——— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Cdnard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. — ceih- und eſebedingungen. 1. Qenbein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ en angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: 5 für uchentlich 2Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————————— i Penati Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. . der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 66. Schadenersatz. 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In einem großen, oden, altmodiſchen Hauſe an der Ecke von Little Sanctuary in Weſtminſter, der Abtei ge⸗ genuͤber, wohnte im Jahre 1744 ein Mann Namens Scarve. Wegen ſeiner außerordentlich kargen Lebensweiſe wurde ſein Name in Starve(Hungerleider) abgeaͤndert, und ſeine Nachbarn nannten ihn gewoͤhnlich nicht anders als Herr Starve. Faſt Keiner von denen, die ihn ſo nannten, wußte viel von ihm, da es Keinem geſtattet war, üͤber ſeine Schwelle zu treten; doch ſchon das Aeußere ſeiner Wohnung deutete ſeine ſparſame Lebensweiſe an. Viele von den Fenſtern in den obern Stockwerken, welche letztere, wie es gewoͤhnlich bei Wohnungen aus jener Zeit der Fall iſt, weit uͤber die untern Stockwerke hinausgin⸗ gen, waren mit Brettern vernagelt, und die, welche man 1* — nicht auf dieſe Weiſe verſchloſſen hatte, waren ſo dicht mit Staub und Schmutz bedeckt, daß es unmoͤglich war, ir⸗ gend einen Gegenſtand durch dieſelben zu unterſcheiden. Viele Theile des Hauſes waren in baufälligem Zuſtande, und wo der Verfall nicht gefaͤhrlich war, ließ man ſie ſo; wo aber einige Ausbeſſerungen durchaus noͤthig waren, um das Gebaͤude zuſammen zu halten, wurden dieſelben auf die raſcheſte und wohlfeilſte Art vorgenommen. Das Portal allein behielt ſeine urſpruͤngliche Geſtalt. Es ragte weit über die Thuͤr hinaus und war mit dem Wappen ei⸗ nes fruͤheren Beſitzers verſehen, mit ſtark hervorſpringen⸗ dem Schnitzwerk in Eichenholz verziert, und von zwei ſchoͤn gearbeiteten weiblichen Figuren getragen. Alle un⸗ tern Fenſter waren mit ſtarken Gittern verſehen und gleich den obern mit jahrelang angehaͤuftem Staube geſchwaͤrzt. Die Thuͤr war ſelbſt zur Tageszeit beſtändig verriegelt, und das ganze Gebaͤude hatte ein ödes, unheimliches und gefaͤngnißartiges Anſehen. Scarve's Nachbar gegenuͤber, der ſo neugierig war, wie es Nachbarn gewoͤhnlich ſind, und der ein Seiden— haͤndler Namens Deacle war, pflegte mit ſeiner Frau und Tochter, die ebenſo neugierig waren, wie er ſelber, Stun⸗ den damit hinzubringen, um zu entdecken, was in der Wohnung des Geizigen vorgehe. Doch ihre Neugierde wurde ſelten eder nie befriedigt, außer wenn ſie gelegent⸗ lich ein Mitglied der Familie ausgehen oder zuruͤckkehren ſahen. Ein anderer Beobachter der geheimnißvollen Woh⸗ nung war Peter Pokerich, ein junger Barbier und Fri⸗ ſeur, der das Haus neben dem Seidenhaͤndler einnahm, deſſen Beweggruͤnde aber nicht gleich denen der Andern — — —5 aus Neugierde entſprangen. Peter Pokerich, der ein Jahr zuvor ſeine Lehrzeit beendet, hatte ſich zu jener Zeit in Little Sanctuary niedergelaſſen und ſein Geſchaft war ſchon in gutem Gange, da er die Peruͤcken der Rechtsge⸗ lehrten zu friſiren hatte, welche Weſtminſter Hall beſuch⸗ ten. Er war ein huͤbſches, gewandtes Kerlchen mit keiner geringen Meinung von ſich ſelber, ſowohl in geiſtiger als perſoͤnlicher Hinſicht, und da er entſchloſſen war, ſein Gluͤck bei dem ſchoͤnen Geſchlecht zu verſuchen, ſo hatte er anfangs der Tochter des Seidenhaͤndlers, Thomaſine oder Tommy, wie ſie im vertrauten Umgange genannt wurde, den Hof gemacht; und ſeine Aufmerkſamkeiten, wie ſehr deutlich war, wurden nicht ganz unannehmlich gefun⸗ den. Doch gerade als er im Begriff war, ſich zu erklaͤ⸗ ren und um die Hand der ſchoͤnen Thomaſine anzuhalten, ohne an einen Abſchlag zu denken, ſah er zufaͤllig Hil⸗ da Scarve, die Tochter des Geizigen, und da ihre Schoͤn⸗ heit, die in der That hinreißend genug war, um ſelbſt eine kaͤltere Bruſt als die des Barbiers zu ruͤhren, ſein leicht zu entzuͤckendes Herz in Flammen ſetzte, ſo wurde er von dort an ihr Sclave und konmte die gelben Locken, die nuß⸗ braunen Augen, die runden Wangen unb die wohlbeleibte kleine Geſtalt der ſchoͤnen Thomaſine nicht mehr leiden, die ihm einſt ſo anziehend erſchienen waren. Eine andere Ruͤckſicht war auch nicht ohne Gewicht, um in der Schale ſeiner Neigung den Ausſchlag zu geben. Hilda's Vater beſaß, wie man ſagte, unermeßliche Reichthuͤmer; ſie war ſein einziges Kind, wenigſtens hieß es allgemein ſo, und ſie war natuͤrlich die Erbin ſeiner ungeheuren Schaͤtze; und da er uͤberdies ein alter Mann war, ſo konnte es dem — Lauf der Natur nach nicht ſehr lange waͤhren, bis das Erbe an ſie kommen mußte. Dieſe Ruͤckſicht beſtimmte Peter zu Gunſt der Tochter des Geizigen, und um einen Blick von ihr zu erhaſchen, beobachtete er beſtändig ihres Vaters Wohnung. Die vorher erwahnten Ausbeſſerungen wurden von Jacob Poſt, dem Diener des Geizigen vorgenommen, der bei dieſer Gelegenheit uͤber die Straße ging, um von Herrn Deacle eine Leiter zu borgen. Aus beſondern Gruͤn⸗ den erfuͤllte der Seidenhaͤndler ſogleich dieſe Bitte, und als Jacobs Werk beendet war, und er die Leiter zuruͤck⸗ brachte, wurde er von dem Beſitzer derſelben in ſein Hin⸗ terzimmer gefuͤhrt, wo Miſtreß Deacle und die ſchoͤne Thomaſine ſaßen, und wo ein gutes Mahl aufgetragen wurde. Eine Schuͤſſel mit kaltem Rindfleiſch wurde ihm zunächſt angeboten, und er leerte dieſelbe in unbegreiflich kurzer Zeit. Die Schuͤſſel wurde wieder gefuͤllt und wie⸗ der geleert, und da ſein Appetit keineswegs geſtillt zu ſein ſchien, und das Fleiſch beinahe bis auf die Knochen ver⸗ zehrt war, ſetzte man ihm ein großes Stuͤck von einer Pa⸗ ſtete in einer braunen irdenen Schuͤſſel vor. Zum Er⸗ ſtaunen der Geſellſchaft wurde er bald damit fertig. Da die Fleiſchſpeiſen niedergeſpuͤlt werden mußten, ſo nahm Deacle einen Bierkrug, der an einer Ecke des Tiſches ſtand, ſchenkte ein großes ſchaͤumendes Glas ein und bot es ſeinem Gaſte an, indem er zugleich ſeiner Frau zu⸗ winkte, als wollte er ſagen:„Jetzt haben wir ihn.“ Ob Jacob den Wink bemerkte oder nicht, iſt gleichguͤltig. Er nahm das Glas, leerte es bis auf den letzten Tropfen und ſprang auf. ½ —— Figur, welche er jetzt ſpielte, war ſo lächerlich, daß „Wie, Deacle. „Ja, das will ich,“ entgegnete Jacob mit tiefer, rauher Stimme. „Ei, warten Sie noch ein wenig, ich habe Ihnen noch etwas zu ſagen,“ verſetzte Deacle. „Mein Herr wird ſich wundern, was ich hier ſo lange thue,“ ſagte Jacob.„Er ſah mich mit der Leiter heruͤbergehen.“ „Das haͤtten Sie bedenken ſollen, ehe Sie ſich nie⸗ derſetzten,“ ſagte Miſtreß Deacle etwas ſpoͤttiſch.„Wenn Du noch einen Krug Bier abzapfen willſt, mein Lieber, ſo glaube ich, wuͤrde Jacob dem Unwillen ſeines Herrn troz⸗ zen und noch einige Minuten länger dableiben.“ „Nein, das wuͤrde ich nicht,“ entgegnete Jacob mit bedeutungsvollem Blicke nach dem Bierkruge.„Nein, das wuͤrde ich nicht,“ ſetzte er mit ſanfterer Stimme Sie wollen doch nicht ſchon gehen?“ rief hinzu. „Stelle ihn auf die Probe,“ fluͤſterte Miſtreß Deacle ihrem Manne zu. Deacle benutzte den Wink, nahm den Krug, winkte ſeiner Frau zu und oͤffnete eine Seitenthuͤr, die zum Kel⸗ ler fuͤhrte. Mit wahrhaft weiblichem Takt hatte Miſtreß Deacle Jacobs ſchwache Seite gemerkt. Er ſchien bezau⸗ bert. Die Verſuchung des zweiten Bierkruges war un⸗ widerſtehlich. Er kratzte die Stirn mit ſeinem großen Daumennagel, ſchob die kleine Peruͤcke, die den obern Theil ſeines Kopfes bedeckte noch hoͤher, nnd blickte nach der Thuͤr, verſuchte aber nicht, ſich zu entfernen. Die beide Damen in lautes Gelaͤchter ausbrachen. Nicht im Geringſten in Verlegenheit, behauptete Jacob ſeine Stel— lung und ſah ſie mit ſo finſteren Blicken an, daß ihre Froͤhlichkeit ſogleich aufhoͤrte. Das Furchtbare in Jacobs Aeußern hatte das Uebergewicht uͤber das Lächerliche. Er war ſechs Fuß zwei Zoll hoch, mit einer großen Fleiſch⸗ maſſe und ungeheuren Knochen verſehen, und hatte unge— heure Haͤnde und Fuͤße. Obgleich ſeine Kniee etwas ein⸗ waͤrts gebogen waren, ſo hielt er ſich doch ſo gerade, wie ein alter Soldat. Er hatte einen ſchwarzen Bart und ei⸗ nen breiten Mund, der mit ſcharfen weißen Zäͤhnen ver⸗ ſehen war, deren Fähigkeit er eben genuͤgend bewieſen. Außerdem hatte er dichte ſchwarze Augenbrauen und eine ungeheure Naſe, deren Ende ein wenig in die Maulbeer⸗ farbe uͤberging. Er trug einen alten grauen Rock, nach dem Schnitt, der etwa zwanzig Jahre fruͤher Mode ge⸗ weſen, mit einer Reihe großer ſtählerner Knoͤpfe, und ob⸗ gleich das Kleid ihm nur bis an die Kniee reichte, ſo war es doch ſeinem erſten Beſitzer bis an die Knoͤchel gegangen. Seine Weſte war von demſelben Stoff und dem Anſchei⸗ ne nach aus derſelben Periode. Er hatte ein Halstuch um, welches im Vergleich zu ſeinem ſchwärzlichen Kinn weiß ausſah. Er beſaß große koͤrperliche Kräfte und man ſag⸗ te, er habe einſt drei Diebe in die Flucht gejagt, die es in einer Nacht gewagt, in das Haus ſeines Herrn einzubre— chen. Man glaubte, daß der Gehhals ihn mehr zu ſeiner Vertheidigung als zu andern Dienſten halte, und man ſagte, daß, wenn Leute von verdaͤchtigem Charakter zu Herrn Scarve kamen, um Geld zu borgen, Jacob beſtän⸗ dig auf der Wache ſtehe. — — — —— Jetzt kam der Seidenhändler mit dem Kruge zuruͤck, deſſen ſchäumende Oberflaͤche machte, daß Jacob die Lip⸗ pen ableckte. Als Deacle dieſe Wirkung bemerkte, laͤchelte er ſchlau. „Aha! Jacob,“ ſagte er, indem er einen mitleidigen Ton annahm,„ich fuͤrchte, Sie bekommen nicht viel ſol⸗ ches Getraͤnk bei Ihrem Herrn. Er braut nicht allzu⸗ ſtark— nicht zu viel Malz und Hopfen, he?“ „Das iſt wahr genug, Herr,“ verſetzte Jacob muͤr⸗ riſch. „Bekommen Sie denn uberhaupt Ale, Jacob?“ fragte Miſtreß Deacle. „Nein!“ erwiederte Jacob in ſo heftigem Tone, daß die gute Dame erſchrak, und die ſchoͤne Thomaſine einen Schrei ausſtieß. „O Himmel!“ rief Miſtreß Deacle,„wie hat der Menſch mich erſchreckt. So bekommen Sie alſo kein Ale — Jacob ſchuͤttelte den Kopf—„auch kein Duͤnnbier—“ eine zweite Verneinung—„und was trinken Sie denn, da von Wein und andern geiſtigen Getränken keine Rede ſein kann.“ „Ingwerbier,“ verſetzte Jacob,„und davon noch wenig genug.“ „Das glaube ich wohl,“ ſagte Deacle liſtig.„Ei, Freund Jacob, das mag gut genug ſein für Ihren Herrn, aber nicht fuͤr Sie. Ihre Naſe wuͤrde dei ſo duͤnnen Ge⸗ traͤnk nicht ihre ſchoͤne Farbe behalten.“ Ein ſeltſames Lächeln zog uͤber Jacob's Geſicht, und er beruͤhrte ſeine Naſe mit dem Finger. „Ich verſtehe,“ verſetzte ber Seidenhaͤndler mit den —— Augen blinzelnd.„Sie halten ſich einen Privatkeller, he? Ganz recht, Jacob. Auch eine Privatſpeiſekammer, ſollte ich denken. Sie konnten auch nicht von dem leben, was Herr Starve— Herr Scarve wollte ich ſagen— Ihnen gibt. Unmöglich, Jacob, unmoͤglich. Trinken Sie noch ein Glas, Jacob, Ihr Herr muß ſehr reich ſein, he?“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte Jacob, nachdem er das Glas geleert;„er lebt nicht wie ein reicher Mann.“ „Darin bin ich nicht Ihrer Meinung, Jacob;“ ent⸗ gegnete der Seidenhaͤndler;„er lebt wie ein Geizhals und die Geizhälſe ſind ſtets reich.“ „Kann wohl ſein,“ erwiederte Jacob ſich wegwen⸗ dend. „Halt, halt, rief der Kraͤmer,„Sie muͤſſen erſt die⸗ ſen Krug leeren, ehe Sie gehen. Sind Sie der einzige Diener im Hauſe?“ „Der einzige maͤnnliche Diener,“ entgegnete Jacob mit einem Ausdruck, als ob ihm die Frage nicht recht ge⸗ falle;„doch zuweilen kommt eine Scheuerfrau und alles Uebrige thun die beiden Damen ſelber.“ „Selber!“ rief Miſtreß Deacle.„Wie ſchrecklich!“ „Schrecklich, in der That!“ wiederholte Thomaſfine mit einem theatraliſchen Ausdruck des Abſcheues. Ich moͤchte wohl einmal das Innere von dem Hauſe Ihres Herrn ſehen, Jacob,“ fuhr Miſtreß Deacle fort. „Sie wuͤrden nicht wuͤnſchen, den Beſuch zu wieder⸗ 1 holen, Madame, wenn Sie einmal dort geweſen,“ ant— wortete er trocken. „Ich hoffe der Geizhals behandelt doch ſeine Tochter nicht ſchlecht,“ ſagte Thomaſine.„Das arme Weſen! ———————— — Wie großes Mitleid habe ich mit ihr. Ein ſo liebli⸗ ches Geſchoͤpf, und ſie hat einen ſolchen Tyrannen zum Vater.“ „Sie wird nicht uͤbel behandelt, Miß,“ erwiederte Jacob muͤrriſch;„und ſie iſt nicht ſo ſehr zu bedauern, wie Sie glauben; auch iſt mein Herr keinesweges ein Ty⸗ rann, Miß.“ „Werden Sie nicht boͤſe, Jacob,“ fiel der Seiden⸗ händler ein, indem er ein Glas vollſchenkte und ihm hin⸗ reichte.„Die Weiber glauben immer von ihren Vätern, ihren Männern oder Bruͤdern uͤbel behandelt zu werden — nur nicht von ihren Liebhabern; nicht wahr, Ja⸗ cob?“ „Von mir, mein Lieber, kann gewiß Niemand ſagen, daß ich mich beklage,“ ſagte Miſtreß Deacle. „Auch von mir nicht, Vater,“ ſetzte Thomaſine hin⸗ zu;„und was die Liebhaber betrifft, ſo weiß ich nichts davon, und wuͤnſche auch nichts davon zu wiſſen.“ „Mein Seel! wie Ihr auch gleich Alles auf die Spitze ſtellt,“ entgegnete Deacle heftig.„Kein Menſch ſagt, daß eine von Euch ſich beklagt.— Die alte Dame, Jacob, die ich immer mit der Tochter ihres Herrn ſehe, kann doch nicht ihre Mutter ſein?“ „Sie iſt ihre Tante,“ entgegnete Jacob. „Von vaͤterlicher Seite?“ „Von muͤtterlicher.“ „Das dachte ich mir. Und ihr Name?“ Jacob ſah aus, als wollte er ſagen:„Was geht Sie das an?“ Doch er antwortete:„Miſtreß Clinton.“ „Sie werden mich fuͤr ſehr neugierig halten, Jacob,“ fuhr der Kraämer fort;„doch ich moͤchte gerne den Na⸗ men der Tochter Ihres Herrn wiſſen, wie heißt ſie?“ „Hilda,“ antwortete Jacob. „Hilda! mein Seel! ein ſehr ſeltſamer Name,“ rief Miſtreß Deacle. 1„Seltſam freilich, aber ſehr lieblich,“ ſeufzte Tho⸗ maſine. „Wahrſcheinlich ein Familienname,“ ſagte der Kraͤ⸗ mer.„Miß Hilda iſt gewiß ein ſehr reizendes Weſen, nicht wahr, Jacob?“ „Sie iſt reizend,“ wiederholte Jacob mit Nachdruck. „Wohl nicht immer beſonders huͤbſch angezogen,“ murmelte der Krämer, als ſpraͤche er mit ſich ſelber und ſetzte dann laut hinzu:„Sie iſt eine gute Partie, Jacob — eine ſehr gute Partie, und wahrſcheinlich iſt ſie ſchon verſagt, oder hat einen Liebhaber, he?“ „Nein,“ antwortete Jacob,„wenn es nicht vielleicht Ihr naͤchſter Nachbar der Barbier Peter Pokerich iſt.“ Und er brach in ein lautes Gelächter aus. „Peter Pokerich!“ ſchrie Thomaſine, indem ſie auf⸗ ſprang und einen troſtloſen Ausdtuck annahm. „Gott ſei uns gnaͤdig! Was haſt Du vor, Tom⸗ my?“ rief der Krämer erſtaunt. „Frage mich nicht, Vater,“ entgegnete die junge Dame, nach Luft ſchnappend gleich einer tragiſchen Schau⸗ ſpielerin, und mit der Hand uͤber die Stirn fahrend, als wollte ſie das Haar wegſtreichen, obgleich ihre nußbraunen Locken zierlich unter einer huͤbſchen Muͤtze geordnet waren. „Sagen Sie mir, Jacob,“ ſetzte ſie ſeinen Arm ergrei⸗ fend, hinzu,„iſt mein— iſt Peter— iſt er Hilda Scar⸗ — —— ve's Liebhaber?— Hat er ſeine Leidenſchaft erklaͤrt?— Iſt er angenommen?— Sagen Sie mir Alles, Jacob; und welche Anſtrengung es mich auch koſten mag— ich will es ertragen.“ „Ich kann nichts weiter daruͤber ſagen,“ verſetzte Ja⸗ cob, der dieſe leidenſchaftliche und ruͤhrende Anrede mit un⸗ erſchuͤtterlicher Ruhe angehoͤrt hatte,„als daß er ſich ſeit Kurzem hat einfallen laſſen, Miß Hilda zu folgen, wenn ſie mit ihrer Tante ausgeht.“ „Er hat aber nicht gewagt, ſie anzureden, Jacob?“ rief Thomaſine athemlos. „Erſt vor einigen Tagen,“ verſetzte Jacob,„und da hielt er ſie auf, als ſie gerade ins Haus treten wollte. — Gluͤcklicherweiſe war ich zugegen und gab ihm einen klei⸗ nen Vorgeſchmack von meinem Pruͤgel, deſſen er ſich ge⸗ wiß erinnern wird.“ „Gepruͤgelt!— Peter falſch und gepruͤgelt!— Grau⸗ ſamer und doch guͤtiger Jacob!“ rief Thomaſine ſeinen Arm loslaſſend und zuruͤcktaumelnd.„Es iſt zuviel— halte mich, Mutter!“ „Was iſt Dir, Tommy?“ rief der Krämer,„wirſt Du wahnſinnig?“ „Hole Ratafia, mein Lieber, und frage nicht,“ ver⸗ ſetzte ſeine Frau.„Siehſt Du nicht, daß hier eine gehei⸗ me Neigung obwaltet?“ ſetzte ſie in leiſem Tone hinzu. „Jener liſtige kleine Barbier hat ein falſches Spiel mit ihr geſpielt. Aber ich will ihn ſchon zur Vernunft brin⸗ gen, dafuͤr ſtehe ich. Das arme Ding! Sie iſt gerade in demſelben Zuſtande, worin ich war, als ich hoͤrte, daß Du mit Deiner Couſine Sally auf den Jahrmarkt nach Stourbridge gegangen waͤreſt. Schnell, ſchnell den Ra⸗ tafia!“ Der Krämer oͤffnete einen Wandſchrank, nahm das Staͤrkungsmittel heraus und gab es ſeiner Frau. Dann winkte er Jacob ihm zu folgen, und eilte ſo ungeſtuͤm aus dem Zimmer, daß er eine Perſon umſtieß, die an der Thuͤr horchte, und die Niemand anders war als Peter Pokerich. „Was! Sie hier, Herr!“ rief Deacle erſtaunt. „Dann haben Sie gehoͤrt, was vorgegangen. Gehen Sie augenblicklich hinein und beruhigen Sie meine Tochter.“ „Wenn er nicht will, ſo ſoll er noch einmal meinen Pruͤgel koſten,“ ſagte Jacob. „Aber es wuͤrde ſehr unſchicklich fuͤr mich ſein, jetzt hineinzugehen, Herr Deacle,“ ſagte Peter dagegen. „Nicht unſchicklicher als an der Thuͤr zu horchen,“ entgegnete der Kräͤmer.„Gehen Sie augenblicklich hin⸗ ein, Herr!“ „Ja, gehen Sie,“ ſetzte Jacob hinzu. Da Peter ſah, daß aller Widerſtand vergebens ſei, ſo offnete er die Thuͤr und ſchluͤpfte hinein. Ein erſtickter Schrei und ein hyſteriſches Lachen folgten ſeinem Eintritt. Der Kraͤmer begleitete Jacob bis zur Hausthuͤr und als er durch den Laden ging, machte er ihn auf verſchie⸗ dene reiche Stoffe aufmerkſam. „Ich wollte, ich koͤnnte ihre junge Herrin bewegen, hieher zu kommen und meine Auswahl von ſeidenen Stof⸗ fen anzuſehen,“ ſagte er.„Ich kann wohl ſagen, daß es die beſte Auswahl in der ganzen Stadt iſt, obgleich ich es nicht ſelber ſagen ſollte.“ Und er nannte ihm mit gro⸗ —— ßer Gelaͤufigkeit eine Menge von Seidenſtoffen und ſetzte dann hinzu:„Koͤnnen Sie alle dieſe Artikel behalten?“ „Da muͤßte ich ein beſſeres Gedaͤchtniß haben, wenn ich auch nur die Haͤlfte behalten ſollte,“ erwiederte Jacob. „Ich moͤchte ihr wohl einige Stoffe zuſchicken, um ſie anzuſehen, wenn ich wuͤßte, daß ihr Vater nichts da⸗ gegen haͤtte,“ ſagte der Kraͤmer.„Dieſer ſchwarze Sam⸗ met wuͤrde ihr vortrefflich ſtehen, und ſo auch dieſes herr⸗ liche italieniſche Seidenzeug.“ „Es wuͤrde mich meine Stelle koſten, wenn ich ſie mitnehmen wollte,“ verſetzte Jacob,„und doch, wie Sie ſagen, wuͤrden ſie ihr vortrefflich ſtehen. Aber es iſt un⸗ nuͤtz daran zu denken,“ ſetzte er hinzu und wollte gehen. „Noch ein Wort, Jacob,“ ſagte Deacle, ihn zuruͤck⸗ haltend und ihm ins Ohr fluͤſternd:„Ich wollte die Frage nicht vor den Frauenzimmern thun— aber die Leute ſa⸗ gen, Ihr Herr ſei ein Papiſt und ein Jacobit.“ „Wer ſagt das?“ rief Jacob laut und muͤrriſch. „Sagen Sie mir das.“ „Nun, die Nachbarn,“ verſetzte der Kramer etwas verwirrt. „Dann ſagen Sie ihnen von mir, daß es eine Luͤge iſt,“ erwiederte Jacob und entfernte ſich ohne weiter auf ihn zu achten. Eines Abends, etwa einen Monat nach den obener⸗ zählten Ereigniſſen, welche am Ende des April im Jahre 1744 vorfielen, war Peter Pokerich gerade im Begriff, ſeinen Laden zu ſchließen, als er einen Reiter aus King⸗ ſtreet hervorreiten und auf ſich zukommen ſah. Es war noch ſo hell, daß er in dem Fremden einen jungen Mann — von etwa ein- oder zweiundzwanzig Jahren erkennen konn⸗ te. Er war groß und wohlgebaut und hatte ein ſehr re⸗ gelmäßiges und ſchoͤngebildetes Geſicht, worin ſich Ge⸗ ſundheit und männliche Schönheit zeigten, obgleich es et⸗ was von der Sonne gebraͤunt war. Der Mode jener Zeit entgegen trug der junge Mann ſein eigenes Haar, welches ihm in vollen braunen Locken uͤber die Schultern fiel. Aus dem Schnitt ſeines dunkelgruͤnen Reitkleides, welches ſeine ſchoͤne Geſtalt ſehr vortheilhaft zeigte, dem Barbier aber nicht gefiel, erkannte man, daß er vom Lande ſei. Der Fremde ſah Peter aufmerkſam an und hielt ſtill. „Koͤnnen Sie mir ſagen, wo Herr Scarve wohnt?“ fragte er. Peter ſtutzte und ſtarrte den Fragenden in ſprachloſen Erſtaunen an. Der junge Mann ſah ebenfalls erſtaunt aus, und wiederholte die Frage. „Der Geizhals Scarve— denn unter dem Namen iſt er hier herum allgemein bekannt,“ rief Peter,„o ja Herr, ich weiß wo Herr Scarve wohnt.“ „Dann werden Sie wahrſcheinlich die Guͤte haben, mir ſein Haus zu ſagen,“ entgegnete der junge Mann. „Dies iſt Little Sanctuary, nicht wahr?“ „Ja, ja, Herr,“ verſetzte Peter.„Aber was moͤgen Sie beim Geizhals Scarve— bei Herrn Scarve wollte ich ſagen— fuͤr Geſchaͤfte haben?“ „Mein Geſchäft iſt nicht von großer Wichtigkeit,“ erwiederte der junge Mann etwas kalt und ſtolz,„aber es betrifft Herrn Scarve allein.“ „Bitte um Verzeihung, Herr,“ entgegnete Peter im entſchuldigenden Tone;„aber Herr Starve— zum Henker, ————— —— wie ich mich auch immer verſpreche— Herr Scarve iſt ein ſehr ſeltſamer Mann. Er wird nicht mit Ihnen re⸗ den wollen, wenn Ihr Geſchaͤft nicht von ſehr eigenthuͤm⸗ licher Art iſt. Wollen Sie mir Ihren Namen ſagen, mein Herr?“ „Mein Name iſt Randulph Crew,“ entgegnete der Fremde. „Crew— Crew!“ wiederholte Peter;„das muß ein Name aus Cheſhire ſein. Entſchuldigen Sie, daß ich ſo frei bin; oder ſind Sie nicht aus jener Grafſchaft?“ „Ja— ja,“ erwiederte der Andere ungeduldig. „O! das wußte ich gleich, Herr. Kann mich nicht taͤuſchen,“ verſetzte Peter.„Schoͤnes Haar, Herr, ſehr ſchoͤnes Haar; muͤſſen's aber verlieren. Sehr gut fuͤr Cheſhire— geht aber nicht in London. Die Damen wuͤrden uͤber Sie lachen. Nichts iſt ſo wenig in der Mode als das eigene Haar. Habe ſelber ſchoͤnes Haar, kanns aber nicht tragen. Muß eine Perruͤcke aufſetzen. Perruͤcken ſind ſo weſentlich heutiges Tages fuͤr den Kopf eines Mannes von Stande als die Treſſen an ſeinem Kleide. Ich habe Perruͤcken von allen Arten, nach allen Moden und zu allen Preiſen. Ich will hineingehen und Ihnen die neueſte Perruͤcke zeigen. Sie iſt ein vollkom⸗ menes Wunder. Treten Sie ein, Herr, und ſehen Sie ſie an. Sie werden ganz entzuͤckt daruͤber ſein.“ „Ich danke Ihnen, Freund; ich bin zufrieden mit der Bedeckung, die die Natur meinem Kopfe gegeben,“ entgegnete Randulph. „Und mit ſehr gutem Grunde, mein Herr,“ erwie⸗ derte Peter;„aber die Mode, Herr— die Mode iſt will⸗ Die Tochter des Geizigen. I. 2 gen? rief Randulph. —— kuͤhrlich, und hat beſtimmt, daß kein Mann ſein eigenes Haar tragen ſoll. Daher muͤſſen Sie nothwenig ein Per⸗ ruͤcke aufſetzen.“ „Wollen Sie mir Herrn Scarve's Wohnung zeigen, oder muß ich mich anderswo darnach erkundigen?“ rief der junge Maͤnn, dem die Redſeligkeit des Barbiers laͤſtig wurde. „Nicht ſo ſchnell, Herr, nicht ſo ſchnell, verſotzte Pe⸗ ter.„Ich muß Ihnen vorher etwas uͤber den alten Herrn ſagen. Kennen Sie ihn, Herr?“ Randulph Crew verneinte es haſtig. „So kenne ich ihn,“ fuhr Peter fort.„Ein ſchreck⸗ licher Geizhals, verweigert ſich alle Genüſſe des Lebens; ſeine Familie und ſein Diener muͤſſen eine Woche lang an einem Knochen nagen; er denkt an nichts als an ſein Geld; und was ſeine Tochter betrifft—“ „O, hat er eine Tochter?“ fiel Randulph ein,„das wußte ich nicht. Gleicht ſie ihm?“ „O nein!“ rief Peter.„Sie iſt ſchoͤn uͤber alle Beſchreibung.“ Doch da er einen ſolchen Lobſpruch in gegenwärtigem Fall fuͤr unbeſonnen hielt, ſo ſetzte er hin⸗ zu:„wenigſtens ſagen es die Leute, obgleich ich nichts Bewundernswuͤrdiges an ihr ſinde.“ „Vielleicht bekomme ich ſie zu ſehen, und kann ſelber urtheilen,“ verſetzte Randulph. „Vielleicht,“ ſagte Peter mit bebender Stimme.„Er iſt gerade der Mann, der ſie erobern koͤnnte,“ dachte er. „Ich wollte, ich konnte ihn irre fuͤhren. Aber hoͤchſt wahrſcheinlich wird Jacob ihn nicht einlaſſen.“ „Und nun, Freund, wollen Sie mir das Haus zei⸗ —— „Mit Vergnuͤgen, Herr, mit Vergnuͤgen,“ verſetzte Peter, auf die gegenüberliegende Wohnung deutend:„dort iſt es, dort an der Ecke.“ Aergerlich ſo lange unnoͤthigerweiſe aufgehalten zu ſein, lenkte Randulph Crew ſein Pferd herum, ſtieg ver der Thuͤr des Geizhalſes ab, und klopfte laut mit dem ſchweren Ende ſeiner Reitpeitſche an. Peter beobachtete endlich ſein Thun, doch da Niemand kam, ſo hoffte er, daß der junge Mann wieder fortgehen werde. Darin taͤuſchte er ſich aber, denn der Letztere ſetzte ſein Klopfen fort, bis Jacob Poſt's rauhe Stimme ihm aus einem kleinen Gitter zurief, durch welches er den Fremden be⸗ beobachtet hatte:„Holla! was geht dort vor? Wer iſt da?“ „Iſt Herr Scarve zu Hauſe?“ fragte Randulph. „Ich wuͤnſche mit ihm zu reden.“ „Das kann nicht geſchehen,“ verſetzte Jacob in den rauheſten Toͤnen, die aber fuͤr Peters aufmerkſames Ohr wie Muſik klangen. „Aber ich muß und will ihn ſprechen,“ verſetzte Ran⸗ dulph im gebieteriſchen Tone.„Ich habe einen wichtigen Brief eigenhaͤndig an ihn abzugeben. Sagt ihm das.“ „Gewiß ein Jacobit,“ ſagte Peter bei ſich ſelber; „ich muß ihn genau beobachten. Es ſollte mir ein gro⸗ ßes Vergnuͤgen gewaͤhren, jenen jungen Mann an den Galgen zu bringen.“ „Gut, ich will meinem Herrn dies ſagen,“ brummte Jacob nach einer kurzen Pauſe.„Aber ich muß Sie vor⸗ her ein wenig beaugeln, ehe ich Sie einlaſſe. So viel ich 2* — entdecken kann, ſcheinen Sie nicht wenig von einem Stra⸗ ßenraͤuber an ſich zu haben.“ „Recht ſo, Jacob! hi, hi, hi!“ lachte Peter. Einige Minuten vergingen, ehe Jacob zuruͤckkehrte; dann hoͤrte man einen ſchweren Schritt in dem Gange, der zu der Thuͤr fuͤhrte, worauf eine Kette raſſelte, und mehrere ſchwere Riegel weggeſchoben wurden. Dann wurde die Thuͤr geoͤffnet, und es zeigte ſich Jacob's rie⸗ ſenhafte Geſtalt, der eine Laterne in der einen Hand hielt, deren Licht er auf das Geſicht des jungen Mannes fallen ließ, waͤhrend er in der andern Hand ſeinen gefurchteten Knittel hinter dem Ruͤcken verbarg. Als er endlich mit ſeiner Pruͤfung fertig war, brummte er:„Es iſt gut; mein Herr will Sie ſehen. Sie koͤnnen hereinkommen.“ „Nehmen Sie dies fuͤr Ihre Muͤhe, Freund,“ ſagte Randulph, indem er Jacob eine Krone in die Hand ſchob, waͤhrend er ſein Pferd an den Ring im Thuͤrpfoſten band. „Es ſoll mich wundern, wofuͤr er mir dies gegeben hat,“ murmelte Jacob, indem er das Geld einſteckte. „Es iſt das einzige Verdächtige, was ich an ihm bemerkt habe. Doch ich denke, er kommt nur um meine junge Dame zu ſehen, und es iſt mehr als zwanzig Kronen werth, ſie nur anzublicken.“ Hierauf ließ er Randulph in den Gang ein, verſchloß und verriegelte die Thuͤr, nahm das Licht aus der Laterne und fuͤhrte den jungen Mann zu der Hinterſtube. Wäh⸗ rend die Thuͤr zugemacht wurde, eilte Peter Pokerich uͤber die Straße, und rief Randulph zu:„Ich will auf Ihr Pferd achten, Herr.“ — Da er auf dieſes Anerbieten keine Antwort erhielt, ſo kehrte er zuruͤck, holte ein Licht herbei und unterſuchte ſorgfaltig den Sattel und die Satteltaſchen, um Beweiſe uͤber die Grundſaͤtze des muthmaßlichen Jakobiten zu er⸗ halten. Als Randolph Crew ſeinem Fuͤhrer durch den Gang folgte, worin ſich weder Tapeten, noch Fußteppiche befan⸗ den, und worin ihre Fußtritte hohl ertoͤnten, konnte er nicht umhin, ſich einzugeſtehen, daß der Bericht, den der Barbier ihm von der kargen Lebensweiſe des Herrn Scarve ertheilt hatte, keinesweges uͤbertrieben ſei. Doch hatte er nur wenig Zeit zum Nachdenken. Jacob ſchritt raſch weiter, offnete eine Thuͤr zur Rechten, und fuͤhrte ihn vor ſeinen Herrn. Scarve war ein alter Mann, und ſah viel älter aus als er wirklich war— denn er war erſt fuͤnf⸗ undſechzig, und ſah aus als wäre er wenigſtens achtzig. Er war ſehr hager und zuſammengeſchrumpft; ſein Ge⸗ ſicht hatte ein verkuͤmmertes und verhungertes Anſehen⸗ welches einen ſehr ſchmerzlichen Eindruck machte. Seine Zuge waren ſtark markirt und ſeine grauen Augen ſcharf und durchdringend. Er trug einen abgetragenen Schlaf⸗ rock, der mit Pelz beſetzt war, und eine abgeſchabte ſammet⸗ ne Schlafmuͤtze auf dem Kopfe. Seine übrigen Klei⸗ dungsſtuͤcke waren auf die unanſehnlichſte Weiſe geſtopft und geflickt. Er ſaß an einem kleinen Tiſche, welcher mit einem zerlumpten und ſchmutzigen Tuche bedeckt war, und worauf die Ueberbleibſel ſeines kärgliches Mahles ſtanden, weiches durch Randulph's Ankunft war unterbrochen wor⸗ den. Ein Stuͤck Schwarzbrod, ein Schnitt Kaͤſe und ein kleiner Teller mit geſalzenem Fleiſch bildeten die ganze Mahlzeit. Alles im Zimmer deutete auf den Charakter ſeines Beſitzers. Die getäfelten Waͤnde waren ohn⸗ Ta— peten oder irgend einen andern Schmuck. Das Zimmer hatte fruͤher beſſere Tage geſehen und war reicher ausge⸗ ſchmuͤckt geweſen. Es war einfach, aber von huͤbſcher Form, zeigte einen großen und ſchoͤn geſchnitzten Kamin, und ein Fenſter mit gemaltem Glaſe, worauf das Wappen eines fruͤheren Hausbeſitzers dargeſtellt war, obgleich es jetzt an verſchiedenen Stellen mit Papier zugeklebt, und an andern mit alten Lumpen zugeſtopft war. Dieſes Fenſter war mit ſtarken Stangen verſehen, und von innen durch Fenſterladen noch mehr befeſtigt. Auf dem Kaminge⸗ ſims ſtanden ein paar große blau und weiße chineſiſche Flaſchen, worin ſich unverwelkliche, getrocknete Blumen befanden. Es waren nur zwei Stuͤhle und ein Seſſel im Zimmer. Den beſten Stuhl benutzte der Geizhals ſelber. Es war eine altmodiſche Vorrichtung mit großen hoͤlzer⸗ nen Armen und einer harten, ledernen Ruͤcklehne, und durch haͤufigen Gebrauch ſo blank, wie ein wohlgeputzter Schuh. Einige wenige Kohlen, die ſorgfaͤltig zu einer kleinen Pyramide aufgehaͤuft waren, brannten auf dem Roſte, gleichſam um die Leerheit des Kamins zu zeigen, und verbreiteten einen matten Schein, aber durchaus keine Waͤrme. N ben demſelben ſaß Miſtreß Clinton, eine aͤlt⸗ liche Jungfrau, faſt eben ſo winterlich und verſchrumpft ausſehend, wie ihr Schwager. Dieſe alte Dame hatte einen langen duͤnnen Hals, eine große, aufwärts gekehrte Naſe, und eine Haut, ſo gelb wie Pergament; doch der Ausdruck ihres Geſichts, obgleich ſcharf und froſtig, hatte etwos Wohlwollendes an ſich. Sie trug ein dicht an⸗ — ſchließendes Kleid von dunklem Camelot mit kurzen engen Aermeln, wodurch die Eckigkeit ihres Körpers keineswegs verborgen wurde. Ihr Haar, welches noch eben ſo dunkel war, wie in ihrer Jugend, war hinten feſt zuſammenge⸗ bunden, und uͤber demſelben befand ſich eine kleine Haube von Mouſſelin, wie ſie damals getragen wurden. Der Gegenſtand aber, der beſonders Randulph's Aufmerkſam⸗ keit bei ſeinem Eintritt feſſelte, war weder der Geizhals ſelber, noch ſeine Schwägerin, ſondern ſeine Tochter. Ihre Schoͤnheit war ſo außerordentlich, daß ſie ihn in Erſtaunen ſetzte, und ein Gefuͤhl der Freude veranlaßte, welches nicht ohne Verlegenheit war. Sie ſtand bei ſei⸗ nem Eintritt ins Zimmer auf, und erwiederte ſeinen Gruß mit Grazie und viel natuͤrlicher Wuͤrde, da er ſich be⸗ ſonders an ſie wendete. Hilda Scarve mochte etwa neun⸗ zehn Jahr alt ſein. Sie war groß, außerordentlich wohl⸗ gebildet, hatte eine blaſſe, klare Geſichtsfarbe, die ſehr gut gegen ihr uppiges, rabenſchwarzes Haar abſtach, wel⸗ ches frei uͤber ihre Schultern niederwallte. Ihre Augen waren groß und dunkel, glaͤnzend, aber feſt, und deuteten Beſtändigkeit des Charakters an. Ihr Blick war ernſt und geſetzt, und es lag eine große Entſchloſſenheit in ihren ſchoͤn gebildeten, aber feſt geſchloſſenen Lwppen. Ihr An⸗ blick und ihr Benehmen zeigten die vollkommenſte Selbſt⸗ beherrſchung, und welchen Eindruck das plotzliche Erſchei⸗ nen des ſchoͤnen Fremden auf ſie machen mochte, kein Blick verrieth ihn, waͤhrend er im Gegentheil die Bewun⸗ derung nicht unterdruͤcken konnte, die ihre Schoͤnheit in ihm erregte. Er wurde indeß durch den Geizhals ſelber bald zu ſich gebracht, der ungeduldig auf den Tiſch ſchlug und in ärgerlichem Tone rief:„Ihr Geſchaͤft, Herr?— Ihr Geſchaͤft?“ „Ich komme, dies an Sie abzugeben, mein Herr)“ erwiederte Randulph, indem er einen kleinen Brief her⸗ vorzog und ihm dem Geizhals einhaͤndigte.„Ich ſoll Ihnen ſagen, mein Herr,“ ſetzte er mit bewegter Stim⸗ me hinzu,„daß es meines Vaters Wunſch war, daß Ih⸗ nen dieſer Brief ein Jahr nach ſeinem Tode, aber nicht fruͤher, ſollte uͤberliefert werden.“ „Und Ihres Vaters Name,“ rief der Geizhals, in⸗ dem er ſich lebhaft vorwärts neigte, und die Hand gegen das Licht hielt, um den jungen Mann deutlicher ſehen zu können—„und Ihres Vaters Name war?“ „Derſelbe wie der meinige, Randulph Crew,“ war die Antwort. „Guͤtiger Himmel!“ rief der Geizhals in ſeinen Stuhl zuruͤckſinkend,„und iſt er todt? Mein Freund— mein alter Freund!“ Und er druͤckte ſeine Hand vor's Geſicht, als wollte er ſeinen Schmerz verbergen. Hilda beugte ſich ängſtich über ihn und ſuchte ihn zu beruhigen, doch er ſchob ſie ſanft von ſich. „Da ich meinen Auftrag ausgerichtet habe, will ich mich jetzt entfernen,“ ſagte Randulph nach einer kleinen Pauſe, waͤhrend welcher er in ſchweigendem Erſtaunen drein ſah.„Ich will zu einer andern Zeit wiederkommen, Miß Scarve, um mit Ihrem Vater wegen des Briefes zu reden.“ 5 „Nein, bleiben Sie,“ rief Hilda haſtig.„Irgend eine alte und geheime Triebfeder der Neigung iſt beruͤhrt worden. Ich bitte Sie zu warten, bis er wieder zu ſich kommt. Er wird ſogleich wieder beſſer ſein.“ „Jetzt iſt mir beſſer,“ verſetzte der Geizhals, die Hand vom Geſicht entfernend.„Der Anfall war heftig, ſo lange er währte, jetzt aber iſt er voruͤber. Randulph Crew,“ ſetzte er matt hinzu, indem er ihm ſeine duͤrre Hand hinſtreckte,„es mir lieb, Sie zu ſehen. Vor Jah⸗ ren kannte ich Ihren Vater gut, aber ungluͤckliche Um⸗ ſtände trennten uns und ſeitdem habe ich ihn nicht wieder⸗ geſehen. Ich glaubte er ſei am Leben, geſund und gluck⸗ lich, und die ploͤtzliche Ankuͤndigung ſeines Todes macht einen ſtarken Eindruck auf mich. Ihr Vater war ein guter Mann, Randulph, ein guter und edler Mann.“ „Das war er in der That, Herr,“ verſetzte der junge Mann mit gebrochener Stimme, indem ihm Thraͤnen in die Augen traten. „Aber etwas ſorglos in Geldangelegenheiten, Ran⸗ dulph, gedankenlos und verſchwenderiſch,“ fuhr der Geiz⸗ hals fort.„Nein, ich will nichts Nachtheiliges von ihm ſagen,“ ſetzte er hinzu, als er bemerkte, daß der junge Mann roth wurde.„Seine Fehler waren die einer allzu großmuͤthigen Natur. Er war nur ſein eigener Feind. Er beſaß einſt ein ſchoͤnes Eigenthum, doch ich fuͤrchte, er verſchwendete es.“ „Auf jeden Fall wurde es ſehr verſchuldet, mein Herr,“ erwiederte der junge Mann,„und leider muß ich ſagen, daß ſeine Geſchäftsangelegenheiten großen Eindruck auf ſein Gemuͤth machten, und ohne Zweifel ſein Ende beſchleunigten.“ „Ich fuͤrchtete, daß es ſo kommen wuͤrde,“ ſagte der —— Geizhals kopfſchuͤttelnd.„Aber jdie Beſitzungen waren unveraͤußerlich. Sie ſind jetzt die Ihrigen, und unver⸗ ſchuldet.“ „Sie haͤtten es ſein können, mein Herr,“ erwiederte der junge Mann;„doch ich habe den Vortheil nicht an⸗ genommen, den das Geſetz mir uͤber die Glaͤubiger mei⸗ nes Vaters gewaͤhrte, und habe die Beſitzungen zu ihren Vortheil ihren Haͤnden uͤberliefert.“ „Sie wollen doch nicht ſagen, daß Sie ſich einer ſo unglaublichen Thorheit ſchuldig gemacht haben, denn ich kann es nicht anders nennen,“ rief der Geizhals aufſprin⸗ gend in heftigem und zornigem Tone.„Was! die Be⸗ ſitzungen denſelben Leuten zu geben, die Ihren Vater zu Grunde richteten! Sind Sie unbeſonnen genug geweſen, die Schranken einzureißen, die das Geſetz zu Ihrem Schutz errichtet hat und den Feind in das Herz der Ci⸗ tadelle zu fuͤhren? Es iſt die hoͤchſte Thorheit— ja der groͤßte Wahnſinn“ „Thorheit oder nicht, Herr,“ entgegnete der junge Mann mit Stolz,„ich bereue den Schritt nicht, den ich gethan. Meine erſte Ruͤckſicht war, das Andenken mei⸗ nes Vaters makellos zu erhalten.“ „Makellos!“ rief der Geizhals.„Sie wuͤrden beſ⸗ ſer die Flecken von dem ſchönen Namen Ihres Vaters ge⸗ reinigt haben, wenn Sie die Beſitzungen feſtgehalten haͤt⸗ ten, anſtatt ſich ſelber zum Bettler zu machen.“ „Vater,“ rief Hilda unruhig,„Vater, Du redeſt zu heftig— viel zu heftig.“ „Ich bin kein Bettler, Herr,“ erwiederte Randulph, mit Schwierigkeit ſeinen Zorn unterdruͤckend,„auch will — ich nicht geſtatten, daß Sie oder irgend ein anderer Mann einen ſolchen Ausdruck auf mich anwenden. Leben Sie wohl, Herr.