— der Leſer zum Erſatz des Ganzen venpflichtet. Leihbibliothet 3 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6dnard Oktmann in Cieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Ceſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme n Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme ee welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 1 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ———————— auf 1 Monat: M — 5. Answärtige Ahonnenten haben für Hin- und Zurückſendung ₰ der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, ver⸗ n lorene oder defecte Buch ein Theil eines größere erkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe Don Esteban, oder Memviren eines Spaniers. Aus dem Engliſchen nach der zweiten Auflage frei uͤberſetzt von Gustav Sellen. „Err ſt e T Leipzig, 1827. Verlag von Carl Focke. — —— — — 87 .— Vorrede des Verſfaſſers. Indem ich der Welt hiedurch vie folgenden Memoiren uͤbergebe, ſcheinen mir einige Worte erforderlich, um den Grund zu erlaͤutern, welche den Verfaſſer veranlaßten, ſie zu ſchrei⸗ ben und oͤffentlich bekannt zu machen. Durch die politiſchen Ereigniſſe der neue⸗ ſten Zeit, welche noch jetzt das ungluͤckliche Spanien zerfleiſchen, aus ſeinem Vaterlande vertrieben, und getrennt von allem, was ſeinem Herzen theuer war, fand der Verfaſ⸗ ſer in der Unthaͤtigkeit ſeiner Verbannung zu viel Gelegenheit, an ſein Ungluͤck zu den⸗ ken, als daß er nicht einen freien Ueberblick, wie alles ſo kam, haͤtte wuͤnſchen ſollen. Er beſchloß daher, die Ereigniſſe ſeines Lebens dem Papiere anzuvertrauen, und ſowohl die 2 1V heitern Bilder eines ungetruͤbten Jugendle⸗ bens aufzuzeichnen, als auch die ſtuͤrmiſchen Scenen, die er in ſpaͤtern Jahren erlebte. Dieſe Beſchaͤftigung hat ihm manche truͤbe Erinnerung auf's neue erweckt, aber ſie hat ihn auch oft erheitert und getroͤſtet, indem, auf Augenblicke wenigſtens, die finſtere Ge⸗ genwart vor den begluͤckenden Traͤumen einer beſſern Vergangenheit in den Hintergrund trat. Vielleicht wuͤrde dieſer Grund allein hin⸗ reichen, den Verfaſſer in den Augen mitfuͤh⸗ lender Englaͤnder zu entſchuldigen, daß er es wagte, in einer Sprache, deren er nicht ganz mächtig, ungelaͤufig, und wie er wohl nicht mit Unrecht fuͤrchten muß, zuweilen auch falſch, zu ſchreiben; aber er hat noch einen andern Grund, ſeine Arbeit dem Drucke zu uͤbergeben, und zwar einen, der in einem Lande nicht fuͤr uͤberfluͤſſig erachtet werden kann, wo es ſo Viele giebt, die fremde Laͤnder und fremde Sitten kennen zu lernen wuͤnſchen. Indem der Verfaſſer eine aus⸗ fuͤhrliche Beſchreibung ſeines Lebens lieferte, ſuchte er zugleich ein treues Bild der Sitten und Gebraͤuche ſeiner Landsleute zu geben. Er juͤhrt den Leſer in das Innere der Pri⸗ „ vat⸗Wohnungen, und zeigt ihm dort alles, was der Beachtung werth iſt; er geht mit ihm in die Tertullias, auf Baͤlle, Aſſembleen und die oͤffentlichen Plaͤtze; er geleitet ihn durch Stifter, Moͤnchs- und Nonnenkloͤſter und durch Palaͤſte; er zeigt ihm den Natio⸗ nal⸗ und den Privat⸗Charakter des Spa⸗ niers; er ſtellt dieſen hin, wie er wirklich iſt, und nicht, wie er nur allzuoft den Au⸗ gen vorurtheilsvoller Fremder erſcheint, wel⸗ che es nicht vermoͤgen, von den Individuen auf das Ganze richtig zu ſchließen, und den Menſchen von ſeinen Verhaͤltniſſen zu tren⸗ nen. Deshalb iſt der Verfaſſer oft in ein Detail eingegangen, welches dem Spanier, der dies Alles kennt, kleinlich erſcheinen mag, das aber den Englaͤnder gewiß intereſſirt, und ihm wenigſtens eine treue Vorſtellung der jetzigen Sitten Spaniens giebt. Der Verfaſſer dieſer Memoiren hofft uͤber mehrere Maͤngel der Schreibart entſchuldigt zu werden, da wohl nicht leicht ein Frem⸗ der ſich mit der Gelaͤufigkeit eines Eingeborenen in einer Sprache auszudruͤcken vermag, die er erſt in reiferen Jahren erlernte. Daher zeige dich guͤtig, bittere Tadelſucht der Kri⸗ tiker, und uͤbe Gaſtfreundſchaft gegen einen VI Fremdling, der zum erſten Male das Gebiet deiner Sprache betritt, und nicht in thoͤrich⸗ tem Wahne glaubt, Lorbeern zu erringen, ſondern nur mit der Treue und Wahrheits⸗ liebe, die man von einem Geſchichtſchreiber fordern darf, die ſchlichte Erzaͤhlung wirk⸗ licher Thatſachen liefert. Der Verfaſſer hat nun nur noch hinzu⸗ zufuͤgen, daß alle Thatſachen Wahrheit ſind, und daß nichts erdichtet iſt, als die Namen in dem Theile der Memoiren, wel⸗ che ſeine eigene Biographie enthalten. 7 — ₰ VII Vorwort des Ueberſetzers. Was der Verfaſſer in ſeiner Vorrede von den Englaͤndern ſagt, findet gewiß auch auf uns Deutſche Anwendung, denn ſchwerlich durfte unſer Eifer, die Sitten und Gebraͤuche fremder Laͤnder kennen zu lernen, geringer ſeyn, als der jener ſtolzen Inſelbewohner. Nicht zu viel glaube ich daher zu wa⸗ gen, indem ich meinen Landsleuten die Me⸗ moiren des Don Eſteban in einer Ueberſez⸗ zung mittheile. Seine Schickſale ſind ſo in⸗⸗ nig mit denen ſeines Vaterlandes verflochten, und er verſtattet bei mehreren Gelegenheiten einen ſo tiefen Blick in die verwickelten po⸗ litiſchen Verhaͤltniſſe Spaniens, daß der Le⸗ ſer ſich von dieſer Seite gewiß angezogen . vn fuͤhlen wird. Aber nicht blos zu belehren, auch angenehm zu unterhalten, hat der Ver⸗ faſſer ſich bemuͤht, und, wie ich zu behaup⸗ ten wage, nicht ohne Erfolg. Moͤge bas, was dieſe Memoiren ent⸗ halten, nun Dichtung oder Wahrheit, oder Beides gemeinſchaftlich enthalten, ſo wird es doch auf jeden Fall die Theilnahme des Leſers erregen, und in dieſer Ueberzeugung wage ich zu hoffen, daß die etwaigen Maͤn⸗ gel meiner Arbeit guͤtig uͤberſehen werden. Leipzig, im November 1826. Der ueberſetzer. IX Inhaltsverzeichniß des erſten Theiles. Erſtes Kapitell. Seite. Eine Familien⸗Kavalkade.— Reiſekutſche.— Un⸗ terhaltende Geſchichte eines Kutſchers.— Be⸗ ſchreibung einer Weinleſe in Caſtilien.. 5 Zweites Kapitel. Anfang der Geſchichte Eſtebans.— Rächtliches Abentheuer in einem Holze.— Don Lorenzo Torrealva, Marquis von Moncajo, und deſ⸗ ſen Nichte Iſabelt„n 18 Drittes Kapitel. Don Lorenzo's Lebensbeſchreibung.— Deſſen Bru⸗ der, Don Facundo.— Don Ignacio Lara, und deſſen Gattin, Donna Thereſe Guzmann 29 Viertes Kapitel. Eſtebans Liebe zu Iſabella.— Ausflucht nach Ruyſennors Inſel.— Beſchreibung eines Stierfanges in Caſtilien.— Ein kleines Aben⸗ theuer auf der Inſel 6— 41 Fuͤnftes Kapitel. Beſchreibung einer Romeria.— Geſchichtliche Er⸗ zaͤhlung der wunderthaͤtigen Bilder in den Ein⸗ ſiedeleien.— Prozeſſionen und religidſe Ge⸗ braͤuche.— Ein laͤndliches Mittagsmahl.— Stiergefecht.— Don Ignacios Rath an , Sechſtes Kapitel. Ruͤckkehr nach Valladolid.— Ein Brief Don Fa⸗ cundos an Don Lorenzo.— Abreiſe des Mar⸗ quis und Iſabella's nach Madrid.— Ein Ge⸗ heimniß, Eſtebans Geburt betreffend„ Siebentes Kapitel. Eine ueherſicht der politiſchen Lage Spaniens im Anfange des Jahres 1808.— Des Mar⸗ quis Ankunft zu Madrid.— Ein Brief Iſabella's; Beſchreibung des Zuſtandes der Re⸗ ſidenz und der Ereigniſſe zu Aranjuez, welche Karls Abdankung zu Gunſten Ferdinands zur Folge hatten.— Ankunft Muͤrats und der franzoſiſchen Truppen zu Madrid; Folgen bahon Achtes Kapitel. Des Marquis und Iſabella's Ruͤckkehr nach Val⸗ ladolid.— Ferdinands Aufenthalt zu Bayonne. — Aufſtand der ſpaniſchen Nation.— Eſte⸗ ban tritt in die Armee ein.— Enthuſias⸗ mus des Volkes.— Tod des Generals Ce⸗ vallos.— Wuth des Poͤbels. 6„*— 56 72 86 117 4 RI Neuntes Kapitel. Seite. Schlacht von Cabezon.— Riederlage der Spa⸗ nier.— Gefecht und darauf folgende Ge⸗ fahr.— Eſtebans Streifzuͤge in das Land.— Geiſt der Landbewohner 136 Zehntes Franzoͤſiſche Art, ein Civil⸗Gouvernement zu errichten.— Don Eſtebans Familie auf ihrer Heimreiſe.— Beſchreibung der umge⸗ bungen von dem Landhauſe Don Ignacio's.— Des Marquis und Iſabella's Abreiſe nach ihrer Geburtsſtadt.— Ankunft der Familie Don Eſtebans in Valladolid.— Unangenehme Auf⸗ tritte mit den franzöſiſchen Offizieren.— Baͤlle und franzoſiſche Artigkeit„1534 Eilftes Kapitel. Napoleons Einzug in Valladolid.— Seine Rache wegen des Mordes vier ſeiner Soldaten. — Allgemeiner Schrecken.— Sonderbare Entdeckung eines der Schuldigen.— Napo⸗ leons Abreiſe.— Bildung der ſpaniſchen Guerillas.— Barbariſches Betragen der Franzoſen gegen ihre ſpaniſchen Gefangenen. — Eſteban und Raimundo 65 zu der ſpaniſchen Armee„„ 163 Zwoͤlftes Ein naͤchtliches Zuſammentreffen.— Bewaffnung der Jugend.— Des Landvolkes Stimmung fuͤr die Unabhaͤngigkeit.— Bejammernswerther Zuſtand des Staates„„ 18 RII Dreiz ehntes Kapitel. Seite. Eſtebans Zuſammentreffen mit dem beruͤhmten Bruder Kapuziner, Anfuͤhrer einer Guerilla⸗ Bande.— Beſchreibung dieſer Bande und ihrer Abendmahlzeit.— Näͤchtlicher Angriff auf eine Abtheilung franzöſiſcher Dragoner.— Der Adjudant des Generals Kellermann wird ge⸗ fangen genommen.— Unterredungen zwi⸗ ſchen ihm und den Zünglingen„ Vierzehntes Kapitel. Eſteban wird von ſeinem Bruder getrennt.— Eſteban reiſ't ab, um zu ſeiner Diviſion zu gehen.— Abentheuer in den Bergen der So⸗ moſierra; Eſteban wird von den Franzoſen gefangen genommen, durch deren Anfuͤhrer aber wieder in Freiheit geſetzt.— Er trifft Anton als Maulthiertreiber; dieſer erzählt ihm die Geſchichte ſeiner Verheirathung mit der Toch⸗ ter eines Barbiers.— Eſteban nimmt Anton in ſeinen Dienſt Funfzehntes Kapitel. Beſchreibung eines ſpaniſchen Wirthshauſes.— Beſuch eines Moͤnches; deſſen Geſpraͤche.— Mittagsmahl.— Eſteban vereinigt ſich mit einigen Truppen des Pfarrers Merino.— rers Heldin.— Ihre traurige Geſchichte.— Eſteban kömmt nach Osma und trifft ſeine Diſinn„ 2 193 209 Gemälde dieſes Partheigaͤngers.— Des Pfar⸗ Don Eſteban, oder Memoiren eines Spaniers. Erſtes Kapitel. E⸗ war im Anfange des Monats September, und die Sommerferien der Univerſitaͤt hatten ſo eben begonnen, als mein Vater, Don Ignacio Lara, den Tag unſerer Abreiſe nach Eigales be⸗ ſtimmte. Dies iſt ein kleines Dorf, zwei Mei⸗ len von Valladolid. Meine Mutter, Donna Thereſa Guzmann, beſaß daſelbſt ein Gut, groͤß⸗ tentheils aus Weinbergen beſtehend, und wir pflegten alle Jahre die Zeit der Weinleſe dort zuzubringen. Ich war in dem Studierzimmer meines Va⸗ ters, als er den gluͤcklichen Tag nannte, und ſogleich ſtͤrzte ich hinaus, das fröhliche Ereig⸗ niß allen Hausgenoſſen, beſonders aber meinem Lieblingsbruder Raimundo, zu verkuͤnden, denn dies war fuͤr uns Alle eine Zeit der Freiheit und Fröhlichkeit, und Raimundo erhoͤhte dieſe 1* 4 ——— durch ſeine ſtets gleiche Heiterkeit noch bedeutend,„ und ward ſo die Seele aller unſerer Vergnuͤ⸗ gungen. Der Tag der Abreiſe ſelbſt galt in unſerer Fa⸗ milie fuͤr einen Feſttag, und jedes einzelne Glied ſuchte ſich zu der Kavalkade, in der wir immer auszogen, ein ſo ſtattliches Anſehen als moͤglich zu geben. Bis zu den letzten zwei Jahren war die Ordnung bei dieſem Zuge beſtändig folgende: Mein Vater und deſſen Freunde, welche die Zeit der Weinleſe bei uns zubrachten, eroffneten die Reihe zu Pferde; mein Bruder Raimundo und ich ſpielten die Adjudanten meines Vaters, und ritten auf kleinen Pferdchen, halb neben, halb hinter ihm. Hinter uns folgten, auf Eſeln reitend, einige unſerer Schulfreunde, welche wir zu der Weinleſe eingeladen hatten. Dann ka⸗ men diejenigen meiner Schweſtern, welche reiten konnten, mit den durch ſie eingeladenen Schul⸗ freundinnen, ebenfalls auf Eſeln reitend. Hin⸗ ter dieſem glaͤnzenden Zuge folgte ein kleiner Phaeton, den mein Vater ſelbſt verfertigt hatte. Darin ſaßen zwei meiner juͤngern Schweſtern, und zwei Eſel zogen ihn. Dann kam der Wa⸗ gen, durch Mauleſel gezogen; darin ſaßen meine Mutter, einige meiner juͤngern Schweſtern, jede ihre Katze auf dem Schooße haltend, und unſere — ——ͤ,————— ——————————————— „ .———— — — 5 alte Duenna, den Kaͤfig mit dem ſchnatternden Papagei vor ſich auf den Knieen; den Beſchluß des Zuges machte ein bedeckter Wagen mit der weiblichen Dienerſchaft, die juͤngſten Mädchen am meiſten nach hinten, um Theil an den luſti⸗ gen Geſpraͤchen der maͤnnlichen Diener nehmen zu koͤnnen, welche hinter dem Wagen her⸗ gingen. Dieſe Ordnung ward aber nur beachtet, ſo lange wir uns in der Stadt oder den Vorſtaͤd⸗ ten befanden. Hatten wir dieſe hinter uns, ſo ritt Alles bunt durcheinander, bis wir das Dorf erreichten. So war es bis zu der Zeit, in welcher meine Erzäͤhlung beginnt. Nun aber, da wir mehr zu Jahren gelangt, wurden die kleinen Pferdchen mit Maulthieren, die Eſel mit klei⸗ nen Pferden vertauſcht, und die Ordnung des Zuges uͤberall nicht mehr ſo genau gehalten; wir ritten jetzt lieber neben den Freundinnen unſerer Schweſtern, uns an ihrer Unterhaltung zu ergötzen, und ihnen unſere kindiſche Galan⸗ terie zu bezeigen. Auch war dies Jahr, in der Stelle unſeres eigenen Wagens, eine Reiſekutſche gemiethet. Dieſe Art Kutſchen werden in der Regel durch drei Maͤnner geleitet, den mayoral oder erſten Kutſcher, den zagal oder zweiten 6 Futſcher, und den mozo de mulas oder Maul⸗ thierfuͤtterer. Der Majoral ſitzt auf dem Kutſch⸗ kaſten, und fuͤhrt die Zuͤgel der beiden naͤchſten Maulthiere, denn nur dieſe haben Zuͤgel. Die vier vordern gehen ganz frei, und werden nur durch die Stimme des Fuͤhrers gelenkt, ausge⸗ nommen an gefaͤhrlichen Stellen des Weges, und wenn man durch eine Stadt faͤhrt. Dann geht der Zagal zwiſchen den beiden vorderſten, und haͤlt ſie an der Halfter. Die Koͤpfe der Maul⸗ thiere ſind mit Federbuͤſchen und herunterhaͤn⸗ genden Zeugſtreifen von verſchiedener Farbe ge⸗ ſchmuͤckt, und jedes Maulthier hat 18 bis 20 kleine Gloͤckchen. Alle dieſe Thiere kennen ihre Namen ganz genau, und gehorchen der Stimme des Majorals mit bewundernswerther Gelehrig⸗ keit; verletzt aber irgend eines den ſchuldigen Gehorſam, ſo ſpringt der Mozo mit außerordent⸗ licher Behendigkeit von dem Wagen, zuͤchtigt das ungehorſame Thier mit großer Strenge, ſpringt eben ſo ſchnell wieder auf den Wagen, und wuͤnſcht die Beſtien mit unzähligen Schimpf⸗ worten zu allen Teufeln. Maldita sea la puta de la madre que te pario, alma de mierda, mal rago te parta*) ſchreit er, wen⸗ det ſich dann ruhig zu ſeinen Gefaͤhrten, und *) Dieſe Redensart iſt unuberſetzbar. — — „— 9 ———— — ,— 7 endigt den Scherz⸗ in welchem er unnchn wurde. So geht es während des ganzen Weges im vollen Gallop, und durch das Schellengelaͤut der Maulthiere ertoͤnt beſtaͤndig das einförmige Ge⸗ ſchrei des Majoral, der nie aufhoͤrt ſeine Thiere bei Namen zu nennen. Die beiden erſten Sil⸗ ben ſtößt er dabei raſch heraus, haͤlt bei der dritten etwas an, und dehnt die vierte lang, wie: Coro- ne- laaa, Gene-ra-laaa, Capi- ta naaa. Waͤhrend der Wagen zu Reiſe be⸗ packt wurde, unterhielt ſich einer der Zagals, ein junger Andaluſier, mit alle dem natuͤrlichen Witze, welcher ſeinen Landsleuten eigen zu ſeyn pflegt, damit, einen ausgewanderten franzoͤſiſchen Geiſtlichen zu betrachten, dem mein Vater eine Freiſtatt in unſerem Hauſe gewährt hatte. Die Zuͤge des Mannes druͤckten Kummer, ſein Aeuße⸗ res Armuth aus. Der Zagal betrachtete ihn eine ganze Zeit aufmerkſam, und trat dann, nachdem er tauſend Poſſen geriſſen, zu mir, Seine ausdrucksvollen, lebhaften Augen auf den Franzoſen gerichtet, der unbeweglich, gleich einer Bildſäule, in der Hausthuͤr ſtand, fluͤſterte er mir dabei verſtohlen zu: Sennorito, wo der Teufel habt Ihr das Ding da herbekommen? £ Es ſieht ja wahrhaftig aus, als wäre es irgend einer Blende in dem Kloſter des heiligen Domi⸗ nic entſprungen. Ich glaube, der Menſch koͤnnte eine Seele im Fegfeuer trefflich vorſtellen. Meint Ihr nicht auch? In dieſem Augenblicke ſchien der Geiſtliche zu bemerken, daß der Schelm uͤber ihn lache, und naͤherte ſich uns daher, aber der Zagal wech⸗ ſelte ſogleich den Gegenſtand des Geſpräches, und that, als ob er ſeine eigene Geſchichte erzaͤhle. Ich heiße Anton, ſagte er, und bin ein Andaluſier, aus Sevilla gebuͤrtig. Ihr kennt das Sprichwort: Quien no ha visto à Sevilla no ha visto maravilla!(Wer Sevilla nicht ſah, hat kein Wunder geſehen.)— Dort iſt ein Thurm, la Giralda, von deſſen Spitze man die halbe Welt uͤberſehen kann; auf eben dieſer Spitze kann ein ganzes Kavallerie⸗Regiment, 800 Mann ſtark, ohne Schwierigkeit und in völliger Schlachtordnung manövriren. Sennorito, rief der Mozo, ſeyd ſo gut, ihn bei der Jacke zu zupfen.*) 4. *) Dies wird einiger Erklärung beduͤrfen. Wie bei den Franzoſen die Gaskogner, ſo ſind bei den Spaniern die Andaluſier ganz allgemein in dem Rufe luͤgenhafter Uebertreibung. Ein Prie⸗ ſter, der ſich dieſer Nationalſchwäche wohl be⸗ Ich hatte die Ehre, fuhr Anton fort, indem er die Worte ſeines Kameraden zu uberhören ſchien, dem Koͤnige, unſerem Herrn, zu dienen, und die Thorheit, ihm treu zu dienen. Ich war Zagal bei einer von den Kutſchen ſeines Gefolges. Eines Tages waren die Maulthiere, welche ſonſt gewoͤhnlich den König ſelbſt zogen, vor den Wagen geſpannt worden, in welchem der Obriſt ſaß, der, wie Ihr wißt, die Guitarre ſo gut ſpielt. Die Maulthiere wollten ſich wahr⸗ ſcheinlich dafuͤr rächen, daß ſie in Ungnade ge⸗ fallen, und warfen daher, auf der Hälfte des wußt war, ſie aber dennoch nicht abzulegen ver⸗ mochte, gebot daher ſeinem Gefaͤhrten(Kuͤſter) ihn bei dem Kleide zu zupfen, wenn er uͤber⸗ treibe. Dies geſchah, und der Prieſter ward gezupft, ließ in ſeiner Uebertreibung nach, und ward deſſenungeachtet noch zwei, drei Mal ge⸗ zupft. Da wendete er ſich endlich ärgerlich um und ſagte: Wenn du noch länger zerrſt, ſo bleibt ja am Ende gar nichts uͤbrig.— Dieſe Anekdote verbreitete ſich ſchnell durch ganz Spa⸗ nien, und wenn jetzt Jemand, der auch wirklich kein Andaluſier iſt, ubertreibt, ruft man ſeinem Nachbar zu, ihn bei dem Kleide zu zupfen, um ihn dadurch auf ſeinen Fehler aufmerkſam zu machen. Dieſer Gebrauch iſt in ganz Spanien 8 kannt. 10 Weges nach San Lorenzo, den Wagen in einen tiefen Graben. Häͤtte dieſer eben ſo bösliche Abſichten gehabt, als die Maulthiere, ſo wuͤrde der Herr Obriſt ohne Zweifel ſogleich der Seele ſeiner Großmutter in hoͤhern Regionen einen Beſuch abgeſtattet haben, ſo aber ſchlug er ſich nur einige Löcher in den Kopf. Ich indeſſen, der ich doch den Stolz meiner Maulthiere gar nicht getheilt hatte, war genoͤthigt, mein Heil in der Flucht zu ſuchen; leicht hätte Se. Ma⸗ jeſtät mir ſonſt die Ehre anthun konnen, einen der Bäume des Fresnada*) mit meinem Koͤrper zu zieren. Ich kehrte zuruͤck zu dem nächſten Wirthshauſe, und trat dort in die Dienſte die⸗ ſes chriſtlichen Majorals, der wenig zahlt, viel flucht, und den armen Anton ſchaͤndlich behan⸗ delt. Dabei vergißt er noch uͤberdies, daß ich, ohne den albernen Stolz meiner Maulthiere, jetzt eben ſo gut Majoral ſeyn könnte, als er, denn ich kann Euch auf das Wort eines ehrlichen Mannes verſichern, daß es in der ganzen Chri⸗ ſtenheit keinen zweiten Zagal giebt, der mir gleich käme. Ja, im Luͤgen! ſchrie der Andre. In dieſem Punkte ehre ich Dich als mei⸗ nen Meiſter, entgegnete Anton, ſich verbeugend. *) Ein Gehölz unweit des Eskurials. — 11 Aber, Sennorito, fuhr er, wieder zu m wendend, fort, ſaht Ihr je ſchon Mau und haͤtten ſie dem heiligen Vater ſelbſt ge die ſich mit den unſrigen vergleichen ließen? Und nun folgte eine launige Beſchreibung des Lebens, Charakters und der Schickſale ſaͤmmtlicher Maulthiere. Aber er wurde in dem Strome ſeiner Rede durch den Majoral unter⸗ brochen, welcher auf die Kutſche geſtiegen war. Wir ſämmtlich hatten unſere Thiere beſtiegen, der Zagal faßte die beiden vorderſten Maulthiere bei dem Gebiß, und trieb ſie mit dem gewohnli⸗ chen Zurufe vorwaͤrts. Sogleich ſprangen ſie im Gallop an, Anton aber ſchwang ſich behende auf die Kutſche, und ſtimmte die Contraban- dista*) an. In weniger als einer Stunde kamen wir bei unſerer Wohnung in Cigales an. Meine Schweſtern und deren Freundinnen erhielten hier ihre Zimmer in einem, wir Bruder und unſere Schulgefährten in dem entgegengeſetzten Theile des Hauſes, aber in demſelben Geſchoſſe, indem das obere und untere fuͤr die Dienſtboten und die Winzer beſtimmt war. Die Zahl der Letz⸗ tern belief ſich in der Regel, alle verſchiedenen *) Ein anbaluſiſcher Nationalgeſang. n, die nach ihren verſchiedenen Verrichtun⸗ rſchieden benannt wurden, mit eingerech⸗ auf ſechszig. Dem Leſer, der mit dem llen unbekannt iſt, wird es vielleicht nicht un⸗ lieb ſeyn, wenn ich hier eine kurze Beſchreibung der Weinleſe liefere. Des Morgens zwiſchen zwei und drei uhr dient der Hahnenruf den Winzern, wie die Glocke den Moͤnchen, zum Zeichen, daß es Zeit ſey, das Lager zu verlaſſen. Die Oberaufſeher ſind die erſten, welche dem Hahnenrufe gehor⸗ chen, denn ſie muͤſſen darauf ſehen, daß alle die Uebrigen, ſowohl im Hauſe als außerhalb deſſel⸗ ben, ihre Pflicht erfuͤllen. Are Maria purissima! ſchreien dieſe Auf⸗ ſeher, indem ſie in das Zimmer treten, in wel⸗ chem Weiber und Maͤnner bunt untereinander ſchlafen. Auf! auf! werft den Schlaf von euch!— Der Hahn hat ſchon vor einer halben Stunde gerufen! Die Lagerſtätte der Winzer beſteht aus einer einzigen Stroh⸗Matratze; ſie ſchlafen daher ſämmtlich in ihren Kleidern, und beduͤrfen alſo am Morgen nicht viel Zeit zu ihrem Anzuge. Mit einem Satze ſind ſie Alle von ihrem Lager auf, umringen die Aufſeher, und ſagen zum ———,. —,——————————————— —,———— ————————— 13 Morgengebete ein Paternoſter, ein Ave Maria und ein Gloria Patri her. „Die covanilleros(Korbträger) nehmen ihre Korbe!“ ſchreit einer der Aufſeher, und giebt dadurch zugleich das Zeichen zum Aufbruche. Sind die Weinberge klein, ſo werden die Win⸗ zer getheilt, und jeder der Aufſeher ſetzt ſich an die Spitze ſeiner Abtheilung; bei groͤßern Wein⸗ bergen aber bleiben alle beiſammen. Waͤhrend die⸗ ſer Zeit haben die trotadores(diejenigen, welche die Trauben von den Weinbergen in das allge⸗ meine Lager bringen) ihre Thiere geſattelt und mit den großen Koͤrben verſehen. Und nun geht der Zug vorwaͤrts, wobei die Weiber ihre Tam⸗ bourins ruͤhren, indem ſie ſich zugleich mit ihrer eigenen Stimme begleiten. Säͤmmtliche maͤnn⸗ liche Winzer ſtimmen in den Geſang mit ein, und dieſer endigt erſt, wenn der Weinberg er⸗ reicht iſt. Hier werden die muſikaliſchen Inſtrumente bei Seite gelegt, und die vendimiadores(Trau⸗ benſammler) beginnen ihr Geſchaͤft. Zu dieſem Zwecke ſind ſie mit kleinen Koͤrben verſehen, welche ſie dem covanillero uͤbergeben, ſobald ſie gefuͤllt ſind; der covanillero aber ſchuͤttet die Trauben in große Koͤrbe, welche an dem Ein⸗ gange des Vge aufgeſtellt ſind. Dieſe 14 Körbe werden nun wieder durch die cargadores (Fuͤhrer) auf die Ruͤcken der Eſel und Maul⸗ thiere geladen, und ſobald dies geſchehen, trei⸗ ben die trotadores die Thiere vorwärts nach dem Kelterplatze. Dieſer beſteht in der Regel aus drei Ab⸗ theilungen oder Behältern. Der erſte, in wel⸗ chem die Trauben wirklich gepreßt werden, ſteht etwas hoͤher, als die beiden andern. Aus ihm fuͤhrt eine Rinne den Traubenſaft in den zwei⸗ ten Behaͤlter, welcher einige Tauſend cantaras*) Wein faßt, und der dritte Behaͤlter iſt ganz nahe neben dem erſten, und dient dazu, die Ueberbleibſel der bereits ausgepreßten Beeren aufzunehmen.— Die pisadores(diejenigen, welche die Trauben treten, ehe ſie unter die Preſſe kommen) empfangen die Trauben von den trotadores, und treten ſie mit bloßen Fuͤßen, bis zum Knie in den Beeren ſtehend⸗ Die coritos(Weinſchoͤpfer) fuͤllen den Saft in kleineren Gefaͤßen aus, und tragen ihn in die podegas(große unterirdiſche Raͤume oder Kel⸗ ler, zur Aufbewahrung des Weines beſtimmt; in der Regel unter den Huͤgeln in der Nähe der Dorfer), wo ſie ihn in die cubas(große Ge⸗ fäße von 4— 800 cantaras) gießen. *) Ein Weinmaaß, welches 32 Pinthen häͤlt. — 15 Dies ſind die verſchiedenen Beſchäftigungen und Namen der Winzer, denen man Ordnung d Reinlichkeit nur ſelten anempfehlen darf, da ſie, mit wenigen Ausnahmen, Muſter von beiden ſind. Frohſinn und heitere Laune herr⸗ ſchen beſtaͤndig unter ihnen, und es gewährt wahrlich einen froͤhlichen Anblick, dies muntere Volkchen nach Sonnenuntergang heimkehren zu ſehen. Sie tanzen und ſingen, und machen Kapriolen, als kehrten ſie von einer Romeria zuruͤck. Oft habe ich mit wahrem Vergnuͤgen aus der Ferne ihrem Geſange zugehort, den ſie ſtets mit Tambourins und Caſtagnetten be⸗ gleiten. n Alle Abend, gegen die Zeit, wenn die Win⸗ zer nach Hauſe zu kommen pflegten, gingen wir ihnen in der Richtung des Weinberges entgegen, um die kuͤhlen Abendlfte einzuathmen. So⸗ bald die Winzer uns erblickten, liefen ſie uns entgegen, nahmen die Kinder auf ihre Arme, und zogen unter Scherz und Lachen mit uns in das Dorf. Zu Hauſe angelangt, ſetzten ſich Alle um einen großen Feuerheerd in der Kuͤche, und erhielten ihr Mittagseſſen, denn waͤhrend des ganzen Tages eſſen ſie nichts weiter, als ein Stuͤck Brot und ſo viel Trauben, als ſie wol⸗ len. Die Aufſeher erhalten ihre Olla⸗Potrida, 16 und der cachican oder Oberaufſeher, fuͤhrt mit ſeiner Frau den Vorſi i⸗ und theilt die Pahe⸗ nen aus. e Die zwei Monate, welche wir hier zuzubrin⸗ gen pflegten, verlebten wir ſo angenehm als möglich. Ganz fruh des Morgens beſtiegen mein Vater, mein Bruder Raimundo, unſere kleinen Freunde und ich unſere Roſinanten und Eſel, und ritten zwei Meilen weit nach dem Fluſſe Piſuerga, um daſelbſt zu fiſchen. Gegen 1 Uhr kamen die Damen nach, und brachten ein kaltes, aber reichliches Mittagsmahl mit ſich, welches wir in einigen herrlich küͤhlen Grotten unfern des Ufers, gemeinſchaftlich ver⸗ zehrten. Auch erhielten wir hier haͤufig Beſuch von Freunden aus der Stadt, welche ebenfalls zur Weinleſe in Cigales waren. Mehrere von ihnen vrachten dann bei ſolchen Gelegenheiten ihre Inſtrumente mit; bald regten ſich die Fuͤße im raſchen Tanze, an dem Alle Theil nahmen, bis Ermuͤdung ſich einſtellte, und wir uns in das hohe Gras lagerten, neue Kraäͤfte zu ſam⸗ meln. Gegen Abend ging es wieder dem Dorfe zu, und waͤhrend des ganzen Weges ſangen wir Boleras, Seguidillas und Tiranas*) von Gui⸗ tarren, *) Spaniſche Nationalgeſänge. tarren, Violinen, Flöten und Klarinetten begl tet. Kamen wir nach Hauſe, ſo wurde ein r fresco*) eingenommen; dann kamen mehrere Abendbeſuche, die tertulia**) war fertig, die Aelteren in der Geſellſchaft ſetzten ſich an den Spieltiſch, und wir Juͤngern, jetzt Herren des Hauſes, tanzten, bis uns das uͤbliche Zeichen zum Abendeſſen rief. * Eine Zwiſchenmahlzeit von Getraͤnken, Suͤßig⸗ keiten und Chokolade. **) Abenogeſellſchaft, Jest zurück 3 der Zeit, in welcher meine Geſchichte beginnt. Den Tag nach unſerer An⸗ kunft waren wir in einem Holze nahe bei Ci⸗ gales auf der Jagd. Zwar jagten wir Alle ge⸗ meinſchaftlich, aber dennoch kamen wir bald auseinander, wie es nun ſo zu gehen pflegt. Ich folgte einem Fußſteige, der in die freie Ge⸗ gend fuͤhrte, da traf ich auf meinen Bruder Raimundo, der ſo eben Jagd auf einen Fuchs gemacht hatte. Ich gab die Verfolgung des Thieres auf, ſagte er, als ich nahe bei Cabezon einen eleganten Wagen traf, in welchem, beglei⸗ tet von einem ältlichen Manne, das reizendſte weibliche Weſen ſaß, welches meine Augen jemals erblickten. Sie ſah aus dem Schlage des Wa⸗ gens, und zeigte mit einem Buche, welches ſie in der Hand hielt, nach Ruyſennors Inſel, dem Lieblingsplatze unſerer Kinderjahre. Ihre gro⸗ ßen ſchwarzen Augen druͤckten das innigſte Ge⸗ fuͤhl aus, und ſchienen Alles rings um ſie her mit zu beleben. Als ſie ihr Wohlgefallen an der reizenden Gegend ausſprach, ritt ich ganz nahe, und konnte beutlich ihre Worte vernehmen. 19 Theurer Onkel, ſagte ſie, ſehen Sie doch dort die liebliche kleine Inſel. Wie gluͤcklich muͤßte man da leben können!— Was! rief der On⸗ kel; wie ein Einſiedler?— Nicht ganz, ent⸗ gegnete ſie, ſondern in Geſellſchaft derer, die man liebt.— In dieſem Augenblicke war ich neben dem Wagen, und gruͤßte ehrerbietig.— Um Verzeihung, mein Hert, redete mich der Be⸗ gleiter des ſchoͤnen Maͤdchens an, ſind Sie in dieſer Gegend zu Hauſe? Als ich dies bejahete, fuhr er fort: So koͤnnen Sie mir vielleicht ſa⸗ gen, wem die reizende Inſel dort, von den Wel⸗ len des Fluſſes gebildet, gehört?— Donna Thereſa Guzmann, Gattin des Don Ignacio Lara, antwortete ich.— Nun, Iſabelita, ſagte er zu dem Mädchen, ſo kannſt Du die Schön⸗ heiten jenes Eilandes ja an Ort und Stelle ge⸗ nauer betrachten. Darauf dankte er mir fuͤr die ihm gegebene Nachricht, winkte den Poſtil⸗ lons, und im geſtreckten Gallop flog der Wa⸗ gen davon; bald hatte ich ihn aus dem Geſichte verloren. Wahrlich, liebte ich die unvetgleich⸗ liche Angelica nicht ſo ſehr, ſo koͤnnte ich mich leicht uͤberreden, daß ich nie ein Weſen zu fin⸗ den vermoͤchte, welches meiner Liebe wuͤrdiger wäre, als dieſe Iſabelita. Ein herrliches kleines Geſchoͤpf; mit den geringelten Fa ſchwarz 20 wie Ebenholz, um den weißeſten Nacken ſpie⸗ lend, mit dem ſuͤßen Laͤcheln um den lieblich geformten Mund, mit den Korallenlippen, ſchien ſie mir, Auroren gleich, die Luft um ſich her mit reizenden Farben zu ſchmuͤcken, und allen Sterblichen Gluͤck zu verkuͤnden. Que le diable m'emporte, rief ich lachend, wenn du die nicht auch liebſt. Raimundo war jetzt in ſeinem 16ten Jahre, und 13 Monat älter, als ich. Als der erſtge⸗ borne Sohn, und folglich der mayorago(allei⸗ nige Erbe) einer edlen Familie, war er von meinen Eltern mit der groͤßten Sorgfalt erzogen worden, und beſonders hatten ſie ſich beſtandig beſtrebt, ihn mit Guͤte und Sanftmuth zu be⸗ handeln, um ſo auch ſeinen Charakter zur Milde zu ſtimmen. So lange er noch Kind war, er⸗ reichten ſie auf dieſe Weiſe ihren Zweck vollkom⸗ men, aber als er zu reiferen Jahren gediehen, zu jenen Jahren, in welchen alle Leidenſchaften ſich in ihrer hoͤchſten Kraft zeigen, ſtellten ſich der ferneren Verfolgung ihres Planes manche Schwierigkeiten entgegen. Bis jetzt aber hatten ſie ihn noch immer nicht geaͤndert, denn noch hofften ſie, es werde bei dem Juͤnglinge ein eben ſo guͤnſtiger Erfolg ſie belohnen, als bei dem Knaben. 21 — Doch jetzt nichts zur Erlaͤuterung jenes Be⸗ tragens.— Am Abende bes Tages, von dem ich ſprach, durchſtreiften wir junges Volk ein bichtes Holz in der Naͤhe unſeres Hauſes. Der Mond ſchien hell, und verbarg ſich nur dann und wann hinter voruͤbereilenden Wolken; aber die Stille der Nacht ward nicht durch das Trei⸗ ben der Menſchen unterbrochen, denn nach der Arbeit des Tages hatten Alle ſich zur Ruhe be⸗ geben. Meine Schweſtern und deren Freundinnen gingen Arm in Arm, und ihre jugendlich fri⸗ ſchen Stimmen ertoͤnten im lieblichen Verein; ich aber, mir ſelbſt unbewußt weshalb, ſchlug einen einſamen Fußpfad ein, der nach der Stadt zu fuͤhrte. Ich hatte das Ende des Waldes bei⸗ nahe erreicht, als ich hinter mir auf der Land⸗ ſtraße das Getrappel mehrerer Pferde hoͤrte. Indem ich, durch dichtes Geſtrauch verborgen, nach dem Orte hinſah, von welchem das Ge⸗ räuſch kam, bemerkte ich nicht ohne Staunen, vier Männer zu Pferde, mit Waffen, welches, wenn der Schein mich nicht taͤuſchte, Karabiner waren.„Halt hier!“ rief einer von ihnen ſei⸗ nen Gefährten zu;„macht euch fertig; ich ſelbſt ſah den Wagen die Stadt verlaſſen. Er 22 fuhr raſch, und es können nicht 20 Minuten vergehen, bis er hier iſt.“ „Aber weißt du auch gewiß, rief ein Ande⸗ rer, daß ſie hier vorbeikommen, und uns nicht anfuͤhren, indem ſie eine andere Straße einſchla⸗ gen? Du weißt, was wir verlieren, wenn wir die Gelegenheit verſaͤumen. Außer den Schätzen, die wir in dem Wagen finden, ſind auch die 10,000 Dukaten nicht zu verachten.“ „Es iſt wahr, ſagte wieder ein Anderer, daß er wie ein Ehrenmann zahlt; aber ſeine Opfer werden auch einen guten Preis werth ſeyn. Uebrigens bin ich uͤber das Schickſal des Frauleins in keinem Zweifel. Zwar ſollen wir ihr Leben ſchonen, aber wer vermag fuͤr den Zufall zu ſtehen, der eine Kugel an ihr Ziel geleitet.“ „Zum Henker! rief der Erſte; mag ihr Heiliger ſie beſchutzen, wenn er ihr Leben erhal⸗ ten will. Unſere Pflicht iſt, Alle zu tödten, damit Keiner uͤbrig bleibe, der uns verrathen koͤnnte. Was mich betrifft, ſo bin ich nicht thöricht genug, das Leben eines Andern zu ſcho⸗ nen, der mich um das meinige bringen koͤnnte, Beim Judas! thut meine Buͤchſe nicht ihre Pflicht, ſo ſoll der 2. ver⸗ laßt euch!“ — —— 23 . Obgleich ich dieſe Mordanſchlaͤge nur mit Schaudern vernahm, ſo erfuͤllten ſie mich doch mit einem Muthe und einer Kuͤhnheit, die ich nie vorher in mir gefuͤhlt hatte. Auf jede Ge⸗ fahr beſchloß ich, die Ungluͤcklichen zu retten. Sogleich ſchlich ich mich, von den Moͤrdern un⸗ bemerkt, aus dem Holze, und ſchlug einen Richt⸗ ſteig nach der Straße von Valladolid ein. Athemlos langte ich auf der Landſtraße an, und zitterte bei dem Gedanken, daß ich zu ſpät gekommen ſeyn moͤchte; doch zum Gluͤck war dies noch nicht der Fall. Ich horte die Glocken der Maulthiere, und bald darauf auch die Stimme des Zagals, der eine Tirana ſang. Halt! halt! ſchrie ich, ihnen entgegentretend, Euer Aller Leben iſt in Gefahr, wenn Ihr noch weiter fahret. Die Poſtillone hielten die Thiere an, und ein Mann, der in dem Wagen ſaß, fragte nach der Urſache meines Geſchreies. Herr, entgegnete ich, ſo eben habe ich in jenem Gehoͤlze vier bewaffnete Maͤnner geſehen; und nun erzaͤhlte ich alles was ich vernommen, und flehte zugleich, daß er einen andern Weg einſchlagen moͤchte. Wir wollen nur nach Cigales, entgegnete er. Vielleicht iſt das Gehoͤlz, von dem Sie ſagen, 24 hinter dieſem Dorfe, oder ſeitwärts, und wir haben alſo nichts zu fuͤrchten. Wenn Sie auf dieſer Straße bleiben, ſagte ich nun, ſo muͤſſen Sie nothwendig durch das Geholz, um nach Cigales zu kommen; aber es giebt noch einen andern Weg, und wenn Sie ſich meiner Leitung anvertrauen wollen, ſo fuͤhre ich Sie auf demſelben ſicher in das Dorf. Darf ich wiſſen, wem ich ſo ſehr verpflichtet bin? fragte er jetzt. Mein Name iſt Don Eſteban Lara. Himmel! rief er aus; von dieſer Familie koͤmmt mir viel des Heils.