dentſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur o von* 6duard Otkkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 3 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jeben Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe Chinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird.— 4 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf Monat: I F— 5 1 5 Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene', verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defeete Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe it auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben“ s— S— g2 der Bücher auf ihre Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. F —— —— „ Die Tochter des Geizigen. F— Ein Roman von . William Harriſon Ainsworth. us bem n i eerſe . —— von Dr. Ernſt Suſemihl — Dier anb. ——— Leipzig, Verlag von Chr. E. Kollmann⸗ 1843. Die Tochter des Geizigen. Dritter Band. Die Tochter des Geizigen III. 1 — 6 D i tte s Buch. Erſtes Kapitel. Wie Hilda die Nachricht erhielt, daß Randulph im Duell verwundet worden; und was zwiſchen Cordwell Fi⸗ rebras und dem Geizhals vorging. Da Scarve die Ankunft ſeiner Tochter nicht abwar⸗ tete, ſo erfuhr er erſt am folgenden Morgen von dem Verſuch des Stutzers, ſie zu entführen. Die Erzahlung des Vorganges brachte ihn heftig auf, und als Jakob bald darauf Sir Norfolk Salusbury und Firebras her⸗ einfuͤhrte, welche kamen, um ihn mit dem Ausgange der beiden Duelle bekannt zu machen, fanden ſie ihn in ei⸗ nem Zuſtande noch größerer Aufregung. Ohne dem Ba⸗ ronet Zeit zu laſſen, ein Wort zu reden, eilte er auf ihn zu und rief mit vor Wuth halb erſtickter Stimme: 1* — „Haben ſie ihn getödtet?— Haben ſie ihn ge⸗ toͤdtet?“ „Meinen ſie Herrn Randulph Crew?“ fragte Sir Norfolk ruhig. „Nein, den Stutzer— den Villiers!“ entgegnete der Geizhals. „Ich habe mich nicht mit ihm geſchlagen,“ verſetzte der alte Baronet;„doch hat er von Herrn Crew ſeine verdiente Strafe erhalten.“ „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ entgegnete der Geizhals;„doch waͤre es mir lieber geweſen, wenn ihn irgend eine andere Merſon fuͤr ſeine Schurkerei beſtraft haͤtte. Sie ſelber ſind gewiſſermaßen wegen dieſes Un⸗ falles zu tadeln, Sir Norfolk.“ „Ich kann mir Ihre aufgeregten Gefuͤhle ſehr wohl erklaͤren, Herr Scarve,“ entgegnete der Baronet; „aber—““ „Zum Henker, Herr!“ fiel der Geizhals ein— „warum ließen ſie Hilda aus den Augen! Da Sie die Sorge fuͤr ſie uͤbernahmen, ſo war es auch Ihre Pflicht, ſie genau zu uͤberwachen.“ „Ich fuͤhle, daß etwas Wahres in dem liegt, was Sie ſagen, Herr Scarve,“ entgegnete Sir Norfolk; „dennoch—“ „Es bedarf keiner Erklaͤrung,“ rief der Geizhals zor⸗ nig;„s iſt genug fuͤr mich, daß es geſchehen iſt. Und ſehen Sie, wie die Sache ſteht: Meine Tochter iſt Ihrer Sorgfalt anvertraut— wird von einem Wuͤſtling bei⸗* nahe vor Ihrer Naſe entfuͤhrt— und gerade von der Perſon befreit, die ſie vor allen andern vermeiden ſollte und vor der ich Sie warnte. Kann man ſich etwas Aergerlicheres denken?“ „Es iſt fuͤr mich ebenſo aͤrgerlich als es fuͤr Sie nur ſein kann, Herr Scarve,“ entgegnete Sir Norfolk finſter, denn ſeine Geduld war beinahe zu Ende;„doch ich muß Sie bitten, etwas mehr Mäßigung in Ihren Toͤnen und in Ihrer Sprache anzuwenden. Bedenken Sie, mit wem Sie reden.“ „Ich haͤtte Ihre blinde und dumme Pedanterie be⸗ denken ſollen, welche macht, daß Sie jeder Betruͤger leicht uͤbertoͤlpeln kann, ehe ich Ihnen meine Tochter an⸗ vertraute,“ rief der Geizhals, aufgebracht uͤber den Hoch⸗ muth des Andern. „Ei!“ rief Firebras mit leiſem Pfeifen,„wenn es ſo fortgeht, wird gleich noch ein Duell zu Stande kom⸗ men.“ „Herr Scarve, ich wuͤnſche Ihnen einen guten Mor⸗ gen,“ ſagte der alte Baronet ſich ſteif verbeugend; „Sie ſollen bald von mir hoͤren.“ „Halt, Sir Norfolk,“ rief Hilda, auf ihn zueilend; „mein Vater weiß nicht, was er ſagt. Mir zu Liebe, laſſen Sie die Sache ruhen.“ „Ja, ja, Sir Norfolk, laſſen Sie ſie ruhen,“ ſagte Firebras in leiſem Tone.„Herrn Scarve's leidenſchaft⸗ liches Weſen ſollte eher Ihr Mitleid als Ihren Zorn er⸗ regen.“ „Ich glaube, Sie haben Recht, Herr,“ ſagte der alte Baronet in demſelben Tone;„ich will es als eine Schwaͤche des Charakters betrachten.“ „Sir Norfolk,“ ſagte Hilda mit erzwungener Ruhe —„s wurden geſtern Abend einige drohende Worte zwiſchen Ihnen und Randulph Crew gewechſelt. Sie ſagen, er hat ſein Leben meinetwegen aufs Spiel geſetzt und jenen Schurken beſtraft. Ich hoffe, daß zwiſchen Ihnen und ihm nichts dergleichen vorfallen wird. Ver⸗ ſprechen Sie mir dies, Sir Norfolk.“ „Sir Norfolk kann jetzt ganz ruhig dies Verſpre⸗ chen geben,“ ſagte Firebras. „Wie meinen Sie das, Herr?“ rief Hilda, indem ſie todtenblaß wurde.„Haben Sie ſich mit ihm ge⸗ ſchlagen, Sir Norfolk?“ Der alte Baronet wendete ſein Geſicht ab. „Ich will fur ihn antworten,“ ſagte Firebras;„ſie haben ſich geſchlagen.“ „Aber es iſt nichts geſchehen rief Hilda.„Ran⸗ dulph iſt unverletzt— nicht wahr?“ „Ich that mein Moͤglichſtes, ihn nicht zu beruͤhren,“ NV —4 — ———— —— verſetzte der alte Baronet widerſtrebend;„doch er ſetzte mir ſo hart zu, daß— daß—“ „Nun?“ rief Hilda athemlos. „Nachdem ich ſelber eine kleine Wunde erhalten, die ein Pflaſter geheilt hat,“ fuhr Norfolk fort,„ver⸗ wundete ich ihn ein wenig.“ „Und das iſt die Belohnung dafuͤr, daß er mich ge⸗ rettet!“ rief Hilda. „Es iſt nichts— durchaus nichts, Miß Scarve,“ ſagte Firebras;„der Arzt ſagt, er wird in einer Woche wieder ausgehen koͤnnen.“ „Es iſt mir lieb, daß Sie ihn verwundet haben,“ ſagte der Geizhals;„es wird ihn lehren, ſich kuͤnftig nicht in Sachen zu miſchen, die ihn nichts angehen.“ „Es thut mir leid, daß es geſchehen iſt,“ verſetzte Sir Norfolk;„doch er zwang mich dazu. Ich kreuzte nie einen Degen mit einem tapfrern jungen Manne. Sie haben ſich eine irrthuͤmliche Meinung von ihm gebildet, Herr Scarve.“ „Ich habe mir gar keine Meinung von ihm gebil⸗ det,“ verſetzte der Geizhals. „Sie ſind doch gewiß, daß er nicht gefaͤhrlich ver⸗ wundet iſt, Sir Norfolk?“ rief Hilda. „Ganz gewiß,“ verſetzte der alte Baronet. „Dem Himmel ſei Dank!“ rief ſie. Dann ſchnapp⸗ — 8— te ſie nach Luft und fiel in die Arme ihrer Tante, die dicht neben ihr ſtand und ſie aus dem Zimmer trug. „Es bedarf keines Beſchwoͤrers, um zu ſagen, wie hier die Sachen ſtehen, Herr Scarve,“ ſagte Cordwell Firebras. „Es iſt klar, ſie liebt den jungen Mann,“ ſagte Sir Norfolk—„ich meinerſeits halte ihn in jeder Hin⸗ ſicht ihrer wuͤrdig.“ „Wuͤrdig oder nicht, er ſoll ſie nimmer haben,“ entgegnete der Geizhals muͤrriſch. „Es iſt nicht an mir, Ihnen Vorſchriften zu ma⸗ chen, Herr Scarve,“ erwiederte Sir Norfolk;„auch wuͤrde ich mir nicht herausnehmen, den Weg anzudeuten, den Sie verfolgen ſollen; doch da ich mich uͤberzeugt hal⸗ te, daß Ihre Tochter dieſem jungen Manne ihre Nei⸗ gung zugewendet hat, hoffe ich, wenn Ihre Einwuͤrfe nicht unüberwindlich ſind, daß Sie dem Gluͤck der jungen Leute nicht in den Weg treten werden.“ „Meine Einwuͤrfe ſind nicht zu beſeitigen, Sir Nor⸗ folk,“ verſetzte der Geizhals kalt. „Es thut mir wahrhaft leid, das zu hoͤren,“ ent⸗ gegnete der alte Baronet. „Entſchuldigen Sie, Sir Norfolk,“ ſagte Firebras, als er ſah, daß der Andere im Begriff war, ſich zu ent⸗ fernen,„ich habe noch einige Worte mit Herrn Scarve zu reden.“ — Sir Norfolk verbeugte ſich dann, verließ das Zim⸗ mer und wurde von Jakob hinausgefuͤhrt. Waͤhrend dies vorging, ſetzte ſich Cordwell Firebras ganz gemaͤchlich auf einen Stuhl in der Naͤhe deſſen, welchen der Geizhals eben eingenommen hatte. „Es ſind doch keine Horcher da, Herr Scarve?“ ſagte er nach der Thuͤr blickend. „Ich hoffe nicht,“ entgegnete der Geizhals, der ihn mit großem Widerwillen betrachtete;„doch wenn Sie etwas Geheimes zu beſprechen haben, ſo reden Sie in leiſem Tone.“ „Sehr wohl, ſagte Firebras, den Wink benutzend; „wir muͤſſen ein wenig uͤber dieſen jungen Mann— die⸗ ſen Randulph Crew reden.“ „Ich dachte mir, was kommen wuͤrde,“ ſtöhnte der Geizhals. „Sie koͤnnen jetzt die Neigung Ihrer Tochter fuͤr ihn nicht mehr bezweifeln,“ fuhr Firebras fort;„und andererſeits kann ich Ihnen ſagen, daß er ihr aufrichtig ergeben iſt.“ „Wahrſcheinlich genug,“ verſetzte der Geizhals; „aber ich werde nie in ihre Verbindung mit ihm willi⸗ gen.“ „Sie muͤſſen Ihre Einwilligung geben, wenn ich es fordere,“ ſagte Firebras kalt. Der Geizhals ruͤckte unruhig auf dem Stuhl hin und her. „Sie wollen mir doch die Macht nicht abſtrei⸗ ten, Sie zu zwingen, ihm Ihre Tochter zu geben?“ fuhr Firebras fort.„Ich darf nur ein gewiſſes Pa⸗ pier vorzeigen, wovon Sie wiſſen, und ſie iſt die Sei⸗ nige.“ „Nicht ſo ſchnell,“ verſetzte der Geizhals.„Sie wol⸗ len mich mit dieſem Documente ſchrecken— aber wie, wenn ich mich widerſetze?“ „Sie können ſich nicht widerſetzen,“ entgegnete Fi⸗ rebras—„Sie haben ſich zu feſt gebunden. Denken Sie an den Brief, den Ihnen Randulph Crew über⸗ brachte. Auch Ihre Tochter wird auf meiner Seite ſein. Ich darf Sie nur mit gewiſſen Thatſachen bekannt ma⸗ chen, und Sie wiſſen ſehr wohl, welches die Folgen ſein werden.“ „Nun, ſo mag er ſie nehmen,“ rief der Geizhals —„er mag ſie nehmen, aber ohne einen Heller von mir.“ „Das wird wohl kaum geſchehen,“ verſetzte Fi⸗ rebras.„Randulph ſoll ſie haben und auch das Vermoͤ⸗ gen, welches Sie ihr ausſetzen wollten.“ „Ich hatte die Abſicht, ſie dem Sohne eines reichen WMannes zu geben, und ihr eine ſeinem Vermögen ent⸗ 2 ſprechende Summe ausſetzen,“ ſagte der Geizhals;„doch dieſer junge Mann hat nichts.“ Ich habe etwas uͤber den Punkt zu ſagen,“ erwie⸗ derte Firebras.„Sie wiſſen, daß Randulph ſeine Ren⸗ ten fuͤr die verſchuldete Beſitzung den S ſeines Vaters uͤberließ.“ „Ich weiß es— ich weiß es—,“ ſagte der Geiz⸗ hals haſtig;„um ſo mehr war er ein Thor, daß er es that.“ „Aber wiſſen Sie, wer dieſe Glaͤubiger ſind?“ ſagte Firebras. „Nein,“ verſetzte der Geizhals;„wiſſen Sie es?“ „Ja,“ erwiederte Firebras bedeutungsvoll lächelnd; „und ich weiß uͤberdies auch, wie er die Beſitzung von ihnen wieder erlangen koͤnnte.“ „Wirklich!“ rief der Geizhals, ihn anſtarrend. „Was wuͤrden Sie ſagen, wenn Randulph ſeine Beſitzung und eine Rente von dreitauſend Pfund jährlich wiederbekaͤme?“ fuhr Firebras fort.„Wuͤrden Sie ſich dann geneigt finden laſſen, Ihr Wort zu erfuͤllen?“ „Es wuͤrde gewiß einen weſentlichen Unterſchied ma⸗ chen,“ ſagte der Geizhals.„Aber Sie ſagen dies blos, um mich auf die Probe zu ſtellen.“ —— „Durchaus nicht,“ erwiederte Firebras,„ich rede im vollen Ernſt.„Nun hoͤren Sie mich an, Herr Scarve. Einige tauſend Pfund werden die Sache mit dieſen Glaͤubigern ausgleichen, und Randulph's Beſitzung wird unverſchuldet ſein.“ „Da wollen Sie wahrſcheinlich die wenigen tauſend Pfund vorſtrecken?“ ſagte der Geizhals trocken. „Nein, Sie ſollen es thun,“ entgegnete Firebras. „Es wird Ihr Intereſſe ſein.“ „Hm!“ rief der Andere. „Wenn er ſich mit Ihrer Tochter verbindet, ſo muß er ſich auch mit der Sache der Jakobiten verbin⸗ den,“ fuhr Firebras fort,„darauf muͤſſen wir Beide beſtehen. Seine Mutter wird morgen in der Stadt ſein, und ſie muß uns unterſtuͤtzen.“ „Sie entwerfen ſehr huͤbſche Plaͤne,“ ſagte der Geizhals;„aber ich halte mich uͤberzeugt, daß ſie miß⸗ lingen werden. Beweiſen Sie mir, daß Randulph ſeine Beſitzung wieder erlangen kann, und laſſen Sie mich aus ſeinem eigenen Munde die Verſicherung hoͤren, daß er ſich unſerer Partei anſchließen will, dann mag ich vielleicht daran denken, ihm meine Einwilligung zu ge⸗ bem“ „Es ſoll meine Sache ſein, dies zu thun,“ entgegnete Firebras.„Und nun, guten Morgen. 6 — 5— Hoͤchſt wahrſcheinlich werde ich am Abend wiederkom⸗ men.“ Dann ſetzte er ſeinen Hut auf und entfernte ſich, ohne Jakob zu rufen. Zweites Kapitel. Was nach dem Duell aus Randulph wurde.— Miſtreß Crew.— Ihre Beſorgniß um ihren Sohn, und ihre Unterredung mit Abel. Der Wundarzt leiſtete Randulph ſogleich Beiſtand, als er fiel. Man brachte ihn in Sir Bulkeley Price's Sänfte und trug ihn zu der naͤchſten Schenke in Horſe⸗ ferry Rood, wo ſeine Wunde verbunden wurde. Sir Norfolk Salusbury, der ſehr um ihn bekuͤmmert war, folgte ihm dorthin, ſobald er ſeine eigene Wunde verbun⸗ den und ſeine Kleider angelegt hatte; doch war er ſehr beruhigt, als der Arzt ihm die beſtimmte Verſicherung gab, daß keine Gefahr vorhanden ſei. — „Iſt das Sir Norfolk Salusbury?“ fragte Ran⸗ ulph mit matter Stimme. „Ja,“ entgegnete der alte Baronet vortretend. „Ich hoffe, unſer Streit iſt jetzt zu Ende?“ ſagte der junge Mann, ihm die Hand reichend, die der Andere lebhaft ergriff. „Ganz und gar,“ erwiederte Sir Norfolk;„der Streit iſt nicht blos zu Ende, ſondern ich hoffe, es wird von jetzt an Freundſchaft zwiſchen uns beſtehen.“ „Ich werde ſie von meiner Seite fuͤr wohlfeil er⸗ kauft halten, wenn es ſo iſt,“ entgegnete Randulph an⸗ muthig laͤchelnd. „Mein erſtes Geſchaͤft ſoll ſein, Hilda Scarve zu beſuchen und ihr zu ſagen, wie tapfer Sie zu Ihrer Ver⸗ theidigung gefochten haben,“ ſagte Sir Norfolk. „Sie werden mich auf ewig verpflichten,“ entgegnete der junge Mann, indem er ſich aufzurichten verſuchte, aber im nächſten Augenblick erſchoͤpft durch die Anſtren⸗ gung wieder zuruͤckſank. „Ich muß alle weitere Unterredung verbieten, meine Herren,“ fiel der Arzt ein;„die Blutung hat wieder begonnen und der Puls hat ſich gehoben. Wenn man mich einige Stunden mit meinem Patienten allein läßt, ſo will ich fuͤr ſeine Geneſung einſtehen, ſonſt aber nicht.“ Das Zimmer wurde dann geräumt, und Sir Nor⸗ Die Tochter des Geizigen. III —————————— ——————— ———— — —.——————————————— — folk lud die Andern zum Fruͤckſtuͤck in ſeiner Wohnung in Abingdon Street ein; und da Truſſell fand, daß ſein Beiſtand nicht erforderlich, ſondern er nur im Wege ſei, ſo nahm er die Einladung an. Alles, was Sir Norfolk gehoͤrte, war ſo abgemeſſen, wie er ſelber. Er hatte einen alten Bedienten, den ſteif⸗ ſten und laͤngſten von dieſer Claſſe, der ſich wie ein Au⸗ tomat bewegte, der durch roſtige Federn getrieben wird. Ueberdies hatte er einen alten Lieblingshund, der ſich von Niemand anders liebkoſen ließ, als von ſeinem Herrn, und einen Pfau, ſeinen ganz beſondern Liebling, der Stundenlang mit ihm in dem kleinen Garten hinter dem Hauſe auf- und abzuſchreiten pflegte. Gaſtfreundſchaft gehoͤrte zu dem Charakter des alten Baronet, und es wurde ſeinen Gaͤſten ein ſehr reichliches Mahl vorgeſetzt. Obgleich er ſelbſt Thee und Kaffee, als weibiſche und entnervende Getraͤnke verachtete, ſo bot er ſie dennoch ſei⸗ nen Gäſten an; doch ſie wurden von Allen abgelehnt, und ein leichter Rothwein vorgezogen. Einige Flaſchen von dieſem angenehmen Getraͤnk dienten dazu, den ge⸗ ſottenen Lachs, den Hammelbraten, die Cottelets, und den Nierenbraten, womit der Tiſch beſetzt war, hinunter⸗ zuſpuͤlen. Ein kalter Rinderbraten und eine Paſtete von Kalbfleiſch und Schinken ſtanden neben einem Kruge ſtarkes waliſiſches Ale auf dem Nebentiſche. An dieſes hielt ſich Sir Bulkeley Price und erklaͤrte, er habe noch kein ſo gutes Fruͤhſtuͤck eingenommen, ſeit er in die Stadt gekommen. — „Das fruͤhe Aufſtehen hat Ihnen Appetit gemacht, Sir Bulkeley,“ ſagte der aͤltere Baronet. „Wohl möglich,“ erwiederte der Andere, ſich wieder zu dem Kruge wendend;„aber Ihr Ale iſt vortrefflich— ganz dem meinigen gleich. Ich wollte, ich haͤtte eine Quantität von Flint herbeſtellt.“ Dann wurde aqua vitae in kleinen Glaͤſern herum— gereicht, und von Allen, außer dem Wirthe, genoſſen. Hierauf brach die Geſellſchaft auf. Truſſell ging nach ſeinem Neffen zu ſehen, und Sir Norfolk und Firebras begaben ſich in das Haus des Geizhalſes, wie bereits er⸗ zaͤhlt worden. Waͤhrend des Nachmittags wurde Randulph nach Lambeth in das Haus ſeines Onkels gebracht. Er war fieberhaft und unruhig, fragte beſtaͤndig nach ſeiner Mut⸗ ter und behauptete ſie ſei angekommen, doch man wolle ſie nicht zu ihm laſſen. Dann gab man ihm Opium ein, worauf er in einen tiefen Schlaf verfiel, aus dem er erſt ſpaͤt am folgenden Tage erwachte. Als er die Augen oͤffnete, ſaß der Arzt neben ſeinem Bette und fuͤhlte ſeinen Puls. „Sie ſind unendlich beſſer, und ganz frei von Fie⸗ ber, Herr,“ ſagte Molſon;„und wenn Sie mir ver⸗ ſprechen koͤnnen, Ihre Aufregung zu mäßigen, ſo glaube ich, kann ich wohl den Bitten einer Perſon nachgeben, welche lebhaft wuͤnſcht, Sie zu ſehen.“ 4 — „Meine Mutter!“ rief Randulph.„O! laſſen Sie ſie auf jeden Fall herein. Ihre Gegenwart wird mich eher beruhigen als aufregen.“ „Ich bin deſſen nicht ſo ganz gewiß,“ ſagte Molſon zoͤgernd;„indeſſen will ich es wagen.“ Dann verließ er das Zimmer und kehrte im naͤchſten Augenblick mit Miſtreß Crew zuruͤck, die einen leiſen Schrei ausſtieß, und auf ihn zueilen wollte; doch er hielt ſie zuruͤck und fluͤſterte ihr zu: „Bedenken Sie Ihr Verſprechen, Madame. Nur unter der Vorausſetzung, daß Sie Ihre Faſſung behaup⸗ ten wuͤrden, erlaubte ich Ihnen, Ihren Sohn zu beſu⸗ chen.“ So gewarnt, naͤherte ſich Miſtreß Crew leiſe dem Bette, nahm die Hand, die ihr Sohn ihr hinſtreckte und druͤckte ſie an ihre Lippen. Sie ſagte nichts, aber ihr Buſen hob ſich raſch und Randulph fuͤhlte, daß heiße Thraͤnen auf ſeine Hand fielen. „Sei nicht bekuͤmmert, theuerſte Mutter,“ ſagte er; „ich bin ſchon ſo weit hergeſtellt, daß ich aufſtehen koͤnnte, wenn dieſer Herr es nur erlauben wollte.“ „Es geht ſehr gut mit Ihrem Sohne, Madame,“ ſagte Molſon bedeutungsvoll,„und wenn wir ihm ge⸗ hoͤrige Aufmerkſamkeit ſchenken, ſo kann er das Bett in drei oder vier Tagen verlaſſen.“ —— Bei dieſer Bemerkung richtete ſich Miſtreß Crew auf und ſah ihren Sohn mit einem Blicke unausſprechlicher Zaͤrtlichkeit an. Obgleich ihr Geſicht die Spuren des Kummers und der Beſorgniß an ſich trug, war ſie noch immer eine ſehr ſchoͤne Frau, hatte eine große ſchoͤne Ge⸗ ſtalt, voll, wie es ihren Jahren angemeſſen war, und doch nicht zu voll, um der Regelmäßigkeit der Verhaͤlt⸗ niſſe Eintrag zu thun. Sie war zwei Jahre juͤnger als Truſſell, alſo gerade vierundvietzig, und man haͤtte ſie fuͤr viel juͤnger halten koͤnnen, haͤtten ihre Zuͤge nicht den erwähnten ſorgenvollen Ausdruck an ſich getragen, der ſie älter machte, ihr aber zu gleicher Zeit hoͤheres Intereſſe verlieh. Ihre Zuͤge glichen auffallend denen Ihres Soh⸗ nes, waren aber zarter gebildet, und ihre Augen waren blau, groß und hell. Sie trug ein Trauerkleid von ein⸗ fachem Stoffe und ihr eigenes Haar, welches urſpruͤng⸗ lich von ſchoͤner und heller brauner Farbe geweſen, jetzt aber mit Grau gemiſcht war. Reize, wie ſie Miſtreß Crew beſaß, mußten ihr in ihrer Bluͤthenzeit viele Bewunderer verſchafft haden, und vor etwa vierundzwanzig Jahren wurde ſie von Allen ge⸗ ſucht, und man ſchlug ihr viele glaͤnzende Verbindungen vor; doch ihr Herz war ſchon fruͤh dem zugewendet, mit welchem ſie ſich ſpaͤter verband. Sie blieb ſeinem Ge⸗ dächtniß treu, denn obgleich zwei ihrer alten Bewunderer ſie in ihrem Wittwenſtande aufſuchten, und die Vor⸗ ſchlage erneuerten, die ſie ihr in der Bluͤthenzeit ihrer Reize gemacht— und obgleich beide Antraͤge vortheilhaft waren, waͤhrend ihre eigenen Verhaltniſſe, wie wir be⸗ reits gezeigt haben, ſo zerruͤttet waren, daß ſie wohl eine Convenienzheirath haͤtten rechtfertigen koͤnnen, ſo wies ſie doch Beide ohne Bedenken zuruͤck. Miſtreß Crew theilte die guten Eigenſchaften ihrer beiden Bruͤder. Sie beſaß das richtige Urtheil und die Herzensguͤte Abels, ohne ſeine Rauheit, und hatte viel von der Gutmuͤthigkeit Truſſell's, ohne ſeine weltliche Geſinnung. Waährend ihrer Verheirathung war ihr Be⸗ tragen muſterhaft geweſen. Ihrem Manne aufrichtig er⸗ geben, war ſie bemuͤht, durch Sorge fuͤr die Angelegen⸗ heiten, die ihr anvertraut waren, einigermaßen ſeine Aus⸗ ſchweifung wieder gut zu machen; und obgleich ſie nicht im Stande war, ihren Zweck ganz zu erfuͤllen, ſo ver— zoͤgerte ſie doch ſeinen Fortſchritt zum Untergange. Crew war einer von den Leuten, die beſtaͤndig uͤber ihr Ver— moͤgen hinausgehen. Vortrefflichen Herzens und gaſt⸗ frei, hielt er ein offenes Haus, ein Dutzend Jaͤger, zwei⸗ mal ſo viel Bediente, eine Menge Koppelhunde und war in der Wahl ſeines Umganges nicht ſehr bedenklich. Die Folge war, daß er bald in Schulden gerieth und, anſtatt ſich einzuſchraͤnken, ſo ſchnell er konnte Geld aufnahm, und ſorgloſer lebte als je. Er war ein Liebhaber von Wettrennen und Hahnenkämpfen, und obgleich keines⸗ weges ein Spieler, ſo verlor er doch haͤufig mehr beim Spiel, als ein verſtändiger Mann thun wurde. Als Randulph heranwuchs, ſah er die Nothwendigkeit der Einſchränkung ein, und veränderte beinahe ein Jahr lang ſeine ganze Lebensweiſe. Doch die Natur hatte ihn nicht geſchaffen, einen ſolchen Vorſatz mit Beharrlichkeit zu verfolgen. Längſt ehe das Jahr noch um war, be⸗ gann er ſeine Plaͤne der Sparſamkeit laͤſtig zu finden und ſtuͤrzte ſich am Ende deſſelben wieder in ſeine alte Verſchwendung. In dieſer Zeit bekamen ihn einige ge⸗ faͤhrliche Leute in ihre Gewalt. Sie machten ihm An⸗ leihen unter ſehr unvortheilhaften Bedingungen und er wurde bald gaͤnzlich verſchuldet. Die letzten beiden Jahre ſeines Lebens ergab er ſich dem Trunke, ſtellte ſeine heil— ſamen Bewegungen ein, an die er gewoͤhnt war, ging ſelten auf die Jagd und unterhielt ſich groͤßtentheils mit Kegelſpielen. Dieſe unheilvolle Lebensweiſe aͤußerte bald ihre Wirkung auf ihn. Altersſchwaͤchen ſtellten ſich vor der Zeit ein, und er ſtarb, noch nicht funfzig Jahre alt, mit dem Anſehen eines alten Mannes. Als ſeine Ange⸗ legenheiten unterſucht wurden, fand man ihn ſehr ver⸗ ſchuldet und Randulph, der eben volljaͤhrig geworden war, ſeinem Vater ſeine Abſicht vor deſſen Tode mitge⸗ theilt, und die Zuſtimmung ſeiner Mutter zu dieſer An⸗ ordnung erhalten hatte, uͤbergab die ganze verſchuldete Beſitzung den Glaͤubigern und behielt nur ſo viel fuͤr ſich, daß er nothduͤrftig leben konnte. Miſtreß Crew hat⸗ te, wie bereits geſagt, ein kleines beſonderes Vermoͤgen, welches ihr Bruder ihr zur Zeit ihrer Verheirathung aus⸗ geſetzt; aber Mutter und Sohn hatten jetzt nicht ſo viele Hunderte jährlich, als Crew einſt Tauſende gehabt hatte. Bei all dieſen widerwärtigen Umſtaͤnden hatte ſich —— Miſtreß Crew auf bewundernswuͤrdige Weiſe benommen. Sie reizte ihren Mann nie durch Vorwuͤrfe und lang⸗ weilte ihn nicht durch Rathſchlaͤge, die, wie ihr geſunder Verſtand ihr ſagte, nutzlos waren, ſondern ſtand ihm bei, ſo viel in ihrer Macht lag, erheiterte ihn in ſeinen Bekuͤmmernſſſen und trug Sorge, ihre Niedergeſchlagen⸗ heit nicht kund zu geben. Zu keiner Zeit klagte ſie uͤber ihn, auch nicht gegen ihre Bruͤder. Freilich konnte ſie auch nicht uͤber uͤble Behandlung klagen, denn Crew war ihr aufrichtig ergeben und waͤre ſeine Unbeſonnenheit nicht geweſen, ſo haͤtten ſie das gluͤcklichſte Paar ſein koͤnnen, welches je gelebt. Die Sanftmuth und Liebenswuͤrdig⸗ keit ihres Charakters aͤußerte ſich bei jeder Gelegenheit, aber beſonders waͤhrend der letzten beiden Lebensjahre ihres Mannes, wo ſeine geſchwaͤchte Conſtitution und druͤckende Sorgen ſeine natuͤrliche gute Laune verſcheuch⸗ ten und ihn ſelbſt bei Kleinigkeiten aͤrgerlich und unge⸗ duldig machten. Die zaͤrtlichſte Neigung herrſchte zwiſchen Randulph und ſeiner Mutter, da ſie ihn ſtets mit Vertrauen be⸗ handelte, ſo hatte er keinen Ruͤckhalt gegen ſie, ſondern betrachtete ſie zugleich als Mutter und Freundin. Miſtreß Crew blieb beinahe eine Stunde am Bette ihres Sohnes, beobachtete ihn und beantwortete ſeine Fragen uͤber ihre Reiſe und andere Gegenſtaͤnde ſo kurz als moͤglich; denn der Arzt hatte ihr angerathen, jede fortdauernde Unterredung zu vermeiden. Endlich, als ſie einige Zeichen der Ermattung an ihm bemerkte, druͤckte ſie ihm ſanft die Hand und verließ das Zimmer. Sie ging die Treppe hinunter und begab ſich in das Biblio⸗ thekzimmer, wo ſie ihre Bruͤder fand. Truſſell fragte ſie angelegentlich, wie ſie den Patienten verlaſſen habe. „Ich glaube, es geht gut mit ihm,“ erwiederte ſie. „Aber, o Bruder!“ welch ein Wiederſehen iſt dies ge⸗ weſen! Ich hoffe, dies wird das letzte Duell ſein, in das er verwickelt wird.“ „Er hat ſich aber ſehr gut geſchlagen,“ verſetzte Truſſell.„Ich fragte geſtern Abend nach Villiers und hoͤrte, er wuͤrde wenigſtens vierzehn Tage das Bett huͤ⸗ ten muͤſſen.“ „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ ſagte Abel,„und ich wuͤnſchte von ganzem Herzen, Randulph's Wunde moͤchte gefaͤhrlicher geweſen ſein.“ „O Bruder! warum einen ſolchen Wunſch?“ rief Miſtreß Crew. „Weil ich moͤchte, daß ſein erſtes Duell auch ſein letztes wäre, Schweſter,“ ſagte Abel.„Ich mißbillige die Sitte des Duellirens gaͤnzlich, und halte ſie unſern religioͤſen Grundſaͤtzen durchaus zuwider.“ „Das Duell iſt eine Nothwendigkeit, welche uns die Geſellſchaft auferlegt,“ ſagte Truſſell,„und kann meiner Meinung nach nicht eher aufgehoben werden, als bis eine gaͤnzliche Veraͤnderung in unſern Sitten und Ge⸗ wohnheiten vorgeht. Es iſt das Einzige, was gewiſſe —— Leute im Zaume haͤlt und obaleich die Anwendung zu weit getrieben werden, und bei jeder unbedeutenden Ge⸗ legenheit das Schwert gezogen werden kann, ſo entſteht doch viel Gutes daraus, daß das Geſetzbuch der Ehre anerkannt und aufrecht erhalten werden wird. Mora⸗ liſten moͤgen predigen, wie ſie wollen; aber ſo lange die Geſellſchaft in dem gegenwärtigen Zuſtande iſt— ſo lange es ſolche Leute giebt wie Villiers— muß und wird das Duell bleiben.“ „Es gibt noch andere Arten, ein Unrecht zu rächen, als durch Gewalt,“ verſetzte Abel;„und ich hoffe die Geſellſchaft eines aufgeklaͤrteren Jahrhunderts wird den Uebelthaͤter ein ſolches Brandmal aufdruͤcken, daß es hin⸗ reichende Strafe fuͤr ſein Vergehen ſein wird. Unter gegenwärtigen Umſtaͤnden mag es fuͤr einen Mann von Stande unmoͤglich ſein, einen Zweikampf zu vermeiden; aber er ſollte ihn niemals freiwillig aufſuchen.“ „Ich bin verbunden zu Randulph's Rechtfertigung zu ſagen, da Ihr Beide die Sache ſo ernſthaft anſeht,“ verſetzte Truſſell,„daß er in dieſer ganzen Sache gehan⸗ delt hat, wie es einem Manne von Ehre zukommt. Dies iſt die Anſicht ſeiner beiden Gegner— und dies iſt auch meine Anſicht. Du haſt urſache ſtolz auf ihn zu ſein, Sophie.“ „Ich glaubte es einſt,“ entgegnete ſie trau⸗ rig. „Und glaube mir, er hat nichts gethan, Deine gute — ——— — Meinung zu verwirken,“ entgegnete Truſſell;„ſondern vielmehr noch zu erhoͤhen.“ „Nicht blos dieſe Duelle ſind mir widerwaͤrtig, ſon⸗ dern ganz beſonders die Veranlaſſung derſelben,“ ſagte Abel.„Es war mein beſonderer Wunſch, daß Ran⸗ dulph Hilda Scarve vermeiden ſollte— mein ausdruͤck⸗ licher Wunſch— und jetzt iſt er mit ihr in ein ſolches Verhaͤltniß gekommen, wodurch jedes Gefuͤhl, das er fuͤr ſie hegte, noch geſteigert werden muß. Truſſell, Du haſt Deinem Schuͤtzling großes Ungluͤck bereitet. Er wird bald von der Wunde geneſen, die er in dieſem Zwei⸗ kampf erhalten hat— aber wird ſeine Leidenſchaft fuͤr Hilda auch ſo bald geheilt werden?“ „Das iſt unmoͤglich zu ſagen,“ entgegnete Truſſell; „einige Maͤnner uͤberwinden leicht eine Taͤuſchung in der Liebe.“ „Und Andere niemals!“ erwiederte Abel bitter. „Es ſollte keine Anſpielung auf Dich ſein, Bruder,“ rief Truſſell erroͤthend—„durchaus nicht.“ „Das glaubte ich auch nicht,“ entgegnete Abel, „aber wenn Randulph aufrichtig liebt, ſo wird er den Schlag bis zu ſeiner Todesſtunde fuͤhlen.“ „Und wenn er aufrichtig liebt, Bruder, warum willſt Du denn ſeiner Neigung in den Weg treten?“ ſagte Miſtreß Crew. ——————— —.———————— „Ich trete ihm nicht in den Weg— Gott verhuͤte, daß ich das thun ſollte!“ ſagte Abel.„Laß ihn Hilda heirathen, wenn er will. Laß ihn ihres Vaters Einwil⸗ ligung erlangen, wenn er kann.“ „Aber willſt Du Deine Einwilligung dazu geben, Bruder?“ rief Miſtreß Crew. „Nein,“ erwiederte Abel mit Nachdruck,„ich will's nicht. Ich verbot ihm, als er zuerſt das Mädchen ge⸗ ſehen, bei Strafe meines Mißfallens, ſie wiederzuſehen. Er iſt mir ungehorſam geweſen und muß die Folgen tra⸗ gen. Doch was liegt an meiner Einwilligung? Ich will nichts mit der Sache zu thun haben. Ich waſche die Häͤnde. Ich habe meine eigenen Gruͤnde, die fur mich ausreichen, der Verbindung entgegen zu ſein; doch moͤchte ich nicht gern in die ſchmerzliche und unangeneh⸗ me Lage kommen, mich derſelben widerſetzen zu muͤſſen. Ich will nichts damit zu thun haben— durchaus nichts.“ „Randulph wird ſich Dein Mißfallen zuziehen, wenn er Hilda heirathet, nicht wahr?“ ſagte Miſtreß Crew. „Ganz gewiß;“ verſetzte Abel;„ich will weder ihn, noch ſie je wiederſchen. Ich will keinen Grund fuͤr die⸗ ſen Entſchluß angeben, noch auch mehr ſagen, als ich be⸗ reits geſagt. Ich wuͤnſche, daß er ſich durchaus nicht von mir leiten laſſe. Auch will ich nicht, daß man ſage, ich habe ſeinem Gluͤck im Wege geſtanden.“ — „Und doch, glaube mir, Bruder, wird es geſagt und gefuͤhlt werden,“ entgegnete Miſtreß Crew.„Huͤte Dich, Deinem Neffen einen ſo harten Schlag zu ver⸗ ſetzen, wie Du ſelber erfahren haſt.“ Abel ſtieß einen lauten Schrei aus und trat auf die Seite, waͤhrend Truſſell ſeiner Schweſter durch einen Blick andeutete, daß ſie zu weit gegangen ſei. Sie ſtand ſogleich auf, ging zu Abel hin und faßte ſeine Hand; auch entzog er ihr dieſelbe nicht. „Verzeihe mir, Bruder, wenn ich etwas fuͤr Dich Schmetzliches ausgeſprochen habe,“ ſagte ſie;„doch wuͤnſche ich Dir kuͤnftigen Kummer zu erſparen. Ich weiß, wie zart Dein Herz iſt, obgleich Du es mit einer ſtaͤhlernen Ruͤſtung umgibſt— und wie leicht es verwun⸗ det wird. Ich habe geweint um Dein ungluͤckliches Loos, und würde Alles thun, was in meiner Macht ſteht, um kuͤnftigen Kummer von Dir abzuwenden. Wenn Randulph, wie ich Grund habe zu glauben, Hilda Scarve aufrichtig ergeben iſt, ſo halte ich mich uͤberzeugt, ſoweit ich ſeinen Charakter kenne, daß die Täuſchung ſeiner Hoffnung ihn fuͤr ſein ganzes Leben ungluͤcklich machen, und Dein eigenes Ungluͤck vermehren wird, indem Du fuͤhlſt, daß Du ihn elend gemacht haſt.“ „Aber ich mache ihn nicht elend, Schweſter!“ rief Abel heftig.„Er iſt frei und kann heirathen, wen er will und ohne meine Zuſtimmung.“ „Ich habe Dir geſagt, er wird es nimmer thun, — Bruder,“ ſagte Miſtreß Crew.„Sein kuͤnftiges Gluͤck haͤngt von Dir ab.“ „Sophie, ich dulde dies nicht,“ ſagte Abel finſter, „und muß Dich bi'ten, den Gegenſtand nie wieder zu er⸗ wähnen. Ich wuͤnſche nicht, Deine Gefühle zu verwun⸗ den, aber die Wahrheit darf Dir nicht verborgen blei⸗ ben. Seit ſeiner Ankunft in der Stadt hat Randulph ſolche Neigung zur Froͤhlichkeit und Verſchwendung ge⸗ zeigt, daß ich glaube, es wuͤrde ſehr unweiſe ſein, ihn uͤberhaupt zu verheirathen— wenigſtens jetzt.“ „Wenn er nicht vortheilhaft heirathen kann,“ fiel Truſſell ein,„ſo bin ich ganz Abel's Meinung. Seine Neigungen und Gewohnheiten ſind etwas verſchwende⸗ riſch.“ „Verſchwenderiſch!“ rief Miſtreß Crew.„Sie waren ſehr gemaͤßigt.“ „Dann findet er auch Vergnuͤgen am Spiel,“ fuhr Truſſell fort,„und liebt offenbar Geſellſchaft und Unter⸗ haltung.“ „Sobald er einigermaßen wieder hergeſtellt iſt, will ich ihn ſogleich aufs Land bringen,“ rief Miſtreß Crew ſehr beunruhigt. „Und Du wirſt wohlthun,“ verſetzte Abel. „Ich glaube nicht, daß er gehen wird,“ entgegnete Truſſell lachendz„und wenn er geht, wird er gewiß bald — wieder zuruͤckkehren. Er liebt das Stadtleben zu ſehr, um lange fern bleiben zu koͤnnen.“ „O! wie ſehr muß er ſich veraͤndert haben!“ rief Miſtreß Crew. „Er iſt Alles ſeinem Onkel Truſſell ſchuldig,“ ent⸗ gegnete Abel heftig. „Dann iſt er mir viel ſchuldig,“ verſetzte Truſſell, „und ich hoffe, er wird die Schuld nicht vergeſſen. Ich halte den Plan, ihn aufs Land zu bringen, fuͤr ſehr unpaſ⸗ ſend. Wenn Ihr wollt, daß Hilda einen tiefen Eindruck auf ihn machen ſoll, ſo iſt dies das ſicherſte Mittel da⸗ zu. In der Stadt hat er tauſend Zerſtreuungen. Ich kann freilich nicht genau ſagen, wie er nach dieſem Duell mit Lady Brabazon ſtehen wird— aber dann iſt noch Kitty Conway da, und gewiß wird er viele neue Bekannt⸗ ſchaften machen.“ „Bruder!“ rief Miſtreß Crew,„Du lieferſt mir nur noch mehr Gruͤnde zu dem Wunſch, ihn zu ent⸗ fernen.“ „Es iſt mir ſehr leid, daß er uͤberhaupt gekommen,“ ſagte Abel;„„alle meine Anordnungen ſind dadurch ge⸗ ſtoͤrt, und alte Wunden geoͤffnet worden, die zwar nicht geheilt waren, aber doch nicht mehr ſchmerzten. Selbſt Truſſell iſt durch ihn aus dem Gleiſe gekommen.“ „Nicht im Geringſten, Bruder,“ verſetzte Truſſell. „Mich hat ſein Beſuch ausnehmend erfreut, und ich muͤßte lugen, wenn ich anders ſagen wollte. Ich moͤchte, ich koͤnnte Dich bewegen, ihn noch einige Monate hier bleiben zu laſſen, ihm noch ein hundert Pfund oder ſo zu geben, und dann—“ „Ihn wieder in Armuth zu ſtuͤrzen!“ rief Abel ihn unterbrechend.„Was konnte eine ſolche Handlungsweiſe nuͤtzen? Welchen guten Zweck wuͤrde dies herbeifuͤhren? Er hat offenbar keine Luſt, ſich zu irgend einem Geſchaͤft zu entſchließen. Und warum ſollte ich ihm die Mittel geben, ſeine verſchwenderiſche Laufbahn fortzuſetzen? Nein, das thue ich nicht.“ „Willſt Du denn zuſehen, wie er ſich einen Monat nach ſeiner Geneſung anläßt?“ fragte Truſſell.„Eine ſo kurze Zeit konnteſt Du ihm wohl zugeſtehen.“ „Ich will nichts verſprechen,“ verſetzte Abel.„Und nun, Bruder, moͤchte ich gerne eine kurze Zeit mit So⸗ phie alleine reden.“ „Sehr gern, Bruder,“ verſetzte Truſſell und verließ das Zimmer. Abel nahm dann einen Stuhl und winkte ſeiner Schweſter, ſich neben ihn zu ſetzen. Einige Augenblicke ſchwieg er, als ſammelte er ſeine Entſchloſſenheit, ſie anzureden. Endlich begann er: „Du haſt auf vergangene Zeiten angeſpielt, Sophie,“ ſagte er mit tief bewegter Stimme,„und meine Lage — mit der Deines Sohnes verglichen, aber Du weißt ſehr gut, daß ſie ſehr verſchieden ſind. Nein, unterhrich mich nicht— ich weiß, was Du ſagen willſt. Randulph hat perſoͤnliche Vorzuͤge, die ich nie beſaß, und wodurch er ſich gewiß in den Augen des weiblichen Geſchlechts Gunſt erwerben wird. Ueberdies gleicht ſeine Natur durchaus nicht der meinigen; ſeine Gefuͤhle ſind nicht ſo mächtig, und ich glaube nicht, daß der ſo innig lieben könnte. Die Liebe, die ich fuͤr Arabella Clinton empfand, war nicht in einem Tage, in einem Monate oder Jahre, ſondern in mehreren Jahren entſtanden. Ich hatte ihre Schoͤn⸗ heit ſich entwickeln ſehen— mich mit ihrem Gemuͤth vertraut gemacht— mich von ihrem Charakter und Tem⸗ perament uͤberzeugt— ich kannte alle ihre Gefuͤhle und uͤberredete mich, daß ſie meine Liebe erwiedere.“ „Und ſie erwiederte ſie, Bruder,“ verſetzte Miſtreß Crew.„Sie liebte Dich.“ „Um des Himmels willen, ſage mir das nicht,“ rief Abel blaß werdend.„Ich moͤchte lieber denken, ſie habe mich gehaßt— getaͤuſcht— aber mich geliebt!— Die⸗ ſer Glaube fehlte noch, um mich voͤllig elend zu ma⸗ chen!“ „Beruhige Dich, lieber Bruder,“ ſagte Miſtreß Crew.„Ich moͤchte um die Welt Dein Ungluͤck nicht noch vermehren; aber ich halte mich uͤberzeugt, daß die Unter⸗ ſuchung dieſes Gegenſtandes, den wir ungluͤcklicher Ver⸗ häluniſſe wegen nie haben beſprechen koͤnnen, Dich endlich von großer Unruhe befteien wird.“ Die Tochter des Geizigen. III 3 — 34— „In der Hoffnung will ich verſuchen, es zu ertra⸗ gen,“ ſagte Abel;„doch der Pfeil ſitzt zu feſt und zu tief, als daß er entfernt werden koͤnnte. Du wirſt mich bei dem Verſuch nur noch mehr verwunden.“ „Ich will mich nicht abſchrecken laſſen,“ entgegnete Miſtreß Crew.„Ich will damit beginnen, Dir zu ſa⸗ gen, daß es Deine eigene Schuld war, daß Arabella Clinton nicht Deine Gattin wurde. Du haſt auf die in⸗ nige Leidenſchaft angeſpielt, die Du fuͤr ſie hegteſt, ſowie auf Deine Zweifel an ihrer Gegenliebe. Ich will nicht ſagen, daß ſie Dich mit gleicher Leidenſchaft liebte, weil Du keine Perſon warſt, eine ſolche Glut einzufloͤßen, auch war ſie nicht im Stande, dieſelbe zu empfinden, denn ſie war von Natur kalt. Doch ſie liebte Dich hinlaͤnglich, um Deine Frau zu werden, und was noch mehr iſt, ſie achtete Dich hoch, und daher unterliegt es keinem Zwei⸗ fel, daß Ihr hättet gluͤcklich werden koͤnnen.“ „Fahre fort,“ ſeufzte Abel. „Du wirſt mir verzeihen, wenn ich offen rede,“ fuhr Miſtreß Crew fort,„denn ich muß es thun, um Dir zu zeigen, wo Du fehlteſt. Indem Du Dich ſelber zu gering achteteſt, befolgteſt Du, wie ich glaube, einen hoͤchſt unweiſen und gefaͤhrlichen Plan, um die Neigung Deiner Geliebten zu pruͤfen. Da Du fuͤrchteteſt, ſie moͤchte Dich wegen Deines Reichthums annehmen, mach— teſt Du ſie glauben, daß Du Dich in ſehr mittelmaͤßigen Umſtaͤnden befindeſt, und waͤhrend Du von Liebe und Zärtlichkeit erfullt warſt, zeigteſt Du häufig ein rauhes und trotziges Benehmen gegen ſie.“ „Wahr— ſehr wahr!“ rief Abel. „Ihr wurdet Beide Opfer des Irrthums,“ fuhr Miſtreß Crew fort.„Durch Dein Benehmen getaͤuſcht, glaubte ſie, Du haͤtteſt einen Widerwillen gegen ſie ge⸗ faßt, und war bemuͤht, ſich von aller Achtung vor Dir zu entwöhnen, und dieſe Bemuͤhung brachte Dich zu dem Glauben, daß Du ihr gleichgultig ſeieſt. Alles haͤtte in⸗ deß noch gut gehen koͤnnen, hätteſt Du ſie nicht hinſicht⸗ lich Deiner Vermoͤgensumſtände getäuſcht. Fuͤr ſie war Reichthum von geringer Wichtigkeit, und ſie haͤtte Dich ebenſo gern arm als reich geheirathet; doch bei ihrem Vater war es anders.“ „Ihr Vater kannte meine Verhaͤltniſſe,“ ſagte Abel in duͤſterm Tone. „Freilich,“ verſetzte Miſtreß Crew,„aber es lag in ſeinem Plan, dieſelben zu verheimlichen; denn Arabella hatte einem reichern Bewerber, den ſie vorzog. Durch ihre Schoͤnheit angezogen, machte ihr Herr Scarve den Antrag, und ihr Vater unterſtützte ſeine Bewerbung, denn er ſagte ihr, Du waͤreſt arm, ſauertoͤpfig und gleichgultig gegen ſie. Doppelt getaͤuſcht, ſchwankte ſie. Anſtatt eine Erklaͤrung zu ſuchen, vermiedeſt Du ſie und zogſt Dich zuruͤck, um Deinem Nebenbuhler Platz zu machen. 