———— F deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur * Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und ceſebedingungen. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von e Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenmmen. 2. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ſ. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe l hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ſ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: ſe für cchentlih 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: N Pf 1 W f 2 R Pf. S. 4— 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ſ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ i orene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt B der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. ſ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— — Die Tochter des Geizigen. Gi Ro n von William Harriſon Ainsworth. A us dem Engliſche uͤberſ von Dr. Ernſt Suſemihl ) — 3 weiter Band. Leipzig, Verlag von Chr. E. K lmann 18 A3. Die Tochter des Geizige Zweiter Band. „ Die Tochter des Geizigen. II. 1 —— 6—*— 5————*———— Fortſetzung des erſten Buchs. Zehntes Kapitel. Cripps beunruhigende Nachricht.— Randulph's Einfuͤhrung in den Jakobitenclub.— Sir Norfolk Salusbury und Pater Verſelyn.— Der verraͤtheriſche Toaſt. Ai⸗ Cordwell Firebras Little Sanctuary verließ, wendete er ſeine Schritte nach Tothill Street. Er lachte bei ſich ſelber, wahrſcheinlich uͤber das, was eben ge⸗ ſchehen war, als er raſche Fußtritte hinter ſich vernahm, ſich umſah und Herrn Crackenthorpe Cripps erblickte. Das Ausſehen des Bedienten beunruhigte ihn ſo ſehr, daß er augenblicklich ſtillſtand und fragte, was es gebe. „O Himmel! ich bin ganz außer Athem!“ ſtöhnte Cripps, indem er die eine Hand affectirt in die Seite ſetzte, und mit der andern ein wohlriechendes Taſchen⸗ tuch vor die Naſe hielt. 5 „Reden Sie, Kerl, und laſſen Sie mich nicht lange * . in Ungewißheit!“ rief Firebras—„was iſt geſchehen, ſage ich?“ „Gefahr— Kerker— Tod auf dem Schaffot ſteht Ihnen bevor,“ verſetzte Cripps,„Sie haben ſich auf ſehr unbeſonnene Weiſe verrathen, Herr Firebras— ja das haben Sie, auf Parole!“ „Auf welche Weiſe?“ fragte der Andere unruhig. „Ihre Unterredung mit Herrn Randulph Crew dort in den Nebengaͤngen der Abtei iſt behorcht worden,“ verſetzte Cripps—„ja, Sie brauchen nicht ſo zu ſtutzen, Herr— der Barbier Peter Pokerich und ſeine Geliebte, die ſchoͤne Thomaſine Deacle, des Seidenhaͤndlers Toch— ter, haben Alles gehoͤrt. Der kleine Kerl machte eben den Plan, wie er die Entdeckung am beſten benutzen koͤnne, als ich gluͤcklicherweiſe gerade zu ihm kam, und durch große Geſchicklichkeit— obgleich ich es ſelber ſage — gelang es mir, ihm Staub in die Augen zu ſtreuen, wie er bei manchen von ſeinen Kunden gethan hat. Ha! ha! „Dies iſt widerwaͤrtig,“ ſagte Firebras nachden⸗ kend.„Glauben Sie, daß Pokerich ſich uns anſchließen wird?“ „Hm!“ rief Cripps, ſich in eine nachdenkende Stellung verſetzend,„das fordert Ueberlegung. Ich glaube, ich koͤnnte es einleiten. Aber ich muͤßte fuͤr den Dienſt bezahlt werden, Herr Firebras, wohl bezahlt, Herr.“ „Ohne Frage,“ entgegnete der Andere.„Zeigen Sie ſich nutzlich, und Sie ſollen mich niemals undank⸗ bar finden.“ — 2 „Dann iſt noch die ſchoͤne Thomaſine,“ fuhr Cripps fort.„Sie muß auch zum Schweigen gebracht werden. Doch ich will ihr den Hof machen. Aber auch dafuͤr muß ich bezahlt werden.“ „Die Dame wird Sie doch hinlaͤnglich belohnen,“ verſetzte Firebrach lachend. „Im Gegentheil, ich werde ſie in meinen Haͤnden haben,“ verſetzte Cripps.„Aber ich werde nicht mehr verlangen als mir zukommt, Herr— auf Parole! Er⸗ lauben Sie mir, Ihnen eine Priſe anzubieten. Ich will jetzt zu dem Barbier zuruͤckkehren, und wenn die Sache abgemacht iſt, koͤnnen Sie mich in der Roſe und Krone erwarten.“ Dann nahm er ſeinen Hut ab, machte eine tiefe Verbeugung und entfernte ſich. Beunruhigt durch die Nachricht ging Cordwell Fire⸗ bras in die Roſe und Krone. Er nickte dem Wirth freundlich zu, der ihm von der Schenke her entgegen⸗ trat, und ging in ein Hinterzimmer, wo Randulph ſaß. „Es thut mir ſehr leid, daß ich Sie ſo lange habe verlaſſen muͤſſen, mein lieber junger Freund,“ ſagte erz „aber ich bin von Herrn Scarve aufgehalten worden.“ „Haben Sie Hilda geſehen?“ fragte der junge Mann. „Nein,“ verſetzte Firebras.„Aber ich deutete ih⸗ rem Vater an, daß ich eine gute Partie fuͤr ſie wiſſe, und daß ich morgen mit ihm uͤber den Gegenſtand reden wolle.“ Die weitere Unterhaltung wurde durch den Wirth unterbrochen, der Sir Bulkeley Price einfuͤhrte. Der waliſiſche Baronet eilte vorwaͤrts und ſtreckte Firebras ſeine beiden Hände hin, ſtutzte aber und ſah ſehr er⸗ ſtaunt aus, als er Randulph erblickte. „Ich darf Ihnen nicht erſt meinen jungen Freund Herrn Randulph Crew vorſtellen, Sir Bulkeley,“ ſagte Firebras,„denn ich weiß, Sie ſind ſchon mit ihm be⸗ kannt.“ „Ich habe einen großen Theil des Morgens mit Herrn Crew zugebracht,“ ſagte Bulkeley ſich verbeu⸗ gend;„aber ich wußte nicht, daß er zu unſerer Partei gehoͤre. Es iſt mir außerordentlich lieb, dies zu fin⸗ den.“ Ehe Randulph noch antworten konnte, wurde die Thuͤr wieder geoͤffnet, und ein großer Mann, dem der Wirth als Sir Norfolk Salusbury ankuͤndigte, trat ins Zimmer. Randulph hatte noch nie eine ſo außerordent⸗ liche Geſtalt geſehen, als ſich ihm jetzt darſtellte. Sir Norfolk war uͤber ſechs Fuß hoch, von ſehr magerem aber dabei muskuloͤſem Koͤrperbau, mit großen und her⸗ vorragenden Geſichtszuͤgen. Er hielt ſich ſo außerordent⸗ lich grade, daß er in großer Gefahr zu ſein ſchien, ruͤck⸗ lings uͤberzufallen. Er trug einen zimmtfarbigen Rock von altmodiſchem Schnitt, eine ſcharlachne Weſte mit Gold beſetzt, ſchwarzſammetne Beinkleider und weißſei⸗ dene Struͤmpfe. Er hatte große Manſchetten von Spiz⸗ zen an den Handgelenken, und eine fliegende Spitzen⸗ krauſe vor der Bruſt. Seine wohlgepuderte Perruͤcke en⸗ dete mit einem langen und dicken Zopf, welcher, da er perpendikulaͤr herunterhing, zeigte, wie ſehr ſein Ruͤcken * †—— eingebogen war. Seine Geſichtszuͤge waren plump und unbeweglich, wie geſchnitztes Mahagoniholz. Er ſchien durchaus nicht im Stande, laͤcheln zu koͤnnen. Seine Augen waren grau und katzenartig und uͤber denſelben befanden ſich ſchwarze, buſchige Augenbrauen. Doch war es nicht ſo ſehr ſeine Kleidung, ſeine Geſichtszuge oder ſeine Geſtalt, welche Aufmerkſamkeit erregten. Es war ſein außerordentlich feierliches Benehmen. Kein ſpa⸗ niſcher Hidalgo bewegte ſich je mit groͤßerer Feierlichkeit und Wuͤrde. Seine Glieder krachten gleich roſtigen Haͤn⸗ gen, und es lag etwas in ſeinem ganzen Weſen und Benehmen, was Randulph unwiderſtehlich an Don Qui⸗ jote erinnerte. „Willkommen, Sir Norfolk,“ ſagte Cordwell Fi⸗ rebras, ſich ihm naͤhernd,„erlauben Sie mir, Ihnen meinen jungen Freund Herrn Randulph Crew vorzu⸗ ſtellen.“ „Es macht mich gluͤcklich, den Repraͤſentanten eines ſo alten Namens kennen zu lernen,“ entgegnete Sir Nor⸗ folk, ſich ſteif verbeugend.„Eum cognoscere gaudeo.*) Sir Bulkeley Price, ich gruͤße Sie. Ich hegte nicht die Erwartung, Sie hier zu treffen. Ich hielt mich in meinen Gedanken uͤberzeugt, daß Sie noch auf den Ge⸗ birgen umherſchweiften, und in der Provinz das Leben eines Eremiten fuͤhrten.“ „Ich bin geſtern angekommen, Sir Norfolk,“ ſagte Sir Bulkeley, ſich ihm naͤhernd und ihm die Hand druͤckend.„Wie lange ſind Sie ſchon in der Stadt?“ *) Es freut mich, ihn kennen zu lernen. „Mein Aufenthalt in der Metropolis hat noch nicht den Raum von ſieben Tagen uͤberſchritten,“ verſetzte Sir Norfolk. „Auf gut Engliſch, Sie ſind noch keine Woche hier,“ ſagte lachend Sir Bulkeleyn.„Aber ich bin eben ſo ſehr erſtaunt, Sie zu ſehen, als Sie es uͤber mich ſein koͤnnen.“ „Meine Ankunft war unverhofft und unangekuͤndigt, Sir Bulkeley,“ verſetzte Sir Norfolk.„Angelegenhei⸗ ten des Staats zogen mich hieher.“ Es wurde noch einmal die Thuͤr geoffnet, und der Wirth fuͤhrte noch zwei ernſthaft ausſehende Perſonen herein, die er als Pater Verſelyn und Herrn Travers anmeldete. Pater Verſelyn war ein großer hagerer Mann von mittlerem Alter mit dunkler Geſichtsfarbe, unheim⸗ lichem und treuloſem Ausdruck. Er war wie ein Laie gekleidet— auch waͤre es nicht ſicher geweſen, in Prie⸗ ſtertracht zu erſcheinen— trug einen unſcheinbaren Rock, eine volle ſchwarze Lockenperruͤcke ohne Puder und eine Brille auf der Naſe. Herr Travers war ein kurzer, ſtarkgebauter Mann mit breitem Geſicht und forſchendem, ſtrengem Blick. Auch er war ſehr einfach gekleidet, hatte aber dennoch das Anſehen eines Mannes von Stande. Es wurden hoͤfliche Begruͤßungen gewechſelt, und Ran⸗ dulph ergoͤtzte ſich insgeheim an der Feierlichkeit, womit Sir Norfolk ihre Gruͤße erwiederte. Auch er wurde den Fremden vorgeſtellt, konnte aber kaum den Abſcheu uͤber⸗ winden, den Pater Verſelyn ihm einfloͤßte. Dann ver⸗ theilte ſich die Geſellſchaft in kleine Gruppen, und es erfolgte eine leiſe Unterredung, woran Randulph keinen Antheil nahm. Etwa eine Viertelſtunde ſpaͤter trat der Wirth ins Zimmer, verbeugte ſich gegen die Geſellſchaft, und ſagte: „Ich glaube, Sie ſind alle verſammelt, meine Her⸗ ren. Das Zimmer oben iſt bereit, wenn Sie ſich dort⸗ hin begeben wollen.“ Als man dieſen Vorſchlag angenommen, oͤffnete der Wirth die Thuͤr, und es entſtand ein kleiner Streit zwi⸗ ſchen den beiden Baronets, wer den Vortritt haben ſolle. „Ich bitte, Sir Bulkeley,“ ſagte Sir Norfolk, „ich will die Stufen nach Ihnen erklimmen.“ Sir Bulkeley hielt es der Sitte angemeſſen, ſich uͤber einen Gegenſtand nutzloſer Ceremonie nicht zu ſtrei⸗ ten, und ging voran. Sir Norfolk ging ihm mit maje⸗ ſtaͤtiſchen Schritten nach, und die uͤbrige Geſelſchaft folgte. Der Wirth fuͤhrte ſie in ein großes Zimmer, das von einem Kronleuchter erhellt war, der von der Decke herabhing. In der Mitte ſtand ein runder Tiſch, der mit Flaſchen und Glaͤſern bedeckt war. Nachdem ſie ihre Huͤte an den Waͤnden aufgehaͤngt hatten, ſetzten ſie ſich an den Tiſch, und man trank ganz munter einige Glaͤſer. Ploͤtzlich wurde an die Thuͤr geklopft, der Wirth oͤffnete eine kleine Klappe, ſah hinaus und ſprach mit Jemand draußen. Dann uͤberbrachte er Cordwell in lei⸗ ſem Tone die erhaltene Nachricht, welcher ſogleich laut ſagte: „O ja, laſſen Sie ihn nur ſogleich ein. Meine Herren, ein neuer Bruder!“ Die Thuͤr wurde dann geoͤffnet und Randulph er⸗ — kannte in dem geputzten, ſelbſtgefaͤlligen Narren, welcher eingelaſſen wurde, den Bedienten Crackenthorpe Cripps. „Trinken Sie ein Glas Wein, Herr Cripps,“ ſagte Firebras, ein Glas fuͤllend und es dem Angekom⸗ menen reichend.„Es iſt Beau Villiers Kammerdiener,“ ſetzte er leiſe zu Sir Norfolk gewendet hinzu, der dem Fremden eine hoͤfliche aber formelle Verbeugung gemacht hatte. „Was!“ rief Sir Norfolk faſt ſchaudernd uͤber das Verſehen, das er ſich zu Schulden kommen laſſen;„ein dienender Mann in ſo koſtbarer und glaͤnzender Kleidung? Sein Herr, der Petronius Arbiter unſerer Tage, kann kaum ausgeſuchter und feiner im Geſchmack und Styl ſeiner Kleidungen ſein, womit er ſeine Perſonen heraus⸗ ſchmuͤckt.“ „Das iſt wahr,“ lachte Firebras.„Der einzige Unterſchied zwiſchen ihnen iſt, daß Beau Cripps im Mai den Rock trägt, den Beau Villiers im April getragen hat.“ „Mehercule!“ rief Norfolk.„Solche Verſchwen⸗ dung uͤberſteigt allen Glauben.“ „Wirth, es iſt Zeit!“ rief Pater Verſelyn, der den Vorſitz fuͤhrte. „Ich bin bereit, ehrwuͤrdiger Herr,“ verſetzte der Wirth. Und er ging ſogleich zu einer Schenke und brachte eine große chineſiſche Bowle zum Vorſchein, die dem Anſcheine nach mit Punſch gefuͤllt war, und ſtellte ſie mit großer Feierlichkeit in die Mitte des Tiſches. „Ei, es iſt ja Waſſer!“ rief Randulph, als er die klare Fluͤſſigkeit naͤher anſah. „Gewiß,“ ſagte Firebras;„und wir ſind im Be⸗ griff, des Koͤnigs Geſundheit uͤber dem Waſſer zu trinken. Und nun, meine Herren,“ fuhr er fort, indem er Randulphs Glas und ſein eigenes fuͤllte,„ich bitte, fuͤllen Sie Ihre Glaͤſer bis an den Rand.“ „Ich habe das Gefaͤß bis an den Gipfel gefuͤllt,“ ſagte Sir Norfolk aufſtehend und ſein Glas erhebend. „Auch ich,“ rief Sir Bulkeley, gleichfalls auf⸗ ſtehend. „Auch ich,“ ſagte der Wirth, der dem zuletzt er⸗ waͤhnten Baronet zunaͤchſt ſtand und die Ceremonie mit⸗ machen durfte. „Auch ich— auch ich,“ riefen Travers und der Kammerdiener. „Dann geben Sie das Wort, mein Sohn,“ ſagte Verſelyn zu Firebras. „Mit dem groͤßten Vergnuͤgen, Vater, entgegnete Cordwell. Und er hielt ſein Glas uͤber der Bowle, waͤh⸗ rend ſein Beiſpiel von allen Andern, mit Ausnahme Randulphs nachgeahmt wurde.„Wir trinken des Koͤ⸗ nigs Geſundheit uͤber dem Waſſer.— Warum thun Sie nicht wie wir?“ ſetzte er zu Randulph gewendet hinzu. „Ja, ſtrecken Sie ihren Arm aus uͤber die Schaa⸗ le!“ rief Sir Norfolk auf die Bowle deutend. „Sie muͤſſen den Toaſt trinken, es iſt die Regel des Clubs,“ ſetzte Sir Bulkeley hinzu. „Es iſt eine Regel, die ich nicht unterſchreiben kann,“ entgegnete Randulph. „Habe ich mich in Ihnen geirrt, junger Mann?“ ſagte Firebras ihn drohend anblickend. „Thun Sie, was Sie ſagen, oder Sie ſchneiden Ihnen die Kehle ab, auf Parole!“ fluͤſterte Cripps, ſeinen Kopf uͤber Firebras' Schulter ſtreckend. „Wollen Sie den Toaſt trinken oder nicht?“ fragte Firebras zornig. „Nein, ich will nicht!“ verſetzte Randulph mit Feſtigkeit.„Es iſt verraͤtheriſch, und ich verweigere es.“ Elftes Kapitel. Randulph's gefaͤhrliche Lage.— Seine Feſtigkeit.— Sir Norfolk Salusbury's Bedenklichkeit.— Der Jacobiten⸗ club wird von der Wache uͤberfallen.— Flucht und Verfolgung.— Cripps' Verraͤtherei.— Seine Betrach⸗ tungen. Mandulph's kuͤhne Erklaͤrung waͤre ihm beinahe theuer zu ſtehen gekommen. Von allen Seiten wurde gerufen:„Spion! Verraͤther! Hannoveraner! nieder mit ihm!“ Der Wirth eilte zur Thuͤr, ſtellte ſich mit dem Ruͤcken gegen dieſelbe, um zu verhindern, daß er auf dieſem Wege hinaus koͤnne, waͤhrend Sir Norfolk Salusbury ſein langes Schwert aus der Scheide zog, es um ſeinen Kopf pfeifen ließ, einen Stuhl, der zwi⸗ ſchen ihm und dem jungen Manne ſtand, aus dem Wege ſtieß und ihm in zornigem Tone befahl, ſich zu verthei⸗ dizen. Die Verwirrung wurde noch vermehrt durch die Ausrufungen des Herrn Cripps, ſo wie auch dadurch, — daß Sir Bulkeley Price, als er um den Tiſch herum⸗ eilen wollte, ſich in das Tiſchtuch verwickelte, es nach ſich zog, und alle Flaſchen und Glaͤſer auf den Boden warf, während die Fuͤße des andern Baronet mit dem Inhalte der zerbrochenen Bowle benetzt wurden. Die einzigen beiden Perſonen, welche bei dieſem Aufruhr un⸗ bewegt zu ſein ſchienen, waren der Urheber deſſelben und Cordwell Firebras. Der Letztere zeigte ſich nicht feindſelig, veraͤnderte auch ſeine Stellung nicht, ſondern hielt ſeine Blicke feſt auf Randulph gerichtet, als wollte er den Eindruck beobachten, der dadurch auf ihn hervor⸗ gebracht werde. Der junge Mann behauptete durchaus ſeine Feſtigkeit. Er zog ſich einige Schritte nach der Wand zuruͤck und ſtellte ſich zur Wehr. Der naͤchſte von ſeinen Gegnern war Sir Norfolk Salusbury; doch als er ſah, daß auch die Andern auf ihn eindrangen, wollte er den Angriff nicht beginnen. „Einzeln!— Einer zur Zeit, Herr Travers,“ rief er.„Ne Hercules contra duos. Es ſoll Niemand ſagen, ſo unwuͤrdig er auch der guten Behandlung ſein mag, daß er in Gegenwart eines Abkoͤmmlings Adam's von Salzburg gegen Mehrere gefochten habe. Treten Sie daher auf die Seite, Herr— und auch Sie, Pater Verſelyn— und uͤberlaſſen Sie ihn mir, oder ich muß das Recht des Kampfes, welches ich gewiſſermaßen da⸗ durch erlangt, daß ich es zuerſt in Anſpruch nehme, Ihnen uͤberlaſſen.“ „Der junge Mann mag ſchwoͤren, daß er ſchweigen will uͤber Alles, was er geſehen und gehoͤrt hat, ſonſt „ ** du——— — ſoll er dies Zimmer nicht lebendig verlaſſen, verſetzte Travers. „Trauen Sie ihm nicht— trauen Sie ihm nicht!“ rief Pater Veiſelyn.„Ein Eid wird ihn nicht binden. Fallen Sie uͤber ihn her und toͤdten ihn! das iſt das einzige Mittel, uns ſeines Schweigens zu verſichern. Ich will Sie von dieſer That losſprechen. Sie wird durch die drohende Gefahr gerechtfertigt.“ „Proh pudor l“ rief Sir Norfolk ſtrenge.„Das waͤre eine unziemliche und ſchmaͤhliche Toͤdtung; auch kann ich nicht dabei ſtehen und zuſehen.“ „Auch ich nicht,“ rief Sir Bulkeley; der ſich jetzt von dem Tiſchtuch frei gemacht hatte.„Ich mißbillige gaͤnzlich den Rath des Pater Verſelyn. Laßt uns hoͤren, was der junge Mann zu ſagen hat. Ich will ihn be⸗ fragen.“ „Keinesweges, Sir Bulkeley,“ verſetzte der Andere ernſt.„Ich gab Ihnen kuͤrzlich bei einer andern Gele⸗ genheit den Vortritt, jetzt kann ich es aber nicht. Ich mache Anſpruch auf dieſen jungen Mann— ihn zu be⸗ fragen, mit ihm zu fechten und vielleicht auch ihn zu erſchlagen.“ „Fechten Sie mit ihm wenn Sie wollen, Sir Nor⸗ folk, und erſchlagen Sie ihn wenn Sie wollen oder koͤn⸗ nen,“ verſetzte Sir Bulkeley zornig;„aber Sie ſollen mich nicht verhindern, mit ihm zu reden.“ „Sir Bulkeley Price,“ verſetzte Sir Norfolk, ſei⸗ nen Kranichshals in ſeiner vollen Laͤnge erhebend,„ich bitte Sie, nicht zwiſchen mich und Herrn Crew zu tre⸗ ten, ſonſt—“ „Nun, Sir Norfolk, und was dann?“ rief der Andere, indem ſein heißes waliſiſches Blut ihm in die Wangen ſtieg und ſie noch roͤther machte, als ſie vor⸗ her waren.„Was dann, Sir Norfolk?“ „Ich werde gezwungen ſein, Sie zu noͤthigen, mir Rechenſchaft abzulegen,“ verſetzte der Andere finſter. Cordwell Firebras hielt es jetzt fuͤr Zeit einzu⸗ ſchreiten. „Meine Herren,“ ſagte er, ſich ihnen naͤhernd, „wir haben genug Streitigkeiten zu ſchlichten, ohne noch unter uns ſelber zu zanken. Ich brachte Herrn Ran⸗ dulph Crew hieher und will fuͤr ſein Schweigen verant⸗ wortlich ſein.“ „Was ſagt der junge Mann?“ fragte Sir Norfelk. „Wenn er mir ſein Wort geben will zu ſchweigen, ſo will ich zufrieden ſein.“ „Ich auch,“ verſetzte Sir Bulkeley. „Ich danke Ihnen fuͤr Ihre gute Meinung, meine Herren,“ entgegnete Randulph.„Ich bin ohne es zu wollen ein Theilnehmer Ihrer Geheimniſſe geworden, und haͤtte vielleicht meine Anſichten fruͤher erklaͤren ſollen. Aber ich hoffte, die Verſammlung wuͤrde beendet wer⸗ den, ohne daß ein ſolches Geſtaͤndniß noͤthig ſei, in welchem Falle, obgleich ich Ihren Club gewiß nie wie⸗ der wuͤrde beſucht haben, das Vorhandenſein deſſelben in meiner Bruſi verſchloſſen geblieben waͤre— was auch jetzt der Fall ſein wird, wenn Sie mich ruhig ziehen laſſen. Ich konnte nicht umhin, meine Mißbilligung gegen den Toaſt auszuſprechen, den ich gleich jedem an⸗ — —— ———,———————— +—— —— dern Unterthan Koͤnig Georg des Zweiten fuͤr verräthe⸗ riſch halte.“ „Sie koͤnnen nicht der Unterthan eines unrechtmaͤßi⸗ gen Herrſchers ſein, junger Mann,“ ſagte Firebras. „Ihre Verpflichtung gegen Koͤnig Jakob den Dritten iſt nicht aufzuheben.“ „Zwingen Sie ihn, ſeinem rechtmaͤßigen Monarchen Treue zu geloben,“ fiel Pater Verſelyn ein. „Eher werde ich mein Leben aufopfern, als dies thun,“ rief Randulph entſchloſſen. Firebras ſah etwas aͤrgerlich aus und Sir Norfolk, der ſeinen Degen geſenkt hatte, erhob ihn wieder. „Es iſt vergebens, ihn durch Vernunftgruͤnde zu uͤberzeugen, mein Sohn,“ fluͤſterte Verſelyn.„Unſere Sicherheit haͤngt von ſeinem Untergange ab. Wenn er fortgeht, wird er uns verrathen und dadurch geſchieht der guten Sache ein unerſetzlicher Schade.“ „Ich habe ihm ſicheres Geleit verſprochen, Vater,“ verſetzte Firebras„und auf jeden Fall will ich mein Wort halten. Herr Randulph Crew, es ſteht Ihnen frei, ſich zu entfernen. Sie geben alle Hoffnung auf, die Toch⸗ ter des Geizigen zu beſitzen?“ ſetzte er in leiſem Tone hinzu. „Ich muß es, wenn ſie nur auf dieſe Weiſe zu kaufen iſt,“ verſetzte Randulph in demſelben Tone. „Nehmen Sie ſich Zeit zur Ueberlegung,“ verſetzte Firebras.„Ich werde Mittel finden, morgen mit Ih— nen zu reden. Wirth, begleiten Sie Herrn Crew bis zur Thuͤr.“ „Sie thun Unrecht, ihn binuszuhaſſen rief Ver⸗ Die Tochter des Beizigen. II. — ſelyn.„Sie werden dies blinde Vertrauen bereuen. Sir Norfolk, ich bitte Sie, legen Sie ſich ins Mittel— Sir Bulkeley, ich wende mich an Sie.“ Aber Beide wendeten ſich von ihm und ſteckten ihre Degen ein, während der Wirth den von Firebras er— haltenen Befehl befolgte. Sobald Randulph fort war, wendete ſich Firebras an die beiden Baronets und ſagte: „Ich hoffe, meine Herren, es herrſcht kein un⸗ freundliches Gefuͤhl mehr zwiſchen Ihnen— wenigſtens kein ſolches, was ſich nicht leicht verſoͤhnen ließe.“ „Ich werde nie mit meinem guten Freunde Sir Norfolk zanken, außer uͤber einen Ehrenpunkt,“ ver⸗ ſetzte Sir Bulkeley, der eben ſo leicht beſaͤnftigt als auf⸗ gebracht wurde. „Und ich werde niemals mit einem Manne zanken, der ein ſo ſchoͤnes Zugeſtaͤndniß macht, wie Sir Bulke⸗ ley Price,“ verſetzte Sir Norfolk mit graziöſer Ver⸗ beugung. „Dann iſt das Ungewitter voruͤber,“ ſagte Fire⸗ bras lachend.„Ich furchtete dies mehr als das andere.“ Dann fand eine lange Berathung unter den Mit⸗ gliedern des Clubs uͤber Randulph's Einfuͤhrung ſtatt, und Pater Verſelyn tadelte Firebras ſtrenge, daß er den jungen Mann zugelaſſen, ohne vorher ſeine politi⸗ ſchen Grundſaͤtze zu pruͤfen. „Ich bereue nicht, daß ich es gethan, Vater,“ entgegnete Firebras,„weil ich mich uͤberzeugt halte, daß kein Ungluͤck daraus erfolgen wird, und weil es ein Verſuch war, einen ſehr nuͤtzlichen Verbuͤndeten fuͤr unſere Sache zu gewinnen. Es iſt ein braver Burſche, wie ſeine Feſtigkeit waͤhrend dieſer Sache bewieſen hat, und es waͤre wohl der Muͤhe werth, ihn zu gewinnen. Auch verzweifele ich nicht, daß es mir gelingen wird.“ „Ich hoffe, wir haben ihn zum letzten Male ge⸗ ſehen,“ murmelte Verſelyn,„und ich bitte nicht zu ver⸗ geſſen, daß man ihn gegen meinen Rath fortgelaſſen.“ Cordwell Firebras warf dem Prieſter einen zornigen Blick zu, antwortete aber nicht, und nachdem der Wirth und Cripps das Tiſchtuch wieder aufgelegt, ging der Erſtere, um neue Flaſchen und Glaͤſer zu holen, wor⸗ auf die Geſellſchaft ſich wieder um den Tiſch verſammel— te, und ihre Plaͤne beſprach. Mitternacht kam und fand ſie noch in ihre Berathungen verſenkt, als ploͤtzlich an die Thuͤr geklopft wurde. Alle ſprangen ſogleich auf und blickten einander be— ſtuͤrzt an. „Wir ſind verrathen,“ ſagte Firebras leiſe. „Ja,“ verſetzte Pater Verſelyn,„und zwar durch den Spion, den Sie unter uns einfuͤhrten.“ „Das iſt nicht wahr!“ rief Firebras zornig.„Aber jetzt iſt keine Zeit zum Zank. Wir muͤſſen fuͤr unſere Sicherheit ſorgen. Wer iſt es Wirth?“ rief er dieſem zu, der in der erſten Beſturzung zur Thuͤr geeilt war, und die darin befindliche kleine Klappe oͤffnete. „O Gott! wir ſind alle verloren!“ verſetzte der Wirth, die Klappe wieder zumachend, und auf den Zehen zu ihnen zuruͤckkehrend, als ob er das Geraͤuſch ſeiner eignen Fußtritte fuͤrchte. „Wer iſt's? Was iſt's?“ fragte Firebras. —„ „Ein Dutzend Grenadiere, von einem Hauptmann und Lieutenant angefuͤhrt, kommen das Haus zu durch⸗ ſuchen,“ verſetzte der Wirth.„Sie kommen ſchon die Treppe herauf.“ „Zum Henker!“ rief Sir Bulkeley;„dies iſt aber widerwaͤrtig!“ „Es iſt nichts zu fuͤrchten,“ ſagte Firebras ruhig. „Wir haben noch Zeit genug zur Flucht.“ „Ja Sie koͤnnen fliehen, meine Herren, aber ich bin ruinirt,“ rief der Wirth.„Ich kann nie wieder in meine Wohnung zuruͤckkehren!“ „Pah! Es ſoll darum nicht ſchlimmer mit Ihnen ſtehen,“ verſetzte Firebras. „Aber was wird aus mir werden, wenn ſie mich gefangen nehmen,“ rief Cripps, einen Ausdruck der Verzweiflung annehmend.„Mir wird es gewiß am ſchlimmſten ergehen.“ „Still!“ rief Firebras gebieteriſch.„Hoͤren Sie ſie nicht? Sie ſind ſchon an der Thuͤr. Schnell, meine Herren, kein Augenblick iſt zu verlieren.“ Waͤhrend dies vorging, eilte Pater Verſelyn in den Hintergrund des Zimmers, ſtieg eine Leiter hinauf und kroch durch eine Oeffnung in der Decke. Der Wirth, Cripps und Travers ſtiegen dann hinauf. Ihnen folgte Sir Bulkeley und dann Sir Norfolk, deſſen Ruhe auch bei gegenwaͤrtiger Gelegenheit nicht zu ſtoͤren war, und Firebras machte den Beſchluß. „Zum Henker! Sir Norfolk,“ rief der Letztere, als der Baronet langſam vor ihm die Leiter erklimmte — bewegen Sie ſich etwas raſcher oder wir werden ge— 21 wiß gefangen genommen werden. Sie brechen ſchon die Thuͤr auf, hoͤren Sie ſie nicht?“ „Vollkommen,“ verſetzte Norfolk kalt, doch be⸗ ſchleunigte er deshalb ſeine Bewegungen nicht. Da Cordwell Firebras wußte, daß alle Vorſtellun⸗ gen vergebens waͤren, ſo wartete er ſo lange, bis Sir Norfolk ſeine lange Geſtalt durch die Oeffnung gebracht hatte, was er mit der groͤßten Ueberlegung that, und eilte dann ſelber die Leiter hinauf mit viel groͤßerer Ge⸗ wandtheit, als man ihm bei ſeinem ſchweren Koͤrper haͤtte zutrauen ſollen. Gerade als er die Leiter verließ, wurde die Thuͤr mit furchtbarem Krachen erbrochen und zwei Officiere von der Garde ſtuͤrzten mit bloßen Degen ins Zimmer, waͤhrend ihnen ein Dutzend Grenädiere folgte, die mit Musketen bewaffnet waren, woran ſich Bajonette befanden. Firebras war bemuͤht, ſobald er oben feſten Fuß gefaßt hatte, die Leiter nach ſich zu ziehen, und Sir Norfolk ſtand ihm darin bei; doch ihre Abſicht wurde durch den erſten Officier und einen großen Grenadier, der eine Hellebarde trug, vereitelt, welche beide auf die Leiter zuſprangen und ſie durch ihr vereintes Gewicht herunterzogen, und Alles was die oben befindlichen Perſonen thun konnten, war, die Fall⸗ thuͤr zu verſchließen, ehe ihre Feinde dieſelbe erreichten. Auf dem Boden befand ſich ein Fenſter, welches auf das Dach des Hauſes hinausging; doch die Vorderſten von den Fluͤchtlingen verſuchten es vergebens zu oͤffnen. Alles hatte auf einen ſolchen Fall bereit ſein ſollen, und Sir Bulkeley und Travers machten dem Wirth bittere Vorwuͤrfe wegen ſeiner Nachlaͤſſigkeit. Der arme Kerl behauptete, er habe alle moͤgliche Vorſicht angewendet, das Fenſter noch an dem Morgen unterſucht, und Alles richtig gefunden. Endlich wurde es erbrochen und alle außer Sir Norfolk und Firebras kamen hindurch. Sie wurden durch die Nothwendigkeit zuruͤckgehalten, die Fallthuͤr zuzumachen. Ungluͤcklicherweiſe war kein Riegel an der obern Seite, ſo daß ſie darauf ſtehen und ſie niederhalten mußten. Dieſer Plan wurde von dem Of⸗ ficier entdeckt, welcher zwei von ſeinen Leuten befahl, ihre Bajonette durch die Breter zu ſtechen, während der große Grenadier die Thuͤr mit ſeiner Hellebarde zu oͤff⸗ nen verſuchte. Dieſes Manoͤvre zwang Firebras und Salusbury, ihre Stellung ein wenig zu veraͤndern, um nicht von den Bajonetten verwundet zu werden, und in⸗ dem ſie dies thaten, kam die Spitze der Hellebarde durch die Thuͤr. Die Anſtrengungen der Garde wurden ver⸗ doppelt, und die Thuͤr gab ein wenig nach. „Verlieren Sie keinen Augenblick, Sir Norfolk! fliehen Sie!“ rief Firebras, welcher fuͤrchtete, daß die Langſamkeit des Baronets ihn an der Flucht verhindern moͤchte. Aber ſeinen Grundſaͤtzen treu, bewegte ſich Sir Norfolk um keinen Zoll. „Ich kann Sie nicht im Stiche laſſen,“ ſagte er. „Aber ich bin ſtaͤrker und ſchneller als Sie,“ ver⸗ ſetzte Firebras.„Mein Gewicht wird hinreichen, die Thuͤr niederzuhalten, bis Sie durchs Fenſter gekommen ſind, und dann kann ich auch entfliehen. Fliehen Sie doch!“ Aber Sir Norfolk blieb unbeweglich. „Ich werde der Letzte ſein, der dieſen Ort verlaͤßt,“ ſagte er im Tone unerſchuͤtterlicher Entſchloſſenheit. „Aber ich bitte Sie, bleiben Sie nicht bei mir. Die verdammten Soͤldlinge des hanndverſchen Uſurpators ſol⸗ len mich nicht lebendig fangen.“ „Ich muß den grillenhaften alten Narren ſeinem Schickſal uͤberlaſſen,“ murmelte Firebras, welcher ſah, daß der groͤßte Theil der Hellebardenſpitze bereits durch die Seite der Thuͤr gedrungen war.„Gott ſchuͤtze Sie, Sir Norfolk!“ rief er, auf das Fenſter zueilend. Der tapfere alte Baronet verſuchte die Hellebarden⸗ ſpitze vom Schaft abzuhauen— aber vergebens; und als er fand, daß der Feind im naͤchſten Augenblick her⸗ einkommen muͤſſe, und daß Firebras bereits durchs Fen⸗ ſter ſei, ſo wendete er ſich um und ſchritt majeſtätiſch auf das Fenſter zu. Er entfernte ſich ſo ploͤtzlich, daß der Grenadier mit der Hellebarde, welcher alle ſeine Kraft anwendete, da die Thuͤr ploͤtzlich nachgab, das Gleichgewicht verlor, und die Leiter hinuntertaumelte, was unter ſeinen Kameraden ſolche Verwirrung erregte, daß Sir Norfolk Zeit hatte, unbelaͤſtigt durchs Fenſter zu kommen. Es war eine ſchoͤne helle Mondnacht, und der Him⸗ mel nur mit leichten Wolken bedeckt. Zur Linken befan⸗ den ſich Reihen von hohen Daͤchern, die von Schorn⸗ ſteinen jeder Groͤße und Geſtalt unterbrochen wurden— Dachfenſter, Giebel, uͤberhängende Stockwerke, und andere maleriſche und phantaſtiſche Vorſpruͤnge. In der Entfernung von einer Viertelmeile wurde die Ausſicht von den Thuͤrmen und dem Dache der Weſtminſterabtei —— begraͤnzt. So angeſehen, ſtellte das Ganze ein ſehr ruhiges und ſchoͤnes Bild dar. Die Feuer in den Haͤu⸗ ſern waren faſt alle erloſchen, und wenig oder gar kein Rauch ſtieg aus den Schornſteinen auf, um den reinen Dunſtkreis zu truͤben. Grade uͤber dem ehrwuͤrdigen und majeſtaͤtiſchen Tempel ſtand der Vollmond, uͤber⸗ goß die Thuͤrme, die ſich zu einer ſolchen Stunde ſehr vortheilhaft darſtellten, mit ſilberhellem Licht, und ſtellte einige von den naͤheren Gebaͤuden und Vorſpruͤngen in tiefen Schatten, wodurch die Schoͤnheit der Scene noch vermehrt wurde. Zur Rechten erſtreckte ſich die Aus⸗ ſicht ebenfalls uͤber Giebel von Haͤuſern bis zu den Gaͤr⸗ ten und Feldern von Pimlico. Im Hintergrunde befand ſich der Sanct James Park mit ſeinen ſtattlichen Baum⸗ gaͤngen, ſeinem langen Kanal und dem Roſamunden⸗ teiche, der im Mondlicht ſchimmerte. Aber man kann ſich leicht denken, daß Firebras und ſein Begleiter weder zur Rechten noch zur Linken blickten, ſie dachten nur an die Gefahr, die ihnen drohte, und wurden durch Pater Verſelyn nur noch mehr entmuthigt, der in dem Augenblick uͤber das Dach kletterte, uͤber welches ſie auch wollten, und ſie benachrichtigte, daß man die Thuͤr nicht auf⸗ bringen koͤnne, durch die ſie haͤtten entfliehen wollen. „Alles ſcheint auf unſern Untergang vorbereitet zu ſein,“ rief Verſelyn im Uebermaaß des Schreckens. „Was wird aus uns werden?“ „acta est alea,“*) verſetzte Sir Norfolk mit Faſ⸗ ſung.„Wir muͤſſen fechten, Vater.“ *) Das Loos iſt geworfen. „Der Himmel und alle ſeine Heiligen ſchuͤtzen uns!“ rief der Prieſter ſich bekreuzend. „Faſſen Sie ſich, Vater,“ verſetzte Firebras fin⸗ ſter.„Sie ſollten gegen alle Gefahren gleichguͤltig ſein. — Ha!“ Der letzte Ausruf wurde durch ein Freudengeſchrei veranlaßt, welches zu erkennen gab, daß es ihren Freun⸗ den gelungen ſei, die Thuͤr zu offnen, und im nächſten Augenblick wurde es durch Sir Bulkeley Price beſtaͤtigt, der uͤber das Dach kletterte, um ſie bavon in Kenntniß zu ſetzen. Als ſie dies hoͤrten, zogen ſie ſich ſogleich zuruͤck, und ihre Flucht wurde durch den Officier und den großen Grenadier beſchleunigt, die in dem Augen⸗ blick aus dem Fenſter ſprangen. Selbſt Sir Norfolk war genoͤthigt, ein wenig raſcher zu ſein als gewoͤhnlich, und zwei oder drei maͤchtige Schritte brachten ihn auf den Gipfel des Daches. Cordwell Firebras waͤre nicht viel hinter ihm zuruͤckgeblieben, haͤtte nicht Pater Ver— ſelyn ſeine Rockſchoͤße ergriffen, um ſo hinaufzukommen, denn ohne Beiſtand war es ihm unmoͤglich. Jetzt hatte der Officier ſie beinahe erreicht und als ſeine Aufforde⸗ rung ſich zu ergeben, unbeachtet blieb, verſetzte er dem Prieſter mit ſeinem Degen einen Stich ins Bein, der ſogleich ſeine Schnelligkeit vermehrte. Einen lauten Schrei ausſtoßend, und ſeine Hand an den verwunde⸗ ten Theil haltend, um das Blut zu ſtillen, ſprang Va⸗ ter Verſelyn uͤber das Dach und eilte auf die Thuͤr zu, durch welche der Wirth und Travers bereits verſchwun⸗ den waren und durch welche Cripps in dem Augenblick eilte. Zwiſchen den beiden Daͤchern befand ſich eine kleine ebene Flaͤche, die ein fruͤherer Beſitzer benutzt hatte, um Waͤſche darauf zu trocknen, was aus den vier hohen Pfoſten hervorging, die ſich darauf befanden. Auf die⸗ ſer Flaͤche blieben Firebras und Sir Norfolk ſtehen, ent⸗ ſchloſſen, ihren Feinden den weiteren Fortſchritt ſtreitig zu machen. Der vorderſte Officier rief ihnen zu, ſich zu ergeben, und eilte mit dem Degen in der Hand vom Dache herunter. Doch dieſe Schnelligkoit brachte ihn in Firebras' Gewalt, denn ſein Fuß glitt aus und der Letz⸗ tere ſchlug ihm den Degen aus der Hand. Sir Nor— folk focht inzwiſchen mit gleichem Erfolge mit einem andern Feinde. Dies war der große Grenadier, der, als er herunterkam, mit ſeiner Hellebarde nach dem Ba⸗ ronet ſtieß. Der Letztere wich aber aus, ſtieß auch und verwundete ſeinen Gegner am Arm. In dieſem Augen⸗ blick wichen zwei Dachziegel unter den Fuͤßen des Gre⸗ nadiers und er ſank bis uͤber die Knie in das Dach hin⸗ ein. Jetzt kamen andere Feinde. Der zweite Officier, der eine Laterne in der einen Hand und einen Degen in der andern hielt, erſchien auf dem Dache, waͤhrend man die hohen Muͤtzen und Bajonette der uͤbrigen Gre⸗ nadiere uͤber demſelben erblickte. Obgleich Sir Norfolk, deſſen Blut aufgeregt war, gerne die Ankunft der an⸗ dern Gegner erwartet haͤtte, ſo gab er doch den Bitten ſeines Gefaͤhrten Firebras nach und folgte ihm durch die Thuͤr, welche augenblicklich hinter ihnen durch ein paar ſtarke Riegel geſichert wurde. Das Haus, in welchem die Jakobiten Zuflucht ge⸗ funden hatten, war ausdruͤcklich von ihnen zu einem aͤhnlichen Zweck gemiethet worden und gaͤnzlich unbe⸗ wohnt. Die Verbindung zwiſchen demſelben und der Roſe und Krone wird hoffentlich nach dieſer Beſchrei⸗ bung deutlich ſein. Daß ſo viele unvorhergeſehene Zu⸗ faͤlle bei dieſer Gelegenheit vorkommen mußten, brachte den armen Wirth faſt außer ſich; doch wenn er die Ma⸗ noͤvres des Herrn Cripps haͤtte beohachten koͤnnen, ſo wuͤrde er leicht die Urſache dieſes Aufſchubs errathen haben. Dieſer hatte naͤmlich gleich anfangs ein Feder⸗ meſſer in die Spalte des Fenſters geſteckt, ſo daß es nicht aufging, was beinahe die Gefangennahme der Fluͤchtlinge zur Folge gehabt haͤtte. Als dieſe Schwie⸗ rigkeit durch die kraͤftigen Anſtrengungen Sir Bulkeley's und Travers uͤberwunden worden, war Cripps der Er⸗ ſte, der durch das Fenſter kletterte. „Welchen Weg?“ rief er dem Wirthe zu, welcher ihm folgte. „ueber das Dach zu der gegenuͤber befindlichen Thuͤr,“ war die Antwort. Mit der Behendigkeit einer Katze kletterte der ge⸗ wandte Bediente uͤber das Dach, bemerkte ſogleich die Thuͤr und eilte darauf zu. Ein Schluͤſſel ſteckte im Schloß; er drehte ihn um, zog ihn heraus und warf ihn auf die Straße hinunter. Dann ſchuͤttelte er die Thuͤr heftig und rief dem Wirthe zu, der jetzt auch kam. „Schließen Sie auf— ſchließen Sie auf!“ rief der Wirth. „Ich kann nicht,“ rief Cripps; es iſt kein Schluſ⸗ ſel da. Auf Parole! Wir werden alle gefangen genom⸗ men werden.“ „Kein Schluͤſſel?““ rief der Wirth.„Unmoͤglich! Ich ſah ihn noch dieſen Morgen im Schloß. Er muß herausgefallen ſein. Sehen Sie ſich darnach um.