſch herausgegeben, und holländiſche Blumenzwiebel in Hartecamp bei Haarlem geflickt hätte? Glaubſt Du, Berzellius hätte den Humpbrep Davy überwunden, und wäre je ein römiſcher Einer in der Chemie geworden, wenn man ihn nicht erſt in's Deutſche und Franzöſiſche überſetzt hätte? Es iſt fürchterlich, wenn man nur an ſo Etwas denkt. Nun, und Tegnér? Glaubſt Du, er wäre in tauſend Jahren der Prophet Jeſäias in der Poeſie geworden, wie er es verdient hat, wenn man ihn nicht in einer andern Sprache als der armen Schwediſchen zu leſen bekommen pätte? Es iſt eine Schande. Aber es iſt unſer eigener Fehler, Warum zwingen wir den Ausländer nicht, unſere Sprache zu lernen?“ „Wenn ich nur wüßte, wie er dazu gezwungen werden könnte,“ bemerkte Alexander und drückte ſich noch beſſer in die Ecke des munter dahin rollenden Wagens hinauf. „Das weiß ich wohl,“ rief Göran und behielt ſtets ſein mürriſches Ausſehen bei.„Fahre nicht in den Graben, Jeppe— Dur— Schlingel!“ rief ſein Aerger ſchien ſich jetzt über alle Gegenſtände zu verbreiten. „Nun, wie würdeſt Du denn das anfangen? das möchte ich doch wiſſen; es wäre meiner Treu eine Nationglentdeckung.“ „Wie ich das anfangen würde, um vie Fremden“ zum Schwediſchlernen zu zwingen? Hm! ich würde nur ſo ſchreiben, daß es unüberſetzbar, aber zugleich ſo vortrefflich wäre, daß ſie mich durchaus leſen woll⸗ ten,“ erwiederte Göran mit Zuverſicht.„Sie ſollten mir vor Begierde, mich kennen zu lernen, berſten; aber das könnten ſie dann unmöglich, wenn ſie mich nicht aus der erſten Hand, nämlich in meiner Mutterſprache nähmen.“ „Wenn Du unüberſetzbar biſt, lieber Göran, ſo der me rol 5 ſt ir zier So tau übe 109 fürchte ich, wirſt Du nicht ſo außerordentlich vortreff⸗ lich werden.“ „So, jetzt ſpricht der Herr wie ein Schaafskopf,“ ſagte Mutter Ellin in Dädemo Hult; erinnerſt Du dich? Der Alten fehlte es nicht an Verſtand.“ „Wie meinſt Du es denn ins Himmelsnamen! ſei doch kein ſo zorniger Potentat,“ ſagte Alexander, ohne ſich aus ſeiner guten Laune bringen zu laſſen. „Ich meine,“ſiel Göran ein,„Du als ein Gelehr⸗ ter und weit Gelehrterer als ich, als ich armer Teu⸗ fel, ſollteßt Dich aus der Literaturgeſchichte erinnern, daß gerade das Vortreffliche unüberſetzbar iſt; denn es iſt, was die Lokalſchilderung, die Zeichnung der Perſonen und die Eigenheiten der Sprachform betrifft, ſo individuell dargeſtellt, daß eine richtige Ueberſetzung nicht um alle Silbergruben der Erde zu bekommen iſt.“ „Das iſt etwas Anderes. Werde nur wieder gnädig, beſter Göran, ich meine, das iſt nicht ſo gefährlich.“ „Warum lernen wir Hebräiſch?“— rief der Andere ſaufter, aber immer noch mit Feuer—„warum wenn nicht deßhalb, weil jede Bibelüberſetzung des alten Teſtamentes gegen den Text in der herrlichen Urſchrift wie Haberſuppe in einem hoͤlzernen Löffel ſchmeckt? Welch' ein Karrenbauer iſt nicht Tingſtadius ſelbſt, ſo groß er auch war, gegen König David, wenn der ſich in ſeiner eigenen Sprache hören läßt? O mein Gott! wie ſträuben ſich nicht die Haare, wie rollt nicht der Donner, wenn man den 18. Pſalm in ſeiner Urſprache im Hebräiſchen liest!“ „Du haſt Recht!“ „Und warum lernen wir Griechiſch, das doch ziemlich ſchiefrig iſt, wenn nicht deßhalb, weil Homer, Sophokles, Anakreon und Theokritos, obwohl einige kauſendmal überſetzt, doch eigentlich noch gar nicht überſetzt ſind? Hab' ich Unrecht, Alexander? Was iſt wohl langgezogener und lanzweiliger, als die 1¹⁰ Iliade und Odyſſee ſelbſt in Voſſichen Hexametern? Von Wallenbergs Ueberſetzung will ich gar nicht ſpre⸗ chen. Noch weniger von Popes und Madame Daciers Erbärmlichkeiten, die ich nie geleſen habe. Aber ich verzeihe dieſen Ueberſetzern und Traveſtirern, daß ſie nicht gethan haben, was ſie in Ewigkeit nicht thun können. Warum— ferner— lernen wir Deutſch, wenn nicht deßhalb, weil die Deutſchen einen Göthe haben, der nie im Schwediſchen wiedergegeben werden kann! Während Lafontaineiſche Romane Dutzendweiſe bei uns herauskommen, ſo konnte ſich von dem eigentlichen Hochdeutſchen doch höchſtens nur Werthers Leiden in eine andere, als feine eigene Tracht kleiden. Verſtehſi Du mich jetzt, Alexander? Sagteſt Du mir dieſer Tage nicht ſelbſt, daß keine einzige Ucberſetzung von Byron, Shakespeare oder nur Scott einen Fun⸗ ken von der wahren, innern, geheimnißvollen Poeſie ahnen laſſe, die in ihren Dichterwerken lebt, und daß Du deßhalb das widerwärtige Engliſche gelernt habeſté“ „Ich will nicht gerade ſagen, daß das Engliſche widerwärtig iſt.“ „Aber ich ſage, daß es eine verdammite Sprache iſt.“ „Ja Göran, alles zuſammengenommen haſt Du mit deiner Behauptung im Ganzen Recht. Dein Vor⸗ ſchlag, die Fremden zum Schwediſchlernen zu zwingen, iſt ſehr gut; und ich zweifle nicht, daß Du Unüberſetz⸗ barkeiten ſchreiben könnteſt, vorausgeſetzt, daß ſie zu⸗ gleich auch Vortrefflichkeiten wären. Denn unter andern ſimſtänden wird ſich doch wohl der Fremde nicht zwin⸗ gen laſſen, nicht wahr?“ „Alexander,“ verſetzte Göran beinahe wehmüthig, „Du ſollteſt nicht unartig gegen mich ſein, weil ich mein Schwediſches ſo heiß liebe. Ich weiß ſebr wohl, daß ich armer Wurm für meine Perſon weder etwas Unüberſetzbares noch Vorzügliches ſchreiben kann. Jh meine nur, ſo müßte man es anſtellen, wenn da Schwediſche im Auslande beliebt und ſtudirt werden In Fo ſchi geſ 111 ſollte. Ich bin nichts weiter, als meines armen Vaters geſetzlicher Sohn; ich bin meines Groß⸗ vaters Enkel, und gedenke vielleicht auch eines Tages Soldat zu werden: ſo daß ich gewiß nie ein Schrift⸗ ſteller werde. Aber ich weiß nichts deſto weniger, daß ich in dem, was ich ſagte, vollkommen Recht habe. Der Fremde wird eines Tages das Schwediſche ler⸗ nen, das behaupte ich! Er wird es! und zwar aus demſelben Grund, als er ſchon haufenweiſe unſer ſchönes Land zu beſuchen beginnt, ſeit der Göthakanal in Gang gelommen iſt. Schon find ſeltſame Leute am Taberg herumgezogen, da der Commandeur⸗Kapi⸗ tain ſich jetzt entſchloſſen hat, bis nach Jönköping zu fahren. Es wird gewiß gehen, ſei ohne Sorge, mein Bruder. Wie keine Kupferſtiche auf der Welt, auch nicht die beſten unſerer Smaländiſchen Anſichten ſo zei⸗. gen können, wie ſie ſind, ſondern der Fremde noth⸗ wendig perſönlich an Ort und Stelle reiſen muß, wenn er etwas Ordentliches ſehen will; ſo wird er auch ſo gut ſein und die ſchwediſche Sprache erlernen, wenn er eines Tages Poeſie hören will.“ „Aber Du vergißt, daß die Frithiofſage mit Entzücken ſich in fremden Sprachen kund gethan hat. Dieß ſpricht laut gegen Deinen Satz.⸗ „Es muß erſt unterſucht werden, ob alle dieſe Ueberſetzungen etwas taugenz ob ſie Tegnér find. Nur dann ſprechen ſie gegen mich. Aber in dieſem Falle muß ich wirklich Tegnér beklagen.“ „Wie ſo, mein Göran?“ 8 „Denn dann war er ein ſo kleiner Dichter, daß er überſetzt werden konnte. Und er iſt doch nicht klein.“ „Das verſteh ich nicht.“ „Nun dann wären ja ſeine Schilderungen dem Inhalte nach ſo allgemein, daß ſie in noch weitere Formen als ihre eigenthümliche gepaßt und auf ver⸗ ſchiedene Art wieder gegeben werden könnten. Seine geſchilderten Perſonen müßten dann keine wirklichen 112 Subjekie, und die Scenen um ſeine Perſonen keine wahren Objekte ſein.“ „Weder wahre Subjekte und Objekte? Wir müſſen in Mohnike nachſehen, wie es ſich damit verhält.“ „Den Mohnike hole der Leufel!“ rief Göran, der auf's Neue in den militäriſchen Grimm ſeines Großvaters gerathen war. Er fuhr fort:„Der Moh⸗ nike und alle andern Ueberſetzer der Frithiofſage hät⸗ ten im Rauch hängen ſollen, denn ohne ſie hätte man jetzt in Europa den Tegnér im Schwediſchen geleſen, und das Schwediſche wäre ſchon eine Europäiſche Sprache.“ „Aber, verzeihe mir, Du biſt ein großer Phantaſt, Göran. Es iſt durchaus nicht ſo gewiß, wie Du glaubſt, daß ohne Mohnike und die Andern der Fri⸗ thiof in Europa bekannt geworden wäre.“ „Nun, wenn ſogar Tegnér nicht mehr werth ſein ſoll, als daß er der Ueberſetzung bedarf, um ein Eu⸗ ropäiſcher Dichter zu werden, ſo ſchicke ich auch ihn —— doch ich thue das noch nicht,“ ſetzte Göran mit iuen ſanfteren, einem beinahe thränenfeuchten Blick inzu. Wlenne ſah ihn an. „Nein,“ fuhr der Andere fort,„das thu' ich doch nicht, denn es wäre Sünde und Schade um ihn. Wüßteſt Du, was ich w ſo würdeſt Du auch glau⸗ ben, daß es Sünde und Schade um Tegnér wäre.“ „Was ums Himmels willen, meinſt Du?“ „Das wirſt Du erfahren, wenn wir nach Jönkö⸗ ping kommen.“ „Das muß ein beſonderes Myſterium ſeyn.“ „Ja, ſo etwas; Du wirſt ſehen. He! Holla Jonſſon! jetzt fährſt Du ja zu langſam!“ rief öran. „Ja wohl fahr' ich langſam,“ antwortete dieſer und drehte den Kopf herum,„das geſchieht deßhalb⸗ 5 6 d an Du ri⸗ ein u⸗ hn nit ick ch n. 113 weil ich hören will, was die Herren ſagen. Iſt das Schwediſch, was die Herren ſprechen?“ „Wir meinen wenigſtens,“ verſetzte Alexander lachend. „Das iſt ſchön. Aber es iſt nicht das reine Sma⸗ ländiſche, dafür ſtehe ich,“ ſagte Jeppe, that einen fri⸗ ſchen Hieb, und fuhr den Hügel hinab.„Aber ent⸗ ſchuldigen Sie,“ fuhr er ſort und wandte den Kopf wieder zurück,„es wäre nicht recht von mir, wenn ich mich in die Unterredung der Herren miſchen wollte, ſonſt könnte ich ein Wort anbringen, falls ich dürſte. Denn ich hörte etwas von der Wirthin in Skillingaryd.“ „Sprich, Jeppe, ich erlaub' es Dir,“ ſagte Göran. „Sie ſagte, wenn wir gegen Granvik und Gära⸗ bof kämen und dort halten blieben, würden wir Nach⸗ tigallen zu hören bekommen. Und ietzt ſind wir un⸗ gefahr daherum. Deßhalb wollt' ich es den Herren ſagen.“ „Nachtigallen!“ rief Medenberg.„So halte alſo, damit wir hören. Das wäre ſehr hübſch.“ „Hat der Herr ſeine Piſtolen geladen? Machen Sie auch den Säbel los, Herr, es wird nichts ſchaden.“ „Wie? meinſt Du ſolche Nachtigallen?“ rief Gö⸗ ran.„Hör' ein Mal, halt! halt ein wenig, Jeppe! wir müſſen wiſſen, was die Wirthin geſagt hat. Hat ſie etwas von den berüchtigten Smaländiſchen Dieben gehört? Hatten dieſe den Weg hieher genommen, „Als die Herren in der Kammer waren und in das Dagebuch ſchrieben, ſtand ich in der Stube und hörte, was die Mutter ſagte; ſie erzählte, der Räuber ſeien mehrere.“ „Hatte man ſie hier in den Wäldern von Byarum geſehen? find Reiſende überfallen worden?“ „Ja, das behauptete ſie ganz beſtimmt. Sie ſagte, der Mörder ſeien zwanzig.“ Drei Frauen in Smaland. 1. 8 1¹⁴ „Aber, mein Gott—“ „Das iſt durchaus nicht zu glauben, Göran, denn die Alte war betrunken, als fie ſchwatzte; und Niemand als ſie wollte das Gerücht in einem Dorfe gehört ha⸗ ben, wo ſie bei ihrem Bruder auf einem Schmauſe ge⸗ weſen war.“ „Sie war betrunken? Nun, wenn dieß nur eine Lüge geweſen iſt, ſo hätteſt Du eben ſo gut ſchweigen können, dieß muß ich Dir ſagen, Jeppe.“ „Aber, Herr Göran, die Sache iſt doch zuverläſ⸗ ſig, denn die Mädchen in Skillingaryd erzählten mir, die Wirthin lüge nie, wenn ſie voll fei.“ „Nun, zum Teufel— ſo halte, ehe wir weiter in den Wald hinein kommen: Wir müſſen unſere Waffen hervornehmen.“ „Ich muß Ihnen aber noch ſagen, Göran, mit der Alten iſt es nicht wie bei andern Leuten. Sobald ſie ſich von gewöhnlichem Branntwein voll getrunken hat, ſo ſpricht ſie im Rauſche nur Wahrheit; hat ſie hingegen Rum in den Magen bekommen, ſo lügt ſie wie eine Elſter.“ „Ha! ha! ha!“ „Der Herr ſoll nicht lachen; denn es iſt, wie ich ſage. Ich kann nichts dafür, daß die Wirthin dieſe Natur hat; aber es iſt gewiß richtig. Und dießmal hatte ſie Branntwein bekommen.“ „Alſo iſt es wahr, daß wir im nächſten Augenblick zwanzig Räuber zu gewarten haben, meinſt Du? Nimm wenigſtens den Hirſchfänger zur Hand, Medenberg.“ „Ach, es hat keine ſo große Gefahr, Herr Göran,“ rief Jeppe;„denn Aennchen, das älteſte Mädchen, auf das ich mich am meiſten verlaſſe, verſicherte, die Alte habe Rum genoſſen.“ „So, Du Schlingel, Du willſt alſo vamit ſagen, daß ſie gelogen hat.“ „Dafür will ich nicht gerade ſtehen, Herr; denn 115 der Wirth ſelbſt, der doch alles am beſten wiſſen muß, nn behauptete, die Alte habe Branntwein getrunken.“ nd„Hol' dich der Teufel! Höre, Alexander, laß uns ha⸗ die Piſtolen zur Hand nehmen. Wie es nun auch mit ge⸗ der Geſchichte dieſes hölliſchen Schwätzers ſein mag, ſo ſchadet es nicht.“ ine„Ich meine, es iſt am beſten, wir lachen darüber,“ en fuhr Jeppe fort;„denn der Stallknecht, der unter allen Leuten in Skillingaryd ſtets das größte Vertrauen der äſ⸗ Wirthin genoß, behauptete, ſie habe doch Rum ge⸗ ir, nommen.“ Medenberg lachte in ſeinem Innern über den Spitz⸗ in buben Jeppe, der Göran auf dieſe Art hin und her en fagte, aber doch ſo ernſthaft ausſah, daß nie Einer beſ⸗ ſer an ſich gehalten hatte; wenn er nicht im Geheimen it ſelbſt wirklich etwas ängßtlich war.„Hör' einmal, ld mein lieber Jeppe Jonſſon,“ ſagte er,„es iſt ſehr en wichtig für uns, dieß beſtimmt zu wiſſen: warum frag⸗ ſie teſt Du nicht die Alte ſelbſt, was ſie verzehrt hatte?“ ſie„Ja, das that ich freilich.“ „Nun?“ „Sie ſah mich an, als ich ſie fragte: Sie ſah ch uber's Kreuz wie ein Kirchenengel, und verſchwor ſich ſe darauf, daß ſie Branntwein genoſſen habe.“ al„Alſo muß es Wahrheit ſein?“ „Ja gewiß, mein Herr, wenn ſie nämlich Brannt⸗ ck wein genommen hat, aber wenn ſie Rum genommen mn hätte, ſo kann man ihrer Verſicherung, ſie habe Brannt⸗ wein getrunken, nicht glauben. Und ſieht der Herr alſo— denn alles auf der Welt hängt an einem fei⸗ f nen Faden, ſagte der Georg Nicklas, als er falſche e Banknoten gemacht hatte und an den Galgen gehängt werden ſollte— iſt es alſo nicht, wie ich ſage? Die Wahrheit ſelbſt iſt ja eine Unwahrheit, wenn ihr eine ⸗ Lüge zu Grunde liegt. Das behauptet auch immer n Herr Görans Vater, wenn er predigt; und der Alte ſpricht wahr, denn er iſt der Mann, der ſtets vorher 116 Branntwein genießt. Doch jetzt will ich den Herren noch etwas anderes erzählen, das noch weit unterhal— tender iſt, wenn ich anders ſprechen darf; aber es wäre unbillig von mir, wenn ich mich in die Unterhaltung großer Herrn miſchen wollte.“ „Sprich nur, Jeppe, und ſieh' nicht ſo pfifſig drein. Was iſt es denn?“ „Der Wirth,“ fuhr Jeppe fort,„iſt ein ganz an⸗ derer Mann, der trinkt nie. Er ſprach davon, daß einer von den großen Herren unſeres Kirchſpiels, der Graf Zeypton, heute vorbei gereist ſei.“ „Wie, was ſagſt Du?“ rief Medenberg.„Wo⸗ hinzu fuhr er? Kam er von ſeinem Hofe, von Kar⸗ mausbal?“ „Nein, er kam von Vernamv.“ „Von Vernamo,“ dochte Medenberg.„Gerade von den Gegenden, wo ſich die Räuber aufhalten ſol⸗ len! Run,“ rief er laut,„wußte man, wohin er ſich von Skillingaryd aus begeben wollte?“ „Nach Jönköping,“ erwiederte Jeppe,„und das geſchah eine kleine Viertelſtunde, che wir abreisten; ich meine daher, wir müſſen ihn gerade vor uns ha⸗ ben. Und es iſt immerhin angenehm, Leute des Kirch⸗ ſpiels in ſeiner Geſellſchaft zu wiſſen, wenn man auf Spitzbuben im Walde trifft.“ „Sprach der Wirth etwas darüber, ob Graf Zey⸗ ton allein war oder nicht?“ „Ja, er hatte nur einen Bedienten bei ſich; aber der ſei übel zugerichtet geweſen, behauptete der Gaſt⸗ wirth, er nickte dabei und machte ein ſchlaues Geſicht.“ „Wer nickte und machte ein ſchlaues Geſicht, der Wirth oder der Bediente?“ „Nein, mein Herr, nicht der Vediente. Er hatte eine Binde über einem Ange, ſchief über die Stirne herüber; und über dem andern war das Augbraun abraſirt.„Ob er es nicht ſelbſt abraſirt hatte, laß ich N — dahin geſtellt,“ ſagte der Gaſtwirth; und dabei war es, wo er nickte und ein ſchlaues Geſicht machte.“ „Wie? Zeptons Bedienter ſchien ihm auf irgend eine Art verdächtig?“ rief Medenberg. „Das weiß ich nicht,“ antwortete Jeppe.„Aber die Wirthin nickte dabei.“— „Ha! ha! ha!“ lachte Göran.„Sie nickte alſo auch, und machte ein ſchlaues Geſicht?“ „Sie nickte und ſah übers Kreuz, Herr Göran. Aber ſie ſagte:„Der Bediente— Hm!“— „Nun?“ fragte Alexander ungeduldig. „Ich darf ihre Worie nicht nachſagen,“ verſetzte Jeppe und lehnte den Kopf zurück;„ich könnte in der nächſten Nacht zu Tode gekneipt werden, wenn es heraus käme.“ „Fürchteſt Du dich vor Geſpenſter?“ „Sie ſagte, der Bediente habe ausgeſehen, wie wenn er im Waſſer gelegen wäre.“ „Im Waſſer gelegen, Jeppe? Du biſt ein Narr!“ rief Göran. „Ja, der Pfarrer in unſerem Kirchſpiel hat mir keinen Verſtand beigebracht.“ „Still, Göran!“ ſagte Medenberg;„ſcherze jetzt nicht mit Jeppe, ſondern laß ihn mir ernſt antworten. Willſt Du etwas mit dem„im Waſſer gelegen“ ſagen, Jeppe? Oder war es nur ſo eine Redensart?“ „Mein Herr, ich kann die Redensarten nicht lei⸗ den. Aber ich fürchte mich vor ſolchen Geſpenſtern, die lebend und doch todt ſind, wie man von Herrn Nickolſon ſagt, daß er zu den Todten gehöre, nachdem er ſich in den See geſtürzt, aber doch noch lebe, da man ihn nie an der Stelle gefunden habe, wo er ſich hineingeworfen.“ „Ohne Umſchweif, Jeppe erkannte die Wirthin in dem Bedienten des Graſen Zeyton den Herrn Rickol⸗ ſon? Großer Gott! ſie wären alſo auf dem Wege nach Jönköping, wie wir?“ 118 „Die Wirthin ſprach kein Wort darüber, daß ſie ihn wieder erkenne,“ erwiederte Jeppe.„Und wenn ſie auch etwas ſagte, ſo wiſſen wir ja nicht, was für ein Getränk ſie vorher genoß, wir können uns daher nicht auf ihre Worte verlaſſen.“ „Schon gut; Du ſollſt bedankt ſein, Jeppe. Wir werden ſehen, wie das zuſammenhängt.“ „Ja, ja, Herr, aber Nickolſon iſt ein ſehr gefähr⸗ licher Menſch, und lebt er und wird wieder Bergver⸗ walter, ſo ſchlägt er mir Arme und Beine entzwei; weil ich ein Wort von ſeinem abraſirten Augbraun geſagt habe.“ „Sei darum unbeſorgt, Jeppe Jonſon.“ „Ja, ja, der Herr iſt ein Neuking in Aronfors. Aber Nickolſon war ſechs Jahre lang dort, und kommt er wieder ins Amt dahin, ſo wird er zu Ende dieſes Jah⸗ res das ſiebente dort geweſen ſein. Dann peitſcht er mich braun und blau, und das möchte ich doch nicht haben; denn Mekeroth ſelbſt,(Jeppe nahm ſeinen Hut ab) ſchützt Einen nicht, und auf ihn darf man nicht bauen.“ Dieſe letzten Worte, die nicht mit all der Höflich⸗ keit ausgeſprochen wurden, die ſie zu enthalten ſchie⸗ nen, hörte Alexander nicht mehr. Er ſaß in tiefen Ge⸗ danken verſunken über die merkwürdige Begegnung, die er in Jönköping mit Graf Zeyton und möglicher⸗ weiſe auch mit dem Herrn NRickolſon haben würde. Er legte das zu ſeinen übrigen Verrichtungen und Com⸗ miſſionen in dieſer bekannten und berühmten Stadt. „Ich,“ dachte er,„der nicht das Geringſte weiter von Jönköping weiß, als daß ich eilig hindurch gefahren bin, als ich mit dem Dampfbvote anlangte und mich zu von Mekeroth begab, muß in der That meinem guten Sterne danken, der mir an Göran einen Reiſe⸗ gefährten gegeben. Höre, Göran,“ ſagte er laut,„wo⸗ hin ſollen wir in Jönköping fahren, ich vermuthe, Du biſt etwas bekannt in der Stadt?“ 1¹9 Göran Edeling ſah ſtreng und etwas vornehm auf Alexander; er zögerte einen Augenblick, ehe er ant⸗ wortete. Dann ſprach er:„Etwas bekannt? Ich— ich ſollte nicht jeden Fleck in Jönköping kennen? In unſerer Hauptſtadt?“ Jeppe Jonſſon, der es ſich nicht abgewöhnen konnte, immer wieder in die Unterhaltung der Herren zu ſpre⸗ chen, auch auf die Gefahr hin, an Steine und in Grä⸗ ben zu fahren, ſchaute aufs neue zurück, und ſagte höchſt vergnügt:„Ich habe eine Muhme in Jönköping, ihr Herren: Madame Rilſſon, Anna RNilſſon, eine auſ⸗ ſerordentlich zarte Perſon; und ſie wohnt in dem Bür⸗ ſtenbinderhof an dem ſchwediſchen Quai.“ „An dem ſchwediſchen Quai? was iſt das für einer, Jeppe?“ rief Alerander lachend. „Der ſchwediſche Quai? Darüber wundert ſich der Herr? Nun, das will ſagen, daß es nicht der deutſche Quai iſt, Herr, das muß ich am beſten wiſſen.“ Man weiß nicht, was Jeppe noch weiter über die deutſchen und ſchwediſchen Quais in Jönköping oder über ſeine gute Muhme zu ſagen geſonnen war, die er den beiden reiſenden Herren vielleicht als Wirthin vorzuſchlagen beabſichtigte. Aber ſeine Rede und alles Uebrige wurde durch einen gewaltigen Schrei, durch ein Rufen und Lärmen unterbrochen, das ſich in der Nähe hören ließ. Alexander und Göran ſahen und hörten mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit, gewahrten jedoch nichts, bis Jeppe um eine kleine Krümmung herum fuhr, wo ſich die Landſtraße in einer neuen Richtung ausdehnte, und ſie nun in einiger Entfernung vor ihnen einen Wagen von Leuten umringt ſahen.„Hier find Reiſende über⸗ ſallen!“ rief Medenberg.„Fahr zu, Jeppe, was die Pferde laufen können! wir müſſen ihnen zu Hülfe ei⸗ len!“ Göran griff zu den Waffen und ſah nach dem⸗ Schloſſe der Reiſeterzerolen. Zehntes Kapitel. Ein heftiger Rampf. Eilen Sie ich bitte Sie! Retten Sie X meinen Bedienten aus den Klauen der Schurken! Sie zerreiſſen ihn, ſichere ich Sie, meine Herren! das ver⸗ Bald waren ſie am Wahlplatze mitten in dem dichten Walde. Die Angegriffenen, die nur aus zwei Perſonen beſtanden, waren ſchon aus dem Wagen geriſſen und lagen auf der Landſtraße. Die Räuber in einer Anzahl von fünf oder ſechs erfüllten die Luft mit Flüchen und Schwüren der ausgeſuchteſten Art: „Verräther! Schurken! Erzgauner! Erzlügner! gieb uns wieder, was du uns genommen haſt!“ ſchrie be⸗ ſonders Einer von den Spitzbuben, und ſchlug aus allen Kräften auf den Einen der reiſenden Herren los. Wenn es die Zeit erlaubte, könnte man hier Be⸗ trachtungen darüber anſtellen, woher es kam, daß die Räuber, die alle möglichen Gewaltthätigkeiten an den Leuten verübten, die Ueberfallenen das ſchimpf⸗ ten, was ſie ſelbſt waren. Aber Alexander und Gö⸗ ran ſtürzten mit den Piſtolen und ihren Hirſchfängern aus dem Wagen, ſie riefen:„halt! halt!“ und war⸗ fen ſich in den Kampf, ohne etwas anderes zu beden⸗ ken, als daß es hier die Rettung von Menſchen galt. Ihre nachdrückliche Ankunft machte eine bedeu⸗ tende Wirkung auf die Schelmen; beſonders als Gö⸗ ran ſein Piſtol abfeuerte, worauf ciner der Räuber zuerſt zu Boden flürzte, aber gleich darauf, obſchon — 121 blutig, ſich erhob, die flache Hand und einen Rock⸗ ſchooß auf die Wunde drückte und dann unter lautem Geſchrei in den Wald flüchtete. Aber der Eine, wel⸗ cher ſo eifrig beſchäftigt war, dem einen Reiſenden Streiche auszutheilen, ſah und börte nichts anderes; und die Uebrigen ſchienen ſich ſo ſehr auf ihre An⸗ zahl zu verlaſſen, daß ſie ſich nicht ſehr um die An⸗ gekommenen bekümmerien. Jeppe Jonſſon war von dem Bocke herabgeſprungen und haite ſeinen Angriff damit begonnen, daß er Einem der nächſten Räuber ſeine lange feine Peitſchenſchnur ſchnéll und behend um das Bein ſchlang. Aber dieß hatte nur ein paar raſche Fußtritte zur Folge, die er ſelbſt bekam, und die ihn bis zu dem Zaune am Wege zurückwarfen. Dadurch aufgereizt, riß Jeppe augenblicklich einen an⸗ ſehnlichen Zaunpfahl heraus, kam wie ein grimmiger Wolf auf den Platz zurück und ſchlug jetzt ſo ent⸗ ſetzlich unter den Räubern umher— und zwar ſtets auf die Schienbeine, daß ſie den Angriff, den ſie vor⸗ hatten, aufgaben und ſich gegen ihren neuen Feind wenden mußten. Die Waldmenſchen hatten keine Schießgewehre und auch keine andern Waffen, als große Meſſer. Alexander eilte nach dem ältern der beiden Angefal⸗ lenen, bahnte ſich mit dem Hirſchfänger einen Weg zu ihm, hob ihn von der Straße auf, und erkannte mit Beſtürzung den Grafen Zeyton. Er nahm ihn in ſeine Arme, beſchützte ihn und trug ihn nach dem Wagen zurück. Zeyton erwachte aus ſeiner Unmacht, öffnete die Augen und heftete ſie auf ſeinen Lebens⸗ retter; ſprach jedoch nichts. Er brachte die eine Hand nach dem Kopfe, wo er vermuthlich noch einen ſtar⸗ ken Schmerz auf den Schlag hin fühlte. Die Räu⸗ ber ſchienen nicht weiter nach ihm zu fragen: Ihr Hauptangriff richtete ſich gegen den andern Reiſenden. Uebrigens hatten ſie jetzt genug zu thun, um ſich der dapfern dicht auf ſie losregnenden Schläge Görans 122 und Jeppens zu erwehren. Es gelang alſo Meden⸗ berg, Zeyton in den Wagen zu bringen; er gab ei⸗ nem Spitzbuben, der die Zügel hielt, einen ſo kräſ— tigen Hieb über die Fauſt, daß er jene fahren ließ; und Zeyton, der von Natur kräftig war, und ſich bald wieder erholte, als er den Sieg auf ſeine Seite kep⸗ ren ſab, that durch wilde mannhafte Blicke und ſtarke Rufe, was er konnte, um ſich zu befreien. Aber er hatte ſeine Waffen verloren, falls er welche bei ſich gehabt hatte. Alexander ging ihm nicht von der Seite und Zeyton ſah auf ſeinen Beſchützer mit einer Dankbarkeit, die ſehr gegen die barſchen und entſetz⸗ lichen Geberden abſtach, die er daneben offenbarte. Doch wagte er es nicht, aufs Neue aus dem Wagen zu ſteigen; er ſah nur, ungeachtet ſeines Schmerzes un Hals und Stirne, unaufhörlich nach ſeinem Be⸗ dienten zurück, um den er höchſt bekümmert ſchien. „Jvachim! Joachim!— Joak! Joak!“ rief er in ei⸗ nem fort,„ſchlage dich wie ein Mann! ſchlage! ſchlage! ſage ich und mache, daß du wieder zu mir auf den Wagen herauf kommſt.“ Aber dieſer Joak war ſebr ſchlimm zugerichtet. Sobald Alexander den Grafen ſelbſt außer Gefahr ſah, eilte er hinter den Wagen nach denen, die mit dem Bedienten angebunden hatten. Daß er in die⸗ ſem, obſchon er verkleidet war, Niemand anders als Herr Nickolſon vor ſich hatte, zweifelte er durchaus nicht; dieß bewies zudem noch der Vorname, wenn er auch die verſtellten Geſichtszüge nicht ſogleich wie⸗ der erkannt hätte. Es lag ihm außerordentlich viel daran, dieſen Reiſenden zu retten, um ihn dann, wenn nur immer möglich, auf eigene Rechnung feſt⸗ zunehmen. Ungeachtet der vielen Schläge war es dem un⸗ glücklichen Nickolſon doch durch eine außerordentliche Anſtrengung gelungen, ſich auf der Landſtraße auf ein Knie zu erheben, und ſeinen ſchlimmſten Gegner — n⸗ f⸗ ⸗ ke W*—— N v V 123 mit der Hand abwehrend, rief er matt:„Schlage mich nicht zu Tode, Sven! ſchlage mich nicht zuſam⸗ men! ſo ſollſt du deinen Willen haben und noch mehr, Svpen! die Schuld liegt nicht an mir: Halt ein, um Jeſu willen! halt, halt, halt!“ „So folg uns denn, komm und verlaß den Erz⸗ ſchurken!“ rief der Hauptmann der Räuber. In ei⸗ nem Nu riſſen ſie Nickolſon herauf und zwiſchen ſich, indem ſie ihn unter den Armen und den Beinen faß⸗ ten. Alexander, Göran und Jeppe thaten alles, was drei Menſchen gegen fünf vermochten. Aber vieſe eilten mit ibrem Raube wie ein Sturmwind dem Walde zu. Aus den Bewegungen des zwiſchen den Uebrigen ſpringenden Nickolſons, war ſchwer zu un⸗ terſcheiden, ob er ganz gegen ſeinen Willen oder gut⸗ willig mitging. Daß er von ihnen fortgezogen und geriſſen wurde, erſchien deutlich; es war auch klar, daß er laufen mußte, da er dazu genöthigt war. Aber wer weiß, ob er dieß gerne that oder ganz ungern. Es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Graf Zeyton, der in einiger Entfernung von dem Platze in ſeinem Wa⸗ gen ſaß, die mattgeflüſterten Worte vernahm, welche Nickolſon gegen die Diebe hinſprach, als er auf den Knieen lag. Aber als er ſah, wie ſie ihn mit ſich nach dem Walde ſchleppten, lonnte er ſich nicht hal⸗ ten:„Halt! halt! ihr Höllenſchurken! halt ein, ich gebe euch, was ihr wollt für ihn, gebt nur ihn zu⸗ rück!“ ſchrie er, daß der Wald davon wiederhallte. Aber ein wildes und anhaltendes:„Ha! ha! ha!“ aus zahlreichen Kehlen, war die ganze Antwort, die er bekam; und er ſchrie in ſeinem Wagen:„O mein unglücklicher— mein armer— mein unglückſeliger.“ — Er wollte aus ſeinem Wagen herab, ſo ſchwach er ſich auch fühlte, um ſelbſt in den Wald zu ſtürzen. „Meine Herren!“ rief er ſeinen Rettern zu,„eilen Sie ſich, ich bitte Sie! Retten Sie meinen Bedien⸗ 12⁴ ten aus den Klauen der Elenden! Sie zerreißen ihn, das verſichere ich Sie, weine Herren, er iſt mein— Oh!“. Alexander hätte zwar hinlänglich Grund gehabt, um auch ohne Zeytons Aufforderung die Spitzbuben zu verfolgen und Nickolſon ibren Händen zu entrei⸗ ßen. Aber ſo weit konnte der Urbermuth nicht gehen, um die Landſtraße zu verlaſſen, und ſich nur drei Mann ſtark in einen dichten, ungebahnten und unbe⸗ kannten Wald zu begeben, wo man mit Gewißheit auf doppelt, ja auf viermal ſo viel Feinde rechnen durfte. Er bat alſo den Grafen, ſich für den Augen⸗ blick zu beruhigen; und fragte ihn, ob er nicht habe nach Jönköping wollen.“ 5 „Nach Jönköping?“ verſetzte Zeyton und fixirle den Fragenden.„Ich glaube wahrhaftig“— fuhr er fort, ohne gerade eine beſtimmte Antwort zu geben, —„ich glaube es wäre am beſten, wenn ich mich Hals über Kopf nach Jönköping begäbe, um die An⸗ weſenheit der Spitzbuben ſo weit oben in Byarum zu melden, und die Unterftützung der Regierung zur Wiedererhaltung meines Bedienten in Anſpruch zu nehmen. Denn wenn wir dieß auch den Bauern bier herum oder den Friedensrichtern anzeigen, ſo haben ſie nicht ſo ſchnell, als es hier nothwendig iſt, eine hinreichende Mannſchaft beiſammen. Aber verzeihen Sie mir,“ ſetzte er mit einer artigen Wendung hinzu, „da mir das Glück heute einen Mann vor die Au⸗ gen geführt hat, dem ich mein Leben zu verdanken habe, ſo ſchenken Sie mir auch den Namen meines Retters? Ich möchte mich ſehr täuſchen, wenn ich nicht ſchon einmal früher dieſe ſchönen—“ Medenberg verbeugte ſich und fagte ſeinen Namen. Zeyton wandte ſich jetzt ganz zurück, entdeckte Göran Edeling und rief:„Ha! was ſeh' ich? der Sohn des Herren Probſten! da bin ich ja in der glücklichſten Geſellſchaft! Iſt das nicht der Wagen von Aronfors? Wie befindet ſich mein guter braver — ——— —— 8„— —,„— — hn, bt, en en, rei be⸗ eit en 125 Nachbar, der Kapitain von Meieroth? Er zeigt ſich ſo ſelten draußen: er überhebt ſich über ſeine beſten Freunde. Aber er thut ſehr unrecht dgran, ein ſo großer Philoſoph zu ſein. Herr Medenberg— Herr Medenberg— war es nicht ſo? von Stockholm? Wir müſſen einander ſchon einmal in der Kirche ge⸗ ſehen haben, oder nicht? Wie glücklich ſchätze ich Me⸗ keroth, daß er einen ſolchen Mann bekommen hat: mir ſiel kein ſo ſchönes Loos zu: Nun meine Herren, was iſt das Ziel Ihrer Reiſe?““ „Jönköping,“ antwortete Alexander. „Da fahren wir alſo zuſammen! Laſſen Sie uns nun eilen,“ ſagte Zeyton.„Haben die Herren gute Pferde? Ich habe ein Paar vortreffliche, vie ich neu⸗ lich in Vernamo kaufte und die ohne Schwierigkeit mit mir heute nach Jönköving fliegen: Ich verſchnaufe nur ein wenig an jeder Station.“ „Wir fahren mit der Poſt, und vielleicht be⸗ kommen wir in Byarum und Bamarp nicht gleich Pferde.“ „Ich werde die Ankunft der Herren an dieſen Orten melden,“ ſprach der Graf zuvorkommend.„In Smaland ſchadet es nichts, beſtellte Pferde zu haben. Noch einmal Dank, den herzlichſten Dank für die wa⸗ cere Hülfe! Wir ſehen einander in Jönköping wie⸗ der,“ ſprach er, indem er Medenberg die Hand zum Abſchiede reichte und ihm ſeine Adreſſe in der Stadt ſagte. Er eilte in ſeinem kleinen hübſchen zweiſitzigen Gefährte davon, das mit zwei Pferden um ſo ſchnel⸗ ler gehen mußte, als er jetzt allein darin fuhr. Alexander, Göran und Jeppe ſaßen ebenfalls wie⸗ der auf. Sie legten den Reſt des Weges ohne ein weite⸗ res Abenteuer zurück. Der Graf verſchwand zwar aus ihrem Geſichte, aber daß er vor ihnen gefahren und nicht von der Richtung abgewichen war, ging 126 daraus hervor, daß ſowohl in Byarum als Bamarp Pferde für die Ankommenden bereit ſtanden. Noch lange nach dem Gefechte ſaß Göran mit einem rothen Geſichte da, das Blut kochte in ſeinen Adern und ſeine Augen ſchoſſen Blitze. Alexander fühlte zwar ebenfalls eine Zeitlang ein gewiſſes Herz⸗ klopfen, das kein braver Mann nach einem Handge⸗ menge vermeiden kann; aber bald kehrte wieder Gleich⸗ gewicht und die angeborne Milde in ſein Gemüth zurück. Er artete ja keinem Soldaten nach. Der Anblick der Gegenden, die allmählig ihre Wildheit verloren und beſonders nördlich von Bamarp wieder Offenheit und Schönheit gewannen, bemächtigte ſich ſeines Geiſtes. Er hatte dieſen Weg erſt ein einziges mal früher gemacht und damals aufwärts, er war ihm deßhalb beſchwerlich und beinahe häßlich vorge⸗ kommen. Jetzt dagegen fuhr er von Bamarp aus gegen den Wetternſee hinab: und die amphitheatra⸗ liſcben Ausſichten verbreiteten ſich in immer weiteren und weiteren Geſtaltungen unter ſeinen Füßen. Die unbeſchnittenen Mähnen der Pferde flatterten hoch em⸗ por; ihre Mäuler wurden von den Zügeln gegen die ſchwellende Bruſt zurückgezogen und troffen vor Schaum, aber ſelbſt dieſe konnten ſie nicht hindern, wie Don⸗ nerkeile die Hänge hinab nach den lieblichen Thälern zu ſtürzen, in deren Grund der Ljungarumfluß ſein blaues Glas gelegt hät und oft ſich ſcheu kräuſelt und in kleinen weißen Wellen dahinhüpft, wenn er ein zu großes Geräuſch von Fahrenden auf der Land⸗ ſtraße von der Seite herab vernimmt. Bald ſah Alexander, doß die Landſchaft gegen Norden zu abnahm, ſich zuſammenzog und gleichſam verſchwand. Er erſtaunte darüber; er wußte nicht, was es bedeuten ſollte; er gewahrte nur ein uner⸗ meßlich blaugraues Tuch vor ſich, das am Himmels⸗ gewölbe befeſtigt war, und hielt es anfangs für ei⸗ nen Theil der Wolken des Horizontes. Es ſah gerade — v—„ v —— — 127 aus, als ob die Welt in ciniger Entfernung vor ihm zu Ende ginge. „Ah! das iſt ja der Wetternſee!“ ſprach er nach einer Weile bei ſich ſelbſt,— die majeſtätiſche optiſche Täuſchung, der er ſich hingegeben, und die ihn ſo tief ergriffen hatte, ſtille bewundernd. Er war zwar frü⸗ her einmal auf dieſem großen See geſegelt, damals aber in gleicher Höhe mit ſeiner Oberfläche geſeſſen⸗ er hatte noch nicht von einer Landhöhe aus dieſen weiten zauberiſchen Anblick geſehen, wo er mit dem Firmamente in eines verfließt und das Land gleichſam mit jeder halben Meile, mit der die eilenden Räder ſcinem offenen Buſen näher kommen, mehr und mehr zu verſchlingen ſcheint. Bei dem, der oftmals gegen die Ufer des Wet⸗ terſees hinab gefahren iſt und deſſen Sinn längſt mit der herannahenden Ausſicht Bekanntſchaft gemacht hat, findet dieſes optiſche Spiel nicht mehr Statt. Aber Alcxander ſaß in froher und ſchwärmeriſcher Stim⸗ mung da: in dieſem Angenblick wäre er ein Dichter geweſen. Nach einer kleinen Weile fielen ſeine Augen auf den Vordergrund des Gemäldes. Ein Kirchthurm erhob ſich am Rande des Wetterſees, lag jedoch nich unter dem Horizonte der Fabrenden. Ein Dämmer⸗ licht ſchwamm über dieſem Grunde. Aber bald ſtie⸗ gen die Farben klarer zum Lichte herauf. Alexander ſah einen ganz kleinen See dieſſeits des großen liegen und zwiſchen beiden einen kleinen Landſtrich, wie eine Brücke, auf dem die Kirche mit allen ihren kleinen Freunden, den zahlreichen Hänſern, umher ſtand. Weit ausgedehnte terraſſenförmige Höhen, zur Rechten und Linken, bildeten Rahmen um das Ganze. Welch' ein Gemälde! Es glich einem Theater. Der Herbſt, der die reichſten Farbenmiſchungen vom Golde bis zum Dunkelgrünen, Violctbraun und Purpur über die Kro⸗ nen der Bäume ausgeſtreut hatte, hatte auch die bei⸗ den Höhenzüge— die Dunkahänge zur Linken, und 1²8 die Terraſſen von Husqvarna zur Rechten— wie Kouliſſenreihen auf beiden Seiten der zwiſchen ihnen liegenden Schaubühne aufgeßtellt. Der Wetternſee war der Hintergrund derſelben. Der Lillſee mit dem Rock⸗ ſee bildeten das Orcheſter. Die Stadt Jönköping ſelbſt aber war die Scene. Die Fahrenden ſaßen auf den Bergen oben wie in einer Loge der dritten Gal⸗ lerie und blickten eifrig, ſehnſuchtsvoll und froh auf das Schauſpiel hinab. Göran, der eine lange Zeit über dem Anblick deſſen, was er doch ſchon ſo oftmal geſehen hatte, ſtumm da geſeſſen war, wandte ſich jetzt mit trium⸗ phirenden, von mehr als einer Thräne blitzenden Au⸗ gen zu Alcrandern.„Sichſt du etwas da unten? etwas das ſich der Mühe verlohnle?“ rief er. ———— Eilftes Kapitel. Ein unerwarteter Fund. Ich bin nicht ſowohl mißvergnügt mit dem Körper, den mir die Natur vor⸗ „ ſtreckte, als vielmehr mit den Kleidungs⸗ ſtücken, welche mir die Menſchheit gab. „Es wird ſehr intereſſant werden, Göran, wie ſich alle meine Kommiſſionen jetzt entwickeln,“ ſagte Alexander, indem er ſich nach Tiſche ein wenig auf den Sopha legte und ſtreckte; und Göran indeſſen im Zimmer auf und ab ging, obſchon er ebenfalls einen Sopha an der Wand gegenüber hatte. Göran konnte — 129 nicht liegen und ſprechen zugleich. Indem er jetzt ſeinem Freunde und Reiſegefährten mit den beſten Rathſchlägen und Nachrichten über Jönköping an die Hand zu gehen wünſchte, marſchirte er in Einem fort auf den Diehlen zwiſchen dem Kamine und dem einen Fenſter auf und nieder. Wie es für ein Paar rei⸗ ſende Herren ihrer Art am einfachſten und natürlich⸗ ſten war, hatten ſie ein Zimmer in einem Wirths⸗ hauſe in der Schmiedeſtraße genommen, ſich auf die Reiſe erquickt, und wollten jetzt, ſobald ſie eine kleine Weile geruht hatten, in die Stadt hinaus wandern. „Ich muß ſagen,“ fuhr Alexander fort,„es iſt ſehr merkwürdig, wenn man Briefe von einer Frau hat, worin ſie ſich, wenn ich mich nicht ſehr täuſche, über die Abweſenheit ihres Mannes beklagt, und dann in derſelben Stadt, bei derſelben Gelegenheit, ihren Mann trifft, ohne ihm das Geringſte davon zu ſa⸗ gen. Denn ich bin überzeugt, Zeyton würde ganz toll werden, wenn er erführe, daß ich Grüße von ſeiner Frau Gräfin an ihren Onkel bringe. Ich weiß nicht, warum; aber der Inſtinkt ſagt mir, daß er wüthend werden würde. Zeyton muß in irgend etwas verwickelt ſein. Ich bin ſehr begierig, ob er wohl eine feſte Miene beibehält, wenn ich ihn Morgen be⸗ ſuche und wegen Nickolſon und einem und dem an⸗ dern Rechenſchaft von ihm verlange.“ „Ich prophezeihe dir, daß du über Nichts Rechen⸗ ſchaft von ihm erhältß,“ verſetzte Göran. „Aber du ſollſt ſehen, daß ich welche bekomme. Ich habe jetzt ein gewiſſes Recht über ihn erhalten. Ich bin gewiſſermaßen ſein Lebensretter. Wenigſtens fieht er mich dafür an.“ „Das glaube ich wohl: du biſt es auch. Denn ich that nichts zu ſeiner Befreiung, ich ſchlug nur auf ſeinen Gegner los. Aber glaubſi du, daß ein Menſch wie Zeyton nach ſolchen Kleinigkeiten frage?“ Drei Frauen in Smaland. 1. 9 130 „Wir wollen doch ſehen. Aber jetzt dürfen wir nicht länger da liegen und uns fitrecken,“ rief Meden⸗ berg und ſprang ſchnell auf.„Zuerſt gehe ich mit dem Brief meiner ſchönen Frau Mekeroth zu dem al⸗ ten Caſparſſon, damit wir ihren Mann bald geheilt bekommen.—“ „Höre,“ ſagte Göran,„deine Patronin iſt wahr⸗ haftig ſehr hübſch. Wenn ich an deiner Stelle wäre, ſo würde ich mich in ſie verlieben. Ihr Mann könnte hald ſterben.“ „Aber da ich an meiner eigenen Stelle bin, ſo nehme ich mich vor Dummheiten in Acht,“ erwiederte Alexander. „Nun, ich danke dir dafür. Und kann ich mich darauf verlaſſen? Ich weiß eine Perſon, die es mir ſehr gut anrechnen würde, wenn ich ihr das erzählte,“ ſchloß Göran. „Erzähle du gar nichts, mein Bruder; es ver⸗ lohnt ſich nicht der Mühe, über ſeinen Rächſten ſo viel zu ſprechen. Aber,“ fuhr Alexander fort,„gleich nach dem Doctor werde ich heute Abend auch noch den Geſchäftsmann meines Kapitains hier in Jönköping aufſuchen; denn Geld— Geld— Geld— Bruder!“ „Ja, das find die drei Nothwendigkeiten hier im Leben,“ geſtand Göran mit einem Seufzer.„Aber ge⸗ venkſt du den Mann ſogleich aufzuſuchen,“ fuhr er fort,„es hat wohl keine ſolche Eile, iſt es nicht beſ⸗ ſer, wir verwenden dieſen Abend zu einem Beſuch bei meinem kleinen heitern Hofgerichtsrath, von dem ich mit dir geſprochen habe, Geld kannſt du Morgen im⸗ mer noch bekommen.“ „Mag ſein; aber Geſchäftsleute brauchen gewöhn⸗ lich Zeit, um die Mittel anzuſchaffen, ich gehe deß⸗ halb lieber ſogleich; dann iſt es um ſo ſiherer für meinen Kapitain.“ Zetzt war Alerander in Ordnung, angezogen und 1. — lt = , 3. te ir 0 r* el 9 m er ſ⸗ ei 1. n. k⸗ ur d e. 131¹ „Gehe jetzt zu deinen Bekanntſchaften, dann treffen wir uns heute Abend bei der Rückkehr. Aber halte dich nicht zu lange auf, denn ich will Kriegsrath mit dir halten wegen des Operationsplans, den wir Mor⸗ gen in Betreff der Ausſchreibung RNickolſons auf der Provinzialkanzlei beobachten wollen. Ich weiß kaum, ob wir dieß jetzt thun ſollen, da ich durch Zeytons Feſinehmung vielleicht Nickolſon noch leichter bekom⸗ men könnte.“ „Iſt er denn nicht aber heute aus Zeptons Ar⸗ men geriſſen worden?“ entgegnete Göran. „Ja, ja, wir wollen ſehen,“ erwiederte Meden⸗ berg.„Adieu bis dahin.“ Er ging und folgte den Adreſſen ſeiner Briefe. Göran marſchirte eine Weile in Hemdärmeln auſ ſeinem Zimmer hin und her und ſang vor ſich hin; er dachte zumeiſt an gar Nichts. Er hatte einen gu⸗ ten Vorrath von Liedern, brachte jedoch keinen Vers zu Ende.„O meine kleine artige Schweſter Marie!“ rief er halblaut, als er aus dem Nachtſack eine friſche Nachtmütze herausnahm, und ſah wie gut ſie gebü⸗ gelt und gefaltet war und ſie dann vor dem Spiegel aufſetzte.„Wie ungemein ſchade, daß du meine Schwe⸗ ſter biſt! Ich kann nicht um dich freien. Ein beſſeres Weib würd' ich nie bekommen; obwohl es vielleicht wahr iſt, daß Marie einen beſſern Mann bekommen könnte. Aber— und der Kragen da! Giebt es et⸗ was auf der Welt, das beſſer geſtärkt und glänzend gemacht wäre? Ich werde, ſo wahr ich lebe, Marien ein Präſent aus der Stadt heimbringen, obſchon Pa⸗ pas Sohn leider Gottes kein Geld hat. Aber gleich viel, ſag' ich: ich fürchte Marie denkt zu viel an Musje Medenberg. Alexander iſt ein ftolzer, wacke⸗ rer, prächtiger Menſch. Ein herrlicher Freund, ein ganzer Junge: und überdieß jetzt in einem geſetzten Alter. Ich liebe ihn wie meine zweite Seele; aber Mama iſt in dieſer Sache ein wenig einfältig, das iſt immer ihr 132 dummer Fehler. Die Alte glaubt, daß — aber ſie täuſcht ſich, wie die alten Weiber immer thun. Alexander iſt durchaus kein Anbeter, durchaus nicht der geri ſteht er mit guten Fuße, merkwürdiges Hof und ſie ngſte Weiberknabe; aber gerade deßhalb . allen Frauenzimmern gleich auf einem, denn er gewinnt bei ihnen ein ganz Vertrauen, er macht ihnen nicht den lieben ihn doch Alle, ehe ſie es wiſſen. Das iſt gerade wie bei mir: ich winſ'le auch nie. Ach was für macher, die abgeſchmackte Narren ſind dieſe Hof⸗ nicht begreifen, daß man auf dieſe Art nicht das Mindeſte erreicht. Aber um wieder auf Alexander zu kommen— ich bin überzeugt, daß, ſo galant Medenberg ſich auch gegen Schweſter Marie zeigt, es do ch nichts weiter als die gewöhnliche Art iſt, wie er ſich gegen alle Menſchen benimmt; und es würde mir ſe hr leid, herzlich leid thun, wenn meine arme Schweſter——— trarerittan, rattan, rare⸗ rare, ra, trarerà rä ra, trareràa—— Wo hat wan jetzt ſeinen Hut? ſeinen ſchönen Hut? Ach er iſt ſich ſtets gleich der gnädige Herr; man muß ihn bürſten; an ſollte eigentlich einen neuen kaufen. Gott grüß ch, mein Hütchen, wie ähnlich biſt du deinem Herrn. r muß auch vom Kopf bis zu Fuß renovirt werden. eber mit Papas Sohn geht es dieß Jahr gerade Hie im vorigen. Jetzt der Oberrock! Wo biſt du⸗ mein Freund Freund! treu 2 Gut, ich ſehe dich, mein redlicher wie Gold haſt du vier und ein halbes Jahr an meiner Seite ausgehalten. Das iſt aller, Ehren werth So, jetzt iſt man fertig: Jetzt geht man aus, und macht Viſiten in Jönköping bei den lieben Freunden des Vaters und der Mutter; das ſoll mich unterhalten. Lebe wohl, ſüßer Spiegel! es mögen wohl hübſchere Leute in dich hineingeſehen ha⸗ ben, als Göran; aber das muß ich dir ſagen, du haft auch ſchon mit häßlicheren Geftalten zu thun gehabt. Ich bin nicht ſo unzufrieden mit dem Körper, den mir nz ie rt hi en s aſt bt. nir 133 die Natur vorſtreckte, als mit den Kleidungsſtücken, die mir die Menſchheit gab. Aber ich werde mich in Bälde zu etwas entſchließen, das hab ich mir vorge⸗ nommen; auf dieſe Art werde ich unglücklich, das ſehe ich: mit jedem Semeſter, das Gott gibt, werde ich gelehrter, aber auch zerlumpter, im Herbſte gehe ich nicht auf die Univerſität. Nein, wenn nicht etwas Anderes geſchieht, ſo verſchaffe ich mir eine Stelle in irgend einem Kirchſpiele und verliebe mich in eine Pfarrerstochter; aber dann muß das Probſthaus rei⸗ cher ſein, als ein gewiſſes. Faſſe einen feſten Ent⸗ ſchluß, Göran! laſſe den Studenten fahren und werde Soldat, thue es muthig!“ Während dieſes ganzen Monologs hatte ſich der arme Jüngling langſam angekleidet;„denn ich komme noch immer zu den lieben Freunden des Vaters und der Mutter,“ dachte er, und eilte ſich nicht ſehr. Wir haben nicht im Sinne, ihn zu begleiten; wir find vollkommen überzeugt, daß er ſich den ganzen Abend über gut unterhalten wird. Auch einem andern guten Freund, dem Jeppe Jonſſon, auf den wir noch keinen Blick geworfen ha⸗ ben, ſeit wir in der Reſidenz angelangt ſind, wollen wir nicht auf dem Fuß nachfolgen; wir vermuthen, daß er nach dem Schwediſchen Quai in den Bürſten⸗ binderhof zu ſeiner guten ehrlichen Muhme ging.. Wir laſſen alſo die Zeit ganz unbekümmert da⸗ hin laufen bis am Abend, wo Alexander Medenberg in ſeine Wohnung heim kam, und die hübſche Mat⸗ thilde Petterſon, die Magd des Wirths, ihm auf ſein Zimmer leuchtete. Er trat ein und fand, daß Göran noch nicht heim gekommen war. Er zog den Rock aus, ging an den Tiſch, ſetzte ſich nieder und begann nun ſehr gründlich alles das in Berathung zu zieben, was er zu ordnen und auszurichten hatte. Der Mü⸗ 4 in ſeinem Kopfe waren es weder wenige noch eine. — 134 „Wie? was iſt das?