3. „Ich that es, weil ich glaubte, daß er vorgezogen werde,“ ſagte Abel. „Einige unbedeutende Umſtaͤnde, wie ich wohl weiß, trugen dazu bei, Dich in Deiner Meinung zu befeſtigen,“ ſagte Miſtreß Crew,„doch es war Alles von Herrn Clinton ſo angeleget. Deine Abweſenheit wurde falſch gedeutet und Arabella endlich bewogen, Herrn Scarve ihre Hand zu geben.“ „Warum ſagte man mir nicht Alles dies zu jener Zeit?“ rief Abel. „Weil ich es ſelber nicht wußte,“ ſagte Miſtreß Crew.„Du wirſt Dich erinnern, daß dies waͤhrend meiner Verbindung mit meinem armen Manne geſchah, der ein alter und vertrauter Freund des Herrn Scarve und Dir daher natuͤrlich verhaßt war. Dies brachte eine Kalte zwiſchen Euch hervor. Ueberdies, um offen gegen Dich zu ſein, begriff und ſchätzte ich damals Deinen Charakter nicht ſo wie jetzt. Ich hielt Dich fuͤr kalt und abſtoßend, und traute Dir nie die Tiefe des Gefuͤhls zu, die Du ſpäter gezeigt haſt. Auch hatte ſich Herr Scarve damals noch nicht in ſeiner wahren Geſtalt dargeſtellt. Zu jener Zeit hatte er ein gutes Aeußere, hielt einen an⸗ ſtändigen Haushalt, und ich glaubte wirklich, Arabella wuͤrde beſſer daran ſein, als wenn ſie Dich heirathe. Ich war auch aͤrgerlich daruͤber, daß Du verſuchteſt, ihre Neigung zu pruͤfen, indem Du Deine Verhaͤltniſſe un⸗ richtig darſtellteſt, und glaubte, es geſchehe Dir recht, 3— daß Du ſie verloͤreſt. Von da an entſtand das Mißver⸗ ſtaͤndniß zwiſchen uns, welches uns bis jetzt trennte.“ „Aber woher weißt Du, daß Arabella's Geſinnungen gegen mich von der Art waren, wie Du ſie darſtellſt?“ fragte Abel. „Ich habe es eigenhaͤndig von ihr,“ verſetzte Mi⸗ ſtreß Crew.„Sie ſchrieb mir eine vollſtändige Erklaͤ⸗ rung aller Umſtaͤnde, die mit jener Periode ihres Lebens in Verbindung ſtanden, bekannte, wie aufrichtig ſie Dich geliebt, und wie ſehr ſie es beklage, daß ein Mißverſtänd⸗ niß ſie von Dir getrennt habe. Nach ihren Briefen und andern Nachrichten, die mir mein Mann mittheilte, bin ich im Stande, die ganze Sache zu begreifen. Ihr ſeid die Opfer eines Mißverſtändniſſes geworden. Aber troͤſte Dich. Der tauſendſte Theil des Leidens, welches Du erfahren haſt, wuͤrde einen weit ſchwereren Irrthum ſuͤh⸗ nen als Du begangen haſt. Troͤſte Dich, ſage ich⸗ Du wurdeſt von Arabella Clinton geliebt, und bis zum letzten Augenblick hegte ſie die aufrichtigſte Achtung fuͤr Dich.“ „Das iſt in der That ein Troſt fuͤr mich,“ ſagte Abel in Thraͤnen zerfließend.„Ich ſchäme mich nicht, Schweſter, mich in Deiner Gegenwart dieſer Schwaͤche hinzugeben,“ ſetzte er mit gebrochener Stimme hinzu. „Dieſe Thraͤnen werden Dir wohlthun,“ verſetzte ſie,„und ich bitte Dich ſie ungehindert fließen zu laſſen. Die Betrachtung der Vergangenheit wird von jetzt an nicht ſo ſchmerzlich fuͤr Dich ſein. Wenn ich nicht irre, „ war der Gedanke, daß Du nie geliebt worden, Deine bitterſte Qual.“ „Se war es,“ ſtoͤhnte Abel. „Und dies iſt jetzt beſeitigt,“ verſetzte Miſtreß Crew. „Hier ſind Arabella's Briefe,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ihm ein kleines Packet gab.„Du wirſt daraus erſehen, wie ſehr Du ſie mißverſtanden haſt.“ Abel nahm die Briefe, betrachtete die Aufſchrift mit einem Schauder und ſteckte ſie in ſeinen Buſen. „Ich will ſie leſen,“ ſagte er,„aber nicht jetzt.“ „Gleicht Hilda Scarve ihrer Mutter?“ fragte Mi⸗ ſtreß Crew nach einer Pauſe. „Sie iſt ihr gleich, aber ſchoͤner,“ verſetzte Abel. „Ich habe ſie kuͤrzlich zweimal geſehen, und ſie ſcheint ein ſehr liebenswuͤrdiges Maͤdchen zu ſein.“ „Was kannſt Du denn gegen eine Verbindung zwi⸗ ſchen ihr und Randulph haben?“ fragte Miſtreß Crew. „Ich habe geſagt, ich will nicht weiter uͤber die Sache befragt ſein, Schweſter,“ entgegnete Abel finſter. „Ich habe einen Einwand— einen maͤchtigen Einwand. Worin der beſteht, ſollſt Du zu einer andern Zeit erfah⸗ ren.“ „Der Himmel gebe, daß dieſe beiden jungen Leute nicht auch ein Opfer des Irrthums werden, wie Du und Arabella!“ ſeufzte Miſtreß Crew. 3 In dieſem Augenblick trat Jukes ins Zimmer. „Herrn Scarve's Diener, Jakob Poſt, iſt hier, um nach Herrn Randulph zu fragen,“ ſagte er;„und da er hoͤrt, daß Sie hier ſind, Madame, ſo bittet er um die Erlaubniß, mit Ihnen reden zu duͤrfen.“ „Darf er hereinkommen, Bruder?“ fragte Miſtreß Crew. „Gewiß,“ war die Antwort. Und Jakob wurde ins Zimmer gefuͤhrt. „Es iſt mir lieb zu hoͤren, daß Herr Randulph in der Beſſerung iſt, Madame,“ ſagte er mit einer unge⸗ ſchickten Verbeugung gegen Miſtreß Crew.„Gott ſegne Sie! wie aͤhnlich ſind Sie ihm.“ „Ich hoffe, Ihre junge Miß hat den Schreck uͤber⸗ wunden, den ſie zu Vauphall hatte, Jakob?“ ſagte Mi⸗ ſtreß Crew. „Ei ja, ſo ziemlich, danke Ihnen, Madame,“ ver⸗ ſetzte Jakob;„ſie ſieht freilich etwas blaͤßlich aus, ob aber von dem Schreck oder aus Beſorgniß fuͤr Herrn Randulph, kann ich nicht ſagen.“ „Sie waren zugegen, Jakob, als mein Sohn ſie von dem Wuͤſtling Villiers befreite, nicht wahr?“ fragte Miſtreß Crew. „Ei ja, Madame,“ entgegnete Jakob,„und nie in meinem Leben ſah ich einen muthigern jungen Herrn. — Ich moͤchte ihn wohl ſehen und ihm die Hand drocken fuͤr den Stich, den er dem Stutzer verſetzt hat.“ „Es kann jetzt nicht ſein, Jakob,“ erwiederte Mi⸗ ſtreß Crew.„Er ſoll ſich vollkommen ruhig halten, und ſelbſt mir iſt es nicht erlaubt, in ſeinem Zimmer zu blei⸗ beit „Es iſt doch hoffentlich keine Gefahr da, Madame?“ fragte Jakob mit aufrichtiger Theilnahme. „Durchaus nitt, wenn er nicht aufgeregt wird,“ entgegnete Miſtreß Crew. „Es iſt mir lieb, dies zu hören,“ ſagte Jakob, deſ⸗ ſen Geſicht ſich wieder erheiterte;„und Miß Hilda wird ſich freuen, dies zu hoͤren. Sie haͤtte es nicht uͤberlebt, wenn ihm um ihretwillen ein Ungluͤck widerfahren waͤre.“ „Intereſſirt ſie ſich denn ſo ſehr fuͤr ihn?“ fragte Miſtreß Crew. „Nun ja, ſehen Sie, Madame,“ ſagte Jakob, ſich etwas verlegen von der Fragenden zu Abel wendend, der ihn ſehr neugierig anſah,„„es iſt natuͤrlich, daß ſie ſich fur einen Herrn intereſſirt, der ihr ſo wichtige Dienſte geleiſtet hat, wie Herr Randulph.“ „Ganz natuͤrlich,“ entgegnete Miſtreß Crew.„Aber ich moͤchte Ihnen eine einfache Frage vorlegen, Jakob— iſt Miß Hilda meinem Sohne geneigt oder nicht?“ „Dann will ich Ihre Frage ebenſo einfach beantwor⸗ ten, Madame,“ verſetzte Jakob—„ja!“ —— Miſtreß Crew ſah ihren Bruder an, und Jakob deu⸗ tete den Blick nach ſeiner eigenen Art. „Ich hoffe, die Beiden werden zuſammen kommen, Madame,“ ſagte er.„Sie ſind wahrlich fuͤr einander geſchaffen.“ „Ich kann nicht umhin ſo zu denken, nach Allem, was ich von Hilda hoͤre,“ ſagte Miſtreß Crew. „Es iſt thoͤricht, uͤber das nachzudenken, was nie⸗ mals geſchehen kann,“ ſagte Abel ſtrenge.„Gehen Sie, Jakob, laſſen Sie ſich etwas zu eſſen geben, und ſagen Ihrer jungen Dame, daß Randulph in wenigen Tagen ganz wieder hergeſtellt ſein wird— daß es mit ihm ſo gut geht als nur moͤglich— und daß durchaus keine Gefahr vorhanden iſt.“ „Mit andern Worten,“ ſagte Jakob,„daß es nicht noͤthig iſt, wieder nach ihm fragen zu laſſen— he?“ „Ganz richtig,“ verſetzte Abel.„Guten Tag, Ja⸗ kob— guten Tag!“ „Er gefaͤllt mir nicht halb ſo gut wie fruͤher,“ dachte Jakob, als er das Zimmer verließ und in die Kuͤche zu Jukes ging, der ihm Brod und kaltes Fleiſch nebſt einem Kruge ſtarkes Bier vorſetzte. „Auf Herrn Randulph baldige Geneſung!“ „Da will ich Ihnen Beſcheid thun,“ ſagte Jukes, indem er ſich auch ein Glas fuͤllte. Bald nach Jakob's Entfernung verließ Abel ſeine Schweſter in der Abſicht, einen Geſchaͤftsgang zu ma⸗ chen. Waͤhrend ſie uͤberdachte, was zwiſchen ihnen vor⸗ gegangen war, oͤffnete Jukes die Thuͤr und ſagte, es ſei ein Herr da, der ſie zu ſprechen wuͤnſche, und im naͤchſten Augenblick fuͤhrte er Cordwell Firebras herein. —— Drittes Kapitel. Die unterredung zwiſchen Cordwell Firebras und Miſtreß Crew, und wie dieſelbe endete. Oogleich Miſtreß Erew ſehr uͤberraſcht und beſtuͤrzt war, ſo behauptete ſie doch hinlaͤngliche Faſſung, um nicht die Aufmerkſamkeit des Kellners auf ſich zu ziehen, der dem Fremden einen Stuhl hinſtellte und das Zimmer verließ. „Ich bin gekommen, um nach dem Befinden Ihres Sohnes zu fragen, Madame,“ begann Firebras.„Ich war geſtern bei dem Zweikampf zugegen und kann beſtä⸗ tigen, was Sie ohne Zweifel von Ihrem Bruder gehoͤrt —— haben, daß er ſich bewundernswuͤrdig gut dabei benom⸗ men hat.“ „Es freut mich ſagen zu können, daß mein Sohn auf gutem Wege der Beſſerung iſt,“ verſetzte Miſtreß Crew.„Und nachdem ich Ihnen uͤber dieſen Punkt Aus⸗ kunft gegeben, mein Herr, muß ich Sie bitten, Ihren Beſuch ſo kurz als moͤglich zu machen. Ich moͤchte in keinem Falle, daß mein Bruder Abel Sie hier traͤfe.“ „Das iſt nicht zu befurchten, Madame,“ verſetzte Firebras;„ich ſah ihn fortgehen, ehe ich mich herein⸗ wagte. Aber die Zeit iſt koſtbar, und ich will ſogleich zu dem Zweck meines Beſuchs uͤbergehen. Ich ſchrieb Ihnen, wie ſehr Ihr Sohn fuͤr Herrn Scarve's ſchoͤne Tochter Hilda eingenommen ſei. Eine unbedeutende aber unbeſonnene Handlung entzog ihm vor Kurzem die Ach⸗ tung der jungen Dame; doch er verſoͤhnte ſich mit ihr bei Ranelagh und machte in Vauxhall raſche Fortſchritte in ihrer Neigung. Ich war zugegen, als ihr geſtern der Ausgang des Duells mitgetheilt wurde, und wenn ich vorher noch Zweifel gehegt haͤtte, in wie weit Randulph ihr Herz beſitze, ſo wuͤrde ihr Benehmen dieſelben durch⸗ aus entfernt haben. Sie wurde ohnmaͤchtig aus dem Zimmer gebracht.“ „Das arme Maͤdchen!“ rief Miſtreß Crew—„es thut mir leid um ſie.“ „Warum leid?“ verſetzte Firebras;„Randulph wird ein trefflicher Gemahl fuͤr ſie ſein.“ —— „Aber ſie werden niemals vereinigt werden,“ ſagte Miſtreß Crew mit tiefem Seufzer. „Es wird ſeine eigene Schuld ſein, wenn es nicht geſchieht,“ ſagte Firebras trocken. „Wie ſo?“ rief Miſtreß Crew;„ſein Onkel und ihr Vater ſind Beide gegen die Verbindung.“ „Das weiß ich ſehr wohl,“ verſetzte Firebras; „aber Beide koͤnnen zur Einwilligung gebracht wer⸗ „Sie ſcherzen mit mir,“ ſagte die Dame. „Ich glaubte Sie kennten mich beſſer, Miſtreß Crew, als daß Sie mich fuͤr faͤhig halten koͤnnten, uͤber einen ernſten Gegenſtand zu ſcherzen,“ verſetzte Firebras mit beinahe ſtrengem Ausdruck.„Ich kann meine Worte wahr machen. Der Einwilligung des Herrn Scarve bin ich gewiß.“ „Dann muß er gaͤnzlich ſeinen Sinn geaͤndert ha⸗ ben,“ ſagte Miſtreß Crew,„denn man ſagte mir, er be⸗ ſtimme ſie fuͤr ſeinen Neffen und habe Randulph ſein Haus verboten.“ „Er wird einwilligen, wenn ich es fordere,“ ſagte Firebras mit Bedeutung. „Sie ſetzen mich in Erſtaunen!“ rief Miſtreß Crew; „doch mein Bruder hat ſich erſt vor wenigen Minuten geweigert, ſeine Einwilligung zu geben, und ohne dieſelbe kann Randulph nicht heirathen.“ —— „Warum nicht?“ verſetzte Firebras laͤchelnd.„Es iſt in dieſen Faͤllen nicht immer noͤthig, die Erlaubniß ei⸗ nes Onkels zu haben. Doch da Randulph viel von Ih⸗ rem Bruder zu erwarten hat, ſo wird es beſſer ſein, ihn nicht zu beleidigen. Ich verzweifle noch nicht, ihn zu gewinnen.“ „Sie werden ein Wunder thun, wenn Sie das be⸗ werkſtelligen,“ ſagte Miſtreß Crew. „Ich will es bewerkſtelligen und noch mehr, vor⸗ ausgeſetzt, vaß Randulph zu unſerer Partei uͤbertreten will,“ entgegnete Firebras. „Er weigerte ſich ſchon gegen Sie, nicht wahr?“ fragte Miſtreß Crew. „Ja, das that er,“ verſetzte Firebras;„doch es ware mir mit ihm gelungen, wenn Ihr Bruder Abel nicht dazwiſchen gekommen.“ „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ rief Miſtreß Crew. „Wie!“ rief Firebras,„ſind Sie nicht mehr unſe⸗ rer Sache treu?“ „So treu wie immer,“ verſetzte Miſtreß Crew; „aber ich wollte lieber, mein Sohn ſtuͤrbe, als daß er ſeine Ehre verloͤre— und er muß ſie verlieren, wenn er anders als aus Ueberzeugung zu uns uͤbertritt.“ „Pah! Es iſt nicht noͤthig, die Sache ſo genau zu brtrachten,“ entgegnete Firebras veraͤchtlich.„Wir muͤſ⸗ — ſen uns Anhaͤnger verſchaffen, wie wir am beſten koͤnnen. Randulph wird uns bei dem bevorſtehenden Ausbruch ſehr nuͤtzlich ſein, und ich bin daher ſehr begierig, ihn fuͤr uns zu gewinnen. Er iſt gerade die Perſon, deren ich bedarf, um den Prinzen zu begleiten— und haben will ich ihn.“ „Sie reden ſehr beſtimmt, Herr,“ ſagte Miſtreß Crew. „Sie beſchuldigten mich noch eben, daß ich mit Ih⸗ nen ſcherze, Madame,“ fuhr Firebras fort;„doch ich will Ihnen zeigen, daß ich im Ernſte rede. Das ganze Geſchick Ihres Sohns iſt in meinen Haͤnden, und es haͤngt gaͤnzlich von mir ab, ob ſeine kuͤnftige Laufbahn glaͤnzend, erfolgreich und gluͤcklich, oder das Gegentheil ſein wird. Nicht nur kann ich ihn mit dem Gegenſtande ſeiner Neigung verheirathen— nicht nur kann ich ihm ein huͤbſches Heirathsgut von ihrem Vater verſchaffen— nicht nur kann ich ihm auch die Beſitzung wieder ver⸗ ſchaffen, die er den Glaͤubigern ſeines Vaters uͤberlaſſen hat, und ihn wieder in die Lage bringen, die er einzu⸗ nehmen berechtigt iſt. Alles dies kann und will ich thun.“ „Vorausgeſetzt, daß er zu Ihnen uͤbertritt?“ ſagte Miſtreß Crew. „Natuͤrlich,“ verſetzte Firebras. „Dann fuͤrchte ich, wird er in ſeiner gegenwaͤrtigen Lage bleiben,“ ſeufzte Miſtreß Crew. — 48— „Laſſen Sie uns die Sache auch von der andern Seite betrachten,“ fuhr Firebras finſter fort;„dies iſt keine Sache, wobei man ſehr bedenklich ſein muß, und ich bin entſchloſſen, meinen Zweck zu erreichen. Wenn Randulph ſich weigert, zu uns überzutreten, ſo verliert er Hilda— verliert ihr Heirathsgut— verliert ſeines Onkels Vermoͤgen und ſein eigenes. Ohne meine Ver⸗ mittelung wird Herr Scarve ihm nimmermehr ſeine Toch⸗ ter geben, und ohne mich wird er nie ſeine Beſitzung wie⸗ der erlangen. Und nun hoͤren Sie mich an, Madame, denn ich kenne Ihren Sohn beſſer als Sie. Er iſt ein junger Mann von edlem Geiſte und vorttefflichen Eigen⸗ ſchaften; doch er hat weſentlich die Gewohnheiten und Gefuͤhle eines Mannes von Stande, und Ihr Bruder Truſſell hat Sorge getragen, ihm ſeine Neigungen und Gewohnheiten einzuimpfen. Er wird nimmermehr mit dem ruhigen Leben zufrieden ſein, welches er bis jetzt gefuͤhrt, ſondern von Liebe zu Hilda und dem Bewußt⸗ ſein deſſen gequaͤlt, was er verloren hat, wird er zu ei⸗ nem verzweifelten Lebenslaufe getrieben werden.“ „Er kann ſie ja noch immer heirathen, wenn auch ohne ihres Vaters Einwilligung,“ ſagte Miſtreß Crew. „Um ein Bettler zu werden,“ verſetzte Firebras mit bitterm Lachen.„Ich will nicht drohen— und was ich ſage, geſchieht nur, um meine Macht zu zeigen. Er ſoll niemals Hilda Scarve heirathen, noch ſich ſeines Vermoͤgens erfreuen, wenn er nicht zu der Partei der Jakobiten uͤbertritt. Ich kann Beides verhindern und — will es thun. Seine Entſcheidung muß bald geſchehen, denn wir bedürfen ſeiner. Innerhalb eines Monats von jetzt an muß er mein ſein, ſonſt iſt Alles fuͤr ihn ver⸗ loren. Als eine kluge und zaͤrtliche Mutter— als eine Theilnehmerin unſerer Sache, wende ich mich an Sie, Madame, mit der Bitte, allen Ihren Einfluß bei ihm an⸗ zuwenden, um ihn dahin zu bringen.“ „Ich kann es nicht— ich kann es nicht!“ verſetz⸗ te ſie. „Dann richten Sie ihn zu Grunde,“ ſagte Fi⸗ rebras. O nehmen Sie die Sache nicht ſo,“ verſetzte ſie—„Sie waren ein alter Freund ſeines Vaters und erhielten manche Gefaͤlligkeiten, und wenn ich nicht irre, auch Unterſtuͤtzung von ihm. Handeln Sie nicht ſo grau⸗ ſam gegen den Sohn Ihres alten Freundes!“ „Grauſam!“ rief Firebras ſpoͤttiſch lachend.„Ich biete ihm ein Vermoͤgen und die Dame ſeiner Liebe und Sie nennen es grauſam?— Ha! ha!“ „Aber um den Preis ſeiner Ehre,“ ſagte Miſtreß Crew. „Seiner Ehre! Pah!“ rief Firebras verächtlich. „Heißt das ſeine Ehre verletzen, wenn er die Sache eines elenden Uſurpators verlaͤßt, und ſich dem anſchließt, der einen rechtmaͤßigen Anſpruch auf den Thron hat? Wenn Die Tochter des Geizigen. III 4 Sie bei einer ſolchen Anſicht bleiben, ſo beginne ich an Ihrer Beſtaͤndigkeit zu zweifeln.“ „Es ſollte mir lieb ſein, wenn Randulph ſich frei⸗ willig unſerer Sache anſchloͤſſe,“ ſagte Miſtreß Crew; „doch ich wuͤrde ihn verleugnen, wenn er ſchlechtk genug waͤre, ſich erkaufen zu laſſen.“ „Nun, ich habe Ihnen beide Ausſichten klar vor Augen geſtellt,“ ſagte Firebras aufſtehend—„erwaͤgen Sie, was ich geſagt habe, und entſcheiden darnach.“ Als er ſich entfernen wollte, begegnete ihm Abel Beechcroft, der unbemerkt ins Zimmer getreten war. „So!“ rief er, ohne ſeine Faſſung zu verlieren, „wir haben hier einen Zuhoͤrer gehabt, he? Sie haben Alles gehoͤrt, was zwiſchen uns vorgegangen iſt, Herr Beechcroft?“ „Einen Theil davon,“ verſetzte Abel,„und ich bil⸗ lige das Benehmen meiner Schweſter eben ſo ſehr, wie ich das Ihrige verdamme. Sie haben behauptet, daß Sie mich zwingen koͤnnen, meine Einwilligung zu der Heirath meines Neffen mit Hilda Scarve zu geben. Be⸗ weiſen Sie gefaͤlligſt dieſe Behauptung, Herr.“ „Sie ſind im Vortheil gegen mich, Herr Beech⸗ croft, da ich nicht Zeit gehabt habe, meinen Plan in Ausfuͤhrung zu bringen,“ verſetzte Firebras;„dennoch aber, wenn ich Ihnen beweiſe, daß ich Ihrem Neffen ſein Vermoͤgen wieder verſchaffen kann und daß ich es = 51— nur unter der Bedingung thun werde, daß Sie Ihre Einwilligung zu ſeiner Verbindung mit Hilda Scarve geben, ſo werden Sie dieſelbe nicht verweigern.“ „Vereint mit der andern Bedingung, die Sie ange⸗ geben, wuͤrde ich es fuͤr meine Pflicht halten, es zu thun,“ verſetzte Abel.„Doch Sie muͤſſen entſchuldigen, wenn ich ſage, daß ich Ihre Macht bezweifle, das Ver⸗ moͤgen meines Neffen wieder zu erlangen.“ „Ich will Ihnen nicht die Antwort geben, die ich einem Manne von weniger friedlicher Geſinnung, als Sie, geben wuͤrde, Herr Beechcroft,“ verſetzte Firebras finſter.„Aber Sie haben auf ungerechte Weiſe mein Wort bezweifelt. Ich kann, wenn ich will, Randulph Crew's Beſitzung wieder erlangen.“ „Dann ſind Sie einer von den Glaͤubigern ſeines Vaters?“ fragte Abel. „Es liegt nichts daran, was ich bin,“ entgegnete Firebras.„Es muß genug ſein, daß ich meine Behaup⸗ tung wahr machen kann.“ „Wenn Sie keiner von den Glaͤubigern ſind,“ ent⸗ gegnete Abel,„ſo kann ich ihm die Beſitzung eben ſo gut wieder verſchaffen, wie Sie.“ „Machen Sie einmal den Verſuch,“ ſagte Firebras mit ſpoͤttiſchem Laͤcheln.„Miſtreß Crew, ich habe die Ehre, Ihnen einen guten Morgen zu wuͤnſchen. Ob⸗ gleich meine Plaͤne durch Ihren wuͤrdigen Bruder etwas 4* — zerruͤttet ſind, ſo hege ich doch die Hoffnung, daß er ſich dazu entſchließen wird, und auf jeden Fall wird ſeine Gegenwart bei der Zuſammenkunft Ihnen die Nothwen⸗ digkeit der Erklaͤrung erſparen. Ich hoffe, Ihr Sohn wird bald Herr ſeines Vermoͤgens, Hilda's Gemahl und—“* „Ein Jakobit ſein,“ fuͤgte Abel hinzu. „Getroffen,“ ſagte Firebras lachend.„Guten Mor⸗ gen, Herr Beecheroft.“ Dann wendete er ſich von Abel und verließ das Zimmer. „Das iſt ein kuͤhner und gefährlicher Mann,“ ſagte Abel zu ſeiner Schweſter. „Ein ſehr gefaͤhrlicher Mann,“ erwiederte ſie;„und Randulph muß vor ihm gehuͤtet werden.“ „Das muß er,“ entgegnete Abel.„Es ſoll mein erſtes Geſchaͤft ſein, mich zu verſichern, in wie weit er hinſichtlich ſeiner Angabe wegen der Beſitzung Recht hat. Es war ein Gluͤck, daß ich zufaͤllig zuruͤckkehrte. Jukes ſagte mir, es ſei Jemand bei Dir, und nach ſeiner Be⸗ ſchreibung der Perſon hielt ich mich uͤberzeugt, daß er es ſein muͤſſe. Laß uns in den Garten gehen, und wei⸗ ter uͤber die Sache reden.“ Viertes Kapitel. Die Krankheit des Geizhalſes.— Hilda entdeckt den ge⸗ heimnißvollen Brief. Hilda Scarve hatte bald Veranlaſſung zu neuer Angſt. Sie war nicht bloß Randulph's wegen unruhig, deſſen Geneſung nicht ganz ſo raſch vor ſich ging, wie man vermuthet hatte, ſondern der Geſundheitszuſtand ih⸗ res Vaters verurſachte ihr auch große Beſorsniß. Bei einem Ausgange wurde er vom Regen durchnäßt, und als er nach Hauſe kam, wollte er ſeine Kleider nicht wechſeln. Ein unbedeutendes Fieber war die Folge; und da er Abſcheu vor Arzenei hatte, ſo wollte er nichts ein⸗ nehmen und in Folge ſeiner Vernachläſſigung wurde das, was unbedeutend begonnen, zu einer ernſthaften Krank⸗ heit. Eines Tages ging er ungeachtet der Bitten ſeiner Tochter aus, und nachdem er einige Stunden abweſend geweſen, waͤhrend welcher Zeit er, wie es ſchien, eine be⸗ trächtliche Strecke gegangen war, kehrte er in einem ſol— chen Zuſtande der Erſchoͤpfung zuruͤck, daß Hilda daruͤber erſchrak. Sie konnte ihn zu nichts weiter bewegen, als einen kleinen Teller voll Griesſuppe in Waſſer zu ſich zu nehmen, doch ohne einen einzigen Theeloͤffel voll Wein oder Branntwein darin. Am naͤchſten Morgen war er betraͤchtlich beſſer, und Hilda glaubte, die Kriſis ſei vor⸗ uͤber; doch ſie irrte ſich, ſowie auch ihr Vater; denn in⸗ dem er glaubte, die Bewegung vom vorigen Tage habe ihm wohlgethan, ſo ging er wieder aus und zwar weiter als vorher, wurde wieder vom Regen durchnaͤßt, und ver— mehrte dadurch ſein Fieber betraͤchtlich. Jebt ließ er ſich uͤberreden, ſeine naſſen Kleider ab⸗ zulegen und zu Bette zu gehen; auch ließ er ſogar ein kleines Feuer in ſeinem Zimmer anzuͤnden, wo noch nie vorher zu ſeiner Zeit eins gebrannt hatte. Indem er dieſer Operation mit der aͤußerſten Aengſtlichkeit zuſah, rief er Jakob zu, ja nicht zu viel Holz zu verſchwenden, obgleich er nur drei oder vier kleine Splitter anwendete; dann tadelte er ihn, daß er zu viel Kohlen darauf lege, und verbot ihm endlich es anzuzuͤnden. Jakob aber wagte ſeinem Befehle entgegen zu handeln, zuͤndete es mit einigen Stuͤcken Papier an und verließ das Zimmer. — Sobald er fort war, ſprang der Geizhals aus dem Bette und loſchte ohne große Schwierigkeit das noch nicht voͤllig angezuͤndete Feuer aus. Bald darauf kam Hilda ins Zimmer, ſah was vor⸗ gegangen war, und bat ihn, das Feuer anzuͤnden zu laſ⸗ ſen, was er auch endlich mit großem Widerſtreben ge— ſtattete. Doch es ereignete ſich noch ein Vorfall. Man zuͤndete mehr Papier an, das Holz fing Feuer und be⸗ gann zu kniſtern. Doch der Kamin rauchte und Jakob blickte hinein, um ſich von der Urſache zu uͤberzeugen, und entdeckte, daß er mit einem Stohbuͤndel verſtopft war. Er langte ſogleich mit dem Arm hinauf und zog das Hinderniß herunter. Indem er dies that, zeigten ſich zwei Saͤcke, die mit klirrendem Geraͤuſch ins Feuer fie⸗ len und dadurch ihren Inhalt zu erkennen gaben. Bei dieſem Klange ſprang der Geizhals, der eben in Schlum⸗ mer geſunken war, ſogleich empor, ſtieß einen wilden Schrei aus, und befahl ſeiner Tochter und Jakob, aus dem Zimmer zu gehen. Sie kannten ihn zu gut, um ihm ungehorſam zu ſein, und ſobald ſie fort waren, ſtieg er wieder aus dem Bette, zog die Saͤcke aus dem Feuer, die glucklicherweiſe nicht verbrannt waren, verſchloß ſie ſorgfaͤltig in dem ſtarken Kaſten und legte den Schluͤſſel unter ſein Kopfkiſſen. Aber der Gedanke an die Entdeckung ſeines Schatzes verfolgte ihn und verhinderte, mit dem Fieber vereint, die Moglichkeit zu ſchlafen. Er verſuchte ſich der ver⸗ ſchiedenen Orte zu erinnern, wo er Geld verborgen hat⸗ — 56— te, und da er nicht im Stande war, ſich auf alle zu be⸗ ſinnen, ſo kam er faſt vom Verſtande. Hilda waͤre gern bei ihm aufgeblieben, doch er wollte es ihr nicht geſtat⸗ ten; auch erlaubte er es Jakob nicht. Er wartete„ bis er glaubte, daß Alle ſchliefen, ſtand dann auf, huͤllte ſich in ſeinen Schlafrock, und unterſuchte mehrere Winkel und Spalten im Zimmer, wo er kleine Geldſummen verbor⸗ gen hatte. Alle ſeine Schaͤtze fanden ſich an ihrem Orte, nur einer nicht. Er hatte vor zwei Monaten zehn Gui⸗ neen in einen Handſchuh geſteckt, und glaubte ihn hinter dem Fenſterladen verborgen zu haben. Doch er war nicht da, und indem er ſich uͤberzeugt hielt, daß Jakob das Geld entdeckt und es genommen habe, war er ſchon im Begriff, hinunterzuſteigen und ihn des Diebſtahls zu beſchuldigen, als ihm plotzlich einfiel, daß er den Hand⸗ ſchuh unter eine zerbrochene Diele in der Naͤhe des Ka⸗ mins geſteckt habe. Er hob ſogleich die Diele auf, und da lag ſein verlorner Schatz ganz ſicher. Durch die Entdeckung beruhigt, legte er den Hand⸗ ſchuh wieder an ſeinen Ort und kehrte ins Bett zuruͤck. Doch noch immer hatte er keine Ruhe. Es bemächtigte ſich ſeiner der Gedanke, das Geld ſei fort, welches er im Keller vergraben hatte, und da er ſich von dieſem Gedanken nicht befreien konnte„ſo ſtand er auf, kleidete ſich an, wie vorher, nahm das Nachtlicht, welches neben ſeinem Beite brannte, und ging mit bebenden aber vor⸗ ſichtigen Schritten die Treppe hinunter. Als er im Kel⸗ ler ankam, ſetzte er das Licht nieder und warf einen faſt — klaͤglichen Blick auf die Tonne, unter welcher er ſein Gold vergraben hatte, als wollte er fragen, ob es noch da ſei. Endlich ſammelte er ſeine Entſchloſſenheit zu der Aufgabe, ging in das Kohlengemach, nahm den Spaten, und begann den Kaſten auszugraben. Die Angſt verlieh ihm Kräfte, und in weniger als einer halben Stunde hatte er den Kaſten ausgegraben, geoffnet, die Gelbſaͤcke gezählt, und Alles richtig gefun⸗ den. Er wuͤrde auch das Geld darin gezählt haben, doch weder ſeine Kraͤfte, noch ſeine Zeit geſtatteten es ihm. Während er ſo beſchaͤftigt war, lieferte er ein ſchreckliches Beiſpiel von der Wirtung, die der Geiz auf das Gemuͤth des Menſchen hervorzubringen vermag. Da arbeitete er, gluͤhend vom Fieber in eiem feuchten Kel⸗ ler, halb nackend, denn er hatte den Schlafrock abgelegt, um den Spaten freier anwenden zu koͤnnen— da arbei⸗ tete er, als ob Leben und Tod von ſeiner Anſtrengung abhinge, und ſah faſt aus wie eine Leiche, die ihr eigenes Grab graͤbt. Es war ein furchtbarer Anblick, und er wurde von einer Perſon beobachtet, auf die er einen dauernden und mächtigen Eindruck machte. Dies war ſeine Tochter. Da ſie ihn die Treppe hinunter gehen höͤrte, folgte ſie ihm und ſah, was er vornahm, wagte aber nicht, ihn zu ſtoͤren, aus Furcht vor den Folgen. Endlich, als er den Kaſten heraus hatte, und den Inhalt unterſuchte, hoffte ſie, es ſei Alles voruͤber, ging zu Jakob's Zimmer, weck⸗ te ihn und erzählte ihm das Vorgefallene. Zugleich bat — ſie ihn, ſeinen Herrn zu beobachten und zog ſich dann in ihr Zimmer zuruͤck. Jakob gehorchte, und da er den fruͤhern Vorgang geſehen hatte, begriff er leicht, was jetzt geſchah. Er ſtellte ſich daher an die Thuͤr und ſah durch die Spalte, wie der Geizhals die Grube wieder fuͤllte, und Alles in den vorigen Stand ſetzte. Es war wunderbar und faſt unglaublich, wie der ſchwache alte Mann, von Krankheit erſchuͤttert und am Rande des Grabes ſchwankend, arbei⸗ tete— wie er ausdauerte— wie er die Erde aus dem Faſſe nahm— wie er die Grube fuͤllte— wie er die Steine wieder an ihren Platz ſetzte, und ſie mit ſeinen bloßen Fuͤßen niedertrat. Jakob war erſtaunt, und es erſchien ihm wie ein Traum. Doch kam er ploͤtzlich zum Bewußtſein, als der Geizhals ſeine Arbeit beendet hatte, und ſich auf ſeinen Spaten lehnte, um ſich auszuruhen. Da er aber gaͤnzlich erſchoͤpft war, ſtieß er einen tiefen Seufzer aus, und fiel mit dem Geſicht auf den Bo⸗ den. Jakob eilte augenblicklich auf ihn zu und fand ihn bewußtlos. Anfangs glaubte er, er ſei todt, als er aber einige Zeichen des Lebens an ihm bemerkte, erhob er ihn ſo leicht wie ein Kind in ſeinen Armen, trug ihn die Treppe hinauf, und legte ihn ins Bett. Dann ſagte er Hilda, was geſchehen war, und ſie beeilte ſich, ſolche Staͤrkungs⸗ mittel anzuwenden, wie ſie beſaß, wodurch er zu ihrer unendlichen Freude auch bald wieder zum Bewufßtſein kam. Doch einige Stunden lang war er nicht bei ſich — ſelber, und ſprach beſtaͤndig von ſeinem Schatze, von dem er ſich einbildete, daß er geſtohlen ſei. Endlich aber be⸗ hauptete die Natur ihre Herrſchaft und er ſank in Schlum⸗ mer. Waͤhrend ſeines Schlafes brachte Jakob den Ka⸗ ſten mit den Geldſaͤcken die Treppe herauf, und ſtellte ihn zu den Fuͤßen ſeines Bettes. Der Geizhals erwachte erſt ſpaͤt am folgenden Morgen, und da war er ſehr matt. Er ſchluckte mit großer Be⸗ gierde ein Gefaͤß voll ſtarker Fleiſchbruͤhe hinunter, die ſeine Tochter fuͤr ihn bereitet hatte, denn er war eben ſo ſehr aus Mangel an Nahrung, als aus irgend einer an⸗ dern Urſache erſchoͤpft, und erholte ſich in wenigen Stun⸗ den betraͤchtlich. Als es beſſer mit ihm wurde, war auch ſein Kopf heller und er begann ſich der Ereigniſſe der vergangenen Nacht zu erinnern. Anfangs glaubte er, er muͤſſe getraͤumt haben, daß er ſeinen Schatz aufgegraben; nach und nach uͤberzeugte er ſich aber, daß er es wirklich gethan, wurde außerordentlich unruhig, und verlangte zu wiſſen, wie man ihn zu Bette gebracht. Hilda erzaͤhlte es ihm dann, zeigte ihm, wo der Kaſten ſtand, und ver⸗ ſicherte ihm, daß Alles richtig ſei. Noch immer war er nicht ganz beruhigt, und ſpaͤter am Tage beſchloß er, un⸗ geachtet aller Einwendungen, aufzuſtehen. Als er allein war, verſchloß er die Thuͤr und unter⸗ ſuchte die Geldſäcke, die alle auf beſondere Art zugebun⸗ den und verſiegelt waren, und das Anſehen derſelben uͤberzeugte ihn, daß man ſie nicht geoͤffnet hatte. Er war noch nicht lange aufgeweſen, als er ſich ſo außerordentlich —— unwohl fuͤhlte, daß er zum erſtenmal in ſeinem Leben zu denken begann, ſein Ende ſei nahe. Er fiel von Fie⸗ berfroſt geſchuͤttelt auf ſeinen Stuhl zuruͤck, und ein kal⸗ ter Schweiß brach aus allen Poren. Doch der Anfall ging voruͤber, ſo daß er im Stande war, ſich zur Thuͤr hinzuſchleppen und Jakob zu rufen. Der Letztere trat augenblicklich ein und ſah ſo be⸗ ſtüͤrzt aus uͤber das Anſehen ſeines Herrn, daß dieſer es bemerkte. „Du haͤltſt mich fuͤr ſehr krank, Jakob?“ ſagte der Geizhals.„Fuͤrchte nicht, mich zu erſchrecken— rede die Wahrheit— ich weiß es.“ „Nun ja,“ verſetzte Jakob;„Sie ſehen gewiß nicht wohl aus. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, und haͤtte Geſchäfte zu ordnen, ſo wuͤrde ich es bald thun, denn man weiß nicht, was geſchehen kann.“ „Ich verſtehe,“ entgegnete der Geizhals mit graͤß⸗ lichem Grinſen;„aber ich werde noch nicht gerade jetzt ſterben, Jakob— noch nicht gerade jetzt— glaube es nicht.“ „Ich hoffe es nicht,“ verſetzte Jakob;„denn ob⸗ gleich wir in der letzten Zeit nicht allzu gut mit einander geſtanden, ſo ſollte es mir doch leid thun, Sie zu ver⸗ lieren.“ Der Geizhals wendete ſich ab, kroch zu ſeinem Stuhl zuruͤck, und ſank, von der Anſtrengung erſchöpft, auf denſelben nieder. —— „Du mußt nach Gray's Inn gehen, Jakob,“ ſagte er endlich,„und Diggs ſagen, daß er herkommt.“ „Was, um Ihr Teſtament zu machen?“ entgegnete Jakob.„Nun, ich glaube, da haben Sie Recht. Es kann nicht ſchaden, ſich ſicher zu ſtellen.“ „Es liegt nichts daran, was ich von ihm will,“ entgegnete der Geizhals;„thue wie ich Dir befehle.“ „Ich wollte, Sie ſchickten mich zu einem andern Advokaten, als zu jenem Digas mit dem glatten Ge⸗ ſicht,“ ſagte Jakob.„Ein Teſtament iſt eine ernſthafte Sache, und es waͤre mir leid, wenn Sie ein Unrecht thaͤten, was nicht wieder gut zu machen iſt.“ „Streite nicht mit mir, Schurke, ſondern geh!“ rief der Geizhals. „Ich hole den Diags nicht gern,“ ſagte Jakob. „Koͤnnte ich nicht ein Teſtament fuͤr Sie machen? We⸗ nige Worte wuͤrden genuͤgen—„„Ich hinterlaſſe mein ganzes Vermoͤgen und meine Beſitzungen, von welcher Art ſie auch ſein moͤgen, meiner rechtmaͤßigen Tochter Hilda Scarve,““— das iſt vollkommen hinreichend, und viel beſſer, als ein Teſtament, wie es Herr Diggs Ihnen machen wird. Ueberdies koſtet es auch nichts.“ „Dieſer Kerl wird mich noch umbringen!“ ſtoͤhnte der Geizhals.„Geh, Jakob— geh,“ ſetzte er bittend hinzu. — „Nun, da kann ich nicht widerſtehen,“ ſagte Jakob —„aber ſo wahr Sie jenſeits auf Vergebung hoffen, handeln Sie nicht ungerecht gegen Ihre Tochter.“ „Wenn Du mir bis zuletzt treu bleibſt, ſo will ich Dir ein huͤbſches Vermaͤchtniß ansſetzen, Jakob,“ ſagte der Geizhals.„Ein huͤbſches Vermaͤchtniß— aber kei⸗ nen Heller, wenn Du mir ungehorſam biſt.“ „Ich bedarf keines Vermächtniſſes,“ entgegnete Ja⸗ kob.„Ich moͤchte es lieber nicht haben. Aber vergeſ⸗ ſen Sie nicht Ihre Schwaͤgerin, die arme Miſtreß Clin⸗ ton. Sie haben ſie ſeit manchen Jahren hart behandelt. Machen Sie es jetzt wieder gut.“ „Ich muß in der That ſehr uͤbel ausſehen,“ ſtoͤhnte der Geizhals,„da der Schurke ſo mit mir zu reden wagt. Willſt Du gehen oder nicht?“ ſetzte er hinzu. „O ja, ich will gehen,“ ſagte Jakob.„Soll ich Ihre Tochter zu Ihnen ſchicken?“ Und da er eine matte, bejahende Antwort erhielt, verließ er das Zimmer. Etwa eine Stunde ſpäter kehrte er mit Diggs zu⸗ ruͤck, der ſich eine lange Zeit mit dem Geizhals einſchloß. Jakob wußte, daß etwas geſchrieben wurde, denn er erhielt Befehl, Feder und Dinte hinaufzubringen; auch haͤtte er gern gehorcht, doch konnte er es nicht ohne entdeckt zu werden. Endlich wurde er von Diggs gerufen, der ihn bat, eine Kutſche herbeizubringen. Es währte nicht lange, bis er eine traf, und als er den Advokaten benachrichtig⸗ te, daß Alles bereit ſei, verſtummte er faſt vor Erſtau⸗ nen, als er von dem Letztern den Befehl erhielt, den Kaſten mit den Geldſaͤcken hinunterzutragen und auf den Wagen zu ſetzen. „Sie wollen doch nicht jenen Kaſten fortſchicken?“ ſagte er zu ſeinem Herrn. „Ja, ienen Kaſten— gerade jenen Kaſten, mein guter Mann,“ ſagte der Advokat. „Aber ich muß den Befehl von meinem Herrn ſelber haben, ſonſt thue ich's nicht,“ ſagte Jakob muͤrriſch. „Wollen Sie die Gefalligkeit haben, Herr, Ihren Diener zu ſagen, was er thun ſoll?“ ſagte Diggs unge⸗ duldig. „Trage den Kaſten fort,“ ſagte der Geizhals. „Dieſen da mit dem Gelde— dieſen da?“ fragte Jakob, indem er mit dem Fuß daran ſtieß. „Ja,“ verſetzte der Geizhals. „Nun, wenn ich muß, ſo muß ich,“ ſagte Jakob, den Kaſten auf die Schulter hebend;„aber er waͤre ſicherer im Keller geweſen, als wo er jetzt hinkommt.“ Kaum hatte er ſeine Laſt in den Wagen geſetzt, als Diggs ihm folgte, einſtieg, und ihn mit triumphirendem Blicke befahl, die Thuͤr zuzumachen und dem Kutſcher zu ſagen, nach ſeiner Wohnung zu fahren. „Gray's Inn, Kutſcher!“ xief Jakob,„und ich wuͤnſche, Du moͤgeſt unterwegs den Kerl den Hals bre⸗ chen,“ ſetzte er leiſe hinzu. Da Scarve durch das, was er gethan, wie es ſchien, ſein Gemuͤth erleichtert hatte, ſo blieb er waͤhrend des uͤbrigen Tages ruhig, und legte ſich fruͤh zu Bette; doch brachte er wieder eine ſchlafloſe Nacht zu, und ge⸗ rieth wieder in Schrecken wegen ſeines Geldes. Da er am naͤchſten Tage nicht im Stande war, die Treppe hin⸗ unterzugehen, ſo befahl er Jakob, alle ſeine Käſten her⸗ aufzubringen, und ſie in ſeine Nähe zu ſtellen. Da ſein Fieber zunahm, willigte er ein, daß in ſeinem Schlaf⸗ zimmer beſtaͤndig ein kleines Feuer unterhalten werde, und ſetzte ſeinen Stuhl dicht daneben. Außer ſeinem Schlafrock huͤllte er noch eine alte wollene Decke um die Schultern, und verſuchte ſeine Beine dadurch warm zu halten, daß er zwei Paar lange wollene Struͤmpfe an⸗ zog. Da ſein Bett keine Vorhaͤnge hatte, ſo ließ er ein Laken am untern Ende deſſelben anbringen, um ihn ge⸗ gen das Feuer zu ſchuͤtzen, welches, wie er glaubte, ihn im Schlafe ſtoͤre. Dies waren die einzigen Bequemlich⸗ keiten, die er ſich geſtattete, und er wollte durchaus kei⸗ nen Arzt kommen laſſen. Ein Arzt kann mir nicht helfen,“ ſagte er zu Jakob, der ihm dringend zuredete, einen kommen zu laſſen, „wenn Enthaltſamkeit einen Menſchen nicht heilt, ſo wird es auch die Arzenei nicht koͤnnen.“ — 65— „Nun, vielleicht haben Sie Recht, Herr,“ ſagte Jakob;„aber ich wollte, Sie daͤchten weniger an Ihre weltlichen Angelegenheiten, und mehr an ihre geiſtlichen. Sehen Sie das Bild uͤber ihren Kamin an, wie der Tod dem habſuͤchtigen Manne ſeine Schaͤtze vor den Augen wegnimmt. Es koͤnnte fuͤr Sie eine Warnung ſein.“ Das von Jakob erwaͤhnte Bild, war eine Copie ei⸗ ner Zeichnung von Holbein aus dem Todtentanze, wel⸗ ches uͤber dem Kamin hing, und mit der Blbelſtelle ver⸗ ſehen war:„stalte, hac nocte repetunt animam tuam, et quae parasti cujus erunt?““*) welche eine ſo furchtbare und feierliche Anwendung auf den gegenwärtigen Fall zu⸗ ließ. Der Geizhals ſchauderte, als er es anſah, doch wollte er die Richtigkeit von Jakob's Bemerkung nicht anerkennen. Seit Kurzem hegte er einen Widerwillen gegen Ja⸗ kob, und wollte ihn kaum naͤher kommen laſſen. Da er geſehen, wie er beim Oeffnen eines der Käſten einen al⸗ ten Strumpfſocken aufgenommen, worin ſich etwas Sil⸗ bergeld befand, ſo ſetzte er ſich in den Kopf, er wolle ihn berauben, und da ſeine Furcht durch ſeine aufgeregte Ein— bildungskraft vergroͤßert wurde, uͤberredete er ſich bald, *) Du Thor! in dieſer Nacht wird man Deine Seele von Dir fordern, und was Du zuſammengeſcharrt haſt, wem wird's gehdren?— Die Tochter des Geizigen. III. 5 daß er ihn zu ermorden beabſichtige. Um einen ſolchen Plan zu verhindern, legte er eine geladene Piſtole neben ſich auf das Kamingeſims, und hing einen bloßen Degen an einen Pflock, ſo daß er ihn im Nothfall erreichen konnte. Dieſe Waffen trug er Nachts mit zu ſeinem Bette hin. Doch es wurde täglich ſchlimmer mit ihm und ſeine Geiſteskraͤfte wurden mehr und mehr geſchwächt. Er ging Nachts im Hauſe umher, faſt im Zuſtande ei⸗ nes Nachtwandlers, murmelte ſeltſame Dinge von ſeinem Schatz und beſuchte haͤufig den Keller, wo der Kaſten vergraben geweſen, ohne ſich zu erinnern, daß er fort war. Zu ſolchen Zeiten folgte ihm Jakob beſtaͤndig, um zu verhindern, daß er ſich Leid anthue, trug aber Sorge, daß er ihn nicht ſah. Sein Stoͤhnen und Klagen war kläglich anzuhoͤren, denn er fing an ſich einzubilden, er ſei ein ruinirter Mann, und ſelbſt der Anblick ſeines Gel⸗ des konnte ihn nicht vom Gegentheil uberzeugen. Es war vergebens, ihm vernuͤnftige Vorſtellungen zu machen. Der traurige Gedanke hatte ſich ihm zu tief eingepraͤgt, um entfernt werden zu koͤnnen. Seine naͤchſte Einbildung beſtand darin, daß Hilda ſeine Kaͤſten geoͤffnet habe, wozu er ihr die Schluͤſſel an⸗ vertraut. Sie mußte ihm daher gewiſſe Documente und Papiere vorleſen, deren Inhalt er nur ſehr unvollkom⸗ men verſtand. Eines Abends, als er in ſeine Decke gehuͤllt am Feuer ſaß und ſeine Fuͤße auf einen Strohſack geſtellt hatte, bat er ſeine Tochter, noch einige Papiere mehr vor⸗ zuleſen. Das Feuer brannte ſo luſtig, wie es nur konn⸗ te, da es nicht ſehr reichlich unterhalten wurde, und da Hilda darauf beſtand, es muͤßten zwei Kerzen angezuͤndet werden, damit ſie leſen koͤnne, ſo war es heller als ge⸗ woͤhnlich. Nachdem ſie mehrere Pfandbriefe, Contracte und Schuldverſchreibungen durchgeleſen hatte, deren un⸗ zählige Klauſeln er auf ſeine gewoͤhnliche gleichguͤltige Weiſe anhoͤrte, wendete er ſich ploͤtzlich zu ihr um und deutete auf einen Kaſten, der fruͤher in ſeinem Wohn⸗ zimmer unter dem Tiſche geſtanden, und gab ihr einen Wink, denſelben zu oͤffnen. Da Hilda wohl wußte, daß dieſer Kaſten ſeine geheimſten Papiere enthielt, ſo hatte ſie ſich bis dahin nichts damit zu thun gemacht, da er es ihr aber befahl, ſo trug ſie weiter kein Bedenken. Sie ſetzte ihn auf den Tiſch, nahm das große Schluͤſſelbund, fand bald den rechten Schluͤſſel und ſchloß ihn auf. „Soll ich Dir etwas Beſonderes vorleſen, lieber Voter?