“ Cripps that es zum Schein, und als der Wirth naͤher kam, ſtieß er einen Strom von Verwuͤnſchungen aus, als er ſeine Angabe beſtätigt fand. Pater Verſe⸗ lyn, wie ſchon erzaͤhlt, kroch Firebras nach, waͤhrend die Andern bemuͤht waren, die Thuͤr zu oͤffnen. Auch waͤhrte es nicht lange, bis ſie ihren Zweck erreichten. Der Wirth trat zuruͤck und ſtieß dann mit großer Hef— tigkeit an die Thuͤr. Das Schloß gab mit lautem Kra⸗ chen nach. Da der hinterliſtige Bediente ſeinen Zweck vereitelt ſah, haͤtte er gern einen neuen Plan verſucht, doch die Gegenwart des Cordwell Firebras, deſſen Verdacht er zu erregen fuͤrchtete, hielt ihn davon ab. In der That hatte er wenig Gelegenheit, weiter ſeine Kunſt zu zei⸗ gen. Firebras befahl den Andern, die Treppe hinunter⸗ zugehen, wartete nur ſo lange bis er die innere Thuͤr verſchloſſen hatte und folgte ihnen dann. Das Haus war, wie ſchon geſagt, voͤllig leer, und hinter demſel⸗ ben befand ſich ein Hof, von dem mehrere verwickelte Gaͤnge ausgingen, wie ſie in Petty France ſehr haͤufig ſind. Es waren noch nicht zwei Minuten vergangen, als die Fluͤchtlinge ſchon auf dieſen Hof gekommen wa— ren und raſch in den Gaͤngen forteilten. Obgleich ſie von einigen Nachbaren beobachtet wurden, die durch das Rufen der Soldaten aufmerkſam geworden waren und ſie fuͤr eine Raͤuberbande hielten, ſo entkamen ſie doch ohne weitere Belaͤſtigung. Dem Officier und ſeinen = 25— Begleitern gelang es die Thuͤr zu dem Boden zu erbre⸗ chen; aber ehe ſie die innere Thuͤr oͤffnen konnten, hatte die Geſellſchaft bereits das Haus verlaſſen. Von dem Wirthe gefuͤhrt, ſchritten der Prieſter und Travers durch ein Labyrinth von Gaͤngen, welche nach New Chapel fuͤhrten, welches Gebaͤude ſie umgingen, dann uͤber Stretton's Grund ſchritten und einen ſichern Zufluchts⸗ ort in einem kleinen Wirthshauſe in Duck Lane fanden, wo der Wirth bekannt war, und wo der ungluͤckliche Prieſter, der wegen des Blutverluſtes ſehr matt war, in den Stand geſetzt wurde, ſeine Wunde verbinden zu laſſen. Sir Bulkeley Price, Sir Norfolk und Firebras ſchlugen die entgegengeſetzte Richtung ein, und nachdem ſie durch mehrere enge Gaͤnge gekommen waren, erreich⸗ ten ſie James Street, wo ſie fanden, daß ſie nicht verfolgt wurden, und langſamer gingen. Dann traten ſie in den Park durch das Thor am untern Ende des Roſamundenteiches und gingen in Firebras' Wohnung. Ein leiſes Klopfen ans Fenſter verſchaffte ihnen ſogleich Eingang. Dann wurden die Fenſterladen geſchloſſen und Firebras warf ſich in einen Stuhl und beharrte einige Minuten in tiefem Schweigen, welches keiner von ſei⸗ nen Begleitern zu unterbrechen geneigt ſchien. „Nun, meine Herren,“ ſagte er endlich,„unſere Zuſammenkuͤnfte in der Roſe und Krone ſind zu Ende. Wir muͤſſen einen andern Ort dazu auffinden. Dies iſt ein fehr ungluͤcklicher Zufall.“ „Noch nie gab es ein Complot oder eine Verſchwoͤ⸗ rung, wobei kein unguͤnſtiges Ereigniß vorkam, Herr Firebras,“ verſetzte Sir Norfolk ruhig.„Ich bin u aus nicht erſtaunt daruͤber.“ „Meiner Meinung nach iſt Verrath im Spiel gewe⸗ ſen,“ ſagte Sir Bulkeley;„und ich vermuthe, der Wirth iſt der Urheber davon.“ „Mein Verdacht richtet ſich auf Herrn Villier's reich geſchmuͤckten Dienſtmann,“ entgegnete Sir Norfolk. „Ich geſtehe, ich hegte von Anbeginn an Abneigung gegen ihn.“ Firebras ſagte nichts, ſondern ſtand auf, oͤffnete einen Wandſchrank, nahm eine Flaſche mit rosa solis und Glaͤſer heraus und ſetzte ſie ſeinen Gaſten vor. Sir Bulkeley trank raſch ein paar Glaͤſer; doch Sir Norfolk, der ein Muſter der Mäßigkeit ſo wie der Gewiſſenhaf⸗ tigkeit war, weigerte ſich zu trinken. Dann ließen ſie ſich in eine Verhandlung ein, und es war ſchon heller Tag, als ſie ſich trennten. Sir Bulkeley nahm ſeinen Weg durch den Park zu ſeiner Wohnung am Sanct James Saquare, und Sir Norfolk in die ſeinige in Abingdon Street. Es iſt jetzt nur noch uͤbrig, nach Cripps zu fragen. Er folgte dem Wirthe und ſeinen Begleitern eine kurze Strecke, ſtand dann ſtill und hielt eine Berathung mit ſich ſelber. „Diesmal iſt es mir mißlungen,“ dachte erz„aber das kommt Alles von der hirnloſen Anordnung jenes kleinen Barbiers. Indeſſen will ich Sorge tragen, daß die Jakobiten ihm die Schuld dieſes Ueberfalls zuſchrei⸗ ben; und das naͤchſtemal, wenn ich wieder ihre Ge⸗ fangennahme verſuche, will ich meiner Sache gewiſſer .— ſein. Es iſt nicht noͤthig, jetzt eine Anzeige zu machen, denn man kann keinen Beweis fuͤhren, daß ſie bei der Verſammlung zugegen geweſen. Nein, nein, ich muß in gutem Vernehmen mit ihnen bleiben und meine Zeit abwarten. Sie muͤſſen alle auf der That ertappt wer⸗ den, und dann wird meine Belohnung angemeſſen ſein. Es ſoll mich wundern, ob Pokerich in Sicherheit iſt. Ich ſah den kleinen Schurken unter der Wache auf dem Gipfel des Hauſes, und er ſah faſt ebenſo erſchreckt aus, wie Pater Verſelyn. Indeß glaube ich, ließe ſich mit dieſem Prieſter etwas anfangen. Er traͤgt den Mantel nach dem Winde, das will ich beſchwören. Auf Parole! mir gefallen dieſe naͤchtlichen Abenteuer unge⸗ mein. Sie erinnern mich an die Romane, die ich ge⸗ leſen, und machen, daß ich mir einbilde ein Held zu ſein. Ein Held! Wahrhaftig, die Romanhelden ver— rathen gewoͤhnlich nicht ihre Freunde. Doch dies zeigt nur, daß die Verfaſſer nicht nach dem wirklichen Leben zeichnen. Doch ich muß nach Hauſe und ein wenig aus⸗ ruhen, oder ich werde morgen nicht im Stande ſein, Marylebone Gardens mit meiner lieben Miſtreß Hettle⸗ ſhip zu beſuchen.“ Zwölftes Kapitel. Jukes' Anſichten vom haͤuslichen Gluͤck.— Onkel Trußell kommt ein wenig berauſcht nach Hauſe.— Randulph erhaͤlt einen Brief von Firebras.— Abel's Beſuch bei dem Geizhals.— Jakob bietet Abel ſeine Dienſte an.— Die Folge des Beſuchs. Bald nach Hilda's Entfernung rief Abel ſeinen Kellner herbei und ſagte ihm, daß er ausgehen werde. „Ich werde zum Mittageſſen zuruͤck ſein,“ ſagte er. „Wenn Miß Scarve waͤhrend meiner Abweſenheit wie⸗ derkommen ſollte, was nicht unmoͤglich iſt, obgleich ich es fuͤr unwahrſcheinlich halte, ſo fuͤhre ſie in die Bi⸗ bliothek und trage Sorge, daß Randulph ſie nicht ſieht.“ „Ich war in der Hoffnung, Herr, daß Ihre Un⸗ terredung mit jener lieben jungen Dame Ihre Anſichzen in Betreff Ihres Neffen möchte geaͤndert haben,“ ver⸗ ſetzte Jukes.„Ich habe mich ſeitdem immer an dem Gedanken ergoͤtzt, wie huͤbſch ſie ſich als Randulph's Frau ausnehmen wuͤrde. Sie ſcheinen fuͤr einander ge⸗ ſchaffen zu ſein— gerade von demſelben Alter— und es iſt ſchwer zu ſagen, wer von Beiden am ſchoͤnſten iſt. Mein Seel! wenn die Heirath ſtattfinden ſollte, welch ein Feſt wuͤrden wir haben, und wie geſchaͤftig wollte ich ſein! Und dann wuͤrden Sie natuͤrlich die jungen Leute bei ſich behalten, und Sie wuͤrden Ihre neue Nichte ſo lieb haben, daß Sie ſie nicht aus den Augen laſſen und gluͤcklicher ſein wuͤrden als bisher. Und dann wuͤrden Sie nach einiger Zeit eins von den obern Zim⸗ mern zu einer Kinderſtube einrichten muͤſſen, und ich wuͤrde Sie in Ihrem Lehnſtuhl ſitzen ſehen, nicht mit einem Buche vor ſich, wobei Sie ſich nur die Augeh verderben, ſondern den jungen Herrn Crew auf einem Gaͤngelpferde auf der einen Seite und die junge Miß Crew auf der andern, waͤhrend die Amme Ihnen ein drittes kleines ſchreiendes Weſen in langem Rock bringt, das Wachsthum der Zaͤhne befoͤrdert und ſeinen Ge⸗ ſchmack fuͤr Muſik mit einer ſilbernen Klingel cultivirt.“ „Verhuͤte der Himmel!“ rief Abel, der den Kell⸗ ner auf ſeine Weiſe fortſchwatzen ließ.„Deine Anſich⸗ ten vom haͤuslichen Gluͤck unterſcheiden ſich weſentlich von den meinigen. Ich habe Dich ſtets mit großem Vertrauen behandelt, Jukus,“ ſetzte er ernſt hinzuz „und ich bekenne, es wuͤrde mir lieb ſein, Randulph gut und gluͤcklich verheirathet zu ſehen. Aber man braucht ſich deshalb nicht zu beeilen. Es iſt wuͤnſchens⸗ werth, daß er vorher etwas von der Welt ſieht— die weibliche Geſellſchaft näher kennen lernt, damit er ſeinen Die Tochter des Geizigen. II. 3 eigenen Geſchmack beſſer verſteht, ehe er einen Schritt thut, wovon das ganze Gluͤck oder Elend ſeines kunfti⸗ gen Lebens abhaͤngen wird. Es iſt traurig, wenn ein Mann zu ſpät entdeckt, daß er nicht gut gewaͤhlt.“ „Es muß freilich unangenehm ſein,“ verſetzte Ju⸗ kes;„aber ich halte einen alten Junggeſellen, wie Sie, fuͤr keinen competenten Richter in dieſer Sache. Doch wenn Herr Randulph Miß Scarve waͤhlt, ſo waͤhlt er gut— das will ich gegen jeden behaupten.“ „Jukes,“ ſagte Abel ſtrenge,„es iſt Zeit, Deine Redſeligkeit zu maͤßigen. So ſehr mir auch Hilda Scarve gefallt, und ich kann Dir verſichern, daß ſie meine Zu— neigung auf außerordentliche Weiſe gewonnen hat— ſo wuͤnſche ich doch nicht, aus Gruͤnden, die unnoͤthig zu erklaͤren ſind, daß ſie die Gattin meines Neffen werde.“ „Ich geſtehe, ich kann Ihren Beweggrund nicht begreifen, Herr, ſagte Jukes;„wenn Sie nicht— doch ich haͤtte gedacht, daß Sie dazu zu alt waren.“ „Zu alt wozu, Jukes?“ fragte Abel. „Auf jeden Fall hätte ich das Maͤdchen fuͤr zu jung gehalten,“ fuhr der Kellner fort.„Doch es ſind ſchon ſeltſamere Dinge geſchehen.“ „Was zum Henker willſt Du damit ſagen, Kerl?“ rief Abel. „Nun, ich denke, Sie wollen Miß Hilda ſelber heirathen, Herr,“ verſetzte der Kellner.„Und gewiß habe ich nichts dagegen— nicht das Geringſte, wenn Sie die Einwilligung der Dame erhalten koͤnnen. Ich denke nur, die Ungleichheit iſt doch ein wenig zu groß, das iſt Alles.“ Abel wurde roth bis an die Schlaͤfen und dann todtenblaß. Er antwortete indeſſen nicht, ſondern ging raſch auf bas Fenſter zu und kehrte im naͤchſten Au⸗ genblick mit ſeiner gewohnten Faſſung zuruͤck. „Ich weiß nicht, ob ich uͤber Dich lachen oder Dir Vorwuͤrfe machen ſoll wegen Deiner ſeltſamen Zumu⸗ thung, Jukes,“ ſagte er.„In jedem andern Falle als in dieſem wuͤrde ich gewiß zornig geworden ſein, aber hier,“ fuhr er mit bebender Stimme fort,„ſind meine Gefühle zu ſehr intereſſirt. Nein, Jukes, ich werde nie— mals heirathen, am wenigſten die Tochter“— hier ver⸗ ſagte ihm die Sprache. „Ich verſtehe, Herr,“ entgegnete Jukes haſtig. „Sagen Sie kein Wort weiter. Ich erkenne meinen Irrthum.“ „Dann mache ihn wieder gut,“ erwiederte Abel ſich faſſend.„Bedenke, daß ich keine Entſchuldigungen annehme, wenn Du meine Inſtructionen verſaͤumſt.“ Hierauf ging er in das Vorzimmer, nahm Hut und Stock, wiederholte dem Kellner ſeine Befehle und ging dann aus. Jukes kehrte in das Bedientenzimmer zuruͤck, dachte uͤber das Geſchehene nach und murmelte bei ſich ſelber: „Ich wuͤnſche beinahe, unſer ſtilles Haus waͤre nicht von den jungen Leuten geſtoͤrt worden. Ich ſehe deut⸗ lich voraus, daß Randulph ſich uͤber Hals und Kopf in Hilda verlieben wird— wenn es noch nicht geſche— hen— und dann wird mein Herr mit ihm zanken, und dann— aber nein, er wird ihm gewiß verzeihen, wie ich beſtaͤndig die Fehler meines nichtsnutzigen Neffen 3* — 6— Crackenthorpe uͤberſehe. Doch ich darf ſie nicht zuſam⸗ menbringen; und ich hoffe, die junge Dame wird nicht zuruͤckkommen.“ Seine Beſorgniſſe waren grundlos. Zu derſelben Zeit, wo er an ſie dachte, fuhr Hilda an der Folly auf der Themſe voruͤber. Ein wenig vor vier Uhr kehrte Abel Beechcroft zu⸗ ruͤck und ſchien ſehr beruhigt, als er erfuhr, daß wäh— rend ſeiner Abweſenheit nichts geſchehen ſei. Er ſetzte ſich zu der beſtimmten Zeit allein zum Mittageſſen nie⸗ der, zeigte auch beim Wein keine Neigung zu reden, ſo daß Jukes dies als einen Wink betrachtete, ſich zu ent⸗ fernen. Er blieb waͤhrend des ganzen Abends in derſel— ben Stimmung— las ſo lange das Licht es geſtattete, und begab ſich dann in den Garten, wo er blieb, bis er zum Abendeſſen gerufen wurde. Auf ſeine Frage, ob ſein Bruder und ſein Neffe zuruͤckgekehrt ſeien, erhielt er zur Antwort, daß der Erſtere etwa vor einer Stunde allein gekommen ſei. „Allein!“ wiederholte Abel achſelzuckend und Jukes triumphirend anblickend.„Ich ſagte Dir, wie es kom⸗ men werde. Seine Laufbahn der Ausſchweifung hat mit einer Strafe begonnen. Wo wird ſie enden, he?— Wo wird ſie enden, Jukes? Sage mir das.“ „Ich wollte ich koͤnnte es,“ entgegnete der Letztere mit einem Seufzer. Abel fand ſeinen Bruder im Speiſezim und be⸗ merkte ſogleich an ſeinen unſichern Bewegungen und an ſeinen geroͤtheten Wangen, daß er zu viel Wein zu ſich genommen habe. „ „So haſt Du alſo Deinen Zoͤgling nicht mit nach Hauſe gebracht?“ ſagte er trocken.„Wo iſt er?“ „Bei meiner Seele! das iſt mehr als ich ſagen kann,“ erwiederte Truſſell lachend.„Er ſpeiſte mit Sir Singleton Spieke und mir in dem franzoͤſiſchen Höͤtel in Suffolk Street und verließ uns, um ſich zu einem Rendezvous einzuſtellen— hi! hi!— bald nach fuͤnf Uhr. Ich erwartete, ihn bei meiner Ruͤckkehr hier zu finden; doch ich vermuthe, man hat ihn zuruͤckgehalten. Du mußt dem jungen Manne etwas nachſehen, Bruder. Es iſt ſeine erſte Unbeſonnenheit. Ha! ha!“ „Ich hoffe, es wird ſeine letzte ſein,“ entgegnete Abel, indem er ſich ſetzte. Und waͤhrend des Abend⸗ eſſens brachte er von Truſſell, deſſen Lage ihn ſehr mit⸗ theilend machte, einen vollſtändigen Bericht uͤber Alles heraus, was waͤhrend des Morgens geſchehen war, ſo wie auch daß ſie Hilda geſehen, als ſie an der Folly voruͤbergefahren. „Und ſah ſie Randulph?“ fragte Abel raſch. „Gewiß,“ verſetzte Truſſell lachend,„ſie konnte es nicht vermeiden. Das Boot war uns ganz nahe. Und wahrhaftig! ich muß ſagen, wenn ich dergleichen beurtheilen kann— womit ich mir ſchmeichle— ſie ſah ſehr aͤrgerlich aus, ihn mit der huͤbſchen Schauſpielerin zu ſehen— hi! hi! Deine Geſundheit, Bruder!“ ſetzte er hinzu, indem er ein Glas Rothwein, welches der Kellner ihm eingeſchenkt, zu ſeinen Lippen erhob. „Dieſes Zuſammentreffen iſt mir nicht unlieb,“ murmelte Abel.„Ein Glas weißen Wein, Jukes. Bruder, ich trinke Dir zu. Und nun, wie betrug ſch Randulph bei der Gelegenheit?“ „Es ſetzte ihn verteufelt in Verlegenheit,“ entgeg⸗ nete Truſſell;„und er war den ganzen Tag ſtill und in ſich gekehrt.“ „Wirklich?“ rief Abel nachdenkend.„Und iſt er geg angen, um heute Abend die huͤbſche Schauſpielerin Kitty Connvay zu beſuchen— he?“ „Das kann ich wahrhaftig nicht ſagen,“ verſetzte Truſſell lachend.„Ich überließ ihn ſeinen eigenen Plaͤ⸗ nen. Doch er wird ſogleich zuruͤck ſein, und dann kannſt Du ihn ſelber katechiſiren— ha! ha!“ Truſſell ſfuhr waͤhtend des ganzen Abendeſſens fort zu ſchwatzen, zu lachen und zu trinken. Er war in viel zu heiterer Stimmung, um die ernſten Blicke ſeines Bruders zu beachten, als er ſich ruͤhmte, welche Be⸗ kannſchaften ſein Neffe durch ihn machen, was er ihm Alles zeigen wolle und welch ein vollkommener Gentle— man er werden ſolle. Abels Stirn wurde finſter, als die Uhr elf ſchlug und Randulph noch nicht zuruͤckgekehrt war. Er machte indeß keine Bemerkung; ſondern ſtand auf, rief nach Licht, wuͤnſchte ſeinem Bruder gute Nacht und ging zu Bette. „Ich fuͤrchte, Herr Randulph hat das Mifßfallen ſeines Onkels erregt, Herr Truſſell,“ ſagte Jukes.„Ich wollte er waͤre zuruͤckgekommen, ehe der alte Herr zu Bett gegangen.“ —„Ich wuͤnſchte es auch, Herr Jukes,“ verſetzte Truſſell lachend,„aber es iſt nicht zu helfen. Knaben — ſind Knaben. Ich brauche Ihnen nicht erſt zu ſagen, daß ich in ſeinem Alter gerade ſo war.“ „Sie waren viel ſchlimmer als er hoffentlich je wer⸗ den wird,“ verſetzte der Kellner. „Ha, ha! ich furchte es auch, Herr Jukes,“ ver⸗ ſetzte Truſſell laͤchelnd, als haͤtte man ihm ein großes Compliment gemacht.„Ich war ein toller Burſche— ein toller Burſche! Ich habe mit Sir Singleton Spieke von alten Zeiten und alten Abenteuern geredet, und ich muß ſagen, wir waren arge Wuͤſtlinge— hi! hi! Die jungen Leute heutiges Tages ſind ſehr entartet. Sie haben nicht halb den Geiſt der Weltmaͤnner in den Ta⸗ gen der guten Koͤnigin Anna, als ich jung— das heißt ein Knabe war, denn ich bin noch jung. Die Flaſche iſt leer, Jukes. Aber vielleicht glauben Sie, ich habe Wein genug. Und wahrhaftig, ich glaube es faſt ſel⸗ ber. So will ich mich alſo zu Bett legen. Bleiben Sie auf, Jukes, und erwarten Sie Randulph. Ich will ihm morgen ſchon ſeine Lection geben. Tragen Sie das Licht, Alter, und reichen Sie mir Ihren Arm, denn ich bin nicht ſo feſt wie gewoͤhnlich.“ Und auf dieſe Weiſe wurde er die Treppe hinauf⸗ gefuͤhrt. Abels erſte Frage, als Jukes am folgenden Mor⸗ gen um ſieben Uhr in ſein Zimmer trat, war, zu welcher Stunde ſein Neffe in der Nacht nach Hauſe gekommen ſei, und er erhielt die Antwort: „O, um halb zwölf oder zwoͤlf Uhr, Herr. Ich beachtete es nicht genau.“ — 40— „Du thateſt es mit Fleiß nicht,“ ſagte Abel.„Aber wie entſchuldigte er ſein Ausbleiben?“ „Ich befragte ihn in der That nicht, Herr,“ ver⸗ ſetzte Jukes—„er ging ſogleich zu Bette. Aber wenn er auch ſpaͤt nach Hauſe kam, ſo iſt er doch fruͤh ge⸗ nug auf, denn er iſt ſchon im Garten.“ „Ei, das waͤre!“ rief Abel ſich aufrichtend.„Nun, das ſpricht wenigſtens fuͤr ihn. Meinen Schlafrock, Jukes. „Wenn ich meine Anſicht ausſprechen darf, mein Herr,“ ſagte der Kellner, waͤhrend er ſeinem Herrn den Schlafrock anhalf,„ſo moͤchte ich ſagen, Herr Randulph ſei bei keiner muntern Geſellſchaft geweſen. Er ſieht nachdenkend aus, und als wenn er etwas auf dem Herzen haͤtte. Ich hoffe, er wird doch kein Duell vorhaben.“ „Ich hoffe nicht,“ rief Abel haſtig.„Das mag ſein fruͤhes Aufſtehen veranlaßt haben. Ich muß ihn ſehen und es verhindern. Laß ihn auf keinen Fall fort, bis ich hinunterkomme.“ Nachdem er ſich ſo ſchnell er konnte angekleidet hat⸗ te, ging er in den Garten, wo er ſeinen Neffen ganz ſo nachdenkend fand, wie ihn der Kellner beſchrieben hatte. „Du kamſt geſtern Abend ſpat nach Hauſe, Ran⸗ dulph?“ ſagte er, nachdem ſie ſich auf gewöhnliche Weiſe gegenſeitig begruͤßt hatten. „Viel ſpaͤter als ich beabſichtigte, Onkel,“ ver⸗ ſetzte der junge Mann;„doch ich hatte eine unvermeid⸗ liche Abhaltung.“ —= t= „Darf ich fragen, worin die beſtand?“ entgegnete Abel. „Verzeihen Sie mir, Onkel, wenn ich dieſe Frage nicht beantworte,“ verſetzte Randulph. „Ich will nicht in Dich dringen,“ entgegnete Abel ſtrenge.„Aber uͤber einen Punkt verlange ich eine di⸗ recte Antwort. Du haſt doch hoffentlich keine ſogenannte Ehrenſache vor?“ „MNein, das habe ich nicht!“ verſetzte Randulph mit Nachdruck. „Ich glaube Dir,“ entgegnete Abel.„So haſt Du alſo geſtern Hilda Scarve unter Umſtaͤnden geſehen, die fuͤr Dich nicht ſehr angenehm waren?“ Der junge Mann erroͤthete. „Es iſt mir lieb zu bemerken, daß Du noch einige Schaam uͤbrig haſt,“ ſagte ſein Oheim;„und ich hoffe, daß dieſer Vorfall Dir eine heilſame Lehre ſein wird. Und nun, waͤhrend ich Dir eine Lection gebe, muß ich hinzufuͤgen, daß es noch andere Gefahren gibt, denen Du ausgeſetzt ſein koͤnnteſt, außer denen, die von huͤbſchen Schauſpielerinnen herruͤhren. Ich meine poli⸗ tiſche Gefahren— Gefahren, die aus geheimen Geſell— ſchaften und ihren Agenten entſpringen. Ich weiß, Dein Vater neigte ſich zur Sache der Jakobiten; und ich weiß auch, daß Deine Mutter dieſelbe Richtung hatte und noch hat. Aber ſie gab mir zu verſtehen, daß Du ein entſchloſſener Hanoveraner waͤreſt. Hat ſie Dich unrichtig geſchildert?“ „Gewiß nicht,“ verſetzte Randulph.„Ich habe uͤber die Sache nachgedacht und erſt kuͤrzlich entdeckt, — 4. daß ihre Anſichten den meinigen ganz entgegen ſind. Ich bin Ihnen fuͤr die Warnung verbunden, die Sie mir ertheilt haben. Kennen Sie zufaͤllig einen Herrn Namens Cordwell Firebras?“ „Der Name ſcheint mir bekannt,“ verſetzte Abel nachdenkend.„O, jetzt erinnere ich mich, es iſt ein Mann, der bei der Revolution von Anno 15 betheiligt war und beinahe Deinen Vater darin vetwickelt hätte. Aber was iſt mit ihm?“ fuhr er fort, Randulph feſt anſehend.„Kennſt Du ihn? Haſt Du ihn geſehen, ſeit Du hier warſt?“ „Ich muß es wieder ablehnen, dieſe Frage zu be⸗ antworten, Onkel,“ entgegnete Randulph. „In dieſem Falle iſt Deine Weigerung eine Ant⸗ wort,“ erwiederte Abel,„und ich muß Dich vor ihm als vor einer ſehr gefaͤhrlichen Perſon warnen. Dreißig Jahre ſind vergangen, als dieſer Firebras Deinen Va⸗ ter in die groͤßte Gefahr brachte. Aber wenn er die Perſon iſt, die man mir geſchildert hat, ſo wird er ſich in der Zeit nicht geaͤndert haben.“ „Wegen ſeines Einfluſſes auf mich koͤnnen Sie ganz ruhig ſein,“ entgegnete Randulph.„Ich werde nie in meiner Unterthanentreue ſchwanken.“ „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ entgegnete Abel; „denn verlaß Dich darauf, wenn ungluͤcklicherweiſe eine neue Rebellion ausbrechen ſollte, ſo wird ſie eben ſo ſchmachvoll enden wie die fruͤhere. Und nun laß uns zum Fruͤhſtuͤck gehen.“ Hierauf fuͤhrte er ihn ins Haus, und ſie nahmen an dem wohlbeſetzten Tiſche Platz. Truſſell erſchien nicht und bei der Mahlzeit ging es ganz heiter zu, bis gegen Ende derſelben Jukes einen Brief hereinbrachte, den er Randulph uͤberlieferte. „Mit Erlaubniß, Onkel,“ ſagteRandulph, der mit einiger Verwirrung die Aufſchrift anſah und die Hand erkannte. Dann brach er das Siegel und las Folgendes. „Ich gehe zu Herrn Scarve, und wenn Sie mir die Verſicherung geben, daß Sie Ihr uͤbereiltes Benehmen von geſtern Abend bereuen und ſich uns anſchließen wollen, ſo will ich mich verbindlich ma⸗ chen, Ihnen die Hand ſeiner Tochter zu verſchaffen. Ihr Entſchluß muß ſchnell gefaßt ſein, denn er iſt im Begriff, heute den Ehecontract mit ſeinem Neffen Philipp Frewin zu unterzeichnen. Der Ueberbringer wird Sie zu mir fuͤhren, wenn Sie mich zu ſprechen wuͤnſchen. C. F.“ „Du ſch inſt bewegt Neffe,“ ſagte Abel.„Iſt in dem Briefe ein Geheimniß enthalten?“ „Ja gewiß, Onkel,“ entgegnete Randulph.“ Und was noch mehr iſt, ich muß in Perſon darauf antwor— ten.“ „O, thu das auf jeden Fall,“ verſetzte Abel. „Aber erinnere Dich meiner Warnung.“ Randulph eilte dann aus dem Zimmer und fand im Vorſaal den Wirth aus der Roſe und Krone, der ihn den Brief gebracht hatte. — „Gehen Sie mit mir, Herr?“ fragte der Wirth. Randulph bejahte es, und ſie verließen das Haus zuſammen. Abel war ſehr erſtaunt und aͤrgerlich uͤber die Ent⸗ fernung ſeines Neffen und begab ſich in ſeine Bihliothek, we er bei einem Buche ſeine Gedanken zu ſammeln ver⸗ ſuchte. Doch dieſes Mittel war in dieſem Falle verge— gebens, denn als Jukes eine Stunde ſpäter in das Zim⸗ mer trat, fand er ihn mit verſtoͤrter Miene auf- und abgehend. „Nun, iſt Randulph zuruͤck?“ fragte er raſch. „Nein, Herr,“ entgegnete der Kellner.„Ich komme Ihnen zu ſagen, daß Herrn Scarve's Diener Ja⸗ kob Poſt draußen iſt und mit Ihnen zu reden wuͤnſcht.“ „Was will er?“ fragte Abel kurz. „Ich fragte ihn nicht, Herr,“ entgegnete Jukes, „aber ich glaube, er hat etwas von Miß Hilda zu ſa⸗ gen.“ Des Kellners Antwort war hier ziemlich weit von der Wahrheit entfernt. Er hatte verſucht, Jakob uͤber ſein Anliegen auszuforſchen, doch der Letztere weigerte ſich, ſeine Neugierde zu befriedigen. „Hoͤchſt wahrſcheinlich,“ ſagte Abel.„Fuͤhre ihn herein.“ Im naͤchſten Augenblick wurde Jakob eingelaſſen. Er hatte ſeinen Knotenſtock unter dem Arm, zupfte wie vorher mit den Fingern an ſeinem Hute und ſah Abel durchaus nicht gerade an. Da Jukes ſah, daß ſeine Gegenwart von keinem von Beiden gewuͤnſcht werde, ſo zog er ſich zuruͤck. — — 5— „Nun, Freund, was hat Sie hieher gefuͤhrt?“ fragte Abel. Jakob huſtete, und verſuchte die Heiſerkeit zu ent⸗ fernen, die ihm das Sprechen ſchwer machte. „Ich komme zu ſehen, ob Sie mich nicht brauchen koͤnnen, Herr,“ ſagte er endlich.„Ich ſehe nicht auf großen Gehalt— nein in der That nicht. Und ich moͤchte Ihnen lieber dienen, als irgend einem andern Herrn, den ich kenne.“ „Was? haben Sie Herrn Scarve verlaſſen?“ ſagte Abel. „Noch nicht, Herr,“ verſetzte Jakob.„Doch er hat mir einen Wink gegeben, ihn zu verlaſſen. Und haͤtte er's nicht gethan, ſo glaube ich, haͤtte ich's thun ſollen. Es wird immer ſchlimmer. Er verſprach, mir eine Empfehlung an Sie zu geben. Aber ich glaube nicht, daß es ihm Ernſt war.“ „Nun, ich will ſehen, was ſich fuͤr Sie thun laͤßt,“ entgegnete Abel;„das heißt, wenn Jukes eine Stelle fuͤr Sie finden kann— denn ich muß ihm die Sache gänzlich uͤberlaſſen. Doch wie ſteht's mit Ihrer jungen Herrin?“ „Ich wollte auch von ihr reden, Herr,“ verſetzte Jakob;„aber ich glaubte, ich muͤßte meine eigenen Angelegenheiten erſt abmachen. Ich kann Ihnen nichts Gutes von ihr berichten. Der Herr ſchloß ſie geſtern Abend in ihr Zimmer ein und erklaͤrte, er wolle ſie nicht eher wieder hinauslaſſen, als bis ſie eingewilligt habe, ſeinen Neffen zu heirathen.“ „ Abel ſtieß einen Ausruf des Zornes aus. „In den letzten wenigen Tagen iſt er ein wahrer Haustyrann geworden,“ fuhr Jakob fort.„Er iſt nicht. zu ertragen. Geſtern geſchah freilich etwas, was ihn wohl außer ſich bringen konntez denn waͤhrend unſerer Abweſenheit wurden ihm vierzehntauſend Pfund geſtoh⸗ len. Doch nahm er die Sache ruhiger als man haͤtte erwarten ſollen; und ich kann nicht umhin zu denken, daß ein fremder Herr Namens Cordwell Firebras, der ihn geſtern Morgen beſuchte, etwas damit zu thun het.““ „Cordwell Firebras! Iſt er bei ihm geweſen?“ ſagte Abel erſtaunt. „Er war geſtern zweimal bei ihm,“ verſetzte Ja⸗ kob,„und dieſen Morgen kam ein Brief, der ſich, wie ich aus einigen zufaͤlligen Ausdruͤcken ſchloß, die er fal⸗ len ließ, auf Ihren Neffen und ſeine Tochter bezog.“ Ei rief Abel. „Ich glaube beinahe, Firebras rieth ihm, ſie mit einander zu verheirathen,“ fuhr Jakob fort. „Zum Henker!“ rief Abel wuͤthend.„Wie kann er wagen, einen ſolchen Vorſchlag zu machen? Wer gab ihm den Auftrag dazu?“ „Das iſt mehr als ich ſagen kann,“ verſetzte Ja⸗ kob.„Aber ich glaube nicht, daß mein Herr viel dar⸗ auf achten wird, denn er iſt im Begriff, dieſen Mor⸗ gen den Ehecontrakt mit Herrn Philipp Frewin und ſei⸗ nem Sachwalt zu unterzeichnen.“ „Es darf nicht geſchehen,“ verſetzte Abel.„Jener Frewin iſt ein Betruger.“ — „——————————— „ — „Dafuͤr hielt ich ihn von Anfang an,“ entgegnete Jakob;„aber geſtern erhielt ich die Gewißheit.“ Und er erzaͤhlte, was ihnen bei der Folly auf der Themſe begegnet war. Abel hoͤrte ihn ſchweigend an und ſagte am Ende ſeiner Erzaͤhlung:„So ſehr mir auch Ihr Herr miß— faͤllt, ſo ſchmerzlich mir auch eine Unterredung mit ihm ſein wird, will ich ihn doch ſelber beſuchen. Melden Sie mich nicht an, tragen Sie aber Sorge, daß ich eingelaſſen werde. Nehmen Sie ſo ſchnell als moͤglich einige Erfriſchungen zu ſich und eilen dann nach Hauſe.“ Jakob ließ es ſich nicht zweimal ſagen, ging in die Kuͤche und verzehrte in weniger als fuͤnf Minuten eine kalte Lammsſchulter bis auf den Knochen, nahm ein halbes Dutzend Salatkoͤpfe, tunkte ſie in ein Salz⸗ faß und ſteckte ſie dann faſt ganz in ſeinen geraͤumigen Mund, nahm mehr als ein halbes Brod zu ſich und ſpuͤlte Alles mit einem großen Kruge ſtarkes Ale hinun⸗ ter. Dann ging er zu der Treppe am Fluſſe, wo ſein Boot lag, ſprang hinein und ruderte ſo ſchnell er konnte zum entgegengeſetzten Ufer. Eine halbe Stunde ſpaͤter machte ſich Abel Beech⸗ croft auf den Weg, ging durch die Baͤume von Bi— ſhep's Walk— welches ſein Lieblings paziergang war und wo er den groͤßten Theil jedes Tages damit zuzu⸗ bringen pflegte, den breiten und ſchoͤnen Strom vor⸗ uͤberfließen zu ſehen— ging dann Stangate entlang, uͤber die Weſtminſterbruͤcke und richtete dann ſeine Schritte nach Little Sanctuary. Als er ſich der Wohnung des Geizigen naͤherte, draͤngte ſich ihm eine Fluth ſturmi⸗ ſcher Gefuͤhle auf, und er zweifelte beinahe, daß er im Stande ſein werde, die Unterredung auszuhalten; doch er ſammelte alle ſeine Entſchloſſenheit und klopfte an die Thuͤr. Jakob, der ihn erwartete, kam ſogleich herbei und ließ ihn ein, ohne ein Wort zu ſagen. „Sie kommen gerade zur rechten Zeit, Herr,“ ſagte er leiſe, als er die Thuͤr wieder ſchloß—„er iſt bei ihm.“ „Wer?— YPhilipp Frewin?“ fragte Abel in dem⸗ ſelben Tone. „Ja, ja,“ verſetzte Jakob.„Philipp Frewin und ſein Sachwalt Diggs.“ Hierauf ſchritt er den Gang dahin, riß die Thuͤr auf und bruͤllte hinein:„Herr Abel Beechcroft!“ Dieſe unerwartete Anmeldung, worauf ſogleich der Eintritt des alten Mannes folgte, deſſen Zuͤge einen drohenden Ausdruck an ſich trugen, und der den Hut nicht abnahm, verurſachte die aͤußerſte Ueberraſchung und Beſtuͤrzung unter den Dreien. Der Geizhals ſaß am Tiſche und horchte auf eine Klauſel in dem Contracte, den Diggs aufgeſetzt hatte und ihm jetzt vorlas. Der Letztere hielt aber ſogleich inne, als er den Namen des Ankommenden hoͤrte. Philipp, deſſen Ruͤcken nach der Thuͤr gewendet war, drehte ſich in einiger Verwirrung um. Der Geizhals, obgleich ſehr beſtuͤrzt, machte den Verſuch ſich zu faſſen und ſagte mit hoͤflicher Stimme, aber unterdruͤckter Wuth:„Darf ich fragen, was mir die Ehre dieſes hoͤchſt unerwarteten Beſuchs verſchafft, Herr Beechcroft?“ „Schreiben Sie ihn allein dem Intereſſe zu, wel⸗ ches ich an dem Wohl Ihrer Tochter nehme, Herr Scarve,“ verſetzte Abel.„Ich möchte ſie vor den Plaͤ— nen eines Schurken ſchuͤtzen, dem Sie ſie uͤberliefern wollen.“ „Sie wiſſen vielleicht nicht, wer hier zugegen iſt, Herr Beecheroft,“ rief Philipp aufſpringend und ihn wuͤthend anblickend. „Ich glaube, Sie ſind Herr Philipp Frewin, die⸗ ſelbe Perſon, die ich meinte,“ verſetzte Abel kalt. „So wenden Sie alſo dieſen ſchimpflichen Ausdruck auf mich an?“ rief Philipp. „Ganz gewiß!“ verſetzte Abel.„Und ich bin be⸗ reit ihn zu wiederholen— ja ihn zu verſtaͤrken— wenn Sie es wuͤnſchen.“ „Herr, Sie ſollen mir Genuzthuung geben fuͤr dieſe Beleidigung,“ rief Philipp, der mit der Hand an die Seite ſchlug und durch dieſe Bewegung verrieth— denn er war in ſeiner Verkleidung— daß er einen De⸗ gen zu tragen gewohnt ſei. „Laſſen Sie das Geſetz zwiſchen Ihnen entſcheiden, mein guter Herr,“ fiel Diggs ein.„Sie haben guten Grund zur Injurienklage. Als Advocat warne ich Sie, zu bedenken, was Sie von meinem achtbaren Clienten ſagen, Herr Beechcroft.“ „Sie und Ihr achtbarer Client moͤgen thun, was Sie fuͤr rathſam halten,“ verſetzte Abel;„aber glauben Sie nicht, daß Ihre Drohungen mich verhin⸗ dern werden, Herrn Scarve die Wahrheit zu entdek⸗ m“ Die Tochter des Geizigen. 1I. 4 — „Wenn Sie gekommen ſind, meinen Neffen her⸗ unterzuſetzen, Herr Beechcroft, ſo haben Sie ſich ver⸗ gebens Muͤhe gemacht,“ ſagte der Geizhals, der jetzt vollends ſeine Faſſung wieder erlangt hatte.„Ich muß mich weigern anzuhoͤren, was Sie zu ſagen haben. Nach dem, was vor Jahren zwiſchen uns vorging, bin ich erſtaunt, daß Sie uͤberhaupt hiehergekommen ſind, und noch mehr, daß Sie Einlaß erhalten haben, was gewiß nicht geſchehen waͤre, wenn man mich vorher be⸗ fragt haͤtte. Aber es ſcheint, ich bin nicht mehr Herr in meinem eigenen Hauſe noch uͤber meine Diener.“ „Herr Scarve,“ ſagte Abel in gebieteriſchem Tone und mit einem Blicke, der den Geizhals beben machte, „ich bin aufgefordert worden— dieſen Schritt zu thun. Sie kennen ſehr wohl meine Meinung von Ihnen und den Abſcheu, den ich gegen Sie hege— und daß mich nur die dringendſte Angelegenheit in Ihre Naͤhe gebracht haben wuͤrde. Ich bin auf eine Weiſe aufgefordert worden, der ich nicht widerſtehen konnte,—“ hier bebte ſeine Stimme ein wenig—„mich Ihrer Tochter anzunehmen— ich will es thun und dabei jede perſoͤn⸗ liche Ruͤckſicht opfern. Sie ſelber ſagt mir, ſie hat den ſtaͤrkſten Widerwillen gegen Ihren Neffen und will ihn nimmer heirathen.“ „Alles dies mag ſehr wahr ſein, Herr,“ verſetzte der Geizhals;„doch ich weiß immer noch nicht, wel⸗ ches Recht Sie haben, ſich in meine Angelegenheiten zu miſchen.“ — 1— „Er hat kein Recht dazu, weder ein geſetzliches noch ein anderes,“ fiel Diggs ein. „So werde ich es mir anmaßen,“ verſetzte Abel. „Herr Scarve, wenn Sie taub ſind gegen meine Auf⸗ forderung— wenn Sie dem letzten Wunſche Ihrer ſchwer gekraͤnkten Gattin widerſtehen koͤnnen, denn von ihr habe ich dieſen Auftrag, und entſchloſſen ſind, der Neigung Ihres Kides Gewalt anzuthun— wenn nichts von alledem bei Ihnen Gewicht hat, ſo uͤben Sie we⸗ nigſtens die Klugheit, die, wie man ſagt, bisher Ihre Handlungen geleitet hat. Sie kennen mich zu gut, um nur einen Augenblick denken zu koͤnnen, daß ich Sie taͤuſchen wuͤrde. Ich erklaͤre daher in Ihrer und ſeiner eigenen Gegenwart Ihren Neffen fuͤr einen gemeinen Betruͤger!“ „Wahrhaftig, Herr, wenn Sie ſo fortfahren,“ rief Philipp zornig,„ſo ſollen Sie weder Ihre Jahre noch meines Onkels Gegenwart ſchuͤtzen.“ „Laſſen Sie ihn nur,“ ſagte Diggs, indem er eine Feder ergriff und raſch einige Worte auf ein Stuͤck Papier ſchriet.„Wir wollen einen Injurienprozeß an⸗ haͤngig machen.“ „Herr Beechcroft,“ ſagte der Geizhals,„Ihre ausgeſprochene Anſicht iſt gegenſeitig. Sie koͤnnen mich nicht mehr haſſen als ich Sie haſſe. Dennoch geſtehe ich zu, daß Sie nicht im Stande ſind, eine wohluͤber⸗ legte Luͤge vorzubringen, und daher glaube ich, daß Sie von dem uͤberzeugt ſind, was Sie mir von meinem Neffen ſagen. Aber Sie ſind vollkommen getaͤuſcht wor⸗ 4* — den, und es hat Jemand Ihre Leichtglaͤubigkeit zu ei⸗ nem boͤſen Zwecke benutzt. Herr Philipp Frewin iſt ein vorſichtiger und kluger Mann— viel zu vorſichtig, um Ihnen gefallen zu koͤnnen— und hat in wenigen Jah⸗ ren eine große Geldſumme erſpart, was Herr Diggs, ſein und mein Sachwalt, Ihnen bezeugen wird.“ „Wenn Capitalbriefe, Pfandſcheine und Pachtcon⸗ tracte bis zu dem Betrag von dreißigtauſend Pfund und daruͤber etwas gelten, ſo bin ich gewiß dazu im Stan⸗ de,“ entgegnete Diggs.„Herr Philipp Frewin beſitzt dieſe außer einer gleichen Summe, die er von ſoinem Vater erbte. Ich bin Ihrer Meinung, Herr Scarve, Herr Beechcroft muß von irgend Jemand getaͤuſcht ſein. Doch ich kann ihn von ſeinem Irrthum uͤberzeugen.“ „Ueberzeugen Sie meinen Sachwalt, Herrn Plas⸗ kett in Lincoln's Inn davon, dem ich den Auftrag er⸗ theilt habe, uͤber dieſen Gegenſtand Nachforſchungen anzuſtellen, mein Herr,“ entgegnete Abel ſunglaͤubig. „Inzwiſchen bin ich gewiß, hinreichenden Grund fuͤr meine Anſicht zu haben und beharre dabei. Auch ertheile ich Ihnen die Warnung, Herr Diggs, daß ich Sie fuͤr Ihre Angabe fuͤr verantwortlich halten werde. Sie ſa⸗ gen, daß Herr Philipp Frewin reich iſt— daß Sie Documente in Ihrem Beſitz haben, woraus hervorgeht, daß er dreißig tauſend Pfund und daruͤber im Vermoͤgen hat. Laſſen Sie Herrn Scarve dieſe Documente vor⸗ zeigen.“ „Was er ſagt, iſt nicht ohne Grund, Diggs,“ ſagte der Geizhals.„Ich moͤchte ſie wohl ſehen.“ — „Wenn mein Client es erlaubt und Sie es wuͤn⸗ ſchen, ſo habe ich nichts dagegen,“ verſetzte Diggs ſo⸗ gleich, doch mit einiger Unruhe;„doch es thut mir leid, daß ein ſo entehrendes Verfahren fuͤr noͤthig geachtet wird bei einem Manne von gutem Ruf, der uͤber allen Verdacht erhaben ſein ſollte.“ „Die Umſtaͤnde ſcheinen es noͤthig zu machen,“ ſagte der Geizhals.„Und es muß eben ſo beruhigend fuͤr meinen Neffen ſein als es mir angenehm ſein wird, wenn ſein Ruf von allen Beſchuldigungen gereinigt wird.“ „Ohne Zweifel,“ entgegnete Philipp;„und ich will nicht ruhen, bis ich ihn voͤllig gereinigt habe.“ „Um die Beſchuldigungen in eine beſtimmte Form zu bringen,“ ſagte Abel finſter,„erklaͤre ich Sie, Phi⸗ lipp Frewin, fuͤr einen ruinirten Verſchwender und Wuͤſt⸗ ling, der unter der Verkleidung eines elenden Geizhal⸗ ſes ſeinen Oheim zu bewegen ſucht, ihm ſeine Tochter zu geben. Ich beſchuldige Sie auch, Herr Diggs, daß Sie ihm in ſeinem Betruge beiſtehen. Als Juriſt wiſſen Sie ſehr wohl, welches die Folgen Ihrer betruͤ⸗ geriſchen Handlungsweiſe ſein werden.