— Chnard Otimunn in Schloßgaſſe kit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ) 4 eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende eeeeeee hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nhentich Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — —— auf 1 1 Monat: 1 Mk.——F 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4— 5. Auswärtige Wonnenten zaben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Um elf Uhr in der Nacht vom Freitag, dem 26ſten November 1703, öffnete ſich die Thür eines elenden Hauſes in einem entlegenen Viertel des Fleckens Southwark, welches auch unter dem Namen der alten Münze bekannt iſt, und ein Mann trat mit einer Laterne in der Hand über die Schwelle. Dieſe Perſon, die etwa vierzig Jahr alt ſein mochte, trug einen braunen Flausoberrock mit ſehr breiten Schößen und ſchmalem Kragen, eine helle Wollenweſte, die bis auf die Knie herabhing, ſchwarze Plüſchbeinkleider, graue wollene Strümpfe und Schuhe mit runden Spitzen, hölzernem Hacken und kleinen ſilbernen Schnallen. Er hatte einen dreieckigen Hut, eine hellfarbige Perrücke, und um ſeinen Hals war ein dickes wollenes Shawltuch gewunden. Seine Kleider hatten augenſcheinlich ſchon lange gedient und Ainsworth, Jack Sheppard. I. 1 ——————————— 2 .— . waren reichlich von dem Staube der Werkſtätte geſchwärzt. ———.————— ——.—.„. 2 2 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. Bei alle dem ſah er ganz anſtändig aus und hatte ohne Widerrede die Miene eines Mannes, der in der Welt durch⸗ kommt. Seine Geſtalt war kurz, unterſetzt und wohlbeleibt, und ſeine Geſichtszüge waren ernſt und ehrbar. Ihm folgte unmittelbar ein blaſſes, armſeliges Frauen⸗ zimmer, deren verkümmertes Ausſehen ſtark gegen ſein wohl⸗ genährtes, behagliches Geſicht abſtach. Sie war mit einem zerriſſenen und verſchoſſenen ſchwarzen Rock bekleidet, der, nach den Kreppflicken zu urtheilen, mit denen er hier und da beſetzt war, ein Trauergewand vorſtellen ſollte, und trug einen ſchlafenden Säugling, in ein karirtes Tuch gewickelt, auf dem Arm. Trotz ihrer Abmagerung beſaßen ihre Züge noch immer einige Annehmlichkeit und hätten ſogar ſchön genannt werden können, wären ihre Lippen nicht von jener widerwärtigen Röche geweſen, die den Branntweintrinkern eigenthümlich iſt, eine Röthe, die bei ihr durch die faſt leichenähnliche Farbe ihres Geſichts noch widriger ward. Sie konnte nicht viel über Zwanzig ſein, und obgleich Hunger und andere Leiden dem Einwirken der Zeit zuvorgekommen waren⸗ ihre Geſtalt abgezehrt und ihren Wangen ihre Blüthe und Friſche geraubt hatten, ſo hatten ſie doch nicht den Glanz ihrer Augen verdunkelt, noch ihr rabenſchwarzes Haar gelichtet. Sie hatte gegen einen Huſten von übler Vorbedeutung an⸗ zukämpfen, der ſie von Augenblick zu Augenblick zu unter⸗ brechen drohte, indem ſie einige Abſchiedsworte an ihren Begleiter richtete, welcher ſich noch unter der Hausthür auf⸗ hielt, als ob er etwas auf dem Herzen habe, das er nicht gut anzubringen wußte. „Nun, gute Nacht, Herr Wood,“ ſagte ſie in dem tiefen, heiſeren Tone der Auszehrung;„möge Gott der All⸗ mächtige Sie für Ihre Güte belohnen und ſegnen! Sie find Die Wittwe und ihr Kind. 3 meinem armen Manne der beſte Herr geweſen, und jetzt haben Sie ſich ſeiner Wittwe und ſeiner Waiſe als der beſte Freund bewieſen.“ „Schon gut! ſprechen wir nicht weiter davon,“ verſetzte der Mann haſtig.„Ich habe nur meine Pflicht gethan und verdiene und verlange Euren Dank nicht. Wer den Armen giebt, leihet dem Herrn! Das iſt mein Troſt. Und die ge⸗ ringe Hülfe, welche ich leiſten kann, hätte ich Euch ſchon längſt angeboten, wenn ich gewußt hätte, wo Ihr ein Unter⸗ kommen geſucht habt nach Eures unglücklichen Mannes—“ „Hinrichtung, wollten Sie ſagen, Sir,“ ergänzte Miſtreß Sheppard mit tiefem Seufzer, als ſie ſah, daß ihr Wohl⸗ thäter dies Wort auszuſprechen anſtand.„Sie ſchonen die Gefühle der Verbrecherwittwe mehr, als nöthig iſt. Ich bin die Schande, ſo wie das Unglück, gewohnt, und gegen beides gefühllos geworden; aber ich bin kein Mütleiden ge⸗ wohnt und weiß nicht, wie ich es aufnehmen ſoll. Mein Herz würde ſprechen, wenn es könnte, denn es fließt über. Es gab eine Zeit, vor vielen, vielen Jahren, wo mir bei dem bloßen Gedanken an eine ſolche Großmuth, wie die Ihrige, die Thränen unwillkürlich aus den Augen geſtrömt ſein würden; aber jetzt kommen ſie nicht mehr. Seit jenem Tage habe ich nicht wieder geweint.“ „Und ich hoffe, Ihr werdet nie wieder Urſache haben zu weinen, arme Frau,“ entgegnete Wood, die Laterne hin⸗ ſetzend und ſich eine Thräne aus den Augen wiſchend;„es müßten denn Freudenthränen ſein. Pah!“ fuhr er fort, in⸗ dem er ſeine Rührung mit Gewalt zu unterdrücken ſuchte, „ich kann Euch nicht ſo verlaſſen. Ich muß noch ein Paar Augenblicke bleiben, wäre es auch nur, um Euch heiter zu ſehn.“ Bei dieſen Worten ging er wieder in das Haus, machte die Thür zu und ſchritt mit der Wittwe nach dem Kamine, 3 ——— — —ꝓ½Y—“— ˙ 5. N ——— 2 2 2—————— 4 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. wo eine Handvoll Späne, dem Anſcheine nach eben erſt angezündet, hinter dem verroſteten Gitter praſſelten. Das Zimmer, in welchem dieſe Zuſammenkunft ſtatt⸗ fand, hatte ein ſchmutziges, elendes Ausſehen. Halbverfault und mit einer dicken Schmutzlage überzogen, gewährte der Fußboden nur wenig Sicherheit; die nackten Wände waren über und über mit wunderlichen Zeichnungen bedeckt, von denen die bedeutendſte Nebukadnezars Beſtrafung vorſtellte. Die übrigen beſtanden aus hieroglyphiſchen Schriftzeichen mit Rothſtift oder Kohle. Die Decke war an mehreren Stellen geſunken, die Latten fehlten, und wo der Bewurf noch da war, hatte ihn entweder die Feuchtigkeit aufgebauſcht oder er war mit ſtaubigen Spinnweben behangen. Auf einer alten wurmſtichigen Bettſtelle lag eine unſaubere, zuſammen⸗ geflickte Decke, und auf der Decke eine ſchwarze Haube und Mäntelchen, ein Schnürleib von jener unbeholfenen Größe, wie ſie zu Anfang des verfloſſenen Jahrhunderts Mode war, und einige andere weibliche Kleidungsſtücke. Auf einem kleinen Geſtell zu Füßen des Bettes ſtanden ein Paar leere Fläſchchen, ein geſprungenes Waſchbecken, ein brauner Krug ohne Griff, eine kleine blecherne Kaffeekanne, eine Taſſe voll Schminke, ein abgebrochenes Stück Spiegel und eine Flaſche mit der Aufſchrift: Ratafia. Ueber dem Kamine war ein Zettel angeklebt, der ſich ankündigte, als„die letzten Worte und Bekenntniſſe des berüchtigten Einbrechers Tom Sheppard, hingerichtet zu Ty⸗ burn am 25ſten Februar 1703.“ Dieſes Plakat war mit dem Bildniß des unglücklichen Verbrechers auf der Richt⸗ ſtätte in ſchlechtem Holzſchnitt verziert. An der einen Seite dieſes Zettels war ein Bild der regierenden Königin Anna über dem Porträt Wilhelms des Dritten angeheftet, deſſen Habichtsnaſe, ſtechende Augen und üppige Perrücke dicht über dem Diadem der Königin hervorſahen. An der andern Die Wittwe und ihr Kind. 5 erweckte eine jämmerliche Abbildung des Chevalier de Saint⸗ George oder wie er in der Unterſchrift genannt wurde, Jacob des Dritten, den Verdacht, daß die Bewohnerin des Hauſes nicht ganz frei von einigem Hange zum Jacobitismus war. Unter dieſen Kupferſtichen bildete eine Gruppe in die Wand geſchlagener Zwecken gewiſſe Buchſtaben, deren rich⸗ tige Entzifferung zu den Worten:„Paul Groves, Schuſter“ führte, und unter dem Namen las man die folgende Denk⸗ ſchrift in Bezug auf das Geſchick des armen Schelms:„Hat ſich in dihſe Stube von wägen des Schnapps ufgehänkt;“ daneben eine Skizze des unglücklichen Selbſtmörders, wie er an einem Balken hängt. Ein Dreierlicht, auf eine Flaſche geſteckt, verbreitete ſeinen ſchwachen Glanz über den Tiſch, der, Dank Herrn Wood's vorſorglicher Güte, viel beſſer mit Lebensmitteln verſehen war, als man ſonſt hätte erwarten dürfen, und ſich eines Brodes, eines Schinkens, einer Fleiſch⸗ paſtete und einer Flaſche Wein rühmen konnte. „Ihr habt nur eine traurige Wohnung, Miſtreß Shep⸗ pard,“ ſagte Wood im Zimmer umherblickend, während er ſeine Hände über dem kärglichen Feuer ausbreitete. „Sie iſt kläglich genug, Sir,“ verſetzte die Wittwe, „aber ſo ärmlich ſie iſt, iſt ſie doch beſſer, als die kalten Steine und die freie Straße.“ „Freilich— freilich,“ entgegnete Wood haſtig,„das ſchlechteſte iſt beſſer als das. Aber trinkt einen Schluck Wein,“ nöthigte er ſie, indem er einen Trinkbecher füllte und ihr hinhielt,„es iſt guter Kanarienwein und wird Euch wohl thun. Kommt, ſetzt Euch zu mir, meine Liebe, und laßt uns ruhig mit einander plaudern. Wenn die Sachen am ſchlimmſten ſtehen, müſſen ſie ſich beſſern. Nehmt mein Wort darauf, Eure Sorgen ſind jetzt zu Ende.“ „Ich hoffe es, Sir,“ antwortete Miſtreß Sheppard mit mattem Lächeln und zweifelhaftem Kopfſchütteln, als Wood 3 —— 6 Erſter Abſchnitt. 1703. Ivnathan Wild. ſie auf einen Stuhl neben ſich nöthigte;„ich habe meinen vollen Antheil am Elend getragen, aber ich erwarte keinen Frieden dieſſeit des Grabes.“. „Unſinn,“ rief Wood;„ſo lange man lebt, hofft man. Laßt den Muth nicht ſinken. Ueberdies,“ fügte er hinzu, indem er den Shawl aus einander ſchlug, in den das Kind gewickelt war,„iſt es eine Sünde, ſich zu grämen, wenn man ſolch ein Kind zum Troſte hat. Gott helf ihm! er iſt das leibhafte Ebenbild ſeines Vaters. Wie der Tiſchler⸗ meiſter, ſo die Späne.“ „Dieſe Aehnlichkeit iſt hauptſächlich an meinem Elend Schuld,“ erwiederte die Wittwe ſchaudernd.„Wäre das nicht, ſo würde er mir gewiß ein Segen und ein Troſt ſein. Er ſchreit nie, wie die Kinder ſonſt wohl thun, ſondern liegt mir ſo ruhig, wie Sie ihn jetzt ſehen, an der Bruſt oder auf dem Schooß. Aber wenn ich ſein unſchuldiges Geſicht anſehe, wie ähnlich er ſeinem Vater iſt,— und wenn ich an das ſchimpfliche Ende dieſes Vaters denke und mich erinnere, wie frei von Schuld er einſt war— dann will mich die Verzweiflung überwältigen, Herr Wood; und ſo theuer mir auch das Kind iſt, weit theurer als mein eignes Leben, ſo habe ich doch zum Himmel gebetet, ihn lieber zu ſich zu nehmen, als ihn zum Mann werden zu laſſen und, wie ſeinen Vater, in Verſuchung zu führen,— lieber, als ihn ſo gottlos leben und ſo ſchmachvoll ſterben zu laſſen. Und wenn ich ihn vor meinen Augen verkümmern ſah, wie er jeden Tag magerer und magerer ward, ſo habe ich zuweilen geglaubt, daß mein Gebet erhört würde.“ „Heirathen und Hängen iſt ein Ding des Schickſals,“ bemerkte Wood nach einer Pauſe;„aber ich hoffe, Euer Kind wird ein beſſeres Loos haben, als das eine oder das andere, Miſtreß Sheppard.“ Die letzte Hälfte dieſes Satzes ſprach er mit ſo viel — ² Bedeutung, daß ein Lauſcher daraus hätte abnehmen mögen, Herr Wood habe es in ſeiner Ehe eben nicht zum glücklich⸗ ſten getroffen. „Nur der Himmel weiß, was ihm vorbehalten iſt. 5 verſetzte die Wittwe niedergeſchlagen,„aber wenn Mynheer van Galgebrok, den ich geſtern Abend in den Gekreuzten Schippen traf, die Wahrheit geſagt hat, ſo wird mein kleiner Jack nicht in ſeinem Bett ſterben.“ „Gott beſchütz uns!“ rief Wood.„Wer iſt denn dieſer Van Gal— Gal— was hat er doch für einen auslän⸗ diſchen Namen?“ „Van Galgebrok,“ antwortete die Wittwe.„Es iſt der berühmte holländiſche Hexenmeiſter, der König Wilhelm am vorletzten Februar ſeinen Tod einen Monat vorherſagte und ausgab, daß ein anderer Prinz über dem Waſſer bald wieder zu ſeinem Eigenthum kommen würde; wofür er nach Newgate geſchickt und ausgepeitſcht ward. Er hieß damals anders, ich glaube Richard Scharprichter. Seine Mitge⸗ fangenen nannten ihn zum Scherz den Galgenverſorger, weil er es mit allen denen hielt, die einſt am Galgen ſterben mußten. Man wußte, daß er ſich nie irrte, und fürchtete ihn deshalb, wie das Gefängnißfieber. Er fand meinen armen Mann aus einem Haufen von andern Verbrechern heraus; und Sie wiſſen, Sir, daß er in dieſem Fall richtig vorausgeſehen hatte.“ „Ei, wirklich,“ erwiederte Wood mit einem Blick, der zu ſagen ſchien, es hätte dazu keiner großen Prophetengabe bedurft, das Schickſal der genannten Perſon vorauszuſehen; aber was er auch denken mochte, er begnügte ſich damit, nach den Gründen der böſen Weiſſagung in Bezug auf das Kind zu fragen.„Woraus ſchloß der Menſch das, wie, Johanne?“ fragte er. „Aus einem ſchwarzen Mal, wie ein Sarg, unter dem Die Wittwe und ihr Kind. 7 8 Erſter Abſchnitt. 1703. Inathan Wild. rechten Ohr, was ein ſchlimmes Zeichen iſt, und aus einem tiefen Einſchnitt, der wie eine Schlinge mitten um den linken Daumen herumgeht, was noch ſchlimmer iſt,“ erwiederte Miſtreß Sheppard.„Es iſt freilich nicht zum Verwundern, daß das arme kleine Ding ſo gezeichnet iſt; denn als ich in dem Frauengefängniß in Newgate lag, wo er zur Welt kam, ſah ich wachend oder ſchlafend nichts als Galgen, Särge und Stricke und ſolche ſcheußliche Erſcheinungen um mich herumtanzen. Und dann wiſſen Sie auch, Sir,— oder vielleicht wiſſen Sie es nicht, daß der kleine Jack einen Monat vor ſeiner Zeit geboren wurde, grade an dem Tage, wo ſein armer Vater den letzten Gang machte.“. „Gott ſegnehuns!“ rief Wood,„wie ſchrecklich! Nein, das wußte ich nicht.“ „Sie können die Zeichen an dem Kinde ſelbſt ſehen, Sir, wenn Sie wollen,“ ſagte die Wittwe. „Den Teufel auch!— nein!“ rief Wood ungeduldig. „Ich glaubte nicht, daß Ihr Euch ſo leicht etwas aufbinden laſſen würdet, Johanna.“ „Aufbinden over nicht,“ entgegnete Miſtreß Sheppard geheimnißvoll,„der alte Van hat mir eins geſagt, was ſchon eingetroffen iſt.“ „Und was war das?“ fragte Wood neugierig. „Er ſagte mir, ich glaube zum Troſt nach dem Schrecken, den er mir eingejagt hatte, daß das Kind in den nächſten vierundzwanzig Stunden einen Freund finden würde, der ihm ſein Lebenlang beiſtände.“ „Ein Freund iſt leichter verloren, als gewonnen,“ er⸗ wiederte Wood,„aber inwiefern iſt dies eingetroffen, Johanna?“ „Ich glaubte, Sie würden es errathen, Sir,“ entgeg⸗ nete die Wittwe ſchüchtern.„Ich weiß, daß der kleine Jack außer mir nur einen Freund auf der Welt hat, und das iſt mehr, als ich geſtern von ihm ſagen durfte. Aber Sie wiſſen ——— —— ——— Die Wittwe und ihr Kind. 9 noch nicht alles; denn der alte Van ſagte etwas davon, daß das Kind ſeinem neuen Freund beim erſten Zuſammentreffen das Leben retten würde; aber wie das zugehen ſollte, kann ich nicht ſagen.“ „So wenig wie ein anderer vernünftiger Menſch,“ er⸗ wiederte Wood lachend.„Es iſt nicht gut vorauszuſehen, wie ein Säugling von neun Monaten mein Leben retten ſoll, wenn ich ſein Freund wäre, wie Ihr anzudeuten ſcheint, Miſtreß Sheppard. Aber noch habe ich nicht verſprochen, ihm beizuſtehen, und will es auch nicht, wenn er nicht ein ehrlicher Junge wird,— hört Ihr wohl. Von allen Kün⸗ ſten,— und es war die einzige Kunſt, die ſein armer Vater, der, zu ſeiner Gerechtigkeit ſei es geſagt, einer der beſten Arbeiter war, die je eine Säge handhabten oder einen Nagel einſchlugen, nie erlernen konnte,— von allen Künſten, ſage ich, iſt die Haupitkunſt die, ein ehrlicher Mann zu ſein. So lange Euer Sohn dieſe Vorſchrift befolgt, will ich ſein Freund ſein, aber länger nicht.“ „Ich wünſche mir nichts mehr, Sir,“ erwiederte Miſtreß Sheppard ſanft. „Es giebt ein altes Sprichwort,“ fuhr Wood aufſtehend und an das Feuer tretend fort;„es ſagt:„Nimm ein fremdes Kind in den Buſen und es wird dir am Ellbogen heraus⸗ kriechen. Aber ich gebe nichts drauf, weil ich denke, es bezieht ſich auf Jemand, der eine Wittwe mit Anhang hei⸗ rathet, und das iſt bei mir nicht der Fall, wie Ihr wißt.“ „Nun, Sir,“ athmete Miſtreß Sheppard hoch auf. „Nun, meine Liebe, ich habe Euch einen Vorſchlag wegen dieſes Kindes zu machen, der Euch vielleicht ange⸗ nehm iſt, vielleicht auch nicht. Er iſt wenigſtens gut ge⸗ meint, und ich hätte ihn ſchon vor fünf Minuten gemacht, wenn Ihr mir die Gelegenheit dazu gegeben hättet.“ — — —— ——— —— 10 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. „Bitte, kommen Sie zur Sache, Sir,“ ſagte Miſtreß Sheppard, von dieſer Einleitung etwas beunruhigt. „Nur Geduld, Johanna. Je mehr Haſt, deſto weniger Eile. Aber um die Sache kurz zu machen, mein Vorſchlag iſt dieſer:— Euer Balg da hat mir gefallen, und da ich ſelbſt keine Kinder habe, ſo will ich den Jungen mit Eurer und Miſtreß Wood's Genehmigung(denn ich thue nichts ohne meine Frau) zu mir nehmen, ihn erziehen und in meinem eigenen Handwerk als Tiſchler anlernen.“ Die arme Wittwe ließ den Kopf finken und drückte ihr Kind dicht an die Bruſt. „Nun, Johanna,“ ſagte der wohlwollende Handwerker, nachdem er ſie einige Augenblicke feſt angeblickt hatte,„was ſagt Ihr dazu?— Wer ſchweigt, willigt ein, nicht ſo?“ Miſtreß Sheppard wollte ſprechen, aber die Rührung erſtickte ihre Stimme. „Soll ich das Kind mitnehmen?“ drängte Wood halb im Ernſt, halb im Scherz. „Ich kann ihn nicht von mir laſſen,“ erwieverte die Wittwe, in Thränen ausbrechend;„nein, nein, ich kann es nicht.“ „So habe ich doch ein Mittel gefunden, ſie zu rühren,“ dachte der Tiſchlermeiſter;„dieſe Thränen werden ihr jeden⸗ falls Erleichterung verſchaffen. Nicht von Euch laſſen!“ fuhr er laut fort.„Ich will ihm wie ein zweiter Vater ſein, ſage ich Euch. Bedenkt, was der Hexenmeiſter geſagt hat.“ „Ich bedenke es, Sir,“ antwortete Miſtreß Sheppard, „und bin Ihnen für Ihr Anerbieten dankbar. Aber ich darf es nicht annehmen.“ „Dürft es nicht annehmen?“ wiederholte der Tiſchler⸗ meiſter,„ich verſtehe Euch nicht.“ „Ich meine, Sir,“ antwortete Miſtreß Sheppard mit unruhiger Stimme,„wenn ich mein Kind verlöre, ſo würde Die Wittwe und ihr Kind. 11 ich alles verlieren, was ich in der Welt beſitze. Ich habe nicht Vater, Mutter, Bruder, Schweſter, noch Mann,— ich habe nur ihn.“ „Wenn ich ihn Euch nehmen will, meine gute Frau, ſo iſt es, um ſein Loos zu beſſern, denke ich doch, nicht wahr?“ verſetzte Wood ärgerlich; denn, obgleich er nicht die ernſtliche Abſicht hatte, ſeinen Vorſchlag auszuführen, ſo beleidigte ihn doch ihre Weigerung.„Es iſt ein Anerbieten,“ fuhr er fort,„das ich wohl nicht alle Tage im Jahr machen, oder Ihr erhalten werdet.“ Und indem er einige Bemer⸗ kungen über die Widerſprüche der Weiber vor ſich hinmur⸗ melte, war er eben im Begriff, ſich noch einmal zu entfernen, als Miſtreß Sheppard ihn aufhielt. „Geben Sie mir Zeit bis morgen,“ bat ſie,„und wenn ich mich dazu zwingen kann, ſo ſollen Sie ihn ohne ein Wort weiter haben.“ „Bedenkt Euch nur,“ erwiederte Wood brummend,„es hat ja keine Eile.“ „Sein Sie mir nicht böſe, Sir,“ flehte die Wittwe, bitterlich ſchluchzend.„Ich weiß, daß ich Ihre Güte nicht verdiene; aber wenn ich Ihnen ſagen ſollte, welche Mühſe⸗ ligkeiten ich durchgemacht habe,— zu welchen fürchterlichen Hülfsmitteln ich getrieben worden bin und welcher Schande ich mich habe ausſetzen müſſen, um eine kärgliche Nahrung für dies Kind zu gewinnen,— wenn Sie wüßten, was es heißt, allein auf dieſer Welt zu ſtehen, verlaſſen von allen, die mich einſt liebten, und gemieden von denen, die mich einſt kannten, außer. von den Schlechten und Elenden,— wenn Sie wüßten, wie der Kummer die Liebe erhöht, und wie viel theurer mir dies Kind durch jedes Opfer geworden iſt, das ich ihm gebracht habe,— wenn ich Ihnen alles dies ſagte, ſo würden Sie mich gewiß eher bemitleiden, als tadeln, daß ich mich nicht gleich in eine Trennung finden ———.—— 12 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. kann, die mir, ich fühle es, das Herz brechen würde. Aber geben Sie mir bis morgen Zeit, nur bis morgen,— vielleicht werde ich mich dann von ihm trennen können.“ Der würdige Tiſchlermeiſter war jetzt viel böſer auf ſich ſelbſt, als er vorher auf Miſtreß Sheppard geweſen war, und ſobald er ſeine Gefühle beherrſchen konnte, die ſie durch die Aufzählung ihrer Leiden gewaltig in Aufruhr gebracht hatte, drückte er ihr gütig die Hand, verwünſchte von Herzen ſeine Unmenſchlichkeit und ſchwor, daß er ſie weder von ihrem Kinde trennen, noch durch Jemand anders trennen laſſen wollte. „Weiß Gott!“ ſagte er,„ich wollte Euch nur prüfen, ob Ihr ihn wirklich ſo lieb hättet, als ihr ſagtet. Es war unrecht von mir, die Sache ſo weit zu treiben. Aber die Reue macht den Fehler ſelten wieder gut. Es kann eine Zeit kommen, wo der kleine Bengel meine Hülfe nöthig hat und verlaßt Euch drauf, er ſoll in Owen Wood immer einen Freund finden.“ Indem er ſo ſprach, klopfte er dem kleinen Säugling auf die Backen und weckte ihn dadurch wider Willen aus ſeinem Schlummer. Das Kind öffnete ein Paar große ſchwarze Augen, die es einen Augenblick lang auf Wood heftete, und ſtieß einen leiſen, melancholiſchen Schrei aus. Die Liebko⸗ ſungen ſeiner Mutter, der es ſeine magern Aermchen, wie um Schutz flehend, entgegenſtreckte, beruhigten es bald. „Ich glaube, er würde mich nicht verlaſſen wollen, ſelbſt wenn ich mich von ihm trennen könnte,“ bemerkte Miſtreß Sheppard durch ihre Thränen lächelnd. „Wahrſcheinlich nicht,“ ſtimmte der Tiſchlermeiſter ein. „Keine beſſere Freundin als eine Mutter.“ „Das iſt wahr,“ verſetzte Miſtreß Sheppard,„und wenn ich nicht Mutter geweſen wäre, ich hätte den unglück⸗ lichen Tag nicht überlebt, an dem ich Wittwe ward.“ Die Wittwe und ihr Kind. 13 „Ihr müßt nicht weiter dran denken, Miſtreß Sheppard,“ ſagte Wood in beruhigendem Ton. „Ich kann nicht anders, Sir,“ antwortete die Wittwe. „Ich kann mir den letzten Blick des armen Tom nicht aus dem Gedächtniß ſchlagen, wenn ich mich nicht auf irgend eine Art zu betäuben ſuche. Das traurige Geläute der Armen⸗ ſünderglocke ſchallt mir ewig in den Ohren— oh!“ „Wenn das iſt,“ bemerkte Wood,„ſo wundert es mich, daß Ihr das häßliche Bild über dem Kamin immer unter den Augen haben mögt.“ „Ich habe gute Gründe dazu, Sir; aber fragen Sie nicht danach, wenn Sie mich nicht zum Wahnfinn treiben wollen,“ entgegnete Miſtreß Sheppard außer ſich. „Nun gut, wir wollen nicht weiter davon ſprechen,“ erwiederte Wood.„Um zu etwas Andern zu kommen, Jo⸗ hanna, nehmt meinen Rath an und ſucht auf keinen Fall in ſtarken Getränken Troſt. Es iſt wahr, ein Nagel treibt den andern aus; aber der ſchlechteſte Nagel, den Ihr finden könnt, iſt ein Sargnagel. Der Schnapps führt auf dem nächſten Wege zum Kirchhofe.“ „Mag ſein, aber was ſchadet's, wenn er nur die Ent⸗ fernung abkürzt und die Reiſe erleichtert,“ verſetzte die Wittwe, welche dieſer Vorwurf plötzlich beredt zu machen ſchien. „Denen, die gleich mir niemals im Stande geweſen find, die dunkeln, traurigen Pfade des Lebens zu verlaſſen, iſt das Grab wahrhaftig eine Zuflucht, und je eher ſie dahin kommen, deſto beſſer. Der Branntwein, den ich trinke, iſt vielleicht ein Gift,— vielleicht tödtet er mich; aber Hunger, Kälte und Elend,— meine eigenen Gedanken würden es nicht minder thun. Ohne ihn wäre ich von Sinnen ge⸗ kommen. Der Branntwein iſt der Freund des Armen,— ſein einziger Erſatz für den Luxus des Reichen. Er troſtet ihn, wenn er am betrü bteſten iſt. Er mag ein Verräther 14 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. ſein, er mag künftiges Leid anſammeln; aber er ſichert das Glück der Gegenwart und das iſt genug. Wenn ich als obdachloſe Umherſtreicherin durch die Straßen gegangen bin, von jeder Thür, wo ich um ein Almoſen gebettelt habe, mit Flüchen fortgejagt und von jedem Thorwege, wo ich Schutz geſucht habe, mit Schlägen vertrieben,— wenn ich in irgend ein verlaſſenes Gebäude gebrochen bin und meine müden Glieder, vergebens Ruhe ſuchend, auf einen Schutt⸗ haufen geworfen habe,— oder noch ſchlimmer, als alles das, wenn ich außer mir vor Noth der furchtbaren Verſu⸗ chung nachgegeben habe und mir auf die einzig mögliche Art eine Mahlzeit verſchaffte,— wenn ich mir in ſolchen Augen⸗ blicken das Herz zuſammenbrechen fühlte, dann habe ich von dieſem Getränk getrunken und auf einmal meine Sorgen, meine Armuth, meine Schuld vergeſſen. Alte Gedanken, alte Gefühle, alte Geſichter und alte Umgebungen kehrten mir wieder und ich hielt mich für glücklich,— ſo glücklich, wie ich jetzt bin.“ Und hier ſchlug ſie ein wildes, krampf⸗ haftes Gelächter auf. „Armes Geſchöpf!“ rief Wood.„Nennt ihr dieſe wahn⸗ finnige Gluth Glückſeligkeit?“ „Es iſt die ganze Glückſeligkeit, die ich ſeit Jahren kenne,“ entgegnete die Wittwe, plötzlich ruhig werdend,„und. fie iſt kurz genug, wie Sie ſehen. Ich will Ihnen was ſagen, Herr Wood,“ fügte ſie mit hohler Stimme und geſpenſtiſchem Blick hinzu,„der Schnapps mag ins Verderben ſtürzen, aber ſo lange es Armuth, Laſter und Mißhandlungen giebt, ſo lange wird er immer getrunken werden.“ „Gott verhüte es!“ rief Wood inbrünſtig aus und fuhr mit einiger Eile fort, als fürchte er ſich, dieſe Unterredung zu verlängern,„aber ich muß gehen, ich bin ſchon zu lange geblieben. Ihr ſollt morgen von mir hören.“ „Einen Augenblick!“ ſagte Miſtreß Sheppard, ihn noch Die Wittwe und ihr Kind. 15 einmal anhaltend.„Ich erinnere mich eben, daß mein Mann mir einen Schlüſſel gelaſſen hat, den ich Ihnen bei der nächſten Gelegenheit geben ſollte.“ „Einen Schlüſſel!“ rief Wood begierig.„Ich habe vor einiger Zeit einen ſehr werthvollen verloren. Wie ſieht er aus?“ „Es war ein kleiner Schlüſſel mit einem ganz beſon⸗ dern Bart.“ „Ich möchte darauf ſchwören, daß er meiner iſt,“ ver⸗ ſetzte Wood.„Wer hätte gedacht, daß er ſich ſo unerwartet wieder finden würde?“ „Verlaſſen Sie ſich nicht eher darauf, als bis Sie ihn wieder haben,“ ſagte die Wittwe.„Soll ich ihn Ihnen holen, Sir?“ „Gewiß.“ „Dann müſſen Sie das Kind auf einen Augenblick in Acht nehmen, bis ich von der Dachkammer wiederkomme, wo ich ihn der Sicherheit wegen verſteckt habe,“ ſagte Miſtreß Sheppard.„Ich denke, ich kann es Ihnen anvertrauen.“ „Verlaßt ihn nicht, meine Liebe, wenn Ihr Euch irgend fürchtet,“ erwiederte Wood, die kleine Bürde lächelnd über⸗ nehmend.„Armes Weib!“ murmelte er, als ſie fort war, „ſie hat gewiß beſſere Tage gehabt, als ſie je wieder haben wird. Sonderbar, daß ich nie etwas von ihren früheren Umſtänden erfahren habe. Tom Sheppard war immer ein verſchloſſener Burſche und wollte nie ſagen, wen er gehei⸗ rathet hätte. So viel iſt gewiß, daß ſie viel zu gut für ihn war und nicht zu einer Tiſchlergeſellenfrau gemacht war, viel weniger zu dem, was fſie jetzt iſt. Sie hat das Herz auf dem rechten Fleck, und da mag das Uebrige wohl noch gut gehen— das heißt, wenn fie ihre jetzige Krankheit überſteht. Ein trockener Huſten verkündet den Tod. Wenn das wahr iſt, ſo hat ſie es nicht mehr lange zu machen. Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. 16 Was dieſen kleinen Kerl betrifft, ſo ſoll er trotz dem Hol⸗ länder, der meiner Meinung nach mehr ein Jakobit als ein Hexenmeiſter und mehr ein Schurke, als alles beides iſt, niemals das eichene Pferd reiten, ſo lange ich es hindern kann.“ Sein Gedankenlauf ward hier von einem lauten Weh⸗ 1 geſchrei des Kindes unterbrochen, welches in Ermangelung der zarten Beſänftigung, an die es gewöhnt war, ſeine Stimme auf das kräftigſte erhob und ſeine ganze kleine Stärke aufbot, um ſich loszumachen. Einige Minuten lang ließ Herr Wood ſeinen kleinen Pflegling auf⸗ und nieder⸗ tanzen, indem er zugleich die beruhigenden Wirkungen eines Wiegenliedes in Anwendung brachte, aber als er alles miß⸗ glücken ſah, verlor er am Ende die Geduld und reizbar, obgleich wohlmeinend, wie er von Natur war, hob er das unglückliche kleine Weſen in die Höhe und ſchüttelte es ſo derb, daß er es beinahe aufs erfolgreichſte zum Schweigen 3 brachte. Eine kurze Stille erfolgte; aber mit wiederkehrendem Athem, kam auch das Geſchrei wieder; und von einer ſchwachen Hoffnung getrieben, es durch Abwechſelung der Umgebung zu beſchwichtigen, nahm der Tiſchler ſeine Laterne auf, öff⸗ nete die Thür und ging hinaus. Zweites Kapitel. Miſtreß Sheppard's Wohnung ſtand am Ende einer ſchmutzigen Gaſſe, die von der Münzſtraße an nach vielen Windungen längs einer tiefen Grube nach den St. Georgs⸗ feldern hinlief. Die Nachbarhäuſer waren von der niedrigſten 6 Klaſſe von bankerotten Krämern, Dieben, Bettlern und andern 3 ſchlechtem Gefindel bewohnt, welches ſich hierherzog, um 1 theils ſeinen Gläubigern, theils der Strafe für ſeine Ver⸗ Die alte Münze. Die alte Münze. 17 gehen zu enifliehen; denn wir müſſen bemerken, daß wenn die alte Münze gleich durch ein vor Kurzem erlaſſenes Statut aus der Regierung Wilhelm des Dritten einiger ihrer Vor⸗ rechte als Aſyl beraubt worden war, fie doch dem Schuldner immer noch eine ſichere Zufluchtsſtätte darbot und daß erſt gegen die Mitte der Regierung Georgs des Erſten, als das Uebel zu ſchreiend ward, eine zweite vernichtendere Verordnung ihre Privilegien ganz aufhob. In Folge der auf dieſe Weiſe der Schlechtigkeit gebotenen Ermunterung und der dem Ver⸗ brechen gewährten Sicherheit war dieſes Viertel des Fleckens Southwark zur Zeit unſerer Geſchichte als der große Be⸗ hälter der überſtrömenden Schurkerei der Hauptſtadt berüch⸗ tigt. Von allen Orten von Vagabunden und Taugenichtſen bevölkert, war es vielleicht ein wenig ſchlimmer, als das Galgenneſt bei St. Giles und die verrufene Gegend des Saffran⸗Hügels in unſern Tagen. Und dennoch ſtand an eben dieſer Stelle, wo der Verbrecher ſich öffentlich niederließ und der betrügeriſche Schuldner dem Gegenſtand ſeiner Bü⸗ berei ins Geſicht lachte,— an eben dieſer Stelle ſtand keine zwei Jahrhunderte früher der fürſtliche Pallaſt von Karl Brandon, dem ritterlichen Herzoge von Suffolk, deſſen wackeres Herz ein Quell der Ehre war und deſſen Andenken Biederkeit und Tapferkeit athmet. Suffolk⸗Haus, wie Brandon's Pallaſt hieß, ward ſpäter von ſeinem königlichen Schwager, Heinrich dem Achten, zur Münze gemacht, und nach ſeiner Zerſtörung, als die Münze nach dem Tower verlegt ward, behielt der Bezirk, in welchem es geſtanden hatte, noch immer ſeinen Namen. Alt und verfallen, glich die Wohnung der Wittwe dem Bilde der Troſtloſigkeit und des Elends. Das Dach war zum Theil ohne Deckung, die Schornſteine ſchwankend, die Mauern eingeſunken und mit einem Balken gegen das Nach⸗ barhaus geſtützt; in den meiſten Fenſtern waren die Scheiben Ainsworth, Jack Sheppard. I. 2 ————— — ———— — 18 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. zerbrochen und durch Papier erſetzt, je hier und da waren die Einfaſſungen zerſtört und der Wind ſtrich frei durch die Oeffnungen. Im Erdgeſchoß waren die Läven zugemacht oder, beſſer geſagt, zugenagelt und boten einen ſeltſamen Anblick dar, indem ſie über und über mit alten Schuhſohlen, verroſteten Zwecken und Eiſenſtücken beſchlagen waren,— der erfinderiſche Einfall des vorigen Bewohners Paul Graves, deſſen wir oben erwähnt haben. Das unzeitige Ende dieſes armen Schelms hatte Miſtreß Sheppard in den Stand geſetzt, dieſe Wohnung zu beziehen. In einem durch die Trunkenheit veranlaßten Anfall von Verzweiflung nahm er ſich das Leben, und als man ſeinen Leichnam nach Verlauf von einigen Monaten entdeckte, machte dieſer Anblick einen ſolchen Eindruck und beſonders verurſachte der überirdiſche, unheimliche Lärm, den man Nachits in dem Hauſe hörte und natürlich dem Geiſte des Selbſtmörders zuſchrieb, einen ſolchen Schrecken, daß es davurch bald in Verruf kam und folglich unbewohnt blieb. In dieſem Zu⸗ ſtande fand Miſtreß Sheppard es und da Niemand etwas dawider hatte, ſo ſchlug ſie dort ihre Wohnung auf und entdeckte bald, daß das gefürchtete Geräuſch von der nächt⸗ lichen Kurzweil einer Legion Ratzen herrührte. Ein enger, von zwei niedrigen Mauern gebildeter Zugang führte zur Straße und in dieſem Gange ſtand Herr Wood, zu dem wir jetzt zurückkehren, mit ſeiner kleinen Bürde unter dem Schutz eines Wetterdachs. Da Miſtreß Sheppard nicht ſobald wiederkam, als er erwartete, ſo ward er ziemlich unwirſch und hielt es für angemeſſen, ſich ſo weit vom Hauſe zu entfernen, daß er die Fenſter im oberen Stockwerk überſehen könnte. In der Bo⸗ denkammer war ein Licht ſichtbar, das mühſam durch die dumpfe Atmoſphäre drang, denn die Nacht war rauh und bedeckt. Dieſes Licht blieb nicht an einer Stelle, ſondern Die alte Münze. 19 ſchimmerte bald durch die Riſſe des Dachs, bald durch die zerbrochenen Scheiben. Wood konnte die Geſtalt der Wittwe nicht erkennen, aber er hörte ihren trockenen, abgebrochenen Huſten und wollte ſie eben herunterrufen, wenn ſie, wie er ſich dachte, den Schlüſſel nicht finden könnte, als er ein lautes Gepolter hörte, wie wenn eine Kiſte oder ſonſt etwas Schweres zu Boden fiele. Ehe Wood ſich nach der Urſache dieſes Gepolters um⸗ thun konnte, ward ſeine Aufmerkſamkeit von einem Mann abgelenkt, der mit der Schnelligkeit der Verzweiflung vor dem Eingange vorüberſtürmte. Dieſe Perſon mußte auf Hinderniſſe geſtoßen ſein, denn ehe er einige Schritte weit vorüber war, kehrte er plötzlich um und lief den Gang hinein, in welchem Wood ſtand. Mit einigen unverſtändlichen Worten, denn er war ganz außer Athem, legte der Flüchtling dem Tiſchler ein Bündel in den Arm und begann ſich eines ſchweren Reitermantels zu entledigen, den er ihm, ohne auf ſeine Beſtürzung zu achten, über die Schultern warf, worauf er mit gezogenem Schwerte auf die Annäherung ſeiner Verfolger lauſchte. Das Aeußere des Ankömmlings war höchſt einnehmend und als ſeine Aufregung ſich etwas gelegt hatte, begann Wood ihn mit einiger Theilnahme zu betrachten. Offenbar in der Blüthe ſeines Alters, war ſeine Geſtalt ſo wohlge⸗ bildet, wie ſeine Geſichtszüge angenehm, und obwohl ſeine Kleidung ſchlicht und einfach war, ſo deutete ſie doch auf. deine Perſon höheren Ranges. Sein Wuchs war hoch und gebieteriſch und ſeine Miene ernſt und entſchloſſen. In dieſem Augenblick ſtieß das Kind, von dem Gewicht des Bündels faſt erſtickt, einen Schrei aus, auf den der Fremde aufmerkſam wurde. „Beim Himmel!“ rief er erſtaunt,„Sie haben da ein Kind?“ 20 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. „Nun freilich,“ antwortete Wood ärgerlich, denn als er ſah, daß der Fremde friedfertige Abſichten in Bezug auf ihn an den Tag legte, ſo glaubte er ohne Gefahr einige Keckheit beweiſen zu können.„Es iſt noch ein Glück, daß Sie das arme Ding nicht mit dieſem verwünſchten Sack todt⸗ gedrückt haben. Aber manche Leute nehmen auf Nichts Rückſicht.“ „Dies Kind kann mir vielleicht das Leben retten,“ murmelte der Fremde, wie von einem neuen Gedanken er⸗ griffen;„ich werde dadurch Zeit gewinnen. Wohnen Sie hier?“ „Das gerade nicht,“ antwortete der Tiſchlermeiſter. „Gleichviel. Die Thür ſteht offen, es iſt alſo nicht nöthig, um Erlaubniß zu bitten. Ha!“ rief der Fremde, als ſich in geringer Entfernung auf der Straße Lärm hören ließ,„es iſt kein Augenblick zu verlieren. Geben Sie mir das koſtbare Packet,“ hier nahm er Wood das Bündel wieder fort.„Wenn ich entkomme, will ich Sie belohnen. Ihr Name?“ „Owen Wood,“ antwortete der Tiſchler,„ich brauche mich ſeiner nicht zu ſchämen. Und nun Tauſch für Tauſch, Sir. Der Ihrige?“ Der Fremde zauderte. Der Lärm näherte ſich und Fackellicht glänzte an den Giebeln der Nachbarhäuſer. „Ich heiße Darrell,“ ſagte er haſtig.„Aber wenn man Sie findet, laſſen Sie ſich bei Gefahr Ihres Lebens auf keine Fragen ein. Hüllen Sie ſich in meinen Mantel und behalten Sie ihn. Wohlgemerkt, kein Wort!“ Hiermit ſtieß er die Laterne zu Boden und löſchte das Licht aus. Einen Augenblick ſpäter hatte er die Thür ver⸗ ſchloſſen und verriegelt und der Tiſchler befand ſich allein. „Gnade mir Gott!“ rief er fröſtelnd.„Am Ende hatte der Holländer Recht.“ Kaum hatte er dieſen Ausruf gethan, ſo knallte eine Piſtole und die Kugel ſauste an ſeinen Ohren vorbei. „Ich habe ihn!“ rief eine triumphirende Stimme. * Die alte Münze. 21 Ein Mann ſtürzte in den Gang, packte den unglücklichen Tiſchler beim Kragen und ſetzte ihm ein Schwert auf die Bruſt. Ihm eilten etwa ein halbes Dutzend andere mit Fackeln nach. „Mörder!“ ſchrie Wood und ſuchte ſich von ſeinem An⸗ greifer loszumachen, der ihn faſt erdroſſelte. „Donnerwetter!“ rief einer der Anführer wüthend, indem er einem Diener eine Fackel entriß und damit dem Tiſchler ins Geſicht leuchtete,„das iſt der Schurke nicht, Sir Cecil.“ „Das ſehe ich, Rowland,“ erwiederte dieſer mit tiefem Verdruß und ließ die Fauſt los.„Ich hätte darauf ſchwören wollen, daß er hier in den Gang lief. Und wie kommt dieſer Kerl zu ſeinem Mantel?“ „Es iſt ſein Mantel, wahrhaftig,“ entgegnete Rowland. „Hört, Burſche,“ fragte er Wood hochmüthig,„wo iſt die Perſon, von der Ihr den Mantel habt?“ „Einem Menſchen den Hals zuzuſchnüren, iſt ein ſchlechtes Mittel, ihn zum Antworten zu zwingen,“ erwiederte der Tiſchler trotzig.„Wenn Sie nicht höflicher find, werden Sie nichts aus mir herausbringen, darauf verlaſſen Sie ſich.“ „Wir verlieren unſere Zeit mit dieſem Menſchen,“ ver⸗ mittelte Sir Cecil,„und werden unſern Zweck verfehlen. „Der Geſuchte hat ſich gewiß in dies Haus geflüchtet.“ Eben jetzt fing der Säugling jämmerlich an zu ſchreien. „St! Hören Sie wohl?“ rief Rowland, ſeinen Begleiter zurückhaltend.„Wir find auf der rechten Fährte. Der Fuchs kann nicht weit ſein, da wir ſein Junges haben.“ Bei dieſen Worten riß er den Mantel von Woods Schultern und wollte ſich des Kindes bemächtigen. Hieran hinderte ihn jedoch die Geſchicklichkeit des Tiſchlermeiſters, der ſich gewandt mit der Thür den Rücken deckte und wacker mit den Hacken dagegenſtampfte. „Johanna! Johanna!“ ſchrie er,„um Gotteswillen 22 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. öffnet die Thür, oder ſie morden mich ſammt Eurem Kinde! Schnell, öffnet die Thür!“ „Schlagt ihm auf den Kopf,“ donnerte Sir Cecil,„oder wir werden uns noch die Wache auf den Hals laden.“ „Hat nichts zu ſagen,“ verſetzte Rowland,„ſolches Ge⸗ würm darf ſich in dieſem privilegirten Bezirk nicht ſehen 1 laſſen. Alles, was wir zu befürchten haben, iſt ein Tumult.“ Dieſen Wink faßte Wood auf und verſuchte zu ſchreien, aber Rowland packte ihn wieder bei der Kehle feſt. „Verſucht es noch einmal und Ihr ſeid des Todes,“ rief dieſer.„Gebt das Kind heraus, und ich verſpreche Euch, daß Ihr ungeſchoren bleiben ſollt.“ “„Ich werde es nur ſeiner Mutter ausliefern,“ entgegnete Wood. „Teufel! Wollt Ihr mich zum beſten haben, Burſche?“ rief Rowland wüthend.„Gebt mir das Kind oder—“ Hier öffnete ſich die Thüre und Miſtreß Sheppard wankte heraus. Sie war bläſſer als vorher, aber in ihrer Miene war nichts von jener Angſt zu entdecken, die man bei einem ſo ſchrecklichen Anblick an ihr hätte erwarten dürfen. „Nehmt hin und flieht,“ rief Wood ihr das Kind hin⸗ haltend. Miſtreß Sheppard ſtreckte die Arme mechaniſch aus, aber ehe ſie das Kind annehmen konnte, hatte Rowland es dem Tiſchler entriſſen. „Die Leute ſind alle mit ihm im Einverſtändniß,“ rief er.„Aber warten Sie nicht auf mich, Sir Cecil. Suchen Sie mit den Dienern das Haus durch. Ich werde den Balg 3 beſorgen.“ Dieſer Rath ward ſogleich befolgt. Der Ritter trat 3 mit ſeinem Gefolge in das Haus und ließ nur einen Fackel⸗ träger zurück. Die alte Münze. 23 „Davies,“ ſagte Rowland, ſeinem Bedienten das Kind mit einem bedeutſamen Blick übergebend. „Ich verſtehe, Sir,“ erwiederte Davies, ſich ein wenig zurückziehend. Dann ſetzte er die Fackel hin und begann ſich bevächtig das Halstuch loszubinden. „Großer Gott! Und Ihr wollt Euch das Kind vor den Augen erwürgen laſſen, ohne auch nur um Hülfe zu ſchreien?“ ſagte Wood, die Wittwe mit Staunen und Schandern an⸗ ſtarrend.„Weib, Ihr müßt den Verſtand verloren haben!“ Und ſo ſchien es auch, denn ſtatt aller Antwort mur⸗ melte ſie verwirrt vor ſich„Ich kann den Schlüſſel nicht finden.“ „Zum Teufel mit dem Schlüſſel!“ rief Wood.„Sie morden Euer Kind,— Euer Kind, ſage ich Euch. Verſteht Ihr denn nicht, Johanna?“ „Ich habe mir den Kopf geſtoßen,“ erwiederte Miſtreß Sheppard, die Hand an die Schläfe drückend. Und jetzt be⸗ merkte Wood erſt, daß das Blut ihr langſam über die Backen lief. Davies, der mit ſeinen Vorbereitungen zu Ende war, löſchte nun die Fackel aus. „Es iſt alles aus,“ ſtöhnte Wood,„und es iſt vielleicht am beſten, daß ſie nicht mehr bei Sinnen iſt. Aber ich will noch einen letzten Verſuch machen, das Kind zu retten, und ſollte es mir das Leben koſten.“ Und mit dieſem edelmüthi⸗ gen Entſchluß rief er ſo laut er konnte:„Gewalt! Gewalt! Hülfe! Hülfe!“ indem er dieſe Worte mit einem gellenden eigenthümlichen Schrei begleitete, der zu jener Zeit den Be⸗ wohnern dieſes Viertels wohl bekannt war. Dieſem Aufruf antwortete bald ein Horn an der nächſten Straßenecke.„Gewalt!“ wiederholte Wood.„Münze! Münze!“ „Tod und Teufel!“ rief Rowlann, einen wüthenden Stoß nach dem Tiſchlermeiſter führend, der ihm jedoch in 24 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. der Dunkelheit glücklich auswich,„wollt Ihr denn gar nicht— ſchweigen?“. „Hülfe!“ ſchrie Wood.„Gewalt!“ „Jungens heran!“ ſchallte eine rauhe Stimme herüber. „Alles auf den Beinen, mein Hühnchen. Fürchte dich nicht. Wir kriegen die Spürhunde, ehe ſie die Läufe rühren können.“ Und der Alarm verbreitete ſich immer weiter. Ein zweites Horn ertönte von der andern Seite der Straße, dieſem ant⸗ wortete ein drittes, und gleich darauf wiederholte ein viertes und entfernteres den Lärmruf. Eine Beſatzung, die in der Stille der Nacht beim plötzlichen Anrücken des Feindes unter die Waffen gerufen wird, hätte ſich nicht ſchneller ſammeln können. Karren rührten ſich, Laternen ſchimmerten durch das Dunkel, Fenſter und Thüren thaten ſich auf, und wie auf einen Zauberwink füllte ſich die Straße augenblicklich mit Perſonen beiderlei Geſchlechts, bewaffnet und bekleidet, wie es gerade der Augenblick geſtattete. Sie eilten nach dem Orte der vermeintlichen Verhaftung, indem ſie ſich gegenſeitig durch Geſchrei aufmunterten und Drohungen gegen die Ein⸗ 2 dringlinge ausſtießen. So wenig die Bevölkerung der Münze in der Regel auch irgend eine auf ihren Straßen verübte Gewaltthat be⸗ achtete, denn an dergleichen hatten ſie ſich durch ſein häufiges Vorkommen gewöhnt, ſo taub ſie ſich auch gegen das eben 3 ſtattgefundene Handgemenge vor Miſtreß Sheppards Thüre bewieſen hatten, ſo waren ſie doch jederzeit bereit, ihre Pri⸗ vilegien aufrecht zu erhalten und ſich einander gegen ihren gemeinſchaftlichen Feind, die Polizei, beizuſtehen. Nur durch ein ſolches Verfahren konnte, beſonders nach der obenerwähn⸗ ten Aufhebungsakte, die Unverletzlichkeit ihres Aſyls bewahrt werden. Die Diener des Geſetzes machten häufig Einfälle auf g ihr Gebiet, zuweilen mit Erfolg, aber öfter mit Verluſt, und außer mit Hülfe von Liſt oder Beſtechung gelang es nur Die alte Münze. 25 ſelten, nach der Redeweiſe des Herrn vom bekrönten Stabe, einen wichtigen Fang zu thun. Um ſich gegen Zufälle oder Ueberrumpelung zu ſchützen, ſtellten ſie an den drei Haupt⸗ ausgängen der Freiſtätte Wachen aus, um bei der mindeſten Gefahr das obenbeſchriebene Lärmzeichen zu geben, ſie rich⸗ teten Schlagbäume auf, die im Nothfall augenblicklich die Straßen ſperren konnten; die Gaſſen erhielten Thüren, die nur mit beſonderer Vorſicht geöffnet wurden; die Höfe waren mit Thorwegen verſehen, die Thorwege mit Pförtchen und die Pförtchen mit Riegeln. Die Hinterfenſter des Hauſes waren ſtark verrammt und beſtändig verſchloſſen, und an den ſchwächſten Stellen war die Feſtung überdies von hohen Mauern und tiefen Graben umgeben. Es gab auch ein Laby⸗ rinth(der Name exiſtirt heute noch), in das der Schuldner ſich verlaufen konnte und durch deſſen Windungen ihm der Gerichtsdiener unmöglich ohne Leitfaden folgen konnte. Man konnte die Münze, wenn man Luſt hatte, zu jeder Stunde betreten, aber Niemand durfte ſie verlaſſen, ohne ſich gehörig auszuweiſen oder einen Paß vom Meiſter vorzuzeigen. Kurz, dieſe verworfene Bande hatte die erfinderiſchſten Mittel an⸗ gewandt, um ſich vor Gefahr oder Ungelegenheiten zu be⸗ wahren. Whitefriars hatten ihre Vorrechte eingebüßt, Salis⸗ bury⸗Court und die Savoye boten dem Schuldner nicht hin⸗ länglichen Schutz mehr und es war daher doppelt nothwendig, die Privilegien der Inſel Bermuda, wie die Münze von ihren Bewohnern genannt ward, ſo lange als möglich aufrecht zu erhalten. Herr Wood war unterdeſſen nicht unthätig geblieben. Wohl einſehend, daß er keinen Augenblick verlieren durfte, wenn er das Kind retten wollte, ſtellte er ſein Rufen ein und näherte ſich trotz Rowlands heftigen Angriffen dem Diener, welchem er einen kräftigen Schlag auf den Kopf gab und das Kind entriß, das er zu ſeiner Freude noch wacker ſchreien hörte. 26 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. In dieſem Augenblick zeigte ſich Sir Cecil und ſein Gez folge auf der Schwelle. „Er iſt entwiſcht!“ rief der Ritter.„Wir haben alle Winkel im Hauſe vergebens durchſucht.“ „Zurück!“ rief Rowland.„Hören Sie den Lärm nicht? Das Geſchrei dieſes Kerls hat uns die ganze Bande von Galgenvögeln auf den Hals gezogen. Sie reißen uns in Stücke, wenn ſie uns finden. Davies!“ rief er ſeinem Diener zu, der ſich ernſtlich an Wood zu rächen anſchickte,„laß ihn laufen; komm' ins Haus und bringe die Frau mit. Sie kann uns vielleicht Auskunft geben.“ Davies gehorchte mit Widerſtreben und zog Miſtreß Sheppard mit ſich ins Haus, deſſen Thüre er verſchloß und verriegelte. Einen Augenblick ſpäter glänzte Fackelſchein in der Straße und ein wildes Toben, vermiſcht mit Waffengeklirr und Hörnergeſchnarr, kündigte die Ankunft der erſten Ab⸗ theilung von Münzern an. Herr Wood ſtürzte ihnen ent⸗ gegen.„Hurrah!“ rief er, freudig den Hut ſchwenkend. „Gerettet!“ „Ja! ja!'s iſt alles richtig, mein Hühnchen! du biſt gerettet, ſo viel iſt gewiß!“ antworteten die Münzer, wie eine Hundemeute um den Jäger kläffend, ſpringend, heulend und winſelnd;„aber wo ſind die Schleicher?“ „Wer?“ fragte Wood. „Die Fänger!“ entgegnete einer der Umſtehenden. „Die Schulterklopfer!“ fügte eine Dame hinzu, die ſich in der Eile unabſichtlich mit ihres Mannes Unterkleidern anſtatt mit ihren eigenen Röcken angethan hatte. „Die Spürhunde!“ donnerte ein großer Menſch, deſſen Wuchs und früherer Beruf ihm den Beinamen:„Der lange Viehtreiber von Boroughmarkt“ verſchafft hatten.„Wo ſind ſie?“ Die alte Münze. „Ja, ja, wo ſind ſie?“ fiel der Pöbel ein, ſeine ver⸗ ſchiedentlichen Waffen ſchwingend und die Fackeln empor⸗ hebend,„wir wollen ihnen rausleuchten!“ Herr Wood zitterte. Er fühlte, daß er einen Sturm erregt hatte, den er ſo leicht nicht wieder beſchwichtigen konnte. Er wußte nicht, was er ſagen oder thun ſollte und die drohenden Geberden der ihn umgebenden Wütheriche ver⸗ mehrten nur noch ſeine Verwirrung. „Ich verſtehe Sie nicht, meine Herren,“ ſtotterte er endlich. „Was ſagt er?“ brüllte der lange Treiber. „Er ſagt, er verſteht kein Rothwelſch,“ erwiederte die Dame in Herrenkleidern. „Still mit Eurem verdammten Gewäſch!“ ſagte ein junger Mann, deſſen dunkles Geſicht beim Fackellicht wie das eines Mulatten ausſah.„Ihr macht ihn ja vor Schrecken verrückt. Es iſt klar, daß er unſre Sprache nicht kennt, wie ſollte er auch? Nehmt Euch ein Beiſpiel an mir;“ und hier⸗ mit ſchritt er auf den Tiſchlermeiſter zu, klopfte ihm auf die Schulter und legte ihm die folgenden Fragen vor, die er jede mit einer furchtbaren Grimaſſe begleitete.„Verdamm' dich! Wo ſind die Gerichtsdiener? Haſt du deine Zunge ver⸗ loren? Hol dich der Teufel! du konnteſt noch vor einem Augenblick laut genug brüllen!“ „Ruhig, Blauhaut!“ fiel eine gebieteriſche Stimme hinter ihm ein.„Laß mich ein Wort mit ihm ſprechen.“ „Ja! ja!“ riefen mehrere der Umſtehenden,„Jonathan ſoll ihn ins Gebet nehmen; ihm iſt der Schnabel danach gewachſen.“ Der Haufe trennte ſich daher und das begünſtigte Indi⸗ viduum trat vor. Es war ein junger Mann von etwa zwei⸗ undzwanzig Jahren, der nichts Ausgezeichnetes in ſeiner Klei⸗ dung und ſonſtigen Erſcheinung beſaß und doch eine auffallende 28 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. Perſönlichkeit war, ſei es auch nur wegen der unbeſchreib⸗ lichen Liſt, die ſich in ſeinen Mienen wiederſpiegelte. Seine Augen waren klein und grau, ſo weit von einander entfernt und ſo ſchlau, wie die eines Fuchſes. Ein Phyſiognomiſt würde ihn mit dieſem liſtigen Thier verglichen haben und man muß geſtehen, daß ſeine Geſichtsbildung einen ſolchen Vergleich begünſtigte. Seine Naſe war lang und ſcharf, das Kinn ſpitz, die Stirn breit und flach und ſeine Zähne ſchienen von einem Ohr zum andern zu reichen. Ueberdies war ſein Bart röthlich und ſeine Geſichtsfarbe warm und ſanguiniſch. Wer ihn ſchlafend geſehen hatte, behauptete, er ſchliefe mit offenen Augen. Aber dies mochte wohl eine Redensart ſein, um ſeine gewohnte Wachſamkeit anzudeuten. So viel war gewiß, daß das leiſeſte Geräuſch ihn weckte. Dieſe verſchmitzte Perſon war etwas unter mittlerer Größe, aber wohl pro⸗ portionirt, und neigte ſich mehr zur Stärke als zur Schlankheit. Die'Aufmerkſamkeit, welche er augenſcheinlich auf das verborgene und verwickelte Getriebe des großen ihn umgeben⸗ den Gebäudes von Schurkerei verwandte, ſchien darauf hin⸗ zudeuten, daß er ſeinen Wohnſitz nur deßhalb in der Münze aufgeſchlagen hatte, um ſich von den Gewohnheiten und dem Treiben ſeiner Einſaſſen Kenntniß zu verſchaffen und dieſe ſpäter zu ſeinem Nutzen zu verwenden. Er trat auf Wood zu, heftete ſeine ſtechenden grauen Augen auf ihn und fragte in ernſtem Ton, ob die Perſonen, welche ſich in das benachbarte Haus geflüchtet hätten, Ge⸗ richtsdiener wären. „So viel ich weiß, nein,“ erwiederte der Tiſchlermeiſter, der jetzt ſeine Zuverſicht wieder erlangt hatte. „Dann hat man Sie auch nicht verhaften wollen?“ „Nein,“ antwortete Wood feſt. „Ich dachte es mir wohl. Vielleicht erzählen Sie uns, weshalb Sie dieſen Aufruhr verurſacht haben?“ Die alte Münze. 29 „Weil das Leben dieſes Kindes von jenen Perſonen be⸗ droht wurde,“ verſetzte Wood. „Ein ſchöner Grund, wahrhaftig!“ rief Blauhaut mit verwundertem Unwillen, in den die ganze Verſammlung ein⸗ ſtimmte.„Wir ſollen uns alſo aus unſern warmen Betten holen laſſen, blos weil ein Balg an zu quiken fängt. Das iſt doch zu toll!“ „Wollen Sie die Privilegien der Münze in Anſpruch nehmen?“ fuhr Jonathan ruhig unter dem Getümmel mit ſeinen Fragen fort.„Iſt Ihre Perſon in Gefahr?“ „Nicht durch meine Gläubiger,“ erwiederte Wood. „Will er Kies herausrücken? Will er die Gebühren bezahlen? Frag' ihn das,“ ſchrie Blauhaut. „Sie hören,“ fuhr Jonathan fort,„mein Freund wünſcht zu wiſſen, ob Sie Willens ſind, das Eintrittsgeld als Mit⸗ glied der alten und achtbaren Brüderſchaft der Schuldner zu bezahlen?“ „Ich bin Niemand einen Pfennig ſchuldig und mein Name ſoll niemals auf ſo einer Betrügerliſte ſtehen,“ ver⸗ ſetzte Wood zornig.„Ich ſehe nicht ein, warum ich für Er⸗ füllung meiner Pflichten bezahlen ſoll. Ich ſage Ihnen, dies Kind hatte die Schlinge ſchon um den Hals, als ich Hülfe ſchrie. Ich wußte, daß es in der Münze vergebens wäre, Mord zu rufen und deshalb bediente ich mich dieſer Liſt.“ „Man muß geſtehen, Sir, daß Ihre Erſindungskraft alles Lob verdient,“ erwiederte Jonathan mit unterdrücktem Lächeln,„aber ehe Sie Ihren Fuß ſo weit ausſtreckten, wäre es eben ſo klug geweſen zu überlegen, wie er wieder zurück⸗ zuziehen wäre. Ich meinestheils ſehe nicht, wie das bewerk⸗ ſtelligt werden könnte, ohne daß Sie unſre gewohnten Ge⸗ bühren bezahlen. Glauben Sie nicht, daß Sie ſich erſt unſerer vortrefflichen Einrichtungen, die Sie recht gut zu kennen ſcheinen, bedienen können und ſie dann ungeſtraft 30 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. wieder brechen dürfen. Wenn Sie zu Ihrem Vortheil die Rolle eines Schuldners annehmen, ſo müſſen Sie ſie ſchon zum unſrigen zu Ende ſpielen. Wenn Sie nicht verhaftet werden ſollten, ſo ſind wir doch geſtört worden, und es iſt nur recht und billig, daß Sie für dieſe Störung bezahlen. Nach Ihrer eigenen Ausſage find Sie in guten Umſtänden, — denn man darf natürlich vorausſetzen, daß Einer, der Niemand etwas ſchuldig iſt, gut bezahlen können muß,— und auf eine Kleinigkeit, wie zehn Guineen, kann es Ihnen nicht ankommen.“ So unlogiſch und unbündig dieſe Argumente Herrn Wood auch ſcheinen mochten, ſo hielt er es doch nicht für angemeſſen, darauf zu antworten, und der Wortführer ſetzte ſeine Rede unter allgemeiner Beiſtimmung fort. „Vielleicht überſchreite ich meine Erlaubniß, indem ich eine ſo geringe Summe fordere,“ ſagte Jonathan beſcheiden, „und der Münzmeiſter mag nicht geneigt ſein, Sie ſo leichten Kaufs davon zu laſſen. Er wird bald hier ſein und Sie werden ſeine Entſcheidung hören. Unterdeſſen laſſen Sie mich Ihnen als Freund rathen, ihn nicht durch eine Wei⸗ gerung zu reizen. Es würde eben ſo nutzlos, als verdrieß⸗ lich für Sie ſein. Er macht mit widerſpenſtigen Leuten kurzen Prozeß, ich verſichere Ihnen. Ich will ſo viel als möglich dazu beitragen, Ihnen unter den billigen Bedingungen, die ich erwähnt habe, die Freiheit zu verſchaffen.“ „Nennen Sie zehn Guineen billige Bedingungen?“ fragte Wood muthlos.„Ich hätte gedacht, ich könnte die ganze Münzfreiheit für weniger Geld kaufen.“ „Manch einer hat gern das Doppelte bezahlt, um ſich von der Münzpumpe freizukaufen,“ bemerkte Blauhaut rauh. „Laß den Herrn doch ſeinen Willen haben,“ ſagte Jo⸗ nathan ſanft.“„Es ſollte mir leid thun, ihn zu etwas zu überreden, was ihn nachher reuen könnte.“ Die alte Münze. 31 „Ganz meine Meinung,“ verſetzte Blauhaut.„Ich möchte ihn um alles in der Welt nicht zwingen; aber wenn er die Stüber nicht blecht, ſo will ich verdammt ſein, wenn er nicht die aqua pompaginis ſchlucken muß. Wie ſieht denn das Kind aus, dem der Hals eigentlich hätte zuge⸗ ſchnürt werden ſollen?“ fuhr er fort, indem er Wood das Kind wegnahm.„Meiner Seele! Um ſo'nen Wechſelbalg ſo'n Halloh aufzuſchlagen— ho! ho!“ „Machen Sie mit mir, was Sie verantworten können, meine Herrn,“ rief Wood;„aber um Gotteswillen thun Sie dem Kinde nichts zu Leide! Geben Sie es ſeiner Mutter wieder.“ „Und wer iſt ſeine Mutter?“ fragte Jonathan neugierig leiſe.„Sagen Sie es offen und ſprechen Sie ſachte. Ihre eigene Sicherheit und die des Kindes hängen von Ihrer Auf⸗ richtigkrit ab.“ Während Herr Wood dieſes Examen zu beſtehen hatte, fühlte Blauhaut eine kleine, zitternde Hand die ſeinige be⸗ rühren und erblickte ein junges Frauenzimmer neben ſich, deren Züge zum Theil von einer Halbmaske verhüllt waren. Eine weite Kapuze über dem Kopf vermehrte ihre Unkennt⸗ lichkeit, trotz dem war aber aus ihrem hohen Anſtande deutlich zu ſehen, daß ſie außer ihrem Intereſſe an dem Geſchehenden nichts mit dem Geſindel ringsum gemein haben konnte. Woher ſie kam, wer ſie war und was ſte wollte, waren Fragen, die ſich Blauhaut natürlich aufdrängten, und er wollte ſich eben über alle dieſe Dinge Auskunft verſchaffen, als ein Wink der Dame ihm Stillſchweigen gebot. „Still!“ ſagte ſie mit leiſer, aufgeregter Stimme,„wollt Ihr dieſe Börſe verdienen?“ „Recht gern,“ erwiederte Blauhaut.„Wie viel iſt darin?“ „Sie enthält Gold,“ entgegnete die Dame,„aber ich will noch dieſen Ring zugeben.“ 32 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. „Was ſoll ich dafür thun?“ fragte Blauhaut mit wider⸗ wärtigem Blinzeln,—„eine Gurgel abſchneiden— oder mich Ihnen zu Füßen werfen?“ „Gebt mir das Kind,“ erwiederte die Dame, mit Mühe ihren Ekel vor ſeiner Vertraulichkeit überwindend.⸗ „O, ich verſtehe!“ entgegnete Blauhaut.„Kommen Sie näher oder Sie werden Aufſehen machen. Fürchten Sie ſich nicht, ich will Ihnen nichts thun. Ich bin den Frauenzimmern immer gut. Jetzt! laſſen Sie den Beutel in meine Hand gleiten. Schön! Und nun den Ring. Ich verſtehe mich nicht ſehr auf ſolche Sachen, aber ich verlaſſe mich auf Ihre Ehrlichkeit, Madame, daß Sie mir kein Glas aufbinden werden.“ „Es iſt ein Diamant,“ ſagte die Dame angſtvoll— „das Kind!“ „Da nehmen Sie den Balg,“ rief Blauhaut, indem er den Säugling geſchickt unter ihren Mantel ſchob.„Alſo dies iſt ein Diamant; er flimmert beinah ſo hell, wie Ihre Augen. Ah, mein Herzchen,— ich habe vergeſſen, nach Ihrem Namen zu fragen, vielleicht— Hölle und Teufel! ſie iſt fort.“ Er ſah ſich vergebens um. Die Dame war verſchwunden. * Drittes Kapitel. Der Münzmeiſter. Jonathan, der ſich bei Wood nach der Abkunft des Kindes erkundigt hatte, fuhr mittlerweile fort, ihn wegen der muthmaßlichen Gründe des Angriffs auf ſein Leben zu be⸗ fragen, und wenn er hierüber gleich keine genügende Auskunft erhielt, ſo entlockte er ihm doch die ſchon erzählten Umſtände dieſer räthſelhaften Begebenheit. Als der Tiſchlermeiſter ſeine * Der Münzmeiſter. 33 Erzählung beendigt hatte, überließ Jonathan ſich einen Augen⸗ blick ſeinen Gedanken. „Eine ſonderbare Geſchichte!