“ fragte ſie, indem ſie einige Papiere heraus⸗ nahm, die mit einer rothen Schnur zuſammengebunden waren.„Hier iſt eine Verſchreibung auf zweitau⸗ ſend Pfund von George Delahay Villiers, Esquire, eine andere von Lady Brabazon, und eine dritte von Sir Bulkeley Brice. Soll ich Dir eine davon vor⸗ leſen?“ Der Geizhals ſchuͤttelte mit dem Kopf. — 5 45— „Hier ſind mehrere Rechnungen,“ fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie eine Rolle mit kleinern Papieren herausnahm— „und ein anderes Buͤndel Pfandbriefe. Soll ich Dir davon etwas vorleſen?“ Der Geizhals ſchuͤrtelte mit dem Kopf. Dieſe Be⸗ wegung war ihm beinahe mechaniſch geworden. „Dann will ich weiter gehen,“ fuhr Hilda fort. „Ei, was iſt dies fuͤr ein Brief mit dem ſchwarzen Sie— gel? Soll ich ihn leſen?“ Der Geizhals gab keine Antwort. Er blickte gedan— kenlos ins Feuer und beobachtete mit kindiſcher Freude die Rauchwolken, die im Kamin hinaufſtiegen. Hilda offnete daher den Brief und fand ein kleines Verzeichniß darin eingeſchloſſen, welches ſie auf den Tiſch legte. Vor Bewegung zitternd begann ſie folgende Zeilen laut zu leſen: „Alter und geſchaͤtzter Freund,“ „Wenn Dir dies je vor Augen kommen ſollte, ſo werde ich ſchon ein Jahr in meinem Grabe ſein, denn nach unſerer Uebereinkunft wird es Dir erſt nach Ver⸗ lauf einer ſolchen Zeit nach meinem Tode uͤberliefert werden. Ich darf Dich nicht erſt erinnern, daß wir die Uebereinkunft getroffen, daß der Contract uͤber die Ver⸗ heirathung unſerer Kinder null und nichtig ſein ſollte, 3 b — 69— im Fall wir Beide innerhalb des Jahres ſtur⸗ ben.“ Hier wurde Hilda durch einen lauten Schrei ihres Vaters erſchreckt, und als ſie aufſah, bemerkte ſie, daß er ſie wild und fragend anſtarre. „Was lieſt Du da?“ fragte er. „Den Brief, welchen Randulph Crew Dir uͤber⸗ brachte,“ verſetzte ſie—„den Brief von ſeinem Va⸗ ter. „Und wie darfſt Du ihn leſen?“ rief er.„Wer gab Dir die Erlaubniß dazu?“ „Da ich ſo weit gegangen bin, will ich ihn auch zu Ende leſen,“ verſetzte Hilda und las weiter: „Ich fordere Dich jetzt auf, Deinen Antheil des Contractes zu erfuͤllen, und Deine Tochter meinem Sohn zu geben. Als wir die Verbindlichkeit eingin⸗ gen, wurde ich fuͤr reicher gehalten als Du; aber jetzt bin ich ſehr zuruͤckgekommen, und wenn mein Sohn ſein Wort erfuͤllt, und die Beſitzung ausliefert, um meine Glaͤubiger zu bezahlen, ſo wird er wenig oder nichts haben.“ „Er hat nichts— er hat nichts!“ rief der Geiz⸗ „ hals;„ich will nimmermehr meine Einwilligung geben — nimmermehr!“ „Aver in welchen Umſtaͤnden er auch ſein mag,“ fuhr Hilda zu leſen fort,„mag er nun die Beſitzung ausliefern oder nicht, ſo fordere ich Dich auf, Deinen Theil des Contractes zu erfuͤllen, ſo wie ich den mei⸗ nigen wuͤrde erfuͤllt haben, was auch mit Dir geſchehen ſein moͤchte, und, wie wir uͤbereingekommen„ Deiner Tochter eine Summe auszuſetzen, die Deinen Mitteln angemeſſen iſt.“ „Ich habe nie eine ſolche Uebereinkunft getroffen!“ rief der Geizhals;„es iſt faſch— falſch!“ „Ich ſchließe die Abſchrift des Contractes bei,“ fuhr Hilda fort zu leſen,„das Original hat Cord⸗ well Firebras im Beſitz, wie Du weißt. Er wird dar⸗ auf dringen, daß der Contract erfuͤllt werde. Gott moͤge Dir vergelten, je nachdem Du unſern Contract erfuͤllſt oder vernachlaͤſſigſt! Randulph Crew.“ „Und hier iſt der Contract,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie das kleinere Stuͤck Papier aufnahm—„er iſt von Randulph Crew und John Scarve unterzeichnet.“ „Es iſt eine Falſchung!“ rief der Geizhals. „Cordwell Firebras hat das Original im Beſitz,“ ſagte Hilda.„Vater, Du haſt ungerecht gegen Ran⸗ dulph Crew gehandelt. Du biſt ihm einen großen Er— ſatz ſchuldig, und ich hoffe, Du wirſt ihn leiſten.“ „Ich bin ihm nichts ſchuldig,“ verſetzte der Geiz⸗ —— hals;„es iſt eine Erfindung. Gib mir die Papiere, da⸗ mit ich ſie verbrenne! Gib ſie mir ſogleich!“ Bei dieſen Worten ſtand er auf, ſchwankte zu ihr hin und riß ihr den Brief und den Contract weg, in der Abſicht, Beides ins Feuer zu werfen. Aber ehe er dies thun konnte, wurde die Thuͤr geoͤffnet und Abel Beechcroft trat ein. „Was wollen Sie, Herr?“ rief der Geizhals, in⸗ dem er ihn furchtſam anſah und die Papiere, die er in Hand zuſammengedruͤckt hatte, auf den Boden fallen ließ. „Ich habe von Ihrer Krankheit gehoͤrt, Herr Scarve,“ verſetzte Abel,„und komme, Ihnen einige Worte zu ſagen, die Sie anhoͤren muͤſſen, ſo lange Sie noch dazu im Stande ſind.“ „Aber Sie ſtören mich,“ entgegnete der Geizhals —„Sie koͤnnen mir nichts zu ſagen haben.“ „Ich habe Ihnen etwas zu verzeihen,“ entgegnete Abel. „Zu verzeihen!“ wiederholte Scarve.„Wie, habe ich Sie beleidigt? O, jetzt erinnere ich mich! Ich hei⸗ rathete Arabella Clinton, die Sie gern geheirathet haͤtten. Aber ſie iſt ſchon ſeit ſiebzehn Jahren und laͤnger todt und begraben.“ 8 — „Mein Vater befindet ſich nicht in dem Zuſtande, um ſich mit Ihnen unterreden zu koͤnnen, Herr Beech⸗ croft,“ ſagte Hilda.„Aber eins moͤchte ich gegen Sie erwaͤhnen—“ „Kein Wort von dem Brief, oder dem Contract,“ rief der Geizhals mit plötzlicher Wuth;„kein Wort, oder ich verfluche Dich— Huͤte Dich vor dem Vater⸗ fluch!“ „Was hat dies zu bedeuten?“ rief Abel Beechcroft erſtaunt. „Nichts,“ rief der Beizhals— es iſt eine Sache zwiſchen mir und meiner Tochter. Gehen Sie fort. Sie haben hier nichts zu thun. Ich kann auch ohne Ihre Verzeihung ſterben.“ „Vater!“ rief Hilda,„ich habe eine Pflicht ge⸗ gen Andere ſo gut wie gegen Dich zu erfuͤllen. Viel⸗ leicht zeigt ſich keine andere Gelegenheit. Ich muß Herrn Beechcroft mittheilen, was ich entdeckt habe.“ Der Geizhals drohte ihr in ohnmaͤchtiger Wuth mit der Fauſt, und verſuchte den Fluch auszuſprechen. Doch die Sprache verſagte ihm, und mit einem halb⸗ artikulirten Schrei fiel er bewußtlos zu Boden. Auf Hilda's Geſchrei trat Jakob ins Zimmer. Der Geizhals wurde ins Bett gebracht, und mit Erfolg —— — — — Staͤrkungsmittel bei ihm angewendet. Unausſprechlich beunruhigt und erſchuͤttert durch das, was er mit an⸗ geſehen, nahm Abel Beechcroft Abſchied. Hilda hob den Brief und den Contract vom Boden auf, glättete Beide wieder ſorgfaͤltig, und brachte ſie an einen ſichern Ort. —— Fünftes Kapitel. Abel's Benehmen als er von der Krankheit des Geizhalſes erfuhr.— Sir Singleton Spinke macht der ſchoͤnen Thomaſine den Antrag.— Randulph ſpeiſt wieder bei Lady Brabazon zu Mittag.— Er erhaͤlt einen Brief von Kitty Conway und wird auf dem Weg zu ihr von Philipp Frewin und ſeinen Spießgeſellen uͤberfallen. Jakob uͤberbrachte Miſtreß Crew die Nachricht von dem Krankheitszuſtande des Herrn Scarve und ſprach die Ueberzeugung aus, daß er von dieſem Anfall nicht wie⸗ der geneſen werde.„ „Er mag ſich noch eine Zeitlang hinhalten,“ ſagte Jakob,„aber gewiß wird er nicht wieder, wie er war.“ Dieſe Nachricht aͤußerte eine ſichtbare Wirkung auf Abel, und Miſtreß Crew glaubte zu bemerken, daß ſeine Gefuͤhle weniger erbittert waren gegen ſeinen alten Feind. Er bat Jakob, ihn täglich von dem Befinden ſeines Herrn zu benachrichtigen, und ihm augenblicklich Kunde zu geben, wenn es bedeutend ſchlimmer mit ihm werde. „Ich kann wohl nichts fuͤr ihn thun,“ ſetzte er hin⸗ zu—„und ihm auch nichts ſchicken?“ „Nun, er will freilich keine Arzenei nehmen, wenn er es weiß,“ ſagte Jakob;„und von Wein oder Brannt⸗ wein iſt ſchon ſeit vier oder fuͤnf Tagen kein Tropfen im Hauſe. Wir koͤnnen auch keinen holen laſſen, denn er gibt Miß Hilda nur die gewoͤhnliche Kleinigkeit zu den haͤuslichen Ausgaben, und ſie will nichts von ſeinem Gelde nehmen, aus Furcht ihn zu aͤrgern, denn er zaͤhlt es jeden Tag, und wuͤrde es gewiß vermiſſen.“ „Nehmen Sie eine Flaſche Wein und eine Flaſche Branntwein mit zuruͤck, Jakob,“ ſagte Abel. „Danke Ihnen, Herr!“ verſetzte Jakob;„„vielleicht kann man ihn dadurch retten. Ich will einen Loͤffel voll unter ſeine Suppe miſchen, und ich denke, er wird es nicht bemerken.“ „Kann ich ihn noch ſonſt etwas ſenden?“ fragte Abel.„Meine Haushaͤlterin koͤnnte ihm Suppen oder dergleichen machen. Wir ſind hier beſſer dazu eingerich⸗ tet als Ihr.“ 0 —— „Und haben auch mehr Mittel dazu,“ verſetzte Ja⸗ kob;„ich will nicht nein ſagen; denn wir koͤnnen ihn wirk⸗ lich nicht ſo behandeln, wie er ſollte behandelt werden. Obgleich er ſich im Golde wälzt, ſo verweigert er ſich doch die gewoͤhnlichen Bequemlichkeiten, ja die Beduͤrf⸗ niſſe des Lebens zu einer Zeit wie dieſe. Und dann Ih⸗ nen dafuͤr verpflichtet ſein zu muͤſſen, Herr!“ „Tragen Sie Sorge, daß er es nie erfaͤhrt, noch auch argwoͤhnt,“ ſagte Abel haſtig. „Fuͤrchten Sie nichts, Herr,“ erwiederte Jakob, „er ſoll nichts von mir erfahren. Aber er wird auch nicht fragen.“ „Ich kann wohl Ihrer jungen Dame keinen Bei⸗ ſtand leiſten, Jakob?“ ſagte Miſtreß Crew. „Wohl nicht, Madame,“ verſetzte Jakob.„Meine arme junge Miß hat eine ſchwere Aufgabe zu erfuͤllen; doch ſie muß erfuͤllt werden, und ich hoffe, es ſtehen ihr gluͤcklichere Tage bevor.“ Abel klingelte dann und ertheilte Jukes ſeine Befeh— le, der Jakob mit in die Bedientenſtube nahm, den Wein und Branntwein herbeiholte und eine Kanne mit Fleiſch⸗ bruͤhe fuͤllte. „Sie ſollen morgen eine gute Huͤhnerſuppe haben,“ ſagte der Kellner,„und inzwiſchen wird dies beſſer ſein als nichts.“ — „Ich denke es auch,“ verſebte Jakob. Während der wenigen Minuten, die der Kellner zu⸗ gebracht hatte, um in den Keller zu gehen, hatte Jakob Zeit gefunden, eine Paſtete ziemlich weit auszuhoͤhlen und einen Krug mit Ale zu leeren; doch jetzt ſprang er auf, ſteckte den Wein in die eine und den Branntwein in die andere Taſche, nahm den Krug mit Fleiſchbruͤhe in die Hand, und kehrte ſo ſchnell er konnte nach Little Sanc⸗ tuary zuruͤck. Er kam täglich um einen neuen Vorrath von Suppe zu holen, die, wie er der Wahrheit gemaͤß ſagte, ſeinen Herrn faſt allein erhielt. Abel ſah ihn ſtets auf einige Minuten, wenn er kam und hoͤrte mit der groͤßten Theilnahme ſeinen Bericht von dem Befinden des Geiz⸗ halſes an. Jakob erzaͤhlte ihm von dem Beſuch des Ad⸗ vokaten Digas und von ſeinem Verdacht, daß er ſein Teſtament gemacht habe, und ſchloß mit der Erwaͤhnung der Geldſumme, die der Advokat mitgenommen. Dies ſetzte Abel in große Unruhe und er murmelte bei ſich ſelber: „Ich muß einige Nachforſchungen uͤber dieſen Diggs anſtellen, und herauszubringen ſuchen, was er mit dem Gelde thut. Ich hoffe, dieſer elende alte Mann wird doch nicht ſeiner Thorheit die Krone aufgeſetzt und ſein Vermoͤgen Jemand anders als ſeiner Tochter vermacht haben.“ „Verhuͤte Gott!“ rief Jakob.„Aber es iſt nicht — zu ſagen, was er thun kann. Ich wuͤnſchte, Sie beſuch⸗ ten ihn, Herr.“ „Ich wuͤrde ihn beſuchen, wenn ich glaubte, daß es irgend nuͤtzen koͤnnte,“ entgegnete Abel;„doch ich furch⸗ te, daß mein Dazwiſchentreten nur Unheil anrichten wird. Ich muß ihn ſehen, ehe es mit ihm zu Ende iſt. Wir haben noch eine Rechnung mit einander abzuſchlie⸗ ßen.“ „Dann wird es gut ſein, wenn Sie es nicht zu lange aufſchieben,“ verſetzte Jakob. Abel konnte ſich aber nicht entſchließen, die ſchmerz⸗ liche Scene mit anzuſehen, die er erwartete, bis eines Abends, als er mit ſeiner Schweſter, Randulph und Truſſell nach dem Mittagseſſen beim Wein ſaß, Jakob, der ſchon am Morgen dageweſen war, ihn zu benachrich⸗ tigen kam, daß der Geizhals den ganzen Tag ſo unwohl geweſen und ſo phantaſirt habe, daß, wenn er ſich noch mit ihm zu unterreden wuͤnſche, ſo lange er bei Verſtande ſei, er lieber ſeinen Beſuch nicht aufſchieben moͤge. Abel entſchloß ſich ſogleich zu gehen, und begab ſich daher mit Jakob nach Little Sanctuary, wo er die kurze und ſchmerzliche Unterredung mit dem Geizhals hatte, woruͤber wir in dem vorhergehenden Kapitel berichtet haben. Jetzt war Randulph wieder im Stande auszugehen. Einer ſeiner erſten Beſuche galt Sir Norfolk Salusbury, der ſehr erfreut war, ihn zu ſehen, ihm freundlich die Hand druͤckte, und wiederholte, was er ſchon ——————— fruͤher geſagt, daß er ſich bei dem Dulll bewun⸗ dernswuͤrdig benommen. Sir Norfolk ſprach dann von der Krankheit des Geizhalſes, beklagte die Lage ſei— ner Tochter, und ſetzte hinzu, er habe ihn ſchon mehr⸗ mals beſuchen wollen, ſei aber nicht eingelaſſen worden. Waͤhrend ſie ſich ſo unterhielten, wurde Sir Bulkeley Price angemeldet. Gleich Sir Norfolk ſchien er ſehr er⸗ freut, Randulpb wieder wohl zu ſehen, und wuͤnſchte ihm Gluͤck zu ſeiner Geneſung. „Villiers iſt ſchon vor Ihnen ausgegangen, Herr Crew,“ ſagte er.„Ich hatte geſtern einen Beſuch von ihm, doch er traͤgt ſeinen Arm noch in der Binde, wahr⸗ ſcheinlich weil er es fuͤr ſchoͤn haͤlt. Er kam mich zu bitten, ihn bei Miß Scarve zu entſchuldigen und ihr zu ſagen, daß er ſein Betragen aufrichtig bereue. Er ſei dazu durch die Heftigkeit ſeiner Leidenſchaft veranlaßt worden, wie er erklarte; doch ſei er jetzt ganz geheilt, und ſehr beſchaͤmt wegen ſeines Betragens.“ „Das ſagte er mir auch,“ ſebte Sir MNorfolk hinzu. „Er ſprach ſich auch ſehr ſchoͤn uͤber Sie aus, Herr Crew,“ fuhr Sir Bulkeley fort,„und ſagte, er ſei außerordentlich froh, daß das Duell auf die Weiſe geendet habe. Ich hoffe daher, Sie werden beſſere Freunde werden als je.“ „Vielleicht werden wir beſſere Freunde, weil wir uns weniger ſehen als ſonſt,“ ſagte Randulph lachend. — 6— „Indeſſen iſt es angenehm, wenn ein Gegner uns ſo ſchmeichelhafte Dinge ſagt.“ Bald darauf verließ die Geſellſchaft Abingdon Street und ging in den Sanct James Park, wo ſie Beau Vil⸗ liers, Lady Brabazon und Clementine nebſt ihrem be⸗ ſtaͤndigen Begleiter Sir Singleton Spinke trafen. Vil⸗ liers, der ſeinen rechten Arm in der Binde trug, ſtreckte Randulph ſogleich ſeine freie Hand entgegen und ertheilte ihm ſo viele Lobſpruͤche uͤber ſeinen Muth und ſeine Ge— ſchicklichkeit, daß derſelbe von ſehr hartem Stoffe haͤtte ſein muͤſſen, wenn er unempfindlich dagegen geweſen waͤre. Seine edle Natur wurde lebhaft geruͤhrt, und er begann zu denken, daß er dem Stutzer Unrecht gethan. Auch Lady Brabazon wendete alle ihr zu Gebote ſtehende Mittel an, und ſagte ihm mit bezauberndem Laͤcheln, er muͤſſe ſeinen Spiegel befragen, dann wuͤrde er jeden Mo⸗ nat einen Zweikampf beſtehen und ſich verwunden laſſen, denn er ſaͤhe jetzt viel ſchoͤner aus als je. Die Unterredung endete damit, daß Randulph eine Einladung zum Mittageſſen auf den nächſten Tag bei Lady Brabazon annahm. Truſſell war entzuͤckt. Der Zufall und die Vereinigung der Umſtände hatten gerade das bewirkt, was er wuͤnſchte. Randulph dagegen war mit ſich ſelber unzufrieden, daß er die Einladung ange⸗ nommen, doch es war jetzt zu ſpaͤt, zuruͤckzutreten. Er fuͤhlte ſich etwas verlegen, wie er die Sache ſeiner Mut⸗ ter mittheilen ſolle, doch Truſſell half ihm aus der Ver⸗ legenheit, gab bei ſeiner Ruͤckkehr nach Hauſe eine leb⸗ hafte und ergötzliche Schilderung von der Begegnung im Park und ſagte, ſie habe zu einem Verſoͤhnungsmahl Ver⸗ anlaſſung gegeben, welches am folgenden Tage im Hauſe der Lady Brabazon ſtattfinden ſolle. „Ich hoffe, das Mittageſſen wird nicht zu einem neuen Streit fuͤhren,“ ſagte Abel. „Ich hoffe es auch,“ verſetzte Miſtreß Crew.„Ich wuͤnſchte, Du gaͤbeſt Deinen Umgang mit Lady Braba⸗ zon auf, Randulph— ich kann ſie nicht leiden.“ „Ich beabſichtige, ihn nicht in demſelben Maße, wie fruͤher, fortzuſetzen,“ ſagte Randulph;„doch es war un⸗ moͤglich, die gegenwaͤrtige Einladung abzuſchlagen.“ „Durchaus unmoglich!“ wiederholte Truſſell—„nie hoͤrte man etwas ſo Schoͤnes, wie Villier's Entſchuldi⸗ gungen.“ „Pah!“ rief Abel;„darauf kann man ſich eben ſo wenig verlaſſen, wie auf ihn ſelber.“ „Ich denke nicht ſo im gegenwärtigen Fall,“ ſagte Randulph. „Ich gebe Dir mein Wort, daß man Dich taͤuſcht,“ verſetzte Abel. Und hier endete die Unterhaltung. Am nächſten Tage, bald nach fuͤnf Uhr, fuhren Randulph und ſein Onkel nach Weſtminſter hinuͤber und begaben ſich dann nach Little Sanctuary. Truſſell wollte ſich eine neue Peruͤcke abholen, die er bei Peter Pokerich beſtellt hatte, und waͤhrend er in den Laden des kleinen Die Tochter des Geizigen. MI. 6 ———— Barbiers trat, um ſie aufzuſetzen, ging Randulph auf die andere Seite der Straße hinüber, um nach dem Geiz⸗ hals und ſeiner Tochter zu fragen. „Es ſteht ſo ſchlimm mit ihm, wie nur moͤglich,“ ſagte Jakob, der auf ſein Klopfen erſchien,„und ich fuͤrchte auch, daß dieſes beſtändige Wachen fuͤr Miß Hil⸗ da zu viel werden wird. Ich wuͤnſchte auch ein Wort mit Ihnen zu reden, aber ich habe gerade jetzt keine Zeit, denn man bedarf meiner. Wo werden Sie dieſen Abend ſein?“ „Ich gehe um bei Lady Brabazon in Pall Mall zu Mittag zu ſpeiſen,“ ſagte Randulph.„Ich gehe um zehn Uhr fort und werde auf meinem Ruͤckwege hier vorſprechen.“ „Nein, ich werde um zehn Uhr ins Haus Ihrer Herrlichkeit gehen,“ ſagte Jakob,„und dort warten, bis Sie herauskommen. Wir haben zuſammen etwas ab⸗ zumachen.“ Hierauf machte er die Thuͤr zu und Randulph ging uͤber die Straße zu Peter Pokerichs Laden. In demſel⸗ ben Augenblick ſah man eine Sänfte die Straße daher⸗ kommen. Sie hielt vor dem Hauſe des Seidenhändlers Deacle an, und als ſie geoͤffnet wurde, ſtieg Sir Single⸗ ton Spinke ſehr geputzt heraus und ging in den Laden des Seidenhaͤndlers. Als Randulph den Eintritt des al⸗ ten Stutzers beobachtet hatte, ging er in den Laden — — —— ——— — 83— des Barbiers und ſagte ſeinem Onkel, was geſchehen war. „Sir Singleton will gewiß der ſchoͤnen Thomaſine den Hof machen,“ ſagte Truſſell lachend. Als Peter dieſe Bemerkung hoͤrte, ſtuͤrzte er ohne ein Wort zu ſagen aus dem Laden und eilte in das be⸗ nachbarte Haus. Truſſell wollte anfangs aͤrgerlich wer⸗ den, doch als er uͤber die wahrſcheinliche Urſache der ploͤtzlichen Flucht des Barbiers nachdachte, brach er in ein lautes Lachen aus. „Laß uns gehen und zuſehen, was vorgeht,“ ſagte er, ſeine Peruͤcke ordnend. Inzwiſchen war der kleine Barbier in den Laden des Seidenhändlers getreten. Es war Niemand weiter da als ein Lehrling, der nicht auf ihn achtete. Er ging da⸗ her raſch und leiſe zu der Thuͤr des innern Zimmers, welche nur angelehnt war, ſo daß er Alles hoͤren konnte, was drinnen vorging, auch konnte er durch die Glas⸗ ſcheiben Sir Singleton und ſeine Geliebte ſehen. Der alte Stutzer lag auf den Knieen, waͤhrend die ſchoͤne Thomaſine ihre Hand in der ſeinigen ließ, obgleich ſie ihre Blicke von ihm abwendete. Dieſem Umſtande war es zuzuſchreiben, daß ſie den eiferſuͤchtigen kleinen Barbier nicht bemerkte, der ſie durch das Fenſter anſtarrte. Pe⸗ ter zupfte in eiferſuͤchtiger Wuth an ſeiner Peruͤcke, und wuͤrde Haͤndevoll Haare herausgeriſſen haben, wenn ſie 6* herausgegangen waͤren. Doch die Peruͤcke war gut ge⸗ macht und widerſtand ſeinen Anſtrengungen. „Ich will nicht eher aufſtehen, als bis ich eine guͤn⸗ ſtige Antwort erhalte, angebetete Thomaſine!“ ſagte Sir Singleton.„Wollen Sie die Meine werden?— Wol⸗ len Sie mit mir entfliehen?“ „Ich kann es nicht,“ verſetzte die ſchoͤne Thoma⸗ ſine, ſich ſo ploͤtzlich umwendend, daß der kleine Barbier nur eben noch Zeit hatte, ſich niederzubuͤcken, um der Beobachtung zu entgehen.„Ich kann es nicht. Ich habe Ihnen ſchon hundertmal geſagt, daß ich mit Peter Pokerich verlobt bin.“ „Ich will den kleinen Schurken die Kehle abſchnei⸗ den!“ rief Sir Singleton aufſtehend und mit der Hand an ſeinen Degen ſchlagend.„Ich will ihn mit ſeinem eigenen Peruͤckenſtock bearbeiten.“ „Nein, thun Sie es nicht!“ ſagte die ſchoͤne Tho⸗ maſine— ich wuͤrde wahnſinnig werden, gleich Ophelia, wenn ihm etwas zu Leide geſchähe. Der arme Peter iſt ſo ſehr verliebt in mich— ſo ſehr verliebt! Zu einer Zeit war er freilich ein wenig unbeſtändig— denn die Reize der liebenswuͤrdigen Tochter des Geizhalſes blende⸗ ten ihn. In der letzten Zeit aber iſt er wieder ſehr an⸗ haͤnglich geworden.“ „Er kann Sie nicht den tauſendſten Theil ſo lieben, wie ich Sie liebe,“ ſagte der alte Stutzer— es liegt nicht in ſeiner gemeinen Natur. Ueberdies kann ich Sie zur Lady Spinke machen— kann Sie an die Spitze ei⸗ nes glaͤnzenden Haushalts ſtellen— Sie mit Diaman⸗ ten bedecken— Sie in die erſte Geſellſchaft einfuͤhren— Sie jeden Abend in die Spielgeſellſchaft einer ſchoͤnen Dame bringen— nach Ranelaggy— nach Vauxhall— oder in die Theater.“ „Das klingt freilich ergoͤtzlich!“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine, deren Augen funkelten bei der Aufzaͤhlung der ihr bevorſtehenden Vergnuͤgungen.„Aber wollen Sie mich wirklich zur Lady Spinke machen?“ „Ich ſchwoͤre es!“ rief der alte Stutzer.„O, ſein Sie die Meine!— Sagen Sie, Sie wollen die Meine ſein!“ „Nein, Sie ſind zu alt fuͤr mich!“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine.„Ich glaube nicht, daß ich Sie heirathen koͤnnte.“ Der ungluͤckliche Barbier, der beinahe in den Laden geſunken waͤre, lebte hier wieder auf. „Zu alt!“ rief Sir Singleton.„Ei, ich bin ja in der Bluͤthe meines Lebens. Aber geſetzt, ich bin alt, um ſo eher werden Sie eine Wittwe, Lady Spinke, mit einem huͤbſchen Vermoͤgen— bedenken Sie das!“ „Ein großes Vermogen iſt freilich verfuͤhreriſch,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine nachdenkend. „Die Wahl zwiſchen dem glänzenden Leben, welches ich Ihnen verſpreche, und dem elenden Leben, wozu Sie mit Ihrem kleinen Barbier verdammt ſein wuͤrden, kann Ihnen doch gewiß nicht ſchwer werden, mein holdes Kind,“ rief der alte Stutzer.„Geben Sie ihn ſogleich auf. Laſſen Sie ihn bei ſeinen Peruͤcken, bei ſeinem Puderquaſt und ſeinen Peruͤckenkoͤpfen, und laſſen Sie ihn ein Laden- oder Dienſtmäochen heirathen, die einzi⸗ gen Geſchoͤpfe, die fuͤr ihn paſſen.“ „Lady Singleton Spinke und Miſtreß Peter Poke⸗ rich— das klingt freilich ſehr verſchieden,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine.„Ich möchte freilich ſehr gern Ihre Herrlichkeit genannt werden.“ „Das moͤchten die meiſten Frauenzimmer, aber nicht jede hat die Gelegenheit dazu,“ verſetzte der alte Stuz⸗ zer.“ „Und dann ſoll ich auch eine ſchoͤne vergoldete Kut— ſche haben?“ fuhr die ſchoͤne Thomaſine fort. „Sie ſollen ſie haben,“ verſetzte Sir Singleton. „Und ſchoͤne Kleider?“ fuhr ſie fort. „So viele Sie wollen,“ antwoctete er.„Ich will Ihrem Vater ſeinen ganzen Vorrath von Seidenzeugen abkaufen.“ „Und prächtige Diamanten?“ „Gleich denen einer Herzogin.“ „Und ſoll zu Hofe gehen?“ „Das ſollen Sie.“ „Und zu Ranelagh, nach Vaurhall und in die Schauſpielhaͤuſer?“ „So oft Sie wollen.“ „Nun, beinahe moͤchte ich— doch nein, es wuͤrde ſo unrecht ſein— nein, ich kann nicht einwilligen. Pe⸗ ters Herz wuͤrde brechen.“ „Peters Herz wuͤrde bald wieder heilen,“ entgegnete Sir Singleton.„Ich will in einer Kutſche mit Vieren morgen fruͤh um fuͤnf Uhr an die Straßenecke kommen, dann wollen wir eine Spazierfahrt von einigen Meilen außer der Stadt machen, zum Fruͤhſtuͤck zuruͤckkehren und dann nach Fleet, um uns copuliren zu laſſen.“ „Erwarten Sie mich nicht, ich kann mich nimmer⸗ mehr zu einem ſo furchtbaren Schritt entſchließen,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine pathetiſch und unentſchloſſen. „Nun, ich werde auf jeden Fall dort ſein,“ ſagte der alte Stutzer, ihre Hand an ſeine Lippen druͤckend. „Leben Sie wohl. Um fuͤnf Uhr alſo.“ Der kleine Barbier hatte genug gehoͤrt. Er eilte wie ein Wahnſinniger fort und rannte Truſſell und Ran⸗ dulph beinahe um, die den Vorgang ebenfalls mit ange⸗ hoͤrt hatten. Im naͤchſten Augenblick kam der alte Stuz⸗ zer heraus, ein franzoſiſches Lied ſingend und ſeinen Stock luſtig ſchwingend. „Ah!“ rief er, als er Truſſell und Randulph be⸗ merkte,„was zum Henker! fuͤhrt Sie hieher?“ „Wir kamen, um nach dem kleinen Barbier zu ſehen, der fortlief, als er meine Peruͤcke erſt halb friſirt hatte,“ verſetzte Truſſell.„Er rannte eben aus ſeinem Laden, als ob er wahnſinnig wäre.“ „Teufel!“ rief Sir Singleton;„dann hat er mei⸗ nen Plan behorcht. Ich muß ihn verändern.“ Dann kehrte er zu der ſchoͤnen Thomaſine zuruͤck und fluͤſterte ihr zu:„Peter Pokerich hat uns behorcht. Er koͤnnte vielleicht unſern Plan vernichten. Dieſe Nacht um zwoͤlf, anſtatt morgen um fuͤnf. Bis dahin, ma belle, adieu.“ Hierauf warf er ihr einen Handkuß zu und ging wieder zu ſeinen Freunden. „Sie gehen vermuthlich Beide zu Lady Brabazon?“ ſagte er.„Es thut mir leid, daß ich Sie nicht mitneh⸗ men kann— wir werden uns in wenigen Minuten wie— derſehen.“ Mit dieſen Worten ſchritt er triumphirend fort, ſtieg in ſeine Saͤnfte und wurde zu Lady Brabazon getragen, wo Randulph und ſein Onkel einige Mmuten nach ihm ankamen. Das Mittageſſen ging ganz heiter voruͤber. Es war eine kleine Geſellſchaft, die aus Sir Bulkeley Price, 80— Sir Norfolk Salusbury, Firebras und Lady Fazakerly beſtand. Es wurde Alles gethan, um Randulph zu ge⸗ fallen, und die Bemühungen waren durchaus erfolgreich. Der Wein floß reichlich nach dem Mittageſſen— denn zu jener Zeit wurde tuͤchtig getrunken— und Randulph, der ſeit ſeinem Duell außerordentlich maͤßig geweſen war, begann die Wirkung deſſelben zu ſpuͤren. Als er mit den uͤbrigen Herren zu dem Geſellſchaftsſaale hinauſſtieg, wurde ihm von einem Bedienten ein Billet eingehaͤndigt, welches er ſogleich oͤffnete. „Was enthaͤlt der Brief?“ fragte Truſſell, der ne⸗ ben ihm ſtand. „O, es iſt von Kitty Conway,“ ſagte Randulph. „Sie hat, ich weiß nicht wie, entdeckt, daß ich hier bin, und wuͤnſcht, daß ich heute zum letztenmal mit ihr zu Abend ſpeiſe.“ „Und Du wirſt doch gehen, nicht wahr?“ fragte Truſſell. „Ich denke nicht,“ verſetzte Randulph unentſchloſſen. „O ja, gewiß,“ ſagte Truſſell;„und ich werde Dich bei Deinem letzten Beſuch, wie bei Deinem erſten begleiten.“ Und ſie gingen lachend zum Geſellſchaftsſaale hin⸗ auf. Die Zeit verging in Lady Brabazon's bezaubernder Geſellſchaft ſo raſch, daß Randulph erſtaunt war, als er — 90— nach der Uhr ſah und bemerkte, daß es beinahe ſchon eilf war. „Jakob wird ſchon fort ſein und denken, daß ich ihn vergeſſen habe,“ dachte er. Dann nahm er haſtig von Lady Brabazon Abſchied, die ihm ſcherzend Vorwuͤrfe machte, daß er ſo fruͤh da⸗ vonlaufe, und ihn auf den folgenden Morgen einlud, und ging, von Truſſell begleitet, die Treppe hinunter. Sie fanden Jakob an der Thuͤr und in nicht ſehr guter Laune, daß er ſo lange hatte warten muͤſſen. „Meine Zeit iſt läͤngſt voruͤber,“ ſagte Jakob muͤr⸗ riſch,„und ich wollte eben fortgehen. Was ich Ihnen zu ſagen habe, iſt dies. Ich habe einen Wink erhaiten, daß der filzige Neffe meines Herrn, Philipp Frewin, im Begriff iſt, ſich mit dem Gelde davonzumachen, welches ich vor einigen Tagen Herrn Diggs habe geben muͤſſen. Er wohnt im Gaſthofe zur Krone in King Street. Wie waͤre es, wenn Sie ihm einen Beſuch machten?“ „Ich will es morgen gerne thun, Jakob,“ ſagte Randulph,„aber heute Abend bin ich eingeladen. Kom⸗ men Sie mit mir. Mein Weg fuͤhrt mich nach derſel⸗ ben Richtung, und es wird mir lieb ſein, wenn Sie mich begleiten. Ich moͤchte mit Ihnen von Ihrem Herrn und Ihrem jungen Fräulein reden.“ Jacob willigte ein und begleitete Randulph bis an die Ecke von Hedge Lane, eine enge Gaſſe, die in Cock⸗ 7 A —— ſpur Street einmuͤndet, wo er Abſchied nahm. Ran⸗ dulph und ſein Onkel gingen die oben erwaͤhnte Gaſſe ent⸗ lang, bis ſie Whitcomb Street erreichten, wo Kitty Conway jetzt wohnte, denn ſie war von Haymarket in ein altes Haus in jener Straße gezogen, welches drei Jahre nach dem großen Brande in London, naͤmlich im Jahr 1669, erbaut worden war. Da Randulph die huͤbſche Schauſpielerin noch nie in ihrer neuen Wohnung beſucht hatte, ſo ſchrieb ſie ihm, daß dieſe Jahreszahl, die mit großen Ziffern auf einem Schilde uͤber der Thuͤr ſtand, ihn leiten koͤnne. Als Randulph ſich nach dem Hauſe umſah, bemerkte er in geringer Entfernung hinter ſich drei Maͤnner, die ihn und ſeinen Onkel zu verfolgen ſchienen. Der Vor⸗ derſte von ihnen war ein langer hagerer Mann, der Zweite aber war ſtark und vierſchroͤtig gebaut und hatte eine abgetragene Uniform an, und der Dritte war ein großer plumper Kerl mit einem ſehr ſchwarzen Bart, trug eine blaue Jacke, kurze Hoſen und eine wollene Muͤtze. Randulph wußte, daß er dieſe Leute ſchon fruͤher geſehen hatte, obgleich er nicht ſagen konnte, wo, doch er kuͤm⸗ merte ſich nicht viel um ſie, als bis er Kitty Conway's Wohnung entdeckt hatte und im Begriff war, anzuklo⸗ pfen, denn da kamen ſie ihm raſch naͤher. Jetzt er⸗ kannte er in dem Erſten Philipp Frewin, in dem Manne mit der abgetragenen Uniform den Banditen Capitain Culpepper und in dem athletiſchen, ſchwarzbärtigen Ma⸗ —— troſen den Kerl, welcher bei der Folly auf der Themſe veim Landen der Boͤte behuͤlflich geweſen war. „Hier iſt Euer Mann!“ rief Philipp, auf Randulph deutend;„auf ihn! Laßt keinen Knochen an ihm ganz.“ Randulph aber war auf den Angriff vorbereitet. Er ergriff den Stock, den er in der Hand hatte, und ver⸗ ſetzte Philipp damit einen Schlag auf den Kopf, daß er ruͤcklings zu Boden ſtuͤrzte. In demſelben Augenblick er⸗ hielt Truſſell einen Schlag mit dem Knuͤttel des ſchwarz⸗ baͤrtigen Kerl's, ſo daß er an die Thuͤr taumelte und ſich an den Thuͤrpfoſten halten mußte. Jetzt wollte ſich der Kerl zu Randulph wenden, als ſich ihm ein uner⸗ warteter Gegner in der Perſon Jakob Poſt's gegenuͤber⸗ ſtellte. „Ich dachte mir, was Ihr vorhaͤttet, Ihr Schur⸗ ken,“ ſagte Jakob,„als ich Euch dieſen Herren nach⸗ ſchleichen ſah. Es iſt mir lieb, daß ich zur rechten Zeit kam. Wende Deinen Knuͤttel gegen mich, Du ſchwarzmäuliger Hund. Ich will auch mitſpielen in Dei⸗ nem Spiel.“ Waͤhrend Jakob und ſein Gegner ſo hart ſie konn⸗ ten auf einander losdroſchen, und die Straße von ihren Schlagen widerhallte, wendete ſich Randulph gegen Cul⸗ pepper, der ſeinen Degen zu ziehen verſuchte, und be⸗ arbeitete ihn ſo luſtig mit ſeinem Stock, daß er bald um Gnade ſchrie. Das Geraͤuſch der Schlaͤge und das Zurufen der Streitenden hatte die Aufmerkſamkeit der Nachtwaͤchter erregt, die ihre Knarren in Bewegung ſetzten und auf den Kampfplatz eilten. Kitty Conway, die ebenfalls den Laͤrm hoͤrte, oͤffnete oben ein Fenſter; und als ſie ſah, was unten vorging, fugte ſie ihr Geſchrei zu dem allgemeinen Geraͤuſch hinzu. Ehe aber noch die Nachtwaͤchter hinzukommen konn⸗ ten, hatte Jakob ſeinen ſchwarzbärtigen Gegner zu Bo⸗ den geſchlagen, waͤhrend Culpepper die Flucht ergriff, ohne im Stande zu ſein, einen Schlag zu thun. Sechstes Kapitel. Durch welche Liſt Philipp Frewin davonkam— und wie Randulph, Truſſell und Jakob auf die Wache gebracht wurden. Da Philipp Frewin keine Moͤglichkeit zur Flucht ſah, ſo ſprang er plotzlich auf, eilte auf die Nachtwaͤch⸗ ter zu, zog ſeine Peruͤcke herunter, um zu zeigen, wie groß die Verletzung ſei, die er erhalten, und beſchuldigte die Andern, einen Angriff auf ihn gemacht zu haben. „Mein Schaͤdel iſt entzwei, glaube ich,“ ſtoͤhnte er;„und wenn Ihr nicht dazu gekommen wäret, ſo glaube ich, waͤre ich auf der Stelle getöͤdtet worden. —— Dort ſteht der Schurke, der mich zu Boden ſchlug,“ ſetzte er hinzu, auf Randulph deutend. „Sie ſelber haben den Angriff begonnen, Schurke,“ verſetzte Randulph vortretend,„und wenn Sie hart be⸗ ſtraft worden ſind, ſo haben Sie nur Ihren verdienten Lohn empfangen.“ „Dieſe Erfindung wird Ihnen nicht gluͤcken, Bu⸗ be,“ entgegnete Philipp.„Nehmt ihn feſt, Nachtwach— ter. Ich will ſchwoͤren, daß er mich berauben und er⸗ morden wollte.“ „Dies iſt eine ernſthafte Anklage,“ ſagte der Waͤch⸗ ter zu Randulph;„und wenn der Herr darauf beſteht, muß ich Sie in Gewahrſam bringen. Ich meinte, und ſo meinte auch Charley— meinteſt Du es nicht auch?“ ſetzte er hinzu, indem er ſich an den andern Waͤchter wendete, der es mit einem Brummen beſtätigte,„daß es nur ein kleiner Zank zwiſchen einigen Herren ſei, um ein Maͤdel oder um eine aͤhnliche unbedeutende Sache, und daß es durch eine Bowle Punſch unter ihnen und durch eine Krone, oder ſo fuͤr uns arme Kerle koͤnnte ausgeglichen werden. Aber dies iſt eine ganz andere Sache.“ „Was er ausgeſagt hat, iſt durchaus falſch,“ ent⸗ gegnete Randulph.„Ich ging ganz ruhig mit meinem Verwandten, der ebenſo ſehr, wie nur irgend einer von den Andern bei dem Streit iſt beſchaͤdigt worden, durch die Straße, als dieſer Schurke, von zwei andern Schuf⸗ ten begleitet, mich ploͤtzlich uͤberfiel, und haͤtte mir nicht dieſer ruͤſtige Mann,“ auf Jakob Poſt deutend,„Bei⸗ ſtand geleiſtet, ſo moͤchte ich vielleicht jetzt nicht im Stan— de ſein, dieſe Auskunft zu geben.“ „Der junge Herr redet die Wahrheit, Nachtwaͤch⸗ ter,“ fiel Jakob ein;„wenn Raub oder Mord beab⸗ ſichtigt wurde— was ich bezweifle— ſo war es wenig⸗ ſtens nicht von ſeiner Seite.“ „Hoͤrt nicht darauf, was dieſer Kerl ſagt, Waͤch⸗ ter!“ rief Philipp;„er iſt auch einer von der Bande.“ „Ich muß geſtehen, ich bin ganz verwirrt durch dieſe widerſprechenden Angaben, Charley,“ ſagte der erſte Waͤchter;„doch ich denke, es wird das Beſte ſein, ſie Alle auf die Wache zu bringen.“ „Mein's auch, Sam,“ entgegnete der Andere. „Ich laſſe mich nicht dorthin bringen!“ rief Jakob trotzig;„was wird aus meinem armen Herrn werden, wenn ich nicht nach Hauſe komme?“ „Hoͤrt Ihr, was er ſagt, Waͤchter!“ rief Philipp; „er will davonlaufen. Nehmt ihn feſt.“ „Ja, ja, haben Sie keine Sorge!“ rief der Waͤch⸗ ter anpackend.„Schlage Lärm, Charley.“ Der Andere ſetzte ſeine Knarre in Bewegung, und da jetzt mehrere Perſonen hinzugekommen waren, wurde Jakob feſtgenommen, ſo wie auch Randulph, der keinen ——————— Widerſtand leiſtete. Truſſell, der ſich ein wenig von der Wirkung des Schlages erholt hatte, wurde gleichfalls ergriffen, und der ſchwarzbaͤrtige Kerl, der ſehr verletzt zu ſein ſchien, von zwei Maͤnnern aufgehoben und fort⸗ geſchleppt. Nach einiger weitern Unterredung ertheilte der erſte Waͤchter den Befehl, aufzubrechen, als die Thuͤr des naͤchſten Hauſes aufging, Kitty Conway her⸗ auskam und durch das Gedrange auf Randulph zueilte. „Dies iſt ein Irrthum!“ rief ſie den Waͤchtern zuz „Ihr fuͤhrt die unrechten Perſonen fort. Dieſer Herr, Namens Randulph Crew, kam, um mit mir zu Abend zu ſpeiſen. Ich erwartete ihn, und als ich einen Laͤrm auf der Straße hoͤrte, oͤffnete ich das Fenſter und ſah den Streit mit an.“ „Nun, und was ſahen Sie, Madame— was ſahen Sie?“ fragte Philipp heftig. „Ich ſah, wie Randulph Erew Sie zu Boden ſchlug,“ verſetzte Kitty. „Gewiß,“ erwiederte Philipp,„er ſchlug mich zu Boden und wuͤrde mich auch getoͤdtet haben, wenn er gekonnt. Das Zeugniß dieſes Frauenzimmers beſtaͤtigt meine Ausſage.“ „Aber ich hoͤrte an dem Zurufen, daß Sie zuerſt angegriffen, Pbilipp,“ entgesnete Kitty.„Ueberdies war Capitain Culpepper bei Ihnen— obgleich er von Randulph in die Flucht geſchlagen wurde.“ Die Tochter des Grizigen. III. F 56—= „Nennen Sie mich nicht Philipp, Madame!“ rief der Andere;„ich kenne Sie nicht und wuͤnſche Sie nicht zu kennen— auch wiſſen Sie nichts von Capitain Cul⸗ pepper. Sie wollen Ihren Freund aus der Verlegenheit ziehen, das iſt klar— aber es wird nicht gehen. Er ſoll die Nacht auf der Wache zubringen, anſtatt bei Ihnen zu Abend zu ſpeiſen. Vorwaͤrts, Waͤchter!“ „Sie ſind ſchlechter als ich glaubte, Philipp!“ rief Kitty in Toͤnen der tiefſten Verachtung. „Es wuͤrde mir nichts daran liegen, die Nacht auf der Wache zuzubringen,“ ſagte Jakob;„aber was wird meine junge Miß davon denken?— Was wird aus mei⸗ nem armen Herrn werden? Wenn ihm etwas begegnet, werde ich es mir nimmer verzeihen. Ich wollte, Je⸗ mand uͤberbraͤchte Miß Scarve in Little Sanctuary Nach⸗ „richt von mir— ich wuͤrde dann ruhiger ſein.“ „Ich will ſie uͤberbringen,“ ſagte Kitty ſogleich, „und will Alles erklaͤren.“ „Sie!“ rief Jakob.„Nein, das wird nicht an⸗ gehen.“ Aber ehe er den letzten Theil ſeiner Rede be⸗ enden konnte, hatte ſich Kitty zuruͤckgezogen und er wur⸗ de von den Wachtern fortgeſchleppt. Sie nahmen die Richtung nach Piccadilly. Philipp Frewin ging neben dem erſten Waͤchter, Namens Sam, her, der ſeinen Arm feſthielt, und die Andern folgten. Als ſie ſich dem Ende von Haymarket naͤherten, ſagte Philipp leiſe zu dem Wächter: „Ihr werdet mehr aus dieſer Sache machen, wenn Ihr mich gehen laßt, als wenn Ihr mich zuruͤckhaltet.“ „Wie ſo?“ fragte Sam in demſelben Tone. „Hier ſind fuͤnf Guineen,“ verſetzte Philipp, ihm eine Boͤrſe in die Hand ſteckend;„beguͤnſtigt meine Flucht und die des ſchwarzbaͤrtigen Kerls in der Matro⸗ ſenjacke, aber behaltet die Andern die ganse Nacht auf der Wache.“ Sam hielt das Geld gegen das Licht und ſah, daß es richtig war. „Ich will's machen,“ ſagte er.„So war alſo die Anklage, die Sie gegen die Andern vorbrachten, nur ein Spaß. he?“ „Gewiß,“ verſetzte Philippz„aber behaltet ſie bis morgen fruͤh auf der Wache, und ich will das verdop⸗ peln, was ich Euch eben gegeben habe. Ihr werdet mich morgen Abend um zehn Uhr an dieſer Stelle fin⸗ den.