“ „Da ich weiß, daß ich nichts zu fuͤrchten habe, lache ich uͤber Ihre Drohung,“ ſagte Diggs kuͤhn. „Und ſo auch ich,“ ſetzte Philipp mit erzwungenem Lachen hinzu. „Darf ich alſo hoffen, daß Sie alle weitern Ver⸗ handlungen wegen der Verheirathung Ihrer Tochter ein⸗ ſtellen werden, bis Sie ſich uͤber dieſe Punkte genaue Auskunft verſchafft haben, Herr Scarve?“ ſagte Abel. „Ja, das will ich,“ verſetzte der Geizhals. „Herr Beechcroft mag in dieſer Sache ſehr unei⸗ gennuͤtzig erſcheinen;“ ſagte Philipp;„doch meiner Meinung nach iſt es ſein Hauptzweck, durch ſeinen Ein⸗ ſpruch die Hand meiner Couſine fuͤr ſeinen Neffen zu erhalten.“ „Weit entfernt davon,“ ſagte Abel,„wuͤrde ich ebenſo gern in ihre Verbindung mit Ihnen als mit mei⸗ nem Neffen einwilligen.“ „Hm!“ rief der Sachwalt. „Beunruhige Dich deshalb nicht, lieber Neffe,“ ſagte der Geizhals.„Mache Deine Sache richtig und Hilda iſt Dein. Aber es komme, was will, halte Dich uͤberzeugt, daß ſie nie mit meiner Einwilligung Ran⸗ dulph Crew's Frau werden, noch auch dann einen Hel— ler von mir erhalten ſoll.“ „Auch von mir nicht,“ ſetzte Abel hinzu. Als dieſe Worte ausgeſprochen wurden, oͤffnete ſich die Seitenthuͤr und Hilda trat von Miſtreß Clinton he⸗ gleitet herein. „Ah!“ rief der Geizhals, ihr einen zornigen Blick zuwerfend.„Was wollt Ihr hier?— Wer ließ Euch aus Eurem Zimmer?“ „Jakob ſchloß die Thuͤr auf und ſagte mir, daß Herr Beechcroft unten ſei,“ verſetzte ſie;„und deshalb kam ich herunter, um ihn zu ſehen.“ „Ich hoffe, ich habe Ihres Vaters Augen fuͤr den —— Betrug geoͤffnet, den man ihm ſpielen wollte,“ ſagte Abel.„Er hat verſprochen in der Sache nicht weiter zu gehen, bis er genuͤgende Auskunft uͤber die Angele⸗ genheiten Ihres Vetters erhalten hat. Und da ich weiß, daß das nie geſchehen kann, ſo iſt die Sache im eigent⸗ lichen Sinne ſchon zu Ende.“ „Wenn es auch nicht waͤre,“ ſagte Hilda,„ſo wuͤrde es doch bei mir keinen Unterſchied machen, denn ich erklaͤre vor Ihnen, wenn auch mein Vetter beweiſen ſollte, daß er iſt, wofuͤr er ſich ausgibt, ſo werde ich ihn doch nie heirathen.“ „Iſt es moͤglich, junger Mann,“ ſagte Abel, „daß Sie nach einer ſolchen Erklaͤrung noch weiter auf die Heirath dringen koͤnnen?“ „Redet meine Couſine im Ernſt?“ fragte Philipp. „Sie koͤnnen es wohl kaum bezweifeln;“ verſetzte ſie.„Doch wenn Sie noch eine wiederholte Verſiche⸗ rung fordern, ſo gebe ich auch dieſe.“ „Wenn Hilda bei dieſer Anſicht bleibt,“ ſagte Phi⸗ lipp zu ſeinem Oheim,„ſo iſt hiemit die Sache zu Ende.“ „Wie ſo?“ rief der Geizhals.„Du haſt meine Einwilligung. Hilda wird nicht wagen mir ungehorſam zu ſein— meinem Mißfallen zu trotzen.“ „Unter dieſen Bedingungen will ich ſie nicht,“ ver⸗ ſetzte Philipp.„Ich will ſie mit ihrer eigenen freien Einwilligung haben oder gar nicht.“ — „Ei, Du biſt ja bedenklicher als Du geſtern warſt,“ ſagte der Geizhals argwoͤhniſch.„Du gehſt von Deinem Vertrage ab. Es iſt wohl etwas Wahres in Herrn Beechcrofts Behauptung.““ „Sehen Sie ſich vor, Herr,“ ſagte Diggs zu Philipp.„Ihre Beweggruͤnde werden unrichtig gedeu⸗ tet. „Es liegt mir nichts daran,“ verſetzte Philipp. „Ich muͤßte ja ſchlechter ſein als Herr Beecheroft mich ſchildert, wollte ich auf eine Verbindung dringen, wo⸗ gegen die Dame eine ſo entſchiedene Abneigung ausſpricht. Ich entſage daher allen Anſpruͤchen auf ihre Hand.“ „Neffe!“ rief der Geizhals erſtaunt. „Ich bin Ihnen dankbar fuͤr die gute Meinung, Onkel, die Sie von mir gehegt haben,“ fuhr Philipp fort;„und obgleich ich mich jeder Moͤglichkeit beraube, Ihr Schwiegerſohn zu werden, ſo will ich doch Sorge tragen, daß Sie voͤllig von meinem Recht auf dieſe Ehre uͤberzeugt werden. Herr Diggs wird Ihnen die Documente vorlegen.“ „Du biſt zu haſtig, Philipp—“ „Nicht ſo, Onkel. Ich wuͤnſche Ihnen einen gu⸗ ten Morgen.“ Und er war im Begriff zu gehen, als Jakob die Thuͤr öffnete und Cordwell Firebras nebſt Randulph —— ———— ————— — einließ. Es wuͤrde ſchwer zu ſagen ſein, ob die An⸗ kommenden oder die ſchon Gegenwaͤrtigen am meiſten erſtaunt waren. Waͤhrend der Verwirrung gelang es Randulph aber, ſich Hilda zu naͤhern. „Ich fuͤrchte,“ ſagte er—„ja, ich weiß, daß ich mich durch mein geſtriges Betragen in Ihrer Achtung erniedrigt habe. Wenn es auch keine Entſchuldigung ſein mag, ſo erlauben Sie mir doch, Ihnen zu ſagen, daß die Lage, worin Sie mich ſahen, eine Folge des Zufalls war.“ „Es ſind keine Entſchuldigungen bei mir noͤthig, Herr!“ ſagte Hilda ſtolz und fremd.„Es kann mir nur gleichguͤltig ſein, mit wem Sie umgehen.“ „Aber hoͤren Sie doch meine Erklaͤrungen,“ fuhr der junge Mann fort.„Die Dame, mit der Sie mich ſahen, wurde mir anvertraut— ſo wahr ich lebe, von demſelben Manne, der dort ſteht, nur daß er damals anders gekleidet war.“ „Ich ſah Sie nie vorher, Herr,“ ſagte Philipp „Ich bin uͤberzeugt, daß er es war,“ rief Ran⸗ dulph—„ich kann auf ſeine Stimme ſchwoͤren.“ „Koͤnnen Sie hiernach noch zweifeln, daß man Ihnen einen Betrug ſpielte?“ ſagte Abel zu dem Geiz⸗ hals. „Wenn er noch zweifelt,“ ſagte Firebras,„ſo will ich ihm die Augen oͤffnen.“ =— „Es iſt klar, daß mich Jemand betrogen hat, und daß Ihr alle meiner ſpottet,“ rief der Geizhals zornig. „Ich wollte, Ihr verließet alle mein Haus!“ „Ich wenigſtens will es ſogleich verlaſſen, Onkel,“ ſagte Philipp.„Ich wuͤnſche Ihnen nochmals einen guten Morgen. Kommen Sie, Herr,“ ſetzte er zu dem Sachwalt gewendet hinzu. Und ſie verließen zu⸗ ſammen das Haus. — „Es iſt mir lieb, daß er fort iſt,“ ſagte Fire⸗ bras.„Herr Scarve, ich habe das Vergnuͤgen, Ih⸗ nen zu ſagen, daß Ihr Neffe ein ausgemachter Schurke iſt, und es iſt gut, daß Sie ſeiner los ſind. Herr Abel Beechcroft, ich erwartete nicht, Sie hier zu fin⸗ den, doch Ihre Gegenwart kommt mir ſehr gelegen.“ „Weshalb, Herr?“ fragte Abel kalt. „Nun, um in einer Sache zum Schluß zu kom⸗ men, wobei das Gluͤck Ihres Neffen weſentlich im Spiele iſt,“ verſetzte Firebras.„Ich hoffe, Herr, wenn dieſe jungen Leute“— auf Randulph und Hilda deutend— „ſich mit einander verſtaͤndigen, werden Sie kein Hin⸗ derniß in den Weg legen. Und Ihnen, Freund Scar⸗ ve, rathe ich, dieſen jungen Mann an die Stele Ih⸗ res Neffen zu ſetzen. Er wird ein viel beſſerer Mann fuͤr Ihre Tochter ſein und—“ Hier fluſterte er dem Geizhals einige Worte ins Ohr. „Die Bedingung, die Sie dieſer Verbindung bei⸗ fuͤgen,“ ſagte Abel,„wird wahrſcheinlich ſein, daß er —— ſich den Jakobiten anſchließe, nicht wahr, Herr Fire⸗ bras?“ Firebras antwortete nicht. „Iſt es nicht ſo, Randulph?“ fuhr Abel ſtrenge fort. „Onkel,“ verſetzte Randulph, auf ihn zueilend und ſich vor ihm auf die Knie werfend,„ich liebe Hilda leidenſchaftlich und wuͤrde mein Leben fuͤr ſie auf⸗— opfern!“ „Aber hoffentlich nicht Deine Ehre,“ entgegnete Abel kalt.„Bedenke, wem Du Treue ſchuldig biſt. Bewahre Deine Unterthanentreue, oder ich verſtoße Dich.“ „Sein Sie nicht zu haſtig, Onkel,“ rief Randulph; „mehr als mein Lebenhaͤngt von Ihrem Worte ab!“ „Randulph Crew,“ ſagte der Geizhals,„ich habe die Sache ſo weit ohne Unterbrechung gehen laſſen, weil man mich uͤberraſcht hat; doch keine Zureden von Ih⸗— nen, von Ihrem Onkel oder Herrn Firebras ſollen mich bewegen, zu Ihrer Verbindung mit meiner Tochter mei⸗ ne Einwilligung zu geben. Und ich verbiete Ihnen aus⸗ druͤcklich, ſie wiederzuſehen!“ „Und ich lege Dir daſſelbe Verbot auf,“ ſagte AAbel. 8„Hilda!“ rief der junge Mann ſie anblickend— „Hilda!“ Aber ſie wandte ihr Geſicht ab. „Komm mit mir,“ rief Abel gebieteriſch. —— Und mit einem ſchweren Seufzer folgte Randulph ſeinem Onkel aus dem Zimmer. „Hilda,“ ſagte Firebras, ſobald ſie fort waren— „Sie haben einen treuen Liebhaber verloren— Sie, Herr Scarve, einen wackern Schwiegerſohn— und die Sache der Jakobiten einen trefftlichen Anhaͤnger.“ Dreizehntes Kapitel. Cripps ſpielt die Rolle ſeines Herrn.— Miſtreß Nettleſhip. — Der Beſuch in Marylebone Gardens.— Cripps wird entdeckt. Weder Randulph noch ſein Onkel fuͤhlten ſich zur Unterhaltung geneigt auf ihrem Wege nach Lambeth, wohin ſie ſich begaben, als ſie die Wohnung des Geizi⸗ gen verließen; und in der That hielt Abel es fuͤr gut, die eben vorgefallenen Ereigniſſe ohne ſeinen Beiſtand auf das Gemuͤth ſeines Neffen wirken zu laſſen. In einer halben Stunde waren ſie zu Hauſe und Jukes blickte bald den Einen bald den Andern an, als wollte er gern erfahren, warum ſie zuſammen kaͤmen, erhielt aber keine Auskunft daruͤber. Sie fanden Truſſel im Fruͤhſtuͤckzimmer. Er ſtreckte ſich in einen Lehnſtuhl, ſchluͤrfte eine Taſſe kalten gruͤnen Thee, um ſeine Nerven zu beruhigen, und las in einer Morgenzeitung die modi⸗ ſchen Anzeigen vermöge einer Brille, die er haſtig ab⸗ nahm, als er ihre Ankunft hoͤrte. Er hatte einen wei⸗ 3 n brocatnen Schlafrock an, eine rothſeidene Nacht⸗ mutze auf dem Kopfe, Pantoffeln und Struͤmpfe an k Fuͤßen, die loſe herunterhingen. Im Ganzen hatte r ſehr das Anſehen eines Wuͤſtlings. Seine Augen waren roth und entflammt, und ſein Geſicht gluͤhte von den Ausſchweifungen der vergangenen Nacht. Ein offe⸗ ner Brief lag vor ihm auf dem ei mit einer Gra⸗ fenkrone auf dem Siegel. Er blickte mit nachl aſſiger Miene auf, als ſein Bruder und ſein Neffe ins Zimmer traten, und fragte gaͤhnend, wo ſie geweſen; als er keine Antwort erhielt, ſprang er auf und die Frage mit wirklichem Intereſſe. „Frage nicht, Bruder,“ verſetzte Abel tebeunngs⸗ voll—„laß es Dir genug ſein, daß Alles gut gegan⸗ gen iſt.“ „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren,“ verſetzte Truſ⸗ ſell,„obgleich ich nicht weiß, was haͤtte ſchlimm gehen koͤnnen. Ich habe gerade einen Brief von Lady Bra⸗ bazon erhalten, Randulph, worin ſie uns einladet, ſie 5 dieſen Nachmittag nach Marylebone Gardens zu beglei⸗ ten. Du weißt, wir ſind bei Sir Bulkeley Price zum Mittageſſen eingeladen.“ „Geh dorthin auf jeden Fall,“ ſagte Onkel Abel freundlich,„es wird dazu dienen, Deine Gedanken zu zerſtreuen.“ „Ich habe ſchon fuͤr Dich geantwortet, Randulph,“ verſetzte Truſſell,„denn heute iſt ein Feſt dort, und Du wirſt Dich gewiß ſehr unterhalten. Du wirſt Ma⸗ rylebone ſehr verſchieden von der Folly finden— ha, ha!“ „Nur Tollheit unter einem verſchiedenen Namen und in reicherer Kleidung, das iſt Alles,“ ſagte Abel. „Ich will jetzt gehen und mich ankleiden,“ ſagte Truſſell.„Lady Brabazon hat uns ein Subſcriptions⸗ billet geſchickt,“ ſetzte er hinzu, indem er auf eine ſil⸗ berne Medaille deutete, etwa von der Groͤße eines mo⸗ dernen, elfenbeinernen Opernbillets, mit Figuren, einer Nummer, und der Inſchrift:„Marylebone— fuͤr Zwei,“ verſehen, nebſt der Jahreszahl 1744. Abel nahm das Billet, betrachtete es und legte es laͤchelnd nieder. Randulph brachte eine Entſchuldigung hervor, ſich auf ſein Zimmer begeben zu duͤrfen, und als er daſſelbe erreichte, warf er ſich auf einen Stuhl, um ſich ſeinem Nachdenken hinzugeben, und gewiß war es bitter und niederdruͤckend genug. Bis zur letzten Stunde, wo er zu der Ueberzeugung kam, Hilda auf immer verloren zu haben, hatte er die Groͤße ſeiner Lei⸗ denſchaft fuͤr ſie nicht gekannt. Jetzt fuͤhlte er— wie alle die, welche wahrhaft geliebt haben, bei ſolchen Ge— legenheiten gefuͤhlt haben— daß ſein Daſein oͤde und leer geworden ſei, und daß er nie wieder voͤllig gluͤcklich werden koͤnne. Wiederholt machte er ſich Vorwuͤrfe we⸗ gen Kitty Conway, und er beſchloß beinahe, gleich On⸗ kel Abel ein Geſchlecht zu meiden, welches ihm ſo viele Qual machte. Ein Klopfen an der Thuͤr erweckte ihn aus ſeinen Betrachtungen. Jukes trat ein und benach⸗ = 60—= richtigte ihn, daß ſein Onkel Truſſell bereit ſei, und ſchon auf ihn warte. Randulph ſagte, er wuͤrde im Augenblick unten ſein, nahm eine geringe Veraͤnderung mit ſeiner Kleidung vor, die er kaum zu der muntern Scene, der er ſich anſchließen wollte, fuͤr paſſend hielt, ſtieg hinab und fand ſeinen Onkel im Vorſaal, vollig angekleidet, mit einem ſchnupftabakfarbenen ſammetnen Rock, mit Spitzen beſetzten Manſchetten, diamantenen Schnallen, einer wohlgepuderten Perruͤcke und einem Degen mit ſilbernem Griff. Tuſſell ſchien ungeduldig zu ſein und erklaͤrte, ſie wuͤrden ſchon zu ſpaͤt kommen. Dann ging er mit raſchen Schritten zu der Treppe in 5 der Naͤhe des Lambeth-Palaſtes, wo er ein Boot her— beirief und dem Matroſen befahl, ſo ſchnell als moͤglich zu der Whitehall-Treppe zu rudern, als dem nächſten Punkte bei Pall Mall, wo Lady Brabazon's prachtiges Haus lag. Sobald ſie fort waren, rief Abel Jukes herbei, und nachdem er etwas Zwieback und ein Glas Wein zu ſich genommen, befahl er dem Kellner, ſich zu ruͤſten, um ihn nach Marylebone Gardens zu begleiten. dem dieſer Vorſchlag gefiel, hielt es dennoch ſeiner Wuͤr angemeſſen, ein wenig zu zoͤgern, und nachdem er dem Bedienten hinſichtlich des Mittageſſens ausfuͤhrliche Be⸗ fehle ertheilt hatte, zeigte er ſich in einer wohlgepuder⸗ ten Perruͤcke, einem wohlgebuͤrſteten Rock und weißer Weſte, und ſo ſah er mit ſeinem runden, rothen Ge⸗ ſicht, ſeiner runden Geſtalt und ſeinen etwas unfoͤrm⸗ lichen Beinen wie das Modell eines geachteten, wohl⸗ Sice genaͤhrten und achtbaren Dieners aus. Von dem Kell⸗ ner begleitet, ging Abel zur Lambeth-Treppe, wo zum Gluͤck in dem Augenblick das Fahrboot gerade abfuhr. Sie ſtiegen ein und waren in wenigen Minuten hinuͤber, nebſt einer Menge von Paſſagieren beiderlei Geſchlechts und nicht weniger als ſechs Pferden. An der Ecke von Abingtonſtreet fanden ſie eine Kuiſche, die Abel ſogleich in Beſchlag nahm und einſtieg, waͤhrend Jukes mit ei⸗ niger Schwierigkeit auf den Bock kletterte. Dann fuh⸗ ren ſie Horſeferry Road entlang, an der hintern Seite von Buckingham Houſe vorbei und in Hyde Park Lane ihrer Beſtimmung zu. Inzwiſchen waren Truſſell und Randulph in Lady Brabazon's Hauſe angekommen und in ein praͤchtig ver⸗ ziertes Geſellſchaftszimmer gefuͤhrt worden, wo ſie Beau Villiers, Sir Singleton Spinke, Clementine und Ihre Herrlichkeit fanden. Die Letztere empfing ſie ſehr gnaͤ⸗ dig, bemerkte ſogleich Randulph's Niedergeſchlagenheit, wendete allen ihr zu Gebote ſtehenden Witz und Scherz an, und brachte ihn bald in beſſere Laune. Wenn Lady Brabazon, ungeachtet ihres reiferen Alters, zu gefallen beſchloſſen hatte, ſo verfehlte ſie ſelten ihren Zweck; und⸗ ſie richtete in gegenwaͤrtigem Falle ihr Geſchutz mit ſol⸗ chem Takt und ſolcher Geſchicklichkeit, daß Randulph, ſo ſehr er auch gegen ſolche Angriffe geruͤſtet zu ſein glaubte, doch nicht ganz feſt war. Mochten nun ihre Gefühle bei der Eroberung intereſſirt ſein oder nicht, ſo⸗ viel iſt gewiß, daß ſie entſchloſſen war, den jungen Mann fuͤr ſich einzunehmen. Dies war ſo einleuchtend, Die Tochter des Geizigen. Il. 5 daß dadurch ein geringes Gefuͤhl der Eiferſucht in der Bruſt des Stutzers angeregt wurde, und er etwas plotz⸗ lich ſeinen Entſchluß zu erkennen gab, nicht nach Rich⸗ mond zu fahren, wie er die Abſicht hatte, ſondern ſie anſtatt deſſen nach Marlebone Gardens zu begleiten. Dieſe Veraͤnderung des Planes war nicht ganz nach Ihrer Herrlichkeit Geſchmack, doch ſtellte ſie ſich, als ſei ſie ſehr entzuͤckt daruͤber. „Beilaͤufig geſagt, Herr Crew,“ ſagte ſie zu Ran⸗ dulph,„muͤſſen Sie morgen Abend einer Geſellſchaft bei mir beiwohnen. Ich habe die neue Schoͤnheit ein⸗ geladen, die Villiers entdeckt hat— ich meine die Toch⸗ ter des Geizhalſes Scarve. Sie iſt ganz entzuͤckend, ſagt Villiers— aber ich vergeſſe, ich brauche ſie Ihnen nicht zu ſchildern, denn Sie haben ſie ja geſehen. So wahr ich lebe, ich habe Ihre Wangen erröthen machen! Ha ha! Beneiden Sie ihm nicht die Faͤhigkeit des Er⸗ röthens, Villiers? Herr Truſſell Beecheroft, ich ver⸗ muthe, Ihr Neffe iſt in Miß Scarve verliebt. Sehen Sie, wie er bei Erwaͤhnung des Namens roth wird.“ „Ihre Herrlichkeit vergeſſen, daß mein Neffe erſt kuͤrzlich vom Lande gekommen iſt,“ verſetzte Truſſell. „Er iſt nicht an den Scherz von Perſonen gewoͤhnt, die ſo viel Witz haben, wie Ihre Herrlichkeit.“ „Es liegt etwas mehr als Schuͤchternheit in ſeiner Verwirrung,“ verſetzte Lady Brabazon.„Herr Crew iſt in Miß Scarve verliebt— er mag es leugnen, wenn er kann. Und Villiers iſt es auch.“ „Ja, wahrhaftig, das binich,“ verſetzte der —— Stutzer;„und wenn ihr Vater ihr funfzigtauſend Pfund geben will, was er ſehr wohl kann, ſo will ich ihr ein Geſchenk mit meinem Namen und meiner Perſon ma⸗ chen.“ „Sie halten es nicht fuͤr noͤthig, die junge Dame um ihre Einwilligung zu befragen?“ ſagte Randulph, der kaum ſein Mißfallen verbergen konnte. „Gewiß nicht,“ verſetzte der Stutzer mit ſelbſtge⸗ falligem Lächeln, welches Randulph ganz unertraͤglich vorkam—„ich glaube darin meiner Sache ziemlich ge⸗ wiß zu ſein.“ „Sie ſehen, Sie haben keine Hoffnung, Herr Erew,“ ſagte Lady Brabazon lachend.„Das einzige Mittel iſt, ſich eine andere ſchoͤne Dame zu ſuchen, die Mitleid mit Ihnen hat.“ „Ihre Herrlichkeit zum Beiſpiel,“ ſagte der Stu⸗ tzer mit ſarkaſtiſchem und bedeutungsvollem Fluͤſtern. „Aber der junge Mann ſcheint den Wink nicht verſtehen zu wollen.“ Randulphs Gedanken waren in der That in dem Augenblick anderswo. „Nun, ich vermuthe, Miß Scarve wird nicht halb ſo ſchoͤn gefunden werden, als Herr Villiers ſie ſchildert,“ ſagte Clementine, die es nicht ertragen konnte, von ei⸗ ner andern Schoͤnheit als von ihrer eigenen reden zu hoͤ— ren—„ich bin gewoͤhnlich in den Gegenſtaͤnden ſeiner Bewunderung getaͤuſcht worden, und zweifele nicht, daß ſie gleich den uͤbrigen ſehr gewoͤhnlich und gemein ſein wird.“ — 5* — „Sie iſt weder das Eine noch das Andere,“ ſagte Randulph mit einiger Lebhaftigkeit. „Sagte ich nicht, er ſei in ſie verliebt!“ rief Lady Brabazon mit lautem Lachen, um ihre ſchoͤnen Zähne zu zeigen.„Sie hat ihn abgewieſen und das iſt der Grund ſeiner Niedergeſchlagenheit,“ Randulph's Wangen gluͤhten foͤrmlich vor Schaam. „Wahrhaftig, Lady Brabazon, ich glaube, dies⸗ mal haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen,“ fluͤſterte Sir Singleton Spinke. „Ihre Herrlichkeit ſind ein wenig hart gegen meinen Neffen,“ fiel Truſſell ein.„Schonen Sie ſeiner, ich itte Si „In der That, das werde ich nicht,“ verſetzte La⸗ dy Brabazon,„er muß lernen, dergleichen Dinge mit Gleichguͤltigkeit zu betrachten.“ „Nun ich hoffe, wir werden Gelegenheit haben, dieſes ſchoͤne Weſen zu ſehen,“ ſagte Sir Singleton; „aber ich fuͤrchte, ihr Vater wird ſie nicht fortlaſſen. Man ſagt er bewacht ſie wie ein gruͤner Drache.“ „Ich habe ihn gebeten, ſie mitzubringen,“ ſagte Lady Brabazon,„und ich weiß, er wird es mir nicht abſchlagen. Soll ich es Ihnen bekennen, Herr Crew?“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſeinen Arm mit ihrer kleinen weißen Hand beruͤhrte,„ich habe einen Bewunderer an dieſem Geizhals, deſſen Herz allein auf ſein Gold ge⸗ richtet ſein ſoll. Iſt das nicht ein Triumph?“ „Ein ſehr ruhmvoller!“ ſagte Truſſell lachend— . —— „aber ich wundere mich uͤber keine Eroberung von Sei⸗ ten Ihrer Herrlichkeit.“ „Wenn Herr Scarve Ihrer Herrlichkeit den Antrag machen ſollte, ſo rathe ich ihn anzunehmen,“ ſagte der Stutzer. „Dann koͤnnen Sie ſeine Tochter nicht nehmen, Villiers,“ entgegnete Lady Brabazon,„denn er muß mir Alles ausſetzen, was er beſitzt.“ „Dann muß ich Ihnen zuvorkommen,“ ſagte der Stutzer,„denn ich bin entſchloſſen, ſie zu haben.“ In dieſem Augenblick trat ein Bedienter ein, und benachrichtigte Lady Brabazon, daß ihr Wagen vor der Thuͤr ſei. Ihm folgte der kleine ſchwarze Page, der einen Schooßhund am ſeidenen Band fuͤhrte. „Ich bedarf heute Deiner nicht, Muſtapha,“ ſagte Ihre Herrlichkeit, ihm das Band abnehmend.„Ich will heute Sappho ſelber ſpazieren fuͤhren.“ Dann ſtand ſie auf, nahm Randulph's Arm, verließ mit ihm das Zimmer und ging durch eine Reihe gepuderter und reich— gekleideter Bedienten zu ihrem Wagen. Clementine wurde von Sir Singleton geleitet, und als die beiden Damen im Wagen ſaßen, wurde Ran⸗ dulph gebeten, neben ihnen Platz zu nehmen. Villiers nahm die andern beiden Herren in ſeine glänzende Equi⸗ page— die Bewunderung des Tages— und dann erhielten die Kutſcher Befehl, nach Marylebone Gardens zu fahren. Ehe wir ſie aber zu dieſem beruͤhmten Vergnuͤgungs⸗ ort begleiten, wird es noͤthig ſein, nach dem Thun ei⸗ ner andern Perſon zu fragen, die einen aͤhnlichen Be⸗ — 70— ſuch vorhatte, naͤmlich nach Herrn Cripps. Wir erin⸗ nern uns, daß Villiers die Abſicht gehabt hatte, an dem Tage nach Richmond zu fahren, und dort laͤnger als eine Woche zu bleiben, daß er aber ploͤtzlich aus Eifer⸗ ſucht oder Laune ſeine Abſicht aͤnderte. Der Kammer⸗ diener rechnete darauf, daß ſein Herr ſeinen urſpruͤng⸗ lichen Plan ausfuͤhren werde, und beſchloß ſeine Abwe⸗ ſenheit zu einem Beſuch in Marylebone Gardens zu be⸗ nutzen. Herr Cripps war, wie wir bereits gezeigt ha⸗ ben, ſeiner eigenen Meinung nach ein ſehr großer Mannz doch verſuchte er zuweilen, ſich viel groͤßer darzuſtellen, als er ein Recht hatte zu thun, zog die Kleider ſeines Herrn an, und machte Anſpruch auf ſeinen Titel; mit P andern Worten, er ließ den gemeinen Namen Cripps fallen, und nannte ſich Villiers. Bei Verkleidungen dieſer Art beſchraͤnkte er ſich hauptſaͤchlich auf die oͤſtliche Seite der Hauptſtadt, wo er gewiß war, weder ſeinen Herrn, noch deſſen Freunde zu treffen. Die vorzuͤglich⸗ ſten Orte, die er beſuchte, waren White Conduithouſe, Sadler's Wells, Hockeley in the Hole, Ioslington, Hogsdon und einige andere Vergnuͤgungsorte auf der Surreyſeite des Fluſſes. Eines Sonntags, als er ſich in White Conduit Houſe befand, machte er die Be⸗ kanntſchaft einer ſehr geputzten Dame, die ſich durch ſein glaͤnzendes Ausſehen und ſein vornehmes Weſen blenden ließ, welches ihr viel vornehmer erſchien, als das der gemeinen Menge um ſie her. Nachdem Cripps ſie waͤh⸗ rend ihres dortigen Aufenthalts begleitet hatte, rief er eine Kutſche herbei, fuͤhrte ſie zu derſelben und wurde P ———— S— 2 —— beim Scheiden durch einen zaͤrtlichen Blick und noch ei⸗ nen zaͤrtlichern Haͤndedruck belohnt. Er hatte ſchon vor⸗ her erfahren, daß die Dame Nettleſhip heiße, daß ſie die Wittwe eines Lichtziehers ſei, und in Billitersquare wohne; daß ſie ein huͤbſches Vermoͤgen von ihrem ver⸗ ſtorbenen Manne geerbt und uͤberdies keine Familie ha⸗ be. Dies ſchien eine gute Partie fuͤr ihn zu ſein, wenn er ſie nur erlangen koͤnne. Bei weiterer Nachforſchung erfuhr er aber, daß Mißreß Nettleſhip mit Herrn Rath⸗ bone, dem Compagnon ihres verſtorbenen Mannes ver⸗ lobt ſei, der ſich gerade auf dem Lande befinde, um Schulden einzutreiben und ſeine Geſchaͤfte zu ordnen. Obgleich ihm dies freilich ungelegen kam, ſo beſchloß er doch beharrlich zu ſein, da er ſich uͤberzeugt hielt, daß man in Liebesangelegenheiten wagen muß, um zu ge⸗ winnen. In dieſer Abſicht war er bemuͤht, Miſtreß Nettleſhip ſo oft als moͤglich zu treffen, und dies war vor Beginn dieſer Geſchichte ſchon fuͤnf oder ſechsmal geſchehen, wobei er bemuht war, den angenehmen Ein⸗ druck zu erhoͤhen, den er bei der erſten Bekanntſchaft hervorgebracht, und das Bild des Herrn Rathbone gaͤnz⸗ lich auszuloͤſchen. Miſtreß Nettleſhip war eine Dame unter der mittlern Groͤße, und nicht ganz ehne perſoͤn— liche Reize. Sie hatte eine ſehr volle und runde Geſtalt, ſehr weiße und abgerundete kleine Arme mit rothen Gruͤbchen an den Ellbogen, und obgleich ſie keinen Hals hatte, oder wenigſtens keinen, der wegen des Fettes be⸗ merkbar war, ſo hatte ſie doch Wangen, groß und rund genug, um den Mangel zu erſetzen. Ihre Augen waren ſo klein, wie die einer chineſiſchen Dame, aber ſehr ſchwarz und hell— ſo hell, daß ihr verſtorbener Mann zu ſagen pflegte, man kann ein Licht dabei anzuͤnden, und ihre Naſe hatte die ſchoͤnſte aufgerichtete Spitze von der Welt. Dieſer Geſichtszug war es beſonders, der Herrn Cripps gefiel, der immer in Entzuͤcken gerieth, wenn er ihn betrachtete und daran dachte, und da er ſelber eine etwas aufwaͤrts gerichtete Naſe hatte, ſo ſchloß er ganz vernünftig, daß keine Schoͤnheit ohne ſolche Bildung exiſtiren koͤnne, und daß griechiſche, be⸗ ſonders aber roͤmiſche Naſen abſcheulich und⸗ unleidlich ſeien. Es war nicht ſchwer, Miſtreß Nettleſhip zu ſei⸗ ner Anſicht zu bekehren, und obgleich ſie bei ſeinen Com⸗ plimenten und ſchoͤnen Redensarten erroͤthete und be⸗ hauptete, ſie fuͤr zu uͤbertrieben zu halten, ſo ſog ſie dieſel— ben doch begierig ein. Miſtreß Nettleſhip war in einem Alter, wo ſolche Complimente beſonders geſchätzt wer⸗ den. Sie war grade fuͤnfundvierzig Jahr, und kannte den vollen Werth ihrer Reize. Waͤhrend ihrer Unterre⸗ dungen hatte ſie oft den lebhaften Wunſch ausgeſpro⸗ chen, Ranelagh, Marylebone Gardens, oder Vauphall in Geſellſchaft ihres Bewunderers zu beſuchen, aber Cripps wich beſtaͤndig unter dem einen oder dem andern Vorwande dieſer Bitte aus, bis die Reiſe ſeines Herrn nach Richmond ihm eine guͤnſtige Gelegenheit darzubie⸗ ten ſchien, und er beſchloß, Marylebone Gardens mit ihr zu beſuchen, indem er den lebhaften Wunſch hegte, daß ſeine Hoffnungen dadurch möchten erfullt werden. Sobald alſo die Luft rein war, begab er ſich in ——. das Ankleidezimmer ſeines Herrn, pluͤnderte deſſen Gar⸗ derobe, und zog mit Huͤlfe des franzoͤſiſchen Bedienten Antoine die reichſten Kleider an, welche dieſelbe enthielt. So trug er jetzt den geſtickten Scharlachrock, die ge⸗ bluͤmte ſeidene Weſte, die ſchwarzſammetnen Beinklei⸗ der, die perlenfarbigen ſeidenen Struͤmpfe, welche am vorigen Tage die Perſon des Stutzers geſchmuͤckt hatten. Hiezu fuͤgte er eins von den feinſten mit Spitzen beſetz⸗ ten Hemden ſeines Herrn, und eine ebenfalls mit Spiz⸗ zen beſetzte Halsbinde. Ein paar große diamantne Schnallen wurden an ſeine Schuhe, und ein Degen mit ſilbernem Griff an ſeine Seite befeſtigt. Dann waͤhlte er einen großen Brillantring aus dem Juwelenkaͤſtchen des Stutzers, und ſteckte ihn an den Finger, bedeckte ſeine Wangen und ſein Kinn mit Schoͤnpflaͤſterchen, ſetzte eine volle Lockenperruͤcke auf, ſteckte eine praͤchtige gol— dene Schnupftabakdoſe in die Taſche nebſt einem ſchoͤnen Taſchentuche von Cambrick, waͤhlte den ſchoͤnſten Stock mit goldenem Knopfe aus, nahm einen befiederten Hut, den ſein Herr nur einmal getragen, und den er an dem Tage aufzuſetzen ihn ſelber verhindert hatte, und nach⸗ dem er ſich mit großem Wohlgefallen in dem großen Spiegel betrachtet, erklärte er Antoine, daß es ſo wohl gehen werde. Da der franzoͤſiſche Bediente eine beſtaͤtigende Ant— wort gab, ging er die Hintertreppe hinunter, die er bei äbnlichen Gelegenheiten zu benutzen pflegte, und verließ das Haus. An der Ecke von Spring Gardens wartete eine Kutſche auf ihn, er ſtieg ein und befahl dem Kut⸗ — 74— ſcher auf Leben und Tod nach dem Ende von Harley Street zu fahren, wo er Miſtreß Nettleſhip abzuholen verſprochen hatte, und wo er ſie auch wirklich ſeiner wartend fand. Er entließ ſeinen Wagen, hob die Da⸗ me aus dem ihrigen, entſchuldigte ſich, daß er ſie habe warten laſſen, und fuͤhrte ſie in den Garten. Er ergoß ſich in beredten Lobſpruͤchen uͤber ihre Kleidung, die er als entzuͤckend bezeichnete, und ſprach von dem Ein⸗ druck, den dieſelbe auf die Verſammlung hervorbringen werde. Miſtreß Nettleſhip hatte in der That eben ſo viel Sorgfalt auf ihre Toilette verwendet, wie ihr Be⸗ wunderer, und es gewährte ihr nicht geringe Befriedi⸗ gung, ihre Bemuͤhungen anerkannt zu ſehen. Ihr Kleid war vom ſchoͤnſten blauen Seidenzeug mit Silber durch⸗ wirkt, und vermoͤge eines ungeheuren Reifrocks faſt zu der Geſtalt eines Luftballons aufgeſchwellt. Sie trug diamantene Ohrringe, waͤhrend ihr Hals von einem Halsbande mit greßen orientaliſchen Perlen umgeben war. Ihr Mieder war mit Silber und Edelſteinen be⸗ ſetzt. Ihre Aermel waren kurz und weit, und uͤber den Ellbogen mit weißſeidenen Bogen verſehen und mit brei⸗ ten Spitzen beſetzt. Ihre Haube war von rother Seide und hinten fielen gleich Wimpeln zwei rothe Baͤnder nieder. Ihr rothes Geſicht, welcher keiner Schminke bedurfte, war mit Schoͤnpflaͤſterchen uͤberſaͤet, waͤhrend ihre kleinen fetten Finger, roſig wie die der Aurora, aus einem Paar kurzer, ſchwarzſeidener Handſchuhe her⸗ vorguckten. Ein großer Faͤcher, damals ſo unerlaͤßlich — fuͤr eine Dame, wie ein Degen fuͤr einen Herrn, voll⸗ endete ihren Anzug. Marylebone Gardens befanden ſich an der oͤſtlichen Seite des obern Endes der Straße, welche denſelben Namen fuͤhrt, und die ganze Gegend jenſeits Harley Street, damals noch nicht zum dritten Theil ſo lang, war freies Feld. Der Garten war von betraͤchtlicher Groͤße und zu Anfang des vorigen Jahrhunderts ange⸗ legt, wo das Publicum damals freien Eintritt hatte. Auf der einen Seite war eine vortreffliche Kegelbahn, wohin ſich viele Liebhaber dieſer ſehr angenehmen Erho— lung begaben. Nach und nach kam der Garten immer mehr in die Mode, und im Jahr 1737 forderte der Be⸗ ſitzer, Namens Gough, einen Schilling als Entrée, fuͤr welche Summe der Beſuchende Erfriſchungen erhalten konnte. Doch es wurden noch mehr Verbeſſerungen an⸗ gebracht, Orcheſter, Sitze fuͤr die Zuſchauer und ein Theater fuͤr die muſikaliſche Unterhaltung errichtet. Au⸗ ßer den Hauptgaͤngen wurden halbzirkelfoͤrmige Reihen von Baͤumen angepflanzt, und die Hecken ſo eingerich⸗ tet, daß ſie ein angenehmes Labyrinth bildeten, fuͤr die, welche lieber allein ſein wollten. An verſchiedenen Stel⸗ len waren Gartenhaͤuſer erbaut und Lampen an den Baͤu⸗ men befeſtigt, ſo daß der ganze Garten Abends mit zahlloſen vielfarbigen Lampen konnte erleuchtet werden. Nach und nach fand ſich beſſere Geſellſchaft ein, und der Eintrittspreis wurde auf fuͤnf Schilling erhöht. Feſte jeder Art wurden hier gehalten. Und der Ort blieb 32 beinahe bis zu Ende des vorigen Jahrhunderts in der Mode. Kutſchen und Saͤnften ſetzten am Eingange des Gartens ihre Gaͤſte ab, als Cripps ſich mit ſeiner Be— gleiterin naͤherte. Noch nie hatte Miſtreß Nettleſhip eine ſo geputzte Menge geſehen, und die Kleidungen ſchienen ihr prächtig zu ſein. Alle Damen trugen Reif⸗ roͤcke, doch keine bewegte ſich, wie Cripps ſeiner Be⸗ gleiterin verſicherte, mit ſolcher Grazie wie ſie ſelber. An dieſem Punkte war es Cripps ſchwer, ſeine Rolle durchzufuͤhren, und er bedurfte dazu all ſeiner Frechheit. Da er ſeiner Begleiterin verſichert hatte, daß er ein ge⸗ nauer Bekannter von all den vornehmen Damen ſei, die ihnen begegneten, und daß er ihre Geſellſchaften beſuche, ſo war es noͤthig, ſeine Rolle weiter zu ſpielen und er verbeugte ſich unablaͤſſig und warf ihnen Handkuͤſſe zu. In den meiſten Faͤllen gelang es ihm, denn die Damen ließen ſich durch ſeinen praͤchtigen Anzug taͤuſchen, hiel⸗ ten ihn fuͤr etwas Rechtes und erwiederten ſeinen Gruß. Miſtreß Nettleſhip war bezaubert. Von einem ſo vor— nehmen Mann begleitet zu ſein, der die ganze ſchoͤne Welt kannte, war das hoͤchſte Gluͤck fuͤr ſie. Sie hätte viel darum gegeben, einigen von dieſen vornehmen Da⸗ men vorgeſtellt zu werden und ſie deutete ihrem Beglei⸗ ter dieſen Wunſch an, doch er war zu klug, um dar⸗ auf zu achten, und begnuͤgte ſich mit ſehr leidenſchaft⸗ lichem Blicke zu ſagen: „Ich hoffe, mein Engel, daß ich bald die Ehre haben werde, Sie meinen ſchoͤnen Freundinnen unter einem andern Namen vorzuſtellen. Es wuͤrde mich zum gluͤcklichſten Manne machen— auf Parole!“ „Mein Seel, Herr Willars, wie Sie mich in Ver⸗ legenheit ſetzen,“ rief die Dame, den Faͤcher vor ihr Geſicht haltend. Jetzt hatten ſie den Hauptgang erreicht, der zu dem Orcheſter fuͤhrte, und bei jedem Schritt, den Cripps that, warf er einer elegant gekleideten Perſon Hand⸗ kuͤſſe zu. „Da iſt mein Freund, Lord Effingham und ſeine Graͤfin,“ ſagte er—„es iſt mir lieb, Sie zu ſehen, Mylord— das iſt die huͤbſche Miſtreß Rackham— eine Braut, liebes Herz, eine Braut,“ wiederholte er mit zaͤrtlichem Nachdruck—„das iſt die reiche Miſtres Dra⸗ per— ich wage ſie nicht anzuſehen, denn ſie will mich mit Gewalt haben, ich mag wollen oder nicht; doch ich kann mich nicht dazu entſchließen, obgleich ſie verſpro⸗ chen hat, mir ſechzigtauſend Pfund auszuſetzen, und in ſechs Monaten zu ſterben.“ „Ei, Herr Willars, Sie wuͤrden ſich doch nicht an ein ſo garſtiges Geſchopf verkaufen!“ rief Miſtreß Nettleſhip—„ſie iſt ja eine wahre Vogelſcheuche, und ſo angezogen!“ „Gerade wie Sie ſagen, auf Parole!“ verſetzte Cripps.„Aber hoͤren Sie auf die Muſik. Iſt es nicht begeiſternd?“ ₰ Und ſie ſtanden einen Augenblick ſtill, um den leb— haften Toͤnen zu horchen, die von dem Orcheſter herka— men, welches ſich am Ende eines großen Gebaudes in der Maͤhe des Hauptganges befand. Jetzt hatte ſich faſt die ganze Geſellſchaft verſammelt. Der Hauptgang war gedraͤngt voll, alle Gartenhaͤuſer mit Perſonen an⸗ gefuͤllt, welche ſpeiſten und Punſch tranken. Das Mu⸗ ſikchor war vortrefflich, und die lebhaften Muſikſtuͤcke, welche aufgefuͤhrt wurden, erhoͤhten noch die Schoͤnheit der Scene. Cripps erregte großes Aufſehen. Viele Leute glaubten ihn fruͤher geſehen zu haben, aber keiner konnte ſagen, wer er ſei. Inzwiſchen fuhr der Gegen⸗ ſtand dieſer Aufmerkſamkeit fort ſich zu verbeugen und zu laͤcheln, ſchwang ſeinen Stock, ſchlug auf ſeine praͤch⸗ tige Schnupftabakdoſe, und ſchluͤpfte, nachdem er die Zuſchauer durch ſeine Narrenspoſſen in Erſtaunen geſetzt, mit ſeiner Begleiterin in einen der Seitengaͤnge. Kaum war er verſchwunden, als Lady Brabazon und ihre Geſellſchaft in den Hauptgang eint aten. Ihre Herrlichkeit fuͤhrte den kleinen Schooßhund am Bande und auf der einen Seite ging der Stutzer und auf der andern Truſſell. Hinter ihnen kam Clementine, der es gelungen war, Randulph von ihrer Mutter wegzulocken, und ihn an ſich zu feſſeln, waͤhrend Sir Singleton Spinke an der linken Seite des jungen Mannes ging. Jeder, den Villier traf, erzaͤhlte ihm von dem praͤchtig geſchmuͤckten jungen Mann, den man in dem Gange geſehen— Lord Effingham, Major Burrowes, Lord Dyneover, Sir John Fagg— alle beſchrieben ihn. „Wer zum Teufel iſt er denn?“ rief Villier. „Habe nicht die leiſeſte Vermuthung,“ verſetzte — Sir John Fagg.„Doch ich will mit ihm reden, wenn ich ihn wieder treffe. Er iſt Ihr leibhaftiges Ebenbild, Villiers. Ich will ſchwoͤren, er hat Desmartins auf— getragen, ihm gerade ſo einen Rock zu machen, wie Sie haben.“ „Wirklich?“ rief der Stutzer unwillig—„dann will ich den ſchurkiſchen Franzoſen nicht wieder beſchaͤf⸗ tigen! Und was noch mehr iſt, ihm ſeine Rechnung nicht bezahlen.“ Daſſelbe wurde ihm von zwanzig andern Perſonen geſagt, und der Stutzer ſah ſich lebhaft nach ſeinem Ebenbilde um, konnte es aber nicht ſogleich entdecken. Inzwiſchen hatte Cripps dieſen einſamen Gang auf⸗ geſucht, um Gelegenheit zu haben, der Wittwe eine Erklaͤrung zu machen, und obgleich er nicht eigentlich angenommen wurde, ſo wies ſie ihn doch nicht beſtimmt zuruͤck, denn ſie verlangte nur Zeit, um uͤber ſeinen Vorſchlag nachzudenken. Der kuͤhne Bediente lag auf den Knieen, kuͤßte entzuͤckt ihre Hand und gelobte, er wuͤrde nimmer aufſtehen, bis er eine guͤnſtige Antwort von ihr erhalten habe, als ſich ploͤtzlich zwei Perſonen näherten, die er zu ſeinem unendlichen Erſtaunen und Aerger für Abel Beecheroft und Jukes erkannte. „Wir werden geſtört, meine Holde,“ rief er aͤr⸗ gerlich aufſtehend.„Laſſen Sie uns auf die offentliche Promenade zuruͤckkehren. Sie werden es mir nicht ab⸗ ſchlagen? Ich toͤdte mich, auf Parole! wenn Sie es thun.“ „Ich will daruͤber nachdenken, Herr Willars,“ 3.„ — 80— ſagte Miſtreß Nettleſhip, ihren Faͤcher in der Hand dre⸗ hend.