“ rief er, als er unvermu⸗ thet eine ſchwarzlederne Brieftaſche auf dem Tiſche vor ihm ſah. Es war weder die ſeine noch Görans. Sie lag offen und er konnte ſeine Blicke nicht hin⸗ dern, auf einige Papiere darin zu fallen, zumal da Feu keine beſſere Art erfahren konnte, wem ſie zu⸗ gehörte. Ein gewiſſes Gefühl hielt ihn ab, die ſchriftli⸗ chen Sachen Anderer zu leſen. Aber es war zu ſpät: Er hatte im Augenblick ſchon acht Zeilen eines Billets überlaufen; und mehr bedurfte es nicht, um ihn vom Tiſche empor zu ſchnellen und mit den heftigſten Ge⸗ berden im Zimmer umher zu treiben. Er konnte kaum ſeinen Augen trauen. Recht oder nicht recht, er mußte die Ueberſchrifſt des Briefes noch einmal betrachten.„Großer Gott! ja, es iſt wahrhaftig an Nickolſon!“ ſagte er.„Es iſt unter⸗ zeichnet J. N. Z— n, was nickts anders heißen kann, als John Nichols Zeyton, ein Namenszug und eine Handſchrift, deſſen ich mich aus den Aronforſiſchen Rechnungen ſehr wohl erinnere! Und was ſagt er nicht in dieſen wenigen Zeilen:„Mein Lieber! es iſt ſchön, daß alles gegangen iſt, wie es hat gehen ſol⸗ len; ich habe dem(ein unleſerlicher Name) die 2510 Reichsthaler Banko eingehändigt(genau die von Aron⸗ fors verſchwundene Summe!) und bezeuge hiemit die richtige Ablieferung des Geldes, wie mich der Bote zu thun bat. Es wäre mir am liebſten geweſen, wenn du ſelbſt gekommen wärſt; aber ich billige die Eile, womit du dich ſogleich nach Vernamo begibſt, um dort das andere ins Werk zu ſetzen. Ich werde dich bald abholen, wenn auch dort alles gut gegan⸗ en iſt.“ „Ha—— mein Graf Zeyton! ſo biſt du alſo entſchleiert? der Verdacht auf dich war begründet! Was das„Andere“ betrifft, das in Vernamo ausge⸗ führt werden ſollte, ſo wird die Zeit wohl auch die⸗ e R 1⸗ e⸗ e⸗ 135 ſes aufklären. Aber— aber— wie ums Himmels⸗ willen iſt dieſe Brieftaſche hieher auf meinen Tiſch gekommen?“ Er ging hinaus und rief mit lauter Stimme: „Mathilde! Mathilde!“ Sie eilte blitzſchnell über den Hof, dann die Trep⸗ pen hinauf zu dem unruhigen Reiſenden, der ſie un⸗ freundlich fragte:„Haſt du Jemand in das Zimmer gelaſſen, während wir fort waren?“ „Niemand war drinnen als der Knecht der Her⸗ ren: Ich weiß nicht ob ich ihn Bedienter nennen ſoll—“ ſetzte ſie mit einer ſpöttiſchen Miene hinzu. „Aha Jeppe? beſte Thilda entſchuldige, daß ich ein wenig ſtark rief; ſage jetzt dem guten Jungen, er ſolle gleich zu mir herauf kommen.“ Mathilde entfernte ſich mit zierlichen und eiligen Schritten. Nach einer Weile ließ ſich Jeppe Jonſſon ſehen, der von dem untern Theile des Hofes her⸗ kam.„Eile dich doch,“ rief ihm Alexander durchs Fenſter zu. „Aha! er ſteht auf der Lauer hinter dem Fen⸗ ſter,“ ſagte Jeppe zu ſich ſelbſt und fuhr wie ein Blitz die Treppen herauf, trat dann in Medenbergs Zim⸗ ſe und erklärte ſich zu allen möglichen Dienſten ereit. Alexander lachte über ſeine närriſche Figur.„Ich glaubte, du habeſt den Abend bei deiner Muhme zu⸗ gebracht,“ fing er an,„und anſtatt deſſen—“ „Ich war bei der Alten, Herr, und ſoll Sie grüßen.“ „Ich danke dir. Und ſteht der ſchwediſche Quai noch auf ſeinem alten Fleck?“ „Ei freilich! Aber,“ ſagte Jeppe eilig,„ich war auch bei den Herren hier innen, und habe eine Brief⸗ taſche auf den Tiſch gelegt. Denn ſie gehörte nicht mir und ich wollte ſie den Herren geben.“— Dabei ſcharrte er artig mit dem Fuße. „Wo haſt du dieſe Brieftaſche her, Jeppe?“ 136 „Die fand ich geſtern nach dem Scharmützel auf der Landſtraße, Herr. Sie lag an einem Graben⸗ raine, wo Herr Nickolſon gerade am beſten im Sand gearbeitet hatte, als er auf dem Rücken lag. Und das Buch iſt ihm, wie ich glaube, aus der Taſche gerollt.“ „Aber warum ſtellteſt du mir ſie nicht ſchon ge⸗ ſtern zu, damit ich ſie ſogleich dem Grafen Zeyton wieder hätte geben können, ehe er von uns wegging?“ „Ei bewahre; ſo dumm bin ich nicht.“ „So dumm? ſo chrlich willſt du ſagen?“ „Ehrlich bin ich ſchon, Herr, das hat keine Ge⸗ fahr. Ich habe kein zwölf Schillingſtück aus der Brief⸗ taſche genommen, und übrigens kann ſie der Herr ja dem Grafen wieder geben, wenn er ihn Morgen be⸗ ſucht. Das wird wohl noch bald genug ſein, denke ich,“ ſetzte Jeppe mit einem ſchlauen Blicke hinzu. „Kannſt du Geſchriebenes leſen, Jeppe?“ „Ja, ſieh, da muß es ſchon gut geſchrieben ſein! geſchrieben wie gedruckt, Herr! weit beſſer geſchrieben als das in dem Buch da. Uebrigens kann der Herr thun, wie er wil. Ich bekümmere mich nichts da⸗ rum.“ Er ſcharrte wieder ein wenig mit dem Fuß. „Aber,“ fuhr er nach einer Pauſe fort,„wenn ich ſo albern geweſen wäre, und hätte dem Herrn die Brieftaſche gleich geſtern auf der Straße gegeben, ſo fürchte ich, der Herr— verzeihen Sie mir—.“ „Sag es nur heraus.“. „Ich glaube, wie geſagt, der Herr würde das gefundene Gut ſogleich dem Grafen gegeben haben; und das wäre dumm geweſen; das wollte ich nicht. Ich dachte nein! und ſteckte das Buch zu mir in den Wagen. Man ſoll mit ſeinen Freunden keine Com⸗ plimente machen, Herr; es mag wohl etwas über Nickolſons Pläne und Praktiken in ſeiner Brieftaſche ſtehen, was gut wäre, wenn man es näher betrachtete. Könnte ich ſelbſt leſen, ſo würde ich varnach geſehen — v— —„ . v——— — N 137 haben; ſo aber übergab ich alles dem Herren, er kann ja mehr als ich.“ „Da, mein lieber Jeppe,“ ſagte Medenberg,„Da haſt Du ein Trinkgeld. Du biſt ein recht kluger Junge, und ſollſt dafür bedankt werden. Aber da Du den Grafen ſelbſt hier wahrſcheinlich nicht treffen wirſt, ſo gebe ich Dir jetzt an ſeiner Stelle deinen verdienten Lohn, und ihm werde ich an Deiner Stelle das Gefundene zurückgeben.“ „Ich danke! und was das Uebrige betrifft, ſo mag der Herr mit dem Gefundenen anfangen, was er will, und was ihm beliebt,“ ſchloß Jeppe, öffnete die Thüre, verbeugte ſich ſehr höflich, obwohl mit dem Rücken gegen Medenberg, lachte und ging hinaus. Als Medenberg aufs Neue allein da ſaß, legte er den Fund zuſammen, ohne etwas weiteres darin nachzuſehen.„Dieſes wichtige Billet aber behalte ich; der Graf mag es wohl oder übel nehmen. Wenn es ibm beliebte, ſich ſo viel von Aronfors zuzueignen, ſo darf er ſich nicht darüber beſchweren, wenn wir uns einen Viertelbogen Papier von iom zueignen.“ Er machte eine Abſchrift von Zeptons Brief an Rickolſon, obſchon er zugleich auch das Original be⸗ hielt. Zwölftes Kapitel. Görans großer Entſchluß. Abends zehn Uhr ſich nie mit Sorgen pla— gen! das iſt mein Grundſatz; und es iſt jetzt zehn. Nach einer kleinen Weile kam Göran heiter Und ungewöhnlich aufgeräumt nach Hauſe.„Ach was für vortreffliche Leute find es hier in Jönköping!“ ſagte er.„Kannſt Du mir es glauben, Alexander, ich habe mich den ganzen Abend über ſehr gut unter⸗ halten? Ich habe drei Viſiten gemacht, bei einem reichen Hofgerichtsmanne, einem reichen Kaufmann und einem reichen Gerber dicht neben Jakobs: über⸗ all war man artig und zuvorkommend, überall war ich willkommen! Iſt das nicht merkwürdig? Ich, der ich mir doch, wenn ich aufrichtig ſein ſoll, nicht ein⸗ mal ſelbſt gefalle, ſondern der Meinung bin, daß ich beinahe ganz umgeſchaffen, wenigſtens umgekleidet zu werden nöthig habe.“ „Wie ſo, Göran? für einen Jönköping⸗Landwirth biſt Du meiner Anſicht nach ſehr galant.“ „Ich? Das kann ich nicht ſagen. In deinen Augen bin ich höchſtens deßhalb paſſabel, weil ich meiner Schweſter Bruder bin.. Das iſt das Ein⸗ 31 e. 34„Das ſag' ich nicht,“ erwiederte Alexander und ſah mit einem Erröthen bei Seite, das eben ſo ſchnell kam als wieder ſeiner gewöhnlichen Ruhe Platz machte. ſn ſoll Geſchwiſter niemals zuſammenmengen,“ agte er. 13³9 „Nun,“ fuhr Göran fort,„was kannſt Du benn Stattliches an mir, einem armen Studenten ſehen, der zehenmal mehrweiß, als ernöthig hat, aber zehenmal weniger beſitzt, als er bedarf. Doch gleichviel! Abends zehn Uhr ſich nie mit Sorgen plagen, das iſt mein Grundſatz; und jetzt iſt es zehn. Weißt Du, was ich gethan habe, Alexander?“ „Nichts, hoffe ich.“ „Ich habe einen ſtarken, einen großen Entſchluß gefaßt.“ „Hüte dich vor großen Entſchlüſſen, Göran, es iſt beſſer, Du ergreifſt einen mittelmäßigen und vor Allem guten.“ „Du fangſt in der That an zu ſprechen, als wärſt Du ſchon mein lieber Schwager. Es iſt wahr, Du biſt ein paar elende Jahre älter als ich, aber— — Du ſollſt hören! ich will Offizier werden!“ „Dein Großvater gewinnk immer mehr Feld in Deiner Seele, Göran, und Dein armer Papa findet gar kein Gehör mehr.“ „Was ſchadet das? Ich war heute Abend unter Anderem bei dem Conrector Filèén, welcher Chef der Militärſchule hier in Jönköping iſt.“— „Aber, liebes Kind, Du biſt ja viel zu alt, um ein Inſtitut zu durchlaufen.“ „Glaube auch nicht, daß ich einen vorbereitenden Kurſus durchmachen will. Weit, weit entfernt! Bin ich nicht Student? Ich brauche mich alſo nicht lange vorzubereiten, oder ein Zögling zu werden. O nein; aber ich machte mich bei Filén mit den Forderungen bekannt, die man gegenwärtig an einen Offizier ſtellt und ich hörte mit Vergnügen, daß ſie groß ſind. Es iſt alſo in unſern Tagen eine Ehre, in dieſen Stand einzutreten, auch wenn man Gelehrter iſt; und das war es, was ich wollte. Und dann habe ich noch einen beſonderen Grund aufgefunden, warum ich“ gerade jetzt meinen entſcheidenden Schritt thun muß.“ „Und der iſt?“ „Höre mir aufmerkſam zu, Medenberg. Ich will mich bei dem Landeshauptmann anmelden, und mir die Erlaubniß ausbitten, alle Diebe und Räuber aus dem Kirchſpiel vertreiben zu dürfen.“ „So viel Vertrauen, hoffe ich, wird er dir gewiß ſchenken.“ „Ja, man muß ſo etwas betreiben, ſo lange noch einige Spitzbuben da find, wie jetzt. Ich habe die Sache auf unſerer ganzen Reiſe her bedacht; ich darf mir die Gelegenheit nicht aus den Händen ſchlüpfen laſſen, Alexander. Es zeigt ſich vielleicht keine ähn⸗ liche mehr in meinem Leben; denn Smaland hat kei⸗ nen ſonderlichen Ueberfluß an Spitzbuben, muß ich dir ſagen. Ich mache bei den Civil⸗ und Militärbe⸗ hörden meine Aufwartung, und bitte um ein kleines Kommando. Denn qf alle Fälle wird man wohl einige Maßregeln ergreifen, um das Land von dieſen Uebelthätern zu befreien. Kann man mich nicht eben ſo gut verwenden als einen Andern? Mich wenig⸗ ſtens an die Spitze einer Schaar Freiwilliger ſtellen? Ich kann alle Wälder, Secen, Gegenden und Moräſte an meinen fünf Fingern herunterzählen. Ich fange die Diebe, eine Bande nach der andern, und ſchicke eine Fuhre auf die andere nach dem Polizeigericht.“ „Du malſt in der That ſanguiniſch.“ „Aber glaubſt du nicht, daß dieß Aufſehen erre⸗ gen wird? Einige von den vornehmſten Räubern ſchieße ich in ordentlicher Feldſchlacht zu todt. Glaubſt du nicht, ich könne dann einen Militärgrad ohne große Umſchweife erhalten?“ „Das weiß ich nicht. Wenn du in einem Regi⸗ ment angeſtellt werden willſt, ſo wird man dich ge⸗ wiß keinen überſpringen laſſen.“ „Ueberſpringen? wenn ich mit ſolchen Verdienſten komme?“ „Verdienſte? Die Säuberung des Landes von 141¹ Dieben und Räubern habe ich nie unter die militäri⸗ ſchen Verdienſte rechnen hören. Man kann dieß wohl Kriegsthaten nennen, allein ſie haben wenig ſtrategi⸗ ſchen Werth; zu dem geſchehen ſie in freier Luft, was etwas ganz anderes iſt, als in einem Zimmer, auf einem Bogen Papier, auf einer Karte und einem Tiſch. Obſchon ich dir daher keine Hoffnung geben kann, daß dieſe Thaten dir eine Beförderung im Dienſt gewähren werden, da dieſer nicht dazu da iſt, um Diebe und Räuber auszurotten; will ich dir doch nicht ganz von deinem Plane abrathen. Du biſt ein ge⸗ wandter Burſche, Göran; du würdeſt gewiß den Men⸗ ſchen eine Wohlthat thun und das Land von dieſem großen Unheil befreien. Nur gegen das bin ich, daß du Officier zu werden ſuchſt; begehre als Belohnung eine Stelle bei dem Polizeigerichte. Dieſes und nicht das Militär iſt dazu da, um jene Schurken aufzuſpü⸗ ren. Je öfter, je näher, tiefer und vollkommener du unter dieſe Spitzbuben einzudringen vermagſt, deſto mehr Ehre, deſto mehr Vortheil erreichſt du bei der Polizei; aber mit dem Offizier iſt es durchaus nicht ſo, das bedenke, Göran, das bedenke ernſt. Du mußt wiſſen, mein Freund, man lebt hier in der Welt als Polizeibeamter durchaus nicht unglücklich.“ „Alexander!“ „Nun, was denn? Gib nur deine Vernunft ge⸗ fangen. Ein Polizeibeamter hat oft ſehr gute Ein⸗ künfte, und ich ſehe keinen Grund, warum du dieſe ver⸗ ſchmähen ſollteſt.“ „O nein, bewahre!“ „Wenn ein Polizeibeamter nur in der allgemei⸗ nen Achtung ſteht, ſo iſt er auch überall beliebt. Was willſt du mehr, Göran. Schlage dir die Uniform aus dem Sinne, mein Bruder, die Kleider geben we⸗ der Ehre, noch Vergnügen, noch Ausſicht.“ „Hierin haſt du Unrecht, Medenberg, Kleider ma⸗ chen Leute.“ A 142 „Nun, aber kann denn ein Polizeibeamter nicht auch ſehr gut gekleidet gehen? Ich habe unter 62 Grad 39 Minuten nörvlicher Breite einen Polizeibe⸗ amten in Helſingland geſehen, der in Hoſen von 30 Thaler Tuch ging.“ „Mag ſein.“ „Bedenke das wohl. Du kannſt auf dieſe Art die Bahn des Studiums verlaſſen, dich häuslich nie⸗ derlaſſen, dich verheirathen, Diebe jagen⸗ ein haar⸗ ſcharfer Kerl werden, wie dein Großvater und dein Lebenlang die ganze Gegend in Reſpekt halten. Geh' nur recht auf den Grund deiner Neigung, Göran, ſo wirſt du enidecken, daß das, was dich ſo ſehr zu dem Rilitärhandwerk hinzieht, nur das Militäriſche ſelbſt iſt. Und dieſes iſt allerdings bei den Truppen zu fin⸗ den, vas iſt wahr: aber du würdeſt dich dann dazu entſchließen, ganz wie dein Großvater nur ein Zahlen⸗ menſch zu werden. Willſt du das? Ich glaub' es kaum. Du möchteſt Herr ſein, geſtehe es! und doch dabei deinem tapfern Großvater ſo viel als möglich gleichen. Iſt es nicht ſo? Nun alſo werde Polizei⸗ beamter.“ „Ich weiß in der That eine offene Polizeikommiſ⸗ färſtelle,“ bemerkte Göran. „Nun, ſiehſt du. Mache Morgen dem Landes⸗ hauptmann deine Aufwartung, wie du ſelbſt geſagt haſt! bitte darum, bei der Treibjagd oder in dem Aufgedot zur Bekämpfung der Diebesbanden ſein zu vürfen. Wir gehen dann dieſelbe Bahn; denn ich werde wahrſcheinlich auch manches Abenteuer um Nickolſons Willen zu beſtehen haben. Ich werde dabei wohl auf alle Fälle nichts weiter als Informa⸗ tor wie vorher; aber du wirſt dich auszeichnen und zu einem bedeutenden Manne emporfteigen.“ Göran ſchwieg. Seine Einbildungskraft begann ihm eine Zukunft voll Nutzen und Ruhm auszumalen. Die beiden Herren entkleideten ſich und legten ſich 143 nieder. Alexander hatte nicht im Sinne, Göran etwas über den Fund von Nickolſons Brieftaſche zu ſagen: Er wollte dieß Geheimniß ganz für ſich behalten. Da⸗ gegen vertraute er ihm die große Mißlichkeit an, daß Kapitain von Mekeroths Geſchäftsmann in Jönköping, den er aufgeſucht hatte, um für ſeinen Patron Geld zu bekommen, ſchon vor einigen Tagen bankerutt gemacht hatte, ſo daß der Kapitain von daher kein Geld bekommen konnte, ſondern ohne Zweifel in eine nicht geringe Verlegenheit gerathen würde. Caſparſſon dagegen hatte er in den beſten Umſtänden gefunden und ihn vermocht nach Karmansbal zu reiſen. Jetzt kommt es darauf an, was ich Morgen früh bei Zeyton ausrichten werde. Gute Nacht, Göran, ſchlafe wohl und träume von einem Eypeditionsbefehlshaber mit deinem eigenen Gericht. Träume zugleich auch von einer kleinen hübſchen Frau.“ Er löſchte das Licht. Dreizehntes Kapitel. Die beiden Freunde in Jönköping gehen über den Fluß, um Waſſer zu holen.*) Hörteſt du, Alexander? Da bekamen wir, wieder einen Wink von der Wahrheit und der Natur. „Der Morgen ſtrahlte in ſeiner gewöhnlichen Schönheit über Jönlöping. Die beiden jungen Freunde ſtanden auf. „Nun, mein lieber Alexander,“ ſagte Göran heiter und friſch raſſirt,„wem gilt jetzt deine erſte Auswan⸗ derung in die Stadt?“ „Ich ſagte es dir ſchon geſtern, Görant vor allem fuche ich Zeyton auf. Ich muß den Mann finden, koſte es, was es wolle.“ „Damit bin ich einverſtanden. Wo in Jönköping wohnt denn dieſer große und mächtige Herr?“ „Er wohnt— warte! er ſagte mir geſtern auf der Landſtraße ſeine Adreſſe. Hm!“ fuhr Alexander fort,„wie war doch der Name? Erinnere ich mich denn nicht mehr des Hauſes oder vielmehr des Haus⸗ beſitzers, bei dem Zeyton wohnt— laß ſehen— wörte. „Es muß alſo kein Gaſthof ſein, denn den würdeſt Du wohl nicht vergeſſen haben?“ „O nein. Aber es iſt doch ſonderbar! Er ſagte mir den Namen ganz deutlich, und ich darf nur einen halben Athemzug davon wieder hören, ſo weiß ich ihn ſogleich. Du mußt mir helfen, Göran.“ *) Mit der Kirche ums Dorf. ir it 3 1 P n f te en n 145 „Merkwürdiger Magiſter! Ich habe noch nie vor⸗ dem bemerkt, daß Du ein ſchlechtes Gedächtniß haſt, Alexander. Komm und folge mir, ich kenne die Haupt⸗ ſtadt in der Provinz Jönköping wie die Fußwege in meines Vaters Garten. Währlich, du ſollſt unter meinen Augen mit dem Punkte in Nordſmaland be⸗ kannt werden, den die Woge des ſüdlichen Wetterſees unaufhörlich küßt: küßt und anweint, ja oft ſo ſehr anweint, daß es überläuft. Jönköping beſteht aus dem Weſtlichen⸗Viertel, dem Markt⸗Viertel, dem Kir⸗ chen⸗Viertel und dem Oeſtlichen⸗Viertel. Jedes derſelben beſitzt ſeine drei Häuſerreihen, die Großſeereihe am Wetterſtrand, die Kleinſeereihe am Strand des Munck⸗ oder Kleinſees, und die Zwiſchenreihe, welche zwiſchen beiden liegt. Und doch beſitzt die Stadt noch vielmehr, wie z. B. die beiden Quais, die Vorſtadt, den öſtli⸗ chen Fahrhof, den Lilienholm, den Roſenhain, den öſtlichen Brunnen.—“ „Nein, nein, Göran! fange nicht ſo an. Was hilft es mich, wenn ich hier im Zimmer ſtehe und die Geo⸗ graphie der verſchiedenen Viertel anhöre— daraus werde ich nicht klüger. Aber wenn du willſt, ſo laß uns auf die Straße gehen. Sage mir dann die Na⸗ men der vornehmſten Häuſer, ſo werde ich Zepton bald finden.“ „Gut, komm! Du ſollſt ſehen, daß ich hier etwas weiß. Ich habe das praktiſche Leben ſtudirt.“ Die zwei Freunde gingen mit einander fort und richteten ihren Weg die Schmiedeſtraße hinab, dem Breitermarkte zu. Medenberg erklärte, daß ihm der erſte Buchſtabe des vergeſſenen Namens unaufhörlich vor den Sinnen ſchwebe, daß er aber nicht im Stande ſei, ihn herauszubringen. „Das thut nichts,“ erwiederte Göran,„wir wer⸗ den den Widerſpänſtigen bald zu Tage befördern. Ich bitte dich jetzt nur, die ſchöne Brücke zu betrachten⸗ Drei Frauen in Smaland. 1. 146 die Du hier gegen Weſten vor dir ſiehſt, mein Bru⸗ der. Es iſt eine der ſchönſten Eiſenbrücken und läuft zwiſchen dem Kleinſee und dem Wetterhafen über unſern ſchönen Strom hin. Sieh nur, wie der Hafen zwiſchen den beiden Dämmen eingebaut liegt, deren Spitzen hier mit einer Flaggenſtange und dort einem Leucht⸗ thurme geziert find, ſiehſt du ſie?“ „Sehr gut. Zeyton wohnt aber nicht in dem Leucht⸗ thurme.“ „Nun, nun; aber höre jetzt wohl auf die Namen, die ich dir ſage, vielleicht erkennſt Du darunter den Aufenthaltsort des Grafen. Das erſte Gebäude hier in der Großſeeſtraße ganz an der Brücke iſt das Ry⸗ dinſche Haus.“ „Nein, das iſt nichts. Zeyton wohnte in keinem Rydinſchen Hauſe. Ryd— Ryd— nein, ſo lautet die erſte Sylbe nicht. Aber,“ wandte Medenberg ein, als Göran auf das Trottoir trat, um weiter in die Stadt hinein zu gehen,„es kommt mir vor, als fan⸗ geſt Du dein Gewerbe etwas närriſch anz wir haben ja auch Häuſer in dieſer Entfernung hier, wo wir in die Stadt hereinfuhren? Dort gewahre ich ſchon eines, das meinem Grafen zu Geſichte ſtünde!“ „Ach ja, das iſt das des Magazinverwalters; aber er beherbergt keinen Zeyton, darauf laſſe ich mich ſchlagen und übrigens gibt es hier außen im Stall⸗ hofe kein Haus, wo der Graf vernünftiger Weiſe zu ſuchen wäre, wenn nicht etwa in dem langen Ge⸗ bäude dort.“— „Und⸗der Befitzer deſſelben? laß hören!“ „Iſt des Königs Statthalter. Und meiner Treu ich wollte, Du hätteſt deinen Hochgebornen dort im Bezirksgefängniſſe zu ſuchen.“ „Ich hätte auch nichts dagegen; aber jetzt weiter auf unſerer Entdeckungsreiſe gegen Oſten.“ „Das zweite Haus hier in der Großſeereihe ge⸗ hört dem Akerhjelm. Der Beſitzer iſt nicht bloß Fre N — — 147 herr, ſondern auch Bierbrauer, was ich ihm hoch anrechne.“ „Sieh, ſieh doch, Göran,“ unterbrach ihn Alexan⸗ der und zog ſeinen Freund näher an das Haus, von dem dieſer ſo gut ſprach. „Was ſiehſt Du da denn oben am Fenſter, ent⸗ deckſt Du etwas von Zeyton?“ „Nein, gewiß, gewiß nicht! Es iſt ſicher der voll⸗ kommene Gegenſatz von allem Zeptoniſchen.“ „Aha, jetzt verſteh ich!“ verſetzte Göran;„Du haſt recht, Alexander, Du betrachteſt etwas, was der Betrachtung werth iſt. Aber ich rathe Dir als Freund, laſſe deine Augen nicht zu lange in dieſen Himmel verfinken. Erinnerſt Du dich eines Wortes, das ich dir geſtern ſagte, während wir fuhren. Erinnerſt Du dich, wie ich von Tegnér ſprach und ſagte, daß es mir leid um den Mann thue?“ „Ich erinnere mich,“ antwortete Alexander und wandte ſich ſchnell gegen ſeinen Freund;„bekomme ich hier die Auflöſung deines Räthſels?“— Aufs neue warf er das Auge nach dem Fenſter im Aker⸗ hielm'ſchen Hauſe hinauf, das an der Ecke der Straße lag und die Ausſicht über die Eiſenbrücke in die Vor⸗ ſtadt hatte. Dort ſaß eine feine Dame mit einem üp⸗ pig wallenden, ſchwarzen Haare, ſie ſchien in ein ſchönes Sinnen über etwas, was ſie las, verſanken: dazwiſchen warf ſie Blicke hinaus, die bald ftille flamm⸗ ten, bald wieder tief und feurig blitzten, je nach dem Gegenſtande, mit dem ſich ihre Gedanken beſchäftigten. „Jetzt iſt es genug, vollauf genug, es geht nicht an, ſo da zu ſtehen und hinaufzuſchauen,“ ſagte Göran und zog ſeinen Reiſegefährten mit Gewalt von dem Anblicke hinweg, der ihn feſſelte.„Höre, höre, ſag ich, höre mich, Alexander, wir müſſen weiter und jetzt nach Oſten biegen. Dieſes dritte Haus gehört Sagte Zeyton, daß er bei einem ſolchen wohne?“ 148 „Ra— Rahl— nein, ſo lautete es nicht.“ „Wenn Du nur auch weißt, was Du jetzt ant⸗ worteſt, Du zerſtreuter Medenberg? Es war ein Unglück, daß wir unſere Unterſuchung beim Akerhjel⸗ miſchen Hauſe anfingen.“ „Sei unbeſorgt, lieber Göran; wir kommen bald wieder zu uns und in die wirkliche Welt, wenn wir nur hier auf der langen Paſſage, die wir gegen Oſten vor uns haben, und die gewiß Jönköpings Haupt⸗ kraß⸗ ſein muß, raſch fortfahren. Habe ich nun recht?“ „Nein, im Gegentheil, es iſt wirklich die Haupt⸗ ſtraße.“ „Nun ſo nenne alle dieſe Häuſer hier, ich will hören.“ Göran deutete und ſagte:„Bäckermeiſter Vin⸗ blads, Ullſtröms, Kaufmann Bergſtröms, Aſſeſſor Filen's, Färber. „Nun, aber hier zur Rechten? Fange mit dem erſten Hauſe an, das ſich duckt, als ob es eine Laſt zu tragen hätte.“ „Mamſell Roſini; dann Bröskens, Oebergs, Blankens;— das iſt die Mittelreihe, verſtehſt Du?“ Alexander ſchüttelte den Kopf bei all dieſen und den folgenden Namen, welche Göran auf ihrem Spaziergang Straßen abwärts hernannte, bis er auf ein kleines gelbes Haus zeigte und ſagte:„Schumacher Nybergs.. „Nybergs? laß ſehen, das lautet beinahe wie Zeytons Adreſſe. Ny— Nyb— Nybergs— nein⸗ laß ſein, es iſt auch nicht das rechte.“ „Nun, das glaub' ich wohl; denn dort wohnt Kapitain Adlerbjelke, und es ſcheint dort kein Raum für einen Zweiten zu ſein.“ „Aha, Kapitain Adlerbjelke! meine erſte Jönkö⸗ ping Bekanntſchaft, ſchon auf dem Capitain⸗Comman⸗ deur gemacht, ehe ich noch ans Land geſtiegen war.“ 149 Der Kapitain zeigte ſich auch wirklich am Fenſter. Gegenſeitige Begrüßungen. „Weiker ſiehſt du.. Aber es würde den Leſer zu ſehr ermüden, wenn wir ihm ſchwarz auf weiß alk die Ramen vorlegten, die Göran jetzt angab. Er mußte mit ſeinem Freunde durch ganz Jönköping wandern, denn dieſer erkannte keine Stelle für Zeytons Wohnung: er begann jetzt beinahe zu ahnen, daß der Graf ihn durch eine falſche Adreſſe habe betrügen wollen. Es war jedoch kein Grund vorhanden, die begonnene Nachforſchung abzu⸗ brechen; das Wetter war das Schönſte auf der Welt; die Morgenluft lud zu einem Spaziergange ein, und eine beſſere Gelegenheit, um ſich in Jönköping zu vrientiren, kam wohl nie wieder. Nach dem Wohn⸗ orte einer Perſon zu gehen und zu ſuchen, dürfte vielleicht für ein gar zu ärmliches Vergnügen ange⸗ ſechen werden; wir wollen ihm indeſſen einige Worte widmen, da es uns eine weitere Seite dieſer guten Jünglinge ſchildert, die von Jugend auf daran ge⸗ wöhnt waren, auch an Wenigem eine Freude zu haben. Es iſt klar, daß es in einer großen Stadt wie Jönköping, die von vortrefflichen und achtungswerthen Leuten bewohnt iſt, immer auch einige Originalien gibt, die ſogar ein ſo enthuſiaſtiſcher Freund der Stadt, wie Göran Edeling, kritiſiren kann, ohne es deßhalb im geringſten an Liebe und Achtung für das Ganze fehlen zu laſſen. In der Natur des einge⸗ bornen Smaländers liegt eine Anlage zur Selbſt⸗ ſatyre, welche ihn ſeine theuerſten Freunde, ſeine lieb⸗ ſten Gegenſtände oft mit einer ganz ſchonungsloſen Schärfe behandeln läßt, ohne daß er ſie deßhalb we⸗ niger liebte und ehrte. So war es auch mit Göran der Fall. Obwohl Smaland und in Smaland be⸗ ſonders noch Jönköping ſo hoch in ſeinem Herzen ſtand, ſo konnte er doch unmöglich an einer Thüre S vorübergehen, ohne Alexander all das Heitere anzu⸗ vertrauen, deſſen er ſich dabei erinnerte. So wanderte man weiter. Bald kam man von den kleinen Gegenſtänden der Sathre zu ernſten, großen und erhabenen. Mit ſcheuer Ehrfurcht be⸗ trachtete man das graue ſchöne Gothahofgericht am alten Markt, welches das Rathhaus zur Linken und das Theater zur Rechten hat. Im Hintergrunde zur Linken lehnt ſich das Hofgericht an das Freimaurer⸗ gebäude. Aber da begreiflicherweiſe kein Zeyton in öffentlichen Gebäuden wohnen konnte, ſo ging man weiter über die Marktbrücke in den Umkreis des deut⸗ ſchen Quais und ſtrich an Tellanders, Stridbeckens und Bjuſälls vorüber. „Zeytons Wohnung erſcheint mir in der That geheimnißvoll; aber ich hab' es mir einmal in den Kopf geſetzt, ihn zu finden. Da wir jetzt über den Kanal geſchritten ſind, und dem deuiſchen Quai die Ehre angethan haben, ſo laß uns auch den ſchwedi⸗ ſchen beſuchen, wenn er nicht zu entlegen iſt.“ „Gewiß nicht,“ erwiederte Göran.„Wir brau⸗ chen nur über den neuen Markt zu geben, ſo befinden wir uns gleich auf dem ſchwediſchen Quai; der von ſo manchen Gärten und Waſſern umgeben iſt. Dort unten gegen Süden haſt Du gleich die Fortunaſtraße, aber es verlohnt ſich nicht der Mühe, dahin zu gehen, und dort auf ein Gelingen unſeres gegenſeitigen Ge⸗ ſchäftes zu hoffen. Laß uns dafür wieder gegen Norden ſchreiten. Das Eck hier gehört dem Schreiner Vernblad, es iſt das Lokal der Mädchenſchule; glaubſt Du, der Graf wohne mit ſolchen Leuten zuſammen?“ —„Nein.“—„Nun, hier iſt„Starkeſas,“ wie wir guten Smaländer den Namen ausſprechen. Dort iſt er gewiß nicht. Weiter hier ſteht die Wechſellehran⸗ ſtalt; ſo etwas liebt dein Graf nicht. Hier haſt Du den Bürſtenbinderhof: Wollen wir hineingehen und bei unſeres Jeppes Muhme, Anna Nilſſon, einen Be⸗ 151 ſuch machen? Sieh, welch' ein hübſcher Mädchenkopf mit hoher Stirne und dem lieblichſten korallenrothen Munde dort durch das Fenſter ſchaut? Nun, das ge⸗ hört nicht hieher. Ich ſtehe dafür, daß kein Zeyton unter demſelben Dache mit Jeppe Jonſſons Muhme wohnt, denn ſie iſt gewiß eine ſehr ehrliche Alte. Nun hier neben an, haben wir endlich den Hellber⸗ giſchen Hof; lautet der Name ſeines Aufenthaltsorts ſo?“—„Rein.“ Unſere Helden hatten kein beſſeres Glück, als ſte ſich endlich auch noch nach dem ſchönſten und größten Stadttheile auf beiden Seiten der Hauptſtraße von der Kirche gegen das Oſtthor hin begaben. Nirgends konnte Medenberg den Laut wieder erkennen, den er zu hören wünſchte. Die jungen Freunde wurden von ihrem Eifer ſogar bis nach dem Schifferberge ge⸗ führt. Hier aber ſah man nur elende Hütten und nichts Gräfliches.„Bei Scharmans gegenüber?“ „Nein.“„Auf dem Adreßcomptoir einige Häuſer weiter?“„Laß uns verſuchen!“ Man trat ein, fragte⸗ bekam aber auf die Frage nach Zeytons Namen nur ein Kopfſchütteln als ſtumme und bedeutungsvolle Antwort.„Nun,“ ſagte Göran,„da wir uns jetzt ſchon einmal an dem herrlichen Thore befinden, das nach Raby und Stockholm führt, ſo laß uns einen Spaziergang in den angenehmen Umgebungen machen. Wollen wir zu Sparrens in der Allee gehen? Zu der Plantage? Vielleicht auch nach dem Lilienholm und Stedtens? Du ſiehſt gar ſo trübſelig aus⸗ Medenberg! wenn Du willſt, ſo ſchlagen wir den Weg nach der Oſtkapelle ein, nach dem Oſtbrunnen, oder wenn Du lieber willſt, nach Jära, deſſen luftige Höhen uns einige friſche Athemzüge von den Wolken herabſenden werden.“ ch geſtehe, daß mir das Herz klopft und der Verſtand ſtille ſteht,“ erwiederte Alexander.„Der Bube hat mich offenbar betrogen. Ich gäbe, ich weiß 152 nicht was, wenn ich ihn fände und das heute; denn ich will ihn zwingen, mir das Geld zu geben, das mein Capitain ſo nöthig hat. Nein, Göran, es iſt nicht der Mühe werth, uns aus der Stadt hinaus zu begeben, ſo hübſch es auch in der Allee ausſieht. Aber wir würden die Zeit vertändeln; wir müſſen uns ein andermal an dieſem Spaziergang erfreuen.“ „Wenn ich Du wäre, Medenberg, ſo gäbe ich den Zeyton auf eine halbe Stunde aufz ich ginge und frühftückte, wie man hier zu Lande zu thun pflegt und lüde einen guten Freund mit mir ein, wenn ich einen hätte. Denn es gibt keinen Fleck in Jönköping, den ich dir nicht angegeben hätte, und wahrſcheinlich wohnt Zeyton in irgend einem namenloſen Holzſtalle oder Dachboden.“ „Frübſtücken. Göran? Dein Wink iſt prophetiſchz laß uns ihm nicht widerſtehen. Zeige mir nur ein Lokal, wo man gute Eier mit Beefſteaks und fran⸗ zöſiſchem Senfe haben kann.“ „Das wird leicht ſein. Der Herbſt gemahnt uns auch zu einem Glaſe Porter—“ „Zu zwei, Göran! Erlaube mir, dich einmal einzuladen.“ „Ich danke! meines Vaters Sohn ſagt nichts unnöthigerweiſe. Adieu alſo, ſchönes Oſtthor! Wir werden ein andermal zu dir hinausgehen. Wenn wir guter Laune werden, ſo beſuchen wir ſogar das Arbeitshaus und Frau Sjöbergs, aber jetzt zur Cen⸗ ſur der Speiſewirthſchaften in der Stadt. Leider Gottes! ſind hier in der Hauptſtadt ſelbſt die Speiſe⸗ tiſche für jede Gattung Victualien ſehr gering. Ich glaube, wir thun am Beſten, wenn wir das Beefſteak in unſerem eigenen Wirthshauſe eſſen. Ich kann dann im Vorbeigehen einen Auftrag des Vaters ausrichten, und einige Tonnen Korn an Lindquiſtens verſchließen.“ „Lindquiſtens! was hör ich!“ rief Alexander, ihn —— v—— —— — 8 153 unterbrechend,„da hab' ich ja meinen Laut! Ei zum Henker!“ „Wirklich? Das iſt doch kurios, jetzt alſo, nach⸗ dem wir alles durchforſcht hatten und auf dem Wege waren, unſere Hoffnung ganz aufzugeben, treffen wir—— aber weißt Du auch gewiß, daß er Lind⸗ quiſtens ſagte? Es kommt mir faſt unglaublich vor. Vor einer Weile ſiel dir ja der Name Nyberg auf?“ geſtehe, daß mein Gehör heute ſehr ſonder⸗ bar iſt.“ „Das kommt davon her, weil Du noch nicht das geringſte gefrühſtückt haſt.“ „Wir werden dieß bald einholen; aber indeſſen, Göran, verſchlägt es uns nichts, wenn wir bei Lind⸗ quiſtens nachfragen, da Du dort ja auf alle Fälle etwas zu thun haſt.“ „Meinetwegen, Bruder! daß kein Zeyton dort wohnt, darauf möchte ich faſt bei meinem künftigen Schnurrbarte ſchwören. Aber laß uns gehen und fragen, es ſchadet ja nichts, wie geſagt. Anſtändig gekleidete Perſonen bekommen immer eine höfliche Antwort.“ Ihr Rückweg ging jetzt über die Hauptſtraße“ ſchräge über den Markt und ſo in die Schmiedeſtraße. Bald ſtanden ſie vor einem grünen Haus. Sie tra⸗ ten in den Laden, von wo aus ſie in das Comptoir geführt wurden. Göran durfte Korn liefern, ſo viel ihm beliebte, das Faß zu 8 Reichsthaler, in ſeinem Glück, in ſeinem Mäcklerentzücken vergaß er jedoch ganz Alexanders Geſchäſt; weßhalb dieſer genöthigt war, ſelbſt zu fragen, ob Graf Zeyton von Karmans⸗ bal hier wohnte. „Nein, mein Herr!“ „Ich habe die Adreſſe auf Lindquiſtens erhalten.“ „Dann wohnt er vermuthlich bei dem Magazins⸗ verwalter draußen in der Vorburg; Herr Edeling weiß vielleicht—— 2“ ſuchen? 15⁴ „Ach ja! gehorſamſter Diener!“ Die beiden Freunde ſchlugen den Weg nach der Vorburg ein, indem ſie Frühſtück und Wirthshaus liegen ließen. „Wenn es drauf und dran kommt, ſo iſt unſer Mann gerade dort einmagazinirt, wo Du es am wenigſten vermutheteft, Alexander. Unſere Irrfahri würde dann dem Ulyſſes ſelbſt Ehre machen.“ Die Hausthüre des Magazinsverwalters ſprang vor Görans Hand auf. Zur Rechten und Linken waren keine Schlüſſel in den Thüren. In der Mitte vor ihnen befanden ſich zwei andere Thüren. Dort ſtaken die Schlüſſel glücklicherweiſe. Göran öffnete die zur Linken: von dort ging eine Treppe hinab, und in den Hof hinaus. Sie begegneten einem Dienſt⸗ mädchen, eine Jönköpingerin, von demſelben hübſchen Schlage wie gewöhnlich; aber bei der Frage, ob hier ein Graf Zeyton ſei, verſicherte ſie, daß ſie ihrer Leb⸗ tage noch nie eine ſolche Perſon habe nennen hören. In dieſem Augenblicke hörten ſie von dem Zim⸗ mer her, woraus das Mädchen gekommen war, einen höchſt freundſchaftlichen Ruf, und Jeppe Jonſſon ſtürzte heraus.„Sieh da! das iſt herrlich, daß ich meine Herren hier finde. Ich habe geſucht und geſucht.“ „Haſt Du uns hier geſucht, Jeppe?“ „Ach ja, Herr Göran; ich war hier, weil das Mädchen, meine alte Kamerädin aus dem Kirchſpiele, meine beſte Freundin iſt und wir miteinander zu Gottes Tiſch gegangen ſind. Ich muß ſie daher be⸗ grüßen, wenn ich nach Jönköping fahre, und wer kann immer bei ſeiner Muhme ſein.“ „Aber wann ſuchteſt Du uns?“ „Das wollte ich gerade jetzt thun, als die Her⸗ ren ſelbſt kamen und mich darin unterbrachen.“ „Zu welchem Endzweck wollteſt Du uns auf⸗ „Ich wollte Ihnen nur ſagen, wenn Sie etwa 3 6 r t 15⁵ den Zehlon, den Grafen, beſuchen wollten, daß er auf der Poſt zu finden iſt.“ „Wie?“ rief Alexander,„iſt er auf dem Wege ab⸗ zureiſen?“ „Nein, er wohnt dort.“ „Er wohnt auf der Poſt, wo auch wir logiren?“ „Er wohnt nicht in dem Zimmer der Herren, ſondern über dem Oehren drüben, gerade über von Ihnen.“ „Nun, das iſt doch zu toll!“ rief Göran.„Alſo ſind wir recht hübſch über den Fluß gegangen, um Waſſer zu holen, und haben in der ganzen Stadt her⸗ um nach ihm geſucht.“ „Aber wie iſt es denn möglich, daß wir ihn noch nicht zu Hauſe getroffen haben?“ bemerkte Meden⸗ berg. „Ach Herr,“ verſetzte der freimüthige Jeppe, „Zeyton iſt ein Menſch, der ſpät heim kommt, und bei Zeit wieder ausgeht; ganz wie das böſe Gewiſſen. Aber Herr Lexander und Herr Göran, kommen wie das gute Gewiſſen ſtets zu rechter Zeit nach Hauſe, legen ſich feſt nieder, ſchlafen gut und ſtehen Morgens nicht ſo bald auf. Verzeihen Sie— aber ſo konnten die Herren keine Spur von ihrem Zeyton ſehen.“ „Daß er mich ſo abſcheulich mit einer falſchen Adreſſe zum Beſten haben wollte!“ „Sagte er vielleicht, er wohne bei Iſaak Lind⸗ quiſtets?“ „Recht, Jeppe, der Vorname war dabeiz und gerade dieſer Vorname. Iſaak Lindqviſts— da hab' ich es!“ „Ja das iſt ganz daſſelbe, wie die Poſt! Das kömmt daher, weil der Handelsmann Iſaak Lindqviſts früher in dem Hofe wohnte und veßhalb nennen ihn Einige immer noch Iſaak Lindqviſts, oder geradezu nur Iſaaks, zum Unterſchied von Jacobs, der weiter unten auf der Schmideſtraße liegt.“ 156 „Da haben wir es, Jeppe! Ich bin es alſo ſelbſt, lieber Göran, der mich zum Beſten gehabt hat?“ „Vortrefflich!“ rief Göran,„das gefällt mir außer⸗ ordentlich. Wäre es mir geſchehen, ſo hätte ich keinen ſo großen Werth darauf gelegt, daß man mich zum Narren gehabt, aber daß es einem ſo weiſen und gründlichen Menſchen paſſiren konnte, wie Meden⸗ berg—“ „Laß uns jetzt nur nach dem Gaſthofe eilen.“ „Wir wollen gehen, aber geſtehe nur, daß—“ „Ja, Bruder Göran, daraus können wir die groͤßte und lehrreichſte Folgerung für die ganze Menſch⸗ heit ziehen, nämlich das, wenn man ſich täuſcht, es in den meiſten Fällen durch ſich ſelbſt geſchieht: Ich halte dieſe Wahrheit durch die heutige Promenade für nicht zu theuer erkauft, und wünſche nur, meine Wan⸗ derung möchte zur Folge haben, daß ich das, was ich erfahren habe, tief in meine Seele einpräge. Wie wir uns benommen haben, ſo macht es der Menſch im Allgemeinen, Göran. Er verläßt ſeine Heimath, um ſein Glück, die Erfüllung ſeiner Wünſche überall anderwärts zu ſuchen. Er bleibt von Haus zu Haus ſtehen, klopft an ciner Thüre nach der andern an, macht ſich unaufhörlich mit neuen Adreſſen, neuen Namen bekannt; und was findet er? Nie und nirgends das, was er wünſcht. Erſt, nachdem er die ganze Welt mit all ihren Straßen und Nebenſtraßen durch⸗ laufen hat, kommt er zu der Einſicht, daß das, was er ſucht, ſich in ſeiner eigenen gaſtfreundlichen Hei⸗ math befindet; er braucht nur in ſich ſelbſt hinein zu gehen, um das Glück zu finden. Welch' eine hohe Moral liegt in unſerem Jönköping⸗Abenteuer! Ich will mir jeden Namen aufſchreiben, den ich heute von dir gehört habe, um mich vadurch unauslöſchlich an dieſe große Wahrheit zu erinnern. Und— laß ſechen— wer war es, der uns endlich den Wink gab, heimzugehen, der uns nach dem Wirthshauſe N —— N—— S NX———— ———* —— 157 wies? Jeppe war es, dieſer Natur⸗Sohn. Welch' ein Gleichniß in Alldem, mein Göran. Es iſt das reine, unverfälſchte Naturgefühl, was uns wieder dahin leitet, wohin wir ſollen, was uns den Weg zeigt und den rechten Platz, das wahre Ziel andeutet. Aber wann erſt kommen wir zu dieſer Erkenntniß? Nicht eher, mein Bruder, als bis wir beinahe die ganze Welt durchforſcht, uns in Verzweiflung über ihre Grenzen hinaus begeben haben und auf dem Punkte ſtehen, alle unſere Hoffnungen aufzugeben. Dann begegnen wir— zufällig, wie es uns Kurz⸗ ſichtigen ſcheint, aber gewiß in Folge einer guten Vorſicht— was begegnen wir? Nun wir begegnen die Wahrheit und die Natur in Geſtalt eines ein⸗ fachen Landkinds, das ſeinen Mund öffnet und uns mit einigen wenigen Worten Alles ſagt, was wir be⸗ dürfen, uns auf uns ſelbſt hinweist und uns bittet, nach Hauſe zu gehen, als an die einzig rechte Stelle.“ „Ich erſtaune über dieſen Jeppe, hat er wirklich eine ſo große Bedeutung für uns?“ „Die Natur und die Wahrheit machen ſich oft ein Vergnügen daraus, ſich den Menſchen in lachen⸗ den Geſtalten zu zeigen. Mehr als einmal hat ſich die tiefſte Weisheit in einer lächerlichen Figur, in einem mundfertigen Bettelrock verſteckt.“ „Auf dieſe Art würde ich mich am Ende noch ſelbſt für etwas Rechtes halten.“ „Ja, ſei gewiß, Göran, unſere Perſonen, ſowie alles, was wir erleben, alles was wir auf Erden um uns ſehen, ſind nur Gleichniſſe, find nur große und geheimnißvolle Räthſel, wenn wir ſie nur immer ver⸗ ſtünden. Unſer ganzes Leben muß figürlich genom⸗ men werden; denn was find wir denn ſelbſt?“ „Nichts anders als Figuren. Das verflehe ich. Ja laß uns nach dem Gaſthofe gehen, da Zeyton 158 dort zu finden iſt. Man kann auch dort Frühſtücken, ſehr gut frühſtücken, nicht wahr?“ „Schön,“ erwiederte Alexander;„aber ich will die Sache mit Zeyton zuerſt abmachen.“ So gingen ſie alſo, drei Mann hoch, abz Alexan⸗ der und Göran Arm in Arm, Jeppe Jonſſon aber beſcheiden hintendrein. Göran ſah ſich um und ſagte:„Weißt Du, Medenberg, was wir drei vorſtellen? Wir bilden das ſchöne und herrliche Spiel„zwei Herren und ein Narr.“ Die Natur, die Wahrheit geht jetzt wie immer hintendrein, betrachtet unſere Fußſtapfen, und gleicht in Geſtalt einem Narren, einem Diener, iſt jedoch ſelbſt unſer Herr. Wir beide find es, welche die Narren bilden, und Jeppe iſt der Vernünftige, wenigſtens ſieht es ſo aus.“ „Komm nur, komm nur weitek, Göran, vertändle die Zeit nicht. Bedenke, was ich zu ſuchen habe! S ein Unglück, wenn ich Zeyton nicht mehr nde!“ „Ja, ich weiß, daß Du den Satan ſuchſt, mein Bruder, und es iſt dem Menſchen immer weit ſchwe⸗ rer, ihn zu finden, als jenem, den Menſchen zu finden, was, wie man ſagt, nicht ſo ſchwierig ſein ſoll. So, da haben wir den Brettermarkt; dort in der Ecke ſehen wir die Mündung der Schmiedeſtraße, dorthin führt uns unſer Geſchick. Wer in Jönköping, der uns ſo raſch daher ſchreiten ſieht, würde ſich vorſtel⸗ len, daß wir ſo Eile haben, um den Satan ſelbſt zu finden— den Zeyt—“ „Sie ſchwatzen wie Stocknarren!“ ſagte Jeppe halblaut bei ſich ſelbſt, während er hintendrein ging. „Hörteſt Du, Alexander?“ flüſterte Göran;„ſchon wieder ein Wink von der Wahrheit und Ratur!“ 1. r 1, ie d e e, le r E. n, ke in er l⸗ u pe d. n Vierzehntes Kapitel. Vas ſchwere Bekenntniß. Ein heiliger Gottesengel wacht über jeden von uns, und es gibt kein Unglück, aus dem nicht herauszuhelfen iſt, wenn wir nur ſelbſt wollen; ſo iſt wenigſtens mein Glaube. Graf Zepton wohnte in der That in ihrem Gaſt⸗ hofe. Medenberg bekam von Mathilde die Gewiß⸗ heit hierüber, die ihm ſein Zimmer zeigte und auch verſicherte, daß er ſich gegenwärtig zu Hauſe und allein befinde. Medenberg ſtieg die Treppe hinauf, fand den Schlüſſel ſtecken und öffnete langſam eine Thüre, die ihm zu einer Löwenhöhle zu führen däuchte. Als er eintrat, erhob ſich der Graf von dem Sopha, wo er rauchte, kam ſelbſt ſeinem Gaſte entgegen und ſagte: „Sehe ich nicht Herrn Me— Mo— laſſen Sie mich ſagen, meinen edlen Lebensretter, dieß iſt ein Name, den ich nie vergeſſe. Sehr willkommen, wie geht es Herr— Herr— aber wie hieß doch der err?“ Medenberg verbeugte ſich ehrerbietig und ſagte ſeinen vergeſſenen Namen.„Herr Graf,“ begann er, „ich möchte von Herzen wünſchen, daß ich willkommen wäre. Alles, was ich jetzt hoffen kann, iſt, Ihnen nicht eine zu einer wichtigeren Sache nothwendige Zeit zu rauhen: ich bitte um eine kleine Unter⸗ redung.“ 160 „Setzen Sie ſich, mein Herr. Ich glaubte kaum, daß ein Mann von den gelehrten Verdienſten des Herrn ſich mit dem Zeuge beſchweren würde, was man Geſchäfte nennt.“ „Es geſchieht doch je zuweilen, Herr Graf.“ Ein Stillſchweigen entſtand, während deſſen Medenberg in der Verlegenheit⸗ wie er ſeine ſchwie⸗ rige Sache einleiten ſollte, ſich damit begnügte, das gefurchte Antlitz des Mannes zu betrachten, den er anzugreifen ging; und dieſer ſah etwas erſtaunt auf ihn zurück. „Ich komme an Statt meines Prinzipals, um den Herren Grafen um eine Aufklärung zu bitten,“ ſagte er nach einer Pauſe.„Der Kapitain von Meke⸗ ſchwer krank darnieder, und kann nicht e „Ich bedaure meinen braven Mekeroth,“ unter⸗ brach ihn Zeyton.„Aber er begeht beſtändig den Fehler, zu viel zu Hauſe zu bleiben.“ „Seine gegenwärtige Krankheit hat einen andern Grund,“ erwiederte Medenberg.„Er findet, daß er ſchrecklich betrogen worden iſt, daß ihn eine Perſon beſtohlen hat, welcher er ſechs Jahre lang das voll⸗ kommenſte Vertrauen ſchenkte. Es iſt zu betrübend, Herr Graf, wenn man in einem Manne, den man ſo gerne in einem ſchönen Lichte betrachten möchte, einen gewaltigen Schurken ſieht.“ „Iſt Mekeroth betrogen worden, der Arme? Ich fürchte, Herr Medenberg, es iſt nicht zum erſten Mal: Kapitain von Mekeroth hatte immer zu viel Eigenſinn, um dem Rathe ſeiner Freunde zu folgen. Wer iſt es, der ihn dießmal zum Beſten gehabt hat; es muß eine bedeutende Sache ſein, daß ſie meinen Freund auf das Bett geworfen hat?“ „Es handelt ſich um 2500 Reichsthaler Banko“ „Ei, eil eine große Summe für uns Landwirthe ———— ————— ke⸗ cht er⸗ den ern er ſon oll⸗ end, nan chte, ſten viel gen⸗ hatz inen ko.“ rthe, 161 aber das Geld wird ſich wohl wieder herbeiſchaffen laſſen?“ 6 „Das kommt jetzt darauf an. Um deßwillen bin ich nach Jönköping gekommen; und da ich ſo zlück⸗ lich war, die Bekanntſchaft des Herren Grafen zu machen, ſo erbitee ich mir von einem Freunde und Nachbar meines Prinzipals, des Kapitain von Meke⸗ roth, einen guten Rath, wie ich es am geſchickteſten anfangen ſoll, um das geſtohlene Geld wieder zu be⸗ kommen.“—— „Von Herzen gern, wenn es mir nur möglich iſt. Hat man den Dieb entdeckt?“ Der Graf nahm ſeine Doſe heraus, vermuthlich, um ſich ein wenig zu tzi„Hat man ihn enideckt, Herr Meden⸗ „Ja!“ erwiederte dieſer. Der Graf nahm zwei Priſen raſch hintereinander. „Nun, was iſt es denn noch für eine Noth?