“ „Das iſt recht,“ entgegnete Sam.„Und hier ſind wir am Ende von Haymarket. Geben Sie mir einen Stoß und laufen dann ſo raſch Sie koͤnnen fort. Ich will fuͤr das Uebrige ſorgen. Ihr ſchwarzmaͤuliger Freund ſoll auch in Freiheit geſetzt werden.“ 7* ——— —————— — 100— Philipp gehorchte buchſtaͤblich dieſen Vorſchriften. Er wendete ſich ploͤtzlich gegen den Waͤchter, ſtieß ihn zuruͤck und lief dann ſo raſch er konnte fort. Sam eilte ihm augenblicklich nach und rief laut ſeinen Kameraden zu, auf die andern Gefangenen zu achten. Nach weni⸗ gen Minuten aber kehrte er außer Athem zuruͤck, und ſagte mit einem Fluche, es ſei dem Kerl gelungen, zu entfliehen. Indem er ſich ſehr uͤbel gelaunt ſtellte, gab er auf Randulph's Bemerkungen uͤber ſeine Nachlaͤſſig⸗ keit eine muͤrriſche Antwort und eilte mit den Gefange⸗ nen weiter, bis ſie Air Street erreichten, wo das Wach⸗ haus ſtand. Die Thuͤr wurde ſogleich von einem Con⸗ ſtable geoͤffnet, mit dem Sam einige leiſe Worte wech⸗ ſelte, worauf man die Gefangenen durch einen engen ſchmutzigen Gang fuͤhrte und in ein haͤßliches Loch ſchob, welches nur mit einigen Baͤnken verſehen war, worauf drei oder vier Perſonen von ſehr zweideutigem Anſehen ausgeſtreckt lagen. Jetzt ſchien Sam erſt die Abweſen⸗ heit des ſchwarzbaͤrtigen Kerls zu bemerken, und als er fragte, wo er ſei, erhielt er zur Antwort, er ſei ent⸗ flohen. „Entflohen!“ rief Sam, ſich ſehr zornig ſtellend. „Zum Henker! Sie ſchluͤpfen uns wie Aale durch die Finger. Doch dieſe Drei haben wir ſicher, das iſt we⸗ nigſtens ein Troſt.“ „Wenn unſer Anklaͤger entflohen iſt,“ rief Ran⸗ dulph, der ſich mit unausſprechlichem Abſcheu in dem Gemache umſah,„warum werden wir denn zuruͤckge⸗ halten?“ „Sie werden wegen einer ernſthaften Anklage zu⸗ ruͤckgehalten,“ entgegnete Samz„und ich bin nicht befugt, Sie gehen zu laſſen. Aber ich will den Con⸗ ſtable, Herrn Foggo holen, und wenn der Sie in Frei⸗ heit ſetzen will, ſo iſt das ſeine Sache.“ Bei dieſen Worten ging er mit ſeinen Kameraden hinaus und verſchloß die Thuͤr hinter ſich. „Eine angenehme Lage, Onkel,“ ſagte Randulph zu Truſſell, der ſich auf das Ende einer von den Baͤn⸗ ken geſetzt hatte. „Angenehm genug,“ ſeufzte Truſſell.„O, mein armer Kopf!“ „Was wuͤrde meine liebe junge Miß oder Ihre gute Mutter von uns denken, wenn ſie uns an dieſem Orte und in dieſer Geſellſchaft ſehen koͤnnten?“ ſagte Jakob. „Ich moͤchte lieber, ſie haͤtten mir den Schaͤdel zer⸗ ſchlagen, als daß Miſtreß Conway zu Miß Hilda ge⸗ gangen waͤre.“ „Das ſage ich auch,“ verſetzte Randulph. „Nun, nun, nicht gemurrt,“ rief Truſſell, ſich aufraffend.„Ich habe doch am meiſten zu leiden. Mor⸗ gen wird Alles wieder in Ordnung kommen, und in⸗ zwiſchen laßt uns die Nacht ſo angenehm zubringen als wir koͤnnen. Verlaßt Euch darauf, man wird uns nicht in Freiheit ſetzen; aber gewiß werden wir ein beſſeres Zimmer erhalten koͤnnen als dieſes.“ Und ſo geſchah es. Etwa zehn Minuten ſpaͤter kehrte Sam mit Herrn Foggo zuruͤck, welcher ſagte, er koͤnne die Gefangenen nicht eher entlaſſen als bis ſie vor einer Magiſtratsperſon geweſen waͤren. — „Koͤnnen Sie uns nicht wenigſtens ein etwas beſſe⸗ res Zimmer geben, Herr Foggo?“ fragte Truſſell, in⸗ dem er ihm eine Guinee in die Hand ſchob. Der Conſtable ſagte nichts, ſondern fuͤhrte ſie in ein Hinterzimmer, worin ſich ein kleiner tannener Tiſch und drei oder vier Binſenſtuͤhle befanden. „Dies iſt ein Zimmer gerade nach dem Geſchmack meines armen Herrn,“ ſagte Jakob, indem er die blo⸗ ßen Waͤnde und die vergitterten Fenſter anſah. „Kann ich etwas fuͤr Sie thun, meine Hetren?“ fragte der Conſtable, indem er ein Licht auf den Tiſch ſetzte. „Ich ſehe, wir muͤſſen wohl die ganze Nacht hier⸗ bleiben, Herr Foggo?“ fragte Truſſell.„Wir ſind ver— heirathete Leute, und unſre Frauen werden ſehr unruhig ſein wegen unſeres Ausbleibens.“ — 103— „Es thut mir leid, Herr, aber dableihen muͤſſen Sie,“ entgeanete der Conſtable.„Wenn Sie es wuͤn⸗ ſchen, ſo denke ich, kann ich es ſo einrichten, daß Sie nicht vor Seiner Gnaden kommen. Und inzwiſchen, ob⸗ gleich es gegen die Regel iſt— doch ich thue den Her⸗ ren gerne eine Gefaͤlligkeit— denke ich, eine Bowle Punſch wuͤrde nicht unangenehm ſein—“ „Ja wohl, eine Bowle Punſch!“ rief Truſſell. „Hier iſt Geld dazu,“ fuhr er fort, indem er ihm noch eine Guinee gab. „Ich ſehe, Sie kennen Lebensart, mein Herr,“ ſagte der Conſtable ſich verbeugend, und verließ das Zimmer. „Nun, ſei nicht niedergeſchlagen, mein Junge!“ rief Truſſell, ſeinen Neffen auf die Schulter ſchlagend. „Wir werden bei alledem eine luſtige Nacht haben. Mein Kopf wird auch jede Minute beſſer. Wenn Hilda und Deine Mutter von Deinem Abenteuer hoͤren, wer— den ſie nur daruͤber lachen. Ich bin in meinen juͤngern Jahren wohl ein Dutzendmal auf der Wache geweſen, und ich hoffe, es wird noch oft wieder geſchehen. Sei munter, mein Junge. Dein Eintritt ins Leben waͤre unvollſtändig geweſen ohne dieſes Ereigniß.“ Randulph konnte nicht umhin, in das Lachen ſeines Onkels einzuſtimmen, und als Herr Foggo bald darauf mit einer Bowle vortrefflichem Punſch eintrat, hielt er — 161—= es fuͤr das Beſte, es ſich ſo wohl ſein zu laſſen als moͤglich. Auch auf Jakob wirkte das begeiſternde Ge⸗ traͤnk, und bald lachten alle ſo munter als wenn ſie frei geweſen waͤren. Als die Bowle leer war, legte ſich Truſſell in ſeinem Stuhle zum Schlaf. Jakob ſtreckte ſich der Laͤnge nach auf dem Boden aus, und nachdem Randulph eine Zeitlang im Zimmer auf und abgegangen war, ſchlief er ebenfalls ein. Siebentes Kapitel. Kitty Conway und der kleine Barbier ſpielen der ſchoͤnen Thomaſine einen Poſſen.— Sir Singleton Spinke wird veranlaßt, ſich mit der huͤbſchen Schauſpielerin zu ver⸗ heirathen. Kitty Conway hielt ihr Wort. Kaum waren die Nachtwaͤchter mit ihren Gefangenen fortgegangen, als ſie ſich nach Little Sanctuary auf den Weg machte. Mit klopfendem Herzen und zitternder Hand klopfte ſie an des Geizhalſes Thuͤr. Es kam Niemand, und ſie war im Begriff, das Klopfen zu wiederholen, als ein Mann uͤber die Straße kam und ſie anredete. „Herr Scarve iſt ſehr krank, mein Fraͤulein,“ ſagte er—„gefaͤhrlich krank.“ „Ich habe es gehoͤrt,“ verſetzte Kitty.„Ich habe ihnen etwas mitzutheilen,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie wieder klopfte, und vergebens auf eine Antwort wartete. „Ich fuͤrchte, Sie ſind vergebens gekommen,“ ſagte der Mann, der in ihrer Nahe ſtehen blieb.„Der Bediente iſt nicht zu Hauſe.“ „Ich weiß es— ich weiß es,“ erwiederte Kitty haſtig.„Er iſt auf die Wache gebracht worden. Ich moͤchte nur Miß Scarve ſehen, um es ihr zu ſagen.“ „Was!“ rief der Andere ſtutzend.„Jakob Poſt iſt auf die Woche gebracht worden! Das iſt ein außer⸗ ordentliches Ereigniß. Ich wollte,“ ſetzte er mit einem Seufzer hinzu,„eine andere Perſon, die ich nennen koͤnnte, waͤre auch dorthin gebracht worden!“ „Und wer mag die Perſon ſein, der Sie etwas ſo Angenehmes wuͤnſchen?“ fragte Kitty. „Sir Singleton Spinke,“ erwiederte der Andere. „Kennen Sie ihn, mein Fraͤulein?“ „Sehr gut,“ verſetzte Kitty. „Dann darf ich Ihnen nicht erſt ſagen, welch ein ſchrecklicher Wuͤſtling er iſt,“ entgegnete der Andere; „auch werden Sie ſich nicht daruͤber wundern, daß ich — ſo aufgebracht gegen ihn bin, wenn ich Ihnen ſage, daß er verſucht hat, mit meiner Verlobten durchzugehen.“ „Mit Ihrer Verlobten!“ rief Kitty.„Bitte, wie iſt ihr Name?“ „Sie wird allgemein die ſchoͤne Thomaſine genannt,“ verſetzte der Andere;„aber vielleicht ſollte ich ſie Miß Deacle nennen.“ O, dann weiß ich, wer Sie ſind,“ verſetzte Kit⸗ 1— ty;„Sie ſind der kleine Barbier Peter Pokerich.“ „Richtig, mein Fraͤulein,“ entgegnete er,„ich bin jenes ungluͤckliche Individuum.“ „Und auf welche Weiſe denkt Sir Singleton, Sie Ihrer Geliebten zu berauben?“ fragte Kitty. „Er hat ihr einen Heirathsantrag gemacht,“ ver⸗ ſetzte Peter,„und die Treuloſe hat ihn angenommen! Ich habe ſie gebeten, zum letztenmal mit mir zum Abend zu ſpeiſen, damit ich eine Gelegenheit habe, ihr ihre Untreue vorzuwerfen, und ſie hat die die Einladung an⸗ genommen. Ich warte jetzt auf ſie, denn ſie kann nicht eher herauskommen, als bis die alten Leute zu Bette ſind“ Waͤhrend er ſprach, oͤffnete ſich die Thuͤr des Sei⸗ denhaͤndlers, und eine weibliche Geſtalt trat heraus. „Da iſt ſie, wahrhaftig!“ rief der kleine Barbier. —— „Ich bin ſo zornig uͤber ihre Untreue, daß ich faſt im Stande waͤre, ſie zu toͤdten.“ „Denken Sie nicht an ſolchen Unſinn,“ erwiederte Kitty,„wenn Sie ſich an ihr rächen wollen, ſo will ich Ihnen ſagen, wie Sie es machen. Geſetzt, ſie machten mir den Hof.“ „Das iſt leicht geſchehen,“ verſetzte der Barbier. „Erlauben Sie mir Ihre Hand. Ich will mich ſtellen, as ſehe ich das ungetreue kleine Geſchoͤpf gar nicht. Darf ich Sie bitten, mit mir hinein zu kommen, mein Fraͤulein,“ ſetzte er hinzu, indem er eine leidenſchaft⸗ liche Miene annahm.„Wir koͤnnen uns dort angeneh⸗ mer unterhalten, als auf der Straße. Hier koͤnnte uns Jemand hoͤren.“ „Es hoͤrt Dich Jemand, Du kleiner Wicht!“ rief die ſchoͤne Thomaſine ſtillſtehend.„Guter Himmel! Macht er nicht dem Frauenzimmer den Hof? Es ſoll mich wundern, wer ſie iſt.“ ⸗ „Sie ſieht uns,“ fluͤſterte Kittyz„der Plan wird gitſheh. Ich will mich zum Schein widerſetzen. O nein, ich kann nicht mit Ihnen hineingehen,“ ſetzte ſie unentſchloſſen hinzu. „Ich bitte, thun Sie es,“ verſetzte Peter.„Ich erwartete einen Beſuch von meiner Nachbarin, Miß —— Thomaſine Deacle, und habe ein kleines Abendeſſen fuͤr ſie bereit; doch ich will nicht laͤnger warten.“ „Und ſo ſoll ich ihre Stelle einnehmen?“ rief Kit⸗ ty.„In der That ſehr ſchmeichelhaft! Ich glaube wahrhaftig, Sie werden mich auch noch uͤberreden wol— len, daß Sie mich ihr vorziehen.“ „O gewiß!“ rief Peter,„ich ziehe Sie weit vor. Sie ſind tauſendmal huͤbſcher als jene.“ „Ich werde berſten vor Wuth!“ rief die ſchoͤne Thomaſine.„Ich koͤnnte ihm ſeine widerwaͤrtigen klei⸗ nen Augen auskratzen.“ „Nun, da Sie es nicht anders wollen, ſo will ich einen Augenblick hineingehen,“ ſagte Kitty;„aber nie⸗ derſetzen kann ich mich nicht, und auch nicht eſſen.“ „Nun Sie werden doch einen Mundvoll eſſen!“ verſetzte Peter. „O, ich zweifle nicht, ſie werden ſich ganz huͤbſch unterhalten!“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine;„aber ich will ihnen den Spaß verderben! Ja das will ich!“ „Hieher, mein Fraͤulein!“ rief Peter, die hübſche Schauſpielerin zu ſeiner Wohnung fuͤhrend. „Sie iſt dicht hinter uns,“ fluͤſterte Kitty;„laſ⸗ ſen Sie ſie unbemerkt mit hinein.“ — 110— Peter ſprach leiſe ſeine Zuſtimmung aus, ſtellte ſich als beweiſe er der Schauſpielerin die galanteſte Aufmerk— ſamkeit und ließ die Thuͤr abſichtlich offen. Ohne zu bemerken, daß man ihr einen Streich ſpiele, ſchluͤpfte die ſchoͤne Thomaſine ihnen nach und verbarg ſich hinter einem großen hoͤlzernen Kaſten, worauf mehrere Pe⸗ ruͤckenkoͤpfe ſtanden. Kitty, welche bemerkt hatte, was vorgegangen war, druͤckte Peter die Hand, um ihn davon ihn Kenntniß zu ſetzen, und er verſtand ſogleich den Wink. „Wahrhaftig, ich habe die Thuͤr offen gelaſſen,“ ſagte er, ſie verſchließend;„wie nachläſſig ich doch war! Die ſchoͤne Thomaſine koͤnnte ja kommen, und uns uͤber⸗ raſchen.“ „Sie iſt Dir ſchon zuvorgekommen, Schurke,“ fluͤſterte die junge Dame bei ſich ſelber, einen Augen⸗ blick hinter den Kaſten hervorſehend. „Und nun, mein Fraͤulein,“ ſagte Peter, indem er ein paar Lichter anzuͤndete, und ſie auf den Tiſch ſtellte, worauf kalter Huͤhnerbraten und andere Fleiſch⸗ ſpeiſen ſtanden— 5„Sie werden ein wenig mit mir zu Abend ſpeiſen, nicht wahr?“ „Nun, es ſieht Alles ſo zierlich aus, daß Sie mich beinahe in Verſuchung bringen. Ich glaube ich koͤnnte den Fluͤgel eines Huͤhnchens bezwingen,“ ſagte ſie. = 11= Nachdem Peter ihr das Verlangte gereicht hatte, eilte er zu einem Schrank und brachte eine Flaſche Wein zum Vorſchein. „Dies iſt ein koͤſtlicher Wein, den ich fuͤr die ſchoͤne Thomaſine beſtimmt hatte,“ ſagte er, ein Glas voll⸗ ſchenkend;„doch es iſt mir lieb, daß Sie ihn ſtatt ihrer trinken.“ „Auf die Geſundheit unſerer abweſenden Freunde,“ ſagte Kitty, das Glas nehmend. „Ich thue Ihnen Beſcheid,“ verſetzte der kleine Barhier;„obgleich es mir leid thun ſollte, meine ge⸗ genwaͤrtige Freundin mit irgend einer abweſenden zu ver⸗ tauſchen.“ — „O das ſcheußliche, truͤgeriſche kleine Ungeheuer!“ rief die ſchoͤne Thomaſine.„Er war niemais auch nur halb ſo galant gegen mich.“ „Wahrhaftig, mein Fraͤulein,“ ſagte Peter,„Ihre Schoͤnheit hat mich ſo bezaubert, daß ich ganz vergeſ⸗ ſen habe, Sie nach Ihrem Namen zu fragen.“ „Ich heiße Kitty Conway,“ verſetzte die Schau ſpielerin.„Der alte Sir Singleton Spinke iſt alſo im Begriff, Ihnen Miß Deacle zu rauben?“ „Ich glaube es,“ verſetzte Peter,„und wuͤnſche ihr Gluͤck zu dieſem Handel— ha, ha! Und Sir Sing⸗ — leton auch zu dem ſeinigen! Sie wird keinen gluͤcklichen Tag haben, wenn ſie erſt Lady Spinke iſt. Ich waͤre ein guter Mann fuͤr ſie geweſen— wahrlich, ein ſehr guter Mann— denn ich war ihr aufrichtig zugethan. Aber manche Leute wiſſen nicht, was ihnen gut iſt. Indeſſen iſt es mir lieb, daß es ſo gekommen— ich habe einen vortrefflichen Tauſch gemacht. Auf unſere beſſere Bekanntſchaft,“ ſetzte er hinzu, indem er die Gilaͤſer wieder fuͤllte. „Der verliebte kleine Kerl wird betrunken werden und ihr den Antrag machen,“ ſagte die ſchoͤne Tho⸗ maſine. „Sir Singleton Spinke iſt ein alter Freund von mir, wie ich Ihnen ſchon mittheilte,“ ſagte Kitty Con⸗ way;„er widmete mir große Aufmerkſamkeit, und wenn ich gewollt, haͤtte ich ſchon laͤngſt Lady Spinke ſein koͤnnen; aber ich kannte meinen Vortheil beſſer, ha, ha!“ „Ich hoffe, Ihr Widerwillen war gegen Sir Sing⸗ leton gerichtet, und nicht gegen das eheliche Leben uͤber⸗ haupt,“ ſagte Peter.„Sie haben hoffentlich nicht ge⸗ ſchworen, ledig zu bleiben?“ „Welch eine ſeliſame Frage!“ entgegnete die Schau⸗ ſpielerin.„Ich habe nie ernſtlich an die Sache gedacht.“ „Dann thun Sie es jetzt,“ verſetzte Peter vortre⸗ tend und ſich zu ihren Fuͤßen werfend.„O, ſei die eltdet — 113— Meine! Sei die Meine, ſuͤße Kitty! Ich kann Dir keine vergoldete Kutſche anbieten, wie Sir Singleton— keine ſchoͤnen Kleider— keine prächtigen Diamanten. Ich kann Dich nicht Morgens mit zu Hofe nehmen, noch Abends zu Ranelagh, Vauxhall oder in die Spiel— geſellſchaft einer ſchoͤnen Dame. Ich kann Dir keine Lockungen vor Augen ſtellen, aber ich kann Dir eine aufrichtige Neigung, ein bequemes Haus und einen jun⸗ gen Gemahl anbieten. Ja, einen jungen Gemahl! Ich bin kein abgelebter alter Zierbengel, ſondern ein huͤbſcher, gewandter, kleiner Kerl von zweiundzwanzig Jahren, der wohl der Beachtung eines Frauenzimmers werth iſt. Wenn das keinen Eindruck auf ſie macht, ſo weiß ich nicht,“ ſetzte er in leiſerem Tone hinzu. „Sie ſcheinen in der That ſehr liebenswuͤrdig,“ ſagte Kitty, mit Schwierigkeit das Lachen zuruͤckhaltend, „und haben wahrlich ein ſehr gutes Ausſehen.“ „Antworte mir,“ rief der kleine Barbier leiden⸗ ſchaftlich—„oder laß mich eine Antwort von Deinen Honiglippen ſaugen.“ * e „Jetzt halte ich's nicht laͤnger aus!“ rief die ſchoͤne Thomaſine, ſtuͤrzte aus ihrem Verſteck hervor, eilte auf Peter zu und verſetzte ihm ein paar tuͤchtige Ohrfeigen⸗ „Da, nimm das— und das!“ rief ſie—„das mag Dich lehren, andern Damen vor meinen Augen den Hof zu machen.“ Die Tochter des Geizigen. II⸗ 8 — 114— „Holla, Fraͤulein! Was ſoll dies bedeuten?“ rief Peter, ſeine Wange reibend.„Wie zum Henker kamen Sie ins Zimmer? Durchs Schluͤſſelloch?“ „Es iſt einerlei, wie ich hereinkam,“ verſetzte die ſchoͤne Thomaſine,„ich habe Alles geſehen, was vor⸗ gegangen, und Alles gehoͤrt, was geſprochen worden iſt. Ich bin erſtaunt uͤber Dich, Peter. Wie kannſt Du mir ins Geſicht ſehen, nach den entſetzlichen Din— gen, die Du hinter meinem Ruͤcken geſprochen? Aber es liegt mir nichts daran, nicht mehr als an dem Ver⸗ luſt Deiner Zuneigung. Ich werde keinen Gedanken wei⸗ ter an Dich verſchwenden. Was Sie betrifft, mein Fraͤulein—“ „Nun, Fraͤulein?“ rief Kitty ruhig. „Moͤgen Sie gluͤcklich mit ihm ſein— das iſt Al⸗ les, was ich zu ſagen habe,“ fuhr die ſchoͤne Thoma⸗ ſine krampfhaft zitternd fort.„Moͤgen Sie ihn ſo ſehr lieben, wie ich ihn haͤtte lieben koͤnnen— und moͤgen Sie nie bereuen, daß Sie dem Gluͤck einer Andern in den Weg getreten ſind!“ „Nun, dies gefaͤllt mir, Miß Thomaſine,“ ſagte Peter.„Sie haben gut davon reden, dem Gluͤck einer Andern in den Weg zu treten; aber ſah ich nicht ſelber, wie Sie den Antraͤgen jenes widerwaͤrtigen alten Zierbengels Gehoͤr ſchenkten? Sah ich nicht, daß Sie ihm Hand⸗ kuͤſſe zuwarfen— hoͤrte ich nicht, wie Sie ihm verſpra⸗ — 115— chen, mit ihm durchzugehen— hoͤrte und ſah ich nicht dies Alles? Beantworten Sie mir das!“ „Ich will nicht leugnen, daß ich thoͤricht genug war, den Anträgen Sir Singleton's Gehoͤr zu geben,“ ver⸗ ſetzte die ſchoͤne Thomaſine mit Wuͤrdez„denn die Staͤrk⸗ ſte unſers Geſchlechts iſt nicht feſt gegen Eitelkeit. Aber ich willigte nie in ſeinen Vorſchlag; oder wenn ich es that, ſo geſchah es nur zum Schein.“ „O ſage das noch einmal, theuerſte Tonny— ſage es noch einmal!“ rief Peter voll Entzuͤcken. „Es geſchah Alles nur zum Schein— ich hatte niemals die Abſicht, ihn zu heirathen!“ wiederhelte die ſchoͤne Thomaſine. . „Du machſt mich zum gluͤcklichſten aller Barbiere!“ rief Peter ſie umarmend und ſie an ſeine Bruſt druͤckend. „Der Himmel ſei uns gnaͤdig! Was hat dies zu bedeuten?“ rief die ſchoͤne Thomaſine ſich aus ſeiner Um⸗ armung losmachend und ein kaltes Weſen annehmend. „Ich glaubte, Sie zoͤgen dieſe Dame mir vor!“ „Das geſchah auch Alles nur zum Schein,“ ver⸗ ſetzte Peter.„Der Spaß iſt wunderbar gelungen. Wir wußten Beide, daß Du hinter dem Kaſten warſt.“ „O! haͤtte ich das nur gewußt!“ rief die ſchoͤne Thomaſine. — 116— „Meiner Meinung nach war es ſehr gut, daß Sie es nicht wußten, Miß Deacle,“ ſagte Kitty Conway. „Hier gebe ich Ihnen Ihren Liebhaber zuruͤck, und verſichere Ihnen, daß ich nie den Wunſch hegte, Ihnen denſelben zu rauben. Und nun, wollen Sie ſich nicht mit uns zum Abendeſſen ſetzen?“ Peter ſtellte ihr ſogleich einen Stuhl hin, legte ihr den Fluͤgel eines Huͤhnchens auf den Teller, ſchenkte ihr ein Glas Wein ein, und bald war die Geſellſchaft ſo munter als moͤglich. Während einer Pauſe in der Un⸗ terhaltung hoͤrten ſie einen Nachtwaͤchter vorbeigehen und die Stunde abrufen. „Drei Viertel auf zwölf,“ ſagte die ſchoͤne Tho⸗ maſinez„der alte Stutzer verſprach um zwoͤlf zu mir zu kommen.“ „Ich glaubte morgen fruͤh um ſechs?“ ſagte Peter. „Nein, heute Nacht um zwoͤlf,“ verſetzte die ſchoͤ⸗ ne Thomaſine.„Da er bemerkte, daß Sie ihn behorcht hatten, veraͤnderte er die Zeit. Wir ſollten in Fleet ge⸗ traut werden.“ „Es iſt Schade, ihn zu taͤuſchen,“ ſagte Kitty lachend. „Wie?“ riefen Peter und die ſchoͤne Thomaſine zugleich. — 117— „Er ſollte auch eine Frau haben, da er ſich zu einem ſo raſchen Schritte entſchloſſen hat,“ verſetzte Kitty.„Da faͤllt mir ein Plan ein. Ich will Ihre Stelle einnehmen, Miß Deacle— das heißt ich will mich wie Sie verkleiden— mein Geſicht mit einer Maske bedecken, und ich glaube nicht, daß er den Unterſchied bemerken wird.“ „Vortrefflich!“ rief Peter;„da ſpielen wir ihm einen guten Streich.“ „Ich will Ihnen meinen Maskenanzug borgen,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine;„er wird Ihnen gerade paſ⸗ ſen— und auch meine Maske. Kommen Sie mit mir. Sie haben keinen Augenblick zu verlieren.“ „Je ſchneller, deſto beſſer,“ ſagte Kittyz„denn wenn ich mir Zeit zur Uerlegung laſſe, ſo werde ich's nicht thun.“ Dann eilten ſie fort und Peter folgte ihnen, nach— dem er noch ein Glas Wein getrunken und die Lichter ausgeloͤſcht hatte. Er verſteckte ſich in einem Durch⸗ gange bei der Wohnung des Seidenhaͤndlers, wo er unbeobachtet Alles ſehen konnte, was vorging. Gerade als die Uhr der Abtei zwoͤlf ſchlug, hoͤrte man das Rol⸗ len von Wagenraͤdern, ein Wagen hielt an der Stra⸗ ßenecke ſtill, und im naͤchſten Augenblick ſah man den alten Stutzer vorſichtig nach der andern Seite der Straße hinuͤbergehen. Als er Niemand bemerkte, naͤherte er — 118— ſich der Thuͤr des Seidenhaͤndlers und klopfte an. Sie wurde ein wenig geoͤffnet, und eine leiſe Stimme fragte von innen:„Sind Sie es?“ „Ja, ich bin's, mein Engel““ verſetzte der alte Stutzer;„Sir Singleton Spinke— Dein ergebener Verehrer!“ „Ich bin völlig bereit,“ verſetzte die Redende, trat heraus und ſah gerade ſo aus, wie Thomaſine auf der Maskerade bei Ranelagh. „Ei, Du haſt ja Deinen Maskenanzug angelegt,“ ſagte Sir Singleton billigend. „Es iſt der ſchoͤnſte, den ich habe,“ verſetzte die Dame;„und ich glaubte, ich wuͤrde Ihnen darin beſſer gefallen, als in irgend einem andern.“ „Du haͤtteſt keine beſſere Wahl treffen koͤnnen,“ verſetzte der alte Stutzer;„aber wozu dieſe neidiſche Maske?“ „Ich legte ſie an, um mein Erroͤthen zu verber— gen,“ erwiederte die Andere;„auch werde ich ſie nicht eher abnehmen, als bis wir getraut ſind. Aber Sie muͤſſen ſogleich nach Fleet fahren— ich gehe nicht an— derswo hin.“ „Ich wuͤnſche es auch nicht, mein Engel,“ ver— ſetzte der alte Stutzer;„der Pfarrer wartet, und in — 419— weniger als einer halben Stunde werden wir Mann und Frau ſein.“ „Machen Sie ſich kein Gewiſſen daraus, daß Sie mich dem armen Peter Pokerich rauben?“ ſagte die Dame. „Durchaus nicht,“ verſetzte der alte Stutzer;„ich wollte der kleine Perruquier koͤnnte bei unſerer Trauung zugegen ſein— ſeine Kraͤnkung wuͤrde dadurch nur ver⸗ mehrt werden.“ „Nun, es iſt nicht zu ſagen, was geſchehen kann,“ verſetzte die Andere bedeutungsvoll.„Aber wir haben hier lange genug geſchwatzt und koͤnnten beobachtet wer⸗ den.“ Hierauf reichte ſie ihrem Bewunderer die Hand, der ſie zu dem Wagen fuhrte, welcher gleich darauf fort⸗ fuhr. In demſelben Augenblick öffnete ſich die Thuͤr des Seidenhaͤndlers und die ſchoͤne Thomaſine trat heraus. „Sind ſie fort?“ fragte ſie. „Ja, Sie ſind nach Fleet gefahren,“ verſetzte Pe⸗ ter.„Kitty Conway gab mir einen Wink, ihnen zu folgen und die Trauung mit anzuſehen. Willſt Du mit?“ „Sehr gern,“ verſetzte die ſchoͤne Thomaſine. Darauf eilten ſie zu der näͤchſten Treppe bei der — 120— Weſtminſterbruͤcke und befahlen dem Matroſen, ſo ſchnell er koͤnne nach der Blackfriarstreppe zu rudern. Sie wurden durch die Flut beguͤnſtigt, und die Ueberfahrt ging raſch vor ſich. Der Wagen, worin der alte Stutzer und die Schau⸗ ſpielerin ſaßen, rollte mittlerweile raſch den Strand und Fleetſtreet entlang und hielt vor einem unbedeutend aus⸗ ſehenden Hauſe in der Nähe des Gefaͤngniſſes an. Eine Lampe warf einen matten Schimmer auf ein Schild uͤber der Thuͤr, worauf ſich zwei verſchlungene Haͤnde nebſt den Worten befanden:„Hier werden Trau⸗ ungen vollzogen.“ Einige Saͤnftentraͤger und Bur⸗ ſchen mit Laternen ſtanden vor der Thuͤr, doch ſie wur⸗ den von den Bedienten des Stutzers auf die Seite ge⸗ ſchoben. Als Sir Singleton ausſtieg, trat ein wohlbe⸗ leibter Mann mit rothem Geſichte und in der Kleidung eines Geiſtlichen aus der Thuͤr, dies war Doctor Gay⸗ nam, der bekannteſte von den Pfarrern in Fleet. Er trug einen roſtfarbigen Chorrock und eine volle gepu⸗ derte Perruͤcke, die auffallend gegen ſein aufgedunſenes rothes Geſicht und ſeine mit Karfunkeln beſaͤete Naſe ab⸗ ſtach. „Hierher— hierher, mein ſchoͤner Herr und meine ſchoͤne Dame,“ ſagte Doctor Gaynam, ſeine gewoͤhn⸗ liche Formel wiederholend, und das Paar durch einen Gang fuͤhrend, in dem ſich eine Glasthuͤr befand, durch welche man eine trinkende und tanzende Hochzeitsgeſell⸗ — 121— ſchaft bemerkte.„Wir ſind in Bereitſchaft,“ ſetzte er hinzu, indem er eine Thuͤr oͤffnete, und ſie in ein klei⸗ nes Hinterzimmer fuͤhrte, worin ſich der Schreiber und der Kuͤſter befanden. Der Letztere ſaß an einem Pult und hatte eine großes Buch vor ſich. „Da ſie den hier herrſchenden Gebrauch vielleicht nicht kennen, mein Herr,“ ſagte Doctor Gaynam zu Sir Singleton,„ſo nehme ich mir die Freiheit, Sie davon in Kenntniß zu ſetzen. Unſere Sitte iſt, ſtets die Gebuͤhr vorauszunehmen, um Mißverſtaͤndniſſe zu ver⸗ hindern— blos um Mißverſtaͤndniſſe zu verhindern, mein Herr.“ Der alte Stutzer zog ſogleich ſeine Boͤrſe hervor und gab dem Geiſtlichen fuͤnf Guineen, dem Kuͤſter zwei, und dem Schreiber eine. Dieſe Freigebigkeit brachte eine entſprechende Wirkung hervor.„Ich glaube, ich habe die Ehre, Sir Singleton Spinke vor mir zu ſe⸗ hen,“ ſagte der Kuͤſter.„Iſt das der Name, unter dem Sie getraut zu werden wuͤnſchen?“ ſetzte er bedeu⸗ tungsvoll hinzu. „Gewiß,“ ſagte der alte Stutzer;„und der Name der Dame iſt— 4 „Der Name, unter dem ich getraut zu werden wuͤn⸗ ſche, ſteht auf dieſem Papier geſchrieben,“ ſagte Kitty in leiſem Tone, indem ſie dem Kuͤſter ein Blatt hin⸗ reichte, welches ſie aus ihrer Schreibtafel herausgeriſſen. „Ah, die liebe, ſchlaue Schelmin!“ rief Sir Sing⸗ leton, ihr die Hand druͤckend. Doctor Gaynam ſtellte dann das Brautpaar zu bei— den Seiten vor ſich auf und begann die Trauungsrede abzuleſen. Der Kuſter uͤberreichte dann dem Pfarrer das Stuͤck Papier, der in der Ceremonie fortfuhr und der Dame den Namen Kitty beilegte, was den alten Stutzer in großes Erſtaunen ſetzte. Er ſprach indeß dem Pfarrer die Worte nach, und ſo that auch die Dame, und die Trauung war bald beendet. Gerade als der Braut der Ring an den Finger geſteckt wurde, traten noch zwei andere Perſonen ins Zimmer; doch da ſie in der Naͤhe der Thuͤr blieben und Doctor Gaynam ſie fuͤr ein Paar hielt, welches auch getraut zu werden wuͤn⸗ ſche, ſo wurde nicht auf ſie geachtet. Doch als Alles voruͤber war, traten dieſe beiden Perſonen naͤher, und gaben ſich als Peter Pokerich und die ſchoͤne Thomaſine zu erkennen. „O Wunder! Was iſt dies?“ rief der alte Stutzer erſtaunt aus.„Die Aehnlichkeit iſt wunderbar. Gibt es denn zwei ſchoͤne Thomaſinen? Aber nein, es kann nicht ſein. Wen zum Henker habe ich denn geheirathet?“ „Sie ſollen es ſehen,“ verſetzte die Braut, ſich de⸗ maskirend. „Kitty Conway!“ rief Sir Singleton. „Ja, Kitty Conway iſt der Name, unter dem Ihre * Herrlichkeit getraut wurden,“ ſagte der Kuͤſter;„ich habe ihn eben ins Buch eingetragen.“ „Wir ſind gekommen, Ihnen unſere beſten Gluͤck⸗ wuͤnſche darzubringen, Sir Singleton,“ ſagte Peter. „Und Ihnen viele Jahre des Gluͤcks zu wuͤnſchen,“ ſetzte die ſchoͤne Thomaſine hinzu. „Nun, man hat mir in der That einen huͤbſchen Streich geſpielt,“ rief der alte Stutzer.„Wahrhaftig,“ ſetzte er hinzu, indem er die Braut anblickte, die in der That ſehr ſchoͤn ausſah,„ich habe doch bei alledem den beſten Handel gemacht. Kitty iſt offenbar die Schoͤnſte von den Beiden, und wenn ſie auch ein wenig frei ge⸗ weſen, ſo liegt mir doch nichts daran. Lady Sinoleton Spinke,“ ſagte er, ihr die Hand reichend,„unſer Wagen erwartet uns. Ich kenne dieſe Perſonen nicht,“ ſetzte er hinzu, indem er auf Peter und die ſchoͤne Tho⸗ maſine deutete.„Herr Kuͤſter, wollen Sie die Gefal⸗ ligkeit haben, meinen Dienern zu ſagen, nach Hauſe zu fahren— nach Pall Mall?“ Lady Spinke winkte dem Barbier und ſeiner Beglei— terin freundlich mit der Hand, die ſie in den Wagen ſteigen und wegfahren ſahen. „Auf mein Wort, ich glaube ich habe mein Gluͤck von mir geſtoßen,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine mit einem halben Seufzer. „O, ſage das nicht, mein Liebling,“ rief Peter; —.— „auf die Trauungen in Fleet kann man ſich nicht ver⸗ laſſen. Es kann in einem Monat zu Ende ſein.“ „Nun, mein huͤbſches Paar,“ rief Doktor Gay⸗ nam, der ihnen bis an die Thuͤr gefolgt war,„beduͤr⸗ fen Sie nicht des Pfarrers?— Wollen Sie nicht ein⸗ treten und ſich trauen laſſen? Die Gebuͤhr betraͤgt nur zwoͤlf Schilling fuͤr Sie— einen Schilling an den Schrei⸗ ber und einen an den Kuͤſter.“ „Was ſagſt Du, meine Suͤße,“ ſagte Peter— „wollen wir uns auf immer verbinden?“ „Auf immer!“ wiederholte die ſchoͤne Thomafine. „Aber Du haſt eben geſagt, daß die Heirathen in Fleet in einem Monat zu Ende ſein konnen. Nein, ich danke. Wenn ich mich uͤberhaupt verheirathe— beſonders mit einem Barbier— ſo ſoll es auf gehoͤrige Weiſe geſche⸗ hen. Fuͤhre mich ſogleich nach Little Sanctuary zuruͤck.“ Achtes Kapitel. Philipp Frewin und Diggs beſuchen den Geizhals. Nachdem Philipp Frewin, wie oben erzaͤhlt, dem Nachtwaͤchter entſprungen war, eilte er ohne anzuhalten an Charing Croß und Whitehall vorhei bis er Kingſtreet erreichte, wo er langſamer zu gehen begann. Dann bog er in Ox Yard ein und trat in das Wirthshaus zur Krone, ſchob den Kellner auf die Seite, der ihn wegen ſeines blutigen Ausſehens anſtarrte, obgleich zerſchlagene Schaͤdel in jenen Tagen nichts Ungewoͤhnliches waren, und ging in ein Zimmer, wo er Diggs an einem Tiſche ſitzend fand, mit Gläſern und einer Bowle Punſch vor ſich. Der Advokat hatte geſchlafen, doch erwachte er bei Philipps Eintritt. — 126— „Ei, Sie ſcheinen bei dieſem Zuſammentreffen den Kuͤrzern gezogen zu haben,“ ſagte er ihn anblickend— „ich fuͤrchtete, daß es ſo kommen wuͤrde.“ „Ja, hols der Teufel!“ rief Philipp.„Ich haͤtte nicht geglaubt, daß er ein ſo verzweifelter Kerl ſei. Es waͤre noch Alles gut gegangen, wenn nicht Jakob Poſt dazu gekommen.“ „Jakob Poſt!“ wiederholte Diggs—„wie kam der dorthin?“ Hier erzaͤhlte ihm Philipp, was geſchehen war. „Nun, ich hielt es von Anfang an fuͤr ein unbe⸗ ſonnenes Unternehmen,“ ſagte Diggs, als der Andere ausgeredet hatte.„Ich wollte, Sie haͤtten nicht zufaͤl— lig gehoͤrt, daß er zum Abendeſſen zu Kitty Conway gehe. Dann waͤre dies nimmer geſchehen.“ „Fluch uͤber ihn!“ rief Philipp wuͤthend.„Er hat mir zwei Geliebte und ein Vermoͤgen geraubt; aber ich will mich an ihm raͤchen— ſchwer an ihm raͤchen— das ſchwoͤre ich!“ „Es iſt aͤrgerlich,“ verſetzte Diggs ruhig,„und er iſt Ihnen zu ſehr ungelegener Zeit in den Weg gelaufen. Doch was Kitty Conway betrifft, ſo glaube ich, daß er Ihnen einen Dienſt geleiſtet, daß er ſie Ihnen ge⸗ nommen. Aber ich wiederhole, es thut mir leid, daß Sie ſich heute Abend mit ihm eingelaſſen. Sie haben gerade jetzt genug zu thun, ohne an Rache zu denken, und der groͤßte Triumph, den Sie uͤber ihn haben koͤn⸗ nen, wird darin beſtehen, daß Sie ſich ſo viel Geld als moͤglich von Ihrem Onkel Scarve verſchaffen, und da⸗ durch Hilda's Vermoͤgen verringern— denn ich gebe Ih⸗ nen mein Wort, ſie wird ihn heirathen, wenn der alte Mann ſtirbt.“ „Und ſeine Tage ſind gezaͤhlt,“ ſagte Philipp. „Ohne Zweifel,“ verſetzte Diggs.„O Philipp! wenn Sie nur Ihre Karten gut angewendet haͤtten, welch ein Vermoͤgen haͤtten Sie gewinnen koͤnnen! Alle Ihre Thorheiten und Ausſchweifungen haͤtten dadurch wieder gut gemacht werden koͤnnen.“ „Keine Sittenpredigten, Diggs,“ ſagte Philipp aͤrgerlich.„Was vorbei iſt, iſt vorbei.“ „Aber ich will predigen, wie Sie es nennen,“ rief der Advokat etwas heftig,„weil ich am meiſten bei Ihrer Ausſchweifung leide. Sie haben ein ſchoͤnes Ver⸗ moͤgen durch jede Art der Ausſchweifung verſchwendet— Sie waren ein Wuͤſtling und ein Spieler und ſind jetzt wenig beſſer, als ein Betruͤger. Ich habe einige tau⸗ ſend Pfund durch Sie verloren, und ich muß und will ſie wieder haben!“ „Sie ſollen ſie wieder haben, Diggs,“ verſetzte Philipp in bittendem Tone. — 128— „Aber wie?— Und wann?“ ſagte der Advokat mit Donnerſtimme—„wie und wann, Herr?— Be⸗ antworten Sie mir das!“ Philipp ſchwieg. „Sie koͤnnen die fuͤnftauſend Pfund haben, die Sie von meinem Onkel erhielten,“ ſagte er endlich. „Die ſind fort,“ verſetzte der Advokat. „Fort!“ rief Philipp—„ei, Sie erboten ſich ja ſelber, das Geld in meine Haͤnde zu geben.“ „Ich habe eine beſſere Anwendung dafuͤr gefunden,“ ſagte Diggs,„und waͤhrend Ihxer Abweſenheit iſt es weggebracht worden.“ Philipp ſtieß einen heftigen Fluch aus. „Ich will Ihnen ſagen, was ich damit gethan ha⸗ be,“ ſagte Diggs;„ich habe es einem ſehr bedeutenden Clienten von mir gegeben— einem Anhaͤnger der Par⸗ tei der Jakobiten, zu deren Nutzen es wird angewendet werden. Ihr Onkel Scarve iſt ein Jakobit, und ich ſagte ihm, dieſes Geld ſolle fuͤr jene Sache benutzt wer⸗ den, und gab ihm einen Schein daruͤber, daß er das Doppelte wieder erhalten ſolle, wenn die Sache gelinge. Daher habe ich ganz recht gethan, und um offen mit Ihnen zu reden, war es nie meine Abſicht, daß Sie das Geld haben ſollten.“ „Sie ſind ein verzweifelter Schurke, Diggs, und haben mich ſchaͤndlich hintergangen,“ ſagte Philipp zornig. —— „Durchaus nicht,“ erwiederte Diggs. „Ich ſage ja,“ rief Philipp.„Ich habe freilich mein Vermoͤgen durchgebracht; aber Sie haben mir durch Ihre uͤbertriebenen Forderungen dazu geholfen. Sie ha⸗ ben mir Geld zu ſo hohen Zinſen verſchafft, wodurch Sie mich zum Bettler gemacht, und ſich bereichert ha⸗ ben.“ „Ha, ha, ha!“ rief Diggs, ſich in ſeinem Stuhl zuruͤcklehnend, und ſich ſeiner Froͤhlichkeit hingebend. „Ich will nicht, daß Sie über mich lachen,“ rief Philipp ihm mit der Fauſt drohend;„hoͤren Sie auf oder es geht Ihnen ſchlimm.“ „Setzen Sie ſich nieder,“ ſagte Diggs ruhig;„Sie werden nichts durch Leidenſchaft gewinnen, wohl aber durch Ruhe.“ Gewohnt ihm zu gehorchen, that es Philipp muͤr⸗ riſch. „Nun hoͤren Sie mich an,“ fuhr der Sachwalt fort,„denn ich habe Ihnen viel zu ſagen, was Sie in Erſtaunen ſetzen wird. Sie wiſſen, daß Randulph Crew's Vater ſehr verſchuldet ſtarb, und daß Randulph ſeine Beſitzung den Hlaͤubigern uberließ.“ „Nun, was weiter?“ fragte Philipp. „Sie ſollen es hoͤren, wenn Sie ruhig ſind,“ rief Diggs,„aber anders nicht. Crew's vorzuͤglichſter Glaͤu⸗ Die Tochter des Geizigen. IIMI. 9 — 130— biger war ein Jude, Namens Iſaacs, der ihm gegen ſehr hohe Zinſen Geld vorgeſtreckt hatte.“ „Wie Sie bei mir gethan haben,“ ſagte Philipp. „Wer in ſolche Haͤnde geraͤth, iſt gewiß verloren.“ „So liſtig er auch war,“ fuhr Diggs fort, ohne auf die Bemerkung zu achten,„ſo gerieth doch Iſaacs in Verlegenheiten, und uͤberließ ſeine Pfandbriefe ſeinem vorzuͤglichſten Glaͤubiger dem Lichtzieher Nettleſhip in der City, der etwa vor einem Jahre ſtarb, und deſſen Ange⸗ legenheiten ſehr in Unordnung waren. Mir wurde es von ſeinem Compagnon Rathbone uͤbertragen, dieſelben zu ordnen. Als ich die Anſpruͤche auf die Beſitzung des Herrn Crew unterſuchte, fand ich, daß dieſelben nicht ge⸗ ſetzlich konnten geltend gemacht werden, und daher, an⸗ ſtatt ſechzigtauſend Pfund werth zu ſein, wie er ſich ein⸗ bildete, ſind die Pfandbriefe nicht den zwanzigſten Theil ſo viel werth. Als der erwaͤhnte Anhänger der Partei der Jakobiten, der, wie geſagt, ein Client von mir iſt, dies erfuhr, wuͤnſchte er dieſe Papiere in ſeine Haͤnde zu bekommen, und Herrn Scarve's Geld iſt angewendet wor⸗ den, um ſie zu kaufen.“ „Hol's der Teufel,“ rief Philipp;„und welchen Gebrauch denkt Jener davon zu machen?“ „Er will Randulph ſein Eigenthum zuruͤckgeben, unter der Bedingung, daß er ſich der Sache der Jakobi⸗ ten anſchließt,“ verſetzte der Advokat,„aber unter keiner andern Bedingung. Und meiner Anſicht nach wird es nie — 131— geſchehen. Aber was noch mehr iſt, Ihr Onkel Scarve iſt bei ſchwerer Strafe verbunden, Randulph Crew ſeine Tochter zu geben. Aber auch dies wird nicht anders ge⸗ ſchehen, als wenn der junge Mann ein Jakobit wird.“ „Und was ſoli mir dies Alles?“ rief Philipp;„oder vielmehr, was ſoll ich dabei gewinnen?“ „Das haͤngt von Ihnen ab,“ verſetzte Diggs.„Es iſt klar, Sie können nimmer Ihre Couſine Hilda hei⸗ rathen, und es iſt auch klar, daß, wenn Randulph Ja⸗ kobit wird, er ſie heirathet, und ſeine Beſitzung wieder erhält. Sie haben daher keine andere Hoffnung, als Ihren Onkel zu uͤberreden, Sie zu ſeinem Erben einzu⸗ ſetzen.“ „Und glauben Sie, daß ſich das machen laͤßt?“ fragte Philipp lebhaft. „Ich glaube, es kann geſchehen,“ verſetzte der Ad⸗ vokat,„und wenn wir es verſuchen wollen, ſo iſt keine Zeit zu verlieren.“ „Warum wollen wir nicht heute Abend noch den Verſuch machen?“ fragte Philipp.„Jakob iſt nicht zu Hauſe.“ „Das iſt freilich etwas,“ erwiederte der Sachwalt; „aber die Stunde iſt zu ſpät.“ „Es iſt nicht zu ſagen, Svas morgen geſchehen kann,“ ſagte Philipp.„Laſſen Sie uns den Verſuch machen.“ Nach einiger Ueberlegung willigte Diggs ein, unt Philipp zog ſich in ein inneres Zimmer zuruͤck, wo er ſich die Blutflecken vom Geſicht wuſch, und ſich ein Pflaſter auf den Kopf legte, und Alles mit einer alten Peruͤcke bedeckte. Dann zog er die abgetragene Kleidung an, die er zu tragen pflegte, wenn er ſeinen Onkel be⸗ ſuchte, und kehrte zu Diggs zuruͤck, der ihn veraͤchtlich anſah. Dann gingen ſie durch eine Hinterthuͤr hinaus und begaben ſich nach Litttle Sanctuary. Sie klopften laut an, bis endlich Miſtreß Clinton erſchien, die durch⸗ aus nicht angenehm uͤberraſcht war, ſie zu ſehen, und fragte, was ſie wollten. Diggs erwiederte, er habe Ge⸗ ſchaͤfte mit Herrn Scatve, die keinen Verzug duldeten, draͤngte ſich an ihr vorbei und ging von Philipp beglei⸗ tet in das Wohnzimmer, wo ſie Hilda fanden. Sie ſaß am Tiſche und las in jenem heiligen Buche, welches in Zeiten der Bekuͤmmerniß einen beruhigenden Einfluß auf das Gemuͤth ausuͤbt; doch ſie ſtand auf, als ſie ſie kom⸗ men hoͤrte, Diggs wiederholte, was er ſchon zu Miſtreß Clinton geſagt, und bat um die Erlaubniß, in das Zim⸗ mer des Geizigen gehen zu duͤrfen. „Ihr Geſchaͤft muß ſehr wichtig ſein, wenn es nicht bis morgen Zeit hat,“ ſagte Hilda. „Es kann nicht aufgeſchoben werden, Miß Scarve,“ verſetzte der Advokat;„„bei Ihres Vaters gegenwaͤrtigem Zuſtande konnte ein Aufſchub gefaͤhrlich werden, und das Dringende der Soche muß mir als Entſchuldigung dienen.“ — 133— „Nun, Herr, wenn Sie entſchloſſen ſind, ihn zu ſehen,“ verſetzte Hilda,„ſo werden Sie ihn in ſeinem Zimmer am Kamin finden. Sie wiſſen den Weg.