„Aber es waͤre doch ſchrecklich, wenn ich mein Verſprechen braͤche, was ich dem Herrn Rathbone ge⸗ geben!“ „Zum Hinker mit dem Herrn Rathbone! Ich ſchneide ihm die Kehle ab!“ rief Cripps aͤngſtlich den Gang hinunterblickend. Aber ungluͤcklicherweiſe war kein Ausgang am untern Ende, und er ſah ſich genoͤthigt umzukehren und den Ankommenden entgegenzutreten. Er blickte auch zur Rechten und zur Linken, aber nirgends war ein Gartenhaus oder eine Laube, wohin er ſich zu⸗ ruͤckziehen konnte. Es blieb ihm alſo nichts uͤbrig, als ſeine Unverſchaͤmtheit, und die verließ ihn ſelten, wenn er ſich in einer Verlegenheit befand. Er nahm ſein kuͤhnſtes Weſen an, und ſchritt munter und mit affektir⸗ ter Nachlaͤſſigkeit auf Abel und ſeinen Onkel zu, die bei ſeiner Annaͤherung ein wenig auf die Seite traten, um ihn anzuſehen. „So wahr ich lebe!“ rief Abel,„das iſt Herrn Villiers Bediente— Dein Neffe, Jukes.“ „Gott ſei uns gnaͤdig! Er iſt es,“ rief Jukes vor Erſtaunen die Haͤnde zuſammenſchlagend.„Ei, ei, Crackenthorpe, was machſt Du hier— und in den Kleidern Deines Herrn?“ „Zum Henker mit Deinen Scherzen, alter Kerl,“ ſagte Cripps ärgerlich,„und laß mich voruͤber.“ „Was! Du verleugneſt Deinen Onkel?“ rief Ju⸗ kes aͤrgerlich,„und noch dazu in Gegenwart ſeines wuͤr— dig Herrn? Der Schurke wuͤrde ſeinen eigenen Vater verleugnen. Bezahle mir die zehn Kronen, die Du ge⸗ ſtern von mir geborgt haſt.“ „Ei, Herr Willars, was hat Alles dies zu bedeu⸗ ten?“ fragte Miſtreß Nettleſhip. „Bei meiner Seele, mein Engel, ich weiß es nicht. Wenn der alte Narr nicht vielleicht betrunken iſt,“ verſetzte Cripps.„Der Arakpunſch iſt ihm offen⸗ bar in den Kopf geſtiegen und macht, daß er die Perſo⸗ nen verwechſelt.“ „Arakpunſch!“ rief Jukes zornig.„Ich habe kei⸗ nen Tropfen gekoſtet! Sie nennen ihn Herrn Villiers, Madame,“ ſetzte er zu Miſtreß Nettleſhip gewendet hin⸗ zu—„er taͤuſcht Sie, Madame. Er iſt nicht Herr Villiers, ſondern nur ſein Bediente.“ „Zum Henker mit der Thorheit dieſes verruͤckten al— ten Narren,“ rief Cripps, ſeinen Stock erhebend. „Schweig, oder ich zuͤchtige Dich.“ „Mich zuͤchtigen!“ rief der Kellner zornig.„Be⸗ ruͤhre mich, Schurke, wenn Du es wagſt. Cracken⸗ thorpe, Crackenthorpe— Du wirſt gewiß gehaͤngt wer— den.“ „Laß ihn in Ruhe, Jukes,“ fiel Abel ein.„Er wird ſeinen Herrn am Ende des Ganges treffen, und ich moͤchte gern ſehen, wie er ſich aus der Verlegenheit ziehen wird.“ Dieſen Vortheil benutzend, ging Cripps mit ſeiner Geliebten weiter, die eben ſo gern als er dieſer Scene auswich, waͤhrend Abel und Jukes ihnen in kurzer Ent⸗ fernung folgten. Die Tochter des Gentgen. Il. 6 —— Es kam, wie Abel vorhergeſehen. Als Cripps in den breiten Gang trat, ſtanden ſein Herr und Lady Brabazon mit der uͤbrigen Geſellſchaft dicht vor ihm. Wenn der Bediente je der Zuverſichtlichkeit bedurfte, ſo war es jetzt. Obgleich er gern in die Erde geſunken waͤre, ſo blieb er doch ſich ſelber treu und zeigte im Aeußern durchaus keine Verlegenheit. Im Gegentheil zog er ſeine Schnupftabakdoſe hervor, nahm mit der vornehmſten Miene eine Priſe, und ſagte zu Miſtreß Nettleſhip: „Da iſt Lady Brabazon, die man fuͤr eine der ſchoͤnſten Frauen unſerer Tage haͤlt, aber bei meiner Seele, ſie iſt nicht mit Ihnen zu vergleichen.“ Bei dieſen Worten machte er Lady Brabazon eine tiefe Verbeugung, die wie verſteinert vor Erſtaunen da⸗ ſtand, und warf Truſſell einen Handkuß zu, der vor Lachen berſten wollte. Villiers ergriff ſeinen Stock auf eine Weiſe, welche deutlich ſeine Abſicht bezeichnete, ihn mit den Schultern ſeines Bedienten Bekanntſchaft ma⸗ chen zu laſſen. Doch der Letztere errieth ſeine Abſicht, ſah daß nur ein kuͤhnes Manoͤver ihn retten koͤnne, ſchritt auf ihn zu und ſagte mit lauter Stimme: „Ei, mein lieber Junge— wie geht's— es iſt mir lieb, Sie zu ſehen— huͤbſche Geſellſchaft!“ dann ſetzte er in leiſerem Tone hinzu:„Um des Himmels wil⸗ len, Herr, verderben Sie mein Gluͤck nicht. Ich hei⸗ rathe dieſe Dame, Herr,— hat großes Vermoͤgen, Herr — heute wird ſichs entſcheiden— auf Parole!“ Villiers betrachtete ihn mit Erſtaunen und nicht ohne 6 Bewunderung, und endlich ſiegte ſeine Gutmuͤthigkeit uͤber ſeinen Zorn. „Nun ſo geh augenblicklich,“ ſagte er.„Wenn ich Dich von jetzt an in zehn Minuten noch im Garten fin⸗ de', ſo ſollſt Du die Stockpruͤgel haben, die Du ver⸗ dienſt.“ „Guten Tag, Herr,“ verſetzte Cripps—„ich werde die Gunſt nicht vergeſſen.“ Und mit tiefer Ver⸗ beugung entfernte er ſich mit der Wittwe. „Und Sie laſſen ihn frei ausgehen?“ rief Lady Brabazon erſtaunt. „Bei meiner Seele, ich konnte nicht anders,“ ver⸗ ſetzte der Stutzer.„Ich habe Mitgefuͤhl mit dem Schur⸗ ken— und wahrhaftig, im Ganzen genommen, hat er ſeine Rolle ſo ungewoͤhnlich gut geſpielt, daß ich hoffe, es moͤge ihm gelingen.“ Truſſell, der ihn genau uͤber das Weſen und Benehmen Zweites Bucch. Erſtes Kapitel. Der Rath des Weltmannes in einer Herzensangelegenheit.— Der Beſuch im Haymarkettheater und das Abendeſſen mit Kitty Conway.— Randulph kommt wieder in eine unangenehme Lage.— Sein luſtiges Leben.— Abel's Bemerkungen daruͤber gegen Jukes. Mm Morgen nach dem Beſuch in Marylebone Gar⸗ dens, als Truſſell und Randulph nach dem Fruͤhſtuͤck bei einander ſaßen, erzaͤhlte der Letztere was am Tage zuvor in der Wohnung des Geizigen geſchehen ſei, und bat ihn, ihm Hoffnung zu gewaͤhren, Hilda's Hand zu erhalten. „Ich wollte ich koͤnnte es, Randulph,“ verſetzte — der Dame waͤhrend jener Unterredung befragt hattez „aber ich ſehe nicht ein, wie es moͤglich ſein ſollte. Waͤre es ein gewoͤhnlicher Fall, ſo wuͤrde ich ſagen, geh weiter— mache den Verſuch. Schwierigkeiten, beſon⸗ ders in Liebesangelegenheiten, ſind ſtets durch Beharr⸗ lichkeit zu uͤberwinden. Aber hier iſt es nicht ſo. Fuͤrs Erſte haſt Du die Achtung der Dame verloren, und wenn ſich das auch ausgleichen ließe, wenn Du eine Ge⸗ legenheit zur ausfuͤhrlichen Erklärung haͤtteſt, ſo iſt es doch unter gegenwaͤrtigen Umſtaͤnden widerwaͤrtig. Dann — was noch viel wichtiger iſt— ihr Vater und mein Bruder ſind der Verbindung entgegen, und wenn auch nicht viel daran laͤge, einem von Beiden zu mißfallen, ſo kannſt Du doch nicht Beide zugleich erzuͤrnen.“ Randulph ſeufzte tief. „Wenn Du aus uͤbergtoßem Ehrgefuͤhl, was ich, obgleich ich es lobe, doch kaum begreifen kann,“ fuhr Truſſell fort,„nicht Deine Beſitzung den Gläubigern Deines Vaters gegeben haͤtteſt, ſo wuͤrdeſt Du Hilda gewiß leicht bekommen haben.“ „Haͤtte ich auch noch die Wahl, ſo wuͤrde ich doch nicht anders handeln,“ verſetzte Randulph mit Nach— druck.„Ich war verpflichtet, das Andenken meines Vaters rein zu erhalten.“ „Nein, ich vin weit entfernt, Dich zu tadeln,“ verſetzte Truſſell.„Ich halte Dein Benehmen fuͤr au⸗ ßerordentlich ehrenvoll und uneigennuͤtzig, und nicht we⸗ niger, weil es die gegenwaͤrtige Folge gehabt hat. Aber in Betreff dieſer Verbindung, worauf Du Dein Herz geſetzt zu haben ſcheinſt und woruͤber Du mich um Rath gefragt haſt, kann ich Dich nur ernſtlich ermahnen, kei⸗ nen Augenblick mehr daran zu denken. Die beiden al— ten Herren, welche die Zuͤgel in den Haͤnden haben, ſind derſelben gaͤnzlich entgegen, ſo daß, ſelbſt wenn Du die Einwilligung der Dame erhalten koͤnnteſt, es die hoͤchſte Thorheit ſein wuͤrde, damit fortzufahren. Du wuͤrdeſt nur heirathen, um ein Bettler zu werden, und um Hilda's, ſowie um Deiner ſelbſt willen, darf das nim⸗ mer geſchehen.“ „Sie haben Recht,“ rief Randulph aufſtehend und im Zimmer auf und abgehend.„Gibt es denn kein Mittel, ſchnell Reichthum zu erlangen?“ „Keines, ſo viel ich weiß,“ verſetzte Truſſell,„Du muͤßteſt denn Spieler oder Straßenraͤuber werden wollen. Du koͤnnteſt auch Jakobit werden, und eine Anſtellung von Koͤnig Jakob dem Dritten erhalten. Wie ich hoͤre, vergibt er taͤglich Anſtellungen, und wenn er zum Thron gelangen ſollte, ſo waͤre Dein Gluͤck gemacht.“ Randulph ſtutzte, denn dieſe zufaͤllige Bemerkung erinnerte ihn an den Vorſchlag, den ihm Cordwell Fi⸗ rebras gemacht, und der ſeinem Onkel gaͤnzlich unbe⸗ kannt war. Es ſtellte ſich ihm der Gedanke dar, Hil⸗ da's Hand durch den Einfluß dieſes Mannes zu erlan— gen. Doch er verwarf ihn ſo ſchnell, als er ihn gefaßt hatte. „Scherz bei Seite, Neffe,“ ſagte Truſſell, der ſeine Verwirrung bemerkte, ſie aber einer verſchiedenen Urſache zuſchrieb,„Du mußt jeden Gedanken an Hilda — aufgeben. Sie iſt ohne Zweifel ein reizendes Maͤdchen, aber nicht das einzige reizende Maͤdchen in der Welt. Du mußt Dich in eine andere verlieben, ſo ſchnell Du kannſt. Ich zweifele nicht, daß es gegenwaͤrtig unmoͤg⸗ lich ſcheint. Aber verzweifle nicht. Du wirſt die Taͤu⸗ ſchung bald uͤberwinden. Warum willſt Du nicht mit Lady Brabazon beginnen? Sie hat Dir Ermuthigung genug gegeben, und iſt gerade das Frauenzimmer, was Dich mit der Welt bekannt machen kann. Es waͤre wohl der Muͤhe werth, Dich ihr auf eine Saiſon zu weihen, und dadurch wuͤrdeſt Du den Ruf der Galan⸗ terie gewinnen, was fuͤr einen jungen Mann ſehr wuͤn⸗ ſchenswerth iſt.“ „Ich hege keinen ſolchen Ehrgeiz, Onkel,“ ver⸗ ſetzte Randulph,„Lady Brabazon iſt außerordentlich be⸗ zaubernd, aber mein Herz iſt anderswo gefeſſelt.“ „Pah!“ rief Truſſell,„wir leben nicht mehr in den Tagen des Ritterthums und ewiger Beſtaͤndigkeit. Die Maͤnner ſind keine Ritter mehr, wie ſonſt. Die Frauen lieben uns nur um ſo mehr bei etwas Untreue. Sie glauben, es iſt mehr der Muͤhe werth, uns zu beſitzen, wenn auch Andere uns nachlaufen. Ein Erfolg fuͤhrt zum andern. Hege, wenn Du willſt, eine ge⸗ heime Leidenſchaft fuͤr Hilda, aber beluſtige Dich inzwi⸗ ſchen, wie Du es fuͤr gut findeſt. Wenn es auch ſonſt nichts nuͤtzt, wird es Dich wenigſtens verhindern, et⸗ was Verzweiflungsvolles zu thun. Ei, da fallt mir ein, daß wir heute Abend in der Spielgeſellſchaft die = 5— Dame Deines Herzens treffen werden. Nun laß Dir rathen, wie Du handeln mußt.“ Ehe er aber ſeinen Rath ausſprechen konnte, trat Jukes ins Zimmer, uͤherreichte ihm ein kleines parfuͤ⸗ mirtes Billet auf einem ſilbernen Teller und enifernte ſich. „Von Lady Brabazon ſelber,“ rief Truſſell, die Aufſchrift anſehend und den Brief erbrechend.„Wahr⸗ haftig! das war eine vergebliche Hoffnung, der alte Scarve will ſeiner Tochter nicht erlauben, heute Abend der Geſellſchaft Ihrer Herrlichkeit beizuwohnen, wenn wir dahin gehen, und deshalb bittet ſie uns, anſtatt deſſen morgen zu Mittag bei ihr zu ſpeiſen.“ „Und ſoll ich die einzige Gelegenheit verlieren, Hil— da zu ſehen, waͤhrend ſie der Zudringlichkeit des unver⸗ ſchaͤmten Villiers ausgeſetzt iſt?“ rief Randulph. „Sehr wahr,“ ſagte Truſſell ernſt. „Ich nehme den Widerſpruch nicht an,“ ſagte Randulph.„Ich gehe wider den Willen Ihrer Herr⸗ lichkeit.“ „Pah!“ Du darfſt nicht daran denken,“ veiſetzte Truſſell,„es waͤre eine unerhoͤrte Unſchicklichkeit, und Du wuͤrdeſt Dich nur der Beleidigung ausſetzen. Es trifft ſich verteufelt ungluͤcklich, aber da iſt nicht zu helfen. Ich habe Dir das Gegentheil angedeutet. Vergiß Hil⸗ da und erſetze ſie mit dem Bilde der Lady Brabazon. Wenn der Stutzer Dich Deiner Geliebten beraubt, ſo kannſt Du ihm bald Gleiches mit Gleichem vergelten, ha, ha! Und nun, da der Plan des Tages ſich ſo gaͤnzlich geaͤndert hat, wie waͤr's wenn wir in“die City gingen, und dort irgend Etwas anſaͤhen, und ſpaͤter in einem Kaffeehauſe zu Mittag ſpeiſten. Wer weiß, vielleicht begegnet uns ein Abenteuer, welches gaͤnzlich Deine Gedanken zerſtreut.“ Was auch Randulph von der Anſicht ſeines Onkels denken mochte, er nahm den Vorſchlag an, und bald darauf gingen ſie aus, nahmen ein Boot, ließen auf den Tower zurudern und landeten in der Naͤhe deſſelben. Da Truſſell mit jedem intereſſanten Gegenſtande in der alten Feſtung bekannt war, ſo machte er einen trefflichen Fuͤhrer fuͤr ſeinen Neffen, und ſie brachten einige Stun⸗ den damit zu, die verſchiedenen Feſtungswerke zu be⸗ ſuchen und uͤber die hiſtoriſchen Erinnerungen deſſelben zu reden. Sie beſahen auch die Waffenſammlungen und die Loͤwen, und Alles was damals und noch ſpaͤter dem Publikum zur Schau geſtellt wurde. Von dem Tower gingen ſie auf die koͤnigliche Boͤrſe, wo ſie gleichfalls einige Zeit zubrachten. Als der Tag ſich zu neigen be⸗ gann, machte Truſſell den Vorſchlag, in Kivats Kaffee⸗ haus zu gehen, wo ſie, wie er behauptete, ein gutes Mittageſſen und trefflichen Wein finden wuͤrden. Ran⸗ dulph willigte ein, und ſie begaben ſich dorthin. Truſ⸗ ſell's Behauptung beſtätigte ſich, das Mittageſſen war vortrefflich und der Wein ſo gut, daß er, ungeachtet der Vorſtellungen ſeines Neffen, noch eine zweite Flaſche kommen ließ. Randulph hatte bereits mehr getrunken, als er gewohnt war, doch konnte er der Einladung ſei⸗ nes luſtigen Onkels nicht widerſtehen, welcher ihm ver⸗ — b— ſicherte, das beſte Mittel, der Sorge los zu werden, ſei, ſie im Wein zu ertraͤnken. Eine dritte Flaſche wur⸗ de beſtellt und geleert; dann ließ Truſſell eine Kutſche kommen, und befahl dem Kutſcher insgeheim, ſie nach dem Haymarkettheater zu fahren. Als ſie dort ankamen, wurden ſie auf Truſſel's Wunſch in eine Loge gefuͤhrt, die ganz nahe bei der Buͤhne war, und als ſie eintraten, widerhallte das Haus von dem Beifall, den man einer Saͤngerin zollte, die eben ein Lied vorgetragen hatte. Die Saͤngerin erfuͤllte endlich den Wunſch des Publikums, den Geſang zu wiederholen, trat aus der Couliſſe hervor, wohin ſie ſich zuruͤckgezogen hatte, und zeigte das Geſicht und die Geſtalt Kitty Conway's. Sie wiederholte das Lied mit Geiſt und Feuer, und Randulph war, wie das ganze Haus, entzuͤckt von ihr. Er applaudirte heftig, und als Kitty ſich anmuthig verneigte, erkannte ſie ihn und ließ waͤhrend der ganzen Vorſtellung faſt kein Auge von ihm. Ungeachtet ſeiner Bemuͤhung, ihren Blick zu vermeiden, war er doch nicht unempfindlich gegen den Zauber des⸗ ſelben; auch war er nicht blind fuͤr das vollkommene Ebenmaaß ihrer herrlichen kleinen Geſtalt, die ſich in einem huͤbſchen laͤndlichen Anzuge ſehr vortheilhaft zeigte, noch auch taub gegen ihr heiteres Lachen, welches ihm wie eine Silberglocke in die Ohren toͤnte. Er war da⸗ her beinahe froh, als der Vorhang fiel, und ſie ihm aus den Augen war. Truſſell, der mit geheimer Freude die Wirkung be⸗ obachtet hatte, welche die huͤbſche Schauſpielerin auf ſeinen Neffen hervorbrachte, und ihn vielleicht nicht ohne Abſicht ſo ganz in ihre Naͤhe gefuͤhrt hatte, ergoß ſich jetzt in begeiſterte Lobſpruͤche ihrer Reize und ihres Ta⸗ lents und erklaͤrte Beides fuͤr unuͤbertrefflich. Waͤhrend Randulph in Alles einſtimmte, was er hoͤrte, trat ein Weib mit Orangen in die Loge, wie es damals ge⸗ woͤhnlich war, und waͤhrend ſie dem aͤlteren Herrn ih— ren Korb mit Fruͤchten anbot, ſteckte ſie dem juͤngern ein Billet in die Hand. Dann entfernte ſie ſich und Randulph oͤffnete das Billet, welches, wie er vermuthet hatte, von Kitty Conway kam, und eine Einladung zum Abendeſſen nach dem Schauſpiel enthielt. „Nun, Du wirſt doch gehen?“ ſagte Truſſell, als ſein Neffe ihm das Billet zeigte. Randulph ſah verwirrt aus. „Was! Du fuͤrchteſt Dich vor einem huͤbſchen Frauenzimmer,“ lachte Truſſell,„ich hatte eine beſſere Meinung von Dir. Ich will Sorge fuͤr Dich tragen. Laß ſehen, wo ſie wohnt. O, ganz nahe— an der Ecke von Haymarket, zunaͤchſt an Cockſpur Street. Der Brief iſt nicht uͤberſchrieben, ſie weiß Deinen Namen nicht einmal, ha ha!“ „Nun, ich werde wohl gehen muͤſſen,“ ſagte Ran⸗ dulph. „Gewiß mußt Du,“ lachte Truſſell.„Du wirſt allen Anſpruch verlieren, als ein junger Mann von Geiſt betrachtet zu werden, wenn Du es nicht thuſt.“ Die Abendunterhaltung wurde mit einer zweiten kleinen Oper geſchloſſen, worin Kitty Conway nicht auf⸗ trat; und als dieſe zu Ende war, verließen ſie das Haus, und gingen in die Wohnung der huͤbſchen Schau⸗ ſpielerin. Ein Bediente in reicher Livrée ließ ſie ein, und fuͤhrte ſie in ein kleines, aber trefflich meublirtes Zimmer, welches von Wachslichten und Spiegeln er⸗ glaͤnzte, und wo ſie Kitty auf einem Sopha ſitzend fan⸗ den, in der Unterhaltung mit einem alten Herrn, den ſie als Sir Singleton Spinke erkannten. Ein aͤltliches Frauenzimmer, wahrſcheinlich die Mutter der ſchoͤnen Schauſpielerin, war gleichfalls gegenwaͤrtig. Der alte Stutzer ſchien ein wenig verlegen bei ihrem Eintritt, doch faßte er ſich ſogleich. Kitty Conway ſprang von ihrem Sitze auf, eilte auf Randulph zu, ſtreckte ihm mit un⸗ verſtellter Freude beide Haͤnde entgegen und rief: „O, wie froh bin ich Sie zu ſehen! Wie guͤtig ſind Sie zu kommen! Ich hatte Sie beinabe ſchon auf⸗ gegeben. Und nun muͤſſen Sie ſich mir in gehoͤriger Form vorſtellen; denn obgleich ich an Sie ſchrieb, wußte ich doch nicht, wie ich mein Billet addreſſiren ſollte.“ „Erlauben Sie mir dieſe Ehre, liebe Kitty,“ ſagte Sir Singleton vortretend;„denn beide Herren ſind ſpe— cielle Freunde von mir. Ich wußte nicht, daß ſie kom⸗ men wuͤrden, ſonſt haͤtte ich Sie ſchon mit ihren Na⸗ men bekannt gemacht. Dies iſt Herr Randulph Crew, erſt jungſt aus Cheſhire angekommen, und er hat noch alle Friſche des Landes an ſich. Und dies iſt ſein Oheim, Herr Truſſell Beechcroft.“ „Und vermuthlich auch ſein Vormund,“ ſagte Kit⸗ —— ty lachend,„denn er ſcheint ihn nicht aus den Augen laſſen zu wollen.“ „Ich muß wegen meiner Zudringlichkeit um Ent⸗ ſchuldigung bitten, Miſtreß Conway,“ ſagte Truſſell, „und ich kann mich nur mit dem lebhaften Wunſche entſchuldigen, Ihre Bekanntſchaft zu machen.“ „Sie ſind Herrn Crew's Oheim, mein Herr— das iſt genug fuͤr mich,“ verſetzte Kitty.„Es iſt mir lieb, Sie zu ſehen.“ Truſſell verbeugte ſich und legte die Hand aufs Herz — eine Bewegung, die Leuten eigen iſt, welche kein allzu großes Herz haben. „Sie ſind uns zuvorgekommen, Sir Singleton,“ ſagte er.„Als wir das Vergnuͤgen hatten, Miſtreß Conway vor wenigen Tagen in der Folly auf der Themſe zu ſehen, glaubte ich, Sie waͤren ihr unbekannt.“ „Unſere Bekanntſchaft iſt erſt zwei Tage alt,“ ſagte Kitty.„Sir Singleton war ſo gut, und ſchickte mir—“ „Still, ſtill, liebe Kitty, ich bitte Sie!“ fiel der Stutzer ein. „Nein, Sie haben mir kein Schweigen auferlegt,“ verſetzte ſie.„Er ſchickte mir einen Diamantenſchmuck, der fuͤnfhundert Pfund werth iſt, und bat dafuͤr nur um eine augenblickliche Unterredung, was ich natuͤrlich nicht abſchlagen konnte.“ „Natuͤrlich nicht,“ ſagte Truſſell lachend.„Hoͤrſt Du das, Randulph?“ fluͤſterte er ſeinem Neffen zu. „O Du biſt ein gluͤcklicher Junge.“ — In dieſem Augeublick trat der Bediente ins Zimmer und rief zum Abendeſſen. Kitty reichte Randulph ihren Arm und der alte Stutzer und Truſſell ſtritten ſich um die aͤltliche Dame, die endlich dem Erſtern zu Theil wurde. Inzwiſchen fuͤhrte die huͤbſche Schauſpielerin ihren Gaſt in das anſtoßende Zimmer, deſſen Waͤnde mit mehreren ausgeſuchten Gemaͤlden geſchmuͤckt waren, die ſich groͤßtentheils auf theatraliſche Gegenſtaͤnde bezogen. Ueber dem Kamin hing Kitty's Portrait in einer ihrer Lieblingsrollen, und Randulph ſprach mit ſolcher Waͤrme uͤber die Aehnlichkeit deſſelben, daß ſie erroͤthete und ihr Herz fuͤhlbar gegen ſeinen Arm ſchlug. Ein runder Tiſch ſtand in der Mitte des Zimmers, der mit kaltem Braten, kaltem Schinken, Rindszunge, Auſtern, Pa⸗ ſteten und Salat bedeckt war. Es ſtanden verſchiedene Weinſorten auf dem Tiſche, Ratafia, Rosa solis und Uskebah auf einem Nebentiſche, und Champagner in einem Eimer mit Eis. Sobald die Andern eintraten, entließ Kitty den Bedienten. „Wir koͤnnen uns eben ſo gut ſelber bedienen,“ ſagte ſie,„und die Gegenwart eines Bedienten iſt im⸗ mer nur laͤſtig.“ „Ich bin ganz Ihrer Meinung,“ verſetzte Truſſell. „Erlauben Sie mir Ihnen einen Fluͤgel von dieſem Kuͤchlein anzubieten?“ „Danke Ihnen,“ verſetzte Kitty.„Bedienen Sie ſich ſelber. Haben Sie mich je vorher Flora ſpielen ſehen, Herr Crew?“ — „Ich bin faſt beſchaͤmt zu bekennen, daß ich heute zum erſtenmal in London im Theater war,“ verſetzte Randulph. „Ich ſagte Ihnen, daß er friſch vom Lande kom⸗ me, Kitty,“ ſagte lachend der alte Stutzer—„ganz friſch.“ „Er gefaͤllt mir nur um ſo beſſer,“ verſetzte ſie. „Wie ſeltſam, daß ich die erſte Schauſpielerin ſein mußte, die Sie ſahen.“ „Seltſam und entzuͤckend!“ verſetzte Randulph ga⸗ lant. Und Truſſell, der ihm zunaͤchſt ſaß, nickte ihm zum Zeichen der Billigung zu. „Beilaͤufig, Sir Singleton,“ ſagte er,„ich habe noch nicht gefragt, wie es kommt, daß wir Sie heute Abend hier ſehen. Ich glaubte, Sie waͤren in Lady Brabazon's Spielgeſellſchaft?“ „Ich war auch ein paar Stunden dort,“ verſetzte der alte Stutzer,„doch ich ziehe ein Abendeſſen bei Kitty Conway allen Geſellſchaften in der Welt vor.“ „Sie ſchmeicheln mir!“ verſetzte der ſchoͤne Gegen⸗ ſtand dieſes Compliments.„Eine ſo huͤbſche Rede ver⸗ dient ein Glas Champagner. Wollen Sie mit mir und Herrn Crew eins trinken?“ „Mit dem groͤßten Vergnuͤgen,“ verſetzte Sir Singleton. Und mit jugendlicher Leichtigkeit aufſpringend, nahm er eine Flaſche aus dem Eiseimer, und goß den ſchaͤu⸗ menden Inhalt in Kitty's Glas. „Tauſend Dank, Sir Singleton,“ ſagte ſie.„Es thut mir leid, daß ich Ihnen ſo viel Muͤhe mache.“ „Sagen Sie kein Wort davon,“ verſetzte der Stu⸗ tzer ſich verbeugend.„Ich bin entzuͤckt, Ihr Sclave zu ſein.“ „Ich ſehe keinen Grund ein, warum wir nicht Ihrem Beiſpiel folgen ſollten, Madame,“ ſagte Truſ— ſell Randulph die Flaſche abnehmend und der aͤltlichen Dame einſchenkend. „Auch ich nicht,“ verſetzte ſie, ſeine Verbeugung erwiedernd. „Beilaͤufig, Herr Crew,“ ſagte Sir Singleton, „der alte Scarve und ſeine Tochter Hilda waren heute Abend auch bei Lady Brabazon.“ „Wie ich hoͤre, wurden Sie erwartet,“ ſagte der junge Mann ſein Glas niederſetzend. „Ich hoffe, der Wein iſt Ihnen doch nicht zu kalt?“ fragte Kitty angelegentlich. „Nicht im Geringſten,“ verſetzte er. „Sie ſchien ſehr bewundert zu werden,“ fuhr Sir Singleton fort,„aber ich ſtimme Clementine Brabazon bei, welche ſagt, daß man ihre Schoͤnheit uͤberſchaͤtzt. Eiwas mag ihr vielleicht nachtheilig geweſen ſein— ſie war ſehr niedergeſchlagen.“ Randulph leerte ſein Glas. „Von wem reden Sie?“ fragte Kitty, die bei ih⸗ rer Beſorgniß um Randulph die vorhergehende Bemer⸗ kung nicht beachtet hatte. „Von Hilda Scarve,“ verſetzte Sir Singleton. „Sie wird fuͤr ſehr ſchoͤn gehalten, doch haͤlt ſie den Vergleich mit einer Dame nicht aus, die nicht fern iſt.“ „Ich nehme das Compliment an, Sir Singleton,“ verſetzte Kitty laͤchelnd.„Ich habe ſchon fruͤher von dieſem ſchoͤnen Weſen gehoͤrt. Geben Sie mir etwas Ratafia, Herr Crew, und thun Sie mir Beſcheid. Ich kann auch die Wirthin machen, wie Sie ſehen.“ „Mit derſelben Vollkommenheit, wie Sie jede an⸗ dere Rolle ſpielen,“ verſetzte Randulph. „Ei, Sie haben mich ja nur in einer Rolle geſe⸗ hen, und koͤnnen es daher nicht beurtheilen,“ verſetzte ſie.„Doch ich nehme Ihr Compliment an, ſo wie eben das des Sir Singleton.“ Truſſell war waͤhrend des letzten Theils der Unter— redung wegen ſeines Neffen etwas unruhig geweſen, doch hoffte er, daß jetzt die Gefahr voruͤber ſei, aber er irrte ſich. „Ich vergaß zu ſagen, Herr Crew,“ bemerkte Sir Singleton mit verſteckter Bosheit,„daß Villiers der Tochter des Geizigen große Aufmerkſamkeit zollte und ſich während der ganzen Zeit, als ich da war, ihr faſt ausſchließlich widmete.“ „Wirklich!“ rief Randulph blaß werdend. „Und wie nahm ſie ſeine Aufmerkſamkeit auf?“ fiel Truſſell mit Gewandtheit ein. „Nun, kalt genug, muß ich ſagen,“ verſetzte Sir Singleton. „War ihr Vater bei ihr?— ſaß er in ihrer Naͤhe?“ fragte Randulph athemlos. —— Die Tochter des Geizigen. II. 7 — „Nein, er ſaß am Spieltiſche, und davon will ich ſogleich eine Geſchichte erzaͤhlen. Sie war von Sir Norfolk Salusbury begleitet, der, wie ich glaube, ein Verwandter von ihr iſt.“ „Sir Norfolk iſt ihr Vetter von muͤtterlicher Sei⸗ te,“ bemerkte Truſſell. „Es iſt ein ſteifer, pedantiſcher alter Kerl,“ ſagte Sir Singleton lachend.„Er ſchien Villier's Aufmerk⸗ ſamkeiten fuͤr Hilda durchaus nicht zu billigen, und es ſollte mich nicht wundern, wenn ſie ſich morgen ihret⸗ wegen ſchluͤgen. Doch nun die verſprochene Geſchichte. Der alte Scarve, der, wie es ſcheint, ein vortrefflicher Whiſtſpieler iſt—“ „Als ſolcher war er immer bekannt,“ bemerkte Truſſell. „Und mit Grund, wie Sie finden werden,“ ver⸗ ſetzte Sir Singleton.„Nun, er ſetzte ſich gleich An⸗ fangs mit Sir Bulkeley Price an den Kartentiſch, und hatte ihm in weniger als einer Stunde zwoͤlftauſend Pfund abgewonnen.“ „Zwoͤlftauſend Pfund, Sir Singleton!“ rief Truſ⸗ ſell.„Sie ſetzen mich in Erſtaunen.“ „Es ſetzte auch Alle in Erſtaunen, die zugegen wa⸗ ren,“ entgegnete Sir Singleton.„Sir Bulkeley hatte zu viel Wein getrunken, verlor fortwaͤhrend und ver⸗ doppelte ſeinen Satz, bis ſein Verluſt die erwaͤhnte Summe erreichte. Ich verſuchte ihn davon zuruͤckzuhal⸗ ten, doch es war vergebens. Sie haͤtten den alten Geizhals ſehen ſollen, wie er nach ſeinem gluͤcklichen Er⸗ 099— folge vom Tiſche aufſtand. Noch nie ſah ich eine ſo furchtbare Freude. Seine Augen ſtrahlten foͤrmlich, und er ging einher wie ein junger Mann. Sir Bulkeley ſtand zu gleicher Zeit mit geroͤtheter Wange auf und ſagte: Sie ſollen morgen Ihren Gewinn haben, Herr Scarve. Worauf der Geizhals mit bitterm Lachen er⸗ wiederte: das Pfand iſt mir eben ſo lieb, Sir Bul⸗ keley.“ „Da hat er's ihm wieder heimgegeben, das ſieht ihm ähnlich,“ ſagte Truſſell.„Ich habe zu meiner Zeit wohl auch Geld verloren, aber nie eine ſolche Summe.“ „Ich wollte, ich hätte ein ſolches Gluͤck, wie der Geizhals,“ ſagte Kitty.„Da gaͤbe ich das Theater auf und legte mich aufs Kartenſpiel. Aber Sie haben ſo eifrig geſprochen, meine Herren, daß Sie das Eſſen daruͤber ganz vergeſſen. Ich meinestheils haͤtte gern et⸗ was Champagner.“ Randulph fuͤllte augenblicklich ihr Glas und Sir Singleton ſchenkte der aͤltlichen Dame ein. Dann wur⸗ de die Unterhaltung ſehr lebhaft; Kitty ſang freiwillig ein Lied, welches ſie ſo reizend vortrug, daß ſie ihre Zuhoͤrer voͤllig entzuͤckte. Ihre Lebhaftigkeit, ihre Schoͤn⸗ heit und ihre Talente, vereint mit ihrem einnehmenden Weſen und ihrer Gutmuͤthigkeit machten ſie faſt unwi⸗ derſtehlich— und ſo fand es Randulph. Der Cham⸗ pagner zirkulirte reichlich und aͤußerte ſeine Wirkung auf die beiden aͤltlichen Herren. Wieder ließ ſie ihre helle und melodiſche Stimme im Geſange hoͤren, ais die — 100— Thuͤr aufging und ein junger Mann eintrat. Es war Philipp Frewin. Er ſah uͤberraſcht und verlegen aus, als er die Geſellſchaft bemerkte, und ein zorniges Erro⸗ then zeigte ſich auf ſeiner Wange, als er Randulph er⸗ kannte. Kitty Conway deutete nachlaͤſſig auf einen Stuhl, den er faſt mechaniſch einnahm. Sir Singleton und Truſſell nickten ihm ein wenig zu, doch Randulph blickte ihn nur finſter an. „Ich glaube, Herr,“ ſagte er,„Sie ſind die Perſon, die ich in Herrn Scarve's Hauſe ſah, und ſchon fruͤher in der Folly auf der Themſe traf. Darf ich fragen, was die Verkleidung zu bedeuten hatte, die Sie geſtern angenommen?“ „Sie irren, mein Herr,“ verſetzte Philipp mit gro⸗ ßer Frechheit.„Ich kenne Herrn Scarve gar nicht.“ „Sie kennen ihn nicht?“ rief Randulph erſtaunt „Ich hoͤrte, Sie waͤren ſein Neffe Philipp Frewin.“ „Ich bin kein Verwandter von Herrn Scarve, und mein Name iſt nicht Philipp Frewin,“ verſetzte der Andere. Hier brach Kitty Conway in ein lautes Lachen aus, welches ſie ungeachtet der zornigen Blicke Philipp's fort⸗ ſetzte. „Wollen Sie mir dann Ihren wirklichen Namen nennen?“ fragte Randulph nach einer Pauſe. „Nein, Herr, das will ich nicht,“ verſetzte Phi⸗ lipp.„Was zum Teufel liegt Ihnen daran, wie ich heiße? Ich hin Ihnen keine Rechenſchaft uͤber meine — 101— Handlungen ſchuldig. Wie kommt dieſer unverſchaͤmte Kerl hieher, Kitty?“ ſetzte er zu ihr gewendet hinzu. „Er kam auf meine Einladungthieher,“ entgegnete ſie.„Und wenn Ihnen ſeine Geſellſchaft nicht gefaͤllt, ſo köͤnnen Sie das Haus verlaſſen.“ „Es iſt an ihm, das Haus zu verlaſſen, und nicht an mir,“ erwiederte Philipp.„Wenn er nicht ruhig hinausgehen will, ſo werde ich genoͤthigt ſein, ihn hin⸗ auszuwerfen. Kitty ſtieß einen ſchwachen Schrei aus und Ran⸗ dulph ſprang auf, waͤhrend die Andern ſich beſtuͤrzt an⸗ ſahen, als erwarteten ſie eine Scene. Von heftiger Leidenſchaft angeregt, die ihm ſtatt des Muthes diente, der ſeiner feigen Natur fremd war, ſchritt Philipp auf Randulph zu, offenbar in der Ab⸗ ſicht, ſeine Drohung auszufuͤhren. Ehe er ihn aber er— reichen konnte, warf ſich Kitty zwiſchen ſie. Dadurch wurde Philipp ſo heftig in ſeinem Weſen und ſo belei— digend in ſeiner Sprache, daß endlich Randulph ſeine Geduld verlor, Sir Singleton ſeinen Stock wegnahm, Kitty auf die Seite ſchob, und Philipp's Schultern da⸗ mit zu bearbeiten begann. Laut ſchreiend eilte der Letz⸗ tere auf die Thuͤr zu und Randulph verfolgte ihn, waͤh⸗ rend Kitty ihnen nachging, um zu ſehen, daß kein Un⸗ heil geſchehe. Auf dieſe Weiſe eilten ſie den Gang da⸗ hin, Philipp riß die Hausthuͤr auf und ſtuͤrzte mit ſol⸗ cher Heftigkeit hinaus, daß er auf einen großen Mann losrannte, der gerade voruͤberging und ihn augenblick⸗ lich feſthielt. Vor dieſem gingen noch zwei andere Per⸗ — 102— ſonen, denen ein Knabe mit einer Laterne vorausging, und als der Letztere das Geraͤuſch hoͤrte, drehte er ſich um und ließ das Licht auf die Geſellſchaft fallen. Die vorausgehenden Perſonen waren Niemand anders, als der Geizhals und ſeine Tochter, die aus Lady Braba⸗ zon's Hauſe zuruͤckkehrten, und der große Mann war Jakob Poſt. In dieſem Augenblick kam Randulph her— aus; doch als er den Geizhals und ſeine Tochter er⸗ blickte, ſtand er in Beſtürzung ſtill, welche nicht ver— mindert wurde, als Kitty Conway auch herauskam, und ſeinen Arm ergriff. Es war eine große Verlegen⸗ heit und Randulph ſo verwirrt, daß er kein Wort her⸗ vorbringen konnte. Jakob hatte inzwiſchen entdeckt, wen er gefangen hielt, und verlor keine Zeit, ſein Gluͤck bekannt zu ma⸗ chen. „Sehen Sie hier, Herr!“ rief er triumphirend, „ſehen Sie Ihren elenden Neffen! Ich halte ihn feſt genug. Sehen Sie die Kleider, die er anhat. Viel⸗ leicht wird er ſich noch verleugnen. Sehen Sie ihn an, Herr, ſage ich, und uͤberzeugen Sie ſich, daß er es iſtz ſonſt ſchwoͤrt er ſpaͤter ab, daß er es war.“ „Was! Philipp!“ rief der Geizhals.„Biſt Du es wirklich?“ „Ja, Herr,“ verſetzte Philipp,„und wenn Sie Ihrem Bedienten befehlen wollen, mich loszulaſſen, ſo will ich Ihnen erklaͤren, wie ich in dieſer Kleidung hie⸗ — 103— her kam. Randulph Crew, der mit ſeiner Geliebten hier ſteht, hat mich in Lebensgefahr gebracht.“ „Laß ihn los, Jakob,“ ſagte der Geizhals. „Ich moͤchte ihn lieber auf die Wache bringen,“ verſetzte Jakeb;„ich bin gewiß, das iſt der paſſendſte Ort fuͤr ihn.“ „Thu, was ich Dir befehle, Schurke,“ rief Scar⸗ ve gebieteriſch.„Nun, Philipp, was hat Alles dies zu bedeuten?“ „Frage nicht weiter, Vater,“ rief Hilda heftig zitternd.„Laß uns gehen, ich bitte Dich. Als Kitty Conway ſah, daß Randulph kein Wort hervorzubringen vermochte, naͤherte ſie ſich dem Geiz⸗ hals. „Ich kann in einem Augenblick erklären, was ge⸗ ſchehen iſt,“ ſagte ſie. „Vater!“ ſagte Hilda in entſchloſſenem Tone, „wenn Du mich nicht begleiten willſt, ſo gehe ich allein weiter.“ „Ich bin bereit, mit Ihnen zu gehen,“ ſagte Jakob. „Nun, nun, ich komme ſchon,“ erwiederte der Geizhals—„zu einer andern Zeit, Neffe— zu einer andern Zeit.“ Als der Geizhals und ſeine Tochter ſich entfernten, lief Philipp, der uͤble Folgen furchtete, nach der ent⸗ — 104— gegengeſetzten Richtung fort. In dieſem Augenblick er⸗ ſchienen Truſſell und Sir Singleton in der Thuͤr. „Nun, ſeid Ihr ſeiner los geworden?“ fragte der Erſtere. „Sehen Sie, wie er laͤuft,“ rief Kitty lachend. „Was denken Sie, wer gerade voruͤberging, als wir herauskamen?“ „Doch nicht der Geizhals und ſeine Tochter?“ ſagte Truſſell. „Getroffen,“ verſetzte Kitty. „Teufel!“ rief Truſſell—„und ſie ſahen Sie mit meinem Neffen? Dies iſt ja noch ſchlimmer als die Ge— ſchichte in der Folly auf der Themſe!“ „Viel ſchlimmer!“ ſeufzte Randulph.„Meine Hoffnung iſt gaͤnzlich zerſtoͤrt!“ „Ich verſtehe Sie nicht,“ ſagte Kitty;„aber kom⸗ men Sie ins Haus.“ „Nein,“ verſetzte Randulph bitter;„und ich wollte ich waͤre nie eingetreten!“ „Um des Himmels willen, Randulph, bedenke, was Du thuſt,“ rief Truſſell—„welche Grobheit ge⸗ gen eine huͤbſche Dame, die Dir ſo viel Guͤte erwieſen hat! Ich erroͤthe fuͤr Dich.“ „Ich bin nicht mehr Herr meiner ſelbſt,“ rief Randulph. — — 105— Dann murmelte er eine Entſchuldigung gegen Kitty, ſagte ihr gute Nacht und ging mit ſeinem Onkel fort. „Nun, das iſt ein huͤbſcher Schluß des Abendeſ⸗ ſens,“ ſagte Kitty zu dem alten Stutzer.„Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen ſollz aber vielleicht iſt es beſſer zu lachen. Randulph Crew iſt ein ſeltſamer junger Mann, aber er iſt ſehr ſchoͤn, und das macht tauſend Seltſamkeiten wieder gut.“ „Er hat einen ſehr ſchlechten Geſchmack, Kitty,“ verſetzte Sir Singleton,„denn er iſt blind gegen Ihre Reize, und betet Hilda Scarve an.“ „So ſcheint es,“ verſetzte ſie in beleidigtem Tone. „Und nun gute Nacht, Sir Singleton.“ „Noch nicht, liebe Kitty,“ rief er ihr folgend. „Ich habe Ihnen noch viel zu ſagen. Ich werde Ih⸗ nen morgen noch ein huͤbſches Geſchenk ſchicken.“ „Dann ſparen Sie bis dahin auf, was Sie zu ſagen haben,“ verſetzte ſie, ihm ohne Weiteres die Thuͤr vor der Naſe zuſchlagend. Als Randulph am folgenden Morgen erwachte, wa⸗ ren ſeine Betrachtungen nicht von beneidenswerther Art, und er machte ſich bittre Vorwuͤrfe uͤber ſeine Unbeſon⸗ nenheit. Das Schickſal ſchien eine unuͤberſteigliche Schranke zwiſchen ihn und den Gegenſtand ſeiner Hoff⸗ nungen zu ſtellen, und er troͤſtete ſich endlich, wie ſchon viele vor ihm gethan haben, einigermaßen mit dem Ge⸗ danken, daß er mehr das Opfer der Nothwendigkeit, — 106— als ſeiner unbeſonnenen Handlungsweiſe ſei. Waͤhrend des erſten Theils des Tages blieb er in einem Zuſtande tiefer Niedergeſchlagenheit, wo von ihn Truſſell verge⸗ bens abzubringen ſuchte. Abel, der von Jukes die Urſache ſeiner Niederge⸗ ſchlagenheit erfahren hatte, befragte ihn nicht daruͤber, und ſtellte ſich als bemerkte er dieſelbe gar nicht. Es bedurfte einiger Ueberredung, ihn zu bewegen, an dem Tage bei Lady Brabazon zu Mittag zu ſpeiſenz doch als er nur erſt in der Atmoſphaͤre des Witzes und Scher⸗ zes Ihrer Herrlichkeit war, wurde er bald wieder le⸗ bendig. Sie errieth mit wahrhaft weiblichem Takt die Urſache ſeiner Niedergeſchagenheit, und wußte dieſelbe bald durch ihren feinen Scherz zu zerſtreuen, und zu ſeiner eigenen Ueberraſchung brachte er einen ſehr ange⸗ nehmen Abend zu und verließ das Haus mehr als zur Haͤlfte in die ſchoͤne Herrin deſſelben verliebt. Zufrieden mit dem Eindruck, den ſie hervorgebracht, verfehlte Lady Brabazon nicht, ihn zu benutzen. Er mußte einen gan⸗ zen Monat lang an all ihren Geſellſchaften Theil neh⸗ men, und ſie trug Sorge, ihn in einen ſolchen Stru⸗ del von Heiterkeit und Zerſtreuung zu zichen, daß er ſich nicht daraus retten konnte. Die Wirkung davon war bald in ſeinem Anzuge und in ſeinem Weſen zu erkennen, und obgleich Truſſell dieſe Veraͤnderung ſehr billigte, ſo ſah ſein ſcharfſichtigerer und kluͤgerer Onkel dieſelbe doch aus verſchiedenem Geſichtspunkte an. „Nun Jukes,“ ſagte der Letztere eines Tages zu — 107— ſeinem Kellnrr,„Randulph beſtaͤtigt doch durch ſein Be— tragen voͤllig meine erſte Meinung von ihm.