“ ſagte er kalt und ſah bei Seite auf den ſchön mit Tannen⸗ reiſern beſtreuten Boden. „Die Sache iſt verwickelter, als man glauben S ſollte, Herr Graf. Der Dieb heißt eigentlich Nickol⸗ ſon— glaube ich.“ „Ah— Nickolſon, der Bergverwalter, der ſich— tränkt hat? Ich kannte ihn wohl; er war einmal in meinen Dienſten, Herr Medenberg, und ich mußte den Schurken fortiagen. Aber bei Mekeroth fand er Schutz. War das nicht ſonderbar? War es recht gehandelt? Was ſagt der Herr dazu, daß Kapitain von Mekeroth eine beſchimpfte Perſon in ſeinen Dienſt. nahm, die ich fortgejagt hatte? Heißt das dem Rath ſeiner Freunde folgen? Aber ſo hat es der Derr Kapitain immer gemacht.“ „Er bereut es jetzt auch tief..“. „Ich möchte beinahe ſagen, es iſt ihm teht ze ſchehen. Iſt es ſchon lange, daß Nickolſon durchgit und ſich ertränkte?“ Drei Frauen in Smaland. 1. 11 462 „Das Merkwürdigſte, Herr Graf, iſt, daß er ſich nlchi ertränkte.“ „Wie? Et, man erzählt ja, er habe ſich in den Merlſee geſtürzt? Hat man denn ſeinen Körper wie⸗ der gefunden?“ „Nicht nur ſeinen Körper, ſondern— was noch mehr iſt— auch ſeinen Geiſt.“ „Was ſoll das heißen? hat man ihn lebendig geſehen?“ „Ich ſelbſt habe ibn lebend auf der Landſtraße geſehen, und in vornehmer Geſellſchaft. Da ich ihn nicht feſt nehmen konnte, ſo habe ich mich nach Jön⸗ köping begeben, um den Dieb bei der Provinzial⸗ kanzlei anzugeben, damit man ein allgemeines Aufge⸗ bot gegen ihn ergehen läßt. Gerade deßhalb habe ich den Herren Grafen aufgeſucht, um einen guten Rath darüber zu erhalten, in welcher Form ich die Angabe über den Entwichenen aufſetzen ſolle. Ich geſiehe, baß ich in dergleichen Fällen nicht recht zu Hauſe bin, 3 bin nicht einmal auf der Provinzialkanzlei be⸗ annt.“ Zeyton, der während dieſer Rede mehr als ein⸗ mal ſchnelle und ſonderbare Blicke auf ſeinen Gaſt geworfen hatte, ſagte freundlich:„Es iſt ſehr ver⸗ zeihlich, wenn ein Mann wie der Herr— Profeſſor mit derlei Sachen nicht bekannt iſt. Wenn der Herr Profeſſor meinen Beiſtand wünſcht, ſo werde ich den⸗ ſelben ohne Sögern geben. Ich gehe auf alle Fälle ſelbſt in einer Stunde zu dem Landeshauptmann, um ihm die Sache mit den Räubern zu erzählen, von denen ich geſtern überfallen wurde, und ihre Feſt⸗ nehmung auszuwirken. Ich kann dann zugleich auch das Andere für den Herren Profeſſor abthun, da es Ihnen gewiß nicht angenehm ſein dürfte, perſönlich hinzugehen.“ „Ich danke. Ich möchte doch ſelbſt hingehen. Ich wollte den Herren Grafen durchaus nicht damit be⸗ 163 läftigen, die Ausſchreibung von Nickolſon einzureichen. Ich erbitte mir nur einen Rath darüber, wie ich die Angabe ſchreiben muß.“ „Nun wohl; wie der Herr Profeſſor belicbt. Schreiben Sie alſo— ja ich weiß nicht; man muß die Geſtalt, das Alter, die Größe und die Kleider des Diebs angeben können. Hat der Herr Profeſſor ein Signalement von Aronfors bei ſich? Ich erinnere mich nicht viel von NRickolſon, es iſt ſieben Jahre her, daß er in meinem Hauſe war.“ „Ich habe zwar Nickolſons Signalement,“ er⸗ wiederte Mevdenberg.„Aber Herr Graf das Schlimmſte iſt, ich habe deren zwei—“ „Um ſo beſſer.“ „Aber ſie find einander nicht gleich. Welches von ihnen ſoll ich nun benutzen? Das eine zeigt Nickolſon mit Haaren, Augen, Augbraunen, Kleidern und Allem, wie er als Bergverwalter war, da er entwich; auf dem andern hab' ich ihn mit abrafirten Augbraunen, mit einer Binde über einem Auge, kurz als Bedien⸗ ten eines gewiſſen hohen Herren, der ihn ſonderbarer Weiſe unter ſeinen Schutz genommen hatund vielleicht mit ihm auch noch etwas anderes genommen haben dürfte —— Nun, Herr Graf, rathen Sie mir, ob ich unter dem letztern Bilde nach ihm fahnden laſſen, und dann zugleich— was unumgänglich ſein dürfte— den Behörden auch einen Wink über den Herren Be⸗ ſchützer des Diebs geben ſolle?“ Während dieſer Rede war Zeypton vom Sopha aufgeſtanden, als wollte er ſeine Pfeife ſtopfen; war aber nach der Thüre gegangen und hatte ſie verrie⸗ gelt. Er hoͤrte Medenberg ruhig zu Ende. Dann ſagte er:„Wenn mich der Herr wirklich und auf⸗ richtig um einen Rath in dieſer Sache bittet, ſo ant⸗ worte ich ihm, daß der Herr das erfiere Signalement von Nickolſon benutzen ſoll, da es das Sicherſte für den Herren ſelbſt ſein möchte.“ „Aber“— erwiederte Medenberg unerſchrocken, ungeachtet er ſah, was Zeyton an der Thüre gemacht batte—„ich ſelbſt bin ſehr geneigt, das Letztere zu benutzen.“ „Und warum, Herr?“ Der Graf runzelte die Stirne und ſtellte ſich vor den auf dem Sopha ſitzen⸗ den Gaſt. „Nun deßhalb,“ verſetzte Medenberg mit einer leichten Bewegung des Kopfes, die einer halben Drohung ähnlich ſah,„weil ich auf dieſe Art am Beſten die 2500 Reichsthaler wieder zu bekommen glaube.“ „Hören Sie, mein Herr,“ ſagte Zevton,„Sie retteten mir geſtern das Leben und— ja es muß heraus— vielleicht auch Nickolſons Leben. Ich will deßhalb dem Herren heute nicht ſo begegnen, ich meine auf die Art, wie es mir ein ſehr leichtes wäre. Kurz und gut, ſagen Sie mir als Freund, wollen Sie, daß wir Freunde bleiben?“* „Das iſt, was ich wünſche.“ „Offen, Herr! Der Herr hat mir deßhalb heute einen Beſuch gemacht, weil der Herr Nickolſon nicht ausſchreiben laſſen wollte, wenn er nur das Geld be⸗ käme, iſt es nicht ſo?“ „Wir fangen an, einander zu verſtehen.“ „Vollkommen. Aber ehe wir weiter gehen, ſo ſagen Sie mir eben ſo offen, wer iſt der Herr? Der Herr iſt erſt kürzlich in die Gegend gekommen; ſagen Sie mir, in welcher Abſicht? Daß ein Mann mit den Talenten des Herrn nur ſo ein Stück von einem Informator bei einem einfältigen Kapitain ſein ſollte, läßt ſich nicht glauben. Man hat mir geſagt, der Herr ſei in Götheborg geboren, iſt es ſo?“ „Es iſt wahr.“ „Man hat mir auch geſagt, daß der Herr eigent⸗ lich auf einer Reiſe nach Götheborg begriffen war, obwohl er zuerſt— unterwegs— eine zeitlang in — 165 Aronfors anhielt, um— Reiſegeld zu bekommen. Das iſt kurz vor Rickolſons Verſchwinden geſchehen.“ „Was meint der Herr Graf damit?“ „Ich werde dem Herrn eine Art zeigen, wie er Geld bekommen kann. Der Herr hat ſich bei und für Mekeroth mit einem Eifer, einer Thätigkeit, einem Scharfſinne benommen, die zwar ein wenig für einen armen Gelehrten, aber um ſo weit mehr für einen tüchtigen klugen Mann zeugen. Hat der Herr nicht Luſt, dieſer Tage nach Götheborg zu reiſen?“ „Nach Götheborg? Dahin dürfte ich wohl bald genug kommen.“ „Ich begriff auch ſogleich, daß dieß der eigent⸗ liche Plan des Herren ſein werde. Will der Herr zu⸗ gleich eine Kommiſſion für mich in Götheborg aus⸗ richten? Ich gebe dem Herrn gleich 500 Thaler für ihn; und den übrigen 2000 kann der Herr ins Ge⸗ ſicht lachen, oder Mekeroth hinſitzen und darüber wei⸗ nen laſſen, wie der Herr will. Was ſagen Sie dazu?“ „Herr Graf Zepton, wir fangen an, uns zu mißverſtehen.“ „Ich gebe dem Herren 600 Reichsthaler.“ „Wir mißverſtehen einander durchaus, ſage ich.“ „Weiter als bis zu 700 gehe ich nicht. Will der Herr dieß annehmen? Im andern Fall habe ich in meinem Reiſegürtel ein weit beſſeres Mittel.“ „Es bedarf keines von beiden,“ verſetzte Meden⸗ berg und ſtand auf.„Zuerſt will ich hier dem Her⸗ ren Grafen eine Brieftaſche übergeben, welche Nickol⸗ ſon zugehört und geſtern auf der Landſtraße gefunden wurde.“ „Ha!“ „Zweitens bitte ich den Herren Grafen, dieſes Papier, dieſen Brief zu durchſehen, der von Jemand geſchrieben wurde, den der Herr Graf kennt. Bemer⸗ ken Sie wohl, dieſes iſt nur eine Abſchrift. Das 166 Original iſt an einem andern Orte aufbewahrt. Und— ſetze ich hinzu— ich trage es jetzt nicht bei mir; das ſage ich, um dem Herren Grafen die Ver⸗ ſuchung zu benehmen, etwas aus dem Gürtel zu ge⸗ brauchen.“ „Ha!“ rief Zeyton mit funkelnden, feuerſprühen⸗ den Blicken,„Wer hat das Original zu dieſem Briefe geſtohlen?“ „Müſſen wir ſolche Ausdrücke gebrauchen? Nun denn, ich werde ſagen, wer der Briefdieb war, wenn zuerſt erfahre, wer die 2500 Reichsthaler geſtohlen „Warum retiete der Herr geſtern mein Leben, wenn mir der Herr heute ſolche Infamien ſagen wollte.“ „Ich rettete geſtern das Leben des Grafen, um heute das geſtohlene Gut wieder zu bekommen.“ „Menſch, wo iſt das Original zu dieſem Bil⸗ lete?“ „Es iſt auf dem Wege zu dem Lanveshauptmann der Provinz Jönköping.“ „Teufel!“ „Das heißt, es iſt auf dem Wege. Wenn unſere gegenwärtige Beſprechung einen guten, einen ver⸗ nünftigen Ausgang nimmt⸗ ſo— kommt das Original nie dahin.“ Zepton ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab, das Blut kochte auf ſeinen Wangen, geballten Fäuſte hoben und ſenkten ſich wechſels⸗ weiſe. Medenberg fuhr fort.„Meine Reiſe nach Göthe⸗ borg dürfte wohl ihrer Zeit Statt finden; aber es wird nicht um meinetwillen geſchehen, ſondern für meinen Prinzipal. Herr Graf, ich habe in dieſen Wochen die Rechnungen von Aronfors ſtudirt; ich habe Manches geſechen. Wenn ich nach Götheborg 167 komme, ſo erfordern es die Geſchäfte ſehr wahrſchein⸗ lich, daß ich Männer wie Barclay, Dickſon, Carungie beſuche. Was will der Herr Graf, daß ich ihnen über einen Landsmann, der Zeyton heißt, anvertraue? Sollen Sie mit Zorn und hören, daß er ein— ein— o Herr Graf, ich ſchäme mich auszu⸗ ſprechen, was ich denke!“ Zepton blieb ſchnell ſtehen und ward bleich wie ein Tuch.„Gedenkt der Herr— zu ſprechen? In Götheborg zu ſprechen? Mit— dieſen Männern zu ſprechen! Ha! ſo wahr Gott lebt und Altengland eine Inſel iſt, hätte ich in dieſer Stunde— ſo würde ich bei Gott— aber ich habe nicht. Der Herr iſt ſchrecklich— in Schweden habe ich noch nie ſo Je⸗ mand geſehen— ich wollte alles, alſes geben, um— aber ich habe kein— kein Geld— keines—“ Alexander warf einen warmen, beinahe gerühr⸗ ten Blick auf ihn.„Sagen Sie mir offenherzig, Graf Zepton, wo befinden ſich die 2500 Reichs⸗ thaler?“ „Richt bei mir, Herr; ich habe ſie nicht!“ rief der Andere im Ausbruch einer beinahe epileptiſchen Raſerei, und riß Rock und Weſte auf. Er ſchlug mit den geballten Fänſten auf ſeine entblößte Bruſt und ſagte:„Bei den drei Königreichen! ich bin ein armer, ein verlorner Mann! Ich habe jetzt nichts, Herr: aber ich bekomme— bekomme balb, vielleicht— und dann ſoll der Herr auch haben, wenn—“ „Liegt das Geld denn bei Nickolſon?“ „Bei dem Unglückſeligen? nein, gewiß nicht!“ „Aber Herr Graf, ich begehre, ich verlange zu wiſſen, wo es iſt.“ Zeyton ſah ſeinen ſtrengen Gegner an, unter deſſen Wimpern er noch eben eine Thräne des Mit⸗ leids geſehen hatte.„So höre denn, Du himmliſcher Satan,“ ſagte er,„ich weiß nicht, ob Du rin guter 168 oder ein döſer biſt! Höre mich Du teufliſcher Engel — dieſes Geld— dieſes Geld— es liegt weder bei mir noch bei Nickolſon.“ „Aber wo denn?“ „Bei Abelerona.“ „Laſſen Sie uns eine ruhige und menſchliche Sprache reden, Herr Graf. Ich bin nicht gekommen, um Jemand zu ſchaden oder zu verderben; wohl aber um zurechtzulegen, wo ich kann. Ich begehre kein Vertrauen, das mix nicht zukommt; aber da ich mir vorgenommen habe, nichts zu unterlaſſen, um dem Mann, dem ich diene, das Verlorne wieder zu bringen, und der Herr Graf jetzt ſagt, es befinde ſich bei dem Herrn Hofmarſchall Abelerona, ſo ſeien Sie ſoweit aufrichtig gegen mich, um mir eine Einſicht in dieſes ſonderbare Verhältniß zu geben.“ „Herr Medenberg, hören Sie auf einmal Alles — ich bin außer mir gebracht und kenne mich ſelbſt nicht mehr— ich weiß nicht, woher dieſe Kraft kommt, die mich ergreift und rührt. Ich bin ein unglück⸗ licher Menſch: aber ich werde in kurzer Zeit glück⸗ lich werden, wenn— doch darnach fragt der Herr nicht im geringſten.“ „Ich verſichere Sie, daß ich es mit der lebhafte⸗ ſten Theilnahme wünſche. Und ſtünde es in meiner Macht, etwas dazu beizutragen, ſo würde Niemand bereitwilliger ſein.“ 143 „Herr!“ ſagte Zeyton und that ſich ſichtlich Ge⸗ walt an. Ich bin in mehrjährigem Streit mit. Abelcrona wegen des Kaufs meines Hauſes gelegen; ob er oder ich Recht hat, das gehört nicht hieher. Aber ich war dieſem Manne eine nicht unbedeutende Summe ſchuldig, 4000 Reichsthaler, Herr.⸗ Ich wäre verhaftet worden; denn ſo weit war es gekommen! Aber jetzt habe ich ihm Alles bezahlt; er hat ſein Geld bekommen, unv ich erhielt in Gegenwart von 3 Zeugen meine Reverſen quittirt. Das geſchah vor Seite ———** — —— N N*— 169 ein paar Tagen. Alles iſt helle vor mir— und da kommt der Herr!“ „Aber— 4000 Reichsthaler, Herr Graf? Wenn nun 2500 durch die von Aronfors verſchwundenen ge⸗ igt wurden, woher kamen denn die übrigen 13007“ „O— es ſind hier herum einige Fluͤchtlinge, einige Schurken, Karlscronaer Spitzbuben, die in einer geordneten Diebesbande Thaten ausgeführt haben, die einen Rinaldo Rinaldini ehren würden. Sie ſtreichen ganz herrlich in Smaland herum, und zu dieſen ge⸗ ſellte ſich Nickolſon.“ „Ich erinnere mich in der That einiger Ausdrücke hierüber in dem Briefe.“ „Schweigen Sie, Herr, mit dem unvernünftigen Brief, wenn wir als Freunde weiter ſprechen ſollen! Schweigen Sie mit dieſer hölliſchen Dummheit, die die letzte meines Lebens ſein ſoll! Aber ich bin ein“ wunderlicher Menſch, ich bin ein Engländer! Hie und da bin ich, wie ich ſein ſoll; aber wenn es im beſten Zuge iſt, kommt eine Offenheit, eine Gerad⸗ heit über mich, wodurch ich mir alles verderbe. Handle ich nicht jetzt, heute auf dieſelbe Art? Aber dießmal wird es nichts ſchaden.“ „Der Herr Graf wird von mir nicht das Ge⸗ ringſte zu befürchten haben, wenn die Sache nur bei⸗ zulegen iſt. Ich biete Ihnen im Gegentheil meine Dienſte an, wenn ſich etwas thun läßt.“ „So hören Sie denn ein ſchweres Bekenntniß! Den einen Theil, d. h. die Geſchichte von dem Aron⸗ fors'ſchen Gelde, weiß der Herr bereits. Der andere, oder der Roman über die 1500 beſteht in nichts ge⸗ ringerem, als daß die Diebesbande von Vernamo eine Kaſſe geſammelt hat, die ſich ſo hoch und noch etwas darüber beläuft. Nickolſon der ſich zu einem tüchtigen Mitglied der Bande machte, bemächtigte ſich in einer Nacht dieſer Kaſſe, ſuhr damit davon und fam zu mir, wie es ihm befohlen war. Abelcrona 4 * 170 hat jetzt Alles! Aber ich habe auch jetzt meine Rever⸗ ſen und bin ein ſchulvenfreier Mann.“ „Nicht Schulden frei, Herr Graf!“ „Ich verſtehe. Hören Sie, Herr Medenberg, kann der Herr oder des Herren Prinzipal nicht acht Tage Geduld haben? Oder vierzehn Tage? Viel⸗ leicht nur ein paar Tage, mehr bedarf es nicht? Dann bekomme ich das Geld wieder, und der Prin⸗ zipal des Herren ſoll nicht vergeſſen werden. MWeke⸗ roth ſoll ſeine Reichsthaler haben, ehe er ein Wort davon weiß. Ha, ha! ich kann mir denken, wie ſich der arme Kerl abgeänſtigt baben mag! So bat es ihn wirklich ins Bett geworſen? Das iſt ein ganzer Kapitain, geſtehen Sie ſelbſt, Herr Medenberg. Wir können ja als Freunde mit einander ſprechen: und ſagen Sie mir des Spaſſes halber, ob der Herr nicht bei einer Heuſchrecke im Dienſt ſteht? Um Frau Aurora thut es mir leid; ſie iſt ein hübſches, ein liebens⸗ würdiges Frauenzimmer. Bei meinem Ehrenwort, ſie ſoll nicht lange über den Verluſt betrübt ſein.“ „Aber— es ſollte dem Herren Grafen doch auch die Frau Gräfin Celeſtine Zeyton etwas leid un. „Wie? ha!— was ſagt der Herr?“ „Ich war in Karmansbal.“ „Der Herr war in Karmansbal, und zich weiß nichts davon?“ „Die Schuld lag nicht an mir, daß der Herr Graf nicht zu Hauſe war, als ich kam, um eine An⸗ ſtandsviſite zu machen.“ „Und der Herr traf Celeſtinen?— Gerade her⸗ aus, mein Herr— wie befand ſich Celeſtine?“ „Soll ich dem Herren Grafen Alles ſagen, was ich denke.“ „Alles, Alles, Herr! Der Herr iſt einmal auf eine merkwürdige Art mein böſer oder mein guter Genius geworden— ich weiß es nicht— ſagen Sie u— S— v —— 8 — —— v — 171¹ es heraus, ſprechen Sie, was dachte Celeſtine über meine Abweſenheit?“ „Würde die Frau Gräfin das mir anvertraut haben, einem Unbekannten, einem Fremden, einem einfachen—“ „Herr, ſagen Sie mir Alles, was Sie ſelbſt darüber denken.“ „Die Frau Gräfin iſt bekümmert, das denke ich. Mir hat ſie nichts davon anvertraut.“ „Ja ſie iſt bekümmert, ſie iſt bekümmert. Das weiß ich wohl. Celeſtine mag Gründe haben, um be⸗ kümmert zu ſein; aber— alles ſoll gut werden, in 4 gut werden. Es iſt nur noch eine kleine Zeit übrig.“ Medenberg näherte ſich dem bewegten Zeyton, nahm ihn bei der Hand und ſagte halblaut:„Herr Graf, ich bin in dem großen ſchönen Salon von Karmansbal geſeſſen: ich habe das wunderbare Bild, das Räuberbild geſehen. Ich bin da geſeſſen und habe lange ein Geſicht in der Ecke des Bildes be⸗ trachtet: das Nickolſon'ſche Geſicht an einem der Räu⸗ ber, Herr Graf—“ Zeyton maß den Fremden mit durchbohrendem Blicke, aber ſchnell warf er die Augen nach der Decke, drückte dem Unbekannten krampfhaft die Hand und ſetzte ſich oder ſank vielmehr auf den Sopha. „Iſt es kein Geheimniß, Herr Graf, daß das auf dem Gemälde Rickolſon gleich e t 7 „O nein, mehrere, die das Gemälde geſehen haben, haben es bemerkt. Es thut auch nichts—“ „Aber Herr Graf, ich ſaß an einem Fenſter, von welchem aus ich das Gemälde betrachtete; und von hier aus war es, wo mir der Rickolſon'ſche Kopf am wunderbarſten erſchien. Sonderbar, Herr Graf— mein Arm vertiefte ſich zufällig in eine Aushöhlung auf dem Geſimſe. Gewiß, gewiß, hat ein Arm dieſe 172 früher dort hinein gedrückt, lange, ſehr lange hinein gedrückt.“ Es ſchien, als ob Zeyion bebte. Der Unbekannte drückte ihm ſanft die Hand und ſprach:„Sagen Sie mir— v Gott!— iſt Nickol⸗ ſons Mutter noch am Leben?“ r Zeyton fuhr zuſammen.„Nein, ſie lebt nicht mehr,“ erwiederte er;„ich würde mich ſonſt nicht mit Celeſtinen vermählt haben. Ha— was ſagte ich, Unbeſonnener!“ Der Andere fuhr fort:„Herr Graf, in dieſer Stunde heiligen himmliſchen Vertrauens, ſagen Sie mir: Hat Nickolſons Vater recht an ſeinem Sohne gehandelt?“ „Ewiger Gott! wer iſt denn der Herr, daß er ſo Schritt vor Schritt in mich eindringt?“ „Fragen Sie nicht nach mir. Denken Sie nur an des unglücklichen Nickolſons.“ „„ 1 „Handelte dieſer Vater recht gegen dieſen armen, vielleicht unehelichen, aber dennoch eigenen Sohn— handelte er als Vater, da er ſein Kind zum Ver⸗ brechen verführte, ihn vielleicht zu Miſſethaten zwang, ihn nöthigte, in ein Bündniß mit Dieben und Räubern einzugehen?“ „Nickolſons Vater bin ich, Herr!“ „Ich nehme meine Frage dennoch nicht zurück.“ „Herr, bei den leuchtenden Sternen des Him⸗ glauben Sie, daß es keine Hilfe für Joachim i 2 2„Herr Graf.“ „O— wenn der Herr gefühlt hätte, was ich geſtern fühlte, als die Räuber ihn nach dem Walde ſchleppten, wenn der Herr meine zerriſſene Seele ge⸗ ſeben hätte, dann würde mich der Herr jetzt nicht ſo tief verdammen und verwerfen.“ ₰ „Kann er nicht noch gerettet werden?“ —— — ——* 173 „Ach Herr! fühlen Sie meine Hände an, die eine iſt fieberheiß, die andere todeskalt. Das ſagt Ihnen, ob ich etwas für mein Kind empfinde. Weiß der Herr, was mein Plan war? Ich wollte ihn verkleidet von hier nach Götheborg führen, und dort ſollte er ſich nach England einſchiffen. Seine Geſchäfte in meinen Dienſten waren dort unbekannt, und er konnte als ein ehrlicher Mann auftreten. Alles wäre dann gewon⸗ nen geweſen. Ich hätte meine Schulden bezahlt, und er, in Schweden ertrunken, hätte ein neues Leben im Lande ſeiner Väter begonnen. Aber geſtern ergriffen ihn die Räuber wieder. Das Schickſal hat lange, ſcharfe, entſetzliche Krallen, mein Herr.“ „Er kann gewiß wieder befreit werden, Herr Graf. Ein heiliger Gottesengel wacht über Jeden von uns. Und es gibt nichts Böſes, woraus uns nicht zu helfen iſt, wenn wir nur ſelbſt recht wollen: das iſt wenigſtens mein Glaube.“ „Ein glücklicher Menſch, wer ſo glauben kann! Ach wüßte ich ihn nur aus dem verdammten Räuber⸗ pack gerettet, in deſſen Geſellſchaft er aufs neue ge⸗ rathen iſt. Aber das Schlimmſte iſt, daß— ich fürchte— er iſt ſelbſt gerne unter ihnen. Dunkle, nicht zu beſänftigende, immer ſchrecklich wieder empor⸗ tauchende Hand des Schickſals!“ „Was meint der Herr Graf?“ „Verflucht ſei der, der das Malen erfand! Ver⸗ flucht, wer die Wand mit Bildern ſchmückte! Ver⸗ flucht auch ich, daß ich nicht daran denken konnte! Aber ich wußte damals ſo wenig.“ „Was hör' ich?“ „Herr Medenberg hat noch nichts gehört. Aber hören Sie jetzt: Ein ſchönes, ein zu ihrer Zeit be⸗ zaubernd ſchönes Weib, hat im Saale von Karmans⸗ bol gewohnt. Ich konnte ſie in keinem herrlicheren Zimmer verbergen. Ich wußte nicht, was ich that, noch auch ſie. Als ſie ihren Sohn geboren hatte— — ſtarb ſie. Aber der Sohn wuchs heran, und wurde vas Ebenbild jenes Kopfes, den ſeine Mutter neun Monate läng betrachtet hatte! Warum ſah ſie nicht lieber auf mein Geſicht?“ Herr Graf ſieht ſelbſt jenem Kopfe ähn⸗ ich.“ „Ha— auch das weiß ich nur zu wohl!“ „Aber grübeln Sie jetzt nicht über dieſe finſtern Gegenſtände nach. Was der Herr Graf erzählt, iſt nichts ſo ganz Ungewöhnliches: Was Rickolſons Mutter that, gibt einem Kinde freilich oft ein gewiſſes äußeres Gepräge; und man hat nicht ſelten gefunden, daß ſogar die Seele auf dieſe Art eine ſtarke Anlage in einer gewiſſen Richtung bekommen kann, die, wenn nicht Erziehung und Pflege dazwiſchen kommen, ſich zu einem beſtimmten Charakter ausbilden und in Wer⸗ ken und Handlungen ausbrechen. Religion und ſitt⸗ lich ſtrenge Grundſätze bemmen jedoch, wenn ſie früh⸗ zeitig eingepflanzt werden, ſtets dieſe Anlage oder lei⸗ ten die Kraft nach einem entgegengeſetzten Gute. Aber hat wohl der Herr Graf ſeinem Sohne dieſe Er⸗ ziehung, dieſe Pflege gegeben? Hat nicht der Herr Graf im Gegentheile ſelbſt ihn in die Bahn des Ver⸗ derbens hineingearbeitet? Warum klagt er alſo das Schickſal an?“ „Herr! der Herr weiß nicht, daß auch ich— mei⸗ nes Vaters Sohn bin.“ „Hat der Vater des Herren Grafen ebenfalls in Schweden gewohnt? Liegt er in Smaland begraben?“ „Herr— er liegt nirgends begraben!“ „Wie?“ „Er hängt an einem Galgen— oh— auf Newcaſtles Boden! Der Herr iſt ein Gelehrter— der Herr weiß vielleicht, wo auf Erden Neweaſtle iegt?“ „Entſetzlicher Gedanke!“ „ „Ich bin nach dieſem Lande herübergezogen, um . M Sb—— —— — S u XWv* 175 eine Exiſtenz zu erlangen. Ich habe ſie erlangt. Jetzt möcht ich meinen Sohn wieder nach England zurückreiſen laſſen, um ihm ebenfalls eine Exiſtenz zu verſchaffen: er ſollte es nicht. Erziehung, Pflege, Religion, ſittliche Grundſätze? Ach wie Recht hat der Herr! Sie helfen: ich weiß, daß ſie helfen, wenn man ſie hat. Aber— woher ſie bekommen, wenn man ſie nicht hat?“ Ein Gedanke fuhr plötzlich durch Medenbergs Kopf. Mehr von Menſchlichkeit hingeriſſen als reiflich bedenkend, ſagte er:„Herr Graf, geben Sie mir einen Brief an Nickolſon.“ „Wie, Herr?““ „Ich habe im Sinne, die Smaländiſchen Straßen⸗ räuber zu beſuchen. Ich hörte einige Worte, die zwi⸗ ſchen Nickolſon und einem gewiſſen Sven in dem Augenblicke gewechſelt wurden, als ſie den Sohn des Herrn Grafen nach dem Walde ſchleppten. Ich habe Grund, etwas zu vermuthen: mit einem Wort, geben Sie mir eine Sicherheits⸗ oder Einführungskarte zu dieſen Leuten. Und geben Sie mir ihre Adreſſe: Der Herr Graf kennt ſie.“ „Mein Gott— was hat der Herr im Sinne?“ „Was ich im Sinne habe? Ich gedenke Rickol⸗ ſon in die Arme des Herrn Grafen zurückzuführen.“ .„Ah—— und der Herr verzichtet alſo auf Mekero⸗ thens Affaire?“ „Das ſage ich nicht, keineswegs. Aber der Herr Graf ſprach von einem kleinen Zeitraume, von acht oder höchſtens vierzehn Tagen, wo ich das Geld wie⸗ der bekommen würde. Ich kann ja ſo lange warten, und unterdeſſen—“ Zeyton blinzte mit den Augen und warf ein Paar ſonderbare Blicke auf den Fremden.„Der Herr glaubte mir alſo wirklich, als ich von den acht oder vierzehn Tagen ſprach? Wohlan! das war ſehr brav von dem Herren gethan! Ich erhohle mich wieder et⸗ 176 was. Ich will kein Lügner werden. Der Herr ſoll innerhalb dieſer Zeit das Geld in ſeinen Händen ha⸗ ben. Hören Sie, Herr, ich ſchreibe den Brief an Nickolſon, wie Sie wünſchen. Der Herr ſieht mir aus, als ob er ein Herz zu ſo etwas habe: der Herr ſoll mitten unter den Haufen der Räuber und Diebe hineingehen können, ohne ermordet oder beſtohlen zu werden. Es fällt mir etwas ein—“ „Stellen Sie den Brief ſo, Herr Graf, daß Ri⸗ ckolſon mir ſogleich mit einem vollkommenen Ver⸗ trauen und ohne Umſchweife entgegen kommt. Sonſt gehe ich nicht.“ „Das verſteht ſich, das ſoll geſchehen. Da fällt mir etwas ein, etwas ſehr gutes. Es ſoll kein Ro⸗ man, kein Mährchen ſein, daß der Herr ſein Geld bekommt. Es ſoll eine reine, friſche, engliſche Wahr⸗ heit werden.“ „Ich hoffe es.“ Zeyton ging an ſeinen Tiſch, ſetzte ſich, ftützte den Kopf auf die Hand und ſchrieb nach einem kur⸗ zen Bedenken. Dann legte er den Brief zuſammen, fiegelte ihn, gab ihn Medenberg und ſagte:„Da find ein Paar Worte an Rickolſon, wenn der Herr ihn aufzufinden vermag. Ich denke übrigens, die Spitz⸗ buben werden ſolche Spuren gelaſſen haben, daß ſie zu finden ſind; es wird nicht ſehr ſchwer ſein. Ueb⸗ rigens, mein Herr, iſt dieß Billet in Chiffern geſchrie⸗ ben, ſo daß ich wenigſtens heute keine unverzeihliche Dummheit begangen babe. Aber hören Sie, mein Herr,— jenen andern Brief wann bekomme ich ihn wieder?“ Geld wieder bekommt.“ „An demſelben Tag, wo mein Prinzipal ſein „Gut; der Herr iſt, wie er ſein ſoll, und ich kann es ihm nicht verdenken. Ich halte viel auf den Herren, weil er ſo fürchterlich gegen mich iſt. Der Herr iſt klug und ſehr rechtſchaffen.“ —— S—— — — w c —„——— S S— n n 16 — 177 „Es kommt vielleicht ein Tag, wo der Herr Graf noch mehr auf mich halten wird⸗ Ich reiſe jetzt un⸗ verzüglich zu Nickolſon, und werde ihn dem Herrn Grafen in die Arme führen. Es wird mir immer klarer, daß Nickolſon der Mann iſt— daß er es ſein muß, der mir das verlorene Gut wieder verſchaffen kann. Denn wiſſen Sie, Herr Graf, was er zu dem Straßenräuber Svpen ſagte, einige Augenblicke nach⸗ dem er nach dem Walde abgeführt wurde? Der Herr Graf ſelbſt, der in ſeinem Wagen ſaß, hörte es nicht; aber ich hörte es. Er ſagte zu Sven: du wirſt es wieder bekommen, noch mehr dazu. „Was? ewiger Gott! hat Nickolſon ſo mit Sven geſprochen, Nickolſon, Nickolfon?“ „Was er damit meinte, daß Sven wiederbekom⸗ men ſollte, begreife ich wohl; denn das werden die 1500 Reichsthaler geweſen ſein, die Nickolſon den Räubern entriß. Aber das Mehr, das er ihm über⸗ dieß geben wollte: das hat mehr zu bedeuten, Herr Graf. Ich werde mit Rickolſon ſprechen.“ „Der Herr iſt ſchrecklich! der Herr darf nicht mit ü ſprechen, der Herr darf nicht zu Nickolſon gehen.“ „O ja, ich Behe.“ 2 „Der Herr darf nicht, ſage ich. Der Herr darf nicht nach dem Mehr fragen.“ „Was liegt denn darin Schreckliches, Herr Graf? iſt denn das von Aronfors genommene Geld nicht bei Abelcrona's? Sollte es ſonſt irgendwo wieder zu be⸗ kommen ſein?“ „Nein, Herr, nein, nein! Ich habe dem Herrn die reinſte, die ſilberweißeſte Wahrheit geſagt. Der Herr hat mich ja heute gerührt geſehen, gerührt wie ein Kind. Glaubt der Herr, man lüge, wenn man in ein fiebenjähriges Kind umgewandelt iſt? Nein, nein! bei Abelcrona liegt das Genommene, das iſt ſo gewiß wie Gottes Wort! Wenn aber Rickolſon ſo Drei Frauen in Smaland. 1 12 1 178 zu Sven geſagt hat, wie der Herr behauptet, dann iſt er— er iſt— ach! ſoll ich es denken, ſoll ich es ſagen— er iſt auf dem Wege, ein Verräther zu wer⸗ den; ein Verräther an ſeinem Vater! Und deßhalb will ich nicht, daß der Herr jetzt zu ihm reiſen und mit ihm ſprechen ſoll.“ „Warum nicht? Wenn es iſt, wie der Herr Graf fürchtet, ſo iſt es ja nur um ſo nothwendiger, daß ich ihn treffe, ihn ermahne und ihn zur Rückkehr vermöge.“ „Ha— aber er hat etwas mit mir, das ich nicht geoffenbart haben will, wenn er mit dem Herrn zuſammentrifft.“ „Es ſollte alſo hier noch ein Geheimniß übrig ſein, das der Herr Graf mir nicht entdecken wollte?“ „Es betrifft die Art, wie das Aronfors'ſche Geld wieder zu bekommen wäre. Noch einmal, Herr!“ rief der Graf und ſchlug mit der Hand auf den Tiſch, „iſt der Herr jetzt zufrieden? Es muß dem Herr wohl genug ſein, wenn er das Geld wieder bekömmt. Das Wie geht ihn nichts an. Der Herr darf nicht fort reiſen, und der Herr ſoll es nicht— bei Gott!“ 1 „Aber ich begreife die plötzliche Hitze des Herrn Grafen nicht, wir waren ja übereingekommen, daß ich zu Rickolſon reiſen ſollte?“ „Ja— aber ich wußte damals noch nicht, daß der Gottloſe auf dem Wege iſt, überzugehen und ein 3 Verräther an ſeinem eigenen Vater zu werden. Der Herr reiſt nicht!“ Zeytons Geſicht flammte entſetzlich. Medenber ſt trat zu ihm und ſprach mit einer Ruhe, die jenem i fi dieſem Angenblicke beinahe ſchauerlich vorkam:„He Graf, ich wünſche noch etwas, ich wünſche, ich wil E daß ſich der Herr Graf ſogleich heim nach Karman val begibt und in Stille, in Ruhe bei den Seinig 3 —— —— 5 179 bleibt, ohne Ausflüge zu machen, ohne etwas zu un⸗ ternehmen—“ „Wie, Leufel, Satan? fangen Sie an, mir zu befehlen, mir, glaub' ich, zu befehlen, wohin ich ge⸗ ben und wo ich bleiben ſoll? O Sie ſollten ſich ſchämen.—“ „Nein, Graf Zcyton. Aber hören Sie meine Gründe. Gräſin Celeſtine— ich weiß das, ohne daß es mir irgend Jemand und am wenigſten die Gräfin ſelbſt geſagt hat— ſie muß ſehr unruhig, unglücklich, in Angſt wegen— des Herrn Grafen ſein. Reiſen Sie heim und bleiben Sie zu Hauſe.“ „Menſch, was geht das Sie an?⸗ „Hören Sie weiter. Die Gräfin hat einen Oheim, der ſich wirklich in Jönköping aufhält.—“ „Wie zur Hölle! Kennen Sie auch ihn? Wiſſen Sie auch das 2“ „Ein Inſtinkt ſagt mir, daß der Herr Graf es nicht gerne ſehen würde, wenn dieſer Oheim in Eile auf Karmansbal anlangte, um gewiſſe Fäden zu ent⸗ wirren und gewiſſe Reiſen des Herrn Grafen in Be⸗ tracht zu ziehen.—“ „Tod und Verdammniß! Nein, Celeſtinens Oheim jetzt in Karmansbal, das wäre das letzte!“ „Fahren Sie alſo ſelbſt heim und bleiben Sie zu Hauſe.“ „Herr, bei Gott! ich habe etwas Anderes zu thun, als zu Hauſe zu bleiben“ „Aber ich ſage, daß ſich der Herr Graf heimbe⸗ geben und ſich dort ruhig verhalten ſoll. Wo nicht, ſo wird ſich jener Oheim fogleich dort einfinden. Ich ehe dafür.“ „Verflucht! Beelzebuh des Abgrunds! zaubern Sie Geiſter und Menſchen nach Belieben hervor?“ Zeyton lief voll Zorn, Unruhe und Schrecken im immer auf und nicer. Medenberg ſchlug mit der Hand auf ſeine Bruß 180 und ſprach:„Reiſen Sie heute nach Karmansbal, Graf Zepton! Oder ſonſt habe ich hier in der Taſche etwas, was den Onkel der Gräfin ſogleich in Bewe⸗ gung ſetzen ſoll.“ „Wie? wohl wieder einen Brief! Geben Sie her— geben Sie her— her— ich will ſehen— ich werde ſehen— ſehen— ſehen—“ „Nein!“ erwiederte der Fremde und trat einen Schritt gegen die Wand zurück:„Ich zeige nicht, was ich hier habe.“ Ganz außer ſich ſtürzte Zeyton nach einem Stuhle, über deſſen Lehne ſein Reiſegürtel hing. Er riß ein Terzerol daraus hervor, ſprang wüthend wie ein Ti⸗ ger auf den Fremden los, ſetzte ihm die Mündung auf die Bruſt und rief:„Geh' es wie es will, aber du ſollſt ſterben oder mir Celeſtinens Brief zeigen.“ „Ich thue es nicht,“ ſprach Medenberg noch ein⸗ mal mit der ganzen feſten Haltung eines großen Mannes. Fünfzehntes Kapitel. Pie neue Bekanntſchaft. Dieß iſt jetzt die dritte Frau in Smaland⸗ bei der ich ſagen kann, daß ich nicht un⸗ glücklich war. „Wohnt er hier, Mathildek iſt Graf Zepton zu Hauſe?“ rief eine ſtarke Stimme vor der Thüre, und ein kurzes feines: Ja beantwortete die Frage. Beim Ton diefer Stimme ließ Graf Zeyton un⸗ willkührlich und mit einem dumpfen und halblauten: „Ha! er iſt alſo da! er ſelbſt! wenn man den Teu⸗ fel an die Wand malt, ſo kömmt er augenblicklich!“ ſeinen Arm ſinken. —* —— —— v—— — 1 181 Von ſeiner Beſtürzung überwältigt und uͤber⸗ zeugt, daß es unmöglich ſein werde, ſich zu verläug⸗ nen, da der dienſtbare Geiſt des Hauſes ſelbſt, der doch mit allen Schlüſſeln bekannt war, ihn als zu Hauſe angegeben hatte, ſchien Graf Zepton ſchnell ſei⸗ nen furchtbaren Entſchluß mit den Piſtolen aufzuge⸗ ben, indem er ſie wieder in den Reiſegürtel ſteckte und mit ſichtlicher Bläſſe gegen die Thüre hinging, um den Riegel zurückzuſchieben. Medenberg ſah einen ältlichen Mann eintreten; ſein Geſicht war würdevoll und ſtreng. Doch begrüßte der Angekommene den Grafen artig und freundlich und ſagte:„Beſter Zepton! was macht mein Cele⸗ ſtinchen? Ich wollte eben ſelbt nach Karmansbal hinaus, als ich hörte, daß du in Jönköping ſeiſt. Iſt meine arme Nichte nicht wohl? das heißt, ich meine ſchlimmer als gewöhnlich? Sie hat mir ein Paar Vriefe geſchrieben und mich gebeten, zu kommen und ſie zu beſuchen. Dieſe Briefe müſſen erſt in der Welt herumgefahren oder nachläſſigen Händen anvertraut geweſen ſein; denn ich bekam ſie erſt heute und auf ein Mal, obſchon ſie, wie das Datum ausweiſt, nach einander geſchrieben wurden. Du weißt, daß ich nicht gerne reiſe und noch nie ſelbſt in Karmansbal gewe⸗ ſen bin. Aber dieß muß eine Sache von Wichtigkeit ſein, und ich möchte mein Celeſtin'chen nicht durch mein Ausbleiben betrüben. Wann fährſt du heim, Zepton? Wir könnten ja mit einander gehen?“ Ziemlich verlegen bat der Graf ſeinen unvermu⸗ tbeten Gaſt ſich zu ſetzen, vermied es jedoch, auf die Frage wegen der Heimreiſe zu antworten. „Herr Medenberg ging einige Schritte gegen die Thüre und verbeugte ſich gegen den Grafen zum Ab⸗ ſchied. Vor dem Snkel der Gräfin, der ihn noch nicht geſehen hatte, machie er jetzt eine Bewegung, die ſich zugleich als Begrüßung und Verabſchiedung ſchickte. „Gehorſamer Diener!“ ſagte Zeyton ein wenig ————FD—Ü— kalt und vornehm zu Medenberg.„Ich danke für den Beſuch. Die Bezahlung ſoll nicht ausbleiben, ſo bald die Rechnung nachgeſehen und corrigirt worden iſt.“ Als Medenberg zur Thüre hinaustrat, hörte er, wie Zeyton obenhin und nachläſſig gegen ſeinen Gaſt ſagte:„Einen mit Rechnungen verfolgen, ſogar wenn man auf der Reiſe iſt! Unverſchämte Schlingel, die Herren Handwerksleute. Das war ein Schneider!“ Als Medenberg auf die Treppe hinaus gekommen war, vermochte er es, von ſo vielen aufregenden Empfin⸗ dungen ergriffen, nicht, in ſein ruhiges Zimmer zu gehen, ſondern beſchloß, auf einem Spaziergange in der Stadt, wo er ſich jetzt ohne Schwierigkeit zurecht finden konnte, Luft zu ſchöpfen. Er ordnete jetzt alles, was er gehört, erfahren und enideckt hatte, in Gedanken zuſammen. Da der On⸗ kel der Gräſin Celeſtine denn doch endlich die Briefe unglücklichen Nichte erhalten hatte, ſo hielt es Medenberg für unnöthig, in dieſem kritiſchen Augen⸗ blicke ſich ſeiner Perſon zu nähern und ihm das Schrei⸗ ben zu übergeben zu ſuchen, das er an ihn hatte, zu⸗ mal da der Onkel nach dem, was er eben geſagt haite⸗ ohne Zweifel ſogleich auf alle Fälle nach Karmansbal reiſen würde. Medenbergs Gedanken fielen wieder auf Nickolſon, und ſein Wunſch, ihn perſönlich mit einem Briefe ſeines Vaters, des Grafen Zeyton, auf⸗ zuſuchen, befeſtigte ſich. Außerdem, daß Medenberg dieſer Plan als der beſte zur Gewinnung des Geldes erſchien, fühlte er ſich noch von der geheimen Begierde hingezogen, Aufklärung darüber zu erhalten, was der Graf mit jenen räthſelhaften Ausdrücken habe ſagen wollen, die einen Plan betrafen, den jener mit Rickol⸗ ſon gemeinſchaftlich hatte. Gerade weil der Graf gegen den Schluß ihrer Unterredung eine ſo große Furcht davor gezeigt hatte, daß Medenberg Nickolſons nähere Bekanntſchaſt machen ſollte, ahnte er, es möchte hier⸗ aus ganz ſicher gar vieles zu holen ſein. Und da es n ie ⸗ P in 183 für ſeinen Prinzipal von der höchſten Wichtigkeit ſein mußte, ſeine Geldmittel bald wieder zurück zu erhal⸗ ten, um ſo mehr, da er ſich in der Hoffnung für den Augenblick, Geld von ſeinem Geſchäftsfreunde in Jön⸗ köping zu erhalten, getäuſcht ſah; beſchloß Medenberg, ſich unverzüglich auf den Weg zu der abenteuerlichen Begegnung mit den Räubern von Vernamo zu machen, von denen er vor der Hand nicht einmal recht wußte, wo er ſie ſuchen ſollte. In ſo romantiſchen Gedanken ſchritt er weiter und nahm ſeinen Weg gegen die Schmiedeſtraße und den großen Markt, von wo aus er weiter gegen die ſchöne Kirche hin wanderte, die mit einem der ſchön⸗ ſten Thürme Schwedens in Jönköping die Wolken grüßt. Der Kirchhof geht mit ſeiner Mauer bis an den Strand des Wetterſees. Wenn der See wie heute ruhig und klar iſt, ſchlagen ſeine ſonſt ſo heftigen Wellen nicht bis an die Kirchhofmauer hinauf, ſondern laſſen zwi⸗ ſchen dieſer und dem Waſſer einen kleinen Spazier⸗ weg. Die Ausſicht von hier gegen Norden hat einen eigenthümlichen Reiz. Medenberg ſah etwas am Hori⸗ zonte, was ausſah, als ſtünden einige ſchwarze Halme aus dem Waſſerſpiegel hervor. Er ſann darüber nach, was dieß wohl ſein mochte. „ Er näherte ſich einer kleinen Geſellſchaft, die vor ihm wandelte. Sie beſtand aus einer Dame mit drei lieblichen Kindern. Die Dame ſchien denſelben Zweck zu verfolgen wie Medenberg; ſie betrachtete die ſchö⸗ nen Ufer des Wetterſees, die von dem Punkte aus, wo man jetzt ſtand, ſich rechts in immer ſieileren For⸗ men bis gegen die Gegenden von Lycka und Grenna hinzogen, und links ſich dem Auge noch ſchneller in ei⸗ nem hellen Schleier von Grün, Grau und Graublau gegen Gellö und Hio hin entzogen. Doch konnte man weder Hio noch Grenna ſehen, obwohl man recht gut wußte, wo ſie zu ſuchen waren. Medenberg hielt ſich in einer ehrerbietigen Entfernung, aber dieſe konnte ihn 13⁴ voch nicht dazu nöthigen, ſeine Blicke nur immer auf das ſchöne Waſſer zu werfen. Die ſpazierengehende Dame blieb ſtehen, ſprach wie belehrend mit ihren Kin⸗ dern und deutete auf die räthſelhaften ſchwarzen Halme, die gegen Norden hin am Horizonte aus dem Wetter⸗ ſee bervorſtaken.„Siehſt Du, Luiſe,“ ſagte ſie,„das iſt Viſingsö. Dort, mein Kind, hat einmal unſer lie⸗ ber Doctor Almquiſt gewohnt.“ „Der Grennaerbiſchof! ach, Mama!“ rief das zwölfjährige Mädchen.„Iſt es möglich? Unſer alter artiger Grennaerbiſchof?“ „Ja, mein Kind. Und erinnere Dich jetzt wohl, Luischen, wenn Du künftig die Geographie ſtudirſt, auf der Karte nach Viſingsö zu ſuchen. Es iſt das vort, was Du vor den Augen haſt, und kaum ſichtbar iſt. Aber davon hängt es immer ab, wie der Wetter⸗ ſee geſinnt iſt; denn bei einer gewiſſen Witterung ſieht man Viſingsö höher und beſſer, bei einer andern n weniger oder gar nicht.“ uischen ſchlug die Hände zuſammen, und wackelie mit ihrem geſchäftigen Köpfchen. Medenberg, der in einiger Entfernung alles hörte, freute ſich nicht blos darüber, den Namen des mpſteriöſen Gegenſtandes zu erfahren, wobei er ſich den Vorwurf machen mußie, daß er als Informator dieſes nicht ſelbſt gewußt habe; ſondern noch mehr, weil er hier verſtohlen das inlereſſante Gemaͤlde betrachten konnte, wie eine Mut⸗ ter ihre Kleinen zu ernſten Betrachtungen in die of⸗ fene Natur hinaus führte. Sie gingen immer mehr zur Rechten längs der Kirchhofmauer hin, als plötzlich eines von den Mädchen ausrief:„Mama, liebe Mama! ſich' nur, was für eine hübſche Muſchel da liegt! Ach, ach! wenn die Welle dort daher kömmt, ſo reißt ſie die Muſchel in den See hinaus, und ich bekomme ſie nicht.“ „Nimm Dich in Acht! nimm Dich in Acht!“ rief die Frau und hinderte das Mädchen mit ihren kleinen Voun 185⁵ Stiefelchen in das Waſſer hinaus zu ſchreiten, um die Muſchel zu holen. Sie zog das Kind mit Gewalt zurück und ſprach:„Es iſt tief in dem Wetterſee, mußt Du wiſſen: weg! weg!“ Die Kleine fing an zu weinen, daß ſie ſich eines ſo ſchönen Dings nicht bemächtigen durfte. Meden⸗ berg kum herbei, ging ſchnell einen Schritt weit in das Waſſer hinein, ergriff die weißgelbe zierlich ge⸗ wundene Muſchel und reichte ſie dem Kinde hin, wobei er ſich als Entſchuldigung wegen ſeiner Kühnheit vor der Mama ſelbſt ehrerbietig verbeugte. Sie erwiederte das artige Kompliment mit einer anmuthigen, kaum merkbaren Verneigung, und ſagte freundlich lächelnd zu ihrem Mädchen:„Wie glücklich Du biſt, Henriette! wir wollen jetzt ſeben, wie lange Du Dein ſchönes Geſchenk bewahren kannſt.“ Nach dieſer Einleitung hielt es Medenberg durch⸗ aus nicht für nothwendig, ſich ſogleich wieder zu ent⸗ fernen; er wagte einige Bemerkungen über die Lage Jönköpings, die ſämmtlich angehört und beantwortet wurden. Wenn er nach dem Aeußern urtheilen durfte, ſo hatte er eine Frau vor ſich, die vielleicht dem dreiſ⸗ figſten Jahre näher war als dem zwanzigſten; die aber ein ſehr gutmüthiges Geſicht beſaß, welches von Ge⸗ ſundheit, friſcher Lebendigkeit und Klugheit zeugte. Wenn man ſie auch nicht regelmäßig ſchön nennen wollte, ſo war doch das Ganze anziehend und zugleich durch eine gewiſſe Haltung wieder etwas entfernend⸗ So wohl ihre eigene Kleidung als die der Mädchen, bewies, daß ſie aus den höheren Ständen waren. Da Herr Alexander in vielen Häuſern geweſen war, und mit Menſchen jeder Art geſprochen hatte, gelang es ihm bald, einen Ton anzuſchlagen, der ihn in Stand ſetzte, das Geſpräch mit der Unbekannten fortzuſetzen, ohne weder in Vertraulichkeiten, die ſogleich eine kalte Zurückweiſung zur unangenehmen Folge haben konn⸗ ten, noch in leere Langweiligkeiten oder abgenützte 186 Höflichkeitsphraſen herabzufinken. Er ſagte Manches und erlaubte ſich zum Beiſpiel den Wunſch, eine ſo ſchöne Stadt wie Jönköping möchte nie Grund be⸗ kommen, ſeine Herablaſſung, d. h. die Niedrigkeit im Charakter ſeiner Lage zu bereuen; und der Wetterſee die Condescendence der Stadt recht apprecirend nicht mit zu hohen Gedanken von ſich ſelbſt umgehen, ſon⸗ dern ſeine Gewogenheit in gehörigem Abſtand halten. „Man kann das Trockene,“ ſchloß er,„oft recht wohl leiden, ohngeachtet es für proſaiſch gehalten wird.“ Die Dame ſah um ſich. Das Vergnügen, mit dem ſie auf den Redner blickte und ihm antwortete, bewies, daß ſie die auf eine feine Art— gleichſam probweiſe von Medenberg ausgeworfenen franzöſiſchen Ausdrücke und übrigen Wortſpiele nicht ungerne ſah. „Es hat keine Gefahr mit Jönköping, ungeachtet aller Gewogenheit des Wetterſees,“ erwiederte ſie. Gleich darauf ſetzte ſie mit einem Ernſte, der ſich wie ein Heiligenſchein um ihr ſchönes Haupt legte, hinzu:„Es hat durchaus keine Gefahr! denn Gott liebt ſeine Kin⸗ der. In Jönköping hat man jetzt Religion.“ „Ja, das bör' ich,“ antwortete Medenberg. Aber er unterbrach ſich ſchnell aus Furcht etwas⸗ Verletzen⸗ des zu ſagen. Er erinnerte ſich mehrerer Erzählungen über die große Zunahme der Frömmigkeit in dieſen Gegenden.„Sollte ich wohl mit Frau... ſelbſt zuſammen getroffen ſeyn?“ dachte er.„Doch— nein! ſie iſt es nicht. Dieſe Herrſchaft muß auf der Reiſe und nicht in der Stadt zu Hauſe ſein, da die Frau ihre Kinder über Viſingsö zu belehren braucht. Sie gehen hier offenbar nur wie ich ſpazieren, um ſich um⸗ zuſehen.“ „Auch ich ſetze die größte unerſchütterlichſte Hoff⸗ nung auf Gottes beſtändig über uns wachendes Auge,“ begann er,„aber wahr iſt es, daß wir in einer ſon⸗ derbaren Zeit leben, und etwas weiter ſüdlich hier in Bezirke hört man viel von recht gefährlichen Dingen.“ 187 „Von was denn, mein Herr? weiter ſüdlich, ſa⸗ gen Sie?“ Die unbekannte Frau ſchien einigen Schre⸗ cken zu empfinden. „Große Uebelthäter, Räuber, Diebe.“— „Was höre ich? großer Gott! Räuber in der Ge⸗ gend von Jönköping, mein Herr? Ich bin mit meinen Kindern auf der Heimreiſe von Medevi begriffen. Ich weiß nichts! Räuber? Diebe in Jönköpings Kirchſpiel? Ich bitte ſehr um Verzeihung, mein Herr; aber ſagen Sie mir Alles; ich bin überzeugt, daß Goit nicht um⸗ ſonſt dieſe Begegnung geſchehen ließ— dieſes— Zuſammentreffen.“— „Es würde mich höchlich ſchmerzen,“ unterbrach ſie Medenberg,„wenn ich durch einige übereilte Aus⸗ drücke Unruhe hervorgerufen hätte. Ich habe vermuth⸗ lich die Ehre, mich in Geſellſchaft einer Familie des Kirchſpiels zu befinden?“ „Mein Mann iſt der Hofmarſchall Abelcrona,“ erwiederte ſie ungezwungen. Mit einem geſpannten Blick auf Herrn Medenberg ſetzte ſie hinzu:„Unſere Güter liegen nicht weit von Vernamo; ich habe allein mit meinen Kindern Loka und dann Medevi bewohnt — die arme Luiſe bedürfte— aber um Gotieswillen, mein Herr! was ſagt denn das Gerücht, dieſe Räuber werden doch wohl noch keine Unthaten begangen ha⸗ ben? Keine— mein Mann hat mir ſeit zwei Poſita⸗ gen nicht geſchrieben.“ „Das Gerücht ſagt in der That, daß ſich in der Gegend von Vernamo ſolche Schurken befinden,“ ver⸗ ſetzte Alexander.„Meine gnädigſte Frau Hofmarſchallin — bei Gott.“— Sie ſah mit ſteigender Verwunderung und bei⸗ nahe religiöſer Erwartung auf den Fremden, was er ſagen würde. „Verzeihen Sie mir,“ fuhr er fort und machte augenblicklich einem geheimen Gedanken, einer Ahnung Luſt, die ſich ſchnell und unwillkührlich ſeiner Seele — 188 bemächtigte, indem er an Rickolſons Räuberbande und Zevtons Plan, das Geld wieder zu bekommen, das ja ietzt bei Abelcronas lag, gedachte.