“ „Ei ja,“ verſetzte der Advokat, auf die Treppe zu⸗ gehend. „Sie duͤrfen Jakob Poſt heute Nacht nicht mehr er⸗ warten, Hilda,“ ſagte Philipp Frewin;„„er iſt in die Woche gebracht worden, weil er Randulph Crew bei ei⸗ nem Straßenſkandal beigeſtanden. Ich ſah mit eigenen Augen, wie ſie abgefuͤhrt wurden.“ Und uͤber die Unruhe lachend, die dieſe Nachricht hervorbrachte, folgte er dem Advokaten die Treppe hin⸗ auf. Der Geizhals ſaß, wie Hilda angegeben hatte, in ſei⸗ nem Lehnſtuhl am Feuer. Seine Fuͤße hatte er gegen die kaͤrglich genaͤhrte Flamme ausgeſtreckt, und er ſuchte auch ſeine Knochenhaͤnde daran zu warmen. Eine Kerze brannte auf dem Tiſche. Als er die Thuͤr aufgehen hoͤr⸗ te, rief er, ohne ſich umzuſehen, in ärgerlichem Tone: „So biſt Du doch endlich zuruͤckgekommen, Jakob? Wo haſt Du geſteckt, Schurke? Ich habe lange auf⸗ bleiben muͤſſen, denn ich konnte nicht eher zu Bette ge⸗ hen, als bis Du zuruͤckkamſt. Ich ſetze Dir nichts aus in meinem Teſtament, wenn Du mir noch einmal einen ſolchen Streich ſpielſt— nichts!“ „Es iſt nicht Jakob, Herr,“ ſagte der Advokat vor⸗ tretend—„ich bins— Diggs.“ — 134— „Diggs!“ rief der Geizhals ſich umſehend.„Was fuͤhrt Sie zu dieſer Zeit hieher? Und wen haben Sie da mitgebracht?“ „Ihren Neffen, Herrn Philipp Frewin,“ verſetzte der Advokat.„Ich bin freilich zu ungewoͤhnlicher Stunde gekommen, Herr; aber ich hielt es fuͤr beſſer, meinen Beſuch nicht aufzuſchieben.“ „Sie glauben, ich bin in Gefahr, Diggs— ich weiß, Sie glauben es— und das iſt der Grund, warum Sie kommen,“ ſagte der Geizhals.„Jedermann glaubt, daß ich ſterden werde— ſelbſt Abel Beechcroft beſuchte mich juͤngſt Abends, um es mir zu ſagen. Doch obgleich ich krank genug bin, ſo iſt doch noch nicht Alles mit mir zu Ende. Ich kann noch wieder aufkommen, Diggs— ich kann noch wieder aufkommen. Aber nun zu Ihrem Geſchaͤft. „Mein Geſchaͤft betrifft Ihren Neffen, Herr Sear⸗ ve,“ ſagte der Advokat.„Ich weiß, Sie haben einen viel zu ſtarken Geiſt, um die Naͤhe des Todes zu fuͤrch⸗ ten, und obgleich ich hoffe, daß meine Befuͤrchtungen grundlos ſein moͤgen, ſo halte ich es doch fuͤr meine Pflicht, Ihnen zu ſagen, daß ich Ihre Lage fuͤr gefähr⸗ lich halte. Sie koͤnnen freilich wieder beſſer wer— den—“ „Aber wahrſcheinlich iſt es nicht,“ fiel der Geizhals mit gräßlichem Grinſen ein,„das iſts, was Sie ſagen wollen. Fahren Sie fort.“ „Ich wuͤnſche Ihre Anſichten zu wiſſen in Bezie⸗ — 135— hung auf die vorgeſchlagene Verbindung zwiſchen Herrn Frewin und Ihrer Tochter,“ fuhr der Advokat fort. „Wenn Ihnen etwas begegnen ſollte, iſt es Ihr Wunſch, daß ſie ihn heirathet oder Randulph Crew?“ „Sie ſoll nimmermehr Randulph Crew heirathen,“ ſchrie der Geizhals;„lieber enterbe ich ſie.“ „Vermachen Sie Ihr Vermoͤgen jemand anders, wenn ſie Ihrem Verbot entgegenhandelt, und ihn hei⸗ rathet— das wird Ihrem Zweck entſprechen,“ ſagte Diggs. „Das will ich— das will ich,“ verſetzte der Geiz⸗ hals,„und was noch mehr iſt, ſie ſoll es nicht haben, wenn ſie nicht Philipp Frewin heirathet.“ „Wenn das Ihre Abſicht iſt, ſo wird es beſſer ſein, das Teſtament ſogleich aufzuſetzen,“ ſagte der Sachwalt. „Ich will Schreibmaterialien holen, und es ſogleich auf⸗ ſetzen.“ Der Geizhals willigte ein und wendete gedankenvoll ſein Geſicht zu dem Feuer hin, waͤhrend Diggs das Licht nahm, und die Treppe hinunterging, um Feder und Dinte zu holen. Obgleich Philipp ſeinen Onkel gern angeredet haͤtte, ſo wagte er es doch nicht, aus Furcht, die gegen⸗ wartige guͤnſtige Lage der Dinge zu zerſtoͤren. Im näch⸗ ſten Augenblick kehrte Diggs zuruͤck, ſetzte ſich an den Tiſch und begann das Teſtament aufzuſetzen. Der Geiz⸗ hals beobachtete ſein raſches Schreiben mit ſchweigender —— Neugierde, und Philipp Frewin that ſein Moͤglichſtes, ſein lebhaftes Intereſſe an dem Vorgange zu verbergen. Endlich war der Advokat damit zu Ende, und nachdem er es nochmals durchgeſehen, wendete er ſich an den Geizhals und las es ihm vor. Der Inhalt des Teſta⸗ ments, welches ſehr buͤndig abgefaßt war, beſtand darin, daß Hilda gänzlich in Philipp Frewins Macht gegeben wurde. „Es iſt gerade, wie ich es wuͤnſchte,“ ſagte der Geizhals, als Diggs zu Ende war;„ich will es unter⸗ zeichnen.“ Als er zu dem Tiſche hinſchwankte, und ſich auf den Stuhl niederſetzte, den ihm Diggs einraͤumte, und eine Feder in ſeinen zitternden Fingern hielt, ging die Thuͤr auf, und Hilda trat ins Zimmer. Obgleich der Advokat durch ihr Erſcheinen in dieſem kritiſchen Augenblick ſehr beſturzt war, ſo faßte er ſich doch ſo gut er konnte, und ſagte haſtig zu dem Geizhals: „Unterzeichnen Sie, Herr— unterzeichnen Sie.“ Aber der Letztere wollte ſich ſeinen Triumph nicht rauben laſſen. Er blickte zu ſeiner Tochter auf und ſagte: „Ich bin im Begriff, Deiner Verheirathung mit Randulph Crew eine bedeutende Schwierigkeit in den Weg zu ſtellen.“ „Du vergißt Deinen feierlichen Contract mit ſeinem — 137— Vater,“ entgegnete ſie.„Willſt Du den nicht erfuͤl⸗ len?“ „Jener Contract iſt wenig beſſer, als eine moraliſche Verpflichtung fuͤr Herrn Scarve,“ ſagte Diggs;„die Erfuͤllung deſſelben kann nicht erzwungen werden.“ „Vater,“ ſagte Hilda vortretend, und ihre Hand auf den Contract legend,„ich bitte Dich, dieſes Papier nicht zu unterzeichnen. Du biſt Deiner ſelbſt nicht genug maͤchtig, um es zu thun, und es iſt ſchändlich von Herrn Diggs, Dich dazu zu bewegen. Behalte es bei Dir und unterzeichne es, wenn Du willſt— wenn Du es wohl uͤberlegt haſt; aber nicht jetzt— nicht jetzt.“ „Du haͤltſt mich fuͤr kraͤnker als ich bin, Hilda,“ ſagte der Geizhals, ſie feſt anſehend;„aber Du ſollſt ſehen, daß es nicht ſo iſt. Freilich phantaſire ich zu Zei⸗ ten, und mein Gedächtmiß iſt ſchwach; aber in dieſem Augenblick bin ich völlig bei mir ſelber. Um Dir den Beweis davon zu liefern, will ich Dir ſagen, was ich zu thun im Begriff bin. Ich bin entſchloſſen, Du ſollſt Randulph Crew nicht heirathen, und da ich fuͤhle, daß Du, wenn ich todt bin, meine Befehle nicht reſpectiren moͤchteſt, ſo habe ich Sorge getragen, mein Teſtament ſo zu machen, daß Du mein Vermoͤgen nicht erhaͤltſt, wenn Du meine Befehle nicht befolgſt. Da ſteht Dein Gemahl oder mein Erbe.“ „Du ſagſt, Du biſt bei Dir ſelber, Vater,“ ver⸗ ſetzte Hilda,„aber ich leugne es. Wenn Du bei richti⸗ — 138— gem Verſtande wäreſt, koͤnnteſt Du nicht ſo handeln. Du koͤnnteſt mich nicht auf immer elend machen wollen. Du koͤnnteſt mich nicht von dem Manne trennen, dem meine zaͤrtliche Neigung zugewendet iſt, und mich mit ei⸗ nem Anderen verbinden wollen, den ich verabſcheue. Und ach! wozu dieſe grauſame Ungerechtigkeit! Warum willſt Du auf meine Koſten Philipp Frewin bereichern, deſſen Charakter Dir durch Herrn Beechcroft hinlaͤnglich bekannt iſt? Aber taͤuſche Dich nicht uͤber die Folgen dieſer boͤ— ſen Handlung. Ich werde nimmer Philipp Frewin hei⸗ rathen, und wenn Randulph Crew mir ſeine Hand an⸗ bietet, werde ich ſie annehmen.“ „Vollziehen Sie das Teſtament, Herr,“ ſagte Diggs mit veraͤchtlichem Laͤcheln,„und ſein Sie wegen der Er⸗ fuͤllung ganz ruhig.“ 5 „Hoͤre mich an, Hilda,“ verſetzte der Geizhals be⸗ bend vor Leidenſchaft,„ich habe Jahre damit zugebracht, mein Vermoͤgen zu ſammeln. Ich habe es durch die groͤßte Maͤßigkeit und Selbſtverleugnung erſpart. Ich liebe mein Geld wie mein eigenes Fleiſch und Blut— ja noch mehr, und will es nicht in die Macht dieſes Verſchwenders, dieſes Randulph Crew geben, damit es in alle Winde zerſtreut werde. Ich will es einem Manne geben, der es gehoͤrig anwenden wird— meinem Neffen Philipp Frewin. Er wird es bewahren, wie ich gethan, wird es zu vermehren ſuchen, und bei Anhaͤufung deſſel⸗ ben eben das Entzuͤcken empfinden, wie ich. Er wird ſich nimmer davon trennen.“ — 130— „Nimmer, Onkel— nimmer!“ rief Philipp. „Du thuſt gerade das, was Du zu vermeiden ſuchſt, Vater,“ verſetzte Hilda.„Du gibſt mich in die Macht eines Wuͤſtlings und Verſchwenders. Du wirſſt Dein Geld weg, und wenn dieſes Teſtament je vollzogen wird, und das Geld in die Haͤnde Deines Neffen kommt, ſo wird es, weit entfernt, angehaͤuft zu werden, wie Du erwarteſt, durch Ausſchweifung und Schwelgerei ver⸗ ſchwendet werden.“ „Sie ſpricht nur immer fur Randulph Crew,“ ſagte Diggs leiſe zu dem Geizhals. „Ich weiß es,“ verſetzte der Letztere, die Feder ein⸗ tunkend. „Vater! lieber Vater!“ rief Hilda;„ſei nicht taub gegen meine letzte Bitte— wenn Du noch irgend Liebe zu mir haſt, ſo thue dies nicht.“ „Ich bin entſchloſſen,“ antwortete er kalt. Und er unterzeichnete das Teſtament mit feſter Hand. „Gott verzeihe Dir, Vater, wie ich es thue!“ rief Hilda in Thraͤnen ausbrechend. „Es wird wohl gut ſein, wenn ich den Contract in Verwahrung nehme, Herr?“ ſagte Diggs, nachdem er die Unterſchrift beglaubigt hatte. Der Geizhals ſprach ſeine Zuſtimmung aus, der Ad⸗ vokat ſteckte das Teſtament ſorgfältig in die Taſche und ſtand auf.* — 140— „Sie koͤnnen ſich darauf verlaſſen, Onkel, daß Ihre Anordnungen von meiner Seite puͤnktlich ſollen erfuͤllt werden,“ ſagte Philipp.„Gute Nacht; und wenn ich wiederkomme, hoffe ich Sie beſſer zu finden. Gute Nacht, ſchoͤne Couſine.“ Dann machte er Hilda eine Verbeugung, die ſich mit Abſcheu von ihm wendete, und folgte Diggs die Treppe hinunter. Beide eilten raſch aus dem Hauſe und wuͤnſchten einander Gluͤck zu dem vollkommenen Gelin⸗ gen ihres ſchändlichen Planes. — 141— Neuntes Kapitel. Rathbone entdeckt Miſtreß Nettleſhip ſeinen Plan und uͤber⸗ redet ſie, mit ihm in Uebereinſtimmung zu handeln. Der Plan des Herrn Cripps, Rathbone zur Ein⸗ willigung in ſeine Verheirathung mit der Wittwe zu be⸗ wegen, ſchien durch die Eile der Dame ſelber bedroht zu werden, die jetzt, da ſie ſich entſchloſſen hatte, von keinem Aufſchub wiſſen wollte, und ihm ſchon Vorwuͤrfe zu ma⸗ chen begann, daß ſeine Leidenſchaft fuͤr ſie kälter werde. Der Bediente behauptete das Gegentheil; doch Alles wollte nicht helfen, und er begann zu fuͤrchten, daß er genoͤthigt ſein werde, die dreitauſend Pfund aufzuopfern, was ſehr gegen ſeine Neigung war. Waͤhrend er ſich — 142— in dieſer zweifelhaften Lage befand, ereignete ſich das Duell zwiſchen ſeinem Herrn und Randulph, und die Wunde, die der Letztere empfing, lieferte ihm einen Vor⸗ wand, ſo lange auszubleiben, bis ſeine Plaͤne zur Reife gedeihen konnten. Er war ſeiner Sache zu gewiß, als daß er fuͤrchten konnte, von Herrn Rathbone ausgeſtochen zu werden. Er ſchickte daher den franzöſiſchen Bedienten Antoine, der ſein Vertrauter war, und dem er im Fall des Ge⸗ lingens eine huͤbſche Belohnung verſprochen hatte, mit einer Botſchaft an die Wittwe ab, und ließ ihr ſagen, daß er in einem Duell verwundet worden ſei, und ſein Zimmer auf einige Tage nicht verlaſſen koͤnne; ſobald er aber auszugehen im Stande ſei, werde er ihr einen Be— ſuch abſtatten. Als Miſtreß Nettleſhip dieſe betruͤbende Nachricht er⸗ hielt, ſtieß ſie einen Schrei aus, ſank in ihren Stuhl zu⸗ ruͤck und es bedurfte der vereinten Bemuͤhung Antoine's und einer Dienerin, ſie wieder zu ſich zu bringen. In dieſem Augenblick trat Rathbone ins Zimmer, und da er ſich ſehr aͤngſtlich zeigte, zu erfahren, was vorgegangen ſei, ſo wurde er davon benachrichtigt. „Und wo iſt der theure Mann verwundet?“ fragte Miſtreß Nettleſhip mit matter Stimme. „Daus le bras— in die Arm, Madame,“ verſetzte Antoine.„Mais pas dangereusement— nit gefaͤhrlick, Madame. Sie ſoll ihn ſehn wieder, et de bonne heure, — 143— zu gute Stund'— ma foi. Mei Err ſendt Sie ſeine Lieb und eißt mick ſag, ſein Wund ſei nit ſo tief, wie das Sie ihm hab' geſchlag.“ „Die liebe Seele!“ rief Miſtreß Nettleſhip pathe⸗ tiſch. „Jetzt iſt Alles klar,“ ſagte Rathbone zu der Witt⸗ we;„dies iſt ſein franzoͤſiſcher Bediente. Ich ſagte Ih⸗ nen immer, daß es Herr Willars ſei.“ „Certainement, monsieur,* ſagte Antoine;„o'est Monsieur Villiers, qui est mon maitre.“*) „Er ſagt, Herr Willars iſt ſein Herr,“ ſagte Rath⸗ bone.„Ich verſtehe ſelber ein wenig Franzoͤſiſch. Ich will ihm noch einige Fragen vorlegen. Wie iſt Ihr Na⸗ me, mein Herr?“ „Antoine,“ verſetzte der Bediente ſich verb eugend. „Hoͤren Sie, Herr Ontwine, kennen Sie einen Herrn Cripps?“ „Criipps, Err!“ rief der Bediente verlegen. „Ja, Crackenthorpe Cripps,“ wiederholte Rath⸗ bone. „Pardon, Monsieur, doch darf ich wiſſen, warum Sie thun die Frag?“ entgegnete Antoine. ) Gewiß, mein Herr, Herr Villiers iſt mein Herr. —— „Weil wir einen Beſuch von einer Perſon des Na⸗ mens gehabt haben,“ verſetzte Rathbone, der Wittwe zu⸗ winkend.„Eine Perſon, die Ihrem Herrn ſehr ähn⸗ lich iſt.“ „Mais ma foi, monsieur!— Vous ne méfiez pas— Sie heg' doch kein Mißtraun, Err?“ „Nein, Herr Ontwine, ich hege kein Mißtrauen, weil ich gewiß bin, daß Ihr Herr uns getaͤuſcht hat.“ „Sie getaͤuſcht, Err!“ rief der Bediente;„un⸗ moͤglich! Err Villiers iſt ein Mann von zu viel Ehr. Er wuͤrd' niemals täuſchen eine Dam'. Err, er wird Sie forder' raus, wenn Sie ſo ſag'. Er wird Sie renn' durch le ventre— was Sie nenn' die Bauch.“ „Um des Himmelswillen! dann ſagen Sie es ihm nicht, Herr Ontwine,“ rief Rathbone beſtuͤrzt.„Ich wollte nur ſagen, daß Herr Villiers ſich fuͤr ſeinen eige⸗ nen Bedienten ausgegeben hat— fuͤr Herrn Cripps.“ „Ouoi!“ rief Antoine.„Err Villiers ſick ausgeb' fuͤr Cripps— iſt es das?“ „Ja, das iſt's, Herr Ontwine,“ verſetzte Rathbone; „aber wir erkannten ihn gleich— wir konnten ihn nicht fuͤr einen Bedienten halten— ha! ha!“ „Ab, vraiment non, monsieur!“ verſetzte Antoine, in das Lachen einſtimmend—„unmoͤglich!“ — 145— „Bei Ihnen koͤnnte man ſich nicht irren, Herr Ont⸗ wine,“ fuhr Rathbone fort;„aber bei Herrn Willars iſt es eine andere Sache.“ „Eine ganz ander Sach,“ verſetzte Antoine ernſt⸗ haft und murmelte bei ſich ſelber:„béte! niais!“ Dann ſetzte er zu Miſtreß Nettleſhip gewendet laut hinzu: „Hat Madame mich mit einige Befehl zu beehr an mein Err?“ „Sagen Sie ihm, wie leid es mir thut um ihn,“ verſetzte die Wittwe.„Ich wollte, ich koͤnnte zu ihm, und ihn verpflegen.“ „Err Villiers wird ſein bien flatts— ſick fuͤhl' ſehr geſchmeichelt, da bin ick ſicher,“ verſetzte der Bediente— „doch er konnt nich denk an ſolch Ding.“ „Auch ſonſt Niemand,“ entgegnete Rathbone;„es wuͤrde hoͤchſt unſchicklich ſein. Nein, er wird bald wieder wohl ſein und Ihnen ſeinen Reſpect bezeigen.“ „Sein erſte Viſite wird ſein bei Sie, Madame,“ ſagte der Bediente und entfernte ſich mit einer tiefen Ver⸗ beugung. Sobald Antoine fort war, ſchickte Rathbone das Maͤdchen hinaus und ſetzte ſich zu Miſtreß Nettleſhip. „Meine liebe Miſtreß Nettleſhip,“ ſagte er,„es iſt mir lieb, die Sache mit Ihrem Stutzer in ſo gutem Gange zu finden.“ Die Tochter des Geizigen. III. 10 — 146— „Sie ſind ſehr verbindlich, das zu ſagen, Herr Rathbone,“ verſetzte die Wittwe,„und es iſt mehr als man von Ihnen erwarten konnte.“ „Nun, meine liebe Miſtreß Nettleſhip,“ fuhr Rath— bone fort,„ich bin im Begriff, als Freund gegen Sie zu handeln. Taͤuſchen Sie ſich nicht. Sie glauben, Herr Willars iſt in Sie verliebt, aber ich will Ihnen die Wahrheit ſagen— er iſt nur in Ihr Vermoͤgen ver⸗ liebt.“ „Sie ſind ſein Nebenbuhler, Herr Rathbone,“ ſagte die Wittwe, die Naſe emporrichtend. „Nein, das bin ich nicht,“ verſotzte der Andere; „und wenn Sie ſehen wollen, ob er Sie oder Ihr Ver⸗ moͤgen liebt, ſo ſagen Sie ihm, was ich im Begriff bin Ihnen zu ſagen. Sie muͤſſen wiſſen,“ ſetzte er in ver⸗ ändertem Tone hinzu,„als ich die Geſchaͤfte Ihres ar⸗ men Mannes ordnete, fand ich, daß er, anſtatt ein rei⸗ cher Mann zu ſein, wie man vermuthete, ſehr verſchuldet ſtarb.“ „Verſchuldet!“ ſchrie die Wittwe, ihren Stuhl zu⸗ ruͤckſtoßend.„Verſchuldet, Herr Rathbone.“ „Werden Sie nicht ohnmaͤchtig, meine liebe Miſtreß Nettleſhip,“ ſagte Rathbone,„es iſt jetzt keine Zeit da⸗ zu— und es iſt auch Niemand da, der Sie ſieht, als ich. Ihre Sache ſteht ſo: Sie haben nichts— ja, viel weniger als nichts— denn das ganze Vermögen Ihres — 147— Mannes wird in Beſchlag genommen werden. Ich habe das Geheimniß bis zu dieſem Augenblick bewahrt und will es bewahren, wenn ich kann, bis Sie verheirathet ſind. Jetzt begreifen Sie vielleicht, warum ich Sie ſo leicht aufgab und den Stutzer ermuthigte.“ „Ach ja!“ ſeufzte die Wittwe.„Aber was iſt zu thun? Denn ich glaube jetzt mit Ihnen, daß Herr Wil⸗ lars ſich zuruͤckziehen wird, wenn er es erfährt.“ „Er ſoll es nimmer erfahren,“ verſetzte Rathhone, „wenn Sie mir verſprechen, die dreitauſend Pfund zu bezahlen, die mir zukommen, im Fall Sie den Ehecon— trakt mit mir brechen, und ich will Ihnen auch ſagen, wie das zu machen iſt. Er glaubt, Sie beſitzen funfzig⸗ tauſend Pfund— ha! ha!— Und ich habe Sorge ge⸗ tragen, dieſe Meinung zu beguͤnſtigen— hi! bi!— Sie ſollen ihm Ihr ganzes Vermoͤgen geben und ihn bewegen, Ihnen von ſeinem eigenen Vermoͤgen fuͤnftauſend Pfund auszuſetzen. Ich will als Ihr Curator handeln, und das Geld muß mir ausgezahlt werden. So bekommen Sie einen jungen, muntern Mann, und laden ihm zu⸗ gleich Ihre Schulden auf.“ „Das kann ich nicht thun,“ ſagte die Wittwe;„ich zittere bei dem Gedanken an einen ſo ſchrecklichen Bettug. Ich will ihm meine Lage offen darlegen, und mich ſeinem Mitleid uͤberlaſſen.“ „Und Sie werden ihn verlieren, ſo wahr ich Tom Rathbone heiße,“ verſetzte der Andere. 10* „Nun, ich will mich in Ihre Haͤnde begeben,“ ſag⸗ te die Wittwe;„es iſt eine ſchreckliche Lage.“ „Wir duͤrfen keine Zeit verlieren, die Sache zum Schluß zu bringen,“ verſetzte Rathbone,„mein Sach⸗ walt Diggs wird die Verſchreibung fuͤr Sie aufſetzen. Sein Sie gutes Muthes— es wird Alles gut gehen— ha! ha!“ Und er entfernte ſich. Miſtreß Nettleſhip blieb einige Tage im Bette, und als ſie nach Verlauf dieſer Zeit etwas gefaßter war, hatte ſie noch eine Unterredung mit Rathbone und bat ihn, ihr die Buͤcher ihres verſtorbenen Mannes zu zeigen, und nachdem ſie ſich uͤberzeugt hatte, daß ſeine Angabe richtig ſei, verſprach ſie, genau ſeiner Aniſinß zu fol⸗ gen. Nach Verlauf von vierzehn Tagen zeigte ſich Cripps wieder. Er ſah ſehr blaß aus, denn er hatte die Nacht zuvor mit dem Kammerdiener des Herzogs von Don⸗ caſter tuͤchtig getrunken; doch dieſer Umſtand verlieh ihm noch hoͤheres Intereſſe in den Augen der Wittwe. Wie es verabredet war, trat Rathbone bald ngh ſeiner An⸗ kunft ins Zimmer. „Ei, Herr Willars!“ ſagte der Letztere—„es iſt mir lieb, Sie wieder wohl zu ſehen. Ich hoffe, Sie haben Ihren Mann getoͤdtet— ha! ha! Ich habe waͤh— rend Ihrer Abweſenheit viel an Sie gedacht.“ — 149— „Ich hoffe, Sie haben ſich entſchloſſen, Miſtreß Nettleſhip Ihrer Verbindlichkeit gegen Sie zu entlaſſen, mein Herr?“ entgegnete Cripps. „Ehe ich antworte, muß ich Miſtreß Nettleſhip eine oder zwei Fragen vorlegen,“ verſetzte Rathbone.„Iſt es Ihre Abſicht, Herrn Willars zu heirathen, Ma⸗ dame?“ „Ei, Herr Rathbone, welche Frage,“ verſetzte die Wittwe.„Doch ich will ſie beantworten— ja.“ „Und wie denken Sie es mit Ihrem Vermoͤgen zu halten, Madame? Ich hoffe, es ſoll Ihnen bleiben,“ fuhr Rathbone fort.„Ich zweifele nicht, Herr Willars wird ein ganz vortrefflicher EChemann ſein; aber Sie ſind verbunden, auch fuͤr ſich ſelber zu ſorgen.“ „Wenn ich mich ihm uͤbergebe, ſo uͤbergebe ich ihm auch mein Vermoͤgen,“ ſagte Miſtreß Nettleſhip. „Sie ſind ein Engel,“ rief Cripps voll Entzuͤcken, „und wenn Sie keinen Heller beſaͤßen, anſtatt daß Sie jetzt ſo reich und ſchoͤn ſind, wuͤrden Sie mir eben ſo theuer ſein.“ „Sind Sie deſſen ganz gewiß?“ rief Miſtreß Nettleſhip. „Auf Parole!“ verſetzte der Bediente, die Hand aufs Herz druͤckend. „Nun, dann—“ rief die Wittwe. „Miſtreß Nettleſhip iſt im Begriff die Aufrichtigkeit Ihrer Geſinnung zu pruͤfen, indem ſie ihre Verhaltniſſe ganz anders darſtellt, als ſie ſind,“ fiel Rathbone ein. „Sie ſagt mir, ſie wolle es thun. Aber ich halte es fuͤr keinen huͤbſchen Spaß, und warne Sie deshalb davor.“ „Es waͤre mir freilich unerwartet gekommen,“ ver⸗ ſetzte Cripps, ſich zum Lachen zwingend;„doch wuͤrde es keinen Unterſchied in meinen Geſinnungen und Abſichten hervorgebracht haben. Und nun, Herr Rathbone, da Un⸗ eigennuͤtzigkeit an der Tagesordnung iſt, ſo hoffe ich, werden Sie das Beiſpiel der Miſtreß Nettleſhip nach⸗ ahmen und ihr die dreitauſend Pfund erlaſſen. Ich will Ihnen jetzt offen ſagen, daß ich mich nur deshalb fuͤr ei⸗ nen Bedienten ausgab, um Sie zu Ihrer Einwilliqung zu bewegen. Doch da ich finde, daß ich mit einem frei— gebigen und aufrichtigen Herrn zu thun habe, ſo halte ich es fuͤr den beſten und redlichſten Weg, Sie geradezu zu bitten, die Summe zu erlaſſen. Sie können ſie nicht eintreiben, ohne meine gute Meinung und die der Dame zu verlieren, und ich bin gewiß, daß Sie das nicht wuͤn⸗ ſchen.“ „Ich will Ihnen ſagen, was ich thun will,“ ver⸗ ſetzte Rathbone, indem er eine ebenſo aufrichtige Miene annahm, wie der Bediente;„wenn Sie Miſtreß Nettle⸗ ſhip fünftauſend Pfund ausſetzen wollen, ſo will ich den Contract aufgeben.“ „Fuͤnftauſend Pfund!“ rief Cripps beſtuͤrzt. „Keine große Summe fuͤr einen reichen Mann,“ entgegnete Rathbone;„ſie bringt Ihnen zwanzigmal mehr zu.“ „Und ſich ſelber,“ ſagte die Wittwe leiſe. „Ich will als ihr Curator handeln,“ fuhr Rathbone fort—„es wird ein ſehr huͤbſches Geſchenk fuͤr ſie ſein.“ „Ich bin gewiß, Sie werden nicht unentſchloſſen ſein, mein Theuerſter,“ fluͤſterte die Wittwe,„da Herr Rathbone ſo guͤtig iſt.“ „Nein— nein— ich kann nicht unſchluͤſſig ſein,“ ſtotterte Gripps;„aber gerade jetzt iſt all mein Geld an⸗ gelegt, auf Parole!“ „Das ſoll kein Hinderniß ſein,“ ſagte Rathbone— „geben Sie mir eine Verſchreibung uͤber die Summe, das iſt eben ſo gut.“ „O, wenn Ihnen das genuͤgt, ſo bin ich voͤllig zu⸗ frieden,“ entgegnete Cripps.„Ich glaubte, Sie woll⸗ ten das Geld baar, und das waͤre mir ungelegen gewe⸗ ſen.“ „Nun, dann wird es beſſer ſein, die Sache gleich abzumachen,“ ſagte Rathbone.„Ich will gehen und meinen Sachwalt holen, der ſoll die Verſchreibung auſ— ſetzen, dann will ich Miſtreß Nettleſhip den Contract aus⸗ liefern, und es wird Ihrer Verbindung nichts mehr im Wege ſtehen.“ Hierauf verließ er das Zimmer und die Liebenden blieben allein. Beide waren nicht ganz ruhig, und end⸗ lich machte die Wittwe den Vorſchlag, ins Speiſezimmer zu gehen, wo Speiſen aufgetragen waren, und einige Glaͤſer Wein Cripps ſeine gewohnte Zuverſicht und gute Laune wieder gaben. Etwa zwei Stunden ſpaͤter kehrte Rathbone wieder zuruͤck und brachte Diggs mit. Die Papiere wurden auf⸗ geſetzt. Erſt in dieſem Augenblick fiel es Cripps ein, daß er im Begriff ſei, eine Faͤlſchung zu begehen. Er ſah die Papiere unentſchloſſen an, ergriff dann haſtig die Feder und unterzeichnete den Namen ſeines Herrn. Die Unter⸗ ſchrift war ſo taͤuſchend aͤhnlich, daß ſie kaum von der ſeines Herrn zu unterſcheiden war. Als dies geſchehen war, uͤberlieferte Rathbone Miſtreß Nettleſhip ein Papier und entfernte ſich dann mit Diggs. — Zehntes Kapitel. Wie die Trauung des Herrn Cripps und der Wittwe unter⸗ brochen wurde. Gwa eine Woche nach dieſem Ereigniß wurde Ju⸗ kes eines Morgens, als er gerade im Bedientenzimmer beſchaftigt war, durch einen Beſuch von ſeinem Neffen uͤberraſcht, der ohne alle Umſtaͤnde hereinſchritt, und ſich ſeiner Gewohnheit nach auf den Rand des Tiſches ſetzte. Er war feiner gekleidet als gewoͤhnlich, denn er trug ei⸗ nen von den beſten Anzuͤgen ſeines Herrn. „Nun, Onkelchen, wie gehts Dir, alter Kerl?“ ſag⸗ te er.„Dies iſt der letzte Beſuch, den ich Dir auf dieſe Weiſe abſtatte.“ — m— „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ entgegnete Jukes trocken. Du hatteſt ſtets einen ſchlechten Witz, Onkelchen,“ verſetzte Cripps„und mißverſtehſt mich jetzt. Ich mei— ne, wenn ich Dich wieder beſuche, ſo wird es in einer vergoldeten Kutſche geſchehen, gleich der meines Herrn.“ „Der Himmel ſei uns gnaͤdig!“ rief der Kellner— „welche neue Thorheit hat der Burſche im Kopfe?“ „Du ſollſt es ſogleich hoͤren, Onkel,“ verſetzte der Bediente;„aber ich bin ganz erſchoͤpft von meinem. Gange; gib ein Glas Ale, wenn Du keinen Wein haſt. Kein uͤbles Getraͤnk, auf Parole!“ ſetzte er hinzu, als er das ihm eingeſchenkte Glas geleert hatte.„Ich bin im Begriff mich zu verheirathen, Onkel.. „Was, mit jener thoͤrichten Wittwe?“ rief Inkes. „Ich bin im Begriff, Miſtreß Nettleſhip zu heira— then,“ verſetzte Cripps;„und ich muß Dich bitten, mit mehr Reſpect von einer Perſon zu reden, die bald nahe mit Dir verwandt ſein wird. Ich werde am naͤchſten Donnerſtag verheirathet, und komme, Dich zur Hochzeit einzuladen. Sie beſitzt funfzigtauſend Pfund, und es iſt Alles mein, ohne daß ſie ſich etwas vorbehalten hat, und„ ohne ſo einen verdammten Curator— funfzigtauſend Pfund! Wos denkſt Du dazu, Onkel— he?“ „Ich bin in Erſtaunen verloren,“ verſetzte Jukes; —— ———— — 155— „aber nimm es in Acht, wenn Du es bekommſt, und verſchleudere es nicht.“ „Laß mich nur machen, Onkel,“ verſetzte der Be⸗ diente.„Ich trinke noch ein Glas Ale,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich einſchenkte. „Nun, und wo wird die Hochzeit ſtattfinden?“ frag⸗ te Jukes. „Im Hauſe meines Herrn,“ verſetzte Cripps.„Es wird ein Mittageſſen gegeben, dann ein Ball, und end⸗ lich noch ein Abendeſſen. Du wirſt natuͤrlich doch kom⸗ men, aber nicht als Bedienter. Du mußt Deine Livree ablegen und einen von Truſſell Beechcroft's Roͤcken an⸗ ziehen.“ „Wenn ich uͤberhaupt kemme, ſo komme ich in mei⸗ nen eigenen Kleidern, darauf kannſt Du Dich verlaſſen,“ entgegnete Jukes.„Aber weiß Dein Herr, was in ſei⸗ nem Hauſe vorgeht? Hat er Dir erlaubt, das Mittag⸗ eſſen, den Ball und das Abendeſſen zu geben, he?“ „Pah! Onkel! glaubſt Du, ich woͤrde ihn fragen?“ verſotzte Cripps, indem er eine Priſe nahm.„Er geht am Mittwoch mit Sir Bulkeley Price nach Newmarket und ſie kommen erſt am Freitag zuruͤck. Und nun, On⸗ kel,“ fuhr Cripps fort, indem er ſich durch eine zweite Priſe ſtaͤrkte,„ich wuͤnſche etwas Geld von Dir. Ich muß Alles haben, was Du entbehren kannſt— das muß ich, auf Parole!“ — 156— „Ich dachte mir, daß es ſo enden wuͤrde,“ verſetzte der Kellner. „Nein, ich fordere keine beſondere Gunſt,“ verſetzte Cripps—„ich bedarf des Geldes nur bis zum Tag nach meiner Hochzeit, und das ſind nur noch drei Tage. Ruͤcke nur mit hundert Pfund heraus, und Du ſollſt ſie wieder haben, bei dieſem Licht! und zwar mit Zin⸗ ſ „Zum Henker! Wie dieſer Junge ſchwatzt!“ rief der Kellner.„Ich habe keine hundert Pfund auszuleihen, und wenn ich ſie haͤtte, wuͤrde ich ſie nicht auf Zinſen ausleihen.“ „Nun, funfzig muß ich haben,“ ſagte Cripps; „mit weniger kann ich nicht auskommen. Vierzig— Du ſchuͤttelſt den Kopf— dreißig— zwanzig. Ich bin genoͤthigt, wie ein Auctionator herunter zu gehen. Du haſt kein natuͤrliches Gefuͤhl, Onkel, haſt ein haͤrteres Herz als Brutus, da Du dem Sohn Deiner Schweſter zwanzig Pfund auf drei Tage verweigerſt, und ihn ſo vielleicht verhinderſt, ſein Gluͤck zu machen.“ „Nun,“ ſagte Jukes, durch dieſe Anrede geruͤhrt, „ich will Dir zwanzig Guineen borgen, Neffe, aber Du mußt ſie mir wiederbezahlen. Ich habe ſie mir in den letzten drei Jahren erſpart.“ „Gewiß will ich ſie Dir wiederbezahlen, beſtes On⸗ kelchen,“ verſetzte Cripps, ihn umarmend.„Ich will ſie Dir mit ungeheuren Zinſen zuruͤckzahlen.“ 3 —— —— „Ich bedarf keiner Zinſen,“ verſetzte der Kellner; „ich bin mit dem Kapital zufrieden.“ Dann oͤffnete er eine Schublade im Schrank und nahm einen kleinen ledernen Beutel heraus, welcher zwan⸗ zig Guineen enthielt, die er zaͤhlte und ſeinem Neffen gab. „Zwanzigtauſend Dank, Onkel,“ ſagte Cripps, das Gold einſteckend;„und verlaß Dich darauf, daß es puͤnkt⸗ lich zuruͤckbezahlt wird. Beilaͤufig geſagt, wenn Dir Deine gegenwaͤrtige Stelle nicht mehr gefällt und Du mir dienen willſt, ſo brauche ich Dir nicht erſt zu ſagen, daß ich Dich gern als Kellner annehmen und Dein Ge⸗ halt erhoͤhen will. Wos bekommſt Du vom alten. Abel?“ „Nun, es iſt einerlei, was ich bekomme, Neffe,“ verſetzte Jukes.„Ich denke nicht daran, ihn zu ver⸗ laſſen.“ „Nimm's nicht uͤbel, Onkel,“ erwiederte der An⸗ dere;„es iſt nichts Erniedrigendes, der Kellner ſeines Neffen zu ſein. Ich kenne zwei Väter, welche Schuh⸗ putzer bei ihren Soͤhnen ſind. Aber Du wirſt nicht ver— fehlen, zu meiner Hochzeit zu kommen. Donnerſtag um zwoͤlf Uhr. Komm ja puͤnktlich. Die Stelle meines Kellners ſoll noch einige Tage offen bleiben, im Fall Du anderes Sinnes werden ſollteſt.“ Und er nahm mit großer Heiterkeit Abſchied, waͤhrend — 158— Jukes, als er die Thuͤr hinter ihm zumachte, kummervoll bei ſich ſelber ſagte: „Ich fuͤchte, ich habe Unrecht gethan, ihm das Geld zu borgen. Indeß, er iſt meiner Schweſter Sohn.“ Da Cripps jetzt eine groͤßere Geldſumme in der Ta⸗ ſche hatte, als er je gehabt, gerieth er in große Verſu⸗ chung, ſein Glück am Spieltiſch zu verſuchen; doch er that es nicht. „Nein, nein,“ dachte er,„ich darf dies Geld nicht aufs Spiel ſetzen. Gerade jetzt iſt es mir hoͤchſt wichtig.„ Ich werde bald Geid genug zum Spielen uͤbrig haben.“ Auf ſeinem Heimwege beſuchte Cripps Peter Poke⸗ rich, und lud ihn und die ſchoͤne Thomaſine zu ſeiner Hochzeit ein, was von Beiden freudig angenommen wurde. Am folgenden Morgen fiel dem Bedienten eine gro⸗ ße Laſt vom Herzen, als er ſeinen Herrn und Sir Bul— keley Price in den Wagen hob, und ſie, wie er vermu⸗ thete, nach Newmarket abfahren ſah. Kein Augenblick war zu verlieren. Jede Vorberei⸗ tung, die gemacht werden konnte, ohne Verdacht zu er⸗ regen, war bereits geſchehen— aber jetzt mochte ſich Cripps ernſthaft ans Werk. Er ging in den Cacaobaum und beſtellte im Namen ſeines Herrn ein vortreffliches Mittagseſſen und eine gute Quantitaͤt vom feinſten Wein auf den folgenden Tag. Dann beſtellte er Muſikanten —— zum Ball, Fruͤchte, Confituren und Paſteten zum Abend⸗ eſſen. Seine Dienſtgenoſſen, die natuͤrlich alle das Ge⸗ heimniß wußten, und denen er huͤbſche Belohnungen ver⸗ ſprochen hatte, ſobald er im Beſitz des Vermoͤgens der Wittwe ſei, halfen ihm bei ſeinen Vorbereitungen zum Feſt. Es war beſtimmt worden, daß die Trauung in dem obern Zimmer ſtattfinden ſollte, wo Randulph zu⸗ erſt mit dem Stutzer gefruͤhſtuͤckt hatte, und Doctor Gaynam wurde gewaͤhlt, die Ceremonie zu vollziehen. So ſchien von Seiten des Bedienten nichts zu fehlen, und am Mittwoch Abend ſpaͤt ging er nach Billiter Square, um Miſtreß Nettleſhip zu ſagen, daß Alles be⸗ reit ſei. Nach einem kurzen Beſuch nahm er zärtlichen Abſchied von ihr, druͤckte ihr beim Scheiden die Hand, und ſagte: „Wir werden uns morgen wiederſehen, um uns nie mehr zu trennen!“ Am naͤchſten Morgen begab ſich Cripps unter An⸗ toine's Hände, der ihm einen praͤchtigen Anzug anlegen half, den ſein Herr noch nie getragen, denn Demartins hatte ihn erſt den Abend vorher geſchickt. Er beſtand in einem reich mit Gold beſetzten Sammetrock, ein Paar Beinkleidern von demſelben Stoff, und einer mit Gold gebluͤmten, weißſeidenen Weſte. Hiezu kamen rothſeidene Struͤmpfe, die uͤber dem Knie aufgerollt waren, prächtige diamantene Schnallen, eine mit Spitzen beſetzte Halsbin⸗ de, und die ſchoͤnſte Peruͤcke ſeines Herrn, die Peter Po⸗ kerich friſirt hatte. Beinahe drei Stunden wurden beim —.— Anziehen hingebracht, und als Alles vollendet war, er⸗ klaͤrte Antoine, ſein Herr habe nie auch nur halb ſo gut ausgeſehen, womit Cripps vollig uͤbereinſtimmte, als er ſich wohlgefaͤllig im Spiegel betrachtete. Ein wenig vor zwoͤlf Uhr kamen Peter Pokerich und die ſchoͤne Thomaſine an. Die Dame trug ein wei— ßes mit Silber geſticktes Kleid, nebſt einer ſehr zierlichen Haube, und ſah ſo außerordentlich hubſch aus, daß Eripps nicht umhin konnte, zu wuͤnſchen, ſie möge Miſtreß Nett⸗ leſhip's Vermogen haben, und er ihr Geliebter ſein. Waͤhrend er ſie begruͤßte und einige hochtrabende Complimente uͤber die Reize der ſchoͤnen Thomaſine aus⸗ ſprach, wurde Jukes ins Zimmer gefuͤhrt, und da er ſeine Livree als Kellner trug, ließ ſich ſein Neffe nicht herab, mit ihm zu reden. Bald darauf meldete Antoine, daß die Braut ange⸗ kommen ſei, und Cripps eilte die Treppe hinunter, ihr entgegen. Miſtreß Nettleſhip, die ungewoͤhnliche Sorgfalt auf ihren Anzug verwendet hatte, trug ein weites Kleid von gelber Seide, worauf kleine Goldpunkte geſtickt waren. Sie trug große Ohrringe von Perlen, und ein Halsband von Granaten, worin ein ſchoͤner Diamant hing. Ihre— Geſichtsfarbe, von Natur ſehr roth, war durch weiße franzoſiſche Schminke verbeſſert worden, und Wangen, Hals und Schultern reichlich mit Schoͤnpflaͤſterchen uͤber⸗ ————— — 161— ſaͤet. Sie hielt auch einen ſchoͤnen indianiſchen Faͤcher in der Hand, deſſen Handgriff mit koſtbaren Steinen beſetzt war. Sie kam in einer vergoldeten Kutſche an, die mit blaßblauem Seidenzeug ausgeſchlagen war, und welche Rathbone von einem Wagenfabrikanten fuͤr ſie gemiethet hatte. Sie war von zwei Bedienten in praͤchtigen Li⸗ vreen begleitet, die ebenfalls zu dem Zweck gedungen wa⸗ ren. Rathbone, der mit ihr ankam, trug einen Rock von purpurrothem Sammet mit Gold geſtickt. Hundert zierliche Complimente an die Braut rich⸗ tend, die faſt verwirrt war durch die Pracht, die ſie umher erblickte, und nicht umhin konnte, bedeutſame Blicke mit Rathbone zu wechſeln, fuͤhrte Cripps ſie die Treppe hinauf, wo ihre Verwunderung mit jedem Schritte zunahm. Die beiden kleinen langohrigen Hunde und der Papagei entzuͤckten ſie, aber ſie ſchrie faſt auf vor Freu⸗ de, als ſie den Affen in ſeinem kleinen Scharlachrock und der Zopfperuͤcke ſah. Kaffee, Chokolade und Champagner wurden dann von Antoine und dem Pagen herumgereicht, und waͤh⸗ rend dies geſchah, wurde der Pfarrer nebſt dem Kuͤſter angemeldet. Doctor Gaynam eiſchien jetzt in einem beſ⸗ ſern Aufzuge als bei der Trauung des Sir Singleton Spinke. Er trug ſeine volle Amtskleidung und eine wohlgepuderte volle Peruͤcke, die ſelbſt Peter Pokerich nicht wuͤrde verleugnet haben. Die Tochter des Geizigen. 1II. 11 — 162— Inzwiſchen hatte ſich Cripps zu ſeiner Braut auf ein Sopha geſetzt und ſprach zartlich mit ihr, als er bemerkte, daß ſein Onkel auf Rathbone zuging, als wollte er ihn anreden. Er ſtand ſogleich auf, fuͤhrte den Letztern bei Seite, flüſterte ihm einige Worte zu, und als er ſeinen Zweck erreicht hatte, jede Unterredung zwiſchen ihm und Jukes zu verhindern, bat er den Geiſt⸗ lichen, mit der Ceremonie zu beginnen. Doktor Gaynam ſchluͤrfte gerade ein Glas Usque⸗ bah, doch trank er es haſtig aus und erklaͤrte, er ſei voͤllig bereit. Dann nahm er dem Kuͤſter ein Gebetbuch ab, ſtellte ſich zwiſchen die beiden Fenſter und winkte den Andern, ſich vor ihn hinzuſtellen. Alles war bald in Ordnung. Peter Pokerich und die ſchoͤne Thomaſine ſtanden neben der Braut, Rath⸗ bone neben dem Braͤutigem, Antoine etwas zuruck, waͤhrend die Gruppe durch die beiden Afrikaner vervoll⸗ ſtändigt wurde, die ſich im Winkel auf einen Seſſel geſtellt hatten, um die Ceremonie beſſer anſehen zu koͤn⸗ nen. Der Page ſaß am Boden, und hielt die Hunde ruhig, die mit dem Affen Streit anfingen und ihn in den Schwanz biſſen. Gerade als Doktor Gaynam ſein Buch oͤffnete und zum Eingang huſtete, hoͤrte man ein Geraͤuſch vor der Thuͤr, und als Cripps ſich umwendete, zu ſehen, was es gebe, wurde ſie geoͤffnet, und ſein Herr trat her— ein. — 163— Die Beſtuͤrzung des Bedienten theilte ſich der gan⸗ zen Verſammlung mit. Antoine, der ſich hinter Rath⸗ bone zuruͤckgezogen hatte, zuckte die Achſeln und erhob vor Schrecken die Haͤnde. Die beiden Afrikaner wechſel— ten Blicke, und die Augen Aller waren auf den Stutzer gerichtet, der mit zornigen Blicken, ſeinen Stock feſt in der Hand haltend, auf den Bedienten zuging. Lady Brahazon, Sir Bulkeley Price und Truſſell Beechcroft folgten ihm. Lady Brabazon war von ihrem ſchwarzen Pagen begleitet, der ihren Hund am Bande fuͤhrte, und dieſe Ankunft erregte den Zorn eines von den kleinen Hunden, deſſen wuͤthendes Bellen den Papagei zum Schreien brachte. Cripps zeigte ein ſehr niedergeſchlagenes Ausſehen. All ſeine Zuverſicht verließ ihn. Seine Haͤnde ſanken an ſeiner Seite nieder, und er wagte kaum, den zornigen Blicken ſeines Herrn zu begegnen. „Schurke,“ rief Villiers,„endlich habe ich Dich entdeckt. Ich will Dich lehren, meine Kleider anzuzie⸗ hen— meinen Namen anzunehmen—“ „Was?“ ſchrie Miſtreß Nettleſhip, ein Riechflaͤſch⸗ chen fallen laſſend, welches ſie eben zur Naſe erhoben— „iſt er es nicht wirklich— iſt es nicht Herr Willars?“ „Nein, Madame,“ perſetzte der Stutzer—„ich bin Villiers, und dieſer Schurke iſt nur mein Bediente Crackenthorpe Cripps.“ — 164— „O der Schurke!— Der ſchaͤndliche Betruͤger!“ rief Miſtreß Nettleſhip ihre Faͤuſte ballend und den Be⸗ dienten anblickend, als wollte ſie ihn vernichten.„Ich kratze ihm die Augen aus! Mich auf dieſe Weiſe zu hintergehen und dem Spott preiszugeben! Ich werde es nicht uͤberleben. Halten Sie mich!“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie in die Arme der ſchoͤnen Thomaſine fiel. „Dies iſt der That zu arg von Ihnen, Herr,“ ſagte Cripps, der ſich ein wenig zu faſſen begann.„Sie ha⸗ ben mich getaͤuſcht. Ich glaubte, Sie waͤren in New⸗ market.“ „Ich erhielt Nachricht von Deinem Vorhaben, Schurke,“ verſetzte der Stutzer,„und wollte ſehen, wie weit Du es treiben koͤnnteſt. Dies iſt eine huͤbſche Entdeckung, die ich hier mache! Mein Haus iſt voll Geſellſchaft— meine Bedienten ſtehen Dir zu Gebote — ein Mittageſſen, ein Abendeſſen, Confituͤren, Wein, Fruͤchte, Muſikanten und der Teufel weiß was, Alles auf meine Koſten beſtellt.“ „Nun, es iſt nicht weggeworfen,“ verſetzte Cripps. „Sie koͤnnen die Dame ſelber heirathen, wenn Sie wol⸗ len. Ich zweifele nicht, daß ſie in dieſen Tauſch willi⸗ gen wird und ſie beſitzt funfzigtauſend Pfund. „O die Unverſchaͤmtheit!“ rief Miſtreß Nettleſhip aufſpringend.„Ich will mich nicht zum zweitenmal taͤu⸗ ſchen laſſen. Ich will mich an dem ganzen maͤnnlichen Geſchlechte raͤchen!“ — „Sie wiſſen noch nicht, Herr Willars, wie weit dieſer Schurke ſeinen Betrug getrieben hat,“ ſagte Rath⸗ bone.„Er hat in Ihrem Namen eine Verſchreibung auf fuͤnftauſend Pfund unterzeichnet, die ich in der Ta⸗ ſche habe.