“ „Nun, er iſt freilich etwas munter,“ verſetzte Ju⸗ kes.„Aber ich gebe ihn dennoch nicht auf. Junge Leute ſind junge Leute, wie Herr Truſſell ſagt.“ „Aber ſie haben darum noch keinen Grund, junge Wuͤſtlinge zu ſein,“ rief Abel heftig.„Mein Neffe iſt ein arger Verſchwender. Lady Brabazon ſcheint ihn voͤl— lig in ihrem Netze zu haben.“ „Ach! ſie iſt ein gefaͤhrliches Weib!“ ſagte Jukes, die Haͤnde erhebend—„ein gefaͤhrliches Weib 1 „Und die huͤbſche Schauſpielerin Kitty Conway?“ fuhr Abel fort.„Er ſpeiſt zuweilen mit ihr zu Abend, he?“ „Ich fuͤrchte es, Herr,“ verſetzte Jukes. „Fuͤrchten— Du weißt es, Kerl,“ rief Abel. „Warum verſuchſt Du Ausfluͤchte zu machen? Von wel⸗ cher Maskerade ſprachen ſie dieſen Morgen beim Fruͤh⸗ ſtuͤck?“ „Haben Sie denn nicht davon gehoͤrt, Herr?“ verſetzte der Kellner.„Es ſoll am Donnerſtag eine gro⸗ ße Maskerade bei Ranelagh gehalten werden. Alle Welt geht dorthin, und unter Andern auch mein nichtsnutzi⸗ ger Neffe Crackenthorpe Cripps.“ — 108— „Wieder in den Kleidern ſeines Herrn, wie fruͤ⸗ her?“ fragte Abel. „Nein Herr,“ verſetzte Jukes,„als Harlequin.“ „Harlequin?“ wiederholte Abelz;„das paßt gerade fuͤr ihn. Und ich hoffe, die thoͤrigte Wittwe, der er ſeine Huldigung darbringt, wird als Columbine hinge⸗ hen.“ „Gerade das beabſichtigt ſie, Herr,“ ſagte Jukes lachend. „Schaffe mir vor Donnerſtag einen Domino an, Jukes; ich will ſelber zu dieſer Maskerade gehen,“ ſagte Abel. „Ei, Herr, Sie werden noch ein eben ſo großer Wuͤſtling wieder werden, wie Ihr Neffe,“ entgegnete Jukes lachend.„Wenn es erlaubt waͤre, moͤchte ich wohl mit Ihnen zu Ranelagh gehen. Ich moͤchte Crak⸗ kenthorpe im Auge behalten. Ach Herr! unſere Neffen ſind doch eine große Piage fuͤr uns!“ „Mein Neffe ſoll mich nicht viel laͤnger plagen,“ verſetzte Abel.„Ich gebe ihm noch einen Monat Zeit, und dann—“ „Werden Sie ihm noch einen geben,“ fiel der Kell⸗ ner ein. „Nein, das werde ich nicht,“ verſetzte Abel— „und keinen Tag, keine Stunde laͤnger. Ich habe ſchon beinahe hundert Pfund an ihn gewendet— an ſeine — 109— Kleidung an ſeine Vergnuͤgungen— an ſeine Aus— ſchweifungen. Nein, ich ſchicke ihn wieder aufs Land. Beilaͤufig geſagt, ſeine Mutter hat geſchrieben, daß ſie in die Stadt kommen will. Ich habe verſucht, ſie von dieſem Schritt fabzubringen, doch ſie ſagt, ſie iſt Ran⸗ dulph's wegen unruhig.“ „Nun ich hoffe, ſie wird kommen,“ entgegnete Jukes;„gewiß iſt ihre Gegenwart jetzt ſehr noͤthig.“ „Ich wuͤnſche nicht, ſie zu ſehen,“ ſagte Abel fin— ſter.„Schon ſeit Jahren herrſcht Kaͤlte zwiſchen uns.“ „Die Kaͤlte muß man ſobald als moͤglich los zu werden ſuchen,“ verſetzte der Kellner.„Laſſen Sie nicht das Grab ſich uͤber dieſelbe ſchließen. Ich glaube ihre Gegenwart iſt ſehr wuͤnſchenswerth, und ſowohl Ihretwegen als ihres Sohnes wegen iſt es mir lieb, daß ſie kommt.“ „Rechne nicht darauf,“ rief Abel,„denn ich halte es nicht fuͤr wahrſcheinlich. Wenn ich es verhindern kann, will ich es thun.“ „Da wir doch eben in vertrauter Unterhaltung ſind, Herr,“ ſagte Jukes,„darf ich fragen, wie es Miß 9 8 Scarve geht?“ „Ganz gut, ſo viel ich weiß,“ verſetzte Abel muͤr⸗ riſch;„ich habe ſeit meinem Beſuch bei ihhem Vater weder ſie geſehen, noch von ihr gehoͤrt. Nun wuͤnſche ich allein zu ſein. Vergiß nicht, mir vor Donnerſtag einen Domino anzuſchaffen.“ — — 111— Zweites Kapitel. Randulph erhaͤlt einen Brief von ſeiner Mutter.— Die Wirkung deſſelben auf ihn.— Seine guten Entſchluͤſſe werden durch Truſſell vereitelt. Mandulph's Mutter hatte ſeit ſeiner Ankunft in der Stadt nur zweimal an ihn geſchrieben, denn in jenen Tagen fuͤhrten die Damen, beſonders auf dem Lande, keine ſo lebhafte Correſpondenz wie gegenwaͤrtig. Eines Tages aber, als er gerade mit Truſſell zu einer Luſt— partie gehen wollte, brachte ihm Jukes einen Brief, der von ihr uͤberſchrieben war. Er ſah denſelben mit ſchlim⸗ mer Ahnung an, und war im Begriff, das Siegel zu brechen, doch Truſſell, der ſein Zoͤgern bemerkte und die Urſache errieth, ſagte ihm, er moͤge ihn in die Ta⸗ ſche ſtecken, und ihn Abends bei ſeiner Ruͤckkehr leſen. — 112— „Es iſt um ſo beſſer,“ ſagte er lachtzd,„wenn man guten Rath bei ſich behaͤlt. Er iſt einen Monat ſpaͤter noch eben ſo wirkſam als in dem Augenblick, wo er gegeben wird.“ „Wenn es ein Billetvon Lady Brabazon oder Kit— ty Conway waͤre, ſo wuͤrde er es ohne Zoͤgern geoͤffnet haben,“ ſagte Abel, der dabei ſtand. „Gewiß,“ verſetzte Truſſell,„und er wuͤrde ganz recht gethan haben, denn ein ſolcher Brief haͤtte unmit— telbare Beruͤckſichtigung erfordert, und als ein Mann von Erziehung haͤtte er ihn keinen Augenblick unbeant⸗ wortet laſſen koͤnnen.“ „Und willſt Du damit ſagen, daß man den Brief einer Mutter wohl auf die Seite legen kann?“ fragte Abel. „Das nicht gerade, Bruder,“ entgegnete Truſſell lachend;„doch wenn man weiß, daß er eine Lektion enthaͤlt, ſo fühlt man ſich natuͤrlich nicht geneigt, ihn zu leſen. Das wirſt Du gewiß verſtehen.“ „Ich verſtehe dergleichen nicht,“ verſetzte Abel muͤr⸗ riſch;„aber ich verſtehe vollkommen, wie uͤbertriebene Vergnuͤgungsſucht die beſten Grundſaͤtze untergraͤbt und die wärmſte Neigung kalt macht. Kindliche Liebe und Pflicht haben wenig Einfluß, wenn Zerſtreuungsſucht die Herrſchaft gewonnen hat.“ „Ich erkenne die Richtigkeit Ihres Tadels, Onkel,“ ſagte Randulph,„und will den Brief augenblicklich leſen,“ — 113— „Au en Fall,“ verſetzte Abel.„Folge Deinem erſten Antriebe. Behalte ihn, wie mein Bruder ſagt, bis heute Abend und vielleicht biſt Du dann in einer beſſern Gemuͤthsſtimmung, um ihn zu leſen. Wenn Du den Inhalt weißt, wird es mir lieb ſein, ihn auch zu erfahren.“ Dann wendete er ſich um, und kehrte in ſein Bi⸗ bliothekzimmer zuruͤck. Es war ſpaͤt, als Randulph nach einem froͤhlich hingebrachten Tage zuruͤckkehrte, und als er ſich auf ſein Zimmer begab, war ſein erſtes Geſchaͤft, den Brief ſeiner Mutter zum Vorſchein zu bringen. Er oͤffnete ihn und las begierig den Inhalt: „Mein lieber Sohn, Der Bericht, den ich von Deiner Lebensweiſe erhalten, hat mir unausſprechliche Unruhe verurſacht. Die Hoffnungen einer Mutter werden vielleicht ſelten erfuͤllt, und ich fuͤhle jetzt, daß meine Erwartungen zu hoch ſind, um je realiſirt werden zu koͤnnen. Den⸗ noch erwartete ich keine ſo gaͤnzliche Taͤuſchung, wie ich erfahre. Bei Deiner edlen Natur und Deiner ra⸗ ſchen Handlungsweiſe haͤtte es mich nicht gewundert, wenn Du Dich zu kleinen Unbeſonnenheiten haͤtteſt ver⸗ leiten laſſen; doch, daß Du Dich ſo tief in die Zer⸗ ſtreuung geſtuͤrzt, und Dich mit ſo ausgelaſſenen Per⸗ ſonen verbunden haſt, kraͤnkt mich im tiefſten Her⸗ zen. Ich glaube Dein Betragen iſt e bo⸗ Die Tochter des Betzigen. II. — 114— ſem Rathe zuzuſchreiben, und daher ei aßen zu entſchuldigen. Dein Onkel Truſſell iſt nicht ohne Grundſaͤtze, und beſitzt, was man ein gutes Herz nennt, aber das Vergnuͤgen des Augenblicks iſt fuͤr ihn Alles, und er iſt gaͤnzlich unbekuͤmmert um die Folgen. Ich glaubte Dich hinlaͤnglich vor ihm ge⸗ warnt zu haben, aber jetzt ſehe ich meinen Irrthum ein, und fuͤhle, daß ich Dich nie in ſolche gefährliche Geſellſchaft haͤtte bringen ſollen. Ich verließ mich auf Deinen Onkel Abel. Ich uͤbertedete mich, Du wuͤr⸗ deſt das Gute erkennen, welches in dieſem vortreffli⸗ chen Manne liegt, und verſprach mir viel von Deiner Bekanntſchaft mit ihm. Es iſt daher nicht meine ge⸗ ringſte Betruͤbniß, daß Du ſeine gute Meinung ver⸗ wirkt haſt. Laß mich hoffen, daß es noch nicht zu ſpat iſt, ſie wieder zu gewinnen. In Deinem erſten Briefe ſprachſt Du in Ausdruͤk⸗ ken der hoͤchſten Bewunderung von Hilda Scarve. Ich weiß aus anderer Quelle, daß ſie eben ſo hoch begabt als ſchoͤn iſt, und ich bekenne, daß es mich ſehr erfreut haben wuͤrde, Dich mit ihr vereint zu ſehen. Ich weiß, daß Hinderniſſe im Wege ſtehen; aber ſie haͤtten vielleicht hinweggeraͤumt werden koͤnnen. Hier iſt Dir Deine unbeſonnene Handlungsweiſe eben⸗ falls hinderlich geweſen. Ueber einen andern Punkt, naͤmlich uͤber Deine Unterredung mit der geheimnißvollen Perſon in den — 115— Nebengangender Weſtminſterabtei halte ich nicht fuͤr klug zu ſchreiben. Zum Schluß, lieber Sohn, bitte ich Dich, in Deiner Laufbahn anzuhalten, die unwuͤrdige Geſell⸗ ſchaft, die Du gewaͤhlt, zu verlaſſen, und Dich un⸗ ter die Leitung Deines Onkels Abel zu ſtellen. Er kann Dich retten. Daß dies geſchehen moͤge, iſt das inbruͤnſtige Gebet Deiner zaͤrtlichen Mutter Sophie Crew.“ Randulph las dieſen Brief mehrmals, und jedes⸗ mal mit neuen Selbſtvorwuͤrfen. Er glaubte, ſeine Mutter ſaͤhe ſeine Unbeſonnenheiten zu ernſt an, doch konnte er ſich nicht verbergen, daß ihre Furcht wohlbe⸗ gruͤndet ſei. Was ihn beſonders ergriff, war die Stelle, die ſich auf Hilda bezog, und das Leſen derſelben mach⸗ te, daß er mit unruhigen Schritten im Zimmer auf und abging. Endlich wurde er ruhiger und legte ſich zu Bet⸗ te; doch er konnte nicht ſchlafen, und ſtand am Mor⸗ gen fieberhaft und ungeſtaͤrkt auf. Seine Oheime wa⸗ ren beide vor ihm am Fruͤhſtuͤckstiſche; doch obgleich ſie ſein niedergeſchlagenes und verſtoͤrtes Anſehen bemerk⸗ ten, ſo erwaͤhnten ſie doch nichts davon. Truſſell war im Gegentheil munterer als gewoͤhnlich, ſchwatzte von der Maskerade, die am folgenden Tage bei Ranelagh ſtattfinden ſollte, und verbreitete ſich uͤber die Beluſti⸗ 8* — 116— gung, die man dort finden wurde. Plöhlich brach Ran⸗ dulph das Schweigen. „Ich beabſichtige nicht auf die Maskerade zu gehen, Onkel,“ ſagte er „Nicht gehen?“ rief Truſſell, ein Stuͤck geſotte⸗ nen Schinken niederlegend, welches er eben in den Mund ſtecken wollte.„Nicht gehen?— Warum nicht, um aller Wunder willen?“ Abel beobachtete ſeinen Neffen genau. „Ich bin in der letzten Zeit zu viel an ſolchen Or⸗ ten geweſen,“ verſetzte Randulph. Truſſell brach in ein ſpoͤttiſches Lachen aus. „Ich ſehe wie es iſt,“ ſagte er,„Du haſt eine Doſis guten Rath von Deiner Mutter erhalten und lei⸗ deſt an der Wirkung davon.“ „Ich werde gewiß den Rath benutzen, den ich er⸗ halten habe,“ verſetzte Randulph,„und um den erſten Schritt zu thun, will ich nicht auf die Maskerade gehen.“ Abel richtete ſeine grauen Augen auf ihn, als wollte er in ſeiner Seele leſen, machte aber keine Bemerkung. „Nun, nun, thu, wie Du willſt, mein lieber Junge,“ ſagte Truſſell—„thu wie Du willſt. Ich will nicht verſuchen, Dich davon abzubringen. Doch das Nachdenken eines Augenblicks wird Dich uͤberzeugen, = gi— daß Deine Mükter nicht im Stande iſt, uber Dein Be⸗ tragen zu urtheilen. Sie kann nur nach dem Geruͤcht wiſſen, was Du thuſt, und das Geruͤcht uͤbertreibt ſtets. Ihre Unruhe iſt ſehr natuͤrlich. Du biſt ein ver⸗ teufelt huͤbſcher Burſche, der den Frauenzimmern ſehr gefaͤllt, und mit dem vornehme Leute gern umgehen. Die Leute auf dem Lande fuͤrchten ſich entſetzlich vor huͤbſchen Frauenzimmern und vornehmen Leuten; aber Du weißt, daß Beide ſehr harmlos ſind. Meine Unruhe Deinetwegen,“ ſetzte er mit trocknem Huſten und einem Seitenblick auf ſeinen Bruder hinzu,„beſteht darin, daß Deine Mittel Deinen Ausgaben nicht angemeſſen ſind. Aber vielleicht wirſt Du bald reicher werden.“ „Ich ſehe wenig Ausſicht dazu,“ murmelte Abel. „Ich denke, daß er jede Ausſicht hat, eine gute Partie zu machen, Bruder,“ erwiederte Truſſell. „Ich hoffe, Du meinſt doch nicht Beau Villiers verſtoßene Geliebte, Lady Brabazon,“ ſagte Abel. „Ich wollte lieber, er heirathete Kitty Conway, als jenes nichtsnutzige Frauenzimmer. Die Schauſpielerin beſitzt doch wenigſtens einige Rechtſchaffenheit.“ „Sein Sie deshalb unbeſorgt, Onkel,“ verſetzte Randulph,„ich laſſe mich nicht ſo leicht uͤbertolpeln. Meine Augen ſind fuͤr meine Thorheit geoffnet.“ „Wie lange wird das der Fall ſein?“ fragte Abel ſpottiſch.„Ueberſaͤttigung erzeugt Ekel, aber Du wirſt mit friſchem Appetit wieder beginnen.“ S — 118— „Ich hoffe es auch,“ ſagte Truſſtll,„denn ich werde bei meinem Leben nicht das Unrecht entdecken, welches er begangen hat.“ „Es ſollte mich auch wundern, wenn Du es koͤnn⸗ teſt,“ ſagte Abel veraͤchtlich. Hier endete die Unterredung und das Fruͤhſtuͤck wur— de ſchweigend fortgeſetzt. Am Schluß deſſelben verließ der aͤltere Onkel das Zimmer. „Du haſt Deinen eben ausgeſprochenen Entſchluß etwas zu raſch gefaßt, Randulph,“ ſagte Truſſell ſo⸗ bald ſie allein waren.„Ich wollte es nicht vor meinem Bruder ſagen, doch ich hielt mich vollkommen uͤberzeugt, daß Du ungeachtet Deiner Erklaͤrung des Gegentheils auf die Maskerade gehen wuͤrdeſt.“ „Sie irren, Onkel,“ verſetzte Randulph mit der Miene einer Perſon, die zu einem unabanderlichen Ent⸗ ſchluß gekommen iſt. „Nein, ich irre nicht,“ entgegnete Truſſell laͤ⸗ chelnd;„und wenn ich Dir ſage, daß Hilda Scarve dort ſein wird, ſo glaube ich, wirſt Du gewiß die Richtigkeit meiner Bemerkung anerkennen.“ „Ja, das aͤndert freilich die Sache,“ rief Ran⸗ dulph.„Doch iſt es gewiß, was Sie ſagen?“ „So gewiß als wir jetzt beiſammen ſitzen,“ ver⸗ ſetzte Truſſell.„Sie geht in der Begleitung ihres Ver⸗ wandten Sir Norfolk Salusbury dorthin.“ — 119— „Dann muß ich natuͤrlich auch gehen,“ rief Ran⸗ dulph.„Ich moͤchte um der Welt willen nicht die Ge⸗ legenheit verlieren, ſie zu ſehen.“ „Aber Du vergißt, daß Du ſeit Kurzem zu viel an ſolchen Orten geweſen biſt,“ ſpottete Truſſell. „Ein Beſuch mehr kann keinen Unterſchied machen,“ verſetzte Randulph. „Aber man kann nicht wiſſen, wozu das fuͤhren mag,“ fuhr Truſſell fort.„Bedenke, daß Deine Au⸗ gen fuͤr Deine Thorheit geoͤffnet ſind— ha! ha!“ „Lachen Sie ſo viel Sie wollen, Onkel,“ entgeg⸗ nete Randulph.„Ich gehe nicht, um die Maskerade zu ſehen— ſondern um Hilda zu treffen.“ „Nun, ich freue mich uͤher Deinen Entſchluß, un⸗ ter welchem Vorwande Du auch dazu gekommen biſt,“ ſagte Truſſell ernſthaft. In dieſem Augenblick trat Abel wieder ein. „Nun, Randulph,“ ſagte er ihn anſehend— „noch bei demſelben Entſchluſſe?— Keine Maskerade morgen, he?“ „Ich fuͤrchte, Sie werden kuͤnftig wenig Vertrauen zu mir haben, wenn ich Ihnen ſage, daß ich mich ent— ſchloſſen habe zu gehen,“ verſetzte Randulph vor Schaam erroͤthend. — 120— „Ich erwartete es,“ verſetzte Abel kalt.„Ich wußte, Du wuͤrdeſt gegen Deines Onkels Ueberredungs⸗ gabe nicht Stand halten koͤnnen.“ „In der That, Bruder, ich habe ihn nicht uber⸗ redet,“ ſagte Truſſell.„Habe ich's gethan, Randulph?“ „Nein, das haben Sie nicht,“ war die Antwort. „Dann muß ich Dir einen guten Rath geben, Ran⸗ dulph,“ ſagte Abel.„Ruͤhme Dich nicht mit Deinen guten Entſchluͤſſen, bis Du ſie erprobt haſt.“ Drittes Kapitel. Die ſchone Thomaſine beſucht Hilda.— Ihre geheimnißvolle Mittheilung.— Auf welche Weiſe und durch wen der Verſuch Hilda zu entfuͤhren verhindert wurde.— Der Geizhals vergräbt ſeinen Schatz im Keller. Während die er Zeit fuͤhrte der Geizhals beſtaͤndig daſſelbe Leben wie fruͤher. Ungeachtet ſich Jakob Poſt an Abel Beechcroft gewendet, hatte er doch noch nicht den Dienſt ſeines Herrn verlaſſen; denn ungeachtet ſei⸗ nes ewigen Gezaͤnkes war der Diener ihm doch ſehr zu⸗ gethan. Ein Wort von Hilda hatte uͤberdies den Aus⸗ ſchlag gegeben und Jakob beſtimmt zu bleiben. Daher ging Alles ſeinen gewohnten Gang. Diggs hatte Docu⸗ mente vorgezeigt, welche geſetzlich abgefaßt zu ſein ſchie⸗ nen, um den Geizhals zu uͤberzeugen, daß die Angabe von den Vermoͤgensumſtaͤnden ſeines Neffen richtig ſeien. — 122— Doch die Verbindung wurde nicht weiter erwaͤhnt und Hilda nicht mehr damit belaͤſtigt. Doch darf man nicht denken, daß ſie vollkommen ruhig war. Im Gegentheil wurde ſie von der Erinnerung an Randulph verfolgt, der einen viel tiefern Eindruck auf ihr Herz gemacht hatte als ſie anfangs vermuthete, und obgleich ſie lebhaft be— muͤht war, ſein Bild aus ihren Gedanken zu verbannen, ſo gelang es ihr doch nicht. Die Eiferſucht ſelbſt, die ſie empfunden hatte, fachte die Flamme an, und ihr zufaͤlliges Zuſammentreffen mit ihm, als ſie aus Lady Brabazon's Hauſe zuruͤckkehrte, diente dazu, dieſelbe lebendig zu erhalten. Sie ſah und hoͤrte nichts von ihm, außer daß ihr Vater ihr von Zeit zu Zeit ſagte, daß er ſehr verſchwenderiſch geworden ſei. Doch ſie begann jetzt Entſchuldigungen fuͤr ihn zu finden und tadelte ſich, als ſie ihn zuletzt geſehen, hart gegen ihn gehandelt zu haben. Ihr einſames Leben diente auch dazu, ihre Lei⸗ denſchaft zu naͤhren. Sie hatte an wenig Anderes zu denken außer ihm, und da ſich ſein Bild häufig ihrer Einbildungskraft darſtellte, ſo verſchmolz es allmaͤhlig mit ihrer Neigung. Eines Morgens, als ihr Vater aus war und ſie auf ihrem Zimmer ſaß, klopfte Jakob an die Thuͤr und benachrichtigte ſie, daß Miß Thomaſine, die Tochter des Seidenhaͤndlers auf der andern Seite der Straße unten ſei und mit ihr zu reden wuͤnſche. Sie kam augenblicklich die Treppe herunter und fand die erwaͤhnte junge Dame ihrer wartend. Sie war ſehr . — 123— ſchoͤn angezogen, denn ſie trug ein roth und gelbes da⸗ maſtnes Kleid mit einem rothſeidenen Leibchen, quer uͤber mit Baͤndern von derſelben Farbe beſetzt, mit gro⸗ ßen Bandroſen an den Aermeln und eine huͤbſche, aͤhn⸗ lich beſetzte kleine Haube. Sie ſah ſich mit der groͤßten Neugierde im Zimmer um, doch als ſie Hilda erblickte, ſtuͤrzte ſie auf ſie zu, rang die Haͤnde und rief in Doͤ— nen des innigſten Bedauerns. „Und an einem ſolchen Orte, wie dieſer, iſt ein ſo liebenswuͤrdiges Weſen, wie Sie, eingemauert? Welch ein hartherziger Tyrann muß Ihr Vater ſein!“ Hilda konnte die Bedeutung dieſer Anrede nicht be⸗ greifen „Ich bitte um Verzeihung,“ fuhr die ſchoͤne Tho⸗ maſine fort,„aber ich bin ſo von Entſetzen ergriffen beim Anblick dieſer nackten Waͤnde und dieſes öden Zim⸗ mers, daß ich mich vielleicht zu ſtark ausdruͤckte. O, wie koͤnnen Sie hier exiſtiren, Miß Scarve?“ „Es gelingt mir doch, ſo ſeltſam es auch ſcheinen mag,“ verſetzte Hilda laͤchelnd. „Dies iſt ein Augenblick, nach dem ich Monate lang geſeufzt habe,“ rief die ſchoͤne Thomaſine, eine theatraliſche Stellung annehmend.„Es hat mich ver⸗ langt, mich Ihnen ohne Ruͤckhalt mittheilen zu können — eine innige Freundſchaft mit Ihnen anzuknuͤpfen. Sie werden mich bald verſtehen, wie ich Sie verſtehe. — 124— Ja, Hilda Scarve und Thomaſine Deacle, ſo verſchie⸗ den auch ihr Rang, werden treue und beſtaͤndige Freun⸗ dinnen ſein. Von dieſem Augenblick an weihe ich mich Ihnen. Wir haben Beide manche Gefuͤhle mit einan⸗ der gemein. Wir lieben Beide— und ſind Beide ge⸗ taͤuſcht wordenz oder vielmehr man hat einen Verrath an unſerer Neigung begangen. „Ich muß Sie bitten, nicht auf dieſe tolle Weiſe fortzufahren, Miß Deacle, wenn unſere Unterredung hier nicht enden ſoll,“ verſetzte Hilda etwas vornehm. „Ich habe weder geliebt, noch bin ich getaͤuſcht wor⸗ den.“ „Nein, fuͤrchten Sie nichts von mir,“ verſetzte die ſchoͤne Thomaſine.„Ihre Geheimniſſe werden in meinem Buſen eben ſo ſicher ſein wie in Ihrem eigenen. Ich bin ein Weib und weiß, woraus eines Weibes Herz beſteht. Ich habe einiges Mitgefuͤhl mit Ihnen. Ich weiß, wie zaͤrtlich Sie Randulph Crew lieben, und wie unwuͤrdig er ſich Ihrer Achtung gezeigt hat.“ „In der That, Miß Deacle,“ rief Hilda erroͤthend, ich kann nicht leiden, daß Sie auf dieſe Weiſe fort⸗ fahren.“ „Ich thue es nur, um Ihnen zu zeigen, daß Sie vollkommenes Zutrauen zu mir haben koͤnnen,“ verſetzte die ſchoͤne Thomaſine.„Ach, Herr Crew iſt ſehr ſchoͤn — ſehr ſchoͤn in der That. Ich wundere mich nicht, daß er eine maͤchtige Leidenſchaft einzufloͤßen vermag.“ — 125— „Sie irren, wenn Sie vermuthen, daß er mir eine ſolche eingefloͤßt hat,“ verſetzte Hilda etwas aͤrgerlich. „Ich hoffe, Sie kommen nicht von ihm.“ „O nein,“ entgegnete die ſchoͤne Thomaſine;„doch wenn ich etwas thun kann, um die Sache zu beguͤnſti⸗ gen— wenn ich ihm eine Botſchaft uͤberbringen kann— ſo gebieten Sie nur uͤber mich.“ „Es iſt Zeit, dieſem Unſinn ein Ende zu machen,“ ſagte Hilda.„Wenn Sie mir weiter nichts zu ſagen haben, als von Herrn Randulph Crew, ſo muß ich Ihnen einen guten Morgen wuͤnſchen.“ „Ein Zweck meines Beſuches, Miß Scarve, war, wie ich offen bekennen will, Ihre Bekanntſchaft zu ma⸗ chen und, wie ich hoffte, eine ewige Freundſchaft mit Ihnen zu ſchließen,“ verſetzte Thomaſine etwas außer Faſſung.„Aber mein vorzuͤglichſter Beweggrund,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie einen geheimnißvollen Blick und jene tiefen Toͤne annahm, womit in einem Melo⸗ drama eine furchtbare Nachricht mitgetheilt wird— „war, Sie in Kenntniß zu ſetzen, daß man dieſe Nacht den Verſuch machen wird, Sie zu entfuͤhren!“ „Mich zu entfuͤhren?“ rief Hilda beſtuͤrzt. „Ja, Sie zu entfuͤhren!“ wiederholte die ſchoͤne Thomaſine.„Iſt es nicht ſchrecklich?: Doch alle Hel— dinnen, wie wir, ſind dem unterworfen. Ich darf Ih⸗ nen nicht ſagen, wer mir dieſe Nachricht mittheilte, aber Sie koͤnnen ſich darauf verlaſſen. Hoͤchſt wahrſchein⸗ lich hegen Sie einen Verdacht, wer einen ſo ſchaͤndli— chen Plan kann entworfen haben. Unſer Geſchlecht taͤuſcht ſich ſelten in dergleichen Dingen. Ich habe mich zum Schweigen verbindlich gemacht, konnte Ihnen aber die Sache nicht vorenthalten. Was auch geſchieht, ich darf nicht genannt werden. Verſprechen Sie mir dies.“ „Ja, ich verſpreche es,“ entgegnete Hilda. „Und o! Miß Scarve,“ fuhr die ſchoͤne Thoma⸗ ſine fort,„um meine Achtung fuͤr Sie zu wuͤrdigen— um mich ganz zu verſtehen— muͤſſen Sie wiſſen— obgleich ich zittere es zu erwaͤhnen— daß Sie meine Nebenbuhlerin ſind— ja, meine Nebenbuhlerin. Ihre unvergleichlichen Reize haben mir die Neigung meines geliebten und einſt treu ergebenen Peter Pokerich entzo⸗ gen. Dennoch empfinde ich keinen Haß gegen Sie— ſondern im Gegentheil, ich bewundere Sie unausſprech⸗ lich. Eine Zeit wird kommen, wo ich Ihnen nuͤtzlich ſein kann— und dann vergeſſen Sie nicht Ihre demuͤ⸗ thige aber getreue Freundin Thomaſine Deacle.“ „Ich werde Sie nicht vergeſſen,“ verſetzte Hilda, welche einige Zweifel zu hegen begann, ob die Andere auch bei Sinnen ſei.„Ich bin Ihnen ſehr verbunden fuͤr Ihre Nachricht, und werde nicht verfehlen, ſie zu benutzen. Guten Morgen.“ „Leben Sie wohl,“ rief die ſchoͤne Thomaſine pa— thetiſch.„Ich fuͤrchte, ich werde mißverſtanden.“ — 127— Hilda verſicherte ſie vom Gegentheil und rief Jakob herbei, der ſie hinausfuͤhrte. Sobald die ſchoͤne Thomaſine fort war, benachrich⸗ tigte Hilda ihre Tante von dem, was ſie eben erfahren hatte. Miſtreß Clinton war geneigt, der Ausſage Tho⸗ maſinens wenig Glauben zu ſchenken, rieth ihr aber, ihren Verwandten Sir MNorfolk Salusbury daruͤber zu befragen. Dagegen machte Hilda Einwendungen und Jakob Poſt wurde mit zur Berathung gezogen. „Sagen Sie Niemand ein Wort davon— auch dem Herrn nicht,“ erwiederte der Diener, als man ihm die Sache mittheilte;„uͤberlaſſen Sie mir die Sa⸗ che, und ich ſtehe Ihnen dafuͤr, Herr Philipp Frewin — denn ich zweifle nicht, daß er es iſt— ſoll ſeinen Verſuch nicht erneuern. Gehen Sie zu Bette wie ge⸗ woͤhnlich, und denken Sie nicht mehr an die Sache. Sie ſollen morgen Alles erfahren.“ „Aber waͤre es nicht beſſer, Jakob, wenn Ihr Beiſtand haͤttet?“ ſagte Hilda.„Dergleichen Verſuche werden nie allein gemacht, um das Gelingen zu ſichern.“ „Ich bedarf keines Beiſtandes, Miß,“ verſetzte Jakob—„durchaus nicht. Es mag ein halbes Dutzend von ihnen kommen, wenn ſie wollen— aber ſie ſollen nicht gehen, wie ſie kommen, das verſpreche ich ihnen.“ „Ich glaube, Du kannſt Dich auf Jakob verlaſ⸗ ſen, Nichte,“ ſagte Miſtreß Clinton. — 128— Hilda dachte auch ſo, und es wurde daher beſchloſ— ſen, dem Geizhals nichts von der Sache zu ſagen, ſon⸗ dern, daß Jakob auf ſeine Weiſe Wache halten ſolle. Bald darauf kam Scarve nach Hauſe. Der Tag verging wie gewoͤhnlich, und Hilda und ihre Tante begaben ſich fruͤh zur Ruhe, indem ein Zeichen des Verſtaͤndniſſes zwiſchen ihnen und Jakob gewechſelt wurde, als ſie ſich entfernten. Gerade an dieſem Abend war der Geizhals mit ſei⸗ nen Papieren beſchaͤftigt, ſprach ſeine Abſicht aus, ſpaͤt aufzubleiben und befahl Jakob, noch eine Kerze vor ihn hinzuſtellen, die er anzuͤnden wolle, wenn die andere ausgebrannt ſei. Dieſe Anordnung gefiel Jakob durch⸗ aus nicht. Er weigerte ſich, dem Befehl zu gehorchen, in der Hoffnung, daß ſein Herr zu Bette gehen wuͤrde; doch er irrte ſich. Der Geizhals blieb bei ſeinem Ge⸗ ſchaͤft, bis das Licht ganz ausgebrannt war, und als er fand, daß Jakob ihm kein anderes gebracht hatte, ging er murrend zum Schrank, um eins zu ſuchen. Als Jakob ihn gehen hoͤrte, trat er ins Zimmer. „Wiſſen Sie, daß es elf Uhr iſt, Herr?“ ſagte er. „Es iſt Zeit zu Bette zu gehen.“ „Geh Du ſelber zu Bette, nachlaͤſſiger Schurke!“ entgegnete der Geizhals aͤrgerlich.„Ich ſagte Dir, ich wolle aufbleiben und befahl Dir, mir ein anderes Licht zu bringen. Doch Du vernachlaͤſſigſt Alles— Alles.“ „Nein, das thue ich nicht,“ entgegnete Jakob — 68— brummend.„Sie werden verſchwenderiſch, und es iſt meine Pflicht, Sie davon abzuhalten. Sie verderben Ihre Augen durch das ſpaͤte Aufſitzen. Gehen Sie doch zu Bette.“ „Was zum Teufel ſoll dies bedeuten, Kerl?“ rief der Geizhals aͤrgerlich und argwoͤhniſch.„Du haſt einen Zweck vor und willſt mich aus dem Wege haben. Ich werde ſpaͤt— vielleicht die ganze Nacht aufbleiben.“ Als Jakob ſeinen Herrn entſchloſſen ſah, murmelte er einige unverſtaͤndliche Worte und entfernte ſich Eine Stunde ſpaͤter oͤffnete er die Thuͤr ein wenig und ſteckte den Kopf herein. Der Geizhalz war noch immer eifrig beſchaͤftigt. „Zwoͤlf Uhr vorbei!“ rief er die rauhen Toͤne eines Nachtwaͤchters nachahmend. „Was! noch auf?“ rief der Geizhals.„Geh ſo⸗ gleich zu Bette.“ „Nein, das thue ich nicht,“ entgegnete Jakob, die Thuͤr weit oͤffnend und ins Zimmer ſchreitend;„es iſt nicht ſicher, Sie aufſitzen zu laſſen. Die Rechnun⸗ gen koͤnnen eben ſo gut morgen abgeſchloſſen werden. Kommen Sie,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich naherte und das Licht vom Tiſche nahm,„ich will Sie in Ihr Schlafzimmer bringen.“ „Setze das Licht nieder, Schurke!“ 36 der Geiz⸗ Die Tochter des Geizigen. II. hals zornig aufſtehend—„ſetze es augenblicklich nieder, oder Du biſt des Todes.“ Jakob that es widerſtrebend, ſah ihn ſtarr an und kratzte dabei den Kopf. „Ich ſehe Du haſt etwas vor,“ rief der Geizhals wuͤthend.„Bekenne nur gleich, daß Du die Abſicht haſt, mich zu berauben und zu ermorden. Bekenne es, und ich will Dir verzeihen.“ „Ich habe nichts zu bekennen,“ verſetzte Jakob. „Es iſt blos Ruͤckſicht fuͤr Ihr Wohl, was mich wach haͤlt. Wenn Sie ſich von mir rathen laſſen wollen, ſo gehen Sie zu Bette— doch wenn Sie nicht wollen, muͤſſen Sie die Folgen tragen.“ „Welche Folgen, Kerl?“ rief der Geizhals zornig. „Biſt Du hier Herr oder ich?“ „Sie ſind's,“ verſetzte Jakob—„um ſo mehr iſt's zu bedauern. Wenn ſich etwas ereignet, ſo iſt's nicht meine Schuld. Ich habe Sie gewarnt.“ „Bleib, Schurke!“ rief der Geizhals, der ſich et⸗ was unruhig fuͤhlte—„was meinſt Du? Was furch⸗ teſt Du?“ „Ich werde es nicht ſagen,“ verſetzte Jakob troz⸗ zig.„Ich kann eben ſo verſchloſſen ſein wie Sie. Sie werden es erfahren, wenn Sie lange genug aufblei⸗ ben.“ — 131— Mit dieſen Worten entfernte er ſich. Der Geizhals war wirklich unruhig. Jakob's ge⸗ heimnißvolles Benehmen war ihm voͤllig unbegreiflich. Er hatte nie zuvor ſo gehandelt, und nachdem Scarve mit ſich ſelber zu Rathe gegangen war, was das Beſte ſein wuͤrde zu thun, entſchloß er ſich, ſeinen Degen zu holen und aufzubleiben. Er ſchlich daher die Treppe hinauf und holte ſeine Waffe, und als er bei ſeiner Ruͤckkehr an der Thuͤr der Damen voruͤberkam, hoͤrte er, wie ſie ſich im Zimmer bewegten, waͤhrend Miſtreß Clinton durchs Schluͤſſelloch ſagte:„Nun Jakob, ſind ſie dageweſen?“ „MNoch nicht,“ verſetzte der Geizhals leiſe, indem er Jakob's Stimme nachzuahmen verſuchte. Vollkommen uͤberzeugt, daß er ein Complott ent⸗ deckt habe, und fuͤrchtend, ſich zu entdecken, wenn er weiter befragt werde, eilte der Geizhals die Treppe hin⸗ unter und murmelte unterwegs: „Eine huͤbſche Geſchichte! Der Schurke von Jakob iſt die Veranlaſſung von Allem. Ich will ihn morgen fruͤh entlaſſen. Aber vorher muß ich ausfindig machen, was dies Alles bedeutet. Welch ein Gluͤck, daß ich aufblieb! Es iſt eine Fuͤgung der Vorſehung.“ Dann nahm er ſeinen Platz am Tiſche wieder ein, legte den Degen vor ſich hin, und fuhr mit ſeinen Rech— nungen fort. Die Thuͤr blieb ein wenig offen, ſo daß 9 N er, da er ein ſcharfes Gehoͤr hatte, das geringſte Ge⸗ raͤuſch hoͤren konnte. Doch es wurde ein Uhr und das Haus blieb ungeſtoͤrt. Noch eine halbe Stunde verging und Niemand kam. Sein zweites Licht war ſchon weit hinuntergebrannt und er uͤberlegte bei ſich ſelber, ob er ein drittes anzuͤnden oder im Dunkeln bleiben ſolle, als er deutlich Fußtritte auf der Treppe hoͤrte. Er ergriff den Degen und eilte zur Thuͤr, wo ihm Jakob mit ſei⸗ nem Knotenſtock in der Hand begegnete. „O, da habe ich Dich, Schurke!“ rief er ihn ergreifend und ihm den Degen an die Kehle ſetzend. „Laſſen Sie mich los!“ ſagte Jakob ihn von ſich werfend—„hoͤren Sie ſie nicht? Sie kommen Ihre Tochter zu entfuͤhren.“ Mit dieſen Worten riß er ihm das Licht aus der Hand und eilte die Treppe hinauf. Das Schlafzimmer des Geizigen, ſo wie das ſeiner Tochter, befand ſich im erſten Stock. Der daruͤber be⸗ findliche Hausboden war unbewohnt und nur mit altem Hausgeraͤth angefuͤllt, welches Niemand als er wuͤrde beherbergt haben. Die Thuͤren waren beſtändig verſchloſ⸗ ſen und die Fenſter mit Brettern vernagelt. Doch es war klar, daß die Leute, die ins Haus gedrungen wa⸗ ren, uͤber das Dach gekommen waren. Jakob fand auch bald hernach, daß dies der Fall geweſen war. Als er oben ankam, bemerkte er drei maskirte Geſtalten, welche die obere Treppe herunterkamen? Der Vorderſte — 133— von ihnen, eine ſchlanke und geputzte Perſon, die mit einer Laterne verſehen war, wendete ſich zu ſeinem Be⸗ gleiter und ſagte: „Auf Parole! wir ſind entdeckt, und es waͤre beſ⸗ ſer, auf den Rückzug zu denken.“ Der Mann hinter ihm, welcher ein ruͤſtig gebauter Kerl war, ſchien anderer Meinung zu ſein. „Nein, zum Henker!“ rief er,„wir wollen uns nicht mit leeren Haͤnden entfernen. Es iſt nur ein Mann da, und ich will ſie ihm zum Trotz fortſchleppen. Fuͤhre uns ſogleich in Miß Scarve's Zimmer, Kerl!“ rief er Jakob zu,„oder wir ſchneiden Dir die Kehle ab!“ „Widerſetze Dich uns nicht, mein guter Mann,“ ſagte der, welcher zuerſt geſprochen,„dann thun wir Dir nichts zu Leide, auf Parole! Wir wollen nur zu Deiner jungen Herrin. Fuͤhre uns in ihr Zimmer, und Du ſollſt eine Krone fuͤr Deine Muͤhe haben.“ „Du ſollſt einen zerbrochenen Schaͤdel haben!“ rief Jakob mit ſeinem Knotenſtock ſo heftig niederſchlagend, daß, wenn er ſein Ziel getroffen haͤtte, er gewiß ſeine Drohung wuͤrde erfuͤllt haben. So aber rettete ſich der Andere durch einen raſchen Seitenſprung, ließ die La⸗ terne fallen und eilte die Treppe hinauf. Der Mann, welcher hinter ihm war, ſtieß einen furchtbaren Fluch aus, ſtieß nach Jakob, der mit ſeinem Knotenſtock pa⸗ rirte und ihm dagegen einen Schlag auf den Arm ver— ſetzte, der ihn unfaͤhig machte, denſelben zu gebrauchen. Heulend vor Schmerz und die ſchrecklichſten Verwuͤn⸗ ſchungen ausſtoßend, drehte er ſich um und entfloh. Der Dritte, welcher das Schickſal ſeiner Begleiter mit anſah, folgte ihrem Beiſpiel. Sie eilten die Treppe hinauf, gingen durch eine offene Thuͤr zu dem Boden, kletterten uͤber einen Haufen Hausgeraͤth und ſtiegen durch ein kleines Dachfenſter hinaus. Es war ein Gluͤck fuͤr die Fluͤchtlinge, daß Jakob, der ihnen dicht auf den Ferſen war, ſich in das Hausgeraͤth verwickelte, ſonſt waͤren ſie nicht ſo leicht davongekommen. Als er ſich wieder losmachte, waren ſie fort, auch konnte er keine Spur von ihnen entdecken. Es ſchien wahrſcheinlich. daß ſie uͤber das Dach in das benachbarte Haus gegan⸗ gen, ſich an der Dachrinne hinuntergelaſſen und davon⸗ gekommen waren. Da Jakob es fuͤr zwecklos hielt, ſie weiter zu verfolgen, ſo machte er das Fenſter zu und ſtieg wieder die Treppe hinunter, wo er den Geizigen, ſeine Tochter und ihre Tante fand. „Nun, haſt Du ſie, Jakob?“ fragte Scarve. „Hilda hat mir geſagt, was dies Alles zu bedeuten hat.“ „Nein,“ verſetzte Jakob,„aber ich habe ſie aus dem Felde geſchlagen.“ „Wer war ihr Anfuͤhrer?“ rief der Geizhals— „Randulph Crew?“ „Wahrſcheinlicher wohl Ihr Neffe,“ entgegnete — 135— 5 Jakob.„Aber ich kann auf Niemand ſchwoͤren. Es waren ihrer Drei und alle maskirt.“ „Ich bin Euch tauſend Dank ſchuldig fuͤr meine Rettung, Jakob,“ ſagte Hilda. „Sie koͤnnen jetzt ruhig ſchlafen,“ verſetzte Jakob. „Ich habe das Fenſter zugemacht, und ich ſtehe dafuͤr, daß ſie keinen zweiten Verſuch wagen werden.“ Hilda wiederholte ihren Dank und entfernte ſich dann mit ihrer Tante. „Kannſt Du Dir nicht denken, wer es war?“ ſagte der Geizhals. „Durchaus nicht,“ entgegnete der Andere;„und es thut mir nur leid, daß ich nichts gegen Herrn Phi⸗ lipp Frewin beweiſen kann.“ Der Geizhals antwortete nicht und behielt ſeinen Verdacht bei ſich. Der Einbruch beruhigte ihn indeß in anderer Hinſicht. Wenn man ſo leicht in ſein Haus kommen konnte, welches er fuͤr ſicher verwahrt gehal⸗ ten, ſo konnten ja eben ſo gut auch Diebe hereinkommen. Er hatte große Summen bei ſich iiegen, denn nach Art der Geizigen ſah er ſein Geld gern an und betaſtete es, und ſelbſt der Verluſt der Zinſen konnte ihn nicht bewe⸗ gen, ſich davon zu trennen. Entſchloſſen ſeinen Schatz zu verbergen, wo er nicht konnte gefunden werden, ſchlich er am folgenden Abend, als er glaubte, daß Alle ſchliefen, mit zwei ſchweren Geldſaͤcken auf dem Ruͤcken — — 136— die Treppe hinunter. Mit einiger Schwierigkeit, denn das Schloß war ſehr roſtig, oͤffnete er die Thuͤr eines alten unbenutzten Weinkellers. Es war nichts darin als ein leeres Faß, welches in einem Winkel lag. Nach⸗ dem er ſich aͤngſtlich umgeſehen, ob er auch vielleicht beobachtet werde, legte er die Soaͤcke nieder und ſchlich wieder die Treppe hinauf, um mehr zu holen. Dieſe waren ſchwerer als die beiden erſtern, und er legte ſie ſo geraͤuſchlos als moͤglich nieder. Er mußte noch zum drittenmal zuruͤckkehren und kam ebenſo beladen wieder. Dann ging er zu einem kleinen Kohlengemache in der Naͤhe, worin ſich ein geringer Vorrath von Kohlen be⸗ fand, der aber noch mehrere Monate ausreichen ſollte, und verſah ſich mit einer Schaufel und einem alten Be— ſen. Dann ſtieg er zum viertenmal hinauf und brachte einen Kaſten, in den er die Saͤcke legte, und begann hierauf im Boden des Kellers ein Loch zu graben. Mit großer Schwierigkeit, denn er arbeitete mit der aͤußer⸗ ſten Vorſicht, brachte er einige Backſteine los, und dann ging es leichter. Als er eine Grube gemacht, welche tief genug war, um den Kaſten zu faſſen, ließ er den⸗ ſelben hinunter, bedeckte ihn mit Erde, ſetzte die Steine, ſo gut er konnte, wieder an ihre Stelle, ſprang darauf herum und druͤckte ſie mit den Fuͤßen nieder. Endlich kehrte er alle loſe Erde zuſammen und warf ſie in das leere Faß. Laͤnger als eine Stunde brachte er hiebei zu, und als Alles voruͤber war, lehnte er ſich ganz erſchoͤpft an die Mauer. Während er ſich ſo ausruhte, fiel ſein Auge auf die Thuͤr, die nur angelehnt war, und er ———————— — 137— glaubte Jemand hinter derſelben zu bemerken. Er ſtuͤrzte ſogleich darauf zu, riß ſie auf und erblickte Jakob. „Schurke!“ ſchrie er, die Schaufel erhebend— „ich ermorde Dich!