“ ſann er bei ſich.„Ein prächtiger Streich von dem Kerl in dem Mantel, ein fremdes Kind für ſein eigenes vor den Riß zu ſtellen. Hilft ihm aber nichts. Er muß ein ſchlauer Fuchs ſein, wenn er ohne mein Wiſſen aus der Münze kommt. Ich kann es ſchon rathen, wo er ſich verſteckt hat. Dieſe Musjehs werden gut für ſeine Habhaftwerdung bezahlen; wo nicht, ſo wird er gut bezahlen, um ihnen zu entkommen. So bin ich jeden⸗ falls ſicher geſtellt— ha! ha! Blauhaut,“ rief er laut, indem er dieſen Ehrenmann zu ſich winkte,„komm mit!“ Hierauf ſchritt er der Thür zu, aber ein lautes Ge⸗ ſchrei, das die Ankunft des Münzmeiſters verkündete, hielt ihn zurück. Baptiſt Kettelby(denn ſo hieß er) war ein wohlge⸗ nährter, ſtattlicher Mann, deſſen runder Wanſt von ſeiner Vorliebe für gute Koſt und Trank Zeugniß ablegte. Er hatte ein bewegliches, liſtiges Auge und einen Blick, deſſen Falſchheit ſich angenehm hinter Gutmüthigkeit verſteckte. Man ſah leicht, daß er ein Hallunke war, aber eben ſo leicht, daß ſich gut mit ihm umgehen ließ; zwei Eigenſchaften, deren Vereinigung gar nicht ſo ſelten iſt. Was ſeine Kleidung betrifft, ſo nahm Baptiſt ſich eben nicht vortheilhaft aus. Ueberhaupt kein großer Liebhaber von Staat, befand er ſich des Abends gewöhnlich im Negligee und in dieſem Zuſtande zeigte er ſich jetzt ſeinen Unterthanen. Sein Hemd war offen, ſeine Weſte aufgeknöpft, ſeine Kniebänder gelöst; ſeine Füße ſtacken in einem Paar Pantoffeln, ſeine Arme in einem ſchmierigen Schlafrock, ſein Kopf in einer Schlafmütze, die Schlafmütze in einer Perrücke und die Perrücke in einem betreßten Hut. Er hatte ſich eine weiße Schüͤrze vorgebunden Ainsworth, Jack Sheppard. I. 3 34 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. und in die Schürze eine Art von Kommandoſtab geſteckt, der einem Rollholz nicht unähnlich war. Den Münzmeiſter begleitete ein anderer faſt eben ſo ſtatt⸗ licher und geſetzter Gentleman. Das Koſtüm dieſer Perſon war ziemlich ſonderbar und hätte für einen Maskenanzug gelten können, wenn nicht der unerſchütterliche Ernſt in ſeinem Be⸗ tragen eine ſolche Annahme widerlegt hätte. Es beſtand aus einer engen, braunen Flausjacke mit einer dreifachen Reihe von Metallknöpfen, ſehr loſen Schifferhoſen, im Sitz ſehr weit und an den Knien ſehr eng, rothen Strümpfen mit ſchwarzen Zwickeln und einer Pelzmütze. Der Eigenthümer dieſer Klei⸗ dung hatte ein breites, ſonnenverbranntes Geſicht, kleine, blinzende Augen und einen buſchigen, grauen Bart. Ob⸗ gleich er dem Gouverneur zur Seite ging, ſo ſprach er doch faſt kein Wort mit ihm, ſondern ſchien ganz in Gedanken über ſeinen ungeheuren Pfeifenkopf vertieft zu ſein. Hinter dieſen erlauchten Standesperſonen marſchirte ein Trupp handfeſter Kerle mit weißen Abzeichen an den Hüten und mit Knütteln und Fackeln in der Hand. Dies war die Leibwache des Münzmeiſters. Jonathan ging dem Meiſter entgegen und erhielt augen⸗ blicklich die erbetene Audienz, worauf er ohne viel Umſchweife das Weſentliche des eben von Wood erfahrenen Hergangs erzählte, indem er nur einige geringe Nebenumſtände ver⸗ ſchwieg, deren Verheimlichung er für angemeſſen hielt, und in dieſer Abſicht kein Wort von der Möglichkeit einer Hab⸗ haftwerdung des Flüchtlings ſagte, ſondern im Gegenth eil rundweg behauptete, er ſei entflohen. Der Meiſter hörte ihm mit geziemender Aufmerkſamkeit zu, ſchüttelte am Ende bedenklich den Kopf und legte mit einem Blick auf ſeinen phlegmatiſchen Begleiter den Finger an die Naſe. Dieſer Ehrenmann antwortete ſeinerſeits mit einem bedenklichen Kopfſchütteln, huſtete, wie nur ein Hollän⸗ Der Münzmeiſter. 35 der huſten kann und vollzog, ſeinen Pfeifenkopf fahren laſſend, genau dieſelbe geheimnißvolle Ceremonie, wie der Meiſter. Jonathan, der dieſen ſtummen Austanſch der Anſichten auf ſeine Art auslegte, wagte die Bemerkung, daß es aller⸗ dings ein bedenklicher Fall ſei, aber daß er ſich getraue, ihn zu des Meiſters voller Zufriedenheit zu erledigen, wenn ihm die Sache überlaſſen würde. „Ja, ja, Müntmeeſter,“ ſagte der Holländer, die Pfeife aus dem Munde nehmend,„laat Johannes maken. Wir wollen hingehen und unſern Brandewyn utdrinken. Et ſind blos luſtige Brüder und keine Spione, und wenn ſe Frow Sheppard ihr Junges abgedahn hätten, wäre ihm nur ein Dienſt damit geſchehen und ſe hätten ihm von dat Galgen⸗ ſieber bewahrt, an dat ſyn arme Vader geſtorben is. Myn Gott! dat Hängen is in manke ⸗ erblich, as de Jicht — hah! hah!“ „Wenn das Kind wirklich zum Galgen beſtimmt iſt, Van Galgebrok,“ erwiederte der Münzmeiſter,„ſo kann ihm kein Bedientenhalstuch was anhaben, das iſt gewiß; aber mit leeren Händen fortgehen,“ fügte er mit würdevoller Miene hinzu,„daran iſt nicht zu denken. Meine Herren von der Münze! Vorwärts!“ Hier zeigte er mit ſeinem Stabe nach Frau Sheppard's Haus. „Hurrah!“ ſchrie der Pöbel und die ganze Maſſe ſetzte ſich in Bewegung. In demſelben Augenblicke erhoben ſie eine kriegeriſche Fanfare mit Hülfe von Kuhhörnern, Blech⸗ büchſen voll Steinen, Blaſen und ähnlichen lärmenden In⸗ ſtrumenten, und ermuthigten ſich durch dies harmoniſche Ge⸗ töſe zu einem Angriff. „Laßt uns herein,“ ſagte der Meiſter, mit dem Stabe gebieteriſch anklopfend,„oder wir ſtoßen die Thür ein.“ Da aber trotz einer wiederholten Aufforderung keine Antwort erfolgte, ſo nahm Baptiſt eine Keule zur Hand 36 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. und ſchmetterte die Thür ein. Dann trat er, von Galgebrok und einigen Andern begleitet, in das Zimmer, in welchem Rowland, Sir Cecil und ihre Diener ſich mit gezogenen Schwertern zum Kampf bereit hielten. „Schlagt ihnen die Klingen herunter,“ rief der Meiſter, „kein Blutvergießen.“ „Schlagt ihnen das Gehirn aus, meinſt du,“ verſetzte Blauhaut mit einem fürchterlichen Fluche;„keine halben Maßregeln jetzt, Meiſter.“ „Wär's nicht beſſer, erſt einen Augenblick mit den Herrn zu unterhandeln?“ meinte Jonathan. „Na ja,“ erwiederte der Meiſter.„Wahrhaftig,“ fuhr er fort, indem er Rowland anglotzte,„ich muß mich ſehr irren, oder es iſt—“ „Du irrſt dich nicht, Baptiſt,“ entgegnete Rowland, ihn unterbrechend,„es iſt dein alter Freund. Es iſt mir lieb, daß ich dich wieder kenne.“ „Und ich freue mich, daß Sie es bei Zeiten gethan haben,“ bemerkte der Meiſter.„Aber warum haben Sie ſich nicht gleich zu erkennen gegeben?“ „Ich hatte vergeſſen, was für ein Amt in der Münze du bekleideſt, Baptiſt,“ erwiederte Rowland.„Aber ſchicke dies Volk heraus, wenn du Anſehen genug über ſie haſt. Ich muß mit dir ſprechen.“ „Es giebt nur ein Mittel dazu, Euer Würden,“ ſagte der Meiſter ſchlau. „Ich verſtehe,“ entgegnete Rowland.„Gieb ihnen ſo viel du willſt. Ich werde dich ſchadlos halten.“ „Es iſt alles richtig, Jungens,“ rief Baptiſt laut;„die Herren haben die Sache mit mir abgemacht. Keine Bal⸗ gerei mehr.“ „Was bedeutet dies alles?“ fragte Sir Cecil.„Wie haben Sie dies ſtürmiſche Gewäſſer beſchwichtigen können?“ — Der Münzmeiſter. 37 „Ich habe in dem Münzmeiſter meinen alten Bekannten gefunden,“ antwortete Rowland.„Wir können ihm trauen; es iſt ein wackerer Freund der guten Sache.“ „Blauhaut, räume das Zimmer,“ rief der Meiſter; „dieſe Herrn wollen allein ſein. Sie haben für ihr Quar⸗ tier bezahlt. Wo iſt Jonathan?“ Dieſer ward ſogleich geſucht, aber er war nirgends zu finden. „Sonderbar!“ bemerkte der Meiſter,„ich glaubte, er hätte alle dieſe Zeit dicht bei mir geſtanden. Aber gleich⸗ viel. Höre, Blauhaut,“ fuhr er fort, als dieſer das Geſindel mit großer Geſchwindigkeit hinausgejagt und die Thür ver⸗ ſchloſſen hatte,„ein Wort ins Ohr. Was war das für ein Frauenzimmer, die mit ins Haus ging?“ „Blut und Donnerwetter,“ rief Blauhaut, um den alleinigen Beſitz der gemachten Beute beſorgt,„wie kann ich das wiſſen? Meinſt du, ich denke blos an dieſe Schür⸗ zen? Ich habe keine geſehn; aber wenn es eine geweſen iſt, ſo muß es die Wittwe Sheppard geweſen ſein.“ „Richtig,“ ſagte der Meiſter.„Ich dachte nicht an fie. Und nun noch eins. Rechne mit dem Hallunken ab, der uns herausgepoltert hat, und wenn er nicht ohne weiteres blechen will, ſo laßt ihn die Pumpe ſchmecken. Nun geh.“ „Er ſoll die ganze Ceremonie durchmachen,“ erwiederte Blauhaut.„Meiſter, ergebenſter Knecht.— Meine Herrn, unterthänigſter Diener.“ Als Baptiſt ſich auf dieſe Weiſe Blauhaut vom Halſe geſchafft hatte, wandte er ſich an Rowland und Sir Cecil, die ihm ungeduldig zugeſehn hatten:„Jetzt iſt die Luft rein, meine Herrn. Niemand ſtört uns und ich bin zu Ihren Dienſten.“ 38 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. Viertes Kapitel. Das Dach und das Fenſter. Wir wollen ſie ihren Berathungen überlaſſen und Jonathan's Fußſtapfen folgen, der, wie der Münzmeiſter vermuthete, ohne Zweifel mit ins Haus gegangen, aber beim Beginn des Kampfes, als er Jeden zu ſehr mit ſich ſelbſt beſchäftigt glaubte, um auf ihn zu achten, aus dem Zimmer herausgeſchlüpft war. Er ſtieg geräuſchlos die Treppe hinauf und leuchtete im Vorübergehn mit einer Laterne in alle Zimmer, in deren einem er Miſtreß Shep⸗ pard dem Anſchein nach auf dem Fußboden hocken ſah. Ueberzeugt, daß ſie ihn nicht bemerkt hatte, entfernte er ſich eben ſo geräuſchlos wieder und ſtieg eine zweite Treppe nach der Dachkammer hinauf. Hier ſtolperte er mit dem Fuße an einem Gegenſtande, den er aufnahm und für einen Schlüſſel erkannte.„Man muß keinen Zufall unbenutzt laſſen,“ dachte Jonathan.„Wer weiß, ob dieſer Schlüſſel nicht einſt ein goldenes Schloß öffnet.“ Mit dieſen Worten ſteckte er ihn in die Taſche. Unter einer Oeffnung in dem elenden Dache bemerkte er auf dem Fußboden einen kleinen Haufen Dachziegel, die neuerdings verſchoben worden zu ſein ſchienen.„Er iſt hier durchgeſchlüpft,“ rief Jonathan frohlockend,„jetzt iſt er mir ſicher.“ Dann machte er die Laterne zu, ſtieg ohne Schwierigkeit aufs Dach und ſchritt behutſam vorwärts. Die Finſterniß war undurchdringlich. Jonathan mußte ſich zurecht fühlen. Ein einziger falſcher Tritt hätte ihn auf die Straße ſtürzen können. Er hatte auch nicht einen Anhaltspunkt, denn obgleich unten die Fackeln brannten, ſo fiel ihr Schein doch nur auf die Mauern des Hauſes. Der verwegene Kletterer ſah einen Augenblick auf die verſammelte Menge hinab, um ſich zu überzeugen, daß er nicht bemerkt Das Dach und das Fenſter. 39 würde, und ſchritt dann zuverſichtlicher weiter. Als er den Schornſtein an der Rückſeite des Daches erreicht hatte, machte er Halt und hob die Blende von der Laterne. Es war jedoch nichts als das verwitternde Mauerwerk zu ſehn. „Teufel!“ rief er aus,„ſollte er entwiſcht ſein? Nein. Die Mauern ſind zu hoch dazu und die Fenſter zu gut ver⸗ rammelt. Er kann nicht weit ſein. Ich finde ihn noch. Ha! ich hab's,“ fuhr er nach kurzer Ueberlegung fort,„ich will darauf ſchwören, daß er dort iſt.“ Er hüllte ſich noch einmal in Dunkelheit und ſetzte ſeinen Weg fort. Er erſtieg das Dach des Nachbarhauſes und näherte ſich bald einem dritten Gebäude, das wenigſtens um ein Stockwerk höher als ſeine Nachbarn zu ſein ſchien. Jona⸗ than war offenbar mit der Gelegenheit bekannt, denn er fühlte im Dunkeln umher und fand bald eine Leiter, auf der er hinanſtieg. Dann zog er eine Piſtole und ſprang mit Gedankenſchnelle durch eine Fallthür in einen kleinen Dachboden. Der Schein ſeiner Laterne fiel auf den Flücht⸗ ling, der mit dem Kinde auf dem Arm in kampfartiger Stellung vor ihm ſtand. „Aha!“ rief Jonathan,„habe ich Sie endlich gefun⸗ den? Ihr Diener, Herr Darrell.“ „Wer ſind Sie?“ fragte der Flüchtling barſch. „Ein Freund,“ erwiederte Jonathan, den Hahn in Ruhe bringend und die Piſtole einſteckend. „Woraus ſoll ich das abnehmen?“ fragte Darrell. „Was hätte ich hier allein mit einem Feinde zu ſchaffen? Aber laſſen Sie uns die Zeit nicht mit Worten verderben. Ihr Leben und das Ihres Kindes find in meiner Gewalt. Was geben Sie mir, wenn ich Sie vor Ihren Verfol⸗ gern rette?“ „Können Sie es?“ fragte Jener zweifelhaft. „Ich kann und will es. Nun— die Belohnung?“ ————=— 40 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. „Ich habe nur eine ſchlechtgefüllte Börſe bei mir. Aber wenn ich entkomme, ſoll meine Dankbarkeit—“ „Pah!“ unterbrach Jonathan ihn höhniſch.„Ihre Dankbarkeit wird mit der Gefahr vergehn. Bezahlen Sie einen Narren mit Verſprechungen. Ich muß etwas in der Hand haben.“ „Sie ſollen Alles erhalten, was ich bei mir habe,“ er⸗ wiederte Darrell. „Nun gut,“ brummte Jonathan,„ich muß wohl mit dem zufrieden ſein, was ich kriegen kann. Alſo kommen Sie. Ich brauche Ihnen nicht zu rathen, leiſe aufzutreten. Sie kennen die Gefahren des Weges ſo gut wie ich. Ein Licht würde uns verrathen.“ Mit dieſen Worten blendete er die Laterne wieder. „Hören Sie, Sir,“ verſetzte Darrell,„noch ein Wort. Ich kenne Sie nicht und da ich Ihr Geſicht nicht ſehn kann, ſo mag ich Ihnen am Ende Unrecht thun; aber Ihre Stimme flößt mir Mißtrauen ein. Ein Verſuch, mich zu verrathen, wird Ihr Leben aufs Spiel ſetzen.“ „Ich habe mein Leben ſchon durch den Verſuch, Sie zu retten, aufs Spiel geſetzt,“ entgegnete Jonathan keck und mit ſcheinbarer Offenheit;„dies iſt eine genügende Antwort auf Ihre Zweifel. Ihre Verfolger ſind unten. Was hütte mich abgehalten, ihnen Ihren Aufenthalt zu verrathen?“ „Genug,“ entgegnete Darrell.„Gehn Sie voran.“ Beide kehrten jetzt auf ihrem gefährlichen Pfade zurück. Als ſie den Giebel von Miſtreß Sheppard's Hauſe erreichten, erhob ſich unten ein großes Getümmel unter dem Volke, deſſen Veranlaſſung ihnen bald klar ward. Blauhaut und die Münzer ſchleppten Wood zur Pumpe. Der unglückliche Tiſchlermeiſter ſträubte ſich heftig, aber vergebens. Sein Hut ward auf einer Stange getragen, ſeine Perrücke auf einer andern. Sein Hülferuf ward mit brüllendem Hohn⸗ — Das Dach und das Fenſter. 41 gelächter beantwortet. Er ward abwechſelnd weiter geſtoßen oder in der Goſſenrinne fortgerollt, bis er aus ihrem Ge⸗ ſichtskreiſe war. Dies Schauſpiel ſchien Jonathan eben ſo viel Vergnügen zu gewähren, als den handelnden Perſonen in demſelben. Er konnte ſeine Zufriedenheit nicht unter⸗ vrücken, ſondern rieb ſich entzückt die Hände. „Beim Himmel!“ rief Darrell,„es iſt der arme Schelm, den ich vor wenigen Augenblicken in ſolche Gefahr geſetzt habe. Ich bin Schuld an dieſen Mißhandlungen.“ „Allerdings,“ erwiederte Jonathan lachend.„Aber deſto beſſer. Es wird ihm in Zukunft eine Warnung ſein und ihm die Thorheit einer guten Handlung beweiſen.“ Aber da er ſah, daß dieſer Scherz ſeinem Begleiter mißſiel, und fürchtete, ſein Mitleiden für den Tiſchlermeiſter möchte ihn zu irgend einer Unvorſichtigkeit verleiten, ſo ließ Jonathan ſich, ohne weiter ein Wort zu ſagen, durch das Dach hinab und Darrell folgte ſeinem Beiſpiele, worauf beide ſchweigend den erſten Treppenabſatz hinunterſtiegen. In dieſem Augenblick öffnete ſich unten eine Thür, ein Licht⸗ ſchimmer fiel auf die Wände und man ſah Rowlands und Sir Cecil's Geſtalten am Fuß der Treppe. Darrell machte Halt und zog das Schwert.„Sie haben mich verrathen,“ ſagte er flüſternd zu ſeinem Gefährten, „aber es ſoll Ihnen theuer zu ſtehn kommen.“ „Still!“ erwiederte Jonathan mit großer Geiſtesgegen⸗ wart,„ich kann Sie noch retten. Sehn Sie!“ fuhr er fort, als jene Perſonen ſich entfernten und das Licht ver⸗ ſchwand,„es iſt ein falſcher Lärm. Aber wir dürfen keinen Augenblick verlieren. Geben Sie mir die Hand.“ Dann führte er Darrell eilig die Treppe hinunter und trat mit ihm in ein keines Zimmer im Hinterhauſe. Hier zog er ſeine Laterne hervor und ſchob einen Riegel von den Fenſterläden. Dieſe öffneten ſich nach innen und enthüllten 42 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. ein ſtarkes eiſernes Gitter, welches alle Möglichkeit eines Entkommens abzuſchneiden ſchien. Dies Hinderniß war jedoch bald beſeitigt, indem Jonathan einen andern Riegel zurück⸗ ſchob, eine Kette oben am Fenſterrahmen loshakte und das ganze Eiſenwerk hinausſchob. Das Gitter ſenkte ſich lang⸗ ſam und geräuſchlos, bis ſich die Kette ſtraff anzog. „Sie find frei,“ ſagte er,„dies Gitter wird Ihnen zur Leiter dienen. Ich habe das Kunſtſtück von einem ge⸗ wiſſen Paul Groves gelernt, der früher hier wohnte und es ſein Fuchsloch zu nennen pflegte. Ich habe mich der Leiter oft bedient, aber nie geglaubt, daß ſie mir einſt ſo gut zu Statten kommen würde. Habe ich jetzt Wort ge⸗ halten, Sir?“ „Das haben Sie,“ antwortete Darrell.„Hier iſt meine Börſe, und Sie werden mich hoffentlich wiſſen laſſen, wem ich für dieſen wichtigen Dienſt verpflichtet bin.“ „Gleichviel, Sir,“ ſagte Jonathan, das Geld annehmend. „Sie wiſſen, ich gebe nichts auf Betheuerungen.“ „Ich weiß nicht, wie es kommt,“ ſeufzte Darrell,„aber mich überfällt eine böſe Ahnung, indem ich dieſen Ort ver⸗ laſſe. Mir ſagt etwas, daß ich mich in eine noch größere Gefahr ſtürze.“ „Das müſſen Sie ſelbſt am beſten wiſſen,“ höhnte Jonathan;„indeſſen ich würde in Ihrer Stelle einer künf⸗ tigen und ungewiſſen Gefahr entgegengehen, um eine gegen⸗ wärtige und gewiſſe zu vermeiden.“ „Sie haben Recht,“ entgegnete Darrell,„die Schwäche iſt vorüber. Welches iſt der nächſte Weg zum Fluſſe?“ „Das iſt ſchwer zu beſchreiben,“ erwiederte Jonathan. „Aber wenn Sie ſich gleich rechts halten und dicht an der Münzmauer entlang gehen, ſo kommen Sie bald in die Weißekreuzſtraße, dann biegen Sie rechts ein und kommen in die Königsſtraße. Hier müſſen Sie links um die Ecke 6 Das Dach und das Fenſter. 43 und find dann nicht weit mehr von der St. Salvatortreppe, wo Sie gewiß ein Boot finden werden.“ „Gerade, wohin ich möchte,“ ſagte Darrell, durch das Fenſter ſchlüpfend.„Halt!“ rief Jonathan, ihm Hülfe leiſtend;„nehmen Sie lieber meine Laterne mit, fie wird Ihnen gute Dienſte leiſten. Vielleicht geben Sie mir ein Pfand dafür, mittelſt deſſen ich Sie an dieſe Stunde erinnern kann, falls wir uns einmal wiederſehen. Ihr Handſchuh genügt.“ „Da haben Sie ihn,“ erwiederte Jener.„Wiſſen Sie gewiß, daß dies Gitter bis auf die Erde reicht?“ „Es iſt nur eine Elle davon,“ antwortete Jonathan. „Alles richtig!“ rief Darrell, als er unten Fuß faßte. „Gute Nacht!“ „So,“ murmelte Jonathan;„der Haſe wäre aufgejagt, jetzt will ich die Hunde loskuppeln.“ In dieſer lobenswerthen Abſicht eilte er ſchleunig treppab, als er einem Frauenzimmer begegnete, das er in der Dun⸗ kelheit für Miſtreß Sheppard hielt. Sie faßte ihn am Arm und hielt ihn trotz ſeinem Widerſtreben feſt. „Wo iſt er?“ fragte ſie leiſe mit aufgeregter Stimme. „Ich habe ſeine Stimme gehört, aber ich ſah ſie auf der Treppe und wagte nicht zu ihm zu gehen, um keinen Arg⸗ wohn zu erregen.“ „Wenn Ihr Darrell meint, ſo iſt er durch die Hinter⸗ fenſter entflohen,“ antwortete Jonathan. „Gott ſei Dank!“ athmete ſie hoch auf. „Na, Ihr Weiber ſeid weichherzige Geſchöpfe, das muß ich ſagen,“ bemerkte Jonathan beißend.„Ihr dankt Gott für die Rettung eines Mannes, der ſein Möglichſtes that, um Eurem Kinde den Hals zu brechen.“ „Was meint Ihr?“ fragte das Frauenzimmer verwundert. „Ich meine, was ich ſage,“ erwiederte Jonathan.„Viel⸗ leicht wißt Ihr nicht, daß Darrell es ſo zu wenden gewußt 44 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. hat, daß Euer Kind für das ſeinige gehalten werden mußte, wodurch es mit genauer Noth einer engen Halsbinde ent⸗ gangen iſt. Indeſſen iſt die Sache gut genug abgelaufen, denn Darrell hat ſich mit ſeinem Balge aus dem Staube gemacht.“ „Alſo iſt dies nicht mein Kind?“ fragte ſie mit ſtei⸗ gendem Erſtaunen. „Wenn Ihr ein Kind da habt, gewiß nicht,“ antwor⸗ tete Jonathan überraſcht,„denn ich habe Euren Balg an Blauhaut gegeben, der unten auf der Straße iſt.“ „Barmherzige Vorſehung!“ rief das Frauenzimmer. „Weſſen Kind iſt dies denn?“ „Wie kann ich dies wiſſen!“ entgegnete Jonathan barſch. „Es wird doch wohl nicht vom Himmel gefallen ſein? Iſt es auch kein Geſpenſt?“ fuhr er fort, ihm zum Scherz in den Arm kneifend, bis es laut aufſchrie. „Mein Kind! mein Kind!“ rief Miſtreß Sheppard, aus dem anſtoßenden Zimmer ſtürzend.„Wo iſt es?“ „Seid Ihr die Mutter des Kindes?“ redete die Erſtere Miſtreß Sheppard an. „Ja wohl, ja wohl!“ rief die Wittwe, das Kind an ſich reißend und entzückt an die Bruſt drückend.„Gott ſei gedankt, daß ich es gefunden habe!“ „Donnerwetter!“ rief Jonathan, der dieſe ietiwung mit verdrießlicher Verwunderung zugehört hatte,„da habe ich mich ſchön anführen laſſen. Ich Narr, daß ich meine Laterne fortgegeben habe! Aber wir wollen bald dahinter kommen. Halloh! Licht! Licht!“ Mit dieſem Ruf ſprang er die Treppe hinab. „Wohin ſoll ich fliehen?“ rief die Dame außer ſich vor Schrecken.„Sie morden mich, wenn ſie mich finden, wie ſie meinen Mann und mein Kind gemordet haben würden. Gott! die Kraft verläßt mich.“ „Muth, Madame!“ rief Miſtreß Sheppard, als ſich — Das Dach und das Fenſter. 45 wüthende Stimmen von unten vernehmen ließen und Fackel⸗ ſchein erglänzte,„ſie kommen! ſie kommen! fliehen Sie! aufs Dach! aufs Dach!“ „Nein,“ rief die Dame,„dies Zimmer— ich erinnere mich— es hat ein Hinterfenſter.“ „Es iſt verſchloſſen,“ ſagte Miſtreß Sheppard. „Es iſt offen,“ erwiederte die Dame, fortſtürzend und hinausſpringend. „Wo iſt ſie?“ donnerte Jonathan, der jetzt herbeikam. „Sie iſt die Treppe hinaufgelaufen,“ antwortete die Wittwe. „Du lügſt, Dirne!“ ſagte Jonathan, ſie rauh fort⸗ ſtoßend,„ſie iſt hier. St!“ rief er, als ſich draußen ein Geſchrei hören ließ.„Bei Gott! Sie hat fehlgetreten.“ Es entſtand ein kurzes, ſchreckliches Stillſchweigen, das nur von einem ſchwachen Aechzen unterbrochen ward. Sir Cecil, der jetzt mit Rowland und einigen Anderen eintrat, leuchtete mit einer Fackel aus dem Fenſter. Einen Augenblick ſpäter flüſterte er erbleichend zu Rowland:„Ihre Schweſter iſt todt.“ „So komm ihr Blut über ihr eigenes Haupt,“ erwie⸗ derte dieſer trotzig.„Was hatte ſie hier zu ſuchen?“ „Sie konnte der Führung des Schickſals nicht wider⸗ ſtreben,“ entgegnete Sir Cecil trauernd. „Gehn Sie hinunter und ſorgen Sie für die Leiche,“ ſagte Rowland, ſeine Bewegung mit großer Anſtrengung überwältigend,„ich komme gleich zu Ihnen. Dieſer Zufall vekräftigt mich eher in meinem Vorhaben, als er mich davon abbringt. Die Schande unſerer Familie iſt nur halb getilgt; ich habe den Tod des Schurken und ſeines Baſtards gelobt und will meinen Schwur halten. Alſo, Sir,“ wandte er ſich an Jonathan, als Sir Cecil und ſeine Diener hinaus 46 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. waren,„Sie ſagen, Sie wiſſen, welchen Weg der Mann eingeſchlagen hat?“ „Ja,“ antwortete Jonathan,„aber umſonſt gebe ich keine Auskunft.“ „So ſprechen Sie,“ ſagte Rowland und gab ihm Geld. „Sie werden ihn an der St. Salvator⸗Treppe finden,“ antwortete Jonathan.„Er will über den Fluß ſetzen. Ver⸗ lieren Sie keine Zeit. Er hat einen Vorſprung von fünf Minuten, aber ich habe ihn auf einen Umweg geſchickt.“ Kaum waren dieſe Worte geſprochen, ſo verſchwand Rowland. „Und jetzt wollen wir uns nach dem Erfolge umſehn,“ ſagte Jonathan, gleich darauf durch das Fenſter ſetzend. „Gute Nacht, Meiſter.“ Es blieben jetzt nur noch drei Perſonen im Zimmer; der Münzmeiſter, van Galgebrok und Miſtreß Sheppard. „Eine böſe Geſchichte, Van,“ bemerkte Baptiſt mit langem Kopfſchütteln. „Ja, ja, Müntmeeſter,“ erwiederte der Holländer, eben⸗ falls den Kopf ſchüttelnd,—„ſehr, ſehr böſe.“ „Aber dann ſind es tapfere Anhänger von unſerem Freund über dem Waſſer,“ fuhr Baptiſt mit ſchlauem Blinzen fort;„da müſſen wir es wohl, ſo gut es geht, vertuſchen.“ „Ja,“ antwortete Van Galgebrok.„Aber— Sapper⸗ ment— ich wollte, ſie hätten mir die Pfeife nicht zerbrochen.“ „Jonathan Wild hat Anlagen,“ bemerkte der Meiſter nach einer Pauſe;„es wird einmal ein großer Mann wer⸗ den. Denk' an Baptiſt Kettelby.“ „Er kommt aber doch an'n Galgen,“ entgegnete der Holländer, indem er ſich auf eine eigenthümliche Art am Halstuch zupfte.„Denk an Rykhart van Galgebrok. Komm nach den Kreuzſchippen, Müntmeeſter; woll'n unſer Bier und Brandewyn ufdrinken.“ Die Drohung. 47 „Ach!“ rief Miſtreß Sheppard, froh über ihre Ent⸗ fernung und in einen Thränenſtrom ausbrechend,„wäre es nicht um mein Kind, ſo möchte ich an der Stelle dieſer un⸗ glücklichen Dame ſein.“ Fünftes Kapitel. Die Drohung. Eine Zeitlang überließ Miſtreß Sheppard ſich ihren Thränen, dann trocknete ſie ſich die Augen, legte ihr Kind ſanft auf die Erde und knieete neben ihm hin.„Oeffne mein Herz, Vater der Gnaden,“ murmelte ſie mit demü⸗ thiger Stimme und niedergeſchlagenem Blick,„und laß mich den Irrthum meines Wandels erkennen. Ich habe ſchwer geſündigt, aber ich bin auch hart geprüft worden. Verſchone mich noch einige Zeit, Vater; nicht um meinetwillen, ſon⸗ dern um dieſes armen Kindes willen. Aber wenn es dein Wille iſt, mich von ihm zu nehmen, wenn es eine Waiſe unter Fremdlingen werden muß, ſo flehe ich zu dir, erwecke in einer andern Bruſt Muttergefühle für ihn und ſchenke ihm einen Freund, der ihm das iſt, was ich ihm geweſen wäre. Laß ihn nicht das Gewicht meiner Schuld tragen. Schone ihn!— erbarme dich meiner!“ Hiermit ſtand ſie auf, nahm den Säugling auf den Arm und wollte eben die Treppe hinuntergehn, als ſie zu ihrem Schrecken die Straßenthür aufgehn und ſchwere Fuß⸗ tritte auf dem Flur dröhnen hörte. „Halloh, Wittwe!“ ſchrie eine rauhe Stimme von unten, „wo Teufel ſteckt Ihr?“ Miſtreß Sheppard antwortete nicht. „Ich habe Euch etwas zu ſagen,“ fuhr jene Perſon fort,„etwas Gutes; alſo kommt aus Eurem Verſteck und 48 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. laßt uns zu Abend eſſen, denn ich bin verteufelt hungrig. Hört Ihr?“ Die Wittwe ſchwieg noch immer. „Na, wenn Ihr nicht kommen wollt, ſo werde ich mich ſelbſt bedienen,“ fuhr die Stimme fort.„Prächtigen Schinken, den Ihr da habt!— nne ſchöne Paſtete! und ſo wahr ich lebe, eine Flaſche vom beſten Kanarienſekt. Ihr habt heute Glück, Wittwe. Auf Eure Geſundheit und auf'nen beſſern Mann. Es iſt Eure eigne Schuld, wenn Ihr nicht bald 'nen Andern kriegt und'n hübſchen jungen Kerl obendrein. Auf ſeine Geſundheit.— Was! noch immer ruhig. Ihr ſeid die erſte Wittwe, die einer ſolchen Lockung widerſteht.— So hört doch, Wittwe Sheppard,“ fuhr er fort und ſtand auf,„fürchtet Euch nicht. S iſt nur ein Gentleman, der Euch ſeine Hand anbietet.„Es freit ein Burſch ein Mägde⸗ lein,— trallera.—“ Na, ich will Euch ſchon finden.“ Miſtreß Sheppard, deren Unmuth über das Verſchwin⸗ den ihrer Speiſevorräthe einigermaßen durch die Hoffnung gemildert ward, daß der ungebetene Gaſt ſich nach Stillung ſeines Appetits entfernen würde, erſchrak jetzt heftig, als ſie ſeine Fußtritte auf der Treppe hörte. Ihr erſter Antrieb war durch das Fenſter zu entfliehn; und ſie ſtand eben im Begriff dieſen Vorſatz auf Gefahr eines gleichen Schickſals mit jener unglücklichen Dame auszuführen, als Jemand, der die Leiter von außen erſtieg, ſie zurückſtieß. Sie gab einen ſchwachen Schrei von ſich und wäre zu Boden gefallen, wenn Blauhaut, der jetzt mit einem Licht in der einen Hand und einer Flaſche in der andern ins Zimmer taumelte, ſie nicht aufgefangen hätte. „O, alſo hier ſeid Ihr?“ ſagte der Ruchloſe froh⸗ lockend,„ich habe Euch allenthalben geſucht.“ „Laßt mich gehn,“ flehte Miſtreß Sheppard—„Bitte, Die Drohung. 49 laßt mich gehn. Ihr thut dem Kinde weh. Hört Ihr nicht, daß es ſchreit?“ „Zum Henker mit dem Balge!“ verſetzte Blauhaut ärgerlich.„Wenn Ihr es nicht zur Ruhe bringen wollt, ſo will ich es. Ich kann die Kinder nicht leiden. Und wenn es nach mir ginge, ſo erſäufte ich ſie alle wie junge Katzen.“ Da ſie ſeine Rohheit wohl kannte, ſo wagte ſie nicht zu antworten, ſondern wand ſich aus ſeinen Armen und be⸗ mühte ſich, ſein Verlangen zu erfüllen. „Hört, Wittwe, ich habe gute Neuigkeiten für Euch,“ fuhr er fort, indem er ſich auf eine Bank warf und die Flaſche an die Lippen ſetzte. „Das wäre freilich etwas Neues für mich. Was iſt es?“ „Rathet,“ entgegnete Blauhaut und verſuchte, ſich eine zärtliche Miene zu geben. Miſtreß Sheppard zitterte heftig und obgleich ſie ſeine Gedanken nur zu gut kannte, ſo antwortete ſie doch:„Ich weiß es nicht.“ „Na, um gleich zur Sache zu kommen,“ entgegnete er, „ich mache Euch einen ehrbaren Heirathsantrag. Ihr werdet mich gewiß nicht abweiſen, alſo brauchen wir nicht weiter davon zu ſprechen. Morgen wollen wir nach der Fleet und uns zuſammenbinden laſſen. So zittert doch nicht. Was ich von dem Balge ſagte, war nur zum Scherz. Ich meinte es nicht ſo. Es iſt einmal ſo meine Art, wenn ich böſe bin. Ich werde eben ſo viel von ihm halten, als wäre es mein eigen Fleiſch und Blut.— Ich werde ihm eine künſtleriſche Erziehung geben,— er ſoll die Finger bei Zeiten gebrauchen lernen und ein wackerer Kerl wie ſein Vater werden.“ „Niemals!“ kreiſchte Miſtreß Sheppard,„niemals, niemals.“ „Ohe! was ſoll das heißen?“ fragte Blauhaut auffah⸗ Ainsworth, Jack Sheppard. I. 4 —— 50 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. rend.„Meint Ihr, wenn ich den Bengel ernähre, ſo ſoll ich ihn nicht erziehen, wie mir gefällt— he?“ „Fragt mich nicht und laßt mich allein,“ erwibtrte die Wittwe außer ſich,„es wäre am beſten.“ „Euch allein laſſen!“ wiederholte der Unhold mit ſpötti⸗ ſchem Gelächter,—„ſo bald nicht.“ „Ich bin nicht unbeſchützt,“ verſetzte das arme Weib, „es iſt Jemand am Fenſter— Hülfe! Hülfe!“ Aber ihr Geſchrei blieb unbeachtet, und Blauhaut, der ſich einen Augenblick lang mißtrauiſch umgeſehen hatte, ſchloß daraus, daß es nur Verſtellung war und lachte lauter als je. „Nützt Euch nichts, Wittwe,“ ſagte er, ſich ihr nähernd, während ſie vor ihm zurückwich,„alſo ſchont Eure Lungen. Kommt, ſeid vernünftig und hört mich an. Euer Junge hat mir ſchon Glück gebracht und wird es noch mehr, wenn er eine ordentliche Erziehung kriegt. Dieſen Geldbeutel und dieſen Ring habe ich eben erſt von der Dame erhalten, die hier zum Fenſter hinausgeſprungen iſt. Wenn ich dabei ge⸗ weſen wäre, anſtatt Jonathan Wild, ſo wäre es nicht dazu gekommen.“ Indem er dieſe Worte ſprach, entſtand draußen ein leiſes Geräuſch. „Was iſt das?“ rief er, unruhig nach dem Fenſter blickend.„Wer iſt da?— Pah, es iſt nur der Wind.“ „Es iſt Jonathan Wild,“ entgegnete die Wittwe, um ihn zu erſchrecken.„Ich ſagte Euch wohl, daß ich nicht ſchutzlos bin.“ „Er Euch beſchützen,“ verſetzte Blauhaut hämiſch; „Ihr habt keinen ſchlimmern Feind auf Erden als Jonathan Wild. Wenn Ihr Eures Mannes Sterberede leſen wolltet, ſo würdet Ihr wiſſen, daß er Jonathan Wild Schuld an ſeinem Tode gegeben hat,— und mit Recht, wie ich bezeugen kann.“ „Menſch!“ kreiſchte Miſtreß Sheppard mit ſolcher Hef⸗ Die Drohung. 51 tigkeit, daß ſogar der verſtockte Böſewicht bebte,„geh und verſuche mich nicht.“ „Wozu ſollte ich Euch verſuchen?“ fragte Blauhaut verwundert. „Zu— zu— gleichviel,“ verſetzte ſie halb wahnſinnig. „Geht— geht.“ „Ich verſtehe, was Ihr meint,“ entgegnete Blauhaut, ein großes Taſchenmeſſer in die Luft werfend und es geſchickt wieder beim Heft auffangend;„Ihr habt einen Groll auf Jonathan,— und ich auch. Er hat Euren erſten Mann an den Galgen gebracht. Sagt nur ein Wort,“ ſprach er, das Meſſer bedeutungsvoll über den Hals ziehend,„und ich verſpreche Euch, er ſoll Euren zweiten ungeſchoren laſſen. Aber verdamm' ihn. Wir wollen von was angenehmerem ſprechen. Seht dieſen Ring an,— es iſt ein Diamant und eine ganze Münze voll Geld werth. Es ſoll Euer Trauring ſein. Der Name der Dame ſteht drin, aber ſo klein ge⸗ ſchrieben, daß ich ihn kaum leſen kann. A—l—i—v— a— Aliva— T—r—e—n— Trencher— ſo heißt es. Aliva Trencher.“ „Aliva Trenchard!“ rief Miſtreß Sheppard begierig; „iſt das der Name!“ „Freilich, jetzt ſehe ich es deutlich, es heißt Trenchard. Woher kennt Ihr den Namen? Habt Ihr ihn ſchon gehört?“ „Mir däucht— vor langer Zeit,— als ich ein Kind war,“ erwiederte Miſtreß Sheppard, die Hand an die Stirn legend,„aber mein Gedächtniß iſt ſo ſchwach. Wo kann ich ihn gehört haben?“ „Weiß der Teufel,“ entgegnete Blauhaut.„Mag! s drum ſein. Der Ring iſt Euer und Ihr ſeid mein. Da ſteckt ihn an.“ Miſtreß Sheppard zog ihre Hand zurück und widerſetzte ſich mit aller Gewalt ſeinen Zumuthungen. „Setzt das Kind hin,“ wüthete Blauhaut wild. 52 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. „Barmherzigkeit!“ kreiſchte Miſtreß Sheppard, indem ſie ſich loszuwinden ſuchte und den Säugling auf Armes⸗ länge entfernt hielt,„Barmherzigkeit mit dem unſchuldigen Weſen!“. „Setzt es hin, ſage ich Euch,“ donnerte Blauhaut,„oder ich thue ihm noch was zu Leide.“ „Auf keinen Fall!“ ſchrie Miſtreß Sheppard. Blauhaut nahm das Meſſer mit einem gräßlichen Fluch zwiſchen die Zähne und ſuchte die arme Frau bei der Kehle zu packen. In dem Kampfe fiel ihr die Haube ab. Der Trunkenbold faßte ſie bei den Haaren und hielt fie feſt. Das Zimmer erdröhnte von ihrem Geſchrei, aber anſtatt daß es den Wütherich zum Mitleiden hätte bewegen ſollen, vermehrte es nur ſeine Wuth. Er ſetzte ihr das Knie gegen die Seite und zog ſie mit der einen Hand an ſich, während er mit der andern ſein Meſſer ſuchte. Das Kind war jetzt in ſeiner Macht und er würde ſeine mörderiſche Abſicht aus⸗ geführt haben, wenn ein Arm ihn nicht von hinten zu Bo⸗ den geſchmettert hätte. Als Miſtreß Sheppard, die zugleich mit ihrem Angreifer hingeſunken war, die Augen aufſchlug, ſah ſie Jonathan⸗ Wild an Blauhauts Seite hinknien. Er hielt den Ring ans Licht und beſah genau ſeine Inſchrift. „Trenchard,“ murmelte er,„Aliva Trenchard— ſie hatten alſo den Namen richtig geleſen. Nun, wenn fie ihren Fall überlebt, was der Hitzkopf, Namens Sir Cecil, für möglich hält, ſo kann dieſer Ring noch mein Glück machen, indem er mich zur Entdeckung der in dieſer ſeltſamen Ge⸗ ſchichte betheiligten Perſonen führt.“ „Lebt die arme Dame?“ fragte Miſtreß Sheppard begierig. „Ha!“ rief Jonathan, den Ring haſtig einſteckend und eine ſchwere Reiterpiſtole aufnehmend, mit der er Blauhaut niederge⸗ ſchmettert hatte—„Ich dachte, Ihr wärt in Ohnmacht gefallen.“ Die Drohung. 53 „Lebt ſie?“ wiederholte die Wittwe. „Was geht es Euch an?“ fragte Jonathan barſch. „O, nichts— nichts,“ entgegnete Miſtreß Sheppard. „Aber ſagt mir, ob ihr Mann gerettet iſt?“ „Ihr Mann!“ rief Jonathan verächtlich.„Ein Mann hat wenig von ſeiner Frau Verwandten zu fürchten. Ihr Liebhaber Darrell hat über die Themſe geſetzt, wo ſeine Verfolger ihm wahrſcheinlich den Hals abſchneiden werden, wenn ihn der Sturm nicht über Bord wirft, denn es weht wie der Teufel;— ha! ha! ich habe ſie auf die Fährte gebracht und hätte gern das Ende geſehn, aber die Fährleute wollten mich nicht aufnehmen. Aber, ſo wie die Sachen ſtehn, iſt es ein Glück, daß ich umgekehrt bin.“ „Ja, es war wirklich ein Glück für mich,“ erwiederte Miſtreß Sheppard. „Für Euch!“ rief Jonathan.„Glaubt nicht, daß ich an Euch gedacht habe. Blauhaut hätte Euch und Euren Balg abſchlachten können, ehe ich einen Finger rührte, wenn er nicht mein Mißfallen auf ſich gezogen hätte. Ich vergebe niemals eine Beleidigung. Euer Mann hätte Euch das ſagen können!“ „Was hatte er Euch denn gethan?“ fragte die Wittwe. „Das will ich Euch ſagen,“ antwortete Jonathan mit Härte.„Er hat zweimal meine Pläne gekreuzt: Das Erſte⸗ mal überſah ich es, aber das Zweitemal, als ich bei ſeinem Herrn einbrechen wollte,— dem Menſchen, der Euch heute Abend beſucht hat,— verrieth er mich. Ich ſagte ihm, ich würde ihn an den Galgen bringen, und habe Wort gehalten.“ „Ach! freilich,“ erwiederte Miſtreß Sheppard,„und dafür werdet Ihr einſt ſelbſt an den Galgen kommen.“ „Nicht eher, als ich Euer Kind daran gebracht habe,“ verſetzte Jonathan mit durchbohrendem Blick.„Wenn dieſer 65—,— 54 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. kränkliche Knabe zum Mann heranwächst, will ich ihn an denſelben Baum hängen, wie ſeinen Vater.“ „Barmherzigkeit!“ kreiſchte die Wittwe. „Ich will ſein böſer Geiſt ſein!“ fuhr Jonathan fort, der ſich an ihrer Qual zu weiden ſchien. „Fort, Elender,“ rief die Mutter, von ſeinem Hohn verletzt,„oder ich treibe dich mit meinen Flüchen hinaus.“ „Flucht nur immer zu,“ ſpottete Jonathan. Miſtreß Sheppard erhob den Arm und die Verwünſchung ſchwebte auf ihrer Zunge. Aber ehe ſie Worte finden konnte, überwand ihre mütterliche Zärtlichkeit ihre Erbitterung. Sie ſank auf die Knie und ſtreckte die Hand über ihr Kind aus. „Das Gebet einer Mutter,— der Segen einer Mutter,“ rief ſie halb begeiſtert,„wird dich vor der Bosheit eines Teufels bewahren.“ „Wir wollen ſehn,“ entgegnete Jonathan und wandte ihr achtlos den Rücken. Und als er das Zimmer verließ, fiel die arme Wittwe mit dem Geſicht auf den Fußboden. Sechstes Kapitel. Der Sturm. Sobald Herr Wood ſich von ſeinen Peinigern befreit ſah, eilte er ſo ſchnell als möglich aus der Münze, ohne zu wiſſen wohin, bis ihn die Kräfte verließen. Als er end⸗ lich zu Athem kam, ſuchte er den Ort zu erkennen, an den ihn der Zufall geführt hatte. Dicht vor ſich bemerkte er ein düſteres Gebäude mit hohem Thurm und breitem Dach, das er als die St. Salvatorkirche erkannte. Die Glocke tönte Mitternacht und bald antworteten ihr die mannigfal⸗ tigſten Klänge vom andern Ufer der Themſe herüber. Ein unbeſchreibliches Ahnungsgefühl bemächtigte ſich des Tiſchler⸗ —— Der Sturm. 55 meiſters, als die Schläge verhallten. Er zitterte, nicht aus abergläubiſcher Furcht, ſondern aus einem unbeſtimmten Vor⸗ gefühl einer nahenden Gefahr. Die eigenthümliche Beſchaffen⸗ heit der Atmoſphäre war hierbei nicht ohne Einfluß. Ueber einer der Zinnen des Tower zeigte ein heller, blaſſer Fleck die Stellung des eben aufgegangenen Mondes an. Es war noch immer ſtockfinſter, aber der Wind, welcher mit einiger Heftigkeit zu wehen anfing, jagte die Wolken ſchnell am Himmel hin und trieb die über der Erde ſchwebenden Dünſte fort. Zuweilen ward der Mond ganz bedeckt und dann warf er wieder einen matten Schimmer auf die fliegenden Wolken⸗ maſſen. Kein Stern ließ ſich blicken, aber ſtatt deſſen ſchoſſen dann und wann, man konnte nicht ſehn, von woher, bläß⸗ liche Lichtſtreifen durch das düſtere Himmelsgewölbe und er⸗ höhten das Unheimliche und drohende Dunkel der Nacht. Von dieſen Vorboten eines Sturms beunruhigt und durch die eben erduldeten Mißhandlungen zu ſehr angegriffen, um zu Fuß weiter zu gehn, ſuchte Wood eine Taverne aus, wo er ſich erwärmen oder überhaupt erholen könnte. In dieſer Abſicht bog er in eine enge Straße zur Linken ein und erreichte bald ein kleines Bierhaus, über deſſen Thur das Zeichen des„Welſchen Trompeters“ hing. „Ich möchte ein Glas Branntwein haben,“ ſagte er zum Wirth. „Zu ſpät, Meiſter,“ entgegnete dieſer mürriſch; denn ihm gefiel das Aeußere ſeines Gaſtes nicht;„eben den Laden geſchloſſen.“ n „Den Tauſend! David Pugh, kennſt du deinen alten Freund und Landsmann nicht mehr?“ rief der Tiſchlermeiſter. „Ach! Owen Wood, biſt du es?“ rief David erſtaunt. „Was machſt du denn ſo ſpät hier? Und wie ſiehſt du aus?“ „Gieb mir den Branntwein und ich will dir erzählen,“ antwortete Wood. 56 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. „Höre, Frau, hole mir die Flaſche vom zweiten Bort aus dem Schenktiſch.— Da, Wood,“ rief David, ihm ein⸗ ſchenkend,„das wird dir das Herz wärmen. Nur herunter damit. Es iſt ächter Korn. Aus meiner Privatflaſche,“ fügte er leiſer hinzu. Als Wood den zu ſich genommen hatte, näherte er ſich dem Kamin und benachrichtigte ſeinen Freund in wenig Worten von der ungaſtlichen Behandlung, die ihm in der Münze zu Theil geworden war, worauf Herr Pugh, der gleich dem Tiſchlermeiſter ein Abkömmling von Cadwal⸗ lader war, überaus böſe ward, eine Menge fürchterlich klin⸗ gender Verwünſchungen in Wälſcher Zunge ausſtieß und eben ſein Verlangen ausdrücken wollte, einiger dieſer Schur⸗ ken im Trompeter habhaft werden zu können, als Herr Wood ihn mit der Bemerkung unterbrach, daß er ſobald als mög⸗ lich über den Strom zu ſetzen wünſche, um den Sturm zu vermeiden. „Ein Sturm!“ rief der Wirth.„Dachte ich's doch, daß etwas los wäre, denn als ich vor einer Stunde nach dem Werterglas ſah, ſtand es niedriger, als ich es je ge⸗ ſehn habe.“ „Ja, ja, es giebt eine garſtige Nacht, Meiſter Wirth,“ bemerkte ein alter einäugiger Matroſe, der ſeine Pfeife am Kamin rauchte.„Denn wie ſollte das Glas auch ſo fallen, ſehn Sie, ohne daß ein Sturm hinterherkommt, wie ich das oft in Weſtindien geſehn habe. Und dann ſind dieſen Mor⸗ gen ein Paar Meerſchweine mit der Fluth heraufgekommen und haben den ganzen Tag lang an der Londoner Brücke in der Themſe herumgezappelt, und wiſſen Sie, ſo ein See⸗ ungeheuer bringt immer einen Sturm mit.“ „Je eher ich aufbreche, alſo, deſto beſſer. Gute Nacht, David,“ rief Wood. „Hier ſchläft ein Fährmann auf der Bank,“ bemerkte Der Sturm. 57 der Wirth,„der dir ein ſo gutes Boot führt, wie nur Einer auf der Themſe. Halloh! Ben,“ rief er und rüttelte einen breitſchultrigen Kerl in kurzer Jacke aus dem Schlaf.„Dieſer Herr braucht ein Paar Ruder.“ „Wohin, Sir?“ fragte Ben, ſeine wollene Mütze be⸗ rührend. „Nach der Arundel⸗Treppe, am nächſten bei der Wych⸗ ſtraße,“ antwortete Wood. „Kommen Sie, Sir,“ rief der Fährmann. „Höre, Ben,“ ſagte der alte Seemann, ſeine Pfeife ausklopfend,„du kannſt es verſuchen, aber hol' mich der Teufel, wenn du dieſe Nacht hinüberkommſt.“ „Und warum nicht, altes Salzwaſſer?“ fragte Ben, ein Priemchen im Munde umdrehend. „Weil ein Sturm aufzieht und es nicht leidet, junges Süßwaſſer,“ entgegnete die Theerjacke. „Da muß er gut aufpaſſen, oder ich ſchlage ihm ein Schnippchen,“ lachte Ben;„der Sturm hat noch nicht ge⸗ weht. der mich am Ueberſetzen hindert. Das Wetter iſt die letzten vierzehn Tage ſchlimm genug geweſen, aber ich habe ihm noch nie den Rücken gekehrt.“ „Wohl möglich,“ entgegnete der alte Matroſe trocken, „aber du wirſt ſehen, daß es dir dieſe Nacht zu viel wird. Sollteſt du aber hinüberkommen, ſo laß dir von einem alten Mann ſagen und ſei kein Narr, daß du dich wieder zurück wagſt.“ „Ich will dir was ſagen, Salzwaſſer,“ ſagte Ben,„ich will mein Fährgeld wetten,— und das find zwei Schillinge,— daß ich in einer Stunde wieder hier bin.“ „Topp!“ rief der alte Matroſe.„Aber was hilft es, wenn ich gewinne? Ehe du mich bezahlen kannſt, biſt du todt.“ „Fürchte dich nicht,“ erwiederte Ben ernſthaft;„todt 58 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. oder lebendig, wenn ich verliere, bezahle ich. Da haſt du meinen Daumen drauf. Kommen Sie, Sir.“ „Ich will Ihnen was ſagen, Meiſter Wirth,“ bemerkte der alte Seemann, ſeine Pfeife ruhig aus einer gewaltigen zinnernen Tabacksbüchſe ſtopfend, als der Fährmann und Wood das Haus verlaſſen hatten,„Ihrem Freund haben Sie gute Nacht geſagt.“ „Behüte mich Gott! meint Ihr wirklich?“ rief der Wirth zum Trompeter.„Ich will hinlaufen und ihn wieder⸗ holen. Er iſt ein Wäliſcher, und ich möchte um keine Klei⸗ nigkeit, daß ihm was zuſtieße.“ „Laſſen Sie nur,“ ſagte der alte Matroſe und faßte mit der Zange eine brennende Kohle, um ſeine Pfeife anzu⸗ zünden,„laſſen Sie ſie nur verſuchen. Sie werden bald genug wieder kommen, oder gar nicht.“ Herr Wood und der Fährmann eilten unterdeſſen ans Ufer. Mehrere Böte lagen an der Waſſertreppe und tanz⸗ ten, wie ungeduldig, in dem rauſchenden Strome auf und nieder. In eins derſelben half der Fährmann Herrn Wood hinein und ſtieß ſogleich vom Lande ab. Ben hatte kaum die Ruder eingelegt, als ſich ein Laternenſchimmer dem Ufer näherte, und bald darauf ſtürzte eine Perſon in athemloſer Haſt nach der Treppe. „Boot da!“ rief eine Stimme, die Herr Wood wieder⸗ zuerkennen glaubte. „Sie werden einen Fährmann in einem der Böte unter ſeinem Zelt ſchlafen finden, Sir, wenn Sie ſich umſehn,“ erwiederte Ben fortrudernd. „Könnt Ihr mich nicht mitnehmen?“ bat die Stimme; „ich will Euch gut bezahlen. Ich habe ein Kind hier, das ich ohne Zeitverluſt hinüber haben möchte.“ „Ein Kind!“ dachte Wood;„es muß der Flüchtling Der Sturm. 59 Darrell ſein. Legt an,“ rief er dem Fährmann zu,„ich will den Gentleman miteinnehmen.“ „Unmöglich, Meiſter,“ erwiederte Ben;„die Fluth ſtrömt wie eine Mühlſchleuſe, und der Wind weht uns in die Zähne. Das alte Salzwaſſer hatte Recht. Wir kriegen einen gehörigen Windſtoß, ehe wir herüber ſind. Aber ich verliere meine Wette, wenn ich mich länger aufhalte,— alſo vorwärts.“ Hiermit zog er die Ruder kräftig an und die Barke ſchoß vom Strande fort. Herrn Woods Beſorgniß wegen des Flüchtlings ward bald dadurch gehoben, daß er einen andern Fährmann ſich zum Abſtoßen fertig machen hörte; und bald darauf ward das Geräuſch eines zweiten Ruderpaars hörbar. „Wahrhaftig,“ rief Ben,„ich glaube die ganze Welt will in dieſer ſchönen Nacht über die Themſe ſetzen. Man ſollte denken, es regnete Kunden und donnerte mit Kanonen. Da iſt noch Jemand an der Waſſertreppe, der ein Boot ver⸗ langt, und, bei der Meſſe, ſie ſcheinen es eiliger zu haben, als wir alle zuſammen.“ Der Tiſchlermeiſter, deſſen Aufmerkſamkeit auf dieſe Weiſe auf das Ufer gelenkt ward, ſah drei Geſtalten, deren eine eine Fackel trug, in ein ziemlich großes Boot ſteigen, wel⸗ ches unmittelbar darauf abſtieß. Mit zwei Ruderern be⸗ mannt, ſchoß dies Boot dem Flüchtlinge nach, den es augen⸗ ſcheinlich verfolgte und allmälig einholte. Herr Wood ſtrengte ſeine Augen an, um den fliehenden Nachen zu erſpähen. Aber er konnte nur eine dunkle, formloſe Maſſe unterſcheiden, die in geringer Entfernung auf dem Waſſer ſchwamm und ſeiner verwirrten Phantaſie völlig ſtill zu ſtehn ſchien. Dem ge⸗ übten Auge des Fährmanns ſtellte ſich die Sache anders dar; er ſah deutlich, daß die Jagd raſch vor ſich ging und alle Kräfte aufgeboten wurden, um den Verfolgern zu entgehn. Einmal ſchien es, als wollte der fliehende Nachen ans Land 60 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. ſtoßen. Aber dieſer Plan ward, wahrſcheinlich ſeiner Ge⸗ fährlichkeit wegen, ſogleich wieder aufgegeben; jedoch nicht ohne daß ſein kurzes Zaudern von den Verſolgern mit Er⸗ folg benutzt worden wäre. Ben folgte dieſen Manövern mit großem Intereſſe und bemühte ſich aus Leibeskräften mit den beiden Booten gleichen Schritt zu halten. „Ich glaube, es find Häſcher, Sir, mit einem Verhafts⸗ befehl gegen den Gentleman,“ bemerkte er. „Etwas Schlimmeres, fürchte ich,“ erwiederte Wood. „Sie denken doch nicht, es ſind Seelenverkäufer?“fragte Ben. „Ich weiß nicht, was ich denke,“ antwortete Wood ver⸗ drießlich und heftete die Augen auf das Waſſer, als wünſchte er ſeine Aufmerkſamkeit mit Gewalt von dieſem Schauſpiel abzulenken. Auf einmal knallte ein Piſtolenſchuß durch die Luft und als der Tiſchlermeiſter die Augen erhob, zeigte ſich ihm ein Anblick, der ihn mit neuer Beſorgniß erfüllte. Beim Licht der Fackel auf dem feindlichen Boote ſah er, daß die Ver⸗ folger ſich ihrem Ziele bis auf eine geringe Entfernung ge⸗ nähert hatten. Der Schuß hatte den Ruderer getroffen und dieſer hatte die Ruder fahren laſſen, ſo daß der Nachen mit dem Strome dem Feinde entgegen trieb. Die Flucht war jetzt unmöglich. Darrell ſtand aufrecht mit gezogenem Schwert in der Barke und hielt ſich zu ſeiner Vertheidigung bereit, während ſeine Verfolger mit Ungeduld den Augenblick zu erwarten ſchienen, der ihn in ihre Gewalt liefern ſollte. Sie brauchten nicht lange zu warten. Noch ein Augen⸗ blick und das Zuſammentreffen fand ſtatt. Die Fährleute des größern Boots hoben augenblicklich die Ruder aus und hielten den dahin treibenden Nachen feſt. Dann ſah Wood zwei Perſonen, in deren einer er Rowland erkannte, hinüber⸗ ſpringen. Ein verzweifelter Kampf erhob ſich. Dann vernahm man einen gellenden Schrei, dem ein dumpſes Platſchen folgte. Der Sturm. 61 „Um Gotteswillen, legt um, Fährmann!“ rief Wood, deſſen Menſchlichkeit alle perſönlichen Rückſichten überwand, „es iſt Einer über Bord gefallen. Laßt uns dem armen Men⸗ ſchen beiſtehen, ſo viel wir können.“ „Gegen die Zeit wird es mit ihm aus ſein, Meiſter,“ erwiederte Ben, das Boot wendend und ſchnell nach dem Kampfplatze rudernd;„aber mag er verdammt ſein, es war der Schurke, der eben den armen Bill Thomſon getroffen hat; meinetwegen mögen ihn die Fiſche freſſen.“ Während dieſer Worte näherten ſie ſich den kämpfenden Parteien. Rowland und Darrell ſetzten jetzt den Streit fort. Der letztere hatte ſich von einem ſeiner Gegner, dem Diener Davies befreit. Ueber Bord geſchleudert, fand der Raufbold bald ſeinen Tod in den Wellen und der Strom riß ihn augenblicklich von hinnen. So lange der Kampf zwiſchen den Hauptperſonen dauerte, bemühten ſich die Ruderer des großen Bootes, beide Fahrzeuge dicht an einander mitten im Strome feſtzuhalten. Dies war die Veranlaſſung, daß Herrn Woods Boot, von Ruder und Fluth zugleich getrieben, ſein Ziel verfehlte und ehe es wieder herumgelegt werden konnte, war der Kampf entſchieden. Einige Minuten lang ſchien der Vortheil auf Darrells Seite zu ſein. Keiner der beiden Kämpfenden konnte von ſeinem Schwerte Gebrauch machen und an Stärke war der Flüchtling augenſcheinlich ſeinem Gegner überlegen. Der Nachen ſchwankte heftig unter ihren Bewegungen und wäre er nicht an das größere Boot befe⸗ ſtigt geweſen, ſo hätte er umſchlagen und die beiden Strei⸗ tenden ins Waſſer ſtürzen müſſen. Rowland fühlte ſeine Kräfte unter dem mächtigen Griff ſeines Gegners ſinken. Er rief den andern Diener, der die Fackel hielt, herbei. Dieſer verſtand die Aufforderung; er nahm ſeinem Herrn das Schwert aus der Hand und ſtieß es Darrell durch die Bruſt. Im 62 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. nächſten Augenblicke verkündete ein ſchwerer Fall, daß der Flüchtling den Wellen überliefert war. Jedoch Darrell kam ſogleich wieder in die Höhe, und obgleich tödtlich verwundet, machte er einen verzweifelten Verſuch, das Boot wieder zu erreichen. „Mein Kind!“ ächzte er mit gebrochener Stimme. „Wohl bedacht!“ antwortete Rowland, der ſeine An⸗ ſtrengungen mit einem Lächeln befriedigter Rache beobachtete; „ich hatte die verwünſchte Brut in dieſem Wirrwarr ganz vergeſſen. Da iſt es,“ rief er und ſchleuderte den Säugling ſeinem unglücklichen Vater hin. Das Kind fiel nicht weit von Darrell ins Waſſer, dieſer ſchwamm darauf zu und erfaßte es noch, ehe es unterging. In dieſem Augenblick hörte er das Plätſchern eines Ruder⸗ paars und ſah Herrn Woods Boot herannahen. „Hier iſt er, Fährmann,“ rief der wohlwollende Tiſchler⸗ meiſter.„Ich ſehe ihn!— rudert auf Tod und Leben.“ „Das wäre grade der rechte Weg, ihn zu verfehlen,“ erwiederte Ben kaltblütig.„Wir müſſen ſtill liegen. Die Fluth wird ihn bald genug herantreiben.“ Ben hatte richtig geurtheilt. Von dem Strome getra⸗ gen, war Darrell ihnen in wenigen Augenblicken zur Seite. „Faßt dies Ruder an,“ ſchrie der Fährmann. „Erſt nehmt das Kind,“ rief Darrell, den Säugling in die Höhe haltend und ſich mit der Verzweiflung des Todes an das Ruder anklammernd. „Geben Sie es mir,“ entgegnete der Tiſchlermeiſter; „alles gut. Jetzt reichen Sie mir Ihre Hand.“ „Die Kräfte verlaſſen mich,“ keuchte der Flüchtling. „Ich kann nicht ins Boot klettern. Bringt mein Kind zu— es iſt— o Gott! ich finke,— nehmt es, nehmt es—“ „Zu wem?“ rief Wood. Darrell wollte antworten, aber er konnte nur einen Der Sturm. 63 unverſtändlichen Laut von ſich geben. Seine Muskeln er⸗ ſchlafften und er ſank, um nie wieder emporzukommen. Rowland hatte unterdeſſen, von dieſen Stimmen beun⸗ ruhigt, ſeinem Diener die Fackel aus der Hand genommen und leuchtete damit in das Dunkel. „Tod und Verderben!“ rief er.„Da iſt ein Boot in unſerm Strich. Sie haben das Kind gerettet. Macht den Nachen los und ſchnell an die Ruder— ſchnell!“ Dieſe Befehle wurden ſogleich ausgeführt. Das Boot ward losgemacht und die Leute ſetzten ſich wieder auf die Bänke. Rowlands Zweck ward jedoch auf eine eben ſo uner⸗ wartete, als ſchreckliche Art vereitelt. Während der vorhergehenden Ereigniſſe hatte eine Todten⸗ ſtille /geherrſcht. Aber als Rowland an das Steuer ſprang, krachte es in den Lüften wie Kanonendonner und der Wind brach los. Einen Augenblick vorher war die Oberfläche des Stoms ſo ſchwarz wie Dinte. Jetzt ſchäumte, ziſchte und kochte ſie wie ein unermeßlicher Keſſel. Noch einmal ſtrich der Windſtoß über den aufgeregten Fluß, wirbelte die ſchäu⸗ mende Decke hinweg, zerſtäubte ſie weit und breit in Waſſer⸗ pfen und der tobende Strom war wieder ſchwärzer als vyrher. Der Sturm war zum Orkan geworden, dem fürch⸗ teplichſten, der je die Hauptſtadt verheert hatte. Zerſtörung fllgte ſeinem Wege; Thürme wankten und ftürzten unter ner Wucht. Bäume wurden mit den Wurzeln ausgeriſſen; ele Häuſer dem Erdboden gleich gemacht, andre wurden gedeckt; das Blei auf den Kirchendächern riß los und rollte wie Pergament, auf. Nichts ward von dem unerbitt⸗ chen Sturm, weder zu Lande, noch zu Waſſer geſchont. Die eiſten Schiffsgefäße auf dem Fluſſe wurden von ihrer Anker⸗ ätte geriſſen und heftig gegeneinander geſchmettert, oder an as Land getrieben. Ringsum Finſterniß, Schrecken, Ver⸗ wirrung, Verderben. Die Menſchen flohen aus ihren ſchwan⸗ 64 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. kenden Wohnungen und kehrten, durch größere Gefahren zurückgeſcheucht, wieder zu ihnen zurück. Das Weltgericht ſchien angebrochen zu ſein. In dieſem Augenblick allgemeiner Verwüſtung und Ver⸗ zweiflung, während ganz London vor dem Gebrüll des Sturms erbebte, ging es dem Tiſchlermeiſter, der ſeiner ganzen Wuth ausgeſetzt war, beſſer als ſich erwarten ließ. Das Boot, in welchem er fuhr, ſchlug nicht um. Zum Glück hatte es gleich nach der Rettung des Kindes ſeine Richtung geändert und erhielt dadurch den erſten Stoß des Orkans, welcher aus Südweſten blies, auf dem Hintertheil. Sein Bug ſteckte ſich tief in den Strom und es war nahe daran unterzugehn. Aber bald darauf richtete es ſich wieder auf und glitt mit reißender Schnelligkeit über die Wellen, deren Spiel es jetzt überlaſſen war. Bei dieſem neuen Ausbruch des Sturms legte Wood ſich inſtinktmäßig mit dem Kinde der Länge nach in das Boot hin und bereitete ſich auf ſein Ende vor. Während er hiermit beſchäftigt war, fühlte er einen harten Griff an ſeinem Arm und Ben's Lippen legten ſich dicht an ſein Ohr. Der Fährmann ſchützte ſeinen Mund mit der Hand, ſonſt wäre der Laut ſeiner Stimme in dem Toben des Sturms untergegangen. „Der Teufel iſt los, Meiſter,“ wehklagte Ben,„n⸗ ein Wunder kann uns noch retten. Das Boot muß ges die Brückenpfeiler rennen, oder wenn es glücklich daran vie überkommt, von den Wellen verſchlungen werden.“ „Gott helf' uns!“ rief Wood;„wir waren Narren, dr wir nicht auf den alten Seemann hörten.“ „Das macht mir auch Sorgen,“ ſagte Ben.„Ich wi Ihnen was ſagen, Meiſter; wenn Sie mehr Glück habe als ich, und ans Land kommen, ſo geben Sie dem alte Salzwaſſer das Fährgeld. Ich habe meinen Daumen drauf Der Sturm. 65 gegeben, daß ich ihn, todt oder lebendig, bezahlen wollte, wenn ich verlöre, und ich möchte gern Wort halten.“ „Ja, ja,— ich will es thun,“ antwortete Wood haſtig. „War das Donner?“ ſtotterte er, als ein furchtbarer Schlag über ihren Häuptern losbrach. „Nein, blos ein friſcher Stoß,“ entgegnete Ben;„hören Sie! jetzt kommt er.“ „Der Herr erbarme ſich unſrer Sünden!“ rief Wood, als ein ſchrecklicher Windſtoß das Waſſer in das Boot ſtäubte. Der Orkan hatte jetzt ſeine höchſte Wuth erreicht. Er kreiſchte gleichſam im Entzücken über ſeine verheerende Sen⸗ dung. Sein ununterbrochenes, betäubendes Toſen ſchien Einem ganz das Gehör zu rauben. Wer ſich dem Winde entgegengeſtellt hätte, wäre augenblicklich erſtickt. Er drang durch jede Falte in den Kleidern und riß ſie in vielen Fällen den Tragenden vom Leibe. Die undurchdringlichſte Finſterniß erhöhte das Grauſen. Der Würgengel zeigte ſich in ſeiner furchtbarſten Geſtalt. Alles fühlte ſeine Gegenwart und hörte den Donner ſeiner Stimme. Zehntauſend Roſſe ſchie⸗ nen in den Lüften zu trampeln und das Werk der Zerſtörung zu vollbringen. Geſpenſtiſche Geſtalten ſchienen auf den Schwingen des Sturmwindes vorüberzuſauſen und ſeine Wuth anzuſpornen. Die wirkliche Gefahr verſchwand vor dieſen ſchrecklichen Phantafiebildern und manch furchtſames Gemüth kam durch das Uebermaß des Grauens von Sinnen. Bald wäre dies auch mit dem Tiſchlermeiſter der Fall geweſen. Ben's Stimme erweckte ihn jedoch aus ſeiner Be⸗ täubung und ſchrie ihm ins Ohr:„Die Brücke!— die Brücke!