“ „Teufel!“ rief Villiers. „Aber ſie iſt unguͤltig, da die Trauung nicht ſtatt⸗ gefunden hat,“ ſagte Cripps;„und wenn Herr Villiers die Dame nehmen will, ſo wird er natuͤrlich auch ſelber bezahlen.“ Hier konnte Villiers nicht umhin zu lachen. „So ſchlecht auch Herr Cripps iſt,“ ſagte Truſſell vortretend,„ſo iſt doch die andere Partei noch ſchlechterz waͤhrend er ſie betrog, ſuchten ſie ihn zu betruͤgen. Ich weiß von Herrn Jukes, der gewiſſe Nachricht daruͤber hat, daß Miſtreß Nettleſhip, weit entfernt, eine reiche Wittwe zu ſein, ſehr verſchuldet iſt, waͤhrend ihr Freund Rathbone die fuͤnftauſend Pfund einzuſtecken hoffte, wor⸗ uͤber die erwaͤhnte Verſchreibung ausgeſtellt wurde.“ „Da ſcheint es ja am Ende, als waͤre ich noch gluͤcklich davon gekommen!“ rief Cripps. „Ja, das ſind Sie,“ verſetzte Truſſell,„und Ihr Onkel wuͤrde Ihnen dies Alles vorher geſagt haben, hät⸗ ten Sie ihn nicht fern von ſich gehalten.“ „Ich will nicht hier bleiben, um mich auslachen — 166— zu laſſen!“ rief die Wittwe, die den ſpoͤttiſchen Ge⸗ ſichtern umher Trotz bot.„Herr Rathbone, Ihren Arm.“ „Es wird beſſer ſein, Sie gehen die Hintertreppe hinunter,“ ſagte Truſſell ſie aufhaltend;„denn es ſind ein Paar Gerichtsdiener in der Hausflur, die Sie arre⸗ tiren wollen!“ „Teufel!“ rief Rathbone.„Ich ſchickte ſie ſelber her, um den Schurken, den ich fuͤr Herrn Willars hielt, zu zwingen, ſeine Schuld zu bezahlen.“ Hierauf eilte er aus dem Zimmer und befolgte Truſ⸗ „Und nun, Schurke,“ ſagte der Stutzer zu dem Bedienten,„biſt Du nicht laͤnger in meinen Dienſten— ich entlaſſe Dich. Und Du magſt Deinen Sternen dan⸗ ken, daß Du ſo gut davonkommſt.“ „Ich war doch ſchon im Begriff, Sie zu verlaſſen, Herr,“ verſetzte der Bediente trotzig.„Ich mag nicht hei einem Herrn leben, der ſeine Leute unverſehens uͤber⸗ fällt. Er iſt eben ſo ſchlimm wie ein eiferſuͤchtiger Ehe⸗ mann.“ „Halt!“ rief der Stutzer—„ſo darfſt Du mich nicht verlaſſen. Hilf ihm, Antoine. Nun lege die Pe⸗* ruͤcke ab— geh vorſichtig damit um— nun den Degen.“ Die Befehle wurden befolgt, und Peruͤcke und De⸗ gen dem franzoͤſiſchen Bedienten uͤberliefert. — 167— „Nun zieh den Rock aus.“ Cripps gehorchte mit einem Seufzer. „Nun die Weſte.“ Der Befehl wurde befolgt. „Nun die Halsbinde.“ Und ſie wurde abgenommen. „Nun die diamantenen Schnallen.“ „Noch ſonſt was?“ fragte Cripps, als er die Schnallen abgab.„Bedenken Sie, Herr, daß Damen im Zimmer ſind.“ „Ja, nun mache Dich ſelbſt davon,“ verſetzte der Stutzer. Selbſt als Cripps ſchon ſeines Glanzes beraubt war, behauptete er noch ſeine gewohnte Zuverſicht. Er ver⸗ beugte ſich tief und mit Anſtand nach allen Seiten und verließ das Zimmer unter dem Gelaͤchter der Geſellſchaft. Elftes Kapitel. Stulte, hac nocte repetunt animam tuam; et quae parasti, cujus erunt?*) Lucae XII. „Gs ſoll mich doch wundern, wo Jakob bleiben mag,“ ſagte der Geizhals in muͤrriſchem Tone, als er nach Philipp's und Diggs Entfernung zu ſeinem Stuhle zuruͤckkroch.„Was mag ihn ſo lange aufhal⸗ ten? Du Thor, in dieſer Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und was du erworben haſt, wem wird's gehoren? ———————— — 169— „Ich glaube er wird die Nacht gar nicht nach Hauſe kommen, Vater,“ verſetzte Hilda.„Doch denke nicht daran— geh zu Bette.“ „Nicht nach Hauſe kommen!“ wiederholte der Geiz⸗ hals mit lautem Schrei;„wenn er nicht kommt, und zwar bald, ſo ſoll er nicht wieder in mein Haus zuruͤck⸗ kehren. Wie wagt er ohne meine Erlaubniß auszuge⸗ hen? Aber vielleicht erlaubteſt Du es ihm? Du ſcheinſt Dich ſchon fuͤr die Gebieterin hier zu halten, weil ich nicht nach Dir ſehen kann— aber Du ſollſt ſehen, daß Du Dich irreſt.“. „In der That, Vater, ſo iſt es nicht,“ verſetzte Hilda ſanft.„Jakob ſagte mir, er wuͤnſche in einem eigenen Geſchaͤft auszugehen, und ich wollte es ihm nicht abſchlagen, beſonders da er bald wieder zuruͤck ſein wollte.“ „Er haͤlt ſchon ſein Wort,“ verſetzte der Geizhals; „ei er iſt ja ſchon uͤber zwei Stunden abweſend. Aber woher weißt Du, daß er die ganze Nacht nicht zuruͤck⸗ kehren wird? Haſt Du etwas uͤber ihn gehoͤrt?“ Hilda zauderte mit der Antwort. „Du glaubſt doch nicht, daß er mir etwas genom⸗ men hat?“ fuhr der Geizhals fort, indem er ſich auf⸗ richtete, und ſie wild und forſchend anſah.„Hat er mich beraubt— he? Sage mir keine Luͤge! Hat er's gethan?— Ich ſehe er hat's gethan!“ — 170— „Du irreſt, Vater, er hat es nicht gethan,“ ver⸗ ſetzte Hilda;„ich ſtehe mit meinem Leben fuͤr Jakob's Ehrlichkeit. Ich habe meine Nachricht von Philipp Fre— win, der mir ſagte, er ſei aus irgend einer Urſache auf die Wache gebracht worden. Ich wuͤrde dieſer Angabe keinen Glauben ſchenken, wenn ſie ſich nicht durch ſeine Abweſenheit zu beſtaͤtigen ſchiene.“ „Ich zweifle durchaus nicht daran,“ rief der Geiz⸗ hals.„Wenn er zuruͤckkehrt, hat er ſeine Entlaſſung.“ „Und was willſt Du ohne ihn anfangen, Vater?“ verſetzte Hilda.„Du wirſt keinen wieder bekommen, der ſo treu und ſo ehrlich iſt.“ „Hm!“ murmelte der Geizhals—„das iſt freilich wahr. Du brauchſt auch nicht laͤnger bei mir zu blei⸗ ben.“ „Ich mag Dich nicht verlaſſen, lieber Vater,“ ſagte Hilda.„Du biſt ſo ſehr aufgeregt— bitte, laß mich bei Dir aufbleiben.“ „Nein!“ entgegnete der Geizhals mit Nachdruck. „Gieb mir meine Suppe, und dann geh zu Bett.“ In Folge ſeines Befehls wurde ihm ein kleines Ge⸗ faͤß mit Suppe und ein Schnitt geroͤſtetes Brod vorge⸗ ſetzt. Er ſchluckte einige Mundvoll hinunter und ſchob dann die Suppe auf die Seite. „Ich habe keinen Appetit,“ ſagte er.„Hebe das auf. Es kann auf morgen Abend wieder gewaͤrmt wer⸗ den.“ „Gott gebe, daß Du dann im Stande ſein moͤgeſt, es zu eſſen!“ antwortete ſie, indem ſie ihn bedenklich anſah.„Vater,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſich ihm naͤherte, und im flehenden Tone redete,„darf ich mit Dir beten?“ „Heute Abend nicht,“ verſetzte der Geizhals.„Ich bin ſelten zur Andacht geneigt und jetzt iſt mein Gemuͤth zu ſehr aufgeregt dazu.“ „Du machſt mich ſehr unruhig, lieber Vater,“ rief Hilda, ſeine Hand ergreifend.„O ich bitte Dich, ſchie⸗ be es nicht auf, Dich mit Deinem Schoͤpfer zu verſoͤh⸗ nen. Du weißt nicht, wie bald Du zu ihm gerufen werden kannſt!“ „Nichts mehr davon,“ rief der Geizhals ſie zuruͤck⸗ ſchiebend.„Ich ſage Dir, ich bin nicht ſo krank wie Du glaubſt. Gute Nacht!“ „Noch ein Wort, ehe ich gehe, Vater,“ ſagte ſie. „Es iſt nicht zu ſpaͤt, Dein ungerechtes Teſtament zu widerrufen.“ „Was ich gethan habe, habe ich gethan,“ verſetzte er. Dann wendete er ſich von ihr ab, und richtete ſeine Blicke auf das Feuer. Von der ſchlimmſten Beſorgniß erfuͤllt, verließ ſie das Zimmer. Als ſie unten ankam, ſank ſie kummervoll an die Bruſt ihrer Tante. Dann, als ſie ſich ſo weit erholt hatte, um Miſtreß Clinton zu erzählen, was geſchehen ſei, wurde die gute alte Dame faſt eben ſo betruͤbt, wie ſie. „Daß die Stunde auch gerade ſo ungelegen iſt,“ rief ſie,„ſonſt wuͤrde ich Dir rathen, zu Herrn Beech⸗ croft zu gehen und ihn zu fragen, was man thun ſoll. Es wuͤrde mich zur Verzweiflung bringen, wenn dieſen Schurken ihr ſchaͤndlicher Plan gelaͤnge.“ „Die Vorſehung, auf die ich baue, wird ihn ver⸗ eiteln, davon bin ich überzeugt,“ verſetzte Hilda.„Ich will gleich morgen fruͤh zu Herrn Beechcroft gehen, und ich bin gewiß, er wird mir beiſtehen, wenn er kann. Und nun laſſen Sie uns zu Bette gehen, denn es iſt klar, daß Jakob nicht zuruͤckkehren wird.“ Als der Geizhals allein war, blieb er eine Zeitlang beim Feuer ſitzen und naͤherte ſich demſelben mehr, je tiefer es brannte, und je weniger Waͤrme es verbreitete. Endlich als es ganz auszugehen drohte, kratzte er alle Kohlen, die er auf dem Heerde finden konnte, zuſam⸗ men, warf ſie darauf und hielt es noch ein wenig in Brand. Plotzlich, als waͤre ihm etwas eingefallen, ſtand er auf und ging zu dem Tiſche, wo die Schreibmate⸗ rialien liegen geblieben waren, und nahm eine Feder; doch nachdem er eine Zeitlang mit leerem Ausdruck auf . —————— ———— —.— das Papier hingeblickt hatte, legte er ſie wieder nieder, und murmelte:„Ein andermal! ein andermal!“ Dann zog er einen Theil ſeiner Kleider aus, und ging zu Bette; doch der Schlaf floh ſeine Augenlider, und widerwaͤrtige Gedanken, die er vergebens fern zu halten ſuchte, bemaͤchtigten ſich ſeiner. Endlich ſank er in eine Art Verzuͤckung, waͤhrend welcher ein ſcheußli⸗ cher Alp in Geſtalt eines goldenen Berges ſeine ſchwere Hand auf ihn legte. Halb erdruͤckt ſprang er im Bette empor, und blickte in dem unvollkommen erleuchteten Zimmer furchtſam um ſich. Es war eine ſturmiſche Nacht, und die klirrenden Fenſter vermehrten noch ſeine Furcht. unfaͤhig, dieſen Zuſtand nervoͤſer Aufregung laͤnger zu ertragen, ſprang er aus dem Bette, huͤllte ſich ha⸗ ſtig in ſeinen Schlaftock, nahm eine Piſtole von dem Haken uͤber dem Kamin herunter, und ging in das Ge⸗ mach, wo er ein Geraͤuſch zu hoͤren geglaubt, als ob Jemand einbrechen wolle. Er unterſuchte das Fenſter, aber es war zu. Doch nicht ſo bald war eine Quelle der Furcht ent⸗ fernt, als ſich wieder eine andere zeigte. Seine Schaͤtze konnten fort ſein! Von dieſem Gedanken erſchreckt, eilte er zu allen Orten, wo er ſie verſteckt, und legte ſie auf den Tiſch. Seine truͤben Augen ſchimmerten von unna⸗ tuͤrlichem Glanz, als er ſie gierig betrachtete. Waͤhrend er die Goldſtucke uͤberzaͤhlte und ſie in ſei⸗ — 174— ner Hand wog, fiel ihm etwas Neues ein. Er nahm das Licht und eilte zu einem kleinen Schrank an einer Seite des Zimmers, worin unten ein Haufen alter Lum— pen und Schutt lag, dem Anſchein nach um ſie aus dem Wege zu haben. Er entfernte haſtig den beſtäubten Haufen und es zeigte ſich ihm ein halbes Dutzend leder⸗ ner Saͤcke. „Hier ſind ſie!— hier ſind ſie!“ rief er mit kindi⸗ ſchem Freudengeſchrei.„O meine Lieblinge! meine Schätze!— Wie lieb iſt es mir, euch zu ſehen. Ihr gebt mir neues Leben. Da reden ſie von Arzenei— pah! es iſt keine gleich dem Golde. Der Anblick des⸗ ſelben heilt mich in einem Augenblick. Ich fuͤhle mich wohl— ganz wohl. Nein, nicht ganz,“ ſetzte er hin⸗ zu, als ihn ein plotzlicher Schwindel ergriff, und er ge⸗ noͤthigt war, ſich an der Thuͤr zu en:„nicht ganz wohlz aber beſſer— viel beſſer. Was habe ich doch fuͤr ein Gedaͤchtniß, dieſe Saͤcke zu vergeſſen, wovon jeder zweihundert Guineen enthaͤlt, das macht zwoͤlf⸗ hundert! Zwoͤlfhundert Guineen! Und die hatte ich ver⸗ geſſen! Hoffentlich werde ich doch nicht noch ſonſt etwas vergeſſen haben. Ich muß doch ſehen— o mein Kopf! — mein Kopf!“ fuhr er fort, indem er traurig den Kopf ſchuͤttelte.„Mein Gedaͤchtniß iſt voͤllig dahin!— Voͤllig dahin! Aber was ſoll ich mit dieſen Saͤcken an⸗ fangen? Sie ſind hier nicht ſicher. Jakob koͤnnte ſie finden, wenn er das Zimmer reinigt. Ich will ſie im Keller bei dem andern Schatz verbergen.“ „ „— — 175— Indem er ganz vergaß, daß er den Kaſten wegge⸗ nommen hatte, begann er ſogleich ſeine Abſicht auszu⸗ fuͤhren. Er horchte an der Thuͤr, ob Alles ſtill ſei, nahm zwei Saͤcke auf, in der Abſicht, ſie die Treppe hinunter zu tragen; als er ſie aber zu ſchwer fand, war er genoͤthigt, ſich mit einem zu begnuͤgen, und indem er ſie ſo alle in den Keller trug, mußte er den Weg ſechsmal machen. Das letztemal waͤre es ihm beinahe ſchlimm gegangen, denn als er die Kellertreppe hinun— terging, trat er fehl, und rollte hinunter. Mit einiger Schwierigkeit ſtand er auf, doch ohne auf die Beſchädi⸗ gung zu achten, die er erhalten hatte, nahm er ſein Licht, welches beim Fallen erloſchen war, und kehrte in ſein Schlafzimmer zuruͤck, um es am Feuer anzu⸗ zuͤnden. Als dies geſchehen war, holte er ſich einen Spaten, ging in den Keller, und begann ſeine Arbeit. Bei ſeinem gegenwaͤrtigen geſchwaͤchten und erſchoͤpf⸗ ten Zuſtande koſtete es ihm große Anſtrengung, die Steine herauszubringen, und er war haͤufig genoͤthigt, ſeine Arbeit einzuſtellen und ſich auszuruhen; doch ob⸗ gleich er an allen Gliedern bebte, obgleich dichter Schweiß aus allen Poren drang, ſo beharrte er doch dabei. Als er die Steine heraus hatte, ſchaufelte er vor⸗ ſichtig die lockere Erde heraus. Da der Spaten keinen Widerſtand fand, wurde ſeine Beſtuͤrzung noch großer, und er druͤckte ihn tief in den Boden. Doch es war kein Kaſten da! — 176— Einige Minuten lang ſtand er von Verzweiflung ergriffen da. Es fiel ihm nicht ein, daß er den Schatz ſelber weggenommen, ſondern er glaubte, daß man ihm denſelben geraubt habe. Endlich machte ſich ſeine Angſt in einem durchdringenden Schrei Luft, und er eilte zur Thuͤr, um Jakob herbeizurufen, doch da fiel es ihm ein, daß derſelbe nicht zu Hauſe ſei. Andere unbeſtimmte Gedanken draͤngten ſich ſeinem verwirrten Gehirn auf. Es kam ihm eine dunkle Erin⸗ nerung vom Aufgraben des Kaſtens; doch er glaubte, er muͤſſe den Inhalt herausgenommen, und ihn tiefer verſcharrt haben. Etwas beruhigt durch dieſen Gedan⸗ ken grub er mit furchtbarer Anſtrengung weiter und hatte bald eine drei Fuß tiefe Grube gegraben. Doch da er nichts fand, kehrte ſeine Furcht mit neuer Staͤrke zuruͤck, und laͤhmte ſeine Anſtrengungen. Er warf ben Spaten weg und griff mit den Haͤnden in den ſandigen Boden, in der Hoffnung, einige Gold⸗ ſtuͤcke zu finden. Ein einziges Stuͤck wuͤrde ihm genuͤgt haben— doch es war keins da— nichts als kleine Steine mit dem Sande gemiſcht. Sein Seufzen und Stoͤhnen waͤhrend er ſich ſo beſchaͤftigte, war in der That klaͤglich. In dieſem Augenblick ging ſein Licht aus, welches laͤngſt ſchon zu erloͤſchen gedroht, und er war im Dun⸗ keln. Eine große Mattigkeit bemaͤchtigte ſich ſeiner eine Zeitlang. Er verſuchte aus der Grube zu kommen, doch — — 177— bei der Anſtrengung fiel er ruͤcklings uͤber, und ſchlug mit dem Kopf an die Steine. Er wollte wieder aufſte⸗ hen, aber vergebens— ſeine Glieder verweigerten ihm den Dienſt. Er verſuchte um Huͤlfe zu ſchreien, doch es kam nur ein hohler, roͤchelnder Ton aus ſeiner Kehle. Endlich gelang es ihm durch eine krampfhafte An⸗ ſtrengung, ſeinen Kopf vom Boden zu erheben; doch das war Alles, was er vermochte. Seine Haͤnde grif⸗ fen in den ſandigen Boden, ſein Koͤrper war kraftlos, und ein erſticktes Geſtoͤhn drang aus ſeinem Munde. Doch dieſe Lage war zu ſchrecklich, um ſie lange ertragen zu koͤnnen. Die Muskeln ſeines Halſes ließen nach, ſein Kopf fiel ſchwer zuruͤck, und nach einigen krankhaften Zugen ſtand der Athem ſtill. So ſtarb dieſer ungluͤckliche Mann allein in ſeinem Keller, halb begraben in der Grube, die er gemacht, um einen Theil ſeines Reichthums darin zu verbergen— eines Reichthums, fuͤr den er alle ſeine Lebensfreuden, ſeine Gefuͤhle und ſeine Neigung geopfert hatte, und fuͤr den er zuletzt nur allein zu leben ſchien! So kam er um— ein furchtbares Beiſpiel der Wirkungen des herz⸗ erſtarrenden Laſters, deſſen Sklave und Opfer er ge⸗ weſen! Die Tochter des Getzigen. MI⸗ 12 Zwölftes Kapitel. Abel Beecheroft findet die Leiche des Geizigen im Keller.— Seine Betrachtungen daruͤber.— Jakob's Kummer um ſeinen Herrn. Oone etwas von dem ſchrecklichen Ereigniß zu ah⸗ nen, ſtand Hilda, deren Augen ſich in der Nacht nicht geſchloſſen, fruͤh auf, und machte ſich auf den Weg zu Abel Beechcroft's Wohnung. Abel hatte ſein Zimmer noch nicht verlaſſen, doch ſie fand Jukes auf, und in einiger Beſorgniß wegen Truſſell's und Randulph's Abweſenheit; doch ſie beru⸗ — 179— higte ihn, indem ſie ihm ihre Vermuthung mittheilte, was geſchehen ſein moͤge. Dann wurde ſie in das Bi⸗ bliothekzimmer gefuͤhrt, und bald darauf erſchien Abel Beechcroft. Er war auf eine traurige Nachricht gefaßt, und in dem Augenblick als er ſie ſah, beſtätigten ihre Blicke ſeine Furcht. Nach einer freundlichen Begruͤßung erzaͤhlte ſie, welches ſchaͤndliche Mittel Philipp Frewin und Diggs bei ihrem Vater angewendet. „Dies iſt ſchlimmer als ich vermuthete,“ ſagte Abel, als ſie den Bericht geſchloſſen hatte.„Ihr Vater iſt durch ſeinen Neffen und den Advokaten zu dieſem Schritt verleitet worden, und die Handlungsweiſe Beider iſt ſchaͤndlich. Ich will ſogleich mit Ihnen gehen. Wenn es nicht zu ſpaͤt, und er bei geſundem Verſtande iſt, ſo glaube ich, ihrem Vater ſolche Gruͤnde angehen zu koͤn⸗ nen, um ihn zu bewegen, ſeine ungerechte Abſicht zu aͤndern.“ „Ich hoffe es,“ ſeufzte Hilda;„doch ich habe eine ſehr ſchlimme Ahnung.“ Als ſie das Zimmer verließen, trat ihnen Miſtreß Crew entgegen. „Du ſchon auf, Schweſter, zu dieſer Stunde!“ rief Abel etwas aͤrgerlich. „Ich erfuhr, daß Miß Scarve hier ſei,“ derſetzte Miſtreß Crew,„und eilte daher, ſo raſch ich konnte, — 180— herunter. Als eine alte Freundin ihrer Mutter, war ich natuͤrlich ſehr begierig, ſie zu ſehen.“ Und ſie umarmte Hilda zaͤrtlich. „Es thut mir leid, daß ich die Unterredung mit der Tochter Deiner alten Freundin abkuͤrzen muß, Sophie,“ fiel Abel ein;„doch wenn ich Dir ſage, daß ihr Va⸗ ter, der, wie Du weißt, in ſehr bedenklicher Lage iſt, ſich hat verleiten laſſen, ein Teſtament zum Vortheil ſeines Neffen zu machen, ſo wirſt Du einſehen, daß kein Augenblick zu verlieren iſt, um ihn zu bewegen, daſſelbe zu widerrufen.“ „Gewiß,“ verſetzte Miſtreß Crew.„Aber wo iſt Randulph?“ „Er iſt die Nacht nicht nach Hauſe gekommen,“ verſetzte Abel ſarkaſtiſch. „Nicht nach Hauſe gekommen!“ wiederholte Mi⸗ ſtreß Erew blaß werdend.„Was kann ihm begegnet ſein?“ „Nichts Beſonderes,“ erwiederte Abel haſtig.„Truſ⸗ ſell iſt auch abweſend. Du wirſt Beide beim Fruͤhſtuͤck ſehen, denke ich. Aber wir verlieren Zgeit. Guten Mor⸗ gen, Schweſter.“ „Leben Sie wohl, Hilda!“ rief Miſtreß Crew, ſie wieder umarmend.„Ich hoffe, Alles wird nach Ihren — 181— Wuͤnſchen gehen. Aber wenn es nicht geſchehen ſollte, ſo wird es nur dazu dienen, unſer Intereſſe an Ihnen zu erhoͤhen. Ich liebe Sie bereits, als wenn Sie meine eigene Tochter wären.“ „Und glauben Sie mir, Ihre Neigung wird voll⸗ kommen erwiedert, Madame,“ verſetzte Hilda. Und ſie verließ das Haus mit Abel Beechcroft, der waͤhrend der Unterredung mit ſeiner Schweſter große Ungeduld zeigte. Als ſie in Little Sanctuary ankamen, wurden ſie von Miſtreß Clinton eingelaſſen, denn Jakob war noch nicht zuruͤck. Nach einiger Ueberlegung ging Abel allein zu dem Zimmer des Geizigen hinauf, und klopfte zwei⸗ bis dreimal an;z da er aber keine Antwort erhielt, oͤffnete er die Thuͤr. Er fand das Bett leer, ſo wie der Geizhals es ver⸗ laſſen hatte; dann ſah er ſich fluͤchtig um, ob er nicht da ſei, und eilte haſtig zu Hilda hinunter, um ſie mit ſeiner beunruhigenden Entdeckung bekannt zu machen. Sie erſchrak ſehr; doch nach augenblicklicher Ueber⸗ legung fiel es ihr ein, daß ihr Vater vielleicht in den * Keller hinuntergegangen ſein koͤnne, und erzaͤhlte, was ſie dort ſelber mit angeſehen. Abel ſtimmte ihrer Anſicht bei, und erbot ſich ſo⸗ gleich, ihn aufzuſuchen, beredete Hilda, die ſeine ſchlimm⸗ ſten Befuͤrchtungen theilte, ihn nicht zu begleiten, nahm ein Licht, und ſtieg in den Keller hinunter. Als er in das Gewoͤlbe trat, bemerkte er undeutlich einen graͤßlichen Gegenſtand, ſprang vorwaͤrts und hielt das Licht in die Hoͤhe, ſo daß er ihn deutlicher ſehen konnte. Seine Phantaſie hatte ihn nicht getauſcht. Da, in einem Grabe, welches er offenbar mit eigenen Haͤn⸗ den gegraben, lag ſein alter Feind— todt— todt! Während Abel in die Betrachtung dieſes graͤßlichen Schauſpiels verſenkt war, und ſich den Gedanken hin⸗ gab, die derſelbe veranlaßte, hoͤrte er ſchwere Tritte hinter ſich, und Jakob ſtuͤrzte in den Keller. „Wo iſt er?“ rief der Diener.„Iſt ihm etwas* geſchehen? Ha! Ich ſehe!“ Dann eilte er an Abel Beechcroft vorbei und ſtuͤrzte ſich zu ſeinem Herrn in die Grube.„Alles iſt zu Ende mit ihm!“ rief er im Tone des Schmerzes und Selbſt⸗ vorwurfs, indem er die kalte Hand der Leiche ergriff— „dies wuͤrde nimmer geſchehen ſein, wenn ich zu Hauſe geweſen waͤre. Ich bin gewiſſermaßen ſein Moͤrder!“ „Eine andere Hand als die Ihrige hat hier gehan⸗ delt, Jakob,“ ſagte Abel,„und ſo ſchrecklich auch das Schickſal Ihres armen Herrn iſt, ſo kann es doch eine heilſame Lehre fuͤr Andere ſein. Da liegt er, der noch vor wenigen Stunden der Beſitzer von nutzloſen Tauſen⸗ den war, deren Werth er nicht kannte— ja, um deren — — 18— Vorhandenſein er nicht wußte— denn die wenigen Gold⸗ ſaͤcke neben ihm machten den einzigen fuͤhlbaren Schatz aus, den er kannte. Da liegt er, der ſich mit einer thoͤrichtern Aufgabe quälte als der, welcher den Stein der Weiſen ſucht! Da liegt er, der traurigſte und ent⸗ ehrendſte Beweis menſchlicher Wuͤnſche— er iſt den Tod eines Hundes geſtorben, und kein Herz trauert um ihn, kein Auge beweint ihn!“ „Da irren Sie, wenn Sie ſagen, daß Niemand um ihn trauert, Herr,“ verſetzte Jakob mit gebrochener Stimme;„denn ich trauere um ihn. Bei all ſeinen Fehlern liebte ich ihn— ja ich glaube, ich liebte ihn um ſo mehr wegen ſeiner Fehler— und obgleich ich oft davon ſprach, ihn zu verlaſſen, ſo war es doch nie meine wirkliche Abſicht.“ „Ihre Gefuͤhle machen Ihnen Ehre, Jakob, und ſtimmen mit der Anſicht uͤberein, die ich von Ihnen hege,“ ſagte Abel. „Ich haͤtte ihm dies nicht ſagen koͤnnen, als er noch lebte“ ſagte Jakob ſchluchzend,„auch wenn er mir die Haͤlfte ſeiner Schätze haͤtte geben wollen. Aber jetzt thut es mir ieid, daß ich ſeine Launen nicht beſſer ertrug.“ „Ein natuͤrliches Bedauern, Jakob,“ ſagte Abel. „Die Reue, die wir uͤber die Unfreundlichkeit empfinden, die wir gegen die Todten gezeigt haben, ſollte uns Ruͤck⸗ ſicht lehren gegen die Lebenden. Ich konnte Ihrem armen 5 — 184— Herrn Alles verzeihen, nur nicht die letzte Handlung ſei⸗ nes Lebens.“ „Und welche war das?“ fragte Jakob aufblickend. „Daß er ſeiner Tochter ſein Vermoͤgen entzogen hat,“ verſetzte Abel.„Philipp Frewin beſuchte ihn ſpaͤt in der Nacht mit Diggs und bewog ihn, ein Teſtament zu ſeinem Vortheil zu machen.“ „Fluch uͤber ſie Beide!“ bruͤllte Jakob mit wuͤthen⸗ der Stimme, indem er aus der Grube ſprang.„Und Philipp kam hieher! Das war alſo der Grund, warum wir auf die Wache gebracht wurden. Ich dachte mir, daß etwas dahinter ſtecken muͤſſe. Sie thaten wohl, mich aus dem Wege zu ſchaffen. Wäre ich daheim ge— weſen, ſo haͤtte ich ſie lieber auf der Stelle getodtet, und waͤre ich auch dafuͤr gehaͤngt worden, lieber als daß dies haͤtte geſchehen ſollen. Und hat er wirklich Miß Hilda gaͤnzlich enterbt?“ „Wenn ſie nicht Philipp Frewin heirathet,“ ver⸗ ſetzte Abel. „Da haben Sie mir auf einmal die Augen getrock⸗ net, Herr,“ rief Jakob.„Ich könnte es beinahe uͤbers Herz bringen, dieſe alte Leiche mit Fuͤßen zu ſtoßen. Doch es iſt nicht ganz ſeine Schuld. Das Verbrechen fällt hauptſächlich dem Schurken Diggs zur Laſt. Aber ſolch ein Teſtament wird nicht guͤltig ſein Herr, nicht wahr?“ — 185— „Ich hoffe nicht,“ ſeufzte Abel. Aber ich muß jetzt hinausgehen und Ihr junges Fraͤulein von ihrem Verluſt in Kenntniß ſetzen. Bringen Sie die Leiche weg.“ und mit langſamen Schritten und trauriger Miene verließ er das Gewoͤlbe. — 186— Dreizehntes Kapitel. Diggs und Philipp kommen unerwartet an.— Das Teſta⸗ ment des Geizigen wird vorgeleſen, und Philipp erklärt ſeine Abſicht darnach zu handeln.— Abel erklärt ſich gegen Hilda. Vnes Blicke, als er ſich Hilda naͤherte, uͤberzeug⸗ ten ſie von dem, was geſchehen war, und machten die Ankuͤndigung der traurigen Nachricht faſt uͤberfluͤſſig. „Sie haben einen Vater verloren, mein liebes Kind,“ ſagte er im Tone innigen Bedauerns;„doch Sie haben noch einen Freund uͤbrig, welcher verſuchen wird, ſeine Stelle zu erſetzen.“ —— Hilda konnte ihm nur durch ihre Blicke danken. „Unter jeden Umſtaͤnden wuͤrde dies ein ſchwerer Schlag fuͤr Sie geweſen ſein,“ fuhr Abel fort,„doch unter den gegenwaͤrtigen iſt er noch ſchwerer. Dennoch halte ich mich uͤberzeugt, daß Sie Kraft genug haben, dieſe Pruͤfung zu ertragen, und ich hoffe mit Gottes Huͤlfe, Sie in Ihre Rechte wieder einzuſetzen. Ich darf nicht erſt ſagen, daß mein Haus Ihnen und Ihrer wuͤr⸗ digen Tante offen ſteht, wenn Sie ſich dorthin begeben wollen.“ „Ich erkenne aufrichtig Ihre Guͤte, mein Herr,“ verſetzte ſie;„doch ſo lange die Umſtaͤnde es mir geſtat⸗ ten, will ich hier bleiben.“ Gerade in dem Augenblick wurde an die Thuͤr ge⸗ klopft, und da ſie von innen keine Antwort gaben, oͤff⸗ nete ſie ſich, und Philipp Frewin und Diggs traten her⸗ ein. Beide ſchienen beſtuͤrzt, als ſie Abel Beechcroft erblickten, doch Diggs faßte ſich ſogleich wieder, und als er ſich umſah, errieth er im Augenblick, was ge⸗ ſchehen war. „Miß Scarve,“ ſagte er,„da wir eben am Hauſe vorbeigingen, und die Hausthuͤr offen fanden, was hier ein ungewoͤhnliches Ereigniß iſt, ſo traten wir ein, ohne anzuklopfen. Ich hoffe, es hat ſich kein Ungluͤck er⸗ eignet.“ „Gehen Sie in den Keller, und uͤberzeugen Sie ſich,“ ſagte Abel Beecheroft finſter. — 188— „Guter Gott! Herr, Sie wollen doch nicht damit andeuten, daß Herr Scarve im Keller geſtorben iſt?“ rief der Advokat. „Das will ich nicht hoffen!“ rief Philipp, kaum im Stande, ſeine Freude zu verbergen.„Wie geht's meinem Onkel, Hilda?“ „Mein Vater iſt todt,“ verſetzte ſie in eiskaltem Tone. „Todt!“ wiederholte Philipp.„Gott ſei mir gnaͤ⸗ dig! Wie ploͤtzlich. Ein Gluͤck, daß wir hereinkamen, Diggs. Koͤnnen wir etwäs fuͤr Sie thun, Couſine?“ Hilda antwortete nicht, doch der Advokat fiel ſo⸗ gleich ein. „Als Ihres Onkels Teſtamentsvollſtrecker und in gewiſſer Hinſicht als ſein Erbe, Herr Frewin,“ ſagte er,„iſt es Ihre Pflicht, unverzuͤglich alle ſeine Kaſten und Schraͤnke zu verſiegeln. Ich will Ihnen dabei be⸗ huͤlflich ſein.“ „Halt!“ rief Abel,„ich benachrichtige Sie Beide, daß Miß Scarve das Teſtament, in Folge deſſen Sie zu handeln beabſichtigen, fuͤr ein auf betrügeriſche Weiſe erlangtes erklaͤrt, und daß ſie es anfechten wird.“ „Miß Scarve mag handeln, wie es ihr Gefuͤhl ihr vorſchreibt, oder wie man ihr räth, mein Herr,“ verſetzte der Advokat;„aber inzwiſchen wird es nicht — 189— mehr als recht ſein, daß Herr Frewin alle noͤthigen Vorſichtsmaßregeln anwendet. Laſſen Sie uns in Herrn Scarve's Zimmer gehen.“ Mit dieſen Worten und ohne auf Abel's miß faͤllige Blicke zu achten, gingen ſie die Treppe hinauf. „O, verlaſſen Sie mich nicht eher, als bis ſie fort ſind, Herr Beechcroft,“ ſagte Hilda. „Nein, das will ich nicht,“ verſetzte er, neben ihr Platz nehmend. Inzwiſchen vollfuͤhrten der Advokat und ſein Be⸗ gleiter ihre Aufgabe mit dem Anſchein des Gefuͤhls, in der That aber mit Gleichguͤltigkeit. Nachdem ſie das Zimmer durchſucht, und alle Schaͤtze des armen Geizhalſes, die auf dem Tiſche zerſtreut la⸗ gen, in einen Kaſten geworfen, und denſelben verſchloſ— ſen hatten, machte Diggs Philipp auf die Lage der Fe⸗ der und des Papiers aufmerkſam, und ſagte: „Ich bin faſt gewiß, daß er noch etwas ſchreiben, vielleicht ſein Teſtament widerrufen wollte— aber es war zu ſpaͤt— ha! ha!“ Mit ſchlauem Laͤcheln begann er dann, alle Kaſten und Schraͤnke zu verſiegeln. Philipp half ihm dabei und eben waren ſie damit zu Ende, als ſie einen ſchwe— ren Fußtritt auf der Treppe hoͤrten. Im naͤchſten Au⸗ genblick wurde die Thuͤr geoͤffnet, und Jakob trat ins — 190— Zimmer, trug die Leiche ſeines Herrn auf den Armen, und legte ſie auf das Bett nieder. „Und ſo ſtarb er?“ ſagte Philipp, indem er einen ſchaudernden Blick auf die Leiche warf. „Ja, ja, Sie berechneten Ihren Vortheil gut,“ verſetzte Jakob.„Sie wuͤrden den Teufel ſelber über⸗ liſten, nicht wahr? Aber Sie haben das Vermogen noch nicht in Haͤnden.“ „Hoͤrt, Freund Jakob,“ ſagte Philipp,„ich rathe Euch, kuͤnftig reſpectvoller mit mir zu reden, ſonſt wer⸗ de ich Euch zeigen, wer hier Herr iſt.“ „Sie ſollen niemals mein Herr ſein,“ verſetzte Jakob,„und wenn ich nur einen Wink von meinem jungen Fräulein erhalte, ſo ſollen Sie ſehen, ob Sie nicht kopfuͤber zum Hauſe hinauskommen.“ Philipp wollte zornig antworten, doch Diggs hielt ihn davon ab, und fluͤſterte ihm zu, es ſei jetzt noch nicht an der Zeit. „Vielleicht werden Sie mir entgehen,“ fuhr Jakob fort;„aber Sie werden Herrn Randulph Crew nicht entgehen wegen Ihres Betragens von geſtern Abend.“ „Ich bin bereit, Herrn Crew jeder Zeit über mein Betragen Rechenſchaft zu geben,“ verſetzte Philipp ſtolz. „Wenn Sie meinem Rath folgen wollen, mein Hert, — 291— ſo laſſen Sie jetzt, da Ihre Ausſichten voͤllig geſichert ſind, dergleichen Zaͤnkereien ganz und gar,“ ſagte Diggs. „Wenn Herr Randulph Erew Sie mit einem Angriff bedrohen ſollte, ſo uͤbergeben Sie ihn einem Polizeidie⸗ ner, und uͤberlaſſen mir das Uebrige.“ „Ich glaube auch, das wird das Beſte ſein,“ ſagte Philipp. „Gewiß das Beſte fuͤr einen Feigling,“ rief Jakob mit einem Blick der tiefſten Verachtung. Diggs und ſein Begleiter gingen dann in den Kel⸗ ler hinunter, wo die Geldſaͤcke noch lagen, unterſuchten und verſiegelten ſie. Als dies geſchehen war, begaben ſie ſich in das Wohnzimmer, und Diggs ging auf Hilda zu und redete ſie an. „Da ich zufaͤllig Ihtes Vaters Teſtament in der Taſche habe, Miß Scarve,“ ſagte er,„ſo will ich Ihnen daſſelbe vorleſen— denn es iſt beſſer, daß Sie ſo bald als moͤglich mit ſeinem Willen bekannt werden. Herr Beechcroft, ich bitte Sie auch, dem Dokument Ihre Aufmerkſamkeit zu ſchenken— und Sie ebenfalls, Miſtreß Clinton— damit Sie ſich ſpaͤter nicht mit Un⸗ wiſſenheit entſchuldigen koͤnnen.“ Und ohne Weiteres begann er das Teſtament vor⸗ zuleſen. — „Es iſt ſehr verſtaͤndlich abgefaßt, das muß ich geſtehen,“ ſagte Abel, als er geendet hatte;„auch muß ich ſagen, daß ich nie ein ſchmaͤhlicheres Dokument vorleſen hoͤrte.“ „Es ſteht Ihnen frei, Bemerkungen daruͤber zu machen, wie Sie wollen, mein Herr,“ ſagte der Ad— vokat.„Ich bin auf Ausdruͤcke der Mißbilligung von Ihrer Seite voͤllig gefaßt.“ „Warum von meiner Seite, Herr?“ verſetzte Abel. „Weil Herrn Scarve's weiſe Verfuͤgung uͤber ſein Eigenthum Sie verhindert hat, es Ihrem Neffen zu ſichern, mein Herr,“ verſetzte der Advokat. Abel's bleiche Wange wurde ſehr roth und er rich⸗ tete ſeine funkelnden Augen auf den Advokaten. „Bis zu dieſem Punkte iſt Ihnen Ihre Schurkerei gelungen, Herr Diggs,“ ſagte er,„aber Sie koͤnnen ſich darauf verlaſſen, Ihr Triumph wird kurz ſein. Das Dokument wird nimmermehr Guͤltigkeit erlangen, und die Art, wie Sie es erhalten haben, nebſt einigen andern Ihrer juͤngſten Handlungen, werden Sie zwin⸗ gen, Ihr Geſchaͤft aufzugeben, wenn nicht ſogar das Land zu verlaſſen.“ „Ich lache uͤber Ihre Drohungen Herr,“ verſetzte der Advokat.„Meine Stellung iſt viel zu ſicher, um — 193— durch irgend etwas erſchuͤttert zu werden, was Sie ſagen oder thun koͤnnen. Und Sie werden dies Teſtament eben ſo unantaſtbar finden. Der Beweggrund dazu iſt zu klar, als daß er koͤnnte beſtritten werden. Mein verſtorbener, geachteter und beklagter Client wuͤnſchte ſeine Tochter mit ſeinem Neffen zu verheirathen, und da er fuͤrchtete, daß ſie ſeinem Willen ungehorſam ſein werde, ſo trug er Sorge, daß ſie es nicht thun koͤnne, ohne ſein Vermoͤgen zu verlieren. Herr Scarve hatte ein vollkommenes Recht dazu. Wenn Miß Scarve anders denkt, ſo mag ſie das Teſtament beſtreiten. Doch ſie wird es eben ſo ſchwierig finden, als ihren Vater, da er noch lebte, von ſeinem Vorſatz abzubringen.“ „Ich werde genau nach den Bedingungen des Te⸗ ſtaments meines Onkels handeln,“ ſagte Philipp Frewin, „und es wuͤrde mich tief kränken, wenn meine ſchone Couſine nicht geneigt ſein ſollte, ſich denſelben zu fuͤgen. Ich will in dieſem Augenblick nicht in Sie dringen, aber im Laufe des Tages wiederkommen, und mir Ihre Ant⸗ wort holen.“ Und mit ſtolzer Verbeugung entfernte er ſich mit dem Advokaten. Eine Zeitlang, nachdem ſie fort waren, ſprach die im Wohnzimmer zuruͤckgebliebene Gruppe kein Wort. Abel war in tiefes Nachdenken verſenkt und auch keines von den Andern ſchien geneigt, das Schweigen zu brechen. Endlich raffte ſich Abel auf und bat Miſtreß Clinton Die Tochter des Geizigen. II. 13 — 194— ihn einige Minuten mit Hilda allein zu laſſen, worauf ſich die gute Dame ſogleich entfernte. „Es iſt moͤglich, Hilda— obgleich Gott es verhuͤ⸗ ten moͤge,“ ſagte er mit bewegter Stimme,„daß die Entſcheidung zu unſerm Nachtheil ausfaͤllt, und daß das Teſtament fuͤr guͤltig erklaͤrt wird. Ich kann mich nicht von einigen ſchlimmen Ahnungen frei machen.“ „Auch ich nicht, Herr,“ verſetzte ſie;„und doch werden Sie aus dieſem ſehen, wie ſeltſam und unbeſtän⸗ dig mein Vater handelt—“ und ſie zog ein Stuͤck Pa⸗ pier aus dem Buſen—„da er ſich gegen den verſtorbe⸗ nen Herrn Crew verpflichtet hatte, ſeinen Sohn Ran⸗ dulph mit mir zu verheirathen, und mir ein beſtimmtes Heirathsgut zu geben. Abel ſah das Dokument erſtaunt an. „Ich wollte, ich hatte dies bei ſeinen Lebzeiten ge⸗ ſehen!“ ſagte er. „Waäre er nicht ſo heftig geweſen, ſo haͤtten Sie es zu ſehen bekommen, Herr,“ erwiederte ſie.„Ich war im Begriff, es Ihnen zu zeigen, als Sie zuletzt da wa⸗ ren, und ließ mich nur durch ſeine furchtbare Aufregung davon abhalten.“ „Wie ungluͤcklich!“ rief Abel.„Aber dennoch kann dies Dokument vielleicht von Nutzen ſein.“ Dann ſtand er auf und ging in großer Aufregung — 195— im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor Hilda ſtehen, und ſah ſie ſtarr an. „Antworten Sie mir aufrichtig,“ ſagte er—„lie⸗ ben Sie Randulph?“ „Dieſe Frage iſt kaum noͤthig, mein Herr,“ etwie⸗ derte ſie ertoͤthend. „Die Verbindung ſcheint vom Himmel beſtimmt zu ſein!“ rief Abel;„es iſt unnuͤtz ſich derſelben zu wi⸗ derſetzen. Hören Sie mich an, Hilda. Ich liebte Ihre Mutter— ich liebte ſie innig und leidenſchaftlich. Durch meine eigene Schuld, wie es ſcheint— obgleich ich es da⸗ mals nicht ſo wußte— verlor ich ſie; und ſie wurde die Gattin Ihres Vaters. Von jener Zeit an war ich zum Elend verdammt, und obgleich mein Leiden ſich unter der Maske der Gleichguͤltigkeit barg, ſo nagte doch der Geier der Verzweiflung an meinem Herzen. Waͤhrend dieſer ſchrecklichen Periode, wo ich das ganze Menſchengeſchlecht haßte, und ihn vor Allen, der mich deſſen beraubt hatte, was mir auf Erden das Theuerſte war, wurden Sie ge⸗ boren, und bald darauf kam Randulph zur Welt. Man fluͤſterte ſich in unſerer Familie zu, die beiden Kinder wuͤrden fuͤr einander paſſen, und ihre Verbindung alte Feindſeligkeiten ausſoͤhnen. In der Bitterkeit und Qual meines Herzens gelobte ich, daß dies nie geſchehen ſollte, wenn ich es vermeiden koͤnne, und Jahrelang nährte ich den Entſchluß, bis er feſt in meiner Bruſt wurzelte. Ihre Mutter ſtarb und man haͤtte annehmen ſollen, daß 13 — 196— mein Kummer und meine Feindſchaft mit ihr begraben waͤren. Doch es war nicht ſo. Es gibt eine Liebe, ſo wie einen Haß, die uͤber das Grab hinausgehen, und von ſolcher Art waren die meinigen. Alles, was mir ihr Bild vor Augen ſtellte, verurſachte mir bittere Pein und ich verbot Allen, die mich kannten, bei Strafe mei⸗ nes Mißfallens auf irgend eine Weiſe ihrer zu erwähnen. So hoͤrte ich wenig von Ihnen und Ihrem Vater, bis Randulph vor wenigen Monaten in die Stadt kam. Zu meinem Erſtaunen erfuhr ich, daß er Sie geſehen, und aus der Art, wie er von Ihnen ſprach, ſchloß ich, daß Ihre Reize einen großen Eindruck auf ihn gemacht hat⸗ ten.“ Hilda ſtieß einen leiſen Ausruf aus. „Ich will Ihnen nicht verbergen,“ fuhr Abel fort, „daß dieſe Entdeckung mir unausſprechliche Unruhe ver⸗ urſachte, und ich ihn durch alle mir zu Gebote ſtehenden Mittel zu verhindern ſuchte, Sie wiederzuſehen. Aber das Schickſal hatte es anders beſchloſſen. Der Zufall fuͤhrte Sie mehrmals zuſammen, bis das letzte Aben⸗ teuer zu Vauxhall Ihre Neigungen unauflöslich zu ver⸗ ketten ſchien.“ „So war es,“ ſagte Hilda. „Dennoch konnte ich mich nicht entſchließen, in Ihre Heirath zu willigen,“ fuhr Abel fort;„ja ich entſchloß mich ſogar, Randulph auf immer zu verſtoßen, wenn er mir ungehorſam ſein werde. Mein Entſchluß wurde ein — 197— wenig erſchuͤttert durch die Krankheit Ihres Vaters, und ich begann zu bemerken, daß mein Widerwille gegen die Verbindung nachließ. Koͤnnen Sie dieſe widerſprechen⸗ den Gefuͤhle begceifen, Hilda? Unb dennoch liebte ich Sie immer.“ „Ich kann es, mein Herr,“ verſetzte ſie. „Was meinen Widerſpruch gänzlich entfernte,“ ſagte Abel finſter,„war das traurige Schauſpiel, welches ich dieſen Morgen im Keller ſah. Nach jenem Anblick konnte ich keine weitere Feindſchaft gegen den Urheber meines Elends hegen. Ich kann jetzt die Vergangenheit mit Ruhe uͤberblicken. Ich kann jetzt ohne Schmerz an Ihre Mutter denken, und ohne gluͤhenden Haß an Ihren Vater. Ich kann Sie jetzt lieben als deren Kind, ohne daß ſich mir andere Gofuͤhle aufdrängen.“ Hier oͤffnete er ſeine Arme und druͤckte Hilda an ſeine Bruſt. „Gott ſegne Dich, mein Kind,“ rief er,„wenn Randulph Deiner wuͤrdig iſt, ſo ſoll er der Deinige wer⸗ den.“ Hilda wendete ihr Geſicht ab, und Beide ſchwiegen eine kurze Zeit. „Sie wuͤnſchten ſich mit meinem Vater noch vor ſeinem Tode zu unterreden,“ ſagte ſie endlich.„Ich hoffe, es war nicht von Wichtigkeit.“ — 198— „Nur fuͤr ihn ſelber,“ verſetzte Abel mit tiefem Seufzer.„Ich wollte ihm nur verzeihen, daß er mich unter dem Schein der Freundſchaft bewogen, ihn bei Dei⸗ ner Mutter und ihrer Familie einzufuͤhren. Ich wollte ihm nur die Kunſtgriffe verzeihen, die er anwendete, um mir ihre Neigung abwendig zu machen; ſeine luͤgenhaften Angaben uͤber meine Vermoͤgensumſtände und meinen Charakter, ſowie die jahrelange Qual, die er mir verur⸗ ſacht, und welcher der Tod ſelbſt waͤre vorzuziehen ge⸗ weſen. Dies wollte ich ihm ſagen, und von ſeinen eige⸗ nen Lippen ein Geſtändniß des Bedauerns hoͤren, um dann auf immer mit ihm in Frieden zu ſein!“ „Sie ſind hoffentlich jetzt mit ihm in Frieden,“ ſagte Hilda. „Was mich betrifft, ja,“ verſetzte Abel;„aber was Dich betrifft—“ „O denken Sie nicht an mich!“ rief Hilda.„Ich verzeihe ihm von Grund meines Herzens. Er iſt von Andern betrogen worden.