„Wir haben,“ ſprach er,„eben von Gottes unerklärlicher Vorſehung geſprochen. Meine gnädigſte Hofmarſchallin, es iſt vielleicht kein Zufall, daß ich das Glück hatte, Ihnen heute zu begegnen. Ich habe Ihnen eine Warnung zu geben.“ „Wie?“ „Der Herr Hofmarſchall wohnt doch in Evershult? Denken Sie nicht zu viel von meinen Worten, aber auch nicht zu wenig. Frau Hofmarſchallin! die Räu⸗ berbande möchte vielleicht einen ganz eigenen Grund haben können, ſich in Evershult zu zeigen. Gerade jetzt. Treffen Sie einige Vorſichtsmaßregeln.“ „Um Gotteswillen! mit wem hab' ich die Ehre zu ſprechen?“ „Mein Name wie meine Perſon haben nicht das Geringſte zu bedeuten, am wenigſten in dieſer Sache. Ich wohne bei Herrn Kapitän von Mekeroth in Aron⸗ fors. Aber der Zufall hat es gefügt, daß ich etwas zu hören bekam, was mir zur Pflicht macht, Ihnen eine Warnung zu ertheilen.“ Die Hofmarſchallin Abelerona ſchien in hohem Grade aufgeregt zu ſein.„Ich muß nach meinem Wagen eilen: kommt, Mädchen! Ich darf keinen Augen⸗ blick verlieren. Evershult ſollte bedroht, vielleicht ſchon das Ziel ihrer bübiſchen Anſchläge ſein?“ „Himmliſche Güte, die an uns gedacht hat!“ flü⸗ ſierte ſie bei ſich.„Ich ſtehe in großer Verbindlichkeit bei Ihnen,“ ſprach ſie und ſah den Fremdling mit ei⸗ ner ganz eigenen anziehenden Wärme an, die beinahe einen bibliſchen Reiz hatte, wie zu den Zeiten des al⸗ ten Teſtaments, in den Tagen Ruths oder Judiths. Der Ausdruck ihrer Züge wvar in dieſem Augenblicke auf eine großartige, aber unbeſchreibliche Art ſchön. „Nichts geſchieht umſonſt: O— gewiß— es war 3 189 nicht blos, um meinem Kinde eine Muſchel zu geben. Nein, wir ſollten zuſammen treffen, das war es!“ Herr Medenberg begleitete die Hofmarſchallin auf dem Rückweg; und da das kleinſte Fräulein ſich bei dem ſchnellen Spaziergange ein wenig müde und wei⸗ nerlich zeigte, ſo nahm er es, ohne die Mama um Erlaubniß zu bitten, ohne weiters auf den Arm, ge⸗ rade als ob er zur Familie gehörte. Er trug das Kind leicht und unbeſchwert. „Ei, mein Herr!“ flüſterte Frau Abelcrona, aber ſie ſchien durchaus nichts gegen die bewieſene Artig⸗ keit zu haben. Mit ſchnellen Schritten ging ſie nach ihrer Wohnung.„Verzeihen Sie, verzeihen Sie!“ ſprach ſie bisweilen vertraulich, wenn ſie fürchtete, daß die kleine Ebba zu ſchwer auf die Arme des Unbekann⸗ ten drückte. Bald ſah man ſich an einer Hausthüre. Herr Alerander ſetzte ſeine liebenswürdige Bürde auf die Treppe, an einem unbekannten Ort wollte er nicht weiter gehen. Er verbeugte ſich. „In Aronfors alſo,“ ſagte Frau Abelcrona, als ſie ſich zum Abſchied verneigte.„Ich bin Ihnen unbe⸗ ſchreiblich verbunden: Wir ſehen einander gewiß wie⸗ der!“ Sie verſchwand mit ihren Kindern im Innern des Hauſes. Medenberg wanderte die große Straße dahin. Er fühlte ſich außerordentlich wohl.„Wer weiß, ob ich nicht durch dieſes Ereigniß eine gute That gethan habe?“ ſagte er zu ſeinem fröhlichen Herzen.„Dieſe Nachricht kann in Evershult von Nutzen ſein. Ja wahrhaftig! gewiß iſt, daß dieſe jetzt die dritte Frau in Smaland iſt, bei der ich ſagen kann, daß ich nicht unglücklich war, falls es ſich wirklich ſo herausſtellen ſollte, daß ich ihr einen— einen kleinen wahren Dienſt leiſten konnte.“ „Doch jetzt ſchnell nach Hauſe zu unſerem Göran,“ unterbrach er ſich ſelbſt.„Wir müſſen uns in Bereit⸗ ſchaft ſetzen, ſogleich abzureiſen. Nach Süden! immer —.—————— 190 nach Süden! In Wälder und Moräſte! Ich werde die Bande finden. Ich werde mit Rickolſon ſprechen, ich werde nicht eher ruhen, als bis ich einem Vater ſei⸗ nen verlornen Sohn und einem Capitän ſein Geld wieder verſchafft habe. Sechszehntes Kapitel. Vas ſchöne Mädchen in Walde. Was ſagſt Du? Laß uns keinen Augenblick verlieren. Alexander, Göran und Jeppe, hatten auf ihrer Reiſe nach Süden, wo ſie ihr ſo heißerſehntes Ziel, nämlich die Spitzbuben, zu erreichen gedachten, ſchon eine gute Strecke Wegs in reitzenden und wilden Sma⸗ ländiſchen Gebirgsgegenden zurückgelegt, deren Na⸗ men wir zwar kennen und auch angeben könnten, es aber aus gewiſſen Gründen unterlaſſen. Eines Abends, als ſie an eine kleine Hütte neben der Landſtraße kamen, begab es ſich, daß Herr Göran mit ſtrenger Stimme rief:„Halte hier, Jeppe! ziehe die Zügel an und halte, ſag' ich, halte du— Schlingel!“ „Warum, beſter Bruder, ſollen wir gerade an dieſem abſcheulichen Neſte halten?“ fragte Alexander Medenberg. „Abſcheuliches Neſt!“ erwiederte der Erſtere mit einem recht martialiſchen Großvaters⸗Geſicht.„Wa kümmert das mich? ich bin durſtig und muß trinkenz 3 halte, Jeppe Jonſon Auriga, halte du— beſeſſenet Menſch!“ Man hielt alſo an dem kleinen Hauſe; und Alexan⸗ der gab zu, daß wenn es drauf und dran käme, auch er in ſo weit durſtig ſein könnte, um r Schoppen gutes Quellwaſſer zu trinken. Denn daß M u ——— 191 man hier ein Glas bekommen würde, um ſeinen Durſt daraus zu löſchen, das konnte er ſich nicht wohl vorſtellen. Die Thüre der Hütte war nicht verſchloſſen, oder vielmehr, um mich ganz genau auszudrücken, ſie hatte ihrer Lebtage nie ein Schloß geſehen. Als ſie hinein kamen, fanden ſie einen Greis mit ſchwarz⸗ braunem Geſichte am Heerde fitzen, und auf einen Eimer, den er zwiſchen den Knieen hielt, losklopfen; wahrſcheinlich befeſtigte er die Reife deſſelben. Weiter hinten im Zimmer vor dem düſtern, eine halbe Elle hohen Fenſter ſtand ein Webeſtuhl, an dem ein ält⸗ liches Weib ſaß und ſo gut als möglich den Weber⸗ ſchützen regierte, um ihn glücklich hindurchzubringen, ehe er mit dem Weberkamm gegen das Gewebe traf. Dieß iſt nicht immer ſo leicht. Beſonders wenn man ein wenig blind iſt, ſtößt man oft auf große Schwie⸗ rigkeiten, ſo bald man nur mit dem Gefühl und der Beihülfe der Fingerſpitzen den widerſpenſtigen Weber⸗ ſchützen auf ſeinem rechten Wege zwiſchen den Fäden hindurch bringen will.„Liebe Mutter,“ ſagte Göran Edeling, der an der Spitze der Reiſenden vorangieng, „laß das jetzt bleiben, ſteh auf und gib mir einen Schluck Waſſer. Ich verſchmachte vor Durſt.“ „Vater, ſteh auf und gib dem Herrn Waſſer,⸗ erwiederte das Weib ohne alle überflüſſige Freund⸗ lichkeit und wollte nicht von ihrer verwickelten Arbeit weggehen. „Hier gibt es kein gutes Waſſer, Herr; wir haben weit bis zur Quelle,“ ſagte der Alte und fuhr fort mit ſeinem Hammer auf die Reife des Eimers los zu klopfen. „So gebt mir alſo einen Schluck ſaure Milch,“ verſetzte Göran. „Möchte der Herr vielleicht Ziegenmilch trinken?“ erwiederte der Alte, und fah ein wenig ſchielend zu Göran herauf. 192 „Ja wohl. Warum nicht? Gebt mir ein wenig Ziegenmilch.“ „Ja, wenn man nur welche hätte!“ erwiederte der Alte, ſah wieder nieder, und ſieng von Neuem an mit ſeinem Hammer zu klopfen. „Da ſollen doch auch ſieben Teufel drein ſchla⸗ gen!“ rief Göran in ſeinem durſtigen Aerger.„Soll ich denn ganz unbefeuchtet von hinnen gehen?“ „Will der Herr vielleicht einen Krug altes Dünn⸗ bier trinken?“ fragte der Alte und ſah aufs neue empor. „Ja, zum Henker! im Nothfall greift man auch zu ſauren Dingen,“ rief Göran und machte ſchon ein nüchterneres Geſicht. „Ja, wenn man nur hätte!“ ſagte der Alte wie⸗ der, warf das Auge melancholiſch auf ſeinen geliebten nieder, und fuhr mit ſeinem Knack⸗knack⸗knack ort. „Hm!—“ brummte Göran und ſah ſtarr umher. Medenberg, der gleich beim Eintritt in die Hütte den Hut abgenommen hatte, weil es bei ihm eine alte, gute und liebevolle Gewohnheit war, ſich nie mit bedecktem Kopfe unter einem Dache zu zeigen, wie niedrig, ſinſter und verraucht es auch ſein moch⸗ te, ging jetzt zu dem Webeſtuhle hin, beſah die ge⸗ ſreile „Meint der Herr?“ verſetzte die Alte, die ſeine kleine Bemerkung gehört hatte.„Es gibt gerade nichts ſchönes,“ fuhr ſie fort,„obwohl es für eine arme Perſon hingehen kann.“ „Ja, ich verſichere Euch, Mutter,“ fuhr Me⸗ denberg fort, der ſchmale blaue Rand an dem Weißen hier wird ſich ſehr gut ausnehmen. Es wird ein rech ſchöner Zeug in ſeiner Art werden. Ich merke, daß Ihr Euch auf geſtreifte Leinwand verſteht. Wollt Ihr etwas davon verkaufen?“ Arbeit und ſagte halblaut:„Ein ſchöner Zeug! Es ſcheint, es wird ein hübſches Gewebe geben.“ ——— rte m oll n⸗ ue ch in ie⸗ 193 2 „Vollte der Herr nicht ein wenig auf die Kiſte nieder ſitzen, damit er ſich ausruht,“ ſagte die Alte mit einer ſehr freundlichen Stimme, ſtand vom Webe⸗ ſtuhl auf und fuhr ſo ſchnell als möglich mit einem Lumpen über den Kiſtendeckel, um ihn ſtaubfrei zu machen, damit man darauf ſitzen konnte.„Ach nein!“ fuhr ſie dann fort,„an das Verkaufen habe ich ge⸗ rade nicht gedacht. Man zerreißt ſelbſt Kleider genug.“ WMedenberg mußte das zugeben, und wandte daher nichts ein; er ſah, wie die Alte zu einer kleinen Ka⸗ ſtenthüre in einer Ecke der Stube hinging. Sie öff⸗ nete dieſe ein wenig, gleichfam als ob ſie fich ſcheute einen Fremden den armen Inhalt ihres Schrankes ſehen zu laſſen. Oder hatte ſie auch ſonſt eine Urſache. Dann nahm ſie einen Krug von weißem, grobem Porzellain, das neu und ſehr ſelten war, heraus: Von der Art, wie man in Vernamo bekommen kann. Sie goß etwas hinein, gieng zu Herrn Meden⸗ berg hin und bot ihm zu trinken an. Es ſchien ſogar, daß ſie ſich ein klein wenig verneigte, als fie es ihm anbot. Er nahm den Krug, machte ſeinerſeits eben⸗ falls eine kleine Verbeugung, koſtete dann und fand eine ſehr gute ſüße Milch— nicht Ziegenmilch, ſon⸗ dern Kuhmilch— und ſogar ſtark mit Rahm verſehen. Als er ſich erquickt hatte, bot er Göran den Krug hin. Dieſer nahm das Anerbieten mit Begierde an; und da er jetzt bemerkte, daß ſein Freund und Bruder mit bloßem Kopfe da ſtand, ſchämſe er ſich ebenfalls ſeinen Hut länger aufzubehalten. Er nahm ihn ab, zeigte ſein lockiges Haar, das ſich kühn und frei um die Schläfe ringelte, ſetzte den lieblichen Milchkrug an den Mund und trank wie ein ganzer Mann. Göran hatte den Krug noch nicht wieder hinweg⸗ geſetzt, als ſich die Stubenthüre öffnete und ein jun⸗ ges Weib eintrat. Sie ſchien jedoch nicht in das Laus zu gehören, denn ſie wandte ſich mit einer Schüchternheit, einer Art ehrerbietiger Furcht, welche Drei Frauen in Smaland. 1. 13 194 bewies, daß ſie wenigſtens nicht hier wohnte, an die Wirthin, jene alte Frau. Alexanders Aufmerkſamkeit wurde beſonders von ihrer ungewöhnlichen Schönheit in Anſpruch genom⸗ men. Sie trug ein Kleid, das ſich nur wenig von dem Smaländiſcher Bauernmädchen unterſchied; aber ſie hatte doch ein geſtreiftes Nastuch, ein Baum⸗ wollentuch von einer feineren Gattung, als man ge⸗ wöhnlich auf dem Lande trägt, auf eine auſſerordent⸗ lich graziöſe Art um den Kopf gewunden. Das Haar wurde dadurch bis auf eine Stelle im Nacken zuſam⸗ men gehalten, wo es vermuthlich bei dem raſchen Gehen ſich unter der Binde gelöst hatte und jetzt auf den Hals hernieder wogte.„Ich bitte Each, Mutter, ich bitt' Euch um ein klein wenig Regenwaſſer, wenn Ihr welches daheim habt,“ ſagte ſie halbflüſternd und kaum hörbar. „Ach!“ rief Göran, der ſich jetzt umwandte und die Hereingetretene gewahr wurde. Doch ſagte ihm ein ſchneller unwillkührlicher Inſtinkt, daß er den Namen des Mädchens hier nicht ſo unbedachtſam ausſprechen dürfe. Er winkte Alexandern zu ſich. „Laß uns aus der Hütte treten, Medenberg, während dieſe hier mit einander ſprechen. Wir wol⸗ len aber den Platz nicht eher wieder verlaſſen, als bis das Mädchen herausgekommen iſt. Sei gewiß, Medenberg, wir ſtehen auf der Schwelle zu großen Entdeckungen.“ „Kennſt du denn dieſes Mädchen?“ „Komm nur beraus, ich gebe dir hierinnen keine Antwort.“ Sie gingen. Draußen hatte der brave Jeppe Jonſſon indeſſen einen ganzen Haufen vernünftiger Dinge mit den Pferden am Wagen geſprochen, ſie mehrmals an der Naſe genommen und völlig ausſchnauben laſſen, ſo daß der Boden mit Schaum geziert war. Die beiden ¹ ———, n n er o n 195 jungen Herren betrachteten die Gegend und ſahen ſich von einem hohen, Achtung gebietenden Fichtenwalde umgeben. Nach einer kleinen Weile kam das hübſche Mädchen aus der Hütte heraus, und ſchien ſogleich mit ſchleunigen Schritten auf einem niedergetretenen Fußwege, der hinter dem Hauſe weg in tiefe Wildniſſe führte, fortgehen zu wollen, als ſich Göran ihr plötz⸗ lich in den Weg ſtellte und ſagte:„Erſt guten Tag, Ellin! preſſire nicht ſo entſetzlich! Ich denke doch, du biſt jetzt weit genug von der lieben Mutter im Hulte entfernt.“ Die junge Ellin ſah etwas erſchrocken zur Seite, aber der Schimmer eines behaglichen, doch bald vor⸗ übergehenden Lächelns flog bei dem Anblick des„Herrn Probſten Sohns“ über ihre Wangen. Sie antwortete ihm Nichts, ſondern ließ es ſich nur ſehr angelegen ſein, den Wald zu erreichen. Göran Edeling folgte ihr einige Schritte, ſo weit bis ſich der kleine Fußpfad hinter der Hütte ab⸗ krümmte. Dann faßte er ohne weiters ihre Hand und ſagte:„Bleibe, Ellin! du darfſt nicht weiter gehen, bis du mir offenherzig geſagt haſt, was du in dieſer Gegend thuſt— und wie du hieber gekommen biſt?“ „Die Mutter hat mich geſchickt— Herr Göran, alſo— laßt mich jetzt gehen!“ „Deine Mutter? das glaub ich kaum. Gerade heraus, Mädchen,— denn ich ſehe, daß du weder Zeit noch Luſt zu Umſchweifen haſt,— ja gerade heraus, Ellin, ich habe dich immer für das hübſcheſte Mädchen in meines Vaters Gemeinde gehalten. Ge⸗ ſtehe mir deshalb, daß du dich hier im Walde in ſchlechter Geſellſchaft befindeſt. Du weißt, wo ſich der Schurke Nickolſon aufhält?“ Das Mädchen wechſelte die Farbe.„Laßt mich gehen, Herr Göran,“ rief ſie und ſuchte ihre rechte Hand loszumachen. Er nahm daher ihre beiden Hände und hielt ſie zurück. 196 „Nein, Ellin,“ erwiederte er.„Ohne Umſchweife! Es ſoll dir nichts Böſes geſchehen, und du ſollſt ſogar frei und ledig werden, wenn du mir ordenilich auf meine Fragen antworten willſt. Iſt Nickolſon hier im Walde zu finden? Hat er viele Leute bei ſich?“ „Der arme Joak Nickel, ja. Ich will ihm das Waſſer hier bringen und ſeinen Kopf reiben; wenn ich ibm nur einige Linderung verſchaffen kann!“ „Aber du, Ellin, die du doch, ohne Schmeichelei zu reden, ein ſo tugendhaftes und feines Mädchen biſt, ſage mir, was kannſt denn du mit einem ſolchen Menſchen wie Nickolſon zu ſchaffen haben, wie haſt du mit ihm fortziehen können?“ „Herr Göran— Jvak Nickel iſt ſo zu ſagen durch Bande des Bluls mit uns vereinigt—“ „Wie, er? O großer Gott!“ „Unr“—— Aber das Mädchen ſchlug ihre Au⸗ gen nieder, ohne den Satz zu vollenden. „Höre, Ellin,“ ſagte Herr Göranz„ich gelobe dir, daß, wenn du mich und einen andern Herrn begleiteſt— dev Lort, welchen dueben aufder Straße ſabſt und zu dem du ein großes Vertrauen haben mußt, denn er iſt weit beſſer als ich ſelbſt— kurz, wenn du uns den Weg zu Nickolſons Lager zeigſt— denn ich vermuthe, daß er irgendwo krank liegt— ſo ſoll nichts Schlimmes daraus erfolgen: Nur Gu⸗ tes! Nur ganz Gutes.“ Das Mädchen ſah ihn mit einer gewiſſen Art großen, beinahe heitigen Vertrauens an. Aber ſchnell änderte ſie, wie es ſchien, ihre Gedanken, und ſagte: „Wißt, Herr Ghran, ich glaube nicht, daß es für euch beide ſehr ſicher iſt, mit mir in den Wald zu gehen; denn es iſt Geſellſchaft dort. Es iſt immer am beſten, ſeinen eigenen Leichnam in Acht zu neh⸗ men.“ Dieſe kleine witzige Drohung wollte ſchon den leicht gereizten Herrn Göran erzürnen. Jedeſſen be⸗ fe! ar auf ier s in lei en en aſt u⸗ 197 griff er, was ſie damit ſagen wollte.„Geh, Ellin,“ ſagte er,„geh voraus! Wir werden dir auf zwanzig oder dreißig Schritte folgen, ſo daß deine Leute dort dich nicht im Verdacht haben können, du habeſt uns nach ihrem Verſtecke geführt. Sind ihrer viele dort?“ „O— bei Joak ſind wirklich eben nicht ſehr viele: Sie haben in andern Richtungen zu thun, glaube ich. Dort in der Höhle ſind jetzt nur zwei oder drei.“ „So? Gut. Eile voraus!“ Ellin ging. Göran Eoeling näherte ſich wieder dem Reiſewagen, und gab Alexander einen Wink, daß er ihm folgen folle. Als Medenberg zu ihm her gekommen war, ſagte Göran:„Den Rickolſon haben wir hier in der Hand. Laß uns dieſem Mädchen auf etwa fünfzig Schritte folgen. Haſt du Muth und Luſt, Bruder, einem Kanaillenpack in die Augen und vielleicht ſogar in das Weiße zu ſehen?“ „Dazu habe ich gerade gute Luſt,“ antwortete Alexander,„deßhalb ſind wir ja auf der Reiſe. Aber wer iſt denn dieſes Mädchen, Göran?“ „Die Tochter der Hexe in Dädemo⸗Hult.“ „Was ſagſt? Laß uns keinen Augenblick ver⸗ ieren.“ Siebzehntes Kapitel. Wie man ordentlich ſtolpern kann, vhne gerade zu fallen. Ja, ihr ſchönen Herren, das ſage ich euch, den Teufel kenn ich: Ich weiß wohl, wer der Satan iſt. Die beiden Herrn eilten mit muntern Schritten vorwärts. Der Weg war zwar kein eigentlicher Weg, kaum ein Pfad. Aber was thut das? Wenn ein ſchönes Mädchen, oder vielmehr das ſchönſte auf dreißig Schritte Entfernung vorangeht, ſo iſt jede Straße gebahnt und leicht zu gehen. Auch der Wald war anziehend; wieder in ſeiner Art anziehend. Er war nämlich ganz gräulich. Aber wenn das Gräuliche aus großartigen Naturbildern beſteht, wie z. B. aus hundertjährigen Tannen, die zur Hälfte ergraut oder ver⸗ trocknet, zwiſchen Steinhaufen und Klüften von ſchwar⸗ zen gähnenden Formen ſtehen, die ſich wie Berg⸗ ſchlöſſer erheben, ſo iſt das Entſetzliche ſo erhaben, daß es entzückt. Ellin ſah ſich hie und da gleichſam verſtohlen um. Herr Göran glaubte zu bemerken, daß ſie nichts dagegen hatte, daß ſie ihr folgten. Ihr Blick fiel mit einer gewiſſen gutmüthigen Betrübniß zurück: Es war alſo keine heimliche verborgene Koketterie, welche ihr die Geſellſchaft der liebenswürdigen jungen Her⸗ ren angenehm und eine Verfolgung beinahe wünſchens⸗ werth zu machen ſchien. Aber auffallend war es, daß, ſo oft ſich ihr Weg um eine ſo rauhe und gewal⸗ tige Klippe bog, oder zwiſchen ſo dichten oder ver⸗ worrenen Gebüſchen hindurch ſchmiegte, daß die Herren ſie ganz aus dem Geſichte hätten verlieren können, ſie ihren Gang nicht beſchleunigte, um ihnen zu entkom⸗ men, was jetzt ſehr leicht geweſen wäre, ſondern— wenn wir ſagen dürfen, was wir denken— immer ſtehen blieb, Athem ſchöpfte, bis die Herren auf's Neue wieder ihre Spur gefunden hatten, und dann ſ dies geſchehen war, ihren Weg wieder hurtig ortſetzte. Das Wetter war unbeſchreiblich ſchön und die Sonne ſank dem Abend zu. Herr Alexander ſah mit Wonne wie ein Stück weit vor ihm ſich ein Bach mit heiterer Kühnheit durch die fauniſchen Geſtalten hin⸗ durch ſchlängelte, welche die zahlreichen Gegenſtände des Waldes um ihn her verſammelten, um ſeinen Lauf zu hemmen. Am Rande des Baches ſtand eine e r r 18 r⸗ T⸗ g* n en 199 Schaar niederer, aber laubreicher Erlen, welche zwar die vornehme und himmelhohe Nähe von ſo viel tau⸗ ſend Tannen und Fichten nicht zu lieben ſchienen; weßhalb ſie auch eine kleine und geſchloſſene Geſell⸗ ſchaft am Strande ſelbſt gebildet hatten, aber dort doch in ſtummem Vergnügen und Farbenſpiel ſtanden: ſie thaten beinahe nichts anderes in der Welt, als ſich im Bache ſpiegeln. Ellins Schritte wanden ſich den Erlen zu, wahrſcheinlich ging dort unten ein Steg über den Bach, wo ſie hinüber wollte.„Ach hier bekommen wir Waſſer!“ rief Göran, der ſich ſchnell an ſeine vorige Durſtigkeit erinnerte. Die Bewegungen des Mädchens, während ſie zwiſchen den Baumſtämmen hineilte, waren ſo leicht, daß gewiß Daphne's nicht leichter waren, als ſie vor Phoebos Apolllo entfloh. Alexander war es, der ſeinem Freunde halb laut dieſe griechiſche Bemerkung mittheilte.„Ja, höre,“ antwortete Göran Edeling, „ich ſetze dieſe liebliche Geſtalt ſogar über Daphne, weil ſie kein mythologiſches, ſondern ein in der Wahr⸗ heit befindliches Frauenzimmer iſtz und, überdies eine Schwedin, welches die ſchönſten Frauenzimmer in Europa ſind, und endlich eine Smaländerin, welches d beſten in Schweden ſind. Aber— ach, Du— e 1“ 22 Görans Ausruf kam daher, weil es ihm ſchien, als ob Ellin auf dem ſchmalen und ſeltſamen Stege zwiſchen den ſpitzigen Steinen unter den Erlen geſtrau⸗ chelt und gefallen ſey. Hatte dies ſeine Richtigkeit, ſo konnte ſie in dem tiefen Einſchnitt oder der Erd⸗ rinne, welche der Bach zwiſchen den Hängen machte, einen ſchweren Fall thun. Beide, er und Alexander ſtürzten eilig herzu, um ihr zu Hülfe zu kommen. In der That fland ſie auf, ohne weiter zu fallen, als ſie die beiden Herren ſich nähern ſah. Doch ſchlug ihre Bruſt ſo ſtark, als ob der Athemzug von einer allzu heftigen Anſtrengung gehemmt würde. Sie ſetzte ſich ein Stück weit davon auf einen Stein unter ein paar der dicht belaubteſten Bäume; für den Augen⸗ blick ſchien ſie nicht im Sinne zu haben, aufzuſtehen, um weiter fortzueilen, ſondern warf große Augen bald auf Göran, bald auf Alexander, um ſie zu erforſchen, namentlich den letztern Herrn, den ſie vorher noch nie geſehen hatte. Göran Edeling trat artig heran und ſagte:„Du thuſt wohl daran, Ellin, daß du dich ſetzeſt, um ein Weilchen zu ruhen; das kannſt Du, meiner Treu, wohl brauchen. Stolperteſt Du ſo, daß Du Dich wirklich beſchädigt haſt?“ Ohne ſeine letzte Frage zu beachten, ſagte Ellin, indem ſie Göran dabei leicht zunickte und ſchnell auf ſeinen Freund deutete:„Wer iſt denn der Herr da?“ (Oder um mich beſſer auszudrücken, ſie ſagte nicht ſo, denn ſie ſprach in einem eigenen lieblichen Sma⸗ länder Dialecte, welchen man den Oſtboiſchen nennt. Aber wir können ihre Oßtboſprache nicht anführen, ſo hübſch ſie auch lautet; denn ſie iſt von dem allge⸗ meinen verſtändlichen Schwediſchen zu ſehr verſchieden, ja weit mehr, als das Upländiſche. Wir müſſen uns alſo damit begnügen, das Geſpräch in der ärgerlich⸗ ſten Traveſtie zu hören, die ein Buch ſtets mit der wirklichen Natur vornehmen muß. Auch kam gerade ſonſt nichts Merkwürdiges vor, als was der Leſer hören wird.) Göran antwortete dem Mädchen, und ſagte: „Du brauchſt Dich vor dieſem Herrn nicht zu fürchten. Er iſt ſo gut wie ich ſelbſt, Ellin: Und mich kennſt Du von Alters her. Er gehört jetzt zu unſerem Kirch⸗ ſpiel, denn er wohnt dort, und Du mußt ihn wie einen Bekannten betrachten. Es war recht bübſch daß wir dich hier ſo unvermuthet trafen: Es iſt kein Scherz, wenn ich Dir ſage, daß wir Dich von Deiner Mutter grüßen können, Ellin.“— „War denn der Herr auch bei der Mutter?“ fragte —— N ——* — — N— S—** —— — 251 das Mädchen etwas bedenklich, und hob auf's neue raſch ihren Zeigfinger. „Wir waren zuſammen in Dädemo⸗Hult. Und ich muß Dir ſagen, Ellin, daß wir etwas wiſſen.“ „So ſo, ja ja,“ unterbrach ſie ihn mit einem ſichtlichen Blinzen.„Ja ja, es geſchieht hie und da ſo: Es trifft ſich ſo, daß man etwas weiß. Aber ach— ihr Herren— die Mutter ſpricht oft recht ein⸗ fältiges Zeug: Daran thut ſie unrecht! In Allem, was ſie denkt, liegt etwas Dummes— natürlich nur hie und da— und ſie weiß durchaus nicht, warum ich dieſe Fahrt hier gemacht habe— ſo daß, wenn ſie mit den Herren darüber geſprochen hat, wie ich ſehe, daß ſie gethan hat,— gewiß alles verrückt war, was ſie ſagte.“ Ellin ſah dabei ſehr betrübt aus. Sie fuhr fort: „Ich muß alſo wohl ſelbſt aufſtehen, da ihr nicht ſitzen wollt, ihr Herren: Man hat ja hier freilich auch nur Steine zum ſitzen. Aber ich muß euch ſagen, es wird nicht ſo ganz gut und ſchön ablaufen, wenn ihr zu Joak geht, ohne daß ihr zum Voraus ein wenig wiſſet, wie die Sache ſteht.“ Alexander, der überhaupt weit mehr Menſchen⸗ kenner war als Bruder Göran, hatte während deſſen das unbekannte Mädchen betrachtet, und es war ihm, als ob ſie nicht ſo ganz umſonſt— wie man zu ſagen pflegt— geſtolpert und dann gehalten und ſich geſetzt hätte. Gewiß iſt ſie bei näherem Nachdenken auf etwas geſtoßen, was ſie uns mitzutheilen für räthlich hielt, ehe wir zu der Bande kommen, dachte er. Ein Mäd⸗ chen, wie dieſe, hätte wohl hinüberſpringen können, wenn ſie gewollt hätte. Er ging zu Ellin hin und ſagte vertraulich:„Ich habe dir ein Wort zu ſagen, von Deiner armen, alten Mutter in Dädemo⸗Hult.“ „Was denn, mein Herr?“ rief ſie, wie es ſchien, über die unerwartete Freundlichkeit erſchrocken. „Ellin, Deine Mutter ſitzt daheim und trauert, Sie hatte durchaus keine Freude daran, daß Du mit dieſem Nickolſon da von ihr fortzogſt.“ „Hatte ſie keine Freude daran? Ja gewiß hatte ſie, ſie hatte gewiß!“ „Aber Du zogſt mit dem ſchlechten Kerl fort, ohne Deiner Mutter etwas davon zu ſagen, und bei Nacht. Das war nicht recht. Jetzt ſitzt ſie daheim und weint über Dich, ſehr, gar ſehr.“ „Sie wußte es nicht? Ei freilich wußte ſie es. Hat ſie geſagt, daß ſie nichts davon gehört habe, als ich mit Joak Nickel fortging? Aha— du Alte, du? Nun, nun, es iſt ſo! Ich verſtehe das wohl!“ ſchloß Ellin mit einem ſanften Seufzer und ſah unter die Erlen hinab. „Aber— warum zogſt Du denn mit dieſem Schur⸗ ken fort? Sage mir das, meine liebe Ellin. Du warſt immer zu gut, um ſo etwas zu thun. Mit einem Dieb— einem— einem— Spitzbuben, mit einem Wort.“ „Joachim? Ach— mein Herr!“ „Ja, ſo ſag ich.“ „Joak iſt meiner Mutter Schweſter Sohn, Herr. Die Mutter wollte gerade nicht, daß er noch ganz unglücklich werden ſollie, ſie wollte ihn nicht am Gal⸗ gen hängen ſehen. Aber ſie war ihm böſe, das iſt auch wahr.“ „Was ſagſt Du? Du und Nickolſon ſind ver⸗ wandt? Geſchwiſterkinder? Es iſt alſo, Gott ſey Dank, kein ſchlimmerer Umſtand vorhanden in Bezie⸗ hung auf die Bande des Bluts? „Aber daß ich mit ihm fortzog, Herr“— ſetzte Ellin hinzu ohne ſeinen Ausruf zu beantworten— „das hatte auch ſeine Urſache, mein Herr. Und das wußte die Mutter wohlz obwohl ſie, wie ich jetzt merke, nicht recht wollte, daß er mich ſo lange am Schleppthau herumziehen ſollte.“ Medenberg wurde höchſt aufmerkſam. Was —„— XS v 6 203 kann das ſchöne Mädchen damit meinen? Er ſah wie ſie rechts hinaufſchaute, als lauſchte ſie auf das Säuſeln der Lüfte tief im Walde, oder auf Töne von nahen Bekannten. Aber Alles war ſtille.„Sprich,“ ſagte Medenberg,„ſprich ohne Furcht, Ellin. Wir müſſen Alles wiſſen, ebe wir den unglücklichen Nickol⸗ ſon treffen. Ich will ihn nicht mehr einen Galgen⸗ vogel nennen, da er ſo nahe mit Dir verwandt iſt. Aber ſo viel kann ich Dir anvertrauen, daß ich dieſe ganze Reiſe hauptſächlich auch darum unternommen habe, um ihn zu finden, und— wenn Gott mir die Gnade ſchenken will und es gedeihen läßt, ihn ausdem Verderben und Unglück zu etwas Beſſerem zu führen.“ „Iſt der Herr hieher gekommen, um Joak Nickel zu helfen?“ rief Ellin und ſprang ſchnell auf.„Iſt es möglich, Herr? Kann der Herr wirklich da⸗ ran denken, ihm beiſtehen zu wollen, dem——“ ihre letzten Worte wurden ſo leiſe geflüſtert, daß man nur das Ende hören konnte—„wicht,“ aber ob es „Böſewicht“ oder„armen Wicht“ war, was ſie ſagte, blieb unentſchieden. „Ich habe ſeinen Vater kennen gelernt, Ellin,“ antwortete Medenberg bedeutungsvoll.„Ich kann Dir ſagen, daß ich in der That auch von ihm komme, ja von ihm ſelbſt, von Graf Zeyton.“ „O mein Gott! der Herr weiß ja Alles!“ Ellin ſchlug vor Verwunderung ihre Hände zu⸗ ſammen, wobei man bemerkte, daß an dem Platze, wo ſie ſtanden ein Echo war, denn ihr Händeklatſchen wiederholte ſich dreimal an den hohen ſchwarz grauen Klüften in der Nähe. „Setze dich wieder, Ellin!“ ſagte Medenberg, nahm ſie an der Hand und führte ſie zu dem Stein zurück, wo ſie geſeſſen war.„Ich will Dir ſagen, wie ſich die Sache verhält,“ fuhr er fort;„ich weiß nicht Alles. Gerade deßhalb wünſche ich, daß Du mir erzählſt, was ich nothwendig wiſſen muß, um dieſes ſonderbare Ge⸗ webe zu entwirren und möglicher Weiſe den unglück⸗ lichen Sohn zu retten. Ich fürchte, er hat hier in der Gegend ein böſes Geſchäft vor.“ „So weiß der Herr etwas davon? Es iſt ſchon gethan mein Herr.“ „Was? was denn? „Evers⸗Hult iſt abgebrannt, Herr! dort haben ſie tüchtig Geld mit fortgenommen! Aber Joak— der arme Hund— wurde auch ein wenig mitgenom⸗ men; deshalb mußte ich ein paar Mal zu den Nach⸗ barn gehen um Salbe und Waſſer zu holen, obwohl ich mich nicht gerne aus dem Walde entferne.— Doch zu dem Alten am Halkrok, kann man ſchon gehen— ach ja, jetzt hat es keine große Gefahr mehr mit Joak, was das Leben betrifft— aber ach du großer Gott! der Herr hätte ſehen ſollen, wie es in der Nacht ausſah, wo evers⸗Hult brannte— das war mörderiſch— das war ſchrecklich— ich habe durchaus keine Freude daran— doch der größte Theil der Bande liegt jetzt weiter weg im Walde— und nur einige Wenige ſind bei Joak— ſo daß es jetzt keine Gefahr für die Herren hat, dahin zu gehen, gerade.“—— „Aber mein Gott!“ unterbrach ſie Medenberg un⸗ geduldig,„hat man denn Evers⸗Hult nicht vor die⸗ ſen abſcheulichen Schurken retten können? Ich ſchaudere bei dem Gedanken! die arme— arme— Frau Hof⸗ marſchallin!“ „Es war wohl noch ſchlimmer mit dem Hofmar⸗ ſchall, meine ich, denn der ſtarb am Schlag. Ja, das that er.“ „Was ſagſt Du?“ „Je nun, ich ſage, wie es iſt.“ „Aber wo befindet ſich denn die unglückliche Frau Abelcrona? Liegt Evers⸗Hult ſehr weit von hier?“ „O mein Herr, reiche Leute haben wohl mehr als ein Gut. Die Frau wird wohl nach einem hübſchen Herrenhof im nächſten Kirchſpiel ziehen, wo ſie Platz 1. u 205 genug hat. Aber es thut mir wohl leid um ſie; das thut es mir. Sie iſt ein gottesfürchtiges Weib.“ „Sag mir in Kürze, Ellin, wer hat deinen Ver⸗ wandten, dieſen Herrn Nickolſon, zu ſo ſchändlichen Thaten vermögen können?“ „Ja ſehen Sie, Herr, das iſt eine kurioſe Frage.“ „Hat nicht ſein Vater, der entſetzliche Schurke Zeyton, ihn dazu aufgereizt? Sage mir das, Ellin.“ „Der Herr weiß alſo davon?“ „Erzähle mir Alles, ich weiß nichts. Aber ich muß es wiſſen, um das ausführen zu können, was ich im Sinne habe. Ganz gewiß biſt Du über die ganze Geſchichte im Klaren, Ellin.“ „Ja ibr ſchönen Herrn, das ſag ich euch, ich kenne den Teufel: Ich weiß wohl, wer der Satan iſt.“ „Du meinſt Zeyton?“ „„O nein, nein! Ich verdamme den abſcheulichen Menſchen nicht, das ſoll Gott der Vater thun. Aber der Satan, Herr, das iſt Niemand anders als der Stüber. Ja wie geſagt, das Geld iſt's.“ MWedeuberg ſah auf das arme Mädchen herab, das in dieſem Augenblick in lieblicher Drauer da ſaß. Er hatte dieſe moraliſche, dieſe philoſophiſche Wen⸗ Lung des Geſprächs nicht aus ihrem Munde erwartet. Sie begann in ſeinen Augen einer kleinen Prophetin der Wüſte ähnlich zu ſehen. „Und Nickolſons Mutter?“ fuhr er fort. „Ja ſehen Sie, Herr, das iſt einfach. Sie hatie keinen Stüber, meine Muhme, meine arme Mubme. Deßhalb wurde ſie auch nicht Herrn Zeytons Gräfin, nein zum Henker! Und ſomit ward Joak ein unechter Sobn. Aber ein echter Fuchs, das konnte er wohl werden.“ Bei dieſen Worten fühlte Göran Edeling, wie ſein Herz vor Freude hüpfte. Er nahm es für ent⸗ ſchieden, daß die reizende Ellin Nickolſon nicht aus Liebe gefolgt, oder auf Abwege gerathen ſei, da ſie ihn ſo ohne Umſchweife nannte, was er war. Ellin fuhr fort:„Die Muhme habe ich nicht geſehen; ich habe ſie nie geſchaut. Sie ſtarb, als das Kind zur Welt kam; und es war eben ſo gut, da er doch einmal als unehliches Kind geboren werden ſollte. So entging ſie auch dem Kummer, ihn auf⸗ wachſen, groß werden und ein— Schurke werden zu ſehen.“ „Deine Muhme war wohl ein ſchönes Weib?“ „Das weiß ich nicht. Aber die Mutter liebte ſie ſehr und hat mir oft von ihr erzählt. Die Mutter ſagt immer, die Muhme habe mir ähnlich geſehen, wie eine Beere der andern.“ „Ellin, wenn ich nur wüßte— wenn Du mir aufrichtig erzählen könnteſt, warum Du Nickolſon auf dieſem abſcheulichen Streifzug Geſellſchaft geleiſtet haſt? Ich weiß nicht, wie die Sache iſt; aber— es kommt mir vor, als ahne ich Deine Abſicht dabei, Du gutes Mädchen.“ Ellin ſah verwundert auf den Sprechenden. „Ja, du weißt es vielleicht ſelbſt nicht recht: Aber es ſcheint mir beinah— ich glaube faſt, Du wollteſt Jvak in Deinem Herzen wohl— ich möchte ſagen in Deiner Seele— und das ohne ihn jedoch cigentlich zu lieben. Doch gleichviel. Wir werden ſchon ſehen. Aber ſage mir jetzt, Ellin, da wir einander zu ver⸗ ſtehen angefangen haben und Du nun weißt, warum ich Herrn Nickolſon und ſeine Kameraden beſuchen, will, ſage mir, an welchem Punkte ſein Herz zu tref⸗ fen iſt, wenn ich etwas gegen ihn ausrichten ſoll?“ „Ja, das will ich dem Herrn ſagen. Sprecht nie mit ihm von ſeinem Vater; da wird er kalt wie Eis, und bösartig wie Schwefel; und ein Dieb, ein Teufel nach Geld. So fern der Herr das will. Aber ſprecht mit ihm von ſeiner Mutter.“— „Ich verſtehe.“ ———— 207 „Dann kann ihn der Herr zum Weinen bringen, obſchon es hart geht. Aber dann ſpringt er für den Herrn wenigſtens in's Feuer. So jern der Herr das will.“ „Armer Nickolſon!“ „Ja, das iſt er auch, mein Herr. Kann der Herr es glauben, um ſeiner Mutter Willen ſprang er in die Flammen von Hof Evers⸗Hult, oder, wenn ich mich recht ausdrücken ſoll, um ihretwillen zündete er den Hof an.“ „Was ſoll das heißen? um ihretwillen? RNickol⸗ ſons Mutter iſt ja todt?“ „Ja, es iſt aber doch ſo.“ „Dieſes Räthſel muß ich gelsst haben.“ „Der Herr ſoll es wiſſen,“ fuhr Ellin fort;„denn ſonſt kann der Herr nichts mit Joak ausrichten. Deß⸗ halb will ich dem Herrn erzählen, wie es kommt, daß ſich Zeyton gegen ſein eigenes Kind wie ein Teufel benimmt. Und dennoch, Herr, liebt er dieſen Jvak ſehr; denn er hält viel auf ihn. Er hat ſich zwar nicht geſchämt, ihn zu züchtigen, aber da er Fleiſch von ſeinem Fleiſch und Bein von ſeinem Beine iſt, ſo meinte er, er könne das ſchon thun. Aber gleich⸗ wohl liebt er ihn, eben weil er ſein eigenes Fleiſch iſt.“ „Und hat ihm Zeyton nicht befohlen, mit ſeiner Bande Evers⸗Hult in Brand zu ſtecken?“ „Ja wohl; das kann ſchon ſein, das.“ „Der grauſame Vater! Bedenkt er nicht, daß er ſeinen Sohn einmal um ſeinetwillen an Galgen und Rad ſehen kann. Aber höre, Ellin, Du ſagteſt ja eben, Nickolſon ſei um ſeiner Mutter willen zu dieſer ſchrecklichen Unthat geſchritten.“ „Ja, mein Herr; aber das iſt bibliſch geſagt, ver⸗ ſtebt der Herr; denn Nickolſons Mutter iſt todt, mein Herr, meine Muhme jebt nicht mehr.“ Bibliſch? dachte Medenberg; Was kann ſie * 208 darunter verſtehen? Ach ſie meint wohl gleichnißweiſe, allegoriſch! „Nun wohl, Ellin,“ fuhr er laut fort,„wie konnte es denn geſchehen, daß er um ſeiner Mutter willen dieſes ſchreckliche Feuer anzündete? Sie war doch kein Mordengel oder Kind der Finſterniß?“ „Nein, Herr—“ Ellin faltete dabei ihre Hände wie zu einem Gebet. „Ich verſtehe Dich nicht.“ „Mein Herr— Herr— Herr— wie heißt der Herr? Ich weiß den Namen des Herrn nicht.“ „Das ihut nichts zur Sache.“ „Ja; wenn ich davon ſprechen ſoll, ſo will ich den Namen des Herrn wiſſen.“ „Gut, ich heiße Medenberg, da haſt Du Alles.“ „Medenberg. Obwohl der Herr weiß— ſagt mir, ob Herr Medenberg von den 10,000 Bezeichneten iſt? Iſt der Herr einer von Denen, die das Thier zeichnete, als es von Süden her über die See nach Smaland kam?“ Alerander trat zurück. Was ſoll das heißen? vachte er, ſollte wohl die licbliche Ellin eine von Denen ſein, welche die berüchtigte Predigtſucht haben? Sie wurde in ſeinen Augen doppelt intereſſant, denn da er nie eine Predigerin geſehen hatte, aber ſelbſt ein Mann von achtungsvollem und religiöſem Geiſte war, ſo griff es ihm in die Scele, daß er einmal eine ſolche ſchauen ſollte. „Ellin!“ ſagte er— beinahe in einem ehrer⸗ bietigen Tone, obwohl er Herr und Informator war „— erkläre mir nur, wie Du es für möglich häliſt, daß Nickolſon um ſeiner Mutter willen jene abſcheuliche Unthat verübt haben ſoll? Wenn ſie nämlich ein frommes Weib war?“ „Er that es hauptſächlich um ihretwillen, das iſt ge⸗ wiß,“ erwiederte Ellin;„obſchon es nicht ihr Geiſt war, der ihn zum Werke antrieb. Graf Zeyton iſt ein en gt en er 205 ſchlechter Mann, gleichſam ein verſchlingendes Raub⸗ thier; aber er ſagte zu ſeinem Sohne: Thue mir nur noch dieſes, Joak, ſo will ich dir nichts mehr zumuthen. Du magſt dann nach England reiſen: Du ſollſt dadurch Reiſegeld bekommen. Und wenn Du hinüber kommſt, magſt Du leben wie ein Ehrenmann, da Niemand weiß, was Du in dieſem Lande getrieben haſt. Dann kannſt Du ein Menſch nach dem Sinne deiner Mutter werden, wie ich weiß, daß du willſt, Junge. Thue alſo das, nimm dem Abelcrona das Geld, und komm! So zog Joachim Rickolſon hin; denn zur Hälfte iſt er ein Schurke wie ſein Vater, darauf kann ſich der Hexr verlaſſen. Aber zur Hälfte iſt er wie ſeine Mutter, das weiß ich; und er möchte ſo gerne, gerne aus dieſem Lande in ein anderes ziehen, und ein braver Mann werden, wenn Gottes Engel ihm beiſteht, daß er ſo weit kommen kann.“ „Und Du haſt ihn darin beſtärkt, Ellin?“ „Ja wohl darin, daß er in ein anderes Land reiſen ſolle.“— 3 „Aber doch nicht darin, daß er in Evers⸗Hult Feuer einlegen ſolle?“ „Nein, bewahre! aber da es einmal ſo war und es ſich nicht ändern ließ.“— Medenberg ſchüttelte den Kopf und ſah zärtlich auf das Mädchen.„So iſt es mit dem Gewiſſen dieſer ungebildeten Menſchen,“ ſagte er bei ſich ſelbſt. „Wenn ich mich nicht ſehr täuſche, ſo hat dieſe Ellin ungeachtet all des Engliſchen, dem ſie ſo herzlich hul⸗ digt, doch keinen ſo großen Abſchen vor einer Brand⸗ ſtiftung gehabt, wenn ſie auch nicht gerade ihren Bei⸗ fall dazu gab. Sonderbarer Menſchengeiſt— kann ſie dennoch ein Predigermädchen ſein? Aber welche ſeltſame Dinge hört man nicht zuweilen von dieſer Art Leute? Sie erlauben ſich ja bisweilen Sachen, die ſonſt kein Menſch über ſich nehmen könnte; und dennoch ſind ſie religiös und das im höchſten Grad.“ Drei Frauen in Smaland. 1. 14 * 210 „Du haſt ihn begleitet, Ellin,“ fuhr Herr Meden⸗ berg laut fort;„Was thateſt Du und dein Verwand⸗ ter zuſammen? Ich bin gewiß, du haſt manche ſchöne Dinge mit ihm geſprochen, um ihn zu vermögen, daß er bald nach Eng—„Engelland“ hinüber reiſe? Nicht ſo? Und werde wie ſeine Mutter, nicht ſo? Sie ſelbſt hatte er zwar nie geſehen; aber ich ver⸗ muthe, daß er ſie dennoch wie eincn Engel ſeiner Träume liebte: es hat ihm wohl Jemand geſagt, daß ſie Dir ähnlich geſehen habe, Ellin? Habe ich unrecht? Deßhalb liebte er die Erinnerung an ſeine Mutter in ſeinen ſtilleſten Gedanken. Und mit Dir wollte er in ein anderes Land hinüberziehen, um ein braver Mann und glücklich zu werden? Du haſt wohl unterwegs, ſo oft er Dich anhören wollte, mit ibm von Gottes Geiſtern und dem Himmelreiche ge⸗ ſprochen, nicht wahr?“ Ellin ſchlug die Augen nieder.„Nein, ich will nicht mit ihm in's Ausland ziehen,“ ſagte ſie.„Aber im Uebrigen hat der Herr vielleicht Recht.“ Die buſchi⸗ gen lieblichen Erlen wehten in einem leiſen Winde mit den Kronen über ihr Haupt hin. Alerander ſah Göran an und eine Thräne glänzte an ſeinem Wimper. Göran ſchwieg ein wenig be⸗ ſtürzt; er verſtand fich auf folche Dinge etwas weniger. Achtzehntes Kapitel. Die Ankunft in der Verghöhle. Du ſollſt mir offenherzig ſagen, wer von ihnen der Rettung und wer des Hängens werth iſt. „Ich bin ein Freund von Geſprächen wie vom Sonnenſchein,“ ſagte Göran Edeling,„aber ich will immer etwas dadurch ausgerſchtet ſehen. Deßhalb iſt 21¹ ⸗ es jetzt auch meine volle Meinung, daß wir uns auf d⸗ den Weg machen, um mit den Spitzbuben zuſammen ie zu kommen; denn dahin geht mein Wunſch. Ehe wir 6 aus Jönköping hinausfuhren, traf ich zufällig einen * hohen Mann bei der Polizei und brachte es auf ge⸗ * ſchickten Umwegen an, daß es mir eine Freude machen ⸗ würde, die Diebe für den Landeshauptmann zu fangen, r wenn ich nur auf eine honnette Vergeltung für meine 5 Beſchwerde rechnen dürfte. Ich gab zu verſtehen, daß e ich, obſchon ich die gelehrte Bahn begonnen habe, n dennoch eine paſſende Stelle als Polizeibeamter nicht t verſchmähen würde. In der ausübenden Jurisprudenz nun dem praktiſchen Kameralfache könne ich zu jeder Zeit Rechenſchaft ablegen, auch habe ich eine vorzüg⸗ t liche Handſchrift. Kurz ich habe Hoffnungen, denen es ⸗ nicht an Ausſicht auf Verwirklichung fehlt; höre mich jetzt, meine kleine hübſche Ellin, Du kannſt und ſollſt t mir dabei helfen: Wir kennen einander ſchon ſeit lange 1 her. Mehr als einmal habe ich meine Lieder vor Dä⸗ demo Hult in den lieblichen Moräſten geleiert. Ellin — nach Deiner Ausſage gehe ich, um die Vande von Vernamo auszuſpioniren; ich erſpähe die Spitzbuben und gebe den Behörden einen Wink, wo und wie ſie — ſeſtgenommen werden können. Denn ich kann mir nicht denken, daß Du ihre Freundin biſt, obſchon Du ſie begleitet und Dich Rickolſon zu Liebe in ihre Ge⸗ ſellſchaft gemengt haſt, da Du mit ihm in himmliſchen Angelegenheiten ſprechen wollteſt. Ich billige das, ich billige es ſehr. Aber daß Du endlich wirklich mit ei⸗ nem ſolchen Kerl— mag er nun ein Verwandter, ein leibliches Geſchwiſterkind ſein vper nicht— nach England hinüberreiſen follteſt, nein, das willſt Du beſtimmt nicht, Ellin, und das thuſt Du auch nicht. Glanbe mir, Du thuſt es nicht. Eher— ja ich ſage das— meine kleine liebe Ellin— reich mir Deine Hand, ſo werde ich Dir hier über den Steg unter den laubreichen Hängebir⸗ ken hinüberhelfen. Alexander mag allein über den 7 212 Steg nachkommen. Ja, höre— geht Alles wohl: be⸗ komme ich die Diebe: werde ich ein Mann von Haus und Hof— ſo möchte ich Dir vielleicht etwas im Ver⸗ trauen zu ſagen haben. Ich dürfte Dir vielleicht meine Hand noch einmal hier in der Welt anbieten. Aber da⸗ mit hat es noch Zeit; ſag es Niemand. Meiner Dreu! wenn ich Polizeibeamter werde— ein Geſchäft be⸗ komme— einen ehrlichen Gehalt habe, ein Dach über dem Kopf habe— dann— dann— nein etwas Beſ⸗ ſeres, Tauglicheres, Flinkeres, Heiterers und Schöneres von einem Frauchen kann ſich mirnicht darbieten, als—“ Unter dieſen lebhaften, halb geſungenen Weiſen drückte Göran dem Käthner⸗Mädchen warm und treu⸗ herzig die Hand, die er in der ſeinigen hielt, während er ſie achtſam nach dem andern Ufer hinüber geleitete. Ellin trippelte nach, ohne ferner zu ſtraucheln. Alexan⸗ der ging, wie ausgemacht war, allein. Er dachte an —— gleichviel. Als ſie in das Gehölz auf der andern Seite des Baches gelangt waren, ſchritt Alexander muthig vor⸗ wärts, bis er in gleiche Höhe mit den beiden andern kam, ſo daß ſchön Ellin zwiſchen ihnen ging.„Hört, ihr Herren, ſeid artig gegen die armen Diebe,“ ſagte ſie,„ſonſt führ ich euch nicht dort hin, ſondern lieber nach der Fuchsgrube— ha ha ha! denn hier iſt eine große, große Schlucht. Seht ihr? Führ' ich euch auf dieſer Seite der Schlucht ab, ſo ſtürzt ihr gerade durch vie Tannenzweige in die Grube hinab und dann wird kein Bräutigam mehr aus Euch, das verſichere ich Euch. Führ ich Ehch jedoch auf der andern Seite hin, ſo kommen wir nach der Berghöhle hinter dem kleinen Wieſenſtück; dort, in der Höble liegt Joak Rickel auf — Stroh und Eſpenzweigen. Aber hört, Herr Göran, dann dürſt Ihr nicht zu böſe gegen die armen Leute hier werden, die blos deshalb geſtohlen haben, um ein wenig von unſeres Herrgotts Gaben zu erhalten 2 2¹3 — ſo ſchlecht das auch war; denn ich weiß wohl, daß es ſchlecht war, aber—“ „Wie ſo, Ellin, willſt Du denn, daß man Räu⸗ ber, Mordbrenner, Schelmen, Diebe und Betrüger ver⸗ ſchonen ſoll?“ „Nein, ich weiß wohl, daß viele unter ihnen recht arge Schurken find. Und die mag Göran feſtnehmen und hängen. Aber es find auch andere darunter, die feine Nahrung Gottes für ſich und ihre kleinen Kinder zu eſſen hatten, wenn ſie nicht Erlenrinde kauen und Baumſaft verſchlingen wollten. Die ſoll Göran ver⸗ ſchonen bis der Tag des Herrn kommt, denn Gott der Voter kann ſie verdammen, wenn er will und es in der Gnade ſeines großen Zorns für gut findet, aber mich dauern ſie und das werden ſie Göran auch thun, va wir ja in unſerem Kirchſpiel alte Bekannte waren.“ Wie konnte Göran ſeiner Jugendfreundin und Kirchſpielgenoſſin eine ſo ſanfte und himmliſche Bitte abſchlagen? Er fühlte ſchon, daß er auch als Diener der Polizei einen Unterſchied zwiſchen verbrecheriſchen Verbrechen und andern machen würde.„Du ſollſt mir alles erzählen,“ fuhr er gegen Ellin gewendet fort. „Du biſt mit Allen bekannt und wirſt mir offenherzig ſagen, wer von ihnen der Rettung und wer des Hän⸗ gens werth iſt?“ „Des Hängens?“ rief das Mädchen bebend.„Ich glaube nicht, daß einer deſſen werth iſt.“ „Ich meinte des Enthauptens, verzeih' mir.“ „Hu! wie Ihr ſprecht, Göran!“ „Glaubſt Du denn, daß es bei Leuten, die einen gan⸗ zen Hof angezündet, ausgeplündert und ſo gehauſt haben, wie ſie thaten, mit eiwas Geringerem ablaufen würde?“ „Nein, es wird wohl ſo ſein müſſen.“ Ellin ſah bei dieſen Worten ſehr bedenklich aus⸗ während ſie weiter ſchritt; und ſie ſprach ihre Worte mit einem Tone, als ob ſie Mitglied irgend eines hohen Gerichts⸗ fluhles wäre.