“ Ainsworth, Jack Sheppard. I. 5 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. Siebentes Kapitel. Die alte Londoner Brücke. London beſaß zu jener Zeit nur eine einzige Brücke. Aber dieſe war merkwürdiger, als alle, deren ſich die Metro⸗ polis heutigen Tages rühmt. Von einem Ende zum andern mit Häuſern bedeckt, bot dieſer ehrwürdige maleriſche Bau das Ausſehn einer quer über die Themſe gehenden Straße dar. Es war, als wenn die Gracechurch⸗Straße mit allen ihren Läden, ihren Niederlagen und endloſem Gedränge von dem Midvleſeriſchen Ufer nach dem Surreyſchen hinüber ge⸗ legt wäre. Die Häuſer waren freilich älter, die Läden dü⸗ ſterer, die Paſſage enger, aber das geſchäftige Geräuſch, das ſtraßenähnliche Ausſehn war daſſelbe. Ueberdies hatte die Brücke gewölbte Thore, mit ſtarrenden Eiſenſpitzen beſetzt und, wie es allen alten Thorwegen zukommt, mit den Köpfen von Hochverräthern geſchmückt. In allen Zeiten rühmte ſie fich einer dem heiligen Thomas geweihten Kapelle, unter welcher ſich, kunſtreich zwiſchen den Bogen angebracht, ein Grabgewölbe befand, in dem der Kaplan Peter von Cole⸗ church, der Erbauer der ſteinernen Londoner Brücke, ruhte, und damals rühmte ſie ſich noch eines Gebäudes, das, ob⸗ gleich jetzt ziemlich baufällig, dereinſt mit einem Pallaſt ge⸗ wetteifert hatte,— wir meinen Noneſuch⸗Haus. Die andern Gebäude ſtanden in dichten Reihen und jeder Zollbreit war mit ſolcher Sparſamkeit benutzt, daß zuweilen Keller und ſelbſt bewohnbare Gemächer in dem maſſiven Mauerwerk der Pfeiler angebracht waren. Die alte Londoner Brücke(eine Großmutter der jetzigen) ruhte auf neunzehn Bogen, deren jeder an Breite und Höhe einem Rialto gleichgekommen wäre. Die Bogen ſtanden auf ungeheuren Pfeilern, die Pfeiler auf Eisböcken oder Vor⸗ Die alte Londoner Brücke. 67 ſprüngen, die weit in den Fluß vorgeſchoben waren, um die Macht des Stromes zu brechen. Durch Ben's Ausruf ver⸗ anlaßt, ſah der Tiſchlermeiſter in die Höhe und konnte eben nur die unſicheren Umriſſe der Brücke, durch das Dunkel ſchimmernd, erblicken. Plötzlich ſchien ſie zu verſchwinden und ein furchtbarer Stoß durchzitterte das ganze Boot. Wood ſprang auf und fand, daß der Nachen gegen einen der Strebe⸗ pfeiler der Brücke getrieben worden war. „Springen Sie hinaus!“ rief Ben mit Donnerſtimme. Wood gehorchte. Seine Furcht verſah ihn mit unge⸗ wohnter Kraft. Obgleich der Eisbrecher mehr als zwei Fuß über dem Waſſer hervorragte, langte er mit ſeinem kleinen Pflegling, den er keinen Augenblick von ſich gelaſſen hatte, wohlbehalten auf demſelben an. Der arme Ben war nicht ſo glücklich. Grade als er ihm folgen wollte, ſtieß das Boot, welches mit Rowland und ſeinen Leuten ihrem Strich gefolgt war, gegen ſein Fahrzeug. Die Heftigkeit des Zuſammen⸗ treffens warf ihn faſt um und gab ſeinem Sprunge eine falſche Richtung. Sein Fuß berührte den ſtumpfen Rand des Eisbrechers und glitt daran aus. Im Fallen griff er nach dem vorſpringenden Mauerwerk. Aber der Stein war ſchlüpfrig und die Fluth tobte mit brauſender Geſchwindig⸗ keit dahin. Er mußte loslaſſen,— ein Schrei, und er ward von den reißenden Wogen entführt. Herr Wood hörte den Schrei. Aber ſeine eigene Lage war zu gefährlich, als daß er daran hätte denken dürfen, ſeinem unglücklichen Gefährten Hülfe zu leiſten. Es kam ihm allerdings ſo vor, als ſähe er eine Geſtalt in demſelben Augenblicke, als die Böte aneinanderſtießen, auf den Eisbock ſpringen; aber da er Niemand neben ſich erblickte, ſo glaubte er ſich getäuſcht zu haben. Um Herrn Woods jetzige Lage und ſpäteres Thun deut⸗ lich zu machen, müſſen wir einige Worte über die Geſtalt 68 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. und den Bau der Platform, auf welcher er Zuflucht gefun⸗ den hatte, vorausſchicken. Wir haben ſchon erwähnt, daß der Pfeiler eines jeden Vogens durch einen vorſpringenden Eisbrecher gegen den Andrang der Fluth geſchützt war. Dieſe Eisbrecher waren je nach dem Umfange des Pfeilers, den ſie umgaben, an Breite verſchieden. Sie waren aber alle ziemlich gleich lang und hatten etwa die Geſtalt eines Bootes mit ſcharf zugeſpitzten Enden, wie der Kiel eines Kanves. Mit Steinen eingefaßt und durch wagerechte Holzbalken zu⸗ ſammen geklammert, hatten die Fundamente dieſer Eisbrecher ſeit Jahrhunderten den Angriffen der Fluthen Trotz geboten. Einige von ihnen liegen jetzt auf dem Boden der Themſe begraben. Der Eisbrecher, auf welchem der Tiſchlermeiſter ſtand, war der vierte vom Surreyſchen Ufer aus. Er mochte drei Ellen breit und etwas darüber lang ſein, aber er war mit feuchtem Schlamm bedeckt und die Wellen brachen be⸗ ſtändig über ihn hin. Die erwähnten Querſparren waren ſo glatt, wie Eis, und die Höhlungen zwiſchen ihnen knöchel⸗ tief mit Waſſer angefüllt. Der Tiſchlermeiſter warf ſich platt auf den Eisbrecher hin, um dem wüthenden Sturme zu entgehen. Aber in dieſer Stellung war er ſchlimmer varan, als zuvor. Wenn er auch nicht ſo große Gefahr lief, hinuntergeweht zu werden, ſo konnte er doch leichter von den Wellen fortgeſchwemmt oder erſtickt werden. Als er ſo auf dem Rücken dalag, glaubte er allmälig von der Platform herabzugleiten. Außer ſich vor Schrecken ſprang er auf, ſtolperte und hätte bald ſeine ſchlimm⸗ ſten Befürchtungen verwirklicht. Dann verſuchte er an den Abſtufungen der Pfeiler hinaufzuklettern, in der Hoffnung, eins von den Fenſtern oder Löchern zu erreichen, mit denen die Seiten der Brücke, wie ein Linienſchiff mit Stückpforten, durchbohrt waren. Aber dieſen überſpannten Plan gab er bald auf und entſchloß ſich, einen Verſuch zu wagen, vor Die alte Londoner Brücke. 69 deſſen Ausführung, ja vor deſſen bloßer Betrachtung er bis⸗ her zurückgebebt hatte. Er beſtand darin, auf dem ſchmalen Rande des Eisbrechers unter dem Bogen durchzugehen und wo möglich die öſtliche Platform zu erreichen, wo er unter dem Schutze der Brücke dem heftigen Sturme weniger aus⸗ geſetzt wäre. In der Ueberzeugung, daß er unvermeidlich umkommen müßte, wenn er ſeinen Standpunkt länger behaupten wollte, empfahl Wood ſich dem Schutze der Vorſehung und begann ſeinen gefahrvollen Weg. Er nahm das Kind, welches er ſelbſt in dieſer äußerſten Noth nicht den Muth hatte zu ver⸗ laſſen, ſorgfältig auf den Arm und kroch langſam, mit der rechten Hand umherfühlend, auf den Knien weiter. Kaum war er unter den Eingang des Bogens gekommen, ſo war der Zug ſo heftig und das Toſen des Windes ſo furchtbar und betäubend, daß er faſt ſein Vorhaben aufzugeben geneigt war. Aber die Liebe zum Leben fiegte über ſeine Bedenk⸗ lichkeit und er ſetzte ſeinen Weg fort. Der Rand, auf welchem er kroch, war etwa einen Fuß breit und der Bogen war über fiebenzig Fuß lang. Dem armen Tiſchlermeiſter ſchien dies eine unendliche Entfernung. Als er unter langſamen und mühevollen Anſtrengungen die Mitte erreicht hatte, ſtieß er auf ein Hinderniß. Es war ein mächtiger Stein, den die mit der Ausbeſſerung der Brücke beſchäftigten Arbeiter dort liegen gelaſſen hatten. Kalte Schweißtropfen traten auf ſeine Stirn, als er auf dieſe Weiſe ſeinen Weg unterbrochen ſah. Unzukehren war unmöglich, — ſich aufrichten war gewiſſes Verderben. Er blickte hinab auf den reißenden Strom, den er in der Finſterniß mit Blitzes⸗ ſchnelle an ſich vorüberſchießen ſehen konnte. Er lauſchte auf den donnernden Sturz des Waſſers, der ſich jetzt mit dem Toſen des Sturms vereinigte, und ſtemmte ſich, faſt zur Verzweiflung getrieben, mit aller Macht gegen den Stein. 70 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. Zu ſeinem Erſtaunen und Entzücken gab er nach und fiel über den Rand. So groß war der Lärm und Aufruhr um ihn her, daß der Tiſchlermeiſter ihn nicht in das Waſſer ſtürzen hörte. Sein Weg war jedoch nicht länger gehemmt und er kroch weiter. Nachdem er viele andre Gefahren überſtanden und ſich zweimal genöthigt geſehen hatte, ſich platt auf das Geſicht zu legen, um nicht von ſeinem feuchten, ſchlüpfrigen Pfade herabzugleiten, hatte er endlich den Bogen hinter ſich, als er zu ſeinem unausſprechlichen Schrecken fand, daß er das Kind verloren hatte. Alles Blut in ſeinen Adern ſtrömte zu ſeinem Herzen und er zitterte an allen Gliedern. Eine Art Schwindel befiel ihn. Seine Gedanken taumelten. Ihm däuchte, die ganze Brücke krache zu ſeinen Häupten und der Bogen ſtürze über ihm zuſammen,— der Strom ſchwelle um ihn an und reiße ihn in den brauſenden Abgrund hinunter. Er kreiſchte vor Beklemmung laut auf und klammerte ſich mit verzweifelter Hartnäckigkeit an das rauhe Geſtein. Aber bald kehrte die ruhige Vernunft wieder. Als er ſein Gevächtniß anſtrengte, drängten ſich ihm alle Umſtände mit peinlicher Deutlichkeit auf. Er erinnerte ſich, daß er vor ſeinem Verſuch, den Stein zu entfernen, das Kind in eine Höhlung des Pfeilers gelegt hatte, welche jene Granitmaſſe auszufüllen beſtimmt war. Als das Hinderniß beſeitigt war, hatte er in der Haſt ſeinen kleinen Pflegling mitzunehmen vergeſſen. Es war noch mög⸗ lich, daß das Kind unverſehrt war, und ſo bittere Vorwürfe machte der Tiſchlermeiſter ſich für ſeine Nachläſſigkeit, daß er es auf jede Gefahr aufzuſuchen beſchloß. In dieſer menſchen⸗ freundlichen Abſicht kroch er langſam rückwärts,— denn er wagte ſich dem Winde nicht entgegenzuſtellen,— und erreichte endlich mit unſäglicher Anſtrengung die Spalte. Seine Be⸗ harrlichkeit ward reichlich belohnt. Das Kind war unbeſchä⸗ Die alte Londoner Brücke. 71 digt. Es lag ungeſtört in dem verborgenſten Winkel jener Vertiefung. Der Tiſchlermeiſter war ſo erfreut über den glücklichen Erfolg ſeines Unternehmens, daß er kaum einen Augenblick Athem ſchöpfen wollte, ſondern ſich ſogleich mit dem Kinde auf den Rückweg machte. Endlich gelangte er ohne weiteren Unfall auf die öſtliche Platform. Wie er vorausgeſehen hatte, war er hier verhältnißmäßig beſſer gegen die Wuth des Windes geſchützt, und als er in den ſchäumenden Ab⸗ grund zu ſeinen Füßen hinunterſah, floß ſein Herz von Dankbarkeit für ſeine unverhoffte Rettung über. Als Herr Wood ſich auf dem Eisbrecher umſah, be⸗ merkte er, daß er nicht allein war. Jemand ſtand neben ihm. Dies mußte alſo die Perſon ſein, welche er in dem Augenblick des Zuſammentreffens beider Boote auf die weſt⸗ liche Platform hatte ſpringen ſehen. Der Tiſchlermeiſter wußte aus dem Hinderniß, welches er auf ſeinem Wege an⸗ getroffen hatte, ſehr gut, daß der Unbekannte nicht denſelben Weg zurückgelegt haben konnte. Aber er konnte an der linken Seite des Pfeilers unter dem andern Bogen entlang gekro⸗ chen ſein, wogegen Wood, wie wir geſehen haben, den rech⸗ ten gewählt hatte. Die Dunkelheit verhinderte den Tiſchler⸗ meiſter die Züge oder die Geſtalt des Fremden zu erkennen und das unaufhörliche Getöſe machte alle Unterhaltung un⸗ möglich. Wood machte ihm jedoch ſeine Anweſenheit da⸗ durch bemerklich, daß er ihm die Hand auf die Schulter legte. Der Fremde ſtutzte und ſprach einige Worte. Aber der Wind trug ſie davon. Da Wood alle Verſuche zu einer Unterredung mit ſei⸗ nem Unglücksgefährten vergeblich ſah, ſo blickte er, um ſeine Gedanken zu zerſtreuen, an dem rieſenmäßigen Gebäu hinauf, das wie eine verkörperte Finſterniß vor ihm emporragte. Wie groß war ſein Entzücken, als er wenige Ellen über 72 Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. ſich ein Licht brennen ſah. Er zauderte keinen Augenblick, ſondern nahm eine Handvoll von dem mit Steinchen durch⸗ mengten Schlamm, mit welchem die Platform bedeckt war und warf ſie einen nach dem andern nach dem Schimmer. Jeder Stein traf eine Glasſcheibe. Das Nothzeichen ward offenbar verſtanden. Das Licht verſchwand. Das Fenſter ward bald darauf geöffnet und eine Strickleiter nebſt einer Hornlaterne herabgelaſſen. Wood ergriff den Arm ſeines Gefährten, um ihn auf dieſes unerwartete Rettungsmittel aufmerkſam zu machen. Beide gingen auf die Leiter zu, als Wood beim Laternen⸗ ſchein in dem Geſichte des Fremden Rowlands wohlbekannte, ſtrenge Züge entdeckte. Der Tiſchlermeiſter zitterte, denn er ſah Rowlands Blick erſt auf das Kind, dann auf ſich ſelbſt geheftet. „Es iſt ihr Kind!“ kreiſchte Rowland mit einer Stimme, die dem Heulen des Sturmes Trotz bot,„es iſt zu meiner Qual aus dem tobenden Schlunde erſtanden. Seine Eltern ſind dahin. Und ihr elender Sproß ſollte mein Leben ver⸗ kümmern, meinen Namen vernichten? Nimmer!“ Und bei dieſen Worten packte er Wyod an der Kehle und ſchleppte ihn trotz ſeinem Sträuben an den Rand der Platform. In dieſem Augenblick erfchallte ein donnernder Krach an der Seite der Brücke. Der Schornſtein eines über ihnen befindlichen Hauſes hatte dem Sturm nachgegeben und ſtürzte in einem Schauer von Ziegelſteinen und Schutt herab. Als der Tiſchler einen Augenblick ſpäter, kaum wiſſend, ob er lebendig oder todt ſei, die Hand ausſtreckte, fand er ſich allein. Der entſcheidende Sturz, der ihn und ſeinen kleinen Pflegling verſchont hatte, mußte ſeinen Gegner in den brauſenden Abgrund hinabgeriſſen haben. „Es muß ein böſer Wind ſein, der Niemand Gutes zuweht,“ dachte der Tiſchlermeiſter, indem er das Kind be⸗ Die alte Londoner Brücke. 73 trachtete, deſſen ſchwache Bewegungen verriethen, daß ſein Leben von den überſtandenen Drangſalen noch nicht über⸗ wältigt war.„Armes kleines Geſchöpf!“ murmelte er, es zärtlich an die Bruſt drückend, indem er den Strick ergriff und nach dem Fenſter hinaufſtieg;„wenn du wirklich, wie dieſer ſchreckliche Mann eben ſagte, deine beide Eltern ver⸗ loren haſt, ſo ſollſt du doch nicht ohne Freund und Beſchützer ſein, denn ich will dir ſelbſt ein Vater ſein! Und zum An⸗ denken an dieſe furchtbare Nacht und den Tod, von dem es mir beſchieden war dich zu retten, ſollſt du den Namen Thames Darrell führen.“ Kaum war Wood durch das Fenſter gekrochen, ſo machte die Natur ihre Rechte geltend und er ſank ohnmächtig hin. Als er wieder zur Beſinnung kam, fand er ſich in eine Decke gewickelt und mit ein Paar gewärmter Ziegelſteine zu ſeinen Füßen in ein Bett gelegt. Seine erſte Frage war nach dem Kinde und er erfuhr mit Entzücken, daß es noch lebe und wohl ſei. Die menſchenfreundlichen Bewohner des Hauſes, in welchem er Zuflucht fand, hatten ſich deſſelben, ſo wie ſeiner ſelbſt, mit der größten Sorgfalt angenommen. Gegen Mittag am folgenden Tage hatte er den Gebrauch ſeiner Glieder wiedererlangt, und da der Sturm nachgelaſſen hatte, ſo machte er ſich mit ſeinem Pflegling auf den Heimweg. Die Stadt bot einen Anblick der ſchrecklichſten Verwü⸗ ſtung dar. Die Londoner Brücke hatte nicht ganz ſo viel gelitten, als andre Stellen; aber ſie war faſt ganz durch herabgefallene Schornſteine, zerbrochene Balken und zerſchmet⸗ terte Dachziegel geſperrt. Die Häuſer hatten ſich auf eine furchtbare Art hinübergeneigt und ſahen aus, als würde der nächſte Windſtoß ſie in den Fluß ſchleudern. Wood bahnte ſich mit großer Mühe einen Pfad durch die Ruinen. Dies war mit nicht geringer Gefahr verknüpft, denn in jedem Augen⸗ blick fiel eine Mauer oder ſonſtiges Bruchſtück krachend zu Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. Boden. Die Themſeſtraße war ganz unzugänglich. Die Menſchen rannten geſchäftig mit Handkarren, Leitern und Stricken hin und her, um den Schutt zu entfernen und die wankenden Häuſer zu ſtützen. Die Gracechurch⸗Straße war ganz verlaſſen, außer von einzelnen Spaziergängern, deren Neugier ihre Furcht überwand, und ſolchen, die, wie den Tiſchlermeiſter, ihr Weg hier vorüberführte. Die Dachziegel lagen einen Fuß hoch auf der Straße. Zum Theil waren ſie beinahe zu Staub zerrieben, zum Theil gleichwie aus einem Geſchütz ſchuhtief in die Erde geſchlagen. Von manchen Häuſern waren die Dächer und Giebel abgetragen. Die Ladenſchilder waren bis zu einer unglaublichen Entfernung fortgeſchleudert. Durch dieſe Verwirrung mußte der Tiſchlermeiſter hin⸗ durch, bald bergauf, bald bergab über die verſchiedenen Schutt⸗ haufen, die ſeinen Pfad hemmten, bis er endlich mit Gefahr ſeines Lebens und ſeiner Glieder die Fleetſtraße erreichte. Hier ſchien der Orkan mit zehnfacher Wuth getobt zu haben. Herr Wood wußte kaum, wo er war. Die Straße war ſich ſelbſt nicht mehr ähnlich. Anſtatt der kernfeſten Wohn⸗ häuſer, die noch vor Kurzem hier geſtanden hatten, erblickte er eine Reihe von wankenden Gerippen. Es war ein niederſchlagender Anblick, eine große Stadt ſo plötzlich verheert zu ſehen und der Tiſchlermeiſter war von dieſem Schauſpiel tief bewegt. Wie es jedoch bei großen Unglücksfällen gewöhnlich iſt, ſo ſtreifte auch hier eine große Menſchenmenge durch die Straßen, deren einziger Zweck das Plündern war. Als er ſich in der Gegend von Templebar mitten unter dieſem Gedränge befand, packte ihn ein Menſch, deſſen dunkle Geſichtsfarbe ihn an einen ſeiner Peiniger vom verfloſſenen Abend erinnerte, am Kragen und beſchuldigte ihn mit bittern Verwünſchungen, daß er ihm ſein Kind geſtohlen habe. Umſonſt betheuerte Wood ſeine Unſchuld. Der Unhold Die alte Londoner Brücke. 75 fand Beiſtand und wahrſcheinlich würde das Kind ſeinem Erretter entriſſen worden ſein, wenn ſich nicht zur rechten Zeit eine Abtheilung der Wache gezeigt hätte, die ihn mit⸗ telſt eines nachdrücklichen Gebrauchs ihrer Hellebarten aus den Händen ſeiner Verfolger befreite. Herr Wood machte ſich ſchnell aus dem Staube und ſah ſich nicht eher um, als bis er ſein Haus in der Wych⸗ ſtraße erreichte. Seine Frau erwartete ihn unter der Thür und in ihre Hände legte er ſeinen kleinen Pflegebefohlenen. Ende des erſten Abſchnitts. Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Erſtes Kapitel. Der träge Lehrling. Zwölf Jahre! Wie vieles hat ſich in dieſem langen Zeitraum ereignet! wie vieles ſich verändert! Das Kind iſt zum Jüngling herangewachſen, der Jüngling iſt ein Mann geworden, der Mann hat ſchon die Unbequemlichkeiten des Alters zu fühlen angefangen. Die Schönheit hat geblüht und iſt verwelkt. Friſche Blüthen der Liebenswürdigkeit haben getrieben, ſich entfaltet und ſind abgeſtorben. Die Mode des Tages iſt veraltet. Neue Sitten haben die alten verdrängt. Parteien, politiſche Anſichten, die öffentliche Stimmung haben ſich verändert. Die Krone iſt von dem Haupt eines Mo⸗ narchen auf das eines andern übergegangen. Gewohnheiten und Neigungen find nicht mehr die alten. Wir ſelbſt find kaum dieſelben mehr, die wir vor zwölf Jahren waren. Zwölf Jahre hinter uns! Welch' ernſter Rückblick! Der träge Lehrling. 77 Dürfen wir es wagen, in die dunkle Fernſicht zurückzuſehn und den zurückgelegten Pfad in Gedanken noch einmal zu durchwandern? Von wie vielen eiteln Hoffnungen wird er verdüſtert! Mit wie vielen, nie erfüllten, guten Entſchlüſſen iſt er gepflaſtert! Wo ſind die ehrgeizigen Träume, denen wir uns vor zwölf Jahren überließen? Wo find die Rei⸗ zungen, die uns damals anſpornten, die Leidenſchaften, die uns damals verzehrten? Hat unſer Erfolg in der Welt unſern eigenen Wünſchen, oder den Erwartungen unſerer Freunde entſprochen? Oder ſind wir nicht, im Herzen wie im Ehr⸗ geize, erkaltet? Iſt uns das Geliebte nicht durch Zweifel entfremdet oder durch die kalte Hand des Todes geraubt worden? Iſt das Ziel, dem wir entgegeneilen, nicht ferner, als je,— die Ausſicht vor uns nicht eben ſo freudenlos, als die Leere hinter uns?— Doch genug davon. Kehren wir zu unſerer Erzählung zurück. Zwölf Jahre ſind alſo ſeit den in der vorigen Abthei⸗ lung erzählten Begebenheiten verfloſſen. Damals ſtanden wir unter Anna's Herrſchaft; jetzt befinden wir uns im An⸗ fange der Regierung Georg des Erſten. Wir übergehen dieſen ganzen Zeitraum mit einem Blick und nehmen den Faden unſerer Erzählung im Anfange Juni 1715 wieder auf. An einem Freitag Nachmittag in dieſem anmuthigen Monat ereignete es ſich, daß Herr Wood, der den ganzen Tag über in Geſchäftsſachen ahweſend geweſen war, vielleicht nicht ganz abſichtslos früher, als er erwartet ward, nach ſeiner Wohnung in der Wychſtraße zurückkehrte. Er wollte eben in ſeine Werkſtätte treten, als ihm die vollkommene Stille in derſelben auffiel und die Vermuthung einflößte, daß ſein Lehrling, in deſſen Fleiß er ſchon längſt Zweifel geſetzt hatte, ſeine Arbeit vernachläffige. In Folge dieſes Argwohns lauſchte er einen Augenblick an der Thür. Da aber alles ruhig blieb, ſo hob er leiſe die Klinke und ſchlich, 78 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. in der Abſicht, den Faullenzer im Falle der Beſtätigung ſeines Verdachts zu beſtrafen, behutſam hinein. Das Lokal, in welches er trat, war, wie alle Tiſchler⸗ werkſtätten, voll von Werkzeugen und Arbeitsmaterialien dieſer uralten, ehrenwerthen Kunſt. Sägen, Hämmer, Hobel, Aerte, Bohrer, Meißel und eine unabſehbare Reihe von Geräthſchaften waren, wie Waffenpikete in einem Zeughauſe, auf Brettern an den Wänden aufgeſtellt. Ueber dieſen hingen Richtſcheite, Satzwagen, Winkelmaaße und andere Meßinſtru⸗ mente. Unter einem Gewirre von Nägeln ohne Köpfen, Schrauben ohne Gängen und Klammern ohne Haken ſtand ein Leimtopf und ein Schleifſtein, zwei Gegenſtände, welche ihr Eigenthümer„ſeine rechte Hand und ſeine linke“ zu nennen pflegte. Auf einem Borte ſtand eine Reihe von Farbentöpfen, mit deren Inhalt der benachbarte Holzverſchlag und das Fenſtergefimms in Regenbogenſtreifen beſchmiert war. Die Wände waren mit verſchiedentlichen Riſſen und Figuren bezeichnet und die Zwiſchenräume zwiſchen dieſen waren aus⸗ gefüllt mit einem Kalender für das laufende Jahr, mit einem gottes fürchtigen Gedicht nebſt rohem Holzſchniit über die Ge⸗ ſchichte der keuſchen Suſanne, mit einer vergilbten Abbil⸗ dung der ſieben goldenen Leuchter, mit einem Auszuge aus den verſchiedenen Parlamentsakten gegen den Trunk, das Fluchen und alle Arten von Gottesläſterung, und mit einer Anſicht des Innern von Doctor Daniel Burgess' Presbyte⸗ riſchem Andachtshauſe in Ruſſell⸗Court, nebſt den Bildniſſen dieſes ehrwürdigen Mannes und der angeſehenſten Glieder ſeiner Gemeinde. Der Fußboden war dick mit Säge⸗ und Hobelſpänen beſtreut und quer durch die Werkſtätte lief eine lange breite Bank, die an einem Ende mit einem mächtigen Schraubſtock verſehen war, neben welchem drei in das Holz geſchlagene Nägel, nach dem zuſammengeſchmolzenen Talg⸗ klumpen zwiſchen ihnen zu urtheilen, als Stellvertreter eines Der träge Lehrling. 79 Leuchters dienten. Auf der Bank ſtand ein Viertelmaaß Branntwein, eine Brodſcheibe und ein Stück Käſe. Von dem Duft des letztgenannten Leckerbiſſens herbeigelockt, hatte eine hungrige Katze das Papier, in das er gewickelt war, aus einander gekratzt und man las die folgenden Worte in großer Druckſchrift:„Die Geſchichte der vier Könige oder der beſte Führer zum Galgen.“ Und darunter lag, gleich⸗ ſam zu mehrerer Verdeutlichung der Moral, ein Spiel Karten auf den Sägeſpänen umhergeſtreut. Neben der Thür befand ſich ein Haufen Tannenbretter, hinter dem der Tiſchlermeiſter ſich verſteckte, um das Treiben ſeines trägen Lehrlings un⸗ geſtört zu beobachten. Auf einem Holzſtuhl, den er auf einen Tiſch geſtellt hatte, ſtand der junge Taugenichts auf den Zehenſpitzen, mit dem Rücken nach der Thür und mit einem Taſchenmeſſer in der Hand, und war damit beſchäftigt, ſeinen Namen in einen Balken zu ſeinen Häupten einzuſchneiden, anſtatt die ihm aufgegebene Arbeit zu vollenden. Die Knaben waren zu jener Zeit eben ſo wie die Erwachſenen oder wie gewiſſe Armenhauskinder unſerer Tage gekleidet; und der erwähnte junge Burſche trug ſchwarze Plüſchbeinkleider und eine graue Droguetweſte mit übermäßig langen Taſchen, welches beides offenbar die abgelegten Kleider einer bedeutend älteren Per⸗ ſon waren. Einen Rock hatte er bei dieſer Gelegenheit nicht an, da es ihm bequemer und angenehmer war, ſeinen Ver⸗ richtungen in Hemdsärmeln nachzugehen; aber wenn er voll⸗ ſtändig angezogen war, trug er ein weites, mit Borten be⸗ ſetztes, langſchößiges Gewand, welches einſt das Eigenthum ſeines Herrn geweſen war. Als Herr Wood ſich hinter den Brettern verſteckte, konnte er es nicht vermeiden, ein leiſes Geräuſch zu verur⸗ ſachen. Dies machte den Lehrling ſtutzen; er hielt ſogleich mit ſeiner Beſchäftigung inne und ſtarrte ängſtlich nach der ——— 80 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Richtung hin, von wo es ſeiner Meinung nach kommen mußte. Sein Geſicht war das eines gewandten, klug aus⸗ ſebenden Knaben mit ſchönen braunen Augen und einer klaren olivenfarbigen Haut. Sein Wuchs war ſelbſt für ſein Alter, welches kaum dreizehn ſein konnte, ungewöhnlich ſchmächtig, und die Weite ſeiner Kleider ließ ihn noch ma⸗ gerer ausſehen, als er wirklich war. Aber wenn ſein Körper noch unreif war, ſo war dies mit ſeinen Blicken weniger der Fall. Er ſchien einen Scharffinn und Schlauheit zu beſitzen, die über ſeine Jahre gingen, und die Urtheilsfähig⸗ keit eines Mannes unter der Maske eines Knaben zu ver⸗ bergen. In dem Blick, welchen er auf die Thür warf, ſprach ſich ſein ganzer Charakter aus; es war ein Gemiſch von Furcht, Keckheit und Entſchloſſenheit. Zuletzt trium⸗ phirte die Entſchloſſenheit über die ſchwächeren Regungen und er lachte über ſeine Angſt. Der einzige Theil ſeines ſonſt intereſſanten Geſichts, an dem man etwas Weſentliches ausſetzen konnte, war ſein Mund; ein Zug, in welchem ſich der gewöhnlichen Meinung zufolge mehr als in jedem an⸗ dern die thieriſchen Neigungen ſeines Beſitzers wiederſpiegeln. Wenn dies wahr iſt, ſo muß man geſtehen, daß der Mund dieſes Knaben einen ſtarken Hang zu roher Sinnlichkeit be⸗ kundete. Auch ſeine Augen, obwohl groß und hell und von langen Wimpern beſchattet, ſchienen, wie hellbraune Augen bei Männern gewöhnlich thun, einen treuloſen, un⸗ zuverläſfigen Charakter zu verrathen. Seine Backenknochen waren vorſtehend, die Naſe ein wenig eingedrückt mit ziem⸗ lich weiten Naslöchern, das Kinn ſchmal, aber gutgebildet, die Stirn breit und hoch. Er beſaß in dieſem Theile eine ſo außerordentliche Gewalt über ſeine Muskeln, daß er ſeine Augenbrauen nach Belieben bis dicht an ſeine glänzenden ſchwarzen Haare hinaufziehen konnte. Die letzteren waren kurz abgeſchnitten, um den gelegentlichen Gebrauch einer Der träge Lehrling. 81 Perrücke zu geſtatten, und dies gab ſeinem Kopf eine eigen⸗ thümliche kuglige Geſtalt. Im Ganzen genommen ähnelte ſeine Phyſiognomie einem jener Vagabundenköpfe, die Mu⸗ rillo ſo ſehr liebte und denen ein Guzman dAlfarache, La⸗ zarillo de Tormes oder ein Eſtevnillo Gonzalez geſeſſen haben mochte:— Gefichter, die Einen faſt mit dem Spitzbuben ausſöhnen, ſo voller Lebhaftigkeit und Lebensgenuß find fie. In den lachenden Augen des engliſchen Lehrlings lag die ganze Schelmerei und noch mehr als die Eulenſpiegelei eines Spaniſchen Pikerone, und hätte der Erſtere eine etwas wär⸗ mere, gebräuntere Haut gehabt, ſo würde die Aehnlichkeit vollſtändig geweſen ſein. Als er ſicher zu ſein glaubte, daß er nichts zu be⸗ fürchten habe, nahm der Knabe ſeine Arbeit wieder auf und ſang, indem er ſein Meſſer mit verdoppeltem Eifer hand⸗ habte, die folgenden, nicht ungeeigneten Strophen: Der Stein zu Uewgatr. Als Clande du Val in Newgate ſtand, Grub er ſeinen Namen in die Wand: Da ſprach der Wärter bedenklich:„Traun! Du haſt deine Grabſchrift eingehaun, So zierlich und fein, trala.“ „Dies S muß noch etwas ausgehöhlt werden,“ ſann der Lehrling, den genannten Buchſtaben abändernd;„ja, jetzt iſt es beſſer.“ 1. Du Val wärd gehenkt; in denſelben Stein Schnitt auch ſein Nachmann den Namen ſein; Der Wärter ließ ſich vor Bosheit kaum: „Tom Waters, dein Loos iſt der dreifache Baum! So zierlich und fein, trala.“ „Na, na, na,“ rief er,„was ich doch für ein Narr bin! Ich hätte John, und nicht Jack, einſchneiden ſollen. Ainsworth, Jack Sheppard. I. 6 82 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Aber es ſchadet nichts. So viel ich mich erinnere, hat mich Niemand jemals John genannt. So werde ich am Ende wohl Jack getauft worden ſein. Hol's der Teufel! Bald hätte ich meinen Namen nur mit einem P buchſtabirt.“ Hauptmann Bew in derſelben Zelle lag, Ihm folgten Rumbold und Whitney nach; An der Wand ihre Namen ſie ließen zurück Und theilten alle du Val's Geſchick. So zierlich und fein, trala. „Ei, behüt' uns!“ fuhr der Lehrling fort,„ich hoffe, dieſer Balken hat keine Aehnlichkeit mit dem Stein zu New⸗ gate; ſonſt könnte es noch dahin kommen, daß ich, wie die großen Männer, von denen das Lied ſpricht, für meine Mühe am Galgen baumeln müßte. Pah! hat nichts zu ſagen.— Und am Ende würde es auch nichts ſchaden, wenn ich nur eben ſo berühmt würde, wie ſie. Die Ausſicht auf den Galgen könnte mich nicht davon abſchrecken, mich auf die Heerſtraße zu legen, wenn ich ſonſt Luſt hätte.“ An die zwanzig Räuber, keck und kühn, Thäten wohl noch die alte Zelle beziehn; Nicht Einer entkam, wie konnt' es auch ſein, Stand ſein Name doch auf dem Newgate⸗Stein, So zierlich und fein, trala. „So!“ rief der Knabe, von dem Stuhl herabſpringend und einige Schritte zurücktretend, um ſein Werk in Augen⸗ ſchein zu nehmen,„jetzt iſt es gut. Claude du Val hätte es ſelbſt nicht beſſer machen können— ha! ha!“ Der Name, welchen er in den Balken geſchnitzt hatte (von dem wir, da die ſpäteren Eigenthümer von Herrn Wood's Hauſe in der Wychſtraße ihn ſorgfältig erhalten haben, glücklicherweiſe ein Facfimile liefern können), lautete T4CK S HEPPA4 R D. Der träge Lehrling. 83 „Ich hätte beinahe Luſt, den alten Wood ſitzen zu laſſen, und ein Straßenräuber zu werden,“ rief Jack, in⸗ dem er das Meſſer zuklappte und in die Taſche ſteckte. „Den Teufel auch!“ donnerte eine Stimme hinter ſeinem Rücken, die ihn mit Beſtürzung erfüllte.„Komm herunter, Spitzbube, und ich will dir lehren, künftig meine Wände zu verunſtalten. Komm herunter, ſage ich, auf der Stelle, oder ich werde dir Beine machen.“ Worauf Herr Wood Jack beim Fuß kriegte und von der Bank herunterzog. „Alſo Straßenräuber willſt du werden, junge Ottern⸗ brut?“ fuhr der Tiſchler fort, indem er ihn derb abbläute, —„die Poſtkutſchen berauben, wie Jack Hall, wohl gar.“ „Ja, das will ich,“ entgegnete Jack trotzköpfig,„wenn Sie mich ſo ſchlagen.“ Voll Entſetzen über die Dreiſtigkeit des Knaben, hielt Wood einen Augenblick mit Ohrfeigen inne und ſagte mit feſtem Blick und ernſtem Ton:„Jack, Jack, du kommſt noch einmal an den Galgen!“ „Beſſer gehängt werden, als unterm Pantoffel ſtehen,“ verſetzte der Burſche mit boshaftem Grinſen. „Was ſoll das heißen, Taugenichts?“ rief Wood, vor Zorn erröthend.„Unterſtehſt du dir anzudeuten, daß Miſtreß Wood mich regiert?“ „Jedenfalls iſt es klar, daß Sie ſich nicht ſelbſt regieren können,“ erwiederte Jack ruhig;„aber das mag ſein, wie es will, ich will mich nicht um Nichts ſchlagen laſſen.“ „Um nichts,“ wiederholte Wood heftig.„Nennſt du das nichts, wenn du deine Arbeit liegen läßt und Gauner⸗ lieder fingſt. Donnerwetter! Du unverbeſſerlicher Hallunke, mancher Lehrherr hätte dich für das geringſte dieſer Vergehen vor den Richter geführt und dich bei Waſſer und Brod in Bridewell einſperren laſſen. Aber ich will nachſichtiger ſein — ———.—— S— —— 84⁴ Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. und mich damit begnügen, dich zu züchtigen, unter der Be⸗ dingung—“ „Sie können thun, was Ihnen gefällig iſt, Meiſter,“ unterbrach Jack ihn, die Hand in die Taſche ſteckend, als langte er nach ſeinem Meſſer;„aber ich möchte Ihnen nicht rathen, wieder Hand an mich zu legen.“ Herr Wood blickte den trotzigen Bengel an, und da ihm der Ausdruck ſeines Geſichts nicht geſiel, ſo hielt er es für gerathen, die Ausführung ſeiner Drohung auf eine günſtigere Gelegenheit zu verſchieben. Um Zeit zu gewinnen, beſchloß er daher, ihn ferner auszufragen. „Wo haſt du das Lied gelernt, das du eben geſungen haſt?“ fragte er mit gebieteriſcher Stimme. „Im ſchwarzen Löwen in unſerer Straße,“ antwortete Jack unbedenklich. „Das ſchlechteſte Haus in der Nachbarſchaft,— der beſtändige Sammelplatz von Gaunern und Dieben,“ ſtöhnte Wood.„Und wer hat es dir gelehrt,— der Wirth, Joe Hind?“ „Nein, ein gewiſſer Blauhaut, ein Mann, der öfters in den Löwen kommt,“ antwortete Jack mit einer Aufrich⸗ tigkeit, die ſeinen Herrn faſt eben ſo ſehr verwunderte, als ſeine Dreiſtigkeit.„Dies Lied hat mich auf den Gedanken gebracht, meinen Namen in den Balken zu ſchneiden.“ „Narrenhände beſchmieren Tiſch und Wände, Jack,— merke dir das,“ verſetzte Wood.„Eine ſchöne Geſellſchaft für einen Lehrling,— ein paſſender Ort für einen Lehrling! Der Schuft, den du eben genannt haſt, iſt ja ein bekannter Einbrecher. Er hat in der letzten Sitzung zu Old⸗Bailey vor Gericht geſtanden und iſt dem Galgen nur durch An⸗ gabe ſeiner Mitſchuldigen entgangen. Jonathan Wild hat ihm durchgeholfen.“ „Kennen Sie Jonathan Wild vielleicht, Meiſter?“ fragte Der träge Lehrling. 85 Jack, einen andern Ton und ein ehrfurchtsvolleres Betragen annehmend. „Ich glaube, ich habe ihn vor einigen Jahren geſehen,“ antwortete Wood;„und obgleich er ſich jetzt ſehr verändert haben muß, ſo ſollte ich doch denken, ich würde ihn wieder kennen.“ „Ein kleiner Mann, nicht wahr, ungefähr von Ihrer Größe, Sir,— mit einem gelben Bart und ein Geſicht ſo ſchlau wie ein Fuchs?“ „Hm!“ huſtete Wood, um ein Lächeln zu verbergen; „die Beſchreibung iſt nicht übel. Aber warum fragſt du danach?“ „Weil—“ ſtotterte der Knabe. „Nur heraus,— fürchte dich nicht,“ ſagte Wood mit gütigem, ermuthigendem Ton.„Wenn du Unrecht gethan haſt, ſo geſteh' es nur und ich will es dir verzeihen!“ „Ich verdiene Ihre Verzeihung nicht!“ entgegnete Jack, in Thränen ausbrechend;„ich fürchte, ich habe ſehr unrecht gethan. Kennen Sie dies, Sir?“ fragte er, einen Schlüſſel aus der Taſche ziehend. „Wo haſt du ihn gefunden?“ fragte Wood. „Ich habe ihn von einem Mann gekriegt, der neulich des Abends mit Blauhaut im Löwen trank. Er drückte ſich den Hut in die Augen und verſteckte ſein Kinn in ſein Hals⸗ tuch, aber es muß Jonathan Wild geweſen ſein.“ „Wo hat er ihn her?“ fragte Wood erſtaunt. „Das weiß ich nicht. Aber er verſprach mir ein Paar Guineen, wenn ich zuſähe, ob er zu Ihren Schlöſſern paßte.“ „Wetter!“ rief Wood,„es iſt mein alter Hauptſchlüſſel. Dieſen Schlüſſel,“ fuhr er fort, indem er ihn dem Knaben abnahm,„hat mir dein Vater fortgenommen, Jack. Was er damit beabſichtigte, darauf kommt es jetzt nicht mehr an. Aber ehe er auf Tyburn hingerichtet ward, hat er deiner 86 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Mutter aufgetragen, ihn mir wiederzugeben. Sie hat ihn in der Münze verloren. Jonathan Wild muß ihn ihr ge⸗ ſtohlen haben.“ „So muß es ſein,“ rief Jack lebhaft;„aber laſſen Sie mir ihn nur bis Morgen und wenn ich ihn nicht in einer Schlinge fange, aus der es ihm bei aller ſeiner Liſt ſchwer werden ſoll loszukommen, ſo will ich nicht Jack Sheppard heißen.“ „Ich ſehe, wo du hinaus willſt, Jack,“ ſagte der Tiſchler⸗ meiſter ernſt,„aber mir gefällt ſolche Durchſtecherei nicht. Handle ehrlich und offen, auch wenn du es mit einem Schur⸗ ken zu thun haſt. Das iſt mein Grundſatz und der jedes rechtſchaffenen Mannes. Ich muß geſtehen, es wäre von großer Wichtigkeit, Jonathan Wild zu überführen. Aber ich kann deinen Plan nicht billigen,— wenigſtens nicht ohne ihn gehörig überlegt zu haben. Was dich ſelbſt betrifft, ſo biſt du mit einem blauen Auge davon gekommen. Wilds Abſicht war ohne Zweifel, dich ſo lange als nöthig zu be⸗ nutzen und dich dann zu verkaufen. Laß dir dies künftig eine Warnung ſein, mit wem und in was du dich einläßſt. Uns wird gelehrt, daß wer eines Diebes Genoſſe iſt, ſeine eigne Secle haſſet! Vermeide die Wirthshäuſer und ſchlechte Geſellſchaft, und es wird dir noch gut gehen. Du haſt alle Anlagen zu einem geſchickten Arbeiter. Aber dir fehlt eine Eigenſchaft, ohne die alle übrigen werthlos ſind. Dir fehlt Fleiß— dir fehlt Ausdauer. Müßiggang iſt aller Laſter Anfang, Jack. Wenn du dieſe heilloſe Neigung nicht bei Zeiten überwindeſt, ſo wirſt du bald in Noth gerathen und dann kann nichts dich retten. Laß dich vor deines Vaters Schickſal warnen. Was du dir einbrockſt, mußt du auseſſen. Ich habe verſprochen, dich wie einen Sohn zu behüten und ich will alles thun, was ich kann; aber wenn du meinen Rath vernachläſſigſt, wie kann ich dir da Gutes thun? In einer Hinſicht ſteht mein Entſchluß feſt,— du ſollſt mir Der träge Lehrling.„ 87 entweder gehorchen oder mich verlaſſen. Nun wähle. Hier iſt dein Lehrbrief, wenn du dir einen andern Meiſter ſuchen willſt.“ „Ich will Ihnen gehorchen, Meiſter,— gewiß, ich will's!“ bat Jack, über das ruhig gehaltene Mißfallen des Tiſchlers ernſtlich erſchrocken. „Wir wollen ſehen. Gute Worte ohne That ſchwinden wie der Wind. Und jetzt nimm dieſe Karten fort und laß ſie mich nie wieder ſehen. Jage die Katze weg, wirf das Maaß Branntwein aus dem Fenſter und ſage mir, warum du das Reiſekäſtchen für Lady Trafford, das ich dir beſon⸗ ders empfahl, auch nicht einmal angerührt haſt. Es muß dieſen Abend hingeſchickt werden. Sie reist morgen ab.“ „Es ſoll in zwei Stunden fertig ſein,“ antwortete Jack, ein Stück Holz und einen Hobel ergreifend,„es iſt kaum vier Uhr und gegen ſechs ſoll es gethan ſein. Ich erwar⸗ tete Sie nicht vor dieſer Zeit wieder zurück, Sir.“ „Ach, Jack,“ ſagte Wood kopfſchüttelnd,„wenn man will, ſo kann man auch. Ich wünſchte, du nähmſt dir Thames Darrell zum Muſter.“ „Ich glaube, ich verſtehe das Tiſchlerhandwerk viel beſſer als er,“ erwiederte Jack, das Brett geſchickt einſpannend und den Hobel mit der größten Schnelligkeit in Bewegung ſetzend. „Vielleicht,“ antwortete Wood zweifelhaft. „Thames iſt von jeher Ihr Liebling geweſen,“ bemerkte Jack und befeſtigte ein andres Stück Holz an den Zähnen des Hemmeiſens. „Ich habe bis jetzt keinen Unterſchied zwiſchen Euch gemacht,“ antwortete Wood,„und ich will es auch nicht, wenn ich nicht dazu gezwungen werde.“ „Jedenfalls fällt mir immer die ſchwere Arbeit zu,“ ver⸗ 88 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. ſetzte Jack.„Aber ich will mich nicht beklagen. Ich thäte Thames Darrell alles zu Gefallen.“ „Und Thames Darrell thäte dir alles zu Gefallen, Jack,“ erwiederte eine muntere Stimme.„Was giebt es, Vater?“ fuhr der Hinzugekommene fort, indem er ſich an Wood wandte.„Hat Jack Ihnen mißfallen? Wenn das iſt, ſo überſehen Sie ſein Vergehen dies Einemal. Er wird gewiß alles thun, um Sie zufrieden zu ſtellen. Nicht wahr, Jack?“ „Das will ich,“ antwortete Sheppard eifrig. „Wenn es donnert, wird der Dieb ein ehrlicher Mann,“ brummte Wood. „Kann ich dir helfen, Jack?“ fragte Thames, einen Hobel zur Hand nehmend. „Nein, nein, laß ihn,“ ſagte Wood.„Er hat ver⸗ ſprochen, die Arbeit bis ſechs fertig zu machen und ich will ſehen, ob er Wort hält.“ „Es wird ihm ſchwer werden, Vater,“ wandte Thames ein.„Sie ſollten mich ihm lieber helfen laſſen.“ „Auf keinen Fall,“ verſetzte Wood entſchieden.„Ein bischen außergewöhnliche Anſtrengung wird ihm den Vortheil des Fleißes zur rechten Zeit lehren. Verlorener Boden muß wieder erobert werden. Ich brauche kaum zu fragen, ob du deine Arbeit vollendet haſt, mein Lieber. Du biſt nie damit im Rückſtande.“ Thames wandte ſich bei dieſer Frage ab, die ihm als ein Vorwurf ausgelegt werden zu können n Aber Shep⸗ pard antwortete für ihn. „Darrell hat ſeine Arbeit dieſen Morgen früh fertig ge⸗ habt,“ ſagte er,„und wenn ich auf ſeinen Rath gehört hätte, ſo wäre das Reiſekäſtchen zur ſelben Zeit fertig geweſen.“ „Du haſt dich zu ſehr auf deine Geſchicklichkeit ver⸗ laſſen, Jack,“ entgegnete Thames.„Wenn ich ſo raſch ar⸗ Der träge Lehrling. 89 beiten könnte, wie du, ſo dürfte ich auch eben ſo faul ſein. Sehen Sie, wie er weiter kommt, Vater,“ fuhr er gegen Wood gewandt fort,„der Kaſten ſcheint ihm unter den Händen zu wachſen.“ „Du haſt ein edles Herz, Thames, und wirſt einmal ein wackerer Mann werden,“ verſetzte Wood, einen Blick voll Stolz und Liebe auf ſeinen angenommenen Sohn wer⸗ fend, dem er ſanft auf den Kopf klopfte. Thames Darrell war in der That ein junger Menſch, auf den eine Perſon von viel höherem weltlichen Range als der würdige Tiſchlermeiſter mit Recht hätte ſtolz ſein können. Obgleich einige Monate jünger als ſein Geſpiele Jack Shep⸗ pard, war er doch um einen halben Kopf größer und viel ſtärker gebaut. Die beiden Freunde boten einen ſchlagenden Contraſt dar. In Darrells offenen Mienen waren Gradfinn und Ehrlichkeit mit leſerlichen Zügen geſchrieben, während in Jacks Phyſiognomie eben ſo deutlich Liſt und Schelmerei ausgedrückt waren. Eben ſo weſentlich wichen ſie in allen andern Rückſichten von einander ab. Jack konnte kaum für hübſch gelten, Thames hingegen war einer der ſchönſten Knaben, die man ſich denken kann. Jacks Geſichtsfarbe glich der eines Zigeuners, Thames war friſch und blühend wie eine Roſe. Jacks Mund war groß und gemein, Darrells war klein und ſchön geſchnitten, mit jener kurzen, ſtolzen Oberlippe, welche zur höchſten Schönheit gehört. Jacks Naſe war breit und flach, Darrells grade und zierlich wie die eines Antinous. Der Geſichtsausdruck des Einen war die Gemein⸗ heit ſelbſt, der des Andern ſo, wie man ihn nur bei Per⸗ ſonen von hoher Geburt zu finden pflegt. Darrells Augen waren von jenem hellen Grau, welches bei Tage ſchwer von Blau und bei Nacht von Schwarz zu unterſcheiden iſt, und ſein reiches braunes Haar, von dem er ſich ſelbſt nicht auf das Verſprechen einer neuen modernen Perrücke von ſeinem 90 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Adoptivvater trennen konnte, ſiel in dicken, glänzenden Locken über ſeine Schultern, wogegen Jacks ſchwarzer kurzgeſtutzter Schopf ſeinem Kopfe die ſchon erwähnte eigenthümliche Kugel⸗ geſtalt verlieh. Während Thames die beſcheidene Hoffnung auzvrückte, daß er die günſtige Prophezeiung des Tiſchlers nicht Lügen ſtrafen würde, hielt Jack Sheppard es für nöthig, auf eine kleine an die Wand gelehnte Leiter zu ſteigen, und mit der Behendigkeit eines Affen von hier auf eine Art von Gerüſt ſpringend, das zur Aufnahme von kurzen Sparren und Nutz⸗ holzſtücken beſtimmt war, begann er ein für ſeinen Zweck angemeſſenes Brett auszuſuchen. In großer Eile, wie er war, achtete er nicht darauf, wo er hintrat, eine Latte gab nach und er hätte fallen müſſen, wenn er nicht eine auf dem Quer⸗ balken unmittelbar über ſeinem Kopf liegende große Planke ergriffen hätte. „Nimm dich in Acht, Jack,“ rief Thames,„die Planke liegt nicht feſt. Du wirſt ſie herunterziehen.“ Aber die Warnung kam zu ſpät. Sheppards Gewicht brachte die Planke aus ihrer Lage, ſie ſchwankte und glitt langſam herab. Jack verlor den Kopf, ließ los und fiel auf das Gerüſt herab. Die Planke ſchwebte über ſeinem Kopf. Noch ein Augenblick und das ſchwerfällige Brett würde ihn zermalmt haben, wenn ein ſchlanker, aber kräftiger Arm ſeinen Fall nicht gehemmt hätte. „Laufe drunter weg, Jock!“ rief Thames.„Ich kann es nicht viel länger halten,— es bricht mir das Gelenk ab. Da fällt es!“ rief er, indem er die Planke fahren ließ, die mit lautem Krachen herunterfiel, und ſeinem Kameraden nach⸗ ſprang, der ſich vom Gerüſt hinabgeſchwungen hatte. Alles dies war das Werk einer Minute. „Nichts gebrochen, hoffe ich,“ ſagte Thames lachend zu Jack, der nach der Bank hinkte und ſich das Bein rieb. Der träge Lehrling. 91 „Alles in Ordnung,“ antwortete Sheppard mit verſtellter Gleichgültigkeit. „Es iſt ein Wunder, daß Ihr beide ſo davon gekommen ſeid!“ rief Wood, der jetzt erſt Worte finden konnte.„Mir läuft es wahrhaftig ganz kalt über. Wie konnteſt du dich auf das Gerüſt wagen,“ wandte er ſich an Sheppard.„Ich ſagte dir immer, daß es ein Unglück geben würde.“ „Schelten Sie ihn nicht, Vater,“ bat Thames,„er iſt ſo ſchon erſchrocken genug.“ „Gut, gut, wenn du es wünſcheſt, ſo will ich kein Wort weiter ſagen,“ erwiederte Wood.„Ich hoffe, du haſt dir an deinem Arm keinen Schaden gethan, mein Lieber?“ „Nur ein bischen verrenkt, weiter nichts,“ antwortete Thames,„der Schmerz wird bald vorüber ſein.“ „Alſo haſt du dir Schaden gethan?“ rief der Tiſchler unruhig.„Komm gleich herunter und laß deine Mutter nach deiner Hand ſehen. Sie hat ein gutes Mittel für Verren⸗ kungen. Und du, Jack, ſei fleißig und nimm dich künftig beſſer in Acht.“ „Sollte Jack nicht lieber mitgehen?“ ſagte Thames. „Vielleicht müßte ihm das Bein eingerieben werden.“ „O bewahre,“ verſetzte Wood haſtig.„Ein bischen Schmerz iſt ihm ganz recht. Ich hatte ihm ſo ſchon eine Tracht Prügel zugedacht. Dieſe Brauſche wird dieſelben Dienſte thun.“ „Thames,“ ſagte Sheppard leiſe, indem er einen rach⸗ ſüchtigen Blick auf den Tiſchler warf,„dies vergeſſe ich dir nicht. Du haſt mir das Leben gerettet.“ „Bah! Du würdeſt für mich daſſelbe gethan haben, und jetzt denke nicht mehr daran. Das nächſtemal wirſt du es mir retten.“ „Sehr wahr, und ich werde nicht eher ruhig ſein, als bis das Nächſtemal da iſt.“ 92 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Ich will dir etwas ſagen, Jack,“ flüſterte Thames, der Sheppards drohenden Blick bemerkt hatte und noch mehr Thorheiten von ſeiner Seite erwartete,„wenn du mir wirk⸗ lich einen Gefallen thun willſt, ſo wirſt du dies Reiſekäſtchen zu ſechs Uhr fertig machen. Du kannſt es, wenn du nur willſt.“ „Und ich will, wenn ich es kann, verlaß dich drauf,“ antwortete Sheppard lachend. Und bei dieſen Worten machte er ſich mit einem männlichen Entſchluß an die Arbeit, wäh⸗ rend Wood und Thames die Werkſtätte verließen und hin⸗ untergingen. Zweites Kapitel. Thames Darrell. Thames Darrells Arm ward dem Kennerblick von Miſtreß Wood unterworfen und von dieſer Dame endlich für ſtark verrenkt erklärt, worauf ſie denſelben ohne weiteres mit einer röthlich gefärbten Flüſſigkeit zu waſchen begann. Während dieſer Operation hatte der Tiſchlermeiſter ein ſtrenges Verhör in Betreff der Veranlaſſung dieſes Unfalls zu beſtehen; und als ſie erfuhr, daß Jack Sheppard eigentlich Schuld daran war, kannte der Zorn ſeiner Ehegenoſſin keine Gränzen und ſie war nur mit Mühe davon abzuhalten, daß ſie nicht in die Werkſtätte hinunterſtürmte und eine ſummariſche Strafe an dem Verbrecher vollzog. „Ich wußte wohl, was da herauskommen würde,“ ſchrie ſie mit jener keifenden Stimme, die einer Rantippe eigen iſt,„als du den nichtswürdigen Rangen von dieſer nichtswür⸗ digen Schlumpe ins Haus brachteſt. Ich ſagte dir, es würde zu nichts Gutem führen. Und jeder Tag beweist, daß ich Recht hatte. Aber Ihr, eigenfinniges Männervolk, müßt — Thames Darrell. 93 immer Euren Willen haben. Du willſt dir nie von mir ſagen laſſen,— nie!“ „Wahrhaftig, meine Liebe, du irrſt dich ganz und gar,“ entgegnete der Tiſchlermeiſter und verſuchte ſeiner Ehehälfte wachſenden Zorn durch die ſanfteſten Blicke und das nach⸗ giebigſte Benehmen zu entwaffnen. So weit entfernt war jedoch dieſe Unterwürfigkeit den gewünſchten Erfolg herbeizuführen, daß ſie ihrem Ver⸗ druß nur noch neue Nahrung zu verleihen ſchien. Ueber ihrem Aerger ihre Beſchäftigung vergeſſend, hörte ſie Darrells Handgelenk zu waſchen auf, packte ſeinen Arm ſo feſt an, daß der Knabe ſich vor Schmerz krümmte, ſtemmte die rechte Hand in die Hüfte und wandte ſich mit blitzenden Augen und gerötheten Wangen an ihren verdutzten Ehegemahl. „Was!“ rief ſie, faſt vor Wuth erſtickend,—„ich hätte dir gerathen, dir dieſen faulen Taugenichts von Schlingel auf den Hals zu laden, den du lieber ins Arbeitshaus ſchicken ſollteſt, anſtatt ihn auf deine Koſten zu erhalten? Ich hätte dir gerathen, ihn in die Lehre zu nehmen, und weit davon entfernt, das gewöhnliche Lehrgeld von ihm zu erhalten, ihm noch obendrein Lohn zu geben? Ich hätte dir gerathen, ihn zu füttern und zu kleiden und ihn wie unſeresgleichen zu behandeln, ſeine Unverſchämtheiten zu leiden und ſeine Fehler zu beſchönigen? Das habe ich wohl alles angerathen? Am Ende wirſt du mir auch noch einbilden wollen, ich hätte dir empfohlen hinzugehen und ſeine Mutter ſo oft unter dem Vorwande des Wohlthuns zu beſuchen, ihr Wein und Lebens⸗ mittel und Geld zu bringen, ſie aus der Münze, dem einzi⸗ gen paſſenden Wohnort für ſolches Gefindel, fortzunehmen und in einem Bauernhaus in Willesden unterzubringen, wo⸗ für du natürlich die Miethe bezahlen mußt? Seh mir doch Einer an! Jeder ſollte ſich ſelbſt der Nächſte ſein. Ein ehr⸗ barer Mann hätte die Austheilung ſeiner Wohlthaten, be⸗ 94 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. ſonders wenn Frauenzimmer im Spiele ſind, ſeiner Frau überlaſſen. Und ich für mein Theil, wenn ich je geneigt wäre, Gutes zu thun, hätte mir dazu einen würdigeren Gegen⸗ ſtand ausgeſucht, als dieſe greinende, heuchleriſche Magdalene.“ „Grade, weil ich deine Anſichten hierüber kannte, meine Liebe, habe ich hierin ohne deine ausdrückliche Genehmigung gehandelt. Ich habe gewiß alles in der beſten Abſicht gethan. Miſtreß Sheppard iſt—“ „Ich weiß recht gut, was Miſtreß Sheppard iſt, ohne daß Sie es mir ſagen, Sir. Ich habe ihre frühere Lebens⸗ geſchichte nicht vergeſſen. Sie werden wohl Ihre beſondern Gründe haben, ihren Sohn zu erziehen,— vielleicht ſollte ich lieber ſagen, Ihren Sohn, Herr Wood.“ „Wahrhaftig, meine Liebe, dieſe Beſchuldigungen ſind ganz ohne Grund,— dieſe Heftigkeit iſt ganz unnöthig.“ „Ich kann dies unausſtehliche Weibsſtück, nicht leiden. Ich hoffe, ich werde ſie nie wieder zu ſehen kriegen.“ „Ich hoffe es auch, meine Liebe,“ ſtimmte der Tiſchler⸗ meiſter demüthig ein. „Soll mein Haus zur Aufnahme von allen Ihren na⸗ türlichen Kindern dienen? Antworten Sie mir darauf.“ „Winny,“ ſagte Thames, deſſen glühende Wangen die durch dieſe Anſpielung auf ihn hervorgebrachte Wirkung be⸗ kundeten,„Winny,“ ſagte er, indem er ein kleines Mädchen von etwa zwölf Jahren anredete, welches die Flaſche mit dem Heilwaſſer in der Hand hielt,„bitte, hilf mir meinen Rock an. Dies iſt kein Ort für mich.“ „Setz dich hin, mein Junge, ſetz dich hin,“ lenkte Miſtreß Wood ein und beſchwichtigte ihre Aufregung.„Was ich von natürlichen Kindern geſagt habe, hat nicht auf dich Bezug. Denke nicht,“ fuhr ſie mit einem verächtlichen Blick auf ihren Ehegeſpons fort,„denke nicht, daß ich ihm das Thames Darrell. 95 Kompliment machen will, ihn möglicherweiſe für den Vater von ſolch einem Knaben, wie du, zu halten.“ Herr Wood hob die Hände in ſtummer Verzweiflung gen Himmel. „Owen, Owen,“ fuhr Miſtreß Wood fort, indem ſie ſich auf einen Stuhl warf und heftig fächelte,—„wie du Einem doch mit deiner Heftigkeit zuſetzſt! Und das grade in einem Augenblick, wo du weißt, daß ich einen Beſuch von Herrn Kneebone nach ſeiner Rückkunft von Mancheſter erwarte. Ich möchte um alles in der Welt nicht, daß er mich in dieſem Zuſtande ſähe. Er würde es dir nie vergeben.“ „Pah, pah, meine Theure! Herr Kneebone nimmt im⸗ mer meine Partei, wenn ſich ein kleines Mißverſtändniß zwiſchen uns erhebt. Ich wollte nur, er wäre kein Papiſt und kein Jakobit.“ „Jakobit,“ wiederholte Miſtreß Wood.„Na, nun höre doch Einer! Könnte er nicht mit eben ſo großem Recht darüber klagen, daß du ein Hanöverſcher und ein Presbyterianer biſt? Es iſt alles nur Meinungsſache. Und jetzt, mein Lieber,“ fuhr ſie mit milderem Blick fort,„jetzt wollen wir unſern Zank beilegen. Aber du mußt mir verſprechen, daß du nicht wieder zu der Weibsperſon in Willesden gehen willſt. Siehſt du, man kann nicht anders als eiferſüchtig werden, wenn es auch nur ein unwürdiger Gegenſtand iſt.“ Herr Wood, der gern unter jeder Bedingung Friede machen wollte, gab das verlangte Verſprechen, obwohl er nicht anders als denken konnte, daß wenn Einer von ihnen Urſache zur Eiferſucht hätte, er es ſelbſt wäre. Und hier erlauben wir uns eine Bemerkung über den eigenthümlichen und unerklärbaren Einfluß einzuſchalten, wel⸗ chen Damen von zänkiſchem Charakter ſo häufig über(wir können in dieſem Fall ſagen) ihre Herrn und Gebieter aus⸗ üben; ein Einfluß, der ſich nicht nur auf den Willen 96 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. des Ehemannes, ſondern ſogar auf ſeine Neigungen zu er⸗ ſtrecken ſcheint. Wir erinnern uns nicht eines einzigen In⸗ dividuums, von dem man ſagte, daß er unter dem Pantoffel ſtand, der nicht mit ſeinem Looſe zufrieden geweſen wäre,— ja, der, weit davon entfernt zu murren, nicht an ſeiner Knechtſchaft Gefallen gefunden hätte; und wir wiſſen dies ſcheinbar unbegreifliche Betragen,— für welches, nebſt an⸗ dern Phänomenen des ehelichen Lebens, verſchiedene Urſachen angegeben worden ſind, die uns aber alle nicht genügend zu ſein ſcheinen,— nicht anders zu erklären, als dadurch, daß dieſe regierſüchtigen Damen irgend einen Zauber beſitzen müſſen, der hinlänglich ſtark iſt, um den aufreizenden Wir⸗ kungen ihres Temperaments das Widerſpiel zu halten; irgend eine geheime, anziehende Eigenſchaft, von der die große Welt nichts merkt und deren Kenntniß man nur bei ihren Ehe⸗ männern vorausſetzen darf. Ein Einfluß von dieſer Art ſchien bei der gegenwärtigen Gelegenheit wirkſam zu ſein. Der würdige Tiſchlermeiſter erhielt durch einen Blick von ſeiner Ehegenoſſin all ſeine gute Laune wieder; und trotz der beißenden Worte, die er ſo eben noch hatte ertragen müſſen, würde er mit einem Jeden angebunden haben, der ihn hätte überreden wollen, daß er nicht der glücklichſte von allen Männern und Miſtreß Wood die beſte von allen Frauen wäre. „Die Weiber müſſen ihren Willen bei ihren Lebzeiten haben, da ſie keinen machen können, wenn fie ſterben,“ be⸗ merkte Wood, indem er einen Verſöhnungskuß auf die rund⸗ liche Hand ſeiner Gattin drückte;— ein Ausſpruch, deſſen Richtigkeit die hauptſächlich dabei betheiligte Partei herab⸗ laſſend zu beſtätigen geruhte. Um nicht den Vorwurf eines Weiberknechts allzuſchwer auf dem Tiſchlermeiſter laſten zu laſſen, gebührt es uns zu unterſuchen, ob die perſönlichen Reize ſeiner Ehehälfte eine — Thames Darrell. 97 ſolche Ergebenheit irgendwie rechtfertigten. Fürs Erſte hatte Miſtreß Wood in Hinſicht der Jahre einen Vortheil vor ihrem Mann, ſie war noch auf der Sonnenſeite von Vierzig, — ein Zeitraum, welchen Kenner für den bezauberndſten und zugleich kritiſchſten des weiblichen Daſeins halten,— dagegen ſtand er auf der Schattenſeite von Fünfzig,— eine Lebensſtufe, von welcher man allgemein zugiebt, daß ſie eben keine beſonderen Reize für weibliche Augen hat. Ferner konnte ſie wirklich auf einige Schönheit Anſpruch machen. In ihren jungen Tagen für außerordentlich hübſch gehalten, hatten ihre Geſichtszüge und ihre Geſtalt ſich mit den Jah⸗ ren ausgedehnt, ohne viel von ihrer urſprünglichen Anmuth zu verlieren. Ihre Schönheit war allerdings eine von der derben Art, aber nichtsdeſtoweniger war es Schönheit; und dem Tiſchlermeiſter däuchten ihre Augen noch eben ſo hell, ihr Geſicht noch eben ſo blühend und ihr Wuchs(wenn auch etwas glauer) doch noch eben ſo reizend, als an dem Tage, wo er fie vor einigen zwanzig Jahren zum Altar führte. Bei dieſer Gelegenheit war Miſtreß Wood in Erwar⸗ tung von Herrn Kneebone's Viſite mit mehr als gewöhnli⸗ cher Sorgfalt und mehr als gewöhnlichem Staat geputzt. Ein aſchgraues Seidenkleid, mit großen Zweigen geſtickt und vorn ſehr tief ausgeſchnitten, ſetzte ihre gerundeten Formen in das vortheilhafteſte Licht, während ein hochhackiger, roth⸗ lederner Schuh dem Ebenmaß eines zierlichen Aenkels und eines ſehr kleinen Fußes nicht das mindeſte vergab. Ein Mieder, mit falſchen Diamantſchnallen befeſtigt, umgab den⸗ jenigen Theil ihrer Perſon, wo eine Taille hätte ſein ſollen, ein Korallenband ſchmückte ihren Hals und einige ſchwarze Fleckchen oder Muſchen, wie man ſie nannte, dienten ihren roſigen Wangen und Kinn zur Folie. Auf einem Tiſch lagen, bei der Kunde von Darrells Unfall eiligſt abgelegt, ein Paar fleiſchfarbene, mit Kanten beſetzte von Ainsworth, Jack Sheppard. 1. 98 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Ziegenleder und ein gewaltiger Fächer, welcher, völlig ent⸗ faltet, die Verwandlung und den Tod Actäons darſtellte. An ihrem Mieder hing, mit einer Unzahl von ſchimmernden Stahlketten befeſtigt, eine ungeheure, kartoffelförmige Uhr mit tombackenem Gehäuſe. Ihr Haar war, nach der dama⸗ ligen Mode, hinten in eine Art von Wulſt aufgebunden und ſie trug eine Muslinkappe und eine Haube mit ausgezacktem Beſatz. Ein ſchwarzſeidener, verbrämter Ueberwurf bedeckte ihre Schultern und über ihrem Kleide hatte ſie eine gelb⸗ ſeidene, mit weißem Perfianet eingefaßte Schürze vorgebunden. Aber trotz ihrer Reize wollen wir uns zu dem jünge⸗ ren, intereſſanteren Paare wenden. „Ich wäre beinahe im Stande, Jack Sheppard dafür auszuzanken, daß er dir ſo weh gethan hat,“ bemerkte die kleine Winifred Wood, als ſie ihr Gehülfenamt nach ihren beſten Kräften verrichtet hatte und Thames ſeinen Rock an⸗ ziehen half. „Ich glaube nicht, daß du dich ükerhaupt mit Jemand zanken könnteſt, Winny; am allerwenigſten mit Einem, den ich ſo gern leiden mag, wie Jack Sheppard. Mein Arm iſt beinahe wieder beſſer. Und ich habe dir ſchon geſagt, daß Jack nicht daran Schuld hatte. Alſo wollen wir nicht weiter dran denken.