“ „Sagen Sie lieber, er war der Sklave des Mam⸗ mon,“ verſetzte Abel finſter,„der ihn zu Grunde ge— richtet hat, wie er alle ſeine Verehrer zu Grunde richtet. Doch ich will Sie nicht durch rauhe Bemerkungen kraͤn⸗ ken, aber halten Sie ſich verſichert, daß nichts vernach⸗ läſſigt werden ſoll, das Unrecht, welches er gethan, wie⸗ der gut zu machen. Und nun lebe wohl, mein liebes —————— — 199— Kind, da Du doch hier bleiben willſt. Ich werde Dich noch heute wieder beſuchen, und inzwiſchen bedarfſt Du einiger Ruhe.“ Dann druͤckte er ſie noch einmal in ſeine Arme und entfernte ſich. Vierzehntes Kapitel. Philipp Frewin wird von Randulph gefährlich verwundet.— Seine letzte rachſuͤchtige Bemuͤhung. A Randulph erwachte und ſich auf der Wache fand, waren ſeine erſten Gefuͤhle demuͤthigend und voll von Vorwuͤrfen. Nach und nach aber wichen dieſe mil⸗ deren Empfindungen dem Zorn gegen Philipp Frewin; und nach einiger Ueberlegung wurde er ſo zornig uͤber das Betragen des Letzteren, daß er beſchloß, ſobald er die Freiheit wieder erhalten werde, ſolle es ſein erſtes Ge⸗ ſchaͤft ſein, ihn aufzuſuchen, und Genugthuung von ihm zu fordern. Sein Zorn hatte ſich keineswegs gelegt, als Herr Foggo etwas vor acht Uhr ins Zimmer trat, um ihn und ſeine Gefaͤhrten zu wecken. — — 201— „Ich hoffe, Sie haben gut geſchlafen, meine Her⸗ ren,“ ſagte der Conſtable mit etwas boshaftem Laͤcheln. „Iſt Ihnen etwas Fruͤhſtuͤck gefaͤllig?“ „Nicht hier, Herr Foggo,“ verſetzte Truſſell gaͤh⸗ nend.„Mich duͤnkt, Sie ſagten geſtern Abend— oder hat mir's getraͤumt— daß es nicht noͤthig ſei, daß wir vor eine Magiſtratsperſon gingen.“ „Ich denke, das ließe ſich machen, Herr,“ ſagte der Conſtable,„vorausgeſetzt—“ „Vorausgeſetzt, daß wir dafur blechen, he, Herr Foggo?“ verſetzte Truſſell. „Ganz recht, mein Herr,“ verſetzte der Andere. „Beſtechen Sie ihn nicht, Onkel!“ rief Randulph unwillig.„Wir ſind auf unverzeihliche Weiſe gefangen gehalten worden, und ich wuͤnſche vor eine Magiſtrats⸗ perſon gebracht zu werden, damit ich die Gelegenheit ha⸗ be, mich uber die ſchmachvolle Behandlung zu beklagen, die ich erfahren, ſowie auch, um eine Klage gegen Phi⸗ lipp Frawin vorzubringen.“ „Laß Dir rathen, mein lieber Junge, und mache nichts weiter aus der Sache,“ verſetzte Truſſell.„Du wirſt keine Genugthuung erhalten.“ „Aber, Onkel—“ „Unter uns,“ fiel Truſſell ein,„ich wollte lieber, die Sache käme meinem Bruder Abel nicht zu Ohren, was ohne Zweifel geſchehen muß, wenn wir oͤffentlich ver⸗ hoͤrt werden.“ „Darum rathe ich Ihnen, nicht vor Sr. Gnaden zu gehen,“ ſagte der liſtige Conſtable;„es moͤchte unan⸗ genehme Folgen haben.“ „Ja, gewiß, das koͤnnte es,“ verſetzte Truſſell, ihm eine Guinee in die Hand ſteckend.„Laſſen Sie uns ſo ſchnell als moͤglich hinaus.“ „Ich gehe nicht von der Stelle,“ ſagte Randulph. „O, das ſteht ganz bei Ihnen,“ ſagte Foggo, nicht ganz wohlgelaunt. „Ich werde auf jeden Fall gehen,“ ſagte Truſſell. „Und ich auch,“ ſagte Jakob.„Ich werde ſo ſchnell als moͤglich zu meinem armen Herrn zuruͤckkehren. Gott weiß, was in meiner Abweſenheit geſchehen ſein mag!“ „Nun, wenn Sie Beide gehen, ſo muß ich Sie na⸗ tuͤrlich begleiten,“ ſagte Randulph;„aber ich proteſtire gegen dieſen Schritt.“ Foggo begleitete ſie bis an die Thuͤr des Wachthau⸗ ſes, und machte ihnen eine ſehr hoͤfliche Verbeugung, als er ſie hinausließ. Jakob nahm haſtig von den Andern Abſchied und eilte nach Little Sanctuary, wo, wie wir kaum zu ſagen noͤthig haben, eine ſchmerzliche Ueberra⸗ ſchung ſeiner wartete. i—— Als ſie weiter gingen, machte Truſſell den Vor⸗ ſchlag, in einem Kaffeehauſe zu fruͤhſtuͤcken und erſt ihre Toilette ein wenig in Ordnung zu bringen, ehe ſie nach Hauſe gingen. Randulph erinnerte ſich, daß Jakob den Gaſthof zur Krone als den Ort genannt habe, den Phi⸗ lipp Frewin haͤufig beſuche, und machte den Vorſchlag dorthin zu gehen. Da Truſſell dies ganz lieb war, ſo richteten ſie ihre Schritte dorthin. Als ſie in der Krone ankamen und nach Philipp fragten, erfuhren ſie, daß er Zimmer in dem Hauſe habe, aber den groͤßten Theil in der Nacht ausgeweſen, und auch jetzt abweſend ſei. Er werde indeß jeden Augenblick erwartet, und der Kellner verſprach, es ihnen zu ſagen, wenn er zuruͤckkehre. Truſſell beſtellte dann ein gutes Fruͤhſtuͤck, dem Beide, nachdem ſie ihre Toilette gemacht, volle Gerechtigkeit wi⸗ derfahren ließen. Noch Verlauf einer Stunde fragte Randulph wieder nach Philipp. Er war noch immer nicht zuruͤck. Nun, wenn Du hier auf ihn warten willſt,“ ſagte Truſſell,„ſo will ich nach Hauſe gehen, Dich zu ent⸗ ſchuldigen, und dann wieder zu Dir zuruͤckkehren.“ Da der Wunſch, ſich an Philipp Frewin zu rächen, in Randulph's Bruſt vorherrſchend war, ſo ſtimmte er dieſem Vorſchlage bei, und Truſſell entfernte ſich. Nach⸗ dem Randulph dem Kellner ein Trinkgeld gegeben, um der Erfuͤllung ſeines Wunſches gewiß zu ſein, warf er — 204— ſich auf einen Stuhl und uͤberdachte die Ereigniſſe der vergangenen Nacht, um ſeinen Zorn gegen Philipp wach zu erhalten, als die Thuͤr plotzlich aufging, und ein Mann ins Zimmer trat. Er war ben im Begriff, ſich mit einer Entſchuldigung zuruͤckzuziehen, als Randulph Cordwell Firebras in ihm erkannte, und ihn zuruͤck⸗ rief. „Wos! ſind Sie es, Randulph?“ rief Firebras, ihm ſeine Hand reichend.„Ich kam hieher um eine an⸗ dere Perſon zu treffen, doch wuͤnſche ich vor allen An⸗ dern mit Ihnen zu reden. Was zum Henker haben Sie hier zu thun?“ „Ich warte auf Philipp Frewin,“ verſetzte Ran⸗ dulph.„Er ſpielte mir geſtern Abend einen ſchaͤbigen Streich und machte, daß ich auf die Wache gebracht wur⸗ de— dafuͤr will ich ihn zuͤchtigen.“ „Ich will Sie nicht an Ihrer löblichen Abſicht ver⸗ hindern,“ verſetzte Firebras lachend.„Aber,“ ſetzte er hinzu, indem er die Thuͤr zumachte,„ich war im Be⸗ griff, in einer hoͤcpſt wichtigen Sache zu Ihnen zu ſchik⸗ ken. Ich habe Ihnen einen Vorſchlag zu machen, der Ihre hoͤchſten und theuerſten Intereſſen betrifft. Kom⸗ men Sie nach Chequers Inn, Millbank, ein wenig vor Mitternacht, und ich will Ihnen den Beweis geben, daß Ihr Gluͤck in meinen Händen iſt.“ „Soll ich es auch unter denſelben Bedingungen, wie fruͤher erhalten?“ fragte Randulph. — — 205— „Hoͤren Sie, was ich Ihnen votzuſchlagen habe, und fragen Sie dann nach den Bedingungen,“ verſetzte Firebras. „Nun, ich will kommen,“ entgegnete Randulph. Als er dies fagte, trat der Kellner ins Zimmer, und gab ihm ein Zeichen, daß Philipp angekommen ſei. Randulph's Augen funkelten und ohne ein Wort zu ſagen, winkte er Firebras, ihm zu folgen. Der Kellner zeigte ihm Philipp's Zimmer, welches an das ſeinige, ſtieß. Philipp war nicht allein. Er hatte Capitain Cul⸗ pepper bei ſich, dem er lachend eine Beldſumme aus⸗ zahlte. Aber ſeine Frohlichkeit verſchwand, als er Ran⸗ dulph's finſtere Blicke bemerkte, und er wuͤrde fortgelau⸗ fen ſein, hätte Firebras nicht die Thuͤr zugemacht, und ſich vor dieſelbe hingeſtellt. „Was wollen Sie hier, Herr?“ rief er in ſo zor⸗ nigem Tone, als ihm. zu Gebote ſtand, Randulph zu. „Dies iſt mein Zimmer— Sie haben hier nichts zu thun. Klingeln Sie, Capitain Culpepper!“ „Wenn der Capitain ſich ruͤhrt, ſo ſchlage ich ihn zu Boden!“ rief Firebras. „Wenn ich Sie als einen Mann von Ehre behan⸗ dele, Schurke! ſo iſt dies mehr als Sie verdienen,“ ſagte Randulph zornig,„doch ich fordere augenblicklich Ge⸗ nugthuung fuͤr Ihr Betragen von geſtern Abend.“ „Ich kann mich heute nicht ſchlagen, Herr Crew,“ ſagte Philipp.„Ich habe ein ganz beſonderes Geſchäft vor, wie dieſer Herr weiß. Morgen ſtehe ich Ihnen zu jeder Stunde zu Dienſten.“ „Dies iſt eine jaͤmmerliche Ausflucht, Schurke!“ rief Randulph;„aber ſie ſoll Ihnen nichts helfen.“ Und er ſchlug ihn mit der flachen Klinge. „Zum Henker, Herr, halten Sie ein!“ rief Capitain Culpepper, indem er den Degen zog, und ſich zwiſchen ſie ſtellte.„Laſſen Sie das, oder bei meiner Ehre, ich ſchlitze Ihnen die Luftroͤhre auf!“ „Nein, das werden Sie nicht, Capitain,“ ſagte Fi⸗ rebras vortretend.„Laſſen Sie ſie ihre Sache allein ausmachen. Wenn Herr Frewin wirklich ein Mann von Ehre iſt, ſo wird er Herrn Crew Genugthuung geben; und wenn er es nicht iſt, ſo muͤſſen Sie als Mann von Ehre darin mit mir uͤbereinſtimmen, daß keine Strafe ent⸗ ehrend genug fuͤr ihn ſein kann.“ „Ich muß geſtehen, es iſt wahr, was Sie ſagen, Herr,“ verſetzte Culpepper.„Fechten Sie mit ihm, Herr!“ fluſterte er Philipp zu—„ich will Ihnen bei⸗ ſtehen, wenn es noͤthig iſt.“ „Zuruͤck, Schurke!“ rief Philipp aufgebracht uͤber * — 207— die Behandlung, die ihm widerfuhr,„und ſehen Sie ſich vor.“ Dann zog er den Degen und ging mit der groͤßten Wuth auf Randulph los. Es zeigte ſich bei dieſem Ge⸗ fecht, daß es Philipp durchaus nicht an Geſchicklichkeit fehlte; aber ſeine Leidenſchaft beraubte ihn des richtigen Urtheils, und er gab ſich oft ſeinem Geaner blos, der mit der groͤßten Kaͤlte focht und ihn offendar nur ent⸗ waffnen oder leicht verwunden wollte. Endlich wuͤnſchte Randulph der Sache ein Ende zu machen, griff ſeinen Gegner heftiger an und trieb ihn gegen die Wand, als man raſche Fußtritte im Gange hoͤrte. Firebras ſchloß die Thuͤr, um eine Unterbrechung zu verhindern, und waͤhrend er ſo beſchaͤftigt war, fuͤhrte Culpepper einen Stoß auf Randulph, den er gluͤcklicher Weiſe noch durch einen Seitenſprung auswich. Aufgebracht uͤber dieſen moͤrderiſchen Anfall, parirte Randulph geſchickt eine Quart von Philipp, ſtieß augen⸗ blicklich nach, und die Spitze drang tief in die Bruſt des Andern. Philipp ſchwankte, und wuͤrde gefallen ſein, haͤtte Culpepper ihn nicht aufgefangen. „Laſſen Sie mich nur!“ rief der Verwundete, „greifen Sie ihn an! Ich gebe Ihnen tauſend Pfund, wenn Sie ihn toͤdten.“ „Ich kann es jetzt nicht, Herr,“ fluͤſterte Culpepper. „Ich furchte, Sie ſind ſchwer verwundet.“ 208— „Ja, es iſt aus mit mir,“ ſtoͤhnte Philipp.„Fluch uͤber ihn! das Gluͤck iſt ſtets auf ſeiner Seite.“ Inzwiſchen war Cordwell Firebras auf Randulph zugeeilt, der bei dem Ausgange des Duells wie verſteinert daſtand. „Machen Sie ſich ſchnell davon,“ rief er;„es iſt nicht gut, wenn Sie gerade jetzt gefangen genommen werden. Das Fenſter im Nebenzimmer iſt offen— Sie ſind jung und gewandt, und koͤnnen leicht hinunter kom⸗ men. Gehen Sie ſogleich nach Chequers Inn und hal— ten ſich dort den ganzen Tag verſteckt. Ich werde vor Mitternacht bei Ihnen ſein.“ Kandulph warf dem Verwundeten noch einen Blick des Milleids zu, eilte in das Nebenzimmer, ſah zum Fenſter hinaus und bemerkte, daß das Dach eines Schup⸗ pens darunter war. Er ließ ſich auf das Gebaͤude hin⸗ unter und gelangte ſo in einen engen Durchgang, der nach King Street fuͤhrte. Sobald Randulph fort war, oͤffnete Firebras die Thuͤr, und der Wirth trat mit einem halben Dutzend Leute herein. Es wurde ſogleich nach einem Arzt geſchickt und Philipp auf einen Stuhl geſetzt, waͤhrend Cordwell Fi⸗ rebras die Wunde verbinden half. Sie blutete innerlich und Firebras wußte, vermoͤge ſeiner Erfahrung, daß ſie hoͤchſt gefaͤhrlich ſei. E — — 209— „Was halten Sie von meiner Wunde?“ fragte Philipp, der bereits ein leichenhaftes Anſehen hatte. „Ich will Sie nicht taͤuſchen,“ verſetzte Firebras; „es iſt aus mit Ihnen.“ „Aber mein Moͤrder wird doch gehaͤngt werden, nicht wahr?“ rief Philipp mit unwilligem Blick. „Sie ſind ir ehrlichem Zweikampfe verwundet wor⸗ den,“ verſetzte Firebras.„Wenn Jemand gehängt zu werden verdient, ſo iſt es Capitain Culpepper. Ich ſah den moͤrderiſchen Stoß, den er auf Randulph fuͤhrte.“ In dieſem Augenblick trat Digas ins Zimmer, und war von Entſetzen ergriffen, als er Philipp Frewin's Lage bemerkte. „Ei, welch ein ſchreckliches Ungluͤck iſt dies!“ rief er, ihn anſehend.„Ich hoffe, Sie ſind doch nicht ernſt⸗ lich verwundet.“ „Sie ſagen mir, ich bin toͤdtlich verwundet,“ ver⸗ ſetzte Philipp mit einem Seufzer;„und ich glaube, ſie haben Recht. Ich bin nur zum Scherz meines Onkels Erbe geworden!“ „Was, iſt Herr Scarve todt?“ rief Firebras er⸗ ſtaunt. „Er ſtarb in der letzten Nacht,“ verſetzte der Ad⸗ vokat,„und Herr Frewin iſt, wie er Ihnen eben geſagt, Die Tochter des Geizigen. III. 14 — 210— * ſein Erbe— vorausgeſetzt, daß Hilda ſich weigert, ihn zu heirathen.“ „Teufel!“ rief Firebras;„da hat Randulph einen gluͤcklichen Stoß gefuͤhrt.„Es iſt mir lieb, daß er nichts davon wußte, ſonſt hätte man es fur abſichtlich erklaͤren koͤnnen.“ „Bringen Sie augenblicklich eine Saͤnfte herbei, Diggs,“ rief Philipp,„und laſſen Sie mich nach Little Sanctuary tragen. Ich will Hilda ſehen, ehe ich ſterbe — und wenn ſie ſich weigert mich zu heirathen, ſo will ich gleich mein Teſtament machen. Ich habe noch Kraft genug, es zu unterzeichnen.“ „Welch ein Wahnſinn iſt dies!“ rief Firebras. „Es iſt kein Wahnſinn,“ verſetzte der Andere. „Bringen Sie eine Sänfte, raſch— raſch!“ Hierauf ertheilte Digas die noͤthigen Befehle, und bald darauf wurde eine Säͤnfte ins Zimmer gebracht, und der Verwundete hineingeſetzt. Von Firebras, Diags, Culpepper und Molſon begleitet, der zufaͤllig in der Nähe geweſen und eben angekommen war, wurde er in die Wohnung des Geizigen getragen. Als ſie dort ankamen, erklaͤrte Cordwell Firebras Jakob, der an der Thuͤr erſchien, den Zweck ihres Kom⸗ mens, und ſagte ihm, er moͤge ſeine junge Herrin bit⸗ ten, zu dem Verwundeten zu kommen. Sobald ſich Ja⸗ kob von der Wahrheit dieſer Angabe überzeugt hatte, die *— ihm ſo außerordentlich ſchien, daß er ſie kaum glauben konnte, ſagte er den Sänftenträgern, ſie moͤchten ihre Laſt durch den Gang in das Wohnzimmer bringen. Hier wurde Philipp Frewin herausgehoben und auf den alten Lehnſtuhl des Geizigen geſetzt. Die Saͤnftenträger ent⸗ fernten ſich dann, und Jakob eilte die Treppe hinauf, um Hilda von dem Vorfall in Kenntniß zu ſetzen, waͤh⸗ rend Molſon zu Philipp ſagte: „Wenn Sie noch einige Anordnungen zu treffen ha⸗ ben, ſo duͤrfen Sie keine Zeit verlieren, denn Sie haben nur noch uͤber wenige Minuten zu gebieten.“ „Wo iſt Hilda?“ rief der Verwundete.„Holen Sie Feder, Dinte und Papier, Diggs— ſetzen Sie ſich nieder— und ſchreiben— was ich Ihnen ſage. Iſt ſie noch nicht da?“ „Ja, hier iſt ſie,“ verſetzte Firebras, als Hilda ins Zimmer trat.„Miß Scarve,“ ſetzte er hinzu, indem er auf ſie zuging,„Ihr Vetter iſt von Randulph Crew in einem Duell gefaͤhrlich verwundet worden. Er hat nur noch wenige Minuten zu leben. Willigen Sie in ſeinen Vorſchlag,“ ſetzte er mit leiſer Stimme hinzu. „Hilda,“ ſagte Philipp mit matter Stimme,„ich habe Sie kommen laſſen, um Sie in Gegenwart dieſer Zeugen zu fragen, ob Sie einwilligen, mich zu heira⸗ then?“ „Sie ſind nicht in dem Zuſtande, dieſe Frage zu thun,“ verſetzte ſie mit einem Blicke, in den ſich Muleid — 6— und Abſcheu miſchten.„Denken Sie daran, ſich mit dem Himmel auszuſoͤhnen.“ „Weigern Sie ſich?“ rief Philipp, indem er ſich aufzurichten verſuchte. „Wenn Sie ſich auf dieſe Weiſe anſtrengen, ſo wer⸗ den Sie nur Ihr Ende beſchleunigen,“ ſagte der Arzt. „Ich will eine Antwortt,“ verſetzte Philipp— ja oder nein.“ „Willigen Sie ein,“ fluͤſterte Firebras Hilda zu. „Es kann nichts ausmachen.“ „Ich kann mich nicht entſchließen, das Wort auszu⸗ ſprechen,“ verſetzte ſie. „Ich fordere eine Antwort, Miß Scarve,“ ſagte Diggs,„da Herrn Frewin's Intereſſe an dem Vermoͤ⸗ gen, ſo wie Ihr eigenes davon abhängt.“ „Dann artworte ich nein!“ erwiederte ſie feſt. Cordwell Firebras biß ſich in die Lippen. „Schreiben Sie dieſe Antwort nieder, Diggs,“ ſagte Philipp. Der Advokat that es und bat dann Culpepper und den Arzt, es durch ihre Unterſchrift zu beglaubigen, was ſie thaten. „Nun, Herr Frewin, ſind Sie im Beſitz des Ver⸗ moͤgens Ihres Onkels,“ ſagte Diggs. — 213— „Nun ſetzen Sie mein Teſtament auf,“ ſagte Phi⸗ lipp—„ich vermache Alles— Alles—“ „Wem, Herr?“ fragte Diggs, mit der groͤßten Schnelligkeit ſchreibend, da er ſah, daß kein Augenblick zu verlieren war. „Ihnen,“ verſetzte der Sterbende mit matter Stimme. In wenigen Sekunden, ohne aufzublicken oder ein Zeichen der Freude zu verrathen, vollendete der Advokat ſein Werk. „Es iſt geſchehen— unterzeichnen Sie es, Per ſetzte er hinzu, indem er das Papier vor Philipp hin⸗ legte, und ihm die Feder in die Hand gab, die dieſer kaum halten konnte. Es war ein Augenblick athemloſer Erwartung fuͤr Alle, und ſelbſt Hilda beugte ſich vorwaͤrts. „Wo iſt es!“ ſioͤhnte Philipp, indem er ſeine bre⸗ chenden Augen auf das Papier zu richten verſuchte. „Hier, Herr— hier,“ ſagte Diggs, indem er mit dem Finger auf die Stelle deutete, wo die Unterſchrift hin ſollte. Aber es war zu ſpaͤt, die Feder entſank Philipp's Hand, und er fiel mit dem Geſicht auf den Tiſch und ſtarb. „Noch ein Augenblick, und ich wäre Herr dieſes Vermoͤgens geweſen!“ rief Diggs, das nicht unterzeichnete Papier fortreißend. „Sie haͤtten es nicht behalten koͤnnen,“ ſagte Cord⸗ well Firebras. „Lange genug zu meinem Zweck,“ erwiederte der Advokat, ſetzte ſeinen Hut auf und verließ das Haus. Ihm folgte Capitain Culpepper. „Jetzt ſind Sie unbeſtrittene Herrin Ihrer Erbſchaft, Hilda,“ ſagte Cordwell Firebras. „Der Himmel ſei geprieſen!“ rief Jakob,„ich wuß⸗ te wohl, daß ſo ſchaͤndliche Handlungen nimmer gluͤcken wuͤrden.“ „Fuͤr mich iſt dieſes Ereigniß hoͤchſt gluͤcklich,“ ſagte Hilda;„nur wuͤnſche ich, daß es um einen gerin⸗ geren Preis, als das Leben meines ungluͤcklichen Vetters, haͤtte erkauft werden koͤnnen.“ „Ich geſtehe, ich kann ihn nicht bedauern,“ ſagte Firebras.„Aber Sie muͤſſen jetzt an ſich ſelber denken. Sie ſehen ſehr blaß aus.“ „Dieſes letzte ſeltſame Spiel des Schickſals iſt faſt zu viel fuͤr mich geweſen,“ verſetzte ſie. „Ich moͤchte Ihnen rathen, bei einer Freundin Zu⸗ flucht zu ſuchen, waͤhrend Ihrem Vater die letzte trau⸗ rige Pflicht erfuͤllt wird,“ ſagte Firebras. Warum wol⸗ 4 — — 215— len Sie nicht zu Herrn Beechcroft gehen?— Randulph's Mutter iſt dort.“ „Ich denke, ich werde Ihren Rath befolgen,“ ver⸗ ſetzte Hilda;„denn ich kann nicht hier bleiben nach dem erſchuͤtternden Ereigniß, welches ſich eben zugetragen.“ „Miſtreß Clinton und ich wollen das Haus und das Vermogen beſchutzen,“ ſagte Jakob.„Ich will gleich gehen und eine Kutſche holen, wenn Sie zu Herrn Beech⸗ croft wollen.“ Und er machte ſich auf den Weg, waͤhrend Hilda auf ihr Zimmer ging, und einige haſtige Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe traf⸗ Als dies geſchehen war, ging ſie in das Zimmer, wo die Ueberreſte ihres Vaters lagen, kniete neben dem Bette nieder und betete inbruͤnſtig. Dann ſah ſie einige Augen⸗ blicke ſeine abgemagerten Zuͤge an, die im Tode noch ſchaͤrfer geworden waren, druͤckte ihre Lippen oft darauf, und verließ das Zimmer. Cordwell Ftrebras fuͤhrte ſie ſchweigend zu der Kutſche, in welche Jakob die wenigen Sachen gelegt hatte, die ſie mitnahm. „Wo iſt Herr Randulph?“ fragte der Letztere, als er im Begriff war, auf den Bock zu ſteigen. „Iſt Ihnen ein Gartenhaus bekannt, am Ufer des Fluſſes in der Naͤhe der Muͤhle in Millvank?“ fragte Firebras. „Das, welches zu Chequers Inn gehoͤrt?“ verſetzte — 216— Jakob.„Das werde ich wohl kennen, denn ich habe manche luſtige Stunde darin zugebracht.“ „Nun, ſo kommen Sie um Mitternacht in einem Boot zu demſelben,“ verſetzte Firebras,„da werden Sie etwas von Randulph hoͤren.“ „Ich werde nicht verfehlen,“ entgegnete Jakob, in⸗ dem er auf den Bock ſprang, und dem Kutſcher befahl, nach Lambeth zu fahren, waͤhrend Firebras in das Haus zuruͤckkehrte, um Miſtreß Clinton einige Rathſchlaͤge zu er⸗ theilen. Funfzehntes Kapitel. Das veraͤnderte Ausſehen des Herrn Cripps.— Er neckt die ſchoͤne Thomaſine mit Sir Singleton Spinke.— Der Jakobitenclub wird verrathen. Mn demſelben Morgen, wo ſich die eben erzaͤhlten Ereigniſſe zutrugen, wurde Peter Pokerich„als er gerade die Peruͤcke eines Advokaten puderte, durch den ploͤtzlichen Eintritt der ſchoönen Thomaſine in ſeiner Arbeit geſtoͤrt. „Was iſt geſchehen, liebe Tommy?“ fragte er, in⸗ dem er ihr aus Verſehen eine große Menge Puder ins Geſicht blies.„Bitte zehntauſendmal um Verzeihung, doch Du haſt mich ſo uͤberraſcht, daß ich mein Ziel ver⸗ fehlte.“ 218— „Du haſt mich beinahe geblendet, Du unvorſichtiger Burſche,“ verſetzte die ſchone Thomaſine, ihre Augen reidend;„uͤberdies haſt Du mir meine Haube verdor⸗ ben, und mein Haar mit Deinem garſtigen Puder ange⸗ fuͤllt. Aber haſt Du die ſchreckliche— die betruͤbende Nachricht gehoͤrt?“ „Nein,“ verſetzte Peter.„Was iſt's?“ „Herr Scarve iſt todt in ſeinem Keller gefunden worden,“ verſetzte die ſchone Thomaſine in kläglichem Tone, der ihrer Nachricht angemeſſen war,„wo er ſich ſein eigenes Grab grub, und ſich begraben wollte, um die Koſten des Leichenbegängniſſes zu erſparen.“ „Gott ſei uns gnaͤdig! Was ſagſt Du da!“ rief Peter. „Ja, es iſt wahr,“ erwiederte die ſchöne Thoma⸗ ſine;„aber gib Deinen Puderquaſt eine andere Rich⸗ tung, ſonſt verfehlſt Du nochmals Dein Ziel. Es wuͤrde mir nicht leid thun um ihn— aber was denkſt Du? Er hat ſeine eigene Tochter enterbt, und ſeinem Neffen ſein ganzes Vermoͤgen vermacht.“ „O das ſcheußliche, unnatuͤrliche, alte Ungeheuer!“ rief Peter nmherſpringend, und in ſeiner Auftegung den ganzen Puderquaſt ausleerend. „Steh ſtill und ſei ruhig,“ ſagte die ſchoͤne Thoma⸗ ſine, ſeinen Kragen ergreifend und ihn feſthaltend.„Die ——— — 219— arme Hilda bekommt keinen Heller, wenn ſie nicht ihren verhaßten Vetter heirathet; und wenn ich mich nicht ganz in ihr irre, ſo wird ſie lieber ſterben als darein wil⸗ ligen.“ „Matuͤrlich wird ſie das!“ rief Peter, noch immer den leeren Puderguaſt anwendend,„o, ſie iſt ein edles Geſchoͤpf, und ein vollkommenes Muſter ihres Ge⸗ ſchlechts!“ „Meinſt Du das,“ verſetzte die ſchoͤne Thomaſine; „und ehe ſie Randulph Crew heirathet, heirathe ich Dich nicht— das iſt gewiß. O jemine! Iſt das nicht Herr Cripps! Der hat ſich aber ſehr veraͤndert!“ Der letztere Ausruf wurde durch den Eintritt des ehemaligen Kammerdieners veranlaßt, der in der That ſehr verändert und kaum wieder zu erkennen war. Sein Rock war abgetragen, an den Ellbogen durchgeſcheuert, und die Treſſen daran zerriſſen. Seine Weſte war in demſelben zerlumpten Zuſtande. Seine Beinkleider wa⸗ ren mit verſchiedenem Tuch ausgeflickt. Er trug keine ſeidenen Struͤmpfe mehr, ſondern baumwollene, die noch dazu ſehr ſchmutzig waren; und ſtaͤhlerne Schnallen er⸗ ſetzten die diamantenen an ſeinen Schuhen. Seine ver⸗ wirrte Peruͤcke hatte Peter Pokerich's Huͤlfe ſehr noͤthig. Sein alter Hut war aufgeſchlagen, doch eine von den Seitenſtuͤcken abgebrochen, und hing herunter; und eine Gerte erſetzte die Stelle des Stocks mit goldenem Knopf. Er hatte keine Spitzen weder an den Handgelenken noch an der Bruſt; auch war es ſehr die Frage nach der Art, — 2P wie er ſeinen Rock zugeknoͤpft hatte, ob er uͤberhaupt ein Hemd trug. So ſehr auch Herr Cripps geſunken war, ſo war er doch noch immer Herr Cripps. Er trug ſeine zerlumpten Kleider mit derſelben vornehmen Miene, wo⸗ durch er ſich in ſeiner Glanzperiode ausgezeichnet hatte. Er ſchwang ſeine Gerte, als wäre es der trefflichſte Stock geweſen, nahm eine Priſe aus einer zinnernen Doſe mit eben ſo viel Anſtand, als haͤtte er eine mit Brillanten beſetzte in Händen gehabt, und ſchlug den niederfallenden Schnupftabak eben ſo ſtolz mit einem zerriſſenen Tuch weg, ols waͤre es ein parfuͤmirtes und geſticktes Taſchen⸗ tuch geweſen. „Die ſchoͤne Thomaſine, ſo wahr ich lebe!“ ſagte er mit einer tiefen Verbeugung;„wie reizend Sie aus⸗ ſehen, auf Parole! Ich war eben bei Sir Singleton Spinke, um mich ihm als Kammerdiener anzubieten. Doch er hat von meinem verdammten Abenteuer gehoͤrt, und will mich nicht annehmen.“ „Sahen Sie Lady Spinke?“ fragte die ſchoͤne Tho⸗ maſine. „Gewiß,“ verſetzte Cripps,„und ich kann einen ſehr guͤnſtigen Bericht uͤber ihre Lage erſtatten. Ihr al⸗ ter Herr iſt ganz närriſch in ſie verliebt. Sie hat große Affen und kleine Hunde, ſchwarze Pagen und weißes chineſiſches Porzellan, Kleider mit Gold und Silber be⸗ ſetzt, Diamanten, Rubinen, Granaten und Perlen— kurz Alles, was ſich eine Ihres Geſchlechts nur wuͤn⸗ ſchen kann.“ — 221— „Nur keinen jungen Mann,“ fiel Peter ein.„Ich wollte mein Puderquaſt waͤre voll,“ ſetzte er leiſe hinzu, „ich leerte ihn in ſeine boshafte Kehle und erſtickte ihn.“ „Einen jungen Mann!— Unſinn!“ rief Cripps. „Lady Spinke iſt dazu viel zu klug. Sie will lieber der Liebling eines alten Mannes ſein, als das Spielzeug ei⸗ nes jungen. Und wahrhaftig, ſie hat Recht. Sie wik⸗ kelt ihren Alten ſo leicht wie einen Handſchuh um die Finger.“ „Gerade, was ich mit meinem Manne zu thun wuͤnſche!“ rief die ſchoͤne Thomaſine. „Du ſollſt mich ſo leicht, wie Du willſt, um die Finger wickeln, mein Engel!“ rief Poter niedergeſchlagen. „Die Peſt uͤber ihn! Was kann den Kerl hieher ge⸗ fuͤhrt haben!“ „Ich brauche nicht erſt zu ſagen, daß Ihre Herr— lichkeit die Buͤhne verlaſſen haben,“ fuhr Cripps fort. „Ich hoͤrte ſie davon reden, daß ſie dieſen Abend nach Ranelagh gehen wollten.“ „Ranelagh!“ ſeufzte die ſchöͤne Thomaſine.„Entzuk⸗ kend! Und ich bin nie dort geweſen ſeit der Maskerade, und ich fuͤrchte, ich werde auch nicht wieder hinkom⸗ men!“ „Ergoͤtzlich, in der That, wenn es nur lange waͤhrt,“ ſagte Cripps, dem der Barbier verſtohlen ein Zeichen gab. „Lange wahrt? Wie meinen Sie das?“ fragte die ſchoͤne Thomaſine. „Nun, unter uns,“ verſetzte Cripps lachend,„Sir Singleton hat ſchon elf Frauen gehabt— elf Lady Spinkes, bei dieſem Licht! Die gegenwaͤrtige Dame iſt die zwoͤlfte. Sie wurden ihm Alle in Fleet angetraut.“ „O jemine! zwoͤlf Frauen!“ rief die ſchoͤne Thoma⸗ ſine.„Welch ein entſetzlicher alter Tuͤrke.“ „Was wuͤrden Sie erſt ſagen, wenn Sie ſo wie ich die Geſchichte der fruͤheren Lady Spinkes wuͤßten,“ verſetzte Cripps.„Es waren Schauſpielerinnen, Saͤnge⸗ rinnen, Operntänzerinnen, Schneiderinnen, Corſettmache⸗ rinnen, Handſchuhmacherinnen, Seidenſchuhmacherinnen, Stickerinnen, und Damen von manchen andern Beſchaͤf⸗ tigungen, die ich vergeſſen habe— aber Alle jung und Alle ſehr huͤbſch, ha! ha! Sie kamen ihm Alle auf ein⸗ mal am Tage nach ſeiner Trauung auf den Hals, und er brauchte ein halbes Dutzend Polizeidiener, um ſie aus dem Hauſe zu bringen.“ „Und wenn ſie ihm ſeine haͤßlichen alten Augen aus⸗ geriſſen hätten, ſo hätten ſie ihm recht gethan!“ rief die ſchoͤne Thomaſine.„Zwoͤlf Frauen! Es iſt ja ſo ſchlimm wie ein Serail!“ Biſt Du nun zufrieden, daß Du keine von ihnen biſt, mein Engel?“ fragte der kleine Barbier. „Ja, das bin ich,“ erwiederte ſie;„doch ich bleibe noch immer bei meinem Entſchluß, Dich nicht eher zu „— —.——— —K———————— —— heirathen, als bis Hilda Scarve mit Randulph verbunden wird. Guten Morgen, Herr Cripps.“ Der ehemalige Kammerdiener machte ihr eine ſehr zierliche Verbeugung und fuͤhrte ſie zur Thuͤr. „Wahrhaftig! Sie ſollen mir danken, Pokerich,“ ſagte er lachend;„die zwoͤlf Frauen haben Wirkung ge⸗ macht, und ihr den alten Ritter aus dem Sinne ge⸗ ſchlagen, he?“ „Sie haben Ihre Sache vortrefflich gemacht,“ ver⸗ ſetzte Peter;„und nun, was kann ich Ihnen dafuͤr thun?“ „Sehr viel,“ verſetzte Cripps.„Fur's Erſte koͤn⸗ nen Sie mir meine Peruͤcke friſiten, die, wie Sie ſehen, ſehr in Unordnung iſt; fuͤr's Zweite koͤnnen Sie mich parfuͤmiren, und fuͤr's Dritte können Sie mir fuͤnf Guineen borgen, denn ich habe keinen Heller in der Taſche.“ „Was das Friſiren betrifft, ſo will ich das mit Ver⸗ gnuͤgen thun,“ verſitzte der Baibier;„auch will ich Sie obendrein noch parfuͤmiren. Aber ich habe keine fuͤnf Pfund uͤbrig— nein, das habe ich nicht, auf Pa⸗ role!“ „Nun ſtehlen Sie mir nicht meine Betheuerungen,“ rief Cripps;„es iſt das Einzige, was mir von meinem fruͤheren Ich ubrig geblieben iſt. Der Teufel weiß, was aus mir werden wird! Mein Herr will mir kein Zeug⸗ niß ausſtellen. Ich habe die zwanzig Guineen, die mein — 224— Onkel mir geborgt, beim Spiel verloren, und kann mir nicht einmal eine Piſtole und einen Gaul borgen, um auf der Landſtraße Jemandem die Boͤrſe abzunehmen.“ In dieſem Augenblick trat eine andere Perſon in den Laden, und Cripps ging auf die Seite, während der Barbier ſeinem Kunden einen Stuhl anbot und in das Hinterzimmer ging, um eine Lockenperuͤcke herbeizuholen. Als Cripps den Neuangekommenen genauer betrachtete, erkannte er in ihm den Jeſuitenprieſter Pater Verſelyn, und es fiel ihm ſogleich ein, daß er dieſe Entdeckung be⸗ nutzen koͤnne. Er ging daher raſch auf ihn zu, und ſagte in leiſem Tone: „Es iſt mir lieb, Sie zu ſehen, Pater Verſelyn— bitte, behalten Sie Platz, mein Herr. Wie geht's mit der guten Sache, he?“ „Sie irren ſich in mir, Freund,“ verſetzte der Prie⸗ ſter unruhig. „Ich will Ihnen bald das Gegentheil beweiſen, Herr,“ verſetzte Cripps, einen andern Ton annehmend. „Wenn Sie mir nicht ſagen, wo jetzt der Club zuſam⸗ menkommt, ſo laſſe ich Sie gefangen nehmen.“ Der Prieſter zitterte heftig. „Antworten Sie mir ohne Umſtaͤnde,“ rief Cripps, „oder ich rufe den Barbier zu Huͤlfe.“ „In Chequers Inn, Millbank,“ verſetzte der Prie⸗ ſter. „ „Ich will eine beſſere Verſicherung haben als ihr Wort,“ entgegnete Cripps.„Wenn iſt die naͤchſte Ver⸗ ſammlung?“ „Heute noch,“ erwiederte der Prieſter. „Nun, ich will Ihnen woas ſagen, Vater,“ ſagte Cripps,„ich kann dreihundert Pfund fuͤr die Entdeckung des Complotts bekommen. Keine Gegenrede! Ein Je⸗ ſuit bedenkt ſich nie, ſeine Freunde zu verrathen, wenn es ſeinem Zweck enſpricht. Waͤhlen Sie zwiſchen einer guten Belohnung und dem Gefängniß. Aber hier kommt der Barbier. Willigen Sie ein?“ Der Jeſuit nickte. Nachdem Pater Verſelyn ſein Geſchaͤft mit dem Barbier abgemacht hatte, verließ er den Laden. Cripps gab Peter ein Zeichen, daß er ein Geſchäft vorhabe, folgte ihm augenblicklich und fand bald, daß der Prieſter nicht abgeneigt ſei, auf den Vorſchlag einzugehen, vor⸗ ausgeſetzt, daß derſelbe mit Sicherheit koͤnne ausgefuͤhrt werden. Indem ſie ihren Plan beſprachen, gingen ſie nach Millbank, und auf Verſelyn's Vorſchlag wurde es abge⸗ macht, daß der Wirth ven Chequers Inn, der kein an⸗ derer war als der fruͤhere Wirth in der Roſe und Kro⸗ ne, mit ins Geheimniß gezogen werden, und den dritten Theil der Belohnung haben ſolle. Die Tochter des Geizigen. HI. 15 Sechzehntes Kapitel. Gartenhaus in Chequers Inn.— Die alte Muͤhle.— Ran⸗ dulph hoͤrt das Complot mit an.— Der Jakobitenclub wird auseinander geſprengt, und Cordwell Firebras kommt zu Tode. As Randulph auf ſeinem Wege nach Millbank durch Little Sanctuary ging, ſtand er einen Augenblick vor der Wohnung des Geizigen ſtill. Ohne um das un⸗ gluckliche Ereigniß zu wiſſen, welches in der letzten Nacht dort geſchehen war, kam es ihm doch vor, als habe das Haus ein noch troſtloſeres Anſehen als gewoͤhnlich. Da er dies aber ſeinen eigenen finſtern Gedanken zuſchrieb, ſo achtete er wenig darauf und ging weiter. — Als er Millbank erreichte, entdeckte er bald Chequers Inn, trat ins Haus und erkannte ſeinen alten Bekannten den fruͤhern Wirth in der Roſe und Krone. Der Letztere erinnerte ſich ſeiner aber nicht, ſondern ſah ihn argwöh⸗ niſch an, bis Randulph ihm ſagte, Herr Cordwell Fire⸗ bras habe ihn dorthin beſtellt. „Still!“ rief der Wirth.„Er iſt hier nur un⸗ ter dem Namen Capitain Vizard bekannt. Mein rech⸗ ter Name iſt Tom Wiles, aber hier heiße ich Dick Chin⸗ nock. Ich glaube, ich habe Sie ſchon fruͤher geſehen, mein Herr.“ „Ich wurde in den Club eingefuͤhrt, als derſelbe in Ihrem Hauſe in Gardiner's Street zuſammenkam,“ ver⸗ ſetzte Randulph,„an denſelben Abend, wo die Mitglie⸗ der von der Wache verfoigt wurden.“ „Und eine ungluͤckliche Nacht war es,“ rief Chin⸗ nock.„Wir haben ſeitdem kein Gluͤck gehabt. Ich hoffe, Sie werden uns nicht wieder Ungluͤck bringen. Wie bald will der Capitain hier ſein?“ „Nicht vor Mitternacht, glaube ich,“ verſetzte Ran⸗ dulph.„Ich bin ſehr ermudet, und möchte auf einige Stunden zu Bette gehen. Ich wuͤnſche ſo ungeſtoͤrt zu ſein als moͤglich.“ „Ich will Ihnen ſogleich ein Zimmer anweiſen, mein Herr,“ verſetzte der Wirth,„und inzwiſchen folgen Sie mir gefaͤlligſt.“ 16 Hierauf ging er durch eine Hinterthuͤr und durch ei— nen kleinen Garten, an deſſen unterm Ende ein kleines viereckiges Gartenhaus ſtand mit einem ſpitzigen Ziegel⸗ dach und einer Wetterfahne drauf. Es lag dicht am Fluſſe und an der Seite befand ſich eine Platform, die mit einem Gelaͤnder umgeben war, und von welcher Stu⸗ fen zum Waſſer hinunterfuͤhrten. Zur Linken ſtand eine alte Muͤhle— ein hohes hoͤlzernes Gebäude. Zwiſchen dem Sommerhauſe und der Muͤhle floß ein kleiner Bach, der ein großes Waſſerrad in Bewegung ſetzte, welches mit dem letztern Gebaͤude in Verbindung ſtand. Hinter der Muͤhle, uͤber einer dichten Maſſe von Haͤuſern, konnte man die Thuͤrme der Weſtminſterabtei unterſcheiden. Als der Wirth Randulph in das Sommerhaus ge⸗ fuͤhrt hatte, verſprach er ihm ſagen zu laſſen, wenn das Bett bereit ſei, und verließ ihn. Das kleine Zimmer war mit einem kleinem gruͤn bemalten tannenen Tiſche und einigen Stuͤhlen verſehen. Die innere Ausſchmuͤckung war durch Feuchtigkeit und Vernachlaͤſſigung ſehr beſchä— digt. Die bunten Gemaͤlde an den Waͤnden und an der Decke beinahe erloſchen. Die Vergoldung war ſchwarz geworden und die Spiegel ſo truͤbe, daß kaum ein Gegen⸗ ſtand darin zu ſechen war. Als Randulph ſich fluchtig im Zimmer umgeſehen hatte, und ſich niederſetzen wollte, bemerkte er einen Ring im Fußboden, der mit einem klei⸗ nen Teppich bedeckt war, den er wegnahm und bemerkte, daß eine Fallthuͤr darunter war. Von Neugierde getrie⸗ ben, hob er die letztere vermoͤge des Ringes auf und ent⸗ ⸗ — W— deckte ein unteres Zimmer und eine Leiter, die an einem ſtarken Pfeiler ſtand, der die Decke ſtuͤtzte. Es ſchien nichts darin zu ſein, und mit der Enideckung zufrieden, machte Randulph die Fallthuͤr wieder zu und legte den Teppich daruͤber. Er zog ſeinen Stuhl zu dem kleinen Fenſter zur Lin⸗ ken, oͤffnete es und betrachtete die alte Muͤhle. Ein klei⸗ nes Fahrzeug lag vor derſelben, welches Kornſaͤcke und Stroh enthielt, und einige Leute waren beſchaͤftigt, daſ— ſelbe auszuladen. Während Randulph ihr Thun beobach— tete, konnte er nicht umhin, zu argwoͤhnen, obgleich er nicht wußte warum, daß etwas Geheimes vorgehe. Die Saͤcke wurden in das obere Stockwerk der Muͤhle hin⸗ aufgewunden, und da einer von denſelben zufaͤllig herun⸗ terfiel, zeigte ſich, daß er etwas Anderes enthielt, als darin zu ſein ſchien. Auch die Strohbuͤndel hatten eine ganz eigene Geſtalt, und Randulph uͤberzeugte ſich, daß Flinten und andere Waffen darin verborgen waren. Wenn er nicht uͤberzeugt geweſen waͤre, daß dieſes Treiben mit der Sache der Jakobiten in Verbindung ſtehe, ſo wuͤrde ihn ein Umſtand, der gleich darauf ge⸗ ſchah, voͤllig davon uͤberzeugt haben. Einer von den Leu⸗ ten in dem kleinen Fahrzeug bemerkte ihn am Fenſter des Sommerhauſes und gab ihm verſchiedene Zeichen, die er aber mit den Gegenſtänden, die ſie ausluden, und mit dem Zweck derſelben in Verbindung ſetzte. Bald darauf kam Chinnock, entſchuldigte ſich wegen ſeines Ausbleibens und ſagte: — 230— „Das einzige Zimmer mit Bett, welches ich habe, iſt von einem Kranken bewohnt, aber ich habe Ihnen in einem huͤbſchen kleinen Zimmer, wo Sie nicht geſtoͤrt werden ſollen, ein Bett auf einem Sopha machen laſ— ſen.“ Randulph folgte dem Wirth ins Haus und wurde durch ein größeres Zimmer in ein Gemach geführt, wo ein Bett auf einem Sopha bereitet war. Er warf ſich darauf ohne ſich auszukleiden, und ſank ſogleich in Schlaf. Wie lange er in dieſem Zuſtande blieb, wußte er nicht, aber er wurde durch den Ton leiſer Stimme im nächſten Zimmer erweckt, und wurde ein unfreiwilliger Zuhoͤrer ihrer Unterredung. „Sie werden Alle um Mitternacht hier ſein,“ ſagte eine Stimme,„und da koͤnnen Sie ſie Alle ohne Schwie⸗ rigkeit gefangen nehmen.“ „Wenn es uns gelingt, Herr,“ verſetzte ein Ande⸗ rer,„ſo iſt Ihre Belohnung gewiß, obgleich Sie ein Jeſuitenprieſter ſind. Ich werde eine ſtarke Abtheilung von meinen Leuten mitbringen.“ „Und ich werde Sorge tragen, ſie einzulaſſen,“ ſagte ein Dritter, den Randulph ſeiner Stimme nach fuͤr den Wirth erkannte,„vorausgeſetzt, daß Sie mir den dritten Theil der Belohnung verſprechen und ſich verbindlich ma⸗ chen, daß ich nicht in die Sache verwickelt werde.“ „Ich gebe Ihnen mein Wort als Officier eines kö⸗ niglichen Garderegiments, daß es ſo ſein ſoll,“ verſetzte —— — 231— der Vorige,„und das iſt beſſer als das ſchriftliche Ver⸗ ſprechen irgend eines Jeſuiten.“ „Die Belohnung beträgt dreihundert Pfund,“ ſagte eine laute Stimme.„Das heißt, hundert fuͤr Herrn Chinnock, hundert fuͤr Pater Verſelyn und hundert fuͤr mich. Iſt es ſo zu verſtehen?“ „Ganz richtig, Herr Cripps,“ entgegnete der Offi⸗ cier—„vorausgeſetzt, daß ich ſie in meine Gewalt be⸗ komme.“ „Ja, natuͤrlich,“ ſagte der Wirth;„aber es kann Ihnen nicht fehlen, wenn Sie meiner Anweiſung folgen. Ich will ſie in Ihre Haͤnde liefern.“ „Koͤnnen Sie nicht etwas vorauszahlen, Herr Ca⸗ pitain?“ fragte Cripps. „Keine Krone,“ verſetzte der Officier.„Ich habe Ihnen ſchon mein Wort gegeben, daß Sie die Beloh⸗ nung erhalten ſollen, und das muß Ihnen genuͤgen. Mehr kann ein Verraͤther nicht erwarten,“ ſetzte er mit veraͤchtlichem Lachen hinzu. „Sie werden aber Sorge tragen, daß mir nichts zu Leide geſchieht?“ ſagte der Jeſuit. „Ich will mein Moͤglichſtes thun,“ verſetzte der Of⸗ ficier;„aber Sie muͤſſen ſich vorſehen. Und nun wollen wir unſern Plan verabreden. Sobald es dunkel wird, will ich ein halbes Dutzend von meinen Grenadieren un⸗ —— ter der Anfuͤhrung des Tom Pratt(des langen Tom, wie ihn die Leute nennen), in das Gartenhaus am Fluſſe ſchicken. Sie ſollen ihnen den Ruͤckzug abſchneiden, wenn ſie verſuchen ſollten, nach der Seite hin zu entfliehen.“ „Der lange Tom und ſeine Leute muͤſſen ſich in dem untern Zimmer des Gartenhauſes verbergen, bis Capitain Vizard— ich meine Cordwell Firebras— ſeine Nach⸗ ſuchung angeſtellt hat,“ ſagte Chinnock.