„Den Sven,“ ſagte ſie,„kann Göran . 2¹4 immerhin binden und zum Landeshauptmann oder vor das Gericht führen laſfen, denn Sven muß gewiß ſei⸗ nen Kopf verlieren, ja wohl. Der iſt ein großer Spitz⸗ bube: Weib und Kind hat er nicht, und er kann wohl ſterben. Aber den kleinen Braun⸗Peter muß Göran ſchonen. Er iſt in Wrikſtadt, dort gegen Nydala hin zu Hauſe; aber er hat Weib und Kinder weit hinten im Kirchſpiel von Rumffull am Eckſee— ach! einen ſo weiten Weg iſt er darum gegangen!— Und er hat geweint und ſich verwünſcht, daß er ſich zu dieſer Bande geſellt habe, um für ſeine Kleinen Brod zu bekommen. Ich habe ihm oft geſehen und ihn heimlich beobachtet, und ich weiß gewiß, daß er ſie gerne heute verlaſſen würde, wenn er nur dürfte. Aber er weiß, daß er den Staupbeſen und wohl noch etwas Schlimmeres bekommen würde, wenn er ſich unter ehrliche Leute be⸗ gäbe: deßhalb ſtiehlt er jetzt eben. Den Heßra-Jon ſoll Göran vor der Hand nur ſtäupen laſſen; denn der ſpricht wenigſtens die Wahrheit und kann ſich noch beſſern, wenn er unter Freunden die Haut voll kriegt; kommt er jedoch vor die Bezirkspolizei und ſteckt man ihn zu den ganz verdorbenen Ochſendieben ins Gefäng⸗ niß, ſo wird er vollends ganz ſchlecht, ſo daß man auf ewige Zeiten einen Feind des Geſetzes an ihm hat. Der Serarper Andres mit den rothen Augen iſt ein blitzendes Donnerwetter und er war es, der in der öſtlichen Ecke des Herrſchaftgebäudes von Evers⸗Hult Feuer einlegte, den ſoll Göran zum Landeshauptmann ſchicken, wenn er ihm die Haut abziehen laſſen will, denn Andres iſt ein Schurke: er hat ſein eigenes Weib braun und das ſeines Nachbars blau geſchlagen. Er wohnte in Töonäs nicht weit von Toftaholm, von ihm habe ich ſo abſcheuliche Dinge gehört, daß ich ſieben Schoppen voll hätte weinen mögen. Aber um Nicke Bengt Ersſon iſt es wieder Schade— es iſt wahrlich Schade um den Menſchen.—“ So fuhr Ellin mit ihrer Beſchreibung vor Göran —— u X— — 215 fort, gleichſam als ob er ſchon Sieger über die ganz Bande wäre, und ihnen nach Belieben Gnade und Ungnade zutheilen könnte. Aber ungeachtet der harten Worte lag jedesmal etwas ſehr Zartes in ihrer Stimme, wenn ſie die Verdammung ausſprach, die ſie über ei⸗ nige ihrer Freunde verhängen mußie; und wenn ſie erklärte, daß der Eine oder der Andere wohl geköpft werden dürfte, geſchah dieß mit einer bittenden Miene, womit ſie zuerſt auf Göran, dann nach dem Himmel und dann wieder auf Göran ſchaute. Ja, ja, wir wollen ſehen,“ antwortete er mit der ſtrengen Miene ſeines Großvakers.„Wir wollen ſehen. Wenn wir ſie nur vorerſt in der Klemme ha⸗ ben, ſo werden wir nachher ſchon Erbarmen üben.“ „Aber wo hat denn Göran ſeine Leute, um alle unſere Diebe zu faſſen und zu fangen?“ „Ja, wahrhaftig, das iſt eine Frage zur Zeit,“ vachte Medenberg, der eine Weile ſtumm an ihrer Seite gegangen war und ſich an den ſchwärmeriſchen Gevankenflügen der beiden Andern ergötzt hatte. „Ach, Poſſen, Ellin,“ antwortete Göran laut und mit großer Zuverſicht.„Ich bin zwar nur allein; aber das iſt ſchon viel. Ich habe hier auch noch einen Freund, der übrigens keinen am Kragen nehmen oder ſchlagen darf, denn er iſt Magiſter. Aber es handelt ſich jetzt auch nicht darum, ſchöne Ellin. Du ſollſt mir für jetzt nur ſagen, wie die Sache im Walde ſteht, dann werde ich bald die Kunſt entdecken⸗ Leute in den Wald zu ſchaffen, um die Schurken ſchaarenweiſe zu faſſen.“ „Aber ich darf die Bande nicht verrathen,“ ver⸗ ſetzte das Mädchen;„dann wäre ich ja geradezu eine ſchlechte Perſon.“ „Wie ſagſt Du?“ „Ich ſage, wie es iſt.“ „Du haſt doch die Diebe nicht aus Freundſchaft für ſie begleitet, ſo viel ich weiß. Du biſt ja nur deßhalb von Deiner Mutter ſo weit fortgegangen, um 216 mit Deinem verlorenen Verwandten Jvak Nickel von Gottes Reich zu ſprechen und ihm zu helfen?“ „Ja, ja.“ „Reut es Dich, daß Du mir ſo vfel geſagt haſt?“ „Nein, nein. Aber Göran wird nie mein Freund, wenn er jetzt nicht thut, was ich ſage, und keinen mehr angibt, als— als— als ich es ausdenken werde. Laßt auch keinen nach Jönköping bringen, Herr Göran, nimmt das zu Herzen, wenn Ihr mein Freund ſein wollt! denn ſie haben dort einen ſo ſchlechten Arreſt.“ „Schlecht? Dortiſt der beſte Arreß im ganzen Bezirke.“ „Nein, ich habe von allen Dieben ſagen hören, daß dort der ſchlimmſte ſei; denn man kommt nie wieder heraus. In Vernamo iſt der beſte Arreſt, Gö⸗ ran, dort geht ein armer LTeufel mit Bequemlichkeit aus und ein, und ein Menſch muß immer ſeine Be⸗ quemlichkeit haben.“ Göran lachte und es würde ihm wohl eine Ant⸗ wort beigefallen ſein, aber ſie ſtanden in dieſem Au⸗ genblick am Eingange der Berghöhle. „Bleibt ein wenig hier außen, während ich hin⸗ eingehe,“ ſagte Ellin. Neunzehntes Kapitel. Anfang der Rirchſpiel-Grheimniſte. Man braucht nicht gerade aus dem Waſſer gezogen zu werden, um gut zu leben. Während Alexander und Göran vor der niedern hintern Gebüſchen, Steinhaufen und Laubwerk verbor⸗ genen Thüre der Berghöhle ſtanden, hörten ſie ein dumpfes Geräuſch, das aus dem Innern des Bergs zu kommen ſchien. Es bewies, daß man dort unruhig — ——— 217 ſein mußte; aber es konnte auch Anſtalten bedeuten, um die beiden Fremden auf eine„paſſende“ Art zu empfangen. „Wir könnten recht wohl Beide ein paar gefangene Vögel vorſtellen. Wer ſteht uns dafür, daß wir nicht von einem Berggeiſte entführt werden, wenn wir da bineingehen,“ bemerkte Göran Edeling, der ungeachtet ſeines gewaltigen großväterlichen Muthes immer im erſten Augenblick auch ein wenig von ſeines Vaters Furcht ergriffen ward. „Es hat keine Gefahr,“ ſagte Medenberg,„dieſes Mädchen ßeht mir dafür.“ „Dieſes Mädchen!“ wiederholte Göran und run⸗ zelte die Stirne wie ſein Großvater.„Was weißt Du von dieſem Mädchen, wenn ich bitten darf?“ „Ich behaupte gerade nicht, daß ſie eine ausge⸗ zeichnete Moralpredigerin iſt,“ erwiederte der Andere. „Aber— Göran, ich vertraue auf Dich ſelbſt. Du haſt ſie, wenn ich Dich recht verſtanden habe, eben ſo gut treu und tauglich erfunden, daß Du um ſie freien woll⸗ teſt. Sie antwortete zwar nicht gerade beſtimmt, daß ſie Dein Weib werden wolle; aber ein kleiner Theil ihres lieblichen Geſichtes ſah in der That aus, als ob er Dir ſeine Zuſtimmung gebe. Du darfſt ſie alſo wohl nicht im Verdacht haben.“ „Sie im Verdacht haben, Magiſter!“ rief Göran Edeling.„Du ſollteſt Dich ſchämen, Alexander.“ „Nun, das meine ich eben.“ „Aber es können Perſonen da innen ſein, über die ſie nichts vermag. Nickolſon iſt ein ungeheurer Wicht.“ „Wir wollen ſehen. Ich fürchte ihn nicht im Ge⸗ ringſten.“ In dieſem Augenblicke knarrte die kleine Thüre in ihren ungleichen Angeln, die in die Berghöhle ſelbſt eingelaſſen waren. Sie wand ſich auf, bis eine dürf⸗ tige Oeffnung erſchien, die gerade ſo groß war, daß 8 eine nicht ſehr korpulente Perſon ſich hindurch dringen konnte. Ellins ſchöner Kopf zeigte ſich darin. Das Haar war jetzt losgebunden und ihrk Miene verrieth Zeichen der Angſt. Sie winkte Göran einzutreten. Der junge Herr Edeling ſah ſich um. Er wollle das Innere der Grotte nicht gerade mit ſeiner Perſon beehren, ohne daß ihm Alexrander Geſellſchaft leiſtete. Dieſer folgte ihm deßhalb auf der Ferſe nach. Als aber Göran durch die Thüre eingetreten war, zog Ellin dieſelbe leiſe wieder zu; und wie Alexander die Thüre faßte, um ſie offen zu erhalten und zugleich mit ſeinem Freunde einzuſchlüpfen, nickte ihm das Mädchen artig, aber abweiſend zu, und ſagte halblaut: „Bald, bald!“ worauf fie freundlich, beinahe ſcherzhaft ſeine Hand von der Thüre hinwegſtrich und ihm die Höhle vor der Naſe ſchloß. Ein Fall dieſer Art war ſehr bedenklich. Zwar konnte Medenberg nie eine beſſere Gelegenheit bekom⸗ men, um zu botaniſiren, als hier; denn er entdeckte rund umher ſeltene Waldblumen, Kräuter, Verſteine⸗ rungen, Schwämme, die er ſo gut wie noch nie geſe⸗ hen hatte, und die wahrſcheinlich Smaland eigenthüm⸗ lich zugehörten. Aber er füblte ſich in dieſem Augen⸗ blicke zu unruhig, um eine Pflanze aufheben und exa⸗ miniren zu können. In dieſem Augenblicke wollte er nicht für die Wiſſenſchaft leben. Er legte das Ohr an die dünne Bretterthüre, um zu lauſchen. Aber er hörte keinen Laut. Dieß währte eine Weile. Sein Herz begann laut zu klopfen.„Was kann Bruder Göran geſchehen ſein?“ dachte er.„In Ge⸗ ſellſchaft dieſes Mädchens— ſterben?— nein!— ſie hatte kein Geſicht dazu— aber gefangen— feſtgehal⸗ ten werden?—“ Herr Medenberg hörte Schritte, die ſich vom In⸗ nern der Höhle her näherten; die Thüre wurde geöff⸗ net. Eine bleiche, beinahe ausgemergelte Geſtalt ſtand vor ihm. Der Mann hatte Kleider an, die eine Zu⸗ 219 ſammenſetzung aus beſſeren und ſchlimmeren Tagen bil⸗ deten. Der Rock war grob und ſchlecht zugeſchnitten und noch ſchlechter genäht. Was dagegen von den Ho⸗ ſen ſichtbar war, lächelte dem Auge feiner entgegen. Sie waren dunkelgrau, und hatten ohne Zweifel zur früheren Herrenkleidung gehört. Die Füße waren wei⸗ ter unten ohne Strümpfe; der eine ſtak in einem zer⸗ riſſenen Holzſchuh, der andere in einem Schnürſtiefel. lm den Hals lag ein ſchmutziges, grüngeſtreiftes Tuch, aber über der Bruſt hatte er eine Weſte, die gewiß ihre ſchönen Tage geſehen hatte. Sie war von Seide. Medenberg fühlte, wie ein ſchneller Schauer ihn durchfuhr, als er das lange, unbeſchnittene, ungekämmte, ſchwarze Haar erblickte, das eher einem üppigen Buſch⸗ werke, als der Zierde eines menſchlichen Kopfes ähnlich ſah. Er erkannte dieß Geſicht wieder, und Entſetzen hielt ihn, daß er nicht näher trat. Herr Jvachim Nickolſon ſprach nun mit einer dü⸗ ſtern Geberde, aber nicht unfreundlich und ohne Ver⸗ zagtheit zu ihm:„Wir kennen ja einander! treten Sie ein, Magiſter.“ Als Medenberg deſſenungeachtet auf derſelben Stelle blieb, ſprach der Wirth der Grotte:„Treten Sie ein, willkommen im Walde! Ich kann Ihnen ein kleines Abendmahl bieten, obſchon ich nicht ſo gut ver⸗ ſehen bin, wie ich es in Aronfors hatte.“ Medenberg warf einen Blick in das weite finſtere Gemach, das ausgehöhlt, oder vielleicht von der Natur ſo in dem Berge gebildet war. Er entdeckte keine Waffen, und auch keine weitere Perſonèn drinnen. Er ſah ſogar etwas ſehr hübſches, nämlich ein klei⸗ nes Buch in ſchwarzem, ſchön gepreßtem Einbande, das auf der Heerdplatte nicht weit von der Aſche lag. Er trat näher, indem er ſich auf Gottes Vorſehung verließ. „Nun, liest der kleine Matts jetzt hübſch? Macht Ulla gute Fortſchritte?“ fragte Nickolſon nachläßig und gleichſam, als ob jetzt von nichts geſtneten zu ben wäre.„Ich muß dem Magiſter Medenberg ſa⸗ gen, daß ich die beiden Kinder ſehr gut kenne: Ulla hat einen beſſeren Kopf; aber Matts wird auch mit der Zeit tüchtig darauf losarbeiten, gar nicht wie ſein lieber Vater, der einfältige Mekeroth.“ Alexander biß ſich in die Lippen, um ſeinen Aer⸗ ger darüber zurück zu halten, daß er ſo viel Frechheit anhören mußte.„Ich bin nicht hieher gekommen, um mit dem Inſpektor Nickolſon über meine Zöglinge zu berathen,“ ſagte er. „So! der Herr iſt vielleicht nicht zufällig in den Walt gekommen, ſondern in einem—— Geſchäft?“ „Allerdings.“ Nickolſon ſchien einen Augenblick beſtürzt, nichts deſtoweniger lud er ſeinen Gaſt ein, auf einem Haufen Haarmoos Platz zu nehmen, worauf ein Arm voll dürres Laub lag, welches alles zuſammen einen Sopha in der innerſten Ecke ver Höhle vorſtellen ſollte. „Ich danke,“ ſagte Medenberg,„aber ich ſetze mich nicht eher, als bis ich weiß, wo mein Freund, Herr Edeling, hingekommen iſt, er trat eben hier ein.“ „Des Probſten Sohn? O er entfernte ſich nur einen Augenblick mit meiner artigen Haushälterin: Sein Rock mußte ein wenig gebürſtet werden. Er war auf dem Spaziergange ſtaubig geworden. Das ge⸗ ſchieht oft ſo. Sie haben ſich entfernt und machen jetzt ihre Geſchäfte ab.“ „Geſchäfte? ſich entfernt? Aber wohin?“ Me⸗ denburg ſah ſich um, und entdeckte keine andere Thüre in der Höhle, als die, durch welche er ſelbſt herein gekommen war. Dennoch war es vor ſeinem an die ſem an dieſe Art Licht noch nicht gewöhnten Auge etwas dämmerig, ſo daß wohl noch ein Loch zum Hin⸗ ausgehen in einer andern Richtung ſein konnte, ohne daß er es gewahrte. „Fürchten Sie nichts für des Probſten Sohn,“ zu en oll ha ch rr ur ar e⸗ en 221 ſagte Jvachim NRickolſon, er und ich waren alte Be⸗ kannte, lange ehe noch der Herr in das Kirchſpiel kam, und das Mädchen wird ihm auch nicht das Le⸗ ben nehmen wollen, hoffe ich. Sitzen Sie nieder, Herr Medenberg. Nun— was iſt denn wohl die Ur⸗ ſache, die mir die Ehre dieſes gelehrten Beſuches ver⸗ ſchafft hat?“ Alexander nahm Graf Zeytons Brief und überreichte ihn Herrn Nickolſon. 5 Dieſer ergriff das Schreiben mit Heftigkeit und als 2 die Handſchrift erkannte, rief er aus:„Von — ihm!“ Alexander betrachtete den verlornen Sohn, der da ſtand und den Brief ſeines verlorenen Vaters las. Doch hatte Nickolſon ſeine Geſichtsmuskeln ſo ſehr in ſeiner Gewalt, daß er ſeine tiefe Gemüthserſchüt⸗ terung durch nichts verrieth. Als er mit dem Leſen zu Ende war, ſagte er nur:„Ich begreife nicht, wie es mit dem Herrn Graf Zeyton ſo weit kommen konnte, daß er einen ſolchen Brief ſchrieb.“ Alexander Medenberg unterbrach ihn:„Laſſen Sie uns nicht den Fremden vor einander ſpielen; ich weiß Alles. Es muß in dem Brief ſtehen, daß ich Alles weiß.“ „Alles!“ wiederholte Nickolſon.„Es iſt freilich wahr, in dem Brief ſteht viel— aber Alles, mein Herr?“ „Wir haben keine Zeit zu Einleitungen und Förm⸗ lichkeiten. Herr Nickolſon! ſeien Sie aufrichtig gegen mich und das vollſtändig, ſo dürfte ich wohl noch ein Gewebe entwirren können, das auf das Entſetzlichſte ver⸗ wickelt iſt. Aber ſuchen Sie keine Ausflüchte, brauchen Sie keine Umwege. In Aronfors iſt Alles entdeckt, und der Verſuch, den Ertrunkenen zu ſpielen, iſt vollkommen mißlungen.“ Herr Nickolſon ſtand da, als ob man ihn aus dem Waſſer gezogen hätte. Er ſtarrte finſter auf ſeinen Gaſt. 222 in Evers⸗Hult begangen worden. Darüber möchte ich gerne einige genaue Angaben haben. Aber ich begnüge mich jetzt nicht mit der Frage, wo ſich die 2500 Reichs⸗ thaler befinden, nein, ich muß ſie ſogleich haben. Ich weiß, daß dieſes Geld, welches Graf Zeyton kürzlich dem unglücklichen Hofmarſchall Abelcrona übergab, dieſem aufs neue durch eine unerhörte Schandthat ent— riſſen wurde. Dieſes Geld nun, das eigentlich dem Herru Kapitain von Mekeroth zugehört, wieder zu for⸗ dern, bin ich hieher gekommen. Ja— Herr Rickol⸗ ſon, mögen Sie ſich immerhin verwundern— aber ich gehe nicht von der Stelle, bis ich bekommen habe, was ich haben ſoll. Uebrigens,“ ſetzte Medenberg in einem ſanftern Tone hinzu,„bin ich nicht in Unkennt⸗ niß über Herrn Nickolſons Wünſche und Pläne, Schwe⸗ den zu verlaſſen, was gewiß gut wäre, wenn es ohne ein neues Verbrechen geſchehen könnte. Ich billige ſeine Abſicht, in einem andern Lande eine neue und beſſere Lebensbahn zu verſuchen. Unmöglich iſt es nicht, daß ſich Mittel dazu entdecken laſſen, wenn Herr Nickol⸗ ſon für den Anfang eine Stimmung und eine Offen— heit zeigt, die mich in den Stand ſetzt—“ Medenberg ſah Nickolſon mit einem gerührten Blicke an. Dieſer hatte beim Beginn dieſes unerwar⸗ teten Geſpräches, Luſt gezeigt, die Fäuſte zu ballen oder die Zähne zu weiſen; aber der Brief des Gra⸗ fen enthielt ſo Manches über den Ueberbringer, was ihn ſtark zurückhielt. „Herr!“ ſagte Nickolſon,„was will der Herr, daß ich thun ſoll? Was beabſichtigt der Herr? Sagen Sie es rein heraus! Aber drohen Sie nur nicht— darum— bitte ich Sie; denn ich darf nur pſfeifen und der Herr wird ſich umringt, ganz umringt ſehen.“ „Gut,“ erwiederte Alexander mit Sicherheit und ſetzte ſich auf den vorhin angebotenen Sopha von Haar⸗ „Kommen Sie moos in der einen Ecke der Grotte. Dieſer fuhr fort:„Eine entſetzliche That iſt neulich —— W 223 hieher und ſetzen Sie ſich an meine Seite, Herr Nickol⸗ ſon, ſo wollen wir darüber Rath ſchlagen, welche Aus⸗ wege hier möglicherweiſe genommen werden könnten. Für den Anfang muß ich dem Herrn ſagen, daß der Herr weder pfeifen noch mich von ſeinen Leuten um⸗ ringen laſſen wird. Mit ſo Etwas ſchreckt man mich nicht; denn in dieſem Falle pfeife auch ich.“ Nickolſon betrachtete ſeinen Gaſt immer erſtaunter. „Herr Medenberg pfeift?“ fragte er. Schon Zeytons Brief hatte Nickolſon den Muth benommen, gegen einen Mann, der einen ſolchen bei ſich haben konnte, ſo ganz ohne Umſchweife zu verfahren. Er ſtand eiwas verblüfft, ſah ſtarr auf Alexander und wieberholte: „Ich ſehe gerade keine Pfeife; womit will denn der Herr pfeifen?“ „Genug, daß ich pfeiſe, wenn ich ſehe, daß es nothwendig iſt: d. h. wenn der Herr die Thorheit be⸗ gehen könnte, Gewalt zu verſuchen.“ „Aber— womit pfeift denn der Herr, wenn ich — fragen darf? Ich bemerke keine Pfeife.“ „Meine Pfeife heißt Ellin.“ Bei dieſem Namen trat Nickolſon erſchrocken zur Seite.„Ellin!“ ſagte er.„Sollte Ellin—2 Rein, ſie kann mich nicht verrathen haben! Mich verrathen, ihren— nein! nein! nein! das ift unmöglich, un⸗ möglich!“ Medenberg ſah noch einmal Nickolſon mit Ver⸗ trauen an und wiederholte:„Kommen Sie hieher, ſetzen Sie ſich neben mich, wir müſſen über etwas ſprechen, das vielleicht nicht ganz ſo unangenehm ſeyn dürfte, als es den Anſchein hat. Ellin, das hübſche Mädchen im Walde, hat ihren Verwandten, ihrer Mutter Schwe⸗ ſter Sohn nicht verrathen.“ „Ha! der Herr weiß?“ „Denn“— fuhr Medenberg mit unveränderter Ruhe fort—„das kann man nicht Verrätherei nen⸗ nen, daß Sie ihre Muhme als ein reizendes, anzie⸗ hendes, obſchon ſehr unglückliches Weib beſchrieb!“— „O— meine Mutier! meine Mutter! Aber wie weiß der Herr— ja, ich ſehe, daß der Herr Alles weiß! Meine Mutter— meine arme, geliebte Mutter!“ „Herr Nickolſon hat ſie nicht geſehen?“ „Nein— nie! Dieß Glück, meine Mutter ſeben und hören zu dürfen, wurde mir nicht zu Theil. Aber ich habe von ihr ſprechen hören. O— aber der Herr wird mich auslachen— ich ſah ſie in meinen Träu⸗ men, in meinen Gedanken, oft, ſehroft, als ich noch ein Kind war, aber nachher ſelten. Ich bin ſehr un⸗ glücklich, mein Herr.“ „Herr! im Namen Gottes— wer iſt der Herr? Wie weiß der Herr ſo viele wunderbare Dinge, die kein anderer Menſch kennt?“ „Kommen Sie nur näher her aufs Moos, ſo wol⸗ len wir uns über etwas noch Beſſeres berathen.“ Der Elende, auf den dieſe ganze Unterredung magiſch einwirkte, konnte nicht widerſtehen. Er ging beinahe mit einem kindlich vertrauenden Geſichte zu ſeinem Gaſte hin und ſetzte ſich an ſeine Seite. Alexander fuhr fort:„Ich billige Ihren Plan, aus Schweden fort ziehen zu wollen. Aber ehe dieſes ge⸗ ſchieht, müſſen erſt noch viele Dinge in beſſere Ord⸗ nung gebracht werden. Es war nicht die rechte Art, dem ehrlichen und wohlthuenden von Mekeroth 2510 Reichsthaler zu nehmen.“ „Gott! weiß denn der Herr die genaue Summe! der Reichsthaler? Vielleicht ſogar die Schillinge und Heller?“ „Auch das, wenn es nöthig iſt: Zwanzig Schil⸗ linge und neun Heller.“ Nickolſons Geſicht nahm eine ſchreckliche Bläſſe an. Er glaubte an der Seite eines allwiſſenden Geiſtes zu „———— ie ſitzen; und es nahm ihn Wunder, daß der, welcher allwiſſend war, doch ſo artig und gut ausſehen konnte. „Laßt uns dieſe Kindereien verlaſſen,“ fuhr Me⸗ denberg fort und betrachtete den Elenden an ſeiner Seite mit einer melancholiſchen Güte. „Es gibt einen Höllengeiſt auf Erden, der mich zu allem Boͤſen gezwungen hat,“ rief Joak. „Wir wollen jetzt nicht lange von dieſem ſprechen, Herr Rickolſon, wir wollen vorerſt eine Weile an uns ſelbſt denken. Es war nicht recht, das Gerücht aus⸗ zuſprengen, daß man ſich ertränkt habe. Es war zwar mit der Abſicht geſchehen, davon zu kommen und dann gleichſam aus dem Waſſer empor getaucht, alles ſchön und vortheilhaſt für ſich geſtellt auf Erden zu finden. Aber man braucht nicht immer aus dem Waſſer gezo⸗ gen zu werden, um brav zu leben, mein Herr.“ Joachim Nickolſon ſah auf den feuchten Boden der Grotte hinab und ſeufzte. „Und wenn nun das geſtohlene Geld oder der größte Theil desſelben, nämlich 2500 Reichsthaler, dem Hofmarſchall Abelcrona zur Bezahlung eines ge⸗ wiſſen Reverſes übergeben wurden; dann war es end⸗ lich vor Allem am wenigſten recht, daß Sie in Ge⸗ ſellſchaft von Räubern ſeinen Hof überfielen, dieſes Geld aufs Neue ſtahlen, und o mein Gott!— Feuer in ſein Haus legten.“ „Herr!— das that ich nicht; das that der Andres von Serarp. Nein, ich that bei Gott nichts weiter, als daß ich in Abelcronas Chatoulle griff und nahm, was ich haben mußte.“ „Gut. Der Serarper Andres wird wohl theuer für ſeine feurige Schandthat büßen müſſen. Aber ich will das Geld des Kapitäns von Mekeroth wieder ha⸗ ben: wo iſt es? geben Sie mir es ſogleich.“ „Unmöglich.“ „Es ſoll möglich gemacht werden, ſage ich.“ „Aber— beim lebendigen Gott!“ rief Nickolſon Drei Frauen in Smaland. 1. 226 und eine plötzliche Fieberröthe überzog ſeine blaſſen Wangen,„warum hat Herr Medenberg ein ſo großes Wohlwollen für den erbärmlichen Mekeroth und noch mehr für den abſcheulichen Abelcrona? Dem iſt nicht mehr geſchehen, als vollkommen recht und billig war, das iſt gewiß.“ „Derabſcheuliche Abelerona? was ſoll das heißen?“ „Ha, mein Herr! Der Herr iſt doch nicht allwiſ⸗ ſend, wie ich höre. Der Herr weiß alſo nicht, was der Hofmarſchall zu ſeiner Zeit gethan hat? Ihm iſt nichts weiter geſchehen, als ein klein wenig Wieder⸗ vergeltung. Ich ſehe, daß der Herr doch nicht alle unſere Kirchſpielgeheimniſſe kennt.“ „Ich kenne nur das Geheimniß des Grafen Zey⸗ ton und ſeines unglücklichen Sohnes.“ Joachim heftete einen Blick auf Medenberg, der anfangs durchbohrend war, aber allmählig immer mehr in eine hoffnungsloſe, verzweifelnde Wehmuth verſchmolz. Sein Kopf ſank gegen ſeine zur Hälfte unbedeckte, blaßgelbe Bruſt herab und er begann ſich ein wenig zur Seite zu neigen, als ob ſein Hals nicht Kraft genug hätte, ſeine Laſt zu tragen.„Herr, ich bin unehelich,“ flüſterte er mit einer ziſchenden kalten Stimme.„Aber hören Sie noch ein halbes Wort dazu, ich würde es nicht ſein, wenn der Hofmarſchall Abel⸗ erona nicht geweſen wäre.“ Medenberg ſtutzte und ſah ſeitwärts auf ſeinen Nachbar.„Erzählen Sie, erzählen Sie!“ ſagte er und faßte Nickolſons Hand. Der Elende nahm ſie und drückte ſie ein paar Secunden lang krampfhaft. Zwanzigſtes Kapitel. Fortſetzung der Rirchſpiel-Geheimniſſe. Alles muß einmal in Rauch aufgehen, Herr⸗ Medenberg. „Meine Mutter war ein Sine Weib,“ begann Joachim Rickolſon mit einer Stimme, die zum erſten Male ſehr klangvoll lautete.„Sie war ein geringes Weib; doch was die Geburt betrifft, nicht von der allergeringſten, mein Herr! Ihr Vater war Meßner geweſen, oder ich darf ſogar ſagen, er war Organiſt in einer der Verſammlungen der Nachbarſchaft. Organiſtentochter— das iſt doch ſchon etwas, nicht wahr? Es iſt wenigſtens nicht das Kleinſte, das Geringſte auf Erden. Sie war keine bloße Bauern⸗ tochter, mein Herr, verſtehen Sie mich! Und Ellins Mutter war es eben ſo wenig. Meine Mutter war gut und ſchön. Ich ſah ſie nie ſelbſt, aber ich habe es ſagen hören; ich habe es von ſolchen gehört, die hierin keine Unwahrheit ſprechen konnten. Mein Vater liebte ſie! ich bin überzeugt, daß er es that! ich habe zu viel davon gehört, um es bezweifeln zu können. Mein Vater, Herr— der Herr kennt ſeinen Namen?— mein Vater war damals nicht als ein böſer Mann, als ein Abenteurer, ein Glücksritter be⸗ kannt. Er trug einen Titel, den Viele hochſchätzten; die Grafen wachſen nicht wie Gras. Der Hofmar⸗ ſchall Abelcrona—— Hofmarſchälle lieben Grafen. Er gab meinem Vater zu verſtehen, daß ein junger, ſchöner, braver Ausländer und Graf— denn damals war Zepton dies Alles— von mancher Familie der Gegend mit Ehren und Freude aufgenommen werden würde. Als nach dieſer Einleitung die Vertraulich⸗ keit zwiſchen dem Hofmarſchall und dem Grafen immer größer wurde, traten ſie in Handelsgeſchäfte und — Spekulalionen mit einander. Abelerona ſchlug Zeyton eine Heirath von nobler, von ſehr hochadeliger Natur vor; er hatte eine Nichte, die verſorgt werden mußte. Zeyton ſtutzte anfangs: die Liebe zu meiner Mutter hielt ihn ab, ſogleich in den Plan des Hofmarſchalls einzugehen. Doch bewirkte dieſer ſo viek, daß er die Heirath mit meiner Mutter immer aufſchob, und auf⸗ ſchob, und aufſchob. Er gab ihr endlich zu verſtehen, daß nie etwas daraus werden würde. Von dieſer Stunde an untergrub ein tiefer Schmerz ihre Ge⸗ müthskräfte, die Serle hörte auf, in ihren hinſchwin⸗ denden Körper Stärke zu gießen; ſie ſtarb, nachdem ſie mir das Leben gegeben hatte. Nicht lange dar⸗ auf erfüllte mein Vater die Wünſche des Hofmarſchalls, und vermählte ſich mit dem jungen Fräulein, das Abelerona zur Gräfin zu machen wünſchte. Als das Brautpaar zur Kirche gieng, ſchritt es über das Gras auf meiner Mutter Grab, das noch ſo friſch grün und zart war, daß es von keinem Welken wußte, das arme Gras! Es iſt wahr, Gräfin Celeſtine wurde verſorgt wie ihr Onkel berechnet hatte. Wurde ſie glücklich? ich weiß es nicht. Herr Medenberg, glau⸗ ben Sie mir! fie iſt immerhin ein gutes Weib, ſie trieb mich nicht fort aus meines Vaters Haus und Hof, obwohl ſie wußte, wer ich war. Sie hab' ich nie gehaßt und werde es auch nicht! Herr, beim lebendigen Gott, ich habe einmal als kleiner Junge die Gräfin Celeſtine auf dem Grabe meiner Mut⸗ ter ſitzen und weinen ſehen; begreift der Herr, was das heißen will?— Ja, ver Herr begreift es. Da glühte mir das Herz in der Bruſt, obſchon ich erſt neun Jahre alt war, und ich ſchwur, dieſe Gräfin zu lieben, wie man einen Engel liebt, und kommt ſie in Gefahr, in Lebensgefabr, ſo will ich um ihre Rettung ſterben! wenn ich kann. So ſehr liebe ich die Nach⸗ folgerin meiner Mutter: känn ein Menſch mehr thun? Und wiſſen Sie, Herr, warum ich ſie ſo ſehr liebte? 3 S N wM — S 5 229 Nun, ich ſah, daß ſie im Herzen meines Vaters mei⸗ ner Mutter nicht nachgefolgt war, das war die Sache: er liebte dieſe Celeſtine nicht, dieſe Unglückliche, Hin⸗ welkende, die ſo gut verſorgt worden war. Ich, Jvak Nickel, wuchs heran, Herr! nicht für meines Vaters Namen, aber für ſeine Seele, für ſein Ge⸗ müth. So viel hatte eine geſellſchaftliche Form ver⸗ mocht, daß ſie, indem ſie meiner Mutter nicht zufiel, dieſe unglücklich und mich unehlich machte: daß ſie jene zum Grab führte, und mich zu—— ich weiß noch nicht recht wohin— wir werden es wohl einmal ſehen. Aber ſo viel vermochte dieſe Form nicht, daß ſie das Opfer, Celeſtine Zeyton, glücklich machte. Mein Vater wurde von Tag zu Tag ärmer; immer tiefer verwickelte er ſich in dieſe vortheilbringenden Ge⸗ ſchichten, für welche er zwar ſelbſt, es iſt wahr, eine große Neigung bat, zu denen aber der Hofmarſchall hier zu Lande die erſte und größte Veranlaſſung gab. Mein Vater war Ausländer, kein großer Kenner der ſchwediſchen Oekonomie und Geſetze; und Abelerona — machte ſich das zu Nutzen. Joh wuchs heran, und ich begann Alles klarer und klarer zu ſehen. Ich wurde nach und nach ſelbſt in immer mehr Ge⸗ heimniſſe eingeweiht. Ich will gerade nicht ſagen, daß Herr Zeyton von Natur der Gewiſſenhafteſte war. Und mich lehrte er Verſchiedenes, was uns beiden zu⸗ gleich Frucht tragen ſollte. Ach ich wuchs nicht nur zu Kenntniſſen heran, ſondern auch zum Haß. Höchſt wenige wußten, weſſen Kind ich war. Ich fing an zwei Herrn, ich darf wohl ſagen, mehr als die Hölle ſelbſt zu haſſen.“ „Zwei? Ich habe bis jetzt erſt von Abelerona ſprechen hören.“ „Zwei, Herr Medenberg!“ fuhr Joak Rickel in einer durch ſeine Aufregung immer heftiger werden⸗ den Sprache fort.„Zwei habe ich gehaßt. Der Eine war der große Teufel Abelcrona, der meinen Vater unerſt dazu veranlaßte, daß er nicht mehr an meine utter dachte. Der Andere war der kleine, erbärm⸗ liche, mittelmäßige Satan, aber doch immerhin Satan, Mekekekeroth!“ „Was hat denn der Herr Kapitain Auguſt von Mekeroth Böſes gethan?“ „Nun ſo hören Sie denn. Herr Medenberg hat bereits vernommen, daß mein Vater anfangs durch⸗ aus nicht darauf eingehen wollte, meine Mutter zu verlaſſen. Abeleronas ſchöne Worte alle vermochten nichts, bis er auf die feinen Gedanken gerieth, mei⸗ nen Vater zum Ankauf einiger Höfe zu überreden, deren Beſitz ſehr vortheilhaft ſein ſollte, meinen Vater aber doch zu einer kleinen Lumperei, zu Schul⸗ den verhalf. Das Geld her! hört der Herr, weiß der Herr, was das Geld iſt? Es iſt der größte Schurke auf der ganzen Welt. Das Geld iſt der Satan ſelbſt, ſagt immer meine Ellin. Ach, ſie hat Recht! Sie iſt das junge lebendige Ebenbild meiner Mutter! ich glaube an fie, wie an Gott. Gott? nein, pfui, ich glaube an ſie, wie an eine Blume, eine Roſe; und ich wollte mich für ſie ins Waſſer ſtürzen.“ „Sprechen Sie nicht ſo heftig, Herr Nickolſon. Sagen Sie mir ruhig, was wohl Kapitain von Meke⸗ roth Böſes thun konnte?“ „Ja ſo, es iſt wahr. Ich hätte ihn beinahe ver⸗ geſſen, den abſcheulichen Elenden. Was er Böſes thun konnte? Ja, Herr Medenberg mag das wohl fragen, er hat Recht. Die Memme ſieht eben nicht aus, als könnte ſie eine ganze Familie an den Rand des Abgrundes führen. Aber ehrliche und ſchwache Leute, zu denen er mit allem Grund gezählt werden darf, können immer etwas zum Unglück und Verder⸗ ben beitragen, wenn ſie auch nichts Anderes zu thun vermögen. Die Sache iſt in Kürze die, daß mein Vater, ſo ſehr er auch in Schwierigkeiten verwickelt war, ſich doch nicht unter Abeleronas Joch beugte, X* ——*»—„——„ —— 231 bis Mekeroth ebenfalls auf den Plan eingieng und ſein kleines Gewicht obendrauf legte. Ein Tropfen kann einen Becher füllen, daß er überläuft. Mekeroth iſt nur ein Tropfen hier auf der Welt, ein kleiner, erbärmlicher Tropfen. Aber dieſer Tropfen bewirkte dießmal genug. Er und Graf Zeyton waren damals innige Freunde. Als mein Vater ſich an ihn machte, um den Geldvorſchuß zu erhalten, den er bedurfte, ſo gab ihm Mekeroth zu verſtehen, daß er zwar die Summe beſitze, und ſie auch hergeben könnte; aber dennoch zuckte er die Achſeln. Mein Vater wollte wiſſen, warum er mit einer ſo unangenehmen Ge⸗ berde die Achſel zuckte. Herr Mekeroth gab ihm nun endlich zu verſtehen, daß er lange gehofft habe, in Graf Zeytons Hauſe eine angenehme Geſellſchaft zu erhalten, da er aber gehört habe, daß er die gerech⸗ ten Wünſche der ganzen Umgegend, des ganzen Be⸗ zirks, der ganzen Welt, ja aller braven Leute durch⸗ aus nicht erfüllen wolle, ſo habe er Mekeroth dafür — als Kapitain und ſein eigener Herr wie er immer geweſen— beſchloſſen, ſein Geld an Jemand Anders auszuleihen; an Jemand Anders! nämlich— was meinen Sie?— an einen jungen Baron, der im Begriff war, um Fräulein Celeſtine anzuhalten. Bei dieſen Worten fubr es durch meinen Vater wie Feuer und Flammen. Geſtachelt von der Verachtung, die er um meiner Mutter willen über ſich kommen ſah, und zugleich von ſeiner ökonomiſchen Verlegenheit, faßte er augenblicklich jenen Entſchluß, der meiner Mutter das Leben, mir(der noch nicht geboren war) meinen Namen rauben, ibm ſelbſt die Ruhe eines ganzen Lebens, und Fräulein Celeſtine die Freude eines gan⸗ zen Lebens koſten ſollte. Er reiſte, getragen von den unheimlichen Schwingen des Nachtvogels, ſchnell nach jenem Evershull, das die Flammen jetzt rächend in ihre Arme geſchloſſen haben. Er fuhr zu Abelcrona, warb um ſeine Nichte, denn der von Mekeroth vorge⸗ 232 ſchobene Baron war nur eine Finie; die Sache wurde ins Reine gebracht, und von Mekeroth ſireckte nun die kleine Summe vor, die jener bedurfte. Beelzebub! Man kann jämmerlich ſein wie ein von Mek, und doch ein ſataniſcher Satan.“ „Beruhigen Sie ſich, Herr Nickolſon. Laſſen Sie uns in einer gewöhnlichen Sprache ſprechen. Wir werden einander beſſer verſtehen, wenn wir jede Art Satan ſein laſſen.“ Nickolſon holte einen tiefen, tiefen Seufzer, und drückte die Hand vor die Stirne, wie um zu ſich ſelbft zu kommen.„Verzeihen Sie, Herr,“ ſagie er ein wenig kalt;„ich habe eine Zeitlang in Wäldern und Feldern gelebt, meine Zunge iſt herbe wie Fichten⸗ rinde. Ich habe das ernſtlich gemeint, was ich ſagte, deßhalb gebrauchte ich ſcharfe Worte, indem ich mit braven Leuten von ein Paar hölliſchen Schurken ſprach.“ Medenberg ergriff ſeine Hand aufs neue, vrückte ſie und blickte ihm gerührt ins Geſicht.„Fahren Sie in Ihrer Erzählung fort,“ ſagte er;„und verſuchen Sie einmal, es auf eine andere Art zu thun.“ „Auf eine andere Art? Nun wohl!“ Joachim Nickolſon ließ bei dieſen Worten ſeinen Kopf wieder traurig auf ſeine Bruſt herab ſinken, wie wenn er ſich anſtrengte, ſich von ſeiner liebſten Denkweiſe los zu machen. Nach einer kleinen Weile ſprach er mit milder, aber doch noch ziemlich unheimlicher Stimme: „Ich will es in einigen wenigen Worten erzählen. Da ich unter meines Vaters Augen heranwuchs und von ihm in all ſeine Geheimniſſe und Plane einge⸗ weiht wurde, lernte ich wie einen Glaubensartikel zwei Perſonen auf der Welt haſſen, die Herrn von Aronfors und Evershult. Mein Vater hat eine Feuer⸗ ſeele. Er liebte mich— ich glaube es— mit einer Gluth, die vielleicht der Flamme glich, welche er für meine Mutter empfunden hatte. Aber er hatte, ſo 233 viel ich verſtehen kann, keinen Grund, mir eine andere WMoral als ſeine eigene zu geben. Unglücklich, viel⸗ fach verleitet und vielfach betrogen, nahm er ſich, wie ich glaube, vor, nicht ſehr viel nach den Rechten Anderer zu fragen. Ich will verſuchen, in Herrn Medenbergs eigenem Style zu ſprechen, wie er mich gebeten hat. Ich werde daher offen ſagen: mein Vater nahm ſich vor, zu betrügen und mich als Mit⸗ tel zu gebrauchen. Ich— was konnte ich dagegen haben? Da ich einzuſehen meinte, daß eine gewiſſe Forderung der bürgerlichen Geſellſchaft keine andere Folge gehabt hatte, als meine Mutter zum Tode, meinen Vater ins Verderben, und Gräfin Celeſtine ins Unglück zu bringen; ſo gerieth ich bald auf den Gedanken, daß die übrigen Forderungen der Geſell⸗ ſchaft, oder wenigſtens einige von ihnen auf ebenſo ſchwachen Füßen ruhen dürften. Herr Medenberg! ich war unglücklich genug, um das Eigenthumsrecht nach und nach für eine lumpige Geſchichte anzuſehen, ſo oft es— bemerken Sie wohl— von Perſonen in Anſpruch genommen wurde, welche Andere auf demſelben Gebiet zum Beſten gehabt und betrogen hatten. So kam ich auf den gräßlichen Gedanken, oder vielmehr ich that meinem Vater den Gefallen, auf den Gedanken zu kommen— zu ſtehlen; das iſt doch das rechte Wort? Ich war der Meinung, das Stehlen habe nichts auf ſich, ſoſern ich den Teufeln (ach verzeihen Sie mir! ich hätte das rechte Wort nicht gebrauchen ſollen) von Menſchen Geld nahm, welche ihrerſeits ebenfalls betrogen, und obwohl mit Beobachtung aller Vorſchriften der Geſellſchaft ihren Nächſten beſtohlen hatten. Sieht der Herr, mein Vater wollte, ich ſollte den Kapitain von Mekeroth beſtehlen; und ich ging gerne darauf ein, denn er war es, der meiner Mutter das Leben, und mir einen ehrlichen Namen geraubt hatte. Mein Vater wollte endlich auch, daß ich Abelcrona beſtehlen ſollte; und 234 ich ging auch darauf gerne ein, aus denſelben Grün⸗ den. Aber— ich fürchte, ich habe eine rohe und grobe Sprache geredet? Verzeihen Sie das dem Sohn der Höhle und dem Bruder der Wölfe.“ Medenberg ſchauderte vor dieſer Denkungsart, die noch abſcheulicher war als die Worte ſelbſt, worin ſie ſich ſo ſchön als möglich zu kleiden ſuchte. Er meinte in dem Kameraden, der neben ihm auf der Moosbank ſaß, einen Fieberkranken oder wenigſtens einen Geiſteskranken zu ſehen.„Ich glaube Alles zu begreifen,“ antwortete er Nickolſon mit einer zorn⸗ loſen Stimme.„Rache, eine vermeintlich gerechte Rache führte Vater und Sohn zum—“ „Zum Galgen? Ja, mein Herr; ſofern es mir nicht möglich wird, nach England zu kommen. Ach, ich will in das Land meines Großvaters!“ Mit unwillkürlichem Schauer dachte Medenberg hier an Etwas wie Newkaſtle, und er erwiederte: „Auch in England gibt es Galgen, Herr Rickolſon! doch verzeihen Sie mir,“ ſetzte er ſogleich hinzu, da er einſah, zu welch' einer tiefen Kränkung ihn das Geſpräch unbedachtſamer Weiſe verleitet hatte.„Ich verſpreche Ihnen, daß ich alle Macht anwenden will, die mir zu Gebote ſteht, um die Sachen ſo zu drehen, daß Herr Nickolſon nach England hinüber kommt. Ich habe Bekanntſchaften in Götheborg: ja— ich habe ſogar auf den Maiinſeln ſelbſt ſolche Bekanntſchaften, daß, wenn es keinen andern Rath gibt, ein Perſonen⸗ Schmuggel bewerkſtelligt werden kann— ja, denn in dieſem Falle, in einem ſo beſchaffenen Falle glaube ich— ich glaube, daß, wenn Herr Nickolſon das ab⸗ handengekommene Geld wieder zurückzuſtellen ver⸗ ſpricht, ich es werde auf mein Gewiſſen nehmen kön⸗ nen, die Perſon des Herrn durch eine kleine Um⸗ gehung der Paßgeſetze zu retten. Denn es muß doch in gewiſſen Fällen größer, wichtiger ſein, einen Men⸗ ſchen an Leib und Seele zu retten, als einen Para⸗ 235 graphen zu beobachten. Ich kann Unrecht haben; werde aber gewiß Etwas zur Rettung des Herrn Nickolſon ausfindig machen, das weiß ich. Handeln Sie nur jetzt aufrichtig in der Welt; und thun Sie in Allem, wie ich will. O mein Gott! gab es denn in dieſem ganzen fürchterlich tragiſchen Drama keinen einzigen Lichtpunkt? keinen einzigen Engel zur War⸗ nung des unglücklichen Sohnes, und als Wegweiſer einer beſſern Straße?“ „Lichtpunkte?“ „Ja, Herr Joachim. Gab es denn in der gan⸗ zzen Umgegend von Karmansbal, Evershult und Aron⸗ fors keinen einzigen guten Menſchen von Einfluß, der auf Sie hätte wirken können?“ „Hab' ich nicht ſchon Einen genannt?“ erwie⸗ derte der Verbrecher, und ſchaute mit ein Paar Augen zu Medenberg hinauf, die ſchnell ein ganz eigenes Feuer zeigten.„Habe ich nicht von der Gräfin Cele⸗ ſiine geſprochen? Sie war ein Engel gegen mich und gegen Alle, ſo weit ſie es vermochte, die gute, arme Gräfin. Sie lebt noch auf ihrem Sitze in Karmans⸗ bal, und iſt ein unglücklicher Engel, mein Herr, ihr Onkel hat ſie dazu gemacht.“ „Großer Gott! jetzt merke ich erſt. Der Hof⸗ marſchall Abelcrona iſt alſo der Onkel von Gräfin Celeſtine?“ „Wer ſonſt?“ „Entſchuldigen Sie.“ „Es iſt wahr, der Hofmarſchall, der ſeit gerau⸗ mer Zeit in heftigem Kampfe mit Zeyton gelegen, war ſehr lange nicht mehr in Karmansbal; übrigens ſind die beiden Herrn erſt kürzlich wieder gute Freunde geworden, als jener Revers eingelöſt wurde.“ „Richtig: ich verſtehe fetzt, wer der Herr war, in Jönköping recht artig zu Graf Zeyton ein⸗ rat.“ „Abelerona? Wahrhaftig ſo if's! Er war nach Jönköping gereiſt, um mit ſeiner von Medevi heim⸗ reiſenden Frau zufammenzutreffen, und ihr durch ſeine Anweſenheit in Jönköping eine Ueberraſchung zu be⸗ reiten. Das wußte ich nebſt meinen Kameraden ſehr wohl, denn während dieſer Zeit oder vielmehr gleich darauf, bereiteten wir ihm eine Ueberraſchung in Evershult.“ b 2* 6 „Und der Hofmarſchall Abelerona fiel als ein Opfer—“ „Seiner Sünden, mein Herr. Doch gewiß, ich war es nicht, der dem Hofmarſchall die Kugel durch den Kopf jagte. Meine Sache iſt das Stehlen: morden mag immerhin ein Anderer, der es für be⸗ guemer hält. Ich nahm das Geld, den Leufel(ei, ſchon wieder!) aus Abeleronas Schreibpult, und der Serarper Andres war es, der ihn ſelbſt mit Zeytons Piſtole niederſchoß(die hatte ich dem Andres geliehen! ſo weit konnt' ich ſchon gehen!). Und er ſchoß deß⸗ halb auf ihn, weil er ihn auf der Treppe kommen hörte, während ich gerade im innern Zimmer im beſten Aufräumen begriffen war. Aber als wir wohl⸗ behalten draußen waren, ſteckte derſelbe Andres das Haus in Flammen, ſo daß der Hofmarſchall der Un⸗ gelegenheit enthoben war, herauszugehen und Jemand zu ſagen, er ſei todtgeſchoſſen. Ich muß ſagen, ich denke mit Freuden daran, daß er blieb. Aber da ein Gewitter die Güte hatte, gerade an dem Tage los⸗ zubrechen, ſo hoffe ich, werden die Leute glauben, daß dieſes in Evershult einſchlug— denn es ſchlug wirk⸗ lich in der Gegend herum ein— und da wird man zugleich glauben, Abelcrona ſei ganz unſchuldiger⸗ weiſe verbrannt. Das mag man immerhin von ihm denken. Es iſt ſo gerade recht.“ „Das glaubt Niemand, Herr NRickolſon: man iſt der Wahrheit auf der Spur und die Bande wird bald feſtgenommen ſein.“ „Hahaha! Da gehören zwei dazu.“ . 3 z——— * ——— ne e⸗ hr in C= — S u— 8—— 237 „Sie iſt ſchon feſt genommen, wenn ich mich nicht ſehr täuſche,“ erwiederte Alexander und nickte bedeu⸗ tungsvoll. „Wie?“ rief Nickolſon mit plötzlicher Bläſſe.„O großer Gott! helſen Sie mir doch, Herr Medenberg! Der Herr verſicherte ja, es könne eine Möglichkeit für mich geben, nach England hinüber zu ſegeln?“ „Wir. wollen ſehen. Es kommt darauf an. Will Herr Nickolſon ſich gegen mich wie ein aufrichtiger Menſch benehmen?“ „Beim lebendigen Gott, Herr! ich verſichere Sie, nicht um Alles in der Welt hätte ich den Sera⸗ per Andres Feuer in Evershult werfen laſſen, wenn die Hofmarſchallin daheim geweſen wäre. Denn das hätle ich nicht übers Herz bringen können.“ „War Frau von Abelcrona nicht daheim?“ „Nein, ſie war noch nicht angekommen. Wir wußten ſehr wohl, daß die Leute im Hauſe, er ſo⸗ wohl als ſie, fort waren; und wir benutzten die Ge⸗ legenheit, um den Grundſtock zu viſitiren, ehe ſie wieder heimkebren würden. Allein der Hofmarſchall hat vermuthlich Unrath gewittert oder ein Gerücht gehört, weßhalb er Hals über Kopf reiſte— ſchneller als Frau und Kinder reiſte, und ſo gerade recht kam.“. „O mein Goit, Unrath? Gerücht? ſollte ich, ich ſelbſt die Urſache ſein—“ „Er langte gerade an, um von einer engliſchen Piſtolenkugel auf der großen Treppe erſchoſſen zu werden, als er herauf kam, um nach ſeinen Dieben zu ſeben. Ich ſage noch einmal, daß es mich freut. Denn er verdiente es, ſo umzukommen; und ganz ge⸗ wiß war es Gottes Finger, der iyn in dieſem Augen⸗ blicke rorthin zog. Aber, Herr, ich wiederhole es, ich hätte den Hof gewiß nicht in Brand ſtecken laſſen, wenn die Frau da geweſen wäre. Denn das, mag der Herr glauben— der Herr iſt ein Neuling in „ der Gegend und kann nicht Alles wiſſen— aber Frau von Abelcrona iſt der zweite Engel im Kirch⸗ ſpiele, zunächſt der armen Gräfin Celeſtine.“ „Iſt die Hofmarſchallin ſo gut?“ „Herr Medenberg! ſie war es, die den Plan einer Parthie zwiſchen Graf Zeyton und Fräulein Celeſtine nie billigte: das bab' ich von glaubwür⸗ digen Leuten erfahren. Sie lag ihrem Manne, dem Hofmarſchall, beſtändig an, daß er ſich nicht in dieſen Plan einlaſſen ſolle, aber er that es dennoch. Und da das Unglück geſchehen war, hat ſie mir und man⸗ chem Andern in der Stille viel Gutes gethan. Ich will nicht ſagen, daß dieß eben viel bewirkt hat; denn ich war aus gewiſſen Gründen ein verſtockter Menſch. Aber Frau von Abelcrona hat mir ein ſchön einge⸗ bundenes Pſalmbuch geſchenkt, mit meiner Mutter Namen darin, damit es für mich eine beſtändig mah⸗ nende Stimme von meiner Mutter wäre. Darum iſt die Frau Hofmarſchallin ſo gut bei mir angeſchrie⸗ ben; denn dieß war ſchön und gut gemeint; obwohl das, was ihr Mann gegen mich gethan hatte, mir mehr ſchadet, als mir das nützte, was ſie ſelbſt that. Aber ich liebe ſie dennoch um des kleinen Buches willen. Sieht Herr Medenberg dort auf dem Heerde? Dort liegt das Pſalmbuch!“ Herr Medenberg betrachtete aufs neue das kleine hübſche Buch, das ſchon bei ſeiner Ankunft ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ſich gezogen hatte. Er ſchüttelte er⸗ ſtaunt den Kopf. Ein Mordbrenner liebt ſein Pfſalm⸗ buch? welche merkwürdige Widerſprüche gibt es doch in einem Menſchenherz! Nickolſon beeilte ſich, ſeine Gedanken zu unter⸗ brechen:„Wundern Sie ſich nicht, mein Herr! Frau von Abelerona iſt religiös, ſie war Mitglied der Bibelgeſellſchaſt, ſie thut viel, viel Gutes. Auch ge⸗ borche ich um ihretwillen ſo gerne Ellin, dem hübſchen Mädchen. Denn Ellin iſt mit der Hofnkarſchallin St——,—— e——— c— — r⸗ 239 ziemlich bekannt; ſie bekommt Bibelſchrifien von ihr, und predigt nach den Texten, welche Frau von Abel⸗ crona austheilen läßt.“—. „Ellin predigt?“ „Nicht gerade. Aber ſie ſpricht ſchön, freundlich und himmliſch; und es iſt merkwürdig, wie ſie mich oft rührt. Und da ſie wohl größtentheils von der Hofmarſchallin dazu veramlaßt worden iſt, ſo ſchätze ich dieſe Frau ſelbſt ſehr hoch; und ich ſagte nicht zu viel, als ich behauptete, daß ſie der zweite Engel im Kirchſpiele ſei, zunächſt—“ „Gräfin Celeſtine?“ „Jaz aber ich will hinzuſetzen, es gibt noch eine gute Seele in der Umgegend, und die iſt Frau von Mekeroth.“ 3 „Frau Aurora iſt eine ſehr vortreffliche Perſon.“ „Sie haßt und verachtet Niemand.