“ „Es iſt doch ſonderbar, daß du Jack ſo gern haſt, lieber Thames. Er iſt dir ganz unähnlich.“ „Grade deshalb mag ich ihn leiden, Winny. Wenn er mir ähnlich wäre, ſo wäre mir nichts an ihm gelegen. Und du magſt ſagen, was du willſt, Jack iſt von Grund aus ein gutmüthiger Junge.“ Gutmüthige Jungen ſind immer beſondere Lieblinge bei Knaben; und indem Thames ſeinem Freunde dies Beiwort verlieh, beabſichtigte er ihm ein großes Compliment zu ma⸗ chen. So verſtand es auch Winifred. Thames Darrell. 99 „Na,“ antwortete ſie,„ich mag Jack vielleicht Unrecht thun. Ich will ſehen, ob ich künftig mehr von ihm halten kann.“ „Und wenn es dazu noch einer beſondern Veranlaſſung bedarf, ſo kann ich dir ſagen, daß Niemand auf der Welt iſt,— ſelbſt nicht ſeine Mutter,— die er ſo ſehr liebt, wie dich.“ „Liebt!“ wiederholte Winifred halb erröthend. „Ja, liebt, Winifred. Armer Schelm! zuweilen trägt er ſich mit der Hoffnung, daß er dich einmal heirathen will, wenn er groß geworden iſt.“ „Thames!“ „Habe ich etwas geſagt, was dich beleidigt?“ „O, nein. Aber wenn du nicht gradezu willſt, daß mir Jack Sheppard zum Verdruß wird, ſo ſprich nie wieder von ſo etwas. Und zudem,“ fügte ſie noch tiefer erröthend hinzu,„paßt es ſich überhaupt nicht, von ſo etwas zu ſprechen.“ „Nun alſo, um zu was Anderm zu kommen,“ erwiederte Thames ernſt,„was meinſt du dazu, wenn ich dich verlaſſen müßte?“ Winifred machte ein Geſicht, als könnte ſie einen ſolchen Gedanken nicht faſſen. „Du wirſt doch keine Wichtigkeit auf Das legen, was meine Mutter eben geſagt hat,“ meinte ſie nach einer Pauſe. „Sie hat es ſchon vergeſſen.“ „Aber ich kann es nie vergeſſen, Winny. Ich will denen nicht zur Laſt fallen, die mir nichts als Mitleid ſchul⸗ dig ſind.“ Und während er ſo mit leiſer und trauriger, aber feſter Stimme ſprach, ſammelten ſich große Thränen in Winifreds dunkeln Augenwimpern. „Wenn das dein Ernſt iſt, Thames,“ antwortete ſie im Tone ſanften Vorwurfs,„ſo biſt du ſehr thöricht, und wenn 100 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. es Spaß iſt, ſehr grauſam. Meine Mutter wollte dir gewiß nicht weh thun. Sie hat dich zu lieb dazu. Und ich ſtehe dafür, ſie wird nie wieder eine Sylbe fagen, die dir unlieb wäre.“ Thames verſuchte zu antworten, aber die Stimme ver⸗ ſagte ihm. „Komm! ich ſehe, der Sturm hat ſich gelegt,“ rief Winifred mit helleren Blicken. „Du irrſt dich, Winny. Nichts kann meinen Entſchluß umſtoßen. Morgen verlaſſe ich dies Dach.“ Das kleine Mädchen ließ den Kopf hängen. „Thue nichts, ohne meinen Vater— deinen Vater um Rath zu fragen, Thames,“ flehte ſie.„Verſprich mir das.“ „Sehr gern. Und noch mehr, ich verſpreche dir, mich nach ſeiner Entſcheidung zu richten.“ „Dann bin ich ganz zufrieden,“ rief Winifred feluvig „Ich weiß gewiß, daß er mir nichts in den Weg legen wird,“ verſetzte Thames. Das Lächeln, welches auf Winifreds Lippen ſpielte, ſchien zu ſagen, daß ſie deſſen nicht ſo ganz gewiß ſei. Aber ſie antwortete nichts. „Sollte er einwilligen—“ „Das wird er nicht,“ unterbrach ihn Winifred. „Ich meine auch nur, wenn er es ſollte,“ fuhr Thames fort,„willſt du mir dann verſprechen, Winny, daß Jack meinen Platz in deinem Herzen einnehmen ſoll?“ „Niemals!“ antwortete das kleine Mädchen,„ich kann Niemand ſo lieb haben, wie dich.“ „Ausgenommen deinen Vater.“ Winifred wollte Nein ſagen, aber ſie bezwang ſich und murmelte mit erröthenden Wangen:„Ich wollte, du neckteſt mich nicht mehr mit Jack Sheppard.“ Die vorſtehende Unterhaltung ward durchweg in einem ſo leiſen Tone geführt, daß ſie die Ohren von Herrn und Thames Darrell. 101 Miſtreß Wood nicht erreichte, welche überdies mit einem beſondern kleinen ehelichen téte- à⸗téte beſchäftigt waren. Die letzte Bemerkung entging jedoch der Aufmerkſamkeit der Tiſchlerfrau nicht. „Was ſprichſt du da ven Jack Sheppard?“ rief ſie. „Thames ſagte eben—“ „Thames!“ wiederholte Miſtreß Wood und ſah ver⸗ drießlich auf ihren Mann.„Da iſt wieder ein Beiſpiel von deinem Eigenfinn und von deiner Geſchmackloſigkeit. Wem, als dir, hätte es einfallen können, dem Knaben ſolch einen Namen zu geben? Es iſt ja der Name von einem Fluß und nicht von einem Menſchen. Kein Gentleman hat je Thames geheißen und Darrell iſt ein Gentleman, wenn die ganze Geſchichte, daß er im Fluß gefunden worden iſt, keine Erfindung iſt.“ „Meine Liebe, du vergißt—“ „Nein, Herr Wood, ich vergeſſe nichts. Ich habe, Gott ſei Dank! ein vortreffliches Gedächtniß. Und ich erinnere mich ſehr gut, daß Jedermann bei jener Gelegenheit unter⸗ ging,— ausgenommen Sie und das Kind!“ „Meine Liebe, du biſt außer dir—“ „Ich war außer mir, als ich Ihren—“ „Mutter!“ unterbrach ſie Winifred. „Es hilft nichts,“ bemerkte Thames ruhig, aber mit einem Blick, der dem kleinen Mädchen durchs Herz ging;— „mein Entſchluß iſt gefaßt.“ „Wenigſtens ſcheinſt du zu vergeſſen, daß Herr Kneebone kommen will, meine Liebe,“ wagte Herr Wood anzudeuten. „Gerechter Himmel! ja, das iſt wahr,“ rief ſeine lie⸗ benswürdige Gemahlin.„Aber du regſt mich ſo auf. Komm ins Putzzimmer, Winifred, und trockne dir gleich die Augen, oder ich ſchicke dich zu Bett. Wood, du wirſt ſo gut ſein und deine beſten Kleider anziehen und ſobald als möglich 102 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. zu uns kommen. Thames, du brauchſt dich nicht zu übereilen, da du dir am Arm Schaden gethan haſt. Herr Kneebone wird dich entſchuldigen. Herr Je! da klopft er ſchon. O, und ich bin fo erhitzt!“ Hiermit ergriff ſie ihren Fächer, warf einen Blick in den Spiegel, zupfte ihren Ueberwurf zurecht, nahm eine ſanfte Miene an und ging in das anſtoßende Zimmer, wohin ihr ihre Tochter und Thames Darrell folgten. Drittes Kapitel. Der Jakobit. Herr William Kneebone war ein Tuchhändler von gutem Kredit und Ruf, deſſen Geſchäft unter dem Zeichen des Engels ſtand(denn in jenen Tagen hatte jeder Laden ein Abzeichen) gegenüber der St. Clemenskirche am Strande. Aus Mancheſter gebürtig, war er der Sohn von Kenelm Kneebone, einem ausgemachten Katholiken und Sergeanten unter den Dragonern, der im Kampfe für Jakob den Zweiten in der Schlacht am Boyne Beine und Leben verlor und ſeinem Sohne außer ſeinen Lorbeern und ſeiner Ergebenheit für das Haus Stuart wenig zu hinterlaſſen hatte. Der ehrenfeſte Tuchhändler ſtand jetzt in ſeinem ſechs⸗ unddreißigſten Jahre. Er hatte ein hübſches, munteres Ge⸗ ſicht, ſtand ſechs Fuß und zwei Zoll hoch in ſeinen Strüm⸗ pfen und maß quer in den Schultern mehr als eine Tuche 6— athletiſche Proportionen, die er von ſeinem Vater dem Dra⸗ goner geerbt hatte. Und hätte er nicht einen übermäßigen Geſchmack am Komplottiren gehabt, durch den er unaufhör⸗ lich in Ungelegenheiten gerieth, ſo hätte er für ein Wr Glied der Geſellſchaft gelten müſſen. * Der Jakobit. 103 Seit Kurzem hatten ſeine Komplotte aber einen düſte⸗ reren, gefährlicheren Charakter angenommen. Die Zeiten waren von der Art, daß er bei ſeinen politiſchen Anſichten nicht unthätig bleiben konnte. Der Geiſt des Mißvergnü⸗ gens regte ſich im ganzen Königreich. Es war am Vorabend jener denkwürdigen Rebellion, welche zwei Monate ſpäter in Schottland ausbrach. Stit der Thronbeſteigung Georgs des Erſten im vorigen Jahre hatten die Anhänger der Stuarts alles aufgeboten, das Vertrauen zur beſtehenden Regierung zu erſchüttern und ihrer eigenen Sache Gönner zu gewinnen. In ihren Hoffnungen, die gefallene Dynaſtie nach Anna's Tode wiederhergeſtellt zu ſehen, getäuſcht, bemühten ſich die Parteigänger des Chevalier de Saint⸗George weit und breit den Samen der Zwietracht auszuſtreuen und einen allge⸗ meinen Aufſtand zu ſeinen Gunſten zu erregen. Kein Mittel blieb zu dieſem Zwecke unverſucht. Agenten werden nach allen Richtungen ausgeſandt,— und die lockendſten Aner⸗ bietungen hingehalten, um die Schwankenden zur Fahne des Chevaliers überzutreten zu vermögen. Es wurden Komplotte in den Provinzen angezettelt, wo viele der alten, begüterten katholiſchen Familien wohnten, deren Eifer für den Mär⸗ tyrer ihrer Religion(denn dafür galt ihnen der Chevalier) durch die von ihnen ſelbſt erduldeten Verfolgungen noch ge⸗ ſchärft ward und ſie zu aufrichtigen und einflußreichen Ver⸗ bündeten machte. Waffen, Pferde und Rüſtzeug wurden heimlich angekauft und ausgetheilt, und es iſt nicht unwahrſcheinlich, daß wenn der unglückliche Fürſt, für den dieſe Anſtrengungen gemacht wurden und dem es, wie er in der Schlacht von Malplaquet bewieſen hatte, nicht an Muth gebrach, ich zeitig genug kühn an die Spitze ſeiner Partei geſtellt hätte, er die Krone ſeiner Ahnen hätte wiedergewinnen können. Aber die Unſchlüſſigkeit, welche ſeinem Stamme verderblich geweſen war, ward es auch ihm. Er verſchob den Schlag, 104 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. bis die glücklichen Umſtäende vorüber waren. Und als er endlich geſchlagen ward, mangelte es ihm an Energie, ſeine Vortheile zu verfolgen. Aber wir dürfen dem Laufe der Ereigniſſe nicht vor⸗ greifen. Zu der Zeit, in welcher unſere Erzählung ſpielt, war die Jakobitiſche Partei voller Hoffnung und Zuverſicht. Ludwig der Vierzehnte lebte noch und man verließ ſich daher auf Frankreichs Hülfe. Die Verungnadung der Häupter des letzten Toryminiſteriums hatte ihre Sache eher gefördert, als beeinträchtigt. Bei der allergeringſten Veranlaſſung lief der Pöbel zuſammen und dieſe aufrühreriſchen Verſammlungen, welche die unverantwortlichſten Exceſſe begingen, verkündeten laut ihren Haß gegen das Haus Hannover und ihren Ent⸗ ſchluß, der Proteſtantiſchen Thronfolge eine Ende zu machen. Das Treiben dieſer Partei ward ſorgfältig von einer wach⸗ ſamen und ſcharſſinnigen Regierung beobachtet. Sie täuſchte ſich nicht über die Stärke ihrer Gegner(in der That ſuchten die Jakobiten jede Gelegenheit hervor, mit ihren Schaaren groß zu thun) und traf Vorſichtsmaßregeln gegen ihre Pläne. An eben dem Tage, von welchem wir ſchreiben, nämlich am 10ten Juni 1715 wurden Bolingbroke und Orford des Hochverraths angeklagt. Das Geheime Committee,— jener Engliſche Rath der Zehn— hielt ſeine Sitzungen unter Walpole's Vorſitz und man ſprach von den wichtigſten Entdeckungen. An demſelben Tage, der durch ein zufälliges Zuſammentreffen zugleich der Geburtstag des Chevalier de Saint George war, verſammelten ſich überdies Pöbelhaufen auf den Straßen und man trank öffentlich auf die Geſundheit dieſes Prinzen unter dem Titel Jakobs des Dritten. In manchen Landſtädten wurden die Glocken geläutet und Feſt⸗ lichkeiten abgehalten, wie für einen regierenden Monarchen;— der allgemeine Ruf des Pöbels war:„Kein König Georg, ſondern ein Stuart!“ Scüwnbner Der Jakobit. 105 Die Anhänger des Chevalier des Saint George waren, wie ſchon geſagt, verſchwenderiſch in ihren Verſprechungen an die Proſelyten. Jedem, der Luſt hatte, ward ein Poſten angeboten. Von dem Prinzen unterzeichnete Patente in Blanco, die nur mit dem Namen desjenigen ausgefüllt zu werden brauchten, der einen Trupp zu ſeinen Dienſten ſtellen konnte, wurden freigebig ausgetheilt. Unter andern erhielt Herr Kneebone, deſſen Einfluß bei den Führern ſeiner Partei nicht unbeträchtlich war, unter den erwähnten Bedingungen das Patent als Hauptmann eines Infanterieregiments. Der kriegeriſche Tuchhändler machte ſich unter dem Vorwande einer Geſchäftsreiſe zur Anwerbung von Rekruten für ſein Corps nach Lancaſhire auf. Dies gelang ihm in Mancheſter, einer Stadt, die das Hauptquartier der Mißvergnügten genannt werden konnte, ziemlich gut. Bei ſeiner Rückkunft nach London erfuhr er, daß zwei ziemlich verdächtige Individuen ſich wegen Subalternenſtellen in ſeiner Truppe an ihn hatten wenden wollen. Herr Kneebone, oder wie er ſich lieber hätte nennen laſſen, Kapitän Kneebone, war nicht ganz mit den von den Bittſtellern eingereichten Empfehlungen zufrieden. Aber dies war nicht die Zeit, lange wähleriſch zu ſein. Er beſchloß ſich ſelbſt ein Urtheil zu verſchaffen. Er ließ ſich daher in den gekreuzten Schippen in der Münze von unſerm alten Bekannten Baptiſt Kettleby den beiden militäriſchen Bewerbern vorſtellen. Der Münzmeiſter, mit dem der Jakobitiſche Ka⸗ pitän früher ſchon öfters Unterhandlungen gepflogen hatte, verbürgte ſich für ihre Ehrenhaftigkeit und Loyalität, und Kneebone war von ſeinen Vorſtellungen ſo befriedigt, daß er die Sache kurz abmachte und den beiden Antragſtellern den Eid der Treue gegen König Jakob den Dritten und noch verſchiedene andere Eide abnahm, welche jene beiden Herrn ſämmtlich mit eben ſo wenig Bedenken leiſteten, als ſie das zu mehrerer Verbindlichkeit des Pactes dargereichte 106 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Handgeld im Empfang nahmen. Dann ſetzte ſich das Kleeblatt zu einer Bowle Punſch hin und als dieſe geleert war, be⸗ dauerte Kapitän Kneebone, daß eine frühere Verpflichtung, den Abend bei Miſtreß Wood zuzubringen, es ihm unmöglich mache, ſo lange bei ſeinen neuen Freunden zu bleiben, als ſeine Neigung es ihm wünſchenswerth erſcheinen laſſe. Bei dieſer Ankündigung ſah man die beiden Subalternoffiziere Blicke wechſeln, und nach einigen angenehmen Scherzen über die Galanterie ihres Kapitäns, baten ſie um Erlaubniß, ihn auf ſeinen Beſuch zu begleiten. Kneebone, der ſein Glas öfter, als ſich mit der Klugheit vertrug, auf die Wieder⸗ herſtellung des Hauſes Stuart und den Sturz des Hauſes Hannover geleert hatte, willigte ein und das Trio machte ſich auf den Weg nach der Wychſtraße, wo es in der mun⸗ terſten Laune anlangte. Viertes Kapitel. Herr Kneebone und ſeine Freunde. Miſtreß Wood hatte ſich kaum hingeſetzt, als Herr Kneebone erſchien. Zu ihrem großen Erſtaunen und Verdruß kam er nicht allein, ſondern brachte ein Paar Freunde mit, die er als Herrn Jeremias Jackſon und Herrn Salomon Smith, Handlungsreiſende einer berühmten Tuchfabrik in Mancheſter, vorſtellte. Weder das Benehmen, noch die Blicke, noch der Anzug dieſer Herren nahm Miſtreß Wood zu ihren Gunſten ein. Somit ließ ſie Herrn Jeremias Jackſon und Herrn Salomon Smith bei ihrer Vorſtellung, wie man zu ſagen pflegt, gehörig abfahren. Zum Glück waren dieſe nicht leicht außer Faſſung zu bringen. Es hätten ſich ſchwerlich zwei Perſonen mit einem größeren Vorrath von behaglicher Drei⸗ ſtigkeit auffinden laſſen. Das Beiſpiel des Herrn Kneebone — Herr Kneebone und ſeine Freunde. 107 nachahmend, der von ſeinem kühlen Empfange nicht im mindeſten berührt zu ſein ſchien, ließen ſie ſich Jeder nach⸗ läſſig auf einen Stuhl nieder und thaten, als wenn ſie zu Hauſe wären. Beide hatten ſehr ſonderbare Geſichter, ſehr wunderliche Perrücken, die weit in die Stirn geſchoben waren, und ſehr breite Halsbinden, die weit über das Kinn gingen. Außerdem hatte Jeder ein großes ſchwarzes Pflaſter über dem rechten Auge und einen eigenen Zug um den linken Mund⸗ winkel, ſo daß, wenn es ihre Abſicht geweſen ſein ſollte, ſich zu verſtellen, ſie keine beſſeren Vorſichtsmaßregeln getroffen haben konnten. Miſtreß Wood hielt ſie beide für außeror⸗ dentlich einfältig, aber Herrn Smith ohne Widerrede für den einfältigſten von beiden. Sein Geſicht war ſo blau, wie eine Matroſenjacke und obgleich Herr Jackſon einc der häß⸗ lichſten Phyſiognomien hatte, die man ſich denken kann, ſo waren ſeine Zähne doch ungemein ſchön. Das war wenigſtens etwas zu ſeinen Gunſten. Eine Eigenthümlichkeit entging ihr jedoch nicht. Sie wären in jeder Hinſicht ganz gleich angezogen. Ueberhaupt ſchien Herr Salomon Smith Herrn Jeremias Jackſon's Doppelgänger zu ſein. Er ſprach in der⸗ ſelben Art und Weiſe und ziemlich in denſelben Worten, lachte auf dieſelbe Art und huſtete oder nieste zu gleicher Zeit. Wenn Herr Jackſon mit ſeinem einzelnen Auge das Zimmer durchmuſterte, folgte Hertn Smith's einfaches Seh⸗ organ derſelben Richtung. Wenn Jeremias den Cirkel in dem Wappen der Tiſchlerinnung über dem Kamine oder die Bildniſſe der beiden berühmten Meiſter des Richtſcheits und des Hobels, William Portington und Johann Scott, Es⸗ quires, zu beiden Seiten deſſelben bewunderte, verlor ſich Salomon in Erſtaunen. Wenn Herr Jackſon ſein Augenmerk auf ein ſchönes altes blaues Porzellanſervice in einem offenen Wandſchrank richtete, hatte Herr Smith nie etwas Aehnliches geſehen. Und wenn endlich Jeremias Miſtreß Wood mit 108 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. einem recht ungenirten Glotzen beehrt hatte und dem Herrn Kneebone zunickte, ſo ahmte Salomon dieſe Impertinenz bis ins Kleinſte nach. Dann brachen alle drei in ein unmäßiges Gelächter aus. Miſtreß Wood's Erſtaunen und Unwillen ſtieg in jedem Augenblick. Ein ſolches Benehmen von ſolchen Leuten war nicht zu ertragen. Ihre Geduld ging zu Ende. Immer machte Herr Kneebone trotz ihren Blicken und Winken noch keinen Verſuch, der unvernünftigen Fröhlichkeit ſeiner. Begleiter Einhalt zu thun, ſondern ſchien ſie eher zu ermu⸗ thigen. Auf dieſe Weiſe ärgerte ſich Miſtreß Wood und lachte das Kleeblatt noch einige Minuten lang, keiner wußte warum und weswegen, bis Herr Wood in ſeinen Sonntags⸗ kleidern und ſeiner Sonntagsperrücke erſchien. Ohne auch nur nach der Veranlaſſung ihrer Luſtigkeit zu fragen oder ſich nach den Namen ſeiner Gäſte zu erkundigen, ſchüttelte der würdige Tiſchlermeiſter den einäugigen Handlungsreiſenden die Hand, klopfte Herrn Kneebone herzlich auf die Schulter und ſtimmte in ihr Gelächter ein. Das war Miſtreß Wood zu viel. „Ich glaube, Sie ſind behext,“ rief fie. „Das ſind wir, Madame, von Ihren Reizen,“ erwie⸗ derte Jackſon galant. „Ganz bezaubert, Madame,“ fügte Herr Smith hinzu und legte die Hand auf die Bruſt. Herr Kneebone und Herr Wood lachten lauter als je. „Herr Wood,“ ſagte die Dame aufgebracht,„mein Wunſch hat vielleicht bei Ihnen einiges Gewicht. Ich bitte, mäßigen Sie ſich. Herr Kneebone,“ fuhr ſie mit einem Blick auf dieſen Herrn fort, der ihn zerſchmettern ſollte,„Herr Kneebone wird thun, wie ihm gefällig iſt.“ Hier ſchlugen die beiden Fremden wieder ein ſchallendes Gelächter auf. „Sie werden es doch nicht übel nehmen, meine theure — „ S Herr Knecbone und ſeine Freunde. 109 Miſtreß Wood,“ ſagte Herr Kneebone mit beſänftigendem Ton.„Meine Freunde, Herr Jackſon und Herr Smith haben vielleicht ſonderbare Manieren an ſich; aber—“ „Das haben ſie wirklich,“ unterbrach ihn Miſtreß Wood ſpitz. „Unſer werther Freund wollte ſagen, Madame, daß wir es nie an der ſchuldigen Ehrfurcht gegen das ſchöne Geſchlecht fehlen laſſen,“ ſagte Herr Jackſon. „Niemals, Madame!“ rief ſein Echo,„auf Gewiſſen.“ „Meine Liebe,“ ſagte der gaſtfreundliche Tiſchler,„ich glaube, Herr Kneebone und ſeine Freunde würden n mit einigen Erfriſchungen vorlieb nehmen.“ „Die ſollen ſie haben,“ erwiederte ſeine* ere Hälfte und erhob ſich.„Sie Undankbarer,“ flüſterte ſie Herrn Kneebone ins Ohr, als ſie auf ihrem Wege nach der Thür an ihm vorbeirauſchte,„wie konnten Sie ſolche Leute mit⸗ bringen, beſonders bei einer ſolchen Gelegenheit, wie dieſe, wo wir uns ſeit vierzehn Tagen nicht geſehen haben!“ „Ich konnte nicht anders, mein Leben,“ erwiederte der Angeredete;„aber Sie ahnen nicht, wer dieſe Herrn ſind.“ „Gott beſchütz'uns! Sie beunruhigen mich. Werſind ſie?“ Herr Kneebone nahm eine geheimnißvolle Miene an, näherte ſeine Lippen dicht an Miſtreß Wood's Ohr und flüſterte:„Geheime Agenten von Frankreich,— Sie verſtehn mich— Freunde der guten Sache,— hm, hm!“ „Ich verſtehe,— Perſonen von Rang!“ Herr Kneebone nickte. „Edelleute.“ Herr Kneebone lächelte ein Ja. „Gott gnad' uns! Na, ich ſeh' es wohl, daß ſie ganz beſondere Manieren an ſich hatten! Alſo ſoll die Invaſion am Ende wirklich ſtattfinden, und der Chevalier de Saint George wird mit fünfzigtauſend Franzoſen am Tower landen, 110 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. und der Hannöverſche Thronräuber ſoll geköpft werden, und Doctor Sacheverell wird ein Biſchof und wir werden alle— he?“ „Alles zu ſeiner Zeit,“ erwiederte Kneebone, die Finger auf den Mund legend,„laſſen Sie ſich von Ihrer Einbil⸗ dungskraft nicht hinreißen, meine Süße. Dieſer Knabe,“ auf Thames deutend,„hat ein Auge auf uns.“ Miſtreß Wood war jedoch zu aufgeregt, um auf dieſe Warnung zu achten. „Oy ie!“ rief ſie;„verkleidete franzöſiſche Edelleute! und ich war ſo unhöflich! Ich werde es nie überleben!“ in gutes Abendeſſen wird alles wieder gut machen,“ Kneebone.„Aber ſein Sie vorſichtig, mein Engel.“ „Sein beſorgt,“ entgegnete die Dame.„Ich bin die Vorſicht ſelbſt. Sie könnten mir den Chevalier ſelbſt anvertrauen,— ich würde ihn nicht verrathen. Aber warum haben Sie es mir nicht ſagen laſſen, daß ſie kommen würden. Ich hätte ſür etwas G geſorgt. So haben wir nur ein Paar Enten,— und die waren für Sie beſtimmt. Winny, mein Herzchen, komm mit. Ich werde dich nöthig haben.— Ich bedaure, Sie verlaſſen zu müſſen, Eure Herrl— Eure Gnaden, meine ich,— ich weiß ſelbſt nicht was ich meine,“ fuhr ſie etwas verwirrt fort und machte den verkleideten Edel⸗ leuten einen tiefen Knicks, den beide mit einer Verbeugung erwiederten, welche in ihren Augen wenigſtens eines Prinzen von Geblüt würdig war,—„aber ich habe unten einige nöthige Befehle zu geben.“ „Geniren Sie ſich nicht, Madame,“ ſagte Herr Jackſon, „ha, ha!“ S „Durchaus nicht, Madame,“ rief das Echo,„ho, ho!“ „Wie herablaſſend!“ dachte Miſtreß Wood.„Wahr⸗ haftig gar nicht ſtolz. Hätte ich mir doch nicht vorgeſtellt,“ fuhr ſie in ihren Gevanken fort, indem ſie das Zimmer ver⸗ Geier und Falke. 111 ließ,„daß vornehme Leute ſo lachten. Aber es wird in Frankreich wohl ſo Mode ſein.“ Fünftes Kapitel. Geier und Falke. Miſtreß Wood's Bemühungen, ihren vornehmen Gäſten zu gefallen, offenbarten ſich bald in einer reichlichen, wo nicht leckeren Mahlzeit. Zu den Enten, Erbſen und andern für Herrn Kneebone's beſondern Verbrauch beſtimmten De⸗ licateſſen kamen noch einige nach ihrem beſten Vermögen improviſirte Gerichte, als ein Lammfrikaſſee, gebratene Nieren, gebackene Eier mit Schinken und geröſteter Käſe. Dicht neben dem Käſe ſtand(ſein allezeit fertiger Begleiter auf der Tafel des Tiſchlermeiſters) ein Krug Bier mit geröſteter Brodſcheibe. Neben dieſem kam eine warme Stachelbeertorte und eine kalte Taubenpaſtete zu ſtehn,— die letztere geräumig genug, ſelbſt nach Abzug des gebührenden Antheils von Kalbfleiſch, um die ganze Zucht eines Taubenſchlags zu enthalten; ein Paar Hummern und die größere Hälfte eines Lachſes, in einem See von Eſſig ſchwimmend und von einem Wald von Fenchel beſchattet. Während der Tiſch gedeckt ward, ſtiegen der Wirth und Thames in den Keller und kehrten mit einer Anzahl von Flaſchen zurück, von derſelben Geſtalt und dem Anſchein nach zu demſelben Zweck beſtimmt, wie diejenigen, welche wir auf Hogarth's ergötzlichem Kupferſtich, die Neu⸗ modiſche Mitternachtsunterhaltung, abgebildet ſehen. Miſtreß Wood kam jetzt mit einem ſehr rothen Geſicht wieder und nahm mit Winifred ihren Platz am Tiſche ein. Man rüſtete ſich zum Angriff. Herr Wood zerlegte die Enten, Herr Kneebone füllte die Taupenpaſtete auf und Tha⸗ mes entfernte Draht und Kork von einer Flaſche ſtarken Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Carnarvonſhire⸗Ales. Der Tuchhändler war im allgemeinen kein geringer Tafelheld; aber ſeine Thaten mit Meſſer und Gabel waren wahres Kinderſpiel im Vergleich zu Herrn Smith's. Dieſer Gentleman ließ das Bein und den Flügel einer Ente im Umſehn verſchwinden, ein Paar Tauben und ein Pfund Kalbfleiſch folgten mit nicht geringerer Schnel⸗ ligkeit nach und er hatte eben den Anfang zu einer klaffenden Breſche in den Eiern mit Schinken gemacht. Sein Appetit war vollkommen eines Gargantua würdig. Auch darf man ſich nicht einbilren, daß er über dieſer Beſchäftigung ſeiner Zähne den Bierkrug vergaß. Im Gegentheil, ſein Glas war keinen Augenblick unthätig und als er fand, daß es ihm nicht ſo oft, als er wünſchte, gefüllt ward, ſo nahm er trotz Herrn Jockſon's ausdrucksvollen Blicken und leiſen Vor⸗ ſtellungen ſelbſt die Flaſche in Anſpruch. Der zuletzt genannte Gentleman ließ den vor ihm ſtehenden guten Dingen volle Gerechtigkeit widerfahren, aber er trank nur wenig und war ſichtbar über ſeines Begleiters Unmäßigkeit verdrießlich. Was Herrn Kneebone betrifft, ſo war er vollauf damit be⸗ ſchäftigt, mit Miſtreß Wood zu liebäugeln, ſeinen Freunden vorzulegen und dem Tiſchlermeiſter Beſcheid zu thun. In dieſem Augenblick, gerade als die Kuckucksuhr in der Ecke ſechs ſchlug, trat Jack Sheppard mit dem Reiſekäſtchen unter dem Arm ins Zimmer. „Sehn Sie, Vater, ich hatte Recht,“ bemerkte Thames, „Jack hat ſeine Arbeit fertig gemacht.“ „Das ſehe ich,“ erwiederte Wood. „Wohin ſoll ich es tragen?“ fragte Sheppard. „Ich habe es dir ſchon einmal geſagt,“ antwortete Wood mürriſch.„Bringe es zu Sir Rowland Trenchard in Southampton Fields. Und, hörſt du wohl, es iſt für ſeine Schweſter Lady Trafford.“ „Ja wohl, Sir,“ erwiederte Sheppard. 5 Geier und Falke. 113 „Friſche dir die Kehle an, ehe du gehſt⸗ Jack,“ ſagte Kneebone, ihm ein Glas Bier einſchenkend.„Was bringſt du da zu Sir Rowland Trenchard?“ „Blos einen Kaſten, Sir,“ antwortete Sheppard und leerte das Glas. „Er hat eine ſeltſame Geſtalt,“ verſetzte Kneebone, ihn genau beſehend.„Aber ich kann mir denken, wozu er iſt. Sir Rowland iſt einer von den unſrigen,“ fügte er mit einem Blick auf ſeine Begleiter hinzu,„und ſein Schwager Sir Cecil Trafford war es auch. Beides alte Lancaſhireſche Familien. Strenge Katholiken und loyal bis auf den Rücken⸗ wirbel. Eine ſchöne Frau, die Lady Trafford— freilich ſchon ein Bischen im Abnehmen.“ „Ach! wie genau Sie auf ſo was ſehen,“ ſeufzte Mi⸗ ſtreß Wood. „Durchaus nicht,“ erwiederte Kneebone mit Bedeutung, „durchaus nicht. Noch ein Glas, Jack.“ „Danke, Sir,“ grinste Sheppard. „Herunter damit auf die Geſundheit König Jakob des Dritten und Verderben ſeinen Feinden!“ „Halt!“ warf Wood dazwiſchen;„das iſt Hochverrath. An meinem Tiſch darfkeine ſolche Geſundheit getrunken werden!“ „Es iſt des Königs Geburtstag,“ ſtellte der Tuchhändler ihm vor. „Nicht meines Königs,“ entgegnete Wood.„Ich laſſe jedem ſeine politiſchen Anſichten, aber dafür verlange ich Achtung für die meinigen.“ „Ei, du meine Güte!“ rief Miſtreß Wood,„welcher Spektakel um nichts. Wir wollen doch ſehen, wer hier was zu ſagen hat. Trinke die Geſundheit, Jack.“ „Auf deine Gefahr, Burſche!“ rief Wood. „Sie wiſſen, Meiſter, wer ſein Glas nicht austrinkt, Ainsworth, Jack Sheppard. I. 8 * 114 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. kommt an den Galgen,“ verſetzte Sheppard.„Alſo auf König Jakob den Dritten und Verderben ſeinen Feinden!“ „Sehr gut,“ ſagte der Tiſchlermeiſter und ſetzte ſich unter dem Gelächter der Geſellſchaft nieder. „Jack!“ rief Thames mit lauter Stimme,„du verdienſt als Rebell gegen deinen rechtmäßigen Herrn gehängt zu werden. Aber wenn doch eine Geſundheit ſein ſoll,“ fuhr er fort, indem er ſein Glas ergriff,„ſo höre die meinige an. Auf König Georg den Erſten! möge er lange regieren! und Ver⸗ derben dem Papiſtiſchen Prätendenten und ſeinen Anhängern!“ „So iſt es recht!“ ſagte Wood mit Thränen in den Augen. „Das iſt die Krabbe, die uns die Nüſſe aus der Aſche holen ſollte, nicht ſo?“ murmelte Smith zu ſeinem Gefährten, indem er einen verſtohlenen Blick auf Jack Sheppard warf. „Stille!“ erwiederte Jackſon flüſternd,„und laß das Picheln ſein. Du wirſt deine ganze Kraft nöthig haben, ihn zu knebeln.“ „Was giebt's?“ ſagte Kneebone zu Sheppard, der dem einzigen, aber durchdringenden Auge Jackſon's begegnete und zitternd zuſammenfuhr. „Was giebt's?“ wiederholte Miſtreß Wood mit ſcharfer Stimme. „Ja, was giebis, Burſche?“ fiel Jackſon barſch ein. „Haſt du noch nie zwei Gentlemen geſehen, die zuſammen nur zwei Kucklöcher haben?“ „Nie, ich will drauf ſchwören!“ ſagte Smith und nahm die Gelegenheit wahr, ſein Glas hinter dem Rücken ſeines Ka⸗„ meraden vollzuſchenken;„wir find'ne naturhiſtoriſche Rarität.“ „Kann ich ein Wort mit Ihnen ſprechen, Meiſter?“ ſagte Sheppard, indem er zu Wood herantrat. „Keine Silbe!“ antwortete der Tiſchlermeiſter zornig. „Geh' deiner Wege.“ Geier und Falke. 115 „Thames!“ rief Jack, ſeinem Freunde winkend. Aber Darrell wandte den Kopf ab. „Meiſterin!“ ſagte der Lehrling, ſich an Miſtreß Wood wendend. „Den Augenblick geh' hinaus, Taugenichts!“ erwiederte die Hausfrau, aufſpringend und ihm eine Ohrfeige gebend, daß ihm die Augen ſprühten. „Ich will verdammt ſein,“ brummte Sheppard, indem er hinausſchlich,„wenn ich je wieder verſuche, ein ehrlicher Kerl zu ſein!“ „Nehmen Sie ſich etwas geröſteten Käſe zum Bier, Herr Smith,“ bemerkte Wood.„Ein unverbeſſerlicher Tau⸗ genichts, der,“ fuhr er fort, als Sheppar die Thür zu⸗ machte;„erſt heute habe ich entdeckt— „Was?“ fragte Jackſon, die Ohren ſpitzend. „Sagen Sie ihm nichts Böſes hinter ſeinem Rücken nach, Vater,“ bat Thames. „Wenn ich Ihr Vater wäre, junger Herr,“ verſetzte Jackſon, wüthend über dieſe Unterbrechung,„ſo würde ich Ihnen lehren, nicht eher zu ſprechen, als bis Sie gefragt werden.“ Thames wollte antworten, aber ein Blick ſeines Adoptiv⸗ vaters gebot ihm Stillſchweigen. „Der Tadel iſt gerecht,“ ſagte der Tiſchlermeiſter;„zu gleicher Zeit finde ich mit Vergnügen, daß du ein Freund von Recht und Billigkeit biſt, was, wie du zu wiſſen ſcheinſt, Goldes werth iſt. Oeffne die Flaſche mit dem blauen Siegel, mein Lieber. Meine Herrn, ein Glas Branntwein, denke ich, wird unſere Mahlzeit nicht übel beſchließen.“ Dieſer Vorſchlag ward beifällig aufgenommen und Smith fand das Getränk ſo ſehr nach ſeinem Geſchmack, daß er die Flaſche auf ihrer Reiſe doppelten Zoll bezahlen ließ. „Ihr Sohn iſt ein aufgeweckter Knabe, Herr Wood,“ bemerkte Jackſon mit halbſpöttiſchem Ton. 116 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Es iſt nicht mein Sohn,“ verſetzte der Tiſchlermeiſter. „Wie, Sir?“ „Nur mein Pflegekind. Thames Darrell iſt—“ „Mein Mann ſchilt ihn Thames,“ unterbrach ihn Miſtreß Wood,„weil er ihn im Fluſſe gefunden hat! ha! ha!“ „Ha! ha!“ lachte Smith zur Begleitung und ſtürzte noch ein Glas Branntwein hinunter;„er wird eines Tages die Themſe in Brand ſtecken, dafür ſteh' ich.“ „Das iſt mehr, als du jemals im Stande ſein wirſt, du betrunkenes Schwein!“ grollte Jackſon in leiſem Ton; „nimm dich in Acht oder du wirſt alles verderben!“ „Wie wäre es, wenn wir eine Bowle Punſch holen ließen,“ ſagte Kneebone. „Von ganzem Herzen!“ erwiederte Wood und wandte ſich an ſeine Tochter, um ihr die nöthigen Befehle zu ertheilen. Winifred verließ demzufolge das Zimmer und ſchicke ein Dienſtmädchen nach der nächſten Taverne, von wo dieſe bald mit einer Bowle voll von der Ambroſiſchen Flüſfigkeit wiederkam. Der Tiſch ward nun abgeräumt. Flaſchen und Gläſer nahmen die Stelle der Teller und Schüſſeln ein. Die Pfeifen wurden angezündet und Herr Kneebone begann das duftende Naß in die Gläſer zu vertheilen. Indem er einen Humpen für Miſtreß Wood bis an den Rand füllte, bat er ſie flüſternd, die Geſundheit des Chevalier de Saint George nicht zu vergeſſen,— ein Vorſchlag, den die Dame ohne Bedenken durch einen lauten Toaſt beantwortete. „Dies ſoll dem Chevalier zu Ohren kommen,“ flüſterte der Tuchhändler. „Sie meinen doch nicht!“ erwiederte Miſtreß Wood, über den bloßen Gedanken entzückt. 5 Herr Kneebone verſicherte ihr, daß er es wirklich ieine, und zu mehrerem Beweiſe ſeiner Auftichtigkeit drückt er ihr unter dem Tiſch zärtlich die Hand. Geier und Falke. 117 Herr Smith, der ſchon mehr als halb über Bord war, fing jetzt an, ſehr geräuſchvoll zu werden und bemühte ſich, die Aufmerkſamkeit der Tiſchgeſellſchaft zu gewinnen, worauf er das folgende Trinklied zum Beſten gab. Edle Naſe! es darf ſich der köſtlichſte Stein Mit deinem Karfunkel nicht meſſen; Drum will ich auch ferner mit feurigem Wein Mir fleißig die Kehle benäſſen. Edle Naſe! vertieft in des Glaſes Bauch, Schaut Jeder dich mit Entzücken Und kehrt dem bleichſchnäbligen, wäßrigen Gauch Dann voller Verachtung den Rücken. Denn ein faßliches Glas iſt mein Pinſelſtiel, Der herrlichſte Wein meine Schminke, Und es ſchillert in lieblicherm Farbenſpiel Meine Naſe, je tiefer ich trinke. Und mögen die Thoren auch immer ſchrein, Das Trinken verkürze das Leben! Viel beſſer, das Licht erſticke im Wein, Als ewig im Finſtern zu leben. „Wie lange mag es her ſein, daß Sie den Knaben auf dieſe ſonderbare Art fanden?“ fragte Jackſon, ſobald ſich das nach Herrn Smith's Geſang entſtehende Geplauder ge⸗ legt hatte. „Laſſen Sie mich ſehen,“ erwiederte Wood;„im ver⸗ gangenen November waren es genau zwölf Jahre.“ „Das muß ja um die Zeit des großen Sturms geweſen ſein,“ verſetzte Jackſon. „Ja, ja!“ rief Wood,„Sie haben den Nagel auf dem Kopf getroffen. Es war grade in der Nacht des großen Sturms, als ich ihn fand.“ „Wenn es Sie nicht zu ſehr bemüht, ſo möchte ich wohl die näheren Umſtände wiſſen,“ ſagte Jackſon. Herr Wood ließ ſich nicht lange nöthigen. Er ſchlürfte 118 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. behaglich ſeinen Punſch und begann ſeine Erzählung. Obwohl er eine ganz entgegengeſetzte Wirkung damit hervorzubringen beabſichtigte, ſo ſchien ſie doch eher die Lachſucht als das Mitleid ſeines Zuhörers zu erregen; und als Herr Wood mit einer Beſchreibung ſeiner Taufe unter der Münzpumpe ſchloß, konnte Jener ſich nicht länger mäßigen, ſondern lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück und brach in ein ſchallendes Ge⸗ lächter aus. „Ich bitte um Verzeihung,“ rief er;„aber wahrhaftig — ha! ha!— Sie müſſen mich entſchuldigen!— es iſt zum Todtlachen— ha! ha!— Bitte! erzählen Sie es noch einmal, ha! ha! ha!“ „Nun, ich muß ſagen, mein Unglück ſcheint Sie ſehr zu beluſtigen,“ verſetzte Wood. „Gewiß! Es kann nichts Beluſtigenderes geben. Man freut ſich immer über anderer Leute Unglück— nie über ſein eignes! Die drolligen Kerle! was muß es ihnen für Spaß gemacht haben!— ha! ha!“ „Das will ich wohl glauben. Aber ich verfichere Ih⸗ nen, mir war dabei gar nicht lächerlich zu Muthe. Und obgleich es ſchon ſehr lange her iſt, ſo iſt mir doch die bloße Etinnerung daran noch empfindlich.“ „Natürlich! Niemals eine Beleidigung vergeben!— Wenigſtens iſt das mein Grundſatz!— ha! ha!“ „Wahrhaftig, Herr Jackſon, es will mir beinahe ſo vorkommen, als hätten wir uns ſchon einmal geſehen. Ihre Art zu lachen erinnert mich an— an—“ „An wen, Sir?“ fragte Jackſon plötzlich ernſt werdend. „Ich hoffe, Sie werden es nicht übel nehmen,“ ant⸗ wortete Wood trocken,„aber Ihre Stimme, Ihre Manieren und beſonders Ihre ungewöhnliche Art zu lachen erinnern mich unwiderſtehlich an einen von jenen„drolligen Kerlen,“ Geier und Falke. 119 wie Sie ſie nannten, welche den eben beſchriebenen Frevel an mir verübten?“ „Wen meinen Sie, Sir?“ fragte Jackſon. „Ich meine ein Individuum, das ſeit jener Zeit den elenden Ruhm eines Diebesfängers erlangt hat, aber damals ſelbſt der Genoſſe von Dieben war.“ „Nun, und ſein Name, Sir?“ „Jonathan Wild.“ „Donnerwetter!“ rief Jackſon aufſtehend,„ich kann nicht ruhig daſitzen und Herrn Wild, den ich für einen ſo ehrba⸗ ren Gentleman, wie nur irgend einen, halte, verläumden hören.“ „Tod und Teufel!“ ſchrie Herr Smith und griff im Aufſtehen nach der Branntweinflaſche,„Niemand ſoll in meiner Gegenwart Herrn Wild beſchimpfen! Er iſt die rechte Hand des Gemeinweſens! Ohne ihn könnten wir nichts anfangen!“ „Wir?“ wiederholte Wood mit Bedeutung. „Jeder ehrliche Menſch, Sir! Er verhilft uns wieder zu unſerm Eigenthum.“ „Hm!“ brummte der Tiſchlermeiſter. „Ich ſollte denken,“ bemerkte Thames lachend,„daß Jemand, der wie Herr Jackſon eine ſo hohe Meinung von Jonathan Wild hat, ſich nicht ſehr dadurch beleidigt fühlen kann, wenn er ihm ähnlich gefunden wird.“ „Ich habe nichts gegen eine ſolche Aehnlichkeit, wenn ſie wirklich ſtattſinden ſollte, junger Herr,“ erwiederte Jackſon, einen zornigen Blick auf Thames werfend;„im Gegentheil, es ſchmeichelt mir, einem Gentleman von Herrn Wilds Aeuße⸗ ren für ähnlich gehalten zu werden. Aber ich darf nicht zugeben, daß der wohlerworbene Ruf meines Freundes ein elender Ruhm genannt wird.“ „Rein, das dürfen wir nicht leiden,“ lallte Herr Smith, Der ſich kaum aufrecht halten konnte. 120 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Nun gut, meine Herrn,“ verſetzte Wood ſanftmüthig, „da Herr Wild ein Freund von Ihnen iſt, ſo thut es mir leid, ſo viel geſagt zu haben. Ich zweifle nicht im minde⸗ ſten daran, daß er Ihnen an Ehrbarkeit nicht nachſteht.“ „Genug,“ erwiederte Jackſon, ſeine Hand darreichend; „und wenn ich etwas zu heftig geweſen bin, ſo bedaure ich es von Herzen. Aber, mein werther Sir, erlauben Sie mir die Bemerkung, daß Sie in Betreff meines Freundes völlig im Irrthum find. Herr Wild iſt niemals der Genoſſe von Dieben geweſen.“ „Niemals, bei meiner Ehre,“ wiederholte Herr Smith mit Nachdruck. „Ihre Verſicherung iſt mir völlig genügend,“ antwor⸗ tete der Tiſchlermeiſter trocken. „Mir durchaus nicht,“ murmelte Thames. „Ich wußte nicht, daß Jonathan Wild ein Bekannter von Ihnen iſt, Herr Jackſon,“ ſagte Kneebone, deſſen Auf⸗ merkſamkeiten gegen Miſtreß Wood ihm nicht erlaubt hatten, auf den vorſtehenden Auftritt Achtung zu geben. „Ich kenne ihn ſeit meiner Kindheit,“ erwiederte dieſer. „Was Sie ſagen! Dann wiſſen Sie wahrſcheinlich auch, wann er ſeine Drohung wahr zu machen denkt?“ „Welche Drohung?“ fragte Jackſon. „Nun, den Kerl aufzuknüpfen, der jetzt ſein Spürhund iſt; ein gewiſſer Blake, oder Blauhaut, glaube ich, heißt er.“ „Da ſind Sie ſchlecht berichtet, Sir,“ nahm Herr Smith das Wort.„Herr Wild iſt einer ſolchen Niederträchtigkeit. nicht fähig.“ „Pah!“ verſetzte der Tuchhändler.„Ich ſehe, daß Sie ihn nicht ſo gut kennen, als Sie vorgeben. Jonathan iſt zu allen Dingen fähig. Er hat ſchon zwölf von ſeinen Ge⸗ noſſen an den Galgen gebracht. Sobald ſie ihm unnütz oder gefährlich werden, zeigt er ſie an und die Sache iſt —— Geier und Falke. 121 abgemacht. Er hält immer Zeugen genug in Bereitſchaft. Blauhaut ſteht im ſchwarzen Buch. So wahr Sie dort ſitzen, Herr Smith, er wird nach der nächſten Gerichtsſitzung baumeln. Ich möchte um alles in der Welt nicht in ſeiner Haut ſtecken.“. „Aber er könnte ausplaudern,“ ſagte Smith mit einem ſcheelen Blick auf Jackſon. „Das würde ihm wenig helfen,“ erwiederte Kneebone. „Jonathan läßt die Gerichte nach ſeiner Pfeife tanzen.“ „Sehr wahr,“ kicherte Jackſon,„ſehr wahr.“ „Das einzige, was Blauhaut thun könnte, das wäre, ſeine Drohung auszuführen,“ fuhr der Tuchhändler fort. „So!“ rief Jackſon.„Alſo er droht auch, wie?“ „Mehr als das,“ erwiederte Kneebone,„ich höre, daß er neulich bei einem Streite das Meſſer gegen Jonathan gezogen hat. Und nach der Zeit hat er offen geſtanden, daß er ſeinem Herrn bei dem geringſten Anſchein von Ver⸗ rätherei den Hals abſchneiden will. Aber vielleicht wird Herr Smith Ihnen wieder ſagen, daß ich ſchlecht berichtet bin.“ „Im Gegentheil,“ verſetzte Smith, nach ſeinem Begleiter ſchielend,„ich weiß zufällig, daß Sie Recht haben.“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Sir,“ ſagte Jackſon, „ich werde Herrn Wild gegen einen Meuchelmörder warnen.“ „Und ich werde Blauhaut auf die Anſchläge eines Ver⸗ räthers aufmerkſam machen,“ entgegnete Smith in einem Tone, der wie eine Drohung klang. „In meinen Augen,“ bemerkte Kneebone,„iſt es für die Geſellſchaft deſto beſſer, je eher ſie von zwei ſolchen Schur⸗ ken befreit wird; und wenn Blauhaut am Galgen ſtirbt und Jonathan durch Gewalt, ſo geſchieht ihnen nichts mehr als ſie verdienen. Wild war früher ein Agent der Jakobi⸗ tiſchen Partei, aber er hat ſeine früheren Kunden für ein Stück Geld ohne Bedenken verlaſſen und verrathen. Seit 122 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Kurzem iſt er Walpole's Helfershelfer geworden und ver⸗ richtet die grobe Arbeit für das geheime Committe. Es ſind ihm viele wichtige Verhaftungen anvertraut worden, aber bis jetzt haben wir ſeine Pläne immer vereitelt;— ha! ha! Der Jonathan iſt ein verteufelt ſchlauer Burſche. Aber er kann die Augen nicht allenthalben haben, oder er hätte heute Morgen bei uns in der Münze ſein müſſen, he! Herr Jackſon?“ „Freilich,“ erwiederte dieſer,„freilich.“ „Bei aller ſeiner Schlauheit findet er vielleicht doch noch ſeinen Mann,“ fuhr Kneebone lachend fort.„Ich habe ihm eine Falle geſtellt.“ „Hüten Sie ſich, daß Sie ſich nicht ſelbſt darin fangen,“ höhme Jackſon. „Wäre ich an Ihrer Stelle, ſo würde ich mich vor Wild in Acht nehmen, weil er ein erklärter Feind iſt,“ ſagte Smith. „Und wäre ich an Ihrer Stelle, ſo würde ich mich doppelt in Acht nehmen, weil er ein erklärter Freund iſt,“ verſetzte der Tuchhändler.„Aber wir vergeſſen unſern Punſch. Ein Glas, meine Herrn, auf gute Geſchäfte!“ „Auf gute Geſchäfte!“ wiederholten die beiden andern bedeutungsvoll. „Darf ich fragen, ob Sie in Betreff der räthſelhaften Geſchichte, von der wir eben ſprachen, Nachforſchungen an⸗ geſtellt haben?“ bemerkte Jackſon gegen den Tiſchlermeiſter. „Das eben nicht,“ erwiederte Wood zögernd;„theils iſt die durch den Sturm verurſachte Verwirrung, und theils der darauf folgende Drang der Geſchäfte daran Schuld, daß ich es verſchob, bis es zu ſpät war. Ich habe es oft bereut, daß ich mich nicht weiter darum bekümmert habe. Aber es wird wohl nichts ſchaden. Die Theilnehmer an dieſer dun⸗ keln Begebenheit müſſen alle umgekommen ſein.“ „Sind Sie deſſen gewiß?“ fragte Jackſon. „So gewiß als man vernünftigerweiſe ſein kann. Ich * . 8 Geier und Falke. 123 ſah ihr Boot fortgeſchwemmt und hörte das Rauſchen des Waſſers unter der Brücke; und wer dies ſelbſt erlebt hat, kann nicht gut an dem Erfolge zweifeln. Wenn der Haupt⸗ urheber des Verbrechens, den ich nachher auf der Platform fand und den der Hagel von Mauerſteinen in die tobende Fluth ſtürzte, davongekommen iſt, ſo muß es durch ein Wun⸗ der geſchehen ſein.“ „Sie ſind ſelbſt nur durch ein Wunder gerettet worden,“ ſagte Jack ironiſch.„Wie, wenn er doch davongekommen wäre?“ „Ich würde alles aufbieten, um ihn zur Rechenſchaft zu ziehen.“ „Hm!“ „Haben Sie Urſache zu glauben, daß er den Unfall überlebte?“ fragte Thames begierig. Jackſon lächelte und gab ſich die Miene, als wüßte er mehr, als er ſagen wollte. „Ich fragte nur ſo,“ ſagte er, nachdem er ſich einen Augenblick an der Spannung des Knaben geweidet hatte. Die Hoffnung, welche plötzlich in der Bruſt des jungen Menſchen aufflammte, verlöſchte eben ſo plötzlich wieder. „Wenn ich glauben könnte, daß er am Leben wäre—“ bemerkte Wood. „Wenn!“ unterbrach ihn Jackſon mit verändertem Ton; „er lebt. Und es iſt ein Glück für Sie, daß er das Kind für ertrunken hält.“ „Wer iſt es?“ fragte Thames ungeduldig. „Sie ſind ſehr neugierig, junger Herr,“ erwiederte Jackſon kalt.„Wenn Sie erſt älter find, werden Sie erfahren, daß man wichtige Geheimniſſe nicht umſonſt mittheilt. Ihr Pflege⸗ vater kennt die Welt beſſer.“ „Ich gäbe mein halbes Vermögen drum, wenn ich den Schurken hängen ſähe und den Knaben in Rechte ein⸗ ſetzen könnte,“ ſagte Wood. 124 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Woher wiſſen Sie denn, daß er Rechte hat, in die er wiedereingeſetzt werden könnte?“ entgegnete Jackſon grinſend. „Nach dem, was Sie mir erzählt haben, zweifle ich nicht länger daran, daß er der uneheliche Abkömmling irgend eines Abenteurers von niedriger Geburt und einnehmenden Aeuße⸗ ren iſt; und in dieſem Falle kann er weder auf einen Na⸗ men, noch auf ein Vermögen Anſpruch machen. Der Meu⸗ chelmord, wie Sie es nennen, war offenbar nur die Rache eines Verwandten der beleidigten Dame, die ohne Zweifel von guter Familie war, an ihrem Verführer. Je weniger Aufhebens alſo davon gemacht wird, deſto beſſer; denn da nichts dabei zu gewinnen iſt, ſo würde es nur verlorene Mühe ſein. Aber, wenn Sie ein beſonderes Gelüſte haben, den Gentleman, der ſich ſelbſt Recht verſchafft hat, an den Galgen zu bringen,— und Ihre Beweggründe dazu ſcheinen mir äußerſt uneigennützig und lobenswürdig zu ſein,— nun, ſo könnte es wohl möglich ſein, daß Ihr Wunſch in Er⸗ füllung ginge, wenn ich etwas dabei gewönne.“ „Ich ſehe nicht ein, wie dies bewirkt werden könnte, wenn Sie damals nicht etwa ſelbſt gegenwärtig waren,“ ſagte Wood mit einem argwöhniſchen Blick auf ſeinen Gaſt. „Ich ſelbſt hatte die Hand nicht mit im Spiel,“ erwie⸗ derte Jackſon gradeaus,„aber ich kenne die dabei betheiligten Perſonen und kann nöthigenfalls Zeugen ſtellen.“ „Das beſte Zeugniß würde ein Mitſchuldiger des Meu⸗ chelmörders ablegen können,“ verſetzte Thames, den jene Hindeutungen auf ſeine etwaige Abſtammung aufs Bitterſte kränkten. „Vielleicht könnten Sie einen ſolchen näher bezeichnen⸗ Herr Jackſon?“ ſagte Wood. „Ich könnte es,“ erwiederte Thames. „Dann bedürfen Sie meiner Hülfe nicht weiter,“ ent⸗ gegnete Jackſon barſch. Geier und Falke. 125 „Halt!“ rief Wood,„es iſt eine ſehr verwickelte Ange⸗ legenheit— wenn Sie wirklich darum wiſſen—“ „Wir wollen morgen weiter davon ſprechen, Sir,“ ver⸗ ſetzte Jackſon, ihn unterbrechend.„Mit Ihrer Erlaubniß will ich nur noch einige Notizen über unſere Unterredung niederſchreiben.“ „So viele Sie wollen,“ antwortete Wood und ging nach dem Kamin, wo er einen Konſtablerſtab von der Wand nahm. Jackſon zog unterdeſſen ein Taſchenbuch hervor, und als er die Bleifeder bedächtig zugeſpitzt hatte, begann er ein leeres Blatt zu beſchreiben. Während er hiermit beſchäftigt war, nahm Thames, von unerklärbarer Neugierde getrieben, das Federmeſſer auf, welches Jener gebraucht hatte, und beſah den Heft. Was er hier erblickte, verurſachte eine bemerkens⸗ werthe Veränderung in ſeinem Benehmen. Er legte das Meſſer hin und warf einen forſchenden, mißtrauiſchen Blick auf den Schreibenden, der ſeine Beſchäftigung unbekümmert fortſetzte. „So,“ rief Jackſon, das Buch zumachend und aufſtehend, „das genügt. Morgen um zwölf Uhr bin ich bei Ihnen, Herr Wood. Ueberlegen Sie, was Sie mir bieten wollen, und ich werde Ihnen den Mann ausfindig machen können.“ „Einen Augenblick,“ rief der Tiſchlermeiſter mit An⸗ ſehen,„wir können uns ſo nicht trennen. Thames, ſchließe die Thür zu.“(Ein Befehl, der raſch ausgeführt ward.) „Und jetzt, Sir, beſtehe ich auf eine vollſtändige Erklärung Ihrer geheimnißvollen Anſpielungen, oder ich werde Sie, als Oberconſtabler des Diſtricts, in Verwahrſam nehmen.“ Jackſon erwiederte dieſe Drohung mit einem lauten Hohn⸗ gelächter. „Heda!“ rief er und klopfte Smith, der mit der Brannt⸗ weinflaſche in der Hand eingeſchlafen war, auf die Schulter. „Es iſt Zeit!“ 126 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Wozu?“ brummte dieſer und rieb ſich die Augen. „Zum Fang!“ erwiederte Jockſon und zog kaltblütig ein Paar Piſtolen aus der Taſche. „Fertig!“ antwortete Smith, ſich wach rüttelnd und ein Paar ähnlicher Waffen hervorziehend. „Um des Himmels willen! Was ſoll dies bedeuten?“ rief Wood. „Verhalten Sie ſich ruhig und es ſoll Ihnen kein Leid geſchehen,“ entgegnete Jackſon.„Wir wollen blos unſere Pflicht erfüllen und einen Rebellen verhaften. Kapitän Knee⸗ bone! haben Sie die Güte, ſich mit uns fortzubemühen.“ „Ich beabſichtige noch nicht fortzugehen,“ erwiederte der Tuchhändler, als er ſich ſo ohne Umſtände geſtört ſah; „ſetzen Sie ſich doch wieder hin, Herr Jackſon.“ „Kommen Sie, Sir,“ donnerte dieſer,„ohne viel Worte! Vielleicht,“ fuhr er fort, indem er ein Papier auseinander ſchlug,„werden Sie dieſem Befehle gehorchen?“ „Ein Befehl!“ rief Kneebone, beſtürzt aufſpringend. „Freilich, Sir, von dem Staatsſeeretär zu Ihrer Ver⸗ haftung! Sie ſind des Hochverraths angeklagt!“ „Von meinen Mitverſchworenen?“ „Nein! von Ihren Häſchern! Sie haben lange unſere Wachſamkeit vereitelt, aber endlich haben wir Sie gefangen!“ „Verderben!“ rief der Tuchhändler,„daß ich mich durch einen ſo elenden Kunſtgriff hinters Licht führen laſſen mußte!“ „Jetzt hilft kein Wehklagen mehr, Kapitän. Sie ſind uns eher noch Dank ſchuldig, daß wir Sie dieſen Beſuch haben machen laſſen. Wir hätten Sie verhaften können, als wir die Münze verließen. Aber wir wollten uns über⸗ zeugen, ob Miſtreß Wood ſo reizend wäre, wie Sie ſie uns beſchrieben haben.“ „Elende!“ kreiſchte die beleidigte Dame.„O, Herr Kneebone, ſind das Ihre franzöſiſchen Edelleute?“ —— Geier und Falke. 127 „Machen Sie mir keine Vorwürfe!“ verſetzte der Tuch⸗ händler. „Packe ihn an, John,“ ſagte Jackſon leiſe zu ſeinem Kameraden. Smith gehorchte, aber kaum hatte er einen Schritt vor⸗ wärts gethan, als ein Schlag von Kneebone's kräftigem Arm ihn zu Boden ſchmetterte. Der letztere bemächtigte ſich ſeiner Piſtole und legte auf Jackſon an. „Fort oder ich feure!“ rief er. „Herr Wood,“ entgegnete Jackſon mit der äußerſten Gelaſſenheit,„Sie ſind ein Konſtabler und ein treuer Unter⸗ than König Georgs. Ich fordere Sie auf, mir bei Habhaft⸗ werdung dieſer Perſon Beiſtand zu leiſten. Sie werden für ſein Entkommen verantwortlich ſein.“ „Wood, ich ſage dir, du rührſt dich nicht,“ rief die beſſere Hälfte des Tiſchlermeiſters,„bedenke, daß du mir verantwortlich bift.“ „Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich thun ſoll,“ ſagte Wood, von widverſtrebenden Gefühlen zerriſſen.„Herr Knee⸗ bone, Sie würden mich ſehr verbinden, wenn Sie ſich er⸗ gäben.“ „Niemals!“ rief der Tuchhändler,„und wenn dieſer elende Schurke da ſich nicht bald aus dem Staube macht, ſo werde ich ihm eine Kugel durch den Kopf jagen.“ „Mein Blut kommt über Sie,“ bemerkte Jackſon gegen den Tiſchlermeiſter. „Zeigen Sie mir Ihren Verhaftsbefehl!“ ſagte Wood, der den Kopf verlieren wollte,„vielleicht iſt er nicht in der Ordnung?“ „Fragen Sie ihn, wer er iſt,“ meinte Thames. „Ein guter Gedanke!“ rief der Tiſchler.„Darf ich wiſſen, mit wem ich das Vergnügen habe zu ſprechen? Sucſ wird wohl nur ein angenommener Name ſein.“ 128 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Daran iſt nichts gelegen,“ verſetzte dieſer verdrießlich. „O, ſehr viel!“ entgegnete Thames.„Wenn Sie Ihren Namen nicht nennen wollen, ſo will ich es. Sie ſind Jo⸗ nathan Wild!“ „Fernere Verſtellung wäre unnütz,“ erwiederte dieſer, indem er ſeine Perrücke und das ſchwarze Pflaſter abriß und ſeine natürliche Stimme annahm;„ich bin Jonathan Wild!“ „Ha! wirklich!“ rief Kneebone,„ſo ſei dies Ihr Paß in die Ewigkeit.“ Mit dieſen Worten drückte er ſeine Piſtole ab, die jedoch glücklicherweiſe verſagte. „Ich könnte Sie jetzt auf eine ähnliche Reiſe ſchitken!“ verſetzte Jonathan mit bitterm Lächeln, jedoch ohne ſeine Kaltblütigkeit zu verlieren;„aber ich will Sie lieber erſt nach Newgate befördern. Die Jakobitiſchen Krähen haben eine Vogelſcheuche nöthig.“ Und nun ſprang er, wie eine Tigerkatze, mit einem Satze nach dem Tuchhändler, den er an der Kehle packte. Dieſer Angriff geſchah ſo plötzlich und war ſo wohl ge⸗ richtet, daß er ſeinen rieſenmäßigen Gegner ganz zu Boden warf. „Komm mit den Handſchellen, Blauhaut!“ rief er dieſem zu, der ſich eben von den betäubenden Wirkungen des er⸗ haltenen Schlages zu erholen begann.„Schnell, oder wir werden ihn nicht unter kriegen!“ „Mörder!“ kreiſchte Miſtreß Wood, ſo laut ſie konnte. „Hier iſt eine Piſtole!“ rief Thames und ergriff die unabgefeuerte Waffe, welche Blauhaut im Handgemenge hatte fallen laſſen,„ſoll ich auf ihn ſchießen?“ „Ja, ja, halte ſie ihm ans Ohr!“ rief Miſtreß Wood, „das iſt das ſicherſte Mittel.“ „Nein, nein! gieb ſie mir!“ rief Wood, indem er ihm die Piſtole entriß und ſich mit dem Rücken gegen die Thür ſtellte. Geier und Falke. 129 „Ich will der Sache bald ein Ende machen, Jonathan Wild!“ fuhr er mit lauter Stimme fort,„ich befehle Ihnen, Ihren Gefangenen frei zu geben.“ „Das werde ich,“ erwiederte Jonathan, der dem Tuch⸗ händler mit Blauhauts Hülfe ein Paar Handfeſſeln angelegt hatte,„aber nicht eher, als bis ich Herrn Walpole's Be⸗ fehl habe.“ „Wollen Sie die Folgen auf ſich nehmen?“ „Recht gerne.“ „In dieſem Fall verhafte ich Sie und Ihren Genoſſen, Joſeph Blake, alias Blauhaut, wegen Felonie,“ erwiederte Wood, indem er ſeinen Stab erhob;„widerſetzen Sie ſich meiner Amtsausübung auf Ihre eigene Gefahr.“ „Ein ſchlauer Anſchlag,“ erwiederte Jonathan;„aber er wird Ihnen nichts nutzen. Laſſen Sie uns gehen. Vor⸗ wärts, Blauhaut.“ „Sie ſollen ſich keinen Schritt rühren. Oeffne das Fenſter, Thames, und rufe nach Hülfe.“ „Halt!“ rief Jonathan, der die Sache nicht zu weit treiben wollte,„laſſen Sie mich ein Wort mit Ihnen ſprechen, Herr Wood.“ „Keine Sylbe,“ erwiederte Wood,„es ſei denn in Gegenwart des Richters.“ „Wenigſtens ſagen Sie, worauf ſich Ihre Anklage grün⸗ det. Sie iſt von der ſchwerſten Art.“ „Das iſt ſie,“ antwortete Wood.„Erinnern Sie ſich dieſes Schlüſſels? Erinnern Sie ſich, wem Sie ihn gaben und zu welchem Zweck? oder ſoll ich en Gedächtniß zu Hülfe kommen? Wild ſchien außer Faſſung gebracht zu „Geben Sie Ihren Gefangenen frei,“ fuhr Wood fort, „oder das Fenſter wird geöffnet.“ „Herr Wood,“ ſagte Jonathan mit leiſer Stimme, indem Ainsworth, Jack Sheppard. I. 9 130 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. er ſich ihm näherte,„das Geheimniß der Herkunft Ihres Pflegeſohns iſt mir bekannt. Der Name von ſeines Vaters Mörder iſt mir ebenfalls bekannt. Ich kann Ihnen zu beiden verhelfen,— ja, ich will Ihnen zu beiden verhelfen, wenn Sie meine Abſichten nicht durchkreuzen. Die Verhaftung dieſer Perſon iſt mir von Wichtigkeit. Widerſetzen Sie ſich nicht, und ich will Ihnen dienen. Hindern Sie mich, und ich werde Ihr Todfeind. Ich brauche an geeignetem Orte nur einen Wink über das Daſein dieſes Knaben fallen zu laſſen und ſein Leben iſt nicht einen Tag mehr werth.“ „Hören Sie nicht auf ihn, Vater,“ rief Thames, ohne den Inhalt ihres Geſprächs zu ahnen,„es find Leute genug. draußen.“ „Wählen Sie,“ ſagte Jonathan. „Wenn du dich nicht bald entſchließeſt, ſo ſchreie ich,“ rief Miſtreß Wood, den Kopf aus dem Fenſter ſteckend. „Geben Sie Ihren Gefangenen frei!“ verſetzte Wood. „Nimm die Feſſeln ab, Blauhaut,“ entgegnete Wild. „Sie kennen meinen feſten Entſchluß,“ fügte er leiſer hinzu. „Vor Morgen Abend iſt dieſer Knabe bei ſeinem Vater.“ Bei dieſen Worten öffnete er die Thür und ſchritt aus dem Zimmer. „Da haben Sie einige Briefe, aus denen Sie ſehen werden, was für eine Schlange Sie an Ihrem Buſen gehegt haben, Sie alter Weibernarr,“ ſagte Blauhaut im Hinaus⸗ gehen und warf Wood ein Packet Papiere zu. „Ei, der Tauſend! was ſoll dies bedeuten?“ rief der Tiſchlermeiſter, die Aufſchriften derſelben beſehend.„Es iſt ja deine Hand, Dorchen, und an Herrn Kneebone adreſſirt.“ „Meine Hand! J, bewahre!“ rief die Schöne mit einem unſichern Blick auf den Tuchhändler. „Teufel! der Schurke muß mir Ihre Briefe aus der Taſche geſtohlen haben,“ flüſterte Kneebone.„Was iſt hier zu thun?“ Der erſte Schritt zur Leiter. 131 „Was hier zu thun iſt! Ich bin verloren! Wie unvor⸗ fichtig von Ihnen, ſie nicht zu verbrennen. Aber die Männer find ſo nachläſſig, man kann ihnen auch nichts anvertrauen! Auf jeden Fall muß ich verſuchen, es mit Keckheit auszu⸗ fechten.— Gieb mir die Briefe, mein Engel,“ fuhr ſie laut mit dem einſchmeichelndſten Ton fort;„es können nur gott⸗ loſe Betrügereien ſein.“ „Erlauben Sie, Madame,“ erwiederte der Tiſchlermeiſter indem er ihr den Rücken drehte und ſich auf einen Stuhl niederließ.„Thames, mein Guter, bringe mir meine Brille. Mir finkt das Herz. Ich Narr, daß ich nach Schönheit heirathete! Ich hätte dran denken ſollen, daß ein ſchönes Weib und ein fliegendes Kleid immer einen Nagel auf ihrem Wege treffen.