“ Und er wuͤrde das Zimmer verlaſſen haben, haͤtten Hilda's flehende Blicke ihn nicht zuruͤckgehalten. „Nun gut, Sie ſind ein armer Mann geworden, wenn Ihnen der Ausoruck beſſer gefaͤllt, und muͤſſen da⸗ her abhaͤngig ſein,“ ſagte der Geizhals, der durchaus un⸗ bekuͤmmert zu ſein ſchien, um die Qual, die er ihm ver⸗ urſachte.„Ohne Ihre Thorheit haͤtten Sie jetzt drei⸗ tauſend Pfund jährliche Renten haben koͤnnen— ja, drei⸗ tauſend Pfund jährlich, denn ich kannte Ihres Vaters Einkuͤnfte. Sie ſind ia noch gedankenloſer, noch unvor⸗ ſichtiger als er, der Ihnen voranging. Sie haben Ihr Geburtsrecht fuͤr weniger als ein Gericht Linſenſuppe ver⸗ kauft. Sie haben es verkauft fuͤr ein Phantom, einen Schatten, ein Wort— und die es gekauft haben, lachen und ſpotten Ihrer. Pfui uͤber ſolche Thorheit! Drei⸗ tauſend Pfund jaͤhrlich fort, um jene Raubvoͤgel, jene Geier zu fuͤttern, die ſich an den Eingeweiden Ihres Va⸗ ters maͤſteten, ſo lange er lebte, und jetzt ſeinen Sohn zu Grunde richten— dies iſt graͤßlich, unertraͤglich! O! wenn ich meine Sachen in ſolcher Lage gelaſſen, und meine Tochter wollte ſo handeln, ſo wuͤrde ich im Grabe keine Ruhe haben!“ „Und doch, Vater, wuͤrde ich in einem ſolchen Falle gerade ſo handeln, wie dieſer Herr gehandelt hat,“ ent⸗ gegnete Hilda. „Wenn Sie mein Benehmen billigen, Miß Scarve, — 28— ſo will ich ſchon Ihres Vaters Vorwuͤrfe ertragen,“ er⸗ wiederte Randulph. „Du ſprichſt wie ein Mädchen, das die Welt und den Werth des Geldes nicht kennt, Hilda,“ rief der Geiz- hals, ſich zu ihr wendend.„Der Himmel ſei geprieſen! Du wirſt nie in eine ſolche Lage kommen. Ich werde Dir nicht viel hinterlaſſen,— nicht viel— aber was ich Dir hinterlaſſe, wird unverſchuldet ſein. Es ſoll auch Dein Eigen ſein und kein Ehemann ſoll die Macht ha⸗ 11 ben, einen Heller davon anzuruͤhren.“ „Sieh Dich vor, Vater,“ verſetzte Hilda,„und ſtelle bei Deinem Vermächtniß nicht zu ſtrenge Bedingungen. Wenn ich heirathe, ſoll das, was ich beſitze, meinem Man⸗ ne gehoͤren.“ „Hilda,“ rief der Geizhals vor Leidenſchaft bebend, „wenn ich glauben koͤnnte, daß es Dein Ernſt ſei, ſo wuͤr⸗ de ich Dich enterben.“ „Nicht mehr hievon, lieber Vater,“ erwiederte ſie ruhig,„ich denke nicht an's Heirathen, und es iſt unnoͤ⸗ thig, die Sache eher zu beſprechen, als bis der Fall wirk⸗ lich eintritt. Bedenke auch, daß ein Fremder zugegen iſt.“ „Es iſt wahr,“ erwiederte der Geizhals ſich faſſend. „Dies iſt nicht die Zeit, uͤber den Gegenſtand zu reden, aber ich will nicht, daß meine Abſichten mißverſtanden wuͤrden. Und nun,“ ſetzte er hinzu, indem er wieder in den Stuhl ſank, und Randulph anblickte,„laſſen Sie mich nach Ihrer Mutter fragen. Ich erinnere mich ihrer ſehr wohl als Sophia Beechcroft, und ein reizendes We⸗ ſen war ſie. Sie gleichen ihr mehr als Ihrem Vater. 3 Nein, erroͤthen Sie nicht, ich will Ihnen nicht ſchmeicheln. 3 — 29— Was eine Schonheit an einem Frauenzimmer, iſt ein Feh⸗ ler an einem Manne; und Ihre weiße Haut und Ihr langes Haar wuͤrden beſſer fuͤr Ihre Schweſter paſſen, wenn Sie eine haben, als fuͤr Sie.“ „In der That, mein Herr!“ verſetzte Randulph wie⸗ der erröthend,„Sie ſind ſehr dreiſt gegen mich.“ „Ich war ſchon fruͤher dreiſt gegen Ihren Vater, junger Mann,“ verſetzte der Geizhals,„und dadurch, daß ich ihm meine Meinung ſagte, verlor ich ſeine Freundſchaft. Es war ſehr Schade— ſehr Schade! Ich haätte ihm gedient, wenn er es mir nur geſtattet. Aber um zu Ihrer Mutter zuruͤckzukehren. Sie handelten ungerecht gegen ſie, ſowie gegen ſich ſelbſt, indem Sie den Fami⸗ lienſitz nicht behielten.“ „Meine Mutter hat ihr eigenes Vermoͤgen, um da⸗ von zu leben,“ verſetzte der junge Mann, dem die ſtechen⸗ den Bemerkungen des Geizhalſes hoͤchſt ſchmerzlich waren. „Und was iſt das?“ verſetzte Scarve,„lumpige hun⸗ dert Pfund jährlich, oder ſo. Nicht als wenn hundert Pfund jährlich lumpig waären; doch fuͤr ſie muß es ſo ſein bei ihrer gewohnten Lebensweiſe.“ „Da irren Sie, mein Herr,“ verſetzte Randulph, „meine Mutter iſt gaͤnzlich mit ihrer Lage ausgeſoͤhnt und lebt ihren Verhaͤltniſſen gemaͤß.“ „Es iſt mir liev, dies zu hören,“ erwiederte der Geizhals in zweifelhaftem Tone;„ich muß geſtehen, ich glaubte nicht, daß ſie lange dazu im Stande ſein wuͤrde; doch ich hoffe, es iſt ſo.“ „Hoffen, Herr?“ rief Randulph zornig;„zweifeln Sie an meinem Wort?“ „Nicht im Geringſten,“ verſetzte der Geizhals trok⸗ ken;„aber junge Leute glauben Alles leicht. Und nun, da Sie Ihr Vermoͤgen weggeſchenkt haben, darf ich fra⸗ gen, was Sie thun wollen, um es wieder zu erlangen? Welches Gewerbe, oder welches Handwerk wollen Sie treiben?“ „Ich werde weder ein Handwerk noch Gewerbe trei⸗ ben, Herr Scatve,“ verſetzte Randulph.„Meine Mit⸗ tel, obgleich klein, ſetzen mich in den Stand, als Mann vom Stande zu leben.“ „Hm!“ rief der Geizhals.„Vermuthlich aber wuͤr⸗ den Sie nichts gegen eine kleine Anſtellung einwenden. Ein unbeſchäftigter Mann iſt ſtets ein Verſchwender. Aber was fuͤhrte Sie nach London?“ „Mein Hauptbeweggrund war, Ihnen dieſen Brief zu überliefern,“ verſetzte Randulph.„Doch ich muß ge⸗ ſtehen, ich ließ mich auch durch den Wunſch beſtimmen, dieſe große Stadt zu ſehen, die ich nicht ſah, ſeit ich ein Knabe war, und noch zu jung, um mich deſſen zu er⸗ innern.“ „Sie ſind noch ein Knabe,“ verſetzte der Geizhals, „und wenn Sie meinen Rath annehmen wollen, ſo kehren Sie noch ſchneller zuruͤck, als Sie kamen. Aber ich weiß, Sie werden's nicht thun, und daher iſt es unnuͤtz, Ihnen zuzureden. Die Jugend ſtuͤrzt ſich kopfuͤber ins Verderben. Junger Mann, Sie wiſſen nicht, was vor Ihnen iſt, aber ich will es Ihnen ſagen— Verderben— Verderben iſt's— hoͤren Sie— Verderben.“ „Ich hoͤre Sie, Herr,“ verſetzte Randulph mit fin⸗ ſterm Blicke. 4 k⸗ 1 „Hm!“ ſagte der Geizhals achſelzuckend;„ſo wollen Sie ſich alſo nicht rathen laſſen. Aber ſo iſt es mit allen jungen Leuten, und ich darf nicht erwarten, bei Ihnen eine Ausnahme zu finden. Vermuthlich wollen Sie bei Ihren beiden Oheimen Abel und Truſſel Beechcroft bleiben?“ „Dies iſt meine Abſicht,“ verſetzte Randulph. „Ich habe ſie ſeit Jahren nicht geſehen,“ fuhr Scarve fort;„aber wenn Sie nicht mit ihnen bekannt ſind, ſo will ich Ihnen ihren Charakter in wenigen Wor⸗ ten ſchildern. Abel iſt ſauer, aber treu— Truſſell ange⸗ nehm, gefaͤllig, aber hohl. Und Sie koͤnnen uͤber meine Aufrichtigkeit urtheilen, wenn ich Ihnen ſage, daß der Erſtere mich haßt, waͤhrend der Letztere ſehr freundſchaft⸗ lich gegen mich geſinnt iſt. Sie werden ſich zu dem Ei⸗ nen halten, und den Andern verabſcheuen, aber zu ſeiner Zeit den Irrthum gewahr werden. Bedenken Sie, was ich ſage. Und nun laßt uns den Brief anſehen, denn ich habe Sie zu lange hier aufgehalten, und kann Ihnen nichts anbieten.“ „Es iſt noch beinahe ein Glas Wein in der Flaſche uͤbrig, die im Schranke ſteht,“ fiel Jacob ein, der waͤh⸗ rend dieſer ganzen Unterredung ſtill wie ein Stock mit dem Lichte in der Hand dageſtanden hatte.„Vielleicht moͤchte der Herr nach ſeiner Reiſe etwas davon trinken.“ „Halt's Maul, Kerl,“ rief der Geizhals heftig, „und putze das Licht— nicht mit den Fingern, Schur⸗ ke,“ ſetzte er hinzu, als Jacob ſeine ungeheuren Zangen dazu anwendete, die Schnuppen auf den Boden warf und mit dem Fuß drauf trat.„Was ſollte dieſer Brief ent⸗ halten? Laß ſehen,“ ſetzte er hinzu, indem er das Sie⸗ F gel brach, einen Brief hervorzog, welchen er öffnete und fand, daß er eine kleine Rechnung enthielt. Als er die⸗ ſelbe anblickte, kam ein Schatten uͤber ſein Geſicht. Er verſuchte nicht den Brief zu leſen, ſondern faltete ihn um das kleinere Stuͤck Papier, ſchloß einen kleinen ſtarken Kaſten auf, der zu ſeinen Fuͤßen unter dem Tiſche ſtand, und legte Beides hinein. „Es iſt Zeit, daß Sie zu Ihrem Onkel gehen, jun⸗ ger Mann,“ ſagte er in veraͤndertem Tone, und kälter als vorher zu Randulph;„es wird mir lieb ſein, Sie zu einer andern Zeit wiederzuſehen. Gute Nacht.“ „Es wird mich wahrhaft gluͤcklich machen, Sie wie⸗ der beſuchen zu duͤrfen, mein Herr,“ verſetzte Randulph, Hilda lebhaft anblickend. „Jacob, fuͤhre Herrn Crew hinaus,“ rief der Geiz⸗ hals haſtig. „Gute Nacht, Miß Scarve,“ ſagte Randulph noch zoͤgernd.„Gehen Sie oft in den Parks ſpazieren?“ „Meine Tochter geht niemals aus,“ verſetzte der Geizhals, ihm winkend, ſich zu entfernen. „Gute Nacht, gute Nacht.— Ein laͤſtiger Menſch,“ ſetzte er zu Hilda gewendet hinzu, als Jacob ſich mit dem jungen Manne entfernte. Nachdem Jacob das Licht wieder in die Laterne ge⸗ ſetzt und die Thuͤr geoffnet hatte, gingen ſie hinaus und fanden Peter Pokerich neben dem Pferde ſtehend. „Sie koͤnnen mir danken, daß Ihr Pferd nicht fort iſt,“ ſagte der Letztere.„Die Leute in London ſind nicht ganz ſo ehrlich wie die Dorfleute in Cheſhire. Nun, mein Herr, vermuthlich haben Sie Herrn Scarve ge⸗ —= 35— ſehen. Was denken Sie von ihm und ſeiner Toch⸗ ter?“ „Ich bedaure Ihren Geſchmack, daß Sie ſie nicht bewundern,“ verſetzte Randulph. „Sie nicht bewundern!“ rief Jacob mit rohem Ge⸗ laͤchter.„Sagte er Ihnen, er bewundere Sie nicht? Er ſtirbt aus Liebe zu ihr, und ich zweifle nicht, daß er eiferſuͤchtig auf Sie iſt.“ „Sie ſind unverſchämt, Herr Jacob,“ erwiederte Pe⸗ ter aͤrgerlich. „Wollen Sie noch einmal meinen Knotenſtock koſten?“ ſagte Jacob.„Er iſt nahe zur Hand.“ „Zankt nicht, Freunde,“ ſagte Randulph lachend, in⸗ dem er ſich in den Sattel ſchwang.„Gute Nacht, Ja⸗ cob. Ich hoffe bald Ihren alten Herrn und Ihre junge Herrin wiederzuſehen.“ Mit dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen und ritt auf die Weſtminſterbruͤcke zu. „Nun,“ ſagte Peter, indem er uber die Straße zu ſeiner Wohnung ging,„ich habe doch wenigſtens einen Brief aus ſeiner Satteltaſche bekommen. Vielleicht er⸗ fahre ich daraus, wer und was er iſt, und ob er zu den Jacobiten und Papiſten gehört. Wenn das iſt, ſo mag er ſich vorſehen; denn ſo wahr mein Name Peter Pokerich iſt, ich liefere ihn an's Meſſer. Und nun zu dem Briefe.“ Die Tochter des Geizigen. 1 3 — 3 4— Zweites Kapitel. Die beiden Oheime.— Jukes.— Die Ankunft.— Der Spa⸗ ziergang im Sanct James Park.— Randulph wird Beau Villiers und Lady Brabazon vorgeſtellt. Die beiden Bruͤder Beechcroft, Randulph's Oheime, wohnten in einem abgelegenen Hauſe in Lambeth nahe am Fluſſe und ein wenig weſtlich vem Palaſte. Beide waren Maͤnner im mittleren Alter, das heißt, der eine war ſechsundfunfzig, der andere zehn Jahre juͤnger, und beide Junggeſellen. Daß ſie zuſammen und ſo abgelegen wohnten, war von Seiten des juͤngern Bruders Truſſell nicht ſo ſehr Sache der Wahl als der Nothwendigkeit, denn er hätte, wenn es in ſeiner Macht geſtanden, ein munteres Leben vorgezogen. Doch das Schickſal beſtimmte es anders. Der Vater der beiden Bruͤder war ein rei⸗ cher Kaufmann, der ſeinem aͤltern Sohne ſein ganzes Ver⸗ moͤgen vermachte mit Ausnahme einiger unbedevtender Legate an ſeine Tochter Sophie— Randulph's Mutter — 35— — und Truſſell. Abel aber benahm ſich ſehr ſchoͤn bei dieſer Gelegenheit. Er überlieferte ſogleich ſeinem Bruder den Theil des Vermoͤgens, den er fur ſein rechtmäßiges Eigenthum hielt und ſeiner Schweſter ebenfalls ihren An⸗ theil. Doch in beiden Faͤllen hatte die Gabe kein Ge⸗ deihen. Truſſel verſchwendete bald ſeinen Antheil durch Spiel und jede andere Art von Ausſchweifung, waͤhrend Sophien's Antheil auf andere Weiſe durch ihren gedan⸗ kenloſen und unvorſichtigen Gatten verſchwendet wurde. Es giebt ſo viele Wege und Mittel, Geld los zu wer⸗ den, daß es in der That ſchwer iſt, zu ſagen, was am ſchnellſten geht; auch wuͤrde es nicht leicht ſein zu ſagen, ob Truſſel oder ſeine Schweſter zuerſt das Geſchenk ſei⸗ nes Bruders verloren hatte. Miſtreß Crew's Vater hatte ihr bei ihrer Verheirathung eine kleine Summe ausge⸗ ſetzt, und davon lebte ſie jetzt. Da Truſſel's Vermogens⸗ umſtände gaͤnzlich zerruͤttet waren, ſo fiel er ſeinem Bru⸗ der zur Laſt, der ihn ſehr guͤtig aufnahm, ihn aber nö⸗ thigte, eben ſo ſtill und ruhig zu leben wie er. Dies ge⸗ fiel aber dem lebhafteren Bruder nicht, und er verſuchte mehr als einmal, aus eigenen Mitteln zu leben; doch da es ihm nicht gelang, war er genoͤthigt, in das alte Quar⸗ tier zuruͤckzukehren. Jetzt da das Alter ihn etwas be⸗ ruhigt hatte, war er mit ſeiner Lage mehr ausgeſoͤhnt. Da er wenig Geld auszugeben hatte, denn ſein Bruder gab natürlich nicht viel heraus, ſo konnte er ſich keine theuren Vergnugungen verſchaffen, und nur ſehr ſelten ſpielen, oder die koſtbareren Kaffeehaͤuſer, Clubs, Theater, Opernhäuſer u. dergl. beſuchen. Doch triev er ſich täglich in den beſuchteſten Gegenden umher, und da er eine 3 große Bekanntſchaft mit der ſchoͤnen Welt hatte, ſo fehlte es ihm nicht an Geſellſchaft. Nach dem Schauſpiel, wenn er einmal hineinging, begab er ſich in Tom's oder Will's Kaffechaus, um uͤber die Vorſtellung zu reden, Piquet zu ſpielen, oder eine halbe Krone beim Faro zu verlieren. Aber nichts konnte ihn bewegen, auch nur die kleinſte Summe beim Wuͤrfelſpiel zu wagen. Oeffentliche Mittagstafeln pflegte er ſelten zu beſuchen, außer wenn ein Freund ihn einlud. Dies war Truſſel Beechcroft's tägliche Lebensweiſe. Da er gut erzogen war, ein gebildetes Benehmen, guten Geſchmack beſaß und immer gute Laune, ſo war er uͤberall ein angenehmer Geſellſchafter, und man wunderte ſich allgemein, daß es ihm nicht beſſer in der Welt gegluͤckt ſei. Truſſel war von mittler Groͤße, und etwas korpulent, hatte einen kurzen Hals und ein rundes, voles Geſicht. Er war keinesweges ſchoͤn, und war es auch nie geweſen, doch hatte ſein Geſicht etwas ſehr Ein⸗ nehmendes. Er war außerordentlich zierlich in ſeinem An⸗ zuge und fuͤr einen aͤltlichen Herrn vielleicht etwas zu auf⸗ merkſam auf ſeine äußere Erſcheinung— wenigſtens meinte dies ſein Bruder. Abel Beechcroft war ein ſehr verſchiedener Character. Eine vereitelte Hoffnung in der fruͤhern Zeit ſeines Le⸗ bens, wie man ſagte, in einer Herzensangelegenheit, hatte ihn muͤrriſch gemacht, und ſeinem Geiſte eine miſanthro⸗ piſche Wendung gegeben. Er kam wenig in Geſellſchaft, und wenn dies geſchah, war es nur, um ihm friſchen Stoff zum Spott uͤber die Thorheiten derſelben zu liefern. Er war ein abgeſagter Weiberfeind, vermied alle weibliche Geſellſchaft und wollte ſeine Schweſter nach ihrer Heirath niemals wiederſehen, weil ſie auf irgend eine Weiſe mit dem bitterſten Ereigniß ſeines Lebens in Verbindung ſtand. Abel war klein von Perſon, hager und etwas verwachſen, denn ſeine Schultern waren ſehr hoch und ſein Hals kurz, ſo daß ſein großes Kinn beinahe auf der Bruſt ruhte. Seine Geſichtszuͤge waren etwas rauh, mit einer langen, hervorragenden Naſe und einem ſpitzigen Kinn, doch ſeine breite Stirn und ſeine lebhaften grauen Augen gaben ih⸗ nen etwas ſehr Verſtaͤndiges, waͤhrend der kluge, ſatiriſche Ausdruck derſelben ihn von dem Vorwurf eines gewöhn⸗ lichen Charakters frei ſprach. Wir haben geſagt, daß er ſtill lebte, aber er lebte auch ſehr gemächlich und ange⸗ nehm. Nichts konnte zierlicher ſein, als ſeine zuruͤckgezo⸗ gene Wohnung zu Lambeth mit dem ſchoönen Garten, dem Gewächshauſe, den mit Obſtbaͤumen bedeckten Mauern, mit dem Sommerhauſe, deſſen Fenſter auf den Fluß hin⸗ ausgingen und mit den Frescogemaͤlden aus der Zeit Karls des Zweiten, zu welcher Periode das Haus gebaut und der Garten angelegt war. Dann hatte er einige ausge⸗ zeichnete Gemalde aus der niederlaͤndiſchen Schule, zwei oder drei von Karl's Schoͤnheiten, unbezweifelte Originale von Lely und Kneller, die aber in ſeines Bruders Zim⸗ mer hingen, um ihm aus dem Geſichte zu ſein— eine Verfuͤzung, wogegen Truſſell nichts einwandte; eine Menge altes chineſiſches Porcellan und alte mit Schnitzwerk ver⸗ ſehene Schränke; eine gute Bibliothek, worin die alten Dramatiker und die alten Chronikenſchreiber eine Stelle fanden; und vor allen Dingen einen guten Vorrath von altem Wein. Er war keineswegs gleichguͤltig gegen gute Speiſen und Getränke, und dieſe erſetzten ihm andere Le⸗ — ℳ— bensgenuͤſſe. Er hatte einen alten Kellner, der ihm die ganze Hauswirthſchaft fuͤhrte, denn es durfte ihm nie eine Magd vor Augen kommen; und dieſer Joſiah Jukes war die einzige Perſon, die es je wagte, ihm zu wider⸗ ſprechen. Randulph's Oheime waren von ſeinem Beſuch in der Stadt benachrichtigt worden und erwarteten daher ſeine Ankunft. Die Reiſe von Knutsford in Cheſhire, von wo er abgereiſt war, waͤhrte fuͤnf Tage. Er war von einem rohen Bauerjungen begleitet, der ihm als Reitknecht dien⸗ te, und den er vorausgeſchickt hatte, um ſeinen Oheimen ſeine Ankunft anzumelden, waͤhrend er den Brief bei Herrn Scarve abgab; aber der arme Tom Birch, ſo hieß der Burſche, verfehlte den Weg, und anſtatt ſich rechts zu wenden, nachdem er uͤber die Weſtminſter-Bruͤcke gekom⸗ men war, bog er links ab, irrte durch Saint George's Fields und fand erſt eine Stunde nach der Ankunft ſeines Herrn ſeinen Weg zu dem Hauſe in Lambeth. Abel Beechcroft, der ſeinen Neffen ſchon früh am Tage erwartet und wirklich mit dem Mittagseſſen auf ihn gewartet hatte— ein Compliment, welches er ſehr ſelten irgend Jemand zu Theil werden ließ— wurde, da er nicht erſchien, ſo ungeduldig und aͤrgerlich, daß ſein Bru⸗ der es kaum ertragen konnte. Er murrte waͤhrend der ganzen Mahlzeit und behauptete, daß das Eſſen nicht zu genießen ſei, und als das Tiſchtuch abgenommen wurde, fand er Fehler am Wein. „Dieſe Flaſche iſt verdorben,“ ſagte er, als er das erſte Glas koſtete;„Alles die Schuld des jungen Bur⸗ ſchen. Ich wollte, ich hätte nie verſprochen, ihn bei mir 69— aufzunehmen. Ich denke, es iſt ihm ein Unfall begegnet. Ich hoffe, es iſt ſo.“ „Sie hoffen nicht dergleichen, Herr,“ ſagte Jukes, ein kleiner, runder, rothbaͤckiger Mann in einfacher Livree, „Sie hoffen nicht dergleichen, und darum reden Sie nicht ſchlimmer von ſich und thun Ihrem guten Herzen Un⸗ recht. Der Wein iſt nicht verdorben,“ ſetzte er hinzu, indem er die Flaſche zum Nebentiſche trug und koſtete. „Verſuchen Sie ein anderes Glas. Ihr Gaumen iſt nicht in der Ordnung.“ „Das mag wohl ſein, Jukes,“ verſetzte Abel,„denn meine Verdauung iſt ſehr geſtoͤrt durch dieſes Warten. Ah! ich finde, ich habe mich geirrt,“ ſetzte er hinzu, in⸗ dem er das ihm eingeſchenkte Glas koſtete,„es iſt nichts mit dem Wein vorgegangen.“ „Im Gegentheil, Bruder, ich meine, es iſt eine vor⸗ treffliche Flaſche,“ ſagte Truſſel,„und ich ſchlage vor, daß wir die Geſundheit unſerer würdigen Schweſter trin⸗ ken— der Himmel ſegne ſie! Wie gern moͤchte ich ſie wiederſehen!— und auf ihres Sohnes glückliche und bal⸗ dige Ankunft.“ „Ja, Herr, da können Sie ſich nicht weigern,“ ſagte Jukes, ſeines Herrn Glas fuͤllend.„Ich muß auch mit trinken,“ ſetzte er hinzu, indem er wieder die Flaſche zu dem Nebentiſche trug. „Nun, es ſoll mich wundern, wem Randulph aͤhn⸗ lich ſehen wird,“ ſagte Truſſell nachſinnend,„denn wir haben ihn nicht geſehen ſeit der Zeit, als er noch nicht hoͤher war als dieſer Tiſch, als ſein armer Vater ihn in die Stadt brachte.“ „Der Apfel faͤllt nicht weit vom Stamme,“ brummte Abel,„und zu jener Zeit borgte ſein armer Vater zwei⸗ tauſend Pfund von mir, wovon ich keinen Heller wieder zu ſehen bekommen habe.“ „Nun, nun, was thut's, Herr,“ ſagte Jukes.„Sie fuͤhlten den Verluſt nie, und was liegt daran?“* „Ich zweifle nicht, Randulph wird ein ſehr ſchoͤner junger Mann ſein,“ fuhr Truſſell fort.„Sophie ſchreibt, daß er ihr vollkommenes Ebenbild iſt, und ſie war ge⸗ wiß das ſchoͤnſte Frauenzimmer zu ihrer Zeit.“ „Ja, ja!“ rief Abel unruhig die Achſeln zuckend. „Rede von etwas Anderm, Bruder. Rede von etwas Anderm.“ Einige Minuten lang trat ein tiefes Schweigen ein, welches endlich von Abel unterbrochen wurde. „Vermuthlich willſt Du dieſem jungen Burſchen, wenn er kommt, alle Schönheiten der Welt zeigen, Bru⸗ der,“ ſagte er. „O, natuͤrlich, Bruder,“ verſetzte Truſſell,„ich muß ihn in die Welt einfuͤhren, ihm alle oͤffentlichen Orte und alle offentlichen Charaktere zeigen, und ihm einigen Ge⸗ ſchmack am Stadtleben beibringen.“ „Laß es nur mit einigem Geſchmack bewenden, Bru⸗ der,“ verſetzte Abel heftig,„und bringe ihm keinen Ap⸗ petit an verderblicher Nahrung bei. Unſer Neffe muß ganz unverdorben ſein, und nach dem, was ich von ihm hoͤre und weiß, muß er vortreffliche Grundſätze haben. Ich halte ſein Benehmen fuͤr edel, indem er ſeine Beſiz⸗ zungen den Glaͤubigern ſeines Vaters auslieferte. Ich ſetze große Hoffnung auf ihn, und wenn er ſich gut hält, werde ich Sorge tragen, daß er nicht am Ende alle ſeine Uneigennuͤtzigkeit verliert. Doch das haͤngt von ihm ſel⸗ ber, und gewiſſermaßen auch von Dir av.“ „Von mir, Bruder? Wie ſo?“ fragte Truſſel. „So,“ verſetzte der aͤltere Bruder.„Er kommt in die Stadt; Du wirſt ihm verſchiedene Bekanntſchaften verſchaffen; dieſe können ihm zum Vortheil dienen— koͤn⸗ nen ihn in der Geſellſchaft und in der Welt erheben. Wenn das iſt, ſchoͤn und gut. Doch wenn Du ihm nur lehrſt, die Thorheiten und Laſter der hoͤheren Claſſen nach⸗ zuahmen— wenn Du einen ſchwachen und leichtfertigen, ja vielleicht laſterhaften Character aus ihm machſt, kurz, wenn Du ihn einer Pruͤfung ausſetzeſt, der er nicht ge⸗ wachſen iſt, ſo verſtoße ich ihn und will nichts mit ihm zu thun haben.“ „Und wenn er Deinen Erwartungen entſpricht, willſt Du ihm dann ein Vermoͤgen hinterlaſſen oder geben?“ fragte Truſſel neugierig. „Warum fragſt Du, Bruder— warum fragſt Du?“ fragte Abel, ihn unter ſeinen zuſammengezogenen Augen⸗ brauen hervor genau betrachtend. „Nun, ich fragte nur aus bloßer Neugierde, Bru⸗ der,“ verſetzte Truſſel, in der Verwirrung die Flaſche er⸗ greifend.„Was ſoll ich fuͤr einen andern Beweggrund haben?“ „Hm!“ rief Abel trocken huſtend. „Ich will Ihnen im Augenbick mehr Wein bringen, meine Herren,“ fiel Jukes ein;„die Flaſche iſt leer, Herr Truſſell. „So iſt es, Jukes,“ erwiederte Truſſell.„Nun Bruder, ich will mein Moͤglichſtes thun, ihn gut zu fuͤh⸗ ren, und ich hoffe, es wird mir gelingen, ihn ohne Ma⸗ kel durch die feurige Eſſe hindurchzubringen. Doch Du mußt nicht zu hart gegen ihn ſein, wenn er ſich einige kleine Unbeſonnenheiten ſollte zu Schulden kommen laſſen. Du mußt Dich erinnern, Bruder, daß wir ſelber jung ge⸗ weſen ſind, und daß wenig Leute ihre Leidenſchaften ſo in ihrer Gewalt haben, wie Du.“ „Ich!“ rief Abel mit bitterer Verachtung.„Du ſpotteſt meiner, Bruder; aber fahre fort.“ „Ich habe nichts mehr hinzuzuſetzen, Bruder,“ er⸗ wiederte Truſſell. „Dann will ich reden!“ ſagte Abel in leiſem, tiefem Tone, indem er ſich zu ſeinem Bruder hinneigte.„Truſ⸗ ſell, noch ein Wort uͤber dieſen Gegenſtand, und dann wollen wir ihn auf immer ruhen laſſen. Ob ich meinen Neffen zu meinem Erben einſetze, oder nicht, wird fuͤr Dich keinen Unterſchied machen. Was ich fuͤr Dich ge⸗ than habe, habe ich gethan, und werde nicht mehr thun. Du kannſt alſo keinen Beweggrund haben, ihn auf un⸗ rechte Wege zu fuͤhren.“ „Es thut mir leid, daß Du mich eines ſo ſchändli⸗ chen Planes fuͤr faͤhig hältſt,“ erwiederte Truſſel ſehr roth werdend;„doch ich will Deine Worte nicht uͤbel neh⸗ men. Ich kenne mein eigenes Herz und meine Abſichten zu gut.“ „Ich gab Dir nur einen Wink, Bruder,“ erwiederte Abel;„ich weiß, daß ein liſtiger Weltmann— das heißt, ein verſchlagener Schurke— auf ſolche Weiſe handeln wuͤrde; und daß, wenn es ihm gelingt, ſeine Handlung — Beifall findet. Es iſt mir lieb, daß Du die Warnung gut aufnimmſt.“ Hier trat Jukes zur gelegenen Zeit mit einer friſchen Flaſche Wein ins Zimmer, welche noch dazu vortrefflich war, und da Abel ſeiner uͤblen Laune Luft gemacht hatte, ſo wurde die Unterhaltung eine Stunde lang auf ange⸗ nehmere Weiſe fortgeſetzt. Dann begaben ſich die beiden Bruͤder in den Garten und rauchten im Sommerhauſe eine Pfeife. Es war ein lieblicher Abend und der Fluß, der mit Boͤten uͤberſaͤet war, ſtellte einen lebhaften und angenehmen Anblick dar. Als es aber Abend wurde, konnte Abel dennoch ſeine Unruhe nicht verbergen. „Es muß dem Burſchen ein Ungluͤck widerfahren ſein, Jukes,“ ſagte er;„ich habe eine ſchlimme Ahnung. Er iſt von den Raͤubern, die ſich in Finchley Common umhertreiben, beraubt oder wohl gar gemißhandelt wor⸗ den.“ „Pah! Sein Sie unbekuͤmmert,“ verſetzte Jukes. „Er wird ſogleich hier ſein, dafuͤr ſtehe ich Ihnen. Was koͤnnte man ihm rauben?“ „Freilich nicht viel,“ verſetzte Abel.„Aber es wird ſpät. Es muß beinahe zehn Uhr ſein. Er wird nicht einmal zum Abendeſſen kommen.“ „Ich habe das Abendeſſen eine Stunde ſpaͤter be⸗ ſtellt, Herr,“ ſagte Jukes. „Zum Teufel auch!“ rief Abel aͤrgerlich.„Und glaubſt Du, daß ich mich einer ſolchen Verfuͤgung unter⸗ werfen werde? Willſt Du meine Verdauung ſtoͤren, Schurke? Mein Magen iſt ſo regelmäßig wie ein Uhr⸗ werk. Laß ſogleich anrichten, Burſchk.“ Als Jukes ſich entfernte, um die Befehle ſeines Herrn in Ausfuͤhrung zu bringen, wurde er durch ein lau⸗ tes Klopfen an der aͤußern Thuͤr angenehm uͤberraſcht, und als er ſo ſchnell er konnte mit den anderen Dienern dorthin watſchelte, war er entzuͤckt zu finden, daß das Klopfen von dem erwarteten Gaſte herruͤhre. Randulph's Pferd wurde ihm abgenommen und er ſelber ſogleich vor ſeine Oheime geführt, die ihn Beide herzlich und zärtlich begruͤßten, obgleich Abel nicht umhin konnte, einige Vor⸗ nwuͤrfe wegen ſeiner ſpäten Ankunft einzumiſchen. Ran⸗ dulph erwiederte, er habe ſeinen Diener vorausgeſchickt, um ihn anzumelden und ſein längeres Ausbleiben zu entſchul⸗ digen, worauf ſich denn ergab, daß der Burſche noch nicht gekommen ſei. Dann erklärte der junge Mann die Ver— anlaſſung ſeines Beſuchs bei Herrn Scarve. Bei der Er— wähnung dieſes Namens bemerkte Randulph, daß ſeine beiden Oheime ſehr finſter wurden. Onkel Abel beſonders ſchien ärgerlich und verſtimmt. „Darfſt nie wieder in das Haus gehen,“ ſagte der Letztere endlich in gebieteriſchem Tone.„Wohlgemerkt— ich verbiete es bei Strafe meines Mißfallens.“ „Warum das, Onkel?“ fragte Randulph, dem ſeine Mutter anbefohlen hatte, Abel mit großer Ruckſicht zu behandeln. „Frage mich nicht,“ erwiederte Abel.„Es iſt hin⸗ reichend, daß ich es Dir verbiete.“ Randulph fuͤhite ſich geneigt, Gegenvorſtellungen zu machen, beſonders da ſich die Geſtalt der ſchoͤnen Hilda Scarve vor ſeiner Erinnerung erhob; doch da ſich Onkel Abel in dem Augenblick wegwendete, zupfte ihn Onkel — Truſſell am Aermel und fluͤſterte ihm ins Ohr:„Sei ihm nicht ungehorſam, ſonſt zerſtoͤrſt Du Dein kunftiges Gluͤck.“ So gewarnt, gab der junge Mann keine Antwort. Bald darauf wurde das Abendeſſen aufgetragen, und ehe man es beendet hatte, kam Randulph's Reitknecht an. Onkel Truſſell legte ſeinem Nefſen viele Fragen vor uͤber ſeine Schweſter, uͤber ihren Geſundheitszuſtand und andere Gegenſtände, welche ſämmtlich genügend beantwortet wur⸗ den. Dann trennte man ſich, und es war Randulph nicht unlieb, ſich zur Ruhe begeben zu koͤnnen. Das Ein⸗ zige, was in ſeinem Gedaͤchtniß blieb und ihn verſtimmte, war Abel's ausdruͤckliches Verbot, den Geizhals wieder zu beſuchen, und er fuͤhlte, daß er ihm nur mit Schwie⸗ rigkeit werde gehorchen koͤnnen. „Es iſt ſeltſam,“ dachte et,„daß meine Mutter nie meine Fragen in Betreff des Herrn Scarve beant— worten wollte. Sie ſchien eben ſo geheimnißvoll wie mei⸗ ne Oheime. Der alte Mann gefällt mir gerade nicht ſehr; aber die Tochter iſt reizend. O! ich muß ſie wiederſehen, und wenn ich mir auch dadurch Onkel Abel's Mißfallen zuziehen ſollte.“ Am nächſten Morgen kamen die Oheime und ihr Neffe zu einer fruͤhen Stunde beim Fruͤhſtuͤck zuſammen, wo die Gegenſtaͤnde vom vergangenen Abend wieder ver⸗ handelt wurden. Jetzt, da Randulph nicht mehr von der Reiſe ermuͤdet war, ſah er ſo ſchoͤn aus, daß ſeine beiden Verwandten ſehr fuͤr ihn eingenommen wurden, und am Schluß einer Bemerkung ſagte Onkel Abel faſt unbewußt: „Er iſt in der That ſeiner Mutter ſehr ähnlich.“ — Dann brachte der junge Mann einige Stunden da⸗ mit zu, ſeine kleine Garderobe zu ordnen und einige Briefe herauszunehmen, die er abzugeben verſprochen. Er ver⸗ mißte aber einen, und nachdem er alle ſeine Sachen mehr⸗ mals durchſucht hatte, kam er zu dem Schluß, daß er ihn verloren habe. Was ihm die Sache noch aͤrgerlicher machte, war, daß er ſich nicht erinnerte, an wen er ad⸗ dreſſirt geweſen. Da er ihn nebſt andern von ſeiner Mut⸗ ter erhalten hatte, der ein Freund ſie zur Beſorgung uͤber⸗ geben, ſo erwähnte er den Verluſt deſſelben in einem Briefe an ſie, worin er ihr ſeine gluckliche Ankunft mel⸗ dete und zugleich den Eindruck ſchilderte, den ſeine Oheime und Herr Scarve auf ihn hervorgebracht. Seltſam ge— nug, er erwähnte Hilda nicht, doch konnte er ſich keine Rechenſchaft ablegen, weshalb er dies nicht that. Als er ſeinen Brief geſchloſſen hatte, ging er die Treppe hinun— ter und fand ſeine beiden Oheime zu einem Spaziergange bereit. Demnach gingen alle Drei zuſammen uͤber die Weſtminſter-Bruͤcke und nahmen ihren Weg nach dem Sanct James Park. Als ſie an Little Sanctuary vorbei⸗ kamen, konnte Randulph nicht umhin, nach ker kerkeraͤhn⸗ lichen Wohnung hinzublicken, die das Weſen enthielt, welches einen ſo maͤchtigen Eindruck auf ihn gemacht hatte. Onkel Abel merkte ſeinen Blick, errieth bald die Urſache deſſelben, und ſagte:„Bedenke, was ich Dir anbefohlen. Sei mir ungehorſam, und Du wirſt es bereuen.“ Randulph wollte antworten, doch ein bedeutungsvoller Blick von Onkel Truſſell hielt ihn davon ab. Nachdem ſie durch das Thor gegangen waren, traten ſie durch ein kleines Nebenpfoͤrtchen in den Park. Es war jetzt zwoͤlf Uhr und warmes, angenehmes Wetter. Die Baumgaͤnge, die ſich von dieſem Punkte bis zu dem Roſamundenteiche erſtreckten, waren mit Perſonen beider⸗ lei Geſchlechts angefuͤllt, die das ſchoͤne Wetter herausge⸗ lockt hatte. Randulph ergoͤtzte ſich ſehr an Allem, was er ſah, und betrachtete Alles mit großer Neugierde. Indem ſie den Roſamundenteich links liegen ließen, gingen ſie auf Buckingham Houſe zu. An dieſem Punkte wurde Onkel Truſſell eine geputzte Geſellſchaft gewahr, die ſich ihnen näherte, und rief ſei⸗ nem Neffen in freudigem Tone zu:„So wahr ich lebe, wir ſind ſehr gluͤcklich. Da iſt der Beherrſcher der Mode, Beau Villiers, der auf uns zukommt. Du ſollſt ihn kennen lernen, Randulph— Du ſollſt ihn kennen lernen. Die Damen, mit denen er geht, ſind Lady Braba⸗ zon— ein ſchoͤnes Maͤdchen, dieſe Clementine— ein ausgezeichnet ſchoͤnes Mädchen, vollkommen in Styl und Benehmen. Der alte Kerl an ihrer Seite Sir Single⸗ ton Spinke, der zu ſeiner Zeit ein großer Stutzer war, obgleich er Villiers nie das Waſſer reichte, der an Styl und Geſchmack ſogar ſein Vorbild Beau Fielding uͤber⸗ trifft. Du ſollſt ſie Alle kennen lernen.“ „Und huͤbſche Bekanntſchaften wirſt Du da machen,“ ſagte Onkel Abel ſpoͤttiſch. „Kehre Dich nicht an ihn, Randulph,“ fluͤſterte ihm Onkel Truſſell zu.„Wenn Du dieſe Leute kennſt, und Du ihnen gefaͤllſt, ſo kannſt Du Dir Deinen Umgang wählen. Beau Villiers beherrſcht die ganze Geſellſchaft, von dem Hoͤchſten bis hinunter zu— zu—“ —— —„Herrn Truſſell Beechcroft,“ verſetzte Onkel Abel. „Nun, bis hinunter zu mir, wenn Du willſt,“ ver⸗ ſetzte Onkel Truſſell,„und dies beweiſt, daß er ſich nicht zu tief verſteigt. Aber Randulph, ich bitte Dich, ſieh nur den feinen Herrn an. Sahſt Du je einen ſchoͤnern Mann?“ „Er iſt gewiß ſehr ſchoͤn,“ verſetzte Randulph,„und beſonders ſehr gut gekleidet.“ „Er iſt ein großer Narr, ein großer Verſchwender, und ein großer Spieler, Randulph,“ ſagte Onkel Abel; „huͤte Dich vor ihm.“ „Pah! achte nicht auf das, was er ſagt,“ verſetzte Onkel Truſſell, der ſeinen huͤbſchen Neffen dem großen Stutzer vorzuſtellen wuͤnſchte,„komm mit mir!“ Mit dieſen Worten ergriff er ſeines Neffen Arm und zog ihn mit ſich fort. Sie drängten ſich durch die Menge und trafen in der Naͤhe der Schildwache, die Buckingham Houſe gegenuͤber ſtand, die erwaͤhnte Geſellſchaft. Der Stutzer Villiers, der in der That ein ſehr ſchoͤner Mann, und nach der feinſten Mode gekleidet war, trug einen hellolauen, mit Treſſen beſetzten Sammetrock, der mit Silber geſtickt war, und ähnlich verzierte breite Aufſchläge hatte, eine weiße Weſte vom ſchoͤnſten Seidenzeug, gleich⸗ falls mit Silber beſetzt, braungelbe Sammetbeinkleider, zum Theil von perlenfarbigen ſeidenen Struͤmpfen bedeckt, die bis uͤber die Kniee hinaufgezogen und mit ſilbernen Strumpfbändern zugebunden waren. Schuhe, von ſchwar— zem, ſpaniſchem Leder mit großen, mit Diamanten beſetz⸗ ten Schnallen, vervollſtändigten den Anzug, nebſt einer praͤchtigen Perruͤcke von dem hellſten Flachshaar, welche — —— ſehr gut gegen ſeine weiße Geſichtsfarbe und ſeine ſchönen“ Augen abſtach. Er trug einen dreieckigen, mit kleinen Fe⸗ dern eingefaßten Hut und einen Stock mit koſtbarem Kno⸗ pfe in der Hand. Neben dem Stutzer ging Lady Bra⸗ bazon, eine praͤchtig geſchmuͤckte Dame von etwa fuͤnfund⸗ vierzig Jahren, die noch immer große perſoͤnliche Reize beſaß, die ſie bei jeder Gelegenheit geltend zu machen be⸗ muͤht war. Sie trug eine Haube und ein weißſeidenes mit Silber beſetztes Kleid. Schon aus der Ferne fiel ihr Randulph's Geſtalt auf, und ſie machte den Stutzer auf ihn aufmerkſam, der ſich herabließ nach ihm hinzublicken. Hinter Lady Brabazon ging ihre Tochter Clementine, eine ſehr huͤbſche und ſehr affectirte Blondine von zweiund⸗ zwanzig Jahren, mit außerordentlich zartem Tein, blon⸗ dem Haar, blauen Augen und ſehr affectirtem Gange. Sie war nach der neuſten Mode gekleidet, ihr Haar war auf den Seiten gelockt und daruͤber trug ſie eine kleine Spitzenhaube, eine dreifache Perlenſchnur um den Hals und ein Diamantenkreuz an einer Kette. Obgleich ſie ſich ſtellte, als intereſſire ſie ſich ſehr fuͤr die Unterhaltung des alten Ritters, ſo war es doch deutlich, daß ihre Blicke von dem huͤbſchen jungen Fremden angezogen wurden. Der alte Stutzer ſah in der That aͤußerſt lächerlich aus. Er trug einen reichgeſtickten, zimmtfarbigen Sammetrock mit Pelzaufſchlaͤgen von ungewoͤhnlicher Groͤße, jeder ſo groß wie ein moderner Muff. Seine Beine waren bis uͤber das Knie mit rothen ſeidenen Struͤmpfen bedeckt, ſein gerunzeltes Geſicht geſchminkt, und mit Schoͤnpfläſter⸗ chen bedeckt. Seine Perruͤcke war mit einer großen Schleife verſehen und hatte einen ungeheuren Zopf, P Die Tochter des Geizigen. 1 4 daß es ausſah, als habe ſich eine große Drachenfliege in ſeinen Nacken geſetzt. Lady Brabazon war von einem kleinen ſchwarzen Pagen bekleidet, der einen Turban und orientaliſche Kleidung trug und die Aufſicht uͤber ihren Schooßhund hatte. Jetzt trafen die beiden Geſellſchaften zuſammen. On⸗ kel Abel zog ſich auf die Seite, damit die Vorſtellung ſtattfinden und er ſie gehoͤrig mit anſehen koͤnne. Onkel Truſſell trat vor, verbeugte ſich tief vor dem Stutzer Vil⸗ liers, deutete auf Randulph, der zu ſeiner Rechten ſtand, und ſagte:„Erlauben Sie mir, Herr Villiers, Ihnen meinen Neffen, Herrn Randulph Crew, vorzuſtellen. Er kommt ſo eben vom Lande; doch ſelbſt dort iſt Ihr Ruf zu ihm gedrungen.“ „Es iſt mir lieb, ſeine Bekanntſchaft zu machen,“ verſetzte der Stutzer, Randulph's Verbeugung hoͤflich er⸗ wiedernd und ihn zugleich neugierig betrachtend.„Mei⸗ ner Treu, Ihre Herrlichkeit,“ ſetzte er laut zu Lady Bra⸗ bazon gewendet hinzu,„der junge Mann ſieht nicht uͤbel aus, wenn er nur nicht durch ſeine Kleidung und bäuriſches Weſen ſo entſtellt wuͤrde.“ „Ich glaube wirklich, es iſt etwas aus ihm zu ma⸗ chen,“ erwiederte Lady Brabazon in demſelben lauten und zuverſichtlichen Tone.„Herr Truſſell Beecheroft, ſtellen Sie mir Ihren Neffen vor.“ „Mit dem groͤßten Vergnuͤgen, Ihre Herrlichkeit,“ erwiederte Truſſell ihren Wunſch erfuͤllend. „Kommen Sie mit uns,“ ſagte Lady Brabazon zu Randulph, als die Ceremonie beendet war.„Meine Tochter, Herr Crew,“ fugte ſie hinzu, als ſie weiter gin⸗ 51— 4. gen.„Sagen Sie mir beilaͤufig, wer war der ſeltſame alte Mann, den ich eben mit Ihnen gehen ſah?“ „Wer?“ erwiederte Randulph ausweichend, denn er war beſchaͤmt, ſeinen Oheim anzuerkennen, er wußte nicht wa um. „Dort iſt er,“ ſagte Lady Brabazon, mit ihrem Fa⸗ cher ruͤckwärts deutend,„er ſtarrt uns an, und ſieht ge⸗ rade wie ein Gerichtsſchoͤppe aus.“ „Es iſt mein Onkel Abel,“ verſetzte Randulph in einiger Verwirrung. „Ihr Onkel Abel!“ rief Lady Brabazon mit lautem Lachen.„Dann ſehen Sie zu, daß Sie Ihren Onkel Abel ſobald als moͤglich los werden.