“ „Ich erinnere mich,“ fuhr Medenberg fort,„mit welch' herzlichem Mitleid ſie ſich ausſprach, als ſich das Gerücht verbreitete, daß Herr Nickolſon ſich er⸗ tränkt habe.“ „Wirklich? Die gute Frau Aurora! Ja, Herr Medenberg, wenn ich aus irgend einem Grunde' be⸗ dauern könnte, was ich in Aronfors gethan, ſo iſt es deßhalb, weil es vielleicht meiner liebenswürdigen, meiner guten Frau Patronin Unruhe und Kummer verurſachte. Sie iſt der dritte Engel im Kirchſpiele. Wie geſagt. Da es dem Herrn beliebte, nach Licht⸗ punkten zu fragen, ſo habe ich jetzt drei genannt: ober mehr gibt es nicht, glauben Sie mir.“ „Meint Herr Nickolſon, daß die Frauen Abel⸗ erona und Mekeroth ebenſo unglücklich verheirathet find, wie Frau von Zeyton?“ „Nein, gewiß nicht. Die Herrn Abelcrona und Mekeroth können ſchlechte und elende Menſchen gegen Andere geweſen ſein; nicht aber gegen ihre Frauen. 240 „ Unternehmungen gehindert haben— hm—“ „Was will der Herr damit ſagen?“ „Es iſt jetzt vorüber. Aber vor drei Jahren ſtanden die Frauen in einem ſebr lebhaften Brief⸗ wechſel miteinander, der etwas betraf, was ich nicht nennen will. Hier war es, wo beſonders die Frauen Abelcrona und Mekeroth von ihren Männern in ihrem Die Herren waren nur Geſchäftsleute. Die häufigen Berathungen der Frauen wurden verhindert, und ſie genöthigt, künftig wieder nur die Gemahlinnen ihrer Herren Männer zu ſein, aber nichts weiter für die Menſchheit. Dann verging eine lange Zeit, wo fie ſich beinahe gar nicht trafen. Denn Alles mut ein⸗ die Lage der Dinge auch in dieſer Stunde.“ „Was ſoll das Alles bedeuten? Es lautet ja wie ein Geheimniß?“ Planes war, wird jetzt durch den Hingang ihres Mannes aufs neue freies Spiel haben, um ihr großes Werk zu beginnen.“ „Aber worin beſtand denn ihr großes Werk? Sie wollte es in Gemeinſchaſt mit den beiden andern Frauen ausführen, ſagt der Herr?“ — Einundzwanzigſtes Kapitel. Medenberg und Ellin gehen ab. Deine rechte Hand in die Luft ſtrecken? Joakim Nickolſon wollte wahrſcheinlich eben Herrn „Frau von Abelcrona, welche die Seele des Nun Jüſpector Jvak? Wirſt nicht auch Du Medenbergs letzte Frage beantworten, als ein furcht⸗ Doch weiß ich, daß ſie ihre Frauen an manchen guten Wirken unterbrochen wurden, weil jene es für roman⸗ tiſch, wo nicht gar für etwas Schlimmeres anſahen. mal in Rauch aufgehen, Herr Medenberg. So iſt n t⸗ 241 bares Geräuſch von dem Innern der Grotte ber an ibr Ohr ſchlug. Dieß vermochte Alexandern, unwill⸗ kürlich ſeine Augen nach der dunklen Richtung hinzu⸗ werfen, wo er vorber keine Tbüre bemerkt hatte, jetzt aber den Schimmer eines Lichtes, einer Fackel oder Lampe ſah. Er dachte ſogleich an ſeine Freunde, an Göran und Ellin, die ſchöne Organiſten⸗Enkelin. Aber das Geräuſch klang doch eher wie Händel, als Liebes⸗ ank. „Das iſt eine Lüge! eine pure Lüge! eine ver⸗ fluchte Lüge!“ Dieſe ungehobelten Worte von einer balbheiſern und böchſt abſcheulichen Stimme ausgerufen oder eber ausgebrüllt, horte man von der Oeffnung einer kleinen Thüre ber, durg welche, da ſie immer mehr aufgezogen wurde, verſchiedene Köpfe, Arme und Füße bereinkamen. „Schweig und halte das Maul, oder ich verkünſtle mich an Dir, Andres! Ich zermalme Dich, wie der Däne ſagt; zu Staub zermalme ich Dich! Ich ver⸗ nichte Dich!“ An dieſen merkwürdigen Worten erkannte Alexan⸗ der deutlich, daß es Göran Edeling war, der jetzt auch mit ſeiner hohen, geraden, barſchen und ſtolzen Ge⸗ ſtalt hereintrat. In ſeiner Geſellſchaft folgten mehrere Alexandern unbekannte Perſonen, und mitten unter Allen Ellin. Sie ſchien in aroßer Gemüthsbewenung; ivr ſonſt ſo ſittſam aufgeflochtenes und zuſammenge⸗ rolltes Haar bing in nacläſſigen, obwobl deßhalb nicht weniger ſchonen Locken über die Schultern. Ihre Augen flammten beinahe. Nickolſon ſprang von der Moosbank empor. Es war klar, daß er über den Auftritt erſtaunte, und daß das, was er ſab, von ihm durchaus nicht berechnet worden war. Alexander Medenberg ſtand ebenfalls auf. Göran Edeling trat in die Grotte vor und nahm Ellin bei der Hand. Acht bis zehn Perſonen von dem wildeſten Ausſehen umgaben ſie. Ihre närriſchen, drei⸗ Drei Frauen in Smaland. I. 16 242 ſten, in gewiſſen Fällen lächerlichen, aber doch ſtets drohenden und abſcheulichen Geberden gaben Alexander hinlänglich zu erkennen, daß er eine Abtheilung von den berüchtigten Mordbrennern und Dieben vor ſich ſah. Was aber Alexander am meiſten verwunderte, war der Umſtand, daß mit Ausnahme eines Einzigen — deſſen, den Göran Andres genannt, und zu zermalmen und vernichten gedroht hatte—, die Uebrigen eher auf Görans Seite, und ſeine gewogenen Freunde zu ſein ſchienen. Was ums Himmelswillen mag ſich da zugetragen haben? dachte Medenberg. „Männer! tapfere Männer!“ wiederholte Göran mit Poſaunenſtimme, als er in der Mitte der Höhle ſtand,„ich ſage euch noch einmal, ich bin ein Menſch, der fiets hält, was er verſpricht. Und den ſchlag' ich todt, der zu behaupten wagt, Ellin habe in ihrer Aus⸗ ſage gelogen. Du ſchweigſt, Andres! Serarper Andres, Du hältſt das Maul! „Was ſoll das Alles heißen?“ rief Herr Nickolſon. „Nun,“ erwiederte Göran,„das ſoll ſo viel heißen, daß dieſe tüchtigen Leute, dieſe Männer des Waldes und ehrlichen Smaländer— Alle bis auf Einen, den Teufels⸗ Andres da— beſchloſſen haben, aufmein Wort hin, wie⸗ der redliche Smaländerzuwerden. Was iſt das füreinärm⸗ licher Profit, wenn man hergeht und fiiehlt? Ah pah! Ich habe ihnen geſagt, daß, wenn ſie anſtatt Räuber zu ſein, ſich mit mir vereinigten, um die übrigen Räuber feſt zu nehmen, ich ſie zu rechten Leuten machen wolle, und ich werde Ihnen die Begnadigung des Landeshaupt⸗ mannes verſchaffen, und noch Geld dazu. Sie haben auf mein Wort gehört und die Wahrheit begriffen. Aber Ellin habe ich am meiſten dafür zu danken.“ „Was haſt Du gethan, Ellin?“ rief Nickolſon zor⸗ nig und ängſtlich zugleich. „Sie hat dieſe elenden Lumpen ſo gründlich an⸗ gelogen, daß ſie ihr glauben!“ ſchrie jetzt wieder der Andres von Serarp, der ſeinen Aerger nicht zurückhal⸗ — v— 8 213 ten konnte.„Ich habe das Mädchen nie leiden können Nickolſon; obgleich Du ſie begünſtigſt. Und Du wirſt gewiß noch einmal Eins von ihr fangen. Durch dis Hinterthüre dort ließ ſie den fremden Menſchen herein, der eher wie ein Herr, als wie ein gemeiner Mann ausſieht. Er ſagte uns, wir ſollten ordentlich ſein und auf ſeine Rede horchen, da er uns etwas zu werkün⸗ digen habe. Und ehe er ſelbſt anfing, begann ſie ihren Mund auf eine Art zu öffnen, wie ſie es bisweilen gegen Dich ſelbſt im Brauche hat, Nickolſon. Ach was paßt es ſich denn, uns von dem Himmelreiche zu pre⸗ digen, um daß wir ſelig werden ſollten? Ich behaupte, das Mädchen lügt, das behaupte ich. Sie verlangte immerwährend, wir ſollten genau auf den Herrn hö⸗ ren, denn ſeine Stimme ſei eine Botſchaft vom Gott des Himmels. Das mag Gott Vater glauben, aber ich nicht. Nickolſon! ich ſage Dir, Nickolſon, wirf den Schlingel hinaus; Du hätteſt ihn nie herein laſſen ſollen. Was hatte er hier auch zu ſchaffen? Haſt Du ihn zu uns herein geſchmuggelt, um uns zu bekehren?“ Ein kräftiger Schlag auf den Mund von Görans breiter Hand, machte den Einwendungen des Serarper Andres ein Ende. Und ehe der unglückliche Nickolſon Laſſung gewinnen konnte, ſprach des Probſten beredter ohn: „Wackere Kameraden! bindet den Teufels⸗Andres da. Er ſoll unſre erſte Beute ſein. Für ihn allein verſpreche ich euch 100 Reichsthaler Banko, wenn ihr mir helft, ihn unbeſchädigt nach Jönköping zu bringen. Wenn ich recht darüber nachdenke, ſo kann ich euch 200 Reichsthaler Banko für ſeine Perſon verſprechen; denn ich erinnere mich, daß gerade er es war, und kein An⸗ derer, der Evershult in Brand ſteckte. Dieß Krokodil in ſeinen Klauen zu haben, iſt wenigſtens 300 Reichs⸗ thaler, zum mindeſten ſo viel in Reichsgeld werth. Schnell, Kameraden!“ Als Herr Nickolſon zu ſeinem unſäglichen Erſtau⸗ 244 nen merkte, daß Herr Edeling, den er als einen Lands⸗ mann, von dem er nichts befürchten zu müſſen meinte, da er in Ellins Geſellſchaft kam, in die Grotte einge⸗ laſſen hatte, in aller Eile ſeine eigenen Leute für ſich gewonnen hatte, und dieſe ſchon im Begriff waren, ſeinen beſten Gefährten, den Serarper Andres, zu binden, ſo ſah er in dieſer Unternehmung für ſich ſelbſt die äußerſte Gefahr; er ſprang daber hervor und rief: „Seyd Ihr wahnſinnig? Nike Bengt Erſon, und kleiner, brauner Peter! was denkt Ihr denn, potz ſie⸗ bentauſend Teufel? Begreift Ihr denn nicht, daß Ihr nichts damit gewinnt, als daß ihr alle zuſammen an den Galgen kommt? Denn wenn ihr den Andres noch ſo ſehr hinter euch aufbindet und mit ihm nach der Stadt geht, ſo wird doch das Gouvernement ſogleich einſehen, daß ihr ebenfalls Diebe und Mordbrenner ſeid, und ihr bekommt keinen„Lohns euch Gott,“ viel weniger Begnadigung. Ruthenſtreiche werdet ihr be⸗ kommen, Ketten und Kopfabhauen, wie es ſich eben trifft; das verſichere ich euch, und das wird der Dank dafür ſein, daß ihr euch gegen eure Anführer empört und eure Kameraden an den Tod verrathet!“ „Ach, Geſchwätz!“ ſagte Göran, und machte mit einer derben Ohrfeige Nickolſons Rede ein Ende.„Es verſteht ſich, daß ihr nicht ſelbſt nach Jönköping hin⸗ eingebt; da würdet ihr freilich feſtgenommen. Ihr müßt im nächſten Walde bleiben, dann gebe ich allein mit Andres auf die Polizei, und hole das Geld, das der Schurke werth iſt. Ich denke, Frau von Abelcrona wird auch etwas dafür geben. Mit dieſem Gelde kehre tch zu euch zurück, und ihr könnt dann die Summe ibeilen; denn ich ſelbſt will nichts davon behalten. Dann ziehen wir wieder zuſammen aus, und fangen noch mehrere Diebe auf dieſelbe Art. Und dann theilt ihr wieder das Geld untereinander, Alles ganz auf die nemliche Weiſe. Das wird, glaub' ich, recht ſein: was ſagt ihr dazu?“ 245 Ein wildes und ſtürmiſches Hurrah beantwortete Görans Worte. Er ſah vergnügt auf ſeine neuen Freunde, und rief aus: „Ja, das glaub' ich. Es wird euch beſſer ſchmecken, wenn ihr als Diener der Krone, als brave und be⸗ ſoldete Männer auszieht, als auf dieſe Höllenmanier, wie ihr bisher gethan habt, euch herumzuplagen, und zuletzt noch für all das Ungemach Prügel zu bekom⸗ men. Nein! ehrlich währt am längſten, das iſt mein Wahlſpruch; und wer denkt wie ich, der ſtrecke ſeine rechte Hand in die Höhe.“ Alle von der Geſellſchaft bis auf Nickolſon und Andres ſtreckten ihre Hand ſo hoch und anſehenlich em⸗ por, als ſie nur konnten. Die Meiſten hoben nicht nur die rechte, ſondern auch die linke Hand in die Höhe, vor Freude, daß ſie jetzt ehrliche Leute ſein und doch nicht mehr hungern durften: zwei Dinge, die ſie früher für ganz unyereinbar gehalten hatten. Joachim Nickolſon ſtand zitternd und völlig nieder⸗ geſchmettert da.„Run, Inſpektor Jvak? wirſt Du nicht auch Deine rechte Hand in die Luft ſtrecken?“ ſagte Göran und ſtieg ihm zu Leibe. Aber da er keine Antwort gab, ſo fuhr er fort:„Es iſt kein guter Funke in dir, wenu Du jetzt deine Miſſethaten nicht bereuen, umkehren und ein Kind Gottes und ein Diener der Krone werden willſt! Pfui, Rickolſon, ich muß dich binden laſſen. Du hätteſt klüger daran gethan, wenn Du dich wirklich in den See geſtürzt hätteſt, als nur das Gerücht davon auszubreiten, auſtatt mit dem Er⸗ trinken prahlen und doch wie ein Teufel auf der Erde zu ſtehen. Sie ſollten ſich ſchämen, Herr Inſpektor, daß Sie noch auf dem trockenen Lande herum gehen. Beeilt euch, und bindet den Mann!“ Medenberg trat jetzt an Nickolſon's Seite, und ſagte zu ſeinem Freunde:„Ich werde für ihn verant⸗ wortlich ſein, Göran! er braucht nicht gebunden zu werden.“ 246 „Willſt Du Nickolſon haben?“ „Ich will ihn haben, Göran. Nehme Du den Serarper Andres, und berathe mit deinen Truppen, wie Du ihn auf die beſte Art nach irgend einem Orte in der Nähe der Reſidenz bringſt, wo Du dann mit ihnen zuſammentreffen und mit deinem Gefangenen nach dem Polizeiamte gehen kannſt. Nickolſon werde ich mit mir nehmen.“ „Wie es Dir beliebt“ erwiederte Edeling. Der unglückliche verlorene Nickolſon warf die flehendlichſten Blicke auf Herrn Medenberg. Während Görans neue Freunde den Andres gehörig ſtark an Händen und Füßen banden(denn er ſchwur, er werde keinen Schritt auf ſeinen eigenen Beinen mit ihnen thun, ſondern ſie müßten ihn wie ein gefangenes Thier im Wagen führen), ging Medenberg abſeits in einen Winkel der Grotte und winkte Nickolſon zu fich. Auch Ellin gab er ein Zeichen, daß ſie heran⸗ kommen ſolle. Als er beide an ſeiner Seite ſah, ſagte er halblaut zu Nickolſon: „Alles hängt von dieſer Minute ab. Sagen Sie mir, wo ſich das genommene Geld befindet, und über⸗ geben Sie es mir. Wenn Sie es nicht thun, laſſe ich Sie augenblicklich feſſeln. Und ſind Sie einmal in den Händen der Gerechtigkeit, dann iſt keine Ret⸗ tung mehr möglich.“ „Ach Joak! glaube dem guten Herrn und ge⸗ horche ihm!“ flüſterte Ellin mit der ſüßeſten, verführe⸗ riſchſten Stimme, und ſtreckte ihre Hände bittend nach dem Verwandten aus. Nickolſon ſchien einen ſchrecklichen innern Kampf zu kämpfen. Er gab keine Antwort, ſondern ging zu einem kleinen Tiſche hin, der zu Allem dienen mußte, wozu man nur einen Tiſch brauchen kann. Er riß ein Eck von dem Briefe ab, den er heute von ſeinem Vater erhalten hatte, ſchrieb mit Bleiſtift einige Worte darauf, gab Medenberg den Wiſch und ¹ ——,— 247 flüſterte Ellin zu:„Geh' mit ihm zum Alten.“ Ellin erleichterte ihre Bruſt durch einen tiefen Seuf⸗ zer, und gab Medenberg mit einem Winke zu ver⸗ ſteben, daß er ſogleich mit ihr kommen ſolle. Alexan⸗ der, der daraus nur Gutes abnen konnte, ſchritt mit Ellin nach der Thüre der Berghöhle. Er überließ Nickolſon den Händen ſeiner Freunde ſo lange er ſelbſt abweſend war.„Wir ſind gleich wieder hier,“ ſagte er zu Göran;„mache Du einſtweilen deine Plane, wie Du am beſten mit deinen tapfern Bur⸗ ſchen von hier fort kommen kannſt, ohne daß die ganze übrige Diebesbande euch entdeckt und überfällt.“ Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Das Paket. Jetzt haben wir genug geruht, und glaube mir, es iſt nicht gut, wenn wir noch län⸗ ger ausſchnauben. Ellin ſtieg mit raſchen und anmuthigen Schritten die Waldhügel hinauf, die von der Berghöhle aus⸗ gingen. Hie und da, ſo lange man noch die Höhle im Auge hatte, ſah ſie ſich unruhig um. Medenberg folgte mit einem kleinen Herzklopfen nach, das konnte er nicht unterdrücken; denn er war ja jetzt auf dem Wege zur Erreichung ſeines großen Zweckes. Als der Pfad ebener und breiter wurde, trat er an Ellins Seite, und fuhr fort in gleichem Schritt hurtig mit ihr zu zuwandern. 1 „Ellin“ ſagte er, ols ihr Gang etwas mäßiger geworden war,„ich kann nicht begreifen, warum Du heute für Herrn Nickolſon Schlagwaſſer holen ſollieſt: er ah zwar ſchwach und elend aus, aber er lag nicht 248 zu Bette, wie man doch ſonſt zu thun pflegt, wenn das Schlagwaſſer auf die Bahn kommen ſoll.“ Das Mädchen antwortete halblächelnd und halb traurig:„Wiſſen Sie Herr, das Schlagwaſſer wollte er für ſeine Seele. Es iſt ſo mit dem Gewiſſen, ich kann mir das vorſtellen. Denn ich verſtehe das recht gut. Joak, der arme Menſch, iſt wirklich ſehr weh⸗ leidig, und glaubt immer krank zu ſein, und darum will er das Schlagwaſſer und Anderes mehr haben. Aber ſeine Krankheit ſitzt nicht im Körper, mein Herr!“ „Du haſt gewiß Recht, gute Ellin“ ſagte Alexan⸗ der, gerübrt von der Weisheit, die ſich beredt in die⸗ ſen einfachen Worten ausſprach.„Aber ſage mir im Vertrauen, wohin gehen wir?“ „Zum Alten am Halkrok.“*) „Wer iſt das? Iſt er Einer von der Bande?“ „Ei, verſteht ſich.“ „Iſt es weit bis dahin?“ „Wir waren heute ſchon einmal dort, es iſt gerade an dem Punkt, wo die beiden Herrn mich trafen. Und da wird wohl, Jeppe Jonſſon, der Junge, noch ſo gut als möglich daſtehen und ſich mit den Pferden um die Wette verwundern.“ „Was ſagſt Du, Ellin? Wir gehen nach der Hütte an der Landſtraße? Iſt denn der Alte dort?“ „Ja wohl“ erwiederte das Mädchen mit einem lieblichen Nicken.„Der Alte ſieht recht einfältig aus. Aber wenn Einer Alles das hätte, worauf Mans Brynteſon ſitzt und was er verwahrt, ſo wäre er reich wie der König Salomo. Verzeihen Sie mir! ich ſollte die Sprache der Schrift nicht hier auf der Berghaide anführen.“ „Das ſchadet nichts, Ellin. Sage mir aber der Unterhaltung halber Etwas: haſt Du vor Kurzem *) Hohlweg. — —— u——* 5 ——— — v X——* 249 die Frau Hofmarſchallin Abelerona getroffen und ge⸗ ſprochen?“ Ellin bielt plötzlich, und ſchaute ihren Gefährten — veränderten Augen an. Sie ſagte jedoch kein ort. „Ich frage Dich nicht über etwas Schlimmes,“ fuhr Medenberg fort,„Du kannſt ganz offen mit mir ſprechen. Die gute vortreffliche Frau von Abelcrona hat Dir gewiß hübſche kleine Schriften geſchenkt, und von dem Beſten in der Welt mit Dir geredet.“ Das Mädchen blinzelte und ſchaute ihn ſcharf an: „Der Herr meint gewiß, ich habe die Predigtſucht, wie man's nennt, auf die der Doktor Skölberg ſo wüthend iſt? Aber ich muß dem Herrn ſagen, daß es eine Schande iſt, ſo Etwas zu denken.“ „Ich glaube nicht, daß Du irgend eine Krankheit haſt, beſte Ellin.“ „Ja wohl glaubt's der Herr. Denn ſonſt würde mich der Herr nicht ſo nach Frau von Abelcrona ge⸗ fragt haben.“ „Gehört ſie denn unter die Leute, die man Leſer nennt, Ellin?“ „Darüber zu ſprechen, Herr, iſt etwas ſehr Alber⸗ nes. Wenn mir der Herr zuerſt ſagt, was ein Leſer ſein ſoll, ſo will ich dem Herrn ſagen, ob ich's bin.“ „Das kann ich nicht, und wir müſſen aufhören, davon zu ſprechen, da es Dich betrübt. Aber ein Wort will ich Dir im Vertrauen ſagen: wenn ich recht be⸗ ſchreiben könnte, was ein Leſer iſt, ſo würde ich dir damit geſtehen, daß ich ſelbſt Einer bin. Nämlich auf eine Weiſe, verſtehſt Du: denn das muß ich dir ſa⸗ gen, nicht alle von dieſer Menſchengattung ſind in allen Stücken einander gleich. Ich liebe Gottes heiliges Wort: und ich glaube, daß ohne dieſes keine Blume für mich auf Erden blühte.“ Ellin flüſterte kaum hörbar, und gleichſam nur bei ſich ſelbſt:„Gottes heiliger Geiſt iſt ſüß zu vernehmen, 250 durch wen er auch ſpricht. Der Menſch iſt kein dürrer Halm, ſondern ein grünes Gras auf der Wieſe. Er kann auch Blumen tragen, wenn Gott will. Denn der Menſch iſt ein gutes, weiches und ſaftiges Gras.“ Medenberg betrachtete Ellin von der Seite. Sie erſchien ihm in dieſem Augenblicke ganz unbeſchreiblich ſchön, und ihre klaren Wangen umfloß etwas Unerklär⸗ liches. Sie ging in Gedanken verloren, und ohne mit ihrem Begleiter das Geringſte zu ſprechen. Er erkannte hierin ihre Behutſamkeit, ihre Klugheit, daß ſie ſich nicht in ein Geſpräch mit einem Unbekannten vertiefte. Aber was er nicht faſſen konnte, das war die hohe Religioſität, die ſich ſo feſt an das Verbrechen anſchloß, das war das, daß ein Mädchen ihrer Art auch nur einen einzigen Tag in Geſellſchaft der Schurken ſein konnte. Er kam dabei auf den neuen Gedanken: daß die Religioſität ſich gerade am liebſten zur Sünde ge⸗ ſellt; und es unter vollkommen guten Menſchen kaum eine Religion im gewöhnlichen Sinne des Wortes gibt! Er ſtutzte jedoch vor einem ſo kühnen Schlußſatze. Er ſchaute mit dem Auge der Seele über ſie ſelbſt hin und ſprach laut:„Ich— ich bin nur ein trockener Halm, der nichts begreift! ich bin kein grünes Gras mit leben⸗ digem Safte, und habe keine Blumen, keine Blätter.“ Bei dieſen unerwarteten Worten blickte Ellin ihrer⸗ ſeits auf den Herrn neben ihr. Ihre Augen begegne⸗ ten ſich. Die tiefſte innigſte Freundſchaft, wie wenn Seelen einander verſtehen, ergoß ſich in den kurzen ſchönen Blick, den ſie mit einander wechſelten: eine Neigung, voll Frömmigkeit, Glauben und göttlichem Gefühle ſpiegelte ſich darin ab. Nie hatte Medenberg ſo wie in dieſer Stunde empfunden, wie er mit ſeinem ganzen Weſen dem Volk angehörte, dem niedern Volke, deſſen Mitglieder ſeine Eltern auf den Maünſeln auch wirklich waren. Das Mädchen, das hier mit ihm ging, war eines Organiſten Enkelin, und wirklich ge⸗ rade ſo vornehm wie er ſelbſt. Das Einzige, was ſie ——FDH 251 trennte, war die Tracht; die er nach Herrenweiſe, und ſie nach Art der Bauernmädchen trug. Aber dieſer Unterſchied in der äußern Form hatte in ſeinen Augen nichts zu bedeuten. Er betrachtete das Weſen, das in dem angenehmen Gehölze neben ihm ging, mit einer Wärme und Ehrerbietung, welche der höchſten Achtung nicht nachſtand, die er je für ei⸗ nen Menſchen gefühlt hatte. Er beklagte ſtill ihre ge⸗ genwärtige Stellung zu jener ſchlimmen Geſellſchaft, und beſchloß, ihr zu Liebe Alles zu thun, was in ſei⸗ nen Kräften ſtand, um dieſen Nickolſon zu befreien und auf einen beſſern Weg zu bringen, da ſie ſelbſt um ſeinetwillen ihre Perſon ſo ſehr und ſo gefährlich ausgeſetzt hatte. Nach einigem Stillſchweigen ſagte Ellin unver⸗ muthet;„Kennt denn der Herr die Frau Hofmarſchal⸗ lin, da er mich nach ihr frägt?“ „Frau von Abelerona? Ja, ich kenne ſie ein we⸗ nig, nur ſehr wenig. Doch kann ich dir ſagen, daß ſie mir in gewiſſen Beziehungen ſehr bekannt ift.“ „Hat der Herr ſie neulich wo getroffen? Ich habe ſie ſeit langer Zeit nicht mehr geſehen, denn ſie war verreist. Die arme Frau! jetzt wird ſie wohl ſehr be⸗ trübt ſein.“ „Ja Ellin!“ rief Alexander,„das muß ich Dir ſagen, es war eine abſcheuliche That, die deine Be⸗ kannten in Evershult verübt haben; und ich begreife — nicht, wie Du nur einen Augenblick in ſo roher, teuf⸗ liſcher Menſchen Geſellſchaft ſein kannſt?“ „Ach, mein Herr, ich kann ſie bei Gottes theurem Wort verſichern, daß Joak— ſo tief er auch ſonſt im Böſen ſtecken mag— doch kein Feuer in den ſchönen Herrenhof legen wollte. Nein; er wollte nur das Geld nehmen. Ich weiß es. Und das, meinte er, wäre recht, da Abelerona ihm und ſeinem Vater vorher weit mehr genommen hätte. Gott der Vater mag nun wiſ⸗ ſen, in wiefern das recht war. Aber daß ich in der 252 Geſellſchaft des Sünders bin—— ach, mein Herr! ich bin ja ſelbſt eine Sünderin. Vor Gott iſt Niemand gerecht; nicht Einer und ich am wenigſten.“ Medenberg blickte ſie ſchnell und ſcharf an, um wo möglich herauszufinden, in welchem Sinne ſie dieſe; Worte geäußert habe; ob es in Folge des Bewußtſeins eines wirklichen Vergehens, das ſie ſelbſt begangen, oder der allgemeinen religiöſen Demuth geſchah, nach welcher der Menſch ſeine ganze Natur für fündhaft hält. Und er ſah deutlich, daß es das Letztere war. Während dieſes Geſprächs hatten ſie die Landſtraße erreicht, und ſahen die kleine Hütte, welche Ellin den Halkrok nannte. Als Jeppe Jonſſon von ferne ſeinen Herrn gewahr wurde, that er einen Freudenſprung von dem Wagen herab, auf dem er ſtand, und rief:„Ei Herr Lexander, jetzt haben wir genug ausgeruht! und glauben Sie mir, es iſt nicht gut, noch länger auszu⸗ ſchnauben.“ „Gleich, gleich; in einer kleinen Weile, mein Junge,“ erwiederte Medenberg.„Wir müſſen noch ein wenig warten, bis Herr Göran nachkommt. Zäume die Pferde ab, lege ihnen Halfter um, wenn Du willſt, und binde ſie an den Zaun. Ich gehe auf einen Au⸗ genblick da hinein.“ Ellin und Alexander traten in die Hütte, wo der Alte noch am Kamine ſaß, und an ſeinen Fäſſern klopfte. Doch hatte er während dieſer Zeit offenbar mehrere Reife umgelegt. Die Alte war am Webeſtuhl, und ſah mit einem gewiſſen Wohlbehagen auf den zu⸗ rückkehrenden Herrn, den ſie wieder erkannte.„Jetzt hat er ſich auf das Gewebe beſonnen,“ dachte ſie;„er kommt gewiß, um mir etwas für die Elle zu bieten. Wir wollen hören!“ Aber Medenberg wandte ſich ſtatt deſſen an den Alten, und übergab ihm Herrn Rickolſons Wiſch. Vater Mans ſtand ſchnell auf, und blickte Ellin ver⸗ wundert an, gleichſam als forderte er eine Erk ärung 1 der wo ſor wie eu Me her er „b ich des ſin we lan zu 253 on ihr, wie das zuſammenhängen könne, daß der rr! fremde Herr an dem Schatze der Bande Theil haben nd ſollte. Sie winkte und erwiederte auf ſeinen Wink, den ſie recht wohl vernand, Joak Nickel habe ſie mit⸗ um gehen heißen, um die Richtigken der Sace zu bezeugen. eſe Der Alte blieb ſtehen und beſann ſich. Er ſchüt⸗ ins telte argwöoniſch den Kopf, und ging nach dem kleinen en, Eckſchranke, wo er einen Schlüſſel ergriff; aber als ach ſep es ihm unmoöglich, den fraglichen Schritt über's aft Herz zu bringen, hangte er den Schluſſel wieder an ſeinen Ragel am Scrauke, trat zu dem fremden Herrn hi, d ſprach kein Wort. Es war aber klar, e daß er gerne eine anze Menge geſagt hätte. Allein ee war kein Redner. on„Ich habe keine Zeit zum Warten,“ fiel Meden⸗ Ei berg ein. nd„Iſt man Einer von den Uebrigen?“ murmelte u⸗ der Alte leiſe. Ellin verſetzte ſchnell:„Mans Brynteſon! tbut in was hier auf dem Papiere fieht, das ſage ich euch, cG§ ſonſt iſtes um euch geſchehen, und ihr werdet gebunden ne ein Dieb, ſie kommen ſogleich hieher und faſſen ſt, euch.“ u⸗„Was ſagſt Du, Kind? wer kommt?“ rief der Mann erſchrocken, und faft nur auf einem Beine ne⸗ er hend, während er das andere erhoben hatte, als wollte er ſeiner Wege laufen.— „Wer kommt? Das weiß ich wohl!“ ſagte ſie, l,„beeilt euch nur und gebt das Geld her, ſonſt gebe 1⸗ i6 ſelbſt nach ihnen. So viel muß ich euch ſagen, daß * des Landeshauptmanns Leute dort oben in den Bergen 1. ſind. Aber Joak ſoll gerettet werden und ihr mit, wenn ihr nicht länger zögert. Ach Gott, was für ein langweiliger Menſch! Schnell Mans!“ n Dieß war genug, um dem Diebeshehler Beine e mache Er eilte mit ſeinem Schlüſſel in einen ⸗ Vinkel der Hütte, öffnete eine Fallthüre unter einem Hau⸗ 254 fen alter Faßdauben, Späne und Reife, ſtieg durch den Voden hinab, und kam nach einer Weile wieder herauf Er übergab Medenberg eine kleine Schachtel, in der ein Paket lag, das wohl umwickelt und mit zahlreichen Knoten zugebunden war. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Gelder, die Miemand angehören. Wär es möglich, dachte ſie, daß der ſchonſt Traum meiner Seele nicht ganz aus der Wirklichkeit entſchwunden iſt? Wird n ſüßeſter Gedanke noch einmal aufleben, un in Geſtaltung über die Erde ſchreiten? Wir befinden uns jetzt an einem ganz andern Ort unſerer Erzählung als vorhin. Wir ſehen uns näm⸗ lich in einem ſchönmeublirten Zimmer. Der Abend war düfter, eine tiefe Stille herrſcht in dem Gemache. Die langen Schatten zwiſchen den Fenſtern kleideten die Gegenſtände des Zimmers in Grau; einige, die mehr der Ecke zu ſtanden, ſchwammen in einem trüben Braun. Vier weibliche Perſonen, i ſchwarzer Tracht, befanden ſich im Zimmer, aber kein ſprach ein Wort. Die erſte war ein kleines Mädchen von vielleicht nur zwölf, dreizehn Jahren, aber mit einem blaſſe Geſichte, feinen Zügen und Augen, in denen ein ſob cher Gedankenreichthum lag, daß man der zarten Be ſitzerin ſchon neunzehn Frühlinge gegeben haben würde Sie ſaß auf einem mit Merino überzogenen Scheme der ſeinen Platz in der Nähe des Sophas hatte. Ein noch kleineres Mädchen ſaß ihr ſchweſterlich zur Seite Sie hatte ihren Platz auf der Sophakante ſelbſt eing 3 nommen; ſie hielt ein Sacktuch von Kammertuch m den auf der chen eite 255 geſtickten Ecken zwiſchen den kleinen Händen, und trock⸗ nete hie und da die Thränen damit ab, welche über die blaſſe Wange ihrer ältern Schweſter rollten. Dieſe ſtreichelte ihr, wie aus Dankbarkeit, dafür Haare und Hände; ſprach aber kein Wort. Und endlich war noch eine dritte Perſon, ein ganz kleines Mädchen da, das an den Knieen ihrer älteſten Schweſter ſtand, ihr ſchweigend ins Geſicht blickte, und die Urſache, warum jene weinte, nicht recht zu begreifen ſchien, aber oft und unwillkührlich ihre kleine Oberlippe auf eine Art verzog, daß es klar wurde, wie leicht auch ſie ins Weinen übergehen würde, wenn nur ein Wort ihr Veranlaſſung dazu gäbe. Bisweilen erlaubte ſie ſich, ihre älteſte Schweſter, die auf dem Schemel ſaß, mit ihren kleinen quabeligen weißen Händen zu klopfen; und obſchon ſie nichts ſagte, war doch der Sinn ihrer Geberde offenbar der:„Weine nicht ſo ſehr, ſo gar ſehr, liebe Luiſe!“ Welch' ein verkehrtes Verhältniß! Die Kleinſte war es, welche jetzt die größte Schweſter gleichſam er⸗ mahnte, daß ſie nicht betrübt ſein ſolle. Sonſt war es gewöhnlich ſie, welche die meiſten Thränen vergoß, und zum öfteſten um nichts. Luiſe gab keine Antwort; aber ſie ſchloß die kleine Ebba von Zeit zu Zeit in ihre Arme, küßte ſie und ſchien zu erwiedern:„Arme Kleine! Du haſt noch nicht ſo viel Verſtand, um zu begreifen, welch ein Verluſt Dich getroffen hat.“ Zur Hälfte auf den Sopha ausgeſtreckt und in ruhender Stellung— obwohl doch nicht ruhig— lag eine Dame, welche die Hand gegen die Wange geſtützt und den Arm gegen die Kiſſen gelehnt hielt. Ihre Blicke waren mit zärtlicher Wehmuth auf die drei Mädchen, ihre Kinder, gerichtet. Ihr ganzes Weſen drückte Kummer aus; und doch— o himmliſches Wun⸗ der!— war es nicht Kummer. Demuth und Fröm⸗ migkeit hatten alle Wuth des Schmerzes befiegt. Eine 6 ſanfte Majeſtät ruhte auf ihrer Stirne. Die Gnade der Entſagung ſchwebte um die ſchönſten Locken. Nach einer kleinen Weile wurde die Thüre leiſe geöffnet, und eine junge Dienerin, ebenfalls in Trauer gekleidet, trat ein. Sie ſchritt nach dem Sopha und zu ihrer Frau hin, verneigte ſich ebrerdietig und ſagte:„Ein fremder Herr iſt im Hofe angelangt.“ „Ein Fremder? wer iſt er?“ „Ich weiß nicht.“ „Iſt er dir ganz unbekannt?“ „Ja, aber er hat nach ver Geſundbeit der Frau Hofmarſchallin gefraat, und mich aedeten, Ihnen zu melden, daß er höchlich wünſme, eintreten zu dürfen, da er ein wichttges Geſchäft habe.“ Die Hofmarſchallin erhod ſich ſchnell vom Sopha. „Heiße den fremden Herrn willkommen!“ ſagte ſie. Jene ging binus, und eine Minute ſpäter trat ein Mann in ſehr anſprochsloſer Tracht ein. Er grüßte mit achtungsvoller Geberde, ohne ein Wort zu ſpre⸗ cen, ſah ſich im Zimmer um, und ließ ſeinen Blick beſonders auf den drei kleinen Mädchen ruhen. Er ſchien ganz außer Stands zu ſein, ein Geſpräch zu beginnen. „Was ſeh' ich?“ ſprach Frau von Abelcrona leiſe, aber deutlich;„täuſche ich mich oder ſehe ich wirklich unſern Freund vom Wetternrande wieder?“ „Vom Kirchbof, ja!“ erwiederte er,„Frau Hof⸗ marſchallin, ich dringe hier vielleicht ſtörend in das Heiligthum des Schmerzes; entſchuldigen Sie die Kübn⸗ heit meiner A kunft. Aber ich bringe Etwas, das ich durch einen glücklichen Zufall aus den ſchrecklichen Hän⸗ den von Schurken bekommen habe, und das ich ſeinem rechtmäßigen Beſitzer zurückſtellen muß.“ Herr Medenberg zog bei dieſen Worten ein klei⸗ nes Paket hervor. „Mein Gott, das iſt die Handſchrift meines un⸗ glücklichen Gatten!“ rief die Hofmarſchallin Abelcrona, als ſie die Ueberſchrift einer Rolle betrachtete.„Sa⸗ —„„—— —— n⸗ 1d, a⸗ 257 gen Sie mir um Alles in der Welt, mein Herr, wie hat dieß in Ihre Hände gerathen können? Wie kam es, daß bei jenem ſchrecklichen Ereigniſſe nicht auch Dieſes verbrannt iſt? Aber ich bitte Sie: wir kön⸗ nen einander unmöglich länger fremd ſein. Es iſt jetzt das zweite Mal, daß wir zuſammentreffen; und in welchem bedeutungsvollen Momente! Ich darf nicht verſchweigen,“ ſetzte ſie mit einem tiefen Seufzer hin⸗ zu,„daß das Wort, der Rath, der Wink, den ich von dem Unbekannten am Kirchhofe empfing, einen ent⸗ ſcheidenden Einfluß auf das Ereigniß hatte, das darauf folgte, und—“ „Es wäre ſchrecklich, wenn dieß ſo wäre! Wenn ich die Urſache wäre, daß—“ „Verſtehen Sie mich recht!“ unterbrach ſie ihn. „Ich ſpreche von Gottes geheimnißvoll lenkender Hand. Von einem Vorwurfe kann nicht die Rede ſein. Doch ich vergeſſe mich ganz! ich ſpreche mit einem Reiſen⸗ den, und bitte ihn nicht einmal Platz zu nehmen! Iſt nicht Ihr Name Medenberg? Herr Medenberg von Aronfors, wie ich gehört zu haben meine?“ Der Fremde bejahte die Frage mit einer Ver⸗ beugung. „Beſter Herr Medenberg, verzeihen Sie einer un⸗ glücklichen Wittwe, wenn der Empfang hier den Um⸗ ſtänden gemäß iſt, und wenn ich nicht in Allem—“ „Um Gotteswillen!“ „Wir haben Geheimniſſe mit einander auszutau⸗ ſchen; es muß ſo ſein. Ich bin genöthigt, mir den Schlüſſel zu den Hindeutungen auf den vorgehabten Raub in Evershult auszubitien, welche ich damals in Jönköping von Herrn Medenberg erbielt; und ebenſo muß ich wiſſen, wie dieß Paket in Herrn Medenbergs Hände kam?“ „Auch mir,“ erwiederte er,„liegt es ſehr am Herzen, dieſe Erklärungen geben zu dürfen. Um ſo mehr, da ich jetzt auch meiner Seits des Ra⸗ Drei Frauen in Smaland. 1. 17 258 thes der Frau Hofmarſchallin in Betreff einiger an⸗ dern Perſonen benöthigt bin, über die ich ſprechen werde. Aber Alles geſchieht unter der Vorausſetzung, daß die Frau Hofmarſchallin die Ankunft eines Unbe⸗ kannten zu entſchuldigen die Gnade hat, der ſo viel Vertrauen in Anſpruch zu nehmen wagt.“ Nach die⸗ ſer Einleitung verſchwand ſchnell das Fremde in ihrem gegenſeitigen Benehmen, und die Bekanntſchaft war gemacht. Die Hofmarſchallin entfernte ihre drei Mäd⸗ chen; doch geſchah dieß nicht, ohne daß Herr Meden⸗ berg die kleine Ebba noch einmal auf ſeine Arme nahm, wie damals, wo er ſie von den Wogen des Wetterſees aus nach Hauſe trug. Er küßte leicht die Korallenlippen des Kindes, und ſetzte die Kleine wie⸗ der auf den Boden. Henriette machte ihm ebenfalls ibr artiges Compliment, und dankte für die Muſchel, die ſie damals von ihm erhalten und noch nicht ver⸗ geſſen hatte. Luiſe verneigte ſich, nahm ihre Schwe⸗ ſterchen jedes an eine Hand und ging mit ihnen pinaus. Nun wurden die Pferde und der Wagen des Reiſenden der Obhut empfohlen. Man brachte Licht in vas Zimmer der Frau Hofmarſchallin. Als Alles in Ordnung und die Thüre geſchloſſen war, ſetzte ſie ſich mit Herrn Alexander auf den Sopha, und begann das Geſpräch folgendermaßen: „Herr Medinberg, wir trennten uns das letzte Mal an der Schwelle des Hauſes, in welchem ich auf meiner Heimreiſe von Medevi logirte; und ich danke Ihnen für all die Güte, die Sie für meine Mädchen hatlen. Ich war damals gerade eben erſt in der Stadt angelangt, und wußte noch nicht, daß mein Mann ebenfalls nach Jönköping gekommen war, um mit mir zuſammenzutreffen und mich heimzufüh⸗ ren. Er wollte mir dieſe angenehme Ueberraſchung machen, und hatte mich deßhalb vorher nicht davon benachrichtigt. Er war in Jönköping angerangt, wäh⸗ rend ich mit meinen Mädchen ausgegangen war, um 18 — 259 einen Spaziergang gegen die Kirche hin zu machen. Da mich Abelcrona ſo nicht zu Hauſe traf, ging er, um Graf Zeyton im Wirthshauſe aufzuſuchen: einige Briefe von der Gräfin Celeſtine forderten ihn auf, von dem Grafen verſchiedene Erklärungen zu verlan⸗ gen. Doch ich muß die Urſache dieſer ſonderbaren Begegnung erklären. Da Abelerona oft lange Zeit in Jönköping zuzubringen pflegte, hatte Celeſtine ihre Briefe dahin adreſſirt. Unangenehmer Veranlaſſun⸗ gen halber hatte es Abelcrona ſeit vielen, vielen Jah⸗ ren her vermieden, Karmansbal zu beſuchen, und war überhaupt im ganzen Kirchſpiele nicht gerne; in Evers⸗ bult ſelbſt bielt er ſich nur wenig auf. Aber gerade in dieſen Tagen war es zu einer Ausſöhnung zwiſchen ihm und Zepton gekommen, da dieſer ſich einer alten Schuld an meinen Mann entledigt hatte. Mein Mann war deßhalb in Evershult geweſen, während die Briefe der Gräfin an ihn nach Jönköping gingen. Er bekam ſie erſt an dem Tage, wo er nach der Stadt fuhr, um mich zu treffen. Während er meine Rück⸗ kehr von dem Spaziergange erwartete, ſchickte er Je⸗ mand in die Stadt und nach dem Gaſthofe, um ſich zu erkundigen, ob Zeyton unter den angekommenen Fremden ſei, und als er Gewißheit darüber erhielt, ging er ſogleich, um ihn aufzuſuchen. Etwas ſpäter nachdem Herr Medenberg uns verlaſſen hatte, ſah ich meinen Mann eintreten; er kehrte eben von Zeyton zurück. Ich war auf das Angenehmſte überraſcht, ihn in Jönköping zu ſehen, er erklärte mit einigen Wor⸗ ten, warum er hergereiſt ſei, umarmte mich und ſeine Mädchen; ſchien jedoch ſehr aufgeregt. Als ich ihn eein wenig erſchrocken fragte, ob etwas geſchehen ſei, ctzählte er mir Alles, was ich eben anführte, und daß er mit Zepyton eine ſtürmiſche Unterredung wegen der armen Celeſtine gehabt habe und noch vieles, vieles nderes. Ich meinerſeits meinte ihm nun die Rach⸗ richten, oder beſſer geſagt, die Winke mittheilen zu 260 müſſen, die mir Herr Medenberg über die Diebesbande und die Gefahren gegeben hatte, von denen wir in Evershult möglicherweiſe bedroht werden könnten. Als Abelerona dieſe Worte hörte, ſah ich ihn deutlich die Farbe wechſeln und ſeine Augen ſtarrten mich an. Er ſprang auf.„Wir müſſen ſchleunig nach Evers⸗ hult reiſen!“ rief er.„Es müſſen dort Vorſichtsmaß⸗ regeln getroffen werden, und das ſogleich. Die Winke, die du erhalten haſt, haben ſicher ihren Grund. Ich fange an, einen ſchrecklichen Plan zu durchſchauen! Jetzt glaube ich zu verſtehen, was Zeyton mit gewiſ⸗ ſen ſonderbaren Worten ſagen wollte, die wie Dro⸗ hungen ausſahen, und die er während unſerer Be⸗ ſprechung eben vorhin fallen ließ.“ Ich ward beſtürzt über die ungewöhnliche Unruhe meines Mannes. Wir ließen ſogleich anſpannen und reiſten zuſammen von Jönköping ab. Während der Reiſe, nahm die Unruhe meines Mannes immer mehr zu; er meinte zu ahnen, daß der Anfall auf Evershult bereits begonnen habe. Nach einer Fahrt von einigen Meilen faßte er beim Wechſeln der Pferde ſchnell ſeinen Entſchluß. Es war Abends; unſere Mädchen würden durch eine Fort⸗ ſetzung dieſer eiligen Reiſe während der Nacht zu viel gelitten haben; er ließ daher ſie, und mich bei ihnen, zurück, um auszuruhen, während er ſelbſt Pferde nahm, und noch am ſpäten Abend allein nach Evershult fuhr, um Anſtalten zur Sicherung des Hofes zu treffen. Der Unglückliche! und wir Unglücklichen! Er kam zu ſpät, um Evershult, aber zu früh, um ſich ſelbſt zu retten. Wäre er dieſe Nacht nicht von uns fortgereiſt, ſo würde zwar der Hof dennoch ein Raub der Flam⸗ men geworden ſein, aber er ſelbſt— o mein Gott! mein Gott! und wir!“ Medenberg ſchauderte. „Gott hat es ſo gewollt,“ ſchloß Frau Abelcrona und blickte mit Reſignation nach oben.„Wunderbare Schickung!“ —* e e* 261 „Ich muß mir ſagen,“ verſetzte ihr Gaſt,„daß die Nachricht, welche ich der Frau Hofmarſchallin gab, die Urſache der großen Eile ward, womit der Herr Hofmarſchall ſeinen eigenen entſetzlichen Untergang bei jenem Zuſammentreffen beſchleunigte. Ich ſchaudere bei dieſem Gedanken, und über das, was ich gethan habe. Ein finſterer Geiſt hat durch mich gehandelt; ich war, ohne es zu wollen, ohne es zu ahnen, ſein Werkzeug, v mein Gott! und Nickolſon—“ „Der unglückliche junge Mann? Ich habe durch Briefe von meinem Manne, während meines Aufent⸗ haltes in Medevi, die Nachricht erhalten, daß er ſich ertränkt habe. Ich habe ihn ſehr beklagt; denn ich weiß viel von ihm, und noch mehr von ſeiner bekla⸗ genswerthen, armen Mutter.“ „Nickolſons Tod war nur erdichtet, Frau Hof⸗ marſchallin. Er lebt, und bei Gott! er iſt ſehr thä⸗ tig geweſen. Und dennoch,“ fuhr Medenberg fort, „kann ich nicht läugnen, daß ich mit großem Vergnü⸗ gen die Frau Hofmarſchallin ſo von ihm ſprechen höre, da er doch einen ſo gerechten Zorn verdiente; und be⸗ ſonders wünſche ich etwas von ſeiner Mutter und ſei⸗ nen andern Verwandten zu hören.“ „Herr Medenberg,“ verſetzte ſie,„wir kommen hier auf einen geheimnißvollen Gegenſtand, aber da Herr Medenberg, wie ich merke, ſchon ſo viel von dieſen Verwandtſchaftsverhältniſſen weiß, ſo kann ich wohl geſtehen, daß Gräfin Celeſtine nie glücklich war; und niemals konnte ich billigen, was mein ſonſt ſo unvergeßlicher Mann zu ihrer Verheirathung mit Zey⸗ ton beigetragen hat. Jeder Menſch hat ſeine eigenen Anſichten; Abelcrona war weit älter als ich; er ſah das Leben unter andern Farben, und wollte ſeine Schweſtertochter verſorgt wiſſen. Nie werde ich den Tag vergeſſen, wo im Wohnzimmer von Evershult 3 die Trauung zwiſchen zwei Weſen gefeiert wurde, de⸗ 262 ren Seelen ſich niemals vereinigten. Abelerona war die vornehmſte Urſache davon.“ „In Evershult alſo geſchah es!“ ſprach Meden⸗ berg bei ſich ſelbſt.„Und dieſe That? ſie ſollte am Ende aus einem andern Beweggrunde hervorgegan⸗ gen ſein, als aus der bloßen Begierde, Geld zu rau⸗ ben? Es könnte eine verborgene, langſame Rache ſein? So iſt alſo von dem zum Baſtard gemachten Sohne die Brandfackel in das nämliche Zimmer ge⸗ worfen worden, wo der Akt gefeiert wurde, der— — und verzeihen Sie mir, Frau Hofmarſchallin, ich verfiel da in meine eigenen Gedanken.“ „Aber ſagen Sie mir jetzt, Herr Medenberg,“ unterbrach ſie ihn ihrerſeits,„was wiſſen denn Sie von Nickolſon? Wie iſt er aus dem See gerettet worden?“ „Aus dem Waſſer gerettet, nun ja. Aber er iſt noch weit nicht von dem gerettet, was weit ſchlimmer iſt. Hören Sie mich—“ Medenberg erzählte jetzt Frau Abelerona die ganze Begebenheit von Aronfors, und endigte nicht eher, als bis er das Abenteuer in der Berghöhle, ſowie den letzten Auftritt mit dem„Alten am Halkrok“ er⸗ zählt hatte, wo er das Käſtchen bekam; bei deſſen Er⸗ öffnen er nicht nur das fragliche Geld, ſondern auch noch ein Briefpaket gefunden hatte, deſſen Ueberſchrift bewies, daß es der Herrſchaft Abelcrona angehörte. „Einige Augenblicke nachdem ich in den Beſitz alles Dieſes gekommen war,“ ſetzte er hinzu,„ſah ich Göran Edeling aus dem Walde hervortreten, an der Spitze aller Derer, welche er auf ſeine Seite ge⸗ wonnen hatte, und den Gefangenen mitten unter den Andern. Wir beriethen uns jetzt über die Art und Weiſe, wie wir weiter gehen wollten. Wir befanden uns in großer Entſernung von dem Kirchſpiele, in welchem das niedergebrannte Eversbult, ſowie Aron⸗ fors und Karmansbal lagen. Wir beſchloſſen, uns n⸗ U⸗ 263 zu theilen, und in verſchiedenen Richtungen zu gehen. Ich geſtehe, vaß ich aus mehreren Gründen der Frau Hofmarſchallin meine Aufwartung zu machen wünſchte, ehe ich nach Aronfors zuruͤckkehrte. Erlauben Sie mir, jetzt ganz aufrichtig zu ſein! ich wollte als Vorwand für dieſen Beſuch das Brieſpaket benützen, das ich bei den Räubern gefunden, und welches ſeiner Beſitzerin zurückzuſtellen ich das Recht hatte. Eigentlich aber— meine gnädige Frau Hofmarſchallin!— war es meine Abſicht, eine mir höchſt ſchätzbare Bekanntſchaft feſter zu knüpfen. Ich läugne nicht, daß ich mich der Menſch⸗ lichkeit halber für dieſen Nickolſon intereſſire, und zwar in dem Sinne, daß es mir lieb wäre, wenn er für ein beſſeres Leben gerettet werden könnte. Er liegt noch im Walde verborgen, und wird von dem Alten und ſeiner Frau am Halkrok, den vornehmſten Diebesheblern der Bande, gepflegt. Dieſer Jvachim iſt abſcheulich wie ſein Vater; dennoch iſt er es nur aus zweiter Hand, was in meinen Augen nicht wenig bedeutet. Und in ihm blüht eine verborgene Blume, glübt ein noch lebender Funken, das Gedächtniß ſeiner Mutter in ſeiner Seele, und dieſes— ich bitte für den Elenden!— verdient vom gänzlichen Untergange errettet zu werden. Selbſt ſein Vater, der Graf Zey⸗ ton, ſcheint außer ſeiner natürlichen Anlage zum Schwarzen, eigentlich nur dadurch ein Ungeheuer ge⸗ worden zu ſein, daß—“ „O mein Herr, ſprechen Sie nicht davon! ich möchte Abelcronas Andenken heilig in mir haben. Und auch er— glauben Sie mir, Herr Medenberg! — mein verlorener Gemahl that gewiß nichts Ande⸗ res für ſeine Nichte, als was er für recht und nütz⸗ lich hielt.“ Alexander ſah bei Seite, und ſuchte nach einem Stoffe, um in ſeiner Antwort alles Bittere zu ver⸗ meiden, was einen böſen Schatten auf den Todten werfen konnte.„Wer hier auf der Welt hat wohl 6 „ 264 ganz und gar Unrecht?“ flüſterte er.„Die Menſchen vernichten einander, werden Verbrecher und Unglück⸗ liche, während vielleicht am Ende Jeder Recht hat, wenn man ihn von dem Standpunkte der Billigkeit und in ſeinem eigenen Lichte betrachtet! ſollte man das nicht behaupten können? Gibt es denn keinen Faden, der uns aus dieſem ſchrecklichen Labyrinthe leitet, wo Alle auf ihre Art Recht haben— und doch einander gegenſeitig verderben! O mein Goit! mein Herz ſagt mir, daß es einen Ausweg, eine Hülfe ge⸗ ben muß. Ich glaube ſogar, ich könnte dieſe Hülfe bei Namen nennen. Doch verzeihen Sie mir, Frau Hofmarſchallin! ich bin unhöflich genug geweſen, um mich meinen Phantaſien zu überlaſſen. Wovon ſpra⸗ chen wir? Ach— ich habe noch eine ſehr wichtige Sache zu erzählen vergeſſen. Ich bringe nicht nur dieſes kleine Briefpaket, das ich hiemit die Ehre habe, Ihnen zu übergeben, ſondern zugleich noch eine bedeu⸗ tende Geldſumme.“ „Geld? Was ſoll das heißen?