“ Sechstes Kapitel. Der erſte Schritt zur Leiter. Wenn es ja etwas auf Erden giebt, das alles andre an Lieblichkeit übertrifft, ſo iſt es ein hübſches Mädchen in Winifred Wood's zartem Alter. Ihre Schönheit erweckt kein anderes Gefühl, als das der Bewunderung. Der Reiz der Unſchuld umfließt fie, wie die Blume ihren Duft aushaucht, ihren leiſeſten Gedanken, ihre geringſte Handlung heiligend und ſie, wie ein Zauber, vor dem Nahen des Böſen bewah⸗ rend. Schön iſt das Mädchen von zwölf Jahren;— weder Kind noch Jungfrau, ſteht fie zwiſchen beiden, köſtlicher als beide. Ein ſolches war das Feenweſen, dem Thames Darrell unter den folgenden Umſtänden gegenübertrat. Froh, dem ehelichen Zwiſt entrinnen zu können, der ſich jetzt zwiſchen ſeinen beiden Pflegeältern erhob, benutzte Thames die erſte Gelegenheit, ſich zurück zu ziehn und begab ſich in ein kleines Zimmer im oberen Stockwerk, wo er und Jock 132 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Sheppard ſeine Mußeſtunden mit Spiel und andern Ver⸗ gnügungen zuzubringen pflegte. Er fand die Thür offen ſtehen und ſah die kleine Winifred zu ſeinem Erſtaunen an einem Tiſch ſitzen, wo ſie emſig mit Zeichnen beſchäftigt war. Sie hörte ihn nicht kommen und ſetzte ihre Arbeit ohne ſich umzuſehen fort. Es war ein reizender Anblick, die Bewegungen ihrer zierlichen Finger zu beobachten, und obgleich ihre Stellung nicht die günſtigſte war, in welcher ſich ihre ſylphengleiche Geſtalt hätte entfalten können, ſo lag in ihrer Gebärde und in dem Ausdruck ihres Geſichts, welches der ſanfte Glanz der Abendſonne durch die Scheiben des kleinen Dachfenſters veleuchtete, doch ein Etwas, welches dem Knaben unbeſchreib⸗ lich ſchön däuchte. Winifred's Züge würden hübſch geweſen ſein, denn ſte waren regelmäßig und zart gebildet, wenn ſie nicht leicht von den Pocken berührt geweſen wären;— eine Krankheit, die zuweilen mehr ſchont, als ſie zerſtört, und einen Ausdruck verleiht, den man in dem ebenſten Geſicht vergebens ſucht. Winifred's Antlitz war vollkommen liebens⸗ würdig. Ihr Mund war ihres Antlitzes werth, ſie hatte kleine perlenweiße Zähne, ihre Lippen waren roſig und ſchwellend und beſtändig von dem ſüßeſten Lächeln umſpielt. Ihre Augen waren ſanft und blau, mit dunkeln Brauen bekehnt und eingefaßt von langen, ſeidenen Wimpern. Ihr Haar war vom tiefſten Braun und zarteſter Weichheit. Sie trug ein kleines weißes Kleid mit langem Leibchen und kur⸗ zen Aermeln, welches, nach einer gewiſſen Fülle um die Hüften, dazu beſtimmt zu ſein ſchien, mit einem Reif getragen zu werden. Ein ſchwarzes Band mit einem kleinen Schloß umgab ihren ſchlanken Hals und auf der Spitze ihres Kopfes ruhte ein Spitzenkäppchen von allergeringſtem Umfange. Das Zimmer, in welchem ſie ſaß, war ein Theib des Dachraums, den Herr Wood, wie wir eben erwähnt haben, Der erſte Schritt zur Leiter. 133 zur Spielſtube der beiden Knaben beſtimmt hatte, und zeigte, wie die Spielſtuben der meiſten Knaben, einen gänzlichen Mangel an Ordnung und Nettigkeit. Die Sachen lagen zerſtreut umher, um aufgenommen oder wieder hingeworfen zu werden, wie es grade die Laune des Augenblicks eingab; und die halbzerbrochenen Stühle und der gebrechliche Tiſch trugen die Denkzeichen manches Straußes an ſich. Die Charaktere der beiden jugendlichen Inhaber dieſes Zimmers ſpiegelten ſich in jedem darin enthaltenen Gegenſtande wieder. Darrell's Neigungen offenbarten ſich in einem verroſteten Säbel, einer hohen Grenadiermütze, einer Muskete ohne Schloß und Ladſtock, einem Wehrgehenk und Patrontaſche nebſt andern Dingen, die entſchieden auf einen kriegeriſchen Geſchmack hindeuteten. Unter ſeinen Büchern ſchienen Plutarchs Lebensbeſchreibungen und die Geſchichten großer Feldherren häufig zu Rath gezogen worden zu ſein, aber auf dem Hand⸗ buch des Tiſchlers und einem Abriß der Trigonometrie und Geometrie hatte ſich der Staub dick angeſammelt. Unter dem Bort, welches dieſe Bücher enthielt, hing die ſchöne alte Ballade:„St. Georg für England,“ und ein damals ſehr beliebtes loyales Lied, betitelt:„Wahrhaft proteſtantiſche Dankbarkeit, oder Britannia's Dankopfer für den erſten Auguſt, als dem Tage der heilbringenden Thronbeſteigung Seiner Majeſtät.“ Jack Sheppard's Bücherſammlung beſtand aus einigen zerfetzten und abgegriffenen Bänden jener furchtbaren Chroniken, welche die Welt den Kaplanen von Newgate, jenen Froiſſarts und Holinſheds des Verbrechens, verdankt. Seine Liederſammlung enthielt ein Paar an die Wand ge⸗ hefteter Gaunerlieder, betitelt:„Des Diebesfängers Prophe⸗ zeiung“ und„Leben und Tod des wackern Straßenräubers.“ Dagegen zeigte ſich ſeine außerordentliche mechaniſche Geſchick⸗ lichkeit in einem Modell des Gefängniſſes zu Newgate, einem andern Modell des Prangers bei der Fleetbrücke und einem 134 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. dritten des Galgens zu Tyburn. Dies letztere Probeſtück ſeiner Kunſtfertigkeit war mit einer kleinen fratzenhaften Figur verziert, welche einen bekannten Kaminfeger und Einbrecher jener Zeit darſtellen ſollte und in Sheppard's eigener Hand⸗ ſchrift als„Jack Hall am Galgen“ bezeichnet war. Wir dürfen nicht vergeſſen zu erwähnen, daß eine Familiengruppe von der Hand der kleinen Winifred, welche Herrn und Miſtreß Wood in ſehr charakteriſtiſchen Stellungen zeigte, einen her⸗ vorſtechenden Platz an der Wand einnahm. Thames betrachtete das kleine Mädchen eine Zeit lang ſchweigend durch die halbgeöffnete Thür. Plötzlich flog eine Wolke über ihr Geſicht, welches bis dahin einen heiteren, zufriedenen Ausdruck behalten hatte. Sie warf die Bleifeder hin, nahm ein Stück Gummi und rief:„Es iſt ihm gar nicht ähnlich! es iſt nicht halb ſo hübſch!“ Und ſie wollte ihre Zeichnung eben auswiſchen, als Thames in das Zimmer ſtürzte. „Wem iſt es nicht ähnlich?“ fragte er und ſuchte ſich des Bildes zu bemächtigen, welches ſie beim Geräuſch ſeiner Fußtritte zwiſchen den Fingern zuſammendrückte. „Ich kann es nicht ſagen!“ erwiederte ſie, tief erröthend und es ſo feſt wie möglich mit ihrer kleinen Hand um⸗ ſchließend;„es iſt ein Geheimniß!“ „Das will ich bald erfahren,“ entgegnete er, ihr das Papier ſcherzhaft entwindend. „Bitte, beſieh es nicht!“ rief ſie. Aber er achtete nicht auf ihr Flehen, ſondern entfaltete die Zeichnung, glättete ihre Kniffe und erblickte ſein eigenes Bildniß. „Ich hätte große Luſt, dir böſe zu werden!“ rief Winifred, mit Mühe eine Thräne des Verdruſſes zurückhaltend!„das war nicht hübſch von dir.“ „Du haſt Recht, liebe Winifred!“ erwiederte Thames, Der erſte Schritt zur Leiter. 135 über ſeine Rauhigkeit beſchämt,„mein Betragen iſt nicht zu entſchuldigen.“ „Ich will es dir trotz dem verzeihen,“ das kleine Mädchen und reichte ihm zärtlich die Hand. „Weshalb wollteſt du mir das Bild nicht zeigen, Winny?“ fragte der Knabe. „Weil es dir nicht ähnlich iſt,“ lautete die Antwort. „Nun, mag es ähnlich ſein oder nicht, es gefällt mir und ich behalte es als Andenken—“ „An was?“ unterbrach ſie ihn, von ſeinem veränderten Ton erſchreckt. „An dich ſelbſt,“ entgegnete er ernſt und traurig.„Ich werde es immer werth halten und verſpreche dir, mich nie davon zu trennen. Winny, dies iſt die letzte Nacht, die ich unter deines Vaters Dach zubringe.“ „Haſt du es ihm ſchon geſagt?“ fragte ſie vorwurfsvoll. „Nein, aber ich will es noch dieſen Abend thun.“ „Dann wirſt du bleiben!“ rief ſie, freudig in die Hände klatſchend,„denn ich weiß gewiß, daß er dich nicht wird gehen laſſen. O! danke! danke! Ich bin ſo glücklich.“ „Halt, Winny!“ antwortete er,„ich habe noch nichts verſprochen.“ „Aber du wirſt es,— nicht wahr?“ verſetzte ſie und ſah ihm ſchmeichelnd in die Augen. Dieſer Bitte konnte Thames nicht widerſtehen und er gab das verlangte Verſprechen:—„O, Winny! ich wollte, Herr Wood wäre auch mein Vater.“ „Das wollte ich auch!“ rief ſie,„denn dann wärſt du wirklich mein Bruder. Aber nein, doch nicht; weil—“ „Nun, Winny?“ „Ich weiß nicht, was ich ſagen wollte,“ fuhr ſie voll Verwirrung fort;„ich wollte nur, du wärſt kein Gentleman von Geburt.“ 136 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Vielleicht bin ich es nicht,“ erwiederte Thames ver⸗ ſtimmt, als ſich Jonathan Wild's hämiſche Anſpielungen ſeinem Gedächtniß aufdrängten.„Aber gleichviel, wer oder was ich bin. Gieb mir das Bild. Ich will es dir zum Andenken aufbewahren.“ „Ich will dir etwas beſſeres geben,“ antwortete ſie und löste ihr Halsband, um es ihm zu ſchenken;„es iſt eine Locke von mir darin, ſie wird dich vielleicht zuweilen an deine kleine Schweſter erinnern. Das Bild will ich ſelbſt behalten, obgleich ich kein Andenken an dich nöthig habe, wenn du wirklich fortgehen ſollteſt. Ich wollte dir noch viele andere Dinge ſagen,— aber ich habe alles vergeſſen.“ Hier brach ſie in einen Thränenſtrom aus und ſenkte ihren Kopf auf ſeine Schulter. Thames verſuchte nicht, ſie zu tröſten. Sein eigenes Herz war zu voll von trüben Ahnungen. Er fühlte, daß er bald, vielleicht für immer, von dem lieben kleinen Weſen getrennt werden würde, das er jetzt in ſeinen Armen hielt, und der Gedanke, wie tief dieſe Trennung ſie betrüben würde, rührte ihn ſo ſehr, daß er ihren Kummer mitempfand. Aus dieſer traurigen Stimmung weckte ihn ein lautes ſpöttiſches Pfeifen, dem ein noch lauteres Gelächter folgte; er blickte auf und ſah Jack Sheppard's unverſchämtes Geſicht dicht vor ſich. „Aha!“ rief Jack mit ſchelmiſchen Blinzen,„habe ich Euch ertappt— he? War einmal eine Maid ſo fein und jung Mit lichten Augen und leichtem Sinn; Der Geſelle war ihr nicht gut genung, Warf dem Junker freundliche Blicke hin, Ja, Blicke hin, Warf dem Junker freundliche Blicke hin. Ha! ha! ha!“ Der erſte Schritt zur Leiter. 137 „Jack!“ rief Thames verdrießlich. Aber Sheppard war nicht zum Schweigen zu bringen. Er ſetzte ſeinen Geſang fort und begleitete ihn mit den lächer⸗ lichſten Grimaſſen. „Ein Jahr verging nach dem andern ſacht, Da reute ſie's endlich in ihrem Sinn: Den armen Geſellen hab' ich veracht, Wo iſt nun mein adliger Buhle hin? Ach! ach! wohin! Wo iſt nun mein adliger Buhle hin? Ho! ho! ho!“ „Was willſt du hier?“ fragte Winny. „O, gar nichts!“ antwortete Jack höhniſch.„Uebrigens gehört die Stube mir eben ſo gut, wie dir, was das an⸗ betrifft. Aber ich will kein Störenfried ſein,— bewahre. Und wenn ich einen eben ſolchen Schmatz von deinen ſüßen Lippen kriege, wie Thames, ſo bin ich im Umſehen fort, Winny.“ Die Antwort auf dies Verlangen beſtand in einem „Schmatz“ von einer ganz andern Gattung, den das kleine Mädchen, indem ſie aus dem Zimmer lief, auf Sheppard's hingehaltenes Geſicht erſchallen ließ. „Ei! ſeh' mir doch einer!“ rief Jack, ſich die Backe reibend,„heute habe ich ja Glück. Bei alledem nehme ich lieber einen Schlag von der Tochter, als von der Mutter. Ich weiß, welcher am wehſten thut. Ich will dir was ſagen, Thames,“ fuhr er fort, indem er ſich nachläſſig auf einen Stuhl warf,„ich gäbe meine rechte Hand darum,— und das iſt für einen Tiſchlerlehrling nichts geringes,— wenn die kleine Hexe mir nur halb ſo gut wäre, wie dir.“ „Das wird ſchwerlich geſchehen, wenn du es ſo treibſt,“ erwiederte Thames ſcharf. „Na, was Teufel hätte ich denn thun ſollen?— mich 138 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. fortſcheeren, he? Da hätteſt du mir einen Wink geben ſollen.“ „Nichts mehr davon,“ verſetzte Thames,„oder wir zanken uns noch.“ „Das wäre kein ſo großes Unglück,“ entgegnete Step⸗„ pard mit herausforderndem Blick. „Jack,“ ſagte Jener ernſt,„reize mich nicht mehr, oder du kriegſt eins.“ „Das Spiel verſtehen andere auch, mein Herzchen,“ erwiederte Sheppard und nahm eine vertheidigende Stellung an. „So nimm dich in Acht,“ verſetzte Thames und ging mit vorgeſtreckten Fäuſten auf ihn zu;„wenn mein rechter Arm auch ſteif iſt, ſo ſollſt du doch ſehen, daß ich ihn noch gebrauchen kann.“ Sheppard war ſeinem Gegner nicht gewachſen, denn obgleich er ihn an Kunſt überlegen war, ſo fehlte es ihm doch an Kraft und Gewicht, und nach einem kurzen Gange, in welchem er ſehr den Kürzeren zog, ſtreckte ihn ein wohl⸗ gezielter Schlag auf die Naſe der Länge nach zu Boden. „Das wird dir lehren, deine Zunge künftig im Zaum zu halten,“ bemerkte Thames, indem er ihm wieder aufhalf. „Ich wollte dich nicht beleidigen,“ erwiederte Sheppard brummend.„Aber ich kann dir verſichern, daß es nichts angenehmes iſt, das Mädchen, das man leiden mag, in den Armen eines Anderen zu ſehen.“ „Du willſt noch eine Tracht Prügel haben, merke ich,“ ſagte Thames, die Stirne runzelnd. „Nein, nein, laß nur gut ſein. Ich will nicht weiter an ſie denken. Behür uns!“ rief er, als ſein Blick zufällig auf die Zeichnung fiel, welche Winifred in der Aufregung hatte fallen laſſen.„Hat ſie das gemacht?“ „Ja,“ antwortete Thames.„Bemerkſt du eine Aehn⸗ lichkeit?“ Der erſte Schritt zur Leiter. 139 „Wie ſollte ich nicht?“ erwiederte Jack bitter.„Sonder⸗ var!“ rief er, als ſpräche er mit ſich ſelbſt.„Wie außer⸗ ordentlich ähnlich es iſt.“ „Das wäre doch wohl ſo ſonderbar nicht,“ lachte Thames, „daß ein Bild der Perſon ähnlich iſt, die es ſein ſoll.“ „Das wohl, aber es bleibt doch ſonderbar, daß es Je⸗ mand ähnlich iſt, der es nicht ſein ſoll. Es ſieht ganz wie die Miniature aus, die ich in der Taſche habe.“ „Eine Miniature! Von wem?“ „Das weiß ich nicht,“ antwortete Jack geheimnißvoll. „Aber ich glaube beinahe, von deinem Vater.“ „Mein Vater!“ rief Thames im höchſten Erſtaunen. „Laß ſehen.“ „Hier iſt es,“ ſagte Jack und zog ein kleines in Bril⸗ lianten gefaßtes Bild aus der Taſche. Thames nahm es in die Hand und erblickte das Por⸗ trait eines jungen Mannes, der Kleidung nach von hohem Range, deſſen ſtolze, hochadligen Züge allerdings eine über⸗ raſchende Aehnlichkeit mit ſeinen eigenen beſaßen. „Du haſt Recht, Jack,“ ſagte er nach einer Pauſe, wäh⸗ rend ℳ er das Gemälde mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit betrachtet hatte;„dies muß mein Vater gewe⸗ ſen ſein!“ „Kein Zweifel,“ antwortete Sheppard;„vergleiche es nur Winny's Zeichnung, und du wirſt finden, daß ſie ſo ähnlich ſind, wie ein Ei dem andern.“ „Wo haſt du es her?“ fragte Thames. „Von Lady Trafford, wo ich das Käſichen hingekracht habe.“ „Du wirſt es doch nicht geſtohlen haben?“ „Geſtohlen iſt ein unangenehmes Wort, aber ich habe es mit hergebracht, wie du ſiehſt.“ „Es muß ihr gleich wieder gegeben werden,— mag S entſtehen, was da will.“ 140 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Wie, du willſt mich verrathen?“ rief Jack unruhig. „Nein,“ antwortete Thames,„aber ich beſtehe darauf, daß du es gleich wieder hinbringſt.“ „Bringe es ſelbſt hin,“ verſetzte Jack mürriſch;„ich thue es nicht.“ „Nun gut,“ erwiederte Thames und wollte gehen. „Halt!“ rief Jack, indem er ihm den Weg verſperrte; „willſt du, daß ich übers Waſſer geſchickt werde?“ „Ich will dich vor Schande und Verderben bewahren,“ erwiederte Thames. „Pah!“ rief Jack verächtlich,„davor iſt man ſicher, wenn man ſich nicht ertappen läßt. Ich brauche nichts zu fürchten, wenn du den Mund hältſt. Gieb mir das Bild, oder ich zwinge dich.“ „Höre mich an,“ ſagte Thames ruhig,„du weißt ſehr gut, daß du gegen mich nichts ausrichten kannſt.“ „Vielleicht nicht mit Fäuſten,“ unterbrach ihn Jack dro⸗ hend,„aber ich habe mein Meſſer.“ „Du wirſt es doch nicht wagen?“ „Verſuche blos hinauszugehen und du ſollſt ſehen, ob ich es wage,“ entgegnete Jack, das Meſſer aufmachend. „Das habe ich nicht von dir erwartet,“ ſagte Thames mit Heftigkeit.„Aber deine Drohungen ſollen mich nicht abhalten, wann und wie es mir gefällt, aus dem Zimmer zu gehen. Willſt du mich jetzt hinaus laſſen?“ „Nein,“ antwortete Jack hartnäckig. Thames ging, ohne ein Wort zu ſagen, auf ihn los und packte ihn am Kragen. „Laß los!“ ſchrie Jack, ſich heſtig wehrend und die Hand erhebend,„oder ich mache dich Zeitlebens unglücklich.“ Aber Thames wollte ſich von ſeinem Vorhaben nicht abſchrecken laſſen und der Zwiſt hätte einen gefährlichen Ausgang nehmen können, wenn ſich nicht ein Friedensſtifter Der erſte Schritt zur Leiter. 141 in der Geſtalt der kleinen Winifred gezeigt hätte, welche von dem Lärm herbeigelockt plötzlich in das Zimmer ſtürzte. „Ach!“ ſchrie ſie, als ſie die erhobene Waffe in Shep⸗ pards Hand erblickte,„thu' ihm nichts zu Leide, bitte, lieber Jack. Wenn du jemand tödten willſt, ſo tödte mich und nicht ihn.“ Mit dieſen Worten warf ſie ſich zwiſchen die Streiten⸗ den, und Jack ließ das Meſſer ſinken und zog ſich murrend zurück. „Weshalb zankt Ihr Euch, Thames?“ fragte das kleine Mädchen ängſtlich. „Um deinetwillen,“ antwortete Jack kurz. „Das nicht,“ verſetzte Thames.„Ich will dir gleich alles ſagen. Aber du mußt uns jetzt allein laſſen, liebe Winny; Jack und ich, wir haben noch etwas unter uns abzumachen, fürchte dich nicht. Unſer Streit iſt ganz zu Ende.“ „Iſt es auch gewiß?“ fragte Winifred mit einem be⸗ ſorgten Blick auf Jack. „Nun ja, ja,“ verſetzte Sheppard,„er kann mit mir thun, was er will,— mich hängen, wenn er Luſt hat,— wenn du es wünſchſt.“ Auf dieſe Verſicherung und auf Thames' wiederholtes Bitten entfernte das kleine Mädchen ſich zögernd. „Komm, komm, Jack,“ ſagte Thames, indem er ſich Sheppard näherte und ſeine Hand ergriff,„laß es gut ſein. Ich ſage dir noch einmal, ich will nichts thun oder ſagen⸗ was dich in Ungelegenheiten bringen kann. Darauf verlaſſe dich. Aber ich muß Lady Trafford ſprechen. Vielleicht wird ſie mir ſagen, weſſen Bild dies iſt.“ „Das thut ſie vielleicht,“ erwiederte Jack ſich erheiternd; „es iſt ein guter Gedanke. Aber du nußt ſie allein ſpre⸗ chen, und das wird ſich nicht leicht machen laſſen, da ſie ſehr kränklich iſt und gewöhnlich Jemand um ſich hat. Beſon⸗ 142 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. ders hüte dich vor Sir Rowland Trenchard. Wäre er nicht geweſen, ſo würde ich die Miniature gar nicht bemerkt haben. Er ſtand dabei und zankte ſich mit der Lady, die kaum ihr Sopha verlaſſen kann, während ich ihre Juwelen in das Käſtchen packte, und ich bemerkte, daß fie ein kleines Futteral vor ihm zu verbergen ſuchte. Kaum drehte er den Rücken, ſo ließ ſie es in das Käſtchen gleiten. Im nächſten Augen⸗ blick gelang es mir, ohne daß Eines von ihnen es bemerkte, es in meine Taſche wandern zu laſſen. Nachher that es mir leid, denn ich weiß nicht warum, aber die arme Dame mit ihrem blaſſen Geſicht und ihren ſchwarzen Augen erinnerte mich an meine Mutter.“ „Schon das allein hätte dich von deiner That abhalten ſollen, Jack,“ erwiederte Thames ſehr ernſt. „Ich hätte es auch nie gethan,“ verſetzte Sheppard bit⸗ ter,„wenn Miſtreß Wood mich nicht geſchlagen hätte. Dieſer Schlag hat mich zum Dieb gemacht. Und wenn ich einſt am Galgen hängen muß, ſo ſoll mein Blut über ſie kommen.“ „Nun, denke nicht mehr daran,“ entgegnete Thames. „Und künftig handle beſſer.“ „Das will ich, wenn ich mich gerächt habe,“ brummte Jack.„Aber höre auf mich und gehe Sir Rowland aus dem Wege, oder du wirſt die arme Dame ſo gut wie mich in die Klemme bringen.“ „Sei unbeſorgt,“ erwiederte Thames und ſetzte den Hut auf.„Komm, wir wollen gehen.“ Die beiden Knaben traten auf den Vorplatz und woll⸗ ten eben hinunterſteigen, als Herrn und Miſtreß Woods Stimme von unten herauf ſchallte. Der Sturm ſchien ſich ge⸗ legt zu haben, denn beide ſprachen auf ſehr freundſchaftliche Weiſe mit Herrn Kneebone, der im Begriff ſtand fortzugehen. „Ich bedaure ſehr, mein werther Freund, daß ſich ein Der erſte Schritt zur Leiter. 143 Mißverſtändniß zwiſchen uns erheben konnte,“ bemerkte der Tuchhändler. „Sprechen wir nicht weiter davon,“ entgegnete Wood in dem verſöhnenden Ton deſſen, der ſein Unrecht zugiebt; „Ihre Erklärung genügt vollkommen.“ „Wir wollen Sie morgen erwarten,“ fügte Miſtreß Wood hinzu,„aber bitte, bringen Sie Niemand mit,— beſonders nicht dieſen Jonathan Wild.“ „Das iſt nicht zu befürchten,“ lachte Kneebone.—„O! in Betreff dieſes Knaben, Thames Darrell. Er muß gut behütet werden. Man darf Jonathan Wilds Drohungen nicht auf die leichte Seite nehmen. Der Schurke wird ſich vor Morgen früh ans Werk machen. Laſſen Sie den Jun⸗ gen nicht aus den Augen. Hören Sie wohl, laſſen Sie ihn nicht ausgehen, bis ich wiederkomme.“ „Hörſt du das?“ flüſterte Jack. „Ja wohl,“ antwortete Thames,„wir haben keinen Augenblick zu verlieren.“ „Nehmen Sie ſich ſelbſt in Acht,“ ſagte Herr Wood, „und ich werde Thames in Acht nehmen. Es iſt kein ſchlechter Tag, der ein gutes Ende nimmt. Gute Nacht! Gott ſegne Sie!“ Nun erfolgte viel Händedrückens nebſt erneuerten Ent⸗ ſchuldigungen und Freundſchaftsbetheuerungen auf beiden Sei⸗ ten, worauf Herr Kneebone ſich entfernte. „Alſo haſt du mich wirklich im Verdacht gehabt?“ mur⸗ melte Miſtreß Wood vorwurfsvoll, als ſie in das Putzzim⸗ mer zurückkehrten.„O, Ihr Männer! Ihr Männer! wenn Ihr Euch einmal etwas in den Kopf geſetzt habt, ſo iſt es Euch nicht wieder herauszukriegen.“ „Nun, meine Theure,“ entgegnete ihr Mann,„du mußt geſtehen, daß der Schein ſo ziemlich gegen dich war. Aber da du mir betheuerſt, daß du die Briefe nicht geſchrieben haſt, und da Herr Kneebone mir betheuert, daß er ſie nicht 144 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. erhalten hat, ſo muß ich Euch wohl glauben. Und ich bin davon überzeugt, daß ein Ehemann von dem, was er hört, nur die Hälfte glauben muß und von dem, was er ſieht, gar nichts.“ „Ein vortrefflicher Grundſatz!“ erwiederte ſeine Frau beifällig;„der beſte, den ich je aus deinem Munde gehört habe.“ „Ich muß jetzt nach Thames ſehen,“ bemerkte der Tiſch⸗ lermeiſter. „O, laß ihn nur, er wird nicht zu Schaden kommen! Komm mit mir herein. Ich habe dich jetzt nöthig.“ „Jetzt raſch!“ rief Jack, als das Paar hinter der Stuben⸗ thür verſchwand,„die Luft iſt rein.“ Thames wollte folgen, als er ſich ſanft am Arm feſt⸗ gehalten fühlte. Er ſah ſich um und erblickte Winifred. „Wo willſt du hin?“ fragte ſie. „Ich komme gleich zurück,“ antwortete Thames aus⸗ weichend. „Geh nicht fort, ich bitte dich! du biſt in Gefahr. Ich habe alles gehört, was Herr Kneebone eben ſagte.“ „Tod und Teufel! welche verdammte Unterbrechung!“ rief Jack ungeduldig.„Wenn du nicht ſchnell machſt, ſo wird der alte Wood uns abfaſſen.“ „Wenn du gehſt, ſo rufe ich ihn!“ verſetzte Winifred. „Du biſt es, Jack, der meinen Bruder zum Unrecht verführt. Thames,“ drang ſie in ihn,„du kannſt nichts Gutes vor⸗ haben, ſonſt würdeſt du dich nicht ſcheuen, es meinem Vater zu ſagen.“ „Er kommt!“ rief Jack, verdrießlich mit dem Fuß ſtampfend.„Noch ein Augenblick und es iſt zu ſpät.“ „Winny! ich muß gehen!“ ſagte Thames, ſich von ihr losreißend. „Bleibe hier, lieber Thames,— bleibe hier!“ rief das kleine Mädchen.„Er hört mich nicht! er geht!“ fuhr ſie —,——————— Bruder und Schweſter. 145 fort, als die Hausthür aufgemacht und heftig zugeworfen ward;„mir ahnt, daß ich ihn nie wieder ſehen werde!“ Als ihr Vater einen Augenblick ſpäter aus dem Zim⸗ mer trat, um nach der Urſache des Geräuſches zu ſehen, fand er ſie tief bekümmert auf der Treppe fitzen. „Wo iſt Thames?“ fragte er haſtig. Winifred zeigte auf die Thür. Sprechen konnte ſie nicht. „Und Jack?“ „Auch fort,“ ſchluchzte ſeine Tochter. Herr Wood murmelte etwas, das wie ein Fluch klang. „Gott vergebe mir, daß ich ein ſolches Wort gebrauchte!“ rief er mit bekümmerter Stimme;„hätte ich der albernen Bitte meiner Frau nicht nachgegeben, ſo wäre dies nicht geſchehen.“ Siebentes Kapitel. Bruder und Schweſter. An demſelben Abend ſaßen zwei Perſonen in einem ſtattlichen Gemach eines prächtigen alten Schloſſes aus Eli⸗ ſabeths Zeiten in Southamptonſields. Die eine von beiden, eine Dame, augenſcheinlich eine unheilbare Kranke und in tiefe Trauer gekleidet, ſaß auf einer Art von Rollſtuhl, den Kopf an ein Kiſſen gelehnt und die Füße auf einem Sammt⸗ ſchemel ruhend. Eine Krücke mit ſilbernem Griff ſtand an ihrer Seite, ein Beweis der außerordentlichen Schwäche, zu der ſie herabgeſunken war. Ihr Alter war nicht leicht zu beſtimmen, denn obgleich ſie noch eine gewiſſe Jugendlichkeit in ihrem Aeußeren beſaß, ſo trug ihr Antlitz doch viele Spuren, die gewöhnlich auf ein hinſchwindendes Leben deu⸗ ten, aber bei ihr ohne Zweifel nur die Folgen unabläſſiger Kränklichkeit waren. Ihre Geſichtsfarbe war bleich und welk, Ainsworth, Jack Sheppard. I. 10 146 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. außer daß ſie einen leiſen Anflug hektiſcher Röthe hatte, die ihre Bläſſe nur noch auffälliger machte; ihre Augen waren groß und ſchwarz, aber matt und glanzlos, ihre Wangen eingefallen, ihre Geſtalt abgemagert und ihr ſchwarzes Haar ſtark mit Grau vermiſcht. In jüngeren Jahren und bei beſſe⸗ rer Geſundheit mußte ſie ausnehmend liebenswürdig geweſen ſein, und ſie beſaß noch immer viele Schönheiten. Jedoch der Haupteindruck, den ſie auf den Zuſchauer machte, war der einer unüberwindlichen, tiefen Melancholie. Ihr Gefährte war eine Perſon von nicht geringerem Range. Ja, die Aehnlichkeit zwiſchen beiden deutete darauf hin, daß ſie nahe verwandt ſein mußten. Er hatte dieſelben dunklen Augen, aus denen jedoch ein wildes Feuer leuchtete, dieſelbe blaue Geſichtsfarbe, dieſelbe hohe, ſchlanke Geſtalt und majeſtätiſche Geberde, und denſelben Stolz in den Mie⸗ nen. Aber hier hörte ihre Aehnlichkeit auf. Er machte einen völlig verſchiedenen Eindruck. Zwar ſah er melancholiſch genug aus. Aber ſein düſteres Weſen ſchien durch Gewiſſens⸗ biſſe, nicht durch Kummer verurſacht zu ſein. Es hat nie einen finſterern Kopf unter der Mönchskutte oder unter dem Inguifitorbarett gegeben. Er ſchien ſo unbeugſam und uner⸗ forſchlich wie das Schickſal zu ſein. „Nun, Lady Trafford,“ begann er, indem er einen ern⸗ ſten Blick auf ſie heftete.„Sie reiſen morgen nach Lan⸗ caſhire ab. Bleibt es dabei?“ „Ja, Sir Rowland,“ antwortete ſie matt, aber feſt. „Sie ſollen die verlangte Summe erhalten, aber—“ „Aber was, Madame?“ „Mißverſtehen Sie mich nicht,“ fuhr ſie fort.„Ich gebe ſie König Jakob und nicht Ihnen; zur Förderung eines großen, heiligen Zwecks, und nicht zur Ausführung Ihrer überſpannten, nutzloſen Plane.“ * Bruder und Schweſter. 147 Sir Rowland biß ſich in die Lippen und drängte die Antwort zurück, die ſich ihm darbot. „Und das Teſtament?“ fragte er mit erzwungener Ruhe. „Weigern Sie ſich noch immer, es aufſetzen zu laſſen?“ „Es iſt ſchon gemacht,“ erwiederte Lady Trafford. „Wie?“ rief ihr Bruder zuſammenfahrend. „Rowland,“ verſetzte ſie,„Sie bemühen ſich vergebens, mich durch Schrecken zur Erfüllung Ihrer Wünſche zu zwingen. Nichts ſoll mich vermögen, gegen die Stimme meines Ge⸗ wiſſens zu handeln. Mein letzter Wille iſt aufgeſetzt und in ſicherer Verwahrung.“ „Zu welchen Gunſten lautet er?“ fragte er finſter. „Zu Gunſten meines Sohns.“ „Sie haben keinen Sohn.“ „Ich hatte einen,“ antwortete ſeine Schweſter traurig; „und vielleicht habe ich noch einen.“ „Wenn ich es glaubte—,“ rief der Ritter heftig;„aber es iſt thöricht,“ fuhr er ſich plötzlich mäßigend fort.„Aliva, Ihr Kind iſt mit ſeinem Vater umgekommen.“ „Und wer hat ſie beide umgebracht?“ fragte ſeine Schwe⸗ ſter, indem ſie ſich mit ſchmerzhafter Anſtrengung aufrichtete und einen forſchenden Blick auf ihn heftete. „Von dem Rächer der Ehre ſeiner Familie,— von Ihrem Bruder,“ erwiederte er kalt. „Bruder,“ rief Lady Trafford mit glühendem Auge und brennender Wange.„Bruder,“ rief ſie mit gen Himmel erhobener Hand,„ſo wahr Gott mich richten wird, ich war jenem ermordeten Manne angetraut!“ „Es iſt eine Lüge!“ wüthete Sir Rowland,„eine ſwutzt niederträchtige Lüge!“ „Es iſt die Wahrheit,“ erwiederte ſeine Schweſter, auf ihr Lager zurückſinkend.„Ich will es auf das Kreuz be⸗ ſchwören!“ 148 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Wie hieß er denn?“ fragte der Ritter.„Sagen Sie mir dies und ich will Ihnen glauben.“ „Jetzt nicht,— jetzt nicht,“ erwiederte ſie ſchaudernd. „Wenn ich todt bin, werden Sie es erfahren. Beunruhigen Sie ſich nicht. Sie werden nicht lange darauf zu warten brauchen. Rowland,“ fuhr ſie mit veränderter Stimme fort, „ich weiß, daß ich nicht lange mehr zu leben habe. Und wenn Sie mich ſo behandeln, ſo kommt mein Tod auf Ihr Gewiſſen, ſo wie der Tod meines Mannes und meines Kin⸗ des. Laſſen Sie uns in Frieden ſcheiden. Wir werden uns auf ewig Lebewohl ſagen.“ „So ſei es!“ verſetzte Sir Rowland mit verbiſſener Wuth,„aber ehe wir ſcheiden, will ich den Namen Ihres angeblichen Mannes wiſſen!“ „Selbſt die Folter ſoll ihn mir nicht entreißen,“ ant⸗ wortete ſeine Schweſter mit Feſtigkeit. „Welche Gründe haben Sie zu dieſer Verheimlichung?“ fragte er. „Ein Gelübde,“ antwortete ſie,—„ein Gelübde gegen meinen verſtorbenen Mann.“ Sir Rowland ſah ſie einen Augenblick an, als ſänne er auf eine fürchterliche Antwort. Dann erhob er ſich, ging einigemal auf und ab und ſtand plötzlich vor ihr ſtill. „Wie kommen Sie darauf, daß Ihr Sohn noch am Leben ſein ſoll?“ fragte er. „Mir hat geträumt, daß ich ihn noch vor meinem Tode ſehen ſoll,“ erwiederte ſie. „Geträumt!“ wiederholte der Ritter mit grauſigem Lä⸗ cheln.„Alſo das iſt Alles? So erfahren Sie von mir, daß alle Ihre Hoffnungen eitel find, wie deren Veranlaſſung. Wo⸗ fern er nicht aus dem Schlamme der Themſe auferſtehen kann, wo er mit ſeinem verhaßten Vater begraben liegt, werden Sie ihn in dieſer Welt nie wieder erblicken. 4 Bruder und Schweſter. 149 „Der Himmel habe Barmherzigkeit mit Ihnen, Rowland!“ murmelte ſeine Schweſter, die Arme kreuzigend und empor⸗ blickend;„Sie haben keine mit mir.“ „Ich werde keine haben, ehe ich Ihnen nicht den Na⸗ men des Schurken abgezwungen habe!“ rief er, vor Wuth auf den Fußboden ſtampfend. „Rowland, Ihre Heftigkeit bringt mich um,“ entgegnete ſie mit klagendem Ton. „Sein Name, ſage ich! ſein Name!“ donnerte der Ritter und zog das Schwert. Lady Trafford ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſiel in Ohnmacht. Als ſie wieder zu ſich kam, fand ſie, daß ihr Bruder ſie verlaſſen und der Obhut einer Dienerin über⸗ geben hatte. Ihr erſter Befehl war, daß ihre übrige Diener⸗ ſchaft ſich zur augenblicklichen Abreiſe nach Lancaſhire bereit halten ſollte. „Heute Abend, Eure Herrlichkeit?“ wagte ein ältlicher Diener zu fragen. „Gleich, Hobſon,“ erwiederte ſeine Gebieterin,„ſobald der Wagen vorfahren kann.“ „Er ſoll in zehn Minuten vor der Thür ſtehen. Hat Eure Herrlichkeit ſonſt noch etwas zu befehlen?“ „Nein. Doch halt! Eins kannſt du thun. Nimm dies Käſtchen und lege es ſelbſt in den Wagen. Wo iſt Sir Rowland?“ „Im Bücherzimmer, Eure Herrlichkeit. Er hat befohlen, daß Niemand ihn ſtören ſoll. Aber es iſt Jemand auf dem Flur,— eine ſehr ſonderbare Art von Mann,— der ihn durchaus ſprechen will und ſich nicht abweiſen läßt.“ „Gut. Verliere keinen Augenblick, Hobſon.“ Dieſer verbeugte ſich, nahm das Käſtchen und ging hinaus. „Eure Herrlichkeit befindet ſich viel zu unwohl um zu reiſen,“ bemerkte die Dienerin, indem ſie ihr aufſtehen 150 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. half;„Sie werden nicht im Stande ſein, Mancheſter zu er⸗ reichen.“ „Es thut nichts, Norris,“ erwiederte Lady Trafford, „ich will lieber unterwegs ſterben, als noch einen ſolchen Auftritt ertragen, wie ich eben erlebt habe.“ „Großer Gott!“ entgegnete mitleidsvoll Miſtreß Norris. „Als ich den Schrei hörte, glaubte ich, es wäre ein ſchreckliches Unglück geſchehen. Sir Rowland hat zuweilen fürchterliche Launen. Ich weiß wahrhaftig nicht, wo mir der Kopf ſteht.“ „Sir Rowland iſt mein Bruder,“ entgegnete Lady Traf⸗ ford kalt. „Das iſt aber kein Grund, Eure Herrlichkeit ſo ſchänd⸗ lich zu behandeln. Ach! ich wollte, der arme gute Sir Cecil wäre noch am Leben! Er würde ihn im Zaume halten.“ Lady Trafford ſeufzte tief auf. „Eure Herrlichkeit iſt nie geſund geweſen, ſeit Sie Sir Cecil geheirathet haben,“ verſetzte Miſtreß Norris.„Ich meinestheils glaube, Sie haben den Unfall nie ganz über⸗ wunden, der Ihnen in der Nacht zuſtieß, als der große Sturm war.“ „Norris!“ keuchte Lady Trafford heftig zitternd. „Gott gnad' uns! was habe ich geſagt!“ rief die Die⸗ nerin, von der Aufregung ihrer Gebieterin ſehr beunruhigt; „ſetzen Sie ſich, Eure Herrlichkeit, ich will die Tropfen holen.“ „Es iſt vorüber,“ entgegnete Lady Trafford mit großer Anſtrengung,„aber ſprich nie wieder davon. Gehe und ſorge für unſre Abreiſe.“ Der Wagen ward noch eher angemeldet, als Hobſon verheißen hatte. Und als Lady Trafford die Treppe hinunter⸗ getragen und hereingehoben worden war, fuhr der Poſtillion in raſchem Trabe nach Barnet ab. Spitzbübiſches Gemunkel. 151 Achtes Kapitel. Spitzbübiſches Gemunkel. Sir Rowland maß unterdeſſen ſein Zimmer mit kurzen, eiligen Schritten. Er war unruhig, obwohl er es ſich ſelbſt vielleicht nicht geſtehen mochte. Da er ſich nicht vorſtellen konnte, daß ſeine Schweſter, ſo ſchwach wie ſie war und ſo nachgiebig gegen ſeine Wünſche ſie ſich immer bewieſen hatte, ohne ſeine Genehmigung abreiſen würde, ſo ſetzte es ihn eben ſo ſehr in Erſtaunen als in Wuth, als er die Diener damit beſchäftigt hörte, ſie in ihren Wagen zu tragen. Sein Stolz erlaubte ihm jedoch nicht, ihr Treiben zu unterbrechen, viel weniger konnte er ſich dazu vermögen, ſein Unrecht einzuge⸗ ſtehen und Lady Trafford zum Bleiben zu bewegen, obgleich er deutlich genug einſah, daß ihr Leben in Gefahr geriethe, wenn ſie bei Nacht reiste. Aber als das Wagengeraſſel dahinſtarb und er fühlte, daß ſie wirklich fort war, verließ ihn ſeine Feſtigkeit und er zog heftig an der Klingel. „Meine Pferde, Charcam,“ ſagte er, als der Diener erſchien. Dieſer zögerte. „Wetter! warum gehorchſt du nicht?“ rief der Ritter zornig.„Ich will Lady Trafford einholen. Beeile dich.“ „Ihre Herrlichkeit will dieſe Nacht nur bis Saint⸗Albans reiſen, Sir Rowland, ſo hat mir Miſtreß Norris geſagt,“ erwiederte Charcam ehrfurchtsvoll;„und es iſt Jemand draußen, der um eine Audienz bittet und den Eure Gnaden vielleicht gern ſprechen würden.“ „Ah!“ rief Sir Rowland mit einem bedeutungsvollen Blick auf Charcam, der mit ſeinen Jakobitiſchen Planen ver⸗ traut war,„iſt es der Bote von Sir William aus Orchard⸗ Windham?“ „Nein, Sir Rowland.“ 152 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Wohl von Herrn Corbet Kynaſton? Sir John Packing⸗ tons Courier war geſtern hier.“ „Nein, Sir Rowland.“ „Vielleicht kommt er von Lord Derwentwater oder von Herrn Forſter? Aus Northumberland werden Neuigkeiten erwartet.“ „Ich weiß es nicht genau, Sir Rowland. Der Herr hat mir ſein Anliegen nicht genannt, aber es iſt gewiß von Wichtigkeit.“ Charcam ſagte dies, nicht weil er das mindeſte davon wußte; ſondern da er ein Paar Guineen für die Anmeldung erhalten hatte, ſo ſchätzte er deſſen Wichtigkeit nach dem Betrage des Trinkgeldes. „Nun gut, ich will ihn ſprechen,“ ſagte der Ritter nach kurzem Bedenken.„Vielleicht kommt er vom Grafen von Mar. Aber laß die Pferde bereit ſtehen. Ich will über Nacht nach Saint⸗Albans fahren.“ Bei dieſen Worten warf er ſich auf einen Stuhl und Charcam, der eine Aenderung in der jetzigen unſichern Laune ſeines Herrn befürchtete, ging hinaus. Die bald nachher eingeführte Perſon ſchien bei dem ungewiſſen Lichte,— denn der Abend zog herauf und das Zimmer war durch die ſchweren Vorhänge verdunkelt,— ein Mann in mittleren Jahren zu ſein, von mittlerer Statur, ziemlich gemeinem Aeußeren, aber viel Verſchlagenheit in den Mienen. Seine Kleidung beſtand aus einem einfachen Reit⸗ anzuge und Reitſtiefeln nach der damaligen Mode und er trug einen Fänger an der Seite. „Ihr Diener, Sir Rowland,“ ſagte der Fremde und nickte im Nähertreten mit dem Kopfe. „Was wünſchen Sie, Sir?“ fragte Jener kalt. „Sie kennen mich nicht, wie es ſcheint?“ begann der Antbnming und nahm ſich einen Stuhl. „ Spitzbübiſches Gemunkel. 153 Den Ritter empörte dieſe Vertraulichkeit und er ſtand ſogleich auf. „Laſſen Sie ſich nicht ſtören,“ fuhr Jener fort, von dieſem ſtummen Verweiſe durchaus nicht gerührt.„Ich mache keine Ceremonien, wo ich weiß, daß ich willkommen ſein werde. Wir haben uns ſchon kennen gelernt.“ „So!“ verſetzte Sir Rowland hochmüthig,„vielleicht kommen Sie meinem Gedächtniß durch Angabe der Zeit und des Orts zu Hülfe.“ „Laſſen Sie mich überlegen. Die Zeit war der 26. No⸗ vember 1703; der Ort, die Münze in Southwark. Ich habe ein gutes Gedächtniß, wie Sie ſehen, Sir Rowland. Der Ritter erſchrak, wie von einer Natter gebiſſen. Bald jedoch ermannte er ſich und ſagte mit erzwungener Ruhe:„Sie irren ſich, Sir. Ich war zu der genannten Zeit auf unſerm Familienſitz in Lancaſhire.“ Der Fremde lächelte ungläubig. „Gut, Sir Rowland,“ ſagte er nach einer kurzen Pauſe, während der ihn der Ritter mit forſchendem Blick betrach⸗ tete, als ſuchte er ſich ſeine Züge ins Gedächtniß zurückzu⸗ rufen,„ich will Ihre Worte nicht Lügen ſtrafen. Sie haben Recht, ſich vorzuſehen, ſo lange Sie nicht wiſſen, mit wem Sie zu thun haben, und ſelbſt dann können Sie nicht be⸗ dächtig genug ſein. Räume nichts ein, glaube nichts, gieb nichts für nichts, das iſt mein Motto. Und dieſer Grundſatz wird allgemein angewandt. Ich bin nicht hergekommen, um Ihren Beichtvater zu ſpielen, ſondern um Ihnen zu dienen.“ „Auf welche Weiſe, Sir?“ fragte Trenchard erſtaunt. „Sie werden es gleich hören. Sie verſagen mir Ihr Vertrauen. Ich lobe Ihre Vorſicht, ſie iſt aber unnöthig. Ihre Lebensgeſchichte, Ihre Handlungen, ja, Ihre Gedanken find mir beſſer bekannt, als Ihrem geiſtlichen Rathgeber.“ 154 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Beweiſen Sie Ihre Behauptungen,“ rief der Ritter zornig,„oder—“ „Zum Beweiſe,“ unterbrach ihn der Fremde kaltblütig. „Sie find der Sohn von Sir Montacute Trenchard von Aſhton⸗Hall bei Mancheſter. Sir Montacute hatte drei Kinder— zwei Töchter und Sie. Conſtanze, die älteſte, ward in ihrer Kindheit durch die Achtloſigkeit einer Dienerin verloren und iſt verſchollen; die jüngſte, Aliva, iſt die jetzige Lady Trafford. Ich erwähne dieſe Umſtände nur, um Ihnen zu zeigen, wie gut ich unterrichtet bin.“ „Wenn dies das Ganze iſt, Sir,“ entgegnete der Ritter ironiſch,„ſo können Sie ſich fernere Mühe erſparen. Dieſe Einzelheiten ſind allen bekannt, die ſich darum bekümmern mögen.“ 6 „Mag ſein,“ verſetzte der Fremde,„aber ich weiß noch andere, die nicht ſo allgemein bekannt ſind. Mit Ihrer Er⸗ laubniß werde ich meinen eigenen Gang nehmen. Wenn ich mich irre, können Sie mich verbeſſern.— Ihr Vater, Sir Montacute Trenchard, der ein treuer Unterthan König Jakob des Zweiten geweſen war und die Waffen in ſeinem Dienſte getragen hatte, wandte bei der Thronentſagung dieſes Mo⸗ narchen den Stuarts den Rücken und wollte ſpäter nie wieder ihre Anſprüche auf die Krone anerkennen. Man ſagte, er hätte eine Beleidigung in der Geſtalt eines öffentlichen Ver⸗ weiſes von Jakob erlitten, was ſein Stolz ihm nie vergeben ₰ konnte. Dies ſei, wie ihm wolle, er ſtarb, obwohl Katholik, als ein Freund der proteſtantiſchen Thronfolge.“ „So weit iſt alles richtig,“ bemerkte Trenchard,„doch iſt dies kein Geheimniß.“ .„Laſſen Sie mich fortfahren,“ erwiederte der Fremde. „Die Anſichtsweiſe des alten Ritters war die natürliche Ur⸗ ſache, daß er das Benehmen ſeines Sohnes, welcher ſich mit Eifer der von ihm verlaſſenen Partei widmete, mit ungün⸗ 3 Spitzbübiſches Gemunkel. 155 ſtigen Augen betrachtete. Als Vorſtellungen nichts mehr halfen, verſuchte er es mit Drohungen und als dieſe ver⸗ gebens waren, ergriff er ſtrengere Maßregeln.“ Trenchard ſtieß einen Ruf der Ueberraſchung aus. „Bis dahin,“ fuhr der Fremde fort,„hatte Sir Mon⸗ tacute die Ausgaben ſeines Sohns nicht beſchränkt. Er ſetzte Rowlands Verſchwendungen kein Ziel, denn ſeine Einkünfte waren ſehr groß; aber er mißbilligte die Verausgabung von großen Summen zu Nutzen einer Partei, die er nicht länger zu unterſtützen entſchloſſen war. Der alte Ritter ſetzte daher die Einkünfte ſeines Sohnes auf den dritten Theil ihres früheren Betrages herab, und ging nach ferneren Mißhellig⸗ keiten ſogar ſo weit, daß er ſein Teſtament zu Gunſten ſeiner Tochter Aliva, welche damals mit ihrem Vetter Sir Cecil Trafford verlobt war, abänderte.“ „Nur weiter, Sir,“ ſagte Trenchard hoch athmend. „Unter dieſen Umſtänden handelte Rowland, wie jeder vernünftige Menſch gehandelt haben würde. Von ſeines Vaters Unbeugſamkeit überzeugt, bot er alles auf, deſſen Plane zu vereiteln. Es gelang ihm, die Verlobung ſeiner Schweſter rückgängig zu machen und benahm ſich dabei ſo geſchickt, daß er mit Sir Cecil auf das engſte befreundet blieb. Zwei Jahre lang hielt er ſich für ſicher; und ins⸗ geheim mit den Jakobitiſchen Umtrieben jener Zeit beſchäftigt, in welche Sir Cecil ebenfalls tief verwickelt war, begann er in ſeiner Wachſamkeit über Aliva nachzulaſſen. Ungefähr um dieſe Zeit, nämlich im November 1703, während der junge Trenchard in Lancaſhire und ſeine Schweſter in London zum Beſuch war, erhielt er von ſeinem vertrauten Diener Davies gewiſſe Mittheilungen, welche ſeine Hoffnungen plötzlich zerſtörten. Er erfuhr, daß ſeine Schweſter heimlich ver⸗ heirathet war,— der Name und Rang ihres Mannes konnte nicht ermittelt werden,— und daß ſie in einem entlegenen 156 Zweiter Abſchnitt. 1745. Thames Darrell. Hauſe der Vorſtadt wohne, wo ſie einem Sohne das Leben gegeben hatte. Rowland's Entſchluß war ſchnell gefaßt und eben ſo ſchnell ausgeführt. In Sir Cecil's Begleitung, welcher noch immer leivenſchaftlich in ſeine Schweſter ver⸗ liebt war und gegen den er vorgab, ſie wäre den Künſten eines Verführers zum Opfer gefallen, reiste er in größter Haſt nach der Hauptſtadt ab. Dort angelangt, ließen ſie es ihr Erſtes ſein, Davies aufzuſuchen, der ſie nach dem Zufluchtsort der Dame führte,— einem einſamen Hauſe in der Gegend des St. Georg⸗Feldes in Southwark. Da ihnen der Eintritt verwehrt ward, ſo ſtießen ſie die Thür ein. Aliva's Gemahl, der unter dem Namen Darrell lebte, ſtellte fich ihnen mit gezogenem Schwerte entgegen. Einige Minuten lang hielt er ſie hin. Aber von den Bitten ſeiner Frau be⸗ wegt, welche mehr für das Leben ihres Kindes, als für ihr eigenes beſorgt war, nahm er den Säugling auf den Arm und entfloh durch die Hinterthür. Rowland und ſeine Be⸗ gleiter ſetzten ihm ſogleich nach und überließen die Dame ihrem Schickſal. Sie verfolgten ihn bis zur Münze, aber hier verloren ſie ſeine Spur. Unterdeſſen hatte die Dame ſie eingeholt, aber von den Drohungen ihrer rachſüchtigen Ver⸗ wandten eingeſchüchtert, wagte ſie es nicht, ſich ihrem Manne zu voffenbaren, von deſſen Flucht auf das Dach eben deſſelben Hauſes, das jene durchſuchten, fie wohlunterrichtet war. Mit Hülfe eines Mannes, dem ein geheimer Ausgang aus jener Wohnung bekannt war, entwiſchte Darrell. Ehe ſie ſich trennten, gab er ſeinem Befreier einen Handſchuh. Dieſer Handſchuh wird noch aufbewahrt. Aliva, welche ihm zu folgen verſuchte, that einen ſchweren Fall und ward in be⸗ wußtloſem Zuſtande von Sir Cecil hinweggeſchafft. Man hielt ſie für todt, aber ſie überlebte dieſen Unfall, obwohl ſie nie wieder zu Kräften kam. Nach den Anweiſungen deſſelben Mannes, welcher Darrell zu einem Vorſprung ver⸗ Spitzbübiſches Gemunkel. 157 holfen hatte, ſetzte Rowland ſeine Verfolgung mit Davies und einem andern Begleiter fort. Sowobl der Flüchtling, als ſeine Verfolger ließen ſich über die Themſe ſetzen. Die Elemente wütheten ſo heftig wie ihre Leidenſchaften. Der Sturm überſiel ſie mit ſeiner ganzen Kraft. Uneingedenk der Schreckniſſe dieſer Nacht und der ihm ſelbſt drohenden Gefahr, überlieferte Rowland ſeiner Schweſter Mann und ſeiner Schweſter Kind den Wellen.“ „Vollenden Sie Ihre Geſchichte, Sir,“ ſagte Trenchard⸗ der dieſer Erzähiung mit einem Gemiſch von Wuth und Furcht zugehört hatte. „Ich bin beinahe zu Ende,“ erwiederte der Fremde.— „Da Rowland's ganze Mannſchaft im Sturm unterging und er ſelbſt nur durch ein Wunder gerettet ward, ſo glaubte er ſich vor Entveckung ſicher. Und zwölf Jahre lang iſt er es auch geweſen, bis die Gewohnheit der Sorgloſigkeit das An⸗ denken an die That faſt verwiſcht und beinahe das Gefühl der Schuldloſigkeit in ſeiner Bruſt erzeugt hat. Während dieſes Zeitraums iſt Sir Montacute zu ſeinen Vätern ver⸗ ſammelt worden. Sein Titel iſt auf Rowland vererbt, ſein Vermögen auf Aliva. Die letztere hat ſich dann zu einer Verbindung mit Sir Cecil bewegen laſſen, unter Bedingungen⸗ die von ihrem Bruder ausgingen und ſo ſeltſam und bei⸗ ſpiellos ſie auch ſein mögen, doch von ihrem Bewerber gut geheißen wurden.“ Sir Rowland war außer ſich vor Erſtaunen. „Die Ehe iſt nie vollzogen worden,“ fuhr der uner⸗ ſchütterliche Fremde fort.„Sir Cecil iſt nicht mehr. Lady Trafford, dem Anſchein nach kinderlos, mit untergrabener Geſundheit, an Geiſt und Körper hingewelkt, wird ſich wahr⸗ ſcheinlich nie wieder verheirathen. Das Vermögen muß über kurz oder lang an Sir Rowland fallen.“ 158 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Sind Sie Menſch oder Teufel?“ rief Trenchard am Schluſſe dieſer Erzählung und ſtarrte dem Fremden ins Geſicht. „Sie ſcherzen, Sir Rowland,“ entgegnete dieſer mit grauſigem Lächeln. „Wenn Sie ein Menſch ſind,“ verſetzte Trenchard mit nachdrücklichem Ernſt,„ſo beſtehe ich auf die Angabe Ihrer Quelle.“ „Ich könnte mich dieſem Verlangen widerſetzen, Sir Rowland. Aber ich bin nicht abgeneigt, Sie zufrieden zu ſtellen. Zum Theil habe ich es von Ihrem Beichtvater, zum Theil von einer andern Seite.“ „Meinem Beichtvater!“ rief der Ritter, aufs äußerſte überraſcht,„hat dieſer ſein heiliges Amt gemißbraucht?“ „Allerdings,“ erwiederte Jener grinſend;„dies wird Ihnen eine Warnung ſein, künftig nicht wieder einen Prieſter in ein Geheimniß von Wichtigkeit zu ziehen. Ich würde eben ſo gern einem Weibe trauen. Kitzeln Sie die Ohren der hochwürdigen Herrn mit ſoviel albernen Zeuge, als Sie wollen; aber ſagen Sie ihnen nichts, was Sie nicht rund⸗ gebracht wiſſen möchten. Ich bin ſelbſt ein Schüler von St. Peter geweſen und ſpreche aus Erfahrung.“ „Wer ſind Sie?“ rief Trenchard, der kaum ſeinen Sinnen trauen wollte. „Ich wundere mich, daß Sie nicht ſchon früher danach gefragt haben, Sir Rowland. Es hätte mir viel Umſchweife geſpart und Ihnen viel Aufregung. Ich heiße Wild— Jonathan Wild.“ Und der große Diebesfänger überließ ſich dem Behagen der durch dieſe Anmeldung hervorgebrachten Wirkung. Er war an ſolche Ueberraſchungen gewöhnt, und ſie machten ihm Vergnügen. Sir Rowland legte die Hand an den Degen. „Herr Wild,“ ſagte er mit ſarkaſtiſchem Tone, aber mit großer Feſtigkeit,„ein Mann von Ihrem wohlbekannten Spitzbübiſches Gemunkel. 159 Scharfſinn muß wiſſen, daß einige Geheimniſſe ihren Be⸗ ſitzern gefährlich werden können.“ „Ich weiß es wohl, Sir Rowland,“ erwiederte Jonathan gelaſſen;„aber ich habe nichts zu befürchten, denn erſtens liegt es in Ihrem Vortheil mich nicht zu beläſtigen und zweitens bin ich auf alle Fälle vorbereitet. Ich jage den menſchlichen Tiger nie ohne gehörig bewaffnet zu ſein. Meine Janitſcharen ſtehen draußen. Der eine von ihnen iſt mit einem Packet verſehen, das die Belege zu meinen Behaup⸗ tungen enthält und der betreffenden Behörde vorgelegt werden wird, wenn ich nicht zu rechter Zeit wieder herauskomme. Sie ſehen, ich habe alle Möglichkeiten berechnet.“ „Sie haben vergeſſen, daß Sie in meiner Macht ſind,“ erwiederte der Ritter,„und daß alle Ihre Verbündeten Sie nicht vor meiner Rache retten können.“ „Wenigſtens kann ich mich vertheidigen,“ entgegnete Wild mit herausfordernder Ruhe.„Man hält mich für einen geübten Schützen, ſo wie für einen ziemlich guten Fechter und nöthigenfalls werde ich in beiden Künſten Proben meiner Geſchicklichkeit ablegen. Ich habe zu meiner Zeit eine ziem⸗ liche Menge Abenteuer beſtanden und bin in der Regel als Sieger davon gekommen. Von einigen derſelben trage ich noch die Denkzeichen an mir,“ fuhr er fort, indem er die Perrücke abnahm und ſeinen mit Narben und Silberplatten bedeckten Kahlkopf entblößte.„Dieſer Hieb,“ ſprach er und zeigte auf eine der Narben,„rührt von Tom Thurland's Fänger her, den ich wegen Miſtreß Knap's Ermordung ver⸗ haftete. Dieſes Silberſtück,“ auf eine andere zeigend,„mit welchem eine Kaffeekanne ausgebeſſert werden könnte, ver⸗ ſtopft ein Loch, das mir Will Colthurſt geſchlagen hat, der Herrn Hearl auf der Hounslow⸗Haide beraubte. Ich brachte den Hund in Sicherheit, nachdem er mich verwundet hatte. Dieſe Verletzung iſt Jack Parrot's Handzeichen, der in den 160 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Palaſt des Biſchofs von Norwich einbrach. Jack war ein drolliger Burſche und nahm ſich zu viel Freiheiten mit Seiner Gnaden beſten Burgunder, ſo wie mit Seiner Gnaden Lieb⸗ lingswirthſchafterin heraus. Um ihm jedoch zu zeigen, wie gefährlich es iſt, ſich mit der Kirche einzulaſſen, ließ der Biſchof ihn dafür einen Tanz zu Tyburn machen. Keine Narbe, die nicht ihre Geſchichte hat. Die einzige Unbequem⸗ lichkeit, die mir mein zerhackter Hirnſchädel macht, beſteht darin, daß ich nicht mehr trinken kann. Aber das iſt eine Unfähigkeit, die ich mit viel geſünderen Köpfen gemein habe. Der härteſte Strauß, den ich je zu beſtehen hatte, war mit einem Frauenzimmer,— Sally Wells, die nachher wegen Ladendiebſtahls baumeln mußte. Sie griff mich mit einem Vorſchneidemeſſer an und als ich ſie entwaffnet hatte, biß mir die Hexe ein Paar Finger von der linken Hand ab. So, ſehen Sie, habe ich nie angeſtanden und werde niemals anſtehen, mein Leben in die Schanze zu ſchlagen, wo es etwas zu gewinnen giebt. Mein Gewerbe hat mich dazu abgehärtet.“ Und hiermit ſetzte er ſich ruhig die Perrücke wieder auf. „Wie viel denken Sie in dieſer Angelegenheit zu ge⸗ winnen, Herr Wild!“ fragte Trenchard, als hätte er plötzlich einen Entſchluß gefaßt. „Ah! jetzt kommen wir zur Sache,“ erwiederte Jonathan, ſich fröhlich vie Hände reibend.„Hier ſind meine Bedingungen, Sir Rowland,“ ſprach er, indem er ein Papier aus der Taſche zog und dem Ritter überreichte. Trenchard durchflog das Dokument. „Tauſend Pfund,“ bemerkte er mit finſterer Miene; „ein hoher Preis für zweifelhafte Verſchwiegenheit, wenn ich mir ſo leicht ein ſicheres Stillſchweigen verſchaffen kann.“ „Sie würden es nur auf Koſten Ihres Kopfes er⸗ kaufen,“ erwiederte Jonathan ſlirnrunzelnd.„Sir Rowland,“ Spitzbübiſches Gemunkel. 161 fuhr er mit wildem Blick fort, der ſo ziemlich dem eines Bullenbeißers glich, ehe er ſich auf ſeinen Feind wirft,„ich könnte Sie mit einem Athemzuge zermalmen, wenn ich wollte. Sie ſind ganz in meiner Gewalt. Ihr Name ſteht mit dem verhängnißvollen Beiwort:„gefährlich“ an der Spitze der Liſte der Mißvergnügten, welche jetzt dem geheimen Committee vorliegt. Ich habe einen Haftsbefehl von Herrn Walpole für Sie.“ „Einen Haftbefehl!“ rief Trenchard, den Degen ziehend. „Stecken Sie ein, Sir Rowland,“ verſetzte Jonathan mit ſeiner früheren Kaltblütigkeit,„König Jakob der Dritte wird ihn nöthig haben. Ich beabſichtige nicht, Sie zu ver⸗ haften. Ich habe ein ander Spiel zu ſpielen, und es wird Ihre eigene Schuld ſein, wenn Sie nicht dabei gewinnen. Ich biete Ihnen meine Hülfe unter gewiſſen Bedingungen an. Mein Verlangen iſt ſo weit davon, übermäßig zu ſein, daß ich es verdreifachen würde, wenn ich nicht ſelbſt ein Intereſſe dabei hätte. Um offen zu ſein, ich habe eine Be⸗ leidigung zu rächen, die zu gleicher Zeit und auf dieſelbe Art wie Ihre Angelegenheit abgemacht werden kann. Das iſt für mich von Werth, denn ich gebe nicht gern Geld für die Rache aus. Ueberdies ſind tauſend Pfund eine Kleinig⸗ keit für Sie, wenn ſie Ihnen einen Glückspilz vom Halſe ſchaffen, der Ihnen zehntauſende vom Halſe ſchaffen könnte.“ „Habe ich Sie recht verſtanden?“ fragte Trenchard mit gieriger Haſt. „Allerdings,“ antwortete Jonathan nit vollkommenem Gleichmuth,„ich will Sie von dem Knaben befreien. Das iſt ein Theil des Contracts.“ „Lebt er?“ rief Trenchard. „Freilich,“ entgegnete Wild,„er lebt nicht nur, dern hat auch ein zähes Leben, wenn wir den Faden nicht abſchneiden.“ Ainsworth, Jack Sheppard. I. 11 162 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Sir Rowland wankte nach einem Stuhl und fuhr mit der Hand über die Stirn, auf welcher ſich dicke Schweißtropfen ſammelten. „Dies ſcheint Ihnen neu zu ſein. Ich dachte, ich hütte mich deutlich genug erklärt,“ fuhr Jonathan fort;„die Meiſten würden mich gleich verſtanden haben.“ „Alſo war es kein Traum!“ rief Sir Rowland mit hohler Stimme, als ſpräche er mit ſfich ſelbſt.„Ich habe ſie auf der Plattform der Brücke geſehen,— das Kind und ſeinen Retter! Sie wurden nicht von dem einſtürzenden Mauerwerk getroffen, noch in die toſende Fluth geſchleudert, — oder wurden ſie es, ſo wurden ſie gerettet, wie ich gerettet ward. Gott! ich habe mich in den Glauben eingewiegt, daß der Knabe umgekommen iſt. Und jetzt haben ſich meine ſchlimmſten Befürchtungen verwirklicht— er lebt!“ „Jetzt noch,“ entgegnete Jonathan mit furchtbarer Be⸗ tonung. „Ich kann nicht— darf ihn nicht verletzen,“ ſagte Trenchard mit ſtierem Blick und wie gelähmt auf den Stuhl finkend. Jonathan lachte verächtlich.„Ueberlaſſen Sie ihn mir,“ ſagte er.„Er ſoll Sie nicht mehr beunruhigen.“ „Nein,“ erwiederte Sir Rowland, der ganz zu Boden geſchmettert zu ſein ſchien,„ich will nicht länger gegen das Geſchick ankämpfen. Es iſt ſchon genug Blut gefloſſen.“ „Das kommt von ſchönen Gefühlen!“ brummte Jonathan höhniſch.„Da iſt mir ein abgefeimter Böſewicht lieber. Aber ich laſſe ihn ſo nicht los. Ich will es mit einem ſtarken Mittel verſuchen.— Sie wollen ſich alſo ſchuldig bekennen, wie es ſcheint, Sir Rowland? In dem Fall kann ich meinen Haftsbefehl nur gleich vollziehen.“ „Hören Sie, Sir!“ rief Trenchard plötzlich zurückbebend. Spitzbübiſches Gemunkel. 163 „Ich wußte wohl, daß das ihn herumbringen würde,“ dachte Jonathan. „Wo iſt der Knabe?“ fragte Sir Rowland. „Für jetzt unter der Pflege ſeines Retters, eines ge⸗ wiſſen Tiſchlermeiſters, Namens Owen Wood.“ „Wood!“ rief Trenchard—„in der Wychſtraße?“ „Eben der.“ „Es war eben ein Knabe aus ſeiner Werkſtätte hier. Kann es der geweſen ſein?“ „Nein. Dieſer Knabe war Jack Sheppard, der Lehr⸗ ling des Tiſchlers. Ich habe Ihren Neffen eben erſt ver⸗ laſſen.“ In dieſem Augenblick trat Charcam ein. „Bitte um Verzeihung, Sir Rowland,“ ſagte dieſer, „aber es iſt ein Knabe von Herrn Wood draußen mit einer Beſtellung an Lady Trafford.“ „Von wem?“ fuhr ihn Trenchard an. „Von dem Tiſchlermeiſter Wood.“ „Derſelbe, der vor Kurzem hier war?“ „Nein, Sir Rowland, ein viel hübſcherer Knabe.“ „Er iſt es, beim Himmel!“ rief Jonathan,„dies trifft ſich glücklich. Sir Rowland,“ fragte er leiſe,„willigen Sie in meinem Vorſchlag ein?“ „Ja,“ lautete die Antwort. „Genug!“ erwiederte Wild,„er ſoll nicht wieder nach Hauſe kehren.“ „Haſt du ihm von Lady Trafford's Abreiſe geſagt?“ fragte der Ritter ſeinen Bedienten mit ſo viel Ruhe, als ihm möglich war. „Nein, Sir Rowland, da Sie dieſe Nacht nach Saint⸗ Alban's fahren wollten, ſo dachte ich, Sie würden ihn viel⸗ leicht ſelbſt ſprechen wollen. Außerdem hat der Knabe etwas Ungewöhnliches an ſich, denn als ich ihn fragte, was er 164 Zweiter Abſchnitt. 17145. Thames Darrell. eigentlich wollte, ſo weigerte er ſich, Rede zu ſtehen und ſagte, er müßte es an Lady Trafford ſelbſt beſtellen. Da hielt ich es für beſſer, ihn nicht wieder gehen zu laſſen, ehe ich Sie davon benachrichtigt hätte.“ „Du haſt Recht daran gethan,“ entgegnete Trenchard. „Wo iſt er?“ fragte Jonathan. „Auf dem Flur,“ antwortete Charcam. „Allein?“ „Nicht ganz, Sir. Vor der Hausthüre wartet ein an⸗ derer Knabe auf ihn,— derſelbe, der vor Kurzem hier war, wovon Sir Rowland eben ſprach, der das Juwelenkäſtchen für Ihre Herrlichkeit zu machte.“ „Ein Juwelenkäſtchen!“ rief Jonathan.„Ah⸗ ich be⸗ greife! Jack Sheppard's Finger find Leimruthen. Iſt etwas nach des Knaben Entfernung vermißt worden, Sir Rowland?“ „Das ich nicht wüßte,“ ſagte der Ritter.—„Doch mir fällt etwas ein.“ Und er begann ein leiſes Geſpräch mit Jonathan. —„So iſt es!“ rief Wild, als Trenchard geendigt hatte. „Dieſer junge Narr will den Gegenſtand wiederbringen, was es auch ſein mag, den Lady Trafford zu verbergen ſuchte und den ſein Kamerad entwandt hatte. Ganz, wie ein ſolcher Gimpel handeln würde. Wir haben ihn jetzt ſo ſicher im Käſig, wie einen Hänfling, und könnten ihm eben ſo leicht den Hals umdrehen. Haben Sie die Güte, mir die ganze Sache zu überlaſſen, Sir Rowland. Ich bin ein alter Praktikus in ſolchen Dingen. Hören Sie, Mr. Charcam, Sie können den Knaben hereinführen. Aber kein Wort von Lady Traf⸗ ford's Abreiſe, hören Sie wohl. Es iſt ein Diebſtahl be⸗ gangen worden und Ihr Herr hat dieſen Burſchen als Theil⸗ nehmer an dieſem Verbrechen in Verdacht. Er wünſcht ihn deshalb ins Verhör zu nehmen. Es wird auch nöthig ſein, ſeinen Kameraden feſtzunehmen, und da Sie ſagen, daß er Spitzbübiſches Gemunkel. 