“ Abel konnte die Worte nicht hoͤren, hoͤrte gber das Lachen, ſah die Bewegung, ſowie auch die Verwirrung ſei⸗ nes Neffen, und wußte, daß er der Gegenſtand davon war. Er wendete ſich nach der entgegengeſetzten Richtung und murmelte bei ſich ſelber:„Da hat er den erſten Schritt gethan.“ Drittes Kapitel. Onkel Abel's Empfindſamkeit.— Die Inſtructionen, welche er Fukes ertheilte.— Ein zweiter Neffe.— Die An⸗ leihe.— Herrn Cripp's Ehrgefuͤhl.— Die Beſtechung. Onkel Abel kehrte um zwei Uhr in ſehr uͤbler Laune allein nach Hauſe zuruͤck, und gab Jukes keine Antwort, welcher lächelnd fragte, wo er die beiden andern Herren gelaſſen, ging ſogleich in die Bibliothek und fing an ei⸗ nen Brief zu ſchreiben. Da der kluge Kellner das eigen— thuͤmliche Temperament ſeines Herrn kannte, ſo ließ er ihn allein, wagte aber nach Verlauf einer halben Stunde zu ihm einzutreten und fand ihn im Begriff, den Brief zu zerreißen und die Stuͤcke in den Kamin zu werfen. „Was fuͤhrt Dich hieher?“ riecf Abel ſich heftig zu ihm wendend.„Ich habe nicht geklingelt.“ „Ich weiß es wohl, Herr,“ verſetzte Jukes,„war aber dennoch gewiß, daß Sie meiner beduͤrften.“ „Du warſt deſſen nicht gewiß, Kert,“ erwiederte Abel — . beſſerer Beurtheiler.“ — 53— in einem Tone, der ſeinen rauhen Worten widerſprach, „und ungeachtet Deiner langen Dienſte nimmſt Du Dir zu viel heraus.“ „Ich nehme mir nicht zu viel heraus bei Ihrer Guͤ⸗ te,“ verſetzte Jukes in Toͤnen, worin ſich auf ſeltſame Weiſe Vertraulichkeit und Reſpect miſchten.„Ich ſehe klar genug, daß Ihnen etwas Unangenehmes begegnet iſtz vielleicht bin ich im Stande etwas zur Abhuͤlfe zu thun.“ „Nun, ſo ſchließe die Thuͤr zu, Jukes,“ erwiederte Abel ſich niederſetzend,„und mache das Fenſter zu— es iſt ja offen geblieben— Du weißt doch, daß ich den Zug 4 6 nicht leiden kann. Was denkſt Du von meinem Neffen?“ „Daß er ein ausgezeichnet hubſcher junger Menſch iſt,“ verſetzte der Kellner.„Ich habe ſeit langer Zeit keinen ſchönern Mann geſehen. Und Herr Truſſell hatte ganz Recht, als er ſagte, daß er Ihrer Schweſter gleiche. Er iſt das vollkommene Ebenbild von ihr, wie ſie war, als—“ „Laß die Aehnlichkeit, Jukes,“ fiel Abel haſtig ein; „ich will nicht wiſſen, was Du von ſeinem Ausſehen denkſt. Das iſt klar genug, und es iſt ein großes Un⸗ gluͤck fuͤr einen Mann, zu ſchoͤn zu ſein. Ich wollte nur Deine Meinung von ſeinem Charakter wiſſen.“ „Ich glaube, daß der voͤllig ſeinem guten Ausſehen entſpricht, Herr,“ erwiederte der Kellner ſogleich.„Es muͤßte ſeltſam zugehen⸗ wenn er darin nicht der Erwar⸗ tung entſprechen ſollte.“ „Hm!“ rief Abel mit ſpottiſchem Laͤcheln;„das iſt alſo Deine Meinung, Jukes? Ich glaubte, Du wärſt —— „Ich ſehe, worauf Sie hinauswollen, Herr,“ ver⸗ ſtzte der Kellner;„aber das wird bei mir nicht anſchla⸗ gen. Sie ſind ungehalten auf Ihren Neffen und wollen, daß ich uͤbel von ihm rede; doch ich ſage Ihnen offen heraus, das werde ich nicht thun. Und wenn ich thoͤrigt und ſchlecht genug dazu waͤre, ſo wuͤrde Niemand zorni⸗ ger auf mich ſein als Sie ſelder. Ich halte Herrn Ran⸗ dulph fuͤr einen ſehr ſchoͤnen und ſehr hoffnungsvollen jun— gen Mann und bin ſehr gluͤcklich, zu finden, da Sie ſich doch wahrſcheinlich nie verheirathen werden, daß Sie ei⸗ 6 nen ſo wuͤrdigen Nachfolger haben.“ eee gewoͤhnt auch Jukes an die Laune ſeines Herrn war, ſo war er doch nicht auf den Eindruck vorbereitet, den ſeine Worte hervorbrachten, ſonſt hätte er ſich lieber die Zunge abgeſchnitten, als ſie ausgeſprochen. Abel, der ihn anfangs ſtarr angeſehen hatte, ſchlug am Ende ſei⸗ ner Rede die Augen nieder und druͤckte die Hand krampf⸗ haft vor die Stirn. Er ſchwieg einige Augenblicke, machte dann ſeinem unterbrochenen Athemzuge durch einen tiefen Seufzer Luft, ging ans Fenſter und that als ob er in den Garten hinausſehe. Jukes ließ ihn einige Minuten ungeſtoͤrt und näherte ſich ihm dann. „Es thut mir außerordentlich leid um das, was ich geſagt,“ ſagte er reuevoll;„ich hätte mich beſſer beden- ken ſollen.“ „Du ſagteſt nichts, Jukes, was ich nicht unbewegt haͤtte anhoͤren ſollen,“ erwiederte Abel traurig, aber freund⸗ lich,„und ich ſchaͤme mich meiner Schwäche. Nicht weil ich kinderlos ins Grab gehen werde, habe ich dieſe Be⸗ wegung gezeigt, ſondern weil Deine Anſpielung alte Wun⸗ — den oͤffnete und die Vergangenheit zu deutlich und ſchmerz⸗ lich mir vor Augen ſtellte. Du kennſt die Geheimniſſe meines Herzens und wirſt begreifen, welche Bewegung ein zufalliges Wort hervorbringen kann. Ich bin ein alter Mann, Jukes— in den meiſten Punkten iſt mein Ge⸗ fuͤhl verhaͤrtet— doch gibt es einen Punkt, worin ich noch eben ſo empfindlich bin, wie immer. Es iſt jene Taͤuſchung— jene fehlgeſchlagene Hoffnung, von— von — ich kann mich nicht uͤberwinden, ihren Namen auszu⸗ ſprechen. Die Wunde, die ich damals erhielt, iſt unheil⸗ bar. Ich werde ſie bis zu meinem Todestage empfinden.“ „Ich hoffe nicht, Herr— ich hoffe nicht,“ theilnehmend der Kellner. „Ich haſſe das weibliche Geſchlecht, Jukes!“ rief Abel faſt wuͤthend.„Es iſt keine Treue, keine Redlich⸗ keit darin— eben ſo wenig, als wahre Freundſchaft unter den Maͤnnern zu finden iſt. Ich kannte noch nie ein Frauenzimmer, das ich durchaus hätte achten— noch einen Mann, auf deſſen Freundſchaft ich mich gaͤnzlich haͤtte verlaſſen koͤnnen. Wenn ich im letzten Falle eine Ausnahme machen koͤnnte, ſo waͤrſt Du es.“ „Und wenn je ein Diener ſeinem Herrn treu war, ſo bin ich es Ihnen, Herr,“ verſetzte Jukes lebhaft. „Aber Sie erwarten zu viel von der menſchlichen Natur. Unſere unvollkommene Anlage iſt zu tadeln, nicht wir ſel⸗ ber. Meiner Meinung nach gibt es mehr treugeſinnte Frauenzimmer als im Gegentheil, und es wuͤrde mir leid thun, anders denken zu muͤſſen. Aber wenn Sie die Welt durchſuchen nach einer die Ihren Begriffen von Voll— kommenheit entſprechen ſoll, ſo fuͤrchte ich, werden Sie keine 1 finden. Die beſten Frauenzimmer haben Fehler, und ſelbſt die ſchlimmſten gute Eigenſchaften. Aber bei allen ihren Fehlern ſind ſie der beſte Theil der Schoͤpfung, ſo glau⸗ be ich wenigſtens. Und auch Sie wuͤrden ſo denken, Herr, wenn Sie nicht eine ſo ungluͤckliche Wahl getroffen haͤtten.“ „Komm nicht wieder drauf zuruͤck, Jukes!“ rief Abel eine heftige Qual unterdruͤckend. „Ich bin zu Ende!“ verſetzte Jukes haſtig.„Und nun darf ich fragen, was Ihnen an Ihrem Neffen miß⸗ fallen hat?“ 4 „Vielleicht ſollte ich nicht boſe auf ihn ſein,“ ver⸗ etzte Abel;„doch ich beobachtete ihn genau, als Truſſell n dieſen Morgen dem Stutzer Villiers und Lady Bra⸗ azon vorſtellte, und ſah, daß er von ihrer Erſcheinung voͤllig geblendet war. Ja ich entdeckte deutlich an gewiſ⸗ ſen Blicken und Geberden, die zwiſchen ihm und Lady Brabazon gewechſelt wurden, daß ſie ihn dahin brachte, uͤber ſeine Verwandtſchaft mit mir zu ertoͤthen. Ich tadle ihn deshalb nicht, da ich weiß, welchen Eindruck das Aeußere auf junge Leute macht, und wie ſchwer es iſt, wahren Werth zu begreifen, wenn er dem Schimmer des Ranges und der Mode gegenuͤbergeſtellt wird, ſo werth⸗ los oder fehlerhaft der letztere auch immer ſein mag. Ich tadle ihn nicht, ſage ich, aber ich bedaure, daß er ſeine erſte Pruͤfung nicht beſſer beſtanden hat.“ „Sie ſollten Lady Brabazon tadeln, und nicht ihn, Herr,“ verſetzte Jukes,„manche Damen ihres Ranges verſtehen es, beſcheidene junge Maͤnner beſchaͤmt zu ma⸗ chen, und ſie freuen ſich daruͤber. Und dann darf ich Jh⸗ nen gewiß ſagen, ohne daß Sie es uͤbel nehmen, daß„ 5 5 Ihre Kleidung und Ihr Aeußeres Ihrem Stande durch⸗ aus nicht entſpricht. Nein, Herr, ich wundere mich nicht, daß Herr Randulph ein wenig verlegen wurde. Eben ſo gut koͤnnte ich mich auch uͤber meinen nichtsnutzigen Nef⸗ fen Crackenthorpe Cripps beklagen, der bei eben jenem Herrn Villiers dient. Der Schurke will mich niemals kennen, wenn er mir im Park begegnet, und doch ſchmei⸗ chelt er mir zu anderer Zeit und nennt mich ſein liebes Onkelchen, um eine Krone von mir herauszubringen. Aber was liegt mir an ſeiner Unverſchaͤmtheit? Ganz und gar nichts.“ „Wohl, Jukes, ich glaube, Du haſt Recht,“ ſagte Abel nach augenblicklichem Nachdenken,„und vielleicht ma⸗ che ich mich einer eben ſo großen Schwaͤche ſchuldig, wie mein Neffe, indem ich uͤber die Sache aufgebracht bin. Ich habe ſchon an ſeine Mutter wegen der Sache ge⸗ ſchrieben, habe aber den Brief wieder zerriſſen.“ „Es iſt mir lieb dies zu hoͤren, Herr,“ verſetzte Jukes. „Und nun gibt's noch einen andern Punkt, woruͤber ich ſehr unruhig bin,“ fuhr Abel fort.„Du weißt, Randulph hat Hilda Scarve geſehen; und ſo kurze Zeit er auch nur dort geweſen, ſo ſcheint ſie doch einen ſtarken Eindruck auf ihn hervorgebracht zu haben. Niemals,“ fuhr er ſtrenge imit Nachdruck fort,„niemals Jukes, ſoll er jenes Maͤdchen mit meiner Einwilligung heirathen. Wenn er ſie heirathet, ſo erhaͤlt er keinen Schilling von mir. Ich habe ihm das Haus verboten, fuͤrchte aber, daß er meinem Verbote zuwider handeln wird. Wenn er = 56— ohne mein Wiſſen dorthin geht, ſo ſchließe ich meine Thuͤr vor ihm.“ „Wenn Sie das pus ſo handeln Sie ſehr hart und ſehr ungerecht, Herr,“ verſetzte Jukes,„das ſage ich Ihnen vorher.“ „Es iſt ſeine eigene Schuld,“ verſetzte Abel kalt. „Ich habe ihn vorher gewarnt. Du mußt Jacob Poſt aufſuchen, wenn der Kerl noch bei dem Geizhals iſt, und von ihm herausbringen, ob Randulph das Haus beſucht. Verſtehſt Du mich?“ „Vollkommen,“ erwiederte Jukes;„aber mir gefällt der Auftrag nicht.“ „Er mag Dir gefallen oder nicht, ſo wirſt Du thun, wie ich Dir befehle,“ fuhr Abel nachdruͤcklich fort.„Doch Deine Inſtruktion iſt noch nicht zu Ende. Du ſagſt, Dein Neffe dient beim Herrn Villiers. Beſtich ihn, daß er Dir Nachricht bringt, was Randulph in ſeines Herrn Geſellſchaft thut, od er ſpielt, trinkt oder ſchwelgt— kurz, wie er lebt.“ „Es wird nicht noͤthig ſein, Crackenthorpe zu beſte⸗ chen, Alles dies zu ſagen,“ erwiederte Jukes.„Doch ich wiederhole, daß mir dieſes geheime Verfahren durchaus nicht gefällt; es iſt Ihrer unwuͤrdig.“ „Es iſt das einzige Mittel zur Wahrheit zu gelan⸗ gen,“ verſotzte Abel.„Und nun verlaß mich. Ich muß an meine Schweſter ſchreiben uͤber dieſen Scarve— Fluch uͤber den Namen— und will ſie bitten, ihrem Sohn zu verbieten, ſich dem Hauſe zu nähern.“ „Nach meiner demuͤthigen Meinung waͤhlen Sie ge⸗ rade das Mittel, ihn dorthin zu ziehen, Herr,“ verſetzte — 55— Jukes.„Wenn er vorher nicht wuͤnſchte, dorthin zu gehen, ſo wird er es jetzt wuͤnſchen. Es liegt in der menſchlichen Natur. Sagen Sie mir, ich ſoll jenen Schrank nicht öffnen, und ich werde ein großes Verlan⸗ gen darnach hegen. Denken Sie an den Blaubart, Herr.“ „An den Galgen mit dem Blaubart,“ rief Abel zornig.„Geh und ſieh nach dem Mittageſſen. Trage es pracis um vier Uhr auf. Ich werde keinen Augenblick au ſie warten— keinen Augenblick.“ Der Kellner verbeugte ſich und ging, während Abel einen zweiten Brief an ſeine Schweſter begann. Als Jukes ſich der Speiſekammer naͤherte, wohin er ſich begab, nachdem er ſeinen Herrn verlaſſen hatte, er— ſtaunte er, als er eine Stimme daraus hervorkommen hoͤrte, die mit einigem Geſchmack aber in ſehr affectirtem Styl folgende Stelle ſang: „Verliebt, verſchuldet und betrunken, War ich manch liebes Jahr; Und daß ich jetzt ſo tief geſunken, Nur Schuld dies Leiden war.“ „Das iſt mein Taugenichts von Neffe,“ murmelte Jukes.„Ich will ihn nicht ſehen. Er kommt in ſeinem alten Anliegen.“ Hier erhob der Sänger wieder ſeine Stimme: „Und Geld allein nur kann mich heilen, Von aller Qual befrein. Mein Liebchen wollt' nicht bei mir weilen; Dann liebt ſie mich, wird wieder mein.“ — 6— „Ja, Geld bildet ſtets den Schlußreim ſeines Lie⸗ des,“ murmelte Jukes.„Doch ich muß ihn ſehen. Mei⸗ nes Herrn Befehle ſind ſehr beſtimmt.“ Hierauf ſtieß er die Thuͤr auf und erblickte ſeinen Neffen, der ſich in ſehr nachläſſiger Stellung an den Tiſch lehnte. Herr Crackenthrope Cripps war ein junger Mann von etwa dreiundzwanzig Jahren, von ſehr aus⸗ ſchweifendem Anſehen, wohlproportionirter Geſtalt und ziemlich guten Geſichtszuͤgen, die nur durch einen Aus⸗ druck der Liſt und Zuverſichtlichkeit entſtellt wurden. Er trug ein abgelegtes Kleid ſeines Herrn, und da er gerade ſo groß und beinahe eben ſo gewachſen war, wie der be⸗ ruͤhmte Stutzer, ſo paßten ihm ſeine Kleider vortrefflich. Man wuͤrde ihn kaum fuͤr einen Bedienten gehalten ha⸗ ben, denn ungeachtet des ſtrengen Verbots fuͤr Bediente, Degen zu tragen, trug er dennoch einen mit ſilbernem Griff. Sein Rock war von Scharlach mit Gold beſetzt, und obgleich etwas abgetragen, ſah er doch noch ziemlich fein aus; ſeine Weſte war von gruͤner, geblumter Seide; ſeine Beinkleider von gelbem Sammet; ſeine Halsbinde mit Spitzen beſetzt, und da der Zopf ſeiner Perruͤcke nicht zuſammengebunden war, ſo fiel das Haar nachlaͤſſig uber ſeine Schultern und vermehrte noch das nachlaͤſſige An⸗ ſehen, welches er annahm. Ein mit Meſſing beſchlagener Rohrſtock mit großer ſeidener Quaſte vollendete ſeinen Auf⸗ zug. Wegen ſeines Benehmens, ſeiner Kleidung und ſeiner Anſpruͤche war dieſer Narr unter ſeinen Kameraden als Beau Cripps bekannt— ein Titel, worauf er nicht wenig eitel war, und den er zu erhalten bemuͤht war. Als der Bediente ſeinen Onkel erblickte, veränderte er — ſeine Stellung nicht, ſondern begnügte ſich damit, eine herablaſſende Bewegung mit der Hand zu machen. „Wie gehts Ihnen, Onkelchen?“ fragte er.„Wuͤn⸗ ſche Ihnen bon jour, wie wir Weltleute ſagen. Süͤße, alte Seele, wie liebe ich Dich. Auf Parole! es iſt eher ein Vergnugen als eine Pflicht, Dich zu beſuchen.“ „Ich bitte, mache Dir meinetwegen keine Muͤhe, Neffe,“ verſetzte Jukes etwas ſpoͤttiſch.„Und ich muß bitten, wenn Du kuͤnftig das Haus wieder beſuchſt, zu bedenken, welche Stellung ich in demſelben einnehme. Un⸗ terhalte Dich anderswo mit Deinen Opernliedern.“ „Zum Henker, Onkelchen!“ rief Cripps,„Sie ſind ja viel beſonderer als der Kammerdiener des Herzogs von Doncaſter. Wenn ich den beſuche, thue ich doch Alles, was ich will.“ „Das mag wohl ſein,“ verſetzte Jukes,„aber hier ſolſſt Du es nicht, das ſage ich Dir.“ „Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich je einen beſ⸗ ſern Scherz hoͤrte,“ rief Cripps, indem er ſich zum La⸗ chen zwang;„doch Sie waren ſtets ein Witzbold, On⸗ kelchen. Nehmen Sie eine Prieſe von meiner Sorte. Sie werden ſie vortrefflich finden. Es iſt des Beau's ei⸗ gene Miſchung, auf Ehre!“ „Und des Beau's eigene Doſe, das will ich be⸗ ſchwoͤren, Neffe,“ verſetzte Jukes, indem er eine Prieſe nahm.„Nun,“ ſetzte er, durch die Aufmerkſamkeit et⸗ was beſaͤnftigt, hinzu,„willſt Du nach Deinem Spazier⸗ gange etwas zu Dir nehmen?“ „Spaziergang, Onkelchen!“ wiederholte Cripps mit äußerſt veraͤchrlichem Blick.„Glauben Sie, ich werde . — gehen, ſo lange man noch auf andere Weiſe fortkommen kann? Nein, eine Kutſche und ein paar Rappen brachten mich hieher. Aber da Sie mich ſo ſehr noͤthigen, ſo will ich allenfalls ein Glas Bordeaux oder Rheinwein anneh⸗ men. Ich weiß, der alte Abel hat einen huͤbſchen Keller; wie wär's, wenn wir eine Flaſche zuſammen ausſtächen. Miſtreß Nicholſon, unſere Haushaͤlterin, uͤberredete mich, eine Taſſe gruͤnen Thee zu trinken, ehe ich das Haus ver⸗ ließ, und der hat mir verteufelt die Nerven zerruͤt⸗ tet.“ „Der Punſch, den Du geſtern Abend getrunken, hat Dir die Nerven zerrüttet, Neffe, und nicht der Thee,“ verſetzte Jukes kopfſchuͤttelnd.„Ich kann Dir keinen Bordeaux noch Rheinwein geben; ein Glas Ale wuͤrde Deinem Magen gut bekommen—“ „Ein Glas Ale?“ wiederholte Cripps mit unendli⸗ chem Abſcheu.„Puh! ich will nichts davon. Und was den Punſch betrifft, ſo wiſſe, unwiſſendes Onkelchen, daß ich geſtern Abend nur Champagner, Burgunder und Rheinw eintrank. Sie ſtutzen, aber es iſt eine Thatſa⸗ che, auf Parole. „Getrunken, geneckt, Getanzt und geſungen, Bei Rheinwein und Sect, Wenn die Saiten erklungen. Die wechſelnde Welt Kennt nicht unſre Freude, Der wir uns geſellt, Drum fort mit dem Leide.“ „Apropos, Onkel, Sie muͤſſen ein wenig ausbeuteln, deshalb kam ich hieher.“ „Ich vermuthete Deine Abſicht, Crackenthrope,“ ver⸗ ſetzte Jukes.„Du haſt gewiß geſpielt, Burſche?“ „Meiner Treu, Onkel, ich muß bekennen, daß ich an des Herzogs Kammerdiener ein wenig im Piquet ver⸗ loren habe,“ verſetzte Cripps. „Was nennſt Du ein wenig— he, Neffe?“ fragte Jukes. „Nun— nun—“ ſagte Cripps zoͤgernd, indem er zur Schnupftab ksdoſe ſeine Zuflucht nahm, und verſuch⸗ te, ſeine Verlegenheit durch noch groͤßere Frechheit zu ver⸗ bergen—„zwanzig Kronen— keinen Heller mehr, auf Parole!“ „Zwanzig Kronen!“ rief Jukes in großem Erſtau⸗ nen die Haͤnde erhebend.„Ein Bedienter, der Cham⸗ pagner und Burgunder trinkt, und zwanzig Kronen im Piquet verliert! Was ſoll aus der Welt werden?“ „Keine Strafpredigt, Onkel,“ verſetzte Cripps; „ſondern heraus mit der Boͤrſe, wie ich ſchon ſagte. Wie viel wollen Sie mir geben?“ „Eine Krone, wenn ich Dich dadurch los werden kann,“ verſetzte Jukes ungeduldig. „Der Teufel hole mich, wenn ich ohne zehn vom Flecke gehe!“ verſetzte Cripps.„Wenn Sie daher meine Abweſenheit wuͤnſchen, ſo beuteln Sie nur ſogleich aus. Zehn, bei dieſem Licht— zehn.“ „Nun, Alles, um Dich los zu werden,“ verſetzte Jukes;„aber dies iſt das Letzte, was ich Dir vor⸗ ſtrecke.“ „Das ſagen Sie immer, Onkelchen; aber ich will es auch binnen einer Woche zuruͤckzahlen, auf Parole!“ „Ich erwarte es nicht,“ verſetzte Jukes, einen Schrank aufſchließend, und zehn Kronenſtuͤcke aus einem Auszug nehmend.„Bedenke, Neffe, daß dies mein Erſpar⸗ tes iſt.“ „Und Sie koͤnnten es zu keinem beſſern Zwecke an⸗ wenden,“ entgegnete der Bediente, ruhig das Geld ein⸗ ſteckend.„Mille remereimens— Werde die Gunſt nicht vergeſſen— auf Parole. Aber ich habe Ihnen ſchon zu viel Zeit geraubt. Au revoir! Ich kuſſe Ihnen die Hand, Onkelchen!“ „Nicht ſo raſch, Crackenthorpe,“ verſetzte Jukes. „Du mußt mir fuͤr dieſe Anleihe einen Gegendienſt er⸗ weiſen. Der Neffe meines Herrn, Herr Randulph Crew, iſt eben bei Herrn Villiers eingefuͤhrt worden, und mein Herr fuͤrchtet mit Recht, daß dieſe Bekanntſchaft ihn zu nichts Gutem fuͤhren wird. Doch das mag ſein, wie es will, Du mußt mir genaue Nachricht von all ſeinem Thun bringen.“* 3 „Verlaſſen Sie ſich drauf, Sie ſollen Alles erfah— ren, Onkel,“ verſetzte Cripps. „Ich bin noch nicht zu Ende,“ fuhr Jukes fort. „Da iſt ein gewiſſer Herr Scarve, der in Little Sanctua⸗ ry wohnt—“ „Was, der Geizhals, dem die Leute den Beinamen Starve geben?“ fiel Cripps ein.„Ich kenne ihn wohl. Mein Herr hat große Geldſummen von ihm geborgt. Aber was wollten Sie von ihm ſagen, Onkelchen?“ 65— „Nun ich moͤchte gerne wiſſen, ob Herr Randulph das Haus beſucht, das iſt Alles,“ erwiederte Jukes. „Was, der alte Abel fuͤrchtet, daß ſein Neffe Geld von ihm borgen wird, he?“ entgegnete Cripps lachend. „Nun, das iſt leicht zu machen. Ein Friſeur Namens Pokerich, den ich beſchuͤtze, wohnt dem Hauſe des alten Starve gegenuͤber, und der muß ſeinen Diener kennen, wenn er einen hält, wenn nicht, muß er den Geizhals ſel⸗ ber kennen. Fuͤrchten Sie nichts, ich werde von ihm er⸗ fahren, was Sie zu wiſſen wuͤnſchen. Noch weitere Be⸗ fehle?“ ſetzte er hinzu, indem er ſeinen Hut zierlich auf⸗ ſetzte und als Vorbereitung zu ſeiner Entfernung anmu⸗ thig ſeinen Rohrſtock drehte. Ehe Jukes antworten konnte, wurde die Thuͤr geoͤff⸗ net, und Abel Beechcroft trat ins Zimmer. Er ſtarrte Cripps ſo finſter an, daß ihn alle Zuverſicht verließ, daß er haſtig ſeinen Hut abnahm, und ſich entfernt haben wuͤr⸗ de, hätte Abel ihn nicht zuruͤckgehalten. „Was habt Ihr hier zu thun, Burſche?“ fragte er. „Ich bin nur gekommen, meinen Onkel zu beſuchen, auf Parole,“ ſtotterte der Bediente. „Nur gekommen, ihn ſeiner Erſparniſſe zu berauben, Burſche, wollt Ihr ſagen,“ verſetzte Abel ſarkaſtiſch. „Aber hort, Burſche! Ich habe auch ſo einen Tauge⸗ nichts von Neffen, wie mein Kellner, und er iſt eben mit Eurem Herrn bekannt geworden, mit Eurem poſſenhaften — ſpielſuͤchtigen Herrn— und ich kann nicht hoffen, daß er der Anſteckung ſeiner Geſellſchaft entgehen wird. Nun moͤchte ich wiſſen, wie raſch und in welchem Grade er dadurch verderbt wird. Ihr muͤßt ihn beobachten, Burſche.“ Die Tochter des Geizigen. I. 5 — 6— „Mein Onkel hat mir ſchon Ihr Anliegen offenbart, Herr Beechcroft,“ verſetzte Cripps;„aber in der That, auf Parole, wenn Sie die Sache in einem ſolchen Lichte darſtellen, vertraͤgt es ſich nicht mit meiner Reputation, Ihren Wunſch zu erfuͤllen.“ „Was, Schurke, ſeid Ihr gewiſſenhaft?“ ſagte Abel ſpoͤttiſch lachend,„und affectirt ein eben ſo zartes Ehr⸗ gefuͤhl wie Euer Herr? Aber gleich ihm, habt Ihr Eu⸗ ren Preis. Bringt mir die geforderte Nachricht, und Ihr ſollt die doppelte Summe haben, die Ihr eben Euerem Onkel abgeſchwatzt.“ „Das werden zwanzig Kronen ſein, Herr Beech⸗ croft,“ verſetzte Cripps.„Sie ſind ein ſcharfer Beur⸗ theiler der menſchlichen Natur, Herr, und haben meine ſchwache Seite entdeckt, auf Parole! Kein Cripps war je feſt gegen Beſtechung.“ „Dann iſt alſo der Handel abgeſchloſſen,“ entgeg⸗ nete Abel ungeduldig.„Fuͤhre ihn aus dem Hauſe, Ju⸗ kes, und ſchicke dann dieſen Brief zur Poſt. Aha! ich hoͤre meines Bruders und meines Neffen Stimme im Vorſaal. Zeige Deinem Neffen Herrn Randulph, Jukes, damit er ihn kennt.“ Der Kellner nickte und entfernte ſich mit dem Be⸗ dienten, während Abel in die Bibliothek zuruͤckkehrte. Truſſell und Randulph ſchwatzten und lachten im Vor⸗ ſaale. Als der Erſtere Cripps erblickte, machte er ſo— gleich ſeinen Neffen auf ihn aufmerkſam. „So wahr ich lebe,“ rief er,„da iſt Beau Villiers Bedienter, Herr Cripps. Du mußt ihn kennen lernen, Randulph. Es iſt nicht uͤbel, auch mit den Dienern der —— Großen in gutem Vernehmen zu ſtehen. Herr Cripps, ein Wort mit Ihnen. Das nenne ich eine Verbeugung, Randulph— die wahre untertauchende Verbeugung, die das Haar nach vorne ſchlaͤgt, worauf man ſich ſchuͤtteln muß, gleich einem Waſſerhund, um es wieder in Ord⸗ nung zu bringen. Sahſt Du dann je eine ſolche Per⸗ ruͤcke, eine ſolche Halsbinde oder ein ſolches Degenge⸗ haͤnge?“ „Gewiß nie an einem Bedienten,“ erwiederte Ran⸗ dulph. „Herr Cripps,“ fuhr Truſſell fort,„das iſt mein Neffe, Herr Randulph Crew, ein junger Herr, noch unerfahren in der Welt, was ich Ihnen kaum zu ſagen brauche. Er iſt eben Ihrem Herrn vorgeſtellt worden und hat, wie ich mir ſchmeichle, bereits ſeine Achtung gewonnen.“ „Sehr erfreut, dies zu hoͤren, Herr Truſſell,“ ver⸗ ſetzte Cripps mit einer zweiten tiefen Verbeugung— „aber es wundert mich nicht. Ein ſchoͤner, junger Mann, auf Parole! Es fehlt ihm nur ein gewiſſes Etwas, was mein Herr ihm bald mittheilen wird, um vollkommen zu ſein. Wahrhaftig, Herr Truſſell, mein Herr muß nach ſeinen Lorbeern ſehen, ſonſt beraubt Ihr Neffe ihn der⸗ ſelben— ha! ha! Wollen Sie geneigen, eine Prieſe von mir anzunehmen, Herr? Es iſt von der Miſchung meines Herrn.“ „Danke, danke, Herr Cripps!“ ſagte Truſſell, mit den Fingern in die angebotene Doſe greifend. „Was iſt heute Abend, Herr?“ fragte Cripps— „die Redoute bei Renelagh, das franzöſiſche Schau⸗ — 6 65— ſpiel in Haymarket, oder Lady Fazakerly's Trom⸗ mel?“ „Wahrhaftig, ich weiß es nicht,“ verſetzte Truſſell ein wenig verlegen.„Die Wahrheit iſt,“ ſetzte er leiſe hinzu,„mein Bruder hat ſeltſame Grillen und Vorur— theile, denen wir uns zuweilen fuͤgen muͤſſen.“ Cripps laͤchelte bedeutungsvoll und nahm eine große Prieſe. „Sie werden das Intereſſe meines Neffen bei Ihrem Herrn wahrnehmen, Herr Cripps,“ fluͤſterte Truſſell, in⸗ dem er ihn zugleich eine Krone in die Hand druͤckte. „So gut wie mein eigenes, Herr Truſſell, auf Pa⸗ role!“ erwiederte Cripps in demſelben Tone. Hiebei verneigte ſich dieſer faſt bis auf den Boden und ging. „Nun, heute habe ich doch ein ertraͤgliches Geſchäft gemacht, auf Parole!“ murmelte er bei ſich ſelber, als er aus dem Hauſe ſchlich.„Onkel zehn Kronen abgenom⸗ men— ein Verſprechen von zwanzig vom alten Abel— und eine von Truſſell erhalten. Dieſer Randulph Crew ſcheint mir Gluͤck zn bringen. Bei meiner Ruͤckkehr nach Hauſe will ich den kleinen Barbier beſuchen und ihn auf die Faͤhrte bringen. Ich ſehe, aus dieſer Sache läßt ſich etwas machen. Heute Abend werde ich beim Herzog mein Gluͤck mit den Wuͤrfeln verſuchen.“ So mit ſich ſelber redend und ſingend ging er wei⸗ ter, bis er ſein Boot erreichte, welches an den Stufen in der Naͤhe des Palaſtes lag, ſprang hinein und befahl dem Bootsmann mit der Miene eines Lords und verſchiedenen Fluͤchen nach der Mode nach Weſtminſter zu rudern. — Onkel Abel kam erſt zu ſeinem Neffen und ſeinem Bruder, als das Mittagseſſen bereits aufgetragen war und nahm während der Mahlzeit wenig Theil an der Un⸗ terhaltung. Truſſell, der an ſeine Laune gewoͤhnt war, zeigte ſich ſo lebhaft und unterhaltend wie immer, und ſchwatzte wie ein junger Mann; aber Randulph konnte nicht umhin, die ernſten Blicke ſeines aͤltern Onkels zu empfinden. Er war auch unzufrieden mit ſich ſelber, er wußte kaum warum, und wuͤnſchte Abels Achtung wieder zu erlangen. So ging das Mittagseſſen voruͤber, das Tiſchtuch wurde abgenommen, und der Wein aufgeſetzt. Die Gläſer wurden mit Aufmerkſamkeit von Jukes ge⸗ fuͤllt, welcher Sorge trug, daß bei dieſer Gelegenheit eine von den älteſten und vorzuͤglichſten Flaſchen heraufgeholt wurde, und ſeine Aufmerkſamkeit wurde bald durch eine ſehr wohlthaͤtige Veränderung in der Laune ſeines Herrn belohnt. „Nun, Randulph,“ ſagte Abel, während er das zwei⸗ te Glas trank,„wie gefaͤllt Dir Deine neue Geſell⸗ ſchaft?“ „Ich habe bis jetzt ſo wenig davon geſehen, lieber Onkel,“ verſetzte der junge Mann,„daß ich mir noch keine beſtimmte Anſicht davon bilden kann; doch ich muß ſagen, daß ich Herrn Villiers fuͤr den feinſten Mann hal— te, den ich je geſehen, Lady Brabazon fuͤr eine Frau von viel Geiſt und Witz und ihre Tochter—“ „Fuͤr das ſchönſte Weſen, daß Du je geſehen!“ ſetzte Abel trocken lachend hinzu;„und Du haſt bereits Dein Herz an ſie verloren.“ „Ich bin weit entfernt, ſie fuͤr das ſchoͤnſte Weſen —— zu halten, das ich je geſehen,“ entgegnete Randulph; „ſie iſt nicht zu vergleichen mit— mit—“ Er war im Begriff, den Namen der Tochter des Geizigen hinzuzuſetzen, doch die Blicke ſeiner Oheime, die mit ſehr verſchiedenem Ausdruck auf ihn gerichtet waren, hielten ihn davon ab. „Ich weiß, was Du ſagen wollteſt, Randulph,“ ſagte Onkel Abel finſter,„Du warſt im Begriff Hilda Scarve zu nennen. Ein fuͤr allemal, laß Dich warnen, ſie zu erwaͤhnen. Ich habe beſondere Gruͤnde, ihren Va⸗ ter zu verabſcheuen und zu haſſen, denn mein Widerwille gegen ihn iſt von der ſtaͤrkſten Art, und ich kann es nicht ertragen, Jemand nennen zu hoͤren, der mit ihm in Ver⸗ bindung ſteht.“ „Nun, lieber Onkel, Ihre Wuͤnſche ſollen befolgt werden, ſo weit es in meiner Macht ſteht,“ verſetzte Ran⸗ dulph;„doch ich wuͤrde nicht aufrichtig gegen Sie ſein, wenn ich Ihnen nicht ſagte, daß ich dieſelben fuͤr etwos unvernuͤnftig halte. Ich kann leicht begreifen, daß Herr Scarve Sie mag beleidigt haben, aber ſeine Tochter—“ „Randulph!“ rief Abel, indem er ſeine grauen Au⸗ gen auf ihn heftete,„Du biſt verliebt in das Madchen, oder glaubſt es vielmehr zu ſein, denn Liebe, obgleich ſie auf einmal geſaͤet wird, kommt erſt mit der Zeit zur Reife. Du mußt dieſe Leidenſchaft uͤberwinden, wenn Du ſie hegſt. Die Tochter eines ſolchen Mannes muß einige von ſeinen boͤſen Eigenſchaften erben.“ „Ich glaube, darin ſind Sie ungerecht, Onkel,“ ver⸗ ſetzte Randulph.„Geſetzt, daß der Vater große Fehler an ſich hat, ſo mag doch die Mutter, der ſie wahrſchein⸗ lich aͤhnlicher iſt—“ „Randulph!“ rief Abel, ihn mit einem lauten Schrei unterbrechend,„willſt Du mich zum Wahnſinn treiben?“ „Was habe ich geſagt, Onkel?“ fragte der junge Mann erſtaunt. „um Gotteswillen, ſchweig!“ fluͤſterte ihm Onkel Truſſell zu, der vergebens verſucht hatte, die Aufmerkſam⸗ keit ſeines Neffen auf ſich zu ziehen.„Siehſt Du nicht, daß er es nicht ertragen kann, von dieſen Scarves reden zu hoͤren?“ Randulph gerieth in große Verwirrung. Vergebens ſuchte er ſich zu ſammeln; es fiel ihm kein Gegenſtand zur Unterhaltung ein; doch endlich kam ihm Onkel Truſſell zu Huͤlfe. „Wir werden morgen mit Beau Villiers fruhſtuͤcken,“ ſagte er zu ſeinem Bruder.„Wir ſind heute Abend zu Lady Foazakerly's Trommel eingeladen, und Lady Braba⸗ zon bat uns, ſie zu Ranelagh zu begleiten.“ „Und warum gingt Ihr nicht?“ fragte Abel aͤrger⸗ lich. „Weil ich glaubte, daß es Dir nicht angenehm ſein moͤchte, Bruder,“ entgegnete Truſſell. „Pah! was liegt mir dran!“ verſetzte Abel.„Stuͤr⸗ ze Deinen Zoͤgling uͤber Kopf und Ohren in Zerſtreuung! Ueberfaͤttige ihn, wie die Krämer bei ihren Lehrlingen thun, mit Suͤßigkeiten! Achte kuͤnftig nicht mehr auf mich, thue was Du willſt.“ Onkel Truſſell winkte Randulph zu. 8. „Ich will ihn beim Wort nehmen,“ fluͤſterte er. —— Aber Randulph achtete nicht auf dieſes Zeichen. Sein Herz war zu ſehr mit Hilda Scarve beſchäftigt und er empfand einen Widerwillen gegen Onkel Abel, den er nicht bemeiſtern konnte. Er entſchuldigte ſich, nicht mehr Wein zu trinken, ging in den Garten und trat in das Sommerhaus. Dort blickte er auf den breiten und ſchoͤnen Fluß und auf die ehrwuͤrdige Abtei am entgegengeſetzten Ufer, in deren Nähe die Gebieterin ſeines Herzens wohnte. Viertes Kapitel. Ein dritter Neffe.— Die Mittagsmahlzeit im Hauſe des Geizhalſes.— Die Bezahlung des Pfandgeldes.— Sir Bulkeley Price. G ereignete ſich nichts Beſonderes nach Randulph's Entfernung in der Wohnung des Geizigen. Scarve nahm ein großes Rechnungsbuch aus dem Kaſten unter ſeinem Tiſch, nebſt mehreren Papieren, wovon er Aus⸗ zuͤge machte, und beſchäftigte ſich laͤnger als anderthalb Stunden ſo. Dann bemerkte erh daß ſein Licht faſt gaͤnz⸗ lich niedergebrannt war, und gab ſeiner Tochter und Miſtreß Clinton zu verſtehen, daß es Zeit ſei, ſich zur Ruhe zu begeben. „Ihr ſeid laͤnger als gewoͤhnlich aufgeweſen,“ ſagte er,„und ich war ſo beſchaͤftigt, daß ich ganz vergaß, Euch zu Bette zu ſchicken. Hilda, Dein Vetter Philipp Frewin wird morgen hier ſpeiſen.“ „Das haſt Du mir ſchon geſagt, Vater,“ erwiederte ſie kait. „Und ich habe Dir auch geſagt, daß es mein Wunſch iſt, Du moͤgeſt ihn freundlich empfangen,“ verſetzte der Geizhals.„Sage kein Wort mehr uͤber den Gegen⸗ ſtand.— Gute Nacht, Tochter— gute Nacht, Schwe— ſter Clinton. Hier, Jacob, leuchte den Damen die Treppe hinauf. Ich habe meine Rechnung beendet, und brauche das Licht nicht mehr.“ Jacob gehorchte und die Damen wurden in ihr Zim⸗ mer gefuͤhrt, um wie gewoͤhnlich im Dunkeln zu Bette zu gehen. Einen Augenblick ſpaͤter kehrte Jacob zuruͤck und ſetz⸗ te das erlöſchende Licht auf den Tiſch. „Nun, Jacob,“ ſagte der Geizhals zu ihm,„was denkſt Du von dem Fremden, der heute hier war?“ „Was denken Sie von ihm, Herr?“ erwiederte Ja⸗ cob ausweichend. „Nun, ich denke ganz gut von ihm,“ entgegnete carve.„Es iſt ein huͤbſcher Burſche— aber außeror⸗ unvorſichtig und gedankenlos.“ „Ich denke ſci ſ verſetzte Jakob brummend. zu beurtheilen,“ ver⸗ der heiſ„Ich ſehe den Verſchwender in ſeiner ganzen Erſcheinung und in ſeinem Benehmen. Kurz, Jacob, ich moͤchte ihn nicht wiederſehen. Wenn er wiederkommen ſollte, was nicht unwahrſcheinlich iſt, obgleich ich deutlich genug zu verſtehen gab, daß ſeine Beſuche keineswegs angenehm ſein wuͤrden, ſo mußt Du mich und meine Tochter vor ihm verleugnen.“ —— „Was!“ rief Jacob,„Sie wollen dem Sohn Ih⸗ res alten Freundes Ihre Thür verſchließen? Heißt das wie ein Mann von Stande gehandelt?“ „Der Burſche iſt ein Taugenichts, Jacob— ein un⸗ verſtaͤndiger, romantiſcher Taugenichts,“ erwiederte der Geizhals. „Glaub's nicht,“ verſetzte Jacob. „Er hat ſein Vermoͤgen weggeben,“ ſagte der Geiz⸗ hals. „Wird's zu ſeiner Zeit wiedererlangen,“ war die Antwort. „Jacob, Du biſt ein Narr!“ ſagte der Geizhals. „Marr oder nicht,“ verſetzte Jacob,„wenn ich an Ihrer Stelle waͤre, wuͤrde ich meine Tochter an dieſen jungen Mann verheirathen.“ „Wenn ich Deinen Rath uͤber dieſen Gegenſtand verlange, wird es Zeit genug ſein, ihn zu geben,“ ent⸗ gegnete der Geizhals.„Du kannſt Dich jetzt zur Ruhe begeben, Jacob. Aber vorher geh durchs ganze Haus, und ſieh zu, ob Alles ſicher iſt. In der vorigen Nacht glaubte ich ein Geräuſch im Keller zu hoͤren.“ „Das waren die Ratten, Herr,“ verſetzte Jacob. „Wirklich!“ verſetzte der Geizhals;„dann machen die Ratten ein huͤbſches Geraͤuſch mit ihren Kinnbacken. Jacob, ich hege den Verdacht, daß Du es warſt.“ „Nun gut, ich war's,“ verſetzte Jacob trotzig. „O! Du bekennſt es?“ entgegnete der Geizhals un⸗ ruhig.„Woher bekommſt Du Deine Lebensmittel? Wer verſieht Dich damit, he?“ „Laſſen Sie das, Herr,“ verſetzte Jacob;„da es Sie nichts koſtet, ſo brauchen Sie ſich auch nicht darum zu kuͤmmern.“ „Wahr, wahr!“ verſetzte der Geizhals;„und doch moͤchte ich gern wiſſen, wie Du zu den Speiſen kommſt.“ „Ich ſtehle ſie nicht,“ erwiederte Jacob.„Aber ſehen Sie, das Licht geht aus— es iſt beſſer, Sie gehen zu Bett.“ „Du haſt Recht, Jacob,“ ſagte der alte Mann, „gute Nacht! Schließe auch ja das Haus.“ Hierauf ſchlich er in ſeine Kammer, und gerade als er dieſelbe erreichte, ging das Licht aus. Scarve ſtand beſtaͤndig mit Tagesanbruch wieder auf, und brachte zwei oder drei Stunden vor dem Fruͤhſtuͤck bei ſeinen Rechnungsbuͤchern zu. An dem Morgen, der auf die vorhin erzählten Ereigniſſe folgte, blieb er laͤnger als gewoͤhnlich auf ſeinem Zimmer, und als Miſtreß Clin⸗ ton ihn um neun Uhr zum Fruͤhſtuͤck rief, kam er mit mehreren Papieren unter dem Arm herunter. Das Fruͤh⸗ ſtuͤck beſtand in Milch und Waſſer und einem kleinen Brod, aber ohne Butter und Fleiſch. Von dieſer ma⸗ gern Koſt genoſſen Alle ſparſam und das Mahl war bald beendet. Hilda hatte gewohnlich wenig Appetit, diesmal aber aß ſie noch weniger als gewoͤhnlich, und ihr Vater bemerkte es. „Ich fuͤrchte, Du biſt heute nicht wohl,“ ſagte er; „es thut mir leid, denn ich wuͤnſchte, Du moͤchteſt gut ausſehen, wenn Du unſern Vetter empfaͤngſt.“ „Ich wuͤnſche nicht ihn zu ſehen,“ erwiederte ſie mit einem Blick unaus ſprechlichen Abſcheus. —— „Dann wuͤnſcheſt Du nicht, mir zu gefallen,“ ver⸗ ſetzte er. Der Geizhals machte zu der Zeit keine weitere Be⸗ merkung; doch als die kaͤrglichen Ueberbleibſel des Fruͤh⸗ ſtuͤcks abgetragen und er mit ſeiner Tochter allein war, ſagte er: „Hilda, ich habe ein Wort mit Dir zu reden. Laͤngſt habe ich gewuͤnſcht, uͤber einen Gegenſtand, der meinem Herzen am naͤchſten iſt, mit Dir zu ſprechen— nämlich uͤber unſern Vetter Philipp Frewin. Es kann Dir kaum unbekannt ſein, daß er nach Deiner Hand ſtrebet. Doch wenn Du ſeine Abſichten nicht kennſt, ſo muß ich Dich jetzt damit bekannt machen. Ich habe eine ſehr hohe Meinung von ihm, nicht bloß weil er mein Neffe, ſondern weil er ein ſehr verſtaͤndiger und vorſichti⸗ ger Mann iſt, der fuͤr ſein Vermoͤgen Sorge tragen wird. Er iſt das gerade Gegentheil von dem ſchwachen jungen Menſchen, der geſtern Abend hier war.“ „So ſcheint es, Vater,“ erwiederte Hilda bedeu⸗ tungsvoll. „Philipp iſt ſehr reich, Hilda,“ fuhr der Geizhals fort.„Er hat wenigſtens funfzigtauſend Pfund im Ver⸗ moͤgen, kurz, es iſt mein Wunſch, daß, wenn er Dir den Antrag macht, wie ich erwarte, Du ihn annimmſt.“ „Dann wird es gut ſein, wenn Du weißt, welche Antwort ich ihm auf ſeinen Antrag geben werde,“ ent⸗ gegnete ſie. „Und welche wird das ſein?“ fragte der Geizhals. „Eine beſtimmte und entſchiedene Ablehnung,“ er⸗ wiederte ſie. „Hilda!“ rief der Geizhals wuͤrhend—„Hilda!“ „Treibe mich nicht weiter, Vater,“ verſetzte ſie ruhig—„in dieſem Punkte bin ich feſt.“ „Du haſt Dich in das glatte Geſicht und die huͤb⸗ ſche Geſtalt des Verſchwenders verliebt, der geſtern Abend hier war;“ rief Scarve leidenſchaftlich—„aber merke wohl, ich werde nie meine Einwilligung geben. Wenn Du ihn heiratheſt, ſo ſoll weder er noch Du, noch ein Kind von Euch, einen Pfennig von mir haben!— Ich enterbe Euch Alle! Er iſt ein Bettler, und Du ſollſt das Weib eines Bettlers ſein. Wenn der Thor nur ſeine Beſitzungen behalten hätte, ſo haͤtte Alles gut gehen koͤnnen — vielleicht haͤtte ich eingewilligt— aber ſo werde ich nie ſeinem Antrage Gehoͤr geben. Nein, Hilda,“ fuhr er gemaͤßigter fort,„Dein kuͤnftiger Gatte iſt Philipp Frewin, meiner Schweſter Sohn, ein Mann, der den Werth des Geldes kennt und es in Acht nehmen wird, und der das Uebermaaß in allen Dingen haßt.