— Burſche, gebot er hierauf dem Zagal, öffne ſchnell die Wagen⸗ thuͤr. und ſobald dies geſchehen, ſprang er heraus, und ſchloß mich in ſeine Arme. Doch ich erinnerte, daß keine Zeit zu verlie⸗ den ſey, und ſogleich ſchlugen wir nun den Weg ein, den ich angab. Der Fremde fragte mich, ob ich mit Ihm fahren oder wo anders hin wolle. Ich entgegnete, daß ich lediglich hieher gekommen ſey, ihn zu warnen. Wenn das iſt, mein junger Befreier, ſagte er, ſo fahren wir miteinander, denn ich will nach Cigales, um Ih⸗ ren Vater zu beſuchen. Ich bin ihm im hohen Grabe verpflichtet, und wuͤnſche, ihm perſoͤnlich für eine Schuld zu danken, die Sie ſo eben noch um ein Bedeutendes vergroßert haben. Erlauben Sie, baß ich Sie indeſſen meiner Nichte vorſtelle. Donna Iſabella Torrealva, ſagte er hierauf, indem er mich in den Wagen ſteigen hieß. Die Nichte lehnte ſich etwas vor, um mich zu begruͤßen; der Mond beſchien dabei ihr Geſicht, und zeigte mir das lieblichſte griechiſche Profil, welches ich je in meinem Leben geſehen. Der Schrecken hatte ihren Wangen die Roͤthe geraubt, aber eine unausſprechliche Lieblichkeit und Milde ſprach aus jedem Zuge, und die großen ſchwarzen Augen redeten ſo lebhaft zu meinem Herzen, daß die Ueberraſchung fur einen Augenblick meine Zunge feſſelte. Torrealva? rief ich endlich, als ich meiner Sinne wieder machtig geworden. Dann ſind Sie alſo der Marqui von Moncajo? Der bin ich, entgegnete er; doch daß ich Marqui von Moncajo bin, danke ich allein dem edlen Betragen Ihres Vaters. Er verhalf mir zu dem Wiederbeſitze meiner Wurden, meines Vermoͤgens; ohne ihn waͤre ich jetzt arm und ungluͤcklich. Ihrem Vater danke ich Rang und Reichthum, Ihnen aber mein Leben. Ich bin daruͤber ſelbſt nur zu glucklich, ſtam⸗ melte ich. Dann, mich meiner Verlegenheit ſelbſt ſchaͤmend, bog ich mich aus dem Wagen, 26 um dem Poſtillon zu ſagen, welchen Weg er nehmen muͤſſe. Nach Verlauf einer Viertel⸗ ſtunde erreichten wir wohlbehalten unſer Haus, und kaum war der Gaſt angemeldet, als mein Vater, die ganze Familie und alle Freunde ſich herzudraͤngten, ihn willkommen zu heißen. Der Marqui umarmte meinen Vater, und ſtellte dann meiner Mutter und meinen Schweſtern ſeine Nichte vor, die von Allen freundlich begruͤßt wurde. Nun gingen wir in das Haus, und ſetzten uns zu einem reichlichen Mahle. Mein Bruder erkannte den Marqui und deſſen Nichte ſogleich fuͤr die Reiſenden, welche er am heutigen Morgen unweit Cabezon getrof⸗ fen hatte. Don Lorenzo bezeigte eine große Freude uͤber dies unerwartete Zuſammentreffen, ich aber konnte mir nicht laͤugnen, daß das Ge⸗ mälde, welches mir Raimundo von Iſabellen entworfen, und das ich Anfangs fuͤr uͤbertrieben gehalten, hinter dem Driginale noch weit zuruck⸗ bleibe. Seine Aurora ſchien es mir kaum werth, mit dem herrlichen Weſen verglichen zu werden, das ich mit Entzuͤcken vor mir ſah. Waͤhrend des Abendeſſens erzählte ich das Abentheuer mit den vier Meuchelmoͤrdern, und von allen Seiten ſtroͤmten nun unſeren lieben 27 Gaͤſten die herzlichſten Gluͤckwuͤnſche zu, daß ſie der drohenden Gefahr durch eine guͤtige Schik⸗ kung der Vorſehung entgangen waren. Mein Vater ſandte ſogleich mehrere ſeiner Diener, denen ſich einige der Winzer als Freiwillige an⸗ ſchloſſen, in jenes Gehoͤlz, die Raͤuber wo moͤg⸗ lich zu fangen, allein eine ganze Stunde ward das Holz nach allen Richtungen vergebens durch⸗ ſtrichen, und keine Spur weiter von den Boͤſe⸗ wichtern gefunden, als die friſchen Huftritte der Roſſe. Am naͤchſten Tage ſchickte mein Vater einen Boten nach der Stadt zu dem Korregidor, ihn von dem Ereigniſſe in Kenntniß zu ſetzen. Aber auch deſſen Bemuͤhungen, die Moͤrder oder den Anſtifter des Mordes ausfindig zu machen, blie⸗ ben fruchtlos; eben ſo fruchtlos ſtreiften die Bauern unſeres Dorfes während der nachſten 24 Stunden in der Gegend umher, und bald hielten wir alle ferneren Vorſichtsmaaßregeln fuͤr uͤberfluſſig. Der Verfolg meiner Erzaͤhlung macht es nothwendig, daß der Leſer erfahre, auf welche Weiſe der Marqui meinem Vater verpflichtet war, und ich will daher das folgende Kapitel dazu anwenden, den merkwuͤrdigen Prozeß zu 28 etzaͤhlen, den Don Lorenzo Torrealva und beſ⸗ ſen Bruder, Don Facundo, vor dem Gerichts⸗ hofe von Valladolid fuͤhrten, und in welchem mein Vater Relator*) war. *) Ein Abvokat, welcher den Richtern die Lage der Sachen beider Partheien vortraͤgt, und zu⸗ gleich ſeine Meinung daruͤber ausſpricht. —— 29 Drittes Kapitel. Als Karl IV. im Jahre 1793 Frankreich den Krieg erklaͤrte, verließ der Marqui von Moncajo Catalonien an der Spitze ſeines Regimentes, um zu dem Grafen von der Union zu ſtoßen, wel⸗ cher General ⸗en⸗Chef der ſpaniſchen Armee war. In der Schlacht von Pons de Molins, wo der Graf getoͤdtet wurde, blieb der Marqui fuͤr todt auf dem Schlachtfelde liegen, und wurde in dem Berichte an den Hof zu Madrid unter den Gebliebenen genannt. Einige franzoͤſiſche Soldaten, welche auf das Schlachtfeld kamen, um die Leichen zu pluͤn⸗ dern, beraubten den Marqui ſeiner Koſtbarkeiten und Kleider, bemerkten aber dabei noch Spuren des Lebens in ihm, und ſchafften ihn darauf mit mehreren anderen Verwundeten nach dem franzoͤſiſchen Lazarethe zu Perpignan, und von dort in die Provence. Hier blieb er bis zu der Beendigung des Krieges, und fand keine Gele⸗ genheit, ſeine Familie von ſeiner Lage zu be⸗ nachrichtigen. Jetzt wurde er mit den Gefähr⸗ ten ſeiner Gefangenſchaft in Freiheit geſetzt, und ſchiffte ſich mit mehreren Anderen zu Marſeille 30 — ein, um nach dem geliebten Vaterlande zurück⸗ zukehren. Schon war ſein Schiff auf der Höhe von Barcellona, als es von einem algieriſchen Korſaren angegriffen, nach kurzer Gegenwehr ge⸗ nommen, und dann in den Grund gebohrt wurde, nachdem die ganze Bemannung als Sklaven in Feſſeln geſchlagen, und auf das Schiff der Bar⸗ baren gebracht worden. Auf dem Markte zu Algier wurden die Ungluͤcklichen bald darauf verkauft⸗ Zehn Jahre verlebte der Marqui in der n teſten Knechtſchaft, und harrte vergebens, eine Antwort auf die vielen Briefe zu erhalten, die er an ſeine Familie geſchrieben. Dann gelang es ihm endlich, ſeine Feſſeln ſelbſt zu brechen, und gluͤcklich kam er nach Agreda, wo ſchon ſeit Jahrhunderten die Hauptbeſitzungen ſeiner Familie waren. Hier fand er Alles in großer Verwirrung. Als er Agreda verließ, um zu dem Grafen von der Union zu ſtoßen, ließ er ſeine Gemahlin, der Entbindung ſehr nahe, zuruͤck, und ſie ſowohl als einen Sohn, ein Kind von 18 Monaten, unter der Obhut ſeines zweiten Bruders, Don Facundo Torrealva. Die Marquiſin, eine junge, reizende Frau, welche ihren Gatten zaͤrtlich liebte, erhielt einige Wochen vor ihrer Niederkunft die 31 Nachricht von dem angeblichen Tode des Mar⸗ qui, und ward dadurch ſo heftig erſchuͤttert, daß ſie und das Kind, welches ſie unter ihrem Herzen trug, wenige Tage darauf nicht mehr waren. Der Knabe, der Erbe des Namens Moncajo, wurde durch Don Facundo einer Amme anvertraut, ſtarb aber kurze Zeit darauf, und nun nahm er ſelbſt den Titel als Marqui Moncajo, und die bedeutenden Beſitzungen der Familie in Beſchlag. Als Don Lorenzo in Agreda ankam, be⸗ ſuchte er ſeine fruͤheren Freunde, aber nicht Einer vermochte ihn zu erkennen, ſo ſehr hatte er ſich in der langen Zeit ſeiner Abweſenheit veraͤndert. Auch ſein dritter Bruder war inzwiſchen geſtor⸗ ben, und Don Facundo allein konnte ihn alſo anerkennen. Dieſer aber hielt ſich, ſeitdem er ſich Marqui von Moncajo nannte, als einer der maͤchtigſten Hoͤflinge an Godoys Hofe auf; und Don Lorenzo reiſete daher ſogleich nach Madrid ab. Als er hier zu ſeinem Bruder kam, erklaͤrte dieſer ihn fuͤr einen Betruger, und ergriff auf der Stelle Maaßregeln, ihn unſchäd⸗ lich zu machen, allein mit einem ſolchen Eifer und einer ſolchen Erbitterung, daß er dadurch den Argwohn der ältern Freunde Don Lorenzos rege machte. Denn, dachten dieſe, waͤre Don 32 — Facundo wirklich uͤberzeugt, daß dieſer Mann ſein Bruder nicht ſey, ſo habe er auch nicht noͤthig, vor ihm die geringſte Furcht zu hegen. Sie berathſchlagten daher unter ſich und be⸗ ſchloſſen dann, vielleicht eben ſo ſehr durch Neid gegen den ſtolzen Facundo, als durch Mitleid gegen ihren alten Freund angetrieben, die Sache Don Lorenzos aus allen Kraften zu unterſtuͤtzen, wenn er einige Fragen in Beziehung auf Pri⸗ vatverhaͤltniſſe, die nur ihm bekannt ſeyn konn⸗ ten, zu beantworten vermoͤge. Don Lorenzos Antworten verbannten jeden Argwohn, und ſie verloren nun keine Zeit, ihm zum Wiederbeſitze ſeines Titels und Vermoͤgens behuͤlflich zu ſeyn. Don Facundo dagegen ſetzte die ganze Gunſt Godoys, ſeinen eigenen Einfluß und den ſeiner zahlreichen Freunde in Bewegung. Er begann damit, die Richter fuͤr ſich zu gewinnen, entwe⸗ der durch Geſchenke oder durch Ehrenbezeigun⸗ gen, und nichts war leichter in jener Zeit, wo ſich der Staat in allen ſeinen Zweigen einer gänzlichen Aufloͤſung nahete. Seine Bemuͤhun⸗ gen wurden aber durch Don Ignacio zu Schande gemacht, der in dieſer Zeit allgemeiner Verderbt⸗ heit unerſchuͤtterlich rechtſchaffen blieb. Sein Charakter war, in Hinſicht auf Talent, Ehre und 33 und Biederkeit, zu ruͤhmlich bekannt, und er ſtand bei den Richtern in einem ſolchen Anſe⸗ hen, daß ſie ſeine bloßen Ausſpruͤche wie Ge⸗ ſetze betrachteten. Denn die Meiſten von ihnen waren junge Maͤnnet ohne Erfahrung, ſelbſt ohne Kenntniſſe, die ihren Poſten auf die Fuͤr⸗ ſprache irgend einer Ehrendame der Koͤnigin, der Gunſt Godoys verdankten. Don Facundo kannte den Einfluß wohl, den Don Ignacio uͤber die Gemuͤther der Richter ausuͤbte, und fuͤrchtete, daß dieſe, ihrer Ver⸗ ſprechungen ungeachtet, den Muth nicht haben wuͤrden, ſeine Sache, deren Ungerechtigkeit er ſelbſt nur zu gut kannte, mit Eifer zu fuͤhren. Um nun aber nichts zu verſaͤumen, ſich den ge⸗ ſtohlenen Reichthum zu erhalten, ſchrieb er meh⸗ rere Briefe an Don Ignacio, begleitete ſie mit reichen Geſchenken und noch reichern Verſpre⸗ chungen, und ſuchte ihn theils durch Schmeiche⸗ leien, theils durch Drohungen auf ſeine Seite zu ziehen. Dieſe Briefe wurden mit der Fteimüchigkeit beantwortet, die man an Don Ignacio ſo ſehr ſchaͤtzte; die Geſchenke ſandte er uneroffnet zu⸗ ruͤck. Unbekuͤmmert um Don Facundos Raͤnke und Bosheit, ſeine Rache nicht fuͤrchtend, blieb Don Ignacio feſt bei dem Entſchluſſe, nur auf 3 34 dem Wege des ſtrengſten Rechtes zu wandeln. Dem getreu, entfaltete er am Tage der Ent⸗ ſcheidung ſeine ſiegende Beredtſamkeit mit be⸗ wundernswuͤrdiger Kraft und Gewandtheit, und ſtellte die Grauſamkeit und Ungerechtigkeit Don Facundos in das grellſte Licht; denn er zeigte durch mehrere Beweiſe, welche ſich im Laufe der Unterſuchung ergeben hatten, daß Don Facundo von dem Leben und der Gefangenſchaft ſeines Bruders gewußt, und ihm alſo den Beſitz ſeiner Wuͤrden und ſeines Pemigens isich Weiſe vorbehalten habe. Die Folge von Don Ignacios Bemühungen war, daß Don Facundo den Prozeß verlor, zur großen Freude aller Anhänger der Gerechtigkeit und der Geſetze. Er appellirte an den Rath von Caſtilien, aber auch dies war vergebens, denn die Beweiſe, daß Don Lorenzo wirklich der ſey, fuͤr den er ſich ausgab, konnten durchaus nicht beſtritten werden. Unerachtet dieſer Niederlage, und obgleich mehrere ſeiner ſogenannten Freunde dem Don Facundo ungetreu wurden, wollte er dennoch ſeine Stelle als Camariſta von Caſtilien nicht aufgeben, und wußte ſich ſowohl durch Aufopferung von einem Theile des unrechtmäßig erworbenen Geldes, als auch durch fortgeſetzte Intriguen wirklich darin zu erhalten. 35 Der tugendhafte Don Ignacio Lara iſt es, dem ich mein Daſeyn danke, und da er auch in dieſen Memoiren eine nicht unbedeutende Rolle ſpielt, ſey es mir vergönnt, hier eine kurze Schilderung ſeines öffentlichen ſowohl, als ſeines Privat⸗Charakters zu geben. 14 Don Ignacio Lara war der äaͤlteſte Sohn eines Hidalgo, der bedeutende Guͤter beſaß, und folglich war er Majorazgo. Ganz der gewoͤhnli⸗ chen Regel entgegen, nach welcher die erſtgebo⸗ renen Söhne der vornehmſten Familien nichts lernen, als ihr Vermögen verſchleudern, ſchwoͤ⸗ ren, grob ſeyn, ſich ſelbſt ein uͤbergroßes Anſehn geben, ſpielen, ſich jeder Zerſtreuung und Aus⸗ ſchweifung ohne Ruͤckhalt hingeben, kurz, jeder Untugend, jedem Laſter froͤhnen, und Koͤrper und Geiſt zerſtören; ganz dieſer Regel zuwi⸗ der, ſage ich, erhielt Don Ihnacio eine ausge⸗ zeichnete Erziehung. Er beſuchte das Collegium⸗ Major in Valladolid, wo Niemand aus einer niedrigen Familie aufgenommen wird, Niemand, der nicht genuͤgend beweiſen kann, daß von ſei⸗ nen Vorfahren, ſeit Don Rodrigo, dem letzten der Gothen, kein Einziger Kaufmann, Mecha⸗ nikus, Bedienter, Abkommling von Juden, Mauren, Indianern oder Ketzern, oder durch die heilige Inquiſition beſttaft worden ſey⸗ Dies 3* 36 ward die Ahnenprobe genannt, und ſie konnte nie erlaſſen oder umgangen werden, wollte Je⸗ mand in dieſem trefflichen Collegio aufgenom⸗ men ſeyn. Hier alſo vollendete Don Ignacio ſeine Stu⸗ dien, und wurde zum Doktor der Rechte ernannt, nachdem er fruͤher ſchon mehrere geringere Grade Shlünfen⸗ Im Vorbeigehen muß ich hier erwaͤhnen, daß ſich damals unter ſeinen Mitſchuͤlern auch Don Facundo befand, in jener Zeit aber war er we⸗ niger Hoͤfling, und ganz ſicher ein zuverläſſige⸗ rer Freund. Es galt damals fuͤr Entwuͤrdigung eines Majorazgos, Advokat zu ſeyn, denn ein Hibalgo von echtem blauen Blute durfte nur Richter ſeyn. Don Ignacio aber bot dieſem Vorurtheile Trotz. Er trat in das konigliche Collegium der Advokaten zu Valladolid, in welchem er bald die höchſten Wuͤrden erlangte; ſeine Talente und ſeine Kenntniſſe als Anwald verſchafften ihm ſpaͤter auch ehrenvolle Poſten in der Chancilleria von Valladolid und dem Rathe von Caſtilien, uͤberall aber zeigte er ſich als ein Muſter von Gerechtigkeit, Unbeſtechlichkeit und Biederkeit. Dabei war ſeine Vaterlandsliebe ſo gluͤhend, daß er Leben und Vermoͤgen dem Vaterlande 37 weihete. Eine ganze Reihe von Jahren arbeitete er daran, die Vorurtheile der Landsleute und Ackerbauer ſeiner Provinz zu beſiegen, und nach langer Anſtrengung und Aufopferungen mancher Art, gelang es ihm auch in der That, ſich die⸗ ſem Ziele bedeutend zu nähern. Er war einer der thaͤtigſten Mitglieder in der koͤniglichen Ge⸗ ſellſchaft der Freunde des Landes, Protector der Junta des öffentlichen Unterrichts, und einer der Stifter der Akademie, welche ſpaͤter, durch koͤnigliche Mandate, in Collegien des Ackerbaues, der Chemie, der Geographie, der Seeſchifffahrt und der theoretiſch⸗praktiſchen Jurisprudenz um⸗ gewandelt wurden. In allen dieſen einflußreichen Poſten war ſeine Sorge fuͤr das allgemeine Wohl des Lan⸗ des ſich immer gleich geblieben, obwohl er beſtaͤn⸗ dig mit Unwiſſenheit, Vorurtheil und Eigenduͤn⸗ kel zu kämpfen hatte, und wenn er auch noch nicht das Gluͤck hatte, ſeine Zwecke vollkommen erreicht zu ſehen, ſo ſah er doch in der Achtung, die ihm uͤberall bezeigt ward, daß ſein Streben von den Gebildeteren ſeiner Landsleute wuͤrdig anerkannt werde. Ein Mann, der das Gluͤck des ganzen Lan⸗ des ſo innig wuͤnſchte, ſo kraͤftig befoͤrderte, konnte unmoͤglich die Erziehung ſeiner eigenen 38 Kinder vernachläſſigen. Weder Muͤhe noch Geld ward in dieſer Hinſicht geſpart, und er handelte hier mit einer Feſtigkeit, die mir in den Tagen meiner Kindheit keinesweges gefiel. Aber bei aller Strenge war er doch ſo milde und guͤtig, daß wir das, was wir Anfangs aus Gehorſam gegen den Vater gethan, bald aus Liebe fuͤr den vaͤterlichen Freund vollbrachten, und endlich ſogar in alle ſeine Anſichten ſelbſt mit eingingen. Seit unſerer zarteſten Kindheit ſuchte er uns zu uͤberfuͤhren, daß das, was er von uns heiſche, zu unſerem eigenen wahren Wohle gereiche, doch verſaͤumte er dabei auch nicht, uns die Gebote der Religion ſchon fruͤhe kennen zu lehren. Aber ohne Ruͤckſicht auf die Lehren der Religion ſuchte er uns die Ueberzeugung einzuimpfen, daß ſchlechte oder auch nur unredliche Handlungen ſchon allein durch ſich ſelbſt die Strafe des Thäters waͤren, daß Rechtſchaffenheit und Tu⸗ gend hingegen eben ſo den Lohn in ſich ſelbſt truͤgen. So war er uns ein Fuͤhrer zu jedem Gu⸗ ten und Edlen, und dabei unſer treueſter Freund und Rathgeber. Wie wir ihn in unſerem Hauſe mit der innigſten Zärtlichkeit liebten, ſo ward er auch außerhalb deſſelben geſchätzt und geachtet. Dies war der Mann, dem ich nicht nur —————— 39— mein Leben, ſondern, was noch ungleich mehr, auch melne Erziehung, meine Grundſätze danke. Auch einige Worte über den Charakter mei⸗ ner Mutter ſeyen mir jetzt geſtattet, ſonſt möchte es ſcheinen, als habe ſie ſich in den Augen ihrer Kindet minderer Achtung zu ärfreuen gehabt. Doch dies war keineswegs der Fall. In hohem Grade beſaß ſie viele jener Tugenden, welche die ſchonſte Zierde des Weibes ausmachen, und war dabei von nicht gewoͤhnlicher Schonheit. Aber mehr als dies Alles machte ſie ihre unend⸗ liche Herzensgäte, und ihte immr gleiche Milde und Sanftmuth liebenswürdig. „ Gegen ihren eigenen Willén, und nur auf * Befehl ihrer Eltern, heirathete ſie meinen Va⸗ ter, und doch kann es nie eine gluͤcklichere Ehe geben, als die ihrige war. Dies iſt der deut⸗ lichſte Beweis fuͤr die Liebenswuͤrdigkeit und Guͤte meiner beiden Eltern. Hatte meine Mut⸗ ter eine Schwäche, ſo war es der ſehr verzeih⸗ liche Adel⸗Stolz auf ihre vierfach vermählten Vorfahren.*) Mein Vater kaͤmpfte lange an *) Nobles por los quartos vientos, 6 costa- dos, ſind ſolche Edelleute, deren Vorfahren ſich während mehrerer Generationen, wenigſtens aber vier, mit den Töchtern gleich edeler Familien vermaͤhlten. „ 40 der Beſiegung eines Vorurtheiles, welches einer Frau von dem Geiſte und Verſtande meiner Mutter ſo wenig wuͤrdig war, Er bewies ihr, daß man in unſeren Tagen aus der Lſoree auf den Thron eines Herzogthumes ſteigen könne, und daß der Adel der Perſon nichts ſey, ohne den Adel der Seele.. Alles das iſt ſehr wahr, pflegte ſie dann zu erwiedern, aber, ſetzte ſie hinzu, erlaube mir, mein lieber Mann, daß ich mich ſelbſt für glůͤck⸗ lich halte, weil in meinen Adern das echte hlaue Blut der Guzmanns pollt Von Herzen gern! entgegnete dann mein Vater, und der Streit war beendigt. A Viertes Kapitel. Einige Tage nach des Marquis Ankunft in Cigales ward einmuͤthig beſchloſſen, daß wir nach Ruiſennors Inſel, jenem Eilande in der Piſuerga, das Iſabella ſo ſehr gefallen hatte, gehen, und dort den ganzen Tag zubringen woll⸗ ten. Diejenigen meiner Leſer, welche die Macht der Liebe, ſelbſt wenn ſie noch unerkannt im Buſen ruht, kennen, werden ſich nicht daruber wundern, daß mich dieſer Vorſchlag mit Ent⸗ zuͤcken erfuͤllte; denn ohne es mir ſelbſt zu ge⸗ Sſteheh hoffte ich, daß ſich während dieſes Tages eine Gelegenheit fuͤr mich finden werde, mit Iſabella allein zu ſeyn. Dieſe Gelegenheit bot ſich auch in der That ſehr bald, und ganz ungeſucht dar. Iſabella ritt ſehr gern, eben ſo, wie meine Schweſter Marienne, welche mit ihr etwa von gleichem Alter war. Die Anderen, welche juͤnger und furchtſamer waren, zogen die geduldigeren Eſel, und wieder Andere die Wagen vor. Es ward daher beſtimmt, daß Raimundo und ich Iſabella und Marienne zu Pferde begleiten ſollten. Noch ehe wir abritten, bat ich Raimundo, Iſabella 42 meiner Obhut zu vertrauen, und ſich ſelbſt zu Mariennen zu halten. So? ſagte er ſchelmiſch laͤchelnd; hat der 1 kleine Tyrann auch in Dein Herz ben Weg ge⸗ funden? 4 Nein! entgegnete ich; in das Innerſte mei⸗ 1 ner Seele. Jetzt fuͤhle ich es, daß ein Wetb alle unſere Gedanken erfullen, uns unſere Siſent vergeſſen machen kann. Herrlich! rief mein Bruder; ſo ſiehſt Du endlich ein, daß wir vergebens gegen die Macht weiblicher Reize kämpfen. Wie oft ſagte ich Dir, daß wir geboren ſind, um zu lieben; daß welche der Schoͤpfer in die Bruſt des Mannes pflanzte, daß alle andern unſerem eigentlichen Seyn fremd, und nur durch Entartung der Men⸗ ſchen entſtanden ſind. Die beßten Gefuͤhle un⸗ ſeres Herzens entſpringen aus der Liebe; ohne ſie giebt es keine Civiliſation; ohne ſie ſinkt der Menſch unter das Thier herab, und Laſter und Verbrechen wuͤrden ohne ſie bald allgemein. ſ Wer nicht liebt, kann kein Ehrenmann ſeyn; das iſt meine Ueberzeugung. Mitleid, Sanft⸗ ntth, Guͤte, kurz, alle beſſern Eigenſchaften des Menſchen, entſtehen nur durch die Liebe und aus derſelben. Ich freue herzlich, Liebe die einzige natuͤrliche Leidenſchaft iſt, — —————— daß auch Du dies jetzt fuͤhlſt. Nun wirſt Du duldſamer ſeyn, und weniger moraliſiren. Gewiß, gewiß! ſagte ich. Doch laß mich auch mit Iſabella allein. Als das Zeichen zum Aufbruch gegeben wurde, eilte ich, meiner Geliebten auf das Pferd zu helfen. Ich zitterte, als ich ihr meine Hand reichte, denn je mehr ich mich unwiderſtehlich zu ihr hingezogen fuͤhlte, deſto mehr wuchs auch meine Aengſtlichkeit, wenn ich mich ihr näherte. Sie nahm meine Aufmerkſamkeiten aber mit einem ſolchen unverkennbaren Ausdrucke der Guͤte und des Wohlwollens auf, daß mein Muth da⸗ durch wieder belebt ward, und ich zu hoffen wagte, ihre Freundlichkeit ſey noch etwas mehr als gewoͤhnliche Höflichkeit oder Liebenswuͤrdig⸗ keit. Als wir aber hinaus auf das freie Feld kamen, und nun ganz uns ſelbſt uͤberlaſſen wa⸗ ren, da wagte ich es dennoch kaum, mein Auge auf ſie zu richten; und that ich es, und unſere Blicke begegneten ſich, ſo ſtieg das Blut mir zu Kopfe, und ich fuͤhlte, daß eine brennende Roͤ⸗ the meine Wangen färbe. Sie richtete einige Fragen an mich, und ich beantwortete ſie mit kaum hoͤrbarer Stimme; dann verſuchte ich zwei oder drei Mal ſelbſt ein Geſpraͤch anzuknuͤpfen, aber meine Gedanken konnten keine Worte fin⸗ * 44 den, und einzelne, abgebrochene Sylben waren alles, was ich hervorzubringen vermochte. Endlich war ich unfaͤhig, dieſe Verlegenheit laͤnger zu tragen, und rief daher Raimundo her⸗ bei, den ich doch erſt ſelbſt ſo dringend gebeten, mich mit der reizenden Iſabella allein zu laſſen. Nun? fluſterte er mir zu; haſt Du ihr 1 Dein Herz aufgeſchloſſen? Ach nein! ſagte ich, denn ich bin ein alber⸗ ner Menſch, und was noch ſchlimmer als dies, ſie muß mich auch dafuͤr halten. Bei dieſen Worten lachte er laut auf. Iſa⸗ bella, ſagte er dann, mein Bruder hat Sie gewiß ſehr angenehm unterhalten, denn ſeine lebhaften Gebehrden, die ich aus der Entfernung 2 bemerkte, ließen mich auf eben E lebhafte Worte ſchließen. Don Raimundo, entgegnete ſie, Sie ſcher⸗ zen. Seit Sie uns verließen, hat Ihr Bruder kaum ein einziges Mal die Lippen geoͤffnet. Wirklich! rief er ſcheinbar verwundert. Koͤn⸗ nen Sie mir keinen Grund eines ſo ſonderbaren Betragens angeben? Wahrlich, nein! erwiederte ſie; es ſey denn der, daß er mit ſeiner Geſellſchaft nicht zufrie⸗ den war. .————————————— 45 Ach, Donna Iſabella, rief ich nun aus; verzeihen Sie mir. Es iſt—— ich denke——— Ihre Reize—— kein Mann——-. Aber mehr vermochte ich nicht zu ſagen. 5 Verzeihen Sie mir—— wiederholte mein Bruder lachend. Es iſt-— ich denke——— Ihre Reize——— kein Mann——. Genug, genug! Ich denke, wir ſind jetzt ganz au fait. Weiterer Erlaͤuterung bedarf es nicht, und den⸗ noch will ich behaupten, daß Donna Iſabella in dieſen abgebrochenen Worten einen Sinn zu finden weiß. Jetzt aber, Sennora, ſeyn Sie aufrichtig. Glauben Sie nicht, daß jene Worte einen Sinn haben, und noch uͤberdies einen recht tiefen?, Ich bin nicht geuͤbt, Raͤthſel zu loͤſen, ent⸗ gegnete Iſabella, aber ich glaube, daß ſie einen Sinn haben, denn was ich bisher von Don Eſteban erfahren, berechtigt mich nicht zu der Vermuthung, daß er irgend etwas ohne Sinn ſprechen werde. Sennorita, ſtammelte ich, uͤber und uͤber roth; Sie ſind ſehr guͤtig, dies zu ſagen. Ich denke es auch, fiel ſie ein.— Eben wollte ich ihr wieder ſo einſylbig antworten, als ein lautes Geſchrei hinter uns unſere Aufmerk⸗ ſamkeit erregte.— Fort! fort! ſorgt fuͤr Eure 46 Sicherheit! rief man uns zu. Wir blickten uns um, und ſahen einen Stier, gerade auf uns zugeſturzt kommen. Dieſe Thiere ſind in Caſti⸗ lien ſehr boͤs, und wenn ſie ihre Heerde auf dieſe Weiſe verlaſſen, ſo kehren ſie ſelten zuruͤck, ohne ihre Hoͤrner mit Blut von Wſche oder e gefaͤrbt zu haben. Flieht ſchnell! rief ich Iſabellen zu. Mein Bruder und ich hatten Flinten bei uns; ſchnell ſetzten wir dieſe in Stand, und erwarteten nun den Feind. Der Stier naͤherte ſich uns, aber ſtatt ſogleich den Angriff zu beginnen, ſtand er ploͤtzlich ſtill, als wolle er die Entfernung zwi⸗ ſchen ſich und ſeinen Widerſachern mit den Blicken meſſen. Eben waren wir im Begriffe, Feuer zu geben, als der Stier ſich wandte, und ſchnell wie ein Blitz, durch die Stimme des Hirten gerufen, zu der Heerde zuruͤckflog. Der Hirt ſtemmte die Haͤnde gegen einen breiten ledernen Gurtel, der ſich um ſeine Bruſt ſchlang. Begierig, zu erfahren, wie dies enden werde, folgten wir dem Stiere. Der Hirt erwartete ihn mit einer Ruhe und Gelaſſenheit, die nur lange Uebung geben konnten. Die Arme druͤckte er kreuzweis gegen die Bruſt; die Hände waren geoffnet, mit der innern Flaͤche nach Außen ge⸗ kehrt, um ſogleich die Hoͤrner des Thieres faſ⸗ 47 ſen zu koͤnnen, wenn es dazu nahe genug käme. Mit furchterlicher Wuth ſtuͤrzte der Stier auf den Mann ein, aber in einem Nu lag er am Boden. Mit einer geringen Bewegung der Arme hatte der Hirt ihn umgeworfen*). Dann ſchlang er um ſeine Hoͤrner ein Seil, welches am andern Ende an einem in die Erde geſchla⸗ genen Pfahle befeſtigt war. Sobald dies ge⸗ ſchehen, zog er den Stier langſam bis zu dem Pfahle, und befeſtigte ihn mit dem Kopfe daran, daß das Thier ſeine Wuth nur noch durch hef⸗ tiges Bruͤllen, und durch Stampfen und Schar⸗ ren des Bodens zeigen konnte. Nun ergriff der Hirt eine lange Stange, vorn mit einer eiſernen Spitze, und prickelte mit derſelben den Stier ſo lange, bis er deſſen Wuth uͤber⸗ wältigte.. Wir kehrten hierauf zu unſerer Geſellſchaft zuruͤck, welche das Ereigniß Anfangs auseinan⸗ dergeſprengt hatte, die ſich nun aber ſchon wie⸗ der verſammlete. Bald darauf gelangten wir zu dem Ufer des Fluſſes, ſchifften uns ein, und waren in wenigen Minuten auf Ruiſennors In⸗ ſel. Ich ſchlug vor, ſie von nun an Iſabellas Inſel zu nennen, zu Ehren unſeres Gaſtes, *) Dieſe Art, ſich eines Stieres zu bemächtigen, iſt in Caſtilien ſehr gebraͤuchlich. 48 der ſie durch ſeine Gegenwart mit neuen Reizen ſchmuͤckte. Einmuͤthig ward dieſer Votſchlag angenommen, und Iſabella dankte mir mit einem Blicke, der in die tiefſte Tiefe meiner Seele drang. Koͤnnte ich doch den Muth gewin⸗ nen, ſagte ich zu mir ſelbſt, ihr Alles zu geſtehen, was mein Herz fuͤr ſie fuͤhlt; die heiße Liebe, die ich fuͤr ſie hege, die Bezauberung, in welche mich das mit Milde gepaarte Feuer 2 Au⸗ ges bannte. Raimundo, welcher ſun Blick bemerkt hatte, fluͤſterte mir zu: Du magſt mich einen Narren ſchelten, wenn Du nicht ſchon einen guͤnſtigen Eindruck auf ſie gemacht haſt. Ver⸗ banne nur Deine kindiſche Bloͤdigkeit, und ich will Dir die herrlichſte Gelegenheit verſchaffen, Dich gegen ſie zu erklaͤren. Und wie? fragte ich. Geh in die Hoͤhle an dem weſtlichen Theile der Inſel, entgegnete er, und wenn Du mich pfeifen hoͤrſt, ſo ſinge den„ſchuͤchternen Liebhaber:“ *) Las voces me faltan, Tiemblo si adverti Que *) Mir ſchwindet die Stimme, und ich zittere, wenn Deine lieblichen Augen auf mir ruhen. Reizende Schaͤferin! moͤchteſt Du meinen Kla⸗ gen lauſchen; Ach! wie gluͤcktich wäre ich dann! 20 ————— Que tus bellos ojos Se fxan en mi. Ah! si tu zagala Quisieras oir Mis tristes lamentos Vo fuera feliz! Dann will ich Iſabella mit mir zu dem Orte geleiten, und ſie bewegen, in die Grotte zu tre⸗ ten. Du mußt Dich auf die hoͤlzerne Bank, welche nahe neben dem Eingange ſteht, ſetzen, und, den Ruͤcken uns zugekehrt, ihren Namen in die Wand ſchreiben, dabei aber durchaus thun, als bemerkteſt Du uns nicht. Ich werde dann ſchon Gelegenheit e Euch Beide allein zu laſſen. Dankbar druͤckte ich Raimundos Hand. Ich fuͤhrte hierauf Iſabella, meine Schweſtern und deren Freundinnen zu den reizendſten Stellen der Inſel, und entfernte mich dann heimlich, um nach der Grotte zu eilen, welche Raimundo laͤchelnd die Grotte der Erklaͤrung taufte. Noch nicht lange war ich dort, als ich Raimundos Pfeifen horte. Sogleich ſang ich nun, wie er mir es gerathen, den„ſchuͤchternen Liebhaber,“ und ſprach die Stanzen gewiß mit einem u. chen Ausdrucke, daß ſie deutlich ſagen mußten was ich fuͤhlte. So lange der Geſang wihrte⸗ 4 ½ 50 war Alles ſtill, dann hoͤrte ich mir Schritte nahen, doch leiſe und vorſichtig, und Raimundo fluͤſterte: Er muß ſehr verliebt ſeyn. Da ſitzt ja unſer Medoro, den Namen ſeiner Angelica in den Felſen grabend. Laſſen Sie uns doch ſehen, wer die Holde iſt. Still! ſagte eine fluͤſternde Stimme, welche ich fuͤr die Iſabella's hielt; er könnte uns hoͤ⸗ ren.— Sie kamen naͤher; die Hand zitterte mir, das Meſſer entfiel ihr, ich wandte mich um, und— ſtatt Iſabella ſtand Marienne vor mir. Ich ſprang raſch empor, waͤhrend die Grotte von dem Gelächter meiner Geſchwiſter wiedertoͤnte. Spielſt Du ſo mit meinen Gefuͤhlen? rief ich wuͤthend; handele ich ſo gegen Dich? Sey nicht boͤſe, erwiederte Raimundo; es ſollte nur eine Prufung ſeyn, denn ich konnte unmoͤglich glauben, daß Du Deine Rolle gleich das erſte Mal ſo trefflich ſpielen wuͤrdeſt. Nun bin ich aber uͤberzeugt, daß Du auf einen guͤn⸗ ſtigen Erfolg rechnen kannſt, und eile da⸗ her, Iſabella herzufuͤhren. Achte nur auf das Pfeifen. Du haſt nicht noͤthig, Dich zu bemuͤhen, entgegnete ich aufgebracht; ich werde auch ohne Deine Huͤlfe thun, was ich zu thun habe. — — ,— 51 Es war ja nur ein Scherz, ſagte Marienne. Wir ſannen ihn aus, als Du Dich mit Iſa⸗ bella ſo herrlich unterhielteſt, daß ſie das Jaͤh⸗ nen vergebens zu unterdrucken ſtrebte. Es ſollte eine Strafe fur Deine Bloͤdigkeit ſeyn, und Dich warnen, eine ſo guͤnſtige Gelegenheit nicht aber⸗ mals unbenutzt entfliehen zu laſſen. Aber nun, ſagte ſie mit ernſterer Miene, ſind wir in der That bereit, Dich mit unſerem Beiſtande zu un⸗ terſtuͤtzen. Willſt Du Deine Medoro⸗Rolle wie⸗ der beginnen, ſo ſoll Raimundo ſogleich Iſa⸗ bellen hieher fuͤhren. Nein, erwiederte ich kalt; auch bitte ich, Euren Scherz fuͤr weniger ernſte Sachen zu ſparen. Auf meine Ehre! rief Raimundo; er hat Recht. Dies iſt wirklich eine zu ernſte Sache, um daruͤber zu ſcherzen, auch wuͤrde ich wahr⸗ ſcheinlich weit heftiger geworden ſeyn als er. Unſinn! lachte Marienne. Es war ein ſehr wohl angebrachter Scherz; aber wenn Ihr Beide, in Euren uͤberſpannten Anſichten, mich abhalten wollt, mit Dingen meinen Scherz zu treiben, bei denen die Liebe im Spiele iſt, ſo kuͤndige ich Euch meinen Beiſtand auf. Ihr mogt, ſo lange es Euch beliebt, hier bleiben in der Grotte der Erklärung, wie Ihr ſie 3 welche aber, — 52 wenn Ihr ſo ſchuͤchtern bleibt, viel paſſendet die Grotte der Täuſchr ng genannt wuͤrde. Nach dieſen Worten lief ſi ie, laut ucen, davon. I„ch geſtehe, ſagte mein Bruder, es war etwas zu ſchlecht von mir, aber Du ſahſt auch ſo erbarmungswuͤrdig aus, daß ich es mir nicht verſagen konnte, Dir einen kleinen Streich zu ſpielen. Aber ich bereue mein Unrecht, und will es gut machen; ſage mir daher, was ich fuͤr Dich thun kann? Nichts, entgegnete ich, als ſchweigen; denn ich wuͤtde es Dir nicht verzeihen, wollteſt Du Iſabellen erzählen, wie thoricht ich mich betrug. Du kannſt Dich auf mein Schweigen ver⸗ laſſen, mehr, als auf meine Beſcheidenheit, ſagte mein Bruder lachend, und lief davon. Was wuͤrde Iſabella von einem ſo lacherli⸗ chen Benehmen denken, ſagte ich zu mir ſelbſt, indem ich auf den Namen ſah, den ich in die Wand der Grotte gegraben hatte. Daß Du ganz raſend verliebt biſ, und ich ihr dieſes geſagt habe! rief eine Stimme hin⸗ ter mir. Ich wandte mich, und ſah Marienne und 53 Iſabella ſelbſt. Sie glaubt mir nicht, fuhr meine Schweſter fort; vielleicht gelingt es Dir, ſie zu uͤberzeugen. Hoͤr Du ihn an, liebe Iſa⸗ vella. Ich verſichere Dich, er kann zuweilen ſprechen, wenn Du auch vielleicht bis jetzt noch daran zweifeln mußt. So ſprechend huͤpfte die Leichtfertige davon, und ließ uns Beide in der unbeſchreiblichſten Verlegenheit einander gegen⸗ uͤber. Wie ich meine Sprache wieder fand, oder was ich ſtammelte, weiß ich nicht, aber das weiß ich, daß Iſabella's Antwort, und der Blick, mit dem ſie mir dieſelbe gab, mich innig ent⸗ zuͤckte. Stets, ſagte ſie, bin ich Ihnen zu der waͤrmſten Dankbarkeit verpflichtet, denn nie werde ich es vergeſſen, daß mein theurer Onkel und ich nur Ihnen unſer Leben danken. Und darf ich nicht mehr als bloße Dankbar⸗ keit hoffen? Theuerſte Iſabella, kann die reinſte, treueſte Liebe keinen Anſpruch auf Erwiederung machen? Sie antwortete nicht, aber ſie entzog mir auch die Hand nicht, die ich ergriffen. Ueber⸗ wältigt von meinem Entzuͤcken ſtuͤrzte ich zu ihren Fuͤßen nieder, und bedeckte die ſchoͤne Hand mit tauſend gluͤhenden Kuͤſſen. Als wir Beide etwas ruhiger S 54 ſchloſſen wir uns der uͤbrigen Geſellſchaft unbe⸗ merkt wieder an. Man unterhielt ſich durch wechſelſeitigen Geſang. Als die Reihe endlich an Iſabellen kam, ſtimmte ſie ohne Zoͤgern, aber mit etwas ſchwankender Stimme, ein Lied an, deſſen Worte zwar der ganzen Geſellſchaft verſtaͤndlich waren, deſſen Sinn aber nur Iſa⸗ bella und ich ganz zu verſtehen vermochten. Nur wer aͤhnliche Momente ſelbſt erlebte, kann ihre Suͤßigkeit fuͤhlen; jede Beſchreibung bliebe matt. Als der Geſang beendigt, tanzten wir, und dann unterhielten die jungen Maͤnner den uͤbri⸗ gen Theil der Geſellſchaft durch verſchiedene gymnaſtiſche Uebungen, wo ein Jeder bald ſeine Geſchicklichkeit, bald ſeine Kraft vortheilhaft zu zeigen beſtrebt war. So verfloß die Zeit mit unendlicher Eile, und uns Allen ſchlug die Stunde der Heimkehr viel zu fruͤh. Der Leſer mag wohl nur wenig Theilnahme bei der Erzählung dieſer Ereigniſſe einer froͤhli⸗ chen Jugendzeit empfunden haben, aber ich konnte dem Drange nicht widerſtehen, ſie im Gedächtniſſe noch einmal zu durchleben. Alles verwiſcht und zerſtort die Zeit, aber die Erin⸗ nerung an jene gluͤcklichen Tage ſcheint ſie mit . 55 immer lebhafteren Farben in mein Gedaͤchtniß zu zeichnen, je mehr der Jahre verfließen. Die Zeit, von der ich ſo eben ſprach, war ein ganz neuer Abſchnitt in meinem Leben. Mir bisher noch unbekannte Gefuͤhle erfullten mit aller Kraft der Neuheit meine Bruſt, und anderten ſchnell meine Anſicht von vielen Dingen. — 1 56 Fünftes Kapitel. Unſerer Ausflucht nach Iſabella's Inſel folgte bald eine andere nach einer Romeria in einem kleinen Dorfe nahe bei Valladolid. Der Ort hieß La Leſterniga, und ward an ſolchen Tagen immer mit einer großen Zahl von Städtern uberfuͤllt. Ich muß hier beilaͤufig noch bemerken, daß ſich in den meiſten Doͤrfern Spaniens wunder⸗ thaͤtige Bilder befinden, groͤßtentheils von der Jungfrau Marfa, welche die Einwohner dann als ihre Schutzpatronin im Himmel betrachten. Dieſe Heiligen, welche ihre Entſtehung einer ſehr fruͤhen Zeit und unkunſtfertigen Haͤnden zu danken haben, haben ihre Tempel gewohnlich in geringer Entfernung von dem Dorfe. Als Spanien von den Sarazenen erobert war, verbargen die Chri⸗ ſten dieſe Bilder in Höhlen, oder vergruben ſie auf ihren Aeckern, um ſie vor Entweihung zu ſchuͤtzen. Fand nun, lange Jahre nach der Ver⸗ treibung der Ungläubigen, irgend ein Landbewoh⸗ ner dieſe Bilder, wenn er ſein Feld beackerte, ſo betrachteten die unwiſſenden Bauern das Ge⸗ mälde wie ein Wunder, und behandelten ſie mit 57 einer Verehrung, als wären ſie ein wirklicher Theil der Gottheit. Die Prieſter, ſtets bereit, aus der Unwiſſenheit des Volkes fuͤr ſich ſelbſt Vortheil zu ziehen, erfanden tauſend laͤcherliche Fabeln, die Maſſe in ihrem Irrwahne zu beſta⸗ tigen und zu erhalten; und an den Oertern, wo dergleichen Bilder gefunden worden, baute man in der Regel auf Antrieb der Geiſtlichkeit, Kir⸗ chen, Kapellen oder Einſiedeleien, die dann ſpaͤ⸗ ter nicht ſelten ein Zufluchtsort fuͤr Moͤnche, ſelbſt fuͤr Banditen, wurden. Vielen dieſer Bil⸗ der, ja den meiſten, wurden größere und häu⸗ figere Kuren zugeſchrieben, als den Soͤhnen Aeskulaps, und ſo ſah man denn die leichtgläu⸗ bige Menge in langen Prozeſſionen zu ihnen wallfahrten. Seit aber die Macht des Aber⸗ glaubens in Spanien etwas geſunken iſt, finden ſich auch nicht mehr ſo viele Beiſpiele von den Wunderthaten der Bilder, und die Moͤnche ha⸗ ben, um ihre Einnahme nicht geſchmaͤlert zu ſehen, bei unſeren Romerias Tänze, Spiele und Stiergefechte eingefuͤhrt, und ſollen ſich bei dieſer neuen Einrichtung ſehr wohl befinden. Die Romeria, welcher wir, wie oben geſagt, beiwohnten, war eine der beruͤhmteſten und be⸗ ſuchteſten. An dem Tage vor derielben, ſah man in Valladolid eine rege Geſchäftigkeit. =— Freude und Verlangen zeigten ſich auf jedem Geſichte. Das zaͤrtliche Maͤdchen, die junge Gattin, die reizende Wittwe, und ſelbſt die alte Jungfer, ſuchten ſich mit neuen Reizen zu ſchmuͤcken. Der currutaco*), gewöhnlich im höchſten Grade zufrieden mit ſich ſelbſt, der ſtolze Krieger, der luſtige Student, keiner verſaͤumte, ſeinen Anzug fuͤr den wichtigen Tag ſorgfaͤltiger als gewöhnlich zu waͤhlen und zu ordnen, die Blicke der auserkorenen Schoͤnen um ſo ſicherer auf ſich zu feſſeln;— kurz Jeder trachtete, ſich bei dem Feſte in dem vortheilhafteſten Lichte zu zeigen. An dem Tage der Romeria brach unſere Geſellſchaft, auf mannichfache Weiſe beritten, ſchon fruͤh von unſerem Hauſe in der Stadt auf, und bald befanden wir uns in dem Zuge, der ſich langſam auf der Straße fortbewegte. *) In England nennt man bergleichen Perſonen candi, da aber auch dieſer Ausdruck den Deut⸗ ſchen nicht verſtändlich ſeyn duͤrfte, ſo diene hier zur Erläuterung, daß man darunter einen jun⸗ gen Wuͤſtling verſteht, der der Modegoͤttin in jeder ihrer Launen huldigt, uͤberall den Ton angiebt oder anzugeben ſtrebt, und ein bedeu⸗ tendes Vermoͤgen durchgebracht hat, oder es doch vald möglichſt ſucht. 