165 nicht im Hauſe iſt, ſo wird es einiger Vorficht bedürfen, ſonſt könnte er ſich auf die Beine machen, denn es iſt ein glatter kleiner Bengel. Wenn Sie ihn feſtgepackt haben, ſo huſten Sie dreimal ſo,— und dann werden zwei rauhaus⸗ ſehende Herren erſcheinen. Laſſen Sie ſich von ihrem Weſen nicht einſchüchtern, Mr. Charcam. Sie pflegen gegen Fremde ſauertöpfiſch zu ſein, aber es giebt ſich bald. Der Herr mit dem rothen Bart wird Ihnen Ihren Gefangenen abnehmen. Der andere muß ſo bald als möglich eine Kutſche holen.“ „Für wen, Sir?“ fragte Charcam. „Für mich,— ſeinen Herrn, Jonathan Wild.“ „Sind Sie Herr Jonathan Wild?“ fragte der Be⸗ diente erſchrocken. „So iſt es, Charcam. Aber erſchrecken Sie vor meinem Namen nicht. Obwohl,“ fügte der Diebesfänger mit ſelbſt⸗ gefälligem Lächeln hinzu,„alle Welt davor zu zittern ſcheint. Gehorchen Sie meinen Befehlen und Sie haben nichts zu befürchten. Raſch ans Werk. Laſſen Sie den Burſchen glauben, daß er zu Lady Trafford gebracht werden ſoll. Sie verſtehen mich, Charcam.“ Der Bediente verſtand ihn nicht. Sich in Gegenwart einer ſolchen Perſon zu finden, ſetzte ihn in vollkommene Be⸗ ſtürzung. Er wagte jedoch dieſen Mangel an Verſtändniß nicht einzugeſtehen, ſondern machte eine tiefe Verbeugung und ging hinaus. Neuntes Kapitel. Folgen des Diebſtahls. „Was beabſichtigen Sie zu thun, Sir?“ fragte Tren⸗ chard, ſo bald ſie allein waren. „Wie die Umſtände es gebieten werden, Sir Rowland,“ 166 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. entgegnete Jonathan.„Es wird ſich im Laufe der Unter⸗ ſuchung gewiß etwas zeigen, woraus ich Nutzen ziehen kann. Wo nicht, ſo will ich ihn auf meine eigene Verantwortlich⸗ keit nach der Wache bei St. Giles's bringen.“ „Iſt das Ihr unübertrefflicher Plan!“ fragte der Ritter höhniſch. „Iſt er einmal da,“ fuhr Wild fort ohne auf die Un⸗ terbrechung zu achten,„ſo iſt er ſo gut wie im Grabe. Der Conſtabler Sharpes ſteht in meinem Solde. Ich kann den Gefangenen zu jeder Stunde der Nacht fortſchaffen und ich werde ihn fortſchaffen. Sie müſſen wiſſen, Sir Rowland, — denn ich habe keine Geheimniſſe vor Ihnen,— daß ich es im Laufe meines Geſchäfts für zweckmäßig gefunden habe, Eigenthümer einer kleinen Holländiſchen Schaluppe zu werden, mittelſt derer ich alle leichte Waaren, wie goldene Ringe, Uhren und Silberzeug, gelegentlich auch eine Bank⸗ oder Goldſchmiedsnote, die ſchon durch die Poſt beſprochen worden iſt,— Sie verſtehen mich?— nach Holland oder Flandern ſchicken und leicht an den Mann bringen kann. Dies Fahrzeug liegt jetzt auf dem Fluſſe bei Wapping. Es hat ſeine Ladung ſchon faſt ganz eingenommen und wird morgen bei Tagesanbruch nach Rotterdam abſegeln. Sein Führer, Rykhart van Galgebrok, iſt ganz in meinem Inter⸗ eſſe. Sobald er in blaues Waſſer kommt, wird er den Knaben mit eben ſo wenig Bedenken über Bord befördern, als er ſeine Pfeife anſteckt. Dies wird ſicherer ſein, als ihm auf dem Lande den Hals abzuſchneiden. Ich habe es ſchon verſucht und finde, daß es ganz gut geht. Die Nordſee bewahrt ein Geheimniß beſſer, als die Themſe, Sir Row⸗ land. Vor Mitternacht ſoll Ihr Neffe ſicher unter dem Ver⸗ deck der Zeeſlang untergebracht ſein.“ „Armes Kind!“ murmelte Trenchard träumeriſch!„die ganze Scene auf dem Fluß geht vor meinem Auge vorüber. Folgen des Diebſtahls. 167 Ich höre den Fall ins Waſſer,— ich ſehe den weißen Gegen⸗ ſtand, wie einen Seevogel, über den Fluthen ſchweben,— er will nicht unterſinken!“ „Tauſend!“ rief Jonathan mit übelverhehlter Verach⸗ tung,„es geht nicht an, daß Sie ſich jetzt dieſen Phantaſie⸗ bildern hingeben. Setzen Sie ſich und beruhigen Sie ſich.“ „Ich habe oft eine furchtbare Todtenerſcheinung herauf⸗ beſchworen,“ murmelte der Ritter,„aber ich ließ mir nie eine Unterredung mit dem Lebenden träumen.“ „Sie wird in wenig Minuten zu Ende ſein,“ verſetzte Jonathan ungeduldig,„im Gegentheil, ſie wird für mich zu bald vorüber ſein. Ich liebe ſolche Unterredungen. Aber wir verlieren Zeit. Haben Sie die Güte, Ihren Namen unter dieſe Note zu zeichnen, Sir Rowland. Ich verlange nichts, wie Sie ſehen, ehe der Contract von meiner Seite erfüllt iſt.“ Trenchard ergriff eine Feder. „Es iſt ſein Todesurtheil,“ bemerkte Jonathan mit un⸗ heimlichem Lächeln. „Ich kann es nicht unterzeichnen,“ erwiederte Trenchard. „Teufel!“ rief Wild mit einem Grinſen, das ſeine glän⸗ zenden Hauer bis an das äußerſte Ende ſeines Mundes zeigte, „ich laſſe mich nicht ſo zum Beſten haben. Dies Papier muß unterzeichnet werden oder ich gehe.“ „So gehen Sie, Sir,“ verſetzte der Ritter hochmüthig. „Ja, ja, ich werde ſchon bald genug gehen!“ erwiederte Jonathan, die Hände in die Taſchen ſteckend,„aber nicht allein, Sir Rowland.“ In dieſem Augenblick öffnete ſich die Thür und Char⸗ cam ſchleppte den ſich heftig ſträubenden Thames herein. „Hier iſt einer von den Dieben, Sir Rowland,“ rief der Bediente.„Ich kam grade zur rechten Zeit. Der junge Schlingel hatte von einem der Mädchen gehört, daß Lady 168 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Trafford nicht zu Hauſe wäre, und wollte ſich eben davon machen, als ich die Treppe herunterkam. Nur herein, mein Galgenvogel!“ fuhr er fort, indem er ihn derb ſchüttelte. Jonathan zuckte die Achſeln.„Wären die Sachen ohne Hinderniß abgelaufen,“ dachte er,„ſo würde ich die Albern⸗ heit des Burſchen verwünſcht haben. So wie es ſteht, kann ich mich nur über ſein Verſehen freuen.“ Trenchard heftete unterdeſſen ſeine Augen auf den Kna⸗ ben und ward bleich wie der Tod, aber verzog keine Miene. „Er iſt es!“ rief er innerlich aus. „Wie gefällt Ihnen Ihr Neffe, Sir Rowland?“ flü⸗ ſterte Jonathan, der mit dem Rücken gegen Thames ſaß, ſo daß dieſer ſein Geſicht nicht ſehen konnte.„Es wäre doch jammerſchade, nicht wahr, ſo einen hoffnungsvollen Burſchen auf die Seite zu bringen?“. „Teufel!“ rief der Ritter auffahrend.„Geben Sie mir das Papier.“ Jonathan nahm eilig die Feder und reichte ſie an Tren⸗ chard, der ſeinen Namen unter das Dokument ſetzte. „Wenn ich wirklich der Teufel bin,“ meinte Wild,„wie manche ſagen und wie ich ſelbſt nicht abgeneigt bin zu glau⸗ ben, ſo werden Sie finden, daß ich den gewöhnlichen Vor⸗ ſtellungen von dem Erzfeind widerſpreche und treulich die Befehle derer ausführe, welche ihre Seelen meiner Obhut anvertrauen.“ „So bringen Sie den Knaben fort,“ verſetzte Trenchard, „ſein Blick entmannt mich.“ „Weſſen werde ich beſchuldigt?“ fragte Thames, der anfänglich ſehr erſchrocken, jetzt aber ſeinen Muth wiederge⸗ funden hatte. „Des Diebſtahls!“ donnerte Jonathan, indem er ſich plötzlich nach ihm umwandte.„Du haſt mit deinem Kame⸗ raden Jack Sheppard gewiſſe werthvolle Gegenſtände aus 3 6 Folgen des Diebſtahls. 169 einem Lady Trafford gehörenden Juwelenkäſichen entwandt. Aha!“ fuhr er fort, indem er einen kurzen ſilbernen Stab hervorzog, den er beſtändig bei ſich trug, und eine furchtbare Verwünſchung ausſtieß,„ich ſehe, du verwirrſt dich. Nieder auf die Knie, Taugenichts! Geſtehe dein Vergehen ein und Sir Rowland rettet dich vielleicht noch vom Galgen.“ „Ich habe nichts zu geſtehen,“ erwiederte Thames kühn; „ich habe kein Unrecht gethan. Sind Sie mein Ankläger?“ „Ja,“ antwortete Wild,„haſt du etwas dagegen anzu⸗ führen?“ „Nur dies,“ erwiederte Thames,„daß die Anklage falſch und boshaft iſt, und daß Sie dies wiſſen.“ „Iſt das alles?“ verſetzte Jonathan.„Komm, ich muß dich durchſuchen, mein Junge!“ „Sie ſollen mich nicht anrühren,“ erwiederte Thames und riß ſich plötzlich von Charcam los, um ſich zu Tren⸗ chards Füßen zu werfen.„Hören Sie mich an, Sir Row⸗ land!“ rief er.„Ich bin unſchuldig. Ich habe nichts ge⸗ ſtohlen. Dieſer Mann,— dieſer Jonathan Wild, den ich vor kaum einer Stunde zum erſten Male in der Wychſtraße geſehen habe, iſt, ich weiß nicht warum, mein Feind. Er hat geſchworen, daß er mir das Leben nehmen will!“ „Pah!“ unterbrach ihn Jonathan.„Sie werden ſolch dummes Zeug nicht glauben, Sir Rowland!“ „Wenn du unſchuldig biſt, Knabe,“ ſagte der Ritter, ſeine Rührung überwältigend,„ſo haſt du nichts zu befürch⸗ ten. Aber was hat dich hergeführt?“ „Verzeihen Sie mir, Sir Rowland. Das kann ich nicht ſagen. Ich muß Lady Trafford ſelbſt ſprechen.“ „Weißt du, daß ich der Bruder Ihrer Herrlichkeit bin?“ entgegnete der Ritter.„Sie hat keine Geheimniſſe vor mir.“ „Das mag ſein,“ erwiederte Thames verwirrt,„aber ich darf nicht ſprechen.“ 170 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Dein Zaudern ſpricht nicht zu deinen Gunſten,“ be⸗ merkte Trenchard ernſt. „Will er ſich durchſuchen laſſen?“ fragte Jonathan. „Nein,“ verſetzte Thames,„ich will nicht wie ein ge⸗ meiner Verbrecher behandelt werden, wenn ich es abwenden kann.“ „Du ſollſt behandelt werden, wie du es verdienſt,“ ſagte Jonathan hämiſch und ſteckte trotz dem Widverſtande des Knaben die Hände in deſſen Taſche, aus der er das Minia⸗ turgemälde hervorzog. „Wo haſt du dies her?“ fragte Wild, von dem Ergebniß ſeiner Unterſuchung überraſcht. Thames antwortete nicht. „Ich dachte es wohl,“ fuhr Jonathan fort.„Aber wir wollen ſchon Mittel ſinden, dir die Lippen zu öffnen. Brin⸗ gen Sie ſeinen Kameraden herein,“ flüſterte er Charcam zu, „ich werde unterdeſſen auf ihn Acht geben. Aber beachten Sie diesmal meine Befehle wohl. Sie erkennen dies Ge⸗ mälde gewiß als Lady Traffords Eigenthum wieder?“ fuhr er mit einem verſtändlichen Blick auf den Ritter fort. „Gewiß,“ erwiederte Trenchard.„Ha!“ rief er zuſam⸗ menfahrend, als er das Gemälde betrachtete,„wie kamſt du zu dieſem Bilde, Knabe?“ „Warum antworteſt du nicht, Taugenichts?“ rief Wild mit rauhem Tone und ſchlug ihn mit ſeinem ſilbernen Stabe. „Kannſt du nicht ſprechen?“ „Ich will nicht,“ antwortete Thames hartnäckig,„und Ihre Rohheit ſoll mich nicht dazu bewegen.“ „Das wollen wir ſehen,“ entgegnete Jonathan und gab ihm einen noch heftigeren Schlag. „Laſſen Sie ihn,“ ſagte Trenchard gebieteriſch.„Ich habe noch eine Frage an ihn zu richten. Weißt du, weſſen Bild dies iſt?“ Folgen des Diebſtahls. 171 „Nein,“ erwiederte Thames, ſeine Thränen zurückhal⸗ tend,„aber ich glaube, es iſt mein Vater.“ „So!“ rief der Ritter erſtaunt.„Lebt dein Vater noch?“ „Nein,“ antwortete der Knabe,„er ward ermordet, als ich noch ein Kind war.“ „Wer hat dir geſagt, daß dies ſein Bild iſt?“ fragte Trenchard. „Mein Herz,“ verſetzte Thames kühn,„und es ſagt mir jetzt auch, daß ich vor ſeinem Mörder ſtehe.“ „Das bin ich,“ warf Jonathan dazwiſchen,„ein Diebs⸗ fänger iſt in den Augen eines Diebes immer ein Mörder. Ich bedaure faſt, daß dein Argwohn ungegründet iſt, wenn dein Vater dir ähnlich war, mein Junge. Aber ich kann dir ſagen, wer das Vergnügen haben wird, deines Vaters Sohn baumeln zu laſſen, und das iſt eine Perſon, die in dieſem Augenblick keine hundert Meilen von dir entfernt iſt — ha! ha!“ Während dieſer Worte trat Charcam herein und mit ihm ein zwerghafter, ſchmutzig ausſehender Mann in einem Rock von brauner Serge, mit gemeinem jüdiſchen Geſicht und einem rothen Bart. Zwiſchen dem Juden und dem Bedien⸗ ten ging Jack Sheppard, und ein Haufe von Dienern, welche von der Nachricht herbeigelockt waren, daß man einem Dieb⸗ ſtahl auf der Spur ſei, blieb in der Hoffnung, etwas von dem Vorgange erſpähen zu können, vor der Thür ſtehen. Als Jack hereingeführt ward, warf er einen raſchen Blick in die Runde und ſowie er Thames in Jonathans Gewahrſam erblickte, errieth er ſogleich den Stand der Dinge. Indem er nach dieſer Richtung hinſah, gab Wild ihm einen Wink des Einverſtändniſſes, welchen Jack auf der Stelle begriff. „Machen Sie die Sache kurz,“ ſagte Trenchard flüſternd zu dem Diebsfänger. Jonathan willigte mit einem Kopf⸗ nicken ein. Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Wie heißt du?“ redete er den kecken Burſchen an, der ſich ſo kaltblütig umſah, als ginge nichts Beſonderes vor. „Jack Sheppard,“ antwortete er, ſeine Augen auf ein Portrait des Grafen von Mar heftend.„Wer iſt dieſer wunderliche Geſelle mit der gepuderten Perrücke?“ „Gieb Achtung, Schlingel,“ verſetzte Wild barſch.„Kennſt du dies Bild?“ fuhr er mit einem bedeutſamen Blick fort und wies auf die Miniatüre. „Ja,“ antwortete Jack ſorglos. „Gut. Kannſt du uns ſagen, woher es gekommen iſt?“ „Ich ſollte es denken.“ „So ſprich denn.“ „Es kam aus Lady Traffords Juwelenkäſtchen.“ Sier erhob ſich ein Gemurmel des Erſtaunens unter der Verſamm⸗ lung vor der Thür. „Macht die Thür zu!“ befahl Trenchard ungeduldig. „Nach meinem Dafürhalten, Sir Rowland,“ meinte Jonathan,„ſollten Sie die Sitzung lieber öffentlich halten.“ „Meinetwegen,“ entgegnete der Ritter, welcher die Stärke dieſer Vorſtellung begriff.„Fahren Sie fort.“ „Du ſagſt, daß das Bild aus Lady Traffords Juwelen⸗ käſtchen entwandt iſt,“ ſagte Jonathan mit lauter Stimme. „Wer hat es herausgenommen?“ „Thames Darrell, der Knabe, der neben Ihnen ſteht.“ „Jack!“ rief Thames in unwilligem Erſtaunen. Aber Sheppard achtete nicht auf ſeinen Ausruf. Ein neugieriges Geſumme entſtand unter der Dienerſchaft, von denen einige, beſonders die Frauenzimmer, ſich vorbeugten, um den Ver⸗ brecher ſehen zu können. „Stille!“ rief Charcam. „Warſt du dabei, als er es ſtahl?“ fuhr Jonathan fort. „Ja,“ antwortete Sheppard. „Und kannſt es beſchwören?“ Folgen des Diebſtahls. 173 „Jä“ „Lügner!“ rief Thames. „Genug!“ triumphirte Wiid.„Schließen Sie die Thüre, Mr. Charcam. Sie haben genug für meine Zwecke gehört,“ murmelte er, indem ſein Befehl ausgeführt und die Diener⸗ ſchaft ausgeſchloſſen wurde.„Es iſt jetzt zu ſpät, ſie vor einen Richter zu führen, Sir Rowland, und ich will fie mit Ihrer Erlaubniß für dieſe Nacht in die Wache ſperren. Du, Jack Sheppard, haſt nichts zu befürchten, da du gegen deinen Mitſchuldigen gezeugt haſt. Morgen will ich dich vor den Richter Wolters führen, der deine Ausſage aufnehmen wird, und ich zweifle nicht daran, daß Thames Darrell zur Unter⸗ ſuchung gezogen werden wird. Nun in den Käfig, mein hübſches Vögelchen. Ehe wir gehen, will ich dir aber ein Paar Handkrauſen anlegen“ Und hier begann er ſeinen Gefangenen zu feſſeln. „Hören Sie mich an!“ rief Thames in Thränen aus⸗ brechend.„Ich bin unſchuldig. Ich habe dieſen Diebſtahl nicht begehen können. Ich komme eben erſt aus der Wych⸗ ſtraße. Schicken Sie zu Herrn Wood und Sie werden finden, daß ich die Wahrheit ſage.“ „Du thäteſt beſſer, wenn du deinen Mund hielteſt, Burſche,“ bemerkte Jonathan mit drohendem Ton. „Lady Trafford würde mich nicht ſo behandelt haben!“ rief Thames. „Fort mit ihm!“ rief Sir Rowland ungeduldig. „Führe die Gefangenen hinunter, Nab,“ ſagte Jona⸗ than zu dem zwerghaften Juden,„ich komme gleich nach.“ Der rothbärtige Unhold packte Jack um den Leib und Thames am Rockkragen und marſchirte, wie der Oger in dem Feenmährchen, mit einem Knaben unter jedem Arm da⸗ von, während Charcam den Nachtrab bildete. 174 Zweiter Abſchnitt. 1715. Tham?s Darrell. Zehntes Kapitel. Mutter und Sohn. Kaum waren ſie einen Augenblick hinaus, als ſich draußen ein dumpfer Lärm erhob und Charcam mit einem Geſicht voll Beſtürzung und Verwirrung wieder ins Zimmer trat. „Was iſt dem Menſchen?“ fragte Wild. „Ihre Herrlichkeit—“ ſtotterte Charcam. „Was iſt mit ihr?“ rief der Ritter.„Iſt ſie zurück⸗ gekommen?“ „J— a, Sir Rowland,“ antwortete Charcam. „Der Teufel!“ rief Jonathan,„das iſt ein Querſtrich.“ „Aber das iſt noch nicht Alles, Euer Gnaden,“ fuhr Charcam fort.„Miſtreß Norris ſagt, daß ſie im Sterben iſt.“ „Im Sterben!“ wiederholte der Ritter. „Im Sterben, Sir Rowland. Sie iſt unterwegs ſehr krank geworden und hat Krämpfe und Beklemmung und Ohnmachten gekriegt,— ſchlimmer als es je geweſen iſt. Und Miſtreß Norris erſchrak ſich ſo ſehr darüber, daß ſie die Poſtillone ſo ſchnell als möglich zurückfahren ließ. Sie glaubte nicht, daß Ihre Herrlichkeit noch lebendig nach Hauſe kommen würde.“ „Mein Gott!“ rief Trenchard, von dieſer Nachricht be⸗ täubt,„ich habe ſie getödtet. „Ohne Zweifel,“ verſetzte Wild höhnend,„aber Sie brauchen es nicht der ganzen Welt zu ſagen.“ „Sie heben ſie jetzt aus der Kutſche,“ ſprach Charcam; „beſiehlt Euer Gnaden, daß ich nach dem Arzt und dem Kaplan ſchicke?“ „Eile nach beiden,“ erwiederte Sir Rowland beklommen. „Halt!“ rief Jonathan,„wo ſind die Knaben?“ „Auf dem Flur.“ Mutter und Sohn. 175 „Und Ihre Herrlichkeit wird dadurch kommen?“ „Natürlich, es giebt nur den einen Weg.“ „So bringen Sie ſie in dies Zimmer vor allen Din⸗ gen,— ſchnell! Sie dürfen ſich nicht begegnen, Sir Row⸗ land,“ fügte er hinzu, indem Charcam ſeine Befehle auszu⸗ führen eilte. „Der Himmel hat es anders beſchloſſen“ erwiederte der Ritter niedergeſchlagen.„Ich weiche dem Schickſal.“ „Weichen Sie Niemand,“ entgegnete Wild, um ihn zu ermuthigen,„beſonders wenn Ihre Plane gedeihen. Der Menſch iſt ſeines Glückes Schmied. Sie ſind der Henker Ihres Neffen, oder er wird der Ihrige. Ueberwinden Sie dieſe Schwäche. Der nächſte Augenblick erhebt oder zermalmt Sie für immer. Gehen Sie zu Ihrer Schweſter und blei⸗ ben Sie bei ihr, bis Alles vorüber iſt. Ueberlaſſen Sie mir das Uebrige.“ Sir Rowland ſchritt unentſchloſſen nach der Thür und bebte vor einem traurigen Schauſpiel zurück. Dies war ſeine Schweſter, die ſich augenſcheinlich in den letzten Nöthen be⸗ fand. Von zwei Dienern auf den Armen getragen und von der weinenden und händeringenden Norris begleitet, ward die unglückliche Frau auf ein Ruhebett gelegt. Zu gleicher Zeit ſchleppte Charcam, dem die letzten Ereigniſſe ganz den Verſtand genommen zu haben ſchienen, Thames herein, wo⸗ gegen er Sheppard unter der Aufſicht des Juden draußen gelaſſen hatte. „Hölle und Verdammniß!“ murmelte Jonathan zwiſchen den Zähnen,„dieſer Narr wird Alles verderben. Bringen Ste ihn hinaus,“ fuhr er fort, auf Charcam zuſchreitend. „Laſſen Sie ihn bleiben,“ vermittelte Trenchard. „Wie Ihnen gefällig iſt, Sir Rowland,“ erwiederte Jonathan mit verſtellter Gleichgültigkeit,„aber ich werde 176 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thame Darrell. das Wild nicht jagen, damit ein andrer den Braten ißt, ver⸗ laſſen Sie ſich drauf.“ Aber als er ſah, daß ſeine Einrede nicht beachtet ward, trat er ein wenig auf die Seite und ſchlug die Arme unter. „Die Grille wird bald vorüber ſein. Sie kann es nicht lange mehr machen. Und dann kann ich dieſe ungeſchlachte Puppe nach Gefallen lenken.“ Sir Rowland warf ſich unterdeſſen neben ſeiner Schweſter auf die Knie, umklammerte ihre kalten Hände mit den ſeini⸗ gen und bat ſie in den leidenſchaftlichſten Ausdrücken um Verzeihung. Einige Minuten lang ſchien ſie kaum ſeine Gegenwart zu bemerken. Aber als Miſtreß Norris ihr einige Stärkungen eingeflößt hatte, erholte ſie ſich ein wenig. „Rowland,“ ſagte ſie mit matter Stimme,„ich habe nur noch wenige Minuten zu leben. Wo iſt Vater Spencer? Mich verlangt nach der Abſolution. Ich habe etwas auf dem Herzen.“ Sir Rowland's Stirn verfinſterte ſich.„Ich habe zu ihm geſchickt, Aliva,“ antwortete er,„er wird gleich mit deinem Arzte erſcheinen.“ „Der nutzt mir nichts mehr,“ erwiederte ſie.„Keine Arzenei kann mich retten.“ „Liebe Schweſter—“ „Ich würde glücklich ſterben, wenn ich mein Kind ſehen könnte.“ „Tröſte dich, Aliva. Du ſollſt ihn ſehen.“ „Du ſpotteſt meiner, Rowland. Es iſt keine Zeit zum Scherzen.“ „Nein, beim Himmel,“ entgegnete der Ritter feierlich. „Verlaſſen Sie uns, Miſtreß Norris, und kommen Sie nicht eher herein, als bis Vater Spencer da iſt.“ „Eure Herrlichkeit—“ zauderte Norris. „Geh!“ ſagte Lady Trafford,„es iſt meine letzte Bitte.“ Mutter und Sohn. 177 Und ihre treue Dienerin zog ſich, in Thränen gebadet, mit den beiden andern Bedienten zurück. Jonathan trat hinter einen Vorhang. „Rowland,“ ſagte Lady Trafford und ſah ihn mit einem Blick voll unbeſchreiblicher Spannung an,„du haſt mir ver⸗ ſichert, daß ich meinen Sohn ſehen ſoll. Wo iſt er?“ „Hier in dieſem Zimmer,“ erwiederte der Ritter. „Hier!“ kreiſchte Lady Trafford. „Hier,“ wiederholte ihr Bruder,„aber beruhige dich, liebe Schweſter, ſonſt erträgſt du das Wiederſehen nicht.“ „Ich bin ruhig,— ganz ruhig, Rowland,“ antwortete ſie mit zitternden Lippen, die ihre Worte Lügen ſtraften. „Alſo iſt die Geſchichte von ſeinem Tode erſonnen. Ich wußte es. Ich dachte mir wohl, daß du nicht das Herz haben könnteſt, ein Kind zu ermorden,— ein unſchuldiges Kind. Gott vergebe dir!“ „Ja wahrlich, möge Er mir vergeben!“ erwiederte Trenchard, ſich andächtig bekreuzend;„aber meine Schuld iſt darum nicht geringer, daß dein Kind gerettet ward. Dieſe Hand weihte ihn dem Verderben, aber eine andere ſtreckte ſich aus, ihn zu erhalten. Der Säugling ward von einem ehrlichen Handwerker dem Wellengrabe entriſſen, und von ihm wie ſein eigener Sohn erzogen.“ „Segen über ihn!“ rief Lady Trafford inbrünſtig.„Aber halte mich nicht länger hin. Augenblicke ſind jetzt Jahre. Laß mich mein Kind ſehen, wenn es wirklich hier iſt.“ „Sieh ihn hier!“ erwiederte Trenchard, indem er Thames, der ein ſtummer, tief ergriffener Zeuge dieſer Scene war, an der Hand faßte und zu ihr führte. „Ah!“ rief Lady Trafford, alle ihre Kräfte aufbietend. „Meine Augen werden dunkel. Bringe mehr Licht, daß ich ihn ſehn kann. Ja! dies ſind ſeines Vaters Züge! Es iſt — es iſt mein Sohn!“ Ainsworth, Jack Sheppard. I. 12 178 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Mutter!“ rief Thames.„Sind Sie wirklich meine Mutter?“ „Ja, ich bin es, mein liebes ſüßes Kind!“ ſchluchzte ſie und drückte ihn zärtlich an die Bruſt. „O, daß ich Sie in ſolchem Zuſtande ſehen muß!“ rief Thames tief betrübt. „Weine nicht, liebes Kind,“ antwortete ſie, ihn noch enger an ſich ſchließend.„Ich bin jetzt glücklich,— ganz glücklich.“ Während dieſes rührenden Wiederſehens flog eine Wolke über Sir Rowland's Stirne und er bereute jetzt halb ſeine That. „Du kannſt es mir jetzt nicht länger abſchlagen, mir den Namen ſeines Vaters zu nennen, Aliva,“ ſagte er. „Ich darf es nicht, Rowland,“ antwortete ſie.„Ich kann mein Gelübde nicht brechen. Ich will ihn Vater Spencer anvertrauen und er wird ihn dir ſagen, wenn ich nicht mehr bin. Ziehe den Vorhang zur Seite, liebes Kind, damit ich dich ſehen kann,“ ſagte ſie zu Thames. „Ha!“ rief ihr Sohn zurückfahrend, als er ihrem Be⸗ fehl gehorchte und Jonathan Wild entdeckte. „Stille,“ ſagte Jonathan leiſe drohend. „Was haſt du geſehen?“ fragte Lady Trafford. „Meinen Feind,“ antwortete ihr Sohn. „Deinrn Feind!“ entgegnete ſie, ihn nur halb ver⸗ ſtehend.„Sir Rowland iſt dein Onkel— er wird dib e⸗ ſchützen. Nicht wahr, Bruder?“ „Verſprechen Sie,“ raunte eine leiſe Stimme in Tren⸗ chard's Ohr. „Er wird mich tödten,“ rief Thames.„Es iſt ein Mann im Zimmer, der mir nach dem Leben trachtet.“ „Unwöglich!“ verſetzte ſeine Mutter. „Sehen Sie dieſe Feſſeln,“ erwiederte Thames, ſune Mutter und Sohn. 179 geſchloſſenen Arme emporhaltend,„ſie ſind mir auf Befehl meines Onkels angelegt worden.“ „Ha!“ kreiſchte Lady Trafford. „Es iſt kein Augenblick zu verlieren,“ flüſterte Jonathan in Trenchard's Ohr.„Sein Leben oder das Ihrige!“ „Niemand ſoll dir mehr etwas zu Leide thun, liebes Kind,“ rief Lady Trafford.„Dein Onkel muß dich be⸗ ſchützen. Sein Vortheil wird es verlangen. Er wird von dir abhängig ſein.“ „Machen Sie mit ihm, was Sie wollen,“ murmelte Trenchard zu Wild. „Nimm dieſe Ketten ab,Rowland,“ ſagte Lady Trafford, „ſogleich,— ich befehle es dir.“ „Ich will es thun,“ erwiederte Jonathan vortretend und Thames rauh ergreifend. „Mutter!“ rief der Sohn,„Hülfe!“ „Was bedeutet dies?“ kreiſchte Lady Trafford, ſich auf dem Ruhebett aufrichtend und die Hände nach ihm aus⸗ ſtreckend.„O Gott! wollen Sie ihn von mir nehmen?— wollen Sie ihn morden?“ „Seines Vaters Name— und er iſt frei,“ verſetzte Rowland, ihren Arm ergreifend. „Erſt laßt ihn los, und ich will ihn nennen!“ S Lady Trafford,„bei meiner Seele, ich will es!“ „So ſprich!“ erwiederte Rowland. „Zu ſpät!“ ſchrie die Unglückliche, matt zurückſinkend, „zu ſpät— oh!“ Ohne ſich um ihr Geſchrei zu bekümmern, band Jo⸗ nathan ihrem Sohn ein Taſchentuch dicht um den Mund und ſchleppte ihn hinaus. Als er einen Augenblick darauf wieder eintrat fand er Sir Rowland neben dem lebloſen Körper ſeiner Schweſter 180 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. ſtehen. Sein Geſicht war faſt ſo bleich und ſtarr, wie das der Leiche. „Dies iſt Ihr Werk,“ ſagte der Ritter ſtrenge. „Nicht ganz,“ erwiederte Jonathan ruhig,„obwohl ich mich deſſen nicht zu ſchämen brauchte. Alles zuſammenge⸗ nommen, iſt es Ihnen doch nicht gelungen, ihr das Ge⸗ heimniß zu entreißen, Sir Rowland. Die Weiber find Heuchlerinnen bis zum letzten Augenblick,— nur gegen ſich ſelbſt wahr!“ „Genug!“ rief der Ritter aufgebracht. „Verzeihen Sie,“ entgegnete Jonathan.„Ich wollte nur bemerken, daß ich im Beſitz dieſes Geheimniſſes bin.“ „Sie!“ „Sagte ich Ihnen nicht, daß Darrell mir vor ſeiner Flucht einen Handſchuh gab? Aber wir wollen ſpäter davon ſprechen. Sie können mir das Geheimniß abkaufen, ſo⸗ bald Ihnen gefällig iſt. Ich werde billig ſein. Aber zur Sache. Ich bin wieder hereingekommen, um Ihnen zu ſagen, daß ich den Knaben in eine Kutſche gebracht habe; und wenn Sie ſich um ein Uhr nach Mitternacht vor meiner Thür in Old Bailey einfinden wollen, ſo können Sie die letzten Nach⸗ richten über ihn erfahren.“ „Ich werde hinkommen,“ erwiederte Trenchard düſter. „Sie werden die Tauſend nicht vergeſſen, Sir Rowland, — kurze Rechnung, Sie wiſſen.“ „Sein Sie unbeſorgt, Sie ſollen Ihren Lohn erhalten.“ „Danke— danke. Mein Haus iſt dicht neben dem Cooperſchen Wappen, in Old Bailey, Newgate gegenüber. Sie werden mich beim Abendeſſen finden.“ Bei dieſen Worten machte er eine Verbeugung und ent⸗ fernte ſich. „Dieſer Menſch hätte ein italiäniſcher Bravo werden ſollen,“ murmelte der Ritter und ſank auf einen Stuhl; Die Mohocks. 181 „er hat weder Furcht noch Gewiſſen. Ich wollte, ich könnte mir ſeine Ruhe ſo leicht wie ſeine Hülfe erkaufen.“ Bald nachher trat Miſtreß Norris mit Vater Spencer ein. Als ſie ſich dem Ruhebett näherten, fanden ſie Sir Rowland beſinnungslos über der Leiche ſeiner unglücklichen Schweſter hingelehnt. Elftes Kapitel. Die Mohocks. Jonathan trat unterdeſſen aus dem Hauſe. Er fand eine Kutſche mit dicht verhüllten Fenſtern vor der Thür und erfuhr von einem langen, übelausſehenden, jedoch bunt her⸗ ausgeputzten Menſchen, der ſein Pferd am Zügel hielt und den er mit dem Namen Quilt Arnold anredete, daß die beiden Knaben ſich unter Abraham Mendez's, des zwerg⸗ haften Juden, Obhut in Sicherheit befänden. Sobald er ſeine Befehle an Quilt ertheilt hatte, der nebſt Abraham ſeine Leibwache bildete, oder, wie er ſie nannte, ſeine Janit⸗ ſcharen, beſtieg Jonathan ſein Pferd und galloppirte davon. Quilt folgte ſeinem Beiſpiele. Er ſprang auf den Bock und befahl dem Kutſcher gradeswegs nach Saint⸗Giles zu fahren. Kaum waren ſie in der Nähe des Wachtgebäudes angekommen, als Quilt an dem tumultuariſchen Lärm, welcher ſeine Ohren erreichte, ſo wie an dem Leuchten verſchiedener Laternen vor deſſen Thür bemerkte, daß es einen Auflauf gebe, und da er befürchtete, daß ſeine Gefangenen mit Gewalt befreit werden möchten, wenn er ſie mitten unter dem Pöbel abſetzte, ſo däuchte es ihm am gerathenſten, halten zu laſſen. Er ſtieg daher ab und eilte nach dem Gedränge, welches, wie er zu ſeiner Freude fand, hauptſächlich aus einer Anzahl von Nachtwächtern beſtand. Quilt, der ein großer Schadenfroh war, konnte nicht umhin, herzlich über das jämmerliche Aus⸗ 182 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. ſehen dieſer Leute zu lachen. Es war kein einziger unter ihnen, der nicht die Merkmale eines heftigen Kampfes an ſich trug. Knittel, Stäbe, Spieße, Laternen, Säbel und Köpfe waren, eines wie das andere, zerbrochen, und nach dem beſudelten Zuſtande ihrer Kleider zu urtheilen, mußten ſie reichlich Blut gelaſſen haben. Das Geſchrei, welches dieſe unglücklichen Wichte erhoben, hatte ſeines Gleichen nicht. Flüche platzten, wie Bomben einer Batterie, die in voller Arbeit iſt, und zwiſchendurch ertönten Drohungen der ſchrecklichſten Rache gegen die Individuen, welche ſie gemißhandelt hatten. Hier ſah man einen armen Schelm, dem die Zähne in den Hals geſchlagen worden waren, die fürchterlichſten Verwünſchungen ausſtoßen und ſich wie einen Tollhäusler geberden; dort er⸗ goß ſich ein Anderer, dem die Naſe halb aufgeſchlitzt war, in einem Athemzuge in Flüchen und Klagen. Zur Rechten ſtand eine umfangreiche Geſtalt, dem eine zerbrochene Knarre aus der Rocktaſche hing und der ſich ſein zerſchundenes Ge⸗ ſicht mit einer Laterne beleuchtete, um den Zuſchauern zu be⸗ weiſen, daß ſeine beiden Sehorgane verfinſtert waren; zur Linken hatte ſich ein magerer Conſtabler ſein Hemd abge⸗ ſtreift, um mit größerer Bequemlichkeit eine klaffende Wunde an ſeinem Arm verbinden zu können. „So, die Mohocks haben ſich wieder gerührt, wie ich ſehe,“ äußerte Quilt, indem er ſich der Gruppe näherte. „Na, wohl,“ erwiederte einer der Wächter, der ſich einen röthlichen Strom von der Stirn trocknete;„ſie haben den Frieden gebrochen und unſere Köpfe dazu. Aber wahr⸗ haftig, ich ſollte die Stimme kennen,“ fügte er hinzu und wandte die Laterne nach dem Janitſcharen hin.„Ah! Quilt Arnold, biſt du's? Freut mich, daß ich dich ſehe. Wenn ich deinen glatten Schnabel ſehe, ſo iſt mir immer ganz be⸗ haglich zu Muth.“ „Ich wollte, ich könnte dir das Kompliment wieder⸗ — A Die Mohocks. 183 geben, Terry. Aber dein zerbrochener Schädel iſt eben kein angenehmer Anblick. Wie biſt du dazu gekommen?“ „Wie ich dazu kam?—'ne hübſche Frage. Na, in allen Ehren. Ich habe ihn von einem Landsmann von mir gekriegt; aber ich habe ihm mit ſeiner eigenen Münze wieder⸗ bezahlt— ha! ha!“ „Ein Landsmann von dir, Terry?“ „Ja wohl, und ein ſehr vornehmer noch'dazu, Quilt, — ſchade um ihn! du haſt wohl ſchon von dem Marquis von Slaterford gehört?“ „Gewiß, wer hätte das nicht? Er iſt der Anführer der Mohocks, der General der Landſtreicher, der Fürſt der Nacht⸗ ſchwärmer, der Freund der Chirurgen und Glaſer, der Schrecken deiner Kameraden und der Liebling der Mävchen!“ „Das iſt er, auf ein Haar!“ rief Terenz entzückt.„Ach! es iſt ein prächtiger Junge!“ „Na, ich denke, er hat dir den Kopf zerſchlagen, Terry?“ „Pah! das hat nichts zu ſagen! Ein Stück Pflaſter macht das alles wieder gut, und Terry OFlaherty iſt nicht der Mann, der ſich aus einem Schlag von einem Ziegen⸗ hainer etwas macht. Und dann hab' ich dir ja auch geſagt, daß ich es ihm eben ſo ſchön wiedergegeben habe,— und noch ſchöner! Ich rührte ihn nur ſo ein bischen mit meinem Abendſtern an, wie ich dieſen Knüppel nenne,“ und hier ſchwang der Wächter einen gewaltigen Knotenſtock, deſſen Knauf mit Blei gefüllt zu ſein ſchien,„und bei Sanct Patrick, er ſtürzte wie ein Ochſe hin.“ „Tauſend!“ rief Quilt,„haſt du ihn todt gemacht?“ „Nicht ganz,“ antwortete Terenz lachend;„aber ich brachte ihn zur Beſinnung.“ „Dadurch, daß du ſie ihm nahmſt, he? Aber es thut mir leid, daß du ſeine Herrlichkeit getroffen haſt, Terry. Jungen Edelleuten ſollte man bei ihrem Treiben freies Spiel 184 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. laſſen. Wenn ſie dann und wann eine Klingel abreißen, ein Schild beſchmieren, die Wache prügeln oder eine Amtsperſon anſchnautzen, ſo bezahlen ſie für ihren Zeitvertreib und das iſt genug. Was kann ein vernünftiger Menſch, und beſonders ein Wächter, mehr verlangen? Dazu iſt der Mar⸗ quis ein verteufelt hübſcher Burſche und ein guter Freund von mir. Er hat unter der ganzen Pairie nicht ſeinen Pair.“ „Oh! Wenn es dein Freund iſt, liebe Seele, ſo thuts mir recht leid, daß ich ihn geſchlagen habe. Aber, Blut und Wunden! Männchen, wenn mir der Böſe ſelbſt einen Schlag gäbe, ſo würde ich wieder ſchlagen.“ „Na, na,— warte nur,“ erwiederte Quilt,„Seine Herrlichkeit wird Euch nicht vergeſſen. Er iſt eben ſo groß⸗ müthig, als ſchabernackiſch.“ Während er ſo ſprach, öffnete ſich die Thür des Wacht⸗ hauſes und ein kräftiger Mann mit einer Laterne in der Hand zeigte ſich auf der Schwelle. „Da iſt Sharples,“ rief Quilt. „St!“ ſagte Terenz,„er hebt die Leuchte hoch. Bei Jäſus, er will uns was ſagen.“ „Meine Herren von der Wache!“ rief Sharples ſo laut, als ein Keuchhuſten es ihm erlaubte,„mein edler Gefan⸗ gener— ufh! ufh;— der Marquis von Slaterford—“ Hier ward er von einer Salve von Flüchen ſeitens der erboßten Wächter der Nacht unterbrochen. „Keine Mohocks! keine Nachtſchwärmer!“ ſchrieen ſie. „Hört! hört!“ lärmte Quilt. „Seine Herrlichkeit hat mir aufgetragen— ufh! ufh!“ Neues Grunzen und Ziſchen. „Wollt Ihr mich nicht anhören?— ufh! ufh!“ fragte Sharples nach einer Pauſe. „Verſteht ſich,“ antwortete Quilt. Die Mohocks. 185 „Sprechen Sie lauter und huſten Sie nicht ſo viel,“ fügte Terenz hinzu. „Das Lange und das Breite von der Sache iſt alſo dies,“ erwiederte Sharples mit Würde,„daß der Marquis Euch zehn Guineen zu ſeiner Geſundheit zu trinken ſchenkt.“ Das Geheul verwandelte ſich augenblicklich in Bei⸗ fallsrufe. „Und Seine Herrlichkeit befiehlt mir außerdem zu ſagen,“ fuhr Sharples mit heiſerer Stimme fort,„daß er die Doktor⸗ rechnungen für alle die Herren bezahlen wird, die zerbrochene Köpfe erhalten haben oder ſonſt wie bei der Prügelei be⸗ ſchädigt worden ſind— ufh! ufh!“ „Hurrah!“ jauchzte die Bande. „Wir find alle beſchädigt,— wir haben alle zerſchlagene Köpfe“ riefen ein Dutzend Stimmen. „Ja, Gott ſegne ihn, das haben wir,“ fügte Terenz hinzu,„und wir wollen die Doktorrechnungen eben ſo lieb vertrinken.“ „Ja, das wollen wir,“ ſtimmte der Haufe ein. „Eure Antwort, meine Herren?“ fragte Shanples. „Der Marquis ſoll leben und wir nehmen ſein groß⸗ müthiges Anerbieten an,“ jauchzte der Pöbel. „Der Marquis ſoll leben!“ lärmte Terenz,„er iſt eine Ehre für Alt⸗Irland!“ „Sagte ich nicht, wie es herumkommen würde?“ meinte Quilt. „Wahrhaftig, das thatſt du,“ entgegnete der Wächter, „aber ich konnte es nicht glauben. Künftig will ich den Abendſtern für Seiner Herrlichkeit ſeine Feinde aufſparen.“ „Das wäre am beſten,“ erwiederte Quilt.„Aber komm mit deiner Laterne hierher. Ich habe ein Paar Bälger in dem Kaſten da, die ich dem alten Sharples übergeben möchte.“ 186 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Na, flink denn,“ verſetzte Terenz,„ſonſt verliere ich mein Theil an dem Schmerzengeld.“ Mit Hülfe des Wächters und eines Fackeljungen, der ſeine Dienſte anbot, hob Quilt ſeine Gefangene aus der Kutſche und ließ Jack Sheppard unter Abraham's Schutz, während er ſelbſt Thames nach dem Wachthauſe ſchleppte. Die Knaben hatten unterwegs kein Wort mit einander ge⸗ wechſelt. So oft Jack zu ſprechen verſuchte, hinderte Abraham ihn mit ſeinem zornigen Gebrumme daran, und Thames fühlte keine Neigung, das Schweigen zu brechen, obwohl ſein Herz zum Ueberfließen voll war. Seine Gedanken waren in der That zu ſchmerzlich, um ſich ausſprechen zu laſſen, und ſeine Gefühle ſo empfindlich, daß ſie ihn eine Zeit lang ganz übermannten. Aber ſein Kummer war von kurzer Dauer. Die elaſtiſchen Lebensgeiſter der Jugend errangen ihr Uebergewicht und ehe die Kutſche anhielt, hatten ſeine Thränen zu fließen aufgehört. Was Jack Sheppard betrifft, ſo ſchien er ganz unbekümmert und ſorglos zu ſein und that auf dem ganzen Wege nichts als fingen und pfeifen. Während Thames auf die eben erwähnte Art fortge⸗ ſchleppt ward, blickte er umher, um wo möglich zu ermitteln, wo er ſich befände, denn er ſchenkte Jonathan's Drohung, daß er ihn nach der Wache ſchicken wollte, keinen vollen Glauben und fürchtete ſogar etwas ſchlimmeres, als einge⸗ ſperrt zu werden. Das Ausſchn des Ortes war ihm neu, ſo weit als er ihn im Dunkeln unterſcheiden konnte; aber als er ſeinen Blick zufällig in die Höhe richtete, ſah er den Thurm der Sanct⸗Giles⸗Kirche, der Vorgängerin des jetzigen Gebäudes, über den anliegenden Wohngebäuden hervorragen. Er erkannte ihn ſogleich. Jonathan hatte ihn nicht getäuſcht. „Weshalb kommt dieſer Bengel herein?“ fragte Terenz, indem er und Quilt mit Thames in der Mitte voranſchritten. „Warum?“ fragte Quilt ausweichend. Die Mohocks. 187 „O, nichts— bloße Neugierde,“ erwiederte Terenz. „Bei meiner Seele!“ rief er, indem er dem Gefangenen mit ſeiner Laterne ins Geſicht leuchtete,„ein netter, anſtän⸗ diger Burſche, muß ich ſagen. Schade, daß er ſchon ſo früh auf ſchlechten Wegen geht.“ „Sie können Ihr Mitleiden ſparen, Freund,“ äußerte Thames;„ich werde ungerechterweiſe verhaftet.“ „Natürlich,“ verſetzte Quilt boshaft,„wie jeder Dieb. Wenn wir warten wollten, bis ein Spitzbube mit Recht eingefangen wird, ſo könnten wir bis zum jüngſten Tage warten. Dir iſt wohl kein diamantenbeſetztes Bild an den Fingern hängen geblieben— Gott bewahre.“ „Hat der Meiſter die Hand hierbei im Spiel?“ fragte Terenz flüſternd. „Ja,“ antwortete Quilt bedeutſam.„Teufel! was bedeutet das!“ rief er, als ſich das Geräuſch eines Hand⸗ gemenges hinter ſeinem Rücken hören ließ.„Der andre Junge iſt meinem Kameraden weggelaufen. Hier, Terry, halte dieſen jungen Menſchen feſt; ich habe ſchnellere Beine, als der alte Nab.“ Und damit ſetzte er dem Flüchtling nach. „Wollen Sie ſich eine große Belohnung verdienen, guter Freund?“ ſagte Thames zu dem Wächter, ſobald ſie allein waren. „Ich ſoll Sie laufen laſſen, mein Herzchen, nicht wahr?“ fragte Terenz.„Nein, das geht nicht. Sie find Herrn Wild's Gefangener; um ſo ſchlimmer für Sie!“ „Ich verlange nicht, daß Sie mich frei laſſen,“ ſprach Thames,„aber wollen Sie eine Beſtellung für mich über⸗ nehmen?“ „An wen?“ „An den Tiſchlermeiſter Wood in der Wychſtraße. Er wohnt nicht weit vom ſchwarzen Löwen.“ „Vom ſchwarzen Löwen!“ wiederholte Terenz.„Das 188 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Haus kenne ich recht gut; es iſt eine Gaunerherberge. Oh! ich habe manche Kanne Bier mit dem Wirth, Jve Hind, ausgetrunken. Alſo Herr Wood wohnt nicht weit vom ſchwarzen Löwen, he?“ „Ja wohl,“ erwiederte Thames.„Sagen Sie ihm, daß ich, ſein Pflegeſohn Thames Darrell, hier von Jonathan Wild verhaftet bin.“ „Thames Ditton heißen Sie?“ „Nein,“ antwortete der Knabe ungeduldig;„Darrell — Thames Darrell.“ „Ich werde ihn nicht vergeſſen. Wenn er auch ein bischen einzig klingt. Ich habe noch nie gehört, daß eine chriſtliche Seele nach dem Shannon oder dem Liffy getauft iſt; und die Thames iſt am Ende doch nur eine ſchmutzige Pfütze im Vergleich zu dieſen beiden prächtigen Strömen. Aber freilich, Sie ſind ein Pflegekind und das ändert die Sache ſehr. Die Leute gaben ihren unrechtmäßigen Kindern immer ſonderbare Namen. Iſt es auch gewiß, daß Sie kein andres Alias führen, Meiſter Thames Ditton?“ „Darrell, ſage ich Ihnen. Wollen Sie hingehn? Sie werden ein anſtändiges Trinkgeld für Ihre Mühe erhalten.“ „Auf die Mühe kommt es mir nicht an,“ meinte Terenz, der im Grunde ein gutmüthiger Kerl war,„und ich möchte Ihnen gern dienen, wenn ich könnte, denn Sie ſehn wie ordentlicher Leute Kind aus und das hat bei mir was zu ſagen. Aber wenn es Meiſter Wild zu Ohren käme, daß ich ihm eine Naſe gedreht habe—“ „Ich möchte um keine Kleinigkeit in deiner Haut ſtecken,“ unterbrach ihn Quilt, der Sheppard wieder eingefangen und an Abraham übergeben hatte, und ſich ihnen jetzt unver⸗ merkt näherte;„an mir ſoll's nicht liegen, wenn er es nicht erfährt.“ . Die Mohocks. 189 „Donnerwetter!“ rief Terenz erſchrocken,„du wirſt deinen alten Kameraden doch nicht angeben, Quilt?“ „Warum nicht, wenn er falſches Spiel ſpielt,“ erwie⸗ derte Quilt.„Vorwärts, mein kleiner Schlaukopf. Bei aller deiner Liſt, nehmen wir es doch mit dir auf.“ „Aber nicht mit mir,“ brummte Terenz vor ſich hin. „Bedenke!“ rief Quilt, indem er ſeinen Gefangenen fortſchleppte. „Bedenke den Teufel!“ verſetzte Terenz, der ſeine an⸗ geborne Kühnheit wieder erlangt hatte.„Denkſt du, ich fürchte mich vor einem elenden Diebsfänger und ſeinen Helfershelfern? O bewahre! Meiſter Thames Ditton, ich will Ihre Beſtellung ausrichten; und Sie, Meiſter Quilt Arnold, Sie können thun, was Sie wollen; ich mache mir nichts daraus.“ „Hund!“ rief Quilt, ſich wüthend nach ihm umdrehend, „drohſt du?“ Aber der Wächter wich ihm aus und verſchwand unter dem Haufen. Zwölftes Kapitel. Die Saint⸗Giles⸗Wache. Die Saint⸗Giles⸗Wache war ein altes einzelnſtehendes Gebäude in einem Winkel des Kendrickplatzes. Urſprüng⸗ lich, gleich einem modernen Martell⸗Thurm, von kreisför⸗ miger Geſtalt, hatte es von Zeit zu Zeit ſo viele Verän⸗ derungen erlitten, daß ſeine Symmetrie größtentheils zerſtört war. Da es ſich in der Mitte mehr als an den beiden Enden ausgedehnt hatte, ſo glich es einer ungeheuren auf⸗ rechtſtehenden Tonne,— einer Art von Heidelberger Faß in großem Maßſtabe,— und dieſe Aehnlichkeit ward durch die kleine kreisförmige Oeffnung erhöht,(ſie verdient kaum 190 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. den Namen einer Thür) die wie ein Spundloch an der einen Seite des Gebäudes in einiger Entfernung vom Erdboden angebracht war und zu welcher eine Treppe hinanführte. Das Gefängniß war zwei Stockwerke hoch und hatte ein flaches Dach mit einer vergoldeten Wetterfahne von der Ge⸗ ſtalt eines Schlüſſes. Es beſaß beträchtliche innere Räum⸗ lichkeiten und mochte zu ſeiner Zeit einige Tauſend Vaga⸗ bunden beherbergt haben. Die Fenſter waren ſchmal und ſtark vergittert und ſahen vorn auf den Kendrickplatz und hinten auf den geräumigen Kirchhof der Sanct⸗Giles⸗Kirche. In den unteren Gemächern glänzte ein Lichtſchimmer und als ſie ſich dem Gebäude näherten, drang das Geräuſch eines luſtigen Gelages zu ihren Ohren. Als Sharples, der mit Austheilung des markgräflichen Geſchenks beſchäftigt war, von der Ankunft der Gefangenen benachrichtigt ward, that er ſo, als würfe er den Reſt des Geldes unter den Haufen, obwohl er ein Paar Guineen zurückbehielt, die er in ſeinem Aermel gleiten ließ, und lief dann eilig die Stufen hinauf, um die Thür aufzuſchließen. Die Gefangenen folgten ihm, und bei Hinaufſteigen machte Jack Sheppard noch einen Fluchtverſuch, indem er ſich plötz⸗ lich niederduckte und zwiſchen den Beinen ſeines Führers zu entſchlüpſen ſuchte. Der Anzug des zwerghaften Juden war jedoch ſeinen Abſichten nicht günſtig. Jack fing ſich in den herabhängenden Schößen von Abraham's langem Rock, wie in einer Falle, und anſtatt durch ſeine Liſt die Freiheit zu erlangen, erhielt er nur eine derbe Tracht Prügel. Sharples empfing ſie an der Schwelle und leuchtete ſeinen Gefangenen ins Geſicht, um ſich mit ihren Zügen bekannt zu machen, worauf er Quilt, mit dem er in einem geheimen Einverſtändniß zu ſein ſchien, zunickte und dann die Thür verſchloß und verriegelte. 1 . Die Saint⸗Giles⸗Wache. 191 „Sie wiſſen doch wohl, wer hier iſt?“ redete er Quilt brummend an. „Gewiß weiß ich's,“ antwortete Quilt,„mein edler Freund, der Marquis von Slaterford. Was ſoll's mit dem?“ „Was es mit dem ſoll?“ wiederholte Sharples mür⸗ riſch.„Alles. Was ſoll ich mit dieſer jungen Brut machen, he?“ „Was Sie gewöhnlich mit Ihren Gefangenen machen, Herr Sharples,“ antwortete Quilt;„ſie einſchließen.“ „Das iſt leicht geſagt. Aber wenn ich nun keinen Platz hätte, ſie einzuſchließen, wie dann?“ Quilt machte eine verlegene Miene. Dann nahm er den Conſtabler unter den Arm und zog ihn auf die Seite. „Gut, gut,“ brummte Sharples, nachdem er ſeine Vor⸗ ſtellungen angehört hatte,„es ſoll geſchehn. Aber es kommt mir verdammt ungelegen. Es regnet nicht alle Tage einen Marquis—“ „Aber auch keinen Kunden, wie Herrn Wild,“ lenkte Quilt ein. „Na, wird's bald, Saint⸗Giles!“ rief Sheppard da⸗ zwiſchen,„ſollen wir die ganze Nacht hier ſtehn bleiben?“ „Höre doch Einer!“ rief Sharples,„was iſt denn das für ein grüner Gelbſchnabel?“ „Einer, der zur Raſt gehn will,“ antwortete Sheppard. „Alſo rühre die Knochen, Saint⸗Giles, und wenn du uns einſchließen willſt, ſo ſpute dich.“ „Komme ſchon! komme ſchon!“ erwiederte der Con⸗ ſtabler, ſich in Bewegung ſetzend. „Komme ſchon!— Mitternacht kommt auch— und Jonathan Wild auch,“ verſetzte Jack mit einem bedeutungs⸗ vollen Blick auf Thames. „Iſt denn kein Winkelchen da, wo Sie das liederliche 192 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Gefindel einſperren können?“ bemerkte Abraham.„Der Meiſter wird vor Mitternacht hier ſein.“ Ein leiſer Druck mit dem Fuße lenkte Darrell's Auf⸗ merkſamkeit auf dieſe letzten Worte und als er ſich um⸗ drehte, ſah er Sheppard's Blick mit beſonderm Ausdruck auf ſich ruhn. „Still doch, Nab,“ rief Quilt ärgerlich;„der Junge paßt auf.“ „Mir fällt eben ein Loch ein, das gut genug für ſie iſt,“ ſagte Sharples;„wenigſtens werden ſie nicht im Wege ſein und fie find da ſo ſicher aufbewahrt, wie zwei Hühner im Korbe.“ „So geh voran, Saint⸗Giles,“ ſagte Jack mit ange⸗ nommener Würde. Der Raum, in welchem ſie ſich befanden, war eine kleine Vorhalle, die wie ein Kreisabſchnitt von dem Haupt⸗ gemache, zu welchem ſie gehörte, durch eine Bretterwand getrennt war. Eine Thür führte nach innen und das luſtige Gelächter und anderes Geräuſch, welches ab und an heraus⸗ ſchallte, deutete darauf hin, daß jenes Gemach von dem Marquis und ſeinen Freunden beſetzt war. An den Wän⸗ den hing eine Auswahl von Knitteln, Hellebarten, Mus⸗ keten, Handfeſſeln, Ueberröcken und Laternen. In der einen Ecke des Zimmers befand ſich ein unbenutzter Kamin mit verroſtetem Gitter und zerbröckelter Einfaſſung, und auf der andern war zwiſchen der Mauer und dem Bretterwerk eine Art von Gehäuſe angebracht, das wie ein Zerrbild eines Wandſchrankes ausſah. Nach dieſem Gehäuſe richtete Sharples ſeine Schritte und öffnete deſſen Thür, ſo daß man in eine Vertiefung ſah, welche kaum ſo groß und gewiß nicht ſo reinlich war, wie ein Hundeſtall. „Wird es gehn?“ fragte der Conſtabler, indem er das Licht aus der Laterne nahm, um den geringen Unfang dieſes Die Saint⸗Giles⸗Wache. 193 Lochs deſto augenfälliger zu machen.„Ich habe vor dieſem ſchon drei Kinder hineingepfropft. Freilich,“ fügte er mit leiſerer Stimme hinzu,„waren ſie nur klein und eins von ihnen iſt erſtickt— ufh! ufh!— wie dieſer Huſten mich plagt!“ Sheppard, deſſen Hände frei waren, bemächtigte ſich unterdeſſen unbemerkt der Spitze einer Hellebarte, welche ge⸗ trennt von der Stange neben ihm auf einer Bank lag. Als er ſich dies Inſtrument zugeeignet hatte, riß er ſich von ſeinem Führer los und ſprang in das Gehäuſe, ſo wie die Poſſen⸗ reißer in der Pantomime in den Uhrkaſten zu ſpringen pflegen, wenn ſie den Harlequin verfolgen, das heißt mit dem Rücken voran, und ſchlug ein lautes ſpöttiſches Gelächter auf, wobei er unaufhörlich mit den Füßen gegen die Bretter ſtampfte. Seine Luſtigkeit ward jedoch auf eine unangenehme Art unter⸗ brochen, denn Abraham, den ſein früheres Betragen heftig aufgebracht hatte, ergriff ihn bei den Beinen und ſtieß ihn mit ſolcher Gewalt in das Loch, daß die Eiſenſpitze, welche er in ſeiner Taſche hatte, durch ſeine Kleider drang und ihn zwar nur leicht, aber doch ſchmerzhaft verwundete. Jack, der etwas Spartaniſches in ſeiner Natur hatte, ertrug das Mär⸗ tyrerthum ohne zu zucken und trieb ſeinen ſtviſchen Gleich⸗ muth ſo weit, daß er Sharples ſogar ein ſchiefes Geſicht ſchnitt, während dieſer liebenswürdige Beamte Thames zu ihm hineinſtieß. „Wie gefällt dir dein Quartier, Naſeweis?“ fragte Sharples höhnend. „Beſſer, als deine Geſellſchaft, Saint Giles,“ erwiederte Sheppard,„alſo mach nur die Thüre zu und ſcheere dich fort.“ „Der Junge wird nicht eher ruhen, als bis er ſeinen Weg nach Bridewell findet,“ bemerkte Sharples. „Oder auf die Straße,“ erwiederte Jack,„denke an Ainsworth, Jack Sheppard. I. 13 194 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. das, was ich ſage, das Gefängniß iſt noch nicht gebaut, das mich hüten kann.“ „Das wollen wir ſehen, junger Galgenſtrick,“ entgegnete Sharples, indem er ihm die Thür wüthend vor der Naſe zumachte.„Wenn du aus dieſem Käfig herauskommſt, ſo will ich dir vergeben. Kommen Sie mit, meine Herrn, ich will Ihnen was rares zeigen.“ Die beiden Janitſcharen folgten ihm bis an die Thüre des anſtoßenden Gemachs, als Abraham den Finger an die Lippen legte, um ſeinen Begleitern ſeine Abſicht mit einem bedeutungsvollen Wink klar zu machen, und ſie allein hinaus⸗ gehen ließ, worauf er leiſe zurückſchlich und neben dem Ver⸗ ſchlage ſtehen blieb. Einige Minuten lang war alles ſtill. Endlich nahm Jack Sheppard das Wort:—„Die Luft iſt rein. Sie ſind in das andere Zimmer gegangen.“ Dartell antwortete nicht. „Sei mir nicht böſe, Thames,“ fuhr Sheppard in be⸗ ſänftigendem Tone fort.„Ich habe alles in der beſten Ab⸗ ſicht gethan, wie ich dir erklären will.“ „Ich will dir keine Vorwürfe machen, Jack,“ antwor⸗ tete dieſer ernſt.„Ich gebe dich auf.“ „Das hoffe ich nicht,“ verſetzte Sheppard.„Auf jeden Fall gebe ich dich nicht auf. Wenn du mir deine Einſperrung verdankſt, ſo ſollſt du mir auch deine Befreiung verdanken.“ „Ich will lieber auf ewig hier liegen, als dir meine Freiheit ſchuldig ſein,“ erwiederte Thames. „Ich habe nichts gethan, das dich beleidigen könnte,“ beharrte Sheppard. „Nichts!“ erwiederte Jener verächtlich.„Du haſt einen Meineid geſchworen.“ „Das iſt meine Sache,“ verſetzte Sheppard.—„Ein Eid hat wenig Gewicht bei mir im Vergleich zu deiner Sicherheit.“ . Die Saint⸗Giles⸗Wache. 195 „Nichts mehr davon,“ unterbrach ihn Thames,„du machſt die Sache durch dieſe Entſchuldigungen nur noch ſchlimmer.“ „Zanke mit mir ſo viel du willſt, Thames, aber höre mich an,“ erwiederte Sheppard.„Ich that es nur um dir zu iene „Sei nur ſtill!“ rief Thames,„du haſt mich angeklagt, um dich zu decken.“ „Bei meiner Seele, Thames! Du thuſt mir Unrecht,“ erwiederte Jack leidenſchaftlich.„Ich würde mein Leben für dich hingeben.“ „Und du denkſt nach dem, was vorgefallen iſt, ſoll ich dir glauben?“ „Ja, und noch mehr, du ſollſt mir dafür te daß ich dir das Leben gerettet habe?“ „Wie das?“ „Höre mich an, Thames. Du biſt in einer größeren Gefahr, als du dir denkſt. Ich belauſchte Jonathan Wild's Befehle an Quilt Arnold und obgleich ſie rothwälſch und ſehr leiſe ſprachen, ſo hat mein raſches Ohr und meine Be⸗ kanntſchaft mit der Diebsſprache mich in den Stand geſetzt, jedes Wort zu verſtehen, das er ſprach. Jonathan iſt mit Sir Rowland im Bunde, um dich auf die Seite zu ſchaffen. Sie haben dich hierhergebracht, damit ihre Pläne deſto ſicherer ausgeführt werden können. Wenn wir nicht entfliehen, ſo wirſt Du vor Morgen früh verkauft oder ermordet werden und dein Verſchwinden wird der Nahläßiet des Konſtablers zugeſchrieben werden.“ „Biſt du deſſen gewiß?“ fragte Thames, der ein ſo muthiger Knabe wie einer war, aber bei dieſer Nachricht doch nicht einen leiſen Schauder unterdrücken konnte. „Ja wohl. Sobald ich in das Zimmer trat und dich als Gefangenen in Jonathan Wild's Händen ſah, errieth ich 196 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. wie die Sachen ſtanden und richtete mich danach. Es iſt nicht ſo gut abgelaufen, als ich dachte, aber es hätte ſchlimmer werden können. Ich kann dich retten und will es. Aber ſage, daß wir Freunde find.“ „Du täuſcheſt mich nicht?“ ſagte Thames weifelhaſ. „Nein, beim Himmel!“ erwiederte Sheppard nachdrücklich. „Schwöre nicht, Jack, ſonſt traue ich dir nicht. Ich kann dir meine Hand nicht geben, aber du kannſt ſie dir nehmen.“ „Danke! danke!“ rief Jack tief bewegt.„Ich werde dich bald von dieſen Armbändern befreien.“ „Du brauchſt dich nicht zu bemühen,“ erwiederte Thames, „Herr Wood wird gleich hier ſein.“ „Herr Wood!“ rief Jack erſtaunt.„Wie haſt du dich mit ihm in Verbindung ſetzen können?“ Abraham, der dem vorſtehenden Geſpräch aufmerkſam zugehört hatte, hielt jetzt den Athem an und legte das Ohr an die Bretter. „Durch den Wächter, der mich in Verwahrung hatte,“ antwortete Thames. „Verdamm' ihn!“ brummte Abraham. „St!“ rief Jack.„Mir däucht, ich hörte ein Geräuſch. Sprich leiſer. Es könnte uns einer aufpaſſen,— vielleicht der ſchlottrige alte Jude.“ „Meinethalben mag er es ſein,“ verſetzte Thames kühn. „So wird er hören, daß ſeine Abſichten vereitelt werden ſollen.“ „Er wird vielleicht die deinigen vereiteln,“ verſetzte Jack. „Das wird er,“ antwortete Abraham laut,„das wird er.“ „Tod und Teufel!“ rief Jack;„der alte Dieb iſt wirk⸗ lich da. Ich dachte es wohl. Du haſt dich verrathen, Thames.“ „Was thuts?“ kicherte Abraham.„Du kannſt ihn ja retten.“ Die Saint⸗Giles⸗Wache. 197 „Das kann ich und werde ich,“ verſetzte Jack. „Wann erwartet Ihr Herrn Wood?“ fragte der Janit⸗ ſchar ſpöttelnd. „Was geht's Euch an?“ entgegnete Jack verdrießlich. „Es iſt alles vorbei,“ murmelte Thames.„Herr Wood wird aufgefangen werden. Ich habe meine einzige Hoffnung verloren.“ „Nicht deine einzige Hoffnung,“ erwiederte Jack leiſe; „aber deine beſte. Getroſt! wir wollen ihnen doch noch ein Schnippchen ſchlagen. Glaubſt du wohl, wir beide könnten es mit dem alten Hampelmann aufnehmen, wenn wir aus dieſem Käfig heraus wären?“ „Ich wollte es wohl allein mit ihm aufnehmen, wenn meine Arme frei wären,“ erwiederte Thames muthig. „Sprecht doch laut,“ rief Abraham, mit den Fingern an die Thür klopfend.„Ich möchte hören, was Ihr ſagt. Ihr könnt keine Geheimniſſe mehr vor mir haben.“ „Warum ſprichſt du nicht mit deinen Kameraden oder mit Saint⸗Giles, wenn Du Unterhaltung haben willſt, Aaron?“ fragte Jack ſchlau. „Weil ſie im andern Zimmer ſind und weil die Thür zu iſt, mein Hühnchen!“ antwortete Abraham arglos. „Alſo ſo?“ murmelte Jack triumphirend,“ dann iſt es gut. Nun ans Werk, Thames! Mache ſo viel Lärm, als du kannſt, um ſeine Aufmerkſamkeit abzulenken.“ Bei dieſen Worten zog er die Eiſenſpitze aus der Taſche und in wenigen Minuten gelang es ihm, ſeinen Kameraden von dem Handeiſen zu befreien, während er das Geräuſch dieſer Operation durch Singen, Pfeifen, Trampeln und anderm Lärm zu übertäuben ſuchte. „Jetzt biſt du wieder mein Freund, Jack,“ rief Thames und drückte Sheppard aufrichtig die Hand.„Ich vergebe dir.“ Sheppard erwiederte den Händedruck und warnte Thames, .——— 198 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. die Handſchellen nicht fallen zu laſſen, ſonſt könnten ſie eine Geſchichte erzählen;“ dann begann er das folgende Bruch⸗ ſtück eines Räuberliedes herauszuſchmettern: „O! hätt' ich nur Meißel und Feile zu Handen, Und der Wärter ſoll ſagen: der hat's verſtanden!“ Trallera! „Was Teufel machſt du da, Poltergeiſt?“ fragte Abraham. „Uebe mich im Singen, Aaron,“ antwortete Jack.„Und du?“ „Uebe mich in der Geduld,“ murrte Abraham. „Nicht eher als nöthig iſt,“ erwiederte Jack laut und fügte flüſternd hinzu,„ſteige auf meine Schulter, Thames. So, jetzt nimm das Eiſen. Fühle nach dem Schloß und brich es auf,— ich brauche dir nicht zu ſagen, wie. Wenn es geſchehen iſt, will ich dich hinausſtoßen. Sorge du für den alten Hampelmann und überlaß das Uebrige mir.“ „Als der Schließer am Morgen hineingeſeh'n, Da hat er ſchier wollen vor Staunen vergeh'n; In der Wand ein Loch, die Feſſeln zerſchellt, Und der Burſch, der ſie trug, in die weite Welt!“ Trallera! Als Jack dies Liedchen beendigt hatte, flog die Thüre krachend auf und Thames ſprang hinaus. Dies Manöver ward ſo plötzlich ausgeführt, daß Abraham völlig davon über⸗ raſcht ward. Er ſtand gerade dicht vor dem Verſchlage mit dem Ohr am Schlüſſelloch und erhielt einen ſchweren Schlag ins Geſicht. Er taumelte einige Schritte zurück und ehe er zu ſich kommen konnte, ſchlug Thames ihm ein Bein unter und drohte ihn bei dem geringſten Schrei mit der Hellebarten⸗ ſpitze zu durchbohren. Während deſſen war Jack nicht un⸗ thätig geweſen. Er ſprang unmittelbar nach ſeinem Gefährten hinaus und ließ es ſein erſtes ſein, die nach innen führende Thüre abzuſchließen und den Schlüſſel herauszuziehen. Die Die Saint⸗Giles⸗Wache. 199 Klugheit dieſes Schrittes offenbarte ſich ſogleich. Quilt und Sharples hörten den Lärm und wollten ihrem Gefährten zu Hülfe eilen. Aber ſie kamen zu ſpät. Sie waren eingeſchloſſen und hatten noch den Verdruß Sheppard's lautes Gelächter zu hören. „Ich ſagte Euch wohl, das Gefängniß wäre noch nicht gebaut, das mich halten könnte,“ rief Jack. „Du biſt noch nicht heraus, Spitzbube,“ verſetzte Quilt und bemühte ſich vergebens die Thüre zu ſprengen. „Aber ich werde es bald ſein,“ erwiederte Jack;„da!“ rief er und ſchleuderte die Handeiſen gegen die Bretterwand, „trage ſie ſelbſt.“ „Halloh, Nab!“ tobte Quilt.„Was Teufel machſt du denn? Wirſt du dich von ein Paar Kinvern zwingen laſſen?“ „Wenn ich nicht muß, gewiß nicht,“ antwortete Abra⸗ ham und that ſein möglichſtes, um ſich aufzurichten. „Bei meiner Seele, Knabe,“ rief er wüthend,„ich bringe dich um, wenn du meinen Bart nicht los läßt.