“ „Nein, Sie thun's doch nicht,“ verſetzte Jakob unerſchrocken. „Was haſt Du geſehen, Kerl?“ rief der Geizhals vor Wuth zitternd.„Sage mir das— rede!“ „Legen Sie die Schaufel nieder, dann will ich's thun, aber anders nicht,“ antwortete Jakob.„Nun denn,“ ſetzte er hinzu, als ſeine Bitte erfuͤllt wurde, „ich habe Sie einen Kaſten begraben ſehen.“ „Wirklich?“ ſchrie der Geizhals.„Und Du weißt, was er enthaͤlt?“ „Ja,“ verſetzte Jakob.„Dergleichen ſieht immer Jemand, und es iſt gut fuͤr Sie und Ihre Nachkom⸗ men, daß es diesmal ein ehrlicher Mann war wie ich.“ „Ein ehrlicher Mann!“ rief der Geizhals ſpoͤttiſch. „Ein ſolcher wuͤrde zu dieſer Stunde in ſeinem Bette ſchlafen und nicht den Angelegenheiten ſeines Herrn nach⸗ ſpuͤren.“ „Und was ſollte ſein Herr thun, he?“ entgegnete Jakob.„Sollte er nicht auch in ſeinem Bette ſein, an⸗ ſtatt im Hauſe umherzuſchleichen, als haͤtte er ein Ver⸗ brechen begangen und fuͤrchte entdeckt zu werden? Wer — 168— iſt ſchlimmer, der, welcher Geld vergraͤbt 6 der, welcher zuſieht, waͤhrend es vergraben wird? Ich will Ihnen meine Meinung ſagen, Herr— wer das thut, verdient beraubt zu werden. Nein, ich will Sie nicht berauben. Sein Sie unbeſorgt! Aber ich wiederhole, Sie verdienen beraubt zu werden. Wozu iſt das Geld da.— Doch nicht, um dort vergraben zu werden? Ge⸗ ben Sie es aus und laſſen Sie ſich's wohl ſein. Sie haben nicht viele Jahre mehr zu leben; und dann ſetzt man Sie bei, wie Sie eben mit Ihrem Golde gethan. Doch ich predige tauben Ohren.“ Waͤhrend Jakob ſprach, lehnte ſich der Geizhals auf ſeine Schaufel, als ob er bedaͤchte, was er thun ſolle. Endlich brach er in die Worte aus:„Jakob, Du haſt meinen Plan vereitelt. Grabe nun den Kaſten aus!“ „Nein, das thue ich nicht, war die muͤrriſche Ant⸗ wort. „Du thuſt es nicht?“ „Nein,“ verſetzte Jakob,„ich will nichts mit der⸗ gleichen zu thun haben. Da Sie den Schatz verborgen haben, ſo laſſen Sie ihn auch ruhen. Das Geheimniß iſt ſicher bei mir.“ „Willſt Du es beſchwören?“ rief der Geizhals leb⸗ haft. „Ich will es, wenn das Sie beruhigen kann,“ ver⸗ ſetzte Jakob. „Dann will ich Dir trauen,“ erwiederte Scarve. „Nur, weil Sie nicht anders koͤnnen,“ murmelte Jakob. Der Geizhals nahm keine Notiz von dieſer Bemer⸗ kung, ſondern verließ den Keller, verſchloß die Thuͤr und legte noch ein Vorhaͤngeſchloß von außen vor. „Du willſt nie ohne meine Erlaubniß an dieſen Ort gehen, Jakob,“ rief er—„noch auch mein Geheim⸗ niß verrathen?“ „Ich hab's geſchworen,“ verſetzte der Diener in rauhem Tone. Dann trat er in ſein Zimmer, waͤhrend der Geizhals mit ſchwerem Herzen die Treppe hinaufging. Einige Tage nach dieſem Ereigniß erhielt Hilda einen Beſuch von Sir Norfolk Salusbury. Der wa⸗ liſiſche Baronet war ein Guͤnſtling des Geizigen, denn obgleich ſie wenig Eigenſchaften mit einander ge⸗ mein hatten, ſo gefiel ihm doch Sir Norfolk's eigen⸗ thuͤmlicher Charakter. Er bat nie um eine Gefaäͤlligkeit — wollte nie Geld borgen— forderte nie eine Erfri⸗ ſchung. Alle dieſe Umſtaͤnde empfahlen ihn der guten Meinung des Geizigen. Bei Hilda war er noch mehr beliebt. Ihr gefiel ſein ſtattliches, altmodiſches Weſen, und obgleich ſie ihm gern einen großen Theil ſeiner For⸗ malitaͤt erlaſſen haͤtte, ſo zog ſie dieſelbe doch der Ver⸗ — 140— trautheit der wenigen vornehmen Perſonen vor, die ſie kennen gelernt hatte. Bei gegenwaͤrtiger Gelegenheit benachrichtigte Sir Norfolk den Geizhals, daß in wenigen Tagen bei Ra⸗ nelagh eine Maskerade, oder wie er es nannte, eine großartige Verſammlung charakteriſtiſcher Perſonen in Masken, ſtattfinden werde, und bat um die Erlaub⸗ niß, ſeine Tochter dorthin mitnehmen zu duͤrfen. „Es iſt eine unnoͤthige Ausgabe,“ murrte der Geiz⸗ hals. „Ich muß geſtehen, ich ginge ſehr gern hin,“ ſagte Hilda.„Ich habe noch nie eine Maskerade ge⸗ ſehen, und man ſagt mir, daß die bei Ranelagh ſehr praͤchtig ſind.“ „Dieſe wird ungewoͤhnlich praͤchtig ſein,“ entgeg⸗ nete Sir Norfolk;„und da Sie den Wunſch ausgeſpro⸗ chen haben, dorthin zu gehen, ſo will ich Ihnen eine charakteriſtiſche Verkleidung und ein Billet verſchaffen, wenn Ihr Vater Ihnen hinzugehen erlauben will.“ „In dem Falle habe ich nichts dagegen,“ ſagte der Geizhals,„vorausgeſetzt, daß ich nicht genoͤthigt bin, ſie zu begleiten. Ich verabſcheue dergleichen Tollheiten.“ „Ich will gern die Fuͤrſorge für ſie ubernehmen,“ ſagte „Und Sie ſind der einzige Mann, dem ich ſie an⸗ vertrauen wuͤrde, Sir Norfolk,“ verſetzte Scarve.„Ich weiß, Sie werden eben ſo viel Sorge fuͤr ſie tragen, als ich ſelber konnte.“ Sir Norfolk erwiederte das Compliment mit einer ſteifen Verbeugung. Und dann wurde zu Hilda's großer Freude beſtimmt, daß am folgenden Tage ein Hofſchnei⸗ der zu ihr kommen ſolle, um ihr ein Kleid zur Maske⸗ rade anzumeſſen. Alle waren mit dieſer Anordnung zu⸗ frieden, und der Geizhals ſehr erfreut, ſeiner Tochter eine Gefalligkeit erwieſen zu haben, ohne ſich ſelber in Unruhe oder Koſten zu ſetzen; indem Sir Norfolk gleich⸗ falls ſehr froh war, ſeiner ſchoͤnen Couſine ein Vergnuͤ⸗ gen zu gewaͤhren. Viertes Kapitel. Der Fortgang von Herrn Cripp's Liebesangelegenheit.— Herr Rathbone tritt auf.— Liſt des Bedienten.— Jukes beſucht die Wittwe.— Die Maskerade bei Ra⸗ nelagh nebſt den verſchiedenen Vorfaͤllen, die ſich dabei ereigneten. Cripps war unablaͤſſig in ſeiner Aufmerkſamkeit gegen Miſtreß Nettleſhip und hatte ſolche Fortſchritte in ihrer Neigung gemacht, daß ſie bei Herrn Rathbone's Ruͤckkehr vom Lande— ein Ereigniß, welches etwa zehn Tage nach dem denkwuͤrdigen Beſuch in Maryle⸗ bone Gardens vorfiel— dem Letzteren ſagte, ſie koͤnne leider ihr gegebenes Eheverſprechen nicht halten, und ihn bat, das Verhaͤltniß abbrechen zu duͤrfen. Doch Rath⸗ bone erklaͤrte, er wolle es nicht, und erinnerte ſie an — die im Contract feſtgeſetzte unbedeutende Geldbuße von dreitauſend Pfund, wenn ſie den Ehecontract brechen ſollte. Dann warf er ihr in heftigen Ausdruͤcken ihre Unbeſtaͤndigkeit vor, erinnerte ſie an die Betheuerungen der Achtung, die er von ihr erhalten, und ſchloß damit, daß er ſich vermaß, ſeinen Nebenbuhler toͤdten zu wol⸗ len. Miſtreß Nettleſhip ertrug ſeine Vorwuͤrfe mit der aͤußerſten Faſſung; als ſie aber ſeine letzte Drohung hoͤrte, ſtieß ſie einen matten Schrei aus und ſank heftig ergriffen auf einen Stuhl. Rathbone leiſtete ihr keinen Beiſtand, ſondern druͤckte ſeinen Hut heftig auf den Kepf und eilte aus dem Zimmer. „O Himmel!“ rief Miſtreß Nettleſhip aufſtehend, ſobald er fort war,„das wird ein Duell geben— ein blutiges Duell— und ich elendes Weib habe es veran⸗ laßt!“ Doch die Hoffnung der Wittwe wurde nicht erfuͤllt — es kam kein Duell zu Stande. Als Cripps die be⸗ ſtimmten Ausdruͤcke des Contractes erfuhr, womit er bis dahin unbekannt geweſen war, ſah er ſehr ernſthaft aus und rieth ihr, auf keinen Fall mit Herrn Rathbone zum entſchiedenen Bruch zu kommen. „Aber die dreitsuſend Pfund koͤnnen fuͤr Sie keinen Unterſchied machen, Herr Willars,“ ſagte Miſtreß Nett⸗ leſhip—„es iſt beſſer wir zahlen ſie und ſind dann ſei⸗ ner los.“ „Auf keinen Fall, mein Engel,“ verſetzte ihr Be⸗ —— wunderer.„Wir muͤſſen ihn zu uͤberliſten ſuchen und ſo ſeine Einwilligung erhalten.“ Und ſeltſam genug, es gelang dem verſchlagenen Kammerdiener, nicht blos nicht mit ſeinem Nebenbuhler zu zanken, ſondern ihn zum Freunde zu machen. Da er vorausſah, daß Rathbone unfehlbar entdecken muͤſſe, wer er ſei, und ihn proſtituiren werde, ſo beſchloß er ihm zuvorzukommen, und er erzaͤhlte daher der Wittwe, daß er einen Plan ausgebruͤtet habe, wodurch er gewiß ihren Verlobten aus ſdem Felde ſchlagen werdez aber zu dem Erfolge deſſelben ſei durchaus noͤthig, daß er die Rolle ſeines eigenen Kammerdieners Crackenthorpe Cripps ſpiele. „Mir gefaͤllt der Gedanke ganz und gar nicht, daß man Sie uͤberhaupt fuͤr einen Bedienten anſehen ſollte. Herr Willars,“ ſagte Miſtreß Nettleſhip—„und ich ſehe nicht ein, welcher Zweck dadurch erreicht werden koͤnnte?“ „Es iſt unerlaͤßlich zu meinem Plan, mein Engel,“ verſetzte Cripps.„Sie wiſſen, dies wird in den Ko⸗ moͤdien ſtets ſo eingerichtet, und das ſind die beſten Vorbilder, denen man folgen kann. Die Herren legen die Kleider ihrer Diener an, und die Diener die ihrer Herren. Nichts iſt gewoͤhnlicher auf der Buͤhne und im Leben. Wir wollen nur daran denken, wie wir von dieſen dreitauſend Pfund abkommen koͤnnen!“ „Ei, das waͤre freilich etwas,“ ſagte Miſtreß Nett⸗ leſhip.„Und ich muß eine Naͤrrin geweſen ſein, eine ſolche Verbindlichkeit einzugehen, aber ich glaubte da⸗ mals, daß ich ihn liebte.“ „Es muß Ihnen damals in der That an Ihrem gewohnten richtigen Urtheil gefehlt haben, liebes Herz,“ verſetzte Cripps;„aber Sie hatten mich noch nicht ge⸗ ſehen. Der einzige Ausweg, der uns uͤbrig bleibt, iſt, dieſen dummen Toͤlpel zu uͤberliſten, und das wollen wir, darauf koͤnnen Sie ſich verlaſſen. Der betrunkene alte Kerl, den wir in Marylebone Gardens trafen, hat mich auf dieſen Gedanken gebracht.“ „Ich erinnere mich,“ verſetzte Miſtreß Nettleſhip. „Er nannte Sie ſeinen Neffen— ſagte, Ihr Name ſei Cripps— und Sie waͤren der Kammerdiener des Herrn Willars. Ich erinnere mich deſſen ſo gut als wenn es geſtern geſchehen waͤre.“ „Unangenehme Ereigniſſe bleiben laͤnger im Gedaͤcht⸗ niß als angenehme,“ verſetzte der Bediente mit erzwun⸗ genem Lachen.„Sie muͤſſen mich dem Herrn Rathbone als Herr Cripps vorſtellen. Wir uͤberlaſſen es ihm dann, das Uebrige ausfindig zu machen.“ Die Liſt wirkte, wie der Erfinder gewuͤnſcht und vorhergeſehen hatte. Rathbone war erſtaunt, als er erfuhr, daß ſein Nebenbuhler ein Bedienter ſei; doch ließ er ſich durch Cripps' Anzug, Sicherheit und ge⸗ wandtes Benehmen ſo blenden, daß er ſich feſt uͤber⸗ Die Tochter des Getzigen. II. 10 — 6— zeugt hielt, er ſei ein verkleideter Edelmann. Die Nach⸗ forſchungen, die er anſtellte, ſetzten ihn noch mehr in Verwirrung. Er erfuhr, daß Villiers einen Bedienten Namens Cripps habe; doch die Beſchreibung, die man ihm von demſelben gab, ſtimmte nicht mit dem Aus⸗ ſehen des Liebhabers der Miſtreß Nettleſhip uͤberein, und endlich hielt er ſich berzeugt, daß er der Herr und nicht der Diener ſei. „Ich will Ihnen was ſagen, Miſtreß Nettleſhip,“ ſagte er eines Tages,„dieſer geputzte Bewunderer von Ihnen iſt nicht, was er zu ſein vorgibt.“ „Wirklich, Herr Rathbone?“ rief die Wittwe laͤ⸗ chelnd.„Was iſt er denn?“ „Ein großer Narr und Wuͤſtling,“ verſetzte der Andere aͤrgerlich.„Er iſt ſein eigener Herr. Nein, das meine ich eigentlich nicht— er iſt als Bedienter verklei⸗ det— das iſt's.“ „Was meinen Sie, Herr Rathbone?“ fragte laͤ⸗ chelnd die Wittwe.„Ich muß ſagen, ich verſtehe Sie nicht.“ „Nun, ich meine, daß dieſer Bediente— dieſer Cripps, wofuͤr Sie ihn halten, gar kein Bedienter iſt,“ verſetzte Rathbone.„Er iſt Herr Willars, der große Stutzer.“ „O, da irren Sie gaͤnzlich, Herr Rathbone,“ ſagte die Wittwe laͤchelnd. — 147— „Ich hoffe, er hat redliche Abſichten mit Ihnen,“ ſagte Rathbone ſpoͤttelnd.„Oh, da kommt er,“ ſetzte er hinzu, als Cripps ins Zimmer trat.„Ihr gehor⸗ ſamſter Diener, Herr Willars.“ „Mein Name iſt Cripps, Herr— Crackenthorpe Cripps, Ihnen zu dienen,“ entgegnete der Bediente mit wohlgefaͤlligem Laͤcheln. „Puh! Unſinn!— Treiben Sie nicht Ihren Scherz mit mir,“ rief Rathbone—„ich weiß es beſſer. Sie koͤnnen mich nicht taͤuſchen, Herr. Ich weiß einen Herrn von einem Bedienten zu unterſcheiden.“ „Ihre Meinung iſt zu ſchmeichelhaft, Herr, um aͤrgerlich daruͤber zu werden“ verſetzte Cripps mit tiefer Verbeugung. „Da, dieſe Verbeugung allein wuͤrde Sie uͤberfuͤh⸗ ren,“ rief Rathbone.„Wer ſah je einen Bedienten eine ſolche Verbeugung machen?“ „Thun Sie mir die Gunſt, meine Priſe zu verſu⸗ chen,“ ſagte Cripps, indem er die ſchoͤnſte Doſe ſeines Herrn hervorzog, die er zu dem Zweck geborgt hatte. „Noch weiterer Beweis,“ rief Rathbone,„man ſehe nur dieſe mit Brillanten beſetzte Schnupftabakdoſe! — Dieſe Ringe an ſeinen Fingern!— Ganz gleich ei⸗ nem Bedienten, in der That!“ „Sie moͤgen es halten, wie Sie wollen, Herr,“ ſagte Cripps ſich wieder verbeugend—„aber es iſt drau⸗ 10* — 148— ßen ein alter Herr, der Ihnen ſagen wird, daß Sie ſich irren.“ „Ein Helfershelfer, das will ich beſchwoͤren,“ rief Rathbone.„Aber ich moͤchte ihn wohl ſehen.“ Hierauf trat er in den Gang und kehrte im naͤch⸗ ſten Augenblick mit Jukes zuruͤck, während Cripps ſich ſetzte und der Wittwe bedeutungsvoll zuwinkte. Als der alte Kellner eintrat, ſah er ſich neugierig im Zimmer um. „Nun, Herr, Sie ſehen wenigſtens wie ein Die⸗ ner aus,“ rief Rathbone.„Bitte, ſagen Sie uns, wer iſt der Mann hier vor uns?— wer iſt er?“ „Es thut mir leid, ihn verrathen zu muͤſſen, denn er iſt mein Neffe,“ verſetzte Jukes;„doch ich kann nicht zugeben, daß er einer ſo reſpectablen Dame einen Betrug ſpielt.“ „Wer, ſagen Sie, iſt er?“ fragte Rathbone. „Ich wiederhole, es thut mir leid, ihn verrathen zu muͤſſen,“ verſetzte Jukes;„aber die Wahrheit muß heraus. Er iſt mein Neffe Crackenthorpe Cripps, er⸗ ſter Kammerdiener des Herrn Villiers.“ „Sehen Sie, Herr, ich ſagte Ihnen, meine Aus⸗ ſage wuͤrde beſtaͤtigt werden,“ entgegnete Cripps der Wittwe zuwinkend. — 149— „Nun, geſteht er zu, daß er Cripps heißt?“ ſagte der Kellner erſtaunt. „Er will es uns glauben machen,“ verſetzte Rath⸗ bone;„aber wir wiſſen eben ſo gut wie Sie, daß er Willars heißt.“ Der Kellner wußte nicht, was er denken ſollte. „Auf Parole! dies iſt ſehr unterhaltend,“ ſagte Cripps, indem er eine Priſe nahm und ſeine mit Spiz⸗ zen beſetzte Halsbinde vom Staub reinigte. „Und ſo wiſſen Sie den wahren Namen dieſes jungen Menſchen, Madame?“ ſagte Jukes, ſich zu der Wittwe wendend. „Ja, gewiß,“ verſetzte ſie bedeutungsvoll. „Und ich auch,“ ſetzte Rathbone trocken huſtend hinzu. „Dann habe ich nichts weiter zu ſagen,“ entgeg⸗ nete Jukes.„Wie Du auch meinen Beſuch auslegen magſt, Crackenthorpe, ich kam nur hieher, um Dir zu dienen.“ „Ohne Zweifel, mein guter Mann, ohne Zweifel,“ verſetzte Rathbone.„Aber glauben Sie nicht, daß Sie mich getaͤuſcht haben.“ „Da ich die Dame uͤberzeugt habe, bin ich voͤllig zufrieden,“ ſagte Jukes ſich entfernend. — 150— „Sehr gut erfunden, Herr Willars— ganz vor⸗ trefflich,“ ſagte Rathbone—„aber das wird Ihnen nichts nuͤtzen. Ich ſah ſogleich, daß er einer von Ihren Leuten war.“ „Sie ſind wahrlich ein Mann von großem Scharf— blick, Herr,“ verſetzte Cripps.„Bitte, nehmen Sie eine Priſe ehe Sie gehen.“ „Ich fuͤrchte, Sie geben Ihren ganzen Lohn fuͤr Schnupftabak aus, Herr,“ ſagte lachend Rathbone. Dann griff er in die Doſe und verließ fuͤr ſich lachend das Zimmer. „Vortrefflich, auf Parole!“ rief Cripps.„Der alte Kerl haͤtte ſeine Rolle nicht beſſer ſpielen koͤnnen.“ „Und war er wirklich dazu angeſtiftet?“ ſagte Mi⸗ ſtreß Nettleſhip.„Nun, ich muß ſagen, er machte es ſehr natuͤrlich. Aber Sie ſehen, Herr Rathbone iſt zu klug, um ſich taͤuſchen zu laſſen. Er kennt den wahren Edelmann, wenn er ihn vor ſich ſieht.“ „Alles geht gerade ſo, wie ich nur haͤtte wuͤnſchen koͤnnen, mein Engel,“ verſetzte Cripps.„Ehe ein Mo⸗ nat um iſt, will ich ihn bewegen, den Contract heraus⸗ zugeben.“ „O, ich wollte er waͤre ſchon voruͤber,“ rief die Wittwe. Cripps hatte ſo ſeinen Zweck vollkommen erreicht. Sein Nebenbuhler hatte ſich in den Kopf geſetzt, daß er — 151— Villiers ſei, und er war einer von den hartnaͤckigen Leu⸗ ten, die beſtaͤndig bei einem Irrthum beharren, ſelbſt gegen das Zeugniß ihrer Sinne. Der Bediente trug Sorge, den Gedanken zu bekraͤftigen. Waͤhrend er dabei beharrte, ſeinen wahren Namen anzugeben und ſich in ſeinem wahren Charakter darzuſtellen, betrug er ſich auf ſolche Weiſe, daß dem klugen Lichtzieher kein Zweifel blieb, er ſei von viel hoͤherem Stande, als wofür er ſich aus⸗ gab. Nichts aber ſetzte den Bedienten in groͤßeres Er⸗ ſtaunen, als daß ſein Nebenbuhler ſich ſo freundlich ge— gen ihn betrug. Dies ging ſo weit, daß er eine verraͤ⸗ theriſche Abſicht argwoͤhnte und beſchloß auf ſeiner Hut zu ſein. Welche geheime Meinungen die beiden Perſo⸗ nen auch gegen einander hegen mochten, im Aeußern waren ſie vortreffliche Freunde und beſuchten immer Ver⸗ gnuͤgungsorte mit einander. Als die Maskerade bei Ra⸗ nelagh angekuͤndigt wurde, ſprach Miſtreß Nettleſhip ſogleich ihre Abſicht aus, derſelben beizuwohnen, und Cripps, durch ſein fruͤheres Gluͤck kuͤhn gemacht, uͤber⸗ nahm es ohne Zoͤgern, ſie zu begleiten. Rathbone war natuͤrlich auch dabei, und er bat nicht nur, ihm zu er⸗ lauben, die Eintrittsbillets zu bezahlen, ſondern auch, ihnen dort ein Abendeſſen zu geben. Mit anſcheinendem Widerſtreben nahm Cripps den Vorſchlag an, und dann beſprachen ſie die Charaktere, die ſie darſtellen wollten. Da der Bediente ein vortrefflicher Taͤnzer war, ſo glaubte er als Harlequin ſehr vortheichaft erſcheinen zu koͤnnen ⸗ und da ſich Miſtreß Nettleſhip, ungeachtet ihrer Wohl⸗ beleibtheit, ſich einer nicht unbedeutenden Gewandtheit ruͤhmte, ſo uͤbernahm ſie es gern, Columbine zu ſpie⸗ len. Die Rolle des abgedankten Liebhabers wurde Rath⸗ bone angeboten und von ihm angenommen. Es waren noch zwei andere Perſonen, welche die unwiderſtehliche Maskerade in ihren Wirbel zu ziehen drohte. Dieſe waren die ſchoͤne Thomaſine und Peter Pokerich. Seit laͤnger als zwei Jahren haͤtte die Toch⸗ ter des Seidenhaͤndlers ums Leben gern eine Maskerade geſehen, und in dem Augenblick, als ſie von der er⸗ waͤhnten großartigen Beluſtigung hoͤrte, lag ſie ihrem Vater deshalb an und ließ ihm keine Ruhe, bis er ihr verſprochen hatte, ſie hingehen zu laſſen. Peter Poke⸗ rich ließ ſich nicht viel bitten, ſie zu begleiten, da er ebenſo begierig war, das Schauſpiel zu ſehen, wie ſie. Cripps hatte ihm ſeine Abſicht mitgetheilt, und es wur⸗ de ausgemacht, daß ſie alle zuſammen gehen wollten. Nur eine Schwierigkeit entſtand— naͤmlich daß die ſchoͤ— ne Thomaſine auch die Rolle der Columbine gewaͤhlt hatte. Doch Cripps beſeitigte dieſelbe, indem er erklaͤrte, er koͤnne ſehr wohl mit Beiden zugleich tanzen. Der kleine Barbier haͤtte ſelber gern den Harlequin geſpielt, doch da Cripps ſchon die Rolle uͤbernommen hatte, ſo war er mit der eines Narren zufrieden. Endlich kam der Tag, der von den Hauptperſonen dieſer Geſchichte, und außerdem noch von vielen hun— dert Andern, ſo ſehnlich herbeigewuͤnſcht wurde. Es war der zweite Donnerſtag im Julius, und noch nie wurde ein Feſt durch beſſeres Wetter beguͤnſtigt. Dies — 153— traf ſich um ſo gluͤcklicher, weil der erſte Theil der Un⸗ terhaltung im Freien ſtattfinden ſollte. Das Feſt be⸗ gann um zwei Uhr, aber ſchon lange vor dieſer Stunde war der Weg nach Chelſea mit Wagen und Säaͤnften jeder Art angefuͤllt. Auch der Fluß war mit Boͤten uͤberſaͤet, die mit maskirten Perſonen angefuͤllt waren und einen ſo bunten und angenehmen Anblick gewaͤhrten, daß derſelbe an Glanz mit einem venetianiſchen Carneval wetteifern konnte. Da ſich Cripps und ſeine Geſellſchaft entſchloſſen hatten, den Weg zu Waſſer zu machen, ſo verließen ſie um ein Uhr Billiter Square und ſetzten ſich in der Naͤhe der Londonbruͤcke in ein Boot, welches von zwei Matroſen gerudert wurde. Sie waren natuͤrlich alle in ihren Maskeradenanzuͤgen. Cripps trug die buntfarbige Kleidung des Helden der Pantomime— die nur in eini⸗ gen unweſentlichen Punkten, ſo wie in der Weite der Beinkleider am Knoͤchel und in dem breiten Hemdekra⸗ gen von der Kleidung der anderen Harlequins abwich. Er trug eine Pritſche und ſein Geſicht war mit einer dichten ſchwarzen Maske bedeckt. Rathbone hatte einen großen Hoͤcker auf dem Ruͤcken, einen wohl ausgeſtopf⸗ ten Bauch, Schuhe mit ungeheuren Roſen, einen ho⸗ hen zuckerhutfoͤrmigen Hut, eine große Hoͤckernaſe und ein vorſpringendes Kinn. Ueberdies trug er einen dicken Knotenſtock in der Hand. Die wohlbeleibte Geſtalt der Dame war mit einem weiß ſeidenen Gewande bekleidet, welches von Flittern ſchimmerte und mit Blumenguir⸗ — W— landen beſetzt war. Sie hatte kurze Aermel mit breiten Spitzen beſetzt, trug ſeidene Schuhe, mit ſilbernen Treſ— ſen beſetzt— ein Halsband von Perlen um den Hals und einen Kranz von kuͤnſtlichen Roſen auf dem Kopfe. Sie wollte ihr Geſicht nicht unter einer Maske verber⸗ gen, was, wie Cripps erklaͤrte, ſehr guͤtig und ruͤck⸗ ſichtsvoll ſei. Die Fahrt auf dem Fluſſe war ſehr er— goͤtzlich. Cripps war ſo entzuͤckt, daß er nicht unter dem Zelt bleiben konnte, ſondern ſich in den Vordertheil des Boots begab, die ſchoͤnſten Maͤdchen unter den Zu⸗ ſchauern beaͤugelte, die Scherze ihrer Begleiter erwie— derte und ihnen einen tuͤchtigen Schlag mit ſeiner Prit⸗ ſche verſetzte, ſobald ſich ihm eine Gelegenheit dazu zeigte. Der Miſtreß Nettleſhip gefiel dieſes Treiben nicht ganz, doch Rathbone ergoͤtzte ſich außerordentlich daran, und theiſte, gleich ſeinem Nebenbuhler links und rechts mit ſeinem Knotenſtock Schlaͤge aus. Als ſie bei Chelſea landeten, trafen ſie der Verab⸗ redung gemaͤß den kleinen Barbier und ſeine Begleiterin. Die ſchoͤne Thomaſine ſah ungewoͤhnlich huͤbſch aus. Sie trug ein gelbes mit Silber beſetztes Kleid, gleich dem der Wittwe mit Flittern und Blumenguirlanden be— ſetzt, mit einem rothen Leibchen, mit Baͤndern von der⸗ ſelben Farbe verziert. Um den Hals trug ſie eine gol⸗ dene Kette, an welcher ein unaͤchter Diamant hing, und ihre uͤppigen braunen Locken waren mit einem kleinen zierlichen Hute bedeckt. Ihr Kleid war abſichtlich kurz gemacht, um ihren zierlichen Fuß und Knoͤchel zu zeigen. — 155— Aus demſelben Grunde wie die Wittwe wollte ſie auch keine Maske tragen. Cripps war ganz verliebt in ſie, und vermoͤge des Vorrechts ſeiner Rolle nahm er ſie dem Barbier weg und bot ihr ſeinen freien Arm an. Peter Pokerich trug eine Kappe von rother und weißer Wolle, ähnlich einer Narrenkappe, einen großen Hals⸗ kragen, ein rothes Wamms von Callico, weiße, weite Beinkleider von Callico, mit ungeheuern Bandroſen an den Knieen, und roth ſeidene Struͤmpfe. Sein Geſicht war mit rothen und weißen Streifen bemalt. Gleich den Andern war er in der vortrefflichſten Laune, und die ganze Geſellſchaft ging lachend und ſcherzend nach Ranelagh, welches nicht weit entfernt war. Sie fanden den Weg von der Stadt durch eine Reihe von Wagen foͤrmlich geſperrt, waͤhrend die ungeheure Menge von Zuſchauern zu Fuß es ſchwierig machte, wei⸗ ter zu kommen. Die Zudringlichkeit der Menge war faſt unertraͤglich. Keine Kutſche oder Saͤnfte wurde vor⸗ ubergelaſſen, ohne daß die Neugierigen die darin ſitzen⸗ den Perſonen betrachteten, und ſie in vielen Fallen zwan⸗ gen, die Fenſter herunterzulaſſen, damit ſie ihre Kleider beſſer in Augenſchein nehmen koͤnnten. Mit Huͤlfe der Pritſche und des Knotenſtockes ge⸗ lang es der Geſellſchaft, ſich langſam durchzudraͤngen, und als ſie dies thaten, hatten ſie hinlaͤngliche Gelegen⸗ heit, die Perſonen in den verſchiedenen Wagen zu be⸗ trachten. Cripps erkannte ſehr bald ſeines Herrn ver— goldeten Wagen; doch wandte er ſich nicht weg, da ſeine — Maske und ſein Anzug ihn vor Entdeckung ſicherten. Miſtreß Nettleſhip wurde uͤberraſcht durch die prächtige Equipage, erinnerte ſich der Geſichtszuͤge des Stutzers, der in einen himmelblauen Domino gehuͤllt war und ei⸗ nen ſpaniſchen Federhut trug, aber ſeine Maske in der Hand hielt, und ſagte: „Ei, das iſt der feine Herr, der in Marylebone Gardens mit Ihnen ſprach. Wie iſt ſein Name?“ „Seltſam genug! eben ſo wie der meinige— Vil⸗ liers,“ verſetzte Cripps. Er iſt mein nächſter Vetter— und man haͤlt uns fuͤr ſehr aͤhnlich.“ Neben Villiers ſaß Sir Singleton Spinke. Der veraltete Stutzer war ſo veraͤndert, daß Cripps ihn kaum wieder erkannte, auch waͤre es vielleicht nicht geſchehen, haͤtten die Reize der ſchoͤnen Thomaſine nicht die Auf⸗ merkſamkeit des alten Narren gefeſſelt und ihn veran⸗ laßt, den Kopf aus dem Fenſter zu ſtecken und nach ihr zu ſehen. In Folge ſeiner Neigung zur Galanterie hatte Sir Singleton die Rolle des Pierrot gewaͤhlt, und trug ein eigenthuͤmliches Kleid von weißem Callico mit lan⸗ gen weiten Aermeln, ſo wie auch einen ſeiner Rolle an⸗ gemeſſenen hohen Hut mit breitem Rande. Lady Bra⸗ bazon's Wagen fuhr dicht vor dem des Stutzers her und enthielt Ihre Herrlichkeit, Clementine, Truſſell und Randulph. Truſſell war wie ein Tuͤrke gekleidet und trug einen großen Turban, der mit einem Halbmonde geziert war, und einen ſchoͤnen, wallenden, ſchwarzen — Bart. Randulph erſchien nicht im Charakteranzuge, ſon⸗ dern trug einen hellblauen Sammetrock mit Gold beſetzt, das Werk des franzoͤſiſchen Schneiders Desmartins, welcher ſeine ſchöͤne Figur ſehr vortheilhaft darſtellte. Er hatte ſeine Maske noch nicht angelegt. Clementine trug einen roth ſeidenen Domino und einen ſchwarzen Sammethut, vorn mit Diamanten beſetzt und mit wei⸗ ßen Federn geſchmuͤckt, worin ſie wirklich ſehr ſchoͤn aus⸗ ſah. Lady Brabazon trug ein ſchoͤnes ſeidenes Kleid, welches mit Gold und Silber beſetzt war und ihr vor⸗ trefflich ſtand. Zunaͤchſt vor Lady Brabazon's Wagen fuhr der des Sir Bulkeley Price. Der waliſiſche Baronet war in ſeinem gewoͤhnlichen Anzuge, aber von einem chine⸗ ſiſchen Mandarin begleitet, der ein loſes Gewand von heller Seide, mit einem Guͤrtel um die Mitte des Lei⸗ bes, und einen kegelfoͤrmigen Hut, oben mit einer ver⸗ goldeten Kugel auf dem Kopfe trug. Dieſen Mann er⸗ kannte Cripps ungeachtet ſeiner Verkleidung und ſeines langen Bartes fuͤr Cordwell Firebras. Nachdem ſie an mehreren andern Wagen, die mit maskirten Perſonen angefuͤllt waren, voruͤbergekommen, trafen ſie einen altmodiſchen Wagen, der von einem ebenſo altmodiſchen Kutſcher in verblichener Livrée ge— fahren und von zwei magern Pferden gezogen wurde. Aber ungeachtet des wenig verſprechenden Aeußern zogen doch die darin befindlichen Perſonen die beſondere Aufmerk— ſamkeit der Zuſchauer auf ſich, welche vielfache und laute — 3— Ausrufungen der Bewunderung hoͤren ließen.„Sie iſt ſchoͤn!“ rief Einer.„Bezaubernd!“ rief ein Anderer. „Bei weitem die ſchoͤnſte Perſon von allen, die zur Maskerade gegangen ſind,“ rief ein Dritter. Und ſo ging's in begeiſterten Ausdruͤcken weiter. Durch dieſe Bemerkungen neugierig gemacht, draͤngte ſich Cripps vor, um in den Wagen ſehen zu koͤnnen, und fand, daß Sir Norfolk Salusbury mit einem au⸗ ßerordentlich ſchoͤnen jungen Frauenzimmer darin ſaß, welches ein ſehr einfaches weiß ſeidenes Kleid mit weiten kurzen Aermeln, mit Spitzen beſetzt, trug, wie damals mode war. Ein Halsband von Diamanten umgab ihren Hals und einige natuͤrliche Blumen bildeten den einzigen Schmuck ihres dunklen uͤppigen Haats. Es war Hilda Scarve, wie Cripps ſogleich ſah, obgleich er kaum Zeit hatte, ſie zu betrachten, denn Sir Norfolk, durch die Zudringlichkeit der Zuſchauer ungeduldig gemacht, ſchob ihn heftig zuruͤck und befahl dem Kutſcher in gebieteri⸗ ſchem Tone, weiter zu fahren— ein Befehl, den der alte Kutſcher nur mit Schwierigkeit zu erfuͤllen ver⸗ mochte. Und nun, ehe wir in Ranelagh eintreten, mag an⸗ gemeſſen ſein, ein Wort uͤber deſſen Geſchichte zu ſagen. Schade um die Veraͤnderungen und Launen der Mode! Dieſer reizende Vergnuͤgungsort, das Entzuͤcken unſerer Großvaäter und Großmuͤtter, der Stolz der Hauptſtadt, der Gegenſtand des Neides fuͤr die Fremden, beruͤhmt in der Geſchichte und im Liede, das Paradies der Zoͤpfe — 159— und Perruͤcken, iſt verſchwunden und gehoͤrt unter die Dinge, welche waren! Und wir fuͤrchten, es iſt wenig Hoffnung zu ſeiner Wiederherſtellung. Ranelagh erhielt bekanntlich ſeine Benennung von einem Edelmanne des— ſelben Namens, von dem das Haus errichtet und der Garten, den man fuͤr den ſchoͤnſten im ganzen Koͤnig⸗ reich hielt, war angelegt worden. Dieſer Ort grenzte an das koͤnigliche Hospital zu Chelſea, und das Haus wurde im Jahre 1690— 91 erbaut. Im Jahre 1712 ging Ranelagh Houſe bei dem Tode des Grafen in den Beſitz ſeiner Tochter der Lady Catharine Jones uͤber. Von dieſer kam es an einen gewiſſen Lacy, der ſpäter das Dru'y Lane Theater pachtete, und gewoͤhnlich Gent⸗ leman Lacy genannt wurde, welcher es in der Abſicht an ſich brachte, um Concerte und Fruͤhſtuͤcke darin zu geben mit viel groͤßerer Pracht und Glanz als man bis⸗ her verſucht hatte. Im Jahre 1741 wurde die Beſiz⸗ zung von Lacy an Crispe und Meyonnet fuͤr viertauſend Pfund verkauft, und in demſelben Jahr die Rotunda auf Subſcription erbaut. Von dieſem Jahre an kann man ſagen, daß die wahre Geſchichte von Ranelagh beginnt. Der Ort kam ſchnell in die Mode, Perſonen des erſten Standes gingen dorthin und zogen die große Menge nach ſich. Bald nach Eroͤffnung des Vergnuͤ— gungsortes wurde Crispe der einzige Eigenthuͤmer des⸗ ſelben, und ungeachtet des glaͤnzenden Erfolges des Un⸗ ternehmens theilte er das Schickſal der meiſten Beſitzer offentlicher Vergnuͤgungsorte, denn er wurde im Jahr 1744 fuͤr bankerott erklaͤrt. Dann wurde die Beſitzung in dreißig Parte getheilt, und ſo blieb es, bis Rane⸗ lagh geſchloſſen wurde. Die fruͤheſten Unterhaltungen in Ranelagh waren Morgenconcerte, die beſonders aus Oratorien beſtanden, die unter der Leitung Michael Fe⸗ ſting's aufgefuͤhrt wurden. Bald kamen auch Abendcon⸗ certe, und dieſe begannen um halb ſechs Uhr und waren um neun Uhr zu Ende. So begann es, doch zuletzt kamen die munterſten Gaͤſte erſt um Mitternacht, wenn die Concerte zu Ende waren, und blieben bis drei oder vier Uhr Morgens dort. Im Jahre 1754 wurde die vornehme Welt durch eine Reihe von Unterhaltungen nach Ranelagh gezogen, welche man Comus's Court nannte, und ungeschtet der etwas zweideutigen Benen⸗ nung herrſchte bei dieſer Luſtbarkeit der groͤßte Anſtand und Schicklichkeit. Bis zum Schluß bebielt Ranelagh den Ruf, der ſchoͤnſte Unterhaltungsort in Europa zu ſein, und bis zuletzt erregte die Rotunda die Verwunde⸗ rung und das Entzuͤcken der Betrachtenden. Das In⸗ nere des Gebäudes war außerordentlich impoſant und erregte das Erſtaunen Aller, die es zuerſt ſahen. Es war kreisfoͤrmig und gerade hundert und funfzig Fuß im Durchmeſſer. Um den untern Theil des Gebaͤudes lief ein ſchoͤner Saͤulengang, und die Zwiſchenräume zwiſchen jedem Bogen waren mit kleinen Gemaͤchern ausgefuͤllt. Daruͤber befand ſich eine Gallerie mit einer Baluſtrade und Eingaͤngen von außen, ſo daß dieſelbe eine Art obe⸗ rer Logenreihe bildete. Ueber der Gallerie war eine Reihe oben abgerundeter Fenſter angebracht und zwiſchen jedem derſelben befand ſich eine geſchnitzte Figur, die das Dach — 14— trug und das Ende der darunter ſtehenden Saͤule bildete. Anfangs befand ſich das Orcheſter in der Mitte des Am⸗ phitheaters, doch da man dies ſehr unbequem fand, ſo wie auch der Symmetrie des Gebaͤudes nachtheilig, ſo wurde daſſelbe an die Seite geruͤckt. Es enthielt eine Buͤhne, worauf dreißig bis vierzig Chorſaͤnger Platz fanden. Die fruͤhere Stelle des Orcheſters wurde von einem großen Kamin eingenommen, der vier Seiten mit ſchoͤnen Saͤulen und bogenfoͤrmigen Oeffnungen hatte. Das Ganze war von einem zierlichen Gitter eingeſchloſ— ſen. Mit Figuren und Schnitzwerk reich geſchmuͤckt, machte dieſe ungeheure Saͤule einen trefflichen Eindruck und verlieh dem ganzen Amphitheater einen eigenthuͤm⸗ lichen Charakter. Eine doppelte Reihe großer Lampen hing von der Decke nieder, andere befanden ſich in der erwaͤhnten Saͤule, und i einzelne Gemach hatte ſeine Lampe. Wenn alle dieſe Lampen angezuͤndet waren, brachten ſie eine herrliche Wirkung hervor. Der aͤußere Durchmeſſer der Rotunde betrug hundert und fuͤnf und achtzig Fuß. Sie war von außen mit einem aͤhnlichen Saͤulengange, wie drinnen, umgeben, uͤber welchem ſich eine Galerie befand mit einem von Säaͤulen getragenen Dache und einer Baluſtrade. Der Hauptein⸗ gang war ſehr huͤbſch gebaut, mit einem weiten Bogen in der Mitte und einer kleinern Pforte zu jeder Seite. Zur Linken der Rotunde ſtand das alte Haus des Gra⸗ fen von Ranelagh, ein Gebaͤude von einiger Größe, aber mit geringen Anſpruͤchen auf Schoͤnheit, denn es war im hollaͤndiſchen Geſchmack zur Zeit Wlb von Die Tochter des Geizigen. II. — 162— Oranien erbaut worden. Zur Rechten, dem Hauſe ge⸗ genuͤber, befand ſich ein prachtvolles Gewaͤchshaus, vorne mit großen Aloes. In einer Linie mit dem Gewächs⸗ hauſe und dem Seitengange der Rotunde erſtreckte ſich ein langer und ſchoͤner Kanal, in deſſen Mitte ein chi⸗ neſiſcher Fiſchertempel ſtand, zu dem man vermoͤge einer Bruͤcke gelangte. Zu jeder Seite des Kanals befanden ſich breite Kies⸗ und Baumgaͤnge, die durch zierlich be⸗ ſchnittene Hecken getrennt waren. Der Garten trefflich angelegt, mit kleinen Luſtwaͤldchen, Lauben, Statuen, Tempeln, Wildniſſen und ſchattigen Plaͤtzen. Obgleich Lady Brabazon's Wagen nur hundert Schritte von dem Eingange von Ranelagh entfernt war, als Cripps und ſeine Geſellſchaft an demſelben voruͤber⸗ kamen, ſo waͤhrte es doch bei dem Gedraͤnge und der Verwirrung noch beinahe eine Viertelſtunde, ehe ſie aus⸗ ſteigen konnten. Ehe ſie dies thaten, legten alle ihre Masken an, und Lady Brahazon huͤllte ſich in einen leichten gelben Domino von gelber Seide. Truſſell nahm ſich Clementinens an und Ihre Herrlichkeit fiel Ran⸗ dulph's Sorgfalt anheim. Es war noch ſehr fruͤh, den⸗ noch aber das Gedraͤnge ſehr groß— viele hundert Per⸗ ſonen waren auf dem freien Platze vor der Rotunde verſammelt. Wenigſtens tauſend Andere waren im Garten zerſtreut, denn die Rotunde wurde erſt am Abend geoͤffnet, und man berechnete ſpaͤter, daß mehr als viertauſend Perſonen der Maskerade beigewohnt hatten. 