— Ich kann ihn als einen vortrefflichen jungen Mann von den beſten Grundſätzen empfehlen.“ „Er mag ganz ſo ſein, wie Sie ihn ſchildern— ob⸗ gleich ich es bezweifle,“ verſetzte ſie;„doch ich wuͤnſche nicht zu heirathen.“ „Still,“ verſetzte der Geizhals ungeduldig—„jedes Frauenzimmer wuͤnſcht zu heirathen. Es iſt ihr erſter Zweck weshalb ſie auch erzogen wird— der Zweck und das Ziel ihres Daſeins.“ „Aber gewiß, Vater,“ verſetzte Hilda mit mattem Laͤcheln,„jedes Frauenzimmer wuͤnſcht den Mann zu hei⸗ — 7021— rathen, den ſie liebt. Ihr Herz muß etwas mit der Wahl zu thun haben,“ „Pah!“ rief der Geizhals, eitles Geſchwaͤtz— thoͤ⸗ rigte, maͤdchenhafte Einbildung. Ehe Du noch eine Wo⸗ che verheirathet biſt, wirſt Du Deinen Mann mehr lie⸗ ben als irgend einen andern auf der Welt. Ein Mann ſollte nicht nach ſeinem guten Ausſehen, ſondern nach ſei— nen guten Eigenſchaften gewählt werden— mehr nach ſeinem Vermoͤgen als nach ſeiner Perfoͤnlichkeit— mehr nach ſeiner Faͤhigkeit fuͤr Dich, fuͤr Dein Eigenthu'n und fuͤr Deine Kinder zu ſorgen. Ein ſolcher iſt Philipp Fre— win— und ein ſolcher iſt Randulph Crew nicht.“ „Ich wollte, Du erwaͤhnteſt Randulph Crew nicht ſo oft, Vater,“ verſetzte Hilda in einiger Verwirrung, „ich ſehe nicht ein, warum ſein Name immer etwaͤhnt werden muß.“ „Ich auch nicht,“ verſetzte der Geizhals,„und ich werde Sorge tragen, ihn nicht wieder zu nennen. Aber es iſt genug uͤber den Gegenſtand geſagt. Du kennſt mei⸗ ne Wuͤnſche; handle ihnen nicht entgegen. Geh auf Dein Zimmer, Kind, geh auf Dein Zimmer!“ Und er wendete ſich von ihr ab, um die Schriften anzuſehen, die vor ihm lagen. Hilda ſah ihn einen Augenblick unent⸗ ſchloſſen an und entfernte ſich dann mit einem tiefen Seufzer. Da ein Gaſt zum Mittageſſen erwartet wurde, ſo machte man einige Vorbereitungen dazu. Die Mahlzeit ſollte in einigen geroͤſteten Ochſenrippen nebſt einem hal⸗ ben Dutzend Kartoffeln beſtehen, worauf man einen kleinen Pudding folgen laſſen wollte. —80.— Puͤnktlich um zwei Uhr, zu welcher Zeit der Geiz⸗ hals zu Mittag ſpeiſte, wurde an die Hausthuͤr geklopft, und Jacob ließ einen langen, hagern jungen Mann mit ſehr ſcharfen Zuͤgen herein. Er trug einen alten, abge⸗ ſchabten, grauen Tuchrock mit plattirten Metallknöpfen, den er von ſeinem Großvater mochte geerbt haben, eine zerriſſene Weſte von Pluͤſch, ſchmutzige wollene Struͤm⸗ pfe, eine kleine häßliche Perruͤcke, welche ausſah, als haͤtte er ſie in der Goſſe aufgeleſen, und ein paar alte Schuhe mit hohen Abſätzen, die mit kleinen eiſernen Schnallen befeſtigt waren. Dieſe außerordentliche Perſon wurde von dem Onkel mit großer Hetzlichkeit begruͤßt, der ſeinen elenden Aufzug mit großem Wohlgefallen zu betrachten ſchien. Hilda aber konnte ſich kaum entſchließen, ihn hoͤf⸗ lich zu behandeln, obgleich der junge Mann ihr die groͤßte Aufmerkſamkeit widmete, und ſo oft ihr Vater den Ruͤk⸗ ken wendete, ein Weſen annahm, welches ſie mit Ab⸗ ſcheu erfuͤllte. Als das Mittageſſen zu Ende war, for⸗ derte der Geizhals Wein und es wurde ihm eine Flaſche gebracht, die aber nur ein einziges Glas enthielt, wie ſich ergab, als Jacob einſchenkte. Scarve bat ſeinen Neffen es anzunehmen, doch der junge Mann lehnte es ab. Der Geizhals erhob das Glas an ſeine Lippen, ſetzte es aber wieder hin und ſagte:„Nein, ich bedarf deſſen nicht. In der That, ich befinde mich beſſer ohne Wein. Gieße ihn nur wieder in die Flaſche, Jacob. Lieber Neffe, ich trinke Deine Geſundheit in einem Glas Waſſer.“ „Und ich thue Ihnen Beſcheid in demſelben heilſa⸗ men Getraͤnk,“ verſetzte Philipp Frewin.„Ich trinke — nie etwas Anders, mein Herr,“ ſetzte er hinzu, indem er Hilda auf unerträgliche Weiſe beaͤugelte.„Ich trinke Ih⸗ nen zu, ſchone Couſine.“ Und während er ſprach, that er einen großen Schluck, aber mit ſehr wenig Anſtand. „Ich glaube doch nicht, trotz Allem, was er ſagt, daß er an ſolches Getraͤnk gewoͤhnt iſt,“ dachte Jacob. „Er ſieht nicht aus wie ein Waſſertrinker.“ Sobald das Mittagseſſen voruͤber war, begab ſich Hilda mit ihrer Tante auf ihr Zimmer, auch kehrte ſie nicht zuruͤck, obgleich ihr Vater ſie durch Jacob rufen ließ. „Die Mädchen haben ſeltſame Einfaͤlle, Philipp,“ ſagte er zu ſeinem Neffen.„Ihre Mutter war gerade ſo launenhaft. Obgleich ſie mich heirathete, glaube ich doch nicht, daß ihr viel an mir lag.“ „Da ich Ihre Einwilligung zu der Heirath habe, ſo bin ich zufrieden,“ verſetzte Philipp.„Die Liebe wird mit der Zeit kommen. Meine Couſine Hilda iſt ein rei⸗ zendes Mädchen, und wuͤrde auch ohne einen Pfennig ein Kleinod ſein; aber mit dem, was Sie ihr geben wol⸗ len—“ „Was ich ihr hinterlaſſen will, Philipp— was ich ihr hinterlaſſen will, nicht geben!“ fiel der Geizhals ha⸗ ſtig ein.„Waͤhrend meines Lebens werde ich nichts geben.“ „Auch nichts ausſetzen?“ fragte Philipp unruhig. „Durchaus nichts,“ verſetzte der Geizhals;„„aber ich verlange, daß Du ihr etwas ausſetzeſt. Du biſt reich, Philipp, und kannſt ſchon eine gute Summe dran ruͤk⸗ ken.“ Die Tochter des Geizigen. 1. 6 = 6— „Sie wollen ihr nichts ausſetzen, Onkel,“ ſtotterte Frewin,„und verlangen, daß ich ihr eine große Summe ausſetze. Das will doch uͤberlegt ſein.“ „Ganz und gar nicht,“ ſagte der Geizhals heftig; „denn wenn Du Dich bedenkſt, ſollſt Du ſie nicht haben. Meine Tochter ſoll von keinem Manne ausgeſchlagen wer⸗ den, ſelbſt nicht von dem Sohne meiner Schweſter. Du mußt ſie unter den von mir geſtellten Bedingungen neh⸗ men, oder bekoͤmmſt ſie gar nicht.“ „Ich will ſie gerne ſo nehmen, Onkel,“ erwiederte Philipp. „Da handelſt Du weiſe,“ verſetzte der Geizhals ruhiger.„Und nun habe ich gute Nachrichten fuͤr Dich, Philipp. Du weißt— unſer Sachwalt Diggs wird es Dir geſagt haben— daß ich Sir Bulkeley Price vier⸗ zehntauſend Pfund auf ſeine Beſitzung in Flintſhire vor⸗ geſtreckt habe. Nun iſt die Beſitzung an zwanzigtauſend Pfund werth, vielleicht noch mehr, denn es ſind dort ver⸗ ſchiebene Kupferminen. Nun habe ich Sir Bulkeley das Geld gekuͤndigt, er hat aber nicht darauf geachtet, und wenn er das Geld nicht heute um ſechs Uhr zahlt, ſo lege ich Beſchlag auf die Beſitzung, und dann gehort ſie mir und ſpaͤter Deiner Frau und Deinen Kindern.“ ⁰ „Und mir,“ dachte Philipp.„Ich wuͤnſche Ihnen von Herzen Gluͤck, Onkel,“ ſetzte er laut hinzu,„und hoffe, daß nichts geſchehen wird, Sie Ihrer Rechte zu berauben.“ „Es iſt nicht wahrſcheinlich, Philipp,“ verſetzte Scarve,„die Beſitzung iſt ſo gut wie mein. Ich habe eben die Beſchreibung davon in der Verſpandungsacte —— geleſen. Es iſt eine treffliche Beſitzung. Aber da Hilda nicht herunterkommen will, ſo iſt es kaum der Muͤhe werth, daß Du laͤnger dableibſt. Komm und ſpeiſe in dieſer Woche noch einmal bei mir zu Mittag— ich will den Tag beſtimmen. Inzwiſchen rede ich mit meiner Tochter und bringe ſie zur Vernunft.“ „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren, Onkel,“ verſetzte Philipp,„denn ich fuͤrchtete ſchon, ich moͤchte einen Ne⸗ benbuhler haben.“ „Einen Nebenbuhler! Pah!“ rief der Geizhals et⸗ was verlegen.„Freilich war Herr Randulph Crew ge⸗ ſtern Abend hier— es iſt ein ſehr huͤbſcher junger Mann und wohl im Stande, das Herz eines Mädchens zu ge⸗ winnen, aber ich glaube nicht, daß Hilda auf ihn achtete.“ „Wirklich, Herr!“ verſetzte Philipp unruhig.„Nun, es iſt einerlei, welchen Eindruck er auf ſie machte— ſie iſt mein, wenn Sie ſie mir geben.“ „Das thue ich, Neffe— unter den erwaͤhnten Be⸗ dingungen, aber nicht anders,“ verſetzte der Geizhals. „NMächſten Dienſtag um zwei Uhr. Jacob! fuͤhre Herrn Frewin hinaus. Lebe wohl, Neffe, lebe wohl!“ Philipp wurde von Jacob hinausgefuͤhrt, der ihn mit ſaurer Miene von der Seite anſah, als er ihn zur ir geleitete, und ihm mit der Fauſt drohte, als er en Rucken gewendet hatte. Dieſer Hampelmann ſoll mein junges Fraͤulein nicht heirathen, wenn ich es verhindern kann,“ murmelte er. Als Philipp Frewin Kingſtreet erreichte, ſchnippte er lachend mit den Fingern in der Luft, beſchleunigte ſeinen Schritt, und hielt nicht eher an, bis er eine rhein⸗ —— aͤndiſche Weinſchenke in jener Straße erreichte, trat ein und ging ſogleich in ein beſonderes Zimmer. Dann brach er in ein lautes Lachen aus, riß die alte Perruͤcke vom Kopfe und trat ſie mit Fuͤßen, warf ſeinen abge⸗ ſchabten Rock und Weſte ab und befreite ſich auch von ſeinem uͤbrigen Anzuge. Dann legte er einen zierlichen Anzug von gruͤnem Sammet an, ſetzte eine huͤbſche Per— ruͤcke auf und legte mit Spitzen beſetzte Manſchetten an. „Wie froh bin ich, dieſe ſcheußlichen Maskeraden⸗ kleider los zu ſein,“ murmelte er.„Die Rolle iſt verteu⸗ felt unangenehm zu ſpielen. Aber es thut nichts, es iſt doch der Muͤhe werth. Meine ſchöne Couſine wird mich nur um ſo mehr lieben, wenn ſie erſt meinen wirklichen Charakter kennt. Und nun muß ich zu Diggs eilen, ihm ſagen, wie es mir ergangen iſt, und ihn inſtruiren, wie er zu handeln hat.“ Als Hilda durch Jacob von der ihres widerwärtigen Vetters war benachrichtigt worden, kam ſie mit ihrer Tante herunter und ertrug die Vorwuͤrfe ihres Vaters mit einer Sanftmuth, die ſeine Wuth noch mehr entflammte. Endlich wagte ſie zu ſagen:„Du wuͤn⸗ ſcheſt, daß ich mich verheirathe? Ich bin ganz zufrieden ſo und koͤnnte nicht gluͤcklicher ſein. Ich glaube, ia ich bin gewiß, wenn ich Dich verliis wuͤrdeſt Du Dich ſchr einſam fuͤhlen.“ 3 „Erwägen Sie das, ehe es zu ſpät iſt,“ ſel Ze⸗ cob ein.„So viel weiß ich, ich wuͤrde mich ſehr verlaſ⸗ ſen fuͤhlen. Ich glaube, ich wuͤrde nicht bei Ihnen blei⸗ ben.“ — 858— „Halts Maul, Kerl!“ rief der Geizhals heftig. „Ich kann ſehr gut allein leben, Hilda,“ ſetzte er zu ihr gewendet hinzu,„und ich moͤchte Dich gerne gut verſorgt ſehen, ehe ich ſterde. Ich will nicht, daß Du die Beute eines Abenteurers werdeſt.“ „Wenn das Alles iſt, was Du fuͤrchteſt, Vater, ſo kannſt Du ganz ruhig ſein,“ verſetzte ſie.„Und denke nicht, daß ich aus Vorurtheil rede, wenn ich ſage, ich glaube, Du haſt Dich in meinem Vetter getaͤuſcht.“ „Getäuſcht, Hilda? auf welche Weiſe?“ fragte der Geizhals. „Durch ſeine ſcheinbare Nachlaͤſſigkeit— durch die Weiſe, wie er ſich in Deine Anſichten und Eigenthuͤm⸗ lichkeiten zu finden ſcheint,“ verſetzte ſie.„Bedenke auch, daß Du ihn in Folge der umſtände ſo wenig kennſt und geſehen haſt, daß er Dir ganz fremd ſein wuͤrde, wäre er nicht eben Dein Neffe⸗ Verzeihe mir, Vater, wenn ich ſage, daß Du in dieſer Sache nicht mit Deiner ge⸗ wohnten Vorſicht handelſt. Du trauſt Philipp's eigenen Worten zu viel.“ „Das meinſt Du,“ ſagte der Geizhals;„aber Du irrſt. Ich habe Nachforſchungen durch einen Mann an⸗ ſtellen laſſen, der mich nicht taͤuſchen wird, durch meinen Sachwalt Diga's, und ich halte mich verſichert, daß Phi⸗ lipp der vorſichtigſte Mann auf der Welt iſt.“ „Sie ſelber ausgenommen,“ murmelte Jakob. „In der That, ich hoͤre nichts als Gutes uͤber ihn von Digg's,“ fuhr der Geizhals fort, ohne auf die Be⸗ merkung zu achten;„und was noch beſſer iſt, ich weiß, denn ich habe das Teſtament geſehen— daß ihm ſein — 864— Vater funfzigtauſend Pfund hinterlaſſen hat, funfzigtau⸗ ſend Pfund, Hilda— und davon ſoll er Dir zwanzig ausſetzen.“ „Ich bitte Dich, lieber Vater, ſetze Dir dies nicht zu feſt in den Kopf,“ erwiederte ſie.„Und wenn Phi⸗ lipp Frewin eine Million beſaͤße, ſo wuͤrde ich ihn doch nimmer heirathen.“ Hier legte ſich Miſtreß Clinton ins Mittel, die ſchon läͤngſt verſucht hatte, ein Wort mit hinein zu reden, und verwickelte Hilda in eine Unterhaltung. Der Geizhals beſchäftigte ſich wieder mit ſeiner Verpfaͤndungsacte und mit der Beſchreibung der Beſitzung, die er bereits als die ſeinige betrachtete. Als beinahe eine Stunde vergan⸗ gen war, ſtand er auf, und rief Jakob, der ſich in den Keller zuruͤckgezogen hatte. Da er nicht ſo bald kam, als er wuͤnſchte, ſo rief er noch einmal, bis Jakob endlich erſchien, ſich die Lippen abwiſchte und einen Brocken hin⸗ unterzuſchlucken verſuchte, der ihm in der Kehle ſteckte. „Du haſt gegeſſen, Schurke!“ rief der Geizhals, „und auch getrunken!— Puh! wie riecht der Kerl nach Bier!“ „Wenn ich gegeſſen und getrunken habe,“ ſagte Ja⸗ kob, der ſeine Kehle durch eine heftige Anſtrengung frei machte,„ſo iſt es wenigſtens nicht auf Ihre Koſten ge⸗ ſchehen.“ „Nun, ſo gehe und ſieh zu, was die Uhr iſt,“ ſagte der Geizhals, der nicht beſonders aͤrgerlich zu ſein ſchien. „Was die Uhr iſt?“ rief Jakob erſtaunt.„Ich bin doch ſchon zwanzig Jahre bei Ihnen, und Sie haben mir — noch nie einen ſolchen Auftrag gegeben. Warum wollen Sie wiſſen, was die Uhr iſt?“ „Was geht's Dich an, Kerl?“ verſetzte der Geiz⸗ hals mit mehr Zorn in ſeinen Worten als in ſeinen Toͤ⸗ nen und Blicken.„Aber ich will Dir ſo viel ſagen, noch nie in meinem Leben wuͤnſchte ich ſo ſehr, daß ein Tag vorüber ſein moͤge, als heute.“ „Du erregſt meine Neugierde, Vater,“ ſagte Hilda. „Warum wuͤnſcheſt Du, daß der heutige Tag voruͤber ſein moͤge?“ „Weil, wenn mir eine gewiſſe Geldſumme nicht vor ſechs Uhr bezahlt wird, ich der Beſitzer eines der ſchoͤn⸗ ſten Guͤter in Wales ſein werde,“ verſetzte der Geizhals. „Es muß jetzt fuͤnf Uhr ſein; noch eine Stunde, und ich bin ſicher— ſicher— Hilda! Das Pfand iſt ver⸗ fallen— die Beſitzung mein! Herr Diggs wird um ſechs Uhr hier ſein. Wenn ich das Gut gewinne, Ja⸗ kob, ſo ſollſt Du das Glas Wein, welches noch in der Flaſche iſt, auf meine Geſundheit trinken.“ „Das wird dann das erſtemal ſein, daß ich Wein bekaͤme,“ verſetzte Jacob. „Nimm Dich in Acht, daß es nicht das letzte Mal iſt, Du undankbarer Kerl,“ entgegnete der Geizhals. „Steh' nicht ſo da und klappre mit den Zaͤhnen! Geh und ſieh zu, was die Uhr iſt.“ Als Jakob ſich entfernte, um ſeinen Befehl zu er⸗ fuͤllen, ging Scarve im Zimmer auf und ab, rieb ſich die Haͤnde, und lachte innerlich. Es vergingen beinahe fuͤnf Minuten, ehe Jakob wiederkam, und als er zuruͤckkehrte, — 8— erſchien er mit einem ſehr eigenthuͤmlichen Ausdrucke des Geſichts. „Nun— fuͤnf?“ rief der Geizhals. „Nein, vierzehn,“ verſetzte Jacob. „Vierzehn?“ rief der Geizhals.„Was meinſt Du damit? Du biſt betrunken, Kerl— betrunken von dem Glas Wein, das ich Dir verſprochen.“ „Nein, das bin ich nicht,“ verſetzte Jakob.„Ich meine, es iſt ein Trupp von vierzehn Reitern vor der Thuͤr. Was, hoͤren Sie ſie nicht? Sie machen doch Lärm genug, ſollte ich denken.“ Und waͤhrend er ſprach, toͤnte ein lautes Klopfen, mit Rufen und Gelaͤchter gemiſcht, den Gang daher. „Es iſt das Pfandgeld, Vater,“ ſagte Hilda. „Ja— verdammt!“ rief der Geizhals auf den Bo⸗ den ſtampfend. „Anfangs glaubte ich, es ſei eine Raäuberbande,“ ſagte Jakob;„doch da rief mir ihr Anfuͤhrer, ein plum⸗ per, fetter, alter Kerl, in gebieteriſchem Tone zu:„„Sagt Eurem Herrn, dem Geizhals,““ ſagte er,„„daß Sir Bulkeley Price ihm ſein Geld bringt. Er iſt noch nicht der Beſitzer eines Gutes in Flintſhire.““— uUund dann brachen alle ſeine Begleiter in ein lautes Lachen aus, und ich glaube, ſie haben noch nicht aufgehört.“ „Fluch uͤber ſie!“ rief der Geizhals wuthend,„und uͤber ihn auch.— Sie ſollen nicht in meine Wohnung kommen. Ich will das Geld nicht annehmen. Schicke ſie fort. Sage Ihnen, ich ſei nicht zu Hauſe, Ja⸗ cob.“ „Das wird nicht angehen, Herr,“ erwiederte Jacob; —— „ſie wiſſen, daß Sie zu Hauſe ſind, denn ich ſagte es ihnen. Und warum wollen Sie das Geld zuruͤckweiſen? Sie haben es in großen Beuteln mitgebracht— jeden zu fuͤnfhundert Pfund.“ „Fuͤnfhundert Teufel!“ rief der Geizhals vor Wuth ſchaͤumend.„Was! Sie bringen eine ſolche Summe bei hellem Tage! Ich werde den Blicken aller meiner Nach⸗ barn ausgeſetzt ſein.“ „Das werden Sie,“ verſetzte Jakob,„Sie liegen ſchon Alle in den Fenſtern und guken hinaus. Da iſt der Seidenhaͤndler Deacle nebſt ſeiner Frau und Tochter, und der neugierige kleine Barbier daneben, und des Ei⸗ ſenhaͤndlers Frau mit ihrer Familie im ſchwarzen Moh⸗ ren, und die Leute im halben Mond, und—“ „Halt's Maul,“ rief der Geizhals wuͤthend,„oder ich erwuͤrge Dich! Ich laſſe mich von keinem Menſchen ſo beleidigen. Hole mir meinen Degen!“ „Vater!“ rief Hilda,„warum witſt Du ſo aufge⸗ bracht? Sir Bulkeley Price hat nur gethan, was Recht iſt. Er bringt Dir ja nur Dein Geld zuruͤck.“ „Was iſt die Uhr, Jakob— haſt Du zugeſehen?“ rief der Geizhals. „Noch nicht fuͤnf, Herr, noch nicht fuͤnf,“ verſetzte Jakob. „O, Verderben uͤber ihn! Er iſt zur rechten Zeit gekommen,“ rief der Geizhals.„Aber ich will mich raͤ— chen; ich will ſein Blut, wenn ich ſeine Beſitzung nicht haben kann. Meinen Degen, Jakob. Was, ruͤhrſt Du Dich nicht? Nun, da will ich ihn ſelber holen.“ Hierauf oͤffnete er eine Seitenthuͤr und eilte eine kleine Treppe hinauf, die zu ſeinem Schlafzimmer fuͤhrte. „Es wird Unheil geſchehen, Jakob,“ rief Hilda mit erſchreckten Blicken.„Ich ſah meinen Vater nie ſo auf— geregt. Ich will ſelber hinausgehen und Sir Bulkeley bitten, ſich zu entfernen.“ „Setzen Sie ſich nicht den Beleidigungen ſeiner Die⸗ ner aus, Miß,“ erwiederte Jakob.„Ich ſagte dem Herrn nicht zur Hälfte Alles, was ſie von ihm ſag⸗ ten.“ Aber ungeachtet ſeiner Bitten und der ihrer Tante, die ſie zuruͤckzuhalten verſuchte, eilte ſie hinaus und Ja⸗ kob folgte ihr. Als Hilda auf die Straße kam, fand ſie, daß Ja⸗ kob's Angabe vollkommen richtig ſei. Ein Trupp von vierzehn Maͤnnern zu Pferde, mit Sir Bulkeley Price an der Spitze, hatte ſich vor dem Hauſe aufgeſtellt. Die Meiſten waren gut beritten, hatten Degen an der Seite und Piſtolen in den Satteltaſchen, was des vielen Geldes wegen nothig war, welches ſie bei ſich fuͤhrten. Jeder Mann hatte zwei Beutel am Sattel⸗ knopfe haͤngen, wovon jeder fuͤnfhundert Pfund in Gold enthielt. Ein Haufen von dieſen Saͤcken lag bereits vor der Thuͤr, und einige Maͤnner waren beſchaͤftigt, ihren Kameraden das Geld abzunehmen und es zu dem Hau⸗ fen hinzutragen. Die ganze Geſellſchaft war ſehr heiter und lachte laut. Der Anfuͤhrer des Trupps, Sir Bul⸗ keley Price, war ein ſtämmiger, wohlbeleibter Mann mit aufgedunſenen rothen Wangen und einer Maulbeernaſe, welche zeigte, daß er gegen die Freuden der Tafel keines⸗ 5 — wegs gleichguͤltig ſei. Ein dunkelrother, ſammetner Reit⸗ rock, der bis an den Hals zugeknoͤpft war, zeigte ſeine breite Bruſt und ſeine gebieteriſche Geſtalt ſehr vortheil⸗ haft, während eine wohlgepuderte Lockenperruͤcke einen ſtarken Gegenſatz zu ſeinem rothen Geſichte bildete. Hil— da's Erſcheinen erregte allgemeine Aufmerkſamkeit der Zu⸗ ſchauer und beſonders die des Barbiers, der mit Herrn Deacle uͤber den Vorfall ſchwatzte, ſo wie auch der ſchoͤ⸗ nen Thomaſine, die aus dem obern Fenſter ſah, gerade uͤber dem Schilde ihres Vaters, worauf drei Tauben vor⸗ geſtellt waren. „Da iſt Miß Scarve!“ rief Peter Thomaſinen zu. „Ich ſehe ſie,“ erwiederte die Tochter des Kraͤmers. „Das arme Kind, wie bedaure ich ſie, daß ſie ſolchen Be⸗ leidigungen ausgeſetzt iſt! Ich moͤchte ihr zu Huͤlfe eilen!“ „Thun Sie es!“ rief Peter.„Ich will mit Ihnen eilen.“ „Thun Sie es nicht,“ ſagte Deacle—„es iſt beſ⸗ ſer, wenn Sie ſich nicht in die Sache miſchen. Gott ſei mir gnädig! Es ſoll mich wundern, was Alles dies zu bedeuten hat.“ Ohne auf das zu achten, was um ſie her vorging, denn ſie hoͤrte ihres Vaters wuͤthende Stimme im Gange, eilte Hilda auf Sir Bulkeley Price zu und rief im Tone lebhafter Bitte: „O Herr, ich bitte Sie, gehen Sie fort! Mein Vater iſt furchtbar aufgeregt— es koͤnnte Unheil ge⸗ ſchehen!“ „Ich vermuthe, Sie ſind Herrn Scarve's Tochter,“ — 0.— entgegnete Sir Bulkeley, indem er höflich ſeinen Hut ab⸗ nahm.„Ich haͤtte nie gedacht, daß er etwas ſo Schoͤnes beſitze, aber warum ſollte ich fortgehen, Miß Scarve? Ich komme nur, Ihrem Vater eine Geldſumme zuruͤck⸗ zuzahlen, die ich von ihm geborgt.“ „Aber es iſt die Art des Bezahlens, Herr— die oͤffentliche Art— die ihn ſo aufbringt,“ rief Hilda. „Ich möchte um das Doppelte nicht, daß dies geſchehen wäre.“ „Ich glaube es wohl,“ verſetzte Sir Bulkeley;„aber Ihr Vater hat mich zu dieſem Schritt gezwungen. Mei⸗ ne Beſitzung waͤre verfallen, wenn ich das Geld nicht vor ſechs Uhr zuruͤckgezahlt haͤtte. Es iſt mir ſo unange⸗ nehm, wie es Ihnen nur ſein kann; aber ich habe keine andere Wahl.“ In dieſem Augenblicke hörte man einen lauten zor⸗ nigen Schrei vor der Thuͤr, und der Geizhals zeigte ſich, ſeinen bloßen Degen in der Hand ſchwingend. Jakob ſtellte ſich ihm entgegen, und bei der Bemuͤhung, ihn wieder ins Haus zu ſchieben, fiel ihm die Perruͤcke ab. „Schurke!“ rief der Geizhals, Sir Bulkeley mit der Fauſt drohend—„Schurke, Du ſollſt dieſe Frechheit bereuen! Laß mich los, Jakob! Laß mich zu ihm!“ „Nein, das ſollen Sie nicht!“ verſetzte Jakob, der all ſeine Kräfte anwenden mußte, um den wüthenden al⸗ ten Mann zuruͤckzuhalten. Scarve's zornige Ausrufungen wurden jetzt von dem Hohngelaͤchter der Begleiter des Ritters uͤbertäubt, die alles Moͤgliche thaten, ihn noch mehr aufzubringen. — 9— Durch das Geſchrei erſchreckt, ſchlug Hilda aͤngſtlich ihre Haͤnde zuſammen, und redete wieder Sir Bulkeley an: „So wahr Sie ein Edelmann ſind, mein Herr, bitte ich Sie, ſich zu entfernen,“ ſagte ſie. „Eine ſolche Bitte, und von ſolchen Lippen iſt un⸗ widerſtehlich,“ verſetzte Sir Bulkeley, indem er wieder ſeinen Hut erhob. „Er iſt kein Edelmann, Hilda!“ ſchrie ihr Vater, der das Geſagte gehoͤrt hatte.„Geh fort, Maͤdchen, ich befehle es Dir— uberlaß ihn mir!“ „Gut gekraͤht, alter Hahn!“ rief ſpottend einer von den Begleitern, und Alle lachten ſo munter wie vorher. „Haltet die Maͤuler, ihr unverſchämten Kerle!“ rief Jakob, ſie zornig anſehend,„oder ich breche Euch die Schädel, ſobald ich in Freiheit bin.“ „Um des Himmelswillen, gehen Sie— gehen Sie!“ rief Hilda dem Ritter zu,„und nehmen Sie Ihr Geld mit. Die Bezahlung kann ja zu einer andern Zeit ge⸗ ſchehen.“ „Bitte um Verzeihung, Miß Scarve,“ verſetzte Sir Bulkeley.„Es kann nicht zu einer andern Zeit geſche⸗ hen. Ich darf meine Beſitzung nicht aufs Spiel ſetzen. Hert Scarve,“ rief er dem Geizhals zu,„hier iſt ihr Geld— vierzehntauſend Pfund in Gold. Freunde,“ ſetzte er hinzu, ſich zu den Zuſchauern in der Straße und an den Fenſtern wendend,„ich fordere Sie Alle zum Zeugen auf, daß dieſes Geld vor ſechs Uhr bezahlt iſt. Ihr Wort, Miß Scarve, iſt mir genug als Empfang⸗ ſchein und als Verſprechen den Pfandſchein auszulie⸗ fern.“ — 94— „Nimm Dein Geld wieder mit, Schurke!“ rief der Geizhals;„ich bedarf deſſen nicht.“ Auf dieſen Ausruf folgte ein bruͤllendes Lachen von den Begleitern des Ritters. „Bringen Sie ſie zur Ruhe, Herr— o bringen Sie ſie zur Ruhe,“ rief Hilda flehend. Sir Bulkeley blickte ſich majeſtaͤtiſch um und ſeine Begleiter waren augenblicklich ſtumm. Zu gleicher Zeit brachte Jakob Scarve wieder ins Haus und Hilda ſprach haſtig dem Ritter ihren Dank aus und entfernte ſich. In wenigen Sekunden waren alle Goldſaͤcke zuſammenge⸗ bracht und lagen auf der Schwelle. Sir Bulkeley wollte ſich aber nicht eher entfernen, als bis Jakob zuruͤckkehrte, dem er den Goldhaufen in Verwahrung gab. „Was iſt aus Eurem Herrn geworden?“ fragte er. „Er iſt ohnmächtig, und ſeine Tochter iſt um ihn beſchaftigt,“ verſetzte Jakob. „So bringet ihm das hinein,“ verſetzte Sir Bulke⸗ ley,„es wird ihn bald wieder zu ſich bringen.“ Und mit dieſen Worten ritt er mit ſeinen Beglei⸗ tern unter dem Zuruf der Zuſchauer davon. Dreſelben Perſonen begannen jetzt Jakob Schmaͤhworte zuzurufen, und ſchienen ihn ſogar angreifen zu wollen. Doch da er jetzt mit ſeinem Knotenſtock verſehen war, zeigte er ein ſo drohendes Anſehen, daß die Nächſten ſich davon ſchlichen. Im Drang des Augenblicks haben wir vergeſſen zu erwähnen, daß die ſchoͤne Thomaſine, als Hilda ſich zu⸗ ruͤckzog, einen Schrei ausſtieß und ohnmaͤchtig wurde. Da Peter Pokerich dieſen Umſtand ſowohl aus dem Ge⸗ ſchrei des Krämers und ſeiner Frau, als auch aus ihrem .—— Verſchwinden vom Fenſter gewahr wurde, ſo verließ er ſeine Wohnung und eilte zu Huͤlfe. Mit einiger Schwie⸗ rigkeit wurde das empfindſame Daͤmchen wieder zu ſich gebracht; doch als ſie ihr Bewußtſein wieder erlangt hat⸗ te, empfand ſie hefiiges Herzklopfen und lehnte ſich in ſehr tragiſcher Stellung an die Wand, indem ſie den Kopf auf die Hand ſtuͤtzte. „O welche unwuͤrdige Behandlung iſt jenem lieben Weſen zu Theil geworden!“ ſtoͤhnte ſie.„Sie iſt das Muſter der kindlichen Liebe, und mehr zu bewundern als die griechiſche Tochter.“ „Noch viel mehr,“ ſagte Peter,„obgleich ich mich der Dame, die Sie erwaͤhnen, nicht erinnere.“ „Ich wollte, ich wäre ihre Freundin,“ rief die ſchoͤne Thomaſine.„Ich wollte ich koͤnnte meinen Kummer in ihren mitfuͤhlenden Buſen ausſchuͤtten.“ „Waos hindert Sie, dies zu thun?“ fragte der Bar⸗ bier. Ein hiſteriſches Schluchzen war die einzige Antwort. „Ich moͤchte wohl wiſſen, wie viel Geld man dem Geizhals bezahlt hat,“ fiel der Seidenhaͤndler ein.„Ich ſage zwanzigtauſend!“ „Und ich ſage dreißig!“ verſetzte Peter.„Er muß ungeheuer reich ſein. Welch ein Vermoͤgen wird ſeine Tochter bekommen!“ „Sie wäre ein Kleinod auch ohne einen Pfennig,“ ſagte die ſchoͤne Thomaſine. Inzwiſchen zerſtreute ſich die Menge, doch noch ehe dies geſchah, bemerkte Jakob einige verdaͤchtig ausſehende Leute, welche die vor der Thuͤr liegenden Geldſaͤcke auf ſehr beunruhigende Weiſe anblickten. „Ich werde dieſe Nacht ſorgfältig Wache halten muͤſſen,“ dachte er.„Eine ſolche oͤffentliche Geldaus⸗ zahlung iſt ſtets eine Anreizung⸗ zum Diebſtahl. Wir ſollten ein paar Waͤchter haben.“ Waͤhrend er ſo mit ſich ſelber ſprach, trug er die ſämmtlichen Geldſaͤcke, achtundzwanzig an der Zahl, in den Gang. Dann verſchloß und verriegelte er die Thuͤr und trug die Schätze in das Zimmer, welches Herr Scarve gewoͤhnlich bewohnte. Der Geizhals war, wie er zu Sir Bulkeley geſagt, ohnmaͤchtig geworden. Der ungluͤckliche Mann kam wieder zu ſich, als Jakob gerade die beiden letzten Säcke hereintrug, und als er den Schatz vor ſich liegen ſah, ſtieß er einen wilden Schrei aus, riß ſich von ſeiner Tochter und ſeiner Schwägerin los, warf ſich auf den Geldhaufen, und wurde wieder ohnmächtig. 6 Fünftes Kapitel. Der geheimnißvolle Brief.— Der Wirth in der Roſe und Krone.— Cordwell Firebras. G⸗ wird jetzt noͤthig ſein, eine kurze Zeit in unſe⸗ rer Geſchichte zuruͤckzukehren. Wie wir in einem fruͤhe⸗ ren Kapitel erzählt haben, ging Peter Pokerich mit dem Briefe, den er aus Randulph's Satteltaſche genommen, zu dem Hauſe hinuͤber, unterſuchte denſelben und fand, daß er an Herrn Cordwell Firebras in der Roſe und Krone in Gardinersſtreet addreſſirt war. Da ihm dies keine große Aufklaͤrung verſchaffte, ſo verſuchte er ein we⸗ nig auf der Seite hineinzuſehen; doch da er nicht im Stande war, auf dieſe Weiſe etwas herauszubringen, ſo wurde ſeine Neugierde uͤber ihn Herr, und er brach das Siegel; doch ſo geſchickt und vorſichtig, daß er ſich uͤber⸗ zeugt hielt, dem Briefe ſein urſpruͤngliches Anſehen wie⸗ Die Tochter des Geizigen. I. 7 folgt: dergeben zu können, wenn es nothig ſei. Er las wie „Freund Cordwell! „Der Ueberbringer dieſes Briefes iſt gerade der Mann, den Sie beduͤrfen. Er iſt ein kuͤhner Reiter und raſch und verwegen, wie unſer junger Gutsherr ſelber. Das Wild, welches ich Ihnen ſchickte, wurde von den Wildhuͤtern in Beſchlag genommen, wie Sie vielleicht gehoͤrt haben; doch ich will Ihnen bald einen andern Korb voll mit einer ſicherern Gelegenheit ſchicken. Sein Sie nicht zu eilig, zu uns heruͤber zu kommen, und ſagen Sie dem jungen Gutsherrn, wir koͤnnen ihm fuͤr dieſe Jagdzeit nicht viel Vergnügen verſprechen. Wild iſt reichlich da, aber unſere Meute iſt in ſchlechtem Stande. Die alten Koppelhunde ſind faſt alle un⸗ brauchbar; Talbot und Ringwood ſind uns von dem Wildhuͤter des alken Georg weggelockt worden, und es ſteht ſchlecht, wenn üns t er große Gutsherr auf der andern Seite des Fluſſes nicht einige Hunde von der beſten franzoͤſiſchen Zucht ſchicken will. Wir beduͤrfen gar ſehr einiger ſchottiſchen Windſpiele, denn die Rat⸗ ten nehmen ſehr uͤberhand. Wenn der junge Guts— herr dies bewerkſtelligen kann, ſo mag er ſo bald als möglich kommen, ſonſt aber nicht. Inzwiſchen rathe ich Ihnen nochmals, den Ueberbringer dieſes Briefes zu engagiren.“ 2„Ihr zuverläſſiger Freund Ned Poynton.“ b 6 — 0— Dieſer Brief war ein vollkommenes Räthſel fuͤr den Barbier. Er las ihn mehrmals durch, konnte aber nichts daraus machen. Er konnte nicht umhin zu denken, daß mehr gemeint ſei, als daſtehe, konnte aber dennoch das Geheimniß nicht durchdringen. Er beſchleß indeß am naͤchſten Morgen in die Roſe und Krone zu gehen und einige Nachforſchungen uͤber Herrn Cordwell Firebras an⸗ zuſtellen, deſſen Name etwas Geheimnißvolles und Außer⸗ ordentliches an ſich hatte, was ſeine Neugierde reizte. Und mit dieſem Entſchluß legte er ſich zur Ruhe. „Hiernach ſollte es mich nicht wundern,“ ſagte Pe⸗ ter, als er ſeinen Kopf auf das Kiſſen niederlegte,„wenn dieſer junge Mann ein Wilddieb waͤre. Nun, da ich mich recht bedenke, iſt es mir, als wenn er gerade ſo ausſieht. Niemand als ein Wilddieb koͤnnte ſein eigenes Haar einer Perruͤcke vorziehen.“ Fruͤh am naͤchſten Morgen ging er aus und begab ſich in die Roſe und Krone, welches Gaſthaus nicht weit von ſeiner Wohnung entfernt war, und fragte einen Kuͤ⸗ chenjungen an der Thuͤr, ob dort ein Herr Namens Cordwell Firebras logire. Der Kuͤchenjunge konnte ihm keinen Beſcheid geben und wies ihn an den Kellner, der ihm ſagte, daß Herr Firebras freilich ins Haus komme, aber nicht dort logire. „Er kommt gewoͤhnlich Abends,“ ſagte der Kellner, „und wenn Sie einen Auftrag an ihn haben, ſo will ich ihn ausrichten.“ „Was iſt es fuͤr eine Art von Mann?“ fragte der Barbier. Ehe der Kellner antworten konnte, trat der Wirth 7 — * — 100— hinzu, und als man ihm die Frage des Barbiers mit⸗ theilte, fragte er, was er von Herrn Cordwell Firebras wolle?“ „Es kam geſtern Abend ein Herr in meinen Laden, der einen Brief an ihn hatte,“ ſagte Peter,„und mich bat, mich zu erkundigen, ob er noch hier ſei; das iſt Alles.“ „Bitte, kommen Sie mit mir, mein Herr,“ ver⸗ ſetzte der Wirth, indem er Peter in ein inneres Zimmer fuͤhrte. Hier nahm der Wirth einen Stuhl, ſtieß damit drei⸗ mal auf den Boden und ſetzte ſich nieder, ohne ihn ſei⸗ nem Gaſte anzubieten. Ohne eigentlich zu wiſſen, was dieſer ſeltſame Empfang bedeute, nahm Peter auch einen Stuhl, ſtieß damit ebenſo auf den Boden und ſetzte ſich dem Wirthe gegenuͤber. Der Wirth beruͤhrte ſeine Naſe mit dem Finger, und Peter, um nicht zuruͤckzubleiben, ahmte dieſe⸗Geberde nach. „Alles iſt richtig,“ ſagte der Wirth. „Alles iſt richtig,“ wiederholte Peter. „Wo verließen Sie ſie?“ fragte der Wirth. „Wen?“ fragte Peter erſtaunt. Das Geſicht des Wirths veraͤnderte ſich, und er be⸗ obachtete ihn genau.„Was tragen Sie fuͤr Perruͤcken, Freund?“ fragte er. „An Wochentagen eine einfache und an Sonn- und Feſttagen eine mit Locken,“ verſetzte Peter mit zunehmen⸗ dem Erſtaunen. „Hoͤren Sie, Freund,“ ſagte der Wirth, ſeinen Gaſt — 101— mit einigem Argwohn anſehend,„koͤnnen Sie mir ſagen, wo der Koͤnig iſt?“ „Im Sanct James Palaſt, vermuthe ich,“ erwie⸗ derte Peter unſchuldig. „Gewiß!“ verſetzte der Wirth lachend aufſtehend— „gewiß! Guten Morgen, Herr!“ „Halt, halt!“ rief Peter,„ich kam nicht hieher, um thoͤrigte Fragen zu beantworten. Ich wuͤnſche etwas von Herrn Cordwell Firebras zu wiſſen.“ „Ich weiß nichts von ihm, Herr,“ verſetzte der Wirth ausweichend—„Sie muͤſſen ſich an Jemand an⸗ ders wenden.“ Da Peter ſo ſeine Hoffnung, ſeine Neugierde zu be⸗ friedigen, vereitelt ſah, war er genoͤthigt in ſeine Woh⸗ nung zuruͤckzukehren, und ſein Bemuͤth war ſo mit Ran⸗ dulph Erew und dem geheimmsvollen Cordwell Firebras beſchäͤftigt, daß er kaum im Stande war, ſein Geſchäft zu verſehen. Um vier Uhr, als er in ſeinem Laden ſaß und eine Perruͤcke von Flachshaar auskämmte, trat Crak⸗ kenthorpe Cripps ein, warf ſich auf einen Stuhl und ſagte:„Beſtreuen Sie mich mit etwas wohlriechendem Pulver, Pokerich, denn Theer und Pech, wovon ich eben herkomme, haben mir den Athem genommen.“ Als der Bediente wieder zu ſich kam, erklärte er dem Barbier den Auftrag ſeines Onkels, welchen derſelbe bereitwillig uͤbernahm, zugleich aber ſagte, daß es ſehr ſchwierig ſei, Nachricht von dem zu erhalten, was in der Wohnung des Geizigen vorgehe. Während ſie dieſe Sa⸗ che verhandelten, fiel es Peter ein, daß Cripps die ge⸗ eignete Perſon ſei, mit der er uͤber den geheimnißvollen Brief zu Rathe gehen koͤnne. Er wußte, daß der Be⸗ diente nicht viele Gewiſſensſcrupel hege, und daß er ſich deshalb in dieſer Sache auf ihn verlaſſen könne. Er zeigte ihm daher den Brief. Cripps las ihn zwei bis dreimal durch, und ſagte endlich:„Wahrhaftig, ich kann nicht ſagen, was draus zu machen iſt, aber ich will bald die Bedeutung des Raͤthſels herausbringen. Machen Sie ihn wieder zu, und ich will ihn ſelber an Herrn Cord⸗ well Firebras abgeben.“ „Wann wollen Sie ihn abgeben?“ fragte der Bar⸗ bier, nachdem er ihn ſorgfältig wieder zugemacht hatte. „Sogleich,“ verſetzte Cripps.„Ich bin gerade in der Laune zu einem Abenteuer. Ich will ſogleich wieder zuruͤckkehren, und Ihnen meinen Erfolg melden.“ Er machte ſich nun auf den Weg, traf eine leere Saͤnfte vor der Abtei, ſtieg hinein und befahl den Sänf⸗ tentraͤgern, ihn nach der Roſe und Krone zu bringen. Als er mit aller Zuverſichtlichkeit, die ihm zu Gebote ſtand, dorthin gekommen war, ſchritt er zu dem Schenktiſch hin, ſchwang ſeinen Stock in der Hand und fragte nach Herrn Cordwell Firebras. Der Wirth ſtarrte ihn etwas arg— woͤhniſch an, antwortete aber nicht. Cripps, der ſich der Erzaͤhlung des Barbiers erinnerte, nahm wie zufaͤllig ei⸗ nen Stuhl und ſtieß damit dreimal auf den Boden. Dies wirkte wie ein Zauber auf den Wirth. Er machte ein eigenthuͤmliches Zeichen dagegen und ſagte: „Er iſt jetzt nicht hier, Herr; in der That beſucht er uns nur ſelten, außer am Abend. Aber Sie werden — — 103— ihn in ſeiner Wohnung in Ship YPard finden, keinen Steinwurf von hier.“ Und er ſetzte in leiſerem Tone hinzu, als Cripp ſich dankend verbeugte:„Der Club kommt hier zuſammen, Herr.“ „Ei, wirklich!“ rief Cripps.„Jeden Abend?“ „Jeden Freitag Abend um elf Uhr,“ verſetzte der Wirth.„Aber darf ich fragen, mein Herr, wo der Koͤ⸗ nig iſt?“ „Ueber dem Waſſer,“ entgegnete Cripps, und dachte bei ſich ſelber:„Wahrhaftig, da bin ich auf ein huͤb⸗ ſches Jacobitenneſt geſtoßen.“ „Ich ſehe, es iſt Alles richtig,“ ſagte der Wirth laͤ⸗ chelnd, begleitete den Bedienten bis zur Thuͤr, fuͤhrte ihn in ſeine Saͤnfte und ſagte den Traͤgern, wohin ſie ihn bringen ſollten. Cripps kam bald an ſeinem Beſtim⸗ mungsorte an, und wurde vor der Thuͤr eines ſehr klei⸗ nen und unbedeutend ausſehenden Hauſes abgeſetzt. Ein Frauenzimmer von mittlerem Alter und anſtändigem Aus⸗ ſehen erſchien auf ſein Klopfen und benachrichtigte ihn, daß Herr Cordwell Firebras dort logire, doch ſei ſie nicht gewiß, ob er zu Hauſe ſei. Da er aus ihrem Be⸗ nehmen ſchloß, daß ſie ſich nur uͤberzeugen wolle, ob Herr Firebras ſeinen Beſuch annehmen werde, ſo hielt Cripps es fuͤr beſſer, ſicherer zu gehen und ſogleich ſeine Beglaubigung abzugeben. Er that es, und der Erfolg war, wie er vermuthet hatte. Sie kehrte in wenigen Minuten zuruͤck und ſagte, Herr Firebras ſei zu Hauſe und werde ſich freuen, ihn zu ſehen.