“ „Die Frau Hofmarſchallin wird ſich aus dem, was ich bereits erzählt habe, erinnern, daß die erſte Urſache meines Beſuches bei Graf Zepton und nachher bei Nickolſon die war, das meinem Patron, dem Ka⸗ pitän von Mekeroth, geſtohlene Geld vom Werk Aron⸗ fors, womöglich wieder zu erhalten. Im Lauf der Begebniſſe iſt dieſes Geld inzwiſchen als Bezahlung für einen Revers in den Beſitz des Herrn Hofmar⸗ ſchalls Abelcrona gekommen, zu welchem Zweck Zey⸗ ton jenes Mittel angewandt hatte. Als es Nickolſon zum zweiten Male ſtahl, ſo nahm er es in der Wirk⸗ lichkeit dem Herrn Hofmarſchall. Durch das bereits erzählte Abenteuer habe ich nun das Geld in meine Macht bekommen, und halte es hier in meiner Hand. Die Frau Hofmarſchallin erſieht allerdings aus dem Vorhergebenden, daß es anfangs meine Abſicht war, daſſelbe meinem Kapitän zurückzuſtellen, dem es ur⸗ * 8— . 265 ſprünglich geſtohlen worden war. Allein ich geſtehe, daß ich ſeither in große Zweifel gerathen bin, ob ich es ihm zurückgeben ſoll oder einem Andern. Ich habe deßhalb zuerſt die Frau Hofmarſchallin beſucht, ehe ich nach Aronfors zurückkehrte. Sehen Sie hier—“ „Mein Herr?“ „Ja, meine gnädige Frau Hofmarſchallin! Hier liegen dieſe unglücklichen 2500 Reichsthaler Banko(Me⸗ denberg zählte die Banknoten ab und legte ſie auf den Tiſch). Sagen Sie mir aufrichtig, können wir wohl dieſes Geld wirklich für ein Eigenthum des Me⸗ kerothſchen Hauſes anſehen?“ „Ohne Zweifel: ſie wurden ja aus der Kaſſe des Werks Aronfors genommen.“ „Das iſt wahr; aber als der Hofmarſchall Abel⸗ crona es von Graf Zeyton für ſeine Forderung an dieſen erhielt, da wußte er nicht und brauchte nicht zu wiſſen, woher das Geld kam. Genug, als er Zeytons Revers quittirte und dafür das baare Geld in ſeine Hand bekam, da gehörte dieſes Geld ohne Zwei⸗ fel dem Herrn Hofmarſchall und Niemand anders.“ „Ich kann es nicht läugnen.“ „Da es jetzt zum zweiten Male geſtohlen wurde, wurde es ihm genommen und keinem Andern.“ „Es ſieht faſt ſo aus.“. „Meint alſo die Frau Hofmarſchallin nicht, daß ich es den Erben des Herrn Hofmarſchalls zurückſtel⸗ len muß, und nicht dem Kapitän von Mekeroth: ob⸗ wohl ich mich, die Wahrheit zu ſagen, in großer Ver⸗ legenheit darüber befinde, was ich ihm ſagen ſoll, wenn ich heim komme, und als Reſultat der Reiſe, die ich für ſeine Rechnung unternommen, ihm erzähle, daß ich zwar das verlorene und ihm gerade ſehr noth⸗ wendige Geld glücklich wieder erobert habe; aber un⸗ terwegs auf Gründe geſtoßen ſei, die mich vermocht hätten, es Jemand Anders zu geben.“ „Das geht durchaus nicht an! Nehmen Sie, 266 mein Herr; um Getteswillen nehmen Sie dieſe Bank⸗ noten, und geben Sie ſie dem Herrn Kapitän Auguſt von Mekeroth!“ „Aber das kann ich mit gutem Gewiſſen auch un⸗ möglich thun. Es müßte denn ſein, daß die Frau Hofmarſchallin die Gnade hätte, es ihm als ein pures Geſchenk zu überlaſſen. Dann aber müßte ich ihm den Verlauf der Sache erzählen; und wenn ich auf dieſen Umſtand käme, ſo würde er wahrſcheinlich ganz außer ſich gerathen. Er müßte ja denken, etwas, das er für ſein unbeſtrittenes Recht hält, als ein Geſchenk zu empfangen— und käme es auch von der liebens⸗ würdigſten Hand. Ich kenne den Mann und ſeine reizbaren Nerven. Ich bringe ihm lieber gar nichts, als etwas, das ihn wüthend machen würde.“ „Das iſt ein mißliches Ding. Ich ſehe nicht ein, ich kann durchaus nicht klar darüber werden, wem dieſes Geld mit Recht zugehört!“ „Uebrigens muß ich Sie darauf aufmerkſam ma⸗ chen, daß, wenn die Frau Hofmarſchallin auch für ihre eigene Perſon willens wäre, das Geld meinem Kapi⸗ tän zu ſchenken, nur um den Knoten zu zerſchneiden, ſo wäre dadurch den unmündigen Kindern— den drei liebenswürdigen Fräuleins, die eben hinaus gingen— ja, ibrem Recht als Erben ihres guten Vaters zu nahe getreten.“ „Aber mein Herr, wenn dieß das Mekeroth'ſche Geld iſt, ſo gehört es weder mir noch meinen Kin⸗ dern.“ „Wenn, ja. Allein da es nun in der Wirklich⸗ keit das Geld des Herrn Hofmarſchalls war, ſo—“ Frau Abelcrona ſtand unter großer Bewegung auf. Sie ging an ihr Schreibpult, nahm Papier, Siegellack, Petſchaft und eine ſehr ſchöne Papier⸗ ſcheere heraus. Ohne ein Wort zu ſprechen, machte ſie einen Umſchlag, legte die 2500 Reichsthaler hinein, verſiegelte das Ganze, ſetzte ihr adeliges Wappen da⸗ k⸗ ſt u mn f 1 k 1e 3, n 1⸗ e i⸗ ei e ⸗ r, te 1 267 rauf, und ſchrieb oben hin: Gelder, die Niemand angehören.„Sind Sie jetzt zufrieden, mein Herr?“ ſagte ſie.„Iſt nicht dieſer Ausweg der beſte?“ Medenberg betrachtete die Ueberſchrift und be⸗ merkte:„dieß iſt alſo ein todtes Kapital; es wird in ſeinem Umſchlage da drinnen keine Zinſen tragen, und Niemand wird es zu gute kommen.“ „Ebenſo gut hätte es im Walde bei den Spitz⸗ buben bleiben können, dann wäre es doch Jemand zu gute gekommen— nicht ſo, mein Herr?“ „Nein, ſo meine ich es denn doch nicht. Und wenn ich die Sache recht überlege, ſo gibt es keinen beſſern Ausweg als dieſen. Gott wird wohl das Mit⸗ tel herausfinden. Wenn ich heim zu meinem Kapitän komme, ſo werde ich ihm getreu berichten, daß es ſich ſo gefügt hat, daß ich wirklich ſein Geld erſchnappte, aber daß es ſich zugleich auch ſo gefügt hat, daß er nichts davon bekommt.“ „Das thut mir ſehr leid,“ bemerkte Frau Abel⸗ erona;„und ich habe Herrn Medenberg ſelbſt ange⸗ boten, es ihm zu geben. Aber da mir der Herr be⸗ wies, daß dieß nicht angehe, ſo gibt es kein anderes Mittel, als einem Dritten— z. B. dem Richter der Gegend oder Gottes Fügung— die Entſcheidung zu überlaſſen, welchem von uns das Verſiegelte am Ende angehören ſoll.“ „Dem Richter? Da gefällt mir doch Gottes Fü⸗ gung beſſer,“ erwieverte er.„Die Frau Hofmarſchal⸗ lin wird ſchon ſehen,—— ich habe eine unverſieg⸗ bare Hoffnung auf Gottes heilige Vorſebung in Allem; und die hat mir meiner Lebtage noch nie fehl geſchla⸗ gen. Haben Sie die Güte und verwahren Sie einſt⸗ weilen dos Verſiegelte.“ „Nein, mein Herr, ſeien Sie ſelbſt ſo gut. Herr Medenberg iſt unpartheiiſch. Wem auch einmal rieß Geld zugeſprochen werden mag, ſo wird man es doch 268 nie für Herrn Medenbergs Eigenthum halten. Be⸗ halten Sie es alſo!“ „Nun wohl, ich werde es aufbewahren. Wollte Gott, ich wüßte eben ſo ſicher, was ich ſagen ſolll, wenn ich zu Hauſe auf meinem Werke anlange.“ „Nach den letzten Nachrichten, die ich durch an⸗ dere Bewohner des Kirchſpiels von Aronfors erhalten habe, ſoll es dort gegenwärtig nicht ganz gut ſtehen,“ erwiederte ſie.„Die Krankheit des Kapitäns ſoll ei⸗ nen üblen Charakter angenommen haben.“ „Wie? es wird ſich doch nicht verſchlimmert ha⸗ ben? Ich veranlaßte ja den Aſſeſſor Kasperſon von Jönköping dahin zu reiſen.“ „Ich fürchte, das Uebel hat die Oberhand bekom⸗ men. Es mag Herrn Medenberg ziemlich ſeltſam er⸗ ſcheinen, daß ich als Kirchſpielgenoſſin und alte Be⸗ kannte des Mekerothſchen Hauſes doch nicht perſönlich nach Aronfors gegangen bin und nach Kapitän Au⸗ guſts Geſundheit gefragt habe. Mein eigener großer Jammer mag mich entſchuldigen. Gleichwohl muß ich Herrn Medenberg offen geſtehen, daß noch ein ſchlim⸗ merer Grund dagegen vorhanden iſt. Es war eine Zeit, wo die beiden Häuſer Abelcrona und Mekeroth lebhaft mit einander verkehrten, und ich darf wohl auch das Haus Zeyton als drittes beifügen, obwohl dieß nur auſ eine kurze Zeit der Fall war. Beſon⸗ ners herrſchte eine große Vertraulichkeit zwiſchen mei⸗ ner guten Celeſtine, Aurora und mir. Ich kann es uns zum Lobe nachſagen, daß unſere Vertraulichkeit ſich nicht auf das Vergnügen gründete, welches ein gewöhnlicher Umgang gewährt. Es war in der That ein höheres Band, das uns Drei verknüpfte. Wir hatten uns vorgenommen etwas auszuführen, das— ich will mich jetzt nicht weiter darüber ausſprechen, es iſt vorbei. Er endigte, dieſer innige, warme Bund zwiſchen uns drei Frauen, als die Zwiſtigkeiten unſerer Männer es uns unmöglich machten, ſo wie früher zu⸗ 269 ſammenzukommen, und eine ſteigende Kälte zwiſchen den Familien brach Alles ab, was zum RNutzen der Menſchheit beabſichtigt war.“ Frau von Abelcrona ſchwieg. Medenberg ſchaute auf.„Halten Sie nicht inne!“ ſagte er.„Ich erbitte mir als eine Gnade, darüber vollſtändig berichtet zu werden, was ich jetzt nur unter der Form eines Win⸗ kes vernehmen darf. Ich geſtehe, ich habe ſchon frü⸗ her etwas davon gehört, zwar nur undeutlich und ſelt⸗ ſam, es iſt wahr, allein es war doch ein halber Athemzug darüber, daß die Frau Hofmarſchallin ihre edle Thä⸗ tigkeit dem Verſuche gewidmet habe, etwas— wie ſoll ich es doch nennen?— auszuführen.“ „Von wem hat Herr Medenberg etwas Derartiges gehört?“ „Ich bin mit einem Mädchen zuſammengetroffen, das Ellin von Dädemo⸗Hult heißt.“ Die Hofmarſchallin lächelte. Bald aber nahm ihr Geſicht wieder ſeine ruhige, entſagende, bibliſch ſchöne Miene an.„Ellin iſt ein gutes Mädchen!“ ſagte ſie. „Ich babe nicht wenig mit dieſem Mädchen ge⸗ ſprochen,“ fuhr Alexander fort;„ſie iſt es, welche mich hauptſächlich veranlaßt hat, wo möglich etwas Gutes für den verlornen Sohn zu thun.“ „Ich weiß, daß ſie Nickolſon wohl will; und ſie hat große Urſache dazu.“ „Er iſt ihr naher Verwandter. Ihre Mutter, die Hexe in Dädemo⸗Hult, will ihm vielleicht ebenfalls wohl.“ „Die alte Ellin? Die Arme! Ich höre, Herr Me⸗ denberg iſt ſehr orientirt in der Gegend.“ „Ganz natürliche Begebenheiten haben es ſo ge⸗ fügt. Ich geſtehe, wenn die Frau Hofmarſchallin mich ihres Vertrauens für nicht ganz unwerth hält— und vorausgeſetzt, die Frau Hofmarſchallin ſelbſt wünſchte das warme Band noch einmal näher geknüpft, das ehedem die Gräfin Celeſtine und Frau Aurora mit der Wirthin von Evershult vereinigte—“ „Ach,“ unterbrach ſie ihn ſchnell,„Evershult iſt nicht mehr! Das kleine Gut, das ich jetzt hier bewohne, heißt Blommenäs; es liegt jedoch auf Evershulter Grund und Boden und war mein liebſter Sommer⸗ Aufenthalt, weshalb mein Mann dieſes reizende, be⸗ queme Haus, gleichſam als Wittwenſitz, aufbauen ließ. Ahnte er wohl zum voraus?— Doch Gott hat es ſo ge⸗ Fahren Sie fort— fahren Sie fort— mein Herr.“ „Nun wohl! wenn die Wiedererneuerung des ehe⸗ mals zwiſchen den drei Damen ſtattgehabten Bundes die Frau Hofmarſchallin freuen ſollte, ſo iſt es nicht ganz unmöglich, daß ich— denn offen geſagt, ich kenne auch die Gräfin Celeſtine Zepton und ich bin überzeugt, daß nichts ihrer leidenden Seele ein größeres Labſal ſein würde, als wenn ſie aufs neue wieder die Befriedi⸗ gung eines ſcelenvollen Umganges genießen dürfte, den ſie jetzt ganz entbehren muß. Für daſſelbe kann ich auch bei meiner Patronin, der Frau Aurora von MWekeroth, bürgen.“ Die Hofmarſchallin Abelcrona ſah ihren Gaſt mit großen Augen an.„Iſt es möglich,“ dachte ſie,„daß der ſchönſte Traum meiner Seele nicht aus der Wirk⸗ lichkeit verſchwand? Soll mein ſüßeſter Gedanke noch einmal aufleben und in Geſtaltung über die Erde ſchreiten?“ Sie betrachtete Herrn Medenberg nicht länger als einen Fremden, ſondern als einen Freund ihrer eigenen Seele. „————— — Vierundzwanzigſtes Kapitel. Vaus Phalanſtère. Hier handelt es ſich nur darum, die Oekonomie des geiſtigen und körperlichen Lebens ſo an⸗ zuordnen, daß Laſter und Verbrechen aus dem umkreis des erſteren ausgerottet, ſo wie Mangel und Elend aus dem letzteren ver⸗ bannt werden. Die Hofmarſchallin Abelcrona ſtand auf, bat ihren Gaſt, es nicht übel nehmen zu wollen, daß ſie ſich ein wenig entfernte, und ging dann in ein angrenzendes Zimmer. Medenberg meinte beim Oeffnen der Thüre zu bemerken, daß das Kabinet das Ausſehen eines Schreib⸗ oder Studierzimmers habe; er gewahrte in der Eile ein hübſches Bücherbrett, das ein grünſeide⸗ ner Vorhang in geſchmackvollen Falten zur Hälfte be⸗ deckte; und ebenſo begegnete die Kante eines runden Bogen Popier hervorſahen, ſeinen Blicken. Herr Alexander überließ ſich ſüßen Betrachtungen über das einnehmende Weſen all der ſmaländiſchen Frauen, die er bisher das Glück gehabt hatte zu ſehen. „Frau von Abelcrona,“ bemerkte er bei ſich ſelbſt, „hat zwar eine etwas ausführlichere, ich möchte bei⸗ nahe ſagen, eine etwas pedantiſchere Art, wenn ſie und gefühlvoll ausdrückt. Ah— da ſehe ich ja auf dem Buchumſchlage ihren Vornamen, ſie heißt Ebba, Ebba ſchien mir, als ich ſie vorhin ſprach, ein wenig die Miene einer Perſon zu haben, die daſaß und etwas abhandelte(vermuthlich hat der Leſer bemerkt, daß Medenberg nicht ſo ganz Unrecht bei dieſer Be⸗ trachtung hatte).„Aber,“ fuhr er bei ſich fort,„ich will ihr das durchaus nicht zur Laſt legen, Jedermann Mahagonitiſches, auf dem die Enden von verſchiedenen ſpricht, als Gräſin Celeſtine, die ſich mehr fein, kurz wie ihr jüngſtes Töchterchen. Nun wohl, meine Frau 7 272 hat ſeine Sonderbarkeiten, ſeine Formen und ſeine eigene Gattung Blumenblätter um die liebenswürdige Knospe der Seele. Die Frau Hofmarſchallin iſt gewiß, wenn ich mich nicht in dem täuſchte, was ich vorhin ſah, als die Thür aufging, ebenſo für die Literatur einge⸗ nommen, wie Frau von Zeyton. Aber wenn Cele⸗ ſtine“— der Leſer möge Herrn Alerander verzeihen⸗ daß er in ſeinen leiſen Gedanken ſeine Damen ganz einfach und vertraulich nur mit den Familiennamen zu be⸗ nennen begann—„wenn Celeſtine auf eine poetiſche, und, wie ich fürchte, zugleich durch das Unglück ner⸗ vös gewordene Art für die Literatur begeiftert iſt, ſo iſt es die Hofmarſchallin Ebba auf eine wahrere, religiöſere, nützlichere und glücklichere Weiſe. Obwohl erſt kürzlich zur Wittwe geworden, iſt ſie, zwar durchaus nicht hei⸗ ter, es wäre eine Sünde das behaupten zu wollen, aber doch auch nicht durch Kummer verſtört. So groß iſt die heilige Macht der Gottesfurcht über den Geiſt; und ich bin yöchſt neugierig, das Geheimniß deſſen kennen zu lernen, was ſie gewollt, aber nicht gekonnt hat. Doch muß ich ſagen, von allen Dreien gefällt mir doch meine eigene Patronin am beſten; Frau Au⸗ rora ſetze ich oben an. Ohne irgend eine Literatur⸗ kenntniß zu beſitzen, iſt zwar das äußere, praktiſche, irdiſche Leben Aurora's wahre Heimath, das All ihrer Thätigkeit, aber wie uneigennützig, wie rein und doch auch idealiſch iſt ſie! Sie giebt ſich zwar nur mit irdi⸗ ſchen Stoffen ab, aber ſie behandelt dieſelben als Pflichten, und dadurch werden ſie himmliſch. Aurora's Seele klebt an nichts Irdiſchem feſt, urgeachtet ſie ſich damit beſchäftigt, weil ſie einmal in dirſe Stellung im Leben verſetzt wurde. Ach wie ſehne ich mich heim nach Aronfors! Es iſt doch ein gar zu hübſcher An⸗ blick, wenn man das Irdiſche in dieſem Sinne be⸗ andelt—“ Der Informator ward durch Frau Ebba's Rück⸗ kehr in ſeinem Monologe unterbrochen. Ihre ſchöne u S— — u S XT——* — 273 Geſtalt hatte eiwas Großartiges, als ſie eintrat, und ihr Geſicht ſchien beinahe ſo belebt, wie das einer Verklärten. Sie trug in ihrer Hand ein zuſammenge⸗ rolltes Manuſecript und unter dem linken Arme zwei Bücher. Mit jener Art hoher Freundlichkeit, die inſtinkt⸗ mäßig ſagt, daß zugleich die ſchönſte Vertraulichkeit über alle rein geiſtigen, himmliſchen Gegenſtände Statt⸗ ſinden, und doch zugleich der Abſtand in jeder andern Beziehung, den Rang ſelbſt nicht ausgeſchloſſen, beob⸗ achtet werden könne, ſetzte ſie ſich neben Herrn Meden⸗ berg auf den Sopha. Sie war die wärmſte Seelen⸗ freundin in einem Körper von Eis; obſchon einem ſehr ſchönen Eis. Gerade dadurch wurde Medenberg ſo unbefangen; er fühlte ſich frei, heiter und fähig über Alles mit ihr zu ſprechen, da es ſich durchaus von kei⸗ ner Gefahr hier handeln konnte, nicht einmal in der weiteſten Entfernung. Er fühlte, daß es in dieſem Augenblicke keine myſtiſche Region, die dunkelſte, wun⸗ derbarſte und leiſeſte nicht ausgenommen, gab, über die er nicht, einem ſolchen Weſen gegenüber, ſeine ge⸗ heimſten Gedanken auszuſprechen vermöchte. Man kann Weib ſein, ohne eben ein Weib zu ſein. Der Mann ebenſo. Man iſt dann theoſophiſch. Das Einzige, was man in dieſem Falle nicht vollkommen beſitzt, iſt die Anmuth. Die hat aber auch nichts damit zu ſchaf⸗ fen, die gehört zu etwas ganz Anderem.— Medenberg hatte während dieſer ſeiner Betrach⸗ tung erwartet, daß ſie mit ihm zu ſprechen anfangen ſollte. Aber ſie that es nicht. Sie ſaß nur da und ſah ihm offen und klar ins Geſicht, wie wenn ſie ihn in Gedanken prüfte; und das Sonderbarſte war, daß ſie ſich nicht damit begnügte, ihm in die Augen zu ſehen, ſondern über die Augen hinaufſchaute.„Herr Medenberg hat viel Ortsſinn,“ ſagte ſie jetzt ungenirt. „Dieſe Erhöhungen hier an den Augenbrauen ſchließen dieſen Sinn für Oertlichkeit ein— ja. Große Breite an Drei Frauen in Smaland. 1. 18 274 den Schläfen: Herr Medenberg hat Sinn für Muſik. Höher hinauf, recht, ich dachte es mir, viel Reflexion. Das Organ der Phantafie iſt weniger ausgebildet, aber wirklich eine bedeutende Reflexion.“ Es ging ein ſeltſames Gefühl über Medenberg. „Ich war von Kindheit an ſehr zum Reflectiren ge⸗ neigt,“ erwiederte er ſehr erſtaunt,„aber—“ „Das iſt klar,“ unterbrach ihn Frau Ebba mit einem ſanften phrenologiſchen Lächeln. Der Reflexions⸗ ſinn hat ſeinen Sitz hier mitten auf dem höhern Theil der Stirne. Herr Medenberg hat dieſe Parthie ſehr breit, erhaben, gut und harmoniſch ausgebildet. Er⸗ lauben Sie— aber werden Sie nicht böſe— wenden Sie mir das Ohr zu. Richtig! ich konnte es vermu⸗ then: viel Muth, ja einen großen Muth, wenn es nothwendig iſt; aber— ah, vortrefflich! keinen Ueber⸗ muth. Man nannte dieß ehedem das Mordorgan; Gall hatte Unrecht; ebenſo nannte man den Erwerbs⸗ finn das Diebsorgan. Gerade dieſe gegenſeitig ſich ſelbſt entgegenwirkende Bildung iſt es, welche die glück⸗ lichſte Eigenſchaft für den Menſchen erzeugt, wenn er vollkommene Unerſchrockenheit(dieſes Organ iſt hier in reichem Maaße, obſchon unter den Haaren verſteckt) und zugleich keinen Uebermuth beſitzt— erlauben Sie mir zu fühlen, nein Sie haben kaum ein ganz klein wenig Uebermuth. Hier oben gegen den Scheitel der Stirn hin— welche Gottesfurcht! Aber hier auf dem Wirbel— fühlen Sie! eine kleine Senkung— völli⸗ ger Mangel an Eigenliebe!“ Nach dieſen Entdeckungen ſtrahlten Frau Ebba's Augen von der innigſten Freundlichkeit: ſie ſah einen Kopf mit den koſtbarſten Merkmalen vor ſich. Sie faßte ſanft und anmuthig Alexanders Hand, als wünſchte ſie dieſelbe mit einer engelähnlichen Freund⸗ ſchaft zu drücken. Er wagte nun ſeinerſeits die Hand der Frau Hofmarſchallin zu ergreifen, führte ſie an ſeine Lippen und küßte ſie warm und ehrerbietig. ——— — — v—— —— S— — N N v— 275 Er erröthete jedoch dabei wie ein Kind, das man ſeine Lektion überhört hat. Wir haben ſchon früher die Bemerkung gemacht, daß Herr Medenberg, obſchon er gegen die Dreißig ging, eine große Schüchternheit und Zurückhaltung im Umgang mit Damen beſaß. Er begriff hier ſehr wohl, daß die Güte gegen ſeinen Kopf nicht Güte gegen ſeine Perſon bedeutete. Ob⸗ ſchon Akademiker und Gelehrter, war er doch nie dazu gekommen, die Phrenologie zu ſtudiren. Das Gehirn beſitzt keinen Katheder unter den vier Fakultäten. Er fühlte ſich daher im Anfang etwas wunderlich in ſeiner Lage. Aber bald, gewiß in Folge ſeines bemerkten Reflexionsorgans, bekümmerte er ſich nicht weiter darum; er warf den ſpukartigen Gedanken von ſich, daß er mit einem Schädel auf ſeinem Halſe im Sopha ſitze; und um ſich zu zerſtreuen, begann er die Hofmar⸗ ſchallin ſelbſt— an der Stirne zu betrachten. Sie merkte es und ſagte flüchtig erröthend:„Laſ⸗ ſen Sie uns dieſe Poſſen bei Seite legen! Wir ſitzen jetzt nicht der Phrenologie halber beiſammen: es war ein ganz anderer und wichtigerer Gegenſtand, über den ich mit einem Manne wie Herrn Medenberg zu ſprechen wünſchte. Ich habe lange mit den größten Phrenologen Briefe gewechſelt. Indeſſen muß ich ſa⸗ gen: daß ich Schwartz ſehr hoch in Schweden ſtelle, und es fällt mir nicht ein, die Wirklichkeit einer ſo werthen Wiſſenſchaft zu läugnen. Gott war in ſeiner Schöpfung ſehr gut gegen uns Menſchen, und ich danke ihm innig, daß er mir(ſie ſtrich dabei mit der Hand über die vordere Stirnſeite am Scheitel) ſo viel Ehrfurcht vor Gott und Menſchen gegeben hat. Meine guten Eltern haben allerdings durch die Erziehung viel zur Ausbildung derſelben beigetragen— der Hü⸗ gel hier iſt nicht unbedeutend— aber was hätten ſie wohl ausgerichtet, wenn Gott nicht ſelbſt das Organ — die Anlage dazu in die Seele des Kindes geſenkt hätte? Laßt uns deshalb ewig dankbar ſein! Laßt uns 276 nicht grauſam, nicht hart gegen die Menſchen, gegen unſeres Gleichen ſein, wenn ſie auf eine von dem Un⸗ ſern verſchiedene Art ausgeſtattet ſind, Herr Me⸗ denberg!“ Alexanders Gedanken fielen auf Rickolſon. Aber es war ihm noch nicht möglich, das Bild deſſelben als ganz liebenswürdig vor ſich zu bringen: er erwähnte deshalb ſeiner nicht, ſondern ſagte dafür:„Was denkt die Frau Hofmarſchallin von Ellin?“ „Ein ſchönes, und vor Allem ein vortreffliches Mädchen: beſſer, weit beſſer als man es von ihrem Stande erwarten ſollte. Aber mit ihrem Stande hat es auch keine Gefahr. Ich werde bald zu dieſer Er⸗ zählung kommen, denn ſie geht mich und meine Hoff⸗ nungen ſehr nahe an. Ihr Großvater war ein aus⸗ gezeichneter Muſiker, und— er war noch weit mehr als das! Er war ein Gottesmann, ein Diener der ächten Wahrheit.“ 3 Die Hofmarſchallin ſchwieg, wie von einer großen, himmliſch-ſüßen Erinnerung ergriffen. Ihr Mienen⸗ ſpiel veränderte ſich, und Medenberg bemerkte mit Ver⸗ gnügen, wie die wiſſenſchaftliche Neigung, das Phre⸗ nologiſche, ſich jetzt immer mehr zurückzog und beinahe verſchwand. Nachdem ſie ſich durch ein Paar Augen⸗ bewegungen gleichſam von ihren innern Phantaſien losgemacht hatte, wandte ſie ſich plötzlich an ihren Gaſt und fragte:„Sagen Sie mir aufrichtig, Herr Medenberg, was denken Sie von mir?“ „Meine gnädige Frau Hofmarſchallin—“ „Ich verſtehe: das iſt nicht ſo leicht zu beant⸗ worten. Herr Medenberg, ich will es ihnen mit eini⸗ gen Worten ſelbſt ſagen: Hier iſt eine Rolle, die wir nachher öffnen werden: ſie enthält einen Theil meiner theuerſten Gedanken in dieſer Welt. Aber ſehen Sie hier: dieſes Buch iſt das lebendige Wort. Und dieſe Bibel iſt mir doppelt ſchätzbar wegen des Blattes hier „—— —————r——-——— —— ————— 277 vornen, auf welchem Notizen von einer Hand ſtehen, die—“ Sie zeigte es Herrn Medenberg. Er betrachtete eine unbekannte Handſchrift, die auf eine ältliche Hand ſchließen ließ. Sie erlaubte ihm jedoch noch nicht, den Inhalt zu leſen, ſondern ſagte: „Ich habe eine Zeitlang zu den Bibelgeſellſchaften gehört, und war in einer lebhaften Korreſpondenz mit all denjenigen Perſonen in Schweden begriffen, die an der Ausbreitung des Lichts des Evangeliums arbeiten. Mein Mann war ſo gut, und hatte nichts dagegen; ich verſäumte deshalb nicht meine Haushaltung. Be⸗ ſonders hoch ſchätzte ich die Männer, denen der Geiſt die Kraft gegeben hatte, im Lande aufzuſtehen als große Prediger. Ich wechſelte Briefe mit Sellegren in Hälleberga— welch' ein Mann! Kennt Herr Me⸗ denberg ihn?“ „Sein Name lebt über dem ganzen ſüdlichen Schweden in ehrenvoller Erinnerung; aber geſehen habe ich ihn nie.“ „Mit Wieſelgren wechſelte ich noch öfter Briefe. Wenn man Wieſelgren ſprechen hört, meint man vor einem herabfahrenden Blitze zu ſtehen. Er war der Heſekiel unſrer Zeit.“ Alexander wollte von Peter Nyman anfangen; doch war Etwas vorhanden, was ihn davon zu⸗ rückhielt. „Nach All dieſem,“ fuhr die Hofmarſchallin fort, „frage ich noch einmal, was denkt Herr Medenberg von mir? Gehöre ich etwa nicht zu der ſmaländiſchen Leſe⸗ rei? Bin ich nicht einer der Mittelpunkte, von denen im Geheimen die ſonderbaren, gefährlichen und höchſt merkwürdigen Volksbewegungen ausgehen, von denen man gegenwärtig in ganz Schweden unter dem Na⸗ men der Predigſucht ſpricht!“ Herr Alexander ſchwieg. „Ehe ich wegen meiner eigenen Frage Rechen⸗ — 278 ſchaft ablege, ſehen Sie hier, Herr Medenberg. Die⸗ ſes andere Buch, kennen Sie es, mein Herr? oder etwas Aehnliches?“ Alerander glaubte einen neuen und ihm bisher unbe⸗ kannten Kommentar der heil. Schrift zu ſehen. Aber es war nicht ſo. Beim Aufſchlagen ſah er franzöſi⸗ ſche Schrift. „Kennt Herr Medenberg Madame Gatti de Ga⸗ mond? Nein, ich glaube es wohl: dieſe neue Schrift⸗ ſtellerin und Alles was in dieſer Richtung geſchrieben wird, iſt in Schweden noch ſo gut wie ganz unbe⸗ kannt. Sie iſt Fourieriſtin; doch hat ſie Karl Fou⸗ riers Spſtem in Vielem gemildert und verbeſſert. Dieſes Buch handelt von der Art und Weiſe, wie Un⸗ fittlichkeit und Armuth aus dem Menſchengeſchlecht auszurotten, ſo daß die Noth der Seele wie des Kör⸗ pers verſchwindet.“ „Darf ich ausſprechen, was ich denke? die Frau Hofmarſchallin iſt St. Simoniſtin?“ „Nein, Herr Medenberg. Ich lebe und ſterbe im Glauben an Chriſti Göttlichkeit und an die himmliſche Eingebung ſeiner Lehre. Ich gehöre weder zu den St. Simoniſten und Kommuniften, wie ſie ſich bisher in der Praxis gezeigt haben, noch zu Edmund Owens Partei, den Sozialiſten. Ich glaube, daß der größte Gedanke des Zeitalters, um die Noth der Seele und des Körpers aus dem Menſchengeſchlechte auszurot⸗ ten, im Phalanſtre verborgen liegt—“ „Phal— Phalan—“ „Ja, ihr gelehrten Herrn, wißt vermuthlich noch nichts davon. Ich ſage auch aufrichtig, daß ich, was den Namen betrifft, alles nach Sonderbarkeit Schmek⸗ kende nicht ſehr mag. Aber der Idee nach iſt das Phalanſtore ganz daſſelbe, was die erſten Chriſten un⸗ ter einander beobachteten. Es iſt in Kürze eine Ver⸗ bindung, eine Geſellſchaft, ein Inſtitut, worin Alle, die darein eingetreten ſind, Arme und Reiche, Junge ⸗ 279 und Alte, ihr Vermögen gemeinſchaftlich machen, und dann in voller Einigkeit arbeiten, leben und Nutzen ſchaffen, Jedes nach den beſondern Gaben, die Gott ihm gegeben hat, und damit zu aller Gedeihen. Die Erde ſelbſt trägt bei dieſer Einrichtung die größtmög⸗ liche Menge von Frucht und nährt unzählig mehr Leute als gegenwärtig.“ „Alſo der Realiſirung eines Phalanſtéère opfert die Frau Hofmarſchallin die Thätigkeit ihres Lebens?“ „Nein, das doch nicht, Herr Medenberg. Fouriers Plan oder das Phalanſtère, hat nicht das gegen ſich, daß er nicht vortrefflich iſt und ohne Zweifel gelingen würde, wenn er nur wirklich begründet und in Gang gebracht wäre. Aber der Anfang iſt es, der die Schwierigkeit darbietet; der erſte Schritt, um die Leute dazu zu bringen. Dazu erfordert es eine Moralität bei den Menſchen, die ſich noch nicht vorfindet: ein Entſagen aller falſchen Geſinnungen, Gewohnheiten⸗ Mißbräuche und alles deſſen, was die Seele in un⸗ wahre geſſeln ſchlägt. Das Syſtem iſt alſo unaus⸗ führbar, wenn nicht eine Einleitung dazu, ein Ueber⸗ gangsinſtitut in der Civiliſation vorausgegangen iſt.“ „Ich kann das nicht recht einſehen. Betrifft dieſe Frage etwa die Ehe?“ „Nein; es iſt etwas ganz Anderes. Es handelt ſich nur darum, die geiſtige und leibliche Lebensöko⸗ nomie ſo einzurichten, daß Laſter und Verbrechen aus dem Umkreis der erſten, ſowie Mangel, Noth und al⸗ les Clend aus dem letztern verbannt werden.“ Medenberg fühlte ſich bei dieſen Gedanken aufs Höchſte begeiſtert.„Bei Gott!“ rief er,„in dieſer Richtung muß alle wahre Religion, alle Civiliſation erſtrebt werden. Welche Einleitung, welches Ueber⸗ gangsinſtitut hat die Fran Hofmarſchallin ausgedacht? Welchen Plan? Hier bin ich! meine ganze geringe Perſon— meine beſchränkte Wirkſamkeit— alles was ich vermag— biete ich Ihnen an!“ 280 Sie hörte dieſe enthuſiaſtiſchen Worte ſelbſt mit Entbu⸗ ſiasmus, doch zeugte ihr ganzes Weſen von Ruhe, Stille, Entſagung.„Als ich zuerſt auf das Feld dieſer Ideen kam,“ fuhr ſie fort,„glaubte auch ich, daß die Verwirk⸗ lichung der Wahrheit das Allerleichteſte in der Welt ſey, und daß es zur Ausführung nur einer Art geiſtigen Bun⸗ des bedürfe, einer Geſellſchaft. Es gab eine Zeit, wo ich mit Vielen darüber korreſpondirte: auch mit Per⸗ ſonen in Frankreich, Deutſchland und beſonders in England wechſelte ich Briefe: meine beſten Freundin⸗ nen, die Frauen von Zeyton und von Mekeroth nah⸗ men mit mir an dem Entwurfe der ſüßeſten, intereſ⸗ ſanteſten Pläne zur Wohlfahrt der Menſchheit Theil. Später habe ich das Alles aufgegeben. Ich habe es zum Theil thun müſſen; denn unſere Männer— der Mann Herr Medenberg, lebt im Allgemeinen weit we⸗ niger im Reich der Ideen und der rein menſchlichen Wahrheit als das Weib—— ich will nicht ſagen, daß unſere drei Männer das Wohl der Menſchheit und den Fortſchritt des Zeitgeiſtes verachteten, aber—— ſie ſind auch älter, weit älter an Jahren als wir ar⸗ men drei Frauenzimmer, ſo hatten ſie denn ihre Höfe zu beſorgen, und liebten es nicht, ſich mit Geſinnun⸗ gen zu beſchäftigen. Aber außerdem hat bei mir auch ein innerer und bedeutenderer Grund dazu beigetra⸗ gen, daß mir die Luſt, eine Geſellſchaft zu ſtiften, ver⸗ ging. Ich halte nicht mehr viel auf geſchloſſene Ein⸗ heiten. Ich liebe Verbindungen nicht. Aber— darf ich es wagen, vor Herrn Medenberg das tiefſte Glau⸗ bensbekenntniß meiner Seele auszuſprechen?“ Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Grſchichte einer Organiſten-Familie. Eine Verbindung iſt etwas zu Großes für mich, aber etwas zu Kleines für die Menſch⸗ heit; es paßt alſo weder für die eine noch für die andere. „Habe ich unrecht,“ fuhr die Hofmarſchallin fort, „wenn ich ſage, daß die Menſchen unſerer Zeit im All⸗ gemeinen, Geiſtliche ſowobl als Andere, was die Re⸗ ligion betrifft, in zwei Klaſſen zerfallen? Entweder laſſen ſie Gott, das Himmelreich, die höhere Beſtim⸗ mung des Menſchen, das Heilige und Große, ganz da⸗ hingeſtellt ſein, ſie laſſen das Leben der Seele und die Anforderung des Geiſtes gehen, wie es eben will und kann; ſind aber im Uebrigen recht brav im gewöhn⸗ lichen Sinn; bisweilen heiter, bisweilen zornig, wie es eben irdiſche Urſachen mit ſich bringen; ſie find mit wenig Worten, Materialiſten und nichts weiter. Oder erfaſſen ſie Gottes und der Bibel Sache mit vollem und glühendem Ernſte. Was wird dann aus ihnen? Ich habe die Meiſten von ihnen entweder nach einiger Zeit in die erſte Klaſſe zurückfallen ſehen, oder gehen ſie auf einer Bahn fort, die mit der Predigtſucht, in milderer oder gefährlicherer Form, aber immer in einem gewiſſen Grade toll endigt.“ Medenberg erſchrak vor dieſer Alternative. „Ich geſtehe,“ fuhr Frau Ebba fort,„daß ich lange zu der letztern der beiden Richtungen gehört habe. Mit der erſtern konnte ich mich nie vergleichen. Aber auch die letztere, der ich früher huldigte, hat ſich mir in einem unvortheilhaften, beinahe verhaßten Lichte dargeſtellt. Sei es nun, daß ſie unter der beſſeren Form als gewöhnliche Leſerei, oder unter der wilden und wahnſinnigen als Chorea, Krampf, oder Predigtſucht hervortrete; ich geſtehe, daß ich damit 282 nicht einverſtanden bin, ich finde ſie weder in Chriſti Worten, noch in ſeinem reinen, erhabenen Wandel be⸗ gründet. Aber ſagen Sie mir nun, wohin ſoll ſich wohl ein Menſch wenden, wenn er nicht Materialiſt und auch nicht auf die übliche Weiſe Pietiſt ſein will? Ich gehöre zu einer kleinen und ſehr beſchränkten Sekte, zu der der Menſchheit. Ich fühle mich ſehr einſam; aber ich kann nicht anders, und ich habe nichts dagegen.“ „Wir ſind wenigſtens zu zwei!“ rief Medenberg mit funkelnden Augen.„Denn ich— ich gehöre auch 1 zu dieſer Sekte.“ „Wenn ich ein Mann wäre,“ fuhr Frau Ebba fort,„ſo würde ich ohne Zweifel in einen fremden Welttheil, nach Auſtralien reiſen, wo ein ewiger Früh⸗ lingshimmel über dem ſchönen Adelaiden⸗Lande thront, oder nach Guyana. Aber ich bin Weib, ich muß blei⸗ ben, wo ich bin, ich bleibe hier; und ich gedenke mei⸗ nen kleinen, unbedeutenden Umgangskreis, die Menſch⸗ heit, auch ferner zu frequentiren.“ „Aber warum hat die Frau Hofmarſchallin den Gedanken an die Stiftung einer Geſellſchaft oder ei⸗ ner Verbindung zum Wohle der Menſchen aufgege⸗ ben? Daran hätte ich gerne mitgearbeitet! ich hätte Tag und Nacht dieſem Geſchäfte geweiht.“ Eine Geſellſchaft? eine Verbindung? Ich hoffte lange von der Wirkſamkeit einer ſolchen Unternehmung; aber ich thue es nicht mehr. Eine Verbindung iſt et⸗ was zu Großes für mich, aber etwas zu Kleines für 1 die Menſchheit; alſo paßt es für keine von beiden.„ Es gibt etwas Drittes. Ich ſage nicht, daß dieß auch für Andere gilt, die ein höheres Vermögen haben kön⸗ nen, als ich: aber für mich paßt es. Ich komme da⸗ durch in meinem ſpätern Alter auf das zurück, was 1 mir in meiner Kindheit am ſchönſten vor den Augen ſit ſtand.“ „Wie ſoll ich das verſtehen?“ 283 „Darf ich Herrn Medenberg die Geſchichte eines Organiſten erzählen? In einer Gemeinde des Oeſt⸗ bobezirkes, nicht weit von hier, lebte ein Mal ein Mann. Er iſt jetzt todt; aber ich ſah den wunderba⸗ ren Greis in meiner erſten Jugend. Ich will von ihm unter dem Namen Nikolaus ſprechen, wie er auch eigentlich hieß, obwohl er ſpäter einen Zunamen be⸗ kam, unter dem er bekannter wurde. Sehr bekannt wurde er nie in der Welt. Nur die, welche ein See⸗ lenohr hatten, und ihn ſeine elende Orgel ſpielen hörten, ſo erbärmlich ſie auch in der kleinen ſmalän⸗ diſchen Landkirche war, konnten ihn nachher nie mehr vergeſſen. Herr Nikolaus war zuerſt ein Bauernſohn; aber da er Gymnaſiſt, Student, eine Zeit lang Un⸗ teroffizier und endlich Organiſt war, nannte man ihn Herr. Es war ein Mann, der viel wußte, aber nichts werden konnte.“ „Er war Student? wurde er nie Magiſter?“ „Nein. Er wurde Nichts und konnte nichts wer⸗ den. Er verſtand beinahe Alles, und taugte doch zu nichts, wie man es in der Welt haben will. Er hatte das größte Unglück auf Erden zu tragen.“ „Welches, o Gott?“ „Er wollte, daß Alles recht ſein und recht gehen ſollte. Er fand das Rechte in keiner Wiſſenſchaft: daher gab er das Studium derſelben auf. In ſeinen Dienſten und Beſchäftigungen wollte er nichts anderes tbun, als was recht war: ſo zerwarf er ſich mit allen Menſchen und mußte jeden Dienſt verlaſſen. Glück⸗ licherweiſe konnte er Pſalmen ſpielen. Man verzieh ihm, daß er ſeinen Choral ſchlecht und recht nach den Noten ſpielte. So weit ging man; und ſo erhielt er endlich einen kleinen Organiſtendienſt. Damit lebte er glücklich und zufrieden bis an ſeinen Tod.“ „Und ſeine Seele überall verjagt um des Rech⸗ tes willen, löſte ſich in Mufik auf? Ein himmliſches Schickſal!“ 284 „Er war Organiſt in der Gemeinde, wo ich ge⸗ boren wurde und als Kind bei meinen Eltern lebte. Es war meine höchſte Luſt, den merkwürdigen Greis zu hören und zu ſehen. Eine hohe, ſtolze Geſtalt; groß, wie die Kronoberger Raſſe gewöhnlich iſt. Und doch ſo ſanft, wenn man näher mit ihm bekannt wurde. An Werktagen ging er meiſtens mit Kindern und Blumen um; mit den erſtern in den Stunden, wo es der Dienſt in der Gemeindeſchule erforderte, denn der Meßner im Kirchſpiele taugte nicht zum Schulmeiſter; der Organiſt, Herr Nikolaus, hatte es daher über ſich genommen, dieſes ſein Amt aus Ver⸗ gnügen zu verſehen; mit den letztern, den Blumen aber, vergnügte er ſich draußen in Wald und Haide. Im Winter ſaß er zu Hauſe. Wenn aber Jemand ihn und ſeine Familie in der kleinen Hütte beſuchte, welche die Wohnung des Organiſten bildete, ſo konnte man darauf rechnen, die ſchönſten Sagen erzählen zu hören. Er erzählte nicht nur Geſchichten von Men⸗ ſchen und weltlichen Begebenheiten, ſondern auch von Gott: jenes myſtiſche Leben, wo der Geiſt leben und das Recht herrſchen darf. Da war die Welt, die er ſchilderte, ſo farbenreich wie Eden; man erſtaunte, man konnte nur horchen: der Klang der ſchönſten Sprache drang von ſeinen Lippen in die Tieſe der Seele ſeiner Zuhörer. Auf mich und Viele hat dieſer Mann Einfluß gehabt, obſchon er keine Geſellſchaft, keine Sekte, keine Verſammlung, keine Verbindung, keine geſchloſſene Einheit gründete. Er hat Einfluß auf mich gehabt, wie die Sonne und der Himmel auf den Tag, wie der Mond und die Sterne auf die Nacht, welche auch nichts ſtiften, aber ihre Wirkſam⸗ keit myſtiſch und doch klar über die Erde ausſtreuen, wie Gott in die Seelenwelt eines gläubigen Menſchen niederftrahlt. Herr Nikolaus wurde von allen ältern und klügeren Leuten im Kirchſpiele für einen Phan⸗ taſten angeſehen. Doch ließ man ihn unangetaſtet 285 ſeine Choräle an den Feſttagen ſpielen, und als er ſtarb, hatte man nichts dagegen, daß er ſeinen Platz auf dem Kirchhofe zunächſt hinter dem des Glöckners erhielt, der zu der Zeit gelebt und gewirkt hatte, als die Gemeinde noch keine Orgel beſaß. Als ich ſelbſt älter wurde, wich das Gedächtniß des armen Greiſes weit von mir ab; ein Kind von Stand kann auf dem Lande mancherlei Arten von Bekanntſchaften haben, aber das erwachſene Frauenzimmer lebt mehr und mehr in dem Kreiſe ihrer Eltern und nimmt endlich an hohem Umgange Antheil. Erſt jetzt, da mein Mann todt iſt, und ich ſo virle große Entwürfe, ſo manche ſtolze Gedanken in Nichts zerfallen geſehen, erwacht meine Erinnerung und mein Herz wieder zu dem Entzücken, wovon ich als kleines Mädchen glühte.“ „Dieſer wunderbare Herr Nikolaus hatte wohl auch Kinder?“ „Gerade auf ſie will ich jetzt kommen. Der arme Organiſt mußte verheirathet geweſen ſein. Er hatte keinen Sohn, aber zwei Töchter. Sie waren beide viel älter als ich; aber da ich als klein ein ſo liebes Vergnügen darin fand, ihre kleine Hütte an der Kirchhofmauer zu beſuchen, ſo blieb ich auch in meinem ſpäteren Leben der Organiſtenfamilie nie ganz fremd, obſchon meine Stellung im Leben ein minder häufiges Zuſammenkommen natürlich machte; außerdem daß das Alter und manche andere Um⸗ ſtände uns nachher in großer Entfernung von einan⸗ der erhielten.“ „Ich kann es mir denken.“ „Die zwei armen Töchter des Organiſten wur⸗ den nicht glücklich, Herr Medenberg. Schwärmeriſch, wie ihr Vater, waren ſie auch zugleich ausgezeichnet ſchön, und waren— Weiber. Wohin ſollten fie ihre Zuflucht nehmen? Was ſollte aus ihnen wer⸗ den? Sie gehörten weder zum Bauernſtande, noch zu den Herrſchaften; aber ſie wurden die Opfer beider Klaſſen, ſowohl der untern als der obern. Die älteſte, Ellin, heirathete einen Bauernknecht, der nach wenigen Jahren einer angeſtrengten Le⸗ bensweiſe in Geſellſchaft ſeiner Gattin, als Käth⸗ ner eines kleinen Gutes, den Steuern unterlag und ſtarb. Die Wittwe Ellin zog nachher mit ihrer klei⸗ nen Tochter Ellin von einem Häuschen zu dem an⸗ dern, und kam endlich nach Dädemohult. Sie gilt für eine Hexe, weil ſie ſich oft ſehr unfreundlich zeigt, und man glaubt, ſie könne wahrſagen. Eigentlich fällt ihr nichts Anderes zur Laſt, als daß ſie die Tochter des Onganiſten Nikolaus iſt: ſie athmet ſeine Seele aus, und die Züge des myſtiſchen Greiſes ſind in ihrem eigenen Angeſichte merkwürdig verzeichnet. Unter ſolchen Umſtänden, Herr Medenberg, iſt man etwas Wunderbares, man weiß mehr, als die Welt weiß, man iſt eine Hexe. Ein ſolches Weib iſt die Mutter der jungen Ellin. In dieſem Mädchen er⸗ kenne ich den Großvater am meiſten wieder; und ich darf ſagen— doch das gehört nicht hieher.“ „Ich bitte! ich flehe! unterbrechen Sie ſich nicht. Dieſes Mädchen intereſſirt mich außerordentlich, und ich wünſchte über Vieles an ihr eine Aufklärung.“ Die Hofmarſchallin fuhr fort:„Ellin war im⸗ mer willkommen in meinem Hauſe, obſchon ich ihr nur ſparſam meine Wohlthaten erzeigen und ſie Evers⸗ hult nicht zu oft beſuchen laſſen konnte. Denn mein Mann hatte einen großen Widerwillen gegen alle Leute dieſer Art. Er behauptete, obwohl ohne ſichern Grund, der alte Orgelſpieler Rikolaus ſei urſprünglich ein Finne, und kein eigentlicher Smaländer von Geburt geweſen. Was ging das uns an? Was machte das überhaupt? Wenn er auch von irgend einem Volke aus den Finnenwäldern, aus jener wilden, großen Haide herſtammte, ſollten deßhalb ſeine Kinder dafür büßen? Aber mein Mann hatte, glaube ich, auch noch andere Gründe. In der Zeit nämlich, wo ich ———.—— 287 in Verbindung mit Celeſtine und Aurora für den Gedanken ſchwärmte, etwas Beſonderes zum Heile der Menſchen hier auf der Welt zu thun, in welcher Periode ich mich auch ſelbſt ſehr zur Leſerei hinneigte, waren meine Augen gerade auf dieſe Ellin gefallen, und ich betrachtete ſie als ein gutes Werkzeug in Gottes Hand, um unter die Leute hinausgeſandt zu werden. Das ſah mein Mann, konnte ſich nicht da⸗ mit vertragen, hielt Ellin ſo viel er konnte von mir fern, und ſprengte bald dieſen ganzen„Dreifrauen⸗ Verein,“ wie er uns ſcherzweiſe nannte. Ich fand bald, daß er in Beziehung auf Ellin Recht hatte. Da ich durch Begebenheiten an andern Orten auf die Extreme der Leſerei aufmerkſam, und ganz Angſt und bange wegen der Predigtſucht wurde, ſo war es mir auch ſehr daran gelegen, Ellin, meiner Schü⸗ lerin, eine andere, höher geſtimmte und beſſere reli⸗ giöſe Richtung zu geben.“ „Jetzt,“ rief Medenberg,„verſtehe ich die Worte, welche dieſes Mädchen während unſeres Waldſpazier⸗ gangs an mich richtete. Sie war keine Freundin der Leſerei, durchaus nicht, und doch ſo begeiſtert, ſo erhaben geſtimmt für das Himmliſche! und für das Wohl der Menſchen. Ich konnte mir das Räthſel dieſes Widerſpruches damals nicht erklären.“ „Ich glaube, mein Herr, daß dieſe Wendung mein Werk iſt. Gott helfe indeſſen dem armen Mäd⸗ chen! Es iſt nicht gut in ihrem Stande, und kaum in irgend einem, wenn man eine ſolche Feuerſeele hat, wie ſie von ihrem Großvater und ihrer Mut⸗ ter erbte.“ „Gott bat ſeine Arme auch für ſie offen; und es iſt auch die Pflicht der Frau Hofmarſchallin, ſie nicht zu ſehr aus den Augen zu laſſen.“ „Nun, nun, ſeit ich meinc eigene Herrin gewor⸗ den bin, kann ich das ohne Schwierigkeit thun. Ich werde Ellin und ihre Mutter näher in meinen Kreis 288 ziehen. So viel von mir abhängt, ſoll es ihr nicht an Schutz fehlen.“ 7 „Ich danke Ihnen im Namen eines Unbekannten.“ „Wo iſt Ellin gegenwärzig?“ „Ich vermochte ſie, ſich unverzüglich heim nach Dädemohult zu begeben, und Nickolſon zu verlaſſen, den ſie durchaus pflegen und„erlöſen“ wollte, wie ſie ſich ausdrückte. Erſt als ich ihr auf das Feier⸗ lichſte angelobt hatte, Alles für ſeine Rettung und Flüchtung in ein anderes Land zu thun, gab ſie ſich zufrieden und ging mit Göran Edeling und der üb⸗ rigen Schaar der Heimath zu, während ich einen beſondern Weg einſchlug, um vor meiner Ankunft in Aronfors erſt noch die Frau Hofmarſchallin zu tref⸗ fen. Ich hoffe alſo jetzt mit Sicherheit, daß das ſchwärmeriſche Mädchen ſich bei ihrer Mutter oder wenigſtens in ihrem Kirchſpiele befindet. Nickolſon liegt, wie ich früher erwähnt habe, in einem Walde weit von hier verborgen. Er erwartet mich dort, und wird einſtweilen von dem Alten und der Alten am Halkrok gepflegt.“ „Unglücklicher Nickolſon!“ ſprach Frau Ebba, und eine Thräne glänzte in ihren Wimpern. „Frau Hofmarſchallin! einen Theil der Geſchichte von der Organiſtenfamilie habe ich mir noch auszu⸗ bitten. Des wunderbaren Choralſpielers zweite und jüngere Tochter?“ „Ja, an der find wir jetzt. Herr Medenberg, fie hieß Joachima: ein ungewöhnlicher Name, den aber ihr Vater ſehr liebte. Sie war die jüngere Schwe⸗ ſter der Dädemo⸗Hexe.“ „Ich kenne etwas von den Schickſalen der un⸗ glücklichen Joachima. Sie iſt es, die Graf Zeptons Opfer wurde?“ Die Hofmarſchallin ſah zu Boden.„Ich weiß nicht, ob ich ein ſo hartes Wort ausſprechen ſoll,“ ſagte ſie mit einem tiefen Seufzer. 289 Medenberg ſchaute ſie verwundert an. Frau Ebba fuhr fort:„Um der Wahrheit und Gerechtigkeit die Ehre zu geben— der alte Nikv⸗ laus ſteht in dieſem Moment vor meinen Blicken, und ich kann aus keinerlei Rückſicht das verſchweigen, was ich denke— ſie ward nicht Zeytons Opfer, Herr Me⸗ denberg. Freilich beging er hier einen Fehler, einen Frevel; und ſie, die Fochter ihres Vaters, fiel, wenn man es ſo nennen will, durch die warme Neigung ihrer glübenden Seele. Zepton, mit all ſeinen Ab⸗ ſcheulichkeiten in ſpäterer Zeit, wird doch von Jever⸗ mann als ein bildſchöner Mann in ſeiner Jugend geſchildert: als ein Mann von gewaltigem Ausdruck. Er verliebte ſich in die Organiſtentochter; Joachima verſchwand einſt, man wußte im Kirchſpiele nicht wo⸗ hin, ich aber weiß mit Beſtimmtheii, daß ſie auf Karmansbal bei Zeyton verborgen wohnte. Sie ſtarb dort, und liegt— wahrſcheinlich— auch dort begra⸗ ben. Sie war zu ihrer Zeit die größte Schönheit der Gegend, das habe ich als ſicher gehört. Ihr Verſchwinden und Ende iſt ein Geheimniß, das nur Wenige kennen. Aus dieſem jungen Weibe, aus der Armen wurde, was in der Welt ſo oft daraus zu werden pflegt. Für Joachima war es um ſo ſchlim⸗ mer, als ſie gewiſſermaßen keiner Klaſſe angehörte, und daher nirgends eine Stütze hatte. Sie ſtand durch ihre Bildung und ihre Neigungen über den Bauern; was war es daher zu verwundern, daß ſie ſich mit heißer Liebe an den ritterlichen, jungen, ſtol⸗ zen„Engländer“(wie Zeyton dvamals genannt wurde) warf, welcher ſie ſelbſt mit einem Feuer umfaßte, das ihr eigenes nur zu ſehr erwiederte. Gleichwohl ſtand fie unter den Herrenleuten; und ſo geſchah es, daß die Organiflentochter nicht als Zeytons Gattin anerkannt wurde. Sie ſollte in Verborgenheit ver⸗ welken: ſie ſollte werden, was ſie wurde. Doch iſt es meine aufrichtige Ueberzeugung, daß Zeyton ſich Drei Frauen in Smsland. 