1 — 163— Am Eingang ſchloſſen ſich Beau Villiers, Sir Bul⸗ keley Price und Firebras der Geſellſchaft der Lady Bra⸗ bazon an— Sir Singleton Spinke war verſchwunden. Randulph war ſchon mehr als einmal in Ranelagh's Garten geweſen, doch nur, um die gewoͤhnlichen Con⸗ certe zu beſuchen, und da er nie zuvor eine Maskerade geſehen hatte, ſo wurde er ſehr uͤberraſcht von dem An⸗ blick, der ſich ihm hier darſtellte. Die meiſten Per⸗ ſonen waren auffallend gekleidet, wie der Geſchmack jener Zeit es mit ſich brachte, und an Zierlichkeit des Coſtumes war nicht zu denken. Dennoch war der all⸗ gemeine Eindruck bewundernswuͤrdig. Ein Maibaum, mit einer Krone oben und langen flatternden Baͤndern, war vor dem Gewaͤchshauſe aufgepflanzt und mehrere Tänzer jagten ſich um denſelben, waͤhrend ein Muſik⸗ chor in der Naͤhe muntere Stuͤcke ſpielte. Noch andere und weniger melodiſche Toͤne ließen ſich vernehmen. Ein Trommelſchlaͤger ging umher und betaͤubte die Ohren der Menge. Dann wurde eine Geige gekratzt, oder man hoͤrte die ſchrillen Toͤne einer Pfeife. Das Schreien, Lachen und Zurufen jeder Art iſt nicht zu beſchreiben, und ebenſo wenig die ganze bunte Geſellſchaft. Sie be⸗ ſtand in Perſonen aus allen Laͤndern, aus allen Zeiten und allen Staͤnden, die meiſtens ſeltſam genug unter einander gemiſcht waren. Ein Papſt in ſeiner Tiara unterhielt ſich mit einem Juden; ein ernſter Rechtsge⸗ lehrter in ſeiner Amtskleidung und Perruͤcke fuͤhrte ein Milchmaͤdchen am Arm; ein hochlaͤndiſcher Haͤuptling in ſeiner Nationaltracht geleitete eine Nonne; ein Doge in — 164— ſeiner prachtvollen Kleidung ſcherzte mit einem gemeinen Matroſen, der einen dicken Stock unter dem Arme trug. Ueberall herrſchte Munterkeit und Muthwille, und nach dem allgemeinen Laͤrm zu urtheilen, ſchienen alle heiter zu ſein. Niemand konnte den Poſſen der Spaßmacher entgehen, deren es ſehr viele gab. Die Laune des vo⸗ rigen Jahrhunderts war ſehr handgreiflichz Puͤffe und Stoͤße wurden uͤberall freigebig ausgetheilt und erwie⸗ dert, und immer wenn man einen derben Schlag ver⸗ nahm, erregte derſelbe ein lautes Gelaͤchter wie bei den Schlaͤgen zum Schein in einer Pantomime. Die Nar⸗ ren und Harlequins waren die Haupturheber dieſer Be⸗ luſtigung. Waͤhrend Randulph ſich an Allem, was er ſah, ſehr ergotzte, vernahm er einige Worte von einer Stim⸗ me, die ihm ins tiefſte Herz drangen. Er wendete ſich um und erblickte dicht hinter ſich, von einem großen Manne begleitet, deſſen ſteifes Weſen keinen Zweifel ließ, daß es Sir Norfolk Salusbury ſei, eine ſchoͤne weibliche Geſtalt, deren ſchneeweiße Haut und dunkles Lockenhaar ihm geſagt haben wuͤrde, wenn ſein Herz es nicht ſchon gethan, daß ſie Hilda ſei. Ehe er ſo viel Entſchloſſenheit ſammeln konnte, ſie anzureden, war ſie voruͤbergegangen, und Lady Brabazon, die gleichfalls die Stimme hoͤrte und die Redende erkannte, zog ihn nach der entgegengeſetzten Richtung fort, dem Maibaume zu. Er ſah ſich lebhaft um, aber ſie, die er ſuchte, hatte ſich unter der Menge verloren; auch konnte er — 265— nicht einmal Sir Norfolk's lange Geſtalt erkennen. Eine muntere Scene war vor ihm, doch er achtete nicht dar⸗ auf. Die Haupttaͤnzer um den Maibaum waren Cripps und ſeine Geſellſchaft. Zu dieſen hatte ſich Sir Sing⸗ leton Spinke geſellt, der ſich zu nicht geringem Aerger Peter Pokerich's der ſchoͤnen Thomaſine angeſchloſſen hatte, ſo wie auch ein Quakſalber mit ſeinem Begleiter, der eine Narrenkappe auf dem Kopfe trug. Die Taͤnzer drehten ſich fort und fort im Kreiſe. Cripps zeigte große Gewandtheit, und Peter verſuchte vergebens, ſeine Ka⸗ priolen nachzuahmen, als Sir Singleton einige Vetwir— rung erregte, indem er die ſchoͤne Thomaſine einzuholen und ſich ihrer Hand zu bemaͤchtigen verſuchte. Man kann ſich keinen vortrefflichern Pantalon denken als der alte Stutzer vorſtellte, und ſeine Geſticulationen und Grimaſſen brachten alle Zuſchauer zum Lachen, welches endlich in ein Gebruͤll uͤberging, als am Schluß des Tanzes Cripps ihm einen Schlag an ſeine duͤnnen Beine verſetzte und der eiferſuͤchtige Barbier ihm eine Ohrfeige gab. Doch dies brachte ihn nicht aus der guten Laune, und ein Wink von der coketten Columbine, die ihn nicht verlieren zu wollen ſchien, zog ihn ihr nach, als ſie mit der uͤbrigen Geſellſchaft die Allee zur rechten Seite des Kanals dahintrippelte. Randulph haͤtte ſich gern von Lady Brabazon los⸗ gemacht, doch konnte er es nicht ohne Unhoͤflichkeit; und was noch ſchlimmer war, er ſah ſich jetzt mit ihr allein, denn die Uebrigen waren verſchwunden und er —— konnte nicht umhin zu fuͤrchten, Beau Villiers möchte Hilda entdeckt und ſich entfernt haben, um ſie zu ver⸗ folgen. „Kommen Sie, Randulph,“ ſagte Ihre Herrlich— keit,„Sie ſcheinen Ihre Heiterkeit gerade zu der Zeit verloren zu haben, wo ſie am lebendigſten ſein ſollte. In dem chineſiſchen Fiſchertempel ſind Erfriſchungen zu haben. Laſſen Sie uns dorthin gehen und verſuchen, ob ein Glas Champagner Sie aufheitern wird.“ Randulph ließ ſich nach der erwaͤhnten Richtung hinfuͤhren, und wenn er im Stande geweſen wäre, ſich der Scene zu erfreuen, die ſich ihm hier darſtellte, ſo haͤtte ſie ihn ſehr unterhalten muͤſſen, denn ſie war äu⸗ ßerſt lebhaft und ergoͤtzlich. Der chineſiſche Tempel war erſt kuͤrzlich vergoldet und ausgeſchmuͤckt, und die Spiz⸗ zen deſſelben ſpiegelten ſich im Waſſer des Kanals. Er war mit Geſellſchaft angefuͤllt, wovon die Meiſten Er⸗ friſchungen einnahmen, waͤhrend ein Muſikchor in der Mitte lebhafte Stuͤcke ſpielte, wornach mehrere Geſell— ſchaften am Ufer des Kanals tanzten. Cripps und ſeine beiden Columbinen, welche den Gang dahintobten, und welchen der Barbier, der alte Stutzer und Rathbone folgten, erregten allgemeine Aufmerkſamkeit. Cripps war ſo beweglich, tanzte ſo gut und machte ſo wunder⸗ bare Spruͤnge, daß man ihn abgemein fuͤr Herrn Pa⸗ tes, den beruͤhmten Harlequin am Drury Lane Theater hielt, waͤhrend man die ſchoͤne Thomaſine, wenn ſie — 167— nicht ſo huͤbſch geweſen waͤre, fuͤr Miſtreß Mann, die Lieblings-Columbine deſſelben Hauſes, wuͤrde gehalten haben. So geſtanden alle zu, daß ſie die beſte Tänze⸗ rin im ganzen Garten ſei, und ihre Blicke waren ſo be⸗ zaubernd, daß ſich noch viele andere Maͤnner, außer Sir Singleton Spinke in ſie verliebten. Einer beſon⸗ ders, der die unverhohlenſte Bewunderung fuͤr ſie zeigte, und ſich ſo viel als moͤglich in ihre Naͤhe hielt, war ein großer junger Mann mit ſcharfen Geſichtszuͤgen, den Cripps endlich fuͤr den Begleiter Kitty Conway's in der Folly auf der Themſe erkannte. Dieſer junge Mann, der ein langes ſchwarzſeidenes Gewand, eine Sammetmuͤtze von derſelben Farbe, und eine ſchwarze Lockenperruͤcke trug, und einen italieniſchen Doktor vor⸗ ſtelen wollte, war, wie kaum noͤthig iſt zu ſagen, Philipp Frewin. Ein zweiter Bewunderer war ein wie ein Papſt gekleideter Mann, der ſich ſtets in ihrem Ge⸗ folge aufhielt, deſſen weites Kleid und große Maske ihn aber gaͤnzlich unkenntlich machten. Weder Herin Cripps noch ſeiner huͤbſchen Columbine war die Aufmerkſamkeit, die ſie auf ſich zogen, unangenehm, und die Letztere erwiederte die verliebten Blicke, die ihr Philipp zuwarf, ſo wie die leidenſchaftlichen Geberden des Papſtes auf eine Weiſe, die den kleinen Barbier faſt vom Verſtande brachte. Cripps ſprang uͤber die Hecke, ſchwang ſich auf Rathbones hohen Ruͤcken, ſchlug den Papſt und den alten Stutzer mit der Pritſche auf die Schulter, drehte ſich im Kreiſe herum und machte zum unendlichen Ergoͤtzen der Zuſchauer hundert andere Poſſen. Als er —= 168— an das Ende des Ganges gekommen war, rief er den Muſikanten im chineſiſchen Tempel zu, einen beſtimmten Tanz zu ſpielen, worauf er ſogleich mit ſeinen beiden Columbinen zu tanzen begann. Rathbone, Sir Single⸗ ton und der Barbier ſchloſſen ſich ſogleich mit an. Als Lady Brabazon uͤber die Bruͤcke gekommen war, die zu dem chineſiſchen Tempel fuͤhrte, ſtand ſie ſtill, ließ Randulph's Arm los und lehnte ſich uͤber das Ge⸗ läͤnder des Einganges, um die bunte Menge umher zu betrachten. Waͤhrend ſie ſo beſchaͤftigt war, naͤherte ſich ihr Beau Villiers, dem ein Diener mit einer Flaſche Champagner auf einem ſilbernen Teller folgte, und waͤh⸗ rend er ſie bat, ein Glas anzunehmen, blickte er ſie bedeutungsvoll an, als habe er ihr etwas mitzutheilen. Randulph benutzte dieſe Unterbrechung, ſprang in ein chineſiſch geſtaltetes Boot, welches an der Bruͤcke lag, ergriff die Ruder, ruderte den Kanal entlang und hielt ſich am Ufer, um die Geſellſchaft deſto beſſer uͤberſehen zu können. Da es ihm aber nicht gelang, den Gegen⸗ ſtand zu finden, den er ſuchte, ſo kehrte er zu der Bruͤ⸗ cke zuruͤck, wo Lady Brabazon noch im Geſpraͤch mit dem Stutzer ſtand, als ein brullendes Gelaͤchter von den Taͤnzern auf der andern Seite der Hecke ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich zog. Dies wurde durch einen Unfall ver⸗ anlaßt, der dem alten Stutzer eben begegnete, welcher im Entzuͤcken uͤber die ſchoͤne Thomaſine vorwaͤrts ge⸗ eilt war, um ihren rothen Lippen einen Kuß zu rauben. Der eiferſuchtige kleine Barbier aber errieth ſeine Abſicht, —— ſtellte ſich ihm in den Weg und ſtellte ihm zein Bein. In dieſer Stellung bildete er ein zu lockendes Ziel fuͤr die Pritſche des Herrn Cripps, als daß er dieſelbe nicht in raſch wiederholten Schlaͤgen auf ſeinen abgemagerten Gliedern haͤtte ertoͤnen laſſen ſollen. Randulph, der ſich im Boot erhoben hatte, um zu ſehen, was vorging, ſetzte ſich jetzt wieder nieder, und hatte eben die Ruder ergriffen, als Clementine Braba— zon und eine andere maskirte Dame, die mit Truſſell und Firebras geſprochen, ſich dem Rande des Kanals naͤherten und ihm zuriefen. „Ich weiß, wen ſie ſuchen, Herr Crew,“ rief Clementine;„und wenn ich wollte, koͤnnte ich ſie Ih⸗ nen aufſuchen helfen.“ „Da werden Sie es gewiß wollen,“ verſetzte Ran⸗ dulph laͤchelnd, indem er haſtig zu ihr ruderte.„Wo iſt ſie?“ „Nun, ich will großmuͤthig ſein,“ antwortete ſie. „Sehen Sie ſich um.“ Randulph drehte ſich ſogleich um und erblickte Hilda an dem einen Ende des Tempels ſitzend. Hinter ihr ſtand Norfolk Salusbury, waͤhrend Sir Bulkeley Price ihr ein Glas Champagner praͤſentirte. Doch Hilda war zu ſehr mit dem beſchaͤftigt, was auf dem Kanal vorging, ſo daß ſie die Aufmerkſamkeit des Ritters gar —— nicht beachtete. Als Randulph ſie aher anblickte, ſtand ſie auf, lehnte Sir Bulkeley's Anerbieten ab, nahm Sir Norfolk's Arm und verließ den Tempel. Ohne auf Cle⸗ mentinens Lachen zu achten, und ohne Hilda aus den Augen zu verlieren, ſchob Randulph das Boot ans ufer, ſprang heraus und war im Begriff ihr zu folgen, als er von einer ſchweren Hand zuruͤckgehalten wurde, und aufſehend Cordwell Firebras erblickte. „Sie machen ſich vergebliche Muͤhe, junger Mann,“ ſagte Firebras in leiſem Tone.„Sie werden ohne meine Vermittelung kein Wort mit Hilda Scarve reden koͤn⸗ nen.“ Randulph machte eine ungeduldige Bewegung. „Sein Sie nicht ſo raſch,“ fuhr Firebras fort, ihn noch feſthaltend.„Ich ſage Ihnen, Ihr Zweck wird Ihnen gaͤnzlich fehlſchlagen und Sie ſich in einen Streit mit Sir Norfolk Salusbury verwickeln.“ „Es liegt mir nichts daran,“ entgegnete Randulph. „Laſſen Sie mich gehen. Beim Himmel! ich werde ſie verlieren.“ „Das werden Sie gewiß, wenn Sie ihr jetzt fol⸗ gen,“ verſetzte Firebras ruhig.„Laſſen Sie ſich von mir leiten. Ich will Sie ihr vorſtellen, aher es kann nicht unter Ihrem wirklichen Namen geſchehen, denn Sir Norfolk hat den Auftrag von ihrem Vater, nicht —————— — 171— zu geſtarten, daß Sie ſich ihr naͤhern. Er muß Sie daher fuͤr einen Andern halten.“ „Und Sie verbinden keine Bedingung mit dieſer Ge⸗ faͤlligkeit?“ rief Randulph—„wenigſtens keine, die ich nicht mit Ehre erfuͤllen kann?“ „Vielleicht werde ich Sie in kuͤnftiger Zeit daran erinnern, das iſt Alles,“ entgegnete Firebras. „Genug!“ rief Randulph.„Fuͤhren Sie mich ſo⸗ gleich zu ihr.“ „Unmoͤglich!“ rief Firebras.„Ich muß Sir Nor⸗ folk vorbereiten und Hilda einen Wink von meiner Ab⸗ ſicht geben, damit ſie dieſelbe nicht verhindert, denn ich bemerkte ehen jetzt, daß ſie Sie erkannte. Gehen Sie wieder zu Ihrer Geſellſchaft und vermeiden Sie, den Verdacht der Lady Brabazon und Villiers auf ſich zu ziehen, ſonſt moͤchten die Alles verderben. Vielleicht ge⸗ lingt es mir erſt am Abend Ihren Wunſch zu erfuͤllen, und darum maͤßigen Sie Ihre Ungeduld.“ Hierauf entfernte er ſich und miſchte ſich unter die Menge, waͤhrend Randulph ſich wieder zu Lady Bra⸗ bazon begab. Ihre Herrlichkeit machte manche farkaſti⸗ ſche Bemerkung uͤber ſeine Schauſtellung auf dem Waſ⸗ ſer, und machte ihm ſpoͤttiſche Complimente uͤber ſeine Geſchicklichkeit als Ruderer. Randulph war nicht zum Scherz aufgelegt und hatte vielleicht argerlich erwiedert, *— —————— — —— doch in dem Augenblick entſtand eine große Bewegung in dem Gange, welcher der Bruͤcke zunaͤchſt war, und die durch die Ankunft des Prinzen und der Prinzeſſin von Wales verurſacht wurde, die ſich mit einem großen Ge⸗ folge von Hofleuten naͤherten. Die koͤnigliche Geſell— ſchaft trat in den Tempel, blieb laͤnger als eine halbe Stunde dort und unterhielt ſich mit der Umgebung. Randulph hatte die Ehre, dem Prinzen von Villiers vorgeſtellt zu werden; und waͤhrend er mit dieſer hohen Perſon im Geſpräch war, bemerkte er Cordwell Fire— bras unter den Umſtehenden; doch er konnte ſich nicht entfernen ohne die Etiquette zu verletzen, um mit ihm zu reden, und als die koͤnigliche Geſellſchaft den Tempel verließ war er fort. Er war im Begriff ihn aufzuſu⸗ chen, als Beau Villiers, der dem Prinzen von Wales gefolgt war, haſtig zuruͤckkehrte und ihm mit einem Aus⸗ druck boshaften Vergnuͤgens ſagte, Seine koͤnigliche Ho⸗ heit habe befohlen, er ſolle in ſeinem Zuge folgen. Randulph hatte keine andere Wahl als zu folgen, und zu ſeinem Aerger und Onkel Truſſell's Ergoͤtzen miſchte er ſich unter das königliche Gefolge und ging mit dem⸗ ſelben durch den Garten. Bei dieſem Gange ſah er Firebras mit Hilda und Norfolk daſtehen, und obgleich es ihm ſehr aͤrgerlich war, daß er nicht zu ihnen konnte, ſo diente es doch zu ſeiner Beruhigung, als er bemerkte, daß ſeine gegenwaͤrtige Lage ihm in den Augen der Dame vortheilhaft ſei. Die Vorſtellungen des Herrn Cripps und ſeiner Geſellſchaft ergoͤtzten die beiden koͤniglichen Perſonen ſehr, und ſie lachten herzlich uͤber den komi⸗ ſchen Tanz, den ſie vorſtellten. Einige Stunden ver⸗ gingen auf dieſe Weiſe und Randulph ſah ſich noch im⸗ mer gebunden. Endlich wurde die Rotunde geoͤffnet. Natuͤrlich wurde die koͤnigliche Familie zuerſt feierlich hineingefuͤhrt; aber gleich darauf ſtroͤmte die Menge hin— ein und das ganze Amphitheater, ſo wie die Logen und die Galerie daruͤber waren mit Menſchen angefuͤllt. Bei den unzähligen Lichtern und der außerordentlichen Ver— ſchiedenheit der Anzuͤge machte die ganze Scene einen brillanten Effect. Es war ein vortreffliches Muſikchor im Orcheſter und es begann ein Concert, doch die Ver— ſammlung ſchenkte demſelben wenig Aufmerkſamkeit, ſon⸗ dern ſie gingen in dem Amphitheater auf und ab, lach⸗ ten und ſprachen laut mit einander. Sobald das Con⸗ cert voruͤber war, zog das Blaſen eines Horns die all— gemeine Aufmerkſamkeit auf eine Platform in der Naͤhe der mittlern Saͤule, worauf der Quakſalber und ſein Begleiter ſich befanden— indem der Letztere ſeine Arze⸗ neien vertheilte und die Wirkſamkeit derſelben auf hoͤchſt laͤcherliche Weiſe lobte. Dieſe und andere Unterhaltun— gen fuͤllten die Zeit bis zehn Uhr aus, und noch vor dieſer Stunde wurde der koͤniglichen Geſellſchaft in einem beſondern Erfriſchungszimmer ein praͤchtiges Abendeſſen vorgeſetzt. Dann wurde eine Glocke gelaͤutet, um an— zudeuten, daß ein großes Feuerwerk ſtattfinden ſolle, und die Geſellſchaft eilte zu den Galerien und in den Gar⸗ ten, um es mit anzuſehen. Es entſtand eine große —— Verwirtung und dabei wurde die ſchoͤne Thomaſine auf irgend eine Weiſe von ihrer Geſellſchaft getrennt. Der kleine Barbier wurde faſt wahnſinnig. Er rannte unter der Menge hin und her, rief ſie beim Namen und er⸗ regte allgemeines Gelaͤchter. Endlich im Uebermaß der Verzweiflung ſtellte er ſich in die Naͤhe der Erhoͤhung, wo das Feuerwerk abgebrannt wurde, und als die erſte Rakete aufſtieg, bemerkte er ihr aufgerichtetes huͤbſches Geſicht in geringer Entfernung. Sie ſtand in der Naͤhe der Baͤume mit dem alten Stutzer, deſſen Entzuͤcken uͤber ſeine beneidenswerthe Lage dadurch, daß ihm ein ſchwerer Raketenſtock auf den Kopf fiel, etwas geſchmaͤ⸗ lert wurde. In dieſem Augenblick erreichte der kieine Barbier ſeine verlaufene Geliebte, nahm ſie Sir Sing⸗ leton weg, zog ihren runden Arm durch den ſeinigen nud hielt ihn feſt. „Mein Seel! wie froh bin ich, Sie zu ſehen,“ ſagte die unartige kleine Thomaſine, denn ſchoͤn ver⸗ dient ſie nicht genannt zu werden;„wir haben uns uͤber⸗ all nach Ihnen umgeſehen“— hier erzaͤhlte ſie eine trau⸗ rige Geſchichte.—„Jener verhaßte alte Kerl hat mich uͤberreden wollen, mit ihm zu entfliehen. Er erbietet ſich, mir— ich weiß nicht was— auszuſetzen und mich zur Lady Singleton zu machen.“ „Und warum nehmen Sie das Anerbieten nicht an?“ ſagte der Barbier im Uebermaß eiferſuchtiger Wuth. — 175— „Weil ich verſprochen bin und ein Verſprechen fuͤr mich etwas Heiliges iſt,“ verſetzte die ſchoͤne Thomaſine mit theatraliſchem aber zaͤrtlichem Ausdruck.„Aber ſechen Sie das ſchoͤne Feuerrad!“ Das Feuerwerk war wirklich prachtvoll. Eine Men⸗ ge Raketen erhob ſich zum Himmel, Raͤder drehten ſich, Sterne ſchoſſen glaͤnzende Strahlen, Schwaͤrmer ziſch⸗ ten und knallten, chineſiſche Fontainen erfuͤllten die Luft mit ſchimmernden Schauern, Baͤume ſtanden in glaͤn⸗ zendem Feuer, Waſſerraketen erhellten den Kanal, Feuer⸗ balons ſtiegen empor und ein großer Wagen mit flam⸗ menden Raͤdern, von feuerſchnaubenden Seepferden ge⸗ zogen, und worauf ſich die Figur des Neptun befand, fuhr uͤber den ganzen Kanal und um den chineſiſchen Tempel— die Bruͤcke hatte man weggenommen, um ihm Platz zu machen— zerſprang endlich mit lautem Krachen, ſtreute Funken nach allen Richtungen und be⸗ ſchloß die Vorſtellung unter dem allgemeinen Beifall der Menge. Auf einige Minuten war die ganze Verſammlung in Dunkelheit gehuͤllt, waͤhrend welcher man zuweilen den aängſtlichen Schrei eines Frauenzimmrrs hoͤrte, doch die Lampen wurden ſo bald als moͤglich angezuͤndet und die Mehrzahl der Verſammlung kehrte in die Rotunde zuruͤck, wo ſie ſich in die abgeſonderten Gemaͤcher beya⸗ ben, manche Bowle und manche Flaſche Champagner leerten, worauf der Tanz mit noch groͤßerer Lebhaftig⸗ — 176— keit fortgeſetzt wurde. Rathbone gab ſeiner Geſellſchaft ein capitales Abendeſſen, dem ſich der alte Stutzer auch anſchloß. Es gelang ihm auch, neben der ſchoͤnen Tho⸗ maſine Platz zu finden, und er trank ihr ſo oft und in ſo tiefen Zuͤgen zu, daß er unter den Tiſch fiel. Hier ließen ſie ihn liegen, und da gerade eine Menuet geſpielt wurde, bot Cripps der Wittwe ſeine Hand und fuͤhrte ſie zum Tanze, während Rathbone, ſehr erheitert durch den Punſch, den er getrunken, lachend daſtand und ſich die Seiten hielt. Der kleine Barbier benutzte dieſe Ge⸗ legenheit mit der ſchoͤnen Thomaſine allein zu bleiben und ihr wegen ihres unſchicklichen Benehmens gegen den al⸗ ten Stutzer beim Abendeſſen Vorwuͤrfe zu machen. Durch die Entfernung des Prinzen von Wales, der den Garten am Schluß des Feuerwerks verließ, in Frei⸗ heit geſetzt, kehrte Randulph ſogleich in die Rotunde zu⸗ ruͤck, in der Hoffnung Hilda noch dort zu finden. Er war kaum eingetreten, als er Firebras in einem der Ge⸗ maͤcher allein zu Abend ſpeiſen ſah, und ging ſogleich zu ihm. „Sie iſt noch hier,“ ſagte Firebras,„und ſobald ich mein Abendeſſen beendet habe, will ich Sie zu ihr fuhren. Sie koͤnnen doch jetzt nicht zu ihr gehen, denn Sir Norfolk hat eben Abendeſſen beſtellt, und ich kann Sie blos als einen Taͤnzer vorſtellen. Setzen Sie ſich und trinken ein Glas Champagner.“ Randulph lehnte das letztere Anerbieten ab und war —— genoͤthigt ſeine Ungeduld zu zuͤgeln, bis es Firebras ge⸗ fiel, aufzuſtehen. Dann gingen ſie durch das Amphi⸗ theater und traten in ein Gemach, worin Sir Norfolk und Hilda ſaßen. Firebras verbeugte ſich vor dem alten Ritter und ſagte: „Sir Norfolk, erlauben Sie mir die Ehre, den Freund, deſſen ich ver einigen Stunden erwaͤhnte, Ih⸗ rer ſchoͤnen Begleiterin vorzuſtellen. Miß Scarve,“ ſetzte er nach einem bedeutungsvollen Blick auf Hilda hinzu,„dieſer Herr wuͤnſcht die Ehre zu haben, eine Menuet mit Ihnen zu tanzen. Leider iſt keine Zeit zu einer umſtaͤndlicheren Vorſtellung bei Ihnen, Sir Nor⸗ folk, denn die Muſikanten ſpielen ſchon den Tanz.“ Jetzt ſtand Hilda auf, und reichte mit einigem Beben Randulph ihre Hand, der ſie mit einer Bruſt voll freu⸗ diger Bewegung zu dem Platze füͤhrte, den man fuͤr die Tänzer frei gemacht hatte, und wo ſich ſchon Cripps und die Wittwe befanden. Randulph hatte keine Zeit, ein Wort mit ſeiner ſchoͤnen Taͤnzerin zu reden. Kaum hatten ſie ſich aufgeſtellt, als die Menuet begann. Die Anmuth, womit ſie dieſen formellen aber entzuͤcken⸗ den Tanz auffuͤhrten, erregte die Bewunderung aller Zuſchauer und ſtand in ſtarkem Gegenſatz zu der uͤber⸗ triebenen Art, wie Cripps und Miſtreß Nettleſhip tansten. Sir Norfolk ſtellte ſich auf die Seite, um dem Tanze zuzuſehen, und es druͤckte ſich ein ungewohntes Entzuͤk⸗ ken in ſeinem Geſichte aus, als er die grazioͤſen Bewe⸗ Die Tochter des Getzigen. II. 42 gungen ſeiner ſchoͤnen Couſine und ihres Taͤnzers beob⸗ achtete. Truſſell, in ſeiner tuͤrkiſchen Tracht, war auch unter den Zuſchauern, und nicht weit von ihm ſtand Cordwell Firebras. Es waren noch zwei andere Perſo⸗ nen da, die den Tanz beobachteten, aber durchaus nicht mit Gefuͤhlen des Wohlgefallens. Dieſe waren Lady Brabazon und Beau Villiers. „Sehen Sie, Villiers, ungeachtet all Ihrer B muͤhung iſt es ihm doch gelungen, mit ihr zu ice ſagte die Erſtere. „Ja,“ verſetzte der Stutzer, ſeine Maske halb ab⸗ nehmend und ein von Leidenſchaft entflammtes Geſicht zeigend—„aber er hat noch kein Wort mit ihr gewech⸗ ſelt, und ich will Sorge tragen, daß es auch nicht ge⸗ ſchieht.“ „Sie ſind verzweifelt in das Maͤdchen verliebt, Vil⸗ liers,“ ſagte Lady Brabazon äargerlich.„Ich glaubte, Sie ſtrebten blos nach ihrem Vermoͤgen.“ „Es iſt mir fehlgeſchlagen, und das reizt mich noch mehr,“ entgegnete Villiers. „Es iſt nicht der Muͤhe werth,“ erwiederte Lady Brabazon.„Es wundert mich, da es Ihnen fehlge⸗ ſchlagen iſt, daß Sie noch dabei beharren.“ „Still!“ rief der Stutzer.„Es koͤnnte uns Je⸗ mand behorchen. Ich wuͤrde ſie dieſen Abend entfuͤhrt 6 1 — 179— haben, haͤtte ich gewußt, daß ſie hieher kommen wuͤrde. Ihre Herrlichkeit muͤſſen mir fuͤr die Muͤhe verbunden ſein, die ich mir gebe. Ich ſchaffe Ihre Nebenbuhlerin fort, und dann haben Sie den jungen Crew allein fur ſich. Und nun muß ich Sir Norfolk aufmerkſam ma⸗ chen.“ Hierauf ging er zu dem waliſiſchen Baronet und redete ihn an. Der Letztere verbeugte ſich ſteif und naͤ— herte ſich den Taͤnzern noch mehr; und als Hilda ſich am Schluß der Menuet gegen ihren Taͤnzer verneigte, nahm er ihre Hand und fuͤhrte ſie fott. Der junge Mann wollte ihnen folgen, doch Cordwell Firebras kam und hielt ihn zuruͤck. „Es geht nicht an,“ ſagte er;„Villiers hat dem alten Baronet geſagt, wer Sie ſind. Ich muß ihm augenblicklich nachgehen und mich wegen meines Antheils an der Sache bei ihm entſchuldigen, ſonſt werde ich mich morgen fruͤh mit ihm ſchlagen muͤſſen. Ich habe Alles fuͤr Sie gethan, was ich kann. Gute Nacht.“ Bald darauf verließ Randulph mit Truſſell die Mas⸗ kerade. Mit einiger Schwierigkeit verſchafften ſie ſich ein Boot, um nach Hauſe zu fahren. Da Truſſell ſeinen Neffen nicht zur Unterhaltung geſtimmt fand, und ſelber ermuͤdet war, da er uͤberdies viel Punſch und Champagner getrunken hatte, ſo ſchlief er ein und er⸗ wachte nicht eher als bis er die Treppe bei Lambeth er⸗ 32 — 1860— reichte. Ein anderes Boot war eben gelandet und zwei Perſonen in Dominos gingen vor ihnen her in derſelben Richtung, die ſie einſchlugen. „Ei, wer mag das ſein?“ rief Truſſell ihnen nach⸗ eilend, um ſie einzuholen.„Zum Henker! Bruder, biſt Du es? Biſt Du auf der Maskerade geweſen?“ „Ja,“ verſetzte Abel,„und habe Alles geſehen, was dort vorgegangen iſt.“ —————— — 651— Fünftes Kapitel. Jakob bringt Randulph eine Nachricht.— Das Abendeſſen in Vauxhall.— Beau Villiers' Verſuch Hilda zu ent⸗ fuͤhren wird durch Randulph vereitelt. Gtwa eine Woche nach dieſen Ereigniſſen, als ſich Randulph eines Morgens ankleidete, trat Jukes in ſein Zimmer und benachrichtigte ihn, daß der Diener des Geizigen, Jakob Poſt, ihn zu ſprechen wuͤnſche. „Er iſt vor der Thuͤr,“ ſetzte der Kellner geheim⸗ nißvoll hinzu—„„er ſcheint ſehr begierig, Sie zu ſehen, und daher brachte ich ihn herauf.“ — 182— „Ganz recht, Jukes,“ verſetzte Randulph—„laſ⸗ ſen Sie ihn auf jeden Fall herein.“ „Ich weiß nicht, ob es ganz recht iſt, Herr,“ ver⸗ ſetzte Jukes lachend.„Ich fuͤrchte, mein Herr wird boͤſe werden, daß ich ihn zugelaſſen; doch ich wollte nicht ungefaͤllig gegen Sie ſein.“ „In der That ſehr guͤtig von Ihnen, Jukes,“ ſagte Randulph.„Mein Onkel ſoll von mir nichts von der Sache erfahren. Aber laſſen Sie Jakob ein.“ Der gute Kellner entfernte ſich, und im naͤchſten Augenblick trat Jakob ins Zimmer und kratzte ſich den Kopf, wie er zu thun pflegte, wenn er in einiger Ver⸗ legenheit war. „Nun, Jakob,“ ſagte Randulph ihm die Hand reichend—„es iſt mir lieb, Sie zu ſehen. Setzen Sie ſich.“ „Nein, ich danke Ihnen, Herr,“ entgegnete Jakob. „Ich will lieber ſtehen. Mein Geſchaͤft erlaubt mir nicht zu ſitzen.“ „Dann beginnen Sie ſogleich damit,“ erwiederte Randulph. „Ehe ich beginne,“ ſagte Jakob, ſich auf eine Rede vorbereitend,„muß ich vorausſchicken, daß ich auf eigenen Antrieb komme und auf Niemandes Geſuch, am wenigſten aber auf den Wunſch der Miß Hilda—“ „Ich bin vollkommen davon uͤberzeugt, Jakob,“ fiel Randulph ein—„vollkommen.“ „So glauben Sie mir alſo, daß ich ohne ihr Wiſ⸗ ſen und ihren Wunſch komme?“ ſagte Jakob. „Ja wohl,“ entgegnete Randulph—„ich bin ganz gewiß, daß ſie Sie nicht ſchickte.“ „Nein, das that ſie auch nicht,“ ſagte Jakob, „und ſehr boͤſe wuͤrde ſie ſein, wenn ſie wuͤßte, daß ich zu Ihnen gegangen. Doch ich ſehe, daß Sie unge⸗ duldig ſind, und will Sie nicht laͤnger in Ungewißheit laſſen. Ich komme alſo Ihnen zu ſagen, daß mein junges Fraͤulein heute Abend nach Vauxhall geht.“ „Tauſend Dank fur die Nachricht, Jakob,“ rief Kandulph, indem er eine Krone aus ſeiner Boͤrſe nahm, die auf dem Tiſche lag—„trinken Sie auf meine Ge⸗ ſundheit.“ „Ich moͤchte lieber das Geld nicht nehmen und bin Ihnen dennoch ſehr verbunden, Herr,“ entgegnete Ja⸗ kob.„Doch was ich ſagen wollte— meine Miß geht nach Vauphall mit Sir Norfolk Salusbury, und dort werden ſie Lady Drabbyſon und Herrn Willars treffen. Nun habe ich keine große Meinung von dieſen beiden feinen Leuten. In der That hege ich den Verdacht, daß ſie einen ſchaͤndlichen Plan gegen Miß Hilda vor⸗ haben. Doch es iſt unnuͤtz, meinen Herrn zu warnen, —— denn er ſchließt abſichtlich ſeine Augen vor der Gefahr; und was Sir Norfolk betrifft, der iſt viel zu verſchloſ⸗ ſen und zu ſtolz, um mich anzuhoͤren. Daher hielt ich es fuͤr beſſer, zu Ihnen zu kommen.“ „Welchen Argwohn hegen Sie, Jakob?“ fragte Randulph. „Nun, es iſt fuͤr jetzt einerlei, welchen Argwohn ich hege,“ entgegnete Jakob;„aber ich bin auf einer Spur und werde ſie vor heute Abend noch auffinden. Haben Sie von dem Verſuch gehoͤrt, meine junge Miß zu ent⸗ fuͤhren?“ „Nein,“ verſetzte Randulph—„aber Sie hegen doch keinen Verdacht gegen Villiers?“ „Nun, es mag nicht ſicher ſein, frei heraus zu reden,“ erwiederte Jakob,„beſonders da ich keinen Beweis vorbringen kann. Doch ich moͤchte beinahe dar— auf ſchwoͤren, daß ſein Kammerdiener Cripps dabei war.“ „Der Schurke iſt zu Allem faͤhig,“ rief Randulph. „Ueberzeugen Sie mich, daß Villiers der Anſtifter des erwaͤhnten ſchaͤndlichen Verſuchs war, und er ſoll dafuͤr mit ſeinem Leben zahlen.“ „Warten Sie bis heute Abend, Herr,“ verſetzte Jakob.„Vielleicht bin ich dann im Stande, Sie zu uͤberzeugen. Ich werde wachſam ſein.“ — 185— „Ich habe meine eigenen Gruͤnde zu glauben, daß ein Plan im Werk iſt,“ entgegnete Randulph,„weil Lady Brabazon mir und meinem Onkel fuͤr heute Abend zum Drury Lane Theater Billets geſchickt hat, und zu⸗ gleich bedauert, daß ſie nicht ſelber mitgehen koͤnne, aber kein Wort von Vauphall erwahnt.“ „Sie will Sie aus dem Wege haben,“ ſagte Ja⸗ kob.„Es iſt ein tief angelegter Plan. Aber ich will ihn an den Tag bringen. Sagen Sie Niemand— ſelbſt nicht Ihrem Onkel Truſſell— daß Sie heute Ahend dorthin gehen. Sie koͤnnen beobachten, was ge⸗ ſchieht, und darnach handeln. Ich will dort ſein und Ihnen mittheilen, was ich inzwiſchen erfahren habe.“ „Ich billige Ihren Rath vollkommen,“ entgegnete Randulph,„und will darnach handeln. Aber wo wollen Sie mich dort treffen?“ „Sein Sie um zehn Uhr unter dem Orcheſter, und ich werde Mittel finden, zu Ihnen zu kommen,“ ver⸗ ſetzte Jakobo.„Und nun iſt meine Zeit zu Ende. Sie werden vorſichtig ſein.“ „Sein Sie unbeſorgt,“ erwiederte Randulph. Jakob entfernte ſich. Nach Jakob's Rath ſagte Randulph ſeinen Oheimen nichts von dem, was geſchehen war, auch erwaͤhnte Jukes kein Wort von Jakob's Beſuch, ſo daß ſich keiner — 186— ſeine Zerſtreutheit erklaͤren konnte, obgleich Beide ſie bemerkten. Er brachte den groͤßten Theil des Morgens auf ſeinem Zimmer zu, um ungeſtoͤrt ſeinen Gedanken nachhaͤngen zu koͤnnen, und kam erſt zum Mittageſſen herunter, als er voͤllig gefaßt war. Abel war ernſter als gewoͤhnlich, aber Truſſell war in ſeiner gewohnten guten Laune und ſprach von der Vorſtellung, der ſie beiwohnen woll en. „Wir wellen„Stutzerliſt“ ſehen, Bruder,“ ſagte er zu Abel,„und da Garrick Archer ſpielt und Mocklin Scrub, ſo werden wir uns gewiß gut unter⸗ halten.“ „Hm!“ ſagte Abel. „Was die Damen betrifft,“ ſetzte Truſſell zu Ran⸗ dulph gewendet hinzu,„ſo werden wir die reizende Mi⸗ ſtreß Cibber und die kaum weniger reizende Miſtreß Wof⸗ fington hoͤren, und die Kritiker ſagen mir, daß die neue Oper— der Tempel der Dummheit— entzuͤckend iſt.“ „Kein Wunder, daß ſie das ſagen,“ bemerkte Abel mit hoͤhniſchem Laͤcheln.„Schon der Titel an ſich muß es anziehend fuͤr ſie machen.“ „Bravo!“ rief Truſſell.„Beilaͤufig geſagt,“ ſetzte er leiſe zu Randulph hinzu,„Deine Freundin Kitty Conway ſingt heute Abend in Vauxhall.“ „Wirklich!“ rief Randulph. —— „Es wundert mich, daß Du ſie nicht hoͤren willſt,“ ſagte Abel, der die Bemerkung gehoͤrt hatte und ihn ſo ſtarr anſah, daß er erroͤthete. „Er iſt anderswohin eingeladen.“ fiel Truſſell ein. „Ich hoͤrte erſt dieſen Morgen zufällig davon. Wir wollen nach Vauxhall gehen, Randulph, wenn Du es Drury Lane vorziehſt.“ „Nein, veraͤndern Sie Ihren Vorſatz nicht,“ rief Randulph haſtig. „Sir Singleton Spinke wird dort ſein, das will ich beſchwoͤren,“ ſagte Truſſell lachend,„obgleich er ſich wieder in eine Andere verliebt hat, in die Tochter eines Seidenhaͤndlers Namens Deacle, der in Little Sanctuary wohnt. Aber es iſt einerlei, wo ſie wohnt,“ ſetzte er hinzu, als er den finſtern Blick ſeines Bruders bemerkte—„ſie iſt ein verteufelt huͤbſches Maͤdchen und man nennt ſie nicht anders als die ſchoͤne Thoma— ſine. Du ſahſt ſie neuerdings auf der Maskerade in Ranelagy. Sie war eine von den Columbinen des Herrn Cripps.“ „Ich bemerkte ſie,“ ſagte Abelz„es iſt eine tho⸗ richte Coquette.“ „Ich will Euch einen capitalen Spaß von Sir Sing⸗ leton und dieſer hübſchen Dame erzaͤhlen,“ fuhr Truſ⸗ ſell lachend fort.„Sie muͤſſen wiſſen, daß er damals — 188— mit ihr und ihrer Geſellſchaft bei Ranelagh zu Abend ſpeiſte und ſo betrunken wurde, daß er unter den Tiſch ſank. Waͤhrend er in dieſem Zuſtande war, ſchnitt ihm Jemand, wahrſcheinlich Cripps, ſeinen langen Zopf ab und ſchickte ihn am naͤchſten Morgen eingepackt an die ſchoͤne Thomaſine, von einem zaͤrtlichen Briefe begleitet, worin er ihr ſeine Hand anbietet und ſie erſucht, da er ihr keine Locke von ſeinem Haar ſenden koͤnne, anſtatt deren ſeinen Zopf anzunehmen.“ „Ha— ha! ha!“ lachte Jukes, der gerade auf⸗ wartete.„Das ſieht Crackenthorpe gleich— ganz gleich.“ Dieſe Geſchichte nothigte ſelbſt Abel ein Lächeln ab und das Mittageſſen ging von da an ganz angenehm voruͤber. Das Tiſchtuch wurde abgenommen und der Wein aufgeſetzt, doch Randulph koſtete kaum davon, und Truſſell, nachdem er einige Glaͤſer hinuntergeſchut⸗ tet hatte, ſagte, es ſei jetzt Zeit ins Schauſpiel zu gehen.* „Ehe Du gehſt, habe ich Dir ein Wort zu ſagen, Randulph,“ ſagte Abel in einem Tone, der den jun⸗ gen Mann beunruhigte.„Ich habe keine Bemerkungen uͤber Dein ausſchweifendes Leben gemacht, weil ich fuͤhlte, daß es vergebens ſein wuͤrde. Aber es muß jetzt zu Ende ſein.“ „Ich weiß nicht, Onkel, mit welchem beſondern Theile meines Betragens Sie unzufrieden ſind,“ ſagte Randulph. „Ich rede von Deinem Betragen im Allgemeinen,“ verſetzte Abel ſtrenge.„Aber morgen wird eine Perſon hier ſein, die ein groͤßeres Recht hat, Dich zu ermah⸗ nen, als ich.“ „Sie meinen doch nicht meine Mutter?“ ſagte Randulph in großem Erſtaunen.„Kommt ſie denn in die Stadt?“ „Sie wird morgen hier ſein,“ verſetzte Abel.„Aber Du haͤltſt Deinen Onkel Truſſell auf— er iſt ungedul⸗ dig. Geh. Es iſt Dein letzter Abend. Benutze ihn ſo gut Du kannſt.“ Truſſell war eben ſo erſtaunt wie Randulph uͤber das, was vorging, machte aber nicht eher eine Bemer— kung daruͤber, als bis er aus dem Hauſe war. „Nun, es ſoll mich freuen, meine Schweſter Crew zu ſehen,“ ſagte er.„Aber es wundert mich, warum der alte Herr ein Geheimniß aus ihrer Ankunft machte. Fuͤrchte nicht, daß Sie Dir Strafpredigten halten wird, Randulph. Ich will Alles in Ordnung bringen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen.“ „Es iſt ſeltſam, daß ſie mir nicht uͤber den Ge⸗ genſtand geſchrieben hat,“ ſagte Randulph. „Hoͤchſt wahrſcheinlich hat mein Bruder ihr Schwei⸗ gen auferlegt,“ verſetzte Truſſell.„Indeſſen muͤſſen wir noch vor ihrer Ankunft daruͤber reden. Ich muß Dir — 190— ſagen, wie Du in dieſem Falle zu handeln haſt. Sie iſt ein vortreffliches Geſchoͤpf, Deine Mutter. Aber man darf ſich nicht an das Schuͤrzenband binden laſſen. Doch wir wollen jetzt die Sache vergeſſen, den Rath des alten Herrn befolgen und den Abend ſo gut benutzen, als wir koͤnnen.“ Ein Boot brachte ſie zur Somerſettreppe, wo ſie ans Land ſtiegen und nach dem Drury Lane Theater gingen. Randulph hatte ſich entſchloſſen, was er thun wollte. Das Schauſpiel wurde bewundernswuͤrdig auf⸗ gefuͤhrt; aber ſelbſt das unnachahmliche Spiel Garricks und Mocklin's intereſſirte Randulph nicht, ſo ſehr war er mit ſeinen eigenen Gedanken beſchaͤftigt. Als das Schauſpiel zu Ende war, gingen ſie in Tom's Kaffee⸗ haus in Covent Garden, wo eine feine Geſellſchaft ver⸗ ſammelt war. Truſſell traf viele Bekannte und Ran⸗ dulph verließ ihn mit einer haſtigen Entſchuldigung, eilte nach der Salisburytreppe, nahm ein Boot und befahl dem Bootsmann nach Vauphall zu rudern. Vauxhall, welches durch ganz Europa beruͤhmt iſt und einſt fuͤr den ſchoͤnſten Vergnuͤgungsort dieſer Art gehalten wurde, hat laͤnger als ein Jahrhundert epiſtirt, und es freut mich ſagen zu konnen, daß es noch nicht ganz geſchloſſen iſt. Es wurde zuerſt im Jahr 1730 eroͤffnet, erlangte großen Ruf, wurde vergroͤßert und auf die prachtvollſte Weiſe angelegt. Ein ſehr ſchoͤnes Orcheſter in gothiſcher Form, mit Schnitzwerk⸗Niſchen — 191— geziert und mit einer ſchoͤnen Orgel verſehen, wurde in der Mitte des Gartens errichtet. Es war auch eine Ro⸗ tunde da, obgleich nicht ſo groß wie die in Ranelagh, denn ſie hatte nur ſiebzig Fuß im Durchmeſſer. Sie war mit einer Kuppel verſehen, die von vier ſchoͤnen ioniſchen Saͤulen getragen wurde, mit Laubwerk am Poſtament verziert, waͤhrend die Schaͤfte mit einer gothiſchen Ba⸗ luſtrade umgeben waren, welche kletternde Figuren dar⸗ ſtellten. Von der Mitte hing ein praͤchtiger Leuchter herab. Ein Theil der Rotunde, der als Salon benutzt wurde, war mit Säͤulen verziert, zwiſchen welchen ſich Gemaͤlde von Hayman befanden. Der Eingang vom Garten ging durch ein gothiſches Portal. Die Garten⸗ haͤuſer waren mit Gemaͤlden nach Zeichnungen von Ho⸗ garth und Hayman ausgeſchmuͤckt, ſo wie ſie dem Orte angemeſſen erſchienen. In jedem dieſer Gemaͤcher befand ſich ein Tiſch, woran ſechs bis acht Perſonen Platz hatten, und alle zuſammen bildeten einen Halbzirkel. Dem Eingange gegenuͤber befand ſich ein ſchoͤner Baum⸗ gang, der neunhundert Fuß lang war und mit einem gothiſchen Obelisk endete. Doch der Zauber des Gar⸗ tens begann mit der Illumination, wenn uͤber zweitau⸗ ſend Lampen, die faſt zugleich angezuͤndet wurden, durch die gruͤnen Blaͤtter der Baͤume ſchimmerten und ihren Glanz uͤber die feenhafte Scene umher ergoſſen. Dies war der große Reiz, den Vauxhall hatte. Noch etwas Anziehendes war eine Maſchinerie, die ein Muͤllerhaus, ein Waſſerrad und einen Waſſerfall darſtellte, was man zu jener Zeit fuͤr ſehr wunderbar hielt. Es waren zahl— loſe Gaͤnge und Wildniſſe auf dem Gebiet, und die meiſten Oeffnungen waren mit Statuen geſchmuͤckt. Eine von dieſen, etwas ſpaͤter als dieſe Geſchichte, war die Statue Haͤndel's als Orpheus eine Lyra haltend. Es war beinahe zehn Uhr, als Randulph den Gar⸗ ten erreichte. Er ging den großen Gang dahin, welcher brillant erleuchtet und mit Geſellſchaft angefuͤllt war, ſah aber nichts von Sir Norfolk oder Hilda. Dann bog er in einen der Seitengaͤnge ein und naͤherte ſich dem Or⸗ cheſter, auf welchem Kitty Conway ſtand, eben im Be⸗ griff zu ſingen. Sie bemerkte ihn ſogleich, und machte eine leiſe Bewegung als Zeichen des Erkennens. Als er an der Reihe von Gartenhaͤuſern vorbeiging, welche das Orcheſter umgaben, bemerkte er Jakob, der ſogleich auf ihn zukam.. „Ich habe Alles heraus,“ ſagte der Diener,„ich wußte es vorher. Herr Willars iſt der Erfinder des Pla⸗ nes. Er will Miß Hilda entfuͤhren, und hat zu dem Zweck eine Kutſche gemiethet, die hinter dem Garten haͤlt. Gluͤcklicherweiſe iſt der Kutſcher ein Freund von mir, und durch ihn habe ich den Plan entdeckt.