4 Der ueberſ. Da ſah man Fuhrwerke jeder Att und Größez Maulthiere, Pferde und Eſel, alle mit kleinen Schellen geſchmuͤckt, in deren ſilberhellen Ton ſich der Klang der Guitarren und der kraͤftige Geſang der Pilger miſchte. Hier ſah man den zärtlichen Schaͤfer, unter der Laſt des Korbes ſeufzend, der die Erfriſchungen fuͤr den heutigen Tag enthielt; leicht und froͤhlich ſchritt ſeine Ge⸗ bieterin nebenher, und klimperte auf ihrer Man⸗ doline oder ruͤhrte die Caſtagnetten. Weiter hin war ein zaͤrtlicher Liebhaber durch das un⸗ gluͤckliche Abenteuer ſeiner Dame in nicht geringe Verlegenheit geſetzt; ſie hatte— einen kleinen Burzelbaum geſchoſſen, und er war jetzt bemuͤht, ihr wieder auf das boshafte Thier zu helfen, welches ſich ſeiner reizenden Laſt auf ſo ſchnöbe Weiſe entledigt hatte. Aber am gluͤcklichſten waren die, welche mit ihren Auserwaͤhlten auf einem Pferde ritten, und ſie, von ihren ſchönen Armen zaͤrtlich umſchlungen, entweder vor oder hinter ſich im Sattel hatten. Dieſe anſtaͤndige Freiheit ſtimmt zwar wenig mit den Begriffen uͤberein, die man noch an vielen Orten von der Strenge und Eiferſucht des Spaniers hat, und nach welchen man uͤberall nichts als Gitter, Waͤchter und ſcharfſehende Duennas vermuthet; aber dennoch iſt ſie ganz üblich. Durch innigern 60 geſelligen Verkehr haben die Spanier einſehen gelernt, daß die Tugend des Weibes nie beſſer geſichert iſt, als unter der Obhut ihres eigenen Ehrgefuͤhles. Ohne Unfall erreichten wir den Ort der Feſtlichkeiten. Er bot dem Auge einen Anblick harmloſer Fröhlichkeit, der ſich ſchwer beſchreiben läßt. In der Einſiedelei tanzten junge Bauern, feſtlich gekleidet, die Hemdaͤrmel mit vielen bun⸗ ten Bändern geſchmuͤckt, nach dem Takte ihrer Caſtagnetten vor dem Altare; mehrere rieſenhafte Geſtalten, Männer und Weiber, in abenteuerli⸗ cher Kleidung, ſchnitten Geſichter, und ſcheuchten die Kinder aus ihrer Nähe. Dann und wann miſchten ſich dieſe Brobdignacs ebenfalls in den Tanz. Endlich zog die Prozeſſion von der Ein⸗ ſiedelei aus, ging mehrere Male in einem maäch⸗ tigen Kreiſe umher, und kehrte zuletzt wieder zu der Kirche zuruͤck. Entfaltet wurden die heiligen Fahnen vorauf getragen; ihnen folgte das Bild der wunderthätigen Jungfrau, welches unglückli⸗ cher Weiſe ein Auge verloren hatte; auch war durch die Wäſche, der man es am vergangenen Tage unterworfen, nicht alle die Schwaͤrze vertilgt, mit welcher Alter und Lampendunſt es gefärbt hatten, und unter den praͤchtigen Gewaͤndern von Silberſtoff blickte ſie ärgerlich hervor. ————— 61 Als die Prozeſſion beendigt, wurde von den beßten Stimmen in dem Dorfe eine große Meſſe geſungen; dann folgte ein Te Peum, in wel⸗ ches alle alte Weiber und kleine Kinder mit einſtimmten. Nun beſpritzte der Prieſter die an⸗ daͤchtige Menge mit dem Weihwaſſer, ſammelte die Pfennige der Glaͤubigen, welche, ſeiner hei⸗ tern Miene nach, reichlich eingegangen ſeyn muß⸗ ten, ertheilte uns ſeinen Segen, und Jeder eilte nun zu dem ländlichen Mahle. Die ganze fruchtbare Ebene am Fuße des Berges, der die Einſiedelei ttaͤgt, war mit Grup⸗ pen von Menſchen bedeckt, die ſich auf dem Boden gelagert hatten, und den mitgebrachten Speiſen und Getraͤnken fleißig zuſprechend, ſan⸗ gen und ſcherzten und lachten. Jeder Rang, jedes Alter, jedes Geſchlecht ward mit einer Zutraulichkeit vergeſſen, welche nur der ſpani⸗ ſchen Nation eigenthuͤmlich iſt. Männer von echt⸗ blauem Blute boten andern aus den nie⸗ drigſten Ständen ihre Koͤrbe mit Eßwaaren dar, und dieſe, die Ehre wohl erkennend, ſetzten ſich nieder, um gemeinſchaftlich mit dem guͤtigen Geber zu eſſen, und erzählten auch wohl, aus Erkenntlichkeit, irgend ein luſtiges Geſchichtchen ihrer eigenen Erfindung; oder ſie boten, Glei⸗ 62 ches mit Gleichem vergeltend, dem Hidalgo auch von ihren Lebensmitteln einiges. Bei ſolchen Volksfeſten beträgt ſich der Spa⸗ nier mit einer Freiheit, einer Ungezwungenheit, die andern Laͤndern leicht unanſtaͤndig erſcheinen könnten. Alle die kleinlichen Zwiſtigkeiten und Leidenſchaften, welche in der Geſellſchaft herr⸗ ſchen, werden hier vergeſſen; Jeder ſucht ſich nur liebenswuͤrdig zu zeigen. Die Unterhaltung iſt geiſtreich, witzig, auch wohl ausgelaſſen. Das natuͤrliche Gefuͤhl der Spanier fuͤr Poeſie, und ihr Talent fuͤr die Improviſation, welches dem der Italiener nur wenig nachgiebt, iſt bei die⸗ ſen Feſten ebenfalls eine ergiebige Quelle der Unterhaltung. Wahrhaft erſtaunenswuͤrdig iſt es, dieſe Naturdichter acht und zehnzeilige Stanzen mit der Schnelligkeit des Gedankens herſagen zu hoͤren, oder Zeuge eines poetiſchen Streites zu ſeyn, der oft den Klugſten in Verlegenheit ſetzen könnte. Irgend Jemand aus der Verſammlung ſchreit:„bola“ um dadurch die allgemeine Auf⸗ merkſamkeit zu erregen, und ſobald Alles ſtill iſt, beginnt der Sprecher ſeine Stanzen. Ihr Inhalt iſt entweder eine Schmeichelei an eine der anweſenden Schoͤnheiten, oder ein Epigramm auf Einen der Anweſenden, oder irgend eine ko⸗ miſche Anſpielung auf ein luſtiges Ereigniß des —————— ———————— 63 Tages. Die heitere Laune, welche aus dieſen Stanzen ſpricht, der geſunde Witz, den ſie groͤßtentheis enthalten, verzieht auch das ernſteſte Geſicht zum Lächeln. Wird auch der Sinn zu⸗ weilen verletzt, ſo beachten doch die Improviſa⸗ toren die Regeln des Versbaues ſtets ſehr genau. Nach dem Eſſen eilt ein Jeder nach dem corral de bueynes, oder den Schranken, in welchen das Stiergefecht Statt findet. Wir ge⸗ wannen hier einen ſehr guten Platz auf der Spitze des Huͤgels, welcher ſich an die Schran⸗ ken lehnte. Laͤnger als eine Stunde mußten wir warten, und befuͤrchteten dabei immer, von dem großen Haufen, der das Schauſpiel mehr in der Nähe ſehen wollte, mit fortgeriſſen zu werden. Endlich wurden die aficionados(Lieb⸗ haber) ſichtbar. Einige ſprengten im vollen Gallop in die Schranken, andere lockten die Stiere durch die cabestros*) herbei. Sobald der Ton der Glocken hoͤrbarer wurde, gerieth Alles in die lebhafteſte Bewegung. Einige klet⸗ terten auf die Baͤume, Andere drängten ſich auf ²) Zahme Stiere, welche eine große Glocke und eine holzerne Klapper um den Nacken haben, deren Toͤne die wilderen Stiere ihnen nach⸗ lockt. mehrere Wagen, welche innerhalb der Schranken ſanden, und dachten ſich des Stieres mit ihren langen Stöcken zu erwehren; wieder Andere aber betraten das Feld der Ehre, im Vertrauen auf ihren Muth und ihre Kraft, und waren bald danach in den Staub gerannt. Jetzt kamen mehrere der berittenen Kaͤmpfer angeſprengt, um die Ebene zu ſaͤubern, aber ihre Muͤhe war uͤberfluͤſſig, denn kaum zeigte ſich der erſte Stier in den Schranken, als Alle, die nicht kaͤmpfen wollten, voller Schrecken ent⸗ flohen. Das Geſchrei der Menge, das gellende Pfeifen derer, welche ſich in Sicherheit befanden, das Geraͤuſch derer, welche dem Stiere entgegen⸗ rannten, um ihn durch die vorgehaltenen hell⸗ farbigen Maͤntel zu reizen, ſteigerten die Wuth des Thieres, deſſen Blut ohnehin unter Spa⸗ niens Sonne heiß durch die Adern rannte, bis zum hoͤchſten Gipfel. Von jeder Seite gerufen und gereizt, wußte der Stier ſelbſt nicht, wohin er ſeinen Angriff wenden ſolle; und ſtuͤrzte er endlich nach einer Seite, ſo zog ihn verdoppeltes Geſchrei bald wieder nach der andern, und die, welche er verfolgte, waren faſt immer ſicher, ſei⸗ nen Hörnern zu entrinnen. Ein großer Liebha⸗ ber dieſes ſpaniſchen Nationalvergnuͤgens ſagte mir daher auch grade heraus, die Sache ſey zu gefahr⸗ aeurcunaen 65 gefahrlos um Spaß zu machen. Anton, der Zagal, ein Andaluſier von Geburt, und in die⸗ ſen Kaͤmpfen von Jugend auf wohl erfahren, zeichnete ſich unter den Streitern durch Kuͤhnheit und Gewandtheit beſonders aus, und wenn An⸗ dere flohen, und von dem Stiere in den Staub gerannt, oder auch wohl zuweilen mit den Hoͤr⸗ nern erfaßt und hoch in die Luft geſchleudert wurden, ſo bot er ihm immer ſiegreich die Spitze. Nachdem auf dieſe Weiſe zwei oder drei Stiere ſo lange gereizt worden waren, bis ſie nicht mehr kämpfen wollten, endete das Gefecht da⸗ mit, daß man den Knaben die Schranken uͤber⸗ ließ, um ihre Kraͤfte an einem jungen Stiere zu pruͤfen. Als auch dies vorbei war, bildeten ſich meh⸗ rere Gruppen von Tänzern auf dem gruͤnen Raſen, oder in dem Dorfe ſelbſt, vor den Haͤu⸗ ſern, die der vornehmere Theil der Geſellſchaft in Beſitz genommen. Ueberall herrſchte die groͤßte Ordnung und Einigkeit, bis die Mehrzahl der Gaͤſte nach Hauſe zuruͤckkehrte, und auch wir uns auf den Weg nach Cigales begaben. Die Zeit der Weinleſe ſchwand mir in Iſa⸗ vellas Geſellſchaft wie ein Gedanke dahin. Je⸗ den Tag entdeckte ich an ihr irgend einen neuen Reiz, irgend einen neuen liebenswuͤrdigen Zug des 5 o6 Charakters. Ihre Schoͤnheit, Anmuth und Guͤte ſchienen mir alles zu uͤbertreffen, was ich mir bis⸗ her kaum gedacht. Aber um ihren Werth ganz ſchaͤtzen zu lernen, mußte man ſie naͤher kennen. Zuerſt liebte und bewunderte man ſie ihrer perſoͤn⸗ lichen Vorzuͤge wegen, aber wenn man ſie genauer beobachtete, und mit jedem Tage neue Vorzuͤge an ihr entdeckte, wenn man ihren gebildeten Geiſt, ihren Reichthum an herrlichen Kenntniſſen ſah, ſo fuͤhlte man ſich unwiderſtehlich von ihr bezaubert. Sie war die Sanftmuth ſelbſt, und in jedem ihrer Worte ſprachen Unſchuld und Natuͤrlichkeit ſich gleich deutlich aus. Alles was ſie ſagte und that, trug eben dies Gepräge. Ihre Liebenswuͤrdigkeit uͤbte eine ſo ſiegende Gewalt, daß ſelbſt die jungen Maͤdchen, welche allgemein fuͤr neidiſch und häͤmiſch bekannt waren, ſich gezwungen fuhlten, ſie zu lieben, und von ihr mit einer Bewunderung ſprachen, welche nicht durch Reize des Koͤrpers allein erregt werden kann. Dies war das Maͤdchen, welches ich liebte. Welche ſelige Augenblicke verlebte ich an ihrer Seite! Es iſt wahr, ſie hatte mir ihre Liebe nicht mit Worten geſtanden, aber war denn die Sprache ihrer Augen weniger verſtändlich? Sagte mir nicht ihr Blick, daß ſie mich gern ſehe, daß ½ „ „ N 67 es ihr ſchwer falle, von mir zu ſcheiden, und waͤre es auch nur fuͤr wenige Stunden? An ihrer Liebe noch zweifeln zu wollen, waͤre ein Verbrechen geweſen; und von einem ſolchen We⸗ ſen geliebt zu ſeyn!— wie haͤtte ich dem Him⸗ mel genug fuͤr mein Gluͤck danken koͤnnen? Die Zeit, welche wir auf dem Lande zuzu⸗ bringen pflegten, nahete ſich ihrem Ende, und es ward daher beſchloſſen, daß wir in drei Ta⸗ gen nach der Stadt zuruͤckkehren ſollten. An dem Nachmittage vor unſerer Abreiſe war ich eben im Begriffe, die jungen Mädchen, und naturlich auch Iſabella, zu einer Jagdpartie nach einem nahen Hölzchen zu begleiten, als mein Vater mich zuruͤckhielt und mir ſagte, daß er etwas Nothwendiges mit mir zu ſprechen habe. Ich gehorchte, aber nicht ohne heimlichen Aerger, denn ich hatte mir einen großen Genuß davon verſprochen, gemeinſchaftlich mit Iſabella von mehreren unſerer Lieblingsplatzchen Abſchied zu nehmen. Als wir allein waren, ſagte mein Vater in guͤtigem, doch ernſtem Tone: Eſteban, ich habe Deinen Gehorſam auf eine ſchwere Probe geſetzt, und Dir dadurch einen bittern Augenblick gemacht, aber ich that es, mein theures Kind, um Dir ſpäter einen noch härtern zu erſparen. Du findeſt unſeren ſchönen Gaſt liebenswuͤrdig? 5* 68 Ich habe es ſchon ſeit längerer Zeit bemerkt, fuhr er fort, indem er uͤber meine Verwirrung unmerklich laͤchelte, aber ich wollte das Vergnh⸗ gen dieſer Zeit allgemeiner Froͤhlichkeit durch nichts ſtoren, was Dir Kummer gemacht haben wuͤrde. Jetzt jedoch iſt das anders, und ich muß Dich warnen, Deinen Gefuͤhlen fuͤr Iſabella noch ferner Nahrung zu geben. Beharrſt Du bei Deiner Neigung, ſo wird ſie zu keinem gu⸗ ten Ende fuͤhren, denn Si5 kann nie die Pi werden. MNie? rief ich; o mein Vater!— Aer nizn nicht?— Es iſt wahr, wir haben keine Titel, aber wir ſtammen aus edlem Blute, und uͤberdies iſt der Marquis frei von dem Vor⸗ urtheile uͤber Geburtsadel. Zeige ich mich ſeiner Nichte werth, und ſie liebt mich, ſo wird er ſie dem Sohne eines Mannes nicht verweigern, den er ſelbſt ſo innig ſchaͤtzt. Es iſt moͤglich, daß er es nicht thäte, ent⸗ gegnete mein Vater, aber, mein theurer Eſteban, täuſche Dich nicht ſelbſt durch ſo trugeriſche Hoff⸗ nungen. Es walten noch andere Hinderniſſe, die Du zu ſeiner Zeit kennen lernen ſollſt. Glaube mir, wenn ich ſie Dir jetzt auch noch nicht nenne, daß ſie eine Verbindung zwiſchen Dir und Iſa⸗ bellen durchaus unmoͤglich machen. 69 Mein Vater wurde hier aus dem Zimmer gerufen. Regungslos ließ er mich zuruͤck, aber die Worte:„nie kann ſie die Deine werden“ toͤnten fuͤrchterlich in meinem Ohre wieder. End⸗ lich ſtuͤrzte ich aus dem Hauſe, warf mich in jenem Gehoͤlze auf den Boden, und mein ge⸗ preßtes Herz fand in einem Strome von Thraͤ⸗ nen einige Erleichterung. Waͤhrend ich mich ſo der Verzweiflung des erſten Schmerzes uͤberließ, fuͤhlte ich, daß ſich Jemand bemuͤhe, mich empor zu richten. Iſabella war es ſelbſt; der Schreck, mich in einem ſolchen Zuſtande zu finden, hatte ihr Geſicht mit Leichenblaͤſſe uͤberzogen.— Eſte⸗ ban, ſagte ſie mit zitternder Stimme; was iſt geſchehen? Ich konnte ihr weder antworten, noch meine Thraͤnen ſtillen. Sagen Sie es mir, rief ſie mit ſichricher Angſt. Was bewegt Sie ſo?— Sind Sie unwohl? Ja! erwiederte ich ihr; ich bin krank, krank bis zum Sterben, und werde nicht eher geneſen, als bis mein Herz aufgehoͤrt hat zu ſchlagen. O Iſabella! Ich ſoll Dich nicht mehr lie⸗ ben! Kannſt Du denn wirklich nie die Meine werden? Was meinen Sie damit, Eſteban? Sagen . 70 Sie mir, ich beſchwoͤre Sie, was iſt geſchehen? Iſt es wohl recht von Ihnen, ſetzte ſie im Tone ſanften Vorwurfes hinzu, daß Sie ſo zuruͤckhal⸗ tend gegen mich ſind? Zuruͤckhaltend, rief ich, gegen Sie, meine Iſabella, der alle meine Gefuͤhle angehoͤren? — Ach denken Sie beſſer von mir!— Doch Sie ſollen Alles wiſſen.— Mein Vater hat meine Neigung, meine Liebe fuͤr Sie bemerkt, und warnt mich davor. Er ſagt, ſie konne nur zu bittrem Harme fuͤhren. Wie? ſagte Iſabella raſch. Er eennt mei⸗ nen Oheim nicht, der mir ſo oft ſchon ver⸗ ſicherte, er wolle mich nur dem Manne vermaͤh⸗ len, mit dem ich gluͤcklich ſeyn koͤnne. Wie koͤnnte er dem Sohne ſeines Freundes ſeine Ein⸗ willigung verſagen, wenn dieſer Sohn nur zu zeigen vermag, daß er derſelben werth iſt? Das iſt es nicht, theuerſte Iſabella, ſagte ich ſeufzend. Es giebt noch andere Gruͤnde, die mein Vater mir jetzt nicht entdecken will, die ich indeſſen, wie er mir verſpach, einſt er⸗ fahren ſoll. Sie aber verlaſſen uns jetzt bald; Sie gehen in andere Gegenden; Sie lernen irgend Einen kennen, der Ihrer Liebe wuͤrdiger iſt als ich, und ich— werde vergeſſen. Nie, nie! unterbrach ſie mich, meine Haͤnde 71 in die ihrigen nehmend. Nie kann ich Sie ver⸗ geſſen. Unſere Verbindung kann man hindern— meine Liebe bleibt Ihnen. Theuerſte Iſabella! rief ich, mich zu ihren Fuͤßen ſtürzend; Sie geben mir das Leben wie⸗ der, und jetzt wage ich zu hoffen, daß jenes un⸗ bekannte Hinderniß nicht ſo unuͤberſteiglich iſt, als mein Vater glaubt. Nie, fuhr ſie fort, werde ich mich zum Opfer eines irrigen Rangſtolzes machen laſſen, und auch von meinem Oheime koͤnnen Sie feſt uͤber⸗ zeugt ſeyn, daß dies in ſeinen Augen kein Hin⸗ derniß iſt. Ich will es hoffen, entgegnete ich; wie koͤnnte ich auch verzweifeln, wenn die Liebe mei⸗ ner Iſabella mir gewiß iſt. Nach abermaligen Verſicherungen dieſer Liebe kehrten wir nach Hauſe zuruͤck, und ich fühlte mein Herz von einer Buͤrde befreit, unter wel⸗ cher ich ohne die rettende Hand dieſes Schutz⸗ engels haͤtte erliegen müſſen. Sechſtes Kapitel. Wir kehrten nach Valladolid zuruck, und ich ſetzte meine Studien fort. Iſabella, gleichfalls gewoͤhnt, ihre Zeit beſſer als zur Ruͤckerinnerung genoſſener Vergnuͤgungen anzuwenden, leiſtete mir oft dabei Geſellſchaft, und ganze Abende verlebten wir mit einander, uns an den Schoͤn⸗ heiten der Werke unſerer klaſſiſchen Autoren, der Poeſie ſowohl, als der Proſa, zu erfreuen. Auch franzoͤſiſche Dichter und Schriftſteller laſen wir, und ſogar engliſche, denn ſeit einiger Zeit hatte ich in dieſer Sprache bedeutende Fort⸗ ſchritte gemacht. Doch dieſe Freude war zu rein, um iing ungetruͤbt zu bleiben. Der Marquis erhielt von ſeinem Bruder, dem Don Facundo, folgenden Brief, der ſeine augenblickliche Abreiſe zur Folge hatte: Mein geliebter Bruder! Das ſcheinbar grauſame Betragen, welches ich gegen Dich anzunehmen gezwungen, recht⸗ fertigt Dich vollkommen, wenn Du mir Dein Vertrauen und Deine bruͤderliche Liebe entziehſt, 73 obgleich ich nie aufgehoͤrt habe, Dir beibes zu ſchenken. Ich handelte unter dem Einfluſſe von Männern, welche die hoͤchſte Macht im Staate ausuben. Sie glaubten die Ehre unſerer Fa⸗ milie verletzt, und beſtanden darauf, das, was ich beſaͤße, nur dann erſt aufzugeben, wenn die Unrechtmaͤßigkeit dieſes Beſitzes vor dem Ge⸗ richtshofe klar erwieſen ſey;— kurz ich han⸗ velte dem Willen Sr. Majeſtaͤt des Koͤnigs und Sr. Hoheit, des Friedensfurſten, gemäß— ihnen mich zu widerſetzen lag außer meiner Macht. Aber ungeachtet der Gefahr, welcher ich mich ſelbſt ausſetzte, erklärte ich dem Könige, noch ehe ein Spruch in unſerer Sache gefaͤllt wor⸗ den, daß ich feſt entſchloſſen ſey, mein Amt als Camariſta von Caſtilien niederzulegen, wenn er mir nicht geſtatte, Dir Titel und Vermogen als Marquis von Moncajo zuruͤckzugeben, denn mein Gewiſſen dulde es nicht laͤnger, einen ge⸗ liebten Bruder mit einem eben ſo harten als ungerechten Schickſale kämpfen zu ſehen. Den⸗ noch war der Monarch mit meiner Freimuͤthig⸗ keit hoͤchſt unzufrieden, und Don Manuel fluͤ⸗ ſterte mir ſo etwas von lebenslaͤnglichem Ge⸗ faͤngniſſe zu, wenn ich der gerichtlichen Entſchei⸗ dung noch ferner vorzugreifen ſtrebe. Als ich ſah, daß das, was mein Herz ſo ſehnlich wuͤnſchte, unerreichbar ſey, beſchloß ich⸗ Dich ins Geheim bei mir aufzunehmen, aber man bewies mir, wie unſtatthaft es ſey, einen Mann vor den Gerichten als Betruͤger zu ver⸗ folgen, und ihm gleichwohl in meinem Hauſe eine Freiſtatt zu eröffnen.— Ach, mein theu⸗ rer Bruder, wie ſehr litt ich unter dem Drucke aller dieſer Nothwendigkeiten! Wie oft ver⸗ wuͤnſchte ich die Stunde, in welcher ich den ſchluͤpfrigen Boden dieſes Hofes betrat! So der Sclave Anderer ſeyn zu muͤſſen, ſelbſt wenn wir uns bewußt ſind, unrecht zu handeln! Ei⸗ nen Kerker haͤtte ich in jenen Augenblicken der Gnade des Koͤnigs vorgezogen; aber ach! das Land bedurfte meiner Dienſte, und ich konnte mir nicht einmal die Genugthuung gewähren, als ein Opfer meiner Grundſätze und bruͤderli⸗ chen Liebe, zu fallen. Die theuerſten Gefuͤhle meines Herzens mußte ich der Pflicht gegen das Vaterland aufopfern, welches vielleicht ſchon morgen eben dieſe Dienſte mit Undank belohnt. Dies iſt, geliebter Bruder, das Loos des Man⸗ nes in dieſer Zeit der Thraͤnen. Du kannſt Dir einen Begriff von den Ver⸗ folgungen machen, denen ich Deiner Sache we⸗ gen ausgeſetzt war, und dennoch halten mich die, welche die geheimen Quellen von den Hand⸗ 75 —FYFY§ÜOOÜ⅛ 6 lungen des Hofes nicht kennen, nicht zu beur⸗ theilen verſtehen, fuͤr einen Boͤſewicht. Sogar Don Ignacio ſelbſt nannte mich oͤffentlich einen unnatuͤrlichen Bruder, ein Ungeheuer. So kön⸗ nen Ehrenmaͤnner verkannt werden, wenn das Schickſal ſie in Lagen, wie die meinige, verſetzte. Der Himmel aber ſegne jenen Biedermann fuͤr den Dienſt, den er mir leiſtete. Sage ihm, ich ſey weit entfernt, mich durch ſeine Freimuͤthig⸗ keit beleidigt zu fuͤhlen; im Gegentheile koͤnne er meiner ewigen Dankbarkeit verſichert ſeyn. Sage ihm in meinem Namen, daß er mir die Ruhe eines unbefleckten Gewiſſens wiedergege⸗ ben habe, und daß ich mich nie gluͤcklich und zufrieden hätte fuͤhlen können, waͤre der Ur⸗ theilsſpruch des Gerichtes zu meinen Gunſten ausgefallen. Du ſelbſt, mein theurer Lorenzo, wirſt, ſo hoffe ich, meinen Geſinnungen volle Gerechtig⸗ keit widerfahren laſſen, und mich entſchuldigen, daß ich nicht eher meiner Pflicht gemaͤß han⸗ delte, da Dein und mein Verderben die ſichere Folge geweſen ſeyn würde. Jetzt aber, wo ich große Veränderungen an dem politiſchen Him⸗ mel heraufſteigen ſehe, wo eine Zeit naht, in der inniges Zuſammenhalten Noth thut, kann 76 ich es nicht laͤnger bulden, daß Du mich als Deinen bitterſten Feind betrachteſt. Damit Du Dich aber beſſer von meiner Un⸗ ſchuld uͤberzeugen kannſt, bitte ich Dich, ohne Zoͤgern zu mir zu kommen, und ſich will Dir dann ſo uͤberzeugende Beweiſe vorlegen, daß jeder Zweifel augenblicklich ſchwinden muß. Stets bleibe ich Dein treuer, Dich innig liebender Bruder Facundo. Der Marquls war offen und argwohnlos, und glaubte nie, daß ſein Bruder mit freiem Willen ſo ſchaͤndlich gegen ihn gehandelt habe. Dieſer Brief erfullte ihn daher mit der innigſten Freude. Er theilte ihn ſogleich meinem Vater mit, und dieſer ſagte, Don Facundo könne wohl unſchuldig ſeyn, da in dieſen ſturmbewegten Zei⸗ ten nicht immer ein Jeder zu handeln vermöge, wie er es gern wolle und fuͤr gut halte. Aber von dem Vorwurfe der Unmaͤnnlichkeit konnte er ihn nicht frei ſprechen. Seiner Meinung nach haͤtte Don Facundo Alles wagen ſollen, um ſich oͤffentlich als rechtſchaffener Mann zu zeigen. Keine menſchliche Ruͤckſicht, ſagte er, ſelbſt nicht die Furcht vor dem ewigen Kerker, hätte ihn vewegen duͤrfen, alle Geſetze der Blutsfreund⸗ 77 ſchaft und des natuͤrlichen Rechtes ſo mit Fuͤßen zu treten. Wenn ich in Don Facundos Stelle geweſen waͤre, fuͤgte mein Vater hinzu, ſo wuͤrde ich anders gehandelt haben. Don Lorenzo verſuchte ſeinen Bruder zu entſchuldigen, aber faſt alle ſeine Gruͤnde wider⸗ legte Don Ignacio. An keinem Hofe, ſagte er, war ſtrengere Sittlichkeit, reinere Tugend zu finden, als an dem Karls II., nirgend giebt es groͤßere Entartung, als an dem Maria Louiſas und Godoys. Dennoch war die Mehrzahl der Perſonen, welche den Hofſtaat der Letztern bil⸗ den, auch an dem Hofe des Erſtern. Wir duͤr⸗ fen daher keinen zu raſchen Schluß fällen. Laſ⸗ ſen Sie uns hoffen, daß Don Facundo unſchul⸗ dig ſey, aber geben Sie meinen Bitten nach, und bleiben wenigſtens noch zwei Monate bei uns. Nein, mein theurer Freund, entgegnete der Marquis. Mir verlangt ſehnlich danach, von einer Sache Gewißheit zu erlangen, die das Gluͤck meines ganzen Lebens erhoͤhen kann. Nach einer langen Reihe von Jahren harter Pruͤfung, wuͤnſche ich an dem Herzen eines Bruders zu ruhen, der mich liebt, und mir vielleicht den Ver⸗ luſt ſo vieler Lieben in etwas erſetzen kann. Sobald der Entſchluß des Marquis bekannt wurde, ſuchte jedes einzelne Mitglied unſerer 1 1 . 12 78 Familie ihn zur Verzoͤgerung ſeiner Abreiſe zu bewegen, und ich unterſtutzte meine Bitten ſogar mit einem Strome von Thranen; aber ſein Vor⸗ ſatz ſtand unerſchutterlich feſt, und nur zu ſchnell erſchien der bittere Tag der Trennung, doch nicht ganz ohne die begluͤckende Hoffnung einer baldigen Wiedervereinigung. Wie ſoll ich den Kummer, die Verzweiflung ſchildern, die ich bei dem Scheiden von Iſa⸗ bella empfand! Nur die, welche liebten, und zu einer Trennung von dem geliebten Gegen⸗ ſtande gezwungen wurden, vermoͤgen meine Ge⸗ fuhle nachzuempfinden. Daher nichts von dem Tage der Abreiſe! Jeder Einzelne in unſerem Hauſe theilte meinen Schmerz; Jeder ſchien eine Geliebte oder einen Buſenfreund verloren zu haben. Die erſte Trennung von der Geliebten er⸗ fült uns mit einem Schmerze, dem nichts zu vergleichen iſt, als die Verzweiflung bei dem Tode derſelben. Giebt doch nichts ein treueres Bild von dem Tode, als Trennung! Hoffnung allein lindert dieſen Schmerz, und in weiter Ferne glänzt, wie ein freundlicher Stern, die Ausſicht auf ein ftohes Wiederſehen. Aber an dem Abende nach Iſabellas Ab⸗ reiſe ſtand mir eine noch härtere Pruͤfung be⸗ 79 vor, indem meine Eltern mir ein trauriges Ge⸗ heimniß mittheilten. Ein Diener beſchied mich gegen Abend zu meinem Vater auf deſſen Stu⸗ dierzimmer. Meine Mutter ſaß neben ihm, und Beide ſchienen mir bekuͤmmert und verlegen. Einen Augenblick herrſchte tiefes Schweigen, doch meine Mutter hatte meine Hand ergriffen, und druͤckte ſie von Zeit zu Zeit; ob aus Liebe, ob aus Beſorgniß, konnte ich nicht unterſcheiden. Eſteban, ſagte endlich mein Vater, indem er meine andere Hand ergriff, vielleicht haſt Du errathen, weshalb ich Dich zu mir kommen ließ. Ich warnte Dich, Deiner Leidenſchaft fuͤr Iſa⸗ bella nachzugeben. Ich hoffte, es waͤte eine raſch voruͤberfliegende jugendliche Neigung. Ich irrte. Dein Schmerz bei der Trennung beweiſot mir, daß Deine Liebe heftiger iſt. Eine ſolche Liebe aber kann und darf nicht beſtehen. Ich ſage dies nur, weil Dein Gluͤck mir am Herzen liegt. Das Geheimniß, welches Du jetzt erfah⸗ ren ſollſt, wird Dir Alles erklären, und wenn es auch Dich und uns betruͤben muß, ſo darf es doch nicht laͤnger verſchwiegen bleiben. Wiſſe denn, mein Kind, daß wir nicht Deine Eltern ſind. Gerechter Himmel! unterbrach ich ihn; was 80 muß ich hoͤren? Ich bin nicht Euer— Und wer ſind dann meine Eltern? Meln theurer Eſteban, rief Donna Thereſa, indem ſie mich in ihre Arme ſchloß, Du ſollſt immer unſer Kind bleiben, wie Du es bis jetzt warſt, und wir verlaſſen Dich nicht, was ſi auch ereignen moͤge. 3 Ich kuͤßte ihre Hand, die ich ugh mit meinen Thränen benetzte.— Aber wer ſind⸗ meine Eltern? rief ich dann wieder, kaum der Worte maͤchtig. Ich konnte es, aller Mühe ungeachtet, nie genau erfahren, ſagte Don Ignacio. Nach einem relicario*) zu urtheilen, das Du um den Hals hatteſt, als wir Dich erhielten, muß ich glauben, daß ſie von vornehmem Stande ſind; aber wel⸗ ches Verbrechen oder Mißgeſchick ſie veranlaßte, Dich zu verſtoßen, weiß ich nicht.— Du ſollſt alles hören, was mir bekannt iſt. Im Oktober des Jahres 1793 trat die Piſuerga an 100 Fuß uͤber ihr gewoͤhnliches Bett hinaus, und uͤberſchwemmte ſelbſt die Keller und. Fluren der Häuſer, e weit von ihr entfernt lagen. Viele 4) Ein⸗ kleine goldene ober ſibern⸗ Kapfel,„ mit einer Reliquie oder dem Bilde irgend eines Heiligen oder einer Heiligen, welche man den Kindern um den Hals zu haͤngen pflegt. 81 Viele Einwohner mußten aus der Stadt fluͤch⸗ ten, andere zogen ſich in die oberen Theile ihrer Wohnungen zuruͤck, wo ſie faſt 14 Tage hin⸗ durch Gefangene blieben; auf die geringen Nah⸗ rungsmittel beſchränkt, welche ihnen auf kleinen Kaͤhnen zugefuͤhrt werden konnten. Dieſe Ueber⸗ ſchwemmung bewog mich, gleich bei ihrem Be⸗ ginnen auf unſer Landhaus an den Ufern des Duero zu gehen, da unſer Haus in der Stadt durch ſeine Lage der groͤßten Gefahr ausgeſetzt war. Eines Tages ſandte ich meinen alten treuen Diener nach der Stadt, um mehreres zu holen, deſſen wir bedurften. Bei ſeiner Ruͤckkehr brachte er ein Kind, anſcheinend nicht zwei volle Jahr alt, mit ſich— Dich. Er hatte Dich, wie er ſagte, in einer kleinen Wiege liegend, in einem unſerer Zimmer gefunden, wohin Du wahrſcheinlich von den Wellen durch das Fen⸗ ſter getragen worden wareſt. Die Wiege be⸗ wahre ich noch auf. Du warſt dem Hunger und der Kälte faſt erlegen. An Deinem Halſe hing ein Relikario, und in demſelben fand ich einen Zettel, mit hoͤchſt unleſerlichen Schriftzuͤ⸗ gen beſchrieben. Ich entzifferte daraus folgende Worte:„Ich uͤbergebe dies Kind edelgeborner Eltern den Wellen, weil ich 3 zu einem 5 82 Moͤrder geſchaffen bin. Iſt es der Wille des Himmels, daß das arme kleine Geſchoͤpf lebe, ſo wird er es erhalten. Seinen wahren Namen varf ich nicht entdecken, aber ich nenne es Eſte⸗ ban. Moͤge der Himmel mir verzeihen!— Jahr ſeiner Geburt 1791.“ Wir verloren keine Zeit, die Spur Deiner Eltern zu entdecken, aber alle Nachforſchungen waren vergebens. Daher beſchloſſen wir endlich, Dich zu unſerem eigenen Kinde anzunehmen, und Dich mit unſeren anderen erziehen zu laſ⸗ ſen. Eines unſerer Kinder, ein Knabe, etwa von Deinem Alter, war uns kurz vorher durch den Tod entriſſen, und es ſchien deshalb, als ob der Himmel ſelbſt Dich uns zum Erſatz ſende. Die Wenigen, welche um dies Ereigniß wußten, vergaßen es bald, und ſtets waren wir bemuͤht, daß auch keines unſerer eigenen Kinder etwas davon hoͤre. Jetzt nur noch ſo viel, daß wir auch ferner das Geheimniß bewahren wollen, es wäre denn, daß wir Deine rechten Eltern faͤnden. Ich bog meine Knie, um Don Ignacio's Hand zu kuͤſſen;— mein Herz war zwiſchen Kummer und Dankbarkeit getheilt.— Alſo bin ich ein Findling? ſagte ich weinend;— doch nein! die Eltern, denen ich das Leben verdanke, ſtießen mich von ſich, als ſey ich ein Unge⸗ — ů— 1 heuer, das ſie einſt zerreißen werde.— O Gott! — Keine Eltern, die mich lieben! Mein Kind, mein geliebtes Kind, rief Donna Thereſa, indem ſie mich in ihre Arme ſchloß, und mich mit ihren Thränuen benetzte, kraͤnke mein armes Herz nicht ſo bitter! War ich Dir nicht immer eine liebende Mutter? War Dir Don Ignacio nicht immer ein guͤtiger Vater?— Wie kannſt Du doch ſagen, Du hätteſt keine Eltern, die Dich lieben? Verzeih mir, Mutter, denn noch immer muß ich Dich ſo nennen. Ich wollte Dich nicht kraͤnken; ich dachte ja nur an meine Geburt. Der Himmel hat mich denen genommen, die mir das Leben gaben, denn ſie waren voller Un⸗ natur, und wollten meinen Tod. Der Himmel allein gab mich in Eure Hände, die nicht blos mein Leben erhielten, ſondern mich auch auf den Pfad der Tugend geleiteten. Euch verdanke ich alſo unendlich mehr, als ihnen, und mei⸗ ne Dankbarkeit gegen Euch ſoll keine Graͤnzen kennen. Sie ſchloſſen mich hierauf Beide in ihre Arme, und entließen mich mit der Bitte, ruhig zu ſeyn, und das Unvermeidliche mit Ergebung zu tragen. Aber wie hätte ich dies vermocht! Der Kummer, der mich in ſa on ſo viel⸗ 84 fach betroffen, warf mich auf das Krankenlager. Ein hitziges Fieber brachte mich dem Grabe nahe, indem es mich zugleich täglich mit tau⸗ end ſchrecklichen Bildern einer iet Phan⸗ taſie peinigte. Donna Thereſa's unermuͤdliche Sorgfalt, die Guͤte Don Ignacios, der mir ſogar ſeine Huͤlfe zur Erlangung von Iſabella's Hand ver⸗ ſprach, wenn ich ſie nur durch meine Auffuͤh⸗ rung verdiene, erhielten mir das Leben. Meine körperliche Geſundheit erlangte ich wieder, aber mein Geiſt blieb niedergebeugt, und mein einzi⸗ ger Troſt waren die Buͤcher. Immer und im⸗ mer wieder las ich die Stellen, welche Iſabella entzuckt hatten, und fand in dieſer Beſchäftigung ein augenblickliches Vergeſſen meines Kummers. Oft ſteigerte ich meine Einbildungskraft ſo ſehr, daß ich ſie mir zur Seite ſitzend, ihre Blicke auf mich gerichtet, dachte. Aber bald ver⸗ ſcheuchte die Ueberzeugung, daß ein ſolches Gluck mir in der Wirklichkeit nie wieder zu Theil werden koͤnne, die lieblichen Traumbilder, und verſenkte mich in tauſend neue Sorgen. Wuͤrde Iſabella mir ihre Liebe auch dann noch bewah⸗ ren, wenn ſie das Dunkel erfuͤhre, welches uͤber meiner Geburt ſchwebte? Und war ihre Nei⸗ gung wirklich ſo aufrichtig und uneigennutzg, — — — 85 — durfte ich hoffen, daß der Marquis die Wünſche eines armen Findlings erhoͤren werde? Ich hoffte ihre Ruͤckkehr, und fuͤrchtete ſie doch auch; aber nur durch ſie durfte ich Gewißheit meines Sfchickſals erwarten, denn Entdeckungen von ſolcher Wichtigkeit wagte ich keinem Briefe an⸗ zuvertrauen. ie —————— —, 86 Siebentes Kapitel. Im Anfange des März 1808 kamen der Mar⸗ quis und Iſabella zu Madrid an. Dies iſt einer der wichtigſten Zeitpunkte in der neuern Ge⸗ ſchichte Spaniens, und hat einen ſolchen Einfluß auf die Ereigniſſe meines eigenen Lebens geäu⸗ ßert, daß es mir vergönnt ſeyn moͤge, einen fluͤchtigen Blick auf die damalige Lage der Dinge zu werfen, damit es dem Leſer in der Folge leichter ſey, dem Faden meiner Erzählung zu folgen. Im Jahre 1795 unterzeichnete Spanien den Baſeler Frieden mit Frankreich, und trat dabei Hispaniola, eine ſeiner älteſten und ein⸗ traͤglichſten Beſitzungen in der neuen Welt, ab. Don Manuel Godoy, der Miniſter Karls IV., ſchloß dieſen Frieden, und erhielt als Dank da⸗ fuͤr den Titel des Friedensfuͤrſten. Im darauf folgenden Jahre ſchloß er einen neuen, noch weit unvortheilhafteren, den zu St. Ildefonſo, in welchem ſich beide Nationen im Fall eines Krie⸗ ges zu gegenſeitiger Unterſtuͤtzung ſowohl durch Geld als Mannſchaft, verpflichteten. Die Nach⸗ theile eines ſoichen Vertrages waren bei den da⸗ . 