“ „Hilf mir, Jack!“ rief Thames,„ich kann den Schurken nicht länger feſthalten.“ „So ſtecke ihm das Eiſen in den Leib,“ erwiederte Jack gelaſſen,„ich will die Thür aufriegeln.“ Allein Thames wollte den Rath ſeines Freundes nicht befolgen, ſondern begnügte ſich damit, dem Juden die Waffe an die Kehle zu ſetzen und ihn mit aller Macht niederzuhalten. „Hurrah!“ rief Sheppard endlich, als der letzte Riegel ſeinen Anſtrengungen wich,, komm, Thames, wir ſind frei.“ „Nicht ſo ſchnell— nicht ſo ſchnell!“ rief Abraham, indem er ſich an Thames klammerte,„wenn Ihr fort wollt, müßt Ihr mich mitnehmen.“ „Rette dich, Jack!“ rief Thames, welcher der größeren Stärke ſeines Gegners nicht mehr wiederſtehen konnte;„rette dich und überlaß mich meinem Schickſal.“ 200 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Nimmermehr,“ erwiederte Jack und nahm ihm das Eiſen aus der Hand, mit dem er dem Janitſcharen einen heftigen Schlag auf den Kopf gab.„Diesmal will ich beſſer treffen,“ fuhr er fort und wollte den Schlag wiederholen. „Halt!“ vermittelte Thames,„er kann uns jetzt nichts mehr thun. Laß uns gehen.“ „Wie du willſt,“ erwiederte Jack aufſpringend;„aber ich hätte große Luſt, ein Enve mit ihm zu machen. Inzwiſchen, ich würde dem Henker nur ins Amt greifen.“ Und hiermit ſtand er im Begriff, ſeinem Freunde zu folgen, als Jonathan Wild und Blauhaut ihnen plötzlich den Weg vertraten. Dreizehntes Kapitel. Die Magdalene. Das Haus des würdigen Tiſchlermeiſters ward, wie man ſich denken kann, durch das unerklärliche Verſchwinden der beiden Knaben in die äußerſte Verwirrung und Beſtürzung verſetzt. Als die Zeit verſtrich und keiner von beiden wieder⸗ kam, wuchs Herrn Wood's Angſt zu einem ſolchen Grade, daß er ſie ſelbſt aufzuſuchen beſchloß, obwohl er nicht wußte, wohin er ſeine Schritte richten ſollte, als ein leiſes Klopfen an der Hausthüre ihn in ſeinem Vorhaben unterbrach. „Da iſt er!“ rief Winifred, freudig aufſpringend, und bewies durch ihren Ausruf, daß ihre Gedanken nur bei einem Einzigen weilten,„da iſt er!“ „Ich fürchte, nein,“ erwiederte ihr Vater mit zweifeln⸗ dem Kopfſchütteln.„Thames würde ſich die Thüre ſelbſt ge⸗ öffnet haben, und Jack ſucht in der Regel durch die Hinter⸗ thür oder durch das Ladenfenſter Zutritt, wenn er zur Unzeit ausgeweſen iſt. Aber, geh und ſieh zu, wer es iſt, meine Liebe. Warte! ich will ſelbſt hingehen.“ . Die Magdalene. 201 Seine Tochter kam ihm jedoch zuvor. Sie flog nach der Thüre, kam aber bald mit tiefem Verdruß in den Mienen wieder und brachte die Nachricht, es wäre„nur Miſtreß Sheppard.“ „Wer?“ kreiſchte Miſtreß Wood faſt auf. „Jack Sheppard's Mutter,“ antwortete das kleine Mäd⸗ chen niedergeſchlagen;„ſie hat Ihnen einen Korb voll Eier und einige Blumen aus Willesden mitgebracht.“ „Mir!“ rief Miſtreß Wood in unwilligem Staunen us,„Eier für mich! Du irrſt dich, Kind. Sie müſſen für deinen Vater ſein ſollen.“ „Nein, ich habe genau gehört, daß ſie geſagt hat, für Sie,“ erwiederte Winifred,„aber ſie wünſcht, Vater zu ſprechen.“ „Ich dachte es wohl,“ pöhnte Miſtreß Wood. „Ich will gleich zu ihr gehen,“ ſagte Wood und eilte nach der Thüre.„Sie wird ſich wahrſcheinlich nach Jack er⸗ kundigen wollen.“ „Sie wird wahrſcheinlich nichts dergleichen wollen,“ unterbrach ihn ſeine beſſere Hälfte mit Anſehen,„ſei ſo gut und bleibe hier.“ „Wenigſtens erlaube, daß ich ſie wieder fortſchicke, meine Liebe,“ bat der Tiſchler, der den drohenden Sturm gern ver⸗ meiden wollte. „Hörſt du nicht?“ rief die Hausfrau mit ſteigender Heftig⸗ keit.„Unterſteh dir nicht hinauszugehen.“ „Aber, meine Liebe,“ wandte Wvod ein,„du weißt, daß ich nach dem Knaben ſehen will—“ „Nach Miſtreß Sheppard, wollteſt du wohl ſagen,“ unterbrach ihn ſeine Frau ironiſch.„Denke nicht, daß du mir mit deinen Ausflüchten etwas aufbinden kannſt. Ei! ſeht doch. Ich laſſe mir ſo leicht nichts weiß machen. Setz dich hin, ich will es haben. Winny, führe dies Frauenzimmer herein. 202 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Ich will ſie ſelbſt ſprechen. Das wird ſie ſich gewiß nicht haben träumen laſſen.“ Herr Wood ſah ein, daß es vergebens ſein würde, ſich länger zu widerſetzen und ließ ſich demüthig auf einen Stuhl nieder, während ſeine Tochter hinauseilte, um die Befehle ihrer eigenmächtigen Mutter auszuführen. „Endlich werde ich meinen Willen haben,“ fuhr Miſtreß Wood fort, indem ſie ihren Gemahl mit triumphirender Schadenfreude anblickte.„Ich werde dies ſchamloſe Menſch von Angeſicht zu Angeſicht ſehen, und wenn ſie wirklich ſo gut ausſieht, wie ſie beſchrieben wird, ſo weiß ich nicht, zu was ich im Stande bin; aber ich kratze ihr wenigſtens die Augen aus.“ Man wird ſich vorſtellen können, daß der Empfang der Wittwe, die jetzt gerade von Winifred hereingeführt ward, bei einer ſolchen Stimmung eben nicht zuvorkommend aus⸗ fiel. Indem ſie nähertrat betrachtete die Tiſchlerfrau ſie von Kopf bis zu Füßen in der Hoffnung, irgend etwas tadel⸗ haftes an ihrer Perſon oder Kleidung zu entdecken. Aber fie täuſchte ſich. Miſtreß Sheppard's Gewänder waren äußerſt nett und rein, aber einfach und aus den anſpruchsloſeſten Stoffen, und ihr Benehmen war ſo demüthig, ihr Blick ſo beſcheiden, daß, wäre ſie häßlich geweſen, ſie möglicherweiſe die Pfeile der Bosheit, welche auf ſie geſchleudert werden ſollten, entwaffnet haben könnte. Aber ach! ſie war ſchön— und Schönheit iſt in den Augen einer eiferſüchtigen Frau ein Verbrechen. Da die Zeit und die günſtigeren Umſtände eine be⸗ merkungswerthe Veränderung in dem Aeußern der armen Wittwe hervorgebracht hatten, ſo mag es nicht unangemeſſen ſein, ihrer hier zu erwähnen. Als ſie dem Leſer zum erſten⸗ male vorgeführt ward, war ſie ein elendes, bejammernswerthes Weſen, mit ſchmutzigem Anzuge, eingeſunkenen Blicken und Die Magdalene. 203 hinfälligem Körper. Jetzt war ſie von allem dem das Gegen⸗ theil. Ihre Kleidung war, wie eben erwähnt worden, die Sauberkeit und Einfachheit ſelbſt. Ihre Geſtalt, obwohl ſchlank, beſaß alle Fülle der Geſundheit, und ihre Geſichtsfarbe, noch immer blaß, jedoch ohne den früheren kränklichen Anſtrich, ſtach angenehm gegen ihre dunkeln Augbrauen und noch dunk⸗ leren Wimpern ab. Eine auffallende Verſchiedenheit zwiſchen der armen Verlorenen, die von Armuth und Schande erdrückt, ihre Zuflucht zu dem betäubenden Getränk,— jener ſchlimmſten „Arznei eines kranken Gemüths“— genommen hatte,— und zwiſchen demſelben Geſchöpf das von ſeinen Laſtern be⸗ freit, durch ein glücklicheres Zuſammentreffen der Umſtände der Zufriedenheit und Gemächlichkeit, wo nicht dem Glück wiedergegeben war, zeigte ſich in ihrem Munde. Denn die friſche und fieberhafte Färbung, welche ihren Lippen vor mehreren Jahren eigenthümlich geweſen waren, war jetzt einer geſunden Röthe gewichen, welche eine gänzliche Aenderung ihres Lebenswandels bekundete; und obwohl der gemeine Ausdruck ihres Mundes in gewiſſer Hinſicht unverändert ge⸗ blieben war, ſo hatte er ſich doch ſo ſehr gemäßigt, daß er keinen ungünſtigen Eindruck mehr machte. Ueberhaupt war ihr ganzes Geſicht wie umgewandelt. Seine Reize hatten ſich vermehrt und ſeine Mängel waren verhältnißmäßig in den Hintergrund getreten. Am bemerkenswertheſten war eine Art von Feinheit, welche jetzt im Gegenſatz zu früheren Zeiten ihre Züge umſpielte und anzudeuten ſchien, daß ihre eigent⸗ liche Stellung im Leben viel höher war, als diejenige, in welche der Zufall ſie geworfen hatte. „Nun, Mißſtreß Sheppard,“ ſagte der Tiſchlermeiſter, ihr entgegengehend, und ſuchte ſo ruhig und vergnügt wie möglich auszuſehen;„was führt Euch in die Stadt?— Hoffentlich nichts Schlimmes?“ „Durchaus nicht, Sir,“ antwortete die Wittwe.„Ein 204 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Nachbar bot mir eine Fahrt nach Paddington an, und da ich ſeit einiger Zeit nichts von meinem Sohn gehört habe, ſo konnte ich der Verſuchung nicht widerſtehen, mich nach ihm zu erkundigen und Ihnen für Ihre große Güte gegen uns laut zu danken. Ich habe etwas Grünzeug und einige Eier für Sie mitgebracht, Madame,“ wandte ſie ſich an Miſtreß Wood, die ihre Kraft zu einem furchtbaren Ausbruch zu ſammeln ſchien,„und ich hoffe, daß ſie ihnen genehm ſind. Hier iſt ein Strauß für Sie, meine Liebe, wenn Ihre Mutter mir erlaubt, ihn Ihnen anzubieten,“ fuhr ſie gegen Winifred gewandt fort, indem ſie ihren Korb öffnete und ein duftendes Bouquet herausnahm. „Rühr ihn nicht an, Winny!“ fuhr Miſtreß Wood „er könnte vergiftet ſein.“ „O, ich fürchte mich nicht, Mutter,“ ſagte das kleine Mädchen.„Wie ſchön dieſe Roſen riechen! Soll ich ſie in Waſſer ſetzen?“ „Lege ſie wieder hin, wo ſie hergekommen find, und geh zu Bett,“ antwortete Miſtreß Wood ſtrenge. „Aber, Mutter, darf ich nicht aufbleiben und warten, ob Thames wieder kommt?“ bat Minifred. „Was kann es dich angehen, ob er wieder kommt oder nicht, Kind,“ verſetzte Miſtreß Wood mit Härte.„Ich habe es geſagt. Und mein Wort iſt Geſetz,— wenigſtens für dich,“ und hier warf ſie ihrem Gemahl einen ſtrafenden Blick zu. Das kleine Mädchen wagte nichts zu antworten, ſondern legte die Blumen wieder in den Korb und ging mit Thränen in den Augen hinaus. Miſtreß Sheppard ſah dieſem Verfahren mit Bangig⸗ keit zu und blickte furchtſam nach dem Tiſchlermeiſter hin, um einen Wink wegen ihres ferneren Benehmens zu erhalten; aber als dieſer ausblieb, denn Wood war zu aufgeregt, um —.———— Die Magdalene. 205 auf ſie zu achten, ſo wagte ſie ihre Befürchtung auszudrücken, daß ſie ungelegen komme. „Ungelegen!“ wiederholte Miſtreß Wood,„o freilich! Ich wundre mich, wie Ihr es Euch herausnehmen könnt, Euch in dieſem Hauſe ſehen zu laſſen.“ „Ich dachte, ſie hätten mich hereinholen laſſen, Madam,“ erwiederte die Wittwe demüthig. „Ich wollte nur ſehen, wie weit Eure unverſchämtheit gehen würde,“ verſetzte Miſtreß Wood. „Es thut mir gewiß ſehr leid. Ich hoffe, ich habe nicht unabſichtlich beleidigt?“ ſagte die Wittwe und wandte ſich noch einmal geduldig an Wood. „Liebäugelt nicht mit ihm vor meinen eigenen Augen!“ kreiſchte Miſtreß Wood,„ich leide es nicht. Seht mich an und antwortet mir auf eins. Und keine Ausflüchte, hört Ihr wohl!— ich verlange die reine Wahrheit.“ Miſtreß Sheppard erhob die Augen und heftete ſie auf die Fragerin. „Seid Ihr nicht die Liebſte von dem Mann da?“ fragte Miſtreß Wood mit einem Blick, der ihre vermeintliche Neben⸗ buhlerin zu Staub zermalmen ſollte. „Ich bin keines Menſchen Liebſte,“ antwortete die Wittwe und erröthete bis an die Stirn, ohne jedoch ihr fanftes Be⸗ nehmen und ihren demüthigen Ton zu verlieren. „Das iſt nicht wahr!“ rief Miſtreß Wood.„Ich kenne Eure Schliche zu gut, um es zu glauben. Unehrbare Frauen⸗ zimmer beſſern ſich nie. Er hat mir genug von Euch er⸗ zählt—“ „Meine Liebe,“ vermittelte Wood,„um alles in der Welt—“ „Ich will aber ſprechen,“ kreiſchte ſeine Frau, ohne ſeine Vorſtellungen im Mindeſten zu beachten;„ich will 206 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. dieſem elenden Geſchöpf ſagen, was ich von ihr weiß,— und was ich von ihr denke.“ „Nicht jetzt, meine Liebe; nicht jetzt,“ bat Wood. „Ja, jetzt,“ verſetzte ſeine aufgebrachte Ehehälfte;„viel⸗ leicht habe ich nie wieder Gelegenheit dazu. Sie hat ſich bis zu dieſem Augenblick gehütet, mir unter die Augen zu. kommen und wird ſich künftig gewiß erſt recht davor hüten.“ „Es war meine Schuld, Theuerſte,“ warf der Tiſchler⸗ meiſter ein;„ich fürchtete immer, daß eine Art Auftritt, wie dieſer, daraus entſtehen würde, wenn du ſie ſäheſt.“ „Hören Sie mich an, ich bitte Sie, Madame,“ nahm Miſtreß Sheppard das Wort,„und wenn Sie Ihren Zorn gegen Jemand auslaſſen müſſen, ſo thun Sie es gegen mich und nicht gegen Ihren vortrefflichen Gemahl, deſſen einziger Fehler darin beſteht, daß er einem ſo unwürdigen Gegen⸗ ſtande, wie mir, Wohlthaten erwieſen hat.“ „Unwürdig, ohne Zweifel!“ höhnte Miſtreß Wood. „Ihm verdanke ich Alles,“ fuhr die Wittwe fort,„ſelbſt das Leben,— ja, mehr noch als das Leben,— denn ohne ſeinen Beiſtand wäre ich an Leib und Seele umgekommen. Er iſt mir und meinem Kinde ein Vater geweſen.“ „An dem letzteren habe ich nie gezweifelt; wahrhaftig, Madame,“ ſchaltete Miſtreß Wood ein. „Sie haben geſagt,“ fuhr die Wittwe fort,„daß, wer einmal gefehlt hat, unwiderbringlich verloren iſt. Glauben Sie es nicht, Madame. Es iſt nicht der Fall. Die arme Ungtückliche, welche die Verzweiflung zu einem Verbrechen treibt, das ihre Seele verabſcheut, iſt eben ſo wenig unver⸗ beſſerlich, als ſie der ewigen Barmherzigkeit verluſtig geht. Ich habe gelitten,— ich habe geſündigt,— ich habe bereut. Und wenn auch weder Frieden noch Unſchuld je wieder in meine Bruſt einziehen können, wenn auch Thränen meine Vergehungen nicht auslöſchen, noch Gram meine Schande Die Magdalene. 207 vertilgen kann, ſo verzweifle ich im Bewußtſein meiner auf⸗ richtigen Reue doch nicht an der Verzeihung meiner Ueber⸗ tretungen.“ „Gewaltig ſchön gepredigt!“ rief Miſtreß Wood ver⸗ ächtlich. „Sie können mich nicht verſtehn, Madame, und es iſt gut, daß Sie es nicht können. Mit einem liebevollen Gemahl geſegnet, von allen Annehmlichkeiten des Lebens umgeben, haben Sie niemals die fürchterlichen Verſuchungen auszu⸗ halten brauchen, denen das Elend mich ausgeſetzt hat. Sie haben niemals gewußt, was es heißt, Nahrung, Kleidung und Obdach zu entbehren. Sie haben niemals Ihr Kind in Ihren Armen vor Hunger umkommen ſehn, wenn keine Hülfe zu finden war. Sie haben niemals alle Herzen gegen ſich verhärtet geſehn, Sie haben niemals den Hohn oder den Fluch von jeder Lippe gehört, noch den Schimpf und den Schlag von jeder Hand ertragen. Ich habe alles dies er⸗ duldet. Jetzt könnte ich der Verſuchung widerſtehn. Ich bin kräftig an Körper und Geiſt. Aber damals— O, Madame, es gibt Augenblicke,— finſtre Augenblicke, welche ein ganzes Daſein verdunkeln,— im Leben des armen ob⸗ dachloſen Unglücklichen, der die Straßen durchſtreift, wo ſeine Vernunft halb vernichtet iſt, wo er nur die fürchter⸗ lichen Eingebungen der Verzweiflung hört und wo das Laſter ſelbſt den Schein der Tugend annimmt. Verzeihen Sie mir, was ich geſagt habe, Madame. Ich will meine Schuld nicht beſchönigen,— viel weniger ſie rechtfertigen; aber ich möchte Ihnen und allen denen, die gleich Ihnen glücklicher⸗ weiſe ſolchen Prüfungen, wie die meinigen, nicht kennen, zeigen, wie viel Antheil das Elend am Verbrechen hat. Und ich betheure Ihnen aus meiner innerſten Ueberzeugung, daß diejenige, welche fällt, weil ihr nicht die Kraft zum Kampf gegen Trübſale verliehen iſt, gebeſſert werden kann,— be⸗ ———————————— 208 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. reuen und Verzeihung erhalten kann,— wie Jene, deren Sünden, obgleich vielfältig, ihr verziehen wurden!“ „Es freut mich von Herzen, Euch ſo ſprechen zu hören, Johanne,“ ſagte Wood tiefbewegt und Thränen füllten ſeine Augen;„ich bin dadurch mehr als belohnt für Alles, was ich für Euch gethan habe.“ „Wenn bloße Betheuerungen eine Magdalene ausmachen, ſo iſt Miſtreß Sheppard ohne Zweifel eine ſolche,“ ſagte Miſtreß Wood ironiſch,“ aber ich dachte, es gehörte etwas mehr als bloße Worte dazu, um zu beweiſen, daß man falſch beurtheilt worden iſt.“ „Ganz recht, meine Liebe,“ ſagte Wood,„eine ſehr vernünftige Bemerkung. Aber in dieſem Punkt kann ich gutes Zeugniß ablegen. Miſtreß Sheppard's Betragen iſt nach meiner eigenen perſönlichen Kenntniß ſeit den letzten zwölf Jahren durchaus tadellos geweſen. Sie war während dieſer ganzen Zeit ein Muſter von guter Aufführung.“ „O, ja freilich,“ verſetzte Miſtreß Wood,„ein ſo un⸗ eigennütziges Zeugniß kann ich keinen Augenblick in Zweifel ziehn. Miſtreß Sheppard wird gewiß daſſelbe von dir ſagen. Er iſt ein Muſter von ehelicher Liebe und Treue, ein Bei⸗ ſpiel für ſeine Familie und ein Vorbild für ſeine Nachbarn. Nicht wahr, Madame?“ „Das iſt er in der That,“ erwiederte die Wittwe mit Wärme;„mehr,— weit mehr als das.“ „Nichts dergleichen iſt er!“ rief Miſtreß Wood auffah⸗ rend.„Ein niederträchtiger, heuchleriſcher, tyranniſcher, grau⸗ köpſiger Wüſtling iſt er,— das iſt er. Aber ich will ihn zu Schanden machen! Die Welt ſoll ſeine Schlechtigkeiten erfahren und dann wollen wir ſehn, was an ihm iſt. Ei! da komme mir doch einer, wenn ich ihm nicht zeige, was eine beleidigte Frau thun kann. Wenn alle Frauen ſo klug und ſo aufgeweckt wären, wie ich, ſo würden die Männer nilighehiitiiiciiie Die Magdalene. 209 bald einſehn, wie unbedeutend ſie find. Aber es wird eine Zeit kommen, und das bald, wo unſer Geſchlecht den Vor⸗ rang behaupten wird; und wenn wir erſt die Oberhand haben, ſo laß ſie doch verſuchen, ob ſie uns bezwingen können. Aber denken Sie nicht, daß dies irgend auf Sie Bezug hat, Madame. Ich ſpreche von tugendhaften Frauen, — von angetrauten Ehefrauen, Madam. Ein Schätz⸗ chen verdient weder Achtung noch Mitleid.“ „Ich verlange kein Mitleid,“ verſetzte Miſtreß Sheppard ſanft,„und bedarf es auch nicht. Aber um keine Mißhellig⸗ keiten ferner zwiſchen Ihnen und meinen Wohlthäter zu veranlaſſen, will ich London lieber auf immer verlaſſen.“ „Bitte, thun Sie es doch, Madam,“ entgegnete Miſtreß Wood,„und nehmen Sie auch Ihren Sohn mit.“ „Meinen Sohn!“ wiederholte die Wittwe zitternd. „Ja, Ihren Sohn, Madam. Wenn Sie etwas Ordent⸗ liches mit ihm aufſtellen können, ſo können Sie mehr als wir. Wir wären ihn gern aus dem Hauſe los, denn ein größerer Faullenzer und Taugenichts iſt noch nie über unſte Schwelle gekommen.“ „Iſt dies wahr, Sir?“ rief Miſtreß Sheppard, ſich angſtvoll an Wood wendend.„Ich weiß, daß Sie mich nicht täuſchen werden. Iſt Jack ſo, wie Miſtreß Wood ihn beſchreibt?“ „Er iſt nicht ganz ſo, wie ich es wünſchte, Johanne,“ erwiederte der Tiſchlermeiſter zögernd.„Aber ein wider⸗ ſpenſtiges Füllen wird zuweilen ein gutes Pferd. Er wird ſich hoffentlich beſſern.“ „Niemals,“ ſagte Miſtreß Wood,—„niemals wird er ſich beſſern. Er hat ſchon mehr als einen Schritt nach dem Galgen gethan. Diebe und Stzitzbuben ſind ſeine be⸗ ſtändige Geſellſchaft.“ „Diebe!“ rief Miſtreß Sheppard, vor Sön ſtarrend. Ainsworth, Jack Sheppard. I. 210 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Jonathan Wild und Blauhaut haben ihn in ihre Hände genommen,“ fuhr Miſtreß Wood fort. „Unmöglich!“ rief die Wittwe halb wahnfinnig. „Wenn Sie meine Worte bezweifeln,“ erwiederte die Tiſchlerfrau kalt,„ſo fragen Sie nur Herrn Wood.“ „Ich weiß, Sie werden dem widerſprechen, Sir,“ ſagte die Wittwe, indem ſie einen Blick auf Wood warf, als fürchtete ſie, ihr Unglück beſtätigt zu hören,—„ich weiß, Sie werden es.“ „Ich wollte, ich könnte es, Johanne,“ entgegnete der Tiſchlermeiſter ernſt. Miſtreß Sheppard ließ ihren Korb fallen. „Mein Sohn!“ murmelte ſie kläglich die Hände rin⸗ gend,—„mein Sohn der Gefährte von Dieben! Mein Sohn in Jonathan Wild's Gewalt! Es kann nicht ſein.“ „Warum nicht?“ verſetzte Miſtreß Wood ſchneidend. „Sein Vater war ein Dieb und Jonathan Wild war ſein Freund, wenn ich mich nicht irre,— da iſt es doch wohl ſo unnatürlich nicht, wenn er eine Art von Vorliebe für Jack zeigt.“ „Jonathan Wild war meines Mannes bitterſter Feind,“ ſagte Miß Sheppard.„Er führte ihn zuerſt von dem Pfade der Rechtlichkeit ab und überließ ihn dann einem ſchimpflichen Tode, und er hat geſchworen, daß er meinem Sohne daſſelbe thun will. O Himmel, daß ich mich je der Hoffnung eines zukünftigen Glücks hingeben konnte, ſo lange dieſer fürchter⸗ liche Mann lebt!“ „Beruhigt Euch, Johanne,“ ſagte Wood,„es kann Alles noch gut werden.“ „O nein,— nein,“ erwiederte Miſtreß Sheppard kum⸗ mervoll.„Wenn dies wahr iſt, kann es nie gut werden. „Sagen Sie mir, Sir,“ fuhr ſie mit gezwungener Ruhe fort und ergriff Wood's Arm;„was hat Jack gethan? Sagen Die Magdalene. 1 Sie es kurz, damit ich das Schlimmſte weiß. Ich kann Alles ertragen, nur nicht Ungewißheit.“ „Ihr regt Euch unnöthig auf, Johanne,“ erwiederte Wood beſänftigend.„Jack hat ſich in ſchlechte Geſellſchaft begeben. Das iſt der einzige Fehler, von dem ich weiß.“ „Gott ſei dafür Dank!“ rief Miſtreß Sheppard inbrünſtig. „Dann iſt es noch nicht zu ſpät, ihn zu retten. Wo iſt er, Sir? Kann ich ihn ſprechen?“ „Nein, das geht nicht,“ antwortete Miſtreß Wood; „er iſt ohne Erlaubniß ausgegangen und hat Thames Darrell mitgenommen. Wenn ich mein Mann wäre, ſo würde ich ihn ſeiner Wege ſchicken. Ich hielte mir keinen Lehrling, der ſich meinen Befehlen widerſetzte.“ Herrn Wood's Entgegnung, wenn er überhaupt eine zu geben beabſichtigte, ward durch ein lautes Klopfen an der Hausthür verhindert. „Was in aller Welt mag dies bedeuten?“ rief er höchſt beunruhigt. „Es iſt Jonathan Wild, der mit einem Trupp Kon⸗ ſtabeln zurückgekommen iſt, das Haus zu durchſuchen,“ ver⸗ ſetzte Miſtreß Wood nicht minder erſchrocken.„Sie werden uns Alle ermorden. O, wenn Herr Kneebone doch hier wäre und mich beſchützte!“ „Wenn es Jonathan iſt,“ entgegnete Wood,„ſo kann Herr Kneebone ſich freuen, daß er nicht hier iſt. Er würde genug mit ſeiner eigenen Vertheidigung zu thun haben, ohne ſich um dich zu bekümmern. Ich fürchte mich wahrhaftig beinahe nach der Thür zu gehn. Es muß dem Knaben etwas zugeſtoßen ſein.“ „Iſt Jonathan Wild heute hier geweſen?“ fragte Miſtreß Sheppard ängſtlich. „Ja wohl, und Blauhaut auch,“ erwiederte Miſtreß Wood. Sie ſind eben erſt fortgegangen. Gott behüte uns, 212 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. welch ein Lärm,“ fuhr ſie fort, als ſich das Klopfen noch heftiger als vorher wiederholte. Während der Tiſchlermeiſter mit böſen Ahnungen un⸗ ſchlüſſig das Zimmer verließ, hörte man ſchnelle, leichte Fußtritte die Treppe herab kommen, und ehe er es verhin⸗ dern konnte, ward ein Mann auf die Hausflur hereingelaſſen. „Wohnt Herr Wood hier, meine hübſche Miß?“ fragte die rauhe Stimme des irländiſchen Nachtwächters. „Ja,“ antwortete Winifred,„bringen Sie ten von Thames Darrell?“ „Ja freilich,“ erwiederte Terenz;„aber, Gottes Segen über ihr kleines Engelsgeſicht, woher konnten Sie das wiſſen?“ „Iſt er geſund?— iſt er in Sicherheit?— kommt er wieder?“ rief das kleine Mädchen, ohne ſeine Frage zu be⸗ antworten. „Er iſt in der St. Giles' Wache,“ antwortete Terenz; „aber ſagen Sie Herrn Wood, daß ich hier bin, und ihm von ſeinem natürlichen Sohn etwas zu ſagen habe; und halten Sie mich nicht auf, mein Herzchen, denn es iſt keine Minute zu verlieren, wenn der arme Junge aus den Klauen von dieſem Aller⸗Welts⸗Diebe und Diebesfänger, Jonathan Wild, gerettet werden ſoll.“ Der Tiſchlermeiſter, dem kein Wort von dieſem eiligen Zwiegeſpräche entgangen war, trat jetzt näher, und als er Alles von Terenz gehört hatte, was dieſer ihm über Thames' gefährliche Lage mittheilen konnte, erklärte er ſich bereit, ſo⸗ gleich mit nach St. Giles zu gehn und eilte in das Zimmer zurück, um Hut und Stock zu holen, wobei er ſeinen feſten Entſchluß ausſprach, indem er ſeinen Konſtablerſtab einſteckte, mit dem er ſich zu bewaffnen für gut fand, daß er an dem Diebsfänger ſchreckliche Rache nehmen wollte; einen Ent⸗ ſchluß, in dem ſeine Frau ihn ſehr beſtärkte. Terenz, der ihm gefolgt war, blieb unterdeſſen nicht müſſig, ſondern Die Magdalene. 213 wiederholte ſeine Geſchichte zum Beſten Miſtreß Sheppard's. Die arme Wittwe wollte vor Kummer vergehn, als ſie hörte, daß ein Diebſtahl begangen war, an dem ihr Sohn(denn es war ihr nicht mehr zweifelhaft, daß Jack einer der beiden Knaben ſein mußte) betheiligt war; auch ward ihre Angſt keineswegs durch Miſtreß Wood gemildert, welche ſteif und feſt dabei blieb, daß, wenn Thames zu etwas Schlechten verführt wäre, es nur durch die Einwirkung ſeines nichts⸗ nutzigen Gefährten geſchehn ſein könnte. „Und darin haben Sie Recht, Madam, verlaſſen Sie ſich darauf,“ meinte Terenz.„Meiſter Thames Ditt,— oder wie der liebe Junge ſonſt heißen mag,— ſieht man die Ehrlichkeit aufs Geſicht geſchrieben; aber ſein Kamerad Jack Sheppard, glaube ich, nennen ſie ihn, das iſt ein ge⸗ borner Dieb von Kindesbeinen an. Weiß Gott, Madam! in unſerm Amt kriegen wir eine Menge ſolches Volk zu ſehn. Dieſe jungen Spitzbuben ſehen einer wie der andre aus. Ich merkte gleich beim erſten Blick, daß er einer war,— und'n recht abgefeimter.“ „Oh!“ ächzte die Wittwe und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen. „Nehmt einen Schluck Branntwein, ehc wir gehn,“ Nachtwächter,“ ſagte Wood, indem er ein Glas voll ſchenkte und an Terenz reichte.„Wollt Ihr Euch nicht zureden laſſen, Johanne?“ fragte er und bot Miſtreß Sheppard auch ein Glas an, das ſie mit Dank ablehnte.„Wenn Ihr uns begleiten wollt, möchte es Euch gut ſein.“ „Sie ſind ſehr gütig, Sir,“ erwiederte die Wittwe, „aber ich brauche keine Stärkung. Seit Jahren iſt kein kräftigeres Getränk als Waſſer über meine Lippen gekommen.“ „Davon brauchen wir hoffentlich nicht mehr zu glauben, als wir mögen, meinte die Tiſchlerfrau ſpöttiſch.„Wood,“ fuhr ſie mit befehleriſchem Tone fort, als ſie ihren Mann r 214 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. zum Ausgehen bereit ſah,„ein Wort, ehe du fortgehſt. Wenn Jack Sheppard oder ſeine Muttgr je wieder in dies Haus kommen, ſo verlaſſe ich es— weiter ſage ich nichts. Jetzt thue, was dir gefällt. Du kennſt meinen feſten Entſchluß.“ Herr Wyod antwortete hierauf nichts, ſondern küßte ſeine weinende Tochter und hieß ſie guten Muthes ſein. Dann eilte er mit Terenz und der Wittwe fort. Als ſie in die Nähe der Wache kamen, verlor Terry den Muth. Wild's rach⸗ ſüchtiger Charakter flößte ſo großen Schrecken ein, daß nur wenige ſich ihm zu ſtellen wagten, wenn ſie ihm Urſache zum Verdruß gegeben hatten. Wohlwiſſend, daß er durch ſeine Handlungsweiſe den heftigſten Zorn des Diebsfängers ver⸗ wirkt hatte, ſchien es dem Nachtwächter, deſſen Groll gegen Quilt Arnold während ſeines Ganges verflogen war, das gerathenſte, ein Zuſammentreffen mit ſeinem Herrn wenigſtens ſo lange zu vermeiden, bis der Sturm ſich einigermaßen ge⸗ legt hätte. Nachdem er Wood daher einige für zweckmäßig gehaltene Anweiſungen gegeben und eine angemeſſene Be⸗ lohnung für ſeine Dienſte erhalten hatte, entfernte er ſich. Erſt nach langem Zögern und vieler Umſtändlichkeit von Seiten Sharple's konnte der Tiſchlermeiſter und ſeine Be⸗ gleiterin Einlaß in das Gefängniß erlangen. Er nahm fie durch ein kleines vergittertes Schauloch in Augenſchein und weigerte ſich, ihnen die Thür aufzumachen, ehe ſie ihn nicht mit ihrem Verlangen bekannt gemacht hätten. Hierzu konnte ſich Wood zufolge Terry's Warnung nur ſchwer entſchließen; aber als er ſah, daß ihm nichts anderes übrig blieb, ſo ſagte er ihm, zu welchem Ende er gekommen wäre, und die Riegel wurden zurückgeſchoben. Kaum war er drinnen, ſo ſchien ſich das Benehmen des Konſtabels ganz geändert zu haben. Er war jetzt eben ſo höflich, als er vorher grob geweſen war. Nach einigen Entſchuldigungen wegen des Aufenthalts, beantwortete er die ihm in Betreff der Knaben —.——— Die Magdalene. 215 vorgelegten Fragen damit, daß er jede Ablieferung von der⸗ artigen Gefangenen rundweg läugnete, und bot ihnen an, ſie in jede Zelle des Gebäudes zu führen, um ſeine Be⸗ hauptung zu beweiſen. Dann verriegelte und verſchloß er die Thür, zog den Schlüſſel heraus(eine Vorſichtsmaßregel, die er nie vernachläßigte, wie er ihnen mit bitterſüßem Lächeln ſagte) ſteckte ihn in die Taſche und führte das Paar in die innere Abtheilung. Indem Wood ihm folgte, glitt er mit dem Fuß aus und als er die Augen auf den Boden richtete, bemerkte er, daß dieſer an mehreren Stellen mit Blut be⸗ fleckt war. Aus der Friſche der Flecke, welche deſto zahl⸗ reicher wurden, je mehr ſie ſich dem anſtoßenden Gemach näherten, war deutlich zu ſchließen, daß hier vor Kurzem eine Gewaltthat geſchehen ſein mußte, und dem Tiſchlermeiſter erſtarrte das Blut in den Adern bei dem fürchterlichen Ge⸗ danken, daß vielleicht an eben dieſer Stelle, wenige Minuten vor ſeinem Eintritt, ſein Pflegeſohn grauſamerweiſe hinge⸗ ſchlachtet ſein könnte. Auch ward dieſer Eindruck nicht ge⸗ ſchwächt, als er den Blick nach Miſtreß Sheppard wandte und in ihren erſchreckten Mienen las, däß ſie dieſelbe Ent⸗ deckung gemacht hatte. Aber es war jetzt zu ſpät umzu⸗ kehren und er folgte ſeinem Führer, indem er ſich auf das Aeußerſte gefaßt machte. Kaum hatten ſie das Zimmer be⸗ treten, als Sharples, der ſie vorangehen ließ, ſchnell zurück⸗ trat, die Thüre zuwarf und ſie abſchließend, laut über den Erfolg ſeiner Kriegsliſt lachte. Der Verdruß über ſeine Un⸗ vorſichtigkeit, ſich in einer ſolchen Falle fangen zu laſſen, ließ Wood einige Augenblicke lang verſtummen. Sobald er Worte ſinden konnte, verſuchte er die dringendſten Mittel, um den Konſtabel zu ſeiner Freilaſſung zu bewegen. Aber Drohungen und Bitten,— ſelbſt Verſprechungen waren ver⸗ geblich; und der unglückliche Gefangene mußte, nachdem er ſeine Ueberredungskunſt erſchöpft hatte, ſeinen Zweck aufgeben. 216 Zweiter Abſchmtt. 1715. Thames Darrell. Das Zimmer, in welchem er eingeſchloſſen war,— daſſelbe, welches die Mohocks kurz zuvor eingenommen hatten, — war ganz dazu geeignet, ſeine Beſorgniſſe und ſeinen Widerwillen zu vermehren. Die Luft war durch die vermiſch⸗ ten Dünſte von Taback, Bier, Branntwein und andern Ge⸗ tränken faſt erſtickend. Die längs den Wänden hinlaufenden Bänke waren trotz der eiſernen Klammern, mit denen ſie be⸗ feſtigt waren, gewaltſam abgeriſſen, und der Tiſch, der auf dieſelbe Art auf den Fußdielen angenagelt war, lag umge⸗ ſtürzt da und alles was darauf geſtanden hatte, Flaſchen, Krüge, Gläſer und Bowlen waren zerbrochen und über den ganzen Fußboden hingeworfen. Alles verkündete die Zer⸗ trümmerungswuth der vorigen Inhaber des Gemachs. Hier lag ein Haufen Thürklopfer von allen Größen, von dem ſchweren Löwenkopf bis zu dem kleinen Meſſing⸗ klöppel; dort eine Sammlung von Ladenſchildern, auf denen die Namen und Berufsarten ihrer Eigenthümer ganz un⸗ leſerlich gemacht waren. Auf dieſer Seite ſtanden die Werk⸗ zeuge, mit denen der letzte dieſer Pagenſtreiche vollführt war, — nämlich ein Eimer voll Farbe und ein Pinſel; an jener war eine Trophäe aufgerichtet aus einer Nachtwächterknarre, einem Treſſenhut ohne Boden, der über eine Laterne geſtülpt war, einer durch Punſch gezogenen Campagneperücke, einem zerriſſenen Steenkirkkragen und Manſchetten, etwa einem halben Dutzend Piken und einem zerbrochenen Degen. Indem der Tiſchlermeiſter noch mit dieſem Schauſpiet der Zerſtörung beſchäftigt war, ward ſeine Aufmerkſamkeit von Miſtreß Sheppard auf einen grauenerregenden Gegen⸗ ſtand in einer Ecke gelenkt. Es war ein menſchlicher Körper, dem Anſchein nach leblos, der auf einer Matratze hingeſtreckt lag und deſſen Kopf in ein von Blut geröthetes Leinentuch gewickelt war. Neben dem Körper, welcher, wie man er⸗ rathen wird, der des Abraham Mendez war, ſaßen zwei — — Die Magdalene. 217 Menſchen von rohem Ausſehen ruhig rauchend und ſich nicht im mindeſten um die beiden Ankömmlinge kümmernd. Ihre Unterhaltung ward in der Gaunerſprache geführt, von welcher der Tiſchlermeiſter zwar durchaus keine Kenntniß hatte, die aber ſeiner Begleiterin deſto verſtändlicher war. Sie erfuhr zu ihrem Schrecken, daß die Mißhandlungen des Verwundeten von ihrem Sohn herührten, deſſen Muth und Geſchicklich⸗ keit den Inhalt ihres Geſprächs bildete. Aus andern dunkeln Andeutungen dieſer beiden Menſchen entnahm Miſtreß Shep⸗ pard, daß Thames Darrell von Jonathan Wild und Quilt Arnold fortgebracht wäre,— wohin, konnte ſie nicht aus⸗ mitteln— und daß Jack ſich hätte bewegen laſſen, Blau⸗ haut nach der Münze zu begleiten. Dieſe Kunde, welche ſie ſogleich dem Tiſchlermeiſter mittheilte, trieb ihn beinahe zum Wahnfinn. Er erneuerte ſeine Bitten an Sharples, jedoch ohne beſſeren Erfolg als vorher und er brachte den größten Theil der Nacht mit der Wittwe, deren Angſt wo möglich noch die ſeinige übertraf, in dem kläglichſten Zuſtande zu. Endlich gegen drei Uhr, als der erſte Schimmer der Morgenröthe durch die vergitterten Fenſter des Gefängniſſes ſchien, verkündete das Raſſeln der Riegel und Ketten an der Eingangsthür, daß Jemand eingelaſſen ward. Wer dies auch ſein mochte, ſo ſchien es doch, daß ſein Beſuch in einiger Beziehung zu dem Tiſchlermeiſter ſtand, denn kurz darauf zeigte ſich Sharples und benachrichtigte die Gefangenen, daß ſie frei wären. Ohne ſich dieſe Ankündignung zum zweiten⸗ mal beſtätigen zu laſſen, ſtürzte Wood mit dem Entſchluß hinaus, ſich, ſobald er hinreichenden Beiſtand erlangt hätte, nach Jonathan Wild's Hauſe in der Old Bailey zu begeben, wogegen Miſtreß Sheppard, deren mütterliche Beſorgniß ſie nach einer andern Richtung hinzog, nach der Münze eilte. 218 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Vierzehntes Kapitel. Die Gaunerherberge. In unglaublich kurzer Zeit, denn die Angſt verlieh ihr Flügel, erreichte Miſtreß Sheppard die Veſte der Schuldner. Von einer am nördlichen Eingange aufgeſtellten Wache, die ſie in dem Jargon des Ortes anredete, mit welchem ſie früher durch lange Uebung bekannt geworden war, erfuhr ſie, daß Blauhaut vor ungefähr drei Stunden mit einem jungen Men⸗ ſchen, den ſie an der Beſchreibung als ihren Sohn erkannte, angekommen und nach den Kreuzſchaufeln gegangen wäre. Dies genügte der armen Wittwe. Sie wußte jetzt, daß ſie ihrem Sohne nahe war, und ohne ihre Fähigkeit, ihn aus ſeiner gefährlichen Umgebung zu befreien, im geringſten zu bezweifeln, hauchte ſie ein inbrünſtiges Gebet für ſeine Beſſerung aus und nahm ihren Weg nach dem bezeichneten Wirthshauſe. Wohlbekannt mit der Liſt und Ruchloſigkeit der Per⸗ ſonen, mit denen ſie zu thun haben würde und wohlwiſſend, daß ſie ſich in einem Quartiere befand, wo keine Geſetze an⸗ gerufen und keine Hülfe erlangt werden konnte, fühlte ſie, wie ſehr es gälte, vorſichtig zu ſein. Als ſie daher in den Kreuzſchaufeln ankam, mit denen ſie aus den Tagen ihres Unglücks noch wohl bekannt war, ging ſie nicht in das große Gaſtzimmer, welches, wie ſie mit einem einzigen Blicke ſah, voll von Perſonen beiverlei Geſchlechts war, ſondern trat in ein kleines Zimmer zur Linken und verlangte, um das Recht hierzu zu erkaufen, etwas zu trinken. Die Aufwärter waren in dieſem Augenblick zu ſehr beſchäftigt, um auf ſie zu achten, und ſie würde ſich dieſer Gelegenheit bedient haben, die in dem anſtoßenden Zimmer verſammelte Geſellſchaft unbemerkt durch ein kleines Nebenfenſter zu beobachten, wenn ſie nicht * „ ——————— Die Gaunerherberge. 219 durch Baptiſt Kettleby's Geſtalt daran gehindert worden wäre, deſſen ſtattliche Perſon ihr alle Ausſicht benahm. Der Münz⸗ meiſter ſtand in ſeiner doppelten Eigenſchaft als Gouverneur und Schenkwirth auf einem Stuhl und ſeinen Gäſten eine Rede zum Beſten, welche Miſtreß Sheppard wider ihren Willen anzuhören gezwungen war. „Gentlemen von der Münze,“ ſprach der Redner,„als ich vor ungefähr fünfzig Jahren zu dem wichtigen Amt be⸗ rufen wurde, das ich jetzt bekleide, gab es jenſeits des Waſſers drei Zufluchtsſtätten für den unterdrückten und verfolgten Schuldner.“ „Wir wiſſen es,“ riefen mehrere Stimmen. „Es begab ſich bei einer beſondern Gelegenheit, Gentle⸗ men,“ fuhr der Münzmeiſter fort,„daß der Erzherzog von Alſatia, das Oberhaupt von Savoyen und der Satrap von Salisbury Cuart ſich um die erwähnte Zeit zufällig in den Kreuzſchaufeln trafen. Wir machten uns eine luſtige Nacht, wie Ihr Euch denken könnt, denn vier ſolche Monarchen kommen nicht oft zuſammen. Gut, indem wir unſere Pfeifen rauchen und unſern Punſch trinken, wendet ſich Alſatia an mich und ſagt:„Münze,“ ſagt er,„Ihr habt es hier recht gut.“—„Ziemlich gut,“ ſagt ich;„übrigens ſeid Ihr bei Euch auch nicht übel dran, was das anbetrifft.“—„O, das ſind wir doch,“ ſagt er.—„Wie ſo?“ ſage ich.—„Mit uns iſt es ganz aus,“ ſagt er;„ſie haben uns unſern Frei⸗ brief genommen.“—„Sie dürfen nicht,“ ſage ich.—„Sie haben es aber,“ ſagt er.—„Sie dürfen nicht, ſage ich Dir,“ ſage ich etwas pikirt;„es iſt unkonſtitutionell.“—„Un⸗ konſtitutionell oder nicht,“ ſagt Salisbury Cuart und Savoyen zu gleicher Zeit,„es iſt doch ſo. Wir werden eine Beute der Philiſter werden und müſſen aus Noth ehrliche Leute werden.“—„Hat nichts zu ſagen,“ dachte ich.—„Ich ſehe voraus, wie es kommen wird,“ meinte Alſatia,„Jeder wird 220 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. ſeine Schulden bezahlen, und denkt Euch nur, was das für ein Zuſtand ſein wird.“—„Es wäre nicht zum Aushalten,“ ſagte ich und ſchlage auf den Tiſch, daß alle Gläſer klirren; „ich weiß, wie dem zu helfen iſt.“—„Wie denn, Münze?“ fragten alle drei.—„Nun, hängt jeden Gerichtsdiener auf, der einen Fuß in Euer Gebiet ſetzt, ſo werdet Ihr ſicher ſein,“ ſagte ich.—„Das wollen wir,“ ſagten ſie und ſchenk⸗ ten ihre Gläſer und machten ein grimmiges Geſicht, wie König Georg ſeine Grenadiere;„auf deine Geſundheit, Münze.“ Aber, Gentlemen, obgleich ſie ein ſo großes Maul hatten und ſo wüthend thaten, ſo geſchah es doch nicht; ſie hingen die Gerichtsdiener nicht auf; und wo ſind ſie?“ „Freilich, wo ſind ſie?“ wiederholte die ganze Geſell⸗ ſchaft mit höhnendem Lachen. „Gentlemen,“ erwiederte der Münzmeiſter feierlichſt, „dieſe Frage iſt leicht zu beantworten,— Nirgends find ſie! Hätten ſie die Gerichtsdiener aufgehängt, ſo würden die Gerichtsdiener ſie nicht aufgehängt haben. Angegriffen durch ein niederträchtiges, unkonſtitutionelles Geſetz, das unter der Regierung des Thronräubers Wilhelm von Oranien durch⸗ ging(denn ich darf wohl behaupten, daß wenn der recht⸗ mäßige König auf dem Thron geſeſſen hätte, dies wider⸗ rechtliche Statut niemals die königliche Genehmigung erhalten haben würde,— denn die Stuarts,— Gott erhalte ſie!— haben es immer mit den Schuldnern gehalten); auf dieſe ſchändliche Art angegriffen, ſage ich, war es auch mit uns beinahe am Ende! Aber der kräftige Widerſtand, den die patriotiſchen Einwohner von Bermuda bei jener denkwürdigen Gelegenheit den Eingriffen der Willkührherrſchaft entgegen⸗ ſetzten, hat ihre Privilegien nur noch feſter begründet und geſichert; und während ihre haſenfüßigen Kameraden unter⸗ drückt und niedergetreten wurden, ſind ſie mächtiger als je aufgeblüht. Gentlemen, ich darf mit Stolz ſagen, daß ich —— Die Gaunerherberge. 221 dieſe Maßregeln vorſchlug,— daß ich ſie ausführte. Ich hoffe noch die Zeit zu erleben, wo nicht blos Southwark, ſondern ganz London eine Münze werden wird,— wo alle Menſchen Schuldner und Niemand Gläubiger ſein wird,— wo Einſperrung wegen Schulden ganz abgeſchafft ſein wird,— wo Straßenräuberei für einen angenehmen Zeitvertreib und Fälſchung für künſtleriſche Bildung gelten wird,— wo Ty⸗ burn und ſeine Galgen umgeſtürzt,— Todesſtrafen abge⸗ ſchafft,— Newgate, Ludgate, das Gatehaus und die Comp⸗ ters zu Boden geſchleift,— Bridewell und Clerkenwell nieder⸗ geriſſen,— das Fleet, die Kingsbench und der Marshalſea nur noch dem Namen nach bekannt ſein werden! Aber mittler⸗ weile müſſen wir uns die gegenwärtigen Umſtände zu Nutze machen, da dieſer Tag vielleicht noch ferner ſein mag, als ich wünſche. Sorgt für Euch ſelbſt, Gentlemen, und Euer Gouverneur wird für Euch ſorgen. Ehe ich mich niederſetze, habe ich einen Toaſt vorzuſchlagen, der gewiß, wie er es verdient, mit Begeiſterung aufgenommen werden wird. Es iſt die Geſundheit eines Fremden,— nämlich des Herrn Jack Sheppard. Sein Vater war ein alter Kunde von mir und ich ſehe mit Genugthuung, daß ſein Sohn in ſeine Fußtapfen tritt. Er könnte ſich in keinen beſſern Händen befinden, als die, in welche er ſich begeben hat. Gentlemen,— auf Herrn Sheppard's Geſundheit und gutes Glück!“ Baptiſt's Toaſt ward mit lautem Beifall aufgenommen nd als er ſich unter dem Toben der Geſellſchaft und dem allgemeinen Geklapper der Krüge und Gläſer hingeſetzt hatte, konnte die Wittwe den ganzen Schauplatz überſehen. Ihr Auge überflog ſchnell jene lärmende, ausſchweifende Verſamm⸗ lung, bis es auf einer Gruppe ruhte, die noch lärmender und ausſchweifender war, als die andern, und in welcher ihr Sohn die Hauptrolle ſpielte. Die geängſtigte Mutter konnte kaum einen Schrei unterdrücken, als dies Schauſpiel ſich ihren * 222 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Augen darbot. Dort ſaß Jack, augenſcheinlich auf der letzten Stufe der Trunkenheit, mit offenem Hemdkragen, unordent⸗ licher Kleidung, einer Pfeife im Munde und einer Punſch⸗ bowle und einem halbgeleerten Glas vor ſich,— dort ſaß er, und empfing und erwiederte, oder beſſer geſagt, verſuchte zu erwiedern,— denn er war faſt bewußtlos— die Lieb⸗ koſungen zweier Frauenzimmer, von denen die eine den Arm um ſeinen Hals geſchlungen hatte, während die andere ſich über die Stuhllehne bog und ihm, ihren Geberden nach, zärtlichen Unſinn ins Ohr zu flüſtern ſchien. Dieſe Damen waren beide mit nicht geringen körper⸗ lichen Reizen ausgeſtattet. Die jüngere von ihnen, welche bei Jack ſaß und ſeine Aufmerkſamkeit allein in Anſpruch zu nehmen ſchien, konnte nicht über ſiebenzehn Jahre alt ſein, obgleich ſie die Reife einer zwanzigjährigen beſaß. Sie hatte ein zartes, vvales Geſicht, muntere hellblaue Augen, ein hübſches Stumpfnäschen, perlenweiße Zähne und einen glänzenden Teint, mit welchem ihr reiches goldgelocktes Haar, ihr überaus weißer Hals und Nacken(der letztere vielleicht ein wenig zu ſtark entblößt) ein anmuthiges Ganzes bildete. Der Name dieſes Frauenzimmers war Edgeworth Beß; und da man finden wird, daß ihre Reize vielleicht nicht ohne einigen Einfluß auf das künftige Schickſal ihres knabenhaften Liebhabers waren, ſo haben wir es nicht für überflüſſig ge⸗ halten, ſie ſo genau zu beſchreiben. Das andere Geſchöpf, unter ihren Gefährtinnen als Miſtreß Poll Maggot bekann war eine Schönheit in einem viel größeren Maßſtabe,— in der That, eine wahre Amazone. Nichtsdeſtoweniger war ſie bei ihren faſt ſechs Fuß und entſprechender Stärke ein Muſter von Symmetrie, und konnte ſich bei dem Körperbau einer Thaleſtris oder einer Trulla der regelmäßigen Züge einer Venus von Medici rühmen. Ein betreßter Männer⸗ hut, kokett auf ein Ohr geſtutzt— ob ſie ihn aus augenblick⸗ 5 Die Gaunerherberge. 223 licher Laune aufgeſetzt hatte, oder ihn gewöhnlich trug, müſſen wir dahingeſtellt ſein laſſen,— ſtand mit ihrem männlichen Ausſehen im Einklang. Miſtreß Maggot ſowohl, als ihre Gefährtin Edgeworth Beß waren ſehr geputzt; auch hatte keine von Beiden die Unterſtützung verſchmäht, welche einer weißen Haut angeblich aus dem Inhalt der Schminkdoſe er⸗ wächst. Auf einem leeren Fäßchen, das als Stuhl diente, ſaß Blauhaut unſerm Helden gegenüber, über deſſen raſche Fortſchritte auf der Bahn des Laſters er die höchſte Zufrieden⸗ heit empfand, und ermunterte die beiden Frauenzimmer in ihrem gehäſſigen Geſchäft, während er ſeinem Opfer ſo oft zutrank, als es ihm nöthig ſchien. Offenbar hatte er ſeinen Zweck jetzt erreicht, denn er entfernte die Flaſche aus Jack's Bereich und verwandte ſie lediglich zu ſeinem eigenen Beſten, indem er den unglücklichen Burſchen den beiden Mädchen überließ. Einige der an den andern Tiſchen ſitzenden Perſonen ſchienen ſich für das Treiben Blauhaut's und ſeiner Partei zu intereſſiren, ſo wie man etwa die Umſtehenden ein Spiel beobachten ſieht, aber im allgemeinen war Jeder zu ſehr mit ſeinen eigenen Angelegenheiten beſchäftigt, um ſich um etwas anderes zu bekümmern. Die Verſammlung beſtand größten⸗ theils aus Perſonen, die zu ſehr mit allen Formen des Laſters vertraut waren, als daß es noch den Reiz der Neuheit für ſie haben konnte. Auch war Jack keineswegs der einzige Gelbſchnabel in dem Zimmer. Nicht weit von ihm ſaß ein udel Jungen, die eben ſo gierig und geſchickt tranken, fluch⸗ ten und würfelten, wie nur einer von den Alten. Neben dieſen hoffnungsvollen Burſchen ſaß ein Schärfenſpieler oder Diebeshehler, der mit einem Torfdrucker oder Taſchendiebe um einen Luppert— oder deutlicher geſagt, um eine Uhr, um zwei Tickſchlangelchen, gewöhnlich Uhrketten genannt, und einen Keilkloben, ſonſt auch als eine ſilberne Tabacksdoſe bekannt, feilſchte. Bei dem Diebeshehler ſaß eine Einbrecher⸗ 224 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. bande und ging lachend ihre Großthaten durch oder ſann auf neue Diebſtähle; und neben den Einbrechern waren zwei ſtutzerhafte Gentlemen in langen Perrücken und Reitröcken und ſonſtiger Ausrüſtung für die Landſtraße damit beſchäftigt, ein gebratenes Huhn und eine Flaſche Wein zu verzehren. Mitten unter dieſem bunten Gedränge zog ein einziger Gegenſtand, wie ſchon geſagt, Miſtreß Sheppard's Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich, und kaum hatte ſie ſich einigermaßen von dem Schrecken über die tiefe Herabwürdigung ihres Sohns erholt, als ſie auch, ohne weitere Rückſichten, als ſeine ſchleunigſte Entfernung aus einer ſo anſteckenden Geſellſchaft, und gänzlich uneingedenk ihres vorher überlegten vorſichtigeren Planes, in das Zimmer ſtürzte und ihm mitzukommen befahl. „Halloh!“ rief Jack, ſich umſehend und den trunkenen Blick auf fie zu heften verſuchend,—„wer iſt das?“ „Deine Mutter,“ erwiederte Miß Sheppard.„Komm augenblicklich nach Hauſe!“ „Mutter zum—!“ entgegnete Jack.„Wer iſt es, Beß?“ „Woher ſoll ich es wiſſen?“ erwiederte Edgeworth Beß. „Aber wenn es deine Mutter iſt, ſo ſchicke ſie ihrer Wege.“ „Das will ich auch im Handumdrehen,“ verſetzte Jack. „Freut mich, Sie wieder einmal in der Münze zu ſehen, Miſtreß Sheppard,“ ſchrie Blauhaut, der ſich einigen Spaß davon zu verſprechen ſchien.„Kommen Sie und ſetzen Sie ſich zu mir!“ „Trinken Sie ein Glas Branntwein mit uns,“r Poll Maggot und hielt ihr die Flaſche hin;„es pflegte Ihr Lieblingsgetränk zu ſein, wie ich höre.“ „Jack, lieber Junge, komm mit!“ rief Miſtreß Sheppard ohne ſich um ihre Stichelreden zu bekümmern. „O, nicht doch,“ erwiederte Jack,„es iſt viel zu hübſch hier. Fort!“ rief ſeine unglückliche Mutter. — ꝛ Die Gaunerherberge. 225 „Herr Sheppard, wenn's Ihnen gefällig iſt, Madam,“ unterbrach ſie der kleine Burſche,„ich laſſe mich von Nie⸗ mand Jack nennen. Nicht wahr, Beß?“ „Von Niemand, er mag ſein, wer er will, mein Herz⸗ chen,“ erwiederte Edgeworth Beß;„von Niemand als von mir.“ „Und von mir,“ ſchmeichelte Miſtreß Maggot.„Mein kleines Zuckermännchen hat mich eben ſo lieb als dich, Beß. Nicht wahr, mein ſüßer, kleiner Jack?“ „Nicht ganz ſo ſehr,“ antwortete Herr Sheppard,„aber nach ihr habe ich dich am liebſten, und euch beide viel lieber, als die;“ hier wies er mit der Pfeife nach ſeiner Mutter. „O Himmel,“ rief Miſtreß Sheppard. „Bravo!“ lärmte Blauhaut.„Tom Sheppard iſt noch nie ſo witzig geweſen— ho! ho!“ „Jack,“ rief ſeine Mutter und rang verzweifelt die Hände,„du wirſt mir das Herz brechen!“ „Ach was!“ entgegnete ihr Sohn;„den Weibern bricht das Herz ſo leicht nicht. Nicht wahr, Beß?“ „O bewahre,“ erwiederte die Angeredete,„beſonders nicht wegen ihrer Söhne.“ „Elende!“ rief Miſtreß Sheppard bitter. „Hören Sie!“ entgegnete Edgeworth Beß mit einer ſehr unweiblichen Betheuerung,„ich laſſe mir ſolchen Unſinn nicht länger gefallen. Was meinen Sie damit, Madam, daß Sie mich Elende nennen?“ fügte ſie hinzu, indem ſie auf Miſtreß Sheppard zuging und ſie mit unverſchämten, drohenden Blicken maß. „Ja— was meinen Sie damit, Madam?“ rief Jack und taumelte hinter ihr her. „Komm mit, mein Junge, komm— komm,“ rief ſeine Mutter, ſeine Hand ergreifend, und ſuchte ihn fortzuziehen. „Er ſoll nicht fort,“ rief Edgeworth Beß und griff nach ſeiner andern Hand.„Hier, Poll, hilf mir!“ Ainsworth, Jack Sheppard. I. 1⁵ 4 226 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Miſtreß Maggot ließ ſich dies nicht zweimal ſagen, ſondern legte den Beiſtand ihres kräftigen Armes in die Wagſchale und Jack ſah ſich bald von aller Furcht befreit, gegen ſeinen Willen fortgebracht zu werden. Nicht zufrieden mit dieſem Beweis ihrer Tapferkeit, hob die Amazone ihn ſo leicht auf, als wäre er ein Säugling geweſen und ſetzte ihn zum unendlichen Ergötzen der Geſellſchaft und zum ver⸗ mehrten Kummer ſeiner Mutter auf ihre Schulter. „Jetzt wollen wir ſehen, wer ihn herunterzunehmen wagt,“ rief ſie. „Niemand ſoll es,“ rief Herr Sheppard von ſeinem erhabenen Sitz.„Ich bin jetzt mein eigener Herr und will thun, was mir gefällt. Ich will ein Cheſſe? werden, wie mein Vater,— den alten Wvod beſtehlen,— er hat Kiſten voll Geld und ich weiß, wo ſie ſtehen,— ich will ihn be⸗ ſtehlen und dir den Kies geben, Poll— ich will—“ Jack wollte noch weiter ſprechen, aber er verlor das Gleichgewicht und fiel herunter, und als man ihn aufnahm, war er ganz beſinnungslos. In dieſem Zuſtande ward er auf eine Bank gelegt, um ſeinen Rauſch auszuſchlafen, während ſeine unglückliche Mutter trotz ihren inſtändigen Bitten und ihres Widerſtandes auf Blauhaut's Befehl gewaltſam aus dem Hauſe getrieben und aus der Münze gebracht ward. Fünfzehntes Kapitel. Der Diebſtahl in der Kirche von Willesden. Während des ganzen nächſten Tages und der folgen⸗ den Nacht umſchwärmte die arme Wittwe die Gränzen der Schuldnerveſte, wie ein Geſpenſt,— denn der Zutritt war ihr auf den ausdrücklichen Befehl des Münzmeiſters verſagt. * Dieb, Gauner. Der Diebſtahl in der Kirche von Willesden. 227 4* Sie konnte nichts von ihrem Sohn erfahren und erhielt nur eine einzige Nachricht, welche ihr Elend eher vergrößerte, als milderte,— nämlich daß Jonathan Wild einen geheimen Beſuch in den Kreuzſchaufeln gemacht hatte. Einmal kam ſie zu dem Entſchluß, nach der Wychſtraße zu gehen und Herrn Wood um Rath und Beiſtand zu bitten, aber der Gedanke an den Empfang, der ihr wahrſcheinlich von Seiten ſeiner Frau bevorſtand, ſchreckte ſie von der Ausführung dieſes Planes ab. Es fielen ihr noch manche andere Auskunfts⸗ mittel bei, aber als ſie einige vergebliche Verſuche gemacht hatte, ſich unbemerkt in die Münze zu ſchleichen, gab fie ſie ſämmtlich auf. Endlich, nachdem ſie einen Theil der Nacht an den Thoren des Diebesaſyls durchwacht hatte und aus Mangel an Ruhe faſt ganz erſchöpft war, machte ſie ſich eine Stunde vor Anbruch des zweiten Tages, eines Sonntags, auf den Weg nach Hauſe. Es war eine weite Entfernung, ſelbſt für Jemand, der bei friſchen Kräften iſt; und bei ihrer Ermüdung war es faſt mehr, als ſie gut machen konnte. Der neue Tag fand ſie, ihren Schmerzensgang auf der Landſtraße nach Harrow fortſetzend; und um die Entfernung ſo viel als mög⸗ lich abzukürzen, ſchlug ſie einen Richtweg quer über die Wieſen zur Rechten ein. Nachdem ſie mehrere friſch gemähte oder mit Heuſchrecken bedeckte Felder durchwandert hatte; er⸗ reichte ſie, nicht ohne Anſtrengung, den Gipfel eines Hügels. Hier verließen ihre Kräfte ſie gänzlich und ſie ſah ſich ge⸗ zwungen, einige Ruhe zu genießen. Sie bereitete ſich ein Lager auf einem Heuhaufen und fä bald in einen feſten, erquickenden Schlummer. Als ſie erwachte, ſtand die Sonne hoch am Himmel. Es war ein ſchöner, glänzender Tag; ſo ſchön, ſo glänzend, vaß ſelbſt ihr betrübtes Herz dadurch aufgeheitert ward. Die Luft war von dem köſtlichen Duft des friſch gemähten Graſes 228 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. erfüllt und hallte von dem Geſang der Vögel wieder; das dichte Laub der Bäume ſchimmerte im Sonnenſchein; die ganze Natur ſchien glücklich und froh zu ſein; aber vor allem goß die heitere ſonntägliche Stille, welche ringsum herrſchte, Balſam in ihr verwundetes Gemüth. Welchen Gegenſatz bildete die liebliche Scene, auf die ſie jetzt blickte, mit dem ekelhaften Orte, den ſie eben ver⸗ laſſen hatte! An allen Seiten dehnte ſich das Land in prächti⸗ gen, mannigfaltigen Fernſichten hin. Unmittelbar unter ihr lag Willesden, das reizendſte, abgelegenſte Dorf in der Nach⸗ barſchaft der Hauptſtadt, mit ſeinen zerſtreuten Meierhäuſern, ſeinen reichen Pachtungen und ſeinem grauen alten Kirch⸗ thurm, der eben nur aus einem Hain von krähenbewohnten Bäumen hervorragte. Nach dieſem Ort richtete Miſtreß Sheppard jetzt ihre Schritte. Sie erreichte bald ihre eigene Wohnung, eine kleine Hütte am äußerſten Ende des Dorfes. Als ſie einige Er⸗ friſchungen zu ſich genommen hatte, kleidete ſie ſich zum Gottesdienſt an. Sie hatte ſich jetzt wieder ſo weit beruhigt, daß ſie die Grüße ihrer Nachbaren, denen ſie auf dem Wege nach dem Gotteshauſe begegnete, wenn auch ſorgenſchwer, doch gelaſſen erwiedern konnte. Jede alte Dorfkirche iſt ſchön, aber die von Willesden iſt die ſchönſte, welche wir kennen, und zu Miſtreß Sheppard's Zeiten war ſie ſelbſt noch ſchöner als heute, wo die Ver⸗ beſſerungsſucht etwas zu keck an Veränderungen und Repa⸗ raturen Hand anlegt. Es waren keine Kirchenſtühle außer einem oder zweien vorhanden; und da der Verkehr mit Lon⸗ don damals nur geringe war, ſo waren die Plätze faſt nur von Dorfbewohnern beſetzt. In einem dieſer Stühle, am weiteſten von der Kanzel entfernt, nahm die Wittwe vus und vertiefte ſich ganz in ihre Andacht. Der Gottesdienſt war noch nicht weit vorgeſchritten, a . Der Diebſtahl in der Kirche von Willesden. 229 zu ihrer großen Störung eine Perſon eintrat, welche ſich ihr gegenüber ſtellte und ihre Aufmerkſamkeit durch eine Menge kleiner Künſte zu erregen ſuchte, und ſie dabei auf eine höchſt unverſchämte und beleidigende Art anſtarrte. Dieſe Perſon, die Niemand anders als Herr Kneebone war, kannte ſie nur zu gut, da ſie mehr als einmal ſeine Zudringlich⸗ keiten zurückzuweiſen genöthigt geweſen war; und obgleich ſeine Verwegenheit ihr zu jeder andern Zeit nur wenig Un⸗ ruhe verurſacht haben würde, ſo trug ſie doch in dieſem Augenblicke ſehr zur Vermehrung ihres Kummers bei. Aber es ſtand ihr eine bei weitem größere Betrübniß bevor. Grade als der Geiſtliche ſich dem Altar näherte, ſah ſie einen Knaben ſchnell in die Kirche ſchlüpfen und ſich hinter dem Tuchhändler verbergen, der ſich nicht niedergeſetzt hatte, ſondern aufrecht ſtand, um ſeine verliebten Abſichten deſto bequemer ausführen und ſeinen Wuchs, auf den er ſich nicht wenig einbildete, zugleich in das beſte Licht ſtellen zu können. Dieſen Knaben hatte ſie nur mit einem einzigen Blick geſehn; aber dieſer Blick genügte, um ſie zu überzeu⸗ gen, daß es ihr Sohn war;— und hätte ſie auch ihren mütterlichen Inſtinkt in Zweifel ziehn können, ſo konnte ſie doch ihren Wiverwillen nicht bezweifeln, als ſie unmittelbar hinter dem Tuchhändler, zum Theil von einem Pfeiler ver⸗ deckt, die dunkle Geſtalt und tückiſche Miene Jonathan Wild's erblickte. Indem ſie nach dieſer Seite hinſah, erhob der Diebesfänger ſeine Augen— jene grauen, blutdürſtigen Augen— ihr Leuchten machte das Blut in ihren Adern erſtarren. Ein furchtbarer Gedanke tauchte in ihr auf. Weshalb war er da? weshalb erdreiſtet der Verſucher ſich, dieſen ge⸗ heiligten Ort zu entweihen? Sie konnte ſich dieße Fragen nicht beantworten, aber ein ſchrecklicher Argwohn durchkreuzte ihren Sinn. Der Gottesdienſt nahm unterdeſſen ſeinen 230 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Fortgang und der Geiſtliche verkündete feierlich das hehre Gebot:„Du ſollſt nicht ſtehlen!“ als Miſtreß Sheppard, die ſich wieder nach ihrem Sohn umſah, das Zucken einer Hand zur Seite des Tuchhändlers erblickte. Was hier vor⸗ ging, konnte ſie nicht ſehn, obwohl ſie es errieth, aber ſie ſah Jonathan's teufliſch triumphirenden Blick und las darin: „Dein Sohn hat einen Diebſtahl begangen— hier— inner⸗ halb dieſer heiligen Mauern— er iſt mein— unwieder⸗ bringlich mein!“ Sie ſtieß einen lauten Schrei aus und ſank ohn⸗ mächtig hin. Sechszehntes Kapitel. Jonathan Wild's Haus in Old Bailey. In der ereignißreichen Nacht des zehnten Juni(an die wir nicht weiter zu erinnern brauchen) galloppirte mit dem Glockenſchlage Eins ein Reitersmann, dem ein Diener in ehrerbietiger Entfernung folgte, auf den freien Platz vor Newgate, und ſchlug die Richtung nach einem Hauſe in Old Bailey ein. Ehe er den Zügel anziehn konnte, ſcheute ſein Pferd vor einem ihm ſelbſt unſichtbaren Gegenſtande und bäumte ſich ſo plötzlich, daß er den Bügel verlor und zu Boden ſtürzte. Im nächſten Augenblicke ward er jedoch von einer Perſon aufgerichtet, die dieſen Unfall bemerkt hatte und zu ſeiner Hülfe herbeiſprang. „Ich hoſſe, Sie haben keinen Schaden genommen, Sir Rowland?“ fragte dieſer. „Unbedeutend, Herr Wild,“ erwiederte Jener;„nur ein wenig zerſtoßen, weiter nichts. Zum Teufel mit dem Pferd!“ fuhr er fort, indem er den Zügel ſeiner Stute ergriff, die noch immer ſchnaubte und zitterte, als ob ſie unter einem unerklärbaren Einfluß ſtände,„was mag ihr fehlen?