“ — 104— Cripps ſammelte alle ſeine Entſchloſſenheit, ſchritt ihr nach und wurde in ein kleines Zimmer gefuͤhrt, worin ſich ein Herr von mittlerem Alter befand, der ihm ſo⸗ gleich entgegen ging. Cripps beſaß hinlaͤngliche Welt⸗ kenntniß, um ſogleich zu ſehen, daß er es mit einer ſehr gefaͤhrlichen Perſon zu thun habe, und daß er ſehr vor— ſichtig zu Werke gehen muͤſſe. Nie hatte er ſo breite Schultern, ſo muskuloͤſe Beine, und eine ſo kraͤftige Ge⸗ ſtalt geſehen, wie der Mann beſaß, der vor ihm ſtand. Cordwell Firebras war ein wenig unter der mittlern Groͤ⸗ ße und bei ſeiner viereckigen Geſtalt, welche von einem weiten Rock von dunkelbraunem Tuch, der mit Silber beſetzt war, und ihm bis uͤber die Hälfte der Beine reich⸗ te, bedeckt wurde, ſchien er faſt eben ſo breit als lang zu ſein. Seine Geſichtszuͤge waren etwas plump, ſeine Backenknochen hoch, ſeine Geſichtsfarbe hell, ſein Bart, ſeine Augenwimpern ſandfarbig. Er hatte ganz das An⸗ ſehen eines Schotten. Sein großes und breites Kinn zeigte die äußerſte Entſchloſſenheit mit großer Verſchla⸗ genheit gemiſcht; ſein Mund war weit, ſeine Naſe breit und glatt, und ſeine Augen hellgrau. Er trug eine flachsfarbige Perruͤcke, die gut zu ſeiner hellen Huut paß— te, und hatte ein breites Schwert an der Seite, wel⸗ ches mehr zum Gebrauch als zur Zierrath beſtimmt ſchien. Mit dieſem nicht ſehr einnehmenden Aeußern verband Cordwell Firebras ein leichtes, angenehmes und graziöſes Benehmen. Es ſchien Cripps klar, daß er nach der In⸗ ſtruction ſeines Correſpondenten handle, denn er empfing ihn mit der größten Hetzlichkeit, druͤckte ihm die Hand und bat ihn ſich zu ſetzen. Auch bei einem fluͤchtigen — 105— Blicke entging es Cripps nicht, daß in der Ecke ein Schwert mit einem Korbe hing, nebſt emem paar langer mit Silber beſetzter Piſtolen, nebſt einem hochländiſchen Hirſchfänger. Auch bemerkte er, daß das Fenſter auf einen kleinen Garten hinausging, der an Sanct James Park ſtieß und ſo im Nothfall die Flucht leicht machte. Als Cripps alle dieſe Dinge beobachtet hatte, fuͤhlte er ſich doch nicht ganz ruhig und bedurfte aller ſeiner Frech⸗ heit, um ſeine Rolle durchzufuͤhren. Sei es nun, daß Cordwell Firebras ſeine Unruhe bemerkte, oder vermoͤge ſeines Scharfblicks ſogleich entdeckte, daß man verſuche, ihn zu hintergehen, ſein Geſicht veränderte ſich ploͤtzlich, und das leutſelige, hoͤfliche Weſen, womit er begonnen, machte einem ſtrengen, forſchenden Blicke und einem eiſig kalten Benehmen Platz, wobei der Bediente erbebte. Sie waren allein, denn nachdem das aͤltliche Frauenzimmer Cripps ins Zimmer geführt, zog ſie ſich zuruck und machte die Thuͤr hinter ſich zu. „Sie ſind kuͤrzlich vom Lande gekommen, Herr, nicht wahr?“ fragte Firebras. „Eben ang kommen, Herr,“ verſetzte Cripus, indem er ſeine Schnupftabaksdoſe hervorzog, um ſeine Verlegen⸗ heit zu verbergen,„erlauben Sie mir, Ihnen eine Priſe anzubieten.“ Fir bras verbeugte ſich und nahm das Anerbieten an. Ein eigenthuͤmliches Laͤcheln, welches dem Bedienten nicht gefiel, verbreitete ſich uͤber ſein Geſicht. „Ich muß Ihnen ein Compliment machen, wegen Ihrer Miene und Ihres Weſens, mein Herr,“ ſagte Firebras im Tone leichter Ironie;„ſie ſind durchaus — 106— nicht bäuriſch. Aber darf ich jetzt fragen, wen ich die Ehre habe, anzureden?“ „Randulph Crew!“ verſetzte der Bediente zuverſicht⸗ lich. „Randulph Crew!“ rief Firebras zuruͤckfahrend, „was! der Sohn meines alten Freundes Randulph Crew? Unmoͤglich!“ „Es iſt mir unbekannt, ob mein Vater die Ehre Ihrer Freundſchaft genoß, mein Herr,“ verſetzte der Be⸗ diente, welcher zu fuͤrchten begann, daß er ſich auf gefaͤhr⸗ lichem Boden befinde,„doch mein Name iſt Randulph Crew, und ſo hieß auch mein Vater.“ Obgleich das Wetter durchaus nicht kalt war, ſo brannte doch ein kleines Feuer im Kamin. Cordwell Firebras hielt den Brief an daſſelbe, und ſogleich wurden einige mit unſichtbarer Dinte geſchriebene Zeilen ſichtbar. Dieſe las er begierig. „Es iſt unnuͤtz, laͤnger mit mir zu ſcherzen, Herr,“ rief er, ſich plötzlich zu dem Bedienten wendend,„Sie ſind ein Betruͤger. In welcher Abſicht ſind Sie hierher gekommen? Antworten Sie mir, oder Sie ſollen Ihre Unbeſonnenheit mit Ihrem Leben bezahlen.“ Waͤhrend er ſprach, zog er ſein Schwert. Cripps, obgleich ſehr erſchreckt, zog gleichfalls, doch Firebras ſchlug ihm augenblicklich den Degen aus der Hand. „Schreien Sie und Sie ſind des Todes,“ fuhr Firebras fort, indem er die Thuͤr verſchloß und den Schluͤſſel in die Taſche ſteckte.„Wer ſind Sie, Burſche?“ „Mein Name iſt Crackenthorpe Cripps, und ich bin — — m— erſter Kammerdiener beim Beau-Villiers,“ entgegnete der Andere ſich verbeugend. „Sie ſind ein Spion, Schurke!“ rief Firebras. „Sie haben einen Auftrag uͤbernommen, deſſen Gefahr Sie nicht kannten; doch Ihre Muͤhe wird Ihnen nichts einbringen.“ „Verzeihen Sie, Herr Firebras,“ ſagte der Bedien⸗ te, dem es keinesweges an Muth, oder wenigſtens doch nicht an Faſſung fehlte.„Ich habe meinen Zweck er⸗ reicht. Ich habe das Vorhandenſein eines Jacobitenclubs entdeckt, wovon Sie ein Mitglied ſind. Ich habe ent⸗ deckt, daß in Cheſhire ein Complot geſchmiedet wird und kann leicht ausfindig machen, wer darin verwickelt iſt. Ich darf nur einer Magiſtratsperſon davon Anzeige ma⸗ chen und Ihre Gefangennahme iſt gewiß.“ „Und was weiter, Herr?“ fragte Firebras ruhig. „Ich habe keine ſolche Abſicht,“ fuhr der Bediente fort;„Ihr Geheimniß iſt ſicher bei mir, vorausge⸗ ſetzt—“ „Daß Sie fuͤr Ihr Schweigen bezahlt werden— he?“ „Getroffen, Herr Firebras. Ich bin weder Jacobit, noch Hanoveraner und es liegt mir eben ſo wenig an dem Churfuͤrſten, als an dem jungen Perkin. Die Wahr⸗ heit, iſt, Sie ſind in meiner Macht, Herr Firebras, und ich werde meine Kenntniß ſo gut benutzen, als ich kann. Kaufen Sie mich und ich werde ehrlich gegen Sie handeln!“ „Hm!“ ſagte Firebras, ihn feſt anſehend;„Fgut, ich will Sie gebrauchen, und es fuͤr Sie der Muͤhe werth machen, mir treu zu bleiben. Randulph Crew hat natuͤrlich dieſen Brief verloren. Ich will nicht fragen, — 108— wie er in Ihre Haͤnde kam, doch er kann nicht wiſſen, daß er an mich abgegeben iſt. Mein Correſpondent mel⸗ det mir, daß er im Begriff iſt, ſeinen Onkel Abel Beech⸗ croft zu beſuchen und warnt mich vor dieſem Herrn.“ „Und mit Grund, Herr,“ ſagte Cripps;„ich rathe Ihnen auch, ſich vor ihm zu huͤten. Mein Onkel iſt Herrn Beechcroft's Kellner.“ „Dann koͤnnen Sie mir wegen Ihrer Verbindung in meinen Plaͤnen mit dieſem jungen Manne weſentlich dienen,“ ſagte Firebras.„Sie muͤſſen einen Brief von mir an ihn beſorgen.“ „Mit Vergnuͤgen,“ verſetzte Cripps,„und es trifft ſich gerade gluͤcklich, daß er morgen bei meinem Herrn zum Fruͤhſtuͤck kommt; da kann ich den Brief leicht an ihn abgeben.“ „Gut,“ verſetzte Firebras,„ich will ihn ſogleich ſchreiben.“ Hierauf ſetzte er ſich an einen Seitentiſch, wo ſich Schreibmaterialien befanden, ſchrieb mit vieler Ueberle⸗ gung einen Brief und verſiegelte ihn. Dann öffnete er eine geheime Schublade, nahm fuͤnf Guineen heraus und gab ſie dem Bedienten. „Es iſt vielleicht eine unnoͤthige Muͤhe, den Brief zu verſiegeln,“ ſagte er bedeutungsvoll;„aber wenn Sie ihn oͤffnen, werden Sie weiter nichts daraus erfahren, als daß ich eine Unterredung mit Herrn Crew wuͤnſche. Ich weiß, ich kann Ihnen trauen.“ „O, Sie koͤnnen auf meine Ehre bauen, Herr Fire⸗ bras, auf Parole,“ ſagte Cripps, indem er ſeine Hand auf die Bruſt legte. — 109— „Ich baue auf den Werth, den Sie auf Ihre eigene Sicherheit ſetzen, Herr Cripps,“ verſetzte Firebras bedeu⸗ tungsvoll.„Verſuchen Sie, mich zu hintergehen, und nichts ſoll Sie vor meiner Rache ſchuͤtzen. Ich habe Helfer, wovon Sie nichts wiſſen, und welche Mittel fin⸗ den werden, Sie zu erreichen.“ Dieſe Worte wurden in einem Tone und mit einem Blicke ausgeſprochen, welche Cripps die Ueberzeugung ge⸗ waͤhrten, daß der Andere die Macht beſitze, ſeine Drohung auszufuͤhren. „Sie duͤrfen meinetwegen keine Furcht haben, Herr Firebras,“ ſagte er. „Ich habe auch keine, Burſche,“ verſetzte der Andere bitter lachend,„ſonſt ſollten Sie dies Zimmer nicht le⸗ bendig verlaſſen. Kommen Sie morgen Abend um zehn Uhr zu mir. Vielleicht habe ich mehr fuͤr Sie zu W „Sehr gern,“ verſetzte Cripps. Dann ſchloß Firebras die Thuͤr auf und ließ den Bedienten hinaus, der von dem aͤltlichen Frauenzimmer zu ſeiner Saͤnfte gefuͤhrt wurde. Nachdem er den Trä⸗ gern befohlen hatte, ihn wieder an die Stelle zu bringen, wo ſie ihn aufgenommen, nahm er in der Sänfte Platz und murmelte bei ſich ſelber: „Dieſes Abenteuer hat ſich ganz gut geendet. Dieſer Randulph Crew ſcheint beſtimmt, mein Gluͤck zu machen. Jedermann bezahlt mich, daß ich ihm auflauern ſoll. Dieſer Cordwell Firebras iſt ein eigener Kauz. Er hat ein Auge, womit er einen durchbohrt und bis in die Seele zu dringen ſcheint. Ihm oarf man keinen Streich ſpielen. Aber ich muß eine Geſchichte erfinden, um den — 110— Barbier zu täͤuſchen. Ich muß ihm ſagen, daß nichts aus der Sache zu machen iſt, und ihn auf irgend eine Weiſe beruhigen.“ So nachdenkend wurde er zu dem Eingange von Little Sanctuary getragen, wo er ausſtieg, die Sänfte bezahlte und ſeine Schritte zu Peter Pokerich's Wohnung lenkte, mit dem feſten Entſchluß, ſeine Abſicht in Aus⸗ fuͤhrung zu bringen. — 2111— Sechstes Kapitel. Ein Zwiegeſpräch mit Onkel Abel.— Der Fremde in der Wohnung des Barbiers.— Ein Fruͤhſtuͤck bei Beau Villiers.— Cripps gibt den Brief ab.— Die Fahrt zu der Folly. Mngeachtet ſeiner Einladung bei Beau Villiers ließ ſich Randulph, der an fruͤhes Aufſtehen gewoͤhnt und uberdies mit einem geſunden Appetit geſegnet war, von Jukes nicht viel bitten, ſich am zweiten Morgen nach ſeiner Ankunft in London mit Onkel Abel zu einer Art von Vorfruͤhſtuͤck niederzuſetzen. Truſſell war froh uͤber die ungewohnte Erlaubniß noch ein wenig ruhen zu koͤn⸗ nen und ſtand erſt ſpät auf; Randulph war daher mit ſeinem aͤlteren Onkel allein. Sei es nun, daß Abel in beſſerer Laune war, als vorher, oder daß er von Truſſell nicht gereizt wurde, deſſen Bemerkungen, ſo gut ſie auch⸗ gemeint waren, gewoͤhnlich nur dazu dienten, ſeine Gril⸗ len noch mehr anzuregen, Randulph fand ihn viel ange⸗ nehmer, als er vorher gedacht hatte. Abel befragte ſeinen Neffen genau uͤber ſeinen Geſchmack und ſein Treiben, und ſchien mit den Antworten zufrieden, die er erhielt. Kurz, Alles ging ſo gluͤcklich, daß Jukes, der auf dem wohlbeſetzten Nebentiſche einen weſtphaͤliſchen Schinken tranchirte, dieſe Operation einſtellte, um ſich vor Freude die Haͤnde zu reiben. Abel bemerkte ſeine Heiterkeit, und da er die Urſache errieth, konnte er nicht umhin zu lächeln, und Randulph glaubte, nie vorher ein angeneh— meres Laͤcheln geſehen zu haben. Es war klar, daß Abels Herz ſich fuͤr ſeinen Neffen erwaͤrmte und er mach⸗ te einen Verſuch, ſeine freundlichen Gefuͤhle zuruͤckzu⸗ dringen. Er ließ ſich mit großer Kraft und Wahrheit uͤber die Gefahren aus, welchen ein junger Mann bei ſeinem erſten Eintritt in die Welt ausgeſetzt iſt, zeigte aber viel weniger beſchraͤnkte Anſichten, als man haͤtte erwarten ſollen. Er rieth ſeinem Neffen, ſich in die Ge⸗ ſellſchaft zu miſchen, ſich derſelben aber nicht anzuſchlie⸗ ßen, die Vortheile, die ihm die Natur gegeben, zu ge⸗ brauchen, aber nicht zu mißbrauchen, ſein Gluͤck zu ſu⸗ chen, ohne jedoch ein Gluͤcksjäger zu werden, und zeigte waͤhrend der ganzen Unterredung eine ſcharfe Beobach⸗ tungsgabe, eine Kenntniß der Charaktere und der Welt, die ihm Randulph nicht zugetraut hatte, und die ihn ſehr in ſeiner Meinung hob. Nur in einem Punkt glaubte ihn der junge Mann einer Ungerechtigkeit ſchul⸗ dig zu finden— naͤmlich in ſeiner bittern und verächt⸗ lichen Anſicht von den Frauenzimmern. Hier wagte er ſeine verſchiedene Anſicht auszuſprechen, und ſein Eifer — 113— und ſeine Lebhaftigkeit ſchienen Abel zu intereſſiren. Als er ausgeredet hatte, zuckte der alte Mann die Achſeln und begnuͤgte ſich mit der Bemerkung:„Du wirſt einſt anders denken.“ Randulph wuͤrde geantwortet haben, doch ein Teller mit Schinken von Jukes, mit einem bedeutungsvollen Blicke von dem klugen alten Kellner begleitet, warnten ihn, den Gegenſtand weiter fortzuſetzen. Er ſchwieg da⸗ her, und Abel kehrte mit derſelben Lebhaftigkeit, wie vor⸗ her, zu ſeiner Schilderung der Geſellſchaft zuruͤck. Um halb elf Uhr erſchien Truſſell. Er war mit ungewoͤhnlicher Sorgfalt gekleidet, hatte eine Maſſe von feinen Spitzen an ſeinen Handgelenken und an ſeiner Bruſt, trug einen grünen, reichgeſtickten Sammetrock, eine ſeidene, mit Gold durchwirkte Weſte von derſelben Farbe und diamantene Schnallen an ſeinen Knieen. Der einzige Theil ſeines Anzuges, welcher vernachlaͤſſigt zu ſein ſchien, war ſeine Perruͤcke, und dies entging Abel's Aufmerkſamkeit nicht, als er ihn verächtlich vom Kopf bis zu den Fuͤßen betrachtete. „Es iſt Alles ſehr gut,“ ſagte er trocken,„Du biſt gehoͤrig mit Spitzen behaͤngt und mit wohlriechenden Sachen begoſſen, um in die Geſellſchaft des Stutzers zu paſſen, aber Deine Perruͤcke iſt nicht in Ordnung.“ „Du wirſt doch nicht denken, daß ich in dieſer alten Perruͤcke hingehen will?“ verſetzte Truſſell lächelnd. „Nein, nein, ich bin nicht ſo nachlaͤſſig. Ich habe meine beſte Perruͤcke zu dem Friſeur Peter Pokerich in Little Sanctuary geſchickt, um ſie zurecht zu machen, und werde Die Tochter des Geizigen. I, 8 3 ſie aufſetzen, wenn wir auf unſerm Wege nach Spring Gardens, wo Herr Villiers wohnt, voruberkommen.“ „Ein Friſeur in Little Sanctuary,“ rief Ran⸗ dulph;„das muß derſelbe Mann ſein, den ich traf, als—“ Hier wurde er durch einen ſtrengen Blick von Onkel Abel unterbrochen, der ihn erroͤthen machte. „Warum ſchickteſt Du ſie dorthin?“ ſagte Abel zor⸗ nig zu ſeinem Bruder.„Gibt es denn keinen Friſeur, der näher wohnt?“ „O ja, Bruder, genug,“ verſetzte Truſſell,„aber Pokerich verſteht die Mode, und ich wuͤnſchte bei dieſer Gelegenheit recht vortheilhaft zu erſcheinen. Ich wollte, Randulph, ich koͤnnte Dich bewegen, die gegenwaͤrtige Mode anzunehmen. Dein eigenes Haar iſt gewiß ſehr ſchoͤn, aber eine Perruͤcke wuͤrde Dir noch viel beſſer ſtehen.“ „Sei natuͤrlich, ſo lange Du kannſt, und behalte Dein eigenes Haar, Randulph,“ ſagte Abel. „Dies iſt auch meine Abſicht, Onkel,“ erwiederte der junge Mann. „Aber auf jeden Fall muß Deine Kleidung verbeſ⸗ ſert fuhr Truſſell fort.„Ich will Dich mit Desmartins, dem franzoͤſiſchen Schneider in Piccadilly, bekannt machen. Er wird ein ganz anderes Geſchoͤpf aus Dir machen.“ „Und zu gleicher Zeit Deine Boͤrſe leeren,“ be⸗ merkte Abel ſpoͤttiſch.„Vertrage erſt das Kleid, was Du anhaſt. Es iſt ja noch faſt neu.“ —— „Es iſt ganz neu,“ ſagte Randulph ein wenig be⸗ ſchaͤmt.„Es wurde ausdruͤcklich zu meinem Beſuch in der Stadt von Stracey in Cheſter gemacht, der fuͤr die vornehmſten Leute der Grafſchaft arbeitet.“ „Stracey in Cheſter— ha! ha!“ rief Onkel Truſ⸗ ſell lachend.„Du mußt Herrn Stracey bis zu Deiner Ruͤckkehr vergeſſen. Aber es iſt Zeit, daß wir aufbre⸗ chen, ich muß noch einige Minuten in Pokerich's Laden verweilen.“ Dann entfernten ſie ſich, und mit klopfendem Herzen ſah ſich der junge Mann wieder neben der Wohnung der Tochter des Geizigen. Er ſah das Haus genau an, in der Hoffnung einen Blick von der Geliebten zu erha⸗ ſchen, konnte aber durch die vergitterten und mit Staub bedeckten Fenſter nichts unterſcheiden. „Darf ich fragen, welches der Grund von Onkel Abels Abneigung gegen Herrn Scarve iſt?“ fragte er Truſſell. „Ich wollte lieber, Du befragteſt mich nicht dar⸗ uͤber,“ verſetzte der Andere,„weil ich gewiß bin, wenn ich es Dir ſagte, daß Abel an Deinem Weſen erkennen wuͤrde, daß ich Dir ſein Geheimniß entdeckt habe. Iſt denn Hilda Scarve wirklich ein ſchoͤnes Maͤdchen?“ Randulph bejahte es mit Entzucken. „Nun dann,“ fuhr Truſſell fort, als uͤberlege er ei⸗ nen Gegenſtand bei ſich ſelber—„nun dann ſehe ich nicht ein, warum eine Speculation nicht ſo gut ſein ſollte, wie die andere.“ 8„ — 116— „Was meinen Sie damit, Onkel?“ fragte Ran⸗ dulph. „Nun, daß eine Heirath mit Hilda Scarve eben ſo gut ſein wuͤrde, als auf Onkel Abel's Geld zu war⸗ ten,“ verſetzte Truſſell.„Der Geizhals muß unermeß⸗ lich reich ſein— unermeßlich. Ich werde ihn in dieſen Tagen beſuchen und ihn uͤber die Verbindung aushor⸗ chen.“ „Bedenken Sie Ihres Bruders Verbot, Onkel,“ verſetzte Randulph, der durch dieſen Vorſchlag ſo entzuͤckt wurde, daß er ſeinen Onkel hätte umarmen koͤnnen— „es moͤchte gefaͤhrlich ſein.“ „Pah!“ rief Truſſell,„er wird es nie erfahren. Sie ſtehen in gar keiner Verbindung mit einander. Abel haßt ihn wie den Teufel— wozu er wohl Urſache hat. Aber ich darf nicht mehr ſagen. Und hier iſt Pokerich's Laden.“ Hierauf traten ſie bei Peter ein. Der kleine Bar⸗ bier war gerade beſchäftigt, einen Kunden zu raſiren und rief ſeinem Lehrling zu, den Fremden Stuͤhle hinzuſetzen. Er erkannte Randulph anfangs nicht, da er hinter ſei— nem Onkel ſtand; doch als der junge Mann ihm zu Ge⸗ ſichte kam, zitterte ſeine Hand ſo ſehr, daß das Raſir⸗ meſſer ausglitt, und er dem Herrn, den er raſirte, eine kleine Wunde im Kinn beibrachte. „Sehen Sie ſich vor, Kerl,“ rief dieſer ärgerlich; „Sie haben mich geſchnitten.“ „Bitte zehntauſendmal um Verzeihung, Herr,“ — 117— ſagte Peter ſich entſchuldigend,„es iſt nicht viel, Herr — eine unbedeutende Kleinigkeit— ein wenig Pflaſter wird es in kurzer Zeit heilen.“ Mit dieſen Worten wiſchte er ſehr geſchickt die Seife ab, benetzte die Wange des Herrn mit warmem Waſſer, und es gelang ihm bald, das Blut zu ſtillen. Dann raſirte er ihn vollends, nahm eine Perruͤcke von Flachs⸗ haar von dem naͤchſten Pflock, und ſetzte ſie ihm auf den Kopf. Hierauf ſtand der Herr auf und ging zu einem Spiegel, um ſich zu uͤberzeugen, wie groß die er⸗ haltene Wunde ſei, und da er fand, daß ſie ſehr unbe⸗ deutend war, ſo lachte er in guter Laune. Es war ein Mann von mittler Groͤße und ſehr kraͤftigem Wuchſe, und als der Barbier ihm ſeinen Rock anhalf und ihm den Degen umband, konnte Randulph nicht umhin, ſei⸗ nen ſtarken Koͤrperbau zu bewundern. „Sie haben keine ſehr feſte Hand, Freund,“ ſagte der Fremde, indem er ſeine Boͤrſe hervorzog, um den Barbier zu bezahlen. „Ich machte noch nie ein ſolches Verſehen, Herr,“ verſetzte Peter;„noch nie, bei meiner Ehre!“ „Dann vermuthe ich, daß es jener junge Herr war, der Sie ſo erſchreckte,“ verſetzte der Andere lachend; „denn es geſchah gerade, als er in Ihren Laden trat.“ „Nun, ich war wirklich uͤberraſcht, ihn zu ſehen, das muß ich geſtehen,“ erwiederte Peter,„Herr Ran⸗ dulph Crew, Ihr gehorſamſter Diener.“ „Was?“ rief der Fremde mit einem Blick des Er⸗ ſtaunens.„Iſt dies Herr Randulph Crew?“ — 118— Jetzt war die Reihe an Randulph, erſtaunt zu ſein. „Sie werden ſich uͤber meinen Ausruf wundern,“ fuhr der Fremde fort, indem er ſich ihm naͤherte,„aber ich kannte einen Herrn Ihres Namens in Cheſhire vor manchen Jahren, wo dieſer Name nicht ſehr gewoͤhnlich iſt, und war ſehr vertraut mit ihm.“ „Wahrſcheinlich war es mein Vater,“ ſagte Ran⸗ dulph. „Er iſt doch hoffentlich wohl?“ fragte der An⸗ dere. „Ach, Herr, ich habe ihn vor einem Jahre verlo⸗ ren,“ verſetzte Randulph. Hier endete die Unterhaltung, denn der Fremde ſchien ein wenig verlegen, als habe er etwas zu ſagen und wiſſe nicht, wie er damit beginnen ſolle. Er blickte Truſſell an, der ſich niedergeſetzt hatte und Petern ſeinen kahlen Schaͤdel darreichte, waͤhrend der Letztere ihm mit der groͤßten Sorgfalt eine wohlgepuderte Perruͤcke auf⸗ ſetzte. „Iſt jener Herr ein Verwandter von Ihnen?“ frag⸗ te der Fremde Randulph. „Mein Onkel, Herr,“ verſetzte der junge Mann. „Ei!“ rief der Fremde, und ſchwieg wieder. „Ein ſeltſamer Mann,“ dachte Randulph. „So,“ rief Truſſell aufſtehend und ſich im Spiegel bettachend;„ſo iſt's recht— capital! capital!“ „Herr Scarve wohnt gegenuͤber, Barbier, nicht wahr?“ ſagte der Fremde zu Peter. „Ja Herr,“ erwiederte der Letztere.„Das iſt das — 119— Haus. Geſtern Nachmittag ereignete ſich dort eine ſehr ſeltſame Geſchichte.“ „Und was war das?“ fragte der Fremde. „Nun,“ verſetzte der Barbier,„um fuͤnf Uhr wur⸗ de die ganze Straße durch die Ankunft von vierzehn Maͤn⸗ nern zu Pferde in Aufruhr gebracht, wovon jeder tau⸗ ſend Pfund in zwei Säcken am Sattelknopfe hatte. Dieſe Leute hielten vor der Thuͤr des Geizhalſes ſtill und warfen ihre Säcke vor derſelben nieder. Es erwies ſich, daß dies die Bezahlung von vierzehntauſend Pfund war, welche Sir Bulkel⸗y Price von dem alten Scarve auf ſeine Beſitzung geborgt, und daß der Erſtere genoͤ— thigt war, die Summe zu einer beſtimmten Zeit zu be⸗ zahlen, ſonſt waͤre ſein Gut verfallen geweſen. Er kam noch gerade vor Ablauf der Zeit. O, Sie hätten ſehen ſollen, wie der alte Geizhals fluchte und tobte, als er ſich ſeiner Beute beraubt ſah. Hätte ſich ſeine Tochter nicht ins Mittel gelegt, ich glaube, er hätte ſich an dem Ritter vergriffen. Ha! ha!“ Randulph, deſſen Bruſt von ſtreitenden Gefuͤhlen bewegt war, wollte eben den Barbier weiter befragen, wie ſich Hilda bei dieſer Gelegenheit benommen, als der Fremde ihn daran verhinderte, der ſich haſtig zu Peter wendete, und ſagte:„Dies iſt eine unerhoͤrte Art, Pfandgeld zu bezahlen— und noch dazu eine ſo große Summe. Sind Sie gewiß, daß es wirklich vierzehn⸗ tauſend Pfund waren?“ „Eben ſo gewiß, als ich einen Kam in der Hand habe,“ verſetzte der Friſeur.„Auch weiß ich, daß es in — 120— Gold bezahlt wurde; ich hoͤrte ſelber das Klingen des Metalls. Auch rief Sir Bulkeley mich und die uͤbrigen Zuſchauer als Zeugen der Bezahlung auf.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen!“ rief der Fremde —„ich muß ein Wort mit Herrn Scarve uͤber dieſen Gegenſtand reden. Guten Morgen, meine Herrn. Herr Randulph Crew, wir werden uns wahrſcheinlich wieder— ſehen.“ Hierauf erhob er ſeinen Hut, ging uͤber die Straße, und klopfte an des Geizhalſes Thuͤr. „Wer iſt jene ſeltſame Perſon?“ fragte Truſſell Peter. „Habe nicht die geringſte Ahnung davon, Herr,“ verſetzte der Barbier.„Er kam herein, um ſich raſiren zu laſſen; das iſt Alles, was ich von ihm weiß. Ich frage meine Kunden nie nach ihren Namen.“ Randulph eilte mittlerweile an die Thuͤr, um zu ſehen, wie der Fremde wuͤrde empfangen werden, und war etwas aͤrgerlich zu finden, daß Jakob ihn einließ, nachdem er ihn ſeiner Gewohnheit nach genau betrachtet, und ſo lange hatte warten laſſen, bis er ſeinen Herrn befragt. „Er wird Hilda ſehen,“ ſeufzte der junge Mann. „Komm Neffe, komm,“ rief Truſſell ungeduldig, „wir kommen ſonſt zu ſpät.“ Randulph ließ ſich wider Willen mit fortziehen, und dann gingen ſie Kingſtreet entlang auf Spring Gar⸗ dens zu. 3 — 121— Villiers Wohnung hatte die Ausſicht auf Sanct Ja⸗ mes Park, und es war ein kleiner Garten dabei. Es war keinesweges ein großes Haus, aber ſehr ſchoͤn ein⸗ gerichtet; alle innern Decorationen waren franzoͤſiſch und in dem prächtigen Geſchmack Ludwigs des Vierzehnten⸗ Die Beſuchenden wurden von zwei gepuderten Bedien⸗ ten in praͤchtigen Livreen eingelaſſen, und nachdem ſie an einem großen ſchneeweißen franzoͤſiſchen Pudel von eigen⸗ thuͤmlicher Zucht vorbeigekommen waren, der auf einem Kiſſen in der Naͤhe der Thuͤr lag, gingen ſie durch eine Halle, die mit Buͤſten, Statuen und Porzellangefäßen angefuͤllt war. Am Fuß der Treppe trafen ſie einen Pagen in phantaſtiſchem Coſtuͤm, der vor ihnen hinauf⸗ ſtieg und ſie durch einen Corridor zu dem Eingang eines Zimmers fuͤhrte, vor welchem zwei grinſende Afrikaner in morgenlaͤndiſcher Tracht ſtanden und große meſſingene Ohrringe und große Turbane von Mouſſelin trugen, woran ſich ein meſſingner Halbmond befand. Einer von ihnen oͤffnete die Thuͤr und die beiden Beſuchenden tra⸗ ten in ein Vorzimmer, worin bereits mehrere Perſonen verſammelt waren. Die meiſten von dieſen waren Truſ⸗ ſell bekannt, und er erwiederte ihre Gruͤße ſehr hoͤf⸗ lich. „Aha, mon ami, Desmartins,“ ſagte er zu einem kleinen, ſich beugenden und windenden Manne, der ſehr ſchlecht gekleidet war, wie es Schneider gewoͤhnlich ſind, aus deſſen Taſche Maaße hingen, waͤhrend er ein Mu⸗ ſterbuch unter dem Arme hielt,„wie gehts Ihnen? Dies iſt mein Neffe, Desmartins. Ich habe ihm ge⸗ — —— ſagt, er muß ſich unter Ihre geſchickten Haͤnde be⸗ geben.“ „Ich bin ſtolz uͤber dieſen Auftrag, Herr Truſſell— enchanté,“ verſetzte der Franzoſe.„Ihr Neffe hat eine ſehr ſchoͤne Figur, ma foi— aber ſeine Kleidung iſt nicht nach der Mode. Sehr baͤuriſch— wie ſie es nennen— laͤndlich— ha! ha!“ „Das ſagte ich ihm ſchon, Desmartins,“ verſetzte Truſſell,„wir werden heute oder morgen bei Ihnen vor⸗ ſprechen, um das zu verabreden.“ „Sehr entzuͤckt, Sie zu ſehen, Herr Truſſell, und auch Sie, mein Herr,“ verſetzte der Schneider, ſich vor Randulph verbeugend. „Ei Herr Penroſe, ſind Sie es?“ fuhr Truſſell fort, ſich an einen ſchlanken, weibiſch ausſehenden jungen Mann wendend, der eine Pappſchachtel und einen Korb unter dem Arme trug;„vernuthlich haben Sie eine neue Zu⸗ fuhr von Handſchuhen und Parfuͤmerien erhalten.“ „Ich habe eben eine neue Parfuͤmerie erfunden, mein Herr,“ verſetzte der junge Mann,„und komme, Herr Villiers um die Erlaubniß zu bitten, derſelben ſei⸗ nen Namen geben zu duͤrfen.“ „Und wenn er es erlaubt, ſo iſt Ihr Gluͤck gemacht, Herr,“ ſagte Truſſell.„Das bouguet à la Villiers wird alle andern uͤbertreffen. Ah! Chipchaſe,“ ſagte er ſich an einen kleinen Kerl wendend, deſſen unterſetzte Geſtalt, Sammetmuͤtze und Stiefeln keinen Zweifel ließen, daß er ein Jockey ſei.„Was gibts Neues aus Newmarket? — 123— Hat Lord Haversham den Becher gewonnen, oder Sir John Faag?“ „Keiner von Beiden, Herr,“ verſetzte der Jockey; „Herr Villiers iſt der Gewinner.“ „Bravo! Braviſſimo!“ rief Truſſell, in die Haͤnde klatſchend.„Das iſt vortrefliich! Ihre Nachricht iſt mir zwanzig Pfund werth, Chapchaſe. Ich wettete auf Herrn Villiers, bloß um ihm ein Compliment zu machen, ohne zu denken, daß er gewinnen wuͤrde.“ „Ja, Sir Joln glaubte ſchon ganz ſicher zu ſein,“ entgegnete der Jockey ſchlau lächelnd,„doch jetzt findet er, daß er ſich geirrt hat. Ich hoffe, Ew. Gnaden werden mir erlauben, Ihre Geſundheit zu trinken.“ „Ja, das will ich, und noch dazu in einer Bowle Punſch,“ erwiederte Ttuſſell, indem er ſeine Boͤrſe her⸗ vorzog und ihm ein Stuͤck Geld gab.„Aha, Ned Oglethorpe,“ ſetzte er hinzu, indem er zu einer andern Perſon trat, die eine weiße Flanelljacke mit einem offe⸗ nen Kragen trug;„wie gehls mit den Federballen? Mein Neffe Randulph, Ned. Wir wollen in dieſen Ta⸗ gen ein Spiel mit Ihnen ſpielen. Capitain Culpepper, Ihr gehorſamer Diener. Nun, gehen Sie nicht fort, Capitain, ich bin Ihnen nicht boͤſe wegen der paar Kro⸗ nen, die Sie mir juͤngſt im kritiſchen Kaffeehauſe im Tricktrack abnahmen. Randulph, dies iſt Capitain Cul⸗ pepper, ein ſo tapferer Mann, wie nur je einer ein Schwert zog, oder,“ ſetzte er leiſer hinzu,„„einen gehei⸗ men Streit raͤchte. Wahrhaftig, bei Herrn Villiers Lever iſt man gewiß, alle ſeine Freunde zu treffen. Hier, — 124— Neffe,“ ſetzte er hinzu, indem er einen gewandt aus⸗ ſehenden Mann in dicht anſchließender leinener Kleidung, der ein paar Stoßrappiere unter dem Arm hatte, anre⸗ dete,„hier iſt der erſte Fechtmeiſter in der Welt, Herr Hewitt. Du mußt einige Stunden bei ihm nehmen.“ Waͤhrend Randulph die Verbeugung des Fechtmei⸗ ſters erwiederte, oͤffnete Cripps die Thuͤr des innern Zim⸗ mers. Als der Kammerdiener Truſſell und ſeinen Be⸗ gleiter bemerkte, eilte er ſogleich auf ſie zu und bat ſie, bei ſeinem Herrn einzutreten, der ſie, wie er verſicherte, ſchon ſeit einiger Zeit erwarte. Das Zimmer, in welches ſie gefuͤhrt wurden, diente dem Stutzer zum Ankleiden, doch der Theil, wo er ſeine Toilette machte, war von dem uͤbrigen Raume durch ei⸗ nen prächtigen indiſchen Schirm getrennt. Es war nach dem feinſten und praͤchtigſten Geſchmack ausmeublirt. Roſenfarbige Vorhaͤnge waren uͤber die Fenſter geſpannt, wodurch Alles umher eine lebhafte Farbe erhielt, waͤhrend die Luft mit koſtbaren Wohlgeruͤchen uͤberladen war. Ein ſehr kleiner Affe, der einen ſcharlachrothen Rock, eine Zopfperruͤcke und einen kleinen Degen trug, ſpielte ſeine ergoͤtzlichen Poſſen in einem Winkel, waͤhrend ſich in dem andern ein buntgefiederter Papagei befand. Koͤſtliche Blumen in Toͤpfen fuͤgten ihren Duft zu den kuͤnſtlichen Wohlgeruͤchen hinzu, und ein paar außerordentlich kleine Windſpiele von Karl's des Zweiten Zucht nahmen ein Kiſſen am Kamin ein. An einem Tiſche, der mit dem weißeſten Tiſchzeug bedeckt war und von zierlich gearbei⸗ tetem Silberzeug ſchimmerte, nebſt einem praͤchtigen chi⸗ — 125— neſiſchen Theeſervice, ſaß oder lehnte vielmehr Beau Vil⸗ liers in dem bequemſten Stuhle. Er ſtand beim Ein⸗ tritt ſeiner Gäſte nicht auf, ſondern nickte ihnen nur ein wenig zu, und wie es Randulph ſchien, mit der Miene eines Beſchuͤtzers. Dann winkte er Cripps, ihnen Stuͤhle hinzuſetzen. Er war noch ganz im Negligee; ſeine an⸗ muthige Geſtalt in einen weiten Schlafrock vom reichſten Brocat gehuͤllt, während eine gruͤne ſeidene Muͤtze, die ſehr zierlich aufgeſetzt war, die Stelle der Perruͤcke ver⸗ trat. Sein Hemd war am Halſe offen, und an der Bruſt und den Handgelenken mit einer großen Maſſe von Spitzen verziert. Rothſeidene Struͤmpfe und ſam⸗ metne Pantoffeln vollendeten ſeinen Anzug. Es waren noch zwei andere Perſonen gegenwärtig; Sir Singleton Spieke und ein ſehr wohlbeleibter Herr mit aufgedunſe⸗ nen rothen Wangen, der als Sir Bulkeley Price vor⸗ geſtellt wurde, und der nach Randulph's Schluß der Held der Geſchichte ſein mußte, die er von dem Barbier hatte erzaͤhlen hoͤren— ein Umſtand, der ihm in ſeinen Augen ein beſonderes Intereſſe verlieh. Inzwiſchen war⸗ tete Cripps nebſt dem Pagen beim Fruͤckſtuͤck auf, quirlte die Chokolade in einem zierlichen ſilbernen Topfe, ſchenkte zwei Taſſen von dieſem Getraͤnk ein und reichte ſie den Neuangekommenen. Ein kleines Stuͤck von einer ſtraßburger Paſtete, die mit einer Taſſe gruͤnen Thee und einem Glaſe Rothwein hinuntergeſpuͤlt wurde, bildete das Fruͤhſtuͤck des Stutzers. Sir Singleton Spieke nahm Chokolade, verzehrte den Fluͤgel eines Kuͤchleins und trank ein Glas Wein dazu. Sir Bulkeley Price that den Cottelets und andern Fleiſch⸗ ſpeiſen, womit der Tiſch beſetzt wurde, volle Gerechtig⸗ keit an; auch blieben Truſſell und Randulph nicht weit zuruͤck, ungeachtet des Vorfruͤhſtuͤcks, welches der Letztere eingenommen. Ploͤtzlich ſagte Sir Bulkeley, nachdem er ſich umgeſehen und bedeutungsvoll gehuſtet hatte, in lei— ſem Tone zu dem Kammerdiener:„Ich vermuthe, Herr Cripps, es iſt gar kein Ale im Hauſe?“ „Was nicht, Sir Bulkeley?“ verſetzte Cripps ihn anſtarrend, als koͤnne er es nicht fuͤr moͤglich halten, daß er recht gehoͤrt. „Ale, Kerl! Ale—“ verſetzte der Ritter ärgerlich und mit Nachdruck. „Nein, Sir Bulkeley,“ verſetzte Cripps ſich verbeu⸗ gend;„es iſt kein Ale da; aber hier iſt geroͤſteter Käſe, wenn Ihnen der gefaͤllig iſt.“ Aergerlich wie der Ritter war, konnte er doch nicht umhin, uͤber die Unverſchaͤmtheit des Kammerdieners zu lachen, und ein Glas Wein, welches er mit dem alten Stutzer trank, befaͤnftigte ihn vollends. Die Unterhal⸗ tung waͤhrend der Mahlzeit war lebbaft genug, und wurde beſonders von dem Wirth und Truſſell gefuͤhrt. Sie handelte von allen moͤglichen Gegenſtänden der Mo⸗ de, von ſcandaloͤſen Geſchichten, Frauenzimmern, Schau⸗ ſpiel und offentlichen Vergnuͤgungen, woran Randulph großes Intereſſe nahm, da er ſo wenig von dieſen Din⸗ gen kannte. Seine Aufmerkſamkeit nahm indeß eine an⸗ dere Wendung, als Truſſell ſich lachend zu Sir Bulkeley — 127— wendete, und ſagte, er habe von ſeiner neuen Art, alte Schulden zu bezahlen, gehoͤrt. „Ich erwaͤhnte die Sache ſchon vor Ihrer Ankunft gegen Villiers,“ entgegnete Sir Bulkeley,„und ſie er⸗ gotzte ihn eben ſo wie Sie. Wahrhaftig! wir mußten tuͤchtig reiten. Mehrere von meinen Handwerksleuten begegneten mir bei Highgate und erboten ſich, mich durch die Stadt zu geleiten, doch ich lehnte die Auf⸗ merkſamkeit ab, da ich der Meinung war, daß unſer Trupp auch ohne ſie groß genug ſei. Sie haͤtten ſehen ſollen, wie die Leute uns anſtarrten, als wir durch die Straßen ritten.“ „Ich wundere mich nicht daruͤber,“ verſetzte Truſſell lachend;„es wundert mich beinahe, daß man Ihnen nicht die Stadtmiliz nachſchickte.“ „Der Schluß des Abenteuers war noch das Beſte von der Sache,“ fuhr der Ritter fort.„Nie habe ich eine Wuth geſehen, wie der Geizhals bei ſeiner Taͤu⸗ ſchung zeigte. Ich muß ſagen, daß ich faſt Mitleid mit ihm hatte. Seine Tochter iſt ein reizendes Maͤdchen— ſchoͤn wie ein Engel, und reich— ja wahrhaftig, es iſt unmoͤglich zu ſagen, wie reich ſie eigentlich iſt. Villiers, Sie ſollten Sie aus den Haͤnden ihres Vaters neh⸗ men.“ „Ich will daruͤber nachdenken,“ verſetzte der Stutzer nachlaͤſſig,„ich bin in verzweifelter Geldverlegenheit. Gleich Ihnen habe ich einige Geſchaͤfte mit dem alten Scarve gebabt, und kenne ihn als einen ſo großen Wu⸗ cherer wie Shylock und Sir Giles Overreach. Ich denke S 6 128— indeß nicht, daß ich ſeine Tochter heirathen koͤnnte und wenn ſie den Reichthum beider Indien beſaͤße.“ „Aber Sie haben ſie nie geſehen, ſonſt wuͤrden Sie Ihre Meinung aͤndern,“ verſetzte Sir Bulkeley. „Sie iſt das ſchoͤnſte Weſen, welches ich ſeit langer Zeit geſehen.“ „Sie reizen meine Neugierde,“ verſetzte der Stutzer, „ich muß doch dieſes Muſter der Vollkommenheit ſehen. Da wir doch von Schoͤnheit reden,“ ſetzte er zu Ran⸗ dulph gewendet hinzu, der kaum ſeine Unruhe verbergen konnte,„halten Sie nicht Clementine Brabazon fuͤr ein ſchoͤnes Mädchen, Herr Crew?“ „Ganz gewiß,“ verſetzte der junge Mann zer⸗ ſtreut. „Sie iſt nichts gegen das, was ihre Mutter war,“ ſagte Sir Singleton.„Vor zwanzig Jahren war Lady Brabazon, damals noch Miß Norbroke, mit einer einzi⸗ gen Ausnahme das liebenswuͤrdigſte Geſchoͤpf der Welt.“ „Und wer war dieſe Ausnahme,“ ſagte Luſſel. „Es iſt mir lieb, daß Sie fragen,“ erwiederte Sir Singleton,„weil es mir Freude macht, Ihnen zu ſagen, daß es Ihre Schweſter Sophie war— die Mutter die⸗ ſes jungen Herrn. Welch ein koͤſtliches Weſen war ſie! Sie gewann vollkommen mein Herz, Herr Crew; und wenn ſie nicht unempfindlich gegen meinen Antrag ge⸗ weſen wäre, ſo haͤtte ich die Ehre haben koͤnnen, Ihr Vater zu ſein.“ — 129— „Dieſe Vorausſetzung iſt ſehr ſchmeichelhaft,“ ver⸗ ſetzte Randulph laͤchelnd. „Es macht mich ſchwermuͤthig an die Schoͤnheiten vrrgangener Tage zu denken,“ fuhr der alte Stutzer em⸗ pfindſam fort, indem er ſich zugleich mit einer Priſe Schnupftabak troͤſtete.„Da ich die Tochter des Geizi⸗ gen nicht geſehen habe, ſo kann ich nicht von ihren Rei⸗ zen reden; doch Sir Bulkeley iſt ein guter Richter, und auf ſeine Anſicht kann man ſich verlaſſen. Nach meinem Geſchmack iſt Kitty Conway, die Schauſpielerin an dem Haymarkettheater, das ſchoͤnſte Frauenzimmer unſerer Zeit.“ „Kitty iſt gewiß ein ſehr huͤbſches Geſchoͤpf,“ ver⸗ ſetzte Truſſell;„doch da brauchen Sie wohl kaum ver⸗ gebens zu ſeufzen, Sir Singleton.“ So ſchwatzten ſie weiter, bis der Wirth aufſtand und ſagte:„Cripps, ſage Antoine, ich werde jetzt meine Toilette machen. Wie wollen wir den Morgen zubrin⸗ gen, meine Herren? Im Cacaobaum, oder in White's Kaffeehaus?“ „Wenn Sie etwas Neues wuͤnſchen, mein Herr,“ ſagte Cripps, der noch einen Augenblick zoͤgerte,„es iſt dieſen Morgen eine große muſikaliſche Unterhaltung in der Folly auf der Themſe. Ich glaube, Sie wuͤrden ſich ſehr gut unterhalten, wenn Sie dorthin gingen, auf Parole!“ „Ein guter Vorſchlag!“ rief der Stutzer.„Ich Die Tochter des Geizigen. I. 9 — 130— bin oft an der Folly vorbeigerudert, aber nie hineinge⸗ kommen.“ „Dann verfaͤumen Sie die gegenwärtige Gelegenheit nicht,“ ſagte Sir Singleton.„Es pflegte ein ſehr ange— nehmer Ort zu ſein, als wir noch junge Leute waren, Truſſell. Manches ſchoͤne Frauenzimmer haben wir dort geſehen, he?“ „Ja wohl, Sir Singleton,“ verſetzte der Andere, „und ihr den Hof gemacht. Es wird mir lieb ſein, den Ort wiederzuſehen.“ „So wollen wir denn zur Folly!“ rief der Stutzer, „und manche Leute wuͤrden ſagen, es ſei ein paſſender Ort fuͤr uns. Entſchuldigen Sie mich einige Augen⸗ blicke, meine Herren. Ich werde mich ſo raſch als moͤg⸗ lich anziehen.“ Mit dieſen Worten zog er ſich hinter den Schirm zuruͤck, der noch weiter durch das Zimmer geſchoben wur⸗ de. Da Randulph an der Unterhaltung, die nach der Entfernung des Stutzers begonnen wurde, nicht viel In⸗ tereſſe fand, ſo ſtand er auf, um einige Miniaturbilder und andere Kunſtſachen anzuſehen, womit das Zimmer geziert war, und betrachtete gerade eine prachtvolle Schnupftabaksdoſe, als Cripps zu ihm trat, und in lei⸗ ſem Tone ſagte:„Mein Herr, ich ſoll dieſen Brief an Sie abgeben. Hier iſt er.