2 W* —* r— — —— —— * S N 8 — * Rdutni 87 maligen Verhältniſſen zu offenbar auf der Seite Spaniens, als daß uͤber die Beweggruͤnde Go⸗ doys nur der geringſte Zweifel haͤtte Statt fin⸗ den können, der ſich hier und in der Folge noch ofters ſehr bereitwillig zeigte, das Wohl des Staates ſeinem Privatvortheile aufzuopfern. In Folge dieſes Vertrages erpreßte Napoleon von Spanien ungeheure Summen, und erſchoͤpfte ſo des Landes letzte Huͤlfsquellen durch ſeinen Krieg mit England. Er ſandte ein Heer Spa⸗ niens nach dem Norden Europas, ein zweites nach Portugal, ein drittes nach Italien, und entbloßte Spanien auf dieſe Weiſe von Kriegern, die ſeinem Willen ſich hätten widerſetzen können. Durch die Niederlage unſerer Flotte bei Trafal⸗ gar, wo die Franzoſen ſich, um gelinde zu ſpre⸗ chen, hoͤchſt zweideutig betrugen, wurde unſere Seemacht faſt gänzlich zerſtort, oder konnte doch ſeinen Abſichten auf die Halbinſel kein Hinder⸗ niß mehr entgegen ſetzen. Unſere Regierung ward durch alle dieſe Maaß⸗ regeln auf das Aeußerſte gebracht, und beſchloß gegen Ende des Jahres 1806, als Napoleon in einen Krieg mit Preußen verwickelt war, ſich dem Joche Frankreichs zu entziehen. Allein dem Friedensfürſten war jede politiſche Ueberſicht der Dinge fremd, und es mangelte ihm auch die — 4 88 ——— Feſtigkeit, das mit Kraft auszuführen, was er doch ſelbſt beſchloſſen hatte. Er begnügte ſich daher, eine laͤcherliche Verorbnung in Form eines Eirkulärs zu erlaſſen, durch welche auf eine baldige Bewaffnung und heimliche militäriſche Streitkraͤfte hingezeigt ward. Napoleon verſtand ſehr wohl, was damit ge⸗ ſagt werden ſollte, aber da er zu jener Zeit nicht im Stande war, ſeinem Willen den gehoͤrigen Nachdruck zu geben, begnuͤgte er ſich damit, der ſpaniſchen Regierung eine kräftige Vorſtellung zu machen. Jetzt langte die Nachricht von dem Siege bei Jena an, und Spanien gab den Vor⸗ ſatz auf, gegen Napoleon zu kämpfen. Waͤh⸗ rend der Zeit, als die Krafte des Kaiſers der Franzoſen getheilt waren, hatte es der Regierung leider an Energie und einem raſchen Entſchluſſe gefehlt. Napoleon aber konnte ſelbſt die Abſicht, ſich ihm zu widerſetzen, nie verzeihen, und von dieſem Augenblicke ſtand der Entſchluß feſt in ihm, daß Karl der letzte Bourbon ſeyn ſolle, der Spanien beherrſche. Ueberdies fand man an⸗ geblich einen Brief von Karl W., in welchem dieſer Preußen zu dem Kriege gegen Frankreich rieth, und verſprach, es zu gleicher Zeit von der Seite der Pyrenäen anzugreifen. Napoleons Wuth ſtic durch dieſe Entdeckung, aber die Zeit 89 der Rache war noch nicht gekommen. Daher ſchloß er den bekannten Vertrag zu Fontainebleau im Jahre 1807, durch welchen er den Zrietens⸗ fuͤrſten gänzlich hinterging. In dieſem Vertrage ſicherte Napoleon Farl und ſeinen Nachfolgern alle ſeine Beſitzungen. und trat ihm das Königreich Portugal ab, wel⸗ ches er in drei Theile theilte, indem er es zu⸗ gleich durch eine franzoͤſiſche Armee beſetzen ließ, welche dazu dienen ſollte, ſeine Abſichten auf Spanien zu unterſtuͤtzen. Von dieſen drei Thei⸗ len erhielt einen die Koͤnigin von Etrurien und ihr Sohn, als Entſchädigung fuͤr die in Italien verlorenen Beſitzungen; den zweiten bekam der Friedensfuͤrſt, unter voͤlliger Oberhoheit, und mit dem Titel eines Prinzen von Algarbien; der dritte ſollte unter Sequeſter bleiben, um ſpäter dem Hauſe Braganza gegeben zu werden, und ward als Koͤder betrachtet, die Engländer zu bewegen, Spanien in den Beſitz von Gibral⸗ tar und Trinidad wieder einzuſetzen. Durch dieſe großen politiſchen Unterhandlun⸗ gen verfolgte Napoleon ſeine Zwecke, und naͤherte ſich ihrer Erreichung. Als er im Norden ſich endlich Ruhe verſchafft, unternahm er ſeinen Zug gegen Spanien. Unter dem Vorwande, 90 nach Afrika uͤberſetzen zu wollen, um die Eng⸗ laͤnder aus den Haͤfen der Barbaren zu vertrei⸗ ben, gab er allen Städten im Suͤden der Halb⸗ inſel franzoͤſiſche Garniſonen. Ohne irgend eine vorhergegangene Benachrichtigung ruͤckte eine fran⸗ zöſiſche Armee von 150,000 Mann in Spanien ein, die 40,000 Mann, welche unter dem Be⸗ fehle Juͤnots bereits in Portugal waren, unge⸗ rechnet. Kein Eroberer griff je ein Land mit großerer Macht, mit tiefer verborgenen Planen, und, was die Hauptſache iſt, mit ſchreienderer Ungerechtigkeit an. Generale und Marſchaͤlle von dem groͤßten kriegeriſchen Rufe fuͤhrten den Oberbefehl uͤber dieſe Heere. Unſere Regierung war ſo unvorbereitet und ſo entartet, daß ſie nicht einmal wagte, nach dem wahren Grunde zu fragen, der dieſe ungeheuren Streitkraͤfte nach Syanien fuͤhrte. Eine Sache von ſolcher Wich⸗ tigkeit ward ſogar nicht einmal offiziell be⸗ handelt! Waͤhrend Napoleons Truppen Spanien uͤber⸗ ſchwemmten, ſuchte er ſeinen Zweck auch noch dadurch zu befördern, daß er dem Volke ſeinen Herrſcher in dem nachtheiligſten Lichte zeigte. Die zwanzigjährige Regierung Karls IV. hatte leider nicht Einen großen Zug der Gerechtigkeit oder Tugend aufzuweiſen, und faſt jede Verord⸗ 9¹ nung zeugte von grober Unwiſſenheit oder ſelbſt⸗ ſuͤchtiger Herrſchbegier. Von einem geizigen, un⸗ wiſſenden und despotiſchen Miniſter ließ er ſich lei⸗ ten, und ſo war ſeine Regierung eine lange Kette von Elend fuͤr das ungluͤckliche Spanien. Die Mehrzahl des Volkes verachtete ihn, und wuͤnſchte heiß die Beſtrafung des Miniſters, unter deſſen Herrſchaft die Geſetze mit Fuͤßen getreten, und dies Land, ſeiner vielfachen Huͤlfsquellen unerachtet, an den Rand des Verderbens gebracht ward. Spanien hatte ſeine ganze Seemacht verlo⸗ ren, die bei dem Antritte von Karls Regierung die zahlreichſte und wohlausgeruͤſtetſte war, welche es jemals beſeſſen. Das Heer war ſo verringert, daß ſelbſt die Feſtungen von der noͤthigen Be⸗ ſatzung entbloͤßt waren. Der Schatz der Nation war verſchwendet, und der oͤffentliche Kredit er⸗ ſchoͤpft. Beſtechung und nicht Verdienſt, war der einzige Grund des Vorzuges. Der Wille des Miniſters und ſeiner Kreaturen war Geſetz, und die Sitten der hoͤhern Klaſſen bis zur niedrigſten Stufe der Verworfenheit geſunken. Dies war der beweinenswerthe Zuſtand Spa⸗ niens, als es durch die franzoͤſiſchen Truppen beſetzt ward. Große Fehler muͤſſen Napoleon oder ſeine Helfer wahrlich begangen haben, daß 92 es ihm nicht gelang, eine Dynaſtie zu ſturzen, die ſo allgemein gehaßt war. Die Intriguen, durch welche Farls väterliche Liebe zu ſeinem Sohne Ferdinand untergraben ward; die Gefan⸗ gennehmung dieſes Prinzen; die Verordnung vom 3oſten Oktober, durch welche er im Ange⸗ ſichte der ganzen Welt, ohne irgend einen Be⸗ weis, fuͤr einen Moͤrder erklaͤrt ward, kurz alle die Verfolgungen, deren Gegenſtand er war, dienten zu nichts weiter, als die Nation fuͤr einen Prinzen zu gewinnen, der ſolche Ungerech⸗ tigkeiten erdulden mußte. Es bildete ſich eine Parthei fuͤr ihn, die ſich ohne jene Verfolgun⸗ gen nie gefunden haben wuͤrde, und die gleich⸗ wohl zu dem endlichen Sturze von Napoleons Macht fuͤhrte. Waͤhrend der Kaiſer auf dieſe Weiſe heim⸗ lich gegen Ferdinand handelte, forderte ein Ge⸗ fandter am Hofe von Madrid, daß der Prinz, und die, welche in ſein Schickſal verflochten waren, ihre Freiheit erhielten. Godoy, der Ko⸗ nig und die Koͤnigin begannen jetzt fur ſich zu fuͤrchten, und um Napoleon, ohne deſſen Schutz ſie verloren waren, mit ſich zu verſoͤhnen, ſchlu⸗ gen ſie ihm eine Verbindung zwiſchen einer ſei⸗ ner Verwandtinnen und Ferdinand vor. Des Kaiſers Abſicht aber war, ſie nach Amerika zu * 93 ſchicken, um einen paſſenden Vorwand fuͤr die Beſitznahme Spaniens zu finden. Er ſchrieb ihnen daher auf eine Art, die ihre Beſorgniſſe nur vermehren konnte; den Vorſchlag wegen der Vermaͤhlung uͤberging er ganz mit Stillſchweigen. Daher ward Don Eugenio Izquierdo, Godoys Vertrauter, nach Paris geſandt, dieſe Angelegen⸗ heit zu betreiben, und wirklich willigte Napo⸗ leon nach einigen Schwierigkeiten in die Ver⸗ bindung. Zugleich ſuchte er ſich auf alle mögliche Weiſe das Anſehen zu geben, als ergreife er die Parthei des Prinzen, damit ſeine Truppen in Spanien deſto weniger Widerſtand finden moͤch⸗ ten. Einige Wochen darauf beſetzten die Fran⸗ zoſen Pampeluna, Figueras und Barcelona. Jetzt erſt begann Godoy dem Kaiſer zu miß⸗ trauen, und die Ruͤckkehr Izaquierdo's zerſtorte auch den letzten Reſt ſeiner Hoffnungen. Nun war ſein einziger Zweck, ſich und den Hof nach Mexiko zu retten, und als die Franzoſen ſich Madrid näherten, traf er alle Anſtalten zu der beabſichtigten Flucht. Er ging nach Aranjuez, wo das konigliche Ehepaar ſich damals aufhielt, und gab mehreren Generalen Befehl, die Abreiſe des Königs zu ſichern. Ferdinands Freunde wi⸗ derſetzten ſich dieſer Maaßregel, doch Godoy, der 94 ſein Leben nur durch die Flucht zu retten wußte, beharrte auf dem Entſchluſſe, mit dem Könige, der Koͤnigin und der koͤniglichen Familie nach Amerika zu fliehen. Dies fuͤhrte zu den Zwi⸗ ſtigkeiten in Aranjuez, zu der Ungnade und Ge— fangennehmung Godoys, und endlich zu der Abdankung Karls, zu Gunſten ſeines Sohnes, Ferdinand, Prinzen von Aſturien. Dieſe letztern wichtigen Begebenheiten ereig⸗ neten ſich wenige Tage nach des Marquis An⸗ kunft zu Madrid. Iſabella hatte mir, treu dem beim Abſchiede gegebenen Verſprechen, ſchon mehrere Briefe geſchrieben. Sie waren voll von Verſicherungen der Liebe, und zeugten von in⸗ niger Zaͤrtlichkeit, aber dem Leſer wuͤrden ſie ſchwerlich ſo viel Unterhaltung gewähren, als mir; daher will ich aus ihnen, und einigen Briefen des Marquis an Don Ignacio, nur das herausheben, was von allgemeinem Intereſſe ſeyn kann. Madrid, den gsten April 1808. Mein geliebter Eſteban! Gluͤcklich ſind wir an dem Ziele unſerer Reiſe angelangt, und was noch ungleich beſſer als dies, wir werden nicht lange hier verweilen. Ich theile Dir dieſe erfteuliche Neuigkeit gleich zu Anfang meines Briefes mit, weil ich glaube, daß ſie Dir angenehmer als irgend etwas ande⸗ res ſeyn wird. Auch will ich Dich nicht durch Klagen betruͤben, ſondern nur von meinen Hoff⸗ nungen reden, und Dir erzaͤhlen, was ich ſeit meiner Ankunft in dieſer beruͤhmten Stadt ſahe, die Dir wohl eben ſo fremd ſeyn wird, als ſie mir es war. Als ich Dir das letzte Mal ſchrieb, wollten wir eben uͤber die Somoſierra gehen. Sollteſt Du es glauben, daß dieſe Berge, in denen die Natur ihre ganze Mannichfaltigkeit erſchopft zu haben ſcheint, mich nicht nur nicht mit freudi⸗ gen Gefuͤhlen erfuͤllte, ſondern mich ſogar miß⸗ muthig ſtimmten? Die tiefe Stille, welche in der einſamen Gegend herrſchte, ſtimmte zwar zu meiner eigenen Melancholie, aber an den einzel⸗ nen Schoͤnheiten der Natur mich zu ergotzen, vermochte ich dennoch nicht, denn Du warſt ja nicht bei mir. Aber verzeih! ich wollte Dich angenehm unterhalten, und ſehe nun mit Schrek⸗ ken, daß ich nicht Wort hielt. Nachdem wir die mannichfachen Schwierig⸗ keiten uͤberwunden hatten, welche mit der Reiſe uͤber die höhern Berge der Somoſierra verbunden ſind, beſuchten wir die lavaderos(Orte, wo die Merino⸗Wolle gewaſchen wird) meines Onkels. — 96 Wir ſahen hier große Vorräthe der feinſten Wolle angehaͤuft, aber bei der jetzigen Lage der Dinge zeigt ſich faſt gar keine Ausſicht zu einem vortheilhaften Abſatze.— Auf die bequemſte, obgleich vetrufenſte Weiſe, nämlich auf Maul⸗ thieren reitend, ſetzten wir nun unſere Reiſe nach Madrid fort. 0n Am folgenden Tage erreichten wir die Haupt⸗ ſtadt Spaniens. An den buſchigen Ufern des Manzanares, auf einer großen Ebene in einer Art Amphitheaters am Fuße der Somoſierra er⸗ vaut, bietet Madrid aus der Ferne einen rei⸗ zenden Anblick dar. Von der Hoöͤhe dieſer Berge uberſahen wir die ganze Stadt, mit ihren man⸗ nichfachen prächtigen Gebäuden, den unzähligen Thuͤrmen der Gotteshaͤuſer, dem Palaſte des Königs, und den faſt nicht minder praͤchtigen mehrerer Granden. Bald darauf fuhren wir uͤber die erſte von den zwei Bruͤcken, unter welchen die faſt unſicht⸗ baren Wellen des Manzanares dahinſtroͤmen. Ich mußte es auftichtig bedauern, daß unter dieſen prachtvollen Bruͤcken nicht auch ein maje⸗ ſtätiſcher Strom floſſe.²) Sennorita, ſagte unſer 6 Zagal, 3 Augeinein bekannt iſt wohl der hochſt witige Einfall des Gascogners, welcher meinte, der Koͤnig 97 Zagal, der launige Anton, der meine Gedanken wahrſcheinlich errieth, hier werden Sie noch manche Erſcheinungen einer verkehrten Welt ſehen; hier giebt es Bruͤcken ohne Waſſer, und Parks ohne Baͤume; die Butter wird nach der Elle, und das Holz nach dem Pfunde verkauft; der Wein nach Gutduͤnken, und der Kohl nach dem Maaße; bronzene Statuen ſieht man in Kuͤchen⸗ gärten, und auf öffentlichen Plätzen keine; man badet ſich im Sande wie die Voͤgel, und ein allbekanntes Sprichwort ſagt, es giebt hier Winde, die kein Licht ausblaſen, und doch einen Menſchen tödten koͤnnen. Nachdem wir uͤber die zweite Bruͤcke gefah⸗ ren waten, kamen wir durch das Thor von Segovia in die Stadt. Das Gedränge der Heerden von Ochſen, Schaafen und Eſeln; das Geſchrei der aguadores(Waſſerverkäufer), welche die Tonne mit ihrer Waare auf dem Ruͤcken trugen; das Geklingel der Maulthiere, welche in langen Zuͤgen den Ueberfluß der Provinz in die Hauptſtadt fuͤhrten; der ſchneidende Ton der klei⸗ nen Glockchen an den coches de colleras und Koͤnig von Spanien ſolle doch dieſe prachtvollen Bruͤcken verkaufen, um ſich fuͤr das geloͤſ'te Geld Waſſer in ſeinen Fluß zu ſchaffen. . Der ueberſ. 7 98 den calesines*) und anderen Fuhrwerken, in jeder Richtung durch die Straßen eilend; der Geſang der Blinden, welche dazu auf der Gui⸗ tarre klimperten; das Geſchrei der Weiber, welche alle Arten von Lebensmitteln ausriefen; das Ge⸗ zanke der elegant gekleideten Manolos;**) kurz dies Alles untereinander betaͤubte mich faſt gaͤnzlich. Unmittelbar nach unſerer Ankunft im Gaſt⸗ hauſe zum Engel, auf der Plazuela del Angel, erhielt mein Onkel mehrere Beſuche von aͤlteren Bekannten und Freunden, welche uns ihre Haͤu⸗ ſer zur Wohnung anboten, was wir, wie ſie ſehr wohl wußten, nicht annahmen. Manche ſchone Redensarten, manche Verſicherung ewiger Freundſchaft hoͤrte ich in kurzer Zeit, aber an der Aufrichtigkeit dabei zweifele ich. Ich konnte eine Bemerkung uͤber den Leichtſinn in den Geſpras chen aller dieſer Maͤnner gegen meinen guͤtigen Onkel nicht unterdruͤcken. Seine Antwort theile ich Dir hier mit, damit Du ſiehſt, wie wenig er in ſeinen Anſichten mit Jenen uͤbereinſtimmt. *) Eine Art Kabriolets. **) Eine beſondere Klaſſe von Maͤnnern in Ma⸗ brid, welche den Stiergefechten die Kämpfer, den Frauen der hoͤhern Staͤnde die Liebhaber, und denen der niedern die Kuppler zufuͤhren. „ — 99 — Wir durfen uns nicht daruͤber wundern, meine liebe Iſabella, ſagte er, dieſe Granden ſo weit herabgeſunken zu ſehen, daß ſie ihre Lehnsvor⸗ zuͤge nur als gemeine Dienſte verrichten, daß ſie nichts wiſſen, nichts kennen, als die Verrichtun⸗ gen, die nicht den Vaſallen dem Lehnsherren, ſondern den Mann dem Manne unterthan ma⸗ chen. Welchen großen Gedankens iſt der Menſch faͤhig, der das Vorzimmer um Mitternacht ver⸗ läͤßt, um mit dem naͤchſten Morgen dahin zu⸗ ruͤckzukehren, und ſeinem Gebieter abermals zu bedienen? Der Palaſt wurde den Granden durch Philipp II. als eine Art von Verbannungsort angewieſen. Er berief ſie in die Reſidenz, um ſie durch die Entfernung von ihren Beſitzungen weniger furchtbar zu machen. Zu jener Zeit konnte man ſie noch fuͤrchten; ſie bildeten eine natuͤrliche Schutzwehr gegen die Anmaßungen der Krone, und oft ſah das Volk zu ihnen wie zu ſeinen Schutzengeln und den Vertheidigern der ehrwuͤrdigen Verfaſſung unſeres Landes auf. Aber bald wurden ſie durch fremden Despotis⸗ mus und eigene Schlaffheit ihrer Macht be⸗ raubt, und endlich willigten ſie in ihre eigene Erniedrigung, indem ſie Stellen annahmen, die ſie zur Dienſtbarkeit verpflichteten. Von hohen Staatsaͤmtern ausgeſchloſſen, und nur auf die 7* 1 100 des Hofes verwieſen, verſchwanden ſo die Na⸗ men unſerer aͤlteſten Geſchlechter aus der Liſte der vorzuglichern Staatsbuͤrger ihres Vaterlan⸗ des. Faſt ihre einzige Beſchaͤftigung war, daß ſie, Boten gleich, Briefe ihres Herrn an andere Monarchen uͤberbrachten. Alles was das un⸗ gluckliche Land ihnen jetzt noch zu danken hat, iſt Mißgeſchick oder Elend. Ihre ungeheuren Beſitzungen nehmen faſt das ganze Land ein, aber ſie laſſen ſie veroͤden, und das einſt bluͤ⸗ hende und volkreiche Spanien wird bald eine Wuͤſte ſeyn, iſt es ſchon jetzt zum Theil. Sie ſind dem Regenten uͤberfluſſig geworden, dem ſie ihre Ehre und Unabhaͤngigkeit opferten; ſie hoͤr⸗ ten auf, ein Wall gegen die Anmaßungen des eignen Herrſchers zu ſeyn, und haben ſo die Macht verloren, einem Angriffe von Außen her Trotz zu bieten. Aber, fuͤgte er hinzu, alle dieſe Automaten werden nicht lange mehr die Gemächer des Koͤnigshauſes durch ihre Gegen⸗ wart entehren. Die allgemeine Verachtung wird ſie vernichten, ohne ſie zu tödten, und doch konn⸗ ten ſie, mit Tugend und Kenntniſſen begabt, ſo leicht den Segen ihrer Mitbuͤrger erhalten, und die Haͤupter einer milden und weiſen Re⸗ gierung werden. Ich bin feſt uͤberzeugt, mein theurer eſt⸗ 101 ban, daß ein Mann, welcher dieſe Großen ſo verachtet, die Nichte, die er innig liebt, keinem derſelben vermaͤhlen will. Deine Furcht iſt alſo in dieſer Hinſicht ganz ungegruͤndet, und daß auch keine perſoͤnlichen Vorzuͤge mich zu beſiegen vermogen, davon darfſt Du Dich uͤberzeugt hal⸗ ten. Man koͤnnte glauben, der König habe die Verwahrloſeſten an Koͤrper und Geiſt um ſich verſammlet. Jetzt aber muß ich Dich mit einem Manne bekannt machen, der an dem Hofe eine zu be⸗ deutende Rolle ſpielt, um ganz unerwaͤhnt zu bleiben; auch iſt er mit uns ſelbſt zu eng ver⸗ bunden. Ohne Schwierigkeit wirſt Du errathen haben, daß dies Don Facundo iſt. An dem Tage unſerer Ankunft ließ er uns durch einen Lakaien ſein Bedauern bezeugen, daß er uns nicht ſogleich ſehen koönne, er habe aber den Dienſt bei Hofe, und ſeine Pflicht feſſele ihn daher dort; er hoffe indeſſen mit Zuverſicht, uns am nächſten Tage zu ſehen. In der That ward auch am folgenden Morgen Se. Epcellenz, Don Facundo Torrealva, bei uns gemeldet. Wir ſahen einen kleinen Mann, in einem prachtvollen Kleide, uͤber und uͤber mit Gold beſetzt, eintreten. Bänder und Orden ſchmuͤck⸗ ten den Camariſta Caſtiliens. Sobald er Don * 102 Lorenzo erblickte, breitete er die Arme aus, und eilte auf ihn zu; ihn an ſein Herz zu druͤcken. Endlich! ſagte er, mit Thränen in den Au⸗ gen, habe ich das lange erſehnte Gluͤck, den ge⸗ liebten Bruder, deſſen Tod ich ſo oft ſchmerzlich beweinte, zu umarmen.— Biſt Du denn wirklich mein theurer Lorenzo!?— O gluͤckli⸗ cher Tag, den ich längſt nicht mehr hoffen durfte, zu erleben.— Und dieſe Dame, ſetzte er, zu mir ſich wendend, uͤberraſcht hinzu: wer iſt ſie? Unſere Nichte Iſabella, entgegnete mein Onkel. Wirklich? rief Don Facundo. Ich bin er⸗ freut, ſie zu ſehen. Auch die Königin wird ihre Bekanntſchaft zu machen wuͤnſchen. Aber jetzt kann ich ſie noch nicht bei Hofe vorſtellen, denn in ein oder zwei Tagen verlaſſen der Koͤnig und die Koͤnigin Madrid, um nach Aranjuez zu ge⸗ hen. Auch ich muß ſie dahin begleiten. Doch, im Vertrauen, ſetzte er halb fluͤſternd hinzu, ich ſehe, daß die Zeit ihrer Macht voruͤber iſt, und ich kann dies nicht bedauern. Er beſitzt we⸗ nig Feſtigkeit des Charakters; ſie beobachtet die Vorſchriften der Moralität nicht immer allzuſtreng. Und was den Boshaften betrifft, das Ungeheuer, den ein boͤſer Damon in unſer Land brachte, um es zu verderben, ſo verdiente er nicht einen 103 Tag länger zu leben. Doch es iſt vorbei mit ihm; noch wenige Tage, und die Wahrheit mei⸗ ner Worte wird ſich beſtätigen.— Leb wohl, ich habe noch Manches zu beſorgen, aber mor⸗ gen hoffe ich Dich noch einmal zu ſehen.— Nachdem er meinen Onkel nochmals in ſeine Arme geſchloſſen, ging er. Als er fort war, bemerkte ich, daß mein Onkel ſehr verſtimmt ſey. Don Ignacio, ſagte er nach einer Pauſe, hat Recht. Facundo iſt nicht aufrichtig. Wahre Freude druͤckt ſich ſo nicht aus.— Und dann dieſe Undankbarkeit gegen einen Mann, der ihn zu dem hohen Po⸗ ſten erhob, den er jetzt bekleidet.— Mit Kum⸗ mer nur ſage ich es, aber es muß ſeyn; wir durfen hier nicht lange weilen, denn jetzt, wo ich von ſeiner Falſchheit uͤberzeugt bin, ertrage ich ſeine Naͤhe nur ungern. Wie unähnlich iſt doch dieſer Don Faeundo meinem geliebten Onkel Lorenzo! In gar nichts gleicht er ihm. Don Lorenzo iſt offen und zu⸗ traulich, Don Facundo finſter und verſchloſſen. Beſtaͤndig zieht er die Augenbraunen zuſammen und beißt die Oberlippe, und aus ſeinen Augen blitzt ein Feuer, vor dem ich mich entſetzte. Doch Du wuͤrdeſt Dich wundern, könnteſt Du ſehen, wie leicht die Zuͤge ſeines Geſichtes ſich 104 verändern. In den fuͤnf Minuten, die er bei uns blieb, nahmen ſie drei oder vier Mal einen ganz anderen Ausdruck an. Zu gleicher Zeit glaͤnzte eine Thraͤne in ſeinem Auge, und ſchwebte das Laͤcheln um ſeine Lippe. Als er durch die Reihe der Diener ging, erhoͤhte er ſeine Geſtalt ſo viel als moͤglich, und ſah mit einem ſo ge⸗ bietenden Stolze um ſich, daß die armen Men⸗ ſchen wirklich vor ihm zu zittern ſchienen. Statt, wie er es verſprochen, am folgenden Tage wieder zu kommen, ſandte er einen Bo⸗ ten und ließ uns durch ihn ſein Bedauern be⸗ zeigen, daß ſeine Geſchaͤfte ihm nicht erlaubten, uns zu ſehen, indem er die Mafeſtaͤten nach Aranjuez begleiten muͤſſe; in weniger als einem Monate kehre er aber zuruͤck und hoffe, wir wuͤrden ihm dann die Ehre erzeigen, bei ihm zu Mittag zu ſpeiſen. Du kannſt Dir wohl denken, wie ſehr meinen Onkel ein ſolches Be⸗ tragen empoͤrte, auch faßte er den feſten Vor⸗ ſatz, ſich kuͤnftig gar nicht mehr um ihn zu bekuͤmmern, und nach den unruhigen Scenen, von welchen wir hier Zeuge waren, koͤnnen wir auch ohnedies nicht daran denken, noch laͤnger hier bleiben zu wollen. Um Dir einen Begriff von dem gegenwärti⸗ gen Zuſtande Madrids zu geben, will ich Dir 105 nun erzaͤhlen, was ich ſelbſt von unſerem Bal⸗ kone mit anſah oder beobachtete; ich habe von hier die Ausſicht auf die Calle de las Cärretas und die Puerta del Sol(Wagenſtraße und Sonnenthor). Sehr fruͤh am Morgen des 14ten des ver⸗ gangenen Monats ſchien es, als wenn draußen etwas ganz Ungewöhnliches vorgehe. Die Maͤn⸗ ner auf den Straßen ließen ihre Säͤbel auf dem Steinpflaſter klappern. Gruppen von Manolos waren hier und dort zu ſehen, und aus ihren Blicken ſprach die Beſorgniß. Es ſchien, als wenn die Menge uͤberall mit gleichen Gefuͤhlen erwacht ſey und gleiche Geſinnungen hege. Die Blinden boten in ihrem gewöhnlichen einfoͤrmi⸗ gen Tone die merkwuͤrdige Beſchreibung der letz⸗ ten Hinrichtung feil, aber Niemand achtete auf ſie; die Aguadores ſetzten ihre Kruͤge auf den Rand des Springbrunnens, ſchienen ihr Geſchäft zu vergeſſen, und fluͤſterten mit einander, erſt ziemlich gleichgultig, dann immer heftiger und heftiger. Die Schildwachen vor dem Poſthauſe ſchienen ebenfalls die allgemeine Stimmung zu theilen. Die Viehtreiber hielten mit ihren Heer⸗ den an, um ſich in das Geſpraͤch der Andern zu miſchen, und mehrere alte Weiber, die Man⸗ tel uͤber dem Kopfe zuſammengeſchlagen, fluͤſter⸗ 106 ten gleich Sybillen, auf eine geheimnißvolle Weiſe mit einigen jungen Männern, denen ſie Rath zu ertheilen ſchienen. Am 15ten wuchs das Getuͤmmel bedeutend. Es ertönte das Geſchrei:„Nach Aranjuez!“ und ſogleich ſetzte ſich die ganze Maſſe dahin in Bewegung, mit jedem Schritte mehr icht ſend. Es gewaͤhrte einen ſonderbaren Anblick, dieſe Volksmenge zu ſehen, wie ſie, bald tobend und ſchreiend, bald ſchweigend dahin wogte. Man ſah Menſchen von jedem Alter, Geſchlechte und Stande, aber der Poͤbel von Lavapie, der ſich in aͤhnlichen Gelegenheiten immer zum Fuͤhrer aufzuwerfen pflegt, eilte an die Spitze des Zu⸗ ges, wie Andere, wenn ſie zu einem frohlichen Feſte wollen. Zerlumpte Weiber, die Säuglinge an der Bruſt, die Haare wild um den Kopf flatternd, die Lippen von ſchrecklichen Fluͤchen und Verwuͤnſchungen uͤberſtröͤmend, rannten vor und neben dem Zuge her, und ſchienen finſtern Geiſtern der Hoͤlle gleich, ihrer ſchwarzen S ſtimmung entgegen zu eilen. Am 20ſten erhielten wir von Don Suunbo folgenden Brief: „Freue Dich, mein theurer Bruder, freue Dich mit mir! Das Ungeheuer iſt nicht länger ———— — 107 der Gebieter uͤber unſer Leben und unſer Ver⸗ moͤgen. Unſere Pläne ſind erfuͤllt; Karl hat der Krone zu Gunſten ſeines Sohnes Ferdinand entſagt.“ In der Nacht zum 16ten wollten der ſchand⸗ liche Godoy und die beiden Majeſtaten ab⸗ reiſen. Wir hatten ſchon eine Maſſe Volkes verſammlet, die nur eines Winkes harrte. Don Ferdinand und Don Carlos, welche die franzö⸗ ſiſchen Heere als ihre Raͤcher und Befreier an⸗ ſehen, und gewiß mit dem vollſten Rechte, wei⸗ gerten ſich, dem Hofe zu folgen. Sollteſt Du es glauben? Der nichtswuͤrdige Godoy drohte unſerem geliebten Ferdinand mit dem Stocke und ſchwor, daß er ihn mit Gewalt zu der Reiſe zwingen werde, wenn er im Guten nicht gehorchen wolle.— Niederträchtiger!— Ich war bei dieſem Auftritte zugegen, und ſahe mit Entſetzen, daß wir unſern angebeteten Prinzen verlieren wuͤrden, wenn ich kein Mittel faͤnde, ihn zu retten. Ich that, als wenn ich Farls Parthei ergreife, und benutzte dieſe Maske, um mit Ferdinand ſprechen zu können. Mit weni⸗ gen Worten fluͤſterte ich dem Prinzen zu, daß er die Garde⸗du⸗Corps der Wache von Allem benachrichtigen, und ſie bereden möge, ihn mit Gewalt zuruͤckzuhalten. 108 Er befolgte meinen Rath. Die Wache theilte das Gehörte ihren Kameraden, und dieſe dem Volke mit, welches, durch uns bereits vorberei⸗ tet, ſogleich nach dem Palaſte des Verräthers Godoy eilte, und nichts Geringeres beabſichtigte, als ihn ſelbſt in Stuͤcken zu reißen. Unter dem Schutze der Dunkelheit entkam er, aber das Volk bewachte ſeinen Palaſt ſorgfäͤltig. Zwiſchen zwölf und ein Uhr hörten die Huſaren, welche das Innere des Gebaͤudes bewachten, daß irgend Jemand ſich behutſam naͤhere, und heimlich ein⸗ zuſteigen ſtrebe. Sie hatten die Unvorſichtigkeit zu feuern, und in einem Nu durchbrach jetzt die wuͤthende Menge alle Schranken. Der Palaſt ward erbrochen, und in einem Augenblicke wa⸗ ren die Schaͤtze, welche in einer Reihe von Jahren angehäuft worden, gepluͤndert. Aber alles Suchen nach dem Verhaßten war verge⸗ vens. Der Koͤnig und die ganze koͤnigliche Fa⸗ milie erſchienen auf dem Balkon, und der erſtere verſicherte, daß er nicht daran denke, das Koͤ⸗ nigreich zu verlaſſen. Mit allgemeinem Jubel ward er begruͤßt. Ruhig ging der 18te voruͤber, doch da un⸗ ſere Abſicht noch nicht ganz erreicht war, ließen wir nicht eher nach, als bis am 19ten der Auf⸗ tritt des 17ten mit verdoppelter Wuth erneuert —————————— —————— 109 ward. Enblich ward der Verraͤther in einer Bodenkammer ſeines eigenen Palaſtes, unter Decken verſteckt, gefunden. Um ſich her hatte er mehrere prachtvolle Taͤndeleien, von denen ſich ſein Geiz auch in einem ſolchen Augenblicke nicht trennen konnte. Er war mit einem Paare ſcharfgeladener Piſtolen bewaffnet, aber er wagte es weder ſeinem eigenen erbärmlichen Leben ein Ende zu machen, noch einen von denen zu toͤdten, die er nur wenige Stunden vorher noch mit Verachtung behandelt hatte. Aber Boͤſe⸗ wichter, welche im Gluͤcke ſtolz und uͤbermuͤthig ſind, zeigen ſich im Mißgeſchicke gewoͤhnlich feige. Das Volk wollte ihn zerreißen, aber der großherzige Ferdinand rettete ihm das Leben; doch verſprach er, ihn richten, und wenn er ſchuldig befunden wuͤrde, auch mit aller Strenge ſtrafen zu laſſen. Ungeachtet er ſich Ferdinands Schutzes erfreute, und eine Wache von Gardes⸗ du⸗Corps erhielt, bekam er doch ſo manchen Schlag, wodurch die Schoͤnheit des Geſichtes ſehr verunſtaltet ward, das zu ſeinem Gluͤcke und dem Ungluͤcke Spaniens ſo viel beigetragen. Man brachte ihn nach der Kaſerne der königli⸗ chen Garden. Dort wird er ſtrenge bewacht; die Menge ging ruhig nach Hauſe. Doch es war nicht unſere Abſicht, daß Al⸗ 110 les ſo ruhig bleiben ſolle, und da ich wohl wußte, daß nichts das Volk mehr und ſicherer aufbringen werde, als wenn es erfuͤhre, daß der Koͤnig und die Konigin dennoch abreiſen wollten, ſuchte ich dieſe zu bereden, Aranjuez zu verlaſ⸗ ſen, Manuelito*) aber in einem königlichen Wagen nach Granada vorauszuſchicken. Als dies, etwa um 4 Uhr Nachmittags, beſchloſſen wurde, gab ich meinen Freunden einen Wink, und das Volk ſtroͤmte ſogleich nach der Kaſerne, wo es den fuͤr Godoy beſtimmten Wagen in tauſend Stuͤcken ſchlug. Der König und die Königin wurden durch das Geſchrei des Volkes in die größte Angſt verſetzt; dies brach in fuͤrch⸗ terliche Verwuͤnſchungen und Drohungen gegen den Koͤnig aus, weil er ſein gegebenes Wort gebrochen habe; aus eigenem Antriebe erklaͤrte ſich Karl jetzt bereit, der Krone zu ent⸗ ſagen, und ſeinem Sohne Ferdinand die Regie⸗ rung zu übertragen. Sogleich theilte ich vom Balkone des Schloſſes aus dieſen Entſchluß dem Volke mit, welches meine Worte mit einem nie vorher geſehenen Enthuſiasmus aufnahm. Dies ſind die Dienſte, welche ich unſerem *) Manuel Godoy hieß der Friedensfuͤrſt, die Koͤnigin aber nannte ihn großtentheils Ma⸗ nuelito. 11 Vaterlande in den letzten Tagen leiſtete, dies die Ereigniſſe, welche ſich in raſcher Aufeinanderfolge hier zutrugen, und die ich Dir ohne Ruͤckhalt mittheilte, weil ich Dir keinen groͤßern Beweis meiner unbegrenzten Zuneigung zu geben ver⸗ mochte. Verſchwiegenheit darf ich Dir nicht erſt empfehlen, weil ſie Dir ohnehin als nothwendig einleuchten wird. Nur das habe ich noch hin⸗ zuzufuͤgen, daß der Verraͤther unter einer ſtarken Bedeckung nach Villavicioſa geſchickt ward. Als er ſein Leben bedroht ſah, ſchrie er, daß er Alles bekennen wolle. Verabſcheuungswuͤrdiger Boͤſe⸗ wicht! welche Laſter kaäͤmen den deinen wohl gleich. An ihm beweiſtt es ſich auf's Meue, daß die ewige Gerechtigkeit zwar oft lange mit der Strafe zoͤgert, daß dieſe den Schuldigen“ aber dennoch endlich erreicht. Stets Dein Facundo. Dies iſt der Brief jenes Mannes, den ich, wenn er auch mein Onkel iſt, doch niemals achten kann. Seine Raͤnkeſucht, ſeine Falſchheit und ſeine Undankbarkeit gegen die, welche ihn ſo ſehr erhoben, ſo viel fuͤr ihn thaten, entlar⸗ ven in ihm den grundſatzloſen ehrgeizigen Egoi⸗ ſten, der ſich nicht ſcheuen wuͤrde, das Heiligſte zu verletzen, könnte er dadurch zu ſeinem Ziele gelangen. 112 Am 22ſten ruͤckten 18,000 Mann Franzo⸗ ſen, Muͤrat an ihrer Spitze, in Madrid ein. Einige Tage zuvor hatte Ferdinand einen ſpani⸗ ſchen General an die Franzoſen abgeſchickt, um ſich nach der Richtung ihres Marſches erkundi⸗ gen zu laſſen; dann war auf ſeinen Befehl Sorge getragen worden, daß man ſie uͤberall wohl empfange, und daß es ihnen an nichts mangele. Am folgenden Tage zog Ferdinand im Triumphe in Madrid ein. Das Volk em⸗ pfing ihn mit Freudenjauchzen⸗ und vergoͤttert ihn faſt, denn jn ihm ſieht es den Erfuͤller aller ſeiner Hoffnungen. Muͤrats Betragen gegen ihn erregte im erſten Augenblicke Ueberraſchung, und Mancher haͤngt ſeitdem einem finſteren Argwohn nach. Es iſt hier allgemein bekannt, daß Muͤrat vor ſeiner Ankunft hieſelbſt erklaͤrte, er ſey gekom⸗ men, Ferdinand in ſeine Rechte einzuſetzen, und nun iſt er noch nicht ein einziges Mal bei ihm geweſen, auch hat er nichts gethan, ihn als Koͤnig anzuerkennen. Er treibt ſogar ſeinen Stolz und ſeine Grobheit ſo weit, daß er ihn gar nicht beachtet; und doch iſt er ihm auf der Straße ſchon öfters begegnet. So beſchimpft er in der Perſon ihres Oberhauptes die ganze Na⸗ tion. Aber er ſagt, daß Karls Abdankung, nur durch V 113 durch Aufruhr und Gewalt erzwungen, null und nichtig iſt, und daß der Kaiſer dieſelbe niemals anerkennen werde, um Europa nicht zu dem Glauben zu verleiten, die franzoͤſiſchen Heere ſeyen nach Spanien gekommen, um einen Ver⸗ buͤnbeten von dem Throne zu ſtoßen; er ſelbſt aber werde nicht eher einen andern Koͤnig als Karl anerkennen, als bis ſein Herr und Gebie⸗ ter ihm befohlen, dies zu thun. Seit der Zeit aber ſoll er gelinder geworden ſeyn, und wir haben zuverlaͤſſige Nachrichten von haͤufigen Zuſammenkuͤnften zwiſchen ihm und Don Facundo. Alles wird freundſchaftlich beigelegt werden. Vor zwei oder drei Tagen kam ein franzoͤſiſcher General⸗Quartiermeiſter hier an, um fuͤr den Kaiſer ſelbſt eine Wohnung einzurichten. Zu gleicher Zeit kamen mehrere Wagen, welche der Angabe nach Effekten des Kaiſers enthalten ſollten; man hat aber entdeckt, daß ſie mit Kontrebande angefuͤllt waren. Aus einem derſelben aber nahm der Quartiermeiſter einen Hut und ein Paar Stiefel, die er kaiſer⸗ lich nannte, und welche er in das Schlafgemach des Koͤnigs von Spanien ſtellte. WMuͤrat ſprach ſich genau daruͤber aus, wie er manches gehalten wuͤnſche, auch erklaͤrte er, ſein Herr werde es nicht zugeben, daß Ferdinand 8 114 die Koſten fuͤr eine Tafel von dreißig Gedecken, fur die naͤhere Umgebung des Kaiſers beſtimmt, und eine andere von hundert Gedecken, fuͤr das uͤbrige Gefolge beſtreite. Ferdinand ließ ſich aber, wie er ſagte, das Vergnuͤgen nicht ſtreitig machen, ſo liebe Gäſte ihrer wuͤrdig zu bewir⸗ then, und beſtätigte nochmals den ſchon fruͤher erlaſſenen Befehl, daß alles, was ſein hoher Gaſt beduͤrfen werde, aus den Staatskaſſen be⸗ ſtritten werden ſolle. Außerdem ſollten noch Il⸗ luminationen, Feuerwerke, öffentliche Schauſpiele und Feſte aller Art Statt finden. Da der Kai⸗ ſer in drei Tagen hier erwartet wurde, berief einer der Miniſter die Maeſtranzas,*) ein ande⸗ rer ordnete den Ball an, der in Buen⸗Retiro gegeben werden ſollte, und die Ortsobrigkeit be⸗ reitete Alles zu einem wuͤrdigen Empfange des Kaiſers vor. Geſtern aber verbreitete ſich das Geruͤcht, der Kaiſer werde ſo bald noch nicht eintreffen, und Ferdinand und der Infant Don Carlos wuͤrden ihm in einigen Tagen nach Burgos ent⸗ gegenreiſen. Der General Savary, ein vollkom⸗ mener Weltmann, oder, was wohl eben ſo viel ſagen will, ein Mann der geſchickt iſt, ſich in *) Eine ritterliche Ehrengarde, aus den Jůng⸗ lingen der erſten Familien beſtehend. 115 alle Lagen zu finden, und Jedermann unbemerkt nach ſeinem eigenen Willen zu lenken, iſt von Frankreich angelangt, und ſoll den koͤniglichen Prinzen dieſe Einladung überbracht haben. Dies ſind geſchaͤftige Tage fuͤr Don Facundo geweſen, der der vornehmſte Unterhaͤndler zwiſchen Muͤrat und Ferdinand iſt. Auch hat er ganz beſonders, und mit ihm die Herzoge von Infantado und San Carlos, ſo wie Don Juan Escoiquez, den Koͤnig zu dieſer Reiſe uͤberredet, auf welcher er ihn zu begleiten gedenkt. Dies iſt es, was ich in der juͤngſten Zeit erlebte. Ach! wie verſchieden ſind dieſe Ereig⸗ niſſe von denen der vorhergehenden Wochen. Mein Onkel verſichert, daß er vor allem, was er hier ſieht, faſt eben ſo viel Abſcheu empfin⸗ det, wie ich. Eigennutz oder Ehrgeiz ſcheint Alle zu beherrſchen. Eine Intrigue folgt der andern, und Sittlichkeit, Ehre und Patriotismus ſind dem ganzen Hofe ein bloßer, leerer Schall. Wie elend iſt der, welcher ſein Leben in ſolchen Umgebungen hinzubringen gezwungen iſt. Nie kehre ich von den Hoͤflichkeitsbeſuchen zuruͤck, die ich dann und wann mit meinem Onkel machen muß, ohne dem Himmel in meinem Herzen innig zu danken, daß ich Keinem von Jenen angehoͤre, und daß ich die, welche ich liebe, auch 8* 116 achten kann.— Mein theurer Eſteban, wie glucklich fuͤhle ich mich in dem Gedanken, daß. ich nun bald zu Euch zuruͤckkehren ſoll. In wenigen Wochen, vielleicht auch ſchon eher, ſind wir wieder vereinigt, und dieſe Trennung wird nur dazu dienen, unſer Gluͤck dann beſſer zu fuͤhlen. Auf jeden Fall wirſt Du finden, daß Die Abweſenheit nichts in den Geſinnungen dei⸗ ner treuen und aufrichtigen Iſabella änderte. ———.————— ————————————— E ———— ————— 117 Uchtes Kapitel. Wenige Tage, nachdem wir den obigen Brief erhalten hatten, kamen der Marquis und Iſabella bei uns an. Beide ſchienen Madrids und ihrer vornehmen Freunde daſelbſt herzlich uͤberdruͤſſig, und Don Lorenzo ſuchte in Don Ignacios Freundſchaft den Troſt, deſſen ſein Herz jetzt be⸗ durfte, da des einzigen Bruders es ſo bitter gine hatte. In S erſten n des Wieder⸗ ſehens uͤberſtieg mein Gluͤck alle Beſchreibung. Das Geheimniß, welches ich Iſabella zu offen⸗ baren hatte, meine Furcht, meine Zweifel, meine Verlegenheit, Alles, Alles war vergeſſen. Nur ſie ſah ich, und fuͤhlte mich ſelig in der Ueber⸗ zeugung, daß ich ihr noch eben ſo theuer ſey, als ehedem. Aber bald ergriff mich der Gedanke an die Veraͤnderung meiner Lage mit ſo erſchuͤt⸗ ternder Gewalt, daß meine Unruhe ihr nicht un⸗ bemerkt bleiben konnte. Das Auge der Liebe ſieht ſcharf. Iſabella ſelbſt ergriff die erſte paſ⸗ ſende Gelegenheit mit mir allein zu ſeyn, und fragte, was mich ſo beangſtige. Lange konnte 118 ich ihr nicht antworten. Endlich mich meiner Muthloſigkeit ſelbſt ſchämend, wiederholte ich ihr alles, was ich von Don Ignacio uͤber meine Geburt erfahren. Wenn nun auch Du, rief ich, gleich Jenen, mich verläͤſſeſt, deren Liebe von der Natur mir beſtimmt war?— Ach, laß 66 mein Schickſal ohne Zoͤgern wiſſen! Grauſamer Eſteban, ſagte ſie, wie kannſt Du mich fuͤr ſo lieblos halten! h⸗ 6 W verdient? Mein, Iſabella, nein! rief ich, ihr⸗ Haͤnde aber ich weiß, was ich ſage.— Du kannſt nie die Meine ſeyn.— Ich bin grän⸗ zinlos elend. Für ewig biſt Du mir entriſſen. Vielleicht hätte Don Lorenzo dem Sohne Don Ignacios die Hand ſeiner Nichte gegeben, aber darf ein armer Findling eine gleiche Gunſt auch nur hoffen?— Nein, ich muß verſtoßen 5 ver⸗ grſſn, vielleicht verachtet werden. pi 66 Nie, nie! tief Iſabella mit Feuer, indem ſitrhihe beiden Hände in die ihrigen ſchloß. Nie kann ich Dich verſtoßen oder vergeſſen, mein theurer Eſteban. Doch, fuhr ſie gemaͤßig⸗ ter fort, laß uns Alles ruhig uͤberlegen. Don Ignacio iſt nicht Dein Vater, aber er will Dich auch ferner noch fuͤr ſeinen Sohn anetkennen. Er will Dir eine Anſtellung verſchaffen und 119 Dir dadurch Gelegenheit geben, Geſundheit und Ruhe wieder zu erlangen, und, was Dir wohl noch mehr gelten duͤrfte, die Hand Deiner Iſa⸗ bella zu gewinnen. Befeuert Dich dies genug, um Dich vor Andern ruͤhmlich auszuzeichnen, ſo ſey gewiß, daß mein Onkel mich Dir nicht ver⸗ ſagen wird. Aber, ſetzte ſie lächelnd hinzu, biſt Du auch ſicher, daß Du den Lohn der An⸗ ſtrengung angemeſſen halten wirſt? Der Weg iſt lang und muͤhevoll. it Und waͤre er es tauſend Mal mehr, rief ich ſchnell, mein Muth wuͤrde bei dem Ziele, das Du mir ſteckteſt, nicht ſinken. Du gabſt mir das Leben wieder, meine Iſabella. Nichts ſoll mir ſo ſchwer erſcheinen, das ich nicht freudig erfullte, Dich einſt die Meine zu nennen. Sey uͤberzeugt, entgegnete ſie, daß dies nur von Dir ſelbſt abhaͤngt. Mein Onkel, das darf ich wiederholen, wird meinen Wuͤnſchen nicht zuwider ſeyn. In meinen Augen iſt die Ge⸗ burt kein Hinderniß, und Niemand wird ſich inniger uͤber jede neue Ehrenſtufe freuen, die Du erſteigſt, als ich. Muth, theurer Eſteban! Vorwärts laß uns unſeren Blick richten, und an einem guͤnſtigen Ausgange nicht verzagen! Ach! ohne daß wir es ahneten, war die Zeit 120 nahe, wo alle dieſe ſuͤßen Hoffnungen einer hoͤhern Ruͤckſicht aufgeopfert werden ſollten. Am 10ten April hatte Ferdinand Madrid verlaſſen, um nach Bayonne zu gehen, ungeach⸗ tet aller Bitten des Volkes, dieſe Reiſe nach Frankreich nicht zu unternehmen. Kaum war er in Bayonne angekommen, als der Kaiſer ihn beſuchte, ihn umarmte, und ihm mannich⸗ fache Beweiſe der Achtung gab. Mit neuen Umarmungen ſchied der Kaiſer, und ſandte ſo⸗ gleich den Marſchall des Palaſtes, Duͤroc, Fer⸗ dinand zum Diner einzuladen. Einer von den eigenen Wagen des Kaiſers holte Ferdinand nach dem Palaſte Marac ab, wo beide Monar⸗ chen, unter allen Zeichen gegenſeitiger Achtung, mit einander ſpeiſeten. Wenige Minuten erſt war Ferdinand in ſei⸗ ner Wohnung zuruͤck, als der General Savary erſchien, und ihm erklaͤrte, Napoleon habe un⸗ widerruflich beſchloſſen, daß die Bourbons nicht laͤnger in Spanien herrſchen ſollten; des Kai⸗ ſers eigene Familie ſolle den Thron Spaniens beſteigen, und daher moͤge Ferdinand, fuͤr ſich ſelbſt, ſeine ganze Familie und alle ſeine Nach⸗ kommen auf Titel und Rechte eines Konigs von Spanien und beider Indien verzichten. Lange vermochten Ferdinand und ſeine Um⸗ — 121 gebung ihr Staunen nur durch Blicke kund zu thun. Ihnen allen mangelte leider Muth und Entſchloſſenheit, und ſelbſt Ferdinand wuͤnſchte in dieſem Augenblicke nichts, als ſein Leben zu retten. Bald darauf unterzeichnete er den Abdankungstractat, der ſchon bereit gehalten worden. Kaum war die Nachricht von dem, was ſich in Bayonne ereignet hatte, in den verſchiedenen Provinzen Spaniens bekannt geworden, als das Volk in Maſſe aufſtand, an den Franzoſen den Schimpf zu rächen, den ſie in der Perſon des Königs der ganzen Nation zugefuͤgt. Ich hatte in jener Zeit ſo eben das dritte Jahr meiner Studien auf der Univerſitaͤt begonnen, aber jetzt war ſchnell alles Andere vergeſſen. Die Kolle⸗ gien wurden geſchloſſen, die Studirenden vert tauſchten die Feder gegen das Schwert, die buͤr⸗ gerliche Kleidung gegen den Rock des Kriegers. Ueberall ertoͤnte der Aufruf zum Kriege. Nur Krieger ſah man noch, oder eigentlich bewaffnete Bauern, alle brennend vor Begier, dem Feinde entgegen zu gehen, alle laut nach einem Fuͤhrer rufend. Niemand war unthaͤtig in dieſer Kriſe allge⸗ meiner Bewegung; die Frau fuͤllte den Torniſter ihres Mannes; die Schweſtern ſchmuͤckten den 122 Hut des Bruders mit Baͤndern und der Ko⸗ karde; die zaͤrtliche Geliebte vereinte Liebe und Ergebung in das Unvermeidliche, und trennte eine Locke ihres Haares von ihrem Haupte, um ſie dem Erwaͤhlten in einer einfachen Kapſel, einer Reliquie gleich, um den Hals zu hängen, damit ſie, wie ein doppelter Talisman ſein Le⸗ ben ſchuͤtze, und an ſie ihn erinnere; ſelbſt die Nonnen in den verſchiedenen Kloͤſtern verdop⸗ pelten ihre Gebete, ſeit ſie gehoͤrt, daß die Fran⸗ zoſen als Feinde ſich naheten. Während des groͤßten Theiles der Nacht ſangen ſie Hymnen, den Waffen der Spanier den Sieg zu erflehen, und waͤhrend des Tages zupften ſie Charpie, ſchnitten Bandagen, und bereiteten Heilmittel fuͤr die Verwundeten. Jedes Weib ſehnte ſich nach der Rettung des Vaterlandes; Maͤnner, Bruͤder, Geliebte und Freunde beſchwor das ſchwaͤchere Geſchlecht, ſich tapfer zu zeigen.