“ eiieee Johathan Wild's Haus in Old Bailey. 231 „Ich weiß, was ihr fehlt, Euer Gnaden,“ verſetzte der Reitknecht;„ſie hat was Unnatürliches geſehn.“ „Höchſt wahrſcheinlich,“ meinte Jonathan ſpöttiſch; „ohne Zweifel den Geiſt irgend eines Straßenräubers, der in Newgate eben den Geiſt aufgegeben hat.“ „Kann ſein,“ entgegnete der Bediente ernſt. „Führe ſie nach Hauſe, Saunders,“ ſagte Sir Rowland, indem er das ſtätige Pferd übergab,„ich habe dich nicht mehr nöthig. Sonderbar!“ rief er, als der Reitknecht ſich entfernte,„Bay Stuart hat mich durch hundert Gefahren getragen und mir noch nie einen ſolchen Streich geſpielt!“ „Und ſollte es auch nie wieder, wenn es mir gehörte,“ verſetzte Jonathan.„Wenn das beſte Pferd, das je gefehlt war, mich an dieſer unglücklichen Stelle abwürfe, ſo ſchöſſe ich ihm durch den Kopf.“ „Was meinen Sie, Sir?“ fragte Trenchard. „Ein Fall gegen Newgate ſoll den Tod durch den Strick bedeuten,“ erwiederte Wild mit ſchlecht verhehlter Bosheit. „Pah!“ rief Rowland ärgerlich. „Aus jener Thür,“ fuhr der Diebsfänger fort, indem er auf das düſtere Portal des Gefängniſſes zeigte, dem fie gegenüber ſtanden,„aus jener Thür werden die Verurtheilten nach Tyburn abgeführt. Es iſt ein böſes Zeichen, an dieſer Thür abgeworfen zu werden.“ „Ich dachte nicht, daß Sie ſo berubiſt wären, Herr Wild,“ ſpottete der Ritter. „Thatſachen überzeugen den Ungläubigſten,“ antwortete Jonathan trocken.„Ich weiß verſchiedene Fälle, wo ein ſolcher Sturz, wie Sie eben gethan haben, der erwähnten ſchimpflichen Todesart vorangegangen iſt. Da war Major Price,— Sie müſſen ſich ſeiner erinnern, Sir Rowland,— er ſtolperte, als er vor eben dieſem Thore aus ſeinem Trag⸗ ſeſſel ſtieg. Nun gut, er ward als Mörder hingerichtet. . 232 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Dann haben wir den Miethkutſcher Tom Jarrot, der von ſeinem Bock auf jenen Prellſtein geſchleudert ward und fich das Bein brach. Schade, daß es nicht der Hals war, denn es verging kein Jahr, ehe er gehängt ward. Ein andres Beiſpiel iſt Toby Tanner—“ „Genug davon,“ unterbrach ihn Trenchard;„wo iſt der Knabe?“ „Nicht weit von hier,“ erwiederte Wild.„Nach aller unſrer Mühe hätten wir ihn bald verloren, Sir Rowland.“ „Wie ſo?“ fragte dieſer mißtrauiſch. „Hören Sie nur,“ entgegnete Jonathan.„Mit Hülfe ſeines Kameraden Jack Sheppard machte der kleine Schelm einen verzweifelten Verſuch, aus der Wache zu entkommen, in der meine Janitſcharen ihn untergebracht hatten, und es wäre ihm auch gelungen, wenn ich nicht zum guten Glück, denn der Teufel läßt einen ſo nützlichen Diener, wie mich, niemals im Stich, darüber zugekommen wäre. Doch hat mein älteſter und zuverläſſigſter Spürhund, Abraham Mendez, von einem der Knaben einen ſolchen Schlag auf den Kopf erhalten, daß ich ſeine Dienſte eine ganze Woche werde ent⸗ behren müſſen, wenn er nicht gar für immer unfähig bleiben wird. Aber wenn ich einen Diener verliere, ſo habe ich einen andern dafür gewonnen; das iſt wenigſtens ein Troſt. Jack Sheppard iſt ganz in meinen Händen. Ich will nicht eher ruhen, als bis er das Schickſal ſeines Vaters getheilt hat. Das habe ich geſchworen und ich will es halten.“ „Wenn Sie kugelfeſt ſind, ſonſt nicht,“ ergänzte eine Stimme hinter ſeinem Rücken, und eine Piſtole ward gegen ſeinen Kopf abgedrückt, die, zum Glück oder zum Unglück, jenachdem der Leſer will, nur in der Pfanne abbrannte. Dieſes Aufflammen reichte jedoch hin, um dem Diebsfänger die Züge des Meuchelmörders zu enthüllen. Es war der irländiſche Nachtwächter. Jonathan Wild's Haus in Old Bailey. 233 „Ah! Terry O'Flaherty!“ rief Jonathan, ohne die mindeſte Verwirrung zu verrathen.„Ah! Terry OFlaherty!“ rief er dem Irländer nach, der ſogleich die Flucht ergriff, als er ſeinen Mordverſuch mißglücken ſah;„laufe nur zu, du wirſt mir doch nicht entfliehn. Ich werde dir ein Paar Hunde nachſchicken, die dich bald einfangen ſollen. Du ſollſt hierfür nach der nächſten Gerichtsſitzung baumeln, oder ich will nicht Jonathan Wild heißen. Ich ſagte Ihnen wohl, Sir Rowland,“ wandte er ſich kichernd an den Ritter,„der Teufel verläßt mich nie.“ „Führen Sie mich ohne Aufſchub in Ihre Wohnung, Sir,“ ſagte Trenchard harſch,—„zu dem Knaben.“ „Der Knabe iſt nicht in meinem Hauſe,“ erwiederte Wild. „Wo iſt er denn?“ fragte jener haſtig. „An einem Orte in Queenhithe, den wir das dunkle Haus nennen,“ antwortete Jonathan,„einer Art von unter⸗ irdiſcher Taverne am Stromufer, welche die Mannſchaft des holländiſchen Schiffers, dem er anvertraut worden iſt, zu beſuchen pflegt. Sie brauchen ſich nicht länger um ſeinet⸗ willen zu fürchten, Sir Rowland. Wir haben ihn jetzt feſt genug. Ich habe ihn bei Quilt Arnold und Rykhart Van Galgebrok,— dem Schiffer, von dem ich ſprach,— gelaſſen und gemeſſenen Befehl gegeben, ihm beim erſten Flucht⸗ verſuch zu erſchießen, und mit dieſen beiden iſt nicht zu ſpaßen. Ich hielt es für angemeſſener, ihn nach dem dun⸗ keln Hauſe, als hieher zu bringen, falls ſein Pflegevater, der Tiſchlermeiſter Wood, Nachforſchungen anſtellen ſollte. Wenn Sie wollen, ſo können Sie ſeine Einſchiffung an Bord der Zeeſlang ſelbſt beaufſichtigen, Sir Rowland. Aber vielleicht begleiten Sie mich erſt in mein Haus, damit wir unſre Rechnung abmachen können, ehe wir uns auf den Weg machen. Ich habe meinen Leuten einige Befehle zu 234 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. geben, um jeder Ueberraſchung vorzubeugen. Erlauben Sie, daß ich voran gehe. Nach dieſer Seite, Sir Rowland.“ Die Wohnung des Diebsfängers war ein großes Haus von düſterem Ausſehn, das durch einen mit Quadern ge⸗ pflaſterten Hof und ein eiſernes Geländer von der Straße getrennt war. Selbſt bei Tage hatte es eine finſtere, ver⸗ dächtige Miene und ſchien vor den benachbarten Häuſern ſcheu zurückzuweichen, als wollte es ihre Geſellſchaft ver⸗ meiden. Im Dunkeln ſah es wie ein Gefängniß aus und Jonathan legte es auch in der That darauf an, es einem ſolchen ſo ähnlich wie möglich zu machen. Die Fenſter wa⸗ ren vergittert, die Thüren verriegelt; jedes Zimmer hatte ſowohl den Namen als die Einrichtung einer Zelle, und ſelbſt der Thürſteher, der wie ein Gefängnißwärter mit ſei⸗ nem ungeheuren Schlüſſelbund am Thor ſtand, ſchien ſein grämliches Geſicht und ſein barſches Benehmen von New⸗ gate entlehnt zu haben. Das Raſſeln der Ketten, das Knarren der Schlöſſer und das Kreiſchen der Riegel muß in Jonathan's Ohren wie Muſik geklungen haben; ſo viel Mühe hatte er ſich gegeben, dieſe Arten von Geräuſch zu veranlaſſen. Die ſpärliche Ausſtattung der Zimmer entſprach ihrem gefängniß⸗ mäßigen Ausſehn. Die Wände waren nackt und ſteinfarben gemalt, die Fußböden ohne Teppiche, die Betten ohne Vor⸗ hänge, die Fenſter ohne Vorſetzer, und, das Wohnzimmer des Diebsfängers ausgenommen, befand ſich im ganzen Hauſe kein Stuhl oder Tiſch, ſondern deren Stelle ward von Bänken und auf Böcken ruhenden Tannenbrettern vertreten. Große ſteinerne Treppen, welche Niemand wußte, wohin ſie führten, und lange düſtre Gänge verurſachten bei dem fremden Be⸗ ſucher den Eindruck, als befinde er ſich in einem Gebäude von großer Ausdehnung, und obgleich dies in der That nicht der Fall war, ſo war die Täuſchung doch ſo gut angelegt, daß ſie ſelten ihre Wirkung verfehlte. Kaum betrat ein Ein⸗ Jonathan Wild's Haus in Old Bailey. 235 ziger Herrn Wild's Wohnung ohne Furcht, oder verließ ſie ohne Behagen. Es waren über ſie mehr ſeltſame Geſchichten im Umlauf, als über irgend ein andres Haus in London. Es hieß, die Dachkammern würden von Falſchmünzern be⸗ wohnt und von Handwerkern, welche Uhren und Juwelen umarbeiteten; die Keller würden als Magazine für geſtohlene Waaren benutzt. Einige behaupteten, es exiſtire eine unter⸗ irdiſche Verbindung zwiſchen der Wohnung des Diebsfängers und Newgate, mittelſt welcher er einen geheimen Verkehr mit den gefangenen Verbrechern unterhalten könne; andre, daß dieſer Gang zu geräumigen Gewölben führe, wo ſich diejenigen Verbrecher, welche er dem Arm der Gerechtigkeit zu entziehn wünſchte, ſo lange verborgen halten könnten, bis die Gefahr vorüber wäre. Kurz, es gab keine Ueber⸗ treibung, die nicht von ihr erzählt wurde; und Jonathan, der einen beſondern Gefallen daran fand, ſich und ſeine Wohnung in ein geheimnißvolles Dunkel zu hüllen, leiſtete dieſen Gerüchten allen Vorſchub, wo er ſie nicht gar ſelbſt in Umlauf ſetzte. Wie dem auch ſein mag, dieſer Ort ſtand in ſo üblem Rufe, daß wenige an Old Bailey vorbeigingen, ohne einen furchtſamen Blick auf ſeine grauen Mauern zu werfen und ſich zu wundern, was wohl innerhalb derſelben geſchehn möge, während noch wenigere von denen, welche vor der Hausthür zögerten, ohne ein geheimes Zittern den furchtbaren Namen: Jonathan Wild in großen Buch⸗ ſtaben auf ſeiner hellpolirten Meſſingplatte laſen. Vor ſeiner Thür angekommen, klopfte Jonathan auf eine beſondere Art an, worauf der erwähnte grämliche Thür⸗ ſteher ſogleich öffnete. Kaum hatte Trenchard den Fuß über die Schwelle geſetzt, als ſich an dem andern Ende des Haus⸗ flurs ein wüthendes Gebell erhob und unmittelbar darauf ein Paar Kettenhunde von der größten Art auf ihn los ſtürzten. Der Ritter ſchickte ſich zur Vertheidigung an, aber 236 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. er wäre von den wilden Thieren unzweifelhaft zerriſſen wor⸗ den, wenn eine Fluth von Flüchen, die ihr Herr mit einer kräftigen Austheilung von Fußſtößen und Schlägen unter⸗ ſtützte, ſie nicht winſelnd zurückgejagt hätte. Nach einer Entſchuldigung wegen dieſes unangenehmen Empfanges und einer derben Zurechtweiſung ſeines Dieners, daß er die Hunde nicht angeſchloßen hätte, befahl Jonathan, ihm nach dem Wohnzimmer vorzuleuchten. Dieſer ſtieg die Treppe hinauf und führte ſie durch eine düſtere Gallerie, auf welcher, wie Trenchard bemerkte, alle Thüren ſchwarz angeſtrichen und numerirt waren; hier blieb er vor dem Eingang zu einem Zimmer ſtehn und ſuchte einen Schlüſſel aus ſeinem Bunde aus, mit dem er aufſchloß. Sir Rowland folgte ſeinem Führer und befand ſich in einem großen, hohen Gemach, deſſen Ausdehnung er erſt überſehen konnte, als die Lichter angezündet wurden. Dann ſah er ſich neugierig um, und da der Diebsfänger ſeinem Diener noch einige leiſe Befehle zu geben hatte, ſo hatte er Muße genug für ſeine Beſichtigung. Beim erſten Blick glaubte er in eine Raritätenſammlung ge⸗ rathen zu ſein, ſo viele Glasgehäuſe und offene Behälter waren an den Wänden aufgeſtellt; aber der zweite belehrte ihn, daß, wenn Jonathan ein Dilettant war, ſeine Lieb⸗ habereien keineswegs eine gewöhnliche Richtung genommen hatten. Trenchard gerieth in Verſuchung, den Inhalt einiger dieſer Auszüge zu prüfen, jedoch bei näherer Anſicht ſchau⸗ derte er vor Widerwillen zurück. In demjenigen, welchem er ſich näherte, befand ſich eine große Sammlung von Waffen, deren jede zufolge eines daran befeſtigten Zettels als ein Mordinſtrument gebraucht worden war. Hier war ein Raſir⸗ meſſer, mit dem ein Sohn ſeinen Vater umgebracht hatte, die Schärfe voll Scharten und das Heft mit geronnenem Blut überzogen; dort eine Eiſenſtange, verbogen und theil⸗ weiſe zerbrochen, mit der ein Mann ſeiner Frau das Gehirn Jonathan Wild's Haus in Ole Bailey. 237 eingeſchlagen hatte. Da es jedoch nicht unſre Abſicht iſt, ein vollſtändiges Verzeichniß dieſer Merkwürdigkeiten zu geben, ſo wollen wir nur noch erwähnen, daß vornan ein breites ſcharfes Meſſer lag, einſt das Eigenthum des Scharfrichters, mit dem er die Glieder der zum Tode verurtheilten Hoch⸗ verräther trennte, nebſt einer gewaltigen zweizackigen Fleiſch⸗ gabel, welche dieſer furchtbare Diener der Gerechtigkeit eben⸗ falls gebrauchte, um die Viertheile ſeiner Opfer im Keſſel voll ſiedenden Pechs und Oel zu tauchen. Jeder Galgen in Tyburn und Hounslow ſchien einen Theil ſeiner Gebeine hergegeben zu haben, um den folgenden Schrank zu füllen, ſo reich war er mit Schädeln und Knochen, den Ueberbleib⸗ ſeln einſt berüchtigter Straßenräuber, ausgeſtattet. Stränge, deren jeder ſeine Beſtimmung erfüllt hatte, bildeten den In⸗ halt der nächſten Abtheilung, während eine vierte von einer faſt unüberſehbaren Reihe ganz unbeſchreibbarer Einbruchs⸗ werkzeuge eingenommen war. Alle dieſe intereſſanten Gegen⸗ ſtände hatte der Diebsfänger ſorgfältig aufgeſtellt, geordnet und, wie ſchon geſagt, mit Zetteln verſehn. Von dieſer merkwürdigen Sammlung wandte Trenchard ſeinen Blick auf deren Eigenthümer, der nicht weit von ihm entfernt immer noch in tiefer Unterredung mit ſeinem Diener begriffen war, und, indem er ſeine grauſamen Züge betrach⸗ tete, auf denen Falſchheit und Bosheit ihre unzweideutigſten Spuren zurückgelaſſen hatten, konnte er nicht umhin, ſich Alles, was er von Jonathan's Treuloſigkeit gegen ſeine Klienten gehört hatte, ins Gedächtniß zurückzurufen und bitter zu bereuen, daß er ſich einem ſo gewiſſensloſen Böſe⸗ wicht in die Hände gegeben hatte. Jonathan Wild war um dieſe Zeit auf dem Wege zu jener Größe, welche er nachher, und zwar nicht viel ſpäter, erreichte. Er erhob ſich ſchnell zu einer Höhe, welche keiner ſeines ſchändlichen Gewerbes vor ihm einnahm, noch hoffentlich 238 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. jemals einnehmen wird. Er war der Napoleon des Schurken⸗ thums und gründete eine unumſchränkte Herrſchaft über alle Parteigänger des Verbrechens. Dies war kein kleiner Sieg, noch war ein ſolches Reich leicht zu behaupten. Entſchloſſen⸗ heit, Strenge und Schlauheit waren dazu nöthig, und Jo⸗ nathan befaß dieſe Eigenſchaften in außerordentlichem Grade. Die Gefahr oder Schwierigkeit eines Unternehmens ſchreckte ihn nie ab. Was ſein Kopf erſann, führte ſeine Hand aus. Unter dem Schein eines Vermittlers zwiſchen Stehlenden und Beſtohlenen plünderte er ſelbſt Beide aus. Er war es, der den großen Plan einer Diebskorporation faßte, deren alleiniges Haupt und Leiter er ſelbſt ſein ſollte, mit dem Recht diejenigen, welche ihre Beute verheimlichten oder nicht mit ihm theilen wollten, dem Galgen zu überliefern. Er theilte London in Diſtrikte, beſtimmte jedem Diſtrikt eine Bande und ſetzte jeder Bande einen ihm ſelbſt verantwort⸗ lichen Anführer vor. Das Land war auf gleiche Weiſe ab⸗ getheilt. Diejenigen, welche er um ſeine Perſon anſtellte oder denen er Aemter von Wichtigkeit gab, waren größten⸗ theils überführte Verbrecher, welche vor Ablauf ihrer Straf⸗ zeit aus der Transportation zurückgekehrt waren und dadurch, ſeiner Meinung nach, die ſicherſten Helfershelfer abgaben, inſofern ſie weder gerichtliches Zeugniß gegen ihn ablegen, noch ihm einen beliebigen Theil der Beute, den er ihnen abnehmen wollte, vorenthalten konnten. Aber was Jona⸗ than's Ruhm die Krone aufſetzte, was ihn über alle ſeine Vorgänger in Schändlichkeiten erhob und ſeinen Namen mit unvergänglicher Anrüchigkeit umgab, ſollte noch kommen. Als er auf dem Gipfel der Macht ſtand, begann er einen furchtbaren, bis dahin unbekannten Handel— einen Handel mit menſchlichem Blut. Dieſen ſetzte er dadurch ins Werk, daß er Zeugen bereit hielt, durch deren falſche Ausſagen er diejenigen Perſonen dem Blutgerüſt überlieferte, welche ſich Jonathan Wild's Haus in Old Bailey. 239 ſein Mißfallen zugezogen hatten oder deren Beſeitigung ihm angemeſſen ſchien. Kein Wunder, daß Trenchard, indem er auf dies ſchreck⸗ liche Weſen blickte, einige Unruhe fühlte. Augenſcheinlich bemerkte Jonathan, daß er ein Gegen⸗ ſtand der Neugierde war, denn er entließ ſogleich ſeinen Diener und ging auf den Ritter zu. „Sie bewundern mein Kabinet, wie ich ſehe, Sir Row⸗ land,“ ſagte er mit unheimlichem Lächeln;„es wird in der That allgemein bewundert; und zuweilen von ſolchen, die ſpäter ſelbſt zu der Sammlung beitragen— ha! ha! Dieſer Schädel,“ fuhr er fort, indem er auf ein ſolches menſchliches Ueberbleibſel in einem naheſtehenden Gehäuſe zeigte,„gehörte einſt Tom Sheppard, dem Vater des Burſchen, von dem ich vorhin ſprach. In dem nächſten Schrank hängt der Strick, der ihn zu Tode brachte. Wenn ich erſt einen zweiten Schädel und einen zweiten Strick neben ihnen geſtellt habe, werde ich zufrieden ſein.“ „Zur Sache, Sir!“ entgegnete der Ritter mit einem Blick voll Widerwillen. „Ja, zur Sache,“ erwiederte Jonathan grinſend;„je eher deſto beſſer.“ „Hier iſt die verabredete Summe,“ verſetzte Trenchard und warf ein Taſchenbuch auf den Tiſch;„zählen Sie.“ Jonathans Augen leuchteten, indem er die Banknoten durchblätterte. „Sie haben zu viel gegeben, Sir Rowland, wenn ich mich nicht verſehen habe,“ ſagte er, nachdem er ſie zweimal gezählt hatte.„Es find hundert Pfund zu viel.“ „Behalten Sie ſie,“ ſagte Trenchard ſtolz. „Ich werde ſie Ihnen gutſchreiben, Sir Rowland,“ ant⸗ wortete der Diebsfänger mit bedeutungsvollem Lächeln.„Wol⸗ len wir jetzt nach Queenhithe gehn?“ 240 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Halt!“ rief Jener, einen Stuhl nehmend,„noch ein Wort, Herr Wild.“ „So viel Sie wollen, Sir Rowland,“ erwiederte Jona⸗ than, ſich wieder niederlaſſend;„ich ſtehe ganz zu Ihren Befehlen.“ „Ich habe Ihnen eine Frage viegen in Betreff—“ ſagte Trenchard und ſtockte. „In Betreff des Vaters dieſes Thames Darrell,“ er⸗ gänzte Jonathan.„Ich wußte wohl, was es ſein würde. Sie wünſchen zu wiſſen, wer es war, Sir Rowland. Gut, Sie ſollen es erfahren.“ „Ohne weitere Gebühren?“ fragte der Ritter. „Das grade nicht,“ antwortete Jonathan trocken.„Ein Geheimniß iſt ein zu werthvolles Gut, um weggeworfen zu werden. Aber ich habe verſprochen, daß ich nicht unbillig gegen Sie ſein will, und ich werde es halten. Wir ſind allein, Sir Rowland,“ fuhr er mit leiſerer Stimme fort, indem er die Lichter putzte und ſich vorſichtig umſah,„und was Sie mir anvertrauen, ſoll niemals ruchbar werden,— wenigſtens nicht zu Ihrem Nachtheil.“ „Ich verſtehe Sie durchaus nicht, Sir,“ ſagte Trenchard. „Ich werde mich gleich verſtändlicher machen,“ verſetzte Wild.„Ich brauche Sie nicht daran zu erinnern, Sir Row⸗ land, daß Sie ſtark bei dem Jakobitiſchen Komplott betheiligt ſind, welcher, wie man weiß, jetzt im Werke iſt.“ „Ha!“ rief Jener. „Sie find daher natürlich mit allen Anführern des be⸗ abſichtigten Aufſtandes bekannt,“ fuhr Jonathan fort,—„ja, Sie müſſen mit ihnen im Briefwechſel ſtehen?“ „Mit welchem Recht können Sie dieſe euna aus⸗ ſprechen, Sir?“ fragte Trenchard finſter. „Haben Sie einen Augenblick Geduld, Sir Rowland,“ verſetzte Wild,„und Sie ſollen es hören. Wenn Sie mir Jonathan Wild's Haus in Old Bailey. 241 eine Liſte dieſer Rebellen nebſt Beweiſen ihres Verraths geben wollen, ſo will ich Ihnen nicht nur Strafloſigkeit zuſichern, ſondern Sie auch mit dem wahren Namen und Stande des Gemahls Ihrer Schweſter Aliva bekannt machen und Ihnen einige Nachrichten über Ihre verlorene Schweſter Konſtanze mittheilen, die Ihnen ſonſt wohl nie zu Ohren kommen würden.“ „Ueber meine Schweſter Konſtanze!“ wiederholte der Ritter;“ was iſt's mit ihr?“ „Sie gehen alſo auf meinen Vorſchlag ein?“ ſagte Jonathan. „Halten Sie mich für einen eben ſo großen Schurken, wie Sie ſelbſt, Sir?“ ſagte der Ritter ſich erhebend. „Ich hielt Sie für Jemand, der nicht anſtehen würde, ſich aller Vortheile zu bemächtigen, die der Zufall ihm in den Weg wirft,“ entgegnete der Diebsfänger kalt.„Ich ſehe, daß ich mich geirrt habe. Gleichviel. Es kann eine Zeit kommen, und das bald, wo Sie meine Geheimniſſe und Ihre Sicherheit mit Freuden für einen theureren Preis, als die Köpfe Ihrer Mitſchuldigen erkaufen möchten.“ „Sind Sie fertig?“ fragte Trenchard, nach der Thüre gehend. „Ja,“ antwortete Jonathan, ihm folgend und dachte bei ſich hinzu:„die dich feſtnehmen ſollen, ebenfalls.“ Siebenzehntes Kapitel. Der Nachtkeller. Nach einem raſchen Gange von einigen Minuten, während deren keiner von beiden ein Wort ſprach, hatte Jonathan Wild und ſein Begleiter die Thamesſtraße erreicht. Zur Zeit dieſer Geſchichte waren die Hauptſtraßen der Ainsworth, Jack Sheppard. 1. 16 242 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Metropolis nur unvollkommen erleuchtet, wogegen die minder belebten Theile in vollſtändiger Dunkelheit blieben; aber ſelbſt heutigen Tages würde das Labyrinth von Höfen und Gängen, in die Wild ſich jetzt vertiefte, Jedem, der nicht mit ihren Windungen vertraut iſt, bei Nachtzeit in Verlegen⸗ heit ſetzen. Jonathan war jedoch mit dem Wege wohlbe⸗ kannt. Ja, er rühmte ſich, daß er ſeinen Weg blindlings durch jeden Theil von London finden könnte; und jetzt ſchien es, als wäre er beinahe an ſeinem Beſtimmungsort angekom⸗ men, denn er nahm ſeinen Gefährten beim Arm und führte ihn in ein enges Gäßchen, welches keinen Ausgang zu haben ſchien. Hier machte er Halt und warnte den Ritter, bei Ge⸗ fahr ſeines Lebens behutſam zu gehen, worauf er eine ſteile Treppe hinabſtieg, zu deren Fuß er eine Thür öffnete, welche von ſelbſt wieder zufiel, ſobald er hineingegangen war. Tren⸗ chard folgte ihm und ſie traten in den Nachtkeller. Das Gewölbe, in dem Sir Rowland ſich befand, glich einigermaßen einer Schiffskajüte. Es war lang und ſchmal, und ſeine Decke ward von ſtarken unverkleideten Querbalken getragen und war ſo niedrig, daß ein großer Mann kaum aufrecht darin ſtehen konnte. Trotz der Hitze der Jahres⸗ zeit,— welche jedoch in dieſem unterirdiſchen Raume eben nicht ſehr läſtig befunden ward,— loverte ein reichlich unter⸗ haltenes Feuer in einer Ecke und beleuchtete einen Kreis von ſo ſpitzbübiſchen Geſichtern, als nur je von einer Flamme beſchienen worden ſind. Die in dem Nachtkeller verſammelten Gäſte waren in der That wenig beſſer als Diebe; aber Diebe, welche ihre Raubzüge faſt ausſchließlich auf die in den Flußdocken liegen⸗ den Fahrzeuge beſchränken. Sie hatten eben ſo viel Benen⸗ nungen, als Abſtufungen. Es waren dort Waſſerjäger und Lichterjäger, ſchwere Reiter und leichte Reiter, Bootsſpürer und Lange⸗Schürzen⸗Männer, Seehaſen, Kreuzſchnäbel, Der Nachtkeller. 243 Schlammlerchen, Dachshunde und Ratzenfänger,— eine Art gefährlichen Ungeziefers, welches neuerdings durch die Wach⸗ ſamkeit der Thamespolizei zum größten Theil ausgerottet iſt, damals aber in großen Schaaren fortwucherte. Außer dieſen Dieben befanden ſich dort noch Andere, mit denen der Ver⸗ kauf ihrer Beute ſie nothwendig in Berührung brachte und die ſelten verfehlten, ſich während ihrer Erholungsſtunden bei ihnen einzufinden;— nämlich Kleinhändler in Tauwerk, alten Lumpen und Schiffsgeräth, Ankäufer von Priſengeldern, Matroſenmäkler und jüdiſche Diebeshehler. Die letzteren bil⸗ deten bei weitem den ſpitzbübiſchſten und abſchreckendſten Theil der ganzen Verſammlung. Einer oder zwei von den Tiſchen waren von Gruppen aufgedunſener ſchmieriger Weiber in niedrigen Haupen mit Ringen an den Däumen und Körben an der Seite beſetzt, und Niemand, der nur einen Augenblick lang ihre gemeine Sprache und heftige Schimpfreden gegen einander angehört hatte, konnte darüber zweifelhaft bleiben, daß es Fiſcherweiber von Billingsgate waren. Die präſidirende Gotiheit des Kellers war eine g Frauensperſon in mittleren Jahren, faſt eben ſo vierſchrötig und ganz eben ſo gellendſtimmig, als die erwähnten Fiſch⸗ weiber. Miſtreß Spurling, ſo hieß ſie, hatte eine warme, nußbraune Geſichtsfarbe, faſt ſo dunkel, wie die einer Krevlin, und einen Schnurrbart auf der Oberlippe, der dem älteſten Dragoner keine Schande gemacht hätte. Dieſe Dame hatte ein ſeltenes Glück in ihren ehelichen Verbindungen. Sie war viermal verheirathet geweſen; drei von ihren Männern ſtarben an Strangfiebern, und den vierten, der zweimal verurtheilt worden war, rettete Jonathan Wild aus der Schlinge und verſchaffte ihm noch dazu die Stelle eines Unterſchließers in Newgate. Beim Eintritt des Diebsfängers war Miſtreß Spurling am Feuer damit beſchäftigt, einige Kochoperationen zu leitenz 244 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. aber kaum ward ſie ſeiner anſichtig, ſo bahnte ſie mit ihren Ellbogen einen Weg für ihn und den Ritter durch den Haufen und geleitete ſie mit vielen Ceremonien in das Nebenzimmer, wo ſie den Zweck ihres Kommens, Quilt Arnold und Ryk⸗ hart Van Galgebrok, an einem kleinen Tiſch ruhig rauchend fanden. Nach dieſer Achtungsbezeugung zog ſie ſich, ohne einen Befehl dazu abzuwarten, zurück. Sowohl der Janitſchar, als der Schiffer erhob ſich beim Eintreten jener beiden. „Dies iſt der Gentleman, der Euch ſeinen Verwandten anvertrauen will,“ ſagte Jonathan, indem er Trenchard dem Holländer vorſtellte. „De Gentleman kann ſyk verlaſſen, dat ik ſeinen Ver⸗ wandten ordentlich in Acht nehmen will,“ erwiederte Van Galgenbrok mit einer tiefen Verbeugung gegen den Ritter; „aber wenn dem Jonker zufällig een Unglück paſſirt, as wie'n Fall über Bord, ſo moet er dat my nich anreknen— hah! hah!“ „Wo iſt er?“ fragte Sir Rowland, ſich unruhig um⸗ blickend.„Ich ſehe ihn nicht.“ „De Jonker. Hy is hier,“ erwiederte der Schiffer, be⸗ deutſam nach unten zeigend.„Bring em herauf, Quilt.“ Bei dieſen Worten ſchob er den Tiſch auf die Seite und der Janitſchar kniete hin, um einen Riegel aufzuſchieben, und öffnete eine Fallthüre. „Komm herauf!“ ſchrie Quilt in das Loch hinein. „Jemand will dich ſehen.“ Aber da keine Antwort erfolgte, ſo langte er mit dem Arm hinein und zog Thames Darrell mit einiger Schwierig⸗ keit und Kraftanſtrengung heraus. Der arme Knabe, dem die Hände hinter dem Rücken zuſammengebunden waren, ſah ſehr blaß aus, aber er zitterte nicht und zeigte auch nicht den geringſten Schein von Furcht. Der Nachtkeller. 245 „Warum kamſt du nicht gleich, als ich dich rief, kleine Natternbrut?“ rief Quilt mit rauhem Ton. „Weil ich wußte, was Ihr mit mir wolltet,“ antwortete Thames feſt. „O, wirklich?“ ſagte der Janitſchar.„Und was denkſt du, daß wir mit dir wollten, he?“ „Ihr wollt mich auf den Befehl meines grauſamen Onkels ermorden,“ erwiederte Thames.„Ach! da ſteht er!“ rief er, als ſein Blick jetzt auf den Ritter fiel.„Wo iſt meine Mutter?“ fuhr er fort und heftete ein forſchendes Auge auf Sir Rowland. „Deine Mutter iſt todt,“ antwortete Wild. „Todt?“ wiederholte der Knabe.„O nein— nein! Ihr ſagt dies nur, um mich zu erſchrecken und auf die Probe zu ſtellen. Aber ich glaube es nicht. So unmenſchlich er auch iſt, ſo hat er ſie doch nicht umbringen können. Sagen Sie mir, Sir,“ wandte er ſich an den Ritter,„ſagen Sie mir, daß dieſer Mann die Unwahrheit geſagt hat.— Sagen Sie mir, daß meine Mutter lebt und machen Sie mit mir, was Sie wollen.“ „Sagen Sie es ihm, und damit genug, Sir Rowland,“ ſprach Jonathan kalt. „Sagen Sie mir die Wahrheit, ich bitte Sie,“ rief Thames,„lebt ſie?“ „Nein,“ erwiederte Trenchard, von widerſtrebenden Ge⸗ fühlen überwältigt und unfähig, den angſtvollen Blick des Knaben zu ertragen. „Haſt du deine Antwort nun?“ ſagte Jonathan mit einem Grinſen, das eines Teufels würdig war. „Meine Mutter!— meine arme Mutter!“ rief Thames, auf die Knie fallend und in Thränen ausbrechend.„Soll ich nie wieder dies Engelsgeſicht ſehen,— nie wieder den liebe⸗ vollen Druck dieſer Hände fühlen und dieſe ſanfte Stimme 246 Z weiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. hören?— Ach! ja, wir werden uns im Himmel wieder⸗ ſehen, wohin ich dir bald folge. Fort denn,“ fügte er ruhiger hinzu;„ich bin zum Sterben bereit. Die einzige Ghade, die Sie mir erzeigen können, iſt die, mich zu tödten.“ „Dann wollen wir dir auch nicht einmal dieſe Gnade erzeigen,“ verſetzte der Diebsfänger roh.„Alſo ſteh auf und laß das Greinen. Deine Zeit iſt noch nicht da.“ „Herr Wild,“ ſagte Trenchard,„ich werde in dieſer Sache nicht weitergehen. Setzen Sie den Knaben in Freiheit.“ „Wenn ich Ihnen ungehorſam bin, Sir Rowland, ſo werden Sie mir ſpäter dafür Dank wiſſen,“ erwiederte der Diebsfänger.„Kneble ihn,“ rief er Quilt Arnold zu, indem er ihm Thames unſanft hinſtieß,„und ſchaffe ihn ins Boot.“ „Noch ein Wort,“ rief der Knabe, als der Janitſchar ſich anſchickte, den Befehl ſeines Herrn auszuführen.„Was iſt aus Jack Sheppard geworden?“ „Weiß der Teufel!“ antwortete Quilt; aber ich glaube, er iſt in den Händen von Blauhaut; alſo kein Zweifel, daß er bald auf dem Wege nach Tyburn ſein wird.“ 3 „Der arme Jack!“ ſeufzte Thames.„Ihr braucht mich nicht zu knebeln,“ fügte er hinzu,„ich werde nicht ſchreien.“ „Wir werden dir nicht trauen, mein Junge,“ antwortete der Janitſchar und ſteckte ihm ein Eiſenſtück in den Mund, worauf er ihn aus dem Zimmer ſchleppte. Sir Rowland ſah dieſem Verfahren wie betäubt zu. Er verſuchte weder ſeines Neffen Entfernung zu verhindern, noch ihm zu folgen. Jonathan wandte ſein durchdringendes Auge nicht von ihm ab, während er einige Worte an den Holländer richtete. „Iſt die Kiſte mit den Uhren an Vord?“ fragte er ihn leiſe. „Jah,“ antwortete der Schiffer. „Und die Ringe?“ Der Nachtkeller. 247 „Jah.“ „Das iſt gut. Sobald du in Rotterdam ankommſt, mußt du die Goldſchmiedsnote losſchlagen, die ich dir geſtern gab. Sie wird morgen in den Blättern bekannt gemacht werden.“ „De Duivel!“ rief Van Galgebrok.„Sehr good. Et ſoll geſchehn. Aber mit dieſem Jonker,“ fuhr er mit geſenkter Stimme fort,„ſoll et dabei bleiben? Et wäre beinahe zu Schade, ihn unter Water zu ſetzen.“ „Iſt die Yacht ſegelfertig?“ fragte Wild, ohne auf ſeine Bemerkung einzugehen. „Jah,“ antwortete Van,„in einer Minute.“ „Hier ſind deine Depeſchen,“ ſagte Jonathan mit be⸗ deutungsvollem Blick und gab ihm ein verſiegeltes Packet. „Oeffne ſie an Bord,— aber nicht eher, und thue, wie darin ſteht.“ „Verſtehe,“ erwiederte der Schiffer, den Finger an die Naſe legend;„et ſoll geſchehn.“ „Sir Rowland,“ wandte Jonathan ſich jetzt an den Ritter,„iſt es Ihnen gefällig, hier zu bleiben⸗ bis ich wieder komme, oder wollen Sie uns begleiten?“ „Ich will mit Ihnen gehn,“ antwortete Trenchard, der jetzt ſeine Faſſung und mit ihr ſeine ganze Hartherzigkeit wiedererlangt hatte. „So kommen Sie,“ ſagte Wild, indem er nach der Thüre ſchritt,„wir dürfen keine Zeit verlieren.“ Das Kleeblatt verließ den Nachtkeller und gelangte bald an das Stromufer. Quilt Arnold ſtand oben an der Waſſer⸗ treppe, neben welcher das Boot mit dem gefangenen Knaben lag. Er wechſelte einige Worte mit dem Diebsfänger, worauf die ganze Geſellſchaft mit Ausnahme Quilts in das Fahr⸗ zeug ſtieg und ſich bei günſtiger Fluth raſch ſtromab rudern ließ. Obgleich erſt zwei Stunden nach Mitternacht verfloſſen 248 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. waren, ſo war es doch ganz hell. Der Mond war aufge⸗ gangen und man konnte alle Gegenſtände ſo deutlich wie am Tage unterſcheiden. Auf der Waſſerfläche ruhte ein feiner Nebel und gab den wenigen umherfahrenden Booten einen geſpenſtiſchen Anſtrich. Als ſie ſich der Londoner Brücke näherten, flüſterte der Diebsfänger dem am Steuerruder ſitzen⸗ den Van Galgebrok zu, nach einem gewiſſen Bogen auf der Surreyſchen Seite hinzuhalten. Der Schiffspatron gehorchte und bald darauf glitten ſie durch die ſchmale Oeffnung. In⸗ dem die Bootsleute mit den durch den Fall unter der Brücke verurſachten Wirbeln kämpften, gewahrte Jonathan, daß Tren⸗ chard merklich zuſammenſchauderte. „Erinnern Sie ſich dieſes Eisbocks, Sir Rowland,“ fragte Jonathan,„und deſſen, was ſich vor zwölf Jahren darauf begab?“ „Nur zu gut,“ antwortete der Ritter ſtirnrunzelnd.„Ha! was iſt das?“ rief er und zeigte auf einen dunkeln Gegen⸗ ſtand, der unfern von ihnen auf den ſchäumenden Wellen ſchwamm und eine grauſe Aehnlichkeit mit einem menſchlichen Geſicht hatte. „Wir wollen zuſehn,“ erwiederte der Diebsfänger und ſtreckte die Hand aus, um den dunkeln Gegenſtand aus dem Waſſer zu heben. „Es war in der That ein menſchlicher Kopf, obwohl kaum eine Spur von den Geſichtszügen zurückgeblieben war. Hier und da hingen noch Fleiſchfetzen an den Knochen und das naſſe triefende Haar legte ſich um das einſtige Geſicht. „Es iſt der Schädel eines Rebellen,“ ſagte Jonathan mit Nachdruck.„Der Wind muß ihn von der Brücke herab⸗ geweht haben. Ich weiß nicht, weſſen hirnloſer Kopf es ſein mag, aber er kann meine Sammlung vermehren helfen.“ hiermit ließ er ihn nachläßig ins Bvot fallen. Nach dieſem Vorfall ward kein einziges Wort mehr — — . Der Nachtkeller. 249 zwiſchen ihnen gewechſelt, bis ihnen die Pacht, welche bei Wapping vor Anker lag, zu Geſicht kam. Als ſie ſich an ihre Seite legten, bewies die große Anzahl von Matroſen in holländiſcher Kleidung, welche ſich an ihrem Bord ſehen ließen, deutlich, daß die Mannſchaft auf der Hut war; ein Tau ward herabgelaſſen und der Schiffspatron ſtieg auf Deck. Dann wurden Anflalten getroffen, um Thames an Bord zu ſchaffen. Jonathan hob ihn in ſeinen Armen und ſchlang ihm das Tau um den Leib und auf dieſe Weiſe ward der arme Knabe ohne Mühe hinaufgezogen. Während er in der Luft ſchwebte, warf Thames noch einen durchdringenden Blick auf ſeinen Onkel zurück und rief mit drohender Stimme:„Wir werden uns wiederſehen.“ „In dieſer Welt nicht,“ entgegnete Jonathan.„Lichte die Anker, Van!“ rief er dem Patron zu,„und lies deine Depeſchen.“ „Jah— jah!“ verſetzte der Holländer und ergriff Thames, mit dem er unter dem Deck verſchwand. Bald darauf kam er mit der Nachricht wieder, daß der Gefangene ſicher untergebracht wäre; und nachdem er ſeiner Mannſchaft die nöthigen Befehle gegeben hatte, enffaltete die Zeeſlang nach wenigen Minuten ihre Segel der erſten Morgenbrieſe. Auf den Befehl des Diebsfängers ward das Boot dann in eine ſchlammige Einfahrt gerudert, welche in ſpäteren Zeiten den Namen Execution Dock erhalten hat. Sobald es hier angelegt hatte, ſprang Wild ans Land und fand mehrere Perſonen zu ſeinem Empfange bereit, unter denen auch Quilt Arnold mit einem geſattelten Pferde war. Auch hielt eine Kutſche in einiger Entfernung. Sir Rooland, der tief in Gedanken verſunken, die lang⸗ ſam den Fluß hinabgleitende Macht nicht aus den Augen ge⸗ laſſen hatte, ſtieg bedächtiger ans Land. 250 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Endlich bin ich mein eigener Herr,“ murmelte er, als ſein Fuß den feſten Boden berührte. „O nein, Sir Rowland,“ erwiederte Jonathan,„Sie find mein Gefangener.“ „Wie!“ rief Trenchard zurückfahrend und den Degen ziehend. „Ich verhafte Sie wegen Hochverraths,“ verſetzte Jona⸗ than, indem er eine Piſtole auf ſeinen Kopf anlegte und zu⸗ gleich ein Pergament hervorzog—„hier iſt der Befehl.“ „Verräther!“ rief Sir Rowland—„verdammter, doppel⸗ züngiger Verräther!“ „Fort mit ihm!“ herrſchte Jonathan ſeinen Myrmidonen zu, welche Trenchard umringten und fortſchleppten, ehe er noch ein Wort ſprechen konnte,—„erſt zu Herrn Walpole und dann nach Newgate. Und jetzt, Quilt,“ wandte er ſich an den Janitſcharen, der ſich ihm mit dem Pferde näherte, „eile nach der Saint⸗Giles⸗Wache, und wenn der alte Wood mit Hülfe dieſes verrätheriſchen Schurken Terry OFlaherty, den ich auf meine ſchwarze Liſte geſetzt habe, ſeinen Weg dorthin gefunden haben ſollte und von Sharples meinen Be⸗ fehlen gemäß feſtgehalten worden iſt, ſo kannſt du ihn in Freiheit ſetzen. Meinetwegen mag er es gleich erfahren, daß er ſeinen Pflegſohn verloren hat. Wenn ich jenen hochmüthi⸗ gen Narren nach ſeinem neuen Quartier geleitet habe, will ich nach der Münze gehen und nach Jack Sheppard ſehen.“ Hiermit beſtieg er ſein Pferd und galloppirte davon. Achtzehntes Kapitel. Wie Jack Sheppard aus dem Gefängniß zu Willesden brach. Der herzzerreißende Schrei, den Miſtreß Sheppard nach Vollbringung des Diebſtahls in der Kirche zu Willesden — — Wie Jack Sheppard aus dem Gefängniß zu Willesden brach. 251 ausſtieß, hatte die verhängnißvollſten Folgen für ihren Sohn. Zum Glück verlor ſie die Beſinnung und entging ſo der taurigen Nothwendigkeit, eine Zeugin deſſen zu ſein, was nachher mit ihm geſchah. Die Aufmerkſamkeit der ganzen verſammelten Gemeinde richtete ſich, wie man ſich denken kann, nach dem Ort, von welchem der Schrei herkam. Unter andern bemerkte eine in der Nähe der Thüre ſtehende Perſon, daß ein Mann mit der äußerſten Eile hinausſtürzte. Ein Knabe verſuchte ihm zu folgen, aber da der Argwohn der Zuſchauer durch das Vorangegangene rege geworden war, ſo ward er ergriffen und feſtgehalten. Unterdeſſen ſteckte Herr Kneebone, den die Mienen der Wittwe ſchon beunruhigt hatten, ehe ſie ihren Gefühlen auf die erwähnte Art Luft machte, die Hand mechaniſch in die Taſche, um nach ſeinem Taſchenbuch zu fühlen,— an deſſen ſicherer Bewahrung ihm natürlich ſehr viel gelegen war, da es verſchiedene Briefe und Papiere enthielt, welche ihn und andere in Betreff des Jakobitiſchen Komplotts kompromittiren konnten,— und da er es nicht fand, ſo war er überzeugt, daß es ihm geſtohlen ſein müßte. Er drehte ſich raſch um, in der Hoffnung den Dieb zu ent⸗ decken und war eben ſo überraſcht, als betrübt,(denn trotz ſeiner Fehler war der Tuchhändler ein gutmüthiger Menſch) als er Jack Sheppard in feſtem Gewahrſam ſah. Die Wahr⸗ heit leuchtete ihm mit Blitzesſchnelligkeit ein. Dies war alſo die Urſache des unruhigen, unerklärlichen Blickes der Wittwe, — ihres plötzlichen Schreis! Herr Kneebone theilte der Per⸗ ſon, welche Jck feſthielt und Niemand anders als ein Kirch⸗ wardein und Konſtabel, Namens John Dump, war, leiſe ſeinen Argwohn mit und bat ihn, den Gefangenen auf den Kirchhof hinauszubringen. Dump leiſtete ſogleich Folge, und ſobald Jack außerhalb der heiligen Mauern war, ward er von Kopf zu Fuß, jedoch ohne Erfolg, durchſucht. Jack unter⸗ warf ſich dieſem Verfahren mit böſer Miene und betheuerte 252 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. heftig ſeine Unſchuld. Umſonſt verſprach der Tuchhändler, ihn freizulaſſen, wenn er den geſtohlenen Gegenſtand auslieferte oder ſeinen Mitſchuldigen angäbe, dem er ihn etwa zugeſteckt hätte. Er antwortete mit der größten Dreiſtigkeit, daß er nicht das geringſte von der ganzen Sache wiſſe, kein Taſchen⸗ buch geſehen habe und keinen Mitſchuldigen anzugeben habe. Auch begnügte er ſich nicht damit, die Beſchuldigung des Verbrechens abzuweiſen, ſondern begann auch ſeinerſeits ſei⸗ nem Ankläger zu drohen und ihn mit den bitterſten Schmähun⸗ gen zu überhäufen. Der Kirchhof hatte ſich allmälig mit Zu⸗ ſchauern angefüllt, von denen einige ſich nach verſchiedenen Richtungen zerſtreuten, um den andern Dieb aufzufinden. Aber ſie konnten im Dorf nichts weiter ermitteln, als daß ein Mann kurz vorher in der Richtung nach London fort⸗ geritten wäre. Dieſem Mann beſchloß Kneebone nachzuſetzen; er ließ Jack daher unter der Obhut des Konſtabels und be⸗ gab ſich nach dem kleinen Wirthshauſe, welches damals wie heute das Zeichen der Sechs Glocken trug, wo er ſogleich ſein Pferd ſatteln ließ und in vollem Gallopp dahinſprengte. Unterdeſſen kam man nach einer kurzen Berathung zwiſchen Herrn Dump und den Dorfbehörden überein, den Angeklagten in dem Gefängniß einzuſperren. Während er dorthin gebracht wurde, ereignete ſich ein Vorfall, der einen tiefen Eindruck auf die Gefühle des jugendlichen Verbrechers machte. Gerade als ſie den öſtlichen Ausgang des Kirchhofes erreichten, wo die hohen Rüſtern ihren kühlen Schatten über die länvlichen Gräber warfen, trat eine Stockung ein. An dieſem Thore vereinigen ſich zwei Fußſteige. Auf dem einen ward der junge Taugenichts fortgeſchleppt, und auf dem andern trugen mehrere Frauen ein ohnmächtiges Weib hinaus. Es war ſeine Mutter, und als ſein Blick auf ihre bleichen Züge und ihre lebloſe Geſtalt fiel, ſchlug ihm heftig das Herz. Er trieb ſeine Führer zu größerer Eile an, um dieſem betrübenden — Wie Jack Sheppard aus dem Gefängniß zu Willesden brach. 253 Schauſpiel zu entgehen, und fühlte ſich ſogar erleichtert, als die Mauern ſeiner kleinen Zelle ihn davon und von den Ver⸗ wünſchungen des Pöbels trennten. Das Gefängniß zu Willesden war und iſt,— denn es ſteht noch,— ein kleines rundes Gebäude ungefähr acht Fuß hoch mit ſpitz zulaufendem Ziegeldach, an welchem eine An⸗ zahl von Tafeln mit verſchiedenen Warnungsanzeigen an Vagabunden und anderes Geſindel befeſtigt ſind. Ueber dieſen Tafeln erhebt ſich ein Wegweiſer mit zwei Armen, von denen der rechte nach den benachbarten Dörfern Neasdon und Kings⸗ bury und der andere nach der Edgewareſchen Landſtraße und den geſunden Höhen von Hampſtead zeigt. Das Gefängniß hat eine feſte Thüre mit einem Eiſengitter darüber und iſt außerdem mit einem ſtarken Riegel und Vorhängſchloß ver⸗ wahrt. Es hat eine maleriſche Lage unter einem Baum an der Landſtraße in geringer Entfernung von dem Wirthshauſe und von der Kirche. Jack blieb einige Zeit nach ſeiner Einſperrung in einer niedergeſchlagenen Stimmung. Von ſeinem ältern Ver⸗ brechensgenoſſen und Anſtifter verlaſſen, wußte er nicht, was aus ihm werden ſollte; auch war das traurige Schauſpiel, deſſen Zeuge er zuletzt geweſen war, wie geſagt, nicht ohne Wirkung auf ihn. Obgleich er innerhalb der letzten beiden Tage mehrere gehäſſige Vergehen, und unter dieſen ein viel ſtrafbareres, als die, mit welchen der Leſer ſchon bekannt iſt, begangen hatte, ſo war ſein Gemüth doch noch nicht ſo verſtockt, um gegen die Mahnungen des Gewiſſens unem⸗ pfindlich zu ſein. Ermüdet von dem Gedanken an das Ver⸗ gangene und erſchreckt über ſeine Ausſichten in die Zukunft, warf er ſich endlich auf das Stroh, mit dem der Fußboden des Gefängniſſes bedeckt war und verſuchte einzuſchlafen. Als er erwachte, war es ſpät am Tage; aber obgleich er draußen Stimmen hörte und dann und wann ein Geſicht durch das 254 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Gitter über der Thür nach ihm hereinſah, ſo kam doch Nie⸗ mand in das Gefängniß oder ließ ſich mit ihm in eine Unter⸗ haltung ein. Da er ſich ziemlich erſchöpft fühlte, ſo fiel es ihm bei, daß der Konſtabel ihm vielleicht einigen Mund⸗ vorrath zurückgelaſſen haben könnte; und als er mit den Augen danach ſuchte, bemerkte er auch einen Krug Waſſer und ein kleines ſchwarzes Brod. Er aß von dem Brod mit großem Appetit, und nachdem er ſeinen Durſt geſtillt hatte, goß er den Reſt des Waſſers auf den Fußboden. Mit der Befriedigung ſeines Hungers kehrte auch ſein Lebensmuth und mit dieſem ſeine ganze angeborne Keckheit wieder. Und jetzt ſuchte ihn zum erſtenmal jener Genius heim, welcher ihn in ſeiner ſpäteren Laufbahn zu ſo vielen kühnen und er⸗ folgreichen Thaten anſpornte. Als er ſich in dem Gefängniß umſah, dämmerte der Gedanke an die Möglichkeit einer Flucht in ihm auf. Die Thür war zu feſt und wohl verſchloſſen, um aufgebrochen zu werden, die Mauern zu dick; aber die Decke,— wenn er ſie nur erreichen könnte, ſo bezweifelte er nicht, dort einen Ausweg zu finden. Während er auf dieſe Weiſe ſeinen Fluchtverſuch überlegte und ſich auf dem Stroh umherwälzte, gerieth er auf eine alte zerbrochene und roſtige Heugabel. Hier war ein Werkzeug, das ihm bei der Ausführung ſeines Planes die wichtigſten Dienſte leiſten konnte. Er legte es ſorgfältig auf die Seite und beſchloß den Verſuch bis auf die Nacht aufzuſchieben. Die Zeit ver⸗ ging dem Gefangenen ziemlich langſam, und er mufßte ſeine Ungeduld ſo gut wie möglich bezwingen, aber als die abend⸗ lichen Schatten heraufzogen, ward die Thür aufgeſchloßen und Herr Dump ſteckte ſeinen Kopf in das Gefängniß. Er brachte wieder ein kleines Brod und eine Kanne, aus welcher er den Krug füllte, und ermahnte Jack, gut hauszuhalten, da er vor Morgen nichts mehr erhalten würde. Hierauf erwiederte Jack, daß er ganz zufrieden wäre, wenn er nur ——————— — Wie Jack Sheppard aus dem Gefängniß zu Willesden brach. 255 etwas Branntwein hätte. Dieſe Bitte, welche Herr Dump mit der äußerſten Geringſchätzung anhörte, machte jedoch auf eine draußen befindliche Perſon einigen Eindruck; denn der Konſtabel hatte ſich noch nicht lange entfernt, als Jack ein Klopfen an der Thür hörte und ein Pſeifenrohr zwiſchen den Stangen des Gitters erblickte. Er errieth ſogleich den Zweck dieſes finnreichen Auskunfsmittels und ſog wacker an der Spitze, während die Perſon draußen Branntwein in den Kopf goß. Als er zur Genüge getrunken und ſeinem unbe⸗ kannten Freunde gedankt hatte, legte Jack ſich wieder auf das Stroh und erquickte ſich mit einem zweiten Schläſchen, mit der Abſicht, beim Anbruch der völligen Dunkelheit auf⸗ zuſtehn. Der ſtarke Trunk, den er gethan hatte, verbunden mit der überſtandenen Mühſeligkeit und Angſt, verlängerte ſeinen Schlummer über die Gebühr, und als er erwachte, begann es eben zu tagen. Seine Schläfrigkeit verfluchend, ſchüttelte Jack ſich bald wach und machte ſich allen Ernſtes ans Werk. Mit Hülfe einiger Unebenheiten an der Thür gelang es ihm bald, bis ans Dach heranzuklettern, und als er auf einem kleinen Mauervorſprung ſeſten Fuß gefaßt hatte, fing er ſeine Heugabel mit großem Nachdruck an zu gebrau⸗ chen. Ehe viele Minuten um waren, hatte er ein großes Loch in den Mörtel geſtoßen, der in einer Staubwolke herab⸗ ſtrömte; und nachdem er mehrere Latten abgeriſſen hatte, ſtieß er auf einen Balken, an dem er ſich mit der einen Hand feſthielt, während es ihm mit der andern, wiewohl nicht ohne Schwierigkeit gelang, einen der Dachziegel heraus⸗ zuzwängen. Das Uebrige war leicht. In wenig Minuten hatte er eine Breſche durch das Dach gemacht, die weit ge⸗ nug war, um ihn durchzulaſſen. Kaum war er durch dies Loch gekrochen, und er wollte ſich grade hinunterlaſſen, als ihn das raſche Nahen von Pferdehufen ſtutzig machte, und er hatte eben nur Zeit, ſich hinter der größten der vorhin 256 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. erwähnten Tafeln zu verſtecken, als auch ſchon zwei Reiter herantrabten. Anſtatt weiter zu reiten, wie Jack erwartete, machten dieſe Perſonen vor dem Gefängniſſe Halt und einer von ihnen, nach dem Gehör zu urtheilen, denn Jack wagte nicht aus ſeinem Verſteck hervorzublicken, ſtieg ab. Dann ließ ſich ein Geräuſch hören, als ob irgend ein Werkzeug an die Thür geſetzt würde, um ſie zu erbrechen, und Jack's Furcht war auf einmal zerronnen. Zuerſt hatte er gedacht, es wären Polizeidiener, die ihn in ein feſteres Gefängniß bringen wollten, aber die Stimme des einen, die er ſogleich wiedererkannte, verrieth ihm, daß es ſeine Freunde waren. „Donnerwetter, Blauhaut, ſpute dich!“ murrte die tiefe Stimme Jonathan Wild's.„Wir werden das ganze Dorf auf dem Halſe haben, während du die Winde ſchränkſt.* So brauche doch die Klamoniß, Menſch!“ „Es braucht hier weder Dietrich noch Brechſtange mehr, Herr Wild,“ rief Jack, indem er ſeinen Hut auf den rechten Arm des Wegweiſers ſetzte und ſich über die Tafel lehnte, vich habe den Witz ſchon ſelbſt abgemacht.“ „Ha, was Teufel iſt dies?“ rief Jonathan hinaufſehend. „Biſt du aus dem Neſt ausgebrochen, Jock?“ „So was wird's wohl ſein,“ erwiederte der Burſche leichthin. „Bravo!“ rief der Diebsfänger beifällig. „Wahrhaftig, das geht über Alles, was man je gehört hat!“ brüllte Blauhaut.„Aber biſt du wirklich da?“ „Nein, ich bin hier,“ antwortete Jack hinunterſpringend. „Ich will Ihnen was ſagen, Herr Wild,“ fuhr er lachend fort,„es muß ein ſtärkeres Gefängniß als das Willesden⸗ ſche ſein, das mich halten ſoll.“ „Ja, ja,“ meinte Jonathan,„du wirſt den Schließern von Sr. Majeſtät Gefängniſſen manchen Verdruß machen, * Die Thür brichſt.»„ Dietriche. 5 Wie Jack Sheppard aus dem Gefängniß zu Willesden brach. 257 ehe du viele Jahre älter biſt, dafür ſtehe ich dir. Aber laß dich von Blauhaut hinauf nehmen. Es könnte uns Jemand beobachten.“ „Komm, ſpring hinauf,“ rief Blauhaut, ſein Pferd be⸗ ſteigend,„und ich will dich bald in die Stadt huſchen. Edge⸗ worth Beß und Poll Maggot ſterben vor Verlangen, dich wieder zu ſehn. Ich dachte, Beß würde ſich ihre hubſchen Augen ausweinen, ſo betrübt war fie, als ſie hörte, daß du verſchütt* wärſt. Vor Kneebone brauchſt du dich nicht mehr zu fürchten. Herr Wild hat ihm den Reſt gegeben.“ „Wohl— wohl,“ lachte Jonathan.„Das Taſchenbuch, das du gemauſt haſt, enthielt die Briefe, die ich haben wollte. Er ſitzt jetzt bei Sir Rowland Trenchard im Loch. Alſo nur herauf und fort.“ „Ehe ich dieſen Ort verlaſſe, muß ich meine Mutter ſehn.“ „Unfinn,“ brummte Jonathan.„Willſt du dich noch einmal in Gefahr ſetzen? Sie war allein daran Schuld, daß es dir das erſtemal ſchlecht ging.“ „Das iſt mir gleich,“ erwiederte Jack.„Sehn will ich ſie. Laſſen Sie mich hier, ich fürchte mich nicht. Ich werde noch im Laufe des Tages in den Kreuzſchaufeln ſein.“ „Nun, wenn du durchaus auf deiner Narrheit beſtehſt,“ meinte Wild, der beſondere Gründe zur Nachgiebigkeit zu haben ſchien,„ſo will ich dich nicht hindern. Blauhaut wird auf die Perde Acht geben und ich will dich begleiten.“ Mit dieſen Worten ſtieg er ab und befahl ſeinem Be⸗ gleiter, eine kleine Strecke weit voraufzureiten. Dann folgte er Jack, der die Landſtraße verlaſſen hatte und einen Fuß⸗ ſteig dem Gefängniß gegenüber einſchlug. Dieſer Pfad, der an beiden Seiten mit hohen Hecken von dem prachtvollſten Grün eingefaßt war, führte ſie bald zu einem Drehling. »Gefangen. Ainsworth, Jack Sheppard. 1. 17 ——.ꝛ.— ———— 258 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. „Da iſt das Haus,“ ſagte Jack, auf eine niedliche Hütte zeigend, deren kleine hölzerne Vorhalle mit Roſen und Schling⸗ pflanzen bedeckt war und einen ſauber gehaltenen Vorder⸗ garten hatte.„In einer Minute bin ich wieder zurück.“ „Uebereile dich nicht,“ ſagte Jonathan,„ich will hier auf dich warten.“ Neunzehntes Kapitel. Das Gute und das Böſe. Als Jack das Thor öffnete und durch den kleinen Garten ging, welcher an jeder Stelle von der Sorgfalt ſeiner Eigen⸗ thümerin Zeugniß ablegte, zitterte er faſt bei dem Gedanken, daß er ihre Seelenruhe wieder ſtören würde. Er ſtand in der Abſicht, wieder umzukehren, ſtill und blickte in der Rich⸗ tung nach der Dorfkirche zurück, deren Thurm ſo eben über den Bäumen hervorragte. Die Krähen krächzten in den Zweigen und die ganze Natur ſchien zum Genuß des Glücks zu erwachen. Von dieſem friedlichen Schauſpiel wandte ſich Jack's Auge nach Jonathan, der auf dem Drehling im Schatten eines Hollunderbaums ſaß und ihn augenſcheinlich beobachtete. Ein ſarkaſtiſches Lächeln ſchien um ſeine Lippen zu ſpielen, und der Knabe ſetzte, ſich ſeiner Unſchlüſſigkeit ſchämend, ſeinen Weg fort. Nachdem er einigemale vergebens an die Thür geklopft hatte, verſuchte er den Drücker und fand ſie zu ſeinem Er⸗ ſtaunen offen. Er trat mit ſchweren Ahnungen ein. Eine Katze lief herbei und rieb ſich an ihm, und ſchien ihn miauend um Futter zu bitten. Dies war der einzige Laut, den er hörte. Jack fürchtete ſich faſt zu ſprechen, aber endlich muſterte er ſeinen Muth und rief:„Mutter!“ „Wer iſt da?“ fragte eine ſchwache Stimme vom Bett her. „Dein Sohn,“ antwortete der Knabe. Das Gute und das Böſe. 259 „Jack,“ rief die Wittwe zuſammenſchreckend und den Vor⸗ hang bei Seite ziehend.„Biſt du es wirklich oder träume ich?“ „Du träumſt nicht, Mutter,“ antwortete er.„Ich komme, um dir Lebewohl zu ſagen und dich von meiner Befreiung zu benachrichtigen, ehe ich dieſen Ort verlaſſe.“ „Wohin willſt du?“ fragte ſeine Mutter. „Ich weiß es ſelbſt nicht,“ erwiederte Jack;„aber es iſt nicht ſicher, lange hier zu bleiben.“ „Leider,“ entgegnete die Wittwe, der ſich die furchtbaren Erinnerungen des vorigen Tages wieder aufdrängten,„ich weiß es. Ich will dich nicht lange aufhalten. Aber ſage mir, wie du aus deinem Gefängniß entwiſcht biſt,— komm und ſetze dich zu mir,— hier aufs Bett,— gib mir deine Hand,— und erzähle mir alles.“ Ihr Sohn gehorchte und ſetzte ſich neben ſie auf die geſteppte Bettdecke. „Jack,“ ſagte Miſtreß Sheppard und faßte ihn mit fie⸗ bernder Hand,„ich bin krank geweſen,— ſchrecklich krank, — ich glaube, ich habe phantaſirt,— mir däuchte die ver⸗ gangene Nacht, ich müßte ſterben,— ich will dir nicht ſagen, wie viel Kummer du mir verurſacht haſt— ich will dir keine Vorwürfe machen. Nur verſprich mir, dich zu beſſern und deine ſchlechten Gefährten zu verlaſſen,— und ich will dir verzeihen und dich ſegnen. O, mein liebes, liebes Kind, laß dich bei Zeiten warnen. Du biſt in den Händen eines gottloſen, fürchterlichen Menſchen, der nicht eher ruhen wird, als bis er dich ins Verderben geſtürzt hat. Höre auf die Bitten deiner Mutter und brich ihr nicht das Herz.“. „Es iſt zu ſpät,“ erwiederte Jack düſter;„ich kann nicht ehrlich ſein, wenn ich auch wollte.“ „O ſprich nicht ſo,“ verſetzte ſeine unglückliche Mutter. „Es iſt nie zu ſpät. Ich weiß, daß du in Jonathan Wild's 260 Zweiter Abſchnitt. 1715. Thames Darrell. Gewalt biſt, denn ich ſah ihn bei dir in der Kirche; und wenn der Erbfeind je menſchliche Geſtalt annehmen kann, ſo habe ich ihn in jenem Augenblick geſehn. Hüte dich vor ihm, mein Sohn! Hüte dich vor ihm. Du weißt nicht, zu welcher Schurkerei er fähig iſt. Sei ehrlich und du wirſt glücklich ſein. Du biſt noch ein Kind und wenn du vom rechten Pfade gewichen biſt, ſo hat dich eine mächtigere Hand als deine eigne davon abgeführt. Ich bitte dich, kehre zu deinem Herrn zurück. Bekenne ihm deine Vergehen. Er iſt ganz Güte und wird um deines armen Vaters und um meinet⸗ willen nachſichtig ſein. Kehre zu ihm zurück, ſage ich—“ „Ich kann nicht,“ erwiederte Jack hartnäckig. „Du kannſt nicht?“ wiederholte ſeine Mutter.„War⸗ um nicht?“ „Ich will es Ihnen ſagen,“ rief eine tiefe Stimme hinter dem Bett. Und in demſelben Augenblick ward der Vorhang auf die Seite gezogen und enthüllte das ſataniſche Antlitz Jonathan Wild's, der ſich unbemerkt ins Haus ge⸗ ſchlichen hatte.„Ich will Ihnen ſagen, weßhalb er nicht zu ſeinem Herrn zurückkehren kann,“ rief der Diebsfänger mit boshaftem Grinſen.„Er hat ihn beſtohlen.“ „Ihn beſtohlen!“ kreiſchte die Wittwe.„Jack!“ Ihr Sohn wandte den Blick ab. „Ja, ja, beſtohlen,“ wiederholte Jonathan.„In der vorletzten Nacht ward Herrn Wood's Haus erbrochen und geplündert. Ihr Sohn iſt von ſeiner Frau mit den Dieben zuſammen geſehn worden. Hier,“ fügte er hinzu, indem er einen Anſchlagzettel auf das Bett warf,„hier find die Ein⸗ zelnheiten des Einbruchs nebſt einer Belohnung für Jack's Gefangennehmung.“ „Ah!“ rief die Wittwe und verbarg ihr Geſicht. „Komm,“ ſagte Wild mit gebietendem Tone zu Jack, „du haſt dich überlange aufgehalten.“ „ Das Gute und das Böſe. 261 „Geh nicht mit, Jack!“ ſchrie ſeine Mutter.„Geh nicht mit,— geh nicht mit.“ „Er muß!“ donnerte Jonathan,„oder er geht ins Gefängniß.“ „Wenn du ins Gefängniß mußt, ſo will ich mit dir gehn,“ rief Miſtreß Sheppard;„aber vermeide dieſen Mann, wie eine Schlange.“ „Komm fort,“ donnerte Jonathan. „Höre mich an, Jack,“ rief ſeine Mutter.„Du weißt nicht, was du thuſt. Der Elende, auf den du vertrauſt, hat gelobt, dich an den Galgen zu bringen. So wahr ich einſt auf Barmherzigkeit hoffe, ich ſage die Wahrheit!— Laß ihn es läugnen, wenn er kann.“ „Pah!“ ſagte Wild.„Ich könnte ihn jetzt hängen laſſen, wenn ich wollte. Aber er kann bei Ihnen bleiben, wenn er will; ich habe nichts dawider.“ „Hörſt du, mein Sohn,“ ſagte die Wittwe dringend. „Wähle zwiſchen dem Guten und dem Böſen;— zwiſchen ihm und mir. Und bedenke wohl, dein Leben,— mehr als dein Leben,— hängt von deiner Wahl ab.“ „So iſt es,“ ſagte Wild.„Wähle, Jack.“ Der Knabe antwortete nicht, ſondern ging hinaus. „Er geht fort!“ rief Miſtreß Sheppard verzweifelnd. „Auf immer!“ ſagte der Diebsfänger im Begriff ihm zu folgen. „Teufel!“ rief die Wittwe, ſeinen Arm ergreifend und ihm mit halb wahnfinnigem Blick ins Geſicht ſtarrend,„wie viele Jahre gibſt du meinem Sohn, ehe du deine fürchter⸗ liche Drohung wahr machſt?“ „Neun!“ antwortete Jonathan rauh. Ende des zweiten Abſchnitts. Inhalt des erſten Theils. Erſter Abſchnitt. 1703. Jonathan Wild. Seite Fapitel 1. Die Witte und ihr Kind„ De Wnmee Kite Däs Dach und das Fenſter 63 pite 5 Die Kapitel 6. Der Stutmm Kapitel7. Die alte Londoner Biüt 6 Zweiter Abſchnitt. 42415. Thames Darrell. E Kapitel 4. Herr Kneebone und ſeine Freunde 4„106 —— — ———— —— Kapirel5. Kapitels6. Kapitel?. Kapitels. Kapitel9. Kapitel 10. Kapitel 11. Kapitel 12. Kapitel 13. Kapitel 14. Kapitel 15. Kapitel 16. Kapitel 17. Kapitel 18. brach Kapitel 19. Inhalt des erſten Theils. Geier und Falke Der erſte Schritt zur Leiter ür ünd Schweſter Spitzbübiſches Gemunkel„ Folgen des Diebſtahls Muttes ünd Soh Die Mohocks Die Saint⸗Giles⸗Wache„ ⸗ ⸗ ⸗ ⸗ . ⸗ Die Gaunerherberge„ Der Diebſtahl in der Kirche von Willesden Jonathan Wild's Haus in Old⸗Bailey. Der Wch Wie Jack Sheppard aus dem Gefängniß zu Das Gute und das Böſe„ 263 Seite 465 —*.— 2¹18 230 — 1— * c— —