“ Durch die bedeutungsvollen Blicke des Kammerdie⸗ ners wurde Randulph verhindert, eine Bemerkung dar⸗ uͤber zu machen, denn jener gab ihm durch Winke und Geberden zu verſtehen, daß ſein Onkel nichts davon wiſ⸗ — 131— ſen duͤrfe, und entfernte ſich leiſe. Indem der junge Mann zu der Gruppe am Tiſch hinblickte, bemerkte er, daß Truſſell ihm den Ruͤcken zuwendete und uͤberdies noch beſchäftigt war, den Andern einen Scherz zu erzaͤh— len. Er naͤherte ſich daher dem Fenſter, brach das Sie⸗ gel des Briefes und las Folgendes: „Junger Mann, „Den Brief, den Ihre Mutter Ihnen uͤbergab, und der von der aͤußerſten Wichtigkeit war, obgleich Sie ihn nicht ſo betrachtet zu haben ſcheinen, hat gluͤcklicherweiſe ſeine Beſtimmung erreicht. Sonſt hät⸗ ten die Folgen ernſthaft werden koͤnnen. Es iſt noͤ⸗ thig, daß ich eine Unterredung mit Ihnen habe, und zwar ohne Aufſchub. Ich werde morgen um ſechs Uhr in den ſuͤdlichen Gaͤngen der Weſtminſterabtei ſein, und Sie dort erwarten. Verfehlen Sie nicht, ſich einzuſtellen, wenn Ihnen Ihre eigene Sicherheit und die Ihrer Mutter lieb iſt. Kein Wort hievon zu Ih⸗ rem Onkel, oder ſonſt Jemand. Die geringſte Unvor⸗ ſichtigkeit wuͤrde Sie in Befahr bringen. Cordwell Firebras.“ „Cordwell Firebras!“ ſagte Randulph zu ſich ſelber. „Ja, jetzt erinnere ich mich, das war der Name der Perſon, an die der verlorene Brief addreſſirt war. Die 9 — 17— ganze Sache iſt ſehr geheimnißvoll und die Sprache die⸗ ſes Briefes nicht blos ſeltſam, ſondern auch beunruhi⸗ gend. Ich will Herrn Cripps daruͤber befragen. Aber halt! Ich ſoll die Sache ja weder gegen meine Oheime, noch ſonſt Jemand erwaͤhnen. Warum ſoll ich dieſe Vorſicht beobachten? Und doch räth mir die Klugheit, es zu thun. Der Brief iſt von geſtern datirt. Wenige Stunden werden alſo das Raͤthſel loͤſen. Ich will nicht verfehlen zu kommen.“ Da er die letzten Worte unbewußt und mit Nach⸗ druck ausſprach, erſchrak er, als er hinter ſich ein lautes Lachen hoͤrte, und als er ſich umwendete, bemerkte er, daß Truſſell's rundes Geſicht ihm uͤber die Schultern ſah. Er zerdruͤckte augenblicklich den Brief zwiſchen den Fingern. „Nein, laß mich den Brief nur ſehen,“ ſagte Truſ⸗ ſell lachend.„Ich hoͤrte Deinen Ausruf. Welche ſchöne Dame hat ſich in Dich verliebt, he? Doch nicht gar des Geizhalſes Tochter? Und doch iſt ſie beinahe das einzige Frauenzimmer, was Du kannſt geſehen haben. Doch ich will keine unverſchämten Fragen thun, noch auch unverſchaͤmte Bemerkungen machen. Ich ſehe, daß es Dich ärgert. Du haſt Recht, das Geheimniß zu be⸗ wahren, ſo wie auch, Dich zu dem Rendezvous einzu⸗ ſtellen, ha! ha!“ „Sie irren, Onkel,“ rief Randulph haſtig;„meine Zuſammenkunft wird mit—“ und er hielt inne. „Puh! Knabe, keine Entſchuldigungen bei mir,“ fiel Truſſell ein.„Behalte Dein Geheimniß fuͤr Dich. — 133— Du biſt ein gluͤcklicher Burſche! Ich war eben ſo gluͤcklich, als ich ſo jung war, ha! ha! Aber,“ ſetzte er mit verlegenem Blick hinzu,„welcher Merkur brachte Dir dies Billet?“ „Ich war's, Herr,“ fiel Cripps ein, welcher be⸗ merkte, was vorging, und Randulph zu Huͤlfe eilte. „Mir wurde es anvertraut— von einer Dame, hm! Ihr Neffe macht raſch ſein Gluͤck, Herr Truſſell, auf Parole!“ „So ſcheint es,“ verſetzte Truſſell, lauter lachend als je.„Ha! Ha!“ Randulph war im Begriff, der Behauptung des Kammerdieners zu widerſprechen, und, ſo weit er konnte ſeinem Onkel die Wahrheit zu ſagen, doch in dieſem Au⸗ genblick wurde der Schirm weggezogen, und der Stutzer zeigte ſich in vollem Anzuge. Ein trug einen Rock vom feinſten Scharlachtuch, reich mit Gold geſtickt, eine wei⸗ ße Weſte von der ſchwerſten Seide in großem Muſter mit Gold geblumt, eine mit Spitzen beſetzte Halsbinde und eine volle Lockenperruͤcke von Flachs haar. Als Cripps ſeinen Herrn ſah, eilte er ſeinen befiederten Hut und ſei⸗ nen Stock zu holen, waͤhrend der Page ihm ſeine Hand⸗ ſchuhe brachte. Antoine, der franzoͤſiſche Bediente, der ihm beim Ankleiden geholfen, naͤherte ſich ihm dann mit einem Taſchentuch vom feinſten Cambrick mit Spitzen beſetzt, worauf er eine Parfümerie aus einem Fläſchchen goß, während ein vierter Bediente ihm ſeine Schnupf— tabaksdoſe einhaͤndigte. „Und nun, meine Herren, bin ich zu Ihren Dien⸗ — 134— ſten,“ ſagte der Stutzer, ſorgfaͤltig ſeinen Hut aufſetzend. „Cripps, Du begleiteſt uns. Wir beduͤrfen Deiner auf der Folly.“ Der beguoͤnſtigte Diener verbeugte ſich und oͤffnete die Thuͤr des Vorzimmers. Villiers ſtand noch einen Au⸗ genblick ſtill, um einige Worte mit den verſammelten Leuten zu wechſeln— lobte den Jockey wegen ſeines Er⸗ folges— kuͤndigte dem Parfuͤmeriehaͤndler an, daß er die wohlriechende Fluͤſſigkeit erprobt hade, und ihm die Erlaubniß ertheile, derſelben ſeinen Namen zu geben— beſtellte ein Gallakleid bei dem Schneider— und nickte Ned Oglethrope, Capitain Gulpepper und dem Fecht⸗ meiſter zu. Dann ging er mit ſeinen Freunden hiaus. Die Geſellſchaft machte zuerſt einen Spaziergang auf der Mall. Da der Morgen außerordentlich ſchoͤn war, ſo waren die Gaͤnge eben ſo voll von geputzen Leu⸗ ten, wie am vorhergehenden Tage. Ueberall, wohin ſie kamen, zog Villiers die Augen der Menge auf ſich, und zu Randulph's Unterhaltung und Truſſell's Ergoͤtzen, folg⸗ te ihnen eine Menge neugieriger Zuſchauer. Unter dieſen bemerkte Randulph den Fremden, welchen er im Laden des Barbiers geſehen; doch der Letztere ſchien ſeiner Be⸗ obachtung auszuweichen und er verlor ihn bald aus dem Geſichte. Nachdem die Geſellſchaft bis Buckingham Houſe gegangen war, kehrte ſie wieder um, verließ den Park und begab ſich nach Cockpit in Whitehall. Hier verließ ſie Sir Bulkeley Price, nachdem er zuvor Ran⸗ dulph und ſeinen Onkel eingeladen, am folgenden Tage mit ihm in ſeinem Hauſe in Sanct James Square zu Mittag zu eſſen. In Cockpit brachten ſie eine Vier⸗ telſtunde zu und begaben ſich dann zu Groom Por⸗ ters, wo ſchon zu jener Stunde ſehr hoch geſpielt wurde. Villiers, der ein verzweifelter Spieler war, und ſelten eine Gelegenheit dazu voruͤbergehen ließ, naͤherte ſich dem Tiſche, wo Wuͤrfel geſpielt wurde, und hatte in kurzer Zeit hundert Pfund gewonnen. Aufgeregt durch ſeinen gluͤcklichen Erfolg, und in ſehr guter Laune, verließ er die Zimmer und begab ſich mit ſeinen Begleitern zu der Treppe bei Whitehall, wo Cripps ein Boot herbeirief, worin Alle nach der Folly fuhren. Randulph hatte den Fremden unter den Zuſchauern in Groom Porters bemerkt, und ihr Boot war erſt we⸗ nige Ellen vom Uufer entfernt, als er ihn die Treppe her⸗ unterſteigen und in ein anderes Boot treten ſah, in der Abſicht ihnen zu folgen, wie aus ſeinen Geberden her⸗ vorging. Siebentes Kapitel. Die Berathung des Geizigen mit ſeinem Sachwalt.— Ja⸗ kob wird durch die Erſcheinung ſeines Herrn bei Nacht be⸗ unruhigt.— Der Beſuch von Cordwell Firebras. Ein zweiter Brief.— Hilda's unterredung mit Abel Beechcroft. Durch die vereinte Bemuͤhung ſeiner Tochter und ſeiner Schwaͤgerin wurde der Geizhals bald wieder zum Bewußtſein gebracht, und auf ſeinen Stuhl geſetzt, wo daſſelbe Glas Wein, welches er fuͤr Jakob beſtimmt hat— te, ihm, mit heißem Waſſer gemiſcht, eingegeben wurde, und ſeine Wiederherſtellung bewirkte. Noch immer war er ſehr ſchwach; ſein Blick wanderte von dem Goldhau⸗ fen am Boden zu dem Pfandbriefe auf dem Tiſche, und da er den Anblick des letztern nicht ertragen konnte, ſo befahl er Jakob den kleinen Kaſten, worin er gewoͤhnlich — 137— ſeine Papiere hatte, auf den Tiſch zu ſetzen, ſchloß ihn mit zitternden Händen auf, und lsgte den Pfandbrief hinein. Dies ſchien ihm eine große Beruhigung zu gewaͤh⸗ ren, denn er wurde ſogleich gefaßter, ſtand mit Huͤlfe ſei⸗ ner Tochter auf, ging auf die Geldſäcke zu, und verſuchte vergebens, einen davon aufzuheben. „Verſuche es nicht, Vater,“ ſagte Hilda.„Es iſt beſſer, Du laͤßt dies Geld durch Jakob in Dein Zim⸗ mer tragen; auch rathe ich Dir, Dich zur Ruhe zu be⸗ geben.“ „Nein, nein,“ verſetzte der Geizhals;„ich werde nicht eher ſchlafen, als bis ich das Geld in jedem von dieſen Saͤcken gezaͤhlt habe; und wenn ich den geringſten Mangel finde, ſo mag Sir Bulkeley ſich vorſehen. Trage ſie die Treppe hinauf, Jakob.“ Dieſer Befehl wurde ſogleich befolgt, und eben war Jakob damit fertig, als an die Thuͤr geklopft wurde. „Wer kann das ſein?“ rief der Geizhals.„O, jetzt erinnere ich mich, es muß mein Sachwalt Diggs ſein. Er ſollte des verfallnen Gutes wegen hieherkommen. Verflucht ſei die ganze Geſchichte, anſtatt bei meinem Triumph zugegen zu ſein, ſieht er jetzt meine Kraͤnkung. Jakob, wenn es Herr Digos ſein ſollte, ſo kannſt Du ihn einlaſſen, aber Niemand anders, Hilda und Schwe⸗ ſter Clinton, es waͤre beſſer, wenn Ihr auf Euer Zimmer ginget. Ich habe Geſchaͤfte vor. Ihr koͤnnt auch ſchon gute Nacht ſagen, denn ich werde zu Bett gehen, ſobald Herr Diggs mich verläßt.“ 8 — 138— Hilda ſah ihren Vater aͤngſtlich an und kuͤßte ſeine Stirn. „Haſt Du irgend etwas zu ſagen, Kind?“ fragte er, von ihrer Zärtlichkeit geruͤhrt. „Ich wuͤnſche nur, daß Du das Geld heute Abend nicht mehr zählen moͤgeſt,“ verſetzte ſie.„Du bedarſt der Ruhe.“ „Ich werde um ſo beſſer ſchlafen, wenn ich es ge⸗ zaͤhlt habe,“ verſetzte er;„beſonders,“ fuͤgte er mit gro— ßer Strenge hinzu,„wenn ich finde, daß es nicht rich⸗ tig iſt.“ „Nun ich hoffe, Du wirſt Dich morgen beſſer be— finden,“ ſeufzte Hilda, und enfernte ſich mit ihrer Tante. Im naͤchſten Augenblick fuͤhrte Jakob einen anſtändig ausſehenden Mann in mittlerem Alter ins Zimmer, deſ⸗ ſen glattes roſiges Geſicht nur ein wenig durch ein ſoge⸗ nanntes Glasauge entſtellt wurde. In dieſem Auge ſchien keine Sehkraft zu ſein. Dieſen Fehler abgerechnet, konn⸗ te man ſagen, daß Herr Diggs— denn er war es— ein ſehr einnehmendes Geſicht habe, außer daß er einen falſchen Zug um den Muno hatte, und daß ſein Kinn ſehr liſtig gebildet war. Er war einfach, aber huͤbſch ge⸗ kleidet, und trug einen dunklen Rock Seine Stimme wat ſo angenehm, daß ſie ſich wie Geſang anhoͤrte, auch hatte er ein ſehr angenehmes und einnehmendes We⸗ ſen. „Nun, Herr, darf ich Ihnen Gluͤck wuͤnſchen?“ ſagte er, als er den Stuhl annahm, den ihm Jakob an⸗ — — 56—= bot.„Kann ich einem waliſiſchen Gutsbeſitzer meinen Reſpect bezeigen, ha! ha!“ Aber als er an dem Ge⸗ ſichte des Andern bemerkte, daß nicht Alles richtig ſei, veranderte er ſeinen Ton und ſetzte hbinzu:„Ich hoffe, Sie ſind doch wohl, mein Herr. Nach dem, was ich von Ihrem Neffen hoͤrte, der Sie eben verließ, erwartete ich Sie in ſehr guter Laune zu finden.“ Der Geizhals antwortete nicht, ſondern gab Jakob ein Zeichen, das Zimmer zu verlaſſen, was dieſer mit gro⸗ ßem Widerſtreben that. „Das Pfandgeld iſt bezahlt, Herr Diggs,“ ſagte Scarve kalt, ſobald ſie allein waren. „Es thut mir leid, dies zu hoͤren,“ verſetzte der Andere;„doch nach Ihrem Geſichte zu urtheilen, fuͤrchtete ich es ſchon.“ „Nun, laſſen Sie das,“ verſetzte der Geizhals mit erzwungenem Laͤcheln„Es iſt eine fehlgeſchlagene Hoff⸗ nung, ich kann es ertragen.“ „Es iſt mir lieb, das Sie die Sache ſo philoſo⸗ phiſch nehmen,“ verſetzte Diggs;„aber ich bekenne, daß ich den Verluſt nicht mit derſelben Gleich guͤltigkeit an⸗ ſehen koͤnnte.“ „Und welches Intereſſe koͤnnen Sie an der Sache nehmen?“ fragte der Geizhals kalt. „Ich nehme eben ſo viel Intereſſe an den Angele⸗ genheiten meiner Clienten, als an meinen eigenen,“ ver⸗ ſetzte Diggs;„und Sie ſind zufallig nicht der Einzi⸗ ge, der durch dieſen unangenehmen Vorfall leidet.“ — 60— „Nicht der Einzige?“ wiederholte der Geizhals. „Sie ſetzen mich in Erſtaunen.“ „Ich will ſogleich erklaͤren, mein Herr,“ erwiederte Diggs.„Wie ich Ihnen ſchon ſagte, war Ihr Neffe eben bei mir. Er ſprach von ſeinen Hoffnungen auf eine Verbindung mit Ihrer Tochter, und von dem Vermoͤgen, welches er ihr ausſetzen ſolle, und ſchloß mit der Hoff⸗ nung, daß Sie ihr dieſe Beſitzung in Fintſhire als Hei⸗ rathsgut mitgeben wuͤrden.“ „Aber ich habe ſie nicht, Diggs— ich habe ſie nicht!“ rief der Geizhals mit Nachdruck. „Das hoͤre ich leider,“ verſetzte Diggs,„aber—“ und er ſchwieg ein wenig, als ob er berechnete, wie weit er mit Sicherheit gehen koͤnne—„aber Sie haben das Pfandgeld.“ „Herr Diggs,“ verſetzte der Geizhals, ſeine ſchar⸗ fen grauen Augen auf den Advokaten richtend,„ich ſagte meinem Neffen heute, daß ich meiner Tochter keinen Hel⸗ ler mitgeben wuͤrde, und ich bin kein Mann, wie Sie wiſſen, der in ſeinem Entſchluſſe ſchwankt. Wie viel will Philipp ihr ausſetzen?“ „Nichts, Herr,“ verſetzte Diggs, der ſich ein wenig beleidigt ſtellte—„nichts, ohne daß Sie ihr eben ſo viel ausſetzen. Auch koͤnnte ich ihm meinem Gewiſſen nach nicht anders rathen.“ „Dann iſt die Sache zu Ende,“ verſetzte Scarve, „und das koͤnnen Sie ihm nur ſagen.“ „Ich hoffe nicht, Herr,“ verſetzte der Advokat; „Sie ſind Beide gute Elienten, und da mir das Intereſſe S * — 141— Beider aufrichtig am Herzen liegt, ſo moͤchte ich Sie gern feſter vereinigt ſehen. Sie wuͤrden an Ihrem Nef⸗ fen einen Sohn haben, Herr Scarve. Er hat große Achtung und tiefen Reſpect vor Ihnen, und da er gerade dieſelben vorſichtigen Gewohnheiten hat, wie Sie, ſo wird Ihr Vermoͤgen dadurch nicht vermindert werden, wenn es je in ſeine Haͤnde kommen ſollte. Ich darf Sie nicht erſt an das große Vermoͤgen erinnern, welches er von ſeinem Vater erbte, deſſen Teſtament Sie geſehen haben; doch ich kann Ihnen ſagen, da er mir nicht ver⸗ boten hat, es Ihnen mitzutheilen, daß er durch gluͤckliche Anwendung des Geldes, durch Anleihen und auf andere Weiſe bereits zwanzigtauſend Pfund zu der Summe hin⸗ zugefuͤgt hat; und wenn er ferner noch ſe gluͤcklich iſt, wird er es ohne Zweifel verdoppeln.“ „Philipp iſt in der That ein ſehr geſcheiter jun⸗ ger Mann,“ ſagte der Geizhals,„es gibt wenige ſolche.“ „Das koͤnnen Sie mit Wahrheit behaupten, mein Herr,“ verſetzte Diggs,„und wenn ich in Ihrer Stelle waͤre, wuͤrde ich mich bedenken, ehe ich die Gelegenheit zu einer ſo guten Verbindung von mir wieſe, da dieſelbe in jeder Hinſicht Ihrem Geſchmacke entſpricht. Sie wer— den ſogleich meine Meinung verſtehen, mein Herr, wenn ich Ihnen ſage, daß Sie Ihren Neffen keine Achtung er⸗ weiſen, ihm wenigſtens nicht die Klugheit zutrauen wuͤr⸗ den, die er beſitzt— wenn Sie wollen, daß er Ihre Tochter ohne Heirathsgut nehmen ſolle. Nicht als be⸗ duͤrfe er des Geldes, nicht als bezweifelte er Ihre Ab⸗ —— ſichten mit Ihrer Tochter, aber er haͤlt es fuͤr recht und paſſend, daß ihr eine gleiche Summe ausgeſetzt werde.“ „Und welche Summe beabſichtigte er ihr auszu⸗ ſetzen?“ fragte der Getizhals. „Zwanzigtauſend Pfund,“ verſetzte Diggs. „Hm!“ rief Scarve und blieb einige Zeit in Ge⸗ danken verſenkt, waͤhrend Digas ſein einziges Auge auf ihn richtete.„Gut,“ ſagte er endlich,„Alles wohl be⸗ dacht, bin ich geneigt, ein wenig nachzugeben und mehr zu thun, als ich beabſichtigte. Ich will freigebig gegen meinen Neffen handeln, da er es verdient. Er ſoll mei⸗ ner Tochter dreißigtauſend Pfund ausſetzen— wohl ge⸗ merkt Diags, dreißigtauſend Pfund— und ich will ihnen vierzehntauſend Pfund— dieſelbe Summe, die ich eben von jenem verdammten waliſchen Baronet erhalten habe — am Hochzeitstage geben.“ „Ich kann natuͤrlich nicht fuͤr Herrn Frewin ant⸗ worten,“ verſetzte Diggs, der kaum ſeine Freude verber⸗ gen konnte,„aber ich hoffe mit Zuverſicht, daß er darauf eingehen wird— in der That, ich bin beinahe vollig da⸗ von uͤberzeugt. Er hegt eine lebhafte Neigung fuͤr Ihre Tochter, und ich bin uͤberzeugt, daß er ihr ſchon ein Opfer dringen wird.“ „Er bringt ihr kein Opfer, Herr,“ rief Scarve. heftig,„durchaus keins.“ „Ich meine nur hinſichtlich des Gefuͤhls, mein Herr,“ fiel Diggs im entſchuldigenden Tone ein.„Doch da wir uns einigermaßen uͤber die Sache verſtändigt ha⸗ * — 143— ben— denn ich glaube Ihnen Herrn Frewin's Einwilli⸗ gung verſprechen zu koͤnnen— kann ich hinzuſetzen, daß es ſein lebhafter Wunſch iſt, die Heirath moͤge ſo bald als moͤglich ſtattfinden. „Ich ſelber wuͤnſche, daß es geſchehen moͤge,“ ver⸗ ſetzte der Geizhals. „In dieſem Falle kann kein Hinderniß ſein,“ er⸗ wiederte Diggs;„ſtets in der Vorausſetzung, daß Herr Frewin ſeine Einwilligung zu der Verabredung gibt, ſonſt —. Aber ich vermuthe, Sie haben Ihre Tochter uͤber dieſen Gegenſtand befragt?“ „Meine Tochter iſt gewohnt, ſtets in Uebereinſtim⸗ mung mit meinen Wuͤnſchen zu handeln,“ entgegnete der Geizhals kalt. „Es iſt mir lieb, dies zu hoͤren, Herr,“ ſagte Diggs. „Ich warf nur die Frage auf, da ich von jener Seite her ein Hinderniß fuͤrchtete. Ich beſorgte, die junge Dame moͤchte nicht unſere gute Meinung von Herrn Frewin theilen, beſonders da ſie vielleicht etwas mehr Werth auf das aͤußere Erſcheinen legen koͤnnte, als wir thun, und daruͤber die weſentlicheren Eigenſchaften ver— geſſen. Ich bin voͤllig der Meinung, daß ein Vater das Recht hat, uͤber ſeine Tochter zu verfuͤgen, wie er es für gut haͤlt. Alle goͤttlichen und menſchlichen Geſetze geben Ihnen dieſe Macht, und Sie ſind vollkommen gerechifer— tigt, ſie auszuuͤben.“ „Ich handle, wie ich es fuͤr das Beſte einſehe,“ verſetzte der Geizhals.„Und nun,“ ſetzte er hinzu, als wolle er gern den Gegenſtand der Unterhaltung verändern, — 144— „laſſen Sie uns von andern Dingen reden. Hier iſt der Schuldſchein von Herrn Villiers, die Zinſen von Sir Thomas Lightfoot und die viertauſend Pfund, welche Lady Brabazon zu borgen wuͤnſcht.“ Und hierauf ließ er ſich auf Einzelheiten ein, denen wir hier nicht folgen koͤnnen. Nach Verlauf einer halben Stunde ſtand Diggs auf und entfernte ſich, und Jakob wurde gerufen, um ihn hinauszulaſſen. Der Portier zeigte ein ſo bedeutungs⸗ volles Weſen, daß der Advokat ſich uͤberzeugte, er habe gehorcht. Er hielt es daher fuͤr gerathen, ihn zum Freunde zu behalten, und ſchob ihm daher eine Krone in die Hand, als er hinausging. Jakob wies das Geſchenk nicht zuruͤck, murmelte aber, als er die Thuͤr wieder zu⸗ machte:„Dies und tauſend ſolche Dinger ſollten mich nicht bewegen, falſch gegen meine junge Dame zu han⸗ deln. Ich hoͤrte alle ihre Pläne und ſie ſoll ſie auch er⸗ fahren.“ Als er in das Wohnzimmer zuruͤckkehrte, fand er den Geizhals im Begriff, ſich zur Ruhe zu legen, und er half ihm die Treppe hinauf, denn er war noch ſehr ſchwach. Das Schlafzimmer des Geizigen war nicht im Geringſten beſſer ausgeſtattet, als das untere Zimmer. Ein altes Bettgeſtell ohne Vorhaͤnge ſtand auf der einen Seite, waͤhrend ſich gegenuͤber ein Waſchtiſch von der einfachſten Art befand. Eine Menge alter Kaͤſten und einige beſtäubte Gemälde, waren an den Waͤnden auf⸗ geſchichtet. Das Fenſter war zum Theil mit Bretern vernagelt, zum Theil vergittert. Am außerſten Ende — 145— des Zimmers war ein kleines Gemach, und eine Seiten⸗ thuͤr, obgleich jetzt verſchloſſen, ſtand mit dem Zimmer in Verbindung, welches die beiden Damen bewohnten. Ein kleiner Tiſch, ein Stuhl, zwei große ſtarke Kaſten von Eichenholz und mit Eiſen beſchlagen, nebſt einem Schreibepult von demſelben Holz befanden ſich in dem Gemache. Am Boden lagen die Goldſaͤcke. Nachdem der Geizhals den Haufen angeblickt, und ihn mit den Augen uͤberzaͤhlt hatte, entließ er Jakob, mit dem ſtreng⸗ ſten Befehl, ja gut Wache zu halten, aus Furcht, daß man verſuchen koͤnne, ins Haus einzubrechen. Um ihn beſſer dazu in den Stand zu ſetzen, gab er ihm eine von den beiden Piſtolen, die beſtaͤndig geladen neben ſei⸗ nem Bette hingen. Sobald Jakob fort war, und die Thuͤr verſchloſſen hatte, ſetzte er das Licht auf den Bo⸗ den nieder, oͤffnete mit zitternder Begierde einen von den Saͤcken und zaͤhlte den glänzenden Inhalt deſſelben. Die Summe war richtig. Er oͤffnete noch einen, und fand ihn ebenfalls richtig, ſowie alle uͤbrigen, bis er ſie ſaͤmmtlich geleert hatte, und der Fußboden mit Gold be⸗ deckt war. Der Geizhals blickte den ſchimmernden Schatz an, und verſuchte vergebens, ſeine gierige Seele daran zu ſaͤttigen. Endlich ſchien er ſich nicht mehr halten zu koͤnnen, warf ſich wie wahnſinnig auf den Geldhaufen, nahm Haͤnde voll davon, und warf ſie uͤber ſich. Als ſein Wahn ſich gelegt hatte, ſtand er auf, fuͤllte die Saͤcke wieder, band ſie zu und legte ſich in einem Zuſtande nervoͤſer Aufregung zu Bette, der ihm keine Hoffnung ließ, ſchlafen zu koͤnnen. Die Tochter des Geizigen. 1 10 — 146— Jakob verließ inzwiſchen ſeinen Herrn, ſchlich leiſe zu dem Zimmer der Damen und klopfte an die Thuͤr. Hilda fragte ſogleich angſtlich, was geſchehen ſei. Jakob erwiederte in leiſem Tone, daß er ihr ein paar Worte zu ſagen wuͤnſche, ehe ſie zu Bette gehe. Hierauf ſchlich er wieder hinunter, und Hilda, die ſehr beunruhigt war, folgte ihm augenblicklich. Er ſagte ihr dann, was zwi⸗ ſchen Heren Scarve und ſeinem Sachwalt vorgegangen⸗ und ſchloß mit den Worten: „Ich wuͤrde mich ſchaͤmen, gehorcht zu haben, Miß, und ich kann Ihnen verſichern, daß es nicht meine Ge⸗ wohnheit iſt. Aber da ich wußte, daß Herr Diggs auch Herrn Philipp's Sachwalt iſt, ſowie meines Herrn, und da ich ſeinen Beſuch mit dem, was dieſen Morgen ge⸗ ſchah, in Verbindung ſetzte, ſo ahnte mir nichts Gutes, und ich that wie geſagt.“ Sehr beunruhigt durch dieſe Nachricht, dankte Hilda dem Portier fuͤr ſeinen Eifer, kehrte geraͤuſchlos in ihr Zimmer zuruͤck, wo ſie in einer reichlichen Thraͤnenfluth Erleichterung fand. Miß Clinton ſuchte ſie zu beruhi⸗ gen, doch es waͤhrte lange, ehe ihr dies gelang. „Was iſt zu thun, liebe Tante?“ rief Hilda;„ich kenne meinen Vater zu gut, um zweifeln zu koͤnnen, daß, wenn er ſich einmal zu dieſer verhaßten Verbindung ent⸗ ſchloſſen hat, er kein Mittel unverſucht laſſen wird, um ſie in Ausfuͤhrung zu bringen. Aber ich will lieber ſter⸗ ben, als meine Einwilligung dazu geben.“ „Ich weiß nicht, was ich Dir rathen ſoll, liebe Nichte,“ verſetzte Miſtreß Elinton.„Ich rathe Dir 5 — 147— nicht gern, Deinem Vater ungehorſam zu ſein, und doch fuͤhle ich, daß er Deiner Neigung keinen Zwang anthun ſollte.“ „Ach!“ rief Hilda, wieder in Thraͤnen ausbrechend, „ich habe keinen Freund, an den ich mich wenden koͤnnte.“ „Ja, Du haſt einen,“ verſetzte Miſtreß Clinton, „der Dir gewiß beiſtehen und Dich beſchuͤtzen wird, wenn es noͤthig iſt. Aber befrage mich dieſen Abend nicht mehr uͤber dieſen Gegenſtand. Beruhige Dich bei meiner Verſicherung. Und nun, liebe Nichte, trockne Deine Thraͤnen, lege Dich nieder und verſuche zu ſchla⸗ fen. Vielleicht wird Alles gut gehen, und es nicht noͤthig ſein, ſich an Jemand zu wenden. Gott ſegne Dich! Gute Nacht!“ Hilda folgte dem Rath ihrer Tante, aber der Schlaf beſuchte ihre Augenlider nicht. Jakob, welcher fuͤrchtete, daß man in der Nacht ei⸗ nen Verſuch machen moͤge, ins Haus einzubrechen, be⸗ ſchloß, Wache zu halten und ſetzte ſich demnach in den Armſtuhl des Geizigen, wo er es aber unmoͤglich fand, dem Schlummer zu widerſtehen. Er ſchlief lange und feſt, bis er endlich durch das Knarren einer Thuͤr geſtort wurde. Er ſprang ſogleich auf, ergriff die Piſtole, die neben ihm auf dem Tiſche lag, und hielt ſie dem Ein⸗ tretenden vor den Kopf, der aber niemand anders war, als ſein Herr ſelber. Scarve war in ſeinem Nachtan⸗ zuge, woruͤber er haſtig den Rock angezogen hatte, den er 10* gewoͤhnlich trug, und ſo ſah er beim hellen Mondlicht beinahe wie eine Erſcheinung aus. „Gott ſei uns gnaͤdig!“ rief Jakob, die Piſtole niederſenkend,„wie haben Sie mich erſchreckt! Ich hielt Sie fuͤr einen Raͤuber, und bin noch nicht ganz gewiß, ob Sie nicht ein verſtoͤrter Geiſt ſind.“ „Ich wuͤnſche faſt, ich wäre todt, Jakob,“ verſetzte der Geizhals klaͤglich.„Ich kann nicht ſchlafen.“ „Wundern Sie ſich daruͤber nicht,“ erwiederte der Andere muͤrriſch.„Sie haben ein boͤſes Gewiſſen. Ich kann gut genug ſchlafen, ſelbſt in jenem Stuhl. „Ich beneide Dich, Jakob,“ ſtoͤhnte der Geiz⸗ hals. „Ja, Reichthum bringt nicht immer Frieden,“ fuhr Jakob fort,„beſonders wenn man ihn auf ungerechte Weiſe erlangt hat. Aber ich will Ihnen ſagen, wie Sie ſo feſt ſchlafen können, wie ein Felſen. Geben Sie je⸗ den Gedanken auf, Ihre Tochter mit Ihrem elenden Neffen Philipp Frewin zu verheirathen. Das iſt es, was Ihnen keine Ruhe läßt, Sie wiſſen, daß es unrecht iſt, einen ſochen Gedanken zu hegen.“ „Sie haben ſich Alle gegen mich verbunden— Alle!“ ſchrie der Geizhals.„Schurke, Du haſt be⸗ horcht, was zwiſchen mir und Herrn Diggs vorgegan⸗ gen iſt.“ „Ich will es nicht leugnen,“ verſetzte Jakob feſt, „ich habe es gethan. Und ich ſage Ihnen, Sie opfern Ihre Tochter. Ihr Neffe iſt nicht, was er ſcheint, und * — 149— Herr Diggs hilft ihm, Sie zu betruͤgen. Sie werden es entdecken, wenn es zu ſpat iſt.“ „Du biſt wahnſinnig oder betrunken,“ rief Scarve heftig. „Wenn ich wahnſinnig bin, ſo iſt es ein ſehr beſon⸗ nener Wahnſinn,“ verſetzte Jakob.„Aber ich möchte doch wiſſen, wer von uns Beiden einem Wahnſinnigen ähnlicher iſt, Sie, der Sie nicht in Ihrem Bette ſchla⸗ fen koͤnnen, oder ich, der auf jenem Stuhle wie eine Ratte ſchlaͤft?“ „Nun, nun, ich will keine Worte mit Dir wechſeln,“ verſetzte der Geizhals, deſſen Zaͤhne vor Kälte klapperten. „Iſt Alles ſicher?“ „Ich vermuthe es,“ antwortete Jakob.„Ich habe nichts gehoͤrt. Hörten Sie etwas?“ „Ich glaubte es,“ verſetzte der Geishals;„aber viel⸗ leicht war es Dein Schnarchen.“ „Nun, ſo gehen Sie zu Bett,“ erwiederte Jakob; „es iſ der beſte Ort fuͤr Sie. Sie werden ſich den Tod holen, wenn Sie ſo da ſtehen und frieren. Wenn es Sie beruhigen kann, ſo will ich nicht wieder ſchla— fen. Ich glaube, es kann nicht weit von Mitternacht ſein.“ „Es hat eben zwei geſchlagen,“ verſetzte der Geiz⸗ hals;„ich hoͤrte die Glocke der Abtei alle Stunden ſchlagen.“ Dann ſchlich er wieder in ſein Schlafzimmer und lehnte Jakob's Beiſtand ab. — 150— „Ich moͤchte um all ſeines Reichthums willen, nicht in ſeiner Haut ſtecken,“ dachte der Portier, als er hoͤrte, wie er ſich entfernte. Jakob hielt ſein Wort. Er wachte bis der Tag an⸗ brach, und da er dann Alles fuͤr ſicher hielt, legte er ſich einige Stunden zu Bett. Die Familie verſammelte ſich wie gewoͤhnlich beim Fruͤhſtuͤck. Der Geizhals ſah ungewoͤhnlich bleich aus, und Hilda's Geſicht verrieth die Seelenqual, die ſie ge⸗ litten hatte. Waͤhrend der kaͤrglichen Mahlzeit wurde wenig geſprochen, und ſobald ſie beendet war, gab Scarve ſeiner Schwaͤgerin zu verſtehen, daß er mit ſeiner Toch⸗ ter allein zu reden wuͤnſche, worauf ſie ſich entfernte. Dann ſagte er ihr ohne Umſchweife und auf viel nach⸗ druͤcklichere Weiſe als vorher, daß er beabſichtige, ſie mit ihrem Vetter zu verheirathen, und daß er von ihrer Seite keinen Widerſpruch mehr anhoͤren werde. „Ich kann nicht glauben, daß Du bei dieſem grau⸗ ſamen Entſchluß beharren wirſt, Vater,“ rief Hilda. „Was habe ich gethan, um eine ſolche Behandlung zu verdienen? Aber glaube nicht, daß Dir Deine Abſicht gelingen wird. Ich wiederhole, was ich geſtern ſagte. Weder Bitten, noch Drohungen ſollen mich bewegen, meinen Vetter zu heirathen.“ „Dann enterbe ich Dich,“ verſetzte der Geizhals wuͤthend. Als er aber fand, daß ſie bei ſeiner Drohung ganz unbewegt blieb, ſtieß er einen Strom von Schmaͤhreden gegen das weibliche Geſchlecht im Allgemeinen aus, und — 151— beklagte ſich uͤber die Angſt und Qual, die ſie Allen de⸗ nen verurſachten, mit denen ſie als Gattin, Schweſter oder Tochter in Verbindung ſtänden— beſchuldigte ſie des Eigenſinns, der Verkehrtheit und Blindheit gegen ihren eigenen Vortheil und endete damit, ſie in ihr Zim⸗ mer zu ſchicken, wohin ſie ſich ſehr gern begab. Keines⸗ wegs mit ſich ſelber zufrieden, verſuchte er, ſich mit ſei⸗ nen Rechnungsbuͤchern zu beſchäftigen, doch es wollte nicht gehen, und da er nicht im Stande war, ſtill zu ſitzen, ſo ging er im Zimmer auf und ab. Er hoffte, Jakob wuͤrde ſich zeigen, damit er einen Gegenſtand habe, an dem er ſeinen Aerger auslaſſen könne; doch dieſer ahnte, daß ihm ein Ungewitter bevorſtehe, und hielt ſich abſichtlich fern. Dann kehrte er entſchloſſen zu dem Rechnungsbuche zuruͤck, und endlich war es ihm gelun⸗ gen, ſeine Aufmerkſamkeit dadurch zu feſſeln, als er ein Klopfen vor der Thuͤr hoͤrte. Jakob trat gleich darauf ein und benachrichtigte ihn, daß Herr Cordwell Firebras draußen ſei. Der Geizhals ſtutzte ein wenig bei dem Namen, und befahl Jakob haſtig, ihn einzulaſſen. Es fand eine freundliche Begruͤßung zwiſchen dem Geizhals und Firebras ſtatt, woruͤber ſich Jakob wunderte, denn er erinnerte ſich nicht, den letztern je geſehen zu haben; doch ungeachtet der angenommenen Freundlichkeit ſeines Herrn glaubte er zu bemerken, daß er den Fremden lie⸗ ber los geweſen waͤre. Durch das, was am vorhergehen⸗ den Abend geſchehen war, gewarnt, befahl Scarve Jakob hinunter zu gehen, und uͤberzeugte ſich, daß er ſeinen Befehl befolge. Obgleich die Neugierde des Portier's — 152— ſehr erregt war, ſo wagte er doch nicht zu horchen, aus Furcht vor Entdeckung, und brachte die Zeit bei ſeinem geheimen Vorrath von Lebensmitteln zu. Etwa andert— halb Stunden ſpäter wurde er von ſeinem Herrn geru⸗ fen, der ihm ſagte, er gehe in Geſchaͤften aus und ihm befahl, in ſein Zimmer zu kommen. „Sie wollen wohl Ihren Rock, Herr,“ ſagte Ja⸗ kob, oͤffnete einen Auszug in einem Kaſten, und nahm ein altes verblichenes Kleid heraus, welches in ein altes Tuch gewickelt war, und half ſeinen Herrn es anzu⸗ ziehen. Als dies geſchehen war, brachte er einen atten dreieckigen Hut, der mit abgetragenen Treſſen beſetzt war, buͤrſtete ihn aus und gab ihn nebſt einem Kruͤckſtock dem Geizhals in die Hand Nachdem Scarve die Thuͤr des Gemaches verſchloſ— ſen, den Schluͤſſel abgezogen und in die Taſche geſteckt hatte, that er daſſelbe mit der Thuͤr, die mit der Gallerie in Verbindung ſtand. „Ich werde erſt am Abend zuruͤckkehren, Jakob,“ ſagte er.„Sieh waͤhrend meiner Abweſenheit nach dem Hauſe.“ „Es muß ein wichtiges Geſchäft ſein, das Sie ſo lange aufhält,“ verſetzte Jakob, uber dieſe Nachricht be⸗ fremdet. „Das Geſchaͤft iſt wichtig,“ verſetzte der Geizhals; „aber ich wuͤnſche, Du moͤchteſt Deine Vertraulichkeit einſtellen. Sie nimmt ſehr überhand bei Dir, und ich bin derſelben uͤberdrußig.“ —— Hierauf ſtieg er zu dem untern Zimmer hinab, nahm Cordwell Firebras einige Papiere ab, worin der Letz⸗ tere geleſen hatte, ſteckte ſie in die Taſche und verließ mit ihm das Haus. Jakob verlor keinen Augenblick, ſeiner jungen Ge⸗ bieterin die Entfernung ſeines Herrn mitzutheilen, und ſobald Hilda es hoͤrte, kam ſie ſogleich mit ihrer Tante herunter. „Und nun, liebe Nichte,“ ſagte Miſtreß Clinton, „da ſich eine ſo guͤnſtige Gelegenheit zeigt, rathe ich Dir, Dich an eine Perſon zu wenden, von der ich ſagte, daß ſie freundſchaftlich gegen Dich handeln werde. Die⸗ ſer Brief, den mir meine arme Schweſter, Deine Mut⸗ ter, anvertraute, wurde geſchrieben, um in einer dringen⸗ den Verlegenheit, wie die gegenwaͤrtige, die ſie voraus⸗ ſah, abgegeben zu werden, und es kann nicht fehlen, daß dadurch ſein Zweck erreicht wird.“ „Er iſt an Herrn Abel Beechcroft addreſſirt,“ ſagte Hilda, die Aufſchrift des Briefes anſehend, den ihre Tante ihr gab.„Er iſt ja an den Onkel des jungen Mannes, der vorgeſtern Abend hier war. Ich kann nicht dorthin gehen.“ „Warum nicht?“ fragte Miſtreß Clinton. „Weil es ausſehen wuͤrde— aber warum ſoll ich mich darum kuͤmmern, welchen Grund man meinem Be⸗ ſuche zuſchreiben moͤchte, da mein Herz mich von jedem unrechten Antriebe freiſpricht,“ ſagte Hilda.„Tante, ich will gehen— das heißt, wenn Sie glauben, daß da⸗ durch ein guter Zweck erreicht wird. — 154— „Ich bin feſt davon uͤberzeugt,“ ſagte Miſtreß Clin⸗ ton. „Aber wenn mein Vater zufällig waͤhrend meiner Abweſenheit zuruͤcktommen ſollte,“ verſetzte Hilda. „Ich halte es nicht fuͤr wahrſcheinlich,“ entgegnete die Tante;„aber wenn es geſchehen ſollte, ſo will ich den Sturm ſeines Unwillens aushalten. Geh, meine Liebe. Es ſagt mir etwas, daß der Beſuch Dir großen Vortheil bringen wird. Jakob ſoll Dich begleiten.“ „Das will ich,“ verſetzte er.„Ich folge Ihnen bis ans Ende der Welt, wenn Sie es wuͤnſchen.“ Hilda gab endlich den Bitten ihrer Tante nach, und als ſie ſich zum Ausgang angekleidet hatte, verließ ſie mit Jakob das Haus. Anſtatt uͤber die Weſtminſter⸗ bruͤcke zu gehen, begaben ſie ſich zu der Treppe am Par⸗ lamentshauſe, denn Jakob ſagte, er kenne dort einen Boorsmann, der ihm ein Boot borgen werde, worin ſie uͤber den Fluß fahren koͤnnten. Auch hatte er die Wahr⸗ heit geſagt. Als ſie die Treppe erreichten, begegnete ihnen ſogleich der bekannte Bootsmann, der ſogleich, als er ſeine Wuͤnſche vernahm, hinunter eilte, und ſein Boot fertig machte. Nachdem Jakob Hilda hineingeſetzt, zog er ſeinen Rock aus und wendete die Ruder mit ſolcher Ge— ſchicklichkeit an, wie der beſte Ruderer auf der Themſe nur häite thun koͤnnen. Bald landete er bei Lambeth, band das Boot an, und erkundigte ſich nach dem Wege zu Herrn Beechcroft's Hauſe. Ein Gang von wenigen Secunden fuͤhrte ſie zu demſelben. Hilda's Herz bebte, als ſie an die Thuͤr klopfte, doch wurde ſie durch den freund⸗ — — 155— lichen Anblick des alten Jukes wieder beruhigt, der ſo⸗ gleich erſchien. Sie ſagte dem Kellner ihr Anliegen, der ſich nicht wenig erſtaunt und verlegen zeigte, beſonders als er ihren Namen hoͤrte. Nach einer kurzen Ueberle⸗ gung ſagte Jukes, ſein Herr ſei zu Hauſe, und ſie ſolle ihn ſprechen. Ohne Weiteres ging er voran zur Biblio⸗ thek, trat ein und die Anderen folgten. Abel ſaß neben einem altmodiſchen Buͤcherſchrank, deſſen Thuͤr offen war und eine beträchtliche Buͤcherſammlung zeigte. Er hatte das Buͤcherpult, worauf der Band lag, worin er las, ſo geſtellt, daß das volle Licht vom Fenſter drauf fiel. Er war ſo ſehr in ſeine Studien vertieft, daß er ihre Ankunft nicht hoͤrte. Hilda blickte ſich fluͤchtig um nach den Gemälden an der Wand, wovon die bemerkenswer⸗ theſten ein Copie von Rembrandt's guten Samaritaner und ein Bild waren, welches Timon und Athen vorſtellte, und ſie glaubte, etwas von dem Charakter des Beſitzers zu errathen. Doch hatte ſie wenig Zeit zur Ueberlegung, denn Jukes naherte ſich dem Stuhle ſeines Herrn, beugte ſich uͤber ihn und fluͤſterte ihm einige Worte ins Ohr. „Was!— wer— wer, ſagſt Du?“ rief Abel, das Buch halb zumachend, worin er las, und ſich aͤngſtlich umblickend.„Wer, ſagſt Du, Jukes?“ „Miß Scarve, Herr,“ verſetzte der Kellner;„ſie bringt Ihnen einen Brief.“ „Sag ihr, ich will ihn nicht öffnen,“ rief Abel. „Warum ſchickteſt Du ſie nicht fort? was fuͤhrte ſie hie⸗ her?“ — 156— „Legen Sie ihr die Frage ieber ſelber vor, Herr,“ verſette Jukes,„denn ſie iſt in dieſem Zimmer.“ „Hier?“ rief Abel aufſpringend.„O! ich ſehe— ich ſehe. O Gott! Sie iſt ihrer Mutter ſehr ähn⸗ lich.“ „Beruhigen Sie ſich, ich bitte Sie, Herr,“ ſagte Jukes.„Ich wuͤrde ſie nicht eingelaſſen haben,“ ſetzte er in leiſem Tone hinzu,„hätte ſie mir nicht geſagt, der Brief ſei von ihrer Mutter geſchrieben, und ihr hinter⸗ laſſen worden, um unter beſonderen Umſtänden abgegeben zu werden, welche jetzt eingetreten ſeien. Ich konnte einem ſolchen Anliegen nicht widerſtehen— auch koͤnnen Sie es gewiß nicht, mein Herr.“ „Ein Brief von ihrer Mutter an mich!“ rief Abel, wie vor Fieberfroſt zitternd.„Verlaß uns, Jukes, und nimm jenen Mann mit Dir.“ „Kommen Sie, Freund,“ ſagte Jukes zu Jakob, der mit ſeinem Knotenſtock unter dem Arm daſtand und neugierig zuſah;„es iſt beſſer, Sie gehen mit mir in das Bedientenzimmer.“ „Danke Ihnen hoͤflich, Herr,“ verſetzte Jakob in weniger rauhen Toͤnen als gewoͤhnlich, denn er war et⸗ was ergriffen;„ich moͤchte lieber bei meinem jungen Fraͤulein bleiben.“ „Aber ſehen Sie nicht, daß Sie hier im Wege ſind, Herr,“ verſetzte Jukes ungeduldig;„Sie koͤnnen nicht vor uns reden.“ Und ungeachtet ſeines Widerſtandes ———— — ſchob er Jakob zum Zimmer hinaus und machte die Thuͤr hinter ihm zu. „Ich höre, Sie haben einen Brief an mich, Miß Scarve,“ ſtotterte Abel mit gebrochener Stimme. „Ja, Herr,“ erwiederte ſie, indem ſie ihm denſel⸗ ben gab. Abel ſah die Adreſſe an und wurde wieder von Fieberfroſt geſchuͤttelt. Er faßte ſich aber vermoͤge einer kraͤftigen Anſtrengung und brach das Siegel. Das Leſen des Briefes ſchien ihn tief zu ergreifen, denn er ſchwankte zu ſeinem Stuhl, fank darauf nieder, bedeckte ſein Geſicht mit den Haͤnden, und weinte laut. Es währte einige Minuten, ehe er aufſtand. Hilda, die ihn mit vieler Theilnahme betrachtete, war erſtaunt, ihn ploͤtz⸗ lich ſo ruhig zu ſehen. Er hatte in der That die ge⸗ wohnte Herrſchaft uͤber ſeine Gefuͤhle wiedererlangt. „Bitte, ſetzen Sie ſich, Miß Scarve,“ ſagte er, ihr einen Stuhl reichend.