„Er wird gewiß zuerſt hier ſein, und wenn er zu fruͤh gefangen wuͤrde, ſo moͤchten Sie die Andern nicht bekommen.“ „Ich muß die ganze Bande haben,“ ſagte der Offi⸗ cier,„ſonſt bekommen Sie die Belohnung nicht.“ „Es ſchlaͤft ein junger Mann in jenem Zimmer, den der Capitain geſchickt hat,“ ſagte der Wirth;„ich bin aber nicht ganz gewiß, ob er ein Jakobit iſt. Was ſoll ich mit ihm thun?“ „Halten Sie ihn zuruͤck,“ verſetzte der Officier. „Ich mache Sie fuͤr ſeine ſichere Bewachung verant⸗ wortlich.“ „Aber es iſt ein ruͤſtiger und entſchloſſener Kerl,“ ſagte Chinnock,„und er koͤnnte dennoch durchgehen.“ „Ich will Ihnen ein paar von meinen Grenadieren hier laſſen,“ verſetzte der Officier.„Sie ſollen als Gäaͤſte im Schenkzimmer bleiben. Rufen Sie ſie zu Huͤlfe, wenn Sie Beiſtand beduͤrfen.“ Nach einiger weiteren Unterredung, die Randulph nicht verſtehen konnte, trennten ſie ſich, und er begann uͤber die neue Lage der Dinge nachzudenken. Er ſah ſich jetzt in eine neue Schwierigkeit verwickelt und wußte nicht, wie er derſelben entgehen ſolle. Oogleich er gern Cordwell Firebras und die andern Jakobiten vor der Ge⸗ fahr gewarnt hätte, ſo ſah er doch ein, daß es faſt un⸗ moͤglich ſei. Jeder Verſuch zur Flucht aus dem Hauſe mußte nach den Vorkehrungen, welche die Andern ge⸗ troffen, es zu verhindern, mit großer Gefahr verbunden ſein, und er beſchloß endlich, der Sache ihren Lauf zu laſ⸗ ſen, und ſich bei ſeiner Handlungsweiſe durch die Um⸗ ſtaͤnde leiten zu laſſen. Entſchloſſen, ſich zu verſichern, ob er wirklich be⸗ obachtet werde, ging er hinaus, und auf das Sommer⸗ haus zu. Der Wirth war augenblicklich an ſeiner Sei⸗ te; auch bemerkte er Cripps in der Thuͤr, und hinter ihm die beiden Grenadiere. Ohne auf dieſe feindlichen Vor— bereitungen zu achten, ſprach er gleichgültig mit dem Wirth, kehrte mit ihm ins Haus zuruͤck und ließ ſich zu eſſen und zu trinken geben. Endlich kam der Abend, und als es dunkel wurde, ſah Randulph in den Garten hinunter und bemerkte die Grenadiere, welche ſich unter Anfuͤhrung des langen Tom nach dem Sommerhauſe ſchlichen. Er glaubte auch zu bemerken, wie ſich andere an der Seite des Baches auf⸗ ſtellten, der zwiſchen dem Garten des Wirthshauſes und der Muͤhle floß, und zweifelte nicht, daß die Hausthuͤr auf gleiche Weiſe bewacht ſei. So war den Jakobiten — 234— ein ſtarker Hinterhalt geſtellt, und er zitterte bei dem Ge⸗ danken, welches das Schickſal derjenigen ſein werde, fuͤr die er eine lebhafte Freundſchaft empfand, obgleich er von ihren politiſchen Anſichten abwich. So langſam bis dahin die Stunden vergangen wa⸗ ren, ſo erſchien ihm die Zeit bis zur Ankunft des Cord⸗ well Firebras doch noch laͤnger. Es wurde zwoͤlf— halb ein Uhr— und noch war keiner von dem Club da, und Randulph begann ſchon zu hoffen, daß ſie Nachricht von dem gegen ſie geſchmiedeten Complot erhalten hätten. Der Wirth ſchien denſelben Gedanken zu hegen, denn er wurde ſehr unruhig, kam alle Augenblicke in Randulph's Zimmer und fragte, ob er nicht wiſſe, warum Capitain Vizard noch nicht da ſei. „Ich fuͤrchte, es muß ihm und den andern Herrn etwas begegnet ſein,“ ſagte er.„Der Capitain iſt die Puͤnktlichkeit ſelber, und in der That ſind ſie es Alle. Es ſoll mich wundern, was geſchehen iſt.“ „Vielleicht ſind ſie verrathen worden,“ ſagte Ran⸗ dulph. „Ich hoffe nicht!“ rief der Wirth—„wenn das waͤre, verloͤre ich— meine beſten Freunde,“ ſetzte er raſch ſich verbeſſernd hinzu.“ „Erwarten Sie Sir Norfolk Salusbury heute Abend?“ fragte Randulph. „Ich that es, Herr,“ verſetzte der Wirth;„aber jetzt weiß ich nicht, was ich denken ſoll.“ — 235— „Und Sir Bulkeley Price und Pater Verſelyn?“ „Beide, Herr,“ war die Antwort. „Und noch Andere?“ fragte Randulph. „Noch mehrere Andere, glaube ich,“ entgegnete der Wirth.„Es wurde eine volle Verſammlung erwartet. Was kann ſie zuruͤckgehalten haben?— Aha! So wahr ich lebe, das iſt des Copitains Stimme, jetzt iſt Alles richtig.“ Mit dieſen Worten eilte er hinaus und kehrt ſogleich mit Cordwell Firebras zuruͤck. Der Letztere ſah ſehr er⸗ ſchoͤpft aus. „Geben Sie mir ein Glas Wein, Wirth,“ ſagte er—„ich bin ſehr matt. Ich habe ein ſchweres Werk vorgehabt.“ Der Wirth eilte ſogleich zur Schenke und holte eine Flaſche und ein großes Glas. Er fuͤllte das letztere und reichte es Firebras, der es auf einen Zug leerte. „Sie kommen diesmal ſpät, Copitain,“ ſagte der Wirth.„Ich hatte faſt ſchon die Hoffnung aufgegeben, Sie zu ſehen. Werden die uͤbrigen Herren auch kom⸗ men?“ „Ich erwarte es,“ entgegnete Firebras.„Ich glau⸗ te ſie ſchon hier zu finden. Haben Sie ſich im Garten und im Sommerhauſe umgeſehen?“ „Ja,“ entgegnete der Wirth. „Ich will ſelber hingehen,“ ſagte der Andere, indem er ein paar Piſtolen aus der Taſche zog.„Bleiben Sie . —— hier, Randulph,“ ſagte er zu dieſem, der im Begriff war, ihm zu folgen. Von dem Wirthe begleitet, der eine Laterne trug, ging Firebras durch den Garten, ſah ſich um, bemerkte aber nichts, und ging gerade auf das Gartenhaus zu. „Als ſie ſich demſelben naͤherten, eilte Chinnock vor⸗ aus, ſtellte ſich, als wolle er die Thuͤr oͤffnen, zog den Schluͤſſel aus und rief ſo laut, daß es von den Leuten konnte gehoͤrt werden: „Zum Henker! ſie iſt verſchloſſen— warten Sie eine Minute, Herr, ich will den Schluͤſſel holen.“ Ohne auf Antwort zu warten, eilte er ins Haus. Es vergingen einige Minuten, bis er zuruͤckkehrte. Dann entſchuldigte er ſich bei Firebras, der ungeduldig auf der Platform vor dem Gartenhauſe auf und abging und auf den Strom hinblickte, der an ihm voruͤberfloß. Nun wurde die Thuͤr aufgeſchloſſen. Das Gartenhaus war leer; die Grenadiere hatten den Wink benutzt, und waren in das untere Zimmer hin⸗ abgeſtiegen. Firebras warf einen Blick hinein und kehrte dann langſam ins Haus zuruͤck. Ehe der Wirth das Gartenhaus verließ, ſtampfte er auf den Boden, als Zei⸗ chen fuͤr die Grenadiere, daß ſie aus ihrem Verſteck her⸗ vorkommen moͤchten. Als Firebras das Haus erreichte, entließ er den Wirth, ging zu Randulph, legte ihm die Hand auf die Schultern und ſagte: — 237— „Ich habe wichtige Nachrichten fuͤr Sie.“ „und ich habe auch Nachrichten fuͤr Sie,“ verſetzte der Andere. „Hoͤren Sie die meinigen zuerſt,“ rief Firebras. „Was denken Sie, wenn ich Ihnen Ihre Beſitzung und Hilda's Hand anbiete, wenn Sie ſich der Partei der Ja⸗ kobiten anſchließen?“ „Es wuͤrde zwecklos ſein, ſich Ihnen jetzt anzuſchlie⸗ ßen,“ entgegnete Randulph. „Sie glauben, ich ſcherze mit Ihnen,“ rief Firebras, ein kleines Packet hervorziehend;„doch dies wird Ihnen das Gegentheil beweiſen. Hier iſt die Verſchreibung Ih⸗ rer Beſitzung an Iſaacs. Das Document gehoͤrt Ihnen, wenn Sie ſich uns anſchließen.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen,“ rief Randulph, das Document anſehend;„das iſt offenbar die Akte, welche ich ausſtellte.“ „Gewiß iſt ſie es,“ entgegnete Firebras.„Ich kann Ihnen jetzt nicht ſagen, wie ich dazu kam,“ ſetzte er hinzu, indem er das Packet wieder in die Taſche ſteckte; „aber ich habe noch andere Nachrichten fuͤr Sie. Herr Scarve iſt todt!“ Randulph ſtieß einen Ausruf des Erſtaunens aus. „Er ſtarb in der letzten Nacht,“ fuhr Firebras fort, „und hinterließ Philipp Frewin ſein Vermoͤgen, im Fall, daß Hilda ſich weigern ſollte, ihn zu heirathen.“ — 238— „Aber Philipp wird nicht leben, um auf die Erfuͤl⸗ lung der Bedingung Anſpruch zu machen,“ rief Ran⸗ dulph. „Philipp iſt auch todt,“ verſetzte Firebras, und laͤ⸗ chelnd uͤber Randulph's Erſtaunen fuͤgte er hinzu:„nun, ſehen Sie, iſt Alles in Ihrer Gewalt. Das Schickſal hat Ihnen die Dame Ihrer Liebe gegeben, ich biete Ih⸗ nen Ihr Vermoͤgen an. Koͤnnen Sie ſich weigern, ſich uns anzuſchließen?“ „Herr Firebras,“ ſagte Randulph ſich faſſend, „dies iſt keine Zeit, mir eine ſolche Frage vorzule⸗ gen.“ „Verzeihen Sie mir,“ rief Firebras ſtrenge,„ich muß jetzt eine Antwort haben— in dieſem Augenblick— oder Sie verlieren Ihre Beſitzung und Hilda auf immer. Sie werden nicht glauben, daß ich ohne Macht drohe. Ich kann und will meine Worte wahr machen.“ „Sie mißverſtehen mich gaͤnzlich,“ entgegnete Ran⸗ dulph.„Ich wollte nur ſagen, daß es unnuͤtz ſei, einzu⸗ willigen. Sie ſind verrathen!“ „Verrathen!“ rief Firebras mit Donnerſtimme. „Wie? von wem? Aber dies iſt nur eine Behauptung, um mich von meinem Vorſatz abzubringen.“ Sie werden ſie nur zu wahr finden,“ entgegnete Randulph.„Das Haus iſt auf allen Seiten von Gre⸗ nadieren umgeben.“ —— „Ich habe eben das Sommerhaus beſucht,“ ſagte Firebras.„Es war Niemand darin.“ „Die Leute waren in dem untern Zimmer verſteckt,“ ſagte Randulph. „Das konnte ſein,“ rief Firebras mit einem furcht⸗ baren Fluch.„Aber ſie ſollen mich nicht ſo leicht gefan⸗ gen nehmen. Meine Piſtolen! Ha! Sie ſind fort! Der Wirth iſt alſo unſer Verräther!“ „Er iſt's,“ verſetzte Randulph.„Die einzige Moͤg⸗ lichkeit der Flucht beſteht darin, daß Sie ſich ſtellen, als wären Sie mit dem Verrath unbekannt. Sie koͤnnten ſich vielleicht retten— aber die Andern—“ „Ich will ſie nimmer verlaſſen,“ ſagte Firebras. „Es iſt ein Boot in der Naͤhe, denn ich befahl Jakob Poſt zu einem andern Zweck, am Gartenhauſe auf Sie zu warten und ich ſah ihn eben. Ha! da kommen unſre Freunde.“ Waͤhrend er ſprach, traten Sir Norfolk Salusbury, Sir Bulkeley Price, Pater Verſelyn, Travers und noch vier oder fuͤnf andere Herren ins Zimmer. „Verlaſſen Sie uns, Wirth,“ ſagte Firebras;„wir wollen Sie rufen, wenn wir Ihrer beduͤrfen.“ Und als der Befehl befolgt war, verriegelte er die Thuͤr. — 240— „Wir ſind verrathen, meine Herren,“ ſagte Fire⸗ bras mit leiſer Stimme;„das Haus iſt von Grenadie⸗ ren umgeben, und unſere Flucht durch den Fluß abge⸗ ſchnitten.“ Als er dieſe Worte ausſprach, wurde die Thuͤr von außen geruͤttelt, als man ſie aber verriegelt fand, be⸗ gann man ſie aufzubrechen. „In den Garten! In den Garten!“ rief Firebras. Und alle eilten zum Fenſter. Ehe aber alle hindurch konnten, ſtuͤrmte der Officier mit einigen Grenadieren durch die erbrochene Thuͤr und verſuchte ſie zu ergreifen. Firebras und die Andern, mit Ausnahme Randulph's, zogen ihre Degen, und im naͤchſten Augenblick fand ein Gefecht ſtatt. Doch da Alles dunkel war, wurde wenig Unheil angerichtet. Ungeachtet die Soldaten ſie daran zu verhindern ſuchten, kamen fuͤnf oder ſechs Jakobiten uͤber den Gra⸗ ben, erreichten die Muͤhle und verſteckten ſich darin. Ihnen folgte eine Abtheilung Grenadiere, die einige Schuͤſſe auf ſie richteten. Ob es zufaͤllig oder abſichtlich geſchah, iſt unbekannt; doch in wenigen Minuten ſtand die Muͤhle in Feuer. Die Flammen brachen aus den obern Fenſtern, warfen einen rothen Schein auf die un⸗ ten befindlichen Gruppen, und erleuchteten hell die Thuͤr⸗ me der Weſtminſterabtei. Dann wurden wiederholte, laute Exploſionen gehoͤrt, die jeden Augenblick die Muͤhle zu zertruͤmmern drohten, —— waͤhrend einige von den ungluͤcklichen Jakobiten aus dem Seitenfenſter auf das Waſſerrad ſprangen und herun⸗ ter zu klettern verſuchten. Zwei andere ſprangen mit Ge⸗ fahr den Hals zu brechen, aus dem Fenſter, welches auf den Fluß hinausging, und verſuchten das Fahrzeug zu erreichen. Die Fluͤchtlinge auf dem Waſſerrade wurden von den Grenadieren bedroht, die ein paar Planken uͤber den kleinen Bach gelegt hatten, und ſo im Stande wa⸗ ren, ſie zu erreichen. Durch die fruͤhere Dunkelheit beguͤnſtigt, denn jetzt war Alles ſo hell, wie am Tage, hatten ſich Firebras, Salusbury und die uͤbrigen Jakobiten bis zu dem Gar⸗ tenhauſe zuruͤckgezogen, und einigen war es ſogar gelun⸗ gen, bis auf die Plattform zu kommen. Hier fand ein verzweifelter Kampf ſtatt, wobei Sir Norfolk durch einen Bajonettſtich in die Seite verwundet wurde. Jetzt war das Feuer in der Muͤhle ausgebrochen, und bei dem Schein deſſelben erblickte man Jakob in ge⸗ ringer Entfernung in einem Boot. Ungeachtet der Dro⸗ hungen der Soldaten, die ihre Flinten auf ihn richte⸗ ten, und zu feuern drohten, wenn er naͤher komme, ruderte Jakob entſchloſſen auf das Gartenhaus zu. Er war jetzt dicht unter der Plattform und gab Randulph ein Zeichen, herunter zu ſteigen; doch der Letztere wollte Sir Norfolk nicht verlaſſen, den zwet Grenadiere ergrif⸗ fen hatten. Er ſturzte ſich auf dieſe und bei dem Kampf, Die Tochter des Geizigen. 1II. 16 — 242— der jetzt erfolgte, gab das Gelaͤnder nach, und Sir Bul⸗ keley Price, der Jeſuit und die Grenadiere ſturzten in den Fluß. Ehe die andern Soldaten ſich von ihrem Erſtaunen uͤber dieſen Vorfall erholen konnten, hatte Randulph Sir Norfolk in das Boot hinabgelaſſen und ſprang ihm nach. Jakob's Bemuͤhungen, fortzurudern, wurden durch Sir Bulkeley Price verhindert, der ſich an das Hinter⸗ theil des Boots anklammerte, und dringend bat, ihn mitzunehmen. Pater Verſelyn hielt ſich an den Stufen feſt, und kroch, um weiteres Unheil zu vermeiden, an dem Sommerhauſe fort und ſuchte in einer kleinen Schleu⸗ ße Zuflucht, in deren Schlamm er wahrſcheinlich um⸗ kam, denn es wurde nichts weiter von ihm gehoͤrt. Inzwiſchen focht Cordwell Firebras mit dem Offi⸗ cier, der ihn vergebens aufforderte, ſich zu ergeben, und erreichte die Plattform. Da Firebras ſah, daß es ihm unmoglich ſei, zu entfliehen, ſo rief er Randulph, den er unten bemerkte, zu, waͤhrend er ſich gegen den Offi⸗ cier vertheidigte, und hielt ihm das Packet hin. Der Letztere befahl Jakob, das Boot den Streitenden ſo nahe als moͤglich zu bringen. Waͤhrend Jakob dem Befehl gehorchte, ſtreckte ein gluͤcklicher Stoß von Frebras ſeinen Gegner auf der Plattform zu Boden, doch im naͤchſten Augenblick em⸗ pfing er ſelber eine Todeswunde von dem langen Tom, der, als der Officier gefallen war, vortrat und die Muskete auf ſeine Bruſt abdruͤckte. — 243— Mit einer letzten Anſtrengung ſtreckte Firebras ſeine Hand uͤber das Gelaͤnder, warf Randulph das Packet zu, und ſtuͤrzte ruͤcklings ins Waſſer. Als Randulph ſich des Packets bemaͤchtigt hatte, kam er Sir Bulkeley Price zu Huͤlfe, zog ihn in das Boot, und dann ruderte Jakob augenblicklich fort. Durch den Strom beguͤnſtigt, der ſehr raſch floß, kamen ſie bald hinter das Fahrzeug in der Naͤhe der Muͤhle, und waren ſo vor dem Musketenfeuer der Sol⸗ daten geſchuͤtzt. Inzwiſchen griff die Feuersbrunſt raſch um ſich und ehe das Boot mit den Fluͤchtlingen den halben Weg bis zur Weſtminſterbrucke erreicht hatte, hoͤrten ſie eine furcht⸗ bare Exploſion, und die brennenden Truͤmmer der alten Muͤhle wurden weit uͤber den Fluß geſchleudert. 16* — Siebzehntes Kapitel. Worin der Hochzeitstag beſtimmt wird. Gtwa drei Monate nach den im letzten Kapitel er⸗ zaͤhlten Ereigniſſen war im Hauſe zu Lambeth eine Ge⸗ ſellſchaft im Speiſezimmer verſammelt, die aus Abel, Truſſell, Miſtreß Crew und Hilda beſtand. Die Letztere war in tiefer Trauer und hatte einen Anflug von Schwer⸗ muth in ihrem Geſicht, der ihre Schoͤnheit noch ver⸗ mehrte, anſtatt ihr Abbruch zu thun. Sie ſaß neben Abel Beechcroft, der ſie mit vaͤterlicher Zaͤrtlichkeit be⸗ trachtete, und deſſen Zuͤge ihren ſtrengen Ausdruck ver— loren hatten, und nur Wohlwollen und Freundlichkeit — B= zeigten. Obgleich immer milde und gefaßt, ſah Miſtreß Crew heiterer aus, als vorher, und Truſſell, der ſel— ten in uͤbler Laune war, erſchien jetzt außerordentlich munter. Kurz, man ſah nie eine gluͤcklichere Geſellſchaft beiſammen. Auch ſchien Jukes, der ihnen aufwartete, nicht weniger zufrieden zu ſein. „Nun, meine liebe Nichte,“ ſagte Truſſell—„denn ich bin ſo frei, Sie ſo zu nennen, in Erwartung unſe⸗ rer beyorſtehenden Verwandtſchaft— heute wird Ran⸗ dulph gewiß zuruͤckkommen.“ „Meinen Sie noch dieſen Morgen?“ verſetzte ſie. „Nun, wahrſcheinlich erſt am Abend,“ ſagte Truſ⸗ ſell.„O Bruder!“ ſagte er dann zu Abel,„wie ver⸗ ſchieden iſt unſers Neffen gegenwaͤrtige Reiſe von Che⸗ ſhire von ſeiner letzten. Damals kam er mit ſehr wenig Geld in der Taſche und ſehr wenig Ausſicht, etwas zu erhalten— ſeiner Erbſchaft beraubt, und ohne die ge⸗ ringſte Ausſicht ſie wieder zu erlangen. Jetzt kommt er als reicher Mann, mit ſo gluͤcklichen Ausſichten, daß ein Koͤnig ihn beneiden koͤnnte.“ „Es iſt eine Geſchichte, wie man ſie in Buͤchern lieſt,“ ſagte Jukes ſich die Augen reibend. „Ich fuͤrchte, die beiden Monate, waͤhrend welcher Randulph abweſend war, muͤſſen Dir ſehr langſam ver— gangen ſein, Hilda,“ ſogte Abel.„Ich darf dies jetzt wohl ſagen, da er ſo bald wieder zuruͤck ſein wird.“ — 246— „Ich muͤßte die Unwahrheit ſagen, wenn ich be— haupten wollte, daß ich ſeine Abweſenheit nicht empfun⸗ den und ſeine Ruͤckkehr nicht gewuͤnſcht haͤtte,“ erwie⸗ derte ſie;„doch wuͤrde es eben ſo unwahr ſein, wenn ich nicht geſtehen wollte, daß ich waͤhrend dieſer Zeit gluͤcklicher geweſen bin, als je in meinem Leben. Wie koͤnnte es auch anders ſein, da mir ſo viel Aufmerkſam⸗ keit von Ihnen, von Ihrem Bruder und von Miſtreß Crew zu Theil geworden iſt?“ „Gewiß, es gibt nichts, was wir nicht thun wuͤr⸗ den, um Dich gluͤcklich zu machen,“ ſagte Miſtreß Crew. „Nichts!“ rief Jukes mit Nachdruck—„nichts, was wir nicht thun wuͤrden.“ „Verzeihen Sie, Herr Jukes,“ ſagte Hilda,„ich haͤtte Sie auch mit unter meinen guͤtigen Freunden nen⸗ nen ſollen.“ „Sie machen mich ſtolz, indem Sie dies ſagen,“ verſetzte Jukes.„Ich ſagte meinem Herrn ſchon lange, ehe es ſo weit gekommen war, daß mich nichts ſo gluck⸗ lich machen wuͤrde, als Sie mit Herrn Randulph ver— heirathet in dieſem Hauſe zu ſehen. Und ich ſagte ihm auch, wir wollten eins von den obern Zimmern zu einer Kinderſtube einrichten, und da ſolle er in einem Lehn⸗ ſtuhl ſitzen mit einem kleinen Randulph oder einem klei⸗ nen Abel auf dem Schooß, waͤhrend eine kleine Miß —— Hilda, oder eine Miß Sophie neben ihm ſpiele. Sagte ich Ihnen das nicht, Herr?“ „Ja, ja, das ſagteſt Du,“ erwiederte Abel haſtig. „Bringen Sie mir etwas Usquebah, Herr Jukes,“ ſagte Truſſell, der bei der Rede des Kellners vor Lachen beinahe erſtickte, waͤhrend Hilda erroͤthete und Miſtreß Crew ein wenig verlegen ausſah. Der Befehl wurde ſogleich befolgt, und Truſſell ſagte, indem er das Glas zu ſeinen Lippen erhob: „Moͤge ich leben, um die Erfuͤllung des Wunſches des Herrn Jukes zu ſehen!“ „Ich muß den Toaſt auch mit trinken,“ ſagte der Kellner, indem er ſich an den Seitentiſch zuruͤckzog. „Beilaͤufig geſagt, Hilda,“ fuhr Truſſell lachend fort,„ich habe Ihnen noch nicht mitgetheilt, was aus Ihrem unglͤcklichen Liebhaber Beau Villiers geworden iſt, der ſich nicht eher zufrieden geben wollte, als bis er ein halbes Dutzend Koͤrbe von Ihnen erhalten hatte. In ſeiner Hoffnung getaͤuſcht, Sie, oder vielmehr Ihr Vermoͤgen, zu erhalten, machte er Lady Spinke den Hof, und iſt mit ihr nach Paris entflohen.“ „Eine ſchoͤne Probe ſeiner Thorheit,“ ſagte Abel. „Aber das Beſte kommt noch,“ fuhr Truſſell fort. „Sir Singletons Trauung fand, wie Ihr wißt, in Fleet ſtatt, und da er die Geſetze nicht zu fuͤrchten hat, und auch eine Scheidung fuͤr unnoͤthig haͤlt, ſo iſt der alte Zierbengel jetzt im Begriff, wieder zu heirathen. Und diesmal iſt ſeine Wahl— auf wen glaubt Ihr wohl?— auf Lady Brabazon gefallen!“ „Es iſt mir lieb, daß jenes verhaßte Weibsbild auf irgend eine Weiſe verſorgt iſt,“ ſagte Miſtreß Crew. „Ich konnte ſie niemals leiden.“ „Nun, Herr Jukes,“ ſagte Truſſell, uͤber die Leb⸗ haftigkeit ſeiner Schweſter lachend;„ich habe noch nicht gehoͤrt, was aus Ihrem Neffen Cripps geworden iſt?“ „Ich bin ſo gluͤcklich, ſagen zu koͤnnen, daß er ſich ganz gebeſſert hat, mein Herr,“ verſetzte der Kellner. „Er war auf irgend eine Weiſe, ich weiß nicht wie, mit den Jakobiten in Verbindung gekommen, und erhielt zu gleicher Seit, als Herr Cordwell Firebras zu Tode kam, eine ſchwere Wunde, die ihn in Lebensgefahr brachte. Seitdem iſt er ein ganz anderer Menſch geworden, und trinkt, ſpielt und kleidet ſich nicht mehr wie ſonſt. Er iſt gegenwaͤrtig bei einer ſehr ſtillen Familie in Abingdon Street und thut, ſo viel ich weiß, ſeine Pflicht.“ „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ ſagte Abelz „und da dies der Fall iſt, will ich Sorge tragen, daß Du die zwanzig Guineen nicht verlieren ſollſt, die Du thoͤrigt genug warſt, ihm zu borgen.“ Jukes ſprach auf paſſende Weiſe ſeinen Dank aus. — 249— Das Fruͤhſtuͤck wurde abgetragen, aber die Geſell⸗ ſchaft blieb noch am Tiſche ſitzen, als ploͤtzlich die Thuͤr aufging und Randulph ins Zimmer ſtuͤrzte. Er war in ſeinem Reiſeanzug und ſah, obgleich etwas gebraͤunt, nach Hilda's Meinung ſchoͤner aus, als ſie ihn je ge⸗ ſehen— außer bei ſeinem erſten Beſuche in dem Hauſe ihres Vaters. Jakob Poſt, der ihn auf ſeiner Reiſe begleitet hatte, folgte ihm, und druͤckte Jukes herzlich die Hand. Hilda, die bei Randulph's Ankunft aufgeſtanden war, lag augenblicklich in ſeinen Armen. Abel traten Thraͤnen in die Augen, als er das Wiederſehn des jun⸗ gen Paars beobachtete; Miſtreß Crew ſah ſie mit zaͤrt⸗ lichem Entzuͤcken an; aber Truſſell, der nicht ſoviel In⸗ tereſſe an dem Wiederſehen von Liebenden fand, benutzte die Gelegenheit eine Priſe zu nehmen. „Nun, Randulph, Du ſiehſt ſehr wohl aus, das muß ich ſagen,“ bemerkte Truſſell, als ſein Neffe auch die Andern der Reihe nach begruͤßte.„Ich glaube, das Landleben iſt Dir gut bekommen.“ „Das ruhige Leben, welches er dort gefuͤhrt, Bru⸗ der, und das fruͤhe Aufſtehen iſt ihm gut bekommen,“ ſagte Abel. „Sie haben ganz recht, Onkel,“ verſetzte Ran⸗ dulph,„und ich habe mich nach dem Verſuch, den ich eben gemacht, vollkommen uͤberzeugt, daß ein ruhiges Leben mir weit mehr zuſagt, als ein munteres.“ — 250— „Es iſt mir lieb, dies von Dir zu hören!“ rief Abel. Truſſell machte keine Bemerkung, ſondern zuckte die Achſeln ein wenig, und nahm eine außergewöhnliche Priſe Schnupftabak. „Ich ſehe, Sie glauben es mir nicht, Onkel,“ ſagte Randulph lachend.„Aber ich verſichere Ihnen, es iſt der Fall. Und ich hege keinen Zweifel, ich werde Sie auch zu meiner Anſicht bekehren, wenn ich Sie mit nach Cheſhire bringe.“ „Wenn Du mich wirklich dorthin bringſt, ſo zwei⸗ fele ich nicht daran,“ verſetzte Truſſell etwas trocken. „Das Stadtleben ſagt mir vollkommen zu. Jeder hat ſeinen Geſchmack.“ „Und Deine Paͤchter waren gewiß ſehr froh, Dich zu ſehen, Randulph?“ ſagte ſeine Mutter, ſeine Hand ergreifend. „Das waren ſie in der That,“ entgegnete Ran⸗ dulph,„und ich erlebte nie eine groͤßere Freude, als da ſie in der alten Halle verſammelt waren, und ich ihnen ſagte, daß ich wieder ihr Gutsherr ſei. Die Decke er⸗ droͤhnte von ihrem Freudengeſchrei. Sie wuͤnſchen alle, bald ihre kuͤnftige Herrin zu ſehen,“ ſetzte er hinzu, in⸗ dem er Hilda zaͤrtlich anblickte. „Und ich ſehe nicht ein, warum man ihre Freude verſchieben ſollte,“ ſagte Abel.„Die Ruͤckſichten des — 251— Anſtandes, die fuͤr Andere gelten, ſind nicht auf Hilda anwendbar. Sie hat ihr Lehen unter ſo großer Auf⸗ dpferung und Unruhe hingebracht, daß man ſie ſo bald als moͤglich gluͤcklich machen muß.“ „Das Beſte was wir thun koͤnnen, iſt, wenn wir die jungen Leute allein laſſen, um den Tag zu beſtim⸗ men,“ ſagte Truſſell.„Mache, daß es ſo bald als moͤglich geſchieht, Randulph; und ungeachtet meiner eben erhobenen Einwuͤrfe werde ich mich gerne einen oder zwei Monate bei Dir in Crew Hall aufhalten, wenn Du mich einladeſt.“ „Das Haus wird ſtets fuͤr Sie offen ſtehen, lieber Onkel,“ ſagte Randulph.„Niemand wird willkomme⸗ ner ſein.“ Auf Truſſell's Vorſchlag entfernten ſich dann die Andern. Obgleich Randulph Hilda tauſend Dinge zu ſagen hatte, ſo konnte er ſich doch an nichts erinnern;z doch waren die Ausdruͤcke des Entzuͤckens und der Liebe, die er auszuſprechen vermochte, ſeiner Verlobten eben ſo angenehm, als ein anderes Geſpraͤch es nur haͤtte ſein koͤnnen. Auf dieſe Weiſe verging mehr als eine halbe Stun⸗ de ſo raſch und angenehm, daß die Liebenden erſt we⸗ nige Minuten bei einander geweſen zu ſein glaubten, als ſie durch ein beſcheidenes Klopfen an der Thuͤr unterbro⸗ chen wurden. „Herein!“ rief Randulph. „Bitte um Verzeihung,“ ſagte Jukes, bedaͤchtig eintretend;„aber Miß Thomaſine Deacle iſt draußen und wuͤnſcht mit Miß Scarve zu reden.“ „Mit mir?“ rief Hilda erſtaunt. „Ich ſagte ihr, Sie waͤren in wichtigem Geſpraͤch mit Herrn Randulph,“ verſetzte der Kellner;„doch ſie ſagte, ſie wuͤnſche in einer Sache mit Ihnen zu reden, die mit Ihrem Gluͤck in Verbindung ſtehe.“ „Sie iſt ein ſeltſames Weſen,“ ſagte Hilda laͤchelnd bei der Erinnerung an ihre fruͤhere Unterredung mit ihr. „Ich wette, ſie wird mir etwas von Peter Pokerich ſagen wollen.“ „Sehr wahrſcheinlich,“ ſagte der Kellner,„denn er iſt bei ihr.“ „Nun, ſo laſſen Sie ſie hereinkommen,“ verſetzte Hilda. Und im naͤchſten Augenblick wurden die ſchoͤne Tho⸗ maſine und der kleine Barbier ins Zimmer gefuͤhrt. „Ich hoffe, Sie werden meine Zudringlichkeit ent⸗ ſchuldigen, Miß Scarve,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine, die in der Stimmung war, die Rolle einer Heldin zu ſpielen—„doch ich habe eine Gunſt von Ihnen zu er— bitten. Es iſt Ihnen die Bewunderung bekannt, die ich — 253— ſtets fuͤr Sie gehegt— die Verehrung, die ich ſtets fuͤr Sie empfunden—“ „Ich bin Ihnen ſehr dankbar fuͤr Beides,“ fiel Hilda laͤchelnd ein—„aber die Gunſt?“ „Aber bei Alle dem fehlt mir der Muth— ich kann es nicht ausſprechen,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine, ſich in Verwirrung wegwendend. „Ich will Ihnen ſagen, was es iſt,“ fiel Peter ein;„ſie erklaͤrt, ſie will mich nicht anders haben, als wenn wir mit Ihnen und Herrn Randulph an demſelben Tage getraut werden.“ „An demſelben Tage und in derſelben Kirche,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine, deren Geſicht wie eine Roſe gluhte.„Die Gunſt, die ich mir von Ihnen erbitten wollte, beſteht darin, Ihre Einwilligung zu dieſer An— ordnung zu geben. Peter begegnete Herrn Randulph und Jakob dieſen Morgen auf der Weſtminſterbruͤcke, als ſie von Cheſhire zuruͤckkehrten, und wir glaubten keine Zeit verlieren zu duͤrfen, um Ihnen dieſe Bitte vorzu⸗ tragen.“ „Meine Einwilliguug war kaum noͤthig,“ ſagte Hilda;„doch ſovald der Tag beſtimmt iſt, ſollen Sie es erfahren.“ „Ich hoffe, es wird bald ſein,“ rief Peter;„ich bin des langen Aufſchubs muͤde.“ — 254— „Es wuͤrde ſich ſchlecht fuͤr mich ziemen, irgend eine Ungeduld zu zeigen,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine, die Augen niederſchlagend. „Ich nehme Antheil an ihrer Lage, Hilda,“ ſagte Randulph, ihre Hand ergreifend.„Koͤnnen wir ihnen nicht jetzt eine Antwort geben? Morgen iſt Donnerſtag. Laß es naͤchſten Montag ſein.“ „O ja, Montag auf jeden Fall!“ rief Peter in die Hoͤhe ſpringend und in die Haͤnde klatſchend. „Ich wage nicht, Miß Scarve um noch groͤßere Eile zu bitten,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine, noch im⸗ mer die Augen niederſchlagend;„doch—“ „Ihre Antwort!“ rief Peter, ſich vor Hilda auf die Kniee werfend. „Ja, Ihre Antwort!“ rief die ſchoͤne Thomaſine, neben Peter niederknieend. „Kannſt Du dieſen Bitten widerſtehen, Hilda?“ ſagte Randulph lächelnd. „Ich kann es in der That nicht,“ verſetzte ſie. „Es ſei, wie Du vorgeſchlagen haſt.“ „Unſere Trauung wird am Montag ſtattfinden,“ ſagte Randulph,„und zwar in der Kirche zu Lambeth.“ „Wie reizend!“ rief Peter aufſtehend und der ſchoͤ⸗ — 255— nen Thomaſine wieder aufhelfend.„Wir koͤnnen in einem Boot dorthin kommen— iſt das nicht koͤſtlich?“ „Ich werde dieſe Gefaͤlligkeit nimmer vergeſſen, Miß Scarve,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine, Hilda's Hand ergreifend und ſie an ihre Lippen druͤckend;„und moͤge der Tag, den Sie beſtimmt haben, uns Beiden Gluͤck bringen! Wir verdienen fuͤr den Kummer belohnt zu werden, den wir erfahren haben.“ Dann machte ſie Randulph eine tiefe Verbeugung und entfernte ſich mit Peter, der aus dem Zimmer huͤpfte, und ſich vor Freude kaum zu faſſen wußte. Achtzehntes Kapitel. Worin ein Ereigniß erzahlt wird, welches der Leſer wahr⸗ Kapitel errathen kann. ſcheinlich ſchon aus dem vorigen Indem wir die Zwiſchenzeit ſo ſchnell übergehen, wie die Liebenden ſie nur voruͤberfliegen zu ſehen wuͤn⸗ ſchen konnten, wollen wir ſogleich von dem erſehnten Tage reden. r an dieſem verhaͤngnißvol⸗ len Morgen trat Randulph, der jetzt bei Sir Bulkeley Price in Sanct James Square wohnte, in vollem Hochzeitsanzuge, der von den geſchickten Haͤnden De⸗ martins angefertigt war, in das Fruͤhſtuͤckzimmer. Er Ein wenig vor neun Uh fand Sir Bulkeley Price und Sir Norfolk Salusbury am Tiſche. Der Letztere war aus Wales, wohin er ſich begeben, um ſich von ſeiner Wunde zu erholen, an⸗ gekommen, um der Ceremonie beizuwohnen. Nachdem Randulph ihre Gluͤckwuͤnſche empfangen hatte, ſetzte er ſich mit ihnen nieder, konnte aber nur eine Taſſe Cho⸗ colade hinunterbringen, und mußte manche Scherze we⸗ gen ſeines geringen Appetits anhoͤren. Als das Fruͤh⸗ ſtuͤck voruͤber war, fuhr die Geſellſchaft zu der White⸗ halltreppe, wo eine Barke mit ſechs Ruderern in Bereit⸗ ſchaft lag, um ſie uͤber den Fluß zu fahren. Jakob Poſt kommandirte die Barke, und trug eine ſcharlachrothe Matroſenjacke und eine ſammetne Muͤtze von derſelben Farbe. Die ſechs Ruderer waren eben ſo angezogen, und nahmen ſich ſehr gut aus. — Der Morgen war hell und ſchoͤn, und Alles ſchien Randulph's Gluͤck zu theilen. Aus jedem Boot, an dem ſie voruͤberkamen, wurden ſie herzlich begruͤßt, da man ihren Zweck erkannte, und Jakob, der in ſehr guter Laune war, erwiederte luſtig ihre Gruͤße. Als ſie unter der Weſtminſterbruͤcke durchfuhren, und raſch auf Lambeth zuruderten, begegnete ihnen ein Boot, welches ein Brautpaar enthielt, und von Matroſen mit Bandſchleifen an Muͤtzen gerudert wurde. Es waren Rathbone und Miſtreß Nettleſhip, die einen Vergleich mit ihren Glaͤubigern geſchloſſen hatten, und zu dem Schluß gekommen waren, daß es das S ſei, ihre Die Tochter des Geizigen. III. urſpruͤngliche Uebereinkunft zu erfuͤllen. Da ſie gehoͤrt hatten, daß Randulph und Hilda in Lambeth getraut werden ſollten, ſo beſchloſſen ſie, gleich Peter Pokerich und der ſchoͤnen Thomaſine, ſich zu derſelben Zeit und in derſelben Kirche trauen zu laſſen. Man begruͤßte ſich gegenſeitig beim Voruͤberfahren. Bald darauf holten ſie ein großes Boot mit vier Ruderern ein, worin eine noch ſtattlichere Hochzeitsge⸗ ſellſchaft ſaß, die in Herrn und Miſtreß Deacle, der ſchoͤnen Thomaſine und Peter Pokerich beſtanden. Die braunen Locken, hellen Augen und bluͤhenden Wangen der Braut zogen die Bewunderung Sir Bulkeley's auf ſich, und er rief Peter zu, er koͤnne ſich als einen ſehr gluͤcklichen Mann betrachten, worauf der kleine Barbier erwiederte: Er ſei auch der glͤcklichſte Mann von der Welt— Herrn Crew ausgenommen. Die Ruderer riefen einander noch einmal freudig zu, und Randulph's Barke glitt uͤber das helle Waſſer fort zu der Treppe bei Lambeth, wo er und ſeine Begleiter ausſtiegen. Da Abel Beecheroft in der Nachbarſchaft ſehr be⸗ kannt und hoch geachtet war, ſo wurden große Vorbe⸗ reitungen gemacht, den Glanz bei der Hochzeit ſeines Neffen zu erhoͤhen. Ein Muſikchor war auf einem Schiffe in der Naͤhe der Treppe aufgeſtellt und das Schiff ſelber mit Flaggen und Wimpeln behaͤngt. Die Muſik ertoͤnte, die Glocken laͤuteten, und als Randulph —— ———, — 259— ans ufer ſprang, erhob die Menge, die ſich verſammelt hatte, um ihn landen zu ſehen, ein lautes Freudenge⸗ ſchrei, und die Frauenzimmer in der Verſammlung mach⸗ ten nicht wenig ſchmeichelhafte Bemerkungen uͤber ſein ſchoͤnes Ausſehen. Als Randulph zu der Wohnung ſei⸗ nes Onkels ging, bemerkte er mit Intereſſe einen Trupp hubſcher kleiner Maͤdchen mit Kraͤnzen auf den Koͤpfen, und Körben mit Blumen in den Haͤnden, die an dem Wege ſtanden, der zur Kirche fuͤhrte. Die Geſellſchaft wurde von Jukes eingelaſſen, deſ⸗ ſen ſtattliche Geſtalt ſich in einer weißen Weſte, einem braunen, zu dieſer Gelegenheit beſonders beſtellten Rock und einer wohlgepuderten Lockenperuͤcke ſehr gut ausnahm. Der wuͤrdige Kellner hieß Randulph herzlich willkommen, und wuͤnſchte ihm viele Jahre des Gluͤcks. Als er ihn und die Andern in das Wohnzimmer gefuͤhrt hatte, kehrte er zu Jakob zuruͤck, um ihm Hochzeitsgeſchenke fur ihn und die Matroſen zu geben, welche jener ſogleich vertheilte. Das Wiederſehen des jungen Brautpaares war freu⸗ dig. Abel ſah vollkommen gluͤcklich, aber gedankenvoll aus, und ebenſo Miſtreß Crew, deren Bewegung ſich von Zeit zu Zeit durch einen Seufzer Luft machte— durch keinen Seufzer ſchlimmer Ahnung, ſondern nur um das von der Freude uͤberwältigte Herz zu erleichtern. Truſſell war, wie gewoͤhnlich, in ſehr guter Laune. Er druckte Randulph herzlich die Hand, wuͤnſchte ihm alles — 260— moͤgliche Gluͤck, und begruͤßte dann vertraulich die wali⸗ ſiſchen Baronets. Außer Miſtreß Clinton war auch eine junge Dame gegenwaͤrtig, die Tochter einer alten Freundin von Miſtreß Crew, eine Miß Wilbraham, die Hilda's Brautjungfer war. Bald darauf wurde erklaͤrt, daß Alles in Bereitſchaft ſei, die Braut ruͤſtete ſich in Abel Beecheroft's Begleitung aufzubrechen, der, ehe ſie das Haus verließen, mit inbruͤnſtigem Tone Segen fuͤr ſie und ſeinen Neffen erflehte; und Beide fuͤhlten, daß der Segen eines ſo guten Mannes nicht vergebens ſei. Erfreut durch die guten Wuͤnſche und die laͤchelnden Geſichter der Gruppen, durch die ſie gingen, traten ſie in die Kirche. Peter Pokerich und die ſchoͤne Thoma⸗ ſine, nebſt Rathbone und Miſtreß Nettleſhip ſtanden bereits neben dem Altare. Das junge Paar trat naͤher und nahm den mittleren Platz ein, und die Kirche war augenblicklich von Zuſchauern voll. Ein ehrwuͤrdiger Geiſtlicher, ein alter und geſchaͤtz⸗ ter Freund Abel's, hielt eine vortreffliche Trauungsrede. Als die Ceremonie zu Ende war, ging die Verſammlung aus der Kirche und theilte ſich in zwei Reihen, ſo daß der Hochzeitszug hindurch konnte. Sobald man das gluͤckliche Paar Hand in Hand aus dem gothiſchen Por⸗ tal der alten Kirche hervortreten ſah, erhob die Menge ein lautes Freudengeſchrei, ein paar Kanonen wurden auf dem Schiffe abgefeuert, und die Kirchenglocken be⸗ gannen ein freudiges Gelaͤut. — 261— Es war ein erfreulicher Anblick, und manches Herz klopfte, und manches Auge wurde naß dabei. Der Zulauf war ſehr groß. Der ganze Platz vor der Kirche war voll und die Fenſter und Thuͤrme des alten erzbiſchoͤf⸗ lichen Palaſtes mit Menſchengeſichtern uͤberſaͤet. Die kleinen Blumenmaͤdchen traten jetzt vor und ſtreuten dem gluͤcklichen Paar ihre duftenden Gaben in den Weg, welches unter beſtaͤndigem Zuruf der Umſtehenden wei⸗ ter ging. Ein wenig hinter Randulph ging Truſſell, der, durch die allgemeine Begeiſterung aufgeregt, ſeinen Hut auf den Stock ſteckte, und der Menge damit zuwinkte. Ihm zunaͤchſt gingen Abel und Miß Wilbraham, und in dem Geſichte des Erſteren zeigte ſich ein ſo freudiges Laͤcheln, wie Jukes ſich nie erinnerte an ihm bemerkt zu haben. Hinter ihnen gingen Sir Norfolk Salusbury und Miſtreß Crew. Ihnen zunaͤchſt kamen Herr und Frau Pokerich, und die Letztere hielt es dem Anſtande angemeſſen, ihr huͤb⸗ ſches Geſicht von den gluͤhenden Blicken ihres verliebten kleinen Eheherrn abzuwenden. Zuletzt kamen Herr und Frau Rathbone, deren Erſcheinen die Zuſchauer nicht ſehr zu intereſſiren ſchien. Sir Bulkeley Price hatte ſich links von der Kirchenthuͤr aufgeſtellt, um den Hochzeits⸗ zug voruͤbergehen zu ſehen und das Herauskommen des Geiſtlichen abzuwarten. Als Randulph durch die Menge ging, trat Jakob Poſt vor, ſtreckte ihm ſeine rauhe, ehrliche Hand hin nnd ſagte mit einer Stimme, deren Aufrichtigkeit man nicht bezweifeln konnte: „Gott ſegne Sie, Herr, und Ihre liebenswuͤrdige Gattin, und mogen Sie viele Jahre ununterbrochenen Gluͤcks erleben!“ „Und nehmen Sie meinen Segen auch,“ ſagte Ju⸗ kes, ihm gleichfalls ſeine Hand hinſtreckend.„Die gu⸗ ten Wuͤnſche eines alten Mannes, und wenn er auch ein Diener iſt, koͤnnen nichts ſchaden.“ „Ich danke Euch Beiden!“ rief Randulph mit be⸗ wegter Stimme;„und meine Frau dankt auch.“ „Ja wohl,“ verſetzte ſie;„auch zweifele ich nicht an der Erfuͤllung Eurer Wuͤnſche.“ Und als ſie dieſe Worte ausſprach, erfuͤllte lautes und betaubendes Freudengeſchrei die Luft und wieder wurden die Kanonen abgefeuert. Auf dieſe Weiſe zogen ſie nach Hauſe, wohin ihnen die uͤbrige Geſellſchaft, und bald darauf der Geiſtliche und Sir Bulkeley folgten. Dann ſetzten ſich alle zu einer vortrefflichen Mahlzeit nieder. Auf den Wunſch ſeines gaſtfreien Herrn lud Jukes die andern Paare ein, ebenfalls Erfriſchungen in ſeinem — — — — 263— Hauſe einzunehmen, was ſie mit Freuden annahmen. Es wurde ihnen eine Mahlzeit in dem Gartenhauſe auf⸗ getragen, welches die Ausſicht auf den Fluß hatte, wo ſie ſehr heiter waren, und nicht vergaßen, auf das lange Leben und Gluͤck Randulph's und ſeiner jungen Gattin zu trinken. Der Honigmonat— ihr ganzes uͤbriges Leben war ein Honigmonat— wurde von dem gluͤcklichen Paar nach guter alter Sitte in Lambeth zugebracht. Dann begaben ſie ſich, von Truſſell und Mißſtreß Crew be⸗ gleitet, nach Cheſhire, wohin ihnen Abel folgte und den Winter uͤber bei ihnen blieb. In gehoͤriger Zeit wurden die Prophezeihungen des guten Jukes erfuͤllt, und Abel hatte nichts gegen die Liebkoſungen zweier kleinen Nichten und eines kleinen Neffen einzuwenden. Randulph's Oberwildhuͤter Jakob Poſt brachte ſeine uͤbrigen Tage im Dienſte ſeines neuen Herrn zu. Truſſell überlebte ſeinen Bruder Abel zwei bis drei Jahre, waͤhrend welcher Zeit er ſehr an der Gicht litt. Er verlor indeß nie ſeine gute Laune, außer wenn der junge Herr Randulph ihm zufaͤllig auf die Zehen trat, und dann ſtieß er einen derben Fluch aus, ſuchte ihn zu erſchrecken, und ſchlug mit ſeinem Stock nach ihm, wie aͤrgerliche alte Herren im Schauſpiel zu thun pflegten. 264 Randulph und Hilda lebten beinahe bis zu Anfang des gegenwaͤrtigen Jahrhunderts, und einer ihrer Nach⸗ kommen im dritten Gliede hat uns den Stoff zu der gegenwaͤrtigen Erzaͤhlung geliefert. Ende. Druck von C. Schumann in Schneeberg. 3