1. 19 290 damals nicht geſchämt haben würde, ſich mit ihr zu vermählen, wenn nicht—“ „Großer Gott, wie dieſe ganze Erzählung ſo entſetzlich mit dem übereinſtimmt, was ich ſchon frü⸗ k 3 Bruchſtücken aus einem andern Munde gehört habe!“ „Von wem? Dieſe Dinge kennt Niemand, es ſind Familiengeheimniſſe.“ „Aber ich habe ſie doch gehört—“ „Von?“ „Von dem unglücklichen Sohne.“ „Ha— von Nickolſon?“ „Und jetzt— jetzt verſtehe ich, was die Frau Hofmanrſchallin meint. Darf ich es ausſprechen? Nicht Zchtons Opfer wurde Joachima. Ste wurde das Opfer eines Andern.“ „Ja. Abelcrona war es, der Zeyton zum Auf⸗ ſchub der Hochzeit vermochte, und er hintertrieb end⸗ lich die Vermäblung des Grafen mit der unglückli⸗ chen Joachima ganz. Mein Mann und Zeyton waren domols Freunde. Mein Mann hatte eine Schweſter⸗ tochter.“ .„Die arme Gräfin Celeſtina! und was hat ſie dadurch gewonnen?“ Die Hofmarſchllin ſchüttelte ſanft ihren ſchönen Kopf: eine Thräne fiel auf ihre Hand herab. Sie wandte ſich zur Seite und flüſterte: „Arme Joachima.“ Alexander ſetzte gerührt hinzu:„Und was gewann wohl Graf Zeyton damit? was hat wohl der Herr Hofmarſchall ſelbſt gewonnen?“ „O mein Herr, für dieſe That liegt jetzt Evers⸗ hult in Aſche, und mein Mann— ward ein Opfer der Flammen. Ich weß und ſehe Alles. Es war Nockolſons Hand! Großer Gott—— ich kann kei⸗ nen Stein auf den rächenden Sohn werfen. Nur Eines weiß ich: daß ich abrieth, mit Allem, was in meiner Macht ſtund, Abelcrona von dem Schritte ab⸗ — — 291 rieth, den er zu Celeſtinens Glück thun wollte. Aber ſo hat er nun gräßlich dafür büßen müſſen! Lebendig in den Flammen vergehen— grauſames Schickſal! Mein Gemahl, mein Gemahl, in welcher Region des Lebens werde ich dich einmal wieder ſehen?“ „Frau Hofmarſchallin! ein Troßeswort kann ich Ihnen ſagen, wenn es hier ein ſolches gibt. Der Hofmarſchall ſtarb nicht in den Flammen.“ „Wie ſo?“ „Ich weiß dieſes ganze Ereigniß aus Nickolſons eigenem Munde. Der Hofmarſchall fiel durch einen Schuß, ehe der Hof noch angezündet war. Nur ſeine Leiche verbrannte in dieſem ſchauerlichen Scheiter⸗ haufen.“ „Er ſfiel alſo durch eine Kugel— von Rickol⸗ ſons Hand?“ „Nein; auch das nicht. Es iſt meine Schuldig⸗ keit, Nickolſons halber zu erklären, daß er ungeachtet all ſeines Grimmes, ſeiner wilden Erbitterung gegen den Hofmarſchall, ſich doch ſehr mild, beinahe traurig und reuevoll über ſeinen Tod äußerte. Einer von den übrigen Schurken war es, der auf den Hofmar⸗ ſchall ſchoß, Rickolſons ganze und einzige Abſicht ging nur darauf, Meiſter jenes Geldes zu werden. Und dieß— gnädige Frau— vieß wollte er um ſeiner Mutter willen haben; verſteht Einer dieß Räthſel? Doch ich habe die Auflöſung aus ei⸗ nem ſchönen und glaubwürdigen Munde, aus dem der jungen Ellin. Er wollte das Geld als Mittel haben, um in ein anderes Land zu gelangen und dort einen neuen Lebenswandel zu beginnen, damit der Geiſt ſeiner Mutter Troſt und Frieden finde.“ „Der Geiſt ſeiner Mutter? Dieſen Gedanken hat Nickolſon von Ellin bekommen.“ „Ich glaub' es auch. Aber— auch er ſelbſt hat einen Funken von der Seele ſeiner Mutter und ihres Vaters. Ich bin davon überzeugt. Ich entſchuldige 292 ihn durchaus nicht; aber es iſt mir auch nicht gege⸗ ben, ihn zu verdammen. Ich habe ihn kürzlich in ei⸗ ner zerlumpten, ausgemergelten und ſchrecklichen Ge⸗ ſtalt geſehen. Doch bei Gott, auch in dieſer verlo⸗ renen Seele kann ſich ja noch ein Funken finden!“ „Er iſt Joachimas Sohn.“ „Erlauben Sie mir denn eine kitzliche Frage⸗ meine gnädigſte Frau Hofmarſchallin. Wenn es mir wirklich glücken ſollte, dieſen Jüngling aus Verder⸗ ben und Tod zu erretten, würde mir da die Frau Hofmarſchallin verſprechen, ſich nicht aus Rache oder Pflichtgefühl wegen Ihres Mannes dagegen zu ſetzen? Wenn ich ihn verborgen halten könnte, wollte ihn da die Frau Hofmarſchallin nicht hervorziehen, um ihn durch die ſtrenge Gerechtigkeit, wie ſie einmal iſt, dem ewigen Verderben Preis zu geben?“ „Und dieß fragt Herr Medenberg mich?“ „Ich danke Gottes heiligem Geiſte, der Gnade und Erbarmen in meine Seele gießt, welche in die⸗ ſem Falle das Recht haben könnte, wie man es heißt, ſeinen Nächſten bis zum Tode zu bringen. Ich bin ſelbſt arm und anderer Leute Diener; aber ich glaube doch, daß ich im Stande ſein werde, ein Mtttel zu enidecken, um den Unglücklichen aus dem Lande zu ſchaffen. Ich will etwas anführen, was ich jedoch noch nicht ganz gewiß weiß; aber gewiß iſt, daß bet mancher Wendung des Geſprächs, vas er und ich mit einander im Walde führten, ſeine Miene, ſeine Au⸗ gen, ſeine ganze Geſtalt— die jetzt ſo elend, zer⸗ lumpt und zerſtört ausſieht— doch von einem eige⸗ nen, ſeltſamen Zucken bewegt waren, das ich nicht den Schimmer eines höheren Lichtes nennen will, das aber doch von wunderbarer Art war, und gleichſam wie ein augenblicklich und ſchwach hervorglimmender Funken, wie ein Wunſch, ein neues Feuer in ſeinem ganzen Weſen zu entzünden, ausſah. Er ſprach nichts davon in Worten aus, und fühlte wohl ſelbſt nichts „—— 293 davon. Allein er ſah doch bei gewiſſen Gelegenheiten ſo aus. Gott laſſe mich nur die Mittel finden, um ihn aus Schweden zu bringen, damit er in England auf eine andere Art, gleichſam wie aus dem Grabe auferſtanden, wieder anfangen kann. Auch die Ueber⸗ fahrt koſtet Geld; aber es wird ſchon gehen! ich fürchte nichts! Gott iſt mir immer beigeſtanden, ich weiß keinen einzigen von meinen wirklich warmen Wünſchen, der fehl geſchlagen wäre.“ Frau von Abelcrona ſah empor.„Es iſt ſehr ungewiß,“ ſprach ſie,„wer von beiden mehr Schuld auß ſich hat, Nickolſon oder mein Mann. Herr Me⸗ denberg, nehmen Sie dieß!“ Sie ſchrieb einige Worte auf das verſiegelte Banknotenpaket. Anſtatt„Gelder, die Niemand ge⸗ hören,“ das ſie mit einem leichten Striche durchfuhr, ſtand jetzt da:„Zum Beiſtand des verlorenen Soh⸗ nes: ein Geſchenk von dem Todten mit der Bitte um Verzeihung für das, was er gegen die Mutter des Sohnes verbrach.“ Sechundzwanzigſtes Kapitel. Wohin eine Krankheit kühren kann. Im nächſten Zimmer fand er die kleine ulla, die vor einer Kaffeeſchaale ſtand, eintunkt⸗ und bitterlich dazu weinte. Alexander Medenberg blickte mit Bewunderung und Freudigkeit auf ſeine Wirthin.„Wenn Alles ſo gelingt, wie ich will und beinahe vermuthe,“ ſagte er,„ſo bedarf es dieſes Pakets nicht für Rickolſon.“ „Nehmen Sie es einſtweilen dennoch und ver⸗ wahren Sie es. Niemand kennt die Wege der Vor⸗ 294 ſehung,“ erwiederte die Hofmarſchallin.„Sehen Sie hier! Behalten Sie auch dieſe kleine Manusſeripten⸗ rolle. Leſen Sie ſie noch nicht ſo bald, es iſt nicht nöthig; nehmen Sie ſie nicht unter eilenden Geſchäften vor. Sie enthält einige Aufſätze. Sie ſind anſpruchs⸗ los, und können Herrn Medenberg vielleicht in einer freien Stunde unterhalten. Leſen Sie auch bei Ge⸗ legenheit dieſes Buch von Madame Gatti de Gamond. Ich denke jetzt nicht mehr an ein Phalanſtère: ich habe keine Pläne, will keine Geſellſchaft. Aber es iſt für einen Mann von Seele und Geiſt, wie Herr Medenberg, gewiß intereſſant, in einer ſchönen Stunde unter dem Schatten des Ahorns auf einer friedlichen Gartenbank zu ſitzen und zu leſen, was ein anderer Geiſt zur Hilfe im Leben und zur Rettung der Men⸗ ſchen bei den Stürmen der Welt ausgedacht hat. Grüßen Sie meine liebe Aurora und ihren Mann; möchte es mit ſeiner Krankheit beſſer werden. Sagen Sie Aurora, daß meine froheſten Tage diejenigen waren, wo ich in ihrem und Celeſtinens Umgang— — aber Gott wollte es zu Nichte machen, es ſollte nichts daraus werden!“ „Frau Hofmarſchallin! ich weiß jetzt Alles, was dieſer Gruß enthält, und ich werde ihn überbringen. Das Gelöste ſoll wieder geknüpft werden, wenn auch auf eine andere und neue Art.“ „Es verdient nicht ſo viel, es iſt nicht der Mühe werth,“ verſetzte ſie mit einem anſpruchsloſen Blick voll Demuth.„Alles, was jetzt meine Wünſche er⸗ ſtreben, iſt ein erneuerter ſchweſterlicher und inniger Umgang ohne irgend weitere Pläne. Ich glaube, daß dieß künftig gehen ſollte, da unſere Männer wohl nicht mehr dagegen ſein werden. Sehen Sie hier, Herr Medenberg! ich nahm dieſe Bibel aus meinem Kabinete, um Ihnen die Handſchrift des alten Choral⸗ ſpielers zu zeigen. Leſen Sie dieſe Worte:„Wo zwei oder drei verſammelt find in meinem Namen, 295 da bin ich mitten unter ihnen. Eine andere Verbin⸗ dung, eine weitere Verſammlung als eine ſolche be⸗ dürfen die Menſchen nicht. Und ich ſetze hinzu: jede andere Art iſt ſchädlich; denn ſie trennt in Parteien, anſtatt alle Gemüther mit großer und wahrer Innig⸗ keit zu vereinigen.“ Dieß war eine von den Bibel⸗ erklärungen des Organiſten. Ich verſtand ſie früher nicht; jetzt glaube ich ſie vollkommen zu begreifen. Der Gedanke iſt kühn, und kann leicht mißverſtanden werden. Ich wollte deßhalb vorher Herrn Medenberg nichts davon zeigen. Wenn Sie aber meine Bitie erfüllen wollen, ſo denken Ste nichts Schlimmes von den Worten des Todten, ſondern verwahren dieſelben einſtweilen, bis ſie einmal vielleicht auferſtehen dür⸗ fen. Wie glücklich fühle ich mich, daß ich alle meine eigenen Bücher und Papiere hier auf meinem kleinen Sommeraufenthalte, meinem lieben Blommenäs, hatte, daß ſie nicht mit Evershult in Flammen aufgingen. Es ſieht aus, als ob der Geiſt Nikolaus daran ge⸗ dacht und es ſo eingerichtet hätte; denn außer dieſer alten Bibel verwahre ich hier noch mehrere Andenken von ihm.“ Alexander las die Worte des Organiſten, und betrachtete das ganze Buch mit dem innigſten Vergnügen. Eine kleine Weile ſpäter reiste er von Blomme⸗ näs ab; denn er durfte ſich nicht zu lange aufhalten, ſo wohl er ſich auch befand, und ſo gerne er auch das kleine Fräulein Ebba noch länger auf ſeinen Knieen geſchaukelt hätte. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß die drei liebenswürdigen Mädchen hereinkommen, und zum Abſchied wenigſtens ein paar Augenblicke die Geſellſchaft des artigen Herrn genießen durften, der am Wetterſtrande ſo lieb und freundlich gegen ſie geweſen war. Die Hofmarſchallin begleitete ihren abreiſenden Freund noch bis auf die Treppe. Wenn man auch nur eine Stunde lang in Geſellſchaft mit Perſonen 296 von Herz und Geiſt iſt, ſo vergißt man den Rang und alle andern noch ſo mächtigen äußern Unterſchiede. Frau Ebbas tiefer Kummer war in dieſer Stunde ge⸗ wichen; der Schmerz hatte Gedanken Raum gegeben, welche Engel der Seele ſind; Gedanken von ewiger Loffüun auf Hilfe für die Menſchen und Frieden auf rde n. Herr Medenberg verbeugte ſich tief gerührt. Er wagte noch einmal die Hand der Frau Hofmarſchallin zu ergreifen, und küßte ſie zum Abſchied mit einer Begeiſterung, welche die wärmſte Ehrerbietung ver⸗ rietb. Er ſtieg in ſeinen kleinen Wagen und rollte davon. Aber die drei lieben Kinder ſtanden noch lange auf der Schwelle und nickten ihm mit ihren blonden Lockenköpfchen nach, bis er nicht mehr zu ſehen war. Frau Ebba trat wieder in ihr Zimmer zurück. Sie fühlte ſich in einer ſonderbaren, unerklärlichen Stim⸗ mung. Sie ſetzte ſich wieder auf ihren Sopha, nahm dießmal aber Bulwers Zanoni zur Hand. In ſeiner Geſellſchaft ließ ſie ihre Phantaſie in hundert unbe⸗ kannten Welten umherſchweifen, mit eben ſo vielen Geiſtern und Kobolden, Mejnaurern, Adon⸗Ais und andern unausſprechlichen Chaldäern. Selbſt Bulwers mannigfache Citationen aus Sprachen, der Griechiſchen, Italieniſchen, Chaldäiſchen und jene Sentenzen aus tauſend Schriftſtellern entzückten Frau Ebbas Seele. Nach einer Weile jedoch legte ſie den ganzen Zanoni wieder weg. Sie ſchüttelte ihren ſchönen Kopf ein wenig.„Es ſind doch nur Abgeſchmacktheiten!“ ſeufzie ſie. Dann nahm ſie ein Buch von ihrem früher ſo geliebten Schartau, und probirte.„Ich weiß doch nicht“— ſagte ſie nach einigen Minuten ſtille bei ſich ſelbſt, und ſeufzte wieder tief, tief.„Auch das nicht! Aber ich werde die Sache wohl einmal finden; Ahnung ſagt es mir. Dieſer Unbekannte wird—“ Unterdeſſen fuhr Medenberg friſch über Feld und — — zc——„— — — (e.5— Sc d 297 Wald. Jeppe Jonſſon ſaß oben und kutſchirte, ernſter und ſtiller als gewöhnlich. Seit er Herrn Göran aus der Geſellſchaft verloren hatte, war er nicht mehr bei Laune ſo frei zu plaudern. Herr Alexander liebte es auch, wie wir wiſſen, während des Fahrens ungeſtört in Betrachtungen da zu ſitzen. Man kann daher ſagen, daß er Jeppe eben nicht zum Sprechen aufmunterte. Dieſer hielt ſich dadurch ſchadlos, daß er ſeine„Herr⸗ ſchaftskutſchenpeitſchenſchlinge“ gebrauchte und zur Zeit und Unzeit klatſchte. Gleichwohl hatte er zu viel gutes Herz, um die Pferde ſelbſt zu peitſchen. Er bil⸗ dete nur freie Knaller in der klaren, echoreichen Wald⸗ luft: und hing ein Aſt allzunahe in die Landſtraße herein, ſo durfte man ſicher ſein, daß er ſeine Naſe⸗ weisheit entgelten mußte. Man näherte ſich Aronfors.„Jetzt bin ich doch begierig, ob mein lieber Matts ſeine Blattern über⸗ ſtanden hat,“ ſagte Medenberg bei ſich ſelbſt.„Es wird mich ſehr freuen, die kleine Ulla wieder zu ſehen. Ich muß mich wirklich mit Gewalt daran erinnern, daß ich Informator bin; denn meines Wiſſens habe ich meine Zöglinge noch nichts gelehrt, wenn ich mich auch, was die andern Dienſte für meinen Patron be⸗ trifft, durchaus nicht der Unthätigkeit beſchuldigen kann. Aber ſo geht es in der Welt. Wie oft iſt es nicht die Fügung des Schickſals, daß wir den Dienſt nicht thun, den wir thun ſollten?“ Man war jetzt auf die Aronforſiſchen Güter ſelbſt gekommen, und Jeppe ſtieg ab, um ein Gatterthor zu öffnen, während Medenberg die Zügel ergriff, um durchzufahren.„Ja, da kann man recht ſehen,“ ſagte Jeppe,„daß das Werk keinen Herrn, keinen Spektor hat; denn ſie bekümmern ſich nicht einmal um die Thore! Es iſt eine Höllenmühe, Herr Lexander, ſo eine Thüre zu öffnen, die nur in einem Hacken hängt und herumſchlenkert. Da ſchlottert ſie unaufhörlich hin und her; ich bin nicht im Stande aufzumachen.“ 298 „Du ßtellſt Dich dumm an, Jeppe.“ „Ja, das iſt wohl wahr. Aber, wiſſen Sie, Herr, 3 weiß ich gewiß, daß der Kapitain ſehr krank ſein muß.“ „Herr Kapitain von Mekeroth?“ „Ja wohl! gibt es denn einen andern Kapitain? Nein, ich glaube nicht. Aber der Herr Lexander muß wiſſen, daß der Kapitain, wenn er geſund wäre, keine ſolche jämmerliche Thore an ſeinem Hofe leiden würde. Er bekümmerte ſich nie um etwas Anderes auf dem ganzen Werk, im Wald, auf den Wieſen, Aeckern, Gärten und in den Fiſchteichen, und liecß den Inſpektor Nickel und die Vögte Alles und Jedes tbun. Aber die Gatterthore behielt der Kapitain ohne Aus⸗ nahme ſich ſelbſt vor; die beſorgte er ſelbſt. Und wie ich glaube, ſo verſtund er es auch. Und manche ſagen, daß er ſonſt gar nichts verſtehe: und das will ich für möglich halten.“ „Du biſt ein naſeweiſer Schlingel, Jeppe Jonſſon.“ „Verſteht ſich. Seien Sie jetzt nur ſo gut, und fahren Sie durch, Herr Lexander. So— o weh!— jetzt hat ſich das Hinterrad im Thore gefangen! Das iſt ein Teufelsthor, Herr, daß es ſo ſchief hängt. So, jetzt geht es, hoppſa, fahren Sie zu! Aber, Herr, ich ſprach mit den Weibsleuten in Blommenäs, als der Herr gerade drinnen bei der gnädigen Frau war.“ „Du thuſt es nie anders, Jeppe, wohin Du auch kommſt.“ „Ja aber, Herr, es iſt von Nutzen.“ „Das glaub' ich kaum.“ „Ja, aber wiſſen Sie, Herr, was die Weibsbilder ſagten? Sie ſagten, daß es ein gutes Jahr in Aron⸗ fors geben werde.“ „Ein gutes Jahr?“ „Herr Lexander nimmt es wohl übel, daß ich plaudere, nicht wahr?“ „Gewiß nicht; beſonders wenn Du von einem — ——— guten Jahr ſprichſt und gute Zeitungen haſt. Was erzählen denn die Blommenäſer Mädchen? Hatten Sie etwas von Aronfors gehört?“ „Das kann ſich der Herr denken. In der Küche, am Heerd und im Stalle weiß Eines immer dreimal mehr, als ſich die Herrſchaft auf ihren feinen Stüh⸗ len im Zimmer drinnen nur denken kann. Das mögen Sie mir glauben.“ „Nun wohl, was ſagten die Mädchen?“ „O ſie ſagten nur, daß es an Weihnachten übers Jahr mehr Tänze im Kirchſpiel geben werde, als in den vorigen Jahren.“ „So, warum denn?“ „Nun, weil der Kapitain nie etwas vom Tanzen wiſſen wollte. Er fürchtete, ſeine Mägde möchten ſich die Schuhe zerreißen.“ „Nun ja. Warum ſoll es denn aber dieß Jahr heiterer werden?“ „Sehen Sie, Herr Lexander, wenn unſer Herr Gott jetzt ſo gnädig iſt und den Kapitain zu ſich hin⸗ auf auf einen Tanz einladet, ſo kann es wohl ge⸗ ſchehen, daß wir dann ebenfalls unangefochten hier auf dem Werke einladen und tanzen dürfen, ſo viel wir wollen. Denn die Frau, wenn ſie allein zu be⸗ fehlen hat, iſt ein Engel Gottes, und verſagt es kei⸗ nem Menſchen, wenn er ein Bischen fidel ſein will.“ „Hat man denn in Blommenäs ſagen hören, daß Kapitain Mekeroth ſehr krank ſei?“ „Freilich, Herr. Sonſt würde ich wohl wiſſen, wie ich dem Jeppe Jonſſon das Maul zuhielte. Ich könnte eine geſtochen bekommen, wenn ich heimkehrte und von dem zerfallenen Skubbetorpsthore ſpräche. Aber jetzt wird der Kapitain wohl keine Luſt haben, an ein anderes zerriſſenes Ding zu denken, als an ſeine eigene Perſon.“ „Es würde ſich beſſer für die Unterthanen des Kapitains paſſen, wenn ſie ihn liebten und ihre Pflicht 300 kennten, als ſich über ſeine Krankheit zu freuen,“ unterbrach ihn Medenberg in ſcharfem Tone.„Es iſt ſehr ſchlecht von Dir gethan, Jonsſon, daß Du dich auf dieſe Art äußerſt: ſitze wieder auf, Du Lümmel, und fahr' zu.“ Jeppe gehorchte. Behend und hurtig, wie es ſich für einen jungen ſmaländer Knecht ziemt, hatte er ſeine Pferde ſogleich wieder im Gange. „Sprach man denn in Blommenäs davon, wie ſich die Krankheit des Kapitains geartet habe?“ fragte der Informator nach einer Weile. „Was?“ Jeppe drehte den Kopf herum, und das üppige, vor einer Woche gekämmte Haar nahm unter der ſeltſam geformten, ſchlappen Hutkrempe allerhand Geſtalten an, wie ſie der Wind während der ſchnellen Fahrt zu bilden beliebte.„Wie? Meint der Herr Lexander, die Krankheit ſei artig?“ fuhr er fort. „Schweig und fahr zu, Jeppe.“ „Ich glaube eher, ſie iſt unartig,“ ſetzte Jeppe hinzu und drehte wieder den Kopf herum.„Aber nach meiner Meinung, Herr, büßt der Kapitain nur für ſeine alten Sünden.“ „Für ſeine Sünden?“ „Verzeihen Sie. Es iſt gewiß nicht recht von mir, daß ich mit dem Herrn ſchwatze, der Formator auf dem Werke iſt, und Alles ſelbſt weiß. Aber der Kapitain Mekeroth leidet an alten Wunden, die jetzt wieder aufgegangen, und ſo tief geworden ſind, wie eine Hand. Denn er iſt zu ſeiner Zeit in Bataillen geweſen, muß der Herr wiſſen. Das ſollte man nicht glauben. Der Kapitain war immer ein guter Herr, was ſein Betragen anbelangt,“ ſetzte Jeppe mit einem ernfteren und andern Tone hinzu.„Er ſchlägt Nie⸗ mand, wenn man nur nie von einer zerbrochenen Klinke an einem Gatterthore ſpricht. Aber um es gerade herauszuſagen, ſo erzählten fie in Blommenäs, daß dem Kapitain noch ein neues Uebel zugeſtoßen — S* 301 ſei, nämlich, ſein Herz ſei ſo groß geworden, daß es nicht mehr in ſeine Bruſt hineingehe. Das iſt eine arge Noth, Herr; und Niemand hätte gedacht, daß es dem Kapitain jemals da fehlen würde. Aber Niemand iſt mehr vor dem Tode ſcher, ſeit der frühere Landes⸗ ſtarb und unſer letzter Richter ein Ende nahm.“ Bei dieſen Worten fuhr der kleine, leichte Wagen an den Hof an. Medenberg ſah ſich um. Alles kam ihm ſehr ſtill und öde vor. Niemand trat ihm entgegen; Nie⸗ mand öffnete die Thüre. Er ſtieg die Treppen hinauf, und ging nach der Thüre; aber ſie war geſchloſſen. Der Athem ſtockte ihm. Er ging nun nach der Küchenthüre, die an der Seite des Hauſes gegen den ökonomiſchen Theil des Hofes hinausging. Ein Informator, der heimkommt, hat das Recht, durch die Küche zu gehen. Er ſah die Mägde und ſelbſt die Köchin mit ſon⸗ derbaren und geheimnißvollen Blicken bei ihren Ge⸗ ſchäften herum gehen, ſtehen und ſitzen, und das ſo gedankenlos, als ob ſie aller Welts Gedanken hätten. Gleichwohl ſahen ſie nicht böſe aus, wie es doch ſonſt wohl in der Küche zu geſchehen pflegt. Die Hausmagd reinigte Fiſche, was ſie unter den gewöhn⸗ lichen Umſtänden nie that. Medenberg bemerkte leicht und mit Schrecken, daß Alles in Unordnung war, und eilte den Zimmern zu. Unter einer Thüre begegnete er die Hausmamſell, die bei ſeinem Anblick die Hände zuſammenſchlug und ausrief:„Gott ſei Dank, daß der Herr Medenberg wieder zu Hauſe iſt““ Er ſah, wie eine Thräne über ihre Wange rollte und einem großen Rahmtropfen begegnete, der dort zurückgeblieben war. „Wie ſteht es?“ ſagte Alexander beſtürzt und halblaut. „Noch iſt es nicht zu Ende!“ flüſterte die Haus⸗ mamſell mit einem Seufzer, dem mehrere andere folgten. 302 Von dieſem Augenblick an ging Medenberg auf den Zehen. Im nächßen Zimmer fand er die kleine Ulla, die vor einer Kaffeeſchaale ſtand, eintunkte und bitterlich dazu weinte. Medenberg ſchritt weiter vorwärts. Im nächſten Zimmer fand er mehrere Perſonen, die mit Taſſen, mediziniſchen Zubereitungen, Flaſchen, Servietten und Löffeln beſchäftigt waren. Alle ſahen emſig, aber hoffnungslos aus. Medenberg ging weiter. Im nächſten Gemache ſah er Frau Aurora wei⸗ nend daſitzen, den Kopf über ein Bett gebeugt. Die Fenſtergardinen waren herabgelaſſen, und ein paar Sopbakiſſen ſtanden an die Fenſterſcheiben gelehnt, um das Licht noch mehr auszuſperren. 5 Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Große Meuigkeiten auf dem Problthote. „Ach— was iſt das für ein Aufzug?“ rief die Probſtin, als ſie die ganze in die Küche ein⸗ marſchirende Geſellſchaft erblickte. Beim Pfarrherrn des Kirchſpiels, dem Probſten Edeling, ſaß man eines Nachmittages und ſchälte Aepfel. Die Obſterndte war dieß Jahr ſehr reichlich geweſen; in der Swiſekammer der Probſtin fehlte es an nichts; und Marie war es, die zwar ſehr leiſe aber doch ſehr eifrig das angenehme Geſchäft betrieb. Was die Mama betrifft, ſo muß man geſtehen, daß ſie nicht gerne lange ſaß. Sie hatte aber auch die Leitung unter ſich, ſo daß es natürlich war, wenn ſie zwiſchen der Küche, wo der Ofen geheizt wurde, um die Aepfel zu trocknen, und dem Saal, wo das Schä⸗ X — S 303 len, Zerſchneiden und Kernherausnehmen mit der größten Sorgfalt betrieben wurde, hin und herwan⸗ derte. Der Probſt ſelbſt ſaß mit allen Zeitungen um ſich her und das Abendblatt in der rechten Hand an einem Tiſcheck. Zu ſeinen Füßen am Boden ſtand zwiſchen ihm und ſeiner geliebten Tochter Marie die große Kohlſtande, mit ungeſchältem, friſch herein⸗ getragenem Obſte gefüllt. Neben ſeinem Ellbogen auf dem Tiſche thronte eine irdene Schüſſel, worein alle Aepfel geworfen wurden, wenn ſie vollkommen gereinigt waren; von da ſollten ſie binausgetragen, und in Zwiſchenräumen hübſch auf Löſchvapier aus⸗ gebreitet werden, um endlich von der Probſtin eigen⸗ händig in den Ofen geſctzt zu werden, wenn dieſer die gehörige Temperatur erreicht hätte. Das Schälen wurde von zwei Jungfern bewerkſtelligt, die auf jeder Seite von Marien ſtanden; und ſie legten immer das Obſt in ihren Schvoß. Aber Marie war es, die das Geſchälte zerſchnitt. Das ꝛieß die Probßin Niemand Anders tbun. Es erfordert einigen Verſtand, um zu entſcheiven, ob ein Aofel in vier oder nur' in zwei Theile geſchnitten werden muß: auch muß man' die Kerne mit Vernunft berausnehmenz denn iſt man da⸗ bei fahrläſſig, ſo geht.oft zuviel Fleiſch mit, und die Sache iſt nichts.„Sie ſchnurren ſchon noch genug zuſammen und werden klein durchs Dörren,“ ſagte die Probnin;„ſchneidet hübſch mit den Meſſern Mädchen, und macht keine ſo dicken Schaalen! Laßt nicht die Schaalen auf den Boden fallen, unter euere Stühle, das will ich euch geſagt haben; und zertretet ſie nicht mit den Füßen! Wir wollen die Schaalen nachher im Ofen dörrenz ſie ſind gut, um den ganzen Winter über die Zimmer damit zu räuchernz da werden ſie gerade hinreichen. Seid nicht nachläßig mit den Ga⸗ ben Gottes! Im Nothfall kann man ſogar gedörrte Aepfelſchaalen zum Butterbrode kauen das ſchmeckt ſehr gut, meine lieben Kinder. Wenn ihr artig ſeid, 304 ſteht Kämmerer Braun für euch auf dem Feuer und ihr ſollt einen Nachguß*) haben.“ Bei dieſen Worten ſah die Probſtin mit einem freundlichen Lächeln zuerſt auf den Probſt, der zwar durch keine Aepfelarbeit ſich eines Trankes verdient machte, aber doch der Geſellſchaft die Zeitung vorlas; und dann auf ihre Mädchen, nicht nur auf Marie, gemeinſchaftlichen Titel„Mädchen“ oder„meine Mäd⸗ chen“ mit gemeint waren, wenn die Probſtin ſehr guter Laune war; und das war ſie immer, wenn man große Geſchäfte vorhatte. Auch gingen die Finger der Mädchen wie Taſten bei einem Preſto. Die Aepfel ſahen ſich einer nach dem andern Stiel⸗, Haut⸗ und Kernlos, ehe ſie ein Wort davon wußten; und Marie bildete aus ihnen die zierlichſten kleinen Stücke, die oft Schiffchen gleich ſahen, wenn die Kerne durch eine ſchöne länglichte Abrundung herausgenommen warenz * ſchnitt vorzog. Weßhalb ihr das Schneiden ſo aus der Hand ging, das kam davon her, weil ſie ein vor⸗ Görans Schreibzeug genommen hatte. Die beiden andern armen Mädchen ſtolzirten mit langen Küchen⸗ meſſern, die alle Viertelſtunden an der Heerdkante ge⸗ ſchliffen werden mußten; mit ſolchen Meſſern ſchält es Beſchwerlichkeit ſeiner Mägde, legte die Zeitung weg, Raſirmeſſern zu leihen, die, wie er glaubte, ſchärfer wären als die Küchenmeſſer. Aber die Probſtin wies dieſen Vorſchlag mit Beſtimmtheit zurück: ſie hielt Raſirmeſſer für unanſtändig und gefährlich für den ſondern auch auf die Mägde, die immer unter dem eine Form, die Marie dem kurzen und tiefen Aus⸗ 3 ſich nicht gut. Der Probſt ſah oft mitleidig auf die Mädchen und das Kohlfaß hier bis fünf Uhr leert, ſo 3 treffliches Federmeſſer führte, das ſie insgeheim aus und erbot ſich, ihnen ein Paar von ſeinen älteſten *) patar, gewärmter Kaffee, zu dem man den Zucker aus der Hand ißt. ———— 8— E 305 Gebrauch von Mädchen. In der That aber behauptete ſie dieß aus Vorſorge für die Erziehung ihrer Mägde. Es thut ihnen recht gut, wenn ſie ſich mit ſchlechten Werkzeugen abmühen, ſo lange ſie in Dienſten find, dachte ſie. Es wird ihnen dann bereinſt deſto beſſer ſchmecken, und deſto ſchöner von der Hand gehen, wenn ſie für ſich kommen und mit den Geräthſchaften ihrer Männer hanthieren müſſen. Das war der Grundſatz der Probſtin. Die Arbeit ging bei den drei jungen Leuten in die Wette: Der Zeiger der Wanduhr pickte kaum gegen fünf, als der letzte Apfel aus dem Kohlfaſſe genom⸗ men wurde. Mama ſah mit einem freundlichen Nicken auf ihre Tochter.„Jetzt ſoll euch meiner treu auch Kämmerer Braun Wort halten!“ ſagte ſie zu der Ge⸗ ſellſchaft. Die Probſtin ging ſelbſt nach dem Kaffee⸗ topf in die Küche hinaus, nahm ihn aus der Aſche, kam wieder herein, und ſetzte ihn auf einen Teller mitten auf den Haufen Zeitungen. Die Lektüre wurde n Gnade bei einem Komma mitten im Satze unter⸗ Es verſteht ſich, daß man eigentlich ſchon um zwei Uhr getrunken hatte: Da bekam man JZucker hinein. Jetzt wurden die Schaalen mit großer Gewiſ⸗ ſenhaftigkeit nur halbvoll gegoſſenz ſonſt wäre es kein Nachguß geweſen; und man trank bißweiſe, mit Aus⸗ nahme des Probſtes, der keine ſo gute Zähne hatte, um den Zucker damit beißen zu können, und den ſei⸗ nigen deßhalb in der Schaale ſchmelzen laſſen mußte. Insgeheim ſchenkte ſich auch die Wirthin ihre Schaale drei Viertel voll. Es iſt etwas ſehr Unterhaltendes, vier Frauen⸗ zimmer bißweiſe trinken zu hören. Zuerſt knackte es zwiſchen den Vorderzähnen der Einen, eine kleine Weile nachher bei der Andernz dann krachte es unter den Backzähnen der Dritten, die ſich nicht auf ihre Vorderzähne verlaſſen konnte, oder ſie nicht dazu miß⸗ Drei Frauen in Smaland. 1. 20 306 brauchen wollte. Dann ſpitzt die Vierte mit einem Knack ihren Zucker ab, und aufs neue beginnt hier⸗ auf ringsum das Geſchäft. Aber nie knackt es bei allen Vieren auf einmal. Es war den Mädchen warm, ſo fleißig hatten ſie geſchält: doch hatten ſie nicht gerade Schweiß, denn das geſchieht auf dem Lande nie, wenn man ſitzt. Aber die Wangen glühten in der lebhafteſten Farbe, und die bläuliche Emaille des friſchen Augenweißes wölbte ſich unter den Augendeckeln, die vergnügt und zufrieden zuckten. Kein Menſch glaubt, wie herrlich ein ſolcher Nachguß ſchmeckt, wenn man drei Stunden lang recht fleißig war. Marie war eben im Begriff, die Federmeſſerklinge ihres Bruders an einer Zeitungsecke zu trocknen, und rieb ſie ſo ſehr, daß ſie hoffte, Göran würde nach dieſem Ereigniß die Federn noch beſſer ſchneiden kön⸗ nen als vorherz; als man plötzlich ein Geräuſch von Fahrenden vor dem Hofe hörte. Füße mit höchſt un⸗ genirten Stiefeln ſtampften ihre Abſätze auf die Thür⸗ ſchwelle, die Thüre flog auf und Göran Edeling trat ein.„Guten Abend, lieber Vater! guten Abend, liebe Mutter! einen Kuß, Mariechen!“ Die andern zwei Mädchen ſtanden da und ſahen zu. „Willkommen! und bringſt Du deine Glieder wie⸗ der ganz zurück?“ ſagte der Greis und ſchüttelte ſei⸗ nem Sohne herzlich die Hand. Die Probſtin gab ſich nur Zeit, dem Angekommenen eilig drei ſtrahlende Grüße zuzunicken, und fuhr dann ſchnell mit dem Kämmerer Braun in die Küche hinaus. Denn jetzt ſollie er erſt recht ad coram genommen werden: Gö⸗ ran mußte wahrhaftig eine ganze Schaale haben. Da war es nicht genügend, wenn ſie den Satz aufwärmte: es wurde friſch gemalener Kaffee eingeſchüttet. „Da ſchält man Aepfel und daran thut man Recht,“ ſagte Göran.„Mariechen, ich ſoll dich grüßen von—— ich habe ſchon ſieben Diebe gefangen.“ 6 307 „Was ums Himmelswillen ſagſt Du, Jungel Warſt Du in einem Gefechte mit Räubern und Die⸗ ben?“ rief der Probſt erſchrocken. „Ach, es iſt wahr, der Vater weiß ja noch nichts. Wo iſt denn Mama hingekommen? Ich habe viel zu erzählen: große, große Dinge. Jetzt bin ich auf dem arünſten Zweige! Aber wo zum Teufel iſt denn die Alte hingekommen? Euch erzähle ich nichts, wenn ſie nicht dabei iſt und mithören kann. Sie iſt wohl in der Küche? da iſt ſie ja immer. Ja, ja: ſo laßt uns denn Alle miteinander dahin gehen. Ich nehme Papas Stuhl und trage ihn hinaus an den Heerd, dann ſoll ſich Papa dort darauf ſetzen und hören. Denn das könnt ihr mir glauben, es iſt etwas Gewaltiges ge⸗ ſchehen.“ Dieſer Vorſchlag wurde von der muntern, neu⸗ gierigen Schaar ſogleich ins Werk geſetzt. Auch konnte man auf keine andere Art hoffen, Mama dazu zu be⸗ kommen; denn kam ſie auch auf eine Minute herein, ſo ging ſie gleich wieder hinaus. In der Küche da⸗ gegen konnte man ſie mit Sicherheit in Beſchlag nehmen. „Ei— was iſt denn das für ein Aufzug?“ rief die Probſtin, als ſie die in die Küche hereinmarſchi⸗ rende Geſellſchaft erblickte. Sie ſtand glühroth vor dem Feuer, blies unter den Kämmerer, und nahm ſehr oft den Deckel ab, um die Kaffeeperlen zu beſchauen. Göran machte keine Komplimente, ſtellte den Stuhl neben einen Waſſerzuber, bat Papa darauf nieder zu ſitzen, ging dann raſch zur Mama hin, nahm ſie in Arm, küßte ſie und ſagte:„Jetzt noch eine gute Um⸗ armung, meine liebe Mama; denn höre! ich bin ein Mann mit einer Wohnſtelle!“ Bei dieſen überraſchenden Worten kochte der Käm⸗ merer über und das ſo entſetzlich, daß es aus der Schnautze auf die Kohlen umberſpritzte: es war ein Ziſchen ohne Gleichen in der Aſche und ein Rauch da⸗ 308 zu. Die Probſtin, die gar zu gerne ihren Sohn hören wollte, beeilte ſich, den Deckel ſchleunigſt abzunehmen und mit einem Ouerl den innern Aufruhr zu ſtillen. „Ich bekomme ein Amt und einen Gehalt, Mama!“ wiederholte Göran,„ſo viel habe ich durch dieſe Reiſe bewirkt.“ Der alte Edeling nahm ſein Käppchen ab, und faltete ſeine Hände zu einem ſtillen Gebete. „Was ich eigentlich jetzt bin oder vielmehr in einigen Wochen werde, das will ich nachher erzählen,“ fuhr Göran fort.„Aber hat Eines von euch ver⸗ nommen, ob Medenberg nach Aronfors zurückgekom⸗ men iſt?“ „Wart ihr denn nicht den ganzen Weg über bei einander?“ fragte Marie unruhig. „Ei freilich, bis wir uns trennten.“ „Wo trenntet ihr euch denn?“ „In der Räuberhöhle.“ „Göran! Göran! großer Gott? Biſt Du denn mitten in der Höhle der Räuber geweſen?“ rief die Probſtin. „Ja, meine geliebte Mutter. Sag' mir, wie hätte ich ſie ſonſt feſtnehmen ſollen?“ „Du— die Räuber feſtgenommen?“ brach Marie aus. „Ohne Zweifel, den Henker auch! Habt ihr denn nichts davon vernommen, daß ſie ſelbſt in unſerem Kirchſpiele waren und Evershult verbrannten?“ „Ach ja, mein Sohn,“ ſagte der Probſt,„wir waren ſo erſchrocken über dieſen ſchrecklichen Mord⸗ brand, daß wir uns kaum erſt erholt haben. Wir vermutheten, ſie würden durch das ganze Kirchſpiel ſtreifen, und Alles niederbrennen, was da wäre. Und als man erſt hörte, daß der ſelige Hofmarſchall Abel⸗ erona ſelbſt in den Flammen ſeines Hofes umgekom⸗ men ſei, da verbreitete ſich das Gerücht wie ein Lauf⸗ feuer umher, und ſetzte alle Herrenhöfe in Schrecken⸗ 309 In Aronfors ward die mekerothſche Familie von einem paniſchen Schrecken ergriffen— und wer mag ſich darüber wundern? Denn da ſie Evershult verheeren konnten, warum ſollten ſie es mit Werk Aronfors nicht ebenſo machen?— aber wie geſagt, bei dieſer Nach⸗ richt wurde Herr Kapitain Auguſt noch weit kränker als vorher. Denn er war ſchon bettlägerig, als Du fortfuhrſt, Göranchen. Aber an dem Morgen, wo der Bote mit der Nachricht von dem Evershulter Brande kam, da bekam er ein ſolches Herzklopfen, daß ſeine Krankheit ſchnell in ein neues, großes und tödtliches Uebel überging. Der Arzt erklärte, es ſei ein unheil⸗ barer Anevirsmus oder etwas Aehnliches; jedenfalls aber iſt es eine Krankheit von ſo überſchneller Art, daß wir jeden Augenblick die Nachricht vom Werke er⸗ warten, daß ſich der Kapitain entweder ganz erholt habe, oder unrettbar verloren ſei. Denn er liegt in einer Kriſis. Was das für Zeiten ſind, Göran! Jetzt ſiehſt Du, daß ich nicht Unrecht hatte, als ich damals beim Zeitungleſen ſagte, unſere Gegend ſei nicht ſicherer als irgend eine. Doch verließ die Räuber⸗ bande unſere Gegend ſogleich wieder, ſobald ſie Evershult beſtohlen hatten; und in welchen Wäldern ſie fich jetzt aufhalten, das kann ich jetzt nicht ſagen.“ „Aber ich kann es,“ fiel Göran ein.„Und jetzt wird der Vater wohl einſehen, daß es recht von mir gethan war, daß ich dieſe Schurken nicht länger ihr Weſen treiben ließ, da ſie ſo weit gingen und ſogar in unſerem Kirchſpiele ſengten und brennten. Ich reiste in Medenbergs Geſellſchaft, um ſie aufzuſuchen, und wir trafen ſie in einem großen Walde, nicht weit von Vernamo.“ „Wagtet ihr allein euch in dieſe Gefahr? Wurdet ihr denn nicht zu Tode geſchlagen?“ „Weit entfernt. Aber hört nur, ihr ſollt Alles erfahren.“ Göran begann nun ſeine Erzählung vor der mit 310 geſpannter Aufmerkſamkeit lauſchenden Familie. Er erzählte ſeine ganze Reiſe, das Zuſammentreffen mit Zeyton auf der Landſtraße, den Beſuch in Jönköving und endlich die Ankunft in der Berghöble. Die Fa⸗ milie zitterte an allen Gliedern. Er beſchrieb nun, wie er den größten Theil der Spitzbuben überredet habe, ehrliche Leute zu werden, indem er ihnen„unter der Hand eine Art Verzeihung,“ und ſogar„eine Art Amt in der Stille“ verſprach, wenn ſie auf den Vor⸗ ſchlag eingehen wollten, unter ſeiner Anführung ihre übrigen Kameraden aufzuſpüren und feſtzunehmen. Göran erwähnte, wie Medenberg und er an dem Hal⸗ Frok beſchloſſen hätten, ſich zu trennen, da der Letz⸗ tere eine Extrareiſe zur Frau von Abelerona machen mußtez Göran ſelbſt aber— der durch das Geld der Dicbe ein Mann von Kaſſe geworden war— hatte ſich einen Bauernwagen gemiethet. Er kam nun an den Hauptßunkt der Sache. Er hatte wirklich den wil⸗ den mörderiſchen Serarper Andres gefeſſelt nach Jön⸗ köping gebracht, während die übrige Bande, die jetzt auf ſeiner Seite ſtand, ſich wie gewöhnlich im Geheimen nach den nördlichen Wäldern zog, um dort ſeiner wei⸗ tern Anordnungen gewärtig zu ſeyn.„In der Reſi⸗ denz, Vater,“ fuhr er fort,„traf ich den Landes⸗ hauptmann nicht ſelbſt, denn er war in Rybof; aber ſch machte dem Herrn Sekretär meine Aufwartung. Nun, Mutter, ich kann wohl ſprechen, wenn ich nur will; und überdieß hatte ich vollkommen Recht, als ich ſagte, daß man Diebe am beſten durch Diebe fange. Das iſt das Sicherſte und Wohlfeilſte; wenn man nur Talent genug hat, um die Bande, die man ſich zu Freunden gemacht, zu pflegen und zu lenken. Und das kann ich! Das ſah die Landeskanzlei ein. Der Serar⸗ per Andres wurde in Ketten geſchlagen und in das Bezirksgefängniß geſetzt, wo er ſo lange bleiben muß, bis man ihn vor das Gericht führt, welches wegen des Evershulter Mordbrandes gehalten wird; dann 31¹ muß er ſterben. Ich aber habe das beſtimmie Ver⸗ ſprechen erhalten, daß ich den vakanten Polizeidienſt nebſt der dazu gehörigen Wohnſtelle erhalte, ſobald ich ausgezogen bin und meine Geſchicklichkeit durch die Einbringung der andern Smaländer Diebe bewieſen habe. Ich zaudere nun keinen Tag länger und gehe ſogleich ab; ich wollte nur noch in der Eile hereinkom⸗ men und Abſchied von euch nehmen; ich bin ſchon auf dem Marſche und habe meine Freunde, die ſechs Schelme, in Dädemohult verborgen, wo ſie nur meines Winkes warten.“ 8 tſ6 Gott, wir haben alſo ſechs Räuber auf dem Halſe!“ „Aber, Vater, es ſind doch ſechs ordentliche Burſche, wie ich ſchon geſagt habe. Sie haben ihre Kamera⸗ den verrathen und es iſt jetzt nichts Spitzbübiſches mehr unter ihnen.“ „Und Du, Göranchen, willſt alſo Polizeimann werden? Wie kannſt Du da Geiſtlicher und mein Ad⸗ junkt ſein?“. „Ja, Vater, das iſt ein anderes Ding.“ „Lieber Papa,“ unterbrach ihn die Probſtin, „wenn Göran ſo im Fluge hier eine Wohnſtelle erhält, ſo ſehe ich nicht ein, warum er weiter Geiſtlicher zu werden brauchte.“ Der alte Edeling ſeufzte. Er ſetzte ſeine Mütze wieder auf; ſah kummervoll in den Waſſerzuber hinab, neben dem ſein Stuhl ſtand und der ſein Bild zurück⸗ warf.„Ja, ſo iſt die Welt!“ ſagte er und ſeufzte noch einmal. In dieſem Augenblick langte ein Bote mit einem Billete an. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Yas kürzeſte Rapitel im Buche. Man muß geſtehen, daß dieſe Seite dem An⸗ fang des Buches näher war, als ſeinem Ende. „Gott ruft alſo beſtändig die Seinen zu ſich!“ ſagte der Probſt Edeling in tiefer Rührung, nachdem der das Billet geleſen hatte und es wieder zuſammen⸗ legte.„Ja, meine guten Kinder, meine Ahnung iſt in Erfüllung gegangen. Kapitän von Mekeroth iſt nicht mehr. Dieſes Billet kommt von der trauernden, niedergeſchlagenen Wittwe. Frau Aurora von Meke⸗ roth, die unglückliche Gattin des Verewigten, ſie, die wir hier Alle als ein Kind des Kirchſpiels aufblühen ſahen, und die einſt am Tiſch des Herrn vor mir beich⸗ tete, ſie hat mir ſelbſt mit züternder Hand dieſen Trauer⸗ brief geſchrieben, worin ſie mich bittet, die Beiſetzung am nächſten Sonntage vorzunehmen.“ Der Probſt ſtand auf.„Zieh' dich an, Frau!“ fuhr er fort,„ich werde mich ebenfalls ankleiden. Wir müſſen einen Beileidsbeſuch in Aronfors machen. Marie ſoll uns begleiten.—“ „Ich habe jetzt durchaus keine Zeit zu Viſiten,“ unterbrach ihn Göran, da er fürchtete, ſein Vater möchte auch ihn mitnehmen wollen.„Aber wer iſt denn mit dem Brief von Aronfors gekommen?“ fragte er.„Steht der Bote noch draußen? Ich muß noth⸗ wendig mit ihm ſprechen, um zu erfahren, ob Me⸗ denberg zurückgekehrt iſt.“ Er ging hinaus und traf auf Jeppe Jonſſon, den flinken Bedienten. Daß Göran durch ihn die Nach⸗ richt von der kürzlich erfolgten Rückkehr Alexanders erhielt, verſteht ſich von ſelbſt: aber ein Mehreres war, daß er mit Jonſſon abſeits unter die Linden längs des Probſthofes ging; und da ſchienen fie wirk⸗ — —— —————— 2— 2 ——— —— 313 lich über Etwas ratbzuſchlagen. Was daraus werden ſollte, wiſſen wir noch nicht. Unterdeſſen ging die Frau Probſtin hinein, um ſich ſchwarz anzuziehen. Sie nahm ihr Brautkleid her⸗ vor, das von Seide war und immer getreu in der unterſten Schublade lag, und nie heraufgebolt wurde, außer bei feierlichen Trauungen, Kindtaufen und Trauer⸗ beſuchen, wo nicht nur der Probſt, ſondern auch ſie eingeladen wurde. Während ſie ſich ankleidete, wurde Marien das Setzen der Aepfel in den Ofen anvertraut. Als Mama herauskam und fertig war, hätte ei⸗ gentlich Marie hineingehen und ſich ankleiden ſollen. Aber ſie ſagte:„Es iſt am beſten, wenn Papa und Mama allein auf dieſen Beſuch fahren! ja, es iſt ſo am allerbeſten. Papa iſt jetzt gewiß auch ſchon in Ordnung und es würde zu lange ſich hinausziehen, bis ich fertig wäre. Auch muß man nach den Aepfeln ſehen, Mama: ich bleibe zu Hauſe.“ „Wie du willſt, mein Kind.“ Der alte Edeling trat an die Küchenthüre. Er haite ſeinen Kaftan an, den Kragen aber trug er in der Hand; denn er legte ihn nie ſelbſt um, das war Mariens Amt. Während ſie da ſtand und dem Va⸗ ter den Kragen unter dem Kinn knüpfte, ſah ſie ein wenig düſter aus und als der Alte fragte, warum fie ſich nicht angezogen habe, ſagte ſie:„Lieber Papa, ich will heute nicht nach Aronfors.“ Der Greis ſah forſchend in ihr Auge, ſprach aber kein Wort. Als der Probſt und die Probſtin bereit waren, zu gehen und in die Kutſche zu ſteigen— man ging ſonſt immer die unbedeutende Strecke zwiſchen dem Probſthof und dem Werke zu Fuße; aber bei groß⸗ artigen Beſuchen fuhr man ſogar bis zum nächſten Dorfe— da trat Marie mit einem Buche, das ſie in ein Papier gewickelt hatte, zu ihrem Vater hin und ſagte: „Lieber Vater, gib dieſen deutſchen Schiller dem 3¹4 Herrn Magiſter Medenberg zurück, da er nun zurück gekommen iſt.“ „Ei warum nicht gar, liebes Kind, das geht nicht an!“ unterbrach ſie die Probſtin.„Er wird ſchon ſelbſt hieher kommen und das Buch holen und dann leiht er dir einen neuen Theil, Du mußt dich nur gedulden. Was ſind das für Kindereien, Marie? Schickt ſich eine ſolche Empfindlichkeit?“ Marie ſah zu Boden und ſchien eine Thräne zu zerdrücken. Ich weiß nicht, was Mama damit meint? ſagte ſie und ſchaute auf. „Du wirſt einſehen,“ erwiederte die Probſtin är⸗ gerlich, daß der Mann nicht ſo viel Zeit hatte, um dir gleich bei ſeiner Rückkehr Viſiten zu machen, zu⸗ mal er jetzt mitten in einem großen Trauerhauſe iſt. Da, behalte den Schiller: ich will es ſo. Herr Me⸗ denberg wird ſich wohl ſelbſt bald zeigen, darum iſt es am Beſten, Niemand denkt an das Aergſte; denn iſt es mit den Launen und Thaten der Liebe, mein Kind.“ Der Probſt gab das Paket mit einer ſehr ernſten und bekümmerten Miene ſeiner Tochter zurück. Marie ließ ihre Eltern gewähren. Doch ward ihr erlaubt, daß ſie zu Hauſe bleiben dürfe. Papa und Mama fuhren ab. Marie ging nach Mamas Kämmerlein, das zu⸗ gleich ihr eigenes war, und wo ihr Schreibtiſch ſtand. In der oberſten Lade befanden ſich ihre Bücher nebſt einem Potpourri von Lavendel und getrockneten Ro⸗ ſenblättern. Da ſie wenige Bücher beſaß, ſo enthielt die Lade noch gar viel andere Dinge wie zum Bei⸗ ſpiel: Krauſen, Bänder, Hauben, Sonntagshandſchuhe und das feinſte Garn in Knäueln. Ehe ſie ihr geliebtes Buch wieder hinein legte, ſchlug ſie die Seite auf, wo ſie zuletzt geleſen hatte. Man kann ſagen, daß dieſe Seite eher zu Anfang des Buches, als an deſſen Ende war; denn die Tochter eines armen Pfarrhauſes hat gar manche andere Dinge zu thun, als deutſch zu lernenz ſie hatte nicht weiter machen können: die Sprache war auch nicht leicht für ſie. Eine ungebetene Thräne ſchlich in das offene Buch herab.„Hier hätte ich ſo viele unverſtändliche Worte, über die ich um Erklärung bitten müßte,“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt;„aber ach, was hilft es, daß ich ſie auf eine Liſte ſchreibe? er kommt ja doch nicht mehr her⸗ über! Ach, dieſes ganze Kapitel verſtebe ich nicht: es iſt ſo ſchwer, er ſollte es mir erklären. Und ich glaubte, er würde es auch tbun wollen, denn es iſt das kürzeſte Kapitel im ganzen Buche und wäre bald erklärt, wenn wenn.. aber er kommt nicht mehr in den armen Probſthof!“ Sie ſchloß ihre kleine Lade wieder in ſtillem Schmerz.„O— meine Aepfel erwarten mich! O Gott, wenn ſie jetzt zu hart im Ofen dörren, daß ſie ganz braun werden!“ rief ſie erſchrocken. Dieſe neue Sorge belebte ſie wieder. Mit leichten Schritten hüpfte fie aus Mamas Kammer und kam noch gerade zu rechter Zeit in die Küche.