„Ich wuͤrde dieſe Unterredung vermieden haben, wenn es in meiner Macht geſtanden, doch da es ſo gekommen iſt, will ich nicht davor zuruͤck⸗ beben. Wie kann ich Ihnen dienen?“ Dann erklaͤrte ihm Hilda den Zweck ihres Beſuches. Abel horte ihre Erzaͤhlung mit bebenden Lippen und fun⸗ kelnden Augen an, und als ſie zu Ende war, machte er einen raſchen Gang durchs Zimmer. „Dies iſt nur, was ſich von ihm erwarten laͤßt— dem Schurken!“ rief er.„Seine Tochter verkaufen!— Doch das iſt nichts, er wuͤrde auch ſeine Seele um Geld verkaufen! Ich bitte um Verzeihung, Miß Scarve,“ — 158— ſetzte er hinzu, indem e ſich mäßigte, als er den Schmerz bemerkte, den ſeine Ausrufungen ihr verurſacht hatten, „doch wenn Sie wuͤßten, welches ſchwere und unverzeih⸗ liche Unrecht Ihr Vater mir gethan hat, ſo wuͤrden Sie mir dieſen Ausbruch der Leidenſchaft verzeihen. Er hat Andere ohne Bedenken geopfert, aber Sie ſoll er nicht opfern. Sie koͤnnen auf meinen Beiſtand und meinen Schutz rechnen, wenn Sie mir vertrauen wolle „Meine Mutter hat mir anbefohlen, Ihnen zu ver⸗ trauen, Herr,“ verſetzte ſie. „Ihre Mutter!“ rief Abel mit qualvoller Stimme. „O Hilda! welcher furchtbare Zauber liegt in jenem Wort! Welches Heer von Gefuͤhlen erweckt es in mir! Ich ſehe Ihre Mutter wieder, wie ſie in ihrer Jugend war— ſchoͤn wie Sie— ſchöner wo moͤglich— gewiß aber bluͤhender. Ich hoͤre die Muſik ihrer Stimme, wenn ich der Ihrigen horche. Ich fuͤhle wieder den Zau⸗ ber, den ihre Begenwart mir einflößte. Sie ſollen naͤch⸗ ſtens meine Geſchichte erfahren und Sie werden dann ſehen, warum Ihre Mutter dieſen Brief an mich ad⸗ dreſſirte, und warum mich derſelbe ſo tief ergreift.“ „Ich kann zum Theil die Urſache errathen,“ ent⸗ gegnete Hilda traurig;„doch es mag ſein, wie es will, ſoviel iſt mir klar, daß ſie feſt auf Ihre Neigung baute und ſich auf Sie verlaſſen zu koͤnnen glaubte, wo ſie ſonſt Niemand vertrauen konnte.“ „Wenn ſie ſo dachte, dachte ſie recht,“ verſetzte Abel.„Ich betrachte ihre Bitte als einen geheiligten — 159— Auftrag, und will mich bmuͤhen, ihn zu erfuͤllen. Und nun,“ ſtetzte er mit veraͤndertem Tone hinzu,„muß ich Ihnen ſagen, daß ich Ihren Namen kuͤrzlich habe nennen hoͤren. Mein Neffe Randulph Erew, der Ihren Vater vor einigen Tagen beſuchte, hat von Ihnen geſpro⸗ chen.“ Hilda wurde ein wenig roth. „Er wird ſehr bedauern, daß er dieſen Morgen nicht zu Hauſe iſt,“ fuhr Abel fort,„da er ſonſt viel⸗ leicht Gelegenheit gehabt hätte, ſeine Bekanntſchaft mit Ihnen fortzuſetzen. Aber er iſt mit meinem Bruder ausgegangen.“ „Ich hoffe es wird Sie nicht beleidigen, wenn ich ſage, daß es mir lieb iſt,“ verſetzte Hilda;„ich haͤtte ihn nicht gern hier getroffen.“ „Warum das?“ fragte Abel, der indeß etwas be⸗ ruhigt ausſah. „Ich will offen gegen Sie reden, mein Herr,“ ver⸗ ſetzte ſie,„und Ihnen geſtehen, daß mein Vater meinen zunehmenden Widerwillen gegen meinen Vetter der Vor⸗ liebe fuͤr Ihren Neffen zuſchreibt.“ „und darf ich eine gleiche Aufrichtigkeit erwarten, wenn ich frage, ob etwas Wahres in der Vermuthung Ihres Vater liegt?“ verſetzte Abel. „Das duͤrfen Sie,“ antwortete ſie.„Ihr Neffe ſcheint ein ſehr liebenswuͤrdiger und angenehmer junger Mann zu ſein; doch da ich ihn nur auf wenige Minuten — 160— geſehen habe, ſo kann ich nicht mehr Intereſſe fuͤr ihn empfinden, als ein Fremder von angenehmen Weſen ein⸗ zufloͤßen vermag. Meine Abneigung gegen meinen Vet⸗ ter entſpringt aus verſchiedenen Urſachen. Ich hege den Verdacht, daß er eine ſehr gemeine Rolle gegen meinen Vater ſpielt, der entſchloſſen ſeine Augen vor der Taͤu⸗ ſchung ſchließt.“ „Ich will nicht leugnen, daß mir Ihre Gleichguͤltig⸗ keit gegen meinen Neffen lieb iſt, Hilda,“ erwiederte Abel,„weil ich andere Abſichten mit ihm habe. Was Ih⸗ ren Vetter Philipp Frewin betrifft, ſo will ich genaue Nachforſchungen uͤber ihn anſtellen, und wenn Ihr Ver⸗ dacht ſich beſtaͤtigt, ihn vor Ihrem Vater entlarven, was vielleicht der Sache ein Ende machen wird. Sie ſagen, er wohnt in Fenchurchſtreet. Es trifft ſich zufällig, daß eine alte Freundin von mir, Miſtreß Verral— ebenfalls eine Freundin von Ihrer Mutter— in jener Straße wohnt. Sie iſt eine vortreffliche Frau, aber ein wenig geſchwätzig, und macht ſich ein Geſchäft daraus, ſich mehr um die Angelegenheiten Anderer, als um ihre ei⸗ genen zu bekuͤmmern. Sie wird gewiß mit den Ver⸗ haͤltniſſen Ihres Vetters bekannt ſein. Ich habe die alte Dame ſeit einiger Zeit nicht geſehen, weil ich, wie Sie vielleicht gehoͤrt haben, wenig Umgang mit Frauenzim⸗ mern halte, da meine Gewohnheiten und Gefuͤhle mich fuͤr eine ſolche Geſellſchaft unpaſſend machen.— Aber ich weiß zufällig von meinem Bruder Truſſell, daß ſie wohl iſt. Es waͤre gut, wenn Sie ſelber zu ihr gingen. — 161— Ich will Ihnen einen Brief an ſie mitgeben, obgleich es in der That nicht noͤthig iſt, da ſie eine Freundin von Ihrer Mutter war. Indem Sie alle Nachricht uͤber Ihren Vetter erhalten, die Sie wuͤnſchen, erlangen Sie zugleich eine Freundin, bei der Sie Zuflucht ſuchen koͤn⸗ nen, wenn es noͤthig ſein ſollte, was wir nicht hoffen wollen, einen ſolchen Schritt zu thun.“ „Ich will thun, was Sie mir rathen, Herr,“ ver⸗ ſetzte ilda; aber wenn ich meinen Vetter treffen 5 ſollte?“ „So ſagen Sie ihm, wohin Sie gehen,“ verſetzte Abel,„und verlaſſen Sie ſich darauf, wenn er nicht iſt, wofuͤr er ſich ausgibt, ſo wird er zuerſt das Feld raͤumen. Ich will ſelber auf anderm Wege Erkundigungen uͤber ihn einziehen.“ Hierauf ging er zu einem Tiſche, worauf Schreib⸗ materialien waren, ſchrieb raſch einen Brief und gab ihn Hilda. „Und nun, Gott ſegne Sie, mein liebes Kind,“ ſagte er zaͤrtlich—„wenn die Umſtaͤnde es erfordern, ſol⸗ len Sie ſtets einen Vater und Beſchuͤtzer an mir fin⸗ den!“ Dann klingelte er, worauf Jukes erſchien, und ſagte, daß Jakob ſich eben mit den andern Dienern zum Mit⸗ tageſſen niedergeſetzt habe. „Ich glaube, Herr,“ ſetzte er in leiſem Tone hin⸗ zu,„er hat ſeit manchen Tagen keine gute Mahlzeit be⸗ Die Tochter des Gei'aen. J. 11 — 162— kommen, und es waͤre Unrecht, ihn abzurufen, wenn Miß Scarve es nicht ſehr eilig hat.“ Abel wendete ſich an Hilda, und da ſie nichts ein⸗ wendete, ſo machte er ihr den Vorſchlag, in den Garten zu gehen, bis Jakob ſeine Mahlzeit vollendet habe, offnete die Glasthuͤr und fuͤhrte ſie hinaus. Jotzt war Hilda gefaßter geworden, empfand immer mehr Achtung vor dem alten Manne und ließ ſich gern mit ihm in eine Unterhaltung ein. So verging mehr als eine halbe Stunde, ohne daß ſie es gewahr wurden. Nach Verlauf dieſer Zeit erſchien Jukes, und ſagte, daß Jakob bereit ſei. Abel begleitete das ſchoͤne Maͤdchen bis an die Thuͤr. „Wenn Sie Miſtreß Verral nicht zu Hauſe treffen ſollten,“ ſagte er,„oder wenn Ihnen irgend etwas be⸗ gegnet, was Sie zu dem Wunſche beſtimmt, mich wie⸗ der zu ſehen, ſo tragen Sie kein Bedenken, zuruͤckzukeh⸗ ren. Aber auf jeden Fall ſollen Sie morgen von mir hoͤren, vielleicht mich ſchen. Gott geleite Sie, mein Kind!“ Dann nahm er ihre Hand, und druͤckte ſie an ſeine Lippen. Als Hilda ſie wieder wegzog, fand ſie, daß ſie mit Thraͤnen benetzt war. Während dies vorging, druͤckte Jakob dem gaſt⸗ freundlichen Kellner, der ihm ſehr gefiel, herzlich die Hand und ſchritt dann ſeiner jungen Gebieterin voraus auf die Treppe zu, wo er das Boot gelaſſen hatte. . — 163— Nachdem er ſie hineingeſetzt, den Rock ausgezogen, Halsbinde und Hut abgelegt hatte, wie vorher, fragte er, wohin ſie wolle, und als ſie ſagte, nach der Lon⸗ donbruͤcke, ſo ruderte er mit kraͤftigen Schlaͤgen nach je⸗ ner Richtung. 11* Achtes Kapitel. Die Folly auf der Themſe.— Kitty Conway.— Randulph wird von Philipp Frewin in eine widerwaͤrtige Lage verſetzt.— Seine Unterredung mit Cordwell Firebras in den Nebengängen der Weſtminſterabtei. Du Folly auf der Themſe, wohin Beau Villiers und ſeine Geſellſchaft jetzt ſteuerten, war ein ſchwimmen⸗ des Unterhaltungshaus mitten auf dem Fluſſe, Old So⸗ merſet Houſe gerade gegenüber. Es war am Ende der Reglerung Karls des Zweiten errichtet worden, und hier— her begab ſich der luſtige Monarch, der ein großer Freund von Waſſerpartien war, haͤufig mit ſeinen Hofleuten und muntern Damen. Hieher kam auch die Koͤnigin Marie, die Gemahlin Wilhelm's des Dritten bei einer großen mu⸗ ſikaliſchen Unterhaltung, und der Ort blieb mehrere Jahre — 165— in der Mode, bis er endlich herunterkam und ſich nur meiſtens Leute von ſchlechtem Ruf dort einfanden. Die Folly glich einem großen, einſtoͤckigen Hauſe, war ſehr lang im Verhaͤltniß zu ihrer Breite und auf einem un⸗ geheuren Boet erbaut. Oben befand ſich eine Platform, die mit einem ſtarken hoͤlzernen Geländer umgeben und an jeder Ecke mit einem kleinen hoͤlzernen Thurm mit ei⸗ ner Spitze verſehen war, worauf ſich eine Flagge be⸗ fand. Dieſe Thuͤrme bildeten kleine Trink- und Rauch⸗ zimmer und waren mit Stuͤhlen und Tiſchen verſehen. In der Mitte des Gebaͤudes befand ſich eine Art von offenem Belvedere, welches die Haupttreppe bedeckte, die zu dem Dach fuͤhrte. Auf dieſem war eine große Flagge aufgepflanzt. Von der Folly gingen auf drei Seiten Stufen zum Waſſer hinunter, wo man hinaufſteigen konnte. Sie war von einer Reihe großer und ſchoͤner Fenſter erleuchtet, und hatte zwei Thuͤren, die eine am Ende, die andere auf der Seite. Im Innern befand ſich ein langer Concertſaal mit bemalter Decke, vergolde⸗ ten und gemalten Wänden, einem Orcheſter und den noͤ⸗ thigen Baͤnken, Stuͤhlen und kleinen Tiſchen. Auch war eine Schenke dort, wo man alle Arten von Getränken, Materialien zum Rauchen, und andere Dinge haben konnte, wie man ſie in Gaſthaͤuſern findet. Der üͤbrige Theil des Gebaͤudes war in eine Menge kleiner Zimmer fuͤr Privatpartieen getheilt, und gewäͤhrte alle Bequem⸗ lichkeiten, ſo gut wie ein ähnlicher Ort am Lande. Im Sommer war es ein ſehr angenehmer Ort, denn die Ausſicht von oben auf die Themſe war entzuͤckend. Die — 166— Kuͤhle und Friſche, vereint mit den belebenden Einfluͤſſen der Schoͤnheit, des Weins und der Muſik muͤſſen dieſen Ort bei ſeiner erſten Einrichtung ſehr entzuͤckend gemacht haben, und man darf ſich nicht wundern, daß der luſtige Monarch und ſein luſtigerer Hof ihn ſehr nach ihrem Ge⸗ ſchmack fanden. Als die Geſellſchaft ſich dem ſchwimmenden Hotel naͤherte, bemerkten ſie eine Menge Perſonen beiderlei Ge⸗ ſchlechts, die auf dem Dache und in den kleinen Thuͤr⸗ men ſaßen, rauchten, tranken, oder ſich auf andere Weiſe unterhielten, während eine lebhafte Muſik aus dem In⸗ nern hervordrang. Mehrere kleine Boͤte ſetzten ihre Paſ⸗ ſagiere ab, und aus dem einen kam ein ſehr huͤbſches junges Frauenzimmer hervor, die aber ein ſehr freies An⸗ ſehen hatte. Als ſie die Hand eines jungen Mannes beim Hinaufſteigen der Stufen nahm, zeigte ſie einen außerordentlich zierlichen Fuß und Knoͤchel. Als ſie die Plattform erreichte, wendete ſie ſich einen Augenblick um, die Scene zu uͤberſehen und ihr Auge fiel auf Randulph, deſſen Schoͤnheit ihre Blicke zu feſſeln ſchien. Dieſes be⸗ zaubernde Geſchoͤpf ſchien etwa zwanzig Jahre alt zu ſein, hatte ſehr regelmaͤßige Zuͤge, hellbraunes Haar, und einen ſehr weißen Teint— ob ohne Huͤlfe der Kunſt, iſt die Frage— doch ließ ſich nicht bezweifeln, daß ihre nußbraunen Augen von Natur ſehr glaͤnzend waren. Sie trug ein Kleid von rother Seide, welches ſehr weit aus⸗ geſchnitten war, ſo daß es ihren weißen Hals und ihre Schultern zeigte. Ihre mit Spitzen beſetzten Aermel waren ſehr kurz, wahrſcheinlich um ihre abgerundeten — 167— Arme beſſer zu zeigen. Eine weißſeidene Schuͤrze mit Silber geſtickt, eine huͤbſche Haube und ein Halsband von koſtbaren Steinen, woran ein diamantenes Kreuz hing, vollendeten ihren Anzug. Der junge Mann, der ſie begleitete, war von hagerer Geſtalt und hatte ſcharfe, unangenehme Zuͤge, die faſt den Ausdruck eines Affen an ſich hatten. Er war ſehr zierlich gekleidet, hatte aber keinesweges das Anſehen eines Mannes vom Stande, und ſchien von ſeiner Begleiterin mit Gleichguͤltigkeit, die an Verachtung graͤnzte, behandelt zu werden. „Wer iſt jene junge Dame?“ fragte Randulph Sir Singleton, der zufaͤllig neben ihm ſaß. „Laſſen Sie mich ſehen,“ rief der alte Stutzer, ſein Glas vor die Augen haltend.„Aha! mein Seel! dies iſt das koͤſtliche Geſchoͤpf, welches ich ſchon gegen Sie erwaͤhnte— Kitty Conway, die kleine Schauſpielerin am Haymarkettheater!“ „Kitty Conway! wo iſt ſie?“ rief Truſſell, der die Bemerkung gehoͤrt hatte, deſſen Ruͤcken aber nach dem Gegenſtande ihrer Bewunderung hingewendet war. Sir Singleton zeigte ſie ihm und ſogleich waren Aller Augen auf ſie gerichtet. Sei es nun, daß ſie ein ſolches Feuer nicht aushalten konnte, oder was wahr⸗ ſcheinlicher iſt, daß ſie von ihrem Begleiter fortgezogen wurde, der ſich nicht gerne der Beobachtung ausſetzen wollte, ſo viel iſt gewiß, daß Kitty ihnen plotzlich aus dem Geſichte verſchwand. „Nun, iſt ſie nicht koͤſtlich?“ rief der alte Stutzer Randulph zu.„Wahrhaftig! Sie haben eine Erobe⸗ — 168— rung an der huͤbſchen Kitty gemacht, mein Soͤhnchen. Ich ſah den Abſchiedsblick, den ſie Ihnen uͤber die Schul⸗ tern zuwarf, als ſie durch die Thuͤr ſchluͤpfte. Verlieren Sie ſie nicht aus dem Geſichte. Sie koͤnnen bald den Buͤrgersſohn, der ſie begleitet, aus dem Felde ſchla⸗ gen.“ Die weiteren Bemerkungen wurden durch die An⸗ kunft des Boots an den Stufen unterbrochen. Ein ſelt⸗ ſamer Kerl mit ſchwarzem Bart in Hemdsaͤrmeln, mit blo⸗ ßen Armen und Beinen, der auf der Folly allerlei Dienſte verrichtete, half ihnen beim Ausſteigen. Da der Stutzer ihm fuͤr ſeine Bemerkung, ſich in Acht zu nehmen, ſehr reichlich belohnte, ſo verlor er in ſeiner Freude das Gleichgewicht, und waͤre beinahe ins Waſſer geſtuͤrzt. Dann trat die Geſellſchaft in den Concertſaal, und gerade als ſie an der Thuͤr vo uͤberkamen, ſah ſich Ran— dulph zufaͤllig um, und bemerkte, daß der Fremde gleich⸗ falls gelandet ſei und eben die Stufen heraufſteige. Doch die neue Scene vor ihm nahm ſeine Aufmerkſamkeit ſo ſehr in Anſpruch, daß er wenig mehr denken konnte. Faſt hundert Perſonen beiderlei Geſchlechts waren in dem Zimmer zuſammengedraͤngt; viele von den Damen waren maskirt und ſehr frei in ihrem Benehmen. Sie ſprachen und lachten laut ohne ſich zu geniren. An ei⸗ nem Ende des Saales wurden die Baͤnke auf die Seite geſtellt, damit Kitty Conway und ihr Begleiter nebſt ei⸗ nigen andern Paaren einen Tanz auffuͤhren koͤnnten. Am obern Ende des Saales ſtanden die Muſikanten. Die Geſellſchaft trat den Tänzern naͤher und der Stutzer — 169— und Sir Singleton lobten Kitty's Schoͤnheit in ſo lau⸗ ten Toͤnen und in ſo ſtarken Ausdruͤcken der Bewunde⸗ rung, daß jede andere junge Dame von mehr Schaam⸗ gefuͤhl dadurch verlegen worden waͤre. Ihr Tänzer wußte nicht, ob er erfreut oder aͤrgerlich ausſehen ſollte. Vil⸗ liers Gegenwart machte offenbar großen Eindruck auf ihn, denn er betrachtete ihn mit einer gewiſſen Ehrfurcht, und da dieſe Lobſpruͤche, die man uͤher Kitty aͤußerte, ihm eine eingebildete Wichtigkeit verliehen, ſo war er ſchwach genug, ſich daruͤber zu freuen. Gegen Ende des Tanzes erregte ein eigenthuͤmlicher Pas, den die huͤbſche Schau⸗ ſpielerin ausfuͤhrte, noch in hoͤherem Grade das Entzuk⸗ ken des Sir Singleton, und er rief Randulph zu: „Sehen Sie ſie nur, Herr, ſehen Sie ſie doch, Herr Randulph Crew. Iſt es nicht koͤſtlich?“ Bei dieſem Namen ſtutzte Kitty's Taͤnzer, und ſtarrte Randulph ſo heftig an, daß er kaum den Tanz vollenden konnte. „Auf mein Wort, Philipp Frewin, Sie ſind ein ſehr ſchlechter Tänzer,“ ſagte die Schauſpielerin zu ihm. „Wenn Sie es nicht beſſer machen, werde ich jenen huͤbſchen, jungen Butſchen, der mich von dort ſo beau⸗ gelt, bitten, fuͤr den naͤchſten Tanz meine Hand anzu⸗ nehmen.“ „Ich bin ganz erſchoͤpft, Kitty,“ verſetzte Philipp verwirrt;„wir wollen einige Erfriſchungen nehmen— ein wenig Arakpunſch, oder ein Glas Champagner.“ Kitty Conway willigte ein und ſie begaben ſich zu einem Nebentiſche, wo ein Kellner ſogleich Glaͤſer vor — 170— ſie hinſtellte, und eine Flaſche Champagner öffnete. So ungern wir es auch geſtehen, muͤſſen wir doch bekennen, daß Randulph nicht ganz feſt gegen die unverhehlte Be⸗ wunderung der huͤbſchen Schauſpielerin war, und daß er nicht umhin konnte, die zärtlichen Blicke zu erwiedern, die ſie ihm zuwarf. Inzwiſchen gingen die Vorſtellungen weiter, es folg⸗ te ein irlaͤndiſcher Tanz, den Randulph und Sir Single⸗ ton mittanzten, und hierauf kamen einige komiſche Lie⸗ der. Villiers, dem dieſe Unterhaltung nicht ganz gefiel, ging hinaus, und bald folgten ihm auch die andern. Als ſie uͤber die Seiten der Barke gelehnt daſtanden, uͤber das Vorgefallene lachten, und die Heiterkeit der Scene bewunderten, naͤherte ſich ein Boot, welches von einem kräftigen Ruderer gefuͤhrt wurde, und welches ein junges Frauenzimmer enthielt, welches in ein ſchwarz⸗ ſeidenes Tuch gehuͤllt war, und deren rabenſchwarze Lok⸗ ken von einer kleinen Haube nur kaum bedeckt wurden. Man ſtellte verſchiedene Betrachtungen an, ob dieſes junge Frauenzimmer bei naͤherer Betrachtung eben ſo ſchoͤn ausſehen werde, wie ſie aus der Ferne erſchien; doch hieran nahm Randulph wenig Theil. Die Wahr⸗ heit zu ſagen, weilten ſeine Gedanken bei der ſchoͤnen Sirene drinnen und als er zufaͤllig ſeine Augen zu der Platform erhob, erblickte er den Fremden, der ſich uͤber die Bruſtwehr lehnte und ihn anblickte. In dieſem Augenblick kam Philipp Frewin heraus, um zu ſehen, ob ſein Boot in Bereitſchaft ſei, und ſagte den Bootsleuten, wovon einer mit einem huͤbſchen Maͤd⸗ —. chen ſchaͤkerte, die ſich uͤber das Gelaͤnder lehnte, daß er ſogleich abfahren werde. Doch kaum hatte er den Befehl gegeben, als ſein Auge auf das Boot fiel, worin das vorhin erwaͤhnte junge Frauenzimmer ſaß, und welches jetzt ganz nahe war. Er erſchrak, als haͤtte er einen Geiſt geſehen, buͤckte ſich nieder, und wuͤrde in den Cocertſaal entflohen ſein, haͤtte ſich nicht Kitty Conway in den Weg geſtellt. Der Ruͤckzug war jetzt unmoͤglich und Philipp's Verlegenheit wurde durch die ſchoͤne Schau⸗ ſpielerin noch vermehrt, die etwas empfindlich ausrief: „Nun, wollen Sie mich hier verlaſſen, Herr? Warum fuͤhren Sie mich nicht ins Boot?“ Philipp war faſt außer ſich. Das Boot, welches Hilda und Jakob enthielt, die er Beide nur zu deutlich erkannt hatte, obgleich er ſich ihr Erſcheinen nicht er⸗ klaͤren konnte, wenn es nicht vielleicht eine Liſt war, um ihn zu uͤberfuͤhren, war ſo nahe, daß, wenn er Kitty's Bitte erfuͤllte, die Entdeckung unvermeidlich war. Ploͤtz⸗ lich fiel ihm ein Plan ein, ſich aus der Verlegenheit zu ziehen, und Randulph, den er mit Grund als ſeinen Ne⸗ benbuhler betrachtete, in eine widerwaͤrtige Lage zu brin⸗ gen. Ohne ſie von ſeiner Abſicht in Kenntniß zu ſetzen, zog er die huͤbſche Schauſpielerin vorwaͤrts, beugte ſich ſo tief nieder als moͤglich, um der Beobachtung zu ent⸗ gehen, und ſagte zu Randulph: „Wollen Sie die Guͤte haben, mein Herr, dieſe Dame in ihr Boot zu fuͤhren? Sie werden mir eine unendliche Gunſt erweiſen, ich habe im Concertſaal eine —— Brieftaſche fallen laſſen, und muß zuruͤckkehren, um ſie zu ſuchen.“ Randulph war uͤber dieſen Vorſchlag ſehr erſtaunt, willigte aber ohne Zoͤgern ein, nahm Kitty's Hand, die ſie ihm mit vieler Grazie reichte, und ſeine Aufmerkſam⸗ keit mit einem leiſen Druck vergalt, und fuͤhrte ſie die Stufen hinunter. Alles dies geſchah zum unendlichen Ergotzen Truſſell's, der ein wenig weiter nach der Thuͤr zu ſtand, und ein huͤbſches Maͤdchen beäugelte, ſowie zu nicht geringem Aerger des Sir Singleton, der Philipp Frewin's Abſicht ahnte, und ſich vordraͤngte, um ſeine Dienſte anzubieten, ſich aver zuruͤckgeſetzt ſah. Doch dies waren nicht die einzigen Zeugen dieſer Scene. Jetzt war das Boot, welches Hilda enthielt, näher gekommen, und nit einem eiferſüͤchtigen Gefuͤhl, welches ſie ſich nicht er⸗ klaͤren konnte, ſah ſie wie Randulph die huͤbſche Schau⸗ ſpielerin, deren Charakter ſie nicht verkennen konnte, die Stufen hinunter fuͤhrte. Jakob ſah ſo gut wie ſie, was vorging, doch da ſeine Eiferſucht ſeine Aufmerkſamkeit nicht von andern Dingen ablenkte, ſo entdeckte er Philipp Frewin ſelbſt in ſeiner Verkleidung, lehnte ſich auf ſein Ruder und rief: „Sehen Sie Miß, da iſt Ihr Vetter Philipp. Iſt das die Kleidung, die er geſtern trug? Ich ſagte mei⸗ nem Herrn, daß er nicht ſei, was er ſcheine. Sehen Sie ihn nur an. Aber Hilda war zu ſehr aufgeregt, um auf dieſe Ausrufungen zu achten. Sie konnte nichts weiter ſehen, —————— — 173— als Randulph und die huͤbſche Schauſpielerin. Auch war ſie ihrer ſelbſt wegen nicht ohne Verlegenheit, denn Cripps erkannte ſie, und zeigte ſie ſeinem Herrn, der von ihrer Schoͤnheit ſehr uͤberraſcht wurde, und ſie ſehr un— verſchaͤmt anſtarrte. Doch wenn Randulph ſich der Un⸗ treue gegen ſeine Geliebte ſchuldig gemacht hatte, ſo blieb auch ſeine Strafe nicht lange aus; denn als er Kitty ins Boot fuͤhrte, welches der erwähnte ſchwarz⸗ bärtige Jack feſthielt, begegnete ſein Blick dem Blicke Hilda's und er gerieth augenblicklich in große Verlegen⸗ heit. Er verſuchte ſich von der Schauſpielerin loszu⸗ machen, die ihn aber ſcherzend feſthielt, und da er ſich nicht zuruͤckziehen konnte, ſchnitt er die lächerlichſte Figur. Er empfand nicht wenig Beruhigung, obgleich er fuͤhlte, wie ſehr er in ihrer Achtung ſinken muͤſſe, als Hilda ſich vorwaͤrts neigte, und Jakob, der ſich noch immer auf ſein Ruder lehnte, weiter zu fahren befahl. Er blickte dem Boot nach bis er es nicht mehr ſehen konnte, doch Hilda blickte ſich nicht mehr um. Da Philipp Frewin nicht wiederkam, wurde Kitty Conway ſehr ungeduldig, und ſchenkte allen hochtraben⸗ den Complimenten, womit Sir Singleton Spinke ſie uͤberſchuͤttete, ein taubes Ohr, und bat Randulph, zu gehen und zu ſehen, was ihr Freund mache. Der junge Mann konnte ihr dies nicht wohl verweigern, ging in den Concertſaal, und kehrte in wenigen Minuten mit Philipp zuruͤck, der, als er die Luft wieder rein fand, ſeine Faſſung wieder erlangte, und auf ſehr unterwuͤrfig⸗ — 174— Weiſe ſeinen Dank ausſprach, zu Kitty ins Boot ſtieg, und den Leuten befahl, nach der Savoytreppe zu rudern. Randulph war zu aͤrgerlich auf ſich ſelbſt, und jetzt zu gleichguͤltig gegen die Reize der huͤbſchen Schauſpielerin, um den zärtlichen Blick zu erwiedern, den ſie ihm bei ih⸗ rer Abfahrt zuwarf. Der Vorfall erregte aber große Munterkeit unter ſeinen Begleitern, die ſich ſehr über ſein verſtoͤrtes We⸗ ſen ergoͤtzten, und es der Eiferſucht zuſchrieben. Sie verſuchten das Gefuͤhl zu entfernen, indem ſie ihn ver⸗ ſicherten, daß Kitty ihm entſchieden den Vorzug gegeben habe. Seine Unruhe wurde nicht vermindert durch die Bewunderung, welche Villiers uͤber die Tochter des Gei⸗ zigen ausſprach; auch war es Truſſell nicht ganz lieb, daß dieſer ſo ſehr fuͤr ſie eingenommen war. Daß Hilda gerade in dem Augenblick vorubergefahren war, ſchien Alle in Erſtaunen zu ſetzen. Bald darauf ſtieg die Geſellſchaft in ihr Boot und kehrte zu der Whitehalltreppe zuruͤck. Randulph war ſo ſehr mit ſeinen eigenen Gefuͤhlen beſchaͤftiget, daß er den Fremden vergaß, und erſt als er ſchon einige Minuten am Lande war, ſich ſeiner erinnerte; doch da war es zu ſpaͤt, ſich nach ihm umzuſehen. Doch vergaß er die Zu⸗ ſammenkunft mit dem Schreiber des geheimnißvollen Briefes nicht, und ſagte ſeinem Onkel, daß er um ſechs Uhr eine Verabredung ganz eigener Art getroffen, mit Jemand zu reden. Truſſell lächelte bedeutungsvoll hei dieſer Ankuͤndigung, machte aber keine Bemerkung und —.,——————— — 175— ſchlug vor, daß ſie Alle in dem franzoͤſiſchen Hotel in Suffolk Street zu Mittag ſpeiſen moͤchten. Beau Vil⸗ liers ſchuͤtzte eine Einladung vor, aber Sir Singleton willigte ein, und alle drei gingen dorthin, wo ihnen ein treffliches Mittageſſen vorgeſetzt wurde. Randulph war ſeiner Verabredung eingedenk, ungeachtet der Scherze ſei⸗ ner Gefaͤhrten, welche bemuͤht waren, ihn zuruͤckzuhalten, ſtand um fuͤnf Uhr vom Tiſche auf, und ging an Chaing⸗ croß und Whitehall vorbei auf die Weſtminſterabtei zu. Er konnte der Verſuchung nicht widerſtehen, durch Little Sanctuary zu gehen, und fuͤhlte ſich halb geneigt bei dem Geizhals vorzuſprechen und Hilda ſein Benehmen zu er— klaͤren. Obgleich die Widerſinnigkeit dieſes Einfalls ihn veranlaßte, denſelben ſogleich aufzugeben, ſo verweilte er doch einige Minuten vor dem Hauſe, in der Hoffnung, einen von den Bewohnern zu entdecken; doch er, täuſchte ſich. Dann trat er in Peter Pokerich's Laden, um ſich nach dem Wege zu den Nebengaͤngen der Abtei zu erkundigen. Der kleine Barbier war gerade im Begriff, mit der ſchoͤnen Thomaſine einen Spaziergang zu machen, welche bei ihm ſtand, und erbot ſich, Randulph zu den Gaͤngen zu fuͤhren; doch dies lehnte der junge Mann ab, da er die Begleitung des neugierigen Barbiers nicht wuͤnſchte, aber auf ſolche Weiſe, daß Peter's Neugierde dadurch nur noch mehr angeregt wurde, und er ins Geheim be⸗ ſchloß, ihm zu folgen. Sobald Randulph fort war, er⸗ waͤhnte er ſeine Abſicht gegen die ſchoͤne Thomaſine, der es nicht unlieb war ihn zu begleiten, und ſie machten ſich zuſammen auf den Weg, trugen aber Sorge, daß Ran⸗ — 6— dulph ſie nicht ſah. Der junge Mann nahm ſeinen Weg zu der Abtei, ging um das weſtliche Ende derſelben und trat in den Thorweg ein, der zu dem Spielplatz der Weſiminſterſchule fuͤhrte. Hier ſtand er ſtill, erkundigte ſich bei einem Thuͤrhuͤter, der ihn zu einem andern Thor⸗ wege wies, durch den er ging und in die Bogengaͤnge eintrat. Als Peter dies ſah, eilte er mit ſeiner ſchoͤnen Begleiterin vorwaͤrts, bemerkte, daß Randulph in dem ſuͤdlichen Gange ging, wendete ſich mit ihr weſtlich, und war ſo im Stande, ihn durch die offenen Saͤulen zu be⸗ obachten. Ohne zu wiſſen, daß er der Gegenſtand der Beobach⸗ tung ſei, ging Randulph langſam durch den Bogengang, erfreute ſich an dem herrlichen Gewoͤlbe, welches grau vor Alter war, und an dem Anblick, den die hohen Fen⸗ ſter gewährten, und vergaß beinahe, was ihn dorthin ge⸗ fuͤhrt. Am oſtlichen Ende wurde er durch die alten In⸗ ſchriften und metallenen Bildwerke gefeſſelt, welche die Ruheplätze der alten Aebte Laurentius, Gislesbertus und Vitalis bezeichneten, als ein ſchwerer Fußtritt ihm ins Ohr tonte, und er ſich umſehend den Fremden erblickte. Ehe er ſich von ſeinem Erſtaunen über dieſe unerwartete Erſcheinung erholen konnte, naͤherte ſich ihm der Fremde und ſagte mit leichtem Kopfnicken und eigenthümlich be⸗ deutungsvollem Lächeln: „So haben Sie ſich doch alſo eingeſtellt, Herr Ran⸗ dulph Crew.“ ———————————— — 177— „Sind Sie denn Herr Cordwell Firebras?“ rief Randulph erſtaunt. „So heiße ich,“ verſetzte der Andere. „Ich ließ es mir nicht traͤumen, Herr, als ich Sie dieſen Morgen im Laden des Barbiers ſah, wie bald und auf wie ſeltſame Weiſe wir wieder zuſammenkommen wuͤrden,“ verſetzte Randulph;„doch dies erklaͤrt einiger⸗ maßen die Art und Weiſe, wie Sie mich den Tag uͤber verfolgt haben. Vielleicht werden Sie mir jetzt ihren Beweggrund dazu erklaͤren, ſowie auch warum Sie mich hiehergerufen haben.“ „Alles zu ſeiner Zeit, junger Mann,“ verſetzte Cord⸗ well Firebras ernſt.„Ehe ich von meinen eigenen An⸗ gelegenheiten rede, laſſen Sie mich ein Wort von den Ihrigen ſagen. Antworten Sie mir aufrichtig: Hegen Sie nicht eine Neigung zu Hilda Scarve? nein, Sie brauchen nicht zu antworten, Ihr Zoͤgern iſt mir genug. Die Umſtände verleiteten Sie, dieſen Morgen auf der Folly ſehr unbeſonnen zu handeln, und ich fuͤrchte, Ihr Benehmen hat emen ſehr unguͤnſtigen Eindruck auf Hil— da's Gemuͤth hervorgebracht, denn ich beobachtete ſie ge⸗ nau. Aver laſſen Sie ſich das nicht anfechten. Ich will Alles wieder in Ordnung bringen. Ich habe großen Einfluß bei ihrem Vater. Er beſtimmt ſie fuͤr einen An⸗ dern— fuͤr den poſſenhaften Begleiter der huͤbſchen Schauſpielerin, die Sie dieſen Morgen bezauberte. Aber Sie ſollen ſie dennoch haben— unter einer Bedin⸗ gung.“ Die Tochter des Geizigen. I. 12 —— „Ungeachtet Ihrer ſeltſamen Anrede liegt ſo viel Ernſt in Ihrem Weſen, daß Sie mir Vertrauen einflo⸗ ßen, mein Herr,“ verſetzte Randulph,„um ſo mehr, da Sie mir dieſen Morgen ſagten, daß Sie ein alter Freund meines Vaters wären. Ich will Ihnen offen bekennen, daß die Tochter des Geizigen großen Eindruck auf mich gemacht hat. Unter welcher Bedingung ſoll ſie die Mei⸗ nige werden?“ „Sie ſollen es ſogleich erfahren,“ verſetzte Firebras ausweichend.„Laſſen Sie uns in dem Gange weiter⸗ gehen,“ ſetzte er hinzu, indem er langſam vorwaͤrts ſchritt. Sie gingen ſchweigend weiter, bis ſie den öſtlichen Winkel des Ganges erreichten, wo Firebras plötzlich ſtill ſtand, ſeine ſchwere Hand auf Randulph's Arm legte, ihn mit forſchendem Blicke anſah, und ſagte: „Junger Mann, ich will Ihnen ſagen, was Sie thun muͤſſen, um die Tochter des Geizigen zu gewin⸗ nen.“ „Was? was?“ fragte Randulph. „Sie muͤſſen ſich der Partei der Jakobiten anſchlie⸗ ßen,“ verſetzte Firebras,„wozu ihr Vater gehoͤrt, wo⸗ zu Ihr Vater gehoͤrte— und wozu auch Ihre Mutter ge⸗ hoͤrt.“ Randulph ſchwieg vor Erſtaunen; doch weder er, noch ſein Gefaͤhrte wurden gewahr, daß Peter Po⸗ — — 179— kerich und die ſchoͤne Thomaſine dieſe verraͤtheriſche Rede gehoͤrt hatten, die ihnen unbemerkt nachgeſchli⸗ chen waren, und hinter dem Pfeiler des nächſten Bo⸗ gens ſtanden. 12* — 180— Neuntes Kapitel. Miſtreß Clinton's Unruhe.— Die unerwartete Ruͤckkehr des Geiigen.— Das Verſchwinden des Pfandgeldes.— Die Frechheit Philipp Frewin's und des Advocaten Diggs.— Lady Brabazon verſetzt ihre Diamanten.— Die Galanterie des Geizigen.— Er entdeckt den An⸗ ſtifter des Diebſtahls. Der Tag ruͤckte vor, Miſtreß Clinton wunderte ſich uber das lange Ausbleiben ihrer Nichte, und fuͤrchtete ſehr, daß Scarve vor ihr zuruͤckkehren, und ihre Ab⸗ weſenheit entdecken moͤge. Sie hatte eben ihr kärg⸗ liches Mittagseſſen beendet, nachdem ſie laͤnger als eine Stunde auf Hilda gewartet, trug die Sachen wieder ab, damit der Verdacht des Geizigen, im Fall ſeiner plotz⸗ lichen Ruͤckkehr nicht erregt werden moͤge, und ſetzte ſich 3 ———————————————— — 181— zu ihrer Handarbeit, wobei ſie fleißig obgleich mechaniſch beſchaͤftigt war, als ſie durch ein Geräuſch erſchreckt wur⸗ de, als wenn man ein Fenſter oͤffne, worauf in einem der obern Zimmer ein leiſer Schritt folgte. Sie dachte ſogleich an Raͤuber, denn ſie erinnerte ſich an die große Geldſumme, die im Hauſe war, ſowie auch, daß man ſie ſo offentlich zuruͤckbezahlt hatte, und ſie ſah ein, wie leicht man einen Verſuch machen koͤnne, es wegzunehmen, beſonders wenn man wiſſe, daß ſie allein im Hauſe ſei. Sie hatte von Mordthaten gehoͤrt, die man in einſamen Wohnungen bei hellem Tage begangen, und in den mei⸗ ſten Fällen an ſchutzloſen Frauenzimmern wie ſie. Von unbeſchreiblichem Schreck ergriffen, eilte ſie hinaus, in der Abſicht Laͤrm zu machen. Ehe ſie noch den Gang erreichte, hoͤrte ſie, daß an die Hausthuͤre geklopft wurde, eilte hin, oͤffnete haſtig und mit zitternden Haͤnden, und er⸗ blickte den Geizhals. Wenn ſie uͤber ſein Erſcheinen erſchrak, ſo erſchrak er nicht wenig uͤber das ihrige, richtete einen furchtbaren Blick auf ſie, und fragte, warum Jakob ihn nicht eingelaſſen habe? Da er keine Antwort erhielt, ſchob er ſie heftig in den Gang zuruͤck, ſchlug die Thuͤr haſtig zu, und ging in das Wohnzimmer. Die arme Miſtreß Clinton wußte kaum, was ſie thun ſollte, end⸗ lich folgte ſie ihm, und ſah ihn verzweiflungsvoll im Zim⸗ mer auf⸗ und abgehen. Sobald er ſie ſah, eilte er auf ſie zu, ergriff ihren Arm und rief: „Wo iſt Jakob? Iſt der Schurke ohne Erlaub⸗ niß ausgegangen? Warum reden Sie nicht, Weib? —— ——— —— —— — 182— Haben Sie gewagt, ihn auszuſchicken, oder Hil⸗ da?“ „Er wird ſogleich zuruͤck ſein,“ verſetzte Miſtreß Clin⸗ ton, vor Furcht faſt außer ſich.„Ich erwartete ihn ſchon laͤngſt.“ „So iſt er alſo ausgegangen?“ rief der Geizhals, als koͤnne er kaum ſeinen Ohren trauen.„Und Hilda iſt vermuthlich mit ihm gegangen?“ Miſtreß Clinton bejahte es erſchrocken. „Und wohin ſind ſie gegangen, in des Teufels Na⸗ men?“ bruͤllte der Geizhals. „Ich darf es nicht ſagen,“ verſetzte Miſtreß Clin⸗ ton. „Ich will eine Antwort,“ rief der Geizhals ſie an⸗ ſtarrend, als wollte er ſie vernichten.„Woyhin iſt ſie ge— gangen?“ „Sie werden durch dieſe Heftigkeit nichts aus mir herausbringen,“ entgegnete Miſtreß Clinton mit Feſtig⸗ keit. „Dann ſollen Sie mein Haus noch dieſen Abend verlaſſen,“ erwiederte er wuͤthend.„Ich will nicht, daß man ſo meinem Anſehen trotze. Suchen Sie ſich ein an⸗ deres Haus, Madame, und einen andern Beſchuͤtzer.“ Die arme Dame ließ den Kopf haͤngen, und gab keine Antwort. — 183— „Miſtreß Clinton,“ fuhr er mit erzwungener Ruhe fort,„ich frage Sie, und wenn ich mich nicht ganz in Ih⸗ nen geirrt habe, ſo werden Sie mir antworten— wenn ich Sie als Vater frage, was aus meiner Tochter geworden iſt, können Sie es mit Ihrem Gewiſſen vereinigen, mir die Antwort zu verweigern?“ „So viel will ich Ihnen ſagen, Herr,“ verſetzte ſie nach einer Pauſe,„daß Hilda zu dieſem Schritt nur in Folge Ihrer Erklaͤrung iſt veranlaßt worden, daß Sie ſie zu einer Heirath mit Ihrem Vetter zwingen wollen. Sie iſt gegangen, einen Freund um Rath zu fra⸗ gen.“ „Welchen Freund?“ rief der Geizhals auf ſie zu⸗ ſpringend.„Ich beſtehe darauf, daß Sie mir es ſa⸗ gen.“ „Nun, ſo ſollen Sie es wiſſen, Herr,“ verſetzte Miſtreß Clinton.„Sie iſt gegangen, Herrn Abel Beech⸗ croft zu beſuchen.“ Haͤtte er einen heftigen Schlag erhalten, ſo haͤtte der ungluckliche Mann nicht mehr ſchwanken koͤnnen als bei dieſer Nachricht. Er wendete ſich verwirrt ab und murmelte:„Abel Beechcroft! Warum iſt ſie zu ihm gegangen?“ „Weil ihre arme Mutter einen Brief hinterlaſſen hat, man abgeben ſollte, wenn die Umſtände es noͤ⸗ thig machten,“ verſetzte Miſtreß Clinton. 684— „Und Sie gaben ihr jenen Brief?“ rief der Geiz⸗ hals. „Das that ich,“ verſetzte ſie. „Und Sie ſchickten ſie zu ihres Vaters bitterſtem Feinde, um ſich Rath zu holen?“ fuhr er fort.„Es iſt gut! Es iſt gut!“ Und er ſchritt auf die Seitenthuͤr zu, als wollte er die Treppe zu ſeinem Schlafzimmer hinaufſteigen. Bis zu dieſem Augenblick hatte ſie den Umſtand vergeſſen, der ſie noch eben ſo ſehr beunruhigt hatte, doch jetzt fiel er ihr ein, und ſie eilte ihm nach, indem ſie rief:„Herr! Herr!“ „Was will das Weib?“ fragte der Geizhals ſich heftig zu ihr umwendend. Die Antwort blieb ihr in der Kehle ſtecken. Da ſie einen neuen Ausbruch der Wuth fuͤrchtete, ſo murmelte ſie eine unverſtändliche Antwort, und entfernte ſich. Der Geizhals war inzwiſchen in ſein Zimmer ge⸗ kommen, warf ſeinen Hut aufs Bett, ging weiter, und ſchloß die Thuͤr des Nebenzimmers auf. Er ging auf den großen Kaſten zu, in den er am vorhergehenden Abend die Goldſäcke gelegt, ſetzte ſich darauf nieder, und ſaß eine Zeit lang in tiefe und ſchmerzliche Gedanken ver— ſenkt da. Dann ſtand er auf, zog einen Schluͤſſelbund aus der Taſche und verſuchte mit einem das Schloß des Faſtens zu öffnen. Er wollte ſich nicht drehen laſſen, — 185— und da er glaubte, er muͤſſe ſich geirrt haben, zog er ihn heraus, und verſuchte einen andern. Dieſer aber paßte gar nicht, ſo daß er genoͤthigt war, wieder den erſtern zu nehmen, und bald erkannte er ihn als den Rechten. Er ſteckte ihn wieder hinein, ging vorſichtiger zu Werke, und fand zu ſeinem Erſtaunen, daß der Kaſten nicht ver⸗ ſchloſſen war. Da er wohl wußte, daß er ihn nicht in dieſem Zuſtande gelaſſen, hielt er ſich uͤberzeugt, daß es nicht Alles richtig ſei, doch waͤhrte es lange, ehe er ſich entſchließen konnte, den Deckel aufzuheben. Als er es endlich that, fuhr er mit einem Schrei des Schreckens und der Verzweiflung zuruͤck.— Der Kaſten war leer! Einige Minuten blieb er wie verſteinert ſtehen. Seine Hände waren ausgeſtreckt, ſein Mund weit offen, ſeine Augen drehten ſich beinahe aus ihren Kreiſen, und waren auf die leere Stelle geheftet, wo der Schatz hätte ſein ſollen. Endlich ſchrie er in Toͤnen der Verzweiflung: „Man hat mich beraubt— man hat mir mein Gold geraubt— geraubt— geraubt! Es iſt ſchaͤndlich, es iſt grauſam, mich zu berauben— Andere lieben das Gold nicht ſo wie ich es liebe. Ich liebe es mehr als Weib, Kind, Geliebte— ja mehr als das Leben ſelbſt. Ich wollte, ſie haͤtten mich lieber getoͤdtet, als mir mein Gold genommen. O dieſe ſchoͤnen glaͤnzenden Stuͤcke, ſo groß, ſo hell, ſo ſchoͤn! Was kann daraus geworden ſein?