— Welch ein erhabener Anblick war es, eine ganze Nation mit einem Schlage ſich erheben, und voll Kampfbegier dem Feinde entgegeneilen zu Dies Ereigniß änderte die ganze Geſtaltung Europas, und zeigte klar, daß die Kraft der Staaten nicht ſowohl in zahlreichen bewaffneten Heeren beſtehe, als in dem Patriotismus der — 3 — 123 Buͤrger, und wenn jeder Einzelne die Sache des Vaterlandes wie ſeine eigene betrachtet. Napoleon, der die Länder nur nach ihrer militaͤriſchen Macht berechnete, glaubte, daß die Spanier, welche ihrer Anfuͤhrer, ihres Ober⸗ hauptes beraubt waren, und ihre Hauptſtadt in den Händen ihrer Feinde ſahen, die Herrſchaft eines Fremden dem Kriege im Innern des Lan⸗ des vorziehen wuͤrden. Er wähnte, er habe jetzt nichts mehr zu thun als in der Hauptſtadt ein militaͤriſches Gouvernement zu errichten, und das Schickſal Spaniens ſey dann beſtimmt, wie fruͤher das anderer Länder und Staaten. Durch vieſ⸗ Anſicht irre geleitet, eechntte er den Geiſt, welcher die Buͤrger Spaniens be⸗ ſeelte, fuͤr nichts. Der heftige Charakter der Spanier, das milde Klima des Landes, welches ſeinen Bewohnern geſtattet, jede Jahreszeit unter freiem Himmel zuzubringen, und ihre Wohnun⸗ gen leicht aufzugeben; die unerſteiglichen Schlupf⸗ winkel in den Bergen; die Lage des Landes, welches uͤberall von der See umgeben iſt, und daher jede Zufuhr von Huͤlfsmitteln erleichtert, den Feind ſchnell auf den entfernteſten Punkten anzugreifen geſtattet, und die Verfolgten raſch und ſicher durch die Flucht rettet; der Stolz 124 und die Verachtung gegen jeden Fremden; die Beſtandigkeit in der Duldung verjährten Miß⸗ geſchickes; die Anhaͤnglichkeit der Spanier an ihre Sitten und Gebräuche— dies waren die großen Hinderniſſe, welche Napoleon bei ſeinen Berechnungen uͤberſah, und welche ſein endliches Erliegen zur Folge hatten. Ich trat zu der Zeit des allgemeinen Auf⸗ ſtandes gerade in mein 16tes Jahr, aber mei⸗ ner Jugend ungeachtet fuͤhlte ich mich von der gluhendſten Vaterlandsliebe durchdrungen. Ich wuͤnſchte in die Reihen der Krieger zu treten, und um meinen Vater zu uͤberzeugen, daß ich die Anſtrengungen des kriegeriſchen Lebens ſehr gut zu ertragen vermoͤge, ſann ich mir tauſend abentheuerliche Anſchläge aus. Wenn er in der Nachbarſchaft umherritt, die öffentlichen Ange⸗ legenheiten zu ordnen und zu foͤrdern, folgte ich ihm zu Fuße, die Buͤchſe und den Torniſter auf dem Ruͤcken, und weigerte mich ſtandhaft, ein Pferd zu beſteigen. Oft brachte ich den ganzen Tag ohne Nahrung zu, und dann blieb ich wie⸗ der eine ganze Nacht als Schildwach vor un⸗ ſerer Thuͤr. Mein guͤtiger Vater freute ſich meines Eifers. Er war weit entfernt, ihn un⸗ terdruͤcken zu wollen, im Gegentheil befeuerte er ————,——————— 125 ihn nur noch mehr, und entzuͤckte mich haäuſig durch Aufträge an die Alkades der Umgegend. Ich war nicht wenig ſtolz auf die Ehre, welche mir bei ſolchen Gelegenheiten widerfuhr. Zuweilen verſammlete der Alkade, wie dies ge⸗ braͤuchlich war, alle Einwohner durch den Ton einer Glocke, und dann trat ich, mir ein An⸗ ſehen von Wichtigkeit gebend, in den Kreis, und las mit lauter Stimme den Auftrag ab, deſſen Ueberbringer ich war. Gewoͤhnlich er⸗ folgte dann ein vierfaches Vivat; das erſte dem Vaterlande, das zweite der Religion, das dritte dem Koͤnige, und das vierte dem Redner, und endlich ward ich wie im Triumphe nach der Wohnung des Pfarrers oder des Alkaden be⸗ gleitet, und dort von Allen mit Liebkoſungen und Freundſchaftsbezeigungen uͤberhaͤuft. So betrachtete ich mich ſelbſt bald als eine Perſon von bedeutendem Einfluſſe; da erhielten wir die unwillkommene Botſchaft, daß ein be⸗ deutendes Heer der Franzoſen heranruͤcke. Der General Cueſta, welcher in Valladolid ſtand, und mit der Organiſirung der Buͤrger und des Landvolkes der Umgegend beſchäftigt war, ruͤckte dem Feinde entgegen. Bei Cabezon, einem Dorfe zwei Meilen von Valladolid, waͤhlte er eine Stellung, und bot auf Verlan⸗ 126 ——ZÜ gen des Volkes, und egen ſeinen eigenen Wil⸗ ten, dem Feinde ſogleich eine Schlacht an. Zu jener Zeit hatten die ſpaniſchen Gene⸗ räle, eben ſo wie die Regierung, nur ſo lange auf Gehorſam zu rechnen, als ihre Befehle mit den Wunſchen der Untergebenen uͤbereinſtimmten. Siegend oder unglucklich in ihren Unternehmun⸗ gen, mußten ſie ſich dem Willen ihrer Truppen, oder vielmehr der bewaffneten Bauern, welche ſie anfuͤhrten, fuͤgen. Diejenigen der Fuͤhrer, welche unvorſichtig genug waren, ihren eigenen Willen durchſetzen zu wollen, wurden augenblick⸗ lich mit dem Namen Verräther belegt, und von der wuͤthenden Menge im eigentlichſten Sinne des Wortes in Stuͤcken zerriſſen. Kaum eine Stadt in Spanien wird es geben, welche nicht auf dieſe Weiſe ihre Opfer ſchlachtete. Das Volk war in einem Grade aufgeregt, daß es alle Schranken uͤbertrat. Jeder General war ihnen ein Held, ein Halbgott, ſo lange er ſiegte, täuſchte ſie aber nur ein ungluckliches Ereigniß in ihren Hoffnungen, ſo war er ein Verräther und mußte fallen. nt Betruͤbend iſt die Erinnerung, wenn man pedenkt, wie viele treffliche Männer die Volks⸗ wuth als unſchuldige Opfer wuͤrgte. Oft ward eine Niederlage, welche nur von dem Ungehor⸗ ——————— 127 ſam der Truppen herruͤhrte, der Verraͤtherei des Fuͤhrers zugeſchrieben. Cevallos, ein General, welchem die Vertheidigung Segovias anvertraut geweſen, der ſich aber gegen die Uebermacht des Feindes nicht zu halten vermochte, wurde in Valladolid von dem Poͤbel umgebracht, wenige Tage vorher, ehe der General Cueſta die Schlacht auf den Hoͤhen von Cabezon lieferte. Sobald Cueſta erfuhr, daß Cevallos als Opfer blinden Eifers fallen ſolle, ließ er ihn, um ihn zu retten, von Avila, wo er damals war, unter Bedeckung eines Kommandos Ka⸗ vallerie nach Valladolid bringen. Cevallos kam in Begleitung ſeiner Gattin und ſeiner Kinder an. Die ſchwache Bedeckung konnte es nicht verhindern, daß er auf dem Wege nach Valla⸗ dolid mehrere Mißhandlungen erdulden mußte, welche ſein Leben in Gefahr ſetzten. Eine halbe Stunde vor Valladolid ſelbſt blieb dem ungluck⸗ lichen Manne kein Zweifel mehr uͤber das Schickſal, welches ſeiner wartete, und um we⸗ nigſtens ſeiner Frau den gräßlichen Anblick ſei⸗ ner Ermordung zu ſparen, beſtieg er ein Pferd und ritt, nur von zwei Soldaten begleitet, nach der Stadt voraus. Hier hatte man bereits von ſeiner Ankunft gehoͤrt, und das wuͤthende Volk erwartete ihn mit Ungeduld. Kaum war er zum 128 Thore hinein, als ein Stein auf ihn geſchleu⸗ dert ward. Am Schlafe getroffen, ſank er ſo⸗ gleich leblos zu Boden. Wilden Thieren gleich, ſtüͤrzte ſich nun der Poͤbel uͤber ihn her⸗ und in wenigen Sekunden war ſein Koͤrper zerriſſen. Als bald darauf die Gattin des Ermordeten die Stadt erreichte, trug man ihr auf Dolchen, Schwertern, Lanzen und Bajonetten die bluten⸗ den verſtuͤmmelten Reſte ihres Gatten entge⸗ gen.— Zu ſolcher Grauſamkeit konnte die ungezugelte Begier nach Rache an dem Feinde die Spanier verleiten. Aber dieſer und aͤhnliche Auftritte minderten die gluͤhende Vaterlandsliebe nicht. Aus allen Provinzen eilten Männer jedes Standes und Alters zu den Hauptſammelplätzen, und unter⸗ warfen ſich freiwillig den haͤrteſten Entbehrun⸗ gen, wozu die ſtrengſte Mannszucht ſie nie mit Gewalt gezwungen hätte. Dieſe Vaterlandsliebe war nicht nur gluͤhend, ſie war auch rein. Die einzige militäriſche Auszeichnung welche ſie ver⸗ langten, war ein rothes Band mit der Inſchrift: Vencer o' morir pro Patria et pro Ferdi- nando Septimo.—(Siegen oder ſterben fuͤr das Vaterland und Ferdinand VII.) WMein Bruder Raimundo und ich theilten den allgemeinen Eifer, auch waren wir jetzt in dem 129 dem Alter, die Waffen tragen zu konnen; daher traten wir in ein Kavallerie⸗Regiment, wel⸗ ches ſo eben in Valladolid errichtet wurde. Offi⸗ ziere fehlten der zahlreichen Menge bewaffneter Bauern noch ſehr; unſer General hatte die Voll⸗ macht, ſie unter den jungen Leuten, welche ſich einſchreiben ließen, zu waͤhlen, und ſo ernannte er denn Raimundo zum Lieutenant und mich zum alferez*). Mit allem Eifer der Jugend und gluͤhend⸗ ſten Vaterlandsliebe gaben wir uns von nun an dem Dienſte hin, dem wir uns gewidmet hatten. Aber noch fanden wir es unmoglich, Gehorſam von denen zu erlangen, die uns dazu verpflichtet waren. Nicht daß ſie uns unſerer groͤßern Jugend wegen gering geſchätzt hätten, denn ſie liebten uns ſehr, aber ſie waren in dem Wahne, ſie beduͤrften der wahren kriegeri⸗ ſchen Ausbildung nicht, um gegen die Franzoſen fechten zu koͤnnen. Sie betrachteten dieſe als Ketzer, welche nicht ſiegen könnten, well Gott ſelbſt wider ſie ſey. Vergebens erinnerten wir ſie an die Verſe eines unſerer Dichter: *) Eine Charge in der ſpaniſchen Armee, welche zwiſchen Kornet und Lieutenant ſteht. 9 130 Vinieron los Saracenos, V nos molieron ä palos; Que Dios protege à los malos, Quando son mas que los buenos— Einer von ihnen verſicherte uns mit dem voll⸗ kommenſten Ernſte, Gonzalez Gebeine waͤren in ſeiner Gruft zu Burgos, woher der Erzaͤhler ſo eben kam, raſſelnd laut geworden, als die Fran⸗ zoſen ſich genahet hätten; ein Wunder, welches ſich nur dann zu ereignen pflegte, wenn wir eine Schlacht gewinnen ſollten.— Iſt dies wahr, entgegnete ich ihm, ſo ward Gonzalez zum Verräther, denn das einzige Gefecht, wel⸗ ches bis jetzt geliefert wurde, und was einer Schlacht allenfalls ähnlich ſahe, gewannen die Franzoſen. Keineswegs, erwiederte der Spanier; der Graf iſt uns noch immer treu, denn erſtens war das Treffen bei Tudela keine Schlacht zu nennen, und dann ward auch der franzöſiſche General in der Nacht vor jenem Gefechte, zwi⸗ ſchen 12 und 1 Uhr auf einem einzeln liegen⸗ den Huͤgel geſehen, rings von Flammen umge⸗ den, und eine ſchwarze Henne ſchlachtend, wo⸗ *) Die Sarazenen kamen und beſiegten uns ſchnell, denn der Himmel ſteht den Schlechten bei, wenn ihrer mehr ſind, als der Guten. 1 † 131 ————— durch man, wie Sie wohl wiſſen, ſeine Seele dem Teufel verſchreibt. Wenn er dann ſelbſt eine Schlacht gewonnen haͤtte, waͤre es gar nicht zu verwundern. Aber laßt ihn nur nach Cabezon kommen, und er ſoll die Schlacht ſchon verlieren; ich ſtehe dafuͤr, daß er keine zweite Seele findet, die er dem Teufel verſchreibe. An dem Tage vor unſerem Abmarſche nach Cabezon wollte ich nach dem Campo Grande gehen, da bemerkte ich, als ich uͤber die breite Straße kam, ein noch regeres Leben, als ſonſt gewoͤhnlich. Zehn bis zwölf Tauſend Menſchen ſtanden in groͤßern und kleinern Gruppen bei⸗ ſammen, und ſchauten unverwandten Blickes nach dem Himmel hinauf.—„Dort!— Seht Ihr es?“— Das war alles was ich hoͤ⸗ ren konnte. Neugierig, zu erfahren, was dort zu ſehen ſey, blickte auch ich in die Hoͤhe, aber ich konnte nichts bemerken.— Was ſeht Ihr denn dort oben? fragte ich einen Moͤnch, der überall geſchäftig umherrannte, indem er gegen die Wol⸗ ken zeigte, und dabei eifrig erklarend ſprach. Eine große Krone, ein Schwert und einen Palmzweig, aus Sternen gebildet, entgegnete er. Es bedeutet die Maͤrtyrer⸗Krone fuͤr unſern Koͤnig Ferdinand VII., das Schwert der Ge⸗ 9 ——————————— — 132 rechtigkeit fuͤr das Volk, und die Segpune fuͤr ganz Spanien. Ich ſah wieder empor, aber verheben Ich ſeh 4 rief jetzt weiter hin eine Stimme; ein Wunder!— ein Wunder! Kaum war das Wort„Wunder“ ausge⸗ ſprochen, als es ſchnell von Mund zu Mund lief, bis es in der ganzen Stadt wiederhallte. Ich konnte ein Lächeln uͤber den blinden Aber⸗ glauben der Menge nicht unterdruͤcken, aber es wäre gefährlich geweſen, es bemerken zu laſſen, und ich behielt daher meine Meinung fuͤr mich. Ich verſuchte mir durch die dichtgedraͤngten Hau⸗ fen einen Weg zu bahnen, da ertonte nicht weit von mir das Geſchrei:„Nieder mit ihm! Er iſt ein Verraͤther!— Schlagt ihn zu Bo⸗ den!“ Ich war zu Pferde und in Uniform, und bahnte mir daher leicht einen Weg bis zu dem Orte des Tumults. Wer beſchreibt mein Ent⸗ ſetzen, als ich den Marquis erblickte, der mit mehreren Kerlen rang. Sie hatten ihn zu Bo⸗ den geworfen, und belegten ihn mit den ab⸗ ſcheulichſten Schimpfnamen. In einer Zeit, wie die damalige, reichte das Wort 6 Verräther. allein ſchon hin, den Poͤbel zur Wuth zu rei⸗ zen, um ſo mehr aber in einem Augenblicke, wo 133 ihre Einbildungskraft, wie jetzt, auf den hoͤchſten Punkt geſteigert war. Wenige Sekunden noch, und der Marquis war verloren. Zum Gluͤck hatte mich das Entſetzen meiner Geiſtesgegen⸗ wart nicht beraubt.„Ihr Maͤnner!“ ſchrie ich laut;„die Obrigkeit ſendet mich, das Leben dieſes Menſchen zu ſchuͤtzen, damit er den Ge⸗ ſetzen gemaͤß beſtraft werde; im Vertrauen auf den Gehorſam, den Ihr bisher ſtets gegen die Behoͤrden gezeigt, fordere ich Euch auf, dieſen Mann ſogleich vor den Magiſtrat zu fuͤhren.“ Die Liſt gelang, und der Marquis ward nach dem consistorio(Rathhaus) geſchleppt, welches ſich in derſelben Straße befand. Mit Muͤhe nur beſchutzte ich ihn während des We⸗ ges gegen die Mißhandlungen des rohen Hau⸗ fens, der maͤchtig herandraͤngte, um einen Ver⸗ räther zu ſehen. Als wir das Rathhaus erreich⸗ ten, ſtieg ich vom Pferde, dankte dem Volke fuͤr die Huͤlfe, die es mir geleiſtet, und bat, nun ſich zu entfernen, da der Verraͤther in ſicherer Ob⸗ hut ſey. Aber man war nicht ſehr bereit, die⸗ ſen Wunſch zu erfuͤllen. Einige beſtanden dar⸗ auf, ihn ſelbſt in das Gefängniß fuͤhren zu ſehen, und ich ſah mich daher genöthigt, den Of⸗ ßizier von der Wache herbeirufen zu laſſen. Zum Gluͤcke kannte ich ihn; ich uͤbergab ihm 134 den Gefangnen, und er verſprach auf meine Bitte, ihm ein einſames Gefaͤngniß anzuweiſen. Dann verlief ſich das Volk, zufrieden, den Ver⸗ raͤther in den Haͤnden der Gerechtigkeit zu wiſ⸗ ſen. Sogleich eilte ich nun zu dem Marquis, und fragte ihn, was ihn in ſolche Gefahr ge⸗ bracht habe. Mein theurer Eſteban, ſagte er, ohne ſogleich auf meine Frage zu achten, zum zweiten Male verdanke ich Dir mein Leben. Ohne Deine Huͤlfe waͤre ic unrettbar verloren Aber was brachte das Volk in ſolche Wuth gegen Sie? fragte ich abermals. Meine eigene Unklugheit, entgegnete er. Ich war unvorſichtig genug, es laut zu ſagen, daß weder Krone, noch Schwert, noch Palmzweig am Himmel ſtaͤnden, ſondern daß dies Alles. nur Gebilde ihrer Phantaſie wären. Ich haͤtte eben ſo geſunde Augen, als ſie Aie und ſaͤhe gleichwohl nichts. Der Offizier der Wache hörte kaum den Namen ſeines Gefangenen, als er ihn durch eine verborgene Hinterthuͤre entließ. Ich ging zu dem Hauptthore hinaus, da kam eine Pro⸗ zeſſion aller Franziskaner⸗Mönche durch die Straßen gezogen. Heilige Bilder von Chriſtus, — 135 der Jungfrau Maria und St. Joſeph wurden vorausgetragen. Eine Unmaſſe Volkes folgte den Franziskanern, welche gekommen waren, jene Bilder zur Ehre des Wunders, von wel⸗ chem wir Zeugen geweſen waͤren, auf dem „großen Balkon des Rathhauſes aufzuſtellen. 136 Neuntes vepitet Der Tag unſeres Abmarſches nach Cabezon er⸗ ſchien endlich. Alles war bereit; nur von Iſa⸗ bella mußte ich noch Abſchied nehmen. Sie hatte mir ein Band mit einer paſſenden Inſchrift geſchenkt, und war nun beſchaͤftigt, es an mei⸗ nem Czakot zu befeſtigen. Ihre Hand zitterte, als ſie dies that.— Fuͤrchte nichts, meine Iſabella, ſagte ich, ihre bleichen Wangen kuͤſ⸗ ſend; ich werde zu Dir zuruͤckkehren. Verbanne dieſe Thraͤnen, denn Du wuͤrdeſt ſicher nicht wuͤnſchen, daß ich jetzt bei Dir bliebe. Nein, Eſteban, entgegnete ſie. Halte mich nicht fuͤr ſo weichlich. Ich wuͤrde authoren Dich zu lieben, ſaͤhe ich Dich an meiner Seite, ſtatt auf dem Felde der Ehre; aber mit der Furcht im Herzen, Dich vielleicht nie wieder zu ſehen, kann ich nicht ohne Thraͤnen von Dir ſcheiden. Geliebte Iſabella, rief ich hierauf, ſie mit meinen Armen umſchlingend, denke nicht an die Gefahr; denke lieber an das Gluͤck des Wieder⸗ ſehens, wenn ich mich Deiner Liebe wuͤrdig ge⸗ zeigt haben werde. Iſabella und Vaterland ſol⸗ len mein Wahlſpruch ſeyn, und dies Geſchenk 137 von Dir ſoll mich uͤberall hin begleiten, wohin Pflicht und Ehre mich rufen. Als Raimundo und ich von alle den Unſri⸗ gen Abſchied genommen hatten, ritten wir zu unſerer Schwadron, und marſchirten bald dar⸗ auf mit noch mehreren Truppen von der Plaza Major nach Cabezon ab. Weiber, Kinder, Schweſtern und Muͤtter der Krieger folgten uns, Eiinige mit Lebensmitteln beladen, Andere Waffen und Torniſter tragend. Singend und tanzend legten Alle den Weg zuruͤck, die Tambourins und Kaſtagnetten dazu ſchlagend, als ginge es zu einem Feſte. Unſer Marſch glich wahrlich mehr dem Zuge zu einer Romeria, als dem eines Kriegsheeres, welches der Schlacht entge⸗ gen geht. Als wir Cabezon erreicht hatten, ſtellte Ge⸗ neral Cueſta unſere Truppen, und die wenige Artillerie, welche wir bei uns hatten, auf den Höhen uͤber dem Dorfe auf. Die Anſtalten, welche er traf, waren ſo vortrefflich, daß 2000 Mann gut disciplinirter Truppen hingereicht ha⸗ ben wuͤrden, die 18,000 Franzoſen zuruͤckzuwei⸗ ſen. Aber der Haufe von 14,000 Bauern, zum Theil mangelhaft, zum Theil gar noch nicht be⸗ waffnet, vermochte einem ſolchen Feinde nur ſchwachen Widerſtand zu leiſten. Unſer Anfuͤh⸗ 138 rer, dem das Vertrauen zu ſeinen Truppen mangelte, ſetzte ſeine ganze Hoffnung auf die Starke ſeiner Stellung, aber auch hierin ward er getäuſcht. Nachdem wir verſchiedene Male durch fal⸗ ſchen Laͤrm getaͤuſcht worden, erſchienen die Franzoſen am 12ten Juni wirklich, auf der Straße von Burgos her, in großer Anzahl, und vald darauf begann auch das Scharmutziren. Ich war auf jener Seite des Fluſſes, bei der Spitze unſerer Truppens wir trafen dort mit einem Kommando feindlicher Kavallerie zuſam⸗ men, welches rekognosziren wollte. Wir griffen es an, und warfen es, Dank ſey es unſerer ueberzahl, zuruͤck. Dieſer geringe Vortheil ſtei⸗ gerte den Muth unſerer Leute, und ſie verfolg⸗ ten die Franzoſen heftig. Jetzt aber fing die franzoſiſche Artillerie an, zu feuern. Kaum flogen einige Kanonenkugeln uͤber unſere Koͤpfe fort, als Einer laut rief:„Wetter, ſie ſchießen mit Kugeln! Adios Sennores!“ und faſt eben ſo ſchnell, als die Kugeln, flog er davon. Dies ſchien das Signal zur allgemeinen Flucht, und bald war der Rittmeiſter, Raimundo und ich, allein, nachdem wir uns vergebens bemuͤht hat⸗ ten, ſie wieder zum Stehen zu bringen. Unſere einzige Rettung beſtand nun darin, daß wir die 12139 Bruͤcke zu gewinnen ſuchten, wo ſich das Corps der Studenten mit wahrem Helbenmuthe gegen eine große Ueberzahl der Feinde vertheidigte, doch da ſie von den uͤbrigen Truppen, welche, von einem paniſchen Schrecken ergriffen, bereits nach allen Seiten hin zu fliehen begannen, nicht un⸗ terſtuͤtzt wurden, ſiegten die Franzoſen und be⸗ ſetzten die Bruͤcke, nachdem die Studenten bis auf den letzten Mann, als Opfer ihrer Vater⸗ landsliebe, gefallen waren. Kaum waren die Franzoſen im Beſitz der Bruͤcke, als unſere ganze Armee auseinander lief, indem Jeder Waffen und Gepaͤck von ſich warf, um ſo ſeine Flucht zu erleichtern. Als Raimundo und ich ſahen, daß es unmoͤglich ſey, die Bruͤcke noch vor dem Feinde zu erreichen, ritten wir am Ufer des Fluſſes hinab, bis wir zu den Waſſermuͤhlen kamen, welche Iſabellas Inſel gegenüber liegen. Dort ſchlugen wir den Weg nach Cigales ein, und waren um drei Uhr Nachmittags in Valladolid. Als wir in unſer Haus traten, fanden wir Alles in der groͤßten Beſtuͤrzung. Man traf Anſtalten, vor dem Feinde zu fliehen, und war auch unſertwegen in der großten Angſt. Unſer Erſcheinen verwandelte die Furcht ſchnell in Freude. Thraͤnen, Gebete und Umarmungen 140 verſcheuchten für einige Augenblicke jeden anderen Gedanken. Gott ſey geprieſen, daß Du gerettet biſt, fluſterte Iſabella, als ich ſie in meine Arme ſchloß. Aber wir hatten keine Zeit zu verlieren. Bald erſchienen die Fluchtlinge in größerer Zahl⸗ und die Nachricht von der Annaͤherung der Franzoſen verbreitete das allgemeinſie Schrecken. Es war ein herzzerreißender Anblick, die Greiſe und die Kranken zu ſehen, die ſich muͤhſam fort⸗ ſchleppten, und faſt bei jedem Schritte zu Bo⸗ den ſtuͤrzten; Kinder von vier bis fuͤnf Jahren riefen aͤngſtlich nach ihren Eltern; Muͤtter rann⸗ ten in wilder Verzweiflung umher, ihre Kinder zu ſuchen; Karren waren mit Halbtodten oder Sterbenden beladen; Weiber trugen ihre Kinder um Hals und Schultern, und drohten alle Au⸗ genblicke unter der allzuſchweren Laſt zu erliegen; junge Maͤnner trugen den alten Vater oder die kraftloſe Mutter auf ihren Schultern. Auf jedem Geſichte zeigte ſich Furcht und Entſetzen; uberall herrſchte Unordnung und Verwirrung. Aber welche Sprache waͤre reich genug, all' jenes Elend genuͤgend zu ſchildern; nur eine Scene will ich beſchreiben, die einen ſo unauslöſchlichen Eindruck auf meine Seele machte, daß ich mich ihrer ewig erinnern werde. Als wir auf einem Nebenwege raſch dahin⸗ „————— * ———— 141 —— fuhren, weil die Hauptſtraße zu uͤberfuͤllt war, trafen wir auf ein junges Weib, welches ein Maulthier fuͤhrte, das mit zwei großen Körben bepackt war. Bitterlich beweinte ſie ihren Mann, der in dem Gefechte des heutigen Morgens ge⸗ tödtet worden. Sein Tod machte ſie zur huͤlf⸗ loſen Wittwe, und ihre ganze Habe befand ſich in den beiden Koͤrben auf dem Maulthiere. Mehr hatte ſie uns noch nicht von ihrem trau⸗ rigen Schickſale erzaͤhlt, als wir unſer Landhaus am Ufer des Duero erreichten. Wir luden ſie zu uns ein. Das ganze Haus fanden wir mit Fremden erfullt, welche ihre Wohnung darin aufgeſchlagen hatten. Alle wurden willkommen geheißen, und wir begnuͤgten uns fuͤr uns ſelbſt, ſo gut wir es vermochten. Das junge Weib, welches mit uns gekommen war, bat, ihre bei⸗ den Koͤrbe ſorgfaͤltig in irgend ein Zimmer tra⸗ gen zu laſſen. Sie zog einen Schluͤſſel aus ihrer Taſche, und oͤffnete die Körbe. Wer be⸗ ſchreibt die Ueberraſchung und das Entſetzen aller Anweſenden, als wir in jedem ein todtes Kind erblickten. Der Schmerz der unglucklichen Mut⸗ ter läßt ſich kaum denken. Sie ward von hef⸗ tigen Kraͤmpfen befallen, und wir glaubten, ſie wuͤrde ihren Verluſt nicht uͤberleben. Doch ſie ward ihrer Sinne wieder mächtig, und ein Strom ———— u von Thraͤnen erleichterte ihre gepreßte Bruſt. Als ſie die Sprache wieder gewann⸗ erzählte ſie uns, daß ihre beiden Kinder, als ſie die Nach⸗ richt von dem Tode ihres Mannes und der An⸗ naͤherung der Franzoſen erhalten, an den Pocken krank geweſen. Der Arzt hatte erkläͤrt, ihr Le⸗ ben hinge davon ab, daß ſie der freien Luft nicht ausgeſetzt wuͤrden. Aber es war kein be⸗ deckter Wagen zu bekommen, und in der Stadt konnte die arme Frau auch nicht bleiben, daher legte ſie ihre Kinder in die verſchloſſenen Koͤrbe, als es ihr mit großer Muͤhe gelungen war, ſich ein Maulthier zu verſchaffen. Aehnliches erlebten wir faſt täglich, und wenige Städte Spaniens erduldeten während der Invaſion Napoleons nur geringeres Elend. Dieſe Nacht theilten wir unſeren ganzen Vorrath von Lebensmitteln mit unſeren Un⸗ glucksgefäͤhrten, und ſetzten dann fruͤh am andern Morgen unſere Flucht weiter fort. Dies waͤhrte ſo mehrere Tage, ſo lange wir die Nachrichten von dem beſtändigen Vordringen der Franzoſen erhielten. Viele der Fluͤchtlinge litten in jeder Hinſicht den druͤckendſten Mangel, wir aber em⸗ pfanden ihn ſelten oder nie, denn wir waren noch in einer Gegend, wo wir uͤberall auf Freunde und Bekannte trafen. Endlich kamen 143 wir zu San Miguel del Monte an, einem einſam gelegenen Dorfe, in welchem mein Vater eine kleine Beſitzung hatte. Dort beſchloſſen wir mit der ganzen Familie, den Marquis und Iſa⸗ bella mit eingerechnet, fuͤr das Erſte zu bleiben. Mehrere unſerer Freunde geſellten ſich hier zu uns, und laͤngere Zeit brachten wir hier ohne alle Beunruhigung zu, ich moͤchte faſt ſagen, zufrieden, denn wir vergaßen in der Ruhe, welche uns jetzt umgab, fuͤr Augenblicke das Elend unſeres armen Vaterlandes. Dieſer Schein der Ruhe waͤhrte indeſſen nicht lange. Von der einen Seite naͤherten ſich die Franzoſen, von der andern die Engländer unter Sir John Moore, und bald ward die Gegend um uns her der Schauplatz mehrerer Vorpoſtengefechte. Dies war eine geſchaftige Zeit füͤr meinen Bruder und mich. Jedes Scharmuͤtzel, das in unſerer Naͤhe vorfiel, wollten wir zu einem wich⸗ tigen Gefechte machen, und oft gingen wir ſechs oder ſieben Meilen, um Augenzeugen ſeyn zu können. Mein Vater unterſagte uns dergleichen Ausfluͤge auf das Strengſte, aber wir vermoch⸗ ten nicht, unſere Neugler zu zugeln. Auf dieſen Streifzuͤgen trafen wir haͤufig halbverweſete Leichname von Franzoſen, welche ermordet waren, und die blutigen Reſte ihrer — 144 — Kleidungsſtuͤcke waren gleich Siegeszeichen hier und dort aufgeſteckt. Oft war der Todeskampf dieſer armen Ermordeten an dem aufgewuͤhlten Boden um ſie her zu erkennen. Einige Knoͤpfe und die Schilder ihrer Czakots, waren das ein⸗ zige Zeichen, daß dieſe Todten einſt franzoͤſiſche Soldaten geweſen. Größtentheils waren ſie durch herumziehende Bauern getödtet, deren Wohnun⸗ gen der Feind, und vielleicht ſie ſelbſt mit, nie⸗ dergebrannt. Die einzige Beſchaͤftigung dieſer Bauern war nun, die vorruͤckenden Franzoſen zu umſchwärmen, ſich in Gebuͤſchen, Hohlwe⸗ gen und anderen ſicheren Orten in Hinterhalt zu legen, und Kuriere und Ordonanzen, oder auch wohl ſolche Kommandos zu überfallen, de⸗ nen ſie ſich gewachſen fühlten. Die Franzoſen, welche den großen Haufen verließen, waren ſicher, als Opfer einer gerechten Rache zu fallen. Selbſt groͤßere Kommandos, welche von einer Garniſon zur andern gingen, waren beſtaͤndigen Anfällen ausgeſetzt, und die Soldaten mußten, ihrer eigenen Sicherheit wegen, uͤberall kleine Kaſtelle anlegen, indem ſie groͤßere Haͤuſer oder Kirchen in aller Eile befeſtigten. In den Ebe⸗ nen verſchanzten ſich die Kommunikationspoſten in einem oder zwei Häuſern am Eingange eines Dorfes, und keine Schildwach durfte es wagen⸗ in 145 im freien Felde ſich zu zeigen, wollte ſie nicht aus der Entfernung niedergeſchoſſen, oder über⸗ fallen und gefangen hinweggeſchleppt werden; daher pflegten ſie nur aus den Fenſtern der Haͤuſer die Umgegend zu beobachten. Wenn ſtaͤrkere Abtheilungen franzöſiſcher Trup⸗ pen durch ein Dorf zogen, welches die Einwoh⸗ ner noch nicht verlaſſen hatten, ſo ergriffen ſie dann gewöhnlich die Flucht, um ſich in benach⸗ barten Waͤldern oder Felsthalern zu verbergen. Geſchah dies aber nicht, ſo zogen Alkaden, Weiber, Kinder und Maͤnner dem Feinde ent⸗ gegen, und begruͤßten ihn mit Tänzen und Ge⸗ ſangen, als ſey Alles im tiefſten Frieden. Kaum hatten aber die Franzoſen das Dorf wieder ver⸗ laſſen, ſo warfen die Männer jede Beſchafti⸗ gung bei Seite, und eilten den Verhaßten nach, ihnen auf alle mogliche Weiſe Schaden zuzuft⸗ gen oder die Arrieregarde zu uͤberfallen.— Bei den Vorpoſtengefechten, welche faſt taͤg⸗ lich zwiſchen den Franzoſen und Englandern vor⸗ ſielen, wurden die Erſtern öfters zuruͤckgewor⸗ fen und zerſprengt. Kam dann ein Trupp von ihnen in ein Dorf, und fragte nach ſeinen Kammeraden, ſo wieſen die Bauern ſie ſicher an ſolche Orte, wo andere Bauern im Hinterhalte lagen, die dann uͤber die Franzoſen herſielen, 10 146 und ſie ſaͤmmtlich niedermetzelten. Kamen die Franzoſen dann in groͤßerer Zahl, ſich an den Einwohnern zu raͤchen, ſo fanden ſie die Doͤrfer verlaſſen, und brannten ſie gewoͤhnlich in blinder Wuth nieder; allein dies nuͤtzte ihnen zu nichts, als ihre eigenen Huͤlfsquellen fuͤr die Zukunft zu verringern. Nie werde ich den Tag vergeſſen, an wel⸗ chem wir auf einer unſerer kleinen Streifereien nach Valdestillas, einem Dorfe 25 Meilen von Valladolid, kamen. Bis auf ein oder zwei Haͤuſer war es zerſtört. Zwiſchen den rauchen⸗ den Schutthaufen ſahen wir einige verſtuͤmmelte Leichname, wahrſcheinlich von Einwohnern des Dorfes. Waͤhrend wir dieſe Scenen des Schrek⸗ kens betrachteten, ſchritt ein Landmann eilig auf ein benachbartes Gehoͤlz zu. Wir folgten ihm in der Hoffnung, einiges Neue zu erfahren. Als wir das Gehoͤlz erreichten, fanden wir etwa ein Dutzend junger Menſchen, welche einen Mann von mittleren Jahren umringten, und emſig zu berathſchlagen ſchienen. Das Feuer in den Augen Aller, ihr wilder Blick, wenn ſie ich nach den rauchenden Trümmern des Dorfes wandten, verriethen ſogleich den Gegenſtand ihrer Unterredung. Als wir nach der Urſache von der Zerſtoͤrung V 147 des Dorfes fragten, ſagte man uns, die Fran⸗ zoſen wären am vergangenen Abend dort einge⸗ drungen, und haͤtten gegen mehrere der Einwoh⸗ ner ſolche Grauſamkeiten begangen, daß dieſe endlich zur Selbſtvertheidigung gegriffen. Sie hatten den Franzoſen weichen muͤſſen, dieſe aber ermordeten Alle, welche ſich nicht durch die Flucht zu retten vermochten, auf grauſame Weiſe, und zuͤndeten dann das Dorf an. Ein einziges Haus ward nicht von den Flammen er⸗ faßt. In demſelben hatten die Franzoſen ſich verſchanzt, und ſchienen entſchloſſen, es nicht eher zu verlaſſen, als bis der Mangel an Le⸗ bensmitteln ſie dazu zwingen wuͤrde. Aber das ſoll ihnen nimmer gelingen, ſo lange ich lebe, ſetzte der junge Mann, welcher uns dies Alles geſagt, hinzu. So biſt Du, rief ich, einer der Leiben⸗ den 2 Geſtern, entgegnete er, hatte ich noch einen Vater. An meiner Seite ſtießen die Ungeheuer ihn nieder; und auch meine Mutter! Hier erſtickten Thränen des Ungluͤcklichen Stimme. Wir fuͤhlten ſeinen Schmerz zu innig mit, um ihn durch weitere Fragen noch zu er⸗ höhen. Es entſtand eine lange Pauſe, dann fragte mein Bender die Bauern, was ſie zu 10* 148 thun gedächten. In dieſem Augenblicke ſchallte lautes Geſchrei Trunkener aus dem Hauſe, in welchem die Franzoſen waren, zu uns heruͤber. Nie werde ich den Anblick des älteſten Bauers vergeſſen. In dem Augenblicke, als jenes Ge⸗ raͤuſch ertönte, wich die Todtenblaͤſſe, welche bisher ſein Geſicht deckte, einer flammenden Roͤthe, und die Augen feſt auf Raimundo ge⸗ richtet, rief er laut: Junger Mann, hoͤrt Ihr das teufliſche Geſchrei jener Daͤmonen?— Seht Ihr jenes Haus dort?— Es war einſt meine Wohnung, jetzt iſt es das Grab meines Weibes und meiner Kinder!— Und Ihr fragt noch, ſetzte er mit bitterm Laͤcheln hinzu, was wir zu thun beſchloſſen?— Ihr ſolltet weit eher fragen, weshalb wir noch zoͤgern?— Kommt, meine Freunde! rief er jetzt den Andern zu; laßt uns gemeinſchaftlich ſterben. Wir wer⸗ den nicht ungeraͤcht fallen! Bei dieſen Worten entriß er einem der Bauern einen ſtarken Knittel, und wollte hinab⸗ ſtuͤrzen, in das Dorf. Steht! riefen wir, indem wir ihn mit Ge⸗ walt zuruͤckhielten. Was könnt Ihr, unbewaff⸗ net wie Ihr ſeyd, gegen Eure Feinde ausrich⸗ ten, die Euch der Zahl nach doppelt uͤberlegen ſind, und hinter den Mauern jenes Hauſes, ——— ———— 149 mit Waffen und Munition reichlich verſehen, Euren Angriff ohne Muͤhe von ſich weiſen koͤnnten.— Ganz unnuͤtz opfertet Ihr Euer Leben. Nur mit Muͤhe uͤberredeten wir ſie, jetzt noch zu bleiben, und nur wenige Minuten zu warten, um einen Plan zu erſinnen, wie ſich die erduldeten Grauſamkeiten mit ſicherem Er⸗ folge beſtrafen ließen. Nachdem wir Alles hin und her uͤberlegt, ward endlich beſchloſſen, daß Raimundo und ich zu dem kommandirenden Offiziere der Franzoſen gehen, und uns ſtellen ſollten, als wären wir der franzoͤſiſchen Parthei zugethan. Wir ſollten vorgeben, wir waͤren von dem Kommandanten von Avilla mit wichtigen Auftraͤgen an den Ge⸗ neral⸗Gouverneur in Valladolid verſehen; auf dem Wege hätten wir einen franzoſiſchen Kurier, nur von zwei Dragonern begleitet, getroffen, und ihn gewarnt, ſeine Reiſe weiter fortzuſetzen, weil wir wuͤßten, daß in einem Dorfe, durch welches er muͤßte, zwolf bewaffnete Bauern ſeiner war⸗ teten, um ihn zu ermorden. Wir wollten dann den Offizier bereden, daß er eine gleiche Anzahl ſeiner Untergebenen dem Kurier zu Huͤlfe ſchicke, damit dieſer ohne einen hoͤchſt nachtheiligen Aufenthalt ſeine Reiſe fortſetzen köͤnne. Gluckte —— — 15⁰ dieſe Liſt, ſo ſollte das Haus waͤhrend der Ab⸗ weſenheit jener zwoͤlf Soldaten uͤberfallen, dieſe ſelbſt aber bei ihrer Ruͤckkehr niedergemetzelt werden. Wir wußten ſehr gut, daß die Poſten in den verſchiedenen Doͤrfern dazu beſtimmt waren, die Verbindung zwiſchen dem Hauptcorps zu un⸗ terhalten und befoͤrdern, und konnten daher uͤber⸗ zeugt ſeyn, daß unſere Nachricht nicht allein gut aufgenommen, ſondern unſer Rath auch ſogleich befolgt werden wuͤrde; deshalb ſchritten wir dreiſt auf das Haus zu. Die Schildwach, welche vor demſelben auf und niederging, und die ſchwere Säbelſcheide raſſelnd hinter ſich herſchleppen ließ, machte anfangs einige Schwierigkeiten, als wir den Offizier zu ſprechen verlangten. Doch als wir verſicherten, daß wir Freunde wären, und Mittheilungen von Wichtigkeit zu machen haͤtten, wurden wir zu dem Offizier in das Zimmer gefuͤhrt. Er war halb im Schlafe, aber bei unſerem Eintritt ſprang er raſch empor, und legte die Hand unwillkuͤhrlich auf den Säabel. Ein Blick auf uns ſchien ihn zu uͤberzeugen, daß er hier nichts zu fuͤrchten habe, und in mildem Tone fragte er nun, was wir be⸗ gehrten. Raimundo, der das Franzoſiſche gelaͤufiger —— ₰ 15¹ ſprach als ich, und auch mehr kaltes Blut hatte, trug die Sache ohne das geringſte Stok⸗ ken vor. Dann bat er den Offizier, ganz ſo zu handeln, wie er es fuͤr gut finden wuͤrdez wir aber ſagten ihm, unter dem Vorwande, daß wir keine Zeit zu verlieren haͤtten, Lebewohl. Der franzoͤſiſche Offizier vergaß uͤber die Freude unſerer Mittheilung allen Argwohn, alle Vorſicht ſogar. Er umarmte uns, dankte uns tauſend Mal, und noͤthigte uns, auf den Erfolg der Unternehmung Napoleons zu trinken. Wir verweigerten dies indeſſen, weil wir nie Wein zu trinken vorgaben. Sehr freundlich entließ er uns hierauf. Sogleich kehrten wir nun zu unſeren Bauern zuruͤck, welche uns voller Ungeduld erwarteten. Hier blieben wir, bis wir durch einen ausge⸗ ſtellten Poſten erfuhren, daß der Offizier in Be⸗ gleitung von 14 Mann das Haus verlaſſen habe, um nach jenem Orte zu eilen, den wir ihm angegeben hatten. Kaum waren uns die Franzoſen aus dem Geſichte, als wir uns in das Dorf hinabſchli⸗ chen, und jenes Haus in Brand ſteckten. Ei⸗ nige der Franzoſen, welche noch darin waren, liefen ohne ihre Waffen heraus, und wurden ſogleich niedergemacht; nur vier bis fuͤnf leiſte⸗ ten einen ſchwachen Widerſtand. Die Uebrigen waren wahrſcheinlich in den Flammen umgekom⸗ men. Kaum hatten wir uns der Waffen der Getodteten bemaͤchtigt, als ein anderer Bauer uns ſagte, daß jenes Kommando zuruͤckkehre. Wir verbargen uns hinter einigen Truͤmmern, bei denen die Franzoſen voruͤber mußten. So⸗ bald ſie in unſerer Naͤhe waren, ſtuͤrzten wir uͤber ſie her, und ſie erlagen der gerechten Rache fuͤr die ſchaͤndlichen Grauſamkeiten, die ſie am Tage zuvor an den Weibern und Kindern dieſer wehrloſen Bauern ausgeuͤbt. Die Leichname wurden in den Duero gewor⸗ fen, welcher nicht weit von dem Dorfe vorüber⸗ fließt, und ſelbſt Pferde und Waffen wuͤrden das Schickſal ihrer Herren getheilt haben, haͤtten wir nicht die Bauern zu uͤberreden gewußt, daß es beſſer ſey, beides nach Rueda zu ſchaffen, und an die Englaͤnder, welche jetzt dort ſtanden, zu uͤberliefern. Dies ward beſchloſſen, und nun trennten wir uns. 5 Die Stene, von der wir Zeugen und ſogar Mithandelnde geweſen waren, machte einen ſo tiefen Eindruck auf uns, daß es uns ſehr ſchwer fiel, ſie den Unſrigen zu verſchweigen, aber wir ſahen wohl ein, in welcher Angſt unſere Familie kuͤnftig unſertwegen ſchweben werde, koͤnne ſie ——— 3 153 * nur ahnen, daß wir uns wieder einer ſo großen Gefahr ausſetzten; deshalb bewahrten wir unſer Geheimniß. Auf dieſe Weiſe verlebten wir mehrere Mo⸗ nate. Wir machten uns mit Gefahren vertraut, und boten ihnen oft mit einer Kuͤhnheit Trotz, die nur durch unſere große Jugend und unſeren Mangel an Erfahrung eingefloßt werden konnte. Um unſere Zwecke zu erreichen, mußten wir oft zu der Liſt unſere Zuflucht nehmen, welche, ſonſt unſerem ganzen Weſen zuwider, in unſeren Augen gerechtfertigt erſchien, ſobald ſie gegen die Feinde unſeres Vaterlandes ausgeubt ward. Jedes Mittel, welches ſich uns darbot, dieſen zu ſchaden, ergriffen wir mit Feuereifer, und bildeten uns dabei ein, die Vorſehung ſelbſt gebe es uns an die Hand. —— —— 154 ——— Zehntes Kap itel. So lange wir in San Miguel del Monte blieben, genoß ich Iſabella's Geſellſchaft ohne Unterbrechung. Jeden Augenblick, den ich er⸗ üͤbrigen konnte, verbrachte ich an ihrer Seite, und ich ſchien glucklich, obgleich ich es nicht war, denn ich hatte viel mehr zu fuͤrchten, als zu hoffen. Die Trennung ſtand uns nahe be⸗ vor, und wir konnten nicht wiſſen, ob wir nicht fuͤr immer von einander ſchieden. Bei meinem Alter, und der gegenwärtigen Lage Spaniens, ließ es ſich nicht erwarten, daß ich noch lange unthätig bleiben wuͤrde. Die öffentlichen Ange⸗ legenheiten nahmen täglich eine ernſtere Wen⸗ dung. Napoleon ſelbſt war im Begriffe, an der Spitze eines bedeutenden Heeres in Spanien einzuruͤcken, und man durfte nicht hoffen, daß der Streich noch länger uͤber dem armen Lande ſchweben werde. Vielfache und große Gefahren zeigten ſich daher fuͤr mich in der Ferne, und mußten meine geliebte Iſabella mit gerechter Furcht erfullen. Nach der Schlacht bei Burgos, in welcher —,— —————————————— n———— 155 die Spanier durch die Franzoſen unter Napo⸗ leon's eigener Anfuͤhrung beſiegt wurden, zogen die Feinde zum zweiten Male in Valladolid ein, und fanden die Stadt noch ungleich mehr ver⸗ det als das erſte Mal.