“ „Aber wo iſt Ihr Fraͤulein?“ rief Randulph. „Dort,“ verſetzte Jakob, auf eine Geſellſchaft deu⸗ tend, die in der Naͤhe des Orcheſters unter Baͤumen ſaß und zu Abend ſpeiſte. — 193— „Ich ſehe,“ entgegnete Randulph.„Beim Him⸗ mel!“ rief er,„Villiers kommt hieher. Zwei Perſo⸗ nen halten ihn auf. So wahr ich lebe, der Eine iſt ſein Kammerdiener und der Andere Capitain Culpepper, eine Art von Bandit, wie mein Onkel Truſſell ſagt, und der um Geld jedem die Kehle abſchneiden wuͤrde. Ohne Zweifel berathſchlagen ſie uͤber die Entfuͤhrung.“ „Darauf koͤnnen Sie ſchwoͤren,“ verſetzte Jakob, „Ich will ſehen, ob ich ihnen nicht unbemerkt nahe kom⸗ men kann. Kommen Sie an dieſe Stelle zuruͤck, wenn ſie ſich trennen, und Sie ſollen Alles erfahren.“ Mit dieſen Worten zog er ſeinen Hut uͤber die Au⸗ gen, miſchte ſich unter die Menge und naͤherte ſich dem Stutzer, der, wie bereits erwaͤhnt, mit Capitain Cul⸗ pepper und Cripps ſprach. Randulph fuͤhlte ſich inzwiſchen unwiderſtehlich zu dem Tiſche hingezogen, woran Hilda ſaß, und da er ſich hinter den Baͤumen hielt, wurde er von der Geſellſchaft nicht bemerkt, obgleich Kitty Conway ihn von dem Or— cheſter aus beobachtete, ſeine Abſicht errieth und ſo auf— geregt wurde, daß ſie zum erſtenmal in ihrer kuͤnſtleri⸗ ſchen Laufbahn einige falſche Toͤne ſang. Hilda's Stuhl ſtand an einem Baum. Zu ihrer Rechten ſaß Sir Nor— folk Salusbury, zur Rechten des Baronet Lady Bra⸗ bazon, dann kam ein leerer Stuhl, den Beau Villiers eben verlaſſen, dann Sir Singleton Spinke, dann Lady Fazakerly, dann Sir Bulkeley und endlich Cle⸗ Die Tochter des Geizigen. II. 13 — 194— mentine Brabazon, die den Sitz neben der Tochter des Geizigen einnahm. Zum Theil durch den Baum geſchuͤtzt, an welchem Hilda ſaß, beugte ſich Randulph vorwaͤrts und fluͤſterte ihren Namen in den ſanfteſten Toͤnen. Hilda hoͤrte das Fluͤſtern, ſah ſich um und erblickte den Redenden. Wie viel läßt ſich durch einen Blick ſagen! Sie las die Staͤrke ſeiner Leidenſchaft und die Innigkeit ſeiner Nei⸗ gung in ſeinen Augen, und zum erſtenmal erwiederte ſie freundlich, faſt zaͤrtlich, ſeinen Blick. Randulph war entzuͤckt; er konnte dem Antriebe nicht widerſtehen, der ihn beſtimmte, naͤher zu treten und ihre Hand zu ergrei⸗ fen, die ſie ohne Widerſtreben in der ſeinigen ließ. Alles dies war das Werk einer Minute, doch die Handlung blieb nicht unbeobachtet, weder von Kitty Conway noch von Lady Brabazon. Beide fuͤhlten eine gleiche Qual der Eiferſucht, doch die Letztere raͤchte ſich ſogleich. Waͤhrend Randulph im Begriff war, Hilda's Hand zu ſeinen Lippen zu erheben, beruͤhrte ſie Sir Norfolk's Arm, deutete nach der Richtung hin, wo die Liebenden ſich befanden und fluͤſterte:„Sehen Sie dort!“ Sir Norfolk ſtand auf und ſagte in ſtrengem und gebieteriſchem Tone zu dem jungen Manne:„Laſſen Sie die Hand der Dame los, Herr!“ „Nicht anders als wenn ſie ſie zuruͤckziehen will, Sir Norfolk,“ ſagte Randulph. — 195— „Ich bin allein zu tadeln, Sir Norfolk,“ ſagte Hilda ihre Hand zuruͤckziehend und hoch erroͤthend. „Sie ſagen das wohl, Miß Scarve,“ entgegnete Sir Norfolk;„doch der junge Mann hat ſich einer großen Unſchicklichkeit ſchuldig gemacht, und ich werde ihn dafuͤr zu ſtrenger Rechenſchaft ziehen.“ „Ich bin ſtets bereit der Aufforderung zu genuͤgen, Sir Norfolk,“ verſetzte Randulph;„doch dies iſt nicht der Ort zu Drohungen. Sie werden wohl thun nach Ihrer Schutzbefohlenen zu ſehen.“ „Ich werde Sorge tragen, alle Zudringlichen, wie Sie, von ihr entfernt zu halten,“ verſetzte Sir Nor⸗ foern „Schuͤtzen Sie ſie lieber vor andern Gefahren, die mehr Scharfblick erfordern als Sie anzuwenden fuͤr gut halten,“ entgegnete Randulph. „Ich habe auf ſolche Unverſchaͤmtheit nur eine Antwort zu geben,“ ſagte Sir Norfolk,„und die ſol⸗ len Sie morgen erhalten. Sie werden weiter von mir hoͤren, Herr Crew.“ „So bald Sie wollen, Sir Norfolk,“ entgegnete Randulph. „Um meinetwillen, Herr Crew,“ fiel Hilda ein, „laſſen Sie dieſen Streit nicht weiter gehen. Ich bin 13* — 196— die unſchuldige Urſache davon geweſen. Verſprechen Sie mir, daß es nicht geſchehen ſoll.“ „Ich moͤchte Ihnen gern in Allem gehorchen, Miß Scarve,“ verſetzte Randulph;„doch in dieſem Falle iſt es nicht in meiner Macht. Leben Sie wohl!“ Indem er noch einen leidenſchaftlichen Blick auf ſie richtete, verbeugte er ſich ſtolz gegen Sir Norfolk, der ſeinen Gruß ebenſo erwiederte, und entfernte ſich. Als er fortging, begegnete ihm Beau Villiers, der von ſeiner Conferenz zuruͤckkehrte. Villiers ſtutzte, als er ihn erblickte, faßte ſich aber ſogleich wieder und wuͤr⸗ de ihn angeredet haben, haͤtte ſich nicht Randulph raſch weggewendet. „Was, zum Teufel! hat Randulph Crew hieher gefuͤhrt?“ ſagte Villiers zu Sir Singleton, als er zu der Geſellſchaft kam.„Ich glaubte, er ſei in Drury Lane.“ „Der Teufel mag's wiſſen,“ rief der alte Stutzer. „Aber er hat eine huͤbſche Scene angerichtet.“ Und er erzaͤhlte, was geſchehen war. Villiers lachte herzlich bei der Erzaͤhlung. „Ich hoffe, der alte Salusbury wird ihn auf die Seite ſchaffen,“ ſagte er leiſe. „Nun, es waͤre in der That wuͤnſchenswerth, ihn — 197— aus dem Wege zu haben,“ verſetzte der alte Stutzer. „Die Weiber werden alle toll um ihn.“ „Beſonders Kitty Conway,“ ſagte Villiers.„Zum Henker! deshalb wurde ſie auch im Orcheſter ohnmaͤch⸗ tig. Ich wunderte mich, was ihr geſchehen ſein koͤnnte, aber jetzt iſt es mir begreiflich.— Alles iſt vorbereitet,“ ſagte er dann leiſe zu Lady Brabazon. 1 „Sehen Sie ſich vor, was Sie thun,“ verſetzte ſie in leiſem Tone.„Sie werden Sir Norfolk gefaͤhr⸗ lich finden, und Randulph Crew iſt auf der Wache.“ „Fuͤrchten Sie nichts,“ entgegnete er,„ich habe ſichere Maßregeln getroffen. Gehen Sie in den dunklen Gang und fuͤhren ihn und die Andern fort.“ Lady Brabazon nickte. Bald darauf erhob ſie ſich von ihrem Sitze und nahm ohne Weiteres Sir Norfolk's Arm, waͤhrend Vil⸗ liers ſehr galant Hilda den ſeinigen anbot. Die Uebri⸗ gen gingen auch paarweiſe weiter. Indem Lady Bra⸗ bazon nach der verabredeten Richtung voranging, ſprach ſie den Wunſch aus, die ſceniſche Darſtellung der Muͤhle und des Waſſerfalles zu ſehen, welche ſich in der Hoͤh⸗ lung des großen Ganges befanden. Die Zudringlichkeit des Stutzers wurde Hilda ſehr läſtig, und ſie konnte nicht umhin zu bemerken, daß er unter verſchiedenen Vorwaͤnden hinter der uͤbrigen Geſellſchaft zuruͤckbleibe, obgleich ſie ihn mehrmals bat, ſich ihnen anzuſchließen. — 198—* Endlich, als er laͤnger als gewoͤhnlich ſtehen blieb, ver⸗ loren ſie ſie ganz aus dem Geſichte, und eilten dann auf Hilda's dringende Bitte weiter, als Cripps aus einem Seitengange hervortrat und ſich ſeinem Herrn naͤherte. „Gluͤcklich getroffen, Herr,“ ſagte der Bediente ſich verbeugend;„Lady Brabazon ſchickt mich, Ihnen zu ſagen, daß ſie mit der Geſellſchaft einen Gang zur Linken hinuntergegangen iſt, um ein ſchoͤnes Gemaͤlde in dem chineſiſchen Pavillon am Ende deſſelben zu ſehen. Mit Ihrer Erlaubniß zeige ich Ihnen den Weg.“ „O ja, laſſen Sie uns auf jeden Fall zu ihnen gehen,“ ſagte Hilda ohne Argwohn. „So geh voran,“ rief der Stutzer, der kaum ſeine Freude uͤber das Gelingen ſeines Plans verbergen konnte. Einige Schritte fuͤhrten ſie zu dem Anfang des dunk⸗ len Ganges, der mit dichtverſchlungenen Baumzweigen uͤberwoͤlbt war, ſo daß das Mondlicht nicht durchdrin⸗ gen konnte. Durch das Anſehen deſſelben erſchreckt, wich Hilda zuruͤck. „Wie unbedachtſam von Sir Norfolk, mich ſo zu verlaſſen!“ rief ſie. „Sie werden ſich doch nicht fuͤrchten, mich dieſen Gang hinunter zu begleiten, Miß Scarve?“ ſagte la⸗ * S n———— — 199— chend der Stutzer.„Mein Kammerdiener iſt bei uns und ſoll Sie beſchuͤtzen. Der chineſiſche Pavillon iſt nicht weiter als hundert Schritte entfernt, und der Gang, obgleich dunkel, iſt doch nicht einſam.“ Da Hilda Perſonen darin zu bemerken glaubte, ſo ließ ſie ſich weiter fuͤhren; doch war ſie nicht weit ge— kommen, als alle ihre Unruhe zuruͤckkehrte und ſie bit⸗ ter bereute, eingewilligt zu haben. Aber es war zu ſpaͤt. Villiers faßte ihren Arm feſt an und zog ſie raſch vor— waͤrts, waͤhrend Cripps mit demſelben raſchen Schritte vorausging. Ein- oder zweimal glaubte ſie Fußtritte hinter ſich zu hoͤren und eine Geſtalt unterſcheiden zu koͤnnen, die in ihrer Nähe ging; doch wagte ſie ihre Furcht nicht auszuſprechen. Sie waren etwa hundert Schritte gegangen, als eine ploͤtzliche Wendung des Ganges eine niedrige Hecke zeigte, hinter welcher ſich das in Mondlicht getauchte offene Feld befand. Hier ſtand der Stutzer plotzlich ſtill und ſagte in raſchem, faſt rauhem Tone: „Miß Scarve, ich liebe Sie bis zur Verzweiflung und bin entſchloſſen, Sie zu der Meinigen zu machen. Sie ſind jetzt in meiner Gewalt und muſſen mich beglei⸗ ten.“ „Nimmermehr!“ verſetzte Hilda entſchloſſen.„Und ich befehle Ihnen, mich loszulaſſen.“ Sie wuͤrde um Huͤlfe geſchrieen haben, haͤtte nicht Villiers, der ſie noch feſter packte, ein Taſchentuch vor ihren Mund gehalten, und ſie ſo am Schreien verhin⸗ dert. Waͤhrend dies vorging, kam Capitain Culpepper unter den Baͤumen hervor und eilte mit Cripps auf ihn zu. „Bravo, Herr!“ rief der Capitain.„Alles geht diesmal gut. Wir werden ſie im Umſehen in der Kutſche haben.“ „Nicht ſo ſchnell, Schurken,“ donnerte Randulph vorwaͤrts eilend.„Ich habe Sie ſo weit gehen laſſen, um zu ſehen, wie weit ſich Ihre Bosheit erſtrecke. Aber Sie ſollen es theuer zahlen.“ Waͤhrend er ſo ſprach, eilte er auf den Stutzer zu, riß ihm Hilda weg und ſchleuderte ihn mit ſolcher Kraft zuruͤck, daß er auf den Boden fiel. Noch eine andere Perſon kam ihm zu Huͤlfe. Dies war Jakob, der ſei⸗ nen Knotenſtock ſchwingend auf den Schauplatz der Hand⸗ lung eilte. Als der Kammerdiener ihn erblickte, zog er den Degen, doch er wurde ihm aus der Hand geſchla⸗ gen und er wich nur einem furchtbaren Schlage des Knuͤt⸗ tels durch einen geſchickten Seitenſprung aus. Ohne auf einen zweiten Schlag zu warten, eilte er in das Gehoͤlz und entfloh. Dem Capitain Culpepper ging es nicht beſſer. Ehe er den Degen ziehen konnte, erhielt er einen Schlag auf den Kopf, der ihn bewußtlos und blu⸗ tend zu Boden ſtreckte. Hilda hatte inzwiſchen ihrem Retter murmelnd ihren Dank ausgeſprochen, welcher — 201— fuͤhlte, daß all ſeine fruͤhere Angſt durch die unausſprech⸗ liche Freude des Augenblicks reichlich bezahlt ſei. „Hilda!“ rief er leidenſchaftlich,„ich wuͤrde tau⸗ ſend Leben fuͤr Sie auf's Spiel ſetzen. Verzeihen Sie mir, wenn ich in dieſem Augenblick wage, Sie zu fra⸗ gen, ob ich hoffen darf?“ Sie fluͤſterte ihm eine bejahende Antwort zu. „Ich bin der gluͤcklichſte aller Menſchen! 1 rief Ran⸗ dulph ganz entzuͤckt. „Ach!“ rief Hilda,„mein Geſtaͤndniß kann Ih⸗ nen wenig Gluͤck gewaͤhren. Ich kann nimmer die Ih⸗ rige werden.“ „Da reden Sie die Wahrheit,“ rief Villiers, der jetzt wieder aufgeſtanden war und ſich ihnen wuͤthend naͤherte.„Sie ſollen nie die Seinige werden.“ „Dies iſt der Anfuͤhrer der Bande,“ rief Jakob, der eben mit Capitain Culpepper fertig geworden war und auf furchtbare Weiſe ſeine Knuͤttel ſchwingend, auf den Stutzer zueilte.„Ich werde bald mit ihm fertig werden.“ „Laſſen Sie ihn in Ruhe, Jakob,“ rief Randulph gebieteriſch;„ſeine Beſtrafung kommt mir zu.“ „Sie haben Unrecht, Herr,“ verſetzte Jakob; „aber ich will Ihnen nicht ungehorſam ſein. Er ver⸗ — 202— dient nicht wie ein Mann von Ehre behandelt zu wer⸗ den.“ „Iſt es Ihnen gefaͤllig einen Augenblick mit mir auf die Seite zu treten, Herr Crew?“ ſagte der Stuz⸗ zer mit erzwungener Hoͤflichkeit. Und als Randulph ihm folgte, ſetzte er hinzu:„Ich erwarte Genugthuung fuͤr die Beleidigung, die Sie mir angethan.“ „Ich koͤnnte ſie Ihnen ſehr wohl verweigern,“ ent⸗ gegnete Randulph;„aber ich bin zu begierig nach Rache, um es zu thun. Sie ſollen die gewuͤnſchte Genugthuung haben ſo bald Sie wuͤnſchen.“ „Morgen fruͤh alſo— um fuͤnf Uhr— auf dem Tothill Felde,“ ſagte Villiers. „Ich werde dort ſein,“ ſagte Randulph. Dann verließ er den Stutzer, ging zu Hilda und bot ihr ſeinen Arm an. Sie gingen zuſammen den Gang hinunter und Jakob folgte dicht neben ihnen. Hilda ließ ihre Hand in der ſeinigen, waͤhrend er ihr die waͤrmſten Betheuerungen der Liebe ins Ohr fluͤſterte. Sie ver⸗ ſuchte nicht, ihn zum Schweigen zu bringen, und viel— leicht wuͤrde es ſchwierig ſein zu ſagen, wer von Bei⸗ den am meiſten bedauerte, daß der kurze Traum des Gluͤcks zu Ende ſei, als ſie in den erhellten Gang traten. Faſt unmittelbar darauf begegneten ihnen Sir Nor⸗ folk und Lady Brabazon nebſt der uͤbrigen Geſellſchaft. Ihre Herrlichkeit war anfangs ſehr verwirrt, Randulph zu ſehen, doch errieth ſie augenblicklich, was geſchehen war und verſuchte der Sache ein ſo gutes Anſehen zu geben als moͤglich. Sie ging auf Hilda zu und fragte haſtig, was geſchehen ſei, doch die Letztere wendete ſich kalt von ihr, nahm Sir Norfolk Salusbury's Arm und bat ihn, ſie nach Hauſe zu fuͤhren. „Ihre Herrlichkeit wiſſen ſehr wohl, in welcher Ge⸗ fahr ich geweſen bin,“ ſagte ſie;„doch bin ich durch den Muth und die Gewandtheit des Herrn Crew daraus gerettet worden.“ „Ehe Sie gehen, Miß Scarve,“ ſagte Lady Bra⸗ bazon,„bitte ich Sie, mir einige Erklaͤrung zu geben uber das, was geſchehen iſt.“ „Es mag hinreichen zu ſagen, daß Herr Villiers verſucht hat, mich zu entfuͤhren,“ verſetzte Hildaz„doch ſein Zweck iſt vereitelt worden.“ „Was höre ich!“ rief Sir Norfolk.„Herr Vil— liers hat ſich eines ſo ſchaͤndlichen Verſuchs ſchuldig ge— macht? Ich will ſogleich gehen, ihn aufzuſuchen.“ „Ich habe die Beſtrafung des Herrn Villiers uͤber⸗ nommen, Herr,“ ſagte Randulph. „Sie haben ſelber eine Rechnung mit mir abzuſchlie— ßen,“ entgegnete Sir Norfolk finſter. „Ich will es morgen um fuͤnf Uhr auf dem Tothill Felde thun,“ verſetzte Randulph leiſe—„wenn ich mit Herrn Villiers fertig bin.“ — — „So ſei es,“ entgegnete Sir Norfolk. Und er ſchritt, von Jakob begleitet, mit Hilda fort, waͤhrend Randulph, ohne ein Wort mit Lady Braba⸗ zon zu wechſeln, ſich nach der entgegengeſetzten Richtung entfernte. Sechstes Kapitel. Randulph verwundet Beau Villiers im Duell auf dem Tot⸗ hill Felde und wird ſelber von Sir Norfolk Salusbury verwundet. Vis Randulph Vauxhall verließ, eilte er von ſtuͤr⸗ miſchen Gefuͤhlen bewegt nach Hauſe. Abel war ſchon ſeit einer Stunde zu Bette, aber Truſſell war noch nicht heimgekommen. Er ſagte daher Jukes, er muͤſſe ſeinen juͤngern Onkel ſogleich ſprechen, ging augenblicklich wie⸗ der fort, nahm ein Boot und ruderte nach dem naͤchſten Punkte bei Covent Garden. Dann eilte er in Tom's Kaffeehaus, wo er ſeinen Onkel allein beim Abendeſſen fand, und erzaͤhlte ihm, was geſchehen war. — 206— „Ein huͤbſches Abenteuer!“ rief Truſſell am Schluß der Erzaͤhlung.„Eine Entfuͤhrung verhindert und ein paar Duelle. Es thut mir leid, daß ich nicht bei Dir war, damit ich Dir eines von den letztern haͤtte abneh— men koͤnnen. Es wird ein toͤdtlicher Kampf werden mit dem Stutzer. Es iſt mir lieb, daß Du Unterricht bei Hewitt gehabt haſt. Er ſagte mir ſelber vor nicht lan— ger Zeit, Du waͤreſt einer von ſeinen beſten Schuͤlern, und haͤtteſt ein ſo ſtarkes Handgelenk und ein ſo raſches Auge, wie ihm nur je vorgekommen.“ „In beiden Fällen fuͤrchte ich den Ausgang nicht,“ verſetzte Randulph. „Es iſt mir lieb, daß Du ſo zuverſichtlich biſt,“ ſagte Truſſell;„aber keiner von Deinen Gegnern iſt zu verachten. Trinke ein Glas Punſch— nun, wie Du willſt. Wir muͤſſen gehen und augenblicklich Anordnun⸗ gen treffen. Das Beſte wird ſein, zu Hewitt zu gehen und ihm zu ſagen, daß er ſich zu der beſtimmten Stunde mit Degen und einem Wundarzt auf dem Felde ein⸗ ſtellt.“ Dann leerte er ſein Glas Punſch, rief den Kellner, bezahlte ihn, nahm ſeines Neffen Arm und entfernte ſich. Hewitt wohnte in Leiceſter Street, Leiceſter Fields — jetzt Leiceſter Square. Er war ſchon zu Bette, doch ſie klopften ihn bald heraus und erklärten ihm ihr An⸗ liegen, worauf er ſogleich einging. — 207— „Ich werde gewiß zu der beſtimmten Stunde auf dem Platze ſein und den Wundarzt Molſon mitbringen,“ ſagte Hewitt. Er wird fuͤr Sie ſorgen, im Fall Ihnen etwas begegnet. Doch ich fuͤrchte nichts fuͤr Sie, weil ich weiß, was Sie vermoͤgen. Sie ſollen meine deut⸗ ſche Klinge haben— hier iſt ſie,“ ſetzte er hinzu, in⸗ dem er einen Degen herunter nahm.„Dies iſt der ſtaͤrkſte und leichteſte Degen, den ich je in Haͤnden hatte, und einem ſpaniſchen gleich. Kommen Sie nur ruhig aufs Feld. Der beſte Fechter wird verwundet, wenn er in der Leidenſchaft iſt. Sie werden morgen des Urtheils ſo gut wie der Geſchicklichkeit beduͤrfen, nehmen Sie ſich daher in Acht, daß Sie ſich nicht aufregen. Herr Villiers iſt ein ſehr geſchickter Fechter, wird aber wahr⸗ ſcheinlich leidenſchaftlich ſein. Sir Norfolk dagegen wer⸗ den Sie ruhig finden, wie der Tod. Er iſt ein viel gefaͤhrlicherer Gegner als der Andere.“ „Ja, viel gefaͤhrlicher,“ wiederholte Truſſell. „Es wird am beſten ſein, Sie ſtoßen die Seconde oder die Quart unter dem Arm,“ ſagte Hewitt;„oder Sie wenden die Finte an, wie ich Ihnen gezeigt. Und nun rathe ich Ihnen, ſich zur Ruhe zu begeben. Den⸗ ken Sie nicht mehr an das Duell, ſchlafen Sie ruhig und kommen Sie ſo friſch wie eine Lerche aufs Feld.“ Randulph laͤchelte uͤber des Fechtmeiſters Rath, und nachdem er verabredet, ihn an der Faͤhre bei Weſtmin⸗ ſter, Lambeth gegenuͤber, um halb fuͤnf Uhr zu treffen, — 208— entfernte er ſich mit ſeinem Onkel. Sie kamen etwa in einer halben Stunde nach Hauſe, und Jukes war ſehr erfreut ſie zu ſehen. Es war vorher verabredet worden, daß Truſſell die ganze Nacht aufbleiben und ſeinen Nef— fen Morgens zur rechten Zeit wecken ſolle, und daher befahl er Jukes, ihm eine Flaſche Branntwein und einen großen Krug kaltes Waſſer zu bringen. Der Kell⸗ ner gehorchte und nahm die Gelegenheit wahr zu fragen, ob etwas vorgefallen ſei, erhielt aber keine beſtimmte Antwort. Als Randulph ſich auf ſein Zimmer zuruͤckzog, warf er ſich in einen Stuhl und uͤberdachte die Ereigniſſe des Tages. Unter einer Menge truͤber und unangenehmer Gedanken war ein heller und erheiternder. Er hatte Hilda geſehen— ihr ſeine Leidenſchaft geſtanden— und die Verſicherung erhalten, daß er ihr nicht gleichguͤltig ſei. Dieſer Gedanke ſtärkte ihn und machte, daß er die Gefahr, der er ſich ausgeſetzt, mit Gleichguͤltigkeit be⸗ trachtete. Seine ſchmerzlichſten Betrachtungen bezogen ſich auf ſeine Mutter, und da er wußte, welche Angſt ſie empfinden werde, wenn ihm etwas geſchehe, ſo ſetzte er ſich hin und ſchrieb einen Brief an ſie, voll kindlicher Liebe und Zärtlichkeit, der ihr im Fall ſeines Todes uͤbergeben werden ſollte. Als dies geſchehen war, warf er ſich aufs Bett, doch ſen Geiſt war zu unruhig, als daß er haͤtte ſchlafen koͤnnen. Lange vorher, ehe der Tag anbrach, ſtand er auf ————— — 209— und kleidete ſich an. Truſſell trat dann ein und fand ihn betend auf den Knieen neben ſeinem Bette. Als er aufſtand, uͤbergab er ſeinem Onkel den Brief, den er geſchrieben, worauf ſie ſo leiſe als ſie konnten die Treppe hinunterſchlichen, aus Furcht Jemand im Hauſe auf⸗ merkſam zu machen. Dann begaben ſie ſich in das Speiſezimmer, wo Truſſell ein Glas Branntwein trank, um ſich den Magen zu waͤrmen. Er empfahl ſeinem Neffen ein Gleiches zu thun, um ſeine Hand feſter zu machen, dieſer aber bezweifelte die Wirkſamkeit der Vor⸗ ſchrift und lehnte es ab. Ihre Hoffnung, unbemerkt fortzukommen, taͤuſchte ſie, denn als ſie in den Vor⸗ ſaal traten, ſtand Abel in ſeinen Schlafrock gehuͤllt da. „Randulph,“ ſagte er, ſeinen Neffen ſtrenge an⸗ blickend—„Du biſt im Begriff, zu einem Duell zu gehen. Es iſt unnuͤtz es zu laͤugnen. Ich weiß es.“ „Ich werde nicht verſuchen, es zu laͤugnen, On⸗ kel,“ ſagte Randulph.„Ja, es iſt wahr.“ „Er iſt im Begriff, zwei Duelle auszumachen, Bruder,“ ſagte Truſſell, den das Glas Branntwein kuͤhn gemacht hatte. „Zwei Duelle!“ wiederholte Abel—„dann iſt er doppelt thoͤricht— doppelt ſtrafbar. Randulph, Du biſt im Begriff, eine ſehr ſuͤndliche und thoͤrichte Hand⸗ lung zu begehen, und obgleich Du durch die Geſetze der Die Tochter des Betzigen. II. 14⁴ Ehre darin gerechtfertigt ſein magſt, ſo wie durch die Gebraͤuche der Geſellſchaft, ſo biſt Du deshalb nicht vor dem Himmel frei von Schuld.“ „Wirklich, lieber Bruder,“ ſagte Truſſell,„Du ſieh'ſt dieſe Sache viel zu ernſthaft an.“ „Nicht im geringſten,“ verſetzte Abel.„Randulph koͤnnte zuruͤcktreten, wenn er wollte. Doch er will ſich lieber an ſeinem Schoͤpfer als an den Menſchen verfuͤn— digen.“ „Onkel,“ ſagte Randulph,„ich kann jetzt nicht mit Ihnen ſtreiten; aber ich habe gute Gruͤnde zu dem, was ich thun will.“ „Keine Gruͤnde koͤnnen Blutvergießen rechtfertigen,“ entgegnete Abel finſter.„Da Du taub gegen meine Rathſchlaͤge biſt, ſo geh. Aber bedenke, welcher Schlag es fuͤr Deine Mutter ſein wird, wenn ſie bei ihrer Ankunft hoͤrt, daß ſie ihren Sohn verloren hat.“ „Ich habe daran gedacht, Onkel,“ entgegnete Randulph;„und meinem Onkel Truſſell einen Brief zuruͤckgelaſſen. Vielleicht geſtatten Sie mir, Ihnen den⸗ ſelben zu uͤbergeben.“ „Hier iſt er, Bruder,“ ſagte Truſſell, ihm den Brief einhaͤndigend.„Die Zeit draͤngt! Wir muͤſſen gehen. Wir hoffen zum Fruͤhſtuͤck wieder bei Dir zu — 211— ſein und eine froͤhliche Mahlzeit zu halten. Es thut uns leid, Dich geſtoͤrt zu haben. Guten Morgen, Bru⸗ der!“ Abel warf ihm einen ſtrengen und veraͤchtlichen Blick zu, wendete ſich dann zu Randulph, druckte ihm zaͤrt⸗ lich die Hand und ſagte: „Ich hoffe, Dich beim Fruͤhſtuͤck zu ſehen, und zwar ohne Blut auf Deiner Seele!“ Und mit dieſen Worten entfernte er ſich. „Verteufelt ungluͤcklich, daß wir ihn gerade treffen mußten!“ ſagte Truſſell mit erzwungenem Lachen, als ſie das Haus verließen.„Jukes muß etwas geargwoͤhnt und ihn geweckt haben, denn ich glaube nicht, daß er uns hat hoͤren koͤnnen.“ Randulph antwortete nicht, denn Abels letzte Worte waren tief in ſein Herz gedrungen, und ſie gingen ſchweigend auf die Treppe zu, die zum Waſſer fuͤhrte. Es war ein friſcher und ſchoͤner Morgen, obgleich die Sonne kaum aufgegangen war, und ein duͤnner ſilber⸗ artiger Nebel gleich einem Schleier uͤber der glatten Oberflaͤche des Waſſers hing. Zwei oder drei Boots⸗ leute lagen ſchlafend in den Zelten ihrer Boͤte, und ſie weckten einen davon, der ſie raſch zu dem entgegenge— ſetzten Ufer ruderte, wo ſie Herrn Hewitt trafen. Außer dem Degen an ſeiner Seite trug er noch zwei andere 14 unter dem Arm und war von einem großen ſtarken Man⸗ ne mit rothem Geſichte begleitet, der eine wohlgepuderte Perruͤcke, einen rothen Sammetrock und einen Stock mit goldenem Knopfe trug und ihnen als der Arzt Mol⸗ ſon vorgeſtellt wurde. „Sie ſehen gut aus,“ ſagte der Fechtmeiſter zu Randulph.„Folgen Sie meinen Anweiſungen, und Sie werden gewiß ſiegreich ſein.“ Dann ging die Geſellſchaft Horſeferry Road ent⸗ lang und kam bald auf dem Tothill Felde an. Sie waren die Erſten auf dem Platze, und nachdem ſich Herr Hewitt eine kurze Zeit umgeſehen hatte, entdeckte er eine Stelle, die ſehr gut zum Kampſfplatze geeignet war. Die Sonne war jetzt aufgegangen und beſtaͤtigte die Verheißung des ſchoͤnen Wetters. Von dem Kampf⸗ platze aus hatte man eine ſchoͤne Ausſicht auf die Weſt⸗ minſterabtei, die ſich uͤber eine Reihe niedriger Woh— nungen erhob. Eine Schaar kraͤchzender Dohlen wir— beite in der ſonnigen Luft um die Thuͤrme derſelben. Eine ſtillere und ſchoͤnere Scene konnte man ſich nicht vorſtellen. Randulph's Betrachtungen wurden durch die Ankunft von zwei Maͤnnern unterbrochen, die ſich als Sir Norfolk Salusbury und Cordwell Firebras auswie— ſen. Sir Norfolk verbeugte ſich ſteif gegen Randulph, ſo wie auch gegen Truſſell, und als er ſah, daß der — 213— Stutzer noch nicht angekommen war, ſagte er zu dem Erſteren: „Da ich zuerſt auf dem Platze bin, habe ich auch Anſpruch auf den erſten Kampf.“ „Es thut mir leid, Ihnen nicht willfahren zu koͤn⸗ nen, Sir Norfolk,“ verſetzte Randulph,„denn ich muß nothwendig Villiers den Vorrang geben.“ „Gut, wie Sie wollen, Herr,“ ſagte der Baro⸗ net, auf die Seite tretend. Cordwell Firebras naͤherte ſich dann Randulph. „Ich bin hier als Sir Norfolk's Secundant,“ ſagte er;„doch ich hoffe, die ganze Sache wird nur dazu dienen, Ihnen Beiden vor dem Fruͤhſtuͤck eine kleine Bewegung zu machen. Es iſt ein thoͤrichter Streit. Wir muͤſſen auch gleich von Villiers' Entfuͤhrungsver⸗ ſuch reden. Aber hier iſt er.“ Als er ſprach, ſah man zwei Saͤnften vom andern Ende des Feldes herkommen. Als ſie ſich der Geſell⸗ ſchaft bis auf hundert Schritt genaͤhert hatten, hielten ſie an, und aus der erſten ſtieg Villiers und aus der andern Sir Bulkeley Price. Cripps ging neben der Saͤnfte ſeines Herrn her und trug eine Waſſerflaſche und ein Glas. Die Ankommenden naͤherten ſich lang⸗ ſam der Geſellſchaft, und nachdem Villiers ſich hochmuͤ⸗ thig gegen Randulph verbeugt hatte, begruͤßte er mit Anſtand die uͤbrige Geſellſchaft. „Warten wir noch auf etwas, meine Herren?“ fragte er. „Auf nichts,“ verſetzte Truſſell;„wir ſind alle bereit.“ „Dann zum Geſchaͤft,“ entgegnete der Stutzer. Auf einen Wink ſeines Herrn naͤherte ſich Cripps, nahm ſeinen Stock an und zog ihm den Rock aus, ſo daß er in einer Weſte von geſtreiftem Seidenzeug mit Aermeln von demſelben Stoffe daſtand. Randulph warf inzwiſchen auch ſeinen Rock ab und ſtreifte den Hemds— aͤrmel ſeines rechten Armes auf. Hewitt trat dann zu ihm und reichte ihm den verſprochenen deutſchen Degen, waͤhrend Villiers eine vortreffliche Klinge von ſeinem Diener empfing. Als dieſe Vorbereitungen getroffen wa⸗ ren, traten die Secundanten und Zuſchaur einige Schritte zuruͤck, Truſſell, Firebras und Hewitt auf die eine und die beiden Baronets auf die andere Seite, waͤhrend der Arzt und Cripps etwas weiter in den Hintergrund traten. Die Kaͤmpfer naͤherten ſich und begruͤßten einander. Im nachſten Augenblick beruͤhrten ſich ihre Klingen, und es wurden einige raſche Gaͤnge gemacht. Die Zuſchauer beobachteten den Kampf mit dem groͤßten Intereſſe, denn Beide ſchienen einander voͤllig gleich, und des W Stutzers groͤßere Geſchicklichkeit wurde durch Randulph's außerordentliche Kraft und Schnelligkeit ausgeglichen. Von beiden Seiten wurden Stoͤße gewechſelt und pa⸗ rirt, aber keiner verwundet, bis Randulph ſeinen Geg— ner mit hoher Spitze in der Terzparade liegen ſah, mit großer Feſtigkeit Quart uͤberm Arm ſtieß und mit der Degenſpitze den fleiſchigen Theil der Schulter ſeines Geg⸗ ners durchbohrte. Bei dieſem erfolgreichen Stoß ſpran— gen die Secundanten zu, doch ehe ſie die Stelle erreich⸗ ten, fiel dem Stutzer der Degen aus der Hand. „Es iſt nichts,“ ſagte Villiers, ſich dem Arzte uͤbergebend, der gleichfalls herbeieilte,„aber ich bekenne, daß ich beſiegt bin.“ Waͤhrend die Wunde des Stutzers von dem Arzte verbunden und er von Cripps zu der Saͤnfte gefuͤhrt wurde, trat Sir Norfolk Salusbury, der ein aufmerk⸗ ſamer Zuſchauer bei dem Kampfe geweſen war, auf Randulph zu und ſagte zu ihm: „Welches auch der Ausgang unſeres Zweikampfes ſein moͤge, Herr Crew, ſo muß ich doch erklaͤren, daß Sie ſich in dem eben ſtattgefundenen Kampfe wie ein Mann von Ehre und Geiſt benommen haben.“ „Es iſt mir lieb, dies von Ihnen zu hoͤren, Sir Norfolk,“ verſetzte Randulph mit einer Verbeugung. „Bitte, beeilen Sie ſich meinetwegen nicht,“ ſagte der Baronet hoͤflich. „Ich bin voͤllig bereit fuͤr Sie,“ verſetzte Ran⸗ dulph.„Was ich eben gethan, hat nur dazu gedient, meine Nerven zu ſtählen.“ Mit Firebras' Beiſtand, der zu ihm heruͤberkam, legte Sir Norfolk dann ſeinen Rock, ſeine Weſte und ſein Hemd ab, und ſah jetzt ſo ſeltſam aus, daß Ran⸗ dulph kaum ein Laͤcheln unterdruͤcken konnte. Die erſte Handlung des ſcrupuloͤſen alten Ritters war, Herrn He⸗ witt ſeinen Degen zu uberreichen, der ihn mit Randulphs Degen maß und fand, daß er um zwei Zoll länger war. Er gab ihm daher einen von ſeinen eigenen Degenz Norfolk trat mit dem rechten Fuße auf den Boden und bat ſeinen jugendlichen Gegner, naͤher zu kommen. Nachdem ſie die Begruͤßungen mit der groͤßten Formali— taͤt durchgemacht, begannen ſie den Kampf mit der aͤu⸗ ßerſten Vorſicht. Sir Norfolk begnuͤgte ſich faſt allein damit, die Stoͤße zu pariren, die auf ihn gefuͤhrt wur— den. Randulph fand bald, daß er es mit einem furcht⸗ baren Gegner zu thun hahe, aͤnderte ſeinen Plan und verſuchte, ihn zum Angriff zu noͤthigen. Er machte mit großer Geſchicklichkeit mehrere Finten und beruͤhrte bei einer innern Quart die Bruſt ſeines Gegners, ſo daß etwas Blut floß. Jetzt wurde der alte Baronet leben⸗ dig und war jetzt der Angreifende. Er drang mit ſol— cher Heftigkeit und Wuth auf Randulph ein, daß er ihn mehrere Schritte zuruͤcktrieb. Der junge Mann er⸗ wiederte den Angriff und draͤngte ebenfalls auf ſeinen Gegner los, ſo daß er ſeine Stellung wieder gewann; ——— — doch waͤhrend er eine Quart ſtieß, umging der Baronet ſeinen Degen und verſetzte ihm eine tiefe Wunde in die Seite unterhalb des Ellbogens. Durch den Schmerz faſt wahnſinnig gemacht, fuhr Randulph fort verzwei— felt zu fechten, doch die Secundanten ſtuͤrzten zwiſchen die Kaͤmpfenden, hielten ihre Degen vor und erklaͤrten, der Zwrikampf muͤſſe enden, und Sir Norfolk ſei der Sieger. Der Baronet ließ ſogleich ſeinen Degen ſinken, und Randulph, deſſen Kraͤfte raſch abnahmen, fiel be⸗ wußtlos zu Boden. Ende des zweiten Bandes. c— In demſelben Verlage ſind erſchienen, und durch alle Buchhandlungen Deutſchlands zu beziehen: Afzelius, A., Schwedens Volksſagen. Aus dem Schwe⸗ diſchen von Dr. Ungewitter, mit Vorwort von Ludw. Tieck. 3 Baͤnde. 3 Thlr. 12 gGr. Arlincourt, Vicomte d', Ida und Natalie. Aus dem Franzoſ. v. W. L. Weſché. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 6 9Gr. Azeglio, M., Niccolo de' Lapi, oder die Palleschi und Piagnoni. Aus dem Italien. von Rud. von Langenn. 5 4 Baͤnde. 4 Thlr. Bauer, Generalin. Das Ehrenfraͤulein. Hiſtor. Ro⸗ man(1572, Bartholomäusnacht). Aus dem Franzoſ. von Fanny Tarnow. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 18 gGr. Beauvoir, R. v., die Lescombat(bekannte Giftmiſche⸗ rin). Aus dem Franzöſ. von W. L. Weſché. 2 Bde. 2 Thlr. 6 gGr. Berthet, das Thal von Andorra. Aus dem Franz. von Fanny Tarnow. 1 Thlr. 6 gGr. Bodin, C., Laura. Aus dem Franz. von Fanny Tarnow. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 6 gGr. Briſſet, der Balafré. Aus dem Franz. von Fanny Tar⸗ now. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 18 gGr. —— Colet, L., die Jugend Mirabeau's. Aus dem Franz. von Emilie Wille. 1 Thlr. 3 gGr. Corbière, die Martin⸗Vaz⸗Inſeln. Seeroman. Aus dem Franz. von Ferd. Heine. 2 Baͤnde. 3 Thlr. Coſtello, der Giftmiſcher der Koͤnigin. Hiſtor. Roman. Aus dem Engliſchen von W. A. Lindau. 3 Baͤnde. 4 Thlr. Dumas, Alex., Jeanne d'Arc, die Jungfrau von Or⸗ leans. Aus dem Franzoſ. von W. L. Weſché. 1 Thlr. 9 gGr. Emma's Herz. Aus dem Schwediſchen von Carl Eichel. 2 Baͤnde. 3 Thlr. 8 gGr. Extreme, die, vom Verfaſſer einer Alltagsgeſchichte. Aus dem Daͤniſchen von Auguſt v. Keltſch. 1 Thlr. 1296Gr. Flygare⸗Carlén, E., Guſt. Lindorm. Aus dem Schwe⸗ diſchen v. C. B. 3 Baͤnde. 3 Thlr. 8 gGr. —— der Profeſſor und ſeine Schuͤtzlinge. Aus dem Schwed. von C. B. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 12 gGr. Gonzales, die Kuͤſtenbruͤder. Hiſtor. Roman. Aus dem Franz. von W. L. Weſché. 2 Bände. 2 Thlr. 6 gGr. Gottis, Taſſo und die Prinzeſſin Eleonore von Eſte. Hi⸗ ſtor. Roman. Aus dem Franz. von Emilie Wille. 2 Bde. 2 Thlr. 12 Gr. Gozlan, L., ein verkannter Moͤnch des l6ten Jahrhun⸗ derts.(Martin Luther.) Aus dem Franz. von Emilie Wille. 21 9Gr. Herrmann. Novelle von C. H. Aus dem Schwed. von Dr. Ungewitter. 1 Thlr. 6 gGr. Hilaire, M. de St., die Adjudanten Napoleons. Aus dem Franz. von Dr. H. Franke. 2 Baͤnde. 2 Thlr. Hilaire, M. de St., das Hotel der Invaliden. Aus dem Franz. von Pr. H. Franke. 2 Baͤnde. 2 Thlr. Hoffmann, C. O., umriſſe und Skizzen. Novellen und Erzaͤhlungen. 1 Thlr. Jacob, P., die Graͤfin von Choiſeul-Praslin. Eine wahre Begebenheit aus der Zeit Ludwigs XV. Aus dem Franz. von Emilie Wille. 2 Thle. 2 Thlr. 6 gGr. James, G. P. R., Frankreich vor der Revolution. Hi⸗ ſtor. Roman. Aus dem Engliſchen von Dr. E. Suſe⸗ mihl. 3 Bände. 3 Thlr. 18 ghr. —— die Jacquerie, oder die Dame und der Page. Ro⸗ man. Aus dem Engl. von Dr. Suſemihl. 3 Baͤnde. 3 Thlr. 16 gGr. —— WMorley Ernſtein. Roman. Aus dem Engliſchen von Dr. Suſemihl. 3 Baͤnde. 4 Thlr. Knorring, Gräfin, Skizzen. Aus dem Schwediſch. von C. Eichel. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 6 gGr. —— Tante Lisbeths neunzehntes Teſtament. Fortſetzung von„Axel“. Aus dem Schwediſchen von C. Eichel. 1 Thlr. 6 gGr. Leibrock, A., die verrufene Kloſterruine in Valencia. Romant. Gemaͤlde aus der neueſten Zeit. 2 Bände. 2 Thlr. 6 gGr. —— die Wittwen und ihre Pflegekinder; oder der Ent⸗ erbte. Familiengeſchichte. 2 Bde. 2 Thlr. 12 gGr. Licht und Schatten aus dem Leben. Erzählungen vom Verfaſſer des Romans Heliodora. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 6 gGr. Maſſon, M., Erinnerungen eines Mannes aus dem Volk. Aus dem Franzoſ. von L. von Alvensleben. Ster Band. (Schluß) 1 Thlr. 12 9Gr. —— Baſilius. Hiſtor. Roman. Aus dem Franzoſ. von W. L. Weſché. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 18 gGr. Mellin, G. H., Schwedens Schutzgeiſt wacht noch. Ro⸗ mantiſche Scenen aus des Prinzen von Ponte-Corvo Feldzuge gegen Schweden. Aus dem Schwediſchen. 1 Thlr. 3 gGr. Muſſet, der letzte Herzog von Guiſe. Frei nach dem Fran⸗ zoſ. von Ottob. Werner. 1 Thlr. Pitre⸗Chevalier, Michel Columb, der Bildhauer. Hi⸗ ſtor. Roman aus der Zeit der Regierung Karls VIII. und Ludwigs Xll. Aus dem Franzoſ. von W. L. We⸗ ſché. 2 Baͤnde. 2 Thlr. 12 gGr. —— Johanna von Montfort. Hiſtor. Roman aus der Zeit der Regierung Philipps von Valois. Aus dem Franz. von W. L. Weſché. 2 Bde. 2 Thlr. 12 gGr. —— Manuela Avilez(aus Brune et Blonde). Aus dem Franz. von Fanny Tarnow. 1 Thlr. 9 gGr. Quillinan, E., Liebe und Krieg, oder Romantik des Soldatenlebens. Aus dem Engliſchen von Amalie Win⸗ ter. 3 Baͤnde. 3 Thlr. Rudolphi, J., Valerie. Novelle. 1 Thlr. 9 gGr. Schilderungen aus dem Geſellſchaftsleben. Aus dem Schwediſchen von C. Eichel. 1 Thlr. 9 gGr. Schwediſche Erzählungen. Vom Verfaſſer des Romans Heliodora. 1 Thlr. 12 gGr. 8 — — 2 — 0 5 . 8 8 — ẽ 8 § — 5 8 * — 6 — — —— —4.