“ Nach einer Pauſe, waͤhrend welcher er die heftigſte Seelenqual empfand, blickte er ſich um, zu ſehen, wie der — —— Diebſtahl vollfuͤhrt worden ſei. Eine kurze Unterſuchung zeigte ihm, daß die eiſernen Stangen des kleinen Fen⸗ ſters, welches dem Kaſten gegenuͤber war, weggenommen worden.„Hier muͤſſen die Schurken hereingekommen ſein,“ rief er auf das Fenſter zuſtuͤrzend. Dann klet⸗ terte er auf ein altes eichenes Schreibepult, welches in der MNaͤhe ſtand, machte das Fenſter weit auf, und ſtreck⸗ te ſeinen langen runzlichten Hals durch daſſelbe, und blickte in den kleinen Garten hinunter. Da er nicht im Stande war, etwas zu entdecken, zog er ſich vom Fen⸗ ſter zuruck, betrachtete das Schreibepult, daß der Staub, womit es bedeckt geweſen, ein wenig abgewiſcht war, ob er es aber ſelber gethan, oder die Räuber, war unmoͤg⸗ lich zu beſtimmen. Eine Flaſche, die an einem Ende des Pultes ſtand, war nicht weggenommen worden, es war aber klar, daß ſie durchs Fenſter hereingekommen, und eben ſo klar war es, daß die Räuber gerade auf den Kaſten zugegangen waren, zu welchen ſie einen Schluͤſ⸗ ſel mußten gehabt haben, da das Schloß zwar mit Ge— walt aufgeſchloſſen, aber nicht erbrochen war. Halb wahnſinnig bei dieſen Gedanken und unfaͤhig ſich dieſen Vorgang zu erklären, ließ er ſeine Wuth wieder in Worten aus.—„Ich habe es heraus,“ rief er—„es iſt der verfluchte waliſiſche Baronet, der mich beraubt hat. Er bezahlte mir das Geld auf dieſe oͤffentliche Art, blos um mich zu täuſchen. Ich will ihn des Diebſtahls be⸗ ſchuldigen— will es gegen ihn beweiſen— will ihn an den Galgen bringen. O welche Wonne wird es ſein, ihn baumeln zu ſehen. Ich moͤchte tauſend Pfund fuͤr —— 2———— — 187— dieſen Anblick geben. Tauſend Pfund. Was iſt das ge⸗ gen die vierzehntauſend Pfund, welche ich verloren habe? Ich werde wahnſinnig— und es waͤre ein Gluͤck fuͤr mich, wenn ichs würde. Phllipp Frewin wird ſich wei⸗ gern, meine Tochter zu heirathen. Ihr Heirathsgut iſt fort— fort! Warum ging ich auch mit Firebras aus? Ich haͤtte auf dem Kaſten ſitzen— haͤtte meine Mahlzei⸗ ten darauf eſſen— haätte darauf ſchlafen ſollen. Tag und Nacht hätte ich ihn nicht verlaſſen ſollen. Thor, der ich war— es iſt mir Recht geſchehen— Recht geſche⸗ hen. Und doch iſt es hart fuͤr mich— fuͤr einen alten Mann— Alles zu verlieren, was er werth hielt— ſehr t Dann fiel er neben den leeren Kaſten auf die Kniee, rang die Haͤnde und weinte laut. Als dieſer Anfall der Wuth und des Kummers ſich gelegt hatte, ſtand er wieder auf, und ſtieg in das Wohnzimmer hinunter, wo er Miſtreß Clinton fand, die aͤngſtlich auf ſeine Ruͤckkehr wartete. Sie errieth augen⸗ blicklich, was geſchehen war, und zog ſich vor ihm zu⸗ ruͤck, als er ſich naͤherte, da ſie ſeinen Blicken nach faſt fuͤrchtete, doß er ihr etwas zu leide thun wuͤrde. Mit geballten Faͤuſten und ſchäumendem Munde verſuchte er einen Strom von Schmaͤhreden uͤber ſie zu ergießen, doch die Wuth benahm ihm die Sprache, und er ſtand bebend und geſtikulirend vor ihr— ein furchtbares Schauſpiel. — 188— „Uum des Himmels willen, Herr, faſſen Sie ſich, Herr,“ rief ſie,„oder Sie bekommen Kraͤmpfe, oder ir⸗ gend eine andere gefaͤhrliche Krankheit. Sie erſchrecken mich bis zum Tode.“ „Es iſt mir lieb,“ ſchrie er.„Man hat mich be⸗ raubt— das Pfandgeld iſt fort— die vierzehntauſend Pfund. Hören Sie, Weib? Ich bin beraubt, ſage ich — beraubt!“ „Ich fuͤrchtete es,“ verſetzte Miſtreß Clinton;„aber der Diebſtahl kann noch nicht lange geſchehen ſein, denn gerade vorher, als Sie an die Thuͤr klopften, meinte ich in Ihrem Zimmer ein Fenſter aufgehen zu ho⸗ „Wirklich!“ rief der Geizhals.„Und warum ſag⸗ ten Sie mir dies nicht vorher? Ich hätte die Diebe ge⸗ fangen nehmen— den Raub wieder bekommen koͤn⸗ nen.“ „Wenn Sie mich nicht ſo ſehr wegen Hilda er⸗ ſchreckt haͤtten, ſo wuͤrde ich es Ihnen geſagt haben,“ verſetzte Miſtreß Clinton in entſchuldigendem Tone. „Aber bei Ihrer Heftigkeit habe ich es vergeſſen.“ „Hoͤlle und Teufel!“ ſchrie der Geizhals,„was iſt Hilda, was ſind funfzig Tochter im Vergleich mit mei⸗ nem Golde? Wenn Sie mich in den Stand geſetzt hät⸗ ten, es wieder zu erlangen, ſo hätte ich Ihnen alles Uebrige vergeben. Stehen Sie nicht ſo zitternd da, Maͤr⸗ —— rin, ſondern kommen Sie mit mir und laſſen Sie uns ſehen, ob wir keine Spur von den Raͤubern entdecken koͤnnen.“ Mit dieſen Worten eilte er zu einer kleinen Hinter⸗ thuͤr im Gange, deren Riegel ſo roſtig waren, daß er ſie nur mit Schwierigkeit oͤffnen konnte; doch als dies geſchehen war, trat er in den Garten. Es war ein hoͤchſt elender und vernachläſſigter Ort, und faſt ganz mit hohem Graſe bewachſen, wie man es auf Kirchhoͤfen ſieht. Doch fruͤher war er huͤbſch ange— legt geweſen, was noch aus den Reihen von Buchsbaum hervorging, welche die Blumenbeete begraͤnzten, ſo wie aus den beſchnittenen Baͤumen und dem Gartenhauſe. Das Anſehen des Letzteren machte, daß der Ort noch oder erſchien, als ſonſt der Fall geweſen waͤre. Das Glas war aus den Rahmen genommen— eine von den Waͤnden niedergeriſſen— Steine und Moͤrtel umherge⸗ ſtreut, nebſt einem Haufen zerbrochener Blumentoͤpfe, und einer Menge abgenutzter Gartengeraͤthe. Die Baͤu⸗ me waren mit Raupenneſtern bedeckt und das Spalier an den meiſten Stellen zerbrochen. Das kleine Fenſter, durch welches die Raͤuber hereingekommen, befand ſich im obern Stock, und war etwa ſechzehn Fuß vom Bo⸗ den. Der Geizhals blickte aͤngſtlich forſchend hinauf, alle untern Fenſter waren dicht vergittert und dem Anſcheine nach nichts dabei gemacht worden. Die im Erdgeſchoſſe waren mit Bretern zugenagelt, und nur das einzige im erſten Stock war offen. Als er den Boden unter dem⸗ — 190— ſelben unterſuchte, entdeckte er Fußſpuren und ſo viel er erkennen konnte, mußten zwei oder drei Perſonen bei dem Diebſtahl beſchäftigt geweſen ſein. Die Fußſpuren gin⸗ gen quer durch den Garten zu einer Mauer, die etwa ſechs Fuß hoch war, und hinter welcher ſich ein enger Gang befand, der von dem anſtoßenden Hauſe zu dem freien Platze vor der Abtei fuͤhrte, und nach einigen Spu⸗ ren am Boden zweifelte er nicht, daß die Raͤuber hier uͤbergeſtiegen waren. Da er bei dieſem Nachſuchen ver⸗ ſchiedene Ausrufungen hoͤren ließ, ſo kamen einige von den Bewohnern des naͤchſten Hauſes in den Gang, und ſie ſagten ihm, ſie haͤtten nichts geſehen und gehoͤrt, ba⸗ ten ihn aber zugleich, herumzukommen und ſich zu uͤber⸗ zeugen. Dies that er ſogleich, und fand ihre Angabe vollkommen beſtätigt. Der einzige Beweis, daß die Räu⸗ ber von dort herein gekommen, lag in dem Umſtande, daß die Thuͤr des Ganges offen geblieben war. Als der Geizhals dieſe Unterſuchungen beendet hatte, wobei er gar nichts ſagte, kehrte er in ſein Haus zuruͤck. Zu ſei⸗ nem Erſtaunen fand er, daß ſeine Tochter und Jakob zuruͤckgekehrt waren. Der Letztere ſah ſehr beſtuͤrzt aus und zupfte beſtaͤndig mit den Fingern an ſeinem Hute, doch Hilda naäherte ſich ihm. „Es thut mir ſehr leid, von Deinem Verluſt zu hoͤ⸗ ren, Vater,“ ſagte ſie. „Und wem habe ich denſelben zuzuſchreiben?“ ver⸗ ſetzte er bitter.„Wärſt Du zu Hauſe geblieben, — 191— und Jakob wachſam geweſen, ſo wäre es nicht ge⸗ ſchehen.“ „Vielleicht nicht,“ entgegnete ſie;„doch bin ich nicht ganz zu tadeln. Deine Strenge war es, die mich zu dieſem Schritte zwang.“ „Nun, und was ſagte der gute freundliche Abel Beechcroft?“ rief der Geizhals ſpöttiſch.„Was raͤth er Dir?— Will er Dich bei ſich aufnehmen?— Will er Dich adoptiren?— Will er Dir ſeinen Neffen Randulph geben? Er mag es thun wenn er will.“ „Laß uns jetzt nicht uber dieſen Gegenſtand reden, Vater,“ verſetzte Hilda—„Du haſt ohnedies genug auf dem Herzen. Ich bitte Dich zu glauben, daß ich mich keines willkuͤhrlichen Ungehorſams gegen Dich ſchuldig ge⸗ macht habe.“ „Bah!“ rief der Geizhals veraͤchtlich—„ich will meine Geduld durch eitle Betheuerungen mißbrauchen laſſen. Aber wie Du ſagſt, wollen wir die Sache zu einer andern Zeit beſprechen. Beantworte mir nur eine Frage— Haſt Du Randulph Crew geſehen?“ „Ja!“ verſetzte Hilda hoch erroͤthend. „Im Hauſe ſeines Onkels?“ fragte der Geiz⸗ hals. „Nein,“ verſetzte ſie—„ſondern in einer Lage und unter Umſtänden, die, wenn ich die geringſte Achtung fuͤr ihn gehegt, dieſelbe gaͤnzlich wuͤrden aufgehoben ha⸗ ben.“ „Wir ſahen auch zu gleicher Zeit Ihren Neffen, Herr,“ ſagte Jakob, der ſeine Faſſung wiedererlangt hatte. „Wirklich!“ rief der Geizhals—„wo ſaht Ihr ihn?“ „Auf der Folly auf der Themſe,“ verſetzte Jakob, „und er war nicht in der elenden Kleidung, worin er Sie neulich beſuchte, ſondern trug ein feines Kleid und eine huͤbſche Perruͤcke. Ich ſagte Ihnen ſchon, daß er Sie betruͤge. Wenn ich mich nicht irre, ſtand er auch in gutem Vernehmen mit der huͤbſchen Dame, der Herr Randulph Crew ſeine Aufmerkſamkeit widmete, und woruͤber Miß Hilda ſo eiferſuͤchtig wurde.“ „Jakob!“ rief ſie wieder erroͤthend. „Nein, ich will Sie nicht beleidigen, Miß,“ erwie⸗ derte er,„aber Sie wiſſen, daß es die Wahrheit iſt.“ „Was iſt dies fuͤr eine thoͤrigte Geſchichte?“ rief der Geizhals unglaͤubig. Jakobs Antwort wurde durch ein Klopfen an der Hausthuͤr unterbrochen.„Sind Sie zu Hauſe, Herr?“ fragte er. „Ja— ja—“ verſetzte der Geizhals;„in mei⸗ ner gegenwärtigen Stimmung iſt es mir einerlei wer kommt.“ ₰ ———————— — — 193— Jakob entfernte ſich, kehrte in wenig Sekunden mit uͤberraſchtem und beunruhigtem Geſichte zuruͤck und fuͤhrte Diggs und Philipp Frewin herein. Der Letztere trug daſſelbe elende Kleid, dieſelbe alte Perruͤcke und dieſelben alten Schuhe mit hohen Abſätzen, die er am vorhergehen⸗ den Tage getragen. Die Eintretenden ſchienen betroffen bei der verlegenen Miene des Beizigen und ſeiner Fami⸗ lie, und Diggs fragte nach der Urſache. „Ehe ich erkläre, was mir begegnet iſt,“ ſagte Scarve,„halte ich es fuͤr paſſend zu ſagen, daß mein Diener Jakob Poſt behauptet, er habe meinen Neffen dieſen Morgen am Bord der Folly auf der Themſe ge⸗ ſehen, und zwar ganz anders gekleidet als jetzt.“ „Ich ſah ihn vor noch nicht zwei Stunden,“ ſagte Jakob. „Das muß um halb drei Uhr geweſen ſein,“ ſagte Diggs, ſeine Uhr hervorziehend,„und zu der Zeit war er bei mir. Sie muͤſſen ſich alſo geirrt haben, mein Freund.“ „Ich weiß durchaus nicht, was Jakob meinen kann,“ ſagte Philipp,„ich war doch zu der angegebenen Zeit bei Herrn Diggs, wie Letzterer eben beſtätigt hat.“ „Sie wiſſen ſehr wohl, was ich meine, Herr Phi⸗ lipp,“ verſetzte Jakob brummend;„Sie wiſſen ſehr wohl, daß Sie Ihren Onkel taͤuſchen wollen.“ Die Tochter des Geizigen. 1 ⸗ 13 = 1— Diggs laͤchelte dem Geizhals zu und zuckte die Achſeln. „Sie ſind im Bunde mit einander, Herr,“ ſagte Jakob;„wenn Sie mir nicht glauben, ſo fragen Sie Miß Hilda, ob ſie ihn nicht geſehen hat.“ „Gewiß glaubte ich Philipp zu ſehen,“ ſagte Hil⸗ da,„aber ich muß bekennen, daß ich zu der Zeit zu ſehr verwirrt war, um genau beobachten zu koͤn⸗ nen.“ „Darf ich fragen, ſchoͤne Kouſine, wie Sie in eine ſolche Lage kamen, um dieſe Beobachtung anzuſtellen?“ fragte Philipp. „Ja, darnach duͤrfen Sie ſehr wohl fragen,“ ſagte der Geizhals. „Es kann ſehr wenig daran liegen, weshalb ich dort war,“ verſetzte Hilda;„auch glaube ich nicht noͤthig zu haben, dieſe Frage zu beantworten.“ „Ich kann Ihnen keine Erklaͤrung geben, Philipp,“ ſagte Scarve,„denn ich habe ſelber keine erhalten. Meine Tochter hat ſich einfallen laſſen, ohne meine Er⸗ laubniß in meiner Abweſenheit auszugehen, und Jakob hat ſie begleitet. Es iſt mir voͤllig unbekannt, wo ſie geweſen iſt.“ „Es iſt Dir nicht ganz unbekannt, Vater,“ verſetzte Hilda,„denn ich habe bereits eingeſtanden, daß ich bei Herrn Abel Beechcroft geweſen bin, und jetzt kann ich — — 195— auch hinzuſeken,“ fuhr ſie fort, indem ſie Philipp anſah, „daß ich Miſtreß Verral in Fenchurch Street beſucht habe.“ „Miſtreß Verral!“ rief Philipp erſchreckt. „Ja, Sie duͤrfen wohl erſtaunt und erſchreckt aus⸗ ſehen, Herr,“ fuhr Hilda fort;„Sie vermuthen, was folgen wird. Sie hat mich mit Ihrem wirklichen Cha⸗ rakter und Verhaͤltniſſen bekannt gemacht. Vater, Dein Neffe iſt nicht, was er ſcheint. Er iſt nicht falſcher in ſeinem aͤußern Erſcheinen als in der Wirklichkeit. Was Dir wichtiger ſein wird als alles Andere, iſt, daß er ein ruinirter Mann iſt, der durch eine Verbindung mit mir ſeine zerruͤtteten Vermoͤgensumſtaͤnde zu verbeſſern ſucht.“ „Es iſt noͤthig, daß ich jetzt ein Wort drein rede, Miß Scarve,“ ſagte Diggs.„Niemand kann beſſer mit den Verhaͤltniſſen Ihres Vetters bekannt ſein als ich; und weit entfernt, ein ruinirter Mann, oder im ge⸗ ringſten in Verlegenheit zu ſein, beſitzt er in dieſem Au⸗ genblick eine halbe Million Geld.“ „Hoͤrſt Du das?“ rief der Geizhals triumphi⸗ rend. „Ich will nicht fuͤr mich ſelber reden—“ ſagte Phi⸗ lipp. „Nein, thun Sie das auch lieber nicht,“ fiel Ja⸗ kob ein. 13* — 196— „Still, Kerl!“ rief der Geizhals.„Es ſind keine Betheuerungen noͤthig, Neffe.— Ich bin vollkommen uͤberzeugt; und nun, darf ich fragen, was Sie hieher fuͤhrt?“ „Wir kommen den Ehekontract abzuſchließen, Herr,“ verſetzte Diggs.„Mein Client wuͤnſcht ſehr die Heirath zu beſchleunigen.“ „Ich muß Ihnen leider ſagen, daß ſich eben ein un⸗ gluͤcklicher Vorfall ereignet hat, der mich verhindert, die beabſichtigte Summe zu geben,“ ſagte der Geiz⸗ hals. „Wie ſo, Herr?“ rief der Sachwalt mit beſtuͤrztem Blicke. „Das iſt Recht, Herr,“ ſagte Jakob, ſich ſeinem Herrn naͤhernd. Dann zupfte er ihn am Rock, und fluͤ⸗ ſterte ihm ins Ohr;„Suchen Sie ſie von dieſer Seite zu fangen.“ „Still, Kerl!“ rief der Geizhals laut.„Um die Sache zu beenden,“ ſetzte er zu dem Sachwalt gewendet hinzu,„muß ich Sie benachrichtigen, daß man mir wäh⸗ rend meiner Abweſenheit die ganze große Summe geraubt hat, die mir geſtern ausgezahlt wurde.“ „Was!“ rief Philipp ſehr blaß werdend,„die vier⸗ zehntauſend Pfund?“ Scarve bejahte es. — 197— „Gott ſei uns gnaͤdig! mein lieber Herr, es iſt doch nicht Ihr Ernſt?“ rief Diggs. „Ja, mein voller Ernſt,“ verſetzte der Geizhals; „es iſt Alles fort.“ „Welch ein unerhoͤrter Diebſtahl,“ rief der Sach⸗ walt—„aber die Sache muß unterſucht werden. Wann geſchah es— und wie? Bitte, geben Sie mir die ein⸗ zelnen Umſtaͤnde an. Ich muß ſogleich die Polizei in Bewegung ſetzen.“ „Nein,“ verſetzte der Geizhals traurig—„es iſt fort, und Haͤſcher und Polizeidiener werden es mir nicht zuruͤckbringen, ſondern im Gegentheil wird es nur noch mehr Geld, Zeit und Geduld koſten: Ich wollte es meiner Tochter zum Heirathsgut geben. Doch da ich es verloren habe, muß ſie ſich ohne Mitgift verheira⸗ then.“ „Ohne eine Mitgift, Herr Scarve!“ rief Diggs. „Dieſer Verluſt von vierzehntauſend Pfund iſt freilich ſchwer, doch leichter fuͤr Sie, als fuͤr die meiſten andern Leute. Sie haben noch Geld genug, um Ihrer Tochter die verabredete Summe auszuſetzen, ohne es zu empfin⸗ den.“ „Verzeihen Sie mir, Herr Diggs,“ entgegnete der Geizhals,„ich beabſichtigte meiner Tochter eine beſtimmte Geldſumme zu geben, auf die ich zu der Zeit rechnete, als ich das Anerbieten machte. Dieſe iſt mir auf ſchaͤnd⸗ = I8—= liche Weiſe geraubt worden, und es ſteht nicht laͤnger in meiner Macht, mein Verſprechen zu erfuͤllen.“ „Gut, lieber Onkel,“ ſagte Philipp,„lieber als— „Ich weiß, welchen großmuͤthigen Vorſchlag Sie machen wollen, Herr Frewin,“ fiel Diggs ein;„aber ich habe gegen Sie ſo gut eine Pflicht zu erfuͤllen, wie ge⸗ gen meinen wuͤrdigen Clienten und Freund, Herrn Scarve, und ich muß ſagen, wenn er in gegenwaͤrtigem Fall von ſeinem Wort abgeht, ſo kann ich Ihnen nicht rathen, die Verbindung zu vollziehen.“ „Ich habe kein Geld zu geben, Philipp,“ ſagte der Geizhals. „Nein, Onkel, wenn Sie die Sache ſo anſehen, ſo muß ich ſelber zuruͤcktreten,“ ſagte Philipp.„Es iſt mir nicht unbekannt wie reich Sie ſind.“ „Niemand bezweifelt es,“ ſagte Jakob,„ſonſt wuͤr⸗ den Sie nicht ſo auf die Heirath dringen. Bleiben Sie bei Ihrem Entſchluß, Herr,“ ſetzte er zu ſeinem Herrn gewendet, hinzu.„Geben Sie Ihrer Tochter nichts, und Sie ſollen ſehen, wie die Herren abziehen werden.“ „Verlaß das Zimmer, Schurke!“ rief der Geizhals zornig. Jakob ging auf die Thuͤr zu, aber nicht hin⸗ aus. „Ehe man ſo ohne meine Einwilligung uͤber mich verfuͤgt, Vater,“ ſagte Hilda,„muß ich bitten, daß der — — 199— Charakter meines Vetters, des Herrn Philipp Frewin, genau unterſucht werde, daß Du anhoͤrſt, was ich uͤber dieſen Gegenſtand zu ſagen habe, und was Miſtreß Ver⸗ ral zu ſagen hat.“ „Ich will nichts hoͤren!“ rief der Geizhals wuͤ⸗ thend,„Du handelſt nach Abel Beechcroft's Rath; Miſtreß Verral iſt eine Freundin von ihm. Er ſchickte Dich zu ihr.“ „Ich kann es nicht leugnen,“ erwiederte Hilda. „Miſtreß Verral mag mich verlaͤumden, wie ſie will,“ ſagte Philipp kuͤhn,„aber zum Gluͤck ſteht mein Charakter auf einer zu feſten Baſis, um durch die uͤblen Nachreden eines boshaften Weibes erſchuͤttert zu werden. Ich muß Sie bitten, Herr,“ ſetzte er hinzu, indem er ſich mit anſcheinender Aufrichtigkeit an ſeinen Onkel wen⸗ dete,„daß Sie dieſe Sache unterſuchen, daß Sie den Behauptungen Abel Beechcroft's oder Miſtreß Verral's keinen Glauben beimeſſen, ſondern ſich unter meinen Freunden erkundigen— bei denen, die mich gut kennen — wie meine Sachen ſtehen. Vielleicht iſt es unnoͤthig, ſich an Herrn Diggs zu wenden.“ „Gewiß,“ verſetzte der Geizhals.„Wie ich ſchon vorher ſagte, bin ich mit ſeiner Verſicherung vollkommen zufrieden.“ „Und ich kann dieſelbe von ganzem Herzen geben,“ verſetzte der Sachwalt.„Mit Ausnahme Ihrer kenne 6 — 200— ich keinen vorſichtigern und kluͤgern Mann, als meinen Clienten, Herrn Philipp Frewin. Ich ſehe mich veran— laßt durch die Angriffe auf ſeinen Charakter dies von ihm zu ſagen. Und ich kann, was ſeine Verlaͤumder nicht koͤnnen— Ihnen Beweiſe geben von dem, was ich behaupte. Wenn Sie die Sache genauer unterſuchen, mein Herr, daß irgend ein Complott gegen Sie ge⸗ ſchmiedet wird.“ „Das Complott iſt gaͤnzlich auf Ihrer Seite,“ rief Jakob,„und wenn mein Herr nicht freiwillig blind waͤre, ſo wuͤrde er es leicht merken!“ „Neffe,“ ſagte der Geizhals, Philipp's Hand er⸗ greifend,„ich bin vollkommen uͤberzeugt von der Recht⸗ ſchaffenheit Deiner Handlungsweiſe, ſowie auch von dem guten Stand Deiner Sachen.“ „Vater!“ rief Hilda,„man täuſcht Sie. Sie wer⸗ den die Beute eines Betruͤgers.“ Doch der Geizhals hoͤrte nicht auf ſie, und wechſelte einige leiſe Worte mit Philipp und Diggs Als ſie ge⸗ hen wollten, begleitete er ſie bis an die Hausthuͤr und machte ſie hinter ihnen zu. Als er in das Wohnzimmer zuruͤckkehrte, fand er es leer. Hilda und ihre Tante hatten ſich auf ihr Zimmer zuruͤckgezogen, und Jakob war in den Keller hinunterge⸗ ſtiegen, um aus dem Wege zu ſein. Der Geizhals be⸗ gab ſich zu dem Zimmer der Damen, und als er den 201— Schluͤſſel in der Thuͤr ſtecken ſah, drehte er ihn herum, und zog ihn ab. Als er dieſe Vorkehrung getroffen, ſetz⸗ te er ſich auf ſeinen Stuhl, und dachte beinahe zwei Stunden uͤber die Ereigniſſe des Tages nach. Er war noch in ſchmerzliche Gedanken verſenkt, als man ein lau⸗ tes Klopfen an der Thuͤr hoͤrte. Ehe man noch darauf antworten konnte, wurde es wiederholt, und er hoͤrte Jakob den Gang dahingehen. Dann wurde die Thuͤr geoͤffnet, es naäherten ſich Fußtritte, und als er er⸗ ſtaunt den Kopf erhob, wurde Lady Brabazon angemel⸗ det. Es iſt ganz gewiß, daß Scarve Ihre Herrlichkeit nicht wuͤrde eingelaſſen haben, wenn man ihn vorher ge⸗ fragt haͤtte. Aber ſo ſtand es nicht in ſeiner Macht, ſich zu verleugnen, und er erhob ſich mit ſo viel Anſtand, als ihm zu Gebote ſtand, um ſie zu empfangen. Jakob erhielt einen Wink und entfernte ſich. „Nun, Herr Searve,“ ſagte Lady Brabazon,„ich komme zu fragen, ob ich heute Abend die viertauſend Pfund haben kann?“ „Unmoͤglich, Ihre Herrlichkeit, unmoͤglich!“ verſetzte der Geizhals,„und wenn Sie mir die doppelten Zinſen bezahlen wollen, wie wir ausgemacht hatten, ſo kann es doch nicht geſchehen. Ich habe heute ſehr ſchweren Ver— luſt erlitten— einen ſehr ſchweren Verluſt, in der Cx That!“ „Pah! das ſagt Ihr Wucherer immer,“ verſetzte Lady Brabazon,„Ihr erleidet immer ſchwere Verluſte; — 202— aber Sie erwarten doch nicht, daß ich Ihnen glauben ſoll. Sie nehmen Ihr Geld viel zu ſehr in Acht, als daß Sie es verlieren koͤnnten. Ich muß heute Abend zu einem beſondern Zweck tauſend Pfund haben. Und wenn Sie mir die viertauſend nicht geben wollen, ſo muß ich die kleinere Summe haben, und ſetze Ihnen da⸗ fur die Juwelen zum Pfande.“ Und ſie zog ein Kaͤſt⸗ chen mit Diamanten hervor.„Sehen Sie,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie ſie ihm zeigte,„ſie ſind beinahe das Doppelte werth.“ „Sie ſind ſehr glänzend,“ verſetzte er, ſie mit dem Blicke eines Kenners anſehend,„doch ich kann Ihre Herrlichkeit das Geld nicht borgen.“ „Herr Scarve,“ ſagte Lady Brabazon,„ich habe heute Abend eine Schuld zu zahlen— und wenn ich nicht zahle, ſo iſt mein Ruf gaͤnzlich verloren.“ „Der Ruf Ihrer Herrlichkeit als puͤnktliche Zahlerin wird durch den Aufſchub einer Nacht ſchwerlich leiden,“ ſagte Scarve trocken. „Aber dies iſt eine Ehrenſchuld!“ ſagte Lady Bra⸗ bazon.„Ich will meine Juwelen in weniger als einer Woche wieder einloͤſen.“ „O wenn es eine Ehrenſchuld iſt, das iſt ganz et⸗ was anderes,“ ſagte der Geizhals.„Dies iſt gewiß ein ſehr praͤchtiger Diamantenſchmuck, er muß Ihrer Herr— lichkeit ſehr ſchoͤn ſtehen. Wollen Sie mir die Gefaͤllig⸗ keit erweiſen, ihn einmal anzulegen?“ — 203— „Gewiß, Herr Scarve, wenn Sie es wuͤnſchen,“ verſetzte Lady Brabazon herablaſſend. „Ich weiß nicht, was ich am meiſten bewundern ſoll, Ihre Hertlichkeit oder die Diamanten,“ ſagte der Geiz⸗ hals galant. „Der alte Thor iſt in mich verliebt,“ dachte Lady Brabazon;„ich muß meinen Vortheil benutzen.— Sie ſind ſehr guͤtig, Herr Scarve,“ ſetzte ſie laut und mit bezauberndem Laͤcheln hinzu— ein Laͤcheln, welches in ihren juͤngern Tagen nie ſeinen Zweck verfehlt hatte. „Es muͤßte ſeltſam zugehen, wenn ich es nicht waͤ⸗ re gegen eine ſo bezaubernde Perſon, wie Ihre Herr⸗ lichkeit ſind,“ verſetzte der Geizhals mit widerwärtigem Lacheln, welches ſeinen verwelkten Zuͤgen ſehr uͤbel ſtand. Lady Brabazon ſchlug die Augen nieder. „Ich vergeſſe beinahe, was mich hieher fuͤhrte, ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe, waͤhrend welcher ſie hoffte, daß der Geizhals ſo galant fortfahren werde, wie er be⸗ gonnen. „Ein Beweis, daß es nicht von großer Wichtigkeit ſein kann,“ ſagte Scarve;„aber Ihre Herrlichkeit haben mich um eine Gunſt gebeten, und ich will Sie dagegen auch um eine bitten. Ich bin kuͤrzlich in meinen liebſten Erwartungen getaͤuſcht worden, meine Tochter will nicht nach meinen Wuͤnſchen heirathen. Was ſoll ich thun? Ich bin zu alt, um wieder zu heirathen.“ —— „O gewiß nicht,“ verſetzte Ihre Herrlichkeit, die ein Erroͤthen zu erzwingen verſuchte, was ihr aber gaͤnzlich mißlang. „Ich will den Fall ſetzen,“ fuhr der Geizhals fort, „ich boͤte mich einer Perſon von dem Range und in der Lage Ihrer Herrlichkeit an. Welche Aufnahme wuͤrde ich wohl finden?“ „Ich glaube, die wuͤrde gaͤnzlich davon abhaͤngen, was Sie auszuſetzen beabſichtigen, Herr Scarve,“ ver⸗ ſetzte Lady Brabazon.„Man ſagt, Sie ſind ungeheuer reich. Sie ſagen ſelber, daß Sie ein Mißverſtaͤndniß mit Ihrer Tochter haben, was ich leicht begreifen kann— die Toͤchter ſind immer ſchwer zu regieren— da iſt mei⸗ ne Clementine zum Beiſpiel, ſie hat das angenehmſte Temperament von der Welt, aber was macht ſie mir nicht fuͤr Sorgen; aber was ich ſagen wollte, Sie ſind unendlich reich— Geld iſt kein Gegenſtand fuͤr Sie, wenn Sie daher einer Dame in meiner Lage ſo etwa hunderttauſend Pfund ausſetzten— aber nicht weniger— ſo denke ich— doch ich denke es nur— denn ich äußere eine ſehr haſtige und unuͤberlegte Meinung— ſo denke ich, moͤchte ſie ſich bewegen laſſen, Sie nicht abzuwei⸗ ſen.“ „Das iſt freilich eine große Summe in meinem Al⸗ ter fuͤr eine Frau zu zahlen, Ihre Herrlichkeit,“ verſetzte der Geizhals trocken..*2 — 205— „Glauben Sie mir, es wuͤrde kein Pfund weniger noͤthig ſein,“ verſetzte Lady Brabazon. „Dann muß ich meine Abſichten hinſichtlich einer hohen Verbindung aufgeben,“ ſeufzte der Geizhals. „Aber geſetzt, wir ſaähen die Sache anders an. Vielleicht um den hundertſten Theil der Summe wäre gar keine Heirath noͤthig.“ „Das iſt eine Anſicht von der Sache, wobei ich kei⸗ nen Augenblick verweilen kann, Herr Scarve,“ ſagte Ihre Herrlichkeit mit unwilligem Blicke.„Erlauben Sie mir, Sie zu erinnern, daß ich in Geſchaͤften hieher⸗ kam.“ „Dies iſt wahr,“ verſetzte der Geizhals in einiger Verwirrung,„dieſe Diamanten ſind vom ſchoͤnſten Waſ⸗ ſer. Ihre Herrlichkeit ſollen die geforderte Summe dar⸗ auf haben, und wir wollen kuͤnftig von der andern Sa⸗ che reden.“ Hierauf ſchloß er den kleinen Kaſten auf, der unter ſeinem Tiſche ſtand, zog eine kleine zinnerne Buͤchſe her⸗ vor, oͤffnete ſie, nahm einige Banknoten heraus, zählte ſie und uͤbergab ſie Ihrer Herrlichkeit. Lady Brabazon wickelte die Banknoten nachlaͤſſig um ihre Finger und ſteckte ſie in ihren Beutel. Dann nahm ſie die Diaman⸗ ten ab, und gab ſie dem Geizhals; um ihm aber zu⸗ gleich zu zeigen, daß noch eine Verſoͤhnung zwiſchen ihnen moͤglich ſei, reichte ſie ihm ihre ſchneeweiße Hand, die er an ſeine Lippen druͤckte. Als dieſe Ceremonie voruͤber „ 8„ — 206— war, fuͤhrte er ſie zur Hausthuͤr, wo ihr Wagen war⸗ tete. „Zu Herrn Villiers,“ ſagte Lady Brabazon zu ihrem Bedienten, als er die Thuͤr zumachte.„Der elende Wicht!“ ſagte ſie zu ſich ſelber,„mir einen ſolchen Vor⸗ ſchlag zu machen! Doch ich habe das Geld erhalten.“ Als der Geizhals in das Wohnzimmer zuruͤckkam, rieb er ſeine runzlichen Haͤnde, und ſagte lachend bei ſich ſelber:„So, ſie heuchelt alſo tugendhaften Unwil⸗ len, als wenn ich nicht wuͤßte, daß ſie das Geld nur fuͤr ihren Liebhaber, den Gecken Villiers haben will. Aber ſie ſoll die Meine werden, und ich will die Bedin⸗ gungen vorſchreiben. Sie iſt wahrhaftig ein ſchoͤnes Weib, ein ſehr ſchoͤnes Weib. Was wilſſt Du, Kerl?“ ſagte er, als er die Augen erhob und bemerkte, daß Ja⸗ kob vorihm ſtand. „Wollen Sie keine Schritte thun, wegen dieſes Diebſtahls?“ fragte der Diener. „Was geht Dich das an, Schurke!“ verſetzte der Geizhals aͤrgerlich.„Du kannſt den Stall bewachen, wenn das Pferd geſtohlen iſt, nicht wahr? Fluch uͤber Deine Nachlaͤſſigkeit, Du ſollſt meinen Dienſt in einer Woche verlaſſen.“ „Nein, das will ich nicht,“ verſetzte Jakob trotzig. „Dieſen Morgen habe ich Sie mit Vergnuͤgen verlaſſen, aber jetzt thut es mir leid um Sie— Sie ſind ungic lich geweſen, und ich will nicht gehen.“ — 207— „Zum Henker mit Deinem Mitleid!“ rief der Geiz⸗ hals.„Ich will nicht laͤnger mit Dir geplagt ſein.“ „Sie ſind jetzt nicht in der Lage, ſelber urtheilen zu koͤnnen,“ rief Jakodo.„Denken Sie noch einmal daran, wenn Sie ruhiger ſind, ob Sie mich entlaſſen wollen. Es thut mir leid um Ihren Verluſt, obgleich ich hoffe, daß dadurch Ihr hartes Herz gegen Ihre Tochter gemil⸗ dert werden moͤge. Wenn Sie mich wegjagen, hoffe ich, werden Sie mir ein Empfehlungsſchreiben an Herrn Abel Beechcroft geben. Ah! dort iſt es noch der Muͤhe werth zu leben. Es hätte Ihrem Herzen wohlgethan, das Mittageſſen zu ſehen, welches ich heute mit den Die⸗ nern eingenommen. Da war ein kalter Rinderbraten, dann eine warme Paſtete, ein Stuͤck gepokeltes Schwei⸗ nefleiſch uud ſo viel ſtarkes Ale, wie ich nur trinken wollte.“ „Still, Kerl!“ rief Scarve,„welche Freude kann es mir gewaͤhren, wie ein verſchwenderiſcher Herr ſein Vermoͤgen an einer Schaar undankbarer Miethlinge ver⸗ geudet?“ „Sie ſind nicht undankbar, Herr,“ verſetzte Jakob, „ſie lieben ihn Alle, und reden gut von ihm.“ „Und was iſt Ihre Meinung werth?“ fragte Scarve ſpoͤttiſch.„Volle Taſchen ſind beſſer als die leeren Lob⸗ ſpruͤche ſolcher thoͤrigten Kerle.“ „Ich denke nicht ſo,“ verſetzte Jakob,„und ich „„.: 77 wuͤnſchte, ich wäre nur ſo ein Kerl, wie der Herr Jukes. Die Tochter des Geizigen. I. 14 „Nun, ich will Dich von ganzem Herzen an Herrn Beechcroft empfehlen,“ verſetzte Scarve,„und ich wuͤn⸗ ſche, er moͤge Dich annehmen, denn ich koͤnnte ihm keinen aͤrgern Streich ſpielen, Du wuͤrdeſt ihm bald Haus und Hof verzehren. Aber komm mit mir auf mein Zim⸗ mer.“ Mit dieſen Worten ging er ihm voran, die Treppe hinauf, deutete auf das offene Fenſter und den leeren Kaſten und fragte Jakob mit bitterm Lächeln, ob er et⸗ was daraus machen koͤnne?“ Jakob blickte eine Zeitlang aufmerkſam das Fenſter an, ohne eine Bemerkung zu machen, und unterſuchte dann das Zimmer. Plotzlich fiel ſein Blick auf ein klei⸗ nes Stuͤck Papier, welches er ſogleich aufnahm. Es wa⸗ ren wenige Zeilen mit Bleiſtift darauf geſchrieben, doch ehe er den Inhalt entdecken konnte, riß ſein Herr ihm das Blatt weg, und las wie folgt: „Es muß dieſen Morgen geſchehen, das Geld iſt in einem Kaſten, in dem Ankleidezimmer, in welches man vermoͤge des kleinen Gartens hinter dem Hauſe gelangen kann. Dahin koͤnnen Sie durch einen kleinen Eingang kommen, der auf den Platz vor der Abtei fuͤhrt. Eine Strickleiter wird das Uebrige thun. Machen Sie Nie⸗ mand mehr aufmerkſam, wenn Sie es verhindern koͤn⸗ nen, und vor allen Dingen laſſen Sie keine Gewalt an⸗ wenden. Wenn Sie entdeckt werden, will ich Sorge tra⸗ gen, daß Ihnen kein Leid geſchieht.“ — 209— Dieſes geheimnißvolle Billet war ohne Namen und Ueberſchrift. Der obere Theil deſſelben war gleichfalls abgeriſſen. „Es wird das Beſte ſein, Herr, wenn ich dieſen Brief zu dem Häſcher Tom Blee bringe,“ ſagte Jakob. „Er wird gewiß etwas herausbringen.“ „Nein,“ verſetzte der Geizhals, der in tiefen Ge⸗ danken auf das Blatt hinblickte,„ich will nichts weiter in der Sache thun.“ „Wahrhaftig, wenn ich geneigt wäre ein Raͤuber zu werden, ſo wuͤrde ich gerade mit Ihnen anfangen,“ ver— ſetzte Jakob;„ich wuͤrde gewiß ſein, daß ich gut davon⸗ kaͤme.“ Der Geizhals erhob ſeine Augen, richtete ſie finſter auf ihn, und ſagte: „Nimm Dich in Acht, was Du ſagſt, Jakob, man⸗ cher Mann iſt ſchon wegen unbedeutenderer Worte ge⸗ henkt worden, als Du ausgeſprochen haſt.“ Dann deutete er auf die Thuͤr, und Jakob entfern⸗ te ſich. Nachdem er etwa eine Stunde allein geblieben war, wollte er hinunter gehen. Als er an dem Zimmer ſeiner Tochter voruͤberkam, hoͤrte er ſie mit ihrer Tante reden, und ſteckte die Hand in die Taſche, um zu ſehen, ob er auch die Schluͤſſel habe. Dann ging er in das Wohn⸗ zimmer und rief Jakob zu, ihm etwas zu eſſen zu brin⸗ gen. Dieſer ſetzte ihm etwas kaltes Fleiſch vor, wovon er ſehr wenig zu ſich nahm, obgleich er ſeit dem Morgen 14* — 210— nicht gegeſſen, und loͤſchte ſeinen Durſt mit einem Glaſe Waſſer. Als die Speiſen wieder abgetragen waren, brachte er ſein Rechnungsbuch und einige andere Papiere wieder zum Vorſchein und beſchaͤftigte ſich damit. Um acht Uhr wurde wieder an die Thuͤr geklopft und Jakob kam ihm zu ſagen, daß Herr Cordwell Firebras draußen ſei, der auf ſeine Einladung komme. „Laß ihn ein!“ verſetzte der Geizhals. Jakob entfernte ſich und kehrte gleich darauf mit der erwaͤhnten Perſon zuruͤck. „Ich komme puͤnktlich, Herr Scarve,“ ſagte Fi⸗ rebras laͤchelnd, als er ins Zimmer trat. „Ja, Herr,“ verſetzte der Geizhals ernſt, und wah⸗ rend ſein Gaſt ſich auf einen Stuhl warf, uͤberzeugte er ſich, daß Jakob in den Keller hinunter ging. „Und nun, Herr Scarve,“ ſagte Firebras,„laſſen Sie uns ſogleich zu unſerm Geſchäft uͤbergehen. Ich ſetze voraus, daß Sie die fuͤnftauſend Pfund in Bereit⸗ ſchaft haben.“ Der Geizhals ſchuͤttelte den Kopf und erzaͤhlte von dem Diebſtahl, den man an ihm begangen. Firebras hoͤrte die Erzaͤhlung mit unglaͤubigem Lächeln an. „Dieſe Geſchichte mag fuͤr andere Leute ſehr gut ſein, Herr Scarve,“ ſagte er, als er zu Ende war,„doch ich bin zu alt, um mich dadurch täuſchen zu laſſen.“ „Zweifeln Sie an meinem Wort, Herr?“ rief der Geizhals zornig. — 211— „Ich will nicht mit Ihnen zanken, Herr Scarve,“ verſetzte der Andere mit beleidigender Ruhe;„ich habe zu viel oͤffentliche Streitigkeiten in Haͤnden, um mich mit Privatſtreitigkeiten abzugeben, beſonders in meiner eigenen Sache. Ich betrachte Ihre Angabe als eine Entſchuldi⸗ gung, und zwar als eine ſehr aͤrmliche; das iſt Alles. Es iſt beſſer, Sie ſagen gleich offen heraus, daß Sie Ihre Anſicht geändert haben, und das Geld nicht vor⸗ ſtrecken wollen.“ „Ich habe die urſache meiner Unfaͤhigkeit bereits er— klaͤrt,“ verſetzte der Geizhals mit Nachdruck,„und das muß hinreichen.“ „Herr, Sie haben mich bitter getäuſcht,“ rief Fi⸗ rebras,„und Andere ebenfalls. Sie wiſſen, wenn die Sache gelingt, ſo werden Sie hundert Prozent fuͤr Ihr Geld haben— und Sie behaupten, daß Sie es gut mit der Sache meinen. Ich muß nothwendig heute Abend noch tauſend Pfund haben.“ „Das laͤßt ſich vielleicht machen,“ verſetzte Scarve; „aber ich kann Sie Ihnen nicht in Gold geben. Lady Brabazon hat eben ihre Juwelen fuͤr die Summe bei mir verſetzt.“ „So koͤnnen Sie alſo Ihrer Herrlichkeit Geld bor⸗ gen, obgleich Sie es mir verweigern,“ verſetzte Firebras vorwurfsvoll.„Ihre Bewunderung des ſchoͤnen Ge⸗ ſchlechts iſt groͤßer als Ihre Anhaͤnglichkeit an die gute Sache. Aber geben Sie mir die Juwelen, da ich nichts Beſſeres haben kann!“ — 212— „Hier ſind ſie,“ verſetzte Scarve, das Kaͤſtchen zum Vorſchein bringend;„Sie muͤſſen mir einen Empfang⸗ ſchein daruͤber geben.“ „Sehr gern,“ ſagte Firebras, eine Feder nehmend. „Ich werde ſie zu tauſend Pfund berechnen.“ „Sie muͤſſen ſie zu funfzehnhundert Pfund anneh⸗ men,“ rief der Geizhals haſtig—„ich werde Alles dies nicht umſonſt aufs Spiel ſetzen.“ „Wucherer!“ murmelte Firebras zwiſchen den Zaͤh⸗ nen.„Doch es geſchehe, wie Sie wollen: Koͤnig Ja⸗ kob der Dritte ſchuldigt Ihnen funfzehnhundert Pfund, hier.“ „Wie ſeltſam!“ rief der Geizhals, als er das Papier annahm.„Ihre Handſchrift gleicht genau der in einem Briefe, den ich eben in meinem Zimmer fand, und den wahrſcheinlich einer von den Räubern hat fallen laſſen.“ „Ein Brief!“ rief Firebras unruhig,„haben Sie ihn? Laſſen Sie ſehen.“ Der Geizhals brachte das Stuͤck Papier zum Vor⸗ ſchein, und hielt den Empfangſchein daneben. Die Hand⸗ ſchrift war in Beiden voͤllig gleich. „Jene Handſchrift iſt ohne Zweifel der meinigen ſehr aͤhnlich,“ ſagte Firebras mit der vollkommenſten Faſſung.„Aber wollen Sie damit ſagen, daß dieſes Pa⸗ pier in dem Zimmer gefunden worden iſt, worin der Diebſtahl begangen wurde?“ — — 213— „Jakob fand es dort,“ verſetzte der Geizhals. „Soll ich ihn rufen, um ſein Zeugniß zu dem meinigen hinzuzufuͤgen?“ „O nein!“ verſetzte Firebras.„Nun, Herr Scar⸗ ve, da ich als das indirecte Mittel betrachtet werden kann, daß Sie Ihr Geld verloren haben, ſo will ich Sorge tragen, daß es Ihnen erſetzt werden ſoll, wenn die gute Sache ſiegt.“ „Es iſt beſſer, Sie bekennen ſogleich, daß Sie es haben wegnehmen laſſen,“ ſagte der Geizhals. „Sie wollen, daß ich mich ſelber fuͤr ſchuldig er⸗ klaͤre,“ verſetzte Firebras lachend—„aber ich zweifle nicht, daß es in guten Haͤnden iſt.“ „Dann bin ich zufrieden,“ ſagte Scarve.„Nun hoͤren Sie, Herr Firebras! in dem erwaͤhnten Fall er⸗ warte ich, daß die vierzehntauſend Pfund mir zwanzig⸗ tauſend eintragen. Geben Sie mir etwas Schriftliches daruͤber. Sie koͤnnen es auf die Ruͤckſeite des Briefes ſchreiben.“ Firebras laͤchelte und willigte ein. Scarve laͤchelte auch, und verglich den Empfangſchein mit der Schrift auf der andern Seite des Papiers. Und dies war Alles, was zwiſchen ihnen vorging. „Ich werde Sie morgen wieder beſuchen,“ ſagte Firebras aufſtehend, um zu gehen.„Ich habe Ihnen et⸗ was uͤber Ihren Neffen zu ſagen, von dem Sie mir mittheilten, daß Sie Ihre Lochter fur ihn beſtimmten.“ —— „Was iſts mit dem?“ rief der Geizhals lebhaft. „Jetzt nicht— jetzt nicht,“ verſetzte Firebras.„Ich weiß Jemand, der viel beſſer fuͤr Ihre Tochter paſſen wuͤrde, als er. Gute Nacht!“ Hierauf wurde Jakob zu ſeinem Herrn gerufen, wel⸗ cher ihm befahl, den Fremden hinauszufuͤhren. Ende des erſten Bandes. Druck von C. Schumann in Schneeberg. — ——— 3 — . 77