— Um zu zeigen, zu welchen Mitteln die Franzoſen greifen mußten, um nur eine Art von Gouvernement zu Stande zu bringen, will ich hier einen Brief von dem Haushofmeiſter meines Vaters mittheilen, wel⸗ cher in deſſen Auftragen einige Tage vor dem Einzuge der Franzoſen nach Valladolid gekom⸗ men war. Mein theurer und geehrter Herr! Ich beeile mich, Ihnen eine Nachricht mit⸗ zutheilen, über die Sie laͤcheln werden, und die zugleich alle Angſt wegen meines laͤngern Aus⸗ bleibens ſchnell verbannen muß. Geſtern, als ich von der Annäherung der Franzoſen hoͤrte, traf ich ſogleich alle Anſtalten, die Stadt zu verlaſſen, aber die Truppen ruͤckten ein, ehe es mir moͤglich war, meinen Vorſatz auszufuͤhren. Ich wollte aber doch ſehen, ob es mir ſehr ſchwer fallen wuͤrde, noch jetzt un⸗ bemerkt aus der Stadt zu kommen, und verließ daher ganz behutſam das Haus. Gluͤcklich ge⸗ lang es mir, die Thuͤr zu verſchließen, ohne —— ———— —————— — 156 von den Franzoſen bemerkt zu werden. Die ganze Stadt ſchien ausgeſtorben. Nur Franzo⸗ ſen begegnete ich in den Straßen, und ward von ihnen entweder durch Fragen oder durch Drohungen gelangweilt. Als ich eben wieder nach Hauſe zuruͤckkehren wollte, begegnete ich einem franzoſiſchen Piket, das mich feſtnahm, und nach dem Konſiſtorio brachte, wo ich meh⸗ rere Edelleute, und unter andern auch Don Juan Martinez, den Anwalt fand*). Alle wa⸗ ven auf gleiche Art, wie ich, hiehergebracht wor⸗ den, und zitterten vor Furcht. Ich ſelbſt berei⸗ tete mich auf das Schlimmſte vor, und ſprach in Gedanken ſchon mein letztes Gebet. . Zetz trat der franzöſiſche General herein, und fragte die Soldaten, welche uns herbeige⸗ fuͤhrt hatten, ob ſie nicht mehr Edelleute in der Stadt gefunden hätten.— Nein, General! lautete die Antwort.— Nun denn, ſagte er, zu uns ſich wendend, erwählen Sie einen aus Ihrer Mitte, der das Amt eines Korregidors übernehme.— Sogleich nannten wir Don Dieſer Mann war etwa 60 Jahr alt, vier und einen halben Fuß hoch, und ſo fett, daß er ſich kaum bewegen konnte. Sein Geſicht glich dem eines Pudels, und ſein Anzug erin⸗ nerte an die Hofleute Philipps V. ———— 157 Juan Martinez. Der arme Mann zitterte wie Espenlaub, und entſchuldigte ſich ſeines Alters wegen. Der General betrachtete ſeine auffal⸗ lende Geſtalt, und ſeinen veralteten Anzug. Nein, ſagte er, zu mir ſich wendend, der kann es nicht ſeyn, der wuͤrde ſeinen Poſten lächer⸗ lich machen. Sie, der Sie mehr wie ein Ge⸗ ſchaͤftsmann ausſehen, ſollen Korregidor, und dieſe Herren die Munizipalbeamten ſeyn. Vergebens entſchuldigte ich mich damit, daß ich dieſem Poſten weder durch meine Kenntniſſe, noch durch meine Stellung im buͤrgerlichen Le⸗ ben gewachſen ſey. Er wollte mich nicht hoͤren, und ſo bin ich denn Korregidor von Valladolid. Alles was ich thue, fällt auf meine eigenen ar⸗ men Schultern zuruͤck, wenn es dem Feinde nicht anſteht, und ich bin doch kein Zauberer, der alles herbeizuſchaffen vermag, was ſie be⸗ duͤrfen. Aber feſt ſteht mein Vorſatz, den Ga- bactos*) zu entſchluͤpfen, ſobald ich es irgend vermag. Stets, mein geliebter Herr, koͤnnen Sie gebieten uͤher den Sennor Korregidor. Santiago Peralta. *) Ein Spottname der Franzoſen. Es iſt eine Verſtuͤmmelung des Wortes Gabali, einem Volksſtamme unweit Narbonne. Im Spani⸗ ſchen bedeutet es einen erbarmlichen Kerl. S=———— ———— ————— * 15⁵8 Der Brief machte uns wirklich Vergnugen, noch mehr aber am folgenden Tage die Ankunft des Herrn Korregidors ſelbſt. Er erſchien in der Uniform eines franzoſiſchen Grenadiers, die er aus einer Kiſte entwendet, welche ihm in ſeiner obrigkeitlichen Wuͤrde zur Obhut anver⸗ traut worden. In dieſer Verkleidung war er der Wachſamkeit der Franzoſen gluͤcklich entgan⸗ gen, aber ſie ſetzte ihn der Gefahr aus, von ſpaniſchen Bauern, welche ihn fuͤr einen wah⸗ ren Franzoſen hielten, ermordet zu werden. Die kaiſerliche Armee war jetzt, nachdem ſie die Spanier in mehreren Gefechten beſiegt, uͤber die Somo⸗Sierra in Madrid eingezogen. Mein Vater hielt ſich nun uͤberzeugt, daß die kriegeri⸗ ſchen Unruhen laͤnger waͤhren wuͤrden, als er es Anfangs vermuthet, und beſchloß daher, mit ſei⸗ ner Familie nach Valladolid zuruͤckzukehren, weil er ſich daſelbſt, als in einer groͤßeren Stadt, ſicherer hielt, als auf dem Lande. Wenige Tage darauf traten wir den Weg nach Valladolid an. Wir kamen vor unſerem freundlichen Landhauſe voruͤber. Ach! jetzt war es nichts als ein Schutthaufen.— Es lag in einer der reizendſten Gegenden, reich an man⸗ nichfacher Abwechſelung. Zahlreiche glͤckliche Tage der Kindheit hatte ——— ——,— 1⁵9 ich in dieſem Hauſe verlebt, und lebhaft ſtanden ſie jetzt wieder vor meinem Blicke. Mit Weh⸗ muth ſah ich auf jene Jahre zuruͤck, wo nichts das Vergnuͤgen zu truͤben vermochte, das der Anblick der uͤppigen Natur rings um das Land⸗ haus mir gewaͤhrte, und unwillkuͤhrlich fullten ſich meine Augen mit Thränen, indem ich auf die Ruinen blickte. Aber noch bittrere Gefuͤhle geſellten ſich zu dieſen. Iſabella und der Mar⸗ quis ſchieden an demſelben Tage von uns, an welchem wir von jenen Truͤmmern Abſchied nah⸗ men. Der Marquis ging nach Agreda, wir nach Valladolid, wo wir franzoͤſiſche Geſichter ſehen, vielleicht franzöſiſche Mißhandlungen er⸗ dulden ſollten. Unſere Ausſichten waren nicht mehr dieſelben, wie vor einiger Zeit. Iſabella konnte mir treu bleiben, aber ich durfte nicht hoffen, ſie wiederzuſehen, denn ich ging vielfa⸗ chen Gefahren entgegen. Wir waren Beide zu ſehr von dieſem Gefuͤhle ergriffen, um nicht den Augenblick der Trennung für den unglucklichſten unſeres Lebens zu halten. Selbſt die Erin⸗ nerung an jenen Schmerz iſt noch jetzt ſo be⸗ taubend, daß ich nicht länger dabei zu verweile vermag. Als wir bei unſerem Hauſe in Valladolid anlangten, fanden wir es von Franzoſen uͤber⸗ 160 fullt, ausgepluͤndert, und auf vielfache Weiſe be⸗ ſchaͤdigt. Wir ſahen uns daher gezwungen, zu einem Freunde unſere Zuflucht zu nehmen, der ſo gluͤcklich geweſen war, der allgemeinen Pluͤn⸗ derung zu entgehen. Hier blieben wir einige Monate, bis unſer eigenes Haus wieder in wohnbaren Zuſtand geſetzt worden. Wie oft ſehnte ich mich jetzt nach dem un⸗ abhaͤngigen Leben zuruͤck, das wir aufgegeben hatten. In der Stadt erbitterte der verhaßte Anblick der Franzoſen mich mit jedem Tage mehr. Eben ſo fuͤhlte auch mein Bruder, und unſer Unwille ward taͤglich durch den Stolz und die Grobheit der franzoͤſiſchen Offiziere, welche bei uns im Ouartiere lagen, neu belebt. Noch immer waren die Kollegien geſchloſſen, und ich konnte meine Studien daher nicht fort⸗ ſeben; allein muͤßig war ich deshalb nicht. Ge⸗ meinſchaftlich mit meinem Bruder verwendete ich meinen ganzen Fleiß auf Erlernung der eng⸗ liſchen Sprache, und mit dem Beiſtande einiger Engländer auf den Kollegien in Valladolid, welche die Stadt ſelbſt bei der Ankunft der Franzoſen nicht verlaſſen hatten, machten wir bald ſehr bedeutende Fortſchritte. Dieſe Be⸗ ſchaͤftigung, welche mir ſpäter ſo ungemeinen Nutzen verſchaffte, gewaͤhrte mir ſchon damals man⸗ — 161 manchen Vortheil. Ich las die zahlreichen herr⸗ lichen Dichter der Englaͤnder, und erweiterte dadurch nicht nur meine Kenntniſſe, ſondern zog auch meine Gedanken auf hoͤchſt wohlthätige Weiſe von den unangenehmen Außendingen ab. Zum Ungluͤcke, denn fuͤr ein Ungluͤck muß es hier gehalten werden, bluͤhete meine aͤlteſte Schweſter Marienne jetzt in dem ganzen Reize der erſten Jugendſchoͤnheit. Den geuͤbten Au⸗ gen der franzoͤſiſchen Offiziere in unſerem Hauſe konnte dies nicht entgehen, und ſie glaubten, in einem eroberten Lande gehoͤre ihnen nicht blos eine jede Sache, an der ſie Gefallen fanden, ſon⸗ dern auch eine jede Perſon. Um durch ſie nicht belaͤſtigt zu werden, beſchränkten wir uns nur auf unſere eigenen Zimmer, und vermieden es ſo viel als moͤglich, uns vor ihnen ſehen zu laſ⸗ ſen, aber ſie achteten deſſen nicht, und brangen ſogar bis in unſere Stuben. Ich muß hier bemerken, daß es faſt in je⸗ dem Hauſe zwei Reihen Zimmer giebt, welche wechſelsweiſe Winter und Sommer hindurch be⸗ wohnt werden. Vom Oktober bis Anfang des Juni ſtehen die größeren leer, und nur die klei⸗ neren werden bewohnt. In dieſen ſind Decken über den ſteinernen Fußboden gebreitet. Defen oder Kamine ſind in gebraͤuch⸗ 162 lich; ſtatt derſelben bedienet man ſich des bra- zero, eines Kohlenbeckens, etwa zwei Fuß im Durchmeſſer. Dieſer wird in die Mitte des Zimmers auf den Fußboden geſetzt, und mit einem hoͤlzernen Rahmen umgeben. Die Reſte der ausgepreßten Weintrauben, deren Rauch der Geſundheit durchaus nicht nachtheilig iſt, werden darin verbrannt. Um den Brazero, die Fuͤße auf den holzernen Rand geſtellt, ſitzt die ganze Familie; die Maͤnner politiſiren, die Frauen ſcandaliſiren dabei. Mit Anfang des Juni werden die groͤßeren Zimmer geoͤffnet, und die kleineren, nachdem ſie ihrer Winterkleidung entledigt, verſchloſſen. Die Balkons werden durch weiße Vorhaͤnge geſchutzt, welche man mehrere Male des Tages mit fri⸗ ſchem Waſſer anfeuchtet, und welche daher nicht nur die Sonnenſtrahlen abhalten, ſondern auch die Luft abkuͤhlen. Vom Morgen bis zum Son⸗ nenuntergange bleiben die Fenſterladen feſt ver⸗ ſchkoſſen, und laſſen nur grade ſo viel Licht hin⸗ durch, daß die Perſonen in den Zimmern einan⸗ der ſehen können. Alle dieſe Bequemlichkeiten mußten wir jetzt aber öfters entbehren, denn nicht ſelten trieben uns die einquartierten Offiziere aus einem Theile des Hauſes in das andere, je jachdem ſie hier —— 163 oder dort dem Zimmer meiner Schweſter naher zu ſeyn glaubten. Die, welche ſich eine ſolche Dreiſtigkeit auf ihre eigene Rechnung nicht ge⸗ ſtatteten, uͤberbrachten meinem Vater Befehle von dem franzoͤſiſchen Gouverneur, und nun mußte er es, bei 500 Dollar Strafe dulden, daß die Offiziere ſich irgend eine Stube des ganzen Hauſes zu der ſeinigen ausſuchten. Sehr oft waͤhlten ſie dann zu ihrem Schlafzimmer eines, welches unmittelbar an das meiner Schwe⸗ ſter ſtieß, und ſo waren wir denn gezwungen, nach einem anderen Theile des Hauſes auszu⸗ wandern. Oft aber folgten uns unſere Feinde ſehr bald nach, und jagten uns ſo durch das ganze Haus, als ob wir nichts darin zu gebie⸗ ten haͤtten. Doch damit begnuͤgten ſie ſich noch nicht. Sie ladeten oft noch eine große Zahl ihrer Kammeraden zu ſich ein, und machten unſer Haus zu einer Wache; Holz, Licht und alle dergleichen Kleinigkeiten mußten wir noch oben⸗ ein zu dieſen Geſellſchaften liefern. Wenn wir ſpaͤt des Abends mit einigen guten Freunden in unſeren Zimmern waren, und jetzt wenigſtens auf einige Ruhe hofften, traten oͤfters die ſämmtlichen Offiziere, nicht ſelten bis dreißig an der Zahl, ohne alle Umſtaͤnde zu uns ein, und befahlen unſeren Bedienten, ganz als 11* 164 waͤren ſie die unumſchraͤnkten Herren vom Hauſe, von dem beßten Weine aus dem Keller herauf⸗ zuholen. Waͤhrend dann das Glas umherkreiſete, unterhielten uns die hoͤflichen Gaͤſte von ihren Heldenthaten gegen die„Raͤuber,“ wie ſie un⸗ ſere Truppen nannten, und erzaͤhlten mit ordent⸗ lichem Triumphe, wie viel durch ſie erſchoſſen, gehaͤngt und geviertheilt worden waͤren, wie viel Kirchen und Palaͤſte ſie ausgepluͤndert, wie viel Weiber und Maͤdchen ſie geſchaͤndet hätten. Nie würde ich enden, wollte ich alle mir bekannte Beiſpiele der Rohheit, Ungezogenheit und Pobelhaftigkeit dieſes„gebildetſten Volkes der Welt,“ wie ſi e ſelbſt ſich nennen, hier auf⸗ zählen, daher ſey es mir vergoͤnnt, nur eines hier zu erwaͤhnen, welches den Charakter der Franzoſen und das ſchändliche Betragen einzel⸗ ner Mitglieder dieſer„großen Nation“ in ein recht grelles Licht ſetzt. Ich bin feſt uͤberzeugt, daß Niemand als die leichtſinnigen, fuͤhllo⸗ ſen, unſittlichen Franzoſen ſo zu handeln im Stande ſind. Der General Duͤfreys an oft in unſer Haus, um bei einem Offizier hoͤheren Ranges, der bei uns im Quartiere lag, zu Mittag zu eſſen. Bei den häufigen Beſuchen, welche er auch in unſern Zimmern abgeſtattet, hatte er 165 meine Schweſter Marienne geſehen, und war von der heißeſten Liebe zu ihr entbrannt, das heißt einer ſolchen Liebe, wie er ſie zu empfin⸗ den vermochte. Da er es unmoͤglich fand, ihr Herz zu gewinnen, wandte er Alles an, offen⸗ bare Gewalt allein ausgenommen, um wenig⸗ ſtens ihre Perſon zu erobern. Als er endlich ſah, daß alle ſeine Verſuche vergeblich waren, wandte er ſich zu einem ſeiner wuͤrdigern Gegen⸗ ſtande, einer unſerer Dienſtmaͤgde. Durch Ge⸗ ſchenke und Verſprechungen gelang es ihm, ſie zu verfuͤhren. Bald darauf ward ihr ſogar die Ehre, oͤffentlich fuͤr ſeine Maitreſſe anerkannt zu werden, und er, der zu derſelben Zeit, nach dem Abgange des Marſchalls Beſſieres, zum Gouverneur von Valladolid ernannt worden, gab ſich zu Ehren einen großen Ball, den die Stadt bezahlen mußte, zu dem dafuͤr aber auch alle die vornehmſten Buͤrger eingeladen wurden. Auch meine Mutter und meine Schweſter Marienne wurden nicht vergeſſen, doch Beide lehnten die Ehre ab. Dies ward jedoch nicht geſtattet; im Gegentheil ſchickte der Gouverneur einen ſeiner eigenen Adjudanten, welcher mit der Ungnade Sr. Excellenz drohte, im Fall meine Mutter und Schweſter wirklich ausblieben. Deſſen un⸗ geachtet beharrten Beide auf ihrem erſten Vor⸗ 166 ſatze. Die Stunde, zu welcher der Ball begin⸗ nen ſollte, kam, und ſie hatten nicht an ihren Anzug gedacht. Die Muſik ertoͤnte, und der Tanz begann, obgleich ſie noch nicht gekommen waren. Der Gouverneur, welcher den Ball hauptſächlich gegeben hatte, um meine Mutter und Schweſter zu kraͤnken, bemerkte ihre Abwe⸗ ſenheit ſogleich, und ſchickte einen Offizier mit einem Kommando Soldaten ab, mit dem Be⸗ fehle, nicht ohne ſie zuruͤckzukehren, gleichviel, in was fuͤr einem Anzuge ſie waͤren. Der Of⸗ fizier drang in unſer Haus, und fuͤhrte meine Mutter und meine Schweſter, nicht auf deren Bitten und Thraͤnen achtend, mit ſich nach dem Konſiſtorio. Hier empfing Se. Excellenz ſie ſpottend, und fuͤhrte ſie dann in den großen Saal, wo die Frau Gouverneurin, noch kuͤrz⸗ llich unſere Stubenmagd, unter einer Art von Baldachin thronte. Ihr mußten ſie das Kom⸗ pliment machen, und meine Mutter ſich dann, mit all ihrem ariſtokratiſchen Stolze des echt⸗ blauen Blutes zur Rechten, Marienne zur Lin⸗ ken neben ſie ſetzen. Doch dies war nicht der einzige Schimpf, den meine Mutter und Schwe⸗ ſter in jener Nacht erdulden mußten. Die Be⸗ dienten, welche die Erfriſchungen herumreichten, boten dieſe der Magd jedes Mal zuerſt, mit der —— 7 — 167 Frage:„iſt Ew. Exeellenz gefällig,“ hierauf den andern Damen, meine Mutter und Schweſter aber uͤbergingen ſie. Man ſollte glauben, dieſer nichtswuͤrdige Mann waͤre hiemit zufrieden ge⸗ weſen; doch nein! Marienne mußte tanzen, und — mußte mit ihm tanzen. So ward das arme Maͤdchen, gleich einer Puppe, im Saale herum⸗ gezerrt, bis er ſelbſt ſeinen Schlachtopfern er⸗ laubte, ſich zu entfernen. Am folgenden Tage, fruͤh des Morgens, erhielt mein Vater den Be⸗ fehl, als Strafe fuͤr den Ungehorſam ſeiner Fa⸗ milie, bis um 12 Uhr Mittags 500 Dollars zu vezahlen; erfolgten ſie nicht, ſollte ſein Haus geplundert werden.— Die 500 Dollars wur⸗ den gezahlt, und damit genug von der Hoͤflich⸗ keit und dem Edelmuthe der Franzoſen. 168 Eilftes Kapitel. 1 Mapoleon erließ jetzt zu Chamartin verſchiedene Dekrete, welche unter andern Umſtaͤnden Spa⸗ nien in kurzer Zeit mit Frankreich auf eine Stufe der politiſchen Freiheit und Civiliſation geſtellt haben wuͤrden; aber auch große Maͤnner koͤnnen irren. Napoleon verſtand den National⸗ charakter der Spanier nicht richtig zu beurthei⸗ len. Er ſchloß auf ihn von dem anderer Na⸗ tionen. Er dachte, daß wir durch ſeine Siege entmuthigt wären, und theilte deshalb die Be⸗ richte berſelben mit donnernden Proklamationen verſehen, den Provinzen mit, welche noch Wi⸗ berſtand leiſteten. Er glaubte, daß die Furcht vor ihm Spanien eben ſo, wie anbere Voͤlker Europas, ihm zu Füßen legen würde. Aber er ſah, daß ſeine Erwartungen nur da erfuͤllt wur⸗ den, wo Zwang eintrat. Die Generale drohe⸗ ten den Alkaden der verſchiedenen Doͤrfer mit dem furchterlichſten Zorne ihres Gebieters, und ſo erſchienen denn in der That einige Deputa⸗ tionen in dem Hauptquartiere des Kaiſers, aber Alle waren feſt entſchloſſen, nichts von dem zu 165 erfuͤllen, was ſie 6i 3 zu verſprechen ewunen worden. Als Napoleon ſich Valladolld naͤherte, gin⸗ gen ihm der alcalde mayor(Friedensrichter) der Korregidor und einige Mitglieder des Stadt⸗ rathes bis Tordeſillas entgegen, und uͤberreichten ihm hier die Schluͤſſel der Stadt, die ſchon durch 20,000 Mann ſeiner Truppen beſetzt war. An dem Tage der Ankunft Napoleons ſoll⸗ ten ſämmtliche Glocken der Stadt gelaͤutet wer⸗ den, und der Gouverneur hatte um geringen Preis einige Kerle des niedrigſten Poͤbels erkauft, „vive Napoléon“ zu ſchreien. Der Kaiſer kam aber zwei Stunden fruͤher, als man ihn erwartet hatte, und nur von wenigen Drago⸗ nern begleitet, und machte dadurch des Gouver⸗ neurs Anſtalten zu deſſen großem unnuͤtz. Mein Bruder und ich waren begierig, den Mann zu ſehen, deſſen Ruf die ganze Welt er⸗ fullte, und wollten ihn daher in einem Dorfe, durch welches er kommen mußte, erwarten. Als wir durch die Straßen gingen, ſahen wir meh⸗ rere Gruppen von Buͤrgern, welche feſt in ihre langen dunkeln Maͤntel gewickelt, an den Ecken der Straßen ſtanden, welche Napoleon beruͤhren mußte. Kummer unb Wuth ſpiegelten ſich in 170 7 ihren Blicken. Deutlich konnte man den Aus⸗ druck des edlen Stolzes bemerken, der ſich nur der eiſernen Nothwendigkeit fuͤgte. KRaum hatten wir die Bruͤcke erreicht, als die Bewegung der Truppen, welche dort aufge⸗ ſtellt waren, die Ankunft eines Offiziers von höherem Range zu verrathen ſchien. Gleich darauf kam ein Mann, in gruͤner Oberſten⸗ Uniform, auf einem Grauſchimmel reitend, da⸗ hergeſprengt. Die Soldaten praͤſentirten das Gewehr, und ihr Gefluſter ſagte uns, dies ſey Napoleon geweſen. Eine halbe Stunde ſpaͤter kam eine Meng⸗ von Generalen und Stabsoffizieren, ſaͤmmtlich in reich mit Gold geſtickten Uniformen.— Es iſt kein Wunder, daß ſie ſo theure Kleider tra⸗ gen koͤnnen, ſagte ein Bauer, der nicht weit von uns ſtand; haben ſie doch faſt alle unſere Madonnas ihrer Kleider beraubt. Bald darauf war die ganze Stadt von fran⸗ ööſiſchen Soldaten erfuͤllt, und nicht ein Spanier ließ ſich auf den Straßen ſehen. Am Abend gingen Deputationen des Stadt⸗ rathes, der richterlichen und geiſtlichen Behoͤrden zu dem Kaiſer, ihn ihres Gehorſams zu ver⸗ ſichern. Als ſie in ſein Zimmer traten, ſahen ſie ihn haſtig auf und niederſchreiten, die Arme 171 uͤber der Bruſt gekreuzt. Als ihm die Deputa⸗ tionen jetzt gemeldet wurden, drehete er ſich raſch um, und blieb in derſelben Stellung vor ihnen ſtehen. Der Korregidor war der Erſte, welcher ſich nahete, des Kaiſers Hand zu kuͤſſen. Es war ein kleiner Mann, ſtets luſtig, und nicht im Geringſlen verlegen, aber jetzt hatten ihn heitere Laune und Dreiſtigkeit gaͤnzlich verlaſſen, und das aus ſehr triftigem Grunde.— Es waren an dem naͤmlichen Tage in der Stadt vier Franzoſen ermordet worden, und einer von ihnen in dem Kloſter, welches Napoleons Woh⸗ nung grade gegenuͤber lag. Am Tage vorher war der Korregidor in Tor⸗ deſillas bei dem Kaiſer geweſen, und hatte ver⸗ ſichert, er werde ſolche Maaßregeln nehmen, daß die Ruhe geſichert ſey. Leicht konnte der Kaiſer ſchon von dem Morde ſeiner Soldaten gehoͤrt haben, und die Furcht, mit welcher der Korregidor ſich ihm nahete, iſt daher eben ſo natuͤrlich als verzeihlich. Zitternd und ſeufzend begann er ſeine Rede, welche der Kaiſer durch eine Ohrfeige unterbrach, die den armen Korre⸗ gidor ihm zu Fuͤßen warf. Herr, ſagten Sie nicht noch geſtern, redete er ihn hierauf wuͤthend an, daß keinem meiner Soldaten etwas Uebles widerfahren ſolle?— 172 Und find nicht vier Mann meiner eigenen Garde dieſe Nacht ermordet worden? Bei dieſen Worten zog er ſeine Uhr heraus, legte ſie auf den Tiſch und rief: Sind in zwoͤlf Stunden von jetzt an gerechnet, die Thaͤter nicht entdeckt, ſo ſoll der zehnte von allen Vnn erſchoſſen werden. Vergebens trachteten der giſchof und einige Andere aus den Deputationen, Napoleon zur Zuruͤcknahme dieſer ſchrecklichen Drohung zu be⸗ wegen. Er blieb unerſchutterlich, und wollte ſelbſt nicht einmal noch einige Stunden mehr zur Auffindung der Schuldigen geſtatten. Das Schrecken, in welches durch dieſe Nach⸗ richt jede einzelne Familie verſetzt ward, laͤßt ſich nicht beſchreiben. Mehrere verſuchten zu entflie⸗ hen, aber die Schildwachen hatten die ſchaͤrfſten Befehle, Niemand aus der Stadt zu laſſen. Dreißig Tauſend Mann waren in Valladolid. In vielen Haͤuſern waren 30 bis 40 Mann Einquartierung, welchen der Wirth jedes Beduͤrf⸗ niß liefern mußte. Jede Stunde, welche ver⸗ floß, ohne daß die, welche jene vier Franzoſen ermordet hatten, entdeckt waren, ſchien uns die Verkuͤndigung unſeres eigenen Todesurtheiles naͤ⸗ her zu ruͤcken. Das Kloſter ward der Plünderung Preis ge⸗ 173 geben, und einige Soldaten, welche das Reli⸗ quien⸗Gewölbe erbrochen hatten, fanden daſelbſt einen Moͤnch, der aus freien Stuͤcken geſtand, daß er einen jener Franzoſen ermordet habe. Dies war der einzige der Schuldigen, der bis zu der zehnten der von Napoleon beſtimmten zwoͤlf Stunden entdeckt worden war; von den Uebrigen ließ ſich keine Spur auffinden. Da vollfuͤhrte ein Mitglied des Stadtrathes eine That, deren Edelmuth allein die Stadt, in welcher ſie geſchah, der Unſterblichkeit wurdig macht. Durch das allgemeine Elend erſchuͤttert, erhob er ſich von ſeinem Sitze, und ſagte zu ſeinen Gefaͤhrten:„Meine Herren, fuͤhren Sie mich vor den Kaiſer; ich ſelbſt, mit meinen eigenen Haͤnden, todtete jene drei Franzoſen. Ich bin bereit, meine Strafe dafuͤr zu em⸗ pfangen.“ Alle waren uͤberraſcht, aber noch ehe der Wille jenes Ebdlen erfuͤllt werden konnte, brach⸗ ten vier polniſche Uhlanen einen Mann herbeige⸗ ſchleppt, den ſie ergriffen, als er eben die Mauer hatte uͤberſteigen wollen. Man hatte ein großes Meſſer, mit Blut bedeckt, bei ihm gefunden, und als man ihn darauf verhoͤrte, geſtand er, mit jenem Meſſer zwei Franzoſen getodtet zu haben. Dies ward ſogleich Napoleon mitgetheilt, 174 aber er beſtand darauf, auch den dritten Moͤr⸗ der noch zu haben, obgleich nur noch eine Stunde Friſt war. Wenige Minuten vor Ab⸗ lauf derſelben ward dieſer Dritte auch in der That, und zwar durch einen hoͤchſt merkwuͤrdi⸗ gen Umſtand entdeckt. Ein uͤbrigens rechtlicher Mann, ein Borten⸗ wirker, hegte einen ſo gluͤhenden Haß gegen die Franzoſen, daß er keinen Tag hinbrachte, ohne einen, auch wohl zwei zu tödten. Täglich pflegte er ſein Haus ſehr fruͤh des Morgens zu verlaſſen, um auf die„Franzoſenjagd,“ wie er es nannte, zu gehen. Alle Thore wurden durch franzoſiſche Schildwachen beſetzt, deshalb ſtieg er uͤber die Mauer, und bewaffnete ſich in der Vor⸗ ſtadt mit einer Buͤchſe, die er dort verborgen hielt.— Dieſer Mann hatte eine Frau, die wegen ihrer Schoͤnheit bekannte Roſita. Der franzoͤ⸗ ſiſche General⸗Gouverneur der Provinz, der General Kellermann, hatte ſich in dieſe Frau verliebt, und durch mannichfache werthvolle Ge⸗ ſchenke war es ihm gelungen, ſie zur Verletzung ihrer ehelichen Treue zu verleiten. Dies blieb jedoch ein Geheimniß, um welches außer den Schuldigen nur noch ein Dienſtmaͤdchen wußte, „ ——— 175 Ihr Mann, welcher ihre Untreue durchaus nicht ahnete, machte ſie zur Mitwiſſerin ſeiner patrio⸗ tiſchen Thaten. An dem Tage der Ankunft Napoleons hatte der Bortenwirker wie gewoͤhn⸗ lich ſeinen einen Franzoſen ermordet, und ſeine Frau, fuͤr ihres Mannes Leben noch immer bo⸗ ſorgt, rieth ihm, die Stadt zu verlaſſen, weil ſeine That entdeckt werden moͤchte. Er befolgte ihren Rath, war aber unklug genug, am fol⸗ genden Morgen wieder zuräckzukehren, als noch die ſtrengſten Nachſuchungen nach den Mördern jener vier Franzoſen Statt fanden. Der Bor⸗ tenwirker war hoöchſt uͤberraſcht, ſeine Frau nicht zu Hauſe zu treffen. Er fragte das Maͤdchen, aber ihre Antworten zeugten von ſolcher Unruhe⸗ und waren ſo verwiert, daß er Argwohn zu ſchoͤpfen begann. Als er indeſſen nichts erfahren konnte, wurde er ſo wuͤthend, daß das Madchen Alles fuͤr ihre Gebieterin befurchtete, und zu dieſer eilte, ſie von der Ruͤckkehr ihres Mannes zu benachrichtigen. Roſita war in den Armen ihres Geliebten, und ſah ſehr wohl ein, daß ſie verloren ſey, wenn ihr Mann die an ihm be⸗ gangene Untreue erfahre. Um ſich zu retten, entdeckte ſie ihrem Geliebten die letzte Mordthat ihres Gatten. Dieſer ward ſogleich verhaftet, und geſtand ohne Zögern, daß er nicht allein 176 die ſen Franzoſen ermordet habe, ſondern täg⸗ lich wenigſtens einen. So entging die Stadt dem gedroheten ſchreck⸗ lichen Schickſale, und die Unruhe jedes Einzel⸗ nen ſchwand. Als Napoleon dies erfuhr, ſagte er mit ſelbſtzufriedenem Laͤcheln:„Ich weiß ſehr gut, daß nichts unmoͤglich iſt, wenn ich be⸗ fehle!“ Dann befahl er, daß die Moͤrder um eilf Uhr, noch an dem nämlichen Tage, hinge⸗ richtet werden ſollten. Roſita, durch eines jener unwillkuͤhrlichen Gefuͤhle, die ſo oft die Hand⸗ lungen der Weiber beſtimmen, angetrieben, warf ſich dem Kaiſer zu Fuͤßen, und flehte unter einem Strome von Thränen um das Leben ih⸗ res Mannes. Anfangs blieb der Kaiſer unge⸗ ruͤhrt bei ihren Bitten, endlich aber ſagte er⸗ daß er aus beſonderer Gnade und Milde dem der drei Verbrecher das Leben ſchenken wolle, welcher verheirathet ſey, und die meiſten Kinder habe.— Der Zufall wollte, daß dies der Mann Roſita's war. Die Stunde der Hinrichtung war gekommen, und Roſita flog daher nach der Plaza Mayor⸗ wo ſie in eben dem Augenblicke anlangte, als der Scharfrichter ihrem Manne den Strang um den Hals ſchlang. Er ward ſogleich in Freiheit geſett, und verließ die Stadt, ohne ſein Weib auch 177 auch nur eines Blickes zu wuͤrdigen. Aber bald darauf ward er wieder zuruͤckgebracht, um auf derſelben Richtſtaͤtte ſein Leben einzubuͤßen, denn er war von den franzoͤſiſchen Dragonern bei einem Gefechte mit den Guerillas in der Nihe von Valladolid, gefangen genommen. So endigte ein Ereigniß, welches leicht für die ganze Stadt von den traurigſten Folgen hätte ſeyn koͤnnen. Heftige Maaßregeln wuͤrden uͤbrigens die Einwohner nicht eingeſchuͤchtert, ſon⸗ dern nur ihren Haß gegen die Franzoſen geſtei⸗ gert haben. Noch waͤhrend ſeines Aufenthaltes zu Val⸗ ladolid erfuhr Napoleon die Kriegserklaͤrung Oeſtreichs. Drei und einen halben Tag darauf war dieſer merkwuͤrdige Mann in Paris. Er reiſte zu Pferde, zwei Stunden des Tages aus⸗ genommen, waͤhrend welcher er ſich in einen Wagen ſetzte, um zu ſchlafen. Ueberall von Valladolid bis Bajonne war die Straße mit franzöſiſchen Truppen beſetzt, um jeden Ueberfall der zahlreichen Streifcorps, welche jetzt anfingen ſich zu bilden, zu verhindern. Unſere groͤßeren Heere waren nach und nach zerſprengt worden, und die Einwohner, welche bis jetzt ihr Elend noch mit Geduld getragen hatten, verſuchten nun, das Joch, das ſie 6 12 178 druckte, durch eigene Kraftanſtrengung abzuſchuͤt⸗ teln. Jede Provinz, jede Stadt, jeder Einzelne fühlte taglich mehr die Nothwendigkeit, dem all⸗ gemeinen Feinde mit Gewalt zu wiberſtehen. Wiederholte Erfahrung hatte uns gelehrt, daß unſere groͤßeren Heere den Franzoſen in offener Schlacht nicht gewachſen ſeyen, und wir fanden uns daher auf den kleinen Krieg verwieſen, den die Junta von Spovilla gleich beim Ausbruche der Feindſeligkeiten ſo dringend empfohlen hatte, und der ſeit der Zeit auch ſchon mit ſo guͤnſti⸗ gem Erfolge gefuͤhrt worden war. Die Theile Spaniens, welche die Franzoſen beſetzt hatten, waren bald von Guerilla⸗Haufen erfuͤllt; einige derſelben beſtanden aus den regu⸗ lären Truppen, den ſchwachen Ueberbleibſeln gro⸗ ßerer Heere, andere aus den Landbewohnern. Maͤnner von dem friedlichſten Charakter wur⸗ den thaͤtige und kuͤhne Fuͤhrer. Sie hatten keine militaͤriſche Obergewalt, und keine beſtaͤndigen Truppen, aber ſie waren Fahnen, um welche die Einwohner der Gegend ſich ſammleten, un⸗ ter denen ſie fochten. Neuigkeiten von dem kleinſten Vortheile, den die zahlreichen Guerilla⸗ Haufen erfochten, gelangten ſchnell zu dem Volke und wurden mit Jubel aufgenommen. Ihre Unternehmungen belebten die Hoffnungen 7 179 aufs Neue, welche die Niederlagen unſerer Ar⸗ meen fuͤr einige Zeit zertruͤmmert hatten. Um die ſpaniſche Nation zu noch kraftigerem, wirkſamerem Wiberſtande gegen die Franzoſen anzufeuern, erließ die Junta von Badajoz und mehrere andere, Adreſſen an das Volk, und gab Befehle zur Errichtung einer großen Anzahl kleiner Detachements. Die Waffen, deren ſich die Spanier bedienten, waren nur doppelter Art; die Muskete und das cuchillo, oder Seitenge⸗ wehr, die erſtern, die Transporte der Feinde zu uͤberfallen, die letztern zum nachtlichen An⸗ griffe.*) Bei dem Entſtehen dieſer einzelnen Streif⸗ corps erließen der Marſchall Soult und mehrere andere Generale, auf Napoleons ausdruͤcklichen Befehl, Bekanntmachungen, daß kein Spanier, der mit den Waffen in der Hand gefangen wuͤrde, Pardon erhalten ſolle, wenn er nicht zu den regulaͤren Heeren gehoͤre. Alle ſollten wie Rebellen gegen die öffentliche techtmäßige Gewalt angeſehen, und ohne Gnade durch Feuer und Schwert hingetichtet werden. Drei Soldaten ²) Dieſe cuchillos ſollen Napoleon in dem ſpa⸗ niſchen Kriege mehr Menſchen geraubt haben, und von ihm ſelbſt mehr gefurchtet worden ſeyn, als die laut donnernden Kanvnen. 12* — — 180 Minas wurden in Folge dieſer Befehle erſchoſſen, aber ſchon am nächſten Tage darauf hingen ein⸗ undzwanzig Franzoſen an den Bäumen nahe bei Pampeluna, und Mina erließ zugleich die Be⸗ kanntmachung, daß er fuͤr jeden ſeiner Soldaten, welchen die Franzoſen erſchießen ließen, ſieben Franzoſen haͤngen wuͤrde. Dies nahm man fuͤr leere Drohung, und der franzoͤſiſche Gouverneur ließ ſogleich mehrere Guerillas, welche er noch in ſeiner Gewalt hatte, erſchießen. Regelmaͤßig zeigten die Bäͤume um Pampeluna die gedrohte Rache. Alle uͤbrigen Guerilla⸗Anfuͤhrer folgten dem Beiſpiele Minas, und die Regentſchaft Spaniens zeigte ſich nicht nur hiemit zufrieden, ſondern forderte ſogar zu noch blutigerer Wieder⸗ vergeltung auf. Doch erſt wenig Beiſpiele von der Rache der Spanier waren auf dieſe Weiſe gegeben, als die ganze franzoͤſiſche Armee ihre Unzufriedenheit laut zu erkennen gab, und Na⸗ poleon ſich zu der Erklaͤrung genoͤthigt ſahe, daß auch gegen die Guerillas das Recht des Krieges gelten ſolle. Ich war jetzt 17, Raimundo 18 Jahr alt. Unſer Verlangen, Guerillas zu werden, ward mit jedem Tage durch das ſchaͤndliche Betragen der Franzoſen mehr geſteigert. Nichts konnte unſeren Haß ſchneller bis zum aͤußerſten Grade 181 treiben, als die Grauſamkeit, mit welcher die ſpaniſchen Gefangenen behandelt wurden. Nach der Schlacht bei Ocanna uͤbertrugen die Franzo⸗ ſen den deutſchen Truppen den Transport der Gefangenen, mit dem ſtrengſten Befehle, jeden niederzuſchießen, der nicht mehr mit fort koͤnne. Sie wollten dadurch ihre Grauſamkeit den Deut⸗ ſchen zur Laſt legen. Hunderte der ungluͤcklichen Gefangenen wurden ohne Gnade niedergeſchoſſenz andere ſanken vor Ermattung um. Die Wild⸗ heit dieſer Truppen war ſchon an und fur ſich ſo groß, daß ihnen beſondere Strenge gar nicht erſt befohlen werden durfte. Ich ſelbſt ſah in den Straßen Valladolids vier Gefangene toͤdten. Die Einwohner hatten ſich in großer Zahl verſammlet. Sie ſuchten die Aufmerkſamkeiten der Bedeckung auf alle mogliche Weiſe abzulenken, und ließen die Thuͤ⸗ ren ihrer Haͤuſer offen, damit die Gefangenen entſchluͤpfen konnten. Einer derſelben, aus Val⸗ ladolid gebuͤrtig, war wirklich der Aufmerkſam⸗ keit ſeiner Waͤchter entgangen, und eben im Begriffe, in ſein eigenes Haus zu treten, wo ſeine Mutter zitternd ſeiner wartete, da bemerkte ihn ein Gensd'armes. Er errieth die Umſtaͤnde, gab einem Soldaten der Bedeckung ein Zeichen, 182 und dieſer ſchoß den Ungluͤcklichen auf der Stelle nieder. Ein ſolches Betragen gegen Unbewaffnete, welche eher Mitleid verdient hätten, befeuerte den Haß mehrerer, ſonſt aͤußerſt friedliebender Buͤrger ſo ſehr, daß ſie noch an demſelben Tage Valladolid verließen, um ſich mit den Patrioten zu vereinigen, und mein Bruder Raimundo und ich beſchloſſen zu gleicher Zeit uns heimlich zu entfernen, wenn mein Vater uns nicht die Er⸗ laubniß gaͤbe, die ſpaniſche Armee gufzuſuchen. Doch wir hatten nicht noͤthig, ohne Wiſſen und Willen unſeres Vaters zu entfliehen. Im Stil⸗ len billigte er unſern Entſchluß, nur fuͤrchtete er die Gefahren, denen wir entgegen gehen woll⸗ ten, unſerer großen Jugend wegen. Aber auch unſer Bleiben war faſt mit nicht minderer Ge⸗ fahr verbunden, denn täglich hatten wir Haͤndel mit den franzöſiſchen Offizieren in unſerem Hauſe. ſa Sobald die nöthigen Vorbereitungen getrof⸗ fen, nahmen wir daher von unſerer Familie Abſchied. Alle waren tief betrubt. Die Ab⸗ ſchiedsworte meines Vaters machten auf mich einen ſo tiefen Eindruck, daß ich ſie noch zu horen glaube. Meine Kinder, ſagte er, mit jenem Aus⸗ 183 drucke der Ergebung, der ihm ſo ganz beſonders eigen war, Ihr wißt, wie ich gelebt habe, wißt, wie die Achtung meiner Mitbuͤrger mir dafuͤr lohnt; moge ich mich im Augenblicke unſeres Scheidens mit der Hoffnung troͤſten, daß Ihr Euch ſtets wuͤrdig zeigen werdet, meine Sohne zu heißen. Erhaltet Euch immer jenen unbe⸗ fleckten Ruf, der das höchſte Streben meines ganzen Lebens war.— Wollt Ihr Euch in der Stunde der Gefahr erinnern, daß die Ehre des Lebens Höchſtes, und Leben ohne Ehre des Beſitzes nicht werth iſt?— Darf ich hoffen, daß Ihr nicht blos tapfer, ſondern auch ver⸗ ſtaͤndig, nicht blos feſt, wo es Noth thut, ſon⸗ dern auch edelmuͤthig und menſchlich ſeyn wer⸗ det?— Er ſchwieg, und unſere Thraͤnen wa⸗ ren unſere Antwort. Verſprecht Ihr dies, meine Kinder, fuhr er nach einer Pauſe fort, ſo geht mit Gott, und waͤre es zum Tode. Fallt Ihr mit Ehre, ſo ſterbe ich ruhig. Segnend ſtreckte er ſeine Hand uͤber uns aus, wir kuͤßten ſie, und— gingen. 184 —— swölftes Kapitel. Unter dem Schutze der Dunkelheit verließen wir die Stadt, von Niemand begleitet, und über die Mauern ſteigend. Leicht hätten wir ſonſt angehalten, und die Sicherheit unſerer Familie gefährdet werden können, denn die Franzoſen hatten auf das Strengſte befohlen, daß Jeder, der die Flucht irgend eines Buͤrgers beguͤnſtige, als Gefangener nach Frankreich gefuͤhrt werden ſolle. P 3 5 Wir waren kaum eine Meile von der Stadt entfernt, als wir vier Maͤnner bemerkten, welche grade auf uns zugeritten kamen. Der Mond ſchien hell, und wir konnten ihren Anzug ge⸗ nau erkennen. Ihren ſchimmernden Helmen und den langen weißen Maͤnteln nach zu urthei⸗ len, waren es Franzoſen, doch ließ ſich auch wieder nicht erwarten, daß vier Dragoner ganz allein und um dieſe Zeit an einen ſo einſa⸗ men, entlegenen Ort von der Stadt ſich wagen ſollten. Als ſie etwa noch auf Piſtolenſchußweite von uns entfernt waren, hielten ſie und uͤberraſchten 185 uns durch ein lautes:„ Qui vive?“— deſſen ungeachtet antworteten wir:„Spanier!“ Da feuerten alle Vier ihre Piſtolen ab, und ſpreng⸗ ten auf uns zu. Doch zu unſerer Freude ſahen wir nun, daß ſie ſelbſt Spanier waren. Sie hatten uns fuͤr zwei Zolloffizianten gehalten, die um dieſe Zeit hier herumzuſchleichen pflegten, um zu verhindern, daß Wein in die Stadt ge⸗ ſchmuggelt werde, die aber franzöſiſche Spione ſeyn, und deshalb ihre Strafe erhalten ſollten. Uebergluͤcklich uͤber das Gelingen unſerer Flucht, gingen wir mit einem jener vier Män⸗ ner, der uns zugleich als Bote und Beſchuͤtzer diente, nach Tudela de Duero, einem Dorfe, welchem Pferde und Waffen unſerer warteten. Es war Mitternacht, als wir es einſcheei ſogeich gingen wir zu dem Pfarrer, unſerem Verwandten, der unſere ganze Ausruͤſtung, be⸗ ſtehend aus einem Pferde, einem Karabiner, einem Paare Piſtolen, einem breiten Schwerte und einem Seitenmeſſer fuͤr Jeden beſorgt hatte. Unſere Uniform war ein einfacher gruͤner Rock, mit rothem Kragen, ein Paar weite gruͤne Bein⸗ kleider mit einem rothen Streifen an der Seite, und ein dreieckiger Hut mit einer rothen Ko⸗ karde. In der Mitte derſelben befand ſich Fer⸗ dinands Bildniß, von mehreren rothen Baͤndern 186 umgeben. Auf bieſen Baͤndern waren verſchie⸗ dene Inſchriften, wie z. B.:„Vencer o mo⸗- rir,“—„Patria, Religion, 7 Rey,“ u. ſ. w. Am folgenden Tage nahmen wir ſchon von dem Pfarrer Abſchied. Er weinte wie ein Kind, und ſchloß uns zaärtlich in ſeine Arme. Wir verließen das Dorf in Begleitung von zwei jun⸗ gen Bauern, die ebenfalls beritten waren, und unſere Adjudanten vorſtellen ſollten. Die lauten Segenswuͤnſche der Bauern, welche uns ſeit un⸗ ſerer zarteſten Kindheit kannten, folgten uns a iri iotih 1b3 Selbſt der Held von la Mancha, wenn er geruͤſtet auszog, um Abentheuer zu beſtehen, konnte ſich nicht ſtolzer fuͤhlen, als wir an jenem Tage, der einen neuen Abſchnitt in unſerem Leben bil⸗ den ſollte. Auch glaube ich wirklich, daß jene Sonne aller irxenden Ritter in Gedanken keine abentheuerlicheren Plaͤne ausſinnen konnte, als wir es thaten, indem wir ſtolz zu Roſſe ſitzend, an den reizenden Ufern des Duero hinabritten, um unſer ſtehendes Heer aufzuſuchen, welches, wie man uns geſagt hatte, jetzt⸗ in der Ge⸗ gend von Ciudad Rodrigo ſeyn ſollte. Die Franzoſen hatten ganz Alt⸗Caſtilien be⸗ ſetzt, und faſt in allen größern Städten, beſpn⸗ ders aber in denen an den Landſtraßen, lagen ——————— Garniſonen von ihnen, deshalb mußten wir bie Staͤdte ſorgfaͤltig vermeiden. Die Stimmung des Landvolkes war aber der allgemeinen Sache des Vaterlandes uͤberall ſo guͤnſtig, daß wir deſſen un⸗ geachtet keiner Gefahr begegneten. Es iſt mir nicht ein einziges Beiſpiel bekannt, daß waͤhrend des ganzen Krieges ein bewaffneter Spanier den Franzoſen durch falſche Zurechtweiſungen d Bauern in die Haͤnde gefallen waͤre, Dies iſt ein ſo edler Zug meiner kensnt baß er nie genug geruͤhmt werden kann. We⸗ der Verſprechungen noch Drohungen konnten den hochherzigen Caſtilier bewegen, an der Sache ſeines Vaterlandes zum Verrather zu werden. Kein Anblick war lihm willkommener, als der eines bewaffneten Spaniers, welcher einen Fran⸗ zoſen verfolgte. Er ſah es fuͤr eine heilige Pflicht an, den Spaniern zu verrathen, wo ſie einen oder mehrere Franzoſen finden koͤnnten, und mit eigener Gefahr war er ſtets zum Fuͤh⸗ rer bereit. Wie viele Guerillas ſind durch die Caſtilier gerettet worden, indem dieſe ſie, mit Gefahr ihres eigenen Lebens, in ihren Haͤuſern verbargen. Wie viele Bauern habe ich gleichguͤltig auf die Flamme blicken ſehen, die ihr Haus ver⸗ zehrte, weil ſie es einem Guerilla als Freiſtätte eröffnet hatten. Wie oft hat der Bauer dem 188 braven Vertheibiger ſeines Vaterlanbes ſeinen letz⸗ ten Biſſen Brot, ſeinen letzten Real gegeben, mit einer Freude gegeben, als erkaufe er ſich dadurch den herrlichſten Genuß. Die Uebel, welche andere Nationen als eine nothwendige Folge des Krieges anſehen, und denen ſie ſich, wenn auch murrend, unterwer⸗ fen, dienten bei den Spaniern nur dazu, ihren Muth und ihren Haß gegen die Feinde noch mehr zu entflammen. Ungebeugt durch die Grau⸗ ſamkeit der Franzoſen, dachten ſie beſtaͤndig nur auf Wiedervergeltung, und zeigten wechſelsweiſe, wie die Verhaͤltniſſe es heiſchten, die größte Kuͤhnheit oder die groͤßte Verſchlagenheit. Oft erhielten die Bauern von ihrer Einquar⸗ tierung Kunde von dem Marſche der Franzoſen, nahmen dann ihre Hacken, als wollten ſie zur Arbeit auf das Feld gehen, verſammleten ſchnell einige ihrer Freunde, und legten ſich in Hinter⸗ halt, um den Franzoſen das wieder abzunehmen, was ſie durch Pluͤnderung an ſich gebracht hat⸗ ten. Oder ſie ladeten die Soldaten ein, ein Glas Wein mit ihnen zu trinken, und hoben die Unglucklichen dann das Glas an ihre Lippen, ſo ſtießen ſie ihnen ein Meſſer in die Bruſt, oder ſchmetterten ſie mit einem kräftigen Schlage auf den Kopf zu Boden. 189 So waren die Franzoſen beſtaͤndigen Gefah⸗ ren jeder Art ausgeſetzt, aber zu dieſer gluͤhen⸗ den Rache, die keine Mittel ſcheut, um ihren Zweck zu erreichen, hatten ſie ſelbſt die Spanier erſt getrieben. Dies war auch der Grund, wes⸗ halb die Franzoſen, welche waͤhrend der ſechs Jahre des Krieges in Spanien zehn große Schlach⸗ ten gewannen, und jeden bedeuternden feſten Platz nahmen, nie auch nur eine einzige Pro⸗ vinz völlig zu unterjochen vermochten. Waͤhrend die franzoͤſiſchen Heere ganz Spanien, bis Gi⸗ braltar hinunter, uͤberſchwemmten, drangen die ſpaniſchen Guerillas in das Herz von Frankreich ein, und erhoben Kontributionen bis vor den Thoren von Toulouſe. Aber wieder zu mir ſelbſt zuruͤck! In alle den Staͤdten und Doͤrfern, durch welche wir ka⸗ men, wurden wir von den Einwohnern herzlich begruͤßt, und mit der groͤßten Gaſtfreundſchaft aufgenommen. Unſere Jugend, vereint mit un⸗ ſerem Eifer fuͤr die Sache der Unabhaͤngigkeit, erregte die Theilnahme der Männer wie der Wei⸗ ber; von dieſen erhielten wir mannigfache Be⸗ weiſe der Zuneigung, von jenen Rath und Er⸗ munterung. Nichts konnte uns zufriedener ſtim⸗ men, als eine ſolche Reiſe; uͤberall trafen wir dieſelben Geſinnungen, uͤberall unſere eigenen Ge⸗ ———————— 100 fuͤhle in dem Buſen jedes unſerer Mitbürger. Auch die Unabhängigkeit, in der wir lebten, ſagte uns zu. Die Spuren der Verwuͤſtung, welche eine erobernde Armee jedes Mal hinter ſich zuruͤck⸗ läßt, und die Oede und Stille des Todes, wel⸗ che an vielen Orten herrſchte, ſtoͤrten aber dieſe freudigern Gedanken oft. Wenn wir durch die zerſtörten oder verlaſſenen Doͤrfer Fann, hoͤrten wir keinen Ton des Lebens, als das Echo von den Tritten unſerer eigenen Roſſe, oder das Kraͤchzen der Raben, welche dieſe traurigen Orte umſchwärmten. Dann und wann bewegte auch wohl die Kraft des Windes eine Glocke, daß ſie einen tiefen, langtönenden, melancholiſchen Klang von ſich gab, und gleich einem Rufe aus der Geiſterwelt in das Leben zu dringen ſchien. Die Thuͤren der meiſten Häuſer ſtanden weit offen, und wir lernten hier eine neue Art ken⸗ nen, wie die Franzoſen ſich die zu oͤffnen wuß⸗ ten, die Kolbenſtoßen oder Steinwuͤrfen wider⸗ ſtanden; ſie ſchoſſen naͤmlich gegen das Schloß. Oft vermauerten die Einwohner vor der Flucht ihre beßte Habe, allein das war vergebne Vorſicht. Gleich Architekten maßen die Fran⸗ zoſen die Häuſer von außen und von innen, 191 und entbeckten ſo gar teicht, o etwas ver⸗ mauert war. Eines Nachmittags, oder noch ſpäter, patti Raimundo und ich von einem jener verlaſſenen Haͤuſer Beſitz genommen, um die Nacht in demſelben zuzubringen. Unſere Diener waren auf das Feld gegangen, um Futter fuͤr unſere Pferde zu ſuchen. Plötzlich hoͤrten wir in einem benachbarten Gemache einen tiefen, ſchweren Seufzer. Ueberraſcht ſprangen wir Beide empor, da hoͤrten wir ganz deutlich eine klagende Stim⸗ me wie es uns ſchien, eine weibliche. So eben wollten wir in jenes Zimmer treten, um zu for⸗ ſchen was es gebe, da ſturzten unſere Diener herein und ſagten, daß ein ſtarkes Kommando Franzoſen ſich eilig nahe. Wir hatten kaum noch Zeit, unſere Pferde zu beſteigen, und ſprengten dann im vollen Gallop davon. Die Franzoſen hatten uns aber bemerkt, und ſandten ſieben bis acht Mann zu unſerer Verfolgung ab. Zum Gluͤck waren wir in der Gegend ge⸗ nau bekannt, und ſo gelang es uns denn, auf einem ſchmalen Fußſteige ein Gehoͤlz zu erreichen, welches uns den Blicken unſerer Verfolger ent⸗ zog, auch wagten ſie es nicht, uns noch weiter nachzuſetzen. Nachdem wir uns in dem Holze ſo lange verborgen gehalten, daß wir glauben 192 durften, die Franzoſen wuͤrden ſich entfernt ha⸗ ben, kehrten wir mit der noͤthigen Vorſicht wie⸗ der nach dem ſo eben erſt verlaſſenen Dorfe zu⸗ ruͤck, denn wir waren zu begierig, zu erfahren, von wem jenes Seufzen hergeruͤhrt habe. Wir fanden eine Frau, etwa dreißig Jahr alt, leblos auf einem Bunde Stroh liegend. Wir unter⸗ ſuchten ihren Zuſtand genauer, und ſahen, daß ſie wirklich todt war. Nach ihrem Anzuge zu ſchließen, ſchien es eine jener Frauen zu ſeyn, welche den franzöſiſchen Heeren uͤberall folgten. Unſere Diener fanden ein reiches Halsband und einige Goldſtuͤcke bei ihr, die ſie zu ſich ſteckten, ſie als Andenken zu bewahren, wie ſie ſagten. ———————————— —————————————— Drei⸗ 193 Dreizehntes Kapitel. Am folgenden Tage ſetzten wir unſere Reiſe wei⸗ ter fort. Haͤufig ſahen wir in einiger Entfer⸗ nung von unſerem Wege Trupps von Bauern, die ſich bei unſerer Annaͤherung in das Dickicht der Gebuͤſche zuruͤckzogen. Oft ſahen wir von ihnen weiter nichts, als von Zeit zu Zeit einen Kopf, der aus ſeinem Schlupfwinkel hervorblickte, um genauer zu erkennen, wer wir waren. Die mannichfachen Entbehrungen, denen dieſe Ungluͤck⸗ lichen im Verfolge des Krieges ausgeſetzt waren, noͤthigte ſelbſt die zu Gewaltſtreichen gegen die verhaßten Fremdlinge, die ſich in die Waͤlder ge⸗ fluͤchtet hatten, um dort in Ruhe zu leben. Unweit Medina del Campo trafen wir auf den beruͤhmten Bruder Kapuziner. Ihm gebuͤhrt die Ehre, zuerſt eine Furcht gebietende Guerilla⸗ Parthei auf der Halbinſel gebildet zu haben. Es war Nacht, als wir an das Haus kamen, in welchem er ſich befand. Zwei Reuter ſpreng⸗ ten auf uns zu, ſobald ſie unſere Annäherung be⸗ merkten.„Quien vive?“ riefen ſie.„Espanna!“ antworteten wir, und erhielten nun die Erlaub⸗ 13 194 niß, uns zu naͤhern. Wir traten in einen gro⸗ ßen Hof, auf welchem vier bis fuͤnf Feuer brann⸗ ten. Eine Menge Maͤnnet in alle mogliche Far⸗ ben gekleidet, hatten ſich darum gelagert. Die Kleider hatten ſie den getoͤdteten Franzoſen ab⸗ genommen. Einige von ihnen trugen franzöſiſche Dragoner-Uniformen, und ihre eigenen Beinklei⸗ der und Gamaſchen; andere hatten die geſtickten Beinkleider eines Huſaren an, und dazu die ge⸗ wöhnlichen Bauernjacken. Einer erregte beſondere Aufmerkſamkeit; er trug den reichgeſtickten Rock eines Tambour⸗Majors, und hatte einen Dra⸗ gonerhelm auf dem Kopfe. Unmoͤglich war es, dies bunte Gemiſch der Kleidungen ohne Lächeln zu betrachten. Sie waren ſo eben von einer glůctchen unternehmung gegen einen kleinen franzöſiſchen Transport zuruckgekehrt, und hatten alle die herr⸗ lichen Vorräthe eines franzöſiſchen Marketenders erbeutet. Einige raüchten Zigarren, und hatten Kruͤge mit Wein neben ſich ſtehen; Andere röſteten Saucischen oder brieten Gefluͤgel, und wieder Andere aßen ihte sopas de ajo(Knob⸗ lauchſuppe). Viele von ihnen hatten gewiß nie in ihrem Leben eine trefflichere Mahlzeit verzehrt. Als wir eintraten, ſtanden Mehrere auf, und fragten uns, ob vielleicht Franzoſen ſo nahe waͤ⸗ 195 ren, daß ſie angegriffen werben koͤnhten. Wir befriedigten ihre Neugier ſo gut wir es vermoch⸗ ten, und wurden dann in die Kuͤche gefuͤhrt. Dort ſahen wir den Päter Kapuziner. Er ſaß auf dem einzigen Stuhle, welcher ſich in dem Raume befand, und mehrere Perſonen ſeines Generalſtabes lagen um ihn her duf dem Boden. Der Witth, die Wirthin und einige Bauern ſaßen auf einer Bank. In der Mitte der Kuͤche ſtand ein Tiſch; mit den Ueberreſten einer Mahl⸗ zeit, die wahrſcheinlich eben ſo wie die der Ge⸗ meinen auf dem Hofe, groͤßtentheils aus den Sachen des franzoſiſchen Marketenders beſtanden hatte. Der Pater trug ſein Ordensgewand, unb hatte einen langen Bart. Er war etwa vierzig Jahr alt, groß und wohlgebaut, hatte einen leb⸗ haften Blick, und ein Ehrfurcht gebietendes We⸗ ſen. Meben ſeinem Roſenkranze, der von ſeinem Guͤrtel herabhing, ſteckten ein Pnar Piſtolen und ein langes Meſſer. n Als wir einträten, hieß er uns willkommen, und reichte uns die Hand zum Kuſſe, ohne ſich von ſeinem Sitze zu erheben. Er fragte uns nach Mehrerem; und ſchien mit unſeren Antwor⸗ ten ſehr zufrieden. Während unſerer Unterredung erzaͤhlten wir ihm unſer kleines Abentheuer der 13* ₰ 196 erſten Nacht, und er lachte uͤber den Jerthum. Er ſagte, wenn wir einige Tage bei ihm bleiben wollten, ſollten wir ſehen, wie man tapfer fech⸗ ten müſſe, denn er haͤtte Maͤnner unter ſeinem Befehle, die vor der ganzen Armee der Gabachos nicht zittern wuͤrden. Er erzählte uns, wie er einſt von den Franzoſen gefangen genommen, und wie er ohne Vermittelung des Generals Sebaſtiani, deſſen Adjudanten er fruͤher das Leben erhalten, gehangen worden wäre; wie es ihm gegluͤckt auf dem Transporte nach Frankreich, in der Gegend von Burgos zu entſpringen, und mehrere andere hoͤchſt unterhaltende Einzelnheiten aus ſeinem Leben. Waͤhrend wir noch mit ihm ſprachen, trat ein junger Bauer ein, und uͤbergab ihm einen Brief. Als er ihn geleſen, ſtand er raſch auf, und griff nach ſeinem Säbel. Meine Freunde, ſagte er hierauf zu denen, welche im Zimmer waren, geht und haltet Eure Pferde bereit, denn wir muſſen ſogleich nach der Straße von Avila aufbrechen, um ein kleines Kommando Franzoſen zu uͤberfallen. Alle ſprangen auf, und verließen die Küche. Hierauf wandte ſich der Pater zu uns. Ich will Euch mit mir nehmen, ſagte er, wenn Ihr tapfer ſeyd, und Euch als wahre Caſtilianer zeigen wollt. 191 Er ſolle keine Urſache finden, uͤber uns zu klagen, erwiederten wir, und wir wuͤrden uns der Ehre wuͤrdig zeigen, unter ſeinen Befehlen zu fechten.„Vencer 6 morir!“ fuͤgte mein Bruder hinzu, iſt unſer Wahlſpruch, und wir denken ihm keine Schande zu machen. Nun wohl, meine Söhne entgegnete er, ſo laßt uns gehen! Als wir auf den Hof traten, waren Alle in zwei Linien aufgeſtellt. Es mochten etwa dreißig Mann Kavallerie, und ſechszig Mann Infanterie ſeyn. Nachdem der Bruder Kapuziner ſein Pferd beſtiegen hatte, hielt er eine kurze Anrede an ſeine Mannſchaft, ermahnte ſie, mit ihrer gewoͤhn⸗ lichen Tapferkeit zu fechten, und verſicherte, daß Jeder, der in dem ruͤhmlichen Kampfe einen ehren⸗ vollen Tod finde, ſogleich in den Himmel ein⸗ gehe. Dann ſetzte er ſich an die Spitze und vefahl den Aufbruch. Mein Bruder und ich mußten in ſeiner Naͤhe bleiben, Einer zu ſeiner Rechten, der Andere zu ſeiner Linken. Die Nacht war ſo finſter, daß wir kaum den Weg ſehen konnten, und dabei war Alles ſo ſtill, daß außer den Tritten nichts zu hoͤren war, und Niemand haͤtte ahnen koͤnnen, daß faſt hundert Menſchen hier beiſammen wärenz— nicht das leiſeſte Gefluͤſter fand Statt. 198 Nachdem wir einige Stunden marſchirt wa⸗ ren, kamen wir an ein dichtes Gehoͤlz in der Naͤhe einer Straße. Hier gebot der Pater Halt zu machen, und hefahl ſeinen Leuten, ſich zum Angriffe bereit zu halten, denn in einer halben Stunde muͤſſe der Feind hier ſeyn. Es war zwiſchen zwei und drei Uhr des Morgens. Der Mond ging eben auf, aber ſo in Wolken gehuͤllt, daß er nur ein ſparſames Licht verbreitete. Jetzt kam ein Mann gelaufen und verkuͤndete die Annaͤherung des Feindes; ungefaͤhr vierzig Mann ſtark, Alles Kavallerie; auch hätten ſie einen Wagen bei ſich. Der Pater ſtellte hierauf ſeine Infanterie in die Mitte des Gebuͤſches, und theilte die Reuter in zwei Haufen, deren einen er etwa hundert Schritt rechts, den andern eben ſo weit links von der Infanterie aufſtellte. Er befahl ihnen dabei, ruhig zu bleiben, bis die Fußſchützen ein Mal gefeuert haͤtten, dann aber hervorzuſprengen, Karabiner und Piſtolen auf den Feind abzufeuern, und ihn zulett mit dem Säbel anzugreifen. Die franzöſiſchen kamen s auf Bächſenſchuß⸗Naͤhe heran, da ertonte das Wort „ſuego!“ Die Kavallerie ſprengte hervor, und Aues ſtrzte nach der Straße. Ich trachtete, immer ſo nahe als wöglich neben dem Pater zu 199 bleiben. Mehrere Franzoſen und einige Pferde ſahe ich von unſeren Schuͤſſen zu Boden geſtreckt, und aus dem Wagen ſprang ein Offizier. Ei⸗ nige der Unſrigen bemaͤchtigen ſich feiner ſogleich. Ich bemerkte, daß mehrere der Dragoner die Flucht ergriffen, und ſpornte mein Roß, um ihnen nachzuſetzen, aber noch ehe ich ſie einholen konnte, hatten unſere Leute ſie niedergehauen, und ich kehrte wieder zu unſerm Befehlshaber zuruͤck. Hier ſah ich zu meiner großen Freude den ſchoͤnen Adjudanten des Generals Kellermann, den Herrn von Turenne, in unſerer Gewalt. Sein ſchoͤner, langer, wohlgepflegter Schnurrbart hatte zur Eroberung mancher Schonen in meiner Vater⸗ ſtadt nicht wenig beigetragen. Er ſtammte von der beruͤhmten Familie Tuͤrenne ab, und war in Hinſicht ſeiner Tapferkeit des großen Tuͤrenne ſelbſt vollkommen wuͤrdig. Er war der Ueber⸗ bringer wichtiger Depeſchen von dem Gouverneur zu Valladolid an irgend einen andern General. Einige unſerer Leute wollten ihn niederſtoßen, aber der Bruder Kapuziner verhinderte es, und vefahl, ihn gut zu behandeln. Dennoch konnte Einer dem Drange nicht widerſtehen, ihm feine goldenen Epaulets, ein Anderer feinen Helm zu nehmen; ein Dritter fand, daß ſeine Stiefeln zu gut fur die Füße eines Gefangenen wären, und —— ——— ———— ———— 200 ein Vierter nahm ihm ſeine prachtvolle Uniform, um ihm eine Bauernjacke dafuͤr zu geben. Dieſe Kleinigkeiten ausgenommen, hatte er ſich uͤber die Behandlung nicht zu beklagen. Nur ſechs bis ſieben Dragoner entkamen; die uͤbrigen fielen, ſich wuͤthend vertheidigend, als ſie ſich den Weg zur Flucht abgeſchnitten ſahen. Unſer Verluſt beſtand nur in zwei Mann und drei Pferden, welche getoͤdtet, und vier bis fuͤnf Mann, welche leicht verwundet waren. Wir erbeuteten uͤber 20 Pferde. Hierauf kehrten wir nach jenem Orte zurüch von wo wir ausmarſchirt waren. Jeder bedurfte der Ruhe, ſtreckte ſich am Boden aus, und uͤber⸗ ließ ſich dem Schlafe. Gegen Mittag erwachte ich und verzehrte mit meinem Bruder und dem Pater Kapuziner ein Mittagsmahl; auch Herr von Tuͤrenne war deſſen Gaſt. Wir ſahen ihn etwas verſtimmt, und mein Bruder und ich tran⸗ ken ihm daher, um ihn aufzuheitern, die Ge⸗ ſundheiten einiger Schoͤnen zu, mit denen er, wie wir wußten, bekannt war. Es ſcheint mir, ſagte er, als hätte ich dieſe beiden Juͤnglinge oft geſehen, aber ich kann mich nicht entſinnen, wo. Erinnern Sie ſich nicht, ſagte ich, eines Be⸗ ſuches, den Sie dem Don Ignacio Lara zu 201 einer ſehr unpaſſenden Stunde, als noch ſeine ganze Familie im Bette lag, machten, um ſich zu uͤberzeugen, ob ſein Haus gut genug ſei, den General Sebaſtiani aufzunehmen? Ja! entgegnete Tuͤrenne, ſeine n auf mich richtend. Und erinnern Sie ſich nicht auch, fuhr ich fort, der beiden jungen Menſchen, welche, nur in leichte Morgenroͤcke gekleidet, Sie baten, nicht weiter zu gehen, weil in dem naͤchſten Zimmer die Schweſtern ſchliefen? Sie waren antig genug⸗ dieſe Bitte zu beruͤckſichtigen. Ja! ſagte Tuͤrenne wieder. Sind Sie. die beiden Soͤhne jenes Edelmannes, die man ſeit kurzer Zeit in der Stadt vermißt? Freilich, freilich! rief ich⸗ Ich kann Ihren Entſchluß nicht loben, gegnete Tuͤrenne, und doch muß ich Ihre Va⸗ terlandsliebe bewundern, die Sie die Annehmlich⸗ keiten eines ſolchen Hauſes gegen ein ſolchss Leben aufgeben laͤßt. Ihnen ganz die Wahrheit zu geſtehen, rief mein Bruder, muß ich Ihnen ſagen, daß der Tag, an dem es uns gelang aus dem vater⸗ lichen Hauſe zu entfliehen, der gluͤcklichſte unſe⸗ res Lebens war. Wir hatten dort zu haͤufig die Geſellſchaft Ihrer Landsleute, welche, das muͤſ⸗ fen Sie ſelbſt anerkennen, nicht Alle fo artig ſind, als Sie. Und uͤberdies iſt der immerwäh⸗ rende Anblick der Unterdruͤcker eines geliebten Vaterlandes wohl nicht dazu geeignet, Einen alle Pflichten gegen eben dieſes Vaterland vergeſſen zu machen. Nie werde ich, das kann ich Ih⸗ nen verſichern, in das Haus meines Vaters le⸗ bend zuruͤckkehren, wenn e Ihre Adler von dort vertrieben ſind. und ich, rief ich, mein Schwert nlien⸗ und die Klinge kuſſend, will weit eher dieſen Stahl, den ich der geheiligten Sache meines un⸗ terdruͤchten Vaterlandes weihete, in meinem eige⸗ nen Herzen fuͤhlen, als dahin zuruͤckkehren, ſo lange noch ein Feind mit den Waffen in der auf Spaniens Boden ſteht. Schweigend ſenkte Türenne das Haupt. Wir veraänderten den Gegenſtand des Geſpräches, und erinnerten ihn an die glaͤnzenden Baͤlle, welche ſein General ſo haͤufig gab. Wir geſtanden, daß dies der Weg ſey, den ſchoͤnern Theil der Be⸗ wohner Valladolids fuͤr ſich zu gewinnen, aber wir erklaͤrten auch unſere Zweifel, ob die Väter und Gatten der Schoͤnen, welche mit den Frem⸗ den im Saale umherwalzten, damit eben ſo zu⸗ frieden wären, Auch bezweifelten wir das Ver⸗ gnuͤgen dieſer Väter und Gatten, wenn am 203 nächſten Morgen die Boten des Generals er⸗ ſchienen, das„Tanzgeld“ einzufordern. Ferner bezweifelten wir, daß es von dem General hoͤf⸗ lich ſey, dem, welcher ſich weigerte dies„Tanz⸗ geld“ zu bezahlen, fo lange ein ganzes Bataillon in das Quartier zu legen, bis das Geld ent⸗ richtet ſeyo. Auch geſtanden wir offen, daß wir es nicht fuͤr die groͤßte Artigkeit hielten, die Da⸗ men durch Kommandos Soldaten zum Balle ſchleppen zu laſſen, wie die Romer die Sabine⸗ rinnen mit ſich fuͤhrten. Herr von Tuͤrenne gab dies Alles zu, allein, ſagte er, häͤtten wir warten wollen, bis die Ein⸗ wohner uns von ſelbſt freundlich entgegengekom⸗ men waͤren, ſo wuͤrde es für uns in Spanien nicht viel zu tanzen gegeben haben. Herr von Tuͤrenne vereinigte eine feine ge⸗ ſellige Bildung mit mannichfachen Kenntniſſen. Er freute ſich, in uns Maͤnner gefunden zu ha⸗ ben, die in feinen Augen hoͤher ſtanden, als unſere Gefaͤhrten, und verſuchte, uns zu ſeiner Parthei hinuͤberzuziehen. Er geſtand, daß die Spanier Recht thaͤten, fuͤr ihre Unabhaͤngigkeit zu fechten, obgleich es zum Nachtheil ihrer po⸗ litiſchen Freiheit geſchehe. Sie aber, ſagte er uns, die Sie richtigere Anſichten von der Ehre und der Freiheit der Nationen haben, wie konn⸗ ——————= 2 04½ ten Sie die Waffen gegen einen Koͤnig ergrei⸗ fen, der Ihnen alles bringt, was Sie verlangen können?— Hat er nicht erklaͤrt, daß gaͤnzliche Gleichheit unter Ihnen Allen herrſchen ſoll?— Daß die Nation nicht länger aus Herren und Sklaven— aus Unterdruͤckern und deren Opfern beſtehen ſoll?— Wie iſt es moͤglich, ſo gegen Vernunft, Ehre und Menſchlichkeit zu kaͤm⸗ pfen? nun Selbſt Segen, rief ich, wenn er uns durch Feuer und Schwert aufgedrungen wird, hoͤrt auf, es zu ſeyn, und muß von Jedem verwor⸗ fen werden, der Freiheit und Unabhaͤngigkeit liebt. Die Araber, dieſe Barbarenſchwaärme, welche unſer Land uͤberflutheten, und nur dann civiliſirt wurden, wenn ſie unſeren ſiegenden Schwertern erlagen, fuͤhrten ganz die namlichen Gruͤnde fuͤr ſich an, wie Ihr Napoleon jetzt. —— Joſeph ſelbſt, ſchloß ich endlich, wird, von ſeinem Bruder wie ein beſiegter Koͤnig, Spanien wie ein unterjochtes Königreich betrach⸗ tet. Er ſelbſt iſt von ſeinem Bruder betrogen worden, der nichts beabſichtigte, als eine große Nation durch große Worte ihrer Freiheit und Unabhaͤngigkeit zu berauben⸗ Der Kaiſer waͤhnt jetzt, ganz Spanien liege zu ſeinen Fuͤßen, und er ſetzt den Ebro als Gränze der Pyrenäen feſt, 205 damit Joſeph einſehen lerne, er duͤrfe nur ſo lange auf dem Throne ſitzen, als Jener es erlaube.— Ich bin ſo feſt uͤberzeugt, daß un⸗ ſer Recht ohne die vollkommene Unabhaͤngigkeit unſeres Landes niemals geſichert iſt, daß ich ſelbſt dem Volke mit dem letzten Athemzuge noch zurufen wuͤrde:„Guerra al cuchillo!“ (Krieg auf das Seitenmeſſer). Arme Spanier, ſagte Herr von Tuͤrenne mit leichtem Achſelzucken; wie muß ich Euch dann bedauern! Aber, meine Herren, rief Raimundo, wenn wir auch alle Urſache haben, mit unſerem Schick⸗ ſale zu hadern, muͤſſen wir deshalb das ſchöne Geſchlecht, welches allein uns zu Seligen machen kann, aus unſerem Geſpraͤche verbannen? Mir ſey daher die Frage an Herrn von Tuͤrenne ver⸗ gönnt, welche Art von Gefuͤhlen die vorherr⸗ ſchende war, wenn er eine ſchoͤne Spanierin, z. B. Donna Ceſarita R— s, ſich nahen ſah? Tuͤrenne laͤchelte. Mein Gefuͤhl beim An⸗ blick einer ſchoͤnen Spanierin, ſagte er, gleicht ſo ſehr der Bezauberung, daß ich es kaum zu beſchreiben vermag. Sie iſt offener, freier, in ihrer weiblichen Koquetterie, als die Franzoͤſinz ſie fragt nichts nach dem Urtheile der Welt, 206 wenn ſie nür mit dem Gegenſtände ihrer Wahl zufrieden iſt. Sie iſt nicht gefuͤhllos gegen deſ⸗ ſen Aufmerkſamkeiten, aber ſie ſucht ſie nicht. Verſtellung verachtet ſie, obgleich ſie nichts ver⸗ ſaͤumt; wodurch ſie vortheilhafter erſcheinen kann. Sie borgt von der Natur keine Farben; die der Himmel und die brennende Sonne ihres Vater⸗ landes ihr verſagten. Aber wie mannichfache Reize beſitzt ſie nicht als Erſatz für ihre Blaͤſſe. Wo findet man einen ſo feinen Wuchs, als den ihrigen, ſolche reizende Anmuth der Bewegungen, ſo zarte Geſichtszuͤge, einen ſolchen Anſtand?— Auf den erſten Blick ſieht ſie ernſt, ſogar ſchwer⸗ muͤthig aus; aber wenn ſie ihr großes ſchwar⸗ zes Auge, voller Ausdruck, Gefuͤhl und Feuer, erhebt; ſo muß die Fuͤhlloſigkeit ſelbſt ihr zu Fuͤßen ſinken. Sie iſt eben ſo verfuͤhretiſch, wenn ſie zu hoffen erlanbt, als zermalmend, wenn ſie zuruͤckweiſt, aber in ihrer Zuneigung iſt ſie ſehr begehrlich. Liebe iſt ihr eine heilige Pflicht, und ſelbſt wenn ein gluͤcklicher Erfolg ſie kroͤnt, ſoll der geliebte Gegenſtand nur ihr allein gehoͤren. Ihr muß jede Neigung; jedes Verlangen, jede Minute, geopfert werden⸗ Zu jeder Stunde des Tages muß man bereit ſeyn⸗ ihr ſeine Ergebenheit zu beweiſen— ſie in das Theater, auf die Promenade, in die Tertullia⸗ „ 207 und ſogar in den Beichtſtuhl zu beglelten. Die Eiferſucht durchtobt ihren Buſen; der geringſte Verdacht bringt ſie auf, und ein uͤbelangebrach⸗ ter Blick wird wie offenbare Untreue geſtraft.— Kurz die Feſſeln eines ſchönen ſpaniſchen Wei⸗ bes ſind weniger leicht zu tragen, als ſchwer abzuſchuͤtteln. Ihre lebhafte Phantaſie verleitet ſie zu Launen und Eigenſinn, aber ihre Beſtän⸗ digkeit wird dadurch nicht verringert, und Ge⸗ legenheit oder Zufall verlaͤngern ſie oft weit uͤber die gewöhnliche Zeit. Die Nationaltracht; ſö einfach, ſo anſpruchslos, moͤchte ich ſagen, ver⸗ leiht den ſpaniſchen Frauen hoch uͤberdies einen ganz eigenthuͤmlichen Reiz, den man nirgend anders, als eben hier findet. Die reizetde Ge⸗ ſtalt, die kein fremdartiger Schmuck dem Blické verbirgt, das unbedeckte Haupt, nur von einem leichten Schleier umflattert; dieſer Anzug, det den höhern wie den niedern Staͤnden eigen iſtz und vor Pllem der kleine, zierliche, geſchmackvoll bekleidete Fuß, zeichnen die Frauen Spaniens vor denen aller andern Laͤnder aus, und feſſeln unſere Bewunderung, unſere Anbetung. Schlagen Sie ein! rief Raimundo, ſeine Hand ausſtreckend; Sie ſind mein Mann. Ich liebe die, welche, gleich Ihnen, die Reize dieſer lieblichen Geſchoͤpfe erkennen und beſchreiben koͤn⸗ ———— 1 . „ ————— —— —— ——— —— —ůů —— 208 nen, welche, wenn ſie uns auch zuweilen bittere Augenblicke bereiten, doch auch wieder allein im Stande ſind, uns auf den Gipfel der—— zu heben. In ſolchen und ihmichen Geſprichen ver⸗ brachten wir den groͤßten Theil der Zeit unſeres Zuſammenſeyns mit dem Herrn von Tuͤrenne und dem Bruder Kapuziner. Spaͤter erfuhren wir, daß der Erſtere freigelaſſen ſey, nachdem er ſein Ehrenwort gegeben, nicht mehr gegen Spanien zu dienen. Unſere Scherze uͤber die Siege, welche ſein herrlicher Schnurtbart uͤber die Weiber Spaniens errungen, hatten uͤbrigens die Leute des Kapuziners ſo erbittert, daß ſie ihrem Gefangenen nicht eher abzureiſen geſtatte⸗ ten, als bis er dieſen Schmuck von ſeiner Lippe getrennt, und ſo in einer einzigen Minute das Werk des Fleißes und der Sorgfalt mehrerer Jahre, gewiß zum großen Kummer der Mädchen und Frauen Valladolids, zerſtoͤrt hatte. 209 Vierzehntes Kapitel. Größtentheils hielten wir uns nur in einer Ent⸗ fernung von 30 bis 40 Meilen von Valladolid auf, und es war uns daher moͤglich, unſere Familie von unſeren Unternehmungen zu benach⸗ richtigen, und auch von ihr Nachrichten zu erhalten. Doch mein Vater wußte wohl, daß das Leben eines Guerilla viel gefahrvoller ſey, als das eines Kriegers im ſtehenden Heere, und hatte deshalb nach Cadiz an einen Vetter ge⸗ ſchrieben, um eine Anſtellung fuͤr uns unter la Romana oder Balleſteros zu erhalten. Unſer Verwandter that, was er konnte, um uns bei derſelben Diviſion anſtellen zu laſſen, aber ſeine Bemuͤhungen waren fruchtlos. Raimundo ward Balleſteros zugetheilt, der damals in der Gegend von Cadiz ſtand, ich aber dem Grafen Mon⸗ tijo, welcher den Guerilla⸗Krieg in den Provin⸗ zen Alt⸗Caſtilien, Aragonien und Navarra, leitete.. ⁰ Wir waren noch bei dem Bruder Kapuzi⸗ ner, als wir die Nachricht unſerer Beſtimmung erhielten. Dieſe Trennung war das Haärteſte, was das Vaterland bisher noch von uns gefor⸗ 14 „ ——— —————————————————————— —— ——————— ——— ————— ————— —— dert, aber ſie war unvermeldlich, und wir be⸗ ſchloſſen, dem Befehle ſogleich zu gehorchen. Eſteban, ſagte Raimundo, wir muͤſſen ſcheiden, das Vaterland fordert dies Opfer. Es iſt ſchmerz⸗ lich, aber wir wollen es ohne Zoͤgern bringen. Der gluͤckliche Tag, an dem es Spanien gelingt, ſeine Feſſeln zu zerbrechen, iſt vielleicht nicht mehr fern; dann werden wir uns mit ſo groͤ⸗ herem Vergnuͤgen wieder entgegeneilen. Bis da⸗ hin lebe nun wohl, fuhr er fort, mich innig an ſein Herz druͤckend;— lebe wohl!— Hier⸗ auf beſtieg Jeder von uns Beiden ſein Roß, und lenkte es nach der Gegend, in welche ſeine Be⸗ ſtimmung ihn rief. Nur ein Diener beletete mich. Ich war noch lange traurig uͤber die Trennung von mei⸗ nem Bruder, indeſſen bot meine neue Lage auch mannichfache erfreuliche Abwechſelungen dar. Ich ſchwamm auf dem Ocean des Lebens, aber ich fuͤrchtete den Schiffbruch nicht, und war ſtolz auf den Rang, der mich vor andern meiner Mitkämpfer auszeichnete; und wäre ich nicht von meiner ganzen Familie und von meiner geliebten Iſabella getrennt geweſen, ſo hätte nichts dem Vergnuͤgen gleichen koͤnnen, welches mein freies thaͤtiges Leben mir gewaͤhrte. Die Gegenden, durch welche ich kam, waren 211 sbe und verwuſtet; ſelten traf man einen einzel⸗ nen Wanderer. Nichts Lebendes ließ ſich blicken, als dann und wann ein franzoͤſiſcher Munitions⸗ Transport oder die Eskorte eines Kuriers, auch wohl allenfalls ein franzoͤſiſcher Vorpoſten oder eine Schildwach an dem Thore einer halbzerſtoͤr⸗ ten Stadt. Mein Nachtquartier waren gewoͤhn⸗ lich die Truͤmmer der verlaſſenen Doͤrfer. Als wir die Somoſierra erreichten, ſahen wir rechts, auf einer ihrer Bergſpitzen, Buy⸗ trago liegen. Die alten Mauern und gothiſchen Gebaͤude dieſer Stadt erinnerten mich lebhaft an jene Zeit, in welcher Rodrigo von Vivar an der Spitze ſeiner kuͤhnen Caſtilianer, mit den Sarazenen um die Herrſchaft des Landes kaͤmpf⸗ te.— Am Fuße jener Berge windet ſich ein Bach durch die Klippen. Ich warf mich an deſſen Ufer nieder, und ließ mein Pferd ſich durch einen Trunk aus den kuͤhlen Wellen des Baches erquicken. Waͤhrend ich dem ſanften Gemurmel lauſchte, ſank ich in tiefe Traͤume⸗ reien. Ich ſah Vivar, hoch auf ſeinem Ba⸗ bieka ſitzend, gegen die Mauren anſprengen, ſah ihn kaͤmpfen, und endlich ſiegen, da— ertoͤnte plötzlich ganz in meiner Nähe ein Schuß, und das Pfeifen der Kugel brachte mich zu mir ſelbſt zuruͤck. Ich ſah in die Hoͤhe, und erblickte auf 14* 212 den Mauern mehrere Franzoſen, welche eben Anſtalten machten, mich noch ernſthafter zu be⸗ gruͤßen. Ich wartete dies indeß nicht ab, ergriff mein Pferd beim Zuͤgel, fuͤhrte es auf einen verdeck⸗ ten Fußpfad, wo ich gegen die Schuͤſſe der Fran⸗ zoſen geſichert war, und ſetzte von nun an mei⸗ nen Weg mit groͤßerer Vorſicht fort. Am folgenden Tage kam ich zu einer beſchei⸗ denen Huͤtte am Fuße eben dieſer Berge. Der Beſitzer dieſes Haͤuschens, ein ehrwuͤrdiger Greis, verſicherte, noch keinen einzigen Feind geſehen zu haben. Ich wuͤnſchte ihm hiezu Gluͤck, denn außer ihm bewohnte die Huͤtte nur noch ſeine Tochter, die viel zu ſchoͤn und liebenswuͤrdig war, um von den Franzoſen uͤberſehen zu wer⸗ den. Sie begruͤßte mich mit ſolcher Freundlich⸗ keit, und war mit ſolcher Sorgfalt bemuͤht mich zu erquicken, daß ich dem Drange nicht widerſtehen konnte, hier anzuhalten und uns und den Pferden die noͤthige Raſt zu goͤnnen. Am folgenben Morgen ging ich mit ihr hin⸗ auf in die Berge, um irgend ein Wild zu erle⸗ gen, denn die Jagd war ihr Lieblingsvergnüͤgen. Moch nicht weit waren wir gegangen, als wir einen Wolf ſahen. Mich uͤberfiel ein unwider⸗ ſtehliches Verlangen, das Thier zu erlegen. Ich verließ daher meine liebliche Diana, verſprach eine baldige Heimkehr, und folgte dem Wolfe durch Thaͤler und uͤber Felſen und Abgruͤnde; aber er blieb mir unerreichbar, und endlich hatte ich mich durchaus verirrt und die Nacht brach herein. Nur muͤhſam und mit Haͤnden und Fuͤßen um mich taſtend, ſetzte ich meinen Weg fort. Endlich ſah ich in einiger Entfernung den Schein mehrerer Feuer, und ging haſtig darauf zu, aber noch ehe ich ſie erreichte, waren ſie erloſchen. Zum Tod ermuͤdet und unfaͤhig weiter zu gehen, warf ich mich auf den Boden, aber von Zeit zu Zeit ward ich durch wirkliches oder ein⸗ gebildetes Gemurmel in meiner Naͤhe erweckt. Die Furcht vor Woͤlfen, deren es in der Somo⸗ ſierra eine große Menge giebt, wahrſcheinlich weil die Merinos dort ihre Hauptweideplaͤtze haben, hielt mich beſtändig wach, und das Geraſſel von verſchiedenartigem Gewuͤrm ganz in meiner Naͤhe, trug auch nicht dazu bei, meine Lage angenehmer zu machen. Endlich ging der Mond auf, nicht lange vor Tagesanbruch. Nie in meinem Leben begruͤßte ich ſein Silber⸗ licht mit groͤßerem Vergnuͤgen. Mit ihm kehrte Muth und Kraft in mich zuruͤck, und ich eilte nun ſogleich einem Dorfe zu, das ich jetzt in einem Felsthale, nicht weit von mir, liegen 214 ſahe. Seit ſechszehn Stunden hatte ich keine Nahrung zu mir genommen. Noch war indeſſen nicht alle Gefahr fuͤr mich voruͤber. Ich mußte die Berge umgehen, um nach meiner Huͤtte zu gelangen. Indem ich einen ſteilen Huͤgel erſtieg, bemerkte ich in einiger Entfernung eine Staubwolke, doch bald zeigte ſie ſich als ein Kommando von 4 bis 500 Mann Franzoſen, welche ſich mit ſchnellen Schritten einem Dorfe in dem Thale naheten. Man bemerkte mich bald, und ſogleich wurden in verſchiedenen Richtungen Jaͤger gegen mich abgeſchickt. Kaum ſchien es mir moͤglich zu ent⸗ rinnen, welchen Weg ich auch einſchluͤge. Waͤh⸗ rend ich ſo noch unentſchloſſen ſtand, hoͤrte ich ganz nahe ein Geraͤuſch, als wenn Jemand im Begriffe ſey, mich zu erreichen. Vor mir im Boden ſah ich eine Hoͤhle, und ohne mich zu beſinnen, ſprang ich hinab. Der Fall betaͤubte mich faſt, obgleich ich nur auf Brombeerſtraͤuche fiel; ich konnte daraus ſchließen, daß die Hoͤhle ſehr tief ſey. Einige Stunden lag ich hier, ohne auch nur einen Verſuch zu meiner Befreiung zu wagen, und als ich endlich trachtete, mich her⸗ auszuarbeiten, ſah ich, daß es vergebens ſey, da die Seitenwaͤnde der Hoͤhle ſenkrecht herab⸗ gingen, wie die Mauern eines Hauſes. Um⸗ 215 ſonſt verſuchte ich mehrere Stunden hinburch alles Moͤgliche. Während dieſer ganzen Zeit ließ ich oͤfters ein lautes Halloh ertoͤnen, doch Nie⸗ mand hoͤrte mich. So kam die Nacht heran, und ich war noch immer in meiner Hoͤhle. Durch die Anſtrengung erſchoͤpft, ſank ich endlich in Schlaf. Als ich erwachte, erneuerte ich meine Verſuche zur Befreiung, doch eben ſo vergeblich, als fruͤher. Waͤhrend deſſen rief ich immerwährend laut nach Huͤlfe. Endlich glaubte ich Stimmen zu hoͤren, die immer deutlicher und deutlicher wurden, je mehr mein Schreien durch die gaͤnzliche Erſchöpfung meiner Kraͤfte nachließ. Ermattet ſank ich endlich zuſammen, da erblickte ich an dem Rande der Hoͤhle ſechs bis ſieben franzöſiſche Voltigeurs, welche in ein lautes Gelaͤchter ausbrachen, als ſie mich unten liegen ſahen.— Endlich iſt der Fuchs gefangen, riefen ſie; beim Himmel, da liegt er. Sie machten nun tauſend Poſſen, doch beſchloſſen ſie dann, mich herauszuziehen, um zu ſehen, von welcher Raſſe ich ſey, wie ſie ſich ſpottend aus⸗ bruͤckten. Ich war anfangs entſchloſſen, das, was ſie mir zu meiner Rettung hinunterließen, nicht zu erfaſſen, aber einer von ihnen zielte mit ſeiner Buͤchſe nach mir und rief: Greif zu, Burſche, 216 oder beim Himmel ich ſchieße Dich nieder, wie einen Haaſen im Lager. Dieſe Art der Beredtſam⸗ keit wirkte; ich griff zu, ward ohne große Schwierigkeit herausgezogen, und dann nach einem nahen Dorfe gebracht, wo, wie ſie ſag⸗ ten, ihr Obriſt ſich gluͤcklich ſchätzen Vrbe⸗ meine Bekanntſchaft zu machen. Wir gingen grades Weges nach bem Hauſe des Pfarrers, welches als das beßte in dem Dorfe ſtets von den Anführern der Franzoſen zu ihrem Quartiere erwahlt ward. Der Obriſt ging mit großen Schritten in dem Gemache auf und nieder, und in einem Armſtuhle ſaß ein Mann, den ich ſeiner reichgeſtickten fremden Uniform ungeachtet, ſogleich fuͤr einen Spanier erkannte. Er ſprach mit einem Geiſtlichen, der demuͤthig wie ein Schulknabe vor ihm ſtand. Sobald ich eintrat, befahl er dem Prieſter, ſich zu entfernen, doch rief er ihm noch den Rath nach, kuͤnftig die Perſonen ſorgfaͤltiger zu pruͤfen, denen er ein Obdach in ſeinem Hauſe gewähre, ſonſt könne es leicht geſchehen, daß ſeine Tonſur kein kräftiges Schutzmittel gegen einige Loth Blei ſey. Hierauf vernahm er den Bericht der Voltigeurs, zog die finſtern Augen⸗ braunen dicht zuſammen, und hieß mich naͤher zu ihm treten. Er fragte nach meiner Beſchäf⸗ tigung, meinem Namen, Stande, Geburtsort, meinen Eltern. Kaum hatte ich meinen Namen und den meines Vaters genannt, als er heftig empor ſprang.— Was? rief er; Eſteban? Sohn des Don Ignacio Lara?— Obriſt, ſagte er hierauf, zu dem Franzoſen ſich wendend, ſein Vater iſt einer der wuͤthendſten Inſurgenten, die Spaniens Boden trägt, und Sie können ſich denken, daß der Sohn nicht beſſer ſey. Je weniger wir von dieſer Brut haben, deſto beſſer iſt es. Nichts iſt ſicher, ſo lange noch einer von dieſer Raſſe lebt. Laſſen Sie ihn ſogleich erſchießen, die ee nehme ich auf mich ſelbſt. Ich war nicht weniger ibertaſcht als erſchreckt bei dieſen Worten, und hielt mich fur verloren. Doch der Obriſt erklaͤrte ſich gegen dieſe heftige Maaßregel, und ſagte offen heraus, ſeine Pflicht heiſche es, daß er aus meinen Nachrichten allen möglichen Vortheil zu ziehen ſuche, und daß die gaͤnzliche Ermattung, in welcher ich mich ſichtlich befinde, einige Stunden Erholung heiſche. Dann, fuͤgte er hinzu, ſoll ihm die Strafe werden, die er verdient. Mir wurde nun ein Bett zur Ruheſtätt⸗ angewieſen, und bald fand ich durch die Art, wie man mich behandelte, meine Kraͤfte wieder. 218 Sie ſchien mir etwas ſonderhar, aber ſie bewährte ſich. Erſt mußte ich ein tuͤchtiges Glas bloßen Brannteweins trinken; dann mußte ich ſchlafen. Als ich nach einigen Stunden ununterbrochener Ruhe erwachte, fand ich mich nicht geneigt, die Speiſen und den kraͤftigen alten Wein, welchen man mir darbot, zuruͤckzuweiſen. Bald darauf brachte mir der Diener des Herren Ohriſten eine Taſſe Kaffee, welche, wie er mir ſagte, ſein Herr ſelbſt mir ſende. Ich konnte dies Alles nicht mit dem Looſe, das meiner wartete, uͤber⸗ einſtimmend finden, und dachte noch daruͤber nach, was es zu bedeuten habe, als der Obriſt ſelbſt zu mir eintrat, und meine Zweifel loͤſte.— Sie ſind frei, ſagte er, und können gehen, wohin Sie wollen. Die Schildwachen ſind durch geheime Befehle angewieſen, Sie ungehindert hindurch zu laſſen. Ich wuͤnſche Ihr Leben zu retten, denn kein Franzoſe erniedrigt ſich zu einem Meuchelmoͤrder. Ich ſehe aber deutlich, daß der Nichtswuͤrdige, dem ich zum Schutze diene, aus Privathaß, deſſen Quelle mir unbekannt iſt, Ihren Tod wuͤnſcht. Kein Krieger aber darf einer ſolchen Rache Gehoͤr geben. Ich war unfaͤhig, meine Ueberraſchung, meine Dankbarkeit, meine Bewunderung dieſer edlen That auszuſprechen. Mir war nichts 219 von irgend einem Werth geblieben, als ein ein⸗ facher Ring, den ich einſt von meiner Iſabella erhielt. Er war von ihren Haaren geflochten, und ſein Werth ſtieg dadurch in meinen Augen bis zum Unendlichen, daß er das einzige Anden⸗ ken war, welches ich von ihr beſaß. Aber ohne Zoͤgern zog ich ihn vom Finger, und reichte ihn meinem Erretter, mit der Bitte, ihn als gerin⸗ ges Zeichen der Dankbarkeit anzunehmen, indem ich ihn zugleich bat, mir ſeinen Namen und den meines unbekannten Widerſachers zu nennen. Mit Vergnuͤgen, ſagte er, nehme ich Ihre Gabe an, um mich bei deren Anblick einer guten Handlung zu erinnern. Mein Name, fuhr er fort, iſt Drauſin St. Ange. Den Ihres Fein⸗ des glaube ich Ihnen nicht nennen zu duͤrfen. Doch er iſt Oberkammerherr des Königs Joſephz ich habe ihn von Madrid bis hieher begleitet, und jetzt geht er nach Paris, wohin ihn meh⸗ rere Verhandlungen mit dem Kaiſer rufen. Er iſt heftig und rachſuͤchtig, und war Schuld, daß auf unſerem Wege hieher ſchon zwei oder drei Spanier erſchoſſen wurden; doch jetzt bin ich feſt entſchloſſen, ſeiner Grauſamkeit nicht ge als Werkzeug zu dienen. Nachdem ich dem edlen Obriſten nochmals gedankt, eilte ich von dannen, und kam bald —— S=— S——— 220 darauf gluͤcklich zu der kleinen Hütte, wo ich meinen Diener zuruͤckgelaſſen. Allein ich fand ihn nicht mehr dort. Nachdem er mich lange vergeblich in den Bergen geſucht hatte, war er ſeiner Beſtimmung wieder entgegen geeilt, und hatte nichts zuruͤckgelaſſen, als mein Pferd und meine Waffen. Ich war dadurch in die groͤßte Verlegenheit verſetzt, denn die Voltigeurs hatten mir Alles genommen; doch als mein ehrlicher Wirth dies bemerkte, ließ er nicht eher mit Bitten nach, als bis ich ſeine kleinen Erſparniſſe ange⸗ nommen hatte. Es iſt billig, ſagte er, daß auch ich, ſo viel meine ſchwachen Krafte dies geſtatten, zu der Befreiung meines Vaterlandes mit beitrage.— Ich nahm hierauf von ihm und ſeiner liebenswuͤrdigen Tochter einen freund⸗ lichen Abſchied, und ſetzte dann ganz allein mei⸗ nen 39 war noch nicht weit geritten, als ich ben Ton von der Glocke eines Maulthieres zu hören glaubte. Ich ſpornte mein Pferd, und bald hörte ich deutlicher das Geklingel mehrerer Maulthierglocken, und erreichte endlich den Fuͤh⸗ rer des Zuges. Er ſaß auf zwei großen Koͤr⸗ ben, deren Laſt das Maulthier, welches ſie trug, faſt zu Boden druͤckte. Ein großer runder Hut —— S—— 221 bedeckte ſeinen Kopf, und bicke Sten ſtiegen aus ſeiner Zigarre empor. Seine Miene druͤckte eine entſchloſſene Frei⸗ muͤthigkeit aus, und ſeine großen ſchwarzen Au⸗ gen ſchienen einige Beſorgniß zu verrathen. Seine rechte Hand ruhete auf dem Griffe eines Schwer⸗ tes, deſſen Klinge ſorgfaͤltig zwiſchen den Koͤr⸗ ben verſteckt war; er ſah aus, als erwarte er einen Kampf.— Dieſer Fuͤhrer ritt auf dem letzten der Maulthiere, aber auf dem vorderſten bemerkte ich noch einen in einem bunten Anzuge.. „Salud cwallerost“ ii ich ihnen zu, als ich naͤher kam. „Salero, ²) genr— entgegnete der erſte Fuͤhrer, mit ſcheinbarer Ueberraſchung. „Geſegnet ſeyen meine Augen, daß ſie dieſe Bän⸗ der ſehen, nachdem ſie ſo viele Gabachos erblickt haben. Oft dachte ich ſchon, weshalb der all⸗ maͤchtige Gott mir nicht die Kraft des Simſon verliehen, um alle dieſe Philiſter in einer halben Stunde aus Spanien zu verjagen.“ *) Ein in Spanien ſehr uͤblicher Gruß und Ge⸗ gengruß, der ungefähr ſo viel ſagt, als:„Ge⸗ ſundheit!“ und einen darauf paſſenden Dank als Erwiederung. 222 Bei dieſen Worten ſprang der andere Füh⸗ rer von ſeinem Thiere und näherte ſich unsz auf den erſten Blick erkannte ich Anton.— Wie? rief ich; Anton, Du, einſt des Königs erſter Zagal, jetzt ein Maulthiertreiber?. Ach, Sennorito! entgegnete er ſeufzend, ſo ſchleudern uns des Lebens Wogen auf und ab⸗ Aber ob ich des Konigs Zagal oder eines Maul⸗ thiertreibers Mozo ware, ſollte mir gleich gelten, haͤtte ich nicht zur Strafe meiner Suͤnden gehei⸗ rathet, und eine Herxe, einen Drachen, einen Satan von einem Weibe zur Frau bekommen, die Gott recht bald in ſein Paradies aufnehmen Wie konnte Anton eine ſolche Thorheit be⸗ gehen? erwiederte ich v6 Ja, ſagte er, auch der Weiſeſte iſt dem Irrthum unterworfen. Hier die ganze Geſchichte. Ich kam eines Tages, als ich noch im Dienſt der ehrlichen Haut von einem Majoral war, bei dem Sie mich vor drei Jahren ſahen, durch la Nava del Rey; da traf ich eine Menge jun⸗ ger Mädchen, welche auf dem Raſen tanzten. Die niedlichſte von allen ſah mich mit einem ſolchen Blicke an, daß ich dachte: Was waͤre das fuͤr eine herrliche Pflaume fuͤr deinen Mund.— Es war keine Pflaume, ſondern eine bittere Beere, —— — — — * 8—— 223 doch das gehoͤrt nicht hieher. Ich redete ſie mit den Worten an: Wonne meines Lebens, glaubſt Du nicht, daß wir ſehr gut eine Suppe mit einander eſſen könnten? ²)— Ich daͤchte, ja! entgegnete ſi ſie.— Schlag ein, rief ich, indem ich ihr die Hand hinhielt.— Es iſt geſchehn, ſagte ſie, und wir gingen mit einander zu ihrem Vater, die Sache in Richtigkeit zu bringen⸗ Das mag Euch, Sennoritto, etwas uͤbereilt ſcheinen, doch ich merkte, ich ſey im Bestiffe, eine Thorheit zu begehen, und dachte, je ſchnel⸗ ler abgemacht, deſto beſſer. Aber was denkt Ihr, daß 40 Vater ſagte? der Sohn eines Hahnreih!— Nicht mehr und nicht weniger, als, wenn ich eine Frau haben wolle, ſo ſolle ich nach Flandern**) gehen, mir eine zu ſu⸗ chen, denn die Tochter des Barbiers Rebollo ſey fuͤr einen Zagal viel zu gut.— Was? ſchrie ich; wollt Ihr ſie fuͤr einen Marquis oder Grafen aufheben? oder bin ich nicht ein eben ſo guter Chriſt, als ihr ſelbſt?— Doch, fuͤgte ich hinzu, da Ihr es ſo meint, ſo lebt fuͤrs Etſte *) Hacer buenas migas juntos! iſt ein ſpani⸗ ſches Sprichwort, welches einen Heirathsantrag ausdruͤckt. *) Die niedere ungebildete Klaſſe des Volkes in Spanien haͤlt Flandern fuͤr das Ende der Welt. 24 wohl. Dann ging ich zum Vikar, erzählte ihm, daß ich Ines und Ines mich liebe, daß ihr Vater i in unſere Verbindung nicht willigen wolle, daß ich aber dennoch hoffe, mit ſeiner und Got⸗ tes Huͤffe Ines zum Weibe zu erhalten. Der Vikar erkundigte ſich genguer nach den Verhält⸗ niſſen, und als er ſah, daß wir einig waren, ſandte er den Notar zum Meiſter Rebollo, mit dem Befehle, Ines von ſeinem Hauſe in ein anderes zu fuͤhren, welches ich beſtimmt hatte. Hier blieb ſie, bis der Alkalde, die geſetzmaͤßige Obrigkeit in dieſer Sache, ſeine Einwilligung gegeben hatte; dann führte ich ſie in die Kirche, und kuͤmmerte mich nicht um Don Rebollos Wuth. Doch bald erhielt ich meine Strafe fuͤr die begangne Thorheit. Ines wußte von ihrem Vater, daß einem Barbier der Titel Don gehoͤre, und wollte nun auch eine Donna ſeyn. Oft griff ich zu dem einzigen Mittel, welches mir blieb, ihr dieſe Grille auszureden, der Peitſche; aber vergebens. Täglich und täglich ward das Maulthier hartnäckiger, und wenn ich ſie mit dem Namen rief, der ihr gebuͤhrte, floh ſie vor mir, wie vor einem Tiger; am Ende wuͤrde ſie doch wohl noch die Donna von mir erzwungen haben, hätte ſie nicht im Zagal Anton ihren Meiſter gefunden. 8 . Aber W ——— 225 — Aber was haſt Du nun mit ihr gemacht? riß ich Ich habe ſie in Madrid uricgelaſſen, ent⸗ gegnete er. Da mag die Donna verſuchen, wie ſie fuͤr ſich allein durch das Leben koͤmmt; denn ich fagte ihr, ich haͤtte nicht Luſt, im Fegfeuer zu ſitzen, wenn ich im Himmel ſeyn koͤnnte, und Gott wiſſe, daß mich auch ſchon ohne ſie Sorge genug treffe. Jetzt aber bin ich feſt ent⸗ ſchloſſen, wieder mein eigener Herr zu ſeyn. Beduͤrft Ihr einen Diener, ſo will ich es ſeyn, und obenein ein guter. Ich frage nicht, was Ihr mir geben wollt, vorausgeſetzt, daß es nicht Pruͤgel ſind. Erhalte ich nür ſo viel, daß ich „danke“ ſagen kann, ſo bin ich ganz zufrieden. Das iſt beſcheiden genug, ſagte ich; doch ich habe ſchon einen Diener, obgleich ich nicht weiß, ob und wo ich ihn jemals wiederſehen werde. Willſt Du mir aber dienen, bis ich ihn finde, ſo ſey mir willkommen, und ich werde ſpaͤter ſehen, was ich fuͤr Dich thun kann. Von Herzen gern nehme ich den Vorſchlag an, rief Anton, denn heut zu Tage iſt es beſſer, Soldat zu ſeyn, als ſo ein ſchlůftiger Maulthier⸗ ttreiber. 15 226 Funfzehntes Kapitel. Wir gelangten jetzt zu einem Wirthshauſe, welches in dem Gebiete von Algarria, auf der Graͤnze zwiſchen beiden Caſtilien, und eine halbe Stunde von der neuen Straße liegt, die von Madrid nach Burgos fuͤhrt. Wie die meiſten dieſer Haͤuſer in Spanien, beſtand auch dieſes aus einer großen dunklen Halle an der Straße, wie die Städte mit runden Steinen gepflaſtert. Auf einem großen Heerde am äuß erſten Ende des Raumes brannte ein Feuer. Von der Mitte der Decke hing eine eiſerne Lampe herab, und ihr Schein miſchte ſich mit dem des Feuers, um die Gegenſtaͤnde rings umher ſpaͤrlich zu er⸗ hellen. Ein langer, ſchmaler Tiſch ſtand in der WMitte, an jeder Seite eine Bank, oben und unten zwei zerbrochene Stuͤhle. Rings um das Feuer ſaßen die Reiſenden, welche vor uns angekommen waren, der Unter⸗ haltung und den Witzen des Wirthes und eines Kärrners lauſchend. Ich ſetzte mich zu den Uebrigen, und hoͤrte auf das Geſpraͤch, welches jetzt die Ereigniſſe des Krieges beruͤhrte. Doch 227 ploͤtzlich wurde dies durch die Ankunft eines Moönches unterbrochen, der, den Franzoſen zum Trotz, ein Moͤnch ſeyn, und die Kleidung eines ſolchen beibehalten wollte. Sobald er in das Gemach trat, ſchwiegen Alle; mit feierlichem Anſtande ſchritt er vor⸗ waͤrts, und fetzte ſich dann auf die erſte Bank, an die Seite der Wirthin, und einem andern alten Weibe gegenuͤber, das, nachdem es ihm ehrerbietig die Hand gekuͤßt hatte, ihre Blicke feſt auf die ſeinigen richtete. Die erſte Bewe⸗ gung des Moͤnches, nachdem er ſich geſetzt hatte, war, daß er ſeine Kutte in die Hoͤhe hob, eine Buͤchſe Zigarren aus der Taſche zog, eine ein⸗ zelne herausnahm, und ſchweigenb die Händ aus⸗ ſtreckte, worauf ſich die Wirthin beeilte, ihm eine Kohle zu reichen. Als ſeine Zigarre brannte, ſchlug er ſeine Kaputze zuruͤck, und zeigte ſein geſchornes Haupt, an deſſen Rande das Haar in uͤppiger Fuͤlle wuchs. Dann erklaͤrte er ſich mit lauter Stimme gegen den unmaͤßigen Genuß des Weines. Dies ſchien fuͤr Manuelita, wie der Pater die Tochter des Wirthes nannte, das“ Zeichen, eine Flaſche Wein herbeizuholen. Er dankte ihr, indem er ihr mit der Hand unter das Kinn fuhr, und ihr auf den Nacken klopfte. Anfangs ſtieß ſie ſeine Hand mit Verachtung 15* 228 zuruͤck, dann aber, als beſinne ſie ſich eines S ergriff ſie dieſelbe, und küßte ſie.* Der Maulthierführer, in deſſen Geſelſchat ich angekommen war, hatte Manuelita, als er kaum von ſeinem Thiere geſtiegen, ſogleich um⸗ armt, und Beide glaubten, es habe ſie Niemand bemerkt. Jetzt hatte er ſeine Thiere entladen; er trat nun in das Gemach, gruͤßte mit ſeiner gewoͤhnlichen Freundlichkeit die ganze Geſellſchaft, und that, als bemerke er den finſtern Blick des Moͤnches nicht. Darauf warf er ſeinen weiten Rock auf einen Tiſch, und zeigte nun die voll⸗ kommenſte andaluſiſche Nationaltracht. Eine re— decilla(langes, ſchmales Haarnetz) fiel uͤber ſeine Schultern herab, und bedechte die ſtarken Flechten ſeines ſchwarzen Haares; Streifen von verſchiedenen Farben hingen von allen Naͤhten ſeines Anzuges herab; ſeine kurze Jacke war an Schultern und Aermeln mit ſilbernen Knoͤpfen beſetzt, und ſeine geſchmackvolle Weſte und die Knieguͤrtel der ſammtenen Beinkleider trugen die⸗ ſen Schmuck ebenfalls in reichlicher Menge. Ein rundes, wohlgeformtes Knie zeigte ſich uͤber den weißen Struͤmpfen, und die Schuhe an ſeinen Fuͤßen, mit einer großen ſeidenen Quaſte ge⸗ ſchmuͤckt, bedeckten die Zehen kaum.— Meine ——— 229 ehrliche Toledana,*) rief er, ſein Schwert auf den Tiſch legend, ruhe dich etwas aus, denn du bedarfſt der Ruhe. Schon mancher Gabacho fühlte dein Gewicht auf ſeinem Kopfe, und Kö⸗ nig Pepe**) ſelbſt, mag eines Tages vor dir zittern. Die Andaluſier, ſagte der Moͤnch, ſind da⸗ fuͤr bekannt, daß ſie mehr mit dem Munde, als dem Schwerte verrichten. Ehrwuͤrdiger Vater! rief der Arriero(Maul⸗ thiertreiber), indem er einen wuͤthenden Blick auf den Pater ſchleuderte, die Bratpfanne ſagte zum Keſſel: Aus dem Wege, du ſchwarzes Ding!— und ich moͤchte hinzufuͤgen: Saht Ihr ſchon einen Moͤnch, der außer dem Refektorio Muth beſaß? Du ſollteſt in dieſer Zeit dies Kleid verehren gelernt haben! rief zornig der Pater; auch zeigt es Dir deutlich, daß ich kein Arriero, ſondern ein heiliger Diener der heiligen Kirche bin. Ehrwuͤrdiger Vater, entgegnete der Arriero ruhig, das Kleid verehre ich, aber ein Schaaf im Harniſche iſt doch immer nur ein Schaaf.— *) Die Klingen, welche man in Toledo verfertigt, werden Toledanas genannt. **) Ein Spottname, mit welchem die Spanier den Koͤnig Joſeph belegten. 230 Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, verließ er bei dieſen Worten das Gemach⸗ Sennor! ſagte der Moͤnch, indem er zu mir ſich wandte, ſaht Ihr je einen nichtswuͤrdigern Arriero?— Iſt er nicht ein verlaͤumderiſcher, was ſage ich, ein gotteslaſteriſcher Boͤſewicht? Iſt es moͤglich, daß Spanien gerettet werde, wenn es ſolche Renegaten in ſeinem Buſen dul⸗ det? Mein Leben ſetze ich zum Pfande, daß er ein ungetaufter Abkömmling der Mauren iſt. Vater, rief ich, wenn Ihr mein Urtheil ver⸗ langt, ſo muß ich auf des Arriero Seite treten, denn Ihr wart der angreifende Theil, Aber, mein Sohn, entgegnete er, etwas uber⸗ raſcht, Du weißt es ohne Zweifel, daß wir, die Diener Gottes, das Recht haben, die Kinder der Kirche zu ermahnen, wenn wir es noͤthig finden. Das mag ſehr wahr ſeyn, erwiederte ich, wenn wir, die Kinder der Kirche es beduͤrfen, aber, ehrwuͤrdiger Vater, der Arriero ſagte ja gar nichts Unziemliches, ſondern legte im Gegen⸗ theile Geſinnungen an den Tag, die ihm alle Ehre machen, und die Ihr, wie mich duͤnkt, ſehr zur unrechten Zeit tadeltet. Du verſtehſt davon nichts, rief der Pater, 231 ein großes Glas Wein hinterſtuͤrzend, und biſt auch nicht fähig, etwas davon zu verſtehen. Ihr meint, ehrwurdiger Vater, weil ich nicht Theologie ſtudierte, fehle mir auch der geſunde Menſchenverſtand. Gemeiner Menſchenverſtand(ſein Glas fuͤl⸗ lend) ohne das Licht des Himmels(das Glas emporhebend), iſt nur ein geringes Huͤlfsmittel, unſer Urtheil zu leiten(das Glas auf einen Zug austrinkend). Niemand, als der Diener Gottes hat ein untruͤgliches, aber die Verderb⸗ niß unſerer Zeit iſt ſo groß, und die ketzeriſchen Geſinnungen Englands und Frankreichs greifen ſo ſehr um ſich, daß unſere Jugend das Haupt erhebt, als konne ſie unſeres Urtheils entbehren. Ich antwortete nicht, und der Pater bemaͤch⸗ tigte ſich des Geſpräͤchs nun ſo vollkommen, daß kein Anderer ein Wort ſagen konnte. Waͤhrend dieſer einſeitigen Unterhaltung wa⸗ ren die Wirthin und Manuelita, welche von ihrer Mutter ſorgfaͤltig bewacht wurde, mit der Zubereitung eines Mahles beſchaͤftigt. Bald ward dies auch aufgetragen, und wir Alle ſetzten uns an den Tiſch, es zu verzehren. Sobald dies geſchehen, eilte ein Jeder wie⸗ der an ſein Geſchaͤft. Der Reiſende, der auf dem Ruͤcken eines Maulthieres oder Eſels hier 232 angelangt war, ſattelte, der Fußwanderer warf ſein Kleid uͤber. Das Haus ladete mich nicht angenehm zu einem laͤngeren Aufenthalte ein, und ſo befahl ich Anton, auch mein— iu ſte und es vorzufuͤhren. Auch der Arriero griff nach ſiinin Nocke, Hute und Schwerte, und verließ das Gemach, mit einem„Dios guarde ä ustedes!“(Gott ſchutze Euch!) an die ganze Geſellſchaft. Er er⸗ hielt ein einſtimmiges„Dios le acompanne!“ (Gott ſey mit Euch!) zur Antwort.— Manue⸗ lita ſprach dieſe Worte mit einem ganz beſonde⸗ ren Ausdrucke, aber die argwöhniſchen Blicke des Moͤnches und der alten Tante, zwangen ſie, ihre Augen niederzuſchlagen, und ſie konnte den Ab⸗ ſchiedsgruß des bekuͤmmerten— nicht em⸗ pfangen. Mein Pferd war bereit, ich wuͤnſchte Allen ein Lebewohl, und ſchwang mich in den Sattel. Bald darauf kamen wir in ein romantiſches Fels⸗ thal, deſſen Waͤnde in ſo wunderlichen Geſtalten aus kleinen Steinſplittern zuſammengeſetzt ſchie⸗ nen, daß man wahrlich verſucht ward, ſie fuͤr ein Werk der Kunſt zu halten. Nur ſelten zeigte ſich eine Spur der Vegetation, woraus man auf lebende Bewohner dieſer Einoͤde haͤtte ſchließen koͤnnen; allein der Fleiß des Landbewohners ſcheut 233 ſelbſt die groͤßte Muͤhe nicht, und benutzt jedes noch ſo geringe— zur ſ Lebensbeduͤrfniſſe. Gegend Abend bemetten wir in geringer Entfernung vor uns mehrere Reiter, doch da ich auf Franzoſen zu treffen fuͤrchtete, verſuchte ich nicht, mich ihnen zu naͤhern. Aber ploͤtzlich hiel⸗ ten ſie an. Sie mußten uns bemerkt haben, denn mehrete von ihnen kamen im geſtreckten Gallop auf uns zugeſprengt. Wir hielten. „Quien vive2“ ſchrie, von jenen mit donnernder Stimme. Spanier! antwortete ich. Aber wer ſeyd Ihr? fragte er in rauhem Tone, indem er mir zugleich eine Piſtole auf die Bruſt ſetzte. Seyd Ihr verdammte france- sados?(Anhaͤnger der franzöſiſchen Parthei). Dieſe Kokarde und dieſe Bänder, entgeg⸗ nete ich, ſagen Dir, daß wir das nicht ſind. Da luͤgſt Du, erwiederte er lachend. Die Baͤnder ſagen mir davon nichts. Biſt Du ein Patriot, wohin willſt Du dann auf dieſer Straße?— Wohl nach Aranda, wo die Fran⸗ zoſen jetzt ſtehen? Was Du dort willſt, mag Gott und unſre liebe Frau del Pilar wiſſen. Aber mehrere Joſephinos, welche in der juͤngſten Zeit dieſen Weg kamen, hatten ſolche Bänder 24 am Kopfe, und haben uns gezeigt, daß eine Katze fuͤr einen Haaſen gelten kann, wenn ſie ſich in deſſen Fell ſteckt. He?! habe ich nicht Du fragſt zu viel auf ein Mal, ſagte ich ruhig, und wenn ich aufrichtig ſeyn ſoll, ſo glaube ich, daß das Sprichwort von der Katze auf Dich viel beſſer paßt, als auf mich. Finde ich uͤbrigens, daß Du und die Deinigen wirklich zu den Truppen gehoͤren, die ſich unter dem Namen von Patrioten wie Raͤuber betragen, ſo ſey verſichert, daß Ihr alle, noch ehe eine Woche vergeht, dieſe Baͤume zieren ſollt. Jetzt kam ein Anderer herzu. Mich auf die Schulter klopfend, ſagte er: Mein Juͤngchen, wir ſind zu alte Fuͤchſe, als daß Deine Liſt uns erſchrecken ſollte. Du gleichſt auch ſo ſehr dem Sohne eines Joſephiners, wie je ein Sohn ſei⸗ nem Vater, daher wird keine Deiner Prahlereien in Erfullung gehen, denn, beim heiligen Schutz⸗ patron von Burgos, ich will Deine Seele zur Hölle ſenden. Steig ſchnell herab! rief ein Dritter, mein Pferd beim Zuͤgel ergreifend, denn die Königin der Engel ſcheint Dich hieher geſchickt zu haben, um die Ausruͤſtung eines Kaͤmpfers fuͤr Religion und Ferdinand vollſtändig zu machen. 235 Unter weſſen Befehlen ſteht Ihr? ſchrie ich, mein Schwert ziehend, und dem drohend, der den Zuͤgel meines Pferdes gefaßt hielt. In die⸗ ſem Augenblicke ſprengte ein junger, ſchoͤner Hu⸗ ſarenoffizier, von zwei Huſaren begleitet, heran, und fragte mit weichlicher Stimme, wer wir waͤren. Sogleich wich die Bande zu beiden Seiten auseinander, ihm Platz zu machen, und ich entgegnete, dieſe Leute hätten mich nicht blos verhindert, meine Reiſe nach dem Orte, wohin ich, wie meine Papiere beweiſen wuͤrden, von dem Gouvernement zu Cadiz geſchickt wurde, fortzuſetzen, ſondern ſie häͤtten mich auch noch uͤberdies grob behandelt. Iſt das, ſetzte ich hin⸗ zu, die Mannszucht, die Ihr unter Euren Leu⸗ ten haltet? Dieſe Menſchen, entgegnete der Offizier, wiſ⸗ ſen nichts von Mannszucht oder den Geſetzen des Krieges. Sie verabſcheuen alles, was ſie regelmaͤßigen Truppen aͤhnlich machen konnte, Oft habe ich ſie ſelbſt auf dem Schlachtfelde ihrem Eigenſinne folgen, und die Flucht im Au⸗ genblicke des Sieges ergreifen, oder ſich tollkuͤhn gegen die uͤberlegene Menge vertheidigen ſehen. Man muß ſie ganz ihrem Hange zur Unabhän⸗ gigkeit, ihrer Tapferkeit uͤberlaſſen, aber verge⸗ 236. bens wäre es, ſe zur Unterwerfung unter die Ordnung zwingen zu wollen. Nun, ſagte ich, das iſt wenigſtens ein knn offenes Geſtaͤndniß, und ich ſchaͤtze Sie deshalb. Aber ich kann in Ihre Anſichten nicht mit ein⸗ ſtimmen. Einige dieſer Menſchen erſchoſſen oder gehangen, und die Uebrigen wuͤrden ſich den Ge⸗ ſetzen fuͤgen. Es iſt unmoͤglich, daß ſie ihrem Vaterlande ohne Mannszucht Nutzen leiſten. 6 Kaum hatte ich dies geſagt, als ein langer, wild ausſehender Mann, in Begleitung einiger Reuter, auf uns zu geritten kam. Der junge. Sffizier ſagte mir, daß dies der Pfarrer Me⸗ rino ſey. Als er näher kam, betrachtete ich ihn aufmerkſam. Er war groß und ſtark, von wider⸗ lich zuruͤckſchreckendem Aeußeren, und wildem Weſen. Dicke, buſchige Augenbraunen bedeckten ſeine Augen faſt ganzz er trug einen Schnurr⸗ bart von ungewoͤhnlicher Läͤnge, und ſein Kopf ſah gleich einem Meduſenhaupte aus der Maſſe von Haaren hervor, die ſich wild nach allen Richtungen hin ſtraͤubten. Pepita, ſagte er mit rauher Stimme; die Nacht ruͤckt heran, und ich habe noch einige Nachrichten einzuziehen. Sollte ſich irgend etwas von Wichtigkeit ereignen, ſo bin ich um 1 Uhr 237 nach Mitternacht in der Pfarrwohnung hier nahe bei zu treffen. Bis dahin uͤbertrage ich Dir die Sorge uͤber meine Leute.— Leb wohl! Bei dieſen Worten gab er ſeinem Pferde die Sporen, und ſprengte ganz allein davon. Wir ritten weiter. Ich gab wäͤhrend deſſen dem jun⸗ gen Offizier meine Verwunderung zu erkennen, daß Merino ihn Pepita genannt habe. Er laͤ⸗ chelte. Sie ſollten es ſchon vorher geſehen haben, ſagte er, daß ich nicht Ihres Geſchlechtes bin. Ich bin in der That ein Weib, das ein ungluͤck⸗ liches Geſchick in die Haͤnde des Wilden legte, den Sie ſo eben ſahen. Eine Frau? rief ich; und in der Gewalt des Pfarrers Merino?— Wie iſt das gekom⸗ men? Unbedachtſamkeit und Schwaͤche! entgegnete ſie. Ich bin in Aranda de Duero geboren, und verliebte mich, zur Strafe meiner Suͤnden, in einen franzoͤſiſchen Offizier, der bei uns im Quartier lag. Er bot mir ſeine Hand an, und bei ſeinem Abmarſche verließ ich die zaͤrtlichen Eltern, deren Liebe mir bisher ſo wohl gethan, und folgte meinem Braͤutigam. Auf dem Mar⸗ ſche nach Burgos ward unſer Kommando durch den Pfarrer uͤberfallen, und der groͤßte Theil 238 deſſelben zu Gefangenen gemacht. Alle dieſe Ungluͤcklichen wurden auf die grauſamſte Weiſe ermordet. Vor meinen Augen ſah ich meinen kuͤnftigen Gatten ſterben. Merino drohete mir mit gleichem Schickſale, wenn ich ſeine Wuͤn⸗ ſche nicht erhoͤrte. Anfangs wies ich ſeinen An⸗ trag verächtlich zuruͤck, doch als er ſeinen Leuten befahl, mich zu binden, und dann zu foltern wie alle die Gemordeten, da verſagten meine Kraͤfte, und ich ergab mich ihm. Seit laͤnger als ſechs Monaten lebe ich mit ihm, aber je mehr ich ihn kennen lerne, deſto mehr muß ich es auch bereuen, daß ich damals es nicht ver⸗ mochte, den Tod dem Leben vorzuziehen. Er iſt ein grauſames, blutdurſtiges Ungeheuer, das Niemandem zu vertrauen wagt. Stets durch ſeine Furcht gepeinigt, ſchlaͤft er jede Nacht an einem anderen Orte, oft vier bis fuͤnf Stunden von ſeinen Leuten entfernt, um gegen einen Ueberfall der Franzoſen geſichert zu ſeyn.— Sie hörten, daß er mir zurief, nach Mitternacht ſey er in der Pfarrwohnung zu finden, aber nur Gott und er ſelbſt wiſſen dieſe.— Daß die Leute eines ſolchen Fuͤhrers Sie ſchlecht behan⸗ delten, wird Ihnen jetzt nicht mehr auffallen. Und denken Sie unter dieſen Elenden Ihr Leben zu beſchließen? fragte ich ſie. —— ——— 7— — 239 —— Was kann ich thun? entgegnete ſie mit einem Seufzer; wie kann ich entrinnen, oder wohin ſollte ich fliehen? Der traurige Ton, mit dem das ungluͤckliche Weib dieſe Worte ſprach, erſchuͤtterte mich tief und innig. Wenn mein Beiſtand Ihnen von Nutzen ſeyn kann, rief ich, ſo befehlen Sie uͤber mich. Ich will Sie beſchuͤtzen, bis wir meinen Beſtim⸗ mungsort erreichen, und dort werden Sie ſchon Mittel finden, in Ihre Heimath zuruͤckzukeh⸗ ren. Heimath! rief ſie im Tone der Bitterkeit.— Ich habe keine Heimath.— Der Kummer uͤber meine Flucht hat meine Eltern getoͤdtet!— Nein! ich habe keine Heimath! Sie ſenkte das Haupt und ritt ſchweigend mir zur Seite, bis wir an eine Meierei kamen, wo wir die Nacht zu bleiben beſchloſſen. Nach⸗ dem wir hier zu Abend gegeſſen, und uns dann allein befanden, ſagte ſie: Don Eſteban, ich vanke Ihnen fuͤr das großmuͤthige Anerbieten Ihres Beiſtandes, aber was Sie fuͤr mich erwaͤhl⸗ ten, paßt nicht fuͤr mich. Nachdem ich ſo viel gelitten und alles verloren habe, was einem 24⁰ ———— Weibe theuer ſeyn muß, konnte ich nicht zu einem ruhigen Leben zuruͤckkehren, auch wenn es möglich wäre, eine Freiſtatt fuͤr mich aufzu⸗ finden. Mein jetziges Leben ſagt mir beſſer zu. Ich bin an deſſen Muͤhſeligkeiten gewohnt, und die Gefahren, die damit verbunden ſind, ziehen meine Gedanken von der beſſeren Vergangenheit ab. Aber gern möchte ich dieſen wilden Tyran⸗ nen, den ich blutig haſſe, verlaſſen. Wollen Sie mich mit ſich nehmen? Als Freiwilliger wuͤrde ich in Ihr Regiment treten, und mein Leben Ihrem Dienſte weihen. Ihr Schutz waͤre alles, was ich dagegen verlangte. Sie ſprach mit ſolchem Eifer, daß es mir leid that, ihren Wunſch nicht erfuͤllen zu koͤn⸗ nen, und ich gab mir Muͤhe, ihr auseinander⸗ zuſetzen, weshalb ich dieſen Schritt nicht zu thun vermöge. Sie widerlegte alle meine Gruͤnde mit großer Gelaͤufigkeit, und ich ſagte daher end⸗ lich: Ich wurde Sie betruͤgen, wenn ich Ihnen noch eine Urſache meiner Weigerung verſchwiege. Ich weihete mein Herz— Ich verſtehe Sie, unterbrach ſie mich. Auch ich will offen gegen Sie ſeyn, und Ihnen nichts verheimlichen.— Ich bin feſt entſchloſſen, mir pei der erſten guͤnſtigen Gelegenheit einen ande⸗ ren 241 ren Beſchuͤtzer zu ſuchen.*) Nach dieſen Wor⸗ ten verließ ſie mich, und ich warf mich auf das Lager, um einige Stunden Schlaſs zu genießen. Am naͤchſten Morgen, als ich erwachte, war ſchon Alles in voller Bewegung, um nach dem von Merino beſtimmten Orte zu eilen, und da ich noch etwa eine Stunde denſelben Weg zu nehmen hatte, ſchloß ich mich an Merinos Trup⸗ pen an. Pepita erſchien ganz mit dem heitern ungetruͤbten Blicke, wie ich ſie am Tage zuvor zuerſt geſehen. Jede Spur des Kummers war auf ihrem Geſichte verſchwunden. Mit Behen⸗ digkeit ſchwang ſie ſich auf ihr Pferd, ritt an meine Seite, und ſang mit ganz eigenthuͤmli⸗ chem Ausdrucke der Zaͤrtlichkeit das Lied eines tapfern Ritters, der ſeinen Zug in das gelobte Land beginnt. Unſere ganze Umgebung entſprach den Worten ihres Geſanges. Von Hoͤhe zu Hoͤhe konnte man die Krieger ſehen, deren ent⸗ bloͤßte Schwerter im Glanze der eben aufgehen⸗ den Sonne funkelten. Ihre Stimme, von den Echos zuruckgeworfen, war weich und dennoch kräf⸗ tig, und der Ausdruck des Gefuhls in ihrem Geſan⸗ ge gab den einfachen Worten eine hohe Bedeutung. *) Einige Zeit darauf erfuhr ich, daß ſie zu den Franzoſen uͤbergegangen ſey, und in Bur⸗ gos mit einem franzoſiſchen General lebe. 16 242 ——— Als unſere Wege ſich trennten, ſchieden wir von einander. Nach drei Tagen traf ich den Grafen Montigo in Osma. Ich wurde einem Kavallerie⸗Regimente zugetheilt, und von den Offizieren mit einer Freude und einer Herzlich⸗ keit willkommen geheißen, die Andere nur gegen einen älteren Kameraden gezeigt haben wuͤrden. Ende des erſten Theiles. * Anzeige für Gebildete. Im Verlage von Carl Focke in Leipzig iſt ſo eben erſchienen: Gallerie intereſſanter Familiengemälde, aus dem Engliſchen von*r. 1r bis 5r Band, enthaͤlt: Die Erb ſchaft. 8 Theile. 4 Rthlr. 12 Gr. Das literariſche Converſationsblatt, das Morgenblatt und der Hesperus haben ſich bereits ſo entſchieden uͤber den gediegenen Werth dieſes Romans erklaͤrt, daß es uͤberfluͤſſig ſeyn wuͤrde, noch etwas zu ſeinem Lobe hinzuzufuͤgen; und fuͤr die Treue und das Fließende der deutſchen Uebertra⸗ gung buͤrgt der Name des, der Leſewelt bereits ruͤhmlichſt bekannten Ueberſetzers. Ma tpil de Eine Begebenheit unſrer Tage. Nach der vierten Auflage des Originals. 2 Thle. 1 Rthl. 18 Gr. Vier kurz nach einander folgende Auflagen be⸗ weiſen hinlaͤnglich, welches Glück dieſer Roman bei der engliſch en Leſewelt machte, und es ſteht ſicher zu erwarten, daß die deutſche ihn mit nicht ge⸗ ringerem Beifall aufnehmen werde. Als Fortſetzung dieſer Gallerie erſcheint in Kurzem: Die Heirath. 3 Theile. Die neue Armida. Roman, von Amalia Schoppe, geb. Weiſe. 1 Rthlr. 8 Gr. Von dieſem Roman— der bereits ins Daͤniſche uͤberſetzt wurde— ſagt ein Rezenſent im liter. Con⸗ verſationsblatt 1825, Nr. 128, am Schluſſe der ſehr vortheilhaften Kritik: „Zieht die Handlung noch mehr durch ungemeine „und doch nicht uͤberſpannte Charaktere und deren „ſcharfſinnige Entwickelung an, ſo gefaͤllt die unge⸗ „künſtelte fließende Schreibart, die eingeſtreuten Be⸗ „trachtungen, die dem Selbſtdenken einen weiten „Raum eroͤffnen, ja es hervorrufen, vielleicht noch „dn einem hoͤheren Grade. Armida uͤbt ihre ma⸗ „giſchen Krafte auch uͤber die Leſer aus; ſchwerlich „wird ſich einer ſchnell von ihr, ehe er ſie gan „kennen gelernt, entfernen koͤnnen.“ Die Verwaiſten. Von derſelben Verfaſſerin. 2 Theile. 1 Rthlr. 18 Gr. Auch dieſes Werk aus der Feder der mit Recht beliebten Schriftſtellerin, hat bereits in den geachtet⸗ ſten Zeitſchriften die verdiente Anerkennung gefunden.— Im Weimärſchen Mode-Journal 1826, liter. Bei⸗ blatt Nr. 8. wird unter andern daruͤber geſagt: „Eine ſo auserleſene Schreibart, wie in dieſem „Buche, macht es kaum moͤglich, Maͤngel in demſel⸗ „ben zu bemerken, und da es das Lehrreiche mit dem „Unterhaltenden gefaͤllig verbindet, ſo eignet es „ſich ganz vorzuͤglich zum Leſebuch fuͤr „die weibliche erwachſene Jugend.“ 1 . —— —— — ————. ———,——— 3 —